<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Die Entwicklung der Deutschen Schaumweinindustrie</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Herbert</forname>
            <surname>Rheinberg</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>1969229047</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        16072
        <pb n="2" />
        Staatswissenschaft


Die Entwicklung der

Deutschen Schaumweinindustrie.



Inaugural-Dissertation

zur

Erlangung der Doktorwürde

der

aohen philosophischen Fakultät

der

Ruprecht-Karls-Universität zu Heidelberg

vorgelegt von

Herbert. Rheinberg
aus Frankfurt a. M.

AA
&amp;gt;
&amp;gt;
Ss xx
= Un: Versita
=
a Im.
Wo Z—,
CM .4m"

Heidelberg,

Universitäts-Buchdruckerei von J. Hörning,

‘69
        <pb n="3" />
        Einleitungeg.

Geschichtliches .. . .
Gang der Fabrikation “ x 4%
Lage der Produktionsorte und Arbeiterverhältnisse
Weiterentwicklung der Industrie
Gesetzgebung .. . . .
Statistik von 1902-1907 .
Einwirkung auf Weinbau und Industrie
Steuern und Abgaben . . ..
Allgemeine Weinbau-Statistik .
Export mit Statistik «= + W
Französische Statistik der Champagnerindustrie
12. Art des Verkaufs . . .
13. Kapitalbedarf und Verdienst
14. Vereinigungsbestrebungen .
15. Augenblickliche Lage .
16. Schluss.

Sy,

Seite

2
22
23
7
70
3
37
38
        <pb n="4" />
        ©
m

©
Q

&amp;gt;
S

co
&amp;lt;x

be

7
&amp;lt;a
Q
MM =

©
18)

-
«T

[3

-
CC

&amp;gt;
CC)

€—
cc)

Als im Jahre 1826 in Esslingen in Württemberg
 die erste deutsche Champagnerfabrik — wie
es früher hiess — gegründet wurde, konnte diese
Industrie in Frankreich auf eine schon lange und
erfolgreiche Tätigkeit zurückblicken.
Schon im Jahre 1729 war eine jetzt noch bestehende
 Firma gegründet worden, und in den
Jahren 1750--1790 entstehen in der Champagne
eine ganze Anzahl von Firmen, die ihre Erzeugnisse
 schon in bedeutenden Quantitäten nach
Deutschland und England exportierten.
Über die Erfindung der Schaumweinbereitung
selbst existieren wissenschaftlich feststehende Daten
nicht. Die Erfindung wird dem Kellermeister der
Benediktinerabtei von Hautvillers bei Epernay, Dom
Perignon (1638 geboren zu Sainte-Menehould, gestorben
 zu Hautvillers 1715) zugeschrieben, der um
1670 zuerst moussierende Weine hergestellt haben
3911.

Tatsache ist, dass Anfang des 18. Jahrhunderts
der Herzog von Vendöme seinen Gästen bei Festlichkeiten
 moussierende Weine aus der Gegend von
Av vorsetzte.*)
Ehe ich nun weiter auf die Entwicklung der
Industrie eingehen kann, ist es notwendig, einige
technische Bemerkungen einzuflechten.

1) S. Schrift d. H. N. E. Legrand, Secretaire Archiviste du
Syndicat du Commerce des Vins de Champagne Reims 1896.

N
©

£

©
CC)

©
(ep)

DO

S

R
SA,

ha
I

2.

3
=

zz

E:

DO

-

oo

-e
eo

o
Da

-$

O2
er

DD
el

N
nr

N
OO

N
©)

—E
—

N

Li
        <pb n="5" />
        Der Gang der Fabrikation ist kurz folgender:
Der im Herbst gekelterte, zum Schaumwein
bestimmte Most wird, wie jeder andere, zunächst
der alkoholischen Gährung unterworfen und ebenso
 nach eingetretener Klärung von dem am Boden
des Fasses abgesetzten Trube, der hauptsächlich
aus Hefezellen besteht, getrennt (abgestochen).
Um nunmehr den Stillwein in einen moussierenden
 durch natürliche Kohlensäure zu verwandeln,
 muss er eine zweite Gährung durchmachen,
zu welchem Zwecke er mit Zucker versetzt werden
muss, dessen lediglich zur Erzeugung der Kohlensäure
 erforderliche Menge nach wissenschaftlichen
Grundsätzen bestimmt wird.
Während die erste Gährung derart im Fasse
vor sich gegangen ist, dass das sich bildende Gas
— die Kohlensäure — hat entweichen können, wird
der, wie oben bemerkt, mit Zucker versetzte Wein
nunmehr in Flaschen gefüllt, welche fest verkorkt
werden, sodass die zweite Gährung im geschlossenen
 Raume vor sich geht. Hierbei setzt sich der
Zucker in Alkohol und Kohlensäure um.
Die mithin auf natürlichem Wege durch Gähtung
 entstandene Kohlensäure kann infolge des
dichten Flaschenverschlusses nicht entweichen, sondern
 bleibt im Weine gelöst und bewirkt dadurch
das Moussieren,
Die näheren Details der weiteren Behandlung,
die Entfernung der durch die Gährung in der
Flasche entstandenen Hefe (das Degorgieren), der
spätere Zusatz von Zucker, um den Wein den verschiedenen
 Geschmacksrichtungen anzupassen (Dosage),
 sind Details der Praxis, die hier nur insofern
 Interesse haben, als dazu ein Stamm von erfahrenen
 und zuverlässigen Arbeitern gehört und
        <pb n="6" />
        eine ca. zweijährige Behandlung des Weines, inklusive
 der Zeit der Gährung.
Dies ist die richtige, in Frankreich und Deutschland
 gleichmässig ausgeübte Praxis bei den Kellereien,
 die — „echten Schaumwein“ — wie ich
den Gährungsschaumwein bezeichnen will — herstellen.
 Denn es gibt noch eine andere Methode,
gerade wie bei den Mineralwassern, nämlich durch
künstliches Einpumpen der Kohlensäure. ;
Bei der Verzollung und Versteuerung wird
zwischen den beiden Arten kein Unterschied gemacht,
 dagegen wohl in der sogenannten amtlichen
Schaumweinstatistik. - -
Da bei den Franzosen die Schaumweinindustrie
zu hoher Blüte gekommen und die deutschen Weinhändler
 ihren Abnehmern das französische Produkt
verkaufen mussten, lag die Idee nicht ferne, besonders
 da wir selbst in Deutschland sehr geeignete
und gute Weine besitzen, deutsche Schaumweinkellereien
 zu gründen.
Wie zu Anfang bemerkt, wurde 1826 zu Esslingen
in Württemberg die erste deutsche Schaumweinkellerei
 gegründet‘) und hat sich die Industrie aus
kleinen Anfängen zu einem grossen Umfange aufgeschwungen.
 Die ersten Schaumweinkellereien
befanden sich in Schwaben, Schlesien und Sachsen,
 während jetzt der Schwerpunkt der Industrie
in den Kellereien im Zentrum des rheinischen
Weinbaugebietes liegt.
Diese Konzentrierung der Schaumweinindustrie
in den weinbauenden Ländern, hat naturgemäss
ihre Gründe und ist da wohl vor allen Dingen zu
berücksichtigen, dass die meisten Schaumweinindustriellen
 aus dem Weinhandel oder den Wein-1)

