34 SZweites Kapitel: Theorie der Sprengstoffe.

ringert. Schwarzpulver, welches mit Sand vermischt ist, z. B.
brennt ab, aber explodiert nicht; Dynamit, ein Gemisch von
Kieselsäure und Nitroglyzerin, ist weniger brisant als Nitro—
glyzerin allein.
Die Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Keaktionen drückt die Zeit
aus, welche dazu nötig ist, daß die Bedingungen, welche an einem
Punkte die Reaktion hervorgerufen haben, sich folgeweise an allen
andern Teilen der Masse wiederholen. Diese Geschwindigkeit wird,
außer von der physikalischen Struktur und der chemischen Zu—
sammensetzung der Masse, erheblich von dem Drucke beeinflußt.
Schießpulver explodiert nicht im Vakuum, weil die heißen Ver—
brennungsgase sich verbreiten, bevor sie Zeit gehabt haben, ihre
Temperatur auf die benachbarten Pulverteile zu übertragen.
Es genügt auch nicht, einen Sprengstoff an einer Stelle auf
irgend eine Weise zu entzünden. Nitroglyzerin und Schießbaum—
wolle haben große Verschiedenheiten in ihrem Verhalten gegen
die „Initialzündung“ gezeigt. Je nach der Art der SZuͤndung kann
Dynamit sich ruhig ohne Flamme zersetzen oder mit Flamme ab—
brennen oder im eigentlichen Sinne explodieren, und die Explosion
kann gemäßigt oder heftig ausfallen. Besonders das Knaillqueck⸗
silber ruft die letztere Art der Zersetzung hervor; es ist deshalb
das in der Sprengtechnik hauptsächlich verwendete Zündmittel.
Berthelot hat diese Erscheinungen thermodynamisch erklärt.
Er hat gezeigt, daß die lebendige Kraft des Initialstoßes sich an
dem getroffenen Punkte in Wärme umsetzt, welche die Temperatur
bis über die zur explosiven Zersetzung erforderliche erhöht, daß
die plötzliche Sersetzung der ersten Partikel einen neuen, heftigen
Stoß auf die benachbarten Teile ausübt, und daß dieser regel—
mäßige Wechsel von Stößen und Zersetzungen die Reaktion von
Schicht zu Schicht überträgt. Hierdurch wird eine wirkliche explo⸗—
sive Welle erzeugt, welche sich mit bei weitem größerer Ge—
schwindigkeit fortpflanzt als die einfache Entzündung. hieraus
ergibt sich die Wichtigkeit der Sündmittel, deren Funktion nicht
bloß die Einleitung einer Verbrennung ist, sondern die Erzeugung
der explosiven Welle. Und dies kann in sehr verschiedener Inten—
sität erfolgen. Es gibt endothermische Verbindungen, d. h. solche,
die durch ihre Sersetzung Wärme entwickeln, wie Azetylen, Zyan,
Arsenwasserstoff usw., welche indessen weder durch Erhitzung, noch
durch den elektrischen Funken zur Detonation gebracht werden, wohl
aber in heftigster Weise durch den plötzlichen Stoß des explodierenden