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        <title>Handbuch der vergleichenden Statistik- der Völkerzustands- und Staatenkunde</title>
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            <forname>Georg Friedrich</forname>
            <surname>Kolb</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
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            <idno>826042163</idno>
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        Handbucli
der
vergleiclieiidcn  Statistik
—  der  Völkerzustands-  und  Staatenkunde.  —

Für  den  allgemeinen  praktischen  Gebrauch

von
(i.  Fr.  Kolb,
Ehrenmitgli.d  de.  Uaivmittljr.thi  tu  CM^ow,  d.  Z.  HilzU.d  der  bayen.chen
Abgeordnetenkunmer.
i  I
Sani  douU^  la  Statiitique  s'occupe  de  chifrei;
le  chiffre  en  eat  l'élément  principal  ;  mais  il  n'en  est
pas  l'élément  unique.  La  Statistique  est  aus#i  la
tcûnce  raisonnée  de  faits.
Compte  rendu  des  travaux  du  1.  congrès
général  de  Statistique.
Man  sagt  oft:  Zahlen  regieren  dis  Welt.  Das
aber  ist  gewiss,  Zahlen  zeigen,  wie  sie  regiert  wird.
Goethe.

Vi

tetk  luu^i’atfvilé’le  c

Leipzig,
Verlag  von  Arthur  Felix.
1865.
%
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        Vorwort  zur  ersten  Auflage.  *

n  1  Statistik  wurde  unmittelbar  durch  das  praktische
r*  ^  i  8  s,  nicht  durch  Theorien  der  Gelehrten  ins  Leben  gebestand
  bereits  und  machte  sich  geltend,  lange  bevor
der  theoretischen  Wissenschaft,  die  sich  mit  ihr  beschaiti^rten
  auch  nur  emigermassen  einen  passenden  Kähmen  für
sie  finden  konnten  Ja  heute  noch  sind  Begriff,  Bedeutung,  Umfes%6!^el^^
  ^Uttel  dieser  Wissenschaft  keineswegs  endgültig
‘*^l*r6iid  man  aber  in  der  Theorie  über  alle  diese  Punkte  unausgesetzt
  streitet,  und  eine  Verständigung  unter  den  blossen  Theo-T
  1  ^  Ferne  gerückt  scheint,  —  bedarf  thatsachlich
  jeder  gebildete  Mann  statistischer  Kenntnisse,  —  jedem
\ers  '  iK  igen  Geschäftsmanne,  ja  überhau^it  jedem  denkenden  und
nr  lei  enden  /eitungsleser  sind  sie  unentbehrlich  geworden.
n  folge  des  längst  sich  geltend  machenden  Bedürfnisses  fin-&amp;lt;
  en  &amp;gt;Mi  seit  nun  beinahe  einem  halben  Jahrhunderte,  in  alle  Lehrsdialtet
  ^‘^íçraphie  eine  Anzahl  statistischer  Notizen  einge-’
P  Uidessen  können  solche  blosse  Beigaben  zu  M  erken  über
eschreibung  also  über  einen  ganz  anderen  Gegenstand
immer  ^eiliger  genügen.  Da  erschienen  einige  allgemeine  stais
  isx  le  Merke,  zum  Jheil  an  sich  sehr  verdienstvoller  Art.  Indem
sie  a  »er  in  der  Kegel  nur  ein  Meer  von  Ziffern  und  Zahlen  gaben,
um  (  ennoch  nicht  selten  gerade  diejenigen  Dinge  nicht  enthielten,
^  pniktische  Leben  am  nächsten  berühren,  konnten  sie
V(  r  1,1  tnissmässig  nur  AVenigen  dienen,  wie  sie  denn  auch  nur
einen  sehr  beschränkten  Leserkreis  fanden.  •
AT  ^  Erfasser  des  gegenwärtigen  Werkes  versucht  es,  ein
am  mch  der  Statistik  fü  r  den  allgemeinen  praktischen  G  er.iuc
  1  herzustellen.  Es  ist  der  erste  Versuch  dieser  Art,  und
demgemäss  zu  beurtheilen.
llienach  schon  ist  jede  weitläufige  Erörterung  über  die
.  der  Statistik  ausgeschlossen.  Es  ist  hier  der  Ort  nicht,
&amp;lt;?in  neues  theoretisches  System  dieser  "Wissenschaft  aufzustellen
Um  umständlich  zu  entwickeln.  Der  Verfasser  beschränkt  sich
t-ss  lall)  darauf,  seine  Grundansicht  über  die  Statistik  in  wenigen
Tatzen  auszusprechen.
        <pb n="6" />
        IV

Vorwort  zur  ersten  Auflage.

Die  Statistik  soll  eine  Darstellung  der  Staaten  sein,  ihrer
Zustände  und  Kräfte  ,  und  der  gesellschaftlichen  socialen)  Verhältnisse ­
  in  diesen  Staaten.  Sie  wendet  vorzugsweise  Ziffern
an,  doch  ist  es  keineswegs  ihre  Aufgabe,  blos  Berge  von  Ziffern
aufzuhäufen.  Sie  bedient  sich  vielmehr  der  Zahlen,  wo  es  thunlich
ist,  als  des  klarsten  und  bestimmtesten  Bezeichnungsmittels. ­
  Allein  auch  die  Zahlenangahcn  bedürfen  vielfach  der  Erläuterung ­
  und  Erklärung;  zudem  ergibt  sich  deren  wahrer
Werth  meistens  erst  aus  Vergleichungen.  So  wird  die  Statistik
zu  einer  vergleichenden  und  heurtheil  enden  Darstellung
der  wichtigsten  Momente  des  Staats-  und  Völkerlebens.  Die  Statistik, ­
  welche  sonach  zuerst  die  in  ihr  Ciebiet  gehörenden  Thats
  ach  eil  festzustcllen,  dann  deren  Veranlassungen  zu  ermitteln ­
  hat,  erstrebt  endlich  als  Wissenschaft  die  höchste  ihrer  Aufgaben, ­
  wenn  sie  die  Gesetze  erforscht,  als  deren  Ergebnisse  die
vorhandenen  Gestaltungen  erscheinen.
Es  mag  genügen,  diesen  allgemeinen  Andeutungen  einige
specielle  Bemerkungen,  blos  aphoristisch,  beizufügen.
Viele  ausgezeichnete  Statistiker  Frankreichs  wollen  aus  dieser
Wissenschaft  Alles  ausschliessen,  was  sich  nicht  in  Zahlen  ausdrücken
  lässt.  Uns  ist  aber  die  Ziffer  nur  Mittel  zum  Zwecke,  —
zwar  das  in  den  meisten  Fällen  beste,  weil  klarste  und  bestimmteste, ­
  doch  nicht  einmal  das  alleinige  Mittel,  um  so  weniger,  weil
dasselbe  öfters  nicht  anwendbar  oder  nicht  ausreichend  ist.  Das
Mittel  der  Darstellung  —  die  Methode  —  darf  cs  aber  niemals
sein,  wodurch  die  Grenze  der  Wissenschaft  principicll
bestimmt  wird.
Dabei  ist  die  blose  Aufstellung  und  Summirung  der  Ziffern  —
wie  sie  sich  darnach  logisch  beinahe  als  Selbstzweck  ergäbe,  etwas
an  sich  Unfruchtbares  und  meistens  völlig  Unnützes,  weil  die  todte
Ziffer  für  sich  allein  keinen  genügenden  Begriff  gewährt.*'  Gerade ­
  die  bewusste  oder  unbewusste  Huldigung  vor  dem  blosen
Ziffern-  und  Tabellensysteme  hat  —  wie  es  nicht  anders  sein
konnte  —  vor  der  Statistik  selbst  zurück  ge  schreckt,  vor  dieser ­
  Wissenschaft,  welche  in  so  vielfachen  Beziehungen  des  Lebens
aufzuklären  und  wesentlich  zu  nützen  vermag.  —  Unserer  Ansicht
nach  gewinnt  die  Statistik  Werth  und  Bedeutung  erst  dann,  wenn
sie  die  Verhältnisse  und  Zustände  vergleichend,  prüfen  d

*)  Wenn  man  die  Statistik  vollständig  auf  dasjenige  beschränkt,  was  sich
in  Zahlen  ausdrücken  lässt,  dann,  aber  auch  nur  dann,  ist  der  Vorwurf  begründet: ­
  »die  Statistik  führt  irre«  ;  denn  alsdann  wird  den  Zahlen,  welche  innerlich
sehr  verschiedene  Werthe  bezeichnen  ,  sofern  sie  nur  unter  eine  und  dieselbe
Rubrik  gehören,  die  gleiche  llddeutung  beigelegt.  Wir  hoffen,  unsere  ganze
Aufl'assungs-  und  Darstellungsweise  werde  keinen  Leser  zu  dem  Glauben  verleiten, ­
  dass  100,000  türkische  Soldaten  absolut  den  nemlichen  Werth  besässen,
wie  100,000  französische;  oder  etwa,  dass  eine  Vergrösserung  Frankreichs  um
einige  hundert  Uuadratmeilen  an  seiner  Ostgrenze  in  Europa  nicht  eine  ganz
andere  Bedeutung  hätte,  als  eine  Erweiterung  des  algerischen  Binnengebiets
von  solcher  Ausdehnung.  Eben  darum  darf  die  Statistik  aber  auch  nicht  auf
den  alleinigen  Gebrauch  der  Ziffer  beschränkt  werden.
        <pb n="7" />
        Vorwort  zur  ersten  Auflage.

V

be  ur  the  il  end  darstellt  und  dabei  auch  die  Ursachen  und
die  W  irkunp;en  bezeichnet,  —  als  Vorbedingungen  jedes  Erforschens
  der  hier  maassgebenden  Gesetze.
Man  hat,  besonders  bei  den  Deutschen  welcher  Nation  übrigens ­
  diese  Wissenschaft,  wie  so  mancher  andere  Uulturzw  eig,  die
erste  höhere  Entwicklung  verdankt),  viel  darüber  gestritten,  ob
sich  die  Statistik  mit  dem  Staate  oder  der  bürgerlichen  Gesellschaft,
mit  den  politischen  oder  den  socialen  Verhältnissen  —  vorzugsw'eise
  zu  befassen  habe  Wir  würden  unbedingt  sagen:  mit  der
Gesellschaft,  wenn  der  Staat  überall  das  naturgemässeProdukt
der  gesellschaftlichen  Bedürfnisse,  —  wenn  nicht  so  vieles  Unnatürliche ­
  octroyirt,  der  Staat  in  manchen  Dingen  selbst  der  Gegensatz ­
  dessen  wäre,  was  er  nach  unserer  Ansicht  sein  sollte.  Unter
diesen  thatslichlichen  Verhältnissen  sagen  wir  :  die  Statistik  habe
Staat  und  Gesellschaft  zu  umfassen.
In  Deutschland  hat  man  theoretisch  die  Statistik  meist  auf  den
Augen  bl  ick  der  G  egen  wart  zu  beschränken  gesucht.  Sie  soll
»den  als  Jetztzeit  fixirten  Moment,  «"die  »stillstehende  Geschichte,«
die  »ruhende  Wirklichkeit,«  oder  »den  Querdurchschnitt  durch  die
geschichtliche  Entwicklung  des  Lebens«  darstellen.  Es  ist  dies
folge  der  irrigen  Grundansicht,  die  Statistik  eigentlich  nur  als
»historische  Missenschaft,«  als  eine  Abtheilung  der  Geschichte
zu  betrachten.  Bekannt  sind  besonders  Schlözer’s  Worte  :  »Geschichte ­
  ist  eine  fortlaufende  Statistik,  und  Statistik  ist  eine  stillstehende ­
  (beschichte.«  in  Folge  der  weiteren  Enwickliing  dieser
Ajisicht  könnte  die  Statistik  eigentlich  nichts  Anderes  sein,  als  ein
ahgeschnittenes  amputirtes)  Glied  der  Geschichte.
()b\\ol  wir  diese  Iheorie  eigentlich  nirgends  bekämpft  finden,
so  hielt  doch  ein  richtiges  Ciefühl  die  nichtdeutschen  Statistiker
(  urchgehends  von  einer  ausdrücklichen  Zustimmung  ab.  Der  Unterschied ­
  zwischen  (beschichte  und  Statistik  scheint  uns  schon  dann ­
  scharf  hervorzutreten  ,  dass  die  (beschichte  vorzugsweise  eine
J  arstellung  des  jeweils  Geschehenen,  der  Erdijmase,  die  Statisti
  hingegen  vorzugsweise  ,  gerade  nach  jener  Auffassung  aber
^&amp;gt;gar  au  ssch  1  i  esslich  ,  eine  Ilarstellung  der  '/juxt'dmle  sein  soll.
iU(  eni  sahen  sich  Diejenigen,  w  eiche  jene  Ableitung  der  Statistik
\on  der  (beschichte,  und  die  absoluteste  Beschränkung  derselben
ftu  (  eil  »stillstellen«  sollenden  »Moment  der  Gegenwart«'  aussprac
  leii,  doch  zu  den  mannigfachsten  Ueberschreituiigen  ihrer  selbstgezogenen
  (irenze  genöthigt.  Eine  solche  »  Eixirung  des  Momenlag
  thatsächlich  absolut  ausser  dem  Bereiche
(  u  :  oghchkeit;  geradezu  überall  musste  man  sich  dazu  liequemen,
  aten  aus  ver  sc  hi  e  den  en  Zeitmomenten  als  Grundlagen
zu  lenutzen.  Könnte  man  aber  auch  eine  solche  »ruhende,  stills
  eilende  Wirklichkeit«  finden,  könnte  man  einen  solchen  »Quer-(
  urchschnitt  durch  die  geschichtliche  Entwicklung  des  Lebens«
erstellen,  so  würde  man  nichts  Anderes,  als  ein  lebloses  Bild,  jenes ­
  amputirte  Glied,  oder  ein  geisttödtendes  Ziffernmeer  erhalten.
Das  ganze  staatliche  und  gesellschaftliche  Verhältniss  lässt  sich
        <pb n="8" />
        VI

Vorwort  zur  ersten  Auflage.

überliau])t  nur  bej&amp;lt;rreifen  und  würdigen,  wenn  man  dessen  Vergangenheit, ­
  dessen  Entwicklung  aus  dieser  Vergangenheit,  mit  betrachtet ­
  ;  es  ist  dies  um  so  notliwendiger,  als  viele  Erscheinungen
der  Gegenwart  und  seihst  der  Zukunft  dadurch  bedingt  sind.  Insbesondere ­
  würde  die  Kenntniss  der  jetzigen  statistischen  Verhältnisse ­
  eine  vollkommen  ungenügende,  beinahe  in  jeder  Beziehung
unzureichende  sein,  wenn  man  einer  Kenntniss  der  früheren  Zustände, ­
  zumal  bis  zum  Beginne  der  ersten  franz.  Revolution  zurück,
entbehrte.  Weitaus  die  meisten  Staaten  haben  ihre  jetzige  innere
und  äussere  Gestaltung  in  Folge  jener  Revolution  erlangt.  Wer
irgend  die  Verhältnisse  näher  betrachtet,  wird  es  nicht  als  gleichgültig ­
  ansehen,  aus  welchen  Bestandtheilen  ein  Staat  gebildet
ist.  Regierungen  und  Regierte  kennen  den  Unterschied  zwischen
alten  oder  neu  erworbenen  Provinzen.  Aehnliche  Unterschiede
ergehen  sich  in  den  socialen  Fragen,  die  nicht  hlos  in  einem  einzelnen ­
  ihrer  Momente,  sondern  möglichst  in  der  Gesammtheit  ihrer
Entwicklungsphasen  erfasst  werden  müssen.  So  nehmen  wir  denn
für  die  Wissenschaft  der  Statistik  das  Recht  in  Ans])nich  ,  sich
nicht  ausschliesslich  auf  die  Gegenwart  zu  beschränken  ,  sondern
sich  auch  über  vergangene  Verhältnisse  und  Zustände  zu  verbreiten. ­

Man  hat  häufig  hervorgehohen,  dass  die  Statistik  nach  zwei
Seiten  hin  in  naher  Beziehung  stehe:  ncmlich  zur  Geschichte
und  zur  Politik.  Fast  unbegreiflich  ist  es  uns  aber,  dass  man  die
in  mannichfacher  Hinsicht  noch  viel  nähere  Beziehung  der  Statistik ­
  zu  einer  anderen  AVissensciiaft,  zur  Nationalökonomie,
gerade  in  theoretischen  AVerkeu  über  Statistik,  mitunter  ganz  und
gar  übersehen  konnte.  Und  doch  ist  es  einleuchtend,  dass  die
Volkswirthschaftslehre  (Nationalökonomie)  eine  allseitige  feste  Begründung ­
  erst  zu  erlangen  vermag  vermittelst  der  durch  die  Statistik ­
  festzustellenden  Thatsachen.  Je  mehr  nun  aber  die  \  olkswirthschaftslehre
  zur  gehülirenden  Anerkennung  gelangt  ,  um  so
mehr  tritt  naturgemäss  auch  die  hohe  Wiclitigkeit  der  Statistik
hervor.  So  dient  diese  letzte  nicht  nur  zur  Bezeichnung  und  AVürdigung
  von  Gegenwart  und  Vergangenheit,  sondern  auch
zur  Belehrung  und  Warnung  für  die  Z  u  k  unft.
hür  unseren  Zweck  dürften  diese  Andeutungen  über  die
1  h  e  or  ie  genügen.  Wir  haben  nur  noch  einige  wenige  M  orte  über
die  thatsächliche  Behandlung  des  Gegenstandes  heizufugen.  Die
Schwierigkeit  der  Bearbeitung  eines  M  erkes  wie  das  vorliegende
findet  sich  nicht  im  Mangel,  sondern  vielmehr  in  der  Ueher  fülle
des  Materials.  Es  verursachte  weit  mehr  Mühe,  die  Schrift  auf  ihren
gegenwärtigen  Umfang  zu  beschränken,  als  uöthig  gewesen
wäre,  eine  vier-  oder  sechsmal  grössere  Bogenzahl  anzufüllen.  Will
man  nicht  ein  für  den  allgemeinen  praktischen  Gebrauch
bestimmtes  derartiges  Buch  von  vornherein  unpraktisch  machen, ­
  so  darf  dasselbe  nicht  zu  sehr  ausgedehnt  werden.  Man  muss
sich  auf  das  thatsächlich  allgemein  Mächtigste  beschränken.  M  ill
man  daher  nicht  das  Wesen  der  Sache  einer  blosen  F  o  rm  zum
        <pb n="9" />
        Vorwort  zur  ersten  Auflage.

VII

Opfer  bringen,  so  darf  weitaus  nicht  Alles  aufgenommen  werden,
was  bei  strenger  Systematisirung  auch  noch  hätte  abgedruckt  werden ­
  können.  Darnach  wird  es  gerechtfertigt  sein,  wenn  bei  den
mittleren  und  den  kleinen  Staaten  und  Stätchen  nicht  alle  Rubriken
ebenso  durcligeführt  wurden,  wie  bei  den  Grossmächten.  England,
Frankreich  u.  s.  f.  haben  im  Völker-  und  Staatenleben  eine  andere
Bedeutung,  als  Reuss-Greiz-Schleiz-Lobenstein  und  Vadutz-Liechtenstein.
  Aber  auch  rein  wissenschaftlich,  behufs  Erforschung
höherer  Gesetze,  sind  die  Resultate  von  sehr  verschiedenem  Werthe,
je  nachdem  sich  dieselben  auf  die  Beobachtungen  bei  vielen  Millionen, ­
  oder  nur  auf  solche  bei  ein  Paar  Tausend  Menschen  gründen.
Endlich  besitzen  wir  aus  einigen  der  grösseren  Staaten  ein  so  allseitig ­
  reiches  statistisches  Material,  wie  es  aus  anderen  Ländern
nur  ausnahmsweise  zu  hiiden  ist.
Iin  Uebrigen  ist  unser  Material  durchgehends  in  nachbemerkter ­
  Reihenfolge  verarbeitet,  worauf  w  ir,  zur  Erleichterung  des
Nachschlagcus,  besonders  aufmerksam  machen  :
I.  and  und  Leute  im  Allgemeinen,  —  Bestandtheile,
Grösse,  Bevölkerung  der  Staaten;  Bodenbeschaffenheit;
Bevölkerungsbewegung  (Geburten,  Sterbfälle,  Ileirathen;
auch  Auswanderungen  etc.)  ;  Familien  (Haushaltungen)  ;
Nationalitäten;  Confessionen  ;  wichtigste  Städte  ;  Gebietsveränderungen ­
  seit  der  ersten  französischen  Revolution.
II.  b  inanzen,  —  laufender  Staatshaushalt  Haupteinnahmen
und  Ausgaben)  ;  Finanzverhältnisse  in  früherer  Zeit;
Schuldenstand  und  dessen  Ursache  und  Vergrösserung.
III.  Militär,  —  Landmacht  (Bildung  und  Stärke  des  stehenden ­
  Heeres,  Miliz,  Festungen,  geschichtliche  Notizen);
Marine.
IV.  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse,  —
im  Allgemeinen  und  im  Besonderen  ;  Grundlage  der  dessfallsigen
  Gesetzgebung  ;  Volksbildung  ;  Bodenanbau  ;  Ausdehnung ­
  der  Hauptindustriezweige  und  des  Handelsverkehrs, ­
  Rhederei,  Eisenbahnen,  Rost,  Telegraphie  ;  Münze
und  Maasse.
^  Auswärtige  Besitzungen  der  Seemächte.
Möge  dieses  Buch  beitragen  zur  Verbreitung  praktisch  nützlicher ­
  Kenntnisse  !

Zürich,  den  1.  October  1856.
        <pb n="10" />
        Zur  vierten  Auflage.

Seit  dem  Erscheinen  der  ersten  Auflage  dieses  Werkes  (Ende
1856)  ist  noch  nicht  ein  Jahrzehnt  verflossen.  End  doch  sind  während ­
  dieses  Zeitraums  in  den  Verhältnissen  der  Staaten  mehr  und
tiefer  greifende  Veränderungen  vor  gegangen  ,  als  in  den  auf  die
grossen  Kriege  zunächst  gefolgten  vierzig  Jahren  (von  1815—55)
zusammengenommen.
Vor  Allem  hat  sich  in  Europa  die  Zahl  der  Kleinstaaten  vermindert: ­
  in  Deutschland  zwar  gelangte  nur  das  llerzogthum  Anhalt ­
  zu  einer  Vereinigung;  auf  der  Alpenhalbinsel  dagegen  sind
die  Sonderstaaten,  mit  Ausnahme  eines  Theiles  der  früheren  päpstlichen ­
  Gebiete,  sämmtlich  verschwunden;  Italien  ist  nicht  mehr
ein  blosser  »geographischer  Uegrift«.  Das  neugeschaffene  Königreich ­
  nimmt  der  Volkszahl  nach  sogar  die  fünfte  Stelle  unter
den  europäischen  Staaten  ein,  Preussen  in  dieser  Heziehung
übertreffend.  Sodann  haben  die  Ionischen  Inseln  ihre  Vereinigung
mit  Griechenland  vollzogen,  und  die  IMoldau  und  Walachei  sind  zu
einem  verbundenen,  wenn  auch  nicht  ganz  souveränen  Gemeinwesen
geworden.  Mittlerweile  hat  sich  in  Australien  gleichsam  eine  neue
Colonialwelt  auf  dem  Principe  factischer  Autonomie  entwickelt,
und  in  Nordamerika  stehen  die  verschiedenen  britischen  Besitzungen ­
  in  Verhandlung,  um  unter  Zustimmung  des  Mutterlandes
eine  neue  Union  zu  bilden.
Doch  Europa  sah  während  des  letzten  Jahrzehnts  noch  weitere
Veränderungen  als  die  vorhin  erwähnten  :  das  gewaltige  Russland ­
  musste  auf  sein,  die  wichtigste  Donaumündung  beherrschendes ­
  Gebiet  in  Pessarabien  verzichten;  Oesterreich  verlor  die  reiche
IvOmbardei  ;  Sardinien  trat  Savoyen  und  Nizza  an  Frankreich  ab,
und  Dänemark  büsste  den  Versuch,  die  nordalbingischeu  Herzogthümer
  oder  wenigstens  Schleswig  vollständig  zu  incorporiren,  mit
dem  völligen  Verluste  dieser  Ivaude.
Noch  ungleich  wichtiger  aber  als  selbst  diese  ansehnlichen
Gebietsveränderungen  erscheinen  einige  Umgestaltungen  in  den
socialen  Verhältnissen.  Die  Vernichtung  des  Instituts  der  Sklaverei ­
  in  Nordamerika  (die  Frucht  eines  Krieges  wie  die  Welt
noch  keinen  gleichen  sah)  und  die  Pefreiung  der  Dauern  in  Russland ­
  (in  ruhiger  Entwicklung,  wie  die  Geschichte  ebenfalls  noch
kein  Reispiel  kennt),  —  sind  Ereignisse  von  bleibender  welthisto-
        <pb n="11" />
        Vorwort  zur  vierten  Auflage.

IX

rischer  liedeutung.  Es  genügt  sie  zu  nennen,  um  ihre  Wichtigkeit
zu  bezeichnen.  Die  Wirkungen  davon  sind  zur  Zeit  noch  unherechenhar.

Im  K  riegs  wesen  zu  Lande  wie  zur  See  haben  die  gezogenen
Feuerwaffen  in  der  jüngsten  Zeit  eine  gewaltige  Aenderung  hervorgehracht.
  Eine  vollständige  Umwandlung  ist  aber  bei  der
Kriegs-Marine  eingetreten.  Dieser  Zweig  des  Militärwesens  befindet ­
  sich  so  sehr  in  einem  Zustand  der  ^Ietamor])hose,  dass  die
ganze  frühere  Einrichtung  ihre  M  ichtigkeit  gleichsam  vollständig
verloren  hat.  Neue  Arten  von  Kriegsfahrzeugen  sind  an  die
Stelle  der  älteren  getreten;  eine  dieser  Arten  verdrängt  die  andere,
und  noch  lässt  sich  nicht  bestimmen,  welche  derselben  auch  nur
für  die  nächste  Zeit  eine  allgemeine  Anerkennung  erlangen  wird.
So  ist  es  denn  für  uns  heute  geradezu  unmöglich,  den  praktischen
M  erth,  den  die  Kriegsmarine  der  verschiedenen  Länder  besitzt,  in
gegenseitigem  Vergleiche  auch  nur  annähernd  zu  bestimmen.  Es
ist  unmöglich,  sowol  wegen  der  hei  fortwährender  I  mhildung
stets  wechselnden  Zahlenangahen,  als  wegen  der  Ungewissheit  über
die  wirkliche  T.eistungsfähigkeit  der  verschiedenen  Arten  von
Schiffen.  Noch  vor  einigen  Monaten  galt  das  mit  ungeheuerem
Kostenaufwand  eben  erst  erbaute  engl.  Panzerschiff  »the  Wan-ior«
als  das  erste  Kriegsfahrzeug  der  Welt,  und  heute  ist  es  bereits  für
völlig  unbrauchbar  erklärt  !  Voraussichtlich  werden  noch  gar  viele
Schiffsarten  ein  ähnliches  Schicksal  haben.
Die  gewaltigste  Umwälzung  in  der  Neuzeit  ist  jedoch  nach
unserer  Ansicht  durch  die  ungeheuere  Vermehrung  der  Edelmetalle ­
  angehahnt,  —  zum  Thcil  (aberwolweitaus  nur  zum  kleinsten ­
  Theile),  bereits  verwirklicht.  Eine  ganze  Reihe  der  wichtigsten ­
  Erscheinungen  auf  den  verschiedensten  socialen  (Gebieten,  —
Erscheinungen  und  Erschütterungen  im  guten  wie  im  schlimmen
Sinne,  bei  denen  man  es  oft  gar  nicht  ahnet,  —  hat  in  den  califomischen
  und  australischen  fiiddfunden  ihren  letzten  (inind.  Ein  allgemeines ­
  Steigen  der  Preise,  die  nothwendige  Folge  eines  Sinkens
des  Geldwerthes,  ist  bereits  eingetreten.  Man  wollte  anfangs  die
1  hatsache  läugnen  ,  weil'man  den  (iang  der  Entwickelung  nicht
begriff.  Die  Ergebnisse  unbefangener  Vergleichungen  lassen  indess
  über  dieses  Steigen  der  Preise  keinen  Zweifel  bestehen,  die
Nothwendigkeit  einer  Erhöhung  von  Hesoldungen  und  Löhnen  war
eine  der  nächsten  Folgen  ^vgl.  Seite  471  fg.).  Das  Ende  der  mit  diesem
Sinken  des  Geldwerthes  begonnenen  Umwälzung  entzieht  sich  ebenfalls ­
  heute  noch  jeder  Rerechnung.  Sehr  natürlich  wird  es  an  Fluctuationen
  in  den  Preisverhältnissen,  und  auch  an  momentanen,
seihst  enormen  Rückschlägen,  nicht  fehlen.  Im  (ianzen  aber  wird
man  in  grösseren  Perioden  ein  immer  weiter  gehendes  Steigen  der
l’reise  wahrnehmen.  So  ist  es  /..  R.  mehrfach  dahin  gekommen,  dass
die  früher  bewilligten  Resoldungs-  und  Lohnerhöhungen  schonjetzt
als  nicht  mehr  ausreichend  erkannt  werden.  Immer  deutlicher  wird
es  sich  ergel)en,  dass,  was  in  der  einen  Periode  Mittelpreis  war,  in
der  nächsten  als  niedriger  Satz  erscheint  und  dass  die  früheren
        <pb n="12" />
        X

Vorwort  zur  vierten  Auflage.

Theuerun^spreise  nun  nur  noch  die  Stelle  von  Mittelpreisen  einnehmen. ­
  (Vgl.  Anmerkg.  S.  95,  96.
Das  Sinken  des  Geldwerthes  tritt  nicht  in  der  Weise  hervor,
wie  man  sich  früher  dachte.  Es  äussert  sich  vielmehr  in  folgender
Art:  Durch  die  Goldfunde  werden  zunächst  in  engen  Kreisen
manche  Menschen,  welche  bis  dahin  auf  die  kärglichste  Lebensweise ­
  beschränkt  waren,  wenn  auch  oft  nur  momentan,  in  den  Fall
gesetzt,  sich  Lehensannehmlichkeiten  (in  Kost,  Kleidung,  Wohnung, ­
  Luxusgegenständen)  zu  verschaffen,  die  sie  sich  früher  versagen ­
  mussten.  1  )amit  steigt  die  Nachfrage  nach  solchen  Gegenständen; ­
  es  steigert  sich  ihr  Freis.  Die  Froducenten  ,  Fabrikanten ­
  u.  s.  f.  erlangen  grosseren  und  einträglicheren  Absatz  ihrer
Erzeugnisse,  und  sehen  sich  dadurch  befähigt,  auch  ihre  ])ersönlichen
  Hedürfnisse  zu  vergrössern.  Nicht  selten  artet  dies  in  den
schrankenlosesten  Luxus  und  die  tollste  Leppigkeit  aus.  Die  ausgedehntere ­
  Nachfrage  nach  Waaren  bedingt  eine  A  ermehrung  der
Arbeiterzahl.  Während  diese  Arbeiter  früher  oftmals  vergeblich
nach  Feschäftigung  suchten,  fehlt  es  nun  an  Händen.  Die  Bewegung ­
  dehnt  sich  über  immer  grössere  Kreise  aus.  Der  günstige
Erfolg  vieler  Unternehmungen  muntert  auf,  deren  neue  zu  versuchen. ­
  Es  entsteht  ein  vielfach  höchst  nützlicher  Beiz,  der  aber  in
zahllosen  Fällen  hinwieder  auch  zu  einem  U  e  h  e  r  r  e  i  z  e  wird.  1  )aher
  allgemeiner  Aufschwung  der  Industrie  und  des  Handels  ,  Entstehen ­
  neuer  Unternehmungen  von  früher  nicht  geahneter,,  zum
Theil  wahrhaft  colossaler  Ausdehnung;  —daher  aber  auch  Beginn
zahlloser  Schwindeleien,  ohne  Früfung  und  Vorsicht,  und  ,  daran
sich  anknüpfend,  Krisen  und  Bückschläge  der  schwersten  Art.  —
Die  Schwankungen,  die  Fluctuationen,  werden  grösser  und  heftiger ­
  als  je  zuvor.  Sie  finden  ihren  Ausdmck  u.  a.  an  den  Börsenplätzen ­
  in  dem  enormen  Steigen  und  Wiederzurücksinken  desDisconto.
  Mau  vergleiche  dessen  rasche  und  starke  Aenderungcn  in  der
Neuzeit  mit  der  früheren  relativen  Stabilität.
Die  neue  (Gestaltung  wirkt  sofort  hinüber  auch  auf  ganz  andere ­
  (Gebiete.  Die  schon  früher  begonnene  Umwandlung  der  Handwerk ­
  sthätigkcit  in  den  Fahrikhetrieh  vollzieht  sich  desto  rascher.
Aber  auch  die  gewöhnlichen  Heziehungen  im  Leben  erhalten  andere ­
  Formen;  fast  alle  Transactionen  treten  aus  den  früheren  einfachen ­
  bürgerlichen  Verhältnissen  heraus  und  nehmen  den  m  e  rkantilen
  Charakter  an.  Die  II  andelsgesetzgehung  erlangt,  dem  gewöhnlichen ­
  (üvilcodex  gegenüber,  eine  unendlich  erhöhteBedeutung.
Es  würde  hier  zu  weit  führen,  den  (Gegenstand  ausführlich  zu
erörtern;  vorstehende  Andeutungen  mögen  an  dieser  Stelle  genügen.
In  Folge  der  angedeuteten  Verhältnisse  konnte  es  nicht
fehlen,  dass  der  Handelsverkehr  so  ziemlich  in  allen  Ländern  eine
vordem  nicht  geahnte  Ausdehnung  erlangte.  Oh  wir  nach  absolutistisch ­
  oder  republikanisch  oder  constitutionell  regierten  Staaten
schauen;  oh  wir  nach  Frankreieh,  der  Schweiz,  oder  England
blicken,  —  überall  gewahren  wir  eine  gewaltige  Zunahme  des  internationalen ­
  Verkehrs.  Bei  dieser  Gestaltung  ist  es  schwerlich  ge-
        <pb n="13" />
        Vorwort  zur  nerten  Auflage.

XI

rechtfertigt,  wenn  ein  oder  das  andere  Gouvernement  das  Verdienst
des  Verkehrsanfschwunges  wesentlich  seinem  Kegierungssysteme
heimessen  will.  Hier  wirken  vor  Allem  ganz  andere  ,  den  ]\Iachteinflüssen
  auch  des  gewaltigsten  Selbstlierrschers  völlig  entrückte
Facturen.
Weit  mehr  als  die  politische  Regierungsform,  kommt  in  dieser
Beziehung  das  herrschende  Handelssystem  der  einzelnen  \  erkehrsgehiete
  in  Betracht.  Es  ist  zwar  bezeichnend,  dass  selbst  die  hemmende ­
  Schutzzolleinrichtung  den  Aufschwung  des  Verkehrs  nur
aufzuhalten  und  zu  beschränken,  nicht  aber  zu  verhindern  vermag, ­
  wie  u.  a.  das  Beis])iel  S])aniens  beweist.  Aber  auch  diese
hemmende  Fessel  ist  auf  die  Dauer  unhaltbar  geworden.  Wir  sehen ­
  die  eigentliche  Frohihitivform  schon  jetzt  überall  fallen  ;  auch
das  Gebiet  der  Schutzzölle  verengert  sich  immer  mehr.  Alle  Verhältnisse ­
  der  neuzeitlichen  Entwicklung  fordern  gebieterisch  den
Freihandel,  wie  dieser  hinwieder  seine  mächtige  Rückwirkung
überall  äussyt.  Die  Fortschritte,  welche  in  dieser  Beziehung  und
gerade  ebenso  diejenigen,  welche  auf  dem  Gebiete  der  Gewerbefreiheit ­
  während  des  letzten  .lahrzehnts  erlangt  wurden,  gehören
ohne  Zweifel  zu  den  folgenreichsten  und  grossartigsten  Aenderungen
  in  unsern  socialen  Verhältnissen.
W  enn  wir  oben  bemerkten,  dass  die  Zunahme  des  Handels
nicht  von  den  Regierungen  als  ih  r  Verdienst  beansprucht  werden
könne,  so  gilt  das  Gleiclie  von  der  Zunahme  der  öffentlichen  Einkünfte, ­
  besonders  dem  steigenden  Ertrage  der  indirecten  Auflagen.
Zudem  erscheint  als  (  Korrelat  dazu  ein  Wachsen  der  Bedürfnisse,
der  Ausgaben  des  Staates.  In  den  Staatsfinanzen  gewahren  wir
eine  ähnliche  Gestaltung  wie  in  der  Industrie  :  der  an  sich  wohlthätige
  Reiz  artet  nicht  selten  in  einen  Eeberrciz  aus.  Es  wiederholt
sich  die  Erscheinung,  welche  alsbald  n:ich  der  Entdeckung  Amerikas ­
  wahrgenomnien  werden  konnte:  trotz  der  Einkünftevemiehrung
  reichen  die  Mittel  vielfach  nicht  mehr  hin  zur  Bestreitung
der  wachsenden  Bedürfnisse.  Wenn  Jemand  vor  dem  .1.  1S49,  also
vor  der  Zeit  des  Beginnes  der  kalifornischen  Goldfunde,  vorausgesagt ­
  hätte,  dass  die  regelmässigen  Einkünfte  von  Italien,  Oesterreich, ­
  Russland,  Spanien  und  Frankreich  bis  zur  jetzigen  Höhe
em])orgebracht  werden  könnten,  so  hätte  schwerlich  Jemand  gezweifelt,
  dass  in  diesem  Falle  alle  finanziellen  Verlegenheiten  der
genannten  Staaten  überwunden  sein  würden,  und  dass  sich  die  bezeichneten
  Gemeinwesen  in  der  blühendsten  Finanzlage  befinden
mussten.  Statt  deren  begegnen  wir  in  den  genannten  Ländern
durchgehends  kaum  andern  Rechnungsabschlüssen  als  solchen  —
mit  colossaleni  Deficit.
hast  überall  haben  sich  die  Staatsschulden  —  nach  den
früheren  Begriffen  ins  Fabelhafte  —  vermehrt.  Und  voraussichtlich
stehen  wir  auch  in  dieser  Beziehung  noch  nicht  am  Ende.  Wenu
der  vielfach  verdiente  von  Reden  unmittelbar  vor  dem  Krimkriege
den  Nachweis  zu  führen  suchte,  dass  der  französische  Staat
wegen  seiner  finanziellen  Zerrüttung  (bei  der  Unmöglichkeit,  zwei-
        <pb n="14" />
        XII

Vorwort  zur  vierten  Auflage.

oder  gar  dreihundert  Millionen  Franken  durch  neue  Anlehen
aufbringen  zu  können  —  völlig  ausser  Stand  sei,  irgend  einen  Feldzug ­
  zu  unternehmen,  —  so  wäre  diese  Ansicht  hei  einer  Fortdauer
der  früheren  Verhältnisse,  wenn  auch  wol  etwas  ühertriehen,  doch
gewiss  nicht  so  unbedingt  unrichtig  gewesen,  wie  sie  sich  alshald
erwies,  als  dem  französischen  Kaiser  auf  seine  Anlehensausschreihnngen
  Milliarden  zuströmten.  Was  eine  kaum  hegreitliche  Schnelligkeit ­
  im  Anhäufen  neuer  Schulden  hetrifft,  so  haben  die  ohengenannten
  Staaten  Frankreich,  Spanien,  Oesterreich,  Russland  und
Italien  gewiss  Ausserordentliches  geleistet  ;  sie  sind  aher  doch  noch
ühertroffen  worden,  nnd  zwar  durch  einen  Freistaat,  —  durch  die
allerdings  gewaltige  und  unherechenhare  Reichthümer  in  sich
schliessende  Union  in  der  neuen  Welt.  —  Eine  vollständige  Vergleichung ­
  der  jetzigen  Finanzverhältnisse  mit  denen  zu  Zeiten  des
Kaisers  Karl  V.  in  Reziehung  auf  Schuldaufhäufung  ist  nicht  möglich, ­
  weil  es  damals  überhaupt  noch  keinen  Staatscredit  in  der  heutigen ­
  Bedeutung  des  Wortes  gab;  —  gleich  sind  die.Verhältnisse
nur  in  Beziehung  auf  die  vielfach  herrschende  Geldverlegenheit ­
  der  grossstaatlichen  Regierungen.  —  Uehrigens  muss  hier
allerdings  erwähnt  werden,  dass  in  der  Neuzeit  wenigstens  zum
The  il  auch  ein  Aufwand  für  nützliche  jnoductive  Zwecke  (z.  B.
Eisenbahnanlagen)  stattfindet,  wie  nie  zuvor.
Das  Sinken  des  Geldwerthes  und  der  angeregte  Specailationsreiz
hat  u.  a.  wesentlich  die  Herstellung  der  vielen  Eisenbahnen
ermöglicht  u.  thatsächlich  bewirkt.  Ohne  diese  Momente  würde
man  an  die  Erbauung  gar  mancher  Schienenwege,  die  heute  in
blühendem  Betrieb  stehen,  viele  Gegenden  gleichsam  befruchtend,
wol  noch  lange  nicht  ernstlich  zu  denken  gewagt  haben.
Es  bedarf  keines  besonderen  Nachweises,  dass  die  Ei  Seilbahnen ­
  wie  die  Telegra])hen  zu  den  weltumgestaltenden  F  actor ­
  en  gehören.  Wir  brauchen  ihre  Wichtigkeit  für  Industrie  und
Handel,  Völkerverhindung  und  Culturverbreitung  nicht  erst  umständlich ­
  zu  entwickeln.
Anf  ein  Einzel-Moment  hinzuweisen  sei  uns  indess  doch  gestattet, ­
  da  es  gerade  in  den  letzten  .labren  zum  erstenmal  in  völliger ­
  Allgemeinheit  hervortritt.  Wir  meinen  das  ungeheuere  Wachsen ­
  der  Gressstädte.  Der  ganze  Zug  der  Verhältnisse  fördert
das  Streben  der  (Orneentration  an  denjenigen  Orten,  welche  bereits
Mittel-  und  Ccntralisationspunkte  bilden  ;  die  Eisenbahnen  begünstigen ­
  aber  ganz  besonders  diese  Strömung  der  Zeit.  Allerdings
muss  jedes  Städtchen,  das  nicht  in  Verfall  gerathen  will,  streben,
einen  Schienenweg  in  seine  Nähe  zu  bekommen,  l'äuschung  ist  es
aher  zu  glauben,  dass  alle  Orte  von  dem  neuen  Verkehrsmittel  einen
gleichen  Nutzen  ziehen  könnten.  Es  war  desswegen  ein  Fehler,  wenn
man  die  Bahnen  häufig  auf  Umwegen  geführt  und  an  unbedeutenden
Flecken  oder  I  lörfern  K  notenpunktegeschaffen  hat.  1  )iese  1  ‘lätze  blieben ­
  unbedeutend.  Man  konnte  den  Verkehr  erschweren  und  hemmen, ­
  den  Brennpunkten  desselben  überhaupt  einen  mehr  oder  weniger ­
  grossen  Theil  des  natürlichen  Aufschwungs  entreissen  ;  was  man
        <pb n="15" />
        Vorwort  zur  vierten  Auflage.

