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        <title>Die Devalvation als Mittel zur Wirtschaftsbelebung</title>
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            <forname>Josef</forname>
            <surname>Kalfus</surname>
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        DR. JOSEF KALFUS

DIE DE VALVATION

ALS MITTEL

ZUR WIRTSCHAFTSBELEBUNG

VORTRAG GEHALTEN IN DER TSCHECHISCHEN

VOLKSWIRTSCHAFTLICHEN GESELLSCHAFT

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PRAG 1934

VERLAG „ORBIS“, DRUCK-, VERLAGS- UND ZEITUNGS-A, G.
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ELSE
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        A. DIE WELT WIRTSCHAFTSKRISE

EINLEITUNG.

Vier Jahre hindurch leidet die Weltwirtschaft unter
einer so umfassenden Krise, daß ihre Begleiterscheinungen,
 Auswirkungen und die Methoden ihrer Lösung
nicht nur vielfach die theoretischen und praktischen
volkswirtschaftlichen Anschauungen umstürzen, aber
sogar an die Wurzel der bisherigen Gesellschaftsordnung
 greifen.
Die Ursachen und Auswirkungen der Krise beschäftigen
 bei der Mannigfaltigkeit und Verwicklung der weltwirtschaftlichen
 Erscheinungen nicht nur die Gehirne
der volkswirtschaftlichen Fachleute, aber auch der Politiker
 der einzelnen Staaten, der europäischen, wie der
überseeischen, welche trachten, durch die Erkenntnis
und Lösung der Krise, entweder im wesentlichen auf
der Grundlage der bisherigen Gesellschaftsordnung,
oder durch ihren teilweisen oder vollständigen Umbau
ein wirtschaftliches Gleichgewicht wieder herzustellen.
Diese Lösung wird dadurch erschwert, daß die Analyse
der Krisenerscheinungen nicht eindeutig ist, sondern
sich je nachdem unterscheidet, wie die betreffende Nationalwirtschaft
 in ihrer Struktur entweder selbst oder
        <pb n="6" />
        durch die Weltentwicklung von den Auswirkungen des
Weltkrieges und ihren Folgeerscheinungen berührt wurde;
 die Lösung wird weiter erschwert dadurch, daß es
keinen freien internationalen Austausch gibt und die
Weltwirtschaft so auf eine Reihe kleinerer Nationalwirtschaften
 zerfällt, die in sich durch Autarkiebestrebungen,
 autoritäre Eingriffe und andere ähnliche Maßnahmen
 abgeschlossen sind. Deshalb ist die Lösung der
Krisenerscheinungen in den einzelnen Staaten verschieden.


Auch bei uns haben wir nach dreijährigem Kampfe
mit der Krise einen bedeutsamen und eigenartigen
Schritt unternommen, der als Mittel zur Lösung der Krise
 begründet ist. Darüber, ob dieser Eingiff am Platze
war, wurden zwar viele Polemiken geführt, es wurde
aber bisher nicht zusammenfassend auseinandergesetzt,
welche Motive dazu geführt haben.
Heute, wo wir bereits einen, wenn auch nur kleinen
Abstand seit seiner Durchführung hinter uns haben, ist
es vielleicht doch angebracht, wenigstens in knapper
Form eine solche Auslegung zu versuchen.
Dabei ]äßt es sich nicht umgehen, zunächst die allgemeinen
 Erscheinungen der Weltkrise zu betrachten,
wie diese Erscheinungen von bedeutenden Nationalökonomen
 bewertet wurden und wie — trotz der Verschiedenheit
 der Verhältnisse, respektive gerade mit
Rücksicht auf die verschiedenen wirtschaftlichen und
politischen Verhältnisse — die einzelnen großen Nationalwirtschaften
 sich mit der Wirtschaftskrise auseinandersetzen,
 resp. sie bekämpfen.

R
        <pb n="7" />
        IL.

DIE INTERNATIONALEN KRISEN-ERSCHEINUNGEN.


Der Weltkrieg bewirkte, daß sich die Produktion in
den kriegführenden Ländern von ihren normalen Zwekken
 der Erzeugung von Kriegsmitteln zuwandte, die sie
in Ausmaßen produzierte, welche die wirtschaftliche
und finanzielle Potenz dieser Staaten überschritten. Die
für den Krieg erzeugten Güter wurden vernichtet, während
 die Güter, die für den normalen Gang der Wirtschaft
 benötigt wurden, besonders die Produktionsgüter,
 nur in kleinem Maße erzeugt wurden. In den kriegführenden
 Staaten wurden nicht einmal die notwendigen
 Erneuerungs- und Erhaltungsinvestitionen durchgeführt,
 so daß der Krieg eine große Verarmung der
Welt bedeutete. Die finanziellen Mittel für den Krieg
wurden zum bedeutenden Teile durch Kreditinflation
beschafft. Die Ausbreitung des Krieges auf neue Gebiete
 und seine lange Dauer hatten zur Folge, daß das
Kriegsmaterial auch aus den neutralen Ländern geliefert
 wurde, und zwar vor allem aus Amerika, dessen
Produktion, besonders die industrielle Produktion dadurch
 einen ungeahnten Leistungsgrad erreichte, nicht
nur bezüglich der Quantität, aber auch bezüglich .der Rationalisierung
 der Erzeugung. Diese Produktionsmittel
und Rationalisationsmethoden, durch welche die Leistungsfähigkeit
 Amerikas ohne dementsprechende Vermehrung
 der menschlichen Arbeitskräfte stark erhöht
wurde, wurden — mit Rücksicht auf den dort angehäuf-
        <pb n="8" />
        ten Reichtum — nach dem Kriege leicht auf die Erzeugung
 zu Friedenszwecken umgestellt und verwendet.
Sie führten dann zu einer industriellen Massenproduktion
 in bedeutenden Ausmaßen, aber auch zur Industrialisierung
 und zu einer starken Erhöhung der landwirtschaftlichen
 Produktion in den überseeischen Ländern.
Die Hochkonjunktur, welche in Amerika infolge der
Aushungerung der europäischen Länder einsetzte, die
den Weltkrieg überstanden und in der Nachkriegszeit
einen gewaltigen Bedarf hatten, führte zu einem großen
 Wachstum der dortigen Finanzmittel; das verursachte
 eine weitere künstlich gesteigerte Wirtschaftsentwicklung
 und einen künstlichen Wohlstand, und
führte zu einer unmäßigen Krediterweiterung nicht nur
auf dem inneren amerikanischen Markte, aber auch in
der Anleihengewährung an die europäischen Länder.
Diese Anleihengewährung war zum Teile notwendig,
und zwar deshalb, weil die Siegerstaaten sich weigerten
von den Besiegten die ihnen auferlegten Reparationszahlungen
 in Waren anzunehmen. Es kehrten deshalb
Geldmittel aus diesen Krediten zum Teil in Form von Reparationsabzahlungen
 nach Frankreich und Amerika
zurück, die infolgedessen bei sich Goldvorräte in immer
größerem Ausmaße konzentrieren konnten.
Der Nachteil dieser Kredite, welche den europäischen
Ländern gewährt wurden, war, daß sie zwar als kurzfristige
 gewährt wurden, aber zum bedeutenden Teile innerhalb
 dieser Länder, besonders in Deutschland zu Investitionszwecken
 verwendet wurden, zu denen in der Regel
nur Kapitalien verwendet werden dürfen, die zu dauernden,
 resp. langfristigen Anlagen bestimmt sind. Da-
        <pb n="9" />
        durch wurde eigentlich eine gesteigerte Kauf- und Konsumkraft
 künstlich geschaffen, aber auch die Produktion
 der europäischen Länder gestärkt, die ebenfalls in
der Richtung der Rationalisierung ging und eine ebenfalls
 erhöhte europäische Produktion ermöglichte. Die
Reflexe, welche diese wirtschaftliche Belebung hatte,
traten in Amerika in einem ungeheuren Spekulationsfieber
 in Erscheinung; in den europäischen Ländern
kam es dadurch zu einer Verlangsamung des Anpassungsprozesses
 an den Stand der Verarmung, der durch
den Weltkrieg bewirkt worden war.
Die Reaktion, die unausweichlich kommen mußte,
zeigte sich in Amerika einerseits in einem inneren Börsenkrach,
 andererseits in dem Mißtrauen zu den Ländern
 des europäischen Kontinents und in Kreditrestriktionen;
 diese Erscheinungen legten aber erst die gesunkene
 Kaufkraft der durch den Krieg geschwächten Länder
 bloß und hatten bald ein weiteres rasches Sinken der
Weltpreise im Gefolge.
Alle diese Ursachen brachten ungeheure Störungen
der Wirtschaft, unter anderem ein Sinken der Produktion
 und die Ausreihung eines großen Teils der Bevölkerung
 (der Arbeitslosen) aus dem Arbeitsprozeß. Das
Zusammenbrechen des Kreditsystems, das auf den erwähnten
 künstlichen Grundlagen aufgebaut war und
Rücksichten auf den Schutz des neueingeführten Goldstandards
 rief in einer Reihe von Ländern Bestrebungen
nach Einschränkung der Einfuhr und nach Autarkie
der einzelnen Nationalwirtschaften hervor. Dadurch
wurde und wird bisher die Rückkehr zu normalen Verhältnissen
 nur hinausgeschoben.
        <pb n="10" />
        Die Auswirkungen, welche diese Störungen in den
durch den Krieg verarmten Ländern hervorriefen,
führten in Deutschland zur Einschränkung von Zahlungen
 ins Ausland und den sogenannten Stillhalteabkommen,
 in den Ländern des agrarischen Balkanblocks zur
faktischen Insolvenz und zur Brechung ihrer Währungssysteme,
 in Amerika und England zu großer Arbeitslosigkeit
 und sozialen Erschütterungen.
Obwohl es klar war, daß eine Wandlung dieser Verhältnisse
 nur im Wege einer internationalen Vereinbarung
 herbeigeführt werden kann, konnte man doch auf
diesem Wege zu keinem Ziele gelangen, und zwar deshalb,
 weil sich über die hiebei anzuwendenden Mittel
nicht einmal die volkswirtschaftlichen Fachleute von
Weltruf einigen konnten, um so weniger also die verhandelnden
 Staaten. Ein Beweis dafür ist auch das Mißlingen
 der letzten internationalen Wirtschaftskonferenz,
die im Jahre 1933 nach London einberufen wurde.

ll.

DIE THEORETISCHEN ANSCHAUUNGEN ÜBER
DIE KRISE.

Die geschilderten Krisenerscheinungen und ihre Ursachen
 beurteilten die einzelnen nationalökonomischen
Fachleute sehr verschieden. Unter diesen Fachleuten ist
es unbestritten, daß die Krise in dem rapiden Sinken
der Weltpreise zum Ausdruck kam. Wie heftig die Weltpreise

 sanken, zeigt sich deutlich am englischen Großhandelsindex,
 der im Jahre 1920 in Gold 229 betrug, im

1 U
        <pb n="11" />
        Jahre 1928 auf 145 und im Jahre 1932 sogar auf 95
sank, Ähnlich ist die Entwicklung des amerikanischen
Index. Auch der tschechoslovakische Großhandelsindex
ist von 144 im Jahre 1928 auf 101 im Jahre 1932 und 96
im Jahre 1933 gesunken. In beiden Fällen ist also der
Index seit 1928 bis 1933 um ein Drittel gesunken.
Über die Ursachen dieses Preissturzes gehen die Meinungen
 der Nationalökonomen auseinander. Der Vereinfachung
 und eines leichteren Überblickes halber ist
es angebracht, die hauptsächlichen Anschauungen in
zwei Gruppen zu teilen, von denen die eine die Ursachen
der Krise auf der Seite der Güter, die andere auf der
Seite des Geldes erblickt.
Die erste Gruppe rechnet den Preissturz und also auch
die Wirtschaftskrise Ursachen zu, welche auf der Seite
der Güter enstanden, wobei sie als solche Ursachen
übersteigerte Rationalisierung, Überproduktion, Unterkonsum
 usw. bezeichnet. Diese Anschauungen knüpfen
an verschiedene Erscheinungen und Tatsachen an, welche
 im wesentlichen zuvor bei der Schilderung der Entwicklung
 der Wirtschaftskrise angeführt wurden. Es
kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die durch den
Krieg verursachte Änderung der Wirtschaftsstruktur
und ihre Folgeerscheinungen in den einzelnen Ländern,
sowie die Auswirkung dieser Änderungen auf die Wirtschaftsentwicklung
 anderer Staaten in bedeutendem
Maße von Seiten der Güter auf die Krise Einfluß nahmen.
 Gemäß dieser Erkenntnis wird man wohl auch
einige Mittel zur Beseitigung der Krise wählen müssen.
Die zweite Gruppe leitet den tiefen Preissturz und
auch die Krisenerscheinungen von Ursachen ab, die mit

11
        <pb n="12" />
        dem Geldsystem zusammenhängen. Unter diese Anschauung
 können auch jene Ansichten subsummiertwerden,
 welche die Krise von der Erschütterung des Kreditsystems
 herleiten. Aber auch die Sachverständigen dieser
 Gruppe geben zu, daß neben den Ursachen von der
Geldseite auf die Krise und Preise noch andere Ursachen
 miteinwirkten, die von der ersten Gruppe angeführt
werden und die man bei der Bekämpfung der Krise
gleichfalls in Betracht ziehen muß; aber die Erscheinungen,
 welche durch die Schädigung des Geldsystems
entstanden, werden denn doch als primäre und als die
wichtigeren angesehen.
Mit den Anschauungen dieser zweiten Gruppe muß
man sich eingehender beschäftigen, da die Mittel, die
von ihren Vertretern empfohlen werden, allgemeinerer
Natur sind und auch deshalb, weil sich die Anschauungen
 dieser Gruppe in der Weltwirtschaft am meisten zur
Geltung brachten; auch unser Währungseingriff bedeutet
 eine Anlehnung an diese Anschauungen.
Bedeutende Vertreter dieser Anschauungen sind die
Mitglieder der Minorität der sogenannten Goldenen Delegation,
 die durch die Namen Cassel, Jannsen, Mant,
Strakosch repräsentiert werden. Bei uns ist Repräsentant
 dieser Richtung Prof. Dr. Englis.
Mit der Reproduktion und Analyse einiger dieser Anschauungen
 beschäftigte sich bei uns z. B. unter anderen
 auch Prof. Mildschuh im „Sbornik ved prävnich a
stätnich“ Nr. 1/2 vom Jahre 1933. Aus der ersten Gruppe
 beschäftigt er sich mit der bekannten Theorie des
verstorbenen Prof. Dr. Loevenstein über die Rationalisierung
 als Ursache der Krise, aus der zweiten Gruppe
        <pb n="13" />
        sodann mit den Anschauungen des Prof. Englis und
des schwedischen Prof. Cassel. Ich werde meine Übersicht
 an die Darlegungen des Prof. Mildschuh anknüpfen,
 wobei der Vollständigkeit halber und auch deshalb,
weil ihre Ansichten auf die englische und amerikanische
Krisenbekämpfung Einfluß hatten, hier auch noch
der Anschauungen des englischen Nationalökonomen
J. Keynes und der amerikanischen Professoren Irving
Fisher und Warren Erwähnung getan werden muß,
welch letzterer gemeinsam mit Morgenthau Berater des
amerikanischen Präsidenten Roosevelt war.
Die Ansichten des Prof. Cassel schildert Prof. Mildschuh
 in dem bereits zitierten Artikel, wo er auch die
Originalquellen seiner Ausführungen anführt. Die Anschauungen
 Fishers über das gegebene Problem sind bekannt,
 besonders aus seinem Buche über die Kaufkraft
des Geldes,*) das vor dem Kriege herausgegeben wurde
und aus einer Reihe von Publikationen der Nachkriegszeit.
 Von den Studien Warrens beschäftigt sich vor
allem sein Buch über die Preise**) mit der Einwirkung
des Goldes auf die Preisbildung.
Übereinstimmend wird hier bei fast allen diesen Autoren
 die Ursache der Preissenkung — und also auch
der Krise — in der besonderen Position erblickt, welche
dem Golde als Währungsmetall und Geldgut und dadurch
 auch als Maßstab der Werte zukommt. Im Kriege

*) Vergl. aus den Arbeiten Fishers „Purchasing Power
 of Money“ (1910), „Stabilising the Dollar“
(1925) u. 8a.
**) C. F. Warren und F. A. Pearson „Prices“ (New
York 1933).

