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        <title>Das erste Jahrzehnt des Central-Verbandes der Deutschen Landwirtschaftliche Genossenschaften Böhmens</title>
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            <forname>Josef</forname>
            <surname>Matzner</surname>
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        Das erste Jahrzehnt des

Central-Verbandes

der deutschen landwirtschaftlichen
Genossenschaften Böhmens

Zusammengestellt vom gew. Verbandspräsidenten
Josef Matzner-Gradlitz

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Prag 1936

Im Selbstverlag des Central⸗Verbaudes der dentschen landwirtschaftlichen
Genossenschaften Böhmens, r. G.m. b. H.
Deutsche agrarische Druckerei, Prag

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        Das erste Jahrzehnt des

CentralVerbandes

der deutschen landwirtschaftlichen

Genossenschaften Böhmens

Zusammengestellt vom gew. Verbandspräsidenten
Josef Matzne r⸗Gradlitz

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abteilung
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Prag 1936

Im Selbstverlag des Central-Verbandes der deutschen landwirtschaftlichen
Genossenschaften Böhmens, r. G. m. b. H.

Deutsche agrarische Druckerei, Prag
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Vorwort.

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Der hochverdiente Alt-Präsident des Central-Verbandes
der deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften Böhmens,
Josef Matzner, gehört seit dem Entstehen des Central⸗Ver—
bandes dessen Ausschuß an; er wurde 1902 zum Vizepräsiden—
ten, in der konstituierenden Sitzung des Verbandsausschusses
vom 2. Julit 1916 als Nachfolger des am 25. April 1916 ver—
storbenen Präsidenten Josef Klinger zum Verbandspräsi—
denten gewählt; diese Stelle hat er bis zum Verbandstag vom
29. Mai 1932 innegehabt und er gehört seither wieder dem Ver—
bandsausschuß an. Präsident Matzner hat während seiner
Amtszeit aus seinen Erinnerungen und Erfahrungen an Hand
der Jahrbücher, der Genossenschaftsblätter und der Protokolle
die wichtigeren Ereignisse im Leben des Verbandes von der
Gründung bis zum Jahr 1928 zusammengestellt. Der Central—⸗
Verband übergibt anläßlich seines vierzigjährigen Bestandes
jenen Teil dieser verdienstvollen Arbeit, der die ersten zehn
Jahre der Verbandstaͤtigkeit betrifft, in der vorliegenden Schrift
der Oeffentlichkeit.

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Prag, im Juni 1936

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5—*
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        Aus der Gründungszeit des Genossenschaftsverbandes.

Wenn wir einen Rückblick tun in die Vergangenheit und
uns in jene Zeiten versetzen, da in unserer Heimat das Raiff—
eisenwerk begann, so sehen wir, daß das Land Böhmen nicht,
wie manche andere Länder, jeglicher Organisationen auf dem
Gebiete des landwirtschaftlichen Personalkredites entbehrte.
Die aus den ehemaligen Kontributions-Getreidefonden gebilde—
ten „Landwirtschaftlichen Bezirksvorschußkassen“, welche hier in
größerer Zahl bestanden, befriedigten einen, wenn auch engeren
und in seiner Art privilegierten Kreis der Grundbesitzer und
neben diesen hatten die als Erwerbs- und Wirtschaftsgenossen—
schaften auf Grund des Gesetzes vom 9. April 1873, RGEBl.
Nr. 70, errichteten Schulze-Delitzsch'schen Spar- und Vorschuß—
vereine breiteren Boden gefaßt. Durch beide Organisationen
war dem Privatkapital in seiner Wirkung auf den kreditbedürf⸗
tigen Grundbesitz bereits eine gewisse gesunde Grenze gezogen,
der Geldwucher war wenigstens in denjenigen Bezirken, welche
entweder eine Bezirksvorschußkassa oder einen Spar⸗ und Vor—
schußverein hatten, im Vergleich zu anderen Bezirken oder Län—
dern, welche dieser Einrichtungen entbehrten, eingeschränkt. Lag
angesichts des solcherart organisierten landwirtschaftlichen Kre—
dites nicht für jedermann so dringend das Bedürfnis nach neuen
Organisationsformen vor, so wurde die beabsichtigte Einfüh—
rung neuer Einrichtungen zur Befriedigung des landwirtschaft—
lichen Personalkreditbedürfnisses insbesondere erschwert durch
die bestehenden Organisationen selbst, welche in den geplanten
Neuschöpfungen nicht eine naturgemäße Ausgestaltung der
Kreditorganisationen überhaupt unter besonderer Berücksichti—
gung der der Landwirtschaft eigenen Verhältnisse, sondern ledig—
lich Konkurrenzunternehmungen erblickten und sie als solche von
vornherein bekämpfen zu müssen glaubten.
        <pb n="5" />
        Schon aus den vorstehend angedeuteten Gründen wird es
erklärlich, warum die Raiffeisen'schen Spar- und Darlehens—
kassenvereine, die während ihres nunmehr siebzigjaͤhrigen Be—
tandes in Deutschland schon so viele Proben ihrer segensreichen
Wirksamkeit geliefert und auch in einzelnen Kronländern Oester⸗
reichs ungeteilten Anklang und bereits allseitigen Eingang ge—
funden hatten, sich in Böhmen nicht so ohne weiteres und kampf⸗
sos einführen konnten.

Dazu kam noch ein weiterer erschwerender Umstand: Der
„Deutsche landwirtschaftliche Zentralverband für Böhmen“, in
dessen Hände in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre beinahe
ausschließlich die Ausübung des landw. Wanderunterrichtes in
Deutschböhmen lag und der, wollte er die praktische Nutzanwen⸗
dung der von ihm ausgeübten Wanderlehre auf dem speziell in
Rede stehenden Gebiet ziehen, auch die Gründung von Raiff—
eisen'schen Spar⸗ und Darlehenskassenvereinen hätte in die
Hand nehmen müssen, war nicht eine Schöpfung der deut—
schen Landwirte allein, wenn auch deren stolzeste Schöpfung;
an seiner Gründung und seiner Erhaltung hat das deutsche
Volk in Böhmen als solches mitgewirkt und da weiter das
höhere Ziel des Zentralverbandes von damals, die nationale
Zweiteilung und Neugestaltung des Landeskulturrates alter
Konstitution, eine politische Angelegenheit des ganzen Volkes
war, war es ebenso begreiflich wie natürlich, daß auch die Ver—
treter anderer Interessen im Zentralverband zum Worte kamen
und der Zentralverband selbst, um Konflikte zu vermeiden und
seinen höheren Zweck nicht zu gefährden, bei seiner praktischen
Betätigung auf andere bereits bestehende Einrichtungen des
Volkes Rücksicht nehmen und die Verfolgung rein agrarischer
Angelegenheiten bis zu ihren letzten Konsequenzen mitunter zu⸗
rückstellen mußte. Das war unter den zu jener Zeit herrschen—
den Verhältnissen nicht anders möglich, die volle Erfüllung
mancher seiner statutarischen Aufgaben, wie derjenigen auf dem
Gebiet des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens, mußte
dadurch auf eine spätere Zeit vertagt werden.

Wir sehen aber auch, daß in jener Zeit sich in der Landwirt—
schaft häufig ein empfindlicher Mangel an Betriebskapital fühl—
bar machte. Dieser Mangel an Betriebskapital wirkte auf die
        <pb n="6" />
        wirtschaftlichen Verhältnisse der Bauern in der nachteiligsten
Weise zurück, denn er war es, der dem Landwirt häufig die
Hände band und es ihm unmöglich machte, von den Hilfsmitteln
des modernen Landbaues Gebrauch zu machen und manchen
Fortschritt, auch wenn dieser noch so nützlich war, in seiner
Wirtschaft einzuführen. Und wer, ohne über Barmittel zu ver⸗
fügen, doch zu manchen Neuerungen griff, kaufte wieder auf
Borg und verfiel dadurch häufig dem Warenwucher und dieser
war gar oft noch schlimmer als der Geldwucher.
Der Mangel an Bargeld sowie die mangelnde Organisation
für die Beschaffung des Personal- und Betriebskredites trugen
unzweifelhaft erheblich dazu bei, daß statt des so notwendigen
Fortschrittes im Wirtschaftsbetrieb in vielen Fällen, wenn nicht
ein Rückschritt, so doch ein Stillstand wahrzunehmen war.
Deshalb war das Verlangen nach Geldmitteln — welche
damals nur auf Wechselkredit zu hohen Zinsen zu erhalten
waren —, um einen besseren Wirtschaftskredit einzuführen, ein
ebenso allgemeines wie gerechtfertigtes und zur Beschaffung
dieser Geldmittel bedurfte es einer geeigneten Organisation,
welche es möglich macht, den erforderlichen Personal- und Be—
triebskredit jederzeit im Fall des Bedarfes, aber auch in einer
Art und Weise zu beschaffen, wie es der Eigenart des landwirt⸗
schaftlichen Betriebes entspricht.
So sah es bei uns im Lande aus, ehe Raiffeisen in unser
Land kam.

Wenn wir heute um 50 Jahre zurückschauen, so sehen wir
ihn bereits an der Arbeit hie und da am Lande. Insbesondere
war es der damalige Wanderlehrer des Deutschen landwirt⸗
schaftlichen Zentralverbandes für Böhmen, Stefan Richter,
welcher trotz sich ihm entgegenstellender Hindernisse mit Jugend⸗
frische für die Sache begeistert eintrat. Er stellte sich das hohe
Ziel, die eigentliche Volkskraft, die in unserem Bauernstand
steckt, zu wecken und diesen auf dem Wege der Selbsthilfe dahin
zu führen, daß er den Kampf um seine Existenz siegreich zu
bestehen vermag.
Von der Erkenntnis ausgehend: „Was einem nicht gelingt,
vereinte Kraft vollbringt“, wählte er zur Erreichung dieses
Zweckes den Weg des genossenschaftlichen Zusammenschlusses,
        <pb n="7" />
        den schon in den fünfziger Jahren ein Mann gewiesen hatte, der
durch das Ringen des Landvolkes im ärmlichen Westerwalde
bestimmt wurde, diesen Weg zu betreten. Wer kennt ihn nicht,
diesen Mann, den „Vater Raiffeisen“, der den deutschen Bauers—
mann auf diesen Weg gestellt, den Mann, der bis zum letzten
Atemzug auf diesem mühevollen Wege mutig und unentwegt
voranschritt.

Am 18. September 1887 sprach Stefan Richter als
Wanderlehrer des Deutschen landwirtschaftlichen Zentralverban—
des in Neusattel bei Saaz das erstemal über das landwirtschaft—
liche Genossenschaftswesen im allgemeinen und die Raiffeisen—
schen Spar- und Darlehenskassenvereine im besonderen. Eine
der in landeskulturellen Kreisen maßgebendsten Persönlichkeiten
von damals, welche jenem Vortrag anwohnte, faßte ihr Urteil
darüber lakonisch in die Worte zusammen: „Sehr schön gespro—
chen, aber das geht bei uns nicht.“
Die von Stefan Richter ausgestreute genossenschaftliche
Saat fiel auf aufnahmsfähigen Boden und begann alsbald zu
keimen und es trat an den Deutschen landwirtschaftlichen Zen—
tralverband für Böhmen die Frage der genossenschaftlichen
Organisation heran; sie wurde im Frühjahr 1888 am 9. April
auf die Tagesordnung einer Ausschußsitzung des genannten
Zentralverbandes gesetzt und Stefan Richter ins Referat
gegeben. Mit dem Aufwand aller Beredsamkeit und mit dem
ganzen Idealismus der Jugend trat er vor dem Ausschuß für
die genossenschaftliche Organisation des landwirtschaftlichen
Personalkredites ein und stellte auf Grund seines Referates
folgende Anträge:

