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            <forname>Eduardo L.</forname>
            <surname>Llorens</surname>
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        EDUARDO L. LLORENS

Monroismus —

Panamerikanismus

Einzige berechtigte Übersetzung
aus dem Spanischen

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1918
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        Vorwort.

Es gibt gewisse Schlagworte, welche Gemeingut aller
Gebildeten geworden sind und hier und da wie Leuchtkugeln
in der Konversation oder in den Zeitungen auftauchen, ohne
daß die Meisten eine nähere Kenntnis ihres Ursprungs und
ihrer Entwicklung im Laufe der Jahrzehnte besitzen.
Eines der berüchtigtsten Schlagworte ist „die Monroe-Doctrin“,
 gewöhnlich als „Amerika für die Amerikaner“ verstanden,
 zugleich der größte Humbug, mit dem die Vereinigten
Staaten die zivilisierte Weit beglückt haben.
Es scheint ein Naturgesetz zu sein, daß, wo immer auch
die Wahrheit und die Vernunft ihr Haupt erheben, sofort
Tausende und aber Tausende von Menschen nichts Eiligeres
zu tun haben, als, geblendet von ihren Strahlen, sie mit dem
Schleier der Unwissenheit und der Nichtswürdigkeit zu bedecken.

So ist es auch mit dem an und für sich ganz vernünftigen
und hochbedeutsamen Gedanken in der Abschiedsbotschaft
Washingtons — des angesehensten Präsidenten, den die Vereinigten
 Staaten je gehabt haben — gegangen, der ursprünglich
 keinen anderen Zweck hatte, als Nordamerika dem gegenseitigen
 Neid und den völkermordenden Kriegen Europas zu
entziehen, um auf einem neuen und ihm eigentümlichen Wege
die für seine Bewohner bestmögliche Regierungsform zu einer
dauernden, friedlichen Entwicklung zu finden.
Es dauerte aber nicht lange, bis dieser dem erleuchteten
Geiste seines Urhebers entsprungene Gedanke das Schicksal
aller großen Ideen teilen mußte: korrumpiert und bis in sein
Gegenteil entstellt zu werden.
Drei Jahrzehnte später war es England, das zum ersten
Male diesen Begriff der Sonderstellung Amerikas zur Geltung
brachte, indem es sich unter seinem Staatsmann Canning bereit
 erklärte, für die Unabhängigkeit der spanischen Kolonien,
sei es auch mit Waffengewalt, einzutreten. Darauf hat sofort
der nordamerikanische Präsident Monroe diese außergewöhn-
        <pb n="4" />
        lich günstige Gelegenheit ergriffen, um den Grundsatz der
Nicht-Intervention durch europäische Mächte in die Angelegenheiten
 des amerikanischen Kontinentes als internationales
Prinzip aufzustellen.
Die Monroelehre war aber zu dehnbar und zu unzuverlässig
 für die anderen amerikanischen Staaten, um Einfluß auf
sie zu gewinnen. Deshalb versteckten die Nordamerikaner sie
unter dem neuen Schlagworte des „Panamerikanismus‘, um
unter dieser harmloser erscheinenden, aber die Phantasie der
Südamerikaner mächtig anregenden Flagge ihrem Ziel: die
Kontrolle über die jungen Schwesterrepubliken in wirtschaftlicher
 und wenn möglich auch politischer Beziehung zu erlangen,
 näherzukommen, Diese Idee des Panamerikanismus
entspricht der spanisch-amerikanischen Überlieferung einer
kontinentalen Solidarität; und indem die Vereinigten Staaten
sie sich zu eigen machten, erstrebten sie in erster Linie wirtschaftliche
 Erfolge. Ihr Vorhaben ist ihnen geglückt; im Jahre
1883 bezifferte sich der Handel des spanischen Amerikas mit
der Union auf 142 282 000 Dollar, im Jahre 1913 dagegen auf
813694985 Dollar. Im erstgenannten Jahre betrug dieser
Handel 18,8 Prozent des gesamten Handels Iberoamerikas, im
Jahre 1913 dagegen 27,6 Prozent.
Die Sonderstellung Amerikas war eine Folge der europäischen
 Kriege im Anfang des vorigen Jahrhunderts. Durch
die absolutistischen Auswüchse der Heiligen Allianz nicht
minder als durch die keineswegs Sselbstlose Gegenwirkung
Englands gefördert, fand sie ihren Ausdruck in der Unabhängigkeit
 eines großen, noch nicht selbständigen Teiles des
amerikanischen Kontinents und in dem Wunsche gegenseitiger
Annäherung unter den neuentstandenen Staatsgebilden. Dieses
natürliche Streben nach Zusammenschluß und Anlehnung
haben dann die Vereinigten Staaten für die egoistischen Ziele
ihrer imperialistischen Politik mißbraucht.
Wie vorzüglich während des jetzigen Krieges Nordamerika
seine Rolle als tertius gaudens gespielt hat, geht u. a. aus einer
Veröffentlichung des Handels-Departements in Washington
hervor, wonach der Handel der Union mit Süd- und Mittelamerika
 im Jahre 1916 auf 1260796 680 Dollar gestiegen ist;
in den ersten sieben Monaten (endend Januar) des letzten
Wirtschaftsjahres erreicht er schon die Ziffer 756 397 033 Dollar
 gegen 564963 325 Dollar im gleichen Zeitraum des Vor-Jahres.

Es ist der Zweck dieser Schrift des spanischen Rechtszelehrten
 Dr. E. L. Llorens, den Ursprung des Monroismus
        <pb n="5" />
        )

aus den Unstimmigkeiten Englands mit der heiligen Allianz und
ihre Entwicklung unter gleichzeitiger Hervorbringung des
Panamerikanismus bis zum Zustandekommen der ersten panamerikanischen
 Konferenz in Washington 1889 zu zeigen.
Alle, die sich über diese durch den Weltkrieg besonders
aktuell gewordenen Fragen unterrichten wollen, werden Beiriedigung
 empfinden durch die knappe, klare und immer
auf den Kernpunkt des Gegenstandes eingehende Schrift
unseres spanischen Freundes,
Hamburg, Januar 1918.

Aug. Strube.
        <pb n="6" />
        Es besteht unzweifelhaft ein Gefühl der amerikanischen
Solidarität, das alle Republiken des Kontinents, wenn auch
nicht eint, so doch untereinander verbindet. Das Studium der
Ursachen und des Hervortretens dieser Solidarität, die Ergründung
 der historischen Anfänge und die Zusammenfassung
der genannten Tendenzen als Faktoren, nicht nur der rein
amerikanischen, sondern der Weltpolitik, haben den Vorwurf
 für Forschungen vieler Geschichtschreiber, Rechtsgelehrter
 und Staatsmänner gebildet und werden in Zukunit
zu den Tatsachen und Problemen von eindringlicher Bedeutung
rehören.

Die geistige Atmosphäre, die Geschichte, die Sprache, die
Überlieferungen und Gebräuche der verschiedenen amerikanischen
 Länder sind so mannigfaltig, die Entfernungen untereinander
 so bedeutend und ihrer aller Verbindungen mit
Europa so zahlreich, innig und ausgedehnt, daß transzendentale
 Ereignisse diese heterogenen Elemente genähert
haben müssen. Der große Krieg, der eine Ablenkung der edelsten
 und fruchtbarsten Kräfte Europas hervorbrachte, hat
Lösungen gereift und überstürzt, deren Folgen sich bald und
mit wachsender Wichtigkeit im internationalen Leben fühlbar
machen werden,
Was wirklich und was scheinbar in der amerikanischen
Solidarität enthalten ist, das Ursprüngliche ihres Kernes und
das künstlich durch Afterinteressen und ehrgeizige Begierden
Hinzugetragene, zeigt uns die Geschichte. Es ist schon häufig
darüber geschrieben worden, und es ist dennoch nicht das
letzte Wort gesprochen, noch hat man alle Archive der Allgemeinheit
 zugänglich gemacht, auch sind noch nicht sämtliche
Gesichtspunkte beleuchtet worden. Der Verfasser beschränkt
sich darauf, in dem kleinen ihm zur Verfügung stehenden
Rahmen einige hauptsächliche und besonders hervortretende
Momente der komplizierten Entwicklung zu zeigen, wie sie
den der amerikanischen internationalen Konferenz von 1889
vorhergehenden Epochen entsprechen. Die vorliegende Skizze
möge als Einführung, vielleicht auch als Kommentar, für die
        <pb n="7" />
        3 7m

Ereignisse in den darauf folgenden Jahren und für eine der
am meisten umstrittenen Fragen der heutigen Zeit dienen.

Die politische und territoriale Lage Europas, gestört durch
den ehrgeizigen Militärabsolutismus Napoleons, rief eine starke
Gegenströmung hervor, die sich natürlich darauf richtete, das.
napoleonische Werk so gründlich wie möglich zu vernichten.
Rußland, England, Österreich und Preußen, die vier Verbündeten
 von 1813, konnten durch die Schlacht bei Leipzig
Deutschland auf einmal von dem napoleonischen Joche befreien
 und im darauffolgenden Jahre in Paris einziehen und
den französischen Kaiser vom Thron jagen. Nach einem so
vollständigen, kaum erwarteten Erfolge fühlten die Sieger sich
berufen, ein neues Europa wieder aufzubauen, indem sie über
die vorhergehenden französischen Eroberungen verfügten und
nun die Einrichtungen ausarbeiteten, welche ein System
dauernden Gleichgewichts herbeiführen sollten. Das war der
Zweck des sogenannten Wiener Kongresses.
Die Länderverteilung und die Grenzberichtigung wurde
von den vier Großmächten besorgt nach dem doppelten Prinzip
 der damaligen europäischen Politik: Gleichgewicht und
Entschädigung. Um dieses zu regeln, nahm man irgendein
früheres uti possidetis als Unterlage, wie es für die Sieger am
günstigsten war, ohne die Eigenart oder Zustimmung der Bevölkerung
 irgendwie zu berücksichtigen. So ergab sich zum
Beispiel, daß das Preußen von 1795 3 400 000 Einwohner mehr
hatte, als das von 1813. Europa schuldete also an Preußen
3400000 Seelen. Aber woher sie nehmen? Preußen hätte
das Königreich Sachsen dem früher in seinem Besitz befindlichen
 Teile Polens vorgezogen und dieses mit Vergnügen
Rußland überlassen.
Aber England und Österreich bekämpften diese Lösung
und machten sie unmöglich, Preußen wollte außerdem an der
linken Rheinmündung einen katholischen Staat für den König
von Sachsen schaffen, wogegen ebenfalls England und Österreich
 protestierten, während zu gleicher Zeit der französische
Vertreter Talleyrand dagegen seine Stimme erhob. Schließlich
 übergab man das Problem der Entschädigungen einer
Schätzungskommission. Diese verteilte die 3400000 Einwohner
 wie folgt: Posen 810000, Rheingegend 1044 000,
Westfalen 829000 und ein Teil von Sachsen 782 000. Diese
Zahlen ergaben ungefähr die gewünschte Summe: Preußen
wurde entschädigt und das europäische Gleichgewicht wiederhergestellt.
 Ein Zeitgenosse, der Erzherzog Johann, glossierte
        <pb n="8" />
        J

diese politischen Seiltänzereien mit folgenden Worten: „Es
ist ein jäämmerlicher Handel, der mit Ländern und Menschen!
Napoleon haben wir und seinem System geflucht, und mit
Recht, er hat die Menschheit herabgewürdigt, und eben jene
Fürsten, die dagegen kämpften, treten in seine Fußstapfen,
Also kämpfte man bloß gegen seine Person und nicht gegen
sein System.“ !)
Nach der Schlacht bei Waterloo, „schön wie keine,
entscheidend wie keine und den Feind vernichtend wie
keine Schlacht“, nach den Worten GOneisenaus, schlossen die
Verbündeten eine Allianz „zur Sicherung ihrer Staaten und
zur allgemeinen Ruhe Europas“ und erklärten, daß sie gemeinsam
 gegen die revolutionären Bewegungen vorgehen
würden, wenn diese aufs neue „die Ruhe Frankreichs und die
Ordnung der anderen Staaten stören würden“.
Die drei Verbündeten, die eine absolutistische Regierung
hatten, Rußland, Preußen und Österreich, hatten am 26. September
 1815 einen Vertrag unterzeichnet, der in der Geschichte
 mit dem Namen der heiligen Allianz bekannt ist, eines
der merkwürdigsten Dokumente der Diplomatie.
Sehen wir von dem mystischen Inhalt des Protokolls ab.
Die politischen Grundsätze, welche darin gepriesen wurden,
waren enthalten in der Abmachung, „daß man als Richtschnur
nur die Vorschriften der ewigen Religion des Heiligen Gottes,
die der Gerechtigkeit, der Barmherzigkeit und des Friedens,
nehmen wollte, welche, weit entfernt, nur für das Privatleben
zu passen, im Gegenteil die Beschlüsse der Fürsten und alle
ihre Handlungen beeinflusen sollen“.
Daher „sollen die drei vertragschließenden Monarchen
durch die Bande einer wahrhaften und unauflöslichen Verbrüderung
 geeint sein; sie sollen sich Beistand, Hilfe und
Unterstützung leisten bei jeder Gelegenheit, wo es auch immer
sein mag, indem sie sich ihren Untertanen gegenüber als
Familienväter betrachten“. Die Monarchen erklärten von sich
selbst, daß sie „von der Vorsehung auserwählt seien, drei Abzweigungen
 einer und derselben Familie zu regieren‘.?)

‘) Fr. Schulze, „1813—1815‘“. Leipzig, Voigtländer, 1913. Seite

272 ff.
2) „.... de ne prendre pour regle de leur conduite, soit dans
l’administration de leurs €tats respectifs, soit dans leurs relations
politiques avec tout autre gouvernement, que les preceptes de cette
religion sainte, preceptes de justice, de charite et de paix qui, loin
d’etre uniquement applicables ä la vie privee, doivent au contraire
influer directement sur les resolutions des princes, et guider toutes
leurs demarches .... les trois monarques contractants demeureront
        <pb n="9" />
        io

Das Originalmanuskript war von der eigenen Hand des
Zaren Alexander geschrieben, mit Korrekturen von Madame
Krüdener, dem „Rasputin“ von damals. Die Staatsoberhäupter
von Österreich und Preußen sowie Ludwig XVII.
wollten nicht dem Zaren mißfallen und unterzeichneten den
Vertrag. England verweigerte seine Zustimmung, nahm aber
Teil an dem Allianzvertrage vom 20. November 1815, in
welchem die vier Verbündeten festsetzten, „daß sie nach bestimmten
 Zeiträumen, sei es unter den Auspizien der Monarchen
 selbst, sei es durch Vermittlung ihrer respektiven
Minister, Zusammenkünfte einberufen wollten zum Besten der
großen und gemeinsamen Interessen, und um die Maßregeln
festzusetzen, die jeweilig als für die Ruhe und die Weiterentwicklung
 der Völker und die Aufrechterhaltung des europäischen
 Friedens als geeignet erachtet würden.“ ®) Die
Folgen dieser Vereinbarung waren die verschiedenen Zusammenkünfte,
 denen man den Namen „Kongresse“ gab und
die stattfanden, um die Lage Europas in Zukunft „in Ordnung
zu halten“.
Der Zar Alexander war anfangs liberal gewesen, obgleich
sein Liberalismus recht eigentümlich war. Sein Wille pendelte
hin und her zwischen kirchlichen Idealen und Rousseauschen
Projekten, Der energische und konsequente Metternich verstand
 es in kurzer Zeit, die liberalen Anwandlungen des Zaren,
unter geschickter Benutzung der Ereignisse, auszurotten, Im
Jahre 1817 sagte Metternich noch, „daß der Geist des Kaisers
Alexander sich nie in einer gewöhnlichen Richtung zu halten
vermag. Seit dem Jahre 1815 hat [er] den reinen Jacobinismus
verlassen, um sich auf den Mvstizismus zu werfen. Da seine

unis par les liens d’une fraternite&amp;amp; veritable et indissoluble....ils se
preteront en toute occasion et en tout lieu assistance, aide et secours;
se regardant envers leurs sujets et armees comme peres de famille
 ,... comme delegues par la Providence pour gouverner trois
branches d’une meme famille.“ Martens, Nouveau Recueil de Traites.
Gottingue, Dietrich, 1818. II. 657.
3) Art. 6 des Bündnisvertrages zwischen den Höfen Österreichs,
Großbritanniens, Preußens und Rußlands, unterzeichnet in Paris am
20.November 1815: „Pour assurer et faciliter ’execution du present traite,
et consolider les rapports intimes qui unissent aujourd’hui, les quatre
souverains pour le bonheur du monde, les hautes parties contractantes
sont convenues de renouveler, A des €poques determineges, Soit sous les
auspices immediats des souverains, soit par leurs ministres respectifs,
des re&amp;amp;unions consacrees aux grands intere&amp;amp;ts communs et l’examen des
mesures qui, dans chacune de ces €poques, seront jugees les plus
salutaires pour le repos et la prosperite des peuples, et pour Ie
maintien de la paix de l’Europe.‘“ Martens, Ib. 737,
        <pb n="10" />
        11 —

Tendenz jedoch stets revolutionär ist, so ist es auch sein
religiöser Sinn .... Der Kaiser hat sich überhaupt so verändert,
 daß diese Übereinstimmung nun öfter hervortritt . ...
Man möchte meinen, daß der Kaiser erst jetzt in die Welt
tritt und die Augen öffnet. Er ist heute auf dem Standpunkte,
auf dem ich vor dreißig Jahren war .... Das innere Gefühl
des Kaisers hat sich übrigens sehr geändert, und ich denke
viel dazu beigetragen zu haben.“ *)
Metternichs Ansehen war so groß bei den drei Kontinentalmächten,
 daß sein Gutachten ihrer Politik eine entscheidende
 Färbung gab.
Zur Kennzeichnung der Metternichschen Grundsätze genügt
 es, einige seiner Erklärungen anzuführen: „Einer der
ersten Begriffe, die Grundlage der heutigen Politik, ist und
muß die Ruhe sein, und der Inbegriff der Ruhe ist die
Sicherheit des Besitzstandes. Wenn die ersten
Mächte Europas von diesem Grundsatze ausgehen, so müssen
sich kleine, kaum aufrechtstehende Staaten demselben freiwillig
 oder gezwungen ebenfalls fügen.“ °)
„Die nützlichen oder notwendigen Veränderungen in der
Gesetzgebung und Verwaltung dürfen nur dem freien Willen,
dem wohlüberlegten und erleuchteten Antriebe derer entspringen,
 welche Gott zur Macht berufen hat. Alles, was von
dieser Richtung abweicht, führt notwendigerweise zur Unordnung,
 zum Umsturz und zu Übeln, die unerträglicher sind
als die, welche man heilen will. Durchdrungen von dieser
ewigen Wahrheit, haben die Souveräne nicht gezögert, sie
mit kraftvoller Offenheit zu bekennen; sie haben erklärt, daß
sie, ebenso wie sie die Rechte und Unabhängigkeit jeder legitimen
 Macht respektieren, jede durch Revolution oder offene
Widersetzlichkeit hervorgerufene Reform als gesetzlich nichtig
und als nicht von dem öffentlichen Rechte Europas autorisiert
betrachteten.“ ®)

*) Aus Metternichs nachgelassenen Papieren etc. Wien. Braumüller.
 1881. 1. 53. 355. 357. 429.
5) Metternich, Ib. 61.
5) „Les changements utiles ou n6cessaires dans la legislation et
dans l’administration des Etats ne doivent E€maner que de la volonte
libre, de l’impulsion reflechie et Eclairee de ceux que Dieu a rendu
responsables du pouvoir. Tout ce qui sort de cette ligne conduit
n6cessairement au desordre, aux bouleversements, ä des maux bien
plus insupportables que ceux que l'on pretend guerir. Penetres de
cette verite Eternelle, les Souverains n’ont pas h6site a la proclamer
avec franchise et vigueur; ils ont declare qu’en respectant les droits
et l'inde&amp;amp;pendance de tout pDouvoir legitime. ils regardaient comme
        <pb n="11" />
        2

Diese Grundsätze, die als eines der Ergebnisse des
Laibacher Kongresses aufgestellt wurden, waren keine allgemeinen
 Betrachtungen spekulativer Art und mußten praktische
 Wirkungen haben. Die Beschlüsse des Troppauer Kongresses
 basierten auf der These: „Die Mächte [üben] ein unbestreitbares
 Recht aus, indem sie auf gemeinschaftliche Sicherheitsmaßregeln
 gegen Staaten, in welchen ein durch Aufruhr
bewirkter Umsturz der Regierung, auch nur als Beispiel betrachtet,
 eine feindselige Stellung gegen alle rechtmäßigen
Verfassungen und Regierungen haben [muß], bedacht [nehmen]
.... [die]l Ausübung dieses Rechtes [ist durch] friedliche
oder erzwingende Maßregeln [zu erwirken].“ 7)
Der Grundsatz der Intervention wurde verherrlicht auf
den sogenannten Kongressen, welche, nachdem die Karlsbader
Konferenzen (1819) die Freiheit des Unterrichts und der Presse
abgeschafft hatten, sich in Troppau (1820), in Laibach (1821)
und in Verona (1823) versammelten.
In den frühesten Morgenstunden des 2. Juli 1820 erhoben
sich Soldaten der Garnison Nola und marschierten auf Avellino
 zu unter den Rufen „Viva Dio, Re e Costituzione“, Dort
stießen zu den Revolutionären einige hundert Mitglieder der
Geheimgesellschaft „La Carbonara‘“, welche viele Anhänger
im Königreich Neapel gefunden hatten wegen der Mißregierung
des Königs Ferdinand. Generale und einflußreiche Persönlichkeiten
 schlossen sich der Bewegung an, alle beseelt von
dem Wunsche, die absolute Monarchie in eine konstitutionelle
umzuwandeln. Die Revolution brach den Willen des Königs,
der am 6. Juli als Grundgesetz die spanische Verfassung von
1812 einführte,
Die Großmächte berieten darauf in Troppau über die
neapolitanische Revolution; ein Beschluß mußte in Laibach
gefaßt werden. Angesichts der Theorien Metternichs konnte
die Entscheidung der Mächte nicht zweifelhaft sein. Der
Kanzler beurteilte den Wechsel der Regierung wie folgt: „Ein
Volk, halb barbarisch, von einer absoluten Unwissenheit, von
grenzenlosem Aberglauben, heißblütig wie die Afrikaner, ein
Volk, das weder lesen noch schreiben kann, dessen letztes
Wort der Dolch ist, ein solches Volk bietet einen schönen Stoff
für konstitutionelle Prinzipien!“ 8)

legalement nulle et de&amp;amp;savouge par les principes qui constituent le
droit public de l’Europe, toute pretendue reforme operee par la
revolte et la force ouverte.‘“ Metternich, Ib. 483.
7) Metternich, Ib. 392.
8) Metternich, genanntes Werk 310.
        <pb n="12" />
        3 ——;—

Bald gab man von Laibach aus zu erkennen, daß Österreich
 gegen Neapel marschieren wollte, mit oder ohne seine
Verbündeten. Am 4. Februar 1821 begann der Vormarsch von
25 000 Mann, die in wenigen Wochen den Absolutismus wieder
herstellten. Auf gleiche Weise verfuhr man mit Piemont, wo
ebenfalls die spanische Konstitution am 10. März 1821 verkündet
 worden war.

Indessen bestand nichts weniger als Einmütigkeit unter
den Verbündeten, Als man die heilige Allianz gegründet hatte,
konnte man sofort sehen, daß die Unterschrift Englands fehlte.
Diese Tatsache erklärte sich in erster Linie aus der Vorschrift
 der englischen Verfassung, die neben der Zeichnung
des Königs die Gegenzeichnung eines verantwortlichen
Ministers erforderte; die heilige Allianz zeigte nur die Unterschriften
 der Souveräne. Das Dokument enthielt auch zu allgemeine
 Wendungen, als daß ein konstitutioneller Staat sich
von vornherein auf sie festlegen konnte. Die englische Regierung
 fühlte keinerlei Sympathie für den Gegenstand. Als
Lord Castlereagh dem Ministerpräsidenten Lord Liverpool „die
außergewöhnliche Tat‘“ mitteilte, fügte er hinzu, daß, als der
Zar ihm und dem Herzog von Wellington „seinen Plan des
Weltfriedens‘“ auseinandergesetzt hätte, „sie nur mit Mühe
während der Besprechung ihren Ernst hätten wahren können.
Die Wahrheit ist, daß der Zar geistig nicht ganz gesund ist“.
(28. September 1815.)?) Die verschiedene Auffassung Englands
 betreiffs der Rechte der fremden Staaten, wenn diese
mit seinen Interessen übereinstimmen, zeigte sich mit
wachsender Deutlichkeit in der Folge. In Troppau wohnte
nur ein englischer Gesandter den Beratungen bei mit
dem Auftrag, sich auf Beobachtungen zu beschränken. Als
die Grundsätze und Maßnahmen der heiligen Allianz aggressiver
 und despotischer wurden, und besonders bei Gelegenheit

%) „The first intimation I had of this extraordinary act was
from the emperor himself, and I was rather surprised to find it
traced back to a conversation with which I was honoured‘ with
the emperor when leaving Vienna ..... As soon as the instrument
was executed between the sovereigns, without the intervention of
their ministers, the Emperor of Russia brought it to me, developed
his whole plan of universal peace ..... The Duke of Wellington
happened to be with me ..... and it was not without difficulty that
we went through the interview with becoming gravity ..... The
fact is that the emperor’s mind is not completely sound.“ Wellington,
Supplementary Despaches, usw., of the Duke of Wellington. XI, 175.
        <pb n="13" />
        14

der Expedition nach Neapel, standen die beiden Systeme sich
Schroff gegenüber,
Den 19. Januar 1821 setzte das englische Kabinett in
einem Rundschreiben an seine Vertreter im Ausland seine endgültige
 Haltung gegen das unbeschränkte Recht auf Intervention
 fest. Der englische Staatsmann Canning wurde der
Gegner des österreichischen Kanzlers Metternich. Bevor
ersterer das Amt des Staatsministers übernahm, hatte er in
einer Parlamentssitzung (20. März 1821) schon das „selbstherrliche,
 widerrechtliche, tyrannische und unverschämte
Laibacher Tribunal“ kritisiert.!°) Die europäische Politik bot
schon dann das Schauspiel eines diplomatischen Zweikampfes
zwischen zwei so verschiedenen Persönlichkeiten und Ansichten
 wie Metternich und Canning, mit einer Erbitterung,
die sich auf das persönliche Gebiet übertrug. Metternich
nannte trotz seiner diplomatischen Mäßigung in Urteilsäußerungen
 Canning eine „Weltgeißel‘“, ein „verderbenbringendes
 Meteor, das von einer erzürnten Vorsehung auf
Europa geschleudert sei“.1!) Canning war noch drastischer.
In einem Briefe an Lord Granville, den englischen Botschafter
in Paris, charakterisiert er Metternich als „den größten
Schurken und Aufschneider des Kontinents und vielleicht der
zivilisierten Welt“.1?)
Wir sehen also, daß die Tätigkeit der heiligen Allianz auf
dem Wege war, die Ruhe und die Landesunversehrtheit, das
heißt, den Absolutismus und die dynastische Legitimität in
ganz Europa aufrechtzuerhalten. Die Einmischungsversuche
beschränkten sich nicht auf unseren Kontinent.