XIII

aber  niclit  vermochte  war,  jenen  kleinen  Orten  auch  nur  annähernd
ebensoviel  zu  nützen  als  man  den  natürlichen  Verkehrsplätzen
und  den  Interessen  des  ganzen  Gemeinwesens  schadete,  —  abgesehen ­
  von  der  gewaltigen  Rückwirkung,  welche  die  Förderung
des  Aufl)lühens  einer  Grossstadt  auf  viele  Meilen  hin  für  das  flache
Land  hervorzubringen  pflegt.
Wir  haben  mit  der  Bemerkung  l&amp;gt;egonnen,  dass  in  den  staatlichen ­
  wie  in  den  socialen  Verhältnissen  während  des  letzten  Jahrzehnts ­
  mehr  und  tiefer  greifende  Veränderungen  vorgegangen  sind,
als  während  der  vierzig  Jahre,  welche  der  Zeit  der  grossen  Kriege
unmittelbar  folgten.  Unverkennbar  war  die  anfängliche  Ruhe  und
Stabilität  grossentheils  eine  Wirkung  der  auf  die  gewaltigen  Anstrengungen ­
  jener  Riesenkäni])fe  mit  innerer  Nothwendigkeit  gefolgten ­
  Erschöpfung,  —  einer  Erschöpfung,  die  so  ungeheuer  gewesen, ­
  dass  selbst  England,  dessen  Boden  nie  von  einem  feindlichen ­
  Heere  betreten  wurde,  gleichwol  wenigstens  anderthalb
Jahrzehnte  bis  gegen  das  Jabr  1830,  bedurfte,  um  in  seiner  Consumtionsfähigkeit,
  und  dass  es  sogar  dritthalb  Jahrzehnte
(bis  über  1640  hinaus)  bedurfte,  um  in  seinem  Ausfuh  rhandel
die  gleiche  Höhe  wie  in  der  Kriegszeit  mit  ihren  Anstrengungen
und  Kräfte-\  ergeudungen  wieder  zu  erreichen  (vergl.  die  Nachweisungen ­
  S.  30  und  30).  Gleichwol  dürfte  die  jetzige  prregung
und  Unruhe  weder  eine  blos  relative  noch  eine  rasch  vorübergehende ­
  sein.  Blicken  wir  auf  die  Geschichte  der  Eurojiäischen  Staaten ­
  alsbald  nach  der  Entdeckung  Amerikas  und  nach  dem  Beginne
der  Zeit  des  Herüberströmens  von  EdelTnetallen  aus  Mexico  und
1  eru  in  unsern  Erdtheil,  so  gewahren  wir  eine  ähnliche,  —  durch
alle,  namentlich  auch  die  staatlichen  Verhältnisse,  gehende  —  Erschütterung. ­
  Derselbe  Geist  der  Rührigkeit,  der  Unternehmungslust ­
  und  auch  tollkühnen  abenteuernden  Wagens  und  Ueberstürzens,
der  Inder  Industrie  und  im  Handel  allenthalben  hervortritt,  ergreift
die  ganze  \yeit.  bürsten  und  Regieiungen  werden  fortgerissen  auf
Bahnen,  die  zu  betreten  früher  ganz  ausser  ihrer  Absicht  lag.
Auch  die  \  ölker  treten  weit  mehr  aus  ihrem  Liehlingszustand  der
vuhe  und  Gleichgültigkeit.  Die  neuen  Verhältnisse,  welche  sich
in  allen  Beziehungen  des  IGebens  ergeben,  bedingen  an  sich  schon
mannichfache  Aenderungen  in  den  staatlichen  Organismen  und
b  orinen.  Die  Staatsmänner  von  früher  werden  wol  häufig  genug
das  Drängen,  wenigstens  in  dem  Umfang,  wie  es  hervortreten
11  liPgrcifen.  Grosse  Reformen  aber  werden  um  so  unabwendbarer ­
  werden,  je  mehr  man  in  der  langen  Periode  seit  Beengrossen
  Kriege  die  alten  Zustände,  Einrichtungen
und  Tormén  da  und  dort  über  alles  Maas  conservirt  und  nicht
selten  die  schon  früher  nöthigen  Aenderungen  starr  zurückgew
  lesen  hat.  In  solchen  bewegteren  und  stürmevolleren  Zeiten
wird  es  weiterblickender  und  kühnerer  Piloten  bedürfen  als  während
  des  letzten  halben  Jahrhunderts,  —  es  wird  die  Welt  solcher
Staatsmänner  nöthig  haben,  welche  die  neu  sich  ergebenden  Bedürfnisse ­
  des  Gemeinwesens  als  solche  erkennen,  und  statt  mit
        <pb n="16" />
        XIV

Vorwort  zur  vierten  Auflage.

den  immer  wirkungsloser  werdenden  alten  Künsten,  —  mit  eisheit
  und  Kraft,  ganz  nach  den  Erfordernissen  einer  ihrem  innern
Wesen  nach  sich  neu  bildenden  Zeit,  das  StaatsschifF  zu  lenken
verstehen.
Man  wird  wohl  thun,  bei  Beurtheilung  der  jetzigen  Verhältnisse ­
  die  tiefgreifenden  Veränderungen  stets  im  Auge  zu  behalten,
welche  wir  angedeutet  haben.  Bei  Bearbeitung  des  vorliegenden
Buches  und  vielfachen  Vergleichungen  der  in  demselben  aufgeführten ­
  Daten  besonders  über  Finanz-,  Industrie-  und  Handels-Verhältnisse
  mit  den  Angaben  in  der  ersten  Auflage  sind  uns  die
eingetretenen  Umgestaltungen  überaus  häufig  in  recht  überraschender ­
  Weise  vor  Augen  getreten.
Bei  der  gewaltigen  Umgestaltung,  welche,  wenn  auch  in  ihren ­
  einzelnen  Ifliasen  nicht  immer  von  .ledern  bemerkt,  in  den  eigentlich ­
  staatlichen  und  in  den  socialen  Verhältnissen  gleichwol
unaufhörlich  vor  sich  geht,  und  überdies  bei  der  bedeutenden  Fortentwicklung, ­
  welche  die  Statistik  an  sich  erlangte,  durfte  sich  der
Verfasser  hei  Herausgabe  der  gegenwärtigen  .Auflage  dieses  Buches
selbstverständlich  nicht  damit  begnügen,  die  früheren  Zahlenangahen
  zu  wiederholen  und  ihnen  die  seitdem  bekannt  gewordenen
beizufügen  oder  an  die  Stelle  von  jenen  zu  setzen.  Die  nachsichtige ­
  Aufnahme,  welche  dieses  Werk  von  seinem  ersten  Erscheinen
an  hei  der  Kritik  und  bei  dem  gesammten  Publikum  fand,  schloss
in  den  Augen  des  Verfassers  wesentlich  die  Ver])flichtung  in  sich,
nach  grösserer  Vervollk(Tmmnung  zu  streben.  Dies  gilt  ganz  besonders ­
  von  der  gegenwärtigen  Ausgabe.  Sie  bietet  im  eigentlichen ­
  Sinne  eine  ganz  neue  Bearbeitung.  Ausser  der  trefflichen
Abhandlung  über  Sterblichkeitslisten,  welche  wir  der  Freundlichkeit ­
  des  Herrn  Finanzraths  (r.  11  opf  verdanken,  und  in  welcher
der  Herr  Verfasser  nur  wenige  Modificationen  vorzunehmen  fand,
ist  keine  Seite  des  ganzen  Huches  ohne,  meist  sehr  wesentliche
Aenderungen  geblieben.  Insbesondere  hat  die  Darstellung  der
deutschen  Mittelstaaten  eine  bedeutende  Vervollständigung  erlangt,
namentlich  die  von  Sachsen,  Hannover,  Haden,  Schleswig-Holstein
und  den  beiden  1  lessen,  dann  ebenso  die  von  Nassau,  den  sächsischen
Herzogthümern  und  (len  freien  Städten.  Auch  die  schon  früher
ziemlich  umfassenden  Mittheilungen  über  Preussen  und  Hayern  erhielten ­
  vielfache  Zusätze.  Von  auswärtigen  Beichen  sind  besonders ­
  Italien,  Spanien  und  Nord-Amerika  ausführlicher  behandelt,
überhaupt  aber  findet  sich  unter  allen  nur  irgend  bedeutenderen
Staaten  kein  einziger,  dessen  Darstellung  nicht  durchgehends  vervollständigt ­
  worden  wäre.
Als  ganz  neu  ist  der  gegenwärtigen  Auflage  ein  Anhang
beigegeben,  im  Wesentlichen  der  Inhalt  zweier  Vorträge  ,  welche
der  Verfasser  in  Frankfurt  a.  M.  und  in  Kaiserslautern  über  Statistik ­
  im  Allgemeinen  gehalten  hat,  —  genauer  bezeichnet  —
ein  »Beitrag  zur  Philosophie  der  Statistik.  «
■Während  des  Druckes  der  vorliegenden  Ausgabe  hat  die  neue
        <pb n="17" />
        Vorwort  zur  vierten  Auflage.

XV

Volkszählung  in  den  Zollvereinsstaaten  stattgefunden  Dec.  1&amp;amp;64;.
hiS  ging  nicht  an,  den  Druck  zu  verschieben  bis  die  Ergebnisse
dieser  Zählung  in  allen  Staaten  festgestellt  und  bekannt  gemacht
sein  würden.  Wir  haben  es  bei  der  vorigen  Auflage  thatsächlich
erfahren,  dass  in  manchen  Ländern  erst  nach  beinah  einem  Jahre
auch  nur  provisorische,  später  nicht  unbedeutend  rectiflcirte
Aufstellungen  erlangt  werden  konnten,  und  dies  zwar  ungeachtet
der  entschiedensten  Gefälligkeit,  die  wir  so  ziemlich  allenthalben
fanden,  wobin  wir  uns  um  Unterstützung  zu  venden  hatten.  In
einem  .Jahre  stehen  aber  anderwärts  (namentlich  in  Frankreich,  Belgien ­
  etc.  bereits  wieder  neue  Zählungen  in  Aussicht,  und  so  käme
man  gleichsam  nie  zum  Abschlüsse.  Um  also  die  Herausgabe  des
Buches  nicht  beinahe  ein  ganzes  .Jahr  lang  zu  verzögern  und  dann
dennoch  nur  annähernd  richtige  Ziffern  einer  blos  provisorischen ­
  Berechnung  geben  zu  können,  schien  es  geeignet,  bezüglich
der  Zollvereinsstaaten  die  in  allen  I  heilen  festgestellten  Bevölkerungsaufnahmen ­
  vom  December  ISGl  vorerst  beizubehalten.  Um
indess  auch  in  dieser  Jfeziehung  keineswegs  zurück  zu  bleiben,
wird  der  Herr  A  erleger  eine  gedrängte  Zusammenstellung  der
wichtigsten  Ergebnisse  der  neuen  Aufnahme,  so  bald  dieselben
definitiv  festgestellt  sein  werden,  den  Käufern  dieses  Buches  un—
entyeldlicli  nachliefern.
Es  versteht  sich  von  selbst,  dass  auch  bei  dieser  Auflage  irrige
Angaben,  auf  welche  wir  aufmerksam  gemacht  wurden,  sorgsam
berichtigt  sind.  Das  vorliegende  Buch  schliesst  eine  so  ungeheuere
‘  lenge  einzelner  Daten  in  sich,  dass  die  Vermeidung  aller  Irrthümer
  selbst  dann  geradezu  unmöglich  wäre,  A\  enn  die  Statistik  allenthalben ­
  einen  weit  höheren  Grad  der  Entwicklung  erreicht  hätte,
als  es  gegenwärtig  noch  der  Fall  ist.
Aber  auch  viele  \\  ünsche  sind  uns  zugekommen,  noch  diese
oder  jene  Art  von  Einzelheiten  aufzunehmen.  Wenn  irgend  möglich ­
  ohne  den  eigentlichen  Zweck  des  Werkes  zu  gefährden,  ist
sidchen  \  erlangen  entsprochen  worden.  In  nicht  wenig  Fällen
musste  jedoch  davon  abgesehen  werden,  und  zwar  aus  der  massge-)cnden
  Bücksicht,  dass  der  praktische  Gebrauch,  für  wel-P
  len  dieses  Buch  von  Anfang  an  bestimmt  war,  durch  allzugrosse
^  usdehnung  nicht  gefördert,  sondern  geschädigt  werden  würde.
Aus  diesem  (irunde  mussten  namentlich  Erörterungen  über  die
I  heorie  der  Statistik  und  die  Art  der  Behandlung  der  Aufnahme
^c.  unbedingt  ausgeschlossen  bleiben.  Dass  übrigens  Fragen  dieser
^  erfasser  persönlich  nichts  weniger  als  gleichgiltig  sind,
durfte  u.  a.  der  Anhang  zur  neuen  Auflage  einigermassen  beweisen.
^mgt  in  der  Natur  der  Dinge,  dass  ein  Buch,  welches  einige
Auflagen  erlebt  hat,  Nachahmungen  findet.  Wir  können  uns  nur
freuen,  so  vielen  Erfidg  erlangt  zu  haben,  um  auch  diesesVorkommniss
  zu  erfahren,  wenn  gleich  nebenbei  ein  Faar  Ungebührlichkeiten
  zum  A  orschein  kamen.  Es  ist  diese  letzte  Erscheinung  gleichalls
  ein  statistisches  Moment,  wie  manches  andere  vergleiche
*-cite  5.JG),  selbst  in  der  Beziehung,  dass  das  eines  Erfolges
        <pb n="18" />
        XVI

Vorwort  zur  vierten  Auflage.

sich  erfreuende  Werk  gleichzeitig  stillschweigend  geplündert
und  lärmend  herabgesetzt  wird  ;  dass,  wenn  gewisse  Concurreiiten
  ihm  noch  so  viele  Angaben  und  Berechnungen  entnehmen,
sie  seinen  Titel  nicht  mit  einer  Silbe  erwähnen,  es  sei  denn,  dass
sie  im  Werke  einen  Fehler  aufgefunden  zu  haben  glauben,  in  welchem ­
  Falle  sie  nie  enuangeln,  dasselbe  sorgsam  zu  citiren.  Dies
entspricht  den  ganz  allgemeinen,  regelmässigen  Phänomenen.  In  das
Gebiet  der  sogenannten  »zufälligen«  Umstände,  d.  h.  in  das  Gebiet
der  durch  Sondei^erhältnisse  bedingten  Erscheinungen  fällt  es  dagegen, ­
  wenn  der  eine  der  Concurrenten  z.  B.  nicht  weiss,  dass  in
der  Strafrechtspflege  ein  Unterschied  gemacht  wird  zwischen  A  erbrechen ­
  und  Vergehen,  und  wenn  er  in  Folge  dieser  Lücke  im  eigenen ­
  Wissen  —  scharfen  Tadel  über  den  erfolgreichen  älteren
Concurrenten  ausgiesst,  weil  nach  dessen  Angabe  die  Gesammtzahl
  der  eigentlichen  »Verbrechen«  (das  Wort  sogar  noch  besonders ­
  mit  Anführungszeichen  versehen)  in  einem  Lande  (Bayern)
kleiner  erscheint  als  die  der  »Diebstähle  und  Unterschlagungen
allein“,  welche  er  sämmtlich  doch  auch  für  eigentliche  »Verbrechen« ­
  ansieht.  In  das  gleiche  Gebiet  der  sogenannten  »zufälligen
Umstände«  gehört  es,  wenn  einem  zweiten  dieser  Concurrenten
das  Missgeschick  begegnet,  dass  ihm,  während  er  die  allerneuesten
  Daten  zu  geben  versjnicht,  seine  Quellen  in  gewissen
Fällen  gerade  an  demjenigen  Punkte  versiegen,  an  welchem  die  Notizen ­
  der  vor  dritthalb  .Jahren  erschienenen  vorigen  Ausgabe  des
gegenwärtigen  Werkes  auf  hörten  (z.  B.  was  die  nicht  immer  ganz
leicht  zu  erlangenden  Einzelangaben  über  die  Budgets  gewisser
Mittelstaaten,  wie  Sachsen,  Grossherzogthum  Hessen,  Nassau  u.
a.  betrifft;  ähnlich  in  gar  manchen  andern  Fällen).  In  die  nemliche
  Kategorie  der  »zufälligen  Umstände«  mag  es  ferner  gebracht
werden,  wenn  dem  geschmäheten  Buche  sogar  ein  Schreib-  oder
Druckfehler  sorgsam  nachgedruckt  und  wie  ein  Product  neuester
Berechnung  dem  Publikum  vorgelegt  wird.  —  Dass  nebenbei  Dutzende ­
  der  mitunter  wunderlichsten  Missgriffe  Vorkommen  ,  dürfte
bei  einem  Fabrikat  der  bezeichneten  Weise  etwa  in  die  statistische
(dasse  der  dem  neuen  Verfasser  begegneten  l’nglücksfälle  einzureihen ­
  sein.
Doch,  es  wäre  ein  Unrecht  gegen  unser  Pid)likum,  wenn  wir
bei  derartigen  Dingen  länger  verweilen  wollten.  Mögen  auch  vielleicht ­
  einzelne  Leser,  die  sich  auf  gleicher  Höhe  des  Wissens  befinden ­
  wie  jene  Verfasser,  durch  die  Keckheit  des  Auftretens  einen
Augenblick  lang  getäuscht  werden.
Ein  Buch  wie  das  vorliegende  ])flegt  indess  doch  nicht  bloss
zum  Erscheinen  von  Schriften  solcher,  sondern  auch  zu  dem  anderer ­
  Art  beizutragen.  Mittelbar  oder  unmittelbar  fördert  es  das
Entstehen  wirklich  verdienstlicher  und  werthvoller  Werke.  Wir
begrüssen  jedes  derselben  mit  aufrichtiger  Freude,  und  dies  um  so
mehr,  weil,  wie  eben  der  Erfolg  zeigt,  jede  tüchtige  Leistung  das
Interesse  für  die  Wissenschaft  verallgemeinert  und  das  Absatzgebiet ­
  entschieden  erweitert.
        <pb n="19" />
        X\1I

Vonn’ort  zur  \-ierten  Aiiflage.
sp1&amp;gt;  anregender  statistischer  Schriften  (deren  Verfasser
nid  t  (lass  ihnen  unser  Buch  mannichfach  nützte)  liegen
Vr  deutscher,  sondern  auch  in  englischer,  italienischer
Sprache  vor;  ja  es  ist  unser  Handbuch  sogar  in  das
Thp'1^^  übersetzt  worden.  Ebenso  ward  ihm  häufig  die  Ehre  zu
citirt  zu  wcrdeu.  Es  ist  dies  selbst  in  ofTiciellen
BlaiihrReschehen,  welche  dem  britischen  Parlamente  in
frar  Tnu  ^  vorgelegt  worden  sind.  Auch  hatte  sich  der  Verfasser
mifnr  pepönlicher  Zeichen  der  Anerkennung  zu  erfreuen,
.1  \erleihung  des  Diploms  als  Ehrenmitglied  des
711  "1^  kaiserl.  russischen  Universität  zu  Charkow  besonders
zu  emahnen  ein  Act  der  Schuldigkeit  ist.
/^i(l(^ui  wir  schliessen,  können  wir  es  uns  nicht  versagen,  allen
öffentlich  zu  danken,  welche  uns  bei  der
mmamm
noch  besonders  zu  gedenken,  -  einer  Hülfe,  die  sich  nicht  auf  einzelne
  Abtheilungen  des  Buches  beschränkte,  sondern  durch  alle
Abschnitte  desselben  die  gleiche  blieb.  Es  ist  diejenige,  welche  dem
erfasser  in  jeder  Beziehung  durch  die  mannichfachen  Bemühung
  n  der  \  erlagshandlung  geworden.  Ganz  besonders  ist  er  Herrn
Karl  Schwarz,  Irocuraträger  der  Handlung,  für  die  nicht  genug
'  7^!^^  igende,  unendlich  mühsame  Arbeit  der  steten  Correcturenevusion
  zu  Dank  verpflichtet.  Aber  auch  die  Setzer  des  Buches
aoen  mit  Einsicht  und  Unverdrossenheit  zum  gleichen  Ziele  in
einer  Weise  mitgewirkt,  welche  nur  deijenige  nach  Verdienst  würigeii
  kann,  der  sich  schon  öfter  im  Falle  befand,  Schriften  solcher
vli  das  gegenwärtige  Buch  freier  ist
on  Dnickfehlern,  als  die  meisten  andern  Werke  dieser  Art,  und
^enn  überdies  die  sparsamste  Benützung  jedes  Raumes  stattfand,
uu  doch  die  Uebersichtlichkeit  stets  gewahrt  wurde,  Vorzüge,
''velche  dem  Werke  selbst  wesentlich  zu  gut  kommen,  —  so  ver-(
  anken  wir  dies  den  Setzern,  dem  (Corrector  und  dem  die  Revision
Gsorgmiden  Geschäftsführer  der  Handlung.  Der  Verfasser  würde
R  auben  eines  Unrechtes  sich  schuldig  zu  machen,  wenn  er  diese
Leistungen  unerwähnt  liesse.
Frankfurt  a.  M.,  28.  März  1865.

G.  Priedr.  Kolb.
        <pb n="20" />
        Iiilialts-Uebersiclit.

Vorw  ort  zur  ersten  Auflage  Seite  III.,  —  zur  vierten  \III.

I.  Abtheilung;  Die  europäischen  Grossmächte.

Grossbritanien  :  Land  und  Leute  1  (allgemeine  Uebersicht;  Eintheilung  1,
Bevölkerungsbewegung,  Geburten,  Sterbfälle,  Ehen,  Menschenvermehrung ­
  2;  Trennung  nach  Geschlechtern  ¡1  ;  Iläuserzahl;  Auswanderungen  4;
Confessionen  ;  Nationalitäten;  Städte  5;  Bodenanbau;  Gebietsyeränderungen
  6)  ;  Finanzen  7  ^Einnahmen,  Steuern  etc.  7,  Ausgaben  11;  Staatsbedarf ­
  in  früherer  Zeit  1:i;  (Kosten  des  Krimkrie^s  15);  Abgaben-Vermehrung
und  Verminderung  10;  Staatsschuld  17,  Subsidienzahlungen  10)  ;  AA/iWr  20
(Landmacht  20,  histor.  Notizen  22,  Truppensterblichkeit  2.1  ;  Seemacht  23);
Social-undIlandelsverhUlfnisse  etc.  27  (Classen  der  Bevölkerung  27,  Lebensmitteleinfuhr ­
  u.  Consumtion  28;  Sparcassen  etc.  .10;  irländ.  Verhältnisse
32  ;  Armenzahl  33  ;  Einkommensgrösse  33  ;  \  olksbildung  34  ;  Industrie  35;
Handel  30;  Bost  38,  Canäle,  Eisenbahnen,  Telegraphen,  Handelsmarine  30;
Banken  40;  Nationalvermögen  40;  Münze,  Maasse  11)  ;  licsüziitK/en
  41;  (Ueberblick  41;  Besitzungen  in  Europa  4.1,  Brit.  Nordamerika
43,  Mittel-  und  Südamerika  44,  in  Afrika  45,  Australien  40,  in  Asien,  Ostindien ­
  48),  Gesammtübersicht  51.

Frankreich.  iM^id  und  Leute  52  (allgemeine  Uebersicht,  Departemente,
Städte  52  ;  Bodenverhältnisse,  Barcellirung  54  ;  Bevölkerungsbewegung
und  Zunahme  54;  Auswanderungen,  Haushaltungen,  58  ;  Gebrechliche  58;
Confessionen  58  ;  Nationalitäten  58  ;  Gemeinden  .&amp;gt;0  ;  Gebietsveränderungen
50)  ;  Finanzen  02  (Budget  02,  Einnahmen  03,  Ausgaben  05,  Steigen  des
Bedarfs  unter  dem  Kaiserreiche  05,  1  lepartcmental-  u.  Gemeindeausgaben
08;  früherer  Staatshaushalt  00;  Staatsschuld  71  ,  zur  Schuldgeschichte  7o,
Départemental-  und  Gemeindeschulden  78)  ;  MtUtiir  70  (Landmacht  70,
geschieht!  Notizen  81;  Seemacht  84';  Socialverhilltnis/ie  85  allgem.  Bemerkungen ­
  85;  Volksbildung  88;  Literatur  80;  Criminalstatistik,  dabei
polit.  Verfolgungen  00;  Sparcassen  00;  Beschäftigung  der  Einw.  00,  Agriculturproduction
  02,  Gewerbsindustrie,  Handel  03  ;  Bost  00  ;  Telegraphen,
Eisenbahnen  97,  Strassen  98,  Bank  08,  Handelsmarine  00,  Maasse  etc.  00;
aufiw(irti(/e  Jie^itzungen  90  (Algerien  90,  eigentl.  Colonien  103)  ;  Gesammtübersicht ­
  104.

Russland.  luind  und  Leute.  104  (allgem.  Uebersicht  104;  Bevölkerungs-Bewegung ­
  107  ;  Nationalitäten,  Confessionen  108;  Städte  100;  Gebietsvergrösserung
  110;  Bolen  111);  Finanzen  112  (Budget  112;  Finanzgeschichtliches ­
  114;  Finanzen  Bolens  und  Finlands  114,  Schulden  114,  zur  Schuldgeschichte ­
  118);  Militär  120  (Landmacht  120,  Kriegsgeschichtliches  124,
Seemacht  127);  Sociales  128  (allgem.  Bemerkungen  128,  dieEmancipationsfrage
  120,  Gemeindeverband  133,  Beamtenthum  und  Adel  134,  Volksbildung, ­
  Bresse  134;  Mangel  an  Verkehrsmitteln  135,  Eisenbahnen,  Telegraphen ­
  130,  Bost  137;  Fabriken,  Handel  137,  Handelsflotte  138,  Münze
etc.  139).
Oesterreich.  Land  und  Leute  130  (Uebersicht  130,  Bevölkerungs-Bewegung
141,  Nationalitäten  142,  Confessionen  143;  Städte  143  ;  Gebietsveränderungen ­
  144);  Finanzen  145  'Budget  145,  das  Deficit',  Geschichtliches  150;
Schuld,  zur  Schuldgeschichte  152);  Militär  150  (Landmacht  150,  Militärgeschichtliches ­
  157;  Marine  158)  ;  Sociales  158  (allgemeine  Bemerkungen
158;  Kirchenvermögen  159;  Lehranstalten,  Schulen  und  Literatur  159;
        <pb n="21" />
        INHALTS-UEBERSICHT.

XIX

Stände  160,  landwirthschaftliche  Production  160,  Berg-  und  Hüttenwesen,
Gewerbsindustrie  und  Fabrik  wesen  161,  Handel  162,  Handelsmarine  163;
Eisenbahnen,  I.andstrassen,  Telegraphen  164,  Post  164;  Bank  165;  Nationaivermögen
  165:  Sparcassen,  Münze  etc.  166).
^  ^  ^  /&amp;gt;««&amp;lt;«  167  (Uebersicht  167,  Bevölkerungs  -  Bewegung
b8  dabei:  Auswanderungen  170;  Confessionen  170;  Nationalitäten  171;
17^  1  ’  Bodenbenutzung  173,  Gebietsveränderungen  173);  Finanzen
1-0  174,  dessen  Hauptpositionen  176,  früherer  Staatshaushalt
ICO  180;  neuere  Städte-Anlehen  182  ;  Militär  182  (Landmacht
IO'  ^^^ëTSf^eschichtliches  184;  Marine  185);  Sociales  185  Allgemeines
j  ^  5  yoll^sbildung  186  ;  zur  Criminalstatistik  187;  Beschäftigungsweise
der  Einwohner  187,  Bergwesen  188,  Landwirthschaft  189,  Gewerbswesen
131  ;  Eisenbahnen  192,  Telegraphen,  Post,  Rhederei,  Assecuranzen  193;
Sparcassen  194  ;  Nationaleinkommen  194;  Maasse  194).

II.  Abtheilung:  Deutschland.

Land  und  Ijeute  195  (allgem.  Uebersicht  195;  Nationalitäten  und  Confessionen
Jo  ¡  Städte  197,  Bodenanbau  198,;  /'’twanzen  198  (Einkünfte  und  Ausgaben
der  Bundesstaaten  198-204,  Schulden,  Papiergeld  203-205);  3/»7tVär205;

1788  221  ;  der  Rheinbund  223).  —  Ihe  Einzelstaaten:

Hayorn  S.  224
Sachsen  237
Hannover  245
Württemberg;  252
Baden  2ÍÍ3
Hessen,  Grossherzogthum  .  .  2&amp;lt;iS
Kurhessen  272
Mecklenburg-Schwerin.  .  .  27  ti
Strelitz  .  .  .  279
Sehlesw.-Holstein-Lauenb.  .  2H0
Luxemburg-Limburg  .  .  .  2'»5
Nassau  2"«
Braunschweig  290
Oldenburg  292
Sachsen-Weimar  29.1

Sachsen-Meiningen  8.  295
Coburg-Gotha  .  .  .  296
Altenburg  297
Reuss  SU.  Linie  299
Reuss  jüng.  Linie  und  Lippe  .  .  299
Sehaumhurg  und  Waldeck  .  .  300
Anhalt  301
Schw  arzburg-Sondi  rshausen  .  .  303
Budoist.  und  Hess.-Homburg  .  .  304
Liechtenstein  305
Hamburg  30.5
Bremen  308
Lübeck  312
Frankfurt  313

III.  Abtheilong:  Die  übrigen  europäischen  Staaten.

Italien*)  8.  316
Schweiz  316
Belgien  359
Niederlande  365
Danemark  .......  375
Schweden  380

Norwegen  8.  387
Spanirn  391
rortiigal  4o8
Griechenland  411
Türkei  und  Schutzstaaten  .  .  .416,  422

IV.  Abtheilung  :  Amerika  und  die  übrigen  Erdtheile.
Hie  Vereinigten  Staaten.  Land  and  Idente  426  (die  einzelnen  Staaten  426,
Bevölkerungszunahme  427  ;  Confessionen  ,  Nationalitäten  428;  Einwanderungen ­
  428,  Gebietszuwachs429  ;  Städte  429);  Finanzen  430  (Schuld  433  ;
Finanzen  der  Einzelstaaten  436)  ;  Militär  437  (Landmacht  437,  geschichtliche ­
  Notizen  439,  Marine  440);  Sociales  441  ;  (Sclaventhum  441  ;  Schulen,
Bibliotheken,  Zeitungen  442  ;  bebautes  Land,  Fabrikproduction,  Eigenthumswerth ­
  443;  Posten,  Canäle,  Eisenhahnen  443,  Rhederei  444  ;  Handel ­
  444  ;  Fondspapiere  445,  Münze  etc.  445).

*)  Allgem.  Uebersicht  und  histor.  Notizen  316.  —  Königr.  Italien  318  (Land  und  Leute  318;
•^nanzen  323;  Militär  332;  Sociales  334).  -  Römische  Staaten  340.
        <pb n="22" />
        XX

INHALTS-UEBERSICHT.

Uebrige  Amerik.  Staaten:

Mexico.  .1  S.  446
Centralamerika  448
Columbia  (Neu-Granada)  .  .  44!)
Venezuela  440
Ecuador  450
Peru  450
Bolivia  451

Chile  8.  451
Argentinischer  Staatenbund  .  .  452
Paraguay  452
Uruguay  453
Brasilien  453
Ilayti  und  8t.  Domingo  ....  454

])ie  andern  Erdtheile:  Asien  (China,  Japan,  Persien)  456;  Afrika  (Republik ­
  am  Orangefluss,  Transvaal’sche  Republ.,  Liberia)  457  ;  Australien
(Havaiische  Inseln)  457.

V.  Abtbeilnng:  Allgemeine  Uebersichten.
I.  Land  und  Leute.  A.  Die  Staaten  Europa’s  457.  B.  Die  Staaten  Amerika’s
  457.  C.  Die  übrigen  Erdtheile  459.  1).  Gesammtüberblick  459  —  Confessionen
  459.  Die  3  Hauptvölkerstämme  in  Europa  460.  Auswärtige  Besitzungen ­
  europäischer  Staaten  460.  —  Die  grossen  Städte  461.
II.  Finanzen.  Staatseinkünfte  462  ;  Schulden  aller  europäischen  Staaten  462.
III.  Die  stehenden  Heere  464.
Anhang.  Historische  Notizen  465.  Statistische  üebersicht  Eurmia’s  vor  der
ersten  französ.  Revolution  465,  ditto  zur  Alt-Napoleonischen  Zeit  465.
IV.  Industrie  und  Verkehrsverhältnisse.  Dermaliger  Welthandel  467.  Die  Handelsflotten ­
  468.  Eisenbahnen  und  Telegraphen  469.  —  Metall-  und  Mineralausbeute ­
  :  a.  Edelmetalle  469,  b.  unedle  Metalle  und  Mineralien  472,
c.  sonstige  wichtige  Naturproducte  473.  (1.  Baumwolle  473,  2.  Wolle  474,
3.  Zucker  475,  4.  Katfe  475,  5.  Seide  476,  6.  Wein  476,  7.  Hopfen  476,
8.  Tabak  476).

VI.  Abtheilung  :  Allgemein  menschliche  Verhältnisse.
(Socialstatistik.)
Sterblichkeitsberechnungen  im  Allgemeinen  478.
Sterblichkeitslisten  (Originalabhandlung  von  Herrn  Finanzrath  Hopf)  479.
Sterblichkeit  in  den  Städten  495.
Unterschied  nach  Geschlechtern  496.
Einwirkungen  guter  und  schlimmer  Jahre  auf  die  I.ebensverhältnisse  499.
Einfluss  von  Wohlstand  oder  Armuth  auf  die  Sterblichkeit  500.
Ab-  und  Zunahme  der  Lebensdauer  501.
Sterblichkeit  nach  Monaten  505.
Sterblichkeit  in  den  verschiedenen  Ständen,  namentlich  der  einzelnen  Handwerker ­
  507.
Beweggründe  zur  Wahl  dieses  oder  jenes  Gewerbes  509.
Sterblichkeit  im  Militärstande  510.
Dienst  im  wirklichen  Kriege  und  ausser  der  Heimath  514.
Seedienst  516.
Sterblichkeit  in  den  Gefängnissen  516.
liebenskräftigkeit  der  verschiedenen  Racen  und  Stämme  518.
Das  Verpflanzen  nach  andern  Zonen  518.
Zähigkeit  des  jüdischen  Stammes  521.
Krankheiten  nach  Ständen  und  Altern  522.
Krankheiten  veranlasst  durch  ungenügende  Lufterneuerung  523.
Gefahren  der  Heirath  von  Verwandten  524.
Einfluss  der  Theuerung  auf  die  Zahl  der  Verbrechen  524.
Vermischte  Notizen  525.
Consumtion  der  einzelnen  Hauptnahrungsmittel  in  verschiedenen  Städten  und
Ländern  526.
Anhang.
Beitrag  zur  Philosophie  der  Statistik  528—548.
        <pb n="23" />
        Erste  Abtheiluiig.
Die  europäischen  Grossmächte.

(lirossbritanien  (Königreich).
liniid  und  Leute.

Allgemeine  Uebersicht.  *)  Das  »Vereinigte  Königreich  Grossbritanien
und  Irland  Cf  umfasst  5,797  deutsche  Quadratmeilen,  nemlich  England
mit  Wales  277:1  (davon  Wales  384),  Schottland  1473,  Irland  1530,
und  die  normänischen  Inseln  und  Man  20.  (England  37’324,915  Acres
Schottland  20’047,1G2  und  Irland  20’S08,27l).  —  Die  seit  Anfang
leses  Jahrhunderts  alle  zehn  Jahre  vorgenommenen  Zählungen  ergaben
folgende  Bevölkerung:

Jahr  England  mit
Wales
IhOl  iri5(),171
ISll  1  (»’454,529
1S21  12’172,004
IWl  14’051,9‘jO
1S41  10’(»:í5,198
1S51  1S’054,170
ISOI  20'(I00,2:14
Ik-völk.-Zunahme
V.  IhOl—01  120l’roc.

Schottland  Irland
roOS,42U  .  .
1'805,804
2’091,521
2'304,:i80
2’()20,184  8’175,124
2’88H,742  0’552,:185
3'002,294  5’792,055
(1841—01)
90  Pr.  Abnahme  30  Pr.

Canalinseln  Zusammen
etc.

89,508
103,710
124,040  20*954,540
143,120  27’038,423
(143,447  **)  29*074,020
72  Pr.  78  Pr.

Ausser  den  beiden  Hauptinseln  zählt  man  noch  224  kleinere  bewohnte ­
  und  707  unbewohnte  Inseln.  Abgesehen  von  Man  und  den  Ca-^älinseln,
  sind  am  bedeutendsten:  Wight  mit  47,428  Einw.,  Anglesey
54^54(j^  die  Orkneyinseln  mit  32,41(i,  die  Shetlandinseln  mit
)G78;  dann  Skye  und  Lewis.  —Familienzahl  in  England  4'491,524
EiutheiluDg.  England  wird  in  52  Grafschaften  («9A*rw,  auch  CoM«/te&amp;lt;
genannt),  wovon  12  auf  Wales  kommen,  eingctheilt  ;  Schottland  in  33
«res;  Irland  in  4  Provinzen,  die  wieder  in  35  Grafschaften  zerfallen.

Wax  It  wichtigste  Quelle  bilden  die  àusserst  zahlreichen  Parlamentsberichte;
Zu-  ."^yölkerungsverhältuisse  anbelangt,  die  treiflichen  Arbeiten  des  um  diesen
^®r  Statistik  vor  Allen  verdienten  Dr.  Farr.
J,  )  Hievon  umfassen  die  Inseln  :  Man  52,339,  Jersev  50,078,  Guernsey  (mit
*■01  und  Jethou;  29,840,  Alderney  4,933  und  Serk  58!»  Menschen.
Kolb,  statiatik.  4.  Aufl.  |
        <pb n="24" />
        2

GROSSBlllTANIEN.  —  Land  und  Leute.

Nachstehende  Uebersicht  zeigt  zugleich  deren  Bevölkerung  bei  der  Aufnahme ­
  vom  8.  April  1861  :

A.  England.
Grafschaften  Bevölker.
Bedford
Berks  .  .
Buckingham
Cambridge
Chester
Cornwall

Cumberland
Derby  .
Devon  .
Dorset  .
Durham
Essex  .
Gloucester
Hampshire
Hereford
Hertford
Huntingdon
Kent
liancaster
Leicester
Lincoln
Middlesex
Monmouth
Norfolk

Northampton
Northumberland  .‘t4:i,025
Nottingham

Oxford
Rutland
Salop
Somerset

135,287
176,256
167,693
176,016
505,428
369,390
205,276
339,327
584,373
188,789
508,666
404,851
485,770
481,815
123,712
173,280
64,250
733,675
2’429,440
237,412
412,246
2’206,485
174,633
434,798
227.704

293,867
170,944
21,861
240,952
444.873

Grafschaften
Southampton
Stafford
Suffolk  .  .
Surrey  .  .
Sussex  .  .
Warwick  .
Westmoreland
Wilts  .  .
Worcester  .
York  .  .

Bevölker.
481,495
746,943
337,070
831,093
363,735
561,855
60,817
249,311
307,397
2’033,610

B.  Wales.

Anglesey  .
Brecon  .  .
Cardigan  .
Carmarthen
Carnarvon  .
Denbigh  .
Flint  .  .
Glamorgan
Merioneth  .
Montgomerj’
Pembroke  .
Radnor

54,609
61,627
72,245
111,796
95,694
100,778
69,737
317,752
38,963
66,916
96,278
25,382

C.  Schottland.
Shetland  .  .  31,670
Orkney  .  .  .  32,395
Caithness  .  .  41,111
Sutherland.  .  25,246
Ross  u.  Cromarty  81,406
Inverness  .  .  88,888
Nairn  .  .  .  16,065

Grafschaften
Elgin  .
Banff
Aberdeen
Kincardine
Forfar  .
Perth
Fife  .  .
Kinross.
Clackmannan
Stirling  .
Dumbarton
Argyll  .
Bute
Renfrew
Ayr  .  .
I.anark  .
liinlithgow
Edinburgh
Haddington
Berwick
Peebles  .
Selkirk  .
Roxburgh
Dumfries
Kirkcudbright
Wigtown  .  .
D.

Bevölker.
44,695
59,215
221,569
34,466
•204,425
133,500
154,770
7,977
21,450
91,296
52,034
97,724
16,331
177,561
198,971
631,566
38,645
273,997
37,634
36,613
11,408
10,449
54,119
75,878
42,495
42,095

Provinzen
1.  Leinster
2.  Munster
3.  Ulster  .
4.  Connaught

Irland.
Bevölker.
1'439,596
1’503,200
1’9IO,40S
911,339

Die  Grafschaften  der  4  irischen  Provinzen  sind:  Zu  1  :  Carlow,  Drogheda,

Down,  Fermanagh,  Londonderry,  Monaghan,  Tyrone.  —  Zu  4  :  Galway,  Leitrim, ­
  Mayo,  Roscommon,  Sligo.

Bevolkemngsbewegung.  Aus  dem  vorigen  Jahrhunderte  fehlen  genaue ­
  Angaben  über  die  Volkszahl.  Nach  Finlaison’s  Schätzungen  umfassten ­
  England  und  Wales;

Jahr.  Volkszahl.  ¡
1700:  5*134,000  I
1710:  5*066,000  i
1720:  5*345,000  !
1730:  5*688,000  ¡

Jahr.  Volkszahl.
1740:  5*830,000
1750:  6*040,000
1760:  6*480,000

Jahr.  Volkszahl.
1770:  7*228,000
1780:  7*815,000
1790:  8*540,000

Die  Volkszahl  Schottlands  wird  für  das  Jahr  1707  (Unionsbeginn) ­
  auf  1’05Ü,000,  für  1755  auf  1’2G5,OÜO  berechnet.
Schätzungen  bezüglich  Irlands  aus  den  Jahren  1672  und  1695
lauten  auf  etwas  über  r300,0U0  Menschen;  von  Dobbs  liegen  drei
solcher  Schätzungen  vor  :  eine  von  1712  gibt  über  2  Mill,  an,  eine  andere
von  1718  noch  nicht  1’200,000,  und  eine  dritte  von  1725  mehr  als
        <pb n="25" />
        GKÜSSBKITANIEX.  -  Land  und  Leute.

3

2  Millionen.  Steuerzahlungen,  bei  denen  aber  (sehr  ungenau)  6  Bewohner ­
  auf  jedes  Haus  gerechnet  wurden,  lieferten  folg.  Resultate  ;
1731:  2’010,221  I  1767;  2'554,276  I  17^5:  2’S45,9.12
1754:  2’372,634  |  1777:  2’690,556  |  1791:  4’2ü6,612
Bis  1841  beruhten  die  Angaben  nur  auf  Schätzungen.  Jene  des
Londoner  statistischen  Bureaus  ergaben  ;  '
1S05;  5’395,45G  I  1825:  7M72,74S
1815;  6’142,972  |  1835:  7’927,9S9

Die  Bevölkerungszunahme  in  Grossbritanien  und  die  Verminderung
in  Irland  betrug  zufolge  der  verschiedenen  Zälilungen  nach  Procenten  ;
in  England  u.  1801—11  1811—21  1821—31  1831—41  1841—51  1851—61
nales,  Zunahme  14%  16%  15%  14%  13%  12%

in  Schottland,  do.
-  Irland,

12

16

13

11  10
(Abnahme  19,85

5,9
12,02)

Da  in  Grossbritanien  kein  Strafgesetz  eine  Eintragung  in  die  Civilstandsregister
  erzwingt,  und  in  Irland  solche  Register  nach  unsem
Anforderungen  gar  nicht  geführt  werden,  so  sind  die  Zusammenstellungen ­
  der  Geburten  selbst  auf  der  ersten  Insel  sehr  ungenau,  während  sic
auf  der  letzten  ganz  fehlen.  Eingetragen  wurden  ;
Sterbfälle.  Heirathen.
422,721  170,156
435,114  163,706
436,573  163,830
475,582  170,708

62,287  20,828
67,159  20,544
71,421  22,087
So  weit  die  Register  nachweisen,  überstieg  in  England  und  Wales
rend  des  Jahrzehnts  1  851—GO  die  Zahl  der  Geburten  jene  der  Sterbmlle
  um  2’2G0,57G.  Im  J.  1859  erfolgten  130,210  Heirathen  naeh
Hochkirche  ;  Knaben  wurden  352,002  geboren,  Mädchen
337,219;  im  Verhältniss  also  1040  gegen  1000.  Unter  den  Lebendgebornen
  befanden  sich  44,751  uneheliche  (davon  je  105,7  Knaben  gegen ­
  100  Mädchen,  während  das  Verhältniss  bei  den  ehelichen  104,5  zu
%  Sterbfällen  ergaben  sich  103  männliche  gegen  100
weibliche  Leichen.

in  England  und  Wales:
Jahre.  Geburten*),
1860  684,048
1861  696,406
1862  712,684
1863**)  729,399
in  Schottland:
1861  107,036
1862  107,138
1863**)  109,325

Nach  Geschlechtern  zählte  man  im  J.  1801  :

männliche
m  England  u.  Wales  9’776,259
^hottland  .  .  P449,848
Irland  ....  2*804,961
ütn  Canalinseln  .  66,140
Zusammen  14*097,208

weibliche  Einw.
10*249,965
1*612,446
2*959,582
77,307
14*939,300

Alle^ings  sind  die  im  Auslande  befindlichen  Landesangehörigen,
namentlich  von  der  Landarmee  und  der  Kriegs-  und  Handelsmarine,

)  Ausschliesslich  lodtgeburten.  *•)  Vorläufige  Aufstellung.
r
        <pb n="26" />
        4

GROSSBllITAXIEN.  -  Land  und  Leute.

nicht  eingerechnet.  Indess  hat  sich  das  Missverhältniss  in  den  letzten
lü  Jahren  bedeutend  verschlimmert  (1S51  zählte  man  :  1  3’3G9,442  männl.
gegen  14’074,314  weibl.  Einwohner),  wol  grossentheils  in  Folge  des
indischen  und  des  Krimkriegs;  nur  in  Irland  hat  es  sich  gemindert.

Die  Häaserzahl  betrug  bei  den  Aufnahmen  :
in  England  und  Wales
bewohnte  unbewohnte
1’575,!)2.3  57,47(i
3'27S,im  153,494
3’745,4»)3  182,325

ISOl
1851
1891
in  Schottland
1851  :
1891  :
in  Irland
1841
1851
1891

370,308
393,289

1’328,839
ro49,223
993,233

12,149
17,197

52,208
95,293
39,984

im  Bau  begriffene
(nicht  erhoben)
29,571
27,580
2,420
2,992

3,313
1,898
3,047

Auswanderungen.  In  den  51  Jahren  von  1815—18G3  einschliesslich
wunderten  5’4S2,S09  Personen  aus.  Davon  begaben  sich:
l'l42,833  nach  den  britischen  Colonien  in  Nordamerika
3’303,489  -  -  Vereinigten  Staaten
829,890  -  Australien
109,927  -  andern  Ländern.

In  den  verschiedenen  Perioden  betrug  die  Auswanderung  :
1815—49,  in  32  Jahren,  1’972,159  Personen  =  durchschnittl.  52,254  per  Jahr
1847—54,  -  8  -  2'444,802  =  -  305,900  -  -
1855—59,  -  5  -  800,940  =  -  190,128  -  -
1890—93,  -  4  -  595,211  =  -  141,303  -  -
Auf  die  10  Jahre  1851  bis  Ende  1  800  kamen  2’2S7,205  Auswanderer ­
  ;  davon  waren  :

Engländer  Schotten  Iren  Fremde  nicht  ermittelt
920,401  173,817  1’109,5&amp;lt;»0  l‘'9,955  199,532

Aus  Irland  allein  gingen  in  den
2’323,312  Auswanderer  nach
729,982

21  Jahren  1835  —  55:
den  Vereinigten  Staaten
llritisch-Nordamerika.

GesammtausWanderung  von

1843:
1844  :
1845:
1849:
1847  :
1848:
1849:

57,212
70,989
93,501
129,851
258,270
248,089
299,498

1850
1851
1852
1853
1854
1855
1859

280,849
335,999
398,794
329,937
323,429
179,807
179,554

1843—03
1857
1858
1859

1890
1891
1892
1893

212,857
113,972
120,432
128,499
91,770
121,214
223,758

Confessionen.  Es  fehlen  genaue  Erhebungen*),  mit  Ausnahme  von

*)  Bei  Erlassung  des  Gesetzes  bezüglich  des  letzten  Census  ward  der  Antrag, ­
  Listen  auch  nach  Confessionen  anzufertigen,  für  Grossbritanien  verworfen,
für  Irland  aber  angenommen.  Im  Ersten  fürchtete  man  falsche  Angaben  zu
Gunsten  der  Hochkirche  und  ungewöhnliche  Grösse  der  Katholikenzahl,  und
darauf  erhöhte  Ansprüche  der  beiderseitigen  Geistlichkeit.
        <pb n="27" />
        GKOSSimiTANIEN.  -  Land  und  Leute.

5

Irland.  Im  Letzten  ergab  die  Zählung  von  1861  :  4’505,275  Katholiken,
093,357  Anglikaner,  523,291  Presbyterianer,  45,399  Methodisten,
4.)32  Independenten,  4237  Baptisten,  3300  Quäker,  393  Juden.  (Gegen
die  vorige  Zählung  hatten  sich  die  Katholiken  um  4  3,  die  Protestanten
nur  um  10  Proc.  vermindert.)  Fassen  wir  die  beinahe  zahllosen  Secten
zusammen,  so  lässt  sich  vielleicht  folgendes  Verhältniss  annehmen  :

Anglikaner
England  .  .  12’ü(»0,ü00
Schottland.  .  300,000
Irland  (Census)  093,000

Presbyterianer  Katholiken
500,000  P200,000
2’000,000  100,000
M3,000  4*505,000
3*000,000  5,k00,000

Zusammen  etwa  13*000,(ioo
Die  Zahl  der  Juden  dürfte  höchstens  40,000  betragen.

Andere  Dissenters
0*500,000
700,000
00,000
7*200,000

NätioDälitäten.  Der  Stammesunterschied  unter  der  Bevölkerung  ist
sehr  gross.  K.  Blind  {»über  Staat  und  Nationalität;  London  1859«)
nimmt  6  Hauptstämme  an;  den  Englischen,  Germanisch-Schottischen,
Gälisch-Schottischen,  Wallisischen  (K}Tnrischen),  Irischen  und  Französischen ­
  (auf  den  normännischen  Inseln).  Zahlenangaben  über  deren
Stärke  fehlen  gänzlich.  Bei  der  letzten  Volkszählung  wurde  auch  die
Zahl  der  Fremden  zu  ermitteln  gesucht.  Die  Aufnahme  war  indess
offenbar  sehr  ungenau.  Man  ver  zeichnete  (jedoch  ohne  Schottland  und
Irland)  nur  84,090  Ausländer,  wovon  37,950  in  London  (in  dieser
Hauptstadt,  ohne  die  Oesterreicher,  16,082  Deutsche).  Engländer,
welche  im  Auslande  wohnen,  wurden  07,909  vorgemerkt,  davon  25,844
in  Frankreich,  7305  in  Deutschland,  5407  in  Italien,  4092  in  Belgien,
1124  in  der  Schweiz.  Ferner  befanden  sich  125,379  Engländer  (einschliesslich ­
  85,008  Militärs)  in  Ostindien.
Städte.  Kein  anderes  Land  besitzt  so  viele  grosse  Städte,  und  in
keinem,  Amerika  ausgenommen,  wuchsen  dieselben  so  sehr.  1851  kamen, ­
  Irland  ungerechnet  :

auf  die  815  Städte  10*559,288  Menschen
auf  das  platte  Land  10*403,189
Also  eine  grössere  Städte-  als  Landbevölkerung.
London  allein,  mit  einer  Einwohnerzahl,  welche  grösser  ist  als  die  mancher
Dit  Grossstädte  hatten  folgende  Einwohnerzahl  :

England
London
Manchester  (mit  Salford)
Livei^jool
Birmingham  ....
Leeds  ....
Sheffield  .  .  .  .  ]
Bristol  ’
Wolverhampton.
Newcastle-on-Tyne
Bradford
Stoke-upon-Trent  .