13
        <pb n="14" />
        hat der Großteil der kriegführenden Staaten die Goldwährung
 verlassen, wodurch eine Entwertung des Goldes
 als Ware eintrat, da es für Währungszwecke nicht
begehrt wurde; die Rückkehr in der Nachkriegszeit zu
normalen Wirtschaftsverhältnissen verursachte, daß
die einzelnen Staaten sukzessive seit den Jahren 1924
bis 1929 zum Goldstandard zurückzukehren begannen,
was wieder eine erhöhte Nachfrage nach Gold hervorrief,
 die durch seine Anhäufung besonders in den Vereinigten
 Staaten und in Frankreich gesteigert wurde.
Nach den von den wissenschaftlichen Fachkreisen gewonnenen
 Erfahrungen soll der jährliche Weltzuwachs
an Gold 3.15 Prozent*) der Vorräte betragen; falls dieser
 Zuwachs kleiner ist, wie es sich nach dem Kriege
zeigte, hat dies zur Folge, daß die Preise sinken. Auch
diese Erscheinung hat die Präsumption bestätigt, daß
die Ursache der Krise und Preissenkung auf der Seite
des Goldes ist. Als weiteres charakteristisches Symptom
dieser Präsumption wurde weiter der Umstand angeführt,
 daß die Preissenkung allgemein ist. Die Beein-Elussung
 der Preise durch das Gold zeigte sich in einem
jähen Sturz der Preisindices.
Einen genaueren Beweis dieser Tatsache versuchten
die amerikanischen Professoren Warren und Pearson zu
erbringen, welche ein großes wissenschaftliches Institut
zur Verfügung hatten. Dort beschäftigten sie sich mit
der Beobachtung des Preisniveaus und seiner Einwirkung
 auf die Wirtschaft, weiters des Einflusses des Goldes
 auf das Preisniveau nicht nur im ganzen neunzehn-*)

 Siehe den Bericht der Golddelegation des Finanzausschusses
 des Völkerbundes 1932 S. 40.

A
        <pb n="15" />
        ten, aber auch im achtzehnten Jahrhundert, und stellten
einen Index der Großhandelspreise und Goldwerte in
England seit dem Jahre 1782 zusammen. Durch diese
Beobachtung gelangten sie zu dem Schlusse, daß es
immer die Auswirkungen des Goldes waren, welche je
nach der Größe der Vorräte und der Neuproduktion des
Goldes die Preise beeinflußten und dadurch auch die
wirtschaftliche Prosperität oder Krise in den einzelnen
Phasen der Weltentwicklung. Durch diese Beobachtung
kommt Professor Warren zu der grundlegenden Erkenntnis,
 daß die Welt irrtümlicherweise mit dem Goldpreis
 als einer Konstante rechnet, ohne zu berücksichtigen,
 daß auch Gold wie jedes andere Gut dem Gesetz
des Angebots und der Nachfrage unterliegt.
Die Schlußfolgerungen, welche die einzelnen vorher
angeführten Fachleute aus ihren Anschauungen ableiten,
 sind verschieden; verschieden sind auch die Methoden,
 mit denen sie ans Ziel gelangen, nämlich die Auswirkungen
 der Wirtschaftskrise bekämpfen wollen.
Eines ist diesen Anschauungen gemeinsam, daß das wirtschaftliche
 Gleichgewicht wieder hergestellt werden
muß und daß die Grundlage dieses Gleichgewichtes beruht
 auf der Stabilität des Preisniveaus und der übrigen
 Wirtschaftsziffern und daß die Ursache der Krise
die Störung dieses Niveaus ist, speziell aber die Disparität
 des Systems der Wirtschaftsziffern.
Cassel, der die Ursache des Absinkens vor allem in
der Politik der Kreditrestriktion der Notenbanken erblickt,
 empfiehlt hier als Mittel zur Herbeiführung des
Gleichgewichtes das entgegengesetzte Vorgehen, welches
 in einer gewissen Form der Inflation beruht, resp.

3
        <pb n="16" />
        in der Erweiterung des Volumens des Notenkredits. Er
meint nämlich, daß diese Inflation, falls sie nur bedächtig
 und durchdacht geleitet ist, durch die Erhöhung der
Warenpreise wieder ein Gleichgewicht zwischen den
verschiedenen Gruppen der Preise, Löhne und Schulden
herbeiführen kann. Professor Mildschuh bemerkt hiezu
in seinem schon erwähnten Artikel, daß es zwar sicher
ist, daß jede Inflation sozial ungerecht und unheilvoll
wirkt und daß ihr deshalb besonders die kleineren Staaten
 ausweichen müssen, aber falls die Regierungen Eng-Jands
 und der Vereinigten Staaten zu der Inflation einen
günstigeren Standpunkt einnehmen, doch zu bedenken
ist, daß eine solche Inflation das beste Mittel wäre, um
dem Sinken der Preise und dadurch auch der fortschreitenden
 Arbeitslosigkeit Einhalt zu gebieten. Die
Meinung Professor Mildschuhs und besonders sein Hinweis
 auf England und die Vereinigten Staaten verdient
nähere Erwähnung. In England prallten in den letzten
Jahren sehr heftig die Anschauungen der konservativen
Währungstheoretiker und Praktiker (hinter denen auch
die Repräsentanten der Englischen Bank standen) mit
den Anschauungen fortschrittlicherer Richtungen zusammen,
 zu denen unter anderen auch Mac Kenna, der
Präsident der Midland Bank gehört. Dieser beschäftigte
sich in einer seiner letzten Reden unter anderem auch
mit der Inflation als Mittel zur Beseitigung der Krise
und sagte, daß die Inflation als Methode von den mitteleuropäischen
 Staaten nach dem Kriege deshalb diskreditiert
 wurde, weil die zur Deckung chronischer Defizite
 im Staatshaushalt dieser Länder mißbraucht wurde,
 Aus seinen Ausführungen geht hervor, daß er die in-16
        <pb n="17" />
        flationistische Ausgabe von Umlaufmitteln zu anderen
Zwecken als zur Deckung der Staatsdefizite, z. B. für
Zwecke der Privatwirtschaft, also eine regulierte Inflation,
 nicht für schädlich erachten würde, besonders
nicht als Mittel zur Erhöhung der Preise.
Professor Warren will als Ergebnis seiner Ansicht
über das Gold im Einklang mit der Theorie Fishers und
den Ansichten J. Keynes eine neue Dollarwährung
(Theorie des sog. commodity dollar) schaffen, die er
zwar auf das Gold stützen will, aber so, daß der Preis
des Goldes durch den Preis jener 784 Waren reguliert
würde, welche die Grundlage für den amerikanischen
Großhandelsindex bilden; er will also zu einer sog. Indexwährung
 gelangen. Nur auf diesem Wege kann man
seiner Ansicht nach ein beständiges Preisniveau erreichen
 und dadurch heftige Krisen vermeiden. Auf die
Mittel, die er zu diesem Zwecke verwenden will, werden
wir noch zu sprechen kommen, wenn wir die praktische
Lösung der Wirtschaftskrise in Amerika behandeln werden.

Die theoretischen Anschauungen des Prof. Dr.
Englis*) über die Krise können zusammenfassend ungefähr
 folgendermaßen wiedergegeben werden.
Der Mittelpunkt der nationalökonomischen Problematik
 ist die Frage des in Geld ausgedrückten Preises.
Den Wert eines jeden Gutes erkennen wir aus seinem

*) Die Anschauungen des Prof. Dr. Eng1i8 über die Krise
wurden in einer Reihe von Artikeln der Lido ve Noviny entwickelt,
 welche gesammelt in der Publikation „Svötovä&amp;amp; a
nase hospodäfskä krise” (Borovy 1934) erschienen
sind.

17
        <pb n="18" />
        Preise, der sich im freien Wettbewerb ergibt; falls der
Preis gebunden oder reglementiert ist, drückt er nicht
den tatsächlichen Wert aus. Während der aus dem freien
Wettbewerb resultierende Preis ein natürliches Gleichgewicht
 zwischen Produktion und Konsum herstellt, hat
der manipulierte Preis diese Funktion nicht mehr; als
im Kriege durch eine Norm der Brotpreis unter die natürliche
 Höhe gesenkt wurde, verlor er die regulative
Funktion zwischen Produktion und Verbrauch, so daß
der Verbrauch autoritär durch Brotkarten und die Broterzeugung
 durch Zwangslieferung reguliert werden
mußte, weil es viele Käufer gab, welche bei diesem künstlich
 herabgesetzten Preise Brot kaufen wollten, aber
wenige, die bereit waren, bei diesem Preise zu erzeugen
und zu verkaufen. Eine Ausnahme bildet unter den Gütern
 beim Preisprozeß das Gold in einem Goldwährungslande,
 weil hier sein Preis gesetzlich fixiert ist; sein tatsächlicher
 Wert wird aus dem Preisniveau der übrigen
Güter erkannt, aber wiederum nur unter der Voraussetzung
 der freien Konkurrenz.
In einem Lande, in dem keine Goldwährung besteht,
ist das Gold eine Ware wie jedes andere Gut und deshalb
 kann an ihm jede individuelle Preisschwankung in
Erscheinung treten. Dagegen kann sich in den Ländern
mit Goldwährung eine Änderung seines Preises nur
durch eine allgemeine Senkung oder Steigen des Preisniveaus
 ausdrücken. Dadurch entsteht in der Bewertung
 des Geldes zwischen solchen zwei Ländern eine
Disparität, welche sich aber im internationalen freien
Tauschverkehr bald vollzieht. Wenn wir aber das Gold
als Mittel des internationalen Tauschverkehres anse-18
        <pb n="19" />
        hen, So können wir ähnlich dasselbe über den Ausgleich
des Währungskurses beider Länder sagen, der sich im
natürlichen Wege ausgleicht, falls in beiden Ländern
die Einfuhr und Ausfuhr von Gold und der übrigen Güter
 frei ist, falls also die Kaufkraft der Währungseinheit
 nicht künstlich manipuliert ist.
Anders ist es aber, sobald der freie Tauschverkehr
nicht besteht und die Einfuhr und Ausfuhr von Gold
und anderen Gütern beschränkt wird (durch Zölle, Kontingente,
 Bewilligungsverfahren, Goldembargo u. ä.),
mit anderen Worten falls das Preisniveau und dadurch
die Kaufkraft der Währung manipuliert sind. Dann
kann das Preisniveau in einem Lande mit manipulierter
Währung auf einem höheren Stande bleiben. Das hat
allerdings höheren Produktionsaufwand und Konkurrenzschwierigkeiten
 bei der Ausfuhr zur Folge. Die
Währungseinheit hat infolgedessen dann eine niedrigere
innere Kaufkraft, als außerhalb der Staatsgrenzen. Je
größere Konkurrenzschwierigkeiten dadurch für das
Land mit Goldwährung entstehen, um so intensivere
Maßnahmen‘ werden zum Schutze der heimischen Arbeit
gesucht. Dadurch wird aber gleichzeitig die bereits erwähnte
 Disparität verstärkt und vertieft, der internationale
 Warenaustausch wird immer mehr unterbunden
 und die Krise der Exportproduktion wird direkt
und die Krise der Gesamtproduktion indirekt verschärft.


Bei der heutigen Lage der Dinge zerfällt die Welt in
zwei große Gebiete. Das eine, welches den größten Teil
der Erdkugel umfaßt, hat die Goldwährung verlassen
und das andere die Goldwährung aufrecht erhalten,

14
        <pb n="20" />
        wenn auch nur mit dem Effekt, daß es den Kurs seiner
Währung (die im Inlande für Gold nicht auswechselbar
 ist) gegenüber dem Auslande auf Goldparität erhält.
 Es ist weiter eine Tatsache, daß zwischen der
Kaufkraft und dem Goldwert, der durch das Preisniveau
 in den Staaten mit Goldwährung ausgedrückt ist,
und zwischen dem Goldwert, der direkt durch den Preis
des Goldes und indirekt durch das Preisniveau in den
Ländern ohne Goldwährung ausgedrückt ist, noch immer
ein wesentlicher Unterschied besteht. Dieser Unterschied
 ist eben dadurch ermöglicht, daß zwischen beiden
 Gebieten kein freier Import und Export der Güter
und des Goldes besteht und daß die Länder mit Goldwährung
 ihr Preisniveau künstlich durch die verschiedenartigsten
 Einschränkungen der Gütereinfuhr halten;
sie haben also ein manipuliertes Preisniveau. Das hat
zur Folge, daß für dasselbe Quantum Gold in dem Gebiete
 ohne Goldwährungen im freien Wettbewerb mehr
Güter gekauft werden können, als im Gebiete der Goldwährung
 für den Geldbetrag gekauft werden kann, der
dieselbe Goldmenge darstellt. Es gibt also auf der Welt
einen zweifachen wesentlich verschiedenen Goldwert:
einen höheren in dem Gebiete ohne Goldwährungen und
einen niedrigeren in den Ländern mit Goldwährungen,
wo sogar dieser Wert von Land zu Land je nach dem
Ausmaße, in welchem das einheimische Preisniveau manipuliert
 ist, verschieden ist. Der tatsächliche Wert des
Goldes kann nur in den Ländern erkannt werden, welche
 einen Markt des Goldes und der Güter unter einer
freien Weltkonkurrenz bilden, auch wenn sie keine Goldwährung
 haben, und auch nur dann, wenn sie den Kurs

20
        <pb n="21" />
        ihrer Währung nicht künstlich niedrig halten, um die
Preise in die Höhe zu treiben und also in keiner Form
Inflation treiben. Wenn also der Goldwert, wie er durch
die Preise in den Ländern mit freier Konkurrenz ausgedrückt
 wird, wirklich und dauernd ist, dann bleibt den
Ländern mit gebundener Währung und Goldstandard
nichts anderes übrig, als sich diesem Zustande anzupassen,
 um die Disparität im Goldwert zu beseitigen und
so die Rückkehr zum freien internationalen Güteraustausch
 und zur allgemeinen Erneuerung der ausgeglichenen
 Gemeinschaft der Goldwährungen zurückzukehren.

Es ist die Frage, wie diese Länder dies durchführen
sollen. Sie könnten dies durchführen entweder
a) durch Verlassen des Goldstandards, oder
b) durch Deflationsdruck auf den einheimischen
Produktionsaufwand, oder schließlich
c) durch Anpassung des Goldinhalts an die innere
Kaufkraft.
Diese Länder haben in der Mehrzahl die Beseitigung
der bereits besprochenen Disparität nicht durch Verlassen
 des Goldstandards versucht, weil es sich fast ausschließlich
 um Länder handelt, welche die Kriegs- und
Nachkriegsinflation durchgemacht haben. Im Verlassen
des Goldstandards sieht die Volkspsychologie den Beginn
 aller Inflationsschrecken, welche dem Verlassen des
Goldstandards während des Krieges folgten. Außerdem
können sie den Goldstandard nicht verlassen, sobald sich
eine große Disparität im obigen Sinne gebildet hat und
andauert, da das Verlassen des Goldstandards und das
Öffnen der Grenzen vielfach eine Katastrophe bedeuten

“I
        <pb n="22" />
        würde. Entweder würden bei der Öffnung der Grenzen
die Notenbanken den Währungskurs halten und für die
einströmende Einfuhr ihre Reserven aufbrauchen, wobei
 sie den Umlauf unter Deflationsauswirkungen verengen
 müßten, ohne Rücksicht auf die katastrophalen
Folgen für die private und öffentliche Wirtschaft, oder
es würde der Kurs der Währung bei der augenblicklichen
 Passivität der Zahlungsbilanz zusammenbrechen
und würde nicht an der natürlichen Parität halt
machen, sondern tiefer heruntergehen und eine inflatorische
 Preissteigerung hervorrufen. Das Verlassen des
Goldstandards ist also für diese Länder ein für die Beseitigung
 der erwähnten Disparität ungangbarer Weg.
Es bleiben also im Prinzip nur zwei Wege übrig: entweder
 im Lande eine gewaltsame Deflation, d. h. die
Senkung der Preise und der übrigen Wirtschaftsziffern
durchführen, oder den Goldgehalt der Währungseinheit
der einheimischen Kaufkraft so anpassen, daß die
äußere Kaufkraft des Goldes in der Währungseinheit
(die durch das Preisniveau in den Ländern ohne Goldstandard
 gegeben ist, die jedoch freie Ein- und Ausfuhr
 von Gold haben und keine Inflation in irgend einer
Form betreiben, noch künstlich den Währungskurs unter
ihr Preiseniveau herunterdrücken) ihrer Kaufkraft im
Lande, wo sie gilt, entspricht. Diese Herabsetzung des
Goldgehaltes der Währungseinheit ist die Devalvation.
Es haben also diese Länder praktisch die Wahl zwischen
 Deflation und Devalvation.
Alle Länder, die sich in dieser Situation befinden, haben
 mehr oder weniger zielbewußt zunächst eine deflatorische
 Währungspolitik, d. i. die Herabsetzung des