„J. Der Zentralverband erkennt in den Spar⸗- und Darlehenstkassen⸗
vereinen nach der Organisation F. W. Raiffeisens
a) die passendste Form der Kreditassoziation zum Zwecke der Beschaffung
des Personal- und Betriebskredites der Kleinwirte,
anerkennt auch ihren hohen sittlichen Wert und ihre grundlegende
Bedeutung für die Förderung der zur Existenzbedingung unseres
Bauernstandes gewordenen Genossenschaften jeglicher Art und trifft
deshalb
die prinzipielle Entscheidung, die Errichtung Raiffeisen'scher Kassen
überall im Verbandsgebiet, wo es die örtlichen Verhältnisse zweck—
mäßig oder notwendig erscheinen lassen, ins Auge zu fassen und mit
allen Mitteln zu fördern.
        <pb n="8" />
        2. Um die Bevölkerung mit den Raiffeisen'schen Ideen und der Mög—
lichkeit einer besseren Kreditgewährung bekannt zu machen, seien belehrende
Schriften hinauszugeben und sei hiefür insbesondere in den Vereins⸗ und
gelesenen Fachblättern zu arbeiten.
3. Zu dem gleichen Zweck seien die Wanderlehrer zu beauftragen, der
Erforschung der Vorbedingungen des Gedeihens Raiffeisen'scher Kassen
ein besonderes Augenmerk zuzuwenden und, wo sie dieselben erfüllt finden,
auch sofort belehrend zum Zweck der Errichtung derselben einzugreifen.
4. Da es bei der heute so vielseitigen Inanspruchnahme der Wander⸗
lehrer auf allen Gebieten der Land⸗ und Vollswirtschaft, der Gesellschafts⸗
und Staatswissenschaft kaum möglich ist, in allen Fragen dieses Berufes
gleich Gutes zu leisten, sei in Erwägung zu ziehen, ob aus diesen Gründen
sowie auch im Interesse einer allgemeineren und einheitlichen Genossen—
schaftsgründung es nicht zweckmäßig wäre, eigene Wanderlehrer für das
Genossenschaftswesen anzustellen.
5. Der Wanderlehrer für das Genossenschaftswesen hätte an Ort und
Stelle wahrzunehmen, welche Arten von Genossenschaften daselbst zweck—
mäßig oder notwendig wären, deren Gründung zu veranlassen und der
Genossenschaft nicht nur anfangs mit allen nötigen Unterweisungen an die
Hand zu gehen, sondern dieselbe, sobald irgend möglich, oder erforderlich,
wieder aufzusuchen und kontrollierend und fördernd in die Geschäftsfüh—
rung einzugreifen.
6. Um die seinerzeitige Errichtung von Bezirks- und Landesverbänden
zu erleichtern, seien alle Genossenschaften gleicher Art nach möglichst ein—
heitlichem Statut zu errichten.
7. Um die Errichtung der ersten Kasse zu beschleunigen und dadurch
anregende Beispiele zu schaffen, seien die binnen einer gewissen Zeit
gegründeten Kassenvereine mit einer absteigenden Prämie von 100 bis
10 Gulden für die erste Einrichtung zu bedenken.
8. Als Buchhaltungsformularien seien die vom Niederösterreichischen
Landesausschuß herausgegebenen zu alzeptieren.
9. Von Seite der Verbandsleitung sowie insbesondere durch die Abge—
ordneten der Landgemeinden seien alle geeigneten Schritte zu tun, um für
die nach dem System F. W. Raiffeisen organisierten Spar⸗- und Darlehens—
kassenvereine jene Steuer- und Gebührenerleichterung bzw. befreiung zu
erwirken. wie sie der niederösterreichische Landesausschuß bereits anstrebt.“

Der Ausschuß des Deutschen landwirtschaftlichen Zentral—
verbandes für Böhmen war Stefan Richters Anträgen nicht
beigetreten. Alle jene Ausschußmitglieder, die entweder städti—
schen Sparkassen nahestanden oder in deren Bezirken landwirt⸗
schaftliche Bezirksvorschußkassen oder aber Spar- und Vorschuß⸗
vereine Schulze⸗-Delitzsch'scher Richtung bestanden, waren Geg—
ner der von Richter propagierten Raiffeisenorganisation,
        <pb n="9" />
        durch die sie, allerdings in vollständiger Verkennung der Orga—
nisation selbst und ihrer ethischen Ziele, eine Konkurrenz für
die bestehenden alten Kreditinstitute befürchteten, und es fehlte
nicht an Stimmen, die in der Propagierung der Raiffeisenorga—
nisation geradezu eine Gefahr für den Zentralverband erblick⸗
ten, welcher von diesen alten Kreditinstituten Subventionen
erhielt, deren Einstellung bei einer weiteren Propaganda für
die Raiffeisenkassen durch die Wanderlehrer in Aussicht gestellt
oder befürchtet wurde.
Warum an diese beiden Episoden vom 18. September 1887
und 9. April 1888 hier erinnert wird? Weil sie charakteristisch
sind für die Skepsis einerseits, mit der man in Böhmen anfangs
den Gedanken der Raiffeisen'schen Spar⸗- und Darlehenskassen⸗
vereine aufnahm, und andererseits für die Schwierigkeiten, mit
welchen die praktische Einführung der Raiffeisen'schen Einrich—
tungen im Land zu kämpfen hatte.
Wurden nach den obwaltenden Verhältnissen zunächst auch
leine praktischen Maßnahmen zur Einbürgerung der Raiffeisen—
schen Spar⸗- und Darlehenskassenvereine von dem gemeinnützi—
gen Geist ergriffen, welcher diese Einrichtung durchweht und
durchwärmt. schritt die Bevölkerung selbst alsbald zur genossen—
schaftlichen Tat; noch im Jahr 1888 nahm der erste Raiffeisen'sche
Spar- und Darlehenskassenverein in Michelsdorf bei Podersam
(gegründet am 12. Juli 1888) seine Tätigkeit auf. Zuerst lang—
sam, aber stetig und später in immer größerer Zahl folgten ihm
andere nach.

Der Genossenschaftsgedanke gewann von da an immer wei—
teren Boden, neben Spar- und Darlehenskassenvereinen wur—
den alsbald auch landwirtschaftliche An- und Verkaufsvereine
und andere landwirtschaftliche Genossenschaften gegründet und
fünf Jahre später, 1893, sah sich der Deutsche landwirtschaftliche
Zentralverband für Böhmen, durch die unaufhaltsam fortschrei—
tende Genossenschaftsbewegung gedrängt, gezwungen, der Frage
der Gründung eines Verbandes der deutschen landwirtschaft—
lichen Genossenschaften Böhmens näher zu treten.
Am 8. Dezember 1893 erging ein auf die Gründung eines
Genossenschaftsverbandes bezügliches Rundschreiben an die
damals bestehenden Genossenschaften, durch das diese ersucht
        <pb n="10" />
        wurden, bis längstens Ende Dezember 1893 ihre gutächtliche
Aeußerung über die geplante Genossenschaftsgründung sowie
darüber abgeben zu wollen, ob sie sich zu diesem Zweck an einer
Aussprache beteiligen wollen.
In dem erwähnten Rundschreiben wurde zur Begründung
dieser Anregung u. a. ausgeführt:
„Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß erst ein Verband aller An—
und Verkaufsgenossenschaften überall als erfolgreicher Konkurrent auftreten
und viel mehr noch als die einzelne Genossenschaft die Verbilligung und
bessere Beschaffung landwirtschaftlicher Betriebserfordernisse anstreben und
auch erreichen kann, und die in neuerer Zeit erfreulicherweise immer zahl—
reicher werdenden Raiffeisen'schen Spar- und Darlehenskassenvereine wer—
den gleichsfalls erst in ihrer Vereinigung zu einem Verband jenen Rückhalt
finden, den sie zur Sicherung ihres Geschäftsbetriebes und zu einem erfolg—
reichen Bestand unbedingt brauchen.
Der Genossenschaftsverband soll insbesondere aber auch die Stelle sein,
an welcher die einzelnen Genossenschaften ihre Erfahrungen sammeln und
austauschen, und dadurch zu einer gedeihlichen Weiterentwicklung des gan—
zen Genossenschaftswesens beitragen. Gewisse Grundsätze und Kalkulatio—
nen müssen allen Genossenschaften gemein sein, wenn sie ihr Geschäft mit
möglichstem Vorteil und Erfolg betreiben wollen, und in der Verallgemei—
nerung dieser geschäftlich vorteilhaftesten Erfahrungsgrundsätze und der
einheitlich besten Ausgestaltung des Genossenschaftswesens müßte der Ver—
band seine Zweckbestimmung erblicken. Eine genaue Kontrolle und sach—
gemäße Revision geben die Beruhigung und Gewähr für die gesunde
Gebarung in jedem geschäftlichen Unternehmen und diese Kontrolle und
Revision wäre eine weitere Aufgabe des Genossenschaftsverbandes.
Das Genossenschaftswesen in Deutschböhmen ist heute über die ersten
Anfänge hinaus, aber, von einzelnen hochentwickelten und prosperierenden
Genossenschaften abgesehen, noch lange nicht am Ziel seiner Entwicklung.
Eine große Zahl von Genossenschaftsgründungen steht bevor, bei allen die—
sen Neugründungen hätte der Verband zu intervenieren, überall mit Rat
und Tat zur Stelle zu sein und auch selbst neue Gründungen anzuregen
und in die Hand zu nehmen.
Wir versprechen uns von einem Verband der bereits bestehenden
landwirtschaftlichen Genossenschaften in Deutschböhmen nach dem Muster
und Vorbild der Genossenschaftsverbände in Deutschland, nur mit beson—
derer Berücksichtigung unserer heimatlichen Verhältnisse, einen nach vielen
Richtungen günstigen Einfluß auf die Entwicklung des landwirtschaftlichen
Genossenschaftswesens und die Tätigkeit der bereits bestehenden Genossen—
schaften und sind deshalb, wenn die geehrten Genossenschaften, an die wir
uns hiemit wenden, unsere Anschauung teilen, von dem Wunsch erfüllt, die
Gründung eines Genossenschaftsverbandes in die Hand zu nehmen und
mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln und Kräften zu fördern.“
        <pb n="11" />
        Nachdem sich auf das Rundschreiben 15 Genossenschaften
zustimmend geäußert hatten, wurde auf den 28. Jänner 1894
der erste „Deutschböhmische Genossenschaftstag“ nach Prag ein—
berufen, auf welchem in Anwesenheit der Vertreter von 7 Spar—
und Darlehenskassenvereinen und 6 An- und Verkaufsgenossen⸗
schaften über Stefan Richters Bericht und Antrag beschlossen
wurde:

1. Die Gründung eines Verbandes der in Böhmen be—
stehenden deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften ist
sofort in Angriff zu nehmen.

2. Die An- und Verkaufsgenossenschaften sowie die Raiff—
eisen'schen Spar- und Darlehenskassenvereine sind in einem Ver—
dand zu vereinigen.
3. Der neue Genossenschaftsverband ist — bei voller Wah—
tung seiner Selbständigkeit — als Abteilung des „Deutschen
landwirtschaftlichen Zentralverbandes für Böhmen“ ins Leben
zu rufen.
Am 29. Mai 1894 beriet ein engeres Komitee über den vom
Verbandssekretär Stefan Richter vorgelegten Statuten—
entwurf für den zu gründenden „Central-Verband der deutschen
landw. Genossenschaften Böhmens“. Leider hatte dieses Komi—
tee sich gegen Richters Antrag, der darauf hinausging, den
Verband auf Grund des Genossenschaftsgesetzes zu konstituie—
ren, ausgesprochen und der nächstfolgende Verbandsstag vom
15. Juli 1894 trat dieser Anschauung bei. Die vom letztgenann—
ten Genossenschaftstag beschlossenen Statuten erhielten nicht
ohne Schwierigkeiten am 1. Dezember 1894 die behördliche Ge—
nehmigung und am 2. Feber 1895 konnte endlich die konstituie—
rende Versammlung des Central-Verbandes der deutschen
l(andw. Genossenschaften Böhmens stattfinden.
Die konstituierende Versammlung wurde am genannten
Tag unter dem Vorsitz des Obmannes des Deutschen landwirt—
schaftlichen Zentralverbandes für Böhmen abgehalten.
Der Vorsitzende berichtete über die Gründungsarbeiten und
teilte mit, daß den organisatorischen Arbeiten des Genossen—
schaftsverbandes seitens des Deutschen landwirtschaftlichen Zen—
tralverbandes für Böhmen bereits dadurch vorgearbeitet wurde,

2
        <pb n="12" />
        daß im Verbandsorgan „Der deutsche Landwirt“ sowohl
Musterstatuten für Raiffeisen'sche Spar⸗ und Darlehenskassen
als auch für An- und Verkaufsvereine veröffentlicht wurden, des⸗
gleichen gelangten die Satzungen des Genossenschaftsverbandes
nach deren behördlichen Genehmigung in der gleichen Weise
zur Veröffentlichung. Neben den Satzungen wurde im „Deut⸗
schen Landwirt“ auch eine erschöpfende Darstellung über den
gegenwärtigen Stand des Raiffeisen'schen Spar⸗ und Dar—
lehenskassenwesens in Böhmen, sowie eine Anleitung zu den
ersten Gründungsarbeiten mit den einschlägigen Gesetzen ge—
geben. Es war ein nicht unbeträchtlicher Teil der organisatori—
schen Arbeiten des Genossenschaftsverbandes daher bereits durch
den Deutschen landw. Zentralverband für Böhmen im Wege
des Verbandsorganes „Der deutsche Landwirt“ besorgt worden.
Es handelte sich nur noch darum, alle bereits bestehenden Ge—
nossenschaften in ein festes Zusammengehörigkeitsverhältnis zu
bringen.