1801
958,803
94.S70
82,295
70,070
53,102
45,755
61,153
30,584
Í3‘,2Ò4

1851
2*302,220
401,321
375,955
232,841
172,270
135,310
137,328
119,748
87,784
103,778
84,027

1861
2,803,989
400,428*)
443,948
295,955
207,105
185,172
154,093
147,070
109,108
100,218
101,302

)  Davon  Salford  102,449.
        <pb n="28" />
        6

GROSSBKITANIEX.  —  Lund  und  Leute.

Schottland  1801  1851
Glasgow  77,058  320,097
Edinburgh  mit  Leith  .  .  81,404  191,221
Irland  1841  1851
Dublin  232,726  258,369
Belfast  75,308  100,301
Cork  106,055  114,232
Ferner  hatten  1861  mehr  als  50,000  Einwohner:
I  Blackburn  .

1861
394,864
201,749»)
1861
249,733
119,242
101,534

In  England
Hull  .  .  .  97,661
Portsmouth  .  94,546
Oldham  .  .  94,344
Brighton  .  .  87,314
Sunderland  .  85,797
MerthynTydfil  83,844
Preston  .  .  82,961
Nottingham  .  74,693
Norwich  .  .  74,891
licicester  .  .  68,056
Devonport  64,783

Plymouth
Stockport
Bath  .  .

63,123
62,599
54,681
52,528

In  Schottland

Dundee  .
Aberdeen

90,417
73.805

In  Irland
Limerick  .  .  55,234

So  hat  England  27  Städte  von  mehr  als  50,000  Einw.,  Schottland
4,  Irland  4.  —  Orte  zwischen  20  und  50,000  Menschen  gibt  es  43  in
England,  6  in  Schottland,  3  in  Irland.  Wir  erwähnen  davon  in  England: ­
  Southampton  mit  46,940,  York  45,385,  Derby  43,091,  Exeter
41,749,  Rochdale  38,114,  Ipswich  37,950,  Bury  37,560,  Birkenhead
36,212,  Chatham  36,177,  Cardiff  35,541,  Gateshead  33,587,  Northampton ­
  32,813,  Worcester  31,227,  Chester  31,110,  Carlisle  29,417,
Oxford  27,560,  Warrington  26,431,  Cambridge  26,361,  Dover  25,325,
Reading  25,015,  Wakefield  23,350,  Newport  23,249,  Maidstone
23,016,  Carnarvon  22,907,  Hastings  22,837,  Shrewsbury  22,1  63,  Carmarthen ­
  21,439,  Canterbury  21,323,  Lincoln  20,999,  Croydon  20,325  ;
—  in  Schottland:  Montrose  19,515,  Paisly  17,406,  Greenock42,098,
Ayr  34,578,  Stirling  30,777,  Perth  25,250,  Dumfries  22,996;  —  in
Irland:  Waterford  29,160,  Galway  24,990,  Londonderry  20,493.
Bodenanbau.  (Nach  Legoy  P  s  Berechnung,  in  franz.  Hectaren)  :

England  .
Wales  .  .
Schottland  .
Irland
Canalinseln
Zusammen

Oesammt-  nicht  anbaufähig,  aber
areal  anbaufähig  nicht  angebaut
i:ru87,999  1’517,767  l':t97,7:(9
1’922,991  447,160  214,475
7’987,754  3'449,:(79  2’407,787
7’867,751  977,951  P9S2,883
452,890  230,447  67,175
31'319,205  (¡’422,704

Wiesen  u,
Weide
(¡'223,501
900,969
1’121,361
2’725,954
110.904

Eigentl.
Ackerland
4’149,001
360,387
1’009,227
2’180,783
44.364

(¡’070,050  11’082,(¡89

7’743.762

Gebietsveränderungen.  Grossbritanien  (unter  welchem  Namen  1707
England  und  Schottland  vereinigt  wurden)  ist  der  einzige  grössere  Staat
in  Europa,  der  auch  während  der  grossen  Kriege  in  seinem  Hauptlande
ohne  alle  Gebietsveränderung  geblieben  ist,  wenn  man  von  der,  fast  nur
noch  formellen  Einverleibung  Irlands  1801  absieht.  Dagegen  erlangte
Britanien  eine  gewaltige  Erweiterung  seines  Colonialbesitzes.  —
Durch  den  Verlust  der  Vereinigten  Staaten  war  dieser  Colonialbesitz

*)  Davon  I.elth  33,628.
        <pb n="29" />
        GltOSSBRITANlEN.  -  Finanzen  (Budget).

7

sehr  gemindert  worden.  Allein  in  den  grossen  Kriegen  eroberten  die
Briten  fast  alle  auswärtigen  Besitzungen  der  Franzosen,  Holländer  und
Dänen,  und  viele  der  Spanier  und  Portugiesen.  Die  Friedensverträge
beliessen  ihnen  einen  sehr  bedeutenden  Theil  dieser  Eroberungen.  So
verblieben  den  Briten  schon  zufolge  des  Friedensschlusses  von  Amiens,
1S02,  Ceylon  und  Trinidad  (erstes  bis  dahin  Holländisch,  letztes  Spanisch). ­
  Jener  von  Paris,  IS  11,  sicherte  ihnen  Malta  (früher  dem  Malteser ­
  Orden  gehörend)  ;  St.  Lucia,  Isle  de  France  (Mauritius)  und  die
Sechelen  (Franz.  Colonien)  ;  Demerary,  Essequebo,  Berbice  und  das  Cap
(zuvor  Holländisch)  ;  Helgoland  (Dänisch),  und  die  Oberherrlichkeit
über  die  Ionischen  Inseln.  In  Folge  der  abweichenden  Thronfolgeordnung ­
  in  England  und  Hannover  ward  zwar  das  letzte  1S37  aus  der  bisherigen ­
  Personalunion  befreit.  Dagegen  breitete  sich  die  britische  Herrschaft ­
  in  Asien,  besonders  Ostindien,  gewaltig  aus  ;  mit  dem  1.  Sept.
1S5S  gingen  die  sämmtlichen  Besitzungen  der  Ostindischen  Compagnie
unter  die  unmittelbare  Herrschaft  des  Britischen  Staates  über  und
in  Australien  begann  die  Bildung  einer  neuen  Colonialwelt,  der  man,
ebenso  wie  Canada  und  dann  dem  Cap,  einen  hohen  Grad  der  Selbständigkeit ­
  gewährte.  Auf  die  Oberherrlichkeit  über  die  Ionischen  Inseln
verzichtete  Britanien  ISO!  freiwillig  (s.  Griechenland).

I'iiiaiizeii.

Budget.  Dasselbe  wird  vom  Parlamente  (vielmehr  dem  Unterhause)
je  auf  ein  Jahr  festgestellt.  Das  Rechnungsjahr  beginnt  mit  dem  1.  April.
Der  Finanzplan  des  Schatzkanzlers  für  1  ,  den  das  Parlament  annahm, ­
  lässt  sich  folgendermassen  zusammenfassen  :

Bedarf:

Schuld:  fundirte  u.  unfundirte  2d’4()(»,000,  Annuitäten  1’930,Ü00  =£
Krieg:  Landmacht  14’S41,000,  Marine  lO’I.Ti,000  .  ,  .  .  =
C  i  V  i  1V  e  r  w  a  11  u  n  g
.\bgahen-Erhebung  4’092,(»00,  Paketboote  SS3,000  .  .  .  .  =
Reservefonds
Zusammen  £
Einnahme.  Aach  den  bis  dahin  erhobenen  .\uflagen  würden
Ziille  [Customs]  .  .  £  23M  50,000  |  Post
Kronländereien  (Domänen)
Krie^entschädigung  von
China  u.  Japan  .  .
Verschiedenes  ....
Zusammen  £

Accise  '£xctse)
Stempel  .  .  .
Taxen  ....
Einkommensteuer

IS’030,000
9’320,000
3’250,000
8’000,0(»0

2%’330,000
25’27(&amp;gt;,000
7M)29,000
5’575,000
60,000
f)0’690,000
ertragen  :
3’950,000
310,000
000,000
2’250,000
1)9'400,000

Da  man  aber  nicht  2’570,000  über  den  Bedarf  erheben  soll,  und
da  überdies  die  gewöhnlichen  Einkünfte  eine  Zunahme  erwarten  lassen,
so  werden  folgende  Auflagen  vermindert:  Zuckerzoll  um  F7  10,000  JC,
Eink.-Steuer  (I  Den.  vom  .C)  =  F233,t)00,  Abgabe  von  Brandversicherungen ­
  283,000,  Licenzen  15,000,  zusammen  3  250,000JC.—  Die
Grafschafts-  und  Gemeindeauflagen  sind  hier  nicht  einbegriffen.  Die
Armensteuern  bilden  den  bedeutendsten  Theil  dieser  Last,  nächstdem
der  Aufwand  für  Polizei  und  Gefängnisse.  Mit  Einrechnung  von  Weggeldern ­
  an  Private  und  andere,  hieher  eigentlich  nicht  gehörige  Abgaben,
        <pb n="30" />
        8

GIIÜSSBRITANIEN.  —  Finanzen  (Einnahmen).

ward  1860  die  Qesammtsumme  des  besonderen  Aufwandes  im  ganzen
Reiche  auf  nahezu  18  Mill.  E  geschützt.
Haupteinnahmeposten  und  Steuern.  Vor  Allem  muss  der
geringe  Ertrag  der  Domänen  auffallen.  Nicht  einmal  ’/^  Proc.  des  Bedarfs ­
  wird  aus  dem  unmittelbaren  Staatseigentlnimc  gewonnen,  —  ein
Zeichen,  wie  in  der  frühem  Zeit  des  Absolutismus  das  Staatsvermögen
verschleudert  wurde.  Dass  Missverhältniss  tritt  um  so  greller  hervor,
wenn  man  dem  geringen  unmittelbaren  Staatsbesitze  (als  Activum)  die
enorme  Grösse  der  Staatsschuld  (Passivum)  gegenüberstellt.
Die  einzige  Staatsanstalt  (Regale)  ist  die  Post.  Sie  wird  weit
mehr  vom  volkswirthschaftlichen,  als  vom  fiscalischen  Gesichtspunkte  aus
behandelt.  Im  ganzen  Königreiche  gilt  der  gleiche  Portosatz  von  I  Penny
(etwa  10  Pfennige  Preuss.)  für  den  einfachen  Brief.  Bei  Einführung
dieses  Systems  an  der  Stelle  enorm  hoher  Portosätze  ergab  sich  anfangs
allerdings  ein  bedeutender  Ausfall  in  der  Einnahme.  Die  ungeheure
CorrespondenzVermehrung,  grösstentheils  Folge  des  wohlfeilen  Porto’s,
steigerte  den  Ertrag  zu  der  jetzigen  Höhe  ;  doch  gelangte  man  erst  nach
etwa  20  Jahren  zu  dem  gleichen  Reinerträge  wie  früher.  Ein  ansehnlicher ­
  1  heil  der  Kosten  wird  durch  die  Unterhaltung  der  transatlantischen ­
  Dampfschifffahrt  veranlasst.  Der  Reinertrag  der  Post  war  ;
1840  1845  1850  1855  1858  I860
£  447,005  753,000  820,000  Pl.37,210  1’330,3S5  P447,809
Rechnen  wir  die  vermischten  (zufälligen)  Einnahmen  hinweg,  so
kamen  im  J.  18"%4  von  dem  07’1  73,000  .t  betragenden  Brutto-Einkommen ­
  auf  die  indirecten  Auflagen  allein  (einschl.  Post)  54’5GO,000,
sonach  mehr  als  81  Proc.  der  Gesammtsumme  ;  auf  die  directen  Steuern
12  302,000  =  kaum  18%  Proc.,  auf  die  Domänen  305,000  =  nicht
einmal  %  Proc.  Als  die  Einkommensteuer  wieder  eingeführt  (1843),
dagegen  die  Kornzölle  abgeschafft  wurden  (1840),  schien  es,  als  ob  man
das  bisherige  System  einer  Deckung  der  Staalsbedürfnissc  fast  nur  durch
indirecte  Auflagen  verlassen,  und  dafür  die  Einkommensteuer  allmählig
zur  einzigen  Norm  der  Belastung  machen  wolle.  Allein  die  gewaltige
Steigerung  der  Bedürfnisse  Hess  dies  nicht  zu  ;  man  erhöhte  vielmehr
directe  und  indirecte  Steuern.
Die  Einkommensteuer  [Income-tax),  im  Jahre  1708  auf  Pitt’s
Antrag  als  Kriegssteuer  eingeführt,  erlosch  nach  Wiederherstellung  des
Friedens.  Ein  ansehnliches  Deficit  nöthigte,  unter  Sir  Rob.  Peel’s  Verwaltung, ­
  zu  deren  Wiedereinführen  (von  1843  an).  Das  Gesetz  ist  in
seiner  Normirung  ziemlich  roh.  Es  macht  in  der  Grösse  der  Besteuerung
keinen  Unterschied  zwischen  zufälligem  Einkommen,  rein  persönlichem
Erwerbe,  oder  einem  durch  festen  Besitz  gesicherten  Ertrage  ;  es  berührt
überdies  das  Capital  gar  nicht,  wenn  dasselbe  unproductiv,  etwa  in
Luxusgegenständen  angelegt  ist.  Nur  diejenigen  Einwohner  bleiben
steuerfrei,  deren  Gesammteinkommen  unter  100  i¿  (086  Thlr.)  beträgt;
(von  1852  bis  150  £);  sodann  geniessen  Einkommen  unter  200  X,  eine
Steuerbefreiung  für  00  £;  im  Uebrigen  ist  der  Satz  18"%,  gleichmässig
  6  Den.  —  Alle  Arten  des  Einkommens  sind  im  Gesetze  in  0  Classen
aufgeführt  :  Schedula  A  begreift  den  Ertrag  des  unbeweglichen  Eigen-
        <pb n="31" />
        GIIÜSSBKITANIEN,  —  Finanzen  (Einnahmen).

9

t  ums  (Ländereien,  Häuser,  Zehnten,  Minen,  Hüttenwerke,  Fischereien, ­
  Kanäle,  Eisenbahnen)  ;  Schedula  B  den  der  Pächter  (bloser  Inhaer,
  nicht  Eigenthümer  der  Grundstücke)  ;  C  die  Zinsen  der  Staatsschuld
und  Dividenden  industrieller  Unternehmungen;  U  den  Ertrag  der  gedämmten ­
  Industrie  (Gewerbswesen  und  Handel),  endlich  E  die  Besolungen,
  Pensionen  und  Leibrenten.  —  Da  die  Einkommensteuer  jedes
Jahr  nach  Massgabe  des  Bedarfs  bestimmt  wird,  so  ist  deren  Ertrag  natürlich ­
  sehr  wechselnd.  Vor  ISöH  war  die  Normaltaxe  7  Den.  vom  ü;
dann  brachte  der  Krimkrieg  eine  Erhöhung  auf  1  Sh.  2  Den.,
im  nächsten  Jahre  sogar  auf  1  Sh.  4  Den.  (ü%  Proc.  des  Einkommens);
.)8  kehrten  die  7  Den.  zurück.  Der  Herabsetzung  auf  5  folgte  1800
die  Erhöhung  auf  9,  lS(il  auf  10,  18'%,  die  Festsetzung  auf  9,  1804
auf  7  Den.  Der  Geldertrag  war  1850  —  55  durchschnittlich  5%  Mill.,
1855  (bis  IH.  März)  10  042,021,  1850  15’07O,958,  1857  10'089,933,
1858  11’580,115,  1859  0’089,587,  1800  9’590,100,  1801  10’923,810,
186^2  10’3G5,000,  1803  10’5G7,000,  1804  (eigentlich  18«%.)
9  084,000  ü.
Die  Grundlage  der  Besteuerung,  nemlich  das  ermittelte  steuerpflichtige ­
  Einkommen,  betrug  1800,  nach  Kategorien  und  den  Hauptlandestheilen
  geschieden  :

Einnahme-Kategorien
A.  von  Grundeigenthum

Stenerpflichtigei  Einkommen  in

B
C.
D.
E.

England
103,270,204
20’04S,4S0
28’343,070
7(i’990,577
_  17’2SO,000
Zusammen  252*538,331
im  Vorjahre  waren  es  247*208,021

Pachtungen
Fonds
Gewerben  u.  Handel  *)
Besoldungen  .  .

Schottland
12*588,250
3*507,233
7*382,513
949,397

Irland
12*893,S29
2*705,387
1*358,213
4*027,922
1*167.000

24*427,393  22*812,351
-  ,  23,088,952  22*710,015
«n.zelnen  Städten  erschienen  in  der  Classe  D  Gewerbe  und  Han-Unter

  lOO  ^
100—150
150—200
200—.100
300—400
400—500
500-000
600-700
700—800

Classe  D  stellte  sich  18"/.,  folgendermassen  :
Claieen  dem  Zahl  der  Oemchäftm-Einkommeiu
  Beitouerten  einkommen
•14,895  2*390,129
107,400  ■
43,709
37,989
10,953
8,371
0,131
3,509
2,301

Zöll

ll*s40,731
0*805,944
8*425,284
5*409,480
3*520,974
3*152,591
2*207,808
1*712,976

900—  1,000
1,000—  2,000
2,000—  .1,000
3.000—  4,000
4.000—  5,000
5.000—  10,000
10,000—50,000
über  50,000
r-;  r  s
V  1,«  ff  Einnahmequelle,  indem  sie  allein  ungefähr  '/,  aller
in  n  e  le  ern.  Das  Schutzzollsystem  ist  aufgegeben,  und  wenn  die

Claimen  dem  Zahl  der  Oemchäftm-Einkommenm
  Bemtenerteu  einkommen
800—  900.;^  1,964  1*612,370;^
941
5,885
1,691
824
513
843
512
55

874,579
7*567,434
3*K92,5s7
2*725,655
2*251,271
5*611,670
9*660,313
5*090,020

Einkorn-
        <pb n="32" />
        10

GKüSSBlíITANIKN.  —  Finanzen  Einnahmen).

Anhänger  desselben  gleichwol  auf  den  hohen  Ertrag  dieser  Auflage  hinweisen
  ,  so  übersehen  sie,  dass  von  jener  Summe  schon  vor  dem  Handelsverträge ­
  mit  Frankreich  kaum  eine  IVIill.  aus  Manutacten  herrührte.
Im  J.  1861  lieferten  zur  Gesammtsumme  von  23%  Mill.:  Zucker  fast
6%  ,  Tabak  über  5%  ,  Thee  über  5%  ,  Spiritus  und  Wein  fast  4  ,  —
diese  vier  Posten  also  allein  fast  21  %  Mill.  |  alle  übrigen  Verkehrsartikel
waren  nur  mit  wenig  über  2  Mill,  belastet.  —  Der  erwähnte  Handelsvertrag ­
  hat  die  befürchtete  Verringerung  der  Einkünfte  keineswegs  zur
Folge  gehabt.
Accise.  Dieselbe  trifft:  Branntwein,  Malz,  Hopfen,  inländischen
Zucker  (nur  sehr  wenig  producirt),  und  einige  Gewerbe,  wie  Fuhrwerksunternehmen, ­
  Eisenbahnen,  Methverfertigung,  Seifen  -  und  Tabaksfabrikation, ­
  Von  Getränken  unterliegen  blos  die  im  Inlande  erzeugten
der  Accise  (die  vom  Auslande  eingeführten  sind  dagegen  zollpflichtig).
Einige  der  mit  dem  Accisewesen  verbundenen  Auflagen  (namentlich  die
eine  Art  Gewerbssteuer  bildenden)  gehören  eigentlich  in  die  Classe  der
directen  Steuern.  Der  Reinertrag  der  Accise,  im  J.  1847  12’883,G7S,
stieg  1860  auf  20  Va,  betrug  dann,  trotz  starker  Verminderung  der  Auflage, ­
  1861  fast  19%,  1862  18%  Mill.,  1863  17'155,000  und  1864
18’207,000  £,  und  bildet  somit  nächst  dem  Zolle  die  bedeutendste  Einkommensquelle. ­
  Als  wichtigste  Unterabtheilung  erscheint  die  Auflage
auf  Branntwein,  8  Shill,  von  der  Gallone,  und  im  Ganzen  8  /.  bis  9
Mill.  £  liefernd,  nächst  ihr  die  auf  Malz  (Bier),  4  Shill.,  im  Ganzen  6'/%
bis  7  Mill,  einbringend;  ausserdem  müssen  vom  Hopfen  2  Den.  pr.
Pfund  entrichtet  werden*).  Die  Abgabe  von  Eisenbahnen,  1832  zum
erstenmal  erhoben  und  nur  634  £  abwerfend,  bringt  jetzt  etwa  350,060
ein.  Es  müssen  5  Proc.  vom  Personentransport  entrichtet  werden,  doch
hat  man  die  dritte  Wagenclasse  unter  der  Bedingung  freigelassen,  dass
der  Fahrpreis  nicht  über  1  Den.  pr.  Meile  betrage.  Die  Papiersteuer
(zuletzt  1'350,000  JG  ertragend)  ist  seit  Oct.  1861  abgeschafft.
Stempel.  Theils  eine  flxe,  theils  proportioneile  Gebühr,  wird  erhoben ­
  von  Verträgen,  Wechseln,  Quittungen,  Schenkungen,  Testamenten ­
  ,  Erbschaften  und  F'euerVersicherungspolicen.  Der  Gcsammtertrag
war  18«%:,  8’994,000,  18"/,.  9’3I7,000  £.  Die  Abgabe  von  Quittungen, ­
  Anweisungen  und  Checks**)  beträgt  1  Den.  ;  —  der  Wechsel-*)

  Die  Branntweincon.sumtion  blieb  mich  lange  ziemlich  gleich,  etwa  &amp;lt;»,S  Gallone ­
  auf  jeden  Kopf  der  Bevölkerung  ;  sie  hat  sich  seit  iMiO  sogar  verringert,
auf  etwa  19'/,  Mill.  Gallons,  statt  nahezu  2(1  Mill,  im  J.  Is')!.  Der  Bierverbrauch ­
  dagegen  nimmt  stark  zu.  Schon  im  J.  ward  die  Bierpreduction
auf  530  Mill.  Gallonen  (=  21  Mill.  Hectoliter)  berechnet.  Bei  einem  Verkaufpreise ­
  von  12  Shill.  2  Den.  die  Gallone,  ergibt  sich  ein  Jahresaufwand  der  Bevölkerung ­
  von  fast  200  Mill.  Thlr.  für  Bier.
**)  In  London  hat  Niemand  viel  haares  Geld  im  Hause;  selbst  der  mittlere
Privatmann  hat  einen  Bankier,  bei  dem  er  sein  Geld  hinterlegt.  Der  Bankier
gibt  ihm  dafür  ein  kleines  längliches  Buch,  dessen  Blätter  aus  gedruckten  Anweisungen ­
  bestehen,  in  welche  der  Besitzer  die  Summe  einschreiht,  die  er  von
seinem  Gelde  beziehen  will.  Diese  Wechsel,  welche  nach  Sicht  bezahlt  werden
und  auf  jede  Summe  von  1  ^  aufwärts  lauten  können,  nennt  man  Checks.  Man
bezahlt  seine  Ausgaben  mit  diesen  Checks,  die  oft  einige  Zeit  cirkuliren,  bis  sie
eincassirt  werden.  Ein  jeder  dieser  Checks  bekommt  nun  einen  Penny-Stempel
        <pb n="33" />
        GKÜSSBRITANIEX.  —  Finanzen  Ausgaben).

11

Stempel,  nur  bei  Summen  über  100  J6,  wird  bei  inländischen  Wechseln
mit  2  Shill.,  bei  ausländischen  blos  mit  S  Den.  erhoben.  Vermächtnissund ­
  Erbschaftssteuer  sind  so  normirt  :

-  Geschwistern  der  Eltern  und  deren  Nachkommen  .  .  5  -
-  Geschwistern  der  Grosseltern  und  deren  Nachkommen  6
-  sonstigen  Verwandten  oder  Fremden  10
Der  Ertrag  dieser  Erbschaftssteuer  war  (stark  steigend)  ;
^  1821  1831  1841  1851  1856
£  1N()3,ooO  2’11H,ü00  2’221,000  2’;J79,000  3’ü9S,000
Die  Taxen,  eigentlich  Assessed  Taxes,  werden,  mit  Ausnahme  der
Jagdscheine  in  Irland,  nur  in  Grossbritanien  erhoben.  Sie  umfassen
Grund-  und  Häusersteuer,  Dienerschafts-,  Wagen  -  und  Pferdesteuer,
Hunde-  und  Wagen-,  dann  Haarpuder-  und  Jagdsteuer.  Die  Grundsteuer ­
  ist  längst  los  käuflich  erklärt.  Die  Häuser-  trat  an  die  Stelle
der  (übrigens  viel  höher  gewesenen)  Fenstersteuer.  —  Der  Gesammtertrag
  aller  Taxen  war  18«*/«,  ;V150,000,  IS«»/«*  3  218,000  £.  Dazu
lieferten;  die  Haussteuer  84  4,079,  die  Abgabe  von  männlichen  Dienern
208,830,  von  Luxuswagen  350,833,  von  Hunden  205,329,  von  Wappen ­
  60,182,  von  Haarpuder  (bei  Bedienten)  etwas  über  1,000  £.
Hauptausgaben.  Nach  der  provisorischen  Aufstellung  für
1S«%,  erforderten:  die  Erhebungskosten  etc.  4’527,433  £.  Nach  deren
Abzug  ergab  sich  ein  Reineinkommen  von  63  328,853.  Hievon  nahmen
hinweg:  die  Schuld  20’21  1,791  =  41,39  Proc.,  die  Land-  und  Seemacht ­
  20  345,572  =  41,00  Proc.,  so  dass  für  die  ganze  Civilverwaltung
  jeder  Art  nur  10’77  1,490  £  =  17,01  Proc.  blieben.
Die  vcrhältnissmässigc  Kleinheit  des  Bedarfs  für  die  innere  Verwaltung ­
  hat  ihren  Grund  in  der  1  )urchführung  desSelf-Governments.
Die  Grafschaften  und  die  Gemeinden  haben  ihre  Bedürfnisse  selbst  zu
bestimmen  und  ebenso  zu  decken,  wie  sie  sich  auch  selbst  zu  verw  alten
haben.  In  grossen  Städten  findet  man  oft  nicht  einen  eigentlichen
Kronbeamten.  Nach  Porter  ‘the  progress  of  the  nation  in  its  various  social ­
  economical  relations)  betrug  die  Zahl  aller  Angestellten,  also  mit
Post-  und  Zollbeamten,  nur  ohne  die  Kriegsmacht,  im  J.  1835  23,578  ;
ihre  Bezüge  aus  der  Staatscasse  waren  2’780,278  £,  also  etwa  19  Mill’.
Preuss.  Thlr.,  während  die  Ausgabe  für  51,597  Civilbeamte  in  dem
yerhältnissmässig  nicht  reichen  Preussen  schon  vor  Jahren  auf  beiäufig
  30  Mill.  ihlr.  stieg.  Nach  einem  Blaubuche  von  1850  war  das
l  ersonal  in  den  eigentlichen  Regierungsämtern  seit  1835  noch  ansehnlich ­
  verringert  worden.  Es  gab
im  Jahre  1835  3880  Bureaubeamte  mit  101,012  £  Besoldung
-  -  1850  nur  2790  -  _  yi’,io0  -
Diese  Ersparniss  ward  hauptsächlich  im  Militär-,  Zoll-  und  Postwesen

von  1  lescendenten  und  Ascendenten  .  .
-  Geschwistern  und  deren  Nachkommen

1  Proc.
3  -

aufjreklebt.  Minister  DismAlt  .i:  o*  i  ......  •

halb  so  gross  als  erwartet  wurde.
        <pb n="34" />
        12

GKOSSliKlTANlEN.  —  Finanzen  Ausgaben).

erlangt  (sonach  handelte  es  sich  nicht  einmal  blos  um  die  eigentliche
Civilverwaltung).
Die  Civilliste  der  Königin  beträgt  396,500  £;  sie  ist  der  Einkommensteuer ­
  unterworfen.  Der  König-Gemahl  erhielt  30,000  £,)
Ausserdem  flössen  im  J.  IS5G  von  dem  Reinerträge  des  Herzogthums
Lancaster  in  die  Privatcasse  der  Königin  7  993  £.  Der  Prinz  von  Wales
hat  100,000  £  Apanage,  nemlich  40,000  aus  der  Staatscasse  und  ungefähr ­
  60,000  Einkünfte  vom  Herzogthum  Cornwall;  seine  Gemahlin
bezieht  eine  Apanage  von  10,000,  die  Kronprinzess  v.  Preussen  8,000,
die  Prinzess  Ludwig  v.  Hessen  6,000  und  die  Familie  Cambridge
24.000  £  jährlich.  Bei  besondern  Gelegenheiten  erfolgen  ausserordentliche ­
  Bewilligungen  (z.  B.  40,000  £  als  Aussteuer  der  Princess
Royal).  Die  Kosten  des  Hofes  belaufen  sich  etwas  über  500,000  £,
ohne  Einrechnung  des  Genusses  der  Paläste.
Die  diplomatische  Vertretung  sammt  den  Consulaten  kostet  3SO—
400.000  £;  die  geheimen  Ausgaben  etwa  45,000,  das  Parlament  gegen
88.000  £*).
Der  Jahresbedarf  der  Staatsschuld  war'

Jahr
1850
1855
1857
1800
1801
1802
1803
1804

Permanente
Schuld
23’9!)  1,942
23’452,107
23’0H),575
23’880,512
23’8S4,299
23'703,738
23'825,027
23’792,057

Annuitäten
3'725,994
3’840,Mil
3'985,932
4’320,3S5
1’940,033**)
1’S37,908
1’910,304
1’991,840

Unfundirte
Schuld
000,025
505,505
1’00S,070
437,829
400,087
000,900
495,000
427,288

Total
28’323,901
27’804,533
28’08l,177
28,038,720
20’231,019
20’142,000
20’231,057
20’211,791

Der  Aufwand  für  Kriegszwecke,  1789  nur  3  Mill.  £,  betrug:

Jahr
1850
1855
1850
1857
1858
1859
1800
1801
1802
1803
1804

Landmacht
8’S81,140
15’031,002
32’000,003
20’811,242
14,405,850
13’294,814
14’915,242
18’o03,890
I7’824,299
17’314,790
15’523,970

Seemacht
0’942,397
I4’490,I05
19’094,585
13’459,0I3
I0’590,000
U’215,487
II’823,859
13’331,008
I2’598,042
11’370,588
10’821,590

Zusammen
15’823,537  A
30’121,707  -
5  roo  1,188  .
34’270,255  ■
24’995,850  •
22’510,301  .
20’739,102
31’395,504
30’422,34l
28’085,378
20’345,572  •

Die  Steuererhebungskosten  betrugen  nach  den  vcrrechneten

Summen  :
1855  1856  1857  1858  1859  1864
0,7  .  0,5  0,2  0,7  0,8  7,1  Proc.
Unter  diesen  »Steuererhebungskosten«  befinden  sich  die  Ausgaben
für  Betrieb  der  Posten  und  für  Zollschutz,  sowie  die  Verluste  durch  be-*)

  Das  brit.  Museum,  1752  gegründet,  kostete  in  den  110  ersten  Jahren
seines  Bestehens  3’339,177  wovon  87,808  durch  Privatpersonen  geschenkt
wurden.  1802  erforderten  die  Gehalte  879,023  ,  die  Sammlungen  nur  040,129,
beide  Posten  also  1’519,152  it.
**)  Die  Verminderung  Folge  des  Erlöschens  vieler  Annuitäten.
        <pb n="35" />
        GROSSBllITAXIEN.  —  Finanzen  in  früherer  Zeit.

13

'M  hgten  Credit  bei  Zoll  und  Accise.  Darnach  muss  man  erstaunen  über
le  Wohlfeilheit  der  eigentlichen  Finanzverwaltung.  Dies  ist  dadurch
wir  t,  dass  das  gesammte  Cassen  wesen  nicht  bureaucratisch,  sondern
au  männisch  betrieben  wird,  und  der  Bank  von  England  gegen  geringe
Provision  übertragen  ist.
.  erwähnen  ist  noch,  dass  die  Geistlichkeit  der  Hochkirche  aus
1  ren  \ielen  und  grossen  Gütern  enorme  Einkünfte  bezieht.  Sie  geniesst
ein  viel  grösseres  Einkommen,  als  selbst  die  spanische  Geistlichkeit
jemals  besass.

Staatsbedarf  in  früherer  Zeit.  Im  Jahre  16S5  betrugen  die  Staats-Einkünfte
  ungefähr  l’400,0()0  £.  Dazu  lieferten:  Accise  555,000,
Zoll  530,000,  Kaminsteuer  200,000.  Der  Rest  floss  aus  den  Domänen,
dem  (noch  nicht  an  die  Geistlichkeit  abgetretenen)  Zehnten,  den  Herzogthilmern
  Cornwall  und  Lancaster,  und  den  Geldstrafen.  —  Was  die
Ausgaben  betrifft,  so  würde  die  Schuld  etwa  50,000  £  jährlich  erfordert ­
  haben,  allein  dieser  Posten  ward  nicht  bezahlt.  Die  Kriegsmacht
sammen  730,000  fi^^I^viEl^tln^lalJTmr^Z^lse  2
wenig;  das  meiste  davon  ward  durch  die  Städte  oder  aus  Strafen  gedeckt.
  Die  diplomatischen  Ausgaben  erforderten  höchstens  20,000  £.
AUein  neben  der  Hofverschwendung  versclilangen  Günstlinge  ungeheuere
Summen.  Der  Herzog  v.  Ormond  bezog  jährlich  22,000,  der  Herzog
V.  Buckingham  10,600  £.  Monk  hinterliess  ein  Jahreseinkommen  aus
seinen  vom  Staate  erhaltenen  Gütern  von  15,000  Jü;  ausserdem  60,000
'mm  J  Krzbischof  (im  Vergleiche  zu  später,  erst)
oOOO  A.  (s.  Macaulay,  hxstory  of  England).  —  Im  Jahre  1700  betrug
der  Staatsaufwand  7  Mill.,  -  eine  für  ungeheuer  gehaltene  Summe.
}  ff  ''^^Gn  noch  enormer  geworden.  Marlborough
hatte  jährl  o4  S2o,  seine  Frau  0500  £,  ungerechnet  den  Ertrag  der
Ihnen  geschenkten  Domänen  (Blenheim  etc.).  -  Nach  dem  Normativ
^  jeder  Gesandte  in  h  rankreich,  Spanien  und  beim  deuthen
  Kaiser  100  L  täglich,  und  1500  £  jährlich  für  Equipage;  die
irp/l  ’  Holland,  Schweden  etc.  Ui  £  täglich  und  1000  £  Pferdewurden
  oft  Jahre  lang  nicht  ausbezahlt.
schlug  ^""^^^^Gich  erheischten  grössere  Summen.  1707
7  Mill  T  der  assessed  taxes  vor,  deren  Ertrag  er  auf
.  '  ‘  ^  "lehr,  denn  diese  Zunahme  ging  ihm  zu  langsam;
can  rag  c  u.  a.  eine  Einkommensteuer  ;  es  handelte  sich  darum,  die
StaatsemkOnfle  um  40  l'roe.  zu  vermehren.  Indes,  betrug  die  kinjär
  de!^'v‘  '  »Chon  Sh'COO.OOO,  lb05  (letztes
        <pb n="36" />
        14

GROSSBRITANIEX.  —  Finanzen  in  früherer  Zeit.

Staatseinkünfte  nie  unter  60,  mehrmals  70,  1813  fast  72  Mill.  1815
steigerte  man  das  Budget  auf  116’748,258  £,  wovon  89’748,958  durch
Auflagen,  die  andern  27  Mill,  durch  Anlehen  aufgebracht  wurden.  (Die
englische  Nation,  welche  1801  blos  34  Mill,  an  Taxen  aller  Art  bezahlt
hatte,  entrichtete  also  14  Jahre  später  fast  90!)  Dabei  hatte  Grossbritanien
  zu  Ende  des  vor.  Jahrhunderts  nicht  die  Hälfte  seiner  jetzigen
Bevölkerung,  und  der  auswärtige  Handel  betrug  nicht  %  des  jetzigen.
Von  den  Auflagen  kamen  durchschnittlich  auf  jeden  Einwohner:
1801-10  5  áf  12  Shill.  1  Den.
1811—20  3  -  15  -  6  -
1821—30  2  -  5  -  —  -
18®%*  2-5  -  0  -  (bei  niedrigerm  Geldwerthe  .
1817  hob  man  die  Einkommentaxe  auf.  Mancherlei  Steuerveränderungen ­
  erfolgten.  Es  stellte  sich  ein  neues  Defizit  ein.  Sir  Rob.  Peel
erwirkte  1842  Wiedereinführung  der  Einkommensteuer.  Nun  bekam
man  neuerdings  Ueberschüsse.  Endlich  ward,  neben  der  Aufhebung
oder  Verminderung  sehr  vieler  anderer  Zollsätze,  die  freie  Getreideeinfuhr ­
  (Aufhebung  der  Kornzölle)  1846  beschlossen,  doch  erst  1849  vollständig ­
  durchgeführt.  —  Von  dieser  Zeit  datirt  eine  Umgestaltung  der
Grundlagen  des  Steuersystems.  —  Von  1840  bis  Ende  1853  wurden ­
  an  alten  Abgaben  abgeschafft:  18’104,291  £,  neue  eingeführt
1  r916,416.  Dessen  ungeachtet  stiegen  dieEinnahmen  von  47’567,565£
im  Jahre  1840,  auf  54’430,34  1  im  Jahre  1853.
Dieses  günstige  Verhältniss  erfuhr  eine  gewaltige  Störung  durch
den  Orientalischen  Krieg.  Der  Budgetentwurf  des  Kanzlers  der
Schatzkammer  für  18”Vs5  entzifferte  eine  gewöhnliche  Einnahme  von
53’349,000£,  und  einen  Bedarf  von  56’  189,000  £  (worunter  1  b’836,000
für  Land-  und  Seemacht,  da  man  sich  bereits  im  Kriege  befand).  Doch
schon  unterm  9.  Mai  forderte  der  Minister  weitere  6  Mill,  für  Kriegszwecke. ­
  Er  erhielt  die  Genehmigung  des  Parlaments,  auch  zu  dem
Plane,  sämmtliche  Kosten  des  Krieges  nicht  durch  Anlehen,  sondern
ausschliesslich  durch  Steuererhöhungen  zu  decken.  Vor  Allem  ward
Erhöhung  der  Einkommentaxe  beschlossen.  Von  1  £  waren  bisher  7
Den.  erhoben  worden;  die  Auflage  ward  verdoppelt,  d.  h.  auf
b®Vioo  Proc.  vom  Einkommen  erhöht.  Mit  einer  Erhöhung  auf  8  Proc.,
glaubte  der  Minister,  würden  sich  alle  Kriegsausgaben  decken  lassen  ;
allein  er  schlug  dies  nicht  vor,  weil  er  fürchtete,  durch  zu  hohe  Steigerung ­
  das  neue  Besteuerungsprinzip  überhaupt  zu  gefährden,  zumal  er
auch  die  Einführung  einer  Erbschaftssteuer  veranlasst  hatte.  Daher
wurden,  neben  Erhöhung  der  Einkommensteuer,  um  6’557,000  neue
Auflagen  im  Betrage  von  3’600,000  £  beschlossen  auf  Spirituosen,
Zucker  und  besonders  Malz.  —  Doch  der  wirkliche  Kriegsaufwand  zeigte
sich  grösser  als  man  gedacht  hatte.  Die  Mittheilungen  des  Ministers
bei  Vorlage  des  Budgets  für  18®%e  gewährten  folgende  Aufschlüsse;
Die  Ausgaben  im  letzten  Eriedensjahre,  18"%*,  hatten  51’198,000£
betragen;  die  im  ersten  Kriegsjahre,  18"%^,  dagegen  65  962,000,  und
der  Voranschlag  für  I8"%e  stieg  bereits  auf  86’339,000  £.  —  Bei  so
sehr  gesteigertem  Bedarfe  ging  man  von  dem  Systeme  ab,  die  Gesammtsumme
  der  Kriegskosten  durch  Steuererhöhung  aufzubringen.  Man
        <pb n="37" />
        GllOSSBKITANIEN.  —  Finanzen  in  früherer  Zeit.

15

sprang  zwar  nicht  zu  der  in  Frankreich  angenommenen  Methode  über,
Alles  durch  Anlehen  zu  decken,  benützte  nun  aber  beide  Mittel  :  Steuererhöhung ­
  und  Anlehen.  So  beschloss  man  denn  für  IS®*/««  folgende
ausserordentliche  Deckungsmittel:  a)  Anlehen  Di  Millionen,  b)  neue
Steuern  5  300,000  4Í,  nemlich  Erhöhung  der  Zölle  auf  Zucker,  Kaffee
und  Ihee  um  2’100,000,  der  Accisegebühren  um  I  Mill.,  Stempel
200,000,  endlich  Erhöhung  der  Einkommensteuer  um  2  Mill.  d.  h.  Erhebung ­
  weiterer  2  Den.  pr.  £,  (im  Ganzen  6%  Proc.  des  Einkommens).
Mit  Dazurechnung  der  vorjährigen  neuen  Belastung  ergab  sich  für
A«  eine  ausserordentliche  Kriegsbesteuerung  von  nahezu  15*/*
Mill.,  und  zwar  S  557,000  an  directen  Steuern  und  61100,000  JC  an  indirecten
  Auflagen  ;  ausserdem  die  erwähnte  Vermehrung  der  Staatsschuld ­
  von  16  Mill.

Die  Gesammtkosten  des  Krimkrieges  wurden  von  dem  Finanzminister ­
  (Unterhaussitzung  v.  19.  Mai  1656)  so  berechnet:
Mehrkosten  des  Kriegswesens  während  der  beiden  Krieesjahre,
  K&amp;lt;?sen  die  beiden  letzten  Friedensjahre  .  ...  £  53'OSS  OUO
Hiezu  die  nicht  plötzlich  abzustellenden  Mehrausgaben  im
ersten  Fnedensjahre  (lb‘V„)  ...  -  24’500  000

Gesaramtsumme  der  Kriegskosten  -  7T’.5SS,ooO
wovon  17’182,000  durch  Steuererhöhung  gedeckt.
Da  aber  sogar  noch  im  Jahre  1859  390,580  £  für  den  russischen  Krieg
verrechnet  wurden,  so  dürften  die  Gesammtkosten  wenigstens  78  Mill.
erreicht  haben.  (Die  Heimschaffung  der  brit.  Truppen  aus  der  Krim
allem  kostete  beinahe  5  Mill.  Jt.)

Im  Jahre  1856  konnte  endlich  svieder  mit  Steuerverminderungen  begonnen ­
  werden  ;  Abschafiung  der  Kriegssteuer  auf  Malz  mit  2’200,000£,
.  lan  war  im  Falle,  diese  Erleichterung  bald  im  grossartigsten  Massstabe
weiter  auszudehnen,  indem  man  1859  verminderte  :  die  Einkommensteuer
um  J  125,000,  die  Thee-,  Kaffee-  und  Zuckerzölle  um  1,628,582  £.

Die.spätern  Kriegsrüstungen  Hessen  indess  das  Budget  nicht  wieder
zur  frühem  geringen  Summe  herabgelangen.  Das  Jahr  1860  brachte
posse  ^ue  Veränderungen  in  Verbindung  mit  dem  Franz.  Handelsvertrage:
  Herabsetzung  der  Zölle  um  2'840,931  ,  der  Accise  um  105,000,
y  m  V  V™  Zur  Deckung  wurden  andere  Positionen  des
^olitanp  (wie  man  schätzte)  um  577,901,  der  Accise  um  880,000,  des
höhT^L!  1  63,000,  und  die  Einkommensteuer  um  l’OOO.OOO  £  eranrlprwo'/
  begannen  wieder  bedeutende  Verminderungen  ohne
^  -r/.  ^  ^  ungen.  So  ward  1861  die  Papiersteuer  abgeschafft,
1  ^  *  350,000  £  schätzte,  und  die  Einkommensteuer
98/  \rii  '  ^^^^cirt.  —  1863  neue  Verringerung  der  letzten
und  Herabsetzung  des  Theezolls  um  1’641,541.  —  1864
neue  Verminderung  der  Eink.-Ta.Ke  um  1  233,000  und  Herabsetzen  des
Zucker  Zolls  um  1  719,000  £.
        <pb n="38" />
        16

GllOSSBlUTANIKN.  —  Finanzen  in  früherer  Zeit.

Uebersicht  der  von  1846  —  1  863  erfolgten  Verminderung
oder  Erhöhung  der  Auflagen.

Jahr  Verminderungen  nt
1S46  Zölle  's.  Butter,Käse,
Seidenzeug,  Sprits,
Talg  etc.)  ....  ri51,T!»0
1847  Zölle  (bes.  v.  Holz)  .  344,886  |
1848  dto  (bes.  v.  Zucker)  585,668  I
1849  dto  (dto)  388,798  ;
1859  dto  (dto,
dann  Stempel)  .  .  1'319,151
1851  Fenstersteuer
(1’878,800  dann
Zölle)  2’679,864  i
1852  Zölle  95,928  '
1853  Zölle,  Accise,  Stempel, ­
  Taxen  .  .  .  3’24  7,474
1854  Zölle,  Taxen,  Stempel  1'284,1  (»7

1855  Zeitungsstempel
(250,900  .lé'),  Accise  312,960
1856  Accise  etc  2'203,475
1857  Einkommensteuer,
Zölle  10'753,582
1858  Einkommensteuer  .  2'100,000
1859  Nichts  —
1860  Zölle,  Accise,  Taxen  3'085,931

1861  Zölle  (279,558)  Accise
(Fapiersteuer
1'350,000),  Einkommensteuer ­
  (1'060,000)  2'689,558
1862  Zölle,Accise,  Stempel  353,671
1863  Zölle  (1'896,319),  Einkommen ­
  (2'750,000)  4'646,3I9

Erhöhungen  st
auf  Mehl  2,000

nichts  —
nichts  —
nichts  —
nichts  —
von  nichtbewohnten  Häusern  600,000

nichts  —
Stempel  (Erbschaftsahgabe
2  Mill.),  Einkommensteuer
(750,000,  Accise  .  .  .  3'356,383
Zölle  (440,643),  Accise  ^Malz
2'450,000,  Sprits  450,000.  ,
Einkommen  (6'614,000)  .  9'954,643
Zölle  (2'225,907),  Accise

(1  Mill.),  Einkommenst.
(2  Mill.)  5'225,907
nichts  —
Zölle  92
Accise  (289,000),  Stempel
(167,700)  etc  456,780
Einkommensteuer  .  .  .  4'340,000
Zölle  (577,904),  Accise
(880.000)  ,  Stempel
(163.000)  ,  EiiiKommensteuer
  (1'060,000)  .  .  .  2'680,994
Zölle,  Accise,  Stempel  .  .  80,000

Accise  252,500
Zölle,  Accise  30,811

Es  stellt  sich  somit  das  Verhältniss  folgendermassen

In  den  7  Jahren  friedlicher  Entwicklung  1846  bis
Ende  1852

abgeichafft
6'557,385
3'247,474
1'597,067
15'057,057

eingeführt
602,000
3'356,383
15'|80,550
4.56,872

Im  Steuerumgestaltungsjahre  1853
In  den  beiden  Kriegsjahren  1854  und  55  ....
In  den  drei  Friedensjahren  1856  bis  Ende  1858
In  den  beiden  Jahren  des  Hüstens  1859  und  60,  und
bei  der  letzten  Umgestaltung  des  Zollwesens  .  3'085,931
In  den  drei  Friedensjahren  1861  bis  Ende  1863  .  7'689¡548
Zusammen  (vor  den  letzten  Verminderungen)  ^  37'234,4(Í2
In  den  Zeiten  der  Kriegsrüstung  waren  somit  die  früheren  Abgabenverminderungen ­
  ziemlich  wieder  eingebüsst.  Indess  hat  sich,  abgesehen
von  der  Volkszahl,  der  Wohlstand  und  somit  die  Steuerkraft  der  Nation ­
  bedeutend  gehoben,  und  es  sind  besonders  die  für  die  Consumtion
hinderlichen  Auflagen  ansehnlich  vermindert.  Die  Erhöhungen  trafen
zunächst  directe  Steuern.

