110 Wirtschaftliches aus dem deutschen Tabakgewerbe
die Anschaffung und volle Ausnutzung kostspieliger maschineller
Einrichtungen gestattete, welche ihnen nicht allein durch Erspar—
nis an Arbeitslohn, sondern auch durch bessere Ausnutzung des
Kohmaterials einen weiten Vorsprung vor den weniger kapital—
kräftigen Konkurrenzbetrieben sicherte. Ein ähnliches Bild zeigt
die Kautabakindustrie, trotzdem deren Erzeugnisse eine relativ
feststehende, aber absolut steigende höhe des Absatzes finden.
Diese Entwicklung wurde durch das Tabaksteuergesetz vom Juli
1909 noch gefördert, wie in der Folge noch nachgewiesen wird.
Das Übergewicht des Großbetriebes wird auch noch dadurch ver—
stärkt, daß Schnupfe, Kau- und Rauchtabak in immer steigendem
Maße zum Markenartikel geworden find; während früher große
Mengen von Schnupf- oder Rauchtabak vom Kleinhändler in
gzroßen Kisten oder Fässern bezogen und lose nach Gewicht an
den Käufer abgegeben wurden, zählt dies heute zu den seltenen
Ausnahmen. Die Fabrikate werden jetzt fast nur in der mit
dem Namen der Fabrikanten versehenen Packung verkauft,
welche die übliche Gewichtseinheit enthält. Die hierdurch zwi—
schen dem hersteller und dem Verbraucher entstandene direkte
Beziehung, welche den Einfluß des als Zwischenglied dienenden
händlers ausschaltet, erleichtert dem Fabrikanten eine intensive,
auf den Verbraucher direkt wirkende Propaganda, welcher sich
der Kleinfabrikant wegen ihrer Kostspieligkeit enthalten muß.
Die stärkste Ausnutzung der Propaganda, die sogenannte Re—
klame, findet sich in dem jüngsten Zweige der deutschen Tabak—
industrie, in der Zigarette nindustrie. Die Form des
GBroßbetriebes hat in der Zigarettenfabrikation so sehr zuge—
nommen, daß heute von den 401 bestehenden Fabriken die 12
zrößten annähernd die Hälfte der Gesamtproduktion liefern. Da
der Absatz von Sigaretten von rund 5,3 Millionen Mille im
Jahre 1907 sich auf rund 10,3 im Jahre 1912 und 27 Millionen
Mille im Jahre 1017 steigerte, so ist dieser enorme Zuwachs fast
vollständig den Großbetrieben zugute gekommen. Deren Vorzugs⸗
stellung wurde auch durch das Zigarettensteuergesetz vom Jahre
1906 bzw. 1909 mittelbar gefördert. Dieses Gesetz brachte den Zi—
garetten eine erhebliche steuerliche Belastung, welche die Großfabri—
kation dadurch ausgleichen konnte, daß sie die meistverbrauchten
rabrikate mittlerer und niederer Preislagen nicht mehr in hand—