Bei der hierauf folgenden Wahl des Ausschusses für den
Genossenschaftsverband wurden als Vertreter des Deutschen
landw. Zentralverbandes die Herren Franz Pfeifer (Aujezd),
Dr. Karl Urban (Prag), Dr. Karl Bachofen von Echt
(Prag) gewählt, als Vertreter der An- und Verkaufsgenossen⸗
schaften: Robert Hafenrichter (Kaaden), Anton Stei⸗—
ner (Podersam), Dr. Josef Titta (Trebnitz), Heinrich Kaul—
fersch (Friedland), Josef Jäger (Sriedland) und Karl
Schultes (Komotau), als Vertreter der Spar⸗ und Dar—
lehenskassen Pfarrer Josef Pohley Germannseifen), Josef
Kasper (Jungbuch), Josef Ma zner Gradlitz), Franz
Schindler (Krumau), Josef Klin ger (Haan) und Johann
Heger (Prödlitz), als Vertreter der Flachsbaugenossenschaft
in Krima deren Obmann Josef Strauß.
Der neu gewählte erste Ausschuß des Genossenschaftsver—
bandes hielt sofort eine konstituierende Sitzung ab, in welcher
zum Obmann des Genossenschaftsverbandes durch Zuruf der
Obmann des Deutschen landw. Zentralverbandes für Böhmen,
Franz Pfeifer, einstimmig gewählt wurde; zum Obmann—
stellpvertreter wurde Dr. Karl Ur ban gewählt, zum Sekretär
wurde Stefan Richter bestellt.

3
        <pb n="13" />
        Nach Konstituierung des Genossenschaftsverbandes wurde
die Beratung über die Inangriffnahme der Tätigkeit des Ge—
nossenschaftsverbandes fortgesetzt. Der Verbandssekretär berich—
tete über die Verhandlungen, die er mit der Böhmischen Landes—
bank gepflogen hatte, um für die Raiffeisen'schen Spar— und
Darlehenskassen des Genossenschaftsverbandes möglichst gün—
stige Bedingungen sowohl für die Anlage der überschüssigen
Gelder als auch für die Aufnahme von Darlehen zu erwirken,
und teilte mit, daß es, nachdem die Landesbank zuerst einen
ablehnenden Standpunkt eingenommen hatte, nunmehr doch ge—
lungen ist, bei ihr ein Entgegenkommen zu finden, indem sich
die Direktion bereit erklärte, für die unter der Revisionskontrolle
des Genossenschaftsverbandes stehenden Spar- und Darlehens—
kassen jederzeit Darlehen nur zum Eskomptesatz der Oesterrei—
chisch-Ungarischen Bank zu geben und Spareinlagen jederzeit
zu dem höchst zugänglichen Zinsfuß zu übernehmen.
Der Verbandssekretär wurde ermächtigt, die weiteren Ver—
handlungen mit der Landesbank zu pflegen, und ersucht, auch im
Landtag für die weitere Förderung des Genossenschaftswesens
einzutreten.

Weiter sollte insbesondere auch das Verbandsorgan „Der
deutsche Landwirt“, welches bis auf weiteres auch als Organ
des neugegründeten Genossenschaftsverbandes zu gelten hatte,
overmittelnd eingreifen und durch die Zentrale auf die Auffin—
dung günstiger Bezugsquellen Bedacht genommen werden.
Damals bestanden in Deutschböhmen 56 Raiffeisen'sche
Spar- und Darlehenskassenvereine, 7 An⸗ und Verkaufsgenossen⸗
schaften und 1 Flachsbaugenossenschaft. Davon hatten am Tag
der Konstituierung des Genossenschaftsverbandes ihren Beitritt
22 Spar⸗- und Darlehenskassenvereine, 4 An⸗- und Verkaufsge—
nossenschaften und 1 Flachsbaugenossenschaft, zusammen daher
27 Genossenschaften erklärt. Der Fehler, welcher dadurch began—
gen wurde, daß schon das vorbereitende Komitee am 29. Mai
und dann die konstituierende Versammlung vom 15. Juli 1894
beschlossen hatten, den Genossenschaftsverband auf Grund des
Vereinsgesetzes zu konstituieren, mußte mit dem Augenblick
fühlbar werden, in welchem der Central-Verband in Erfüllung
seiner wichtigsten Aufgaben, der Geldausgleichung und der
        <pb n="14" />
        Darlehensgewährung an die Verbandsgenossenschaften, gezwun⸗
gen war, an den Geldmarkt zu appellieren; im gleichen Augen—
blick mußte er selbst eine kreditfähige Körperschaft sein und das
war er nicht, solange er auf Grund des Vereinsgesetzes bestand.
Die Umbildung bzw. Neukonstituierung des Central-Verbandes
konnte deshalb nur eine Frage der Zeit sein. Die Ausschuß—
sitzung vom 29. November 1886 beschäftigte sich mit dieser Frage
und beschloß, dem nächsten Verbandstag den Antrag auf Kon—
stituierung des Verbandes auf Grund des Genossenschaftsge—
setzes vom 9. April 1873, RGBl. Nr. 70, zu unterbreiten.
Der nächste Verbandstag fand am 20. Dezember 1896 statt
und es wurde die in Rede stehende Umbildung bzw. Neukon—
stituierung auf Grund des Genossenschaftsgesetzes tatsächlich
auch beschlossen.
Der Central-Verband der deutschen landw. Genossenschaf⸗—
ten Böhmens hat sonach eigentlich zwei Geburtstage: Den 2. Fe—
ber 1895 und den 20. Dezember 1896. Lebensfähig ist der Ver—⸗
band aber erst nach dem zweiten Geburtstag geworden, nach
der Umbildung auf Grund des Genossenschaftsgesetzes auf dem
Verbandstag vom 20. Dezember 1896.
In den Verbandsausschuß wurden gewählt:
a) von Seite der Spar- und Darlehenskassenvereine:
Josef Kasper, Josef Matzner, Johann Hayn, Josef
Klinger, P. Anton Pohley, Rudolf Paulik, Franz Ihig,
P. Alfred Forst, Thomas Ludwig, Robert Lamatsch,
Anton Hiller sen, Martin Soukup;
b) von Seite des Deutschen landw. Zentralverbandes für
Böhmen:
Franz Pfeifer, Dr. Karl Urban, Dr. Bachofen v.
Echtt. Ueberdies gehörten dem Ausschuß der Verbandsdirektor
Stefan Richter und Verbandsrevisor Hermann Brunner
mit beratender Stimme an.
Der neu gewählte erste Ausschuß des Genossenschaftsver—
bandes hielt am 9. Jänner 1897 seine konstituierende Sitzung
ab, in welcher zum Präsidenten des Genossenschaftsverbandes
einstimmig Franz Pfeifer und zum Präsidentenstellvertreter
Dr. Karl Ur ban gewählt wurde. Bei der Wahl des im 822
der neuen Satzungen vorgesehenen Verbandsvorstandes, welcher
        <pb n="15" />
        aus dem Verbandspräsidenten oder dessen Stellvertreter sowie
aus zwei weiteren durch Wahl hervorgegangenen Mitgliedern
und dem Verbandsdirektor zu bestehen hatte, wurden in den
Vorstand Josef Kasper, Lehrer in Jungbuch, und Johann
Hayn, Verwalter in Prödlitz, und als Verbandsdirektor Ste—
fan Richter gewählt.
Schließlich hat der Deutsche landw. Zentralverband den
Genossenschaftsverband auch in die Lage versetzt, einen Revisor
in der Person Hermann Brunners anzustellen. Damit kam
die eigentliche Genossenschaftstätigkeit des Genossenschaftsver⸗
bandes praktisch zur Geltung und sie hatte einen fördernden
Einfluß auf die genossenschaftliche Entwicklung im Lande.
Dank der unermüdlichen Aufklärungsarbeit und Anleitung
Brunners erfolgte bald eine Kassengründung nach der
andern. Mit der Verbandsrevision war auch die Voraussetzung
für den zentralen Geldausgleich gegeben und die Bahn für die
weitere genossenschaftliche Entwicklung geebnet.
An der nun folgenden raschen Ausbreitung der landwirt⸗
schaftlichen Genossenschaften kommt dem damaligen Revisor und
Wanderlehrer und nachmaligen Direktor Hermann Brunner
ein Hauptverdienst zu.
Die zahlreichen Gründungen der damaligen Zeit sind haupt⸗
sächlich der Gründungstätigkeit des Central⸗Verbandes der deut⸗
schen landw. Genossenschaften Böhmens zuzuschreiben; durch
eine Widmung der Böhmischen Sparkasse in den Besitz eines
lleinen Betriebsfondes gelangt, nahm er die Verhandlungen
wegen Schaffung einer günstigen Geldausgleichsstelle für die
angeschlossenen Genossenschaften bei der Landesbank des König—
reiches Böhmen in die Hand; die Verhandlungen gelangten
jetzt zu einem befriedigenden Ergebnis und damit war dem
ganzen Genossenschaftswesen im Verbandsgebiet ein starker
Rückhalt geboten.
Durch die sowohl vom k. k. Ackerbauministerium, als auch
vom Landesausschuß des Königreiches Böhmen für die Zwecke
der Beaufsichtigung und Belehrung der dem Verbande ange—
hörenden Genossenschaften für das Jahr 1896 erhaltene Sub—
vention von je 1000 fl. war der Verband aber auch in die Lage
versetzt, seine Revisions- und genossenschaftliche Wanderlehr—

—2
H
        <pb n="16" />
        Central⸗Verband der deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften Köhmens
req. Gen. m. heschr. KHaft.

Der Central-VBVerband der deuftschen landw. Genossenschaften Röhmens
bvöehrt sich, zu dem am 11. Juli 1950 um /210 Uhr vormittags im
Schmeuykalsaal des Deutschen Hauses in Praqg abzuhaltenden

ordentlichen Berbandstaäg

arqebenst einzuladen

—

Das Programm des Verbandstages und der
Zahresbericht für 1985 sind angeschlossen

Praq-Rql. Weinborge, am 20. Duni 1936

Der Berbandsprösident
gez. Fohann Frodl
        <pb n="17" />
        tätigkeit aufzunehmen. Mit dieser war, wie erwähnt, Hermann
Brunner betraut; dessen Anstellung erfolgte am 1. August
1896. Damit war einer der wichtigsten Vorschläge verwirklicht
worden.
Die bereits bestehenden Spar⸗ und Darlehenstkassenvereine
wurden durch den Revisor in rascher Folge besucht und revi—
diert, andere wurden neu gegründet; die genossenschaftliche
Saat, durch das lebendige Wort und den bald zugenommenen
Geschäftsverkehr mit dem Central-Verband gestreut, trug in
kürzester Zeit überraschende Früchte: Zahlreiche neue Genossen⸗
schaften wurden neu gegründet, die bestehenden traten bis auf
wenige Ausnahmen dem Verband bei, ihre ganze Geschäftstätig⸗
keit erfuhr durch ihre Zugehörigkeit zum Verband und durch
dessen Tätigkeit eine Neubelebung und zum größten Teile auch
eine Neugestaltung; erst jetzt waren die Raiffeisen'schen Spar⸗
und Darlehenskassenvereine auf die sichere Bahn einer fort⸗
schreitenden Entwicklung gelenkt.
Schließlich trat der Verband auch an die Durchführung der
übrigen im Interesse der Raiffeisen'schen Spar- und Darlehens⸗
kassenvereine gefaßten Landtagsbeschlüsse heran. Er traf mit
der Landesbank des Königreiches Böhmen für die Zwecke des
Geldausgleiches selbst ein befriedigendes Abkommen und hat,
einer Aufforderung des Landesausschusses entsprechend, die
Herausgabe der Gründungsanleitung und der zur Geschäfts⸗
führung notwendigen Bücher, sonstigen Drucksorten und For⸗
mularien übernommen. Die Herausgabe der Bücher und der
zur Geschäftsführung notwendigen Drucksorten sowie auch die
Musterstatuten für die F. W. Raiffeisen'schen Spar⸗ und Dar⸗
lehenskassenvereine war bereits erfolgt und so erschien nach bald
fünfjährigem Bemühen alles getan, was die Spar- und Dar—⸗
lehenskassenvereine zu einer erfolgreichen Betätigung brauchten
und was bei fortdauerndem Wohlwollen für die Sache auch die
Organisation befestigte, in der diese Vereine zusammenge—
schlossen sind.

1897.

Durch das mehrfache Eingreifen des neu gegründeten Cen⸗
tral⸗Verbandes der deutschen landw. Genossenschaften Böhmens
in die praktische genossenschaftliche Gestaltung im letzten Grün—

7
        <pb n="18" />
        dungsjahr stand der Landtag, als er sich in der Wintersession
1896/97 neuerdings mit den Raiffeisen'schen Spar- und Dar—
lehenskassenvereinen zu beschäftigen hatte, vor einer Situation,
die einen wesentlichen Fortschritt gegenüber derjenigen aus
seinen früheren Tagungen bedeutete: Das von den Genossen—
schaften seit Jahren vergeblich angestrebte Abkommen mit der
Landesbank zum Zweck der Geldausgleichung für die Raiffeisen—
schen Spar- und Darlehenskassenvereine war verfehlt, die Her—
ausgabe der Bücher und Drucksachen, worüber der Landtag seit
1892 von Session zu Session beschlossen hatte, war so gut wie
vollzogen.
Ueber Bericht und Antrag des Landesausschusses war
überdies auch für 1897 eine Subventionspost von 15.000 Gulden
für die Raiffeisen'schen Spar⸗- und Darlehenskassenvereine in
den Landesvoranschlag für 1897 eingestellt und vom Landtag
bewilligt worden. Für die Verwendung dieser Post war neben
den vom 27. April 1893 gefaßten grundsätzlichen Beschlüssen
nunmehr auch noch der am 2. März 1897 gefaßte Beschluß
maßgebend.