7'020,904
363,311
26'98(l,020
        <pb n="39" />
        GKOSSBllITANIEX.  —  Finanzen  (Schuld/.

17

ISachdem  im  J.  1S54  die  wirkliche  Einnahme  brutto  5S’903,495,
le  usgabe  nur  51’455,533  £  betragen  hatte,  änderte  der  Krimkrieg
as  ganze  \  erhältniss,  so  dass  sich  in  den  letzten  1  0  Jahren  folgende
Summen  ergaben  :  *

J  ahr  Einnahme
1^55  (12M  5,952
JS5()  TO’2«!2,SS2
1S57  72’7ST,9()5
1S5S  r.7’bSl,513
li»59  05’477,2b4

Ausgabe
()9’U12,7(;o
92’9b6,737
7&amp;lt;i’042,57ü
9S’12S,S5S
ü4’()(i3,S‘j2

Jahr
iShU
ISO]
isr.2
1503
1504

Einnahme
7],üS9,«i09
70’2S3,074
()9’074,479
70’(i()3,5&amp;lt;il
70’20S,9t)4

Ausgabe
09’5o2,2S9
72’792,059
7niO,4S5
(19’302,00S
07’050,2St&amp;gt;

o&amp;lt;00*),2Sb
ei^nn  r  Kechnunpschluss  schon  am  31.  März  erfolgt,  so  würde
eigentlich  immer  eher  das  Vorjahr  angegeben  sein  sollen.)
auf  7Srsor-°w  ^""«f  «ich  die  fundirte  Schuld
m
blos  mehr  von  dertañí  T  Manipulationen;  n.an  lieh  nicht
s  Zte%  ™^Ärs2h:dd"r.t^
%#*##
2
        <pb n="40" />
        18

GIIOSSBRITANIEN.  -  Finanzen  (Schuld).

zum  Pariser  Frieden  von  1703  war  die  Schuld  (grossentheils  in  Folge
der  Unterstützung  Friedrich’s  II.  im  siebenjährigen  Kriege)  bis  auf
138’865,430  JC  angewachsen.  Sie  verringerte  sich  nun  während  des
Friedens  um  10’281,794  und  betrug  beim  Ausbruche  des  amerik.  Unabhängigkeitskrieges, ­
  1774:  128’583,035.  Dieser  Krieg  veranlasste
neue  Anlehen  im  Betrage  von  121’2G7,993  beim  Friedensschlüsse,
1784,  hatte  die  Schuld  eine  Höhe  von  249’851,028  £.  —  Hierauf  wieder, ­
  bis  1793,  Verminderung  um  I0’5ül,480.
Während  der  französischen  Revolutions-  und  der  Napoleonischen
Kriege  folgten  Anlehen  auf  Anlehen.  Man  »amortisirte«  ununterbrochen,
d.  h.  man  kaufte  Papiere,  um  andere  zu  weit  wohlfeilerem  Course  zu
emittiren.  Man  bezahlte  nicht  nur  diesen  oder  jenen  Zins,  sondern
man  gab,  nach  Art  schlechter  Schuldner,  Verschreibungen  für  weit
grössere  Summen  als  man  ausbezahlt  erhielt.  So  wurden  z.  B.  1798,
um  17  Mill,  zu  erhalten,  für  34  Mill.  Stocks  ausgegeben;  1802  statt
28  für  49  Mill.,  1813  statt  27:  45,  1815  statt  30  :  00  Mill.  Nachdem
jetzigen  Course  der  Papiere  berechnet,  ward  die  Schuld  beiläufig  um
noch  einmal  so  viel  Capital  vermehrt  als  man  bezahlt  erhielt.  Man  gab
den  Noten  der  englischen  Bank,  welche  der  Staatscasse  aushelfen  musste,
Zwangscurs.  Damit  bekam  man,  wie  gewöhnlich  in  solchen  Fällen,
eine  unsichere  Valuta.  1805  verlor  das  Papier  gegen  Metallgeld  nur
2%  Proc.,  1809  16%,  in  den  nächsten  Jahren  9,  dann  24'%  und  38%;
1814  sogar  41,  1815  noch  30,  in  den  letzten  vier  Jahren  vor  Wiederherstellung ­
  der  Metallwährung  19,  2’%,  5  und  0  Proc.  —  Die  gesammte
  Schuld  Vermehrung  während  dieses  Krieges  betrug,  nach  Abzug
der  amortisirten  Summen,  nicht  weniger  als  001’500,313  U  (also  über
4,000  Mill.  Thlr.),  mit  22’829,690  C  Jahreszinsen.  Der  Stand  der  ganzen ­
  fundirten  Staatsschuld  ward  für  den  5.  Jan.  1817  zu  840’850,49  1  JC
berechnet,  zu  deren  Verzinsung  32’038,19  I  £  erforderlich  waren.  Daneben ­
  betrug  die  schwebende  Schuld  im  Jahre  1815  58  Mill.
England  ist  die  einzige  europäische  ürossmacht,  welche  ihre  Staatsschuld ­
  in  der  langen  Friedensperiode  nach  1815,  wenn  auch  nur  in
mässigem  Verhältnisse,  zu  verringern  wusste.  Im  Jan.  1830  warder
Stand  derselben  auf  787’038,810  und  der  Zinsbedarf  auf  29  14  3,5  17  £
herabgebracht.  I.ange  Zeit  kamen  nur  zwei,  beides  höchst  ehrenvolle,
Fälle  einer  Vermehrung  vor:  1835  wurden  20  Mill,  geliehen  um  die
Negersclaven  in  den  Colonien  von  ihren  Eigenthümern  loszukaufen,  und
1847  10  Mill,  zur  Bekämpfung  der  Hungersnoth  in  Irland.  —  Neben
der  Tilgung  wusste  man  die  Last  der  Zinsen  um  %  zu  vermindern,  indem ­
  man  1822  die  5procentigen  Schuldscheine  in  4procentige  umwandelte ­
  (convertirte);  1830  diese  auf  3%procentige,  und  1844  auch  die
letzten  auf  3procentige  herabsetzte.  (Den  Gläubigern  bot  man  baare
Rückzahlung  des  Capitals  oder  geringere  Verzinsung.)
Der  Orientalische  Krieg  von  1854—50  nöthigte  zu  neuen  Anlehen,
obwol  man  (im  Gegensätze  zu  Frankreich)  den  Bedarf  möglichst  durch
Auflagen  zu  decken  suchte.  Die  Schuldvermehrung  stieg  gleichwol  auf
41  Mill.,  nemlich  20  Mill,  consolidirte  Schuld,  7  Mill.  Schatzobligationen, ­
  und  8  Mill.  Schatzscheine,  wozu  eine  bedeutende  Menge  Leibrenten
        <pb n="41" />
        GliüSSBKlTAXlEN.  —  Finanzen  Schuld).

19

ommt.  (Line  andere  Berechnung  entziffert  nach  den  stattgehabten  Abtragungen ­
  noch  3()’tí45/JS7  X,  Schulbvermehrung.)  —  Während  aber
le  Kriege  von  17i)2—1815  die  Staatsschuld  um  mehr  als  600  Mill,
fipita  ,  mit  einer  jährlichen  Zinslast  von  20  (zeitweise  30)  Mill,  vergrösserte,
  sollen  die  41  Mill.  Schulden  vom  Orientkriege  nach  16  Jahren
vollständig  getilgt  sein.
Die  Grösse  der  Staatsschuld  und  die  nöthige  Zins-  und  Tilgungssumme ­
  war  :
Fundirte  Schuld  Nichtfundirte  Geiammtschuld

■1H46  (31.
IMS
1S52
1K53
1555
1556
1557
]  S5S
IHM)
lSGO

Dec.)

TG4’r.0S,2f»4
TT4’022,ti3S
7ül’022,704
75.5’311,701
700’77s,500
770’U31,0SS
77'.)’0õ5,30í&amp;gt;
77S’Ó01,7M
7S0’210,230
785’204,041
Fundirte  Schuld
7S4’252,33S
7S3’300,730
777’420,224

IS’310,700
17’7S0,700
17’742,500
10’024,100
20’500,0oo
2S’050,700
25*027,300
25’&amp;lt;S3,700
10*230,000
10*183,100
Annuitäten
(capitaliiirt
10*010,052
17*757,183

782*018,‘JM
701*800,338
770*305,204
771*335,801
703*375,100
M»7*OK1,7ss
*'05*2s2,000
‘'04*445,4^3
802*440,230
801*477,741
Nichtfundirte
10*517,000
10*405,400
13*130,000

Jährl.  Zini-  n.
Tilgungsbedarf
28*077,OS7
2s*503,417
27*034,533
27*80,,M4
27*047,‘*00
28*050,503
30*083,384
2‘'*751,470
28*372,410
20’s33,470
Gesammtschuld
817*3‘'0,200
817*550,312

1802  (31.  März)
1803
1804
Obwol  der  Capitalbetrag  der  Schuld  ansehnlich  höher  ist  als  1853,
zeigt  sich  doch  der  Zinsbedarf  viel  geringer.
-PS  enorme  Höhe  der  Schuld  wurde  zum
1  heil  durch  die  Geldunterstützung  veranlasst,  welche  Grossbritanien  an-W
  1  gewahrte.  Nach  einer  Parlamentsurkunde  wurden  von  1792
18o3  an  Subsidien  und  vorgestreckten  Anlehen  bezahlt  an:

Russland
Kuss.-holländ.  Anlehc
Portugal  .
]  leutschland
Preussen  .
Spanien  .
Schweden
Oesterreich
Sicilien  .
Hannover  .  .
Kleinere  Staaten  .  .
Holland  Befestigungen)

^  0*013,434
4*130,830
0*533,355
7*030,000
5*000,885
5*248,773
4'S45,57I
4*211,111
2*734,415
2*480,1  (»7
1*733,528
1*520,705

Hessen-Cassel
Deutsche  Fürsten  .
Sardinien....
Griechisches  Anlehen
Bayern  ....
Hessen-]  larmstadt
Prinz  V.  Uranien  .
Frankreich
Braunschwei
1  läneinark
Baden.  .
Marocco

£  1*271,107
700.000
502.000
503,002
501.017
203,581
220.000
200,000
125,080
121.017
20,000
10,371

bezahlte215,1  26  .B  betragenden  Summen  sind  als  »zurückiTehenen
  2-&amp;gt;0  »Z  T:.-""'"""  dem  dem  Prinzen  v.  Omnien  ge-2(M(
  OlMI  ioi  '  d*®  1815  dem  Könige  von  Frankreich  geliehenen
        <pb n="42" />
        20

GllOSSBKITAXIEX.  —  Militär  (Landmacht,,.

Vorschüsse  etc.  für  Baden,  Darmstadt  und  Braunschweig  datiren  noch
aus  den  letzen  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts.  —  Im  Allgemeinen
sollen  die  von  England  gezahlten  Subsidien  in  den  franz.  Kriegen  pr.
Soldat  und  pr.  Jahr  11  €  2  Shill,  betragen  haben.  Schon  anfangs  des
J.  1&amp;amp;G2  waren  diq  Zahlungen  für  Verzinsung  der  für  Griechenland  verbürgten ­
  Anleihe  auf  8-17,545  £  gestiegen.

Landmacht.  Formation.  Das  Heer  wird  nur  durch  Werbung
17—25jübriger  Freiwilliger  gebildet.  Die  Capitulationszeit  ist  gewöhnlich ­
  bei  der  Infanterie  7  oder  1  0,  bei  der  Cavallerie  und  Artillerie  12
Jahre.  Das  Handgeld  wechselt,  je  nach  dem  Mannschaftsbedarfe.  Der
englische  Soldat  ist  der  bestbezahlte  und  in  der  Hegel  bestgenährte  in
Europa.  Dessen  ungeachtet  wird  der  Dienst  zu  I.ande  weit  geringer
geachtet  als  der  zur  See.  Die  Löhnung  betrügt  1  Shill,  und  1  Den.
täglich  (etwa  11  Sgr.)  bei  der  Infanterie,  I  Shill.  4  Den.  bei  der  Artillerie ­
  ;  dazu  gewähren  Wohnung,  Kleidung  und  I,ebcnsmittel  einen  Vortheil ­
  von  wenigstens  1  Shill.  —  Die  Officiersstcllen,  vom  Obristlieutenant ­
  abwärts,  sind  käu  fl  ich  ;  selbst  die  traurigen  Resultate  des
Krimfeldzugs  konnten  eine  Aenderung  nicht  erwirken.  Niehtkäuflich
sind  die  Stellen  im  Feldzeugamte  (d.  h.  in  der  Artillerie  und  im  Genie)
und  die  durch  Tod  oder  Versetzung  vacant  gewordenen;  auch  findet  in
der  Marine  kein  Verkauf  statt.  (Freis  einer  übristlieut.-Stelle  bei  der
Fussgardo  7250  £,  bei  der  Linieninf.  4500,  der  Stelle  eines  Cornets  bei
der  Garde  1200,  eines  Fähnrichs  bei  der  Linieninf.  4  50  £.  Der  Gesammtwerth
  aller  verkauften  Officierspatente  wird  zu  8’OOS,  535  C  angegeben.) ­
  Der  Erlös  aus  dem  Verkaufe  von  Officierspatenten  war:
1844  1845  1853  1854
:i  41S,s&amp;lt;)5  520,000  024,‘^40  5:(l,:m
Eine  \erfügung  vom  November  1850  schafi’te  die  körperlichen  Züchtigungen ­
  der  Soldaten  (mit  »der  Oschwänzigen  Katze«  ab,  vorbehaltlich
gewisser  Ausnahmcfälle.  Das  Avancement  war  ihnen  bis  zum  Krim-Feldzuge
  beinah  unbedingt  abgeschnitten  und  ist  auch  jetzt  nur  ausnahmsweise ­
  ermöglicht.  Die  Zahl  der  zu  üfficieren  beförderten  Unterofficiere
  betrug  in  den  fünf  Friedensjahren  1840—  1853  zusammen  nur
104,  dagegen  in  den  zwei  Kriegsjahren  1  854  und  1855  231.  —  Desertionen ­
  kamen  im  J.  1857  1888  vor.  Die  Mannschaft  erprobte  sich  stets
als  brav  und  unerschütterlich  im  Kampfe,  ist  indess  schwer  beweglich  ;
das  Officiercorps  aber  umfasst  viele  gering  befähigte  Adelige.  —  Die
ganze  Existenz  des  stehenden  Heeres  hängt  übrigens  von  den  alljährlichen ­
  Beschlüssen  des  Parlaments  ab;  nur  immer  auf  ein  Jahr  erfolgt
die  Genehmigung  der  sog.  Mutiny-Bill.  —  Organisation:
A.  Infanterie:  3  Keg.  Grenadiergarde'Grenadicr-Guards,  Coldsteam,
  Scots  Fusileers,  zusammen  ange  bl.  1  3,000  M.)  ;  1  00  Linienregimenter ­
  V.  1000—1400;  die  meisten  blos  von  einem  Bataillon.  Die
ersten  25  sind  sog.  Doppelregimenter,  neml.  mit  doppelter  Zahl;  ferner
hat  das  üO.  Regiment  (Büchsenschützen)  4  Bataill.  und  zählt  fast  5000  M.
        <pb n="43" />
        GKOSSBRIïANIEN.  —  Militar  Landmacht).

21

T)as  1  OOste  Reg.  besteht  aus  Canadiern.  —  Sodann  1  Scharfschützenbrigade ­
  (Riflemen)  von  4  Bataill.  und  etwa  2000  M.

B.  Cavalierie  :  2  Reg.  Leibgarde,  1  Reg.  Reitergarde  (»die
Blauen«),  7  Reg.  Dragonergarden  Dragoon-Guards)  ;  —  sodann  IS  gewöhnl.
  Reiter-Regimenter,  worunter  schwere  und  leichte  Dragoner,  Husaren ­
  und  Lanciers.  Die  Regimenter  meistens  mit  %  —  4  Schwadronen
oder  6  S  Compagnien,  und  300  —  700  M.  Die  Reiterei  ist  verhältnissmässig
  sehr  zahlreich,  und  beträgt  etwa  Vs  des  Heeres.
C.  Artillerie  {Ordnance),  in  Grossbritanien  ganz  getrennt  verw
  altet  von  der  gesammtcn  übrigen  Armee,  eingetheilt  in  2  Reg.  reitende
und  2  Fuss-Artill.  ;  2  Reg.  Ingenieurs,  2  Reg.  Train.  (Nach  anderer
Angabe;  10  reitende,  50  Feld-  und  72  Küstenbatterien.)

D.  Colonialtruppen:  9  Corps,  meistens  Eingeborene  der  betr.
(’olonien  und  von  denselben  unterhalten,  nemlich  :  4  Negerregimenter  in
Westindien,  1  Reg.  Ceylonjäger  (Riflemen)  ,  1  Reg.  Canadische  Jäger,
1  Reg.  auf  St.  Helena  (Freiwillige  aus  engl.  Regimentern),  1  Reg  Fencibles
  auf  Malta;  Corps  berittener  Jäger  auf  dem  Cap  (zum  Theil  Hottentotten) ­
  ;  1  Compagnie  New-Foundland-Veteranen  ;  Artill.  auf  der
Goldküste,  Veteranen  auf  d.  Falklandsins..—  zusammen  etwa  8000  M.
E.  Heer  in  Ostindien.  Im  J.  1858  befanden  sich  daselbst
i)8  europäische  Infanterie-  und  11  Cavallerie-Regim.,  sammt  Artillerie.
Dazu  die  einheimischen  Truppen,  in  der  Regel  auf  3  Jahre  geworben
und  von  englischen  und  eingeborenen  Offleieren  befehligt,  welche  letzten
jedoch  nicht  über  den  Hauptmannsrang  steigen  können  und  selbst  in
diesem  Grade  den  Lieutenants  aus  Europa  untergeordnet  sind.  Die
Zahl  der  eingebornen  Soldaten  betrug  vor  dem  grossen  Aufstande  über
00,000  in  155  Infant.-  und  21  Cavallerie  -  Regimentern,  ausserdem
48,000  Mannirreguläre.  —  1804  ist  die  Stärke  72,084  Europäer  (53,000
Cav.,  14,000  Art.)  und  111,112  M.  Eingeborene  (letzte  in
lob  Reg.).  —  Die  unterworfenen  Fürsten  in  Ostindien  sind  zur  Stellung
\on  etwa  40,0(10  Mann  Hülfstruppen  verpflichtet.
,  ^  '  Yeomanry,  berittene  Gutsbesitzer,  etwa  14,000.  Die  jährl.
ebungen  dauern  lo  —  14  Tage.  Jedes  Mitglied  erhält  jährl.  3  X,  für
niform  u.  Sold  während  der  Debung,  und  ist  von  der  Pferdesteuer  frei.
P  .  ])iGselbe  wird  in  Kriegszeiten  aufgeboten.  Sie  besteht
aus  reiwilligen,  kann  aber  durch  Conscription  ergänzt  werden.  Wähvlr
  .7®,  wollte  man  sie  auf  120,000  Mann  bringen,  doch
ge  IC  .  Indess  erhält  man  die  Einrichtung  fort,  und  besitzt  114,000
Mann  in  15o  Reg.  auf  dem  Papiere.
.  (Volunteers).  Im  J.  1859  begann  man  die  Bil-^
  ^  ^  ^^  Y  KG  nc  orp  s.  Die  Staatscasse  übernahm  einen
1  heil  der  Kosten.  Die  Einrichtung  nahm  einen  raschen  Aufschwung  in
England  und  Schottland  (in  Irland  bestehen  sie  nicht)  ;  jeder  grössere  Ort
hat  seine  hreiwiUigen.

Die  Gesammtstärke  der  engl.  Militärmacht  beträgt  nach  den
Budgetetats  für  1  8®*/e5  :
        <pb n="44" />
        22

GKOSSBRITANIEX.  —  Militär  (Landmacht).

Infanterie:  13,000  Garden  ,  135,000  Linie  =  Ns,000
Cavallerie  :  1300  Elite,  10,000  Linie  =  17,300
Artillerie:  2s,000  zu  Eu.ss,  5000  zu  Pferd,  4700  Genie  =  .  .  37,700
Train:  3500,  Commissariat  4.500,  Colonialtruppen  SOOO  =  10,000
Gesammtsumme  210,000

(Hievon  13(5,307  in  Europa  und  den  gewöhnl.  Colonien,  72.6S4  in
Indien,  0347  in  den  europ.  Depot.s  der  indischen  Armee.)

Festungen.  Portsmouth,  Plymouth,Falmouth,  Yarmouth,  Southampton. ­
  Castelle  zu  Dover,  Dumbarton  und  Edinburgh:  im  Mittelmeere; ­
  Gibraltar,  Malta;  in  der  Nordsee  Helgoland.  In  der  Neuzeit
viele  Verbesserungen  der  Küstenbefestigung  mit  grossem  Kostenaufwande.
Kriegsgeschichtliche  Notizen.  Der  englische  Armeestand
betrug  1715  etwas  mehr  als  1  0,000  M.,  etwa  550,000  .£  kostend;  es  befanden ­
  sich  aber  blos  0000  M.  in  der  Heimath.  history  of  Engl.)
—  Der  siebenjährige,  der  nordamerikanische  und  die  spätem  Kriege  bedingten ­
  die  Vermehrung  des  Heeres.
Beim  Beginne  des  grossen  Krieges,  1702,  hatte  man  (50—70,000  M.  ;
20,000  davon  wurden  nach  den  Niederlanden  gesendet.  1  704  erfolgte
eine  Vermehrung  um  30,000,  1S07  war  der  Gesammtstand  182,87(5,
wovon  (50,000  für  auswärtige  Expeditionen  verfügbar.  —  1811  stellte
das  damals  gering  bevölkerte  Land:

140.000  Matrosen  und  Seeleute,
237.000  M.  Linientruppen,
83,000  -  regelmä.ssige  Miliz,

288.000  M.  Gemeindemiliz,
(55,000  -  Reiter  von  der  Yeomanry.
813.000  Krieger  zu  ],and  u.  zur  See.

1S33  war  der  Effectivstand  des  Heeres  (ohne  die  ostindischen  Truppen) ­
  1  10,700,  1834  88,050  M.  Im  Krimfeldzug  erfolgte  die  Entwickelung ­
  langsam.  IS®*51  hatte  das  Heer  102,283  M.,  ohne  die  europ.
Truppen  in  Indien,  18®%,  112,077,  lS®®/ß«  178,615.  Nach  dem  ersten
Budgetentwurfe  für  18®%y  sollte  die  Landmacht  auf  24(5,7  1  (5  M.  gebracht
werden,  die  Beendigung  des  Krieges  führte  jedoch  zu  einer  Reduktion.
Eine  Notiz  von  1856  berechnete  die  Kriegsmacht  :
Stehendes  Heer  (mit  den  kön.  Truppen  in  Indien)  275,000  Mann
Einberufene  Miliz  127,000
Freiwillige  14,500
Indische  Armee  25o,ooo
Zusammen  gegen  (570,000  Mann.

Nach  amtlichen  Berichten  wurden  in  dem  22jährigen  Kriege  gegen
Frankreich  10,70(5  Mann  getödtet  (jährlich  im  Durchschnitte  800,  wovon ­
  10(5  auf  der  Flotte)  und  70,700  verwundet  (jährlich  3623,  davon
4  72  auf  der  Flotte).  Die  Zahl  der  »Vermissten«  ist  nicht  angegeben.
Der  britische  Verlust  in  den  blutigsten  Schlachten  war:

Lajidschlachten  Todte  Verwundete  I
Waterloo  .  1171  5802
Salamanca  .  388  2714
Vittoria  .  .  501  2807
Talayera  .  .  670  340(5

Seeschlachten  Todte  Verwundete
Trafalgar  .  440  1214
Nil  ...  218  (577
Copenhagen.  254  (580

Furchtbarer  als  die  feindlichen  Waffen  wüthen  Strapazen,  Mangel
und  Entbehrungen.  So  starben  in  den  41  Monaten  des  spanischen  Krieges ­
  24,930  Soldaten  an  Krankheiten,  nur  8999  an  Wunden.  —  Noch
        <pb n="45" />
        t

;GHÜSSB1UTAX1EN.  —  Militär  Seemacht).

23

schrecklicher  gestaltete  sich  das  Verhältniss  bei  der  Expedition  nach
AValchern  (ISO*.)).  Bei  einem  EfFectivstande  von  39,21t)  M.  fielen  durch
feindliche  Waffen  blos  217  ,  dagegen  starben  an  Krankheiten  (vom  28.
Aug.  bis  23.  Dec.)  417.");  die  Zahl  der  Erkrankten  war  26,846.  —
Besonders  entsetzlich  waren  auch  die  Resultate  des  Krimfeldzugs.  Blutige ­
  Kämpfe,  ungewohntes  Klima  und  schlechte  Verpflegung  wirkten
längere  Zeit  zusammen,  die  Armee  zu  Grunde  zu  richten.  So  waren
einmal  vom  bes.  schwer  heimgesuchten  63.  Regiment,  das  1200  Mann
stark  ausgezogen  war  und  300  Mann  Verstärkung  erhalten  hatte,  nur  noch
30  unter  den  Waffen.  Im  Febr.  1855  starben  überhaupt:  vor  dem  Feinde
6,  an  Krankheiten  im  Lager  1407,  in  den  Spitälern  am  Bosporus  660.
In  der  holge  ward  für  Ver%)fiegung  ausgezeichnet  gesorgt,  so  dass  der
Zustand  der  Briten  sogar  besser  als  der  der  Franzosen  wurde  und  weniger ­
  Leute  im  Felde  starben,  als  sonst  in  den  Kasernen  der  Garde  zu
London.  (Bekannt  sind  die  Verdienste  der  Miss  Nightingale.)  —  Das
englische  Expeditionscorps  nach  dem  Orient  zählte  ursprünglich  55,530
M.,  mit  den  27,321  bis  zum  9.  Sept.  1855  Nachgesendeten  82,901.
Bis  zum  bezeichnetcn  Tage  war  der  Effectivstand  auf  50,271  herabgekommen. ­
  Gefallen  oder  an  Krankheiten  gestorben  waren  21,082;  Invaliden ­
  geworden  11,374  M.  —  (Ausserdem  kamen  auf  der  Flotte  der
Ostsee  und  des  schwarzen  Meeres,  bei  einem  Bestände  von  etwa  37,000
Mann,  ungerechnet  die  Nachsendungen,  in  den  beiden  Jahren  1854  und
1855  2029  Todesfälle  vor,  wovon  blos  227  in  Folge  vom  Feinde  erhaltener ­
  Munden,  dann  228  durch  zufällige  Verletzungen  und  Selbstmord,
hingegen  1547  durch  Krankheiten.)
Nach  einigen  Mittheilungen  des  Obercommandanten  an  den  Registrar
General  (abgedruckt  im  22.  Report  desselben)  betrug  die  Zahl  der  Todesfälle ­
  bei  den  ausserhalb  Grossbritaniens  und  Irlands  befindlichen
Truppen  :

1854  1855  1856  1857  1858  1859
,,  7,383  20,315  2,580  3,220  7,363  4,150
Iruppenzahl  auswärts  101,064  77,676  111,730  123,700
Natürlich  sind  Diejenigen  nicht  eingerechnet,  welche  verwundet  oder  krank
nach  der  lleimath  gelangten  und  in  Folge  davon  daselbst  starben.
ln  Ostindien  unterlagen  dem  Clima  seit  Anfang  des  jetzigen  Jahrunderts
  jedenfalls  über  150,000  Soldaten.  Selbst  vom  blos  finanziellen
Standpunkte  betrachtet,  ist  dies  ein  ungeheurer  Verlust;  jeder  Mann
kostet  bis  zur  Landung  in  Indien  ungefähr  100  .t.
Seemacht.  Bei  der  Wichtigkeit  der  britischen  Kriegsmarine  lassen
wir  eine  uns  von  competenter  Seite  in  London  zugekommene  Liste  vom
Aug.  1864  vollständig  folgen:

Panz„,ohitte,  ''  lÄf"”
Black  1  rince  41  6100  1250
40
38  6621
38

Warrior
Agincourt
Minotaur
Northumberland
Lord  Clyde
Lord  Warden

4067

Kosten
330,114  £
jetzt  unbrauchbar  erklärt,
1350  im  Bau
im  Bau  352,075
im  Bau
1000
        <pb n="46" />
        24

GKOSSBRITAXIEN.  —  Militär  (Seemacht).

Panzerschiffe  :
Caledonia
Ocean
Prince  Consort
R.  Alfred
R.  Oak
Hector
Valiant
Achilles
Zealous
Defense
Resistance
Cupolaschiffe:
Rellerophon
R  Sovereign
Prince  Albert
Scorpion  *)
Wyvern  *)
C  orvetten:
Favorite
Pallas
Sloops:
Research
Enterprise

Kan.
35

34
30
20
10
10
12
5
5
4
4
8
0
4
4

Tons
4125
4047
4045
4050
4080
4003
0121
3710
3720
3710
4240
3003
2520

2180
2372
1253
033

Pferdekr.
1000

800  im  Bail

1250
800
000
000
1000
800
500  im  Bau

400  im  Bau
000  im  Bau
200
100

Kosten

211,078
215,308
250,300
381,025

Eisengepanzerte  schwimmende  Batterien:

63,773
59,079

Erebus
Terror
Thunderbolt
Aetna
Glutton
Thunder
Trusty

10  Kan.
10
10
10
14
14
14

1954
1971
1973
1588
1535
1409
1539

Tons

200  Pferdekr.
200
200
200
150
150
150

II.  Gewühiilirbe  SchraiibenschifTe.

Linienschiffe:
5  von  107—121  Kan.

14  -
28  -
22  -
Fregatten
21  von
14  -
Corvetten
22  von
b  -
Sloops  :
15  -
12  -
10  -

80—97
70—79
31—08
39—40
35—30
23—30
20—22
13.—17
17
11—13
4—  9

503  Kan.
1254  -
2129  -
1347  -
827
493
181
405
88
255
135
70

3,100  Pferdekr.
9,900
13,050
12,400

(3  im  Bau)

12,000
7.000
4,100
7,750
1,552
2,300
1.000
1,840

(2  im  Bau)
(3  im  Bau)

(2  im  Bau)

Mörser-Schiffe  'Mortar  ships)  :
4  von  12  Kan.  48  Kan.  850  Pferdekr.
Gun-vessels  :
21  zu  5  u.  0  Kan.  HO  Kan.  2,700  Pferdekr.  (1  im  Bau)
24  -  4  -  90  -  3,840  -  (4  im  Bau)
3  -  1  -  3  -  240  -
Kanonenboote:
129  -  2  -  258  -  7,000  -  (6  im  Bau)
9  _  1  -  9  -  520

(3  im  Bau)

*)  Sind  die  2  Schiffe  El  Toussain  und  Monassir,  ursprüngl.  für  die  Conföderirten
  gebaut  und  von  der  brit.  Regierung  angekauft.
        <pb n="47" />
        GROSSBRITANIEX.  —  Militär  (Seemacht).

25

0  Kan.  12S  Pferdekr.

SO

20

-  2,250

Yachten:
1  (nicht  bew.)
Tenders  etc.  :
2  "nicht  bew.)  0
Schleppschiffe  tugs':
1  nicht  bew.)  0
Transportschiffe:
5  zu  4—6  Kan.  20
Store-ships  Hafen-od.  Depòtsch.)
0  zu  0—4  Kan.  12  Kan.  2,S50
Truppenschiffe:
4  zu  2  Kan.  S  Kan.  1,500  -  '
Schwimmende  Werkstätte:
1  (nicht  bewaffnet,  0  Kan.  70
III.  Rad  -  Uampfer.
9  Fregatten  16—28  Kan.  165  Kan.  4,730  Pferdekr.

27  Sloops  zu  6  -  162
3  -  -  3  —  9
15  vessels  -  4—  6  -  30
26  —  —  1—  3  —  5  &amp;lt;
2  Avisos,  unbewaffn.  __  0
17  Tenders,  etc.  0
2  Yachten  zu  2  -  4
3  -  unbew.  0
9  Schleppschiffe  (tugs)  0
1  schwimmende  Werkstätte  0

15  Schiffe  von
23
15
28
8  -  -
9  -  -

IV.  Sffflscfciffe.
72—104  Kan.
40—  50  —
20—27
12—18  -
8—10  -
2—6

9,840
750
1,152
4,474
500
1,858
1,030
460
830
140
966  Kan.
1,006  -
370  -
402  -
156  -
42  -

3  V\'achtschiffe
1  Kaserne
2  Schiffe  f.  Schiessübungen
9  Yachten
1  Hospitalschiff
3  Lager-  (Store-)  Schiffe
1  Entdeckungsschiff
1  Sloop
Zusammenstellung:
•  Panzerschifle  27  mit
Gep.  schwimmende  Batterien  7  -
Schraubendampfer  ....  386  -
Itaddampfer  104  -
Segelschiffe  119  -

unbewaffnet.

644  Kan.
106  -
8,377  -
427  -
2,942  -

In  Allem  743  mit  12,496  Kan.

*)  Hic  alte  Classifikation  der  Kriegschiffe  gibt  keine  richtige  Darstellung ­
  mehr  von  der  Stärke  oder  Schwäche  einer  Seemacht.  Man  kann  die  offensiye
  Macht  eines  Fahrzeugs  nicht  mehr  nach  der  Zahl  seiner  Kanonen  bemessen.
Ein  Schiff  »erster  Klasse«  nach  der  alten  Schule,  mit  seinen  drei  Geschützreihen
und  130  Kanonen,  kann  in  10  Minuten  vom  Wasserspiegel  weggefegt  werden
durch  ein  Schiff  von  4  Kanonen  wie  der  »Prinz  Albert«,  oder  von  6  Geschützen
wie  die  »Pallas«.  Ein  solches  halbes  Dutzend  Feuerschlünde  schleudert  eine
grössere  Metallmasse  fort,  als  die  Broadside  des  grössten  Dreideckers.  Praktisch ­
  hielt  man  den  »Warrior«,  obgleich  bloss  Fregatte  genannt  und  nur  40  Kanonen ­
  führend,  für  den  Repräsentanten  »erster  Classe«  nach  dem  neuen  Systeme, ­
  bis  auch  er  für  ganz  unbrauchbar  erkannt  wurde  !
        <pb n="48" />
        26  GllOSSBlUTANIEN.  —  Militär  (Seemacht).
Die  Zahl  der  verwendeten  Seeleute  ward  im  Budget  für  1864^05  zu  "2,000  M.
bestimmt.
Die  Grundlage  der  englischen  Ueberlegenheit  zur  See  beruht  in  der
Mannschaft  der  Handelsmarine.  Die  Kauffahrteiflotte  betrug  1S63  an
registrirten  Fahrzeugen  ;
in  Grossbritanien  in  Frankreich
Segelschiffe  .  20,309  von  4’T33,212  Tons  14,845
Dampfer  .  .  2,298  -  594,861  -  330
Dabei  besass  Britanien  eine  Ueberlegenheit  in  der  Grösse  der  Schiffe
(763  Segler  und  119  Dampfer  von  mehr  als  SOO  Tonnen,  während  Frankreich ­
  an  beiden  zusammen  nur  30  hatte).  Die  Zahl  der  aufgezeichneten
(registrirten)  Seeleute  war  1858  in  Frankreich  90,217,  in  Grossbritanien
227,41  1  (nach  einer  andern  Angabe  sogar  254,135,  und  mit  Einrechnung ­
  der  vorhandenen  Kriegsmarine  322,835).  Dagegen  konnte  die  französische ­
  Regierung  bisher  vermittelst  der  Seeconscription  beliebig
Mannschaft  auswählen,  während  man  dieselbe  in  England  durch  M  erbung
  (noch  in  dem  alt-napoleonischen  Kriege  selbst  durch  das  Matrosen-Fressen)
  zu  erlangen  suchen  muss.  Sodann  nöthigt  die  Ausdehnung
der  britischen  Colonien  zu  einer  Zersplitterung  der  Seemacht,  so  dass
Frankreich  eine  ansehnliche  Schiffszahl  verhältnissmässig  leichter  \  ereinigen
  und  damit  vielleicht  einige  Schläge  ausftthren  könnte.
Bei  einer  Vergleichung  der  jetzigen  Stärke  der  britischen  Marine  mit
jener  zur  Zeit  des  ersten  Napoleon  darf  man  sich  nicht  auf  Gegenüberstellung ­
  der  Schiffszahl  beschränken.  1809,  in  welchem  Jahre  die  Kriegsmarine ­
  am  grössten  war,  zählte  dieselbe  981  Kreuzer  und  77  Transportund
  Hafenfahrzeuge,  mit  1  10,000  Seeleuten.  Heute  ist  die  Menge  der
Schiffe  geringer,  allein  eine  moderne  Fregatte  zweiter  Classe  ist  einem
frühem  Dreidecker  weit  überlegen.  Die  alten  Fahrzeuge  von  7  1  Kanonen,
woraus  der  grösste  Theil  der  damaligen  Linienschiffe  gebildet  war,
stehen  den  jetzigen  Fregatten  von  32  Kanonen  an  Umfang  und  Metallgewicht ­
  entschieden  nach.  Im  Durchschnitte  schoss  jede  Kanone  damals
lOVs  Pfd..  schon  1859  war  der  Durchschnitt  38.  (Die  »Ariadne«,  eine
Fregatte  dritter  Classe  oder  Corvette,  hat  300  Tonnen  mehr  Tragfähigkeit, ­
  als  Nelson’s  Admiralschiff  »Victory«;  sie  besitzt  nur  26  Kanonen,
indess  sind  dies  68-  und  94Pfünder.)  Zu  Ende  des  grossen  Krieges  hatten ­
  die  colossalsten  Schiffe  1000  Tons,  sie  schleuderten  beim  Abfeuern
300—400  Pfund  Metall  gegen  den  Feind  und  kosteten  36,000  C.  Jetzt
ist  das  Verhältniss  :  6000  Tons,  1400  Pfd.  Metall  und  360,000  .1!  Kosten.
(Die  Kosten  eines  Kriegsschiffs  wurden  früher  zu  lOOO  £  auf  die  Kanone ­
  angenommen,  jetzt  gewöhnlich  4000  .t.)
Die  Stärke  der  Bemannung  war  nach  dem  älteren  Systeme  :
Linienschiff  von  110  Kan.  950  M.  Fregatte  von  50  Kan.  450  M.
_  -  SO  -  750  -  -  -  30  -  300  -
_  70  -  620  -
Die  liöhnung  betrug  im  Durchschnitte  (alle  Range  einbegriffen)  :
1852:  39  ^  14  sh.  8  den.
1858:  43  -  3  -
In  der  Schlacht  von  Trafalgar  (der  grössten  Seeschlacht)  hatten
die  Engländer  27  Schiffe  mit  2196  Kanonen.  Ihnen  standen  entgegen:
18  französische  mit  1352  und  Id  spanische  mit  1222,  also  33  Schiffe
        <pb n="49" />
        GllOSSlilllTAXIEN.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.  27

mit  2574  Feuerschlünden.  Xur  14  dieser  alliirten  Fahrzeuge  entkamen,
zum  Th  eil  als  blose  Wracks,  nach  Cadix.  —  Während  des  letzten  russischen ­
  Krieges  standen  am  1.  Jan,  1S5G  in  activem  Dienste  (m  comnusswn)
  :  325  Schiffe  mit  G231  Kanonen  und  03,335  Seeleuten.

Sociale,  (iewerbs-  iiiiil  llamielHvcrliältiiisHe.

