112 Wirtschaftliches aus dem deutschen Tabakgewerbe
Betrieben. Die seit den beiden letzten Jahrzehnten des 19. Jahr—
hunderts im Wirtschaftsleben allgemein bemerkbare Neigung
zur kapitalistischen Konzentration ließ allerdings auch die Si—
zarrenindustrie nicht unberührt; sie wird aber wesentlich ge—
fördert durch das im Tabaksteuergesetz vom 165. Juli 1909 ein—
zeführte System der Wertbesteuerung des ausländischen Roh—
tabaks. Der nach diesem Gesetze zur Erhebung gelangende
Wertzuschlagszoll von 4000 des Fakturenpreises erhöht für den
kapitalkräftigen Großbetrieb, welcher große Poften Rohtabatk
vielfach unter völliger Umgehung des 3wischenhandels gegen
Barzahlung einkaufen kann, die Vorteile des billigeren Ein—
kaufs in so beträchtlicher Weise, daß kleinere und weniger
kapitalkräftige Konkurrenten kaum noch in der Lage sind, diesen
an sich schon großen Vorsprung durch die im kleineren Betriebe
mögliche bessere Ausnutzung des Rohmaterials wettzumachen.
Die in sozialer hinsicht verderbliche Wirkung des Wertsteuer—
systems ist noch nicht abgeschlossen, aber schon jetzt aus der
Statistik der Tabakberufsgenossenschaft nachweisbar. Die mitt—
leren und kleineren Betriebe haben im Osten und Nordwesten
Deutschlands den größten Anteil an der Gesamtindustrie. Im
Bezirke J der Tabakberufsgenossenschaft (Ostdeutschland, ein—
schließlich Berlin) wurden gegen das Jahr 1910 im Jahre 1911
weniger nachgewiesen 40 versicherungspflichtige Betriebe, da—
gegen mehr 400 Arbeiter; im Bezirk ĩV (Westfalen, hannover,
Braunschweig und hansastädte) weniger 50 Betriebe, dagegen
nur 34 Arbeiter weniger als 1910; im Bezirke III (Rheinland,
hefsen) weniger 7 Betriebe, dagegen mehr 967 Arbeiter; im
Bezirke 11 (Königreich und Provinz Sachsen und Thüringen) und
im Bezirke V (Baden, Württemberg, Bayern) waren weniger
2 bzw. 14 Betriebe, dagegen 1784 bzw. 3339 Arbeiter mehr
vorhanden als im Jahre 1910. hand in hand mit dieser Um—
wälzung geht auch eine Verschiebung der Standorte der
Zigarrenindustrie vor sich. Da dieselbe kostspieliger Gebäude
oder sonstiger teurer Betriebseinrichtungen nicht bedarf und die
Transportverhältnisse (Frachten) bei dem hochwertigen Material
von untergeordneter Bedeutung sind, dagegen die Arbeitslöhne
2500 der Gestehungskosten betragen, so wurden schon seit einigen
Jahrzehnten die Betriebsstätten immer mehr in industriearme