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        <title>Versuche zur Einbürgerung der Seidenindustrie und des Seidenbaues in Mecklenburg</title>
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        101

IX.

E
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34 F

Versuche

zur

Einbürgerung der geidenindustrie und des A

in Meklenhurg.

Von

Professor Dr. Wilh. Stieda zu Rostock.

Die ersten Schritte zur Einführung der Seidenindustrie und zur
eigenen Erzeugung der Seide geschahen in Deutschland während des
16. Jahrhunderts. Zwei inteluͤgenten Ulmer Bürgern Scheller und
Marteller wird nachgerühmt, daß sie im Jahre 1525 die Sammel—
weberei in Como erlernt hätten, um die dort erworbenen Kenntnisse
in der Heimath verwerthen zu können.') Indeß dieser Versuch so
wenig, wie der später — 1545 — in Augsburg von Andreas Schultz
unternommene, der Goldspinnerei und Brocatweberei Eingang zu ver—
schaffen, hatten dauernden Erfolg.?)
Mit demselben Mißgeschick hatten die von hoher Hand begünstigten
Bestrebungen zu kämpfen. Kurfürst August von Sachsen (1553 —86),
der den Wohlstand seines Volkes überhaupt durch Pflege des Land—
baues, Beförderung der Industrie und Belebung des Handels zu heben
bemüht war, ließ durch den Locarner Giacoino Duno aus Zürich
eine Sammetweberei ins Leben rufen. In Brandenburg aber folgte
—A
tolommeo Robasciotto aus Basel zu gleichem Zwecke berief.“) Der
Brandenburgische Fürst übertrug seine Liebhaberei auch auf seine

2)

Jäger, Geschichte der Stadt Ulm. S. 649.
Falke, Geschichte des deutschen Handels, II, S. 25.
Geeriug, Handel und Industrie der Stadt Basel, S. 441.
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        1020

Sochter Elisabeth Magdalene, die an den Herzog von Braunschweig—
Licxeburg perheirathet war. Sie scheint die erste gewesen zu sein
— sie sutrb 15895 —, die sich in Deutschland mit der Seidenraupen—
zucht befaßte.) Auch ein Privatmann, Dr. Andreas Libarius zu
Rolhenburg an der Tauber, im Jahre 1599 wird als einer der ersten
Züchter der Seidenraupe genannt.“) In Württemberg interessirte sich
der Herzog Friedrich J. für den Seidenbau, errichtete 1601 eine
Seidenzucht und Seidenspinnerei in Stuttgart und soll es sogar so
veit gebracht haben, daß er im Jahre 1603 drei Pfund im Lande
erzeugte Seide nach Frankreich schicken konnte.?)
Aber von allen diesen Unternehmungen hat sich nicht mehr als
die Erinnerung erhalten. Nicht einmal über die jeweilige Entwickelung
und die Dauer dieser Betriebe ist Näheres bekannt geworden. Immer—
hin waren auf diese Weise um die Wende des 16. und 17. Jahr—
hunderts Anfänge der Seidenraupenzucht und der Seidenindustrie in
oerschiedenen deutschen Gebieten vorhanden,“) und es handelte fich nur
um eine Wiederbelebung dieser Anstalten, als durch die in der Mitte
des 16. Jahrhunderts beginnende Gegenreformation ein Strom gewerb⸗
leißiger Niederländer und Franzosen sich in Deutschland ergoß. Die
fremden Flüchtlinge, die überhaupt auf die Verbreitung und Hebung
der Industrie in Deutschland bestimmenden Einfluß gewannen, die
ziner neuen Unternehmungsform, der Fabrik, Anerkennung ver⸗
schafften — sie waren auch die Träger und Verbreiter der Seiden⸗
industrie. Sie führten neue Artikel ein, sie brachten einen besseren
Geschmack, eine vollkommenere Technik mit sich.“)
Der erste deutsche Staat, der davon Vortheil zog, war Hamburg.
Hier entwickelte sich seit dem Ende des 16. Jahrhunderts eine rege
Seidenindustrie, in der insbesondere die Sammet- und Kaffaweberei
entwickelt waren. Daneben aber gediehen auch die Fabrikation von
seidenen und goldgewirkten Zeugen und Bändern, die Zwirnerei und
die Färberei.“) Wie leistungsfähig dieser Gewerbezweig, begünstigt

) Acta Borussica, die preußische Seidenindustrie im 18. Jahrhundert,
Bd. 1 und 2, bearbeitet von G. Schmoller und O. Hintze. Bd3, Dar—
tellung von O. Hintze. S. 27.
Schreber, Versuch einer Geschichte des Seidenbaues in „Sammlung
verschiedener Schriften, welche in die öconomischen, Polizen- und Cameral—
Wissenschaften einschlagen.“ 1755, Bd. 1, S. 185.
) Zur Förderung des Seidenbaues in Meklenburg, S. 10.
) Groth, GEyoschichte der Seidenzucht und Seidenmanufaktur, Deutsche
Vierteljahrsschrift, 1864, Heft 4, Nr. 108.
) Hintze a. a. O. S. 17.
e) Rüdiger, Hamburgs Handel und Gewerbe im Zeitalter der Reformation,
damburger Nachrichten, 18983, Nr. 8A11.
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        D
M

8

103

merkwürdiger Weise durch den dreißigfährigen Krieg, der sonst überall
tiefe Wunden schlug, auch in Hamburg wurde, zum Anbau von
Maulbeerbäumen und zur Zucht von Seidenraupen entschloß man sich
noch nicht. Diesen Gedanken angeregt und ihn mit allem Nachdruck
vertreten zu haben, ist das Verdienst von Johann Joachim Becher.
Becher, im Jahre 1625 in Speyer als der Sohn eines prote—
stantischen Geistlichen geboren, legte in seinen Studien eine staunens—
werthe Vielseitigkeit an den Tag. Mathematik, Physik und Medizin,
aber auch Theologie, Jurisprudenz, Linguistik und Kameralistik
beschäftigten ihn. Professor der Medizin an der Universität Mainz,
trat er bis zu den sechsziger Jahren litterarisch fast ausschließlich auf
dem Gebiete der Physik, Chemie und Linguistik hervor, wandte sich
dann aber der Kameralistik zu und hat hier wohl größere Bedeutung
gJewonnen, als in den anderen Wissenschaften. Er bekannte sich als
Nationalökonom zu merkantilistischen Ideen, und wie es mit diesem
System zusammenhängt, erwärmte er sich aufs Lebhafteste für Be—
förderung des Handwerks und die Einrichtung von Manufakturen.
Unter diesen aber richtete er sein Augenmerk namentlich auf Ein—
führung des Seidenbaues und der Seidenindustrie.) Gerade dieser
Zweig spielt in seinen Projekten eine hervorragende Rolle. Er bewies,
daß das Klima der meisten Gegenden Deutschlands der Seidenraupen—
zucht nicht entgegen sei, „ist nieht zu zweiflen, dass wo gutor
Wein-Wachss, auch gut Maulbeerlaub wachse, der Baum ist
leicht zu handhaben, dann weil er am langsamston seine Blaätter
gibt. leydet er vom Frost keine Gefahr.“ Besonders empfahl er
zur Anpflanzung die untere „Pfalz, um Heidelberg und in der
Bergstrat, angesehen das Seidenwesen allda so gut thut, als
immermehr in Prankreieh.“ Selbst wenn es aber nicht gelänge,
den Rohstoff selbst im eigenen Lande zu erzeugen, so könnte man ihn
bequem aus dem Auslande beziehen und haͤtte dann den Wortheil
seiner Bearbeitung, „wodurch nicht allein ein guter Theil des
Gelds im Land bliebe, sondern auch viel tausend Mensohen,
die nun betteln gehen, ihr Brod dadureh gewinnen könnten.“
Wirklich wußte er nach einander mehrere deutsche Fürsten für seine
Pläne zu gewinnen. Mit dem Kurfürsten Karl Ludwig von der
Pfalz schloß er im Jahre 1664 einen Vertrag, laut welchem er in
Mannheim und Heidelberg eine Anzahl von Manufakturen, darunter
vornehmlich eine Seidenweberei, begründen sollte und zum Seiden—
bau Ländereien angewiesen erhieltt guf denen66800 Bäume

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2
V

) Politischer Diskurs von den eigentlichen Ursachen des Auff- und Ab—
nehmens der Städte, Länder und Republiken. 3. Aufl. 1688. S. 121ff.

