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        <title>Zwangsarbeit in der Sowjetunion</title>
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            <forname>Hermann</forname>
            <surname>Greife</surname>
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            <idno>1981491384</idno>
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        <pb n="2" />
        Dr

Zwangsarbeit

in der Sowjetunion

von

Dr. Hermann Greife

Dozent an der
Deufischen Hochschule für Politik, Berlin

16. Auflage 1501000 1600000

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‚® / Abteilung: ©
5 \Bibliothok, / „7
AS
4

19386

Herausgegeben vom Institut zur wissenschaftflichen Erforschung der Sowjetunion, Berlin
Mit 2686 Oriainal-Bilddakumenilen

Nibelungen-Verlag / Berlin-Leipzia
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        ws

Die jüdischen Machthaber. Das Bild zeigt von’ links nach rechts die Juden: Firin (Chef der Zwangsarbeitslager),
 Jagoda (Chef der GPU.), Kaganowitsch (die rechte Hand und Schwiegervater Stalins) und
Kogan (Chef der Bauarbeiten in den Zwangsarbeitslagern) bei der Besichtigung des Kanalbaues
Wolga—-Moskwa, der mit Hilfe von Zwangsarbeitern gebaut wird. (Das Bild ist der sowjetischen
Zeitung „Wetschernaja Moskwa‘ vom 1. Oktober 1935 entnommen.)
        <pb n="4" />
        Vorwort

Über das Schicksal der Zwangsarbeiter in der Sowjetunion sind
wir verhältnismäßig gut unterrichtet. Doch die Zustände, die in den
Zwangsarbeitslagern herrschen, sind so grauenhaft, daß die meisten
Menschen einfach nicht glauben können, daß so etwas im 20, Jahrhundert
 möglich ist. ;
So erklärt es sich, daß die Schilderungen über die Zwangsarbeit
in der Sowjetunion im allgemeinen sehr skeptisch aufgenommen
werden: m
Die vorliegende Untersuchung stützt sich deshalb.ausschließlich
auf authentisches, zum größten Teil sogar amtliches sowjetisches
Material. Auch die Bilder sind amtlichen sowjetischen Quellen entnommen,
 sodaß jedermann die Möglichkeit hat, die Richtigkeit der
Angaben nachzuprüfen. N N
Zu, den in der Broschüre wiedergegebenen Bildern ist zu bemerken,
 daß es sich um getreue Wiedergaben nach den russischen
Originalen des ‚amtlichen Sowjetwerkes „Stalin-Weißmeerkanal“
oder der Sowjetpresse handelt, deren Qualität den Sowjetverhältnissen
 entsprechend schlecht ist. Wir hielten es aber nicht für zweckmäßig,
 die Bilder durch Retusche zu verändern, sondern geben auch
mit ihnen eine ungeschminkte Darstellung der Sowjetwirklichkeit.
Es ist nicht die Aufgabe dieser Arbeit, eine umfassende und
erschöpfende Erhebung über die Zahl der Verbannten, die Verteilung
der Zwangsarbeitslager usw. anzustellen. Vielmehr soll ein Ausschnitt
gegeben werden aus dem Leben dieser Unglücklichen, nüchtern
und ungeschminkt, so, wie es in Wirklichkeit ist. H. 6.
        <pb n="5" />
        Inhalt

Vorwort ...
L. Kapitel: Die Vernichtung der völkisch wertvollsten
Elemente durch das Judentum ...

5

2. Kapitel: Die Herkunft der Zwangsarbeiter .......... 13
3. Kapitel: Hilferufe der Verbannten ...... ......... 22
4. Kapitel: Die Einteilung der Zwangsarbeiter .‚........ 24
cc ‚5. Kapitel: Der Bau des Weißmeerkanals ... ...... 27
Anhang: Auszug aus dem Protokoll des Ausschusses zur
Anhörung von Rückkehrern aus der Sowjet-(197907)
 EN

A46

Abkürzung:
SWK — „Stalin-Weißmeerkanal‘‘, im Jahre 1934 in Moskau erschienenes
amtliches Werk über den Bau des Weißmeerkanals,
Das Bildmaterial ist — soweit nichts anderes vermerkt — dem genannten,
 amtlichen Sowjetwerk SWK entnommen.
        <pb n="6" />
        Erstes Kapitel

Die Vernichtung der völkisch wertvollsten Elemente
durch das Judentum

Im November 1917 hatte der jüdische Marxismus die Macht in Rußland erobert.
Nun ging er daran, die errungene Machtstellung weiter auszubauen und die eroberte
Bevölkerung auszubeuten, Als ersehntes Ziel schwebte ihm die unumschränkte Herrschaft
 über- eine sklavisch unterworfene und seelisch und moralisch degenerierte Bevölkerung
 vor.
Sehr bald erkannten die neuen Machthaber, daß sie dieses Ziel nur dann erreichen
könnten, wenn sie alle rassisch wertvollen Elemente. die sich niemals mit einem
Sklavenlos-abfinden würden, ausrotteten. .
Mit Hilfe der zu diesem Zweck gegründeten Terrororganisation (Tscheka, später
GPU.) gingen sie an die Durchführung dieser blutigen Aufgabe.
Es gelang ihnen verhältnismäßig leicht, die rassisch wertvollste führende Oberschicht
 — die Intelligenz und den Adel — fast ganz auszurotten. Ein Teil der Intelligenz
war bereits im Weltkriege gefallen. Ein noch größerer Teil fiel im Bürgerkrieg. Was
davon übrigblieb, wanderte aus oder wurde von. der Tscheka niedergemacht. Ein
kleiner Teil „durfte‘“ seine Bildung und seine Kenntnisse in den Dienst des neuen
Staates stellen. .
Ein vie] schwierigeres Problem stellten die Bauern dar. Schon lange hatte Lenin
richtig erkannt, daß der gesunde Bauer das größte Hindernis bei der Errichtung des
„kommunistischen“ Sklavenstaates sein würde. Den Bolschewisten stand deshalb nur
ein Mittel zur Verfügung: die restlose Ausrottung' des gesunden Bauerntums. |
Wenn die Sowjetregierung auch schon seit ihrem Bestehen im schärfsten Kampt
mit dem Bauerntum stand, so ging sie erst mit dem Beginn des ersten Fünfjahresplanes
 in vollem Umfang an die Durchführung dieser blutigen und in der Geschichte
der Menschheit einzig, dastehenden Maßnahme,
Das gesamte selbständige Bauerntum, die sogenannten „Kulaken‘“, wurde enteignet
 und von Haus und Hof vertrieben. Ein Teil wurde bei der „Entkulakisierung“
(raskulatschiwanje) an Ort und Stelle hingemordet. Die Masse der „Kulaken“ war
jedoch so groß, daß die Sowjetregierung sie unmöglich alle restlos abschlachten konnte.
Sie griff deshalb zu einer anderen Maßnahme:
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        Der Jude Jagoda, Chef der Tscheka-GPU., die jetzt als Innenkommissariat bezeichnet wird. Ihm sind
sämtliche Zwangsarbeitslager unterstelh.
        <pb n="8" />
        Die „Kulaken‘“ wurden in Viehwagen verladen und nach ferngelegenen Gebieten
der Sowjetunion gebracht. Endlos rollten die Züge durch das weite Land. Unzählige
Menschen starben unterwegs, besonders im Winter. Millionen aber kamen in den
Zwangsarbeitslagern an, Solche Lager bestanden in der Sowjetunion auch früher.
Jetzt aber dehnten sie sich aus und nahmen immer neues Menschenmaterial auf.
Die Zwangsarbeitslager bilden für Millionen von Menschen eine Durchgangsstation
ins Jenseits. Hier erscheint das Sterben von Millionen nicht als Mord, und außerdem
preßt der Sowjetstaat aus diesen Todgeweihten noch den letzten Bluts- ‚und Schweißtropfen
 für den „sozialistischen Aufbau“ heraus, bevor diese Unglücklichen von ihrem
Leiden durch den Tod befreit werden. TO )

Carte”
+ 19 dünosition de campe de
-=--— Mon en
32.8, 8

Die Verteilung der Zwangsarbeitslager in der Sowjetunion. 1. Lager von Solovkij: Holz, Wasserkraftwerk,
Fischfang. 2. Lager vom Weißmeerkanal. 3. Nordlager: Holz. 4. Lager von Svyrsk: Wasserkraftwerk.
5. Lager von Wolchow: Aluminiumfabrik. 6a. Lager von Dmitrow: Kanal Moskwa- Wolga. 6b. Lage:
von Sornovo: Hafen, 7. Lager von Kotlaß: Eisenbahn. 8. Lager von Wischera: Chemische Fabrik und
Bergbau. 9. Lager von Kungul: Bergbau und Hüttenwerke. 10. Lager vom Nordkaukasus: Getreide-„Fabriken“,
 11. Lager von Astrachan: Fischfang. 12. Lager von Kasakstan: Viehzucht und Konserven-Fabriken,
 13. Lager von Tschardjouy: Baumwolle und Textilfabriken. 14. Lager von Taschkent:
Baumwolle und Textilfabriken. 15. Lager von Sibirien: Kohle und Metallwerke. 16. Lager von
Novaja Semlja: Blei. 17. Lager von Igorka: Hafen, Holz. 18, Lager von Narim: Holz. 19, Lena-Lager:
 Gold. 20. Lena-Olekma-Lager: Holz und Edelmetalle. 21. Amur-Seja-Lager: Gold, Landwirtschaft,
 Eisenbahn, Befestigungsarbeiten am Amur und Hafenarbeit. 22. Sachalin-Lager: Kohle.
Karte bearbeitet von der „Entente Internationale contre la III1eme Internationale“, Gent.
        <pb n="9" />
        Es sind drei Ziele, die die Sowjetregierung mit der Einrichtung der Zwangsarbeitslager
 verfolgt: ;
1. Ausrottung aller „unerwünschten Elemente“, die unauffällig ist und nicht wie Mord
aussieht.
2. Ausbeutung der Arbeitskraft dieser Todgeweihten.
3. Schaffung eines abschreckenden Beispiels für die übrige Bevölkerung im Hinblick
auf ihre eventuellen Befreiungsversuche von dem fremdrassigen Despotismus.

Der erste Zweck ist unbestritten der wichtigste. Doch auch die Arbeitskraft der
Zwangsarbeiter wird von der Sowjetregierung nicht unterschätzt. Als Waldarbeiter
z. B. liefern die Verbannten so billiges Holz, daß es zu Dumpingzwecken auf dem
Weltmarkt verwendet werden kann, und als Bauarbeiter errichten sie Kanäle, Straßen,
Wasserwehre und andere Baulichkeiten, welche der Sowjetregierung Anlaß geben,
mit dem „sozialistischen Aufbau“ in der Welt zu prahlen. ;
Trotz der ungeheuren Masse der Verbannten reicht dieses Menschenmaterial
zur Verwirklichung der phantastischen „Pläne“ der Sowjetregierung vielfach nicht aus,
da.die Verbannten infolge der in den Zwangsarbeitslagern herrschenden schrecklichen
Lebensverhältnisse oft genau so schnell sterben, wie neues Menschenmaterial angeliefert
 wird.
Aus diesem Grunde geht die Sowjetregierung von Zeit zu Zeit daran, wahre
Menschenjagden zu veranstalten, um die Zwangsarbeitslager aufzufüllen. Dabei werden
Menschen verhaftet und verschickt, die nicht einmal in den Augen der Sowjetregierung
als „unerwünschtes Element“ gelten könnten. Sie werden verhaftet, von ihren Angehörigen
 getrennt und nach den Zwangsarbeitslagern verschickt, wo sie der sichere
Tod erwartet, nur weil die jüdischen Machthaber Arbeitskräfte brauchen, die billiger
sind als tierische Arbeitskraft, .
Eine solche Menschenjagd wurde z. B. im Sommer des Jahres 1935 in zahlreichen
 Gebieten der Sowjetunion veranstaltet. Selbstverständlich schweigt sich die
Sowjetpresse über solche Ereignisse in der Regel aus. Manchmal sickern aber doch
Meldungen darüber durch. So liegt uns eine Meldung der staatsamtlichen „Iswestija“
vor, die einiges über diese Menschenjagd berichtet. Diese Zeitung?) schreibt, daß z. B.
in der Stadt Tscheljabinsk im Laufe von drei Wochen 57 Personen verhaftet wurden
(außer den verhafteten obdachlosen Kindern), gegen die absolut nichts Belastendes
vorgetragen werden konnte. Bei weiteren 50 Verhafteten hat es die Miliz verstanden.
nachträglich eine Bestätigung der Verhaftungen von der Staatsanwaltschaft zu er
halten. .
Dieselbe Zeitung zeigt uns an ein paar Beispielen, wie ein Sowjetbürger über Nach:
zum Zwangsarbeiter werden kann:
„Die Frau des Kolchosarbeiters Abdul Seifulin ist eine Arbeiterin aus einem
Kolchos. Sie besitzt einen Paß, ausgestellt von der Stadt Tscheljabinsk, und hat ein
Zimmer in der Arbeitersiedlung. Seifulin wohnt in einem benachbarten Kolchos und
besucht oft seine Frau. Eines Nachts, als er gerade bei ihr übernachtete, kam die

1) „Iswestija“ vom 22. 9. 1935.
        <pb n="10" />
        Die Landschaft des hohen Nordens. Der Boden ist mit Felsblöcken und großen Steinen bedeckt, welche
sämtliche Erdarbeiten außerordentlich erschweren. Durch diesen steinigen Boden mußten die Verbannten
den‘ Weißmeerkanal legen.

