trugen. Das Bahngebiet Thorn⸗Insterburg gab neue, ganz wesentliche
Getreidezufuhren und war zugleich ein gutes Absatzgebiet für den
Kolonial und Manufakturwaarenhandel, sodaß diese Geschäftszweige
wenigstens einigermaßen einen Ersatz für die immer geringer werdende
Ausfuhr nach Polen erhielten. Aber auch für die anderen Handels- und
Industriezweige ergab sich hier eine gute Gelegenheit zum Absatz ihrer
Artikel. Ferner ermöglichte die Bahn Thorn — Posen den direkten Bezug
von Eisen, Kohlen und Kalk aus Schlesien und den Versandt nament⸗
lich von Getreide nach dem südwestlichen Deutschland und nach Böhmen
mit Umgehung von Berlin. Ein Projekt, das lange auch von der
Kammer angestrebt worden war. nämlich die Schiffbarmachung der
Drewenz, trat allerdings seit Eröffnung der Thorn —Insterburger Bahn
zeitweise in den Hintergrund.
Die Beziehungen zu Polen blieben auch in dieser Zeit schlecht.
Die Handelskammer hörte nicht auf, Schritte zu einer Besserung zu
thun, sie weist immer wieder auf die Nothwendigkeit hin, mit Rußland
einen Handelsvertrag nach freihändlerischen Grundsätzen abzuschließen,
und als sie sieht, daß alle Versuche, auf eine Ermäßigung des russischen
Zolltarifes hinzuwirken, vergeblich sind, so bemüht sie sich, wenigstens
den Reiseverkehr von der zeitraubenden und kostspieligen Paßkontrole
zu befreien, aber ebenfalls ohne Erfolg. Eine kleine Besserung der
Absatzverhältnisse schien sich anzubahnen, als Anfang der siebziger Jahre
Rußland das Einfuhrverbot für Salz aufhob und Thorn nun glaubte,
Vermittler für die Einfuhr von Salz aus Inowrazlaw und von
englischem Salz aus Danzig werden zu können, doch betrog man sich
auch mit dieser Hoffnung, denn die Polen kauften bald direkt in
Inowrazlaw und Danzig das benöthigte Salz ein.
An industriellen Anlagen besaß Thorn mit Vorstädten im Jahre
1874: 5 Dampfschneidemühlen, 3 Dampfspritfabriken, 3 Honigkuchen—
fabriken, 2 Seifenfabriken, 2 Maschinenbauanstalten, 1 Schnupftaback⸗
fabrik und 1Brotfabrik. Hierzu traten im Laufe des Jahres 1874 eine
Dampfnudelfabrik, eine Chokoladen- und Konfiturenfabrik und eine Gold⸗
und Silber⸗Prägeanstalt. Alle diese Betriebe waren damals gut beschäftigt.
Der Werth der Produktion unserer Honigkuchenfabriken hob sich in dieser
Zeit von 90000 Thalern auf 180000 Thaler, auch die Maschinen⸗
fabriken erweiterten ihren Absatz namentlich an landwirthschaftlichen
Maschinen und bei der anhaltend regen Baulust hatten die Dampf⸗
schneidemühlen stets hinreichend zu thun. Die Thorner Spritfabriken
waren in der Lage, das durch die Bahnverbindung Thorn ·Insterburg
erhöhte Angebot von Rohsprit aufzunehmen, und sie dehnten den