96 Drittes Kapitel: Technologie der einzelnen Sprengstoffe.

Vieille (1886) erzeugte dann das bekannte Blättchenpulver aus
schwach nitrierter Sellulose mit hilfe von Essigäther oder Uzeton.
Die fein gepülpte Nitrozellulose wird möglichst vom Wasser be—
freit, schließlich durch Trocknen bei 400 und unter Zusatz von
etwas Alkohol. Durch dieses „Alkoholisieren“ wird die Entfernung
des Wassers beschleunigt. Die feinpulverige Nitrozellulose wird
nun in Knetmaschinen (von Werner und Pfleiderer gebaut)
mit dem Lösemittel (Essigäther, Azeton) innig vermischt, wobei
die Masse Ceigkonsistenz annimmt. Der Teig wird in einem Walz⸗
werk zu Platten ausgerollt, die in ein Trockenhaus kommen. Die
Wiedergewinnung der hier und beim Walzen entweichenden Löse—
mitteldämpfe ist noch nicht gut gelungen. Das Trocknen der Blätter
ist langwierig, und diese bekommen dabei leicht Blasen. Sie passieren
deshalb noch ein Feinwalzwerk mit geheizten Walzen. Die nun
völlig homogenen, transparenten Blätter werden durch Schneid—
maschinen erst in Streifen, dann in kleine viereckige Blättchen zer⸗
schnitten. Das Blättchenpulver wird bisweilen graphitiert, um
seine Brisanz herabzusetzen.
Eine andere Klasse von rauchlosen Pulvern besteht aus Nitro⸗
zellulose unter Zusatz von Nitroglyzerin oder anderen nitrierten
organischen Stoffen. hierher gehört der von Alfr. Nobel (D.
P. 51471) eingeführte Ballistit. Man bringt bei einer Tem—
peratur von 6 bis 80 1 Teil Kollodiumwolle und 6 bis 8 Teile
Nitroglyzerin in ein Gefäß, in welchem die innige Vermischung
der Stoffe durch Evakuierung der Luft gefördert wird. Sodann
wird in einer Presse oder Sentrifuge so viel Nitroglyzerin aus der
Masse entfernt, daß diese von letzterem etwa so viel wie von der
Nitrozellulose enthält. Durch Erwärmung der Masse auf 60 bis
900 tritt die Lösung der Kollodiumwolle im Nitroglyzerin ein.
Die Masse wird bei dieser Temperatur zu Platten ausgewalzt
und zu Stäbchen zerschnitten. Durch Zusatz von Kampfer und
dgl. kann man die Brisanz regulieren. In Italien wird dieser
Sprengstoff nicht zu eckigen Blättchen verarbeitet, sondern zu
Sschnüren und runden Blättchen. In dieser Form heißt der Spreng⸗
stoff Filit.
Als eine Abart des Ballistits ist das in Waltham Abbey er—
zeugte Kordit anzusehen. Nach den Brit. P. 5614, 1890 und
11664/ 1890 von Abel und Dewar wird hierzu unlösliche Ni—
trozellulose, also reine Schießbaumwolle verwendet, die durch
Vermittelung von Azeton mit Nitroglyzerin innig vermischt wird.