3

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        104

pflanzte, nach Schreber sogar 20000.) Das Werk wurde auch in
Gang gebracht, gerieth aber später in Stocken. Der Kurfürst Johann
Philipp von Mainz ließ sich ebenfalls dazu bereit finden, in Vagts,
hochem und bei Wuͤrzburg Maulbeerpflanzungen anzulegen und betrieb
die Aufzucht von Raupen mit Erfolg. Ob es in München auch schon
zum Seidenbau kam, ist nicht ganz sicher. Groth behauptet allerdings,
daß im Jahre 1670 in Baiern der erste Verein zur Seidenzucht
gegründet wurde.“) Jedenfalls kam im Jahre 1666 eine Seiden—
compagnie mit Hülfe holländischer und brabantischer Geschäftsleute zu
Stande. Indeß alle diese Manufacturen wollten nicht recht gedeihen.
Der Mangel an Betriebsmitteln, die Unerfahrenheit und Unzuverlässig—
keit der aus der Fremde herbeigeholten Directoren und Arbeiter, der
übertriebene Umfang des Unternehmens, die Mißgunst der einheimi—
schen Kaufleute, die sich der Neuerung gegenüber sehr ablehnend
—D
Immerhin war durch Becher die Ueberzeugung aufgekommen,
daß der Seidenbau den wirthschaftlichen und klimatischen Verhältnissen
Deutschlands nicht widerspräche, und diese Ansicht wurde nun litterarisch
mehr bethätigt.
Bereits Marta Baesia hatte über die Fütterung der Seiden—
raupen und die für sie erforderliche Temperatur Versuche angestellt,
die Baesius in seinem Werke „De re vestitiarias beschrieb. Später
war in einem Werke, das Maria Sphbilla Graefia über die Raupen
veröffentlichte, auch der Seidenraupen gedacht worden.') Dann war
im Jahre 1603 eine Schrift von Olivier de Serres über den Seiden—
wurm durch den Würtiembergischen Kammersecretair Jacob Rathgeb
ins Deutsche übertragen worden, wahrscheinlich die erste in deutscher
Sprache erscheinende Schrift über diesen Gegenstand. Nun mehrten
sich die Anleitungen, ein Zeichen des wachsenden Interesses. Im
Jahre 1668 verfaßte der Bürgermeister von Cremmen in Branden⸗
burg, Johann Gruüwel, ein Büchlein über den Seidenbau.“) Im
folgenden Jahre wurde die gründliche Anweisung des Franzosen
Christoph Ifnard, „wie die weissen Maulbeerbüumso sollen gebauet
woérden“, in Wien ins Deutsche übersetzt, und 1693 erschien in
Leipzig die „Neue Seiden-Manufaktur, das ist: Ausführliche Er--ehlung
 wie Maulbeerbaume und Seidenwürme gepfleget, gevartet,
 fortgeptlantzet und die darzu beéreitete Seide recht

A. a. O., 1, S. 194.
A. a. O. S. 105.
Hintze, a. a. O., S. 28, 29.
Groth, a. a. O., S. 104.
Hiutze, a. a. O., S. 92.

*
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        105

ugerichtet und genutzet werten bönne.“ Der Verfasser, der sich
auf dem Titelblatt als der „Kunstliebende“ bezeichnet und die Vorrede
an den Leser mit den Initialen J. J. W. unterschreibt, gab vor,
daß er viele Jahre in Manufacturen thätig gewesen und „seine eigene
langjährige Erfahrung“ mittheile; doch lassen die Bemerkungen am
Schlusse des Büchleins darauf schließen, daß es sich nur um eine
neue Uebersetzung des Isnard'schen Werkes handelte.
Wenn es trotzdem noch einige Zeit dauerte, bis man sich dazu
entschloß, die Theorie in Wirklichkeit umzusetzen und den Rath zur
Anpflanzung von Maulbeerbäumen zu befolgen, so war das bei der
Neuheit der Projecte wohl natürlich. Zunächst strebte man an, die
Industrie festen Fuß fassen zu lassen und verschaffte ihr den Rohstoff
von auswärts. In Langensalza hatten sich am Ende der 6Oer Jahre
des 17. Jahrhunderts ein paar von dort gebürtige Weber, die in der
Schweiz das Gewerbe erlernt hatten, niedergelassen und eine Weberei
leichter, aus Seide und Baumwolle gemischter Stoffe in Gang ge—
hracht, die nachher, als sich kapitalkräftige Unternehmer an dem Geschäft
betheiligten, einen bedeutenden Umfang gewann. Im Kurfürstenthum
Sachsen, wo der Fabrikant und Commerzienrath Johann Daniel Krafft
und die Gebrüder Span thätig waren, kam 1676 eine Seiden⸗ und
Wollenmanufactur in Neuostra ganz gut in Gang. Die Regierung
selbst unterstützte den eifrigen Unternehmer mit Geldern, die sie aus
einer neu eingeführten Tabaksteuer vereinnahmte.)
Der große Kurfürst Friedrich Wilhelm bediente sich ebenfalls
der Hülfe des Commerzienraths Krafft, um in Berlin eine ähnliche
Manufactur zu eröffnen, doch fübrten die Verhandlungen zunächst
nicht zum Ziele. Indeß der weitblickende Herrscher verzagte nicht.
Am 6. Mai 1676 wurde durch Reichsbeschluß die Einfuhr und der
Verbrauch aller französischen Luxuswaaren, namentlich von Seiden⸗
zeugen, verboten und am 18. Juli desselben Jahres das betreffende
Edict für Brandenburg wiederholt. Strebte man mit ihm darnach,
—DDDDD
bar zu befreien, so ließ sich nichts dagegen einwenden, da der Luxus
nun einmal nicht ganz zu unterdrücken war, die Anfertigung der
kostbaren Stoffe, bei der sich viel Geld verdienen ließ, im Lande
selbst in Angriff zu nehmen. So gewann denn der Kurfürst einen
Nürnberger, Friedrich Pilgram, der in der sächsischen Manufactur
Erfahrungen gesammelt haben wollte, zur Anlage einer Fabrik in
Berlin. Aber der Mann erwies sich bei näherem Zusehen als ein

Hintze, S. 29.

Jahrbuch des Ver. f. mekl. Gesch. LVIII.
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        100

„unzuverlässiges Subject,“ und die Sache unterblieb.') Erst mit der
Einwanderung der Refugies sah der Kurfürst sich der Verwirklichung
seiner Ideale nähergerückt. Ein Jahr vor seinem Tode hatte er die
Freude, eine wirkliche Seidenmanufactur — im Packhaus auf dem
Friedrichsgraben in Berlin — in Betrieb kommen zu sehen. Ein
Pariser, Jean Biet, der daheim in seiner Fabrik 20 Arbeiter beschäftigt
hatte, während er die Wolle, die er zu seinen halbseidenen Geweben
brauchte, auf hausindustriellen Wege von etwa 100 Personen in
einigen Dörfern der Picardie herstellen ließ, also ein gewiegter Unter⸗
nehmer, stand an der Spitze des Geschäfts. Er hatte einen Vorschuß
von 5000 Thalern erhalten unter der Bedingung, 18 Stühle in
Gang zu bringen. Seine Arbeiter, vorzugsweise Franzosen, mußte
er aus Holland verschreiben.?)
Die Versuche, die zur Verarbeitung nöthige Seide in Preußen
selbst zu erzeugen, begannen erst nach dem Tode des großen Kurfürsten.
Im Jahre 1690 wurde der Anfang gemacht, indem der Amtskammer
befohlen wurde, auf den Domänen Maulbeerbäume anzupflanzen.
Das Ergebniß muß zunächst kein unbefriedigendes gewesen fein und
zu weiterer Ausdehnung angeregt haben. Denn kein Geringerer als
Leibniz griff die Idee auf, den Seidenbau in Deutschland heimisch
zu machen und wirkte dafür bei dem Kurfürsten von Mainz und
Hannover.) Er glaubte am schnellsten durch ein Monopol seinen
Zweck, nämlich „den ansehnlichen Nutzen des Landes und des gemeinen
Wesens und der hohen Herrschaft“ erreichen zu können und hatte sich
im Jahre 1707 bei dem Könige dafür verwandt, daß der neu
errichteten Societät der Wissenschaften ein „Privilegium privativum
generalo perpetuum zur Erzielung der weißen Maulbeer⸗Bäume
und der Seide“ ertheilt würde. Leibniz glaubte, daß die weißen
Maulbeerbäume so gut wie Linden in unserem nordischen Klima
würden gedeihen, „mithin sowohl Schatten als Nutzen geben,“ und
demgemäß überall an bequemen Orten, auf Wällen, Straßen und
„wo es sonst anständig“ einzeln und in Alleen würden gepflanzt
werden können. Und eine so große Vorstellung hatte er von dem
Erfolge der beabsichtigten Anpflanzung, daß er für jene Societät,
der er augenscheinlich wünschte thunlichst große Einnahmen zu ver—
schaffen, nicht allein die Kultur der Bäume, sondern auch die Ver—
arbeitung und den Vertrieb der einheimischen Seide ausschließlich in

Hintze, a. a. O., S. 81.
Hintze, S. 88.
Hintze a. a. O., S. 91.
Leibnitz's Deutsche Schriften, ed. G. E. Guhrauer. L.-L. S. 295
„Cedanken die Erzielung der Maulbeerbäume betreffend.“
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        107