 J. Dornfeld, Weinbau in Schwaben 1868, S. 262.
        <pb n="7" />
        produzenten hervorgegangen sind. Für die Anlagen
 war es natürlich sehr günstig, wenn sie in
der Nähe der Produktionsorte des Rohweines lagen,
damit die verteuernde Fracht in Wegfall komme.
Ausserdem war auch bestimmend, dass der Name
von bekannten Weinorten als Domizil der betreffenden
 Kellerei immerhin eine Reklame und eine
Erleichterung des Geschäftes war.
Nicht zum Mindesten aber ist auch die Arbeiterfrage
 zu berücksichtigen. Wenn auch in der Schaumweinindustrie
 viel weniger Arbeiter als in anderen
Industrien notwendig sind, so braucht man doch
vor allen Dingen nüchterne und zuverlässige Arbeiter.
 Bei dem augenblicklichen Stande der Industrie
 werden ca. 1500 Arbeiter mit einem Jährlichen
 Lohnbezug von ca. 1 500000 Mk. beschäftigt.)
Es war für die Gründer von Schaumweinkellereien
wünschenswert, Leute zu bekommen, die mit der
Behandlung des Weines und mit Kellerarbeiten bekannt
 waren und diese konnte man doch nur, oder
hauptsächlich in den Weinbaugebieten finden. Heute
noch sind die Arbeiter in der Schaumweinindustrie
zum überschiessenden Teil keine ungelernten Arbeiter.
 Die einzelnen Betriebe ziehen sich ihren
eigenen Stab von Arbeitern an, die meistens nach
ihrer persönlichen Geschicklichkeit auch bezahlt
werden. Am höchsten natürlich die Degorgeure
und Rüttler, die nur nach jahrelanger Übung zu
einer Vervollkommnung ihrer Tätigkeit kommen
können. Gewöhnlich sind die Arbeiter auch Eingesessene
 der Produktionsorte und befinden sich
in geordneten Verhältnissen. Die grosse Mehrzahl
derselben, abgesehen von den Arbeitern in den

1) Laut Angabe der Nahrungsmittel-Industrie - Berufsvenossenschaft.
        <pb n="8" />
        grossen Städten, hahen ihre eigenen Äcker und
teilweise auch Weinberge, die von den weiblichen
Mitgliedern der Familie bearbeitet werden. Im
Ganzen gehören die Arbeiter, die in der Schaumweinindustrie
 beschäftigt werden, zu der besseren
Klasse von Arbeitern.
In neuerer Zeit haben sich in den Grenzlanden
eine ganze Anzahl von Schaumweinkellereien niedergelassen,
 die teils mit französischen Namen,
teils als Filialen bestehender französischer Firmen
gegründet wurden und welche Rohweine aus Frankreich
 beziehen und daher in der Nähe der französischen
 Grenze, aber ebenfalls im elsass-lothringischen
 Weinbaugebiet und Luxemburg sich angesiedelt
 haben. Von diesen Firmen wird später bei
Erwähnung des Weingesetzes vom 24, Mai 1901
nochmals die Rede sein.
Es begann dann an verschiedenen Stellen die
Herstellung von Schaumweinen im Nebenbetriebe !)
und erst 1861 weist die amtliche bayrische Statistik
eine Schaumweinkellerei als solche in Bayern nach.”)
Im Jahre 1840 betrug die jährliche Gesamtproduktion
 der deutschen Schaumweinkellereien
nicht mehr als '/s Million Flaschen und 10 Jahre
später, 1850, ca. 1'/s Miffion, in deren Erzeugung
sich ungefähr 30 Betriebe teilen.°‘) Die meisten
dieser Schaumweinkellereien haben im Anfange
weniger ihre eigenen Marken vertrieben, als vielmehr
 Spezial- und Phantasiemarken für ihre Abnehmer
 hergestellt und auch teilweise unter französischen
 Marken geliefert. Dann kommt eine
Periode, in welcher der im Inlande hergestellte

‘) Dr. Bassermann-Jordan, Geschichte des Weinbaues, I.
2) Beiträge zur Statistik des Königreichs Bavern, X, 1862,

3. 99,
3) Offizieller Ausstellungskatalog, Paris 1900.
        <pb n="9" />
        ff)

Schaumwein unter der Bezeichnung z.B. „Moussierender
 Rheinwein“, „Moussierender Moselwein“
in den Handel gebracht wird.
Nach und nach bürgert sich aber der Begriff
„Deutscher Schaumwein“ ein und im Jahre 1873
bestehen schon ca. 40 Betriebe mit einer ungefähren
 Jahresproduktion von 4 Millionen Flaschen,
die auch mit ihrem eigenen Namen und Marken
und mit ihren Produktionserzeugnissen als „deutsche
 Schaumweine“ hervortreten.
Als das Gesetz über Markenschutz vom 30. November
 1874 in Kraft trat, fand die deutsche Schaumweinindustrie
 darin eine wesentliche Stütze.

Durch stetiges und beharrliches Arbeiten und
das Streben, die geeigneten deutschen Weine zu
finden, und infolge richtiger Zusammenstellung der
verschiedenen Weine hatte es die deutsche Schaumweinindustrie
 verstanden, den verschiedenen Geschmacksrichtungen
 der Konsumenten gerecht zu
werden und hatte ihren Erzeugnissen im Inlande
und auch schon im Auslande Anerkennung geschaffen.
 So wurden die deutschen Schaumweine
1867 in Paris auf der Ausstellung prämiiert und es
wurde ihnen volle Anerkennung gezollt. Im Jahre
1873 wurde in Wien auf der Ausstellung selbst von
den Franzosen zugestanden, dass einige geringe
deutsche Schaumweine besser als die geringen
französischen seien und die besseren den besseren
französischen entschieden zur Seite gestellt werden
könnten.

Die im Inlande und Auslande nunmehr anerkannte
 Tatsache, dass der deutsche Schaumwein
bei billigzem Preise eine hervorragende Qualität

1) Offizieller Ausstellungskatalog, Chicago 1893.
        <pb n="10" />
        41

bietet, hat diese Industrie einen gewaltigen Aufschwung
 nehmen lassen und kein geringerer als
Bismarck hat schon im Jahre 1870, als er in Mainz
im Hause eines Schaumweinkellereibesitzers im
Quartier lag, sich von der Bedeutung dieser Industrie
 überzeugt.

Eine kluge und geeignete Zollpolitik war auch
der Entwicklung günstig:
Der Eingangszoll auf Wein in Flaschen nebst
Schaumweinen wurde im deutschen Zollverein am
1. Januar 1836 auf 46,6 Mark für 100 Kilo festgesetzt.


Am 1. Januar 1840 erfolgte eine Erhöhung auf
48 Mark; dann trat am 1. Juli 1865 eine wesentliche
Herabsetzung dieses Zolles auf 24 Mark und am
1. Juni 1868 eine weitere auf 16 Mark ein. Jedoch
blieb zunächst bis 1. Oktober 1873 der Zoll von
24 Mark denjenigen Ländern gegenüber bestehen,
welche den Zollverein nicht gleich den meist begünstigsten
 Ländern behandelten.
Vom 7. Juli 1879 ab erfolgte dann wieder eine
Erhöhung dieses Zolles auf 48 Mark und für Schaumweine
 insbesondere wurde am 21. Februar 1885 ein
Zoll von 80 Mark für 100 Kilo festgesetzt. Am
1. März 1906, dem Tage des Inkrafttretens des Zolltarıfgesetzes
 vom 25. Dezember 1902 wurde dieser
Satz auf 120 Mark erhöht.

