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        <title>Die Statistik und die Gesellschaftswissenschaft</title>
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            <surname>Reichesberg</surname>
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UND DIE

GESELLSCHAFTSWISSENSCHAFT.

VON

Dr. yue. NAUM REICHESBERG.
DOCENT FÜR NATIONALÖKONOMIE UND STATISTIK AN DER UNTVRRSITÄT BERN

STUTTGART.
VERLAG VON FERDINAND ENKE.
1893
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        _ Verlag von FERDINAND ENKE in STUTTGART. —
r Ft_ Pr der , ®
System der ”- "one" Fanomie.,

Von
Gustav Cohn,
ord. Professor der Staatsw‘ haften an der Universität Göttingen,
T Bard © = Alegung,
gr „05. zeh. M.7'
N. Band *”  ”wissenschaft.
gr. ® 889, seh. M. 16. —

Deshalb und nach seinen formellen und materiellen Vorzügen eignet sich
Cohns Werk in besonderem Girade für die Elite der höher gebildeten Klassen.
Staatsmännern, höhern Beamten, Parlamentariern und den doch gottlob noch
nicht ausgestorbenen Gelehrten und Ungelehrten, welche nach universeller
Lebensbildung im Sinne des Goetheschen Ideals streben. kann Cohns Buch gar
aicht genug empfohlen werden.
(Aus Prof. Dr. Adolf Wagners Besprechung des Werkes in den Jahrbüchern für
Nationalökonomie und Statistik. N. F. Bad. XI.)
Das Buch ist geistvoll und mit einer sprachlichen Durchsichtigkeit geschrieben,
 die es in hohem Grade zu einem Lesebuch für alle Gebildeten gezignet
 macht. Es ist nicht ein trockenes und langweiliges Aneinanderreihen
von Lehrsätzen, sondern eine anregende, gefällige, lebendige und elegante
Schilderung, die uns fesselt und packt.
‚Aus Prof. Dr. Meilis Besprechung des Werkes in der Zeitschrift für Handelsrecht.
Bd. XXXI.)
Wenn wir den Wert des ganzen Buches für unsre Wissenschaft kurz
ormulieren. sollen, so beruht er darauf, dass es energischer als irgend ein
ındres systematisches Werk, das bisher erschienen, die ganze Wissenschaft wieder
auf ihre wahren Quellen zurückführt, auf die psychologischen, sittlichen und
aistorischen Probleme; dass es jener Versteinerung und Verlederung der Wissenichaft,
 die durch eine scheuklappenartige Abschliessung auf die angeblich rein
volkswirtschaftlichen Fragen drohte, eine Vergeistigung und Ethisierung entzegensetzt,
 wie sie auch von seinen Vorgängern angestrebt, aber in dieser Weise
disher nicht erreicht wurde. Kin Teil der weiter notwendigen Ausbildung und
Jmwandlung, welcher die Nationalökonomie — nach unsrer subjektiven Üeberzeugung
 — noch entgegengeht, ist von Cohn noch nicht vollzogen. Kin erheb-‚icher
 Teil dessen, was er an den ältern Doktrinen korrigiert, ist Miteigentum
vieler Gesinnungsgenossen des Verfassers. Aber wir können nur wiederholen,
as ist das nirgends noch in solchem Zusammenhang, in so schöner Sprache,
mit so taktvollem Masse und dabei auch da, wo der Verfasser sich mit andern
berührt, doch in so eigenartiger, individueller Weise gesagt worden. Und desnalb
 wird das Buch nicht eines der zahllosen, rasch wieder den Fluten der
Vergessenheit anheimfallenden Lehrbücher sein, sondern es wird einen dauernden
Markstein in der Entwickelung unsrer Wissenschaft bilden,
“Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung u. Volkswirtschaft, X, 3.)
Aehnlich wie Leopold von Rankes Weltgeschichte zum ersten Male eine
wirkliche Weltgeschichte ist, in der der Meister, in voller Beherrschung allen
Materiales, sich loslösend aus allem verwirrenden Detail, in gewaltigen Zügen
zu uns von dem Werden dessen, was wir unsre Geschichte nennen, spricht, so
hat es auch Gustav Cohn verstanden, mit einem Blick die ganze Welt erfassend,
 uns mit meisterhaften Strichen den Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis
 über die letzten Gründe zu zeichnen, welche die wissenschaftlichen,
1. 1. die eigentlichen Grundlagen unsrer Gegenwart so gestalten, wie wir sie
vor uns sehen. (Deutsche Rundschau, 1886. S. 318)
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        DIE STA'

UND DIE

GESELLSCHAFTSWISSENSCHAFT.

Dr. Jur. NAUM: REICHESBERG,
DOCENT FÜR NATIOFALÖKONOMIE UND STATISTIK AN DER UNIVERSITÄT BERN.

STUTTGART.
VERLAG VON FERDINAND ENKE.
1893.
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Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart.
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        HERRN D®. AUGUST ONCKEN.

PROFESSOR DER NATIONALÖKONOMIE AN DER UNIVERSITÄT BERN

IN VEREHRUNGSVOLLER HOCHACHTUNG

ZÜUGEEIGNET.
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Die Methoden, deren sich einzelne Forschungszweige bedienen,
 scheinen mit den allgemeinen Grundanschauungen und
Bildungsergebnissen der jeweiligen Zeitperioden verbunden zu
sein und deren Entwicklung hängt mit dem Fortschreiten der
menschlichen Erkenntniss überhaupt aufs innigste zusammen.
Sind doch die einzelnen Wissenschaften am Ende nur Glieder
des Gesammtwissens der Menschheit, Glieder, die unter einander
 in engster Fühlung stehen und sich wechselseitig entscheidend
 beeinflussen, so dass man im Grossen und Ganzen
sagen kann, es könne in keiner Wissenschaft eine mehr oder
weniger tiefgreifende Aenderung eintreten, ohne dass deren
Wirkung auf den übrigen Wissensgebieten zu bemerken
wäre. Wenn demnach die Ueberzeugungen der Menschen über
Art und Weise, wie die Wahrheit erforscht werden könne,
über die Wege, auf welchen zu derselben am erfolgreichsten
zu gelangen wäre, eine Umwandlung erfahren haben, so geben
die einzelnen Wissenschaften diese Ueberzeugungen innerhalb
der Rahmen ihrer speciellen Aufgaben wieder, indem sie die
letzteren den neu erwachten Anforderungen gemäss zu lösen
suchen. Es kann aber zuweilen geschehen, und die Geschichte
der Wissenschaften giebt dafür viele Beispiele, dass auf einem
besonderen Wissensgebiet früher als auf allen anderen eine
Ideenströmung zur Entwicklung gelangt, während die anderen
Disciplinen noch tief in den Vorurtheilen einer veralteten Weltanschauung
 stecken. Dieser Vorsprung der betreffenden Disciplin

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        hat dann zur Folge, dass die zurückgebliebenen Forschungszweige
 allmälig unter den Einfluss der ersteren fallen, so
dass, wenn endlich auch auf ihren Gebieten die neuen Anschauungen
 zum Durchbruch gelangen, sie die ausgeprägten
Eigenthümlichkeiten der vorherrschenden Disciplin mit in den
Kauf nehmen müssen.
Bekanntlich waren es die Naturwissenschaften, denen es
vor allen gelungen ist, die Fesseln der mittelalterlichen Scholastik
 abzuschütteln und den Weg der exacten Erkenntniss zu
beschreiten. Die Naturwissenschaften waren es auch, die von
den materialistischen Ideen, welche namentlich im vorigen
Jahrhundert sich überall geltend machten, am frühesten durchdrungen
 wurden und die eingestandenermassen unter dem
Einflusse dieser Ideenrichtung die schönsten Blüthen zeitigten.
Sie haben es verstanden der Natur den Mund zu öffnen und
ihre Geheimnisse zu enthüllen, Bahnbrechende Entdeckungen
und sonstige wichtige Erfolge der Naturwissenschaften häuften
sich fast zusehends und riefen im menschlichen Herzen die
Hoffnung wach, das ganze Universum endlich einmal in seine
Bestandtheile wissenschaftlich zerlegen und den Gang des
Naturlaufes begreifen zu können. Angesichts dieser Sachlage
mussten naturgemäss die unfruchtbaren speculativen und rationalistischen
 Philosopheme, welche die Forderungen der aufstrebenden
 Naturwissenschaften nicht beachten wollten oder
konnten, allmälig in den Hintergrund treten und zuletzt
gänzlich verstummen. Die Naturwissenschaft nahm nun von
dem Platze am Ruder der öffentlichen Meinung, den die Philosophie
 zu verlassen gezwungen war, Besitz, und begann ihrerseits,
 wie früher ihre Vorgängerin, die öffentliche Meinung überwältigend
 zu beherrschen und zu beeinflussen. Die mechanische
Auffassungsweise der Dinge, der die Naturwissenschaft damals
huldigte, erfreute sich fast ungetheilten Beifalls und die wissenschaftliche
 Welt pflichtete Laplace!) bei. wenn er ausrief-‘)

 Laplace, Essai philosophique sur les probabilites. Deutsch
von Tönnies. 8.
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        Gäbe es einen Verstand, der für einen gegebenen Augenblick
alle die Natur belebenden Kräfte und die gegenseitige Lage
der sie zusammensetzenden Wesen kennen möchte und zugleich
umfassend genug wäre, diese Data der Analysis zu unterwerfen,
 so würde ein solcher die Bewegungen der grössten
Weltkörper und des kleinsten Atoms durch eine und dieselbe
Formel ausdrücken: für ihn wäre nichts ungewiss; vor
seinen Augen ständen Zukunft und Vergangenheit offen. —
Der Naturwissenschaft gelang es unterdessen in der That, die
scheinbar unregelmässigsten und zufälligsten Phänomene zu
erklären, indem sie in denselben die Wirkungen strenger,
unveränderlicher Gesetze entdeckte. Dadurch stärkte sie den
Glauben an eine feste Ordnung und Gesetzmässigkeit der
Dinge; alle übernatürlichen, metaphysischen Kräfte wurden
aus dem Weltmechanismus hinausgeschoben und die „göttliche
 Gewalt“ fand keinen Platz mehr im Kreislaufe der
Natur.
Unter dem unmittelbaren Einflusse dieser naturwissenschaftlichen
 Anschauungen fand auch auf dem Gebiete des
Wissens vom Menschen und dem menschlichen Zusammenleben
ein vollständiger Umschwung statt. Aus dem Beherrscher der
Natur, zu dessen Nutz und Frommen dieselbe vom gütigen
Schöpfer aus dem Nichts geschaffen worden sei, wird der
Mensch zu einem verschwindend kleinen Theilchen eines blinden
Mechanismus, eines Mechanismus, dessen Geheimnisse zur Zeit
vor ihm verschlossen liegen und dessen Anfang und Ende er
nicht kennt. Anstatt die Natur nach seinem Gutdünken im
Vertrauen auf die göttliche Vorsehung zu beherrschen, scheint
er nunmehr von derselben beherrscht zu werden, indem sein
Leben dieselbe Gesetzmässigkeit aufweist, wie beim Dasein der
leblosen Wesen. Wenn man aber in der leblosen Natur die
Begebenheiten vorherbestimmen kann, im Falle man die Gesetze
derselben kennt, warum sollte man es nicht wagen dürfen,
auch auf dem Gebiete des menschlichen und gesellschaftlichen
Lebens nach unveränderlichen Gesetzen zu forschen, um
auch auf diesem Gebiete einen tieferen Finhliek in das natürliche
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        Gefüge zu gewinnen? Und so meint denn z. B. Condorcet'):
Wenn der Mensch mit fast vollkommener Zuverlässigkeit die
Erscheinungen vorhersagen kann, deren Gesetze er kennt, wenn
er selbst, im Falle sie ihm unbekannt sind, nach der Erfahrung
aus dem Vergangenen mit vieler Wahrscheinlichkeit die Ergignisse
 der Zukunft vorhersagen kann, warum sollte man das
Unternehmen, mit einiger Wahrscheinlichkeit das Bild von den
künftigen Bestimmungen der Menschheit nach den Resultaten
ihrer Geschichte zu entwerfen, für eine nichtige Träumerei
erachten? Der einzige Grund des Glaubens in den natürlichen
Wissenschaften ist der Gedanke, dass die allgemeinen bekannten
Gesetze, welche die Erscheinungen des Weltalls bestimmen,
nothwendig und bleibend sind; und warum sollte dieser
Grundsatz in Bezug auf die Entwicklung der geistigen
 und sittlichen Kräfte des Menschen minder wahr
sein, als in Rücksicht auf andere Wirkungen der
Natur? — Ueberall machte sich nun das Bestreben geltend,
nach den Gesetzen des menschlichen Zusammenlebens zu forschen
 und Auguste Comte war es, der es in dem ersten Viertel
dieses Jahrhunderts unternommen hat, eine Wissenschaft der
menschlichen Gesellschaft zu construiren, eine Wissenschaft,
deren Sätze im Wege der naturwissenschaftlichen Methode,
der Induction, gewonnen werden sollten.
Aber auch schon vor Comte haben einzelne Forscher es
sich angelegen sein lassen, die Principien der Naturwissenschaft
 auf das Gebiet des gesellschaftlichen Lebens zu überiragen.
 Namentlich waren es ausser den Physiokraten, die
sozusagen eine Naturlehre des wirthschaftlichen und socialen
Lebens lieferten ?), hauptsächlich Mathematiker, wie Leibnitz,
Pascal, Condorcet, die den Boden für das zukünftige Gedeihen
 der Gesellschaftswissenschaft vorbereiteten, indem sie
darauf hinwiesen, wie z. B. der letztgenannte es that, dass

') Condorcet, Entwurf eines historischen Gemäldes der Fortschritte
 des menschlichen Geistes. 275.
?) Vgl. hierüber Oncken, Art. „Quesnay“ im Handwörterbuch f.
Staatswissenschaften, Bd. 5.
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        jes vErites des sciences morales sont susceptibles de la meme
certitude que celles qui forment le systeme des sciences physiques,
 et meme que les branches de ces sciences qui, comme
’astronomie, paraissent approcher la certitude math6matique *).
Angeregt durch die Gedanken dieser Männer, liess sich
der belgische Mathematiker und Astronom Ad. Quetelet
dazu bewegen, fast gleichzeitig mit Comte eine Physique
sociale auszuarbeiten, die auf dem Laplace’schen Gedanken
beruht, dass die menschlichen Handlungen, die so unregelmässig
 und zufällig erscheinen, wenn man dieselben vereinzelt
betrachtet, in grossen Zahlen zusammengenommen eine überraschende
 Beharrlichkeit und Regelmässigkeit aufweisen.
Seit ungefähr Anfang dieses Jahrhunderts besteht in
Frankreich die Einrichtung, die später auch in den übrigen
Staaten eingeführt wurde, dass alljährlich amtliche Berichte
veröffentlicht wurden über die Zahl und Art der stattgefundenen
Verbrechen und Vergehen, über die Zahl der Verurtheilungen
und Freisprechungen, Berichte, die, kurz gesagt, über die
Thätigkeit des gesammten Criminaljustizorganismus Rechenschaft
 ablegen. Diese Comptes generaux de Vadministration
de la justice criminelle en France gaben Anlass zu denjenigen
Untersuchungen, die Guerry?) im Jahre 1834 unter dem
Namen Moralstatistik zusammenfasste. Namentlich schöpfte
aus den genannten Comptes gEn6raux Quetelet den Stoff für
seine in gewisser Hinsicht epochemachenden Forschungen. Eine
unzählige Masse von Daten, ohne jedweden Zusammenhang,
ahne jedwede Ordnung, waren da unter den verschiedenartigsten
 Rubriken und Abtheilungen zusammengehäuft und
Quetelet fiel es nun ein, zu versuchen, dieselben unter Festhaltung
 der Principien der Wahrscheinlichkeitsrechnung in
ähnlicher Weise zu bearbeiten, wie einst Graunt, Halley,
Petty u. A. die Sterblichkeitslisten verschiedener Bevölkerungen
 bearbeitet hatten. Dieser Versuch ist auch nicht ohne
?) Condorcet, Essai sur l’application de Vanalyse &amp;amp; la probabilite
 des deeisions &amp;amp; 1a pluralite de voix (Par. 1785) Pref,
2) Guerry, Statistique morale de la France. 1834.
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        10

Erfolg geblieben. Nachdem die Arbeit vollendet war, stellte
gs sich heraus, dass die Zahl der jährlich begangenen Verbrechen
 während einer ganzen Reihe von Jahren fast unveränderlich
 zu sein schien. Dieses auf den ersten Blick
so überraschende Resultat musste in jener Zeit der zumal in
den romanischen Ländern vorherrschenden materialistischen
Weltanschauung begreiflicherweise das Gefühl wachrufen, als
stehe die Menschheit unter der Herrschaft eines Fatums, dessen
Wirkung sie sich nicht zu entziehen vermag. Hatte doch
Quetelet selbst angesichts der erlangten Ergebnisse seiner
Forschungen mit Begeisterung ausgerufen: Cette constance,
avec laquelle les mömes crimes se reproduissent annuellement
dans le meme ordre et attirent les memes peines dans les
memes proportions, est un des faits les plus curieux que nous
apprennent les statistiqgues tribunaux; je me suis particulierement
 attache a la mettre en Evidence dans mes differents ecrits;
je n’ai cess6 de r6peter chaque annge: il est un budget,
guon paie avec une r6gularite effrayante, c'est celui
des prissons, des bagnes et des £chafauds ... et, chaque
annge les nombres sont venus confirmer mes previsions ä tel
point, que j’aurais pu dire, peut-etre avec plus d’exactitude:
il est un tribut, que l’homme acquitte avec plus de r&amp;amp;gularıte
 que celui qu'il doit ä la nature ou au tresor de l’Eitat,
g’est celui qu'il paie au crime! !) Und der Philosoph Lotze ®), obgleich
 nicht selbst Anhänger der materialistischen Anschauungsweise,
 meinte, überrascht durch diese Ergebnisse: Nachdem
wir wissen, dass der allgemeine Haushalt der Welt gewisse
jährliche Summen der Verbrechen ebenso zu erfordern scheint,
wie eine gewisse Grösse der Temperatur: seitdem liegt es nahe,
auch in dem geistigen Leben den ununterbrochenen Zusammenhang
 eines blinden Mechanismus zu sehen. — Aber nicht
nur die verbrecherischen Handlungen wurden einer derartigen
Untersuchung unterbreitet. Auch bei den scheinbar willkürlichsten
 menschlichen Handlungen, wie Heirathen. Selbst-N
 Quetelet, Sur "’homme I. 8—9.
2? Lotze, Mikrokosmos I. 26.
        <pb n="12" />
        - 11

morde ete., stellten sich ähnliche Resultate heraus: überall
constante Zahlen, überall Regelmässigkeit und Ordnung, und
namentlich auf denjenigen Gebieten, wo man früher ausschliesslich
 das Walten freier Willensentscheidungen wähnte. Jetzt
glaubte Quetelet!) mit Sicherheit folgende These aufstellen
zu können, da die Wahrheit durchaus auf seiner Seite zu sein
schien: Tout semble dependre de causes determinees ... Une
annee reproduit si fidelement les chiffres de l’annee qui a prec6dE,
 qu’on peut pr&amp;amp;voir ce que doit arriver dans l’annge qui
va suivre.
Diese Ideen Quetelet’s wurden durch Buckle’s geistvolle
 „Geschichte der Civilisation in England“ vor die grosse
Masse der Gebildeten gebracht. Durch dieses Buch wurde
alle Welt von Interesse für die Moralstatistik erfüllt, und die
Ergebnisse der letzteren wurden auf die Tagesordnung der
wissenschaftlichen Discussion gesetzt.
Allein nicht die Moralstatistik als solche und deren Bedeutung
 für die HErkenntniss des gesellschaftlichen Lebens
war es, die zunächst das Publikum fesselte. Die Ansichten
der gebildeten Kreise, betreffend die Möglichkeit einer wissenschaftlichen
 Auffassung des menschlichen Zusammenlebens und
die Aufstellung einer exacten Socialwissenschaft auf streng
wissenschaftlicher Basis, blieben fast dieselben wie früher;
d. h. man war jetzt ebensowenig im Stande, auf diese Frage
eine entschiedene Antwort zu geben, und tappte in dieser
Hinsicht wie bisher im Dunkeln. Vielmehr war es die Tendenz,
 mit der die neuen Lehren auftraten, die das gewaltige
Aufsehen erregte ?).
N Quetelet, Statistique morale 1848, $$ 35, 40.
?) Mit Recht bemerkte Rehnisch (Z. f. Philosophie und phil.
Kritik, Bd. 68, S. 258), dass es für das Publikum jener Zeit (30er bis
40er Jahre) sehr charakteristisch war, dass die Thesen des Materialismus
im Grund aller Welt imponirten; nicht bloss im Lager der Anhänger
des Materialismus, sondern auch in den Kreisen der Antimaterialisten,
wenn es auch freilich dort festlicher Andachtsschauer und triumphirende
Begeisterung war, was man bei diesen Sätzen empfand. hier dagegen
ein Zustand geheimen Unbehagens.
        <pb n="13" />
        12

Quetelet, besonders aber seine Nachfolger, glaubten in
den Ergebnissen der Moralstatistik den stricten Beweis für
das Nichtvorhandensein der menschlichen Willensfreiheit gefunden
 zu haben, indem sie behaupteten, die letztere vertrage
sich nicht mit der natürlichen Gesetzmässigkeit alles Geschehens.
Aus einer unbeschränkten Selbstbestimmung, meint der hervorragende
 deutsche Vertreter der Queteletschen Anschauungen
 !), einer nicht bestimmt werdenden, sondern frei
bestimmenden Willensfreiheit — dieses letztere als bewegende
Ursache gedacht —, können wir nur ein ganz regelloses Spiel,
nicht aber eine fest geregelte Ordnung unserer Handlungen
ableiten. Und weiter ?): Wie viele Betrachtungen und Ueberlegungen
 werden den Verheirathungen von im Alter sehr verschiedenen
 Personen und den Ehescheidungen in der Regel
vorausgehen, und schliesslich siegen die „Verhältnisse“, wie
wir es im gewöhnlichen Leben zu nennen pflegen, oder „erfüllt
 sich das Gesetz“, wie man fast sagen möchte; es
fehlen, so scheint es, um die Regelmässigkeit herzustellen,
noch einige Fälle, welche nun eintreten: die Heirathenden
und die sich Scheidenden meinen nach freiem Entschlusse
 zu handeln und sind doch nur ein dienendes
Glied zur Vollziehung des Gesetzes.
Diese Anschauungen sind typisch für die ganze Richtung.
Wie Knapp”) sehr richtig hervorhebt, kämpfte dieselbe gegen
einen Begriff der Willensfreiheit, der eigentlich bereits mehr
als hundert Jahre als überwunden zu betrachten ist. Denn in
der That könnte es in diesem Jahrhundert Niemanden einfallen,
 den menschlichen Willen als etwas Ursachloses, als
eine Kraft, die ausserhalb des causalen Zusammenhanges der
Dinge stünde, anzunehmen. Diejenigen, welche die sittliche
Freiheit des Menschen zu vertheidigen suchten, haben längst

A. Wagner, Die Gesetzmässigkeit in den scheinbar willkürlichsten
 menschlichen Handlungen. 8.
?) Ibid. 20.
3) Knapp, Die neueren Ansichten über Moralstatistik. Hild.-Conrad’s
 Jahrb. 1871.
        <pb n="14" />
        12?

eingesehen, dass, von anderen Gründen abgesehen, es überhaupt
 gar nicht nothwendig sei, darauf zu bestehen, der
menschliche Wille wäre frei von jeder äusseren Einwirkung,
von. jedem äusseren Einfluss; vielmehr glaubten sie im Gegen-‘heil,
 dass gerade die Möglichkeit, das Wollen unter den Ein-Auss
 der Vernunft, der wohlüberlegten Einsicht zu stellen,
die sittliche Freiheit erst recht begründe. Denn je stärker
dieser Einfluss ist, desto unabhängiger, so meinten sie, dürfte
sich die Thätigkeit der menschlichen Individuen gestalten, denn
in demselben Maasse würden die äusseren Umstände sowohl
als die blinden Kräfte der Natur aufhören, eine ausschlagyebende
 Rolle im menschlichen Leben zu spielen. Und Lotze*)
befindet sich auch in vollem Recht, wenn er behauptet, dass
alle Hoffnung der Erziehung und alle Arbeit der Geschichte
oben auf der Ueberzeugung von der Lenkbarkeit des Willens
durch das Wachsthum der Einsicht, durch die Veredelung der
Gefühle und die Verbesserung der äusseren Lebensbedingungen
beruht. Diese Ansicht verstösst in keiner Weise gegen den
Determinismus, die Grundlage der modernen Wissenschaft.
Denn aus der Thatsache, dass keine Erscheinung ohne Ursache
 zu denken ist, folgt doch nicht, dass der menschliche
Wille seinerseits nicht Ursache künftiger Erscheinungen sein
kann. Und wenn der Mensch die Naturerscheinungen combiniren,
 umändern, ja vollständig beseitigen kann, wenn er
die Gesetze, welche sich in den betreffenden Erscheinungen
äussern, kennt, so dürfte es doch gerechtfertigt sein, anzunehmen,
 dass er auch sein eigenes Leben und Streben, seine
eigenen Handlungen seinen Wünschen gemäss zu gestalten
und, wo nöthig, umzuändern im Stande sein wird, wenn er
mehr Einsicht in das Innere seiner selbst und in das Gefüge
des gesellschaftlichen Organismus gewonnen hat, Wie ausnahmslos
 die Gesetze der socialen Entwicklung sein mögen,
sie können nicht ausnahmsloser oder strenger sein, als die der
Naturkräfte; und ‘doch kann der menschliche Wille diese in

) Lotze a. a. O0. II. 78.
        <pb n="15" />
        Werkzeuge seiner Absichten verwandeln, und der Grad, in
welchem er dies thut, macht den Hauptunterschied aus zwischen
 dem wilden und dem höchsteivilisirten Menschen. Menschliche
 und sociale Thatsachen sind in Folge ihrer verwickelteren
Beschaffenheit nicht weniger, sondern mehr modificirbar, als
chemische und mechanische Thatsachen; sie sind daher menschlichen
 Einwirkungen in noch grösserem Maasse zugänglich N.
Nicht also gegen den leeren, nichtssagenden Begriff der „Freiheit
 des Willens“ hätten die Vertreter der oben genannten Richtung
 ihre Lanze richten sollen, denn Niemand hat ja z. B.
Buckle widersprochen, er fand im Gegentheil Zustimmung
auch unter den Vertheidigern der sittlichen Freiheit der Menschen,
 wenn er sagte: Glücklicherweise braucht jedoch, wer
an die Möglichkeit einer Wissenschaft der Geschichte glaubt,
weder die Ansicht von der Vorherbestimmung , noch die von
der Willensfreiheit zu theilen, und alle Zugeständnisse, die
ich hier von ihm erwarte, sind: dass, wenn wir eine Handlung
 vollbringen, dies aus einem Beweggrunde oder
aus Beweggründen geschieht; dass diese wieder die Folgen
aus etwas Vorhergegangenem sind, und dass wir folglich, wenn
wir mit Allem, was vorhergegangen, und mit allen Gesetzen,
nach denen es erfolgt, bekannt wären, mit unfehlbarer Gewissheit
 alle unmittelbaren Ergebnisse davon vorhersagen
könnten ?). — Erklärt doch selbst Oettingen?), er verstehe
unter Freiheit die Bewegung gemäss dem einem Wesen innerlich
 inhärirenden, ihm ‘eigenthümlichen Gesetze. Und der
Herbartianer Drobisch“) meint, der Freiheitsbegriff könne
auch als Determinismus bezeichnet werden: allein das «ei

') Mill, System der deduetiven und inductiven Logik. Deutsch
von Compertz. IM. 252,
?) Buckle, Geschichte der Civilisation in England. Deutsch von
Ruge. I. 16.
5 Oettingen, Moralstatistik. 1. Aufl. 296.
‘“ Drobisch, Die moralische Statistik und die menschliche
Willensfreiheit. 69,
        <pb n="16" />
        15 —

innerer Determinismus, nicht äusserer, der freilich jede persönliche
 Selbstbestimmung ausschliesse,
Dieser Streit würde unseres Erachtens schon längst glücklich
 zu Ende geführt worden sein, hätten die Männer, welche
die Willensfreiheit leugneten, ihre Gegner besser verstehen
wollen, denen es darum zu thun war, nicht die Ursachlosigkeit
 des Willens zu behaupten, sondern ausschliesslich
Jie Selbstbestimmung der Persönlichkeit zu sichern.
Es handelte sich eben darum, festzustellen, ob über den Menschen
 ein blinder Fatalismus herrsche, oder ob sie die Möglichkeit
 besitzen, durch zielbewusste Thätigkeit ihr eigenes
Geschick zu lenken und zu bestimmen. Allein eines muss zugegeben
 werden, und dieser Punkt ist von sehr hoher Bedeutung,
 dass nämlich dieses letztere Problem durchaus nicht
mit denjenigen Mitteln aufzulösen ist, die bis vor Kurzem zu
liesem Behufe angewandt zu werden pflegten. Einzig und
allein auf dem Boden der Gesellschaftswissenschaft dürfte eine
befriedigende Lösung des gekennzeichneten Problems gefunden
werden, und dabei wird voraussichtlich der Statistik und namentlich
 der Moralstatistik, wenn nicht gerade ein entscheidendes,
 so doch ein überaus gewichtiges und einflussreiches Wort
zustehen, da es ja überhaupt die Statistik ist, von deren Gedeihen,
 wie es heutzutage allgemein immer mehr anerkannt
wird, das Gedeihen der Gesellschaftswissenschaft in sehr hohem
Maasse abhängt. Diese hochwichtige Bedeutung der Statistik
wurde aber leider bis vor Kurzem fast gänzlich übersehen,
und so ist es begreiflich, dass, nachdem der Rausch, den die
Ergebnisse der moralstatistischen Untersuchungen durch ihre
Neuheit verursacht hatten, vorüber war, sich die früheren Belenken
 gegen die Möglichkeit einer exacten Wissenschaft vom
menschlichen Zusammenleben wieder einstellen mussten.
        <pb n="17" />
        16

{T.