Ferdinand VII. von Spanien erbat die Vermittlung der
Alliierten, die in Aachen versammelt waren, um die spanische
Souveränität in den seit 1810 aufsässigen amerikanischen
Kolonien wiederherzustellen. England versprach seine Mitwirkung
 unter der Bedingung, daß keine Gewalt angewandt

©) „the self-constituted, usurping, tyrannical and insolent tribunal
 at Laybach.‘“ Hansard, Parliamentary Debates, First Series.
IV (1821), 1378.
u) Metternich, genanntes Werk, IV, 310.
2) „You ask me what you shall say to Metternich. In the first
place you shall hear what I think of him — that he is the greatest
rlascall] and lliar] on the continent, perhaps in the civilized world.“
Sapleton, Canning and His Times, 427. Erwähnt von French Ensor
Chadwick, The Relations of the United Staes and Spain, Diplomacy.
New York, Charles Scribner’s Sons, 1909. 163, Fußnote,
        <pb n="14" />
        15

werde. Frankreich und Rußland waren ohne Rückhalt bereit.
Trotzdem war es unmöglich, völlige Übereinstimmung
zwischen allen Mächten zu erzielen, Als endliches Ergebnis
der Verhandlungen kam man zu einem Kompromiß, wonach
der Herzog von Wellington beauftragt und bevollmächtigt
wurde, mit der Regierung in Madrid im Namen der Alliierten
zu unterhandeln. Die Idee schlug fehl infolge der Forderung
Wellingtons, daß auf keinen Fall Gewalt angewandt werden
sollte. Spanien seinerseits verwarf jede Lösung, die nicht
als Grundlage seine Herrschaft über die überseeischen Länder
anerkannte.
Rußland widmete der spanisch-amerikanischen Frage eine
eingehende Aufmerksamkeit. In Madrid bereitete man Seit
langem eine Expedition vor, um die verlorenen amerikanischen
Provinzen wieder zu erobern; der Zar Alexander erklärte sich
1819 bereit, dafür einige Schiffe zu stellen, und zwar acht, die
Spanien 54 Millionen Pesetas kosteten. Als sie aber in Cadiz
ankamen, fand man ihren Zustand so minderwertig, daß es
unmöglich war, sich damit aufs hohe Meer zu wagen. Man
mußte eine bedeutende Summe aufwenden, um sie wieder instand
 zu setzen, ohne daß sie jedoch jemals ihren Zweck erfüllten,
 denn 1820 fand das Pronunciamiento von Riego statt,
in dem gerade die Truppen meuterten, welche seit 1816 bei
Cadiz stationiert und nach dem Rio de la Plata bestimmt
waren. Die spanische Revolution von 1820, der Anlaß von
denen in Neapel, Piemont und Portugal, erzielte die Annahme
 der schon erwähnten Konstitution von 1812 durch
Ferdinand VII.
Die russische Regierung, als sie die Wiederherstellung der
Konstitution in Spanien erfuhr, sandte ihren diplomatischen
Vertretern ein Rundschreiben, in dem sie sich zu dem aggressiven
 Grundsatz der Intervention bekannte: „Es ist eine beklagenswerte
 Beleidigung. Beklagenswert für die Halbinsel
und ebenso für Europa. Die spanische Nation ist jetzt den
Völkern beider Hemisphären eine Sühne schuldig geworden.“
Die fünf Höfe wünschen, „daß dem Fortschritt der Zivilisation
und den Forderungen der Zeit entsprechende Institutionen
allen Spaniern Europas und Amerikas Frieden und Glück
bringen mögen“, „Nach dem Urteil der fünf Höfe erheischen
die Rettung Spaniens und das Wohl Europas, daß man dieses
Verbrechen brandmarke, diese Schande auslösche und dieses
schlechte Beispiel in der Wurzel vernichte.“ 12)

13) Text zitiert bei Chadwick, gen. Werk, 167.
        <pb n="15" />
        16 —

Die Zahl der fünf Höfe sollte sofort um einen herabgesetzt
werden, England beglückwünschte König Ferdinand zu seiner
Annahme der Verfassung und sandte 1820 eine Note {folgenden
 Inhaltes: „Der Grundsatz, den Verlauf solcher Experimente
 (Regierungswechsel) auf fremdes Anraten oder
unter fremdem Druck zu beschränken oder zu regeln, wäre
ebenso schwer aufrechtzuerhalten als unmöglich zu erfüllen“;
 „in der Allianz (der fünf Großmächte) wie bei allen
menschlichen Einrichtungen trägt nichts so sicher dazu bei,
den wirklichen Nutzen zu vermindern oder zu vernichten als
das Bestreben, die Verbindlichkeiten und Pflichten über die
ursprünglich angenommenen Grenzen auszudehnen. Es war
eine Vereinigung zur Rückeroberung und zur Befreiung eines
großen Teils des europäischen Kontinents von der militärischen
Oberhoheit Frankreichs, welche, nachdem der Eroberer besiegt
 war, die festgesetzte Unantastbarkeit in einem Friedensvertrage
 unter den Schutz der Allianz stellte. Niemals war
sie gedacht als eine Vereinigung oder Oberaufsicht für die Regierungen
 der Welt, um die inneren Angelegenheiten anderer
Staaten zu kontrollieren .... Wir werden auf unserem
Posten gefunden werden, wenn eine Gefahr das System
Europas bedroht; aber unser Land wird niemals auf abstrakte
oder spekulative Grundsätze der Vorsicht hin handeln. Das
bestehende Bündnis hatte nicht einen solchen Zweck, als es
geschlossen wurde,“ 14)
Alle übrigen Regierungen, selbst das konstitutionelle
Frankreich, waren für die Intervention. Bevor die Beratungen

14) „The notion of revising, limiting, or regulating the course
of such experiments, either by foreign council or by foreign force,
would be as dangerous to avow as it would be impossible to
execute ..... in this alliance, as in all other human arrangements,
nothing is more likely to impair, or even to destroy, its real utility,
than any attempt to push its duties and its obligations beyond the
sphere which its original and understood principles will warrant. It
was a union for the reconquest and liberation of a great portion of
the continent of Europe from the military domination of France, and
having subdued the conqueror it took the state of possession, as
established by the peace, under the protection of the alliance. It
never was, however, intended as a union for the government of the
world, or for the superintendence of the internal affairs of other
states ..... We shall be found in our place when actual danger
menaces the system of Europe; but this country cannot, and will not,
act upon abstract and speculative principles of precaution. The
alliance which exists had no such purpose in view im its original
formation.“ Hansard, genanntes Werk, VII, 11—36 und ff.
        <pb n="16" />
        i7 —

von Laibach unterbrochen wurden, sah man eine Zusammenkunft
 des folgenden Jahres, 1822, in Verona vor. Der Kongreß
in Verona zählte in seinem Programm die folgenden Angelegenheiten
 auf: Sklavenhandel, „die Piraterien in den Gewässern
 Amerikas oder die spanischen Kolonien“, die orientalische
 Frage, Italien, „die Gefahren der spanischen Revolution
 für Europa, besonders für Frankreich“.
Die wichtigste Angelegenheit betraf Spanien und seine
Kolonien, Auf der einen Seite und für die Intervention standen
Österreich, Rußland, Preußen und Frankreich; auf der anderen
Seite als Gegner der Intervention: England, Die geistige
Debatte spielte sich besonders zwischen dem Vicomte
Chateaubriand und Canning, Staatsminister seit August 1822,
ab. Chateaubriand wollte den Krieg mit Spanien, weil er sich
davon einen militärischen Erfolg versprach, den er für seine
ehrgeizigen Pläne nötig hatte. Canning war Anhänger des
Friedens, Beide waren interessiert an der Unabhängigkeit der
spanischen Kolonien; aber die Art der Unabhängigkeit wurde
von jedem anders aufgefaßt, Chateaubriand erhielt von den
anderen Kontinentalmächten die Zustimmung und den Auftrag,
 die spanische Frage auch unter Anwendung von Gewalt
zu lösen.
Seine Geschicklichkeit versuchte, die europäische Intervention
 in eine französische zu verwandeln und so Vorteile
für sein Land herauszuschlagen. Er verfolgte ein doppeltes
Ziel: ein dynastisches und ein politisches: „Man kennt unser
Projekt: Wir wollten [die spanischen Kolonien] England entziehen
 und Vizekönigreiche unter Prinzen des Hauses Bourbon
daraus machen.“ „Indem wir diese Monarchien unter dem
Zepter der Bourbonen schaffen wollten, arbeiteten wir an dem
Glück dieser Länder sowohl, als an dem Ruhm der Familie des
Heiligen Ludwig.“ 1°) Die Besetzung Spaniens mußte ferner
zur Erhöhung des Prestiges Frankreichs in der Welt dienen.
Was Chateaubriand sich vornahm, drückte er später mit bemerkenswertem
 Freimut in einer Denkschrift an den Comte
de La Ferronays aus: „Ich habe deutlich genug nachgewiesen,
 daß die Allianz Frankreichs mit England und Öster-15)

 „On sait notre projet: nous voulions arracher celles-ci ä
V’Angleterre et les transformer en royaute&amp;amp;s representatives sous des
princes de la maison de Bourbon ... en creant des monarchies sous
le sceptre des Bourbons, nous travaillions autant au bonheur de ces
contrees qu'a l’agrandissement de la famille de saint Louis.“ Chateaubriand,
 Congres de Verone. Leipzig, Brockhaus: Paris, Delloye, 1838.
Il, 231, 234,
        <pb n="17" />
        15 —

reich gegen Rußland eine Dummheit sein würde, bei der wir
umsonst Menschen und Geld opfern würden. Eine Allianz mit
Rußland dagegen würde uns in die Lage versetzen, im Archipel
Stützpunkte zu finden und unsere Grenzen bis zum Rhein vorzuschieben.
 Wir können Nikolaus sagen: Ihre Feinde werben
um unsere Freundschaft, wir ziehen den Frieden dem Kriege
vor, wir wünschen neutral zu bleiben. Aber, wenn Sie Ihre
Differenzen mit der Pforte nicht anders beilegen können als
durch Waffengewalt, wenn Sie auf Konstantinopel marschieren
wollen. dann teilen Sie sich in billiger Weise mit den christlichen
 Mächten in die Türkei. Diejenigen Mächte, die nicht so
gelegen sind, daß sie sich nach Osten ausdehnen können,
werden anderswo ihre Entschädigung erhalten. Wir, wir
wollen die Rheinlinie von Straßburg bis Köln. Das sind unsere
gerechten Ansprüche, Rußland hat Interesse daran (wie Ihr
Bruder Alexander gesagt hat), daB Frankreich stark sei...
Niemals würden Österreich oder England uns die Rheinlinie
als Äquivalent unseres Bündnisses mit ihnen zugestehen, trotzdem
 wird Frankreich einstmals seine Grenzen in besagter
Weise berichtigen müssen, sowohl seiner Ehre, als seiner
Sicherheit wegen.“ 1°)
Canning gab Wellington folgende Anweisung für die Verhandlungen
 in Verona: „Wenn irgendeine bestimmte Absicht
besteht, sei es durch Gewalt oder durch Drohung, sich in den
spanischen Streit hineinzumischen, so ist die Regierung Seiner
Maiestät so überzeugt von der Nutzlosigkeit und Gefahr einer

16) „J’ai fait voir assez que Valliance de la France avec VAngleterre
 et l’Autriche contre la Russie est une alliance de dupe, ou nous
ne trouverions que la perte de notre sang et de nos tresors. L’alliance
de la Russie, au contraire, nous mettrait ä mE&amp;amp;me d’obtenir des
etablissements dans l’Archipel et de reculer nos fronticres jusqu’aux
bords du Rhin. Nous pouvons tenir ce langage ä Nicolas: Vos
ennemis nous sollicitent; nous preferons la paix ä la guerre, nous
desirons garder la neutralite, Mais enfin si vous ne pouvez vider vos
differends avec la Porte que par les armes, si vous voulez aller ä
Constantinople, entrez avec les Ppuissances chretiennes dans un
partage Equitable de la Turquie europeenne, Celles de ces puissances
qui ne sont pas placees de maniere ä s’agrandir du cöte de l’Orient
recevront ailleurs des d£&amp;amp;dommagements. Nous, nous voulons avoir
la ligne du Rhin, depuis Strasbourg jusqu’a Cologne. Telles sont nos
justes pretentions. La Russie a un inter&amp;amp;t (votre frere Alexandre l’a
dit) A ce que la France soit forte ... Jamais l’Autriche, jamais
V’Angleterre ne nous donneront la limite du Rhin pour prix de notre
alliance avec elles; or c’est pourtant lä que töt ou tard la France
doit placer ses frontieres, tant pour Son honneur que pour sa suret6.
Chateaubriand, Memoires d’outre-tombe, Paris, Garnier, 0. T., 27, 28.
        <pb n="18" />
        I9 —

solchen Intervention, sie betrachtet diese Intervention so aus
dem Grunde angreifbar und hält ihre Ausführung für so un:
möglich, daß ich im Notfalle, d. h. falls sich die Gelegenheit
bieten sollte, Ew. Exzellenz beauftrage, sofort offen und
feierlich zu erklären, daß Se. Majestät keinesfalls an einer
solchen Einmischung teilnehmen wird.!”)
„Ich verstehe einen Eroberungskrieg‘“, schrieb Canning
in einem Briefe an Chateaubriand, „ich verstehe einen Frbfolgekrieg,
 einen Krieg für die Beibehaltung einer bestimmten
Dynastie. Aber einen Krieg für die Modifizierung einer politischen
 Verfassung, einen Krieg wegen zweier Kammern und
zur Ausdehnung der königlichen Prärogative, den begreife ich
wahrlich nicht und fasse es nicht, wie seine Operationen auf
solch einen Zweck gerichtet werden können. Sie würden
nicht „La Charte“ verbreiten, wie Mohammed mit dem Koran
tat, oder wie Frankreich in den ersten Anfängen Ihrer Revolution
 es mit den Menschenrechten machte. Bedenken Sie
doch: Zeigt sich nicht eine Art Nachsicht von seiten Spaniens,
indem es Ihnen diese Dinge nicht vorwirft? Würde es nicht,
wenn es erfährt, daß sein Verfassungswechsel nicht ohne
Blutvergießen vor sich gegangen ist, wünschen, daß ein Vergleich
 mit 1789 und 1792—1793 gezogen wird? Könnte es nicht,
wenn Rußland ihm eine durch Zwang hervorgerufene Regierungsänderung
 vorwerfen sollte, den Kaiser Alexander
an die Ereignisse erinnern, die seiner eigenen Thronbesteigung
voraufgingen und an den Vertrag von Tilsit, der Spanien an
Bonaparte preisgab? Könnte es nicht zu Preußen reden von
den Versprechungen freiheitlicher Einrichtungen, die vom
König gegeben und hinterher nicht gehalten wurden?“ 18)

17) „If there be a determined Project to interfere by. force or
by menace in the present struggle in Spain, so convinced are His
Majesty’s government of the uselessness and danger of any such
interference, so obijectionable does it appear to them in principle,
as well as utterly impracticable in execution, that, when the necessity
arises (I would rather say), when the opportunity offers, ] am to
instruct your Grace at once frankly and peremptorily to declare that,
to any such interference, come what may, His Majesty will not be a
party.“ Hansard, gen. Werk, VIII, 904 ff.
18) „I understand a war of conquest; I understand war of
Succession — a war for the change (on the one hand) or the conservation
 (on the other) of a peculiar dynasty. But a war for the
modification of a political constitution; a war for the two chambers;
and for the extension of the regal prerogative — a war for such
objects as these, I really do not understand, nor can I conceive how
the operations of it are to be directed to such an end. You would not
        <pb n="19" />
        ZU —

Im Namen der Regierung erklärte Canning offiziell am
28. Januar 1823: „Wir weisen für uns zurück und bestreiten
anderen Mächten das Recht, irgendwelche Veränderungen in
den inneren Einrichtungen unabhängiger Staaten mit der
Drohung feindlicher Angriffe im Falle der Weigerung zu verlangen.“
 1?)
Was England nicht wollte, war die übermäßige Stärkung
und Ausdehnung Frankreichs, und daß es seinen Einfluß auf
die westliche Halbkugel ausbreitete und sich vielleicht in
Cadiz, westlich von Gibraltar, festsetzte. Die kaufmännischen
und Finanzinteressen Englands spielten auch eine entscheidende
 Rolle in seiner Parteinahme für die Unabhängigkeit
Amerikas. Chateaubriand, der als früherer französischer Botschafter
 in London gut unterrichtet war, gibt uns einige interessante
 Einzelheiten. In dem Zeitraum von 1822 bis 1826
hatten die spanischen Kolonien zehn Anleihen in England herausgegeben.
 Der nominelle Wert belief sich auf 21 Millionen
Pfund Sterling. Aber in Wirklichkeit gab man die Anleihe zu
75 Prozent heraus, und davon gingen als Vorschuß Zinsen für
zwei Jahre zu 6 Prozent ab, und von der Restsumme wurden
für verkaufte Waren 7 Millionen zurückbehalten. Das Endergebnis
 war, daß England eine Summe von 7 Millionen bar
hergegeben hatte und die spanischen Kolonien ihm 21 Millionen
 schuldeten. Es wurden verschiedene Gesellschaften mit
einem Kapital von im ganzen 15 Millionen Pfund Sterling
gegründet, um die amerikanischen Bodenschätze auszubeuten,
aber die Zeichner zahlten nur den vierten Teil des Kapitals.
Das Resultat war, daß England den Kolonien 160 Millionen
Mark vorgeschossen hatte. England war zu allen Zeiten, indem
 es den Wert seiner Hilfe anpries, darauf bedacht, seine

propagate la Charte, as Mahomed did al Koran; or as in the
earlier part of your revolution, France -did the rights of man. Consider:
 is there not some forbearance on the part of Spain, in not
throwing these things in your teeth? Might she not, when informed
that her change of constitution hat not been bloodless, desire that it
should be compared with 1789 and 1792—93? Might she not, when
accused by Russia of a forcible change of government, remind the
emperor Alexander of the events which preceded his own accession
and the treaty of Tilsit which made over Spain to Buonaparte?
Might she not speak to Prussia of promises of free institutions, made
by a King and violated?“ Chateaubriand, Congres de Verone,
I, 454 und ff.
19) „We disclaim for ourselves and deny for other powers the
right of requiring any changes in the internal institutions of independent
 states, with the menace of hostile attack in case of refusal.”
Hansard, gen. Werk, VIII, 923.
        <pb n="20" />
        2

kaufmännischen und finanziellen Interessen auf dem amerikanischen
 Kontinent zu wahren, und behauptete, in den spanischen
 Kolonien 720 Millionen angelegt zu haben. Es liegt auf
der Hand, daß es ihm von größtem Werte war, so schnell wie
möglich mit Regelmäßigkeit und in großem Umfange mit
den reichen amerikanischen Ländern Handel zu treiben. Als
Staat, sagte Chateaubriand, der „nur an seine materiellen
Vorteile denkt, unbekümmert um das Wohlergehen eines
Volkes“, richtet er seine Politik ausschließlich auf Ausdehnung
 und Gewinn, Die Versuche, im spanischen Amerika
festen Fuß zu fassen, hatten mit einem gänzlichen Fiasko in
den Jahren 1806 und 1807 geendet, und die Besorgnis, daß
Frankreich dort an Boden gewinnen könnte, war so groß, daß
die englische Regierung für das Land die schleunige Erklärung
 der Unabhängigkeit als vorteilhaft ansah.
In einer Rede vor dem Parlament am 12. April 1823 sagte
und bestätigte Canning, daß Spanien wirklich und endgültig
seine Souveränität über seine alten Kolonien verloren hatte,
und daß England nicht zugeben könnte, daß irgendein Teil des
amerikanischen Bodens an eine andere Macht abgetreten
würde, Am 9. Oktober 1823 hatte er dann eine Besprechung
mit dem französischen Botschafter Fürsten de Polignac.
Canning sagte, daß England sofort die Unabhängigkeit des
spanischen Amerikas anerkennen würde, „falls Frankreich Gewalt
 anwendete, um es zurückzuerobern‘“, oder „falls Spanien
versuchte, das alte Kolonialsystem wieder einzuführen, und
den englischen Handel mit den Kolonien hinderte‘“, Man sieht
hier deutlich die Absichten Englands: Besorgnisse wegen eines
Machtzuwachses Frankreichs und wegen des seinen Handel
schädigenden spanischen Kolonialsystems. Canning erklärte
zum ersten Male, daß England nicht beabsichtigte, sich irgendeines
 Teiles der spanischen Kolonien zu bemächtigen. Darauf
antwortete der französische Botschafter, daß auch Frankreich
keine Eroberungsgelüste hätte und daß es derselben Meinung
wäre wie die englische Regierung über die Unmöglichkeit, die
Souveränität Spaniens in den spanischen Kolonien wiederherzustellen.

Die Halsstarrigkeit Spaniens, die aggressive Politik der
heiligen Allianz, die Absichten Frankreichs auf das spanische
Amerika und die Kolonisationslüsternheit Rußlands waren
öffentlich bekannt; die Regierungen von England und den Vereinigten
 Staaten von Amerika waren gut orientiert über die
Sachlage in Amerika sowohl, als auch über das Gewebe von
Intrigen des europäischen Kontinents.
        <pb n="21" />
        22

Zur Beurteilung der Handlungsweise der Vereinigten
Staaten in betreff der amerikanischen Frage existieren zwei
grundlegende Dokumente: die Unabhängigkeitserklärung von
1776 und die Abschiedsbotschaft Washingtons vom 17. September
 1796. Die Bedeutung des ersten Dokuments rührt von
seinem juristisch-philosophischen Charakter und seinen nicht
nur nationalen, sondern internationalen Schlußfolgerungen her.
In der Einleitung der Unabhängigkeitserklärung heißt es: „Wir
betrachten die folgenden Tatsachen als unantastbare Wahrheit:
 Alle Menschen sind als Gleichberechtigte erschaffen und
von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten
ausgestattet, darunter mit dem Recht auf das Leben, auf die
Freiheit und auf die Erstrebung des Glücks, und um diese
Rechte zu wahren, werden Regierungen unter den Menschen
eingesetzt, die ihre rechtmäBßige Vollmacht von der Zustimmung
 der Regierten herleiten.“ 2°)
Wir finden also in der Grundlage der nordamerikanischen
Gesellschaft und im Gegensatz zu der der europäischen die
theoretische Verkündigung von bestimmten Rechten, die dem
Menschen als solchem zukommen. Es sind Grundrechte,
welche die Verfassung nicht schafft, sondern lediglich anerkennt.
 Der nordamerikanische Staat verdankt, juristisch gesprochen,
 seine Macht der Zustimmung der Einzelnen, welche
bestimmte Rechte haben, von denen sie gegebenenfalls gegen
den Staat selbst Gebrauch machen können. KEines dieser
Rechte ist, daß sie sich die Regierungsform, welche sie für
ihren Charakter und ihre Bedürfnisse geeignet halten, wählen
können, Und diese Rechte sind „unveräußerlich“. Das politische
 System von Europa war grundverschieden von denı
nordamerikanischen. und ist es in vielen Ländern noch heute.
Washington verkündete in seiner letzten Botschaft:
„Europa besitzt eine Reihe von elementaren Interessen, die
gar keine Beziehung zu uns haben oder nur in weitester

20) „We hold these truths to be selfevident. That all men
are created equal; that they are endowed by their Creator with
certain unalienable rights, that among these are life, liberty and the
pursuit of happiness; that to secure these rights, governments are
instituted among men, deriving their just powers irom the consent
of the governed.“ Alpheus Henry Snow, The American Philosophy
of Government and its effects on International Relations, Siehe
auch: G. Jellinek: Die Erklärungen der Menschenrechte. Leipzig,
Duncker &amp;amp; Humblot, 1904; Gustav Hägermann: Die Erklärungen der
Menschen- und Bürgerrechte in den ersten amerikanischen Staatsverfassungen.
 Berlin, Ebering. 1910.
        <pb n="22" />
        2%

Ferne. .... Unsere isolierte und entfernte Lage ermöglicht
es uns, einen anderen Weg zu verfolgen.“ 2?!) Diese Worte
enthalten den Keim der späteren nordamerikanischen Politik,
insoweit sie sich auf die größtmögliche Zurückhaltung in europäischen
 Angelegenheiten bezieht. Sie verdanken ihren Ursprung
der Überzeugung, daß die Vereinigten Staaten auf einer von der
europäischen gänzlich verschiedenen Grundlage aufgebaut sind
und daß sie viel zu verlieren, aber nichts zu gewinnen haben
würden, wenn sie sich auf Bündnisse mit europäischen Staaten
mit ihrem Neid und ihren ewigen Kriegen einließen, Die ganze
Energie des neuen Staates sollte der eigenen Entwicklung und
der Ausbeutung der unermeßlichen Bodenschätze dienen. Um
diese Isolierung aufrechtzuerhalten, war das natürliche und
notwendige Mittel, daß man die europäischen Mächte so entfernt
 wie möglich von den Vereinigten Staaten hielt. Dieses
Bestreben ist bedingt durch den Grundsatz Washingtons und
zeigte sich schon in den ersten Jahren der Republik, sobald
es dem neuen Staate möglich gewesen war, Sich innerlich zu
befestigen und sein politisches Bewußtsein zu entwickeln.
Die erste Gelegenheit, einen praktischen Schritt in der
auswärtigen Politik zu tun, bot sich vierzehn Jahre nach der
Unabhängigkeitserklärung, im Jahre 1790. England und
Spanien machten gleichzeitig ihre Rechte auf die Westküste
Kaliforniens geltend; Spanien, weil dieses Gebiet von einem
spanischen Untertanen entdeckt worden war, und, England,
weil es ein Engländer zuerst effektiv in Besitz genommen hatte.
Spanien nahm zwei englische Schiffe weg, die es aber später
wieder herausgab. Indessen, die Prinzipienfrage mußte gelöst
werden. Der Notenwechsel begann sofort in heftigster Tonart,
und beide Mächte machten schleunigst Vorbereitungen zum
Kriege. England beabsichtigte einen Angriff auf die spanischen
Besitzungen in Louisiana und Florida. Der Gouverneur von
Kanada, Lord Dorchester, sandte seinen Adiutanten Maior
Beckwith nach den Vereinigten Staaten, um die Haltung der
Union in einem solchen Falle zu sondieren. Alexander Hamilton
 erklärte im Namen der Regierung: „Wenn wir imstande
sind, unsere Ansprüche geltend zu machen, dann dürften wir
die Gebiete an der Mündung des Mississippi, die als sein
Schlüssel zu betrachten sind. nicht in der Hand einer fremden

21) „Europe has a set of primary interests which to us have
none, or a very remote relation ... Our detached and distant
situation invites and enables us to pursue a different course.“ John
Basset Moore, A digest of International Law, Washington, Government
 Printing Office. 1906. VI, 369 und ff,
        <pb n="23" />
        24 —

Macht lassen.??) Jefferson wies zu gleicher Zeit den nordamerikanischen
 Botschafter in Madrid an, zu erklären, daß die
Vereinigten Staaten England gegen Spanien helfen würden,
wenn dieses ihnen nicht das ganze linke Flußufer abtreten
würde. Derselbe berühmte Minister Alexander Hamilton hatte
im Jahre 1788 in seinem Kommentar zur nordamerikanischen
Verfassung geschrieben: „Unsere Lage begünstigt und unser
Interesse fordert, daß wir uns anstrengen, um die Oberhand
in den amerikanischen Angelegenheiten zu bekommen.
Die Welt kann politisch und geographisch in vier Teile
geteilt werden, von denen jedes seine eigenen politischen
Interessen hat, Unglücklicherweise für die anderen drei, hat
Europa seine Oberherrschaft in verschiedenem Grade durch
Waffengewalt und durch die Diplomatie, durch Krieg und List
ausgedehnt. .... Nordamerikaner, laßt uns nicht das Werkzeug
 für die Größe Europas sein! Mögen die dreizehn Staaten
sich zusammentun [die damals die Union ausmachten], geeint
durch ein festes und unlösbares Bündnis, um ein großes nordamerikanisches
 System zu organisieren, das mächtiger sei als
die Kontrolle seitens aller überseeischen Machtentfaltung und
außerhalb fremden Einflusses stehe und welches die Bedingungen
 für die Verbindungen in der neuen Welt vorschreiben
 kann.“ ?3)
Mit Hamilton ist also das Motto Washingtons: „Furopa
für die Europäer“, einen Schritt vorwärtsgekommen, es wurde
hinzugefügt: „Amerika für die Nordamerikaner.“
Präsident Jefferson schrieb im Jahre 1808 an den Gouverneur
 von Neuorleans über die Notwendigkeit, „jeden europäischen
 Einfluß auf diese Halbkugel auszurotten‘“. Diese
Politik ist, je nachdem die Umstände es geraten erscheinen
ließen. später befolgt oder nicht befolgt worden.