Demnach kann man dem Landtag des Königreiches Böh—
men und seinem Landesausschuß die Anerkennung nicht ver—
sagen, daß sie den Raiffeisen'schen Spar- und Darlehenskassen—
vereinen eine weitgehende Förderung angedeihen ließen. Nicht
weniger als 45.000 Gulden wurden, seitdem die Förderungs—
aktion im Landtag überhaupt aufgenommen ward, den Raiff—
eisen'schen Spar- und Darlehenskassenvereinen als unverzins—
liches Landes-Darlehen für ihre innere Einrichtung gegeben.
Rechnet man dazu noch die Subventionen, welche die Genossen—
schaftsverbände für die Zwecke der Beaufsichtigung und Beleh—
rung der ihnen angeschlossenen Genossenschaften für 1896 und
1897 erhielten, und endlich die Subvention für die Organisation
und innere Einrichtung der Genossenschaftsverbände selbst, dann
kommt man zu dem Ergebnis, daß seit dem Jahr 1894 im gan—
zen 51.000 Gulden aus Landesmitteln für Genossenschaftszwecke
zur Verfügung gestellt wurden, eine Förderung, welche von
den Genossenschaften dankbar begrüßt wurde und welche zur
weiteren Ausbreitung und Festigung des landwirtschaftlichen
Genossenschaftswesens am Land wesentlich beitrug.

2
        <pb n="19" />
        Am 16. Februar 1897 standen Deutschböhmens Genossen—
schafter, vom Schmerz erschüttert, an der Bahre ihres ersten
Präsidenten. Einer der besten Söhne unseres Volkes, ein Mann
der Tat, ist mit Franz Pfeifer von uns gegangen. Der Cen—
tral-Verband betrauert in dem Verblichenen seinen Präsidenten,
der sich um die Gründung des Verbandes und dessen Entwick—
lung große Verdienste erworben hat. Die Zeit seines Schaffens
hat ihm ein ehrendes Andenken gesichert.

Als Nachfolger wurde in der Ausschußsitzung vom 27. Juni
1897 der bisherige Präsidentstellvertreter Dr. Karl Ur ban
zum Präsidenten und P. Alfred Forst zu dessen Stellvertreter
gewählt.

Der Central-Verband hat ein vom Verbandsausschuß in
seiner Sitzung vom 9. Jänner 1897 genehmigtes und zur Ein—
führung bei den Raiffeisen'schen Spar- und Darlehenskassen—
vereinen bestimmtes Musterstatut herausgegeben, um eine mög—
lichst gleichartige Gestaltung der in Deutschböhmen bestehenden
Spar- und Darlehenskassenvereine zu erreichen.
Am Verbandstag vom 27. Juni 1897 bildete den wichtig—
sten Gegenstand der Tagesordnung ein Bericht des Verbands—
direktors Stefan Richter über die Ausgestaltung der Ver—
bandsorganisation im allgemeinen und über den Zweck des ge—
meinsamen Ein- und Verkaufes im besonderen.
Die in dieser Beziehung gemachten Vorschläge, welche der
weiteren genossenschaftlichen Entwicklung im Verbandsgebiet
Grundlage und Richtung geben sollten, lauteten:

„1. Die landwirtschaftlichen An- und Verkaufsgenossenschaften sind da,
wo sie als selbständige Genossenschasten gegründet werden, gerade so wie
die ländlichen Spar- und Darlehenskassenvereine mit lokal beschränktem
Verbreitungsgebiet und in möglichster Anlehnung an die letzteren ins Leben
zu rufen.

2. Ueberall dort, wo ländliche Spar- und Darlehenstassenvereine ge—
gründet werden können, sind diese selbst zugleich als Bezugs- und Absatz—
genossenschaften zu konstituieren und es hat neben diesen und in demselben
Tätigkeitsgebiet die Gründung selbständiger An- und Verkaufsgenossen—
schaften zu unterbleiben.
3. Die landw. An- und Verkaufsgenossenschaften bzw. Spar⸗ und Dar—
lehenskassenvereine als Bezugsgenossenschaften haben ihre Tätigkeit auf
den gemeinsamen Bezug von Kunstdünger und Kraftfuttermitteln jeder
        <pb n="20" />
        Art, Saatgetreide und Sämereien, landw. Maschinen und Geräten, Kohlen
und sonstigen zum landw. Betrieb nötigen Betriebsstoffen zu beschränken.
4. Bei jeder Art von Bezugsgenossenschaft sind Warenlager grund—
fätzlich ausgeschlossen und solche dürfen ausnahmsweise in kleinerem Um—
fang und vorübergehend nur bei solchen Artikeln gehalten werden, welche
des Vorteiles des billigen Einkaufes oder der billigen Verfrachtung wegen
in einem über den momentanen Bedarf hinausgehenden Ausmaß bezogen
werden müssen.
5. Das Prinzip der Barzahlung ist ausnahmslos bei allen gemein—
famen Warenbezügen einzuhalten und es ist die Bezahlung aller Waren
sowie der gemeinsame Einkauf selbst durch eine einzige, allen Genossen—
schaften gemeinsame Zentralstelle zu effektuieren.
6. Die Mitgliedschaft bei dem Central-Verband der deutschen landw.
Genossenschaften Böhmens können erwerben: Landwirtschaftliche Genossen⸗
schaften aller Kategorien, welche im Genossenschaftsregister eingetragen
sind, den Interessen der ländlichen Bevölkerung dienen sowie mit den
Statuten, Grundsätzen und Beschlüssen des Verbandes im Einklang
stehende Statuten besitzen.“

Der Verbandstag trat, nachdem auch der Ausschuß in sei—
ner vorausgegangenen Sitzung sich einstimmig für die von dem
Berichterstatter aufgestellten Grundsätze ausgesprochen hatte,
den Beschlußanträgen bei und genehmigte im Lauf der weite—
ren Beratungen über Bericht des Verbandsdirektors die vom
Ausschuß bereits vorberatenen Satzungen.
Mit der Annahme der vorstehenden Grundsätze trat an die
im Central⸗Verband vereinigten Genossenschaften wie auch an
den Central⸗Verband selbst die Aufgabe heran, den gemein—
samen Ein- und Verkauf zu organisieren und vraktisch durch—
zuführen.
Eine wesentliche Erleichterung dieser Aufgabe brachte das
lang erwartete und dringend benötigte Genossenschaftshandbuch
von Stefan Richter „Böhmens Kreditorganisa—
kionen, Anleitung zur Gründung und Geschäftsführung
derselben“.

1898.

So wie im vorhergehenden Jahr hat auch im Lauf des
Jahres 1898 das landwirtschaftliche Genossenschaftswesen einen
ganz erfreulichen Aufschwung genommen. Insbesondere gilt
das von den Spar⸗ und Darlehenskassenvereinen, welche im

20
        <pb n="21" />
        Ausgangs- und Mittelpunkt aller genossenschaftlichen Bestre—
bungen standen. Mit ihrer Zahl sind auch die Geschäftsumsätze
gegen 1897 bedeutend gestiegen. Ihre Tätigkeit wurde nach der
Richtung des gemeinsamen Warenbezuges erfolgreich erweitert
und für eine neue Genossenschaftsform, die Lagerhausgenossen—
schaft, wurden die Kassen und der Central-Verband geradezu
zum belebenden Quell. Die Raiffeisen'schen Spar⸗ und Dar—
lehenskassenvereine zeigten sich als das Fundament unseres
ganzen Genossenschaftsbaues, als solches wurden sie dann auch
fortan fest und sicher gefügt und entwickelten sich überall da,
wo genossenschaftliches Leben in der Landwirtschaft erblühen
und sich erfolgreich erhalten soll.
Es muß mit Befriedigung und dankbarer Anerkennung
der hervorragende Anteil feftgestellt werden, den neben den
Landwirten selbst vor allem unser Lehrerstand an der genossen⸗
schaftlichen Entwicklung im Verbandsgebiet nahm. Aber auch
Angehörige anderer Berufe, Geistliche, Gewerbetreibende, Be—
amte sehen wir hier mit in den vordersten Reihen und es darf
schon aus dem Berufe ihrer Funktionäre geschlossen werden,
daß die Raiffeisenvereine am Land nicht lediglich der Landwirt⸗
schaft zugute kommen, sondern Dorfkassen für alle Schichten der
Landbevölkerung sind.
Neben der stetig fortschreitenden Entwicklung unserer Ge—
nossenschaftsorganisation weist das Genossenschaftsleben in
unserem Verbandsgebiet 1898 zwei bedeutsame Momente auf:
Die Schaffung einer Zentralbezugsgenossenschaft durch die
Erweiterung der Tätigkeit des Central-Verbandes auf den
gemeinsamen Warenbezug und die Einführung der Lagerbaus—
genossenschaften.
Die Aufnahme des genossenschaftlichen Warenbezuges hat,
so schwierig sie auch war und so wenig Unterftützung und Ent—
gegenkommen der Verband an diesen seinen Aktionen auch an
maßgebenden Stellen gefunden hat, zu einem durchschlagenden
Erfolg geführt; der Verband hat als Zentralbezugsgenossen⸗
schaft eine verheißungsvolle Entwicklung genommen.
Durch ihre gemeinsame Bezugsgenossenschaft erschienen die
Landwirte als starker Faktor auf dem Markt, als der sie preis—
regulierend auch gegenüber denjenigen wirkten, die in der steti—
        <pb n="22" />
        —144—

gen Verteuerung der landwirischaftlichen Bedarfsartikel ihren
eigenen Vorteil fanden, und, was die Hauptsache ist: Es wurde,
indem sie durch eine derartige Organisation für die Vertretung
und praktische Anwendung rationeller Grundsätze im Handel
mit landwirtschaftlichen Gebrauchs- und Betriebsgegenständen
sorgten, dieser Handel selbst in reelle Bahnen gelenkt und der
Landwirt vor Uebervorteilung geschützt. Nach dieser Richtung
hin wurde die genossenschaftliche Tätigkeit in unserem Ver—
bandsgebiet erfolgreich erweitert und ein Arbeitsfeld eröffnet,
auf dem bei sorgsamer, vorsichtiger Pflege und dem Zusammen—
halt aller, für welche der Verband zu wirken berufen ist, in der
Zukunft reicher Segen zu ernten ist.
Die Einführung der Lagerhausgenossenschaften, welche in
das Jahr 1888 fällt, war für unser Verbandsgebiet ein genossen⸗
schaftliches Ereignis von großer Bedeutung. Daß der Gedanke
der Errichtung genossenschaftlicher Lagerhäuser in Deutschböh—
men so weite Kreise zog und in der nächsten Zeit in einer ganzen
Reihe von Bezirken der praktischen Verwirklichung entgegen—
ging, war wesentlich dem erfolgreichen Beispiel zu danken, das
Bilin mit seinem Lagerhaus gegeben hat. Bilin hat, was den
führenden Männern des Unternehmens zu danken ist, den ersten
Versuch gemacht und dieser ist in jeder Beziehung, insbesondere
auch in bezug auf den Endeffekt, die gute Verwertung der land⸗
wirtschaftlichen Erzeugnisse, gelungen.
Gegenüber den genossenschaftlichen Neu- und Ausgestaltun—
gen, von denen vorstehend die Rede war, treten die sonstigen
genossenschaftlichen Bestrebungen des Jahres 1898 an Bedeu—
tung zurück und geben hier keinen Anlaß zu weiteren Bemer—
kungen.
In das Jahr 1898 fällt die Gründung des Allgemeinen
Verbandes landwirtschaftlicher Genossenschaften in Oesterreich,
dessen konstituierende Versammlung am 22. August 1898 statt⸗
fand. Als Vertreter des Central-Verbandes der deutschen land—
wirtschaftlichen Genossenschaften Böhmens wurden Stefan
Richter und Hermann Brunner entsendet.
Auf der Tagesordnung stand die Wahl des ersten Vorstan—
des und zweier Schiedsrichter. Nach den Satzungen des Allge—
meinen Verbandes gehörten die Vorsitzenden der einzelnen

2
        <pb n="23" />
        genossenschaftlichen Landesorganisationen oder deren Bevoll—
mächtigte dessen Vorstand an, so daß der Central-Verband
durch seinen Präsidenten Dr. Karl Ur ban im Vorstand des
Allgemeinen Verbandes vertreten war; außerdem wurden Ste—
fan Richter und Hermann Brunner in den Vorstand
gewählt.

In der Sitzung des Verbandsausschusses vom 10. Dezem—
ber 1898 wurde zum Zweck der Arbeitsteilung eine Ankaufs⸗
und eine Lagerhaussektion eingesetzt. In die erstere wurden
Johann Heyn, Josef Matzner, Franz Simon und Josef
Jäger, in die Lagerhaussektion Hermann Brunner, Franz
Kliemann und Martin Sounkup gewählt.