Wenn wir von den Anschauungen der Theologen, mit
denen die Wissenschaft nichts zu thun hat, einerseits, und
von der Controverse über Nothwendigkeit und Freiheit, die
in den oben hervorgehobenen Streit über die Willensfreiheit
hinausläuft, andererseits, absehen, so tritt uns die allerverbreitetste
 Ansicht entgegen, welche die Möglichkeit der Gewinnung
 fester socialer Gesetze dadurch bestreitet, dass sie
sich auf die Behauptung stützt, die Erscheinungen der Natur
hätten einen durchaus typischen Charakter, während diejenigen
des menschlichen Lebens und des Lebens der Menschheit
äusserst individualisirt seien. In der Natur genüge es, irgend
eine Thatsache nach allen Seiten hin genau zu erforschen und
die gewonnenen Resultate behielten ihre Geltung ohne Weiteres
für eine ganze Reihe ähnlicher Thatsachen. Und in der That
ist jeder Wassertropfen z. B. dem anderen durchaus ähnlich,
kein einziger Maikäfer unterscheidet sich durch irgend etwas
von seines Gleichen, kein Sperling wird durch den anderen
auf irgend eine Weise übertroffen u. s. w. Die Veränderungen,
die Umwandlungen, die etwa in den Erscheinungen der Natur
vorkommen mögen, bewegen sich innerhalb genau umschriebener
 Grenzen, so dass wiederum die einmal gemachten Beobachtungen
 vollkommen angewandt werden können auf die
ganze Klasse der betreffenden Erscheinungen. Es versteht
sich nun von selbst, dass die Gesetze solcher Erscheinungen
mit verhältnissmässiger Leichtigkeit genau festgestellt werden
können. Etwas ganz anderes ist es nun mit der Beobachtung
geistiger, intellectueller Phänomene, ebenso der Phänomene
des gesellschaftlichen Lebens. Kein Mensch ist dem anderen
gleich, in welcher Beziehung immer man ihn auch betrachten
möge. Was der Eine für gut hält, hält der Andere für
schlecht, was bei Einem Entzücken hervorruft, kann bei einem
Anderen Bestürzung und Unbehagen hervorrufen; ja bei einem
und demselben Individuum ist z. B. das Gefühl der Freude
von heute durchaus verschieden von dem ähnlichen Gefühl
        <pb n="18" />
        17

von gestern. Die Gefühle, das Denken, das ganze Innere
eines Menschen befindet sich in ewiger Bewegung, es rastet
in ihm keinen Augenblick, und der nächste Moment ist dem
gegenwärtigen bereits in vielfacher Hinsicht nicht mehr ähnlich,
Und nun gar die Geschichte! Wer weiss es nicht, wie
die Zeiten in der Geschichte wechseln, wer weiss es nicht,
dass jede Thatsache der Geschichte einzeln dasteht, ohne mit
einer „ähnlichen“ wirklich in allen Punkten übereinzustimmen.
Können z. B. die Arbeiterbewegungen von heute und diejenigen
des klassischen Alterthums in allen Stücken auf gleiche Stufe
gestellt werden? Hat je die Geschichte einen ähnlichen Kosmopolitismus
 des Kapitals gesehen, wie ihn die Gegenwart hervorgebracht
 hat? Es giebt keine einzige geschichtliche Erscheinung,
 welche in ihrer vollen realen Wirklichkeit
zweimal im Verlaufe der Zeiten aufgetreten wäre. Es gehört
viel Einbildungskraft dazu, zwei sogenannte ähnliche geschichtliche
 Erscheinungen wirklich ähnlich zu finden; bei etwas
näherer Betrachtung hört sofort alle Aehnlichkeit auf, und
es stellt sich im Gegentheil eine ganze Reihe von Verschiedenheiten
 heraus, die den durchaus besonderen Charakter der
auf den ersten Blick ähnlich befundenen Thatsachen darthun.
 Und diese Verschiedenheit der geschichtlichen Ereignisse
 wird immer grösser, die Individualität derselben immer
schärfer ausgeprägt, je rascher und erfolgreicher die Menschheit
 in ihrer Entwicklung fortschreitet,
Angesichts dieser allgemein anerkannten Thatsachen fand
man es für zweifelhaft, dass es irgend je werde gelingen
wollen, in diesem bunten Wirrwarr der Erscheinungen eine
Gesetzmässigkeit festzustellen, geschweige denn die Gesetze
selbst aufzufinden, nach welchen etwa dieses scheinbare Durcheinander
 sich thatsächlich bewegt. Kein Gesetz, so glaubte
man, sondern überall Zufall; der Zufall sei auf diesem Gebiete
ausschliesslich Herr; dieser aber könne nicht Gegenstand der
wissenschaftlichen Erkenntniss sein, weil er für den menschlichen
 Verstand durchaus unberechenbar ist.
Mit dieser Ansicht hat, wie bereits hervorgehoben wurde,
Reichesbereg, Die Statistik und die Gesellschaftswissenschaft. 2
        <pb n="19" />
        - 18 —

die Gesellschaftswissenschaft am meisten zu kämpfen. Denn
ungeachtet der Bestrebungen der Geschichtsphilosophen, die
darauf hinausgingen, ein sogenanntes Entwicklungsgesetz zu
construiren, welches sämmtliche Erscheinungen der Weltgeschichte
 sozusagen mit einem Schlage erklären sollte, und
trotz der nicht zu unterschätzenden Leistungen der modernen
Sociologen von der Richtung Auguste Comte’s, ist die gekennzeichnete
 Ansicht die allerverbreitetste; und nicht nur
beim gebildeten Publicum, sondern auch in der Gelehrtenwelt
findet dieselbe ihre eifrigen Vertreter. Vielleicht aber haben
die Geschichtsphilosophen und die genannte sociologische Schule
selbst theilweise Schuld an dieser Verwirrung! Ja, uns dünkt
es sogar, dass namentlich diese Gelehrtenschulen es waren,
welche die obige Ansicht zum Theil, wenn auch unwillkürlich,
geradezu gefördert haben.
Alle Geschichtsphilosophie beruht, unserer Ansicht nach,
bewusst oder unbewusst auf dem Glauben an das Vorhandensein
 eines Zieles alles Geschehens, sie beruht auf der Annahme,
 die Begebenheiten der Weltgeschichte gingen nach
einem bestimmten Plane vor sich, der sich im Allgemeinen
sowohl in den grösseren Geschichtsperioden als in den einzelnen
 Erscheinungen der Geschichte offenbare. Nun ist dies
eben ein Glaube, dessen Inhalt die Wissenschaft weder zu
bestätigen noch mit Bestimmtheit abzuleugnen vermag. Allein
eines ist gewiss, nämlich dass bei dem Versuch, diese Ziele
der Weltentwicklung und deren Plan etwas näher anzugeben,
der Geschichtsphilosoph sich auf sehr schwankendem Boden
befindet; er verlässt den festen Boden der Wissenschaft und
begibt sich in das Reich der Dichtung, wo die Gefühle, die
Sympathien und Ueberzeugungen, ja die Vorurtheile des Geschichtsphilosophen
 eine hervorragende Rolle spielen. Denn
es ist ja augenscheinlich, dass wenn wir von einem Plane oder
Ziele irgend einer Erscheinung sprechen, wir diese Erscheinung
 in ihrer vollen Realität, in ihrer sozusagen vollendeten
Gestalt kennen müssen, oder wir müssen wenigstens im Stande
gewesen sein, eine ähnliche Erscheinung irgend wann in Augen-
        <pb n="20" />
        19

schein genommen zu haben, Besonders gilt dies aber anlässlich
 derjenigen Erscheinungen, die einen Process darstellen,
sin Werden, dessen jedes spätere Moment von dem nächstliegenden
 sich durch irgend etwas unterscheiden muss. Dass
dies bei der Betrachtung der Geschichte als Ganzes nicht der
Fall sein kann, versteht sich von selbst, und es hiesse
nur der Logik Gewalt anthun, wollte man behaupten, dass
die sogenannten Principien, die der Entwicklung der Menschheit
 in der Vergangenheit zu Grunde gelegen haben sollen,
auch für alle Zukunft volle Geltung behalten werden. Nun
liegt aber eben dieser Gedanke jedem geschichtsphilosophischen
Systeme zu Grunde. Jeder Geschichtsphilosoph ist überzeugt,
ein solches durchziehendes Princip gefunden zu haben, das
universell genug sei, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
 des Menschengeschlechtes wie in einem Brennpunkte zu
vereinigen, und das im Stande sei, nicht nur jede einzelne
Begebenheit des geschichtlichen Lebens zu beleuchten und zu
erklären, sondern geradezu das Schicksal aller Bestrebungen
und Kämpfe im Voraus zu erschliessen. Nun braucht man
aber nicht besonderen Scharfblick zu haben, um einzusehen,
dass diese Principien nichts anderes sind als Phantasieproducte
ler Geschichtsphilosophen, die in keinem Fall den Anspruch
auf allgemeine Anerkennung erheben dürfen. Jeder Geschichtsphilosoph
 sieht in der Geschichte nur das, was er, durch seine
Bildungsart, überhaupt durch seine ganze Lebensstellung veranlasst,
 sehen will, und er kann auch nicht anders. Und
zo giebt es eine unzählige Menge von Systemen, die einander
widersprechen und zum Theil widerlegen, die aber mit einander
das gemein haben, dass sie durch ein gleiches Verfahren von
ihren Schöpfern in die Welt gesetzt worden sind. Denn man
braucht nur einen flüchtigen Blick auf die geschichtsphilosophischen
 Systeme zu werfen, um sich zu überzeugen, dass
die Geschichtsphilosophen in einseitigster Weise nur das aus
der Geschichte herauszuholen pflegen, was ihnen zur Bestätigung
 ihrer vorgefassten Meinung dienen kann, während alles
das, was diesen Zwecken nicht nützlich oder gar widersprechend
        <pb n="21" />
        20

erscheint, von ihnen aufs sorgfältigste mit Todtschweigen übergangen‘
 oder im besten Falle für nicht beachtenswerth erklärt
 wird.
Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, uns in eine eingehende
 Kritik der einzelnen Systeme einzulassen, allein es
dürfte schon aus dem Gesagten klar werden, dass diese Systeme
nicht nur am wenigsten dazu beitragen konnten, den Glauben
an eine Gesetzmässigkeit der Erscheinungen des menschlichen
Zusammenlebens zu befestigen, sondern dass sie in Folge ihrer
Unwissenschaftlichkeit diesen ohnehin. nicht leicht zu fassenden
Gedanken in den Augen des Publicums geradezu in Misskredit
bringen mussten.
Nun glauben wir noch einen Punkt etwas näher berühren
zu müssen, der für das Verständniss des Grundgedankens dieser
Schrift von hoher Bedeutung ist.
Bekanntlich haben manche Geschichtsphilosophen es versucht,
 sogenannte Entwicklungsgesetze der Geschichte
aufzustellen, die den Gang der historischen Ereignisse auszudrücken
 hätten. Diese Entwicklungsgesetze sollen, wie behauptet
 wird, auf wissenschaftlichem Wege mittelst gründlichen
 und mühevollen Studiums der geschichtlichen Ereignisse
aus den Thatsachen selbst abgeleitet worden sein, so dass wir
in diesen nicht mehr subjective Ansichten einzelner Gelehrten
vor uns hätten, sondern objective, feststehende Formeln, die
von jedermann auf ihre Richtigkeit und Wahrheit geprüft
werden könnten. Allein bei etwas näherer Betrachtung und
etwas tieferem Nachdenken stellt sich uns die ganze Angelegenheit
 in ganz anderem Lichte dar, und wir sehen uns dann gedrängt,
 anzunehmen, dass die Lehre von den sogenannten
Entwicklungsgesetzen der Geschichte auf einem durchaus falschen
 Begriff eines Gesetzes beruht.
Ohne die von verschiedener Seite aufgestellten Entwicklungsgesetze
 zu charakterisiren, wollen wir es versuchen, zu
beweisen, dass der Begriff eines Entwicklungsgesetzes
der Geschichte, der den Ausführungen eines Vico, eines
Herder, und wie sie alle heissen mögen, zu Grunde liegt, in
        <pb n="22" />
        21

sich eine logische Ungereimtheit enthält. Daraus wird sich
schon von selbst ergeben, dass überhaupt alle bis nun aufgestellten
 Entwicklungsgesetze der Geschichte den Anforderungen
 einer wissenschaftlichen Kritik kaum genügen dürften
bei aller Anerkennung der sonstigen Verdienste und Leistungen
der genannten und anderer Geschichtsphilosophen.
Bekanntlich erkennt die Wissenschaft zweierlei Arten von
Gesetzen an. Erstens die sogenannten ursächlichen Gesetze,
um Mills Ausdruck zu gebrauchen; das sind Gesetze, welche
die Wirkungen ‚elementarer Grundursachen in ihrer abstracten
[solirung darstellen !). Die Aufstellung solcher Gesetze ist
das endgiltige Ziel jedes wissenschaftlichen Erkennens, da
Erkennen nichts anderes heisst, als das Geschehen auf seine
letzten Ursachen zurückzuführen und dasselbe aus den Wirkungen
 der letzteren zu begreifen. Diese letzten Ursachen
werden Kräfte genannt, und diese sind es, deren Aeusserung
den Inhalt der ursächlichen, oder wie man sie anders nennt,
exacten Gesetze ausmacht. Ein exactes Gesetz ist demnach,
um mit Rümelin?) zu sprechen, der Ausdruck für die elementare,
 constante, in allen einzelnen Fällen als Grundform
erkennbare Wirkungsweise von Kräften.
Allein es versteht sich von selbst, dass nicht immer und
ebenso nicht auf allen Gebieten der wissenschaftlichen Forschung
 die Auffindung von exacten Gesetzen von vorne
herein möglich ist. Je höher wir in der Ordnung des Daseins
 hinaufsteigen, desto complicirter , reichhaltiger sind die
zu untersuchenden Phänomene, und es gehört nicht nur viel
Beobachtungskraft, sondern auch ein streng geschultes logisches
 Denken dazu, um hier überhaupt nur irgend welche
Ordnung und Regelmässigkeit wahrnehmen zu können. In
diesem Falle sieht sich die Wissenschaft auf eine Zeitlang,
d. h. bis es ihr auf Grund des inzwischen angesammelten
Wissens möglich wird, anders zu verfahren, mit der Aufstellung

) J. St. Mill a. a. O. IL Cap. XVI.
’) Rümelin, Begriff eines socialen Gesetzes. Red. u. Aufs, I. 5.
        <pb n="23" />
        22

von sogenannten empirischen Gesetzen zu begnügen, Gesetzen
 im uneigentlichen Sinne dieses Wortes. Dies sind Gesetze,
 welche nur Gleichförmigkeiten in den wirklichen Erscheinungen
 feststellen, oder den beobachteten Zusammenhang
zwischen irgend welchen wirklich vorhandenen Phänomenen
ausdrücken !). Sie werden ausschliesslich auf dem Wege der
Beobachtung oder des Experiments bestimmter Vorgänge bezw.
mit bestimmten Vorgängen gewonnen, und in Folge dessen behalten
 sie ihre Giltigkeit nur innerhalb gewisser genau umschriebenen
 Grenzen, im Gegentheil zu den exacten Gesetzen,
die unbekümmert um die zeitlichen und örtlichen Verhältnisse
mit Naturnothwendigkeit zur Geltung gelangen. Das Gesetz
der Gravitation, z. B., wirkt überall und immer, wo es zur
Anwendung kommt, auf eine und dieselbe Weise, wie dies
die mathematische Formel dieses Gesetzes bezeugt, während
dagegen das empirische Gesetz der Nachfrage und des Angebots
 wirthschaftlicher Güter nur innerhalb einer bestimmten
Produetions- und Gesellschaftsordnung zu Tage tritt und verliert
 jeden vernünftigen Inhalt, wollten wir dasselbe etwa auf
den Zustand eines wilden Indianerstammes übertragen. Nach
J. St. Mill?) liegt es in dem Begriff eines empirischen
Gesetzes, dass es nicht ein letztes Gesetz ist, dass, wenn es
überhaupt wahr ist, seine Wahrheit eine Erklärung zulässt
und einer solchen bedarf. Die Erklärung, das Warum des
empirischen Gesetzes liefern, hiesse die Gesetze angeben, von
denen es herstammt, die letzten Ursachen, auf denen es beruht.
 Die empirischen Gesetze gehen, wie die Geschichte der
Wissenschaften lehrt, meistentheils den echten, unbedingt ursächlichen
 Gesetzen voran; sie bilden gleichsam die Uebergangsstufe
 zur Aufstellung der letzteren oder dienen zur
Prüfung der gemachten Deductionen. Sie allein vermögen die
Wirklichkeit nicht zu erklären. Sei dem jedoch, wie ihm
wolle, eins steht fest: die empirischen Gesetze werden, wie

‘) J. St. Mill a. a. O. II. Cap. XVI.
2) Ibid. 230.
        <pb n="24" />
        23

bereits hervorgehoben wurde, ausschliesslich aus der Beobachtung
 concreter Phänomene unter bestimmten zeitlichen,
örtlichen und sonstigen Verhältnissen abgeleitet und behalten
 ihre Giltigkeit nur für solche Objecte, die
sichin möglichst ähnlichen Verhältnissen befinden.
Zu den empirischen Gesetzen nun gehören auch die Entwicklungsgesetze.
 Diese drücken die Regelmässigkeit
der Aufeinanderfolge bestimmter Momente einer Erscheinung,
die einen Process darstellt, aus; auch haben sie den Causalnexus
zwischen den den Process bildenden Momenten in derselben
Formel mit auszudrücken. In diesem Sinne spricht man z. B,
von Entwicklungsgesetzen eines lebenden Organismus, worunter
verstanden wird, dass der betreffende Organismus eine Reihe
von Stufen durchzumachen hat, die in unveränderlicher Weise
auf einander folgen und von einander in aufsteigender Linie bedingt
 werden, ähnlich wie es andere Organismen derselben
Ordnung durchzumachen pflegen. Aus dem Charakter dieser
Gesetze, als Unterart der empirischen Gesetze, folgt aber, dass
sie nur unter streng bezeichneten Voraussetzungen Geltung
haben, da sie, unmittelbar durch Beobachtung der concreten
Wirklichkeit abgeleitet, nicht absolute Bedeutung haben können.
Sie sind nicht Gesetze der verursachenden Kräfte, sondern
solche, welche die verschiedenen thatsächlichen Combinationen
der Momente einer Erscheinung in ihrer Aufeinanderfolge
innerhalb dieser Erscheinung, als Ganzes betrachtet, feststellen,
so dass sie daher nur so lange ihre Giltigkeit behalten, als
die betreffende Klasse von Erscheinungen eben diese Combinationen
 aufweisen. Mischt sich aber in den bisherigen Zusammenhang
 des beobachteten Objects ein neuer Factor ein,
so verliert das aufgestellte Entwicklungsgesetz vollständig
seine Bedeutung. Es ist demnach klar, dass bei der Aufstellung
 von solchen Gesetzen, man das betreffende Object in
sämmtlichen Phasen seiner Entwicklung beobachtet haben
muss; man darf und kann sich auf keinen Fall mit der Beobachtung
 nur etwa einzelner Phasen derselben begnügen, weıl
Aiese Phasen nicht auf solche Weise mit einander verknüpft sind,
        <pb n="25" />
        24

wie Ursache und Wirkung; jede fernere Phase wird zwar von
der vorhergehenden bedingt, sie geht aber nicht direct aus
derselben hervor, sondern erst nachdem sie mit anderen ausser
ihr liegenden Umständen in Verbindung getreten ist. Das
Ei, z. B., ist nicht die unmittelbare Ursache des Geborenwerdens
 des Huhns; letzteres kann zwar nicht ohne das
erstere auf die Welt kommen, allein erst die Mutterwärme
erweckt im Ei die lebenden Keime, und erst durch dieses
Zusammentreffen der Umstände tritt die erwähnte Thatsache
ein. Allein wenn wir nun einmal einen solchen Process in
seinem vollen Umfange verfolgt haben, sind wir dann im
Stande ein Entwicklungsgesetz für die ganze Reihe ähnlicher
Erscheinungen festzusetzen, mit dem Vorbehalt freilich, dass
sich dieselben unter ähnlichen Verhältnissen befinden werden.
Solcher Art Gesetze sind von hohem, wissenschaftlichem Werthe
auf allen jenen Gebieten des menschlichen Wissens, wo sich
solche Gesetze aufstellen lassen, und dies gilt insbesondere
für das Gebiet der Gesellschaftswissenschaft, wo man sich
bisweilen mit solchen Gesetzen geradezu begnügen muss in
Folge äusserster Complieirtheit und Verschlungenheit der gesellschaftlichen
 Phänomene,
Nun wie steht es aber mit dem Entwicklungsgesetz der
Geschichte, mit dem Gesetze, das die Entwicklung der Menschheit
 ausdrücken soll und ihre zukünftigen Wege bestimmen?
Man braucht, glauben wir, nach dem Gesagten nicht viel Worte,
um nachweisen zu können, dass dies, wie bereits hervorgehoben
wurde, eine Unmöglichkeit ist. Das Entwicklungsgesetz der Geschichte,
 wenn es überhaupt erlaubt sein soll, von einem derartigen
 Gesetz zu sprechen, würde sich, wie es einleuchtend
genug sein dürfte, nur einmal realisiren können und zwar im
Gesammtverlaufe des Processes des ganzen geschichtlichen
 Daseins der Menschheit vom Anfange bis zu
Ende. Um diesen Gang feststellen zu können, müsste sich
ein solcher Geist finden, der alles dies zu überblicken im
Stande wäre; dass aber diese That für den menschlichen Verstand
 unausführbar ist. versteht sich ohne weiteres Nachdenken
        <pb n="26" />
        25

von selbst. Und wir können nur Dilthey*?) beipflichten, wenn
er meint, eine solche Theorie, d.h. eine Theorie, die den
menschlichen Fortschritt durch ein Eintwicklungsgesetz ausdrücken
 möchte, müsste entweder die Beziehungen zwischen
Formeln enthalten, deren jede einzelne den Inbegriff eines
bestimmten Status societatis ausdrückte und deren Vergleichung
 danach das Gesetz des Gesammtfortschrittes ergeben
würde, oder eine solche Theorie müsste in einer Formel den
Inbegriff aller Causalbeziehungen ausdrücken, welche die Veränderungen
 innerhalb des Totalzusammenhanges der Gesellschaft
 hervorbringen. Es braucht nicht entwickelt zu werden,
meint er nun, dass die Ableitung einer Formel der einen, wie
der anderen Art aus der Gesammtanschauung der geschichtlichgesellschaftlichen
 Wirklichkeit die menschliche Anschauungskraft
 gänzlich übersteigt.
Somit ist, unseres Erachtens, das Entwicklungsgesetz
der Geschichte, in welcher Formulirung es immer auftreten
möge, ein Postulat, mit welchem man nicht rechnen kann.
Die äusserst zusammengesetzte Wirklichkeit des Lebens der
Menschheit kann auf keine andere Weise erfasst und erkannt
werden, als durch die wissenschaftliche Zerlegung derselben
in die elementarsten Gleichförmigkeiten, ein Verfahren, das
auch auf anderen Gebieten die schönsten Blüthen gezeitigt
hat. Die Aufeinanderfolge der Zustände in der menschlichen
Gesellschaft können vernünftigerweise auf keinen anderen Gesetzen
 beruhen, als auf denjenigen, die innerhalb jedes besonderen
 Zustandes zur Geltung gelangen, und dies sind die
Gesetze des inneren und äusseren Lebens der Menschen
 in der Gesellschaft?). Diese Gesetze aufzufinden,
ist das letzte Ziel der Gesellschaftswissenschaft und J. St. Mill1®)
hat daher recht, wenn er Aug. Comte als den wahren
Begründer dieser Wissenschaft preist, denn derselbe war es,

') Dilthey, Einleitung in die Geisteswissenschaft. 138.
? Vgl. Wigand, Der Darwinismus und die Naturforschung von
Newton und Cuvier, II 220 £.
3) Mill a. a. O0. 3926.
        <pb n="27" />
        26

der, nach seiner Meinung, als erster unter den Anhängern
der neueren historischen Schule, die Nothwendigkeit erkannt
habe, alle unsere Verallgemeinerungen aus der Geschichte mit
den Gesetzen der menschlichen Natur in Verbindung zu bringen.

ILL.

Nun waren es aber ebenfalls die Anhänger von Comte
und später diejenigen der auf Comte fussenden Spencerschen
 Richtung, welche, bei allen Verdiensten, die ihnen nicht
abzusprechen sind, nicht wenig, wie gesagt, freilich trotz
ihren gegentheiligen Bemühungen, dazu beigetragen haben,
um die Ueberzeugung bezüglich der Möglichkeit der Auffindung
 strenger Gesetze des gesellschaftlichen Lebens in den
weiteren Kreisen des gebildeten Publikums nicht aufkommen
zu lassen. Mit dieser sociologischen Schule müssen wir uns
etwas näher befassen, weil eben diese Schule es ist, die bis in
die Gegenwart herein auf dem uns hier angehenden Gebiete
das grosse Wort geführt hat.
Die Bemühungen des französischen Philosophen und Sociologen
 Auguste Comte, eine neue Wissenschaft, die Wissenschaft
 von der menschlichen Gesellschaft, zu begründen, fällt,
wie bereits hervorgehoben wurde, in eine Zeit, wo die Naturwissenschaften
 unter dem Einflusse der damals herrschenden
materialistischen Ideenrichtung einer vollständigen Umgestaltung
ihrer Grundprincipien mit raschen Schritten zustrebten !). Es
war die Zeit, wo unter dem Einflusse der gekennzeichneten
Ideenrichtung namentlich die Forschungen eines Flourens,
Leuret, Longet auf dem Gebiete der Physiologie und besonders
der Physiologie des Gehirns und Nervensystems und die Forschungen
 eines Esquirol auf dem Gebiete der Psychiatrie
die bisherigen Anschauungen über das Wesen der mensch-N

 Vgl. Alb. Lange, Geschichte des Materialismus und Kritik
seiner Bedeutung in der Gegenwart. Il. Cap. 2.
        <pb n="28" />
        2

lichen Seele und im Zusammenhange damit die Anschauung
über die Stellung des Menschen in und zu der Natur gänzlich
 umwarfen und auf solche Weise den Boden bereiteten
für das Aufkommen einer durchaus „naturwissenschaftlichen
Weltanschauung“, die denn auch nicht lange auf sich warten
liess. Und so sehen wir denn, dass der Begründer der Sociologie
 vollständig unter dem HEinflusse der Principien der
Naturwissenschaften steht, und am Anfange seiner Thätigkeit
erblickt er sogar in dieser Disciplin nichts anderes, als eine Erweiterung
 des naturwissenschaftlichen Erkennens. Es sei dem
menschlichen Geiste schon gelungen, die Physik des Himmels,
die Physik der Erde, des mechanischen und chemischen Theiles
derselben, die organische Physik, sowohl des vegetativen als
des animalischen Seins zu ergründen; es erübrige ihm jedoch
noch, das System des auf Beobachtung ruhenden Wissens zu
vollenden, indem er eine „Socialphysik“ schaffen möchte. Dies
sei heute, meinte Comte, aus mehreren gewichtigen Rücksichten
 das grösste und dringendste Bedürfniss unserer Intelligenz.
 In der That werde erst die Begründung der Socialphysik
 die Naturwissenschaften zu einem Abschlusse bringen,
es möglich und nothwendig machen, die überhaupt errungenen
Kenntnisse in einen festen und homogenen Zusammenhang
zu setzen und sie als Zweige eines und desselben Stammes
an einander zu reihen !). Ihm ist die Socialwissenschaft nichts
als ein Theil der Naturwissenschaft, sie ist ihm Socialphysik,
 und folgerichtig glaubt er in den aufzufindenden
socialen Gesetzen nichts als Naturgesetze sehen zu sollen,
d. h. Gesetze, die im Bereiche der leblosen Natur zum Vorschein
 kommen — Gesetze des blinden Mechanismus. Allein
Comte selbst hatte diesen Gedanken ganz unverarbeitet hingestellt.
 Zwar versuchte er es, die Sociologie auf: demselben
aufzubauen, kommt aber zuletzt zur Ueberzeugung, die Forschungen
 auf diesem Gebiete seien noch nicht reif genug, in
las positive Stadium, wie der Ausdruck lautet, einzutreten.

5% A. Comte, Cours de philosophie positive. I.
        <pb n="29" />
        28

Mit desto grösserem Eifer aber haben es seine Anhänger und
Nachfolger zu vollbringen sich bemüht. Um nur ein Beispiel
anzuführen, wollen wir auf den Amerikaner Carey hinweisen,
dessen umfangreiches Werk „Die Grundlagen der Socialwissenschaft“
 in den Gedanken ausläuft, die Gesetze der
Physik seien von vollkommener Giltigkeit auch für die Sociologie,
 da der Stoff, den die letztere Disciplin zu untersuchen
habe, durchaus derselbe sei, wie derjenige, der das Object
der Physik bildet, nur dass er hier in etwas anderer Combination
 vorhanden sei,
Diese Tendenz, die Principien der Naturwissenschaften
auf das Gebiet der Sociologie zu übertragen, bildet den Lebensnerv
 der ganzen Comte-Spencer’schen Richtung. Männer,
wie Spencer, Schäffle, Lilienfeld u. A., die nicht minder
verdienstvolle Namen tragen, gehören zu den eifrigsten Vertretern
 dieser Tendenz — und doch wenn wir die Leistungen
derselben näher ans Licht ziehen, so lässt sich leicht ersehen,
dass sie mit ihrer Absicht, das gesellschaftliche Leben der
Menschheit mittelst der Principien der Naturwissenschaften zu
erklären, nicht über nichtssagende Analogien hinausgekommen
sind; kaum einen einzigen positiven Satz zur wirklichen Erkenntniss
 der gesellschaftlichen Phänomene haben sie zu beweisen
 vermocht !); sämmtliche von ihnen aufgestellten Vergleichungen,
 wie etwa des Parlamentes mit dem Gehirn und
der Telegraphendrähte mit den Nerven, sind, wenn man will,
sehr geistreich, allein die Wissenschaft hat mit derartigen
Redensarten nichts zu thun. Glücklicher waren, zugestandenermassen,
 diese Sociologen in ihrer Kritik und Negation derjenigen
 Thesen, die früher auf dem uns hier angehenden Gebiete
 aufgestellt wurden, aber die wirkliche Eröffnung neuer
Einblicke in die fernsten und dunkelsten Gebiete des Lebens
der Menschheit, deren Umrisse sie mit unbestreitbarer Schärfe
zu bezeichnen verstanden. ist ihnen nicht gelungen. Sie haben

’') Neumann-Spallart, Sociologie und Statistik. 19 (Separatabdr.
aus d, W. Stat. Monatsheften. 1878).
        <pb n="30" />
        29 —

die begehrenswerthen Ziele der Wissenschaft, nämlich Gesetze
des menschlichen Zusammenlebens aufzufinden, mit klaren
Worten angedeutet, für die Erreichbarkeit derselben aber thatsächlich
 nicht nur nicht wenig geboten, sondern die Möglichkeit,
 dieselben zu erreichen, geradezu in Zweifel gestellt ‘*).
Denn es ist ja begreiflich, dass die von dieser Schule aufgestellten
 Analogien zwischen den verschiedenen Seiten des
gesellschaftlichen Lebens und den Vorgängen der Natur doch am
Ende, und mögen dieselben noch so sinnreich gewesen sein,
bei allen nüchtern denkenden Menschen das Gefühl wachrufen
mussten, dieselben wurden nur wegen Mangel an besserem,
echterem Wissen geboten; und wenn man dabei den ausserordentlichen
 Fleiss, die staunenerregende Summe von gründlichem
 Wissen in sonstigen Dingen, den tiefgreifenden Scharfsinn
 und wissenschaftlichen Ernst — Eigenschaften, welche die
in Rede stehenden Gelehrten bei der Aufstellung der gekennzeichneten
 Analogien gezeigt und angewendet haben — in Betracht
 zieht, so müsste man sich geradezu sagen: wenn es nun
diesen Männern nicht gelingen wollte, etwas wirklich Brauchbares
 in gedachter Hinsicht zu Stande zu bringen, es überhaupt
 mit den Zielen, welche sich das Studium des gesellschaftlichen
 Lebens vorgesteckt hat, nicht ganz gut stehen
dürfte.
Glücklicherweise haben aber weder die Geschichtsphilosophen
 noch die gekennzeichnete sociologische Schule, ungeachtet
 der von ihnen verursachten Verwirrung in den
Ansichten, betreffend die Erkenntniss der Schicksale des
Menschengeschlechts, es doch nicht dahin gebracht, dass man
den einmal aufgetauchten Glauben an die Möglichkeit der Auffindung
 der socialen Gesetze vollständig aufgegeben hätte.
Dass dieser Glaube aber zur Ueberzeugung wurde,. und dass
es der Wissenschaft gelungen ist, endlich einmal wirklich sich
auf dem rechten Wege zu ihrem Ziele zu halten, haben wir

) Neumann-Spallart, Sociologie und Statistik. 19 (Separatabdr.
zus d. W. Stat. Monatsheften. 1878).
        <pb n="31" />
        — 30

hauptsächlich und in erster Linie der Statistik zu verdanken;
dabei müssen wir jedoch zugestehen, dass die Sociologen der
gekennzeichneten Schule schon längst die Socialwissenschaft
auf diesen Zustand hätten bringen können, wenn sie von vorne
herein die Bedeutung der Statistik gerade für ihre Forschungen
begriffen haben würden. Denn von Anfang an stellten sich
diese Sociologen, und dies ist eben der einzig gesunde Kern
ihrer ganzen Verfahrungsweise, auf einen Boden, der sich in
innigster Wahlverwandtschaft mit der Statistik befindet, Diese
Verwandtschaft liegt eben in der Methode, da die Sociologen
von Anfang an als die einzig richtige und erfolgversprechende
Methode diejenige der Beobachtung der Thatsachen des zu untersuchenden
 Gebietes hinstellten und sie auch zu befolgen suchten.
Freilich von Comte konnten wir nicht erwarten, dass er
von den statistischen Untersuchungen Gebrauch machen würde;
denn obzwar er die Induction als die einzig wissenschaftliche
Methode preist und sie allein für fähig hält, wirklich positive
Erkenntniss zu liefern, so hat er doch nichts desto weniger
sein ganzes System auf vagen subjectiven Begriffen aufgebaut,
wobei er gerade die deductive Methode in den Vordergrund
rückte, so dass er zuletzt sogar nicht ansteht, zu erklären, es
sei überhaupt unmöglich, die Gesellschaft durch Analyse sowohl
ihrer Verhältnisse als ihrer Bewegungen zu begreifen, vielmehr
sei es seiner Meinung nach nothwendig, bei der Untersuchung
des Menschen und der Gesellschaft „eine den orgamischen
Wissenschaften entgegengesetzte Methode“ in Anwendung zu
bringen.
Was aber Carey!) betrifft, so hätte man doch glauben
können, dass er, welcher der Ansicht huldigt, dass die Mathematik
 in der Socialwissenschaft wie in jedem anderen Zweige
der Wissenschaft angewandt werden müsse und dass je mehr
man sie benützt, desto mehr die Socialwissenschaft die Form
einer wirklichen Wissenschaft erreichen, desto inniger ihre Ver-)

 Carey, Grundlagen der Socialwissenschaft. Deutsch von K.
Adler.
        <pb n="32" />
        „x 31

bindungen mit anderen Zweigen des Wissens werden würden,
— von einem solchen Manne, sagen wir, hätte man doch mit
Fug erwarten dürfen, dass er die Ergebnisse der Statistik in
ausgedehntem Maasse zu verwerthen wissen werde, um so mehr
als zu seiner Zeit manche der wichtigsten Arbeiten eines
Quetelet, eines Guerry, eines Legoyt bereits erschienen
und in der Gelehrtenwelt bereits bekannt und zum Theil auch
anerkannt waren; ausserdem hätte er doch einsehen müssen,
dass die statistische Methode am ehesten dazu angethan ist,
mathematische Sätze für die Socialwissenschaft zu liefern. Statt
dessen sehen wir Carey sich in weitschweifigen Vergleichungen
der gesellschaftlichen Erscheinungen mit denjenigen der leblosen
 Natur verbreiten, Vergleichungen, welche, wie bereits
hervorgehoben wurde, zum tieferen Verständniss des Gesellschaftslebens
 nur in sehr dürftigem Maasse beizutragen vermögen.
 Mit solchen Redensarten, wie z, B.: sämmtliche (von
ihm dargelegten) Gesetze sind bloss Theile eines grossen
and harmonischen Systems, gegründet zur Beherrschung der
Materie in allen ihren Formen, sei es nun in der Kohle oder
des Eisens, der Fische oder Vögel, des Thons oder Korns, der
des Ochsens oder Menschen; oder der gütige Schöpfer des
Universums war nicht genöthigt, verschiedene Gesetze zur Beherrschung
 derselben Materie zu gründen !), — lassen sich die in
30 hohem Maasse complicirten socialen Phänomene nicht erklären,
Hier sehen wir uns gedrängt, eine kurze Abschweifung
vorzunehmen, um zu der Monistischen Lehre, der dieser Schriftsteller
 huldigt, Stellung zu nehmen, da noch vor Kurzem der
Monismus nicht nur als philosophisches Princip, sondern eben
mit dem Anspruch auf positive Wahrheit auf allen Gebieten
der Wissenschaft und namentlich in der Sociologie sich breit
zu machen wusste und nicht wenig Schaden anrichtete?), Unserer