Allgemeine  Bemerkungen.  Die  gesammte  Bevölkerung  ward  bei  Aufstellung ­
  des  Census  von  1851  und  1801  folgendermassen  classificirt  :

England

Schottland

(&amp;gt;.  Indefinite

l'ro  fesfiioTutl  class
Domestic
Commercial
Agricultural  -
Industrial

1851
376,434
1U'U10,:143
528,599
2’0'54,1.53
4'143,293
7s4,7S7

1861
481,957
11’426,720
623,710
2’(»10,454
4’82'5,399
694,984

1851
42,001
r731,279
74,756
388,203
543,662
108,841

1861
52,515
1’734,295
84,338
378,609
694,074
118,463

17’927,609  2o’o66,224  2’S88,742  3’062,294

Der  nach  andern  Xormen  abgefasste  Census  von  Irland  führt  auf:
Grundeigenthümer  [landed  proprietors)  8,412,  Landleute  [agriculturists)
909,030,  Handel-  und  Gewerbsleute  815,350,  gelehrte  Stände  [learned
professions)  11,095,  andere  »liberale  Stände«  [other  liberal  professions)
1000;  mit  Unterricht  besehäftigt  19,310,  im  Civildienst  20,504,  Militärund
  Seedienst  30,328,  vermischte  Erwerbszweige  829,138,  ohne  bestimmte ­
  Bezeichnung  3  092,030,  zusammen  5  798,907.  —  Eine  zweite
Classification  lautet:  Beschäftigt  in  Gewerben  für  Xahrung  l’o53,031,
Kleidung  490,450,  Wohnung,  Möbelbereitung  und  Maschinerie  403,547,
für  Transport  und  Reisen  08,793,  Bank-  und  Agentschaftswesen  4,555,
Tdteratur  und  Erziehung  40,840,  Religion  1  0,025,  Wohlthätigkeit  982,
Gesundheit  0,733,  Reehtspfiege  und  Verwaltung  55,083,  Vergnügungen ­
  2,840,  Künste  und  Wissenschaften  757  unclassificirt  3’000,338.
Diese  säinmtlichen  Classificationen  sind  ziemlich  eigenthümlich.  Zur  Erläuterung ­
  derjenigen  ,  welche  England  betriflt,  bemerken  wir:  die  erste  Kategorie ­
  pro/cMioM«/c/iM«)  ist  amtlich  in  drei  Unterabtheilungen  zerlegt:  a.  Gouvernement, ­
  beginnend  mit  der  Königin  und  herabgehend  bis  zu  den  l’olizeidienern,
Briefträgern  und  Docksarbeitern.  Die  Zahl  der  Postangestellten  stieg  im  letzten ­
  Jahrzehnt  von  8,881  auf  14,131,  die  der  Polizeiagenten  von  16,392  auf
21,938,  und  jene  aller  Angestellten  (oder  Verwendeten  von  66,724  auf  87,356:  ;
—  b.  Militare  131,944  statt  voriger  85,818;  —  c.  Gelehrte  und  Künstler  262,663
s^att  204,093.  Dabei  sind  inbegriffen:  anglikanische  Geistliche  19,195  früher
17,.120,  protestantische  Pfarrer  7,840  fr.  6,405,  katholische  Priester  1,216  fr.
966;^—  ferner  3,071  Anwälte  [barristers,,  2,385  Aerzte,  110,364  I.ehrer  fr.  nur
94,878  einschliesslich  24,770  I.ehrerinen  und  Gouvernantinen,  3,395  Schriftsteller ­
  und  185  Schriftstellerinen;  —  endlich  15,021  Musiker  und  Musiklehrer
(18.)1  iiur  11,105),  2534  Photographen  (statt  45),  3329  Civilingenieure.
Die  zweite  Kategorie  [domestic  class'  begreift  6’705,805  Frauen  ohne  selbständige ­
  Beschäftigung,  3’150,048  Schulkinder  (1851  2'297,232\  962,786  Dienstmädchen ­
  etc.
In  die  dritte  [commercial,  Classe  gehören:  56,000  Handlungsgehilfen,
11,000  Handlungsreisende,  53,699  Eisenbahnbedienstete,  2,612  Angestellte  bei
Telegraphen  (darunter  213  weibliche  ,  27,759  Laufburschen  unter  15  Jahren.
Die  vierte,  von  dem  Ackerbau  lebende  Classe  umfasst  1’631,652  männliche
und  378,802  weibliche  Personen.  Die  Zahl  hat  gegen  1851  um  nahezu  74,000
        <pb n="50" />
        28  GROSSBIUTANIEN.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Hanclelsverhältnisse.
abgenommen  ;  namentlich  verringerte  sich  die  Zahl  der  Dienstknechte  von
288,272  auf  204,'.&amp;gt;02,  während  die  der  laglöhner  wie  der  harmer  sich  ungefähr
gleich  Wiebdu^tri^jiien  Classe  gehören  3’202,510  männl.  und  1'505,8Y&amp;gt;  Avcibl.
317,832  (statt  254,150).
In  allen  Zweigen  der  Industrie  waltet  der  Grundsatz  der  freien
Thäti^keit.  Daher  volle  Ge  werbsfre  i  heit  jedoch  Beschränkung  des
Wirthschaftsbetriebs  aus  »Sittlichkeitsrücksichten«).  Im  \ölkerverkehre
wird  der  Freihandel  erstrebt.  Man  hat  noch  sehr  hohe  Finanz  Zölle
auf  wenige  (zunächst  im  Inlande  nicht  producirte)  Artikel,  aber  keine
eigentlichen  »Schutzzölle«  mehr.  Hinsichtlich  des  Ackerbaues  besteht
—  ein  nach  wirkender  Fluch  der  Eroberung  des  Landes  durch  die
Xormanen  —  in  grosser  Ausdehnung  Gebundenheit  der  Güter  durch
das  Majoratswesen.  Der  Ackerbau  ist  blühend  ,  sein  Ergebniss  jedoch
bei  weitem  nicht  so  glänzend  wie  das  der  Industrie.  Grossbritanien  bedarf ­
  jedes  Jahr  einer  Ungeheuern  Getreidezufuhr.  Die  Gesammtsumme
der  importirten  Quantitäten  betrug,  mit  Einrechnung  des  Mehles,  das
letzte  auf  die  entsprechende  Getreidequantität  reducirt  :

Jahr  Quarters  Weizenpreis
1K43  l'433,''0l  sh.  50  1  ''
1840  4’752,174  -  54  8
1K47  11’012,804  -  00  0
1848  7’52S,472  -  50  0
1851  O’ö  18,020  -  38  0
1852  7’740,0e0  -  40  0
1853  10’173,135  -  53  3
1854  7’000,544  -  72  5
1855  0’278,813  -  74  8

Jahr  Quarters  Weizenpreis
1850  0’330,425  sh.  00  2  d.
1857  0’100,IM)  -  50  4
18.58  11’203,705  -  44  2
1850  10’270,774  -  43  0
1800  14*404,070  -  53  3
1801  10’004,014  -  55  4
1802  18’441,701  -  55  5
1803  15*353,352  -  44  0

Nicht  ganz  die  Hälfte  besteht  aus  Weizen.  —  Man  kann  sonach
annehmen,  dass  Grossbritanien  dermalen  jährlich  1U-—1.'&amp;gt;  Mill.  Quarters
Brodstoffe  vom  Auslande  bezieht,  und  dafür  22  Io  Mill.  L  (also  etwa
1.15  —  300  Mill.  Thlr.)  entrichten  muss.  Gleichwol  ist  England  das
reichste  Land  der  Erde.  Die  Werthe,  welche  die  Industrie  schafft,  sind
ungleich  grösser,  als  wenn  die  Arbeitskraft  für  den  Anbau  der  zum
Lebensunterhalte  nöthigen  Brodstoffe  verwendet  würde.  \  or  Aufhebung
der  Kornzölle,  d.  h.  vor  ISIO,  ward  ein  Import  von  zwei  Mill.  Quaiters
  schon  für  sehr  bedeutend  angesehen;  IS.lo  betrug  die  Einfuhr  von
Weizen  nur  40,530Quart,  und  von  Mehl  84,6S4  Cntr.  Seitdem  ist  die
Einfuhr  bis  zu  einem  Quantum  gestiegen,  von  dem  man  früher  geglaubt
hätte  die  ganze  Welt  könne  dasselbe  nicht  liefern.  Ueberdies  ist  der
Getreidebezug  von  auswärts  nicht  mehr  eine  Sache  zufälligen  Bedarfs,
sondern  ein  Zweig  des  regelmässigen  Handelsverkehrs.
Das  naturgemässe,  hier  nicht  verdrängte  Frincip  des  Self-Government ­
  trägt  zur  Entwickelung  des  Wohlergehens  der  Nation  mächtig  bei.
Ungeachtet  des  enormen  Missstandes  einer  Anhäufung  des  grössem
Grundbesitzes  in  den  Händen  einer  kleinen  Anzahl  von  Adelsfamilien
(welcher  Missstand  jedoch  durch  häufige  Heirathen  Adeliger  mit  Ferso-
        <pb n="51" />
        GliOSSlilllTAXIEX.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.  29

nen  aus  dem  Volke,  und  durch  das  Herabsteigen  der  Nachgeborenen  in
geringere  Standesgrade,  gemildert  wird)—erproben  jene  freien  Einrichtungen ­
  einen  so  überwiegend  wohlthätigen  Einfluss,  dass  der  Wohlstand
des  englischen  Volkes  höher  gestiegen  ist,  als  der  irgend  einer  andern
Nation.  Ebenso  ergeben  alle  Vergleichungen,  dass  dieser  Wohlstand  in
dem  nemlichen  Masse  zunahm,  in  welchem  das  aristokratische  Element,
besonders  in  Fragen  der  Besteuerung,  gebrochen  ward  (Einführung  der
Einkommensteuer,  Aufhebung  der  Komzölle  etc.).
In  welcher  Ausdehnung  sich  die  Lage  des  Volkes  verbesserte,  hat
besonders  Macaulay  {llhtory  of  England,  gezeigt.  Bekannt  ist,  um  wie
viel  besser  der  englische  Arbeiter  lebt,  als  der  auf  dem  Continente.  Es
zeigt  sich  jenes  am  entschiedensten  an  der  Zunahme  der  mittleren  Lebensdauer. ­
  Nach  Quetelet  kam  um  das  .Jahr  1700  unter  den  Arbeitern ­
  in  England  jährlich  ein  Sterbefall  auf  13,  um  1S40  erst  einer  auf
51  Einwohner.  —  Es  zeigt  sich  an  der  starken  Fleischconsumtion,  durchschnittlich ­
  pr.  Einwohner  130  deutsche  Zollpfund  in  England,  dagegen
nur  30%  in  Frankreich,  35%  in  Preussen,  50%  in  Baden.  Es  zeigt
sich  aber  auch  an  dem  Verbrauche  der  wichtigsten  Colonialprodukte.
Der  Jahresverbrauch  betrug  nämlich  :

IbOl—10
ISll—20
1S21—30
1  S31—40
1  b41  —50
1S51—00
1501
1502
1503

Zucker
Centner
2’405,310
2’552,TOT
3’350,03S
3’7SS,.51T
5’170,133
7’7!*0,540
OM  so,OSO
0’370,slS
0’452,0S1

Thee
Pfund
23’50S,300
24’424,700
2S’407,100
30'441,700
44'2S7,000
05M  00,450
77*027,750
7S’703,077
S5'1S3,2S3

Kaffee
Pfund
2*270,500
7*51S,S00
14*103,000
24*052,7(0)
32*053,100
3.5*100,042
35*202,040
34*451,700
32’7(i2,005

Wir  fügen  eine,  wenngleich  etwas  ältere  Vergleichung  der  Consumtion
  an  Colonialprodukten  in  Grossbritanien  und  Frankreich  bei,  nach
dreijährigem  Durchschnitt,  den  Betrag  auf  Zollpfunde  reducirt  :

Frankreich
Jahre  im  Ganzen  pr.  Kopf

1S21—23:  05*042,000  3,  IS
1S51—53:  174*700,000  4,SO

1S21—23:  10*440,000  0,53
1S51—53:  40*120,000  1,11

1S21—23:  12S.000  0,04
1S51—53:  320,000  0,00

1S2I—23:  42*008,000  1,42
1S51—53:  137*000,000  3,SO

Groiebritanien
ira  Ganzen  pr.  Kopf
ZucLrr:
313*080,000  14,00
002*003,332  25,38
Kaffee  :
7*144,000  0,34
31*010,332  1,15
Thee:
20*024,000  0,08
56*200,066  1,45
Baumwolle:
141*076,666  0,71
071*552,000  24,44

Allerdings  producir!  Frankreich  auch  noch  Rübenzucker.  Doch  ergibt ­
  sich  selbst  unter  Einrechnung  desselben  nur  folgendes  Verhältniss,
welches  zugleich  das  Schutzzollsystem  illustrirt  :
        <pb n="52" />
        30  GKÜSSBKITANIEN.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.
Orossbritanien  Frankreich
im  G.iiizeii  pr-  Kopf  im  Ganzen  pr.  Kopf
1S59:  S7S’2'J2,000  Pf.  :iTü’4l0,G14  10,2S
Die  Zunahme  des  Zuckerverbrauchs  ist  besonders  beachtenswerth.
Vom  Jahre  IbOO  bis  1644  blieb  sich  die  Consumtion  per  Kopf  der  Bevölkerung ­
  fast  gleich,  ja  nahm  zeitweise  sogar  noch  ab.  Dagegen  verdoppelte ­
  sie  sich  in  der  Periode  von  1645—54.  Es  betrug  der  Verbrauch ­
  während  der
14  ersten  Jahre  unseres  Jahrhunderts  (Kriegszeit)  pr.  Kopf  16  Pfd.  7  Unzen
in  den  30  nächstfolgenden  Friedensjahren  nur  -  17  -  3
Es  wirkte  die  Erschöpfung  nach  den  Anstrengungen  des  Krieges.  In
den  fünf  Jahren  1815  bis  1610  sank  der  Verbrauch  sogar  um  2*/^  Pfd.
gegen  die  Kriegsperiode  (wozu  die  allgemeine  Theuerung  beitrug).  Erst
1630  und  31  erhob  sich  die  Consumtion  auf  10  Pfd.,  fiel  dann  aber
wieder  in  den  10  Jahren  1635  bis  1645  auf  17  bis  16  (1640  sogar  auf
15),  wozu  das  Steigen  der  Zuckerpreise  beitrug  Später  erfolgte  Sinken
der  Preise  und  Zollermässigung  :  damit  Erhöhung  des  Verbrauchs,  1645
auf  20  Pfd.  Von  1644  —54  ward  der  Zucker  um  4  4  Proc.  billiger;  es
stieg  die  Consumtion  von  17  Pfd.  im  J.  164  1,  auf  31  im  J.  1654.  —
Das  Jahr  1655  brachte  die  Zollerhöhung  aus  Veranlassung  des  Orientalischen ­
  Kriegs,  —  der  Verbrauch  ging  auf  30,  1650  sogar  auf  26  Pfd.
zurück.  Seitdem  neue  Consumtionsvermehrung,  1603  auf  ungefähr
32*2  Pfd.  1601  Herabsetzung  des  Zuckerzolls  durchschnittlich  auf  10
Schill,  pr.  Cntr.  (In  Neu-Süd-Wales  war  der  Zuckerverbrauch  vor  einigen ­
  Jahren  52,  in  Victoria  04  engl.  Pfd.,  in  der  Schwindelpcriode  von
1652—51  sogar  über  1  Cntr.)  —  Der  Kaffee  verbrauch  nimmt  in  England ­
  nicht  zu,  anders  dagegen  der  des  The  es.  Allerdings  hatte
die  Kriegserschöpfung  auch  darin  einen  Rückschlag  erzeugt  ;  die  Consumtion, ­
  1601  pr.  Kopf  1  Pf.  6  U'nz.  betragend,  war  40  Jahre  später
auf  1  Pf.  0  Unz.  herabgegangen  und  hatte  sich  1651  erst  auf  1  Pf.
15  Unz.  gehoben.  1601  dagegen  stand  die  Ziffer  auf  2  Pf.  1  1  Unz,  und
wird  sich  1604  wol  bis  zu  3  Pf.  vergrössert  haben.  (In  Victoria  beträgt
die  Consumtion  7‘  j,  und  war  sogar  schon  1&amp;lt;*  Pf.)
Die  Theeconsumtion  stieg  folgendermassen  :
1640:  1,06  deutsche  Pfund  pr.  Kopf
1650:  1,7
1657:  2,2  -  -
1603:  2,0  -  -  -  -
Von  1613  bis  03  stieg  ferner  die  Einfuhr  nachbemerkter  Artikel:
1846  1854  1860  1863
Butter,  engl.  Centner  257,365  462,514  640,112  060,7'i6
Käse  341,062  366,714  563,263  750,2^5
Eier,  Stück.  .  .  .  72’252,15'J  121’040,sol  107*005,400  200*020,0^0
Die  Weinconsumtion  ist  bis  zum  franz.  Handelsverträge  Stillstehen
geblieben;  für  den  inländischen  Verbrauch  wurden  verzollt:  1646
0*740,310  Gallonen,  1600  ebenso  0*716,565,  dann  aber:  1601
10*093,071,  1602  9*70  1,155  und  1603  10*122,105
Der  Stand  der  Sparcassen  war  je  zu  Ende  folgender  Jahre  :
        <pb n="53" />
        GROStSBKlTANIEX  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.  31

1846
in  England  26,759,SIT
Wales  674,657
Schottland  1’3S3,‘'66
Irland  2’924,910
Zusammen  3r743,25u

1850

25’655,145
64S,669
r.325,063
1’3(12,165
2»5’930,‘T^

1860  1863
35’666,4S1  35’657,7S1
r034,732  1’Ü12,735
2’414,073  2’976,3S1
2’143,(iS2  2’674J39
41’25S,36S  41'021^636

Es  machte  sich  die  Handelskrise  von  1S4  7,  die  polit.  Bewegung
von  1&amp;amp;4S,  und  ganz  bes.  die  Umgestaltung  in  Irland  bemerkbar.  —  Die
Zahl  der  Einleger,  IS30  nur  412,217,  stieg  1S5S  bereits  auf  1’479,723.
Dabei  ist  die  Zunahme  der  kleinen  u,  mittleren  Beträge  erfreulich:  1859
zählte  man  Einleger  :

bis  zu  Z'  1  213,473  I  von  46—100  201,992
von  -  1—5  294,739  -  -  loo—200  77,316
-  -  5—10  690,551  j  -  mehr  1,652*)
Im  Sparcassewesen  hat  übrigens  seit  Sept.  1801  eine  Umgestaltung
begonnen.  Alle  Postexpeditionen  sind  zur  Annahme  von  Spargeldern
von  1  Shill,  bis  30  £  jährl.,  bis  zu  einer  üesammtsumme  von  150  £,
angewiesen.  Dieselben  werden  zu  2%  Proc,  verzinst.  Beamte  der  Staatsschuldenverwaltung ­
  haben  diese  Beträge  in  3proc.  Consols  anzulegen.
Die  Vortheile  dieser  Einrichtung  bestehen  darin,  dass  Einlagen  und
Rückerhebungen  in  jeder  der  3004  Postexpeditionen  erfolgen  können,
und  zwar  jeden  Tag.  Die  Einlagen  betrugen  Ende  1803  3’370,828
(wovon  nur  99,359  in  Schottland  und  145,934  in  Irland).  Während
des  Jahres  waren  2'704,733  £  eingelegt,  1’020,207  zurückerhoben
worden.
Neben  den  Sparcassen  bestehen  noch  mannichfache  ähnliche  Anstalten, ­
  wie  Penny-Banken  (welche  Einlagen  bis  zu  1  Penny  herab  und
nicht  über  2%  Shill,  auf  einmal  annehmen).  Sehr  verbreitet  sind  die
h  r  t  endly  Societies  (auch  Benefit  Societies),  Vereine  zu  gegenseitiger
Unterstützung  in  Krankheits-,  Alters-  und  Todesfällen;  im  J.  1859  gab
es  solcher  Gesellschaften  in  England  28,550,  in  Schottland  etwa  700,
in  Irland  400;  die  Mitgliederzahl  ward  (da  Viele  mehr  als  je  Einer  Gesellschaft ­
  angehören)  schon  1857  auf  zwei  Mill.,  das  Gesellschafts  vermögen ­
  auf  9  Mill.  £  geschätzt,  und  letzteres  meist  bei  Sparcassen  angelegt. ­
  Sodann  bestehen  viele  Lebens-  und  Renten  Versicherungsanstalten,
Vorschussvereine,  Genossenschaften  u.  s.  f.

Den  Aufschwung  des  Volkswohlstandes  im  Ganzen  bezeugen
unter  andern  auch  folg.  Daten:  Der  Handel  hat  sich  von  1830  —  00  um
mehr  als  200  Proc.  vermehrt;  die  Tonnenzahl  seit  Anfang  des  Jahrhunderts ­
  verdreifacht  (die  Einfuhr  betrug  nicht  %  der  jetzigen,  die  Ausfuhr
inländischer  Erzeugnisse  stieg  von  33  auf  100  Mill.  £.)  Die  Eisenproduction,
  von  1801  —  10  durchschnittlich  258,000  Tonnen,  erreichte
1840  -  50  1'700,000,  1802  sogar  3'943,409.—  Dabei  besitzt  das  Ver.

*)  Nach  Berechnungen  des  trefflichen  Vorstands  des  statist.  Bureaus  in
Preussen,  Geh.  Reg.-Raths  l)r.  Engel,  kam  übrigens  im  J.  1S60  je  ein  iSparcassenbuch
  in  Grossbr.  auf  17,S  Einwohner,  in  Preussen  auf  31,3,  im  Königr.
Sachsen  dagegen  schon  auf  Allein  der  Durchschnittsbetrag  jedes  Conto
war  :  in  Sachsen  59,S3  Thlr.,  in  Preussen  SO,14,  in  Grossbr.  183,7.  Die  grössere
Entwicklung  des  Sparcassewesens  —  ohnehin  kein  absoluter  Massstab  —  ist
also  wesentl.  blos  holge  des  grossem  Reichthums  in  England.
        <pb n="54" />
        32  GKÜSSBIIITANIEN.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.

Königreich  gegen  2500  deutsche  Meilen  Eisenbahnen,  welche  (ungeachtet ­
  der  schlechten  Verwaltung)  einen  Ertrag  liefern,  welcher  das  Einkommen ­
  eines  Königreichs  zweiten  Ranges  übersteigt.  Porter  schätzte
die  jährliche  Zunahme  des  brit.  Nationalvermögens  auf  SO  Mill.  £  (534
Mill.  Tldr.).
Irländische  Verhältnisse.  Irland  bildet  die  Schattenseite,  mit  seiner
früher  vom  freien  Grundbesitz  ausgeschlossenen,  durch  den  auswärts
wohnenden  Adel  ausgesaugten  und  durch  seinen  Klerus  in  Unwissenheit
erhaltenen  bettelhaften,  trägen  und  schmutzigen  Bevölkerung.  Es  ergab
sich  die  furchtbare  Erscheinung  der  Massen-Auswanderung.  Bis  etwa
zur  Mitte  der  lS40er  Jahre  erfolgte  fortwährend  eine  starke  Volksvermehrung, ­
  dann  die  entsetzliche  Volksverminderung,  nemlich  :

Provinzen  1841—51
in  Leinster  .  .  .  15,25  Proc
-  Munster  .  .  .  22,47  -
-  Ulster  ....  15,00  -
-  Connaught  .  .  2S,yl  -
auf  der  ganzen  Insel  19,S5  -
Die  Zahl  der  Familien  war  :

1851—61
13,94  Proc.  der  Bevölkg.
19,OS  -
5,04  -
-
12,02  -

1841  1851  1861
P472,TST  1'204,319  1’129,21S
Also  Verminderung  von  1S41  —  51  um  1S,  23  Proc.,  1S51  —61  weiter ­
  um  0,24  Proc.;  zugleich  ein  Beweis,  dass  in  der  ersten  dieser  Perioden ­
  ganze  Familien  fast  ebenso  oft  auswanderten  wie  einzelne  Individuen,
während  sich  dieses  Verhältniss  zuletzt  etwas  milderte.  —  Auch  die
Zahl  der  bewohnten  Häuser  (siehe  S.  4)  hat  in  der  ersten  dieser  Perioden ­
  um  21,27,  in  der  zweiten  wieder  um  5,00  Proc.  abgenommen.
Die  Zahl  der  irischen  Auswanderer,  und  die  Summen  des  Geldes ­
  ,  welches  sie  sendeten,  um  ihren  Zurückgebliebenen  ebenfalls  die
Auswanderung  zu  ermöglichen,  werden  so  berechnet  :

Jahr  Auswanderer

1S47
1S4S
1549
1550
1551
lb52
1S53
1954

220,000
191,000
219.000
214.000
254.000
225.000
329,937
150,209

Gesendetes
Geld
400.000  £
540.000  -
957.000  -
900.000  -
1’404,000  -
1’439,000  -
l’730,OOO  -

Jahr  Auswanderer

1955:
1  \50  :
1S57:
1959  :
1S59:
ISOO:
ln  14  13

79,9.54
90,7s|
95,091
OS,093
94,599
00,935

Gesendetes
Geld
973.000  £
951.000  -
593,105  -
472,010  -
021,170  -
043.045  -

Jahren  2'209,399  11’214,59G;^
Die  Grösse  des  frühem  Nothstaiules  wird  u.  a.  durch  die  Thatsache
bezeichnet,  dass  bei  der  Volkszählung  von  1951  in  verschiedenen  kleinen ­
  Städten  mehr  Personen  im  Workhouse  lebten,  als  ausserhalb
desselben  ;  zu  Listowel  befanden  sich  nahezu  zweimal  so  viel  darin  !
Seit  Mitte  der  lS50er  Jahre  schien  eine  Wendung  zum  Bessern
einzutreten.  Die  Zahl  der  Auswanderer  verminderte  sich;  1S5G  kehrten
sogar  etwa  19,000  über  das  Meer  in  ihre  Heimath  zurück.  Doch  sank
die  Volkszahl  noch  immer.  Die  Zahl  der  Armen  hat  ungemein  abgenommen. ­
  Es  erfolgte  die  Aufliebung  der  Unveräusscrlichkeit  des  Bodens, ­
  und  damit  die  Möglichkeit,  dass  die  Bebauer  des  Landes  aus  biogen ­
  ausgesaugten  Kleinpächtern  freie  Eigenthümer  werden  konnten.  Die
        <pb n="55" />
        ’GROSSBRITANIEN.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsrerhältnisse.  33

Acreszahl  des  angebauten  Landes  vermehrte  sich  schon  in  den  10  Jahren
von  1841  —  51  von  13’464,300  Acres  auf  14  802,581,  der  Werth  des
Viehstandes,  1841  zu  21  Mül.  angegeben,  betrug  1855:  35*322,995  ü.
Der  Taglohn  stieg,  ja  es  fehlte  oft  an  Arbeitern.  Die  Gefängnisse,  bis
dahin  zu  klein  und  überfüllt,  leerten  sich  mehr  und  mehr.  Indess  haben
sich  die  Verhältnisse  neuerdings  ungünstig  gestaltet.  Die  Auswanderungen ­
  häufen  sich  wieder.  Die  Armenzahl  wächst  neuerdings  ;
nach  Rieh.  Griffiths  sollen  6*290,000  Acres  Landes  unbebaut,  und
davon  3*755,000  culturfähig  sein;  der  Geldwerth  der  Ackerproducte,
1856  —  59  durchschn.  39*437,000  £,  fiel  (nach  Whiteside)  18®%|  auf
34*896,000,  18®%,  auf  29*077,000,  18®%,  sogar  auf  27*327,000  £.
Mit  Getreide  waren  1863  144,719  Acres  weniger  angebaut  als  im  Vorjahre; ­
  mit  Knollengewächsen  19,358  weniger;  zugenommen  haben  die
Wiesen  und  der  Leinbau,  zus.  um  71,648  Acres.  Nach  Abzug  dieser
Zunahme  blieb  gleichwol  eine  Verminderung  des  gesammten  angebauten
Bodens  um  92,431  Acres.  (Mit  Lein  waren  im  Ganzen  213,992  Acr.
bestellt,  63,922  mehr  als  im  Vorjahre.)

Zahl  der  Armen.

1849:
1850:
1851  :
1852:
1853:
1854:
1855:
1850:
1857:
1858:
1859:
1800:
1801  :
1802:
1803:.
1804:

Die  Zahl  der  Unterstützten  betrug  in

England
(je  am  1.  Jan.)
934,419
920,543
800,893
834,424
798,822
818,337
851,309
877,707
843,800
908,180
800,470
851,020
890,423
910,100
1*142,024
981,300  •

Schottland
(am  14.  Mai)  (1.
82,357
79,031
70,900
75,111
75,437
78,929
79,887
79,973
79,217
79,199
78,50l
77,300
78,433
78,724
78,717

Irland
oche  d.  Jahres)
020,747
307,970
209,187
171,418
141.822
100,so2
80,819
73.083
50,094
50,582
44,800
44,929
50.083
59,.541
60,228
08,130

Die  öffentliche  Armenunterstützung  betrug  in

England  Schottland  Irland
1849:  7’710‘017  577,044  2*002,752
1853:  0*854,788  544,552  1*070,499
1858:  8*449,057  640,701  570,372
1800:  8*075,904  603,277  530,026
1861  :  8*395,212  683,902  595,192
1802:  8*800,074  719,317  052,245
1803:  9*325,071  736,028  701,031

Man  bemerkt  das  permanente  Herabgehen  der  Armenzahl  in  England ­
  und  Schottland  bis  zur  Zeit  des  Orient-,  dann  des  Indischen  Kriegs,
vor  Allem  aber  der  Ilandclsstörungen  in  Amerika,  —  Beweis,  welche
schlimme  Einwirkung  diese  Ereignisse  auf  die  innere  Entwicklung  ausübten. ­
  Ganz  besonders  bezeichnend  ist  aber  die  ungeheure  Armenverminderung ­
  in  Irland,  die  freilich  auch  einen  Rückschlag  erfuhr.

Einkommengrösse.  Bezeichnend  für  die  Vertheilung  des  Nationalvermögens ­
  sind  die  Ergebnisse  der  Fassionen  für  die  Einkommensteuer.
Kolb,  StatUtik.  4.  Aufl.  3
        <pb n="56" />
        34  GROSSBIUTANIEN.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.

Eine  Vergleichung  der  Listen  aus  den  Jahren  1812  und  1847  ergab
nachbemerkte  Zunahme  der  Zahl  der  Steuerpflichtigen  nach  SchedulaD,
von  Industrie  und  Handel  :

von  150—500
500—1000
1000—2000
2000—5000
5000  und  darüber

Zunahme  19(1%
148
148
118
189

Die  Bevölkerung  war  im  Allgemeinen  um  etwa  (10%  gestiegen,  —
der  Wohlstand  also  3  mal  stärker  als  die  Bevölkerung  gewachsen.
Später  gestaltete  sich  das  Verhältniss  weniger  günstig  :

Einkommen
zwischen  50  u.  100
—  100  —  150  —
150  -  500  -  Zunahme
500  -  1,000  -
1,000  -  2,000  -
-  2,000  —  5,000  -  -
5,000  -  10,000  -
10,000  -  50,000  -
über  50,000  -

von  18*%,  von  18»%,
bis  18»%,  bis  18»%,
Zunahme  100,06  Proc,
Abnahme  16,32  -
7  Proc.  Zunahme  5,63  -
9,56  -  -  5,60  -
16.43  -  -  2,45  -
25,11  -  -  3,26  -
31.44  -  -  0,62  -
42.44  -  -  10,11  -
142,10  -  -  17,39  -

Die  grossen  Einkommen  sind  unverhältnissmässig  gestiegen.  In
den  niedrigsten  Steucrclassen  hatte  ein  Rückschlag  stattgehabt.  Die
(oben  mitgetheilte)  neuere  Liste  deutet  eine  Besserung  an.

Volksbildung.  Das  Schulwesen  ist  schlecht;  doch  geschieht  nun
mehr  als  früher  für  dasselbe.  Die  Staatsausgabe  für  Volksschulen  ist
für  18®Vg5  auf  nur  705,404  ü  festgesetzt.  Die  Zahl  der  unter  Inspection
der  Behörden  stehenden  Volksschulen  in  Grossbritanien  (ohne  Irland)
betrug  1803  7730  mit  1’008,025  Kindern  (1854  erst  3825  Anstalten
mit  461,445  K.).  —  Der  Census  von  1861  ergab  für  England  r  4’449,242
Kinder  im  Alter  von  5—15  J.;  davon  erhalten  überhaupt  2  616,731
Unterricht;  638,274  sind  »auf  andere  Weise  beschäftigt«  (!),  ri04,247
sind  zu  Hause  ohne  Schulunterricht.  —  Der  Cengus  von  Schottland
führt  467,056  Schüler  auf.  Bei  Absclfliss  des  Heirathsactes  konnten
im  J.  1841  10,8  Proc.  der  Neuvermählten  ihren  Namen  nicht  unterschreiben; ­
  1858  war  die  Zahl  auf  32,3  und  1850  auf  32,2  Proc.  herabgegangen. ­
  Im  letztbezeichneten  Jahre  stellte  sich  das  Verhältniss  so  :
bei  den  Bräutigamen  26,7,  bei  den  Bräuten  37,6  Proc.  Bei  den  Männern ­
  war  es  am  günstigsten  im  Bezirke  London,  wo  80,4  Proc.  unterschreiben ­
  konnten,  dann  in  Westmoreland  86,7  ;  am  ungünstigsten  in
den  Grafschaften  Monmouth  55,6  und  Hertford  56,4.  Von  den  Bräuten
wussten  am  meisten  zu  schreiben  die  aus  Surrey  81,2,  und  die  aus
London  80,0  ;  am  wenigsten  die  von  South-Wales  40,5,  von  North-Wales
  44,4,  und  Lancashire  45,'0  Proc.
Ein  Zeichen  steigender  Volksbildung  ist  die  Zunahme  des  Papierverbrauchs. ­
  Die  Accise  wurde  entrichtet  für  folgende  Pfundzahl:
1800  1842  1855  1858  1859  I860
29’266,000  96’693,000  155’657,843  176’29S,997  197’684,847  2O7’821,013
Dies  ergibt  einen  Papierverbrauch  von  2,28  Pfd.  pr.  Kopf  im  J.
1800,  einen  solchen  von  6,1  Pfd.  1858  und  von  7,2  1860.  Der  wirk-
        <pb n="57" />
        3*

GKOSSBKITAXIEN,  —  Sociale,  Gewerbs-  und  HandeUverhältnisse.  35-liehe

  Unterschied  ist  noch  grösser,  da  das  Papier  durch  Fabrikationsverbesserung ­
  feiner  geworden.  Von  obiger  Menge  kamen  1S5S,  was
auch  bezeichnend  ist,  auf  England  12S’929,067  Pfund,  Schottland
39  513,235,  Irland  (nur)  7’S50,t)95.  Die  Zahl  der  Zeitungen  etc.,  1651
erst  563,  betrug  anfangs  1662  1165.
Zahl  der  wegen  Verbrechen  Angeklagten  in*

1649:
1S54:
1600:
1661  :
1602:
1603:

England
27,816
29,359
15,999
16,320
20,001
20,616

Schottland
4,357
3,994
3,267
3,229
3,030
3,404

Irland
41,969
11,766
5,360
5,560
0,000
0,076

Industrie.  Man  zählte  1662  (nach  Rob.  Hunt)  gegen  3000  Kohlengruben ­
  mit  250,000  Arbeitern,  390  Bleibergwerke  mit  21,500,  ferner
167  Kupfer-  mit  22,000  Arb.,  146  Zinnbergw.  mit  14,500  ;  dazu  27.000
Arb.  in  den  Eisen-  und  1000  in  den  Zink-  und  andern  Werken,  ergibt
336,000.  Die  Production  der  Bergwerke  war  1662;

Toni  Werth
Steinkohlen  6P036,33S  20’409,564;^
Roheisen  .  3’943,409  9’656,072  -
Kupfer  .  .  14,M3  1*493,241  -
Blei  .  .  .  09,031  1*430,345  -
Zinn.  .  .  6,470  963,210  -

Toni  Werth
Zink  ...  2,151  50,546
Silber  .  fUnz.  060,123)  169,041  -
Gold  .  (  -  5,299)  20,390  -
And.  Metalle  250,000  -
Zus.  ca.  60*000,000  34’091,037~

Im  J.  1663  ward  der  Werth  der  geförderten  Mineralien  zu  29’151,9  76
i.*,  jener  der  daraus  gewonnenen  Metalle  zu  36’364,327  £  berechnet.
Im  J.  1662  verunglückten  1133  Bergleute  in  den  engl.  u.  schottischen
Kohlen  -  u.  105  in  den  Eisengruben;  1663  betrug  die  erste  Zahl  907
die  letzte  91.*)

Im  J.  1658  standen  im  Betriebe  in:

England
Hüttenwerke  ...  02
Hochöfen  ....  444
von  letzten  angezündet  332

Wales  Schottland
57  32
212  177
153  132

Die  Zahl  der  unter  dem  Reglement  über  die  Arbeitszeit  stehenden
Fabriken  betrug  im  J.  1650;  4600,  1656  :  51  17;  1661  aber  6376.
Die  Zahl  der  in  diesen  Anstalten  beschäftigten  Arbeiter  war  in  diesen
1  crioden  :  596,062,  662,49/  u.  /  /5,034.  —  \on  den  Hetzten  waren
467,261  männlichen,  306,273  weibl.  Geschlechts.  Rechnet  man  die
ausserhalb  dieser  Manufakturen  (zu  Hause)  beschäftigten  Arbeiter  (1656
bereits  677,369),  dann  deren  Angehörige  (1656  3’Ü06,062)  dazu,  so
wird  die  »  tabrikbevölkerung«  auf  etwa  4’600,000  Individuen  zu  veranschlagen ­
  sein.  Spindeln  zählte  man  36  450,026.  Die  verwendeten
Dampfmaschinen  hatten  375,294,  die  benutzten  Wassergefillle  29,339

*)  Einem  parlamentarischen  Ausweise  über  die  Kohlenbergwerke  zufolge
wurden  in  Grossbritanien  1851  —  1861,  somit  in  10  Jahren  005*154,940  Tonnen
Kohlen  producirt,  wobei  8400  Men^^hen  zu  Grunde  gingen.  Somit  käme  ein
Menschenleben  auf  je  71,880  Tonnen,  und  die  5  Millionen  Tonnen  Kohlen,  die
jährl.  nach  London  kommen,  wären  Todesursache  für  70  Menschen.  Im  J.
1803  ergab  sich,  dass  in  Süd-Wales  je  45,390  Tons  1  Menschenleben  kostete
in  den  schottischen  Werken  erst  1  Mill.  Tons.  ’
        <pb n="58" />
        •  36  GllOSSBRITAXIEX.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.

Pferdekraft.  Von  den  Fabriken  befanden  sich  5652  in  Engl.,  56S  in
Schottl.  u.  158  in  Irl.  —  Von  der  Gesammtsumme  kamen  2887  Fabrik,
auf  die  Baumwolle-,  1679  auf  die  Wolle-,  399  auf  die  Lein-  u.  Juteu.
  771  auf  die  Seideindustrie.  Die  verarbeiteten  Rohstoflfe  u.  den  Productenwerth
  berechnete  man  1856  folgendermassen  :  *)

Fabriken  in  Verarbeitete  Bohstoffe
Pfund  Werth

Baumwolle  .  .  .  8TT’22.%400  20’103,OS.3
Wolle  Ii)9’ö31,599  10’314,4T7
Gemischten  Zeugen  80’0()0,(M)0  5’000,0()0
Lein  etc  52S’289,104  7’2.54,S75
Seide  y’290,260  9'754,779
Zusammen  1'694,336,409  52’427,214

Oesammtpro*
duction
:e
55'29S,778
23'942,976
12’715,569
15’100,(»00
IS’900,000
Í25’957,323

davon  ansgefdhrt

38^2^3,779
5’985,744
6’415,.569
6’262,58S
2’966,938
59’914,609

Die  Einfuhr  der
Hohe  Baumwolle
Centner
1837  3’665,581
1853  7’993,.560
1857  8’654,633
1860  12’419,096
1861  11’223,078
1862  4’678,333
1863  5’978,422

wichtigsten  Rohstoffe  für
Schafwolle  etc.  Rohe  Seide
Pfund  Pfund
48’379,70S
119’396,449  6’480,724
129’749,898  12’077,931
14S’396,577  9’178,647
147’172,841  S’71(),681
171’943,472  K»’372,123
177’377,664  9’221,145

Gewebefabriken  war  :
Jute
Centnir

Hanf,  Flachs  etc.
Centner

962,294  275,578
782,271  618,833
768,033  816,787
769,355  904,092
915,807  963,774
1’067,913  1'223,033

Handelsverkehr.  Eine  Vergleichung  des  früheren  und  jetzigen  Handelsverkehrs ­
  ist  namentlich  dadurch  erschwert,  dass  früher  bei  der  Einfuhr ­
  nur  der  sog.  officielle  Werth  (nach  einem  Tarif  aus  dem  J.  1694)
aufgezeichnet  wurde.  Erst  seit  1854  wird  dabei  auch  der  »wirkliche
Werth«  verzeichnet  (auf  Grundlage  einfacher  Declaration).  Anders  ward
es  schon  früher  bei  der  Ausfuhr  gehalten.  Indess  muss  auch  dabei
der  wechselnde  Werth  der  zu  Anfang  des  jetzigen  Jahrhunderts  mit
Zwangscurs  versehenen  Banknoten  berücksichtigt  werden.  Der  wirkl.
Werth  der  Ausfuhr  britischer  Producte  betrug  in  den  5  ersten  Jahrzehnten ­
  durchschnittlich  ;

1801  —  10  1811—20  1821—30  1831—40  1841—50
40'731,970  51'484,461  36'600,536  45'144,407  57'381,293

Von  1854  an  liegen  vollständigere  Berechnungen  vor.  Die  Hauptergebnisse ­
  sind,  naeh  dem  »wirklichen  Werthe«  und  bei  der  Ausfuhr  mit

*)  Nach  Fairbairn's  Angaben  beschäftigten  die  Metallbergwerke  und
Schmelzöfen  Englands  so  viele  Dampfmaschinen,  dass  sie  zusammen  450,000
Pferdekräfte  repräsentiren  ;  die  Dampfmaschinen  der  Manufakturen  haben  zusammen ­
  1’350,000  Pferdekraft,  die  Dampfschiffe  850,000,  die  Lokomotiven
1  Million  ;  dies  macht  zusammen  3'650,000  Pferdekräfte  !  Da  aber  diese  Maschinen ­
  durchschnittlich  mit  dem  Dreifachen  ihrer  nominellen  Kraft  arbeiten,  so
ist  obige  Zitier  auf  11  Millionen  zu  erhöhen.  Man  rechnet  gewöhnlich  7  Menschenkräfte ­
  gleich  einer  Ifferdekraft,  somit  verrichten  die  englischen  Dampfmaschinen ­
  eine  Arbeit,  zu  deren  Leistung  77  Millionen  Männer  nöthig  wären,
welche  dem  mannskräftigen  Theile  einer  Bevölkerung  von  250  Millionen  entsprechen; ­
  somit  arbeiten  die  englischen  Dampfmaschinen  fast  so  viel,  als  alle
Arbeiter  Europa's  bei  angestrengter  Thätigkeit  an  mechanischer  Arbeit  leisten
können.
        <pb n="59" />
        GROSSBRITAXIEN.  —  Sociale,  Gewerbg-  und  Handelgverhältnisse.

37

Ausscheidung  der  eigentl.  britischen  Erzeugnisse  von  den  fremden  und
denen  aus  den  Colonien  :

Einfuhr

Aotfuhr

engl.  Producto  coloniale  u.  fremde

—o  Zusammen
1854:  152’3i&amp;gt;9,053  9T’184,T2G  1S’636,3G(&amp;gt;  115’821,092
1855:  143’542,85ü  95’G88,085  21’003,215  11G’G91,3()0
185G:  172’544,154  115’82G,948  23’393,4ü5  139*220,353
1857:  187*844,441  122*0GG,107  24*108,194  146*174,301
1858:  164*583,832  116*608,756  23*174,023  139*782,779
1859:  179*182,355  130*411,529  25*281,446  155*692,975
1860:  210*530,873  135*891,227  28*630,124  164*521,351
1861:  217*485,024  125*102,814  34*529,684  159*632  498
1862:  225*716,976  123*992,264  42*175,870  166*168  134
1863:  248*980,942  146*489,768  49*485,005  195*974,773
Der  Gesammtverkehr  mit  den  wichtigsten  einzelnen  Ländern  betrug
1S62  (von  1863  liegt  nur  eine  provis.  Aufstellung  des  Betrags  der  Einfuhr ­
  vor)  :

1862

1863

Ausland  Einfuhr
Hansestädte  5*957,260
l'reussen  7*833,927
Hannover  276,253
Oesterreich  1*179,844

Zus.  Deutschland  ohne  Holstein,
Mecklenburg  etc.  15*247,284
Russland:  nördl.  Häfen  .  ,  .  Í  10*328,153
südl.  -  .  .  .  l  4*772,906
Schweden  u.  Norwegen  .  .  .  3*804,189
Dänemark,  Island,  Schlesw.-Holst.  2*165,040
Holland  7*863,031
Belgien  4*876,212
Frankreich  21*675,516
Portugal  2*040,396
Spanien  3*766,437
Italien  2*569,525
Päpstl.  u.  Adriatische  Häfen  .  .  48,786
Griechenland  797,568
Türkei:  europäische  4*261,009
Wallachei  u.  Moldau  .  .  .  633,524
Syrien  u.  Palästina  ....  126,242
Aegypten  12*225,783
Algerien  (franz.)  47,264
Azoren  u.  Madeira  (port.)  .  .  .  363,816
Marocco  434,071
Verein.  Staaten  27*715,157
Mexiko  619,508
Centralamerika  492,340
Hayti  u.  St.  Domingo  ....  151,719
Neu-Granada  811,304
Venezuela  9,397
Ecuador  95,023
Brasilien  4*414,187
Uruguay  992,328
Argentinische  Staaten  .  .  .  .  1*133,071

Ausfuhr
14*115,552
3*998,663
1*628,365
1*301,042

21*043,622
3*224,455
509,163
1*577,202
1*129,602
10*641,103
4*550,152
21*765,669
1*888,225
3*778,398
5*658,800
508,283
314,197
3*863,527
220,431
603,513
2*550,052
47,126
159,887
212,148
19*173,907
816,870
172,246
479,842
826,083
229,991
1,076
3*860,342
467,668
869,292

Einfuhr

6*916,213  £
6*231,717
189,643
879,457

14*217,030
9*291,922
3*127,268
4*463,212
2*429,513
8*660,278
5*174,221
24*024,619  •)
2*333,809
4*922,917
2*286,319
70,363
980,439
5*300,535
634,738
121,873
16*495,581
104,204
338,923
427,834
19*570,815
2*294,337
485,918
276,610
774,311
23,767
68,608
4*491,000
1*220,629
1*239,651

•)  Die  Ausfuhr  war  22*938,290,  wovon  aber  nur  8*667,138  brit.,  dagegen
14*271,152  st  Colonial-  und  fremde  Waaren.
        <pb n="60" />
        38  GKOSSBKITANIEN.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Ilandelsverhältnisse.

1862

Ausland
Chile
l*eru
China  (mit  Hong  Kong)....
Afrik.  Westküste
Alle  fremde  Länder  zusammen
Britische  Besitzungen.
Canalinseln
Gibraltar
Malta
Ionische  Inseln  .  _
Nordamerik.  Colonien  .  .  .  .
Westind.  Besitzgn.  u.  Guiana
Australien
I3rit.  Ostindien
Singapore
Cejdon
Mauritius
Cap  u.  Natal
Brit.  Besitzungen  zusammen
Total,  Ausland  u.  Colonien

Einfuhr
2’M)3,434
2’31)4,092
12’137,095
1’705,769

645,501
97,559
110,819
339,254
8’499,393
6’255,027
7’109,809
34’133,551
2*375,813
2*488,262
967,714
1*517,851

65*128,530
225*716,976

Ausfuhr
979,344
836,365
3*237,336
1*175,506

1863
Einfuhr
2*288,863  £
3*565,328
14*195,549
1*389,953

160*588,446  121*909,398  165*576,129

996,869
1*144,698
517,901
337,139
4*781,353
3*335,629
12*847,325
15*346,426
1*093,164
607,215
542,120
2*034,568
44*258,736
166*168,134

648,508
69,130
158,562
192,879
8*165,669
8*611,881
7*160,638
48*434,517
1*830,522
3*700,806
1*986,270
1*919,843
83*404,813
248*980,942

Von  dem  Gesammthandelsverkehre  kamen  auf  den  mit

fremden  Ländern

britischen  Besitzungen

Einfuhr
1854:  118*239,554
1858:  125*969,434
1860:  167*571,386
1861:  164*946,878
1862:  160*588,446
1863:  165*576,129

Ausfuhr
79*446,217
97*774,106
120*524,414
116*271,905
121*909,398

Einfuhr  Ausfuhr
34*149,490  36*374,875
38*614,398  42*008,673
42*959,487  43*996,937
52*538,146  43*360,593
65*128,530  44*258,736
83*404,813

Der  Handel  mit  Frankreich,  der  vor  dem  Handelsverträge  von  1800
sehr  unbedeutend  war,  nimmt  nun  die  erste  Stelle  ein.  Trotz  des  Krieges ­
  steht  der  mit  den  Ver.  Staaten  auf  gleicher  Höhe.  Der  mit  Deutschland ­
  ist  merklich  zurückgeblieben.  —  Im  Verkehre  mit  den  Colonien
nehmen  Ostindien  und  Australien  die  ersten  Stellen  ein.  Von  der  Ausfuhr ­
  kamen  im  J.  1863  auf  die  wichtigsten  Häfen  :  Liverjmol  65*154,232
.£,  London  36*211,516,  Hull  13*556,251,  Glasgow  6*776,368,  Southampton ­
  4*671,991,  Newcastle  1*894,281,  Leith  1*552,899.—  Bankerotte ­
  in  Engl.  1862  9663,  1863  8476.  Im  ersten  Jahre  konnte  in
6916  Fällen  nicht  ein  Pfennig  aufs  Pfund  bezahlt  werden;  im  zweiten
erhielten  die  Gläubiger  in  996  Fällen  Etwas.
Post.  Bei  den  bis  1839  fortbestandenen  hohen  Portosätzen  stieg
die  Zahl  der  durch  die  Post  beförderten  Briefe  (trotz  der  Strenge  in  Wahrung ­
  des  Monopols)  nur  bis  auf  79*968,606.  Die  Einführung  eines
Portosatzes  von  nur  1  Penny  für  den  einfachen  Brief  in  ganz  Grossbritanien
  und  Irland  brachte  die  grossartigste  Vermehrung.  1861  beförderten ­
  die  Posten  593  Mill.  Briefe,  72  Mill.  Zeitungsblätter,  12,3  Mill.
Kreuzbandsendungen  und  7*586,455  Geldanweisungen  im  Betrage  von
14*616,348  t  (1862  605*471,606,  1863  angebl.  642*  Briefe.  Davon
kamen  1862  auf  London  allein  151*619,060).  —  Es  bestanden  1860
bereits  11,441  Postbüreaux.  Der  Postdienst  ging  damals  täglich  über
        <pb n="61" />
        GllüSSlilllTANIEX.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.  39

144,000  engl.  Meilen  Weges.  Auf  jeden  Einwohner  kamen  in  England
jährlich  20%  Briefe  (in  London  46),  in  Schottland  17,  in  Irland  8.
Canäle.  Im  J.  1858  war  das  Actiencapital  der  Canäle  in  England
13’053,606,  in  Schottland  und  Irland  722,228  £.
Eisenbahnen.  Ende  des  Jahres  1862  standen  im  Betriebe  11,551
eijgl.  =  2506  deutsche  Meil.  (8176  Meil.  in  Engl.,  1777  in  Schottl.,
1598  in  Irland.)  Die  Eisenbahnstatistik  vom  J.  1862  ergibt:
Anlagekosten  Passagiere  Einnahme  Betriebskosten
in  England  31  S%17,U38  152’43T,927  24'529,002  12’ü.i0,5Sl
Schottland  43’656,693  17’G10,927  3'153,404  1'520,056
Irland  23’324,707  10’43G,&amp;amp;73  l’44ü,092  697,772
3S5’21S,438  180’485,727  29'128,558  14’268,409

Eine  Notiz  ergibt  bis  Neujahr  1864  402’215,525  JC  Anlagekosten
und  für  1863  eine  Reineinnahme  von  1  (&amp;gt;’048,931  JC.  —  Schon  1861
betrug  die  Zahl  der  beförderten  Personen  17  3’7  21,139  (ungerechnet  die
Abonnenten  auf  längere  Zeit),  der  Thiere  1  3  082,376  Stück,  der  Waaren
  94’243,327  Tonnen.  Im  Betriebe  standen  1843  erst  1736  engl.
Meilen,  1848  4626,  1854  8028.  Die  Einnahme  wechselte  (bes.  wegen
Entstehens  weniger  rentabler  Bahnen)  nach  Procenten  des  aufgewendeten ­
  Capitals  folgendermassen  :

Jahr  Boheinnahme  Reinertrag

1843  8,28%  4,94%
44  8,70  5,22
45  9,13  5,48
46  9,05  5,25
47  8,08  4,69
48  6,77  4,0:,
49  5,93  3,44
50  5,70  3,31
51  6,32  3,67
52  6,27  3,44

Jahr  Roheinnahme  Reinertrag

1853  6,80%  3,80».
54  7,30  3,93
55  7,24  3,90
56  7,69  4,00
57  7,87  4,19
58  7,52  3,91
59  7,94  4,13
60  8,37  4,39
61  7,88  4,06
62  7,56  3,86

Von  1  850  bis  1858  wurden  142  Personen  durch  Eisenbahnunfälle
getödtet  und  2830  verwundet  ;  1858  276  getödtet  und  556  blos  verwundet; ­
  1861  79  Reisende  get.  789  vcrw.;  1862  35  g.  536  v.;  1863  35  g.
401  V.  —  1863  legten  sämmtl.  Züge  116’592,161  engl.  Meil.  zurück,
d.  h.  21  Mill,  mehr  als  die  Entfernung  der  Erdg  von  der  Sonne.
Telegraphen.  1863:  13,893  engl.  Meil.  mit  65,012  M.  Drahtlänge
und  1755  Stationen;  beförderte  Depeschen  3’400,000.  Dazu  887  Meil.
unterseeische  Leitungen.
Handelsmarine.  Im  J.  1863  waren,  ungerechnet  die  den  Colonien
gehörenden  Fahrzeuge,  28,637  Seeschiffe  von  5’32S,073  Tonnen  registrirt,
  wovon  2298  Dampfer  mit  594,861  Tonnen.  Diese  Aufstellung
ergibt  indess  ein  unrichtiges  Bild.  Die  Zahl  der  wirklich  verwendeten ­
  Fahrzeuge  betrug  20,877  mit  4  795,279  T.  und  184,727  Seeleuten. ­
  Hievon  waren  1120  Dampfschiffe  mit  511,751  T.  und  31,076  Seeleuten. ­
  (1849  betrug  die  Gesammtsumme  18,221  Sch.,  3’096,34  2  T.,
152,611  Seel.;  davon  waren  nur  414  Dampfer  mit  108,321  T.  und
8446  Seel.)
Die  Gesammtzahl  der  in  britischen  Häfen  im  J.  1863  ein-  und  ausgelaufenen ­
  Schiffe  (einschl.  Colonial-  u.  Küstenverkehr  u.  mit  Einrech-
        <pb n="62" />
        40  GIÍOSSBKITANIEX.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisae.

nung  wiederholter  Fahrten)  hatte  eine  LadungsfUhigkeit  von  26’73S,733
Tons;  davon  kamen  17'019,302  auf  britische,  9’719,341  auf  fremde
Schiffe.  Die  wirkliche  Ladung  (nach  Abrechnung  des  Ballastes)  betrug
23  025,163  Tons.  —  In  den  11  Jahren  1S50—01  verunglückte  durchschnittl.
  von  201  Schiffen  auf  jeder  Fahrt  eines,  1802  schon  1  von  147
iim  Ganzen  1827  Beschädigungen).  Wälirehd  aber  in  jener  Periode
durchschn.  798  Menschen  ertranken,  ging  die  Zahl  1802  auf  090  herab,
Dank  vorzugsweise  den  Rettungsbooten.
Um  die  Mitte  des  10.  Jahrhunderts  besass  England  erst  135  (meist
kleine)  Seeschiffe.  Die  gesammte  Kriegs-  und  Handelsmarine  hatte  um
das  Jahr  1002  einen  Gehalt  von  nur  etwa  45,000  Tonnen,  also  nicht
halb  so  viel,  als  jetzt  das  kleine  Bremen  besitzt.
Baaknotennmlaaf.  Staatspapiergeld  gibt  es  nicht.  Die  1094  gegründete ­
  Bank  v.  Engl,  emittirt  Noten,  deren  geringster  Betrag  jedoch
nicht  unter  5  £  herabgehen  darf.  Ausserdem  gibt  es  sehr  viele  Banken,
nemlich,  nach  Gilbart’s  Zusammenstellung  von  Mitte  1800:
54  Privatbanken  ohne  Notenemission  in  London,
90  -  -  -  im  I.ande,
153  Privat-I.andbanken  mit  Zettelausgabe,
10  Joint  Stock-Banken  *)  in  London,
22  Land-Joint  stock-Banken  ohne  Zettel,
63  -  -  -  -  mit  solchen
302  Banken  zusammen.
Dazu  folgende  Filiale:
18  in  TiOndon  von  dortigen  Stockbanken,
90  auf  dem  Lande  von  der  London  and  County-Bank,
50  von  den  Landbanken  ohne  Zettel,
203  -  -  mit  solchen,
67  -  -  Land-Stockbanken  ohne  solche,
394  von  den  Land-Stockbanken  mit  solchen,
13  Anstalten  (Hauptanstalt  und  Filiale)  der  Bank  von  England,
19  Colonial-  und  andere  Joint  stock-Banken  mit  Haupteomptoiren  zu
London,  ohne  Bankgeschäftsbetrieb  daselbst
1,255  Anstalten  und  Filiale  zusammen.
Ende  1803  betrug  die  circulirende  Notenmasáe:
Noten  der  Bank  von  England  21'355,000
-  J'rivat-Landbanken  3'220,036
-  Joint  Stock-Banken  6'119,596
-  Banken  in  Schottland  4’639,664
-  Irland  5'940,253
Zusammen  38’054,513
Es  besteht  die  gegen  Schwindelei  wichtige  Bestimmung,  dass  die
Actionäre  von  Zettelbanken  mit  ihrem  gesammten  Vermögen  haften
müssen.
Nationalvermögen.  Die  Summe  der  gegen  Brandschaden  versicherten ­
  Werthe  betrug  1803:  1,1  12’380,848  £,  wovon  73’309,898  auf  die
abgabenfreien  landwirthschaftlichen  Vorräthe  kamen.
Das  ganze  Nationalvermögen  wurde  1856  so  geschätzt:

*)  Die  Joint  stock-Banken  betreiben  ihre  Geschäfte  theilweise  mit  deponirten
  Geldern,  für  welche  (nur  bei  ihnen)  Zinsen  vergütet  werden.
        <pb n="63" />
        GliOSSBRITAXIEN.  —  Auswärtige  Besitzungen.