Paßkontrolle, Seifulin zeigte seinen Dorfpaß und das Arbeitsbuch von seinem Kolchos.
Scheinbar ist alles in bester Ordnung; doch die Miliz von Tscheljabinsk ist anderer
Meinung: Seifulin wird verhaftet, nnd die 4. Milizabteilung ‚stellt ein Protokoll aus
über die Verbannung des schädlichen und für die Gesellschaft gefährlichen Rezidivisten
Seifulin nach einem Zwangsarbeitslager.“
Dieselbe Zeitung beschreibt einen anderen Fall: .
„In derselben Stadt wohnt der Arbeiter Michalew. In der Fabrik arbeitet er seit
ihrer: Gründung. Er besitzt einen Paß. Seiner Frau jedoch, mit der er schon seit
15 Jahren verheiratet ist, und von der er vier Kinder hat, wird die Ausstellung des
Passes verweigert. Das heißt, verweigert wird die Ausstellung eigentlich nicht, denn
auf ihren Papieren hat der Chef der Milizabteilung vermerkt: Die Papiere sind in
Ordnung, ein Paß kann jedoch nicht ausgestellt werden, da die Frau in Techeljabinsk
weniger als drei Jahre-wohnt. Der Paß muß in dem früheren Aufenthaltsort ausgestellt
werden, Jedoch in dem früheren Aufenthaltsort wurde der Frau. gesagt, sie hätte den
Paß in Tscheljabinsk zu bekommen. Solange nun dieser Streit geht, lebt die Frau mit
ihrem Mann weiter. Das war jedoch für die Miliz zuviel. Ende Juli wurde Frau

ı Zwangsurbeit
        <pb n="11" />
        Michalew verhaftet. Was dann kam, war der übliche Weg (von mir hervorgehoben H. G..):
Verfügung über Verbannung ... sozialgefährliches Element ...“ ;
Und ein anderer Fall:
„Eines Nachts im Juli stürmen in das Zimmer der Arbeiterin Maria Chlistunowa
ein paar Milizsoldaten, geführt von dem Chef der. Milizabteilung persönlich. Der Säugling
 schreit. Es beginnt die Haussuchung, wonach der Frau mitgeteilt wird, daßsie
verhaftet ist und verbannt werden soll. Die Ursache ‘der Verhaftung soll ihr in der
Milizabteilung mitgeteilt werden. Die Mutter wird zusammen mit dem Säugling
zur Miliz geschleppt und hier eingesperrt. Am nächsten Tage wird ihr bestätigt, daß
sie verhaftet sei und als „sozialgefährliches Element‘ verbannt werden soll. Der Grund
war der, daß der Mann der Chlistunowa, der sie übrigens‘ vor einigen Monaten verlassen
 hatte, einmal nicht zur Arbeit in die Fabrik kam, worauf man ihn entlassen
und ihm seinen Paß abgenommen hatte?).“
Diese erschütternden Beispiele zeigen, daß es keineswegs nur „Generale“ und
„Kapitalisten“ sind, die in der Sowjetunion verfolgt und verbannt werden. Der ganz
einfache Fabrikarbeiter. der Bauer, die ganze Bevölkerung ist Freiwild für die jüdischen
Machthaber, *
Ich möchte an dieser Stelle den Brief eines aus der Sowjetunion zurückgekehrten
Ingenieurs anführen, der dieses Problem sehr richtig beurteilt?):
‚„ .. Besucht man die täglich angesetzten Sprechstunden der Untersuchungsgefängnisse
 der GPU. in Leningrad, so sieht man lange Reihen von Menschen stehen,
welche nur auf eine Auskunft warten, ob ihre Angehörigen im Gefängnis noch am
Leben sind. Meistens sind es junge Arbeiterfrauen oder alte abgearbeitete und halbverhungerte
 Mütter, welche 6—8 Stunden geduldig warten und um ihre Angehörigen in
banger Sorge sind. Die Auskunft selbst ist kurz, und oft hört man, daß das gefällte
Urteil auf Zwangsarbeit oder Verbannung lautet. Fragt man diese abgehärmten und
in Lumpen gehüllten Menschen, warum der Sohn, Bruder oder Ehegatte verhaftet
wurde, so erfährt man, daß es sich meistens um Vergehen gegen die Parteidisziplin,
Austritt aus: einer kommunistischen Organisation, Briefwechsel mit Angehörigen im
Ausland. Zugehörigkeit zu einer kirchlichen oder religiösen Organisation und dergleichen
handelt. Die Untersuchungshaft dauert oft lange, und der Gefangene ist, falls ihm ein
Unschuldsbeweis gelungen ist, nach seiner Entlassung an Leib und Seele gebrochen. Die
meisten Gefangenen werden zu Zwangsarbeit nach dem ewigen Norden oder in die glühend
heißen Wüstengebiete verschickt.
Im Norden finden sie in Steinbrüchen oder beim Bau von Eisenbahnen, Straßen
und Befestigungen, besonders auf der Halbinsel Kola, Verwendung. Auch für die
dortige Industrie sind sie willkommene und vor allen Dingen billige Arbeiter,
Neben den enteigneten Bauern stellen diese oft wegen geringer Vergehen bestraften
Arbeiter‘ jenes Menschenmaterial dar, welches dem kommunistischen Staate die ‚wertvollsten
 Kolonisationsarbeiten ohne Bezahlung liefert (was mit anderen Worten Sklavenarbeit

1) „Iswestija” vom 22, 9. 35.: ,
?) Veröffentlicht in „UdSSR-Dienst‘*, Nr. 72, v. 22. 10. 35,

.
        <pb n="12" />
        "7 CH HONTADUK ARE

Der Jude Matweij Davidsohn Berman, Chef der
GPU.-Hauptverwaltung der Zwangsarbeitslager,
ein hoher GPU.-Beamter.

Der Jude Jakob Davidsohn Rappoport, stellvertretender
 Chef der GPU.-Hauptverwaltung der
Zwangsarbeitslager, ein hoher GPU.-Beamter.

bedeutet). Der Verbrauch dieses Menschenmaterials ist sehr groß und muß durch
neue Opfer fortwährend ersetzt werden. u 8
Freiwillig geht kaum ein Arbeiter in die unwirtlichen Gegenden des Nordens, und
so ist es den judo-bolschewistischen Richtern vorbehalten, durch Verurteilung zu
Zwangsarbeit für den nötigen Ersatz in den Sklavenlagern auf der Kola-Halbinsel und
in Nordkarelien zu sorgen.“
Die Mittel, die der Sowjetregierung zum langsamen Abtöten der Verbannten
dienen, sind Kälte, Hunger, Krankheiten, unmenschliche Arbeit usw. ;
Über das Leben der Verbannten besitzen wir gute, wahrheitsgetreue Schilderungen
von Personen, denen die Flucht aus der Sowjetunion gelungen ist. Hier ein Bericht
des deutschen Kolonisten Rempel, welcher als Augenzeuge seine persönlichen Erlebnisse
 schildert!): ;
_ „Besonders fiel mir dabei einer auf. Sein Gesicht war verfroren und schwarz.
Wangen. und Nase waren mit Eiter bedeckt. Das ganze Gesicht erweckte ein widriges,
ekelerregendes Gefühl. Trotz der Frostwunden arbeitete er in dem kalten schneidenden
 Winde. Ich fragte ihn, warum er sich nicht behandeln ließe und ins Krankenhaus
1) J. Rempel: Der Sowjethölle entronnen, Kassel 1935, S. 129—131 (s. auch Protokoli aut 5, 46).

1
        <pb n="13" />
        gehe, er könnte doch unmöglich in einem solchen Zustande arbeiten. Er blickte mich
verzweifelt und scheu an und versetzte halblaut : ‚Konzlagernyj‘ — zum Konzentrationslager
 Verurteilter ...
„.. Von der Kälte und dem rauhen Klima sowie der überaus schweren Arbeit
waren die Gefangenen überaus jämmerlich zugerichtet. Gebeugt und todmüde schleppten
 sie sich vorwärts. Sie hatten einen bestimmten ‚Urok‘ (Aufgabe) auszuführen; um
diesem nachzukommen, mußten sie mindestens 12 Stunden am Tage arbeiten...
Einer erzählte mir, daß im Herbst 3000 Mann in einer Baracke untergebracht wurden.
75 davon hatten den Frühling erreicht, die andern sind umgekommen.“
Ein anderer Rußlanddeutscher, dem ebenfalls die Flucht aus einem Zwangsarbeitslager
 gelungen ist, schildert seine Erlebnisse folgendermaßen?):
„Mir ist in meinem Leben nie jemand begegnet, der einen Hund behandelt, wie
auf Solowki Menschen aller Nationen geschändet werden. Willkürliche Stockschläge
sind schon das Geringste, und daran hat sich jeder gewöhnt. Wir arbeiten von früh
bis spät, hacken Baumstubben aus der gefrorenen Erde — für ein kleines Stückchen
schlechtes Brot. Oder man gibt uns für den Tag zwei Salzheringe und verweigert üns
das Wasser. — Im Winter brechen wir in der Kälte zusammen. Schläge. Sie schleppen
uns in den Wald, aber wir können kaum noch die Hand heben. Für die Teufel. von
Kommissare ist das einfach Arbeitsscheu, — also Sondermaßnahmen. Im Winter
werden wir nackt in die Blockhütten gesperrt, und das bei 30, bei 55 Grad! Im Sommer
werden wir bestraft, indem man uns ohne Kleider an die Bäume bindet und qualvollen
Mückenschwärmen aussetzt.“
Die Zahl der Zwangsarbeiter läßt sich nicht genau ermitteln. Mit völliger Gewißheit
 können wir heute nur feststellen, daß Millionen in der Verbannung umgekommen
sind, und daß weitere Millionen in der Verbannung schmachten?). ;
1) A. Schwarz: In Wologdas weißen Wäldern, Altona-Elbe, S. 165—166.
?) Von der ;‚Studienstelle der deutschen Rückkehrer aus der Sowjetunion“, Berlin, wird die
Zahl der Verbannten. die gegenwärtig Zwangsarbeit leisten, mit mindestens 6 Millionen angegeben,
Darunter befinden sich etwa 200000 Deutsche,
        <pb n="14" />
        Zweites Kapitel

Die Herkunft der Zwangsarbeiter

Wie bereits gesagt, wird das Hauptkontingent der Zwangsarbeiter von Bauern
gestellt. Eine ganze Reihe von Gesetzen und Verfügungen liefert die gesetzliche Grundlage
 zum Einfangen der Bauern und zu ihrer Verschickung. Es sei auf das bekannte
„Gesetz über den Schutz des sozialistischen Eigentums vom 7. August 1932“ hingewiesen,

S 2 dieses Gesetzes lautet:

1. Die Sachgüter der Kolchosbetriebe und der genossenschaftlichen Betriebe (die Ernte
auf dem Acker, gemeinsame Vorräte, Vieh, genossenschaftliche Lager und Magazine
 usw.) sind dem Staatseigentum gleichzusetzen, und die Bewachung. dieser
Sachgüter vor Diebstählen ist möglichst. zu verstärken.
Bei Diebstahl des Kolchoseigentums und des genossenschaftlichen Eigentums
ist das Höchstmaß der sozialen Abwehr anzuwenden — Erschießung mit Einziehen
 des gesamıten Vermögens oder statt dessen bei mildernden Umständen
Freiheitsentziehung nicht unter 10 Jahren, mit Einziehung des gesamten Vermögens.

Bei Verbrechern, die wegen Diebstahls von Kolchoseigentum und von genossenschaftlichem
 Eigentum verurteilt sind, sind Amnestien nicht anzuwenden).
Auf Grund dieses Gesetzes sind unzählige unschuldige Bauern zum Teil nach den
Zwangsarbeitslagern gebracht, zum Teil erschossen worden. Auch heute rollen ununterbrochen
 Transporte mit eingefangenen Bauern in die Verbannung.
Ein anderes Gesetz, auf Grund dessen ebenfalls unzählige Bauern (aber auch
Arbeiter) verbannt wurden, ist das Gesetz über die Änderung der $$ 36 und 61 des
Kriminalkodex vom 15. Februar 1931?). Punkt 2 dieses Gesetzes sieht bei Weigerung
der Ausführung einiger Arbeiten u. a. Verurteilung zu Zwangsarbeit vor. Besonders
scharfe Bestimmungen sind für Bauern vorgesehen.
Zahlreich sind unter den verbannten Bauern deutsche Kolonisten vertreten. Die
besonders tüchtigen und mit der Scholle besonders fest verwachsenen deutschen
Bauern sind einem unbändigen Haß der Sowjetregierung ausgesetzt. Täglich treffen

)

1) Gesetzsammlung der UdSSR., 1932, I, Nr. 62.
?) Gesetzsammlung der RSFSR., 1931, I, Nr. 9,
        <pb n="15" />
        In diesen Baracken, die nicht einmal richtige Fenster haben und die keinen genügenden Schutz gegen
die grimmige Kälte bieten können, hausen die Verbannten.

