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        <title>Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschaefts</title>
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            <forname>Gustav</forname>
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        EIGENTUM
DES
IN STITUTS
WELTWIRTSCHAFT
KIEL
BIBLIOTHEK

“ Gb
        <pb n="2" />
        DIE ENTWICKLUNG
DES BERLINER FLASCHENBIERGESCHAEFTS.

INAUGURAL-DISSERTATION

ZUR

ERLANGUNG DER DOKTORWÜRDE

DER

HOHEN PHILOSOPHISCHEN FAKULTÄT

DER

UNIVERSITÄT LEIPZIG

VORGELEGT VON

GUSTAV STRESEMANN vd

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GEDRUCKT BEI R, F. FUNCKE, BERLIN SO, 16. KÖPENICKERSTR. 114.
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        Inhaltsverzeichnis.

Vorwort .
Das Flaschenbiergeschäft und seine Entstehung . .
Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts I. Periode
(bis 1868) 2 a.
Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts II. Periode
(1868 bis zur Gegenwart) . * MM ® 4
Die gegenwärtige Lage der Berliner Bierverleger

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D: Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft ist in den letzten
Jahrzehnten gekennzeichnet durch ein überall bemerkbares
Vordringen der Grossunternehmung, ‘welche die kleinen Betriebe im
Handel und Gewerbe verdrängt. Den unleugbaren Vorteilen, welche
diese Entwicklung auf der einen Seite den Konsumenten gebracht hat,
steht als Kehrseite gegenüber die Vernichtung vieler, bis dahin selbstständiger
 Existenzen, die anstatt eines später, wenn auch nur durch
angestrengte Arbeit zu erreichenden Wohlstandes, vielfach ein Zurücksinken
 in die Klasse der Lohnarbeiter erleben müssen. Die Statistik
zeigt in deutlicher Weise, dass die Aussicht auf eine selbständige
Stellung in demselben Masse geringer wird, wie die Zahl der Personen,
auf welche ein selbständiger Gewerbe- oder Handeltreibender kommt,
sich vergrössert. Die Stellungnahme zu den durch diese Entwicklung
herbeigeführten Erscheinungen wird verschieden sein- je nach dem
Ausgangspunkt, den der Betrachtende wählt. Wer vor allem die
Interessen oder auch nur das Selbstbestimmungsrecht der grossen
Klasse der Konsumenten berücksichtigt wissen will, wird ihr wohlwollend
 gegenüberstehen, wer in der Vernichtung oder Verdrängung
der sogenannten Mittelstandsklassen eine Gefahr für das Allgemeinwohl
erblickt. wird sie rückhaltslos bekämpfen.
In der Gegenwart hat die letztere Richtung in der Verfechtung
ihrer Interessen sich besonders rührig gezeigt und die von ihr
betriebene Agitation scheint nicht ohne Eindruck auf die massgebenden
Kreise geblieben zu sein, wie u. a. das Gesetz über die Besteuerung
der Warenhäuser erkennen lässt. Aus dem Bestreben ferner, einen
Einblick in die Lage der Kleinbetriebe zu erhalten, sind die Erhebungen
 über die Lage des Kleinhandels hervorgevangen. welche

Vorwort.

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die Handelskammer zu Hannover in Verbindung mit anderen Interessenvertretungen
 veranstaltet hat; allerdings ist sie über die Veröffentlichung
 zweier kleiner Bändchen nicht herausgekommen.
Die vorliegende Arbeit möchte nun auch als ein Beitrag zu diesen
Erhebungen angesehen werden. Den äusseren Anlass zu ihrer Entstehung
 gaben die vielfachen Beziehungen, welche der Verfasser mit
Angehörigen des Brauer- und Bierverleger-Berufes in Berlin anknüpfen
konnte. Sie ist nicht in der Absicht geschrieben für oder gegen die Zweckmässigkeit
 der sogenannten Mittelstandspolitik einzutreten, sie will
vielmehr lediglich auf Grund einer durch praktische Bethätigung und
mannigfache Erkundigung gewonnenen Erfahrung eine Darstellung
der Lage der Berliner Bierverleger (Flaschenbierhändler) zu geben
versuchen, eine Darstellung welche zugleich die Entwicklung des
Berliner Flaschenbiergeschäfts und seine Ueberführung in den Grossbetrieb
 einschliesst. Ein gewisser Wert der vorliegenden Skizze liegt
vielleicht darin, dass sie eine Entwicklung schildert, welche in mancher
Beziehung eine typische genannt werden kann, denn ein Kennzeichen
der Entwicklung zum Grossbetrieb ist entschieden die Ausschaltung
der Zwischenglieder dadurch, dass Produzent und Konsument in
direkte Verbindung treten, wie es sich in dem. hier behandelten
Falle zeigt.
Was die Fragebogen anbelangt, von denen in der Arbeit die
Rede ist, so erfolgte deren Ausfüllung nicht durch die betreffenden
Bierverleger. Eine Zustellung an die einzelnen Geschäfte mit der
Bitte um Auskunft über die darin gestellten Fragen hätte voraussichtlich
 gar keinen Erfolg gehabt. Die Erkundigungen geschahen
daher durch den Verfasser auf mündlichem Wege und auf Grund. der
hierbei erhaltenen Angaben sind sodann die einzelnen Bogen ausgefüllt
 worden. Es war mir möglich, von 46 Bierverlegern, deren
Geschäfte in den verschiedensten Stadtteilen liegen und deren Adressen
mit Absicht ganz willkürlich aus dem Adressbuch gewählt worden
waren, detaillierte Auskünfte zu erlangen, die namentlich in den Ausführungen
 des IL Teiles vielfach zur Illustrierung und zum Beweise
für die behaupteten Thatsachen angezogen worden sind.
Wenn es mir gelungen sein sollte, die mir gestellte Aufgabe
zu lösen, so danke ich dies vor allem der Unterstützung, welche mir
seitens der beteiligten Kreise zu teil geworden ist. In der bereit-
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        — VUN —

willigsten Weise sind mir sowohl aus Bierverleger- als auch aus
Brauerkreisen oft ins Detail gehende mündliche und schriftliche Auskünfte
 gegeben worden, ganz besonders fühle ich mich dadurch dem
Dozenten am Institut für Gährungs-Gewerbe und Sekretär des Verbandes
 der Brauereien von Berlin und Umgegend. Herrn Dr. Struve.
zu Dank verpflichtet.
Schliesslich ist es mir Bedürfnis, Herrn Professor Dr. Bücher
dafür Dank zu sagen, dass er mich nicht nur zu dieser Arbeit angeregt,
 sondern mich auch während der Herstellung derselben mit
Rat und That unterstützt hat.

Leipzig, Dezember 1900.

Der Verfasser.
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        Das Flaschenbiergeschäft und seine
Entstehung.

Um eine Grundlage für die folgenden Ausführungen zu schaffen,
wird es nötig sein, zunächst den Begriff des zu untersuchenden
Gegenstandes festzulegen. Unter einem Flaschenbiergeschäft werden
wir ein Unternehmen zu verstehen haben, welches sich mit dem Vertrieb
 von auf Flaschen gefüllten Bieren abgiebt. Zwei Formen
kommen bei diesem Vertrieb hauptsächlich in Frage: der Verkauf
über die Strasse und die auf Bestellung erfolgende Lieferung ins Haus,
Bei letzterer Form handelt es sich naturgemäss um grössere Quantitäten,
 da sonst die Lieferung, zumal wenn der Kunde weit entfernt
wohnt, unlohnend sein würde. Wir können diese Lieferung von auf
Flaschen gefülltem Bier in grösseren Quantitäten gegenüber der allgemeinen
 Definition als Flaschenbierlieferungsgeschäft bezeichnen.
Die Vorbedingung jedes Flaschenbiervertriebes ist die Möglichkeit
des Abzuges von Bier auf Flaschen. Die Natur des Bieres ist dabei
das Entscheidende, In Deutschland liegen in dieser Beziehung die
Verhältnisse derartig, dass im allgemeinen zwischen untergährigem und
obergährigem Bier ‚unterschieden werden muss. Das untergährige
Lagerbier, welches vornehmlich in Süddeutschland, speziell in Bayern
fast ausschliesslich genossen wird, kann auf Flaschen gezogen werden,
aber fast allgemein ist die UVeberzeugung, dass dieses Bier „frisch
vom Fass“ weit bekömmlicher und besser ist, als das auf Flaschen
gezogene. Das in Norddeutschland und. speziell in Berlin früher
allgemein, aber auch heute noch im grossen Masse konsumierte
obergährige Bier muss auf Flaschen gezogen werden, weil es in
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        — 9

diesen noch eine Gährung durchzumachen hat, ehe es genussreif
wird, eine Gährung, welche im Fass nicht vor sich gehen
kann: Die Grundlagen für das Flaschenbiergeschäft sind also
durchaus verschiedene, je nachdem es sich um Oober- oder untergähriges
 Bier handelt. In einer Gegend, in der ausschliesslich
obergähriges Bier genossen wird und daher der Abzug des
Bieres auf Flaschen eine Notwendigkeit ist, wird sich auch der
Verkauf über die Strasse bald einbürgern, und das Flaschenbierlieferungsgeschäft
 findet einen äusserst günstigen Boden. Umgekehrt
wird da, wo ausschliesslich untergähriges Bier konsumiert wird, schon
der Abzug auf Flaschen und der Verkauf von Flaschenbier über die
Strasse auf Schwierigkeiten stossen, man wird vorziehen, das Bier
direkt in der Wirtschaft zu verzehren, oder aber es in Krügen, in
welche das Bier vom Fass ausgefüllt wird, holen zu lassen.*) In
Gegenden, in denen beide Bierarten getrunken werden, wird die
allgemeine Einbürgerung des Flaschenbieres davon abhängig sein,
welches Bier zuerst in den Konsum eingeführt wurde. Es ist Thatsache,
 dass beim untergährigen Bier der Abzug auf Flaschen dort
weniger auf Widerstand stösst, wo man schon vorher durch den
Genuss obergährigen Bieres daran gewöhnt war, Flaschenbier zu
geniessen. An Orten, wo das obergährige Bier später auftritt, ist die
Rückwirkung auf die Abzugsart des untergährigen Bieres eine
geringere,
Die Gründe, welche von dem Abzuge des Bieres auf Flaschen zum
Verkauf über die Strasse und weiterhin zum Lieferungsgeschäft führen,
sind zum Teil durch die Natur des Aufbewahrungsgefässes gegeben.
Dieselbe ermöglicht eine längere Haltbarkeit des Flaschenbieres und
macht dadurch den Bezug grösserer Quantitäten überhaupt möglich;
die benueme Form der Flaschen erleichtert die nötige Aufbewahrung.

*) Es kommt hierbei noch besonders in Betracht, dass infolge des
stärkeren Bierkonsums in Süddeutschland und weil die süddeutschen
Bierwirtschaften meist nur eine Sorte Bier zu führen pflegen, die Wirtschaften
 pro Tag mehrere Gefässe ausschänken und infolgedessen das
Bier meist frisch ist. In Norddeutschland dagegen, beispielsweise in
Berlin, dauert bei den meisten Gastwirtschaften der Ausschank eines
Hektoliters mehrere Tage, währenddessen steht das Bier unter Kohlensäuredruck,
 um es „frisch“ zu erhalten, Hier ist also das Flaschenbier
kein „Notbehelf“ sondern wird von manchen direkt aus ästhetischen
Gründen vorgezogen.
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        Eine Verfälschung durch Neig- oder Tropfbier ist ausgeschlossen.
ebenso ist ein „Schneiden“ wie es in manchen Gastwirtschaften wohl
geübt wird, beim Flaschenbier nicht möglich. Die Etikettierung der
Flaschen gestattet dem Biertrinker eine Kontrolle über Herkunft des
Bieres; beim direkten Bezug aus der Brauerei ist natürlich jeder
Zweifel ausgeschlossen. Vor allem aber kommt‘ die Bequemlichkeit
der Zustellung in Betracht. Der Flaschenbierhändler oder die
Brauerei liefert bereitwilligst die Flaschen ohne Pfand und drängt
nicht auf sofortige Wiedergabe. Man ist nicht an das Bier des in
der Nachbarschaft wohnenden Gastwirts gebunden, sondern kann es
dort bestellen, wo es einem beliebt. Die Entfernung kommt nicht in
Betracht, da eine schriftliche oder telephonische Bestellung genügt,
um innerhalb kurzer Zeit das Bier im Hause zu haben. - Hauptsächlich
 fällt ins Gewicht, dass durch diese Zustellung das Lästige
des Bierholens an sich vermieden wird. Den Frauen oder erwachsenen
Töchtern war das Selbsteinholen des Bieres oft unbequem oder direkt
peinlich, namentlich wenn kein Kolonialwarengeschäft in der Nähe
war und das Bier infolgedessen aus einer benachbarten Gastwirtschaft
oder Restauration geholt werden musste. Es ist nicht übertrieben.
wenn man behauptet, dass durch die Zusendung des Bieres in Verbindung
 mit der ebenfalls üblich gewordenen Zustellung anderer
Genussmittel manche Familien mit bescheidenem Einkommen einen
Dienstboten ersparen.
; Neben diesen Gründen sind es dann weiter wohl hauptsächlich
der manchmal fühlbare Mangel einer in der Nähe belegenen
Bezugsquelle, welcher sich namentlich in vornehmen Stadtgegenden
zeigen wird, sowie die Rabattbewilligung gewesen, welche speziell
das Lieferungsgeschäft gefördert haben. Von Wichtigkeit war bei der
ganzen Entwicklung des Flaschenbiergeschäftes, dass die Qualität
des Flaschenbieres ihr nicht im Wege stand. Vom hygienischen
Standpunkt aus können gegen das Flaschenbier keine Bedenken obwalten:
 denn es enthält die nämlichen Bestandteile, die nämliche
Kohlensäuremenge wie das Fassbier. Ein Verderben, „Altwerden“ des
Bieres durch zu langes Lagern ist bei der Minimalgrenze, bei welcher
das Bier von den Händlern schon „frei ins Haus“ gesandt wird, so
gut wie ausgeschlossen, namentlich da es ja dem Lieferanten bei
einigermassen .geregeltem Absatz leicht ist, seinen Kunden das Bier
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        4

möglichst frisch zu liefern. Andererseits besteht gerade bei dem Bezug
von Fassbier oft die Gefahr „nicht frisches“ Bier zu erhalten. Die
Gastwirte sind bemüht, möglichst grosse Fässer aufzulegen, weil sie
bei dem Bezuge von Bier umso besser fortkommen, je grösseres Gemäss
 sie nehmen (eine ganze Tonne kostet weniger als 4 Vierteltonnen)
und infolgedessen lässt sich tagelanges Lagern nicht vermeiden. Auch
liegt die Regulierung der Temperatur in den Händen des Empfängers,
während dieselbe bei dem Bezuge von Bier vom Fass nur schwer
ist. 'So dürfte ersichtlich sein, dass die Qualität des Flaschenbieres
seiner Verbreitung nicht hinderlich sein kann.
Eine Thatsache lässt sich allerdings gegen den Flaschenbierversand
 anführen, die ihm vielleicht bei einem Teile der Konsumenten
nicht zur Empfehlung gereicht: er beruht fast durchweg auf Barzahlung.
 Der kleine Viktualienhändler, der das Bier selbst erst in
Flaschen vom Bierhändler bezieht, mag seinen Kunden, die bei ihm
neben anderen Waren auch Bier holen, Kredit gewähren, ebenso der
Kolonialwarenhändler und der Gastwirt. Sie alle haben Gelegenheit,
sich über. die Kreditwürdigkeit ihrer Kunden näher zu unterrichten,
sie vielleicht täglich zu sehen und wenden deshalb nichts dagegen
ein, wenn vom 20. des Monats oder von der Mitte der Woche ab
„angeschrieben“ und nach Empfang des Gehaltes oder des Lohnes
gezahlt wird. Der Bierhändler, der in den meisten Fällen den Kunden
nur dem Namen nach kennt, kann sich hierauf natürlich nicht einlassen,
 wenigstens nicht, soweit es sich, wie in diesen Ausführungen.
um Privatkunden handelt. Geht dem Flaschenbiergeschäft hierdurch
auf der einen Seite ein Teil der Kundschaft verloren, so trägt doch
andererseits das Prinzip der Barzahlung auch zu seiner Konsolilierung
 bei.
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        IT

Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiervgeschäfts.


[. Periode (bis 1868.)

Mit der Thatsache, dass bis in die ersten Jahrzehnte unseres
Jahrhunderts hinein in Berlin nur obergähriges Bier produziert wurde
erübrigt sich die Aufgabe, die Entstehung des Flaschenbiergeschäfts
 für Berlin zu begründen. Schon Krünitz*) erwähnt ‘im
fünften Bande seiner Encyklopädie in dem Artikel über das Bier, der
aebenbei bemerkt 287 Seiten umfasst, „das Weissbier wird in Berlin
selten vom Fass verkauft, sondern insgemein an die Bierschänker
abgeliefert und von diesen auf Bouteillen gezogen“. Bei der hier
erwähnten Ausnahme handelt es sich wahrscheinlich um das Koffent
von dem Professor Holtze in seiner Skizze „Berlin vor zwei Menschenaltern“
 schreibt: „Der gemeine Haustrunk war ein mattherziges Weissoder
 Braunbier, die Quartflasche zu 1 Silbergroschen. Ein noch viel
wohlfeileres und viel dünneres Getränk gab es in dem südlichen
Teile der Wilhelmstrasse und gewiss auch anderwärts unter dem
Namen Koffent. Wenn der Koffent, über dessen Geschmack : und
Wirkungen ich nicht mitreden kann, vom Fass gezapft wurde, wie
ich mich zu erinnern glaube, so war es das einzige Bier,
welches in anderer Gestalt als in Flaschen aus dem Keller
kam.“ In welcher Weise der Koffent mit dem Weissbier verwandt

*) Oekonomische Encyklopädie, oder allgemeines System der Land-,
Haus- und Staats-Wissenschaft etc, In 242 Bänden von 1772—1838
        <pb n="12" />
        und wie es möglich war, ihn vom Fasse zu verzapfen, oder ob es
sich bei den hier von Krünitz und Holtze in allerdings sehr unbestimmter
 Form ausgesprochenen Beobachtungen um eine Art Frischbierverkauf
 (vgl. sp. S. 57) handelte, soll an dieser Stelle nicht
näher untersucht werden, zumal ja aus beiden Aeusserungen hervorgeht,
 dass der Koffent nur eine geringe Rolle unter
den Berliner Bierarten gespielt hat. Wenn wir von dem
Koffent absehen, so bleibt also die Thatsache bestehen, dass
bis weit in unser Jahrhundert hinein in Berlin nur oberjähriges
Bier produziert wurde, das, wie es bei Krünitz heisst, „auf Bouteillen“
gezogen wurde. Die Produktion lag im achtzehnten Jahrhundert in
Berlin, wie auch sonst in Brandenburg, in den Händen der Brauberechtigten,
 d.h. die Braugerechtigkeit war als Realrecht mit gewissen
Grundstücken verbunden. Geschah das Brauen zunächst in den
Häusern selbst, so wurden später, angeblich aus feuerpolizeilichen,
vornehmlich aber wohl aus fiskalischen Gründen eigene Brauhäuser
vom Magistrat errichtet, in denen die Bürger reihum brauten. Doch
machten gegen den Anfang unseres Jahrhunderts viele Braueigner
— wie sie im Adressbuch bezeichnet wurden — von ihren Braurechten
 keinen Gebrauch mehr, noch zu Anfang des 18. Jahrhunderts
wurden in Berlin 426 Braustellen gezählt, im Jahre 1800 war ihre
Zahl schon auf 85 gesunken. In dem Jahrzehnt zwischen 1770 bis
1780 verliert die Brauerei den ihr bis dahin eigenen Charakter eines
Nebengewerbes und tritt als alleiniges Gewerbe ohne Berufsvereinigung
auf, wenigstens ergiebt die Statistik in diesen Jahren zum ersten Mal.
dass die Zahl der im Brauereigewerbe beschäftigten Personen grösser
ist, als die der Braueigner, während früher beide Zahlen mit einander
stets übereinstimmten.*) Die älteste von den noch heute bestehenden
Brauereien, die Weissbierbrauerei von Albert Bier, führt ihre Gründung
auf das Jahr 1792 zurück. Mit der Einführung der Gewerbefreiheit
verschwindet das Eigenbrauen nach und nach vollständig und das
Brauereigewerbe entwickelt sich in ungehinderter Weise.
Mit dem Vorherrschen des obergährigen Bieres war nun zunächst
der Flaschenbierhandel in der Form des Verkaufs über die Strasse

*) Vergl. Wiedfeldt, Statistische Studien zur Entwicklungsgeschichte
ler Berliner Industrie von 1720—1800. Schmollers Forschungen,
Band XVII. Heft 2.
        <pb n="13" />
        7

verbunden. Wenn das Bier von den Bierschenkern auf „Bouteillen“
gezogen wurde, so wird es nicht nur in der Wirtschaft zum Ausschank
gekommen, sondern auch von den Bürgersleuten zum Teil zu Hause
getrunken worden sein. Wahrscheinlich war dieser Absatz zunächst
nicht gross, da es nach den Schilderungen, die wir über das Berlin
des vorigen Jahrhunderts besitzen, den Anschein hat, als ob der
Hauptabsatz des Bieres in den Gastwirtschaften lag und das Bier
überhaupt mehr für die männliche Bevölkerung reserviert und
und noch nicht in dem Masse wie heute als tägliches Genussmittel
in die Familie eingedrungen gewesen wäre. Immerhin bleibt auch)
;jann für den Verkauf über ,die Strasse noch eine andere Art der
Bierverwendung übrig, nämlich der Zusatz von Bier zu Biersuppen,
ferner zum Karpfenkochen, wovon übrigens auch schon Krünitz
berichtet.

Frühzeitig fand nun in Berlin schon ein Import von allerlei
Bieren statt, aus verschiedenen Teilen der Mark, ebenso wie aus
Pommern (bes. Stettin), und im Jahre 1711 findet man in der Jahresrechnung
 der Steuerbehörde schon 52 Sorten fremder Biere, die in
40 464 Tonnen zum Ausschank kamen; kurze Zeit darauf sind es gar
72 Sorten geworden, während später dieser Import wieder auf
za. 20 000 Tonnen herabsank. Ob sich unter den eingeführien Sorten
auch untergährige Biere befanden, lässt sich schwer feststellen, überwiegend
 waren wohl die eingeführten Biere auch obergährig. Für
den Fall. dass auch untergährige Bierarten mit eingeführt wurden,
lässt sich als sicher annehmen, dass auch bei diesem Bier der Abzug
auf Flaschen oder Kruken sich eingebürgert hat, da die Berliner
durch das Weissbier an den Genuss von Bier in der Form von
Flaschenbier gewohnt waren.
In welcher Weise sich nun der Verkauf über die Strasse
erweitert hat, welche der vorher angebenen allgemeinen Gründe
ür die Entwicklung des Berliner Flaschenbierversandgeschäftes besonders
 massgebend gewesen sind, dass lässt sich bei dem voilständigen
Mangel an irgendwelchem Material weder nachweisen noch konstruieren.
Thatsache ist jedenfalls, dass wir schon sehr früh authentische Nachrichten
 über das Bestehen eines Flaschenbierhandels haben und zwar
durch folgende, der Vossischen Zeitung entnommene Inserate:
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        8

Aus dem Jahrgang 1820:
Stettiner Doppelbier von A. Bergemanns Erben ist
in Gefässen und Flaschen in deren Niederlage zu haben.
R. Betige, Gertraudt- u. Rossstr.-Ecke. Lautersack,
Jägerstr. 52.

Stettiner Bier in grossen und kleinen Gebinden, in
Quart und Flaschen zu haben bei G. C, Elgeti.

Porter Bier A Fl. 6 Gr.
billiger“. Friedrichsgracht 60.

„bei ‚mehreren Flaschen

Diese Anzeigen bedeuten nur eine Stichprobe und liessen sich
leicht vervielfachen. Während in ihnen zunächst nur die vage Ankündigung
 „in Partieen billiger“, „bei mehreren Flaschen Rabatt“
sich findet, geben spätere Anzeigen darüber genauere Angaben:
1823. Bergemanns Stettiner. Doppelbier, die grosse
Flasche 5 Gr. 10 gr. Fl. für 1% Thl. ferner Süssrahmbutter
 empfiehlt Dittmann. Zimmerstr. 78.

1828. Wir liefern 22 Fl. ä %s oder 12 Fl. A 3/4 Quart
ür 1 Thlr. und senden es jedem frei in seine Wohnung.
Ostermann &amp;amp; Co., Spandauerstr. 29.

Ein anderer Bierhändler führt mehrere Biersorten und empfiehlt
in seiner Anzeige aus dem Jahre 1836: Bayrisches Felsenkeller-Bier,
Grünthaler, Ale und Porter; schon 6 Jahre früher, 1830, findet sich
eine Annonce, welche speziell auf Wiederverkäufer berechnet ist:
Den Herren Gastwirten und Restaurateuren
liefere ich frei ins Haus: für 1 Thlr. 18 %/4 Fl. auch 42 ?%/s EL;
die To. zu 7 Thlr. Einfach-Bier To. 3 Thlr., bei mehreren
To. billiger. Niederlage bei Ostermann. Brüderstr. 7,
Philipson, Poststr. 1.
Es ist diesen Anzeigen eines gemeinsam: fast durchweg empfehlen
sie auswärtige Biete, es wird Stettiner, Kottbuser, Potsdamer, Fürstenwalder,
 Augsburger, Crossener und Köstritzer Bier empfohlen, daneben
        <pb n="15" />
        9

Porter und Ale. Jedoch wäre es falsch, aus dieser Thatsache folgern
zu wollen, dass das Flaschenbierlieferungsgeschäft sich zuerst bei den
auswärtigen Bieren eingebürgert hätte. Auch in den Zeiten, als das
Flaschenbierlieferungsgeschäft längst eine grössere Bedeutung erlangt
hatte, wird man vergebens nach Anzeigen suchen, welche das Berliner
Weissbier empfehlen. Wenn in diesen frühen Jahren und auch später in
den Annoncen nur von auswärtigen Bieren die Rede ist, so beweist dies
aur, dass diese Biere zu ihrer Einführung fortgesetzter Reklame bedurften,
 während die Weissbierlieferungsgeschäfte eine solche für unnötig
hielten. Auf der anderen Seite lässt die zum Teil intensive Benutzung
der Reklame seitens der Niederlagen für auswärtige Biere auch einen
Schluss auf ihre kaufmännische Ueberlegenheit zu.
Zu gleicher Zeit geben diese Anzeigen aber auch nach einer
anderen Richtung hin wertvolle Fingerzeige; sie lassen in Verbindung
mit anderen Quellen erkennen, wie es in Berlin in jenen Jahren mit
den Bierverhältnissen überhaupt bestellt war. Was zunächst den
Konsum von Bier ausser dem Hause anbetraf, so konnte er geschehen
beim Gastwirt (auch Bierschänker genannt), im Restaurant und im
Cafe oder Kaffeehaus. Dabei war die Bedeutung dieser Bezeichnung
eine ähnliche wie heute: unter Restaurant verstand man ein Lokal
für das bessere Publikum, die Verabreichung warmer Speisen bildete
bei ihm, im Gegensatz zur Gastwirtschaft die Regel. Im Cafe erhielt
man ausser dem Getränk, von welchem der Name des Betriebes sich
herleitet meist nur Bayrische oder „echte“ Biere. Vielfach scheint in
diesen Cafe’s weibliche Bedienung vorgewaltet zu haben, denn in dem
Inseratenanhang des Berliner Adressbuches findet sich in diesen Jahren
bei einer Annonce die vielsagende Ueberschrift: Wo findet man ein
Cafe mit gutem bayrischen Bier ohne weibliche Bedienung? welche
Frage vom Fragesteller dann in beruhigender Weise beantwortet
wird. Das Kaffeehaus trägt einen gemütlicheren Charakter, es verhält
 sich zum Cafe etwa wie der Gasthof zum Hotel, das feinere
giebt der Deutsche natürlich durch den französischen Ausdruck wieder!
Im Kaffeehaus gab es auch Weissbier, wie aus einer Annonce in
dem Jahrgang 1829 der Vossischen Zeitung hervorgeht. Zum Teil
besassen auch die Viktualienhändler die Ausschankgerechtigkeit für
Bier, wenigstens kann man es nicht anders verstehen, wenn es im
Adressbuch unter dem Branchenverzeichnis heisst: Bierschänker s. a.
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        10

Viktualienhändler. Schliesslich erhielt man Bier auch in den Hotels
und Gasthöfen, wenn auch deren Betriebsvereinigung mit der Restauration
wohl noch nicht so allgemein .geworden war, wie heute. In den
Konditoreien dagegen, die gegenwärtig fast sämtlich Bier führen,
manche sogar „vom Fass“, scheint man bis in die vierziger Jahre
hinein kein Bier erhalten zu haben. Destillation bedeutet damals noch
einen reinen Branntweinausschank, der erst später mit dem Bierausschank
 vereinigt wurde, sodass noch heute für ein Lokal, in dem
neben Bier auch Schnaps ausgeschänkt wird, die Bezeichnung
„Destillation“ gebräuchlicher ist als Gastwirtschaft.
Was die Zahl der hier angeführten Geschäfte anbelangt, so gab
es in Berlin 1840 etwa 80 „Cafetiers und Restaurateure“ und 380
Schankwirte, 1850 dagegen 450 Cafetiers und Restaurateure und
700 Schankwirte, die Zahl der Viktualienhändler betrug 1840 etwa
700, 1550 gegen 1000. Doch sind letztere Zahlen für uns ohne
Wert, da wir nicht wissen, wie viele Viktualienhändler Bierausschank
betrieben. In einem Aufsatz, der in der Wochenschrift für Brauerei
veröffentlicht wurde,*) werden bereits für das Jahr 1825 984 Speiseund
 Schankwirte gezählt, allerdings erwähnt der Verfasser, dass deren
Zahl während der nächsten Jahre fortdauernd zurückgegangen wäre.
Für den Flaschenbierhandel kommen diese Geschäfte — mit
Ausnahme der Cafes und wohl auch der Hotels — insofern in Frage,
als sie Bier über die Strasse verkaufen. Die Cafes bezogen das Bier,
dessen Absatz bei ihnen ja noch mehr als heute Nebengeschäft war,
selbst erst vom Bierhändler und beschäftigten sich nur mit dem Ausschank,
 ebenso die Hoteliers und Gasthofbesitzer. Die „Kaffeehäuser“
dagegen (deren es allerdings wohl nur wenige gab), verkauften auch
Bier über die Strasse und zwar kostet nach einer Annonce aus dem
Jahre 1828 die Flasche Weissbier „im Hause“ 21/2 Syr. „ausser dem
Hause“ 2 Sgr. Bei den Restaurateuren, die besser durch die damals
auch noch übliche Bezeichnung „Speisewirte“ gekennzeichnet
werden, spielt der Verkauf über die Strasse nur eine geringe Rolle,
manche verzichten ganz darauf. In der Hauptsache lag also der
Verkauf über die Strasse in den Händen der Schankwirte und

