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        handelskammer zu cCheẽe
oͤd jãnrigen vestehens .. —
But eruaeret der wWerner Oftdeutschen Zeitung Ges. m. b. g. Thorn. *

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Die Wandlungen

des Chorner Handels.

Festschrift

dor

Handelskammer zu Thorn

aus Anlaß ihres 50jährigen Bestehens.

1902.

Buchdruckerei der Thorner Ostdeutschen Zeitung Ges. m. b. H., Thorn.

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Naer Oostland willen wij rijden
Naer Oostland willen wij med
Al over de groene heiden
Al over de heiden
Daer isser en betere steô.

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s war eine herrliche Zeit, als solche Worte in deutschen Landen
erschallten, die Germanen in hellen Haufen mit Kreuz, Schwert
und Pflugschar nach dem Osten strömten und dem weiteren
Vordringen der Slaven nicht nur Halt geboten, sondern noch große
Strecken Landes eroberten und kultivirten. Drei Fünftel des heutigen
deutschen Bodens wurden auf diese Weise im 11. 12. und 13. Jahrhundert
gewonnen. Zu den bedeutsamsten Thaten für die Zukunft unseres
Volkes aber gehörte die Eroberung des Landes der wilden Preußen
durch den deutschen Orden. Mit den Rittern und ihren Heerscharen
zogen gleichzeitig auch Handwerker und Kaufleute nach dem Osten,
sodaß, während noch die wildesten Kämpfe tobten, schon in einem
Theile des Landes deutsche Kultur erblühte, und lange vor der voll—
ständigen Unterwerfung der Preußen hatte der Kaufmann durch weit—⸗
reichende Handelsbeziehungen diese Gegend mit dem Mutterlande
verknüpft.
Es war allerdings nicht das erste Mal, daß diese Länder mit
Völkern höherer Kultur in Berührung kamen, denn schon vor Jahr⸗
hunderten hatte der an der Küste gefundene Bernstein, von dessen
Vorhandensein wohl die alten Phönizier die erste Kunde gebracht,
die Kulturvölker der alten Welt, Griechen und Römer, nach dem
heutigen Ost- und Westpreußen geführt. Verlockend genug waren ja
diese Reisen, gehörte doch Bernstein, den man sogar höher als Gold
schätzte, zu den größten Luxusartikeln der alten zivilisirten Welt.
Während einzelne Handelszüge der Griechen die baltische Küste über
Massilia, Rhone und Rhein erreichten, ging man gleichzeitig, etwa um
das Jahr 400 vor Christi Geburt, auch von Olbia am schwarzen Meere
aus dorthin, und zwar führte dieser Weg zwischen Bug und Dmnjestr

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        in die Gegend des heutigen Lemberg, über die San nach der oberen
Weichsel, sodann über Kalisch, Konin in das untere Weichselthal. Auch
von Italien aus sind jahrhundertelang Händler hierhergekommen. Die
alteste etruskische Handelsstraße führte nach den vorhandenen Spuren
über das heutige Salzburg nach Schlesien, überschritt die Obra bei
Schrimm, die Netze bei Czarnikau, zog sich dann am Westsaum der
Tuchler Heide die Lobsonka entlang, um von hier aus auf die trockene
und waldreiche Straße zu gelangen, die sich zwischen der kassubischen
Seenplatte und der Tuchler Heide nach der Gegend des heutigen
Stargard hinschlängelt, von wo man dann die Weichsel erreichte. In
etwas späteren Zeiten, als man schon Nachrichten über die eigentliche
Bernsteinküste eingezogen hatte, suchte man die Weichsel in der Nähe
des heutigen Schwetz zu erreichen, wo man übersetzte und sodann durch
die Furth der Ossa bei Slup und die Passage zwischen dem Drausensee
und dem Friesischen Haff nach der Küste gelangte.
Als Entgelt für den Bernstein gaben Griechen und Römer zuerst
Bronzeschmuck ferner Salz, dies schwer zu entbehrende aber nicht überall
gefundene Genußmittel, und hin und wieder wohl auch feinere Gewebe.
Auch das später, vielleicht seit 10 v. Chr. gebrachte Geld wurde von
den Völkern, die es entgegennahmen, zunächst wohl nur als Schmuck
gebraucht. Die Handelsbeziehungen der Römer nach der Bernsteinküste
endigten mit der Völkerwanderung, doch ist diese nicht die alleinige
Ursache des Verfalles gewesen, die Hauptursache lag vielmehr darin,
daß der Bernstein durch die massenhafte Einführung seinen Werth
verloren hatte und aus der Mode gekommen war.
Die deutsche Völkerwanderung war dem Handel natürlich überhaupt
nicht günstig, denn sie vernichtete nicht nur allen Durchgangshandel,
wie den oben geschilderten, sondern auch die direkten Handelsbeziehungen
mit den Römern wurden dadurch abgebrochen, und es dauerte Jahr—
hunderte, bis sich aus dem deutschen Volke selbst eine eigene Handels⸗
thätigkeit entwickeln konnte. Dies konnte erst geschehen, nachdem die
durch die hin und her fluthenden Wanderungen gestörte Ruhe wieder
hergestellt war. Vor der Völkerwanderung hatten unsere Vorfahren
ihren Sitz zwischen Weichsel und Elbe, und von hier aus zogen sie
nun in gewaltigen Zügen nach dem Westen und Süden; zeitweise
durch die Römer aufgehalten, durchbrachen sie später den vernach⸗
lässigten Grenzwall und siedelten sich im Rhonethal, im Elsaß und am
Niederrhein an, ja sie drangen bis zur Seine und zu Loire vor. In
die verlassenen Gebiete zwischen Elbe und Weichsel schlichen sich slavische
Stämme ein, die im Laufe des 6. bis 8. Jahrhunderts über die Elbe
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        hinaus bis zur Saale und bis zum mittleren Main gelangten. Mit
der Gründung des Frankenreiches durch Chlodwig war die Bewegung
der Germanen nach dem Westen beendet und es begann allmählich
wieder die entgegengesetzte Bewegung, die, namentlich durch Karl den
Großen gefördert, schließlich dazu führte, daß nicht nur die alten
Gebiete zurückerobert wurden, sondern daß man auch noch weit über
die ehemaligen Grenzen hinaus drang. Während diese Politik Anfangs
von den Kaisern, namentlich den beiden ersten aus dem Sachsenstamme,
eifrigst unterstützt wurde, hörte dies unter den späteren Ottonen, die
sich Italien zuwandten, auf, und es blieb nun den einzelnen Landes—
fürsten überlassen, dieses Vordringen nach dem Osten zu leiten. Dies
zeschah auch glücklicherweise, und insbesondere Heinrich der Löwe, der
Begründer Lübecks, hat sich unsterbliche Verdienste durch Eroberung
und Germanisirung slavischer Länder erworben. Das muß aber gerade
als besondere Ruhmesthat unseres Volkes hervorgehoben werden, daß
man sich nicht mit der Eroberung begnügte, sondern die eroberten
Länder sofort kräftig germanisirte. Daß man aber dazu im Stande war,
dankte man den hervorragenden Eigenschaften der deutschen Kolonisten.
Diese Eigenschaften aber hatten sich erst entwickeln-können, als man
an Stelle der alten Flurverfassung, die jeden Fortschritt hemmte, das
System der Einzelhufe gesetzt hatte, womit nicht nur die bisherige
genossenschaftliche Bindung wegfiel, sondern auch eine größere Freiheit
des Einzelnen verbunden war. Das neue System war eines der
stärksten Erziehungsmittel zu wirthschaftlicher Selbstständigkeit und Initia—
tive, zur Beherrschung ungebrochener Wildniß. Es führte zunächst zur
bölligen Urbarmachung des Mutterlandes und war die Vorstufe zur
Kolonisation des Ostens, denn als die Heimath hinreichend besiedelt
war, sahen sich die überschüssigen Kräfte nach weiterer Bethätigung um,
und da winkte ihnen im Osten ein reiches Feld. Die Abwanderung
nach dem Osten ging denn auch von den dichtest bevölkerten Gegenden
des Reiches aus, von Flandern und Holland, von Brabant und dem
Niederrhein. Begünstigt wurde die Besiedelung der slavischen Lande
noch dadurch, daß der Slave mit seinem den Boden nur ritzenden
Hakenpflug nicht im Stande gewesen war, den Moorboden oder auch
nur den tiefgründigen Humusboden zu bearbeiten, während der
Germane mit seinem Streichbrettpflug der Bearbeitung dieser Böden
gewachsen war.
Diese Ueberlegenheit der deutschen Ackerbauer führte vielfach dazu,
daß fremde Fürsten die Deutschen in ihre Länder beriefen und sie dort
unter günstigen Bedingungen ansiedelten. So berief König Geisa II.
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        von Ungarn um die Mitte des 12. Jahrhunderts Bewohner von
Flandern und dem Niederrhein, der Eifel, des Hunsrücks und Wester⸗
waldes in sein Land und gab ihnen Grund und Boden in dem
heutigen Siebenbürgen. Auch das nordwestliche Bergland Ungarns
uͤnd die reichen Südhänge der Karpathen wurden von Deutschen, die
dort Acker- und Bergbau trieben, besiedelt, auch drangen sie nach
Schlesien vor und tief hinein nach Polen, wo überall Städte entstanden
mit Magdeburgischem Rechte. Während aber das Deutschthum Schlesiens
vornehmlich von slavischen Fürsten begründet ward, zogen die deutschen
Eroberer und Besiedler der Ostseeländer auf eigene Faust in die
unbekannte Ferne. Von Lübeck aus, das bald zur wichtigsten Handels⸗
stadt dieser Gegend heranwuchs, wurde die Eroberung und Germani⸗
sirung der Südküste der Ostsee in Angriff genommen, und zwar
betheiligte sich hieran das ganze deutsche Volk in allen seinen Stämmen
und allen seinen Lebensrichtungen. Der um 1200 zum Bischof von
Livland gewählte Bremer Domherr Albert gründete dort den Orden
der Schwertritter, der späterhin mit dem deutschen Orden verschmolz.
Um dieselbe Zeit schwebten aber die Deutschen in Gefahr, wieder von
der Ostsee abgedrängt zu werden und zwar durch den Dänenkönig
Waldemar, bis die Schlacht bei Bornhövede im Jahre 1227 seinen
Eroberungsplänen ein Ende machte. Erst seit dem Sturze der dänischen
Macht begann auch die große Zeit der brandenburgischen Askanier,
die damals nach dem rechten Oderufer übergingen und die heutige
Neumark gründeten.
So waren die Deutschen auf der ganzen Ostlinie im Vordringen
begriffen, ja es gab schon einige recht exponirte Posten, die leider auch
später nicht gehalten werden konnten. Standen doch die Schwertritter
Livlands nur durch die Ostsee mit ihrer Heimath in Verbindung, bis
die für die Germanisirung des Ostens wichtigste That geschah: Die
Eroberung des Preußenlandes durch den deutschen Orden. Der Kampf
zwischen den Polen und Preußen hatte schon fast zwei Jahrhunderte
gedauert, doch war es den Polen nie gelungen, größere Erfolge zu
erzielen; nur das Kulmerland hatten sie den Preußen abgewonnen,
aber diese drangen auch hier häufig wieder sengend und brennend ein.
Als Anfang des 13. Jahrhunderts Konrad, der Sohn Kasimirs, Herzog
von Kujavien und Masovien geworden war, versuchte der Cistercienser
Christian aus dem Kloster Oliva die Preußen zum Christenthum zu
bekehren, doch führte dies nur zu einer energischen Gegenwehr des
Heidenthums, indem die Preußen in wiederholten Zügen in das Land
des Herzogs Konrad einbrachen. Der im Jahre 1217 gegen die
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        Preußen gepredigte Kreuzzug hatte bei den nur spärlich herankommenden
Schaaren der Kreuzfahrer keinen dauernden Erfolg, weshalb sich Konrad
im Jahre 1228 an den deutschen Orden wandte und ihn um Hilfe
bat. Es war nicht das erste Mal, daß der deutsche Orden eine der—
artige Aufforderung erhielt, denn im Jahre 1211 hatte ihm der König
Andreas II. von Ungarn das Burzenland im südöstlichen Siebenbürgen
übergeben, damit er das Land gegen die Ueberfälle der räuberischen
Kumanen schütze. Da der Orden jedoch dort bald nach eigener Herrschaft
strebte, so hatte man ihn wieder aus Ungarn vertrieben. Als nun der
damalige Hochmeister Hermann von Salza, der sowohl mit dem Papste
als auch mit Kaiser Friedrich befreundet war, von Konrad zum Schutze
Polens gegen die Preußen aufgefordert wurde, ließ er sich vorsichtiger⸗
weise, damit der Orden nicht wieder in eine ähnliche Lage wie in
Ungarn käme, die von dem Herzog ausgesprochene Schenkung des
Kulmerlandes, sowie aller zu erobernden Landstriche als ein Fürsten—
thum des römischen Reiches bestätigen.
Im Herbste des Jahres 1230 kamen die ersten Ordensritter unter
Führung Hermann Balks am linken Weichselufer an, wo Herzog
Konrad die Burg Vogelsang erbaut hatte. Hier wartete man auf
weiteren Zuzug, der es schließlich nöthig machte, noch eine zweite
Burg, Nessau, zu bauen, worauf man dann im Frühjahr 1231 die
Weichsel überschritt und sofort auf dem rechten Ufer zur Sicherung der
Rückzugslinie die Burg Thorn anlegte. Hierauf zog man, immer neue
Befestigungen bauend, die Weichsel entlang, um sich auf diesem Strome
die Zufuhr von Hilfstruppen, Nahrungsmitteln und Kriegsmaterial zu
iichern, ging dann über die Ossa bei Slup, benutzte also denselben
Uebergang wie die alten Bernsteinhändler, und erbaute hier das Schloß
Starkenburg. Nun eroberte der Orden mit einem Stoße ganz Pome—
sanien, ging durch den Engpaß bei Elbing hindurch und bemächtigte
sich nach und nach der Haffküste, erbaute feste Burgen an den
Mündungen der Passarge, Aller und des Pregels und drückte die
Preußen, indem er sie diese Flüsse stromaufwärts verfolgte, in die
unwegsamen Moräste der Seenplatte hinein. Es waren schwere blutige
Kämpfe, die wiederholt neue Zuzüge aus dem Westen erforderten;
mmer wieder, kaum besiegt, erhoben sich die Preußen, bis dann endlich
mit dem Jahre 1283 die Eroberung Preußens als vollendet angesehen
werden konnte, nachdem freilich von der ehemaligen Bevölkerung nicht
mehr Viele übrig geblieben waren.
Gegenüber Nessau hatte sich auf dem rechten Weichselufer im
Anschluß an die Burg Thorn eine städtische Ansiedelung entwickelt,
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        wobei man jedoch bald erkannte, daß diese Lage wegen der Ueber⸗
schwemmungsgefahr zu unsicher sei, und man verlegte daher Burg und
Stadt Thorn auf eine höher gelegene Stelle, nach dem heutigen Thorn.
Der Orden hatte jedoch nicht Thorn, sondern das bereits bestehende
Kulm zu seinem bevorzugten Sitz ausersehen. Die alte Stadt Kulm
lag am Fuße des Berges. Auf dem Berge befand sich eine feste Burg,
um die sich bald eine deutsche Ansiedelung konzentrirte. Da dem Orden
daran lag, seiner neuen Pflanzstätte möglichste Sicherheit zu gewähren
und sie zu einer Art von Landeshauptstadt zu erheben, so verstand er
es, die untere Stadt, die mit nur eingeborener Bevölkerung besetzt
war, zu einer Vorstadt herabzudrücken, und wendete sein ganzes
Interesse der oberen, neuen Anlage zu.
Die beiden Städte Kulm und Thorn erhielten sofort eine Ver—⸗
fassung, und zwar das Magdeburgische Stadtrecht in etwas abgeänderter
Form, die sogenannte Kulmische Handfeste, mit der auch die meisten
anderen Städte des Ordenslandes begabt wurden, ein Theil erhielt
allerdings Lübisches Recht. Hatten sich die Städte des Reiches unter
schweren Kämpfen erst eine Verfassung erringen müssen, so blieb den
preußischen Städten dies erspart, und das lag ja gewiß im Interesse
des deutschen Ordens, der hierdurch den Kolonisten die Ansiedelung
erleichterte. Der Orden ging jedoch noch weiter und begabte nicht nur
die bereits begründeten Städte mit dem Stadtrecht, sondern suchte die
Städteentwickelung auch noch durch künstliche Mittel zu fördern. Er
bestimmte Orte, die ihm zur Anlage einer Stadt günstig erschienen,
von vornherein zu Städten und beauftragte einen Unternehmer, den
Lokator, mit der Gründung der Stadt. Auf diese Weise sind z. B. die
Städte Christburg, Mewe und die Jungstadt Danzig entstanden. Der
Rath der Städte, ursprünglich von der gesammten Bürgerschaft gewählt,
nahm späterhin das Recht der Aufstellung eigener Kandidaten in
Anspruch, übte im weiteren Verlaufe die Wahlen dann selbst aus und
holte nur die Genehmigung der Bürgerschaft ein, bis er schließlich
auch diese Schranke beseitigte und die Wahlen völlig selbstständig vor—
nahm. In Thorn bestand der Rath, dessen Vorsitzender Schultheiß,
später Bürgermeister genannt wurde, aus 12 Personen.
Von allen preußischen Städten nahm Thorn den raschesten
Aufschwung, war es doch die erste Stadt für die nach Preußen
ziehenden Ritter, Kolonisten und Kaufleute, und da die einwandernde
deutsche Bevölkerung an höhere Kultur gewöhnt war, so fand denn
sofort eine rege Einfuhr von Erzeugnissen statt, und zwar waren neben
Salz und Heringen Leinenzeuge, Tuche, Wein und Gewürze Haupt—
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        gegenstände des Imports. So war es denn kein Wunder, daß der
Handel von Anfang an zu einem bedeutsamen Faktor in den Städten
wurde. Der Entwickelung des Handels wie überhaupt der Gewerbe—
thätigkeit in den Städten leistete dabei der Orden möglichste Förderung;
die Bürger der Stadt erhielten ihren Grund und Boden zu einem
geringen Zins, der mehr eine Anerkennung der Oberherrschaft des
Ordens war. Auch wurde den Städten selbst vom Orden meist ein
größerer Landbesitz außerhalb der Stadtmauern verliehen. So erhielt
auch die Stadt Thorn einen umfangreichen Besitz, der in zwei wesentlich
verschiedene Theile zerfiel, nämlich in das Weichbild (patrimonium auch
Stadtfreiheit genannt) und das Gebiet (territorium). Als Weichbild
erhielt die Stadt 100 Hufen mit aller Nutzung als freien Besitz, und
sie gab es wiederum ihren Bürgern zur freien Benutzung, sodaß jeder
seinen Antheil daran als freies, unbeschwertes Eigenthum besaß, wofür
er keinerlei Steuern und Abgaben zu zahlen hatte. Das Territorium
dagegen gehörte dem städtischen Fiskus. Den ersten Grund hierzu legte
im Jahre 1262 der Vizelandmeister von Preußen und Livland, Helmrich
von Würzburg, indem er Thorn für den Zins von der Mühle unterhalb
der Ordensburg die Viehweide AlßThorn und 230 Hufen Land gab.
Wie sich nun der Handel Thorns entwickelt hat, läßt sich im
Einzelnen schwer nachweisen, denn in den geschichtlichen Quellen finden
wir Aufzeichnungen über den Gang des Handels meist nur dann,
wenn ihm irgend ein Widerstand erwachsen, ein Unglück geschehen,
kurz etwas Widriges zugestoßen ist, und man muß daher versuchen,
aus den vorhandenen Nachrichten über Schiffsstrandungen, Wege—
sperrungen und Zollerhöhungen sich ein Bild des damaligen Verkehrs
zu gestalten. Jedenfalls war die Lage Thorns wenigstens für die
erste Zeit der Ordensherrschaft recht günstig, war es doch die Pforte,
durch die der Gesammthandel nach Preußen sich bewegte. Zunächst
war es wohl die Hauptaufgabe des Handels, für die wiederholten
Heereszüge, die zur Unterstützung des Ordens nach Preußen kamen,
die nothwendigen Nahrungsmittel, namentlich Getreide, herbeizuschaffen,
da im Lande selbst schon wegen der häufigen Verheerungen der schon
eroberten Ländereien durch die Preußen und später auch durch den
Pommernherzog an einen kräftigen Anbau um so weniger zu denken
war, als die angesiedelten Bauern durch die Kriegszüge immer wieder
in Anspruch genommen wurden. Ueberhaupt war der deutsche Bauer
im Anfang noch ziemlich schwach vertreten.
Jedenfalls hat Thorn von allen Städten Preußens zuerst einen
einigermaßen dauernden Frieden genossen, der nur durch die Einfälle des
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Pommernherzogs Swantopalk unterbrochen wurde. Die Hauptzufuhr
der gewohnten Kulturbedürfnisse, die ja zunächst ausschließlich auf dem
Landwege aus dem Innern Deutschlands bezogen werden mußten,
vollzog sich auf der Straßze Guben — Bentschen — Posen-Gnesen —
Inowrazlaw, ging also durch polnisches Gebiet, und trotzdem die Polen
selbst die Ordensritter zu ihrem Schutze herbeigerufen hatten, unter⸗
ließen sie es gleichwohl nicht, von den durchgeführten Waaren ihren
Zoll zu erheben. Zwar hatten die Ordensritter selbst mit ihrem Gefolge
freien Durchgang, dafür wurden aber die Kaufleute nicht geschont, die
Anfangs allerdings nur von Salz, Hering und Tuch gewisse Abgaben
zu zahlen hatten, doch reizten die guten Einnahmen zur Steigerung,
und so wurde zunächst der Kreis der zu verzollenden Waaren, später
der Zollsatz und schließlich die Zahl der Zollstätten erhöht. Außer
diesem Durchgangshandel fand aber wohl von Anfang an ein direkter
Handel Thorns mit Polen, wenigstens mit Kujavien und Masovien
statt, zur Herbeischaffung der nothwendigsten Nahrungsmittel, Getreide
und Fleisch. Eine harte Probe hatte der Wohlstand der Stadt zu
bestehen, als im Jahre 1242 sich Swantopalk mit den Preußen ver—
band und in das Kulmerland einfiel, wobei Thorn auch belagert,
jedoch so tapfer vertheidigt wurde, daß der Herzog sich zurückziehen
mußte. Dafür schädigte er die Stadt durch Wegnahme einiger ihrer
Schiffe, die den bedrängten Einwohnern von Elbing Lebensmittel
zugeführt hatten.
Die in den polnischen Städten, namentlich in Krakau, zahlreich
ansässigen Deutschen verfolgten das Vorgehen der Ordensritter mit
großer Antheilnahme, wie dies ein Vorfall aus dem Jahre 1244
beweist. Damals kamen von Krakau einige deutsche Adelige zu Schiff
an mit Lebensmitteln, die hier auf Thorner Schiffe umgeladen und
nach Elbing geschickt wurden. Aus dieser Umladung geht deutlich
hervor, daß die Thorner schon damals größere Schiffe, die auch den
Gefahren der hohen See trotzen konnten, besaßen.
Nachdem der Pommernherzog zurückgeschlagen und wieder etwas
Ruhe im Lande eingetreten war, konnte die Stadt sich wieder mehr
ihrer Handelsthätigkeit widmen, doch kam sie schon im Jahre 1250 in
Konflikt mit Kasimir, dem Sohne des Herzogs Konrad. Die Thorner
sollen polnischen Kaufleuten, die vielleicht in der Stadt nach den
Begriffen der dortigen Kaufmannschaft zu selbstständig ihren Handel
getrieben hatten, erheblichen Schaden zugefügt haben, wahrscheinlich
durch Wegnahme von Waaren, und da dies wiederholt geschehen war
und Klagen beim Thorner Rath nichts gefruchtet hatten, so brach
        <pb n="13" />
        Kasimir jeden Handelsverkehr mit Thorn ab und verbot seinen Unter—
thanen, die Stadt zu betreten. Auf Betreiben des Ordens wurde der
Streit jedoch bald wieder beigelegt.
Thorn begnügte sich schon sehr früh nicht mit dem Handel nach
Polen und dem inneren Deutschland, sondern wagte sich bald mit
seinen Schiffen auf die Ostsee hinaus, um an den zahlreichen Handels—
beziehungen des deutschen Kaufmanns in Ost- und Nordsee theil—
zunehmen. Es ist geschichtlich nachgewiesen, daß bereits im Jahre 1278
die Städte Kulm, Thorn, Elbing und Danzig ihren kaufmännischen
Verkehr über die Seegrenzen ihrer Heimath ausgedehnt hatten, und
dieser Verkehr muß schon längere Zeit bestanden haben, denn im
Jahre 1280 sagt Thorn dem Rathe der Stadt Lübeck wieder seine
Betheiligung an dem Handel mit Flandern zu, den es wegen Belästigung
Thorner Kaufleute dort hatte unterbrechen müssen.
An dieser Stelle müssen wir einen kurzen Blick werfen auf die
Entwickelung, die der Handel zu jener Zeit in der Ost und Nordsee
genommen hatte. Seit der Zeit der Byzantiner und später unter dem
Kalifat bestand ein lebhafter Handel zwischen Konstantinopel und
Skandinavien, und zwar nahm dieser Orienthandel seinen Weg den
Dnjepr und die Düna entlang und setzte sich von der Ostsee aus nach
Deutschland bis an den Rhein fort. Durch Verschiebungen und Unruhen
unter den Völkern Rußlands verödeten die alten Handelsstraßen
zwischen dem Schwarzen und Kaspischen Meere und der Ostsee, und
der orientalische Handel wurde durch Kaufleute aus Genua und
Venedig nach dem Mittelmeere abgeleitet, welche Ablenkung durch die
Kreuzzüge und die Begründung christlicher Staaten an den Ostgestaden
des Mittelmeeres begünstigt wurde, und die orientalischen Waaren
nahmen nun ihren Weg nach den Häfen Flanderns und Englands.
Inzwischen hatten deutsche Kaufleute, als von der Ostsee aus der
handel nachließ, den Versuch gemacht, diesen Verkehr wieder zu beleben,
und wahrscheinlich die bisher zu ihnen führende Straße verfolgend
Wisby auf Gothland erreicht, von wo aus man Rußland aufsuchte
und zwar den alten Stapelplatz Nowgorod am Ausfluß des Ilmensees.
Auch hier war der Friede durch Unruhen im Innern Rußlands gestört
gewesen, doch Fürst Jaroslaw erneuerte ihn 1199 „mit allen deutschen
Söhnen, mit den Gothen und der ganzen lateinischen Zunge“. So
lange das Ostseebecken noch in fremder Gewalt war, dürfte der Zug
deutscher Kaufleute nach Wisby und Nowgorod nicht allzu stark
zewesen sein, was sich aber gewaltig änderte, als die Deutschen die
Südküste und einen Theil der östlichen Küste besetzten. Das Haupt—
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verdienst gebührte hierbei dem im Jahre 1143 gegründeten Lübeck dem
es übrigens bald gelang im Verein mit den wendischen Städten die
Vlamen und Friesen von der Fahrt durch den Sund und die Goth—
länder von der Nordseefahrt auszuschließen, sodaß das Monopol beider
Seefahrten den Städten der ostdeutschen Küste, vor Allem Lübeck
selber, zufiel. Diese aufstrebende Stadt setzte es auch durch, daß der
Oberhof für Nowgorod von Wisby nach Lübeck verlegt wurde. Auch
in Flandern und England konnte Lübeck mit seinem Städteanhang
bald festen Fuß fassen. Dort hatte bisher Köln eine große Rolle
gespielt und mannigfache Privilegien für seine Kaufleute erreicht, und
nun setzten es die Osterlinge durch, die gleichen Vorrechte zu erhalten.
Allmählich verschmolzen dort und in anderen ausländischen Orten die
Kaufleute der verschiedenen deutschen Städte zu einer Art Einheit, die
auch auf einen gewissen Zusammenhalt der Städte in der Heimath
zurückwirkte. Es waren die Anfänge der Hanse, denn es handelt sich
bei diesem Städtebund ja nicht um eine einmalige Gründung, sondern
um allmähliche Verschmelzung. Der Zweck der deutschen Hanse war,
vor Allem eine möglichst große Sicherheit ihres Handels zu erlangen,
Freiheit vom Strandrecht, möglichste Freiheit von Abgaben und
Schlichtung ihrer eigenen Streitigkeiten auch in der Fremde nach ihrem
Recht. Die preußischen Städte, sowie Danzig, das im 13. Jahrhundert
noch geringe Bedeutung besaß, hatten sich der Hanse schon in deren
Anfängen angeschlossen und sich dadurch einen kräftigen Rückhalt
geschaffen. Dabei wurden die preußischen Städte in ihrem Handel auf
das Nachdrücklichste auch durch den Orden unterstützt, der selbst Handel
trieb, wie er dies bereits im Orient gethan hatte, doch erwuchsen zunächst
hieraus keine Zwistigkeiten zwischen ihm und den Städten.
Nicht nur der äußere Verkehr, sondern auch die innere Entwicke—
lung der Städte wurde von dem Orden eifrigst gefördert, wenn dieser
jetzt auch, im Gegensatz zu den ersten Jahrzehnten, versuchte, für
Ertheilung von Privilegien gewisse Gegenleistungen zu erhalten. So
läßtt er sich, als die alte Handfeste der Städte Thorn und Kulm bei
einem Brande verloren gegangen war, bei Aufstellung der neuen
Handfeste von beiden Städten die gewinnbringende Weichselfähre
abtreten, erlaubt jedoch den Bürgern, sie gegen einen mäßigen Zins
zu pachten. Die Erlaubniß, ein Kaufhaus zu errichten, ertheilte er nur
gegen Abtretung der Treposcher Mühle. 1274 wird dann auch die
Errichtung von Kaufbuden und Brodbänken gestattet, 1279 die Auf—
stellung einer öffentlichen Wage. Neben der alten Stadt Thorn hatte
sich schon früh eine Ansiedelung entwickelt, die Neustadt Thorn, der
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der Orden im Jahre 1264 eine Verfassung verlieh. Das Nebeneinander⸗
bestehen dieser beiden Städte hat zu vielfachen heftigen Streitigkeiten
Anlaß gegeben, namentlich zu der Zeit, als die Altstadt mit dem
Orden zerfallen war, da die Thorner Neustadt bis zuletzt dem Orden
treu ergeben blieb.