Anspruch nahm, sowie sich als Gnade ausbat, die Seide und die
Waare nicht zu hoch mit Zöllen und Accisen beschweren zu wollen.
Wirklich ging der König auf die Wünsche des hervorragenden
Philosophen ein und bewilligte der Societät ein ausschließliches Privileg
zur Anpflanzung von Maulbeerbäumen. Leibnitz that auch Schritte,
es zu verwirklichen und setzte sich zu diesem Zwecke mit dem Conrector
Frisch vom Berlinischen Gymnasium zum grauen Kloster in Brief⸗
wechsel. Dieser erwarb sich in der That große Verdienste um die
Beförderung des Anbaues von Maulbeerbaͤumen, pflanzte sie in
Spandau, Köpenick, in Berlin selbst und hatte die Freude, daß un⸗
geachtet des harten Winters von 1709 der weiße Maulbeerbaum
doch erhalten blieb.i) Troz alledem schlief die Lust zur Fortsetzung des
Werkes allmählig wieder ein, und erst Friedrich Wilhelm J. belebte das
Interesse für den Seidenbau aufs Neue. Zwei Broschüren des Conrectors
Frisch: „Der Seidenbau, nach seiner Moͤglichkeit und Nutzbarkeit,“ im
Jahre 1718. und „Der Seidenbau in seiner nöthigen Vorbereitung,
nöthigen Bestellung und endlichen Gewinnung,“ im Jahre 1714 er—
schienen, setzten dem Publikum den Nutzen des Seidenbaues auseinander
und gaben Anleitung zu seiner Inangriffnahme. Dann verwiesen die
beiden Verordnungen vom 5. März 1714 und 12. September 1716 dar—
auf, mit welchen beträchtlichen Summen Geldes das Land dem Auslande
für Seide tributair sei. Dies könne man größtentheils erhalten, wenn
man sich des Seidenbaues befleißigen wolle. Die Unterthanen möchten
doch ihren eigenen Vortheil erkennen und Maulbeerbäume in Menge
anpflanzen. Auch die Magistrate in den Städten sollten dafür ein—
treten, indem sie „an geméinen Orten, an denen Mauern, Gräben,
Wegen, Triftoen oder wo es sonst bequem und sohicklich sei,
von Jahr æu Jahr eine Anzabl junger Maulbeerbäume versetaen,
solehe gehörig warten und so zu dem Seidenbau Grund legen.“
Man sieht, es war dem König voller Ernst damit und kein
bloßer Scherz, wenn er durch Kabinetsordre von 1718 befahl, den
gelehrten und närrischen Gundling als Geheimen Rath bei dem neu
organisirten General-Commissariat einzuführen und ihm „das De—
partement aller Seidenwurmo im ganzen Lande‘ zu übertragen.ꝰ)
Im nächsten Jahre — am 9. Januar 1719 — folgie eine Verord—
nung, in der die Geistlichen aufgefordert wurden, die Kirchhöfe mit
Maulbeerbäumen zu bepflanzen, eine sicherlich angemessenere Ver—
wendung des Platzes, als wenn man noch heute z. B. in manchen
meklenburgischen Kirchdörfern Pflaumenbäume auf diesen Stätten des
Friedens gedeihen sieht.
) Hintze a. a. O. S. 91, 72.
) Hintze, S. 92.
        <pb n="8" />
        108

Ungeduldig erwartete der König den Erfolg dieser Maßregel,
wiederholte sie am Ende des Jahres — am 20. December — und
verlangte binnen 8 Tagen genauere statistische Angaben von jedem
Prediger, wie viel Bäume bereits gepflanzt wären. Die renilenten
Prediger sollten die höchste Ungnade zu erwarten haben, „gestalt Wir
keine Entschuldigung, dass der Kirchenpatron der Sache zuwider
 waäre oder dergleichen werden gelten lassen.“
Im Thiergarten zu Berlin wurden wüste Plätze, die der König
selbst bezeichnete, von Refugiess mit Maulbeerbäumen bepflanzt. Aus
ihrer Ansiedelung erwuchs der später Moabit genannte Stadttheil.
In Wusterhausen ließ der König ebenfalls eine Plantage anlegen,
und so waren bis 1782 in und um Berlin allmählig 2000 Bäume
vorhanden, deren Seidenertrag sich auf 115 Pfund belief. Der
königlichen Societät war das Privileg nicht mehr erneuert worden,
sondern dieses hatte, wie es scheint, der Domänenfiscal Pfeiffer er—
halten, der, nächst Frisch der eifrigste Beförderer des Werkes, eine
Baumschule angelegt hatte, um die ganze Kurmark mit Bäumen zu
versorgen.!)
Gleichzeitig ließ sich der König angelegen sein, die Seiden⸗
industrie zu entwickeln, indem er sie namentlich durch eine seit 1718
überlegtere und kräftigere Schutzzollpolitik förderte. Bei alledem war
trotz hübscher Ergebnisse im Einzelnen beim Regierungsantritt Friedrich
des Großen für das ganze Land noch nicht viel erreicht. In einer
Instruction des gleich in den ersten Wochen der Regierung dieses
Monarchen ins Leben getretenen fünften Departements, einer Ab—
theilung im General⸗Directorium, der die Sorge für Handel und
Industrie im ganzen Gebiete der Monarchie übertragen wurde, be—
zeichnete man die Seiden⸗Industrie schlechtweg als eine im Lande
noch fehlende Manufactur. Friedrich der Große nahm sich ihrer jetzt
aufs Lebhafteste an. Wiederholt hat er erklärt, daß sie zunächst sein
vornehmstes Augenmerk auf gewerblichem Gebiete sei.?)
In einer 1750 an den Minister von Danckelmann gerichteten
Ordre bezeichnete er den Seidenbau als einen Gegenstand, „den er
unter den übrigen Aufgaben für das Besto des Landes und
zeiner Unterthanen für éeinen der hauptsächlichsten halte.“s)

Fr. Stadelmann, Friedrich Wilhelm J. in seiner Thätigkeit für die
Landeskultur Preußens. 1878. G. 180—182. In den Publicationen aus
dem königlich preußischen Staatsarchiv. Bd. 2. — Hintze, a. a. O., S. 93
2) Hintze, S. 104.
9) Stadelmann, Preußeus Könige in ihrer Thätigkeit für die Vandes—
kultur. Friedrich der Große. 1882, S. 215. In den Publicationen aus den
königlich preußischen Staatsarchiven. Bd. 11.
        <pb n="9" />
        109

Alle bisher in Preußen bestehenden Fabriken gebrauchten italienische
Seide. Der Ertrag des eigenen Seidenbaues kam nicht in Betracht.
Hier setzte nun Friedrich der Große ein. Er gab die Hoffnung,
einen beträchtlichen Theil des für die Manufacturen erforderlichen
Rohstoffes im Lande selbst hervorbringen zu können, keineswegs auf
und wandte sich zu diesem Zwecke an die französische Kolonie, bei der
er das meiste Verständniß fuͤr seine Ziele voraussetzte. In den Jahren
1741 und 1742 ergingen Edicte, die das Publikum zum Pflanzen
von Maulbeerbäumen und zur Zucht von Seidenwürmern aufforderten.
Samen für die Bäume, Eier fuͤr die Raupenzucht wurden unentgelt⸗
lich vertheilt und für die Anlegung von Plantagen eine Geldpraͤmie
von 50 Thalern für je 1000 Stämme verhießen. Später erneuerte
man die Verfügungen, Kirchhöfe und Stadtwälle mit Maulbeerbäumen
zu bepflanzen, verbot die Ausfuhr von Maulbeerbäumen und ihre
Aufkäuferei, bedrohte ihre Beschädigung mit strenger Strafe. Dann
wurden die geistlichen Stiftungen, namentlich die Waisenhäuser, zu
Pflanzschulen des Seidenbaues gemacht. Die verschiedenen Berliner
Waisenhäuser, die Charité, die Francke'sche Stiftung in Halle, das
Waisenhaus in Züllichau haben auch in der That unter der Führung
des Potsdamer Waisenhauses auf den Appell geantwortet und sich zu
wahren Musteranstalten für den Seidenbau entwickelt.) Den Geheim⸗
rath de Cognary schickte er (Anfangs der 80er Jahre) nach Genf,
um 200 Familien zu engagiren, „welehe mit dem ganzen Seidenbau,
 wie solecher von Anfang bis zum Endo traktiret werden
muss, wohl umzugehen wissen.“?)
Bei Neuverpachtungen von Domänen wurde der Pächter contract⸗
lich verpflichtet, Maulbeerbäume zu pflanzen, in manchen Fällen bis
zu 1000 und mehr Bäumen. Auf seinen Reisen besichtigte dann der
König die Pflanzungen, war aber selten mit ihren Ergebnissen zu—⸗
frieden. Es geschieht ihm zu wenig, und die Kammern werden immer
wieder angewiesen, „die Amtleute ernstlichst zur Befolgung ihrer
Pflieht anzuhalten.“ „Eis seindt FKaule Esels,“ fügt der König
in einer seiner bekannten anzüglichen Randbemerkungen hinzu.?)
Von der Kurmark aus verbreitete sich der Seidenbau in die
benachbarten Provinzen. Man dehnte die zunächst auf die Kurmark
berechneten Maßregeln seit 1750 auf Pommern, die Neumark, Magde⸗
burg, Halberstadt aus. Geistliche und Schulmänner waren es auch
hier, an deren thätige Hülfe man sich wandte. Der König setzte im
Jahre 1750 für denjenigen Landgeistlichen oder Schullehrer, der