Am Verbandstag vom 25. September 1898 erfolgte die
Reorganisation bzw. Konstituierung des Central-Verbandes.

Es wurden gewählt in den Verbandsausschuß:
Aus der Gruppe der Genossenschaften:
1. Johann Heyn, Verwalter in Jungbuch,
2. Josef Kasper, Lehrer in Junabuch,
3 Josef Matzner, Wirtschaftsbesitzer in Gradlitz,
4 Anton Hiller sen, Realitätenbesitzer in Nikl,
5. Martin Soukunp, Wirtschaftsbesitzer in Catterschlag,
b. Franz JUg, Gasthausbesitzer in Kuschwarda,
7. Josef Sor ger, Distriktsarzt in Alt-Zedlisch,
8. P. Alfred Forst, Pfarrer in Seidowitz,
9. Josef Klinger, Oberlehrer in Haan,
10. Rudolf Ulbrich, Oberlehrer in Hostomitz,
11. Franz Steinke, Oberlehrer in Strobnitz,
12. Eduard Alliger, Wirtschaftsbesitzer in Bärnwald,
13. Josef Bohnert, Oberlehrer in Güntersdorf,
14. Franz Simon, Gutsbesitzer in Kunnersdorf,
15. Franz Kliemann, Wirtschaftsbesitzer in Sobochleben:

N

d) Vom Deutschen landwirtschaftlichen Central-Verband für Böhmen:
16. Dr. Alois Bauer, Gutsbesitzer in Vodseditz;
c von Einzelpersonen:
17. Dr. Emanuel Milner, Guätsbesitzer in Luck,
18. Dr. Gustav Schreiner, Notar in Pilsen,
19. Stefan Richter, Verbandsdirektor,
20. Hermann Brunner, Verbandsrevisor.

83
        <pb n="24" />
        Sofort nach dem Verbandstag konstituierte sich der Ver—
bandsvorstand und es wurden vom Ausschuß gewählt:
Josef Klinger zum Präsidenten,
P. Alfred Forst zum Vizepräsidenten,
Johann Heyn und Rudolf Ulbrich zu Beisitzern,
Stefan Richter zum Verbandsdirektor,
Hermann Brunner zum Verbansdsrevisor.

1899.

Das Jahr 1899 reiht sich seinen Vorgängern würdig an;
das Genossenschaftswesen gewann eine weitere Ausbreitung
und Entwicklung.
Zur Erweiterung und raschen Entwicklung des gemein—
schaftlichen Bezugsgeschäftes des Verbandes trug wesentlich der
Anschluß des Deutschen landwirtschaftlichen Central-Verbandes
für Böhmen mit seinen 351 landwirtschaftlichen Vereinen und
Kasinos bei. Durch diesen Beitritt wurde jeder ihm angehörige
landwirtschaftliche Verein mittelbar auch Mitglied des Central—
Verbandes der deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften
Böhmens, so daß letzterer sein Ankaufsgeschäft nunmehr auch
mit den landwirtschaftlichen Vereinen und Kasinos in seinem
Verbandsgebiet und sogar mit einzelnen Mitgliedern der letz—
teren oder unmittelbaren Einzelmitgliedern des „Deutschen
landwirtschaftlichen Zentralverbandes für Böhmen“, zu denen
viele Großgrundbesitzer gehörten, entwickeln konnte. Um den
deutschen Großgrundbesitzern und Pächtern behufs Beteiligung
am Warenbezugsgeschäft Gelegenheit zu geben, auch ohne daß
sie dem Deutschen landwirtschaftlichen Zentralverband für Böh—
men angehörten, dem Genossenschaftsverband beitreten zu kön—
nen, nahm der Genossenschaftsverband satzungsgemäß auch
Einzelpersonen direkt als Mitglieder auf. So wurde die berich—
tete Grundlage für das Warenbezugsgeschäft schon im Jahr
1899 gewonnen, in welchem der Verband nicht weniger als
116 Spar- und Darlehenskassenvereine, 6 sonstige landwirt⸗
schaftliche Genossenschaften, 305 landwirtschaftliche Vereine und
Kasinos und 153 Einzellandwirte belieferte.
Der Vorteil, welcher der gesamten Landwirtschaft aus den
genossenschaftlichen Warenbezügen erwuchs, bestand darin, daß
dadurch eine gesunde Konkurrenz geschaffen und dafür gesorgt

24
        <pb n="25" />
        wurde, daß der ganze Handel mit landwirtschaftlichen Bedarfs—
artikeln in reelle Bahnen gelenkt wurde.
Der materielle Erfolg, mit dem der Verband das Waren—
geschäft 1899 betrieben hat, spricht sich in der Bilanz des Cen—
tral⸗Verbandes für 1899 aus, die nur durch das Warengeschäft
zu einer aktiven, mit Gewinn abschließenden gestaltet wurde.
Wie schon an anderer Stelle hervorgehoben wurde, hat sich
im Jahr 1899 wieder in erhöhtem Maßstab bestätigt, daß die
Herausgabe und Einführung der Anleitung (Stefan Richter:
„Böhmens Kreditorganisationen“) von größter Wichtigkeit war
und daß namentlich dadurch sowie auch ferner durch die Ein—
richtungen des Verbandes, allen neugegründeten Kassen sofort
nach erfolgter Registrierungsanzeige die zur Geschäftsführung
erforderlichen Bücher und Drucksorten sowie eine eiserne Kassa
zu liefern, ein Wandel zum Besseren geschaffen wurde.
Den wohltätigsten, aber auch für die Entwicklung und die
Geschäftstätigkeit wichtigsten und im Interesse aller Mitglieder,
namentlich aber der Spareinleger gelegenen Einfluß übte die
Revision aus.

Ebenso günstig für die Erreichung einer einheitlichen Buch—
führung und Behandlung der einzelnen Geschäftsergebnisse er—
wiesen sich die Zahlmeistertage, von denen im Jahr 1899 durch
den Verbandsrevisor je einer in Budweis, Plan und Ober—
baumgarten abgehalten wurde.

1990.

Das Jahr 1900 wird in der Geschichte der genossenschaft—
lichen Entwicklung in Böhmen als ein bedeutungsvolles Jahr
genannt werden müssen. Am 1. Mai stand der Bericht der Lan—
deskulturkommission über die Errichtung und Förderung genos⸗
senschaftlicher Lagerhäuser auf der Tagesordnung des Böhmi—
schen Landtages und der Landtag trat diesem Bericht und seinen
Schlußanträgen vollinhaltlich und einstimmig bei. Damit er—
schienen nach den Vorschlägen des Berichterstatters der Landes—
kulturkommission, Landtagsabgeordneten Stefan Richter, von
der Landesvertretung selbst die Grundsätze für die Errichtung
und den Betrieb genossenschaftlicher Lagerhäuser festgelegt und

25
        <pb n="26" />
        für die Lagerhäuser, welche nach diesen Grundsätzen errichtet
werden, vorläufig auch reichliche Mittel gesichert und noch grö—
bere Quellen angedeutet, die der Landesausschuß nach Beschluß
des Landtages nunmehr für genossenschaftliche Zwecke nutzbar
zu machen bestrebt sein werde.
Das Genossenschaftswesen Deutschböhmens hat im Jahr
1900 seinen eigentlichen Organisator Stefan Richter ver—
loren, welcher in Wien die Direktorstelle beim „Allgemeinen
Verband landwirtschaftlicher Genossenschaften in Oesterreich“
antrat.

Mit dem Rücktritt des ersten Verbandsdirektors schließt ein
für die Entwicklung unseres heimischen Genossenschaftswesens
einflußreicher Abichnitt.
Stefan Richter stand an der Wiege des landwirtschaft—
lichen Genossenschaftswesens in Böhmen, für dessen Funda—
ment, die Spar- und Darlehenskassenvereine, er in Wort und
Schrift schon zu einer Zeit eintrat, als viele, die später sich für
diese Bauernkassen erwärmten, ihnen entweder noch gleichgültig
gegenüberstanden oder deren Gegner waren, und als auch noch
kapitalistische Einflüsse deren Einführung zu hintertreiben
suchten.

Der Verbandsausschuß ernannte in seiner Sitzung vom
10. November 1900 den Verbandsrevisor Hermann Brunner
zum Verbandsdirektor, welchem nach dem Abgang Stefan Rich—
ters außer der Revisionstätigkeit die gesamte Geschäftsleitung
des Genossenschaftsverbandes übertragen wurde.
Mit der kaiserlichen Verordnung vom 21. September 1899,
RGBl. Nr. 176, wurde unter anderem die Bestimmung getrof⸗
fen, daß vom 1. Jänner 1900 an alle Geschäftsbücher der unter
besonderen Aufsicht stehenden oder zur öffentlichen Rechnungs—
legung verpflichteten Geld- und Kreditanstalten in der Kronen—
währung zu führen sind.

In der am 1. November 1900 abgehaltenen Sitzung des
Vorstandes des Allgemeinen Verbandes landwirtschaftlicher
Genossenschaften in Oesterreich wurde die Errichtung einer
„Bezugs- und Absatzstelle“ beschlossen und ins Leben gerufen;
mit deren Leitung wurde Direktor Stefan Richter betraut.

26
        <pb n="27" />
        Das Jahr 1900 brachte dem Central-Verband die stärkste
Belastungsprobe, die er seit seinem Bestand bis dahin zu über—
winden gehabt hatte. Die Ursache hiezu war der zu Beginn des
Jahres entbrannte Thomasmehlkrieg. Der Verband hatte sich
geschäftlich verfrüht gebunden und konnte sich infolgedessen vor—
erst nicht auf die Seite der Landwirte stellen. Neben dem mate—
riellen Nachteil, welchen dieser Krieg dem Verband brachte und
welcher in der Jahresrechnung auch zum Ausdruck kam, trat
auch bei allen jenen Aufgaben, welche der Verband dringend zu
fördern und zu pflegen hatte, eine rückgängige Bewegung ein.

In der Ausschußsitzung vom 19. Juli 1900 berichtete Ver—⸗
bandspräsident Klinger über die Errichtung einer Bezugs—
und Absatzvereinigung der österreichischen Landwirte in Wien
und darüber, was in dieser Angelegenheit seitens des Allge—
meinen Verbandes, der Wiener Landwirtschaftsgesellschaft und
seitens einzelner Zentralorganisationen unternommen sowie
auch in verschiedenen Tagungen beantragt worden war. Er
kennzeichnete die befürwortende und unterstützende Stellung—
nahme des Ackerbauministeriums, wies auf die großen Vorteile
hin, die den Landesorganisationen aus der Errichtung einer
solchen Reichszentrale erwachsen, und bewies, daß den einzel—
nen Landeszentralen aus ihrer Zugehörigkeit zu einer solchen
Reichszentrale keinerlei Zwangsverhältnis erwachsen würde,
weil die einzelnen Landeszentralen die Vermittlung der Reichs—
zentralstelle nur dann in Anspruch nehmen würden, wenn sich
für sie hieraus tatsächlich ein Vorteil ergebe.

—1901.

Staat und Land förderten die Entwicklung des Genossen—
schaftswesens in dankenswerter Weise durch Gewährung von
Staats- und Landessubventionen und unverzinslichen Staats—
und Landesdarlehen.

Einen besonders hervorragenden Anteil an der Förderung
des landw. Genossenschaftswesens hatte die Deutsche Sektion
des Landeskulturrates für das Königreich Böhmen und insbe—
sondere die beiden Wanderlehrer und das Gemossenschafts—
komitee waren bemüht, die Bestrebungen des Genossenschafts—

)
        <pb n="28" />
        verbandes, das landwirtschaftliche Genossenschaftswesen in die
richtigen Bahnen zu lenken, zu unterstützen.
Mit der Entwicklung und Erweiterung der Tätigkeit der
einzelnen Genossenschaften hat auch die Tätigkeit des Verbandes
einen wesentlichen Aufschwung genommen.
Um über Wirkung und Tätigkeit der Spar- und Darlehens⸗
kassenvereine im allgemeinen sowie im wirtschaftlichen und ge⸗
sellschaftlichen Leben bestimmte Erfahrungen zu sammeln,
wurde an eine Anzahl von Spar⸗- und Darlehenskassenvereine
die Frage hinausgeben, in welcher Weise sich der Bestand und
die Tätigkeit der Kassenvereine im allgemeinen und wie im
wirtschaftlichen Leben insbesondere bemerkbar macht.
Bezüglich der eingelangten Antworten, in welchem durch⸗
wegs die segenbringenden Wirkungen der Kassen hervorgehoben
werden, sei auf das „Genossenschaftliche Jahrbuch“ für 1899,
S. 17-20, verwiesen.
Nach Beendigung des Thomasmehlkrieges ging die Ver—⸗
bandsleitung unverdrossen und mit aller Kraft daran, das Ver⸗
säumte nachzuholen, den Verband weiter auszubauen. Es muß
hier festgestellt werden, daß dies der Verbandsleitung nach den
meisten Richtungen hin auch vollkommen gelang. In voller
Einigkeit und mit großer Ausdauer erledigte der Verbands—
ausschuß eine Menge wichtiger Arbeiten und faßte diesbezüg⸗
liche Beschlüsse. So wurde das Warengeschäft auf eine neue
Grundlage gestellt. Dank dieser Einrichtung wurde der Verlust
des Vorjahres wieder wettgemacht.