Meldungen ein über Verhaftungen und Verschickungen von Deutschen. Als Beispiel
sei hier der folgende Bericht wiedergegeben: ;
„Mit beispielloser Härte werden die Deutschen aus Aserbeidschan vertrieben und
zu Hunderten nach dem hohen Norden verbannt. Auch aus der Batumer Gegend,
wohin sich über 100 deutsche Familien in den Jahren 1932/33 geflüchtet hatten, wird
dasselbe berichtet. Diese Deutschen fristen durch Arbeit in den Obst- und Teeplantagen
ein kümmerliches Dasein. Vor einiger Zeit wurden sämtliche Männer verhaftet und
in ein Zwangsarbeitslager gesteckt. Von hier aus werden sie täglich auf Lastwagen
an verschiedene Stellen zur Arbeit gefahren. Auch die Frauen und Kinder müssen
täglich mehrere Stunden auf den Plantagen Sklavenarbeit leisten.
Weiter erfahren wir, daß auch aus der Odessaer Gegend 100 deutsche Gefangene
in dieses Lager gebracht wurden und hier ebenfalls zur Arbeit verwandt werden.
In Verfolg dieser Terroraktion ist auch gegen die Leitung der bekannten Gesellschaft
 ‚Konkordia‘ in Helenendorf — ein Zusammenschluß aller deutschen Weinbauern
im Kaukasus — ein gerichtliches Verfahren eröffnet worden. 17 Mitglieder wurden bis
zu 10 Jahren Zwangsarbeit verurteilt und in die Verbannung geschickt. ;
Diese Nachrichten zeigen immer wieder, daß der Terror gegen das Deutschtum
in Rußland mit unverminderter Schärfe anhält und stellenweise noch erheblich verschärft
 wird.

18
        <pb n="16" />
        Durch die Studienstelle Deutscher Rückkehrer erfahren wir, daß neuerdings wieder
27 deutsche Kolonistenfamilien aus Wolhynien in die Sumpfgebiete Kareliens verbannt
worden sind. .
„Die Familien befinden sich in äußerst bedrängter Lage, da sie kaum das Notdürftigste
 mitnehmen können.‘ :
Die Mitglieder der einzelnen Familien wurden auseinandergerissen. Frauen und
Kinder hausen in elenden Baracken, während die Männer bis 100 km weit vom
Standort zur Arbeit getrieben werden. Die Brotration ist nur auf ein Mindestmaß
beschränkt. Jeder Arbeitende, ob Mann oder Frau, erhält täglich 300-400 g
Brot.‘ Für‘ die Alten, Gebrechlichen und Kranken ist die Ration noch kärglicher
bemessen. Lu
Schmutz, Kälte, Nässe und Hunger leisten die von den Sowjets gewünschte Arbeit
und fordern täglich ihre Opfer. Besonders groß ist die Sterblichkeit unter den Kindern.
Unermeßlich ist die Zahl derjenigen, die in den Hunderten von Verbannungsorten in
Karelien, Sibirien, im Fernen Osten und wo sonst es auch sei, elend zugrunde gezangen
 sind. a nn
Das Sowjetgericht in Nowograd-Wolinsk hat ein neues Todesurteil ausgesprochen
gegen die deutsche Lehrerin Margarethe Grünke, die Frau des ehemaligen ‘Direktors
der deutschen Schule in Krasnoretschensk Hugo Grünke. Die Verurteilung der Frau
Margarethe Grünke erfolgt angeblich wegen ihres mit einigen anderen‘ Lehrerinnen
derselben Schule ausgeübten konterrevolutionären Vorgehens.
Wie wir heute aus privater Quelle, die als ganz zuverlässig angesehen werden
kann, erfahren, ist das Dorf Ak-Metsched bei Chiva, das 316 Seelen zählte, am 30. 4.
1935 ausgesiedelt worden. Die Bewohner wurden nach Tadschikistan, Fergana verschickt
 und müssen Zwangsarbeit in einem wasserlosen Bergtal des Gebirges Hindukusch
 leisten!).“ .
Ähnliche Meldungen brachte u. a. auch die ausländische Presse, z. B. meldet die
„Gazette de Lausanne‘ aus zuverlässiger Quelle, daß die sowjetrussischen Behörden seit
einiger Zeit Zwangsverschickungen von Hundertitausenden sowjetrussischer Untertanen
polnischer und deutscher Herkunft durchführen, und zwar aus den westlichen Grenzgebieten
 von Leningrad bis Odessa.
Die Verbannten werden nach dem Norden oder nach Sibirien verschickt. Mitunter
wird durch Überfall in der Nacht ein ganzes Dorf ausgehoben, ohne daß Rücksicht
darauf genommen wird, ob dabei Kinder von ihren Eltern getrennt werden. Allein
aus Leningrad sind, wie dem Blatt weiter gemeldet wird, von Januar bis Ende März
1935 20000 Familien zwangsverschitkt worden. .
Es handelt sich dabei nicht etwa um eine Bestrafung von Aufständischen, sondern
um ein systematisches politisches Vorgehen?). .
Neben den Deutschen gehören auch die Angehörigen verschiedener anderer
Nationalitäten zu den Insassen der Zwangsarbeitslager: aus den fruchtbaren Steppen
der Ukraine: aus den nordischen Wäldern Kareliens. aus Krasnowodsk. Stalinabad.

1) Mitteilungen des „Verbandes der Deutschen aus Rußland e. V.“, 1935, Folge 4.
2) „Berliner Börsenzeitung‘“ vom 29. 5. 1935.
        <pb n="17" />
        Samarkand, Katta-Kurgan, Taschkent kommen Türken, Tataren, Ukrainer, Finnen,
Tadschiken, Tekinzen, Armenier. Usbeken und Vertreter vieler anderer
Nationalitäten.
Als Beispiel mögen einige Angaben über die Verbannung der Finnen dienen,
Diese Angaben stammen von dem Komitee für das Ingermanland:
„In den Jahren 1929 bis 1931 wurden 4320 finnische Familien (insgesamt etwa
18000 Personen) aus ihrer Heimat im Ingermanland vertrieben und in entlegene Teile
der Sowjetunion zwangsverschickt.

In dieser Schneewüste des hohen Nordens arbeiten Hunderttausende von Verbannten. Das Bild zeigt
die Spitze des Weißmeerkanals im Bau,

Nachdem in den beiden darauffolgenden Jahren eine kleine Besserung in dieser
Hinsicht eingetreten war, haben im Frühjahr dieses Jahres die radikalen Maßnahmen
der bolschewistischen Behörden gegen die finnische Bevölkerung im Ingermanland in
verschärfter Weise wieder eingesetzt.
Allein in den Monaten April/Mai 1935 sind nach zuverlässigen Angaben 2500—2600
finnische Bauernfamilien hauptsächlich nach Turkestan abgeschoben worden. Um
dieser Maßnahme den Schein der Gerechtigkeit zu geben, müssen die Bauern unterschreiben,
 daß sie ihre Heimat ‚freiwillig‘ verlassen. Wer sich weigert, kommt in ein
Zwangslager nach Sibirien.“

IE
        <pb n="18" />
        Ein Augenzeuge, dem es gelang, aus Ingermanland nach Finnland zu flüchten,
arzählt unter anderem: ;
„Mitte April 1935 fuhren von der Station Elisavetina (zwischen Narva: und
Gatschina) zwei Züge mit Zwangsverschickten ab. Beide Züge waren so voll beladen,
daß zwei Lokomotiven vorgespannt werden mußten. Es waren zum größten Teil
finnische Bauern, doch waren auch etliche estnische Familien darunter. Es heißt, daß
fast alle estnischen Bauern aus dem westlichen Ingermanland nach Zentralasien verschickt
 worden sind. Gleichzeitig gingen zwei Züge vom Güterbahnhof Gatschina ab.

Verbannte beim Bau des Weißmeerkanals. Berge von Leichen bedecken diese Strecke.

Damit die Verwandten und Freunde keine Möglichkeit hatten, sich von den Verschickten
 zu verabschieden, wurden sämtliche Zugänge sorgfältig versperrt!).“
„Ein aus dem Kirchdorf Säämäjärvi geflüchteter Karele namens Jefim Popoff teilte
mit, daß aus Petroskoi 1250 Mann, teilweise mit Familien, verschickt worden sind. Als
Popoff aus Säämäjärvi flüchtete, war ein Teil der zu Zwangsarbeit verurteilten Karelen,
etwa 400 Personen, unter strenger Bewachung in der Kirche und in zwei. Häusern
untergebracht. . Die. Gefangenen sollten nach Zentralasien abgeschoben werden?).“

‘) „UdSSR.-Dienst“, Berlin, Nr. 70, vom 15. 10. 1935,
?) „UdSSR.-Dienst‘, Berlin, Nr. 71, vom 18. 10. 1935 (s. auch: „East Carelia‘*, Herausgegeben
von „Academia Carelia League‘, Helsinki 1934).

3 Cwangsarbeit

7
        <pb n="19" />
        Zu den Verbannten gehören ferner die Vertreter der alten Führerschicht. deren
Zahl allerdings von Jahr zu Jahr zurückgeht. „Bei uns in den Lagern gibt es auch
lebendige Grafen, lebendige Gutsbesitzer, Fürstinnen, Hofdamen‘, — prahlt der Chef
der Hauptlagerverwaltung der GPU. Matwei Davidsohn. Berman‘).
Am zahlreichsten wurden die Vertreter der alten Führerschicht nach Erlaß der
Paßordnung vom 27. Dezember 1932 verbannt, in welcher bestimmt wurde, daß sich
in den Großstädten nur Inhaber von Pässen aufhalten durften. Die „unerwünschten

Tos: Dupat-— noMHar TYJIAT a. Hard bHUR
pr BesoMopcmpos

Der Jude Simon Grigoriewitsch Firin, Chef des Zwangsarbeitslagers am Weißmeerkanal, ein hoher
GPU.-Beamter,

Elemente“ erhielten naturgemäß keine Pässe und wurden massenweise aus den Städten
ausgewiesen und verbannt?).
Besonders erwähnt müssen die Geistlichen werden. Bekanntlich sind die Geistlichen
 aller Konfessionen (mit Ausnahme der jüdischen „Konfession‘“) seit Bestehen
der Sowjetregierung einem wilden Haß der jüdischen Machthaber ausgesetzt. Ein
großer Teil von ihnen wurde „physisch vernichtet“, der Rest wurde verbannt. Nur
ganz vereinzelt befinden sich noch Geistliche in Freiheit.
Über das Schicksal der. deutschen evangelischen Geistlichen in der Sowjetunion
hat. die internationale Pro-Deo-Kommission in Genf einiges Material veröffentlicht:

3) „Stalin-Weißmeerkanal‘“, Moskau 1934, S. 78 (russ.).
3) „Iswestija‘, vom 28. 12. 1932,
        <pb n="20" />
        „Die evangelische Kirche in der Sowjetunion ist so gut wie vernichtet. Von den
85 dort lebenden evangelischen Pfarrern befinden sich z. Zt. 47 seit Jahren und auf
Jahre hinaus in den Zwangsarbeitslagern Sibiriens und des Weißmeer-Kanalbaues.
Die beiden Pfarrer Deutschmann und Seib wurden in den letzten Wochen zum Tode
verurteilt.
Von den übrigen 38 evangelischen Pfarrern kann man nur sagen, daß man nicht
weiß, ob sie inzwischen nicht schon ebenfalls verhaftet sind, denn nur von etwa 18 ist
es bekannt, daß sie sich noch im Amt befinden, während 20 an der Ausübung jeglicher
Amtshandlungen verhindert sind. Aber auch sie bleiben dauernden Verfolgungen aus-TayäAbuuk

 empoumeAbemen: Maß. IL HL Ko

Der Jude Lazarus

Josephsohn Kogan (Kohn), Chef der Bauten am Weißmeerkanal, ein hoher
GPU.-Beamter.

gesetzt, und es ist eine Frage von Monaten, daß diese letzten Träger des evangelischen
Bekenntnisses getötet oder in die Zwangsarbeitslager verschickt und die letzten Gotteshäuser
 geschlossen werden. Die meisten Kirchen sind entweder zerstört oder in Profänstätten
 umgewandelt worden?!).“ ;
Zahlreich sind die Verbannten, die wegen „„ Vergehens gegen die Arbeitsdisziplin“ verurteilt
 werden. So sieht z. B. das Gesetz über die Ergänzung des Kriminalkodex der RSFSR.
$ 59, 3, B vom 15. Februar 1931 für Disziplinarvergehen des Eisenbahnpersonals
Freiheitsentziehung bis zu 10 Jahren bzw. Erschießung vor?). Dieses Gesetz’'der RSFSR.
wurde gemäß dem Dekrei des ZIK. und SNK. der UdSSR. vom 23. Januar 1931 erlassen.

!) Mitteilungen der Deutschen Pro-Deo-Kommission Berlin, Oktober 1935 (als Manuskript).
?) Gesetzsammlung der RSFSR. 1931, 1. Nr. 9.
        <pb n="21" />
        "HÄCKANU LER

Das Bild zeigt das Fehlen jeglicher technischer Hilfsmittel bei den Zwangsarbeiten, Große Steine werden
mit einer Art Schlitten fortbewegt.