*) Berlin im Zeichen des Gambrinus vom Jahre 1319 bis zumJahre
18485. (Ohne Nennung des Verfassers.) Wochenschrıtt für Brauerei,
Berlin, XVI. Jahrgang.
        <pb n="17" />
        — 11

Viktualienhändler, bei welchen letzteren das Bier unter den zum
Verkauf gelangenden Viktualien an erster Stelle gestanden zu haben
scheint. Neben den Viktualienhändlern kommt schliesslich noch der
Material- oder Kolonialwarenhändler, auch wohl einfach „Kaufmann“
genannt, in Betracht.
Diese drei letzteren Geschäftszweige müssen wir näher ins Auge
fassen, um über die Natur. des Bierlieferungsgeschäftes in den ersten
Jahren seiner Entwicklung Klarheit zu erhalten. Es sind vorher die
sachlichen Gründe namhaft gemacht worden, welche für den Bierbezug
in grösseren Quantitäten sprechen. Der äussere Anlass zu einem
solchen Bierbezug konnte ja leicht gegeben sein, z. B. bei Festlichkeiten
 in der Familie oder sonstigen besonderen Gelegenheiten, welche
ainen starken Bierkonsum voraussehen liessen. Da es sich in einem
solchen Fall wohl um die Abnahme von 15—20 Flaschen handelte,
so berechnete der Lieferant auch einen ermässigten Preis bezw. gab
eine oder zwei Flaschen mehr, als er nach dem Detailpreis zu liefern
verpflichtet war. Eine gewisse Bequemlichkeit *) und die Absicht,
dauernd diesen Rabatt zu erhalten, waren unter den angeführten
Gründen wohl die augentälligsten und daher zunächst wirkenden,
welche den Einzelfall zu einer dauernden Gepflogenheit machten. In
der ersten Zeit hat sich der Kundenkreis des Bierhändlers gewiss nur
über die nächste Nachbarschaft erstreckt. Dann konnte es aber wohl
vorkommen, dass jemand aus der Nachbarschaft fortzog, das Bier
aber noch von seinem früheren Lieferanten beziehen wollte; Verwandte
und Bekannte des Bierhändlers . aus anderen Stadtteilen kamen hinzu,
und so begann das Lieferungsgeschäft seinen anfänglichen Charakter
als Gelegenheitsgeschäft aufzugeben und ein planmässig auf Erwerbung
 von Kunden zum Zwecke des Absatzes grösserer Quantitäten
Bier gerichteter Geschäftsbetrieb zu werden.
Dass für Berlin dieser Charakter dem Bierlieferungsgeschäft schon
frühzeitig aufgeprägt wurde, ist vorher gezeigt worden. Wenn man
aun die Namen derjenigen, welche die citierten Annoncen veröffentlicht
 haben, im Adressbuch nachschlägt, so findet man bei der Mehrzahl
 von ihnen die Bezeichnung „Kaufmann“. Im Berliner Sprach-°)

 Z. B. die Unlust des Treppensteigens bei dem Aufkommen der
hohen vierstöckigen Häuser.
        <pb n="18" />
        13 —

gebrauch ist diese Bezeichnung damals, wie z. T. auch noch heute,
gleichbedeutend gewesen mit Materialwarenhändler, während man
in den meisten Fällen, heute den Begriff von Handlungsgehülfen,
Komptoirpersonal, überhaupt kaufmännischer An gestellten damit verbindet.
 Hinter den Namen einiger der Inserenten finden wir die Betufsbezeichnung
 „Handelsmann“, einer wird als Posamentier (!) bezeichnet,
 mehrere als Restaurateure, wobei hinzugesetzt ist „und
Niederlage fremder Biere“. Fügen wir hinzu, dass schon Ende der
dreissiger Jahre der Begriff des Viktualienhändlers mit dem des Bierhändlers
 identisch ist (nicht mehr mit dem des Bierschänkers), so
ergiebt sich für die Gestaltung des Bierversandgeschäftes folgendes Bild:
Es ist schon damals zu unterscheiden zwischen den Geschäften,
welche sich mit dem Vertrieb des Berliner obergährigen Weissbiers
und denen, welche sich hauptsächlich mit dem Vertrieb auswärtiger,
z. T. untergähriger Biere abgeben. Die Inhaber der ersteren, die
grosse Mehrzahl, setzen sich zusammen aus Viktualienhändlern und
Gastwirten, die der letzteren aus Kaufleuten (d. h. Kolonialwarenhändlern)
 und Restaurateuren. Aus diesen Bezeichnungen lässt sich
schon ersehen, dass die obergährigen Berliner Biere das Volksgetränk
 darstellten, während die auswärtigen Biere von den feineren
Kreisen genossen wurden, die ja auch sonst ihre Bedürfnisse zumeist
 nicht beim Viktualien-, sondern beim Kolonialwarenhändler
deckten und ihr Glas Bier nicht beim Bierschänker, sondern im
Restaurant tranken. In der ersteren Kategorie scheint das Lieferungsgeschäft
 zumeist bei den Viktualienhändlern ausgebildet gewesen zu
sein, vielleicht schon deshalb, weil dem Viktualiengeschäft für sich
die Frau allein viel besser vorstehen konnte, als .der Gastwirtschaft.
Während der Mann die Bestellungen auf Bier ausführte und mit dem
Handwagen oder einem primitiven Gefährt (Hundewagen) das Bier
an die Kunden ablieferte, ebenso zu Hause den Abzug, die Reinigung
der Flaschen etc. besorgte, verkaufte die Frau Gemüse, Obst,
Kartoffeln, Bier in einzelnen Flaschen und die übrigen zum Haushalt
gehörenden Artikel des Geschäfts, vermietete die Drehrolle für das
Rollen der Wäsche etc., alles Obliegenheiten, die ihrer Natur nach
der Frau viel eher anstehen, als dem Mann. In der Gastwirtschaft
dagegen, ist das Bedienen der Gäste, die Unterhaltung mit ihnen u. a.
wieder durchaus Sache des Mannes, sodass dieser. wenn er neben
        <pb n="19" />
        — 13

der Gastwirtschaft noch Bierverlag betreibt, immer in Gefahr kommt,
eines der Geschäfte auf Kosten des anderen zu vernachlässigen.
So ist die erste Geschäftsart für die Ausbildung des Bierlieferungsgeschäftes
 günstiger als die letztere und die Loslösung des Bierverlages
 aus der Betriebsvereinigung ist in ihr wahrscheinlich eher
erfolgt, als in den wenigen Gastwirtschaften, welche einen über die
nächste Nachbarschaft hinausgehenden Bierversand betrieben.
Was nun die „Bier-Niederlagen“ angeht, welche schon früh als
besondere Rubrik im Berliner Adressbuch auftauchen, so tragen sie
einen ähnlichen Charakter, wie heute die „Vertretungen“ oder
„Generalagenturen“ der auswärtigen Brauereien. Allerdings mit zwei
Ausnahmen. Die heutigen Vertreter oder Generalagenten auswärtiger
Brauereien beschränken sich meist auf den Fassbierhandel und überlassen
 den Verschleiss in Flaschen an Zwischenglieder; jene Bierniederlagen
 gaben zwar auch das Bier in Fässern ab, wenn es verlangt
wurde; das Hauptgeschäft aber bildete der Vertrieb von Flaschenbier
und zwar sowohl in der Form der Lieferung als auch in der des
Verkaufes über die Strasse. Die Verbindung mit dem Verkauf über
die Strasse, der bei manchen vielleicht den beträchtlicheren Teil des
Gesamtumsatzes ausmachte, giebt auch den zweiten Hauptunterschied:
die Bierniederlage trat damals nur in Berufsvereinigung mit anderen
Geschäften auf, die heutige Vertretung bildet ein Geschäft für sich.
Die Aehnlichkeit auf der anderen Seite liegt darin, dass beide das
Bier in Fässern von einer auswärtigen Brauerei. beziehen und vertreiben,
 ebenso dass diese Bierniederlagen, wie heute die Vertretungen,
im Gegensatz zu den übrigen Bierhandlungen schon frühzeitig kaufmännisch
 betrieben wurden. So wird nicht nur die Reklame von ihnen
zuerst ausschliesslich und planmässig zur Gewinnung von Kunden betrieben,
 sondern es muss auch auffallen, dass unter ihnen zuerst ein
Geschäftsinhaber auftritt, der zur Korporation der Berliner Kaufmannschaft
 gehört (C. W. Hoffmann 1830); ebenso wie zuerst unter ihnen
Kompagniegeschäfte sich bilden (Ostermann &amp;amp; Co., 1828).
In der weiteren Entwicklung des Berliner Flaschenbierhandels
tritt nun bis zu dem Jahre, das wir als Schlusspunkt der ersten
Periode angenommen haben, in den Konsumtionsverhältnissen ein
Moment auf, welches damals auf die Entwicklung des Flaschenbierhandels
 noch keinen tiefgehenden Einfluss ausgeübt hat, wegen
        <pb n="20" />
        4

seiner Wichtigkeit aber doch an dieser Stelle schon erwähnt
werden muss. Es betrifft die Einführung des nach bayrischer Art
zebrauten Bieres in Berlin. Nach der von uns gegebenen Darstellung
war der Konsum der Berliner Einwohnerschaft bis dahin gedeckt
worden durch in Berlin gebrautes obergähriges (Weiss- und Braunbier)
und durch auswärtiges Bier, das sowohl obergährigen als auch untergährigen
 Charakters sein konnte. Nun wird im Jahre 1838 in Berlin
durch den früheren bayrischen Weinküfer Hopf zum ersten Male Bier
nach bayrischer Art gebraut und in seinen, am Tempelhofer Berg
gelegenen Lokalitäten zum Ausschank gebracht*). Das neue Bier
mundet den Berlinern zum grossen Teile ausserordentlich und findet
laher leichten Eingang in den Konsum, verschiedene Braumeister, die
anfänglich bei Hopf angestellt waren, machen sich selbständig. Ebenso
wie der erste Hersteller des bayrischen Bieres aus einer Weinhandlung
hervorgegangen ist, so soll auch in den Weinstuben zuerst das
bayrische Bier neben dem Wein eingeführt worden sein**). Eine
besondere Anziehungskraft übte auf die Berliner die von Hopf seit
1840 eingeführte, . auch von Bayern importierte Sitte des „Bock“-Anstiches
 im Frühjahr aus; bis in die achtziger Jahre war der Bock-Ausschank
 am Tempelhofer Berg ein Wallfahrtsort für die Berliner
und der erste Tag des Bock-Anstiches bedeutete ein Ereignis. Eine
Anzahl von grossen Ausschänken wurde gegründet, sogenannte
‚Bayrische Bierhallen“. In welcher Weise der Konsum von bayrischem
Bier seit seiner Einführung zugenommen hat, darüber fehlen uns leider
zuverlässige Zahlen, wie ja die ersten Zahlen über die Berliner Bierproduktion
 überhaupt erst für das Jahr 1860 aus dem Jahresberichte
der Aeltesten der Kaufmannschaft erhältlich sind. Im Jahre 1860
hatte die Produktion des Lagerbieres beinahe die Hälfte von der des
Weissbieres erreicht: sie berug 150421 hl; die Weissbierproduktion
370284 hl. Schon 1865 hatte sich das Verhältnis auf 324 108 zu

*) Schon 1827 hatte übrigens die preussische Regierung auf ihre
Kosten und wohl auf Anregung der Königin Elisabeth, einer bayrischen
Prinzessin 2 (Potsdamer) Brauer nach München zur Erlernung der bayr.
Brauerei geschickt. Vgl. Struve, Bayr. Braugewerbe, pag. 60.
**) Wie anderwärts, so liessen auch in Berlin Weinhändler und
Hotelbesitzer ihre Söhne oft Brauer werden und in München lernen.
Die Familien Habel und Happold gehören hierher, erstere eine Weinhandlungs-,
 letztere eine Hotelbesitzersfamilie, die zuerst auch eine soyenannte
 „bayerische Bierstube“ führte.
        <pb n="21" />
        15 —

544 723 verschoben und vom Jahre 1869: an begann die Produktion
des nach bayrischer Art gebrauten Lagerbieres die der obergährigen
Biere zu überholen, und hat sich bis in die Gegenwart hinein aus
ihrer führenden Stellung nicht mehr verdrängen lassen.
Zunächst wurde, wie schon bemerkt, eine auffallende
Aenderung in der Form des Flaschenbierhandels durch die Einführung
 und schnelle Ausbreitung des Konsums von „bayrischem
Bier“, wie es in Berlin genannt wurde, nicht bewirkt. Eine Konkurrenz
 wurde dadurch den Weissbierbrauereien und den auswärtigen
Brauereien geschaffen, die Bier nach Berlin exportierten. Diese
Konkurrenz wirkte auch auf die Bier-Niederlagen ein, denn es ist
ersichtlich, dass z. B. der Absatz auswärtiger untergähriger Biere
durch die Konkurrenz des neuen Berliner untergährigen Bieres bedroht
sein musste. Die übrigen Bierhändler schwankten eine Zeit lang
in ihrer Stellungnahme zu dem neuen Biere; ein Teil unter ihnen
beschränkte sich bis: in den Anfang der sechsziger Jahre hinein
auf den Absatz von Weiss- und Braunbier. Die Mehrzahl jedoch
kam dem Verlangen ihrer Kunden nach, zog auch das „bayrische
Bier“ *) auf Flaschen und versuchte dadurch den Ausfall der
durch die Zurückdrängung des Konsums von Weissbier herbeigeführt
 wurde, zu kompensieren. Allerdings waren ja von vornherein
 für den Flaschenbiervertrieb die Chancen bei dem bayrischen
Biere erheblich ungünstigere als bei dem Weissbier.. Da das Weissbier
 auf Flaschen gezogen werden musste, so war bei ihm der
Absatz in Flaschen gleich 100%. Das bayrische Bier dagegen kam
zu etwa 70% vom Fass zum Ausschank und nur der kleinere Teil
wurde in der Form des Flaschenbieres genossen. Neben den grossen
Ausschanklokalen, in denen — schon der Bequemlichkeit halber —
das bayrische Bier sich äusserst schnell einbürgerte, begannen auch
die Gastwirte nach und nach mit dem Ausschank und wenn es auch
gewiss in den sechsziger Jahren noch keine Gastwirtschaften gab,
welche nur bayrisches Bier ausschänkten, so verringerte sich doch
andererseits auch ständig die Zahl derjenigen, welche nur Weissbier

*) Diese Bezeichnung ist sprachlich unrichtig, aber da sie in Berlin
eingeführt ist (das aus Bayern eingeführte Bier bezeichnet man im Gegensatz
 zu dem nach bayrischer Art gebrauten Berliner Lagerbier als
„EChtes“), so ist sie auch in dieser Arbeit beibehalten worden.
        <pb n="22" />
        - 16

führten und allmählich begannen diejenigen Geschäfte zu überwiegen,
bei denen das Hauptgewicht auf dem Ausschank des bayrischen
Bieres lag. ;
Auf den ersten Blick scheint es, als wenn diese Veränderung
in den Konsumtionsverhältnissen den Bierhändlern nur Nachteile
hätte bringen können. Vor allen ging die Lieferung an die grossen
Ausschanklokale in Berlin und Umgegend zurück; eine Kompensation
durch Lieferung von bayrischem Bier war hier ausgeschlossen, denn
wenn diese Ausschankstätten bayrisches Bier verschänkten, so bezogen
sie es in Fässern von den Brauereien. Doch stand dieser Absatzminderung
 zunächst die absolute Steigerung der Weissbierkonsumtior
entgegen, die im Zusammenhang mit der Bevölkerungszunahme auch
damals anhält. Dazu kommt aber noch ein anderes Moment. In
vielen Gastwirtschaften hatte, wie schon bemerkt, der Ausschank von
bayrischem Bier den des Weissbieres bei weitem überflügelt. Unter
diesen Umständen hielt es der betreffende Gastwirt nicht mehr für
nötig, das Weissbier selbst abzuziehen, sondern bezog es in Flaschen
vom Bierverleger. Es hängt dies‘ damit zusammen, dass der Abzug
des bayrischen Bieres, das Verschänken des in der Brauerei genussreif
hergestellten Bieres durchaus keine Schwierigkeiten macht, im Vergleich
 zu dem Abzug von Weissbier, das zumal früher eine individuelle
Behandlung verlangte (vgl. später S. 58). So kam es denn, dass
mit der Einführung des bayrischen Bieres viele Leute aus allerlei
Berufen ohne irgend welche Vorkenntnisse eine „Kneipe“ aufmachten,
denen das Abziehen des Weissbieres nicht nur wegen des geringeren
Absatzes unnötig, sondern in den meisten Fällen unbequem
erschien und die es deshalb vorzogen, das Bier vom Flaschenbierhändler
 zu beziehen. War früher der Gastwirt fast in allen Fällen
ein Konkurrent des Flaschenbierhändlers, so wurde jetzt eine grosse
Anzahl zu Kunden ihres früheren Konkurrenten. Eine ähnliche Erscheinung
 finden wir bei den Viktualienhändlern. Ein Teil derselben
betrieb den Absatz von Bier als Hauptgeschäft und bildete das Hauptkontingent
 für den neu sich bildenden Stand der Bierverleger, die
übrigen jedoch gaben den Abzug des Bieres auf und zogen es vor,
das Bier in Flaschen vom Flaschenbierhändler zu beziehen.
Es ist anzunehmen, dass diese Umwandlungen in der Gastwirtschaft
und im Viktualienhandel die durch die Einführung des bayrischen
        <pb n="23" />
        — 17 —

Bieres bedingte teilweise Ungunst der Geschäftslage aufhoben. Nimmt
man hinzu, dass der Bedarf fortwährend im Steigen begriffen war,
eine Uebersetzung in dem Gewerbe des Flaschenbierhandels aber
nicht eintrat, so konnte die Lage der Flaschenbierhändler ohne
Uebertreibung als eine sehr günstige bezeichnet werden. Diese Gunst
der Geschäftslage führt dazu, dass zunächst schon in den fünfziger,
in stärkerem Massstabe dann in den sechsziger Jahren aus den verschiedenen
 Betriebsvereinigungen der Flaschenbierhandel als selbstständige
 Unternehmung sich loszulösen beginnt. Und zwar aus
dem Viktualiengeschäft und der Gastwirtschalt der Bier-Verlag, aus
der in Verbindung mit Restauration oder Kolonialwarenhandlung betriebenen
 Bier-Niederlage die selbständige Vertretung. Im Jahre
1868 finden wir im Branchenregister des Berliner Adressbuches zum
ersten Male die Rubrik „Bier-Verleger‘* und zwar werden in ihr
L02 Namen aufgeführt mit Inbegriff der Vertretungen auswärtiger
Brauereien. Dieser Umstand ist natürlich nicht dahin zu deuten, als ob
m Jahre 1868 oder überhaupt in einem Zeitraum von wenigen Jahren
die Umwandlung aus der Betriebsvereinigung in den selbständigen
Bierverlag vor sich gegangen sei, es wurde schon darauf hingewiesen,
dass bereits in den füntziger Jahren Bierverlagsgeschäfte als solche
bestanden.) Andererseits ist als ebenso sicher anzunehmen, dass
der Prozess der Loslösung des Bierverlages aus der Betriebsvereinigung
 auch im Jahre 1868 noch nicht abgeschlossen war „und
namentlich die Form der Betriebsvereinigung des Bier-Verlages mit
der Gastwirtschaft vielfach noch bestand. Immerhin ist die Thatsache,
dass im Jahre 1868 die Bierverleger durch die Aufnahme ihres Gewerbes
 im Berliner Adressbuch als besonderer Berufsstand gewissermassen
 legitimiert wurden, wichtig genug, um in ihr einen gewissen
Abschluss des ersten Teiles der Entwicklung des Berliner Flaschenbierhandels
 zu sehen. Noch aus einem anderen Grunde. Um
dieselbe Zeit, in welcher der Bierverlag immer mehr selbständig
wurde, entsteht ‘gleichzeitig in Berlin die erste. Lagerbrauerei für
bavrisches Bier in der Form der Aktiengesellschaft. welche

*) Als der älteste Bierverleger wurde mir ein gewisser Lange,
Barnimstrasse, bezeichnet, der bereits 1842 sein Viktualiengeschäft aufzegeben
 und sich lediglich mit dem Verırieb von Flaschenbier befasst
haben soll.
        <pb n="24" />
        versucht, die als Zwischenglieder zwischen Brauerei und Publikum
stehenden Bierverleger dadurch auszuschalten, dass sie, und zwar im
Jahre 1868, ihr Flaschenbier direkt an die Konsumenten
absetzt. Der Bierverlag als selbständiges Unternehmen auf der
einen — die Lagerbierbrauerei als Aktiengesellschaft, welche den
Flaschenbiervertrieb in eigene Regie nimmt, auf der anderen Seite —
eröffnen für unsere Betrachtung ganz neue Ausblicke, die von selbst
in die zweite Periode der Entwicklung des Berliner Flaschenbierhandels
 hinüberleiten.
        <pb n="25" />
        Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts.


IL. Periode (1868 bis zur Gegenwart).

Bei unseren Betrachtungen über die weitere Entwicklung des
Berliner Flaschenbiergeschäfts werden wir von der Entwicklung des
Berliner Bierkonsums im allgemeinen auszugehen haben. Anschliessend
hieran wird es uns leicht sein, die Einwirkung dieser Entwicklung
auf den Genuss von Flaschenbier und so auf das Flaschenbiergeschäft
selbst zu ersehen. Die Weiterbildung des Berliner Brauereigewerbes
wird uns die Anteilnahme der Brauereien an der Befriedigung des
Flaschenbierkonsums zeigen, ebenso die Entstehung der Kannenbierund
 Syphongeschäfte und deren Bedeutung. Die Verschiebungen in
der Lage des Bierverlegerstandes durch die Einwirkung der vorerwähnten
 Momente werden dann deutlich erkannt werden können.

Die Eutwicklung des Berliner Bierkonsums.

In erster Linie werden hierbei die Vorgänge in der Bewegung
der Bevölkerung ins Auge zu fassen sein. Denn naturgemäss kommt
die Bevölkerung nach Zahl und Zusammensetzung vor allem da in
Betracht, wo es sich um den Konsum von Genussmitteln handelt.
Berlins Bevölkerung ist nun, wie bekannt, in einer selbst für eine
Grossstadt überraschenden Weise gestiegen. Noch 1858 hatte Berlin
kaum eine halbe Million Einwohner (448 000), zehn Jahre später
zählte es bereits 700000 und 1876 erreichte es fast die Million
(964000). Rechnet man die Vororte im Umkreise von 2 Meilen
Ob
        <pb n="26" />
        -__ 90 —

hinzu, die ja bei der Ausbildung der Verkehrsverhältnisse‘ de facto
längst zu Berlin gehören, so hat Berlin bereits 1875: 1 131 000,
1885 : 1 559 000 und 1895 : 2 255 000 Einwohner. Die Konsumfähigkeit
 wird dabei durch ihre Alterszusammensetzung noch erhöht. Es
werden in einer Grossstadt wohl in den meisten Fällen Leute im
erwerbsfähigen Alter in den „besten Jahren“ zahlreicher zu finden
sein, als in der Mittel- oder Kleinstadt und gar auf dem Lande, weil
die in den Städten dominierende Grossindustrie auf der einen Seite
diese Leute braucht und auf der anderen Seite bei diesen selbst der
Trieb zu wandern, der Wunsch, die Arbeitskraft möglichst teuer zu
verkaufen und gleichzeitig das Einerlei des Landes oder der Kleinstadt
mit dem lebhaft pulsierenden Leben der Grossstadt zu vertauschen,
besonders in jungen Jahren stark ausgebildet ist. Wie sich diese
Thatsache in dem Altersaufbau der Bevölkerung bemerkbar macht,
zeigt nachfolgende Tabelle, welche ebenso wie die meisten auf Berlin
bezüglichen statistischen Angaben, Wiedfeld’s vorzüglichem Werke
entnommen ist. Es standen danach 1890 von 100 Personen im
Alter von:

in Preussen .
in Berlin .

unter
10

2/8
16,1

70 bis
Zu

20,7
17,5

20 bis
230

30 his
40

129
em

40 his
50

50 bis'60 bis] über
60 70. 70

10.1 | 7,6
115 |] 6,5

5,0 | 2,7
36 | 1,6

4 KO “| 7

Nun stellen die Altersklassen vom 20. bis zum 50. Jahre gewiss
denjenigen Teil der Bevölkerung dar, welcher produktiv am thätigsten
ist und auch für den Bierkönsum in erster Linie in Betracht kommt.
Da nun gerade diese Bevölkerungsklassen in Berlin um 12,5 %
stärker vertreten sind, als in der gesamten preussischen Monarchie so
kann es im Zusammenhang mit der raschen Bevölkerungszunahme nicht
auffallen, wenn auch der Bierkonsum absolut und relativ in erheblichem
Maasse gestiegen ist. Er zeigt im allgemeinen eine stetige Aufwärtsbewegung,
 wenn auch die Durchschnittszahlen der Gründerjahre in
den darauffolgenden Jahren wirtschaftlicher Depression nicht erreicht
wurden, wie ja in gewisser Beziehung die Verhältniszahlen des Bierkonsums
gleichzeitig ein Bild des jeweiligen Wohlstandes der Bevölkerung ab-
        <pb n="27" />
        21 —

geben.*) Wenn wir nun die Produktionszahlen betrachten (vgl.
Tabelle), so zeigen dieselben neben dem Steigen der Produktion zugleich
 eine Verschiebung der Verhältniszahlen beider Arten des
produzierten Bieres.
Bierproduktion in Berlin.

jahr

1860
1865
1870
1875
LS80
1885
1890
L895

|

untergähriges
Bier
hl

‚50 421
304 108
fe An

obergähriges
Bier
hl

“1A

Gesamt-Produktion


al

320) 705

pro Kopf
der
Bevölkerung

10
132
133
206
160
176
189
202

Schon vorher ist darauf hingewiesen worden, wie das erst um
das Jahr 1840 eingeführte bayrische Lagerbier sich in kurzer Zeit in
allen Kreisen der Bevölkerung Eingang zu verschaffen wusste, sodass
um die Mitte der sechziger Jahre bereits nur noch doppelt soviel
Weissbier gebraut wurde als Lagerbier. Den stärksten Umschwung
aber brachte der Anfang der siebziger Jahre. Es wurden produziert:

Jahr

1860
865
1868
1860
371
877
87°
7

untergährig | obergährig
hl hl

150421
THE

37

9784
723
“"

LU
837

Bereits um die Mitte der siebziger Jahre hat also das bayrische
Bier beinahe jenen Anteil an der Gesamtproduktion zu erlangen

”) In dem „Arbeiterfreund“, Jahrgang 1877, ist eine Studie veröffentlicht:
 „Der Bierverbrauch in Berlin ein Spiegel der sozialen Lage des
Volkes.“ Die Voraussetzungen, von denen der Verf. der betr. Arbeit ausgeht,
 sind jedoch ziemlich willkürlich und seine Folgerungen daher mit
Vorsicht aufzunehmen.
        <pb n="28" />
        — 22

gewusst, den es bis zum Ausgang der neunziger Jahre behauptet und
noch um ein geringes überschritten hat (von 61,1 auf 64,9 %). Verschiedene
 Gründe sind dafür maassgebend gewesen, dass gerade Anfang
 der siebziger Jahre dieser Umschwung in den Berliner Bierkonsumtionsverhältnissen
 eintrat, zunächst die gesteigerte Kaufkraft
des Publikums, welches durch die ausserordentlich günstige Geschäftslage
 in den „Gründerjahren“ in den Stand gesetzt wurde das teurere
bayrische Lagerbier zu bezahlen; denn das Glas Bayrisch ä %/, Liter
kostete 10 Pfg., während die für denselben Preis abzegebene „kleine
Weisse‘ %10 Liter enthielt und von dem ‚„‚einfachen‘ Weiss- und
Braunbier %10 oder oft auch !°/, Liter nur auf 10 Pfg. kamen. Dann
sind aber auch hier vor allem Aenderungen in der Bevölkerungszusammensetzung
 in Betracht, zu ziehen. Gewisslich ist gerade in
diesen Jahren die Berliner Bevölkerung am stärksten in ihrer Zusammensetzung
 in der Richtung des Vorwiegens der jüngeren Altersklassen
 und in der Tendenz einer Zurückdrängung des Berlinertums
beeinflusst worden. Ebenso wie der erstere Umstand im Zusammenhang
 mit der Bevölkerungszunahme den Konsum im allgemeinen
steigerte, so trug die Thatsache, dass das Berlinertum innerhalb der
Berliner Bevölkerung an Einfluss und Zahl verlor, auf der anderen
Seite dazu bei, das Ueberwiegen des Konsums von bayrischem Bier
zu bewirken. Denn das Berliner Weissbier ist, wie u. a. auch der
Name besagt ein spezifisch berlinisches Getränk und seine Eigenart
wie seine Vorzüge werden infolgedessen auch nur von „echten“
Berlinern in richtiger Weise eingeschätzt und gewürdigı. Wie die
Form der Gläser und die Natur des Bieres ein hastiges Heruntergiessen
verbieten, vielmehr Ruhe und Behaglichkeit zum Geniessen des
Weissbieres Vorbedingung sind, so kann man vielleicht sagen, dass
in der Eigenart dieses Bieres sich das Bild des behäbigen, bedächtigen
und etwas philiströsen alten Berliner Bürgertums spiegelt. Welcher
Gegensatz zwischen einer Weissbierstube im alten Berlin und den in
den letzten Jahren entstandenen berühmten Aschinger’schen Bierquellen!
 Dort die Bürger etwas ehrwürdig an den einfachen Tischen
vor den runden grossen Gläsern vereinigt, Zeitung lesend oder in
Ruhe und Behäbigkeit sich unterhaltend. Hier ein ewiges Hasten und
Treiben, Kommen und Gehen, die Einzelnen kaum sich Zeit lassend,
um Platz zu nehmen. sondern im Stehen eines der obligaten belegten
        <pb n="29" />
        23