1902.

Das Genossenschaftsblatt, bisher Beilage zum „Deutschen
Landwirt“, trat mit 1. Jänner 1902 aus dem bisherigen Ver—
hältnis aus und erschien in Verfolgung seiner sich immer um—
fassender gestaltenden Aufgaben und Verpflichtungen von da ab
als selbständiges Blatt. Ein kurzer Rückblick auf den Werde—
gang dieses Organes zeigt uns, daß es, mit dem Entwicklungs—
gang des Genossenschaftsverbandes auf das innigste verknüpft,
gleich diesem aus kleinen, schwachen Anfängen nach und nach
herausgewachsen ist.

8X
        <pb n="29" />
        Die ersten Anfänge zu diesem nun selbständigen Organ
finden wir im „Deutschen Landwirt“, dem Organ des Deutschen
landw. Zentralverbandes für Böhmen. In entgegenkommend⸗
ster Weise öffnete der „Deutsche Landwirt“ den ersten Bestre—
bungen der deutschen Landwirte auf dem genossenschaftlichem
Gebiet seine Spalten für die notwendigen Veröffentlichungen
und Berichte (189936 - 1897).
Das rasche Anwachsen der Genossenschaften, infolge dessen
das Wachsen der genossenschaftlichen Veröffentlichungen ver—
anlaßte den Genossenschaftsverband, im Jahr 1898 als Beilage
zum „Deutschen Landwirt“ ein eigenes Genossenschaftsblatt
herauszugeben, um so den vergrößerten Ansprüchen Rechnung
tragen zu können.
Einen Markstein im Genossenschaftsleben des Verbandes
bildete die durchgeführte Erwerbung eines eigenen Genossen—
schaftshauses.
Die von Jahr zu Jahr steigende Entwicklung der land—
wirtschaftlichen Genossenschaften hatte zur Folge, daß die
Tätigkeit des Verbandes sich stets steigerte. Mit dieser Ent—
wicklung ging Hand in Hand eine Vermehrung der Kanzlei—
kräfte und damit auch der Kanzleiräume.
In der Ausschußsitzung vom 2. März 1902 wurde der ein⸗
stimmige Beschluß gefaßt, ein eigenes Haus anzukaufen, und
der Vorstand wurde beauftragt, die einleitenden Schritte durch—
zuführen.
In der Vorstandssitzung vom 19. März wurde eine größere
Anzahl Kaufangebote geprüft und sechs Anbote zur Beschluß—
fassung für den Ausschuß ausgewählt.
In der Ausschußsitzung vom 1. April 1902 wurde der ein—
stimmige Beschluß gefaßt, als Genossenschaftshaus das Haus
Nr. 3 in der Jungmannstraße“*) zu kaufen, weil dieses Haus
rücksichtlich des Bauzustandes und der Anordnung der Räum—
lichkeiten sich am besten eignete und außerdem der Zinsertrag
sich am günstigsten gestaltete.
Seit 1. Mai 1902 ist der Central-Verband Besitzer des Ge—
nossenschaftshauses und er ist am 1. Juli mit seinen Kanzleien
dahin übersiedelt.

*) Jetzt Fochova 3.

29
        <pb n="30" />
        In der Sitzung des Verbandsausschusses vom 15. August
1902 entbot Verbandspräsident Klinger dem versammelten
Ausschuß den ersten Willkommengruß im eigenen Heim und
sprach, einer schönen alten Sitte folgend, nachstehenden
Hausspruch:

„Die feste, sichere Grundlage, welche sich der Verband durch die Erwer—
bung dieses Heimes geschaffen, sei zugleich auch Symbol für den festen,
sicheren Bestand des Genossenschaftswesens und seiner Verkörperung. des
Verbandes.
Dem bedeutungsvollen Entschluß, welcher dem Erwerb dieses Heimes
galt, möge noch mancher ebenso erwogene Beschluß folgen und so das
Genossenschaftshaus der Ausgangspunkt zur weiteren sicheren Ausgestal—
tung des Verbandes werden.
Das genossenschaftliche Heim möge in seinen Räumen stets in seinem
Ausschusse Männer beherbergen, die offenen Sinnes, durchdrungen von
echtem genossenschaftlichem Geiste, in ruhiger, unentwegter Arbeit und in
geschlossener Einigkeit für den weiteren Ausbau des Verbandes und damit
auch für das gesamte Genossenschaftswesen mit weitausschauendem Auge
Sorge tragen.
Große und wichtige Aufgaben werden im Genossenschaftshaus zu
lösen und durchzuführen sein.
Möge daher dieses Haus auch jederzeit in seinen Mauern einen für
das Genossenschaftswesen begeisterten, eifrigen und pflichttreuen Beamten⸗
stand besitzen.
Gestützt auf diese beiden Faktoren und auf das verständnisinnige Zu—
sammenwirken derselben wird das Genossenschaftsheim immerdar die Zen⸗
trale, der feste Kern- und Stützpunkt für alle genossenschaftlichen Bestrebun⸗
gen Deutschböhmens zum Wohle aller angegliederten Genossenschaften und
deren Mitglieder, nicht nur in materieller Richtung, sondern auch und
gleichwohl in Bezug auf die Festigung unseres nationalen Besitzstandes
fein und bleiben. Das walte Gott!“

Der Central-Verband hat, eingedenk seiner satzungsge—
mäßen Pflicht, zu Beginn des Jahres 1902 auch in die Ordnung
der Grundschuldverhältnisse der Mitglieder eingegriffen, indem
er die Konvertierungsaktion mit Hilfe seiner Raiffeisenkassen
einleitete und zur Entschuldung des bäuerlichen Grundbesihes
einen Schritt vorwärts getan hat.
Bei den damals herrschenden mißlichen Grundschuldver—
hältnissen der deutschen Landwirte trat die Konvertierung als
ein wesentliches Mittel zur Entlastung des Grundbesitzes von
drückenden Schulden- und Zinsenverpflichtungen in den Vorder—
grund aller agrarischen Reformbestrebungen der damaligen

M
        <pb n="31" />
        Zeit und es wurde daher auch die seitens des „Central-Verban⸗
des“ diesbezüglich getroffene Einrichtung auf das freudigste be—
grüßt und dem Verband seitens seiner Raiffeisenkassen die tat⸗
kräftige Unterstützung in diesen seinen Bestrebungen zugesichert.
Ebenso wie für die befriedigende Lösung der Konvertie—
rungsaufgabe eine entsprechende Annäherung der Hypotheken—
bank des Königreiches Böhmen“) an die landwirtschaftlichen
Organisationen, vor allem die Genossenschaftsverbände, und ein
einmütiges Zusammenwirken mit ihnen unerläßlich erscheint,
ebenso notwendig erscheint die energische, werktätige Unter—
stützung des Central-Verbandes bei der Durchführung von
Hypothekar⸗-Konversionen seitens aller ihm angeschlossenen
Spar- und Darlehenskassenvereine.
Der diesfalls vom Verband an alle Spar- und Darlehens—
kassenvereine gerichtete warme Appell um tatkräftige Unter—
stützung bei der Durchführung von Hypothekarkonversionen ihrer
Mitglieder blieb nicht ohne Erfolg und der Verband war in der
Lage, im Laufe des Jahres 1902 namhafte Konvertierungen
durchzuführen, durch welche hochverzinsliche Forderungen teils
von Sparkassen und Vorschußvereinen. teils von Vrivatper—
sonen abgelöst wurden.
Der Central-⸗Verband vermittelte die Konvertierung in
der Weise, daß er die Durchführung durch sein Büro übernahm,
die Barvorschüsse für die zur Löschung oder Uebertragung ge—
langenden Forderungen leistete, bei dem Anlaß der Konvertie—
rung notwendigerweise auch die sonstige Grundbuchsordnung
im Einverständnis mit der Hypothekenbank herstellte und durch
eine im Verhältnis zur Arbeitsleistung überaus mäßige Pro—
vision, welche lediglich den Charakter eines Regiebeitrages hatte
und sich in dem Rahmen einer durchschnittlich einjährigen Zin—
senersparung hielt, den Hypothekarbesitzern die Vorteile der
Konvertierung veranschaulichte und die Benützung dieser Ein—
richtung erleichterte.

Hand in Hand mit der Mithilfe bei der Durchführung der
Konvertierung seitens des Central-Verbandes ging die Ver—
mittlung der Aufnahme von Kommunaldarlehen bei der Cen—

x Zetzt „Böhmische Hypothekenbank“.
        <pb n="32" />
        tralbank der deutschen Sparkassen und der Zentralverband war
in der Lage, mehrere namhafte Kommunaldarlehensangelegen—
heiten durchzuführen.
Am Verbandstag vom 5. Oktober 1902 wurde nach langer
Debatte der einstimmige Beschluß gefaßt, die gegenseitige
Einbruchs-Selbstversicherung einzuführen, so zwar, daß seitens
der Kassen von dem zu leistenden Jahresbeitrag ein Zehntel zur
Schaffung eines Reservefondes zum Zweck der Selbstwersiche—
rung der Kassen gegen Einbruch einzuzahlen war.
1903.

Aus Anlaß des in diesem Jahr in den meisten Bezirken
Deutschböhmens infolge von Elementarschäden und Mißwach—
ses eingetretenen Notstandes fand sich der Verband bemüßigt,
auch seinerseits einzugreifen und die Genossenschaften und land—
wirtschaftlichen Vereine der notleidenden Bezirke durch kosten—
lose Vermittlung von Streu- und Futtermitteln zu unterstützen.
Der Verband kann mit Genugtuung auf diese Hilfsarbeit
zurückblicken, da es ihm möglich war, namhafte Futtermittel—
mengen kostenlos für Genossenschaften und landwirtschaftliche
Vereine zu vermitteln: über die prompte Lieferung sowie über
die Güte der gelieferten Waren liefen zahlreiche Anerkennungs—
schreiben ein.
Der Verband griff aber nicht nur selbst helfend ein, sondern
suchte auch bei den Genossenschaften und landw. Vereinen in
den von Notstand weniger heimgesuchten Bezirken anzuregen,
ihren etwaigen Ueberschuß an Futtermitteln den härter be—
troffenen Bezirken zu mäßigeren Preisen zur Verfügung
zu stellen.
Diese Anregung hatte einen sehr erfreulichen Erfolg, denn
von allen Seiten kamen dem Verband Anbote zu, die er sofort
allgemein bekanntgab, und dadurch bahnte er regen direkten
Verkehr der landwirtschaftlichen Vereine und Genossenschaften
untereinander an.
Der Versuch einer Vereinbarung mit einer Versicherungs—
gesellschaft, um bei Hagelschaden eine gerechte und kulante Er—
hebung der Schäden für die Mitglieder zu erreichen, ist eben—
falls vollständig gelungen. Es kann mit Genugtuung gesagt wer—

2
        <pb n="33" />
        den, daß das, was der Verband mit seiner Vereinbarung ange⸗
strebt hat, auch erreicht wurde. Sämtliche Schadenfälle wurden
mit aller Raschheit und Sorgfalt erhoben und zur allseitigen
Zufriedenheit ausgetragen. Selbst in zweifelhaften Fällen, in
welchen der Verband zugunsten der Mitglieder zu intervenieren
Gelegenheit hatte, wurde seitens der Versicherungsgesellschaft
den Wünschen bereitwilligst Rechnung getragen.
Die Spar- und Darlehenskassenvereine haben sich auch die⸗
ses Jahr, wie bisher, des in sie gesetzten Vertrauens würdig
gezeigt und sich noch mehr gefestigt und erweitert.
Die Lagerhausgenossenschaften haben im allgemeinen in
ihrer Tätigkeit und im Umsatz durch den Ausfall in der Ge—
treidezentrale gelitten.
Die meisten Molkereigenossenschaften haben eine größere
und ersprießliche Tätigkeit entwickelt, nur jene im „Zinnbach—
thal“ ist infolge der Untreue der Mitglieder in Liquidation
getreten und hat den Betrieb eingestellt.
Staat und Land förderten in dankenswerter Weise durch
Gewährung von Subventionen und unverzinslichen Darlehen
das landwirtschaftliche Genossenschastswesen.
Von wesentlichem Einfluß auf die fernere Entwicklung des
landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens ist die Herausgabe
des Gesetzes über die Revision der Erwerbs— und Wirtschafts⸗
genossenschaften (Gesetz vom 10. Juni 1903, RGBl. Nr. 133)
gewesen. Gelegentlich der Sitzungen des Vorstandes und des
Verbandsausschusses im Jahr 1803 wurden nachstehende wich⸗
tigen Beschlüsse gefaßt:
1. Der Mietvertrag mit der Deutschen agrarischen Druckerei.
2. Beitrag zu den Adaptierungskosten für diese.
3. Antrag an den Verbandstag auf Einführung der Ein—
bruchsversicherung.
Aufstellung einer Dienstpragmatik für die Verbands—
beamten.
Bestimmungen für das Warengeschäft.
Einführung und Abhaltung von Lagerhaustagen usw.
Der außerordentliche Verbandsstag am 22. November 1903
bhrachte die Abänderung des Verbandsstatutes, welche durch das
neue Revisionsgesetz bedingt war. Nach der Veröffentlichung

5.
ß.
        <pb n="34" />
        des neuen Revisionsgesetzes mußten bei der Beratung der durch
das Revisionsgesetz notwendig gewordenen neuen Statuten die
bereits beschlossenen Abänderungen der alten Satzungen als
Grundlage genommen werden, aber auch alles das aufgenom—
men werden, was durch das neue Revisionsgesetz bedingt war.
Der vom „Allgemeinen Verband“ begutachtete Statuten—
entwurf wurde vom Verbandsvorstand und Verbandsausschuß
eingehend durchberaten und dem Verbandstag zur Beschluß—
fassung vorgelegt und es wurde beantragt, das neue Statut
vollinhaltlich anzunehmen und das alte Statut zu verwerfen.
Der Antrag wurde vom Verbandstag zum einstimmigen Be—
schluß erhoben.