x
        <pb n="23" />
        Systems der Wirtschaftsziffern, vor allem des Preisniveaus
 und aller Bestandteile des Produktionsaufwandes,
 die hinter den Preisen stehen, betrieben.
Schwierigkeiten bereitete dabei die Herabsetzung des
Systems der unelastischen Wirtschaftsziffern, besonders
der Gehälter und der Schulden, und der Prozeß ist von
einer spezifischen Deflationskrise begleitet, die aus dem
allmählichen, ungleichmäßigen Abbröckeln der Preise,
Gehälter, Steuern und aus der Aufwertung der Schulden
 resultiert, welche alle Gebiete der öffentlichen Wirtschaft
 und unzählige Privatwirtschaften in die Krise
hineinzieht. Die Durchführung der Deflation stößt
immer mehr auf wachsenden Widerstand und Schwierigkeiten.
 Aber so lange die Disparität zwischen dem
inneren und dem Weltgoldniveau nicht beseitigt ist, ist
der Prozeß nicht beendet und also der tiefste Punkt der
Krise nicht erreicht.
Die andauernde Disparität bewirkt zum Schlusse eine
Krise des Exportes, der mit den Produktionskosten in
einem Lande mit einem höheren System der Wirtschaftsziffern
 und niedrigen Goldwert wurzelt, aber genötigt
 ist, in Länder mit einem niedrigeren System der
Wirtschaftsziffern und höherem Goldwert zu exportieren;
 dabei sehen wir noch von den Schwierigkeiten des
Exports in die Länder mit Goldbewährungen ab, welche
sich gegen die Einfuhr durch Zölle, Kontingente und
ähnliche Maßnahmen abschließen. Die Schrumpfung des
Exportes nötigt zu weiterer Einschränkung der Einfuhr
 im Interesse des Gleichgewichtes der Zahlungsbilanz
 und also im Interesse der Währung. Die Disparität
zwischen dem inländischen und ausländischen Gold-P)
        <pb n="24" />
        wert in der Währungseinheit wirkt wie eine Preisgestaltung,
 die nicht aus dem freien Verkehr und freier
Konkurrenz entspringt. Der äußere Währungskurs, welcher
 dem inländischen Preisniveau nicht entspricht,
verliert seine Funktion als Regulator, welcher das natürliche
 Gleichgewicht im Export und Import aufrecht
erhält. Das Gleichgewicht muß künstlich aufrecht erhalten
 werden, durch künstliche Exportunterstützung
und künstliche Importeinschränkung, weil der unnatürlich
 hohe Kurs wie ein künstlich herabgesetzter Preis
sich auswirkt. Deshalb finden wir in den Ländern mit
Goldwährung und nicht zu Ende geführtem Deflationsprozeß
 alle möglichen Formen der künstlichen Exportunterstützung.
 Aber alle diese Maßnahmen lösen nicht
das eigentliche Problem, den sie beseitigen nicht die
Disparität zwischen dem inneren und ausländischen
Preisniveau, ja sie bremsen den Deflationsprozeß, der
dazu führen würde, weil sie den Druck der Weltkonkurrenz
 auf die Inlandspreise abhalten, Dadurch wird
also der Druck auf die deflatorische Preissenkung gemildert
 und der Gegendruck der Bestandteile des Produktionsaufwandes
 (der Löhne, Schulden, Steuern) gesteigert;
 so bleibt der Deflationsprozeß auf dem halben
Wege stehen und die Weltwirtschaft befindet sich auf
einem toten Punkte; es ist nicht möglich den Weg dem
internationalen freien Warenverkehr frei zu geben und
die Weltwirtschaft zerfällt in die Autarkien der Nationalwirtschaften.

Aus dieser Argumentation Dr. Engli?Y geht logisch
hervor, daß es auch bei uns notwendig war — solange
die Regierung an der Unveränderlichkeit des Goldgehal-—_



a
        <pb n="25" />
        tes in der Währungseinheit festhielt — einen Druck auf
die nicht elastischen Wirtschaftsziffern in deflatorischer
 Richtung auszuüben. Sobald es sich aber zeigte,
daß man auf diesem Wege nicht zum völligen Ausgleich
der erwähnten Disparität zwischen der inneren und
äußeren Kaufkraft der Krone gelangen konnte, hielt es
Prof. EngliSs für den gangbarsten Weg den Goldgehalt
der inneren Kaufkraft durch einen autoritären Eingriff
anzupassen; das hatte er auch zunächst mit seinem Vorschlag
 auf vorübergehende valutarische Prämien im
Sinne, welche früher oder später der definitiven Währungsregulierung
 Platz machen sollten.
Ich schließe damit die Darlegung der Weltkrisenerscheinungen
 und die Übersicht der theoretischen Anschauungen
 über das Wesen und die Lösung der Krise.
Ich gehe nunmehr über zu einer kurzen Auseinandersetzung
 darüber, mit welchen Methoden die Krise in
einigen für die Weltwirtschaft wichtigen Staaten bekämpft
 wurde.

1x7

THERAPIE DER WELTKRISE.
1. Deutschland.

Ein typisches Beispiel der Krisenlösung durch die Deflationsmethode
 ist Deutschland. Dieser Fall zeigt auch,
daß diese Lösungsweise eine breite Verfassungsermächtigung
 zur Lösung von Wirtschaftsfragen auf autoritärem
 Wege erfordert. Eine solche Ermächtigung hatte
Deutschland in der Weimarer Verfassung, derzufolge

®

el
        <pb n="26" />
        der Reichspräsident in außerordentlichen Zeiten Notverordnungen.
 mit Gesetzeskraft herausgeben konnte.
Die Reihe von Notverordnungen, welche nach dieser
Ermächtigung von der Brüningregierung und später
von der Papenregierung herausgegeben wurden, sind
weiters ein Beweis dafür, daß Deutschland starke
Staatsmänner hatte, denn zur Herausgabe solcher Verordnungen
 war nicht nur eine Verfassungsermächtigung
notwendig, aber auch ein fester und zielbewußter Wille.
Aber auch die deutsche Lösung, konnte trotz bedeutender
 Eingriffe deflatorischen Charakters (Herabsetzung
der Gehälter, Löhne, Zinsen und Soziallasten) nicht ohne
wesentliche Erhöhung der Steuern und eine Reihe
künstlicher Maßnahmen zur Exportförderung (Exportkreditversicherung,
 Papens Steuergutscheine, Schachts
Seripsverfahren) auskommen, aus denen ersichtlich ist,
daß es Deutschland nicht voll gelungen ist, die Wirtschaft
 und die Währung durch die Deflationsmethode
ins Gleichgewicht zu bringen; man muß jedoch anerkennen,
 daß diese Aufgabe in Deutschland durch die
Reparationszahlungen, durch den Bankenkrach und in
letzter Zeit durch bedeutende Ausgaben für Rüstungen
erschwert wurde.
Die kritischen Wirtschaftsverhältnisse Deutschlands
sind sehr eindringlich durch den Stand seiner Arbeits-Josigkeit
 als Krisenerscheinung dokumentiert. Über den
Stand der gegenwärtigen Arbeitslosigkeit hat Prof.
Saitzew umfangreiche Untersuchungen angestellt, die
in den Publikationen des Vereins für Sozialpolitik veröffentlicht
 wurden und in denen der Autor grundsätz-76
        <pb n="27" />
        lich die sog. kurzfristige und langfristige Arbeitslosigkeit
 unterscheidet.*) Für Deutschland führt er hier als
Spezifikum das auffallende Anwachsen der Arbeitslosigkeit
 überhaupt, besonders aber der langfristigen Arbeitslosigkeit
 an. Er konstatiert, daß die gesamte
Arbeitslosigkeit, welche im Jahre 1922 in Deutschland
nur zwei Promille von der Zahl der gewerkschaftlich
organisierten Mitglieder betrug, im Jahre 1931 auf 20
Prozent gestiegen ist. Von den absoluten Zahlen ist weiters
 für Deutschland charakteristisch, daß von der Gesamtzahl
 von 4.3 Millionen Arbeitslosen im September
 1931 fast 2 Millionen auf die langfristige Arbeitslosigkeit
 entfallen.
Dieser kritische Zustand Deutschlands zeigt markant,
 daß keine Nationalwirtschaft eine dauernde Störung
 des wirtschaftlichen Gleichgewichts verträgt. Bei
der Bedeutung Deutschlands für die Weltwirtschaft
müßten die Reflexe dieses Zustandes auch in den internationalen
 Wirtschaftsverhältnissen in Erscheinung
treten. Der beste Beweis dessen ist die Einigung über
das Moratorium für die Auslandschulden, das sog.
„Stillhalteabkommen‘“; diese Maßnahme wurde aber
noch weiter durch die Entwertung der deutschen Forderungen
 gegenüber den ausländischen Gläubigern und
durch das System der Scerips gesteigert, und in letzter
Zeit durch die nochmalige Einstellung der Auslandzahlungen.

Betrachten wir nunmehr England.

*) Vergl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik
 1932 185-I.

97
        <pb n="28" />
        2. England.
Das traditionelle Land des Freihandels und reicher
Kapitalquellen, welche England vor dem Kriege zum
Bankherrn der ganzen Welt machte, wurde ebenfalls
durch den Weltkrieg in Mitleidenschaft gezogen. Als
Land konservativer ökonomischer und valutarischer
Anschauungen bemühte es sich schon im Kriege die
Kriegsausgaben zum Teil durch Steuern, zum Teil
durch ordentlichen Kredit zu decken. Auch nach dem
Kriege war es das erste Land, welches sein Schuldnerverhältnis
 gegenüber den Vereinigten Staaten ordnete
und das erste, welches die Goldparität seiner Währung
erneuerte. Dank seinen ungeheuren Kapitalsquellen aus
der Vorkriegszeit hielt es diese Parität aufrecht, trotzdem
 diese Maßnahme mit der inneren Kaufkraft des
Pfundes nicht im Einklange war. Die Ursache dieser
Disparität war besonders das Ansteigen der Lohnhöhe
in der Nachkriegszeit, welche bei der Aufwertung des
Pfundes gegen die festzusammengeschlossenen Gewerkschaftsorganisationen
 der Trade-Unions nicht im Verhältnis
 zur Senkung der Preise herabgesetzt werden
konnte, Es zeigte sich, daß die Stabilisierung des Pfundes
 auf der Vorkriegsparität deshalb für England keine
günstigen Auswirkungen hatte, ja daß sie im Gegenteil
ein Sinken der Produktion und Arbeitslosigkeit zur Folge
 hatten, da der Produktionsaufwand sich nicht der
Preissenkung anzupassen vermochte, welche bei dem
Grundsatze des Freihandels sich voll durchsetzte. Die
Bemühungen um eine künstliche Belebung der Wirtschaft
 (z. B. unter anderem durch Errichtung von Zukkerraffinerien
 unter bedeutender Unterstützung des

78
        <pb n="29" />
        Staates und durch Exportprämien) vermochten nicht
den Arbeitsmarkt zu beleben. Der Einfluß der Krise auf
die englische Arbeitslosigkeit zeigt sich nach der zitierten
 Publikation Saitzews so, daß dort die Ziffern der
langfristigen Arbeitslosigkeit seit dem Jahre 1922 bis
1931 von 6.5 Prozent auf 13 Prozent, d. i. um 100 Prozent
 gestiegen sind. Eine typisch englische Erscheinung
ist, daß es in England keine saisonmäßige (Winter-)
Arbeitslosigkeit gibt, wie in Deutschland oder bei uns.
Das hängt mit der andersartigen Wirtschaftsstruktur
zusammen, die einerseits durch die klimatischen Verhältnisse,
 andererseits durch die Tatsache bedingt ist,
daß England keine intensive Agrarwirtschaft im mitteleuropäischem
 Sinne und auch damit verbundene landwirtschaftliche
 Saisonindustrie hat.
Von dem Zusammenbruch der internationalen Kredite
blieb auch England nicht verschont, welches besonders
an den Deutschlandkrediten einen nicht geringen Anteil
hatte. Diese Kreditstörungen und der Umstand, daß
auch das offensichtliche Mißverhältnis zwischen der
auswärtigen Kaufkraft des Pfundes und den einheimischen
 Produktionskosten und die sich daraus ergebende
 Arbeitslosigkeit immer schärfer auf die einheimischen
 Wirtschaftsverhältnisse drückten, zeigten, daß
auch das reiche britische Empire einer radikalen Lösung
 nicht ausweichen kann. Es war klar, daß dieses
Mißverhältnis entweder durch den Druck auf Herabsetzung
 einiger einheimischer Wirtschaftsziffern oder
durch Anpassung des Auslandswertes des englischen
Pfundes an die inneren Verhältnisse beseitigt werden
kann. Die englische Regierung versuchte diese Rege-2,



77
        <pb n="30" />
        lung zunächst durch die Deflationsmethode durchzuführen.
 An ihrem Beispiel zeigte sich aber, wie schwer
dieser Weg auch in einem hochentwickelten demokratischen
 System ist. Der scharfe, ja geradezu elementare
Widerstand, der sich bei der Herabsetzung der Löhne in
der Revolte der Marine äußerte, brachte die englischen
Staatsmänner bald zu der Erkenntnis, daß auf diesem
Deflationswege das Mißverhältnis zwischen der inneren
 und äußeren Kaufkraft des Pfundes nicht auszugleichen
 ist und daß man so eine baldige Besserung
der kritischen Wirtschaftsverhältnisse nicht erzielen
kann. Der Sinn für rasche und praktische Wirtschaftsentscheidungen
 brachte es mit sich, daß sich die maßgebenden
 englischen Staatsmänner in entgegengesetzter
Richtung umorientierten und in rascher Folge die Einlösbarkeit
 der Banknoten in Gold suspendierten, indem
sie so den traditionellen Goldstandard verließen. Daß
diese Entscheidung weder leicht, noch leichtsinnig war,
läßt sich daran ermessen, daß hier das sicherlich nicht
geringe Prestige der englischen Währung aufs Spiel
gesetzt würde für den Fall, daß dieser Schritt mißlingt.
Gleichzeitig wurde die Kursbildung des Pfundes — jetzt
Papierpfundes — der natürlichen freien Entwicklung
auf den Devisenmärkten überlassen.
Das Ergebnis der Entwicklung, welche zu einer fast
40prozentigen Abwertung des Pfundes führte, erwies
sich als positiv; die Produktion stieg, die Arbeitslosigkeit
 verringerte sich in der letzten Zeit und die innere
Kaufkraft des Pfundes wurde nicht berührt, da auf dem
heimischen Markte keine Verteuerung eintrat. Dadurch
wurde gleichzeitig unter Beweis gestellt, daß keine

20
        <pb n="31" />
        Teuerungsgefahr vorhanden ist, falls die Anpassung des
Währungskurses nicht aus den natürlichen Grenzen
gleitet, welche durch den Unterschied zwischen der inneren
 und äußeren Kaufkraft (die hier durch den Goldgehalt
 gegeben ist) gezogen sind. Es wurde bei uns in
der Presse darauf hingewiesen, daß die Teuerung in
England einerseits deshalb nicht eintrat, weil der Eingriff
 in einer Periode der sinkenden Weltpreise erfolgte,
andererseits deshalb, weil England in seinen Dominions
ein reiches Hinterland hat, aus dem es die Rohstoffe
schöpft. Aber weder die eine noch die andere Auslegung
ist richtig, da auch gegenüber den Ländern mit gleicher
Währung die Zahlungsbilanz real, d. i. durch Ware ausgeglichen
 werden muß. Außerdem hätte das neuerlich
darauffolgende Sinken der Weltpreise eigentlich den
Unterschied zwischen der inneren und äußeren Kaufkraft
 des Pfundes vertiefen müssen, was jedoch durch
die natürliche Anpassung des Pfundkurses verhindert
wurde.
An dem englischen Beispiele sehen wir klar, daß ein
bedeutender Teil der Ursachen der Weltkrise in der
Überwertung des Goldes liegt und daß die Lösung der
Krise im Wege der Währung dort am Platze war; wir
sehen gleichzeitig, daß England im Deflationswege
nicht einmal eine teilweise Lösung der Krise durchzuführen
 vermochte, sondern gezwungen war, sie durch
eine äußere Devalvation durchzuführen.