9 Hintze, S. 107, 100.
Stadelmann, a. a. O., S. 216.
        <pb n="10" />
        110

10 Meilen um Berlin herum die meiste Seide — 6 Pfund Seide
im Jahr — gewonnen haben würde, eine Belohnung von 100 Thalern
aus. Die nächstfolgenden Drei sollten 30, 25 und 10 Thaler er⸗
halten. Der Erfolg dieser Prämien, für die jährlich im Ganzen
240 -280 Thaler verwandt wurden, war ein fehr guter. In der
Kurmark stiegen die Erträge an Seide, die die Geiftlichen und Schul⸗
lehrer aufbrachten, von 50 auf 700 Pfund. — Privatleute wurden
zum Seidenbau angeregt, indem man ihnen königliche Grundstücke
zur Anlage von Plantagen anwies. Der Adel ging ebenfalls auf
die Wünsche des Königs ein. Der Minister von Bodin in Char⸗
lottenburg, die Arnims auf Boytzenburg zeichneten sich durch eifrigen
Betrieb des Seidenbaues aus.
Eine hervorragende Musteranstalt für den Seidenbau wurde die
in Berlin gegründele königliche Realschule, die der Pastor Hecker von
der Dreifaltigkeitskirche leitete. Viele ihrer Zöglinge wurden nachher
Schullehrer auf dem Lande und wirkten dann als Apostel des Seiden—
baues. Die technische Aufsicht war seit den 50er Jahren besonderen
Plantagen⸗Inspectoren überlragen, die für einzelne Provinzen und
Landestheile angestellt wurden. Ihnen waren an wichtigen Plätzen
sogenannte Planteurs, später die Kreisgärtner untergeordnet. Sie
reisten im Lande umher und ertheilten practischen Unterricht. Einer
von ihnen, der kurmärkische Inspector Johann Friedrich Thym, ver—
faßte auch eine Schrift „Practik des Seidenbaues,“ die 1750 zum
ersten Male erschien und nachher noch oft aufgelegt wurde.
Unter solchen Umständen stieg bis zum Anfang des 7 jährigen
Krieges die Zahl aller Bäume auf gegen 500000, darunter 100000
laubbare. Der Ertrag an Seide betrug im Jahre 1754 2687 Pfund,
war freilich durch einen Kostenaufwand von mehr als 10 000 Thalern
herbeigeführt.) Bis zum Jahre 1771 waren in den Provinzen Kur⸗
mark und Neumark, Pommern, Magdeburg-Halberstadt die Zahl aller
Bäume auf 1090621, der Ertrag der Seide auf 4704 Pfund ge⸗
stiegen. Sechs Jahre später — 1777 — war die Zahl der Bäume
1268 105, der Ertrag an Seide 10039 Pfund; im Jahre 1782
betrug die Zahl der Maulbeerbäume über8 Millionen und die
Seidenproduction über 14 000 Pfund. Die letztere wuchs bis 1788
auf 17 000 Pfund.?)
Außerhalb Preußens war man nicht weniger bestrebt, den Seiden⸗
bau zu begünstigen. Es mag sein, daß für die Staaten, die gegen
Ende des vorigen Jahrhunderts dazu schritten, die sichtbaren Erfolge

) Hintze, S. 131, 1383.
» Stadelmann, a. a. O., S. 208.
        <pb n="11" />
        111

der friedericianischen Bestrebungen maßgebend wurden. Im Ganzen
aber lag die Idee sozusagen in der Luft. Die Lehren der merkantilisti⸗
schen Politik beherrschten damals die Köpfe, und sie gingen dahin,
daß man möglichst die Industrie entfalten müsse, um das Geld für
ihre Erzeugnisse im Lande zu behalten. Gerade ein so kostbarer
Artikel, wie Seide, seidene und halbseidene Stoffe und was mit deren
Fabrikation zusammenhing, erforderte die regelmäßige Sendung von
viel Geld ins Ausland. Diese Summen glaubte man sparen zu
können, und es schien dazu um so mehr Hoffnung, als in der That
das Klima von Deutschland dem Wachsthum des Maulbeerbaumes
kein Hinderniß in den Weg legte.
Im Kurfürstenthum Sachsen soll schon im Jahre 1700 von
einem gewissen Kretschmar die erste regelrechte Plantage von Maulbeer⸗
bäumen angelegt worden sein. Besonders lebhaft entwickelte sich der
Seidenbau seit 1744. Im Zeitraum von elf Jahren, von 1744
bis 1755, wurden über 835000 Maulbeerbäume gepflanzt, und im
Jahre 1753 gewann man bereits 150 Pfund Seide. Am 6. August
1754 wurde in einem besonderen Mandat dazu ermuntert, das zu
ähnlichen Maßregeln griff wie in Preußen, Betheiligung der Geist—
lichen und Lehrer, Bepflanzung der Kirchhöfe u. s. w., später auch
Prämien anordnete.)
Weniger Erfolg erzielte man in Württemberg. Dort gründete
im Jahre 1735 ein Seidenfabrikant aus den Niederlanden, Johann
Rigol, eine von der Regierung angelegentlichst unterstützte Seidenbau—
und Manufactur-Gesellschaft. Allein es stellte sich bald heraus, daß
Rigol und Genossen von der Aufzucht der Seidenraupen nichts ver—
standen. Der Unternehmer selbst flüchtete, und seine Arbeiter wander⸗
ten aus.“) Spätere unter Herzog Karl Eugen angelegte Plantagen
(1744-93) sollen sich besser bewährt haben.?)
In Braunschweig, in Hannover, in der Pfalz wandte sich in
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das öffentliche Interesse
ebenfalls dem Seidenbau zu, indeß trotz achtbarer Leistungen im
Einzelnen gelangte man nirgends zu ähnlich günstigen Gesammt⸗
ergebnissen wie in Preußen.
In diese Zeit fallen nun auch in Meklenburg die ersten Be—
strebungen, der Zucht der Seidenraupen Eingang zu verschaffen, freilich
ohne daß sie zu irgend einem Ergebniß führten.

i) Schreber, a. a. O., 1, S. 192. Dresdnische gelehrte Anzeigen. Groth,
a. a. O., S. 108. Hintze, a. a. O. S. 31.
2) Zur Förderung des Seidenbaues in Meklenburg, S. 11.
—XV
        <pb n="12" />
        112

Im April des Jahres 1753 wandte sich der Gärtner Carl
Ludewig Schmidt in Stettinn) an den Herzog mit dem Vorschlage,
Pflanzungen von Maulbeerbäumen anzulegen. Er behauptete, von
dem Wunsche des Herzogs, Maulbeerbäume in seinem Lande zu besitzen,
gehört zu haben und erklärte sich bereit, wenn man ihm Reisegeld
und hinlänglichen Gehalt, dessen Höhe er aber nicht bestimmte, be—
willigen wollte, im nächsten Frühsahr nach Meklenburg zu kommen
und mit Anpflanzungen zu beginnen. Zum Beweise seiner Fähigkeit,
das fragliche Werk in Scene zu setzen, berief er sich darauf, daß die
königliche Kriegs- und Domänenkammer in Stettin ihm den Auftrag
ertheilt habe, uüͤberall in Pommern auf den Kirchhöfen Maulbeerbäume
zu setzen, was „er sonder Rubhm sehr wobl zu Stande gebraeht
hätte. Alle Bäume gingen gut vorwärts, und er zweifle nicht, daß
man in neun Jahren einen vollkommenen Seidenbau entwickeln könne.
Christian Ludwig, obgleich in hohem Alter zur Regierung kom—
mend, hatte doch schon bei den Vorverhandlungen zum Erbvergleich
bewiesen, daß er die neueren Ideen seiner Zeit, die überall dahin
drängten, industrielle Anlagen emporzubringen, verständnißvoll in sich
aufgenommen hatte. Um heilsame Maßregeln „um besseren Schutund
 Vorschleis der in unsern Landen sich ergebenden einheimi
schen Produkten“ treffen zu können, hatte er damals vorgeschlagen,
die Einfuhr von kupfernen Kesseln, von Sensen und von Salz zu
verbieten, da die einheimischen Fabriken und Bergwerke diese Gegen⸗
stände ausreichend lieferten. Aber er hatte die Stände, die an dem
freien und ungezwungenen Commercium festhielten, nicht davon über—
zeugen können, daß aus der gelegentlichen Beschränkung der Freiheit
für das Land etwas Ersprießliches erwachsen würde. Es ist demnach
wohl glaublich, daß auch die Beförderung des Seidenbaues zu seinen
Wünschen gehörte, und er sich vielleicht in Brandenburg nach Per⸗
sönlichkeiten umgesehen hatte, die geeignet waren, diese auszuführen.
Große pekuniäͤre Opfer war man nicht in der Lage, für
beregten Zweck zu bringen, und so antwortete die Kammer,?) daß
wenn Schmidt sein Vorhaben auf eigene Kosten ausführen wolle, ein
Revier Landes ihm dazu angewiesen werden würde. Gärtner Schmidt,
dem vermuthlich die Mittel gefehlt haben werden, verband sich mit
einem Genossen Johann David Gercke, um gemeinsam den Versuch
zu wagen. Gercke war ebenfalls ein bewährter Pflanzer, dem Pastor
Georg Christian Mayer in Stargard bescheinigen konnte, doß e

) Diese, sowie die folgenden Mittheilungen nach Acten des Geheimen
und Haupt-Archivs in Schwerin, Maulbeer⸗Plantagen und Seidenweberei
2) Am 21. Aprit 1758
1753. August 9.
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        113

