in dem sich aber schon in jedem Zimmer 60-70 Personen eingefunden hatten. Die
Zustände in diesen Zimmern waren unerträglich. Setzte man sich auf die Erde, so
krochen die Läuse sofort über den Kragen. Es befanden sich auch viele Kranke
darunter. Einige alte Priester von 65—70 Jahren hausten auf der Treppe. Jeder Pfennig
wurde in Alkohol umgesetzt, so daß große Trunkenheit zu herrschen pflegte, und auch
geschlechtlicher Verkehr wurde dort öffentlich abgehalten. Zu viert fanden wir Aufenthalt
 im Korridor, wo wir zwei Nächte geschlafen hatten. Wohnungen suchten wir tags
in der Stadt vergeblich, da die Bevölkerung keine Verbannten aufnehmen wollte.
Endlich konnten wir zwei Tage bei einer Frau übernachten. — Durch das Vollzugskomitee
 wurde mir schließlich eine Baracke genannt, wo ich Unterkunft finden konnte,
wenn ich Holz fällte. Die Baracke wurde mir nicht näher bezeichnet; ich fand sie aber
in einer Entfernung von 15 km von der Stadt. Dort hausten schon 50 Russen, die mit
Holzfällen beschäftigt waren. Pro Kubikmeter Holz erhielt ich eine Entschädigung in
Geld, mit der ich täglich 750 Gramm Brot, etwas Fischsuppe und Hirsebrei mir beschaffen
 konnte. Da ich den Russen beim Lesen und Schreiben ihrer Briefe half, unterstützten
 sie mich bei der Arbeit. Mein Vater war krank geworden und wurde von
einem Baptisten aufgenommen. |
Ich bin durch das weitläufige Konzentrationslager gekommen, erstmalig Anfang
April 1930. Ich traf dort alte und kranke Männer, deren Gesicht mit Frostbeulen,
Blut und Eiter bedeckt war. Mir wurde damals berichtet, daß in einem Teil des Lagers
zu Wintersbeginn 3000 Männer gelebt hätten, von denen im nächsten Frühjahr nur
noch 75 Mann am Leben waren. — Das Konzentrationslager mit einem Durchmesser
von etwa 15 km umfaßte etwa 37000 Verbannte, und ebensaviel Einwohner hat die
Stadt Archangelsk. -
Man hat besonders auch die Kirchen von Archangelsk hergerichtet, um dort Verbannte
 und Kulakenfamilien in drei Etagen übereinander wohnen zu lassen. Bei
warmer Jahreszeit brach Epidemie aus, so daß zuweilen 10-25 Kinder täglich aus den
Kirchen tot herausgebracht wurden. Sie wurden dann außerhalb der Stadt verscharrt.
In einer Mennonitenfamilie starben alle Kinder, die Mutter scharrte sie mit den Händen
in die Erde ein. — Später wurde es verboten, das Lager ohne Passierschein zu betreten.
In dem Lager befanden sich auch eine Reihe von Arbeitern, die mir erzählten,
daß die Arbeiterschaft der Putilow-Werke (jetzt Kirow-Werke) in Leningrad gegen
die Entkulakisierung Protest erhoben hatte — mit dem Erfolg, daß 300 Arbeiter ebenfalls
 nach Archangelsk verbannt wurden.
Im Juni 1930 gelang es mir, zu entkommen.“
Der Rückkehrer Ernst Sz., der von der GPU. verhaftet und verbannt wurde,
führte u. a. folgendes aus:
„Nach wenigen Tagen kam ich in das große Lager Magnitogorsk, östlich des Ural,
welches insgesamt 12000 Mann umfaßte und in 7 Unterlager zerfiel. In der Nähe
befand sich eine weitere Strafarbeitskolonne von 14000 Mann und ein weiteres Lager,
In meinem Lager wurden die Sträflinge mit der Errichtung eines Staudamms heschäftigt...

Im Winter 1932/33 sind in diesem Lager Magnitogorsk insgesamt 11000 Mann
arfroren, was mir die Sträflinge erzählten, die mit Büchern im Kontor zu tun hatten.
Diese Tatsache ist auch allgemein bekanntgeworden, da die ausländischen Vertretungen
 protestiert haben ...
Im Oktober 1933 gelang es mir, zu entkommen und nach Deutschland zu ent
Hiehen.“