3. Amerika.

Auch der zweite der größten Staaten deren Währung
die Weltwirtschaft beherrschen, die Vereinigten Staa-31
        <pb n="32" />
        ten von Nordamerika wurde von der Krise nicht verschont,
 obwohl sich dort nach dem Kriege ein vorher unbekannter
 Reichtum angehäuft hatte. Die kritischen
Verhältnisse Amerikas, die auf der einen Seite charakterisiert
 sind durch das Verbrennen der überschüssigen
Vorräte z. B. von Baumwolle und Getreide, auf der anderen
 Seite durch eine drohende Arbeitslosigkeit, erreichte
ihren Gipfelpunkt nach der Wahl des neuen Präsidenten
 Roosevelt, von dem die ganze Nation Rettung erwartete
 und dem es auch die Vollmacht gab, zur Regelung
 der wirtschaftlichen und finanziellen Verhältnisse
in Ausmaßen, wie sie die Welt früher, weder in währungstechnischer
 noch in kreditpolitischer Hinsicht je
gesehen hat.
Zahlenmäßig kann man das Ausmaß seiner Ermächtigung
 in valutarischer Hinsicht dadurch kennzeichnen,
daß er den Wert des Dollars bis um 50 Prozent herabsetzen
 und den dadurch entstandenen Zuwachs des Goldwertes
 bei den Föderal-Reserve-Banken in der Höhe von
über 2100 Millionen Dollar, das sind in unserem Gelde
cirka 70 Milliarden Kronen für Staatszwecke verwenden
konnte. Bezüglich des Voranschlags und des Kredits ist
das Ausmaß seiner Ermächtigung daraus ersichtlich,
daß Roosevelt nicht zögerte, zur Belebung der Wirtschaft
 den Staatsvoranschlag um 850 Millionen Dollar
und die Staatsschuld von 20 auf 25 Milliarden, also um
5 Milliarden Dollar zu erhöhen. Nach den letzten Nachrichten
 betragen die Defizite für. die letzten zwei Jahre
im Staatshaushalt 9000 Millionen und die Staatsschuld
der U. S. A. hat sich auf 32.000 Millionen Dollars erhöht.
        <pb n="33" />
        Auch diese Krisenlösung, die in grandiosem Umfange
durchgeführt wird, ist ein Währungseingriff, nur daß
hier einige Methoden angewendet wurden. Es ist dies
eine Kreditinflation, die mit der äußeren und wirtschaftlich
 auch mit der inneren Devalvation des Dollars,
 mit der Syndizierung der Industrie und Zwangsdiktat
 von Lohnerhöhungen kombiniert ist. Das alles
hat den Zweck eine Erhöhung der Preise und Herabsetzung
 der Schulden, wie auch der Konsumkraft der
arbeitenden Klassen herbeizuführen, wovon dann eine
Belebung der Wirtschaft erwartet wird. Wie ersichtlich,
ist diese Lösung von der englischen Art und noch mehr
von der unsrigen verschieden und durch den wirtschaftlichen
 Charakter ihrer einzelnen Maßnahmen vielfach
entgegengesetzt. Das dadurch bewirkte Sinken des Dollarwertes
 fast um 40 Prozent scheint noch nicht die Endlösung
 zu sein, wie aus den Erklärungen des Präsidenten
Roosevelt hervorgeht. Der Versuch Roosevelts ist ein
Experiment, den sich vielleicht ein WirtschaftskoloßR
wie Amerika erlauben darf; für uns wäre eine solche Lösung
 kaum zu empfehlen. Möge aber dieser Versuch
ausfallen wie immer, er ist ein Beweis dafür, daß in
schweren Zeiten sich die Nation von Menschen der Tat
leiten läßt. Dabei ist noch zu bedenken, daß Roosevelt
in eine doppelt schwierige Situation gekommen ist, da
bis zu der Zeit Amerika keine Sozialgesetzgebung hatte,
welche derjenigen in Europa analog wäre und daß er also
auch diese Schwierigkeiten lösen mußte; es ist also sein
Versuch gleichzeitig eine sozialpolitische Maßnahme.
Die Lösung war bei diesem Stande der Dinge noch
schwieriger dadurch, da seit dem Jahre 1922 in den USA

39
        <pb n="34" />
        die Arbeitslosigkei; von 6 Promille auf 15 Prozent im
Jahre 1932 gestiegen ist. Vorläufig führte der Versuch
Roosevelts zur Eingliederung einer bedeutenden Anzahl
von Arbeitslosen in den Arbeitsprozeß, zu einer Erhöhung
 der Einkommen, aber auch zu einer teilweisen Erhöhung
 der Preise, die angestrebt worden war.
Ich habe so drei typische Methoden der Krisenlösung
angeführt, welche in verschiedenen Variationen auch in
anderen Ländern angewendet wurden. Beschäftigen wir
uns jetzt mit den tschechoslovakischen Verhältnissen.

34
        <pb n="35" />
        B. DIE TSCHECHOSLOVAKISCHE
WIRTSCHAFTSKRISE

a

DIE KRISENERSCHEINUNGEN.

Betrachten wir nunmehr die tschechoslovakischen
Wirtschaftsverhältnisse. Bei uns begann die Wirtschaftskrise
 etwas später als in anderen Ländern in Erscheinung
 zu treten. Dies hängt mit dem Charakter unserer
 Wirtschaft zusammen, welche in der Zeit der Konjunktur
 zu etwa einem Drittel vom Export abhängig
war. Wenn wir in Betracht ziehen, daß zu dieser Zeit
unser Nationaleinkommen ungefähr 70 Milliarden K@
betrug, so floß ungefähr ein Drittel dieses Einkommens
a. i. ungefähr 22 Milliarden K&amp;amp; aus der Produktion für
Exportzwecke. Dieses Einkommen verringerte sich also
parallel mit dem Sinken des Außenhandels, der in den
Jahren 1928 bis 1933 folgende Änderungen aufwies:
Ausfuhr Überschuß Defizit
in Millionen K&amp;amp;
21.224
20.499
17.474
13.140
7.398
5.853

Jahr

19.208
19.988
15.715
11.789
7.542
5.831

35
        <pb n="36" />
        Wie aus dieser Zusammenstellung zu ersehen ist, kann
der Wohlstand unserer Wirtschaft nicht gemessen werden
 an der bloßen Existenz des Überschusses der Handelsbilanz,
 sondern hauptsächlich an dem Umfange des
Außenhandels und es ist klar, daß die Verminderung
ein Sinken der Produktion zur Folge hatte, ein Ansteigen
 der Arbeitslosigkeit und eine Schmälerung des
Wohlstandes.
Der Überschuß der Handelsbilanz ist dagegen sehr
wichtig für die Zahlungsbilanz und für die internationale
 Position unserer Währung.
Mit der Schrumpfung des Handelsumfangs in solchem
 Ausmaße begann auch die Zahl der Arbeitslosen
anzuwachsen, die nach der amtlichen Statistik die
höchste Ziffer im Februar 1933 mit 920.182 gegenüber
631.736 im Februar 1932 erreichte. Ende des Jahres
1933 betrug diese Zahl 778.150 gegenüber 746.311 Ende
des Jahres 1932.
Mit der Verminderung der Produktion für den Export
und mit dem Anwachsen der Arbeitslosigkeit wuchsen
auch die Schwierigkeiten der Staatskasse, welche infolge
 des gesunkenen Transports unter dem Defizit der
Staatsbahnen litt, ferner unter dem Sinken der
Staatseinnahmen und unter steigenden Ausgaben für
die Arbeitslosenunterstützung. Diese Schwierigkeiten
konnten nicht vermieden werden, trotzdem zum Ausgleich
 des Staatsvoranschlags neue Steuern eingeführt
und die Sätze der bisherigen Steuern erhöht wurden,
besonders die Sätze der Einkommen- und der Umsatzsteuer,
 Auf diese Weise wurde der Druck der öffentlichen
 Lasten als Bestandteil des Produktionsaufwan-38
        <pb n="37" />
        des eher gesteigert, obwohl ein entgegengesetztes Vorgehen
 am Platze gewesen wäre, da unterdessen aus dem
Auslande sich infolge des Preissturzes auf den Weltmärkten
 auch auf dem einheimischen Markte ein Druck
auf die Preise fühlbar machte. Dieses scheinbar gegensätzliche
 Vorgehen der Finanzverwaltung ist einerseits
daraus zu erklären, daß ihre erste Sorge die Herstellung
des Gleichgewichtes in der Staatswirtschaft um jeden
Preis sein mußte, außerdem hat ihr Drängen nach Herabsetzung
 der Staatsausgaben zu dieser Zeit noch nicht
die erforderliche politische Unterstützung erreicht.
Außerdem zeigte sich das im Voranschlag erzielte
Gleichgewicht immer wieder gestört durch ein größeres
Absinken der Wirtschaft und dadurch auch der Staatseinnahmen,
 als anfangs vorausgesetzt werden konnte.
Die Konsequenzen dieses unheilvollen Zustandes in der
Staatswirtschaft, wo Defizite in der Höhe von über 1%
Milliarden K€ in jedem der Jahre 1931, 1932, 1933 durch
Kassenanleihen gedeckt werden mußten, machten sich
ungünstig auf dem Geldmarkte geltend; dessen Erschöpfung
 durch die öffentliche Hand hat bei dem verlangsamten
 Zuwachs der Ersparnisse einen ungünstigen
Einfluß auf den öffentlichen und privaten Kredit, der
dadurch verteuert wird. Die Rentabilität der Staatsanleihen
 erreichte im Jahre 1932 wieder 8 bis 10 Prozent,
wie zur Zeit der größten Baisse im Jahre 1924.
Es ist ersichtlich, daß durch die Herabsetzung der
Gehälter der öffentlichen Angestellten und durch bedeutende
 Restriktion des gesamten staatlichen Ausgabenvoranschlages
 in der tschechoslovakischen Wirt-37
        <pb n="38" />
        schaftspolitik der Weg zur Deflation angetreten wurde,
die sich in der Volkswirtschaft durch den Druck auf
Herabsetzung der Wirtschaftsziffern zeigte, die mit den
Produktionskosten zusammenhängen, besonders auf die
Löhne, welche Tendenz sich langsam auch in der öffentlichen
 Wirtschaft geltend macht, mit der Ausnahme,
daß der Ausfall, der auf diesem Wege nicht eingeholt
werden kann, durch die schon oben erwähnte Erhöhung,
der Steuerlasten ergänzt wird. Gleichzeitig wird im
Jahre 1933 durch das bekannte Gesetz über die Kuponsteuer
 und Zinsenherabsetzung auch der Zinssatz heruntergedrückt,
 wodurch im Produktionsaufwand auch
die Kapitalanteile vermindert werden. Aber bei den
ständigen Ansprüchen des Staates an den Kreditmarkt
hat diese Maßnahme nicht den erwarteten Einfluß, wobei
 auch die mehrmalige Herabsetzung des offiziellen
Eskomptsatzes der Nationalbank nichts hilft.
Die bisher durchgeführten Deflationsmaßnahmen genügen
 aber durchaus nicht, als sich auf dem Weltmarkte
sukzessive der Einfluß der Dollar- und Pfundsenkung,
sowie die Entwertung des japanischen Yen um 60 Prozent
 fühlbar machten, welch letzterer noch durch den
sozialen Dumping gesteigert wurde. Infolgedessen, wie
auch durch die wachsenden handelspolitischen Schwierigkeiten
 ging die Ausfuhr weiter auf den niedrigsten
Punkt im Jahre 1933 herunter und die Krise vertiefte
sich weiter. In dieser Zeit wurden von der Finanzverwaltung
 weitere radikale Schritte zum Ausgleich des
Staatsvoranschlages im Jahre 1934 unternommen, durch
Neuregelung der Arbeitslosenunterstützungen und aus-38
        <pb n="39" />
        giebige Abstriche in den Ausgaben in der Höhe von
rund 1.700 Millionen KG. Das so zustande gekommene
Budget bezeichnet allerdings selbst der Finanzminister
als Notvoranschlag und die staatliche Kassenwirtschaft
wird mit Mühe und Not auf Vorschuß teilweise aus den
Mitteln geführt, welche durch die Arbeitsanleihe gewonnen
 wurden.
Schon bei der Behandlung des Voranschlages für das
Jahr 1934 war es der Finanzverwaltung klar, daß sein
Gleichgewicht eine weitere Drosselung des Wirtschaftslebens
 zur Folge haben wird und daß man auf diesem
Wege nicht weiter gehen kann, denn von einer so gedrückten
 Wirtschaft könnte man schwerlich die Erreichung
 der Einnahmen erwarten, die zur Führung des
Staatshaushaltes notwendig sind. Es ist klar, daß die
Wirtschaft einen Anreiz zur Belebung braucht und daß
sie Hilfe benötigt. Dabei machte sich gegenüber der bisherigen
 Mentalität einer Betreuung des einheimischen
Marktes die Meinung geltend, daß wir uns bemühen
müssen den Export zu beleben, wenn der nationale Wohlstand
 sich verbessern soll, und daß dasselbe auch von
der Belebung der Weltwirtschaft gilt. Ein erhöhter Import
 ermöglicht neue Importe und dadurch steigt der
Wohlstand nicht nur bei uns, aber auch in den Staaten,
mit denen wir in gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen
 stehen.
Die Erkenntnis, daß wir mit einem großen Teil unserer
 Produkte auf dem Weltmarkte zu teuer sind, führt
zu dem Gedanken, den Export durch Exportprämien zu
beleben, denn es zeigt sich, daß wir mit unserem Produktionsaufwand
 trotz der getroffenen Maßnahmen in

al
        <pb n="40" />
        einem höheren System der Wirtschaftsziffern steckengeblieben
 sind. Es handelt sich nun um die Methoden,
 mit denen man am besten zum Ziele gelangen kann.

+

REFORMERWÄGUNGEN.

In dieser Situation kam es zu zwei grundlegenden Plänen
 zur Prämiierung des Exportes, von denen der eine
über die Staatskasse führt, der andere — der Plan
Prof. Englis‘ — den Weg valutarischer Prämien einschlägt,
 durch welche die Exportvorteile im wesentlichen
 auf Rechnung der Einfuhr bezahlt würden.
Mit Rücksicht auf die Staatskasse und das Gleichgewicht
 des Voranschlages war das Finanzministerium
von dem Plan der Ausfuhrprämien aus der Staatskasse
nicht begeistert. Aber dieser etwas enge Gesichtspunkt
hätte bei der Entscheidung an und für sich nicht den
Ausschlag geben können. Es mußten beide Lösungen
einer kritischen Untersuchung unterzogen werden.
In einer Reihe von Beratungen, welche darüber im Finanzministerium
 gepflogen wurden, und zwar zum großen
 Teile unter Teilnahme von Vertretern des Handelsministeriums,
 des Landwirtschaftsministeriums, des
Außenministeriums und der Nationalbank, wurde deshalb
 untersucht, welche die Hindernisse der Ausfuhr
sind, gleichzeitig auch, unter welchen Bedingungen und
mit welchen Mitteln der Export gehoben werden könnte.
Im wesentlichen war das Ergebnis dieser Beratungen
 ungefähr folgendes: die Hindernisse des Exports

Li
        <pb n="41" />
        sind einesteils innere, andererseits äußere. Als innere
Hindernisse sind anzusehen unsere handelspolitischen
Einrichtungen, welche sowohl durch ihre Schwerfälligkeit,
 als auch durch die Politisierung der Standpunkte
ihrer Organe vielfach eher eine Bremse als eine Unterstützung
 unseres Exportes sind. Es sind dies das Devisenregime,
 das Bewilligungsverfahren, Syndikats- und
Kompensationseinrichtungen und das Regime der Einfuhrscheine.
 Es wäre am geeignetsten einige dieser Regime
 zu beseitigen und an ihre Stelle ein einheitliches
Einfuhrregime zu setzen.
Die äußeren Hindernisse müssen je nach den Ländern
 unterschieden werden, mit denen wir in Handelsbeziehungen
 stehen; dabei wurde besondere Aufmerksamkeit
 dem Umstande zugewendet, welche Rolle in der
Verminderung unseres Exportes unsere Preiskonkurrenzfähigkeit
 spielt. Es handelt sich dabei um drei
Arten von Ländern:
1. Länder mit denen wir einen Clearing haben; bei
diesen Ländern wurde von einem Teil der Industrie behauptet,
 daß das Hindernis der Ausfuhr nicht der Preis,
sondern die Zahlungsunfähigkeit dieser Länder ist, die
man im Verhältnis zu uns bessern könnte (siehe z. B.
den Plan, den Anbau von Weizen durch Zuckerrübe zu
ersetzen). Dagegen behaupteten andere, daß auch hier
der Preis eine wichtige Rolle spiele, denn auch in diesen
Ländern sind wir nicht konkurrenzfähig im Vergleich
zu Deutschland, Österreich und anderen konkurrierenden
 Ländern; dabei spielt auch der Umstand eine Rolle,
daß bei den verminderten Einfuhrpreisen auch die Kaufkraft
 dieser Länder gehoben werden könnte und daß

41
        <pb n="42" />
        also bei niedrigeren Exportpreisen für das Prozent der
Preisermäßigung mehr exportiert, also auch mehr produziert
 werden könnte.
2. Weiters sind hier Länder die zahlungsfähig sind,
aber ihre Einfuhr durch Festsetzung von Kontingenten
 einschränken. Bei diesen Ländern stehen uns nach
der Meinung der einen nicht der Preis, sondern die Kontingente
 im Wege. Dagegen behauptete eine Reihe von
Produzenten, daß wir nicht eimal diese Kontingente wegen
 unserer hohen Preise voll ausnützen.
3. Schließlich gibt es Länder mit Freihandel (England,
 Amerika, die skandinavischen Länder, Schweiz,
Holland, Südafrika), wo wir wegen unserer hohen Produktionskosten
 nicht konkurrenzfähig sind und wo uns
die Konkurrenz besonders durch die Abwertung des Dollars
 und des Pfundes unmöglich gemacht wurde. Hier
begegnen wir aber auch der Tatsache, daß neben den
Valutavorteilen, welche Amerika und die angelsächsischen
 Länder durch die Loslösung ihrer Währungen
vom Golde, oder andere Länder durch faktische Abwertung
 erlangt haben, einige Länder ihrer Industrie noch
Exportprämien aus der Staatskasse gewähren (z. B.
zahlt England hohe Prämien seinen Zuckerraffinerien,
Ungarn eine Valutaprämie von 8 bis 10 Prozent, für
zwei Warengattungen sogar 18 Prozent), das japanische
 valutarische und soziale Dumping steht dabei
überhaupt im Vordergrunde aller Erwägungen. Alle
diese Ursachen hatten zur Folge, daß unser Export auf
29 Prozent des Standes vom Jahre 1929 sank, während
andere Länder 37 bis 50 Prozent des Exportes und einige
 Länder auch mehr aufrecht erhalten konnten (z. B.