3 Carey, Lehrbuch der Volkswirthschaft und Socialwissenschaft.
Deutsch von K. Adler. Vorwort.
?) Zu den Monisten gehört auch L. Gumplowicz. Vgl. dessen
übrigens in mehrfacher Hinsicht vortreffliche Schrift: Grundriss der
Sociologie. 1885.
        <pb n="33" />
        392

Meinung nach ist der Monismus allerdings ein sehr tiefer Gedanke,
 dem die Wissenschaft in mancher Hinsicht vieles zu
verdanken hat, allein ihm zu Liebe sollte man doch nicht den
Thatsachen Gewalt anthun. Denn die realen Thatsachen, wie
sie bei dem gegenwärtigen Stand des Wissens vor uns liegen,
sind noch zum grössten Theil vollständig unerforscht, und auch
die, welche bereits einigermassen untersucht sind, sind zum
grössten, Theil unter einander incommensurabel. Bevor es
also gelingen sollte, sämmtliche Erscheinungen der Wirklichkeit
 auf einfache, für sämmtliche Gebiete der wissenschaftlichen
 Betrachtung giltigen Gesetze zurückzuführen, bevor es
gelingen sollte, mathematische Formeln aufzustellen, welche in
gleicher Weise Anwendung fänden sowohl auf die unorganische.
als auf die organische und auch, wie sich Spencer ausdrückt,
superorganische Natur, müsste man erst, unseres Erachtens,
jedes einzelne der vielen grossen Naturgebiete wissenschaftlich
 in seine eigenthümlichen Bestandtheile aufgelöst und den
Zusammenhang der letzteren genau erkannt haben. Bis dies
vollbracht ist, werden alle Bestrebungen in gedachter Hinsicht
nothwendigerweise erfolglos bleiben und der Monismus nichts
als ein Glaubensartikel sein. Uebrigens dürfte eins als sicher
gelten: sollte die monistische Lehre sich einst bewahrheiten.
so würden, glauben wir mit Bestimmtheit behaupten zu dürfen,
die Gesetze, welche die Einheit alles Geschehens auszudrücken
haben werden, nicht Gesetze der Mechanik oder Physik sein,
wie die älteren Materialisten meinten, und ihnen folgend auch
Carey, noch würden sie Gesetze irgend einer anderen der
jetzt vorhandenen Wissenschaften sein, sondern sie würden
höhere Gesetze sein, welche die einfachsten, elementaren Kräfte
sämmtlicher Wissensgebiete in ihrer eigenthümlichen Combination
 und Wechselwirkung, in ihrer jetzt noch räthselhaften
Verbindung unter einander und in ihrem noch räthselhafteren
Uebergangsvermögen in einander auszudrücken haben werden.
Indem wir nun die Bedeutung des Monismus als philosophisches
 Princip anerkennen, finden wir es für angezeigt,
darauf hinweisen zu sollen. dass wenn auch zugestandener-
        <pb n="34" />
        38

massen die Wissenschaften ein und dasselbe Ziel verfolgen,
nämlich die Erkenntniss der Natur in weitestem Umfange
lieses Begriffes, — der Natur in ihrem Zustande des Seins
und des Werdens, — sie doch ihre eigenthümlichen Aufgaben
besitzen, denen sie auf durchaus verschiedener Weise nachzukommen
 haben. Denn jede Wissenschaft hat ihr eigenes Object,
das nur eine der unzähligen Seiten der Natur bildet, und
wenn auch diese Seiten mit einander verbunden und verflochten
sind, so besteht eben die Aufgabe jeder speciellen Wissenschaft
 darin, die Eigenthümlichkeiten ihres Objectes
hervorzuheben und zu beleuchten, nicht aber, überrascht durch
die Aehnlichkeit mancher Punkte ihres Arbeitsfeldes mit denjenigen
 anderer Wissenschaften, kritiklos ihren eigenen Standpunkt
 aufzugeben und in der blossen Uebertragung fremdartiger
 Principien ihr Genüge zu finden. —
Und nun zurück zu unserem Gegenstande. Aehnlich in
Bezug auf die Verwendung der statistischen Forschungen in
der Socialwissenschaft verfährt der englische Sociologe Herbert
Spencer, der in seinem grossen sociologischen Werke nicht
ainmal den Namen der Statistik erwähnt. Spencer versteht
anter der Sociologie die Wissenschaft, welche die Erscheinungen
des menschlichen Zusammenlebens zu untersuchen, Wachsthum,
Structur, Funetionen und Producte der Gesellschaft zu erforschen
 hat, Diese grosse Gruppe der Erscheinungen reiht sich
in seinem philosophischen System an die übrigen Untersuchungen
 in solcher Art an, dass die erste Gruppe der Beobachtung
 jene der unorganischen Entwicklung (Astrogonie
und Geogonie), die zweite jene der organischen Entwicklung
(die physischen Phänomene des vegetabilischen und animalischen
 Lebens und die speciell psychischen Phänomene in den
höher entwickelten Organismen) betrifft; wogegen die dritte
Gruppe von ihm als „überorganische“ genannt wird und setzt
sich aus Vorgängen und Ergebnissen zusammen, welche die
sich gegenseitig ergänzende Thätigkeit vieler Individuen erfordern
 und die in Folge dieses Zusammenwirkens auch extensiv
 höhere und combinirtere Resultate hervorrufen, als die
Reichesberg, Die Statistik und die Gesellschaftswissenschaft. 3
        <pb n="35" />
        34

vorangehenden Entwicklungsformen. Wenn man nun die
Faetoren ins Auge fasst, von welchen nach Spencer die
socialen Phänomene abhängig sind: den Einfluss der äusseren
Natur, jenen der Grösse des gesellschaftlichen Körpers, jenen
der gegenseitigen Beziehungen zwischen Individuen und Gesellschaft
 und der Gesellschaften unter einander, so erschliesst
sich in diesen grundlegenden Auffassungen ganz dasselbe Gebiet,
 das von der Statistik in Anspruch genommen wurde und
auf dem sie bereits zu bedeutenden Resultaten gelangt. ist *).
Diese Resultate aber sind von Spencer nicht nur nicht verwerthet
 worden, sondern er fand es sogar, wie gesagt, nicht
für nöthig, von ihnen wenn auch nur Notiz zu nehmen. Dass
dies seinen Arbeiten nur schaden musste, werden wir begreifen,
wenn wir den Umstand in Betracht ziehen, dass auch die Eırgebnisse
 der mannigfachen Zweige der auf das menschliche
und gesellschaftliche Leben angewandten Naturwissenschaften
nur im Vereine mit den statistischen Forschungen von hohem
Nutzen sein können und dass sie widrigenfalls nicht zur Klärung,
 sondern geradezu zur Verdunkelung der gedachten Probleme
 führen müssen,
Etwas anders steht die Sache bei den Vertretern der
Spencer’schen Schule in Deutschland, wo in Folge der fruchtbaren
 Ergebnisse der Forschungen deutscher Statistiker namentlich
 auf dem Gebiete der Social- und Moralstatistik dieselben
sich gedrängt fühlten, sich mit der Statistik auf irgend eine
Weise auseinanderzusetzen.
Paul Lilienfeld, Verfasser des mehrbändigen Werkes:
Gedanken über die Socialwissenschaft der Zukunft, der von
der Anwendung der empirischen Methode der Gesellschaftswissenschaft
 reiche Früchte erwartet und der von diesem Umstande
 nicht weniger als den Fortschritt des Menschengeschlechts
abhängig wissen will, spricht der Statistik jede Bedeutung für
die Erklärung gesellschaftlicher Phänomene vollständig ab,
Im Gegentheil zu Carey leugnet er die Möglichkeit der An-5;

 Vgl. F. Neumann-Spallart a. a O, 10.
        <pb n="36" />
        wendung physischer Gesetze auf die sociale Ordnung, indem
ar sich die menschliche Gesellschaft nach Spencer als ein
Organismus vorstellt, und meint, die Gesetze, welche die
Naturorganismen beherrschen, behielten ihre volle Giltigkeit
 auch für den Gesellschaftsorganismus, der gleich den
ersteren ein durchaus realer sei, Aber wie Darwin, so meint
Lilienfeld!), das Gesetz der natürlichen Zuchtwahl nicht
aus statistischen Daten über die Anzahl der Arten und Individuen
 einer Gegend oder über die Menge des verbrauchten
Nahrungsstoffes etc. gefolgert haben könnte, so sei bisher auch
kein einziges Gesetz der socialen Entwicklung auf statistischem
Wege gefunden worden, Wenn auch die letztere Behauptung
in gewissem Sinne wahr sein mag, da man ja bisher überhaupt
 kaum ein einziges Gesetz der socialen Entwicklung,
welches diese Bezeichnung verdient hätte, aufgestellt hat, so
ist dagegen die fernere Meinung Lilienfeld’s, wonach eine
ainzige richtige Beobachtung, ein einzig richtig gemachter
Analogieschluss in weit höherem Maasse zu der Entdeckung
von socialen Gesetzen führen könne, als ganze Haufen
statistischen Materials, als vollständig hinfällig zu betrachten.
Erstens ergiebt sich aus dieser Meinung eine vollständige Verkennung
 der Natur der statistischen Forschungen, die ja ausschliesslich
 auf Beobachtung der wirklichen Thatsachen beruhen,
 und zweitens ist es überhaupt noch wenigstens fraglich,
ob es wirklich statthaft sei, wie es Lilienfeld thut, durch
Analogien zwischen Organismen, welche auf verschiedenen
Stufen der zoologischen Leiter stehen, Gesetze abzuleiten, die
in Folge dessen, dass sie im Leben der Organismen niederer
Ordnung zum Vorschein kommen, auch für die höheren Organismen
 ihre Giltigkeit behalten sollen. Wir glauben dies
letzteres mit Bestimmtheit verneinen zu dürfen; wäre aber
las gekennzeichnete Verfahren auch logisch richtig, so würden
wir uns nichts desto weniger berechtigt finden, zu behaupten.

1!) P. Lilienfeld, Gedanken über die Socialwissenschaft der Zu:
kunft. S. Cap. über die Methode der Socialwissenschaft.
        <pb n="37" />
        36 —

dass die auf solche Weise gewonnenen Gesetze nichts besagen
würden. Ist doch das Studium der thierischen Organismen
namentlich in Bezug auf die psychische Seite derselben verhältnissmässig
 viel schwieriger, als das bezügliche Studium
des Organismus des Menschen, da wir bei denselben eines der
wichtigsten Beobachtungsmittel entbehren, nämlich der inneren
Erfahrung, die uns bei dem Studium der psychischen Vorgänge
 des Menschen viele Dienste leistet; und sehr oft sehen
sich die Naturforscher genöthigt, gerade umgekehrt, aus den
beim Studium des Menschen gewonnenen Kenntnissen auf
die Thierwelt zurückzuschliessen. In noch höherem Maasse
erscheint uns als eitles Begehren, das gesellschaftliche Leben.
betrachte man es auch als einen „realen“ Organismus, durch
Vergleichung mit einem Naturorganismus, mit einem Individuum,
erklären zu wollen. Und Schäffle?) trifft daher, unseres
Erachtens, das Richtige, wenn er meint, dass nicht einmal
das Individuum für sich losgelöst vom Ganzen sich vollständig
erklären liesse, geschweige das Ganze aus dem abgelösten Atom.
In der Gesellschaftswissenschaft könne sich die Erklärung mit
dem Begriff des Individuums nicht begnügen (siehe unten).
vielmehr stellt sich hier gerade die. collectivistische Anlage,
Funetion und Erhaltung des Individuums für das und durch
das Gesellschaftsganze in den Vordergrund. Letzteres kann man
aber, wie wir später sehen werden, nur mit Zuhilfenahme der
Statistik ergründen. Nun zeigt aber Lilienfeld eine fast
unglaubliche Unkenntniss der Statistik, ungeachtet dessen, dass
er mit solcher Entschiedenheit über dieselbe ein so herbes,
absprechendes Urtheil, wie wir das oben gesehen haben, abgeben
 zu müssen glaubt. So rechnet er z. B. den Verfasser
der „Göttlichen Ordnung“, Johann Peter Süssmilch, der
etwa dreissig Jahre vor Quetelet’s Geburt gestorben ist,
zu den eifrigsten Schülern des letzteren. Es scheint, dass
Lilienfeld es sogar nicht der Mühe werth hielt, sich etwas
eingehender mit der Statistik zu befassen.

') Schäffle, Bau und Leben des socialen Körpers. I. 187.
        <pb n="38" />
        37

Der vorhin angeführte Schriftsteller Alb. Schäffle gehört
 zu den wenigen Sociologen, welche den Werth der statistischen
 Forschungen für die Gesellschaftswissenschaft einigermassen
 begriffen haben. Die für die Gesellschaftslehre werthvollste
 Seite der sogenannten numerischen oder statistischen
Methode ist, nach der Meinung dieses Gelehrten !), wohl darin
zu suchen, dass sie überhaupt gleichartige äussere Wirkungen
psychischer (respective moralischer) Ursachen feststellt. Hiedurch
 werde der blosse Schluss aus blossen „inneren Erfahrungen“
 beseitigt. Die Objectivität und allgemeinste Controlirbarkeit
 der Methoden sind als die hauptsächlichsten Urz3achen
 des Erfolges exacter Forschung auch auf jenen Gebieten
anzusehen, in welchen die Wirkungen nicht Erzeugniss „motivirter“
 moralischer Bewegungen sind. Beide Eigenschaften
der Erkenntnissmethode sind aber nach Schäffle nirgends
werthvoller, als im Bereiche der Erkenntniss motivirter, persönlich-socialer
 Bewegungen; denn nirgends führen subjective
Vorurtheile, private Interessen, Einseitigkeiten der Erziehung,
aationaler Egoismus und nationale Eitelkeit, Klassengeist,
confessionelle Befangenheit und doctrinäre Rechtshaberei so
leicht theils zur Selbsttäuschung, theils zur Fälschung, als hier,
Beide Vortheile, glaubt nun Schäffle, könnten durch die
numerische Methode einer unabhängigen, auf gute Elementarerhebungen
 basirten Statistik gewonnen werden. Trotz dieser
ausgesprochenen Hochstellung der Statistik werden wir aber
auch bei Schäffle vergebens nach einer Verarbeitung staästischer
 Ergebnisse suchen, ebenso vergebens wäre unsere Bemühung,
 wollten wir in seinem umfangreichen Werke, welches
den Bau und das Leben des socialen Körpers darstellen sollte,
wenn auch nur eine einmalige Anwendung der von ihm so hoch
zepriesenen statistischen Methode finden. Und dieser Umstand
wäre fast unerklärlich, wenn wir nicht wüssten, dass auch
Schäffle dem Gedanken der Uebertragung von Naturgesetzen
auf das sociale Leben huldigt. Die gesellschaftlichen Erschei-5

 A. Schäffle a. a. O0. I. 126.
        <pb n="39" />
        nungen stellen, seiner Meinung nach, physisch nur höhere
Intergrationen und Differenzirungen der Stoffe und Kräfte, der
anorganischen Natur, sie nehmen, wie er sich ausdrückt.
sozusagen nur den höchsten Rang in der Reihe der Evolutionen
von Materie und Bewegung ein. Die Gesellschaft ist ihm daher
folgerichtig nichts als einKörper höhererRangordnung. Um
nun die Bewegungen dieses Körpers begreifen zu können, müsse
man ihn nach seinen anatomischen, morphologischen, physiologischen
 und psychologischen Seiten untersuchen. Da aber ähnliche
Untersuchungen, die bis nun an anderen Körpern angestellt zu
werden pflegen, ohne Zuhilfenahme der Statistik ausgeführt werden,
 so lässt es sich begreifen, warum Schäffle die Statistik
vollständig vernachlässigt hat, — ob zu Nutz und Frommen
der von ihm vertretenen Wissenschaft, ist freilich eine andere
Frage, die jedenfalls nicht schwer zu beantworten sein dürfte,
wenn man den Umstand in Betracht zieht, dass heutzutage
selbst manche Zweige der Naturwissenschaften von der Statistik
in immer ausgedehnterem Maasse Gebrauch machen und dass
es ihnen dadurch manche Vorgänge zu erklären gelungen ist,
die früher als unerschliessbar gegolten haben.
So sehen wir denn, dass diese ganze sociologische Schule,
die wir oben in ihren hervorragenden Vertretern zu kennzeichnen
 versucht haben, ungeachtet dessen, dass sie sich von
Anfang an auf einen durchaus wissenschaftlichen Boden stellte,
indem sie nämlich behufs Erkenntniss des gesellschaftlichen
Lebens die in demselben zur Geltung kommenden exacten Gesetze
 aufzufinden sich bestrebte, dabei sich aber bewusst war.
dass die unentbehrlichste Voraussetzung dazu die wissenschaftliche
 Beobachtung und Analysirung der wirklichen, realen
Thatsachen des Gesellschaftslebens sei, — ungeachtet also
dessen, sagen wir, hat diese Schule von der Statistik fast keinen
Gebrauch gemacht, von der Statistik, die für den allergrössten
Theil der gesellschaftlichen Phänomene, wie wir sehen werden,
die einzige und richtigste Methode der Beobachtung liefert.
Nun diese Verkennung der Bedeutung und der Macht
der Statistik, dieses wichtigen Forschunesmittels, hat aber. nach
        <pb n="40" />
        39

unserem Dafürhalten, ihren Grund nicht bloss in dem vorhin
betonten Umstande, dass die gekennzeichnete sociologische
Schule die Probleme des gesellschaftlichen Lebens durch Uebertragung
 naturwissenschaftlicher Principien zu lösen suchte, sondern
 auch — und zwar vornehmlich — in der noch heutzutage
sehr verbreiteten, aber dennoch durchaus unhaltbaren Auffassung
 der Gesellschaft und namentlich der Beziehungen
 des Einzelnen zur Gesammtheit, in einer
Auffassung, die, wie es scheint, nunmehr von Philosophie und
Wissenschaft allmälig doch verlassen wird, indem sich eine
andere Auffassungsweise dieser Verhältnisse zu bilden beginnt.
Von hoher Wichtigkeit ist es daher, diese gegenüberstehenden
 Auffassungsweisen kennen zu lernen, denn auch
das Wesen der Gesellschaftswissenschaft selbst erscheint uns
inter verschiedenem Licht, je nachdem wir uns die Beziehungen
des einzelnen Individuums zu der es umgebenden Gemeinschaft
 von Seinesgleichen vorstellen. Indem wir aber die betreffenden
 Anschauungen, welche bisher in Bezug auf das
gekennzeichnete Verhältniss gegolten haben, näher untersuchen,
 kommen wir zur Üeberzeugung, dass die Statistik hier
in der That auch nichts zu thun hatte; dagegen ergiebt sich
aus der näheren Betrachtung der nunmehr in Bildung begriffenen
 Anschauungsweise der Beziehungen der Einzelnen
zur Gesellschaft, einer Anschauungsweise, die sowohl den
thatsächlichen Verhältnissen als den Ergebnissen der modernen
Wissenschaft am meisten entspricht, dass der Statistik namentlich
 bei der Analyse der gesellschaftlichen Phänomene eine
bedeutende Rolle beschieden ist, und zwar ist dieselbe derart,
dass der Ausbau der Gesellschaftswissenschaft ohne ihre Hilfe
geradezu als unmöglich erscheint.

[V.

Das Verhältniss des einzelnen Individuums zur Gemeinschaft
 wurde im Verlaufe der Geschichte verschieden aufge:
        <pb n="41" />
        ‘0

fasst, so verschieden, dass wir eine ganze Abhandlung eigens
dazu schreiben müssten, wollten wir diese verschiedenen Auffassungen
 aufzählen und jede wenn auch nur mit kurzen Worten
;haracterisiren. Glücklicherweise lassen sie sich in wenige
grosse Gruppen zusammenfassen, und es wird auf solche Weise
möglich, einen Ueberblick über dieselben zu gewinnen, ausreichend
 genug, um begreifen zu können, dass das Bestreben, eine
achte, exacte Wissenschaft vom menschlichen Zusammenleben
zu begründen, erst mit dem Aufkommen einer bestimmten
und namentlich der gegenwärtig im Werden begriffenen Auffassung
 von der menschlichen Gesellschaft und des Verhältnisses
 des Einzelnen zu derselben sich nicht als grund- und
arfolglos erweisen dürfte. Die gedachte Eintheilung richtet
sich nach den von der Geschichtswissenschaft aufgestellten
grossen Geschichtsperioden, nämlich, wenn wir die vorhistorische
 und halbhistorische Epoche ausser Acht lassen, nach
dem Schema: Griechisch-Römische Welt, Mittelalter, Neue
und endlich die Allerneueste Zeit, in welch letzteren selbstverständlich
 die Gegenwart mit einbegriffen ist.
Nun was sehen wir bei den griechischen Völkerschaften.
Sehen wir uns den Platonischen Staat an, den dessen Urheber
als Ideal hinstellt und der anerkanntermassen durchaus auf
in der antiken Welt allgemein verbreiteten Begriffen aufgebauf
 ist!). Das Ganze, der Staat ist sich Selbstzweck und
der Einzelne geht als Bürger vollständig in demselben auf;
der einzelne Mensch ist auch in seinen privatesten Verhältnissen
 der Staatsgewalt unterworfen, die ihm überhaupt keine
noch so geringe Sphäre überlässt, in welcher er sich frei,
nach eigenem Belieben und Ermessen bewegen könnte. Alles
Sinnen und Trachten, alles Streben und Bemühen eines Jeden
gehört dem Staate. Das Leben, das Wohlergehen des Einzelnen
 kommt nur insoferne in Betracht, als der Einzelne
Bürger des Staates ist, es kommt nur insoferne in Betracht.

" Vgl. Hermann, Die historischen Elemente d. plat. Staatsideals,
Gesammelte Abhandlungen und Beiträge zur classischen Literatur und
Alterthumskunde. 1849. 140.
        <pb n="42" />
        41

als es dem Staatszwecke nützlich ist oder dienen kann !). Der
Staat ist Alles, ihm gehört Alles und Alles wird von Staatswegen
 geregelt. Der Staat ist das allein Reale, das Individualleben,
 die Einzelpersönlichkeit findet neben ihm keinen
Platz, es wird vollständig negirt. Die Eintheilung der Bürger
in Stände wird aus dem Gesichtspunkte vorgenommen, weil
as dem Staate als Ganzem nützlich ist. Von demselben Standpunkt
 wird der Güter-, Weiber- und Kindergemeinschaft das
Wort geredet”), Der Stand der Wächter oder Hüter des
Staates wird von Staatswegen als eine Schafsheerde gezüchtet.
Der Staat bestimmt, wann sich die jungen Leute zu verheivathen
 haben, er ist es, der die sich zu verheirathenden Paare
bezeichnet. Ebenso wie der Viehzüchter, so meint Plato,
jedesmal die besten Thiere auswählt und zur Nachzucht verwendet,
 muss auch der Staat unter den Wächtern die Besten
am häufigsten sich mit den besseren Frauen vermählen lassen,
und umgekehrt die Schlechtesten mit den Schlechtesten, und
dann die Kinder der ersteren aufziehen lassen, die der letzteren
 aber vernichten. Der Staat sorgt dafür, dass nicht
Kinder von zu jungen oder zu alten Eltern in die Welt gesetzt
 werden. Sämmtliche Kinder werden den Eltern kurz
nach Geburt abgenommen und gemeinsam erzogen, so dass
weder die Eltern ihre Kinder erkennen können, noch umgekehrt
 die Kinder ihre Eltern. Die Kinder gehören ebenfalls
mifß Leib und Seele dem Staat, der sie nach eigenem Gutdünken
 seinen Zwecken gemäss verwendet, — So stellt sich
uns der antike Staat in seiner idealen Reinheit dar, und wir
wissen, dass er nicht in allzu vielen Stücken von den wirklichen
 griechischen Staatswesen abweicht ?). In sämmtlichen
Staaten. Griechenlands war das Princip mehr oder weniger
1) Vgl. Hermann a. a. O. 142.
°) Vgl. Fr. Kleinwächter, Die Staatsromane, 36 ff., auch R. v.
Mohl, Geschichte der Literatur und Staatswissenschaften. Bd. I. 173 ff.
Lina Berger, Thomas Marus und Plato. Z, f. die gesammfe Staatswissenschaft.
 XXXV. 4138.
3) Vgl. E. Zeller, Der platonische Staat und seine Bedeutung für
die Folgezeit. Historische Zeitschrift von Sybel. 1859. 111.
        <pb n="43" />
        d

anerkannt und durchgeführt, dass der einzelne Bürger nur
für den Staat da ist und nur demselben leben muss. Der
Staat war demnach als ein Wesen für sich aufgefasst, das
allein Zwecke zu verfolgen hatte; der Einzelne aber war nur
Theil dieses ganzen, ohne Selbstständigkeit, ohne Freiheit des
Handelns und Denkens, ohne endlich die Möglichkeit zu
haben, sich eigene Ziele für sein Leben zu stecken und dieselben
 zu verfolgen. Der allumfassenden Bedeutung des Staates
gegenüber war die Persönlichkeit nichts. Der antike Begriff
des Staates barg eben in sich die vollständige Negirung der
Persönlichkeit als Wesen, das ausserhalb des Staates, für sich
&amp;gt;xistenzfähig und existenzberechtigt sein könnte.
Was die römische Auffassung betrifft, so finden wir hier
dem Individuum, der Person, eine ganz andere Stellung dem
Ganzen, dem Staate, gegenüber eingeräumt, als es bei den
Griechen der Fall war. In der römischen Welt stehen sich
sozusagen zwei Gewalten ganz unvermittelt gegenüber, Der
Begriff der Person ist streng individualistisch ausgebildet; die
ihrem Willen und selbst ihrer Willkür unterworfene Sphäre
ist so weit ausgedehnt, dass man fast sagen könnte, sie umfasse
 Alles, was bei den Griechen Sache des Staates war.
Andererseits aber war die Gewalt des Staates von so überhandnehmender
 Bedeutung, dass durch ihn in Wirklichkeit
die selbstständige Stellung der Persönlichkeit in sehr hohem
Maasse beeinträchtigt schien, Die einzelne Persönlichkeit war
sich zwar Selbstzweck, in demselben Maasse aber war es auch
der Staat; allein wo die beiden Zwecke mit einander etwa in
Conflict geriethen, unterlag die Persönlichkeit unwiderruflich
der Gewalt des Staates, Diese dualistische Auffassung des
in Rede stehenden Verhältnisses kennzeichnet sich am besten
im römischen Privatrechte!). So war z. B. die Person, zuerst
die reale physische Persönlichkeit und dann in Vebertragung
die sogenannte juristische Person, die alleinige und ausschliessliche
 Inhaberin von Vermögensrechten, wobei der Eigenthums-')
 Vgl. über das Folgende V. Mayer, Das Eigenthum nach den
verschiedenen Weltanschauungen. 1871.
        <pb n="44" />
        4.3

begriff olıne jedwede Beachtung der etwaigen Zwecke der
Gesammtheit ausgebildet war. Die Person, der das Kigen-"humsrecht
 zustand, war befugt, nicht nur Eigenthum zu erwerben,
 in welchem Umfange es ihr beliebte, sondern sie hatte
auch das unumschränkteste Verfügungsrecht über dasselbe;
sie durfte aus den Eigenthumsgegenständen oder mit denselben
 machen, was sie für gut hielt, ja sogar dieselben muthwillig
 und Anderen zum Trotz vollständig vernichten. Es
lässt sich begreifen, dass ein so freies Verfügungsrecht des
Einzelnen über sein Eigenthum sıch nur dort ausbilden konnte,
wo die Persönlichkeit als ein absolut freies Wesen für sich
aufgefasst wurde, als ein Wesen, das auf sich selbst beruht,
dessen Leben, dessen Interesse und Wohlergehen in keinem
Zusammenhang steht mit dem Leben und Interesse anderer
menschlicher Wesen. Nun war aber, wie gesagt, der Staat
ebenfalls als ein auf sich selbst beruhendes Wesen aufgefasst.
Der Staat hatte seine eigenen Zwecke, die mit den Zwecken
ler im Staate neben einander stehenden Personen nicht immer
der gar selten zusammenfiel. Wenn der Staat z. B. irgend
sines Grundstückes bedurfte, sagen wir, um ein den öffentlichen
 Zwecken dienendes Gebäude zu errichten, so nahm er
einfach das auserwählte Grundstück dem Eigenthümer ab,
ohne verpflichtet zu sein, wie es z. B. heutzutage der Fall
ist, demselben irgend welchen Ersatz dafür bieten zu müssen.
Das Recht des Staates war demnach ebenso absolut, wie dasjenige
 der Einzelperson, und zwar in ein und denselben
Sphären des menschlichen Lebens. Dass darin ein innerer
Widerspruch lag, ist ohne Weiteres klar, ebenso klar ist es
aber auch, dass die römische Auffassung des Verhältnisses
des Einzelnen zur Gesammtheit nicht die richtige sein konnte,
weil sie eben auf dieses Verhältniss gar nicht einging, sSon-Jern
 die beiden Begriffe „Person“ und „Gesammtheit“, welch’
letztere hier durch den „Staat“ repräsentirt ist, ohne irgend
welchen Zusammenhang, vollkommen unvermittelt dastehen lässt,
Wir wenden uns nun zum Mittelalter. Zwei grundverschiedene
 Auffassungsweisen treten uns hier entgegen: die
        <pb n="45" />
        A.

christliche oder, besser gesagt, diejenige der katholischen
Kirche und die germanische. Nach der christlichen Lehre
erscheint Gott als das Unendliche, Allumfassende , Ewiglaseiende,
 dem gegenüber das Endliche, als selbstständiges
Wesen, vollständig verschwindet. Gott ist der alleinmächtige
Selbstherrscher und Alles geschieht nach seinem Wohlgefallen.
Sein Wille ist es, der das bestimmende und bewegende Princip
abgiebt in Allem, was geschieht; er bestimmt die Bewegung
der grössten Weltkörper sowohl, als die der kleinsten Monade.
Diesem allumfassenden Begriffe gegenüber bleibt für die Bethätigung
 der Persönlichkeit kein Platz mehr übrig, sie geht
vollständig in demselben auf. Und wir sehen denn auch, dass
die katholische Kirche, die die christliche Lehre ins Praktische
zu übersetzen suchte, die freie, auf sich selbst stehende Persönlichkeit
 absolut negirt. Der Papst, als Vertreter Gottes
auf Erden, sollte an der Spitze der in einem Staate vereinigten
 Menschheit stehen. Ihm allein war das absolute
Verfügungsrecht über Personen und Sachen zugestanden, seine
Gewalt kannte keine Schranken: Niemand durfte ihm widerstehen,
 da er der alleinige Herr der ganzen Welt sei. Und
so wie Gott gegenüber der Wille des Einzelnen nicht aufkommen
 kann, so kommt er auch.nicht in Betracht gegenüber
der Alleinherrlichkeit des Papstes; die ganze christliche Welt
bildet, wie die Lehre lautet, einen Leib, dessen Seele der
Papst ist; durch den Papst wird die Menschheit belebt, durch
ihn erhält sie ihre Richtung und Lebenszweck.
Wir sehen also, dass in der katholischen Kirche das Algemeine,
 vertreten durch den Papst, das Individuelle, die Perzönlichkeit,
 vollständig verschlingt, ähnlich, wie es in Griechenland
 der Fall war, freilich mit dem Unterschiede, dass in dem
letzteren die Negirung der Persönlichkeit aus einem allumfassenden
 Staatsbegriffe gefolgert wurde, während in der katholischen
Kirche diese Negirung auf einem theologischen Principe beruhte.
In directem Gegensatze zu der letztgeschilderten Auffassung
 rückt die germanische Auffassungsweise das Indivi-Juelle,
 das Besondere, dem Allgemeinen gegenüher in den
        <pb n="46" />
        45