Ganz besonders unmenschlich ist die Verschickung von Kindern nach den Zwangsarbeitslagern.
 Die Sowjetregierung verkündet von Zeit zu Zeit Maßnahmen zur
„Liquidierung der Kinderobdachlosigkeit“. Dabei wird jedesmal der Welt erklärt,
daß die Kinder in gut eingerichteten Kinderheimen, Schulen usw. untergebracht
werden. In der Praxis geht die Regierung jedoch andere Wege: das einfachste Mittel
zur „Liquidierung der Kinderobdachlosigkeit“ ist die Verschickung der Kinder nach
den Zwangsarbeitslagern. Nach Schilderungen zuverlässiger Augenzeugen ist es wiederholt
 vorgekommen, daß ganze Güterzüge, die mit Kindern vollgeladen waren,.infolge
von Krankheiten, Kälte und fehlender Ernährung an den Bestimmungsort nur Leichen
brachten. Naturgemäß bringt die Sowjetregierung über solche „Kinderliquidierung“
keine Nachrichten. Nur selten entschlüpft ihr eine Bestätigung solcher Meldungen.
Es ist deshalb die Meldung der parteiamtlichen „Prawda‘“ von hohem dokumentarischen
 Wert. die von 2000 obdachlosen Kindern berichtet, welche nach Nadwoizk
verbannt und dort in .einem GPU.-Lager untergebracht wurden‘).
Der „UdSSR.-Dienst‘“ berichtet auch über Verschickung von Kindern:
„Eine Frau, der es ebenfalls gelang, aus Karelien zu flüchten, brachte die Nachricht,
 daß sich 60 km nördlich von Karhumäki das „Lager der Heimatlosen“ befindet.

1) „Prawda‘”, vom 4. 10. 1935.

7{
        <pb n="22" />
        Dieses Konzentrationslager ist der Schrecken der karelischen Bevölkerung, denn es beherbergt
 die obdachlos gewordenen Kinder der verschickten Bauern. Hier sind etwa 4000
Kinder aus den verschiedenen Gebieten der Sowjetunion zusammengepfercht. Es gibt da
weder Schulen noch Werkstätten. Ein großer Teil der Kinder geht jedes Jahr an
Hunger, Krankheiten und Entbehrungen zugrunde. Sehr oft versuchen die Kinder
zu fliehen, doch kommen sie meist in den Sümpfen um, oder sie werden von der Wache
auf der Flucht erschossen?).“ . .
Bekannt ist die sog. „Bolschewo-Kommune‘“ (bolschewskaja kommuna),‘ die ein
GPU.-Lager speziell für Minderjährige darstellt ?). ;
Hier ein Beispiel. über -die „Liquidierung: der Kinderobdachlosigkeit“ : aus. der
sowjetamtlichen „Iswestija®:,;:° ; "# van}
„In die städtische Abteilung für Volksbildung kamen schüchtern drei schmutzige,
obdachlose Mädchen herein.’Sie baten, ihnen Arbeit zu geben. . ; ; ;
‚So! So! Ihr wollt also in. die Fabrik? So seht. ihr aus!‘ — und der Leiter der. städtischen
 Abteilung für Volksbildung lachte laut: auf. — ‚Nun, wir werden euch gleich
unterbringen ... wartet mal im‘ Flur,‘
Die Mädchen gingen heraus, und. der Leiter rief die Miliz an: ‘.. 0
‚Schicken Sie jemand heraus, hier sind minderjährige Verbrecherinnen abzuholen.‘


Nach kaum einer halben Stunde führten zwei Milizsoldaten die drei Mädchen —
Soja Sewastichina, Tamara Michalewa und Nadeschda Galina — nach der nächsten
Milizabteilung. Dort wurde. mit einer bewundernswürdigen Geschicklichkeit und Geschwindigkeit
 ein Strafprotokoll ausgefertigt. Und schon gibt es keine 13jährigen
obdachlosen Mädchen. mehr,. die Hilfe suchten bei der städtischen Abteilung
für Volksbildung, sondern es: sind Mädchen-Rezidivistinnen, gefährliche Staatsverbrecherinnen?).“
 ; .
Und was mit Staatsverbrechern in: der. Sowjetunion geschieht, ist bekannt: sie
werden entweder erschossen ‚oder in die Verbannung geschickt.
Schließlich gehören zu den Verbannten auch kriminelle Elemente: Diebe, Mörder,
Hochstapler, Dirnen. Die Gesellschaft dieses menschlichen Abschaums trägt dazu bei,
das Leben der übrigen Verbannten zu einer Hölle zu gestalten,

1) „UdSSR.-Dienst‘“ Berlin, Nr. 71 vom 18, 10. 1935.
?) „Stalin-Weißmeerkanal‘, Moskau 1934, S. 405 (russ.).
3) „Iswestija‘‘ vom 22, 9. 1935,
        <pb n="23" />
        Drittes Kapitel

Hilferufe der Verbannten

Die GPU. ist bestrebt, die Zwangsarbeitslager von der Außenwelt hermetisch
abzuschließen und keine Nachrichten über die in den Lagern herrschenden ‚Verhältnisse
herauszulassen. Trotzdem ist es vielen Gefangenen gelungen, Briefe.an ihre‘ Verwandten
 abzusenden, die zum Teil auch ihre Empfänger erreicht haben. Aus begreiflichen
 Gründen beschränken sich die Verfasser dieser Briefe darauf, nur mit ein paar
Worten um Hilfe.zu bitten. Diese Bittbriefe sind deshalb meistens kurz und enthalten
gewöhnlich keine Einzelheiten über die Lebensverhältnisse in den‘ Zwangsarbeitslagern.
 Trotzdem sind sie für uns wertvolle Dokumente. Man ahnt, was sich hinter
den. knappen Sätzen verbirgt.
Ich lasse deshalb einige Briefe von verbannten Bauern folgen. Sämtliche wiedergegebenen
 Briefe sind im Original (mit Briefumschlägen) vorhanden. Be
„Lieber Bruder wenns möglich ist so sei so freundlich. und söorg uns Hilfe weil so
schwer ist hier zum leben. Wir sind eine Familie von 5 Menschen ohne Vater nur eine
arbeitet das ist.sehr schwer für uns. 5 Jahre schon hier im Wald und sehr arm leben
wir das fällt mir zu schwer als eine Witwe mit den Kindern drum bitte ich dich s0 sehr
sage mir meine schwere Bitte nicht ab ich werde dir herzlich dankbar sein dafür.
Sei so freundlich lieber Bruder ich weiß vor Not nicht mehr wohin wir sind nakt
und bloß drum sei so gut und hilf uns wenns möglich ist so sag mir meine Bitte doch
nicht ab sei so freundlich lieber Bruder mit bestem Dank.“ Ve
„Lieber Freund ich deutscher russischer Untertan möchte gerne ein klein Bericht
bitten. Es haben schon manche erhalten von euch Liebesgaben für die Hungrigen
und bitte auch ich um erbarmende Hände mit Frau und Kinder in der Verbannung
wenns möglich wäre uns eine‘ Liebesgabe zu schicken bitte wenigstens Antwort und
sine rechte Adresse wir sein 6 Seelen wenn sie diesen Brief empfangen.“
„Liebe Schwester ich .komme mit einer großen Bitte an dich und bitte wenn
möglich ist ein wenig zu helfen denn ich bin in großer Not es geht mir sehr schlecht
nämlich ich befinde mich in der Verbannung ich bin verschickt worden und du kannst
dir ja denken wegen was darum tue ich dich von Herzen bitten du möchtest so gut
sein und senden mich ein wenig Hilfe, bitte entsage dich doch nicht von meiner Bitte.“
„Lieber Freund als Deutsche wende ich mich nochmals an ihnen mit der Bitte
vielleicht könnte ich etwas Unterstützung durch ihnen erhalten. Ich noch mit Kindern
sind für 6 Jahre in der Verbannung. Drei davon sind Schulkinder mein Gatte und ein
erwachsener Sohn sind hier schon gestorben im Urwald. Unsere Lage ist sehr schwer.
Darum bitten wir nochmals.“ ;
„Liebe Schwester. Wir sind gezwungen sich an ihnen zu wenden mit der großen
Bitte uns zu helfen mit Unterstützung denn die Lage ist so schlecht daß es nicht
möglich ist zu leben, Wir sind im Lager bekommen wenig essen. Zu kaufen bekommen
wir nichts haben auch kein Geld wir.bitten ihnen zu berichten ob sie uns helfen wollen
wir sind Baptisten drei Seelen.“

»»
        <pb n="24" />
        ABU

4auaibHuk palom moe. H. A: Dpenke

Der Jude Grigorij Davidsohn Afanasjew, Der Jude Naftalij Aronsohn Frenkei, Chef der
Chefingenieur der Zwangsarbeitslager, ein Arbeiten in Zwangsarbeitslagern, ein hoher GPU.-hoher
 GPU.-Beamter. Beamter.

„Lieber Freund wenns möglich ist lieber Freund sei so freundlich sorg für
mich, weil wir sind ausgeschickt und sind in großer Not. Meine Mutter ist alt und
krank Krankheit 9 Monate, jetzt kann ich nicht mehr arbeiten und bin ohne Vater
geblieben nur ein Arbeiter meine Schwester und die ist jetzt auch verunglückt in der
Lesosagotowka ist der Baum auf sie gefallen hat sie halb tot geschlagen: also daß sie
sehr verwundet ist. Also noch eine ‚kranke Schwester.habe ich von 6 Jahren. Es
fällt. uns zu schwer ohne Vater zu leben also bitte ich von Grund meines Herzens
sage meine Bitte nicht ab. Lieber Freund wenns möglich ist so sorge für uns wir
sind bloß ausgeschickt. in den Wald sehr schwer zu leben bitte. Bitte sage meine
Bitte nicht ab. Lieber Freund sei so freundlich, mit bestem Dank. Bitte nochmals
um Hilfe.‘
„Lieber Freund daß wir in schwerer Not sind sind wir gezwungen sich mit ‘der
großen Bitte zu wenden, uns mit Unterstützung zu helfen. Konnten nichts nehmen
auch die letzte Kuh nicht. Wir befinden .uns im Wald im Lager untergebracht. Dem
Glauben sind wir Baptisten Seelen sind wir 7 ich selbst bin ein Verwundeter (nicht
arbeitsfähig) bitte uns zu berichten ob uns geholfen werden kann. Denn ohne Hilfe
sind wir verloren. Mit Gruß und herzlicher Bitte.“
        <pb n="25" />
        Viertes Kapitel

Die Einteilung der Zwangsarbeiter

Die Zwangsarbeiter zerfallen in zwei Kategorien:. .
1. Die administrativ Verbannten, und -.
2,‘ Die zu Konzentrationslagern Verurteilten. .
Im administrativen Wege werden gewöhnlich ganze Familien. (meistens Bauern)
verbannt. Sie werden z.. B. im Norden in Baracken untergebracht und müssen arbeiten,
um nicht zu verhungern. Ein direkter Zwang zur Arbeit besteht nicht. Auch können
sie sich in der Umgebung frei bewegen, müssen sich aber an bestimmten Tagen zur
Kontrolle‘ bei. der GPU. melden. Von dieser relativen Freiheit haben sie aber nicht viel,
da die Entlohnung ihrer Arbeit so gering ist, daß sie den ganzen Tag (meistens im
Walde). arbeiten müssen. ;
Als eine besondere Kaste stechen sie stark ab von der übrigen Bevölkerung.
Unvergleichlich schlimmer ist das Los der Insassen der Zwangsarbeitslager, die im
Gegensatz zu den administrativ Verbannten unter steter Bewachung. leben.
Wie bereits ausgeführt wurde, setzen sich die Verbannten aus Angehörigen der
verschiedenen Berufe, Schichten und Nationalitäten zusammen. In den Lagern erwartet
 sie alle das gleiche Los: harte Arbeit, unsägliches Leid und der Tod als Befreier.
Die Spuren der mitgebrachten Merkmale der ehemaligen Zugehörigkeit zu bestimmten
Berufen und Schichten verwischen sich hier sehr schnell,
In diese äußerlich homogene Menschenmasse bringen die Bolschewisten eine neue
Gliederung hinein. Nach der Grundregel ihrer Politik: „Teile und herrsche!“ heben
sie aus der Masse der Verbannten Gruppen heraus, die auf die übrigen Verbannten
losgelassen werden. Dafür erhalten die ersteren eine bevorzugte Behandlung und Verpflegung.
 Die Bolschewisten verstehen es, diese Gliederung mit einem solchen Geschick
durchzuführen, daß sie die:Bewachung der großen Massen der Verbannten mit zahlenmäßig
 sehr geringen GPU.-Mannschaften zu bewältigen in der Lage sind. Denn aus
den ausgesuchten Verbannten. (meistens kriminelle Elemente) bilden sie regelrechte
Überwachungstruppen, die sogar mit Waffen ausgerüstet sind. Diese Bewachungsmannschaften
 (Wochrowzy; WOCHR. — wooruschennaja ochrana) sind in bezug auf:die
rechtliche und materielle Lage ganz anders gestellt als die übrigen Verbannten. Zwar
sind. auch sie. Gefangene, d. h..sie dürfen den Verbannungsort nicht verlassen, doch
können sie sich als Bewachungsmannschaften naturgemäß frei bewegen. :.: .

Al
        <pb n="26" />
        UHMOBKY MAK: depdcam KH?”
FM. UMO MAaK MON

Die Verbannten werden auf Schritt und Tritt scharf bewacht. Das Bild zeigt die schußbereite Wache
Der russische Text zu dem Bild lautet witzig: „Das Gewehr wird so gehalten, nicht um Angst einzujagen,
sondern weil es so bequemer ist.“

Diese Truppen sind in besonderen Kasernen untergebracht, soweit solche vorhanden
 sind, zum Teil. sind sie militärisch eingekleidet und erhalten verhältnismäßig
gute Lebensmittelrationen und Rauchtabak (Krasnoarmeiskij pajek)*).
Die „zuverlässigen“ (d.h. meist kriminellen) Elemente unter den Verbannten
werden auch zu anderen Aufsichts- und Verwaltungsposten verwandt. Sie sind z. B.
als Magazinverwalter, Transportaufseher, Küchenchefs usw. tätig. Sie alle genießen
bevorzugte Verpflegung, müssen aber das geringste Versehen mit dem Leben bezahlen.