seit 12 Jahren mit der Kultur von Maulbeerbäumen vertraut sei,
seine Bäume in Hinter- und Vor-Pommern wie in der Mark abzu—
setzen pflege und eben auf seiner Plantage auf dem Stuhthoffe
14000 Stämme in Flor habe.
Diese beiden Manner erschienen im August 1758 in Schwerin
und legten der Kammer die Bebingungen vor, unter denen sie bereit
waren, Plantagen anzulegen. Sie forderten zunächst Tagegelder von
32 Schillingen und Reisegeld, um im Lande die für ihre Zwecke
passendste Gegend aufzusuchen. Ein Grundstück, groß genug, um
1000 Bäume darauf zu pflanzen, sowie ein Haus, in dem sie wohnen
und gleichzeitig die Fabrik betreiben könnten, wünschte Jeder von
ihnen für seine Bemuͤhungen unentgeltlich als erbliches Eigenthum.
Das für die Plantage nöthige Holz sollte ihnen unentgeltlich geliefert,
der Transport der Bäume von Rostock bis an die Plantage aus
Staatsmitteln bestritten werden. Ferner sollte die Regierung für die
Verbreitung der Bäume bei Pächtern, Beamten und den Einwohnern
Sorge tragen und diese veranlassen, sie zum Preise von 6 Schill.
z3 Pfen. pro Stück von ihnen zu kaufen. Der Herzog seinerseits
sollte ihnen 10 Pfund Saat zu Maulbeerbäumen, die sie mitbringen
würden, zu 10 Thaler das Pfund abnehmen. Sie würden den
Samen dann dort einstreuen, wo der Herzog es wünschte, behielten
sich aber vor, die entstehenden Bäume für Plantagenzwecke zu benuten.
Endlich wollten sie sich zu einer Art Inspectoren gemacht wissen und
versprachen gegen Diäten von 82 Schillingen und freie Fahrt zwei—
mal jährlich Revisionsreisen im Lande zu machen.
Man sieht, daß beide Gärtner ihren Vortheil wahrzunehmen
wußten. Sie mochten ja in der That auf dem Standpunktt stehen,
wie sie versprachen, daß die Plantagen zum, Wachsthum des Landes:
commercoii“ gedeihen würden; auffällig blieb es immer, daß sie der
Kammer nicht unbeträchtliche Kosten zumutheten, ohne irgend eine
Gewähr für das Gelingen des Werkes bieten zu können. Man war
daher in Schwerin auch nicht im Geringsten geneigt, ihnen mehr
entgegen zu kommen, als indem man ihnen ein Grundstück frei und
ohne Abgabe überwies. Alle Unkosten follten die „Planteurs“ selber
tragen, da sie nicht „die geringste, auch nicht einmal wabrscheinliebste
 Vermuthung eines künftigen Profits‘ bieten könnten.
Allenfalls war man noch bereit, ihnen Bauholz zu liefern.
Auf, solchen Bescheid mochten die beiden Bewerber nicht gefaßt
gewesen sein; nachdem sie ihn erhielten, baten sie wenigstens um
Ersatz ihrer Reisekosten; aber unter dem Hinweis darauf, daß Nie—
mand sie geheißen hätte, zu kommen, wurde ihnen diese, ja übrigens
auch wenig begründete Bitte abgeschlagen.
        <pb n="14" />
        114

Daß es sich bei dieser Entscheidung um eine grundsätzliche Auf⸗
fassung der Kammer handelte, beweist ein anderer fast gleichzeitig sich
abspielender Fall. Am 14. Mai desselben Jahres bot der Kaufmann
David Dinter aus Stargard in Pommern dem Herzog einen Maul⸗
— E 000
mit dem Seidenbau sich beschäftigt habe und ein guter Oeconom,
Gärtner und Jäger sei. Auch diesem wurde von der Kammer der
Bescheid zu Theil, daß wenn das vorgeschlagene Subject auf seine
Kosten Plantagen errichten wolle, man ihm die dazu erforder—⸗
lichen Terrains einräumen werde. Auf mehr könne man sich nicht
einlassen.
Mit dem Regierungsantritt Herzog Friedrichs im Jahre 1736
scheint der Gedanke, die Industrie zu beleben, mehr als in früheren
Jahren allgemein erörtert worden zu sein. Es war einer der ersten
herzoglichen Landtagsvorschläge gewesen, zu überlegen, wie man „nach
dem Exempel anderer wohleingeriehteter Staaten die einheimische
Wolle in einheimischen Manufakturen zum Aufnehmen des
Landes“ am zweckmäßigsten verwenden könne. Allerdings kam bei
dieser Ueberlegung nichts heraus, denn die Stände wollten von dem
Vorschlage, einen Zoll auf die Ausfuhr roher Wolle zu legen, nichts
wissen. Jedoch zeigt diese Thatsache, daß der Herzog wie sein Vater
die Hebung des Gewerbes in Meklenburg für nothwendig und vor⸗
theilhaft ansah. So hatte er denn auch gegenüber der Meldung eines
gewissen Antoine Verdier aus Berlin, der bereit war, Plantagen von
Maulbeerbäumen anzulegen und Seidenfabriken zu begründen, den
leicht begreiflichen Wunsch, daß die Kammer die Angelegenheit ernst—
lich prüsen möge. Die Bedingungen, wie sie Verdier aufgezeichnet
haben wird, liegen leider nicht vor. Nur aus dem Bericht, den die
Kammer am 15. October 1760 dem Herzog abstattete, können wir
entnehmen, daß er freie Wohnung, Materialien, 20 jährige Abgaben⸗—
freiheit u. s. w. verlangt hatte. Er selbst war mittellos.
Wie es scheint, stammte Verdier aus einer Seidenfärber-Familie
dieses Namens, die aus Genf im Jahre 1752 in Berlin eingewandert
war. Offenbar hatte man ihn dorthin berufen, denn eine Kabinets⸗
ordre vom 2. Juli 1752 bewilligte ihm Reisegeld von 200 Rthlr.
und eine jährliche Pension von 3800 Rthlr. Zwei Jahr später kam
ein anderer Verdier — sein Vorname war Marc, während der Vor⸗
name des ersten unbekannt geblieben ist — mit seiner Familie nach
Berlin, der ebenfalls als ein gewandter Färber gerühmt wird und
dem Pension, sowie Umzugskosten in edictmäßiger Höhe zugestanden
wurden. Dem 1752 eingewanderten Verdier scheint Berlin nicht
auf die Dauer zugesagt zu haben, so daß er 1763 oder 1764 nach
        <pb n="15" />
        115

Rußland ging.) Es wäre nicht unmöglich, daß er mit dem in
Meklenburg sich meldenden Antoine Verdier identisch ist.
Aus der Niederlassung des Herrn Verdier wurde nichts. Die
Kammer benutzte die Gelegenheit, um ihre principielle Stellung zu
den auf die Hebung der Industrie bezüglichen Maßregeln kundzuthun.
Sie meinte, daß es bei dem bisherigen Mangel an Fabriken und
Manufacturen in Meklenburg in erster Linie darauf ankäme, Indu⸗
strieen einzubürgern, die die schon längst vorhandenen Landesproduecte
verarbeiten könnten. Wenn aber des Herzogs specieller Wunsch auf
die Seidenindustrie gerichtet sei, so möge er bestimmen, wie weit man
dem Verdier entgegenkommen solle und ob Ludwigslust, wo der Petent
sich niederlassen wolle, wohl der passendste Ort für die Anlegung einer
Plantage sei.
Wahrscheinlich hat der Herzog Friedrich bei näherer Prüfung
der Verdier'schen Projecte selbst gefunden, daß der Standpunkt der
Kammer nicht unberechtigt war. Wenigstens wird uns nichts von
weiteren Verhandlungen mit dem Franzosen gemeldet und ist auch
nicht bekannt geworden, daß in den folgenden Jahren neue Seidenbau—
projecte erörtert worden sind.

Zahlreicher als diese vereinzelten Versuche zur Einführung des
Seidenbaues sind die Bestrebungen zur Einführung der Seiden—
industrie, von denen sich Kunde erhalten hat. Sie führen uns zuerst
in das Herzogthum Meklenburg-Güstrow, dessen Regierung seit dem
Jahre 1654 der kaum erst 21jährige Herzog Gustav Adolf führte.
Bereits im Jahre 1675 war man in Meklenburg soweit, seidene
Strümpfe, die ein begehrter Artikel waren, selbst anferligen zu können.
In einer Aufzeichnung aus diesem Jahr über allerlei Handwerks—
geräth, das fremde Tuchmacher in Güstrow, die daselbst auf Barken—
tien's Hofe wohnten, zurückgelassen hatten, wird neben Webstühlen,
Farbkesseln u. s. w. auch aufgeführt „ein neuer Stubl nebst allem
Zubebör, worauff Seydenstrümpfe gemachet werden.“ Es stellte
sich heraus, daß dieser Stuhl von einem Graf von Ranow für
200 Rthlr. gekauft und einem der betreffenden Gewerbetreibenden,
die sich, wie es scheint, heimlich davon gemacht hatten, zur Benutzung
überlassen worden war. Der Graf nahm den Stuhl nun wieder an
sich und vertraute ihn einem anderen Industriellen an, dessen gewerb⸗
liche Eigenschaft weiter nicht characterisirt wird und der seinem Namen
nach — Pillon — vielleicht ein eingewanderter Franzose oder Schweizer
gewesen sein könnte.

Vy Acta Borussica, J,. S. 241, 419, 4834.
        <pb n="16" />
        116

Die Thätigkeit eines anderen, seinem Namen nach unverkennbar
eines Franzosen, — Johann de Marne — konnen wir in Neustadt ver⸗
folgen. Er übte hier die Kunst eines Schönfärbers, unterstützt von
zwei Söhnen, Lucas und Jaques, aus, die gleichzeitig auch der Webe—
kunst oblagen. Sie konnten alle damaligen seidenen, sammetnen,
halbseidenen und wollenen Modenstoffe und Gaze, als Grosgrain'!),
Taffet?), Damast?), Dobbin“), Brüsch-Atlas“), Kaffa“), Triep'),
Poliamieths), Barath“) u. s. w. herstellen. Offenbar war für die
Arbeitsamkeit dieser drei Männer Neustadt ein zu geringes Feld, und
sie sehnten sich darnach, in größere Verhältnisse zu kommen. Dem—
gemäß wandten sie sich im Jahre 1680 an den Herzog Gustav Adolf
mit der Bitte, sich in Güstrow niederlassen zu dürfen. Sie begehrten
einen Vorschuß von 200 Rthlr., den sie zu verzinsen bereit waren
und für die ihr Vater in Neustadt mit seinem Hause Bürgschaft
leistete, sowie Contributionsfreiheit für einige Jahre, bis sie sich ein—
gerichtet hätten. Bereitwilligst ging der Herzog auf diese nicht un—
bescheidenen Forderungen ein, gestand ihnen 6 Freijahre zu, während
welcher Zeit sfie weder Stadt- noch Landcontribution zahlen sollten
und erlaubte ihnen, „iur Hapdwerk in Verfertigung allerhand
seidenarbeit sowie sie es eéerlernt und davon wissenschaft haben,
frey und ungehindert treiben und ihre verfertigte wahren in
und ausserhalb unsern landen verhandeln zu dürfen.“ Am
19. Mai 1680 hatten die Gebrüder de Marne das Kapital von