Brödchen essend oder einen Schnitt echten Bieres herunterstürzend
und mit dem Blick auf die Uhr nach einigen Minuten wieder forteilend,
 um anderen Platz zu machen, welche ebenso wie sie „in der
Eile“ etwas „geniessen“ wollen. Es ist interessant und gewiss nicht
Zufall, dass in denselben Jahren, in welchen in Berlin das bayrische
Bier eingeführt wurde auch in den meisten Schichten der Bevölkerung
die Cigarre an die Stelle der Pfeife trat. Wenn wir noch einen
Schritt weiter gehen und an die Cigarette denken,‘ so wird man unbedingt
 beipflichten müssen; dass die Vorbedingungen für den Genuss
bei beiden ganz verschiedenartige sind und dass aus dem Genuss des
Tabaks in der einen oder.der anderen Form sehr wohl Rückschlüsse
auf den Charakter der Rauchenden oder doch wenigstens, auf die
Umstände gemacht werden können, unter denen das Rauchen ge-:chieht.
 Aehnlich steht es mit dem Genuss von Weiss- oder bayrischem
Bier. Allerdings darf man nicht Ursache und Wirkung verwechseln,
wie Prof. Hoppe es thut, wenn er den unruhigen Sinn der Berliner
in ‚den vierziger Jahren zum Teil auf das Konto der Einführung des
bayrischen Bieres setzen will. Nein, weil Berlin infolge seiner Entwicklung
 zur Grossstadt aus dem behäbig ruhigen Leben aufgestört
wurde, deshalb fügte sich das bayrische Bier viel besser in das Leben
der Stadt ein, als es in früherer Zeit der Fall gewesen wäre. Und
dass gerade der Charakter der Gründerjahre diese Wirkung in der
Verschiebung des Konsums der beiden Biersorten am stärksten zum
Ausdruck bringen musste, leuchtet ohne weiteres ein.
In der Folgezeit hat sich, wie schon erwähnt, an dem Verhältnis
der Produktion beider Biersorten wenig geändert. Im Jahre 1898,
dem letzten, für das uns Zahlen vorliegen, wurden produziert
2480418 hl untergähriges und 1357993 hl obergähriges Bier, was
einem Verhältnis von 64,9 zu 35,1 entspricht. Noch ungünstiger aber
stellt sich das Verhältnis, wenn die Zahlen der Ein- und Austuhr in
Berücksichtigung gezogen werden. Es wurden im Jahre 1898 in
Berlin eingeführt 607 150, ausgeführt 626527 hl. Die Einfuhr ist
lediglich den unterjährigen Bieren zuzuzählen mit Ausnahme der
ca. 20—30 000 hl obergährigen Grätzer Bieres, das aber auch mit dem
Weissbier durchaus nicht verwandt ist. Nimmt man nun an, das
Berliner Weissbier sei an der Ausfuhr nur mit demselben prozentualen
Verhältnis beteiligt, wie an der Produktion, so sinkt der Anteil des
        <pb n="30" />
        24. —

Weissbieres an dem genannten Berliner Bierkonsum auf ca. 30 %. In
Wirklichkeit dürfte sich aber das Ergebnis noch ungünstiger stellen,
denn es ist bekannt, dass das Berliner Weissbier in grossen Mengen
nach aussen versendet wird; sein Anteil an der Ausfuhr wird daher
vermutlich bedeutend höher sein, als derjznige an der Produktion.
Wenn in den letzten Jahren die Produktion des Weissbieres absolut
und z. T. auch relativ gestiegen ist (1883/84 war der Anteil‘ des
Weissbieres an der Produktion, d. h. ohne Berücksichtigung der
Ausfuhr auf 30,06 °% gefallen). so ist diese Erscheinung neben anderen
Gründen vielleicht darauf zurückzuführen, dass die Berliner Weissbierbrauereien
 für den.Rückgang des Berliner Weissbierkonsums in der
Provinz einen Ersaiz gesucht und gefunden haben. Ob mit dem
Aussterben des alten Berliuertums auch der Konsum von Weissbier
aufhören wird, kann dagegen stark bezweifelt werden. Vielfach wird
das Weissbier heute von den weniger wohlhabenden Klassen schon
wegen seiner Billigkeit dem bayrischen Biere vorgezogen, die Versendung
 kleiner und kleinster Gebinde, (allerdings handelt es sich bei
dieser Versendung um schwächer eingebrautes (einfaches) Weiss- oder
Braunbier) z. B. zum Preise von 1 Mark nebst pfandlosem Hingeben
von Utensilien, welche zum Selbstabzug nötig sind, hat den Absatz
des Weissbieres bedeutend gesteigert, auch scheint es, als ob ein
Teil der Arbeiterschaft seit dem Boykott gegen die Lagerbier-Brauereien
 (1894) sich vielfach mit dem Weissbier wieder befreundet
hätte. Namentlich in den Arbeitspausen wird von den Arbeitern
auch heute noch vielfach beim Gastwirt Weissbier konsumiert,
während in der Fabrik fast nur bayrisches Bier getrunken wird,
hauptsächlich deshalb, weil das bayerische Bier bequem „aus der
Flasche“ getrunken werden kann, was beim Weissbier nicht der Fall
ist. Es ist bedauerlich, dass in den Aufzeichnungen über Import und
Export des in Berlin konsumierten bezw. produzierten Bieres ein
Unterschied zwischen obergährigem und untergährigem Bier nicht
gemacht wird. Eine solche Unterscheidung allein würde uns in den
Stand setzen, genau den Anteil beider Bierarten am Berliner Konsum
festzustellen. Jedenfalls ist bei Betrachtung der mitgeteilten Zahlen
und für daraus später zu ziehende Schlüsse daran festzuhalten, dass
die Höhe der Weissbierproduktion allein für den Anteil am Gesamtkonsum
 nicht genügende Anhaltspunkte bietet.
        <pb n="31" />
        s

Einwirkung der Konsumtionsverhältnisse auf das
Flaschenbierlieferungsgeschäft.
Die Erhöhung des Bierkonsums und die Veränderung des Anteils
der beiden Biersorten an ihm beeinflusste das Flaschenbiergeschäft und
speziell das Flaschenbierlieferungsgeschäft in günstigem Sinne.
Verschiedene Gründe wirkten in besonders günstiger Weise auf die Ausbreitung
 des letzteren. In erster Linie die Vermehrung der Fabriketablissements.
 Nach Wiedfeldt sind in den Jahren 1869—1892
nicht weniger als 1638 polizeiliche Konzessionen zu Fabrikbauten
erteilt worden, die grösste Zahl 204 bezw. 196 in den Jahren 1872
und 1873, die geringste 16 und 10 in den Jahren 1879 und
1878. Gerade in den Fabriken wird aber fast nur Flaschenbier konsumiert.
 Es ist in jedem Betrieb mit einer grösseren Zahl von
Arbeitern so gut wie ausgeschlossen, dass das Bier in Gläsern oder
Krügen aus der benachbarten Gastwirtschaft geholt und nur in den
allergrössten Etablissements wiederum ist es möglich, dass das Bier
selbst abgezogen wird. So mussten die ausgedehnten Neugründungen
und Hand in Hand damit die Vergrösserungen der bestehenden
Fabriken den Flaschenbiervertrieb mächtig fördern, und den Flaschenbierhändlern
 regelmässige Abnehmer grösserer Quantitäten zuführen.
Nicht so regelmässig und mit einem Risiko verknüpft, aber den
Flaschenbierhandel auch sehr steigernd, war die Lieferung an die bei
den Bauten beschäftigten Arbeiter. So lange in Berlin fast allein
Weissbier produziert wurde, war der Konsum auf den Bauten nur
gering. Direkt aus der Flasche konnte das Weissbier nicht genossen
werden, es in Gläser zu schänken war zu umständlich, da der Standort
der Arbeiter nicht derselbe blieb und die Gefahr bestand, dass bei
etwaiger Ungeschicklichkeit das Glas mit dem Bier umgeworfen wurde.
Der Genuss von Bier beschränkte sich daher meist auf die Arbeitspausen.
 Seit Einführung des bayrischen Bieres vollzieht sich der
Konsum in viel einfacherer und bequemer Weise: der Arbeiter steckt
eine oder mehre Flaschen in die Tasche und trinkt je nach Bedürfnis.
Da der Beruf der Bauarbeiter namentlich im Sommer, wo dieselben
der sengenden Hitze schutzlos ausgesetzt sind, ein sehr schwerer und
anstrengender, andererseits aber auch die Entlohnung in den meisten
Fällen eine gute ist, so wird auf den Bauten sehr viel Bier getrunken.
        <pb n="32" />
        26

es kommen manchmal auf jeden Mann im täglichen Durchschnitt 6
bis 10 Flaschen. Wenn diese Verhältnisse auch bereits in den ersten
Jahrzehnten nach der Einführung des bayrischen Bieres sich eingebürgert
haben, so haben sie doch erst seit den siebziger Jahren erhöhte Bedeutung
 erlangt. KEinesteils aus dem Grunde, weil die Bauwut der
Gründerjahre überhaupt den Berufszweig der Bau-Unternehmer und
Bau-Arbeiter in den Vordergrund stellte,*) andererseits weil infolge
der grossen Nachfrage nach Bauarbeitern auch deren Disziplin in der
Arbeit mehr gelockert und infolgedessen für den Biergenuss während
der Arbeit keine hemmenden Vorschriften gegeben wurden. Seit den
siebziger Jahren ist die Bauthätigkeit mit wenigen Ausnahmen eine
geregelte gewesen, im Durchschnitt der Jahre 1869—1895 wurden
jährlich in Berlin 4795 Neubauten ausgeführt. Auf diesen Bauten
wird durchweg Flaschenbier konsumiert, Lieferant ist nur in wenigen
Fällen und bei „kleinen“ Bauten der Gastwirt, in den meisten
Fällen der Flaschenbierhändler. Ein Risiko ist mit der Lieferung
allerdings insofern verbunden, als die Flaschenverluste in der Regel
ziemlich bedeutende sind,
Schliesslich ist noch eine Erscheinung zu erwähnen, welche an
dieser Stelle kürzer behandelt werden kann, weil auf sie bereits in
der allgemeinen Betrachtung über die Gründe zur Ausbreitung des
Flaschenbierversandgeschäfts hingewiesen ist. Es war erwähnt worden,
dass die weite Entfernung von einer Bezugsquelle für Fassbier, oder
von einem Einzelverkauf von Flaschen das Flaschenbierversandgeschäft
beförderte. In Berlin haben sich nun einige Stadtviertel abgesondert,
welche speziell nur für die wohlhabenden Kreise bestimmt sind, da
durch die Höhe der Miete schon jeder, der nicht zu den „oberen
Zehntausend“ — in Berlin sind es aber beträchtlich mehr! — gehört,
abgeschreckt wird, dort sein Heim aufzuschlagen. Es sind dies in
Berlin sowohl das Bellevue-, als das Hansa- und Tiergartenviertel,
ferner die Gegenden in der Nähe des Zoologischen Gartens bis
Wilmersdorf hinauf und die Villenkolonie Grunewald, In diesen
Stadtteilen giebt es wohl „Restaurateure“ aber keine Gastwirte und
da nur die letzteren in grösserem Maassstabe sich mit dem Verkauf

Es wurden Neubauten genehmigt: 1869: 2473. 1870: 2576,
1871: 3789, 1872: 6331, 1873: 6076, 1874: 6556. 1875: 6278; die 1874
arreichte Zahl ist bis ın die Gegenwart nur einmal überschritten worden.
        <pb n="33" />
        — 97 —

über die Strasse befassen, so sind die Bewohner dieser Gegenden aui
den Bezug von Flaschenbier aus einem Flaschenbierlieferungsgeschäft
direkt angewiesen. Sie können zwar auch Bier in Flaschen einzeln
vom Viktualien- oder Kolonialwarenhändler kommen lassen, letzterer
bezieht aber sein Bier auch erst vom Händler, sodass auf alle Fälle
aäine Steigerung des Versandes von Flaschenbier erreicht wird. Dass
ähnliche Erscheinungen auch in anderen Städten vorliegen, ergiebt
sich aus dem Hinweis eines Leipziger Bierverlegers (des Vorsitzenden
des dortigen Vereins), der die Existenz des Leipziger „Gewandhausviertels“
 als eine Stütze für das dortige Flaschenbierveschäft bezeichnete.

Die Weiterentwicklung des Berliner Brauereigewerbes.

Hand in Hand oder doch vielfach im Anschluss und im Zusammenhang
 mit den hier angeführten Thatsachen, hat nun diejenige
Umwandlung sich vollzogen, welche für den Flaschenbiervertrieb im
allgemeinen, für seine Form im speziellen von allerhöchster Wirkung
 wurde: die Entwicklung der Berliner untergährigen
Brauereien zum Grossbetrieb und infolge davon die Uebernahme
 des Flaschenbiervertriebes in eigene Regie. Bis in
die Mitte dieses Jahrhunderts trugen die Berliner Brauereien noch
durchweg den Charakter von Kleinbetrieben an sich, 1845 produzierten
die 12 Weiss- und 18 Braunbierbrauereien im Ganzen 145 355 t Bier.
d. h. es kamen auf jede Brauerei noch nicht 5000 t im Durchschnitt.
In welcher Weise das nach bayrischer Art gebraute Lagerbier sich
in Berlin dann Eingang zu verschaffen wusste, ist an anderer Stelle
bereits dargelegt worden. Hatte es 1838 3 bayrische Brauereien in
Berlin gegeben, so ist ihre Zahl schon zehn Jahre später (1848) aut
14 gestiegen und gegen Ende der sechziger Jahre giebt es in Berlin
20 Brauereien, welche bayrisches Bier produzieren, darunter eine
Aktiengesellschaft. In der Zeit, in welcher die Gesamtproduktion an
bayrischem Bier der des Weissbieres gleichkommt, ist die Durchschnittsproduktion
 bei den bayrischen Brauereien bereits höher als
bei den Weissbierbrauereien, sie betrug bei ersteren im Jahre 1870
26847, bei den letzteren 20 513 hl.
Als nun zu Anfang der siebziger Jahre das Gründungsfieber in
Berlin grassierte, wandte sich die Spekulation in augenfälligem Maasse
        <pb n="34" />
        - 98

den Brauereibetrieben zu. Es konnte nicht überraschen, wenn sie
dabei die untergährigen Brauereien bevorzugte. Einesteils deshalb,
weil der Anteil des Weissbieres an der Konsumbefriedigung stetig
zurückzugehen und bei der vorauszusehenden Entwicklung der Reichshauptstadt,
 dem Einströmen fremder Elemente zu dauernden Niederlassungen
 ebenso wie zu zeitweiligem Aufenthalt und jener übrigen
erwähnten Momente,‘ dem bayrischen Bier die Zukunft zu gehören
schien. Dazu kam, dass bei den Besitzern der Weissbierbrauereien
viel weniger Neigung bestand, ihre Hand zur Umwandlung ihres
Betriebes in eine Aktiengesellschaft zu bieten als bei den Besitzern
der z. T. selbst noch nicht lange bestehenden bayrischen Brauereien.
Während daher die Weissbierbrauereien fast durchweg ihren privaten
Charakter behielten, hat sich bei den bayrischen Brauereien die Umwandlung
 in Aktiengesellschaften so zu sagen auf der ganzen
Linie vollzogen. Die 1868 in eine Aktiengesellschaft umgewandelte
Tivoli-Brauerei wurde schon erwähnt, es folgen 1870 die Brauerei
Friedrichshain, 1871 die Brauereien Friedrichshöhe, Moabit und
Schlossbrauerei Schöneberg, 1872 die Bearg-, Bock-, Adler-, Schultheissund
 Vereins-Brauerei, das Berliner Brauhaus, insgesamt also 13 Umwandlungen,
 von denen nicht weniger als 7 auf das eine Jahr 1872
fallen.
Es liess sich voraussehen, dass in der Folgezeit die Entwicklung
der untergährigen Brauereien wesentlich von derjenigen der obergährigen
 verschieden sein würde. Ebenso wie die Aktiengesellschaft
die modernste Form der Unternehmung ist, so lässt sich auch bei ihr
voraussetzen, dass sie sich aller derjenigen Hilfsmittel bedienen wird.
welche in modernen kaufmännischen Betrieben angewendet werden.
um ein Geschäft in die Höhe zu bringen. Man hat versucht, die
Hauptmerkzeichen dieses modernen Geschäftsbetriebes in die Worte:
„Coulanz und Reklame“ zu kleiden, ebenso den Unterschied zwischen
alter und neuer Geschäftspraxis dahin zu kennzeichnen, dass früher
der Geschäftsinhaber wartete, bis der Kunde zu ihm kam und dann
erst lieferte, während heute der Lieferant den Kunden aufsucht und
ihn zur Abnahme seiner Waren zu bestimmen sucht. Man Kann
darüber streiten, ob die gegebene Charakteristik auf alle Grossbetriebe
passt, jedenfalls ist sie richtig in Bezug auf die Berliner Lagerbier-(bayrischen)
 Brauereien, welche in derselben Zeit alle Fortschritte der
        <pb n="35" />
        — 99 —

modernen Technik und Geschäftspraxis sich zu Nutze machen, in
welcher die Weissbierbrauereien ihren alten konservativ-patriarchalischen
Charakter behalten. Nicht als ob diese verschiedenartige Entwicklung
allein der verschiedenen Natur der Unternehmungsform, dem Gegensatz
zwischen Aktiengesellschaft und privatem Besitz zuzuschreiben wäre.
Auch die im Privatbesitz befindlichen bayrischen Brauereien werden
nach grossen kaufmännischen Gesichtspunkten geleitet, während
andererseits die Weissbier-Aktienbrauereien nicht allzusehr von den
übrigen sich unterscheiden. Es möchte scheinen, als wenn auch hier
der Charakter ‚des Bieres wieder seinen Einfluss zeigte. Noch vor
nicht gar langer Zeit standen in einer der grössten Berliner Weissbierbrauereien
 alle Arbeiter in Lohn, Kost und Wohnung, in einer
anderen, deren Durchschnittsproduktion gewiss über 50 000 hl beträgt.
konnte sich der Besitzer nicht dazu entschliessen, sich Fernsprechanschluss
 zu besorgen. In manchen der grösseren Berliner Weissbierbrauereien
 wird die kaufmännische Buchführung auf das Notwendigste
 beschränkt und das Comptoirpersonal einer der grössten
Berliner Weissbierbrauereien, deren Geschäftsumsatz sich gewiss auf
über 1 Million Mark jährlich beläuft, besteht aus — zwei Buchhaltern,
welche alle Abrechnungen mit den Lieferanten, Kunden, Fahrern besorgen,
 die Bücher führen, überhaupt in Gemeinschaft mit dem Besitzer
 den Betrieb leiten. Oft reichen in diesen Brauereien die
Betriebsräume nicht zu, man weiss manchmal nicht, wie man über
den mit Fässern, Wagen und Utensilien aller Art angefüllten Hofraum
zu dem Comptoir gelangen soll. Doch von solchen Aeusserlichkeiten
abgesehen: es fehlte bei allen diesen Betrieben ein Streben nach
Absatz und Vergrösserung des Geschäfts, sie hielten keine Reisenden
und gaben wenig für Reklame aus: ihre Thätigkeit beschränkte sich
darauf, die ihnen zugegangenen Aufträge auszuführen. Wie anders
dagegen bei den bayrischen Brauereien! Von vornherein gross angelegt
 und mit einem Kapitalaufwand gegründet, der nur bei eintretender
 Vergrösserung rentieren konnte,*) waren sie auf eine ganz

*) Vergl. Jahresbericht der Aeltesten der Kaufmannschaft von 1880:
„Die Berliner Brauereien haben in den Jahren 1871—1875 eine selbst
über das damalige Bedürfnis hinausgehende Erweiterung ihrer Anlagen
erfahren und steht deshalb ihr Absatz nicht im richtigen Verhältnis zu
ihrer Einrichtung “ Der Sachlage nach können sich diese Worte nur aut
die bayrischen Brauereien beziehen.
        <pb n="36" />
        30 —

andere Leitung zugeschnitten. Sie suchten auf alle nur denkbare
Weise ihren Absatz zu vergrössern; weitestgehende Kreditbewilligungen,
Verleihung von Geschäftsutensilien an ihre Abnehmer, Errichtung
eigener Ausschankstätten, vornehme Reklame waren hauptsächlich die
Mittel, deren sie sich bei diesem Streben bedienten. Im Verlauf
dieser Entwicklung mussten die kleineren Betriebe, gegenüber den
kapitalkräftigeren Unternehmungen, immer mehr in den Hintergrund
reten. Hand in Hanl mit dem Streben nach Erhöhung des
Absatzes, ging die Tendenz auf Ausnutzung aller durch die Fortbildung
 der Technik erringbaren Vorteile, und auch hier konnten die
kleineren Betriebe nicht mitkommen, die, wie es im Jahrbuch f. d. a.
Statistik Preussen von 1876 heisst „ohne Eiskeller, ohne Maschinen,
üOhne spezielle Techniker mit den grossen Etablissements weder in
Bezug auf die Güte noch in Bezug auf die Herstellungskosten des
Bieres konkurrieren konnten“. Stellen wir diese fortschrittsfreudige
und aller Hilfsmittel der modernen Technik und Reklame sich bedienende
 Leitung der grossen bayrischen Brauereien in Vergleich zu
dem geschilderten Charakter der Weissbierbrauereien, so Kkann es
nicht überraschen, dass schon früh die Durchschnittsziffern der Produktion
 bei den bayrischen Brauereien viel höher sind, als bei den
Weissbierbrauereien. So heist es bereits in dem Jahresb. d. Aelt. d.
Kaufm. von 1875: „Von den 22 bayrischen Brauereien versteuerten
je eine über 70000 und 60000 Centner Braumalz, je zwei über
40 0C0 und 30 000, 5 zwischen 20-—30 000 und alle übrigen (11, also
5%) %) unter 20 000 Centner Braumalz. Von 26 obergährigen Brauereien
 versteuerten je zwei über 30000 und 20000 Centner, alle
übrigen (22, also: beinahe 90 %) unter 20000 Centner. Im Laufe
der Jahre hat sich die Entwicklung der untergährigen Bierbrauereien
immer weiter nach der Richtung eines Ueberwiegens der Grossunternehmungen
 ausgebildet, während auf dem Gebiete der Weissbierproduktion,
 die Vermehrung der Brauereien in gar keinem
Verhältnis stand zu der Zunahme der Produktion und zwar in-‘"olge
 der Errichtung vielfacher kleinen Brauereien (sogenannte
‚Quetschen“), welche ihr Bier direkt an die Konsumenten in Gestalt
 won Frischbier oder in ganz kleinen Gebinden absetzten.
Ihren Ausdruck findet die Entwicklung in den Zahlen für die
yegenwärtige Durchschnittsproduktion. welche für die bayrischen
        <pb n="37" />
        — 81 —

Bierbrauereien 84384, für die Weissbierbrauereien 18269 hI*)
beträgt.
Im Zusammenhang mit der Entwicklung der bayrischen Brauereien
zum Grossbetrieb steht nun als ein Glied in der Kette der auf die
Erhöhung des Absatzes gerichteten Anstrengungen die Uebernahme
des Flaschenbiervertriebes**) durch die untergährigen
Brauereien. Es wird vielfach behauptet, diese Uebernahme sei
geschehen auf Anregung des Generaldirektors der Schultheissbrauerei,
Roesicke, und zwar zum Schutze des biertrinkenden Publikums. Die
Bierverleger, habe Herr Roesicke ausgeführt, „panschten“ zu viel und
deshalb müssten die Brauereien den Flaschenbiervertrieb in eigene
Regie übernehmen, damit das Publikum unverfälschte Ware erhielte
und die Brauereien nicht. länger der Gefahr ausgesetzt seien, dass das
von ihnen den Bierverlegern im reinen Zustande gelieferte Bier von
diesen verfälscht und dadurch ohne Schuld der betreffenden Brauerei
diese selbst in einen schlechten Ruf gebracht würde. Nun mag ohne
weiteres zugegeben werden, dass in dieser und anderer Beziehung
Missstände im Bierverlage vorhanden gewesen sein mögen, obwohl
eine Verfälschung des bayrischen Bieres wohl seltener vorgekommen
sein mag, als der Wasserzusatz zum Weissbier. Jedoch muss gegen
die Auffassung Einspruch erhoben werden, als wenn die Brauereien
lediglich aus dieser Fürsorge für das Publikum und aus Furcht vor
Schädigung ihres Rufes zu der Einführung des Flaschenbiervertriebs
gewissermassen gedrängt worden wären. Es mögen Erwägungen der
vorher dargelegten Art mit obgewaltet haben, aber sie haben sicherich
 ‘nur eine nebensächliche Rolle gespielt gegenüber solchen von
weit schwererwiegender Natur. Vor allem kam es darauf an, den
Absatz und zugleich den Gewinn zu erhöhen, den man unzweifelhaft
und wahrscheinlich in übertriebenem Maasse von der Einführung dieses
Vertriebes erhoffte. Durch den direkten Verkehr mit den Konsumenten
auf dem Wege der Flaschenbiersendung erwartete man weiter, das Bier
der betreffenden Brauerei leichter einzuführen bezw. weiter zu verbreiten.
 Man rechnete darauf. dass diejenigen Familen. welche Bier

*) Letztere Zahl würde allerdings etwas höher sen (ca. 25000 hl),
WENN Man nur die Produktion der Weissbierbrauereien berücksichtigte
und nicht, wie es regelmässig in den Berechnungen gescheht, Weiss- und
Braunbierbrauereien zusammen betrachtete. Vgl. weiter Seite 45. ;
"*) Der gewöhnliche Ausdruck lautet auch hier „Flaschenbier han de1“
loch kann man im volkswirtschaftlichen Sinne nicht von Handel sprechen.
        <pb n="38" />
        32 —

von einer bestimmten Brauerei als Hausgetränk gewöhnt wären, auch
in den Restaurants und Ausschankstätten dieses bevorzugen würden.
Schliesslich aber und zwar wohl als ausschlaggebender Faktor sind
Erwägungen volkswirtschaftlicher Natur massgebend gewesen. Schon
1879 war in dem Berichte der Aeltesten der Kaufmannschaft von
Berlin darüber geklagt worden, dass die Unsitte des Uebermaasses
unglaubliche Dimensionen angenommen hätte, „es ist dies nach jeder
Hinsicht bedauerlich, denn einerseits werden dadurch nur die sogenannten
 Bierverleger, deren Existenz mit wenigen Ausnahmen
weder für Fabrikanten noch für Konsumenten von Nutzen
ist, begünstigt, andererseits wird die Solidität und Rentabilität der
Brauereien selbst dadurch untergraben“. Ebenso wie der Verfasser
dieser Auslassungen in dem citierten Bericht sind wahrscheinlich auch
manche der Brauereidirektoren der Meinung gewesen, dass die Existenz.
des Bier-Verlages als eines Zwischengliedes zwischen Produzenten
und Konsumenten als volkswirtschaftliche Notwendigkeit nicht
anzuerkennen sei. Sie glaubten, das Publikum mit Leichtigkeit
davon überzeugen zu können, dass es sich bei dem direkten
Bierbezug aus der Brauerei weit besser stände, als wenn es sich an
die Bierhändler wendete. Es musste ja einleuchten: besser konnte
der Bierverleger das Bier seinen Kunden auf keinen Fall liefern, als
die Brauerei, von der er es selbst bezog, wohl aber bestand die
Gefahr der Verfälschung. Billiger liefern konnte der Bierverleger
auch nicht, denn er konkurrierte ja mit seinen eigenen Lieferanten.
So schien bei dem geplanten Versuch jeder Vorteil auf Seiten der
Brauereien, aller Nachteil auf Seiten der Bierverleger zu sein.
Die weitere Entwickelung hat gezeigt, dass diese Kalkulationen
richtige waren. Das Publikum kam den Brauereien mit grossem
Vertrauen entgegen und begann, sich von den Bierverlegern abzuwenden.
 Eine intensive Reklame seitens der Bierbrauereien unterstützte
 diese in ihren Bemühungen. Annoncen in den Zeitungen, an
den Scheiben der damaligen Pferdebahn und in den Stadtbahnwagen,
Zustellung frankierter Bestellkarten, Neujahrsgeschenke auch an Nichtkunden
 (Abreisskalender, Tintenwischer, auch Aschenbecher in Tonnenform
 mit Firma etc.), schliesslich das Aeussere der Wagen, das
höflichere Benehmen der Kutscher, alles wirkte zusammen, um den
Kundenkreis der Brauerei fortgesetzt zu vermehren. Einen besonderen
        <pb n="39" />
        338

Vorteil sah das Publikum auch darin, dass auf den hübsch etiquettierten
Flaschen durch eine besondere Etiquette auch der Tag des Abzuges
vermerkt war, sodass sich das Publikum jederzeit davon überzeugen
konnte, ob es frisches Bier vor sich hatte oder nicht. Sobald erst ein
geregelter Absatz nach den verschiedenen Stadtteilen sich entwickelt
hatte, waren zudem die Brauereien in der Lage, das Bier in regelmässig
 guter Qualität, d. h. nicht zu „alt“ und nicht zu „Jung“ zu
liefern — im Gegensatz zu vielen Bierverlegern, welche bei ihrem
kleinen Absatz oft in die Lage kamen, zu frisches oder zu lange
gelagertes Bier abgeben zu müssen. Vielfach wird von den Bierverlegern
 auch behauptet, die Brauereien hätten in der ersten Zeit
das Bier, welches sie selbst auf Flaschen zogen, stärker eingebraut,
als dasjenige, welches sie den Bierverlegern lieferten und diese so
ausser Stand gesetzt, hinsichtlich der Qualität überhaupt zu konkurrieren.
Der vom Standpunkt der Bierverleger an sich schon sehr anfechtbare
Kampf — insofern er nämlich von den Lieferanten gegen ihre eigenen
Kunden geführt wurde — bekäme dadurch einen allerdings sehr hässlichen
 Anstrich. Ob diese Behauptung richtig ist, lässt sich natürlich nicht
entscheiden. Jedenfalls ist es falsch, sie wie es seitens der Bierverleger
häufig geschieht, als alleinigen Grund für die Ueberlegenheit der Brauereien
anzusehen; diese Ueberlegenheit war schon durch die angeführten Gründe
hinlänglich gegeben. Thatsache ist denn auch, dass die ersten Versuche
einzelner Brauereien zu einem äusserst günstigen Ergebnis führten, und
nachdem diese ersten Versuche geglückt waren, folgten schnell die
anderen nach. Einige Brauereien wurden zur Einführung des Flaschenbiervertriebes
 direkt gezwungen, indem fortgesetzt Bestellungen auf
Flaschenbier bei ihnen einliefen, welche sie auf die Dauer nicht
zurückweisen konnten und wollten. Von den jetzt in Berlin bestehenden
29 bayrischen Brauereien sind es nur noch 6 (und zwar die kleineren),
welche auf den Vertrieb von Flaschenbier verzichten, die übrigen
haben ihn in immer weiter steigendem Maasse eingeführt und man
kann behaupten, dass die Versorgung Berlins mit Flaschenbier, soweit
das bayrische Bier in Betracht kommt, fast ganz in ihren Händen ruht.
In erster Linie haben sie die Privatkundschaft erobert. Es muss
betont werden, dass sie diesen Teil ihrer Kundschaft den Bierverlegern
nicht dadurch abnahmen, dass sie jene unterboten, denn sie lieferten
ebenso wie die Bierverleger nur 32 Flaschen für 3 Mark. Es war
        <pb n="40" />
        34

bei diesen Kunden hauptsächlich das grössere Vertrauen zur Qualität
des in der Brauerei abgezogenen Bieres, welches sie diesen Zzuführte.
 Die Kantinen der Fabriken dagegen, ebenso wie andere
Geschäftskunden wurden durch Gewährung eines Rabattes gewonnen,
welchen der Gastwirt oder Bierverleger nicht bewilligen konnte, ohne
zu Grunde zu gehen. Auch heute, nachdem den Brauereien dieser
Kundenkreis längst gesichert ist, dauert das Unterbieten im gegenseitigen
 Konkurrenzkampfe der Brauereien unter sich noch fort. So
bedauert eine der bedeutendsten Berliner Brauereien in einem an den
Verfasser dieser Schrift gerichteten Schreiben, dass bei dem Verkauf
von Lagerbier an Wiederverkäufer und Kantinen seitens mehrerer
Brauereien eine Preisschleuderei eingetreten sei und verschiedene
Brauereien 42—50 Flaschen für 3 Mark lieferten.
Die Entstehung des Flaschenbiervertriebes seitens der Brauereien
fällt in den Anfang der achtziger Jahre, in der Gegenwart hat die
dadurch herbeigeführte Entwicklung gewissermassen ihren Abschluss
gefunden. Ueber die Entwicklung des Absatzes bei einzelnen
Brauereien selbst geben die nachfolgenden Zahlen Aufschluss, welche
jem Verfasser von den betreffenden Brauereien freundlichst zur Verfügung
 gestellt wurden.