Als mit dem Jahre 1283 nach unendlichen Kämpfen und Blut—
vergießen ganz Preußen endgültig dem Orden unterworfen war,
genoß das Land bis zum Jahre 1326 ununterbrochene Ruhe, sodaß
Thorn während dieser Zeit seinen Handel und sein Gewerbe weiter
ausdehnen und seinen Wohlstand namhaft steigern konnte. Namentlich
seine Beziehungen nach Polen und darüber hinaus, nach Südrußland,
Ungarn und Schlesien nahmen zu, wenn auch hier und da schon
durch die Handelseifersucht der Polen kleine Reibungen entstanden,
war doch die Lage Thorns, wo die verschiedensten Wege sich kreuzten,
derart, daß die Stadt ein natürlicher Stapelplatz werden mußte. Ueber
den Handel Thorns mit Polen und den angrenzenden Ländern liegen
verschiedene urkundliche Nachweise vor. So sichert im Jahre 1286
Herzog Wladislaus von Kujavien den mit Tuch nach Rußland
handelnden Kaufleuten des Ordenslandes freien Durchzug zu; 1294
wird ein Weg, der von Thorn nach Breslau führt, erwähnt; 1313 stellt
der Herzog Zimowit von Masovien dem Rathe zu Thorn eine Urkunde
aus, der den Kaufleuten der Stadt volle Freiheit für Aus- und Einfuhr
ihrer Waaren versprach, gleichviel ob sie von Krakau, Sandomir oder
Preußen kämen; 1318 sichert der Starost Stephan den nach Konin
und Kalisch handelnden Thorner Kaufleuten freien Durchzug zu; 1320
oerleiht ein südrussischer Fürst den Thornern unbeschränkte Handels—
freiheit in seinen Ländern; 1341 ladet Demetrius Dedko die Ordens—
kaufleute ein, Lemberg zu besuchen, und verspricht ihnen völlige
Sicherheit und freies Besitzthum. Man ersieht aus alledem, welchen
Werth die Fürsten dieser Länder darauf legten, daß die preußischen
Kaufleute Handel mit ihren Unterthanen trieben.

Schon frühzeitig entstand eine gewisse Gegnerschaft der beiden
Städte Krakau und Thorn, dessen Aufblühen man in Krakau mit
Neid sah. Krakau ließ sich, um Thorn zu schädigen, von Wladislaus
Lokietek im Jahre 1306 das Stapelrecht verleihen, zunächst nur für die
Waaren, die von Ungarn her eingeführt wurden. Trotzdem hierdurch
die Interessen Thorns berührt wurden, hört man Nichts von einem
Protest, weshalb man wohl annehmen kann, daß die effektive Auf—
cechterhaltung des Stapels den Krakauern nicht gelungen ist.
        <pb n="16" />
        Eine für das Ordensland wichtige Entscheidung wurde im
Jahre 1309 getroffen, indem man den hochmeisterlichen Sitz von
Venedig nach Marienburg verlegte. Der damalige Hochmeister, Sieg—
fried von Feuchtwangen, erließ bald nach seiner Ankunft eine Reihe
von Gesetzen und Verordnungen, die auf größere Mäßigkeit, Ordnung
und Frömmigkeit der Einwohner hinzielten. Er verbot das Spiel mit
Geld, ordnete eine gewisse Sonntagsruhe an, befahl, daß die Hand—
werker ihren Erzeugnissen ein Merkzeichen aufdrücken sollten und gebot,
daß jede Herrschaft ihre Dienstboten, die häufig zu den Ureinwohnern
oder auch zu den Polen gehörten, zur Erlernung der deutschen Sprache
fleißig anhalten solle, um die Bewohner des Landes schneller zu einem
Volke zu verschmelzen.
Diesem Hochmeister verdankt die Stadt Thorn auch die Gründung
der Brüderschaft St. Georgii zum Artushof, der die Geschlechter, „welche
von der ersten Fundation dieser Stadt hier gewohnt und fürnehmlich
sich in ehemaligen Kriegen rühmlichst gehalten haben“, angehörten.
Das Institut der Artushöfe stammte aus England und ist von dort,
was ja durch die regen Handelsbeziehungen beider Länder erleichtert
wurde, nach dem Ordenslande übertragen worden, doch entwickelte es
sich an der Ostsee ganz anders als in England, wo es sich in der
Hauptsache um zu Ehren des sagenhaften König Artus abgehaltene
Turniere handelte. Dort hieß der Kreis der Festtheilnehmer Artus' Hof
oder Artus' Runde, hier übertrug man den Namen Artushof sofort
auf das Gebäude. In selbst errichteten Häusern suchte bei uns das
sich in den Städten bildende Patriziat sich genossenschaftlich von den
übrigen Bewohnern vornehm abzuschließen, und da ihre Zusammen—
künfte ebenfalls einen ritterlichen Charakter trugen, ohne sich damit
allerdings zu erschöpfen, so wurde der Name König-Artushof als
Symbol erwählt. Der Thorner war der erste Artushof, der im Ordens⸗
lande gegründet wurde; erst später fanden sich auch Artushöfe in Kulm,
Elbing, Braunsberg, Königsberg und Danzig. Als Zweck der Thorner
Brüderschaft wurde u. A. bestimmt, „daß durch einen fürnehmen und
ehrbaren Handel und Wandel die Stadt in ihrer Nahrung zunehme,
und daß solche Commercia durch bequeme Mittel zu Land und zu
Wasser befördert werden“. Erst im Jahre 1395 nahm die Georgen—
brüderschaft auch die anderen Kaufleute und Kornhändler, Mitte des
15. Jahrhunderts auch die Schiffer in ihr Heim auf, doch behielt sich
die alte Brüderschaft gewisse Rechte vor.
Einen wichtigen aber für ihn verhängnißvollen Schritt that der
Orden im Jahre 1310 durch den Ankauf von Pommerellen, das nach
        <pb n="17" />
        dem Tode des Herzogs Mestwin an Brandenburg gefallen war. Gegen
eine bedeutende Summe überließ der Markgraf von Brandenburg die
Städte Danzig, Dirschau und Schwetz nebst den dazu gehörigen
Gebieten dem Orden, doch erwuchs diesem dadurch, da Volen ebenfalls
Ansprüche auf dieses Land machte, ein unversöhnlicher Feind, dem er
schließlich erliegen sollte. Die Feindseligkeiten begannen bereits im
Jahre 1326. Wladislaus Lokietek, der im Jahre 1320 auf den Thron
des neu begründeten Polen gelangt war, war zwar in den ersten
Jahren seiner Regierung den preußischen Kaufleuten noch freundlich
gesinnt; er sorgte für sicheres Geleite durch Polen und warnte vor
Benutzung unsicherer Straßen. Aber bald begannen die Kriegszüge
der Polen gegen den Orden zum Zwecke der Gewinnung Pommerellens
und endigten erst im Jahre 1343 mit dem Frieden von Kalisch, worin
die Polen die Oberherrschaft des Ordens über Pommerellen anerkannten.
Nach dem Frieden von Kalisch begann die eigentliche Blüthe
der Stadt Thorn, die Zeit, wo sie als Königin der Weichsel weit und
breit berühmt wurde. Begünstigt wurde diese Blüthe zunächst durch
den Frieden, denn wenn es auch in dieser Zeit zu heftigen Kämpfen
zwischen dem Orden und den Litthauern kam, so spielten sich diese
doch fern vom Kulmer Lande ab, und auch die gewohnten Handels—
straßen wurden nicht davon berührt. Sodann trachtete der hervor—
ragende Hochmeister, Winrich von Kniprode, darnach, den Handel seiner
Städte wie überhaupt das Erwerbsleben seines Landes auf das
Eifrigste zu fördern, und schließlich bestanden gute Beziehungen zu
Polen, wo König Kasimir, von seinen Unterthanen später der Große
genannt, regierte, der den preußischen Kaufleuten nach jeder Richtung
entgegenkam. Auch die deutsche Hanse erstarkte um diese Zeit derart,
daß sie es wagen konnte, sich in die politischen Zwistigkeiten der Nord—
staaten einzumengen.
Was nun den Verlauf des Thorner Handels in dieser Zeit
betrifft, so können wir zwar über die einzelnen Phasen sowie über den
Umfang nichts Genaueres berichten, doch sind uns wenigstens die
Hauptgegenstände und die hauptsächlichen Absatz- und Bezugsgebiete
des Handels einigermaßen bekannt. Die wichtigsten überseeischen
Beziehungen unterhielt Thorn von Anfang an mit England und
Flandern, und zwar bezog man aus England vorzüglich rohe Wolle
und Wollenzeuge, ferner Leinwand und Metalle, namentlich Zinn und
Eisen, wofür man dorthin Getreide, Holz, Wachs, Flachs, Rauchwerk,
Asche, Pech, Theer und Kupfer ausführte. Die gleichen Artikel brachte
man nach Flandern, wo man dafür feineres Tuch, namentlich das von
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        Brügge, eintauschte, das in großem Umfange von den Thorner Kauf—
leuten in Polen und den angrenzenden Ländern sowie in Preußen
selbst abgesetzt wurde. Zwar fertigte man auch in Preußen wollene
Tuche an, worauf ja die Tuchmacherstraße in der Thorner Neustadt
hinweist, und die Marienburger Tuche genossen sogar eines sehr guten
Rufes; das feinere Tuch jedoch bezog man aus Flandern und England.
Sehr wichtig für die preußischen Städte, wie für alle Ostseestädte,
war der Fischfang, namentlich der Heringsfang auf Schonen. Dort
vorbei kamen seit dem 13. Jahrhundert zur Laichzeit ungeheure Herings⸗
züge, die nach dem Sunde wanderten, und es strömten daher alljährlich
aus dem ganzen Norden Europas Fischer, Kaufleute und Handwerker
herbei, um aus dem Fange, der Zubereitung, Verpackung und dem
Verkauf des Fisches Vortheil zu ziehen. Von den dänischen Königen,
denen damals Schonen gehörte, wurden den Städten abgegrenzte
Fischerlager eingeräumt, die man Vitten nannte, große freie Plätze am
Ufer, von hölzernen Planken eingeschlossen. Es wurden sodann Buden
aufgerichtet, theils zur Beherbergung der in der Fangzeit hier ver—
weilenden Gewerbsleute, theils zu Verkaufsstellen, und zur Erhaltung
der Ordnung, zur Rechtsprechung, sowie zur Erhebung gewisser Ein—
nahmen setzte jede hanseatische Stadt ihrer Vitte einen besonderen
Vogt vor. Zwar waren die preußischen Städte schon seit Mitte des
13. Jahrhunderts zum Einkaufe des Herings, der als beliebte Fasten—
speise von ihnen in großen Massen in Preußen, Polen, Schlesien und
anderen Ländern abgesetzt wurde, nach Schonen gekommen, doch
erhielten sie erst 1368 eine Vitte dort eingeräumt.
Mit den nordischen Reichen Dänemark, Norwegen und Schweden
bestand auch ein lebhafter Verkehr. So wurden von Dänemark Fleisch
und Butter, von Norwegen Thierhäute und Thran, von Schweden
Eisen, Pelzwerk, Butter und von allen drei Küsten Fische bezogen.
Die Beziehungen der preußischen Städte zu Nowgorod sind wohl nicht
sehr bedeutend gewesen, jedenfalls fanden ihre Bestrebungen nach
Gleichberechtigung mit den übrigen Hansestädten den Widerstand
Lübecks; wiederholt beklagen sie sich auf den Hansetagen darüber, daß
man ihnen nicht erlauben wolle, in Nowgorod polnische und preußische
Tuche zu Markte zu bringen. Den Verkehr mit Litthauen und der Stadt
Kauen, dem jetzigen Kowno, hatte Danzig fast allein an sich gerissen,
doch begann dieser Verkehr erst nach dem Aufhören der Kämpfe des
Ordens mit Litthauen.
Das wichtigste Absatzgebiet und Durchgangsland für Thorn war
und blieb aber Polen, und auch in den Handelsverträgen mit Polen
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und seinen Nachbarländern Schlesien, Ungarn und Südrußland nahm
Thorn stets die führende Rolle ein, ja einzelne Verträge wurden aus—
schließlich mit ihm abgeschlossen. Neben Holz, das einer besonderen
Betrachtung bedarf, war es Getreide, das in großen Mengen aus
Polen bezogen wurde, um dann, soweit man es nicht im Inlande
verzehrte, nach England und Flandern ausgeführt zu werden. Auch
Salz wurde in großem Umfange aus Polen bezogen. Aus Ungarn
holten die preußischen Kaufleute vorzüglich Erze, edle und unedle,
Eisen, Blei, Kupfer, Quechslber, Gold, Silber und zwar aus den
ungarischen Bergwerkstädten Bartfeld, Leutschau, Göllnitz, aus Galizien
und dem südlichen Rußland besonders Rauchwerk. Den meisten unmittel⸗
baren Antheil am Handel hatten die Polen bei dem Verkaufe des
Holzes und der daraus gewonnenen Nebenerzeugnisse als Asche, Theer,
Pech; ferner lieferten die zahlreichen Vienenzeideleien in den polnischen
Wäldern viel Honig und Wachs, das namentlich für kirchliche Zwecke,
zu Kerzen, Verwendung fand. Abgesetzt wurden in Polen in der
Hauptsache Tuche und Fische, in größerem Umfange dann noch Wein,
Oel und Pfeffer.
Zum Transport des Holzes aus den polnischen, galizischen und
russischen Wäldern hatte man schon früh sich der Flößerei auf der
Weichsel bedient, indem man die zum Verkauf bestimmten Holzstücke,
entweder roh oder behauen, durch Querhölzer und Baststricke enge an
einander befestigte und zu sogenannten Tafeln verband. Eine größere
Anzahl solcher unter sich wieder verbundenen Tafeln nannte man und
nennt man noch heute eine Traft. Die bearbeiteten Hölzer wurden
aber noch auf andere Weise stromab geschafft; man fügte nämlich aus
ihnen flache Fahrzeuge von bedeutender Breite zusammen, die man
leicht in ihre Bestandtheile auflösen konnte. Diese, Dubassen genannten
Fahrzeuge, belud man meist mit Getreide, während man Asche, Pech
und Theer häufig auf die Traften packte.
Man sieht aus alle dem, daß Thorn in den Besitz eines ganz
gewaltigen Handels gelangt war, und da es am Kreuzungspunkte
vieler Landstraßen und an einer immerhin bedeutsamen Wasserstraße
gelegen war, so bildete es sich von selbst zu einem Stapelplatz heraus,
wodurch der Siadt nicht unerheblicher Nuthßen erwuchs.

