Thorn gehenden Bahnlinie gegen die von Schlesien und Posen aus
auf dem Landwege nach Lodz führenden Linien nicht möglich war,
gab es seit Fertigstellung der Fabrikbahn keinen billigeren und näheren
Weg aus dem Norden und Westen Deutschlands nach Lodz als über
Thorn und Alexandrowo, was dem hiesigen Speditionsgeschäft um so
mehr zu Gute kam, als der Verbrauch dieser polnischen Fabrihstadt sich
sehr lebhaft gestaltete. Nicht ohne fördernden Einfluß auf das
Speditionsgeschäft war auch der Umstand, daß der Schmuggelhandel
nach Polen nicht bloß hier, sondern auch an anderen Grenzorten in Folge
einer besseren Organisation des russischen Grenzzolldienstes bedeutend
nachgelassen hatte.
Die nun folgenden Jahre des allgemeinen wirthschaftlichen Auf—
schwunges in Deutschland waren auch für Thorn gute Zeiten. Ehe
wir jedoch auf die Entwickelung in dieser Periode eingehen, müssen wir
auf ein für die Handelskammer wichtiges Ereigniß Bezug nehmen.
Am 8. September 1871 fand nämlich auf Grund des Gesetzes vom
24. Februar 1870 die Reorganisation der Handelskammer statt durch
Vornahme der Wahlen, die unter Leitung eines Regierungskommissars
stattfanden, worauf die aus zwölf Mitgliedern bestehende Kammer sich
in der Sitzung vom 22. September konstituirte. Gleichzeitig war auch
der Bezirk der Kammer, der sich bisher nur auf die Stadt selbst
beschränkte, auf den Kreis Thorn ausgedehnt worden.
Das Jahr 1871 begann allerdings nicht unter günstigen Auspicien,
denn der Eisgang zerstörte wieder einmal die Brücke. Da die Eisen—
bahnbrücke noch nicht fertiggestellt war, sah sich Thorn von Neuem von
dem linken Weichselufer abgeschnitten, was bei dem inzwischen gestiegenen
Verkehr um so fühlbarer war. Damit dieser verkehrshindernde Zustand
nicht bis zur Wiederherstellung der Brücke, die sofort in Angriff
genommen wurde, bleibe, wandte man sich an das Kriegsministerium
wegen Ueberlassung der in der Festung Graudenz aufbewahrten Ponton—
brücke, welchem Gesuch auch bereitwilligst stattgegeben wurde. Die zur
Aufstellung der Brücke erforderliche Pontonierabtheilung mußte sogar
beim Mangel anderer verfügbarer Mannschaften erst ihren Rückmarsch
aus dem Norden Frankreichs nach der Heimath antreten. Am 14. Juni
war die Pontonbrücke fertiggestellt und am 27. Oktober konnte dann
auch die reparirte Pfahlbrücke dem Verkehr übergeben werden.
Im Laufe der nächsten Jahre nahmen nun nicht nur die hiesigen
Handelszweige, sondern auch unsere industriellen Betriebe Theil an dem
allgemeinen wirthschaftlichen Aufschwunge, wozu die neuerrichteten Eisen—
bahnstrecken Thorn —Insterburg und Thorn —Posen das Ihrige bei—