Vordergrund. Die alten Germanen kannten keinen Staat im
antiken oder modernen Sinne dieses Wortes; alles Regieren
beruhte auf freier Einwilligung sämmtlicher Genossen und der
Fürst war nur der Erste unter Gleichen. Jeder freie Germane
 betrachtete sich als souverän und schrieb sich allein
die Fähigkeit zu, über Recht und Unrecht zu entscheiden, und
er unterwarf sich daher nur denjenigen Rechtsregeln, in deren
Zustandekommen er selbst einwilligte. Auf diesem Boden
mussten natürlich alle Verhältnisse, wie unter souveränen Gewalten,
 im Wege des Vertrages bestimmt und geregelt werden,
und die nothwendige Folge war die, dass es ebenso viele verschiedene
 Rechte als Verträge gab, und dass die Sonder-Freiheiten
 und Privilegien allgemeine Normen oder Gesetze
gar nicht aufkommen liessen, oder doch fast bis zur gänzlichen
 Unterdrückung überwucherten. Nichts desto weniger werden
 wir entschieden fehlgreifen, wollten wir daraus entnehmen,
der Einzelne als Mensch war bei den Germanen dasjenige,
was sie unter freier Person verstanden. Der einzelne Mensch
kam nur insoferne in Betracht, als er Glied einer Familie
war: frei war nur die Familie, und in deren Vertretung das
Familienoberhaupt. Der Einzelne war durch die Familie vollständig
 gebunden, er erwarb bestimmte Rechte nur in Folge
zeiner Geburt innerhalb einer bestimmten Familie, so dass die
Stellung des Einzelnen in der Gesammtheit durch Vermittlung
der Familie von vorne herein bestimmt war. Der einzelne
Mensch war also nicht auf sich selbst gestellt, er stand da
nur als Theil der Familie; die Familien aber standen frei
neben einander, und nichts erhob sich über dieselben; die
Gesammtheit konnte daher nicht als Einheit aufgefasst werden,
sondern sie wurde vielmehr als Vielheit aufgefasst, und zwar
als eine aus sämmtlichen in Betracht kommenden Familien
zusammengesetzte Vielheit.
Was bietet uns nun die neuere Zeit? Bekanntlich hat
die römisch-rechtliche und katholische Weltanschauung im
Mittelalter die eben geschilderte germanische Auffassungsweise
immer mehr in den Hintergrund geschoben, so dass zuletzt
        <pb n="47" />
        46

statt Freiheit und Selbstständigkeit überall Unfreiheit und
Gebundenheit zur Herrschaft gelangte. Nun wurde aber durch
Jie Reformation dieser Weltordnung ein tödtlicher Stoss versetzt.
 Zunächst entspann sich der Kampf allerdings auf dem
religiösen Gebiete, ihm folgten dann aber in kurzer Zeit die
ersten Anstürme gegen die bestehende politische und sociale
Ordnung, die denn auch später vollständig umgeworfen wurde,
indem das Princip der in jeder Beziehung freien KEinzelpersönlichkeit
 zum Durchbruch gelangte, Dieses Princip war
es auch, das der Reformation zu Grunde lag. An Stelle des
blinden Glaubens an die Autorität der Kirche und des Papstes,
als deren unfehlbaren Oberhauptes, setzten die Reformatoren
Jie freie Ueberzeugung eines Jeden, der es in sich selbst zu
beschliessen habe, woran und wie er glauben möchte. Das
Priesterthum wurde aufgehoben und jeder Christ für fähig
und berechtigt erklärt, ohne irgend welche Vermittlung direct
mit Gott zu verkehren. So wurde hier der Individualismus
auf den Schild erhoben und in dem unmittelbar folgenden
Bauernkriege hatte man den Versuch gemacht, diese religiösindividualistische
 Lehre ins Praktische, in das Politische und
Sociale zu übertragen !). Ungeachtet dessen, dass dieser Versuch
misslang, hat das Princip nichts desto weniger tiefe Wurzeln in
die Gemüther geschlagen, um dann im Verlaufe der Zeit in anderer
 Form vor die Augen der Menschheit zu treten. Es entstanden
lann die Lehre vom Staatsvertrage und der Physiokratismus,
Lehren, die den Boden für die kommende Revolution bereiteten.
J. J, Rousseau’s Contrat social giebt uns Auskunft darüber,
 wie man sich am Ausgange der neuen Zeit das Verhältniss
 des Einzelnen zur Gesammtheit vorstellte. Die Menschen
 sind, nach dieser Auffassung, von Natur gleichberechtigt;
sie sind frei geboren und bringen mit sich in die Welt eine
Anzahl unveräusserlicher Rechte, die ihnen Niemand nehmen
kann. Um besser, glücklicher leben zu können, haben sich
lie Menschen zu einem Staate vereinigt, indem sie einen

) Val. V. Mayer a. a, O0, 928.
        <pb n="48" />
        47

freien Vertrag eingingen, den Jedermann zu jeder Zeit kündigen
 darf, wenn er sich durch denselben in der Ausübung
seiner natürlichen Rechte verletzt oder gehindert fühlt. Der Staat
ist aber keineswegs Etwas, das über den einzelnen Genossen
stünde; er ist vielmehr die Gesammtheit sämmtlicher ihn
bildenden Personen; sein Wille ist nichts anderes als der
Wille Aller. Nach dieser Auffassung besteht somit unter den Finzelnen
 überhaupt kein innerer Zusammenhang; kein natürliches
Band verbindet die Menschen unter einander; ihr Zusammenleben
 beruht ausschliesslich auf Vereinigung, auf Verabredung.
Ist das Ziel des getroffenen Vertrages erlangt, so bleibt nichts
mehr übrig, das den Zustand, der durch den Vertrag geschaffen
 wurde, fernerhin aufrecht erhalten könnte. Sogar
lie Familie hat nur durch Uebereinkunft Bestand; die Kinder
bleiben nur so lange mit dem Vater verbunden, wie sie seiner
zu ihrer Erhaltung bedürfen. Sobald dieses Bedürfuiss aufhört,
 löst sich das Band. Von dem Gehorsam befreit, den die
Kinder dem Vater schuldig sind, und der Sorgfalt überhoben,
zu der der Vater den Kindern gegenüber verpflichtet ist, kehren
alle in gleicher Weise zur natürlichen Unabhängigkeit zurück Y
Dieser Gedankengang fand auf dem nationalökonomischen Gebiete
 noch schärfere Ausbildung und ausgedehntere Verkörperung.
Zu einer Zeit, wo die Menschheit unter dem Joche einer
Jespotischen Staatsgewalt schmachtete, musste der Gedanke,
Jass der Staat auf freier Uebereinkunft beruhe, begreiflicherweise
 zur Ansicht führen, dass es doch besser wäre, wenn
man diese Einrichtung, die nunmehr nicht nur ihren Dienst
versage, sondern dem Wohlergehen der Menschheit geradezu
antgegenarbeite, endlich einmal abschaffen oder wenigstens ihre
Gewaltsphäre auf das allernothwendigste beschränken wolle,
Und so forderten auch die Physiokraten, die Vertreter der
zeitgenössischen Ideen auf nationalökonomischem Gebiete, unseschränkte
 Freiheit für die wirthschaftliche Thätigkeit der

‘ J. J. Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag oder die Grundsätze
Jes Staatferechtes. Deutsch von Dehnhardt. 5.
        <pb n="49" />
        .- 48

Menschen, unbeschränkte Freiheit für den Ackerbau, für Gewerbe,
 Handel und Verkehr. Sie verlangten, der Staat solle
sich in die wirthschaftliche Thätigkeit der Menschen in keinem
Falle einmischen, denn jeder Einzelne wisse selbst am besten,
was ihm fromme und auf welche Weise seine Kräfte am
vortheilhaftesten zu verwenden seien. Das wohlverstandene
Selbstinteresse sei der Grundhebel, der die gesellschaftlichen
Verhältnisse in Bewegung setzt; die ungehinderte Conecurrenz
müsse daher als das allergeeignetste Mittel erscheinen, vermöge
 dessen das Wirthschaftsleben zur höchsten Blüthe gebracht
 werden könne!). Jeder Mensch ist auf sich selbst
angewiesen und hat nur auf seine eigene Kraft, auf seine
xugene Tüchtigkeit zu rechnen,
Diese Lehren des Physiokratismus haben dann bekanntlich
in dem Schotten Ad, Smith ihren feurigen Propheten gefunden.
Seine Worte wurden von der nach Freiheit lechzenden Menschheit
 als neue Offenbarung mit Sehnsucht entgegengenommen.
Mit der Parole Laissez faire, laissez passer machte die neue
Lehre die Runde durch alle civilisirten Völker der Erde und
wurde endlich in solchem Umfange im Leben derselben verwirklicht,
 wie kaum ihre Urheber es gehofft haben mochten 2).
Wenn wir uns nun die Lehren der Oekonomen der Schule
Ad. Smith’s ansehen, so werden wir leicht finden, dass sie
die Verkörperung des crassesten Individualismus sind, eines
Individualismus, der auf der Auffassung der Persönlichkeit,
als eines Wesens beruht, das losgelöst von jedwedem Zusammenhange
 mit anderen Persönlichkeiten dasteht. Der Mensch hat
absolutes Verfügungsrecht über sich und sein Eigenthum, er
hat sich in seinem Handeln durch keine anderen Motive leiten
zu lassen, als durch seinen eigenen Nutzen, eigenen Vortheil:
er ist vollkommen frei in seiner Bewegung, in seiner Thätigkeit;
 keine anderen Beziehungen binden ihn an andere Menschen
 als das Interesse: hört das Interesse auf. so werden

‘) Vgl. Oncken, „Quesnay“ a. a. 0.
‘) Vgl. A. Oncken, A. Smith und Im, Kant. Einleitung.
        <pb n="50" />
        ‚49 -

alle Bande gelöst. Der Einzelne ist vogelfrei, er hat auf
Niemand zu rechnen. Das Gesetz der Natur, demzufolge alle
lebenden Wesen mit einander um ihre Existenz zu kämpfen
haben, gilt auch für die Menschen; keiner darf aber in seinem
Kampfe mit den Anderen gehindert werden, sonst verstösst
man gegen die natürliche Ordnung der Dinge. Die Vereinigungen
 der Menschen sind eben nichts anderes als Vereinigungen
 behufs erfolgreicheres Kämpfen mit den Gegenüberstehenden.
 Die Gesammtheit als solche ist dennoch kein
organisches Ganze, das die Einzelnen zu einem lebendigen
Organismus verbände, vielmehr stellt die Gesammtheit nur
die Summe der Individuen dar, welche von einander vollständig
 abgesondert sind und auf eigene Rechnung und Gefahr
 mit einander in Verbindung beziehungsweise in Kampf
treten. Das Verhältniss des Einzelnen zur Gesammtheit stellt
sich nach dieser Auffassung dar, wie etwa das Verhältniss
2ines Sandkörnchens zu einem Sandhaufen; die Einzelnen
sind mechanisch unter einander verbunden, kein inneres Band
existirt zwischen ihnen, — die Gesammtheit als solche existirt
nicht.
Es bleibt uns nun noch übrig, die letzte Auffassungsweise
zu erörtern, diejenige nämlich, welche allein die Grundlage
einer exacten Gesellschaftswissenschaft sein kann. Allein bevor
 wir daran schreiten, wollen wir erst kurz die Ergebnisse
der vorangegangenen Untersuchung zusammenfassen, um sie
lann nachher vom Standpunkte der neuen Auffassungsweise
desto leichter würdigen zu können.

Die antike Welt sah im Staate die Verkörperung des
Allgemeinen, ohne dabei das Individuelle, die Persönlichkeit,
in Betracht gezogen zu haben !). Die römische Auffassung an-1)
 Vgl. Hildenbrand, Geschichte der Rechts- und Staatsphilosophie.
 1860. Bd. I. 26.
Reichesberg, Die Statistik und die Gesellschaftswissenschaft,
        <pb n="51" />
        50 —

erkannte zwar beide Elemente: die Persönlichkeit, allerdings
nur in ihrer Eigenschaft als rechtsfähige Person, und die Gesammtheit
 in der Form des Staates; allein beide Begriffe
stehen absolut neben einander, ohne jedwede innere Beziehung
 zu einander. Was das Mittelalter anbelangt, so bot
es uns einerseits die christliche Anschauungsweise, die in
Folge ihres Gottesbegriffes die selbstständige Existenz der
Persönlichkeit vollständig negirt; andererseits bot es uns
die germanische Auffassung, die nur das Besondere und
Individuelle anerkennt, indem sie die Gesammtheit nur als
Vielheit betrachtet. Aber auch in ihrer Auffassung der
Persönlichkeit vermochten es nicht die Germanen, sich bis
zur Anerkennung des Menschen als solchen emporzuschwingen,
— der Einzelne kam nur als Mitglied der Familie in
Betracht, ausser derselben war er nichts, Die Auffassung
der neueren Zeit endlich zeichnet sich durch die vollste
Anerkennung des Menschen als Persönlichkeit aus, indem
sie sich denselben losgelöst von allen staatlichen Banden
vorstellt; der Mensch gilt hier als ein Wesen für sich, das
sich mit anderen frei verbinden kann, wenn es ihm vom
Standpunkte seines Interesses als vortheilhaft erscheint. Die
Gesammtheit ist ein Aggregat von Individuen, die auf sich
selbst angewiesen und unter einander nur mechanisch verbunden
 sind. Der Staat ist nicht mehr der Inbegriff der
Gesammtheit, sondern lediglich eine Einrichtung, die von
der Gesammtheit unterhalten wird, um den Einzelnen in der
Ausübung seiner Rechte zu schützen. —
Nun dieser letzte Gedanke bildete in der allerneuesten
Zeit das Ferment zu einer neuen Auffassung des uns hier angehenden
 Verhältnisses, indem er die Aufmerksamkeit der
Forscher auf einen Umstand lenkte, der in den verflossenen
Zeitaltern vollständig unbeachtet blieb. Wir haben gesehen,
dass, wo immer in früheren Zeiten von der Gesammtheit die
Rede war, man dieselbe in dem Begriff des Staates zusammenfasste.
 Als man sich aber sagte, der Staat sei nur eine Einerichtung,
 die behufs Erfüllung bestimmter Aufgaben ins
        <pb n="52" />
        51 -

Leben gerufen worden wäre, so ist es einleuchtend genug, dass
man sehr bald zur Ansicht gelangen musste, dass der Staat nur
eine historische Erscheinung sei, die im Verlaufe der Zeit
ihren Charakter gemäss der veränderten Aufgaben wechsle und
dass endlich ein Zeitpunkt kommen könne, wo sich der Staat
vollständig ausgelebt haben werde. Andererseits haben gerade
diejenigen Unternehmungen der neueren Zeit, die auf eine
möglichst grösste Einschränkung der Machtsphäre des Staates
ausgingen, am meisten dazu beigetragen, das menschliche
Zusammenleben in einem ganz anderen Lichte hervortreten zu
lassen, als es je der Fall war. Es hat sich nämlich herausgestellt,
 dass ungeachtet der Abschaffung aller derjenigen Einrichtungen,
 welche von einer feudalen und despotischen Gewalt
der Menschheit aufgezwungen wurden und welche die Menschen
unter einander auf die unnatürlichste Weise zusammenfesselten,
dass also ungeachtet dessen in der Gesammtheit bleibende
Interessen vorhanden sind, die auf einen durchaus natürlichen
 Zusammenhang der Einzelnen unter einander, ja auf
aine in gewissem Sinne vollständige Abhängigkeit der letzteren
von einander in jedweder Beziehung hindeuten. Es stellte
sich ferner heraus, dass unter durchaus ähnlichen Staatsformen
und Einrichtungen ganz verschiedene Interessengemeinschaften
fortleben können, während im Gegentheil eine und dieselbe
Interessengemeinschaft sich unter äusserst verschiedene Staatsformen
 beugen könne. Diese Interessengemeinschaften schienen
demnach in sehr losem Zusammenhange mit dem Staate, wie
ar nun aufgefasst wurde, zu stehen; sie schienen, wenn schon
im Staate, vorhanden, so doch nicht durch ihn bewirkt und
ins Leben gerufen worden zu sein; es schien vielmehr, als
wäre es im Gegentheil der Staat, der in Bezug auf die Grenzen,
die Form und Richtung seiner Aeusserungen und Machtbefugnisse
 durch die gekennzeichneten Gattungen von Interessengemeinschaften
 bestimmt und beeinflusst werde. Diese Erfahrungen
 führten dann consequenterweise zur Aufstellung eines
neuen Begriffes der Gesammtheit, nämlich desjenigen der
Gesellschaft. — Es ist dies einer der Fälle, bemerkt treffend
        <pb n="53" />
        _ 52 —

R. v. Mohl, die Nothwendigkeit der Begründung einer eigentlichen
 Socialwissenschaft hervorhebend, es ist dies einer der Fälle,
in welchen das Leben die Wissenschaft in Bewegung gebracht
hat. Die Thatsache der verschiedenen Gattungen von Lebenskreisen
 bestand, seitdem Menschen zusammengetreten waren. Es
vedurfte zur Krkenntniss und Unterscheidung nur eines klaren
Blickes. Aber eben dieser fehlte. Die Wissenschaft blieb blind,
obgleich von Platon an die ausser dem Staate seiende Gemeinschaftlichkeit
 vielfach geahnt und unklar besprochen wurde, und
namentlich eine Anzahl eigenthümlicher und wunderlicher Geister
Jieses Verhältniss bald dichterisch spielend, bald in zornigem
Gegensatze gegen die wirklichen Zustände geltend zu machen
suchte !). — Dies ist allerdings richtig, allein wir glauben,
dass es in früheren Zeiten auch nicht anders sein könnte.
Die „Thatsache der verschiedenen Gattungen von Lebenskreisen“
 konnte nicht eher bemerkt werden, als sie sozusagen
unverhüllt ans Licht traten. Und dies war eben in früheren
Zeiten nicht der Fall. Entweder wurde dem Staate eine solche
Macht zugestanden, dass alle intimsten Verhältnisse des privaten
geschweige des öffentlichen Lebens ausschliesslich von ihm beainflusst
 und bestimmt schienen, oder die Menschen respective die
verschiedenen Menschengruppen lebten in solchem Maasse von
einander abgesondert und abgegrenzt, dass in erster Linie eben
Jas Individuelle und nicht das Gemeinsame zur Geltung kommen
konnte. Nun wurde es aber in letzter Zeit ganz anders. Durch
den Sieg der individualistischen, oder, besser gesagt, atomistischen
 Auffassung des menschlichen Zusammenlebens wurde
ler Zustand der vollkommensten Verkehrs- und Handlungsfreiheit
 inaugurirt; keine äussere Gewalt konnte mehr im
Grossen und Ganzen die menschliche Thätigkeit sei es in immer
welcher Beziehung beeinflussen oder beschränken. Und so
konnten eben diejenigen Mächte zum Vorschein kommen, die das
Ganze ihrer Natur nach beherrschen und bewegen. Die Gesellschaft
 wurde dann etwa als Inbegriff derjenigen mensch-NR.
 v. Mohl, Geschichte und Literatur der Staatswissenschaften.
il. 70.
        <pb n="54" />
        a

lichen Lebenskreise aufgefasst, die von verhältnissmässig
 dauerndem Charakter zu sein scheinen und die
nicht etwa durch äusseren Zwang zusammengehalten
werden, sondern in Folge Zusammenwirken bestimmter
natürlicher und geschichtlicher Verhältnisse ins Leben
gyetreten sind und auf bestimmten Interessen, sel es
materieller oder geistiger Natur, beruhen. Dieser
Begriff der Gesellschaft fällt in keiner Weise mit dem Begriffe
des Staates zusammen, wie immer auch der letztere im Verlaufe
 der Geschichte aufgefasst wurde. Und während der
moderne sogenannte Rechtsstaat als die „Verwirklichung des
Einheitsgedankens“ angesehen wird!) und alle von ihm getroffenen
 Maassregeln und Einrichtungen als ausschliesslich
von diesem Standpunkte unternommene Beurtheilung und Würdigung
 finden, stellt sich im Gegentheil die Gesellschaft als
Inbegriff der verschiedenartigsten Interessengemeinschaften
dar, die zwar immer mit einander in grösserem oder geringerem
Zusammenhange, die aber ihrem Inhalte nach nicht immer unter
einander in harmonischem Verhältnisse stehen, vielmehr sind
sie in letzterer Hinsicht nicht selten einander geradezu entgegengesetzt.
 So sehen wir z, B., wenn wir einen Blick auf das wirthschaftliche
 Leben unserer Zeit werfen, eine ganze Reihe von Interessengruppen,
 die einander gegenüberstehen, ja die einander
auf das Heftigste bekämpfen, da deren Bestrebungen und Ziele
ainander mitunter geradezu durchkreuzen. Und dieser Kampf
der Interessen ist auf dem Gebiete des gesellschaftlichen Lebens
nicht nur begreiflich, sondern er erscheint sogar vom geschichtlichen
 Standpunkte durchaus als nothwendig. Mischt sich aber
der Staat in diese Verhältnisse ein, so geschieht dies, um nicht
etwa irgend einer Gruppe von Interessen zum Siege zu verhelfen,
 sondern um vom Standpunkte des einheitlichen Staatsinteresses
 die Gegensätze auszugleichen und womöglich die
Ursachen des Kampfes aus der Welt zu schaffen. Dass der
moderne Staat, wie überhaupt der Staat aller Zeiten, nicht

1. BR. v. Mohla. a. 0. I. 99,
        <pb n="55" />
        - 54

gerade so verfährt, wie er dem Begriffe nach verfahren sollte,
braucht erst nicht näher erwähnt zu werden, da es allgemein
bekannt sein dürfte, dass der Staat seine Maassnahmen gewöhnlich
 zu Gunsten derjenigen Gruppen zu treffen pflegt, welche
die Staatsgewalt in Händen haben. Dennoch wird Alles, was
von Staatswegen unternommen und ausgeführt wird, eben im
Namen der Einheit, des Ganzen unternommen. Dagegen ist
lie Thätigkeit der verschiedenen Gesellschaftsgruppen vor Allem
auf die Verfolgung ihrer eigenen Ziele gerichtet. Indem aber
jeder einzelne Gesellschaftskreis sich nach eigenen Grundprincipien
 bewegt und bethätigt, entwickelt sich aus dem vielfachen
 Zusammenstoss, aus dem Zusammenwirken und Gegenwirken
 dieser verschiedenartigsten Bewegungsrichtungen auf
ganz natürliche Weise, ohne dass es die Menschen gerade
merken müssen, eine höhere einheitliche Atmosphäre, die mit
ihren Elementen sämmtliche Lebenskreise durchdringt und
ihrerseits die Richtung der einzelnen Bewegungen in hohem
Maasse mitbestimmt. Die Gesellschaft bildet demnach ebenfalls
 eine Einheit, die sich aber von der Einheit, die im Staate
verkörpert sein soll, dadurch unterscheidet, dass sie durchaus
auf natürlicher Basis beruht und überall und immer, von
dem Momente an, als Menschen zusammengetreten sind, vorhanden
 sein musste. Während nun die Einheit, die den Begriff
 des Staates ausmacht, nur abstract gedacht werden kann,
ist dagegen die Einheit, die sich in der Gesellschaft äussert,
ine durchaus reale, so dass sie sich in allen Kreisen des
menschlichen Lebens, ja in den Handlungen, im Fühlen und
Denken der Einzelnen selbst, aufs Greifsbarste durchschauen
lässt. Allein da diese Einheit auf dem Zusammenwirken sämmtlicher
 Lebenskreise, sämmtlicher Interessen und Bestrebungen
beruht, so ist es klar, dass der Inhalt dieser Einheit im Verlaufe
 der Zeit ein verschiedener sein musste, je nachdem die
sinzelnen Lebenskreise ihre Stellung einander gegenüber wechselten
 oder neue Elemente in den Kreis der Bewegung eintraten.
Als nun das Vorhandensein dieser natürlichen entwickungsfähigen
 Einheit im menschlichen Zusammenleben ent-
        <pb n="56" />
        deckt und man sich des tiefen Einflusses derselben in allen
Stücken des wirklichen Lebens einigermassen bewusst geworden
war, musste man sich natürlicherweise sehr bald sagen, dass
hier ein ganz neues Object für die Wissenschaft vorzuliegen
scheint, ein Object, dessen Erforschung von allerwichtigster
Tragweite sein dürfte, Und so wurde die Social- oder
Gesellschaftswissenschaft begründet! —
Nun wie gestaltet sich das Verhältniss des einzelnen
Individuums zu der letztgeschilderten Einheit, die mit dem
Worte Gesellschaft bezeichnet wird, — das ist eben die
hochwichtige Frage, von deren Lösung die Richtung der Gesellachaftswissenschaft
 vollständig abhängt,
Schon Pascal sagte: Toute la succession des hommes
pendant la longue suite des siecles doit &amp;amp;tre considerde comme
un seul homme, qui subsiste toujours et qui apprend continuellement.
 Und Comte führt diesen Gedanken weiter aus,
indem er die Behauptung aufstellt, dass je länger unsere
Gattung dauert und je civilisirter sie wird, desto mehr wird
der Einfluss vergangener Geschlechter auf das Gegenwärtige
und der Menschheit en masse auf jeden Einzelnen darin alle
anderen Kräfte überwiegen, Allein diese Gedanken waren nur
vereinzelte Lichtstrahlen, die jedoch das Chaos, das in den
Ansichten über Mensch und Gesellschaft herrschte, nicht im
geringsten zu zerstreuen vermochten. Die Psychologie fand
noch bis vor Kurzem ihr Genüge darin, dass sie den Menschen
in einer Welt für sich betrachtete, als isolirtes Einzelwesen,
das unbeschränkter Lenker seines eigenen Geschickes ist. Dieser
Psychologie zufolge sahen die Rechtslehrer im sogenannten guten
»der bösen Willen des Einzelnen die ausschliessliche Ursache
seines Handelns und die öffentliche Meinung spendete Weihrauch
den Grossen und Mächtigen, und zwar nicht weil sie gross und
mächtig waren, sondern weil sie in dieser Grösse das Zeugniss
persönlicher Fähigkeit und Tüchtigkeit der Betreffenden zu sehen
geneigt war. Zwar ist dieser letztere Gedanke für Manche
heutzutage schmeichelhaft genug, da, um mit Alb. Lange!)
9 Al. Lange a. a. O. IL 472.
        <pb n="57" />
        zu sprechen, die Glücklichen, die Gebildeten, die Hochgestellten
einen ebenso hohen Genuss in dem dieser Ansicht zu Grunde
{iegenden Gedanken einer irdischen Prädestination finden, wie
der geistliche Hochmuth in dem der kirchlichen; allein in einer
Zeit, wo eine grosse wirthschaftliche Umwälzung alle bisherigen
Verhältnisse auf den Kopf gestellt hat, konnte das Erfahrungswidrige
 dieser Ansicht nicht lange verborgen bleiben. Denn die
Erfahrung lehrte auf jeden Schritt und Tritt, dass die Einzelnen
in ihrer wirthschaftlichen Thätigkeit, in ihrem ganzen materiellen
 Dasein nicht nur von allen anderen Mitgliedern einer
und derselben Wirthschaftseinheit abhängen, sondern geradezu
von der jeweiligen allgemeinen wirthschaftlichen Sachlage
 der ganzen civilisirten Welt, Sie zeigte ferner, dass
lie ökonomischen Verhältnisse des Fabrikanten, des Grundbesitzers,
 des Rentiers, des Arbeiters u. s. w. sowohl die gegenseitige
 Stellung desselben zu einander innerhalb eines bestimmten
Staates, sich zum grössten Theil nicht einmal begreifen lassen,
wenn man nicht die Wirthschaftsthätigkeit der ganzen Menschheit
 in Betracht zieht. Und nun musste man sich denn sagen,
lass wenn der Einzelne in dieser wichtigen Seite seines Lebens
mit seinen Mitmenschen in so hohem Maasse verbunden ist, er
auch in mancher anderen Hinsicht nicht vollkommen unabhängig
 sein könne, sondern er müsse vielmehr als ein Einzelwesen
 betrachtet werden, das erst durch das Leben in der
Gemeinschaft seinen Inhalt und Lebenszweck erhält.
Nach der dann durch diesen Gedanken ins Leben gerufenen
 neuen Auffassung sind die Begriffe Individuum und
Gesellschaft keineswegs dergestalt, dass sie etwa einander ausschliessen
 möchten, vielmehr werden sie so aufgefasst, dass
sie erst durch gegenseitige Ergänzung und Vervollständigung
ihren wahren Inhalt erhalten. Die Gesellschaft stellt zwar
die Gesammtheit der sie bildenden Personen dar, allein keine
sinzige dieser Personen kann in ihrer Thätigkeit, in ihrem
Fühlen und Denken begriffen werden ohne Zuhilfenahme derjenigen
 Principien, Gesetze und Bewegungsrichtungen, die den
Inhalt der Gesellschaft ausmachen. Im geistigen wie im leib-
        <pb n="58" />
        37

lichen, sagt treffend A. Oncken’), kann der Mensch nur als
ein aus der Gemeinschaft geborenes und nach ihr gebildetes
Wesen verstanden werden, das mit tausend Fäden an’ die geselligen
 Voraussetzungen der Sitte und Erziehung geknüpft
ist. — Und in der That findet der Mensch gleich bei seinem
Eintreten ins Leben neben der objectiven Welt der Natur
eine Welt von Gebräuchen, Sitten, Gedanken ete. vor, die auf
ihn von Anfang an einen tiefen Einfluss ausüben. Unter
Jiesem Einflusse bildet sich sein Charakter, seine Anschauungen
 und Sympathien, überhaupt sein ganzer Geist. Der
Einzelne kann keine anderen Gedanken, keine anderen Gefühle
 haben als diejenigen, die in seiner Zeit in der Gesellschaft,
 in der er lebt, zerstreut vorhanden sind; seine Individualität
 drückt sich nur in der besonderen Art der Zusammenfassung
 dieser Elemente. Sämmtliche Wege, die der Einzelne
während seines Lebens schreitet, sind von der Gesellschaft
gleichsam vorgezeichnet., Der Beruf, den er wählt, um sich
die nöthigen Unterhaltsmittel zu verschaffen, der Genuss, den
er erstrebt, — Alles ist dem Inhalte nach durch die Gesellschaft
 gegeben; in ihr sind auch die Mittel, die zur Erlangung
der jeweilig erstreckten Ziele dienen können, vorhanden; von
ihrem jeweiligen Geiste hängt es aber auch ab, dass die betreffenden
 Mittel wirklich angewandt und die gesteckten Ziele
in der That erlangt werden. Der Einzelne ist in solchem
Maasse Product der Gesellschaft, das wir den Menschen als
vereinzeltes Wesen gar nicht in einer Weise entwickelt denken
können, welche mit der des gesellschaftlichen Menschen commensurabel
 wäre. Nicht bloss alles das, was Erfolg einer
technischen, künstlerischen oder gar wissenschaftlichen Ausbildung
 ist, wird dem Einzelnen nothwendig von der Gesammtheit
 als Gegenstand der Erkenntniss entgegengebracht, sonlern
 auch die Natur, wie sie Gegenstand seiner ganz unreflectirten,
 ungebildeten Erkenntniss ist und in den Kreis

;) A. Oncken, Socialwissenschaft und Socialethik. A. Allgemeine
Zeitung 1871. Nr. 153, 157, 158.
        <pb n="59" />
        58

seines Lebens fällt. Der Mensch steht der Natur gegenüber,
aber es giebt keinen Weg von ihm zu ihr, noch von ihr zu
ihm, der so kurz wäre, dass ein Einzelner oder selbst eine
Generation zu dem Ziele einer leidlichen Erkenntniss gelangen
könnte. Die Gesellschaft der Gesammtgeist, muss dazwischen
sreten, um die Brücke zwischen beiden zu bilden '). Der Gesammtgeist,
 der den Inhalt des gesellschaftlichen Lebens ausmacht,
 ist der Boden, auf dem die Einzelnen aufwachsen und
gedeihen. Allein daraus folgt keineswegs, dass die Einzelnen
ihre Individualität vollständig in der Gesellschaft verlieren
und etwa die Rolle der Zellen eines Naturorganismus einnehmen,
 wie die Sociologen par excellence, die Sociologen der
Spencer’schen Richtung und zumal Spencer selbst behaupten.
Der grosse Unterschied besteht eben darin, dass während im
Naturorganismus die Zellen keine eigenen, selbstständigen
Zwecke haben können und vollständig dem Ganzen leben, so
dass erst das Ganze als Einheit aufgefasst werden kann, die
Zellen aber nur als Theile desselben, verfolgen im Gegenthei]
die menschlichen Individuen je nach Bildungsgrad und Lebensauffassung
 bewusst ihre eigenen Ziele, und erst aus der Gesammftheit
 dieser Bestrebungen, die mit einander in steter
Berührung kommen, ja unter einander geradezu verschlungen
sind, bildet sich die Einheit des Gesellschaftslebens. So stellt
sich die Sache, wenn man sie theoretisch betrachtet. Historisch
 aufgefasst, tritt freilich jedes Individuum in eine bestimmte
 Gesellschaft ein und seine Ziele und Bestrebungen
werden durch die bereits ausgebildete Einheit, durch den bereits
 vorhandenen Gesellschaftsgeist beeinflusst und bestimmt.
Diese Beeinflussung ist aber nicht solcher Art, dass die die
Gesellschaft bildenden Individuen zu einer unterschiedslosen
Masse werden, sondern jedes Individuum empfängt nur manche
Elemente des allgemeinen Geistes und zwar auf durchaus
verschiedene Weise und in einer eigenthümlichen Combination,
je nach Erziehung, Bildung, gesellschaftliche Stellung u. s. w.
rl) Lazarus, Einige synthetische Gedanken zur Völkerpsychologie.
Z. f. Völkernsychologie, IIL 18.
        <pb n="60" />
        59 —

Es ist demnach durchaus verfehlt, das gesellschaftliche
Leben begreifen zu wollen, indem man sich die Gesellschaft
als Organismus und die verschiedenen Interessengruppen, die
innerhalb derselben vorhanden sind, als Glieder oder Organe
des Organismus vorstellt. Dies ist, von allem anderen abgesehen,
 in erster Linie methodologisch verfehlt, weil das
Hauptgewicht hier doch nicht auf dem Ganzen als solchen
liegt, auf dem Ganzen, das etwa ausser den dasselbe bildenden
Individuen irgend einen realen Inhalt hätte. KEbenso aber
ist es verfehlt, wenn man das gesellschaftliche Leben begreifen
will aus dem Studium des einzelnen Menschen. Wenn Mill?)
meint, dass Menschen auch im gesellschaftlichen Zustande
Menschen wären und ihr Thun und Leiden den Gesetzen der
individuellen menschlichen Natur gehorche, so ist er ım
vollen Rechte; allein wenn er weiter behauptet, dass die
Menschen nicht anders werden, wenn sie zusammenkommen,
dass sie nicht in eine andere Art von Substanz mit verschiedenen
 Eigenschaften verwandelt werden, wie Wasserstoff und
Sauerstoff vom Wasser verschieden sind, oder wie Wasser-,
Sauer-, Kohlen- und Stickstoff von Nerven, Muskeln und
Sehnen verschieden sind; wenn er behauptet, dass die menschlichen
 Wesen in der Gesellschaft keine anderen Eigenschaften
hätten, die von den Gesetzen der Natur des individuellen
Menschen herstammen und in diese aufgelöst werden könnten
— go ist dies eine vollständige Verkennung der ganzen Sachlage
und der geniale Logiker hat sich hier, wie uns dünkt, eine
logische Ungereimtheit zu Schulden kommen lassen. Denn
es ist doch einleuchtend genug, dass bevor man mit solcher
Bestimmtheit behauptet, der Mensch bleibe derselbe innerhalb
wie ausserhalb der Gesellschaft, so müsste man doch erst den
Menschen in diesen beiden Stellungen genau gekannt haben,
um einen Vergleich anstellen zu können. Hat aber denn jemals
 ein Forscher einen Menschen gesehen, der ausserhalb
irgend einer, wenn auch noch so primitiven Gesellschaft ge-')