Verhältnißmähßig zahlreiche Nachrichten sind uns erhalten über
den Handel mit Polen während Thorns Blüthezeit. So fordert im
Jahre 1345 Kasimir die Thorner Kaufleute zum Besuch seines Landes
auf und behält sich nur das Vorkaufsrecht bei aͤllen eingeführten
        <pb n="20" />
        Waaren vor, eine Bedingung, die er später wieder fallen läßt. Bald
darauf, im Jahre 1349, giebt er ihnen die Wege nach Breslau,
Sandomir, Ungarn und Wladimir frei. Er hatte nämlich die süd—
russischen Provinzen seinem Lande einverleibt und suchte sie nun durch
rege Handelsbeziehungen an sich zu fesseln, und dazu gebrauchte er die
Thorner Kaufleute, die daraus allerdings auch ihren Nutzen zogen.
In demselben Jahre eröffnete der Verweser von Kujavien den Thornern
zwei Straßen nach Breslau, und zwar die eine über Radziejewo und
Kalisch, die andere über Strelno. Im Jahre 1351 erlaubte der König
von Polen im Namen des Herzogs Boleslaw von Plock den Thornern
freien Durchzug durch dessen Land. Einzelne Mißhelligkeiten kamen
natürlich auch in dieser Zeit vor und die Thorner hatten hie und da
Veranlassung, sich beim König über Bedrückungen, die ihre Kaufleute in
Polen erlitten hätten, zu beklagen.
Auch über den überseeischen Verkehr der Stadt und ihre Beziehungen
zur Hanse liegen verschiedene urkundlichen Nachweise vor, und wir
erfahren z. B, daß im Jahre 1345 ein Thorner Schiff bei Friesland
gestrandet ist und daß im Jahre 1356 der Thorner Kaufmann und
Rathsherr Johann Cordelitz in ein Schiedsgericht gewählt wurde zur
Schlichtung eines Streites zwischen Brügge und Dordrecht über Nieder⸗
lagsgerechtigkeit. Derselbe Cordelitz wurde im Jahre 1370 in dem
Krieg der Hanse wider den König von Dänemark, Waldemar III., zum
Führer des Thorner Seekontingents ernannt. In den Jahren 1374
und 1375 strandeten Thorner Schiffe bei Bornholm und bei Greifswald,
1377 bei Rügen, und der Rath sah sich in allen diesen Fällen ver—
anlaßt, bei dem betreffenden Landesherrn die Herausgabe der gestrandeten
Waaren zu fordern. Im Seeverkehr gab es ja auch sonst immer ganz
bedeutende Störungen, wie denn die Beraubungen und Beschlagnahme
oon der Hanse gehörigen Schiffen durch die Engländer nichts Seltenes
vwaren. Vor Allem erlitt die Schifffahrt durch die zerrütteten Verhältnisse
in Dänemark unsäglichen Schaden, nicht nur während des achtjährigen
Krieges zwischen Albrecht von Mecklenburg und Margarethe von
Norwegen, der 1395 durch Vermittelung der Hanse beigelegt wurde,
sondern noch lange nachher durch die Raubanfälle der über die Nord—
und Ostsee verbreiteten Vitalienbrüder, zu deren Aufkommen der Krieg
den äußeren Anlaß gegeben hatte. Trotz dieser Störungen muß der
Seehandel reichen Gewinn gebracht haben, denn es ließe sich sonst der
Eifer, mit dem die preußischen Städte an den Kämpfen und Verhand—
lungen, die zur Abwehr dieser Störungen stattfanden, Theil nahmen und
die Bereitwilligkeit, bedeutende Mittel dafür aufzuwenden, nicht erklären.
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Die preußischen Städte haben übrigens der Hanse gegenüber
immer eine etwas freie Stellung eingenommen, indem sie siets die
Interessen des von ihnen gegründeten preußischen Städtebundes,
bestehend aus den Städten Kulm, Thorn, Elbing, Danzig, Königsberg
und Braunsberg in den Vordergrund stellten und sich nur insoweit
an dem Vorgehen der Hanse betheiligten, als ihre eigenen Interessen
berührt wurden. In jedem Jahre hielten die preußischen Städte
Zusammenkünfte ab, wobei jede durch einige ihrer Rathmannen ver—
treten war. Dabei fanden Berathungen über gewerbliche Verhältnisse
statt, es wurden Satzungen für Kaufmannschaft und Handwerk fest⸗
gestellt, Streitigkeiten zwischen Privaten und Korporationen der sechs
Städte ausgeglichen, auch verhandelte man gleichzeitig mit der Ordens—
regierung und schrieb Steuern und Zölle aus. So wurde eine Zeit
lang für die Zwecke der Hanse ein Pfundzoll erhoben, der dann
Veranlassung zu Streitigkeiten zwischen Städten und Orden gab, da
der Orden einen Antheil an dieser Abgabe beanspruchte.
Die freiere Stellung der preußischen Städte zur Hanse hatte ihren
Grund noch darin, daß sie ein besonderes, ganz außer dem Bereiche
der großen Hanse liegendes Feld der Thätigkeit hatten, nämlich die
alten Verbindungen nach Polen, Schlesien, Galizien und Ungarn, mit
denen die Preußen, vor Allem die Stadt Thorn, ausschließlich für sie
geltende Handelsverträge abgeschlossen hatten und für deren Erhaltung
und Erweiterung sie mit alleiniger Hilfe der Ordensregierung sorgten.
Doch fanden die Städte die Unterstützung des Ordens nicht nur im
Verkehr mit Polen, sondern auch bei ihren überseeischen Beziehungen,
wie sie denn beispielsweise die günstigen Handelsverträge mit Frankreich
(1383) und mit England (1885) dem Orden verdankten, der freilich bei
dieser Unterstützung nicht bloß das Wohl der Unterthanen im Auge
hatte. Er war vielmehr bestrebt, die seinen Städten im Auslande
gewonnenen Vergünstigungen für seine eigenen Handelsunternehmungen
auszunutzen, ja er suchte noch dazu den Wettbewerb seiner Städte dadurch
zu schwächen, daß er vermöge seiner landesherrlichen Gewalt wichtige
Handelsvorrechte gegen sie in Anspruch nahm. Aus dem Bernstein⸗
Monopol, das er sich vorbehalten hatte, zog er großen Nutzen, nicht
weniger aber aus dem Verkaufe der reichen ihm als Zins zufallenden
Getreidelieferungen; auch kaufte er zugleich alle seine Bedürfnisse im
Großen im Auslande ein. Während sich bis über die Mitte des
14. Jahrhunderts hinaus keine Spur findet, daß die Handelsbetrieb—
samkeit des Ordens mit der der Städte in Konflikt gekommen sei, wurden
auf der Tagfahrt zu Marienburg im Jahre 1388 zum ersten Male
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Klagen der Städte gegen den Orden laut, die seitdem nicht mehr auf⸗
hörten, aber auch zeigten, daß wirkliche Mißbräuche eingerissen waren
und es sich nicht nur um Abwehr eines unbequemen Konkurrenten
handelte. Verhältnißmäßig harmlos war es noch, daß die Ordens⸗
beamten für ihre kaufmännischen Geschäfte Theilnahme an allen Handels⸗
freiheiten der Städte, namentlich auf den hanseatischen Kontoren ver—
langten, ohne sich an die auf diesen Kontoren herrschenden Satzungen
zu kehren, dagegen war es schon ein direkter Mißbrauch, wenn sie
hehaupteten, bei Insolvenzerklärungen gebühre ihnen vor allen anderen
Kreditoren der Vorzug, und dieses angebliche Vorrecht auch auf alle
in ihren Diensten stehenden Leute ausdehnten. An das von den
Städten mit Genehmigung des Hochmeisters häufig angeordnete Verbot
der Ausfuhr von Landesprodukten hielten sich die Ordensritter in ihren
Handelsspekulationen nicht gebunden, ja der Hochmeister findet bald
eine ergiebige Einnahme darin, gegen eine besondere Abgabe, die man
das „Gelobe“ oder „Lobgeld“ nannte, einzelne von diesen Verboten
auszunehmen. Ferner gaben die Ritter dem Vorkaufsrechte, das sie für
die Verproviantirung der Burgen auf den Wochenmärkten der Städte
und Dörfer ihres Bezirkes ausübten, eine solche Ausdehnung, daß sie alle
auf den Markt kommenden Landesprodukte aufkauften, um sie zu erhöhten
Preisen an die Konsumenten im Inlande oder Auslande abzusetzen.
Diese Mißhelligkeiten lockerten natürlich das Band, das Städte
und Orden zusammenhielt, und führten zu einer sich ständig mehrenden
Erbitterung, die schließlich auch den Abfall der Städte mit herbeigeführt
hat. Ein weiterer Grund zu diesem Abfall lag aber in den Schwierig⸗
leiten, die der 1386 auf den polnischen Königsthron gekommene Jagiello
dem preußischen Handel bereitete. Er war ein erbitterter Feind des
Ordens und suchte dessen Interessen zu schädigen, wo er nur konnte.
Ganz im Gegensatz zu seinen Vorgängern Kasimir und Ludwig war
er nicht geneigt, den durchreisenden preußischen Kaufleuten seinen
besonderen Schutz angedeihen zu lassen, weshalb denn auch die
Unsicherheit auf den polnischen Sitraßen immer mehr zunahm, und alle
Bemühungen des Hochmeisters, die Störungen zu beseitigen, hatten
keinen Erfolg, vielmehr ließ sogar Jagiello bisweilen mitten im Frieden
die Straßen sperren. Dies Alles war für Thorn um so nachtheiliger,
als zur gleichen Zeit der Breslauer Rath den Thornern, die mit ihrem
flandrischen Tuch der schlesischen Tuchindustrie eine empfindliche Konkurrenz
zereiteten, die bisher gewährten Freiheiten entzog.
Am folgenschwersten für Thorn war aber der Streit mit Krakau.
Krakau hatte, wie bereits erwähnt, Anfang des 14. Jahrhunderts das
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Stapelrecht erhalten für alle Waaren, die von Ungarn über Krakau nach
Preußen geführt wurden, und 1372 erweiterte König Ludwig dieses
Recht dahin, daß auch die von Preußen nach Ungarn gehenden Waaren
dem Krakauer Stapel unterliegen sollten. Anfangs hatte man dieses
Privilegium mit Rüchsicht auf das freundschaftliche Verhältniß zwischen
Polen und Preußen nicht rigoros gehandhabt, was sich jedoch mit dem
Regierungsantritt Jagiellos änderte, denn von da an machte Krakau
sein Stapelrecht auch den Thornern gegenüber in der schärfsten Weise
geltend, sodaß die Thorner die Krakauer Niederlage zu umgehen ver—
suchten, und dies führte wiederholt zur Beschlagnahme von Waaren.
Auch hier griff der Hochmeister ein und suchte Krakau zur Aufgabe
seines Stapelrechtes zu bewegen, aber sein Vorgehen hatte keinen Erfolg.
Diese Lage benutzte Thorn, den Hochmeister um Verleihung des Stapel⸗
rechtes anzugehen, wonach die Stadt schon längere Zeit strebte. Denn
wenn Thorn auch lange ein natürlicher Stapelort gewesen war und
die Polen sich begnügt hatten, ihre Erzeugnisse hier abzusetzen und hier
zu kaufen, was sie brauchten, so hatte sich dies, seitdem Danzig eine
bedeutende Handelsstadt geworden war, geändert. Die Polen machten
bald die Erfahrung, daß sie ihre Erzeugnisse viel besser verwerthen und
ihre Einkäufe vortheilhafter machen konnten, wenn sie mit Umgehung
des Thorner Zwischenhandels ihre Geschäfte in Danzig abwickelten.
Dieser direkte Verkehr war den Thornern natürlich höchst unangenehm,
da ihnen dadurch bedeutende Gewinne, auf die sie „nach alter löblicher
Gewohnheit“ Anspruch zu haben glaubten, entgingen, doch sie hatten
bisher kein Mittel gehabt, hiergegen vorzugehen und waren deshalb
um so mehr erfreut, als der Hochmeister ihren Bitten entsprach
und Thorn das Stapelrecht verlieh. Dem Hochmeister lag es wohl
fern, dieses Stapelrecht als eine dauernde Einrichtung anzusehen, viel⸗
mehr betrachtete er es als ein Kampfmittel, durch dessen Druck die
Krakauer zum Nachgeben gezwungen werden sollten.
Nach dem im Jahre 1403 durch Conrad von Jungingen
ertheilten Privilegium waren nur die ausländischen, nicht die preußischen
Kaufleute dem Stapel unterworfen, doch war nicht nur ein Zwang,
in Thorn Niederlage zu halten, ausgesprochen, sondern auch verboten,
eine andere Straße als die über Thorn zu nehmen. Der Niederlage unter⸗
worfen waren die folgenden Waaren: Pelze, Erze, Gewürze, Seide und
Wachs. Die fremden Kaufleute durften ihre Waaren weder weiter
in das Land hineinbringen noch sie zur See weiterführen, doch war
ihnen gestattet, mit gemünztem Gelde auch an anderen Orten, aber
nur von Einheimischen, ihre Einkäufe zu besorgen mit alleiniger Aus—
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nahme des englischen Tuches, das ausschließlich in Thorn gekauft werden
mußte. Damit eröffneten sich für Thorn glänzende Aussichten, der
Markt mußte sich füllen mit Waaren aller Art, die Preise konnten die
Thorner diktiren und die Kaufleute der anderen preußischen Städte
mußten ihre Einkäufe in Thorn machen, soweit sie nicht selbst Waaren
aus Polen eingeführt hatten. Die Aussichten verwirklichten sich jedoch
nur zum kleinsten Theile, woran namentlich die bald folgenden politischen
Verwickelungen und die Katastrophe von Tannenberg Schuld waren.
Der Hochmeister versuchte ja zunächst immer noch, den Streit
zwischen Thorn und Krakau beizulegen, und er verständigte sich daher
mit dem Hauptmann zu Krakau, Clemens von Moskoczow dahin,
die Entscheidung dem Großfürsten Witold zu übertragen, der das
Schiedsrichteramt auch annahm. Zu dem festgesetzten Richttage
erschienen die Thorner nicht und behaupteten nachher, sie seien verhindert
gewesen, doch lag ihnen in Wahrheit wohl nichts an der Beilegung
des Streites, die ja wohl die Aufgabe des glücklich errungenen Stapel⸗
rechtes zur Voraussetzung gehabt haben würde. Es wurde nun hin⸗
über und herüber verhandelt, aber ohne Erfolg, und schließlich machte
der 1410 zwischen dem Orden und Polen ausbrechende Krieg den
Verhandlungen überhaupt ein Ende. Die schwere Niederlage des
Ordens bei Tannenberg hatte den schmachvollen Abfall der Städte zur
Folge, die sofort dem Polenkönig huldigten, nicht ohne ihm gleichzeitig
ihre ‚begerunge“ vorzutragen, die vor allen Dingen auf die volle
Freigabe des Verkehrs mit Polen zielten. Der schnelle Abfall ist ein
deutliches Zeichen für den Haß, den die Städte gegen den Orden
hegten, ein Haß so ties, daß ihnen jede andere Oberherrschaft als eine
Verbesserung erschien. Es spielte freilich dabei die Befürchtung eine
Rolle, es möchte ihnen bei dem fortdauernden Kampfe des Ordens
mit Polen dieses wichtige Absatzgebiet vielleicht ganz verloren gehen
dadurch, daß sich die Polen einen anderen Weg zur Ostsee, nämlich
über Stettin, suchen würden, während man bei Anerkennung der
bolnischen Oberherrschaft auf einen ungehinderten Handel mit diesem
Lande würde rechnen können. Der kräftige Widerstand Heinrichs von
Plauen hatte ja nun zur Folge, daß die Blüthenträume der Städte
oorerst nicht reiften, denn der am 1. Februar 1411 in Thorn geschlossene
Friede brachte das Land wieder unter die Herrschaft des Ordens.
Dafür suchten sie sich jetzt vom Hochmeister so viel als möglich Vortheile
zu verschaffen, die dieser ihnen auch zusagte, doch blieb, wie dies ja bei
dem Geschehenen natürlich war, das Verhältniß zwischen den Städten
und dem Orden gespannt. Dazu kam noch, daß nach dem Frieden von
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Thorn eine der unglücklichsten Perioden für das Erwerbsleben Preußens
anbrach. Verschiedene Jahre hinter einander herrschte Mißernte, auch
wurden die Felder durch Mäusefraß verwüstet, Ueberschwemmungen
verheerten die Weichselniederungen, der Heringsfang war unergiebig
und trotz des Friedens waren die Straßen nach Schlesien, Ungarn,
Rußland und Litthauen zeitweilig gesperrt. Ueberhaupt bietet die
Geschichte der Ordensherrschaft von dieser Zeit ab wenig Erfreuliches
mehr, denn abgesehen von den heillosen Zwistigkeiten und Spaltungen
im Orden selbst und der fortwährenden Widersetzlichkeit der Unterthanen,
hörten auch die Uebergriffe des Ordens trotz der Versprechungen des Hoch—
meisters nicht auf, wie aus allen damaligen Protokollen über die Tag—
fahrten der preußischen Staäͤdte hervorgeht. Immer von Neuem stellte man
dort die Forderung auf, daß der Orden nicht die Marktgerechtigkeit der
Städte verletze, indem er von den Straßen und aus den Städten
Getreide „treiben“ lasse, auch solle Niemand gezwungen werden „zu
kauffen von den heren ir holz, wolle, korn, malcz und alle anderleye
kauffenschacz“. Auf Drängen der Städte setzte der Orden zwar einen
Landesrath ein, doch wurde dieser nur bei Schatzungen und Abgaben,
nicht bei allgemeinen Landessachen zugezogen.
Inzwischen war der Krieg mit Polen von Neuem ausgebrochen,
der dann 1422 mit dem schimpflichen Frieden am See Melno endigte
und für den Orden den Verlust des ganzen linken Weichselufers zur
Folge hatte.
Thorn versuchte Alles, um die Handelsbeziehungen mit Polen wieder
zu beleben. So ertheilte im Jahre 1424 der Rath der Stadt Thorn
einem nach Polen reisenden Pfarrer den Auftrag, beim König für die
Wiedereröffnung der Handelsstraßen thätig zu sein und sich nach der
Höhe der Zölle zu erkundigen. Auch der Hochmeister verwandte sich
für die Stadt und es gelingt ihm im Jahre 1425, für die Thorner die
Straßen nach Breslau, Sandomir und Bartfeld, nach Litthauen und
Wladimir frei zu bekommen. Mit der Ausübung von Thorns Stapel
recht stand es zu dieser Zeit schlecht, denn wenn auch im Jahre 1428
der Hochmeister Paul von Rußdorf das Privilegium bestätigte und
sogar noch dahin erweiterte, daß künftig auch Getreide und Heringe
dem Stapel unterliegen sollten, so war doch Thorn nicht in der Lage,
Fremden gegenüber sein Stapelrecht geltend zu machen. Sowohl von
Danzig als auch von Polen wurde die Thorner Niederlage umgangen,
und zwar benutzten die Schleichhändler, deren sich sogar die Danziger
Stadtregierung, wenn sie zur Strafe gezogen werden sollten, öfters mit
einem ziemlich parteilichen Eifer annahm, entweder den Weg von Plock
        <pb n="26" />
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über Dobrzin, Löbau, Riesenburg und Marienburg oder über Bromberg,
Nakel, Tuchel, Konitz und Schöneck nach Danzig. Thorn verfuhr übrigens
der Krakauer Niederlage gegenüber nicht anders, die Thorner Kaufleute
suchten sie so viel sie konnten zu umgehen, wie die lebhaften Klagen
Krakaus über die Thorner beweisen. Thorns Beziehungen zu Breslau
scheinen damals wieder besser gewesen zu sein, und auch der Thorner
Seehandel blühte noch. Im Großen und Ganzen ging aber der
Wohlstand herab, ja im Jahre 1445 klagt Thorn über zunehmende
Verarmung.

Da der von dem Orden eingesetzte Landesrath den Wünschen der
Grundbesitzer und der Städte nicht entsprach, so gründeten diese einen
Bund zur Herbeiführung der Selbstverwaltung, dessen Bestehen dem
Hochmeister Konrad von Erlichhausen natürlich ein Dorn im Auge
war, weshalb er auch mit allen Mitteln diesen Bund zu sprengen
oersuchte. Als er im Jahre 1453 beim Kaiser Friedrich III. die Auf—
hebung des Städtebundes beantragte und daraufhin das Exekutions—
recht erhielt, steigerte sich die Erbitterung gegen den Orden derart, daß
es zum Aufstand der Städte kam und zwar zuerst in Thorn, wo am
3. Februar 1454 die Ordensburg eingenommen und zerstört wurde.
Am 6. März sandte der Thorner Rath eine Deputation nach Krakau
an den König Kasimir IV. um ihn um seine Schutzherrschaft anzu—
flehen, und es begann nun der 183jährige Krieg zwischen dem Orden
und den mit Polen verbündeten preußischen Städten. Schon 1455
hatte der König von Polen den Städten völlige Freiheit des Handels—
verkehrs nach Polen gewährt, auch Thorn das Münzrecht verliehen und
das Stavpelrecht bestätigt.

Es folgte dann die Belagerung der Marienburg, die der Orden
übergeben mußte, weil er seine Söldner nicht mehr bezahlen konnte.
Die Vermögenslage des Ordens war ja schon seit der Tannenberger
Schlacht von Jahr zu Jahr trauriger geworden, der alte Reichthum
war fast ganz geschwunden. So wird z. B. aus dem Jahre 1446
gemeldet, daß sich der Komthur von Thorn außer Stande sah, für die
Konventsbrüder Salz und Fische zu bezahlen, sodaß er gezwungen
war. Geld bei Juden zu borgen.
In dem im Jahre 1466 zu Thorn geschlossenen Frieden entsagte
der Orden zu Gunsten Polens seiner Herrschaft über die Gebiete von
Kulm, Michelau und Pommerellen, trat die Städte Danzig, Thorn,
Elbing, Marienburg und die Bisthümer Kulm und Ermland ab und
behielt den übrigen Theil Preußens als polnisches Lehen.
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        25

Den einverleibten preußischen Städten versprach König Kasimir
volle Handelsfreiheit in Polen und den Wegfall aller Niederlagen,
was jedoch nicht nach dem Wunsche Thorns war, das vielmehr die
Aufrechterhaltung und strenge Durchführung seines Stapelrechtes erstrebte
und schließlich auch erhielt. Thorns Hoffnung, daß ihm aus seinem
Abfall ein neues Wachsthum erblühen werde, erfüllte sich jedoch nicht.
Während Danzig aus dem Städtekrieg glänzend hervorgegangen war,
hatte gerade dies Erstarken Danzigs Thorn schwer benachtheiligt, da
es dadurch mehr und mehr von der See abgedrängt wurde bei gleich—
zeitiger Abnahme seines Landhandels. Die Handelsbeziehungen mit
Südpolen, Galizien und Ungarn hatten nämlich inzwischen eine theil—
weise Umwälzung erfahren, indem diese Bezirke ihre Waaren vielfach
über Schlesien nach dem mittleren Deutschland versandten und Erze
von Thorn nicht mehr aus Ungarn, sondern aus England, Deutschland,
Frankreich und den nordischen Ländern bezogen wurden. Thorn
erlangte übrigens noch von dem König, daß das gegenüber liegende
Nessau, das Thorn durch seinen Handel oft großen Schaden zugefügt
hatte, abgebrochen und weiter oben wieder aufgebaut wurde. Es ist
das heutige Nieszawa.
Gewiß muß es uns mit Trauer erfüllen, wenn wir den Abfall
der Städte und ihre Unterwerfung unter ein fremdes Volksthum
betrachten, und doch giebt es hierbei noch einen Lichtblick, das ist das
energische Betonen des Deutschthums in den Städten, denn während
das platte Land ziemlich schnell polonisirt wurde, viele deutschen Guts—
besitzer sogar ihre Namen änderten, um als Polen zu gelten, hat sich
das Deutschthum in den Städten durch die ganze polnische Zeit hin—
durch erhalten, sodaß Thorn 1793, als es an Preußen fiel, mit Recht
von sich sagen konnte, es sei immer eine deutsche Stadt gewesen.
Wenn wir erwähnten, daß sich die Hoffnung Thorns auf eine
neue Blütheperiode nicht ganz erfüllte, so dürfen wir doch nicht ver—
gessen hinzuzufügen, daß die Handelsverhältnisse unter der Regierung
Kasimirs IV. der sich redlich für die Stadt bemühte, trotzdem nicht
ungünstig waren, da Polen dem preußischen Handel ja vollständig
offen stand und der umfangreiche Holz- und Getreidehandel der Stadt
viel Geld einbrachte. Auch die Niederlage hatte ja der König der
Stadt Thorn bestätigt und er gewährte ihr dazu im Jahre 1478 für
zwanzig Jahre in seinem ganzen Reiche Zollfreiheit. Mit der Auf—
rechterhaltung ihrer Niederlage nahmen es jetzt die Thorner sehr ernst,
da sie sich unter dem kräftigen Schutze des Königs wußten, und so
fielen sie z. B. im Jahre 1482 Elbinger Bürger an, weil diese auf freiem
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        20

