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Das Pollardsystem und seine Einführung in Deutschland. 7

Hier zeigt sich die defensorische Tendenz der amerikanischen
Gesellschaft, die, der Verantwortlichkeit des einzelnen abhold, der
(dee der Gesamtschuld aller sich zuneigt (Anm. 15). Sie ist der
Ausdruck des öffentlichen Gewissens. Die Gesamtheit kann nicht
bestrafen, was sie eigentlich selbst verschuldet hat. Vor vierzehn
Tagen erst hat auf dem Deutschen Juristentage der Leiter des preussischen
 Gefängniswesens, Geheimer. Oberregierungsrat Krohne, die
Mitschuld der Gesellschaft an den Verbrechen energisch betont.
Ganz besonders gilt dies für die Alkoholfrage (Anm. 16). Die Gesetzgeber
 unterscheiden noch allenthalben zwischen selbstverschuldeter
 und unverschuldeter Trunkenheit (Anm. 17) und werden sich
ihrer eigenen Schuld nicht bewusst: Mit der einen Hand fördern sie
die Verführung, mit der anderen Hand züchtigen sie die Verführten
und mit beiden stecken sie das Geld ein — und dazu volle Krankenhäuser,
 Irrenanstalten und Gefängnisse. Die öffentlichen Kosten der
Strafrechtspflege für die durch Alkohol erzeugte Kriminalität
Deutschlands werden von Hoppe (Anm. 18) auf mindestens jährlich
‘ünfzig Millionen Mark veranschlagt.
Die Anwendung des Systems durch Herrn Pollard ist eine bezrenzte.
 Als städtischer Polizeirichter hat er nur über Trunkenheit,
Friedensstörungen und Hunderte von leichten Verfehlungen gegen
die Verordnungen der Stadt zu erkennen. Die Friedensstörungen
sind zum allergrössten Teil auf den Trunk zurückzuführen. Die
Möchststrafe, die er zu verhängen hat, beträgt, wenn die Straftaten
sich nicht häufen, 500 Dollars oder sechs Monate schwere Arbeit im
Arbeitshause. Herr Pollard wendet sein Verfahren hauptsächlich
bei erstmalig Verurteilten an. Mit der Besserung ist einzusetzen,
she der Täter ein Gewohnheitstrinker oder Gewohnheitsverbrecher
wird. Die Gewohnheitstrinker nimmt er aus. Diese bedürfen nicht
des Richters, sondern des Arztes. Nur auf solche erstreckt Herr
Pollard seine Methode, die noch nicht völlig vom Alkohol vergiftet
sind.” Bei diesen kommt ihm aber sein amerikanischer Optimismus
zugute. Unser Freund glaubt an die Menschen. „Die Amerikaner,“
sagt Hartmann (Anm. 19), „sind im Durchschnitt weit mehr geneigt,
an das Gute im Innern der meisten Verbrecher zu glauben, als es
im Durchschnitt in europäischen Ländern der Fall ist. Sie hoffen,
und ihre Hoffnungsfreudigkeit überträgt sich als ein kräftigendes
Element auf die gefallenen Menschen..., der amerikanische Optimismus
 hebt.“
Herr Pollard weiss ja auch, was wir alle wissen, dass die Menschen,
 die durch den Trunk zu Fall kommen; nicht immer die schlech-*esten
 sind. Es sind zum allergrössten Teile gutmütige, haltlose, bezabte,
 liebenswürdige Leute, die erzieherischen Einflüssen in hohem
Masse zugänglich sind. Sein Optimismus hat ihn auch nicht ge-‘äuscht.
 Heute nach neunjähriger Anwendung bewährt sich sein