 Mill a. a. OO. II 283.
        <pb n="61" />
        — 60

lebt hätte. Der wirkliche Mensch steht mit seinem ganzen
Denken, Fühlen und Wirken in der Gesellschaft und kann
von derselben nicht abgelöst werden. Zwar findet, sagt mit
Recht Lazarus), die Entwicklung des menschlichen Geistes
überall und jederzeit nach allgemeinen psychologischen Gesetzen
 statt; allein man täuscht sich über den Sinn dieses
wahren Gedankens, wenn man übersieht, dass die Bedingungen
des gesetzmässigen Geschehens, die Elemente und Voraussetzungen
 desselben für die Individuen verschiedener Zeiten
und Völker völlig verschiedene sind, dergestalt, dass allmälig
ganz neue psychische Ereignisse auftreten und mit diesen
auch erst die sie betreffenden Gesetze zur Erscheinung kommen.
Es sollte gewiss, meint er ferner, nicht mehr der Wiederholung
 bedürfen, dass auch die Cultur des Menschen im weiteren
 Sinne zur Natur desselben gehört; aber nicht zur Natur
des einzelnen, isolirten, sondern lediglich zu der des historisch
 lebenden Menschen; mag man also immerhin die Entwicklung
 der Cultur als einen natürlichen Verlauf ansehen;
nur muss man dann nie von dem einzelnen Menschen, wie
er aus der Hand der Natur hervorgeht, reden, sondern von
dem Mitglied einer Gesellschaft, in welcher die natürlich-geistige
 Thätigkeit objectiv geworden und als überliefertes, historisches
 Element in die natürliche Entwicklung des späteren
Individuums eintritt. — Die einzelnen Menschen, wie wir sie
uns denken, können wir uns nicht anders vorstellen, als mit
allen denjenigen Eigenschaften, mit dem ganzen Inhalt ihres
Wollens und Denkens, die wir im geschichtlichen, d. h. in
der Gesellschaft lebenden Menschen, vorfinden; wir können
uns eben den Einzelnen nicht aus der Gesellschaft hinausdenken.
 Das Einzelwesen ist ja nichts für sich gesetztes, das
sich unter allen Umständen gleichbleibt und sein Leben isolirt
 abspinnt”). Was der Mensch ist, ist er nur durch das
Leben in der Gesellschaft geworden, Die Sprache. die Litte-')

 Lazarus a. a. 0, 59.
YA. Oncken a. a. O0. N. 158.
        <pb n="62" />
        61 -

ratur und Kunst, die Moral und die Sitte, sowie tausend
andere Dinge sind gesellschaftliche Gebilde; der einzelne Geist
umfasst aber nicht alle diese Dinge in ihrer Totalität; zwar
spricht ein jeder die Sprache der Gemeinschaft, in der er
sich befindet, und seine politischen, religiösen und sonstigen
Ueberzeugungen, seine Wirthschaftsthätigkeit wie sein Benehmen
 überhaupt sind zwar auf und aus dem Boden der Gesammtheit
 aufgewachsen, allein der Einzelne ist nicht im Stande
das Ganze zu umfassen; die Sprache der Gesammtheit enthält
 noch viele andere Elemente, als diejenige irgend eines
Einzelnen, und die Gesammtheit der Ueberzeugungen weist
die verschiedenartigsten Richtungen auf, von denen der Einzelne
 nur irgend einer einzigen oder einer bestimmten Combination
 derselben auf eigenthümliche Weise folgt. Und so ist
es in allen Beziehungen, die hier in Betracht kommen können.
Das Individuum erscheint demnach gleichsam als ein Doppelwesen,
 das in der Gesellschaft als Gesammtpersönlichkeit sein
objectives Correlat erhält!). Der Mensch kann kein Selbstbewusstsein
 haben, ohne sich gleichzeitig als Besonderheit und
als Theil einer Allgemeinheit zu wissen. Ueber dem Kinzelgeist,
 dem Einzelwillen, dem Einzelbewusstsein erkennen wir
in tausendfältigen Lebensäusserungen die reale Existenz, von
Gemeingeist, Gemeinwillen und Gemeinbewusstsein. Und nicht
figürlich, sondern im eigentlichen Wortverstande sprechen wir
‚Gemeinwesen“ über das Einzelwesen ?).
Somit erscheint es als gänzlich unmöglich, aus dem Stu-Jium
 des Einzelnen als solchem irgend einen Begriff aus dem
gesellschaftlichen Leben zu gewinnen, geschweige die Gesetze
desselben abzuleiten. Dies kann man nur durch das Studium der
Gesellschaft selbst erlangen. Allein wir haben gesehen, dass die
Gesellschaft nicht als ein derartiges Wesen aufgefasst werden
Jarf, das etwa abgesondert von den Individuen und ausserhalb der
Gesammtheit derselben dastünde: die Gesammtheit der Indivi-')

 A. Oncken a, a. O0. N. 158.
23 Otto Gierke, Die Grundbegriffe des Staatsrechte und die
1euesten Staatsrechtstheorien. Z. f.d. gesammte Staatswiss, XXX. 302.
        <pb n="63" />
        62

duen bildet die Gesellschaft und ohne Individuen giebt es
keine Gesellschaft. Aber als Elemente der Gesellschaft sind
die Individuen etwas ganz anderes, als wenn man dieselben
einzeln für sich betrachtet. Für die concrete einzelne Persönlichkeit
 haben die Gesetze, die sich im gesellschaftlichen Leben
äussern, durchaus keine Giltigkeit, dagegen ist sie ihnen vollständig
 unterworfen in ihrer Eigenschaft als Glied der Gesammtheit,
 und wird somit zum Träger derjenigen Einheit,
die die Gesellschaft ausmacht. Wenn wir nun sagen, das
Gesellschaftsleben könne nur durch das Studium der Gesellschaft
 selbst erfasst werden, so ist dies so aufzufassen, dass
man sich auf einen solchen Standpunkt stellen müsse, aus
welchem die Einzelnen nicht als concrete, bestimmte Persönlichkeiten,
 sondern ausschliesslich in ihrer Eigenschaft als Gesellschaftsglieder
 erscheinen könnten; man müsse sich auf einen
solchen Standpunkt stellen, von dem aus jede Individualität,
jede Besonderheit bei Seite geschoben werden und in den
Einzelnen nur dasjenige ans Licht treten könnte, was als das
Product der Gesammtwirkung erscheint.
Diesen Standpunkt nun liefert eben keine andere Methode
ler wissenschaftlichen Betrachtung, als diejenige der Statistik ').
Die Statistik ist es, die es erlaubt, den Einzelnen nicht als
Individuum zu betrachten, sondern ausschliesslich als Bestandtheil
 einer Masse, der den Stoff liefert zur Verwirklichung
 derjenigen Grundprineipien, auf welchen die Bewegungen
der betreffenden Masse beruhen. Erst durch die Anwendung
dieser Methode gewann somit die Gesellschaftswissenschaft einen
festen Boden, auf dem sie hoffnungsvoll fortschreiten konnte.
Denn indem die Statistik mit der, Masse als einer solchen zu
‘hun hat, deren Bewegungen sie festzustellen sucht, liefert sie
aben dasjenige Beobachtungsmaterial, aus dem allein erst
Jie socialen Gesetze abgeleitet werden können.
Nun dürfte es nicht als übertrieben erscheinen. wenn wir

') A. Onckena. a. 0. N. 158 ; auch die Schrift desselben Verfassers,
Untersuchungen über den Begriff der Statistik. 57.
        <pb n="64" />
        63 —-behaupten,

 dass es die Statistik war, die einzig und allein den
Weg zur Grundsteinlegung einer exacten Gesellschaftswissenschaft
 gebahnt hat, und dass es ausschliesslich dieser zu verdanken
 sein wird, wenn die Gesellschaftswissenschaft in Bälde
Jen Namen einer exacten Wissenschaft mit vollem Recht auch
werde beanspruchen dürfen,
Dass die Sociologen par excellence dies nicht begriffen
haben, dass sie, wie oben erörtert wurde, nicht begriffen haben,
von welcher Wichtigkeit die statistische Methode für die Gesellschaftswissenschaft
 ist und welch’ werthvolles Material die
statistischen Forschungen bereits zu Tage gefördert haben,
hat zwar den Fortschritt dieser Wissenschaft eine Zeit lang
gehemmt, allein nachdem die Statistiker selbst die Bedeutung
ihres Faches für das Studium des gesellschaftlichen Lebens
erkannt und in dieser Richtung auch zu wirken angefangen
haben, dürfte jeder Zweifel an der Möglichkeit einer exacten
Gesellschaftswissenschaft jeden Halt verloren haben. Man
darf aber dabei nicht ausser Acht lassen, dass die Statistik
selbst viele Umwandlungen durchzumachen hatte, bevor sie
auf eine solche Stufe gelangte, wo sie der Gesellschaftswissenschaft
 die gedachten Dienste zu erweisen im Stande war. Wir
sehen uns daher veranlasst, den Process, den die Statistik
Jurchlebt hat, hier kurz darzulegen, um zu sehen, auf welche
Weise die moderne Auffassung der Statistik entstanden ist,
sine Auffassung, die allein dazu angethan ist, die Statistik
zum unentbehrlichsten Hilfsmittel der Gesellschaftswissenschaft
zu machen, die aber noch heutzutage keineswegs als die einzige
and unbestrittene Auffassung betrachtet werden darf,

71.

Schon Rümelin!) behauptete, es seien ihm nicht weniger
als 63 Definitionen der Statistik bekannt, und er meint daher
mit Recht, dass, so lange die Statistik im Wesentlichen noch

1) Rümelin, Zur Theorie der Statistik. Reden u. Aufsätze. I. 209.
        <pb n="65" />
        3
A

als die Wissenschaft von den menschlichen Zuständen bezeichnet
 wird, die zwar vorzugsweise die staatlichen und gesellschaftlichen
 Verhältnisse ins Auge zu fassen, aber auch noch
manches Andere zu berücksichtigen habe, die zwar vorzugsweise
 beschreibender und darstellender Natur sei, aber doch
nach Umständen auch Ursachen und Gesetze zu erforschen
habe, die zwar vorzugsweise mit der Gegenwart beschäftigt,
aber doch auch an der Behandlung früherer Zeitperioden nicht
behindert sei, die zwar gerne und vorzugsweise ihre Ergebnisse
 in Zahlen ausdrücke, aber doch auch anderer Darstellungsmittel
 sich zu bedienen habe, so lange also die ziemlich unwissenschaftliche
 Formulirung: vorzugsweise Dieses, aber doch
auch Anderes, noch eine so bedeutende Rolle in den Definitionen
 spiele, dürfe man die Acten in der That noch nicht für
geschlossen erklären. Seit Rümelin diese Behauptung aufstellte,
 ist bereits eine geraume Zeit verstrichen, und doch
haben noch heute die Worte eines anderen Forschers reale
Bedeutung, wonach die Zerfahrenheit und Gegensätzlichkeit
in der Auffassung der Statistik derart sei, dass eine begriffliche
 Vereinigung sämmtlicher Ausläufe kaum möglich scheinen
Jürfte 7).
Von Anfang an hatte die Statistik, wie Knies?) und ihm
folgend Wagner *®) nachgewiesen haben, zwei von einander
genau zu unterscheidende Ausgangspunkte, was denn auch zu
len späteren Theilungsversuchen geführt haben mag.
Diejenigen Studien, die später unter dem Namen „Statistik“
zusammengefasst wurden, finden wir zuerst in ausgedehntem
Maasse und systematischer Auffassung betrieben in der ersten
Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts. Die mit dem Ausgange
des Mittelalters erwachte Staatsidee, die Entwicklung des
Handels und Verkehrs und viele andere neu entstandene Factoren,
 riefen einen vollständigen Umschwung in der ganzen
1 A. Oncken, Untersuchung über den Begriff der Statistik.
Leipzig 1870. 2.
% Knies, Die Statistik als selbstständige Wissenschaft. 1850.
»” Wagner, Art. „Statistik“ in Bluntschli’s Staatswörterbuch. Bd. X.
        <pb n="66" />
        65

inneren und äusseren Politik der Regierungen hervor. Das
Aufkommen der stehenden Heere und die durch die Entleckung
 der Schätze der neuen Welt eingetretene Geldentwerthung
 steigerten das Finanzbedürfniss der Fürsten. Es
entwickelten sich die Ideen des Merkantilismus, der Wohlfahrtspolizei,
 was zu dem Bestreben, eine möglichst genaue
Kenntniss von der allgemeinen Lage der Dinge im Staate zu
haben, führen musste. Die daraus folgende Werthschätzung
der Erfahrung, die sich in dem Trachten darnach äusserte,
die eigenen Verhältnisse aufmerksam zu erwägen und das
Andenken an dieselben zu erhalten, tritt, wie uns Morpurgo!)
versichert, früher als anderswo in Italien und namentlich in
Venedig zum Vorschein. Wenn wir von der grossen Anzahl
früherer Schriftsteller, die in gewissem Sinne als Vorläufer
der Statistiker anzusehen sind, absehen, so sind es im sechzehnten
 Jahrhundert der Advocat Francesco Sansovino und
ler Secretär des Cardinals Carl Barromaeo, Giovani Botero,
welche die für die Statistik in ihrer älteren Auffassung grundlegenden
 Werke lieferten. Aber auch die anderen Culturvölker
 traten fast zu gleicher Zeit mit sehr bedeutenden bezüglichen
 Hterarischen Erscheinungen auf, Bei den Franzosen
war es Pierre d’Avity, der ein Werk herausgab, das von
Wagner als der erste Versuch einer zusammenhängenderen
Staatsbeschreibung im Sinne Achenwall’s bezeichnet wurde.
Unter den Deutschen ist Sebastian Münster zu nennen, der
im Jahre 1544 seine Kosmographie erscheinen liess. Die
Holländer lieferten in ihren nach dem Namen des Herausgebers
 bezeichneten „Elzevirischen Republiken“ eine werthvolle
 Sammlung von Notizen und Schilderungen einzelner
Staaten ?).
Im Jahre 1660 wurden diese Studien zuerst durch Hermann
 Couring, Professor des Natur- und Völkerrechts zu
Helmstädt, in die Universitätsvorlesungen aufgenommen. Ihm
') Emilio Morpurgo, Die Statistik und die Socialwissenschaften.
Deutsche Uebersetzung. 15.
2? V. John, Geschichte der Statistik. 1. Theil. 40.
Reichesbere, Die Statistik und die Gesellschaftswissensechaft,
        <pb n="67" />
        66

folgten in Deutschland eine ganze Reihe von namhaften Gelehrten,
 womit die Grundlage zur ferneren Entwicklung dieser
Disciplin gegeben war, Aber erst durch Gottfried Achenwall
 erhielt der von den genannten Männern und ihren
Anhängern entwickelte Ideen- und Erkenntnisskreis ein allgemein
 anerkanntes, abschliessendes, wissenschaftliches Gepräge?).
 Achenwall hat der Statistik erst die volle Selbstständigkeit
 gegeben, indem er sie nach Inhalt und Zweck
schärfer bestimmte, sie unter einem eigenen, wenn auch
gleichfalls nicht von ihm erfundenen Namen populär machte,
indem er ihr einen reicheren Inhalt gab und sie in innigere
Beziehung mit dem Leben brachte *). In seinem 1748 erschienenen
 Buche „Vorbereitung zur Staatswissenschaft der europäischen
 Reiche“ gebraucht Achenwall zuerst das Wort
„Statistik“ ®), welches von dieser Zeit an nicht nur in Deutschland
 angenommen, „sondern auch von allen gebildeten euroischen
 Nationen, Franzosen und Engländer, in ihren Sprachen
1aturalisirt“ wurde *).
Die statistische Theorie Achenwall’s bildet den Ausyangspunkt
 einer der beiden grossen Richtungen der Statistik,
and es ist daher nothwendig, dieselbe etwas näher ins Auge
zu fassen. Achenwall giebt den Inhalt und den Begriff der
Statistik in folgenden Worten an: Wenn ich einen einzelnen
Staat ansehe, so erblicke ich eine unendliche Menge von Sachen,
so darinnen wirklich angetroffen werden. Unter diesen sind
einige, welche seine Wohlfahrt in einem merklichen Grade
angehen, entweder dass sie solche hindern oder befördern.
Man kann selbige Staatsmerkwürdigkeiten nennen, Der
[nbegriff der wirklichen Staatsmerkwürdigkeiten eines Reiches
oder einer Republik macht ihre Staatsverfassung im weiteren

) Meitzen, Geschichte, Theorie und Technik der Statistik. 8.
‘) Wappäus, Bevölkerungsstatistik, II. 547.
3) Ueber den Namen „Statistik“ vgl. Fallati, Einleitung in die
Wissenschaft der Statistik, 69 bis 71; John, Name und Wesen der
Statistik. Z. f. schweiz. Statistik, 1883.
N Schlötzer, Theorie der Statistik. 2.
        <pb n="68" />
        67 -

Sinne aus, und die Lehre von der Staatsverfassung eines oder
mehrerer einzelner Staaten ist die Statistik. Ihr Endzweck
zielt dahin ab, durch die Kenntniss der Staaten zur Staatsklugheit
 zu gelangen. Das innere Staatsinteresse, die Mittel,
den eigenen Wohlstand zu fördern, Einwohner und Ueberfluss
zu mehren, Wissenschaften , Industrie und Handel zu heben,
den Gebrechen der Verfassung abzuhelfen, kann bei jedem
sinzelnen Staate abgehandelt werden. Das äussere Staatsinteresse,
 ob es fremde Völker bedarf oder entbehren könne,
ob es von ihrer Macht viel oder wenig zu befürchten habe,
srfordert eine Vergleichung des einen Staates mit allen übrigen
und kann füglich ohne vorgängige Kenntniss der übrigen
Staaten nicht begriffen werden. Die Statistik hat demnach
ein möglichst genaues Bild zu geben, welches für den prakjischen
 Politiker und Staatsmann die Grundlage bilden sollte
zur Verwirklichung des Staatsinteresses und das überhaupt
ein Jeder kennen müsse, der die jetzigen Welthändel gründlich
 beurtheilen, seine Reisen in fremde Länder mit Nutzen
unternehmen, der in Regierungs-, Polizei-, Manufactur-,
Handels- und Kameralsachen oder in Gesandtschaften und
Unterhandlungen mit auswärtigen Staaten sich gebrauchen
lassen will!). Achenwall unterscheidet durchaus die allyemeine
 Betrachtung des Staates von dem Studium der
soncreten Erscheinungen im Staatsleben. Die Statistik
hat aber nur mit dem letzteren zu thun. Sie ist keine philosophische
 Wissenschaft, sondern, wie er sich ausdrückt, eine
historische, wobei sie sich aber ausschliesslich auf die Gegenwart
 zu beschränken hat. Sämmtliche Seiten des Staates
sollen Beachtung finden, allein nur vom speciellen Standpunkte
des Statistikers aus, d.h. nur insofern, als sie die Wohlfahrt
des Staates bezwecken. Das Charakteristische in dieser Theorie
ist somit der Umstand, dass sie die Statistik als eine beschreibende
 Wissenschaft aufgefasst wissen wollte, die

‘) Achenwall, Vorbereitung zur Staatswissenschaft der europ.
Reiche, 8 56.
        <pb n="69" />
        68

räumlich auf den Staat und zeitlich auf die Gegenwart beschränkt
 sein möchte *!).
Diejenige Richtung in der Statistik, welche sich an
Achenwall anschloss, hielt fest an dem beschreibenden
Charakter dieser Disciplin, und der ganze Streit, der sich in der
Folge innerhalb dieser Richtung entspann, bezieht sich bloss auf
lie zwei anderen eben gekennzeichneten Merkmale der Achenwall’schen
 Theorie und auf andere minder beachtenswerthe
Umstände.
Zuerst ist hier der geistreiche Schüler Achenwall’s zu
aennen, August Ludwig v. Schlözer, der durch seine bekannte
 Aeusserung — die Geschichte ist eine fortlaufende
Statistik und die Statistik eine stillstehende Geschichte, eine
Aeusserung, die, allerdings nicht unbestritten, von vielen seiner
Nachfolger als zutreffend anerkannt wurde, der Statistik ein
arösseres Feld geöffnet und die Grenzen ihrer Forschungen
weiter hinausgeschoben hatte. Geschichte, meinte er, sei das
Ganze, Statistik ein Theil desselben. Zerschneide man nun,
wie natürlich, eine durch mehrere Jahrhunderte fortlaufende
Geschichte in schickliche Perioden und hebe dann aus jeder
bloss die Staatsmerkwürdigkeiten in engerer statistischer
Bedeutung heraus, so würde dies so viel einzelne (alte) Statistiken
 geben, als Perioden angenommen sind). Wir ersehen
daraus, dass Schlözer in Hinsicht auf den descriptiven Charakter
 der Statistik vollständig den Standpunkt seines Meisters
acceptirt, dagegen zieht er auch die Vergangenheit in den
Kreis der statistischen Beschreibung herein,
Allein mit dem letzteren Zugeständniss wurde die Grenze
zwischen Statistik und Geschichte, welche die älteren Statistiker
 eben durch die Beschränkung ihrer Studien auf die
Gegenwart aufrecht zu erhalten suchten, gänzlich verwischt,
and es stellte sich daher alsbald als nothwendig heraus, einen
anderen Unterscheidungsgrund angeben zu müssen, wenn

5» John, Geschichte der Statistik. I. 82,
? Schlözer a. a. O0. 98.
        <pb n="70" />
        _- 69 —

man der Statistik ihre Selbstständigkeit fortan bewahren
wollte. Und dies geschah auch in der That, indem die Statistiker
 den Begriff des Zustands in den Vordergrund rückten.
Wenn die Geschichte, meint Niemann”), bei einem merkwürdigen
 Zeitpunkte verweilt; wenn sie nicht bloss den Zeitzeist
 desselben, sondern den Zustand nach allen seinen Hauptbestandtheilen
 zergliedert, so verfährt sie statistisch. Was jedoch
 Niemann unter dem Worte Zustand verstanden wissen
wollte, ist nicht klar zu ersehen, jedenfalls hat er einen Schritt
vorwärts gethan, indem er, im Gegensatz zu seinen Collegen,
nicht nur den politischen Zustand als Object der Statistik
hinstellte, sondern auch den socialen und wirthschaftlichen.
Die „Staatskunde“ ist ihm nicht die blosse Niederlage planlos
gesammelter Daten und Nachrichten — sie ist das wohlgetroffene
 Bild von der Gewalt und Ordnung im Staate
und dem bürgerlichen Leben und Thun unter demselben.
 Jonäk”) sieht darum gerade in Niemann den Vermittler
 zwischen der älteren Periode der Statistik, welche sich
Jurch das Festhalten am Momente der „Gegenwart“ auszeichnet,
 und der späteren, die unter dem Namen „Zustandsstatistik“
 zusammengefasst wurde.
Dieser Begriff des Zustandes wird von den nachfolgenden
Statistikern weiter zu entwickeln gesucht. Mone®) fasst
Jiesen Begriff folgendermassen auf: Den Idealbegriff der
Gegenwart, sagt er, wornach sie die Grenze der Vergangen-Weit
 und Zukunft ist, kann die Statistik nicht brauchen, sie
oeruht auf dem Realbegriff. Hiernach ist die Gegenwart der
dauernde Zustand, woraus folgt, dass sie durch jede
merkliche Veränderung aufgehoben und zur Vergangenheit
wird. Die Grösse der Gegenwart hängt mithin von der Dauer
Jes Zustandes ab. — Dieser vage Begriff des Zustandes vermochte
 nichts als Verwirrung zu stiften und wir sehen ihn

) Niemann, Abriss der Statistik und der Staatskunde. 1807. 3.
’ Jonäk, Theorie der Statistik, 3.
) Mone, Theorie der Statistik. I. 5.

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        <pb n="71" />
        70

bei dem Engländer Portlock, wenn auch nicht in directer
Anschliessung an denjenigen Mone’s durch Uebertreibung
ins Grenzenlose ausgedehnt. Die Glieder, die Form, die
Eigenschaften und Functionen eines Thieres, so heisst es
bei diesem Schriftsteller !), machen seine Statistik aus;
die Zahl der Staubfäden und Stengel, die Form des Blattes,
die Structur der Wurzel und des Samens, Farbe, Geruch und
verschiedene andere Eigenschaften bilden die Statistik der
Pflanzen; die Zusammensetzung, die Eigenschaften in Bezug
auf Härte, specifische Schwere, Lösbarkeit u. s. f., die krystallinische
 Form u. s. f. bilden die Statistik der Mineralien.
Man könne in der That sagen, dass der Statistiker der
Sammler von Facten ist, dass Statistik den Inbegriff der
Facta oder Data irgend eines Dinges oder einer Wissenschaft,
sei sie eine Naturwissenschaft oder eine politische, und dass
Jie statistische Wissenschaft die Sammlung und Gruppirung
solcher Facta ist. — Durch diese Definition ist aber begreiflicherweise
 nicht nur nicht das Object der Statistik hinlänglich
bestimmt worden, sondern vielmehr ins Unendliche ausgedehnt,
da ja Alles, was existirt, den gekennzeichneten Anforderungen
Portlock’s zu entsprechen im Stande ist; dadurch wird die
Statsitik zur Universalwissenschaft, einer Wissenschaft, die
iberhaupt undefinirbar ist, weil für den menschlichen Verstand
 unerfassbar ®).
Ein anderer Schriftsteller *), von dem wir unten näher
sprechen werden, meint, dass als concret zuständliche
sich nur diejenigen Erscheinungen bezeichnen lassen, die von
dauernder Natur sind und die in der Gegenwart vorherrschen,
 d. h. so lebhaft entwickelt sind, dass sie andere erst
weniger oder nicht mehr so breit auftretende, also entweder
der Zukunft oder der Vergangenheit mehr angehörige, in den
Hintergrund schieben. Mit diesen herrschenden Erschei-1)

 An Address explanatory of the objects and advantages of sta-‚istical
 enquiries. Belfast 1888. Cit, bei Jonäk a. a. O0: 33.
2 A. Oncken a. a. OÖ. 20.
3 Fallatıi, Einleitung in die Theorie der Statistik. 42.
        <pb n="72" />
        aungen habe sich die Statistik hauptsächlich zu befassen,
indem sie überhaupt die schon oder noch dauernden Erscheinungen
 des menschlichen Lebens nicht ausser Acht
lassen dürfe. Es braucht erst nicht darauf hingewiesen zu
werden, dass der Begriff des Vorherrschens ein durchaus
ainbestimmter ist; und wäre es auch ohne Weiteres möglich,
Jie vorherrschenden Erscheinungen zu kennzeichnen, so wäre
Jamit noch keinesfalls der „Zustand“. der Gesellschaft genau
begriffen, da es doch nicht selten gerade die zur Zeit im
Hintergrund stehenden Thatsachen sind, welche hinterher im
gesellschaftlichen Leben die führende Rolle übernehmen.
Fallati untergräbt dazu selbst seine Definition des Zuständlichen,
 indem er behauptet, dass jeder Erscheinungskreis nur
in dem Maasse den Gegenstand der Statistik bilden könne, als
in ihm ein wirklich Bleibendes zum Vorschein kommt!) ;
es liegt ja auf der Hand, dass es in der Gegenwart viele
Erscheinungen geben kann, die gerade in einem gewissen
Moment eine der ausschlaggebendsten Rollen spielen mögen,
ohne bleibender Natur zu sein.
Wir sehen, dass es mit der Definition des Zustandes den
Statistikern nicht sehr geglückt ist. Nichtsdestoweniger war
Jas Auftauchen dieses Begriffs von hoher Bedeutung für die
fernere Entwicklung der Statistik. Indem man nämlich den
„Zustand“ zu bestimmen und ihn aus dem Laufe der Begebenheiten
 sozusagen herauszuschälen suchte, musste man nothwendigerweise
 auch sehr bald den Zusammenhang bemerken,
erst zwischen den Erscheinungen der Gegenwart und der nächsten
Vergangenheit und dann auch zwischen denjenigen eines jeden
solchen Zustandes selbst,
Schon Mone?) hat auf das Zusammenhangsverhältniss
zwischen den gesellschaftlichen Erscheinungen sein Augenmerk
gelenkt, indem er den Zustand in folgende Factoren auflöst:
1. in die Kräfte, 2. in die Wirkungen derselben und 3. das

5) Fallati a. a. O0. 30,
2 Mone a. a. 0, 5.
        <pb n="73" />
        nn

Werk, als Resultat der Wirkung, von ihr und der Kraft zugleich
 abhängend, das dann als neue gewonnene Kraft zum
ferneren Wirken dient. Allein das Verdienst, den Gesichtspunkt
 der Causalität mit vollem Nachdruck hervorgehoben zu
haben, können doch die Italiener Romagnosi und Gioja
vollständig für sich in Anspruch nehmen ?). Wenn beide die
Statistik noch immer als eine Zustandswissenschaft auffassen,
 so wissen sie doch zwischen der beschreibenden Thätigkeit
 und der Untersuchung der Causalverhältnisse genau zu
unterscheiden, und namentlich hält diesen Standpunkt Gioja
fest, dessen Filosofia della statistica sich in zwei Theile zerlegen
 lässt. Der erste giebt die Symptome des Zustandes der
Völker an, den er als die Summe der Eigenschaften, welche
ein Ding in dem Augenblicke, da es betrachtet wird, charakberisirt
 *°), der zweite Theil giebt die Ursachen derselben an.
Den zuletzt charakterisirten Gedanken finden wir bei
Fallati®) wieder, der die Statistik in die concrete und
ahbstracte Statistik zerfallen lässt, welche er wiederum entsprechend
 auf den besonderen und allgemeinen Zustand anyewandt
 sehen will. Diese letzteren charakterisirt er folgendermassen:
 den besonderen Zustand bilden diejenigen Erscheinungen
 innerhalb eines Erscheinungskreises, welche sich schon
dem gemeinen Bewusstsein als dauernd ankündigen, indem sie
im Strome der an ihnen vorüberrauschenden Thatsachen als
relativ feststehende nicht verkannt werden können. Der allgemeine
 Zustand oder das Ideal-Zuständliche eines Erscheinungskreises
 kann dagegen nichts anderes sein, als die bei näherer
Forschung auch in den anscheinend vergänglichsten Thatsachen
und an den relativ feststehenden Erscheinungen, insoferne auch
sie, wenn auch langsamer, entstehen und vergehen, und wenn
auch im Ganzen dauernd, doch in ihren Theilen vergänglich
sind — bemerkbare Revelmässigkeit der äusserlich rein zu-')

 Fallati a. a. O0. 60; Wagner a. a, 0. 427.
3 Jonäk a. a. O0. 82.
Y Fallati a. a. O. 81.
        <pb n="74" />
        TO

fälligen Erscheinungen. Allein diese Regelmässigkeit will er
von der Statistik nur in der Gegenwart beleuchtet wissen, die
Aufeinanderfolge der Zustände, das Werden derselben, ist
Sache der „Chronikognosie“. Die Statistik der Menschheit
im weitesten Sinne habe nur je den Zustand einer Zeit blosszulegen,
 dagegen aber habe sie den Zustand aufeinanderfolgender
 Zeiten nur insoferne zum Gegenstande, als er in
Jenselben unveränderlich bleibt ”).
Zu derselben Richtung der Statistik ist, wenn auch nicht
unbedingt, Lorenz v. Stein?) zu rechnen. Diesem ist die
Statistik die Wissenschaft der Thatsachen auf das persönliche
Leben angewandt, oder die Wissenschaft der Thatsachen des
persönlichen Lebens. Die Gesetze und Regeln, nach welchen
lie Thatsachen als einzelne Erscheinungen in ihrer Bewegung
and ihrer Gesammtheit erkannt werden, bilden den Inhalt der
Lehre von den Thatsachen. Die statistischen Angaben und
die Darstellung der Zustände machen eine innere und äussere
Einheit nothwendig; erst dann, wenn die Einzelheiten ein
inneres und äusseres Ganze bilden, erscheinen sie als statistische
 Thatsachen, und diese innere und äussere Einheit
 erhalten sie durch den Staat. Die Statistik zerfällt nach
Stein in drei Theile: 1. Die Statistik der Zustände,
deren Zweck die Darstellung der Gesammtheit der Verhältnisse
 des persönlichen Lebens ist, ohne sich über die Ursachen
und Wirkungen zu kümmern. Ihre Aufgabe ist, ausschliesslich
 ein Bild der thatsächlichen Verhältnisse zu geben. 2. Die
Statistik der Zwecke hat die Zustände und Thatsachen
als Bedingungen neuer durch menschliche Thätigkeit zu
earzeugenden Zustände zu betrachten. Sie muss den bestimmten
Zweck feststellen, für den der Zustand als Grundlage dienen
soll; sie muss ferner die Kräfte bestimmen, deren Anstrengung
 den neuen Zustand erzeugen soll; sie muss endlich die

‘) Fallati a. a. 0. 28.
) L. v. Stein, System der Statistik, Populationistik und Volksxiyrthschaftslehre.
        <pb n="75" />
        TA

Bewegung oder das Verfahren bemerken, wodurch die Kräfte
dem Zwecke unterworfen werden. Daran schliesst sich 3. die
Statistik der Kräfte und ihrer Thätigkeit, deren Aufgabe
es ist, das Maass und die Art der Kräfte für den gegebenen
Zweck zu berechnen. Diese drei Statistiken vereinigen sich
nun in der wissenschaftlichen Statistik, die das Leben
als ein Dasein, mithin als ein ruhendes Gesetz zu betrachten
hat; die Statistik ist, wie die Thatsache selbst, die sie in orzanischer
 Gesammtheit darstellt, der Anfang und das Ende
jer Wissenschaft des wirklichen Lebens,
Aus dieser Auseinandersetzung der Ansichten Stein’s
sehen wir nun deutlich, dass er zwar die Auffindung des
Causalzusammenhanges unter die Aufgaben der Statistik stellt,
allein es ist ihm noch immer Hauptzweck, die einzelnen Zustände
 als solche begreifen zu können, in zeitlicher und räumlicher
 Abgrenzung. Er will das Leben der Menschen im
Staate in seiner vollen empirischen Wirklichkeit durch die
Statistik aufgefasst wissen; mit anderen Worten, die Statistik
hat nach Stein wiederum eine genaue, ins einzelne Detail
sich vertiefende Schilderung der Zustände zu liefern, die
Auffindung der Gesetze soll nur dazu dienen, dieses Bild der
Wirklichkeit möglichst ähnlich zeichnen zu lassen.
Mit Stein schliesst sich unseres Erachtens die Reihe der
namhaften Statistiker der Achenwall’schen Richtung der
Statistik, welche zu der Ausbildung dieser Theorie etwas Wirkliches
 geleistet, neue Standpunkte innerhalb des Ideenkreises
dieser Richtung hervorgehoben oder auf neue Seiten des Objectes
 die Aufmerksamkeit gelenkt haben"). Und bis auf die
allerneueste Gegenwart hat diese Richtung ihre eifrigsten Vertreter
 bei allen civilisirten Nationen gehabt.
Wenn wir nun das Resultat des dargestellten Entwicklungsganges
 der Auffassung der Statistik innerhalb dieser
Richtung zusammenfassen wollten, so könnten wir das nicht

1) Auch Wappäus bekannte sich ausdrücklich zu dieser Richtung,
;»bzwar er durch manche Punkte von derselben zu unterscheiden ist.
        <pb n="76" />
        „75

auf bessere Weise thun, als Mohl's 1) Definition der Statistik
anzuführen, der selbst an diese Richtung festhielt. Die Statistik
ist nach der Auffassung dieses Schriftstellers die Wissenschaft,
welche die zu einer gegebenen Zeit bestehenden menschlichen
 Zustände, und zwar vorzugsweise die in einem bestimmten
 Staate vorhandenen und zum staatlichen Leben
in unmittelbarem Verhältnisse stehenden, mit möglichster Genauigkeit
 und Wahrheit darstellt, damit aber Einsicht gewährt
 in die Thatsachen, ihre nächsten Ursachen und die
natürlichen Gesetze der veränderlichen Erscheinungen, und
zwar zunächst zum Zwecke einer Benützung bei Regierungshandlungen,
 dann aber auch zur allgemeinen Bildung.
Nach dieser Definition v. Mohl’s, die, wie gesagt, als
aine Zusammenfassung des bisherigen Entwicklungsganges
Jieser Richtung aufgefasst werden kann, ist das Ob jeet der
Statistik — zeitlich und räumlich begrenzte Zustände des
Staatslebens, die Methode — die darstellende und der Zweck
— vor allem Hilfeleistung der regierenden Thätigkeit der
Staatsgewalt. Die Erkenntniss der Ursachen und Gesetze der
Erscheinungen ist zwar nicht gänzlich ausgeschlossen, allein
eg ist derselben eine durchaus nebensächliche Rolle zugewiesen.