Markte und nicht in Thorn Getreide eingekauft hatten. Sehr unbequem
war die Thorner Niederlage den Danzigern, die sich übrigens seit 1443
selbst das Stapelrecht anmaßten, wonach sie verlangten, daß in ihrer
Stadt Fremde nur mit Einheimischen in direkten Handelsverkehr treten
durften. Dies hielt Danzig aber nicht ab, mit allen Kräften auf die
Beseitigung des Thorner Stapels hinzuwirken und auf jeder Tagfahrt
der preußischen Städte zu wiederholen, die Thorner Niederlage müsse
beseitigt werden. In dasselbe Horn stießen auch der polnische Adel
und die polnischen Bischöfe, die ihr Getreide lieber in Danzig absetzen
wollten, wo sie höhere Preise erzielten. Ihre Vorstellungen beim König
fruchteten jedoch nichts, und Thorn hielt an seinem Recht nicht nur
dem Adel sondern auch dem König gegenüber fest. Nur auf besonderes
Bitten ließ der Rath Güter frei passieren, wobei er sich allerdings nicht
besonders gerecht zeigte, denn während er Hochgestellten meist bereit⸗
willigst die freie Durchfahrt gestattete, verfuhr er gegen weniger Ange—
sehene, von denen er nichts zu befürchten brauchte, mit aller Strenge.
Auch für Einhaltung der Straße sorgte man nach Kräften und fing
manchen Uebertreter ab, dem dann zur Strafe die Waaren konfiszirt
wurden. Ueber die Umgehungen, die trotzdem noch häufig vorkamen,
beschwerte sich 14188 die Stadt beim König, der daraufhin Thorn das
Stapelrecht nochmals ausdrücklich bestätigte und die Benutzung anderer
Straßen zur Umgehung Thorns streng untersagte.
Mit dem Tode Kasimirs im Jahre 1492 verlor Thorn den
bisherigen Rückhalt, denn Kasimir war seinem Worte stets treu geblieben
und hatte die Thorner Niederlage mit allem Nachdruck aufrecht erhalten.
Der Nachfolger, Johann Albrecht, zeigte schon bald nach seinem
Regierungsantritt, daß er das Thorner Privilegium nicht achtete, denn
er erlaubte, ohne Thorn zu fragen, einem polnischen Geistlichen, sein
Getreide an Thorn vorüber nach Danzig zu fahren, und auf die
Beschwerde darüber ließ er in die neue Gesetzgebung von 1496 neben
einer allgemeinen Erklärung, die die Schifffahrt auf allen Flüssen und
Strömen des Reiches frei gab, eine Stelle aufnehmen, die besonders
gegen Thorn gerichtet war und dessen Stapelrecht aufhob. Die Thorner
wehrten sich hiergegen und machten geltend, daß die Bestimmung nicht
zu Recht bestehe, da sie ohne Einwilligung des preußischen Landtages
erlassen sei, welchen Einwand der König gelten ließ. Sein Nachfolger,
König Alexander, war noch mehr geneigt, den Wünschen Danzigs und
der Polen zu entsprechen, und ließ auf dem Reichstage zu Radom im
Jahre 1505, zu dem von den preußischen Städten nur Danzig
erschienen war, die Thorner Niederlage als nicht zu Recht bestehend
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erklären. Dagegen erhob nun aber der preußische Landtag Einspruch,
da dies Urtheil, in Polen von polnischen Richtern gefällt, ein Bruch
der bei der Antragung der polnischen Oberherrschaft gewährleisteten
Sonderrechte sei, und die Frage blieb daher vorläufig unentschieden.
Einen längeren Streit hatte die Stadt mit dem Bischof von
Plock, dessen Getreidekähne bei dem Versuche, an Thorn vorbei zu
schwimmen ohne die Niederlage zu beachten, wiederholt konfiszirt
wurden. Der Bischof wandte sich darauf an das geistliche Gericht nach
Rom, und Thorn mußte zur Vertheidigung seines Rechtes Abgesandte
dorthin schicken und durfte bei den endlos sich hinziehenden Ver—
handlungen die Trinkgelder nicht sparen, bis dann schließlich nach
achtjährigem Prozeß im Jahre 1516 der Papst entschied, daß auch die
Geistlichen dem Thorner Stapel unterworfen seien. Inzwischen wurde
bei dem König von Polen, Sigismund, weiter gewühlt und Thorn
flott umgangen, sodaß der Genuß, den die Stadt von ihrem Stapel⸗
recht hatte, nur mäßig war, zumal da auch die Beaufsichtigung der
Straßen und die Vertheidigung des Rechtes Unsummen verschlangen.
Dabei zeigte sich der König im höchsten Grade unzuverlässig, denn
während er im Jahre 1518 auf dem Reichstage zu Krakau die Rechte
der preußischen Städte und auch das Thorner Stapelrecht von Neuem
bestätigt hatte, weil er die Städte bei dem drohenden Konflikt mit
dem Hochmeister, Markgrafen Albert von Brandenburg, an sich zu
fesseln suchte, bestimmte er, als im Jahre 1519 die Kriegsgefahr
beseitigt schien, auf dem Reichstage zu Petrikau, daß Adel und Geist—
lichkeit Getreide an Thorn vorbei frei verschiffen dürften. Der preußische
Landtag verwendete sich zwar für Thorn, und die Entscheidung wurde,
da inzwischen der Krieg ausgebrochen war, wieder hinausgeschoben,
jedoch bald nach dem Friedensschluß wurde auf dem im Jahre 1527
in Krakau abgehaltenen Reichstage Thorn das Stapelrecht gänzlich
abgesprochen. Jetzt begann Thorn den letzten Kampf um sein Recht
und zwar suchte es hier wieder die preußischen Städte vorzuspannen,
berschmähte es auch nicht, kleine Komödien aufzuführen, indem z. B.
auf der Tagfahrt zu Marienburg im Jahre 1529 die Stadt sich durch
den Stadtschreiber vertreten ließ mit der Begründung, durch die Weg—
nahme der Niederlage wäre ihr so großer Abbruch gethan, daß sie an
eine standesgemäße Vertretung nicht denken könne. Trotz aller
Bemühungen erhielten die Thorner ihr altes Stapelrecht nicht wieder,
nur ein gemindertes wurde ihnen im Jahre 18537 ertheilt, wonach
Fische dem Thorner Stapel auch künftig unterliegen sollten, aber selbst
dies vermochten sie nicht aufrecht zu erhalten. Seit dieser Zeit ging
        <pb n="30" />
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der Thorner Handel mehr und mehr zurück, wenn er zunächst auch
noch ganz lebhaft war, denn er erstreckte sich ja nicht nur auf Polen
und das Herzogthum Preußen, sondern auch auf Litthauen, Rußland,
Ungarn und Deutschland, wo besonders lebhafte Handelsbeziehungen
mit Nürnberg, Augsburg, Frankfurt a. O., Leipzig und Breslau
bestanden. Nach allen Berichten muß um die Mitte des 16. Jahr—
hunderts in Thorn ziemlicher Luxus und ausschweifende Lebensart
geherrscht haben, doch waren darin wohl schon Anzeichen des Verfalles
zu erblicken, die sich auch auf anderen Gebieten mehrten. Schon ihre
Streitigkeiten mit anderen Städten erhalten jetzt einen Zug ins Klein—
liche, wie die wiederholten Klagen der Ortschaften Gollub, Strasburg
und Neumark über die Uebergriffe Thorns beweisen.
Ihre Beschwerden faßten damals die Thorner auf dem Landtage
zu Graudenz zusammen, indem sie folgende Punkte als Ursachen ihres
Verfalles anführten:
1. der mehr und mehr zunehmende Verkauf auf dem Lande;
2. das Halten öffentlicher Jahrmärkte auf den Dörfern;
3. die Beeinträchtigung, die sie beim Tuchhandel erlitten, indem
die von Gnesen und Posen nach Preußen gebrachten schlesischen
Tuche nicht die gehörige Breite hätten und deshalb, wenn sie
von den Thornern auf die Märkte gebracht wurden. als verfälscht
weggenommen würden;
forderten die Ortsherrschaften, wenn die zur Winterszeit auf
der Weichsel hinaufgehenden Kähne am Ufer liegen bleiben
mußten, gegen die Landesgesetze statt 30 gute Groschen einen
ungarischen Gulden.
Immerhin herrschte auch in Thorn selbst noch reges gewerbliches
Leben, das Tuchmachergewerbe war schwungvoll und die Branntwein—
brennerei umfangreich, auch legte um diese Zeit der damalige Thorner
Bürgermeister Joh. Stroband eine Papierfabrik bei Preußisch-Lanke
an und 1540 wurde bei Thorn ein Eisenhammer errichtet.
In der Stadt selbst wurden die Verhältnisse für die Deutschen
aber immer unangenehmer, die Bestrebungen Polens, die Freiheiten der
Städte aufzuheben und Preußen ganz mit Polen zu vereinigen,
nahmen zu, und wenn auch im Jahre 1558 Thorn das Privileg der
freien Religionsausübung erhielt, so wurden dafür in dem gleichen
Jahre auch die Jesuiten durch Vermittelung des Kulmer Bischofs nach
Thorn gebracht.
Einen kurzen Augenblick schien Thorns Glück wieder zu leuchten,
als 1576 Stephan Bathory., nachdem er zum König von Polen gekrönt
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worden war, Danzig, das sich seiner Wahl widersetzt hatte, die Nieder
lage wegnahm und sie auf Elbing und Thorn übertrug. Durch den
Frieden zu Marienburg erhielt jedoch Danzig sein Stapelrecht zurück
und Thorn hatte wieder einmal vergeblich gehofft, nur eines erreichte
es damals von Danzig: es durfte wieder unmittelbaren Handel mit
den nach Danzig kommenden fremden Kaufleuten treiben, wodurch es
in der Lage war, seine in Danzig gekauften Waaren ebenso wohlfeil
abzusetzen, als die Danziger.
Sehr lebhaft war damals der Getreidehandel, sodaß nicht nur
die vielen Speicher, sondern auch vielfach die Wohnhäuser mit Getreide
belegt waren, auch wurden die Thorner Jahrmärkte nach wie vor von
Kaufleuten aus aller Herren Länder besucht. Nur den Juden machte
man Schwierigkeiten bei der Ausübung ihres Handels. So verbot
man ihnen in Thorn im Jahre 1598 das Auslegen ihrer Waaren in
öffentlichen Buden zur Jahrmarktszeit, ebenso das Ausrufen ihrer
Waaren, ja im Jahre 1602 wurde ihnen in Thorn aller Handel und
Verkehr untersagt. Auch schon früher war wiederholt auf den Stãdte⸗
tagen den Juden der Eintritt nach Preußen verboten worden, und
ein Beschluß vom Jahre 1435 lautete z. B.: „Und daz kein Jude in
das landt zu Preussen kome kauffmannschatz daselbst zu treiben.“
Ging der Handel Thorns auch etwas zurück, so vermehrten sich
dafür in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts die industriellen
Unternehmungen, und es wurden in dieser Zeit Mahlmühlen, Salpeter—
siedereien, ein Kupferhammer, eine Walk- und eine Schneidemühle
errichtet, auch gründete man im Jahre 1607 eine Handelsgesellschaft
für Tuchfabrikation und Färberei, die sich allerdings schon nach wenigen
Jahrzehnten wieder auflöste. Die Einwohnerzahl Thorns soll damals
2530000 betragen haben. Daß noch in verhältnißmäßig kurzer Zeit
Reichthümer in Thorn gesammelt werden konnten, zeigt folgende
Erzählung, die vielleicht etwas übertrieben sein mag, doch immerhin
ein Bild giebt von der schnellen Vermögenssammlung der damaligen
Zeit. Im Jahre 1624 zog ein gewisser Gottfried Krives von Posen
nach Thorn und bewarb sich um das Bürgerrecht auf den Seiden⸗
waarenhandel, war aber so arm, daß ihm der Rath zur Bezahlung
seiner Bürgergerechtigkeit eine halbjährige Frist gestatten mußte. Als
er 13 Jahre später starb, soll er ein Vermögen von 8 Tonnen Goldes
hinterlassen haben.
Von den Kriegszeiten blieb auch Thorn nicht verschont. Es wurde
im Jahre 1629 von den Schweden belagert, die sich jedoch wieder
zurückziehen mußten. nachdem sie Mocker und die Vorstädte verbrannt
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hatten. Auf diese erfolgreiche Abwehr der Schweden ließ Thorn im
Jahre 1630 eine Denkmünze schlagen mit der Umschrift: Fides et
constantia per ignem probata. Weniger glücklich war die Stadt in
dem im Jahre 1655 zwischen Schweden und Polen ausgebrochenen
Kriege. Die Schweden kamen unerwartet früh nach Thorn, ehe sich
die Stadt noch hinreichend befestigen konnte, und sie ergab sich daher
und erhielt eine schwedische Garnison. Erst im Jahre 1668 wird Thorn
von den Polen wieder zurückerobert. Zu diesen Belagerungen, womit
natürlich auch immer Erhebung von Kontributionen verbunden war,
kamen dann noch Mißhelligkeiten zwischen den Zünften und dem Rathe
sowie Versuche der polnischen Geistlichkeit, die Evangelischen zum Abfall
zu bringen. Dies Alles trug wohl viel zum Niedergange des ehemaligen
Wohlstandes der Stadt bei, dessen völliger Ruin dann durch den
zweiten nordischen Krieg herbeigeführt wurde. Bei der im Jahre 1703
erfolgten Belagerung durch die Schweden wurden das Rathhaus und
andere öffentliche Gebäude durch Brand zerstört, die Stadt erobert
und ihr eine Kontribution von 100000 Thalern auferlegt. Nach Auf—
zeichnungen in den Büchern des Danziger Artushofes sammelten 1705
die Brüder der Christopherbank für 12 Thorner Bürger, die ihre
Häuser und ihr Vermögen verloren hatten, 320 Gulden, und im nächsten
Jahre zahlte die Dreikönigsbank an „die leider Gottes gebombardirten
Thorner“ 200 Gulden. Im Brüderbuch der Dreikönigsbank findet sich
folgendes, auf diese elenden Zeiten hinweisendes Verschen:
Zu dieser Zeit
Ist wenig Freud.
Krieg wird geführt,
Die Pest regiert.
Des Handels Fall
Drückt überall.
Gott woll es wenden
—
Wie traurig es in Thorn aussah, zeigt ein Bericht aus dem
Jahre 1717: „Alles ist voll Jammers und Elends, die ganze Stadt
voll Uneinigkeit, Haß, Zank, Neid und abscheulicher Unversöhnlichkeit.“
Allen setzte aber das Thorner Blutbad des Jahres 1724 die Krone
auf. Die Stadt wurde von den Polen auf das Schwerste gedemüthigt;
sie erhielt jetzt ihren Lohn für den verrätherischen Abfall und — den
Dank Polens.
Der Thorner Handel zeigte von da ab keinen großartigen Charakter
mehr und wenig Verwickelung, da er auf die aus der Umgegend ein—
        <pb n="33" />
        gehenden Artikel Getreide, Wolle und Holz eingeschränkt war, die nach
Danzig gebracht wurden, und dort handelte man die Waaren ein, mit
denen man die Stadt und die Umgegend versorgte. Nach Polen
brachte man noch überseeisches Salz, doch da die Polen ihre eigenen
Salzgruben schützen wollten, so war für gewöhnlich die Salzeinfuhr
verboten und wurde nur vorübergehend, wenn Mangel eintrat, gestattet
gegen einen Zoll von 36 gute Groschen für die Tonne. Allerdings
wurde Salz vielfach nach Polen eingeschmuggelt. Sonst erfahren wir
wenig von dem Handel jener Zeit. Vom Jahre 1745 wird gemieldet,
daß sich Kornhändler, Gewürzkrämer, Eisenkrämer, Seidenhändler und
Tuchkrämer zusammenthaten, um Abhilfe gegen verschiedene Gebrechen
des Handels zu treffen. Wöchentlich zwei Mal versammelten sie sich
im Rathhause, um zu verabreden, wie sie nach Danziger Preisen am
Vortheilhaftesten verkaufen könnten.
Großen Schaden erlitt die Stadt durch die Russen, die in den
Jahren 1758 62 die Stadt besetzt hielten. Auch durch diese Zeit hindurch
hatte sich aber ein nicht unbedeutender Handel gerettet, denn im
Jahre 1764 wird noch eines lebhaften Geschäftes gedacht. Es wurden
damals 6500 Last Getreide zu Wasser versandt, ferner kamen
5800 Zentner Wolle hier zum Markte, wovon ein Theil in hiesigen
Spinnereien verarbeitet wurde, auch fand ein bedeutender Umsatz in
Kolonialwaaren, Weinen, Seifen und Pfefferkuchen statt. Die Ein—
wohnerzahl war allerdings auf 8500 zusammengeschrumpft. Der voll—⸗
ständige Niedergang wurde aber durch die erste Theilung Polens
besiegelt, wodurch Preußen Westpreußen mit Ausnahme der Gebiete
Thorn und Danzig, das Bisthum Ermland und den Negedistrikt
erhielt. Wegen der Abgrenzung zwischen Preußen und Thorn entstanden
aber bald Streitigkeiten. Friedrich der Große setzte es durch, daß die
Thornischen Güter, die man zuerst der Stadt belassen hatte, an Preußen
kamen, und die preußische Regierung verbot nun den UAntersassen der
Stadt, die in den Stadtgütern wohnten, fast allen Handel und Verkehr
mit Thorn. Am schlimmsten aber war die Zollbehandlung, die Thorn
sowohl von Preußen als von Polen erfuhr. Durch einen zwischen
beiden Ländern vereinbarten Zolltarif war nämlich ein Einfuhrzoll für
sämmtliche aus Polen nach Preußen eingehenden Waaren von 12 960
vom Werth und für die aus Preußen nach Polen gehenden Güter
ein solcher von 4 0/0 festgesetzt worden. Thorn betrachtete man als
Ausland, und die von Thorn ausgehenden Waaren unterlagen sowohl
dem preußischen als auch dem polnischen Zoll, wodurch natürlich der
Handel Thorns rapide zurückging. Als Thorn im Jahre 1793 an
        <pb n="34" />
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Preußen fiel, hatte es nur noch 5670 Einwohner. Wenn durch die
Einverleibung Thorn auch wieder von der drückenden Einschließung
befreit wurde, so kehrten für den Handel doch nicht die früheren Ver—
hältnisse zurück denn die kleineren Städte der Umgegend hatten während
ihrer zwanzigjährigen Trennung von Thorn ihren Bedarf aus Danzig
und Elbing bezogen und verblieben auch für die Folge dabei.
Die Thorner Kaufmannschaft versäumte es nun nicht, der neuen
Regierung sofort ihre Wünsche vorzutragen. So überreichte im Jahre
1793 eine Deputation dem Könige Friedrich Wilhelm Il. ein Promemoria
über die Ursachen des Verfalles nebst Vorschlägen zur Aufhilfe des
Thorner Handels, und als König Friedrich Wilhelm III. am 3. Juni 1800
in Thorn weilte, gab dies der Kaufmannschaft Veranlassung, erneut
ihre Wünsche vorzutragen, wozu bezeichnender Weise auch die Wieder—
herstellung des Stapelrechtes gehörte. Es trat auch bald ein gewisser
Aufschwung ein, und die Einwohnerzahl war 1805 wieder auf 8000
gestiegen, doch wurde diese günstige Entwickelung durch die nun folgenden
Kriegsjahre rauh unterbrochen. Thorn wurde im Dezember 1806 von
den Franzosen belagert und eingenommen, in Folge des Tilsiter
Friedens 1807 dem neugeschaffenen Herzogthum Polen einverleibt und
erst im September 1815 wieder mit Preußen vereinigt, nachdem sein
Wohlstand gebrochen, die ganze Umgegend verwüstet, die Güter ent⸗
werthet, die Vevölkerung verringert war. Ein vollständiger Verfall des
Gewerbes war eingetreten, und von den im Jahre 1804 vorhandenen
77 Firmen bestanden nach dem Kriege nur noch 12. Da nun die alten
Firmen größtentheils verschwunden waren, kamen jetzt neue Kräfte von
Auswärts, um sich hier anzusiedeln. Das Bestreben der Regierung
ging nun dahin, das Erwerbsleben wieder zu heben und vor allen
Dingen günstige Verträge mit Rußland herbeizuführen. Nach langen
und wegen der schutzzöllnerischen Bewegung in Rußland schwierigen
Verhandlungen kam es endlich im Jahre 1818 zu einer Einigung, und
obwohl der Vertrag Preußen nur kleine Erleichterungen gewährte,
nahm die Einfuhr nach Polen und Rußland gewaltig zu, die Preise
sanken dort und die Schutzzöllner erhielten wieder Oberwasser. Man
begann das Abkommen offen zu verletzen, zog Grenzzollämter ein, ja
oerbot kurzer Hand die Einfuhr von Kolonialwaaren und Spirituosen
auf dem Landwege, und schließlich theilte man im April 1822 Preußen
einfach mit, daß Rußland genöthigt gewesen sei, durch Ukas vom
12. März das Prohibitivsystem einzuführen, man wolle jedoch den
preußischen Waaren die 1818 zugestandenen Vortheile noch für ein
Jahr belassen. Daraufhin erhöhte Preußen im Jahre 1823 auch seinen
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Tarif. Unzählig waren die nun beginnenden Jollplackereien der
russischen Behörden, und der preußische Gesandte in Petersburg wußte
kaum, wie er alle die an ihn gelangenden Reklamationen bewältigen
sollte. In Folge dieser Schwierigkeiten sah sich der Handel nach Ruß—
land bald fast ausschließlich auf den Schmuggel angewiesen, was beiden
Regierungen wohl bekannt war. Unter dem Schutze des Prohibitiv—
systems nahm die russische Industrie schnell zu, während dagegen der
Gewerbefleiß der preußischen Ostprovinzen großen Schaden erlitt, denn
der Absatz nach Rußland und dem Orient wurde immer schwieriger
und Ersatz bietende andere Märkte gab es nicht. Der einzige Ausweg
blieb der Schmuggel, der auch an den Grenzübergängen bei Thorn
lebhaft betrieben wurde. Da die Schleichhändler mit den russischen
Beamten meist im Einverständniß waren, so wurden sie nur in den
seltensten Fällen abgefaßt.
Einen günstigen Einfluß auf das Erwerbsleben der Stadt übte
der Bau der fortifikatorischen Werke in den Jahren 1821 29. Neue
Handelsbeziehungen wurden unter Benutzung des Neztzekanals mit
Berlin und Stettin angeknüpft. Eine kurze Glanzperiode für das kauf—
männische Leben Thorns bildeten die Jahre der polnischen Revolution
1830 und 1831, in denen ein bedeutender Waarenabsatz für die in der
Nähe der Grenze lagernden Russen stattfand. Kaum waren Speicher und
Lagerräume genug vorhanden, um die Vorräthe und Zufuhren zur Ver—
pflegung und zum Luxusverbrauch der russischen Armee zu fassen. Von
da ab datirt aber auch der gänzliche Verfall des Geschäftes mit dem
Nachbarlande, denn in Folge der Revolution schwand nicht bloß Polens
Reichthum, sondern es trat auch eine viel strengere Bewachung der
Grenzen ein. Die Thorner Kaufmannschaft wandte sich 1839 im Verein
mit den Vorständen der Kaufmannschaft zu Danzig, Königsberg, Tilsit
und Breslau an den Oberpräsidenten von Schoen, um die Staats-⸗
regierung zu Verhandlungen mit Rußland behufs Erleichterung und
Besserung des internationalen Verkehrs zu vermögen. Der Oberpräsident
schrieb jedoch zurück, Thorn möge sich an seinem „gewinnbringenden“
Getreidehandel genügen lassen, auch besäße der preußische Staat Erwerbs⸗
quellen genug, um seine Einwohner ernähren zu können. Der Getreide—
handel blühte ja allerdings, und zwar hatte der Versandt nach
Berlin und Stettin im Verhältniß zu dem Geschäft mit Danzig schon
einen erheblichen Umfang angenommen. Durch die seit 1828 in England
eingeführte gleitende Skala, wonach der: Getreidezoll erhöht wurde,
wenn die Preise fielen, und ermäßigt, wenn sie stiegen, verwandelte sich
das Getreidegeschäft auch bei uns in ein riskantes Unternehmen, da
        <pb n="36" />
        man die Getreidezufuhren zurückhielt, bis der hochgetriebene Preis den
Zoll auf ein Minimum herabgedrückt hatte. Diese Spekulationen
mißlangen aber häufig, da die dann plötzlich auf den englischen Markt
geworfenen ungeheuren Getreidemengen die Preise zum schleunigsten
Sinken brachten, während gleichzeitig die Zölle wieder stiegen.
Von den Wünschen der Thorner Kaufmannschaft nach besseren
Verbindungswegen, Absatzgebieten und den Geldverkehr erleichternden
Einrichtungen wurde im Jahre 1847 wenigstens einer erfüllt, indem eine
von dem Danziger Bankkontor abhängige Bankagentur errichtet wurde.
Diese durfte Lombarddarlehne selbstständig ertheilen, mußte aber
Diskonto⸗Wechsel erst zur Prüfung nach Danzig senden. Bei Anwesenheit
des Handelsministers v. d. Heydt in Thorn im August 1880 wurde
ihm durch ein von der Kaufmannschaft gewähltes Komitee eine Denk
schrift überreicht, die die folgenden Anträge enthielt:
Bau der Drewenzbrücke bei Leibitsch;
Bau der Chausseen nach Sluschewo, Schulitz, Strasburg und
Graudenz;
Umwandlung der Bankagentur der preußischen Bank in eine selbst⸗
ständige Kommandite;
Errichtung eines Transitlagers für Heringe;
Einführung des Gewichtes statt des Maßes im Danziger Getreide—
geschäft;
Erlaubniß zur Versendung unversteuerten Getreides auf Begleit⸗
schein nach Stettin;
Abschaffung des von jüdischen Kaufleuten in Polen zu zahlenden
Geleitscheingeldes;
Errichtung einer Handelskammer.
Dieses Vorgehen hatte wenigstens die guten Folgen, daß die
Chausseebauten rege gefördert wurden und man die Errichtung einer
Handelskammer für die Stadt Thorn genehmigte. Die ersten Wahlen
zur Handelskammer fanden am 20. September 18852 statt und die
Konstituirung erfolgte am 18. November durch den Oberbürgermeister
Körner als Königlichen Kommissar.
Der erste Jahresbericht, den die Handelskammer herausgab,
behandelte das Jahr 1853, und diesen Bericht müssen wir etwas näher
betrachten, um zu erfahren, mit welchen Schwierigkeiten die junge
Kammer zu kämpfen hatte. Auch fließen ja erst von da an die Quellen
über die Entwickelung des Thorner Handel reichlicher, und während
uns häufig für die vorhergehende Zeit die nöthigen Unterlagen fehlen,
müssen wir jetzt nur das Wichtigste, was uns in den ausführlichen
        <pb n="37" />
        Jahresberichten geboten wird, herausgreifen, damit uns die Uebersicht
nicht verloren geht.
Der Verkehr mit Getreide bildet immer noch das Rückgrat des
Thorner Handels, wie man schon daraus ersieht, daß der Bericht
darüber an die Spitze gestellt ist und diese Ausführungen den breitesten
Raum einnehmen. Hier aber schon lernen wir die mannigfachsten
Hindernisse kennen, die sich dem Getreidehandel in den Weg stellten.
In Folge seiner kriegerischen Verwickelungen hatte Rußland plötzlich
ohne vorhergegangene Bekanntmachung und ohne jede Frist angeordnet,
daß Getreide aus Polen nicht mehr ausgeführt werden dürfe, was
für den Thorner Getreidehandel um so nachtheiliger war, als
Bromberg in Kujavien immer mehr Getreide an sich zog, das früher
nach Thorn verkauft worden war. Diese größere Anziehungskraft
verdankte Bromberg in erster Linie den in den Jahren 1801 und 1852
eröffneten Eisenbahnstrecken Kreuz —Schneidemühl —Bromberg und
Bromberg —Dirschau—⸗ Danzig, denn nun konnte Bromberg erheblich
höhere Preise bieten als Thorn, das ja nicht in der Lage war, seine
täglichen Einkäufe sofort mit der Bahn nach den großen Markt—
plätzen weiter zu schicken, um es dort mit einem, wenn auch kleinen,
so doch sicheren Nutzen loszuschlagen. Ferner hatte sich auch der
Getreidehandel mehr und mehr auf den Absatz nach Stettin und
Berlin beschränkt, denn Danzig wurde möglichst gemieden wegen seines
Festhaltens an dem Verkauf nach holländischem Gewicht, was den
Thorner Verkäufern häufig unvorhergesehene Verluste gebracht hatte.
Etwas Vortheil brachte die, allerdings nur zeitweilige Aufhebung des
preußischen Ein- und Durchgangszolles auf fremdes Getreide, wenn
auch die Handelskammer mit Recht darauf aufmerksam machte, daß
solche Maßregeln von nur vorübergehender Art mehr den ausländischen
Produzenten als den inländischen Konsumenten zu Gute kämen. Ein
rechtes Schmerzenskind für Thorn war von jeher die Weichselbrücke
gewesen. Im Jahre 1433 wurde die erste feste Brücke durch den Hoch—
meister erbaut und unzählige Male war sie im Laufe der Jahrhunderte
durch Hochwasser und Eisgang zerstört worden, so auch wieder im
Frühjahr 1853, und es dauerte bis zum Juni, ehe sie wieder zu
benutzen war. Inzwischen wurde der Uebergang über die Weichsel ver⸗
mittelst zweier Prähme aufrecht erhalten, was aber natürlich zeit—
raubend war und den Bedürfnissen nicht entsprach, sodaß in Folge
dessen der Verkehr mit dem jenseitigen Ufer zurückging.
Die Waarenausfuhr nach Polen war im höchsten Grade erschwert
durch den hohen Zolltarif, der dazu noch einen Hauptartikel, Wein.
        <pb n="38" />
        —4—