Natürlich hat diese Zollpolitik auf die Einfuhr
einen Einfluss ausgeübt. So wurden in Deutschland
Schaumweine eingeführt:
        <pb n="11" />
        2

Jahr

1880
1881
1882
1883
1884
1885
1886
1887
1888
1889
1890
1891
1892
1893
1894
1895
1896
1897
1898
1899
1900
1901
1902
1903
1904
1905
1906
1907

Menge (Tonnen)

2641
2953
3040
3089
3844
2583
1592
1611
1560
1968
2133
2272
1913
1975
1851
2132
2325
2456
2678
2789
4208
1578
2002
2220
2296
2578
2804
2003

Wert
Millionen Mark

5.9

6,6
7,3
7,4
9,2
6,2
3,3
3,3
3,1
3,9
4,3
5,1
4,3
4,4
4,2
4,8
5,2
5,5
6,0
6,3
9,5
3,6
4,5
4,9
5,1
5,7
6,2
6.5

(1 Tonne = ca. 540 Flaschen.)
        <pb n="12" />
        13

Daraus ist zu ersehen, dass vor der ersten
Zollerhöhung in 1885 die Einfuhr von 1880—1884
um 1203 Tonnen zugenommen hatte. Wenn man
von dem Jahre 1900 absieht, dessen Einfuhrziffer
als Vorauskäufe durch das nachfolgende Zolltarifgesetz
 von 1902 erklärt wird, so hat die Einfuhr
nicht wesentlich zugenommen und sind im Jahre
1907 nur 262 Tonnen mehr, als. im Jahre 1880 eingeführt
 worden und ist diese Stagnierung der Einfuhrziffer
 dem Konsum des deutschen Schaumweines
 zu Gute gekommen.
Vieles hat auch zum Aufschwung der deutschen
Schaumweinindustrie die Hebung des allgemeinen
Volkswohlstardes in Deutschland beigetragen; denn
Deutschland ist noch immer das Hauptkonsumland
für den inländischen Schaumwein. Mit dem wachsenden
 Wohlstande geht auch das wachsende Bedürfnis
zu genussreicherem Leben Hand in Hand und diesem
 Bedürfnis hat die Industrie Rechnung getragen
durch gute und preiswerte Erzeugnisse.
Es wird wohl niemand leugnen, dass Schaumwein
 eigentlich ursprünglich ein ausgesprochener
Luxusartikel war, und wir finden hier, dass ein
Luxusartikel durch Sitten, Gebräuche und vor allen
Dingen Meinungskonsum zum Standard of life der
mittleren Lebenshaltung gehört. Es lässt sich heutzutage
 nicht umgehen, bei Festlichkeiten in der
Familie, selbst bei kleineren Verhältnissen, den
Gästen Sekt vorzusetzen und gewisse Kreise sind
geradezu gezwungen, dies zu tun, um ihre gesellschaftliche
 Stellung aufrecht zu erhalten, resp. den
ihrer Stellung entsprechenden Aufwand zu zeigen,
ödhne wirklichen Luxus zu treiben.
Auch in der Medizin wird der Schaumwein als
Belebungsmittel verwandt, doch sind das natürlich
einzelne Fälle, die nicht in Betracht kommen.
        <pb n="13" />
        —— 14 —

Durch diese Umstände und durch eifrige Propaganda
 hat die Produktion des deutschen Schaumweines
 stetig zugenommen. Auch der Export beginnt
 sich zu heben:
1881 werden 1389 Tonnen
1891 » 1766 »
1901 „ 1959 »
exportiert, was eine Zunahme von 41% bedeutet.
Als im Jahre 1900 ein bedeutender Geldbedarf
sich im Reichshaushalte fühlbar machte, wurde im
Reichstage, ohne dass die Regierung den Antrag
gestellt hatte, das Begehren laut, nach einem Gesetzentwurf,
 zur Einführung einer Verbrauchsabgabe
 vom inländischen Schaumweine, gleichzeitig
mit dem Wunsche nach einer Abänderung des Zolltarifgesetzes,
 d. h. einer entsprechenden Erhöhung
des Champagnerzolles.
Dieses in Aussicht stehende Schaumweinsteuergesetz
 hat natürlich in der Industrie grossen Widerspruch
 hervorgerufen, wurde aber vom Reichstage
angenommen und ist als „Schaumweinsteuergesetz
vom 9. Mai 1902“ in Kraft.
Dieses Gesetz verlangt eine besondere Beachtung,
 denn zum ersten Male wird hiermit der Versuch
 gemacht, eine sogenannte Luxusverbrauchssteuer
 einzuführen.

Auch steuertechnisch bedeutet das Gesetz eine
Neuerung, da zum ersten Male das Steuerzeichensystem
 (Banderole) zur Erhebung einer Verbrauchsabgabe
 im deutschen Reiche zur Anwendung kommt.
Die Steuer beträgt 50 Pfennig pro Flasche und
das Gesetz trat mit dem 1. Juli 1902 in Kraft.
Es ist aber nicht das erste Mal, dass sich die
Reichsgesetzgebung mit dem Schaumweine befasst.
In den Ausführungsbestimmungen vom 2. Juli 1901
        <pb n="14" />
        — 143

zum Weingesetz vom 24. Mai 1901 wird verlangt,
dass das Herstellungsland des Schaumweines durch
Anbringung eines Streifens, z. B. „in Deutschland
auf Flaschen gefüllt“ oder „Deutsches Erzeugnis“
kenntlich gemacht werde.
Es hatten sich eine Anzahl Firmen mit französischen
 Namen und auch in Frankreich bestehende
Häuser mit Filialen besonders in den Reichslanden
niedergelassen, die dann ihre Erzeugnisse als „Französische“
 in den Handel brachten. Diesem Geschäftsgebahren
 ist durch vorerwähntes Gesetz ein Ende
gemacht worden, denn alle Flaschen müssen den
deutlichen Vermerk als „Deutsches Erzeugnis“ bezw,
als „In Deutschland auf Flaschen gefüllt“ tragen.
Die Steuer, die dem deutschen Schaumweine
auferlegt wurde, fiel, zum Glücke für die junge
aufstrebende Industrie, gerade in die Zeit grosser
wirtschaftlicher Prosperität und ist daher eine Abnahme
 des Konsums nicht zu konstatieren.

Die Statistik *) ergibt (immer vom 1. April bis
|. April, nur 1902 vom 1. Juli bis 1. April 1903):

Jahr

1902 |
1903
1904
1905
1906
1907

Zahl der
Betriebe

203
225
217
210
212
216

Hergestellt
im Ganzen

7 328 645
10 660 951:
11 266 762
12 866 942
13 295 423
13 667 324

Versteuert

5949 275
9193 260
10.018 523
11 092 562
11 544 598
12167 790

Ausgeführt

795 509
1111431
1139 166
1 277 489
1297 014
1 226 552

;) Nach der amtlichen Schaumweinstatistik zusammenzestellt.


&amp;gt;
(=a
 ;
x Universität
=
A KIZL.
2
        <pb n="15" />
        f

Für die einzelnen Bundesstaaten ergeben sich
folgende Umsatzziffern : *)

1902

1903

1904

1905

1906

1907

3 859 240 152 7475 195 4485 823 321 5 988 3936 023 549
317089! 498095 594 56 679967. 638 352! 675157
1616 117597 134318 136802 159243

Preussen
Bayern
Sachsen
Württemberg


Baden
Hessen

Thüringen
Anhalt
Altenburg
Mecklenburg

Lübeck
Hamburg
Elsass-Lothr.

Luxemburg


262972
11 761
| 845 7282 961 5073 220 5523 844 6684 005 011!4 048 968

1 975

1 352

3 840'

6 907!

5 852

13 368

45 308

61 976

77 289

792 143

73 756

78 003

&amp;gt;95 29711 646.1391 815 31 92 042 60712 201 29812 394 298

1) Die Differenz zwischen den Zahlen für versteuerten
und ausgeführten Schaumwein und der Gesamtsumme ergibt
sich aus den Bonifikationen und den steuerfreien Proben im
Betriebe.
        <pb n="16" />
        17

Die Anzahl der bestehenden Betriebe war:

Preussen
Bayern
Sachsen
Württemberg
Baden
Hessen
Thüringen \
Anhalt
Oldenburg J
Mecklenburg ,
Lübeck |
Hamburg
1 sass-Lofhr,|
Luxemburg

1902

97
22
16
9

—_
20

25 |

1903

108
23
14
15
6
292

x

28 |

1904

98
28 |
14
11
23

28

1905

96
25 |
14
IQ

G
292 |

26 |

1906 | 1907

100 101
24 | 21
14° 13
Q

292

23

gr“

39

36

Beachtenswert ist auch die Verteilung der
Herstellung des nicht im Wege des Flaschengährverfahrens
 hergestellten Schaumweines:

1903 | 1904 | 1905 | 1906 | 1907

Preussen
Bayern
Sachsen
Württemberg
Baden
Hessen
Thüringen }
Oldenburg
Mecklenburg‘
Lübeck ;
Hamburg |
Elsass-Lothr.’
Luxemburg .