VI

Wir wenden uns nun zu der zweiten Schule der Statistiker,
Jie auf einem ganz anderen Boden aufgewachsen ist, als diejenige,
 die wir vorhin charakterisirt haben. Der Anfang der
hier in Betracht kommenden statistischen Untersuchungen
liegt in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts und
namentlich ist England das Land, das die ersten Versuche in
Jieser Richtung aufzuweisen hat.
In London waren 1550 Taufbücher und 1592 in Folge
Jer Pest Todtenbücher eingeführt worden. Seit 1629 stellte

1) R. v. Mohl a. a. O. IIL 645.
        <pb n="77" />
        - 76

man Frauen als Todtenbeschauer an, liess sie das ungefähre
Alter und die Krankheit oder den Unfall der Verstorbenen
aufzeichnen und veröffentlichte dann wöchentlich diese Angaben.
 Dieses Material ist nur von John Graunt gesammelt
and kritisch bearbeitet worden in einer Schrift: Natural and
political observations upon the bills of mortality, chiefly with
ceference to the governement, religion, trade, growth, air,
dieraser etc. of the city of London, welche er 1662 der eben
gegründeten Royal Society überreichte !). In dieser Schrift
unternahm er es, allgemeine Regeln über Krankheiten und
Todesursachen, über die Sterblichkeit nach verschiedenen
Lebensaltern aufzustellen, das Zahlenverhältniss der Geschlechter,
die Länge der Verdoppelungsperioden der Bevölkerungsvermehrung
 zu bestimmen. Süssmilch schreibt Graunt das
Verdienst der ersten „Entdeckung der schönen Regeln der
göttlichen Ordnung“ zu. Die Entdeckung dieser Ordnung,
sagt der angeführte Schriftsteller, war ebenso möglich als die
von Amerika, aber es fehlte nur ein Columbus, der in seinen
Betrachtungen alter und bekannter Wahrheiten und Nachrichten
 weiter ging als andere. So erging es Graunt, der in
den Registern der Todten und der Kranken in London zuerst
sine Ordnung wahrnahm und dadurch auf den glücklichen
Schluss geleitet wurde, dass dergleichen Ordnung auch in anderen
Stücken des menschlichen Lebens sein dürfte. Und dieser
Schluss reizte seinen Fleiss und seine Scharfsinnigkeit zu
weiterem Nachforschen, wodurch er den Grund zu dieser
Wissenschaft gelegt hat, die nicht nur ihren Liebhabern viel
Vergnügen giebt, sondern uns auch zur grösseren Erkenntniss
 und Verehrung des weisesten Urhebers dieser Ordnung
der Natur ermuntert, ja die auch den Göttern der Erde die
arsten Grundsätze der Staatswissenschaft zeigt 2).
Etwa ein Paar Jahrzehnte nach der Erscheinung von

') Meitzen a. a. O0. 15.
°) J. P. Süssmilch, Betrachtungen über die göttliche Ordnung
in den Veränderungen des menschlichen Geschlechts aus der Geburt,
lem Tode und der Fortpflanzung desselben erwiesen. 1741. IL 57.
        <pb n="78" />
        TH

Graunt’s Untersuchungen versuchte der Londoner Astronom
Edmund Halley die Absterbeordnung der Menschen festzustellen
 zum Zwecke, die Höhe der Lebensversicherungsrenten
bestimmen zu können. Das Material zu diesen Berechnungen
lieferten die von Dr. K. Neumann zusammengestellten Sterbelisten
 der Stadt Breslau, welche, wie es scheint, durch Vermittlung
 von Leibnitz 1692 an die Royal Society gelangt sind Y.
Wie beim Anfang eines jeden Wissenszweiges, so waren
es auch hier hauptsächlich praktische Rücksichten, die zum
Studium der bezüglichen Verhältnisse Anlass gaben. Die im
siebzehnten Jahrhunderte überall verbreiteten Glücksspiele
einerseits und das Aufkommen von Lebensversicherungsgesellschaften
 andererseits veranlassten namhafte Gelehrte und
namentlich Mathematiker, Berechnungen der Wahrscheinlichkeit
 beim Lottospiel anzustellen, beziehungsweise nach Gesetzen
der Bevölkerungsbewegung zu forschen. Im Anschlusse an
Halley, der die erste Sterblichkeitstafel aufgestellt hatte,
widmete eine ganze Reihe von Schriftstellern ibre Zeit den
Berechnungen der Absterbeordnung der Menschen ?). In die
gleiche Zeit fällt auch die wissenschaftliche Begründung der
Wahrscheinlichkeitsrechnung durch den Baseler Professor
Jac. Bernoulli.
In diesen Ideenkreis griff nun der preussische Feldprediger
Joh. Peter Süssmilch ein. Süssmilch verhält sich zu seinen
Zeitgenossen und Vorgängern, wie etwa Achenwall zu den
seinigen. Mit Recht bemerkt daher Heuschling, er betrachte
 Achenwall als die Personification der descriptiven
oder politischen, Süssmilch als diejenige der mathematischen
Statistik oder der Socialarithmetik 3).

') Meitzen a, a. O. 16.
?) Mit den bezeichneten Fragen und namentlich mit der Frage
‚ber die Gesetze der Bevölkerungsbewegung beschäftigten sich, allerdings
nicht vom Standpunkte der praktischen Interessen, auch manche unter
jen Encyklopädisten,
3) Heuschling, Bibl. stat. de VAllemagne, 8. Vgl. Wagner
a. a. O0, 431.
        <pb n="79" />
        78

In seinem oben genannten Werke nahm sich Süssmilch
vor, die Ordnung in den Begebenheiten des Menschengeschlechts
nachzuweisen. Dieselbe fasst er auf als die „Aehnlichkeit
und Gleichförmigkeit verschiedener Dinge, welche sich beisammen
 finden oder auf einander folgen... Wo sich gar
keine Aehnlichkeit in der Stellung oder Folge wahrnehmen
lässt, da herrscht Unordnung.“ Um aber diese Aehnlichkeit
und Gleichförmigkeit zu beleuchten und zu bestätigen, glaubt
er die Erscheinungen des menschlichen Lebens auf bestimmte
quantitative Grössen zurückführen zu müssen, da der „grosse
Arithmeticus“ alles Zeitliche und Natürliche nach Zahl, Maass
und Gewicht geordnet habe. Und so findet er, dass von einer
bestimmten Zahl von Menschen ein Jahr ebenso viele .sterben
als das andere; der gleiche Fall träte ein, wenn man die Menschen
 nach Gruppen vertheilen würde: in Kinder, Jünglinge,
Männer und Greise, wobei die den Tod verursachenden Krankheiten
 in allen diesen Gruppen eine „beständige Gewalt ausüben“
würden. Jede einzelne Gruppe, nach welchen Gesichtspunkten
immer man sie betrachten möge, hat „ihre gewissen Zahlen
und Verhältnisse zum Ganzen“, Die Ausnahmen, die hie und
dort etwa bemerkt werden, dienen nur zur Bekräftigung der
Regel, da, wie er sich ausdrückt, die Sachen stets bald wieder
in das Geleise kommen. Und es lässt sich kein hinlänglicher
Grund entdecken, meint Süssmilch, warum nicht überall
dieselben Gleichförmigkeiten eintreten sollten, da in der ganzen
Welt sich nur „einerlei Gesetze“ offenbaren, so dass, wenn
wir einmal im Stande sein werden, „alle kleinen Fälle in der
Welt nach allen ihren Umständen einzusehen und Alles ans
Licht zu bringen, dann können wir die Hoffnung hegen, dass
wir dann auch im Stande sein werden, von Allem richtig zu
artheilen und den Zusammenhang von Allem einzusehen.“
Dasselbe gilt, nach Süssmilch, auch von den moralischen
Dingen und die uns hier zu Tage tretende Unordnung sei nur
sine scheinbare. In diesem letzten Gedanken liegt, nebenbei
bemerkt, der Keim zu der nachmals begründeten Moralstatistik.
Dies sind die Grundgedanken des in mancher Hinsicht
        <pb n="80" />
        79 —

spochemachenden Werkes von Süssmilch, insoferne es sich
auf die uns hier angehenden Fragen bezieht. Man sieht, dass
dieser Forscher sich auf ganz anderem Boden bewegt, als die
Vertreter der Achenwall’schen Schule. Er untersucht die
Thatsachen nicht um den wirklichen Zustand, wie er vor
unseren Augen liegt, beschreiben zu können, sondern die
Thatsachen, sind ihm nur Material zur Auffindung der
im menschlichen Leben sich Aussernden Gesetzmässigkeit.
 Wenn auch „Die Betrachtungen über die göttliche
 Ordnung etc“ eine, wie sie Wagner ') charakterisirte,
aminent tendentiöse Arbeit ist, so darf doch nicht übersehen
werden, dass Süssmilch ausdrücklich den Umstand betonte,
dass die „Ordnung“ sich erst in den grossen Zahlen offenbare.
 Daher hat auch Christian Wolf, welcher das Vorwort
 zur ersten Ausgabe des Süssmilch’schen Werkes schrieb,
vollkommen Recht, wenn er sagt, dieses Werk sei eine Probe,
wie die Wahrscheinlichkeitstheorien zum Gebrauch des menschlichen
 Lebens verwerthet werden können °).
Allein diese fruchtbaren Gedanken, welche in dem behandelten
 Werke Süssmilch’s niedergelegt waren, wurden
von den zeitgenössischen und nachfolgenden Statistikern nicht.
weiter verfolgt, ungeachtet dessen, dass sie anfangs nicht geringes
 Aufsehen in der Gelehrtenwelt erregten. Dazu war
noch nicht der geeignete Boden vorhanden. Der realistische
Geist, der in Süssmilch’s Studien lag, konnte in einer Zeit,
wo Alles in speculativen Constructionen Genüge fand, nur
wenig Anziehendes bieten. Erst musste die Philosophie eine
Umgestaltung der Anschauungen über das Wesen des Staates
und der Gesellschaft bewirken, bevor man zur Ansicht gelangen
konnte, dass auch auf diesen Gebieten die Möglichkeit geboten
ist, in das Innere des Lebens einen tieferen Blick zu gewinnen.
Die Statistiker der nächsten Zeit beschäftigten sich denn auch
hauptsächlich mit den Problemen der sogenannten politischen

1) Wagner a. a. O. 453.
ä Vgl. John a. a. O0. I. 242,
        <pb n="81" />
        - 80 —

Arithmetik, ohne in irgend einer Hinsicht wenn auch nur eine
Spur des Süssmilch’schen Einflusses zu verrathen; so gerieth
auch Süssmilch ziemlich in Vergessenheit, und daraus erklärte
 sich denn, warum Quetelet, auf den wir nun übergehen,
 seine eigenen Untersuchungen als etwas noch nicht
Dagewesenes hinstellte.
Quetelet hatte in gewissem Sinne recht, als er die Neuheit
 der Ergebnisse seiner Studien für sich in Anspruch nahm,
[st es doch richtig, was Fallati’) sagt, dass nämlich ein
neues Wissen nicht nur ein solches sein könne, welches neue
Erscheinungen, sondern auch ein solches, welches in den bereits
der Untersuchung unterbreiteten Erscheinungen neue wesentliche
 Seiten umfasse. Und Quetelet ist es in der That, der
das systematische Gebäude der neueren Statistik aufgerichtet
hat, wobei er aber keineswegs durch Süssmilch angeregt
worden war; denn wie es scheint, hatte er dessen Arbeiten
in der That nicht einmal gekannt,
Mathematiker und Astronom von Beruf, beschäftigte sich
Quetelet begreiflicherweise mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung
 und namentlich mit der Anwendung derselben auf
die Beobachtungskunst im Gebiete der exacten Naturforschung.
Es ist daher selbstverständlich, dass er auf die Ideen und Bestrebungen
 stossen musste, die im Zeitalter der Aufklärung,
in den Kreisen der französischen Encyclopädisten gang und
gäbe waren und die darauf hinausgingen, die Methode der
exacten Naturforschung auf das sociale Leben zu übertragen,
Und für die von den Encyclopädisten ausgegangene Art der
Bildung und Weltanschauung waren ja Wahrscheinlichkeitsrechnung
 und was ihre Verwendung für .die Interessen des
soclalen Lebens erst ermöglicht, Statistik, so recht die Schoosszinder?).
 Sagte doch Condorcet, die Wahrscheinlichkeits-‚rechnung
 sei einer der wichtigsten Gegenstände des öffentlichen

‘) Fallati a. a. 0. 17.
’) Rehnisch, Zur Orientirung über die Moralstatistik, Z. f, Philosophie
 und philosophische Kritik. 1876.
        <pb n="82" />
        Unterrichts, da sie die Rechnung des gesunden Menschenverstandes
 ist, durch deren Belehrung allein der falsche Einfluss
 von Hoffnung, Furcht und allen Gemüthsbewegungen auf
unser Urtheil im bürgerlichen Leben verdrängt werden könne. —
Dazu kam aber noch ein anderer Umstand, der Quetelet mit
der Wahrscheinlichkeitsrechnung auch in ihrer anderen Anwendung,
 nämlich auf das Gebiet des Versicherungswesens
bekannt machte. Am Anfange dieses Jahrhunderts gewannen
lie Lebensversicherungsanstalten an Verbreitung auf dem europäischen
 Continente und bürgerten sich daselbst fast in sämmtlichen
 Staaten ein. Diesen gemeinnützigen Unternehmungen
einer aufgeklärten Lebensanschauung an seinem Theil sich
förderlich zu erweisen, sie auch bei seinen Landsleuten heimisch
werden zu sehen, suchte Quetelet ihnen, was bis dahin noch
fehlte, in seiner ersten statistischen Arbeit „Memoire sur les
lois des naissances et de la mortalit&amp;amp; a Bruxelles 1825“ die
rationellen Grundlagen für ihre Einrichtung in der Besonderung,
 in der individuellen Gestaltung zu bieten, die den belgischen
 Sterblichkeitsverhältnissen entsprach!). Am Eingange
dieser Schrift giebt er das Motiv an, das ihn veranlasst habe,
dieselbe zu unternehmen, indem er sagt: L’introduction de
societes d’assurances sur la vie, dans nos provinces, et le desir
de voir se consolider parmi nous ces Etablissements qui
peuvent devenir sı utiles quand ils sont diriges dans les louables
intentions, nous ont porte ä faire des recherches sur les lois
de la mortalite&amp;amp; et ä Examiner en meme temps ce qui concerne
les lois des naissances ?). Ks lässt sich nun begreifen, von
welcher Art die Beeinflussungen waren, welchen Quetelet
durch diese und die oben gedachten Studien auf dem Gebiete
der Wahrscheinlichkeitsrechnung ausgesetzt war, sintemalen
die ganze Geistesströmung der Zeit, wie wir oben gesehen
haben, von den materialistischen Ideen durchdrungen war.

) Rehnisch a. a. O0. 280.
? Quetelet, Memoire sur les lois des naissances et de la mortalite
\ Bruxelles, 1825. 1.
Reichesberg, Die Statistik und die Gesellschaftswissenschaft,
        <pb n="83" />
        892

Was begreift nun Quetelet unter dem Namen Statistik?
Nichts weniger als die Wissenschaft von den Gesetzen, die
das menschliche Leben ordnen und beherrschen. Ihr Mittel
ist Anwendung der Wahrscheinlichkeitsrechnung auf sämmtliche
Seiten des socialen Lebens. Von dem Gedanken geleitet, dass
die Wirkungen den Ursachen proportional sind, glaubt er
durch Untersuchung der factischen Verhältnisse und der zu
Tage tretenden Regelmässigkeiten auf die Ursachen und die
Gesetze ihrer Wirkungen schliessen zu können. Die Theorie
der Wahrscheinlichkeit, meint er, weist uns allein den Weg,
mit grösserer Regelmässigkeit und Präcision das Alles thun zu
können, was die verständigsten Geister bisher mehr oder minder
ungenau gethan haben. Sie ist vor Allem bestrebt, in den
Erscheinungen die Wissenschaft an die Stelle dessen stellen
zu lassen, was nach Uebereinkunft wohl Praxis oder Erfahrung
genannt wurde, im Grunde genommen aber doch weiter nichts
war, als eine planlose und blinde Gewohnheitssache ?).
Von den 65 statistischen Schriften Quetelet’s?) sind dem
grossen Publikum fast nur die beiden Hauptschriften „Sur
l’homme“ aus dem Jahre 18835 und „Systeme sociale“ 1848
bekannt, und doch sind dies, wie Knapp nachgewiesen hat,
die verhältnissmässig unselbstständigsten Werke, da sie grössten
Theils nur Zusammenfassungen der früheren Arbeiten dieses
Schriftstellers bieten.
Wir haben bereits oben Gelegenheit gehabt, die Tendenz,
die den Arbeiten Quetelet’s zu Grunde liegt, kennen zu
lernen. Um hier nochmals darauf hinzuweisen, erlauben wir
uns, hier eine Stelle anzuführen, die zugleich als das Resultat
seiner Untersuchungen aufgefasst werden kann. Tout ce, sagt
er %, qui se rattache a l’espece humaine consider6e en masse
est de l’ordre des faits physiques: c’est-ä-dire, que plus le

‘) Quetelet, Physique sociale. I. 137.
&amp;gt; Knapp, Verzeichniss der Quetelet’schen Schriften in Hild.-JSonr.
 Jahrbüchern. 1871.
5 Quetelet, Sur l’homme. I. 12.
        <pb n="84" />
        83

aombre des individus, que l’on observe, est grand plus les
oarticularites individuelles, soit physiques, soit morales, s’effacent
at laissent predominer la serie des faits gengraux, qui dependant
les causes en vertu desquelles la societe existe et se conserve,
Ainsi on peut appliquer &amp;amp; l’6tude du systeme social les memes
‚egles d’observations, que l’on soit dans l’6tude des sciences
physiques. Um also die Gesetzmässigkeit der gesellschaftlichen
Erscheinungen ermitteln zu können, müsse man alle „störenden“
Ursachen zu eliminiren suchen, und dies erlangt man eben
Jadurch, dass man möglichst grosse Massen ins Auge fasst.
Aus einer solchen Betrachtung ergiebt sich dann von selbst,
Jass in den menschlichen Handlungen une r6gularite plus grande
meme que dans l’ordre des produits de la terre et dans les
lois physiques herrsche*). Die Gesetze, welche auf solche Weise
armittelt werden, sind eben Gesetze der socialen Ordnung und
haben auf die Einzelnen keine Anwendung, was denn auch
Quetelet ausdrücklich betont?). Auf dieselben hat aber auch
der „freie Wille“ der Einzelnen keinen Einfluss, sie äussern
ihre Wirkungen gerade so wie die Naturgesetze, Nur verwechselt
 aber Quetelet sehr oft die von der Statistik aufgestellten
 Gesetze mit den Naturgesetzen, oder besser gesagt,
mit den letzten „ursächlichen“ Gesetzen, indem er vergisst,
dass die letzteren nie bloss durch Erfahrung oder Beobachtung
abgeleitet werden können, sondern erst durch Zusammenwirken
der Induetion und Deduction, und aus diesem Umstande erklärt
sich denn auch, warum Quetelet diesen Gesetzen immer
wieder eine unbedingte, absolute Bedeutung beilegen zu müssen
glaubt. Jedenfalls ist richtig, was Wagner®), die Queteletschen
 Leistungen beurtheilend, sagt, dass nämlich erst durch
diese Statistik es gelungen ist, eine wirkliche Kritik vertragende
Erfahrung in Betreff des Menschen festzustellen und dadurch
Jie subjectiven Vorurtheile des täglichen Lebens, lauter ober-)

 Quetelet, Sur l’äge et l’etat civil 245.
’) Quetelet, Ueber den Menschen.
» Wagner a. a. 0. 437.
        <pb n="85" />
        .- 84

Hächliche Inductionen, und die einseitigen Folgerungen aus
Prämissen von zweifelhafter Wahrheit, lauter schiefe Deductionen,
 zu berichtigen und durch stichhaltige wissenschaftliche
Induction zu ersetzen.
Bevor wir nun Quetelet verlassen, wollen wir noch
ainen Punkt hervorheben, der von hoher methodologischer
Wichtigkeit zu sein scheint. In dem letzten der vier Bücher,
in die die Schrift „Sur l’homme“ eingetheilt ist, findet sich
die Idee von dem „mittleren Menschen“ entwickelt, ein Begriff,
 der von Quetelet zuerst in die Wissenschaft eingeführt
wurde und auf den er viel Gewicht legt.
L’homme que je considare ici, heisst es im Vorwort
zur „Physique sociale“, est dans la societe Vanalogue du
sentre de gravite dans les corps; il est la moyenne autour
de laquelle oscillent les Elements sociaux: ce sera, si l’on veut,
un 6tre fictif pourquoi toutes les choses se passeront conformement
 aux r&amp;amp;sultats moyens obtenus pour la societe. Si
Von cherche ä 6tablir, en quelque sorte, les bases d’une physique
 sociale, c’est Iui qu’on doit considerer sans s’arreter aux
zas particuliers ni aux anomalies, et sans rechercher si tel individu
 peut prendre un deEveloppement. plus ou meins grand
dans l’une de ses facultes. Und im vierten Buche ist zu
lesen: L’homme moyen, en effet, est dans une nation ce que
le centre de gravite est dans un corps; c’est A sa considerasion.
 que se ramene l’appreciation de tous les phenomöenes de
l’&amp;amp;quilibre et du mouvement. — Wie überhaupt die Statistiker
seiner Zeit, beschäftigte sich auch Quetelet vorwiegend mit dem
Menschen, will aber durchaus nicht auf ihn allein die Methode
der Statistik angewendet wissen, und so kann denn auch der
Begriff des „mittleren Menschen“ seinem Inhalte nach überhaupf
 in allen Massenbeobachtungen volle Geltung beanspruchen.

Die „Mittelwerthe“, richtig angewendet, liefern ein sehr
werthvolles Mittel zur Vergleichung verschiedener Massen und
ermöglichen die Feststellung des Bewegungscharakters einzelner
Massenerscheinungen. Freilich darf das betreffende „Mittel“
        <pb n="86" />
        85

nicht so aufgefasst werden, wie etwa Bodio, Quetelet in
gewissem Sinne folgend, den „mittleren Menschen“ auffasste,
indem er meinte, derselbe sei gleichsam ein Urbild, nach welchem
 die Menschen von der Natur geformt sind, ein Typus,
der sich unverändert erhält. Die Natur, sagt er nämlich *),
macht die Bewohner eines Landes nicht alle einander gleich,
aber sie bemüht sich offenbar, sie nach einem bestimmten
Vorbilde zu gestalten, gleich einem geschickten Schützen, der
immer den nämlichen Zielpunkt vor Augen hat, ihn bald trifft,
bald verfehlt, zuletzt aber doch seine Geschosse derart um
Jas Centrum seiner Zielscheibe angebracht hat, dass die immer
vereinzelter und seltener zu finden sind, je mehr sich die Ringe
auf der Scheibe erweitern. — Das statistische „Mittel“, und das
zoll man nicht aus dem Auge lassen, ist nichts als der Quotient
 aus einer Division der Gesammtzahl der beobachteten bezüglichen
 Fälle durch die Anzahl der gemachten Beobachtungen.
Das Resultat wird demnach in jedem Falle ein anderes sein,
je nachdem sich Dividend und Divisor verändern; das „Mittel“
hängt eben von der Zahl der gemachten Beobachtungen in
hohem Maasse ab. Dies scheint auch Quetelet durchaus begriffen
 zu haben, allein seine ganze Darstellungsweise macht
doch den Eindruck, dass er den „homme moyen“ nicht für
sine Abstraction ansieht, die als solche der Wissenschaft unbestreitbar
 in mancher Hinsicht dienlich sein könnte, sondern
Jass er ihn im Grunde genommen doch als ein wirkliches
Wesen betrachtet, das sozusagen den Kern bildet der in einer
bestimmten Gemeinschaft lebenden Menschen. Diese Verwechslung
 der Abstraction mit der Wirklichkeit, ein Fehler,
den Quetelet vielfach begeht, hat unseres Erachtens seinen
Grund in seiner am Ende doch fatalistischen und mechanischen
Auffassungsweise der Begebenheiten des menschlichen Lebens,
eine Auffassungsweise, die auch die Lieblingsidee Quetelet’s,
die des „penchant au crime“, zu Tage gefördert hat.

‘) Bodio, Della statistica nei suoi rapporti coll’ economica politica
ste. (s. Morpurgo a. a. O. 98).
        <pb n="87" />
        386 —

Der gedachte Ausdruck „penchant au crime“ scheint, wie
as auch manche Anhänger Quetelet’s und vor Allen Wagner
zu ihrer Ansicht gemacht haben, besagen zu wollen, dass in
jedem Menschen ein bestimmter Hang zum Verbrechen vorhanden
 sei, der sich in den thatsächlich begangenen Verbrechen
gewissermassen. crystallisirt, so dass man sagen könne, jeder
Mensch trage einen Theil der Schuld auf sich, da er zu dem
Verbrechen gewissermassen seinen Beitrag liefert. Der „mittlere
 Verbrecher“ scheint demnach ein „Typus“ der verbrecherischen
 Handlungen zu sein, die in der Gesammtheit ausgestreut
 sind, ein Typus, von dem jeder Einzelne mehr oder
weniger abweicht, der aber immer aufs Neue sich zu behaupten
sucht, und zwar mit einer gewissen Naturnothwendigkeit.
Methodologisch wäre unseres Erachtens nichts dagegen
anzuwenden, wenn auch hier das „Mittel“, vorausgesetzt, dass
es wissenschaftlich abgeleitet worden wäre, verwerthet wird,
allein dem „penchant au crime“ eine anthropologische Bedeutung
 zuschreiben zu wollen, wie es manche in der That
auch thun, ist wahrlich ein sehr vages Unternehmen. Unter
dem gemachten Vorbehalte darf man wohl Quetelet beistimmen,
 wenn er sagt, die Gesellschaft trage in sich den
Keim der Verbrechen, die jeweilig begangen werden. Man
darf ihm auch wohl beistimmen, wenn er meint, die Gesellschaft
 sei es selber, die die Verbrechen gewissermassen vorbereitet,
 und der Schuldbehaftete sei nur das Werkzeug, das
sie zur Ausführung bringt, weil jeder sociale Zustand eine
bestimmte Anzahl und eine bestimmte Ordnung von Verbrechen
voraussetze, welche als nothwendige Folge aus seiner Organisation,
 seiner Einrichtung hervorgehe!). Dies ist insofern
richtig, als es besagt, dass zwischen den Verbrechen und den
gesellschaftlichen Einrichtungen, dem Bildungsniveau der betreffenden
 Gesellschaft und ihren materiellen Verhältnissen ein
innerer Zusammenhang besteht. Wenn aber dieses Verhält-‘)

 Quetelet, Physique sociale, I. 97.
        <pb n="88" />
        a7

niss so aufgefasst wird, wie etwa von Wagner”), der glaubt,
es wäre gleichsam im Voraus bestimmt, wie viel Personen
diese, wie viel jene verbrecherischen Handlungen begehen
werden, und dass sich die Gesetze in der vorgeschriebenen
Weise erfüllen müssten, indem die vorgekommenen Abweichungen
von dem „Budget der vorzunehmenden Handlungen“ eines
bestimmten. Jahres im nächsten Jahre auf jeden Fall ausgeglichen
 werden — so ist diese Auffassung grundfalsch, und
Wagner selbst ist später von derselben zurückgekommen. —
Zum Theil unabhängig von Quetelet, zum Theil von
demselben beeinflusst, haben manche seiner Zeitgenossen und
Nachfolger in derselben Richtung weitergearbeitet. Etwa zwei
Jahre vor dem Erscheinen der Schrift „Sur l’homme“ versffentlichte
 Guerry ein Werk unter dem Titel „Essai sur la
statistique morale de la France“ (1833). In diesem Werke
fasst der Verfasser die Statistik als Analytik auf, im Gegensatze
 zu der bisherigen „Statistique documentaire“ und glaubt
(namentlich in seinen späteren Arbeiten) durch dieselbe die
successiven Veränderungen, Umbildungen der Thatsachen auf
lem Wege des Calculs so darlegen zu können, um vermittelst
der Reduction auf kleine Mittel- und Durchschnittswerthe abstracte,
 allgemein geltende Gesetze festzustellen 2%)
L’analytique morale ... ne recherche pas ce qui doit 6tre,
alle constate ce, qui est... ce qu’il nous importe avant tout
a’&amp;amp;tudier et de lieu connaitre, ce n’est pas ce que l’homme
devait faire, ni ce qu'il pourrait faire, mais — chose fort diffSrente
 — c’est de connaitre positivement, scientifiquement,
ce qu'il fait en r&amp;amp;alite®%. Die Statistik, respective die Moralstatistik,
 hat demnach positiv zu verfahren und auf dem Wege
der Beobachtung mittelst Calculs Gesetze der „moralischen“
Welt aufzustellen; sie hat die moralische Welt auf dieselbe
Weise zu erforschen. wie die Naturwissenschaften die physische.