ungleich behandelte, denn die über Preußen eingehenden Weine mußten
einen höheren Zoll zahlen, als die über Oesterreich eingeführten. Auch
der Verkehr nach Ostpreußen war wegen der schlechten Wege nur
gering. Der Bericht führt dann noch aus, daß die hiesige Gegend für
Fabrikanlagen nicht geeignet sei, weil ihr hierzu zwei Hauptbedingungen
fehlten: Kapital und Arbeitskräfte, doch wird gleichzeitig auf das
erfreuliche Fortschreiten der seit einigen Jahren am Orte bestehenden
Maschinenfabrik und Eisengießerei der Johanna⸗Hütte hingewiesen, die
ich namentlich für ihre landwirthschaftlichen Maschinen guten Absatz zu
verschaffen gewußt habe. Den Nachdruck legt der Bericht auf die Ver⸗
zesserung der Verkehrswege, und zwar fordert man zunächst die Weiter⸗
führung der Ostbahn von Bromberg bis Thorn und hofft, daß man
dann auch eine Eisenbahnverbindung mit Warschau erhalten werde.
Sehr trübe klingen die Schlußworte des ersten Jahresberichtes: „Gehen
wir noch einmal die jetzigen Handelsverhältnisse Thorns durch, und ver⸗
zleichen wir das jetzige mit dem alten Thorn, so überfällt uns eine
Bangigkeit, und wir sehen mit Zagen der Zukunft entgegen. Während
früher ganz Polen uns seine reichen Zufuhren brachte und dafür seinen
Bedarf von uns entnahm, bleibt uns jetzt kaum die nächste Umgebung
zum Austausch der gegenseitigen Produkte. So wie jetzt, von aller
Welt abgeschnitten, kann Handel und Wandel nicht gedeihen. Möge
Eine Hohe Regierung unsere lebhaften Wünsche betreffs Vermehrung
der Kommunikationsmittel hochgeneigtest berücksichtigen, wir wollen dann
mit neuem Eifer dahin streben, daß Thorn, wenn auch nicht seinen
alten Rang, doch eine achtbare Stellung in der Handelswelt einnehme.“
Die Bestrebungen der Kammer auf Weiterführung der Ostbahn
bis Thorn blieben leider noch jahrelang ohne Erfolg, denn erst im
Jahre 1861 wurde die Bahn Thorn — Bromberg und 1862 die Strecke
Thorn —Warschau eröffnet. Dazu hatte es noch das Unglück gewollt,
daß die kaum neuerrichtete Weichselbrücke im darauffolgenden Frühjahr
1854 gründlichst wieder zerstört worden war; Mittel zum Wiederaufbau
besaß die Stadt nicht und der Staat weigerte sich, helfend einzuspringen,
und so blieb denn Thorn fast ein Jahrzehnt lang ohne Brücke und
damit vom linken Weichselufer so ziemlich abgeschnitten. Der Verkehr
mit Bromberg wurde zu dieser Zeit durch Dampfschiffe unterhalten, die
neben einem geregelten Schleppdienst auch Personenbeförderung betrieben.
Der Wasserverkehr blieb ja für Thorn der einzige Ausweg und die
Weichseldampfschifffahrt nahm daher damals auch einen ziemlichen Auf—
schwung, sodaß die bedeutendsten Weichselstädte auf diesem Wege in
eine regelmäßige Verbindung traten.
        <pb n="39" />
        X

Einen Erfolg errang die Kammer im Jahre 1855, nämlich die
Errichtung einer selbstständigen Filiale der preußischen Bank, die durch
ihren Umsatz bald bewies, wie nothwendig ein solches Institut für die
Stadt war.
Auf dem Verkehr mit Polen lasteten nach wie vor eine Reihe
von Erschwernissen. Was zunächst den Personenverkehr anbetrifft, so
war zu jener Zeit russischen Unterthanen der Uebergang nach Preußen
nur in wenigen Ausnahmefällen gestattet, während Preußen, die nach
Polen reisen wollten, eines Konsulatsvisums auf ihrem Passe bedurften.
Das Ausfuhrverbot für Getreide, mit Ausnahme von Weizen, wurde
auch noch aufrecht erhalten. Der Waareneingang nach Polen konnte
der hohen Zölle wegen auf legalem Wege überhaupt kaum bewirkt
werden, und es blieb daher nur der Schmuggel übrig, der allerdings
in großem Umfange und ganz systematisch betrieben wurde. Auch als
in Folge der Blockade der russischen Ostseehäfen während des Krim—
krieges ganz bedeutende Waarenmengen über Thorn nach Polen gingen,
wurde diese zollscheuende Einfuhrmethode angewandt. Zur gleichen
Zeit nahmen auch ansehnliche Transporte russischer Produkte ihren Weg
aus dem füdlichen Rußland den Dnjepr hinauf nach der Weichsel, und
man gab sich schon der frohen aber eitlen Hoffnung hin, daß auch für
die Folge ein Theil der russischen Waaren diesen einmal wieder—
gefundenen alten Handelsweg benutzen werde. Bei dieser Gelegenheit
müssen sich mißliche Wasserverhältnisse herausgestellt haben, wenigstens
beklagt man sich über die geringe Beachtung, die dem schönen Weichsel—
strom von Seiten der zuständigen Behörden im Allgemeinen, ganz
besonders aber auf russischem Gebiete zu Theil werde und die einer
erfolgreichen Ausbreitung der Schifffahrt und des Verkehrs schwere
Hindernisse in den Weg lege.
Die Ende 1857 ausbrechende Handelskrisis blieb bei den mannig—
fachen Handelsverbindungen der hiesigen Geschäftswelt mit Stettin,
Berlin, Hamburg und Danzig einerseits, mit Polen andererseits nicht
ohne Wirkung auf Thorn, und diese wurde noch gesteigert durch die
eigenthümliche Natur des hiesigen Geschäftes. Plötzlicher starker Nach—
frage von Polen aus, der kaum genügt werden konnte, folgte zeitweise
ebenso unerwartet und unberechenbar eine Stockung, und zwar nicht
selten aus rein zufälligen Ursachen. Der hiesige Engroshändler war
hierdurch gezwungen, ein großes Lager zu halten, um der plötzlich
gesteigerten Nachfrage genügen zu können. Dies im Verein mit dem
Umstande, daß von den polnischen Geschäftsleuten im hohen Grade
Kredit in Anspruch genommen wurde, nöthigte auch die hiesige Geschäfts—
        <pb n="40" />
        38

welt zur umfangreichen Benutzung des Bankierkredits, und so war es
denn erklärlich, daß man auch hier von der Handels⸗ und Kreditkrisis
nicht unberührt bleiben konnte.
Ueber die eigenartigen Handelsverhältnisse mit Polen äußert sich
die Kammer in besonders eingehender Weise in ihrem Bericht für das
Jahr 1859, indem sie schreibt:
Bei den vielfachen kommerziellen Beziehungen, in welchen wir
zu dem Nachbarlande Polen stehen, dürfte es hier am Orte sein, den
dortigen Zuständen, soweit sie auf Handel und Wandel influiren, einige
Beachtung zu schenken. Der Geschäftsverkehr mit dem Nachbarlande
hat noch in keiner Weise eine Wendung zum Besseren genommen.
Daß die Geschäfte mit Polen riskant sind, ist eine alte Erfahrung, und
die Sicherheit derselben beruht einzig und allein auf persönlichem Ver⸗
trauen. Wohl ist es dem hiesigen Geschäftsmanne möglich in Polen
Recht zu suchen, allein die Prozesse sind außerordentlich theuer und
langwierig. Hierzu kommt noch, daß, wenn ein Erkenntniß erstritten
ist, die Vollstreckung desselben in der Exekutions-Instanz nur dann
möglich wird, wenn der Kläger den ausführenden Beamten häufiger
und besser honorirt, als der Verklagte. Ja, befindet sich bereits das
Exekutions-⸗Objekt in den Händen des Exekutors, oder des Gerichts, so
ist die Herausgabe oder Verwerthung desselben schwer und langweilig
zu erlangen, da die Kontrole über die Unterbeamten sehr lax ist, und
das Gericht auch nichts umsonst thut.
Dieser mangelhafte Rechtsschutz ist einer für beide Theile, die
diesseitigen und die jenseitigen Staatsangehörigen, gewinnbringenden
Handelsverbindung im hohen Grade hinderlich und hat derselbe zur
Folge, daß das Rechtsbewußtsein in der Handelswelt Polens nicht
derjenigen Auffassung entspricht, welche sich in Preußen ausgebildet hat.
Eine große Anzahl preußischer Staatsangehöriger betreibt, nament
lich in Getreide, Holz und Wolle, persönlich die Geschäfte in Polen,
oder ist beim Transport der Waaren beschäftigt. Eine andere, gleich⸗
falls bedeutende Zahl Preußen lebt mit preußischen Pässen versehen
im Nachbarlande. Wenn nun auch in neuerer Zeit die polizeilichen
Vexationen, denen diesseitige Staatsangehörige im hohen Grade aus—
gesetzt waren und denen gegenüber sie fast ganz schutzlos sich befanden,
nachgelassen zu haben scheinen, so ist keine Gewähr dafür, daß sich
dieselben nicht wieder einstellen. Auch jetzt kommen noch Fälle vor,
wo die diesseitigen Staatsangehörigen ohne Verschulden in schlimme
Situationen mit polnischen Beamten und Behörden gerathen und anstatt
die Unterstützung diesseitiger zuständiger Behörden zu beanspruchen,
        <pb n="41" />
        35