41

Unbewegliches  Eigenthum  ....  ca.  1550  Mill.
Gebäude  _  6.^4
Hausgeräth,  Werkzeuge,  Luxusgegenstände  -  220
AVaarenvorräthe  aller  Art  ....  -  110
Landwirthschaftliche  Vorräthe  ...  -  02
Schiffe  _  50
2046
Hiezu  Fondspapiere  "  _  1200

Zusammen  £  3S40  =  circa  25,650  Mill.  Thlr.
Zieht  man  auch  den  Betrag  der  Nationalschuld  ab,  so  bleiben  immer ­
  noch  ca.  2600  Mill.  -U  (gegen  17,400  Mill.  Thlr.).
Diese  Annahme  ist  indess  unzweifelhaft  viel  zu  gering.  Leone  Levi
glaubt  das  gesammte  Nationalvermögen,  einschliesslich  der  Fondspapiere
(namentlich  von  der  Nationalschuld),  zu  6,000  Mill.  £  schätzen  zu  dürfen. ­
  Für  den  Anfang  des  jetzigen  Jahrhunderts  nimmt  er  nur  l&amp;amp;OO  Mill,
und  für  1841  4000  Mill.  an.
(Münze.  Maasse,  Gewichte.)  Münze.  Einheit;  das  Pfund  Sterling,  Pound
Livre  Sterling,  £  bezeichnet,  eine  Goldmünze,  29,2  Stück  auf  die  Mark  fein’
22  Karat  f.  Gold,  Werth  ungef.  25  Fr.,  11  fl.  43  kr.  rhein.,  0  Thlr.  20  Sgr!
10  Pf.  preuss.  —  Unterabtheilung  in  20  Shillinge  (Silber,  angenommen  zu  1  Fr.*
22  Ct.,  35  kr.,  etwas  über  Thlr.).  Der  Shilling  zerfällt  in  12  Pence  (Kupfer
der  Penny  wird  wol  auch  als  Denier  bezeichnet).  —  Maasse.  Der  engl.  Fuss
(foot)  =  30,48  Centimeter,  oder  0,9712  rhein.  oder  preuss.  Fuss.  —  loo  Yards
oder  Klafter  =  91,43  Meter,  137,1  preuss.  Ellen.  Die  engl.  Meile  (1700  Yards)
=  1009  Meter.  —  Der  Acre  Feldmaass)  =  40,49  Aren  oder  1,5S  preuss.  Morgen. ­
  Eine  deutsche  Uuadratmeile  ist  gleich  21,2582  engl.  —  Das  Quarter
(Getreidemaass,  abgetheilt  in  8  Bushels)  =  5,29  preuss.  Scheffel.  Der  Bushel
=  35,72Liter;  100  Bushels  also  00,13  preuss.  ^heffel  oder  58,1  Wiener  Metzen.
—  Der  Gallon  (Flüssigkeitsmaass;  4,54  Liter  oder  3,97  preuss.  Quart.  —  Gewicht. ­
  Das  Pfund  =  0,45  Kilogr.  —  100  Pfd.  avoir  du  pois-Gewicht  =
45,30  Kilogr.  oder  90,7  deutsche  Zoll-  =  oder  schweizer,  80,98  AViener  Pfund.
Der  Centner  (112  Pfund  engl.)  =  101,00  Zollpfund;  die  Tonne  (ton)  20  solcher
Centner,  also  2032  Zollpfund.

Es  sind  deren  beinah  ein  halbes  Hundert  über  alle  Theile  der  Erde
verbreitet.  Hier  eine  Liste,  nach  der  Zeit  der  Erwerbung  geordnet:

Colonien
1.  Neu-Foundland,  N.-Schottland,
Prinz  Eduards-Insel
2.  New-Foundland
3.  Bermuda
4.  St.  Christopher  (St.  Kitts)
5.  Barbadoes
0.  Nevis
7.  Bahama-Inseln
8.  Turks-Island
9.  Gambiaküste
10.  Antigua
11.  Montferrat
12.  Jamaica
13.  Goldküste
14.  Jungfern-Inseln
15.  Hondurasküste

Erwerbung,art  Jahr  der
Erwerbung
Tsiederlassung  u.  Eroberung
von  Frankreich  1497,  lOOSu.  1654
ditto  1008
Niederlassung  1009
ditto  1623  u.  1650
ditto  1625
ditto  1628
ditto  1629
ditto  1629
ditto  1631
ditto  1632
ditto  1632
Eroberung  von  Spanien  1055
Niederlassung  1661
ditto  1666
Abtretung  von  Spanien  1670
        <pb n="64" />
        42

GllOSSBRITANIEN.  —  Auswärtige  Besitzungen.

Colonien
It).  St.  Helena
17.  Gibraltar
18.  Canada
19.  Domenica
20.  Granada
21.  Tabago
22.  St.  Vincent
23.  Neu-Braunschweig
24.  Sierra-T.eone
25.  Neu-Süd-Wales
20.  Ceylon
27.  Trinidad
28.  Malta
29.  Guiana
30.  St.  Lucia
31.  Tasmania
32.  Cap
33.  Mauritius  (Isle  de  France)
34.  Helgoland
35.  Ascension
30.  West-Australien
37.  Süd-Australien
38.  Natal
39.  Neu-Seeland
40.  Falklands-Inseln
41.  Hong-Kong
42.  Labuan
43.  Victoria
44.  Columbia
45.  Ostindien
40.  Prinz  Eduards-Inseln
47.  Queensland-48.
  Britisch  Katfraria

Erwerbungsart  Jahr  der
Erwerbung
Tausch  gegen  d.  Cap  v.  Holl.  1051
Eroberung  von  ^)anien  1704
ditto  von  Frankreich  1759  u.  1763
Abtretung  von  Frankreich  1703
ditto  ditto  1703
ditto  ditto  1763
ditto  ditto  1703
(getrennt  von  Neu-Schottland)  1784
Niederlassung  1787
ditto  1787
Eroberung  von  Holland  1790
ditto  von  Spanien  1797
ditto  vom  Malteserorden  1800
Abtretung  von  Holland  1803
Eroberung  von  Frankreich  1803
Niederlassung  1803
Eroberung  von  Holland  1806
ditto  von  Frankreich  1810
Abtretung  von  Dänemark  1814
Nieaerlassung  1827
ditto  1829
ditto  1836
ditto  1838
ditto  1839
Niederlassung  1765,  Abtretung
von  Spanien  1837
Abtretung  von  China  1843
ditto  1846
(abgetrennt  von  Neu-Süd-Wales)  1850
Niederlassung  1858
Niederl.  u.  Eroberungen,  1625-1849,
Abtretung  der  ostinu.  Compagnie  1859
Niederlassung  1859
(abgetrennt  von  Neu-Süd-Wales)  1859
(abgetrennt  vom  Cap)  1860

Die  britischen  Besitzungen  umfassen,  nach  der  officiellen  Berechnungsweise, ­
  gegen  230,000  deutsche  Quadf.-Meil.  und  gegen  100
Mill.  Menschen.  Nach  einer  pariament.  Aufstellung  Bazlcy’s  von  1S03
veranlassen  sie  dem  Mutterlande  einen  jährlichen  Aufwand  von  mehr  als
3  Mill.  X,  wesentlich  militärische  Ausgaben  (davon  Malta  480,000,  Gibraltar ­
  420,000,  Ceylon,  Mauritius,  llong-Kong  und  Labuan  150,000,
"Westindien  350,000  .t).  Die  eigenen  Einkünfte  dieser  Besitzungen
belaufen  sich  ausserdem  auf  etwa  11  Mill,  ;  ihre  Schulden  auf  27  Mill.
Der  Geldwcrth  ihrer  Einfuhr  wird  auf  00,  ihrer  Ausfuhr  auf  50  Mill,  berechnet; ­
  von  der  Ersten  kommt  die  Hälfte,  von  der  Letzten  %  auf  den
Verkehr  mit  Grossbritanien  und  Irland.  —  An  Gebietsumfang  steht
Australien,  an  Bevölkerung  Ostindien  voran,  Schulden  hat  Canada  am
meisten.  —  Die  Behandlung  der  Colonien  ist  durchaus  verschieden.  Die
als  blose  militärische  Positionen  betrachteten  werden  absolutistisch  regiert. ­
  Die  eigentlichen  Colonien  aber  mit  vorwiegend  europäischer  Bevölkerung ­
  haben  ihre  Parlamente  und  regieren  sich,  was  ihre  innern
Verhältnisse  betrifft,  fast  wie  Freistaaten  unmittelbar  selbst,  so  die  verschiedenen ­
  Colonien  in  Australien,  ferner  Canada  und  das  Cap.  (Wir
geben  das  Areal  nachstehend  durchgehends  nach  den  officiellen  Auf-
        <pb n="65" />
        GHüSSlilllTAXIEN.  —  Auswärtige  Besitzungen.

43

Stellungen  an,  obwol  wir  mehrfach  Zweifel  über  die  Richtigkeit
hegen.)

1)  Besitzungen  in  Europa:
Gibraltar.
Malta  und  Xachbarinseln  .  .  11.5*00
Helgoland  o’33
Zusammen  11T,0S

Deutsche  Q
0,OS
5,41
0,02

■M.  Bevölkerung
15,402
141,220
2,172

5,51

158,854

2)  Britisches  Nordamerika:

Untercanada  .  .  .  .)
Obercanada  .  .  .  ./
Neubraunschweig  .  .
Neuschottland  .  .  .
Prinz  -  Eduards  -Inseln
New-Foundland  .  .
Britisch  Columbia  .  .
Vancouver-Inseln  .  .
labrador
Zusammen

%
210,020
27,105
18,071
2,17:1
40,200
200,000
14,000
170,000
082,109

Deutsche
Q.-M.
9,879
1,274
878
102
1,891
9,408
058
7,997
32,902

Bevölkerung
1861
PI  11,500
P390,091
252,047
332,204
80,859
122,038

5,000
3’300,405

Besondere  W  ichtigkeit  besitzt  Canada.  Die  Franzosen  besassen
Unter-Canada  anderthalb  Jahrhunderte  lang  ;  die  Volkszahl  stieg  nicht
über  5)0,000.  In  der  neueren  Zeit  erfolgte  ein  ungemein  rascher  Aufschwung ­
  ,  der  jedoch  nicht  in  gleichem  Masse  fortdauert.  Die  Einwanderung ­
  stieg  1647  auf  5)S,09G  Personen  (worunter  54,329  Irländer
32,210  Engländer  und  7,697  Deutsche).  Seitdem  trat  eine  Abnahme
ein.  Die  Einwandererzahl  betrug  1S57  32,097,  185S  12,810  1859
8778,  1800  10,1  :)0,  1801  17,200.  Im  Jahre  1801  befanden  sich  unter
der  Gesammtbevölkerung  Untercanada’s  847,615  Individuen  französischer ­
  Abstammung,  unter  jener  Obercanada’s  nur  33,287.  (Zu
jenen  gehören  jedoch  viele  Mischlinge  von  Indianern,  mit  denen  sich  die
Franzosen  leicht,  die  Briten  selten  vermengen.)  Von  den  1801  vorhandenen ­
  Bewohnern  waren  1,918,113  im  Lande  geboren,  481,035  aus
Grossbritanien  und  Irland,  23,578  aus  Deutschland  und  Holland.  Die
Zahl  der  Indianer  wird  auf  höchstens  50,000  geschätzt.  Die  Bevölkerung ­
  von  Ober-  und  Unter-Canada  unterscheidet  sich  ebenso  nach  Confessionen
  wie  nach  Nationalitäten.  Dort  zählt  man  31  1,505,  hier  nur
63,487  Anglikaner;  dagegen  dort  nur  258,141,  hier  943,253  Katholiken; ­
  ebenso  303,384  gegen  43,735  Presbyterianer,  341,572  gegen
30,000  Methodisten,  24,299  resp.  857  Lutheraner,  7,514  resp.  2,584
Reformirte;  —  Juden  014  und  572;  —  Mormonen  74  resp.  3;  -
»ohne  Religion«  zu  sein  hatten  1  7,373  resp.  1477  erklärt.  —  Beide  Canadas ­
  wurden  1840  vereinigt.  Ihre  jetzige  Verfassung  datirt  vom  14.
Juni  1853.  —  Die  Schulen  sind  von  1797—1859  mit  3  013,000  Acres
öffentl.  Länilereien  ausgestattet  worden.  Schülerzahl  (1802)  in  Ober-Canada
  343,733,  in  Unter-Canada  nur  139,474.  —  Grösste  Städte
(nach  der  Aufnahme  von  1801):  Montreal  mit  101,002  Einw.,  Quebec
mit  02,138  und  Toronto  mit  44,425.  —  Der  Handel  hat  grossen  Aufschwung ­
  erlangt.  Die  Einfuhr  betrug
        <pb n="66" />
        44

GKOSSBKITAXIEX.  —  Auswärtige  Besitzungen.

.  ,  Zusammen  Davon  zollfreie  Artikel
in  den  8  Jahren  1841—48  zusammen  27’54.‘&amp;lt;,319  jé"  919,889

-  9
-  4

1S49—54
1S55—59

35’809,420
3T’044,92(I

2’448,381
10’789,T05

1859
1890
1891
1893

Mit  dem  Jahre  1859  begann
Einfuhr  Ausfuhr

33’555,191
34’441,921
39’914,195
45’994,0(»0

24*799,981
34*441,921
43*054,839
41*312,219

die  Berechnung  in  Dollars  ;
1891  rührten  vom  Verkehre  mit  England ­
  her  18*907,105  Aus-u.  20*389,937
Einf.,  ebenso  von  dem  mit  den  Ver  St.
19*283,374  Aus-  u.  21*099,388  Einf.

1890  kamen  ausserord.  Einnahmen
und  Ausgaben  vor.

Die  Annäherung  an  das  Freihandelssystem  zeigte  sich  auch  hier
sehr  nützlich,  ward  jedoch  in  der  jüngsten  Zeit  gestört  Die  Colonie
hatte  nemlich  für  viele  Eisenbahnen  eine  Zinsgarantie  geleistet  ;  so  hatte
man  ISOO  408  deutsche  Meilen  Schienenwege  erlangt.  Dieselben  rentaren ­
  aber  schlecht,  und  es  musste  zur  Beschaffung  der  Geldmittel  eine
starke  Erhöhung  der  Zölle  eintreten.  Das  ganze  Finanzwesen  der  Colonie ­
  ward  umgestaltet.  Die  Rechnung  der  Colonie  stellte  sich  netto
(nach  Abzug  der  Erhebungskosten  und  Ausstände)  :
Einnahme  Ausgabe
1858  8*824,474  11*403,587  ^
1859  9*349,583  11*008,390
1890  38*079,425  35*995,748
1891  (brutto)  12*955,581  14*742,834
Im  J.  1891  waren  die  wichtigsten  Positionen  der  Einnahme:  Zölle
4*774,592,  von  Anlehen  und  Vorschüssen  3*090,275  ^9;  —  der  Ausgabe: ­
  Zinsen  der  Schuld  3*735,789,  Schuldabtragung  2*858,293,  öffentl.
Arbeiten  1*039,240,  Civilverwaltung  437,285,  Justiz  970,734,  Gefängnisse ­
  148,049,  Legislatur  493,124,  Erziehung  509,793,  Wohlthätigkeit
  272,041,  Militär  84,987  (im  Vorjahre  107,219),  Strassen
181,998,  See-  undStromdampfsch.  432,022,  Leuchtthflrme  und  Küstendienst ­
  110,492.  —  Das  Capital  der  Schuld  betrug  1890  58*292,499^9
mit  3*151,719  Zins.  Verwendet  war  dasselbe  grösstenthcils  für  Eisenbahnen, ­
  Kanäle,  Strassen,  I,cuchtthürme  etc.  —  Ausser  den  königlichen
Truppen  (von  wechselnder  Stärke)  zählte  man  1892  an  Freiwilligen:
10,915  Inf.,  1915  Cav.,  1987  Art.,  202  Genie;  sodann  (angeblich]
200,000  Milizen.
Es  wird  eine  Union  sämmtlichcr  nordam.  Colonien  erstrebt.

3)  Mittel-  and  Südamerika:

Besitzungen
a.  N  ördl.  Inseln:
Bermudas  -  Inseln
Bahama-Inseln  .  .
Turks-Inseln  .  .  .
Jamaica
b  Kleine  Antillen  :
Jungfern-Inseln  (1859)
St.  Christoph  (1855)  .
Nevis
Antigoa
Montferrat  ....
Domenica  (1860)  .  .
St.  Lucia  (1860)  .  .
St.  Vincent  (1801)

Engl.  Q.-M.  Deutsche  Q.-U.  Bevölkerung

(1862)
24  1,1  11,450
2,921  137,4  35,287
;  •  •  •  •  •  4,372
6,400  101,1  441,255
57  2,7  6,051
106  4,9  20,741
50  2,3  9,822
108  5,0  36,412
47  2,2  7,645
291  13,7  25,065
250  11,7  27,141
131  6,1  31,755
        <pb n="67" />
        GROSSBRITANIEX.  —  Auswärtige  Besitzungen,

45

c.

Besitzungen  Engl.Q.-M.
Barbadoes  (IStilj  .  .  ,  ,  IGG
Granada  (ISGl)  .  .  .  .  133
Tabago  (1861)  97
Trinidad  (ISHl)  ....  1,754
Festland  und  Südamerika:
Britisch  Honduras  .  .  .  13,500
Britisch  Guyana  ....  70,000
Falklands-Inseln  (1860)  .  7,600

Zusammen  109,635

Deutsche  Q.-M.
7,8
6,2
4,5
82,5
635.0
3,575,0
357.0
4,685,8

Bevölkerung
152,727
31,900
15,410
84,438

25,635
155,026
566
r122,698

Die  westindischen  Inseln  befinden  sich  theilweise  in  übler  Lage,
insbes.  Jamaica.  Man  streitet  darüber,  ob  die  Negeremancipation  die
Veranlassung  war.  So  wird,  freilich  unter  Widerspruch  von  anderer
Seite,  behauptet:  ohne  Emancipation  würde,  nach  dem  Verbote  der
Sklaveneinfuhr,  die  Negerbevölkerung  bald  ausgestorben  sein  ;  in  elf  Besitzungen ­
  sei  die  Negerzahl  in  den  letzten  12  Jahren  vor  der  Emancipation ­
  von  558,194  auf  497,975  herabgesunken,  dagegen  während  der
nächstfolgenden  12  Jahre  in  zehn  der  gedachten  Besitzungen,  aus  denen
Nachweise  vorlägen,  wieder  um  54,076  gestiegen.  Die  Noth  der  Colonien
  rühre  von  dem  Herabsinken  der  Zuckerpreise  her  (in  den  8  Jahren
1838—46  kostete  der  Centner  Zucker  durchschnittlich  37%  Schill.,  in
den  8  Jahren  1847  —  ¡&amp;gt;5  blos  24%).  Die  Zuckerproduction  nahm  in
Britisch-Westindien  nicht  ab,  sondern  stieg  von  2b  auf  24%  Mill.  Ctr.;
doch  trotz  dieser  Vermehrung  sank  der  Erlös  um  7  Mill.  Allein  die
Gcsammtausfuhr  nahm  gleichwol  selbst  der  Geldsumme  nach  zu  ;  sie  betrug ­
  in  den  4  Jahren  1849  —  53  zusammen  32%  ,  dagegen  1854  —57
37  Mill.  X.  Während  Jamaica  sinkt,  hebt  sich  Barbadoes  ungemein.

4)  In  Afrika:
Besitzungen
Cancolonie
Britisch  Kaffraria  ....
Natal
Mauritius  (Isle  de  France)  .
Sechellen  und  Dependentien
St.  Helena
Westküste  :  an  d.  Gambia  .
Sierra  Leone  .
an  d.  Goldküste
Lagos....
Zusammen

Engl.Q.'M.  DeutscheQ.-M.

104,931
14,337
708
47
20
468
6,000

4,936
674
33
'  2,2
1
22
282

126,511

5,950

Bevölkerung
231,323
157,583
\  311,747
l  9,055
6,444
6,939
41,624
151,346

916,061

Bei  der  Zählung  von  1856  befanden  sich  im  ganzen  Caplande
267,096  Einwohner,  nemlich  119,577  Weisse,  136,935  Farbige  und
10,584  »Fremde«  (in  der  Capstadt  lebten  25,189  Menschen).  Seitdem
hat  eine  starke  Einwanderung  stattgefunden,  von  Kaffem,  Asiaten  und
auch  Europäern.  —  Der  auswärtige  Handel  betrug  :
1854  1855  1856  1857  1858  1859
Ausfuhr  662,000  970,839  1’240,625  1'833,700  1'651,662  1'818,000
Einfuhr  1'512,269  2'505,975  2'385,540  ....
Die  Ausfuhr  von  Schafwolle  nahm  dem  Gewichte  nach  folgendermassen
  zu  (in  Pfunden)  :

835  1839  1841  1844
,868  585,977  1'016,807  2'233,946

1849  1854  1858  I860
5'024,946  S’567,457  16'981,113  23'181,697
        <pb n="68" />
        46

GIlOSSBlllTANIEN.  —  Auswärtige  Besitzungen.

Der  Geldwerth  betrug  ISOO:  r4-13,727  Die  Weinausfuhr,
1854  erst  im  Werthe  von  30,000,  stieg  1850  auf  104,850  £  (für
r099,000  Gallonen).  —  Die  Aloeausfuhr,  1853  9,310  Pfund,  belief
sich  1857  auf  407,070.  Jene  von  Kupfererz,  1852  31  Tonnen,  war
1858  4,378.  —  Die  Finanzen  der  Colonie  stellten  sich  so;
1835  1845  1852  1856  1857  1858
Einnahmen  £  130,417  247,309  289,482  348,302  421,.Î24  403,010
Ausgaben  134,570  223,072  252,495  307,051  375,790  494,989
Die  grösste  Einnahme  fliesst  aus  den  Zöllen:  1858  200,322  (1834
blos  18,000)  £.
Die  Capcolonie  besitzt  eine  Eisenbahn  von  51  engl.  Meilen  Länge.
Seit  Oct.  1800  ist  Britisch  Caffraria  eine  besondere  Colonie.  Sie
zählte  damals  an  Bevölkerung:  2059  Deutsche,  3230  andere  Europäer,
58,317  Kadern.  Die  Colonie  Natal  umfasste  1855:  7029  Weisse  und
112,988  Kadern.
In  blühendem  Zustande  befindet  sich  Mauritius.  Die  Einwohnerzahl, ­
  1850  erst  230,995,  jetzt  über  300,000,  umfasst  100,000  Katholiken, ­
  7000  Protestanten,  etwa  100,000  Mohammedaner,  ebensoviel
Brahmabekenner,  dann  einige  Hundert  Buddhisten  ,  Parsen  und  Confucianer.
  Die  Einwanderung  oder  Einfuhr  indischer  und  chinesischer  Arbeiter ­
  ist  sehr  gross.  —  Im  Jahre  1859  bestand  die  Einwohnerschaft  der
Nationalität  nach,  ausser  den  Europäern,  aus  95,520  Creolen,  201,979
Hindostanern  und  0541  Chinesen.  —  Handelsverkehr:
Einfuhr  1843  992,578  Ausfuhr  1843  790,090
1858  2’939,444  1859  2’814,090
Hauptproduct:  Zucker,  etwa  300  Mill.  Pfund  jährl.,  für  etwa  3Mill.
Schiffsverkehr,  eingelaufen:  1842  439  Schilfe  von  102,987  Tonnen
1859  738  -  -  310,042
Budget  etwa  103,000  £,  wovon  78,000  für  Militärwesen.

5)  In  Australien  :  Jede  der  nachbemerkten  Colonien  bildet  gleich-,sam
  einen  eigenen  Staat.  Neu-Süd-Wales  erlangte  zuerst  Autonomie
durch  die  Constitution  von  1848.  Bevölkerung
Colonien  Engl.  Q.-M.  Deutsche  Q.-M.  1863
Neu-Süd-Wales  323,437  15,214  307,495
Victoria  .  .  .  80,831  4,037  500,807
Süd-Australien  .  383,328  18,930  120,s39
Queensland  .  .  078,990  31,893  50,999
West-Australien.  978,990  40,995  15,001
Tasmanien.  .  .  20,215  1,233  91,519
Neu-Seeland  .  .  190,259  4,994  1  (Mi,  .115
Zusammen  2’582,079  121,412  1'330,057

Unter  der  Bevölkerung  von  Victoria  sind  24,732  Chinesen  und
10,418  Deutsche.  In  den  Goldbezirken  lebten  im  März  1803  229,000
Menschen,  in  der  rasch  herangewachsenen  Stadt  Melbourne  (1804)  4  1,400,
sammt  Vorstädten  aber  94,498;  in  Sidney  (1801)  50,470,  mit  den  Vorstädten ­
  93,202.  In  Süd  -  Australien  lebten  (1801)  8803  Deutsche.  In
Neu-Süd-Wales  waren  205,531  Einw.  männlichen,  nur  101,904  weiblichen ­
  Geschlechts.  —  Die  Zahl  der  religiösen  Cuiten  ist  sehr  gross.  Die
Eingeborenen,  oben  nicht  eingerechnet,  gehen  einem  raschen  Untergänge ­
  entgegen.  In  Victoria  waren  sie  bei  der  Zählung  Aon  1858  auf
        <pb n="69" />
        GROSSBRITANIEN.  —  Auswärtige  Besitzungen.

47

1768  Köpfe  zusammengeschmolzen  (12  Jahre  früher  schätzte  man  5000)  ;
in  Südaustralien  1855  auf  3,450;  auf  Tasmanien  (vormals  Van  Diemensland) ­
  lebten  nur  noch  5  Männer  und  9  Frauen  (57  Jahre  zuvor,  bei
Gründung  der  Niederlassung,  etwa  5000).  Etwas  kräftiger  sind  die
Neu-Seeländer  ;  während  man  aber  ihre  Zahl  1844  auf  109,550  berechnete, ­
  ergab  die  Aufnahme  von  1857  nur  noch  56,049,  wovon  53,056
auf  der  durch  Milde  des  Klimas  ausgezeichneten  nördlichen  Insel,  wo  seitdem ­
  ein  verheerender  Krieg  herrscht.  —  Die  Bevölkerung  der  austral.
Colonien  betrug  1850  erst  517,908,  1861:  1’229,518  Menschen.
Die  Grösse  der  Goldausbeute  von  1851  bis  Ende  1859  war;
in  Neu-Süd-Wales  7’394,718  ;  bis  1863  :  12’972,916
-  Victoria  .  .  .  93’8l0,212;  -  Mitte  1864:  122’000,0Ü0
-  Süd  -  Australien  .  166,606
-  Tasmanien  .  .  8,666
-  Neu-Seeland  .  146,666
Zus.  in  9  Jahren  101’512,936  it
Doch  ist  es  nicht  die  Goldausbeute  allein,  worauf  das  Aufblühen
Australiens  beruht.  Reiche  Bergwerke  lieferten  schon  1859  300,000
Tonnen  Steinkolilen,  in  Süd-Australien  (1862)  für  452,000  £  Kupferetc.
Der  Bodenanbau  dehnte  sich  1858  bereits  über  folgende  Areale  aus
(einschl,  der  künstlichen  Wiesen)  •
In  Neu-Süd-Wales,  angebaut  217,443  Acres,  bis  1862  297,566
-  Victoria  (März  1859)  .  .  298,966
-  Süd-Australien  ....  264,462
-  Tasmanien  229,489  bis  Ende  1863  267,173
-  Neu-Seeland  ....  146,965  bis  1862  226,621
Zus.  (ungerechnet  West-Austral.)  IT51,319  Acres.
Mit  lieben  waren  1860  blos  in  Süd-Australien  3180  Acres  bepflanzt; ­
  man  zählte  3’783,0S6  Stöcke,  und  obwol  erst  die  Hälfte  Trauben ­
  trug,  erhielt  man  bereits  182,087  Gallonen  Wein.  —  Die  Anzahl
der  Pferde  in  Australien  war  1859  schon  auf  350,000  angewachsen,  die
des  Hornviehs  auf  3*',  Mill.,  der  Schafe  auf  10  Mill..  In  Süd-Australien ­
  zählte  man  1862  5’600,000  Schafe,  2'270,000  Stück  Hornvieh,
233,000  Pferde  und  146,000  Schweine;  in  Neu-Seeland  Ende  1861
2  760,163  Schafe,  193,134  Rindvieh,  28,265  Pferde;  in  Tasmania
Ende  1863  1’800,81  1  Schafe.  Schafwolle  ward  ausgeführt  (in  Pfunden)  :
1807  1820  1835  1845  1855  1859
245  99,415  5’665,660  24T77,315  49T  42,366  53*766,542
1861,  Werth  der  Wolleausfuhr  geschätzt  auf  2  Mill,  .
Der  Handelsverkehr  der  Colonie  Neu  -  Süd  -  Wales  betrug  1860
5  072,020  £  Aus-  und  7'5  19,285  Einfuhr;  der  von  Neu-Seeland  1862:
2’421,841  Ausf.,  4’626.091  Einf.;  von  Queensland  (1861)  709,528
Ausf.,  967,950  Einf.;  von  Süd-Australien  r986,130  Ausf.,  1'857,129
Einf.;  von  Victoria  12'962,704  Ausf.,  15*093,730  Einf.;  von  Tasmania
(1863)  999,511  Ausf.,  902,940  Einf.  —  Die  gesammte  Ein-  und  Ausfuhr ­
  aller  australischen  Colonien  ward  schon  1860  auf  45  Mill.  £,  der
Schiffsverkehr  zu  3  Mill,  Tonnen  veranschlagt  ;  die  vorhandenen  Schiffe
selbst  haben  gegen  1  '  ,  Mill.  Tonnengehalt.
        <pb n="70" />
        48

GROSSBKITANIEX.  —  AusAvärtige  Besitzungen.

Die  öffentlichen  Einkünfte  fliessen  meistens  aus  den  Zöllen  und
dem  Verkaufe  von  Grundeigopthum.  Man  hat  nemlich  bei  Anlage  der
Colonien  allen  Grundbesitz  für  Kroneigenthum  erklärt,  um  denselben  an
Colonisten  zu  verkaufen,  zu  einem  in  den  verschiedenen  Gebieten  wechselnden ­
  Minimalpreise,  meist  von  20,  theilweise  von  5,  10  oder  von
40  Sbill.  per  Acre.  Die  Rechte  der  Eingebomen  sind  dabei  ganz  missachtet ­
  ;  nur  auf  Neu  -  Seeland  ist  ihr  Grundbesitz  anerkannt,  unter  der
Beschränkung,  dass  sie  davon  blos  an  die  Regierung  verkaufen  dürfen.  —
Die  Finanzen  der  einzelnen  Colonien  stellten  sich  folgendermassen  ;

Einnahme  Ausgabe
Neu-Süd-Wales  (1862)  .  1'940,612  2M43,517
Victoria  (1860)  .  .  .  3’006,326  2’587,637
Süd-Australien  (1863)  .  631,700  635,205
West-Australien  (1858)  52,804  47,119
Tasmanien  (1860)  .  .  413,915  403,194
Queensland  (1862)  .  .  341,000  330,000
Neu-Seeland  (1860)  .  .  464,738  ....

Schuld
3'830,230  £
8’000,000
870,100

Beinahe  500  engl.  Meilen  Eisenbahnen  waren  schon  lSGO  hergestellt ­
  oder  im  Baue.  Die  Eisenbahnschuld  von  \ictoria  allein  belief  sich
auf  8  Mill.  £,  Neu-Süd-Wales  hatte  1858  eine  Ausgabe  von  106,333  .C
zur  Verzinsung  seiner  Schuld.  Der  Ausfuhrzoll  von  Gold  liefert  in  \  ictoria
  einen  jährl.  Ertrag  von  etwa  400,000  X.

6)  In  Asien  :  a.  Aellere  Knmbfslliuiiffn.
Engl.  Deutsche  Bevölk.
Q.-M.  Q-M.
Ceylon  24,700  1162  1’919,487
Hong-Kong  (China)  .  .  32  1,5  119,321
Insel  Labuan  45  2^1  2,442

Zusammen  24,777  1165,6  2’041,250

b.  Ehemalige  Besitzungen  der  Englisch-Oslindischen  Compagnie.
Engl.  Deutsche  Bevölk.
Q.-M.  Q-M.
District  des  Generalgouverneurs  .  170,333  8,000  14’16o,161
K":  ::::::::  S;p:i
Bombay  1.17,743  6,470  11  9.17,512
Punjab.  100,406  4,710  14’794,611
Nordwestprovinzen  116,493
Zusammen  933,722  43,850  135’634,244

c.  Elnbeimisrhe  Staaten.

Deu'sehe  Q  -M.  Bevölkerung
In  Bengalen  24,249  .18’702,206
-  Madras  2,435  5’21.1,671
-  Bombay  .  .  .  .  .  2,849  6’440,370

29,533  ■  50'356,247

Diese  letzten  Staaten  sind  jedoch  nicht  in  gleichem  Masse  in  Abhängigkeit ­
  von  der  Britischen  Regierung.  Petermann  classificirt  :
Deutsche  Q  &amp;gt;M.  Bevölkerung
Subsidienallianz-Staaten  .  .  .  8,757  19’835,8l8
Tributpflichtige  Schutzstaaten  .  9,022  12’209,389
Tributfreie  Schutzstaaten.  .  .  5,203  S’075,763
22,982  40*121,970
(Unabhängige  Staaten  3,906  3*242,720)
        <pb n="71" />
        GROSSBRITAXIEX.  —  Auswärtige  Besitzungen.

49

Bevölkerung  indischer  Städte

Calcutta  .  .  413,182
Madras  .  .  720,000  ?)
Bombay.  .  500,110
Lucknau.  .  300,000
Patna  .  .  284,132
Hyderabad  .  200,000
Benares  .  .  185,084
Delhi.  .  .  152,400
Joudpore  .  150,000
Moorshedabad  140,003  (?)

Baroda  .  .
Ahmedabad
Agra  .  .
Bareilly  .  .
Nagpore.  .
Cawnpore  .
Dbar  .  .  .
Fvzabad.  .
Bhurt])ore  .
Lahore  .  .

(meistens  blose  Schätzungen)  :

140.000
130.000
125,202
111,332
111,231
108,700
100.000
100,000
100,000
05,000

Amritsir  .  .  85,000
Moltan  .  .  80,960
Singapur  .  .  80,792
Tanjore  .  .  80,000
Mirzapore  .  79,526
Poona.  .  .  75,170  ?)
Allahabad  .  72,003
Peshawur.  .  53,295
Juggurnauth.  20,705

Im  Handel  Hindostans  stieg  die  Ausfuhr,  !&amp;amp;'%,*)  blos  H’774,769
X.  betragend,  1S‘V„  auf  27’453,692,  auf  27  960,203;  die  Einfuhr ­
  aber  hob  sich  gleichzeitig  von  5’240,677  auf  15*277,506,  dann
auf  24*265,140,  ungerechnet  die  Einfuhr  von  Edelmetallen  (Geld).  —
Im  Jahre  lS“%s  ward  die  Ausfuhr  auf  46*485,169  X  berechnet.  Die
zur  Ausgleichung  der  Bilanz  erfolgte  Einfuhr  von  Edelmetallen,  zumeist
Silber,  betrug  von  18*%.—"%,,  der  Reihenfolge  der  Jahre  nach;  X
1  664,761;  1*425,563;  3*270,520;  4*132,969;  5*776,148;  3*388  660-761,223;
  10*700,111;  13*160,270;  14*992,998.  In  den  nächsten  5
Jahren  sollen  (nach  Angabe  des  Min.  Wood)  50  Mill.  X  in  Silber  und
25  Mill,  in  Gold  eingeführt  worden  sein  (nach  Obr.  Sykes  wurden  von
I860  1861  254  Mill,  t*  in  Edelmetallen  importirt).  —  Die  wichtigsten
Ausfuhrartikel  waren  im  Durchschnitte  jährlich  :
Jahrzehnt  18'%.—*%.  3*602,407  2*380,401  2*026,787
6*578,686  1*061,372  3*108,634

Dann  (im  letztbezeichneten  Jahrzehnt)  :  Zucker  1*550,045  -  Baumwollgewebe
  776,560,  Getreide  1*655,734  X.  —  Im  neml.  Jahrzehnt
betrug  die  Einfuhr  durchschnittlich  11*970,991  X.  Hievon  kamen35,20
Proc.  auf  baumwollene  Zeuge;  9,79  auf  baumw.  Garn  und  Twist;  7^34
auf  unverarbeitete  unedle  Metalle;  3,39  auf  Salz;  2,49  auf  Kleidungsgegenstände; ­
  1,99  auf  rohe  Seide;  1,82  Proc.  auf  Wein.  In  der  Periode ­
  18®%.  bis  18“*/gg  stieg  die  Ausfuhr  des  Kaffes  von  11  auf  21
Mill.  Pfund,  des  Indigo  von  9  auf  11  Mill.,  der  Wolle  von  15  auf  21
Mill.  Pfd.,  der  Jute  von  317,000  auf  1*266,000  Centner;  sodann  des
Ihees,  dem  Geldwerthe  nach  von  60,000  auf  223,000  X.  Der  steigende ­
  Absatz  indischer  Producte  zu  steigenden  Preisen  und  die  Verkehrserleichterung ­
  im  Lande  haben  eine  sociale  Umwälzung  angebabnt.
NV  ährend  sonst  der  Taglohn  nur  etwa  2  Pence  betrug,  fehlt  es  nun  wegen ­
  steigender  Nachfrage  vielfach  an  Arbeitern.
lonnenzahl  der  eingelaufenen  Schiffe  stieg  in  beiden  Decennien
(  &amp;lt;  —  o8  von  1  176,811  auf  1*826,486  Tonnen.—  Kanäle,  besoners
  wichtig  der  Bewässerung  wegen,  wurden  hergestellt  oder  erneuert:
Länge  Körnten
engl.  Meilen
Delhi-oder  West-Jumna-Kanal  .  .  445  314,380
Doub-oder  Ost-Jumna-Kanal.  .  .  155  169,842
Ganges-Kanal  (noch  nicht  vollendet,  808  2*000,000
llaree  Doab  (ditto,  450  4*000,000

)  Das  Rechnungsjahr  beginnt  in  Ostindien  mit  dem  1.  Mai.
Kolb,  Statistik,  4.  Aufl.  ,
        <pb n="72" />
        50

GKOSSBKITAXIEN.  —  Auswärtige  Besitzungen.

Die  wichtigsten  durch  die  Briten  erbauten  Landstrassen  sind  :
Länge,  engl.  Meil.

Grand  Trunk  Koad,  von  Calcutta  nach  Delhi  und  Peschawur  .  1,42:1
Great  Deccan  Koad,  von  Calcutta  nach  Bombay  1,170
Agra  and  Bombay  Koad  Tòh

Auf  Indus  und  Ganges  erhält  die  Kegierung  Dampfschifffahrt.
Die  Ei  sen  bahn  bullten  sind  der  Privatindustric  überlassen,  werden ­
  aber  aus  öffentl.  Mitteln  durch  Zinsgarantie  unterstützt.  Concessionirt
  waren  1800  acht  Gesellschaften  für  1017  engl.  (1000'/,  deutsche)
Meilen,  veranschlagt  zu  52'/%  Mill.  .£,  wovon  die  Regierung  für  34’  133,300
Zinsgarantie  leistet.  Eröffnet  waren  Anfangs  1804  2008  engl.  =  ca.
580  deutsche  Meilen,  wovon  die  Hauptstrecken  auf  die  Linien  von  Calcutta ­
  nach  Benares  510  Meilen;  von  Aladras  nach  Beypore  von  405  M.;
und  von  Bombay  nach  Sholapore  205  M.  fallen.  Im  Jahre  1804  sollten ­
  die  Hauptbaumwolldistricte  von  Central-Indien  und  Guzerat  in  directer
  Verbindung  mit  Bombay  stehen  und  Delhi  in  zwei  Tagen  von  Calcutta ­
  zu  erreichen  sein.  Die  Zahl  der  Reisenden  betrug  18®%«  auf  den
damals  durchschnittl.  eröffneten  432  engl.  Meilen  nicht  weniger  als
2  722,382  Personen.  —  In  den  drei  Jahren  18®%;—®%9  betrug  die
Einnahme,  bei  durchschnittl.  340  Meilen  Bahn,  jährlich  287,210  C
(120,205  vom  Personen-,  100,021  vom  Waarenverkehrc)  ;  da  die  Betriebskosten ­
  nur  120,702  .C  hinwegnahmen,  so  war  meistens  mehr  als
der  Zinsbedarf  gedeckt.  —  1803  war  die  Plinnahmc  zu  1’720,000  X  angegeben, ­
  die  Zahl  der  Passagiere  zu  mehr  als  0  Mill.
Die  Telegraphenlinien  hatten  18®%.,  bereits  eine  Ausdehnung
von  10,123  engl.  (2105  deutschen)  Meilen,  und  die  Depeschenzahl  betrug ­
  157,834,  worunter  freilich  50,070  Dienstdepeschen.  1801:
240,451  Dep.  —  Unter  der  seit  1854  eingeführten  billigen  Posttaxe
(%  Anna  oder  %  Den.)  stieg  die  Briefzahl  von  10  Mill,  auf  51%  Mill,
schon  im  Jahre  18®*%.
Für  Erziehung  wurden  aus  Staatsmitteln  verwendet:  18"%,  erst
51.570,  I  8®%s  dagegen  231,  180  X.  Die  Zahl  der  Schulen  betrug  indess
  immer  erst  1  1,105,  die  der  Schüler  100,742  (Staatsanstalten  2235
mit  00,437  Schülern,  Privatanstalten  0,200  mit  07,305  Zöglingen);
nicht  Vio  der  Kinder  besucht  die  Schulen  und  auf  je  3%  deutsche  Quadr.-Meil.
  kommt  erst  eine  Anstalt  in  diesem  dicht  bevölkerten  Lande.
Die  Finanzen  stellten  sich  früher  sehr  ungünstig.
Einkünfte  Ausgaben  Deficit
im  Jahrzehnt  22'0l0,:UO  2  l”2o  l,S(Mi  P204,413
18'%,—®%,  2&amp;lt;ro22,:&amp;lt;7l  :M»’170,MI4  PI.57,4:13
So  war  der  Finanzzustand  schon  während  Jahrzehnten  ein  zerrütteter. ­
  Es  erfolgte  der  grosse  Aufstand.  Im  Jahre  18®*  5»  erreichte  die
Ausgabe  ihren  höchsten  Stand:  50'248,000  C  gegen  nur  30’000,000
Einn.,  somit  14  Mill.  Deficit.  Im  nächsten  Jahre  ging  der  Ausfall  auf
10,  im  darauffolgenden  auf  4  Mill,  herab.  18*%g  hatte  man  13’830,000
Einn.  gegen  43’880,000  Bedarf;  das  Deficit  war  somit  bis  auf50,000  C
beseitigt.  Für  18®®%  berechnete  man  nach  vorläufiger  Aufstellung
4G’103,000  Einn.,  45’340,000  Ausg.,  somit  823,000  Ueberschuss.
Der  Voranschlag  für  18**66  schliesst  ab  mit  40’  1  40,000  E  ,  45’310,000
        <pb n="73" />
        GKÜSS13KITAXIEN.  —  Auswärtige  Besitzungen.

