wobei man jedoch bald erkannte, daß diese Lage wegen der Ueber⸗
schwemmungsgefahr zu unsicher sei, und man verlegte daher Burg und
Stadt Thorn auf eine höher gelegene Stelle, nach dem heutigen Thorn.
Der Orden hatte jedoch nicht Thorn, sondern das bereits bestehende
Kulm zu seinem bevorzugten Sitz ausersehen. Die alte Stadt Kulm
lag am Fuße des Berges. Auf dem Berge befand sich eine feste Burg,
um die sich bald eine deutsche Ansiedelung konzentrirte. Da dem Orden
daran lag, seiner neuen Pflanzstätte möglichste Sicherheit zu gewähren
und sie zu einer Art von Landeshauptstadt zu erheben, so verstand er
es, die untere Stadt, die mit nur eingeborener Bevölkerung besetzt
war, zu einer Vorstadt herabzudrücken, und wendete sein ganzes
Interesse der oberen, neuen Anlage zu.
Die beiden Städte Kulm und Thorn erhielten sofort eine Ver—⸗
fassung, und zwar das Magdeburgische Stadtrecht in etwas abgeänderter
Form, die sogenannte Kulmische Handfeste, mit der auch die meisten
anderen Städte des Ordenslandes begabt wurden, ein Theil erhielt
allerdings Lübisches Recht. Hatten sich die Städte des Reiches unter
schweren Kämpfen erst eine Verfassung erringen müssen, so blieb den
preußischen Städten dies erspart, und das lag ja gewiß im Interesse
des deutschen Ordens, der hierdurch den Kolonisten die Ansiedelung
erleichterte. Der Orden ging jedoch noch weiter und begabte nicht nur
die bereits begründeten Städte mit dem Stadtrecht, sondern suchte die
Städteentwickelung auch noch durch künstliche Mittel zu fördern. Er
bestimmte Orte, die ihm zur Anlage einer Stadt günstig erschienen,
von vornherein zu Städten und beauftragte einen Unternehmer, den
Lokator, mit der Gründung der Stadt. Auf diese Weise sind z. B. die
Städte Christburg, Mewe und die Jungstadt Danzig entstanden. Der
Rath der Städte, ursprünglich von der gesammten Bürgerschaft gewählt,
nahm späterhin das Recht der Aufstellung eigener Kandidaten in
Anspruch, übte im weiteren Verlaufe die Wahlen dann selbst aus und
holte nur die Genehmigung der Bürgerschaft ein, bis er schließlich
auch diese Schranke beseitigte und die Wahlen völlig selbstständig vor—
nahm. In Thorn bestand der Rath, dessen Vorsitzender Schultheiß,
später Bürgermeister genannt wurde, aus 12 Personen.
Von allen preußischen Städten nahm Thorn den raschesten
Aufschwung, war es doch die erste Stadt für die nach Preußen
ziehenden Ritter, Kolonisten und Kaufleute, und da die einwandernde
deutsche Bevölkerung an höhere Kultur gewöhnt war, so fand denn
sofort eine rege Einfuhr von Erzeugnissen statt, und zwar waren neben
Salz und Heringen Leinenzeuge, Tuche, Wein und Gewürze Haupt—