trotz ihres guten Rechts nichts Besseres zu thun wissen, als der Gewalt
und Willkür mit Geldopfern zu weichen. Wir glauben hier auch sagen
zu dürfen und zu müssen, daß viele Belästigungen für die preußischen
Staatsangehörigen in Polen aufhören dürften und der preußische Ruf
nachhaltiger gewahrt werden würde, wenn das preußische General—
Konsulat in Warschau in die Lage gesetzt würde, eine entschiedenere
und hervorragendere Stellung einzunehmen und eine Praxis zu
befolgen, die es jedem Preußen in Polen zweifellos machte, es sei der
gesetzliche Schutz für ihn eben so sehr außerhalb wie innerhalb der
Grenzen unserer Monarchie vorhanden. Ferner sind wir der Ansicht,
daß trotz der unendlichen Schwierigkeiten, welche von jeher im Großen
und Kleinen bei Unterhandlungen mit der russischen Staatsregierung
sich eingestellt haben, erneute Unterhandlungen betreffs Erleichterung
des internationalen Verkehrs zu einem für die Angehörigen beider
Staaten günstigen Resultate führen müssen. Zu keinem Nachbarstaate
steht Preußen in besagter Beziehung in so üblen Verhältnissen, als
gerade zu Rußland und Polen, während es andererseits, wenn wir
von England und den Zollvereinsstaaten absehen, für Preußen mit
Rücksicht auf den Handelsverkehr keinen wichtigeren Nachbar als das
russisch-polnische Staatsgebiet giebt.
Die polnische Valuta hat sich, wie wir schon oben ausführlich
gesagt, seit etwa zehn Jahren im Kurse wesentlich verschlechtert. Das
Silbergeld ist in Polen so knapp, daß selbst die Bank in Warschau
nicht im Stande ist, ihre Banknoten in Silber umzutauschen und kommt
sie somit ihrer gesetzlichen Verpflichtung nicht nach.
Diese Entwerthung der polnischen Valuta hat ihre Ursache in dem
verminderten Export von Getreide und Wolle, in den gesunkenen
Preisen, namentlich des Getreides, in dem Mangel von Silbergeld,
ferner in den den Geldverkehr hemmenden Gesetzen, in der im Ueber—
maß angewandten Ausgabe von Noten, in den überaus schwer—
fälligen Formen für den Verkehr und endlich in der geringen
Aufmerksamkeit, welche Seitens des jenseitigen Gouvernements der
Entwickelung der materiellen Verhältnisse geschenkt wird. Das Bank
System befindet sich auf einer niedrigen Stufe der Ausbildung, das
Diskonto-Geschäft ist unbedeutend, dabei sind zahlreiche und kostspielige
Beamte angestellt, welche vom Handel wenig verstehen und auch kein
geschäftliches Interesse haben. — Die Zollgesetze sind über die Maßen
intrikat, der Tarif sehr weitläufig und in vielen Positionen die Bezeich—
nung der Waare undeutlich und zweifelhaft. — Die Gewerbegesetze
sind dem Aufblühen der Gewerbethätigkeit hinderlich, namentlich die
        <pb n="42" />
        Einrichtung von Gilden, wozu noch eine sehr hohe Gewerbesteuer
kommt. — Der Postversandt für Gelder ist theuer, langsam und unsicher.
Baare Rimessen mit der Post von und nach Polen sind dadurch, sowie
durch das theure Porto, durch den gänzlichen Mangel an größeren
Apoints über 25 Rubel in polnischen Banknoten und durch die
Bestimmung erschwert, daß das Geld in Gegenwart der Postbeamten
verpackt werden muß. — Die Postverbindungen im Nachbarlande sind
überhaupt mangelhaft und nicht zureichend, beispielsweise besteht zwischen
den bedeutenden Handelsplätzen, welche nur 6 Meilen direkt von ein⸗
ander liegen, Plock und Wloclawek, keine direkte Postverbindung.
Ebenso fühlbar macht sich daselbst für den gegenseitigen Verkehr der
Mangel aller Chausseen auf dem rechten Weichselufer. Kann die
Königliche Staatsregierung in letzterer Beziehung nicht abhelfend ein—
wirken, so dürfte es wohl möglich sein, auf dem Wege eines neuen
Postvertrages die dortigen Postverbindungen zu verbessern.
Der Handel und Verkehr mit Polen beschränkt sich in den Haupt—
richtungen nur auf das Nothwendige und Unumgängliche, dem kein
beschränkendes Hinderniß mehr in den Weg zu legen war. Es liegt auf
der Hand, daß unter den gegebenen Verhältnissen der Handelsverkehr
beider Staaten noch sehr weit entfernt ist von derjenigen Entwickelung
und Reziprozität, welche wir bei anderen Nachbarländern finden. Der
diplomatisch-merkantilen Wirksamkeit unserer Staatsregierung bleibt hier
noch ein sehr weiter Wirkungskreis und ein sehr lohnendes Feld. Wir
ind der Ansicht, daß es nothwendig ist, den internationalen Beziehungen
mit dem Nachbarlande eine eingehendere Aufmerksamkeit zu widmen,
die dortigen gewerblichen, finanziellen und Handelsverhältnisse, Verkehrs—
wege, Gesetze und Einrichtungen einer fortgesetzten informatorischen
Beobachtung zu unterziehen und dann zu versuchen, die Regierung
des Nachbarstaates von der finanziellen Schädlichkeit vieler Ein—
richtungen zu überzeugen und sie zu anderen Maßnahmen zu ver—⸗
nögen. Das schöne Land Polen müßte der russischen Krone viel
größere Intraden liefern, wenn es nicht unter dem Drucke eines
unrichtigen national-ökonomischen Systems seit lange zu leiden hätte.
Aus den vorstehend erörterten Gesichtspunkten und aus praktischen
Gründen scheint die Anstellung eines preußischen Konsuls neben dem
General⸗Konsulate in Warschau, der dem Kaufmannsstande angehört,
wohl empfehlenswerth. Er könnte sehr ersprießliche Dienste leisten.
Wir vertrauen, daß die Königliche Staatsregierung, welche mit
dankenswerther Fürsorge, wie z. B. die Expedition nach China und
Japan erweist, dem Handel Preußens die Wege zu den fernsten
        <pb n="43" />
        Ländern bahnt, die uns so nahe berührenden Verhältnisse mit dem
Nachbarlande nicht aus den Augen verlieren werde.“
Was die einzelnen Erwerbszweige betrifft, so läßt sich für die
Zeit bis Ende der fünfziger Jahre Folgendes sagen: Der Getreide—
handel war am bedeutendsten, litt jedoch unter dem russischen Aus—
fuhrverbot und unter der fehlenden Brücke, wodurch, wie bereits erwähnt,
das Getreide Kujaviens nach dem durch die Bahn begünstigten Bromberg
getrieben wurde. Im Jahre 1856 waren, allerdings mit in Folge der
Mißernte, die Zufuhren so gering, daß sie zum größten Theile zur
Deckung des lokalen Bedarfes verwendet werden mußten. Der Holzhandel
begnügte sich fast ausschließlich damit, den Konsum am Platze und in
der nächsten Umgebung zu decken. Wie schon jahrhundertelang vorher
vermochte Thorn auch jetzt noch nicht einen einigermaßen entsprechenden
Nutzen aus den doch ganz beträchtlichen Holzzufuhren, die jahraus,
jahrein auf der Weichsel vorüberschwammen, zu ziehen. Schon zur
Zeit des Bestehens des Thorner Stapelrechtes war das Holz aus—
drücklich davon ausgenommen, weil es „nach alter Gewohnheit“ immer
an Thorn vorbeigeführt wurde. Der Grund lag einzig und allein
darin, daß in Thorn Gelegenheit fehlte, das Holz im Wasser zu lagern,
auszusuchen und je nach Bedarf weiterzuführen, und dies ist auch im
Verlaufe der letzten 5 Jahre so geblieben, sodaß man erst jetzt, nach—
dem das Projekt des Holzhafens gesichert erscheint, hoffen darf, Thorn
werde endlich auch im Holzhandel die ihm gebührende Stellung
einnehmen.
Für die Geschäftszweige, die nach Polen Waaren ausführten,
waren die Zollverhältnisse im Verein mit der geschilderten Unsicherheit in
Polen natürlich ein gewaltiges Hinderniß für die Ausdehnung ihres Absatzes.
Den Kolonialwaarenhandel speziell schädigte die Erbauung großer
Rübenzuckerfabriken in Polen, die so bedeutende Mengen produzirten,
daß sie sogar viel Zucker über Thorn weichselabwärts nach Rußland
saandten, unter welchen Umständen ein Absatz deutschen Zuckers nach
Polen ausgeschlossen war.
In Manufakturwaaren bestand ein ziemlich lebhafter Absatz nach
Polen, wobei sich das Geschäft meist wie folgt, abspielte: Die polnischen
Wiederverkäufer kamen hierher, wo sie größtentheils ihre Waaren gegen
ein geringes Angeld abnahmen, um sie nach den Grenzstädten Strasburg,
Soldau u. A.m. und von hier aus dann auf dem üblichen Wege des
Schmuggels über die Grenze zu schaffen. Gegen Ende der fünfziger Jahre
steigerte sich vorübergehend der Manufakturwaarenhandel Thorns nicht
unbedeutend, da diejenigen polnischen Käufer, die sonst die Leipziger Messe
        <pb n="44" />
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besuchten, dies der Zeitverhältnisse wegen unterließen und dafür in Thorn
ihren Bedarf deckten. Der Weinhandel klagte zu jener Zeit über Rückgang
des Absatzes, weil einmal sowohl diesseits als jenseits der Grenze der
Wein durch zunehmenden Biergenuß verdrängt wurde und man ferner
in Polen immer mehr den Ungarwein den rheinischen, französischen und
spanischen Weinen vorzog. Ziemlich groß war der Zigarren- und
Tabackexport nach Polen. In Thorns Nachbarschaft, besonders in dem
Landstrich zwischen Weichsel und Netze, sowie in den Niederungen von
Kulm, Graudenz und Marienwerder wurde der Bau des Tabacks in
großer Ausdehnung betrieben, und der Artikel selbst bildete ein
bedeutendes Handelsprodukt der kleinen bäuerlichen Grundbesitzer.
Die Industrie war nicht bedeutend. Es bestanden zwei Maschinen⸗
fabriken, eine davon allerdings in Mocker, die beide hauptsächlich land—
wirthschaftliche Maschinen produzirten. Zur Vermahlung des Getreides
bestanden nur Wassermühlen, die dem Bedarfe am Orte oft nicht
genügten, sodaß die Bromberger Mühlen hier guten Absatz fanden.
Die Branntwein- und Likörfabrikation war nicht unbeträchtlich und
auch die Honigkuchenindustrie blühte hier wie schon seit Jahrhunderten.
Wenn man auch nicht sagen kann, daß die fünfziger Jahre für
Thorn wirthschaftlich besonders günstig gewesen seien, wenn vielmehr
mancherlei Hemmungen zu verzeichnen waren, so läßt sich doch auch nicht
leugnen, daß sich allmählich ein regeres Leben zeigt, daß man jedenfalls
nicht mehr so muthlos wie früher in die Zukunft blickt. Die Hoffnung
auf Besserung wurde denn auch nicht betrogen, und der Anfang der
sechziger Jahre zeigte eine stetige Aufwärtsbewegung. In diesen
Jahren sind namentlich vier Ereignisse von Bedeutung für das wirth—
schaftliche Leben Thorns gewesen:
1. Die Eröffnung der Bahn Bromberg —Thorn mit ihrer Weiter—
führung nach Polen;
2. Der polnische Aufstand im Jahre 1863;
3. Der Wiederaufbau der Weichselbrücke im Jahre 1863;
4. Die ständig guten Ernten in den Jahren 1860 -1863.
Namentlich der Getreidehandel dehnte sich gewaltig aus, da ihm
reichliche Zufuhren zur Verfügung standen und auch die Preisbewegung
das Geschäft lohnend gestaltete. Die bis Thorn geführte Bahn ver—
anlaßte zwar manchen Gutsbesitzer, unter Umgehung des hiesigen Handels
sein Getreide direkt nach den Konsumorten zu verschicken, doch hielt
man sich dafür hinreichend schadlos, indem man mit Hilfe der Eisenbahn
sich nach größerem Geschäftskreis in Polen umsah, was denn auch zu
einer weiteren Ausdehnung des Geschäftes führte. Freilich ging dies
        <pb n="45" />
        nicht ganz ohne Schwierigkeiten vor sich, die zum Theil die polnischen
Zollbehörden verursachten, doch lag auch ein Theil der Schuld an der
Unbekanntschaft der Händler mit den polnischen Personal⸗, Vermögensund
 Gesetzes-Verhältnissen. Zur Versendung des Getreides wurde
neben der Bahn noch in weitem Umfange der Wasserweg benutzt, doch
wirkte hier die noch mangelhafte Regulirung hemmend, da der Fluß
oft sehr seicht war. Namentlich im Jahre 1862 war die Kalamität
groß: Die Dampfschifffahrt mußte zeitweise ganz eingestellt werden,
und auch die Kähne konnten nur mit ganz geringer Beladung fahren.
Die Handelskammer nahm daher Veranlassung wiederholt auf die Noth—
wendigkeit von Buhnenarbeiten zur Vertiefung der Fahrstraße hin—
zuweisen.
Die günstigeren Erwerbsverhältnisse führten auch eine Zunahme
der Bevölkerung herbei, da viele neue Geschäfte sich hier ansiedelten
und die vermehrte Erwerbsgelegenheit auch Arbeiter herbeizog. Dies
regte natürlich die Baulust an und bewirkte einen guten Absatz der
Ziegeleien. Für das Speditionsgeschäft begann mit Eröffnung der Bahn
Bromberg — Thorn —Warschau eine ganz neue Epoche. Bisher hatten die
hiesigen Spediteure nur die Vermittelung der zumeist auf dem Wasser—
wege nach den Hafenplätzen der Ostsee aus Polen eingehenden Getreide—
und Holzsendungen zu besorgen; nunmehr nahmen die Waarenbezüge
für Polen und einem Theile Rußlands aus den westlich gelegenen
Industriegegenden ihren Weg über Thorn und ebenso kamen die
Produkte aus denjenigen Theilen Polens, die keine Wasserverbindung
hatten, jetzt ebenfalls über unseren Platz. Der frühere Weg über
Schlesien hatte dadurch große Einbuße erlitten, weshalb dortige
Spediteure, um ihre seit Jahren eingeleiteten Verbindungen zu
erhalten, hier entweder selbstständige Geschäfte oder Filialen einrichteten.
Mit den Fortschritten des Speditionsgeschäftes hielt jedoch der Absatz
der Waaren nach Polen von Thorn aus nicht Schritt, wenigstens ging
der Kleinhandel mit Schnittwaaren, Weinen, Metall- und Kolonial⸗
waaren noch weiter zurück, woran vor Allem die fortschreitende
Entwerthung der polnisch-russischen Papier-Valuta schuld war, sowie
der vollständige Mangel an russischem Silbergeld und russischer Scheide—
münze. Diese Geldsorten waren im Inneren Polens so selten, daß
die kleineren Umsätze überaus erschwert wurden. In mehreren polnischen
Städten hatte sich die Kaufmannschaft mit Ausgabe kleiner, gedruckter
Scheine in Wechselform, auf 10, 20 und 50 Kopeken lautend, zu helfen
gesucht, auch wurden bisweilen kleine Bons in hebräischer Schrift aus—
gegeben. Auch die politische Bewegung in Polen übte einen unvor—
        <pb n="46" />
        theilhaften Einfluß auf den Geschäftsverkehr aus. Im Textilwaaren—
handel machte sich übrigens in dieser Zeit ein enormer Absatz an
Trauerkleidungen nach Polen bemerkbar, was darin seinen Grund
fand, daß die polnische Frauenwelt damals nur schwarze Kleidung
trug, um ihrer Trauer über die Bedrückung Polens Ausdruck zu geben.
Als dann im Jahre 1863 der Aufstand in Polen ausbrach und sich
zeitweise die russischen Grenzsoldaten zurückziehen mußten, fand eine
ganz erhebliche Einfuhr nach Polen statt, und namentlich Manufaktur—
waaren, Taback, Zigarren, sowie Kolonialwaaren wurden in großen
Mengen über die Grenze geschafft. Auch Zucker fand wieder Eingang
in Polen, da die polnischen Zuckerfabriken während der kriegerischen
Zeiten ihren Betrieb eingestellt hatten. Freilich wurde der kleine, vor—
übergehende Vortheil später mit um so größeren Nachtheilen bezahlt,
da die polnische Bevölkerung durch den Aufruhr und seine Anter—
drückung auf Jahre hinaus verarmte.
Die Interessen der in Polen wohnenden preußischen Unterthanen
scheinen während dieser Zeit übrigens nicht in energischer Weise wahr—
genommen worden zu sein, wie aus folgender Stelle des Berichtes für
1863 hervorgeht: „Was die Interessen unseres Handels und Verkehrs
in Polen selbst anbetrifft, so haben wir leider im vorigen Jahre nur
zu häufig wahrzunehmen Gelegenheit gehabt, daß der Schutz, welcher
bisher jenen Interessen gewährt wird, ganz unzulänglich ist. Den
Zuständen in Polen gegenüber, wie sie im vorigen Jahre waren und
noch heute sind, bedurfte und bedarf es ganz energischer Maßnahmen
Seitens unserer Staatsregierung, um Eigenthum und die persönliche
Freiheit preußischer Staatsangehöriger gegen Ungebühr sicher zu stellen.
In Folge der Antipathie auf polnischer Seite gegen die Deutschen und
namentlich gegen die Preußen, sowie in Folge des willkürlichen Verfahrens
russischer Beamten und des Mißtrauens der russischen Militärbehörden
kamen die preußischen Staatsangehörigen, von denen eine große Anzahl
in Polen Wohnsitz hat, in die schlimmsten Lagen und Verwickelungen,
da es sehr schwer war, einerseits den polnischen Nationalitätsbestrebungen
genügsam auszuweichen und andererseits der russischen Polizei keinen
Vorwand zu Vexationen zu geben. Weder Engländer noch Franzosen,
die in Polen leben, sind in so schlimmen Situationen gewesen, da nach
Allem, was man hört, deren Konsuln ihnen einen viel ausreichenderen
und wirksameren Schutz angedeihen zu lassen wissen. Der Schutz,
welchen das Generalkonsulat in Warschau allenfalls gewähren kann,
reicht nicht in die Provinz. Wir können nur wiederholt auf die Noth—
wendigkeit der Vermehrung der preußischen Konsulate in Polen zum
        <pb n="47" />
        Schutze des diesseitigen Handelsverkehrs nach dorthin, sowie zur
Sicherung der persönlichen Freiheit und des Eigenthums preußischer
Landesangehöriger hinweisen, und wir glauben annehmen zu dürfen,
daß es der Königlichen Staatsregierung, zumal bei dem Entgegen—
kommen gegen Rußland und bei den vorhandenen gemeinschaftlichen
Interessen, wohl möglich sein wird, den Vexationen russischer Behörden
gegen die Preußen entschieden entgegenzutreten, sodaß sich diese desselben
Gefühles der Sicherheit und des Schutzes jenseits wie diesseits der
Grenze erfreuen können.“
Wiederholt weist auch die Kammer in ihren damaligen Berichten
auf die Nothwendigkeit hin, mit Rußland einen Handelsvertrag abzu—
chließen.
Durch die im Jahre 1863 durch die Stadt mit einem Kosten⸗
aufwande von 75 000 Thalern hergestellte neue Pfahlbrücke über die
Weichsel wurden nicht nur die Interessen des Platzes, sondern auch die
der Bewohner der Umgegend gefördert. Auch dem Bauhandwerke gab
dies Beschäftigung, die ihm überhaupt in dieser Zeit nicht mangelte,
da neben Eisenbahnbauten der Bau von Wohnungen für die neu
anziehende Bevölkerung ihm ständig guten Gewinn brachte. Von den
Industriebetrieben hören wir nach wie vor wenig, nur wird erwähnt,
daß sich eine Dachpappenfabrik, die einzugehen drohte, wieder erholt
und daß die Mineralwasserfabrikation eine Zunahme erfahren habe.
In ruhigen Bahnen bewegte sich auch der Holzhandel, der durch vor⸗
theilhafte Einkäufe aus erster Hand in der Lage war, die benachbarten
holzarmen Landschaften, Preußisch-Kujavien und das Kulmerland, zu
versorgen, soweit ihm nicht Abholzungen der benachbarten Forsten den
Absatz erschweren.
Die nächste Periode, die wir jetzt betrachten wollen, die von 1864
bis 1870, ist ja die für unser Vaterland wichtigste, da in sie die drei
Kriege fallen, die zur Einigung Deutschlands nöthig waren. Wenn Thorn
auch durch keinen der Kriege direkt in Mitleidenschaft gezogen wurde,
so blieben doch die indirekten Wirkungen auf das Erwerbsleben nicht
aus. Im Jahre 1864 übte die Blockade der Ostseehäfen durch die
Dänen allerdings einen gewissen Preisdruck auf die Hauptexportwaare,
das Getreide, aus, sonst aber war dieser Krieg von geringem Einfluß.
In den Jahren 1866 und 1870 aber zeigte sich beim Ausbruch des
Krieges ein gewisses Mißtrauen, das die Einschränkung der Kredite zur
Folge hatte; in beiden Fällen jedoch bewährte sich die hiesige Bank—
kommandite der preußischen Bank ganz vorzüglich, denn unter umsichtiger
und glücklicher Leitung kam sie dem hiesigen Handelsstande mit Vertrauen
        <pb n="48" />
        entgegen und trug dadurch wesentlich zur Wiederherstellung des
erschütterten Kredits bei. Die glückliche Führung beider Kriege that
dann das Ihrige dazu, die Geschäfte wieder in ruhigen Gang zu bringen.
Auch in dieser Periode hat die Bevölkerung Thorns weiter
zugenommen, woran allerdings der Verkehr nach Polen am wenigsten
schuld war, denn hier lagen die Verhältnisse nach wie vor trostlos.
Auch der frühere umfangreiche Absatz in Kolonial und Manufaktur⸗
waaren schwand mehr und mehr, einmal wegen Verarmung der
polnischen Gutsbesitzer, sodann auch wegen weiterer Erschwerung des
Grenzverkehres. Es wird zwar in den Berichten nicht gesagt, worin diese
Erschwerungen bestanden, doch scheint es sich u. A. um eine Eindämmung
des früher blühenden Schmuggels zu handeln. Waaren auf Kredit nach
Polen zu geben war immer gefährlich, da es bei den dortigen Rechts—
verhältnissen kaum möglich war, von einem böswilligen Schuldner Geld
zu erhalten. Deshalb wendet sich auch die Handelskammer in ihrem
Jahresbericht für 1868 dagegen, daß bei dem Gesetzentwurf über die
Aufhebung der Personalhaft auch die Ausländer einbezogen werden
sollten, und sie führt dazu aus: „Wir müssen es als einen Mangel
des Gesetzentwurfes über die Aufhebung der Personalhaft bezeichnen,
daß auch gegen Ausländer die Schuldhaft nicht vollstreckt werden soll.
Dieser Uebelstand wird sich in den an der Grenze belegenen und mit
Polen arbeitenden Handelsplätzen um so fühlbarer machen, weil die
über alle Maßen mangelhafte russische Exekutions-Justiz den diesseitigen
Gewerbetreibenden gar kein Mittel bietet, um in Polen ausstehende
Forderungen beizutreiben. Die Vollstreckung der Personalhaft gegen
russische Staatsangehörige, die gelegentlich nach Preußzen kommen, war
seither das einzige Mittel mit dem man zum Ziele gelangte.“
Das Hauptgeschäft des hiesigen Platzes blieb auch in dieser
Periode der Getreidehandel, der in recht gewinnbringender Weise diese
ganze Zeit über betrieben wurde und bei stets guter Nachfrage ein
leichtes Geschäft hatte. Der Weizen fand seinen Absatz hauptsächlich
in England und Frankreich, Roggen ging meist nach den Industrie—
bezirken des nördlichen Deutschland, sowie nach Böhmen, Sachsen,
Thüringen und der Lausitz, nur in den Jahren 1868 und 1869 fand
vorübergehend ein größerer Versandt von Roggen nach Ostpreußen
und Rußland statt. Da der große Getreidehandel naturgemäß das
erheblichste Interesse an guten Verkehrsverhältnissen hatte, so gingen
von ihm auch die kräftigsten Anregungen nach Verbesserung aus, die
dann auch von der Handelskammer energisch verfolgt wurden. So
beklagte man sich vor Allem über die schlechten Wasserverhältnisse der
        <pb n="49" />
        Weichsel und forderte dringend eine gründliche Regulirung, ferner eine
Befestigung des rechten Weichselufers, damit Ent- und Beladung der
Kähne besser vor sich gehen könnten und außerdem die Anlage eines
Winterhafens. Ihr Hauptaugenmerk aber richtete die Kammer auf die
Ausbildung des Eisenbahnnetzes und zwar zunächst auf eine Fortführung
der Ostbahn nach Insterburg und Königsberg und die Herstellung
einer Eisenbahn Thorn —Posen. Die Bahn Thorn — Insterburg wurde
auch Ende der sechziger Jahre in Angriff genommen, doch wurde der Bau
nur sehr langsam gefördert, auch gelang es der Kammer trot eifrigsten
Bemühens nicht, durchzusetzen, daß der Bahnhof bei Thorn auf dem
rechten Weichselufer errichtet werde, trotzdem dies in der beim Landtage
im Jahre 1867 eingebrachten Vorlage vorgesehen war.
Im landwirthschaftlichen Betriebe unserer Gegend traten zu dieser
Zeit auch manche Aenderungen ein, die nicht ohne Rückwirkung auf den
Handel blieben. So wurde von einigen Gutsbesitzern in großem Umfange
Cichorie angebaut und die gedörrte Wurzel nach Polen versandt; ferner
nahm der Anbau des Tabacks namentlich in der Netzegegend ab und
man wandte sich mehr der Kultur anderer Handelsgewächse zu, die
einen höheren Ertrag abwarfen. Da die Landwirthe unserer Gegend
sich mehr als früher der Viehmästung zuwandten, so machte sich bald
eine kräftige Nachfrage nach Kraftfuttermitteln geltend und es ent—
wickelte sich eine von Jahr zu Jahr steigende Einfuhr russischer Kleie
und Oelkuchen, für die Thorn der Hauptstapelplatz hier im Osten wurde.
Der Wollhandel war ziemlich umfangreich, wenn auch die Polen
für gut gewaschene und leichte Wollen jetzt besseren Absatß in Rußland
selbst fanden und daher hier weniger zum Markte brachten. Während
aber sonst die hiesigen Wollhändler die westlichen Wollmärkte beschickten,
trat in dieser Zeit eine Aenderung dahin ein, daß Fabrikanten aus
der Lausitz und aus Sachsen hierher kamen, um ihren Bedarf an
Wolle zu decken. Dies zeitigte den Wunsch nach Einrichtung eines
Wollmarktes in Thorn, der dann auch einige Jahre später erfüllt
wurde. Damals schon machte sich die übermächtige Konkurrenz der
australischen Wollen geltend, die ja dann auch im Laufe der Jahre
zu einem bedeutenden Rückgange unserer Wollerzeugung geführt hat.
Eine vollständig veränderte Natur zeigte das Geschäft mit Stein—
kohlen und Kalk, beides Artikel, die früher hier wenig beachtet wurden.
Man bezog bisher die Steinkohlen von Danzig zu Wasser, den Kalk
ebenfalls zu Wasser von Rüdersdorf. Nachdem aber die Warschau—
Wiener, die Warschau—Thorner und die Ostbahn die Frachtsätze für
diese Artikel wesentlich herabgesetzt, die russische Regierung die zoll—
        <pb n="50" />
        amtliche Behandlung auf die einfachsten Formalitäten beschränkt und
die Transitzölle durch Polen aufgehoben hatte, bildete sich seit 1864
ein direkter Bezug aus Schlesien aus, von dessen rascher Ausdehnung
folgende Zahlen ein Bild geben:
Es kamen nach Thorn aus Schlesien
1864 1865 1866
Steinkohlen 3116 63313 212168 Zentner.
Kalk 20487 23084 34848,
Mit Recht bedauerte die Kammer, daß dieses bedeutende Güter—
quantum nicht im preußischen Bahnsystem verfrachtet werde und seinen
Weg über Breslau— Posen—Gnesen—Thorn nehmen könne, zumal da
auch noch ein dritter Hauptartikel, Eisen, seit 1866 hinzugetreten war,
der ebenfalls aus Schlesien über Polen in großen Quantitäten bezogen
wurde.
Der Holzhandel Thorns hatte seinen ruhigen Gang weiter⸗
genommen, die Holzimporte aber nahmen von Jahr zu Jahr zu und
erreichten 1870 eine gewaltige Höhe, sodaß viele auswärtigen Firmen
hierherkamen, um namhafte Holzeinkäufe zu machen. Der plötzlich her⸗
einbrechende Krieg mit Frankreich that dem Holzhandel großen Schaden,
da der größte Theil der Käufer sich jetzt zurückzog. Hierzu kam die
Blockade von Danzig, die jede Verschiffung von Holz verhinderte, die
höchst mangelhafte Flößerei im Bromberger Kanal, die das durch—
zuflößende Quantum nicht bewältigen konnte, und schließlich das
häufige Hochwasser im Sommer, das den Stand der Hölzer auf der
Weichsel stark gefährdete. Da ein Holzhafen nicht vorhanden war, sahen
sich die Inhaber des Holzes gezwungen, ihre Traften Theils auf der
Strecke zwischen Thorn und Schulitz auf das hohe Ufer zu bringen,
Theils in der Drewenz bis zum nächsten Frühjahr zu bergen, wofür
die Lagerkosten für jede Traft 200 250 Thaler betrugen. Die Dampf—
schneidemühlen in Thorn waren in dieser Periode stets gut beschäftigt,
ebenso scheinen die übrigen industriellen Betriebe leidlichen Absatz
gehabt zu haben. Das Speditionsgeschäft erlitt durch den Wegfall der
Einfuhrzölle auf Holz und Getreide eine große Einbuße, da nun die
Holz- und Getreidetransporte aus Polen der Vermittelung eines
Spediteurs nicht mehr bedurften. Dazu hatte noch das hiesige Bahnhofs—
Expeditionsgeschäft durch die anhaltend sich steigernde Benutzung der
Versendung im direkten Verkehr von den deutschen See- und Handels—
plätzen nach Polen starke Ausfälle gehabt. Ein Ausgleich trat ein mit
Eröffnung der Lodzer Fabrikbahn, durch die Thorn mit Lodz in direkte
Bahnverbindung kam. Während vorher eine Konkurrenz der über
        <pb n="51" />
        Thorn gehenden Bahnlinie gegen die von Schlesien und Posen aus
auf dem Landwege nach Lodz führenden Linien nicht möglich war,
gab es seit Fertigstellung der Fabrikbahn keinen billigeren und näheren
Weg aus dem Norden und Westen Deutschlands nach Lodz als über
Thorn und Alexandrowo, was dem hiesigen Speditionsgeschäft um so
mehr zu Gute kam, als der Verbrauch dieser polnischen Fabrihstadt sich
sehr lebhaft gestaltete. Nicht ohne fördernden Einfluß auf das
Speditionsgeschäft war auch der Umstand, daß der Schmuggelhandel
nach Polen nicht bloß hier, sondern auch an anderen Grenzorten in Folge
einer besseren Organisation des russischen Grenzzolldienstes bedeutend
nachgelassen hatte.
Die nun folgenden Jahre des allgemeinen wirthschaftlichen Auf—
schwunges in Deutschland waren auch für Thorn gute Zeiten. Ehe
wir jedoch auf die Entwickelung in dieser Periode eingehen, müssen wir
auf ein für die Handelskammer wichtiges Ereigniß Bezug nehmen.
Am 8. September 1871 fand nämlich auf Grund des Gesetzes vom
24. Februar 1870 die Reorganisation der Handelskammer statt durch
Vornahme der Wahlen, die unter Leitung eines Regierungskommissars
stattfanden, worauf die aus zwölf Mitgliedern bestehende Kammer sich
in der Sitzung vom 22. September konstituirte. Gleichzeitig war auch
der Bezirk der Kammer, der sich bisher nur auf die Stadt selbst
beschränkte, auf den Kreis Thorn ausgedehnt worden.
Das Jahr 1871 begann allerdings nicht unter günstigen Auspicien,
denn der Eisgang zerstörte wieder einmal die Brücke. Da die Eisen—
bahnbrücke noch nicht fertiggestellt war, sah sich Thorn von Neuem von
dem linken Weichselufer abgeschnitten, was bei dem inzwischen gestiegenen
Verkehr um so fühlbarer war. Damit dieser verkehrshindernde Zustand
nicht bis zur Wiederherstellung der Brücke, die sofort in Angriff
genommen wurde, bleibe, wandte man sich an das Kriegsministerium
wegen Ueberlassung der in der Festung Graudenz aufbewahrten Ponton—
brücke, welchem Gesuch auch bereitwilligst stattgegeben wurde. Die zur
Aufstellung der Brücke erforderliche Pontonierabtheilung mußte sogar
beim Mangel anderer verfügbarer Mannschaften erst ihren Rückmarsch
aus dem Norden Frankreichs nach der Heimath antreten. Am 14. Juni
war die Pontonbrücke fertiggestellt und am 27. Oktober konnte dann
auch die reparirte Pfahlbrücke dem Verkehr übergeben werden.
Im Laufe der nächsten Jahre nahmen nun nicht nur die hiesigen
Handelszweige, sondern auch unsere industriellen Betriebe Theil an dem
allgemeinen wirthschaftlichen Aufschwunge, wozu die neuerrichteten Eisen—
bahnstrecken Thorn —Insterburg und Thorn —Posen das Ihrige bei—
        <pb n="52" />
        trugen. Das Bahngebiet Thorn⸗Insterburg gab neue, ganz wesentliche
Getreidezufuhren und war zugleich ein gutes Absatzgebiet für den
Kolonial und Manufakturwaarenhandel, sodaß diese Geschäftszweige
wenigstens einigermaßen einen Ersatz für die immer geringer werdende
Ausfuhr nach Polen erhielten. Aber auch für die anderen Handels- und
Industriezweige ergab sich hier eine gute Gelegenheit zum Absatz ihrer
Artikel. Ferner ermöglichte die Bahn Thorn — Posen den direkten Bezug
von Eisen, Kohlen und Kalk aus Schlesien und den Versandt nament⸗
lich von Getreide nach dem südwestlichen Deutschland und nach Böhmen
mit Umgehung von Berlin. Ein Projekt, das lange auch von der
Kammer angestrebt worden war. nämlich die Schiffbarmachung der
Drewenz, trat allerdings seit Eröffnung der Thorn —Insterburger Bahn
zeitweise in den Hintergrund.
Die Beziehungen zu Polen blieben auch in dieser Zeit schlecht.
Die Handelskammer hörte nicht auf, Schritte zu einer Besserung zu
thun, sie weist immer wieder auf die Nothwendigkeit hin, mit Rußland
einen Handelsvertrag nach freihändlerischen Grundsätzen abzuschließen,
und als sie sieht, daß alle Versuche, auf eine Ermäßigung des russischen
Zolltarifes hinzuwirken, vergeblich sind, so bemüht sie sich, wenigstens
den Reiseverkehr von der zeitraubenden und kostspieligen Paßkontrole
zu befreien, aber ebenfalls ohne Erfolg. Eine kleine Besserung der
Absatzverhältnisse schien sich anzubahnen, als Anfang der siebziger Jahre
Rußland das Einfuhrverbot für Salz aufhob und Thorn nun glaubte,
Vermittler für die Einfuhr von Salz aus Inowrazlaw und von
englischem Salz aus Danzig werden zu können, doch betrog man sich
auch mit dieser Hoffnung, denn die Polen kauften bald direkt in
Inowrazlaw und Danzig das benöthigte Salz ein.
An industriellen Anlagen besaß Thorn mit Vorstädten im Jahre
1874: 5 Dampfschneidemühlen, 3 Dampfspritfabriken, 3 Honigkuchen—
fabriken, 2 Seifenfabriken, 2 Maschinenbauanstalten, 1 Schnupftaback⸗
fabrik und 1Brotfabrik. Hierzu traten im Laufe des Jahres 1874 eine
Dampfnudelfabrik, eine Chokoladen- und Konfiturenfabrik und eine Gold⸗
und Silber⸗Prägeanstalt. Alle diese Betriebe waren damals gut beschäftigt.
Der Werth der Produktion unserer Honigkuchenfabriken hob sich in dieser
Zeit von 90000 Thalern auf 180000 Thaler, auch die Maschinen⸗
fabriken erweiterten ihren Absatz namentlich an landwirthschaftlichen
Maschinen und bei der anhaltend regen Baulust hatten die Dampf⸗
schneidemühlen stets hinreichend zu thun. Die Thorner Spritfabriken
waren in der Lage, das durch die Bahnverbindung Thorn ·Insterburg
erhöhte Angebot von Rohsprit aufzunehmen, und sie dehnten den
        <pb n="53" />
        51