1) „Stalin-Weißmeerkanal‘‘, Moskau 1934, 6. Kapitel (russ.).

5
        <pb n="27" />
        _ Auch bei den gewöhnlichen Arbeitern wird eine Gliederung durchgeführt. Die
Verbannten arbeiten im allgemeinen in „Brigaden‘“ von 25—30 oder auch bis 60 Mann.
Diese Brigaden werden von einem „Brigadier“ geführt, der allerdings selbst mitarbeiten
 muß. Beim Bau des Weißmeerkanals wurden 2-3 Brigaden unter einem
„Hauptbrigadier‘““ (starschi brigadir) vereinigt. Zur Ausbildung dieser Hauptbrigadiere
wurde sogar ein „Institut“ eingerichtet.
Auch die Hauptbrigadiere genießen wesentliche Begünstigungen, Jagoda persönlich
 forderte für sie in einem Befehl die Schaffung besonders günstiger Lebensverhältnisse,
 Beim Bau des Weißmeerkanals erhielten die Hauptbrigadiere außer besserer
Kleidung noch 30—60 Rubel Monatsgehalt!).
Besonders großen Einfluß auf das Schicksal der Verbannten besitzen die „Deßjatniki‘“,
 Das sind Aufseher, denen die Verteilung und die Bewertung der Arbeit (die
meistens in Kubikmetern berechnet wird) obliegt.
Als Anreiz für höhere Leistungen der Verbannten werden für die Brigadiere und
Deßjatniki besondere Prämien festgesetzt?).

Im ganzen sieht die Einteilung der Zwangsarbeiter schematisch folgendermaßen aus
(mit Ausnahme des Ingenieurpersonals):

GPU.-Zentrale.
Moskau
GPU.-Lagerverwaltung
GPU.-Mannschaften .
ET
Deßiatniki
Hauptbrigadiere
Brigadiere, Transportaufscher usw.
[ Stoßarbeiter
Gewöhnliche Zwangsarbeiter
I Sondersträflinge („RUR.“)
Teolator-Insassen -
‘) „Stalin-Weißmeerkanal‘*, Moskau 1934, S. 265 (russ).
)) Ebenda, S. 209.

Bessere
Lare

Schlechtere .
Lage |

|
|
‚GPU.

Verbannte
        <pb n="28" />
        Fünftes Kapitel

Der Bau des Weißmeerkanals

Die in den Zwangsarbeitslagern herrschenden Verhältnisse sollen an Hand des
Beispiels des Weißmeerkanalbaues gezeigt werden. ;
Bei der Schilderung des Weißmeerkanalbaus habe ich mich ausschließlich auf die
Verarbeitung. von. amtlichem sowjetischen Material beschränkt?). Dieses Materiäl, das
Jer Öffentlichkeit noch ganz unbekannt ist, gibt natürlich nicht restlos Aufschluß
iber das Elendsdasein der Zwangsarbeiter. Bei kritischer Verarbeitung bietet es uns
jedoch einen genügend tiefen Einblick in das Leben der Verbannten.

Das Bauvorhaben

Wie die beigefügte Karte zeigt, verbindet der Weißmeerkanal das Weiße Meer
mit dem Finnischen Meerbusen. Ein großer Teil der Strecke wird durch natürliche
 Wasserwege gebildet: die Newa, den Ladogasee, die Swir, den ÖOnegasee, die
Wyg usw. Die eigentlichen Bauarbeiten mußten auf der Linie zwischen dem Onegazee
 und dem Weißen Meer durchgeführt werden, also etwa zwischen .dem 62. und
55. Breitengrad.
Das Klima ist in diesem Gebiet außerordentlich fauh. Der Winter lang und streng.
Die Winternächte sind ganz hell. Eine meterhohe Schneedecke bedeckt im Winter
das ganze Land,
Geologisch ist es eine Moränenlandschaft: unzählige kleinere und größere Seen
liegen im Lande verstreut. Riesige Steinblöcke und Geröll bedecken den Boden. Den
Untergrund bilden besonders harte Gesteinmassen. Zahlreiche Stromschnellen und
aatürliche Wehre behindern den Wasserverkehr.
Größere Menschenansiedlungen fehlen. Riesige Entfernungen trennen die wenigen
armseligen Dörfer voneinander.
Durch diese ungastliche Gegend beschloß die Sowjetregierung, den Verbindungskanal
 zu legen. Am 18. Februar !931 war der endgültige Plan für die zukünftige
Wasserstrecke festgelegt.

1) Sämtliche Zitate in diesem Kapitel stellen wörtliche Übersetzungen aus dem amtlichen sowje-:ischen
 Buch „Der Stalin-Weißmeerkanal‘ dar, das 1934 in Moskau erschienen ist.

27
        <pb n="29" />
        BENOMOPCKO-BANTMÄCKUÄ BOAHLIM NYTb
DT SBANTMÄCHKHOFS AO BENOFO MOPa

BA KOLIDSCHLNT

BO

Die Wasserstraße zwischen dem Weißen Meer und dem Finnischen Meerbusen. Etwa zwischen dem
62. und 65. Breitengrad wurde mit Hilfe von Zwangsarbeitern der Weißmeerkanal erbaut,
        <pb n="30" />
        Die GPU.-Juden Berman und Firin bei der Beaufsichtigung der Zwangsarbeiter. Man beachte den Ausdruck
 ihrer Gesichter,

Die Durchführung des Projektes stieß infolge der geschilderten natürlichen Verbältnisse
 auf außerordentliche Schwierigkeiten. Die Strecke sollte 227 km lang werden.
Es mußten u. a. gebaut werden: 19 Schleusen, 15 Wehre, 12 Wasserablaßvorriclttungen
 usw. Es mußten 21 Millionen Kubikmeter Erde bewegt werden. Ein Dekret
des Rates der Volkskommissare vom 2. August 1933 stellte fest, daß die Arbeiten
anter außergewöhnlich schwierigen geologischen und hydrologischen Verhältnissen
durchgeführt wurden?).
Man müßte annehmen, daß die Sowjetregierung zur Bewältigung dieser außerordentlich
 schwierigen Aufgabe alle vorhandenen technischen Mittel zur Verfügung
stellen würde. Doch die marxistischen Machthaber hatten sich einen-anderen Plan
zurechtgelegt. Alle technischen und finanziellen Mittel sollten zum „Aufbau“ derjenigen
 Werke verwandt werden, mit denen die Sowjetregierung in der ganzen Welt
Reklame. machen wollte. Hierher, nach dem fernen: Norden, kam kein neugieriger
Ausländer; und die menschliche Arbeitskraft in Gestalt der gefangenen Sklaven
kostete nichts. Sollten unter der ungeheuren Arbeitslast Hunderttausende von
Menschen zugrunde gehen, so machte das nichts, im Gegenteil, damit wäre das eine
Ziel des Vorhabens — die „Liquidierung des Klassenfeindes‘“ — erreicht.

1) „Der Stalin-Weißmeerkanal“ (SWK.), Moskau 1934, S. 401 (russ.).

0
        <pb n="31" />
        Das Dekret des Rates für Arbeit und, Verteidigung (STO.) vom 18. Februar 1931
bestimmte deshalb, daß nur solche Materialien zum Bau des Weißmeerkanals verwendet
 werden durften, die in Hülle und Fülle vorhanden waren und für andere
Arbeiten nicht gebraucht wurden. Außerdem durften nur einfache und billige Konstruktionen
 angewandt werden!).
Trotz dieser Einschränkungen: sollte aber auch hier ein „Rekord“ aufgesteiic
werden, der die Welt in Staunen ‚versetzen sollte: Der Kanal sollte in 20 Monaten
fertig sein!
Es waren also 3 Faktoren, die die Arbeit außerordentlich erschwerten: ;
1. Die selten ungünstigen natürlichen Verhältnisse.
2. Der Mangel an erforderlichen Mater‘slien und Ausrüstungen.
3. Die außerordentlich kurze Frist.

Das Zusammenwirken allein dieser Faktoren mußte das Leben der Gefangenen
zur Hölle machen. Doch wir werden sehen, daß die Tschekisten noch viele andere
Methoden hatten, um diese Unglücklichen ins Jenseits zu befördern.

Die Leitung

Das gesamte Unternehmen des Kanalbaues wurde der CPU. übertragen. Zum Leiter
wurde der damalige stellvertretende Vorsitzende (und jetzige Chef) der GPU. — des
Innenkommissariats, wie man seit .1935 sagt. —, der Jude Jagoda bestellt?).
Die GPU.-Leitung des Unternehmens bestand aus 37 Personen. Die wichtigsten
Jarunter außer Jagoda waren: .

Matweij Davidsohn Berman, Chef der Hauptlagerverwaltung der GPU.
Lazarus Josephsohn Kogan (Kohn), Chef der Weißmeerbauten.
Simon Grigoriewitsch Firin, Chef des Kanallagers.
Jakob Davidsohn Rappoport, Stellvertreter von Kogan und Berman.
Naftalij Aronsohn Frenkel, Chef der Arbeiten.
Grigorij Davidsohn Afanasjew, Chefingenieur.
Samuel Davidsohn Kwasnizkij, Politischer Erzieher.
Abraham Isaaksohn Rottenberg, Chef des Strafisolators und Leiter der Gottlosenaktion.
Ginsburg, Lagerarzt.
Brodski, Kommandant der Bewachungstruppen.
Berensohn. Dorfmann, Kagner, Angert, Leiter der F. inanzabteilung der GPU.-Lager.

Der Chef der Hauptlagerverwaltung der GPU., Matweij Davidsohn Berman, ist
einer der bekanntesten Tschekisten. Er wurde bereits im Jahre 1927 (am 16, 12.
1927) von der Sowjetregierung durch den Orden der Roten Fahne ausgezeichnet?).

1) Ebenda, S. 82,
?) Ebenda, S. 12 und 50.
%) „Prawda‘, vom 18. 12. 1927.

‘4
        <pb n="32" />
        Der GPU.-Jude Abraham Isaaksohn Rottenberg,
“hef des Strafisolators, Leiter derGottlosenaktion.

Anschrift. an einer Baracke: „Es. lebe die
Leitung der GPU.“

Abraham Isaaksohn Rottenberg ist der Kriminalpolizei der ganzen Welt als gefähricher
 Verbrecher, Dieb, Mörder und Hochstapler bekannt. ;
Die meisten der hier genannten Tschekisten wurdenvon der Sowjetregierung für dieerfolgreiche
 Beförderung der Verbannten ins Jenseits mit dem Lenin-Orden ausgezeichnet ?).
Aus dieser Zusammenstellung ergibt sich die ganze Tragik der Lage der Verbannten,
 Denn ihr Schicksal liegt ausschließlich in der Hand dieser jüdischen GPU.-Bestien.


Die Lebensverhältnisse

Von allen Teilen des Riesenlandes wurden die vom internationalen Judentum
zgefangengenommenen Menschen nach dem Norden, an die Stätte der zukünftigen
Wasserstraße getrieben. Als Zufahrtstraße diente die Bahnstrecke Swanka-Medweschja
zora—Soroka.
‘Die in Viehwagen ankommenden Zwangsarbeiter mußten zu ‚Fuß, zum Teil auf
ınwegsamen Pfaden, an die Arbeitsstätte marschieren. Hier wurden Erdlöcher gezraben,
 Zelte aufgestellt oder Holzbaracken gebaut.‘ So lebten nun die Gefangenen
in völliger Wildnis und Abgeschiedenheit von der Welt.
1) Dekret des ZIK,, vom 4. 8. 1933.

