Weichsel und forderte dringend eine gründliche Regulirung, ferner eine
Befestigung des rechten Weichselufers, damit Ent- und Beladung der
Kähne besser vor sich gehen könnten und außerdem die Anlage eines
Winterhafens. Ihr Hauptaugenmerk aber richtete die Kammer auf die
Ausbildung des Eisenbahnnetzes und zwar zunächst auf eine Fortführung
der Ostbahn nach Insterburg und Königsberg und die Herstellung
einer Eisenbahn Thorn —Posen. Die Bahn Thorn — Insterburg wurde
auch Ende der sechziger Jahre in Angriff genommen, doch wurde der Bau
nur sehr langsam gefördert, auch gelang es der Kammer trot eifrigsten
Bemühens nicht, durchzusetzen, daß der Bahnhof bei Thorn auf dem
rechten Weichselufer errichtet werde, trotzdem dies in der beim Landtage
im Jahre 1867 eingebrachten Vorlage vorgesehen war.
Im landwirthschaftlichen Betriebe unserer Gegend traten zu dieser
Zeit auch manche Aenderungen ein, die nicht ohne Rückwirkung auf den
Handel blieben. So wurde von einigen Gutsbesitzern in großem Umfange
Cichorie angebaut und die gedörrte Wurzel nach Polen versandt; ferner
nahm der Anbau des Tabacks namentlich in der Netzegegend ab und
man wandte sich mehr der Kultur anderer Handelsgewächse zu, die
einen höheren Ertrag abwarfen. Da die Landwirthe unserer Gegend
sich mehr als früher der Viehmästung zuwandten, so machte sich bald
eine kräftige Nachfrage nach Kraftfuttermitteln geltend und es ent—
wickelte sich eine von Jahr zu Jahr steigende Einfuhr russischer Kleie
und Oelkuchen, für die Thorn der Hauptstapelplatz hier im Osten wurde.
Der Wollhandel war ziemlich umfangreich, wenn auch die Polen
für gut gewaschene und leichte Wollen jetzt besseren Absatß in Rußland
selbst fanden und daher hier weniger zum Markte brachten. Während
aber sonst die hiesigen Wollhändler die westlichen Wollmärkte beschickten,
trat in dieser Zeit eine Aenderung dahin ein, daß Fabrikanten aus
der Lausitz und aus Sachsen hierher kamen, um ihren Bedarf an
Wolle zu decken. Dies zeitigte den Wunsch nach Einrichtung eines
Wollmarktes in Thorn, der dann auch einige Jahre später erfüllt
wurde. Damals schon machte sich die übermächtige Konkurrenz der
australischen Wollen geltend, die ja dann auch im Laufe der Jahre
zu einem bedeutenden Rückgange unserer Wollerzeugung geführt hat.
Eine vollständig veränderte Natur zeigte das Geschäft mit Stein—
kohlen und Kalk, beides Artikel, die früher hier wenig beachtet wurden.
Man bezog bisher die Steinkohlen von Danzig zu Wasser, den Kalk
ebenfalls zu Wasser von Rüdersdorf. Nachdem aber die Warschau—
Wiener, die Warschau—Thorner und die Ostbahn die Frachtsätze für
diese Artikel wesentlich herabgesetzt, die russische Regierung die zoll—