464
        <pb n="43" />
        Finnland 75 Prozent, Norwegen 68 Prozent, Schweden
61 Prozent, Bulgarien 72 Prozent, Griechenland 111
Prozent, Australien 89 Prozent).
Die Bedeutung der angeführten drei Ländergruppen
für unseren Außenhandel wird bezüglich der Menge ungefähr
 gleich eingeschätzt, bezüglich des Exportwertes
wurde aber konstatiert, daß die dritte Gruppe überwiegt.

Wenn wir also vorläufig von den inneren Hindernissen
absehen, war aus dem Ergebnis der Beratungen ersichtlich,
 daß unsere Konkurrenzfähigkeit im Auslande einesteils
 durch die valutarischen Maßnahmen einer Reihe
von Staaten andernteils durch direkte und indirekte
Unterstützung des fremden Exports schwer gelitten hat.
Der ausländischen Preissenkung, die dadurch entstand,
konnte sich unser einheimischer Produktionsaufwand
nicht anpassen.
Über die Ursachen, warum wir uns in der Preislage
nicht der fremden Konkurrenz angleichen können, wurden
 Erwägungen zunächst vom Standpunkte der internationalen
 Einflüsse auf das Preisniveau und unsere
Konkurrenzfähigkeit angestellt. Es waren dies vor allem
die Herabsetzung des Außenwertes des Dollars und des
Pfundes, welche bedeutend auf die weltwirtschaftliche
Situation eingewirkt haben.
Durch diese Maßnahmen, denen automatisch jene
Staaten folgten, deren Währungseinheit an eines dieser
Währungssysteme gebunden ist (z. B. die skandinavischen
 Länder, die an das Pfund gebunden sind), setzte
naturgemäß in der Weltwirtschaft eine weitere bedeutende
 Preisbewegung ein; es ergaben sich besonders be-J
        <pb n="44" />
        deutende Preisunterschiede gegenüber den Ländern,
welche am Goldstandard festgehalten hatten. Diesen
letzteren wurde durch die erwähnten Maßnahmen begreiflicherweise
 die Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkte
 bedeutend erschwert; darum ist z. B. Frankreich
 teurer als England.
Um ihre Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkte zu
stärken, behalfen sich deshalb einige Staaten durch verschiedene
 Maßnahmen. Deutschland verwendete dazu
neben den Exportprämien die bekannten Scrips und
außerdem Papens Steuergutscheine, andere Länder Exportprämien,
 direkte und indirekte (Steuerrefundierung,
Unterstützung der zentralorganisierten Produzentenverbände,
 Unterstützung der Kreditversicherung u. ä.).
Auch bei uns machte sich das Bedürfnis fühlbar unsere
 Exportproduktion zu unterstützen, da man zu der allgemeinen
 Erkenntnis kam, daß wir mit unseren Erzeugnissen
 auf dem Weltmarkte zu teuer sind. Da wir nun
ein so ausgesprochener Exportstaat sind, hielten wir
nicht nur unsere Zahlungsbilanz, aber auch unsere heimische
 Wirtschaft, besonders die öffentliche Wirtschaft,
durch den Außenhandel im Gleichgewicht. Durch den
Exportniedergang wurde eine bedeutende Verringerung
der Einkommen bewirkt, was bei der verringerten Verbrauchskraft
 der Bevölkerung auch eine Verminderung
der Produktion für den einheimischen Bedarf zur Folge
hat. Es setzt sich also die Erkenntnis durch, daß eine
Hebung des Exportes unumgänglich notwendig ist, falls
unsere ganze Privatwirtschaft belebt werden soll und
falls durch die Verminderung des Exportes unsere bisherigen
 Absatzgebiete im Auslande nicht dauernd verlo-1A
        <pb n="45" />
        rengehen sollen, was eine große Verarmung unserer
Volkswirtschaft bedeuten würde. Daraus wurde bereits
allgemein die Notwendigkeit einer Exportunterstützung
abgeleitet.

1TT

DIE PLÄNE ZUR UNTERSTÜTZUNG DES
EXPORTS UND IHRE BEGRÜNDUNG.

Aus diesen Erwägungen über die Notwendigkeit eines
Ausgangs aus der Krise kristallisierten sich drei konkrete
 Pläne. Der erste dieser Pläne war der Plan des Industriellenverbandes
 und der Handelskammer, der auch
den Anschauungen der Nationalbank nahe kam. Dieser
Plan forderte, daß die Exportunterstützung außer allgemeinen
 handelspolitischen Förderungsmaßnahmen
durchgeführt werde entweder durch liberal gewährte
Refundierungen der Handelssteuern, oder in Form von
Steuerbons, mit denen allgemein die Handelssteuern
bezahlt werden können. Dabei wurde mit einer Unterstützung
 in der Höhe von 10 bis 15 Prozent des Exportwertes
 der Waren gerechnet. Außerdem rechnete
 der Plan mit einer großzügigen Tarifpolitik,
mit der Ermöglichung der Versicherung der Valutarisken,
 mit der Vereinigung verschiedener handelspolitischer
 Regime, mit der Erleichterung der Finanzierung
 der Exportkredite und mit der Vereinfachung
 der Kompetenzen im Zoll-, Bewilligungs- und
Kompensationsverfahren.
Der zweite Antrag für die Exportunterstützung

15
        <pb n="46" />
        stammte von Prof. Engli8 und berührte in der Gewährung
 von valutarischen Ausfuhrprämien, für die die
Mittel im wesentlichen durch Einfuhrzuschläge beschafft
 werden sollten.
Der Zweck dieses Antrages Prof. EngliS, der sich auf
die vorher angeführten theoretischen Analysen stützte,
bestand darin, den Außenwert der K@ der inneren Kaufkraft
 der tschechoslovakischen Krone vorläufig ohne
Tangierung ihres Goldgehaltes anzunähern, Dabei ging
der Antrag von der Prämisse aus, welche durch die
Kundgebungen des Ministerpräsidenten und des Außenministers
 beglaubigt waren, daß aus politischen Gründen
 dieses Ziel nicht durch deflatorische Methoden erreicht
 werden kann.
Diese Maßnahme war für eine Übergangszeit gedacht,
solange die Disparität zwischen der äußeren und inneren
 Kaufkraft der KC andauern wird. Die Höhe der Prämien
 würde die Regierung festsetzen, wobei eine relative
 (prozentuelle) Gleichheit der aktiven und passiven
Zuschläge vorausgesetzt würde.
Aus handelspolitischen Gründen und um auch andere
Komponenten der Zahlungsbilanz (Fremdenverkehr) zu
erfassen, wurde daran gedacht, die Zuschläge zum Weltkurs
 aller Devisen und Valuten einzuheben, die ins Ausland
 gezahlt werden und Prämien für alle Devisen und
Valuten, die aus dem Auslande kommen, zu gewähren,
wobei diese Maßnahme für die freien Währungen gelten
würde. Für die gebundenen Währungen könnte von Fall
zu Fall eine Änderung zugelassen werden. Die Einzelheiten
 der technischen Durchführung, die aus Gründen
der Zentralisation der Nationalbank auferlegt würden,

16
        <pb n="47" />
        blieben der Regierung vorbehalten. Der Goldgehalt der
K&amp;amp; blieb durch diese vorläufige Maßnahme unberührt.
Diese Maßnahmen wären durch die Zusammenfassung
 der handelspolitischen Maßnahmen und der Maßnahmen
 zur Unterstützung der Landwirtschaft (Aufhebung
 der Einfuhrscheine, des Getreide- und Viehsyndikats,
 der Kompensationen, des Devisenbewilligungsverfahrens
 zu ergänzen. Soweit dies notwendig wäre, sollten
zur Stützung der Getreidepreise auf dem Inlandsmarkte
und zur Exportförderung von Gerste, Hafer und Malz
noch die notwendigen Maßnahmen getroffen werden.
Schon in den Vorbereitungen im Finanzministerium
erklärten die Vertreter des Handelsministeriums, indem
sie die Wünsche der Produzenten und Handelskreise vorbrachten,
 daß eine Individualisierung der Unterstützungen
 unmöglich ist und daß also die Exportunterstützungen
 allgemein gewährt und voraus festgesetzt werden
müßten, da sonst eine Exportkalkulation nicht möglich
wäre; höchstens könnte die Unterstützung je nach den
Ländern oder je nach der Gattung der Exportwaren gestaffelt
 werden. Auch könne die Unterstützung nicht für
den sog. zusätzlichen Export gewährt werden, da sein
Begriff sehr schwer zu bestimmen ist.
Wenn dem so ist, dann mußte allerdings bei der angeforderten
 15prozentigen Unterstützung für die gesamte
Ausfuhr mit einem Gesamtbetrage von rund 5% bis 6
Milliarden KG gerechnet werden, was eine Belastung des
Staatshaushaltes annähernd um 800 bis 900 Millionen
KE bedeutet. Ein solcher Betrag erschien, einerlei ob als
Ausgabe, oder als Einnahmen-Verringerung für die
Staatskasse untragbar und vom Standpunkte des Kreir
        <pb n="48" />
        dits und der Währung sehr bedenklich, falls sie der Staat
durch eine Anleihe aufbringen müßte. Außerdem wurde
in Erwägung gezogen, daß jede ähnliche Art der Unterstützung
 als Preisdumping auf handelspolitische Hemmnisse
 stoßen würde und es war schwer vorauszusetzen,
daß unser Außenamt sie erfolgreich verteidigen könnte.
Schließlich müßte auch die Höhe der Unterstützung
zeitlich der fremden Konkurrenz angepaßt werden und
die staatliche Unterstützung selbst würde zu einem Bestandteil
 der Kalkulation der Produktionskosten werden,
 was auf die Dauer undenkbar war. Aus diesen Gründen
 konnte diese Art der Unterstützung nicht akzeptiert
werden.
Gegen den zweiten Plan (Englis) bestanden dagegen
ungefähr folgende Einwendungen:
1. Die gewichtigsten Einwendungen waren währungspolitischer
 Art. In dieser Maßnahme wurde die faktische
Einführung eines doppelten Währungskurses erblickt,
die für die Anhänger der Inflation eine willkommene
Stütze in ihren Wünschen nach Entwertung der Währung
 und dadurch der Gehälter, Löhne und Schulden
wäre.
2. Weiters wurde eingewendet, daß durch die Einfuhrzuschläge
 das inländische Preisniveau gehoben wird,
wodurch das Wirtschaftsleben beunruhigt wird.
3. Es ist keine lineare Maßnahme notwendig, da die
Preisdisparität nicht nur zwischen den einzelnen Warengattungen,
 aber auch zwischen den einzelnen LÄändern
 existiert, wie in den letzten Nachrichten das reichsdeutsche
 Institut für Konjunkturforschung konstatierte

IN
        <pb n="49" />
        (daß Frankreich teuerer ist als England, England teuerer
 als Japan).
4. Eine Reihe von tschechoslovakischen Exportgeschäften
 (angeblich bis 60 Prozent) wird heute in KE
abgeschlossen aus dem Grunde, weil die internationalen
Währungen (Dollar, Pfund) nicht ausgeglichen sind.
Wenn durch eine provisorische Maßnahme die äußere
Kaufkraft der KE herabgesetzt würde, werden wir dadurch
 nicht eine größere Kursunsicherheit für den Export
 bewirken?
5. Sehr viele Einwendungen wurden gegen diesen Antrag
 vom handelspolitischen Standpunkte in dem Sinne
erhoben, daß in dieser Maßnahme ein Dumping erblickt
werden wird.
6. Schließlich wurde empfohlen, die Deflation konsequent
 weiter durchzuführen in der Überzeugung, daß es
die tschechoslovakische Volkswirtschaft aushalten
wird; es wird vielleicht nur das abfallen, was ungesund
ist.
Gegen diese Einwendungen wurde jedoch zur Unterstützung
 des Englis-Entwurfes angeführt:
Ad 1.: In währungspolitischer Hinsicht müssen die
Einwendungen bezüglich der meritorischen und der formalen,
 besonders der psychologischen Seite unterschieden
 werden. Auch die Gegner des Antrages, besonders
auch die Vertreter der Nationalbank erkannten an, daß
wir zu einer geeigneten Zeit uns werden mit der Tatsache
 auseinandersetzen müssen, daß der Großteil des
Welthandels durch die Loslösung des Dollars und des
Pfundes vom Golde auf eine neue Konkurrenzbasis gestellt
 wurde. Die Maßnahmen dieser Länder werden ent-414
        <pb n="50" />
        weder wirkungslos sein, was sich bei ihnen in einer Erhöhung
 der Produktionskosten und Preise zeigen wird,
in welchem Falle der Wert der Güter dem Goldwert angenähert
 werden wird, oder diese Auswirkungen werden
 nicht eintreten und in diesem Falle müßten wir aus
dieser Tatsache die Konsequenzen ziehen, entweder
durch Deflation, d. h. durch Druck auf weitere Herabsetzung
 jener Wirtschaftsziffern (Löhne, Zinsen und
Zahlungen), die sich der erhöhten Kaufkraft der KC im
Auslande noch nicht angepaßt haben, oder durch andere
Maßnahmen. Die Regierung unseres Staates hat zwar
den schweren Weg der Deflation angetreten, aber alle
Maßnahmen, die sie bisher in dieser Richtung unternahm,
 waren einesteils sehr verspätet, andererseits ungenügend.

Wenn wir bis zur definitiven Entscheidung nicht
Maßnahmen zur Unterstützung des Exports treffen
würden, könnten wir nach übereinstimmender Meinung
der wirtschaftlichen Sachverständigen einen Zusammenbruch
 des Exports erwarten. Aber auch der Zusammenbruch
 der Währung wäre nicht ausgeschlossen, da die
Störung des wirtschaftlichen Gleichgewichtes (der Zahlungsbilanz)
 auch die Währung unter Druck setzt; der
zweite Antrag ließ der Regierung die Möglichkeit einer
zielbewußten Maßnahme unter vollkommener Beherrschung
 der Währungspolitik.
Was den Einwand bezüglich der Entwertung der Gehälter,
 Löhne, Einlagen und auch der Schulden anbelangt,
 hatten die Kritiker, welche sie vorbrachten, zu
sehr den Goldgehalt der Krone im Sinne, als ihren realen
Inhalt, welcher dem einheimischen Preisniveau ent-50)
        <pb n="51" />
        spricht und nach den Intentionen des Antrages nicht berührt
 werden sollte. Auf der anderen Seite wurde nicht
berücksichtigt, daß die weitere Durchführung der Deflationsmaßnahmen,
 deren Ausmaß schon nach den bisherigen
 Erfahrungen in den gegebenen politischen Verhältnissen
 nicht im Stande wäre den Produktionsaufwand
 den Auslandspreisen anzunähern, eine weitere
Schrumpfung der Produktion und ein weiteres Anwachsen
 der Arbeitslosigkeit zur Folge hätte. Es wurde weiters
 an dem Beispiel Österreichs gezeigt, daß wir durch
eine solche Maßnahme eine doppelte Wertung der Krone
 verursachen. Auch dieser Vergleich mit Österreich
war nicht zutreffend; Österreich setzte den Wert des
Schillings durch eine Maßnahme herab, welche die Festsetzung
 seines Kurses in die Hand zweier verschiedener
Organe gab (einerseits der Nationalbank, andererseits
der Börsenkammer), während der Antrag Englis die
technische Verwaltung der Währung auch weiterhin ausschließlich
 in der Hand der tschechoslovakischen Nationalbank
 beließ.
Psychologisch kam es selbstverständlich darauf an,
in welcher Weise dieser Antrag ins Leben gerufen wird;
es wurde offenbar vorausgesetzt, daß besonders die Zeitungspolemiken
 der Sache nicht förderlich wären. Die
technische Position der Währung hat die Nationalbank
in der Hand und die beantragten Maßnahmen geben die
Vorteile durch die Valutaprämie in die Hände des inländischen
 Produzenten, während sie den Besitzer der sog.
schwarzen Kronen des Vorteils berauben, der ihm nicht
gebührt.
Der valutärische Charakter der Prämien entzieht im