550 414| 547 646' 563 779
4 2 9052| 14856
37 074 60298) 82345
27461 | 29706 28554
3363 895 18
200 709 165 921! 195 166'

526 402/ 475 405
12147| 10921
89393) 102 961
28655 28999
182 720
5 736 13249

1352 3840) 6907|

t
31 279

49 46

31 287

33405

41 148

1 i | }
‚0910 8514 11117 8415 7464
        <pb n="17" />
        18

Im Gesamten also
1903
1904
1905
1906
1907

866 875
875 420
934 032
870 356
862 871

Daraus ist zu ersehen, dass dieser Zweig der
Sektindustrie im ganzen nicht vorangeschritten ist
und in den weinproduzierenden Ländern sogar eine
Abnahme zeigt.
In den nicht weinproduzierenden Ländern ist
eine Zunahme zu konstatieren.
Von den in Preussen im Jahre 1907 produzierten
 Flaschen waren aus:
Ost- und Westpreussen }
und Pommern
Brandenburg
Schlesien
Sachsen }
Hannover
Hessen-Nassau
Rheinland

Dagegen im Flaschengährverfahren hergestellt:
Ost- und Westpreussen } 13510
und Pommern
Brandenburg 327 680
Schlesien 149512
Sachsen }
Hannover
Hessen-Nassau
Rheinland
Die grosse Masse des erzeugten Schaumweines
wird also auf dem Wege des Flaschengährverfahrens
 hergestellt und sind von den im Jahre 1907

684 188
        <pb n="18" />
        produzierten 13 667 324 Flaschen nur 862871 durch
anderes Verfahren hergestellt‘) d. h. 6,3°/%. Laut
vorstehender Statistik hat die Produktion des deutschen
 Schaumweines von 1903 (1902 sind nur
Zahlen für 9 Monate vorhanden) bis 1907 um 28,2 °%
und der Export um 10,4°/, sowie die bestehenden
Betriebe 6,4°/, zugenommen.
Zur Schaumweinbereitung eignet sich nicht
jeder Wein und so hat natürlich durch die Produklionszunahme
 auch eine Steigerung der Preise für
den Rohwein stattgefunden in den Bezirken der
Weinbaugebiete, in denen die geeigneten Weine
wachsen, z. B. in Lothringen und Baden.
Ziffernmässig lassen sich diese Zahlen nicht
leststellen, denn bei dem Preise für Wein sprechen
eine ganze Reihe von Faktoren mit, die einer Preisstatistik
 ein ganz falsches Bild geben würden. Vor
allen Dingen wird in jedem einzelnen Jahre das
geerntete Quantum und die erzielte Qualität, ausserdem
 auch die augenblickliche Lage des Handels
für die Bildung des Preises ausschlaggebend sein
und so sind gewöhnlich bedeutende Preisschwankungen
 vorhanden, die eben nur aus den oben angegebenen
 Gründen erklärlich sind. Ausserdem
ist für eine einzelne Ortschaft nicht einmal ein
fester Preis zu normieren, gerade weil in derselben
Gemarkung verschiedene Qualitäten Wein wachsen.
Es ist aber bekannt, dass in den Gegenden, in
denen die Schaumweinindustrie vorzugsweise kauft,
eine Steigerung der Preise stattgefunden hat. Vor
allen Dingen haben die kleineren Produzenten nicht
mehr die Sorge für den Absatz ihrer Trauben zu
tragen. und ist dies besonders für Lothringen her-I)

 Nach der amtlichen Schaumweinstatistik zusammenzestellt.
        <pb n="19" />
        20

vorzuheben. Dort hat sich unter dem Einfluss der
Schaumweinindustrie ein neuer eigenartiger Betrieb
eingebürgert, die Clairetkeltereien.
Clairet ist aus blauen Trauben (Rotweintrauben)
weiss gekelterter Wein, der sich vorzüglich zur
Schaumweinbereitung eignet und aus dem auch
in Frankreich im Weinbaugebiete der Champagne
vorzugsweise der Champagner hergestellt wird. Da
der Farbstoff der betreffenden blauen Trauben in
der Schale steckt, müssen die Trauben sehr schnell
und vorsichtig gelesen und sofort gekeltert werden.
Natürlich dürfen auch die Trauben nicht vollständig
ausgepresst werden, da sonst Farbstoff mitausgepresst
 würde.
Die in Lothringen in grösserer Anzahl entstandenen
 Clairetkeltereien sind für die Schaumweinkellereien
 gleichzeitig Einkäufer und Kelterer. Interessant
 sind auch die Usancen dieses Geschäftes,
Für Einkäufe und Kelterung erhalten die Clairetkeltereien
 keine Vergütung, sondern sie liefern für
100 Kilo für den Schaumweinindustriellen gekaufter
Trauben ca. 60 Liter (es differiert in den einzelnen
Jahren etwas) Clairet-Most und gehören die Rückstände
 den Keltereien.
In früheren Jahren wurden auch Clairets in
anderen Rotweinorten gekeltert, z. B. sehr viel in
Ingelheim. Doch hat sich die Geschmacksrichtung
geändert, und es werden die Ingelheimer Clairets
daher beinahe gar nicht mehr verwandt, Infolgedessen
 ist auch ein Preisrückgang für die blauen
Trauben in Ingelheim zu konstatieren.
Allerdings ist auch von Frankreich Wein zur
Schaumweinbereitung importiert worden, doch kaum
mehr als ein Viertel der Gesamtproduktion, und
wenn man die Zahl für den nicht auf dem Flaschengährverfahren
 hergestellten Schaumwein berück-
        <pb n="20" />
        21

sichtigt, der sicher nur mit deutschen Weinen hergestellt
 wird, so bleibt für den deutschen Rohwein
10466211 Flaschen gleich ca.
8 163 645 Liter im Jahr 1907
d. b. 3,7°% der Gesamtproduktion in Deutschland
in 1907 (die 2208 660 Hl. betrug).
Die Schaumweinindustrie ist also für den deutschen
 Weinbau ein sehr beachtenswerter Faktor.
Ausserdem hängen eine ganze Anzahl anderer
Industriezweige von der Schaumweinindustrie ab.
Vor allen Dingen ist hier von den Glashütten
zu sprechen. Es sind einzelne Hütten entstanden,
die nur Champagnerflaschen blasen und die hierin
 investierten Millionen sind nur rentabel, wenn
auch die Schaumweinindustrie blüht.
Die grossen Korkimporthäuser und die ganze
Korkindustrie rechnen sehr mit den Schaumweinkellereien,
 denn diese sind es, die die teuersten
und besten Korken verwenden.
Ganze Zweige der lithographischen Kunstanstalten,
 Druckereien u. s. w. sind beschäftigt für die
Schaumweinindustrie und sind zum Teil von dem
Prosperieren dieser Industrie abhängig und heutzutage
 rechnen auch die Zeitungen mit den Inseraten
 der Schaumweinkellereien.
Auch für den Staat ist die Schaumweinindustrie
sehr wichtig, denn ganz gewaltig ist der Betrag
von Steuern und Abgaben im Verhältnis zum Produktionswert,
 den die deutsche Schaumweinindustrie
 dem Staate ‚einbringt. Der Schaumweinsteuerreinertrag
 für das Rechnungsjahr 1907 ergibt
 Mk. 5812 175.
Da wie vorstehend ausgeführt etwa '/a des
Rohweines aus dem Auslande (Frankreich) imporliert
 wird, ist darauf der Zoll von Mk. 20 pro
        <pb n="21" />
        47)

Hektoliter zu zahlen, d. i. für ca. 25600 Hektoliter
Mk. 512 000.

Aus den zur Fabrikation und Fertigstellung
der in 1907 produzierten 13667 324 Flaschen notwendigen
 Materialien hat der Staat eine Mindesteinnahme
 von Mk. 500 000 an Steuer und Zoll.
Wenn man Einkommen- und Gewerbce-Steuer für
jeden einzelnen Betrieb durchschnittlich auf Mk. 500
berechnet, so ist dies gewiss kein zu hoher Satz
und ergibt für die 1907 bestehenden 216 Betriebe
den Betrag von Mk. 108 000.

