Cändliche Betriebsstätten für Zigarrenfabriken 113
Gegenden mit billigen Arbeitslöhnen verlegt. Das einzige be—
stehende Hindernis, die ziemlich kostspielige Schulung der Ar—
beiter, kann selbstredend von großen kapitalkräftigen Betrieben
leichter überwunden werden, und deshalb ist seit dem Jahre
1910 eine stetig stärkere Verschiebung der Industrie aus dem
hohe Löhne zahlenden nordwestdeutschen Gebiete sowie aus
den größeren Städten nach Thüringen und namentlich nach Süd—
deutschland festzustellen, wo billigere Löhne gezahlt werden.
Wenn der die niedrigsten Löhne zahlende Osten Deutschlands
bisher aus dieser Verschiebung noch keinen Nutzen zog, so liegt
dies wohl an den in andrer Beziehung ungünstigeren Verhält—
nissen. Der stärkste Zuzug findet bisher nach Süddeutschland,
insbesondere nach Baden und angrenzenden Teilen von Württem—
berg und der Pfalz, statt; in diesem Bezirke sind in 1516 Be—
trieben 57 295 versicherungspflichtige, also mehr als ein Drittel
aller Tabakarbeiter beschäftigt. Der Jahresdurchschnittslohn für
Tabakarbeiter stellte sich nach der Lohnstatistik der Tabakberufs—
genossenschaft auf 650 Mark im Jahre 1911, gegen 616 Mark
im Jahre 1910, für die Arbeiter der Sigarrenindustrie allein
auf 600 Mark gegen 587 Mark; er ist also niedriger als für
die meisten andern gewerblichen Arbeiter. Berücksichtigt man
aber, daß die Zigarrenindustrie nicht allein meist in industrie—
arme und auch landwirtschaftlich ungünstige Bezirke eine sonst
nicht vorhandene Quelle für Verdienst bringt, sondern auch keine
Forderungen an körperliche Kraft stellt und daher auch schwäch—
lichen und verkrüppelten Menschen eine Arbeitsgelegenheit schafft,
so ist es verständlich, daß deren Ansiedlung in Gegenden mit
ungünstigen Erwerbsverhältnissen gerne gesehen und gefördert
wird. Die in dieser hinsicht außerordentlich segensreiche Wirkung
der Tabakindustrie findet ihren besten Ausdruck in der Schrift
des badischen Fabrikinspektors Wörishoffer), welcher über die
badischen Bezirke schrieb: „Sie alle hatten einen wenig erträg—
lichen Boden, dabei relativ sehr zahlreiche uUnd dazu
sehr arme Bevölkerung, welche durch jährliche Aus—
wanderung einen dürftigen Gleichgewichtszustand herzustellen

1) Wörishoffer, Die soziale Lage der Zigarrenarbeiter im Großherzog—
tum Baden. Karlsruhe 1889.
Anus 416: Wolf, Der Tabak. 2. Hufl.