Absatz von Flaschenbier.

Aktienbrauerei Königstadt.
188182: 2802 hl
1898/99 : 16157 ‚,

2. Schlossbrauerei
1586/87
1887/88
1888/89
1889/90
L890:91
1891.92
1592/93
[893/94
1894-95
1895/96
1896,97
1897 98
4183QQ 90

Schöneberg, A.-G.
?7 bh
15875 ,,
25.303 ,,
30 147 ,,
33048 „
43 170
52437
33 706
68 854
86 551
93 158
96200 ,,
942922

*) Erstes Jahr des Vertriebes
        <pb n="41" />
        30

3. Aktien-Brauerei-Gesellschaft
vorm. Patzenhofer.
3.250 000
"00% 900
257000
000
1000
„3000
71000
+ 540 000
816 000
159 000
335 hl.

Friedrichshöhe

Flaschen *)

Vereinsbrauerei Rixdorf.
1894/95 4476 hl *)
1895.96 14381 ,,
1896/97. 22802 ,,
1897'98 28541
{898/99 33096

5. Böhmisches Brauhaus, Kommandit-Gesellschaft auf Aktien.
HL

1888/89
1889/90
1890/91
1891/92
1892/93
1893/94
1894/95
1895/96
1896/97
1897/98
1898/96

4135
3.987
10617
‚2442
‘1793
1427
7160
19.023
19 904
23 712
28 721

5. Schuliheiss-Brau erei, A.-G.
hL

1876/77
1877/78
1880/81
188178:
1882/85,
188384
1884 85
188586
1886,87
‚887/88
Q88 29

6700 ,,
6800
9350 ,,
11426
13976 x
16251
18442 ,,
19810 ,,
24072

*) Erstes Jahr des Vertriebes
        <pb n="42" />
        36 —

1889/90
1390/91
1891/92
1892/93
1893/94
L894/9}
1895/98
1896/6"
1897/99
1898/C

31 752 hl
48 644
57849 ,,
78 753
94 547
104271 „
120 906 ,,
128228 „
156 290 ,,
183990 ,,

*\
4

Der Gesamtumsatz der zum Verband der Berliner Brauereien
gehörenden untergährigen Brauereien betrug nach den Berichten des
Verbandes im Jahre 1897/98 : 531947, im Jahre 1898/99 : 599502 hl.
welche sich auf die einzelnen Brauereien folgendermassen verteilen:

1897,98 | 1898/99

Schultheissbrauerei . .
Schlossbrauerei Schöneberg -
Friedrichshöhe. . .
Viktoria-Brauerei . .
Vereinsbrauerei . .
38öhmisches Brauhaus
Jnions-Brauerei .
Jswald Berliner
Friedrichshain
Jappoldt. .
Bock-Brauerei
Moabit . 0. 004044
Norddeutsche Brauerei .
Königsstadt . . . -
Gregory . 0. 0. 0 +
Werm. 20.20.0044
Versuchsbrauerei . . .
Germania . 0. 0.00.40 404
Zambrinus . .

in:

139 140
96 200
62377
28 654
28 541
23 712
23 400
22.921
21792
18 626
15920
15133
13812
36er

fe
Z

167 250
94 222
63335
32 445
33 096
28721
26 800
26 800
24373
24351
20 640
16 826
53839
5157
3.092
“251
- 506
5222
1677

*) Die Zahlen verstehen sich incl. des Flaschenbierversandes nach
ausserhalb. Den Anteil dieser Sendungen n. a. an der Gesamtziffer sieht
man aus einer Vergleichung für die beiden letzten Jahre, für welche mir
beide Ziffern vorliegen.
Absatz einschliesslich Sendungen für Berlin allein
nach ausserhalb
1897/98 : 156 290 hl 139 140 hl
1898/99 : 183990 » 167250 »
also Sendungen nach auswärts:
1897/98 : 17 150 hl = Ca. 11 %
‚898/99 : 16740 nn = CA. 9%
        <pb n="43" />
        37T —

Zu dieser gewaltigen Zahl von beinahe 600 000 hl ist noch der
Absatz derjenigen Brauereien hinzuzurechnen, welche dem Verbande
nicht angehören, und deshalb in der Tabelle nicht angeführt sind. Es
sind dies u. a. die Vereinigten Werder’schen Brauereien, welche ihren
Hauptabsatz in Berlin haben, sowie die grösste der bestehenden
bayrischen Brauereien, soweit diese noch in Privathänden sind, die
von Julius Bötzow. Der Absatz von Flaschenbier der letzten Brauerei
ist allein auf ca. 50—60 000 hl Jährlich zu schätzen. Dazu kommen
nun noch die Generalvertreter auswärtiger Brauereien, welche ebenfalls
einen schwunghaften Flaschenbierhandel treiben, wie die Haasebrauerei
in Breslau und die Radeberger Exportbrauerei. Der Gesamiumsatz
von Flaschenbier seitens der Berliner Brauereien ist somit auf
ca. 7— 800000 hl jährlich zu schätzen. Berechnet man, dass ein Bierverleger
 bei einem jährlichen Absatz von 800 —1000 hl schon verhältnismässig
 gut bestehen kann, so ist ersichtlich, wie viele solcher Betriebe
ein einziges Grossunternehmen, wie die Schultheissbrauerei, überflüssig
macht.
Die Berliner Weissbierbrauereien haben in ihrer Mehrzahl
aus den Gründen, die auch ihrer allgemeinen Entwicklung zu Grossunternehmen
 entgegenstanden, die Uebernahme des Flaschenbiervertriebes
 abgelehnt. Einige, die es versucht hatten, den Flaschenbiervertrieb
 in grösserem Massstabe in eigene Regie zu übernehmen,
wurden durch einen Boykott der Bierverleger zur Aufgabe desselben
gezwungen. Der Boykott liess sich in diesem Falle durchführen, weil
die betreffenden Brauereien den Bierverlegern nicht, wie die bayrischen
Brauereien als eine geschlossene Macht gegenübertraten, sondern
vereinzelt dastanden und zudem auch einzeln nicht über ein derartiges
Kapital verfügten, wie jene. Von den grösseren Brauereien betreiben
nur zwei den Selbstabzug und Vertrieb von Flaschenbier, nämlich die
Weissbierbrauerei vorm. Albert Bier, und die vor kurzem in eine
Aktiengesellschaft umgewandelte Brauerei von Gebhardt, Die Bier’sche
Brauerei begann mit dem Vertrieb von Flaschenbier im Jahre 1890,
ihr jetziger Absatz beziffert sich auf ca. 15000 hl, der Absatz der
Gebhardt’schen Brauerei soll etwa 30000 hi betragen. Die Kundschaft
 der letzteren Brauerei setzt sich überhaupt zum grössten Teile
aus Abnehmern von Flaschenbier zusammen, wenigstens wurde der
Brauereibesitzer Gebhardt früher von den Berliner Bierverlegern
        <pb n="44" />
        38

charakterisiert als „ein Bierverleger, der sich sein Bier selbst
abzieht.“

Es ist eine eigenartige Erscheinung, wie auch in diesem Falle
die Weissbierbrauerei in. Berliga ihren eigentümlich konservativpatriarchalischen
 Charakter sich bewahrt hat. In der Natur des obergährigen
 Bieres liegt durchaus nichts, was die Brauereien hätte
abhalten können, den Selbstabzug und Vertrieb in eigene Hand zu
nehmen. Die Gefahr der Verfälschung des Bieres, von der in Bezug
auf die bayrischen Brauereien gesprochen wurde, bestand bei ihnen in
weit höherem Masse als bei jenen; der Erfolg hätte sie bei ihrem
Bestreben, auf Uebernahme des Flaschenbiervertriebes vermutlich
ebenso unterstützt, wie die bayrischen Brauereien. Aber die Art des
Betriebes, die . Furcht vor einer ungewissen Vergrösserung des Absatzes
 und damit der Uebernahme eines Risikos, endlich aber und
entscheidend, der noch ziemlich ausgebildete persönliche Verkehr des
Weissbierbrauereibesitzers mit seinen Kunden trat dem entgegen.
Erwägungen volkswirtschaftlicher Natur wie sie bei den kaufmännischen
Direktoren der bayrischen Aktienbrauereien vorwalteten, waren ihnen
gewisslich fremd, sie sahen die Sachlage nur von dem Gesichtspunkte
an, dass sie ihren eigenen Kunden Konkurrenz machen sollten, und
das widerstrebte ihnen. Solange daher die Weissbierbrauereien in
den Händen ihrer jetzigen Besitzer bleiben, ist eine Aenderung der
bestehenden Verhältnisse kaum wahrscheinlich.
Ob aber die nach ihnen folgende zweite Generation das Geschäft
in alter Weise fortführen wird, ist mehr als zweifelhaft. Verschiedene
der jetzt bestehenden, grossen Weissbierbrauereien werden daher in
absehbarer Zeit auch wohl in Aktiengesellschaften umgewandelt
werden, und ob dann, wenn ein genügendes Kapital, verbunden mit
Unternehmungslust an die Stelle des jetzigen Betriebes tritt, nicht
auch die Geschäftsprinzipien wesenilich andere, auch in Bezug auf
den Flaschenbiervertrieh werden. muss aboewartet werden.

Die Syphon- und Kannenbierzesellschaften.

Von einer geringeren Bedeutung als die Uebernahme des
Flaschenbiervertriebes durch die Brauereien ist für die Form des
Elaschenbiergeschäftes die Einführung des Syphon- und Kannenbieres
        <pb n="45" />
        39

gewesen, an die man anfänglich grosse Erwartungen geknüpft hatte.
Im wesentlichen kommen alle Konstruktionen dieser Apparate darauf
hinaus, durch Zuführung von Kohlensäure, die‘ bei den einfachen
Flaschen nicht möglich ist, das Bier bis zum letzten Tropfen frisch zu
halten. Hierdurch bieten die Syphons (die gebräuchlichste Form hat
einen Inhalt von 5 I) noch den Vorteil, dass man nicht gezwungne
ist, eine bestimmte Quantität zu trinken, wie beim Flaschenbier, man
kann sich so viel oder wenig abzapfen als man will. Auch Raumersparnis
 bietet der Syphon-Apparat, da er nicht soviel Platz fortnimmt
 wie etwa 12 Flaschen ä 0,4 1 Inhalt, die seinem Gesamtgehalt
entsprächen. Diese Vorzüge bieten die Bierkannen nicht, die
wesentlich nur durch einen luftdichten Verschluss die Kohlensäure im
Bier besser erhalten und ausserdem durch elegantes Aussehen, die
Tafel vor einer Verunreinigung bewahren wollen. Man glaubte in
den beteiligten Kreisen, dass diese neuen Gefässe eine Umwälzung im
Bierhandel herbeiführen würden. Es kam darauf an, wer den Verkauf
des Syphon-Bieres in die Hand nahm. An vielen Orten haben die
Bierverleger sofort die Gefahr erkannt, die ihnen daraus erwachsen
müsste, wenn der Veririeb von Syphon-Bier durch die Brauereien,
oder eigene Syphon-Versandgesellschaften geschähe und infolgedessen
selbst den Vertrieb von Bier in Syphons übernommen. In manchen
Städten, z. B. Hamburg, hat sich nach den Berichten des dortigen
Bierverleger-Vereins der Bezug von Bier in Syphons auch eingebürgeri,
anderwärts wieder verschwand mit dem Reiz der Neuheit auch die
Nachfrage und zahlreich sind die Anzeigen im „Bierverleger“, in
denen grössere und kleinere Syphons, gebraucht, zum Kauf angeboten
werden. In Berlin hatten die Bierverleger nicht dasselbe Interesse
an der Einführung der Syphons und des Kannenbieres, wie an
anderen Orten. Es erhellt, dass die Syphons nur für die Lagerbiere
in Betracht kommen, da sich das Weissbier nicht aus diesen Gefässen.
wie überhaupt nicht vom Fass in Verbindung mit Kohlensäure-Druckapparaten
 verschänken lässt. Allerdings hätte man meinen
sollen, dass vielleicht einige kapitalkräftige Gastwirte und Bierverleger
sich ebenfalls die Einführung von Syphons oder Kannen hätten angelegen
 sein lassen, um dadurch zu versuchen, dem Flaschenbiervertrieb
 der Brauereien entgegenzutreten und wenigstens die Nachharkundschaft
 wieder an sich zu ziehen. Aber das geschah nur in
        <pb n="46" />
        40 —

wenigen Fällen. Auch von den Brauereien haben nur wenige neben
der Flaschenbier- eine Syphonbierabteilung eingerichtet; so die Schloss-Brauerei
 Schöneberg, in deren Bilanz eine „Abteilung für Versand
von Syphonbier“, mit 51000 Mark zu Buch steht. Ausser dieser
Brauerei betreiben speziell 5 Gesellschaften Verkauf und Versand von
Syphonbier, darunter die als Genossenschaft m. b. H. begründete
Deutsche Syphongesellschaft (Kapital 300 000 Mark). Doch ist zu
beachten, dass sich diese Gesellschaften ausser mit dem Versand von
Bier in Syphon-Gefässen auch mit der Herstellung dieser Gefässe
selbst befassen.
Bei dem Kannenbier. das anscheinend in den vornehmeren
Gegenden vielfach das Flaschenbier verdrängt hat, liegt der Vertrieb
in den Händen der Kannenbierversand - Aktiengesellschaft, welche
seinerzeit mit einem Kapital von 1 Million Mark gegründet wurde
ca. 12—15 Wagen im Betrieb hat und für die ersten beiden Jahre
ihres Bestehens je 16% Dividende zu verteilen in der Lage war.
Geschädigt werden durch diesen Versand sowohl Brauereien als auch
Bierverleger, welche in jenen westlichen Gegenden Kunden besassen
ınd diese nun verloren haben. Bei den Berliner Bierverlegern haben
sich ebenso wie die Syphons auch die Kannen sehr wenig eingebürgert;
 vor allem wohl haben die grossen Kosten die meisten von
einer Anschaffung zurückgeschreckt. Ein Syphonapparat von 51
Inhalt kostet im Durchschnitt 10-—12 Mark, eine Kanne etwa
1—1,50 Mark; die Anschaffung einiger hundert Stück, wie sie doch
für einen einigermassen ausgedehnten Betrieb unbedingt notwendig
ist, bedingt also erhebliche Anschaffungskosten.

Die Bierverlagsgeschäfte im Kampfe mit den Grossbetrieben.

Wie haben die hier geschilderten Aenderungen des Bierkonsums
ebenso wie die neuen Formen des Biervertriebs nun auf die Lage
der Bierverleger eingewirkt? Wir hatten unsere Betrachtungen über
die Entwiklung des Flaschenbierhandels bis zu jener Zeit geführt, in
welcher aus der Berufsvereinigung von Gastwirtschaft oder Viktualienyeschäft
 mit Flaschenbierhandel der Bierverlag als selbständiges
Gewerbe sich entwickelt hat. Seit dem Tahre 1868 findet sich im
        <pb n="47" />
        41. —

im Berliner Adressbuch die Rubrik „Bierverleger“ ständig, im Jahre
1879 wird eine Unterscheidung zwischen Bierverlegern und Bier-Engroshandlungen
 gemacht, hierunter sind die grösseren Bierhandlungen
 zusammen. mit den Brauereivertretern aufgeführt. Die Zahl der
Eintragungen in beide Rubriken ergiebt sich aus der nachfolgenden
Tabelle:

Jahr

1868
1869
1870
1871
18372
1873
1874
1875
1876
877
878
‘879
1880
[881
1882
[883
1884
1885
1886
1837
888
1889
1590
1891
1892
1893
894
895
896
1897
‚598
1899
90

Verleger

L02
115
108
116
120
158
53
266
257
2859
289
302
302
309
308
324
337
323
311
329
344
363
321
355
32
742
555
23

A

14
7}

EngrTosvyeschäfte


3:

9
4
1

Es lässt sich aus diesen Zahlen nicht unmittelbar auf die Lage
und die Entwicklung der Berliner Bierverlags- oder Bierengrosgeschäfte
schliessen. Dafür sind sie zu unsicher, weil namentlich diejenigen
Bierverleger. welche nebenbei noch Gastwirtschaft betreiben. in der
        <pb n="48" />
        49

Berufseintragung für das Adressbuch durchaus nicht immer gleich
bleibende Angaben machen. Immerhin geben sie doch Illustrationen
zu der jeweiligen Lage des Berufszweiges. sie zeichnen die wechselnden
Konjunkturen ab, welche er durchgemacht hat. Welcher Gegensatz
zwischen der Bewegung der Zahlen von 1870—1885 und von da ab
bis 1900! In der ersten Periode ein nur selten durch kleine
Oscillationen unterbrochenes stetiges Aufsteigen, (1870: 108, 1875:
266, 1880: 319, 1885: 370), in jenem zweiten Abschnitt ein ewiges
Hin- und Herschwanken, Aufsteigen und Absteigen nebeneinander,
ohne dass eine bestimmte Tendenz sich herausarbeitete (1885: 370,
1890: 388, 1894: 322, 1895: 447, 1897: 528, 1900: 464). In jener
ersteren Zeit steigt die Zahl der Bierverleger um das Dreieinhalbfache (von
L08 auf 370), in der gleichen Zeit steigt aber auch der Konsum des Bieres
in Berlin um mehr als das Doppelte (von 1049 718 hl aut 2 308 414 hJ).
Dabei ist noch zu bemerken, dass der Bierbezug auf dem Wege der
Lieferung durch den Verleger gerade in dieser Zeit in immer mehr
steigendem Masse sich ausbildete, dass der Bierverleger vielfach an
solche Leute Bier lieferte, welche es früher vom Gastwirt bezogen,
oder allgemeiner ausgedrückt, dass das Bierlieferungsgeschäft den
„Verkauf über die Strasse“ zum Teil zurückzudrängen begann. Jede
Förderung des Lieferungsgeschäftes, mochte dieselbe sich nun auf das
bayrische oder Weissbier beziehen, kam aber dem Bierverleger zu
Gute, da das Lieferungsgeschäft noch fast völlig in ihren Händen
ruhte, wenn auch einzelne Brauereien bereits mit dem Vertrieb von
Flaschenbier begonnen hatten.*) So ist es erklärlich, dass die Verhältnisse
 für den Bierverlag äusserst günstig waren. Seine Entwicklung
 aus der Betriebsvereinigung zwischen Viktualien- und
Flaschenbierhandel hatte sich bereits gegen die Mitte der siebziger
Jahre vollständig durchgesetzt, und teilweise wohl unter einem Druck
der Bierverleger hörten die Brauereien überhaupt auf, den übrigen
Viktualienhändlern noch Bier in Fässern zu liefern, sodass diese behufs
Deckung ihres Bedarfs, ebenfalls an die Bierverleger gewiesen waren.
Wenn wir annehmen, dass damals ebenso wie heute ca. 30% des
ıntergährigen Bieres in der Form des Flaschenbieres konsumiert

*) Doch betrug sogar der Umsatz der Schultheiss-Brauerei 1885 erst
zegen 15 000 hl.
        <pb n="49" />
        43

werden, so würde sich beispielsweise für 1875 ein Gesamtflaschenbierkonsum
 von 1255078, für 1885 ein solcher von 1303423 hl
ergeben. Wenn wir diese Ziffern vergleichen mit der Zahl der
Bierverleger und für das Jahr 1885 20000 hl bereits als
Flaschenbierabsatz der Brauereien in Abzug bringen, so ergiebt sich,
dass im Jahre 1875 ein Bierverlag auf je 4719 hl Flaschenbierkonsum
kommt, im Jahre 1885 infolge Steigerung der Zahl der Bierverleger
und des relativen Sinkens der Weissbierproduktion ein Bierverlag auf
3472 hl. Diese Ziffern bedeuten natürlich nicht, dass jeder Bierverlag
in den betreffenden Jahren einen durchschnittlichen jährlichen Absatz
von 4719 bezw. 3472 hl Flaschenbier gehabt habe, denn in den
Zahlen für den Absatz von Flaschenbier spielt natürlich auch der
Verkauf über die Strasse eine grosse Rolle, welcher in den Händen
der Gastwirte liegt. Der durchschnittliche Umsatz eines Bierlieferungszeschäftes
 dürfte also nur einen Bruchteil dieser Zahlen betragen, die
ja auch an sich, da es sich um Schätzung handelt, ziemlich unsicher
sind, aber doch durch die Vergleichung ihren Wert erhalten.
Die Veränderung in der Geschäftslage hat angefangen mit dem
Jahre, in welchem die bayrischen Brauereien mit dem Vertrieb des
Flaschenbieres begannen, und wie die mitgeteilten Ziffern zeigten, in
'hrem Bemühen, direkt als Produzenten mit den Konsumenten in Verbindung
 zu treten, so ausserordentlich erfolgreich waren. Es war den
Bierverlegern unmöglich, in Preis oder Qualität mit ihren Lieferanten
zu konkurrieren und so verminderte sich ihr Absatz an untergährigem
Biere in demselben Masse und derselben Relation wie die mitgeteilten
Ziffern einzelner Brauereien steigen. Eine planmässige Zusammenstellung
 der Absatzziffer in Bezug auf das Flaschenbier ist seitens des
Verbandes der Berliner Brauereien leider erst vor 2 Jahren angeregt
und durchgeführt worden, sodass sich zuverlässige, vollständige
Berichte über das Fortschreiten dieses Absatzes der Brauereien leider
nicht bringen lassen. Soviel aber scheint für die derzeitige Lage der
Dinge festzustehen, dass in Bezug auf den Absatz von bayrischem
Lagerbier in Flaschen mindestens neun Zehntel dieses Absatzes durch
die Brauereien besorgt werden. Wenn fast alle Bierverleger noch
Lagerbier neben dem Weissbier beziehen, so geschieht dies, weil sie
zum Teil über die Strasse noch‘ bayrisches Bier in Flaschen verkaufen,
 andererseits einige alte Privatleute oder Viktualienhändler zu
        <pb n="50" />
        — 44 —

Kunden haben, die, weil sie jahrelang das Weissbier von dem
betreffenden Verleger bezogen haben, aus einer Art Pietät auch das
bayrische Bier von ihm entnehmen.
Nach dem Verlust des Absatzes von bayrischem Bier blieb den
Bierverlegern in der Hauptsache noch der Versand von Weissbier
und da der Konsum von Weissbier wenigstens absolut gestiegen ist,
so liesse sich vermuten, dass der Absatz von Weissbier bei den einzeinen
 Verlegern mindestens ’gleichgeblieben sei. Nehmen wir die
Zahlen von 1880 und. 1898 zum Vergleich, so ergiebt sich, dass die
Zahl der Verleger um ca. 63%, die Produktion des Weissbieres
dagegen in derselben Zeit um 78°% gestiegen ist. Doch müssen wir
uns zunächst erinnern, dass von dieser Produktion ein erheblicher
Bruchteil abzuziehen ist, welcher in die Provinz ausgeführt*) wird;
und dass zudem der Umsatz derjenigen Weissbierbrauereien in Abzug
zu bringen ist, welche ebenfalls den Vertrieb von Flaschenbier selbst
besorgen.
Schliesslich aber ist eine Verschlechterung der Lage dadurch
bedingt worden, dass in immerhin beträchtlichem Masse der Selbstabzug
 von Weissbier bei der arbeitenden Bevölkerung sich eingebürgert
 hat. Dieser Selbstabzug geschieht entweder durch den
Bezug von Frisch- oder Jungbier, oder durch den Bezug von kleineren
Gebinden, die bis auf den Umfang von ca. 5 1 zurückgehen. Das
Frischbier wird gewöhnlich auf dem Hofe der Brauerei an die Hausfrauen
 verkauft, welche es sich in Eimern oder Kannen literweise
holen und auf Flaschen ziehen, nachdem sie je nach ihrem Geschmack
noch Wasser oder Zucker hinzugesetzt haben. Dieser Frischbierverkauf
 wird von vielen Weissbierbrauereien, namentlich aber von
den in letzterer Zeit aufgekommenen Braunbierquetschen betrieben,
er ist erst in neuerer Zeit zu grösserer Bedeutung gekommen. Bei
den kleineren Weissbierbrauereien bildet er einen beträchtlichen
Anteil ihres Gesamtumsatzes, aber auch bei den grossen Brauereien
ist er bedeutend; so schätzt man in Bierverlegerkreisen den täglichen
Verkauf von Frischbier in der Brauerei von Albert Bier auf !?/2 t, in
der Weissbierbrauerei von Gabriel &amp;amp; Jäger auf °%/ t pro Tag. Der
Versand von Bier in kleinen Gebinden geschieht hauptsächlich seitens

*)

Vergl. Seite 23,
        <pb n="51" />
        45

jener grossen Zahl neu entstandener „Quetschen“, welche überhaupt
keine grossen Gebinde führen, weil sie Wiederverkäufer niemals zu
Kunden haben, ihr Absatz sich vielmehr auf den Verkauf an die
Konsumenten beschränkt. Das von ihnen „gebraute“ Bier ist ein
leichtes obergähriges Bier und wird als Braunbier bezeichnet, in der
Statistik jedoch jederzeit zusammen mit dem Weissbier aufgeführt,
wie wir auch in unseren Betrachtungen, wenn wir vom Weissbier
sprachen, das Braunbier stets eingeschlossen hatten. Das Braunbier*)
unterschied sich von dem Weissbier durch einen starken Zusatz von
Zucker und zuckerhaltigen Stoffen, durch den es im Verhältnis zu
seinem geringen Preis einen immerhin merklichen Nährwert erhielt
und so in Verbindung mit seinem süssen Geschmack ein beliebtes
Getränk für Frauen und Kinder, namentlich als Stärkungsmittel
wurde.*) Doch hielt diese Beliebtheit des Braunbieres nur bis zum
Ende der siebziger Jahre an, dann kam es immer mehr aus dem
Verkehr. In neuerer Zeit ist es jedoch zu neuem Leben erwacht und
zwar dadurch, dass einesteils die Verwendung von Saccharin an Stelle
des teuren Malzes oder Zuckers die Herstellung des Bieres verbilligte,
anderenteils die früher infolge der zuckerhaltigen Stoffe oft stürmische
Nachgährung in den Flaschen bei längerem Lagern (das Bier
wurde „wild“) vermieden wurde. Ueber 40 Brauereien sind in
kurzer Zeit entstanden, welche sich mit der Herstellung dieses
Braunbieres abgeben, ihre Produktion wird auf ca. 400000 hl
jährlich geschätzt, welche Schätzung mir allerdings übertrieben
erscheint! Ueber die Art, wie die Herstellung dieses Bieres
oft. vor sich geht — in einem waschküchenähnlichen Raum! —
wie aus einem Centner Malz 12 hl „Bier“ hergestellt werden (bei
lem Weissbier aus einem Centner ca. 3 hl), giebt das citierte Gutachten,
 welches diese Art der Braunbierbrauerei als „Pseudobraugewerbe“
 bezeichnet, erbauliche Angaben, Diese Brauereien sind
es nun, welche, da ihre Produkte stets mit denjenigen der Weissbierbrauereien
 zusammen aufgeführt werden, "oft ein falsches Bild