Die Gesamtahbgabe der deutschen Schaumweinindustrie
 beträgt demnach ca. Mk. 6900 000,
d. h. ca. 23% des Gesamtumsatzes der Industric
von ca. Mk. 30 000 000.

Mit seiner Schaumweinindustrie und deren Produktion
 steht Deutschland an zweiter Stelle, während
 es in der Gesamtweinproduktion der Welt
an neunter Stelle rangiert. Die Ernten in 1907
betrugen‘):
Frankreich
Italien
Spanien
Algerien
Portugal
Ungarn
Österreich
Russland
Deutschland
Bulgarien
Chile
Rumänien ”
Ver. St. v. Amerika „

1) Nach dem holländischen Fachblatte „De Wvynhandel“.
        <pb n="22" />
        A

Türkei und Cypern ca.
Argentinien »
Griechenland
Uruguay
Schweiz
Serbien
Peru
Brasilien
Australien
Tunis
Azoren, Madera
Kapkolonie
Korsika
Bolivia
Mexiko
Persien

1 500000 Hektoliter
1 300 000
1 200 000
1 000 000
900 000
700 000
670 000
500 000
300 000
300 000
200 000
160 000
120 000
22 000
18 000
17 000

Dagegen ist die
1907 in
Frankreich 33.171 395 Flaschen
Deutschland 13 667 324
Ungarn ‚ca. 1500000
Russland » 1500 000
Ver. St. v. Amerika 800 898
Österreich „400 000
Von der Gesamtproduktion hat Deutschland
also ca. 25°%.
Das Hauptkonsumland für deutschen Schaumwein
 ist und bleibt Deutschland selbst. Der Export
 ist dem französischen gegenüber nur ein geringer.
 Doch zeigt sich in den Importziffern der

1) Diese Ziffern sind nur schätzungsweise nach Angabe
der Wiener Handelskammer,
2) Laut Mitteilung der Kaiserl. Russ. Domänenverwaltung.
3) Laut Schreiben des Kaiserl. Deutsch. Gen.-Cons. in
New-York.
        <pb n="23" />
        AA

hauptsächlich in Betracht kommenden Länder
erfreulicherweise eine kleine, aber stetige Zunahme
des Importes von deutschen Schaumweinen.
Dazu eine technische Bemerkung: Der deutsche
Schaumwein, der exportiert wird und der sich nach
und nach den Weltmarkt zu erobern hat, ist ein
anderer als der im Inland konsumierte. Dieser ist
ein Produkt, das, der Geschmacksrichtung des
deutschen Konsumenten Rechnung tragend, aus
Weinen hergestellt ist, die möglichst den französischen
 Weinen im Geschmack gleich sind. Diese
Weine zu exportieren hat natürlich keinen Zweck,
denn im Auslande will man moussierende Weine
mit französischem Charakter aus Frankreich beziehen
 und aus Deutschland moussierende Rheinund
 Moselweine mit ausgesprochenem charakteristischem
 Geschmack dieser Weine.
Die Importziffern von deutschen Schaumweinen
sind für England,!) Vereinigte Staaten von Nordamerika,?)
 Österreich-Ungarn,®) Belgien *) und Norwegen®)
 folgende:

1) Laut Statistik des Inland Revenue Office,
2) Aufstellung von Bonfort’s Wine &amp;amp; Spirit Circular.
3) Zahlen des statistischen Departements des kgl. kais.
Handelsministeriums.
4) Detaillierte Importziffern bestehen erst seit 1903.
5) Diese Zahlen sind die Importziffern aus Dänemark,
Deutschland und Holland zusammengenommen, da Dänemark
und Holland als Verschiffungsländer für Deutschland in Betracht
 kommen.
        <pb n="24" />
        Zu

Jahr

1898
1899
1900
1901
1902
1903
1904
1905
1906
1907

England

600 126:
623 316
612 276
599 160
572 514
573 954)
542 424'
583 950)
585 582
579 066

Ver. St. v.
Amerika

55 320
51 000
67 772
92232
78276
86 004
121 164
118932
110832
140 1483

Österreich-Ungarn


13 250
14 900
14.350
15900
13400
10850
11150
13 100
15600
22.000

Belgien

Norwegen

67 688
68426 10978
78.021 9355
65255 16324
76449 | 18788

Es ist also, abgesehen von England, eine stetige
Zunahme zu verzeichnen, die von 1898—1907 für
Amerika 153,5°%, für Österreich-Ungarn 66°, von
1903—1908 für Belgien 12,9°% und von 1904—1908
für Norwegen 71,1 °% beträgt.
In England ist als einzigem Land der Welt
ein Rückgang des Gesamtimportes von Schaumweinen
 zu verzeichnen und zwar von 12390138
Flaschen’) im Jahre 1898 auf 7697058 Flaschen
im Jahre 1907, d. h. 37,8%. Demgegenüber ist der
Rückgang des deutschen Importes von 3,5° in
derselben Zeit gewiss als ein mässiger und für
die deutsche Industrie als weniger ungünstiges
Resultat zu bezeichnen.
Der Rückgang des allgemeinen Importes von
Schaumweinen in England ist durch zwei Ursachen
zu erklären. Erstens ist durch und seit dem Burenkriege
 in England ein gewaltiger geschäftlicher

1) Laut Statistik des Inland Revenue Office.
        <pb n="25" />
        4,

Rückgang zu verzeichnen, der in seinen Folgen
hauptsächlich die Börse und die kapitalkräftigeren
Kreise betroffen hat, also die hauptsächlichen Konsumenten
 des teuren französischen Schaumweines.
dann hat, und gerade wieder in denselben Kreisen,
die Antialkoholbewegung in England eine gewaltige
Ausdehnung genommen.
Interessant für die Änderung der Geschmacksrichtung
 ist die Verschiebung, die im Import von
Sparkling Hock — Moussierendem Rheinweine —
und Sparkling Moselle — Moussierendem Mosel.
weine — im Laufe der Jahre in England eingetreten
 ist!):

Jahr

1898
1899
1900
1901
1902
1903
1904
1905
1906
1907 |

Sparkling Hock

347 928
346 722
309 186
322 668
279414
300 288
279 456
301 266
249 006
257 016

Sparkling Moselle

252198
276 594
303 090
276 492
293 100
273 666
262 968
282 684
336 576
322 050

In England selbst gibt es keine Schaumweinkellerei.
 Da England kein weinproduzierendes Land
ist, so könnte nur mit einer Schaumweinkellerei
bezweckt werden, den Importzoll zu sparen. Dieses
ist im englischen Gesetz vorgesehen und jede in

1) Laut Statistik des Inland Revenue Office.
        <pb n="26" />
        21

England hergestellte Flasche Schaumwein muss
den Zoll bezahlen, als ob sie importiert sei.)
In Frankreich ist natürlich die Schaumweinindustrie
 eine viel bedeutendere als bei uns.
Im Hauptgebiete, der Champagne mit heute
ca. 300 Betrieben, wurden schon im Jahre 1865/66
13000000 Flaschen hergestelit.?’) Die Handelskammer
 in Reims hat eine Statistik veröffentlicht
über den Handel in Champagnerweinen von 1844/45
bis 1906/07:

Jahr

1844/45
1845/46
1846/47
1847/48
1848/49
1849/50
1850/51
1851/52
1852/53

Export

4380 214
4 305 308
4711915
4859 625
5686 484
5001 044
5866 971
5957 532
5355574

Inland-Konsum

2255 438
2510605
2.355 366
2092 571
1473 966
1705 735
2122569
2162880
2385217

Zusammen

6 635652
7015913
7 067 281
6932 196
7160450
6 706 779
7989 540
8120432
8 740 790

1) Der betreffende Gesetzpassus heisst: For the purposes
of the Customs (Wine Duty) Act 1888, wine rendered sparkling
of effervescent and bottled in the warehouse shall be deemed
to be sparkling wine imported in bottle and upon delivery for
home consumption shall be charged with the duty imposed in
sparkling wine by the said Act and the time when the wine
is bottled shall be deemed to be the time of importation and
warehousing.
2) Ausser in der Champagne werden auch im Saumur-,
Bordeaux- und Burgunder-Bezirk Schaumweine hergestellt,
Hierüber sind verlässliche Zahlen nicht erhältlich und ist der
Handel gegenüber dem der Champagne ohne grössere Bedeutung,
        <pb n="27" />
        28

