8 34. Kodifikatorische Versuche in Deutschland. 299

nicht zu finden; das Resultat der Beratungen ist bloß die Anerkennung
 der Notwendigkeit und Möglichkeit eines positiven gesetzlichen
 Einschreitens.
Die Kartellfrage kam auf dem Mannheimer Kongreß des
Vereins für Sozialpolitik im September 1905 wieder aufs Tapet.
Die Debatte wurde durch das Referat Schmollers eingeleitet.
 Dasselbe endete in einer Anzahl positiver Vorschläge für
eine Kartellgesetzgebung, von denen namentlich der Gedanke
der Vertretung des Staates in der Verwaltung jener großen
Aktiengesellschaften, deren Kapital 75 Millionen Mark überschreitet,
 durch ein Viertel der Aufsichtsräte und Direktoren, welche
vom Staate ernannt werden, und der einer Beteiligung des Staates
an dem ı0 Prozent übersteigenden Reingewinn vollkommen neu
ist und in den Kreisen der Industriellen sofort lebhaften Widerspruch
 hervorgerufen hat. Ebenso großen Beifall wie das Referat
Schmollers fanden die Ausführungen Kirdorfs, wenn auch
manchmal während des Vortrags des letzteren der Widerspruch sich
in lebhafter Weise äußerte. Professor Schmoller ging davon aus,
daß die Kartellfrage heute die wichtigste sei; denn sie habe eine
grundstürzende Umwälzung der 2000 Jahre bestehenden wirtschaftlichen
 Grundsätze im Gefolge und führe in gerader Linie zum
sozialistischen Staat. Der Grundsatz der freien Konkurrenz gehe in
die Brüche. . Naturgemäß entstehe die Frage, wie sich der Staat
gegen ‘diese Organisationen zu benehmen habe. Die Kohlenwerte
seien unerhört gestiegen, und wenn es auch richtig sein mag, daß
die Preise vorher vielleicht zu niedrig waren, So sind sie jetzt der
Ausdruck einer Machtäußerung großer Korporationen. : Die Konsumenten
 und auch die Verfeinerungsindustrie werden bedrängt,
der Großhandel sei um seine Position gebracht.‘ Die Preise
werden nicht mehr durch Angebot und Nachfrage, sondern durch
Beschlüsse kleiner Gremien herbeigeführt. Der letzte Erfolg sei
die Aufhebung der Gewerbefreiheit und die Entstehung von
Monopolen. Soll hier der Staat ruhig zusehen? Eine Verstaatlichung
 wäre nur in zwei oder drei Industrien möglich, etwa bei
der Kohle. Er halte dies jedoch für eine falsche Maßregel, wenn
er auch für die Vermehrung der Kohlengruben des Staates im
Ruhrgebiete wäre, und bedauert deshalb das Scheitern der
Hibernia-Aktion, die nicht der Beginn der Verstaatlichung war.
Mit der Teilnahme des Staates am Syndikat würde dem. Staate