Der seitens des Verbandes an alle Raiffeisenkassen gerich—
tete Appell um tatkräftige Unterstützung bei der Durchführung
von Hypothekarkonversionen ihrer Mitglieder ist nicht ohne Er—
folg geblieben.
Im Lauf des Jahres 1903 war der Central-Verband in der
Lage, 57 Konvertierungen durchzuführen. Auch die seitens des
Verbandes eingeleitete Vermittlung hinsichtlich der Aufnahme
von Kommunaldarlehen war erfolgreich und blieb gegenüber
dem Vorjahr nicht zurück, indem auch im Lauf des Jahres 1903
der Verband in der Lage war, mehrere Kommunaldarlehen
zu vermitteln.

Nur eines Umstandes muß hier gedacht werden, der sich der
Durchführung hindernd in den Weg stellte. Es wurde die
Erfahrung gemacht, daß sich die konvertierenden Hypotheks—
besitzer bei der Darlehensaufnahme seitens der Hypothekenbank
auf einen exklusiven Standpunkt stellten, indem sie, wenn ihnen
die Hypothekenbank nicht so hohe Darlehen gewähren konnte,
um damit alle ihre bisherigen verzinslichen Grundschulden ab—
lösen zu können, einfach auf die Darlehensaufnahme bei der
Hypothekenbank verzichteten. Dieser Standpunkt, den viele
Landwirte einnahmen, war durchaus verfehlt und unklug. An—
statt sih den durch das Bankstatut genau begrenzten Forderun—
gen der Hypothekenbank anzupassen, trugen sie lieber die alte
drückende Zinsenlast weiter. Diesen Starrsinn zu brechen, mußte
deshalb Aufgabe des Verbandes und der Spar- und Darlehens—
kassenvereine sein. Eine teilweise Erleichterung der Zinsenlast
        <pb n="35" />
        ist doch immer besser als gar keine. Die Realisierung dieser ganz
klaren Tatsache, welche früher sehr erschwert, ja sogar oft un—
möglich war, war jetzt infolge der Mitwirkung des Verbandes
und der Raiffeisenkassen bei der Durchführung von Konvertie⸗
rungen erleichtert und das wurde dadurch ermöglicht, daß die
Raiffeisenkasse dort, wo mit dem gewährten Bankdarlehen nicht
alle Grundschulden abgelöst werden konnten, dem konvertierenden
Hypotheksbesitzer mit der Gewährung eines entsprechend hohen
Personalkredites, eventuell auch Hypothekenkredites beisprang
und die Durchführung der Konvertierung möglich machte. Das
war ein nicht zu unterschätzender Erfolg der Raiffeisenkassen.
Dank der Arbeitsfreudigkeit, der ruhigen und sachlichen Be⸗
urteilung und Behandlung aller auftauchenden Verbands⸗
angelegenheiten seitens der Amtswalter des Verbandes war es
dem Verband gelungen, in sein Arbeitsfeld 1903 noch manches
Nützliche, Wohltätige und Zukunftsvolle einzufügen.
Hierher gehörte die Einbruchsversicherung, welche durch
den Verbandstagbeschluß vom 25. Oktober 1903 in bezug auf
die Leistung der Prämien eine höchst einsache, aber auch billige
Be⸗ und Verrechnung und auch eine sichere Grundlage gefun—⸗—
den hat.
Auf Grund vielfacher Erfahrungen wurden im Interesse
des Warenverkehres beim Verband, der ja bei ihm nicht im
händlerischen, sondern vor allem im genossenschaftlichen Sinne
betrieben werden soll, vom Vorstand und Ausschuß nicht nur
die Rabattsätze für die Hauptartikel von diesem Gesichtspunkt
aus in eine einheitliche Form gebracht, sondern auch, um jedem
Vorwurfe nach dieser Richtung vorzubeugen, der Höchstbetrag
des Bruttogewinnes für den Verband festgelegt.
Zur Linderung der großen Futternot Westböhmens trat
der Verband auf Grund des Ausschußbeschlusses vom 11. Juli
1903 in der Weise ein, daß er im Genossenschaftsblatt eine stän—
dige Rubrik „Futtermittelanbote“ eröffnete und die Vermitt—
lung zwischen Käufer und Verkäufer vollständig kostenlos
durchführte.

Eine natürliche Wirkung der Erstarkung des landwirtschaft⸗
lichen Genossenschaftswesens war eine gesteigerte Gegnerschaft
durch die wirtschaftlichen Konkurrenten. Diese Gegnerschaft
        <pb n="36" />
        macht sich im Jahr 1903 durch eine Zuschrift des Landesaus—
schusses über ein von der Landesbank des Königreiches Böhmen
abgegebenes Gutachten über die Angliederung der Raiffeisen—
kassen an die Bezirksvorschußkassen besonders bemerkbar. Aus⸗
schuß und Verbandstag befaßten sich mit dieser Angelegenheit
in eingehender Weise und es kam einmütig zum Ausdruck, mit
allen Mitteln und ganz energisch gegen jede Einmischung der
Bezirksvorschußkassen in die Angelegenheiten der Raiffeisen—
kassen Stellung zu nehmen.
In bezug auf die Unterbringung der Deutschen agrarischen
Druckerei im Genossenschaftshaus wurde das Vertragsverhält—
nis vom Verbandsausschuß am 9. März 1903 in entgegenkom—
mendster Weise behandelt und abgeschlossen.

1904.

Von wesentlichem Einfluß auf die Tätigkeit des Central—
Verbandes war der im Jahr 1904 eingetretene allgemeine Not—
stand. Die leider in Böhmen gegenüber anderen Ländern ver—
spätet in Angriff genommene Aktion zur teilweisen Linderung
des Mißstandes brachte es mit sich, daß zur Bewältigung der
damit verbundenen Arbeiten alle Kräfte des Verbandes sich
ausschließlich damit beschäftigen mußten, was zur Folge hatte,
daß mit Ausnahme der Revisionen manche andere Angelegen—
heit vorläufig in den Hintergrund gestellt werden mußte.
Vom Central-⸗Verband wurden für die vom k. k. Ackerbau—
ministerium eingeleitete Notstandsaktion im Wege des Allge—
meinen Verbandes in Wien 1493 Waggons Futtermittel im
Wert von K 1,190.400.— geliefert. Außerdem wurden vom Cen—
tral-Verband an Bezirkshauptmannschaften über deren Bestel—
lung 293 Waggons Futtermittel im Wert von K 278.000. —
geliefert. Zusammen wurden daher 1786 Waggons Futtermittel
im Wert von K 1,469.000.— geliefert.
Das sonstige Geschäft der Warenabteilung bewegte sich in
den gewohnten Grenzen der Vorjahre.
Im Lauf des Jahres 1904 war der Verband in der Lage,
18 Konvertierungen durchzuführen; die seitens des Verbandes
eingeleitete Vermittlung hinsichtlich der Aufnahme von Kom—
munaldarlehen bei der Centralbank der deutschen Sparkassen

206
        <pb n="37" />
        war erfolgreich und blieb gegenüber dem Vorjahr nicht zurück,
indem auch im Lauf des Jahres 1904 der Verband in der Lage
war, 7 Kommunaldarlehen durchzuführen.

1905.

Die Signatur dieses Jahres lag nicht mehr in der raschen
Vermehrung und dem Zuwachs an landwirtschaftlichen Ge—
nossenschaften — dieser lenkte in ruhigere Bahnen ein —, sondern
in der inneren Festigung und Ausgestaltung des Bestehenden.
Die Notstandsaktion nahm auch im Jahr 1905 noch einen
breiten Raum ein und beschäftigte den Verband in vollem Maß.
Ohne Ueberhebung kann hier gesagt werden, daß der Verband
nach dieser Richtung hin ein außerordentliches, ja das schwie⸗
rigste Stück der Notstandsaktion durchgeführt hat. Für alle Lie—
ferungen und die sich daran knüpfenden unzähligen, mehr oder
weniger erfreulichen Vorkommnisse, vor allem aber für das
Wichtigste, für die ganze Geldbewegung, stellte sich der Verband
als dienendes Glied für diese Aktion zur Verfügung.
Der am 22. Juli 1905 in der großen Volkshalle des Rat—
hauses in Reichenberg tagende Verbandstag, beschickt von
nahezu allen Raiffeisenkassen und sonstigen landwirtschaftlichen
Genossenschaften Deutschböhmens, protestierte auf das entschie—
denste gegen die in einem Erlaß des Böhmischen Landesschul—
rates, betreffend die Beteiligung der Lehrerschaft an Raiffeisen⸗
kassen, zutage getretene Tendenz, die Lehrerschaft von der Teil⸗
nahme an der Leitung, Förderung und Geschäftsführung der
Spar- und Darlehenskassenvereine fernzuhalten, wodurch nicht
nur dem landwirtschaftlichen Genossenschaftswesen ein schwerer
Nachteil zugefügt worden, sondern auch die Lehrerschaft in
—DV Selbstbestimmungsrecht be—
droht erschienen wäre. Der Verbandstag verwahrte sich auch
ernstlich gegen die in dem zitierten Erlaß versuchte Herabsetzung
und unziemliche Kritik der Entwicklung und Geschäftsführung
der Spar- und Darlehenskassenvereine und sprach seine Ent—
rüstung darüber aus, daß die Landesschulbehörde in Ueber—
schreitung ihrer Kompetenzrechte und in offenbarer Unkenntnis
der wirklichen Verhältnisse es unternomemn hatte, in die so
segensreich wirkende Organisation der Raiffeisenkassen hem⸗

7
        <pb n="38" />
        mend einzugreifen. Der Verbandstag sprach die zuversichtliche
Erwartung aus, daß das k. k. Unterrichtsministerium in Wür⸗
digung der volkswirtschaftlichen Bedeutung unserer Organisa—
tion diesen Erlaß sistieren wird.
Gegen den Erlaß wurden wiederholt Interpellationen ein⸗
gebracht und der damalige Unterrichtsminister hat auch das Ver⸗
sprechen gegeben, daß dieser Erlaß nicht weiter aufrecht erhalten
werden soll.
Daß bei dem ausgedehnten Arbeitsgebiete des Verbandes
die genossenschaftliche Organisation in den einzelnen Landes—
teilen nicht intensiv genug gefördert werden konnte und daß die
Verbreitung und Vertiefung des Genossenschaftswesens man—
ches zu wünschen übrig lassen mußte, lag auf der Hand.
Wenn trotzdem das heimische deutsche Genossenschaftswesen
stete Fortschritte machte, so war es in erster Linie Dr. Weden
mit zu verdanken, welcher mit unermüdlicher Treue das Ge—
nossenschaftswesen seit Jahren in jeder Hinsicht förderte.
Der Verbandsausschuß hat in Würdigung der Verdienste
Dr. Wedens in der Sitzung vom 20. November 1905 ihn zum
definitiven Verbandsanwalt bestellt.
Mit Schluß des Jahres 1905 verließ Verbandsdirektor
Hermann Brunner, der von der Gründung des Verbandes
an in dessen Dienste stand und sich als Verbandsrevisor und
Direktor vielseitige Verdienste erworben hat, seine Stellung.

1906.