Jahr

1853/54
1854/55
1855/56
1856/57
1857/58
1858/59
1859/60
1860/61
1861/62
1862/63
1863/64
1864/65
1865/66
1866/67
1867/68
1868/69
1869/70
1870/71
1871/72
1872/73
1873/74
1874/75
1875/76
1876/77
1877/78
1878/79
1879/80
1880/81
1881/82

Export

7848320
6895 773
7137001
8490 198
7 368 310|
7 666 633
8 265 395
8 488 223
6904915
7937 836'
9851 138
9101 441
10413 455
10.283 886
10886 585
12810194
13 858 839
7544 323
17001 124
18917779
18 106 310|
15318345
16 705 719
15882 964'
15711 651
10010
16524 593
18.220980
17671 366

Inland-Konsum

2528719
2452 743
2.562 039
2468818
2421 454
2805416
3039 621
2697 508
2592875
2767 371
2.934 996
2801 626
2782777
3218343
2924 268
3.104 496
3 628 461
1631 941
3367537
3464 059
2491 759
3517182
2439 762
3127991
2450 983
2.596356
2.666 561
2.399 924
3 190 869

Zusammen

10407 039
9348 516
9699 040
10950 016
9789 764
10472 049
11305016
11185 731
9497 790
10705 207
12786 134
11.903 067
13196132
13 502 229
13 800 853
15.944 690
17487 300
9178 264
20 368 661
22381 838
20 598 069
18835 527
19 145 481
19010955
18 162 634
17 440 537
19191 154
20 620 904
20 862 235
        <pb n="28" />
        X

Jahr

1882/83
1883/84
1884/85
1885/86
1886/87
1887/88
1888/89
1889/90
1890/91
1891/92
1892/93
1893/94
1894/95
1895/96
1896/97
1897/98
1898/99
1899/1900
1900/01
1901/02
1902/03
1903/04
1904/05
1905/06
1906/07

Export

17 642 821
18 206 956:
18 189 2561
14923 490
16 222 903:
17257 685
18 904 469|
19 148 382
21 699111
19685 115
16 600 678
17359 349
16 129354
17.966 840|
22 155 798)
21 697 188
20 667 867
21773513
20628 251
20311 228
22523 746
21 084 881.
19845 852
23876 731
23 056 847!

Inland-Konsum

2 869 231
2675578
2822601
2752184
2861 971
3.076 639
3653615
1176189
4077 083
4 558 881
4487 535
48765318
4 908 281
6065 845
6204 415
5 690 599
8370570
6 680 923
7426 794
7894212
9335412
9808 774
8 864 947
11714 404
10114 548

Zusammen

20512 052
20 882 534
21011 857
17675674
19.084 874
20 334 324
22 558 084
23 324 571
25 776 194
24 243 996
21 088 213
22.235 867
21 037 650
24 032 685
28359913
27387787
29 358 467
28 454 436
28 055 045
28 205 440
31 859 158
30 893 655
28 710 799
35 591 135
33171 395
        <pb n="29" />
        Der Handel bezw. der Verkauf von Schaumwein
 ist in Deutschland vielfach in seinen Usancen
Wechsel unterstellt gewesen. In früheren Zeiten
waren es hauptsächlich die Weinhändler, welche
Hotels, Restaurationen und Privatleute besuchten,
um ihre Ware abzusetzen und auch, die unter allen
möglichen Namen in den Handel kommenden Produkte
 der deutschen Schaumweinkellereien, vertrieben.
 In den siebziger Jahren, in den Jahren
des grossen Aufschwungs, und auch noch in den
achtziger Jahren, haben dann die Schaumweinkellereien
 ihre eigenen Reisenden hinausgeschickt,
um hauptsächlich den Restaurationen und auch
Kasinos, die grösseren Bedarf hatten, direkt ihre
Ware zu verkaufen. Dieser Verkauf und der Vertrieh
 durch fest angestelte Reisende war natürlich
 ein sehr kostspieliger und waren die meisten
Kellereien bestrebt, den Verkaufsmodus einzuführen,
 der auch jetzt der allgemein übliche ist,
nämlich durch Agenten. Es handelt sich hier
natürlich um das Hauptkonsumland, Deutschland,
und sind die Bezirke der einzelnen Agenten meistens
auf einzelne Städte oder Provinzen beschränkg.
Diese Agenten verkaufen gegen Provision, die in
den meisten Fällen ca. 10% beträgt. Finzelne
Agenten beziehen auch feste Spesenzuschüsse
(nicht Gehälter) von ihren Firmen, denn im Verkauf
 des Schaumweines haben sich gewaltige Unsitten
 eingeführt. Heutzutage geht der Produzent
gewöhnlich nicht direkt zu dem Konsumenten, sondern
 der Schaumweinzwischenhandel liegt in den
Händen der Weinhandlungen und grösseren Hotels
und Restaurationen.
In der Art des Verkaufs muss man ziemlich
streng zwischen Nord- und Ostdeutschland einerseits
 und West- und Süddeutschland mit Ausnahme
        <pb n="30" />
        A

von München andererseits unterscheiden. In Westund
 Süddeutschland mit Ausnahme von München
ist meistenteils der Weinhandel auf dem Standpunkt
 des wirklichen Händlers geblieben, und sind
gerade in der Produktionsgegend am Rhein und
an der Mosel auch die Weinhändler zu Hause, die
die deutschen Erzeugnisse in das Ausland exportieren.
 Diese Händler besuchen natürlich auch den
Privatmann in ihren Heimatsbezirken, haben aber
meistens keine eigenen Probierstuben oder Restaurationen.
 Daher werden in diesen Distrikten die
Agenten der Schaumweinkellereien auch die grösseren
 Hotels und Restaurationen besuchen und dort
die Erzeugnisse der Kellereien, die sie vertreten,
unterzubringen suchen.
In Nord- und Ostdeutschland und München dagegen
 liegen die Verhältnisse im Weinhandel ganz
anders. Beinahe alle grösseren Weinhändler haben
in diesen Gebieten Deutschlands eigene Probierstuben
 und Restaurationen und ist dort «auch überwiegend
 das System im Weinhandel eingebürgert,
analog den Bierbrauereien, dass die grösseren
Weinhandlungen Restaurationen etc. mit Kapital
unterstützen und sich dafür die Lieferungen sichern,
Es ist daher hier der Weinhändler der Hauptabnehmer
 des Schaumweinindustriellen.
Ausserdem kommen in Deutschland gleichmässig
 die Kasinos als bedeutende Abnehmer in
Betracht. Der Verkaufsmodus selbst hat, wie schon
vorher bemerkt, sehr grosse Übelstände mit sich
gebracht. Der Verkauf vollzieht sich nicht, wie
sonst, mittels einfacher Offerte und Probe, sondern
mit nur ganz geringen Ausnahmen sind durch die
Gebräuche, oder besser gesagt, Unsitten, die Vertreter
 gezwungen, in den Lokalitäten der Abnehmer
ständig zu verkehren. und bedeutende Ausgaben
        <pb n="31" />
        zu machen. Nur auf diese Weise können leider,
dem jetzt herrschenden Verkaufsgebrauch gemäss,
die Erzeugnisse an den Konsumenten abgesetzt
werden.
Überhaupt hat sich in dem letzten Jahrzehnt
das ganze Geschäft der Schaumweinbranche gedreht.
 In früheren Jahren kam es hauptsächlich
auf die persönliche Beliebtheit und Geschicklichkeit
der einzelnen Verkäufer an, um die Produkte unterzubringen,
 denn es war den Wiederverkäufern ein
Leichtes, den Konsumenten zur Abnahme der von
ihm empfohlenen Marke zu bewegen. Jetzt liegen
aber die Verhältnisse ganz anders.
Die überwältigende Zeitungsreklame einiger
Firmen hat bewirkt, dass heute das grosse Publikum
 direkt bei den Wiederverkäufern einzelne
Marken verlangt und sind es hauptsächlich diese
wenigen Marken, die den grossen Konsum des Inlandes
 ausmachen.