) Wagner, Die Gesetzmässigkeit in den scheinbar willkürlichen
menschlichen Handlungen. 45.
2) Vgl. Oettingen, Moralstatistik. 1. Aufl. 133.
3) Guerry, Statistique morale de l’Angleterre. XL.
        <pb n="89" />
        88 —

So weit Guerry. Auf die Behandlung der ethischen Principienfrage
 lässt er sich nicht ein, er bezeichnet nur den Weg
zur Erforschung des Thatsächlichen.
Anschliessend an Quetelet, aber viel entschiedener in
den Folgerungen sucht Dufau die bezüglichen Fragen zu
3rörtern. In der „Statistique“ sieht er eine Wissenschaft, die
anseigne ä d&amp;amp;duire de termes numeriques analogues les lois
de la succession des faits sociaux . Die Erscheinungen der
moralischen Welt sind, ähnlich denjenigen der physischen, als
Wirkungen von unveränderlichen Ursachen anzusehen, die
aber im Gegensatz zu den natürlichen nicht direct erkannt
werden können, da sie im Verein mit veränderlichen und unregelmässigen
 Ursachen zusammenwirken,
Mais Vobservation montre, sagt er, que les Elements
variables des faits de Vl’'ordre moral se compensent et s’effacent
pas la reproduction frequente des mö&amp;amp;mes faits, de telle sorte,
qu'on retrouve pour chacun, en dernidre analyse apres une
succession plus ou moins prolonguge, le rapport primitif de
cause ä effet, qu'on n’avait pas apereu d’abord, Die Statistik
ist ihm eine durchaus exacte Wissenschaft, und er unterscheidet
dieselbe von der „politischen Arithmetik“, die nach seiner Ansicht,
 als angewandte Wissenschaft, ihre Principien auf die
von der Statistik aufgestellten Gesetze zu bauen habe; die
Statistik hat sich einzig und allein mit der Erforschung der
Gesetze des menschlichen Lebens zu befassen, aber auch nur
des menschlichen Lebens.
Unter den Deutschen dieser Richtung nimmt der bereits
vielfach citirte Schriftsteller Ad. Wagner eine bedeutende
Stellung ein. Wagner war denn auch der erste, der die
Ideen Quetelet’s durch seine Schrift „Die Gesetzmässigkeit
in den scheinbar willkürlichen menschlichen Handlungen“ den
weiteren Kreisen des gebildeten Publikums Deutschlands zu-‘)

 Dufau, Traite de statistique ou theorie de l'etude des lois
Yapres lesquelles se developpent les faits sociaux, suivi d’un essai de
statistique physique et morale de la popolation francaise. p. 35.
        <pb n="90" />
        89

geführt hat. Es ist kaum glaublich, wie durchschlagend und
fermentiv Wagner’s Schrift über „Die Gesetzmässigkeit etc.“
gewirkt hat. Es gruppirt sich um dieselbe eine ganze
Literatur und auch die philosophischen und theologischen
Beleuchtungen der durch dieselbe angeregten Zweifelfragen
knüpften meist an Wagner an, obgleich derselbe ehrlich
seine Unfähigkeit, die Probleme und Räthsel, die sich hier
häufen, philosophisch zu behandeln und womöglich zu lösen,
eingesteht. Aufrichtigkeit und Klarheit im Gestehen und Begrenzen
 des Wissens wirkt stets animirend und anregend bei
sinem seines Stoffes so mächtigen Forscher*),
In seinem ausgezeichneten Artikel „Statistik“ (Bluntschli’s
Staatswörterbuch X) definirt Wagner die Statistik als das
methodische inductive Verfahren zur Auflösung und Erklärung
des Mechanismus der Menschheit und der Natur (des Mechanismus
 der realen Welt insoferne), d. h. zur Ableitung und
Erklärung der Gesetze, nach welchen dieser Mechanismus
Fungirt, und zur Aufdeckung und Erklärung des Causalzusammenhanges,
 welcher zwischen den einzelnen menschlichen
und natürlichen Phänomenen besteht, und zwar vermittelst
eines zu genauen Quantitätsbestimmungen führenden Systemes
methodischer Massenbeobachtungen über jene Phänomene. Die
statistischen Gesetze sind ihm gleich den Naturgesetzen, ursächliche
 Gesetze; der Unterschied liegt nur etwa darin, dass die
Ursachen, welche naturgesetzliche Wirkungen zur Folge haben,
immer constant bleiben, während einerseits das statistische
Gesetz die Aeusserung zwar constanter, in allen Fällen wirkenden,
 aber doch nur in den grossen Zahlen zum Vorschein
kommenden Ursachen ist, andererseits aber auch accidenbeller
 Ursachen, welche in den kleinen Zahlen die ersteren
modificiren. Was das sogenannte Gesetz der grossen Zahlen
anbetrifft, so sagt darüber Wagner?) folgendes: Beim Gesetz
der grossen Zahlen — ein nicht glücklich gewählter Ausdruck

) Oettingen a. a. O.
) Wagner, Die (iesetzmässigkeit etc, 54 (Anmerk. 22).
        <pb n="91" />
        90

— denkt man häufig, die in den grossen Zahlen offen hervortretende
 Gesetzmässigkeit gelte in den kleinen Zahlen gar
nicht. Das ist aber durchaus unrichtig; die grossen
Zahlen bilden sich ja nur aus den kleinen; auch in den Individualitäten,
 welche den Inhalt dieser kleinen und schliesslich
der grossen Zahlen ausmachen, wirkt offenbar der Impuls,
welchen man im Grossen aus der Gesetzmässigkeit der grossen
Zahlen ableitet. Jede Einzelnheit ist eine Fraction des Ganzen
und so beschaffen, dass in der Gesammtheit der Einzelnheiten
die gesetzmässige Bewegung unmittelbar eintreten muss und
erkannt werden kann. Wenn dies im Einzelnen und in den
kleinen Zahlen nicht geschieht, so erklärt es sich daraus, dass
hier der in jedem Einzelnen waltende Impuls, dessen Ausdruck
las aus den grossen Zahlen abgeleitete Gesetz ist, paralysirt oder
latent gemacht wird durch störende accidentelle Ursachen. —
Wir finden in dieser Definition des Gesetzes der grossen Zahlen
den Gedanken des „penchant au crime“ oder der „tendence
au mariage“ in ihrem anthropologischen Sinne wieder, — als
Eigenschaften, von denen jeder Einzelne in bestimmtem Maasse
ausgestattet sel, deren Aeusserung aber in jedem einzelnen
Falle durch andere „zufällige“ Ursachen modificirt oder geradezu
vereitelt werde. Dass eine derartige Auffassung des Gesetzes
der grossen Zahlen logisch unmöglich ist, werden wir unten
sehen, hier wollen wir noch darauf hinweisen, dass diese Auffassung
 Wagner’s Ansichten betreffend die Moralstatistik in
hohem Maasse beeinflusst. Am Schlusse haben wir noch den
Umstand hervorzuheben, dass Wagner die Statistik durchaus
 nicht auf die Erforschung der Gesetze des socialen Lebens
beschränkt wissen will, vielmehr ist ihm Object der Statistik
alle ‚Erscheinungen der realen Welt (in- und ausserhalb der
Menschheit), welche als Funetionen von constanten und acci-Jentellen
 Ursachen keinen absolut gleichmässigen, wohl aber
sinen im Ganzen (in der grossen Zahl der Fälle) durch die
sonstanten Ursachen bedingten regelmässigen Charakter haben Y.

‘) Wagner, Art. „Statistik“ a. a. O. 464.
        <pb n="92" />
        91 -

Die oben angeführten Schriftsteller können, unseres Erachtens,
 als diejenigen betrachtet werden, welche hauptsächlich
 die zweite grosse Richtung der Statistik, die nicht ganz
zutreffend sogenannte mathematische Statistik in ihrer Entwicklung
 gefördert haben.
Das Resultat dieser Entwicklung lässt sich dahin zusammenfassen,
 dass die Statistik hier als eine Wissenschaft aufgefasst
 wird, welche im Gegentheil zu der Auffassung der
Achenwall’schen Schule nicht die Aufgabe hat, die staatlichen
 Zustände zu beschreiben, sondern die Gesetze des
gesellschaftlichen Lebens aufzudecken. Diese Gesetze
 werden mittelst Massenbeobachtungen abgeleitet und
drücken den causalen Zusammenhang zwischen den verschiedenen
 Seiten der Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens
aus und lassen die wirkenden Ursachen derselben durchblicken.
Aber nicht nur auf die Gesellschaft allein soll die Statistik
Anwendung finden, sie soll auch auf andere Erscheinungen
des Universums angewandt werden, soferne sich an die betreffenden
 Erscheinungen Massenbeobachtungen anstellen lassen, da
die durch die Statistik aufzufindenden Gesetze nur solche der
Massenerscheinungen sind und daher bei Erscheinungen von
individuellem Charakter nicht in Betracht kommen können.
Wir sehen, dass diese Schule sich in allen Punkten von
der Schule der deseriptiven Statistik unterscheidet. Das Object,
 die Methode und vor Allem das Ziel sind in beiden Schulen
grundverschieden und nur der Name, der übrigens ebenso
wenig die „descriptive“ Schule charakterisirt als die „analytische“.
 bleibt beiden gemeinsam.

VIIL

Die den gekennzeichneten Schulen zu Grunde liegenden
Gegensätze haben sich, wie wir gesehen haben, sehr frühe in
der Entwicklung der Statistik gezeigt und es ist daher begreiflich.
 dass einmal der Zeitpunkt kommen musste, wo die Tren-
        <pb n="93" />
        — 92 —

nung der Statistik in zwei Disciplinen als geboten erscheinen
lurfte.
Bevor jedoch der offene Gegensatz durch die Schriften
Quetelet’s und seiner Anhänger heraufbeschworen wurde, versuchte
 es ein deutscher Schriftsteller !) angesichts der schon damals
 herrschenden Zerfahrenheit in der Auffassung der bezüglichen
 Grundprobleme der Statistik, eine Einigung unter den
verschiedenen Standpunkten herbeizuführen. Die Statistik soll
nach seinem Dafürhalten eine Darstellung der zu einem bestimmten
 Zeitpunkte innerhalb eines gewissen Umfanges vorhandenen
 Staatskräfte und der Gesetze ihrer Wirksamkeit
liefern in der Art, dass bei dieser Darstellung das wesentlich
SNeichartige nach allgemeinen Gesichtspunkten zusammengefasst
wird. Nicht der Zustand als solcher ist das Öbject der Statistik,
sondern die Staatskräfte, d. h. diejenigen Ursachen, welche
irgend eine Veränderung im staatlichen Leben der Menschen
hervorrufen, Aber auch nicht‘ die Summe der vorhandenen
Staatskräfte in ihrem Nebeneinandersein bildet den ausschliesslichen
 Zweck des statistischen Wissens; was zu wissen von
Wichtigkeit ist, das sind die Gesetze der Wirksamkeit der
genannten Kräfte, Die Statistik hat somit eine Doppelaufgabe :
einerseits die Zustände, d. h. die Kräfte, die innerhalb gewisser
zeitlicher und räumlicher Grenzen sich bethätigen, zu schillern,
 andererseits aber, und darauf kommt es hauptsächlich
an, die Gesetze oder, wie sich S* ausdrückt, die Erfassung des
Naturgesetzes in der Entwicklung der gesellschaftlichen Zustände,
 zu erwirken. Die Statistik lehrt uns ein Gewordenes
kennen, oder einen besonderen Zustand im Wechsel der Zustände.
 Hiebei ist jedoch nie ausser Acht zu lassen, dass der
Zustand eines Staates nicht bloss in seiner äusserlichen Erscheinung,
 sondern auch in den Kräften besteht, wovon diese
eine Wirkung ist, und in den Gesetzen ihrer Wirksamkeit 2).

') S*, Die Statistik der Cultur im Geiste und nach den Forde-‘ungen
 des neuesten Völkerlebens. Deutsche Vierteljahrsschrift. 1888,
3 Sta. a. O0. 270.
        <pb n="94" />
        Es ist aus dem Gesagten klar zu ersehen, dass hier eigentlich
 keine Einigung unter den verschiedenen Meinungen stattgefunden
 hat, vielmehr folgt daraus, dass der citirte Schriftsteller
 fast vollständig den Standpunkt der Achenwall’schen
Schule verlässt und sich der französischen Schule in sehr hohem
Maasse nähert, allerdings ohne die naturwissenschaftliche oder
besser gesagt die materilalistische Färbung derselben anzunehmen.


An der Lösung dieses Problems versuchte sich auch
Fallati, noch ehe von irgend einem Schriftsteller die Frage
der Trennung der Statistik gestellt wurde. Das Resultat ist
aber negativ ausgefallen, und Wagner hat Recht, wenn er
sagt, dass Fallati’s Entwicklung im Grunde genommen nur
einen Beleg für die Richtigkeit der Trennung der Statistik
bildet). Wir haben bereits oben gesehen, dass Fallati”®)
einen allgemeinen und besonderen Zustand construirt; der
besondere Zustand ist das real Zuständliche, somit das
Concrete, Wirkliche; dagegen ist der allgemeine Zustand
das ideal Zuständliche, das Beharrliche in den wechselnden
Erscheinungen. Auf diesen zwei Begriffen des Zustandes
beruht nun die doppelte Aufgabe der Statistik. Einerseits
bilden die herrschenden Erscheinungen der Gegenwart das
Hauptaugenmerk der wissenschaftlichen Statistik, andererseits
aber soll die Statistik die Aufgabe lösen, das allgemein Zuständliche
 der scheinbar rein veränderlichen Erscheinungen
hervorzuziehen und die gemeinschaftliche Einheit aufzusuchen,
 in welcher jene unruhig wechselnden Verschiedenheiten
 sich ausgleichen.
Es ist nicht schwer, einzusehen, dass Fallati’s Bestimmung
 der Aufgaben der Statistik eigentlich den herrschenden
Gegensatz bestätigen, da der Begriff, Zweck und Methode in
beiden Theilen der Fallati’schen Statistik grundverschieden
von einander sind. was auch Fallati selbst zugesteht. Unter

) Wagner a, a, O0, 458.
3 Fallati a. a. O0.
        <pb n="95" />
        diesen Umständen ist es selbstverständlich, dass die Vereinigung
 dieser beiden Wissenszweige unter einem und demselben
 Namen nur Begriffsverwirrung anrichten musste, keinesfalls
 aber zur Ausgleichung der vorhandenen Gegensätze beitragen,

Nicht viel glücklicher war Engel!), wenn er behufs Vereinigung
 der streitenden Gesichtspunkte eine Statistik im
weiteren Sinne und eine Statistik im engeren Sinne unterschieden
 wissen wollte. In erster Beziehung als Zustandsschilderung
 im Allgemeinen sei sie gewissermassen eine Methode,
welche im Dienste aller anderen Wissenschaften und so natürlich
 auch der Verwaltungswissenschaft und Verwaltungspolitik
stehe. In zweiter Beziehung habe sie als selbstständige Wissenschaft
 zur Aufgabe, sowohl die Schilderung oder Beschreibung
des Zustandes menschlicher Gemeinschaften und ihrer Einrichtungen
 in einem gegebenen Zeitmoment, als auch die
Darlegung (und Erklärung?) der ununterbrochen vor sich
gehenden Veränderungen dieses Zustands und dieser Einrichtungen
 innerhalb bestimmter Zeitabschnitte. Mit Recht
sagt zu dieser Eintheilung A, Oncken?) folgendes: Man
muss hier scharf zublicken, um den Sinn nicht zu verfehlen.
Als blosse Zustandsschilderung in einem gewissen Zeitmomente
ist sie eine Methode, Als selbstständige Wissenschaft hat sie
ss dagegen auch mit der Darstellung zeitlicher Veränderungen
zu thun. Wenn nun auch noch nicht durch diese Gegensetzlichkeit
 der Betrachtungsweise ein Unterschied der statistischen
 Methode an sich behauptet worden wäre, so kann
nicht recht eingesehen werden, warum sie, selbst bei gleicher
Behandlungsweise, auf dem einen Gebiete selbstständige Wissenschaft
 und auf allen anderen Methode sein solle. Aus Zweckmässigkeitsrücksichten
 hätte man allenfalls denjenigen neuen
Stoff, welcher nicht direct einer alten Disciplin zugetheilt
werden konnte, wie dies vor der Abscheidung der Gesell-‘)

 Engel, Das statist. Seminar des preuss. statist. Bureaus, 1864.
) A. Onckena. a. O0. 41.
        <pb n="96" />
        — 95 —

schaftswissenschaft von den socialen Facten theilweise gesagt
werden konnte, der Statistik selbst zutheilen können. Die
Statistik wäre dann etwa die Gesellschaftswissenschaft geworden.
 Freilich hätte man dann unter dem gleichen Namen
auch eine Methode mitführen müssen, welche diesem Gebiete
nicht mehr als allen anderen Wissenschaften angehört haben
würde, und aus Zweckmässigkeitsrücksichten wäre es zur
Vermeidung von Verwechslungen wieder angerathen gewesen,
 diese Eintheilung aufzuheben. Ist es aber schon unter
diesem Gesichtspunkte unhaltbar, einer Sache im Speciellen
einen anderen Charakter zuzuschreiben, als im Allgemeinen,
so muss auch noch bemerkt werden, dass in die Statistik,
als selbstständige Wissenschaft, ohne Frage die gesammte
causale Begründung und vergangene Entwicklung des Stoffes
mit hereingezogen werden muss, Hiedurch ergiebt sich aber
gegenüber der Engel’schen Auffassung der „Statistik im
weiteren Sinne“, als blosser „Zustandsschilderung in einem
gegebenen Zeitmomente“, auch noch ein methodischer Unterschied,
 der die beiderseitige Rubricirung unter einen gleichen
Namen abweist. Nun hat Engel nicht einmal für seine
selbstständige Abtheilung die Erklärung der Ursachen mit
Bestimmtheit aufgenommen und lässt es durch das angehängte
Fragezeichen im Zweifel, ob er für sein abgegrenztes Gebiet
nicht mehr als einen ähnlichen Thatsachen-Abklatsch wünschte,
wie die Zustandsmänner ihn von der Allgemeinheit der Dinge
in Anspruch nahmen, Es leuchtet ein, dass sich von keinem
Betrachtungsstandpunkte aus eine derartige Anordnung empfehlen
 kann, — Wir erklären uns mit diesem Urtheil durchaus
einverstanden und haben nichts hinzuzufügen, weil unseres
Erachtens darin sämmtliche Gesichtspunkte mit Klarheit
hervorgehoben wurden, die dabei in Frage kommen könnten.
Knies!) war der erste, der klar und offen den Gedanken
aussprach, dass dasjenige Wissen, das man bisher unter dem
Namen Statistik zusammenfasste. in zwei Disciplinen zu theilen

X Knies, Die Statistik als selbstständige Wissenschaft, 1850.
        <pb n="97" />
        I6 —-sei.

 An der Hand der Geschichte der Statistik weist Knies
nach, dass diese Disciplin aus zwei von einander verschiedenen
 Quellen ihren Ursprung hat, und dass auch im Laufe
der Zeit die bezüglichen Untersuchungen einem zweifachen,
mit einander in sehr losenı Zusammenhange stehenden Ziele zustrebten.
 Aus diesem Gesichtspunkte liessen sich nach Knies
sämmtliche Controversen der Statistik lösen und es sei daher
von hoher Wichtigkeit, für die fernere Entwicklung der Disciplin
 eine Trennung zwischen den beiden heterogenen Theilen
herbeizuführen.
Dieser Forderung tritt Jonäk!) entgegen. Er giebt zwar
zu, dass in der Statistik sehr wichtige Meinungsdifferenzen
bestanden und fortdauern; allein dies lasse sich aus der einheitlichen
 Entwicklungsbewegung dieser Disciplin ganz befriedigend
 erklären. Die Annahme eines doppelten Ausgangspunktes
 der Statistik sei grundfalsch. Im Anfange geschichtliche
 Wissenschaft, zeitigte sie im Lauf ihrer Entwicklung
immer neue Aufgaben, Auf die erste Periode, während welcher
die Aufgabe der Statistik auf die Darstellung der Zustände
beschränkt war, folgt die zweite, wo zugleich mit dem ersteren
 Gesichtspunkt auch der Nachweis der Causalitätsverhältnisse
 gefordert wird, und zuletzt gesellt sich auch in der
äritten Periode das Bestreben, die Regelmässigkeiten zu untersuchen,
 um die Gesetze der Erscheinungen feststellen zu können.
Dass in Wirklichkeit die Entwicklung der Statistik nicht
auf solche Weise vor sich ging, braucht jetzt nicht nochmals
nachgewiesen zu werden; dass aber sogar heutzutage, und zur
Zeit Jonäk’s in noch höherem Maasse, manche Statistiker
hartnäckig ihre Anhänglichkeit an der Achenwall’schen Auffassungsweise
 bethätigen und nichts von den Bestrebungen der
Quetelet’schen Richtung wissen wollen, muss hier nachdrücklich
 betont werden; die Achenwall’sche Statistik, die Jonäk
zufolge als die erste Entwicklungsphase der Wissenschaft anzusehen
 ist, ist noch heutzutage in den Augen mancher Sta-5)

 Jonäk a. a. O0. 115.
        <pb n="98" />
        07

tistiker keineswegs ein überwundener Standpunkt, vielmehr
wird dieselbe geradezu als die allein richtige hingestellt. Der
Versuch Jonäk’s muss daher als gänzlich misslungen betrachtet
werden, dagegen aber brach sich die Ansicht Knies’ allmälig
Bahn und machte dann Schule.
Den Gedanken Knies’ hat vor Allen Rümelin!) aufgenommen
 und weiter fortgebildet, indem er die eigentliche
Statistik, welche ihm eine methodische Wissenschaft ist,
von der Wissenschaft vom Volks- und Staatszustande vollständig
 trennen will. Denselben Standpunkt vertritt auch
Wagner”), der mit Knies nur insoferne nicht übereinstimmen
zu können glaubt, als der letztere die „politische Arithmetik“
als den Ausgangspunkt für die moderne Statistik der Quetelet’schen
 Richtung bezeichnet, während er selbst die Quetelet’schen
 Ideen in den Anschauungen Süssmilch’s wurzeln
sieht 9).
Es kann nicht unsere Absicht sein, uns hier in den Streit
über die Nothwendigkeit einer Theilung der Statistik näher
einzulassen; wir begnügen uns einfach damit, darauf hinzuweisen,
 dass wir die Trennung der Statistik, wenn man letztere
nun als eine selbstständige Wissenschaft aufzufassen geneigt
ist, in zwei selbstständige Disciplinen durchaus als gerechfertigt
 erachten; denn obzwar beide Arten der Statistik von Anfang
 an gemeinsam vorzugsweise das menschliche Zusammenleben
 zu ihrem Objecte hatten, so behandelten sie immerhin
dieses Object, wie wir gesehen haben, von ganz verschiedenen
 Seiten, mit grundverschiedenen Mitteln und zu durchaus
verschiedenen Zwecken. Und diese Momente sind es ja, die
überhaupt den Grund des Differenzirungsprocesses der Wissenschaften
 bilden. Die ältere Richtung der Statistik wäre somit
eine Art politische Geographie, die für den Augenblick ein

') Rümelin, Zur Theorie der Statistik. Z.f.d. gesammt. Staatswissensch.
 1863; auch Red. u. Aufs. B. I.
) Wagner, Art. „Statistik“ a, a. 0.
3) Ibid, 454.
Reichesberg, Die Statistik und die Gesellschaftswissenschaft.
        <pb n="99" />
        9Q

praktisches Interesse bieten könnte, die zweite aber fiele dann
etwa mit den Bestrebungen der modernen Sociologie zusammen.
Nun stellte sich aber in der Folge heraus, dass die Stabistik,
 in der Fassung, wie sie ihr von der zweiten Richtung
gegeben wurde, als selbstständige Wissenschaft gar nicht bestehen
 kann. Die Gesetze des Gesellschaftslebens aufzudecken,
war sie nicht im Stande, die Methode aber, welche sie ausgebildet
 hat, konnte nicht nur auf das Gesellschaftsleben angewandt
 werden, sondern auch auf viele andere Gebiete sowohl
des menschlichen Lebens als der Erscheinungen der leblosen
Natur. Das Wesen und der Begriff einer selbstständigen
Wissenschaft kann aber nie bloss durch die etwaige Eigenthümlichkeit
 ihrer Methode bestimmt werden, und so kam man
darauf, die Statistik in diesem Sinne, d. h. in der Gestalt, wie
sie sich in der Quetelet’schen Schule ausgebildet hat, nur
als Methode aufzufassen, die Statistik der älteren Schule
aber mit irgend einem passenderen Namen zu bezeichnen.
Diesen letzteren Standpunkt vertritt A. Oncken in seiner
mehrfach citirten Schrift „Untersuchung über den Begriff der
Statistik“ (1870).
Der Verfasser giebt in dieser Schrift eine Uebersicht des
Entwicklungsganges der Statistik und eine Kritik der hauptsächlichen
 Definitionen derselben, deren Verschiedenartigkeit und
Unbestimmtheit er dem Umstande zuschreiben zu dürfen glaubt,
dass die Statistik, am Anfange beinahe nur auf Gegenstände
gerichtet, welche für das staatliche Leben Bedeutung hatten,
sich, einem inneren Drange und praktischen Bedürfnissen folgend,
 allmälig auf die gesammten Aeusserungen des menschlichen
 Lebens ausbreitete, Die Nothwendigkeit, überall, wo
es auf praktische Anwendung ankam, ein präcises, von der zufälligen
 Beobachtung unabhängiges, scharf bestimmtes Material
zu haben, veranlasste ihre Einführung bei sämmtlichen staatlichen,
 gesellschaftlichen und privaten Organismen !). Dieser
Umstand führte aber in der ferneren Entwicklung dazu, dass

5 A. Oncken a. a 0. 18.
        <pb n="100" />
        96

die Statistik einen Anlauf zur Universalwissenschaft nahm,
wozu sowohl die historische Berechtigung als auch die praktische
Zweckmässigkeit fehlte!), Und nun kommt Oncken zum
Schlusse, dass der ganze Hader, den die Statistik mit allen
möglichen Wissenschaften um ihr wirkliches oder angebliches
Eigenthum begonnen hat, sich dadurch beschwichtigen lasse,
dass man die Statistik als die Methode der Buchhaltung auf
die Gesammtheit des allgemeinen Entwicklungslebens angewandt
auffasst. Die Statistik hat mit der Beobachtung und Wägung
der Thatsachen als solchen nach dem Maasse ihres wahrhaftigen
 Gehaltes zu thun, sie ordnet sie, setzt sie in Vergleich
 und zieht daraus die constanten Gesetze. Der Statistik
 oder Buchhaltung ist es in hohem Maasse gleichgiltig,
auf welche Stoffe ihre Thätigkeit gerichtet wird?). Nachdem
nun Oncken den Satz aufgestellt hat, die Statistik bestehe
in nichts anderem als in einer eigenthümlichen Erkenntnissmethode,
 glaubt er noch folgerichtig, ihre Stellung in der allgemeinen
 Philosophie bestimmen zu müssen, Im Gegensatz
zu der älteren Philosophie, die vom subjectivistischen Standpunkt
 ausging, habe es in neuerer Zeit namentlich die „Gesellschaftsphilosophie
 sich auf einen höheren Standpunkt zu erheben
 vermocht. Sie habe es begriffen, dass nicht der einzelne
Mensch und sein Denken das Maass der Dinge sei, dass es auch
Collectivmenschen gebe, die dessgleichen denken und ebenfalls
ein vorgesetztes Ziel und ein dementsprechendes Entwicklungsvermögen
 hätten. Dem einzelnen „Ich“ stehe ein „Wir“ gegenüber,
 dieses letztere lasse sich aber weder durch die induetive
noch durch die deductive Methode der bisherigen an dem
Subjectivismus leidenden Logik begreifen. Die Statistik sei
dann eben diejenige Methode, durch welche das gekennzeichnete
Ziel erreicht werden konnte; sie sei die logische Methode der
objectiven Induetion 3).

') A. Oncken a. a. 0. 42.
?) Ibid. 538.
3) lbid. 58.
        <pb n="101" />
        . 100 —

Dieser Schriftsteller scheint uns das wahre Wesen und
die Bedeutung der Statistik am richtigsten begriffen zu haben;
allein wir glauben, seine Ansicht müsste eine etwas andere
Formulirung erhalten, da sie in der Gestalt, wie sie bei
Oncken hervortritt, Gefahr läuft, manche nicht unwichtige
Missverständnisse hervorzurufen. — Folgendes dürfte vielleicht
 diesem Mangel einigermassen abhelfen. Unseres Erachtens
 ist die statistische Methode als eine derartige zu betrachten,
 welche ermöglicht, das zusammengesetzte Gefüge von
Massenerscheinungen welcher Art immer zu begreifen
und namentlich in allen jenen Fällen, wo es nicht statthaft
ist, inductiyv von dem Einzelnen auf das Ganze zu schliessen,
noch deductiv vom Ganzen auf das Einzelne. Und dies ist
überall dort der Fall, wo das Einzelne nicht als Typus aufgefasst
 werden kann und die Einzelnen.nicht mechanisch sich
neben einander bewegen, sondern die Glieder einer mehr
weniger festen Gemeinschaft bilden und dadurch sich gegenzeitig
 beeinflussen. Der Einzelne ist eben innerhalb der Gemeinschaft
 nicht dasselbe, was er ausserhalb derselben sein würde;
die Gemeinschaft drückt ihm eigenthümliche Eigenschaften
und Merkmale auf, die aber nicht in allen die Gemeinschaft
bildenden Individuen in gleichem Maasse zu Tage treten; ja
auf manche Individuen übt die Gemeinschaft in manchen Stücken
keinen directen Einfluss aus, indem deren Individualität diesen
speciellen Einflüssen zu widerstehen vermag. In Folge des
Zusamm enwirkens der Gemeinschaftseinflüsse mit den Individualeigenschaften
 gestaltet sich die Physiognomie jedes Einzelnen
 solchermassen, dass sie nicht als typisch angesehen
werden kann. Nur in der Gemeinschaft als Ganzem äussern
sich daher die Gemeinschaftseinflüsse, und das Verständniss
derselben kann daher nur aus dem Studium des Ganzen selbst
gewonnen werden. Und nun liefert uns die statistische Methode
ein unüberschätzbares Mittel, indem sie durch Zählung charakteristisch
 zu Tage tretender Merkmale, die auf die Wirkungen
gemeinschaftlicher Momente hindeuten, und Ausserachtlassen
der unwesentlichen. die dem Einzelnen als Individualität ent-
        <pb n="102" />
        101 —

stammen mögen, die Grade der Stärke der Einflüsse der ersteren.
innerhalb der betreffenden Gemeinschaften festzustellen vermag.
Es ist nun begreiflich, dass die statistische Methode durch
die eben gekennzeichnete Eigenschaft von sehr hohem Werthe
für die Socialwissenschaft sein muss. Die Anwendung derselben
 auf das sociale Leben gewährt der genannten Wissenschaft
 die Möglichkeit, die Art und Weise derjenigen Factoren
kennen zu lernen, die eben durch die Thatsache des Zusammenlebens
 der Menschen in der Gesellschaft allein ins Leben gerufen
 worden sind.

ye

Worin besteht die statistische Methode? Worin äussern
sich die Eigenthümlichkeiten derselben? Auf welchen Grundgedanken
 beruht das Verfahren, das wir als das statistische
zu bezeichnen pflegen? Welchen Platz endlich nimmt die
Statistik innerhalb der anderen Methoden des wissenschaftlichen
 Erkennens ein? — Dies sind die Fragen, welche wir
nun etwas näher behandeln wollen, um das oben bereits
gekennzeichnete Verhältniss der Statistik zur Gesellschaftswissenschaft
 klar hervortreten zu lassen.
Gesetzmässig , sagt ein deutscher Forscher 1), ist die Entwicklung
 des genialsten Menschen nicht weniger, als die der
dürftigen Kryptogame, — und dieser Gedanke scheint jetzt die
gesammte Wissenschaft zu beherrschen. Alles, was in der
Wirklichkeit geschieht, geschieht eben nach bestimmten Gesetzen,
 und in dieser Welt, wo die Gesetze walten, bleibt für
den Zufall im Sinne eines ursachlosen Geschehens kein Platz
übrig. Jede Erscheinung muss, wenn wir wissenschaftlich
urtheilen wollen, als nothwendige Wirkung einer bestimmten
Ursache oder irgend einer Combination von hestimmten Ur-)

 Rümelin a. a. 0. 658.
        <pb n="103" />
        =. 102 -

sachen betrachtet werden. Da giebt es keine Ausnahmen, und
ähnliche Erscheinungen sind stets Wirkungen von ähnlichen
Ursachen.
Ungeachtet dieses unerschütterlichen Grundsatzes aller
Wissenschaft, darf man nichts desto weniger, wenigstens bei
dem gegenwärtigen Stand des Wissens, behaupten, und dies
wird von Niemand ernstlich und beweiskräftig bestritten werden
können, dass der Zufall eine sehr grosse Rolle spielt in der
Welt der Erscheinungen, und dass, je höher wir in der Ordnung
 des Daseins steigen, desto häufiger haben wir es mit
dem Zufall zu thun, — Allein der ausnahmslosen Giltigkeit
des Causalitätsprincips gegenüber muss der Begriff des Zufalls
derart gefasst werden, dass er nicht mit dieser unentbehrlichen
Grundlage des wissenschaftlichen Erkennens in Conflict gerathe.
 — In seiner trefflichen Schrift „Ueber die Lehren des
Zufalls“ hat der Philosoph Windelband sich bemüht, diesem
Begriffe eine solche Fassung zu geben, die uns den eben gestellten
 Anforderungen zu entsprechen scheint!). Nach ihm
ist der Zufall eine Coineidenz von Thatsachen, die weder mit
ainander im Verhältniss von Ursache und Wirkung stehen,
noch von einer gemeinschaftlichen Ursache abhängen, also
nicht nothwendig mit einander verbunden sind. Wenn zum
Beispiel heute Abend ein Bekannter von mir neben einem im
Bau begriffenen Hause vorbeiginge und zu derselben Zeit das
Gerüst zusammenstürzen und ihn erschlagen würde, so würde
man sagen, dass der Tod ein zufälliger war, weil eben zwischen
 dem Vorbeigehen des Betreffenden gerade in dem Momente,
 als das Gerüst zusammenbrach, und dieser letzteren
Thatsache kein Zusammenhang besteht, wenigstens vermag
diesen Zusammenhang der menschliche Gedanke nicht zu fassen,
er vermag ihn nicht blosszulegen. Zwar ist jede dieser zusammenfallenden
 Thatsachen, für sich betrachtet, fest bedingt
Jurch eine ganze Causalreihe vorhergegangener Ursachen und
Wirkungen: der Moment des Zusammentreffens selbst ist aber