*) Vielfach auch Lübbener Bier genannt, weil in Lübben eine
beliebte Art Braunbier gebraut wurde.
*) Vergl. Gutachten des Vereins der Brauereien Berlins und der
Umgegend, erstattet an den Polizeipräsidenten von Berlin betr. Wässerung
und Verfälschung von Bieren.
        <pb n="52" />
        16

geben. Einesteils in Bezug auf die Durchschnittsproduktion der
obergährigen Brauereien, welche ohne diese Quetschen doch nicht
jenen ausserordentlich niedrigen Stand haben würde, den sie in der
Statistik einnimmt, anderenteils in Bezug auf die Lage der Bierverleger,
 welche von der Steigerung der Produktion obergähriger
Biere durchaus nicht in vollem Masse profitiert haben, da die
gesamte Produktion dieser Braun- und Bitterbierbrauereien davon abzurechnen
 ist. Der Absatz dieser Brauereien an ihre Abnehmer
vollzieht sich meist. derart, dass das benötigte Bier in Kannen oder
kleine Gebinde gefüllt, oft aber auch direkt vom Fass mittels Ablasshahnes
 abgefüllt und so in einer Art „Strassenhandel“ abgesetzt wird.
Das Feilhalten von losem Bier mit einem Extraktgehalt von unter
2% ist zwar polizeilich verboten, jedoch soll nach Aeusserungen
aus Fachkreisen diese Bestimmung völlig auf dem Papiere geblieben
 sein.
Durch die Art des direkten Absatzes dieser kleinen Brauereien
ist natürlich den Bierverlegern ebenfalls eine empfindliche Konkurrenz
entstanden. Während früher die Braunbierbrauereien ihr Bier ebenso
wie die Weissbierbrauereien den Bierverlegern in Fässern lieferten
und diese den Absatz in Flaschen besorgten, welcher oft
einen bedeutenden Teil des Gesamtabsatzes ausmachte — namentlich
an die Viktualienhändler wurde viel Braunbier geliefert — ist ihnen
heute dieser Absatz fast gänzlich aus den Händen genommen. Dazu
kommt als letztes Moment noch, dass die Gastwirte aus ihrem
Kundschaftsverhältnis zu den Bierverlegern heraustraten. Seitdem in
den achtziger Jahren die Weissbierbrauereien, um den Wünschen
nicht nur der Gastwirte, sondern auch eines Teiles der jüngeren Bierverleger
 nachzukommen, immer mehr dazu schritten, den letzten
Gährungsprozess beim Weissbier in ihren eigenen Kellereien vorzunehmen,
 begannen auch die Gastwirte mehr und mehr das Bier
wieder selbst von der Brauerei zu beziehen und so ging auch dieser
Kundenkreis den Bierverlegern verloren.
Es ist daher wohl ersichtlich, dass der KEinfluss, welchen
die Steigerung des Konsums obergähriger Biere auf die Lage der
Bierverleger ausübte, durch die übrigen namhaft gemachten Momente
 mehr als aufgewogen werden musste. Nur ein Gebiet blieb
den Bierverlegern, auf dem sie, von drückender Konkurrenz be-
        <pb n="53" />
        - 47

freit, ihre frühere Stellung nicht nur behaupten, sondern sogar
verstärken konnten: dasjenige der sogen. „echten“ Biere. Es war
bereits dargelegt worden, wie der Vertrieb der auswärtigen Biere
zuerst in den Händen jener Bier-Niederlagen sich befand, welche daneben
 meist noch mit einem besseren Kolonialwarengeschäft oder
einem Restaurant verbunden waren. Später entwickelten sich aus
dieser Betriebsvereinigung die General -Agenturen der auswärtigen
Brauereien als selbständige Gewerbe und zwar zum grössten Teil
mit der Beschränkung auf den Absatz in Fässern, während der Vertrieb
 des Flaschenbieres in die Hände der Bierverleger überging. Im
wesentlichen liegen die Dinge auch heute noch so, nur dass viele
Bierverleger, angesichts der Verringerung der Absatzmöglichkeit
auch eigene Brauereivertretungen übernommen haben und z. T.
neben ihrem Flaschen- auch Fassbierhandel treiben. Für die Mehrheit
 der Bierverleger wichtiger als diese einzelnen Vertretungen
ist jedoch der Absatz derjenigen sogenannten „echten“, d. h.
auswärtigen Biere, welche allgemein eingeführt sind und deren Vertrieb
 durch die Bierverleger geschieht, da die betr. Generalvertretungen
sich auf den Fassbierhandel beschränken. In Betracht kommen hier
vor allem das Grätzer und das Kulmbacher Bier. Von den 46 Bierverlegern,
 über deren Geschäftsbetrieb mir Auskünfte vorliegen, führten
36 Grätzer und 21 Kulmbacher Bier, Münchener Bier wurde in 3.
Pilsener Bier in 5 Fällen geführt. Das Grätzer Bier (aus Grätz in der
Provinz Posen) wurde Mitte der achtziger Jahre in Berlin eingeführt,
es ist ein obergähriges Bier, das sehr lange Lagerung erfordert,
(mindestens 14 Tage), der Geschmack ist ein eigentümlich rauchiger.
Es wird meist in den Nachtcafes geführt. Die jährliche Einfuhr von
Grätzer Bier soll nach den Angaben des Generalvertreters einer der
bekannteren Grätzer Brauereien etwa 25000 hl betragen. Eine Zeit
lang hatte der Vertreter der Brauerei Bähnisch in Grätz den Flaschenbiervertrieb
 selbst übernommen, doch wurde er durch einen Boykott
der Berliner Bierverleger gezwungen, ihn wieder aufzugeben, da er
mehr Fassbierkunden verlor, als er an den neugewonnenen Flaschenbierkunden
 verdiente. So ist der Absatz des gesamten in Berlin eingeführten
 Grätzer Bieres in den Händen der Bierverleger geblieben.
Allerdings konnten die 25 000 hl, welche der Absatz von Grätzer
Bier ausmachte, keinen Ersatz bieten für dasjenige Absatzfeld, welches
        <pb n="54" />
        45

ihnen die Brauereien entrissen hatten. Wir hatten vorher Berechnungen
 angestellt, welche die Zahl der Bierverleger in Vergleich
 setzten mit dem gesamten Berliner Flaschenbierkonsum.
Danach kam ein Bierverlag im Jahre 1875 auf 4719 hl Flaschenbierabsatz,
 im Jahre 1885 auf 3472 hl Flaschenbierabsatz. Stellen
wir dieselbe Berechnung für das Jahr 1898 auf, so ergiebt
sich folgendes: Es kommen als Flaschenbierkonsum in Betracht:
1357993 hl obergähriges Bier und 30% der auf 2480418 hl angegebenen
 Produktion von untergährigem Bier = 8263806 hl, also
zusammen 2184799 hl. Hiervon sind jedoch in Abzug zu bringen
1. derjenige Teil dieses Konsums, welcher durch die Brauereien
gedeckt wird mit mindestens 700000 hl, 2. derjenige Teil der
Weissbierproduktion, welcher unter Uebergehung der Zwischenhand
in der Form von Frischbier oder in kleinen Gebinden an die Konsumenten
 geliefert wird, mit mindestens 400000 hl.*) Nach Abzug
dieses Absatzes von 1100000 hl, welcher bei Gleichbleiben der
früheren Verhälinisse zum grossen Teile den Bierverlegern zugefallen
wäre, bleiben noch 1 084 799 hl oder angesichts der Zahl von 516 Bierverlegern,
 ein Bierverlag gegenüber 2102 hl Absatz an Flaschenbier!
Es gilt von dieser Zahl dasselbe, wie vom den vorher genannten: sie
ist an sich ziemlich unsicher, aber sie erhält ihren Wert durch die
Vergleichung. Wenn man noch in Berücksichtigung zieht, dass der
Anteil der Bierverleger an der hier berechneten Höhe des Absatzes
infolge der früher nicht in diesem Masse aufgetretenen Konkurrenz
der Gastwirte eine geringere ist, als früher, so dürfte die in den an
sich ungewissen Zahlen 4719 und 2102 gegebene Relation mit dem
Verhältnis des einstigen zu dem heutigen Durchschnitisumsatz ziemlich
übereinstimmen.
Die vorhergegangen Betrachtungen umfassten die Entstehung und
Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts bis zum gegenwärtigen
Zeitpunkt. Die Ausführungen mussten sich dabei auf allgemeine Gesichtspunkte
 beschränken und konnten die geschilderte Entwicklung
nur in grossen Zügen geben. Zu ihrer Vervollständigung soll daher
die nachfolgende Darstellung dienen, welche im Rahmen der Detailschilderung
 die gegenwärtige Lage des Berliner Bierverlegerstandes im

* Inel. des Flaschenbiervertriebs der Weissbierbrauereien,
        <pb n="55" />
        49

besonderen schildern will, als desjenigen Gliedes im Berliner Flaschenbiergeschäft,
 dessen Entwicklung eine typische Bedeutung beanspruchen
kann, welche über das Interesse an dem vorliegenden Einzelfall hinausgeht.
 Gleichzeitig wird diese Einzelschilderung aber auch‘ Rückschlüsse
 auf die Ausführungen des ersten Teiles dieser Arbeit
gestatten und zur Bestätigung der darin ausgesprochenen Behauptungen
 dienen.
        <pb n="56" />
        [I

Die gegenwärtige Lage der Berliner Bierverleger.


Begriff und Form der Bierverlagsgeschäfte.
Begriff. Der Bierverlag als besondere Form des Flaschenbiergeschäfts
 stellt, wie aus den vorhergehenden Aeusserungen erhellt,
ein Unternehmen dar, welches von einer oder mehreren Brauereien
Bier in Fässern bezieht, es bis zur Genussreife lagern lässt und
an Geschäfte, die sich mit dem Ausschank oder Einzelverkauf von
Flaschenbier befassen, sowie an Privatleute in grösseren und kleineren
Quantitäten abgiebt, wobei als Minimum gewöhnlich die Entnahme
von 10—20 Flaschen gefordert wird. Es ist nötig, auf diese Minimalgrenze
 hinzuweisen, denn sonst würden wir jeden Kleinhandel mit
Flaschenbier, sofern nur der betr. Händler das Bier vom Brauer in
Fässern bezieht als „Bierverlag“ ansprechen müssen.
Für einen kleinen Teil der Berliner Bierverleger würde die obige
Definition noch in einer Hinsicht zu erweitern sein, indem dieselben
von der dürch die Brauereien eingeführten Lieferung des Berliner
Weissbieres in demjenigen Zustande, welcher nur noch mehrtägiges
Lagern verlangt, um in Genussreife überzugehen, keinen Gebrauch
machen, sondern die letzte Nachgährung noch in ihrem eigenen Keller
sich vollziehen lassen. Ihre Thätigkeit bei der Bierbereitung geht
also in diesem Falle über das „Lagern bis zur Genussreife“ hinaus,
bewirkt allerdings andrerseits keine Formveränderung von Rohstoffen,
sodass von „Gewerbe“ im nationalökonomischen Sinne auch bei ihnen
nicht gesprochen werden kann.
Name. Die Bezeichnung „Bierverleger“ für den hier behandelten
 Geschäftszweig ist nicht überall gebräuchlich. Am 'ver-
        <pb n="57" />
        51 —

breitetsten ist vielmehr der Name „Flaschenbierhändler“, wenigstens
‘ührt ihn die Mehrzahl der unter den betreffenden Unternehmern bestehenden
 Vereine, auch der seit Jahresfrist bestehende Verband
nennt sich „Verband deutscher Bierhändler“, das offizielle Verbandsorgan,
 welches in Lübeck erscheint, heisst dagegen wieder: „Der
Bier-Verleger“. Der Berliner Sprachgebrauch unterscheidet ferner
zwischen „Biergrosshandlung“ und „Bier-Verlag“, im Berliner Adressbuch
 ist diese Unterscheidung durch die Bezeichnungen Bier-Engrosgeschäft
 und Bierverlag zum Ausdruck gekommen. Ein Wesensunterschied
 besteht zwischen beiden Formen nicht, im allgemeinen haben
3ich nur die grösseren Geschäfte unter der ersteren Bezeichnung
eintragen lassen,*) ebenso sind unter ihr die Brauereivertretungen
aufgeführt.

Zahl der Berliner Bierverleger. In dem Berliner Adressbuch
 von 1900 sind 97 Biergrossgeschäfte und 367 Bierverleger verzeichnet.
 In Abzug zu bringen sind von diesen 464 Geschäften
22 Fassbierhandlungen, welche unter der Rubrik Bier-Engrosgeschäfte
sich verzeichnet finden, und 10 Geschäfte, welche unter beiden
Rubriken zugleich verzeichnet sind: Wir erhalten also im ganzen die
Zahl von 432 Bierverlegern. Von diesen 432 Geschäften sind 23 in
das Handelsregister eingetragen.
Formen des Bierverlages. In der reinen Form findet sich
der Bierverlag nur selten. Abgesehen von der Vereinigung mit dem
Bier-Kleinhandel, welche sich bei dem Vorhandensein der erforderlichen
 Räume, d. h. bei einem bequemen Zugang zum Keller ‚sozusagen
 von selbst ergiebt, findet sich der Bierverlag hauptsächlich in
‘Olgenden Formen der Betriebsvereinigung :
1. Bier-Verlag in Verbindung mit Fassbierhandel. Diese
Verbindung findet sich in denjenigen Fällen, in welchen ein Bierverleger
zleichzeitig Vertreter irgend einer auswärtigen Brauerei ist und deren
Bier nicht nur in Flaschen, sondern auch in Fässern abgiebt. Die

*) Es geht dies u. a. auch aus der verhältnismässig sehr verschiedenen
Anzahl derjenigen Geschäfte hervor, welche Fernsprechanschiuss haben.
Unter den 97 Bier-Engrosgeschäften sind dies 49 (nach Abzug der Fassbierhandlungen
 von 753 Biergrosshandlungen 27), von -den 367 Bierverlegern
 dagegen nur 21. Auch die im Handelsregister eingetragenen
Firmen finden sıcn nur unter der ersteren Rubrik
        <pb n="58" />
        52

Vertretung auswärliger Brauereien findet sich in Berlin in verschiedenen
Formen. Entweder bezieht der betr. Vertreter nur Bier von einer
oder mehreren auswärtigen Brauereien (führt also kein Berliner
Bier) und giebt dieses nur in Fässern ab. In diesem Falle handelt
es sich ausschliesslich um Fassbierhandel, der mit dem Flaschenbiergeschäft
 nichts zu thun hat. . In denjenigen Fällen, in welchen ein solcher
Brauereivertreter die Biere dieser auswärtigen Brauereien auch in
Flaschen absetzt, ist er den Flaschenbierhändlern zuzuzählen, wenn
er auch deren Typus durchaus nicht entspricht. Für denjenigen Teil
der Berliner Flaschenbierhändler, welcher für uns hauptsächlich in
Betracht kommt, tritt diese Vertretung nur in der Form auf, dass
der Flaschenbierhändler, dessen Hauptgeschäft in dem
Vertrieb einheimischer Biere liegt, nebenbei die Vertretung
einer auswärtigen Brauerei hat und deren Bier auch in
Fässern abgiebt. Doch tritt diese Form der Betriebsvereinigung
nicht in vielen Fällen auf. In der Regel haben nämlich die auswärtigen
Brauereien in Berlin meist einen General-Vertreter, der ihr Bier nur
in Fässern abgiebt, während auf der anderen Seite wieder diejenigen
Bierverleger, welche nebenbei ‚noch die Vertretung auswärtiger
Brauereien übernehmen, deren Bier meist nur in Flaschen vertreiben.


2. Betriebsvereinigung mit Gastwirtschaft. Schon an
früherer. Stelle ist dieser Art der Betriebsvereinigung gedacht worden.
Wieviele der Berliner Bierverleger zugleich Gastwirte sind, lässt sich
schwer bestimmen. Das Berliner Adressbuch giebt keine Anhaltspunkte.
 Denn da die Eintragung in mehr als eine Branchebezeichnung
 für jede Branche und Zeile 1 Mark kostet, so lassen sich die
meisten Berliner Gewerbetreibenden nur unter einer Rubrik eintragen.
Daher kann es sehr wohl sein, dass mancher Name unter der Rubrik
‚Gastwirte“ zu finden ist, der eigentlich unter „Bierverleger“ gehörte
und umgekehrt. Unter den 46 Bierverlegern, von denen ich Auskünfte
erhielt, waren 5 zugleich Gastwirte. Man könnte vielleicht aus dem
Umstande auf ein häufigeres Vorkommen dieser Verbindung schliessen,
dass der Verein der Berliner Bierverleger vor wenigen Jahren seinen
Namen in „Verein der Berliner Bierverleger, Gast- und Schankwirte“
umgeändert hat. Doch ist dies wohl weniger aus dem Grunde geschehen.
 weil eine grössere Anzahl von Vereinsmitgliedern nicht nur
        <pb n="59" />
        53

Bierverleger, sondern auch zugleich Schankwirte waren, als vielmehr
deshalb, weil ein grosser Teil der Vereinsmitglieder überhaupt. das
Bierverlagsgeschäft an den Nagel gehängt und sich lediglich auf die
Gastwirtschaft beschränkt hat.
3. Betriebsvereinigung mit Viktualien-(Spezerei-) Handel.
Diese Verbindung, welche zu Anfang der siebziger Jahre, nachdem
die Bildung des Bierverlages als selbständiges Unternehmen vollzogen
war, ganz aufgehört hatte, beginnt jetzt, bei der schlechten Lage des
Bierverlegerstandes, wieder in den Vordergrund zu treten. Insofern
zeigt sich allerdings ein Unterschied gegenüber der alten Form, als
in dieser der Viktualienhandel das ursprüngliche war und aus ihm
allmählich der Flaschenbierhandel sich entwickelte, während bei den
jetzigen Gründungen das Geschäft als Bierverlag gedacht ist, der
Kleinhandel mit Bier und Viktualien jedoch als Unterstützung
für das ganze Unternehmen dienen sollen, das auf dem Bierverlag, bei
dem namentlich in der ersten Zeit nur geringen Umsatz, doch zu unsicher
 aufgebaut wäre. Hauptsächlich findet sich diese Verbindung
bei vielen der neueren Geschäfte und es scheint, als wenn sie für
Neugründungen von Bierverlagsgeschäften typisch werden sollte. Von
der Weiterentwicklung des Geschäfts hängt es dann ab, ob dieses
mehr nach der Seite des Flaschenbier- oder Viktualienhandels
hinneigt. In letzterem Falle wird vielfach an die ‚Stelle des Bezuges
von Fassbier derjenige von Flaschenbier aus der Brauerei oder
vom Verleger treten, womit dann der Begriff des ‘Bierverlages aufgegeben
 ist.
Als andere Arten der Betriebsvereinigung kommen in Betracht
der Nebenhandel mit Mineralwasser (inkl. Limonaden), Eis und
Kohlensäure, An kleineren Orten ist die V erbindung von Bier-Verlag
mit Mineralwasser- und Eishandlung viel häufiger als in Berlin; die
Zahl der verschiedenen Verbindungsarten ist dort auch mannigfaltiger.
50 soll in einigen Städten der Bierverlag in Verbindung mit Holzand
 Kohlenhandel sich finden, ebenso wird im Organ des Verbandes
deutscher Bierhändler den Bier-Verlegern empfohlen, den Petroleumhandel
 als Nebengeschäft einzuführen, namentlich um — ebenso wie
bei dem Holz und Kohlenhandel — während der Winterszeit, wenn
der Bierkonsum naturgemäss geringer ist, nicht ganz ohne Absatz zu
sein. In Berlin sind mir derartige Formen von Betriebsvereinigung
        <pb n="60" />
        nicht bekannt geworden. Dagegen ist darauf hinzuweisen, dass bei
denjenigen Bierverlegern, welche den Nachgährungsprozess des Berliner
Weissbieres in ihren eigenen Kellereien vornehmen, Hefe als Nebenprodukt
 gewonnen wird, welche in der Regel ein in der Nähe
wohnender Bäcker dem betr. Bierverleger abkauft. Bei einem Umsatz
von etwa 1000 hl. Weissbier beziffert sich der Erlös für diese Hefe
(Bärme) auf 150—200 Mark.
Die verschiedenen skizzierten Nebengeschäfte können natürlich
in allen möglichen Kombinationen zum Flaschenbiergeschäft hinzutreten.
 So finden sich beispielsweise bei einem Berliner Bierverleger,
Flaschenbierhandel, Gastwirtschaft, Fassbierhandel und Kohlensäure-Niederlage
 zusammen. -

Verschiedenartigkeit der Berliaer Bieryerlagsunternehmungen.

Abgesehen von den verschiedenen Formen der Betriebs
vereinigung ist noch eine prinzipielle Scheidung unter den Berliner
 Bierverlegern vorzunehmen. Es handelt sich dabei um den
Gegensatz zwischen denjenigen Geschäften, welche nach modernen,
kautmännischen Prinzipien geleitet werden zu den Betrieben, welche
eine solche Leitung durchaus vermissen lassen. Zu den ersten gehören
 natürlich die Generalvertretungen der auswärtigen Brauereien,
soweit sie einen Flaschenbiervertrieb haben, ausserdem aber auch eine
Anzahl von Biergrosshandlungen. Wenn ihre Zahl auch gering ist
und sie gegenüber der grossen Zahl der übrigen Bierverleger nicht
in Betracht kommen, so ist es doch nötig, an dieser Stelle eine
kurze Schilderung der Art ihrer Betriebe zu geben, zumal sich unsere
 weiteren Ausführungen auf denjenigen Teil der Berliner Bierverleger
 beschränken sollen, welcher die typischen Merkmale des
Berliner Flaschenbierhandels an sich trägt. Der Gegensatz dieser
Geschäfte zu den übrigen Betrieben wird am besten gekennzeichnet
durch ihre Entstehungsart. Zunächst stammen sie fast sämtlich aus
neuerer Zeit. Sie richteten von vornherein ihr Hauptaugenmerk auf
die untergährigen Biere, und zwar führten sie neben den Berliner
Lagerbieren besonders auswärtige, während der Absatz von Weissbier
dagegen weit zurücktrat. Fast alle liefern das Bier auch in: kleinen
        <pb n="61" />
        55 —

Gebinden, doch kommt dieser Fassbierhandel nur als Gelegenheitsgeschäft
 (bei Familienfestlichkeiten etc.) in Betracht. Bezeichnend ist
auch, dass der Absatz sich meist auf Detailkunden beschränkt, wie
auch der ganze Betrieb auf diese Art des Absatzes eingerichtet ist
(keine zweispännigen grossen, sondern kleinere einspännige Wagen,
dafür aber eine grössere Anzahl für die entsprechend grössere Anzahl
von Kunden). Der Abdruck einer Bestellkarte eines dieser Geschäfte
möge das hier gesagte illustrieren.

3Zitte mir am

zu senden

ci
m

in

s FL

Englisch Porter . ,.
Englisch Pale Ale ,
Pfungstädter Bock-Ale
Münchener Spatenbräu
Nürnberger, Henninger
Xulmbacher Exportbier
°ilsener, Bürgerliches ,
zrätzer, Gesundheitsbier
ichultheiss-Versand . .
;chultheiss-Märzen, hell, 26 gr. oder 30
3Zockbrauerei, hell 26 gr. oder 30
3ock-Versand . . 2... 26
3reslauer Weizenbier .‚ . . . . 30
Patzenhofer 26 gr. oder 30 3
Weissbier, Landre, Akt,-Ges. . . 30 3
do grosse 15 „ 3.
“a hl Lagerbier Mk, 3,—
g hl Versandbier ‚,, 3,—
+/a hl Patzenhofer „3,50

3 Fl. 3 Mk.
3 " 3 ”
3

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Nürnberger Original- Gebinde von ca. 30 Liter an
Spaten do, nn = 36 , „
Löwenbräu do a » Iü s -
Kulmbacher do. x A

Name: ..... .

Wohnung.

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Berlin, den ..- N

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zu
        <pb n="62" />
        56 —

Ebenso wie die Brauereien machen diese Unternehmungen oft
Reklame durch Inserate, Zeitungsbeilagen, Plakate, Zusendung von
Prospekten etc., ihre Wagen fallen durch eine gewisse Gefälligkeit
des äusseren Anstrichs sogar noch gegenüber den Brauereiwagen auf.
Die Inhaber dieser Geschäfte sind ebenso wie die Brauereivertreter
meist Leute, die niemals in der Brauerei oder im Bierverlag gearbeitet
haben, sie besitzen lediglich kaufmännische Bildung. Zu ihnen gehören
 auch die neuen kaufmännischen Betriebe für den Vertrieb von
Syphonbier, sowie ein oder der andere grosse Weissbierverlag, deren
Absatz im Gegensatz zu den übrigen hauptsächlich bei der Privatkundschaft
 liegt.
Innerhalb der Mehrzahl nicht kaufmännisch betriebener Geschäfte,
 welche im wesentlichen die typische Form des Berliner Bierverlegers
 erkennen lassen, sind Unterscheidungen nur nach der Höhe
des Umsatzes zu machen. Das Gemeinsame tritt jedoch gegenüber
dieser Verschiedenheit ausserordentlich hervor, namentlich was die
Entstehung und allmähliche Entwicklung des Geschäftes anbelangt.
Die älteren Geschäfte sind zumeist, wie ausgeführt, aus der Gastwirtschaft
 oder dem Viktualienhandel entstanden; im ersteren Falle
haben manche die Gastwirtschaft als Nebengeschäft noch behalten.
 Die Inhaber derjenigen Geschäfte, welche aus neuerer Zeit
stammen, waren zu einem grossen Teil früher Kutscher bei einer
Brauerei oder einem Bierverleger und wagten es dann, auf ihre Ersparnisse
 und den von den Lieferanten gewährten Kredit sich stützend,
einen Bierverlag zu gründen. Die Kunden wurden entweder durch
persönliche Bekanntschaft gewonnen (die Kutscher haben ja viel
mehr Gelegenheit die Kunden kennen zu lernen als die Bierverleger
oder die Brauerei selbst!) oder durch direktes Aufsuchen, man kann
sagen hausieren. Während noch Anfang der achtziger Jahre der
Hauptnachdruck, auch bei allen Neugründungen auf das Lieferungsgeschäft
 gelegt wurde, ist es bei denjenigen Geschäften, welche in
den letzten Jahren entstanden, namentlich im Anfang, wesentlich
anders. Die Hauptstütze des Geschäftes bildet hier der Kleinhandel
mit Bier, der Detailverkauf über die Strasse, z. T. wird auch von der
Brauerei bezogenes Frischbier literweise verkauft. Weiterhin werden
vielfach auch noch Spezereiwaren geführt, eine Wäscherolle steht zur
Verfügung der Hausfrauen. und von aussen unterscheidet sich ein
        <pb n="63" />
        57T —

solches Geschäft von einer Viktualienhandlung („Grünkramkeller“) nur
dadurch, dass die langen senkrechten Tafeln, auf denen die Preise
der einzelnen Biersorten verzeichnet sind, darauf hinweisen, dass das
Bier in dieser Handlung als Verkaufsobjekt eine grössere Rolle spielt,
als in den übrigen Kellern dieses Charakters.
Was, das durchschnittliche Alter der heute bestehenden Bierhandlungen
 anbelangt, so stammte von den 46 Geschäften, welche
mir hierüber Auskunft erteilten, das älteste aus dem Jahre 1849, im
übrigen waren begründet worden:
in den Jahren 1860—1870 : 5
1870—1880 : 8
1880—1890 : 12
1890—1896 : 20
Aus diesen Zahlen geht zunächst hervor, dass eine grosse Anzahl
der früheren Geschäfte eingegangen sein muss, denn sonst wäre es
nicht zu erklären, dass aus der so günstigen Zeit 1860—1880 nur
eine geringe Anzahl von Bierverlagsgeschäften noch bestände. Manche
der Inhaber dieser Geschäfte haben vielleicht, nachdem sie in den
zuten Jahren genügend zurückgelegt hatten, ihr Geschäft aufgegeben
and die „Kundschaft“ an irgend einen anderen Bierverleger verkauft;
manche, welche früher neben dem Bierverlag noch eine Gastwirtschaft
betrieben, beschränken sich heute auf letztere. Die Thatsache, dass
die Mehrzahl der heute bestehenden Bierverlagsgeschäfte aus den
letzten Jahren stammen, ist für die Umwandlung in dem Charakter
des Bierverlages von grösster Bedeutung.

Personalverhältnisse im Bierverlag.

A. Thätigkeit des Geschäftsinhabers und seiner Familie.
Die Personalverhältnisse sind abhängig von der verschiedenen
Höhe und Ausbreitung des Umsatzes. Zunächst giebt sich dies
darin kund, dass in den Geschäften mit grösserem Umsatz der
Inhaber das Bier nicht mehr selbst ausfährt, sondern seine Thätigkeit
 auf die Aufsicht im Geschäft und den Verkehr mit den
Kunden und Lieferanten beschränkt. Zur Nlustrierung dieser
Thätigkeit ist. es nötig. sich von den Räumlichkeiten eines solchen
        <pb n="64" />
        58

Bierverlages eine Vorstellung zu machen. Der meist im Kellergeschoss
 sich befindende Bier - Verkaufsraum enthält in der Hauptsache
 Regale und Eisschränke mit getüllten Bierflaschen, auf dem
Erdboden haben die zurückgebrachten leeren Flaschen Platz gefunden.
In den grösseren Geschäften ist ein Teil dieses Raumes abgetrennt
und als Comptoir mit den dazu gehörigen Utensilien hergerichtet: in
vielen Fällen genügt der Pultaufsatz, in dessen Innern sich die Geschäftsbücher
 befinden, während dieleingegangenen Rechnungen angeheftet
 daneben hängen. In diesem Raum geht der Verkauf in
Flaschen vor sich, werden Reisende und Lieferanten empfangen etc.
Von ihnen führen nun zwei oder drei Stufen in diejenigen Kellerräume,
 in denen das Bier „abgezogen“, d. h. auf Flaschen gefüllt
wird. Diese Kellerräume sind angefüllt mit den Bottichen, meist
Zuber oder im Berliner Dialekt Zober genannt, in welche das Weissbier
 von den Tonnen ausgegossen wird, ferner stehen gefüllte und
cere Fässer umher, eine Korkmaschine, Flaschenspül- und Bierabfüllapparate
 oder ähnliches. Vielfach behilft man sich auch ohne jedwede
mechanischen Apparate und Maschinen, an Stelle der Flaschenspülmaschine
 tritt in diesem Falle eine einfache, mit warmem Wasser
gefüllte Wanne, in welcher die Flaschen durch Ausspülen mit Stahlschrotkörnern
 gereinigt werden. Den Hauptraum nehmen die Holzlagen
 ein, auf denen das auf Flaschen gefüllte Bier sich befindet,
welches aus diesen Kellerräumlichkeiten in die Kästen und dann auf
jen Wagen gebracht wird, um verladen und ausgefahren zu werden.
Die Thätigkeit des Bierabziehens ist eine äusserst einfache. Sie
besteht bei dem bayrischen Lagerbier ebenso wie bei den auswärtigen
„echten“ Bieren nur darin, dass es vom Fass abgelassen und in
Flaschen gefüllt wird. Eine vorsichtigere Behandlung verdient das
Grätzer Bier, aber auch nur insofern, als es je nach der Beschaffenheit
und Jahreszeit 14 Tage bis 6 Wochen lagern muss, ehe es zum Genusse
 reif ist. Sobald dies der Fall ist, muss wieder für nicht zu
langsamen Absatz gesorgt werden, damit das Bier nicht verdirbt.
Die grösste Sorgfalt verlangte früher der Abzug von Weissbier und
verlangi sie noch jetzt bei denjenigen Bierverlegern, welche darauf
verzichten, sich das Bier von der Brauerei genussreif liefern zu lassen.
Diese Bierverleger empfangen das Weissbier von der Brauerei, nachdem
 es in deren Keller die erste Gährung durchgemacht hat, welche
        <pb n="65" />
        59 —

die Zersetzung des Malzzuckers bewirkt, als &amp;lt;ozenanntes „Frischbier“.
Dieses Frischbier musste der Bierverleger in seinem Keller einer
Nachgährung unterziehen, es wurde in die Zuber gegossen und blieb
dort etwa 2—3 Tage (im Winter 3—5 Tage) stehen, während dieser
Zeit setzte sich die im Biere enthaltene, schon in der Brauerei zugesetzte
 Hefe ab. Nachdem sie abgefüllt worden war, wurde das
Bier in Eimer. abgelassen und in einen neuen Zuber geschüttet. Der
jetzt gewonnene „reine Ausstoss“ wird mit Frischbier gemischt in der
Weise, dass auf 5 Teile Ausstoss ein Teil Frischbier kommt. Das
so erhaltene Bier wird dann auf Flaschen gezogen und hat bis zur
Genussreife noch 6—10 Tage zu lagern. Die meisten Bierverleger
nehmen Weissbier von mehreren Brauereien, jedes verlangt seiner
Natur nach eine besondere Behandlung, die sich namentlich auf das
Mischungsverhältnis beim sogenannten „Anstellen“ mit Frischbier bezieht;
 auch werden vielfach die Biere aus den verschiedenen Brauereien
miteinander gemischt. Diese Behandlung erfordert also eine gewisse
S5achkenninis und in früherer Zeit, als alle Bierverleger das Bier
noch selbst anstellten war auch die Qualität des von den Einzelnen
gelieferten Bieres sehr verschieden und manche Bierverleger besassen
wegen ihres guten Weissbieres einen besonderen Ruf. In der Gegenwart,
 wo über %4 der in Betracht kommenden Bierverleger das Bier
schon „angestellt“ von der Brauerei beziehen, hängen die Qualitätsunterschiede
 natürlich nur von der Art der Herstellung in der Brauerei
ab, dafür ist die dem Bierverleger verbleibende Thätigkeit eine viel
einfachere geworden, da sie sich auch bei diesem Biere nunmehr auf
das einfache: Abziehen beschränkt.
Das Nebeneinanderliegen des Detailverkaufsraumes und des Abzieh-
 und Lagerkellers ermöglicht eine leichte Kontrolle seitens des
Geschäftsinhabers. Es ist ihm möglich, im Keller zu arbeiten und
gleichzeitig dem Detailverkauf vorzustehen, da er zu diesem Zwecke
nur die Thür zwischen beiden Räumen offen lassen und in den Verkaufsraum
 einzutreten braucht, wenn ein Käufer kommt. So kann
also auch ein unverheirateter Mann, wenn er sich einen Kutscher hält,
das Geschäft betreiben. Die überwiegende Mehrzahl der Berliner
Bierverleger ist jedoch natürlich — ebenso wie die Mehrzahl aller
Kleingewerbetreibenden — verheiratet und infolgedessen in der Lage,
die Familienmitglieder zur Thätigkeit im Geschäft heranzuziehen.
        <pb n="66" />
        — 50

So liegt der Detailverkauf meist in den Händen der Frau, die sich
während der Zeit, in welcher sie in der Wirtschaft zu thun hat,
von ihren älteren Kindern vertreten lässt. Die Mitarbeit auch der
Kinder ist im Bierverlag überall Sitte, auch bei denjenigen Bierveriegern,
 welche wohlhabend zu nennen sind. Oft müssen die Kinder
des Abends „fragen gehen“, d. h. zu den Grünkram- und kleinen
Kolonialwarenhändlern gehen, um zu fragen, was am nächsten Tage
zebraucht wird, da diese kleinen Geschäfte, die pro Tag ca. 20 bis
60 Flaschen Bier verkaufen, erst am Abend feststellen können, was
sie am nächsten Tage gebrauchen werden. Auch zur Führung der
Bücher pflegt der Bierverleger seine Kinder oft zu verwenden, da
seine schwere Hand des Schreibens ungewohnt ist und er im allgemeinen
 ein Misstrauen dagegen hat, einen Fremden in seine Bücher
sehen zu lassen. Bei den kleineren Geschätten tritt die Mitarbeit der
Familienangehörigen, namentlich der Frau, natürlich noch stärker
hervor. Nicht nur der Detailverkauf von Flaschenbier über die Strasse
gehört zu ihren Obliegenheiten, sondern in manchen Fällen wird es
auch vorkommen, dass sie beim Bierabzug mithilft. Namentlich dann
wird dies nötig sein, wenn in dem betr. Betriebe überhaupt kein
Arbeiter beschäftigt ist, was in 12 von 46 untersuchten Fällen
vorkam.