Im Auslande dagegen sind die Verkaufsbedingungen
 die gesündesten, die sich hauptsächlich
lediglich auf Preis und Qualität begründen, und sind
die grossen Ausgaben der Verkäufer, natürlich mit
einzelnen Ausnahmen, nicht in dem Masse vorhanden.
 Ausserdem wird gewöhnlich die Vertretung
für ein ganzes Land einer einzelnen Firma übertragen.


In Amerika hat sich ein besonderes System
ausgebildet. Die meisten Vertreter sind eigentlich
Allein-Käufer, sodass die gesandten Schaumweine
dem betreffenden Agenten zu einem festen Minimalpreise
 fakturiert werden und dieser seinen Abnehmern
 seine‘ eigenen Preise macht. Vielfach
sind den exportierenden Firmen. nicht einmal die
Namen der einzelnen Abnehmer bekannt.
        <pb n="32" />
        33

Der Kapitalbedarf in der Schaumweinindustrie
ist, da Ja die Behandlung eine langwierige ist, ein
sehr bedeutender, da ausser dem grossen Lager,
das infolge des Herstellungsganges die Kellereien
halten müssen, auch meistens den Abnehmern
ungefähr 6 Monate Kredit gewährt werden muss,
für den Export vielfach sogar 12 Monate. ;
Es ist die allgemein verbreitete Meinung, dass
die Verdienste der Schaumweinkellereien ganz gewaltige
 seien, doch beruht dieze Meinung auf einem
Irrtum. Wenn auch einzelne Firmen grosse Aufwendungen
 für Reklame machen, so muss man
auch den sehr grossen Umsatz dieser Kellereien
in Betracht ziehen, und sind dann diese Spesen
im Verhältnis zu dem Umsatz nicht mehr so enorme,
wie sie dem Unbeteiligten erscheinen.
Selbst die best prosperierenden Firmen verdienen
 netto nicht mehr als 10%, des arbeitenden
Kapitals, wie aus beifolgender Bilanz zu ersehen
ist. Diese Bilanz ist zur Verfügung gestellt von
einer der ältesten, jetzt beinahe 60 Jahre bestehenden
 Aktiengesellschaft und ist hierbei noch zu berücksichtigen,
 dass diese Firma immer bestrebt
war, selbst auf Kosten ihrer Dividenden grosse
Rücklagen zu machen, um ihre Mittel zu stärken.
In einem mittleren oder kleineren Betriebe und
vor allem in Privatfirmen, die grösstenteils doch
den Verdienst zum Lebensunterhalt der Inhaber
benötigen und keine derartigen Rücklagen machen,
sind die Verhältnisziffern zwischen arbeitendem
Kapital und Reinverdienst bedeutend ungünstiger,
Aus nachfolgender Bilanz ergibt sich, dass der
Verdienst ca. 10° des werbenden Kapitales ist,
das sich aus Aktienkapital, Obligationen, diversen
Reserve-Kontis und Kreditoren zusammensetzt:
        <pb n="33" />
        Aktiva.
Wein- und Sekt-Vorräte
Immobilien . . . .
Mobilien, Utensilien u. Einrichtungen
Extra-Abschreibungen
Eisenbahn-Depot . ... . ..
Bestand an Effekten . . . ..
Kassa, Wechsel und Guthaben
Debitoren .

6 400/-—

7 520 _

i-2699414


1 148 000

15

88880 —
5100 |—
103.000 —
86 193 6
| 481 432 176

56129920 er

lanz.

Passiva.

Aktienkapital . . . .
Obligationen .. ..
Reservefonds-Konto .
Spezial-Reservefonds-Konto .
Immobilien-Amortisations-Konto
Gewinn-Reserve-Konto. . .
Delcredere-Konto . . . . ...
Überweisung
Arbeiter- u. Beamten-Pensionsfonds
Überweisung
Reserve für Neueinrichtungen . .
Überweisung . .
Arbeiter-Unterstützungskasse . .
Rücklage für aussergewöhnliche
Aufwendungen (Überweisung)
Koupons-Konto . 1.2.0...
Kreditoren . 2.0.0.0... 40 4
Dividenden-Konto . . . .
Gewinn- und Verlust-Konto, Vortrag

50 000/-10.000’
 --147
 520 —
12480 —
100.000 —
50 000/—

502 400 —
' 495 000 |—
205 000 |—
225 000 |—
700 000 |—
85 072 |—

70 000

160 000 |—-150

 000
10 000

20.000
5188 -
675 938 2
285 456 |—
22.965 98
5 612020 l80
        <pb n="34" />
        Soll.

Gewinn-Berechnung.

Haben.

A

Unkosten und gewöhnliche
 Abschreibungen

Netto-Gewinn inkl. Vortrag
 (Mk. 19 586.85)

| 077912

523 623 |32

1 601535 89

57

Saldo des Sekt-Kontos

1 601 535

1 601 535

89

189
        <pb n="35" />
        Wie in vielen anderen Industrien hat sich auch
in der Schaumweinindustrie das Bedürfnis fühlbar
gemacht, zu einem engeren Zusammenschluss der
Kellereien,
Vor allen Dingen aber muss man in der Schaumweinindustrie
 den Syndikatsgedanken ausschalten,
denn bei einem Markenartikel und der Verschiedenartigkeit
 der Preisanstellung der einzelnen Marken
ist an ein einheitliches Verkaufssyndikat wie bei
anderen Industrien nicht zu denken.
Anfang der 90er Jahre hatten sich einige
grössere Firmen zu einer freien Vereinigung zusammengetan,
 um hauptsächlich auf dıe Gesetzgebung
 in für die Schaumweinindustrie günstigem
Sinne einzuwirken, oder vielmehr um ungünstige
Gesetzesbestimmungen zu verhindern. Zunächst
waren diese Bestrebungen gegen die Firmen, die
unter französischer Flagge segelten, gerichtet, und
die Bemühungen haben in dem Weingesetz vom
24. Mai 1901, wie vorher erwähnt. auch einigen
Erfolg gehabt.
Als im Jahre 1893 zum ersten Male der Gedanke
 einer allgemeinen Weinsteuer aufkam, haben
sich dieser Vereinigung mehrere Firmen angeschlossen,
 um dieser dem Weinbau und der Schaumweinindustrie
 drohenden Steuer entgegenzutreten. So
ist im Jahre 1894 der „Verband Deutscher Schaumweinkellereien“
 gegründet worden, und sind diesem
Verbande die grösste Anzahl der bedeutendsten
und überhaupt als Marken in Betracht kommenden
Schaumweinkellereien beigetreten. Es haben sich
von den grösseren Firmen nur wenige ausgeschlossen,
 die auch fernerhin ihre eigenen Wege gewandelt
 sind. Dieser Verband sollte nicht wirtschaftlich
 tätig sein, sondern nur die allgemeinen Interessen
 der Schaumweinindustrie vertreten.
        <pb n="36" />
        — 38 —