1
        <pb n="33" />
        „Um die riesigen, wie von Urmenschen angelegten Feuer werden hastig Zelte
aufgestellt, werden Hütten errichtet, da die Zelte nicht ausreichen — ein Transport
trifft nach. dem anderen ein!).“ „Es ist kalt im hohen Norden. Besonders haben die
aus dem Süden der Sowjetunion ankommenden Sträflinge unter der Kälte: zu leiden.
Die Verbannten aus dem Süden steigen aus, Sie frieren. Sie binden sich Tuchfetzen
um den Mund und schlagen die Roben fester zu®).“
Besonders schwer haben es die Verbannten, die unter. freiem Himmel schlafen
müssen, wenn die Zelte nicht mehr ausreichen und die Baracken noch nicht fertig
sind. : Viele: haben nicht die Möglichkeit, die ausgeteilten Lebensmittel abzukochen
and müssen alles roh verzehren?).
Aber auch in den Baracken ist es unmenschlich kalt. „Um den Ofen liegen auf
Brettern, die man auf Kisten gelegt hat, Menschen in Mänteln und Joppen. Die Risse
zwischen den Balken sind mit Zeitungspapier zugestopft‘). Manchmal herrscht
solcher Frost, daß die Wandbretter mit lautem Knall zerspringen®).“ a
Die Menschen haben so unter der grimmigen Kälte zu leiden, daß sie davon
träumen, sich in einem Tunnel der Betonwehre ausschlafen zu können, wo infolge der
chemischen Prozesse Wärme ausgeschieden wird.
Die Lebensmittelrationen sind so klein, daß die stärkeren Verbannten oft den
Schwächeren das Essen wegnehmen. „Bei der Verteilung. der Lebensmittel herrscht
in der Regel Lärm, es wird geschimpft,* mänche raufen sich sogar ums Essen. Der
Diebstahl ist weit verbreitet, die Lebensmittelkarten und die Eßnäpfe werden aus den
Händen gerissen. .
Die Küche Nr. 2 ist in einer Sommerbaracke untergebracht. In den Wänden sind
riesige Risse, durch die der Wind bläst. In der Küche herrscht Kälte; bei der Zubereitung
 des Essens erfüllt dichter Rauch: den Raum. Auch das Brot wird in einer
Sommerbaracke geschnitten, wo es‘gefriert. . .
Es-sind zwar Thermosflaschen vorhanden, doch werden sie nicht benutzt, so daß
das Essen kalt zur.Arbeitsstätte gebracht wird. nn
Die Verbannten trocknen ihre Hosen und Filzschuhe in den Zelten über dem
Ofen, wodurch die Luft: verpestet ‚wird‘‘®).
Die Sterblichkeit ist in den Lagern allein wegen der verschiedenen Epidemien
riesig. Die Menschen sind vollständig. verlaust. Besondere Baracken sind als „Läuseschlächtereien‘.
 eingerichtet. Hier. sitzen in grimmiger Kälte Tag für Tag verbannte
Nonnen aus den zahlreichen Ehemaligen russischen Klöstern und zerdrücken mit einem
Metallstäbchen die Läusenester in den Kleidungsstücken der Verbannten. Ganze’ Sagen
entstehen um die. „Weißmeerläuse‘“ DL
Die. Arbeit - )

Die ‘Zwangsarbeiter werden in ‚„Brigaden“‘ von 2530 Mann eingeteilt. Zehn
Brigaden bilden eine „„Phalange‘“, die also aus 250-300 Menschen besteht.‘ Der
„Phalange“ wird ein Arbeits-„Abschnitt“ zugewiesen. Hier werden die einzelnen
2). „SWK.“, S, 92. 2) „SWK.“, S, 95, 3) „SWK.“, S, 102. 4) „SWK.“, 5. 122.
) „SWK.“, S. 132. 9) „SWK.*“, 5. 242, 7) „SWK,“, S. 303, ;

32
        <pb n="34" />
        Der Bau des Weißmeerkanals. Spitzhacke, Handkarren und Bretter — das ist die ganze technische
Ausrüstung der Zwangsarbeiter. Das Bild zeigt, daß der Untergrund nur aus Gesteinsmassen besteht,
Schon allein das Fehlen jeglicher technischer Hilfsmittel macht das Leben der Verbannten zur Hölle,
        <pb n="35" />
        Brigaden verteilt: die einen müssen Erdarbeiten verrichten, die anderen Sprengarbeiten,
 Waldarbeiten usw.
Jeder Zwangsarbeiter erhält eine bestimmte Arbeitsmenge zugeteilt, die er an
einem Tage schaffen muß, die sog. „Norm“. Bei Steinarbeiten z. B. sind es gewöhnlich
2 Kubikmeter Stein. Der Arbeiter muß die Felswand in Stücke zerlegen und diese dann
mit einer Handkarre 100 Meter weit bringen. Das ist die „Norm“. Für einen unterernährten,
 in Lumpen gekleideten Menschen, der täglich noch weite Wege von und
zur Arbeitsstätte zurücklegen muß, ist das eine Leistung, die gerade an der Grenze
des Möglichen liegt. Dazu kommt die denkbar primitive Ausrüstung: Spitzhacke,
Handkarren und einige Bretter zum Unterlegen unter die Karre, das ist alles.
Ein Verbannter berichtet: „Jeder muß zwei Kubikmeter Felswand zerkleinern und
mit der Karre wegbringen. Wir Anfänger mußten die halbe Norm ausführen. Doch
auch das konnten wir nicht schaffen, obwohl wir mit äußerster Anspannung arbeiteten.
 Mein Herz zitterte. Ein Sturm von Schimpfworten ging auf mich nieder?).“
_ Doch die einmal festgesetzten Normen wurden keineswegs immer eingehalten.
Öfters wurden von der jüdischen GPU.-Leitung in Moskau besonders kurze Arbeitsfristen
 eingesetzt. Die F olge war, daß die Normen entsprechend vergrößert wurden,
waß sofort Tausenden von weiteren Menschen das Leben kostete. So wurden aus den
Verbannten in solchen Fällen 150-200% der festgesetzten Leistung herausgepreßt?).
„ Abcr auch die normalen Aufgaben waren kaum zu bewältigen. „Der gefrorene
Boden gab nicht nach. Vielen erschien die Norm so groß, daß sie dachten, sie könnten
es nicht schaffen. Mitternachtssonne, blauer Schnee. Es schneit und schneit. Ganze
Schneeberge muß man um das Loch wegräumen. Schon mancher sitzt im Isolator,
hat versagt?).“ -
Ein anderer Verbannter schildert den ersten Arbeitstag. Als er an die Arbeitsstätte
 kam, entrang sich seiner Kehle ein Schrei: „Ich sah Schneeberge, Dreck, etwas
gefrorenen Sprengboden und ein Gewirr von Fahrbrettern. Wir nahmen das Werkzeug
in Empfang und gingen an die Arbeit. Ich sage es offen: es wurde nichts. Viel Land,
so viel Land, daß es einem beim Anblick schlecht wird, das zu schaffen ist ausgeschlossen.
 Die Handkarren kippten und die Menschen fielen kopfüber in den Schnee*).“
' Die Bauarbeiten boten gewöhnlich folgendes Bild: „Die häßliche, schneebedeckte
Mulde war mit Menschen und Steinen angefüllt. Die Menschen gingen stolpernd herum.
Zu zweit oder zu dritt bückten sie sich, umfaßten einen Stein und versuchten ihn zu
heben. Der Steih bewegte sich nicht...
Sie ließen von dem großen Stein und machten sich an die kleineren. Auf nassen,
unordentlich gelegten Brettern wurde die Karre fortbewegt. Sie rutschte und kippte
um, Schimpfend wurden die Steine aufgelesen®).“
Art schwersten ist die Arbeit im eiskalten Wasser. „Achtzehn Stunden dauerte
die: Arbeit. Bis zum: Bauch im Wasser stehend, schleppten‘ die Menschen Steine...
Nachts sind wir zur Arbeit im kalten Wasser gegangen. In der starken Strömung
konnte man kaum stehen®).“

‚ 1) „SWK.“, S. 96. 2) „SWK.“, S. 281, 285. 3) „SWK.“, 5.97%,  %) „SWK.‘“, S. 97,
) „SWK.“, S. 112. ®) „SWK.*‘“, S. 179.
        <pb n="36" />
        Auch die Sprengkolonnen müssen oft im Wasser arbeiten. „Das Wasser ist eiskalt
 ... Die Arbeiter sind halb erfroren, sie zittern. Die Stoßarbeiter Kramer und
Petroff arbeiten knietief im Wasser stehend. Das Thermometer zeigt 20 Grad unter
Null 1).“
Besonders gefürchtet sind Arbeiten im Treibsand, der aus dem Untergrund hervorquillt.
 „Der Treibsand erschien plötzlich an zwei Stellen. Er wurde aus der Tiefe herausgepreßt.
 wie gute Hefe... Stundenlang schöpften sie die breiige Masse, ohne sich
aufzurichten, und doch wurde das Loch um keinen Zentimeter tiefer. Die Menschen
waren ausgepumpt. Wie Irrsinnige starrten sie nach unten. Große Schweißtropfen
fielen vom Gesicht auf den Sand wie Tränen ohnmächtiger Wut?).“ |
Im Frühjahr forderten die reißenden Fluten unzählige Todesopfer. „Die Baumulde
füllte sich mit Wasser. Der Frühlingswind trieb das Wasser höher und höher. Die
Menschen, die unten arbeiteten, ergriff eine Panik. Sie warfen die Karren, Spaten,
Mützen und Filzschuhe fort und liefen, Sie fielen in den Dreck, rutschten an den Abhängen
 aus. Eisige Tropfen flogen ihnen ins Gesicht. Das Licht der elektrischen Lampen
kreiste wie irrsinnig im Wasser. Das Wasser folgte den Menschen auf den Fersen?).“
Fast während der ganzen Dauer des Kanalbaues wurde auch nachts gearbeitet.
„Die ganze Nacht ist die Baustelle beleuchtet. Scheinwerfer. Hier und dort rote Lagerfeuer.
 Die Menschen wärmen sich schnell die Hände und kehren zur Arbeit zurück %).“
Infolge der schlaflosen Nächte ist für die Verbannten die schönste Traumvision,
sich einmal richtig ausschlafen zu können. „Wenn der Bau zu Ende ist“, sagt ein
Arbeiter mit müder Stimme, „möchte ich mich richtig ausschlafen ... zwei Nächte
and zwei Tage ohne Pause®).“ ;
Das Fehlen aller technischen Hilfsmittel und die völlige Nichtachtung des menschlichen
 Lebens führten zu so häufigen Unfällen bei den Arbeiten, daß die Menschen bei
den Kanalbauten wie im Kriege fielen‘).
Jedes kleinste Versagen der Verbannten wird bestraft. Gewöhnlich kommen sie
dann in den sogenannten „Strafisolator‘“ — ein Gefängnis, dessen Insassen besonders
hart angefaßt werden. Sie werden hier buchstäblich auf Hungerrationen gesetzt und
auf jede erdenkliche Art gequält. .
Der Chef dieses Strafisolators war Abraham Isaaksohn Rottenberg, ein der Kriminalpolizei
 aller Länder wohlbekannter Schwerverbrecher. Dieser Posten bot ihm gute
Gelegenheit, die Erfahrungen seiner langen Verbrecherlaufbahn auszuwerten”).
Wollte man die Zwangsarbeiter nicht zu lange im Strafisolator halten, um nicht
zuviel Arbeitskräfte zu verlieren, so bildete man aus ihnen „Abteilungen mit verstärktem
 Regime“ (roty ussilenogo reschima — RUR.), die ebenfalls auf Hungerrationen
gesetzt wurden und unter scharfer Bewachung besonders harte Arbeit verrichten
mußten, Hierher kamen vor allem Leute, die aus Verzweiflung sich schließlich
weigerten, von ihren Brettern aufzustehen und zur Arbeit zu gehen, die sogenannten
„otkastschiki8).“

1) „SWK.“, S. 279. ?) „SWK.“, S. 289. 3) „SWK. , S. 307. 4) „SWK.“, 8. 27.
AH 20 )„SWK.“, 8.198; 6) SWK.“, 5.274.  7).SWK.“,S.324—337. 8) SWK.“,
        <pb n="37" />
        Die Menschen

Nach den Lagern am Weißmeerkanal wurden‘ Menschen aus verschiedenen
Gegenden der Sowjetunion gebracht. Hier konnte man die Vertreter aller Berufe
and aller” Nationalitäten‘ finden. Geistliche, Spekulanten, Geschäftsleute, Diebe,
Mörder, einfache Arbeiter; vor allem. aber Bauern und nochmals Bauern. Am
schwersten hatten es naturgemäß die Angehörigen der alten Führerschicht, der
Intelligenz, die an körperliche ‘Arbeit nicht gewöhnt waren. Sie starben hier wie
die Fliegen...‘
Sie alle sind hier’ im hohen Norden gleich, sie alle sind nur Arbeitstiere für die
fremden Machthaber, nein, unendlich weniger als Arbeitstiere, denn Arbeitstiere
werden geschont und gepflegt, diese Menschen sollen dagegen vernichtet werden.
Schrecklich ist die Lage der in den Norden verschlagenen Südländer. An die
glühende Sonne ihrer Steppen und Wüsten gewöhnt, werden sie hier die ersten Opfer
der Kälte. „Die nationalen Minderheiten gehen in der ersten Zeit erschrocken herum.
Alles ist ihnen unverständlich; Menschen, die ihnen befehlen, der Kanal, den sie
bauer, das Essen, das sie zu sich nehmen . . . Sie können schlecht in den Filzschuhen
gehen, ‚sie gehen wankend herum‘).“ ;
Ergeben tragen diese Asiaten ihr Los. Sie verherrlichen ihren Gott, bis der Tod
sie von den. Leiden befreit. „Nassyrow ist. ein Tadschik, 42 Jahre alt. Er sitzt mit
geschlossenen Augen und bewegt rhythmisch den Oberkörper. Er hat einen schmalen
Bart, große, fleischige, mit Narben bedeckte Lippen, schmale Stirn ..'. Er. steht auf
and beginnt sich niederzubeugen. Das ist ein ostentativer Ruf an Gott, mitten in
Staub, Zigarettenstummeln und Schimpfworten?).“ Ks
Unsäglich schwer hat es auch der Bauer, der Kulak. Losgerissen von seinem
Boden,. seinem Häuschen, seinen Angehörigen, muß er hier sinnlose. unmenschliche
Arheit verrichten. , .
Es trifft: ein Transport deutscher Kolonisten ein. „Den Kulaken wurde das
Arbeitsfeld zugewiesen, doch sie weigerten sich, zu arbeiten, Sie warfen die Sägen
und Äxte weg und standen im Schnee. Herum fielen Bäume, kreischten Sägen, liefen
Menschen. Regungslos standen die Kulaken da. Es dämmerte, gelbe Feuer flammten
auf... .. Die Kulaken begannen Gebete und Psalmen zu singen ... Die Dunkchheit
hüllte alles ein, und in der Dunkelheit standen sie da und beteten laut ?3).“*
Erschütternd ‘ist die‘ Schilderung von einem Bauern. „Er kam an einem ungepflügten
 Acker vorbei. Wehmütige Erinnerungen kamen auf. Da kam noch eine
Rinderherde, und mitten drin ein grauer Ochse. Dieser Ochse geht auf ihn zu. muht
and leckt zart seine Hände..., 7 . ;
Da faßte er ihn an den Hörnern, preßte sein Gesicht zwischen die Hörner und
weinte*?).“ ; ; |
Besonders erschwert wird,‘ wie gesagt, die Lage der Verbannten dadurch, daß
zie zusammen mit kriminellen Elementen, Mördern, Dieben, Hochstaplern usw., untergebracht
 werden. „In einigen Baracken herrscht Mord und Totschlag. Sie verspielten
1) „SWK.“, S. 257. 2) „SWK.“, S. 93. 3) „SWK.“, S. 165, 4) „SWK.“,
S. 180.