In den letzten Jahren des 18, Jahrhunderts suchte Miranda
bei verschiedenen Persönlichkeiten und Regierungen Hilfe
und Schutz, um die spanischen Kolonien zu revolutionieren und

22) Alexander Hamilton, Ges. Werke. Herausgegeben von Henry
Cabot Lodge, Neuyork 1885—1886. IV, 44.
28) The Federalist on the new Constitution, written in the year
1788 by Mr. Hamilton, Mr. Madison and Mr. Jay Hallowell 1826. 63.
Dieser Text und die vorigen findet man bei: Gertrud Philippi, Imperialistische
 und pazifistische Strömungen in der Politik der Vereinigten
 Staaten von Amerika während der ersten Jahrzehnte ihres
Bestehens (1776—1815). Heidelberg, Winter 1914. 51, 52, Siehe
auch: W. R, Manning. The Nootka Sound Controversy, Annual
Report of the American Historical Association. 1904.
        <pb n="24" />
        25 —

unabhängig zu machen. Pitt nahm ihn gut auf und begünstigte
seine Pläne aus politischen Rücksichten, um Spanien zu
schwächen und zu schädigen; er versprach die erbetene Hilfe
nur im Falle eines Krieges mit Spanien. Miranda wandte sich
1798 auch an den Präsidenten Adams und erbat seine Unterstützung:
 er verlangte 7000 Mann, die im Verein mit englischen
 Kräften operieren sollten; dafür versprach er den
Vereinigten Staaten Louisiana, Florida und einen Teil von
Westindien. Hamilton unterstützte den Vorschlag; aber der
Präsident ließ die Briefe und Vollmachten Mirandas unbeantwortet.
 Das verursachte dann den abschlägigen Bescheid
der englischen Regierung. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika
 wollten sich nicht an dem Werk der Befreiung der
spanischamerikanischen Staaten beteiligen,
{m Jahre 1810 befanden sich fast alle spanischen Kolonien
des Kontinents in Aufruhr. Die Bewegung barg von vornherein
den Keim von Unabhängigkeitsbestrebungen in sich. Im
Gegensatz zu der nordamerikanischen Umwälzung schwankten
sie betreffs der Regierungsform und waren Sich nicht klar
darüber, ob sie die Monarchie oder die Republik, das Einheitsoder
 Bündnissystem, die Demokratie oder das aristokratische
Regiment annehmen sollten. Aber die Revolutionsherde verfolgten
 ein gemeinsames Ziel: Amerikanisierung der Emanzipationsbewegung,
 Diese Einzelheit charakterisiert von Anfang
an die politische Tätigkeit der spanischamerikanischen Umwälzung.
 Die Mittelpunkte, von denen die revolutionäre Bewegung
 ausging, gaben sich nicht damit zufrieden, die Hauptstadt
 und die Provinz unabhängig zu machen: der ganze, von
Spanien beherrschte Kontinent sollte befreit werden. In dem
Projekt der „Declaraciön chilena de los derechos del pueblo“
(Chilenische Erklärung der Volksrechte) von 1810 wird ausgedrückt,
 daß die Völker Amerikas sich vereinigen sollen, nicht
zu einer inneren Organisation, sondern für ihre äußere Sicherheit
 gegen die Pläne Europas und um Kriege unter sich zu
vermeiden. Die Staaten Amerikas sollen sich auf einem Kongreß
 versammeln, um sich zu organisieren und zu stärken.
An dem Tage, wo Südamerika oder die beiden Amerikas zur
übrigen Welt auf einem Kongreß sprechen, wird ihre Stimme
Achtung erheischen, und schwerlich wird man sich ihren Beschlüssen
 widersetzen.?*)
Bolivar schrieb schon 1815 in Jamaica von seinen amerikanischen
 Hoffnungen. Er wünschte in einem Bunde die

24) Alexandre Alvarez, Le droit international am6ericain. Paris,
Pedone. 1910. 45,
        <pb n="25" />
        ZU

spanischamerikanischen Nationen vereinigt zu sehen: „eines
Ursprungs, einer Sprache, von denselben Sitten und gleicher
Religion‘“.2°) Im Jahre 1808 schrieb er dem argentinischen
Direktor Pueyrredön: „Sobald durch den Triumph der Waffen
Venezuelas Unabhängigkeit vervollständigt sein wird oder
günstigere Verhältnisse eine bessere Verständigung und
eine engere Verbindung gestatten, werden wir uns mit dem
größten Eifer beeilen, unsererseits das amerikanische Bündnis
ins Werk zu setzen, das, indem alle unsere Republiken einen
Körper bilden, Amerika der Welt in einer Gloriole und unvergleichlichen
 Größe gegenüber den alten Nationen zeigen soll.
Das so geeinte Amerika wird sich, wenn der Himmel uns diesen
brennenden Wunsch gewährt, die Königin der Nationen nennen
können, die Mutter der Republiken. Ich hoffe, daß die Regierung
 von La Plata unter Ihrem mächtigen Einfluß tätig an
der Vollendung des politischen Gebäudes mitwirken wird, das
wir am ersten Tage unserer Wiedergeburt begonnen haben.?®)
Während in Europa die Bündnisse und Kongresse der
heiligen Allianz abgehalten wurden, deren Inhalt und Ergebnisse
 auseinandergesetzt sind, sandte Bolivar zwei Bevollmächtigte,
 den einen nach dem Süden, den anderen nach dem
Norden, In den Anweisungen, die Mosquera gegeben wurden,
der nach Peru, Chile und Buenos Aires ging, lesen wir: „Aber
nach allem, was ich Ihnen auseinandergesetzt habe, interessiert
 in diesen Augenblicken nichts so sehr wie die Bildung
eines wahrhaft amerikanischen Bundes. Doch darf dieses

25) „Un origen, una lengua, unas costumbres y una religi6n.“
Francisco Jose Urrutia, El Ideal internacional de Bolivar, In: Simö6n
Bolivar, libertador de la America del Sur, por los mäs grandes
escritores americanos. Montalvo, Marti. Rod6, Blanco-Fonbona.
Garcia Calderön, Alberdi. Madrid und Buenos Aires, Renacimiento.
1914. 200.
28) „Luego que el triunfo de las armas de Venezuela complete
la obra de su independencia 0 que circunstancias mäs favorables nos
permitan comunicaciones mäs frecuentes y relaciones mäs estrechas,
nosotros nos apresuraremos con el mäs vivo interes a entablar por
nuestra parte el pacto americano que, formando de todas nmnuestras
repüblicas un cuerpo politico, presente la America al mundo con un
aspecto de majestad y grandeza sin ejemplo en las naciones antiguas.
La America asi unida, si el cielo nos concede este deseado voto,
podrä llamarse la reina de las naciones, la madre de las repüblicas.
Yo espero que el gobierno de La Plata, con su poderoso influjo,
cooperarä eficazmente a la perfecciön del edificio politico a que hemos
dado principio desde el primer dia de nuestra regeneraci6n,‘“ Urrutia,
gen. Werk. 200.
        <pb n="26" />
        27

Bündnis nicht einfach auf den Grundlagen einer gewöhnlichen
Allianz des’ Angriffs und der Verteidigung aufgebaut werden:
es muß viel enger sein als das kürzlich in Europa gegen die
Freiheiten der Völker geschmiedete. Es ist notwendig, daß
das Unsere eine Gesellschaft von Schwesternationen sei,
augenblicklich getrennt in der Ausübung ihrer Souveränität
durch den Lauf der menschlichen Ereignisse, aber vereint,
stark und mächtig, um sich gegen die Angriffe einer fremden
Macht zu behaupten. Es ist unumgänglich nötig, daß Sie unaufhörlich
 die Dringlichkeit betonen, von jetzt ab die Grundlagen
 einer amphiktyonischen Liga oder einer Versammlung
von Bevollmächtigten zu legen, welche die gemeinsamen
Interessen der amerikanischen Staaten fördert und die
Streitigkeiten ausgleicht, die in Zukunft zwischen Völkern
gemeinsamer Sitten und Gebräuche entstehen mögen und die
durch das Fehlen einer so ausgezeichneten Einrichtung vielleicht
 unheilvolle Kriege anzetteln können, welche andere,
weniger glückliche Landstriche entvölkert haben.“ 27)
Diese Idee wurde in den Verträgen zwischen Kolumbien,
Peru und Chile verwirklicht, In einer Denkschrift des Staatssekretärs
 der auswärtigen Angelegenheiten an den Kolumbianischen
 Kongreß war der Gedanke Bolivars kurz und bündig
ausgedrückt: „1. daß die amerikanischen Staaten sich auf
ewige Zeit verbündeten, im Frieden und im Kriege, unter
gegenseitiger Garantie des Besitzstandes ihrer respektiven
Gebiete; 2. daß sie, um diese Garantie wirksam zu machen,
sich an das Uti possidetis juris von 1810 zu halten hätten, ge-27)

 „Mas repito a usted que de cuanto Ilevo expuesto nada
interesa tanto en estos momentos como la formaciön de una liga verdaderamente
 americana. Pero esta confederaciön no debe formarse
simplemente sobre los principios de una alianza ordinaria para ofensa
y defensa: debe ser mucho mäs estrecha que la que se ha formado
filtimamente en Europa contra las libertades de los pueblos. Es
necesario que la nuestra sea uma sociedad de naciones hermanas,
separadas por ahora en el ejercicio de su soberania por el curso de
los acontecimientos humanos, pero unidas, fuertes y poderosas, para
sostenerse contra las agresiones del poder extranjero. Es indispensable
 que usted encarezca incesantemente la necesidad que hay de
poner desde ahora los cimientos de un cuerpo anfictiönico o asamblea
de plenipotenciarios que de impulso a los intereses comunes de los
estados americanos, que dirima las discordias que puedan suscitarse
en lo venidero entre pueblos que tienen unas mismas costumbres y
unas mismas habitudes y que pDor falta de una instituciön tan santa
pueden quizä encender las guerras funestas que han desolado otras
regiones menos afortunadas.‘‘ Urrutia, gen. Werk. 202,
        <pb n="27" />
        ad

mäß der Begrenzung des Gebietes einer jeden Capitania
general oder Vizekönigtums, das sich als unabhängiger Staat
erklärt hatte.“ 28)
{m Jahre 1820 konnte man ‘die Errichtung der republikanischen
 Regierung in allen Staaten des amerikanischen Kontinents,
 die sich befreit hatten, als vollendete Tatsache betrachten.
 Die südamerikanischen Staaten empfanden, im
Gegensatz zu der Union, das Ideal einer internationalen amerikanischen
 Vereinigung.

Spanien hatte sich geweigert, die faktische Lostrennung
anzuerkennen, trotz seiner Ohnmacht, die befreiten Gebiete
unter seine Oberherrschaft zurückzubringen. Es bereitete Expeditionen
 vor und verhandelte mit den Kontinentalmächten
Europas über die Mittel, die überseeischen Besitzungen wieder
zu erobern. Um das zu erreichen, wünschte sogar der Zar
Alexander den Eintritt der Vereinigten Staaten in die europäische
 Allianz, Der russische Botschafter Poletica machte
einige Andeutungen, die mit Kälte aufgenommen wurden. Am
5. Juli 1820 schrieb Adams an den nordamerikanischen Gesandten
 in Petersburg: „Es ist Herrn Poletica keine direkte
Absage gegeben worden. Man nimmt an, daß sie nicht nötig
sein wird .... Für die Ruhe Europas sowohl wie für die
Amerikas sollte man die politischen Einrichtungen des ersten
von denen des letzten soweit wie möglich getrennt und abgesondert
 halten.“ 2°)
Das Trachten Frankreichs zeigte sich mehr und mehr im
Laufe des Jahres 1821, besonders aber bezüglich Mexikos, wo
die französische Dynastie eine Monarchie mit einem französischen
 Prinzen errichten wollte, Die Folge davon wäre
das sofortige Eingreifen auf dem amerikanischen Kontinent
einer so unternehmungslustigen und Ausdehnung suchenden
europäischen Großmacht wie Frankreich gewesen. Die Sorge

28) „1.9,...que los estados americanos se aliasen y confederasen
perpetuamente, en paz y en guerra, para consolidar su libertad e
independencia, garantizändose mutuamente la integridad de sus
territorios respectivos; 2.° que para hacer efectiva esta garantfa se
estuviese al uti possidetis juris de 1810, segün la demarcaciön de
territorio de cada capitanfa general 0 virreinato erigido en estado
soberano.‘“ Urrutia, ebenda, 208.
29) „No direct refvrsal has been signified to Mr. Poletica. It is
presumed that none will be necessary ... for the repose of Europe
as well as of America, the European and American political systems
should be kept as separate and distinct from each other as possible.“
Moore, gen, Werk, VI, 376—379,
        <pb n="28" />
        29

und Beunruhigung, welche die Politik Frankreichs in den
Ländern republikanischer Einrichtungen hervorrief, zeigte sich
mit bemerkenswerter Klarheit in einem hochbedeutsamen
Schreiben des Ministers von Kolumbien in den Vereinigten
Staaten an den nordamerikanischen Staatssekretär vom
30. November 1821: „Der Ruhm und die Genugtuung, bei
der Anerkennung der Unabhängigkeit einer südamerikanischen
Republik an erster Stelle zu stehen, kommen in jeder Beziehung
und unter allen Umständen der Regierung der Vereinigten
Staaten von Nordamerika zu. Die augenblickliche politische
Lage Neuspaniens [Mexiko] erfordert die dringendste Aufmerksamkeit
 der Regierung der Vereinigten Staaten. Es besteht
ein seit langem vorbereitetes Projekt, eine Monarchie in
Mexiko zu errichten, um die Ziele der heiligen Allianz in der
neuen Welt zu unterstützen; das ist ein weiterer Grund,
weshalb der Präsident der Vereinigten Staaten keine Zeit
verlieren sollte, um eine Maßnahme zu treffen, die auf
natürliche Weise die Gründung eines amerikanischen
Bundes mit sich bringen würde, mit dem Zwecke der
Gegenwirkung gegen die Projekte der europäischen Mächte
und zugleich des Schutzes unserer republikanischen Einrichtungen.
 Meine Regierung hat volles Vertrauen zu der erleuchteten
 Finsicht des Präsidenten und zu seiner Bereitwilligkeit,
 die Sache der Freiheit und Unabhängigkeit Südamerikas
zu unterstützen, ebenso wie auch zu seiner großen Erfahrung
in der Behandlung öffentlicher Angelegenheiten.3°)

30) „La gloria y la satisfacciön de ocupar el primer lugar en el
reconocimiento de Ia independencia de una repüblica del sur del
continente corresponde desde todos los puntos de vista y en toda
circunstancia al gobierno de los Estados Unidos de la America del
Norte. La situaciön politica actual de Nueva Espafia exige urgentisima
 atenciön del gobierno de los Estados Unidos. Existe un
proyecto desde largo tiempo preparado, dirigido a instaurar una
monarqufa en Mejico con el fin de fomentar los fines de la Santa
Alianza en el Nuevo Mundo; &amp;amp;ste es otro motivo para que el presidente
 de los Estados Unidos no demore por mäs tiempo una medida
que traerä consigo naturalmente la fundaciön de una alianza americana
 que est&amp;amp; en medida de obrar contra los proyectos de las
potencias europeas y de proteger nuestras instituciones republicanas,
Mi gobierno tiene completa confianza en la prudencia del presidente,
en su disposiciön a favorecer la causa de la libertad y de la independencia
 de la America del Sur y en su gran experiencia en el
despacho de los negocios püblicos.“ Der englische Text findet sich
bei: Charles Lyon Chandler. The Pan-American Origin of the Monroe
        <pb n="29" />
        30

Frankreich scheint nicht die einzige Macht gewesen zit
sein, die offen oder versteckt einen Teil des amerikanischen
Gebietes annektieren wollte. Das geht aus einer Mitteilung
Adams an Nelson vom 28, April 1822 hervor: „Wir haben auf
vertraulichem Wege durch eine indirekte Mitteilung der französischen
 Regierung erfahren, daß vor mehr als zwei Jahren
Großbritannien mit Spanien über die Abtretung Kubas unterhandelte,
 Seine Gier ist so groß, daß es Gibraltar und sogar
noch mehr als Entschädigung angeboten hat.?!)
Die Vereinigten Staaten hatten an dem Kampf der Kolonien
 gegen Spanien keinen Teil genommen. Mit Recht konnte
Adams am 6. April 1822 behaupten: „Bei den Streitigkeiten,
welche während dieser [südamerikanischen] Revolution
hervorgerufen sind, haben die Vereinigten Staaten sich enthalten,
 sich zu beteiligen an der Frage des Rechtes, das die
in den Kämpfen interessierten Nationen haben, ihre eigenen
politischen Einrichtungen aufrechtzuerhalten oder sich zu
reorganisieren. Die Vereinigten Staaten haben die strengste
Neutralität bewahrt, wo Waffengewalt im Spiele war.“ 32)
Was damals das Wort „Neutralität“ für die Vereinigten
Staaten bedeutete, ist bestimmt in der Proklamation Washingtons
 vom 22. April 1793: „Der Bürger der Vereinigten Staaten,
der sich nach dem Völkerrecht der Bestrafung oder Verfolgung
aussetzt, indem er den Feindseligkeiten der genannten sechs
Mächte Vorschub leistet oder sie unterstützt [Österreich,
Preußen, Sardinien, Groß-Britannien, Niederlande, Frankreich]
oder der irgendeinem von ihnen Waren liefert, die nach
heutigem Gebrauch als Konterbande angesehen werden, wird
keinen Schutz der Vereinigten Staaten gegen solche Bestrafung
finden.33)

*1) „We have been confidently told by indirect communication
from the French Government that more than two years since Great
Britain was negotiating with Spain for the cession of Cuba and so
sager in the persuite as to have offered Gibraltar and more for it in
exchange.“ British and Foreign State Papers. XLIV. 138.
32) „In the conflicts which have attended these revolutions, the
United States have carefully abstained {from taking any part
respecting the right of the nations concerned in them to maintain
or newly organize their own political constitutions, and observing,
wherever it was a contest by arms, the most impartial neutrality.“
American State Papers. IV. 846.
33) ‚... whosoever of the citizens of the United States shall
render himself liable to punishment or forfeiture under the law nf
nations, by committing, aiding or abetting hostilities against any of
the said powers, or by carrying to any of them those articles, whien
        <pb n="30" />
        31

{m Mai 1818 übergab de Forest der nordamerikanischen
Regierung ein Schreiben des argentinischen Machthabers
Pueyrredön, welches ersteren in den Vereinigten Staaten als
Generalkonsul der Vereinigten Provinzen des Rio de la Plata
beglaubigte. De Forest erbat das Exequatur. Die Vereinigten
Provinzen hatten ihre Unabhängigkeit schon 1816 erklärt, Der
Staatssekretär Monroe verweigerte das Exequatur, weil es die
Anerkennung der Provinzen als souveränen und unabhängigen
Staat bedeutet hätte. Er sagte, daß diese Anerkennung in
jenem Augenblick nicht mit den Interessen Südamerikas, noch
mit denen der Vereinigten Staaten übereinstimme.
Buenos Aires hatte in eben voraufgehenden Verhandlungen
den Vereinigten Staaten nicht die Behandlung als meistbegünstigter
 Nation zugesagt; weil es die Anerkennung Spaniens
durch besondere Konzessionen zu erlangen hoffte. Monroe
schrieb: „Die Vereinigten Staaten beabsichtigen, keine Gefälligkeiten
 von Buenos Aires für die Anerkennung seiner Unabhängigkeit
 zu verlangen; aber wenn sie diese Anerkennung
gewähren, erwarten Sie, dieselben Vorteile, die anderen
fremden Nationen bewilligt sind, zu erhalten oder aber ganz
genau über die Ausdehnung und den Charakter der Anderen
zugesprochenen Vorteile orientiert zu werden und die man
ihnen vorenthielt.“ Diesen Worten folgte der unzweideutige
Hinweis: „Es scheint schließlich angebracht, das Staatsoberhaupt
 (director supremo) in Kenntnis zu Setzen, daß,
solange der Vorbehalt besteht, anderen Nationen die den Vereinigten
 Staaten verweigerten Vorteile zu gewähren, jede
Anerkennung der Unabhängigkeit als verfrüht zu betrachten
 ist.“ 24)

are deemed contraband by the modern usage of nations, will not
receive the protection of the United States, against such punishment
or forfeiture.“ American State Papers. Foreign Relations. I, 140.
34) „Los Estados Unidos no se proponen exigir favores de
Buenos Aires por el reconnocimiento de su independencia, mas al
reconocerla, esperan, 0 merecer 10s mismos favores concedidos a las
naciones extranjeras, o saber con precisiön la extensiön y el caräcter
de los beneficios concedidos a los otros y los que se les negaron.“
„Finalmente conviene que el director supremo sepa que, mientras
existe la reserva de conceder a otras naciones las ventajas que SC
niegan a los Estados Unidos, todo reconocimiento de independencia
debe considerarse prematuro.“ Charles Calvo, Recueil historique
complet des Traites ... de tous les Etats compris entre le golfe du
Mexique et le cap de Horn depuis l’annee 1493 jusqu’a nos jours.
Paris, Durand, Brachet. Denne-Schmidt, 1867. Seconde Periode, V, 190.
        <pb n="31" />
        4

Trotzdem hatte sich die spanisch-amerikanische Sache in
vielen Kreisen der Union herzliche Sympathien erworben. Die
strikte offizielle Neutralität hinderte nicht den Kongreß, am
10. Dezember 1811 zu erklären, daß die Vereinigten Staaten
„mit freundschaftlichem Wohlwollen die Errichtung der unabhängigen
 Souveränität in den spanischen Provinzen Amerikas“
beobachteten . .. . „und daß, wenn diese Provinzen die Einreihung
 unter die Nationen erreicht hätten .°... der Senat
und das Abgeordnetenhaus sich mit der Regierung vereinigen
würden, um mit ihnen die freundlichen und geschäftlichen
Beziehungen zu knüpfen, welche ihre gesetzgebende Körperschaft
 anregen würde.?®)
Die Vereinigten Staaten von Kolumbien waren der erste
Staat, dessen Unabhängigkeit anerkannt wurde, und zwar
zuvörderst durch die Union, am 18, Juni 1822. Die Vereinigten
Staaten von Nordamerika gingen in dieser Materie in einer
Weise vor, die der der heiligen Allianz entgegengesetzt war.