Wie schon bei den Verkaufsgebräuchen bemörkt,
 haben sich‘ bei dem Handel mit Schaumwein
 grosse Unsitten eingeschlichen und sind die
Abnehmer nach und nach mit immer grösseren
Forderungen an die Kellereien für Reklamebeiträge
und Inserate in Weinkarten u. s. w. herangetreten.
Um diesem Unwesen zu steuern, haben sich eine
Anzahl hervorragender Kellereien, auch solche, die
nicht in dem in 1894 gegründeten Verband vertreten
 waren, 1907 zusammengetan, um sich gegen
unbillige Ansprüche aus Abnehmerkreisen zu
schützen.
Neuerdings ist von verschiedenen Weinhändlerverbänden,
 sowie von dem Verbande der Fabrikanten
 von Markenartikeln eine Bewegung eingeleitet
 worden zur Preisnormierung des Detailverkäufs,
 um das an unlauteren Wettbewerb grenzende
Schleudern der Wiederverkäufer mit bekannten
Sektmarken zu verhindern. Diese Verhandlungen
sind. aber noch nicht zum Abschluss gekommen
und vorderhand noch in der Schwebe, da eine
Verständigung über die gestellten Ansprüche sich
als ausserordentlich schwierig erweist. ,
Die deutsche Schaumweinindustrie hatte mit
grossen Schwierigkeiten zu kämpfen, um sich auf
die Höhe zu bringen, auf der sie nunmehr steht.
Augenblicklich befindet sich die Industrie vor einer
schweren Gefahr.
Bei der ersten Lesung der Reichsfinanzreform
zeigte sich bezüglich der Weinsteuervorlage, dass
bei einem Teile der Reichstagsabgeordneten die
Neigung besteht, die vorgeschlagene Flaschenweinsteuer
 abzulehnen, dagegen einer alleinigen höheren
Belastung des Schaumweines zuzustimmen. Da
bereits jetzt eine Verbrauchsabgabe vom Schaumweine
 nach _ dem bestehenden Schaumweinsteuer-
        <pb n="37" />
        39

gesetz erhoben wird, so ist wohl kaum damit zu
rechnen, dass die Erhöhung der Besteuerung in
einer neuen Steuerform erfolgen würde, wenn der
Schaumwein allein belastet würde. Es ist eher
anzunehmen, dass dann das bestehende Schaumweinsteuergesetz
 mit einer Erhöhung der Steuersätze
 abgeändert würde.
Bei der augenblicklich herrschenden geschäftlichen
 Depression wäre natürlich diese Massregel
doppelt fühlbar, denn schon jetzt ist ein Rückgang
im Konsum zu verzeichnen und sind in den ersten
6 Monaten des Rechnungsjahres 1908 126 352 Flaschen
 weniger versteuert und in den Monaten
Januar bis Oktober 1908 75094 Flaschen weniger
exportiert worden, als im Jahre vorher, also zum
ersten Male ein Rückschritt in dieser jungen Industrie,

Dieser Rückschritt wird noch grösser werden,
wenn die Verteuerung durch Erhöhung der Steuer
eintreten sollte, denn es wird eine grosse Anzahl
von Konsumenten geben, die dann auf Schaumwein
 verzichten. Ausserdem ist zu berücksichtigen,
dass der Eingangszoll auf französischen Schaumwein
 auch erhöht werden müsste und dass dann
sicher der Konsum bedeutend zurückgehen wird,
da bei entsprechender Erhöhung des Eingangszolles
der französische Schaumwein ganz bedeutend verteuert
 würde. Vom finanziellen Ergebnis für den
Staat aus betrachtet, dürfte vielleicht tatsächlich
der Konsum nicht so zurückgehen, dass die Erhöhung
 der Steuer nicht doch einen Mehrertrag
bringen würde, aber sehr bedeutend würde dieser
Mehrertrag nicht sein, ja eventuell sogar aufgezehrt
durch den Minderertrag an Zoll auf französische
Erzeugnisse, an Einkommensteuer und anderen Abgaben,
 wie oben erwähnt.
        <pb n="38" />
        +0

Vor allen Dingen ist folgende Erwägung sehr
schwer wiegend und für die deutsche Schaumweinindustrie
 eine grosse Gefahr.
Wenn der Eingangszoll auf französischen
Schaumwein entsprechend, d. h. bedeutend erhöht
würde, wird sicherlich der Konsum in französischem
 Schaumwein so abnehmen, dass selbst allererstklassigen
 französischen Firmen der Gedanke
nahe käme, in Deutschland zu fabrizieren, um den
Importzoll zu sparen. Wenn eine allererste französische
 Firma mit ihrem bekannten grossen Namen
 in Deutschland fabrizieren wird, unter der
Garantie, dass sie genau denselben Wein, wie
vorher in Frankreich hergestellt, nun in Deutschland
 herstellt, so wird das den deutschen Firmen
einen grossen Teil des Konsumes fortnehmen, da
selbst bei gleicher Qualität viele Konsumenten
immer noch durch den bekannten französischen
Namen angelockt werden.
Es kann nicht zu den Zielen der deutschen
Gesetzgebung gehören, den ausländischen‘ Firmen
auf Kosten der inländischen zu nützen. Auch das
finanzielle Ergebnis könnte kein günstiges sein,
d. h. es wird für den Staat keine grosse Steuerquelle
 daraus werden, denn was die französischen
Firmen verkaufen, würde natürlich den deutschen
Firmen entgehen und ist es gewiss nicht in volkswirtschaftlichem
 Interesse, dass der Verdienst in
das Ausland fliesst und das ausländische Kapital
in Deutschland werbend auftritt, ohne eventuell
Steuern zu bezahlen. Denn es wird für die französischen
 Firmen ein Leichtes sein, dem deutschen
Staate die Einkommensteuer zu entziehen. Die
französische Firma braucht ja nur ihre Filiale als
selbständige Firma zu gründen, und den von der
französischen Zentrale der Filiale in Deutschland
        <pb n="39" />
        verkauften Rohwein so hoch zu berechnen, dass
die deutsche Filiale nichts mehr verdient und der
ganze Verdienst im Verkaufe des Rohweines liegt.
Auch kommen die wenigen Arbeiter, die vielleicht
 von diesen französischen Firmen, falls sie
nicht französische Arbeiter nach Deutschland senden,
 beschäftigt würden, nicht in Betracht, da ja
gewiss deutsche bestehende Firmen dann bei
Minderbeschäftigung zu Arbeiterentlassungen gezwungen
 wären. Es ist daher zu wünschen, dass
die bisherige günstige Entwicklung der deutschen
Schaumweinindustrie nicht von der in Aussicht
gestellten Steuer betroffen wird, da dieselbe unter
allen Umständen eine schwere Schädigung bedeutet.
Wenn auch in der Handelsbilanz des deutschen
Reiches die Schaumweinindustrie noch keine hervorragende
 Rolle spielt, so verdient doch diese
Industrie vom volkswirtschaftlichen Gesichtspunkte
eine grosse Beachtung und wenn besonders die
Entwicklung des Exportes weitere Fortschritte
macht, so kann der deutschen Schaumweinindustrie
 im Welthandel der Wein- und Spirituosenbranche
 eine grosse Zukunft blühen.

b&amp;amp;+4$

A rss
j. N AN
SP 7
S .. +,
S Un versität X
x =
+ wr7 7 5
A $ ds Se
DH /
0
Di &amp;amp;
        <pb n="40" />
        Lebenslauf.

Ich, Herbert Rheinberg. bin geboren am 23. September
 1875 zu Frankfurt a.M. und besuchte daselbst
vom Herbst 1881 an das Real-Gymnasium Wöhler-Schule
 bis Quarta einschliesslich. Dann besuchte
ich das städtische Gymnasium zu Frankfurt a. M. und
habe daselbst Michaelis 1894 mein Abiturienten-Examen
 gemacht. Ich wollte mich erst dem Kaufmannsstande
 widmen und trat in Frankfurt a. M.’in
eine kaufmännische Lehre ein. In den Jahren 1896
und 1897 hielt ich mich in Frankreich und England
auf zur Erlernung der Sprachen und der dortigen
Handels-Usancen. Ende 1897 trat ich in das von
meinem Vater gegründete Geschäft Champagner-Fabrik
 Schloss Rheinberg, Rheinberg &amp;amp; Co., zu
Geisenheim ein. Im Winter-Semester 1903/04 wurde
ich an der Universität Heidelberg immatrikuliert und
besuchte dieselbe bis April 1907. Dann unterbrach
ich meine Studien und besuchte die Universität
Heidelberg wieder im Wintersemester 1908/09.
        <pb n="41" />
        <pb n="42" />
        <pb n="43" />
        <pb n="44" />
        <pb n="45" />
        <pb n="46" />
        <pb n="47" />
        <pb n="48" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