51

Bedarf.  Die  Kosten  der  Steuererhebung  sind  zu  h’144,700,  die  der
Armee  zu  12  705,281  veranschlagt,  für  Zahlung  garantirter  Zinsen  von
Eisenbahnen  etc.  2’4S0,075,  gegenüber  010,667  £  reiner  Einnahme
aus  diesen  Anstalten.  —  Unter  den  Einnahmen  steht  die  Abgabe  von
Ländereien  weitaus  oben  an.  Die  vom  Opium  ist  bedeutend,  aber  unsicher; ­
  einträglich  die  vom  Salze,  verhältnissmässig  wenig  bedeutend
(  er  Zull.  (Im  .1.  18**4*  betrug  die  gesammte  Einnahme  XO'002,807,
die  \erwaltungsausgabe  24*908,240  £;  sodann  waren  an  Zinsen  zu
entrichten  in  Indien  ,T351,6S0,  in  England  6’515,601,  so  dass  ein  Ueberschuss
  von  1*827,346  £  verblieb.)*)
Die  indische  Schuld  ward  für  1.  Mai  1802  folgendermassen  berechnet:
  consolidirt  04*500,088  Schatzscheine  1*590,595,  Vorschüsse
»1,315,  Depositen  sammt  den  Fonds  von  Carnatic  und  Tanjore  5*802  485
~  zusammen  in  Indien  71*901,081,  dazu  Schuld  in  England  29’976ÍoOo!
1  otal  101  8(1,081  £.  Hiezu  12  Mill,  an  die  Actionäre  der  ehemaligen
ostind  Compagnie  (eipntlich  0  Mül.,  zu  10%%  verzinslich),  fernerdie
Eisenbahn-Zinsgarantien.  —Eine  Parlamentsvorlage  von  1802  berech-?ooT
  ""gerechnet  die  letzt  erwähnten  Posten,  auf
•'  4’^'  ,  Erklärungen  des  Min.  f.  Indien
V.  1861,  in  den  letzten  Jahren  8  Mill,  an  der  Schuld  abgetragen  worden.
Da  die  Insel  Ceylon,  als  älteres  Kronland,  in  allen  Actenstücken
besonders  angeführt  wird,  so  bemerken  wir,  dass  diese  Besitzung  bedeutend ­
  auf  blüht.  In  den  zwei  Jahrzehnten  1839  bis  1858  hob  sich  der
f  j^nor  der  Amfuhr  von
auf  2.(28,1.10,  und  es  stiegen  die  Einkflnfte,  ungeachtet  der
Verminderung  gewisser  Abgaben,  von  372,013  auf  054,901  £.

Gesammtfibersicht.

,  Gebiete
J)  Orossbntanien  und  Irland
-  Nordamerika
-  Büttel-  und  Süd-Amerika
-  Afrika

2  Besitzungen  in  Europa
5)  --  ■*
4)

Deutsche  Q.-M.  Bevölkerung

&amp;gt;00
0
52,900
4,700
0,000

ÍÍ¡  -  Australien  .'  120,00((
‘I  -  -  Asien  45
8)  Schutzstaaten  in  Ostindien  25J100
Zusammen  etwa

29*500,9(9
100,001
3*500,0(»(
P125,00(
920,00(
I’550,00(
15S’000,00(
45*000,00(

257,000  220,000,000
Niemals  bestand  ein  Reich,  das  sich  so  sehr  über  alle  Theile  der
Erde  ausgcbreitet  hätte,  wie  das  heutige  britische.  Es  übertrifft  sowohl
an  r  sse  wie  an  letölkerung  das  römische  Weltreich;  steht  zwar  an
mang  em  russisc  len  Czaarenthiime  bedeutend  nach,  umfasst  aber,
die  mittelbaren  Besitzungen  dazu  gerechnet,  dreimal  so  viel  Menschen
als  dieses.  —  Hier  eine  vergleichende  Schätzung  :
IS'"  :  :  :  ,2,yim.Men.hen
Britisches  Reich  .  .  257’ooo  -  22(1  -
        <pb n="74" />
        52

FRANKREICH.  —  Land  und  Leute.

Allerdings  stehen  die  Bewohner  Hindostán’s  der  brit.  Bevölkerung
nicht  gleich.  An  Reichthum  übertrifft  aber  das  brit.  Reich  jedes  andere
jetzt  vorhandene  oder  in  frühem  Zeiten  jemals  existirende.

Frankreich  (Kaiserthum).

liaml  1111(1  Leute.

Allgemeine  Uebersicht.*)  Das  zu  einem  vollständigen  Einheitsstaat ­
  ausgebildete  Reich  umfasste  bei  der  Zählung  von  ISGl  auf  9853
geogr.  Quadrat-Meilen  (zu  5,505  Hectaren)  eine  Bevölkerung  von
37’382,225  Menschen.  —Das  Gebiet  ist  in  89  Departemente,  und  diese
sind  in  373  Arrondissements  (Bezirke)  und  2938  Kantone  eingetheilt,
welche  37,510  Gemeinden  in  sich  begreifen.
Departemente

Ain
Aisne  .  .  .
Allier  .  .  .
Alpes  (Basses-)
Alpes  (Hautes-)
Alpes-Maritimes
Ardèche  .  .
Ardennes  .
Ariége  .  .  .
Aube  .  .  .
Aude  .  .  .
Aveyron  .  .

Bouches-du-Rhône  .
(Rhonemündungen)
Calvados  .  .  .  .
Cantal  .  .  .  .
Charente  .  .  .  .
Charente  Inférieure  .
Cher
Corrèze  .  .  .  .
Corse  (Corsica)

Hectaren  Bevölk.  1861  Hauptorte  u.  deren  Bevölkerung  **)
579,897  309,707  Bourg  en  Bresse  14,052  Einw.
735,200  504,597  Laon  10,090,  St.  Quentin  30,790,  Boissons ­
  10,208.
730,837  350,432  Moulins  17,581,  Montluçon  10,212.
095,418  140,308  Digne  5,344.
558,900  125,100  Gap  8,219.
393,000  194,578  Nice  48,273,  Grasse  12,015.
552,(9)5  388,529  Privas  0,057,  Annonay  10,271.
523,289  329,111  Mézières  5,005,  Sedan  15,530.
489,387  251,850  Foix  5,.507.
000,139  202,785  Troyes  34,013.
031,324  283,000  Carcassonne  20,044,  Narbonne  10,002.
874,333  390,025  Rhodez  11,850,  Millau  12,030,  Villefranche
  10,172.
510,487  507,112  Marseille  200,910,  Aix  27,059,  Arles
25,543,  Tarascón  13,189.
552,072  480,992  Caen  43,740,  Lisieux  13,121.
574,147  240,523  Aurillac  10,930.
594,238  379,081  Angouléme  24,901.  [Saintes  10,902.
082,509  481,000  La  Rochelle  18,904,  Rochefort  30,212,
719,934  323,393  Rourges  28,004.
580,009  310,118  Tulle  12,410.
874,745  252,889  Ajaccio  14,098,  Bastia,  19,304.
’  ^  Jk-  1  M  —  1H710

CôtZd’or  Goídhiigci)  87Ó¡Í  10  OSlj'NO  î)1jon  37,074,  Beaune  10,719.
Côtes-du-Nord(Nordküsten)
  .  .  .  .  088,502  028,070  Saint  Bneux  15,341.
‘  550,830  270,055  Guéret  5,139.

Creuse
Dordogne
Doubs  .

918,250  501,057  Périgueux  19,140,  Bergerac  12,116.
522,755  290,280  Besançon  40,780.

*)  Hauptquelle  für  Bevölkerungsverhältnisse  das  grosse,  eines  mächtigen
Reiches  würdige  Werk  :  Statistique  de  lu  France,  bearbeitet  von  dem  Vorstände
des  Statist  Bureaus.  —dem  um  die  Wissenschaft  tielverdienten  Herrn  A.Legoyt.
—  Für  Finanzsachen  bilden  die  Veröffentlichungen  im  Moniteur  und  im
Bulletin  des  lois  Hauptquellen.  ,  ..
**)  Die  Departementshauptorte  sind  zuerst  genannt  ;  ausserdem  alle  otädte
von  mehr  als  10,000  Einw.  ;  die  Militärbevölkerung  ist  eingerechnet.
        <pb n="75" />
        FRANKREICH.  —  Land  und  Leute.

53

Departemente  Hectaren  Bevölk.  1861  Haaptorte  n.  deren  Bevölkerung

Drôme  ...
Eure  .  .  .
Eure-et-IiOir  .
Finistère  .  .
Gard  .  .  .
Garonne  Haute-Gers
  .  .  .
Gironde  .  .
Hérault  .  .
Ille-et-Vilaine
Indre  .  .  .
Indre-et-Loire
Isère  .  .  .
Jura....
Landes  (Haiden)
Loir-et-Cher  .
I.oire  .  .  .

Ivoire  (Haute-)
I,oire-Inférieure
Loiret  .  .  ,
Lot  ....
Lot-et-Garonne
Lozère  .  .  .
Maine-et-IiOire
Manche  (Canal)
Marne  .  .  .
Marne  (Haute-)
Mayenne  .  .
Meurthe  .  .
Meuse  (Maas)
Morbihan  .  .
Moselle  (Mosel)
Nièvre  .  .  .
Nord  .  .  .

052,155  320,664

Oise.  .  .  .
Orne  .  .  .
Pas-de-Calais

Puy-de-Dôme

595,765
587,430
672,112
583,556
628,988
628.031
974.032
619,800

398,601
290,455
627,304
422,107
484,081
298,931
667,193
409,391

672,583  584,930

679,530
611,370
828,934
499,401
932,131
635,092
475,692

496,225
687,456
677,119
521,174
535,396
516,973
712,093
592,838

270,054
323,572
577,748
298,053
300,839
269,029
517,603

305,521
580,207
352,757
295,542
332,065
137,367
526,012
591,421

818,044  385,498

621,968
517,063
609,004
622,787
679,781
536,889
681,656
568,087

254,413
375,163
428,643
300,540
486,504
446,457
332,814
1'303,380

585,506
609,729
660,563

401,417
423,350
724,338

"95,051  576,409
762,266  436,628

Pyrénées  (Basses-)  .
Pyrénées  (Hautes-)  .  452,945  240  179
Pjrénées-Orientales  412,211  181763
Rhin  'Bas-)  .  .  .  455,345  577*574

Valence  18,711,  Montélimart  12,044
Romans  11,257.
Evreux  12,465,  Louviers  10,841.
Chartres  19,531.  [laix  14,008.
Quimper  11,488,  Brest  67,833,  Mor-Nîmes
  57,129,  Alais  20,257.
Toulouse  113,229.
Auch  11,899.
Bordeaux  162,750,  Libourne  13,565.
Montpellier  51,865,  Béziers  24,270,
Cette  22,438,  Lodève  11,864.
Rennes  45,485,  Saint  -  Sen  an  12,709,
St.  Mâlo  10,886.
Châteauroux  16,170,  Issoudun  14,282.
Tours  41,061.
Grenoble  34,726,  Vienne  19,559.
Lons-le-Saulnier  9,862,  Dôle  10,605.
Mont-de-Marsan  5,574.
Blois  20,331.
Montbrison  7,201,  St.  Etienne  92,250,
Roanne  17,398,  Rive-de-Gier  14,202,
St.-Chamond  11,626.
Le  Puy  17,015.
Nantes  113,625,  Saint-Nazaire  10,845.
Orléans  50,798.
Cahors  13,846.
Agen  17,263,  Villeneuve  13,830.
Mende  6,370.  [12,735
Angers  51,797,  Saumur  14,079,  Cholet
Saint-Lô  9,810,  Cherbourg  41,812,
Grannlle  17,180.
Châlons-sur-Marne  16,675,  Reims
55,808,  Epemay  10,598.
Chaumont  7,140.
I,aval  22,892,  Mayenne  10,370.
Nancy  49,305,  l.unéviHe  15,528.
Bar-le-Duc  14,922,  Verdun  12,394.
Vannes  14,564,  I,orient  35,462..
Metz  56,888.
Ne  vers  18,971.
Lille  131,827,  Roubaix  49,274,  Tourcoing ­
  33,498,  Dunkerque  32,113,
Valenciennes  24,966,  Douai  24,486,
Cambrai  22,557,  Wattrelos  12,315,
Armentières  11,901,  Halluin  10,803,
Maubeuge  10,557,  Denain  10,254,
St.-Amand  10,210,  Bailleul  10,102.
Beauvais  15,364,  Compiègne  12,137.
Alençon  16,110,  Fiers  10,054.
Arras  25,905,  Boulogne  36,265,  St.-Omer
  22,011,  SainW'ierre-les-Calais
15,008,  Calais  12,934.
Clermont-Ferrant37,275,Thiers  15,901,
Riom  10,863.
Pau  21,140,  Bayonne  25,611.
Tarbes  14,768.
Perpignan  23,462.
Strasbourg  82,014,  Haguenau  11,071,
Schlestadt  10,184.
        <pb n="76" />
        FllANKlíEICH.  —  Land  und  Leute.

54

Departemente
Rhin  (Haut-)  .

Rhône  .  .  .
Saône  (liante-)  .
Saône-et-Loire  .
Sarthe  .  .  .
Savoie  .  .  .
Savoie  (Haute-)
Seine  .  .  .  .

Seine-Inférieure

Seine-et-Marne.
Seine-et-Oise  .

Sèvres  Deux-)  .
Somme  .  .  .
Tarn  ....
Tarn-et-Garonne
Var  ....
Vaucluse  .  .  .

Vendée
Vienne  .  .  .
Vienne  (Haute-)
Vosges  (Vogesen)
Yonne  .  .  .

Hectárea  Bevölk.  1861  Hauptorte  u.  deren  Bevölkerung

410,771  515,802

270,039
533,902
855,174
020,008
591,358
341,715

062,493
317,183
582,137
400,105
275,039
207,490

47,550  1'953,000

003,329  789,988

573,035
500,305
599,988
010,120
574,210

352,312
513,073
328,817
572,040
353,033

Colmar22,029,Mulhouse45,887,Sainte-Marie-aux-Mines
  12,332,  Guebwiller
10,080.  [franche  11,050.
Lyon  318,803,  Tarare  14,509,  Ville-Vesoul
  7,579.
Mâcon  18,000,  Châlon  -  sur  -  Saône
19,709,  Le  Creuzot  10,094,  Autun
l.e  Mans  37,209.  [11,897.
Chamber)-  19,953.
Annecy  10,737.
Paris  Í'090,141  ,  Saint-Denis  22,052,
Clichy  17,473,  Boulogne  13,944,  Vincennes ­
  13,414,  Neuilly  13,210,  Courbevoie ­
  10,553.
Rouen  102,049,  Havre  74,330,  Elbeuf
20,092,  Dieppe  20,187,  Fécamp
12,243.  [Meaux  10,702.
Melun  11,170,  Fontainebleau  11,939,
Versailles  43,899,  Saint-Germain-en-I.aye
  15,708.
Niort  20,831.
Amiens  58,780,  Abbeville  20,058.
Albi  15,493,  Castres  21,538,  Mazamet

.  372,010
.  008,325
.  354,771
.  070,350
.  097,037
.  551,058
.  007,996
.  742,804

10,924.
232,551  Montauban  27,054,  Moissac  10,445.
315,520  Draguignan  10,082,  Toulon  84,987,  La
Seyne  11,700,  Hyères  10,300.
208,255  Avignon  30,081,  Carpentras  10,918,
Orange  10,007.
395,095  Napoléon-Vendée  8,298.
322,028  Poitiers  30,503,  Châtelleraut  14,210.
319,595  Limoges  51,053.
415,485  Épinal  11,957.
370,305  Auxerre  15,081,  Sens  11,098.

Zusammen  54'239,079  37'382,225

Bodenverwendung  (ungerechnet  die  3  neuen  Departemente)  ;

Hectárea
25'581,059  (20'204,225)  Ackerland,
7'702,435  Waldungen,
7'171,203  (0'579,983)  Haideland,  Weiden, ­
  Sümpfe,  Oed-Land,
.y  159,220  (5'057,232)  Wiesen,
•i'090,534  (2'191,102)  Mmnberge,
-¡-l'102,845  Wege,  öffentliche  Plätze,
¡"1  '057,114  Staatseigenth.  ohne  Ertrag,
028,235  Gärten  und  Baumschulen,
503,980  Kastanienpflanzungen,
-■-441,170  Flüsse,  Bäche,  Seen,

Hectárea
178,723  Teiche,
-¡■159,508  unproductives  Land,
110,725  Del-,  Mandel-  und  Maulbeerphanzungen,

04,717  Erlen  -  und  Weidengebüsch,
-¡-17,401  Entwässerungsgräben  und
Viehtränken,
14,771  öffentliche  Gebäude,  Kirchhöfe ­
  etc.,
12,273  Kanäle,
4,170  Steinbrüche  und  Minen.

Die  nichtbesteuerten  Theile  des  Gebiets  sind  hier  mit  f  bezeichnet.
Im  Ganzen  sind  besteuert  49’530,33()  Hect.,  nicht  besteuert  2’775,408.
Nach  einer  Zusammenstellung  im  Moniteur  von  1800  gibt  es  in  Frankreich ­
  noch  185,400  Hectaren  (fast  34  deutsche  Quadr.-Meilen)  Moräste
und  nicht  weniger  als  2’700,072  Hectaren  (über  491  Quadr.-M.)  Haiden
und  sonstige  den  Gemeinden  gehörende,  unangebaute  Ländereien.
Pärcellen.  Im  J.  1842:  126’210,194.  Zahl  der  Eigenthümer:
ir053,702.  Es  ist  zu  bemerken,  dass  neben  einander  gelegene,  dem
        <pb n="77" />
        FKANKKEICH.  —  Land  und  Leute.

55

nemlichen  Eigenthümer  gehörende  Grundstücke,  wenn  sie  zur  Zeit  der
Aufnahme  getheilt  waren,  (trotz  der  Wiedervereinigung)  als  besondere
Parcellen  aufgeführt  bleiben  :  die  officielle  Ziffer  ist  desshalb  unzuverlässig. ­
  Auch  sind  dieselben  Grundeigenthümer  so  vielmal  gezählt,  als  sie
Grundstücke  in  verschiedenen  Einnehmereien  besitzen.  —  Zahl  der
Wohnhäuser  im  Jahre  1S5Î);  S’007,7S4.

Bevölkerungsbewegang.  Die  Zahl  der  Einwohner  Frankreichs  ward
im  Jahre  1700  (als  der  Staat  Lothringen,  Corsica  und  Avignon  noch
nicht  besass)  nach  den  Denkschriften  der  Intendanten  zu  19’669,320  angenommen. ­
  Die  (ungenaue)  Zählung  von  17G2  ergab  21’709,163.
17S4  schätzte  Xecker  24’SOO,000,  indem  er  auf  1  Geburt  25%  Bewohner ­
  rechnete.  Eine  Zählung  von  1790  wies  20'363,000  Einwohner  nach.

Jahr
ISOl
ISO«
1S21
i8:n
1830

In  den  SO  alten  Departementen  (ohne  Savoyen  und  Nizza)  lebten:*)

Bevölk.
27*349,002
29*107,425
30*471,875
32*509,223
33*540.910

Jährl.  Zunahme
—  Proc.
1,28  -
0,51  -
0,09  _
0.00

Jahr
1841
1840
1851
1850
1801

Bevölk.
34*230,178
35*401,701
35*783,170
30*039,304
(30*713,100)

Jährl  Zunahme
0,41  Proc.
0,08  -
0,21  -
0,11  -
0.37  -

Die  weibliche  Bevölkerung  überwog  ISOl  um  97,217  (IS’642,504  männl.,
1S’739,721  weibl);  früher  ergab  sich  folgendes  Verhältniss;

Jahr  XJeberichusi
1800:  725,225
1800:  481,725
1821  :  808,325

Jahr  Ueberschuas
1831  :  009,033
1830:  019,508
1841  :  445,382

Jahr  TJeberachusa
1840:  318,738
1851  :  193,242
1850:  299,024

Der  Unterschied  zwischen  1806  und  1821  erklärt  sich  besonders
durch  die  grossen  Kriege.  Nach  denselben  näherte  man  sich  einer  Ausgleichung ­
  ,  bis  der  Krimfeldzug  verderblich  dazwischen  trat.

Helrathen.  Durchschnittlich  in  jedem  Jahre:

von  18:10—40:  272,905  =  1  auf  124,12  Einwohner
-  1841—45:  282,287  =  1  -  123,31
-  1840—50:  277,017  =  1  -  128,20
-  1851-00:  287,750  =  1  -  120,00

ährend  der  letzten  Periode  fanden  folgende  Schwankungen  statt  :

18.50
1851
1852
1853

297,700
280,984
281,100
280.009

1854
1855
1850
1857

270,900
283,840
287,029
295,510

1858
1859
1800
1801

307,050
298,417
288,930
305,203

Dabei  kann  man  jedes  Theuerungsjahr  wahrnehmen,  ebenso  aber
f  as  Streben  der  Natur,  schon  in  der  nächstfolgenden  Zeit  das  ge-8
  re  eic  gewicht  durch  ungewöhnliche  Erhöhung  der  Zahl  wieder
herzustellen.  —  Es  kam  jährlich  ungefthr  eine  Heirath  :

F  ,r  ,,  und  1800  leiden  aber  noch  an  einem  andern  fehler.  Man
rüg  die  ganze  \  olk8zahl  ein  welche  die  80  alten  Departemente  in  jenen  Jahren ­
  besassen  ,  ohne  Kucksicht  darauf,  dass  in  den  Friedensschlüssen  von  1814
und  1815  Gemeinden,  ja  ganze  Kantone,  davon  abgetreten  wurden.
        <pb n="78" />
        56

FKANKIŒICH.  —  Land  und  I^eute.

1S25—28  auf  128  Einw.
1829—33  -  12Ü  —
1834—38  -  123  -
1839—44  -  125  -
1847  -  142  -

1848  auf  121  Einw.
1849  -  128  -
1850  -  120  -
1850  -  125  -
i  1857  -  122  -

1858  auf  118  Einw
1859  -  122  -
1800  -  120  -
1801  -  123  -

Geburten.  Deren  Zahl  war  in  je  5  Jahren  ;

Jahre  Durchschnitt
1830—40  959,431
1841—45  970,030
1840—50  949,594
1851—55  940,995
In  einzelnen  Jahren  :
Jahr  Geburten
1846  965,800

Jahr  Geburten
1847  901,801
1848  940,150
1849  985,848
1850  954,240
1851  979,907
1852  905,080
1853  936,967
1854  923,401

Jahr  Geburten
1855  902,330
1850  952,110
1857  940,709
1858  909,343
1859  1’017,890
1800  956,875
1801  1’005,078

Auffallender  Weise  kamen  zweimal  nach  einander  mehr  Sterbfälle
als  Geburten  vor.  1854  um  09,318,  und  1855  um  35,000  mehr.
Berechnet  man,  auf  wie  viel  Einwohner  eine  Geburt  konimt,  so  hat
man,  bei  ungefähr  gleich  bleibender  Bevölkerungszahl,  annähernd  ermittelt, ­
  wie  viel  Jahre  das  mittlere  Lebensalter  der  Einwohner  beträgt.
Nun  kam  im  Durchschnitte  jährlich  je  eine  Geburt  auf  folgende  Menschenzahl ­
  :

Perioden  Eine  Geburt  auf
1817—1824  31,8  Einw.
181/—1854  34,4  -
184/—1854  37,4  -

!  1854  auf  39
I  1855  -  40
1856  -  38
I  1857  -  37

1858  auf  37
1859  -  30
1860  -  38
1861  -  37,2

Im  J.  1801  kam  eine  Geburt:  zu  Paris  auf  32,1  Einwohner,  in  den
übrigen  Orten  von  mehr  als  2000  Einw.  auf  34,5,  in  den  Landgemeinden ­
  auf  38,7  Menschen;  somit  war  denn  auch  das  mittlere  Lebensalter
in  der  Hauptstadt  nur  32,1  Jahre,  in  den  andern  Städten  34,5,  auf  dem
Lande  38,7.*)  In  den  39  Jahren  von  1817  bis  einschliesslich  1855
wurden  in  ganz  Frankreich  geboren:  19’3  09,39  7  Knaben  und  18’2  02,4  39
Mädchen,  sonach  um  etwa  mehr  Knaben  als  Mädchen.  Während
die  Kriege  so  viele  Männer  hinwegrafften,  schien  die  Natur  auch  hierin
das  entstandene  Missverhältniss  ausgleichen  zu  wollen.  Später  minderte
sich  der  Unterschied  bei  den  Geburten  in  dem  Masse,  in  welchem  wir
uns  von  den  frühem  Kriegszeiten  entfernten.  Man  bringt  dies  mit  der
Zunahme  der  (enger  bei  einander  wohnenden)  städtischen  Bevölkerung
in  Verbindung.  Von  den  Geburten  kamen  auf  100  Mädchen  bei  den

Jahre  ehelichen  Kindern
1800—1850  106,26  Knaben
1850—1855  105,50
1855—1860  105,31
1860  104,93
1861  105,13

unehel.  Kindern
104,39  Knaben
103,78
102,95
103,14
103,17

*)  Nach  Duvillard  s  Vlortalitätstaleln  betrug  die  mittlere  Lebensdauer  vor
der  Zeit  der  ersten  Bevolution  28%  Jahre.  Später,  nach  offic.  Berechnungen:

Perioden
1806—9
1810—14
1814—30
1831—34

Jahre
31
32
33
34

Mon.
6
3
7

Perioden
1835—39
1840—44
1845—49
1850—54

Jahre
34
35
36
36

'  J  OtiW—04  OO
Wir  bezweifeln  indess  die  absolute  Richtigkeit  dieser  Aufstellung.

Mon.
11
1
        <pb n="79" />
        FRANKREICH.  —  Land  und  I.eute.

57

Die  Zahl  der  unehelichen  Kinder  betrug  1851  —  55  im  Durchschnitte ­
  68,687  ;  1857  dagegen  70,890;  1858  74,633;  1861  76,697.
Es  kam  je  eine  uneheliche  Geburt  :

1817—53  auf  12,95  ehel.
1853  -  12,71  -
1854  -  12,17  -
1855  -  12,95  -

1850  auf  13,01  ehel.
1857  -  12,27  -
1858  -  12,12  -

'  1859  auf  11,00  ehel.
1800  -  12,81  -
I  1801  -  12,10  -

Somit  Verschlimmerung  des  Verhältnisses.  —  Auf  100  Geburten
kamen  übrigens  im  letztbezeichneten  Jahre:  zu  Paris  26,53  Proc.  uneheliche, ­
  in  den  andern  Städten  12  Proc.,  auf  dem  Lande  4,32  ;  —  im
ganzen  Reiche  durchschnittlich  7,63  Proc.
Die  Zahl  der  Todtgeborenen,  über  welche  man  erst  seit  1851
genauere  Aufzeichnungen  besitzt,  steUte  sich  folgendermassen  zur  Gesammtzahl
  der  Geburten  ;

Jahre  Todtgeborene  Verhältnis!  zu
allen  Geburten
31,665  =  3,13  Proc.  1850
37,901  =  3,78  -  1857
38,004  =  3,90  -  1858
39,778  =  4,13  -  1859
38,013  =  4,04  -  1800
Somit  starke  Verschlimmerung.
Sterbfälle.  Es  betrug  die  Gesammtzahl  jährlich

1851
1852
1853
1854
1855

Jahre  Todtgeborene
40,780  —
41,905  =
43,752  =
40,520  =
44,298  =

Verhältnis!  zu
allen  Geburten
4,11  Proc.
4,26  -
4,31  -
4,30  -
4,42  -

1836—40:  799,817
1841—45:  785,973
1840—50

1851—55:
1850:
1857:
1858:
1859:
1800:
1801  :

848,348
870,070
837,082
858,785
874,023
979,333
781,035
800,597

Sterbfall  auf  42,35  Einw.
44,29  -
41,97  -
39,07  -
43,25  -
42,21  -
41,45  -
37,10  -
47,81  -
43,14  -

Ist  das  Steigen  der  Sterbfälle  für  die  Hauptperioden  auffallend,  so
verdient  das  Verhältniss  in  einzelnen  Jahren  besondere  Beachtung:

1845
1840
1847
1848
1849
1850
1853
1854
1855

(gutes  Jahr)
(beginnende  Theuerung)
(grosse  Theuerung)
(polit.  Unruhen)
(Cholerajahr)
(billige  I.ebensmittel)
/V  •  Jahr)
(Krieg,  Theuerung  und  Cholera)
,Krieg)

741,985  Todesfälle
820,918
849,054
830,093
982,008
761,610
795,596
992,779
937,942

die  Verliiaf^^n  1856  das  Streben  der  Natur  wahmehmen,
ri  1  V.  ‘f  eichen,  zc.gte  sich  dasselbe  Streben  auch  bei  frühem
Gelegenheiten.  In  dem  Cholerajahre  18.32  hatte  man  in  Frankreich  die
Todesfällen  =  15  Proc.  über  das  gewöhnic
  e  er  niss  nac  dem  Durchschnitte  der  5  vorhergegangenen  Jahre,
Dagegen  gab  es  1833  nur  812,548  Sterbfälle  —  fast  ebenfalls  15%
Unterschied,  d.  h.  diesmal  Verminderung.  —  1858  wies  874,186  Sterbfälle ­
  auf;  1859  (ital.  Krieg)  105,147  mehr;  das  nächste  Jahr  aber
        <pb n="80" />
        58

FRANKREICH.  —  Land  und  Leute  (Confessionen,.

1)2,551  weniger,  so  dass  der  Unterschied  beinahe  ausgeglichen  erschien.
In  frühem  Jahren  kam  :

1801  ;  1  Todesfall  auf  35,42  Einw.
1806:  1  -  -  37,23  -
1821  :  1  -  -  41
1826:  1  -  -  38,04  -

1831  :  1  Todesfall  auf  40,69  Einw.
1836:.  1  -  -  41,08  -
1841:  1  -  -  40,9

So  weit  die  amtlichen  Aufnahmen  reichen,  raffte  die  Cholera  bei
ihrem  dreimaligen  Grassiren  in  Frkch.  hinweg:  1S32  102,735  Menschen, ­
  1S49  100,110,  1854  145,541.  Im  Ariége-Dep.,  wo  sie  am
furchtbarsten  wüthete,  kam  1854  auf  je  15,12  Einw.  ein  Todesfall!

Selbstmorde  wurden  in  den  23  Jahren  1830  —  58  constatirt  :
75,110,  davon  56,502  v.  Männ.,  18,548  v.  Frauen.  Die  Zahl  nimmt
stark  zu.
Auswanderungen.  Die  Zahl  der  Auswanderer  belief  sich  in  den  10
Jahren  1849  —  58  (nach  einem  Berichte  des  Ministers)  zusammen  auf
weniger  als  200,000  Individuen,  während  in  der  nemlichen  Zeit  Deutschland ­
  1'200,000,  Grossbritanien  2^/^  Mill.  Menschen  durch  Wegzug  verlor. ­
  Von  einzelnen  Jahren  liegen  folgende  Notizen  vor  :
Auswanderer  davon  ins  Ausland  nach  Algerien
1856:  17,997  9,433  8,564  1861  :  8752  Ausw.,
1857:  18,809  10,817  7,992  wovon  2418  nach
1858:  13,813  9,004  4,^09  Algier;  1862  gegen
1859:  9,164  6,786  2,378  6800  Auswanderer.
Haushaltungen.  Im  J.  1850:  9'387,501  (also  kaum  3,85  Personen
auf  die  Haushaltung).

Gebrechliche.  Im  J.  1850:  35,031  Wahnsinnige  (wovon  23,317  in
Irrenanstalten),  25,259  Idioten  undCretinen  (davon  2,909  in  Spitälern),
38,413  Blinde  (21,005  männl.),  21,551  Taubstumme  (12,230  m.)
Confessionen.  Die  officielle  Statistique  de  lu  France  entziffert  für
1851  :

Katholiken  34’931,032
Reformirte  480,507
Lutheraner  267,825

Juden  73,975
Andere  Cuiten  26,348
Nicht  constatirt  3,483

Während  die  officielle  Statistik  in  andern  Beziehungen  sehr  in  Einzelheiten ­
  eingeht,  vermeidet  sie  solches  auffallend  beim  vor  lieg.  Gegenstände ­
  ;  man  findet  dafür  die  Bemerkung,  dass  »Erwägungen  besonderer
Art«  die  Administration  bestimmt  hätten,  die  Uebersicht  der  Verbreitung
der  verschiedenen  Cuiten  in  den  einzelnen  Departementen  nicht  zu  veröffentlichen. ­
  Wir  knüpfen  die  Bemerkung  daran,  dass  wir  die  ganze
officielle  Angabe  für  wesentlich  unrichtig  halten.  Nach  allen  uns  bekannten ­
  Daten  ist  die  Zahl  der  Protestanten  weit  grösser.  Wir  halten
folgende  Schätzung  für  nicht  unglaubwürdig  ;  33%,  mit  Savoyen  u.  Nizza
34%  Mill.  Katholiken,  1’300,000  Reformirte,  700,000  Lutheraner;
dann  Juden  etc.  Es  wird  sogar  behauptet,  nach  den  von  den  Consistorien
  angefertigten  Listen  belaufe  sieh  die  Zahl  der  Protestanten  auf  ungefähr ­
  2%  Mill.
Nationalitäten.  Die  officielle  Statistik  weiss  nur  von  »Franzosen«
und  »Fremden«.  Die  wirkliche  Statistik  kennt  aber  auch  Nationalunterschiede. ­
  So  schätzen  wir,  dass  ungefähr  31%  Mill,  dem  französischen
        <pb n="81" />
        HIAXKKEICH.  —  Land  und  Leute  (Gebietsveränderungen).  59

Stamme  angehören  (davon  aber  gegen  12*4  Mill,  dem  provençalischen
Zweige,  80  dass  nur  etwa  19  Mill,  rein  franz.  sprechen),  fast  2  Mill,
sind  Deutsche  (im  Eisass,  einem  Theile  von  Lothringen,  zu  Paris  etc.,
r  160,000  sollen  nur  deutsch  verstehen),  l'bOO,  000  Wallonen,  1’100,000
Kymem  (Bretonen),  350,000  Italiener  (auf  Corsica,  zu  Nizza  etc.),
160,000  Basken,  100,000  Spanier.  74,000  (150,000)  Juden,  einige
Tausend  Cagots,  5000  Zigeuner  etc.
Zahl  der  nichtnaturalisirten  Fremden,.  1851  :  380,831,  nemlich:

Belgier
Italiener
Deutsche

12S,103  I  Spanier  29,736
63,307  I  Schweizer  25,485
57,061  I  Engländer  20,357
Gemeinden.  Ein  rechtlicher  Unterschied  zwischen  Städten  und  Dörfern ­
  besteht  nicht  mehr.  Die  Gemeindezahl  war  1851:  36,835,  nemlich:

Polen  9,338
Andere  Fremde  45,176
Nicht  constatirt  2,268

433  mit  weniger  als  100  Einw.

2,560
4,157
4,618
3,916
11,955
4,423
2,094

loo—  200  Einw.
201—  300  —
301—  400  —
401—  500  —
501—1000  —
1001—1500  -
1501—2000  -

1462  mit  2,001—  3,000  Einw.
565  -  3,001—  4,000  -
235  -  4,001—  5,000  -
271  -  5,001—10,000  -
93  -  10,001—20,000  -
43  -  20,(M&amp;gt;1—50,000  -
13  -  mehr  als  50,000

Paris  hatte  1801  •  552,686  Einwohner;  1811:  630,636  ;  1821:
723,551;  1831:  785,483;  184L  935,261;  1851:  1'053,262  ;  1856:
1'174,346.  1861  (Stadterweiterung):  1'696,141.  *)
Dermalen  besitzt  Frankreich  ausserdem  1  Stadt  von  300,000  Einw.
Lyon;  1  von  mehr  als  250,000  :  Marseille;  5  zwischen  100  u.  200,000
Bordeaux,  Lille,  Toulouse,  Nantes,  Rouen;  13  zwischen  50  u.  100,000.
St.  Etienne,  Toulon,  Strassburg,  Havre,  Brest,  Amiens,  Nîmes,  Limoges, ­
  Reims,  Montpellier,  Angers,  Orléans;  10  zwischen  40  u.  50,000:
Nancy,  Roubaix,  Nizza,  Besançon,  Mühlhausen,  Rennes,  Versailles,
Caen,  Cherbourg,  Tours  ;  16  zwischen  25  und  40,000.  —  1861  rechnete ­
  man  :

Seinedepartement  .  .  .  1’953,660  Einw.
Uebrige  Stadtbevölkerung  8’877,765  -
Landbevölkerung  .  .  26’554,S8S  -
\on  der  Gesammtbevölkerung  lebten  in  Orten  von  mehr  als  2000  Menschen ­
  (diese  nimmt  man  als  Städte  an)  im  J.  1846  24,72  Proc.  1856
dagegen  27,31  Proc.  Die  Landbevölkerung  hatte  sich  um  2,59  Proc.
vermindert.

Gebietsyeränderungen.  \or  der  grossen  Revolution  war  das  Königc
  1  aus  Irovinzen  mit  sehr  verschiedenen  Einrichtungen  und
nvilegien  zusammengesetzt,  12  führten  den  Titel  Herzogthümer,  13
en  von  ra  sc  a  ten,  die  übrigen  galten  als  Landschaften  oder  Herr-Stadt

  London  dagegen  begreift  78,029  er%l.  Acres  =  31,576  Hectaren.  Auf
unser  Mass  reducirt  ergibt  sich  :  für  das  frühere  Paris  blos  0,59  deutsche  Quadrat-Meilen, ­
  für  das  vergrosserte  1,29,  für  London  aber  über  5,75  Q.-M.
        <pb n="82" />
        60  FRAXKltMCH.  —  Land  und  Leute  (Gebietsveränderungen).
schäften.  Aus  administrativen  Gründen  hatte  man  nebenbei  eine  Eintheilung
  in  29  Generalitäten,  die  nach  den  Hauptstädten  benannt
wurden.  Die  Nationalversammlung,  in  der  Absicht  alle  Provinzialunterschiede ­
  zu  vernichten,  schuf  (22.  Dec.  1789)  die  Departementaleintheilung,
  wobei  man  die  alten  Verhältnisse  absichtlich  umstiess  Nachfolgend ­
  eine  Uebersicht  der  alten  Provinzen,  ihres  Flächenraums  in
franz.  Quadratstunden  (2%  =  1  deutsche  Quadratmeile),  und  der  Departemente
  welche  aus  ihrem  Gebiete  gebildet  wurden,  wobei  jedoch
alle  kleinern  Ab-  und  Zutheilungen  unberücksichtigt  bleiben.

Alte  Provinzen:  Q.-Lieues.
Ahace  (Eisass)  mit  der  Terre  d’Allemagne  405
(Hauptstadt  Strassburg)
Atujoumois  mit  Saintonge,  Aunis  .  .  .  596
Anjou  (Hptst.  Angers)  452
Artois  (Hptst.  Arras)  242
Auvergne  (Hptst.  Clermont)  703
Béarn  (Hptst.  Pau)  253
Berry  (Hptst.  Bourges)  725
Bourbonnais  (Hptst.  Mouliers)  ....  400
Bourgogne,  mitBresse-Bugey,  principauté  1315
de  1  lombes,  Pays  deGex,  Dijonnais,
Méconnais  u.  Ay.xerrois  (Hptst.  Dijon)
Bretagne  (Hptst.  Rennes)  1719

Champagne  mit  principauté  de  Sedan,
Chälonnais,  Rémois  u.  Senonois  (Hptst.
Troyes)
Comtat  Venaissin
Corse

Dauphiné  (Hptst.  Grenoble)
Flandres  mit  Hainaut  u.  Cambresis  (Lille)
Foix  (pays  de,  Hptst.  Foix)
Franche-Comté  (Freigrfsch.,  Hptst.  Be-92


443
1015
29-1
200
795
sançon).
Gascogne  mit  Cousérans,  Cominges,  134^
Quatre-Vallées,  l.omagne,  Armagnac,
Asturac,  Condomois,  Pays  des  I.andes,
Chalosse,  Pays  de  Soule,  I’ays  de  I.abourd,
  Bigorre.
Guienne  mit  Rouergue,  Périgord,  Agé-  2072
nais,  Bordelais,  Bozadois  und  Quercy
Hptst.  Bordeaux).
Isle  de  France  mit  lyonnais,  Soissonais,  93C
No&amp;gt;;onnais,  Valois  undGâtenais  (Hptst.
Paris).
Zí/Wí/Mcdoc  mit  Vivarais,  Rasez,  Carcas-  2IOS
sez,  Lauraguais,  Velav,  Gévaudan  ;  diocèses ­
  de  Nîmes,  d’Uzès,  Toulouse,
Montpellier,  Lodève,  Béziers,  Narbonne ­
  ,  du  Velay,  d’Alby,  Montauban
(Toulouse).
Limousin  (Hptst.  Idmoges)  .  .  .  .  .  510
Lorraine  (Lothringen)  mit  Trois-Evêchés  1142
(Metz  ,  Toul,  Verdun),  Clermontois
(Hptst.  Nancy).  _  ^  t
Imonnais  mit  Forez,  Beaujolais  (Lyon)  .  395
marche  (Hptst.  Guéret)  248

Verwendet  für  d.  Departemente
Haut-Rhin,  Bas-Rhin.
Charente-Inférieure,Charente.
Maine-et-Loire,  Mayenne.
Pas-de-Calais.  "  [Loire.
Cantal,  Puy-de-Dôme,  Haute-Basses-Pyrénées.

Cher,  Indre.
Allier,  Puy-de-Dôme.
Saône-et-Loire,  Ain,  Yonne.

Côtes-du-Nord,  Morbihan,
Finistère,  Ille-et-Vilaine,
I&amp;gt;oire-Inf.
Ardenes,  Aube,  Marne,  Haute-Marne
  ,  Seine  -  et  -  Marne,
Yonne.
Vaucluse.
Corse.
Hautes-Alpes,  Drôme,  Isère.
Nord.
Ariège.
Doubs,  Jura,  Haute-Saône.
Haute-Garonne,  Hautes-Pyrénées, ­
  Basses-Pyrénées,  Gers,
Landes,  Ariége,  Tarn  -  et-Garonne.

Aveyron,  Dordogne,  Gironde,
Lot-et-Garonne,  Lot,  Tarnet ­
  Garonne,  I.andes.
Seine,  Oise,  Seine-et-Marne,
Seine-et  Oise,  Aisne.
Ardèche,  Aude,  Haute-Garonne,Gard,Hérault, ­
  Haute-Loire,
  Lozère,  Tarn.

Corrèze,  Vienne,  Creuse.
Meurthe,  Meuse,  Moselle,
Vosges.  ^
Rhône,  Loire.
Creuse,  Haute-Vienne.
        <pb n="83" />
        FRANKREICH  —  Land  und  Leute  (Gebietaveränderungen).

61

.  Alte  Provinzen;  Q.-Lienet.
Maine  (Hptat.  Le  Mana)  508
Navarre  75
Nivernais  (Ilçtat.  Nevera),  .  .  !  .  .  324
AVmawÆe  mit  Comté  d’É\Teux,  Perche,  1538
Drouaia,  Thimeraia,  duché  d’Alençon  '
(Hptat.  Rouen).
Orléanais  mit  Beauce,  Dunoia,  Blaiaoia,  1028
Gâtinaia  (Ilptst.  Orléans).
Picardie  mit  1  niérache,  Vermandois,  San-  642
terre,  Amiénois,  Boulonnais,  Ponthieu,
Calaisois  Hptat.  Amiena).
Poitou  (Hptat.  Poitiers  1018

Provence  mit  der  principauté  d’Oranee
(Hptat.  Aix;.
Poussillon  ¡Hptat.  Perpignan)  .
Touraine  (Hptat.  Tours)
Zusammen

.  1085
.  185
.  351
26,720

Verwendet  für  d.  Departemente
Mayenne,  Sarthe.
Basses-Pyrénées.
Nièvre.
Calvados,  Eure,  Manche,Orne,
Seine-Înfér.,  Eure-et-Loir.
Eure-et-Loir,  Loir-et-Cher,
Loiret,  Yonne.
Somme,  Pas-de-Calais,  Aisne,
Oise.
Deux-Sèvres,  Vendée,  Vienne,
Haute-Vienne.
Basses  -  Alpes,  Bouches-du-Rhône,
  Var,  Vaucluse.
Pyrénées-Orientales.
Indre-et-Loire,  Vienne.

Die  Revolution  und  das  Kaiserreich  brachten  gewaltige  Vergrösserungen.
  Die  Anfänge  wurden  gemacht,  indem  man  die  Besitzungen
deutscher  Reichsfürsten  im  Eisass  (Mümpelgard,  das  Würtemberg  gehörte ­
  etc.)  einfach  als  franz.  Länder  behandelte,  und  am  14.  Sept.  1791
die  Vereinigung  der  päpstl.  Grafschaft  Avignon,  dann  am  27.Nov.  1792
und  am  31.  Jan.  1793  jene  von  Savoyen  und  Nizza  aussprach.  Schweizer ­
  Gebiete  folgten.  Im  Frieden  von  Campo  Formio  (17.  Oct.  1797)  trat
Oesterreich  Belgien  an  Frankreich  ab;  der  Friede  von  Lunéville(9.  Febr.
ISOl)  verschaffte  ihm  das  ganze  deutsche  linke  Rheinufer  —  zus.  1200
Qdr.-Meil.  mit  fast  4  Mill.  Menschen.  Sodann  wurden  mit  Frankreich
vereinigt:  unterm  11.  Sept.  1&amp;amp;02  Piemont,  21.  Juli  1S05  Parma,  27.
Oct.  ISO7  Hetrurien  (Toscana),  17.  Mai  IS09  Rom,  9.  Juli  IS  10  Holland, ­
  12.  Nov.  IS  10  AVallis,  10.  Dec.  ISIO  die  Mündungen  der  Ems,
Weser  und  Elbe  sammt  den  Hansestädten  (000  Q.-M.  mit  mehr  als
1  Mill.  Einw.),  ferner  Oldenburg  u.  s.  f.  Die  Zahl  der  Departemente,
anfangs  blos  S3,  stieg  auf  130,  mit  einer  zu  42  305,434  M.  berechneten ­
  Volksmenge.  Frankreich  umfasste,  ausser  dem  Gebiete  der  später
verbliebenen  SO,  noch  weiter  folgende  Departemente.  (Die  drei,  mit
Ausnahme  der  Stadt  Genf  wieder  gewonnenen,  aber  zum  Theil  anders
benannten  Departemente  bezeichnen  wir  mit  Sternchen.)