Absatz ihrer Rektifikate, die namentlich in den Gebieten der Weichsel,
Netze, Warthe, Oder, Elbe und über Stettin und Hamburg bis
Amerika vertrieben wurden, immer weiter aus.
Der Anfangs lebhafte Wollhandel flaute im Jahre 1874 bedeutend
ab, und wenn die Zufuhren auch noch namhaft blieben und Fabrikanten
und Großhändler des Westens ihren Bedarf hier deckten, sodaß immer
wieder der Wunsch nach Festsetzung eines Wollmarktes laut wurde,
so klagten die Käufer vielfach über die Qualität der Wolle. Diese
hatte sich allerdings zu ihrem Nachtheil verändert, da die Landwirthe
bei dem in Folge der australischen Konkurrenz ständig sinkenden Woll—⸗
preise die Zukunft ihrer Schafbestände mehr in der Fleisch- als in der
Wollproduktion sahen und deshalb ihre Züchtung darauf einrichteten.
Die Zufuhren an Eisen, Kohlen und Kalk aus Schlesien nahmen
zunächst rapid zu, um dann nach eintretender Krisis schnell wieder zu
fallen. Der Holzhandel war ebenfalls zuerst wegen der großen Baulust
recht lebhaft gewesen und hatte in den neugegründeten Dampfschneide—
mühlen gute Abnehmer gefunden, doch trat auch hier mit dem Jahre
1874 ein plötzlicher Umschlag und Rückgang ein.
An Umfang verloren in Folge der neuen Bahnbauten hatte das
Speditionsgeschäft, da die Eisenbahnverwaltungen sich bestrebten, soweit
als möglich direkten Verkehr zwischen den Haupthandelsplätzen einzu—
führen. Wenn die hiesigen Spediteure trotzdem noch einigermaßen gut
beschäftigt waren, so hatte dies seinen Grund in den erschwerenden
Zollformalitäten an der russischen Grenze und ferner darin, daß die
deutschen Fabrikanten sich scheuten, in Polen Kredit zu gewähren und
sich eines hiesigen Spediteurs bedienten, um die Geschäfte hier Zug um
Zug abzuwickeln. Das Speditionsgeschäft zu Wasser hatte seit Auf—
hebung des Zolles auf Getreide und Holz fast ganz aufgehört.
Der Getreidehandel blühte hier während dieser ganzen Zeit und
wurde von der allgemeinen wirthschaftlichen Krisis kaum berührt. Das
deutsche Getreidegeschäft verlor seit Beginn der siebziger Jahre mehr
und mehr den Charakter des Exporthandels, da mit der Entwickelung
der Städte, dem Wachsthum der Industrie und der Steigerung der
Lohnverhältnisse die Konsumtionsfähigkeit wuchs und die Landwirth—
schaft hiermit nicht gleichen Schritt halten konnte. Stettin führte jetzt
viel Roggen aus russischen Häfen ein, ungeheure Massen von Roggen
kamen ferner über Bremen, Hamburg, Lübeck, über Amsterdam und
Antwerpen, über Eydtkuhnen, Prostken — Grajewo, Alexandrowo—Thorn
nach Deutschland, während gleichzeitig die Ausfuhr von Weizen sank.
Die Steigerung des Imports war für den Getreidehandel Thorns
        <pb n="54" />
        12

von günstigstem Einfluß; die große Wasserstraße und die sich hier
kreuzenden Schienenwege eröffneten seinem Handel weite Bezugsquellen
und große Absatzgebiete. Zu den bisherigen Bezügen aus Polen und
Rußland kamen jetzt noch die Gebiete der Thorn — Insterburger Strecke
und der Ostpreußischen Südbahn. Der Absatz erstreckte sich auf die
Seehäfen, auf Berlin, das westliche Deutschland, Böhmen, Oesterreich,
Baiern, Elsaß, hauptsächlich aber auf Schlesien, die Lausitz und das
Königreich Sachsen. Der Abnahme des Exports nach dem Auslande
entsprechend war der Versandt auf dem Wasserwege verhältnißmäßig
zurückgegangen, dagegen der Bahnversandt um so enormer gestiegen,
namentlich seit Eröffuung der Bahn Posen—Thorn. Die nächste
günstige Folge der Verladung des Getreides mit der Bahn war die,
daß der Getreidehandel den Charakter gefährlicher Spekulation verlor,
daß der Händler sich bei schnellem Umsatze mit geringerem Gewinn
begnügen konnte und auch die Kosten und Umstände der Lagerung
sparte.
Daß die Kammer schon damals die Gefahr des amerikanischen
Getreideimports erkannt hatte, beweist folgende Stelle in dem Jahres⸗
bericht für 1874: „Der Export von Weizen über Danzig und Königs—
berg nach England ist auch im Jahre 1874 äußerst gering gewesen, da
russische und namentlich amerikanische Waare der unsrigen mit Erfolg
Konkurrenz macht. Die Exportfähigkeit Rußlands wächst mit der schnellen
Erweiterung seiner Eisenbahnen und diese fördern den Getreidebau
seiner großen und fruchtbaren Länderstrecken. Noch viel günstiger liegen
die Verhältnisse für Amerika, dessen billiger Produktion von Weizen
Deutschland nicht die Spitze bieten kann; während dort der fruchtbarste
Boden billig zu kaufen, die Art der Bewirthschaftung eine billigere ist,
namentlich keine kostspieligen Gebäude erfordert, die Ausdehnung der
Eisenbahnen und die kolossalen Stromgebiete die Aussfuhr erleichtern
und billiger machen, wachsen in Deutschland die Kosten der Produktion
von Jahr zu Jahr und verliert unser Produkt dadurch auf den aus⸗
ländischen Märkten die Konkurrenzfähigkeit. Die Nordamerikanische
Union soll mit dem Plan umgehen, den Mississippi, namentlich seine
Mündung und dessen Zuflüsse zu korrigiren und dies ungeheure,
fruchtbare Stromgebiet dem Getreide-Export zu erschließen; sollte dieser
Plan ausgeführt werden und Amerika in die Lage kommen, für seinen
billigen Weizen statt der bisherigen hohen Eisenbahnfrachten auch noch
die billige Wasserstraße zur Ausfuhr benutzen zu können, so wird amerika—
nischer Weizen nicht nur die englischen Märkte beherrschen, sondern er
wird dann auch auf den deutschen Märkten mit Erfolg als Konkurrent
        <pb n="55" />
        35

auftreten können. Ist diese Eventualität vielleicht auch noch einer
späteren Zukunft vorbehalten, so glauben wir doch auf die sich vorbereiten⸗
den Ereignisse hindeuten zu dürfen. Es erscheint uns geboten, daß die
Königliche Staatsregierung ihr Augenmerk unausgesetzt darauf richte, der
Produktion des Deutschen Reiches die Konkurrenzfähigkeit dem Auslande
gegenüber zu erleichtern durch Anlage von Eisenbahnen, billige Tarife,
Anlage und Verbesserung von Land- und Wasserstraßen. Mag in neuerer
Zeit darin auch Vieles geschehen sein, Vieles bleibt doch noch zu thun
übrig. Das Bestreben der Landwirthe aber muß es sein, die Unkosten
ihrer Produktion zu verringern, die Ertragsfähigkeit des Bodens zu
erhöhen durch Nebenbetrieb industrieller Anlagen, ferner gute Landwege
zu schaffen und das Kreditwesen zu heben.“
Das Jahr 1876 bildete den Höhepunkt des Thorner Getreide—
handels, dessen Versandt in diesem Jahre über 80000 Tonnen betrug.
Es war aber auch das letzte ungetrübte Jahr, denn wenn der geringere
Bedarf Mitteldeutschlands im Jahre 1877 auch nur eine vorüber—
gehende Erscheinung war, hervorgerufen durch eigene gute Ernte und
den durch die Industriekrisis herbeigeführten Minderkonsum, so waren
schon die Eingriffe Berlins und Danzigs bedenklicher, die direkt in Polen
ihren Getreidebedarf einkauften. So lange die Schifffahrt geschlossen
war, konnte Thorn größere Bezüge aus Polen machen, die bei freiem
Wasser ihre Richtung auf Danzig und Berlin nahmen, unterstützt durch
die verhältnißmäßig geringe Differenz der Wasserfrachten. Große
Zufuhren kamen dann noch einmal im Sommer 1879 hierher, als
Rußland aus Furcht vor dem in Aussicht genommenen Getreidezoll
in solcher Menge Roggen hierher schickte, daß die Arbeit kaum zu
—R
diese Vorräthe noch zu guten Preisen abgesetzt. Mit Beginn der neuen
Ernte blieben die polnischen und russischen Zufuhren aus, sodaß man
hier, fast nur auf den Bezug aus Ost- und Westpreußen angewiesen,
nicht in der Lage war, die Nachfrage aus Posen, Sachsen und Thüringen
zu befriedigen. Was die Kammer bei den Berathungen über den
neuen Zolltarif vorausgesagt hatte, war eingetroffen. Die Vermittler⸗
stellung Thorns im Getreidegeschäft zwischen Polen und Rußland
einerseits, Mitteldeutschland und Böhmen andererseits war untergraben,
und wenn auch späterhin noch einzelne Bezüge vorkamen, so konnte
es doch nie wieder zu der früheren Blüthe kommen. Auf den Holz—
handel Thorns konnte der Zolltarif mit seinen Holzzöllen naturgemäß
nicht so verderblich wirken, da dem einzuführenden Holz der Weg ja
durch den Weichselstrom vorgeschrieben ist. Am Meisten hatte der Holz—
        <pb n="56" />
        1

handel wohl unter der allgemeinen Krisis zu leiden, und es dauerte
Jahre lang, ehe die Holzzufuhren mit dem Bedarf in Einklang gebracht
worden waren. Das unverkaufte, auf der Weichsel umherliegende Holz
legte natürlich den Gedanken an die Schaffung einer sicheren Unterkunft
immer wieder nahe, und als nach jahrzehntelangem Drängen endlich
im Jahre 1879 die Anlage eines Winterhafens zu Stande gekommen
war, führte daher die Kammer aus, daß die Erweiterung der Anlage
zu einem Unterstand für Holztransporte ins Auge gefaßt werden müsse.
Nutzen von dem Zolltarif konnte sich nur das Speditionsgewerbe
versprechen. Dieser Erwerbszweig hatte ja unter dem ständigen Rückgang
des Exportes nach Rußland zu leiden, und er sah daher mit Bangen
in die Zukunft, als Ende 1876 die Bezahlung der russischen Zölle in
Gold, also eine gewaltige Zollerhöhung, angeordnet wurde. Die
nächste Folge war nun auch, daß im Jahre 1877 die Einfuhr Rußlands
ganz bedeutend zurückging, und zwar betrug bei einzelnen Artikeln,
wie Baumwolle, die Abnahme 25 040, bei Eisen und Eisenwaaren
sogar 50 0/0, bei Salz, Seidenwaaren u. A. m. sank die Einfuhr fast bis
auf O herab. Im Jahre 1878 zeigte allerdings das Exportgeschäft
nach Rußland wieder eine bedeutende Steigerung nicht nur in Roh—
stoffen und Halbfabrikaten, sondern auch in Fertigfabrikaten. Diese
Zunahme findet ihre Erklärung in der Steigerung der Komsumtions⸗
fähigkeit, die nach Beendigung des orientalischen Krieges bei einem
Theile der russischen Bevölkerung eintrat, sowie in dem Einflusse, den
die durch die niedrige Valuta ermöglichte ausgedehntere und günstigere
Verwerthung ihrer Produkte auf die Lage der russischen Landwirthschaft
und ihren Konsum ausüben mußte. Es zeigte sich denn auch im Jahre
darauf, als der Export nach Rußland wieder gewaltig herabging, daß
es sich bloß um eine vorübergehende Erscheinung gehandelt hatte.
An den Gedanken, daß der Export von Fabrikaten nach Rußland
immer geringer werden würde, hatte man sich ja schon gewöhnt, neu
war jedoch, daß Rußland uns mit den Produkten seiner durch den
Hochschutzzoll aufgezogenen Industrie Konkurrenz auf unseren Märkten
machen werde, wie dies mit Manufakturwaaren geschah. Wenigstens
berichtet die Kammer über den Manufakturwaarenhandel im Jahre
1876: „Die Fortschritte, welche die russische Industrie in den letzten
Jahren, begünstigt durch billige Unkosten und hohe Schutzzölle, gemacht
hat, sind so bedeutend, daß man heute sagen kann: Rußland liefert in
Tuchen, wollenen und baumwollenen, und Leinenstoffen, sowie in
gehäkelten Sachen und feinen Geweben Fabrikate, die nicht nur den
deutschen gleichkommen an Güte, sondern sie vielfach in solider Arbeit
        <pb n="57" />
        56

und Geschmack übertreffen. Es ist bereits dahin gekommen, daß deutsche
Häuser, begünstigt durch den niedrigen Kurs der russischen Valuta, die
genannten russischen Fabrikate bei uns einführen.“
Wie der Holzhandel, so lagen Ende der siebziger Jahre auch
Eisen- und Kohlenhandel darnieder, während dagegen unsere Maschinen—
fabriken ihren Absatz noch vergrößerten, ebenso die Dampfmahlmühlen
unseres Bezirkes, die die Bromberger Mühlen mehr und mehr vom
hiesigen Markte verdrängt hatten. Mehlversandt nach dem Auslande
hatte in früheren Jahren, hauptsächlich weil die Höhe der Fracht zu
dem erwarteten Nutzen in keinem Verhältniß stand, von unserer
Gegend aus niemals stattfinden können, bis es zum ersten Male Ende
des Jahres 1879 möglich wurde, ein lohnendes Exportgeschäft in
geringen Mehlen nach Böhmen zu betreiben.
Im Jahre 1877 fand die hölzerne Weichselbrücke ihren Tod in
den Flammen, und da die Stadt sich weigerte, eine neue Brücke zu
bauen, so blieb bis auf den heutigen Tag der Verkehr mit dem jen—
seitigen Ufer also auch mit dem Hauptbahnhofe, soweit man nicht die
Fähre benutzen kann, auf den Umweg über die Eisenbahnbrücke
angewiesen.
Viel Leben und Geld brachten die seit 1878 begonnenen Festungs—
bauten nach Thorn. Bauhandwerker und Ziegeleien hatten viel zu
thun, auch hatte der Arbeiterzufluß vermehrten Absatz der Material⸗
waarenhandlungen zur Folge. Die Vorstädte wurden nach und nach
bevölkert und es zeigte sich schon hier und da Wohnungsmangel,
namentlich waren kleinere Wohnungen stark begehrt.
Der seit 1876 jährlich hier stattfindende Wollmarkt war stets gut
besucht, wenn auch der Wollhandel selbst wenig gewinnreich blieb.
Mit allem Fleiß verfolgte in dieser Zeit die Handelskammer das
Projekt der Weichselstädtebahn, die ja nicht nur einen direkten Weg
nach Danzig schaffen, sondern auch die verschiedenen Weichselstädte
endlich in eine zeitgemäße Verbindung bringen sollte. Dann aber
hoffte man auch, daß sich in dem Bahngebiete. das ja sehr viel guten
Rübenboden umfaßt, bald eine umfangreiche Zuckerindustrie entwickeln
werde, wie dies denn auch später geschah.
Charakteristisch für die Lage Thorns in den achtziger Jahren ist
der Rückgang des Getreidehandels. Thorn hatte ja bei diesem Geschäft
stets mit einem überlegenen Gegner, mit Danzig zu kämpfen, und es
war nur dadurch möglich, von diesem Seeplatze Zufuhren abzulenken,
daß hier wegen der günstigeren und billigeren Verbindung mit Mittel—
deutschland, Schlesien und Böhmen verhältnißmäßig höhere Preise als
        <pb n="58" />
        36

in Danzig gezahlt wurden. Mit Eintritt des Getreidezolls konnte von
einer Konkurrenz mit Danzig kaum noch die Rede sein, und wenn auch,
so lange die noch verhältnißmäßig bescheidene Zollhöhe von 10 Mark
für die Tonne bestand, die Verbindung mit Rußland noch nicht völlig
vernichtet war, so änderte sich dies, als man den Zoll verdreifachte.
Jetzt blieben die Getreidezufuhren aus Polen selbst aus den Distrikten
aus, die durch ihre Lage eigentlich auf den Export nach dem Thorner
Kreise angewiesen waren, was sich dadurch erklärt, daß die polnischen
Händler und Produzenten ihr Getreide nach den polnischen Weichsel—
städten Plock, Nieszawa, Wloclawek u. s. w. versandten, von wo es,
entweder mit der Bahn oder auf dem Wasserwege Thorn passirend,
nach Danzig und anderen Plätzen zum Export ging. Dadurch entging
man den Schwierigkeiten, die bei Versendung des Getreides über
preußische Zollämter nach Thorn der russische Sackzoll und die deutschen
Zollvorschriften bereiteten. Auch Böhmen zog es jetzt vor, direkte
Bezüge zollfrei zu machen, während es ihm früher bequemer war, sich
für seine Einkäufe eines vermittelnden Platzes zu bedienen. Als
einziger, wenn auch schwacher Trost blieb für Thorn übrig, daß sich
der Handel mit russischen Futtermitteln ständig hob, sodaß allmählich
hier ein Hauptstapelplatz für Kleie und Oelkuchen entstand.
Der Verkehr mit Rußland ging weiter zurück in Folge seiner fort—
währenden Zollerhöhungen zum großen Schaden unseres Speditions—
gewerbes, das dazu noch durch die Konkurrenz der österreichischen
Bahnen benachtheiligt wurde. Diese leiteten nämlich vereint mit der
französischen Ostbahn durch Erstellung billiger Tarife den Import von
Frankreich nach Rußland über ihre Strecken und schädigten dadurch
den Verkehr über Thorn in empfindlicher Weise.
Zu den wenigen Artikeln, die noch in größeren Massen von
Deutschland aus nach Rußland eingeführt wurden, gehörten land—
wirthschaftliche Maschinen, denn diese waren zollfrei, soweit sie nicht
durch Dampfbetrieb in Thätigkeit gesetzt wurden. An dieser Ausfuhr
waren Anfangs auch unsere Maschinenfabriken in erheblichem Umfange
betheiligt. Der direkte Verkauf unserer Fabriken an russische Landwirthe
sank jedoch bald merklich herab, als sich in den Grenzbezirken Rußlands
viele Agenten niederließen, die landwirthschaftliche Maschinen in großen
Posten von den bedeutendsten Spezialfabriken Deutschlands bezogen
und damit die dortigen Grundbesitzer versorgten. Mit diesen viel vor—
theilhafter produzirenden Fabriken zu konkurriren war aber nicht möglich.
Nicht so nachtheilig wie auf das Getreidegeschäft wirkte der Zoll,
wie bereits erwähnt, auf den Holzhandel. Er spielte bloß bei den—
        <pb n="59" />
        271