B. Angestellte im Bierverlag, Arbeits- und Lohnverhältnisse.

Kaufmännische Hilfskräfte. Die kaufmännisch geleiteten
Geschäfte werden wohl durchgängig kaufmännisches Personal beschäftigen,
 unter den übrigen Bierverlegern kommt dies nur vereinzelt vor.
Von unseren 46 Bierverlegern beschäftigte einer einen Geschäftsführer
und einen Buchhalter ständig, ein zweiter einen Buchhalter und einen
Reisenden, zwei dauernd je einen Buchhalter, die übrigen besorgten
die Buchhaltung selbst. Im allgemeinen lässt die Art der Buchhaltung
seitens der Bierverleger viel zu wünschen übrig, sie erstreckt sich
meist nur auf die Eintragung des ausgefahrenen Bieres und auf
Kontoführung für die Kunden, dagegen werden die Lieferungen der
Brauereien etc. meist vom Bierverleger nicht besonders gebucht, ebensowenig
 wie vielfach Einnahmen und Ausgaben generell eingetragen
        <pb n="67" />
        61

zu werden pflegen. Auch Haushaltungs- und Geschäftskasse werden
selten getrennt. Selbst unter den grösseren Geschäften fand ich manche,
die ihre Einnahmen und Ausgaben zu buchen nicht für nötig hielten.
Der Arbeiter im Bierverlag. Aus der vorher gegebenen
Beschreibung des Bierverlagbetriebes erhellt, dass wir es hier mit ungelernten
 Arbeitern zu thun haben. Zwar findet man oft in Berliner
Blättern Annoncen des Inhalts: „ein Arbeiter gesucht, der schon im
Bierverlag gearbeitet hat“, doch ist dies mehr nur die übliche Form
der Annonce, denn die Arbeit im Bierverlag erfordert so wenig Kenntnisse
 und ist so leicht zu begreifen, dass sie von jedem Handlanger
verrichtet werden kann. Höchstens wird durch die Gewöhnung wohl
ein schnelleres Arbeiten ermöglicht. Manche Arbeiter bleiben auch
Jahre hindurch im Bierverlag, doch ist es stets nur eine bestimmte
Klasse von Arbeitern, welche mit der Stellung im Bierverlag zufrieden
ist. Zunächst handelt es sich fast ausschliesslich um ledige Leute,
was damit zusammenhängt, dass die Mehrzahl der Bierverleger von
ihren Arbeitern verlangt, dass sie im Hause wohnen. Da die an
höhere Ansprüche gewöhnten Arbeiter nur in seltenen Fällen geneigt
sind, sich der Kontrolle zu unterwerfen, welche mit diesem „in Lohn
und Kost stehen“ (wobei man das Wohnen beim Arbeitgeber als
selbstverständlich hinzudenkt) verbunden ist, so kann es nicht befremden,
 dass die Mehrzahl der im Bierverlag beschäftigten Arbeiter
aus den Ostprovinzen. (Ostpreussen, Westpreussen, Pommern, Posen)
stammt, während die übrigen Provinzen dahinter weit zurücktreten
und die westlichen fast garnicht vertreten sind. Aus den Büchern des
Arbeitsnachweises für den Verein der Berliner Bierverleger habe ich
mich über die Herkunft der dort sich meldenden Arbeiter zu informieren
 gesucht und dabei Folgendes gefunden:
Von 190 in Berlin im Bierverlag beschäftigten Personen waren

vebdren:

in den Ostprovinzen
Brandenburg
Schlesien
Stadt Berlin
„ anderen Provinzen 13
Nun ist bekanntlich der Anteil der östlichen Provinzen an der
Berliner Bevölkerung ein grosser: dennoch muss es überraschen, dass
        <pb n="68" />
        62

über die Hälfte der hier in Betracht kommenden Arbeiter aus
diesen Provinzen stammt. Im Gegensatz hierzu steht die geringe Beteiligung
 geborener Berliner. Im Jahre 1890 waren nach dem Ergebnis
 der Volkszählung von 1000 Einwohnern in Berlin 405 daselbst
auch geboren, also 40°, während bei den hier genannten Arbeitern
der Anteil der geborenen Berliner nur etwas über 10 °% ausmacht.
Ueber das Alter dieser Arbeiter habe ich gleichfalls versucht,
einige authentische Angaben zu erhalten und infolgedessen aus den
An- und Abmeldebüchern verschiedener Bierverleger Auszüge gemacht.
Zu Grunde gelegt ist das Alter in dem der Betreffende die Arbeit an-:rat.
 Von 103 Arbeitern standen danach im Alter von:
35—40 Tahren 3
30—3F ‚0
25—3X 0
20—25
unter 20

24(')
Der Älteste der betreffenden Arbeiter zählte 39 Jahre, in der
letzten Altersklasse. fanden sich zwei Arbeiter im Alter von 16 Jahren,
das Durchschnittsalter würde sich auf 23,8 Jahre belaufen. Es würde
noch geringer sein, wenn man unterscheiden wollte zwischen Kellerarbeitern
 und Kutschern; denn nur unter den letzteren finden sich
ältere und verheiratete Leute häufiger. Was die frühere Beschäftigung
der betreffenden Arbeiter anlangt, so hat etwa die Hälfte schon vorher
 im Bierverlag gearbeitet; die übrigen haben alle möglichen
Stellungen inne gehabt; als Hausdiener bei Fabriken oder Transportunternehmungen,
 Handlanger auf Bauten etc. Auch frühere Handwerker
 finden sich des öfteren unter ihnen, besonders häufig, und zwar
namentlich im Sommer, frühere Schlächter. Es lässt sich diese Erscheinung
 einesteils wohl daraus erklären, dass gerade zu der Zeit,
in welcher der Bierkonsum ausserordentlich hoch ist, der Fleischverbrauch
 zurückzugehen pflegt, in Berlin schon durch die grosse Anzahl
 derjenigen, welche verreisen. Andererseits sehen es die Gastwirte,
 und unter ihnen natürlich auch diejenigen, welche nebenbei
Bierverleger sind, sehr gern, wenn sie Arbeiter erhalten, die einige
Kenntnis von der Schlächterei besitzen, da sie dieselben bei verschiedenen
 Anlässen, z. B. bei der Abteilung von Portionen in der Küche,
ferner dann. wenn „frische Wurst“ gemacht wird, sehr gut gebrauchen
        <pb n="69" />
        — 68

können. Hinzuzufügen wäre noch, dass diese Arbeiter nach ihrer Verheiratung
 gewöhnlich ihre Arbeit im Bierverlag aufgeben und sich
nach anderer Beschäftigung umsehen.*) Da die Arbeiter im Bierverlag
 zur „Ortskrankenkasse der im Gewerbebetrieb der Kaufleute,
Handelsieute und Apotheker beschäftigten Personen“ gehören, so
‘assen sich aus den statistischen Angaben dieser Krankenkasse, welche
sich auf sämtliche Mitglieder beziehen, natürlich keine Rückschlüsse
auf die Arbeiter im Bierverlag machen.
Lohnverhältnisse. Entweder stehen die Arbeiter in Lohn
and Kost und erhalten ausserdem das Logis vom Brotherrn zugewiesen,
 oder sie erhalten Lohn und Kost, wohnen aber ausserhalb der
Betriebsstätte, oder endlich, sie erhalten nur Geldlohn ohne Kost**)
und Logis. Im ersteren Falle bewegt sich der Lohn zwischen 24 bis
32 Mark monatlich (nur bei jugendlichen Arbeitern geringer). Der
zweite Fall kommt praktisch nur für die geringe Zahl der verheirateten
Arbeiter in Betracht, der Lohnsatz beträgt hier 10—12 Mark wöchentlich.
 Der Lohn schliesslich ohne Kost und Logis beläuft sich in der
Regel auf 16,50 Mark pro Woche. Allerdings kann man von einem
festen Satze in keinem Falle reden, denn bei der äusserst schwankenden
 Konjunktur wechselt auch das Verhältnis von Angebot und
Nachfrage und damit die Höhe der Entlohnung sehr häufig. Im
Sommer 1900 beispielsweise, als Arbeiter für den Bierverlag überhaupt
nur sehr schwer zu erhalten waren, wurden von verschiedenen Bierverlegern
 neben Kost und Logis 36 Mark pro Monat gegeben, oder
&amp;gt;hne Kost und Logis 24 Mark pro Woche. In den meisten Fällen
ist dem Bierverleger sehr daran gelegen, dass die Arbeiter bei ihm
wohnen, denn er kann sie in diesem Falle weit besser beaufsichtigen.
Vielfach hat er eine gesonderte Wohnung in dem Hause, in welchem
er selbst wohnt, für seine Leute gemietet, oder ihre Wohnräume
stossen direkt an die seinen. Die Wohnungen der Arbeiter,
werden von der Frau des Bierverlegers oder dem Dienstmädchen
in Stand gehalten. Mit dem Logis bei dem Brodherrn ist auch

*) Vielfach gehen sie zur Flaschenbierabteilung einer Brauerei, da
dort der Naturallohn und das Wohnen beim Brotherrn natürlich längst
abgeschafft ist.
**) Doch wird in allen Fällen der sogenannte Haustrunk gewährt,
1. h. die Arbeiter brauchen das im Betriebe getrunkene Bier nicht zu
Dezahlen.
        <pb n="70" />
        64

die Beköstigung von seiner Seite fast stets verbunden. Namentlich
 wenn mehrere Arbeiter beschäftigt werden, steht sich der Bierverleger
 besser dabei, als wenn er nur Geldlohn bezahlen würde,
ausserdem glaubt er aber auch hierdurch der allzu langen Ausdehnung
der Mittagpausen vorbeugen zu können. Ist es so auf der einen
Seite praktische Geschäftserwägung, welche die Bierverleger veran-‘asst,
 an diesem System festzuhalien, so haben doch auch andererseits
 die Arbeiter Vorteile davon, denn sie erhalten gutes und kräftiges
 Essen. Es wäre nicht wirtschaftlich, wenn zweierlei gekocht
würde und deshalb bekommt der Arbeiter dieselbe Kost wie sein Brotgeber
 und dessen Familie. Allerdings ziehen die Arbeiter trotzdem
den reinen Geldlohn vor, vor allem aus dem Grunde, weil er sie in
den Stand versetzt, ausserhalb des Geschäfts wohnen zu können und
nach Feierabend ebenso wie in den Pausen zwischen den einzelnen
Mahlzeiten Gelegenheit zu erhalten, an die frische Luft zu kommen.
Ausserdem bietet das Wohnen ausserhalb der Betriebsstätte für die
Arbeiter noch den Vorteil, dass sie nicht so leicht zu Nebenarbeiten
verwendet werden können. So ist es z. B. bei manchen Bierverlegern,
und namentlich bei solchen, welche nebenbei Gastwirtschaft betreiben,
Sitte, dass einer der Arbeiter sich auch des Abends bis zum Geschäftsschluss,
 der oft erst nach 10 Uhr, bei den Gastwirten noch
später erfolgt, zur Verfügung halten muss, um event. eintreffende Be
stellungen aus der Nachbarschaft erledigen zu können. Trotz der
Abneigung, die so bei den Arbeitern gegen das Wohnen beim Brotherrn
 herrscht, ist es dem Bierverleger in den meisten Fällen doch
gelungen, dieses durchzusetzen. Von 34 Bierverlegern, welche Arbeiter
beschäftigen, hatten nach ihren Aussagen 21 ihre Leute in Kost und
Logis, in 11 Fällen wurde nur Geldlohn gezahlt und bei zwei Bierverlegern
 bestanden beide Formen der Entlohnung nebeneinander.
Arbeitszeit. Von den in Betracht kommenden 34 Bierverlegern
haben 6 in Bezug auf die Arbeitszeit mitgeteilt, dass dieselbe fest bestimmt
 wäre; in den übrigen Betrieben waren Anfang oder Ende der
Arbeitszeit ebenso wie die Mahlzeitpausen nicht fest geregelt. Von
den 6 Bierverlegern, welche feste Normen in Bezug auf die Arbeitszeit
 eingeführt haben, geben 4 den Anfang der Arbeitszeit auf 6 Uhr
morgens an, einer auf 7 Uhr, ein anderer „im Sommer um 5 Uhr,
im Winter um 6 Uhr“. Die Arbeit endet nach denselben Angaben
        <pb n="71" />
        65

in einem Falle um 6 Uhr abends, in zwei Fällen um 7 Uhr, in je
einem um 8 bezw. 9 Uhr abends. Einer der betreffenden Bierverleger
 giebt als Ende der Arbeitszeit an „5—10 Uhr abends!“ Es
bedarf keiner näheren Auseinandersetzung darüber, dass eine feste
Regelung der Arbeitszeit sich am ehesten in denjenigen Betrieben erreichen
 lässt, in denen die Arbeiter in Geldlohn stehen, in 5 von den
hier angeführten 6 Betrieben war dies der Fall, die Ausnahme bildete
bezeichnender Weise derjenige Bierverleger, welcher das Ende der
Arbeitszeit als „unbestimmt, zwischen 5—10 Uhr abends“ angegeben
hatte. Die Unbestimmtheit der Arbeitszeit ist im übrigen
Regel in allen Bierverlagsgeschäften, „wenn viel zu thun ist,
müssen die Leute eben länger bleiben, sonst können sie gehen,
sobald das Bier abgezogen ist.“ Gewöhnlich beginnt die
Arbeit um 6 Uhr morgens und dauert mindestens bis 7 Uhr abends.
bei geringen Unterbrechungen. In denjenigen Geschäften, welche ihren
Arbeitern Geldlohn geben, beträgt die Mittagspause 1 Stunde, die
Frühstücks- und Vesperpause je !/ 2 Stunde; wenn die Arbeiter in Kost
stehen, sind diese Pausen nur halb so lang. Während die Arbeit im
Winter oft zeitig aufhört, wird im Sommer nicht selten bis 9 oder
10 Uhr abends durchgearbeitet, namentlich wenn einige Tage hintersinander
 die Hitze auftritt, wodurch namentlich der im Sommer besonders
 starke Weissbierkonsum ausserordentlich gesteigert wird. In
Zeiten günstiger Geschäftslage pflegt überhaupt der Bierverleger hohe
Anforderungen an seine Leute in Bezug auf Leistungsfähigkeit und
Ausdauer zu stellen und würde etwaigen Forderungen der Arbeiter
gegenüber in dieser Hinsicht sehr wenig zugänglich sein. Die stereotype
Antwort, namentlich bei älteren Bierverlegern, würde IJauten: „Wir
haben in unserer Jugend noch viel schwerer arbeiten müssen“. Es
ist dies keine Phrase, sondern entspricht wohl der Wahrheit, es soll
früher, bis in den Anfang der achtziger Jahre hinein, im Bierverlag
vom frühen Morgen bis zum späten Abend gearbeitet worden sein,
wobei noch zu bedenken ist, dass die Arbeit damals viel schwerer
war. Denn während heute mit Glasflaschen gearbeitet wird, deren
Patentverschlüsse mit einem einzigen Fingerdruck zum Anliegen an die
Flasche, d. h. zum Verschluss zu bringen sind, hatte man früher
ziemlich unförmige Thonkruken, welche mit Korken verschlossen
werden mussten. Diese Manipulation geschah dadurch. dass die Korke
        <pb n="72" />
        durch die Korkmaschine direkt in den Flaschenhals hineingepresst
wurden, worauf dann noch die Korke durch mehrere Bindfaden befestigt
 werden mussten, was sich nicht ohne Geschicklichkeit und Anstrengung
 ausführen liess. Auch der Transport dieser Kruken war
viel schwieriger als das heutige Fortbringen der Glasflaschen. Heute
geschieht dieses Fortbringen in Flaschenkästen, die genau abgemessene
Fächer für jede Flasche enthalten und so eingerichtet sind, dass sie
höchstens 30 kleine Flaschen enthalten, sodass der Kasten bequem
auf die Schulter genommen werden kann; damals hatte man grosse
geflochtene Körbe mit Holzeinsatz. Dass im übrigen eine übermässige
Ausnutzung der Arbeiter nicht damit entschuldigt werden kann, es sei
früher noch schlimmer gewesen, liegt auf der Hand. Es ist zu hoffen,
dass mit der Ausbreitung des Wohnens ausserhalb der Betriebsstätte
und des reinen Geldlohnes als Lohnform etwaige Uebelstände in dieser
Hinsicht — auf welche auch der „Vorwärts“ vor Jahren einmal hinwies —
verschwinden werden. Eine Organisation der Arbeiter zur Erzwingung
der Forderungen auf feste Arbeitszeit, Bezahlung ‚der Ueberstunden,
Wohnen ausser dem Hause, wie sie damals der „Vorwärts“ empfahl,
dürfte wohl auf erhebliche Schwierigkeiten stossen, die in dem Mangel
eines festen Zusammenhalts innerhalb dieser Schar ungelernter Arbeiter,
die bald hier bald dort ihre Dienste anbieten, begründet liegen.
Die Kutscher nehmen eine Sonderstellung ein. In den kleineren
Geschäften wird einer der Arbeiter als Kutscher angenommen — d.h.
soweit der Herr nicht selbst fährt —, der in seiner freien Zeit bei der
Kellerarbeit mit zu helfen hat. In den grösseren Geschäften hat der
Kutscher mit den Arbeiten im Keller nichts zu thun. Die Zahl der
verheirateten ist bei ihnen viel grösser als bei den Kellerarbeitern, und
deshalb erhalten sie meist nur Geldlohn, auch von solchen Bierverlegern,
 deren übrige Arbeiter in Kost und Wohnung stehen. Von
den 34 Bierverlegern, welche unter 46 überhaupt Arbeiter beschättigen,
befanden sich 26, die eigene Kutscher hatten, darunter 10 die je 2,
4 die je 3, und einer der 4 Kutscher beschäftigte, 10 fuhren selbst.
Von diesen 26 Betrieben zahlten 18 ihren Kutschern Geldlohn und nur
in 6 Fällen standen auch die Kutscher in Lohn und Kost. Der Lohn
war im Durchschnitt etwas höher, als derjenige, welchen die in Geld
entlohnten Arbeiter erhielten, nämlich 18—24 Mark pro Woche. In
7 Fällen wurde ausserdem pro 3 Mark ausgefahrenes Bier noch 10 Pfg.
        <pb n="73" />
        — 67 —

als Gewinnanteil ausbezahlt. Diese Gewinnbeteiligung der Kutscher
ist erst neueren Datums, sie soll zuerst von den Brauereien eingeführt
worden sein. Allerdings findet sie sich bei den Brauereien in etwas
anderer Form; sie wird nämlich nicht berechnet nach der Menge und
dem Wert des ausgefahrenen Bieres, sondern nach der Menge der
zurückgebrachten leeren Flaschen, um auf diese Weise den Kutscher
anzuhalten, auch seinerseits dafür zu sorgen, dass die Flaschen
möglichst vollzählig zurückgegeben werden. Unter den Bierverlegern
ist dieses System der Gewinnbeteiligung der Kutscher zumeist von
solchen Geschäftsinhabern eingeführt, denen es namentlich in der
ersten Zeit des Besiehens ihres Betriebes darauf ankam, neue Kunden
zu erhalten und die deshalb ihre Kutscher anwiesen, einen gewissen
Hausierhandel mit Bier zu treiben. Sobald ein gewisser Kundenkreis
gewonnen war, hörte auch diese Art des Absatzsuchens auf, die Gewinnbeteiligung
 erhielt sich jedoch; in den Fällen, in welchen dieser
Anteil gewährt wird, ist jedoch meist der Lohn geringer. In
manchen Fällen erhalten die Küutscher keinen bestimmten Anteil
am Umsatz, wohl aber eine Gratifikation für jeden neu gewonnenen
Kunden. Zu dem gezahlten Lohn tritt dann noch die oft nicht
unbeträchtliche Summe von Trinkgeldern hinzu, wodurch sich das Einkommen
 dieser Kutscher oft auf 1500—1700 Mark erhöht, während
der Durchschnittssatz etwa 1300 Mark ist. Zusammen mit den Brauereikutschern,
 welche zuverlässigen Nachrichten zufolge jährlich mindestens
2100—2400 Mark verdienen, bilden sie den Nachwuchs für das Bierverlags-
 und Gastwirtsgewerbe, zu dem die Mehrzahl von ihnen im
höheren Alter überzugehen pflegt.
In den hier geschilderten Arbeitsverhältnissen im Bierverlag wird
eine wesentliche Aenderung durch den Hinzutritt irgend eines der
namhaft gemachten Fälle der Betriebsvereinigung nicht bewirkt. In
denjenigen, vorläufig noch wenigen Fällen, in welchen der Viktualienhandel
 neben dem Kleinhandel und Versand von Bier eine irgendwie
bedeutende Rolle spielt, ist die Thätigkeit der Frau eine ausgedehntere,
ebenso werden bei der Verbindung von Bierverlag mit Gastwirtschaft
alle Familienangehörigen in weitestem Maasse zur Mitarbeit herangezogen,
 da sich ihnen ja auch hier weit mehr Gelegenheit zur Bethätigung
 bietet. Was die Arbeiter anbetrifft, so stehen diese im
Falle der Betriebsvereinigung mit der Gastwirtschaft stets in Kost,
3
        <pb n="74" />
        — 68 —

schon aus dem Grunde, weil der Wirt oft Mittagsgäste hat und es
deshalb für ihn mit keiner Unbequemlichkeit verbunden ist, für die
Arbeiter mit kochen zu lassen. Die freie Zeit der Arbeiter ist noch
mehr beschränkt, als im Bierverlag. So muss bezw. abwechselnd jeden
Sonntag einer der Arbeiter zu Hause bleiben, um etwaige Bestellungen
aus der Nachbarschaft auszuführen, ebenso wie auch an Wochentager
abends, worauf schon hingewiesen wurde. Es wird nach dem hier
Gesagten nicht verwunderlich erscheinen, dass für solche Geschäfte,
namentlich bei günstiger wirtschaftlicher Konjunktur Arbeiter noch
schwerer zu erhalten sind, als für den Bierverlag.

Der Geschäftsbetrieb im Bierverlag.,
A. Der Einkauf.

Die Lieferanten. Der Eigenart seines Geschäftes nach hat der
Bierverleger nur mit wenigen Lieferanten zu thun. Da die Käufer bei
den Lagerbieren auf die Herkunft aus einer bestimmten Brauerei Gewicht
 legen (man fordert Böhmisches — Schultheiss- — Union-Bier,
indem man damit Lagerbier aus dem Böhmischen Brauhaus, der Schultheiss-
 oder der Union-Brauerei meint), so wird der Bierverleger bei
grösserem Umsatz von mehreren „bayrischen“ Brauereien Bier beziehen
müssen, meist kommt er jedoch, bei dem geringen Bedarf an bayr.
Bier mit einer Brauerei aus. Zu dieser Brauerei für „bayrisches“ Bier
tritt hinzu der Generalvertreter für eine der Grätzer Brauereien, ebenso
der einer Münchener oder in wenigen Fällen Pilsener Brauerei, ferner
einige Weissbier-Brauereien. Ausser mit diesen Brauereien steht der
Bierverleger. noch im Einkaufsverkehr mit dem Fouragehändler, der
das Futter für die Pferde liefert, der Flaschenfabrik, welche zumeist
auch die Lieferung der Verschlüsse übernimmt, der Flaschenkästen-{abrik
 und vielleicht dem Korkenlieferanten, wenn für gewisse Biersorten
der Korkverschluss noch eingeführt ist, schliesslich mit einer der
Firmen, welche sich mit der Lieferung von Bedarfsartikeln für den.
Bierabzug und die Füllung auf Flaschen befassen.
Zahlungsbedingungen gegenüber den Lieferanten. Barzahlung
 bildet die Ausnahme. Sie wird in der Regel von denjenigen
Brauereien verlangt, von denen der Bierverleger nur geringe Quanti-
        <pb n="75" />
        — 6 —

täten bezieht. Dagegen kommt den übrigen Brauereien gegenüber
entweder die in das Belieben des Bierverlegers gestellte, oder die
monatliche, oder die Bezahlung nach der jeweiligen Entnahme von
einem „Stock“ Bier in Betracht. Unter einem „Stock“ versteht man
die Zahl von 20 halben Tonnen; auf einen Stock giebt es 2-—4 halbe
Tonnen gratis. Es herrscht diese Bezeichnung und die damit zusammenhängende
 Zahlungsart übrigens nur beim Weissbier; von
einem Stock bayrischen Bieres wirdnicht gesprochen. ‚Im übrigen ist dieser
Zahlungsmodus nur bei den kleineren Geschäften üblich, die mittleren
und grösseren Bierverlagsgeschäfte sehen sich einer äusserst weitgehenden
 Koulanz der Brauereien gegenüber, und sind an die Innehaltung
 bestimmter Zahlungsfristen nicht gebunden. In manchen Fällen
sieht es. die Brauerei, wenn der Kunde ihr nur irgend welche Sicherheit
 bietet, garnicht ungern, wenn auf seinem Konto eine nicht zu geringe
 Summe zu Gunsten der Brauerei steht, da sie dadurch in die
Lage gesetzt ist, ihn viel fester an sich zu fesseln. Hat die Summe,
welche der Bierverleger schuldet, eine bestimmte Höhe erreicht, so lässt
sich die Brauerei einen Schuldschein darüber geben, der Bierverleger
verpflichtet sich vielfach zur Zinszahlung, oftmals aber, und das ist
der springende Punkt, lässt die Brauerei auch von dem Bierverleger
einen Revers unterschreiben, wodurch er sich weiterhin verpflichtet,
wöchentlich oder monatlich mindestens so und so viele Tonnen von
der betreffenden Brauerei zu entnehmen. In vielen Fällen wird auch
gleichzeitig eine Amortisationsquote gefordert in der Form eines Aufschlages
 auf jede fernerhin gelieferte Tonne Bier; allerdings wird diese
Forderung der Amortisation nicht so häufig bei Schulden gestellt,
welche aus der Lieferung von Bier resultieren, als bei Darlehen, die
oftmals schon bei Errichtung des Geschäftes in Anspruch genommen
werden, ebenso bei Lokalmiete in einem der Brauerei gehörigen Hause.
Auf diese Darlehen ebenso wie auf die Eigenart der Kreditverhältnisse
zwischen Brauerei und Bierverlegern überhaupt ist an anderer Stelle
näher eingegangen. Bei der Lieferung von Flaschen, welche nächst
den Bierlieferungen den grössten Posten im Ausgabenkonto des Bierverlegers
 ausmachen, herrschen die vorher gekennzeichneten Verhältnisse
 nicht, die Lieferung erfolgt hier bei den meisten Firmen gegen
3 Monat Ziel oder 2 % Sconto.
        <pb n="76" />
        — 10 —

B. Der Absatz des Bieres.
Der geringen Anzahl von Lieferanten steht eine sehr grosse
und mannichfache Zahl von Abnehmern gegenüber. Dieser Kundenkreis
 ist verschieden, je nachdem es sich um die vorher gekennzeichneten
 modern-kaufmännischen Geschäfte oder um das Gros
der übrigen Bierverleger handelt. Jene ersteren liefern an wohlhabende
 Beamten- und Kaufmannsfamilien in kleinen Quantitäten
(in den meisten Fällen im Betrage von 3 Mark). Von Kreditgewährung
 ist natürlich nicht die Rede, der Kutscher hat das volle
Geld für das ausgefahrene Bier abzugeben und haftet dafür, falls
er etwa in Abwesenheit der Herrschaften das Bier ohne Bezahlung
abgegeben hat. Ebenso ruhig und glatt vollzieht sich der Verkehr
der übrigen Bierverleger mit ihren Abnehmern, soweit es sich um
Privatkundschalt handelt. Anders steht es dagegen mit den Geschäftskunden.
 Sie setzen sich, soweit der Absatz von Weissbier in Betracht
kommt, zusammen aus Restaurateuren, Gastwirten, Destillationen im
alten Sinne des Wortes*), Kolonialwaren- und Grünkramhandlungen,
ferner Kantinen in grossen Fabriketablissements oder beim Militär.
Bei den Restaurateuren und Gastwirten handelt es sich um die geringe
Zahl derjenigen, welche trotz der gebotenen Erleichterung beim Abzug
des Weissbieres auch gegenwärtig auf den Selbstabzug verzichten,
sei es, dass es ihnen an den geeigneten Kellerräumen fehlt oder
der Selbstabzug bei dem geringen Absatz sich nicht lohnen würde.
Dasselbe gilt von den wenigen Cafes und Hötels, welche Weissbier
führen. Trotz der oft geringfügigen Entnahme von Bier halten sich
diese Geschäftskunden in den meisten Fällen nicht zur Barzahlung
verpflicht, sondern verlangen, dass der Bierverleger in gewissen
Zwischenräumen sie besucht, um das Geld selbst abzuholen, wobei er
natürlich eine nicht zu geringe Zeche machen soll. Die Kolonialund
 Grünkramhandlungen pflegen sofort zu bezahlen. Die letzteren
waren früher Abnehmer oft grosser Quantitäten Braunbieres,
welches die ärmeren Volksklassen ‚aus den Grünkramkellern holien,
heute ist der Absatz von Braunbier in Flaschen aus den vorher
angeführten Gründen auf ein Minimum gesunken. Bei den Kantinen

*) D. h. Ausschankstätten von Branntwein, welche nur nebenbei Bier
führen.
        <pb n="77" />
        — WM —

und Konsumvereinen für Angestellte bildet die monatweise Abrechnung
 die Regel; sie verlangen häufig einen sehr grossen Rabatt,
zeigen sich aber sehr koulant in Bezug auf den Ersatz von Flaschen,
welche in der Fabrik abhanden kommen oder zerbrochen werden.
Mit einem gewissen Risiko ist die Lieferung an kleinere Fabriken
verbunden, in denen der Verkauf des Bieres meist in der Hand
eines dazu bestimmten Arbeiters liegt. O't bezahlt dieser Arbeiter
 bei der wöchentlich erfolgenden Abrechnung nicht die
ganze Summe, behauptet, er hätte selbst kreditieren müssen, oder
er verlässt die Arbeit; es wird ein.neuer Bierverkäufer gewählt und
dem Bierverleger liegt ob, sich mit dem früheren Abnehmer, der oft
„unbekannt verzogen“ ist, auseinandersetzen etc. Dazu treten die
bedeutenden Flaschenverluste, welche dadurch verursacht werden,
dass die Arbeiter häufig die Bierflaschen zum Kafiee und Schnapsholen
 verwenden, sie auch mit in ihre Wohnung nehmen, wo sie
im Haushalt in Gebrauch genommen werden. Diese Missstände
bewirken, dass den Bierverlegern an der Lieferung für solche kleineren
Fabriken meist wenig liegt und vielfach beziehen diese deshalb auch
ihr Bier von dem in der Nähe wohnenden Gastwirt, bei dem sie zu
verkehren gewohnt sind; die Lieferung und Kontrolle seitens des
Lieferanten regelt sich hier viel leichter, auch können Nachbestellungen
z. B. an heissen Tagen eher ausgeführt werden.
Die Kunden auf Grätzer Bier setzen sich zusammen aus:
Höteliers, Restaurateuren, Cafetiers und Gastwirten. Der Selbstabzug
 des Grätzer Bieres ist bei den Gastwirten noch weniger verbreitet,
 als der des Weissbieres; diejenigen Gastwirte, welche es
führen, beziehen es deshalb stets vom Bierverleger in Flaschen. Doch
ist der Absatz an die Gastwirte nur gering. Mehr schon wird das
Grätzer Bier in den Restaurants und Hötels genossen; der Hauptabsatz
 aber entfält auf die Berliner Nachtcafes, welche den Treffpunkt
 für die Halbwelt abgeben. Ueber die Gewohnheit der Cafetiers
von möglichst vielen Lieferanten zu beziehen, selten bar zu bezahlen,
 dagegen sehr oft die Kontrahierung einer grossen Zeche zu
verlangen, ehe sie die Rechnung begleichen, wird in Bierverlegerkreisen
 sehr geklagt. Ebenso wie in diesen Cafes wird auch in
den Kneipen mit Damenbedienung Grätzer Bier konsumiert, ın
manchen Fällen wird an solche Kneipen und Cafes auch Weissbier
        <pb n="78" />
        - 72

geliefert. Schliesslich sei noch erwähnt, dass auch die Konditoreien
für den Absatz von Weiss- und Grätzer Bier in manchen Fällen
in Betracht kommen, bei ihnen sind die gerügten Zahlungsverhältnisse
der Cafebesitzer jedoch nicht Regel.

