hinaus bis zur Saale und bis zum mittleren Main gelangten. Mit
der Gründung des Frankenreiches durch Chlodwig war die Bewegung
der Germanen nach dem Westen beendet und es begann allmählich
wieder die entgegengesetzte Bewegung, die, namentlich durch Karl den
Großen gefördert, schließlich dazu führte, daß nicht nur die alten
Gebiete zurückerobert wurden, sondern daß man auch noch weit über
die ehemaligen Grenzen hinaus drang. Während diese Politik Anfangs
von den Kaisern, namentlich den beiden ersten aus dem Sachsenstamme,
eifrigst unterstützt wurde, hörte dies unter den späteren Ottonen, die
sich Italien zuwandten, auf, und es blieb nun den einzelnen Landes—
fürsten überlassen, dieses Vordringen nach dem Osten zu leiten. Dies
zeschah auch glücklicherweise, und insbesondere Heinrich der Löwe, der
Begründer Lübecks, hat sich unsterbliche Verdienste durch Eroberung
und Germanisirung slavischer Länder erworben. Das muß aber gerade
als besondere Ruhmesthat unseres Volkes hervorgehoben werden, daß
man sich nicht mit der Eroberung begnügte, sondern die eroberten
Länder sofort kräftig germanisirte. Daß man aber dazu im Stande war,
dankte man den hervorragenden Eigenschaften der deutschen Kolonisten.
Diese Eigenschaften aber hatten sich erst entwickeln-können, als man
an Stelle der alten Flurverfassung, die jeden Fortschritt hemmte, das
System der Einzelhufe gesetzt hatte, womit nicht nur die bisherige
genossenschaftliche Bindung wegfiel, sondern auch eine größere Freiheit
des Einzelnen verbunden war. Das neue System war eines der
stärksten Erziehungsmittel zu wirthschaftlicher Selbstständigkeit und Initia—
tive, zur Beherrschung ungebrochener Wildniß. Es führte zunächst zur
bölligen Urbarmachung des Mutterlandes und war die Vorstufe zur
Kolonisation des Ostens, denn als die Heimath hinreichend besiedelt
war, sahen sich die überschüssigen Kräfte nach weiterer Bethätigung um,
und da winkte ihnen im Osten ein reiches Feld. Die Abwanderung
nach dem Osten ging denn auch von den dichtest bevölkerten Gegenden
des Reiches aus, von Flandern und Holland, von Brabant und dem
Niederrhein. Begünstigt wurde die Besiedelung der slavischen Lande
noch dadurch, daß der Slave mit seinem den Boden nur ritzenden
Hakenpflug nicht im Stande gewesen war, den Moorboden oder auch
nur den tiefgründigen Humusboden zu bearbeiten, während der
Germane mit seinem Streichbrettpflug der Bearbeitung dieser Böden
gewachsen war.
Diese Ueberlegenheit der deutschen Ackerbauer führte vielfach dazu,
daß fremde Fürsten die Deutschen in ihre Länder beriefen und sie dort
unter günstigen Bedingungen ansiedelten. So berief König Geisa II.