Vier Monate nach der erwähnten Rede Cannings vor dem
Parlament sandte der englische Staatsmann dem nordamerikanischen
 Botschafter Rush eine Note, in welcher er den englischen
 Standpunkt in der spanisch-amerikanischen Frage
auseinandersetzte:
„1. Wir halten die Rückeroberung der Kolonien durch
Spanien für unmöglich,
2, Wir betrachten ihre Anerkennung als unabhängige
Staaten als eine Frage der Zeit und der Umstände.
3. Trotzdem wollen wir keinesfalls einer Verständigung
durch freundschaftliche Verhandlungen zwischen dem
Mutterlande und den Kolonien hindernd in den Weg treten.
4. Wir beabsichtigen keine Besitzergreifung irgendeiner
von ihnen.
5. Wir könnten der Übertragung eines Teils von ihnen
an irgendeine andere Macht keinesfalls gleichgültig zusehen.
Wenn wir in diesen Ansichten und Gefühlen, wie ich
zuversichtlich glaube, mit Ihrer Regierung übereinstimmen,

35) „... With friendly interest the establishment of independent
sovereignty by the Spanish provinces in America... and that when
these provinces shall have attained the condition of nations... the
Senate and House of Representatives will unite with the executive
in establishing with them ..., such amicable relations and commercial
intercourse as may require their legislative authority.“ American
State Papers. III, 508.
Doctrin, The American Journal of International Law. VII, 1914. 517.
        <pb n="32" />
        13

weshalb sollten wir zögern, sie beiderseits einzugestehen
und vor der ganzen Welt zu erklären?“ 3)
Sobald der Präsident Monroe die Haltung Englands erfuhr,
 erbat er den Rat seiner Vorgänger Jefferson und Madison,
 indem er ihnen die Mitteilungen des Gesandten in London
mit den folgenden Worten: darlegte: „Mein Eindruck ist, daß
wir den Vorschlag der britischen Regierung annehmen und
den europäischen Mächten erklären sollten, daß wir einen Angriff
 ihrerseits auf die Kolonien als gegen uns gerichtet ansehen
 würden, denn ich sehe voraus, daß im Falle eines Sieges
sie diesen gegen uns geltend machen würden.“ 37)
Jefferson antwortete: „Unser erstes und grundlegendes
Prinzip müßte sein, daß wir uns niemals in die Streitigkeiten
Europas einmischen; unser zweites aber müßte sein, niemals
 eine Einmischung Europas in überseeische Angelegenheiten
 zu dulden. Nord- und Südamerika haben eine
Reihe von Interessen, die ihnen eigentümliche und von
denen Europas grundverschiedene sind. Sie sollten deshalb
ein eigenes und von dem europäischen sich unterscheidendes
System haben... Großbritannien ist die Nation, welche uns mehr
als irgendeine der Welt schädigen könnte, und wenn wir sie
auf unserer Seite haben, so haben wir von Niemandem etwas

86) „1. We conceive the recovery of the colonies by Spain to
be hopeless.
2. We conceive the question of the recognition of them, as
independent states, to be one of time and circumstances.
3. We are, however, by no means disposed to throw any impediment
 in the way of arrangement between them and the mother
country by amicable negotiations.
4. We aim not at the possession of any portion of them by
durselves,
5. We could not see any portion of them transferred to any other
power with indifference.
If these opinions and feelings are as I firmly believe them to be,
common to your government with ours, why should we hesitate to
mutually confide them to each other and to declare them in the face
of the world?“ Moore, gen. Werk, VI, 389.
37) „My own impression is that we ought to meet the proposal
of the British government, and to make it known, that we would
view an interference on the part of the European powers, and
especially an attack on the colonies by them, as an attack on
Ourselves, presuming that if they succeeded with them they would
extend it to us.“ Moores ebenda, 393.
        <pb n="33" />
        +

zu fürchten.“ 38) Jefferson empfahl, daß man die vorgeschlagene
 Erklärung formulieren solle. Madison sagte: „Es
ist ein eigentümlicher Glücksfall, daß die Politik Großbritanniens,
 obwohl geleitet von Berechnungen, die von.den
unseren sich unterscheiden, uns ein Zusammenarbeiten zur Erreichung
 ein und desselben Zieles vorgeschlagen hat. Bei
diesem Zusammenarbeiten haben wir von dem Reste Europas
nichts zu fürchten, und deshalb rechnen wir mit der größten
Sicherheit auf den Erfolg unserer lobenswerten Absichten.“ 3?)
Außer den Ansprüchen, die Spanien betreffs seiner Kolonien
 geltend machte, gab es auch solche Rußlands auf Gebiete
im Nordwesten des amerikanischen Kontinents und ebenso
solche Englands auf Ländereien, die zwar entdeckt, aber noch
nicht rite in Besitz genommen waren, Die Frage mit Rußland
verdankte ihren Ursprung einem Ukas des Zaren Alexander,
infolgedessen dieser für seine russischen Untertanen das Recht
in Anspruch nahm, Handel zu treiben, zu fischen und irgendwelche
 Industrie zu betreiben auf allen Inseln, in Häfen und
Buchten, einschließlich der ganzen Küste im Nordwesten
Amerikas, von der Behringsstraße bis zum 51, Grad nördlicher
 Breite und der Zone der Al&amp;amp;uten bis zur Westküste
Sibiriens und den Kurilen längs der Behringsstraße, und vom
Südkap der Insel Urup bis zum 5. Grad 50‘ der südlichen Länge.
Während des Verlaufes der- diplomatischen Verhandlungen
übermittelte der Staatssekretär Monroes, Adams, am 17. Juli
1823 eine Note an den russischen Botschafter Baron Tuyll
des Inhalts: „daß die Vereinigten Staaten Rußland das Recht
auf irgendeine Gebietserwerbung auf£: diesem Kontinent absprächen
 und daß sie ausdrücklich den Grundsatz aufrechthalten
 würden, wonach die amerikanischen Kontinente kein
Schauplatz mehr für irgendwelche neue Kolonisierungsbestrebungen
 wären“.*°)

38) „Our first and fundamental maxim should be, never to
entangle ourselves in the broils of Europe: our second, never to
suffer Europe to intermeddle with cisatlantic affairs. America, North
and South, has a set of interests distinct from those of Europe, and
particularly her own. She should therefore have a system of her
own, separate and apart from that of Europe.‘ Moore, gen. Werk. 394.
39) „It is particularly fortunate that the policy of Great Britain,
though guided by calculations different from ours, has presented a
co-operation for an object the same with ours. With that co-operation
we have nothing to fear from the rest of Europe, and with it the best
assurance of success to our laudable views.‘ Moore, gen. Werk. 396.
40) „... should contest the right of Russia to any territorial
establishment on this continent and that we should assume distinctly
        <pb n="34" />
        35

Die innerlichen Besorgnisse der amerikanischen Regierung
 wegen der möglichen Ausbreitung der heiligen Allianz
auf dem amerikanischen Kontinent sind in folgenden Worten
ausgedrückt, die Adams im November 1823 in seinen Denkwürdigkeiten
 schrieb: „Rußland könnte Kalifornien, Peru und
Chile nehmen; Frankreich Mexiko, — wo, wie wir wissen, es
intrigiert hat, um eine Monarchie unter dem Zepter eines
burbonischen Prinzen zu errichten, ebenso wie in Buenos
Aires, Und Großbritannien endlich, wenn es diesem Lauf der
Dinge nicht ‚Einhalt tun könnte, würde als Anteil an der Beute
mindestens Kuba nehmen. Welches würde dann unsere Lage
sein, — England in Kuba, Frankreich in Mexiko?“ 41)
Spanisch-Amerika war ängstlich wegen seines Bündnisses
zur Verteidigung der republikanischen Einrichtungen und Entwicklung
 der allgemeinen Ideale bemüht, eines Bündnisses,
welches die faktisch erreichte Unabhängigkeit gegen spätere
mögliche Angriffe sicherte. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika
 wollten ein ‘Fußfassen der europäischen Mächte auf
dem Kontinent verhindern wegen der dadurch ihren Interessen
drohenden Gefahr und um ihre Entwicklung und Ruhe nicht
stören zu lassen. Geschäftliche,, Rücksichten. und politische
Rivalitäten hatten England dahin gebracht, Amerika zu einem
„Noli me tangere“ zu machen. Der Weg war nunmehr für
Monroe frei!
Alsdann erklärte Monroe in einer Botschaft vom 2. Dezember
 1823: „Infolge des Vorschlages der kaiserlich russischen
 Regierung, den sie durch den hier residierenden Minister
des Kaisers gemacht hat, ist dem Minister der Vereinigten
Staaten in St, Petersburg volle Ermächtigung und Anweisung
gegeben zur freundschaftlichen Regelung der Rechte und der
betreffenden Interessen der‘ beiden Nationen an der nordwestlichen
 Küste dieses Kontinents. Seine kaiserliche Majestät
hat auch einen ähnlichen Vorschlag an die englische Regierung
gemacht, die ebenfalls zustimmend geantwortet hat. Die Regierung
 der Vereinigten Staaten hat den Wunsch gehabt, durch

the principle that the American continents are no longer subijects for
any new colonial establishment.“ Adams, Memoirs. VI, 163,
*1) „Russia might take California, Peru, Chile; France, Mexico
— where we know she has been intriguing to get a monarchy under
a Prince of the house of Bourbon as well as at Buenos Ayres. And
Great Britain as a last resort, if she could not resist this course of
things, would take at least the island of Cuba for her share of the
scramble, Then what would be our situation — England holding
Cuba; France, Mexico?“ Adams, gen. Werk 194.
        <pb n="35" />
        30 —

dieses freundschaftliche Vorgehen den hohen Wert auszudrücken,
 den sie unverändert auf die Freundschaft des Kaisers
jegt, sowohl wie auch ihr Bestreben, verständnisvolle Beziehungen
 zu seiner Regierung zu pflegen. In den durch dieses
Interesse hervorgerufenen Erörterungen und in den Abmachungen,
 die daraus hervorgehen können, hat man die Gelegenheit
 als gekommen erachtet, um als die Rechte und Interessen
 der Vereinigten, Staaten berührenden Grundsatz aufzustellen,
 daß die amerikanischen Kontinente infolge der freien
und unabhängigen Stellung, die sie sich erworben haben und
behaupten, in Zunkunft nicht als Zielpunkt der europäischen
Kolonisation betrachtet werden dürfen.
. ... Bei Beginn der letzten gesetzgebenden Versammlung
wurde mitgeteilt, daß Spanien und Portugal große Anstrengungen
 machten, um die Lebensbedingungen der Bewohner
 jener Länder zu verbessern, und daß dieser Weg offenbar
 mit großer Mäßigung beschritten würde, Es ist kaum
nötig, zu erwähnen, daß bis so weit das Ergebnis sehr verschieden
 von dem, welches erwartet wurde, ausgefallen ist.
Wir sind immer eifrige und teilnehmende Zuschauer der Vorfälle
 in jenem Teil der Erde gewesen, mit dem uns so viele
Bande verknüpfen und aus dem wir unseren Ursprung herleiten.
 ‘Die Bürger der Vereinigten Staaten hegen die freundschaftlichsten
 Gefühle für die Freiheit und das Wohlergehen
ihrer Mitmenschen auf der anderen Seite des Atlantischen
Ozeans. An den Kriegen, welche die europäischen Mächte
wegen ihrer eigenen Angelegenheiten geführt haben, haben
wir uns niemals beteiligt, noch entspricht es unserer Politik,
es zu tun. Nur wenn unsere Rechte angegriffen oder ernstlich
bedroht werden, nehmen wir Kränkungen übel oder treffen
Vorkehrungen zu unserer Verteidigung. Mit den Wandlungen,
die auf dieser Hemisphäre vor sich gehen, sind wir notwendigerweise
 und aus Gründen, die allen klarsehenden und
unparteiischen Beobachtern begreiflich sein müssen, unmittelbarer
 verbunden. Das politische System der Verbündeten ist
in dieser Beziehung von dem von Amerika völlig anders geartet.
 Der Unterschied rührt von ihrer verschiedenen Regierungsform
 her. Und unsere ganze Nation ist zur Verteidigung
 unseres eigenen Systems bereit, das mit So viel Blut
und Gut geschaffen und durch die Weisheit unserer erleuchtetsten
 Bürger gereift ist, und unter dem sie eine beispiellose
Glückseligkeit genossen haben. Wir sind es deshalb der Aufrichtigkeit
 und den freundschaftlichen, zwischen den Vereinigten
 Staaten und jenen Mächten bestehenden Beziehungen
        <pb n="36" />
        37 —

schuldig, zu erklären, daß wir jeden Versuch ihrerseits, ihr
System auf irgendeinen Teil dieser Hemisphäre auszudehnen,
als gefährlich für unseren Frieden und unsere Sicherheit ansehen
 würden. In die bestehenden Kolonien oder Dependenzen
irgendeiner Macht haben wir uns nicht eingemischt, noch
werden wir es tun. Aber wir könnten eine Einmischung seitens
einer europäischen Macht in die Regierungen, die ihre Selbständigkeit
 erklärten und aufrechterhalten und deren Unabhängigkeit
 wir nach reiflicher Überlegung und auf Grund von
gerechten Grundsätzen anerkannt haben, zu dem Zwecke, sie
zu unterdrücken oder in irgendeiner Weise ihr Schicksal zu
bestimmen, in keinem anderen Lichte als dem der Kundgebung
eines untreundlichen Verhaltens gegenüber den Vereinigten
Staaten ansehen. In dem Kriege dieser neuen Regierungen
mit Spanien erklärten wir unsere Neutralität zur Zeit ihrer Anerkennung,
 und dabei sind wir geblieben und werden fortfahren,
 dabei zu verharren, in der Voraussetzung, daß keine
Änderung eintritt, welche nach dem Urteil der zuständigen
Autoritäten dieser Regierung eine entsprechende Modifizierung
seitens der Vereinigten Staaten für ihre Sicherheit unerläßlich
notwendig macht,
Die neuerlichen Vorkommnisse in Spanien und Portugal
zeigen, daß die Verhältnisse in Europa noch nicht geregelt
sind. Für diese wichtige Tatsache kann kein stärkerer Beweis
angeführt werden als der, daß die alliierten Mächte auf Grund
eines sie selbst befriedigenden Prinzips für angemessen erachtet
 haben, gewaltsam in die inneren Angelegenheiten
Spaniens einzugreifen..a Wieweit solcher Eingriff auf Grund
desselben Prinzips getrieben werden kann, ist eine Frage, an
der alle unabhängigen Mächte, deren Regierungsformen von
der jener abweichen, sogar die entlegensten, und sicherlich
keine mehr als die Vereinigten Staaten, interessiert sind.
Unsere Politik gegenüber Europa, die in einem früheren Zeitpunkt
 der Kriege, welche so lange jenen Teil des Erdballs aufgeregt
 haben, angenommen wurde, bleibt nichtsdestoweniger
die gleiche, nämlich, nicht in die inneren Angelegenheiten
irgendeiner ihrer Mächte einzugreifen, die de facto Regierung
als die für uns rechtmäßige anzusehen, freundliche Beziehungen
 mit ihr zu pflegen und solche Beziehungen durch
eine offene, feste und männliche Politik zu erhalten, den gerechten
 Ansprüchen jeder Macht in allen Fällen Genüge zu
tun und dabei von keiner Unbill anzunehmen. Aber im Hinblick
 auf diese Kontinente sind die Umstände höchst und
augenfällig verschieden. Es ist unmöglich, daß die alliierten
        <pb n="37" />
        338

Mächte ihr politisches System auf irgendeinen Teil der beiden
Kontinente ausdehnen, ohne unseren Frieden oder unser Glück
zu gefährden; noch kann irgend jemand glauben, daß unsere
südlichen Brüder, wenn sich selbst überlassen, es aus eigenem
Antriebe annehmen würden. Es ist deshalb ebenso unmöglich,
daß wir ein solches Eingreifen in irgendeiner Form mit Gleichgültigkeit
 ansehen sollten. Wenn wir die vergleichsweise
Stärke und die Hilfsquellen Spaniens und dieser neuen Regierungen
 und ihre Entfernungen voneinander betrachten, so
muß es offensichtlich sein, daß Spanien sie niemals unterwerfen
kann. Es ist immer noch die ehrliche Politik der Vereinigten
Staaten, die Parteien sich selbst zu überlassen in der Hoffnung,
 daß andere Mächte denselben Kurs verfolgen werden.‘“*2)

+2) „At the proposal of the Russian Imperial Government,
made through the minister of the emperor residing here, a full
power and instructions have been transmitted to the minister of the
United States at St. Petersburg, to arrange, by amicable negotiation,
the respective rights and interests of the two nations on the northwest
 covast of this continent. A similar proposal has been made by
his Imperial Majesty to the Government of Great Britain, which has
likewise been acceeded to. The Government of the United States
has been desirous, by this friendly 'proceeding, of manifesting the
great value which they have invariably attached to the friendship of
the Emperor, and their solicitude to cultivate the best understanding
with his Government. In the discussions to which this interest has
given rise and in the arrangements by which they may terminate, the
Occasion has been judged proper for asserting, as a principle in
which the rights and interests of the United States are involved, that
the American continents, by the free and independent condition
which they have assumed and maintain, are henceforth not to be
considered as subjects for future colonization by any European
powers.
-., It was stated at the commencement of the last session that
a great effort was then making in Spain and Portugal to improve the
condition of the people of those countries, and that it appeared to
be conducted with extraordinary moderation. It need scarcely be
remarked that the result has been, so far, very different from what
was then anticipated, Of events in that quarter of the globe with
which we have so much intercourse, and from which we derive our
origin, we have always been anxious and interested spectators. The
citizens of the United States cherish sentiments the most friendly in
favor of the liberty and happiness of their fellow-men on that side of
the Atlantic, In the wars of the European powers in matters relating
to themselves we have never taken any part, nor does it comport
with our policy so to do. It is only when our rights are invaded or
seriously menaced that we resent injuries or make preparation for
        <pb n="38" />
        309 —

Der Hauptpunkt in dieser Botschaft war, einen Unterschied
 zwischen dem europäischen Kontinent und Amerika zu
statuieren. Dieser Unterschied war leicht in augenfälliger
Weise festzustellen, indem man als Grundlage die geographische
 Entiernung zwischen den beiden Teilen der Erde
nahm, die in jenen Zeiten des langsamen und kostspieligen
Verkehrs und beim Fehlen der telegraphischen Verbindungen
in weit höherem Maße bestand als später. Aber diese tatsächliche
 räumliche Entfernung hätte nicht genügt, um eine besondere
 Solidarität zwischen Ländern zu proklamieren, deren
äußerste Punkte unter sich weiter voneinander entfernt waren
als die Kulturzentren Europas von Amerika. Deshalb besteht
die Botschaft Monroes in anderen Ursachen als denen, die er
„einleuchtend“ nennt. Trotz dieser Eigenschaft hält Monroe
es für notwendig, sie aufzuzählen, und leitet sie her von dem
Unterschied, welcher nach seiner Meinung zwischen dem
politischen System der alliierten Mächte und dem Amerikas
bestand, der seinerseits herrührt von dem, der zwischen

our defence, With the movements in this hemisphere we are, of
necessity, more immediately connected, and by causes which must
be obvious to all enlightened and impartial observers. The political
system of the allied powers is essentially different in this respect
from that of America. This difference proceeds from that which
exists in their respective Governments, And to the defence of our
own, which has been achieved by the loss of so much blood and
treasure, and matured by the wisdom of their most enlightened
citizens, and under which we have enjoyed unexampled felicity, this
whole nation is devoted. We owe it, therefore, to candor, and to the
amicable relations existing between the United States and those
powers, to declare that we should consider any attempt on their
part to extend their system to any portion of this hemisphere as
dangerous to our peace and safety. With the existing colonies or
dependencies of any European power we have not interfered, and
shall not interfere. But with the governments who have declared
their independence, and maintained it, and whose independence we
have, on great consideration and on just principles, acknowledged,
we could not view any interposition for the purpose of oppressing
them, or controlling in any other manner their destiny, by any
European power, in any other light than as the manifestation of an
unfriendly disposition toward the United States. In the war between
these new governments and Spain we declared our neutrality at the
time of their recognition, and to this we have adhered and shall
continue to adhere, provided no change shall occur which, in the
jJudgment of the competent authorities of this Government, shall
make a corresponding change on the part of the United States
Indispensable to their security.
        <pb n="39" />
        40

ihren betreffenden Regierungen existiert. Nun gut, wenn
Monroe sich auf die republikanische Regierungsform beziehen
 wollte im Gegensatz zur monarchischen, so müssen
wir dazu bemerken, daß derselbe Monroe am 27. Jamuar
1823 den Kaiser von Mexiko, Iturbide, anerkannte und
später, am 26. Mai 1824, den Kaiser von Brasilien,
Dom Pedro; wenn er aber die Absicht hatte, auf den Zustand
der Unabhängigkeit und Souveränität anzuspielen, so müssen
wir daran denken, daß England in Amerika Gebiete von
größerer Ausdehnung als die der Vereinigten Staaten besaß
und daß andere beträchtliche Teile des amerikanischen Kontinents
 und seiner benachbarten Inseln tatsächlich Besitztümer
europäischer Staaten waren. Wenn Monroe sich vornahm,
den Unterschied auf die grundsätzliche Ungleichheit zwischen
den Regierungen zurückzuführen, indem er die Amerikaner
als Demokraten und Liberale, die Europäer aber als Autokraten
 und Reaktionäre hinstellt, so ist der erste „einleuch-The

 late events in Spain and Portugal show that Europe is
still unsettled. Of this important fact no stronger proof can be
adduced than that the allied powers should have thought it proper
on any principle satisfactory to themselves, to have interposed, by
force, in the internal concerns of Spain, To what extent such interposition
 may be carried, on the same principle, is a question in
which all independent powers whose governments differ from theirs
are interested, even those most remote, and surely none more so
than the United States. Our policy in regard to Europe, which was
adopted at an early stage of the wars which have so long agitated
that quarter of the globe, nevertheless remains the same, which
is, not to interfere in the internal concerns of any of its powers; to
consider the government de facto as the legitimate government
for us; to cultivate friendly relations with it, and to preserve those
relations by a frank, firm, and manly policy, meeting, in all instances,
the just claims of every power, submitting to iniuries from none. But
in regard to these continents, circumstances are eminently and
conspicuously different. It is impossible that the allied powers should
extend their political system to any portion of either continent
without endangering our peace and happiness, nor can any one
believe that our southern brethren, if left to themselves, would adopt
it of their own accord. It is equally impossible, therefore, that we
should behold such interposition, in any form, with indifference. If
we look to the comparative strength and resources of Spain and
those new governments, and their distance from each other, it must
be obvious that she can never subdue them, It is still the true policy
of the United States to leave the parties to themselves, in the hope
that other powers will pursue the same course.“ American State
Papers. Foreign Relations, V, 246 und {f,
        <pb n="40" />
        41 —

tende“ Einwand, den wir machen müssen, daß auf dem ganzen
amerikanischen Kontinent kein Land mit größeren und aufrichtigeren
 freiheitlichen Einrichtungen in jener Zeit bestand, als
England. Gewiß, in der Einleitung zur Unabhängigkeitserklärung
proklamierten die MNordamerikaner die Gleichheit aller
Menschen, indem sie jedem dieselben Rechte zusprachen und
hervorhoben, daß die Verfassung diese nicht schuf; sondern
lediglich anerkannte, aber in Wirklichkeit befand sich der Teil
der Neger, der 1810 19,03 Prozent der Bevölkerung ausmachte,
aller Rechte bar. Die Forderung der Unabhängigkeitserklärung
war in jenen Zeiten nichts als eine bewußte oder unbewußte
Heuchelei: in der Volkszählung von 1790 registrierte man 700000
schwarze Sklaven, von denen 40000 zu den Nordstaaten gehörten,
 bei einer Gesamtbevölkerung von 3,9 Millionen,
Dabei wollen wir einmal gar nicht reden von dem Vorgehen
gegen die Indianer, wie es bis weit in das 19. Jahrhundert
hinein beobachtet ist, noch von den Kastenunterschieden,
welche die Gesellschaft und die Verwaltung zwischen den
mannigfaltigen Kategorien der Bürger bestehen lassen. Die
„einleuchtenden Gründe“ entbehren also tatsächlich jeder
Grundlage. Adams erläutert in der Botschaft vom 15. März
1826 einen praktischen und wirklichen Beweggrund des Monroismus,
 der die „einleuchtenden Ursachen“ seines unmittelbaren
 Vorgängers glücklich ergänzt. Er stellt fest, daß Nordamerika,
 mit Ausnahme der bestehenden Kolonien, sich aus
verschiedenen unabhängigen Staaten zusammensetzt, deren
Gebiete die ganze Oberfläche bedecken. Weiter fügt er hinzu:
„Wegen. dieser Unabhängigkeit [nach Verschwinden der vom
Mutterland in dem Handel mit den Kolonien errichteten Beschränkungen]
 genießen die Vereinigten Staaten das Recht,
mit jenen Gebieten Handel zu treiben. Die Absicht, in ihnen
eine Kolonie zu gründen, hieße, mit Ausschluß Dritter einen
Handelsverkehr für sich allein in Anspruch zu nehmen, der
jetzt allen offen steht. Das könnte man nicht ohne Verletzung
der bestehenden Rechte der Vereinigten Staaten tun.“ *3)
Diese Tatsachen unterrichten uns zur Genüge über die
wirklichen Triebfedern des nordamerikanischen Verhaltens und
zeigen mit jeder nur wünschenswerten Klarheit, daß die Ver-43)

 „With the exception of the existing European colonies,
which it was in no wise intended to disturb, the two Ccontinents
consisted of several sovereign and independent nations, whose territories
 covered their whole surface. By this, their independent condition,
 the United States enjoyed the right of commercial intercourse
with every part of their possessions. To attempt the establishment
        <pb n="41" />
        42

einigten Staaten sich in nichts, weder in Vor- noch in Nachteilen,
 von den anderen Staaten unterschieden, welche im Verlaufe
 der Geschichte sich stark, reich und mächtig gefühlt
haben,
Fs ist erstaunlich, daß einige Schriftsteller sich von dem
Laster des Doktrinarismus und von zur Kurzsichtigkeit führenden
 wissenschaftlichen Methoden haben beeinflussen lassen,
welche in einem solchen Grade das kritische Augenmaß herabsetzen,
 daB sie spontan darauf verzichten, eine Gesamtübersicht
 zu bekommen, die einzige, die zu einem wirklichen Erfassen
 des Gegenstandes geeignet ist, Dieses freiwilligen Verzichtes,
 die Dinge darzustellen, wie sie sind, haben sich besonders
 die Gelehrten schuldig gemacht, welche diesen Gegenstand
ohne die Zugrundelegung des unumgänglich notwendigen
Materials behandelt haben. Verschiedene z, B. scheinen gar
nicht die Geschichte der ibero-amerikanischen Länder, noch
die über den Monroismus und die politische Evolution Amerikas
von Schriftstellern spanischer und portugiesischer Sprache geschriebenen
 Werke genügend zu berücksichtigen. Zwei
typische Beispiele bieten die sonst ausgezeichneten Arbeiten
von Kraus und Häberlin über die Monroedoktrin, In dem Vorwort
 der ersteren liest man, „daß bei keiner Gelegenheit politische
 Betrachtungen angestellt sind“. „Insbesondere“, schreibt
der Verfasser, „gibt die Arbeit in keinem Punkte politische
Frörterungen. Es ist streng vermieden worden, eine politische
Ansicht über die Monroedoktrin, ein Urteil in bezug auf Weisheiten
 oder ‚Tunlichkeiten‘, Anstand, Wahrscheinlichkeit, Möglichkeiten
 oder dergleichen oder ihr Gegenteil zu äußern.“
„Die zeitgenössische öffentliche Meinung, und zwar — da die
Monroedoktrin lediglich eine nationale Doktrin der Vereinigten
 Staaten ist — die öffentliche Meinung der Vereinigten
Staaten ist die einzige Erkenntnisquelle der Monroedoktrin.“
„Gegen die Völkerrechtsnatur der Monroedoktrin spricht von
vornherein ihre Unbestimmtheit, Dehnbarkeit und Veränderlichkeit.“
 „Wir haben gesehen, daß die Monroedoktrin ....
ein politischer Grundsatz ist.“ *4)

of a colony in those possessions would be to usurp, to the exclusion
of others, a commercial intercourse which was the common possession
 of all. It could not be done without encroaching upon existing
rights of the United States.“ International American Conference.
Washington, Government Printing Office, 1890. IV, 41—42,
44) Herbert Kraus, Die Monroedoktrin in ihren Beziehungen zur
amerikanischen Diplomatie und zum Völkerrecht. Berlin, Guttentag,
1913. 8, 80, 357, 398,
        <pb n="42" />
        m 43 —