) Soviel wie Grobgrün, ein wollenes Zeug, das, nach Art des Packans
gemacht, zur Männerkleidung diente, in schwarzer, blauer und grüner Farbe.
2) Ein glattes reinseidenes Gewebe von großer Feinheit.
) Ein geblümtes Zeug, bei dem auf der einen Seite der Grund Atlas
5. die iaue Taffet, auf der andern Seite die Figur Atlas und der Grund
Taffet ist.
) Richtiger Tobin, Tabin: eine Art gewässerten Seidenzeuges, Taffet
oder Chamellot.
9) Atlas ist ein ganz seidenes Zeug, das glatt gewebt ohne Blumen und
Streifen von vortrefflichem Glanze ist. Brusch-Atlas scheint eine Art reich
broschirten Zenges mit Blumen, die einen Atlas. oder Köpergrund haben,
gewesen zu sein, oder war dasselbe. was man auch als Chenillen-Atlas zu
bezeichnen pflegte.
9) Ein ganz langhaariger, wollener, derart geblümter Sammet, daß die
Figuren durch den glatten Grund gebildet werden.
7) Ein auf Sammet-Art zubereitetes Gewebe (Tripp-⸗Sammet), das am
Anfang des 18. Jahrhunderts zu Schauten, Kragen und Mützen gebraucht wurde.
2) Sonst als Polemit, Polamit, Polimit und Polomit bezeichnet, ein
sehr leichtes Wollenzeug, das man zuerst häufig in Ryssel machte, nachher
in een französischen, endlich auch in deutschen Manufacturen anzusfertigen
verstand.
9) Ein französisches, halb aus Floretseide, halb aus Wolle gewebtes Zeug.
        <pb n="17" />
        117

200 Rthlr. aus der fürstlichen Kammer erhalten, das sie mit 10 Thlr.
jährlich verzinsten und nach zwei Jahren zurückzuerstatten versprachen.
Ueber ihr weiteres Schicksal wissen wir leider nichts. Hoffentlich
haben sie das in sie gesetzte Vertrauen gerechtfertigt.
Der Neffe Gustav Adolfs, Herzog Friedrich Wilhelm, der 1692
in Schwerin, 1695 in Güstrow zur Regierung kam, hatte von vorn⸗
herein sein Augenmerk auf die Hebung der Industrie gerichtet. Er
——
vertriebenen Protestanten, denen er in Bützow eine willkommene
Unterkunft bot, und scheint seinen Agenten im Auslande Befehl
ertheilt zu haben, fähige Gewerbetreibende verschiedener Branchen zur
Uebersiedelung nach Meklenburg unter angemessenen Bedingungen auf⸗
zufordern. Demgemäß schrieb unter dem 26. Juni 1706 der Agent,
Secretair Schlei aus Kopenhagen an den Landrentmeister Storm in
Schwerin wegen vier geschickter Seidenweber, die geneigt waren, sich
in Schwerin niederzulassen.
Die vier Weber waren Brüder, aus Hamburg gebürtig, wo ihr
Vater ebenfalls sich mit Seidenweberei beschäftigte. Zwei waren
bereits Meister, die beiden anderen, also wohl in jüngerem Alter,
arbeiteten als Gesellen bei ihnen. Sie waren einem Rufe nach Stock—
holm gefolgt, wo man damals seit 1648 sich bemühte, Manufacturen,
insbesondere Seidenwebereien, anzulegen,) und hatten sich von dort,
als sie sich in ihren Erwartungen getäuscht sahen, nach Kopenhagen
begeben, wo sie aber leider auch erleben mußten, daß das Commerz⸗
kollegium, das ihre Reise veranlaßt hatte, ihnen nicht alle gemachten
Versprechungen hielt. In Folge dessen war einer von ihnen aufs
Neue nach Stockholm zurückgegangen, die anderen drei aber zeigten
die größte Neigung, sich wieder in Deutschland ansässig zu machen
und hatten sich gerade Meklenburg ausgesucht, „weillen Ihro Durchlaucht
 dergleichen Leuten s0 herrliche Privilegia geniessen
liessen,“ zweifellos eine Anspielung auf die Privilegien der damals
kürzlich ins Leben getretenen französischen Kolonie, deren Ruf bis in
den Norden gedrungen sein mußte. Ueber 8 Webhstühle nebst dem
dazu gehörigen Geräth verfügten unsere Hamburger, aber es fehlte
das Reisegeld, und sie wünschten außerdem einige Hundert Thaler
Vorschuß. Im Besitz dieses Kapitals wollten sie die Manufactur
großartig einrichten, noch drei Kollegen aus Hamburg kommen lassen
und 4 meklenburgische Jungen in die Lehre nehmen.
Der Fall lag augenscheinlich nicht ganz ungünstig, aber man
scheute sich doch vor dem Risiko. Man war damals gerade darauf
1) Hintze, a. a. O. S. 283.
        <pb n="18" />
        118

bedacht gewesen, die solidere Schwester der Seidenweberei, die Wollen⸗
weberei, wieder in Gang zu bringen, hatte eben — 1705 — eine
neue Schauordnung für die Tuchmacherei erlassen und hierbei, sowie
vielleicht zur Unterstützung der Refugiss alle zur Zeit verfügbaren
Mittel aufgebraucht. Daher antwortele am 8. Juli 1706 die Kammer
dem Herrn Agenten, daß bei den ziemlichen Kosten, die die Beförderung
der Wollenmanufactur verursache, es bedenklich scheine, „gion auo
noch mit den Seidenmanufacturen zu méliren.“ Sie erklärte
daher, von seinem Anerbieten keinen Gebrauch machen zu wollen.
Eine lange Zeit — beinahe 30 Jahre — vergeht, ohne daß
wir etwas von unserer Seidenindustrie hören. Aber mittlerweile war
in Warin von zwei Seidenhändlern, Johann Oswald Zeuner, der
gleichzeitig Besitzer eines Gasthofs in Langensalza war, und Jochim
Thomas Hartung, eine Seidenfabrik eingerichtet worden. Diese war
— wenigstens nach dem Berichte der beiden genannten Unternehmer —
einige Zeit ganz gut gegangen. Die Stadt sollte sich dabei nicht
schlecht befunden und sie selbst ebenfalls ihren Vortheil gehabt haben.
Aber nun war ein Moment gekommen, wo ihnen das Betriebskapital
ausging, und sie wandten sich daher am 6. April 1734 an Herzog
Carl Leopold mit der Bitte um eine Audienz, in der sie ihre Wünsche
bezüglich eines Darlehns begründen könnten. Wohl sei ihnen —
bemerkten sie etwas ruhmredig — von einigen Mitgliedern der Ritter⸗
schaft und einigen Herren aus Lüneburg Geld zur Fortsetzung ihres
Geschäfts angeboten worden; aber sie haͤtten doch mehr Vertrauen zu
ihrem Landesherrn.
Bei der in Schwerin stattfindenden Kammerverhandlung, der
der Kammerrath Faber präsidirte, handelte es sich im Wesentlichen
darum, ob der Betrieb einem herzoglichen Wunsche gemäß nach
Schwerin verlegt werden könne oder nicht. Die Unternehmer machten
Schwierigkeiten. In Warin hätten sie gute Arbeiter, in Schwerin
müßten sie erst einige anlernen. Der Transport ihrer Geräthschaften
verursache Zeit⸗ und Geldaufwand und schließe die Gefahr, daß unter—
wegs etwas zerbrechen könne, in sich ein. Auch seien die Kaufleute
in Rostock, Güstrow, Wismar und Bützow, die für den Vertrieb
ihrer Erzeugnisse sorgten, an ihren Wohnsitz in Warin gewöhnt.
Sie wollten weiter nichts als einen Vorschuß von 160 Thalern, um
eine Parthie Seide von Johann Heinrich Basch in Hamburg einkaufen
zu koͤnnen. Diesen Betrag wollten sie verzinsen und stellten ihr
Geschäft als Caution. Da sie gefürchtet zu haben scheinen, daß man
ihnen trotz des vielen Guten, das sie von ihrem Betrieb zu ruͤhmen
wußten, nicht recht trauen würde, schlugen sie vor, die betreffende
Summe dem Bürgermeister Franck in Warin zu übergeben, durch
        <pb n="19" />
        119

