118 Drittes Kapitel: Technologie der einzelnen Sprengstoffe.

p) Pikrinsäure.
Das Trinitrophenol CHꝰ(NO). OH (3NO-2: 4: 6) wurde
schon Ende des 18. Jahrhunderts durch Einwirkung von Salpeter⸗
fäure auf Indigo, auf Seide (Welter's Bitter), auf Alos usw.
erhalten. Seine Darstellung aus Phenol zeigte zuerst Caurent
im Jahre 1843. Dumas gab dem sehr bitter schmeckenden Kör—
per den Namen Pikrinsäure.
Zu ihrer Darstellung im großen dient das Phenol, das man
zunächst in Phenolsulfosäure umwandelt. Diese tauscht dann beim
Nitrieren die Sulfo- leicht gegen die Nitrogruppe aus. Man er—
hitzt gleiche Mengen Phenol und konzentrierter Schwefelsäure auf
100 bis 1200, bis das Produkt wasserlöslich, d. h. zur Sulfo⸗
säure geworden ist. Man nitriert dann die Säure durch Eintragen
in 3 Teile Salpetersäure von 1,4 spez. Gew. Nach dem Erkalten
erstarrt das Produkt zu einer kristallinischen Masse, die abge—
schleudert, mit kaltem Wasser gewaschen und aus heißem Wasser
umkristallisiert wird.
Die Pikrinsäure bildet gelbe nadelförmige Kristalle vom Schmelz⸗
punkt 122,50. Sie ist in kaltem Wasser wenig, in Alkohol, Äther,
Benzol leicht löslich. Sie ist ein intensiver gelber Farbstoff für
die tierische (stickstoffhaltige) Textilfaser.
Wird die Pikrinsäure vorsichtig über ihren Schmelzpunkt hin⸗
aus erhitzt, so sublimiert sie; bei plötzlichem Erhitzen, besonders
wenn feste Fremdkörper, z. B. Bleiglätte, zugegen sind, explodiert
sie aufs heftigste; ebenso durch eine starke Initialzündung. Tur—
pin machte im Jahre 1886 zuerst hiervon Gebrauch. Da die
Pikrinsäure nicht genug Sauerstoff enthält, um eine vollständige
Verbrennung des Kohlenstoffs zu bewirken, so setzte man ihr
Sauerstoffträger, wie Salpeter und Kaliumbichromat, zu. Das
französische Melinit, welches seiner Zeit (etwa 1886) großes
Aufsehen machte, war im wesentlichen ein patroniertes Gemisch
von Pikrinsäure und in Ather gelöster Kollodiumwolle. Turpin
zeigte dann, daß geschmolzene Pikrinsäure noch stärkere Wirkungen
ausübe. Sie muß durch sehr starke Zündhütchen oder durch trockene
schießbaumwolle zur Detonation gebracht werden. Solche ge⸗
schmolzene Pikrinsäure wird besonders zum Füllen von Granaten
verwendet, in die man sie direkt aus dem Schmelzkessel eingießt,
worauf man den Zünder einsetzt und erkalten läßt.
Da die Pikrinsäure einen hohen Schmelzpunkt hat (122,59, so