jenigen Artikeln, die jeweilig gesucht waren, eine für die deutschen
Holzhändler ungünstige Rolle. Für solche Waaren mußte, soweit sie
nicht im Transitverkehr weitergingen, deutscherseits der Zoll gezahlt
werden, während er für die im Ueberfluß eingeführten Sorten von
den Importeuren getragen wurde. Ueber den geringen Einfluß, den
Thorn auf das Holzgeschäft ausübte, äußerte sich der Jahresbericht
für 1880 in nachstehender auch heute noch, aber hoffentlich nicht mehr
lange, zutreffender Weise: „Thorn könnte vermöge seiner günstigen
Lage weit tiefer in den Gang des Holzgeschäftes eingreifen, als es
der Fall ist. Ueber das Gros des eingehenden Holzes wird betreffs
des Verkaufes und des Bestimmungsortes erst hier Verfügung getroffen.
Da indeß ein längeres Verweilen der Traften hier einerseits durch die
Stromverhältnisse, andererseits durch die Kosten, welche die nothwendige
Beibehaltung der Flößer verursacht, zur Unmöglichkeit wird, so gehen
die Hölzer in vielen Fällen unverkauft weiter, entweder nach Danzig
oder in den Hafen bei Brahnau. Sind sie nach Danzig geschwommen,
— auf diesen Platz
angewiesen und aller weiteren Verkaufsgelegenheiten nach Berlin,
Stettin u. s. w. verlustig gegangen. Befinden sich dagegen die Hölzer
erst im Brahnauer Hafen, so ist ihnen wieder das Absatzgebiet nach
Westpreußen und Danzig abgeschnitten, denn außer den Kosten für
das Hineinziehen in den Hafen, die sich auf ca. 2 Pf. pro Kubikfuß
belaufen, müssen für das Verlassen desselben wieder etwa2 Pf. pro
Kubikfuß bezahlt werden, und es liegt die Vermuthung nahe, daß
diese Ausgangssteuer absichtlich so hoch normirt sei, um die einmal in
den Hafen eingegangenen Waaren für den Berliner Markt zu fesseln.
Frei von diesen Beschränkungen würde der Holzhandel werden, wenn
am hiesigen Orte sich ein Hafen befände, in welchem die unverkauften
Hölzer unter dem günstigen Einflusse größerer Konkurrenz ihren
Verkauf abwarten könnten.“
Auf das gesammte Erwerbsleben Thorns wirkten in den —B
Jahren drei Umstände vortheilhaft ein: die rege öffentliche und
private Bauthätigkeit, die Vermehrung der Garnison und die Eröffnung
der Weichselstädtebahn. Namentlich die Festungsbauten beschäftigten
eine ungeheure Menge von Arbeitern, zeitweilig über 4000. Die großen
Bauten hatten wiederum eine umfangreiche Ziegelindustrie ins Leben
gerufen. Es bestanden zu dieser Zeit neben einfachen Feldöfen 12 Ring⸗
brandöfen bei Thorn, die jährlich 30000000 Steine brannten und
gegen 700 Arbeiter beschäftigten. Auch die Maschinenfabriken lieferten
für die Festungsbauten vielfach Gußstücke und Aehnliches und konnten
        <pb n="60" />
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auf diese Weise in einer Zeit, als der Absatz landwirthschaftlicher
Maschinen, ihr bisheriger Hauptzweig, zurückging, ihren Betrieb in
vollem Umfange aufrecht erhalten. Durch den großen Arbeiterzuzug
vermehrte sich naturgemäß der Absatz der Manufakturwaaren⸗ und
Kolonialwaarenhandlungen. Den gleichen Erfolg hatte auch die Ver—
mehrung der Garnison.
Von großer Bedeutung für unseren Verkehr war der Bau der
Weichselstädtebahn, die, früher als man gehofft hatte, in Folge des im
Jahre 1880 durch die Mißernte eingetretenen Nothstandes als eine zur
Aufhilfe der ländlichen Arbeiter nothwendige Maßnahme genehmigt und
in Angriff genommen worden war. Durch diese Bahn wurde auch
endlich der Bau von Zuckerfabriken in unserem Kreise möglich, die
denn auch sofort in Angriff genommen wurden, und zwar wurde
die erste und größte in Culmsee, die zweite in Schönsee erbaut. Der
Rübenbau erwies sich bei dem vorzüglichen Boden als recht lohnend
und hob bei der dadurch bedingten intensiveren Bestellung den Handel
mit Düngemitteln und den Absatz landwirthschaftlicher Maschinen.
Abgesehen vom Getreidehandel konnte sonach die Lage nicht als
ungünstig angesehen werden, und die Verhältnisse blieben so bis Ende
der achtziger Jahre. Erleichtert wurde auch der Bezug von Kohlen
durch den Tarif vom 3. Juli 1888, wonach für diejenigen Stationen
Wesipreußens, auf denen sich die polnischen Kohlen mit Erfolg Eingang
verschafft hatten, eine der Entfernung entsprechend berechnete Fracht⸗
ermäßigung in Kraft trat, die für Thorn etwa 0,21 Mark für 100 Kilo—
gramm betrug. Die Wirkung blieb nicht aus: Die Einfuhr polnischer
Kohlen ließ sofort nach, während gleichzeitig die Zufuhren ober—
schlesischer Kohlen in die Höhe gingen. Rübenbau und Zuckerfabrikation
hatten für unseren Kreis die angenehmen Folgen, daß sich einmal die
Konsumkraft des platten Landes hob und sodann auch durch die
Zufuhren von Zucker hierher zum Umschlag die Schifffahrt belebt wurde.
Hierzu trug übrigens die im Herbste 1888 eröffnete Uferbahn nicht
wenig bei. Die Verbindung des Bahnhofes mit dem Weichselufer, die
nun endlich mit Unterstützung der Stadt zu Stande gebracht worden
war, war ein altes Projekt der Handelskammer, und es zeigte sich
bald, wie nothwendig diese Bahn war, in dem von Jahr zu Jahr
wachsenden Verkehr, trotzdem anfänglich die Höhe der Ueberführungs—
gebühr noch Viele von der Benutung abschreckte. Es brach sich in
dieser Jeit immer mehr die Erkenntniß Bahn, daß nicht in der Ver—
mehrung der Schienenstränge allein das Heil für den Verkehr zu suchen
sei und nicht nur die vorhandenen Wasserstraßen mit der Bahn in
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        39

enge Verbindung gebracht werden müßten, sondern daß auch die Ver—⸗
bindung der einzelnen Wasserstraßen unter sich möglichst zu verbessern
oder, wo sie noch fehlte, herzustellen sei. Aus dieser Erkenntniß heraus
wurde ja auch späterhin das Projekt des Mittellandkanals geboren.
Bei einer Anfrage der Regierung im Jahre 1889 handelte es sich um
die Verbesserung der Wasserverbindung zwischen Oder und Weichsel,
und zwar wollte man wissen, ob die Erweiterung der Schleusenöffnung
des Bromberger Kanals, die Geradelegung der Netze bis Usch und die
Vergröhßerung der Fahrrinne dieses Flusses ein Bedürfniß für Handel
und Industrie unserer Gegend sei, was von der Handelskammer ganz
entschieden bejaht wurde.
Mit Beginn der neunziger Jahre trat ein Rückgang unseres
Wirthschaftslebens ein, als Folge verschiedentlicher ungünstiger Um—
stände. Zunächst hatte die Bauthätigkeit fast gänzlich aufgehört, wodurch
auch die Ziegeleien und Maschinenfabriken in Mitleidenschaft gezogen
wurden, sodann trat aber gleichzeitig eine ziemliche Steigerung der Lebens⸗
mittelpreise ein, hervorgerufen durch eine Reihe mangelhafter Ernten im In
und Auslande. Dazu verschlechterten sich die Beziehungen zu Rußland.
Nachdem die Handelsverträge mit OesterreichUngarn, Italien, der Schweiz
u. A. m. abgeschlossen worden waren, hoffte man hier sehnlichst auf
das Zustandekommen eines Vertrages mit Rußland, da die differenzielle
Behandlung dieses Landes für unsere Gegend geradezu verhängnißvoll
werden mußte. Diese Hoffnung wurde schwer erschüttert, als man im
Frühjahre 1893 die Verhandlungen abbrach und darauf mit dem
1. August der Zollkrieg begann, der eine vollständige Lähmung unseres
Verkehrs zur Folge hatte, bis dann endlich nach langen Kämpfen der
Reichstag mit der Annahme des Handelsvertrages diesem traurigen
Zustande ein Ende machte. Für unseren Getreidehandel war dies
freilich mit einem Opfer verbunden, denn er verlor den am 1J. September
1891 eingeführten Staffeltarif nach dem Westen, der ihm bisher
ermöglicht hatte, die Danziger Konkurrenz einigermaßen zu bestehen
und größere Posten, wenn auch meist inländischen Getreides nach
dem Westen zu verfrachten. Die Aufhebung des Identitätsnach—
weises beim Getreideexport konnte Thorn wenig Nutzen bringen, da
von hier aus kaum Getreide nach dem Auslande versandt wurde, sodaß
diese Erleichterung in erster Linie nur wieder Danzig zu Gute kam.
Zweifellos haben ja die Handelsverträge, zumal der mit Rußland,
günstig auf unseren Bezirk gewirkt, wenn auch von einer bedeutenden
Ausfuhr unserer Industrie nach Rußland bei deren Zusammensetzung
kaum die Rede sein konnte. Unsere Zucker- und Spiritusfabriken, Mahl—
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        21

und Schneidemühlen konnten naturgemäß in Rußland keinen Absatz
finden und für die Produkte unserer Ziegeleien, Honigkuchen- und
Chokoladefabriken waren die Zölle nach wie vor zu hoch. Einzig und
allein unsere Maschinenfabriken hätten vielleicht einige ihrer Fabrikate,
namentlich landwirthschaftliche Maschinen, einführen können, doch stand
hnen, wie auch schon früher, die Konkurrenz unserer großen Spezial—
fabriken entgegen.

In Manufaktur-, Mode- und Kolonialwaaren entwickelte sich ein
gewisser Verkehr, der allerdings unter den auch durch den Handels—
vertrag nicht gehobenen Paßschwierigkeiten zu leiden hatte. Das Wesent
lichste für unseren Bezirk bleibt ja immer die möglichst ungehinderte
Einfuhr von Kleie und Holz aus Rußland. Getreide kommt ja leider
kaum noch in Frage, dagegen dehnte sich das Absatzgebiet für Kleie
und Oelkuchen, mit denen Thorn nicht nur die benachbarten Provinzen,
sondern auch Sachsen, Thüringen und Schleswig versorgte, immer
weiter aus. Eine günstige Wirkung von dem Handelsvertrage erfuhr
auch das Speditionsgeschäft, da viele Erzeugnisse der deutschen Industrie,
die dem russischen autonomen Zolltarife gegenüber vom Export nach
Rußland ausgeschlossen war, jetzt dahin ausgeführt werden konnten.
Anfangs beeinträchtigte allerdings die Disparität der Eisenbahntarife
unseres Ortes gegenüber denjenigen anderer östlicher Uebergangs—
stationen die Entwickelung unserer Beziehungen mit Rußland nicht
unwesentlich, doch wurde die Tarifbildung bald zu unseren Gunsten
abgeändert.

Der Umsatz unserer Handelsbetriebe und die Produktion unserer
Fabriken hat wohl durchgehends in den Jahren 189441900 eine
Steigerung erfahren. In dieser Zeit aber faßte auch die Bildung von
Kartellen bei uns Fuß, wenn auch, abgesehen von dem ganz Deutsch—
land umfassenden Zuckerkartell und der Zentrale für Spiritusver—
werthung, zunächst nur in bescheidenen Anfängen und verhältnißmäßig
lockeren Verbänden. So gründeten die Mühlen, die in dieser Zeit
gerade in unserem Bezirke ihre Produktionsfähigkeit durch Anlegung
neuer und Erweiterung bestehender Anlagen ganz bedeutend ver—
größerten, den Ostdeutschen Müllerverband. Auch die Ziegeleien bildeten
eine Vereinigung, ebenso hatten die Seifenfabriken einen Bund zur
Aufrechterhaltung lohnender Preise gegründet, der sich aber bald wieder
auflöste. Die Brauereien versuchten ebenfalls einen Verband zu gründen,
weniger um die Preise hochzuhalten, als vielmehr gewisse im Brauerei—
gewerbe bestehenden Mißbräuche zu beseitigen.
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        4—

Die Kammer hatte während dieser Zeit ihr Hauptaugenmerk auf
die Verbesserung der Verkehrsverhältnisse gerichtet, und hier gab und
giebt es noch recht viel zu verbessern. Im Vordergrunde stand das
Holzhafenprojekt. Nachdem ein erster Entwurf, der die Anlage des
Hafens dicht bei Thorn, neben dem Winterhafen, ins Auge gefaßt
hatte, zurückgewiesen worden war, weil das Hochwasserprofil des
Stromes durch den Hafendeich in unzulässiger Weise eingeschränkt
werden würde, ließ die Kammer einen neuen Entwurf anfertigen, nach
dem der Hafen auf der Korzenieckämpe angelegt werden sollte. Dieser
Entwurf fand die Zustimmung der Regierung, die sich auch nach
erfolgter landespolizeilicher Genehmigung bereit erklärte, 19, Millionen
Mark zu dem Hafen herzugeben, der bei dem zunächst ins Auge
gefaßten Umfange ungefähr 3 Millionen Mark kosten wird. Da es nicht
gelang, auch nur einen erheblichen Theil der fehlenden 149, Millionen
Mark in Privatkreisen aufzubringen, so übernahm die Stadt Thorn diesen
Kostenantheil, und es steht nunmehr, sobald der Landtag die von der
Regierung in Aussicht gestellte Summe bewilligt haben wird, der Aus—
führung des Hafens nichts mehr im Wege. Außer dem Holzhafen
waren es besonders Eisenbahnprojekte, die die Kammer beschäftigten.
Nachdem schon durch den Bau der Eisenbahn Schönsee — Fordon, die
allerdings für die Kreise Thorn und Kulm im Allgemeinen von Nutzen
war, der Stadt Thorn ein Theil seines Verkehrs entzogen worden,
veranlaßte die Bewilligung des Projektes Kulm— Unislaw die Kammer,
für die Weiterführung dieser Bahn bis Thorn einzutreten, damit unserer
Stadt nicht der Verkehr mit dem Kulmerlande gänzlich entzogen würde,
doch ist bisher kein Erfolg erzielt worden. Die Kleinbahn Thorn —
Leibitsch, um die auch jahrelang petitionirt wurde, ist jetzt im Bau
begriffen und wird namentlich der Leibitscher Mühle und den an der
Bahn gelegenen Ziegeleien erleichterten Absatz ermöglichen. Die Fort⸗
führung dieser Bahn nach Scharnau wird sicherlich ebenfalls zur Aus—
führung kommen, sobald der Holzhafen in Angriff genommen ist. Die
erste Anregung zu der am 1. Oktober 1902 erfolgten Umwandlung
der Weichselstädtebahn in eine Vollbahn ist ebenfalls von der Handels—
kammer ausgegangen. Verschiedene Wünsche harren allerdings noch
auf Erfüllung, so die Erweiterung des Bahnhofes Mocker und der Bau
eines Bahnhofes auf dem rechten Weichselufer in der Nähe der Stadt.
Auch die Bestrebungen auf Verbesserung der Wasserstraßen fanden
stets die lebhafteste Unterstützung der Handelskammer, so besonders
das Projekt des Mittellandkanals, von dessen Durchführung man sich,
falls damit eine gründliche Verbesserung der östlichen Wasserstraßen
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        —*
2

Hand in Hand gehen würde, für den Absat unserer Produkte nach
dem Westen und den billigen Bezug von dorther stammender Artikel
großen Nutzen versprach. Die Kammer war sich auch darüber klar,
daß erst nach Herstellung dieser Wasserstraße das Projekt der Schiffbar—
machung der Drewenz und der Verbindung des Drewenzsees mit dem
masurischen Seengebiet durch einen Kanal Aussicht auf Erfolg haben
würde.
In dieser Periode fand auch eine Zunahme der Indultrie statt
durch Errichtung zweier Schuhfabriken, ferner eröffnete die Norddeutsche
Kreditanstalt hier eine Filiale, dagegen haben wir auch den Verlust
eines Instituts zu beklagen, nämlich des Wollmarktes, dessen Zufuhren
zuletzt auf O herabgesunken waren, sodaß die Regierung ihn aufheben
mußte.
Im Jahre 1899 fanden die ersten Wahlen für die zu dem
Handelskammerbezirke neu hinzugetretenen Kreise Kulm, Briesen, Löbau
und Neumark statt, die je 2 Mitglieder wählten, sodaß die Kammer
jetzt aus 20 Mitgliedern besteht.
Die nun folgenden Jahre 1900 und 1901 gehören mit zu den
trübsten unseres Erwerbslebens und zwar vereinigten sich zwei
Umstände, um gerade für uns eine möglichst schlechte Lage zu schaffen:
Die allgemeine Industriekrisis und die Mißernten unserer Gegend.
Schon das Jahr 1899 mit seinem hohen Bantkdiskont, seiner Kohlen—
noth und dem Arbeitermangel zeigte, daß an der Wirthschaftsmaschine
etwas nicht in Ordnung sei. Dennoch kam der Niedergang über
raschend, doch hätte er allein in unserem Bezirke keine großen Ver—
wüstungen anrichten können, da unsere Betriebe durchgehends auf
solider Basis stehen, wenn eben nicht die beiden Fehlernten gekommen
wären, die die Kaufkraft unserer Landwirthe vollständig brach legten.
Während 1900 nur Futtermittel fehlten, brachte das Jahr 1901 auch
eine völlige Mißernte in Getreide, sodaß unser Getreidehandel, der
sonst die überflüssigen Getreidemengen nach Auswärts verkaufte, jetzt
die Aufgabe erhielt, das fehlende Getreide herbeizuschaffen aus
Ostpreußen, Amerika und seit längerer Zeit wieder in größerem
Umfange aus Rußland. Durch diesen Umstand waren die Preise hier
verhältnißmäßig hoch und die Mühlenindustrie konnte daher kein Mehl
nach den gewohnten Absatzgebieten bringen und schränkte daher ihren
Betrieb auf das Aeußerste ein. Natürlich wurden durch die Krisis und
die Mißernten auch die anderen Erwerbszweige geschädigt. Wenn
nun auch jetzt in unserem Bezirke nach einer besseren Ernte die Aus—
sichten nicht mehr so trübe sind, so bleibt doch die allgemeine Lage
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        wenig erfreulich, besonders weil die Unsicherheit über die zukünftigen
Handelsverträge ein Hemmschuh für das Wiedererstarken unseres
Wirthschaftslebens ist.
So feiert denn die Handelskammer das Fest ihres fünfzigjährigen
Bestehens in einer Zeit, die nicht gerade zu besonderer Festfreude
anregt, jedoch auch keinen Anlaß giebt, muthlos zu werden, denn trotz
der bestehenden Unsicherheit über die Zukunft unserer Vertragspolitik
steht doch wohl fest, daß zwischen Deutschland und Rußland ein
Handelsvertrag zu Stande kommen wird, denn beide Länder wissen
genau, daß ihre Interessen dies erfordern. Unsere Interessen erfordern
aber noch die Erweiterung und Verbesserung der Bahnanlagen in
unserem Bezirke und die weitere Regulirung unserer Wasserstraßen.
Wir können daher unseren Rückblick nicht besser endigen als mit den
Schlußworten unseres ersten Jahresberichtes: „Möge Eine Hohe
Regierung unsere lebhaftesten Wünsche betreffs Vermehrung der
Kommunikationsmittel hochgeneigtest berücksichtigen, wir wollen dann
mit neuem Eifer dahin streben, daß Thorn, wenn auch nicht seinen
alten Rang, doch eine achtbare Stellung in der Handelswelt einnehme.“
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        Benutzte Quellen.

— 2

L. v. Ranke, Weltgeschichte.
Karl Lamprecht, Deutsche Geschichte.
Helmolt, Weltgeschichte.
Dr. Karl Theodor von Inama-Sternegg, Deutsche Wirthschaftsgeschichte.
J. N. von Sadowski, Die Handelsstraßen der Griechen und Römer durch das
Flußgebiet der Oder, Weichsel, des Dniepr und Niemen an die Gestade
des Baltischen Meeres.
C. F. Laudien, Die Ordensgeschichte Preußens.
Kurd von Schlözer, Verfall und Untergang der Hansa und des deutschen Ordens
in den Ostseeländern.
Richard Bartolomäus, Deutsche Einwanderung in Polen im Mittelalter,
Preußische Jahrbücher Band 86.
Theodor Lindner, Die deutsche Hanse.
Theodor Hirsch, Danzigs Handels- und Gewerbegeschichte unter der Herrschaft
des Deutschen Ordens.
Dr. Paul Simson, Der Artushof in Danzig und seine Brüderschaften. die Banken.
Dr. Julius Emil Wernike, Geschichte Thorns.
Dr. Ernst Kestner, Beiträge zur Geschichte der Stadt Thorn.
Hans Maercker, Geschichte der ländlichen Ortschaften und drei kleineren Städte
des Kreises Thorn.
sßermann Oesterreich, Die Handelsbeziehungen der Stadt Thorn zu Polen.
Zeitschrift des Westpreußischen Geschichtsvereins Heft XXVIII und
XXXIII.
Dær. F. Schultz, Die Stadt Kulm im Mittelalter, Ebendort Heft XXIII.
G. Henkel, Das Kulmerland um das Jahr 1400, Ebendort Heft XVI.
H. Wermbter, Die Verfassung der Städte im Ordenslande Preuken. Ebendort
Seft XIII.
A. Zimmermann, Die russisch-preußischen Handelsbeziehungen von 1814 1833.
Schmollers Jahrbuch, 16. Jahrgang Heft 2.
Paul Neuhaus, Das Preußische Eisenbahnnetz im Osten der Weichsel, Altpreuß.
Monatsschrift Band XXVI Heft 1 und 2.
Jahresberichte der Thorner Handelskammer für die Jahre 18532 1901.
Ein Rückblick auf Thorn als Handelsplatz. Festschrift zur Feier des 2õ jährigen
Bestehens der Handelskammer zu Thorn.
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        <pb n="68" />
        <pb n="69" />
        <pb n="70" />
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        <pb n="72" />
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