dessen Vermittelung sie sich die Seide aus Hamburg kommen lassen
wollten, um sie je nach Bedarf in Beträgen von je 10 Pfund von
ihm abzuheben. Dem Herzog suchten sie das ganze nicht sehr lockende
Geschäft dadurch annehmbar zu machen, daß sie vorstellten, wie der
Betrieb ihres Geschäftes Nahrung in die Stadt Warin brächte.
Indeß es wird sich kaum in Wirklichkeit mit der Blüthe des
Geschäfts so verhalten haben, wie die beiden Unternehmer sie schilder—
ten. Noch ehe die Entscheidung der Kammer ergangen war, hatten
sich die Compagnons entzweit, und am 15. Mal 1784 reichte Herr
Hartung allein dem Herzog eine Eingabe ein, in der er um ein Dar⸗
lehn von 50 Thalern zum Ankause von Seide bat. Gleichzeitig
ersuchte er den Herzog, ihn vor den Verwandten seines früheren
Compagnons schützen zu wollen; er sei vor ihnen nicht auf der Land⸗
straße sicher. Man wird es wohl als selbstverständlich ansehen müssen,
daß der Herzog verschmähte, mit Hülfe solcher etwas eigenartiger
Männer Industrieen in Meklenburg groß zu ziehen.
Mittlerweile geschah in Preußen unter Friedrich dem Großen
außerordentlich viel fuͤr die Entwickelung der Seidenindustrie. Im
Jahre 1746 wurde von der kurmärkischen Landschaft ein Kapital von
100 000 Thalern aufgenommen, die zur Beförderung des Seiden⸗
baues und der Seidenmanufacturen verwandt werden sollten. Man
zog aus aller Herren Ländern, aus Italien und Oesterreich, aus
Leipzig und Dresden, aus Hamburg, Amsterdam und Kopenhagen,
aus Basel und Zürich, namentlich aber aus Frankreich, und zwar
ganz vorzugsweise aus Lyon, Meister und Gesellen heran und unter⸗
stützte sie mit Privilegien. Einzelnen größeren Unternehmungen wurden
Monopole und Exportprämien zugestanden und Vorschüsse gewährt;
durch Einführung einer regelmäßigen Waarenschau strebie man die
Güte der Fabrikate an. Die Ersͤffnung eines Seidenmagazins er⸗
möglichte, namentlich vortheilhaft für die kleineren Fabrikanten, die
Beschaffung des Fabrikationsmateriales besser und biluͤger, als es der
Einzelne vermochte. Eine Reihe von Maßregeln endlich bezog sich
auf die Erleichterung des Absatzes zunächst auf dem inländischen
Markte, dann aber auch im Ausland. Durch Norddeutschland ging
der große Zug der westeuropäischen, namenllich der französischen,
Luxuswaaren nach dem Osten und Norden, wo die Prunksucht der
polnischen und russischen Edelleute einen immer aufnahmebereiten Markt
bot. Daher wurde bereits 1746 sämmtlichen Berliner Seidenzeug⸗
fabrikanten eine Export-Prämie von 4 Procent aus der Accisekaffe
bewilligt, die einige Jahre später auf das Doppelte erhöht wurde.
Unter diesen günstigen Verhältnissen war bis zum Ausbruch des
siebenjährigen Krieges der Gesammtbetrieb in allen Zweigen der
        <pb n="20" />
        120

Industrie, mit Einschluß der Halbseiden-, Seidenstrumpf- und Seiden⸗
bandfabrikation, in Berlin auf 900 bis 1000 Stuͤhle gebracht worden,
wovon 4-500 auf Sammet- und Seidenzeugmanufacturen kamen.
Auch in Potsdam waren ungefähr 100 bis 200 Stühle im Gange.
Die Zahl aller in Berlin und Potsdam in der Seidenindustrie bde—
schäftigten Personen mag sich auf gegen 4000 belaufen haben, der
Werth der Production auf ca. 800 000 Thaler jährlich.)
Wie glänzend mithin die Industrie sich entwickelt hatte, so gab
es natürlich immer einige Individuen, die es nicht gut getroffen
hatten und die aus Preußen wieder fortstrebten in der Hoffnung, an
einem anderen Platze mehr Glück zu haben. Waren es bisher in
der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts unternehmende Deutsche ge⸗
wesen, die sich nach Meklenburg wandten, so hören wir nun von
einigen Franzosen.
Im Jahre 1751 meldet Isaac Jeremias de Roche aus der Mark
seine Bereitwilligkeit, eine Tapetenfabrik anzulegen. Er war ein
Meister der Gobelinsweberei und konnte gewirkte Tapeten von Wolle
und Seide, auch von Gold und Silber herstellen. Aber er besaß
nicht einmal einen Webstuhl und scheint überhaupt gänzlich mittellos
gewesen zu sein. Er wollte auch gar kein selbststäändiges Geschäft
eröffnen, sondern gegen einen Wochenlohn von 4 Thalern die ihm
übergebenen wollenen und seidenen Garne verweben, so daß die
Fabrikate nach ihrer Fertigstellung dem Herzog gehört haben wuͤrden.
Den erforderlichen großen Webstuhl und das üͤbrige Geräth, einen
geräumigen Keller zu dessen Aufstellung, sowie eine Wohnung sollte
der Hof außerdem stellen. Nach der Berechnung, die dem Angebot
——
Rücklehne von Stühlen, für Tabourets und Seitenstücke?) nöthigen
Stoffe auf diese Weise viel wohlfeiler erhalten haben, als wenn er
sie von auswärts hätte kommen lassen. Eine Resolution liegt den
Acten nicht bei. Augenscheinlich war von einer derartigen Luxus—
industrie bei dem verhältnißmäßig geringen Bedarf des Hofes für
das Land kein erheblicher Vortheil zu erwarten.
Sehr viel zweckmäßiger wäre es gewesen, den Vorschlag der
Fabrikanten Carl Heinrich Hobeck und Isaae Duscheer zu berück—
sichtigen. Diese beiden hatten in Berlin eine Fabrik besessen, in der
Kattune, baumwollene und halbseidene Zeuge angefertigt wurden und
waren aus unbekannten Gründen mit ihrem Etablissement nach Par—
chim übergesiedelt. Von dort wandten sie sich am 16. August 1762
) Hintze, a. a. O., S. 111, 112, 115, 138, 149, 151.
) Vielleicht eine bestimmte Art kleinerer Möbel.
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an die herzogliche Regierung mit der Bitte, ihnen ihr Vorhaben
zu erleichtern und sie mit baarem Gelde zu unterstützen. Accise-,
Personal-, Contributions- und Einquartirungsfreiheit, Freiheit von
der Jurisdiction des Magistrats zu Parchim, Holz zum Bau des
Fabrikgebäudes unentgeltlich oder zur halben Forsttaxe, freien Absatz
ihrer Erzeugnisse und jährliche Zuschüsse von 10 Thalern pro Web—
stuhl, sowie von 20 Thalern für Unterweisung eines inländischen
Lehrjungen — das waren ihre Forderungen. In der Zeit, während
welcher sie bauen und Vorbereitungen zum Betriebe der Fabrik treffen,
die sie auf etwa 1-1/ Jahre schätzen, wünschten sie ihre in Berlin
hergestellten Zeuge frei in Meklenburg verkaufen zu können.
Die letztere Bedingung ruft den Eindruck hervor, als ob es
hauptsächlich auf den Absatz von in Berlin nicht verkäuflichen Stoffen
abgesehen war. Die dortigen Fabrikanten klagten beständig über den
Mangel an Absatz und die Ueberschwemmung des Landes mit fremden
Waaren.) Es wäre also denkbar, daß ein paar findige Köpfe auf
diesen nicht unschlauen Ausweg gekommen wären, unter Vermeidung
der Acciseabgaben ihre Fabrikate in Meklenburg an den Mann zu
bringen. Uebrigens lassen sich beide Namen nicht unter den Berliner
Seiden⸗-Industriellen nachweisen, wenn man nicht eine Entstellung der—
selben, etwa aus Hubert und Duchesne, annehmen will, was immerhin
nicht ganz ausgeschlossen ist.
Wie dem gewesen sein mag, Herzog Friedrich jedenfalls faßte
den Antrag ganz ernsthaft und beauftragte seine geheimen Räthe, ihn
in sorgfältige Erwägung zu ziehen. Diese aber benutzten die Ver—
anlassung, um, wie schon vor zwei Jahren im Fall Verdier, als es
sich um die Anlage von Maulbeerbaum-Plantagen gehandelt hatte,
sich dahin auszusprechen, daß es richtiger wäre, die Verarbeitung ein—
heimischer Rohstoffe zu begünstigen. Die Kammer fand es höchst
bedenklich, die „eruda““ aus dem Auslande einzuführen und dafür
„einen Theil des nervi gerendarum rerum hinauszuschaffen.“
Die Schweizer holten die meklenburgische Wolle durch die dritte Hand
und brächten „2u unserer Schande“ später schöne Zeuge mit ansehn—
lichem Gewinne zu uns zurück. Immerhin mochte die Kammer nicht
in Abrede nehmen, daß auch durch Import der Rohstoffe, wenn man
ihn klüglich anfange, ein Vortheil für das Land erzielt werden könne,
„wie solches die nahe Erfahrung in den churmärkischen Landen
gelehret hat.“ Sie brachte daher in Vorschlag, den Petenten ähn⸗
liche Privilegien zu bewilligen, wie sie der jüngst in Doberan angelegten
Wollenmanufactur eingeraͤumt seien.