Einnahmen und Ausgaben im Bierverlage.

A. Einnahmen.

Die Absatzpreıse der Biere. Die Preise sind verschieden, je
nachdem es sich um Privat- oder Geschäftskunden handelt. So lange
die Brauereien den Flaschenbiervertrieb nicht hatten, waren die Preise
vom Standpunkt der Bierverleger aus als sehr angemessene zu bezeichnen.
 Die Konkurrenz der Berufsgenossen war nicht allzu
drückend, und da der Markt so gross war, dass alle genügend
Absatz fanden, so hielten sie sich auf einer gewissen herkömmlichen
Höhe, von der nicht abgewichen wurde. Zum Teil sind diese Verhältnısse
 noch in dem Handel mit bayrischem Bier, soweit es sich
um den Absatz an Privatkundschaft handelt, dieselben geblieben.
Wenn es den Brauereien gelungen ist, fast den gesamten Flaschenbierhandel
 in Lagerbier in ihre Hände zu bekommen, so haben sie
dieses Resultat, soweit es sich um den Absatz an Privatkunden
handelt. nicht durch Preisdrückerei erzielt. Die Bierverleger gaben
an Privatkunden 32 Flaschen Lagerbier für 3 M. und mehr boten
die Brauereien auch nicht. Welche Umstände den Brauereien in
diesem Kampfe um die Privatkundschaft den Sieg verschafften, wurde
schon früher dargelegt. Ebenso ist andererseits auch der Preisschleuderei
 Erwähnung gethan worden, welche demgegenüber in den
Lieferungen an Fabriken, Kantinen etc. zu Tage trat. So berichtet
eine Brauerei auf eine von mir gestellte Anfrage, dass sie an Wiederverkäufer
 und Kantinen 40 Flaschen von %s Liter Inhalt für 3 M.
abgäbe, beklagt sich aber gleichzeitig, dass andere Brauereien
42—B50 Flaschen für 3 M. lieferten. Zum Vergleich sei angeführt,
dass die Bierverleger früher 36 Flaschen für 3 M. lieferten. Nun
stellt sich der Preis eines Hektoliters Lagerbier in Berlin auf durchschnittlich
 16 M. Gäben die Bierverleger 40 (*/s Ltr.) Flaschen für
3.7 eo blieben ihnen bei dieser Lieferung 63 Pf. Bruttogewinn,
        <pb n="79" />
        — TB —

a. h. nur etwas über 10 pCt. Dabei zu bestehen, ist dem Bierverleger
 bei seinen verhältnismässig hohen Geschäftsunkosten kaum
nöglich, bei einer Ueberschreitung dieses Rabattsatzes in der
erwähnten Höhe hört natürlich jede Konkurrenzmöglichkeit für
ihn auf. Verlor er also auf der einen‘ Seite die frühere
Privatkundschaft auf bayrisches Bier, weil das Publikum den
Brauereien mehr Vertrauen entgegenbrachte, so büsste er auf der
anderen Seite seine Geschäftskundschaft ein, weil er in Bezug auf
Rabattbewilligung nicht konkurrieren konnte. Aber der Verlust der
Kundschaft auf bayrisches Bier war nicht die einzige Folge des
Eintretens der Lagerbierbrauereien in den Konkurrenzkampf. Denn
dieser Verlust führte im Zusammenhang mit der Uebernahme des
Flaschenbiervertriebs seitens einzelner Weissbierbrauereien dazu,
dass jeder Bierverleger ihn durch erhöhten Absatz von Weissbier
auszugleichen versuchte, und die Folge war ein rapides Sinken der
Preise. Abgesehen von dem einfachen Weissbier, das nur noch
wenig abgesetzt und zum Preise von 40 (1 Ltr.) Flaschen für 3 M.
abgegeben wird, unterscheidet man bei dem Weissbier zwei Sorten:
Weissbier mit — und Weissbier ohne Wasserzusatz. Noch gegen
Ende der achtziger Jahre waren die Preise für Weissbier folgende:
I. Qualität Privatkunden 26 Fl. für 3 M.
Geschäftskunden 30 »„ » 3 »
Privatkunden DO dr
Geschäftskunden 40, „3
Heute sind die Preise im Durchschnitt folgende:
I. Qualität Privatkunden 30 Fl. für 3 M.
Geschäftskunden 36—42 „ „ 3
Privatkunden 36 „» „» 3.
Geschäftskunden 45—58 . 3
Zur Berechnung der Rentabilität des Weissbierhandels muss
man wissen, dass eine halbe Tonne etwa 60—70 Ltr. enthält und
durchschnittlich 6 M. kostet. Bei dem heutigen Flascheninhalt ergiebt
 eine halbe Tonne etwa 160 Flaschen ohne, und 200 Flaschen
mit Wasserzusatz. Nehmen wir ferner an, ein Bierverleger hätte je
zur Hälfte Privatkunden und zur Hälfte Geschäftskunden, so würde
also sein Bruttogewinn an einer halben Tonne Weissbier sich
tolzendermassen berechnen:
        <pb n="80" />
        [4

früher jetzt
I. Qualität 11,00 M. pro !% t 8,00 M.
X. » 10,50 „» » „»»7,50
Also auch hier ist der Verdienst sehr gesunken, obwohl die Annahme,
 dass der Absatz sich je zur Hälfte auf Privat- und Geschäftskunden
 verteilte, noch zu günstig gegriffen ist; der Anteil der Geschäftskundschaft
 ist wahrscheinlich ein weit beträchtlicherer und
infolgedessen verringert sich auch der Bruttogewinn. Auch beim
Absatz von Grätzer Bier ist der Verdienst gegen früher gesunken.
Der Preis des Grätzer Bieres stellte sich früher auf 16 M. pro hl.
Die Bierverleger lieferten ihren Privatkunden 25 Flaschen für 3 M.,
ihren Geschäftskunden 100 Flaschen für 11 M. Später fiel der Preis
für 100 Flaschen Grätzer Bier für die Geschäftskunden erst auf
10 M. dann fast allgemein auf 9 M. einige Bierverleger lieferten
dann sogar 100 Flaschen für 8 M. Im Jahre 1899 schlossen sich
nun die in Grätz vereinigten Brauereien zu einem Verbande
zusammen und setzten, da sie angeblich bei einem Preis von 16 M.
pro hl Bier nicht mehr bestehen konnten, den Preis auf 18 M.
pro hl fest. Infolgedessen beschloss der Verein Berliner Bierverleger
seinerseits, mit den Generalvertretern der Brauereien in Grätz ein
Abkommen dahin zu treffen, dass sich die Vertreter der Grätzer
Brauereien verpflichteten, an keinen Bierverleger fernerhin Bier zu
liefern, welcher nicht durch Namensunterschrift erklären würde, für
100 Flaschen Grätzer Bier mindestens 10 M. zu verlangen. Die
Konventionalstrafe wurde für jede zur. Anzeige kommende und
nachzuweisende Uebertretung auf 50 M. festgesetzt. Der grösste
Teil der Mitglieder des Vereins unterschrieb sofort, die übrigen
wurden ebenso wie die Nichtmitglieder dazu gezwungen, da keiner
der Vertreter ihnen weiterhin Bier lieferte. War durch die erwähnten
 Preisreduktionen der Bruttogewinn pro hl allmählich von
13,30 auf 5,30—8,00 M. gefallen, so beträgt derselbe jetzt trotz der
arfolgten Preiserhöhung der Brauereien im Minimum (d. h. wenn
wie vorher nur die Rabattsätze für Geschättskunden berücksichtigt
werden) 8,60 M. pro hl, d. h. ca. 50 pCt. Im allgemeinen wird
sich aber hier durch die Lieferung an Privatleute, denen das Grätzer
Bier wohl manchmal ärztlich verordnet wird, der Bruttogewinn erhöhen.
        <pb n="81" />
        DB —

B. Ausgaben.
i. Flaschenverluste. Abgesehen von den Ausgaben für
das Bier selbst, deren Höhe aus den Betrachtungen über
den Brutto- und Nettogewinn im Bierverlag zu ersehen ist,
spielen die Flaschenverluste mit die grösste Rolle bei den Ausyaben.
 Dieselben entstehen auf verschiedene Weise. Einesteils
werden beim Füllen des Bieres auf Flaschen, beim Reinigen
und beim Transport, manchmal vielleicht mit Mutwillen, Flaschen
zerbrochen. Anderenteils erhält der Bierverleger von seinen
Kunden oft nicht die gelieferte Anzahl zurück, sei es, dass
sie in der Haushaltung in Gebrauch genommen und zu anderen
Zwecken benutzt oder beim Kunden zerschlagen sind, sei es, dass
ein Konkurrent, falls der betr. Kunde von mehreren Geschäften Bier
bezog, sich einen Teil derselben angeeignet hätte. Die an ersterer
Stelle genannten Flaschenverluste pflegen gegenüber den letzteren
in den Hintergrund zu treten und wenn in den Fachbläitern von
Flaschenverlusten und Mitteln zu ihrer Abhilfe gesprochen
wird, so sind fast stets die Verluste gemeint, welche durch
Zurückbehalten der Flaschen seitens der Kunden, und durch
absichtliches oder unabsichtliches Vertauschen der Flaschen
entstehen. Wenn man die Klagen der Bierverleger über die
Grösse der Flaschenverluste hört, so möchte . man dieselben
für übertrieben halten. Wer jedoch Gelegenheit gehabt hat, die
hier beklagten Zustände aus eigener Anschauung kennen zu lernen,
der wird der Behauptung zustimmen müssen, dass in Bezug auf den
Missbrauch von Bier- (und auch u. a. Mineralwasser-)Flaschen in
vielen Kreisen des Publikums eine Laxheit der Ansichten herrscht,
welche nicht scharf genug verurteilt werden kann. Die Hausfrauen
oder Dienstmädchen machen sich in vielen Fällen gar kein Gewissen
 daraus, die Bierflaschen zu allen möglichen Zwecken zu gebrauchen,
 sie holen Spiritus, Oel, Fleckwasser etc. darin, und in
der Küche prangen die dem Bierhändler gehörenden Flaschen ganz
ıngeniert neben anderen Utensilien. Die Arbeiter betrachten es
als ihr selbstverständliches Recht, die Bierflaschen zum KEinholen
von Schnaps oder Kaffee zu gebrauchen. Am iollsten geht es auf
den Bauten zu, da wird die Flasche oft, wenn sie ausgetrunken ist,
ainfach auf den Boden geworfen, ob sie dabei entzwei geht oder
        <pb n="82" />
        716 —

nicht, ist ganz gleichgültig, wenn der Kutscher des Bier-Lieferanten
am nächsten Tage kommt, so kann er sich die leeren Flaschen aus
allen Ecken und Winkeln des Bauplatzes zusammensuchen. Ganz
raffiniert verfahren oft diejenigen Familien, welche das Bier selbst
abziehen, indem sie solange von den Viktualienhändlern, Gastwirten
oder Bierverlegern Bier in Flaschen holen lassen, bis sie diejenige
Zahl von Flaschen „erworben“ haben, welche zum Abzug nötig ist.
Zerbricht später mal eine Flasche, so wird eine dadurch ergänzt.
dass: zur Abwechselung wieder einmal eine Flasche Bier beim
Gastwirt etc. geholt und die leere Flasche zurückbehalten wird.
Non olet!
Sind die hierdurch den Bierverlegern zugefügten Flaschenverluste
 lediglich dem Publikum und seiner skrupellosen Auffassung
vom Eigentumsrechte zuzuschreiben, so tragen die Bierverleger an
der Vertauschung der Flaschen und etwaigen dadurch entstandenen
Verlusten selbst die Schuld. Allerdings werden Vertauschungen in
manchen Fällen vielleicht dadurch begünstigt, dass die Flaschen der
verschiedenen Lieferanten, welche an einen Kunden liefern, überhaupt
 keinen Aufdruck tragen und in:der Form gleich sind. Diese
Vertauschungen, wenn sie auch gewiss unangenehm sind, bergen
allerdings noch keine Verluste in sich, vorausgesetzt, dass die Zahl
der zurückgegebenen fremden Flaschen ebenso gross ist, wie die
der gelieferten eigenen. Oft stimmt dieses Verhältnis allerdings nicht,
und es hat den Anschein, als ob die Vertauschung nicht durch
Zufall oder Nachlässigkeit des Kunden, sondern durch ganz bestimmte
 Nebenabsichten des betr. Konkurrenten herbeigeführt sel.
Wie gross die Gesamtheit der, Bierflaschenverluste aller derer
ist, die ein Flaschenbiergeschäft betreiben, erhellt aus einer Mlitteilung
 der Berliner „Wochenschrift für Brauerei“ (Jahrgang 1900.
No. 1). Diese teilt mit, dass ein lokaler Brauereiverein (wahrscheinlich
 der Verband der Berliner Brauereien) in einem bestimmten
 mehrmonatlichen Zeitraum eine Enquöte über den Verlust
von Bierflaschen anstellte. Von den abgesetzten Flaschen kamen
weniger zurück 3,37 %, beim Austausch kamen weniger zurück
0,48%, der Flaschenbruch bezifferte sich auf 2,51, der Gesamtverlust
 also im Durchschnitt auf 6,05%! Der höchste Gesamtverlust
betrug 14,23, der niedrigste 4.3 °;! Der Durchschnittsatz von 3.37 %
        <pb n="83" />
        171 —

für nicht zurückgekommene Flaschen wurde von acht Brauereien
überschritten. Das Maximum dieses Verlustes lag bei 7,43 °%, das
Minimum bei 1,38 %. Wenn auch die Verhältnisse in Bezug auf
den Flaschenverlust bei den Brauereien nicht überall die gleichen
sind, wie bei den Bierverlegern, so können doch die hier anzeführten
 Zahlen vielleicht als Durchschnittsziffern für die Flaschenverluste
 auch der Bierverleger angesehen werden.
Irgendwelche Maassnahmen sind bisher gegen den Flaschenmissbrauch
 seitens der Berliner Bierverleger noch nicht getroffen
worden. Die Einführung des Flaschenpfandes ist in Berlin auf dieselben
 Schwierigkeiten gestossen, wie in anderen Städten. Die
Brauereien haben jüngst in den gelesensten Zeitungen grosse Erklärungen
 abgegeben, wonach sie jedem Flaschenmissbrauch gerichtlich
 entgegentreten würden. Ob diese Erklärungen Erfolg haben
werden, ist zweifelhaft, zumal die Gerichte die Verwendung und
Füllung von Bierflaschen mit anderen Flüssigkeiten etc. bei erfolgender
 Anzeige in den seltensten Fällen bestrafen*). Gegen die
ınlautere Konkurrenz von Berufsgenossen (Vertauschen und Fortnehmen
 von Flaschen) hat die Mehrzahl der zum Verband deutscher
Bierhändler gehörenden Vereine bereits. das Mittel der Errichtung
von Flaschen-Austauschlagern angewandt, und ist z. T. mit Recht
energisch vorgegangen gegen diejenigen Bierverleger, welche ihre
Beteiligung etwa ablehnten. In Berlin ist ähnliches seitens des
Vereins Berliner Bierverleger (der auch nicht zum Verbande gehört}
noch nicht geschehen. Allerdings hat der Verein vor, kurzer Zeit
seinen Vorsitzenden delegiert, in einen vom Bund der Industriellen
niedergesetzten Ausschuss einzutreten, welcher speziell die Bekämpfung
 des Flaschenmissbrauches zur Aufgabe hat, und zu dem
u. a. auch Vertreter des Brauerei-Verbandes, des Vereins Berliner
Weissbierwirte, des deutschen Gastwirtsverbands, des Berliner
Gastwirte - Vereins und des Verbandes deutscher Mineralwasser-Fabrikanten
 gehören. Irgendwelche positiven Beschlüsse liegen
jedoch seitens des Ausschusses, der sich eben erst konstituiert hat,
noch nicht vor.

*) Vgl. in dieser Hinsicht die sehr interessanten Verhandlungen des
Verbands deutscher Bierhändler. Abgedruckt in dem Verbandsorgan.
Der Bier-Verleger II. Jahrg. bes. 5. 278 u. f.
        <pb n="84" />
        — 13 —

2. Spesen. Es ist nötig, näher auf sie einzugehen, da sie
oft nicht unbeträchtlich sind. Wenn in Bierverlegerkreisen von
Spesen gesprochen wird, so sind damit nicht nur diejenigen Unkosten
 gemeint, welche dadurch entstehen, dass.die Geschäftskunden
der Bierverleger oft in längeren Zwischenräumen bezahlen und die
letzteren gezwungen sind, beim Abholen der Rechnungsbeträge
grössere Zechen zu machen. Oft besteht ja auch hierbei ein Missverhältnis
 zwischen dem Verdienst an der gelieferten Ware und dem
durch die Zeche gewährten Rabatt, und manche Gastwirte besitzen
eine gewisse Virtuosität darin, ihre Lieferanten bei solchen Besuchen
durch Vermittelung ihrer Kunden anreizen zu lassen, recht viel
„zum Besten zu geben“. Die raffinierteste Form der Erzwingung
eines ausserordentlichen Rabatts von den Lieferanten besteht jedoch
in der Veranstaltung der sogenannten „Abendtische“. Man versteht
darunter Abendessen mit Weinzwang, zu denen hauptsächlich die
Lieferanten eingeladen werden, Fleischer, Bäcker, Liqueur- und
Schnapslieferanten. vor allen aber die Brauer und Bierverleger. Die
Stammgäste dienen oft nur als Dekoration, sie lassen sich in Bezug
auf das Weintrinken vielleicht noch von den Lieferanten freihalten.
Gleichmässig werden durch diese Veranstaltungen Brauer und Bierverleger
 getroffen. Wie tief eingerissen diese Unsitte ist, beweist
der Umstand, dass in der hier in Betracht kommenden „hohen
Saison“ (Dezember -—Januar) bei den Brauereien manchmal das
Comptoirpersonal kaum ausreicht, um den Einladungen folgen zu
können. Handelt es sich um einen Kunden, der wenig braucht,
so kaufen sich wohl auch die Brauereien einfach von ihren Verpflichtungen
 los, indem sie an Stelle der Entsendung irgend
jemandes dem betr. Gastwirt ein Gefäss Bier „vergüten“, dessen
Grösse sich nach der Höhe des Absatzes an den betr. Kunden
richtet. Dem Bierverleger sind diese Verpflichtungen natürlich noch
drückender, da seine Lieferungen in den weitaus meisten Fällen
viel geringer sind, als diejenigen der Brauereien, Handelt es sich
um Kunden, welche Abnehmer grösserer Quantitäten sind, so kann
der Bierverleger ohne grosse Skrupel 10—20 Mark ausgeben; als
drückend aber empfindet er die Verpflichtung, wenn eine solche
Einladung beispielsweise von einem Kunden kommt, der vielleicht
alle 2—3 Wochen einmal 100 Flaschen Grätzer Bier von ihm be-
        <pb n="85" />
        {9 —

zieht! Dazu kommt, dass viele Gastwirte und Cafetiers sich an der
Veranstaltung eines Abendtisches im Winter nicht genügen lassen,
sondern ihre Lieferanten mehrmals um sich versammeln, sei es zum
Wurstessen, zum Frühschoppen mit Musik, zur Geburtstagsfeier des
Inhabers (die oft zweimal im Jahre stattfindet) etc. Ebenso wie die
Brauereien, kaufen sich in solchen Fällen auch die Bierverleger
manchmal los, indem sie gleichfalls, anstatt zu erscheinen, einige
Kästen oder einen Kasten Bier gratis senden. Wenn derartige Einladungen
 sich allzuhäufig wiederholen und dem Bierverleger klar
wird, dass sein Verdienst durch die von ihm verlangten Gegenleistungen
 fast völlig ausgeglichen wird, so wird er auch wohl in
manchen Fällen auf einen solchen Kunden verzichten. In jedem
Falle hat ein Bierverleger mit diesen Spesen als einem ansehnlichen
Posten in seinem Ausgabekonto zu rechnen. Welche Anteilnahme
die Bierverleger dieser ganzen Frage entgegenbringen, geht daraus
hervor, dass in dem ersten Jahrgange (1899) ihres Fachorgans nicht
weniger als sechs Einsendungen aus Bierverlegerkreisen über diese
Frage sich finden, ohne dass allerdings diskutable Vorschläge darin
gemacht worden wären, wie den allseitig erkannten Missständen
entgegenzutreten Sei.
3. Andere Ausgaben. Neben den Flaschenverlusten und
Spesen kommen für den Bierverlag als Ausgaben noch in Betracht:
die Löhne, die Miete, Reparaturen, die Unterhaltung von Pferd und
Wagen, Gewerbesteuer, Beiträge zur Krankenkasse sowie für Altersund
 Invaliditätsversicherung der Arbeiter, Schliesslich Anzeigen und
Reklame. Wenn diese Ausgaben hier lediglich aufgezählt werden
im Gegensatz zu der eingehenden Besprechung der Ausgaben für
Flaschen und für Spesen, so geschieht dies deshalb, weil sie einer
näheren Erläuterung kaum bedürfen. Ueber die Löhne ist vorher
schon gesprochen worden, die Reparaturen beziehen sich beispielsweise
 auf die Flaschenkästen oder die Holzlager in den Kellereien,
ferner etwaige im Keller angewandte Maschinen. Für Anzeigen
und Reklame pflegt der Bierverleger in der Regel so wenig wie
möglich auszugeben: immerhin muss er Rechnungen mit Firmenaufdruck,
 oft auch Bestellkarten, ferner Etiquetten, Plakate, Preiskourante
 u. dergl. führen.
        <pb n="86" />
        s0

Brutto- und Nettogewinn beim Bierverlag.
Aus der Vergleichung des Bruttogewinns mit den skizzierten
Ausgabeposten liesse sich sehr leicht ein Gewinn- und Verlustkonto für
einzelne Umsatzhöhen konstruieren. Jedoch sind solche theoretische
Konstruktionen immer sehr angreifbar und an ihrer Stelle möge deshalb
hier ein praktisches Beispiel gesetzt werden. Es ist der Jahresabschluss
 eines Bierverlags mit etwa 20000 Mark Umsatz aus dem
Jahre 1899.

Einnahmen:
Erlös aus 1200 halben Tonnen Weissbier a 12 Mark = 14400 Mark
120 Grätzer Bier a 27 = 3240
32.  „ Bayrisch , a 27 = 864 »
20 echtes A 44 — 880
19384 Mark

Ausgaben.
A. Bierkontr
Tonnen Weissbier
Grätzer Bier
Bayrisch Bier
echtes Bier
(inkl. Fracht)

| 200 halbe
120 h!
32
20

a

7 200 Mark
920 ,
640

500
10260 Mark
Demnach Bruttogewinn 9124 Mark.
Von diesem Bruttogewinn waren in Abzug zu bringen für:
Miete... . . 1200 Mark
Unterhalt eines Pferdes . . . - 700
Ergänzung an Flaschen und Verschlüssen 650
Reparaturen . . . 65
Telephon . . 150
Reklame und Spesen . . . +... 200
Gas. Heizung, Gewerbesteuer, Beiträge zur Versicherung
 u. a...
Löhne: 1 Kutscher .
3 Arbeiter im Durchschnitt*)

150
1 248
2964
7327 Mark
Demnach Bruttogewinn 9124
Reingewinn 1797

*) D. h. es wurden im Sommer 4, im Winter nur 2 Arbeiter beschäftigt.
 Die Lohnsumme ist nach den Buchungen angegeben.
        <pb n="87" />
        _— 81 —

Zu dieser Aufstellung ist zu bemerken, dass einerseits die gewährten
 Rabattpreise beim Weissbier sehr hoch waren, da sich
dessen Absatz im wesentlichen auf grasse Abnehmer verteilte, dafür
genügte jedoch auch ein Pferd und ein Wagen zur Fortschaffung
des Bieres, während bei einer Zersplitterung der Kundschaft
mindestens zwei Wagen mit je einem Pferd bespannt, in Betrieb
hätten sein müssen. Im übrigen soll die Aufstellung weniger zur
Nustration des Rein- als vielmehr des Bruttogewinnes dienen. Es
ergiebt sich aus ihr beim Weissbier ein Bruttogewinn von genau
100 %,.d. h. weniger, als wir vorher angenommen hatten, was sich
aus den angegebenen Gründen erklärt, dagegen ist der Verdienst
an Grätzer Bier höher als in unserer Annahme, da in dem betr.
Bierverlag auch zu der Zeit, als der hl Grätzer Bier nur 16 Mark
kostete 100 Flaschen nicht unter 10 Mark fortgegeben wurden. Die
Flaschenverluste betrugen nur ca. 2,5 %, was ebenfalls mit der geringen
 Zahl der Abnehmer zusammenhängt. Aus den Aeusserungen
einer grossen Zahl von Bierverlegern ist anzunehmen, dass der
Reingewinn — von individuellen Zufälligkeiten abgesehen — da.
wo Weissbier und Grätzer Bier den überwiegenden Teil des Absatzes
 bilden, in der Regel nicht unter 10 und nicht über 15%, des
Umsatzes beträgt. Es scheint dabei nicht, als wenn mit der Erhöhung
 des Umsatzes der Reingewinn verhältnismässig höher würde;
vielmehr wird ein verhältnismässiges Steigen desselben dadurch, dass
bei höherem Umsatz der Geschäftsinhaber nicht mehr mitarbeiten
kann, sondern sich auf die Beaufsichtigung des Geschäftsbetriebes
beschränken muss, ferner durch Erhöhung der Spesen u. a. in der
Regel kompensiert.
        <pb n="88" />
        - &amp;amp;2

Der durchschnittliche Jahresumsatz der Berliner Bierverlagsgeschäfte.