1
        <pb n="52" />
        vorhinein den fremden Staaten die Vorwürfe eines
Preisdumpings und eventueller Verletzung der handelspolitischen
 Verträge.
Ad 2.: Auch der zweite Einwand, daß durch die Einfuhrzuschläge
 das Preisniveau gehoben wird, wurde in
ihrer Allgemeinheit aus triftigen Gründen nicht anerkannt.
 Um in dieser Sache Klarheit zu schaffen, ließ das
Finanzministerium durch seine Zollsektion eine umfangreiche
 Preisstatistik aller Zollposten ausarbeiten.
a) Die Lebens- und Genußmittel, welche im Preisniveau
 von größter Wichtigkeit mit Rücksicht auf ihren
Einfluß auf die Lebenshaltungskosten sind, haben in
den letzten zwei Jahren auf dem Weltmarkte eine so
durchgreifende Preissenkung (um 30 bis 60 Prozent)
durchgemacht, daß ihre Inlandspreise in der tschechoslovakischen
 Republik auf ihrer bisherigen Höhe nur
durch hohe Zölle und, soweit diese nicht ausreichen,
durch Interventionen auf den inländischen Produktenmärkten
 (Weizen, Roggen) gehalten werden können.
Als Beispiel seien aus der durchgeführten Untersuchung
 die Preise folgender Importwaren angeführt, bei
denen die erste Ziffer den Preis für 100 kg der importierten
 Ware im Jahre 1931, die zweite in Klammer den
Preis vom Jahre 1933 bedeutet: Gerste 135 (78), Hafer
147(66), Mais 74(47), Pflaumen 360(147), Zwiebel 121
(48), Frühkartoffel 192 (101), Heu 41 (28), Stroh 29
(18), Fische (Karpfen) 719 (420), Eier 834 (601),
Butter 1720 (851), Margarine 931 (553), Kaffee 1142
(820), Tee 2522 (1545), Reis 190 (122), Bruchreis 118
(90). Man kann nicht behaupten, daß die Preissenkung
auf dem einheimischen Markte, besonders im Klein-59
        <pb n="53" />
        handel dieser Senkung der Weltpreise angemessen wäre.
Deshalb und auch aus dem Grunde, weil die Verminderung
 der Einkommen schon an und für sich eine Erhöhung
 der Preise verhindert, brauchte man eine Erhöhung
 des Preisniveaus bei den Lebensmitteln nicht zu
befürchten. Diese Überzeugung wurde auch dadurch bestärkt,
 daß die Staatsverwaltung zu dieser Zeit aus den
Interventionskäufen 40.000 Waggons Getreide (Weizen
und Roggen besaß, so daß sie die Regulierung der Getreidepreise
 in der Hand hatte.
b) Ein weiteres wichtiges Glied der Preisbildung sind
die Rohstoffe und Halbfabrikate, welche eine ähnliche
wenn auch nicht so heftige Preisentwicklung durchgemacht
 haben, wie die Lebensmittel. So sind Talg und
Öle zur Erzeugung von Kunstfetten gegenüber 1931 wesentlich
 im Preise gesunken, wie z. B. Talg 323 (249),
Sojaöl 483 (289), Sesamöl 585 (414), Sonnenblumenöl
389 (327), Minerale: Eisenerz 21.90 (19.7), Zink 81
(59), Chrom 71 (51), Gips 10 (8), Graphit 127 (42.5);
Schellack 1388 (884), Pech 602 (501); Baumwolle 823
(632), Hanf 993 (612), Jute 294 (196), rohe Schafwolle
 1183 (78), gewaschene Schafwolle 2504 (1860),
Zellulose 119 (78), gebleichte Zellulose 260 (157), Kautschuck
 568 (294) u. ä.
Bei diesen Rohstoffen muß man aber auch noch bedenken,
 daß der Aufwand für sie vielfach nur einen kleinen
 Bestandteil des Produktionsaufwandes für das Fertigprodukt
 bildet. So wurde z. B. durch Untersuchung
bei 68 Textilerzeugnissen im Werte von 600 Millionen
K&amp;amp; festgestellt, daß die Baumwolle nur 15 Prozent des
Produktionsaufwandes im fertigen Baumwollstoff dar-13
        <pb n="54" />
        stellt; durch einen 15prozentigen Einfuhrzuschlag würde
 also der Stoff nur um 2% Prozent, die fertige Kon.
fektion oder Wäsche vielfach nur um 1 Prozent verteuert
 werden. Ähnliches läßt sich von anderen Rohstoffen
 und Halbfabrikaten sagen. Außerdem wurde aber
auch in Erwägung gezogen, daß durch die Exportprämie
eine höhere Beschäftigung des Unternehmens ermöglicht
 wird, die Einfluß auf die Generalregie und dadurch
auf Verminderung des Produktionsaufwandes pro Produktionseinheit
 und somit auch auf die Preiskalkulation
 für den inländischen Verbrauch hätte.
c) Ähnliche Preisverminderungen können auch bei
Fertigfabrikaten festgestellt werden, die aus dem Auslande
 eingeführt werden. Aber auch dann, wenn bei diesen
 sporadisch Preiserhöhungen gegenüber dem heutigen
 Stande (nicht gegenüber dem Stande vom Jahre
1931) eintreten sollten, muß erwogen werden, daß diese
Erhöhung der inländischen Produktion zugute käme,
daß es sich in der Mehrzahl um Qualitätserzeugnisse von
Luxuscharakter handelt (englische Stoffe, französische
Parfüms, fremde Chemikalien, die durch einheimische
ersetzt werden können, oder Erzeugnisse wie Spezialmaschinen,
 welche wir nicht herstellen). Auch das zahlenmäßige
 Bild der Einfuhr in den letzten zehn Monaten
des Jahres 1933 unterstützte diese Anschauung.
davon davon
Einfuhr Textil Ausfuhr Textil
in Millionen Kö
886 —_

a) Lebensmittel . . . . 1.000
b) Rohstoffe und Halbfabrikate
 .. 0.0... ., 1.828 800 857 45
Cc) Fertigprodukte . . . 1.279 426 8.243 1.318

54
        <pb n="55" />
        Daraus war ersichtlich, daß das Übergewicht der
Vorteile bei der Durchführung des Vorschlages auf
Seiten unserer Produktion war und dies besonders bei
den Fertigfabrikaten.
Ad 3.: Der weitere Einwand der Preisdisparität zwischen'den
 einzelnen Ländern regte um so deutlicher dazu
an, uns auf dem Weltmarkte als gleichwertigen Konkurrenzfaktor
 einzuführen, da wir als Staat, der keine
Großmarcht ist, uns einen ehrenvollen Platz unter den
Nationen nur durch unsere wirtschaftliche Fähigkeit
erhalten können.
Ad 4.: Eine ernstere Einwendung konnte sein, daß
wir in der Abschließung von Geschäften ins Ausland
Unsicherheit verursachen könnten, wenn wir die äußere
Kaufkraft der K&amp;amp; provisorisch herabsetzten. Diese Unsicherheit
 könnte dadurch behoben werden, daß die Regierung
 die Höhe der Zuschläge und Prämien nach Anhörung
 der Interessentenkreise für eine bestimmte längere,
 im Voraus festgesetzte Zeit (z. B. für ein halbes
Jahr) festsetzen würde, wodurch dem Exporteur die
Möglichkeit einer Exportkalkulation gegeben wäre. Der
Zuschlag und die Prämie nähern aber die einheimischen
und ausländischen Produktionskosten einander wesentlich
 an und gewährten unserem Export dadurch einen
bedeutenden Vorteil der Konkurrenzfähigkeit auf dem
ausländischen Markte.
Ad 5.: Vom handelspolitischen Standpunkt und speziell
 zum Einwand des Dumpings ist anzuführen, daß wir
durch die Senkung des äußeren Wertes der K€ nur diesen
 äußeren Wert entsprechend unserem Produktionsaufwand
 regulieren, der bei uns durch einen höheren

Ey
        <pb n="56" />
        Preisindex ausgedrückt ist. Als unlauterer Wettbewerb
kann dies nicht einmal in valutarischer Hinsicht angesehen
 werden, da man durch diese Maßnahme unsere Produktionskosten
 nicht auf niedrigere Ziffern herabzusetzen
 sucht, als dem Weltpreisniveau entspricht. Der Dumpingeinwand
 kann weiters auch deshalb nicht geltend
gemacht werden, weil zwischen den einzelnen Ländern
und auch zwischen den einzelnen Warengattungen nicht
diskriminiert würde; und schließlich kann der Vorwurf
des Dumping nicht von den Ländern geltend gemacht
werden, welche selbst den Goldstandard verlassen haben,
 und diese Länder sind in der Mehrzahl. Die Länder,
welche den Goldstandard beibehalten haben, gehören in
der Mehrzahl gleichzeitig in die Reihe der Staaten, welche
 ihre Wirtschaft durch Einfuhrkontingente stützen,
die zumeist quantitativ festgesetzt sind, und von denen
behauptet wird, daß wir die Erhöhung des Exportes
durch neue Importe erkaufen müßten; diese Importe
werden leichter möglich sein, wenn auch die Erhöhung
unseres Exports erleichtert wird.
Übrigens kam hier hauptsächlich in Betracht, welchen
 Standpunkt in dieser Sache das Ministerium für
auswärtige Angelegenheiten einnehmen wird. Es war
bekannt, daß unser Außenamt bei allen internationalen
Verhandlungen grundsätzlich sich gegen jegliche Exportunterstützungen
 stellte. In der letzten Zeit war es
aber ersichtlich, daß dieser loyale Standpunkt von den
übrigen Staaten fast allgemein verlassen worden war;
auf der anderen Seite zeigte sich die Schrumpfung unseres
 Exportes derart bedrohlich, daß der vollständige Zusammenbruch
 und der Verlust der ausländischen Ab-DV

 a4
        <pb n="57" />
        satzgebiete zu befürchten stand und damit auch eine
große dauernde Verarmung unserer Volkswirtschaft,
falls nichts zu seiner Rettung unternommen wurde, Aus
diesem Grunde befürwortete das Außenministerium
ohne Rücksicht auf die Methode eine rasche Erledigung
der Exportförderung.
Ad 6.: Sehr viel wurde davon gesprochen, daß wir
durch die Einführung von Valutaprämien, welche einer
Devalvation gleichkommen, uns nicht helfen werden,
und daß es nicht geraten ist den Weg der Sparsamkeit
zu verlassen. In dieser Sache war der Standpunkt des
Finanzministers, daß wir durch die Einführung der Valutaprämien
 keinerlei Präjudiz aufstellen, was die
Fortsetzung der Deflation anbelangt, und daß sie auch
konstruktiv wirtschaftlich einer weiteren Deflation
nicht entgegenlaufen. Wir erleichtern uns nur den
schweren Deflationsprozeß dadurch, daß wir für die
inländische Wirtschaft, die durch die schweren Wirtschaftsverhältnisse
 niedergedrückt wird, einen Weg zur
Verbesserung des Exports und dadurch zur Belebung
der Produktion suchen, welcher wiederum ermöglichen
wird, daß sich der Anpassungsprozeß bei uns beschleunigt,
 besonders wenn die Valutazuschläge, welche die
Importe aller Art erfassen, keinen wesentlichen Ein-£fluß
 auf die Erhöhung der Preise haben können.
Das wären ungefähr die wesentlichen Einwände und
gegen sie angeführten Repliken. Aus der hier gegebenen
 Analyse ging der Vorteil einer Lösung in valutarischer
 Form klar hervor.
Für diese Lösung sprachen aber auch noch weitere
Gründe, welche darin bestehen, daß dadurch

5
        <pb n="58" />
        1. unbestreitbar die äußere Kaufkraft der K€ der inneren
 Kaufkraft angenähert wird. Diese Annäherung
würde naturgemäß auch auf den Ausgleich zwischen
der Landwirtschaft und der Industrie einwirken, da die
Jandwirtschaftlichen Produkte einem verhältnismäßig
heftigeren Preissturz auf dem Weltmarkte ausgesetzt
waren und durch den Zuschlag auf ihre Einfuhr der Inlandspreis
 einigermaßen dem Auslandspreis angenähert
würde. Diese Maßnahme würde den Ausgleich der gegensätzlichen
 Interessen dieser beiden Komponenten auszugleichen
 helfen, da die Landwirtschaft (passive) Zuschläge
 für die Einfuhr, die Industrie aktive Zuschüsse
(Prämien) für die Ausfuhr braucht, was beides durch
diesen Entwurf beabsichtigt ist. Einen völligen Ausgleich
 der ausländischen und inländischen Preise der
landwirtschaftlichen Produkte kann man auf diesem
Wege bei uns nicht erreichen, da man weder den Unterschied
 gegenüber den Staaten mit extensiver landwirtschaftlicher
 Produktion, noch gegenüber der industrialisierten
 amerikanischen Landwirtschaft ausgleichen
kann.
Auch vom Standpunkt der Staatskasse wären die Valutaprämien
 die geeignetere Form gewesen, da bei aller
Rücksicht für die unerläßliche Notwendigkeit einer Exportunterstützung
 dies aus Gründen des Gleichgewichtes
 des Staatshaushaltes und des Kredits nicht auf Kosten
 der Staatskasse geschehen konnte und dies um so
weniger, als die Staatskasse Anforderungen zu erwarten
 hat, welche mit der Sicherstellung der Staatsverteidigung
 zusammenhängen, die unaufschiebbar sind und
deren Existenz um so mehr zur Belebung der privaten

58
        <pb n="59" />
        Wirtschaftstätigkeit mahnt, da nur aus der Privatwirtschaft
 die bisherigen Staatseinnahmen erhalten und
neue geschöpft werden können. ;
3. Der Antrag, der die Gleichmäßigkeit der Exportunterstützungen
 und gleichmäßige Belastung für
die Importzuschläge einhält, ist technisch neben seinen
Vorteilen der beschränkten Dauer und Änderungsmöglichkeit
 leicht durchführbar.
4. Durch die Importzuschläge und Exportprämien nähern
 wir den inländischen hohen Produktionsaufwand
an die Kosten der ausländischen Produktion an.
5. Indem wir im Inlande den Goldgehalt der KE unverändert
 lassen, würden wir dadurch eine provisorische
Maßnahme durchführen, welche uns ermöglicht, leichter
 die Zeit der Krise, die Beendigung des Deflationsprozesses
 und hauptsächlich die Zeit zu überbrücken, in
welcher sich die im Außenhandel entscheidenden Währungen
 und Preise stabilisieren werden.
Für diese Lösung sprachen auch noch andere gewichtige
 Gründe. Das System der bisherigen Regime, welche
unsere handelspolitischen Beziehungen regeln, erwies
sich weiterhin unhaltbar. Es bemühte sich zwar durch
Belastung der Einfuhr durch verschiedene Gebühren und
Auszahlung von Zuschüssen zu Gunsten einer Exporterleichterung
 die Disparität der inländischen und ausländischen
 Preise zu beseitigen und stellte somit bereits
eine Art aktiver und passiver valutarischer Zuschläge
dar, handhabte sie aber in einer ungleichmäßigen Art,
die überdies noch durch die Interessen einer unzähligen
Menge beteiligter Interessenten beherrscht wurde, so
daß die Form dieser Zuschläge und Zuschüsse mehr zum

mt;
        <pb n="60" />
        Schaden unserer handelspolitischen Beziehungen mit
dem Auslande, als zu deren Vorteil war. Diese Auswirkungen
 würden, wie erwartet wurde, durch die neuen
Maßnahmen korrigiert und die Auslandsbeziehungen
automatisch freigemacht werden. Die Frage der Exportunterstützung
 müßte rasch auch aus diesem Grunde gelöst
 werden. Jede individuelle Lösung, wie dies die Verteidiger
 der Prämien aus der Staatskasse beantragten,
hätte notwendigerweise eine detaillierte Ausarbeitung
erfordert, wenn sie gerecht sein sollte; unterdessen
konnten wir aber unserer Absatzmärkte verlustig gehen.
 Für die valutarische Lösung sprach auch die psychologische
 Stimmung der Öffentlichkeit, welche erforderte,
 die Regierung möge durch rasche Entscheidungen
 und Taten beweisen, daß sie tatsächlich aktiv zu
Gunsten einer Belebung der Wirtschaftstätigkeit, besonders
 des Exports eingreifen und die Arbeitslosigkeit
vermindern will.
Der Umbau der Wirtschaftsziffern, der durch diese
valutarische Lösung bewirkt werden sollte, sollte den
Ausgangspunkt bilden, von dem aus sich die Wirtschaft
weiter entwickeln sollte, und gleichzeitig die Basis für
den finanziellen und wirtschaftlichen Plan des Finanzministers.