36
        <pb n="38" />
        Unter äußerster Anstrengung werden große Felsblöcke mit nackter Hand bewegt. Infolge der
anmenschlichen Arbeit und der schrecklichen Lebensverhältnisse sterben die Verbannten wie
die Fliegen,
        <pb n="39" />
        ihre Lebensmittelrationen oft einen Monat im voraus und bestahlen sich gegenseitig.
um die Schulden abzutragen. .Wer nicht beglich. wurde totgeschlagen oder zum
Krüppel gemacht‘!).“ ;
Infolge der schweren Arbeit und der schrecklichen Lebensverhältnisse starben
die Menschen wie die Fliegen. „Morgens gehen sie zur Arbeit, müde, nicht ausgeschlafen,
 auf die Füße starrend. Ab und zu werden Schimpfworte gewechselt ?).“
Von der unmenschlichen Arbeit sind. sie manchmal „wie betrunken?)“. „Das
Gefühl der vollkommenen Abgeschiedenheit und Isolierung weckte Verzweiflung...
Diejenigen, die sich aus Verzweiflung: weigerten, zu arbeiten, wurden auf verkleinerte
Rationen gesetzt. Aber auch dann weigerten sich viele... Schlecht arbeitend und
hungernd, wurden sie Opfer der Läuse und Krankheiten 4).“

Frauen in den Zwangsarbeitslagern ;

So schrecklich auch das Los der verbannten Männer ist, so ist doch das Schicksal
der Frauen ein unendlich schwereres. Mit ihrem schwachen Körper müssen sie dieselbe
Arbeit verrichten, wie die Männer. Wie sie sich aber in ihrer Frauenwürde erniedrigen
lassen müssen, kann mit keinen Worten geschildert‘ werden.
„In den ersten Tagen können die Frauen die Erdarbeiten nur unter den allergrößten
 Anstrengungen bewältigen. Eine Frau spuckt im Vorbeigehen auf eine Handkarre-mit
 einem so schrecklichen Ausdruck des Hasses, daß die verblüffte Wache
wußer den Worten ‚Aber Frau, aber Frau . ..‘ nichts sagen kann®).“
Eine Frau erzählt: „Ich bin schwächlich und mager. Durch den Pelz könnte man
alle Rippen zählen, In unserer Brigade waren überhaupt keine starken Frauen ...
Ich fing ar, mit der Handkarre zu ‚arbeiten. Die Böschungen sind hoch. Durch das
Karren Werden die Sehnen gezerrt. Sogar die Finger werden beim Anfassen weiß. Die
ersten Tage wollte ich mich hinwerfen und -'heulen®).“
Am 8. Februar 1933 wurde ‚von der GPU. ein Dekret herausgegeben, welches ein
wichtiges Dokument darstellt, und aus dem einiges über die Lage der Frauen in den
Zwangsarbeitslagern hervorgeht (auszugsweise Übersetzung):
„Befehl Nr. 54
der Hauptlagerverwaltung der GPU. für das Weißmeer-Erziehungslager der GPU.
Station Medweschja gora , 8. Februar 1933.
L. In einigen Abteilungen werden die Frauenabteilungen schlecht geleitet, sie. sind
mangelhaft eingerichtet und werden in einem ‚unhygienischen Zustand gehalten.
Die meisten Frauenarbeitskollektive haben keine Küchen, oft werden trockene
Lebensmittelrationen ausgegeben, wodurch die Ernährung verschlechtert wird.
Die medizinische Betreuung und die sanitäre Lage sind ungenügend. Den Frauen
wird nicht immer ärztliche Hilfe gewährt.
3) „SWK.*“, S. 171. *) „SWK.“, S. 272. 3) „SWK.“, 5. 289. *‘) „SWK.“. S. 301.
') „SWK.“, 5. 91, 8) „SWK.‘, S. 306.

)_
        <pb n="40" />
        Auch Frauen müssen dieselbe harte Arbeit verrichten wie Männer. Das schreckliche Los der verbannten
"rauen übersteigt alle Vorstellungen. Was sie an Erniedrigungen und Qualen ausstehen müssen, läßt sich
mit keinen Worten schildern.

7. Von seiten der Lagerverwaltung und der männlichen Insassen wird der Frau keine
Achtung entgegengebracht. Die Frau wird grob und zynisch behandelt, und manchmal
 wird ihr Schamgefühl nicht geschont.
Als Folge der außerordentlich mangelhaften Kulturarbeit und der ungenügenden
Beachtung der Lebensbedürfnisse sind festzustellen: Diebstähle, Alkoholismus,
Kartenspiel und Prostitution!).“ ee
Was sich hinter diesen vorsichtig formulierten Sätzen in Wirklichkeit verbirgt,
vermag auch die lebhafteste Phantasie nicht auszumalen.

3.

Sturm um den ‚, Wodorasdel‘*

Wie gesagt, hatte die. Sowjetregierung keinerlei technische Hilfsmittel für den
Bau des Weißmeerkanals zur Verfügung gestellt. Trotzdem hatte sie Fristen für die
Durchführung der Arbeit festgesetzt, die im Hinblick auf die natürlichen Schwierigkeiten
 und die schlechte Ausrüstung von allen als phantastisch und undurchführbar
erachtet wurden.

1, „SWK.*, S. 253,

30
        <pb n="41" />
        Der Jude Matweij Davidsohn: Berrıan in GPU.-Uniform bei der Besichtigung der Zwangsarbeitslage:
am Weißmeerkanal (im Vordergrund).

Vielfach würden - diese kurze Fristfestsetzung und die äußerste Aufpeitschung
zum Arbeiten von-manchen deutschen „Rußlandkennern“ als sinnlos, als eine Spielerei
der Sowjetregierung bezeichnet. ; .
Doch in Wirklichkeit ist es keine Spielerei. Die Sowjetregierung weiß ganz genau,
was sie tut. ‘Die Festsetzung kurzer Arbeitsfristen ist eine zuverlässige Schraube zur
Erreichung ihres Zieles: der Ausrottung aller rassisch und völkisch wertvollen Elemente.
Die GPU. hatte bestimmt, daß zum 1. Mai 1933 der Kanal fertig sein sollte. Bereits
zu Beginn des Jahres 1933 stellte es sich jedoch heraus, daß diese Frist sich kaum einhalten
 lassen würde, Die nackten Hände der durch Krankheiten und Unterernährung
geschwächten Menschen erwiesen sich als zu schwach im Kampfe mit den Gesteinsmassen,
 Doch was kümmerte das die GPU. Erst recht sollte die Frist eingehalten
werden. Neue Berge von Leichen sollten den Bau bedecken.
Im Frühjahr 1933- erließ der Jude Jagoda folgenden Befehl: *

Medweschja gora (Weißmeerkanal)

Der Verlauf der Arbeiten verlangt trotz der vorgenommenen Maßnahmen zur
Gesundung des Lagers und des Bauunternehmens weitere Maßnahmen zur Sicherung

a)
        <pb n="42" />
        Die Verbannten arbeiten in einem Gewirr von Brettern. Die ungeheuren Erd- und Gesteinsmassen
müssen mit einfachen Handkarren fortbewegt werden. Die Verbannten müssen hier oft bis zu 48 Stunden
ohne Pause arbeiten, bis sie zusammenbrechen.,
        <pb n="43" />
        der Baufrist (1. Mai). Eine Verschiebung der Frist kann und wird nicht gestattet
werden. Der Kanal soll zum 1. Mai fertig sein.

Ich befehle: .

Der ganze Tschekaapparat sowie der verwaltungs- und ingenieurtechnische Apparat
des Lagers und des Bauunternehmens ist in einen Kriegszustand zu versetzen,
indem an Stelle der Lagerabteilungen ein Kriegsstab unter F ührung handfester
Tschekisten (von mir hervorgehoben H. G.) zu bilden ist. Als Hilfskräfte sind diesen
Tschekisten Ingenieure zu geben, welche das neue Arbeitstempo sichern können...
Überall, wo es nur möglich ist, soll in drei Schichten gearbeitet werden. Es ist entsprechend
 für Beleuchtung, Ausrüstung und Materialien zu sorgen.
Jeder, der falsche Angaben über den Verlauf der Arbeiten machen oder das Kriegstempo
 auf eine andere Weise sabotieren wird, ist ungeachtet seiner Person dem
Gericht zu übergeben !).“
Besonders schwierig hatte sich die Lage an den Seen Wadlosero und Matkosero
gestaltet. Zwischen diesen Seen mußte rechtzeitig eine Verbindung hergestellt werden.
falls der Kanal überhaupt 1933 fertig sein sollte. Diese Verbindungslinie trug den
Namen Wodorasdelnyi-Kanal.
Vom Zentralstab wurde ein Befehl erlassen:
„An alle Abteilungschefs, an das technische Personal, an die Kanalsoldaten!
Hiermit wird Arbeitssturm verfügt ... Um den Wodorasdel wird nach den Regeln
der Kriegstaktik gekämpft. Der Sturm beginnt am 7. Januar. .Er wird vom Stab geleitet
 2).“
Dreißigtausend Zwangsarbeiter werden aus den entlegensten Lagern nach dem
Wodorasdel gebracht. In Ermangelung von Baracken müssen sie hier (im Januar)
in Erdlöchern hausen). .
Es wird die Losung herausgebracht:
„Wir werden den kalten Januar in einen siegreichen heißen Juni verwandeln.“
Gegen die mit der Arbeit Zurückbleibenden wird ein „erbarmungsloser Kampf“
verfügt).
Der Sturm beginnt am 7. Januar. „Die Menschen und die Felsberge kennen keine
Ruhe**5). Die Menschen arbeiten im Wasser stehend. Das Wasser ist eiskalt. Sie sind
halb erfroren. Sie arbeiten auch nachts, „was natürlich nicht bedeutet. das sie tagsüber
 schlafen ®).“ -
Die Menschen arbeiten fieberhaft. Sie schaffen 150. sie schaffen 160 % der festgesetzten
 Normen. „Sie wühlen im Boden 48 Stunden ohne Pause und ohne Schlaf,
Schlaftrunken gehen sie in die Baracken. Es brummt in ihren Köpfen, Sie haben das
Gefühl. als ob sie die Handkarrengriffe noch in den Händen halten ’).“
„Jemand schläft beim Arbeiten ein. Er fällt nieder, schläft fünf Minuten. Wasser
wird ihm eingeflößt. Er reibt die geschwollenen Lider und arbeitet weiter®).“
N) „SWK“, S. 265. 3) „SWK“, S. 269. 3) „SWK“. S. 272, *) „SWK“, S, 273,
) „SWK“, S. 274, %) „SWK*, S. 280. ’) „SWK.“, S, 284, %) „SWK.‘“, S. 292.

}
        <pb n="44" />
        Kanalbau Wolga—-Moskwa. Hinter diesen Festungsmauern hat die jüdische GPU.-Leitung des Bauvorhabens
 ihren Sitz.

Immer toller treiben die Tschekisten die Menschen zum Arbeiten an. Immer mehr
Menschen brechen zusammen. Sie können nicht mehr. Sie fürchten weder Schläge noch
Kugel. Es ist ihnen alles gleich. .
Dann greifen ihre Henker zu neuen Mitteln. Die Nerven der von Müdigkeit blöde
gewordenen Menschen sollen aufgepeitscht werden,
Zweiter Tag des Sturmes ist um. Mitternacht. Die Menschen fiebern von langer
Arbeit und Kälte. Da erscheint auf dem Bauabschnitt eine „Agitbrigade‘. Im scharfen
Scheinwerferlicht singen die „Agitbrigadler“ aufreizende Lieder. Sprechchöre schmettern
 kurze Sätze in die Dunkelheit. Kapellen spielen Märsche.
Und die Menschen arbeiten weiter.
„Schneller! Schneller!“ — spielen die Kapellen.
„Schneller!“ — singen die Agitbrigaden.
Schon 16 Stunden singen mit heiseren Stimmen die Agitbrigadler. Schon versteht
kein Mensch mehr die Worte der Lieder?).
Und weiter und immer weiter geht die Arbeit.
„48 Stunden ißt und schläft nicht der Wodorasdel. Pferde brechen zusammen?).“
Die Menschen aber arbeiten weiter.