Sobald wir unseren geschichtlichen Standpunkt verlassen
und mit juristischer Logik oder allgemein sittlichen Normen
die verschiedenen Deutungen und Anwendungsweisen bewerten
 wollen, wird das ganze Bild schief und historisch wertlos.
 Wir würden den alten Fehler begehen, denselben Maßstab,
 mit dem wir das Handeln eines Individuums zu bewerten
 gewohnt sind, auf die Geschichte eines Volkes anzuwenden.
 Die Geschichte ist niemals weder logisch noch unlogisch,
 noch Sittlich oder uwunsittlich: sie ist eben Geschichte.“
 *5)
Aus den angeführten Gründen ist die einzige Frage, die
verständigerweise untersucht werden kann, die praktische
Anwendung der monroistischen Politik, indem man mit der
Benennung Monroismus nicht die geistige Urheberschaft bezeichnen
 will, denn weder Monroe noch die Vereinigten
Staaten hätten jemals dieses Prinzip von sich aus ankündigen
können, sondern indem man vielmehr darunter die Zusammenfassung
 der nordamerikanischen Tendenzen in der äußeren
Politik meint, die öffentlich und authentisch zum ersten Male
mit relativer Weitläufigkeit vom Präsidenten Monroe ausgesprochen
 sind. Die nordamerikanischen Geschichtschreiber
behaupten, daß die Erklärung Monroes die Unabhängigkeit der
hispano-amerikanischen Länder rettete und daß die an Europa
gerichtete Warnung einzig und allein die Frucht der nordamerikanischen
 Initiative war, Sie möchten vergessen, daß
die Bevölkerung der Vereinigten Staaten im Jahre 1823 sich
auf kaum sieben Millionen Einwohner belief, die auf einem ungeheuren
 Gebiet zerstreut wohnten, mit einer viel zu kleinen
militärischen Macht, um in der Praxis den Grundsatz der
Nichtintervention einer europäischen Macht zu vertreten.
Über den Ursprung des entsprechenden Teiles der Botschaft
sprach sich Jahre später Calhoun, Mitglied des Kabinetts
Monroe, aus: „Wir gingen im Verein mit England in einem
von ihm herrührenden Vorschlage vor, der von größter Bedeutung
 war, den wir innerlich mit unserem Frieden und
unserer Sicherheit verknüpft betrachteten, und darum war es
Jogischer- und politischerweise natürlich, daß eine genau mit
den englischen Gefühlen übereinstimmende Erklärung {for-45)

 Die Geschichte der Monroedoktrin von dem Panamakongreß
bis zu der Präsidentschaft Grants. Zeitschrift für Völkerrecht, VII
(1913). 12, 13,
        <pb n="43" />
        — 44 —

muliert wurde.*®) Bezüglich des Prinzips an sich ist eine ernstliche
 Prüfung überflüssig. Der Staatssekretär Hay hat uns
eine Definition gegeben, die würdig ist, nicht vergessen zu
werden: „Die Monroe-Doktrin ist, was das nordamerikanische
Volk je nach Zeit und Umständen will, daß sie sein soll.“*7)
Wenn auch der Monroismus derselbe geblieben und nicht
so scharf umgrenzt ist, wie man glauben sollte, so hat man
doch mit dem allergrößten Eifer vermieden, von ihm eine konkrete
 Fassung aufzustellen, welche die Handlungsweise der
Vereinigten Staaten für die Zukunft und später, wenn gewisse
Umstände einträten, festlegen würde. Es ist charakteristisch,
daß alle Versuche, die Tragweite dieser traditionellen Politik
festzulegen und zu umgrenzen, gescheitert sind. Zwei dieser
Versuche bieten ein besonderes Interesse: Der Senator Allen
überreichte am 14. Januar 1846 dem Senat einen Beschluß folgenden
 Inhalts: „Der Kongreß erklärt vor der zivilisierten Welt
hiermit feierlichst als unerschütterlichen Beschluß der Vereinigten
 Staaten, den Grundsatz aufzustellen und zu verteidigen,
 daß irgendein Versuch der europäischen Mächte, sich
in die soziale Organisation oder in Politische Einrichtungen
 der unabhängigen Nationen von Amerika einzumischen
 oder ferner das europäische Regierungssystem auf
diesem Kontinent durch Errichtung von neuen Kolonien auszudehnen,
 unvereinbar sein würde mit der unabhängigen
Existenz der Nationen und gefährlich für die Freiheiten
Amerikas, und daß deshalb, infolge des Selbsterhaltungsrechtes,
 der sofortige Einspruch der Vereinigten Staaten hervorgerufen
 werden würde.‘®) Der andere Beschluß wurde von

46) „We were acting in concert with England, on a proposition
coming from herself — a proposition of the utmost magnitude, and
which we felt at the time to be essentially connected with our peace
and safety; and of course it was due to propriety as well as
Dolicy that this declaration should be strictly in accordance with
British feeling.‘ Moore, gen. Werk. 425.
47) „The Monroe Doctrine is anything that the American people
choose to make of it of any particular time to fit any particular
emergency.‘“ Erwähnt von A. Maurice Low, The attitude of Europe
toward the Monroe Doctrine. The Annals. American Academy of
Political and Social Science. Juli 1914. 104.
48) „Resolved that Congress ... do hereby solemnly declare to
the civilized world the unalterable resolution of the United States to
adhere and enforce the principle that any effort of the powers of
Europe to intermeddle in the social organisation or political arrangements
 of the independent nations of America or further to extend
the European system of government upon this continent by the
        <pb n="44" />
        U

dem Senator Cass am 7. Januar 1853 vorgelegt: „Nachdem
die amerikanischen Kontinente Freiheit und Unabhängigkeit
erworben und bewahrt haben, sind sie hinfort nicht als Gegenstände
 späterer Kolonisation durch eine europäische Macht
zu betrachten. Und während bestehende Rechte von den Vereinigten
 Staaten werden respektiert werden und sollen, halten
sie es ihrer eigenen Sicherheit und ihrer Interessen wegen
für geboten, anzukündigen, wie Sie jetzt tun, daß in Zukunft
keine europäische Kolonie oder Protektorat mit ihrer Zustimmung
 an irgendeiner Stelle des nordamerikanischen Kontinents
 gegründet oder errichtet werden soll. Wenn aber
der Versuch gemacht werden sollte, so erklären Sie hiermit
nach reiflichen Erwägungen, daß dieses als ein ihrer Sicherheit
 und ihren Interessen widersprechender Akt angesehen
werden würde, der ihnen die Freiheit gäbe, die geeignet erscheinenden
 Maßnahmen anzunehmen, um ihre Ehre und ihre
Rechte als unabhängige Nation zu verteidigen.*®) Die beiden
Beschlüsse wurden abgelehnt,
Während die Verhandlungen, welche der Botschaft
Monroes vorausgingen und sie begleiteten, schwebten, kämpften
 die Hispanoamerikaner im Süden des Kontinents für ihre
Freiheit. Die Truppen aller ehemaligen Provinzen betrachteten
die Unabhängigkeit Amerikas als gemeinsame Angelegenheit.
In Argentinien und in Chile gab es schon keinen spanischen
Soldaten mehr, als Bolivar im Norden die Schlachten von
Pantano de Vargas, Boyacä (1819), Carabobo (1821), Bombona
 (1822) und Ibarra (1823) lieferte, Nur ein kleines Konestablichment

 of new colonies, would be iIincompatible with the
independent existence of the nations, and dangerous to the liberties
of the people of America and therefore would incur, as by the right
of self-preservation it would justify, the prompt resistance of the
United States.“ The Congressional Globe, 29th Cong., Ist sess. 1917.
49) „... resolved that the American continents, by the free and
independent condition which they have assumed and maintain, are
henceforth not to be considered as subijects for future colonisation
by any European power. And while existing rights should be respected
and will be by the United States they owe it to their own ‚safety‘
and ‚interests‘ to announce, as they now do, that no future European
colony or dominion shall, with their consent, be planted or established
 on any part of the North American continent. And should
the attempt be made, they thus deliberately declare that it will be
viewed as an act originating in motives regardless of their
interests‘ and their ‚safety‘ and which will leave them free to adopt
such measures as an independent nation may justly adopt in defence
of its rights and its honor ...‘“ Ib. 32nd Congr., lst sess. 199.
        <pb n="45" />
        }

tingent Spanier hielt sich noch im Innern von Peru. Schließlich
 wurde auch dieses am 9, Dezember 1824 bei Ayacucho
besiegt, und mit diesem Sieg war die endgültige Unabhängigkeit
 der alten Kolonien besiegelt.

Kaum war Bolivar nach einem ermüdenden Marsche bis
Apurimac in Lima angekommen, als er den Augenblick für
geeignet erachtete, seinen Gedanken eines amerikanischen
Bündnisses in die Tat umzusetzen. Am 7. Dezember
1824 erließ er in Lima das‘ berühmte Rundschreiben
äber die Versammlung der Bevollmächtigten auf der
Landenge von Panamä: „Nach 15 Jahren der Freiheit
Amerikas gebrachter Opfer um ein System von Bürgschaften,
 die im Frieden sowohl wie im Kriege der Schild
unseres Geschickes sein sollen, ist es hohe Zeit, daß die Interessen
 und Beziehungen, welche die amerikanischen Republiken
und früheren spanischen Kolonien untereinander verbinden,
eine feste Grundlage erhalten, die, wenn möglich, die Dauer
dieser Regierungen verewigt. Die Mission, dieses System
aufzurichten und die Machtbefugnisse dieses großen politischen
Körpers zu befestigen, ist Sache einer überragenden Autorität,
welche die Politik unserer Regierungen leiten soll, deren Einfuß
 die Einheitlichkeit ihrer Grundsätze -aufrechterhält und
deren bloßer Name unsere Leidenschaften beschwichtigt.
Solche achtunggebietende Autorität kann nur aus einer Versammlung
 Bevollmächtigter bestehen, die von einer jeden
unserer Republiken ernannt und unter den Auspizien des durch
unsere Waffen gegen die spanische Macht errungenen Sieges
versammelt sind. -
Tief durchdrungen von diesem Gedanken, forderte ich als
Präsident der Republik Kolumbien im Jahre 1822 die Regierungen
von Mexiko, Peru, Chile und Buenos Aires auf, ein Bündnis zu
schließen und auf der Landenge von Panamä oder auf sonst
einem von der Mehrzahl der Bevollmächtigten eines jeden
Staates ausgewählten Punkte einen Kongreß zusammenzurufen,
‚der als Rat in den großen Konflikten wirke und der im Falle
einer großen Gefahr zu ersuchen sei, als treuer Erklärer
der öffentlichen Verträge bei Meinungsverschiedenheiten zu
dienen, damit er alle unsere Zwistigkeiten beilege.‘
Am 6. Juni desselben Jahres schloß die Regierung von Peru
einen Bund mit dem kolumbianischen Bevollmächtigten ......
Ein ähnlicher Vertrag wurde am 3. Oktober 1823 mit Mexiko
eingegangen. ....
        <pb n="46" />
        47

Wenn die Welt ihre Hauptstadt zu wählen hätte, so dürfte
die Landenge von Panamä, in der Mitte zwischen Asien auf
der einen Seite und Afrika und Europa auf der anderen ge-Jegen,
 wohl der geeignetste Punkt für solch hohen Zweck sein,
Die Landenge von Panamä ist von der Regierung Kolumbiens
zu. diesem Zweck in den bestehenden Verträgen angeboten....
Der Tag, an dem unsere Bevollmächtigten ihre Vollmachten
 auswechseln, wird in der Geschichte Amerikas den
Anfang einer neuen Ära bilden.
Wenn nach tausend Jahren die Nachwelt den Ursprung
unseres öffentlichen Rechtes sucht und sich der Verträge erinnert,
 die ihr Geschick bestimmten, wird sie mit Achtung die
Protokolle der Landenge hervorheben. In ihnen wird man den
ersten Plan der Bündnisse finden, die den Gang unserer Beziehungen
 mit der übrigen Welt regeln.®°)
Daß die großzügigen Ideen Bolivars und der anderen
hispanoamerikanischen Führer ihrer Zeit keine bloßen theoretischen
 Betrachtungen, sondern lebendige Kräfte waren,
welche ihre Ausführung in der internationalen Praxis erfuhren,
zeigt der Inhalt der in dem Rundschreiben Bolivars erwähnten
Verträge, als eine Folge der Anweisungen für die nach Nord
und Süd entsandten Delegierten. Der denkwürdige, mit Peru
geschlossene Vertrag, ein Vorbild der später mit Chile und
Mexiko vereinbarten, würdigte schon zu jenen Zeiten den
Grundsatz der Schiedsgerichtsbarkeit. Seine drei ersten Artikel
 besagen folgendes:
„Artikel 1: Um die Bande, welche in der Zukunft die beiden
Staaten miteinander umschlingen sollen, enger zu gestalten
und alle sich möglicherweise zeigenden Schwierigkeiten zu beseitigen,
 die ihre Beziehungen und ıhr gutes Einvernehmen
stören könnten, soll eine Versammlung berufen werden, die
von zwei Bevollmächtigten jederseits zusammengesetzt ist und
in der Art und unter denselben Förmlichkeiten arbeiten soll,
wie sie nach bestehenden Gebräuchen für die Ernennung von
Ministern gleicher Kategorie bei den Regierungen der fremden
Nationen üblich sind.
Artikel 2: Beide Parteien verpflichten sich, ihre guten
Dienste bei den Regierungen der anderen Staaten des früher
spanischen Amerikas geltend zu machen, um in diese Vereinigung,
 Verbrüderung und in dieses immerwährende Bündnis
einzutreten.

50) International American Conference, Washington, Government
Printing Office, 1890, IV, 159 und ff.
        <pb n="47" />
        13 —

Artikel 3: Nachdem dieser große und wichtige Zweck erreicht
 sein wird, soll eine aus ihren Bevollmächtigten zusammengesetzte
 Generalversammlung der amerikanischen
Staaten stattfinden mit dem Zweck, auf der denkbar dauerhaftesten
 Grundlage die innigen Beziehungen, welche zwischen
allen Staaten gemeinsam und unter jedem von ihnen bestehen
sollen, zu befestigen. Die Generalversammlung soll ihnen
ferner in den großen Konflikten einen Halt geben und in gemeinsamen
 Gefahren als Berührungspunkt dienen, zugleich als
treue Beraterin bei der Auslegung ihrer öffentlichen Verträge,
als Schiedsrichterin und als Vermittlerin im Falle von
Meinungsabweichungen und Unstimmigkeiten.“
Das andere erhabene Freiheitsideal, obwohl nicht mit
solcher Emphase in den hispanoamerikanischen Dokumenten
niedergelegt, wie in der nordamerikanischen Unabhängigkeitserklärung,
 trat durch Aufhebung der Sklaverei in Kraft. Zwei
Texte Bolivars zeigen uns die wahre Menschenfreundlichkeit
der revolutionären Hispanoamerikaner: „Ich überlasse Eurer
erleuchteten Entscheidung“, schrieb er 1819 an den Kongreß
von Angostura, „die Reform oder Aufhebung aller meiner
Statuten oder Verordnungen: aber ich flehe um die Bestätigung
 der vollkommenen Befreiung der Sklaven, so wie ich um
mein Leben und das der Republik flehen würde.“ Am 14, Juli
1821 schrieb Bolivar amtlich an den Präsidenten des hohen
Kongresses von Kolumbien: „Die Weisheit des allgemeinen
Kongresses von Kolumbien stimmt vollständig mit den bestehenden
 Gesetzen zugunsten der Freilassung der Sklaven
überein: aber sie konnte das Reich ihres Wohlwollens sogar
über die zukünftigen Kolumbianer ausdehnen, welche, unter
einem grausamen und harten Druck geboren, ins Leben treten,
um ihren Nacken unter das Joch zu beugen. Die Söhne von
Sklaven, welche in Zukunft in Kolumbien geboren werden,
sollen frei sein, weil sie nur Gott und ihren Eltern gehören und
weder Gott noch ihre Eltern sie unglücklich sehen wollen. Der
allgemeine Kongreß, durch seine eigenen und in noch höherem
Grade durch die Gesetze der Natur dazu ermächtigt, kann die
völlige Freiheit aller Kolumbianer bei ihrer Geburt auf kolumbianischem
 Gebiet verfügen. Auf diese Weise werden die
Gesetze der Natur mit den menschlichen in Einklang gebracht
und versöhnt. Haben Ew. Exzellenz die Güte, diesen meinen
Antrag dem allgemeinen Kongreß von Kolumbien vorzuiegen,
damit er geruhe, ihn als Belohnung für die Schlacht von Cara-
        <pb n="48" />
        4 —

bobo, die durch das Freiheitsheer gewonnen und dessen Blut
für die Freiheit geflossen ist, mir zu bewilligen.‘“®!)
Bei dieser Gelegenheit ist es angezeigt zu bemerken, daß
einer Konvention zwischen Kolumbien und den Vereinigten
Staaten 1824, um den Sklavenhandel zu unterdrücken, die Ratifizierung
 durch den Senat der Vereinigten Staaten verweigert
wurde.52)

51) „Art. 1.° Para estrechar mäs los vinculos que deben unir en
lo venidero a ambos Estados y allanar cualquiera dificultad que pueda
presentarse a interrumpir de algün modo su buena correspondencia y
armonia, se formarä una asamblea, compuesta de dos plenipotenciarios
por cada parte, en los t&amp;amp;rminos y con las mismas formalidades que, en
conformidad de los usos establecidos, deben observarse para el nombramiento
 de los ministros de igual clase cerca de los gobiernos de las
naciones extranjeras.
Art. 2.° Ambas partes se obligan a interponer sus buenos oficios
con los gobiernos de los demäs Estados de la America antes espafiola
para entrar en este pacto de union, liga y confederaciön perpetua.
Art. 3.° Luego que se haya conseguido este grande e importante
objeto, se reunirä una asamblea general de los estados americanos,
compuesta. de sus plenipotenciarios, con el. encargo de cimentar de un
modo mäs sölido y establecer las relaciones intimas que deben existir
entre todos y cada uno de ellos, y que les sirva de consejo en los
grandes conflictos, de punto de contacto en los peligros comunes, de
fiel interprete de sus tratados pühlicos cuando ocurran dificuitades y
de juez ärbitro y conciliador en sus disputas y diierencias.“
„Yo abandono a vuestra soberana decisiön la reforma 0 revocaciön
 de todos mis estatutos o decretos: pero imploro la confirmaciön
de la libertad absoluta de los esclavos, como imploraria mi vida y la
vida de la Repüblica.‘
„La sabiduria del Congreso general de Colombia estä perfectamente
 de acuerdo cou las leyes existentes en favor de la manumisiön
de los esclavos: pero ella pudo extender el imperio de su beneficencia
sobre los futuros colombianos que, recibidos en una cuna cruel y
salvaje, llegan a la vida para someter su cerviz al yugo. Los hijos de
los esclavos que en adelante hayan de nacer en Colombia deben ser
libres, porque estos seres no pertenecen mäs que a Dios y a sus padres,
y ni Dios ni sus padres los quieren infelices. El Congreso general,
autorizado por sus propias leyes y aln mäs por las de la Naturaleza,
puede decretar la libertad absoluta de todos los colombianos al acto
de nacer en el territorio de ia Repüblica. De este modo se concilian
los derechos positivos y los derechos naturales. Sirvase vuecencia
elevar esta solicitud de mi parte al Congreso general de Colombia
para que se digne concedermela en recompensa de la batalla de Carabobo,
 ganada por el ejercito libertador, cuya sangre ha corrido sölo
por la libertad.‘“ Urrutia, ebenda, 204, 241.
52) Int. Am. Conf, IV 155 Anm.
        <pb n="49" />
        An

Als Zielpunkte der Versammlung von Panamä erklärte die
„Gaceta Oficial de Colombia“ im Februar 1825:
„1. Eine feierliche Vereinigung oder einen Bund zu bilden,
durch den die Staaten, deren Bevollmächtigte der Konferenz
beiwohnen, sich verpflichten, gemeinsam den Krieg gegen ihrer
aller Feind, Spanien, fortzuführen oder gegen irgendeine
Macht, die Spanien in seinen feindlichen Plänen beistehen sollte
oder in irgendeiner Weise sich feindlich zeigen würde.
2. Eine Kundgebung auszuarbeiten und zu erlassen, worin
sie der Welt die Gerechtigkeit ihrer Sache auseinandersetzen
und die Art der Verbindung, die sie mit den christlichen Staaten
wünschen.
3. Einen für die konföderierten Staaten und ihre Verbündeten
 geeigneten Schiffahrts- und Handelsvertrag zu
schließen.
4. Die Zweckmäßigkeit des Zusammenfassens der Kräfte
der Republiken zu prüfen, um die Inseln von Portorico und
Kuba dem spanischen Joch zu entreißen, und dann das von
jedem Staate für diesen Zweck zu stellende Kontingent zu
bestimmen.
5. Maßnahmen für einen gemeinsamen Krieg. zur See und
an den spanischen Küsten zu treffen.
6. Zu entscheiden, ob diese Maßnahmen auf die Canarlschen
 Inseln und die Philippinen auszudehnen sind.
7. Die Mittel zu erwägen, um die Erklärung des Präsidenten
 der Vereinigten Staaten betreffs künftiger Kolonisationsgelüste
 auf diesem Kontinent seitens fremder Mächte in die
Praxis überzuführen und jeder fremden Einmischung in die
inneren Angelegenheiten der amerikanischen Regierungen entgegenzutreten,

8. Durch gemeinsame Verständigung die Grundlagen der
ihrer Natur nach strittigen Rechte der Nationen festzulegen.
9, Die Grundlage der handelspolitischen Beziehungen mit
den Gebieten unserer Hemisphäre aufzustellen, welche ihre
Unabhängigkeit erlangt haben oder sie erlangen werden, ohne
daß diese bisher von einer amerikanischen oder europäischen
Macht anerkannt ist, wie es seit langen Jahren mit Haiti der
Fall ist.“52)
Es scheint, daß das Rundschreiben Bolivars allem amerikanischen
 Republiken zugesandt wurde, doch steht nicht fest,
ob die Vereinigten Staaten von Nordamerika es erhielten. Die
Antworten von Kolumbien, Mexiko, Chile, Buenos Aires und

58) Chadwick, genanntes Werk, 210.
        <pb n="50" />
        5}

Brasilien werden aufbewahrt. Chile, die Vereinigten Provinzen
des Rio de la Plata und Brasilien nahmen das Projekt der
Zusammenkunft an, schickten aber später keine Vertreter ab.
Dıe Einladung der Vereinigten Staaten ist, wie man annimmt,
der Initiative Santanders, des Vizepräsidenten von Kolumbien
in Ausübung der öffentlichen Gewalt, zu verdanken, der sie wie
folgt begründete: „Ich habe es für meine Pflicht erachtet, die
Vereinigten Staaten einzuladen, an der erlauchten Versammlung
 von Panamä teilzunehmen, in der inneren Überzeugung,
daß unsere Verbündeten mit Genugtuung die Anwesenheit So
aufrichtiger wie erleuchteter Freunde bei der Beratung unserer
gemeinsamen Interessen sehen werden.“°t) Die Einladung
wurde gleichzeitig mündlich im Oktober 1825 und schriftlich
am 3. November von seiten Mexikos, sowie am 2. November
seitens Kolumbiens erlassen, indem ihr später — am 14. desselben
 Monats — der Minister von Mittelamerika in Washington
 beitrat.
{n Übereinstimmung mit der von den Ministern von Kolumbien
 und Mexiko mit dem Staatssekretär Clay abgehaltenen
Konferenz, in welcher dieser um einize den Beratungen des zukünftigen
 Kongresses vorhergehende Einzelheiten und um Aufklärung
 über die Art und Natur der den „diplomatischen
Agenten“ zu gebenden Vollmachten bat, indem er von der Aufnahme
 dieser Erklärungen in den Vereinigten Staaten ihre Beteiligung
 bei der Versammlung in FPanamä abhängen ließ,
zählten die Minister in der Erneuerung ihrer formellen Ein-(adung
 die bereits öffentlich neun Monate vorher in der „Gaceta
de Colombia‘ aufgestellten Fragen auf. Grundlegende Vorbedingungen
 der Teilnahme der Vereinigten Staaten an dem
Kongreß waren die von dem Staatssekretär während der Unterredung
 mit abschließender Klarheit in den Noten der drei einladenden
 Minister aufgestellten Voraussetzungen, die sich wörtlich
 in der Note Mittelamerikas finden: „Die Entsendung von
Delegierten zum Kongreß bedeutet nicht, daß die Vertreter der
Vereinigten Staaten im geringsten deren gegenwärtige Neutralität,
 Harmonie und gute Freundschaft mit den andern
Nationen kompromittieren sollen. Meine Regierung hat es für
nötig erachtet, bei der Übergabe der gegenwärtigen Einladung
dies ausdrücklich zu erklären.“ °°)
In den Einladungen wurde aber trotzdem kein verpflichtendes
 und endgültiges Programm des nächsten Kongresses

54) Erwähnt von Alexander Calvo, Politica Americana, Buenos
Aires, Imp. la Universidad, 1886, 29,
55) Int. Am, Conf. IV, 33.
        <pb n="51" />
        0

Pa

festgesetzt. Das Beratungsmaterial wurde von vornherein
unter zwei Hauptgruppen geteilt: Besondere Angelegenheiten
unter die Kriegführenden und allgemeine Gegenstände unter
Kriegführende und Neutrale. Die Vereinigten Staaten hatten
bei den ersten nicht teilzunehmen. Bei der zweiten Gruppe
handelte es sich in erster Linie um grundlegende Fragen des
internationalen und des Seekriegsrechts. Die hispanoamerikanischen
 Republiken verfolgten außerdem eine Entscheidung
in drei konkreten Punkten. Sie schlugen ein hispanoamerikanisches
 Bündnis vor, wonach jeder eventuelle Dritte, der
Spanien in dem Kriege gegen die alten Kolonien unterstützte,
bekämpft werden sollte; sie befürworteten die völlige Abschaffung
 des Handels mit afrikanischen Sklaven, und schließlich
 wünschten sie die internationale Lage von Haiti zu regeln.
Es stand der Versammlung natürlich frei, andere, davon verschiedene
 Angelegenheiten zur Beratung und Bewilligung vorzulegen,
 „indem man der Erleuchtung der Regierungen und
dem Urteil ihrer Vertreter die Anregung anheimstellte, Vorschläge
 für das gemeinsame Wohl der neuen Welt zu
machen.“ 58)
indessen, zwei Fragen allgemeiner Natur mußten auf dem
Kongreß von Panamä besprochen werden, die in den Einladungen
 nicht erwähnt waren und von denen die eine nicht einmal
in dem in der „Gaceta de Colombia‘ aufgeführten Programm
angeführt war: die Politik der amerikanischen Solidarität und
die Frage wegen Kuba und Portorico. Sehen wir, wie Bolivar
betreffs dieser Punkte im Kongreß sich den Bevollmächtigten
von Peru gegenüber äußerte. Nachdem er auf einer öffentlichen
 Darlegung über die Gründe und den Verlauf der Revolution
 bestanden hatte, wie in dem Programm der erwähnten
Gaceta vorgesehen war, wies er die Bevollmächtigten an, daß
eine solche Urkunde „eine ebenso energische und wirksame
Erklärung zu enthalten habe wie die vom Präsidenten der
Vereinigten Staaten in seiner Botschaft an den Kongreß vom
vorhergehenden Jahre“. Diese betraf die Notwendigkeit, daß
die europäischen Mächte jeden Gedanken einer neuerlichen
Kolonisation auf diesem Kontinent fahren zu lassen hätten,
unter gleichzeitigem grundsätzlichen Widerspruch gegen eine
Finmischung in unsere inneren Angelegenheiten.?) Die außerordentliche
 Voraussicht Bolivars zeigte sich aufs neue in seiner
Absicht, die nordamerikanische Politik mit der der anderen
amerikanischen Republiken zu konsolidieren, indem er aus dem