Aus der Entwicklung der wirtschaftlichen und finanziellen
 Ereignisse und aus den veröffentlichten Berichten
 ist ersichtlich, daß dieser Plan des Finanzministers,
was die staatliche Finanzpolitik anbelangt, darin beruhte,
 die staatliche Budgetwirtschaft und Kassenwirtschaft
 ins Gleichgewicht zu bringen. Die Grundlage
dieses Gleichgewichtes war der Staatsvoranschlag für

50}
        <pb n="61" />
        das Jahr 1934, der vom Finanzminister fast gewaltsam
durch Einschränkung der Ausgaben auf das unbedingt
erforderliche Maß ausbalanziert wurde. Außerdem erforderte
 der Plan die Durchführung einer Reihe von
Ersparungs- und Ökonomisierungsanträgen für die Regelung
 der Staatswirtschaft sowohl in budgetärer, als
organisatorischer Hinsicht. Durch die Konsolidierung
der Staatsfinanzen sollte eine Verbesserung des Kreditmarktes
 bewirkt werden, der entlastet werden sollte:
1. durch Herabsetzung der Deckung auf 25 Prozent
wobei sie gleichzeitig auf Goldbasis gestellt wird; dadurch
 sollten in Übereinstimmung mit der Meinung der
Golddelegation die Befürchtungen bezüglich einer Bedrohung
 dieser Deckung bei einer eventuellen Belebung
der Wirtschaft beseitigt werden;
2. durch Konsolidierung der staatlichen Kassenverbindlichkeit;

3. durch Errichtung des Reeskont- und Lombardinstitutes,
 das die Flüssigmachung des Geldwesens, besonders
 des Volksgeldwesens und die Regulierung des
Marktes der Staatspapiere zu ermöglichen hätte,
Dabei ging der Plan von der Überzeugung aus, daß
man nur durch Konsolidierung der Staatsfinanzen und
des öffentlichen Kredits zu einer Zinsverbilligung gelangen
 kann.
Wie aus dem Plan des Finanzministers im Zusammenhang
 mit den vorher angeführten Ansichten ersichtlich
ist, gab man sich keineswegs der Meinung hin, daß
durch eine eventuelle Devalvation schon alles geschehen
sein wird. Es wurde im Gegenteil weiter auf der Durchführung
 von Sparmaßnahmen in der staatlichen Wirta:
        <pb n="62" />
        schaft bestanden, in dem Bestreben, die Produktion
durch Verminderung des Druckes der öffentlichen Lasten
 zu erleichtern und den Kredit zu verbilligen.

zer
m.

DIE DEVALVATIONSLÖSUNG.

Über den Antrag Dr. Englis, der in den Plan des Finanzministers
 aufgenommen wurde, besonders über seinen,
 die Valutaprämien betreffenden Teil, entspann sich
bekanntlich eine lebhafte Polemik, wobei einerseits von
neuem die ursprünglichen Einwendungen auseinandergesetzt,
 aber auch neue ins Treffen geführt wurden.
Diese Polemik rief eine große Beunruhigung nicht nur
in den Reihen der Besitzer von Sparguthaben durch
Alarmnachrichten über die Entwertung der Einlagen,
aber auch der übrigen Bevölkerungsschichten hervor,
ja auch die Aufmerksamkeit eines Teils der ausländischen
 Presse, die nicht ganz genau informiert war. In
dieser erregten Stimmung griff der Vorsitzende der Regierung
 selbst in diese Angelegenheit ein, der sich nach
sorgfältigstem vorangegangenen Studium sämtlicher
Pläne und einer neuen Beratung mit Prof. Dr. Englis
und dem Finanzminister entschied, mit einem eigenen
Entwurf für die Durchführung einer direkten und sofortigen
 Devalvation des äußeren Kronenwertes hervorzutreten.

Für das Ausmaß der Devalvation entschied die Erwägung,
 daß die Entwertung der Krone um ein Drittel,
welche im Laufe der Krise eintrat, kaum zur Hälfte

892
        <pb n="63" />
        durch die bisherigen Deflationseingriffe wettgemacht
wurde. Im Einvernehmen mit Prof. Dr. Englis und dem
Finanzminister entschied der Vorsitzende der Regierung
 für die direkte Herabsetzung des Goldgehaltes der
Krone um ein Sechstel; für diesen Plan wurden auch die
entscheidenden politischen Kreise gewonnen.
Das Ergebnis ist das Gesetz vom 17. Februar 1934,
durch welches der Goldgehalt der KE&amp;amp; um ein Sechstel
geändert wird.
Konstatieren wir zum Schlusse, welche Bedeutung
die Devalvation in der Umschichtung der Wirtschaftsziffern
 hat. Die unbestreitbare Bedeutung der Devalvation
 besteht darin, daß dadurch eine Umlagerung der
Wirtschaftsziffern zugunsten der Exportproduktion bewirkt
 wurde; dieser Vorteil ist relativ kleiner dort, wo
in der Produktion der Exportware viel fremde Rohstoffe
enthalten sind, aber das ist nur ein kleiner Bruchteil des
Exports, da zwei Drittel unserer Ausfuhr die Fertigprodukte
 bilden, wo der Anteil der Arbeit überwiegt,
und für einen großen Teil des Exportes verwenden wir
inländische Rohstoffe. Dieser Vorteil, der für den Export
 entspringt, kann nicht genug eingeschätzt werden.
Es genügt, sich dessen bewußt zu werden, wie die Stellung
 unseres Staates auf dem Gebiete der internationalen
 Finanzen wäre, wenn wir nicht die Überschüsse der
Handelsbilanz hätten, welche in der Zeit seit dem Umsturz
 über 30 Milliarden KE betrugen. Nur diese Überschüsse
 haben uns gestattet unsere Entschuldung im
Auslande, die Repatriierung der tschechoslovakischen
Wertpapiere aus dem Auslande, eine teilweise Nationalisierung
 unserer Industrie bezüglich des Kapitals durchno
        <pb n="64" />
        zuführen und nicht in letzter Reihe auch die Goldreserve
 unserer Währung bereit zu stellen.
Ich möchte noch die Frage streifen, ob und wieweit
dieser Eingriff zeitgerecht durchgeführt wurde. Ich erwähnte
 bereits vorhin, daß nicht einmal in den Reihen
der Gegner der Devalvation bestritten wurde, daß der
Inhalt der Krone zur geeigneten Zeit, besonders mit
Rücksicht auf die Änderung des Weltpreisniveaus, die
durch den Rückgang des Dollars und Pfundes bewirkt
wurde, angepaßt werden muß. Es handelte sich nur
darum, wann dies geschehen soll. Man kann es als geeignete
 Lösung betrachten, daß doch der Großteil der
Ersparungsmaßnahmen, besonders die Herabsetzung
des Ausgabenvoranschlages für das Jahr 1934 früher
durchgeführt wurde, bevor man zu der valutarischen
Maßnahme griff. Die Öffentlichkeit würde die Ersparungsmaßnahmen
 schwerlich nach diesem Währungseingriff
 begreifen, wie sie auch heute der irrigen Meinung
 ist, daß die Periode des Sparens in der staatlichen
und öffentlichen Wirtschaft bereits hinter uns liegt.
In der Öffentlichkeit wird schon heute die Frage erörtert,
 ob die Voraussetzungen der Anhänger oder Gegner
 der Devalvation sich erfüllt haben. Schon heute
über den Erfolg oder Mißerfolg der durchgeführten Devalvation
 zu diskutieren, wäre noch vorzeitig, denn wir
haben erst nur einen kleinen zeitlichen Abstand hinter
uns; eines ist sicher, daß die vielfach aufgebauschten
Befürchtungen jener sich nicht erfüllt haben, welche
voraussetzten, daß die Devalvation eine Erhöhung der
Preise und damit eine Entwertung der Einlagen, der
Löhne und der Gehälter mit sich bringen wird,

34
        <pb n="65" />
        C. POSTULATE AN DIE KÜNFTIGE
TSCHECHOSLOVAKISCHE FINANZ-UND
 WIRTSCHAFTSPOLITIK.

Welche Postulate sind an die künftige Finanz- und
Wirtschaftspolitik zu stellen? Schon aus dem reproduzierten
 Plan des Finanzministers geht hervor, daß die
Devalvation nicht das einzige Mittel der Krisenbekämpfung
 war und auch nicht ist. Durch ihre Durchführung
gewannen wir eine neue Grundlage für das Gleichgewicht
 der Wirtschaftsziffern; diese Grundlage schließt
nicht nur aus, sondern erfordert unbedingt, daß wir weiter
 die Vorbedingungen für eine erfolgreiche Wirtschaftsentwicklung
 und für den Umbau unserer Wirtschaft
 schaffen. Diese Vorbedingungen bestehen sowohl
in einer guten Regelung der öffentlichen Wirtschaft,
wie auch in der Beseitigung der Hindernisse, welche
sich der privaten Wirtschaft in den Weg stellen.
Wir sagten schon zuvor, daß die öffentliche Wirtschaft
 in dem Bestreben die Aufgaben zu erfüllen, welche
 ein moderner, demokratischer und besonders wirtschaftlich,
 kulturell und politisch exponierter Staat, wie
der unsrige im Interesse seiner Existenz besorgen muß,
auf das ökonomischeste und mit Rücksicht auf die
Tragfähigkeit der privaten Wirtschaft geführt werden
muß. Von diesem Standpunkte ist das vollkommene

EEE
52
        <pb n="66" />
        Gleichgewicht der staatlichen und der öffentlichen Finanzen
 notwendig.
Dieses Gleichgewicht ist zugleich die Vorbedingung
für die erfolgreiche Lösung weiterer Aufgaben, besonders
 aber für die Lösung der Kreditfragen. Der Ausweg
kann also nicht in der Deckung der bisherigen oder erhöhten
 Öffentlichen Ausgaben durch einen neuen
Steuerdruck oder gar durch Kredit bestehen. Es ist bekannt,
 daß die Finanzverwaltung den Druck der bisherigen
 öffentlichen Lasten für übermäßig hielt und auch
hält und seine Milderung wünscht; dieser ihr guter
Wille würde durch neue Forderungen und Ansprüche
an die Staatskasse vereitelt werden. Dieses Programm
auseinanderzusetzen würde uns zu weit führen.
Was die wirtschaftspolitischen Voraussetzungen einer
künftigen Wirtschaftsentwicklung anbelangt, muß dieses
 Problem einerseits nach der wirtschaftlichen Struktur
 des Staates, andererseits nach den regionalen Interessen
 geteilt werden.
Ein allgemeines Interesse unserer ganzen Wirtschaft
ist das Kreditproblem, welches bisher im Sinne einer
Zinsverbilligung nicht gelöst werden konnte, obwohl
dies die grundlegendste Vorbedingung für die Verbilligung
 der Produktion ist. Durch die Devalvation haben
wir nur eine Änderung der äußeren Kaufkraft der Krone
 durchgeführt. In dieser Richtung wurden also die
Hoffnungen jener Schuldner nicht erfüllt, welche von
der Devalvation eine teilweise Verringerung ihrer bisherigen
 Schuld erwarteten; daß man den Schuldner entlasten
 muß, darüber gibt es keinen Zweifel. Das kann
aber im Rahmen der Kreditpolitik nur durch allgemeine

KB
        <pb n="67" />
        Erhöhung des Wohlstandes und Belebung der Wirtschaft
 auf der einen, durch Verbilligung der Zinsen auf
der anderen Seite geschehen.
Die Vorbedingung für die Herabsetzung der Zinsen ist
in erster Reihe die Ordnung in den Staatsfinanzen und
Einstellung der Verschuldung der öffentlichen Hand;
nur dadurch können wir zur Konsolidierung des öffentlichen
 Kredites auf normalem Wege zu einer Verbilligung
 des Kredites überhaupt gelangen. Auch die neue
Organisation des Kredites, besonders die Errichtung
des Reeskontinstituts und die vorbereitete Konsolidierung
 der Selbstverwaltungskredite kann hier wohltätig
wirken.
Mit Rücksicht auf die Wirtschaftsstruktur des Staates
 erscheinen uns die weiteren aktuellen Wirtschaftsprobleme
 einerseits als Agrarproblem, andererseits als
Industrieproblem.
Unsere Landwirtschaft kann bei dem intensiven Charakter
 ihrer Produktion besonders in letzter Zeit weder
mit der extensiven Landwirtschaft der osteuropäischen
Agrarstaaten, noch mit der überseeischen Agrarwirtschaft
 konkurrieren, besonders jener Staaten mit tropischem
 und subtropischem Klima, mit deren reichen und
rationell ausgenützten Rohstoffen sich unsere Landwirtschaft
 nicht messen kann. Die Devalvation hat unsere
landwirtschaftlichen Preise etwas den ausländischen
Preisen angenähert. Aber auch so bleibt das Problem des
Schutzes der landwirtschaftlichen Produktion ungelöst,
auch wenn es heute, bis auf einige speziellen Fragen
nicht so schwierig ist. Seine Schwierigkeiten beruhen
vor allem in der außerordentlichen Spannung zwischen

7”
        <pb n="68" />
        dem Preis, den der Erzeuger erhält und dem Preis, den
der Konsument zahlt; die Übermäßigkeit dieser Spanne
resp. die teure Distribution, welche bei dem voluminösen
 Charakter der landwirtschaftlichen Produkte mit
dem Verkehrsproblem zusammenhängt, werden wir gesondert
 behandeln.
Eine aktuelle Forderung der landwirtschaftlichen Produktion
 ist die Stabilisierung angemessener Preise der
landwirtschaftlichen Produkte. Es ist strittig, ob diese
Stabilisierung in der Form eines Monopols oder durch
mildere Mittel erfüllt werden soll; der Mehrheit der
öffentlichen Meinung scheint ein vollkommenes Verkaufsmonopol
 schwerfällig zu sein und man glaubt, daß
es durch seinen komplizierten Apparat weder dem Produzenten
 noch dem Konsumenten von Nutzen wäre, wie
übrigens jeder übertriebene staatliche Interventionismus.
 Auch in den landwirtschaftlichen Kreisen herrscht
die Überzeugung vor, daß der beste Regulator der einheimischen
 Preise die zusätzliche Einfuhr aus dem Auslande
 ist. Deshalb ist anzunehmen, daß die beste Preispolitik
 in einer kleinen planmäßigen Beschränkung der
einzelnen Zweige der Getreideproduktion zu dem Zwecke
wäre, damit wir besonders in den hauptsächlichen Getreidearten
 (Roggen, Weizen) nicht autark sind. Ich
weiß, daß es schwer ist, absolut die Produktion solcher
Zweige zu beherrschen, welche so sehr von den Einflüssen
 der Natur abhängen; deshalb ist es eine weitere
Frage, wie den Einfluß einer großen Ernte, wie es z. B.
die vorjährige war, auszugleichen. Aber auch hier
zeigte sich, daß eine geeignete Maßnahme dem Landwirt
 einen stabilen Preis garantieren und den Einfluß

8
        <pb n="69" />
        der Spekulation auf die Preise ausschalten kann; ein
Beispiel war die heurige staatliche Interventionsaktion,
welche auch bei der übermäßigen Ernte doch eine fast
ideale Stabilität der Weizen- und Roggenpreise garantierte.Es
 wird in der Presse gesagt, daß die Aktion nicht
gut geführt war und daß die Vorräte verderben. An diesen
 Gerüchten, deren Tendenz man vom Standpunkt
einer Reihe von Kaufleuten begreifen kann, die durch
diese Aktion ausgeschaltet wurden, ist kein Wörtchen
wahr; dem Staate garantiert übrigens für die Qualität
und die Aufbewahrung dieser Vorräte der Centrokooperativ,
 der die Aktion auch finanziert. Aber es ist wahr,
daß die Interventionsaktion in der Regel nicht notwendig
ist und automatisch entfällt, wenn die Ernte nicht so
außerordentlich ist und wenn es möglich ist, den Preis
durch Einfuhr zu regulieren. Die Notweudigkeit derEinfuhr
 einiger landwirtschaftlicher Produkte ergibt sich
übrigens aus handelspolitischen Gründen und speziell
mit Rücksicht auf die Kleine Entente. Diese Frage ist
besonders bei Weizen aktuell, weil auch Pläne ventiliert
wurden, wie ein Teil der Anbaufläche des Weizens auf
Anbau von Zuckerrüben und Ölsaaten umgestellt werden
 könnte, Es würde zu weit führen, diese Pläne eingehender
 darzulegen. Eine irrtümliche Auffassung muß
aber bei dieser Gelegenheit berichtigt werden. Wir werden
 die überschüssigen Getreidevorräte nicht beseitigen,
wenn wir sie auch zu Konsumzwecken verteilen, oder
verfüttern, denn wir können dann z. B. keinen Mais aus
den Staaten der Kleinen Entente einführen. Ein Beispiel,
wie man Vorräte abstoßen kann, die tatsächlich überschüssig
 sind, ist ihre Verwendung zur Erzeugung

59
        <pb n="70" />
        von Motorspiritus oder für den Export. Aus diesem
Grunde wurde auch der scheinbar verlustbringende
Zuckerexport empfohlen, soweit dieser Export möglich
ist, was auch eine Verringerung der Weizenanbaufläche
zu Gunsten der Zuckerrübe zur Folge hätte. Schwierig
ist die Frage der Ausfuhr von Gerste, Malz und Hafer,
die sich zwar in der Preisgestaltung durch die Devalvation
 den ausländischen Preisen angenähert haben, aber
deren Absatz bei der Weltüberproduktion noch immer
schwierig ist.
Die Frage der tierischen Produktion, welche bei uns
vorläufig durch handelspolitische Maßnahmen, aber auch
durch einen inneren Eingriff in die Milch- und Fettwirtschaft
 gelöst wurde, ist ein Problem des ganzen
agrarischen Mittel- und Osteuropas; kurz könnten wir
es charakterisieren als Übergang von der Verwendung
der natürlichen tierischen Fette zu den Kunstfetten, was
zum Teil durch Verbilligung der Verkehrswege aus Übersee
 bewirkt wurde (zu ihrer Erzeugung werden heute
hauptsächlich Öl aus Erdnüssen und Fischfetten verwendet),
 zum Teil durch die Rationalisierung dieser chemischen
 Produktion, welche durch die Billigkeit ihres
Produktes in den letzten Jahren Naturbutter und Naturschmalz
 aus dem Markte verdrängt, wobei diese Umschichtung
 durch das Sinken des Nationaleinkommens
unterstützt wird.