5 Windelband, Die Lehren vom Zufall. 24.
        <pb n="104" />
        103 —

keinenfalls durch die in Betracht kommenden Thatsachen bedingt,
 sondern liegt ausserhalb derselben.
In dieser Bedeutung des Wortes begegnet uns der Zufall
bei der Betrachtung des menschlichen und in noch höherem
Maasse bei der Betrachtung des gesellschaftlichen Lebens auf
jedem Schritt und Tritt, weil auf diesen Gebieten Alles in
solchem Maasse individualisirt ist, dass der Complex der Ursachen
 der betreffenden Erscheinungen in jedem einzelnen
Falle ein durchaus eigenthümlicher ist und sich etwa aus
dem regelmässigen KEntwicklungsgange der einzelnen, der
Untersuchung unterstellten Phänomene in keiner Weise erklären
 lässt.
Allein die Ursachen wirken überall nach denselben Gesetzen,
 und der Unterschied zwischen den Wirkungen vereinsamter
 Ursachen und denjenigen ihrer Complexe liegt, wie
Mill!) meint, nicht in den Gesetzen selbst, sondern in den
Daten, auf welche diese Gesetze angewendet sind. Nichts
desto weniger würde man vergebens nach der Erkenntniss der
Gesetze der Wirkungen der in zufälliger Gemeinschaft wirkenden
 Ursachen streben, wenn nicht die auf inductivem Wege
gewonnene Thatsache feststünde, wonach in jedem solchen
Complexe von Ursachen immer eine gewisse Anzahl von constanten,
 unveränderlichen Ursachen mitwirken, zu denen sich
solche Ursachen gesellen, die entweder nicht in allen in Betracht
 kommenden Fällen oder wenigstens nicht in allen Fällen
mit derselben Stärke wirken.
Nun sind aber die gesellschaftlichen Erscheinungen vorwiegend
 solcher Art, dass sie zwar als Wirkungen von Ursachen
 erscheinen, die zwar auf sämmtliche Individuen der
betreffenden Gemeinschaft ihren Einfluss ausüben, die aber in
den Einzelnen durch die Ursachen, welche aus der Individualität
stammen und demnach mit den ersteren in keinem sichtbaren
oder erkennbaren Zusammenhange stehen, in ihren Wirkungen
modificirt oder gar vereitelt werden. So pflegt zum Beispiel

) Milla. a. O. III, 281.
        <pb n="105" />
        -- 104 —

der Ausfall der Ernte auf die Lebensmittelpreise Einfluss auszuüben;
 die Lebensmittelpreise pflegen gewöhnlich zu steigen
und auf solche Weise auf die Lebenshaltung der betreffenden
Einwohner den grössten Einfluss auszuüben. Wenn wir uns
nun einen solchen Gesellschaftzustand denken könnten, wo die
Gesellschaftsmitglieder gleich geartet wären und sich in keiner
Hinsicht von einander unterschieden, so dürfte die Wirkung der
Theuerung der Lebensmittel bei allen die gleiche sein; sämmtliche
Gesellschaftsmitglieder würden dann ihren Consum einschränken,
und dies würde etwa, sagen wir, eine Schwächung der physischen
und vielleicht auch psychischen Kräfte u. s. w. zur Folge haben.
Mit einem Worte, die Wirkung wird eine constante sein, die
man etwa mit Zuhilfenahme der Physiologie verhältnissmässig
genau zu berechnen im Stande wäre. Nun an und für sich,
so zu sagen, bleibt die Wirkung der Theuerung der Lebensmittelpreise
 auch in der gegenwärtigen Gesellschaft unverändert;
allein das sichtbare, das äussere Resultat dieses Verhältnisses
ist in der Wirklichkeit in Folge der äussersten Verschiedenheit
 der Individuen und ihrer Lebenslage ein durchaus verschiedener.
 Der Eine wird aus Mangel zum Stehlen verleitet,
der Andere begeht einen Raubmord, der Dritte zieht es vor,
sich selbst aus der Welt zu schaffen; noch ein Anderer macht
sich im Gegentheil nichts daraus, weil es ihm seine Mittel
erlauben, sich den neuen Verhältnissen anzupassen u. s. w. —
In jedem dieser unzähligen, verschiedenartigsten Fällen wirken
nichts desto weniger, wie wir es aus diesem Beispiele sehen,
zweierlei Ursachen, einerseits solche, die ausserhalb des Individuums
 stehen und aus den gesellschaftlichen oder natürlichen
Zusammenhängen entstehen, andererseits aber auch solche, die
mit dem betreffenden Individuum als solchen verknüpft sind,
sei es, dass sie aus seinen persönlichen Eigenschaften resultiren
oder aus seiner socialen Stellung herstammen. — |
Das ganze Bestreben der Gesellschaftswissenschaft geht
aber, wie wir bereits hervorgehoben haben, darauf hinaus, die
constanten Ursachen, d. h. in diesem Falle die rein gesellschaftlichen
 oder diejenigen. die eine vesellschaftliche Massen-
        <pb n="106" />
        105

wirkung zur Folge haben, zu erkennen und die Art ihrer Wirkung
 zu begreifen und wenn möglich auch zu berechnen. In
Folge der äussersten Verschlungenheit dieser Ursachen aber
mit den Individualitätsursachen, welch’ letztere im Verhältniss
zu den ersteren als zufällige bezeichnet werden dürfen, wird
die Auffindung der constanten Ursachen nur dann möglich,
wenn man die Wirkungen der Individualursachen aus dem
Gesammteffecte oder mit anderen Worten die Wirkungen der
Zufälligkeiten zu eliminiren, sie sozusagen ausser Betracht
zu lassen, versteht. —
Nun, dieses Eliminiren der Wirkungen der unwesentlichen
Ursachen und zwar in Erscheinungen von zufälligem Charakter
ist eben das Charakteristicum der statistischen Methode; dieses
ist es, was sie von anderen Methoden der Erkenntniss unterscheidet
 und ihr gegenüber den letzteren einen selbstständigen
Platz sichert!). Während die inductive Methode von der Betrachtung
 des einzelnen Phänomens ausgeht und auf Grund
des Satzes von der Gleichförmigkeit alles Geschehens zu dem
Schlusse gelangt, dass auch alle ähnlichen Phänomene bei
Vorhandensein derselben Bedingungen und Voraussetzungen
dieselben Eigenschaften besitzen oder dieselben Wirkungen
hervorbringen, und während andererseits die deductive Methode
von den allgemeinen Principien, von den allgemeinen Begriffen
ebenfalls auf Grund des oben erwähnten Satzes zur Erkenntniss
des Einzelnen gelangen kann, geht die statistische Methode, indem
 sie mit Collectiverscheinungen zu thun hat, darauf hinaus,
gestützt auf den Grundgedanken der Wahrscheinlichkeitstheorie,
auf der ihr ganzes Verfahren beruht, den muthmasslichen Zusammenhang
 zwischen den verschiedenen Verhältnissen der betreffenden
 Collectiverscheinungen dadurch festzustellen, dass sie
mittelst Zählung derin Betracht kommenden Merkmale und Widerholen
 dieses Zählens möglichst viele Male diejenigen Ursachen,
welche die Aeusserung, das Hervortreten dieses Zusammenhanges
 in manchen Fällen vereiteln könnten und auch in der

‘) Vgl. Sig wart, Logik II. 502; Wundt, Logik II. Methodenlehre. 576.
        <pb n="107" />
        - 106 —

That vereiteln, auf ein bestimmtes, in mathematischen Verhältnisszahlen
 ausdrückbares Maass zurückführt. Und dies
vermag weder die gewöhnliche Induction, noch die Deduction,
und erst mit der Anwendung der statistischen Methode ist der
menschlichen Unkenntniss ein neues, weites Feld eröffnet worden.
Um aber das statistische Verfahren zu verstehen, muss
man sich mit dem Grundgedanken der Wahrscheinlichkeitstheorie
 vertraut machen, weil, wie gesagt, dieser Grundgedanke
 das Fundament der statistischen Methode bildet,
So schwer die Wahrscheinlichkeitsrechnung Manchen erscheinen
 mag, so leicht erfasslich ist dagegen der philosophische
 Gedanke, auf dem die überaus schwierigen mathematischen
 Manipulationen der Wahrscheinlichkeitsrechnung
beruhen. Wir wollen hier die Worte des berühmten Mathematikers
 Laplace!) folgen lassen, die so schön und einfach
das Grundprincip der Wahrscheinlichkeitstheorie ausdrücken.
Uuter den veränderlichen und unbekannten Ursachen, heisst
es in seinem Essai philosophique sur les probabilites, die wir
unter dem Namen Zufall zusammenfassen und durch welche
der Gang der Begebenheiten ungewiss und unregelmässig wird,
sieht man, je mehr sie sich vervielfältigen, eine auffallende
Regelmässigkeit entstehen, die von einem Plane abzuhängen
scheint. Diese Regelmässigkeit ist die Entwicklung der gegenseitigen
 Möglichkeiten der einfachen Erscheinungen, die sich
um so häufiger darstellen müssen, je wahrscheinlicher sie
sind. — In diesen Worten ist der Kern der Wahrscheinlichkeitstheorie
 hinlänglich bezeichnet. — Ueber denselben Gegenstand
 drückt sich Quetelet?) folgendermassen aus: Die
Wahrscheinlichkeitsrechnung zeigt, dass, unter übrigens gleichen
Umständen, man sich um so mehr der Wahrheit oder den Gesetzen,
 die man ergründen will, nähert, eine je grössere Anzahl
 von Individuen den Beobachtungen zur Stütze dienen. —
Nun. was bedeutet das? Das will besagen, dass. wenn wir

') Laplace a. a. O0. 78.
3” Quetelet, Ueber den Menschen. 9.
        <pb n="108" />
        — 107 —

nicht mit Bestimmtheit voraussagen können, ob ein gewisses
Ereigniss eintreten werde oder nicht, so sind wir auf Grund
dieses Princips jedoch im Stande, durch Beobachtung möglichst
vieler Verhältnisse, bei welchen das betreffende KEreigniss etwa
eintreten könnte, mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit
den Grad der Möglichkeit des Eintretens desselben anzugeben.
Und dieser Grad der Wahrscheinlichkeit ergiebt sich aus dem
Verhältniss der Zahl der wirklich eingetretenen Fälle zu der
Gesammtzahl aller beobachteten Fälle, und wenn das betreffende
 Ereigniss die Wirkung einer constanten oder nur sehr
wenig variablen Ursache ist, so wächst der Grad der Wahrscheinlichkeit
 mit der Menge der gemachten Beobachtungen.
Zur Beleuchtung dieses Gedankens wollen wir hier ein Beispiel
 anführen, das von den Mathematikern mit Vorliebe nach
Laplace’s Vorgang immer wieder benutzt wird !). Stellen
wir uns eine Urne vor, die weisse und schwarze Kugeln enthält,
 und setzen wir dabei voraus, dass jedesmal, wenn man
eine Kugel herausgezogen hat, sie wieder hineingelegt wird,
um noch einmal eine herauszuziehen. Hier wird nun das
Verhältniss der Anzahl der herausgezogenen weissen Kugeln
zu der Anzahl der herausgezogenen schwarzen Kugeln bei
den ersten Ziehungen meist unregelmässig sein; aber die veränderlichen
 Ursachen dieser Unregelmässigkeiten bringen Wirkungen
 hervor, die dem regelmässigen Gange der Erscheinungen
 abwechselnd günstig und zuwider sind und welche,
indem sie sich bei der Anhäufung sehr vieler Ziehungen gegenseitig
 zerstören, das Verhältniss der in der Urne enthaltenen
weissen Kugeln zu den schwarzen immer mehr und mehr
blicken lassen, welches Verhältniss die gegenseitigen Möglichlichkeiten
 ergiebt, dass bei jeder Ziehung eine weisse oder
eine schwarze Kugel herauskommen werde.
Daraus erhellt folgender Lehrsatz: Die Wahrscheinlichkeit,
 dass das Verhältniss der Anzahl herausgezogener weisser
Kugeln zu der Gesammtzahl der herausgekommenen Kugeln

X) Vgl. hierüber: Morpurgo a. a. 0.
        <pb n="109" />
        108 -

sich nicht über einen gegebenen Zwischenraum von dem Verhältnisse
 der Anzahl der weissen Kugeln zu der Anzahl sämmtlicher
 in der Urne enthaltenen Kugeln entferne, nähert sich
durch unbestimmte Vervielfältigung der Erscheinungen unbestimmt
 der Gewissheit, wie klein man auch jenen Zwischenraum
 nimmt, — Das Herauskommen der weissen oder schwarzen
 Kugeln hängt erstens davon ab, in welchem Verhältnisse
sich die Zahl der ersteren zu der der letzteren befindet und
dies ist in unserem Falle eine constante Grösse, da sie während
 des ganzen Experimentes gleich bleibt; andererseits aber
hängt die Erscheinung ab von der Lage der Kugeln in der
Urne, von der Bewegung unserer Hand und von manchen
anderen Ursachen, die von äusserst veränderlicher Natur sind
und in Folge dessen unberechenbar; ullein schon das blosse
Nachdenken führt uns zum Schluss, dass am Ende doch diejenigen
 Kugeln am häufigsten zum Vorschein gelangen werden,
die in der Urne in grösserer Zahl vertreten sind. Die Wahrscheinlichkeitstheorie
 nun bemächtigt sich dieses Schlusses des
gesunden Menschenverstandes und sucht diesem unbestimmten
Erwarten eine bestimmte mathematische Form zu geben, die
sich denn auch überall zu bewähren pflegt. Denn, obzwar
wir nur dort von der Wahrscheinlichkeitsrechnung reden
können und dieselbe nur dort anwenden dürfen, wo wir es
mit dem Eintreten gleich möglicher Fälle zu thun haben, wie
es aus dem angeführten Beispiel erhellt: das Herausziehen
einer weissen oder schwarzen Kugel ist ja gleich möglich —
allein diese gleiche Möglichkeit ist nur eine subjective; nur
für uns, für den Beobachter sind beide Fälle gleich möglich,
weil letzterer weder die Bedingungen des Erscheinens des einen
oder des anderen kennt, noch vermag er sie im Voraus zu
berechnen; objectiv aber, in der Wirklichkeit kann es überhaupf
 niemals zwei gleich mögliche Fälle geben: jede
Erscheinung ist in der Wirklichkeit genau determinirt durch
eine ganze Reihe mit einander nothwendigerweise verbundener
 Ursachen, deren Endergebniss die betreffende Erscheinung
 eben darstellt. Wenn wir die Hand in die Urne
        <pb n="110" />
        109 —

legen, um uns eine Kugel herauszuholen, so ist es freilich
 für uns gleich möglich, dass eine schwarze oder eine
weisse herauskomme, allein in dem Momente, als wir die
Hand, hineingelegt haben, ist, objectiv betrachtet,
bereits entschieden, welche Kugel herausgeholt und von welcher
 Farbe dieselbe sein werde. Da aber dieselben Ursachen
 immer dieselben Wirkungen hervorrufen, so wird
eine constante Ursache in der grossen Zahl der Fälle am
Ende doch ihr Vorhandensein und ihren Charakter verrathen
und hiedurch die Wahrscheinlichkeit des KEintretens der
hauptsächlich oder wenigstens in hohem Maasse von ihr bedingten
 Erscheinung mit dem Wachsen der Zahl der gemachten
Beobachtungen immer mehr stärken und der Gewissheit näher
rücken.
Indem nun die Statistik sich dieses Princips bemächtigt,
sieht sie sich in der Lage, auf Grund der von ihr gemachten
Sammlungen und Aufzeichnungen bestimmter Thatsachen irgend
einer bestimmten Masse von Erscheinungen verhältnissmässig
feste Quantitätsverhältnisse festzustellen zwischen den Erscheinungen
 und ihren muthmasslichen Ursachen, Quantitätsverhältnisse,
 welche die Regelmässigkeiten der Bewegungen innerhalb
der beobachteten Masse ausdrücken.
Diese Quantitätsverhältnisse bilden den Inhalt der sogenannten
 statistischen Gesetze, oder wıe man sie anders nennt,
der Gesetze der grossen Zahlen, Gesetze, welche ihrem Ursprunge
 gemäss nicht den Anspruch auf absolute Giltigkeit
erheben dürfen und welche nicht nur bei Anwendung auf die
besonderen KEinzelheiten, sondern auch bei Anwendung auf
ähnliche Summen und Gruppen von Thatsachen jedesmal einer
besonderen Correctur bedürfen, Hiemit ist auch der Unterschied
 zwischen diesen Gesetzen und denjenigen der Naturwissenschaft
 gegeben. Sie sind nämlich keine ursächlichen
Gesetze in dem Sinne, wie Mill diesen Terminus gebraucht,
sie sind empirische Gesetze, die auf der Wahrscheinlichkeit
beruhen, so dass der Begriff der Nothwendigkeit ihm nicht
innewohnt; sie geben nur das numerische Verhältniss ge-
        <pb n="111" />
        - 110 —

gebener Umstände an, unter denen gewisse Gesetze thätig
sind !). Die statistischen Gesetze sind nichts anderes als die
kurzen allgemeinen Formeln für die scheinbar unerfasslichen
Mannigfaltigkeiten der Erscheinungen und der. Wechselwirkungen
 von Erscheinungen im gesellschaftlichen Leben ?),
Die statistischen Gesetze stellen die Gesetzmässigkeiten des
gesellschaftlichen Lebens fest ebenso wohl als den Zusammenhang
 zwischen den einzelnen Erscheinungen innerhalb
desselben. In den Verhältnisszahlen derselben drückt sich
die Möglichkeit der Wiederholung einzelner Erscheinungen
innerhalb genügend grosser Mengen beobachteter Fälle, und
zwar in ihrem Nebeneinandersein und ihrer Aufeinanderfolge.
 Hiemit wird die Wirkung des Zufalls vollständig
eliminirt und die für das Einzelne entscheidenden variablen
Ursachen verschwinden in den Verhältnisszahlen der gesammten
 Masse.
Es ist nun klar, dass die statistischen Gesetze nicht als
die letzten Gesetze betrachtet werden können, d. h. nicht
als diejenigen Gesetze betrachtet werden können, deren Auffindung
 in unserem Falle die Aufgabe der Gesellschaftswissenschaft
 ist. Um diese letzten „ursächlichen“ Gesetze aufzufinden,
 muss die Wissenschaft zur Abstraction greifen, welche
letztere aber vollständig sich als werthlos erweisen wird, wenn
sie sich nicht auf entsprechendem, mittelst methodischer Erfahrung
 gesammelten Material zu stützen weiss. Dieses methodisch
 gesammelte Material liefern eben die sogenannten
empirischen Gesetze, die als Vorstufe zur Erlangung der
letzten Ziele der Wissenschaft anzusehen sind ®). Die statistischen
 Gesetze, die aus der Beobachtung der Thatsachen
des gesellschaftlichen Lebens abgeleitet werden, bilden die
wichtigsten empirischen Gesetze der Gesellschaftswissenschaft 4)

7” Windelband a. a. O0. 45.
2? G. Mayr, Die Gesetzmässigkeit im Gesellschaftsleben. 64.
’) Vgl. Mill a. a. O. IM. 317; Wundt a. a, O0. 578,
Y Vol. Wundta. a. 0. 577.
        <pb n="112" />
        111 —-und

 erst durch die Aufstellung dieser Gesetze wurde die Grundlage
 einer gesunden Speculation gegeben. Die Gesellschaftswissenschaft
 kann demnach ohne Zuhilfenahme der Statistik
keine Hoffnung auf irgend welchen nennenswerthen Erfolg
haben, dagegen wird sie bei Anwendung der Statistik auf die
Erforschung ihres Objects allem Anscheine nach in kurzer
Zeit den Rang einer exacten Wissenschaft mit vollem Rechte
beanspruchen dürfen.
        <pb n="113" />
        Personenregister.

Achenwall 65. 66. 74. 77. 93. 96.
d’Avity 65.
Barromaeo 65.
Berger 41.
Bernoulli, J. 77,
Bodio 85.
Botero 65.
Buckle 11. 14.

Carey 28. 30. 31. 32. 34.
Comte 8. 9. 18. 25. 26. 27. 30. 55.
Condorcet 8. 9. 50.
Oonrine 65.

Dilthey 25.
Drobisch 14,
Dufau 88.

Engel 94. 95
Esauirol 26.

Fallati 66. 70. 71. 72. 73. 80. 93.
Flourens 926.

Cherke 61.
Gioja 72.
Graunt 9. 76. 77
Guerry 9. 31. 87.
äumploviez 31.

Halley 9. 77.
Herder 20.
Hermann 40.
Heuschling 77.
Hildenbrand 49.

John 65, 66. 68. 79.
Jonäk 69. 70. 72. 96. 97.

Kleinwächter 41.
Knapp 12. 82.
Knies 64. 95. 96. 97.

Lange 26, 55.
„aplace 6. 9. 106. 107.
‚azarus 58, 60.
„egoyt 31.
‚eibnitz 8, 77.
euret 26,
ilienfeld 28, 34. 35, 36,
‚onget 26.
Lotze 10. 18.

Mayer 42. 46,
Mayr 110.
Meitzen 66. 76.
Mill, J. St. 14. 21. 22, 25. 59. 1083.
109. 110.
Mohl, R. v. 52. 53. 75.
Mone 69. 71.
Morpurgo 65. 107,
Miinster 65.

Neumann. ©. 77,
Neumann-Spallart 28. 29, 34.
Niemann 69

Oettingen 14. 87. 89.
Oncken 8, 48. 57. 60. 61. 62. 64.
70. 94. 98. 99. 100.
        <pb n="114" />
        113 —

Pascal 8. 55.
Petty 9.
Plato 41.
Portlock 70.

Schlözer 66. 68.
Sigwart 105.
Spencer 26. 28. 32, 38. 58.
Stein, L. v. 73. 74.
Süssmilch 36. 76. 77. 78. 79, 80. 97.
Vico 20.
Wagner 12. 64. 77. 79. 83. 84. 86.
87. 88. 89. 90. 93. 97,
Wappäus 66. 74.
Wigand 25.
Windelband 102. 110.
Wolf 79.
Wundt 105. 110.
Zeller 41.

Quetelet 9. 10. 11. 12. 31. 36. 80.
81. 82. 83. 84. 85. 86. 87. 88.
992, 96. 97. 98. 108.

Rehnisch 11. 80. 81.
Romagnosi 72.
Rousseau 46. 47.
Rümelin 21. 63. 64. 97. 101.

Sansovino 65.
Schäffle 28, 36. 837,

Reichesberg, Die Statistik und die Gesellschaftswissenschaft.

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&amp;amp; ©
7 m
        <pb n="115" />
        Verzeichniss der angeführten Schriften.

Achenwall, Vorbereitung zur Staatswissenschaft der europäischen Länder.
Berger, Th. Morus und Plato. Z. f. d. gesammte Staatswissenschaft.
Bd. XXXV.
Bodio, Della Statistica nei suoi rapporti coll’ economica politica e colle
altre scienze affıni.
Buckle, Geschichte der Civilisation in England.
Carey, Grundlagen der Socialwissenschaft.
— Lehrbuch der Volkswirthschaft und Socialwissenschaft.
Comte, Cours de philosophie positive.
Condorcet, Entwurf eines historischen Gemäldes der Fortschritte des
menschlichen Geistes.
Essai sur l’application de Vanalyse ä la probabilite des decisions &amp;amp;
la pluralite de voix.
Dilthey, Einleitung in die Geisteswissenschaft.
Drobisch, Die moralische Statistik und die menschliche Willensfreiheit.
Dufau, Traite de statistique ou Theorie de l’etude des lois d’apres lesquelles
 se developpent les faits sociaux, suivi d’un essai de statistique
 physique et morale de la population frangaise.
Engel, Das statistische Seminar des königl, preuss. statist, Bureaus.
Fallati, Einleitung in die Wissenschaft der Statistik.
Giercke, Die Grundbegriffe des Staatsrechts und die neuesten Staatsrechtstheorien.
 Z. f. d. gesammte Staatswissenschaft, Ba. XXX.
Gioja, Filosofia della statistica.
Guerry, Statistique morale de ]l’Angleterre.
— Statistique morale de la France,
Gumploviez, Grundriss der Sociologie,
Hermann, Die historischen Elemente des platonischen Staatsideals.
Heuschling, Bibl. stat. de l’Allemagne.
Hildenbrand, Geschichte der Rechts- und Staatsphilosophie,
Tohn. Geschichte der Statistik.
        <pb n="116" />
        115

John, Name und Wesen der Statistik, Z. f. schweiz. Statistik 1883.
Jonäk, Theorie der Statistik.
Kleinwächter, Die Staatsromane.
Knapp, Verzeichniss der Queteleft’schen Schriften. Hild.-Conrad’s
Jahrbücher 1871.
— Die neueren Ansichten über Moralstatistik. Ibid.
Knies, Die Statistik als selbstständige Wissenschaft.
Lange, Geschichte des Materialismus und die Kritik seiner Bedeutung
in der Gegenwart,
Laplace, Essai philosophique sur les probabilites.
Lazarus, Einige synthetische Gedanken zur Völkerpsychologie. Z, f.
Völkerpsychologie. Bd. III
Lilienfeld, Gedanken über die Socialwissenschaft der Zukunft.
Lotze, Mikrokosmos,
Mayer, Das Eigenthum nach den verschiedenen Weltanschauungen.
Mayr, Die Gesetzmässigkeit im Gesellschaftsleben.
Meitzen, Geschichte, Theorie und Technik der Statistik.
Mill, J. St., System der deductiven und inductiven Logik.
— Auguste Comte und der Positivismus, Gesammelte Werke , deutsch
von Compertz. Bd. IX.
Mohl, R. v., Geschichte und Literatur der Staatswissenschaft.
Mone, Theorie der Statistik,
Morpurgo, Die Statistik und die Socialwissenschaft,
Neumann-Spallart, Sociologie und Statistik, W. statist. Monatshefte
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Niemann, Abriss der Statistik und der Staatskunde.
Oettingen, Moralstatistik,
Oncken, Ad. Smith und Em. Kant.
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Art. „Quesnay“. Handwörterbuch für Staatswissenschaften. Bd. V.
Socialwissenschaft und Socialethik. A. Allgemeine Zeitung 1871.
Nr. 153. 157. 158.
Portlock, An Address explanatory of the objects and advantages of
statistical enquiries,
Quetelet, Memoire sur les lois de naissance et de la mortalite &amp;amp;
Bruzelles,
Sur läge et V6tat civil.
Sur l’homme et le developpement de ces facultes, ou Essai de physique
 sociale.
— Systeme sociale.
— Statistique morale.
Rehnisch, Zur Orientirung über die Moralstatistik. Z. f. Philosophie
und philosophische Kritik 1876.
        <pb n="117" />
        116

Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag oder die Grundsätze des Staatsrechts.

Rümelin, Reden und Aufsätze.
S*, Die Statistik der Cultur im Geiste und nach den Forderungen des
neuesten Völkerlebens. D. Vierteljahrschrift 1888.
Schäffle, Bau und Leben des socialen Körpers.
Schlözer, Theorie der Statistik,
Sigwart, Logik.
Spencer, Einleitung in das Studium der ‚Sociologie.
Stein, L. v., System der Statistik, Populationistik und der Volkswirthschaftslehre.
 .
Süssmilch, Betrachtungen über die göttliche Ordnung in den Veränderungen
 des menschlichen Geschlechts aus der Geburt, dem
Tode und Fortpflanzung desselben erwiesen.
Wagner, Art, „Statistik“. Bluntschli's Staatswörterbuch. Bd. X.
— Die Gesetzmässigkeit in den scheinbar willkürlichen menschlichen
Handlungen.
Wappäus, Bevölkerungsstatistik,
Wigand, Der Darwinismus und die Naturforschung von Newton und
Cuvier.
Windelband, Die Lehren vom Zufall.
Wundt, Logik.
Zeller, Der platonische Staat und seine
Sybel’s historische Zeitschr. 1859.

gem
Se
7
        <pb n="118" />
        Verlag von

° STUTTGART.

Eine Untersuchung der Prineipien der Erkenntnis und der Methoden
wissenschaftlicher Forschung.
"74 dt.

—. we
'" **nisslehre.
Ba 1993. geh. M. 15. —
IT. Band: Methodenlehre.
or. 8, 1888. geh. M.14.-—



Durch Vollständigkeit des Planes und der Ausführung, durch die Vertrautheit
 des Verfassers mit den positiven Wissenschaften, die er durch seine
eigene Forschung bereichert hat, ragt das vorliegende Werk über die bisherigen,
in ihrer Art verdienstlichen Neubearbeitungen der Logik in Deutschland hervor.
Dasselbe liefert eine Gesamtdarstellung der logischen Lehren und ihrer Verzweigungen
 in die einzelnen Wissenschaften. Es hat einen Vergleich mit den
bezüglichen Hauptwerken der englischen Litteratur nicht zu scheuen, ja es
übertrifft dieselben mindestens in der gründlicheren Erfassung der allgemeinen
Erkenntnisprobleme. — Wir zweifeln nicht, dass diesem gross angelegten und
sorgfültig ausgeführten Werke seine Bedeutung auf lange Zeit gesichert ist und
dass es in der wissenschaftlichen Litteratur eine hervorragende Stelle dauernd
behaunten wird. (Litterar. Centralblati.}

Eine Untersuchuus

2

“lichen Lebens.

Ein quellenmässiges Handbuch für den akademischen Gebrauch
wie für den Selhetunterricht.

Von
Prof. Dr. V. John.
I- Theil.
Von dem Ursprung der Statistik bis auf Quetelet (1835).
8. 1884. coeh. M 10 _—_-Lehrbuch

 der ”---7zwissenschaft.

Yon
Prof. Dr. Mk, Urmmfenbach,
Zweite aye,
RR 1887. geh. M. 10 —
        <pb n="119" />
        Verlag von FERDIN.‚ND ENKE in STUTTGART.

”ulturgeschichte

der

Menschheit

in ihrem organischen Aufbau.

Von Julius Lippert.

Zwei Bände.

or. 8. geh. 1886 u. 18837. Preis M. 20. —, eleg. geb. M. 25. —

Inhalt:

Einleitung. — Die Lebensfürsorge als Prinzip der Kulturgeschichte. — Die
Urzeit. — Ausblick auf die Verbreitung der Menschheit. — Die ersten Fortschrittsversuche
 der Lebensfürsorge. — Die Zähmung des Feuers. — Die Fortschritte
 des Werkzeugs als Waffe, — Ausblick auf die Entwickelung differenzierter
Geräte. — Fortschritte der Speisebereitung, — Fortschritte des Schmuckes und
der Kleidung und ihr sozialer Einfluss, — Der beginnende Anbau und die Verbreitung
 der jüngeren Völker in Europa. — Das Nomadentum und die Verbreitung
 der Zugtiere. — Die Nahrungspflanzen im Gefolge der Kultur. — Die
Genussmittel engeren Sinnes und ihre kulturgeschichtliche Bedeutung.

Lipperts leitender Grundgedanke ist, die Lebensfürsorge als das treibende
Agens in der Entwickelung der menschlichen Kultur anzusehen; er geht von dem
Grundsatz aus: unsre Bedürfnisse sind unsre treibenden Kräfte, und von diesem Ausgangspunkte
 aus deduziert er in streng logischer, von echt philosophischem Geiste getragener Weise
den ganzen Aufban unsrer Kultur. In der geistvoll klaren Einleitung zeichnet er uns den
Urmenschen, so wie er sich uns noch im Wilden der heutigen Welt darstellt, als ein Wesen,
welches beinahe ohne Phantasie und Gedächtnis auch den erschütterndsten Naturerscheinungen
seiner Umgebung im ganzen fast gleichgültig gegenüberstand und die höchsten Glieder der
Tierwelt nur um weniges überragte. Die an den Urmenschen herantretenden Anforderungen
der Lebensfürsorge weckten in dem Menschen 'Thätigkeiten, welche zunächst als unbewusst
vorhandene „Reflexbewegungen“ sich geltend machten, sich von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzten,
 sich mit der Zeit anhäuften und so den „vererbten Instinkt“ bildeten, Die Lebensfürsorge
 oder der Darwinische Kampf ums Dasein führte zur Erweckung, Entwickelung und
allmählichen Vervollkoramnung der Geisteskräfte des Menschen, welche uns so hoch über alle
andern Glieder der organischen Schöpfung erheben. Aus der Sorge für das Notwendigste entstand
 die Sorge für das Nützliche, dann für das Angenehme; aus Kitelkeit und wirklichem Bedürfnis
 entstand die Sorge für Xleidung, Nahrung und Obdach, aus der Not das sittliche und das
Pflichtgefühl, die Schamhaftigkeit, die Rechtsbegriffe, die Idee der Religion, die Fürsorge für
die Zukunft, der Mensch wurde erfinderisch und haushälterisch und er lernte sich den Anforderungen
 anbequemen, welche das einfache physische Dasein an ihn, den Wehrlosen und
Schwächeren, machte. So entstanden in ihm Erinnerungsvermögen oder Gedächtnis, Ideen,
Vorstellungen, Gewohnheiten, Begriffe, Sprache u. s. w. Dies ist der Entwickelungsgang der
Kultur, wie ihn Lippert mit logischer Schärfe und in echt philosophischem Geiste in den drei
ersten Lieferungen seines vorliegenden Buches schildert, und zwar in so streng logischem
Gedankenzang, in solcher Klarheit und Fasslichkeit, dass jeder Denkende und Strebsame auch
ohne philosophische Vorbildung seinen Ideen und Darlegungen mit höchsten Interesse zu folgen
vermag. Lipperts Buch ist ein Werk ersten Ranges, von höchstem Interesse und grösster
Lehrhaftiekeit für jeden Gehildeten. fAusland 1886. Nr. 24)

Druck der Union Deutsche Verlarsgesellschaft in Stuttgart.
        <pb n="120" />
        <pb n="121" />
        <pb n="122" />
        <pb n="123" />
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