1) „SWK.“, S. 284.
2) „SWK.“, S. 291.
        <pb n="45" />
        Eingang zum Zwangsarbeitslager des Kanals Wolga-Moskwa. Das Lager wird von GPU.-Mannschaften
scharf bewacht.

Doch immer mehr Opfer verlangen die jüdischen GPU.-Henker. Das Tempo ist
immer noch zu gering. Irgendwo sind vielleicht noch Reserven vorhanden, oder mancher
ist müde geworden, Die zornige Stimme Moskaus ertönt:
„Laut Befehl Nr. 1 an den Hauptstab des Weißmeerkanals ist das ganze Bauunternehmen
 in den Kriegszustand zu versetzen. Bis zur Beendigung der Bauarbeiten
wird ununterbrochen Sturm verfügt!“ ;
Das Wetter ist ganz miserabel, teils Regen, teils Frost, teils Schnee oder auch
alles zusammen. Die Füße bleiben im Dreck kleben, die Stiefel werden schwer, die
Kleidung durchnäßt, abends ist sie von einer Eiskruste überzogen. Die Arbeit wird
schwerer. .
Alle Frauen werden herangeholt aus den Wäschereien, aus den Küchen. aus den
Schreibstuben — alles wird herausgetrieben!). . .
Es werden 200, es werden 210% der täglichen Normen erreicht?). Immer weiter
geht der „Sturm“. Immer neue Leichenberge bedecken den Bau.

1) „SWK.*“, S. 284.
3) „SWK.“, S. 285.

A
        <pb n="46" />
        Der Bau des Weißmeerkanals und insbesondere der „Sturm um den Wodorasdel“
im Frühjahr 1933 wird für die Ewigkeit eines der schaurigsten Blätter der
Menschheitsgeschichte bleiben. Ein blutiges Zeugnis jüdischen Vernichtungswillens
ınd jüdischer. Grausamkeit ?). _-Der
 Bau des Weißmeerkanals ist.nur eine Episode aus dem Leben. der Zwangsarbeiter.
 Der Kanal ist fertig. Doch auch heute-bestehen in den verschiedenen Gebieten
der Sowjetunion weitere Zwangsarbeitslager, die für Millionen unschuldiger Menschen
ein von unsäglichem Leid erfülltes Übergangsstadium ins Jenseits sind.
Neue Kanäle werden gebaut, neue Waldflächen abgeholzt. Auch am fertigen
Weißmeerkanal arbeiten weiter Tausende von Verbannten?). .
Das bekannteste, heute im Bau befindliche Unternehmen dieser Art dürfte der
Wolga-Moskwa-Kanal sein. Mit dem Bau dieses Kanals wurde im Jahre 1932 begonnen.
Die Fertigstellung soll im Jahre 1937 (Ende des 2. Fünfjahresplanes) erfolgen. Nach
Beendigung der Arbeiten am Weißmeerkanal wurde die Leitung dieses Unternehmens
Jenselben „handfesten Tschekisten‘“ jüdischer Rasse übertragen, die sich beim Bau
des Weißmeerkanals bewährt hatten: Kogan, Firin, Afanasjew u. a.}). U .
Dieses Unternehmen steht unter dem besonderen Protektorat von Lazarus Mosessohn
 Kaganowitsch, der rechten Hand und Schwiegervater Stalins.‘
Auch der Bau des Wolga-Moskwa-Kanals bietet den Bolschewisten reichlich Gelegenheit
 „unerwünschte Elemente“ ins Jenseits zu befördern, denn es sollen bei
diesem Bauunternehmen angeblich 140 Millionen Kubikmeter Erde bewegt werden‘).
Von mancher Seite wird heute behauptet, daß sich der Sowjetstaat im Evolutionsstadium
 befinde, und daß auch die Zwangsarbeitslager nach und nach abgeschafft
würden. Diese Behauptung ist falsch. Im Gegenteil: im ganzen Land werden ständig
neue Zwangsarbeitslager eingerichtet. So wurde z. B, am 23. Oktober 1935 der „Verband
für den Bau von Autostraßen‘“ aufgelöst), und am 28. Oktober 1935 wurde mit der
Verwaltung des ganzen Straßenbauwesens die Tscheka-GPU. betraut‘). Das bedeutet
nichts anderes, als daß die Zwangsarbeit jetzt auch auf die Straßenbauarbeiten auszedehnt
 werden soll.
Millionen Menschen sind bereits zugrunde gegangen im ersten marxistischen Staat
der Welt. Unzählige Menschen werden noch ihr Leben lassen müssen unter der jüdischen
Herrschaft, solange dieses teuflische System besteht. ;

21) Ich möchte nochmals betonen, daß ich bei der vorstehenden Schilderung des Baues des Weißncerkanals
 ausschließlich amtliches sowjetisches Material benutzt habe. Diese Schilderungen sind deshalb
aur ein schwaches Abbild von dem tatsächlichen Elendsdasein der Zwangsarbeiter,
?) „Iswestija‘“, vom 12. 10. 1935.
®) „Prawda‘‘, vom 2. 8. 1935 (russ.).
1) „Iswestija‘*, vom 9. 9. 1835.
°) Gesetzsammlung der UdSSR. 1935, I, Nr. 56.
’) Gesetzsammlung der UdSSR. 1935, I, Nr. 56.

15
        <pb n="47" />
        Anhang

Auszug aus dem Protokoll des Ausschusses zur Anhörung von Rückkehrern
aus der Sowjetunion

Am 20. Dezember 1935 tagte in Berlin unter Vorsitz eines’ namhaften Juristen
ein Ausschuß von. Organisationen !), die sich mit den F. ragen der deutschen Rückkehrer
aus der Sowjetunion befassen, um in protokollarischer Form die Schilderung der
Erlebnisse einiger Rückkehrer aus der Sowjetunion festzuhalten.
Nachfolgend sind einige Auszüge aus den Ausschußprotokollen wiedergegeben.
Der deutsche Bauer Fritz aus dem Wolgagebiet berichtete: .
„Im Mai 1934 wurde ich von Kommunistenschülern und Beamten der GPU.
verhaftet. Es wurde nach Gold gesucht, was ich nicht besaß. Ich wurde im Auto in
die Stadt zur GPU. gebracht. Dort wurde mir die Reise nach Moskau, Spionage,
Korrespondenz nach Deutschland und der Verkehr mit reichsdeutschen Spionen vorgeworfen,
 ferner auch meine Weigerung in das Kollektiv einzutreten. Die Aufforderung
für das Kollektiv die Leitung der Arbeiten zu übernehmen, lehnte ich ab, weil mir
sonst bei der Unmöglichkeit, ordentliche Arbeiten zu verrichten, die Verschickung als
Schädling gedroht hätte. Namentlich wurde mir vorgeworfen, einen Reichsdeutschen
mit Schuhwerk und Geld unterstützt zu haben. Dieser Besuch des Reichsdeutschen
war aber völlig harmlos, ich habe mit diesem Reichsdeutschen überhaupt nichts
Politisches besprochen, Es wurde mir auch vorgeschlagen, russischer Staatsangehöriger
zu werden. Bei den Vernehmungen lag stets ein Revolver auf dem Tisch, mit dem ich
bedroht wurde . . . So wurde ich 12 Tage lang dauernd vernommen und in einer Einzelkammer
 gehalten. Auch Spitzel versuchten mich in der Zelle auszuhorchen. Wenn
ich zum Verhör geführt wurde, standen Maschinengewehre und bewaffnete Soldaten
dort, um mich einzuschüchtern. Es wurde mir auch gedroht, daß ich unter starke Hitze
gesetzt werden würde, Insgesamt habe ich dort bei der GPU. 70 Tage verbracht. Dann
kam ich in ein anderes Gefängnis, und mir wurde mitgeteilt, daß ich auf 10 Jahre in
ein Konzentrationslager kommen sollte. Eine Gerichtsverhandlung hat nicht stattgefunden.
 Durch Zufall konnte ich meine Frau benachrichtigen, die mir Essen und
Geld geben konnte, aber trotz meiner Strafe von 10 Jahren nur 5 Minuten Sprecherlaubnis
 erhielt.“ ;
Der deutsche Kolonist Hans Rempel, der als „administrativ Verbannter“ nach
Archangelsk verschickt wurde, sagte u. a. folgendes aus:
„In Archangelsk bekam ich zunächst nicht ein Lager, da meine Verbannung
administrativ war. Ich mußte mich bei der GPU. melden und erhielt einen Paß mit
dem Befehl, mich einmal wöchentlich dort zu melden, und im übrigen wurde ich weggeschickt,
 um mich selbst zu verpflegen und selbst Unterkunft zu suchen. Geld besaßen
 mein Vater und ich nicht. Es war damals, im März 1930, eine Kälte von 20
bis 23 Grad. Wir verpflegten uns zunächst durch Lebensmittel, von denen wir 1 kg
erspart hatten, und fanden schließlich am ersten Tage ein zweistöckiges leeres Haus.

. 2) Studienstelle deutscher Rückkehrer aus der Sowjetunion, e. V., Institut zur wissenschaftlichen
 Erforschung der Sowjetunion, Internationale Pro-Deo-Kommission, Genf u. a.

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        in dem sich aber schon in jedem Zimmer 60-70 Personen eingefunden hatten. Die
Zustände in diesen Zimmern waren unerträglich. Setzte man sich auf die Erde, so
krochen die Läuse sofort über den Kragen. Es befanden sich auch viele Kranke
darunter. Einige alte Priester von 65—70 Jahren hausten auf der Treppe. Jeder Pfennig
wurde in Alkohol umgesetzt, so daß große Trunkenheit zu herrschen pflegte, und auch
geschlechtlicher Verkehr wurde dort öffentlich abgehalten. Zu viert fanden wir Aufenthalt
 im Korridor, wo wir zwei Nächte geschlafen hatten. Wohnungen suchten wir tags
in der Stadt vergeblich, da die Bevölkerung keine Verbannten aufnehmen wollte.
Endlich konnten wir zwei Tage bei einer Frau übernachten. — Durch das Vollzugskomitee
 wurde mir schließlich eine Baracke genannt, wo ich Unterkunft finden konnte,
wenn ich Holz fällte. Die Baracke wurde mir nicht näher bezeichnet; ich fand sie aber
in einer Entfernung von 15 km von der Stadt. Dort hausten schon 50 Russen, die mit
Holzfällen beschäftigt waren. Pro Kubikmeter Holz erhielt ich eine Entschädigung in
Geld, mit der ich täglich 750 Gramm Brot, etwas Fischsuppe und Hirsebrei mir beschaffen
 konnte. Da ich den Russen beim Lesen und Schreiben ihrer Briefe half, unterstützten
 sie mich bei der Arbeit. Mein Vater war krank geworden und wurde von
einem Baptisten aufgenommen. |
Ich bin durch das weitläufige Konzentrationslager gekommen, erstmalig Anfang
April 1930. Ich traf dort alte und kranke Männer, deren Gesicht mit Frostbeulen,
Blut und Eiter bedeckt war. Mir wurde damals berichtet, daß in einem Teil des Lagers
zu Wintersbeginn 3000 Männer gelebt hätten, von denen im nächsten Frühjahr nur
noch 75 Mann am Leben waren. — Das Konzentrationslager mit einem Durchmesser
von etwa 15 km umfaßte etwa 37000 Verbannte, und ebensaviel Einwohner hat die
Stadt Archangelsk. -
Man hat besonders auch die Kirchen von Archangelsk hergerichtet, um dort Verbannte
 und Kulakenfamilien in drei Etagen übereinander wohnen zu lassen. Bei
warmer Jahreszeit brach Epidemie aus, so daß zuweilen 10-25 Kinder täglich aus den
Kirchen tot herausgebracht wurden. Sie wurden dann außerhalb der Stadt verscharrt.
In einer Mennonitenfamilie starben alle Kinder, die Mutter scharrte sie mit den Händen
in die Erde ein. — Später wurde es verboten, das Lager ohne Passierschein zu betreten.
In dem Lager befanden sich auch eine Reihe von Arbeitern, die mir erzählten,
daß die Arbeiterschaft der Putilow-Werke (jetzt Kirow-Werke) in Leningrad gegen
die Entkulakisierung Protest erhoben hatte — mit dem Erfolg, daß 300 Arbeiter ebenfalls
 nach Archangelsk verbannt wurden.
Im Juni 1930 gelang es mir, zu entkommen.“
Der Rückkehrer Ernst Sz., der von der GPU. verhaftet und verbannt wurde,
führte u. a. folgendes aus:
„Nach wenigen Tagen kam ich in das große Lager Magnitogorsk, östlich des Ural,
welches insgesamt 12000 Mann umfaßte und in 7 Unterlager zerfiel. In der Nähe
befand sich eine weitere Strafarbeitskolonne von 14000 Mann und ein weiteres Lager,
In meinem Lager wurden die Sträflinge mit der Errichtung eines Staudamms heschäftigt...

Im Winter 1932/33 sind in diesem Lager Magnitogorsk insgesamt 11000 Mann
arfroren, was mir die Sträflinge erzählten, die mit Büchern im Kontor zu tun hatten.
Diese Tatsache ist auch allgemein bekanntgeworden, da die ausländischen Vertretungen
 protestiert haben ...
Im Oktober 1933 gelang es mir, zu entkommen und nach Deutschland zu ent
Hiehen.“
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a-Federführend



in der Bekämpfung des Bolschewismus

Adamheit, Rote Armee - Rote Weltrevolution — Roter Imperialismus ;
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