Ich erwähne die landwirtschaftlichen Probleme deshalb
 so eingehend, weil sie bei uns die Grundlage zur
Lösung der Wirtschaftsfrage schlechthin bedeuten;
ohne ihre Lösung, ohne den sogenannten Ausgleich zwischen
 der Industrie und der Landwirtschaft ist auch un-;
        <pb n="71" />
        sere Handelspolitik schwer zu lösen. Aus dem Angeführten
 scheint sich logisch der Schluß zu ergeben, daß
die Lösung dieser Fragen nicht das alleinige Interesse
des einen oder anderen Zweiges allein ist und sein kann,
sondern daß sie im selben Maße auch das Interesse der
übrigen Wirtschaftsgruppen ist.
Auch die Fragen der Industrie, mit denen wir uns jetzt
beschäftigen wollen, können wir der leichteren Übersicht
 halber auf jene der-Exportindustrie, der Industrie
für den inländischen Konsum und die gemischte Produktion
 einteilen. Wir konstatierten zuvor, welche Bedeutung
 in der Zeit der Konjunktur unsere Exportindustrie
für unseren Wohlstand hatte und welchen Einfluß ihre
Aktivität auf die Handelsbilanz und die Währung ausübte.
 Es liegt also nahe, daß ihre ungeheure Schrumpfung
 gleichzeitig auch einen Schwund des Wohlstandes
und die Ursache der Arbeitslosigkeit bedeutet, da die
Umorientierung der Industrie für den inländischen Verbrauch
 in größerem Maßstabe nicht gut möglich ist.
Im Verlaufe der Krise hörten wir verschiedene Ansichten
 über das Problem unserer Exportindustrie. Es
wurde behauptet, daß wir die ausländischen Absatzmärkte
 deshalb verloren haben, weil die bisher agrarischen
 Staaten sich eine eigene Industrie einrichteten
und daß wir uns deshalb auf den einheimischen Markt
umorientieren müssen; dabei hätten viele die Interessen
der Exportindustrie beinahe ganz über Bord geworfen.
Die so orientierte Gruppe vergißt dabei, daß der inländische
 Markt gerade durch den Verlust des Exportes und
den damit verbundenen Konsumverlust bedeutend vermindert
 wurde; außerdem wird der Umstand außer

vw.
        <pb n="72" />
        Acht gelassen, daß wir in einer außerordentlichen Zeit
leben, die allgemein charakterisiert ist durch partielle
Bestrebungen, die einzelnen Nationalwirtschaften autark
 zu machen. Es ist, wie wir hoffen, die Zeit nicht
fern, wo die Welt zu der Erkenntnis gelangen wird, daß
die Erhöhung des Weltwohlstandes und damit auch des
realen Weltkonsums nur erreicht werden kann, wenn
alle Staaten diese Mentalität verlassen und versuchen,
den internationalen Tauschhandel im breitesten Maße
freizugeben. Ein allgemeines Mittel hiezu ist allerdings
eine internationale Währungsvereinbarung; ein Teilmittel
 ist, wie wir zeigten auch die tschechoslovakische
Devalvation, welche uns teilweise erlaubt die Einfuhr
freizugeben.
Unbestritten ist allerdings, daß der zahlenmäßige
Wert des Außenhandels infolge des Sinkens der Weltpreise
 eine Verkleinerung erfahren wird; die Entwicklung
 des Exports ist in dieser Hinsicht von der künftigen
 Weltpreisentwicklung abhängig. Wie sich weiter die
Situation der Exportindustrie entwickeln wird, von der
besonders die Glasindustrie, die Porzellanindustrie und
die Textilindustrie schwer betroffen war, hängt natürlich
 nicht nur von der Devalvation, sondern auch von
der weiteren Entwicklung der Handelspolitik, besonders
aber von der internationalen Situation ab. Es scheint,
daß sich auch unsere öffentliche Meinung in den Ansichten
 über den Export gewandelt hat; der beste Beweis
 dafür ist die Entscheidung über die Devalvation,
deren Motiv gerade die überwiegende Rücksicht auf den
Export war.
Ein Beweis der großen Stabilität unserer Wirtschaft

792
        <pb n="73" />
        ist die verhältnismäßig gute Situation der Industrie,
welche für den inländischen Verbrauch arbeitet; ein
Beispiel kann besonders die Situation der Spiritusindustrie
 sein, welche durch die Erhöhung der Produktion
für die Zwecke des Motorgemisches eine große Unterstützung
 erhielt, weiters relativ die Situation der
Zuckerindustrie und der Brauindustrie trotz einer teilweisen
 Konsumverringerung. Über das mächtige Anwachsen
 der Produktion der Kunstfette, die sich in den
letzten drei Jahren fast verdoppelt hat, habe ich bereits
gesprochen. Wesentlich hat die Kohlen- und Eisenproduktion
 gelitten, besonders wegen der Schrumpfung des
Exportes und der Baubewegung. Die gute Situation der
Industrie, welche überwiegend für den inländischen Bedarf
 arbeitet, tritt im wesentlichen auch in den Lohnverhältnissen
 der hier arbeitenden Belegschaft in Erscheinung.
 |
Besondere Erwähnung verdient unter unseren Industrien
 die Textilerzeugung, früher der Ruhm unserer
Wirtschaft und ein Pfeiler unserer Handels- und Zahlungsbilanz,
 deren Bedeutung in unserem Außenhandel
durch die Ziffer von 6 Milliarden KE Ausfuhr in der Zeit
der Konjunktur ausgedrückt ist. Dieser Export ermöglichte
 es uns, daß wir durch unsere Arbeit nicht nur den
Textilbedarf für den Inlandsmarkt bezahlen konnten,
aber noch einen ansehnlichen Überschuß erzielten. Diese
 Industrie, von der bekannt ist, daß sie bis zum Jahre
1928 ungefähr die Hälfte ihrer Erzeugung exportierte,
erlitt durch die Krise verhältnismäßig die größten Verluste;
 das zeigt sich hauptsächlich an der Zahl der Arbeitslosen.
 Die Ursachen waren hier speziell die Autar-7a
        <pb n="74" />
        kiebestrebungen einiger Staaten, in die wir exportierten
und die Weltkonkurrenz, insbesondere in der letzten Zeit
die japanische Konkurrenz. Eine wichtige Stütze der Industrien,
 die wenigstens teilweise sich auf den heimischen
 Markt stützen, ist eine gute Produktions- und Absatzorganisation,
 wie z. B. die ausgezeichneten Kartellorganisationen
 der Zucker-, Spiritus- und anderer Industrien;
 eine solche Organisation, welche geordnete
Konkurrenzverhältnisse auf dem einheimischen Markte
als Stütze für den Export ermöglichen würde, fehlt der
Textilindustrie.
Die Industrie als Ganzes braucht weiter vor allem eine
gute Handelspolitik, deren günstige Entwicklung nicht
nur von unserer Initiative, aber auch von der Weltentwicklung
 in dieser Richtung abhängt. Was die inneren
Verhältnisse anbelangt, ist bekannt, daß die Regelung
unserer handelspolitischen. Regime, sowie die Sorge um
die Organisation der Ausfuhr (Exportinstitut) wesentliche
 Punkte der Regierungsprogramme bilden. Auch die
Belebung der einheimischen Investitionstätigkeit wird
durch das vorbereitete Gesetz über die Erleichterungen
der Hauszinssteuer aus dem Titel von Reparaturen und
Umbauten alter Häuser und durch die Vorbereitung
eines staatlichen Investitionsprogramms außerhalb des
Rahmens des Voranschlages angestrebt. Der Umfang
der Arbeiten und ihre Finanzierung ist natürlich von
der Entwicklung des Kreditmarktes abhängig.
Die Belebung der heimischen Wirtschaft hängt auf
das Engste mit den sozialen Problemen zusammen, speziell
 mit einem der wichtigsten, mit dem Problem der
Arbeitslosigkeit. Es ist sicher im höchsten Maße not-741
        <pb n="75" />
        wendig, daß eine möglichst große Zahl von Arbeitslosen
 in den Produktionsprozeß eingereiht wird. Mit diesem
 Bestreben hängen die Forderungen nach Beseitigung
 des Doppelverdienertums überhaupt, besonders im
öffentlichen Dienste zusammen, die Frage der Kolonisation,
 die Umorientierung bei gewissen Produktionszweigen
 und die Frage der Verkürzung der Arbeitszeit;
diese letzte sicherlich sehr wichtige Frage kann allerdings
 nur mit gebührender Rücksicht auf die Interessen
der Produktion, resp. der Produktionskosten und die
gegenwärtige internationale Entwicklung einer Lösung
zugeführt werden.
Ein schwieriges wirtschaftliches Problem ist die Höhe
 der Distributionskosten, die ich schon vorher erwähnte.
 Ich möchte noch einige Ursachen dieses Problems
 erwähnen. Einer der wichtigen Faktoren ist hier
die Umsatzsteuer, welche sich an jeden neuen Verkauf
der Ware anhängt, ob sie weiter veredelt oder unverändert
 weiterverkauft wird; ihre breiteste Pauschalierung
wird die Umsätze erleichtern, aber auch die Bildung
des Großhandels ermöglichen, der früher ein wichtiges
Glied zwischen der Produktion und den Konsumenten
war und auch einen Teil des Kreditrisikos übernahm.
Ein weiteres verteuerndes Moment besteht darin, daß
sich in den Distributionsprozeß zuviel neue Leute eingeschaltet
 haben, die anderswo aus dem Produktionsund
 Wirtschaftsprozeß ausgereiht wurden; es sind dies
bei der gewerblichen Freiheit des Geschäftes neue
Händler, vielfach aber der illegale Handel.
Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Distributionskosten
 sind die Frachtspesen, welche besonders eine

i5
        <pb n="76" />
        große Rolle bei jenen Waren spielen, welche infolge
ihres Volumens oder Gewichtes, oder aus beiden Gründen,
 durch hohe Frachtspesen belastet sind. Dieses Problem
 ist auch in regionaler Hinsicht wichtig, da es bei
den hohen Frachtspesen nur schwer gelingt, die östliche
und westliche Hälfte unseres Staates auf eine erträgliche
 Konkurrenzbasis anzunähern. Es ist deshalb das
Problem der Ökonomisierung der Eisenbahnen und des
parallelen Ausbaues der übrigen billigen Verkehrswege
 in der Republik, ob es sich nun um die Automobilbeförderung
 oder die Wasserwege handelt, eines der
grundlegenden Probleme unserer Produktionskosten
und unserer Konkurrenzfähigkeit in der Welt.
Indem ich einige der wichtigen Postulate an unsere
Wirtschaftspolitik skizzierte, bin ich mir dessen bewußt,
daß ich bei weitem nicht das ganze Problem erschöpft
habe; es bleiben noch viele andere übrig und es kommen
ständig neue Aufgaben hinzu, da naturgemäß die Entwicklung
 der Wirtschaft nicht stehen bleibt.
Ich möchte noch zum Schlusse nur ganz kurz einige
Worte über die Frage der Wirtschaftsplanung sagen.
Diese Frage wird als Gegensatz des Interventionismus
gegen den Wirtschaftsliberalismus gestellt. Die Vertreter
der einen oder anderen Richtung sind nämlich überzeugt,
 daß die konsequente Durchführung einer interventionistischen
 oder liberalen Wirtschaftspolitik die
Krise einem raschen und günstigen Ende zuführen kann.
Eine reale wirtschaftliche Betrachtungsweise muß zu
beiden Richtungen einen kritischen Standpunkt einnehmen,
 der sich vor allem dessen bewußt ist, daß die Politik
 des liberalen „laisser faire“ bereits der Verganiu
        <pb n="77" />
        genheit angehört, und daß die Bekämpfung einer Wirtschaftskrise
 des heutigen Ausmaßes nicht ohne autoritäre
 Eingriffe der öffentlichen Hand auskommen kann,
besonders dort, wo die individualistische Freiheit des
geltenden Wirtschaftssystem es dem Stärkeren ermöglicht,
 die Lage der wirtschaftlich Schwächeren zur
Ausbeutung auszunützen. Andererseits muß man sich
der Gefahren eines planmäßigen Interventionismus, besonders
 des staatlichen bewußt sein, der bei der Vielfältigkeit
 des Wirtschaftslebens unter Schwierigkeiten
einer planmäßigen Regelung im demokratischen System
ebenfalls seine Grenzen hat.
Falls wir also den Standpunkt akzeptieren, daß wir in
einer modernen komplizierten Wirtschaft nicht ohne
Eingriffe der öffentlichen Hand auskommen, bleibt zu
erwägen, in welchem Maße diese Eingriffe zulässig sind.
Auch hier gibt uns die Geschichte ein lehrreiches Bild.
Sobald die Weltwirtschaft oder ein bedeutender Teil aus
ihrem normalen Gleichgewicht geraten ist und ihre
selbsttätige Regulierung, die aus dem freien Tauschverkehr
 resultiert, zu fungieren aufhört, tritt automatisch
die Notwendigkeit eines öffentlichen Eingriffes hervor.
Ein Beispiel ist der Weltkrieg und die Nachkriegsentwicklung,
 speziell ihr Gipfel in der letzten Weltkrise,
welche zeigt, daß das wirtschaftliche Gleichgewicht in
der ganzen Weltwirtschaft tief gestört wurde. Solche
großen Störungen erfordern naturgemäß auch tiefe
Eingriffe.
Das Maß der Eingriffe ist also, wie ersichtlich, in
ziemlich bedeutenden Zusammenhange mit dem Maße
der Störungen in der Wirtschaft, aber die autoritativen

=
        <pb n="78" />
        Eingriffe können dagegen auch den Weg zu einer normalen
 wirtschaftlichen Entwicklung vorbereiten.
Die Maßnahmen, die wir zur Herstellung des wirtschaftlichen
 Gleichgewichtes durch unseren Devalvationseingriff
 getroffen haben, möchte ich zum Schluß
in diesem Zusammenhange in ihrer äußeren und inneren
Bedeutung bewerten. Ihre äußere Bedeutung liegt darin,
daß wir durch Annäherung an das Weltpreisniveau für
die Erneuerung der internationalen Beziehungen und
zur Erhöhung des Wohlstandes nicht nur des eigenen,
aber auch aller übrigen Volkswirtschaften arbeiten,
mit denen wir in Beziehung stehen. Ihre innere. Bedeutung
 besteht in der Zielsetzung, in dem Zusammenspiel
der Kräfte in der Welt bei der wachsenden gegenseitigen
 Abhängigkeit der einzelnen Volkswirtschaften voneinander
 unsere bisherige Stellung zu erhalten und uns
in die weltwirtschaftliche Gemeinschaft als gleichberechtigter
 und respektierter Faktor einzureihen.

78
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        INHALT

A. DIE WELTWIRTSCHAFTSKRISE:
I. Einleitung . . . .-XI.
 Die internationalen Krisenerscheinungen
HI. Die theoretischen Anschauungen über die Krise .
IV. Therapie der Weltkrise:
1. Deutschland . .
2. England .
3. Amerika

/
13

25
28
31

B. DIE TSCHECHOSLOVAKISCHE WIRTSCHAFTSKRISE:
I. Die Krisenerscheinungen . . . .
II. Reformerwägungen . . .
IM. Die Pläne zur Unterstützung des Exports und ihre
Begründung .. ..
IV. Die Devalvationslösung

35
40

45
62

CO, POSTULATE AN DIE KÜNFTIGE TSCHECHOSLOVA-KISCHE
 FINANZ- UND WIRTSCHAFTSPOLITIK . . 65
        <pb n="80" />
        Dr. JOSEF KALFUS

DIE DEVALVATION

ALS MITTEL

ZUR WIRTSCHAFTSBELEBUNG

ÜBERSETZT

VON K. VISEK

ERSCHEINTIM JULI 1934

HERAUSGEBER

»O0RBIS»

VERLAGSBUCHHANDLUNG

PRAG XII., FOCHOVA 62

SESETZT

AUS DER IDEAL NEWS-SCHRIFT

DRUCK »ORBIS« PRAG
        <pb n="81" />
        Wer genau und objektiv unterrichtet sein will,
wer einen Überblick der gegenwärtigen Lage
erhalten will, wer verläßliche Schätzungen und
Schlußfolgerungen anstellen will, kann ohne das
Jahrbuch 1934 nicht auskommen

Statistisches Jahrbuch
der Cechoslovakischen
Republik

Das Jahrbuch 1934 wird ohne
Zweifel eines der gesuchtesten
volkswirtschaftlichen, sozialen
und kulturellen Behelfsbücher
werden

Brosch. K&amp;amp; 35°-Erhältlich

 bei jedem Buchhändler

VERLAG „ORBIS“, PRAG XII
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      </div>
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