Auch die Sprengkolonnen müssen oft im Wasser arbeiten. „Das Wasser ist eiskalt
 ... Die Arbeiter sind halb erfroren, sie zittern. Die Stoßarbeiter Kramer und
Petroff arbeiten knietief im Wasser stehend. Das Thermometer zeigt 20 Grad unter
Null 1).“
Besonders gefürchtet sind Arbeiten im Treibsand, der aus dem Untergrund hervorquillt.
 „Der Treibsand erschien plötzlich an zwei Stellen. Er wurde aus der Tiefe herausgepreßt.
 wie gute Hefe... Stundenlang schöpften sie die breiige Masse, ohne sich
aufzurichten, und doch wurde das Loch um keinen Zentimeter tiefer. Die Menschen
waren ausgepumpt. Wie Irrsinnige starrten sie nach unten. Große Schweißtropfen
fielen vom Gesicht auf den Sand wie Tränen ohnmächtiger Wut?).“ |
Im Frühjahr forderten die reißenden Fluten unzählige Todesopfer. „Die Baumulde
füllte sich mit Wasser. Der Frühlingswind trieb das Wasser höher und höher. Die
Menschen, die unten arbeiteten, ergriff eine Panik. Sie warfen die Karren, Spaten,
Mützen und Filzschuhe fort und liefen, Sie fielen in den Dreck, rutschten an den Abhängen
 aus. Eisige Tropfen flogen ihnen ins Gesicht. Das Licht der elektrischen Lampen
kreiste wie irrsinnig im Wasser. Das Wasser folgte den Menschen auf den Fersen?).“
Fast während der ganzen Dauer des Kanalbaues wurde auch nachts gearbeitet.
„Die ganze Nacht ist die Baustelle beleuchtet. Scheinwerfer. Hier und dort rote Lagerfeuer.
 Die Menschen wärmen sich schnell die Hände und kehren zur Arbeit zurück %).“
Infolge der schlaflosen Nächte ist für die Verbannten die schönste Traumvision,
sich einmal richtig ausschlafen zu können. „Wenn der Bau zu Ende ist“, sagt ein
Arbeiter mit müder Stimme, „möchte ich mich richtig ausschlafen ... zwei Nächte
and zwei Tage ohne Pause®).“ ;
Das Fehlen aller technischen Hilfsmittel und die völlige Nichtachtung des menschlichen
 Lebens führten zu so häufigen Unfällen bei den Arbeiten, daß die Menschen bei
den Kanalbauten wie im Kriege fielen‘).
Jedes kleinste Versagen der Verbannten wird bestraft. Gewöhnlich kommen sie
dann in den sogenannten „Strafisolator‘“ — ein Gefängnis, dessen Insassen besonders
hart angefaßt werden. Sie werden hier buchstäblich auf Hungerrationen gesetzt und
auf jede erdenkliche Art gequält. .
Der Chef dieses Strafisolators war Abraham Isaaksohn Rottenberg, ein der Kriminalpolizei
 aller Länder wohlbekannter Schwerverbrecher. Dieser Posten bot ihm gute
Gelegenheit, die Erfahrungen seiner langen Verbrecherlaufbahn auszuwerten”).
Wollte man die Zwangsarbeiter nicht zu lange im Strafisolator halten, um nicht
zuviel Arbeitskräfte zu verlieren, so bildete man aus ihnen „Abteilungen mit verstärktem
 Regime“ (roty ussilenogo reschima — RUR.), die ebenfalls auf Hungerrationen
gesetzt wurden und unter scharfer Bewachung besonders harte Arbeit verrichten
mußten, Hierher kamen vor allem Leute, die aus Verzweiflung sich schließlich
weigerten, von ihren Brettern aufzustehen und zur Arbeit zu gehen, die sogenannten
„otkastschiki8).“

1) „SWK.“, S. 279. ?) „SWK.“, S. 289. 3) „SWK. , S. 307. 4) „SWK.“, 8. 27.
AH 20 )„SWK.“, 8.198; 6) SWK.“, 5.274.  7).SWK.“,S.324—337. 8) SWK.“,