56) Int. Am. Conf. IV, 33.
37) Art. XII der Anweisungen. Int. Conf, IV, 171.
        <pb n="52" />
        53

Monroismus ein internationales Dogma machte, das von allen
Ländern des Kontinents proklamiert und durch deren Heere
und die Diplomatie gestützt würde. Über die Antillenfrage
lauteten die Anweisungen: „Solange die Inseln von Portorico
ınd Kuba Eigentum Spaniens sind, ist die spanische Regierung
stets in der Lage, Zwietracht und innere Unruhen zu begünstigen
 und den Frieden und die Unabhängigkeit vieler Länder
Amerikas zu bedrohen. Deshalb haben die Delegierten dahin
zu wirken, daß der Kongreß über das Schicksal der beiden
Inseln beschließt. Wenn der Kongreß, empfänglich für die
wirklichen Interessen der von ihm vertretenen Länder, es für
sie vorteilhaft erachtet, sie zu befreien, so haben die Delegierten
 an einem dahinzielenden Vertrage teilzunehmen. Dieser
Vertrag soll des weiteren beschließen, ob beide Inseln oder
eine von ihnen irgendeinem der konföderierten Staaten zugesprochen
 werden sollen, oder ob man ihnen die Freiheit
lassen will. sich ihre eigene Regierung nach bestem Wissen
zu wählen.“58)
Auf die Anregung Südamerikas, den Sklavenhandel zu
anterdrücken, antwortete Präsident Adams in seiner Botschaft
vom 15. März 1826 an das Abgeordnetenhaus unter Bezugnahme
auf den ablehnenden Bescheid des Senats, den Vertrag mit
Kolumbien zu ratifizieren, daß ..der Mißerfolg der Verhandlungen
 mit der kolumbianischen Republik als Warnung dienen
möge. die diesseitige Regierung nach irgendeiner Richtung hin
zu binden, von der nicht die Annahme und Einwilligung des
Senats bei einer konstitutionellen Mehrheit zu erhoffen sei“.®®)
In den Anweisungen an die nordamerikanischen Delegierten,
die den Sitzungen mit beizewohnt hatten. wird auf diesen
Puukt nicht zurückgekommen, woraus hervorging, daß man
)hre Diskussion ablehnte: die Vereinigten Staaten konnten

68) Art. VIII der Anweisungen. Ib. 170.
59) „The failure of the negotiations with that Republic [of Cojumbial
 undertaken during the late administration for the suppression
of that [African slavel trade, in compliance with a resolution of the
House of Representatives, indicates the expediency of listening, with
respectful attention, to propositions which may contribute to the
accomplishment of the great end which was the purpose of that reso-Iution,
 while the result of those negotiations will serve as admonition
to abstain from pledging this Government to any arrangement which
might be expected to fail of obtaining the advice and consent of the
Senate by a constitutional majority to its ratification.“ Rerly of
President Adams to a Resolution of Inquiry from the House of Representatives,
 Int. Am. Conf, IV, 43.
        <pb n="53" />
        54

nicht anders handeln, denn auf ihren Gebieten war die
Sklaverei gesetzlich sanktioniert, trotz der schon in der Unabhängigkeitserklärung
 ausgedrückten Anschauungsweise der
Gleichheit,
Der Fall, daß die Hispanoamerikaner den Vereinigten
Staaten ein Bündnis vorschlagen sollten, wird in folgendem
Absatz der Botschaft völlig zurückgewiesen: „Es ist der Wille
dieser Regierung, sich an keiner Maßnahme zu beteiligen,
welche Europa gegenüber Feindschaft bedeutet oder zu Reibereien
 mit einem der europäischen Staaten führen würde.‘“*®°)
Die Anweisungen an die Delegierten enthielten zu dem Zweck
eine Erläuterung der Botschaft Monroes, welche in der Folge
häufig angeführt wurde: „Jener Grundsatz beabsichtigte nicht,
die schon von früher her bestehenden und errichteten europäischen
 Kolonien Amerikas zu beunruhigen. Der Grundsatz bezog
 sich auf die Zukunft, nicht auf die Vergangenheit.)
Trotzdem wies der Präsident die Delegierten an, im Kongreß
 die Bereitschaft der Vereinigten Staaten mitzuteilen,
 die heilige Allianz daran zu verhindern, „daß sie Spanien
Hilfe leistete, um die neuen amerikanischen Republiken wieder
in ihren alten Zustand als Kolonien zurückzuführen oder sie zu
zwingen, politische Regierungsformen anzunehmen, die den
Grundlagen jener Allianz erwünscht schienen.“%2) Diese Vorschriften
 erfüllten nicht den beabsichtigten Zweck; denn einer
der nordamerikanischen Abgesandten starb während Seiner
Überfahrt nach Porto Bello und der andere trat die Reise überhaupt
 nicht an. „Dadurch, daß solcher Versuch überhaupt
unternommen wurde, ist wohl bewiesen, daß Pflicht und Interesse
 der Vereinigten Staaten ihn geboten, Ihre höchste Behörde
erklärte feierlich, was sie in diesem Falle notwendigerweise tun
müßten. Das Volk der Vereinigten Staaten trat der Erklärung bei,
und seine gegenwärtige höchste Behörde macht sie sich völlig
zu eigen. In der Tat, wenn die Kontinentalmächte Europas

80) „The purpose of this Government is to concur in none
[measures] which would import hostility to Europe or justly excite
resentment in any of her States.“ Ib. 42.
81) „It was not proposed, by that principle, to disturb pre-existing
European colonies already established in America; the principle looked
lorward, not backward.‘ Int. Am. Conf. IV, 136.
62) „... on the contingency of an attempt by the powers of
Europe, commoniy called the Holy Alliance, either to aid Spain to
reduce the new American Republics to their ancient colonial state or
to compel them to adopt political systems more conformable to the
policy and views of that alliance.“ Int, Am. Conf. IV. 118,
        <pb n="54" />
        Wi”

sich erlaubt hätten, wegen eines der angeführten Gründe Krieg
anzufangen, dann würden die Vereinigten Staaten, indem sie
mit allen Kräften diesem Beginnen sich widersetzten, kaum für
sich den Ruhm haben beanspruchen können, nur aus Anlaß
einer edelmütigen Regung für die jungen unterdrückten und
im Kriege befindlichen Nationen einzutreten. Unter diesen
Umständen wären die Vereinigten Staaten gezwungen gewesen,
 ihre eigenen Schlachten zu schlagen, wenn auch die
Kriegsfurie auf einem anderen Schauplatze, fern von ihren
Grenzen, gewütet hätte; denn es unterliegt keinem Zweifel,
daß der Geist der Anmaßung, der die europäischen Mächte veranlaßt
 hätte, sich auf die anderen amerikanischen Republiken
zu stürzen, um Spanien zu helfen, oder wegen der Form ihrer
politischen Einrichtungen, sich im Falle des Sieges in solch
ungerechtem Streit keinesfalls eher beruhigt hätte, als bis er
zu uns gekommen sein würde und in unsern Staaten jeden
Schimmer menschlicher Freiheit zerstört hätte.®) Solche
tapferen Schlußfolgerungen zog die nordamerikanische Regierung,
 weil sie wußte, daß sie für diesen Fall von den Flotten
Englands gedeckt war. Im übrigen wies sie klar und deutlich
den Gedanken Bolivars zurück, den Monroismus auf den
ganzen Kontinent auszudehnen: „Man kann ein Einverständnis
unter den Teilen, die in der Versammlung vertreten sind, für
wünschenswert halten, wonach jeder einzelne mit eigenen

63) „Upon the supposition of such an attempt being actually
made, there can be no doubt what it would be the interest and bounden
duty of the United States to do. Their late Chief Magistrate solemnly
declared what, in that event, he considered they ought to do. The
people of the United States acquiesced in the declaration, and their
present Chief Magistrate entirely concurs in it. If, indeed, the powers
of continental Europe could have allowed themselves to engage in the
war for either of the purposes just indicated, the United States, in
opposing them with their whole force, would have been hardly entitled
to the merit of acting on the impulse of a generous sympathy with
infant, oppressed, and struggling nations. The United States, in the
contingencies which have been stated, would have been compelled to
fight their own proper battles, not less so because the storm of war
happened to rage on another part of this continent at a distance from
their borders; for it cannot be doubted that the presumptuous Spirit
which would have impelled Europe upon the other American Republics
in aid of Spain, or on account of the forms of their political institutions,
would not have been appeased if her arms in such an unrighteous
contest should have been successful until they were extended here,
and every vestige of human freedom had been obliterated within these
States.“ Int. Am, Conf, IV, 119.
        <pb n="55" />
        SA

Mitteln sich der Errichtung zukünftiger europäischer Kolonien
in seinen Grenzen widersetzt.‘“ *) Wiederum finden wir
den zähen und vorsichtigen Willen, zukünftige Verbindlichkeiten
 und Verpflichtungen zu vermeiden. So hatte
er sich schon 1825 gezeigt bei der Weigerung, ein Bündnis
 mit Brasilien zu schließen, um dessen Unabhängigkeit
durch Unterstützung bei seinem Streit mit Portugal aufrechtzuerhalten,
 indem man sich völlige Handlungsfreiheit vorbehielt,
 um in jedem Falle zu erwägen, welcher Norm die Vereinigten
 Staaten folgen wollten, je nachdem es ihr „Interesse“
oder ihre „Sicherheit“ verlangte. In recht brüsker Art und
Weise spiegelte sich dieser Geist in dem von dem Hause der
Abgeordneten am 18. April 1826 angenommenen Buchananschen
Antrage wider: „Es ist die Meinung dieses Hauses, daß die
Regierung der Vereinigten Staaten auf dem Kongreß von
Panamä nicht vertreten sein sollte, es sei denn in rein diplomatischer
 Form; auch darf sie kein Bündnis, weder offensiver
noch defensiver Natur, schließen oder in Unterhandlungen über
ein solches mit allen oder einigen der spanischen Republiken
eintreten; ebensowenig darf sie bei allen oder einigen derselben
an einer gemeinsamen Erklärung sich beteiligen, mit der Absicht,
 die Einmischung einer europäischen Macht betreffs Unabhängigkeit
 der Regierungsform hintanzuhalten; schließlich
soll sie auch keinem Bündnis beitreten, um auf dem amerikanischen
 Kontinent Kolonisationen zu verhindern; im Gegenteil,
das Volk der Vereinigten Staaten soll frei sein, in irgendeiner
Krisis so zu handeln, wie es seine freundschaftlichen Gefühle
für diese Republiken und seine eigene Ehre und Politik ihm
jeweils vorschreiben.“ %) Man begreift sofort die in ienem

84) „An agreement between all the parties represented at the
meeting that each will guard by its own means against the establishment
 of any future European colony within its borders may be found
advisable.‘“ Ib. 22.
65) „It is, therefore, the opinion of this House, that the Government
of the United States ought not to be represented at the congress of
Panama, except in a diplomatic character, nor ought they to form any
alliance, offensive or defensive, or negotiate respecting such an
alliance, with all or any of the Spanish American republics, nor ought
they to become parties with them, or either of them, to any joint
declaration for the purpose of preventing the interference of any of
the European powers with their independence or form of government,
or to any compact for the purpose of preventing colonization upon the
continent of America; but that the people of the United States should
be left free to act, in any crisis, in such a manner as their feelings of
friendship towards these republics, and as their own honor and policy
may at the time dictate.‘“ Moore, gen. Werk, 420,
        <pb n="56" />
        Am

Augenblicke ganz vernünftigen Motive der Handlungsweise
der Vereinigten Staaten; trotzdem muß man ihnen den kleinlichen
 Gesichtspunkt und das Fehlen des Solidaritätsgefühls
vorwerfen, welche die kontinentale Annäherung so weit hinausgeschoben
 haben, indem sie in dem Gedächtnis der Iberoamerikaner
 einen Stachel zurückließen, den spätere Vorkommnisse
 gerechtfertigt und vertieft haben.%)
Die Absicht, Kuba und Portorico zu befreien, scheint sich
während der argentino-kolumbianischen Unterredungen von
Chuquisaca (1825) infolge der Ankunft eines hochangesehenen
kubanischen Geschäftsmannes in Lima befestigt zu haben.
Der Präsident des obersten Gerichtshofes von Peru, Manuel
Lorenzo de Vidaurre, schrieb an Bolivar vom Kubaner Iznaga,
„daß dessen heißester Wunsch ist, sein Vaterland befreit zu
sehen, und daß er das von niemand anders erwartet als
von dem, der den Rest Amerikas befreit hat“. Bolivar
sammelte die nötigen Daten für eine Expedition. Die Regierung
von Kolumbien stand dem Unternehmen wohlwollend gegenüber
 und hatte zu dem Zweck schon einen Vertrag mit Mexiko
geschlossen, wonach die Vorbereitungen zur Bildung einer
Flotte getroffen waren. Soweit war die Angelegenheit schon
gediehen, als Clay am 20. Dezember 1825 den Ministern von
Kolumbien und Mexiko eine Note sandte, in der er dafür eintrat,
 die Unternehmung in der Schwebe zu belassen, bis der
Kongreß von Panamä darüber beschlossen hätte; Kolumbien
entsprach dem Wunsche der Vereinigten Staaten; von Mexiko
weiß man nur, daß es von der Note unangenehm berührt war.
{m August 1825 schlug Canning Frankreich und den Vereinigten
 Staaten eine Erklärung der drei Mächte vor, in welcher
jede Absicht, sich Kubas zu bemächtigen, abgewiesen und gegen
die Besetzung der Insel durch irgendeine der anderen Mächte
protestiert wurde. Die Vereinigten Staaten wiesen die Erklärung
 zurück, „um nicht den Argwohn des Königs von
Spanien zu erregen, daß eine seiner Kolonien durch eine andere
Macht erobert werden sollte, was den Krieg mit seinen
Kolonien nur verlängern würde, zumal es infolge seiner friedlichen
 Politik und der bewiesenen Duldsamkeit unnötig sel,
irgendeine Erklärung abzugeben“. Aber zur selben Zeit, als

66) Roqaue Saenz Pefia. Derecho Publico Americano. Escritos y
Discursos. Buenos Aires, Talleres Gräficos de la Penitenciaria
Nacional. 1905. Los Estados Unidos de Sudamöerica, La doctrina
de Monroe y su evoluciön. Man beachte besonders Seite 150 u. ff.
Oliveira Lima. Pan-Americanismo, ‘ (Monroe-Bolivar-Roosevelt.) Rio
de Janeiro-Paris, Garnier. 1907, 53 und anderwärts,
        <pb n="57" />
        Nordamerika davon absah, auf die vorgeschlagene Vereinbarung
 einzugehen, stellte es die Ansicht auf, daß „Frankreich
sich dazu durch einen feierlichen und bindenden Akt verpflichten
 müßte“. Frankreich weigerte sich, worauf die Vereinigten
 Staaten es wissen ließen, daß sie niemals die Besetzung
 Kubas und Portoricos seitens Frankreichs zulassen
würden.) ;
Angesichts des Programmes des Kongresses von Panamä,
welcher öffentlich den Willen, die beiden Antillen selbständig
zu machen, aussprach, ist die Handlungsweise der Vereinigten
Staaten als Land, das stets die Freiheit und Souveränität der
amerikanischen Gebiete pries, sehr lehrreich. In der schon
mehrfach angeführten Botschaft von Adams an das Abgeordnetenhaus
 vom 15. März 1826 wird bestätigt, daß Nordamerika
niemals den Ergebnissen des Kongresses von Panamä gleichgültig
 gegenüberstehen könne, soweit sie einen feindlichen
Einfall in die zwei Antillen beträfen, wegen der eigenartigen
Zusammensetzung seiner Bevölkerung (farbiges Element) und
wegen der Gefahr, daß sie in die Hände einer anderen
nichtspanischen Macht fallen könnten. Nach diesen
kurzen Redewendungen ließ man durchblicken, daß es unnötig
 wäre, sich über die Einzelheiten weıter auszulassen.®)
Das war für die Öffentlichkeit. Aus den geheimen Anweisungen
 an die Delegierten geht mit genügender Deutlichkeit
 der Gedankengang der Vereinigten Staaten hervor. Die
wirklichen Bewegzründe, welche die nordamerikanische
Politik leitete, gesteht man nicht ein, weil man sie den jungen
Republiken, die in Panamä vertreten waren, verschleiern
wollte, aber man merkt den Plan Nordamerikas, der nichts
anderes bezweckte, als von vornherein die fraglichen Gebiete
für sich selbst zu reservieren. Die Vereinigten Staaten, so heißt
es, wünschen keine Veränderung auf Kuba, „sie wünschen nicht
die Übertragung der Macht oder die Abtretung an irgendeine
der amerikanischen Mächte“, was diese letzteren niemals beabsichtigt
 hatten. Eine militärische Expedition gegen Kuba
„wäre ein Eroberungskrieg”, währenddessen die Interessen
der anderen Mächte, die jetzt neutral sind, in ernstliche Mitleidenschaft
 gezogen werden könnten; „der Ausgang des Krieges
kann das Gleichgewicht und die Stetigkeit der Macht in Westindien
 stark beeinflussen; die Vereinigten Staaten könnten
gegen ihren Willen durch die Ereignisse mitgerissen werden“.

87) Moore, gen. Werk, 457 u. ff.
88) Int. Am, Conf. IV, 44.
        <pb n="58" />
        AQ

Die Republiken von Kolumbien und Mexiko haben keine Mittel,
die Inseln zu erobern, sie besitzen nicht die maritime Überlegenheit,
 und außerdem „sind die Einwohner Kubas weit entfernt,
 betreifs eines fremden Einfalls einer Meinung zu sein“,
Wenn aber die Eroberung stattfände, so würde das Fehlen der
maritimen Oberherrschaft der Eroberer den Besitz auf sehr
schwankende und nicht zu festigende Grundlage stellen, denn
„weder Kolumbien noch Mexiko sind zu einer Seemacht ersten
Ranges bestimmt“. Wenn diese Republiken in einen Krieg mit
einer europäischen Macht verwickelt werden sollten, würde
das Schicksal Kubas in Gefahr schweben. Die Regierung der
Vereinigten Staaten verschließt sich nicht der Betrachtung, daß
„im Falle einer militärischen Expedition der Republiken gegen
Kuba Schiffe, Seeleute, Artillerie und die übrigen für einen Seekrieg
 notwendigen Mittel in erster Linie durch die Vereinigten
Staaten zu beschaffen sein würden. Das Menschlichkeitsgefühl
der Vereinigten Staaten mit dem Schwachen, der in dem
schrecklichen Kampfe wahrscheinlich der leidende Teil sein
würde, sowie die Pflicht, sich gegen die Weiterverbreitung so
naher und gefährlicher Beispiele zu schützen, würde sie auch
auf die Gefahr hin, die Freundschaft der im übrigen von ihnen
so hochgeachteten Republiken von Mexiko und Kolumbien zu
verlieren, zwingen, alle für ihre Sicherheit notwendigen Maßnahmen
 zu treffen“
Nachdem also die Hypothese der Angliederung verworfen
war, prüfen die Vereinigten Staaten die möglicherweise eintreten‘
 könnenden Ereignisse, eines nach dem andern, um sie
schließlich alle abzulehnen. Die Unabhängigkeit Kubas ist unmöglich:
 „ein bloßer Blick auf seine geringe Ausdehnung, auf
die moralischen Verhältnisse und den uneinigen Charakter
seiner Bewohner müssen alle von der gegenwärtigen Unmöglichkeit,
 eine autonome Regierung ohne die Unterstützung
anderer Mächte zu unterhalten, überzeugen.“ Eine Unabhängigkeit
 aber, die von einer anderen oder von mehreren Mächten
garantiert wäre, „würde nicht weniger furchtbare und fast
unüberwindliche Gefahren heraufbeschwören‘“.®) Die einzige
Lösung nach dem Urteil Nordamerikas würde die sein, daß
Kuba spanische Kolonie bliebe, um so mehr, „als die von der
spanischen Regierung gezeigte Weisheit, um ihr Kolonial-89)

 „The humanity of the United States in respect to the weaker,
and which in such a terrible struggle would probably be the suffering
portion, and their duty to defend themselves against the contagion of
such near and dangerous examples, would constrain them, even at the
hazard of losing the friendship, greatly as they value it, of Mexico
        <pb n="59" />
        A0

system in freiheitlichere Bahnen zu leiten und betrefis der
Antillen eine wohlwollendere Politik zu befolgen, die
ihre Türen dem allgemeinen Handel geöffnet hat, nach
der Meinung der Vereinigten Staaten von bis jetzt be-[riedigenden
 Ergebnissen begleitet ist.“ „Andere Betrachtungen,
 die mit einer gewissen Klasse unserer Bevölkerung
 zusammenhängen, lassen es für den Süden der
Union wünschenswert erscheinen, auf Kuba keinen Versuch zur
Abschüttelung des spanischen Jochs zu unternehmen, dessen
erste Wirkung die unmittelbare Emanzipation unzähliger
Sklaven sein würde, und dieser Umstand könnte nur sehr
schwer von den Bewohnern der benachbarten Küsten der Vereinigten
 Staaten ertragen werden.’°) Hier sieht man also die
Vereinigten Staaten als Vorkämpfer der kolonialen Abhängigkeit
 der Antillen und für den Sklavenhandel, solange beide
ihnen nützlich waren.
Das Interesse der Union an den Antillen und besonders an
Kuba datiert also von der Kolonialepoche her. Die Anglo-Amerikaner
 sahen sich genötigt, von Europa fast alle Manufakturwaren
 zu beziehen, wogegen sie kein Erzeugnis aufweisen
 konnten, um sie zu bezahlen, denn ihre Landwirtschaft
brachte nur ein geringes Quantum von Tabak hervor und die
Getreidearten waren von großem Raumumfang im Verhältnis
zum Preise, Sie brauchten also ein nahegelegenes Gebiet,
 um Vieh und den Überschuß der Ernte zu exand

 Columbia, to employ all the means necessary to their security.“
„.... a mere glance to the limited extent, moral condition, and discordant
 character of its (Cuba’s) population, must convince all of its
incompetency, at present, to sustain self-government unaided by other
powers.“ Ib. 138 und ff.
70) „... the wisdom which induced the Spanish Government to
relax in its colonial system, and to adopt with regard to those islands
a more liberal policy, which opened their ports to general commerce,
has been so far satisfactory in the view of the United States, as, in
addition to other considerations, to induce this Government to desire
that their possession should not be transferred from the Spanish
Crown to any other power.“ „Other considerations, connected with
certain class of our population, make it the interest of the southern
section of the Union that no attempt should be made in that island
[Cuba] to throw off the yoke of Spanish dependence, the first effect
of which would be the sudden emancipation of a numerous Slave
population, the result of which could not but be very sensibly felt upon
the adjacent shores of the United States.‘ Staatssekretär Van Buren
an Van Ness, nordamerikanischen Gesandten in Madrid, 2, Oktober
1829. Moore, gen. Werk 448,
        <pb n="60" />
        1

portieren, und woher sie Waren importieren konnten,
die durch ihre Vermittlung zur Bezahlung ihrer Schulden
nach Europa weiterzuführen waren. Die westindischen Inseln
erfüllten diese Aufgabe: die nördlichen Kolonisten kauften
dort Kolonialartikel zu hohem Preise und verkauften den
Überschuß zu geringerem Werte. Die Bewohner der Antillen
widmeten sich nicht der Erzeugung von Nahrungsmitteln, weil
das Zuckerrohr ihnen mit weniger Arbeit größere Erträge
lieferte. Ein anderes Geschäft der Angloamerikaner war,
Ladungen von Branntwein nach Afrika zu schicken gegen Eintausch
 von Sklaven, die in Westindien gegen Melasse oder
Zucker zum Transport nach Neuengland verkauft wurden, um
dort wieder gegen Branntwein eingetauscht zu werden und so
den Handel fortzusetzen. Durch diesen Handel gelangten die
Angloamerikaner zu dem Reichtum, der ihnen die Macht gab,
sich selbständig zu machen. Als die „British Navigation Acts“
und die französischen und spanischen Verordnungen ihnen den
westindischen Markt verschließen wollten, verletzten sie alle
diese Gesetze und machten sich Schließlich von England
unabhängig.?!)
Jefferson (Staatssekretär vom 22. März 1790 bis 31. Dezember
 1793 unter der Präsidentschaft Washingtons und selbst
Präsident der Union vom 4. März 1801 bis 3. März 1809) schlug
Madison am 27. April 1809 vor, Napoleon carte blanche in
Spanisch-Amerika zu lassen gegen Abtretung der beiden Floridas
 und Kubas. Von den beiden ersteren sagte Jefferson, „daß
sie kein Preis wären, denn beim ersten Kriege würden sie sofort
unser sein, aber Kuba würde ein Preis sein“. Jefferson versicherte,
 daß, sobald Kuba annektiert wäre, „er sofort eine
Säule auf dem südlichsten Punkte der Insel errichten und darauf
‚ne plus ultra‘ in jener Richtung für die Vereinigten Staaten
schreiben würde. Dann würden wir nur noch den Norden
[Kanada] unserem Bunde hinzuzufügen brauchen, was natürlich
beim ersten Kriege geschähe, und so würden wir ein Reich
der Freiheit besitzen, wie es niemals seit Erschaffung der Welt
bestanden hat; ich bin überzeugt, daß niemals eine bessere
Verfassung als die unsrige für weite Gebiete und Selbstverwaltung
 dem Hirn eines Menschen entsprungen ist‘“.?2) Der-71)