) Hintze, S. 149.
Jahrbuch des Ver. s. mekl. Gesch. LVIII.
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Der Herzog erklärte sich mit dieser Auffassung einverstanden und
ließ beide Maͤnner zu weiteren Verhandlungen vor der Kammer nach
Schwerin rufen. Ob sie der Einladung gefolgt sind und was aus
der Angelegenheit wurde, entzieht sich unserer Kenntniß.
Kurze Zeit nach dieser Affaire erklärte) durch Vermittelung des
Hofraths Blume in Güstrow ein aus Berlin gekommener Seiden⸗
weber Johann Babtist Monet seine Bereitwilligkeit zur Anlegung
einer Seidenfabrik. Aus Lyon gebürtig, hatte sein in Güstrow bereits
ansässiger Landsmann Soucard ihn wohl zu einer Reise dahin bewogen.
Monet wollte, indem er in ähnlicher Weise, wie in den früher be—
trachteten Fällen, Steuerfreiheiten, Vorschüsse, freie Wohnung, Liefe—
rung des Webstuhles u. dgl. m. verlangte, nicht nur die Fabrikation
von seidenen Bändern, rolhen und schwarzen Atlassen, allen Arten
von Taffet, Gold- und Silberbrocaten in Gang bringen, sondern
auch eine Saffiangerberei eröffnen. Er verstand die Kunst, „das
RKalbfell weien zu machen, die veritable Saffiansbereitkunst.“
Die Kammer, die diese Vorschläge vom Herzog zum Erachten zugewiesen
erhielt, wiederholte ihre fruͤhere Ansicht über die Begünstigung der
Industrieen. Da indeß gegenüber der Gerberei ihre Bedenten nicht
zutrafen, so meinte sie, koͤnne man mit dem Petenten immerhin ver⸗
handeln, den Hauptnachdruck aber dann jedenfalls auf seine Geschick⸗
lichkeit in der Herstellung des Saffians legen. Es scheint, als ob
Monet, der sich unterdessen mit einem Kollegen, Namens Giroud,
verbunden hatte, um die Unternehmung gemeinsam auszuführen,
wirklich in Schwerin auftrat. Aber man konnte von seinen Anerbietun—
gen keinen rechten Gebrauch machen. Die Kammer rieth dem Herzog
nach genauer Erwägung ab, die Fabrik auf seine Kosten eröffnen zu
lassen. Wenn die Bewerber auf eigenes Risiko den Betrieb in Gang
bringen wollten, so ließe sich nichts dagegen sagen.
So sind denn beide Franzosen in Berlin geblieben. Im Jahre 1788
findet sich unter den dortigen Seidenwebern ein Monel und im Jahre
vorher unter den kleineren Seidenfabrikanten ein Giroud sen. und
ein Giroud jun. erwähnt. Seidenweber mit dem Namen Giroud
kommen in Berlin schon seit 1749 vor.?)
Alle diese abschläägigen Bescheide vermochten nicht immer, wieder
neue Meldungen zu hindern. Am 10. September 1778 machen
Johann Michael Weiß und Franz Michael Weiß dem Herzog den
Vorschlag, in Güstrow, wo sie sich bereits seit März aufhielten, eine
Seidenfabrik zu etabliren. Wieder handelte es sich um Vorschüsse,

R Am 9. März 1764.
9 Acta Borussica, Schmoller-Hintze, II, S. 311, 351; 1, S. 178.
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die gewährt werden sollten und nicht gegeben werden konnten. So
zerschlug sich auch dieses Project.
Erwägt man alle diese fruchtlosen Versuche, dem Lande zu einer
eigenartigen Industrie zu verhelfen, so kann man ein leises Bedauern
nicht ganz unterdrücken, daß die Mittel fehlten, das Werk zu fördern.
Zwar hatte die Kammer mit ihrem Standpunkle recht, wenn sie lieber
die Verarbeitung einheimischer Rohstoffe in Angriff genommen wissen
wollte. Indeß ist die Kuliur der Maulbeerbäume in der That nicht
so aussichtslos, wie man damals in gewissen Kreisen angenommen zu
haben scheint. Es ist richtig, wenn Becher seiner Zeit betonte, daß
der Baum in klimatischer Beziehung für Deutschland passe. Er ver⸗
trägt bei richtiger Behandlung ziemlich hohe Kälte und kommt auf
sandigem Boden gut fort. Der Satz, daß je kühler das Klima, je
feiner das Haar wird, welches das Thier erzeugt und schützt, gilt
auch für den Seidenfaden. Dazu kommt, daß zum gewöhnlichen Be⸗
triebe der Zucht von Seidenraupen kein befonderes Gebaͤude erforderlich
ist, sondern, da sie ja nur 5 Wochen in jedem Jahre dauert, leicht
in Räumlichkeiten, wie Stuben und Hausböden, vorgenommen
werden kann, die sonst anderen Zwecken dienen. Endlich kann das
Holz des Baumes oder, wenn er älle vier Jahre, ähnlich den Weiden,
gekröpft wird, seine Zweige und seine Rinde gewerblich vielfach aus—
genutzt werden. Demgemäß bietet auch heute noch die Kultur der
Seidenraupe ein dankenswerthes Object, das man regierungsseitig
nicht so ganz außer Acht lassen sollte.
Jene älteren Bestrebungen sind aber auch deshalb interessant,
weil sie uns Meklenburg immer im engen Zusammenhang mit den
Kulturfortschritten der Zeit zeigen. Die Landesfürsten verschließen ihr
Auge keineswegs den Vorgängen in ihrer Nähe. Sie sind siets darauf
bedacht, die Gesammtwirthschaft des Landes zu heben, indem sie eine
bisher vernachlässigte Seite derselben besonders begünstigen. Wenn
es ihnen wenig, in diesem Falle gar nicht gelang, den Widerstand
ihrer Umgebung zu besiegen, so muß man erwägen, wie langsam sich
gleichzeitig in dem viel größeren Brandenburg die Neuerung ein—
bürgerte und welche erhebliche Summen dort geopfert wurden, die in
Meklenburg nicht zur Verfügung standen.
Seltsam uns anmuthende Verhältnisse treten uns aus den Acten
entgegen. Auf der Seite der Gewerbetreibenden eine gewisse Naivetät,
die vom Landesfürsten die größten materiellen Opfer ohne Zaudern
erwartet für Zwecke, die nicht immer ganz klar sind, für Ziele, die
keineswegs leicht zu erreichen waren; ein unverwüstlicher Optimismus,
der trotz durchgängig ablehnender Haltung es nicht verschmäht, sich
stets wieder der Regierung zu nähern, um vielleicht doch in einem
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günstigen Momente etwas zu erreichen. Auf der anderen Seite sind
die Geduld der Herzöge, die Pflichttreue der Kammerbeamten be—
wunderungswürdig, die nicht ermüden, die merkwürdigsten Projecte,
deren Kernpunkt die Bewilligung von Vorschüssen bleibt, sich aufs
Neue vortragen zu lassen und zu prüfen. Man kann diese Erscheinung
nur erklären durch die geringe Unternehmungslust und die große
Mittellosigkeit der einheimischen Gewerbetreibenden und Geschäftsleute,
die, in den Fesseln des Zunftwesens befangen, für die Regungen der
neueren Zeit kein Ohr hatten. Der Ruf von dem Inleresse und
Verständniß, das unsere Landesherren der aufkeimenden Industrie
schenkten, mußte weit gedrungen sein, wenn beständig Fremdlinge mit
ihren Projecten auftauchten.
Was das vorige Jahrhundert uns versagte, das laufende brachte es.
Als in den zwanziger Jahren allmählig sich in Deutschland erneutes
lebhaftes Interesse für den Seidenbau zeigte, in Bayern, in Baden,
in Preußen erfolgreiche Versuche gemacht und Vereine zu seiner Ve—
förderung gegründet wurden, da hat man auch in Meklenburg erreicht,
was man so lange vergeblich anstrebte. Die erste Anpflanzung von
Maulbeerbäumen geschah zu Dabelow im Strelitzschen im Jahre 1882
auf einer vom Kammer- und Forsteollegium zu diesem Zwecke her—
gegebenen Forstackerfläche von ungefähr 200 Duadratruthen. Aber
die Bäumchen wollten hier nicht gedeihen. Einige Jahre später
— 1837 — pachtete der Lehrer Barteld in dem genannten Orte
eine Kirchenwörde von derselben Größe mit sehr gutem schwarz—-lehmigen
 Boden, und hier gelang die Anpflanzung vollkommen, die
einen sehr lohnenden Betrieb des Seidenbaues ermöglichte.“) In
Ludwigslust interessirte sich die Erbgroßherzogin Alexandrine für das
Aufkommen dieses Industriezweiges und veranlaßte, daß der Gärtner
Benque nach Klein-Glienike bei Potsdam geschickt wurde, um sich
dort unter der Leitung des Regierungs- und Schulraths von Türck
in dem Seidenbau unterrichten zu lassen. Nach der Rückkehr von
dort veröffentlichte der junge Mann 1834 im Freimüthigen Abend—
blatt) einen Aufsatz, in dem er die zu erwarlenden Vortheile der
neuen Kultur auseinandersetzte und trieb die Seidenraupenzucht, wenn
auch in bescheidenem Umfange, mit dem Laube von Bäumen, die im
Seminargarten zu Ludwigslust standen.ꝰ)
In größerem Maßstabe — soviel bekannt ebenfalls seit 1832 —
machte Herr Behm in Boizenburg Anpflanzungen von weißen Maulbeer⸗

) Zur Förderung des Seidenbaues, S. 29.
Bo i6. Rr e
) A. a. O., Bd. 20, Nr. 10, 11.
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bäumen und Maulbeerbuschbäumen und legte 1835, 1838 und 1839
große Schulen von Maulbeerbäumen an, die sämmtlich auf das Er—
freulichste gediehen.)
Ihm folgten bald andere — 18389 Graf von der Osten-Sacken
auf Marienhof, von Blücher auf Lüdershagen, Pogge auf Bartels—
hagen und Engel auf Gr.„Grabow —, sodaß im Jahre 1851 nach
dem Muster des 1843 für die Mark Brandenburg gestifteten Seidenbau—
Vnreins der Seidenbau⸗Verein für beide Meklenburg gegründet werden
onnte.
Die weitere Entwickelung desselben gehört nicht mehr hierher.
Unter allen Umständen sind seine Bestrebungen höchst erfreulich; noch
die letzte Landes-Ausstellung von 1892 in Rostock hat die Lebens—
fähigkeit des Industriezweiges aufs Deutlichste erwiesen.

9 8. J. Behm, Einladung zur Subseription auf meklenburgische weiße
Maulbeerbäume ꝛc., 1839.
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</TEI>
