218 IV. Kapitel. Wirkungen der Kartelle und Trusts,

innehalten würde. Eine der wertvollsten Entdeckungen der
modernen Wirtschaftswissenschaft bildet die Lehre der wirtschaftlichen
 Krisen. Das wirtschaftliche Leben bewegt sich in einer anhaltenden
 Wellenlinie: Den Wellengipfel bildet die Hausse, das
Wellental die Baisse; der Übergang von der Hausse zur Baisse
wird durch eine Krise vermittelt, die heftiger oder milder, plötzlich
 aufgetaucht und rasch schwindend, oder heimtückisch langsam
 dahinschleichend bei jedem Übergang vorhanden ist. Es ist
uns unmöglich, in die Krisenlehre!) hier tiefer einzudringen; wir
stellen bloß ihre Resultate fest. Auch die eben erwähnte Wellenbewegung
 der Volkswirtschaft beruht auf den periodischen
Schwankungen des Preises und auf den Ursachen, die dieselben
hervorrufen. Eine Belebung der wirtschaftlichen Lage, das
Steigen der Waren- und Geldpreise bringen den Aufschwung
der Hausse mit sich; eine Überschätzung der aufsteigenden Bewegung,
 ein allzuhastiges Anspannen der Produktivkräfte, eine
damit verbundene Überproduktion und Stauung der Warenvorräte
ruft. dann die Krise in dem Augenblick hervor, in dem die Unterkonsumtion
 einen Grad erreicht, dem die Volkswirtschaft nicht
mehr gewachsen ist.
Es wären keine Krisen möglich, wenn der Preis immer
normal bliebe, dem faktischen Bedürfnis entspräche, nicht erst
plötzlich in die Höhe schnellte, dann allzutief sinken würde, um
nachher, einem Scheintoten gleich, unbeweglich zu bleiben. Jeder
große Betrug, jede irreelle Gewinnsucht arbeitet mit künstlichen
Preistreibereien, Jede richtige Organisation des Marktes strebt
nach einer gesunderen Preisbildung und jede Milderung der
übermäßigen Preisschwankungen lindert gleichzeitig die Verheerungen
 der Krisen. Ein richtiger, billiger, gerechter Preis ist
der beste Regulator des Wirtschaftslebens. Ein falscher Preis
führt irre und gibt Anlaß zu Mißbrauch, Wucher, Ausbeutung.?)
Unstreitig kann nun die Kartellbewegung die Preisschwankungen,
 anstatt zu mildern. in noch größere Extreme jagen,

') Vergl, hierüber Kautsky, Krisentheorie (Neue Zeit, 20. Febr, 1902); May,
Das Grundgesetz der Wirtschaftskrisen usw., 1902; Pohle, Bevölkerungsbewegung,
Kapitalbildung und periodische Wirtschaftskrisen, 1902; Spiethoff, Vorbemerkungen
zu einer Theorie der Überproduktion (Jahrbuch für die gesamte Volkswirtschaft,
[902); derselbe, Die Krisentheorien von Tugan-Baronowsky und Pohle (ebenda
(903); Schmoller, Grundriß, Bd. 2 S, 477 ff.
3) Schmoller, Grundriß, Bd. 2 S. 493.