 E, Daenell, Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika.
Leipzig-Berlin, Teubner, 1914. 32 und ff.
72) „[Napoleon] ought the more to conciliate our good-will, as
we can be such an obstacle to the new career opening on him in the
Spanish colonies. That he would give us the Floridas to withhold
intercourse with the residue of those colonies cannot be doubted, but
        <pb n="61" />
        m

selbe Jefferson sagte in Beantwortung einer Frage Monroes
wegen des Vorschlages von Canning: „Ich gestehe ehrlich,
daß ich Kuba immer als die wertvollste Vermehrung unseres
Staatensystems, die es jemals gegeben hat, betrachtet habe.
Die Kontrolle, welche diese mit ihrer Spitze Florida benachbarte
 Insel uns über den Golf von Mexiko und die dem Isthmus
angrenzenden Länder geben würde, sowie auch über die daselbst
 mündenden Flüsse, würde unsere politische Macht
krönen.?3)
Adams (Staatssekretär vom 22. September 1817 bis
3. März 1825 unter der Präsidentschaft Monroes und selbst
Präsident vom 4. März 18253 bis 3. März 1829) in der Zeit des
Panamä-Kongresses und für die Anweisungen verantwortlich,
die sich der Unabhängigkeit Kubas und seine Angliederung an
eine der spanisch-amerikanischen Republiken widersetzten,
instruierte Nelson am 28. April 1823, indem er Kuba mit innigem
und rührendem Wohlgefallen betrachtete: „Kuba, beinahe in
Sehweite unserer Küsten, hat sich wegen vieler Gründe in
einen Gegenstand von überragender Bedeutung für die geschäftlichen
 und politischen Interessen der Union verwandelt.
Seine den Golf von Mexiko und die westindischen Meere beherrschende
 Lage, der Charakter seiner Bevölkerung, seine
Lage mitten zwischen unserer Südküste und der Insel Santo
Domingo, sein weiter und geschützter Hafen von Habana, im
Gegensatz zu einem langen Strich unserer Küste, die dieses
Vorteiles entbehrt, die Art seiner Erzeugnisse und Bedürfnisse,
die in einem äußerst wertvollen und gegenseitig ersprießlichen

that is no price, because they are ours in the first moment of the first
war, and until a war they are of no particular necessity to us. But,
although with difficulty, he will consent to our receiving Cuba into
our Union to prevent our aid to Mexico and the other provinces. That
would be a price, and I would immediately erect a column on the
southernmost limit of Cuba and inscribe on. it ‚ne plus ultra‘ as to us
in that direction. We should then have only to include the North in
Dur confederacy, which would be, of course, in the first war, and we
should have such an empire for liberty as she has never surveyed
since the Creation; and I am persuaded no constitution was ever before
so well calculated as ours for extensive empire and self-government.“
Chadwick, gen. Werk, 215,
78) „I candidly confess that I have ever looked on Cuba as the
most interesting addition which could ever be made to our system of
States. The control which, with Florida Point, this island would give
us over the Gulf of Mexico, and the countries and isthmus bordering
on it, as well as all those whose waters flow into it, would fill up the
measure of our political well-being.“ Moore, gen. Werk, 395,
        <pb n="62" />
        3

Handel zur Geltung kommen, geben ihm eine Wichtigkeit in
der Gesamtheit unserer nationalen Interessen, wie sie nicht mit
irgendwelchen einer fremden Macht verglichen werden kann
und die kaum geringer ist als die, welche die Glieder der Union
zusammenhält. Solches. sind in der Tat unter den Interessen
jener Insel und denen für unser Land die durch die Nation
geschlossenen geographischen, moralischen und politischen
Beziehungen, die im Laufe der Zeit immer mehr hervortreten
und ihrer Reife entgegengehen werden, wenn wir auch nur
den wahrscheinlichen Verlauf auf die kurze Zeit eines halben
Jahrhunderts verfolgen. So ist es denn auch kaum möglich,
der Überzeugung zu widerstehen, daß die Angliederung Kubas
an unsere Föderativ-Republik für den Fortbestand und die
Unversehrtheit der Union selbst unerläßlich sein wird. Es ist
nichtsdestoweniger auffallend, daß wir auf diese Eventualität
noch nicht vorbereitet sind.“ Es existiert wohl kein beredsameres
 Dokument als dieses, um das politische Vorgehen der
Vereinigten Staaten zu beleuchten. In demselben Absatz wird
hinzugefügt: „Es gibt Gesetze sowohl politischer wie physischer
 Anziehungskraft, und wie ein durch den Sturm von seinem
Baum losgerissener Apfel keine andere Wahl hat, als auf die
Erde zu fallen, so wird Kuba, von seiner unnatürlichen Verbindung
 mit Spanien losgelöst und der Selbsthilfe unfähig, nur
zur nordamerikanischen Union hinneigen, welche infolge desselben
 Naturgesetzes es nicht von ihrem Busen losreißen
kann.“74) Die Vereinigten Staaten taten das Ihrige, um die

74) „Cuba, almost in sight of our shores, from a multitude of
considerations has become an object of transcendent importance to the
commercial and political interests of our Union. Its commanding
position with reference to the Gulf of Mexico and the West Indian
seas; the character of its population; its situation midway between
dur southern coast and the island of St. Domingo; its safe and capacious
 harbor of the Havana fronting a long line of our shore destitute
of the same advantage; the nature of its productions and of its wants,
furnishing the supplies and needing the returns of a commerce
immensely profitable and mutually beneficial, — give at an importance
in the sum of our national interests with which that of no other foreign
country can be compared, and little inferior to that which binds the
different members of this Union together, Such indeed are, between
the interests of that island and of this country, the geographical,
commercial, moral, and political relations, formed by nature, gathering
in the process of time, and even now verging to maturity, that, in
(ooking forward to the probable course of events for the short period
of half a century, it is scarcely possible to resist the conviction that
the annexation of Cuba to our federal republie will be indispensable
        <pb n="63" />
        64 —

„unnatürliche Verbindung“ aufrechtzuerhalten, bis ihnen der
Augenblick gekommen schien, dasselbe „Naturgesetz‘“ anzufechten.
 Man vergleiche diese Äußerungen mit dem, was
öffentlich mitgeteilt wurde und mit den für die spanisch-amerikanischen
 Republiken zurechtgemachten Instruktionen an die
Delegierten für Panamä.
So hatten die Vereinigten Staaten also ihre Zustimmung
zu allen wichtigen Punkten des Programms der ersten amerikanischen
 Versammlung abgelehnt. Die Diskussion über die
Botschaft von Adams in beiden Kammern dehnte sich sehr aus.
Die Regierung erfocht einen Scheinsieg durch den Beschluß
der Absendung von Gesandten, aber die Opposition siegte in
der -Praxis, indem sie den Beschluß verzögerte. Einer der
nordamerikanischen Delegierten, Anderson, verließ Bogotä
gegen Anfang Juni (der Kongreß versammelte sich am 22. Juni
1826), um sich nach Puerto Bello zu begeben, starb aber auf
dem Wege in Cartagena. Im Mai 1826 war man übereingekommen,
 die Reise des anderen Delegierten, Sergeant, bis
zum Herbst zu verschieben. Ohne Zweifel und um in etwas die
nordamerikanische Unhöflichkeit zu entschuldigen, erklärte
Clay in den ergänzenden Anweisungen an Sergeant und Poinsett
(Ersatzmann für Anderson), daß „die ehrgeizigen Projekte und
Vorschläge Bolivars die festen Hoffnungen zerstört hätten,
welche man einstens an die günstigen Ergebnisse des Kongresses
 der amerikanischen Nationen geknüpft hatte.7’°) Dem
Kongresse wohnten die Vertreter von Groß-Kolumbien, Mittelamerika,
 Perü und Mexiko bei. Zwei Delegierte nichtamerikanischer
 Regierungen nahmen an den Beratungen ohne
Stimme und Abstimmung teil: Van Veer, Holländer, und Dawkins,
 Engländer. Die Sitzungen von Panamä wurden am
15. Juli 1826 aufgehoben und eine nächste Versammlung in
Jacubaya, einem gesünderen Platze, vereinbart. Diese zweite
Versammlung fand nicht statt.

to the continuance and integrity of the Union itself. It is obvious,
however, that for this event we are not yet prepared.“ „... there
are laws of political as well as of physical gravitation, and if an apple,
severed by the tempest from its native tree, cannot choose but fall to
the ground, Cuba, forcibly disjoined from its own unnatural connection
with Spain, and incapable of self-support, can gravitate only toward
the North American Union, which, by the same law of nature, cannot
cast her off from its bosom.‘“ Chadwick, gen. Werk, 183.
75) „The intelligence which has reached us from many points as
to the ambitious projects and views of Bolivar, has abated the strong
hopes which were once entertained of the favorable results of the
Congress of the American nations.‘ Int. Am. Conf. IV, 152.
        <pb n="64" />
        55

Das Ergebnis der Beratungen von Panamä waren die
folgenden Vereinbarungen: ein Vertrag gemeinsamer Verbrüderung
 und eines ewigen Bündnisses, die Verabredung, in
Zukunft regelmäßige Versammlungen abzuhalten, Militärkonvention
 zur Verteidigung mit einer Zusatzklausel, verschiedene
 Erklärungen bezüglich früher zwischen einigen
Republiken geschlossener Verträge.’®) Wenn auch diese Vereinbarungen
 nicht gegenseitig und in ihrem ganzen Umfange
wegen der besonderen Umstände, in denen sich einige der vertragschließenden
 Staaten befanden, ratifiziert wurden, so wird
der Kongreß von Panamä doch dauernd in Erinnerung bleiben,
weil er „die erste internationale Friedenskonferenz gewesen
ist“77) und weil zum ersten Male in einer vielseitigen öffentlichen
 Urkunde der Grundsatz der Solidarität des amerikanischen
 Kontinents feierlich verkündet worden ist.
Die inneren Schwierigkeiten und die äußeren Konflikte
der spanisch-amerikanischen Republiken machten die unmittelbar
 auf den Kongreß von Panamä folgende Epoche sehr aufgeregt
 und unsicher. Trotzdem bestand das Gefühl der Solidarität
 weiter und gewann an Ausdehnung, wie es die Einladungen
 der mexikanischen Regierung von 1831, 1838, 1839
und 1840 beweisen, die bezweckten, die „amerikanischen
Nationen“ in einem neuen Kongresse zu vereinigen. Das vorzgeschlagene
 Programm wollte eine „Vereinigung und enges
Bündnis zwischen den neuen Staaten zur Verteidigung gegen
irgendeine fremde Invasion‘ schaffen, „die Vermittlung in
Streitfällen jeglicher Art“ annehmen und „ein Gesetzbuch des

78) Ebendaselbst, 112.
77) Alfred H. Fried. Pan-Amerika. Entwicklung, Umfang und
Bedeutung der pan-amerikanischen Bewegung (1810—1910). Berlin—
London-—New York, Maritima, 1910. 12. In dem Art. 11 des immerwährenden
 Bündnis- und Konföderationsvertrages zwischen den Republiken
 von Columbien, Zentralamerika, Peru und den Vereinigten
mexikanischen Staaten, unterzeichnet am 15. Juli 1826, wurde versinbart,
 daß jede der Republiken zwei Bevollmächtigte für eine
„Generalversammlung‘“ abordnete, die in periodischen Zwischenräumen
 zusammenkommen sollte. Der Art. 13 setzt die „Hauptpunkte
 [objetos principales] dieser Versammlung festi” einer vom
ihnen lautet: „Zu versuchen, die Versöhnung oder Vermittlung herzustellen
 in allen denjenigen Fragen, welche zwischen verbündeten
Nationen oder zwischen einer von ihnen mit einer anderen oder
anderen und mit fremden Ländern, die nicht zu dieser Allianz gehören,
 sobald die Gefahr eines Bruches bestehen oder es sich um
einen Krieg wegen Rechtsverletzungen, schwerer Beleidigungen oder
anderer Reklamationen handeln sollte.“ Int. Am. Conf, IV, 184 und ff.

5
        <pb n="65" />
        . 66

öffentlichen Rechts zur Regelung der Beziehungen zwischen
den Schwesterrepubliken“ verbreiten.?®)
Die Bemühungen der mexikanischen Regierung wurden
erst 1847 von Erfolg gekrönt, in welchem Jahre die Republiken
von Bolivien, Chile, Ecuador, Neu-Granada und Peru beschlossen,
 sich in Lima zu versammeln, „um ihre Unabhängigkeit,
 Oberhoheit, Würde und territoriale Unversehrtheit aufrechtzuerhalten
 und um Verträge zu Schließen, die für das
allgemeine Wohl geeignet wären“. Die übrigen amerikanischen
Republiken konnten sich an den Beratungen beteiligen oder
jederzeit den Ergebnissen beitreten. Die Arbeit des Kongresses
in Lima brachte einen Bündnisvertrag hervor, ferner einen
solchen für Handel und Schiffahrt, eine Konsularkonvention
und einen Postvertrag. Von allen diesen wurde nur die Konsularkonvention
 von der Regierung von Neu-Granada angenommen.??)

Die Vereinigten Staaten von Nordamerika blieben der
Solidaritätsbewegung fern, die in den spanisch-amerikanischen
Ländern Wurzel faßte. Es fehlte nicht an Gelegenheiten, bei
denen die Norm der internationalen Politik der Nordamerikaner
sich nach außen hin kundgab, und die Anwendung, welche die
Regierung der Vereinigten Staaten in Washington vom Monroismus
 machte. Als die argentinische Regierung wegen Ziel
und Tragweite der in der Botschaft von Monroe vom 22, Dezember
 1823 niedergelegten Erklärungen anfragte, zu einer
Zeit. wo Argentinien einen Angriff auf seine territoriale Unversehrtheit
 befürchtete, erwiderte der Staatssekretär Clay, daß
„die Erklärung als eine freiwillig gemachte anzusehen sei und
nicht als eine Verhindlichkeit oder Verpflichtung, deren Erfüllung
 fremde Nationen zu verlangen das Recht hätten“.?°)
Einen dieser Auffassung völlig entgegengesetzten Standpunkt
nahm der Präsident Roosevelt in seiner Botschaft vom
5. Dezember 1904 an, als es den Vereinigten Staaten gelegen
erschien.?!)
Ps waren Franzosen, welche die erste koloniale Niederlassung
 auf den Falklandsinseln gründeten, ohne daß der Protest
Spaniens die Lage veränderte. Im Jahre 1766 bemächtigte
78) Int. Am, Conf, IV, 202,
79) Ebenda, 203.
80) „...the declaration must be regarded as having been voluntarily
 made, and not as conveying any pledge or obligation, the performance
 of which foreign nations have a right to demand.“ Moore,
gen. Werk, 434.
81) Kraus, gen. Werk, 223 und ff,
        <pb n="66" />
        67

sich England der Inselgruppe. Spanien wieder vertrieb die
Engländer mit Gewalt und trat in den ununterbrochenen Besitz
der Inseln bis zum Jahre 1820 ein, in welchem sie Eigentum
von Argentinien wurden. Im Jahre 1833 nahm eine Marineabteilung
 der Engländer die Inseln fort und vertrieb die argentinischen
 Kolonisten aus ihren Grundbesitzen. Auf diese Be
setzung amerikanischen Gebietes von seiten einer fremden
Macht reagierte die nordamerikanische Regierung erst 53 Jahre
später durch eine Note an den argentinischen Minister in
Washington, in der sie sagte: „Da bei der effektiven Be-Setzung
 der Falklandsinseln England sich auf ein Recht bezog,
das früher durch seine Regierung behauptet und aufrechterhalten
 wurde, so erscheinen die Grundsätze der Monroedoktrin
 auf den vorliegenden Fall nicht anwendbar. Nach
dem Wortlaut dieses Grundsatzes der internationalen Politik
wurde ausdrücklich die rückwirkende Kraft ausgeschlossen.“
 82)
in dem Vertrag von Münster, der 1648 die Unabhängigkeit
 der Niederlande anerkannte, wurden die Besitzungen
Spaniens und Hollands in Amerika getrennt und als (Grenze
zwischen den beiden der Lauf des Flusses Esequibo festgesetzt.
Es ist selbstverständlich, daß, als Holland an England jene
Kolonie durch den Vertrag von Utrecht abtrat, dies nur in dem
Maße und mit den Rechten geschehen konnte, welche dem
Abtretenden zustanden. Die englischen Kolonisten dagegen
überschritten den Fluß und errichteten zahlreiche Faktoreien
auf dem andern Ufer, die sich später wie ein Ölfleck ausbreiteten.
 Seit 1822 nahm Kolumbien gegen den Mißbrauch
Englands Stellung. Dem Bevollmächtigten bei der englischen
Regierung teilte der Sekretär des Auswärtigen in seinen Anweisungen
 mit: „Es sei mir erlaubt, Ihre Aufmerksamkeit ganz
besonders auf den Artikel 2 des Vertragsobjekts bezüglich
der Grenzen zu lenken. Die Engländer besitzen heute Holländisch-Guyana
 und sind dadurch unsere Nachbarn. Sehen Sie
Zu, SO genau es irgend möglich ist, die Teilungslinie zwischen
dem einen und dem anderen Gebiete laut den letzten Verträgen

82) „As the resumption of actual occupation of the Falkland
Islands by Great Britain in 1833 took place under a claim of title
Which had been previvusly asserted and maintained by that Government,
 it is not seen that the Monroe doctrine, which has been invoked
On the part of the Argentine Republic, has any application to the case,
By the terms in which that principle of international conduct was
annouNCEd, it was expressiy excluded from retroactive operation.“
Moore, gen. Werk, 435.
        <pb n="67" />
        Io

zwischen Spanien und Holland festzulegen. Die Kolonisten
von Demerara und Berbice haben einen großen Teil von Ländereien
 auf der Seite des Flusses Esequibo in Besitz genommen,
 die, nach den Verträgen, uns gehören. Es ist unerläßlich,
daß die genannten Kolonisten entweder sich unter unsere Oberhoheit
 und den Schutz unserer Gesetze begeben, oder daß sie sich
auf ihre früheren Besitzungen zurückziehen.“ Trotz dieser
deutlichen Unzulässigkeit der englischen Kolonisation taten die
Vereinigten Staaten nichts, um den monroistischen Grundsatz
aufrechtzuerhalten, bis zum Ende des 19. J ahrhunderts, wo sie
ihren Einfluß aufboten, um die Frage durch Schiedsgericht zu
lösen.
Während der Kongreß von Lima tagte, führten die Vereinigten
 Staaten mit Mexiko Krieg und annektierten bei Friedensschluß
 große Gebiete. Ihr Vorgehen verursachte nicht
wenig Besorgnis und Mißtrauen in den spanisch-amerikanischen
Republiken. Diese sahen mit Beunruhigung den energischen
Vorstoß der nordamerikanischen Republik, die systematischen
Gebietserweiterungen und ihre Zurückhaltung gegenüber den
übrigen kontinentalen Ländern. Peru, Chile und Ecuador
unterzeichneten am 15. September 1856 in der Stadt Santiago
den „continentalen Vertrag“, in dem sie sich ihre Unabhängigkeit
 und Unversehrtheit gegenseitig verbürgten, und beschlossen,
 die Bande des gemeinsamen Ursprungs und der
ähnlichen Verfassungen, die sie besaßen, enger zu knüpfen,
Die Vereinigten Staaten, gegen welche die neue Bewegung
gerichtet war, hielten sich fortgesetzt von der spanisch-amerikanischen
 Initiative fern.
Am 11. Januar 1864 versandte die Regierung von Peru
ein Rundschreiben zur Einladung für einen in Lima abzuhaltenden
 Kongreß, um eine latino-amerikanische Vereinigung
(Union Latino-Americana) zu gründen und in „einer Familie“
die verschiedenen früheren spanischen Kolonien’ zusammenzufassen.
 Dem Kongreß wohnten, vertreten durch ihre Bevollmächtigten,
 Bolivien, Chile, Ecuador, Kolumbien, Guatemala,
Peru, Argentinien und Venezuela bei. Die Ergebnisse der Beratungen
 wurden geheimgehalten.
Unterdessen hatten andere Ereignisse stattgefunden,
welche dazu beitrugen, den praktischen Wert des Monroismus
zu beleuchten. Im Jahre 1844 blockierten England und Frankreich
 die argentinischen Küsten zur Unterstützung eines an sie
von Brasilien gerichteten Hilferufs und nahmen verschiedene
Schiffe weg. Gegenüber dieser Einmischung in rein amerikanische
 Angelegenheiten beschränkte sich die nordameri-
        <pb n="68" />
        50

kanische Regierung darauf, dem Minister von Buenos Aires
den Wunsch eines Erfolges der Republik Argentinien gegen
die fremde Einmischung zu übermitteln,
In den Jahren 1842—1844 blockierte England, indem es
sich auf die seit der Kolonisationsepoche an der Küste von
Nicaragua gegründeten Niederlassungen stützte, Zentral-Amerika
 und bereitete sich vor, ein Protektorat über die Mosquito-Indianer
 zu errichten, indem es sich der Stadt San Juan
del Norte bemächtigte. Im Jahre 1852 besetzte es die Bay-Inseln,
 indem es behauptete, daß diese ein von seiner Kolonie
Honduras abhängiger Teil seien. In dieselbe Zeit fällt der
Vertrag Clayton-Bulwer, durch den die Vereinigten Staaten
und England die Neutralität des Kanals von Panamä garantierten.
 In einem in der englischen Ratifikation ausgedrückten
Vorbehalt wurde der britische Besitz der Niederlassungen
an der Küste und den angrenzenden Landstrichen anerkannt.
Es ist jedoch wahr, daß die Botschaft Polks vom 2. Dezember
 1845 die Wirkungen des Monroismus besonders auf den
nordamerikanischen Kontinent zu begrenzen schien,
Die Vereinigten Staaten intervenierten 1850—1851 zusammen
 mit England und Frankreich auf Santo Domingo und
widersprachen ihrem jegliche fremde Einmischung in Amerika
ablehnenden Grundsatz, den sie dagegen in den Jahren 1871
und 1886 wiederum hervorholten.®) Bei der Wiederbesetzung
Santo Domingos durch Spanien infolge einer Übereinkunft mit
dem Präsidenten Santana blieben die Vereinigten Staaten untätig.
 In dem darauf im Jahre 1861 ausbrechenden Kampfe
zwischen den spanischen Behörden und den rebellischen Vorkämpfern
 der Unabhängigkeit erklärten die Vereinigten
Staaten ihre Neutralität.®*)
{m Jahre 1862 ersuchten sie die französische und die englische
Regierung, in Neu-Granada zu intervenieren. Infolge solchen
offenbaren Widerspruchs gegen die Erklärungen Monroes protestierte
 Mexiko durch seinen Minister in Washington in einer
Note, die folgendes besagte: „Die mexikanische Regierung,
welche stets als unerläßliches Rüstzeug für den Schutz der Unabhängigkeit
 und das Selbstbestimmungsrecht der amerikanischen
 Nationen die Zurückweisung der Einmischung der
europäischen Mächte in ihre inneren Angelegenheiten angesehen
 hat und die, um diesen Grundsatz unangetastet zu erhalten,
 sich jetzt in einen furchtbaren Krieg mit einer der

83) Moore, gen. Werk, 532.
84) Ebenda, 517.
        <pb n="69" />
        10

mächtigsten und kriegerischsten Nationen Europas [Frankreich]
 verwickelt sieht, kann nicht mit Gleichgültigkeit die in
anderen Teilen des amerikanischen Kontinents sich abspielenden
Ereignisse ansehen, aus denen früher oder später eine euro-Dpäische
 Intervention in diesen Ländern hervorgehen mag.“
Der Staatssekretär Leward antwortete am 20. März 1863:
„Die Vereinigten Staaten sind nicht gewillt, über die allgemeine
Ansicht der mexikanischen Regierung betreffs fremder Einmischungen
 in die politischen Angelegenheiten der amerikanischen
 Staaten dieses Kontinents zu streiten; sie gestehen im
Gegenteil ganz offen ihre Geneigtheit mit dieser Ansicht in der
von Herrn Romero (mexihanischer Minister in Washington)
mitgeteilten Form. Trotzdem hält der Unterzeichnete sich
für verpflichtet, sein Bedauern darüber auszudrücken, daß
ein zweifellos unbeabsichtigter Irrtum über den Charakter der
angeführten Korrespondenz die mexikanische Regierung die
Absendung ihrer Mitteilung hat notwendig „erscheinen
lassen.‘“865)
{m Jahre 1875 schlugen die Vereinigten Staaten europäischen
 Mächten eine Intervention zur Wiederherstellung des
Friedens auf Kuba vor.
Durch den Vertrag vom 10. August 1877 trat Schweden die
Insel! Saint Barthe&amp;amp;lemy an Frankreich ab. Die nordamerikanische
 Regierung protestierte nicht gegen diese Übertragung
der Oberhoheit, obzleich sie der Erklärung Monroes widersprach.