Als Maassstab können uhs zwei Momente dienen:
1. die Anzahl der im Betriebe beschäftigten Arbeiter,
2. die Anzahl der Pferde, welche zur Fortschaffung des Bieres
nötig sind. Aus den gemachten Erkundigungen ergiebt sich nun
zunächst, dass von 46 Bierverlegern im Durchschnitt beschäftigten

keinen Arbeiter . . 14 Betriebe
einen » ® m ®
zwei oO
drei bis vier Arbeiter 8 »
mehr als vier Arbeiter 5 „ (Maximum 9 Arbeiter).
Pferde wurden gebraucht:

ein Pferd in 15 Betrieben
zwei Pferde in 10
drei bis vier Pferdein 7 5
über vier Pferde in 3 R (Maximum 6 Pferde)
ohne Pferd behalfen sich 11 Bierverleger.
Aus diesen Angaben lassen sich allerdings keine zahlenmässig
genauen Rückschlüsse auf die Höhe des Umsatzes der einzelnen
Geschäfte machen, immerhin geben sie uns dazu gewisse Anhaltspunkte.
 Ich möchie auf Grund dieser Aufstellungen die Bierverlag'sgeschäfte
 in drei Kategorien teilen:
i. in solche Betriebe, welche ohne Arbeiter und ohne Pferd
auskommen,
2. in solche, welche 1 bis 2 Arbeiter beschäftigen und 1 bis
2 Wagen mit 1 bis 2 Pferden gebrauchen,
3. in solche, welche 3 Arbeiter und darüber beschäftigen und
3 und mehr Pferde gebrauchen.
Man könnte diese Kategorieen etwa als kleine, mittlere und
grössere Bierhandlungen bezeichnen. Ein charakteristisches Unterscheidungsmoment
 werden die kleinen Geschäfte vor denen der
zweiten und dritten Kategorie haben, welche letzteren ihrer Art nach
wenig von einander verschieden sein werden. Aus dem Umstande
nämlich. dass die kleinen Bierhandlungen ohne Pferde, d. h. aus-
        <pb n="89" />
        A

schliesslich mit einem Handwagen auskommen, geht deutlich hervordass
 ihr Absatz sich zum grossen Teile auf den Verkauf über die
Strasse beschränkt und das Lieferungsgeschäft daneben nur eine geringere
 Rolle spielt. Diese Geschäfte stammen meist aus neuerer Zeit
(unter den 11 Geschäften, welche ohne Pferd auskamen, sind 7 in
den Jahren 1890—96 gegründet), entweder hat sich das Lieferungsgeschäft
 noch nicht oder doch kaum über die nächste Nachbarschaft
ausgebildet, oder sie verzichteten überhaupt darauf und beschränken
sich auf den Kleinhandel mit Bier. Als Nebengeschäft kommt für
sie ın allerdings nur wenigen Fällen der Verkauf von Frischbier in
Betracht, das von den Weissbierbrauereien bezogen wird, häufiger
der Spezereiwarenhandel. DerBierabsatz schwankt pro Tag zwischen 10
bis 40 Mark, der Durchschnittssatz beträgt etwa 20 Mark. Ihrer
ganzen Art nach erinnern diese Geschäfte an denjenigen Viktualienhandel
 der ersten Jahrzehnte, der in der Hauptsache zum Kleinhandel
 von Bier geworden war, nur dass damals die Entwicklung
eine zum Lieferungsgeschäft aufsteigende war, während wir es
heute in diesen Geschäften mit Rückbildungen zu thun haben,
welche den Viktualienhandel zur Stütze gebrauchen, weil sie vom
Bierhandel allein nicht existieren können.
Im Gegensatz zu den Geschäften dieser Art haben die Bierhändler
 der zweiten und dritten Kategorie mehr die alte Form des
Bierverlags als Lieferungsgeschäft bewahrt. Der Verkauf über die
Strasse bildet bei ihnen nur eine Ergänzung zum Versandgeschäft;
unter sich sind sie nur durch die Höhe des Umsatzes von einander
unterschieden. Diejenigen Bierverleger, welche einen Wagen in
Betrieb haben, sei es nur mit einem oder zwei Pferden bespannt,
fahren im Sommer pro Tag etwa für 40—50, im Winter etwa für
30 Mark Bier pro Tag aus, d. h. ihr jährlicher Umsatz im Versandgeschäft
 beziftert sich auf 12—15 000 Mark jährlich; der Reingewinn
welchen ein solches Geschäft abwirft, ist also an sich kaum höher
als der Lohn, den die Kutscher im Bierverlag und geringer als der
Lohn, den die Brauereikutscher erhalten. Allerdings ist zu dem
Reingewinn aus dem Versandgeschäft noch derjenige aus dem Verkauf
 über die Strasse hinzuzuzählen, immerhin dürfte das Einkommen
eines solchen Bierlegers selten über 1800—2400 Mark betragen, ın
den meisten Fällen aber unter diesem Satze sich bewegen.
        <pb n="90" />
        —_ 84 —

Was nun die Geschäfte der dritten Kategorie betrifft, so haben
diese ihren verhältnismässig hohen Umsatz verschiedenen Umständen
zu verdanken. Entweder sind es alte Geschäfte, die zugleich mit
dem guten Ruf aus früheren Zeiten auch einen Stamm von Weissbierkunden
 behalten haben, welcher ihnen treu geblieben ist. Oder
sie werden von irgend einer Weissbierbrauerei unterstützt, ın der
Weise, dass dieselbe die Bestellungen auf Flaschenbier, welche bei
ihr gemacht werden, dem betreffenden Bierverleger zuweist; allerdings
 führen solche Bierverleger nur Bier von einer Weissbierbrauerei.
 Der Umsatz dieser Geschäfte schwankt zwischen 20 bis
75 000 Mark jährlich, der Verdienst ist also als sehr auskömmlich
zu bezeichnen.
Der Umsatz früher und jetzt. Auf die Frage, wie sich
der heutige Umsatz zu dem früheren stellt, habe ich in 4 Fällen
die Antwort erhalten, derselbe sei gestiegen, in 10 Fällen war
er gleich geblieben, in 32 Fällen zurückgegangen. Es ist
kaum nötig, darauf hinzuweisen, dass es sich bei den ersteren
Fällen meist um Geschäfte handelt, welche in neuerer Zeit entstanden
 sind, während diejenigen, welche noch aus den achtziger
Jahren stammen, durchweg einen Rückgang des Umsatzes zu beklagen
 hatten.
Wie sich dieser in einzelnen Fällen gestaltet hat, davon hier
einige frappante Beispiele: Bierverleger A.*) begründete seinen Bierverlag
 1866 im Anschluss an die Gastwirtschaft, hatte anfangs der
achtziger Jahre 2 Wagen und 4 Pferde; eia Wagen fuhr nach ausserhalb,
 um an die dortigen Ausschanklokale Weissbier zu liefern, der
Umsatz betrug 50000 Mark im Bierverlag jährlich. Gab 1893 das
Bierverlagsgeschäft auf, nachdem er fast alle Kunden verloren hatte,
und ist jetzt nur noch Gastwirt. — Bierverleger B., dessen Geschäft
seit 1879 besteht, hatte früher 2 Pferde und 2 Wagen, jetzt genügt
ein Handwagen, Arbeiter werden "nicht mehr beschäftigt. — Bierverleger
 C. hatte früher 2 Wagen und 3 Pferde, Umsatz 50- bis
60000 Mark, jetzt noch 1 Wagen, 1 Pferd, 20000 Mark Umsatz.
Geschäft besteht seit Anfang der sechsziger Jahre. — Bierverleger

*) Aus begreiflichen Gründen habe ich die wirklichen Anfangsbuchstaben
 der betr. Namen durch fingierte ersetzt.
        <pb n="91" />
        2 85 —

D. übernahm 1891 "das früher von E. betriebene Bierverlagsgeschäft.
E. gebrauchte 3 Wagen und 6 Pferde und beschäftigte 12 Arbeiter.
D. kommt im Sommer mit 2, im Winter mit 1 Pterd aus, er beschäftigt
 noch 4 Arbeiter. Das Geschäft wäre ruiniert, wenn nicht
4 Bataillonskantinen als Abnehmer geblieben wären. — Bierverleger
 F. beschäftigte früher 12 Arbeiter und hatte einen Absatz von
10—12000 hl Bier jährlich, an heissen Tagen gebrauchte er 80 halbe
Tonnen. Als er starb, war nur noch ein Wagen im Betrieb, unter
seiner Frau wurde der Konkurs über das Geschäft eröffnet. — Bierverleger
 G. besass Anfang der achtziger Jahre 6—8 Pferde, bankerott
seit 1895, MH. früher 6 Pferde, liess 1896 das Inventar seines
Geschäfts versteigern. — J., dessen Geschäft seit 1882 besteht, beschäftigte
 3 Arbeiter, jetzt fährt er das Bier selbst am Vormittag
aus, seine Frau und er ziehen nachmittags und abends selbst
ab, und besorgen den Verkauf über die Strasse. — Im Bierverlage
 von K. betrug der Absatz anfangs der neunziger Jahre u. a.
110 hl Braunbier, 1075 hl Weissbier, 300 hl Lagerbier, jetzt kein
Braunbier, 620 hl Weissbier, 110 hl Lagerbier., — Bierverleger L.
hatte früher einen zweispännigen und einen einspännigen Wagen,
jetzt noch einen einspännigen. — K., dessen Geschäft seit 1864 besteht,
 will jetzt event. den Bierverlag ganz aufgeben und eine Gastwirtschaftübernehmen.
 — Bierverleger M. gab1894 seinen seit 17 Jahren
betriebenen Bierverlag auf und lebt jetzt als Restaurateur.
Es ist ein trauriges Bild, welches diese Stichproben aus den
Notizen, die ich mir gemacht habe, ergeben, sie liessen sich leicht
verdoppeln oder verdreifachen, aber sie genügen auch wohl so als
Mustration.

Die Verschuldung der Bierverlegzer bei den Brauereien.

Mit der äusserst gedrückten Lage der Berliner Bierverleger,
welche sich aus diesen Darlegungen ergiebt, hängt auch die übermässige
 Verschuldung derselben bei den Brauereien zusammen.
Diese Verschuldung kommt z. T. in ganz eigentümlichen Formen
der Kreditinanspruchnahme zum Ausdruck. Nicht der Umstand,
dass im Laufe der Tahre, bei der Unregelmässiykeit der Be-
        <pb n="92" />
        — 86

zahlung, die Schulden für geliefertes Bier oft eine abnorme
Höhe erreichen, ist das entscheidende. Ott beginnt vielmehr die
Verschuldung der Bierverleger bei der Brauerei schon in dem
Augenblick, in welchem das Geschäft überhaupt begründet wird.
Selten hat der Betreffende, der oft früher irgendwo Kutscher war,
die genügenden Mittel und deshalb wendet er sich an die Brauerei,
welche dann die ganze Einrichtung liefert: Pferd, Wagen, Flaschen,
Flaschenkasten etc. Der Bierverleger unterschreibt einen Leihkontrakt
 und verpflichtet sich, für jede von der Brauerei zu entnehmende
 Tonne Bier einen Aufschlag von so und soviel zu bezahlen,
 bis die Summe, welche die geliehene Einrichtung darstellt,
durch diese Aufschlagzahlungen (2—4 Mark pro 2 Tonne) gedeckt
sei, worauf das Inventar in seinen Besitz übergehen soll. Oft hört
das Geschäft nach wenigen Monaten auf zu existieren und es kommt
überhaupt nicht zur Uebergabe des Inventars, welche in anderen
Fällen wiederum dadurch ermöglicht wird, dass der betreffende Bierverleger
 nur diejenige Brauerei pünktlich bezahlt, welche ıhm das
Inventar geliehen hat, dagegen bei den übrigen das bezogene Bier
schuldig bleibt. Besteht zwischen der Brauerei und ihren Abnehmern
schon ein nach Jahren zählendes Geschäftsverhältnis, so muss sich
die Brauerei darauf gefasst machen, von ihren Kunden, und zwar
den Gastwirten, in demselben Masse wie pen Bierverlegern als der
Kreditgeber angesehen zu werden. Will der Bierverleger Neuanschaffungen
 machen, und es mangelt ihm an Geld, so geht er zum
Brauer und lässt es sich von ihm geben; wenn seine Tochter sich
verheiratet, so muss er, der Brauer, aushelfen, um die Ausstattung
zu bezahlen u. a. m. Ausser den Bierschulden haben die Bierverleger
 also in sehr vielen Fällen noch private Schulden bei den
Brauereien, ja selbst in den Fällen werden letztere in Anspruch genommen,
 wo der Bierverleger sehr wohl das Geld auch von Anderen
erhalten könnte, z. B. bei Hypotheken. So wie die Verhältnisse
heute liegen, muss eine neugegründete Brauerei mindestens 1- bis.
200000 Mark Kapital flüssig haben, um Darlehnsgesuche ihrer
Kunden befriedigen zu können. Teilte mir doch eine der kleineren
Weissbierbrauereien, deren Produktion jährlich etwa 20 000 Tonnen
beträgt, mit, dass sie an zinslosen Darlehen allein ca. 40000 Mark
ausgeliehen habe, und der Geschäftsführer einer der grösseren
        <pb n="93" />
        Berliner Weissbierbrauereien konstatierte, dass ’/s derjenigen Bierverleger,
 welche von der betreffenden Brauerei Weissbier entnehmen,
stark verschuldet wären. Um welche Summen es sich bei der
Kreditinanspruchnahme handelt, zeigt die Thatsache, dass die 18
Berliner Brauerei-Aktiengesellschaften laut Bilanz vom 1. Oktober
1899 nicht weniger als 8 456 000 Mark Forderungen an ihre Kunden
hatten, d. h. im Durchschnitt 469 000 Mark, eine Summe, an der
allerdings nicht nur die Bierverleger beteiligt sind, sondern die sich
vor allem auf die Gastwirte, Restaurateure und Ausschanklokale bezieht
 (unter den 18 in Betracht gezogenen Brauereien sind 14 für
bayerisches Bier); doch würde eine Statistik der Berliner Weissbierhrauereien
 in Bezug auf die Bierverleger wohl verhältnismässig ähnliche
 Resultate ergeben! Nichts ist bezeichnender für die Anschauung
 von der Kreditpflicht der Brauereien als eine kurze
Annonce, die sich in No. 6 des „Bierverleger“, Jahrgang 1900,
Äindet: „Bierverleger, dem seine Brauerei nicht genügend. entgegenkommt,
 wünscht sich mit einer anderen leistungsfähigen in Verbindung
 zu setzen.“

Der Versuch einer Genossenschafts-Brauerei.

Die in den vorher gehenden Betrachtungen gekennzeichneten
traurigen Verhältnisse im Bierverlaggeschäft waren es, welche gegen
Ende der achtziger Jahre in einer Anzahl von Bıerverlegern den
Plan entstehen liessen, durch Gründung einer Genossenschaftsbrauerei
 dem anscheinend unaufhaltsamen Rückgang des Geschäfts
antgegenzutreten. Man hatte schon vorher von Seiten des Vereins
der Berliner Bierverleger und in der Oeffentlichkeit versucht, gegen
den Flaschenbiervertrieb der Brauereien durch die Boykottierung derselben
 Stellung zunehmen; aberdie Versuche dieserArt waren kläglich gescheitert.
 Einesteils war der Ring derjenigen Brauereien, welche ihr Bierin
Flaschen abseizten, zu stark, anderenteils stand die tonangebende
liberale Presse ebenso wie die öftentliche Meinung den Versuchen
der Bierverleger entweder teilnahmslos oder direkt gegnerisch gegenüber.
 Die Bierverleger sahen ein, dass das Gebiet des Flaschenbierhandels
 mit bayrischem Bier ihnen in absehbarer Zeit ganz verloren
        <pb n="94" />
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gehen müsse und dass für sie nur der Absatz von Weissbier übrig
bliebe. Aber auf diesem Gebiete waren, wie schon erwähnt, die
Aussichten auf Verdienst immer geringere geworden, weil namentlich
diejenigen‘ Bierverleger, welche vorher hauptsächlich bayrisches Bier
abgesetzt hatten, sich jetzt mit Nachdruck auf den Absatz von
Weissbier legten, durch Preisunterbietungen den übrigen Weissbierverlegern
 scharfe Konkurrenz machten und sie zwangen, auch ihrerseits
 mit den Preisen herunterzugehen. Unter diesen Umständen
musste der Gedanke einer Genossenschaftsbrauerei etwas Verführerisches
 haben, man bezog das Bier zum Produktionspreis und
konnte infolgedessen auch bei dem Rückgang der Preise in erfolgreicher
 Weise mit den übrigen konkurrieren. ‘Im Jahre 1890 wurde
die Genossenschaftsbrauerei unter dem Namen Berliner Brauhaus
E. G. m. u. H. gegründet. Man wählte die Form der unbeschränkten
Haftpflicht, um :möglicht leicht Kredit erhalten zu können. Fast
durchgängig waren es alte Firmen, welche der Brauerei beitraten;
der Hauptabsatz hatte bei ihnen von vornherein auf dem Weissbier
gelegen. Dem Umfange nach würden sie sämtlich zur Kategorie II
gehören. Man berechnete in den Voranschlägen, dass die Brauerei
schon existieren könne, wenn sie nur die Genossen zu Abnehmern
zähle. Weissbier und Braunbier sollte gebraut werden. Leider bewährte
 sich der theoretisch sehr gut ausgedachte Plan nicht in der
Praxis. Ueber den ersten Geschätftsjahren der Brauerei waltete ein
ungünstiger Stern, und das wurde ihr zum Verderben. Man hatte
sich nicht dazu entschliessen können, geaichte Gefässe anzuschaffen,
 und so kam es zwischen den „Genossen“ fortwährend zu
Eifersüchteleien, jeder hatte den anderen im Verdacht, das grösste
Gemäss zu erhalten und iühlte sich zurückgesetzt. Gleichzeitig
brachen Differenzen aus zwischen dem Geschäftsführer und den
Braumeistern, welche mehrmals wechselten; gleich im ersten Jahre
gingen auch mehrere der angekauften Pferde ein, und die Bilanz
schloss mit einem Verlust von ca. 9000 M. Auch in den nächsten
Jahren schloss das Gewinn- und Verlustkonto mit einer erheblichen
Unterbilanz, und zwar infolge der abnormen Steigerung der Getreidepreise,
 welche bekanntlich Anfang der neunziger Jahre eine aussergewöhnliche
 Höhe erreichten. Die Verluste wurden durch Umlagen
bei den Mitgliedern gedeckt, und wenn es sich auch um verhältnis-
        <pb n="95" />
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mässig wohlhabende Leute handelte, so wurde es ihnen natürlich
doch nicht leicht, jährlich 1—2000 M. zuzuzahlen, anstatt eine
Dividende für ihr angelegtes Kapital zu erhalten. Der Absatz der
Brauerei selbst ging nicht weit über den Kreis ihrer Mitglieder
hinaus und zwar lediglich deshalb, weil es ihr infolge Kapitalmangels
nicht möglich war, sich Kunden dadurch zu erwerben, dass sie
dieselben von ihren Lieferanten durch ein Darlehen auslöste. Es
gab viele auch unter den minder wohlhabenden Bierverlegern, welche
zwar nicht Mitglieder der Genossenschaftsbrauerei werden wollten, da
sie finanziell nicht in der Lage waren, das damit verbundene Risiko
zu tragen, die aber doch gern von der Genossenschaftsbrauerei ihr
Bier bezogen hätten, wenn sie nicht bei ihren Lieteranten infolge
zu weitgehender Kreditinanspruchnahme „festgesessen“ hätten. Nach
vierjährigem Bestehen liquidierte das Berliner Brauhaus. Es schienen
für einen Rückgang der Getreidepreise keine günstigen Aussichten
vorhanden zu sein, ein Geldgeber hatte die geliehenen 30 000 M.
gekündigt, die Genossen, deren Zahl übrigens auch zusammengeschmolzen
 war, verloren den Mut. Das Inventar wurde versteigert,
 die Kundschaft wurde an eine grosse Weissbierbrauerei
verkauft; zur Deckung der vorhandenen Schulden (u. a. musste die
Miete für die Brauereiräumlichkeiten für die ganze Dauer des Kontraktes,
 d. h. noch auf mehrere Jahre hinaus bezahlt werden) wurden
die Genossen mit 285 pCt. ihrer Anteile herangezogen. Ein Jahr
darauf sanken die Hopfenpreise so bedeutend (von 346,3 M. pro
Doppelzentner auf 215,0 M.), dass die dadurch erzielte Ersparnis
zugleich mit der aus dem Sinken der Gerstenpreise erzielten Ersparnis
 genügi hätte, um eine Unterbilanz im Durchschnitt der Geschäftsjahre
 nicht nur zu decken, sondern darüber hinaus noch
Dividende zu verteilen. So ist es nicht unberechtigt, den Misserfolg
 dieses genossenschaftlichen Versuchs auf das Zusammenwirken
»iner Reihe ungünstiger Umstände zurückzuführen, und es wäre
falsch, aus dem Misslingen dieses Versuchs irgendwie Gründe gegen
den Genossenschaftsgedanken oder seine Ausführbarkeit schlagen
zu wollen.
        <pb n="96" />
        Ergebnisse, Schlusshbetrachtungen.

Wenn wir die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung
cückblickend betrachten, so stehen wir vor einer Erscheinung,
welche vom nationalökonomischen Standpunkte nicht ohne Interasse
 ist, wenn sie auch, im Zusammenhang mit der volkswirtschaftlichen
 Entwickelung der letzten Jahrzehnte betrachtet, nichts
Ueberraschendes bietet. Aus dem kleinsten Krämerverhältnis
heraus entstanden, anfangs nur als Nebengeschäft auftretend, wird
der Bierverlag im Laufe der Jahre zur selbständigen Unternehmung.
 Als Zwischenglied zwischen den Brauereien auf der
einen und den Konsumenten auf der anderen Seite stehend, übernimmt
 er die Funktion der Vermittelung zwischen beiden, eine
Funktion, welche der Sprachgebrauch vielfach als „Zwischenhandel‘“
bezeichnet, während die nationalökonomische Wissenschaft mit
diesem Worte einen anderen Begriff verbindet. Wenn wir einmal
die Bezeichnung Zwischenhandel im obigen Sinne gebrauchen wollen,
zo lässt sich wohl die Behauptung aufstellen, dass ein Zwischenhandel
 solange berechtigt und volkswirtschaftlich nützlich ist, als er
die Verbindung zwischen Produzenten und Konsumenten bequemer
und wohlieiler vermittelt, als es den Produzenten selbst möglich
wäre. Solange daher die Brauereien darauf verzichteten bezw. verzichten
 mussten, den direkten Absatz ihrer Produkte an die Konsumenten
 zu bewerkstelligen, solange konnte sich der Bierverlag als
volkswirtschaftlich berechtigter Zweig des Handels ungehindert in
günstiger Weise entwickeln. In dem Augenblick, als die Brauereien
den Versuch machten, sich des von ihnen bis dahin bedienenden
Zwischengliedes zu entledigen, kommt es für die Weiterentwicklung
beider Geschäftszweige darauf an, ob die Brauereien in der Lage
sind. die erforderlichen Leistungen mit einem geringeren öko-
        <pb n="97" />
        91 —

nomischen Kraftaufwand auszuführen und die Bedürfnisse der Konsumenten
 besser und wohlfeiler zu befriedigen. Man wird zugestehen
 müssen, dass die Brauereien, soweit sie den Flaschenbiervertrieb
 übernahmen, diese Probe bestanden haben. In dem Augenblicke,
 wo die Konsumenten den Zwischenhandel zu ignorieren begannen,
 sah sich dieser einer Krisis ausgesetzt, welche sich in dem
Masse verschärfte, als die Uebernahme des Flaschenbiervertriebs
durch die Brauereien fortschritt. Wahrscheinlich hätte diese Entwicklung
 bereits zu einer fast völligen Ausschaltung des Bierverlages
geführt, wenn‘ nicht als retardierendes Moment der gekennzeichnete
 konservative Charakter der Weissbierbrauereien ihr entgegengetreten
 wäre. Während so demnach die Bierverleger den
grössten Teil des Absatzes an Lagerbier an die Lagerbierbrauereien
abgeben müssen, bleibt “ihnen der Absatz von Weissbier. Die
naturgemässe Verschärfung der Konkurrenz führt jedoch in Verbindung
 mit ausserordentlichem Herabsinken des durchschnittlichen
Absatzes eine Herabsetzung der Preise und Hand in Hand damit
eine ausserordentliche Verschlechterung der Lage der Bierverleger
herbei. Ein Teil früher bestehender Geschäfte geht ein, ein anderer,
der den Charakter als Lieferungsgeschäft beibehält, sieht sich
einem ausserordentlich geminderten Absatz und Verdienst gegenüber,
 ein dritter Teil sucht eine Stütze in der Anlehnung
an die Gastwirtschaft, den AKleinhandel mit Bier oder an
den Viktualienhandel. Und da es gerade die neueren Geschäfte sind,
bei denen der Charakier als Lieferungsgeschäft mehr zurücktritt, so
lässt sich wohl behaupten, dass sich gegenwärtig im Bierverlagsgeschäft
eine Tendenz zu Rückbildungen in irühere Formen zeigt, welche man
nach dem Laufe der Entwicklung für überwunden hätte ansehen
sollen.

Wie die weitere Zukunft des Bierverlages sich in Berlin gestalten
wird, darüber lassen sich nur Vermutungen anstellen. Im wesentlichen
wird sie, wie aus den vorhergegangenen Betrachtungen ersichtlich ist,
von dem Anteil abhängen, welchen der Weissbierkonsum in Berlin
an dem gesamten Bierkonsum haben wird und ferner von der Weiterentwicklung
 der Berliner Weissbierbrauereien. In dem Augenblicke,
wo diese ebenso allgemein, wie gegenwärtig die Berliner Lagerbierbrauereien,
 den Flaschenbiervertrieb in eigene Regie übernehmen,
        <pb n="98" />
        - 99 —

wäre meines Erachtens das Schicksal der Bierverleger besiegelt, und
an Stelle der heute noch bestehenden Lieferungsgeschäfte mit grösserem
Umsatz .würden jene Unternehmungen der ersten Kategorie treten,
welche sich zu den Geschäften alten Stiles etwa ebenso verhalten wie
die gekennzeichneten Quetschen zu den soliden Weissbierbrauereien.
Von den Geschäften dieser Art zu jener Spezies des Viktualienhandels,
welcher nur nebenbei Bier führt und dieses nicht in Fässern, sondern
in Flaschen — bei der von uns angenommenen Voraussetzung also
von den Brauereien — bezieht, wäre nur noch ein Schritt, und sobald
 dieser erst gethan, wäre natürlich das Ende des Bierverlages in
jeder Form besiegelt.
Aufgabe der Bierverleger muss es von ihrem Standpunkt aus
natürlich sein, diese Entwicklung zu verlangsamen oder aufzuhalten.
Der Einzelne kann hierzu natürlich nicht viel thun, es kommt auf den
Zusammenschluss, die feste Organisation an. Unter diesem Gesichtspunkte
 ist es zu bedauern, dass der Verein der Berliner Bierverleger
bis heute noch nicht dem Verbande deutscher Bierhändler angehört,
vielmehr bei dem Verband der Gast- und Schankwirte von Berlin und
Umgegend Anschluss gesucht hat, wie er ja auch laut Statut Gastwirte
 in seine Reihen aufnimmt. Die Interessen der Gastwirte sind
denen der Bierverleger in vielen Fällen diametral entgegengesetzt,
und ein Verein von Angehörigen beider Berufe kann für die Interessen
 des einzelnen Berufszweiges — in diesem Falle für die
Interessen der Bierverleger! — oft nicht ungehemmt genug auftreten.
Der V. d. B. dagegen hat trotz seines erst kurzen Bestehens bereits
Beweise dafür gegeben, dass er seinem Berufe als Interessenvertretung
der Bierhändler in sachlicher und doch zugleich energischerweise gerecht
 wird, wozu vor allem auch die vorzügliche Redaktion seines
Fachorgans beigetragen haben mag, in dem” (1899 begründet)
fast alle bestehenden und empfundenen Missstände im Bierverlagsberuf
 und etwaige Mittel zur Abhilfe in ernster sachlicher Weise
besprochen worden sind. Die Anregung, welche durch die hier
gebotenen Artikel gegeben wird in Verbindung mit den vielfachen
Versuchen der Berufsgenossen an anderen Orten würde vor allem
dazu beitragen, die Hoffnungslosigkeit zu bekämpfen, welche heute
vielfach unter den Berliner Bierverlegern herrscht und gewiss auch
einen ungünstigen Einfluss auf irgend welche Versuche zur Hebung
        <pb n="99" />
        93 —

der bedrängten Lage ausübt, Solche Versuche liessen sich auf verschiedenen
 Gebieten machen, z. B. durch gemeinsamen Einkauf von
Flaschen, Errichtung eines Flaschenaustauschlagers, gemeinsam erlassene
 Warnungen gegen Flaschenmissbrauch, vor allem aber für die
unabhängigen Bierverleger: Durch einen abermaligen Versuch mit der
Gründung einer Genossenschaftsbrauerei, die allerdings von
vornherein kapitalkräftig genug sein müsste, um nicht aus denselben
Gründen liquidieren zu müssen, wie jene erste. Auch sonst sind die
Lehren sehr wohl zu beherzigen, welche jener erste Versuch gegeben
hat. So müsste z. B. von vornherein auf die Aichung der Fässer und
gleiches Maass gesehen werden. Wird der Genossenschaftsgedanke in
allen Punkten richtig erfasst, so kann der Erfolg nicht ausbleiben
und ev. auch durch geschlossenes Vorgehen verhindert werden, dass
die Weissbierbrauereien den Flaschenbiervertrieb übernehmen. Die
Ausbildung und Austührung des Genossenschaftsgedankens ist jedenfalls
 ein weit praktischeres Mittel, als eine Petition an den Reichstag
um Einführung der Konzessionspflicht für den Flaschenbierhandel”),
die doch wahrscheinlich auch bei der heutigen Zusammensetzung des
Reichstags kaum eine Mehrheit finden würde.
Wir sind am Schlusse unserer Betrachtungen angelangt. Vielleicht
kein Gebiet ist gerade in den letzten Jahren so oft Gegenstand der
öffentlichen Diskussion gewesen, als die Kleinhandelsfragen, sei es
nun, dass sie im Zusammenhang mit der Warenhausentwicklung oder
anderen Erscheinungen des modernen Wirtschaftslebens aufgetreten
sind. Vielfach wird man aber gerade in wissenschaftlichen Kreisen
der Ansicht gewesen sein, dass auf diesem Gebiete noch sehr viel
Vorarbeit zu leisten ist, ehe wir zu einem Urteil kommen können, und
dass wir uns vor allgemeinen, oft von einseitigen Gesichtspunkten
ausgehenden Beurteilungen hüten müssen. Der vorliegende Versuch
der Monographie einer bestimmten Art des Kleinhandels wird seinen
Zweck erfüllt haben, wenn er einen Stein zu dem Bau dieser Vorarbeiten
 geliefert hat.

*) Wie sie u. a. auch auf dem Vertretertage des V. D. B. vorgeschlagen
wurde.
        <pb n="100" />
        Vita.

ich „Gustav Stresemann, evang. Konfession, wurde am 10. Mai
1878 als Sohn des Biergrosshändlers Ernst Stresemann zu Berlin
geboren. Von Michaelis 1884 bis Ostern 1897 besuchte ich daselbst
das Andreas-Realgymnasium, das ich mit dem Zeugnis der Reife verliess.
 Hierauf bezog die Universität Berlin und hörte während
dreier Semester die Vorlesungen der Herren Professoren Boeckh,
Bornhak, Gierke, Herrmann, Hintze, Jastrow, Lenz, Liesegang, Nande,
Pernice, Reinhold, Schmoller und Wagner. Im Winter-Semester 1898
setzte ich meine Studien in Leipzig fort und hörte während der
folgenden vier Semester Vorlesungen bei den Herren Professoren
Bücher, Fricker, Friedberg, Haepe, Pohle und Stieda. Ausserdem
nahm ich an den Seminarübungen der Herren Professoren Bücher
und Fricker, sowie des Herrn Oberlehrer Lambert teil. Allen
meinen Lehrern fühle ich mich zu Danke verpflichtet für die mir
zu Teil gewordene Förderung, insbesondere Herrn Professor Bücher
dafür, dass ich in seinem Seminar zuerst systematisch arbeiten lernte.
        <pb n="101" />
        <pb n="102" />
        <pb n="103" />
        <pb n="104" />
        <pb n="105" />
        <pb n="106" />
        <pb n="107" />
        <pb n="108" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