In diesem Jahr wurde von dem Vorstand die Einrichtung
getroffen, daß für jede Abteilung der Verbandskanzlei ein Vor⸗
standsmitglied als ständiger Referent fungiert. Als Referenten
wurden bestellt: Für die Direktionsabteilung: Vizepräsident
Matzner, für die Geldabteilung: Vorstandsmitglied Abg.
Kasper und als Ersatzmann: Vorstandsmitglied Jahnel,
für die Revisionsabteilung: Vorstandsmitglied Jahnel,
für die Warenabteilung Vorstandsmitglied Hofmann, für
die Buchhaltung: Vorstandsmitglied Kohlert.
Dem Exekutivkomitee für die Durchführung der Heeres—
lieferungen gehörten als Mitglieder die Vorstandsmitglieder
Josef Matzner und Ferdinand Kohlert sowie Ausschuß—
        <pb n="39" />
        mitglied Abg. Martin So ukup, der beim Verband eingesetz—
ten Lagerhauskommission Vorstandsmitglied Josef Hof—
mann, der Vorsitzende des Aufsichtsrates Abg. Franz
Peschka sowie Verbandsanwalt Dr. Weden an.
Als Vertreter des Verbandes wurde vom Vorstand in die
Oesterreichische Zentralstelle zur Wahrung land- und forstwirt⸗
schaftlicher Interessen beim Abschluß von Handelsverträgen
Vorstandsmitglied Abg. Josef Kasper entsendet.
Zur Tagung des Internationalen Verbandes für Bildung
und Stand der Getreidepreise wurden als offizielle Vertreter
des Verbandes der Vorsitzende des Aufsichtsrates Abg. Franz
Peschka, Vorstandsmitglied Abg. Josef Kasper und Aus—
schußmitglied Abg. Martin So ukup entsendet.
Verbandspräsident Josef Klinger und Vorstandsmit—
glied Josef Hofmann gehörten in Vertretung des Verban—
des dem Genossenschaftskomitee der Deutschen Sektion des Lan—
deskulturrates als beratende Mitglieder an. In der Ausschuß⸗
sitzung vom 20. Jänner 1906 wurde über Antrag des Vorstandes
das Haus Nr. 501 6etzt Fochova 5) in Weinberge für den Ver—
band anzukaufen beschlossen. Mit Vorstandsbeschluß vom
20. Jänner 1906 wurde die Bankverbindung mit der Länder—
bank gelöst und eine neue Verbindung mit der Wiener Bank—
vereins⸗Filiale beschlossen.
Die ungünstige Lage, in welcher sich einzelne Lagerhaus—
genossenschaften im Verbandsgebiet befanden, und die schwie—
rigen Verhältnisse, unter welchen auch die übrigen sonst vorzüg—
lich prosperierenden Lagerhausgenossenschaften im Verbands—
gebiet insbesondere infolge der widrigen Umstände der Grün—
dungsjahre zu leiden hatten, bildeten im Schoß des Verbands—
vorstandes und Ausschusses wiederholt den Gegenstand ernster
Beratungen.

In Ausführung dieses Beschlusses beantragte in der
darauf folgenden Sitzung des Verbandes Verbandsanwalt
Dr. Weden zum Zweck des Studiums und der genauen Er—
hebung der Verhältnisse der deutschböhmischen Lagerhaus—
genossenschaften die Einsetzung einer selbständigen Kommission
beim Central-⸗Verband, welcher die Aufgabe zufallen solle, auf
Grund dieser Arbeiten die erforderlichen Vorkehrungen zu tref—
        <pb n="40" />
        fen, welche zur Behebung der den Fortbestand und die gedeih⸗
liche Entwicklung der Lagerhausgenossenschaften hindernden
Schwierigkeiten geeignet sind. Ueber Antrag des Verbands—
anwaltes wurden der Landesausschuß und die Deutsche Sektion
des Landeskulturrates eingeladen, in diese Kommission ihre
Vertreter zu entsenden, welchem Ersuchen sowohl der Landes—
ausschuß, als auch der Landeskulturrat nachgekommen ist.

Dieser Kommission, welche den Namen „Lagerhauskom—
mission“ beim Central-Verband der deutschen landwirtschaft⸗
lichen Genossenschaften Böhmens führt, gehörten als Mitglie—
der an: In Vertretung des Landesausschusses: Landesausschuß⸗
rat Dr. Emil Roos und Inspektor der Erwerbs- und Wirt—
schaftsgenossenschaften Heinrich Schimana; in Vertretung
der Deutschen Sektion des Landeskulturrates Ausschußmitglied
Ferdinand Kraupner und Sekretär Dr. Ernst v. Hanl;
vom Genossenschaftsverband Vorstandsmitglied Josef Hof⸗
mann und Anwalt Dr. Moriz Weden; vom Aufsichtsrat des
Verbandes Abg. Franz Peschka (bis zu seiner Ernennung
zum k.k. Minister).
Den Vorsitz führt der Verbandspräsident Josef Klinger.
In welcher Weise die Lagerhauskommission die ihr zu—
stehenden Aufgaben auffaßt und welche nächsten Aufgaben sie sich
gestellt hat, ergibt sich aus dem Protokoll der ersten Sitzung,
welche am 29. Dezember 1906 im Genossenschaftshause stattge—
funden hat.*)

1907.

Anläßlich des zehnjährigen Bestandes des Central-Verban—
des der deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften Böh—
mens fand am 13. Jänner 1907 in den geschmückten Räumlich—
keiten des Genossenschaftshauses eine Festausschußsitzung statt,
an welcher der Vorsitzende des Aufsichtsrates Abg. Peschka,
der Gesamtausschuß, Verbandsanwalt Dr. Weden und die
Abteilungsvorstände Saudnuy, Stanka, Sperk und War—
burg teilnahmen.

x) Siehe „Genossenschaftliches Jahrbuch“ für 1907, S. 60-64.

49
        <pb n="41" />
        Präsident Klinger hielt nach Begrüßung der Teilneh—
mer die Festrede, welche den historischen Entwicklungsgang des
Central-Verbandes kennzeichnete, und fuhr dann fort:
„Zehn Jahre angestrengtester unablässiger Arbeit auf genossenschaft⸗
lichem Gebiete! Doch das Pflänzchen, welches am 20. Dezember 1896 von
sorgender Hand mit Mühe und Not in einen bisher wenig bebauten
Boden gesetzt wurde, wuchs in Wind und Wetter, in Sturm und Drang,
in Kampf und in Enttäuschung zu einem starken und kräftigen Baum
heran. Von Dorfgemeinde zu Dorfgemeinde zieht sich ein dichtes Geäder
von blühenden landw. Genossenschaften, das beste und glänzendste Zeugnis
ablegend für die zehnjährige uneigennützige, zielbewußte Tätigkeit des Ver⸗
bandes, der kraftschlagenden Pulsader für alle genossenschaftlichen Be—
strebungen.
Aller Männer ohne Ausnahme, aller Faktoren, die hier mithelfend,
mitratend und mittätig auf die Entwicklung des Verbandes und der darin
verkörperten großen genossenschaftlichen Idee in irgend einer Weise einge—
wirkt, sei heute bei diesem festlichen Anlaß ehrend und dankbar gedacht.
Ich begrüße jene geehrten Herren Ausschußmitglieder, welche von der
Gründung an im Ausschuß tätig waren, die Herren Ilg, Kasper,
Matzner, Soukup (Zwischenrufe: „und Klinger“). Ich danke den
Herren Abgeordneten für ihre warme Vertretung in genossenschaftlichen
Angelegenheiten, des weiteren dem Verbandsanwalt Herrn Dr. Weden
für seine hervorragenden Leistungen.
Ich danke ferner unseren wackeren Beamten für ihren bewährten
Fleiß und ihre Mitarbeit Geifall).
Eines Mannes, welcher sich hier in unserer Mitte befindet, lassen Sie
mich heute ganz besonders gedenken, des Abg. Peschka, des Vorsitzenden
des Aufsichtsrates, welcher bereitwilligst trotz der vielen Verpflichtungen in
unserem wichtigsten Organ, dem Aufsichtsrat, unseren genossenschaftlichen
Bestrebungen seine Kräfte weihte, bereitwilligst eintrat, wenn es galt, bei
Vertretungen, bei den maßgebenden Körperschaften und Behörden wichtige
und tief einschneidende Verbandsangelegenheiten zum Erfolg zu führen.
Dafür sei ihm heute bei dieser Gelegenheit der beste Dank zum Ausdruck
gebracht. Er möge noch recht lange in unseren genossenschaftlichen Reiben
stehen!

Und nun mein Wunsch für die Zukunft: Das Ideal, das uns Vater
Raiffeisen vorgezeichnet, leuchte auch weiterhin allzeit voran! Neue Ziele,
neue Bahnen! An dem Marksteine des zehnjährigen Bestandesfestes mögen
alle diese neuen Bestrebungen unter der Devise „Mit vereinten Kräften“
zum weiteren und festeren und noch innigeren Zusammenschluß, zur Ver⸗
einigung aller wirtschaftlichen Kräfte auf genossenschaftlichem Gebiet zum
Wohl der Landwirtschaft und eines gesunden kräftigen Mittelstandes in
unserem lieben Deutschböhmen führen.
Wir selbst aber, die wir heute hier versammelt und die wir berufen
sind, für alle genossenschaftlichen Bestrebungen in der Zukunft auf der
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        ersten Wacht zu stehen, wir wollen uns die Hand in Einigkeit reichen und
fern von allen Tagesströmungen, nur beseelt von echtem genossenschaft⸗
lichem Geiste, geloben: „Die stille, emsige deutsche Arbeit, die im abgelau—
fenen Dezennium den Erfolg zeitigte, sie sei auch in der Zukunft unsere
Richtschnur!“ (Lebhafter Beifall.)
Hierauf ergriff Reichsratsabgeordneter Franz Peschka
das Wort:
„Hochverehrte Herren! Ich danke zuerst dem Herrn Präsidenten und
dem Vorstand, daß Sie mich eingeladen haben, und ich erachte es auch als
Pflicht, als Vorsitzender des Aufsichtsrates bei der heutigen Festsitzung zu
erscheinen. Ich bin gern hergekommen, um an derselben teilzunehmen, und
erlaube mir, Ihnen bei diesem Anlaß die herzlichsten Glückwünsche auszu⸗
sprechen. Nehmen Sie die Versicherung entgegen, daß der Aufsichtsrat stets
an Ihren großen Aufgaben teilnehmen wird und so eifrig tätig sein wird,
wie es der Vorstand und der Ausschuß ist, weiter aber auch bestrebt sein
wird, überall dort einzugreifen, wo es gilt, auch in schwieriger Lage seine
Pflicht zu erfüllen. Das Genofsenschaftswesen ist eine Lebensbedingung
der Landwirtschaft und nur durch die Erkenntnis dieses Umstandes und in
dem Streben nach Ausgestaltung der Genossenschaften wird auch dieser
wichtige Faktor bei der Durchsetzung unserer übrigen agrarischen Aufgaben
die richtige Hilfe bringen. In dieser Richtung müssen wir es uns alle ange—
legen sein lassen, dasselbe zu fördern.“
Nach einigen präsidiellen Mitteilungen fand die Festsitzung
ihren Abschluß in einer Rede des Abgeordneten Kasper, der
u. a. nachstehendes ausführte:
„Unfere Festsitzung können wir nicht vorübergehen lassen, ohne eines
wichtigen Umstandes dankbar zu gedenken, daß der Verband bei der Wahl
seiner Funktionäre stets vom Glück begleitet war. Wir waren uns der
Schwierigkeiten der Aufgabe bewußt, als wir daran gingen, einen Verband
der Genossenschaften in unserem deutschen Böhmerland ins Leben zu rufen,
und wir waren uns auch der Arbeit bewußt, welche wir mit der Gründung
auf uns nahmen; wir haben aber auch großze Erfolge erzielt durch ernste,
zielbewußte, unverdrossene Arbeit. Das war aber nur zu erzielen durch
trammes, festes Zusammenwirken des Ausschusses und Vorstandes und
seines Oberhauptes, unseres Herrn Präsidenten.
Wir müssen es heute dankbar anerlennen, daß seine uneigennützige
und opferfreudige Betätigung im Dienst unserer Sache mit Ursache an den
erzielten Erfolgen ist. Er leistet nicht nur mit uns die größten Arbeiten,
er ist auch unermüdlich tätig und er scheut keine Mühen, wenn es gilt, die
Aufgaben des Verbandes zu erfüllen.
Wir haben in ihm eine große und tüchtige Kraft und unsere edle,
schöne deutsche Genossenschaftssache ist ihm vielen Dank schuldig. Deshalb
glaube ich, im Namen nicht nur des Ausschusses, sondern des ganzen Ver—⸗
bandes zu sprechen, wenn ich ihm am heutigen Tage Dank sage und Sie
bitte, sich zum Zeichen des Dankes von den Sitzen zu erheben.“ (Geschieht.)
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        Präsident Klinger dankte gerührt für diese Kundgebung
und versprach, auch weiterhin seine volle Kraft dem Verbande
zu widmen.
Wenn man in späteren Zeiten auf die Geschichte des Ver—
bandes zurückgreifen wird, dann muß wohl das Jahr 1907 als
besonders charakteristisch nach jeder Richtung hin hervorgehoben
werden. Mit dem Vollzug der weiteren inneren Festigung und
Ausgestaltung hat der Verband im großen geldwirtschaftlichen
Kampf des Jahres 1907 und der damit zusammenhängenden
Zinsfußfrage das ihm zustehende und zufallende große genossen—
schaftliche Ziel seiner organisatorischen Tätigkeit nicht nur un—
verändert im Auge behalten, sondern auch, auf die härteste
Probe gestellt, glänzend behauptet. Ein Sieg, der alle aufrich—
tigen Freunde unseres Genossenschaftswesens nach einer 10jäh—
rigen Tätigkeit voll befriedigen muß.

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