Man kann den Yankees in der Tat keine übertriebene Logik
in ihrer Monroe-Politik vorwerfen. In den Jahren 1850, 1862
und 1875 schlugen sie eine gemeinsame Intervention vor und
verwirklichten sie teilweise, in den Jahren 1871 und 1886
wiesen sie sie betreffs Venezuelas zurück.
In einer mit Neu-Granada am 12. Dezember 1846 abgeschlossenen
 Vereinbarung kamen sie überein, „die Rechte
der Oberhoheit und des Eigentums, welche Neu-Granada auf

85) „While the United States not only have no disposition to
controvert the general views of the government of Mexico in regard
to foreign intervention in the political affairs of the American states
on this continent, but freely confess their sympathy with these views,
as they are communicated by Mr. Romero, the undersigned, neverlheless,
 feels obliged to express his regret-that a misaprehension,
doubtless unintentional, of the character of the correspondence
referred to, has seemed to the Mexican Government to render it
necessary to direct that communication to be made.“ Kraus, gen,
Werk, 292, ;
        <pb n="70" />
        71

das Gebiet (der Kanal von Panamä) besitzt, zu garantieren.....“
 Am 3. November 1903 setzten sie die Revolution
der kolumbianischen Provinz Panamä in Szene, am Tage
darauf erklärte die Provinz ihre Unabhängigkeit, am 14. November
 wurde die neue Republik von den Vereinigten Staaten
anerkannt und am 18. November schloß man den Vertrag von
Hay-Varilla, durch den die Yankees in der Kanalzone das Recht
der ausschließlichen Oberhoheit über einen Streifen von
fünf Meilen auf jeder Seite des Kanals erwarben unter
Ausschluß von Colon und Panamä, aber mit Einschluß der
Inseln Perico, Naos, Culebra und Flamenco; dieses alles für
den Preis von zehn Millionen Dollars und einer jährlichen Abgabe
 von 250000 Dollars, zahlbar nach Beginn des neunten
Jahres nach der: nordamerikanischen Besitzergreifung. Das
nordamerikanische Parlament tat, als ob es zitterte, aber umsonst.
 „Ich bemächtigte mich der Kanalzone,“ schrieb später
Roosevelt, „und überließ dem Kongreß, darüber zu diskutieren,
Die Diskussion ging vorwärts und der Kanal auch.“ Buneau
Varilla, der spiritus rector des nordamerikanischen Präsidenten,
teilt uns seine Hoffnungen mit: „Eine revolutionäre Bewegung
in Panamä, welche glücklich enden wird, würde notwendigerweise
 den Kurs der Aktien der neuen Kanalgesellschaft auf das
Dreifache erhöhen.“8®)
{m Jahre 1826, als sie „noch nicht vorbereitet waren“,
Kuba zu annektieren, widersetzten sie sich nach Möglichkeit
der Sklavenemanzipation der Insel und der Unabhängigkeit der
„Perle der Antillen‘. Im Jahre 1858, ohne Zweifel, weil sie
anfingen, „genügend vorbereitet zu sein“, erklärte der Präsident
 Buchanan in seiner Botschaft vom 6. Dezember, daß der
koloniale Zustand der Insel „eine fortwährende Quelle der
Schädigung und Belästigung für das nordamerikanische Volk“
sei, und daß sie „der einzige Punkt in der zivilisierten Welt
ist, wo man noch den Handel mit afrikanischen Sklaven
duldet‘.87)
Aber das waren nicht die einzigen Widersprüche und
Hinterhältigkeiten, welche sie betreffs Kubas begingen. Im
Jahre 1898, beim Abschluß der Reihe von Ruchlosigkeiten
zum Schaden Spaniens und derselben Insel. wobei ein Teil des

86) Carlos Pereyra. El mito de Monroe. Madrid, Editorial
America, 0. y. 321.
87) „The truth is, that Cuba, in its existing colonial condition,
is a constant source of injury and annoyance to the American people.
It is the only spot in the civilized world where the African slave
trade is tolerated.““ Moore, gen. Werk, 455,
        <pb n="71" />
        72

Kongresses dem Beschluß beistimmte, der den Krieg mit
Spanien bedeutete, erklärten die Vereinigten Staaten, „daß das
Volk der Insel Kuba frei und unabhängig sei und von Rechts
wegen sein müßte“, und verpflichteten sich, auf der Insel
„keine Oberhoheitsrechte, Gerichtsbarkeit oder Oberaufsicht“
ausüben zu wollen, indem sie „ihren Bewohnern Regierung und
Oberaufsicht“ überließen.®) Zwei Jahre später drückten sie
die Annahme der „Zusatzklausel Platt“ durch, wonach die
{nsel unter eine Art Protektorat gestellt wurde. Die Zusatzklausel
 enthält unter anderem die folgenden Paragraphen:
{II. Daß die Regierung von Kuba einwillige mit dem
Recht der Intervention der Vereinigten Staaten zum
Zwecke der Erhaltung seiner Unabhängigkeit, der Aufrechterhaltung
 einer zum Schutze des Lebens und Eigentums und
der individuellen Freiheit geeigneten Regierung und zur Erfüllung
 der den Vereinigten Staaten betreffs Kubas durch den
Vertrag von Paris auferlegten Verpflichtungen, die zu Lasten
der Regierung von Kuba gehen sollten.
I{V. Daß alle die Handlungen der Vereinigten Staaten auf
Kuba während der militärischen Besetzung der Insel ratifiziert
und als gültig angesehen werden, und daß alle während dieser
Zeit erworbenen legitimen Rechte aufrechtzuerhalten und zu
beschützen seien. ”
VI. Daß die Isla de Pinos in den vorgeschlagenen verfassungsmäßigen
 Grenzen Kubas ausgeschlossen und ihre Bestimmung
 einem späteren Vertrage vorbehalten werden soll.
VII. Daß, um den Vereinigten Staaten die Erhaltung
Kubas zum Schutze seines Volkes zu erleichtern sowie zu
seiner eigenen Verteidigung, die Regierung von Kuba den Vereinigten
 Staaten die für Kohlenstationen und maritime Stützpunkte
 nötigen Ländereien an bestimmten Punkten verkaufen
oder vermieten solle nach einer mit dem Präsidenten der Vereinigten
 Staaten zu treffenden Übereinkunft.
VIII. Daß die Regierung von Kuba sicherheitshalber und
für die Zukunft die vorhergehenden Abmachungen in einem

88) „Resolved, by the Senate and House of Representatives of
the United States of America in Congress assembled: First. That the
people of the island of Cuba are, and of right ought to be, free and
independent. ... Fourth. That the United States hereby disclaims
any disposition or intention to exercise sovereignty, jurisdiction, Or
control over said island except for the pacification thereof, and asserts.
its determination when that is accomplished to leave the government
and control of the island to its people.“ Der Beschluß wurde am
19. April 1898 angenommen. Chadwick, gen. Werk, 584,
        <pb n="72" />
        immerwährenden Vertrage mit den Vereinigten Staaten niederlegen
 solle.®?)
Seit 1864 bis 1889 gewann der Solidaritätsgedanke in
Lateinamerika ständig an Boden. Im Jahre 1877 versammelte
 sich in Lima eine Konferenz, um „einige Zweige des
Privatrechtes in Lateinamerika zu vereinheitlichen‘“, indem
man eine Übereinkunft bezüglich der internationalen Gesetzgebung
 des Privatrechtes und einen Auslieferungsvertrag unterschrieb.
 Im Jahre 1880 unterzeichnete man den Schiedsvertrag
zwischen Kolumbien und Chile, dem später andere Republiken
beitraten. Das Jahr darauf sollte in Panamä ein anderer Kongreß
 stattfinden, zu dem Kolumbien alle spanischamerikanischen
 Republiken einlud und ‚dessen Zweck sein sollte, den
Grundsatz der Schiedsgerichtsbarkeit, wie er in dem am 3. September
 1880 unterzeichneten Vertrage zwischen Chile und
Kolumbien enthalten war, zu verbreiten. Der Krieg zwischen
Chile und seinen nördlichen Nachbarn verhinderte die Versammlung.

Von August 1888 bis Februar 1889 war in Montevideo ein
juristischer Kongreß versammelt, der den Namen der Hauptstadt,
 in der er stattfand, trägt. Es wohnten ihm Bevollmächtigte
 von Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, Paraguay,

89) „IM. Que el gobierno de Cuba consienta en que los Estados
Unidos puedan eijercer el derecho de intervenciön para la conservaciön
 de la independencia de Cuba, el mantenimiento de un gobierno
adecuado para Ja protecciön de la vida, de la propiedad y de la
libertad individual, y para el cumplimiento de las obligaciones que
impone a los Estados Unidos, respecto de Cuba, el tratado de Paris,
obligaciones que deben quedar a cargo del gobierno de Cuba, |
IV. Que todos los actos de los Estados Unidos en Cuba durante
la ocupaciön militar del pais, queden ratificados y revalidados, y que
todos los derechos legitimos que se hayan adquirido en ese tiempo
sean mantenidos y protegidos,
VI. Que la isla de Pinos se omita en los propuestos limites
constitucionales de Cuba, quedando su titulo suieto a fiuturo arreglo
por tratado.
VIL Que a fin de facilitar a los Estados Unidos el mantenimiento
de la Isla de Cuba para proteger a su pueblo, asi como para su
propia defensa, el gobierno de Cuba venderä Oo arrendarä a los
Estados Unidos las tierras necesarias para estaciones carboneras 0
navales en ciertos puntos especificados, segün acuerdo que se celebrarä
 con el presidente de los Estados Unidos.
VIH. Que por via de seguridad para lo futuro, el gobierno de
Cuba incluya las estipulaciones anteriores en un tratado permanente
con los Estados Unidos.‘ Carlos Pereyra, gen. Werk, 304.
        <pb n="73" />
        — 74

Peru und Uruguay bei, und es kamen auf ihm verschiedene
wichtige Verträge zustande, von denen einige ratifiziert
wurden.

Gewiß erreichten die hauptsächlichsten spanischamerikanischen
 Anstrengungen nicht gesetzkräftige OGestalt,
dank den Politischen Umständen, unter denen sie sich
entwickelten. Aber nicht weniger gewiß ist, daß die wiederholte
 feierliche Betonung der Grundsätze der Solidarität,
der Friedensabsichten und der Empfehlung von Schieds»
gerichten die Überlieferung der Revolutionen für die Unab«
hängigkeit lebendig erhielten und die spanischamerikanischen
Staaten zu eifrigen Wächtern des kontinentalen Gedankens
machte. ®°)
Die kurz skizzierten Episoden — und es sind nicht alle,
welche die außerordentliche Dehnbarkeit der Monroedoktrin
bezeugen — müssen an die Seite von anderen gestellt
werden, in denen die Vereinigten Staaten mit mehr
oder weniger Tatkraft vorgingen, um europäische Unternehmungen
 auf dem amerikanischen Kontinent zu ver.
hindern. Diese doppelte Ansicht des Monroismus ist
von verschiedenen spanischamerikanischen Staatsmännern
betrachtet und beleuchtet worden, welche zwischen der
sogenannten Anwendung des Monroismus im amerikanischen
 Sinne und derselben zum Besten einer kontinentalen
Vorherrschaft der Vereinigten Staaten unterscheiden. Der
Unterschied beschränkt sich auf seine genauen Grenzen, wenn
man den Satz aufstellt, daß die Vereinigten Staaten bezüglich
der anderen amerikanischen Länder nach den Geboten ihrer
„Ehre“ und ihres „Vorteils“ handelten, wobei zu bemerken ist,
daß der erste Punkt sich im zweiten enthalten erwiesen hat.
Solche Auffassung ist vernünftigerweise nicht als ein Vorwurf
für die Vereinigten Staaten zu betrachten. Es scheint ein
Postulat der Politik der großen Mächte zu sein, ihre Taten
ausschließlich von ihrem Vorteil beeinflussen zu lassen, unter
gänzlicher Außerachtlassung ethischer Rücksichten. Vielleicht
ist die Größe der Macht die Gegenfüßlerin der Skrupel und unmöglich
 ohne eine starke Dosis von Egoismus. Dieses bekannte
 auch Bismarck, dem wir in diesen Fragen Sachkenntnis
zuerkennen müssen; man muß die Dinge nur bei ihrem Namen
nennen,

90) Hans Wehberg, Die panamerikanische Bewegung. M.-Gladbach,
 Volksvereins-Verlag, 1914. 7,
        <pb n="74" />
        {u

Während die spanischamerikanischen Republiken unter
den Folgen der mangelhaften Kolonialherrschaft litten, die sich
in Unvorbereitetheit und Zerfahrenheit bei der Leitung der
öffentlichen Angelegenheiten zeigte, was sie die kostbarsten
Kräfte zur Organisierung der enormen Kräftequellen verlieren
ließ, die sonst auf das beste zum Heile des Friedens und des
Fortschritts angewandt worden wären, hatten die Vereinigten
Staaten das Glück, ihren Triumphzug zu ihrer Vergrößerung
chne Aufhalten fortzusetzen, einen Triumphzug, wie ihn die
Geschichte noch niemals gesehen hat. Die Beschreibung ihrer
Entwicklung ist ein dauerndes Schauspiel von OGebietserwerbungen.

Der Frieden von Paris im Jahre 1763 hatte eine englischamerikanische
 Kolonie vorgefunden, welche im Osten vom
Meer, im Westen vom Alleghaniegebirge, im Norden vom
St.-Lorenz-Strom und im Süden von der Mississippimündung
begrenzt war. Das Ganze wurde im Halbkreis vom Lande
aus von den französischen Niederlassungen umgeben. Aber
im Frieden von Paris, der den ersten, aus dem Familienpakt
entstandenen Krieg beendete, wurden an England die französischen
 Kolonien Nordamerikas und zu gleicher Zeit Florida
abgetreten, das später an Spanien zurückgegeben wurde. Eine
gewisse aggressive Neigung der Anglo-Amerikaner zeigte sich
schon während der Kolonialepoche in den Angriffen jener gegen
die Franzosen; wir erinnern nur an den Einbruch der Truppen
in Virginien unter dem Befehle von George Washington, der
damals 23 Jahre zählte, der mit dem Angriff und der Eroberung
der Festung Duquesne im Jahre 1754 endete, und an den verunglückten
 Einmarsch in Kanada im Jahre 1774. In dem Vertrag
 mit Spanien vom 27. Oktober 1795 konstatierte man ausdrücklich,
 daß das schon unabhängige Gebiet in keinem Teile
an den mexikanischen Golf grenze; als südliche Grenze wurde
der 31. Grad nördlicher Breite und etwas weiter südlich am
See von Chattahoo, d. h. die nördliche Grenze der jetzigen
Staaten Louisiana und Florida, festgesetzt; der Vertrag gab
den Yankees das Recht, Faktoreien in Neuorleans zu errichten,
 eine Erlaubnis, die später auf drei Jahre verlängert
wurde, Vor Beendigung dieses Zeitraums trat Spanien an
Frankreich Louisiana ab mit der Bedingung, daß dieses Land
nicht ohne das Einverständnis der Regierung in Madrid an
einen anderen Staat abgetreten werden könnte. Bei seiner
gewohnten Skrupellosigkeit verkaufte Napoleon das reiche Gebiet
 für 60 Millionen Franken und 20 Millionen Schulden an die
Vereinigten Staaten. Es handelte sich um 2326 000 Quadrat-
        <pb n="75" />
        16

kilometer, welche heute 13 Staaten der Union bilden. Einer
der Unterhändler war James Monroe. Der Vertrag von 1795
ließ keinen Zweifel über die Grenze zwischen den Vereinigten
Staaten und Spanien. In den späteren Jahren ließen sich zahlreiche
 nordamerikanische Kolonisten jenseits des 31. Grades
nieder, und am 26. September 1810 erklärten sich diese unabhängig
 von Spanien. Es war die Zeit, wo es gegen die ruchlose
 Gewalt Napoleons kämpfte. Der Präsident Maddison
erließ ein Manifest, worin er das fragliche Gebiet für Eigentum
der Vereinigten Staaten erklärte, dem im Jahre 1819 durch
Ankauf für 6500000 Dollars Florida hinzugefügt wurde, im
ganzen 180000 Quadratkilometer. Und schon grenzten die
Vereinigten Staaten an den Golf von Mexiko. Im selben Jahre,
1819, verzichtete Spanien zugunsten der Vereinigten Staaten
auf alle Rechte an der Küste des Stillen Ozeans weiter hinauf
vom 42, Breitengrade. Rußland betonte von 1821 seine Rechte
auf die Gebiete und Meere bis zum 51. Breitengrad; drei Jahre
später erreichten die Nordamerikaner die Grenze 54° 40‘, die
südliche Linie des jetzigen Alaskas. Die Grenze von Kanada,
auf den 49. Breitengrad festgelegt, wurde im Vertrage von
Obregon am 15. Juni 1846 bestimmt, so daß die Union eine Vergrößerung
 von 745000 Quadratkilometern erzielte. Am
25. Februar 1845 votierte der Kongreß die Angliederung von
Texas, über eine Million Quadratkilometer. Nach der Annexion
 von Texas befahl der Präsident Polk die Besetzung
von Kalifornien, Mexiko leistete Widerstand, und die Vereinigten
 Staaten schreckten nicht vor einem Kriege zurück;
der Vertrag von Guadalupe Hidalgo fügte Nordamerika
1389000 Quadratkilometer gegen Zahlung von 15 Millionen
Dollars und 2 500 000 Dollars Schulden hinzu. Am 30. Dezember
1853 wurde ein anderer Vertrag über Grenzberichtigung geschlossen,
 der den Vereinigten Staaten auf Kosten Mexikos
gine weitere Vermehrung von 121 000 Quadratkilometern gegen
eine Vergütung von 10 Millionen Dollars einbrachte. Während
zweier Generationen hatten die Vereinigten Staaten ihr Gebiet
um mehr als das Doppelte vermehrt, fast um 5 Millionen
Quadratkilometer, gleich ungefähr der Hälfte Europas. Im
Jahre 1867 kauften sie für 7200000 Dollars Alaska und die
Al&amp;amp;uten; 1 500 000 Quadratkilometer. Mit Alaska erwarben die
Vereinigten Staaten eine beherrschende Stellung am Stillen
Ozean. Wir zählen nicht die Erwerbungen in den letzten Jahrzehnten
 des 19. Jahrhunderts und in dem jetzigen auf, um uns
in unserer Aufstellung auf den Zeitraum zu beschränken,
welcher mit der ersten panamerikanischen Konferenz endet.
        <pb n="76" />
        77

Am 4. März 1881 übernahm James Garfield die Präsidentschaft
 der Vereinigten Staaten, der zu seinem Staatssekretär
James G. Blaine ernannte. Die Zurückhaltung, in der sich die
Union mit Bezug auf die iberoamerikanischen Staaten gehalten
 hatte, erschien ihm ein großer Fehler. Dank dieser
[solierung überließen die Vereinigten Staaten den europäischen
Mächten die Vorteile „eines geschäftlichen Reiches, welches
ihnen [den Vereinigten Staaten] von Rechts wegen gehört“,
Er versuchte daher die Richtung der Politik zu ändern. Der
größere Teil der iberoamerikanischen Republiken war schon
kräftig genug, um Seine Unversehrtheit und Unabhängigkeit
gegen irgendwelchen außerkontinentalen Angriff zu behaupten,
und die übrigen schienen so fest entschlossen, ihre Freiheit und
Oberhoheit zu bewahren, daß es keiner europäischen Macht in
den Sinn kommen konnte, gegen sie eine, auf alle Fälle kostspielige
 und in ihren Resultaten höchst zweifelhafte Operation
zu unternehmen. Eine Annäherung schien ungefährlich zu
sein. Blaine hielt es nicht für richtig, als Hauptzweck der von
den Vereinigten Staaten beabsichtigten Propaganda die geschäftlichen
 und politischen Interessen hinzustellen, um den
Argwohn, den die südamerikanischen Republiken gegen die
Vereinigten Staaten hegten, nicht noch zu vermehren. Er benutzte,
 um sich die Sympathie jener Staaten zu sichern, ein
Mittel, das, wie er glaubte, unfehlbar sein würde, Angesichts
der Strömungen zugunsten des Friedens und der Schiedsgerichtsbarkeit,
 die in allen von den Spanischamerikanern abgehaltenen
 Kongressen und Konferenzen immer wieder hervorgehoben
 waren, war er ihres Beifalls sicher, als er am 29. November
 1881 einen Kongreß zum 24. November 1882 nach
Washington zusammenberief mit dem einzigen und ausschließlichen
 Zweck, „die Mittel zu überlegen, um einen Krieg
zwischen den Nationen Amerikas zu vermeiden“. Antworten
von Argentinien, Pern, Chile und Kolumbien auf das amerikanische
 Rundschreiben sind nicht veröffentlicht worden. Der
Kongreß konnte nicht stattlinden, weil der Krieg am Stillen
Ozean zur Zeit der beabsichtigten Versammlung noch nicht
beendet war.
Bei alledem drängte die Lage der Vereinigten Staaten
zu einem engeren Anschluß an die übrigen Republiken des
Kontinents. Bis dahin hatte die Union fast ausschließlich ihre
Tätigkeit auf die Vergrößerung ihres Gebietes und auf die
Ausbeutung seiner Reichtümer gerichtet. Die ersten Märkte
suchte man in Asien, wo Commodore Perry ein halbes Jahrhundert
 früher Japan gezwungen hatte, den fremden Kaufleuten
        <pb n="77" />
        75 —

die Tür zu öffnen. Die unermeßlich große Bevölkerung jener
Landstriche versprach unerschöpfliche Reichtümer. Aber schon
nach wenigen Jahren setzte mit staunenswerter Schnelligkeit
die bewunderungswürdige Umwälzung in Japan ein. Der englische
 Wettbewerb war außerdem in jenen Plätzen zu fürchten
und wegen der Kolonien, welche England in dem Indischen und
südlichen Stillen Ozean verstreut besaß, schwer zu besiegen,
Es war natürlich, daß der kaufmännische Instinkt der Yankees
seine Blicke auf die Länder des eigenen Kontinents warf. Und
welch trostloses Schauspiel! Der Gesamthandel der iberoamerikanischen
 Länder, für das am 30. Juni 1883 endende Jahr
belief sich auf 752 918 000 Dollars, und die Vereinigten Staaten
hatten daran nur einen Anteil von 142 282 000 Dollars. Hier begreift
 man die Rührung der Yankees, als sie jene Gebiete von
„fast 8 Millionen Quadratmeilen betrachteten, deren Ausbeutung
kaum nennenswerte Anfänge gezeitigt hatte und deren Erzeugungsmöglichkeiten
 an Erzen und landwirtschaftlichen Produkten
 auch nicht annähernd geschätzt werden kann“,
Traurige Wirklichkeit! Mehr als die Hälfte der Geschäfte
machten diese Staaten mit England und weniger als den fünften
Teil mit der Union. Sogar das zu Stein gewordene Herz des
Staatssekretärs Fredlinghuysen bebte vor Rührung. Nicht, daß
er bereit gewesen wäre, „den Schutz und Schirm der Vereinigten
 Staaten im Falle eines Angriffs“ zu gewähren, ebensowenig
 wie „eine materielle Hilfe bei der Konstruktion von
Eisenbahnen und andern öffentlichen Werken“ zu leisten, noch
weniger aber, daB er bereit war, an einer Konferenz teilzunehmen,
 auf der „der kleinste Staat eine den der Vereinigten
Staaten gleichwertige Stimme gehabt hätte“. Nichts davon!
„Der wirkliche Plan war der, mit den Staaten Mittel- und
Südamerikas eine Reihe von gegenseitigen Verträgen abzu-Schließen,
 laut denen ihre Manufakturwaren und, soweit wie
möglich, auch ihre Produkte, welche in Wettbewerb mit
unseren Manufakturwaren und unseren Produkten treten
könnten, nicht zollfrei zugelassen würden.“ Das beste würde
sein, die Zölle für Zucker und Kaffee herabzusetzen, wodurch
„wir diese Erzeugnisse für unser Volk verbilligen würden,
indem wir zu gleicher Zeit jene Märkte für die Erzeugnisse
unserer Felder und unserer Fabriken beherrschten‘.®1) Diese

91) „.....it is probable that the other States, certainly the
smaller and less powerful among them, would desire a treaty of
alliance, requiring of the United States protection and defense in case
of attack, not only by European powers. but by their more powerful
heighbors on this continent. Material aid also in the construction of
        <pb n="78" />
        19 —

und ähnliche Raisonnements hatten offenbar eine größere Anziehungskraft
 als alle früheren Betrachtungen, welche dem
Geist der Spanischamerikaner entsprungen waren, und am
10. Mai 1888 ging der Beschluß durch, der die erste panamerikanische
 Konferenz in Washington autorisierte, ein Projekt,
das ohne die Zustimmung des Präsidenten der Republik Gesetz
wurde. In der Einladung, die herumgesandt wurde, bildeten
die Spitze der Tagesordnung der internationalen Konferenz die
Beratung „über die getroffenen Maßnahmen, um den Frieden
der amerikanischen Staaten zu erhalten und ihre gedeihliche
Entwicklung zu fördern“, und sodann verschiedene Gegenstände
 von eminent praktischer Bedeutung, welche in erster
Linie den Interessen der Vereinigten Staaten entsprachen und
in der Tat die geeignetste Materie bildeten, welche der Zustimmung
 und Beschlußfassung der Länder der Neuen Welt
unterstellt werden konnte. In der Begrüßungsrede konnte der
ehrenwerte Herr Blaine, wiederum Staatssekretär unter der
Präsidentschaft Harrisons, keinen historischen Präzedenzfall
anführen, der die Einladung der Vereinigten Staaten und die
Versammlung der Konferenz in Washington rechtfertigte. Seine
Worte nahmen Bezug auf die Zukunft; von der Gegenwart
ınd der Vergangenheit konnte er nur erwähnen: „Der Gebietsumfang
 der hier vertretenen Nationen erreicht beinahe
12 Millionen Quadratmeilen, ein Gebiet, dreimal so groß wie
die Oberfläche Europas und nur etwas weniger als ein Viertel
der Erde, während es an Erzeugungsmöglichkeit von für das
menschliche Leben und dessen Bequemlichkeit bedeutsamen

their railroads and other similar public works would be expected,
neither of which propositions could be entertained by us. In the
Conference the smallest State would have a voice equal to that of
the United States, and while we need not necessarily be bound by
the conclusions reached, it would weaken rather than strengthen our
influence with these countries if we should feel forced to reiject
measures adopted by the Conference.“ „The true plan, it seems to
me, is to make a series of reciprocity treaties with the States of
Central and South America, taking care that those manufactures, and
as far is practicable those products, which would come into compe-Htion
 with our own manufactures and products should not be admitted
to the free list.“ „If we confine the reduction of duties on Such
articles as sugar and coffee to those Spanish-American countries
which are willing to negotiate with us treaties of reciprocity we
cheapen these products for our own people and at the same time,
gain the control of those markets for the products of our fields and
jactories.“ „Mr. Frelinghuysen’s Project.“ Int. Am. Conf. IV, 300
und ff.
        <pb n="79" />
        80

Waren im Verhältnis über die Produktion der ganzen Welt
hinausragt. Diese großen Besitzungen ernähren heute eine
Bevölkerung von 120 000 000 Menschen, welche, wenn die Gebiete
 so dicht bevölkert wären wie Europa, eine Totalsumme
von 1000 000 000 Menschen erreichen würde.“
Die Sache ist die, daß er nicht verbergen konnte, daß der Panamerikanismus.
 so, wie ihn die Vereinigten Staaten verstehen
und anwenden, nichts anderes ist als eine Verschleierung des
Monroismus, der seinerseits, wie natürlich, nichts anderes vorstellte
 als den Ausdruck eines Grundsatzes, der ausschließlich
von dem eigensten nordamerikanischen Interesse diktiert war.
Ein berühmter Landsmann der Monroe, Polk und Roosevelt
charakterisiert ihn mit wünschenswerter Genauigkeit und Aufrichtigkeit
 in folgender Weise: „Die offenbaren Ziele des Panamerikanismus
 sind so unbestreitbar künstliche, so ausschließlich
 auf das Interesse der Vereinigten Staaten zugestutzte, So
klar den höchsten Interessen Lateinamerikas feindliche, daß
die Lateinamerikaner zu der Schlußfolgerung gezwungen sind,
daß er nichts als ein Deckmantel ist um den Ehrgeiz der Vereinigten
 Staaten und ihre Absicht, Lateinamerika zum Vorteil
ihrer eigenen wirtschaftlichen Zukunft zu erobern‘“.®®?)

92) „The ostensible objects of [Pan-Americanism] are so clearly
artificial, so entirely in favor of the United States, so clearly hostile
to the best interests of Latin America, that Latin Americans feel
driven ta the conclusion that it is merely a cloak for the ambition
of the United States and of its intention to conquest South America
in the interests of its own economic future.“ Roland G. Usher, Pan-Americanism.
 New York, The Century Co., 1915, 400.
        <pb n="80" />
        <pb n="81" />
        <pb n="82" />
        <pb n="83" />
        <pb n="84" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