Departemente
*Alpen  (See-)
Apenninen
Arno
Doria
Donnersberg
Dvle
Elbmündungen
Ems  (über-)
Friesland
Genua
Isselmündungen
Jemappes
*Leman
Lippe
Maasmündungen

Hauptorte
Nizza.
Chiavari.
Florenz.
Ivrea.
Mainz.
Brüssel.
Hamburg.
Osnabrück.
Leu  Warden.
Genua.
Zwoll.
Mons.
Genf.
Münster.
Haag.

Departemente
Maas  Nieder-)
Marengo
Mittelmeer
•Montblanc
Montenotte
Nethen  (beide)
Ober-Issel
Ombrone
Ost-Ems
Ourthe
Po
Rhein  und  Mosel
Rheinmündungen
Roer
Saar

Hauptorte
Mastricht.
Alessandria.
Livorno.
Chambéry.
Savona.
Antwerpen.
Arnheim.
Siena.
Aurich.
Lüttich.
Turin.
Coblenz.
Herzogenbusch.
Aachen.
Trier.
        <pb n="84" />
        62

FKANKREICH.—Finanzen  Budget).

Departemente
Sambre  und  Maas
Schelde
Scheldemündungen
Sesia
Simplon
Stura
Taro

Hauptorte
Namur.
Gent.
Middelburg.
Vercelli.
Sitten.
Coni.
Parma.

Departemente
Tiber
Trasimene
Wälder
Wesermündungen
West-Ems
Zuydersee

Hauptorte
Rom.
Spoleto.
Luxemburg.
Bremen.
Groningen.
Amsterdam.

Der  erste  Pariser  Friede  vom  30.  Mai  IS  11  beliess  Frankreich  nicht
nur  sein  vor  17S9  besessenes  Gebiet,  sondern  ausserdem  auch  Avignon,
Mümpelgard,  einen  Theil  von  Savoyen  und  mehrere  Grenzkantone  von
Belgien  etc.  Durch  den  zweiten  Pariser  Frieden,  vom  21.  Nov.  IS  15,
verlor  es  dagegen  Savoyen,  die  belgischen  Grenzkantone,  Saarbrücken
und  das  rechte  Queichufer,  sammt  den  Festungen  Landau  (seit  1713
besessen),  Saarlouis,  Marienburg  und  Philippeville.  —  1S30  ward  Algier ­
  erobert.  —  In  Folge  Vertrags  mit  der  italienischen  Regg.  erfolgte
im  Juni  lSGO  die  Vereinigung  von  Savoyen  und  Nizza  mit  Frankreich.
Das  neuerworbene  Land  (mit  000,050  Einw.)  ward  in  drei  Departemente
getheilt  :  Savoyen,  Obersavoyen  und  Seealpen  [Savoie,  Haute-Savoie  und
Alpes  maritimes).  Das  bis  dahin  zum  Vardepartement  gehörende  Arrondissement ­
  von  Grasse  wurde  den  Seealpen  zugetheilt.  Durch  Vertrag
mit  dem  Fürsten  v.  Monaco  wurden  sodann  ISOl  Mentone  und  Roccabruna
  erworben.

Fhiaiizoii.
Budget.  Dasselbe  wird  auf  ein  Jahr  festgesetzt.  Das  Budget  für
1805  umfasst  folgende  Hauptabtheilungen;
A.  Ordentliches  Budget.
Einnahmen;
Directe  Steuern  (Grundst.  l(iS’.‘100,00(),  Personal-  u.  Mobiliarst.

  48’43S,000,  Thüren-  u.  Fensterst.  3(1’301,200,  Gewerbst.
  ö0’007,200,  Pferde-  u.  Luxuswagen-st.  2’7ü0,000
etc.;  Fr.  315’3Gl,4üO
Enregistrement  (3H)’222,000)  u.  Stempel  (7(1’2T8,00(I)  .  .  305'500,000
Domänen  (Rente  u.  Verkaufspreis  5’2(»4,000),  Erlös  von  Mobilien ­
  (5’500,000),  Specialverwaltungen  (1’425,410)  ,  Forsten ­
  40’256,500  52’445,91ß
Zölle  (dabei  22’548,000  v.  Salz  in  den  Zolllinien,  ferner
72’19G,000  von  gewöhnl.  Waaren,  4G’718,000  von  indischem
Zucker,  4’1G3,000  Schitff.-Abgaben)  147’425  OOO
Indirecte  Auflagen  (dabei:  213’427,000  Getränksteuer,  '
8’415,000  Salzst.  ausserhalb  des  Zollbezirks,  58’030,(»00
Rübenzucker,  22G’478,000  v.  Tabaksverkauf,  12,754,000  v.
Pulververkauf)  57S’002,000
Post  72’410,000
Unterrichtsabgabe  produits  universitaires)  2'858,500
Einkünfte  aus  Algerien  10’25O,OOO
Ersparung  an  Civilpensionen  14’578,700
Reserve  des  Amortisationsfonds  95*522,745
Verschiedene  Einnahmen  58*081,801

Zusammen  1752*030,002
        <pb n="85" />
        FRANKREICH.  —Finanzen  Budget).

63

Ausgaben.

Ministerium  des  Staats  :i’ll  2*400
der  Justiz  .33’217,210)  u.  des  Cultus  '47’S20,OSO)  .  Sr047¡100
der  auswärtigen  Angelegenheiten  12’507,200
des  Innern  dabei  17’037,100  für  Gefängnisse  .  .  5r025,S45
der  Finanzen  22’070,517
des  Kriegs  dabei  :  40*200,240  für  Stab  u.  Gendarmerie
  u.  7*550,035  geheime  Ausgaben)  367*862,020
Generalgouvernement  Algerien  14*356,013
Ministerium  der  Marine  u.  Colonien  (letzte  24*455,700;  .  .  .  151*002,332
des  ötfentl.  Unterrichts  10*400,121
der  Landwirthsch.,  des  Handels  u.  der  öflf.  Arbeiten  71*370,753
des  kaiserl.  Hauses  u.  der  schönen  Künste  .  .  .  12*314,200
Regie-u.  Steuererhebungskosten  der  directen  17*725,031,  des
En  reg.,  Stempels  u.  der  Domänen  15*178,000,  der  Forsten
8*545,717,  der  Zölle  u.  indir.  Aufl.  63*^52,320,  der  Tabaksregie ­
  04,040,500,  der  Post  61*750,207  234*001,774
Rückersätze,  Ausfälle  u.  Prämien  10*505,500

Zusammen  1,750*022,
Hiezu  kommen  aber  noch:  B.  Specialbudget,  betragend
220  403,035  br.,  Departementalumlagen  auf  die  directen  Steuern,  zur
Deckung  der  Dcp.-Bedürfnisse;  —  C.  Ordnungsbudget  (durchlauiende
  Posten)  mit  104  036,154;  —  endlich  D.  ausserordentliches
Budget,  118*852,000  Bedarf  u.  110*350,011  Fr.  Einn.  (wobei:
66*170,011  Renten  des  Amortiss.,  22%  Mill.  Erhebung  der  Dotation
des  Amort.,  10  Mill.  Entschädigung  von  China,  1*080,000  ditto  von
Cochinchina,  13  000,000  von  Mexico,  2  Mill,  ausserord.  Holzschläge
etc.).  —  Somit  Gesammteinnahme  2204*015,262,  Gesammtausgabe
  2103*303,772  Fr.
Hauptein  nähme  Positionen.  Zu  den  Einkünften  (so  weit  sie
hier  auszuscheiden  sind)  liefern  :  das  Staatseigenthum  (die  Domänen  im
weitesten  Sinne)  nur  etwa  3  Proc.,  die  directen  Steuern  gegen  20  %,  die
indirecten  Auflagen  76%  Proc.  —  Auch  in  diesem  Grossstaate  ist  der
Ertrag  der  Domänen  verhältnissmässig  äusserst  unbedeutend  —  denn
auch  hier  ist  das  ursprünglich  so  grosse  unmittelbare  Staatsvermögen
(aus  welchem  vor  Allem  die  öffentlichen  Bedürfnisse  gedeckt  werden
so  ten)  verschleudert  worden.  Der  Ertrag  scheint  um  so  geringer,  wenn
man  die  Einziehung  der  vielen  Geistlichen-  und  Adelsgüter  während  der
evo  erwägt,  und  wenn  man  die  colossale  Höhe  der  Staatsschuld
rerul  ^^benen  unmittelbaren  Activvermögen  entgegen  hält.  WähwahlnnT
  Xeuzcit  verschleuderte  man  namentlich  sogar  Staats-)
  ebrigens  betrug  der  "Werth  der  Domänen,  nach  einer

für  die  Dauer  von  10  Jahren  jährlich
der  Gebirge  ausgesetzt.  —  1864  ward
tL/it  1  T»  "  ^^Giten  Kaiserthum  veräusserten  "Waldungen  zu
-1  -50,508,  aus  andern  Domänenverkäufen  zu  2'/,  Mill,  angegeben.

letzteres  war  schon  1860  auf  1*077  046  eési
Verminderung  Einhalt  zu  thun,  hat  man  fi
eine  Million  Francs  zurM  letlerbewaldung  d
der  Erlös  aus  den  unter  dem  zweiten  Kn,\
        <pb n="86" />
        64

FRANKREICH  —  Finanzen  (Budget).

Schätzung  vom  Jahre  1S56,  noch  immer  über  1203  Mill.  (1,293’!  73,80-1
Fr.)  ;  allein  es  finden  alljährlich  neue  Veräusserungen  statt.
Directe  Steuern  gibt  es  (wie  oben  aufgezählt)  vier  alte:
1)  Grund-,  2)  Personal-  und  Mobiliar-,  3)  ThOren-  und  Fenster-,
4)  Gewerbsteuer  (Patentgebühr).  Nur  die  letzte  bildet  eine  sog.  »Quotitätssteuer«, ­
  deren  Ertrag  sich  nach  der  Zahl  und  Ausdehnung  der  Gewerbe ­
  bestimmt,  während  die  drei  andern  »Repartitionssteuern«  sind,
deren  Summe  zum  Voraus  auf  die  einzelnen  Departemente,  Grundstücke
u.  s.  f.  ausgeschlagen  (repartirt)  wird.  —  Hiezu  kam  in  der  Neuzeit
5)  die  Pferde-  und  Luxuswagensteuer.
Ganz  enorm  finden  wir  die  indirecten  Auflagen  emporgeschraubt.
Besonders  lästig  ist  die  Getränkesteuer  (die  verhassten  ehemaligen  droits
reunís),  über  213  Mill,  liefernd;  äusserst  fiscalisch  das  Enregistrement,
das  über  319  Mill,  einbringt,  ungerechnet  76  Mill.  Stempelgebühren.
Es  müssen  bei  jedem  Immobiliarverkaufe  volle  1  Proc.  vom  Preise  bezahlt ­
  werden  ;  dazu  kam  schon  seit  der  Zeit  des  alten  Napoleon  eine,
auch  in  allen  Friedenszeiten  forterhobene,  besondere  »Kriegssteuer«,
wodurch  diese  Auflage  noch  um  */,o  erhöht  wurde  ;  und  diesem  ersten
décime  de  guerre  hat  man  1835  sogar  einen  zweiten  beigefügt,  und
es  dauert  dessen  Erhebung  noch  fort.*)  —  Die  Salzsteuer,  früher ­
  30  Ct.  für  das  Kilogr.  (Doppelpfund),  ward  nach  der  Februarrevolution ­
  auf  10  Ct.  herab-,  dann  1862  auf  20  hinaufgesetzt  (Ertrag  71*/»
Mill.)  Der  Tabak  ver  kauf  war  vor  1789  verpachtet,  und  brachte
32  Mill.  Fr.  ein.  Von  1789  bis  zum  J.  VII  war  derselbe  frei;  von  da
bis  1811  ertrug  die  Steuer  auf  Tabak  etwa  15  Mill.  Fr.  jährlich,  ln
diesem  Jahre  wurde  das  Monopol  des  Staates  wieder  eingeführt,  und
warf  durchschnittlich  26  Mill.  Fr.  ab;  fünf  Jahre  später  erhöhte  sich  die
Summe  auf  42  Mill.,  bei  einem  Verbrauche  von  352  Grammen  auf  den
Einwohner;  im  Jahre  1841  gewann  die  Regie  72,  und  1852  121  Mill,
mit  einem  Verbrauche  von  706  Grammen  auf  den  Kopf.  1860  hat  die
Regierung  den  Preis  des  Tabaks,  mit  Ausnahme  der  Cigarren,  plötzlich
um  25  Proc.  erhöht.  (Bruttocrlös  226%  Mill.,  davon  65  Mill.  Kosten,
Reinertrag  also  fast  162  Mill.)  Den  Gewinn  der  Einzelnverkäufer  mit
12  Proc.  dazu  gerechnet,  geben  die  Consumenten  über  250  Mill,  jährl.
für  labak  aus.  Schon  im  J.  1858  betrug  die  verkaufte  Quantität
28  303,174  Kilogr.,  wonach  sich  die  Consumtion  jedes  Individuums  auf
782  Grammen  stellte.  (Der  Cigarrenverbrauch  stieg  schon  1856  auf
.523  406,000  Stück.)  Die  Zölle,  1859  eine  Summe  von  189’193,180  Fr.
einbringend,  sanken  1860  in  Folge  der  Tarifminderung  auf  131’385,000
herab.  —  Eine  eigenthümliche  Einkommensquelle  hat  sich  der  Staat

*)  Es  mag  hier  bemerkt  werden,  dass,  während  man  in  andern  Ländern
&amp;lt;1611  l^inkünftcii  der  G6istliclikt*it  nianchcrlci  St6U6r6rleicht6runjç6n  jçcwáhrt,
die  Güter  der  todten  Hand  in  Frankreich  seit  1818  mit  einer  eigenen  Auflage
belastet  sind.  Da  nein  lieh  diese  Güter  in  der  Regel  nie  in  andere  Hände  übergehen, ­
  so  tragen  sie  eben  auch  zu  denjenigen  Einkünften  nichts  bei,  welche  der
Staat  gelegentlich  der  Mutation  bezieht.  Dafür  wurde  eine  Taxe  eingeführt,
welche,  dem  mittleren  Ertrage  der  Mutationsgebühr  entsprechend,  nun  als
Aequivalent  erhoben  wird.  Für  1865  ist  dieselbe  mit  3’;i47,952  Fr.  in  das  Budget
eingesetzt.
        <pb n="87" />
        FRANKREICH.  —  Finanzen  (Steigen  des  Staatsbedarfs).

65

durch  Uebernahme  des  Militär-Einsteherwesens  gebildet;  vorerst  fliesst
diese  Quelle  ziemlich  reichlich  ;  später,  wenn  die  Pensionen  zu  entrichten ­
  sind,  wird  die  Staatscasse  dafür  nicht  unbedeutend  in  An.spruch  genommen ­
  werden.
Hauptausgabepositionen.  Von  den  1751  Mill,  des  ordentl.
Budgets  verschlingen  :
Die  Staatsschuld  sammt  Dotationen  über  ö99  Mill.  =  39,93%
Das  Militär  (I&amp;gt;and-  und  Seemacht)  -  494%  -  =  2S,24  -
Diese  beiden  unproductiven  Posten  allein  1193
Irotz  der  Höhe  dieser  Summe  ist  aber  der  wirkliche  Bedarf  für  die
Armee  noch  weit  grösser.
Unter  den  »Dotationen«  nimmt  die  Civil  liste  des  Kaisers  mit
25  Mill,  die  erste  Stelle  ein.  (Die  Civilliste  Ludwig  Philipp’s  hatte  nur
12  Mill,  betragen.)  Ausserdem  ist  aber  der  Genuss  der  Krondomänen
damit  verbunden  (worunter  ein  Theil  der  Orléans’schen  Güter)  ;  sie  sollen ­
  5  7  Mill,  nachhaltig  ertragen,  so  wie  sie  dermalen  verwaltet  werden ­
  aber  10  ——  12  Mill.  Hiezu  kommt  der  Genusswertb  der  Schlösser.
(Die  franz.  Civilliste  ist  die  grösste  von  allen  ;  dessen  ungeachtet  soll
dieselbe  mit  mehr  als  SO  Mül.  Fr.  Schulden  belastet  sein.)  —  Die  zweite
Stelle  haben  die  »Dotationen  der  kaiserl.  Prinzen  und  Prinzessinnen«.
Dazu  kommen  gelegentlich  ausserordentliche  Bezüge.  Darnach  dürften
die  Gesammtkosten  des  Hofes  (mit  den  Naturalgenüssen)  kaum  unter
40  —  42  Mill.  Frs.  zu  veranschlagen  sein.  —  Der  Aufwand  für  SenA
und  gesetzgebenden  Körper  steigt  auf  9  Mill.,  —  das  Doppelte  des  Bedarfs ­
  der  frühem  Pairs-  und  Deputirten-Kammer.  —  Eine  besondere
Dotation  besitzt  die  »Ehrenlegion«,  wozu  der  Staat  einen  jährlichen  Zuschuss ­
  gewährt,  1805  von  9  770,730  Fr.  Die  Gesammteinkünfte  der
Lepon  sind  zu  10’80S,109  Fr.  veranschlagt.  (Die  Zahl  der  Legionäre,
welche  Bezüge  erhalten,  beträgt  3.3,497.)  —  Die  Ausgaben  für  den
Cultus,  1818  blos  21,  1847  39,  sind  für  1665  fast  auf  48  Mill,  blos
^(^stimmt  (davon  fast  40  Mill,  für  den  katholischen  und
'  ^andern  Cuiten,  Mit  Kinrechnung  der  Leistungen
der  Gemeinden  und  der  einzelnen  Gläubigen  (Casualien)  steigt  das  Einkommen ­
  der  Geistlichkeit  wol  über  100  Mill.*)
Steigen  des  Staatsbedarfs  unter  dem  Kaiserthume.  Die  Schlussziffern
tat  r  ^  sind  seit  dem  Aufhören  der  Republik  von  Jahr  zu
Jahr  lolgendermassen  gestiegen:

Zuschüsse  v-''die  if  geduldet,  aber  nur  drei  erhalten  Geld-.

  1  -Vicareii  nii.  ,
Pfarrern  mit  1200—IbOO  und  30,243  Pfarr\en%e-Bern

  mit  900—1200  Fr.
Kolb,  Statistik.  4.  Aufl

5
        <pb n="88" />
        66

FRANKREICH.  —  Finanzen  (Steigen  des  Staatsbedarfs).

1853
1854
1855
1856

1487  Mill.
1517  -
1562  -
1598  -

1857:  1699  Mill.
1858:  1717  -
1859:  1765%  -

1860
1861
1862

1825  Mill.
1840  -
1970  -

Hierauf  ward  eine  Aenderung  in  der  Art  der  Aufstellung  des  Budgets ­
  vorgenommen.  Man  verkleinerte  dasselbe  scheinbar,  indem  man
alle  durchlaufenden  Posten  und  ausserordentlichen  Ausgaben  vom  gewöhnlichen ­
  Budget  trennte.  Indess  darf  man  nur  die  verschiedenen  Kategorien ­
  zusammen  stellen,  um  die  Vergleichung  mit  früher  fortsetzen
zu  können  :
1863
172P581,077
217’917,785
97’004,895
121’114,500

Ordentl.  Budget  .
Special-Durchl.
  Posten
Ausserord.  Budget

1864
1775144,001
221’934,123
100’046,704
lOS’015,000

Zusammen  2157’618,257  2205’139,828

1865
1750’922,583
229’493,035
104’036,154
nS’852,000
2193’303¡772

Schon  1855  klagte  der  Berichterstatter  im  gesetzgebenden  Körper,
Baron  Paul  de  Richemont;  »Der  Staatsbedarf  ist  heute  noch  einmal  so
gross,  als  er  1815  war.«  Schon  vor  dem  Jahre  1854  (also  noch  vor  den
Kriegen)  waren  nicht  blos  die  Staatsschulden  vermehrt,  sondern  auch
das  Activvermögen  des  Staates  bedeutend  vermindert,  namentlich  durch
den  Verkauf  von  Eisenbahnen  (für  242  826,476  Fr.),  von  Staats-  und
Orléans’sehen  Domänen  und  endlich  durch  ausserordentliche  Holzfällungen. ­

Betrachtet  man  blos  die  Jahresbudgets,  die  alle  mit  einem,  wenn
auch  geringen  Uebcrschusse  abschliessen,  so  begreift  man  diese  Gestaltung ­
  nicht.  Dupin  sagte  schon  in  der  Constitutionellen  Periode  :  »Alle
unsere  Budgets  werden  mit  einem  Ueberschusse  der  Einnahme  (über  die
Ausgaben)  vorgelegt,  alle  endigen  aber  in  Wirklichkeit  mit  einem  Deficit.« ­
  Ein  altes  Grundübel  liegt  in  den  sog.  ausserordentlichen  und  »Supplementarcrediten.«
  Nach  Feststellung  des  Budgets  werden  die  enonnten
  Summen  nachträglich  angewiesen.  Der  Berichterstatter  in  der  ehemaligen ­
  Deputirtenkammer  über  das  Budget  für  1848,  also  noch  unter
Ludwig  Philipp,  äusserte;  »Diese  Verfahrungsweise,  im  Widerstreite
mit  allen  Finanzprincipien  ,  macht  die  Prüfung  des  Budgets  zur  Täuschung, ­
  und  führt  nothwendig  zu  einer  Vermehrung  der  Ausgaben,  ohne
Vorsorge  für  deren  Deckung.«  —  Man  vergleiche  nur  folgende  Gegenüberstellung ­
  :

1855
1856
1857
1858
1859
1860
1861
1862

Budget
Fr.  1,562’030,308
-  1,598’286,528
-  1,698’904,664
-  1,716*989,496
-  1,765*780,877
-  1,824*957,778
-  1,840*121,858
-  1,969*769,031

Bechn.  -  Abschluss
2,375*342,590
2,211*703,054
1,872*526,216
1,868*128,434
2,216*710,764
2,084*091,354
2,177*836,308
2,212*839,327

üeberschreitung
813*312,282
713*416,526
173*621,552
151*138,938
450*929,887
159*133,576
337*714,450
243*070,296
3,042*337,507~

Zus.  Mehrau.sgabe  in  acht  Jahren

Allerdings  haben  auch  die  Einnahmen  bedeutend  mehr  geliefert  als
veranschlagt  war,  doch  lange  nicht  in  diesem  Masse  ;  die  Vergrösserung
der  Schuld  (s.  unten)  zeigt  den  Unterschied.  —  Es  sind  also  nicht  blos
        <pb n="89" />
        FRANKREICH.  —  Finanzen  (Steigen  des  Staatsbedarfs  .  (}7
die  Budge  tangätze  beiläufig  auf  das  Doppelte  des  Betrages  gesteigert,
mit  em  einst  alle  Bedürfnisse  des  weit  ausgedehnten  ersten  Kaiserreichs
ge  ec  t  wurden,  sondern  es  kommt  dazu  eine  Ueberschreitung  dieser
o  en  oranschläge  um  700  und  800  Mill,  im  Jahre,  welche  blose  Ueberallein
  schon  zur  Deckung  des  gesammten  Bedarfs  des
^  apoleonischen  Reiches  genügte!  Allerdings  waren  1855  und  50
e  weis  Kriegsjahre  ;  das  wusste  man  aber  als  das  Budget  aufgestellt
war  .  Auch  kommen  die  Ueberschreitungen  nicht  blos  in  den  Etats  des
Kriegswesens  vor,  sondern  sie  betrugen  z.  B.  im  J.  1855  in  den  andern ­
  Etats  nicht  weniger  als  175%  Mill.  (175*527,524  Fr.)  und  sie
waren  auch  in  den  Friedensjahren  1857  und  58  17.3%  und  151  Mül.,
stiegen  185.|  (italien,  heldzug)  auf  451  und  hielten  sich  auch  in  den
nächsten  drei  Jahren  auf  der  enormen  Höhe  von  150.  dann  330  u.  243
Mill.  --  Der  Berichterstatter  des  gesetzgebenden  Körpers  über  das
Budget  für  1860  führte  schwere  Klage  darüber,  dass  durch  Gewährung
von  Supplementär-  und  ausserordentlichen  Crediten  für  Ausgaben,  die
vorhersehbar  gewesen  oder  die  sich  bis  zur  Versammlung  der  Repräsentetion
  verschieben  Lessen,  die  ganze  Budgetaufstellung  erschüttert  werde.
Graf  Casablanca  musste  in  der  Senatssitzung  vom  20.  Dec  1861  zugestehen, ­
  dass  vom  1.  Jan.  1852  bis  Dec.  1861  durch  blose  Decrete  Credite ­
  zur  Ausgabe  von  3128  Mül.  gewährt  worden  waren.  —  Endlich
gestaltete  sich  die  ganze  Finanzlage  zu  einer  unhaltbaren,  zumal  wegen
er  nicht  gedeckten  Rückstände  [découverts),  deren  Betrag  bei  der  Budgetberathung
  im  J.  1861  zu  nahezu  einer  Milliarde  berechnet  ward.
Minister  Fould  wies  in  seiner  Denkschrift  vom  Nov.  1861  die  unbedingte ­
  Nothwendigkeit  einer  Systemsänderung  nach.  Diese  soUte  darin
best^en  dass  die  Supplementär-  und  ausserordentlichen  Credite  abgeschafft, ­
  dagegen  die  IJebertragung  der  Bewilligungen  von  einer  Budgetp^Qsition
  auf  die  andere  gestattet  werde.  Wie  aber  damit  ein  finanzieUes
Gleichpwicht  herbeigeführt  werden  könnte  —  und  nur  dieses  vermöchte
zu  helfen  —  war  schon  damals  rein  unbegreiflich.  So  hat  es  sich  denn
auch  thatsächlich  gezeigt,  dass  man  auf  Umwegen  doch  wieder  zum  alten
::::
memtdhmg  der  Credite  eine  'ucber^hreitung"  von'  'loî/f  MiU.Tadi

.uxusausgaben  mit
Frankreich  nur
e  Deutschland
        <pb n="90" />
        68  -HiANKREICH..  Finanzen  ^Départemental-  und  Gemeindeauagaben).
Départemental-  und  Gemeindeausgaben.  Die  Départementalbedürfnisse
  werden  ausschliesslich  durch  Erhebung  von  Beischlagsprocenten
zu  den  dir  ec  ten  Steuern  gedeckt,  deren  Betrag  das  Specialbudget  des
Staates  bildet  (s.  oben).  Indirecte  Auflagen  zu  diesem  Behufe  gibt  es
nicht.  Der  Betrag  dieser  Departementalbedürfnisse  war  1830  58  Mill.  ;
für  1864  war  der  Octroiertrag  zu  Paris  allein  auf  mehr  als  84  Mill,  veranschlagt. ­

Die  Gemeindebedürfnisse  werden,  abgesehen  von  eigenen  Gemeindeeinkünften, ­
  gleichfalls  durch  Erhebung  von  Beischlagsprocenten
zu  den  directen  Steuern  aufgebracht,  in  den  Städten  jedoch  hauptsächlich ­
  durch  die  drückenden  »  Octroi’s  «,  —  Auflagen  auf  die  Consumtion
von  Heisch,  Getränken,  Brenn-  und  Baumaterial  u.  s.  f.  Solche  Octroi’s
waren  schon  1850  in  1436  Gemeindeneingeführt,  damals  bereits  mit
einem  Ertrage  von  95^4  Mill.
Die  Stadt  Paris  allein  hat  ein  Budget  wie  ein  Königreich  aber
wie  eines,  das  sich  in  finanziellem  Verfalle  befindet.  Im  J.  1847  beschränkte ­
  sich  dessen  Betrag  noch  auf  46  Mill.  1853  trieb  man  die  Einnahmen ­
  auf  55  Mill,  in  die  Höhe,  allein  man  bekam  in  Wirklichkeit
einen  ordentlichen  und  ausserordentlichen  Bedarf  von  90  Mill.,  weswegen ­
  ein  Anlehen  von  50  Mill,  aufgenommen  ward  Das  Budget  für  1  859
schloss  mit  der  Ziffer  7  7’649,081  Fr.  Die  wirklich  verbrauchte  Summe
stieg  aber,  laut  des  definitiven  Rechnungsschlusses,  auf  97  720,545  Fr.
Das  Budget  für  1864  ist  zu  81’586,376  Fr.  im  ord.,  52’714,936  im
ausserord.  Bedarf  angesetzt,  wozu  noch  15%  Mill.  Sui)plcmentar-  und
1’337,630  Specialbeträge  kommen,  wonach  die  Gesammtsumme  auf
151’408,942  Fr.  steigt.*)  Die  wirkliche  Abrechnung  von  1862  hat
sogar  die  enorme  Summe  von  175’712,566  Fr.  ergeben.

Orleans  600,(»00.  —  Aus  der  neueren  Zeit  vernimmt  man:  Die  Reise  des  Hofes
in  die  Bretagne  im  Sommer  185S  habe  I5MÍ11.  \ri-schlungen  ;  die  Inscenesetzung
der  Rückkehrfeier  der  italien.  Armee  vom  14.  Aug  1S50  erheischte  16  Mill.  -
Napoleon’s  Grabmal  865,000.  —  Wir  reihen  noch  einige  andere  Notizen  daran  ;
Die  Bauten  im  I,ouvre  und  den  Tuilerien  kosteten  bis  1858  62%  Mill.,  die  des
Boulevard  de  Sebastopol  über  36  Mill.  Fr.  —  Für  Renovation  des  Stadthauses
von  Paris  Gemeindeaufwand  wurden  bis  zum  November  1857  57’847,!»54  Fr.
verausgabt.  —  Die  Kigenthums-Entäusserungen  Expropriationen  behufs  Ver-R^ofi^trasse
  zu  Paris  erforderten  von  1852  bis  anfangs  1857
12()  21  ,510  Fr.  —  Graf  Morny  verzichtete  auf  jeden  Gehalt  für  seine  Reise  zur
Kaiscrkrönung  in  Russland,  sich  nur  den  lirsatz  seiner  Auslagen  vorbehaltend
Die.se  Auslagen  betrugen  aber  (in  zwei  Monaten  1'422.618  Er.,  und  deren  Zahlung ­
  ward  unmittelbar  durch  kaiserl.  Decret  ordonnanzirt,  so  dass  jede  Einrede
abgeschnitten  war.  ''
*'  "  -
(1859  '
Verkau’f  von  Plätzen  auf  den  Kirdihöfen  Í  %  Mill.  Voi/der  »oHentlichL^Au  sgabe«
  nimmt  die  Schuld  13  ,.  Mill,  an  Zinsen  hinweg;  die  Policeipräfectur  erheischt ­
  12%  (vor  der  Zeit  des  neuen  Kaiserreichs  «»r  oo  j
,.,  öffentdie
  Volksschulen
des
Unter  den  Pensionen  ist  eine  von  10,(»00  Fr.  zu  Gunsten  eines  Hrn.  vL'îfïîeke-
        <pb n="91" />
        FRANKREICH.  —  Finanzen  (früherer  Staatshaushalt^

69

Früherer  Staatshaushalt.  Die  Einzelheiten  des  Haushaltes  im  vorigen ­
  Jahrhundert  sind  bezeichnend,  und  deuten  mit  die  Veranlassungen
er  Revolution  an.  In  einer  Aufstellung  vom  J.  1740  liest  man  ;
Königliche  Tafel  I-ivres
Menus

1)
2)
3)
4)
5)
«)
7)
S)
0)
iîi

7’.300,000
OOU
000

o/rttmr«  840,000,  présents  aux  maitresses  800  (»00  .  .  l'04o!
Hofstall  (écuries)  ThOoW.,
Königliche  Garderobe  l’90o|oo(»
Unterhalt  der  königlichen  Gebäude  und  Gärten  ....  4’200,000
Jyt^p6fl8(i8  ttlCOnflUSS  'Pnlîrpî  1  l’/UkA  tfklkll

000,000

)  (Folicei,  Diplomatie,  Verwaltung,.  .  44’(J
Militär  38  400,000  ;  Marine  17*400,000  =  55*800,000
Besondere  Perceçtionskosten  •  3*200  000
Staatsschuld  :  ewige  Renten  28*125,000,  lebensl.  20*895,000=  49*02o!oO(»
Iheater  (zu  1  ans,  Versailles,  Lyon  etc.)  200  000
-tspions  extraordinaires  !  !  !  1*400  (100
Zusammen  170*550,000
Die  Einnahmen  reichten  für  den  Bedarf  nicht  aus  ;  es  mussten  20  Mill,
aufgenommen  werden,  für  welche  man,  nebst  Versprechen  der  Rückzahlung ­
  in  3  Jahren,  einen  Nachlass  von  30  Proc.  zugestand!*)
V  Necker’s  Compte  rendu,  die  gewöhnlichen
Einkünfte,  abzüglich  der  Hebkosten  und  der  angewiesenen  Posten:

1
2)
:()
4
5)
b)
7)
k)
9)
10)
11)
12)
13)
14)
15)
10)
17,
18)
19)
20)
21)

Tailles  (Kopfgeld)  104*59o7»öo
Vingtièmes  \on  den  nichtständischen  Provinzen

Tj  ....  ,  ,  Provinzen  .  .
Bewilligung  der  ständischen  Provinzen,  statt  der  taille
V  ingtièmes  von  diesen  Provinzen
General

44*000,(»00
14*492,000
10*000,(»(»0

^‘**  Tabakmonopol  24  Mill.)  .  120*00(»’,0(»(»
Ertrag  der  westindischen  Inseln  ....  4*1(»(»  (»00

Frtrai'ck-r  Port*“  '’""’‘"'•'"'«■'“Ke.  óenéraípacht  el¿.
Kon7id,l»3,.,„P.«.

Kopfgeld  der  Stadt  Paris
Pulverregal

0'00(»,(»(»(»
K(»0,00(»

Münzregal
Kleine  Pauhtungen  und  Fabriken

Dixième  d*Amortissement  ....  i'ik)  ooo
Von  Zünften  und  Innungen  1*185  0(»(»
K
Lotterien
Torsten  !
Gratuit  der  Geistlichkeit  .
Steuer  von  den  Malteserirütern
Zufällige  Einkünfte  .

5(»(»,(»(»(»
39(»,0(»(»
7*0(»(»,00(»
4*(»0(»,(»(»(»
3*4(»(»,(»(»0
4(»,(»0(»
4’285,(»(K»

Zusammen  428*233,(»(»(»

hurt  deT^Könitfg^lFfn  Napoleon*s  I.  dem  Municipalrathe  die  Geund

  ;„mi.  noch  ein
        <pb n="92" />
        70

FRANKREICH.  —  Finanzen  (früherer  Staatshaushalt).

Ausg
Kosten  der  Regierung  Liv.  74’937,000
Armee  und  Flotte  .  .  103’000,000
Zinsen  und  Leibrenten  .  20rill,(t00
Schuldentilgung  .  .  .  17’32G,6(56
Zusammen  396’974,G00

iben  :
Es  verschlangen  :
Die  Armee  und  Flotte  über  29  Proc.
Die  Staatsschuld  -  55
Beide  (unproductive)  Posten  81  ‘/,Proc.
Für  die  Verwaltung  blieben  18*/,  !

lu  V\’’irklichkeit  gab  es  aber  keinen  Ueberschuss,  sondern  ein  tüchtiges ­
  Deficit  durch  sog.  »ausserordentliche  Ausgaben«.
Im  J.  1784  betrugen  nachNecker  die  Einkünfte  brutto  üOü,  die  Ausgaben ­
  610  Mill.  Liv.  (In  Wirklichkeit  war  das  Deficit  grösser.)  Darunter:

Zinsen  der  Schuld  .  .  207*000,000  I
Armee  105*000,000  '
Flotte  45*000,000  '
Garden  (Maison  du  Roi)  13*000,000  '
Für  den  Dauphin  .  .  3*500,000  I
Für  die  Königin  .  .  .  4*000,000  ,
Für  die  Prinzen  .  .  .  8*300,000  '
Pensionen  etc.  .  .  .  28*000,000  j
Gesandtschaften  .  .  .  8*000,000  ;

Ministerium  u.  Hofkanzlei  4*000,000
Es  kosteten  sonach  :

Justiz  2*400,000
Hofkirche  1*600,000
Schulen  600,000
Akademien  300,000
Hofbauamt  3*200,000
Hofstaat  1*500,000
Almosen  und  Gnadengelder  1*800,000

Prämien  für  den  Handel  etc.  800,000

Die  Staatsschuld  207  Mill.  =  fast  34  Proc
Das  Kriegswesen  etc  167*/,  -  =  _  27*/  -
1  )er  Hof  (ohne  die  Einkünfte  des  Königs)  24  -  =  -  4  *  _
Zusammen  398*/,  Mill.  =  über  65  Proc.

Die  Einkünfte  der  Geistlichkeit  wurden  zu  130  Mill,  berechnet,  wovon
sie  höchstens  10%  Mill.  Abgaben  entrichtete.  Adel  und  Geistlichkeit
besassen  aber  fast  %  des  Grundeigenthums.*)  Die  meisten  Einkünfte
waren  verpachtet,  mit  ungeheuerm  Gewinne  für  die  Generalpächter.
Die  Nationalversammlung  setzte  das  Budget  für  1791  netto
auf  582*700,000  Livres  fest.  (Die  Roheinnahme  betrug  etwa  691  Mill.)
Im  J.  1799  belief  sich  das  Staatseinkommen  brutto  auf  728,  netto  blos
auf  539  Mill.  Beim  Sturze  des  Directoriums  befanden  sich  nur  300,000
F*r.  in  den  öffentlichen  Gassen,  und  diese  Summe  war  am  Tage  zuvor
geliehen  worden.  Die  Kriegskosten  wurden  stets  möglichst  durch  Requisitionen ­
  und  Contributionen  in  den  fremden  Ländern  gedeckt.  (So  belief ­
  sich  die  Gesammtsumme  der  durch  Darü’s  Hand  gegangenen  Leistungen ­
  von  Norddeutschland  nach  dessen  eigener  Angabe  auf  513*744  410
Fr.inGeld  und  90*483,511  Fr.  Werthe  (an  Lieferungen,  zusammen  also

*)  Auch  noch  unter  Ludwig  XVI.  dauerte  die  Verschwendung  fort.  Die
erste  Hofdame  der  Königin  hatte  em  Gehalt  von  12,009  Liv.,  ferner  die  Wachslichter ­
  im  Schlosse,  sie  mochten  gebrannt  haben  oder  nicht;  dies  ertrug  50,000
py  Prinzessin  d  Hénin  bezog  80,000  Liv.  Wittwengehalt;  sie  war  aber
keine  AVittwe  sondern  an  den  Prinzen  d’Hénin  verheirathet,  der  wegen  eben
dieser  Heirath  10,000  Liv.  1  ension  erhielt.  -  Eine  Mad.  Desprémenil,  die  Maitresse ­
  eines  Ministers,  bezog  eine  Pension  von  20,000  Liv  -  Der  Cardinal  de
Lomedie  hatte  28-30  Bfründen;  der  Baron  Besenval  7  Gouvernements,  und
der  Irinz  Soubise  bezog  1*,  Mill.  Pension!  -  Auch  unter  Ludwig  XVI.  geschah ­
  nichts,  die  Revolution  abzuwenden  !  ®
        <pb n="93" />
        FRANKREICH.  —  Finanzen  (früherer  Staatshaushalt).  71
604  227,921  Fr.,  ausser  dem,  was  die  Einzelnen  unmittelbar  hatten
geben  müssen).  Gleichwol  stieg  der  Staatsbedarf  während  der  Kriege,
•  b  meistens  zwischen  700  u.  800  MiU.  Erst  imKriegsj
  Reich  seinen  grössten  Umfang  hatte  (130  Depart.),
wuc  s  as  Budget  auf  1150  Mill.  an.  Hievon  erheischten:  die  Landund
  Seemacht  752  (davon  Marine  167  Mill.),  Staatsschuld  106’300,000,
700,000,  Civilliste  und  Appanagen  28’300,000,  Justiz
P  Inneres  59,  Finanzver^valtung  21,  Cultus  17,
oiicei  2  Mill.,  Manufakturen  und  Handel  7’810,000.  (Der  Kaiser  vergass
  sein  finanzielles  Privatinteresse  nicht.  Ende  1813  hatte  er  —  nach
lers  an  er  Civilliste  135  Millionen  erspart  und  nun  zu  seiner  privaten ­
  Verfügung.)  ^
\fll  betrugen  die  Ausgaben  meistens  gegen  900
Gegenüber  den  Budgetansätzen  werden  die  wirklichen  Rechnungsabschlüsse ­
  im  Ganzen,  nach  Millionen  Fres,  berechnet;

Restauration  .  .  .  .  .  .  1810—29
Julikönigthum  .  .  .  ]  ]  1830-47
Kaiserreich  (sammt  Republik)  184^-50

Oesammtaasgabe

14,428
22,983
15,987

Oesammt*
einnahme
13,100
20,725
15,003

Die  Durchschnittssumme  der  Jahresausgaben  stellte  sich  so  :

davon
Anlehen
1188
1843
2619

Restauration  .
Ludwig  Philipp
Revolution  .  .
Napoleon  III.

Durchichn.-Summe
1810—29:  900  Mill.

Staatsschuld.

1830—39:
1840—48:
1848
1849  über
1854  -
1855  -
1850  -
1857  -
1858  -

stärkste  J  ahresausgaben
'  1818:  1415,4  Mill.
1823:  1118

1846:  1500,5  -

Die  Ergebnisse  der  spätem  Jahre
sind  bereits  S.  06  mitgetheilt.

1170  -
1432  -
1770,9  -
1040  -
1988  -
2375,3  -
2211,7-  &amp;gt;
1872,5  -
1808,1  -  f
in  da«  --^onsolidirte  Schuld.  Die  Renten-Inscriptionen
grosse  Buch«  hatten  am  1.  Jan.  1863  folgenden  Bestand:
"*938  ^  I  «%.  39*720,987  Fr.  Rente,  882*821,933  Fr.  Capital
::  :  „,,Ä  :  :
;  ■  375*707,481  -  -  “12,080*235,183  -  -
tu  ücfisen  der  consolidirten  Schuld  unter  dem  Kaiserume.
  Schon  unter  Napoleon's  Präsidentschaft  waren  am  1.  Jan.  1851
mscnbirt:  5,345’637,360Fr.,  ein  Jahr  später  5,516’194,600Fr.  Hier-Í
  Jan^  ^chuldanhäufung  riesenmässig  weiter.  Es  betrugen  (je  am
        <pb n="94" />
        72

FJÍANK.KEICH.  —  Finanzen  (Staatsschuld;.

1S53
1K54
1855
185Ü
1857
1858
1859
18()0
1891
1802
1803

das  Capital
5,577’.504,587
5,009’055,012
0,ü82’877,852
7,558’040,822
8,031’992,400
8,422’090,777
8,593’288,155
9,334’012,006
y,718’270,913
9,924’874,218
12,080’235,I83

die  Zinslast
219’929,486  Fr,
222’086,242  -
230’442,772  -
284*008,525  -
299*099,242  -
310*880,953  -
315*993,040  -
338*350,589  -
349*887,100  -
350*044,370  -
375,707,481  -

Allerdings  sind  unter  dem  neuen  Kaiserreiche  bis  dahin  nur  vier
Anlehen,  und  zwar  im  Gesammtbetrage  von  2000  (genauer  2058)  Mill,
ausgeschrieben  worden  (eine  fünfte  von  300  resp.  315  Mill,  kam  1864
dazu).  Indess  beweisen  die  vorstehenden  Ziffern,  dass,  abgesehen  von
der  schwebenden,  selbst  die  consolidirte  Schuld  in  aller  Stille  durch  neue
Inscriptionen  um  mehr  als  das  Dreifache  obiger  Summe  vergrössert
wurde.  Es  ergibt  sich  blos  für  zehn  Jahre  eine  Vermehrung  der  Zinslast
um  156  ,  und  der  Capitalschuld  um  6503  Mill.  Nach  der  durch  Gesetz
von  1862  beschlossenen  »Rentenconversion«  erhielten  die  Besitzer  4  Vgprocentiger
  Schuldscheine  eine  Umschreibung  in  3proc.  in  der  Weise  dass
wenn  sie  5  Fr.  40  Cent,  auf  100  Fr.  Capital  nachbezahlten,  ihnen  der
ganze  bisherige  Zinsbezug  in  3procentiger  Rente  gesichert  ward.  Auf
diese  Weise  erhielt  die  Staatscasse  ein  Capital  von  160  431,280  oder
nach  Abzug  der  Kosten  von  157*631,289  Fr.,  ohne  Vergrößerung  der
Zinslast;  aber  um  welchen  Preis?  Um  den  einer  Vergrösserung  des  Cabeiläufig
  um  das  Achtfache  !  *)  Das  Amortissement,
im  J.  1848  suspendirt,  ward  1859  zum  Theil  wieder  hergestellt,  dann
aber  schon  im  J.  1860  neuerdings  aufgehoben.  —  Von  ihrer  Gründung
an  (28.  Apr.  1816)  bis  Ende  1860  hatte  die  Amortisationscasse  vom
Staatsschätze  die  ungeheuere  Summe  von  2,008*642,751  Fr.  bezogen
Das  Ergebniss  ist  gleichwol  nicht  die  Tilgung,  sondern  jene  colossale
Vergrösserung  der  Schuld!
b.  Schwebende  Schuld.  Ausser  der  consolidirten,  besteht  noch

1  von  19*207,281  Fres.,  der
alisiren.  Ausserdem  besteht

2*335,652  Fres.  4procent.  Rente,  und
zusammen  191*250,010  Fres.,  was  ein

58*.391,300

855,000

11  '

258*580,500

344*700,000

diese  Schuld  wird  also  stett  4,170*428,111  Fres,  in  ¿ukunft  0,202*739332  FrcT'
betragen  Demnach  verhert  der  Staat,  wenn  die  Conversion  einen  vollen  Erfolg
        <pb n="95" />
        FRANKREICH.  —  Finanzen  (Staatsschuld).  73
eine  nichtfundirte  Schuld  [dette  flottante).  Den  bedeutendsten  Theil  derse
  en  ilden  die  Zahlungsrückstände  [découverts),  entstanden  durch  Anau
  en  Aon  Supplementär-  und  ausserordentlichen  Crediten  über  die  ursprüngliche ­
  Budgetbewilligung  hinaus,  theils  mit  theils  ohne  Genehmigung ­
  es  gesetzgebenden  Körpers.  Die  Ausgaben  mussten  gedeckt  weren.
  Man  gab  zunächst  verzinsliche  Schatzscheine  auf  kurze  Zeit,
d.  h.  eigentliche  Anweisungen  auf  die  zunächst  zu  erwartenden  Einnahtnen,
  aus.  Allein  bald  ging  man  weiter,  indem  man  namentlich  Depositengelder ­
  verbrauchte,  ausserdem  aber  ;  Sparcassengelder,  Gemeindeionds,
  hinterlegte  Cautionen,  Vorschüsse  der  Generaleinnehmer  u.  s.  w
Diese  schwelende  Schuld  lastet  einem  Alp  gleich  auf  den  französischen
Finanzen.  Das  Capital  ist  ausgegeben,  und  den  Gläubigern  steht  meistens
  das  Kündigungsrecht  zu.  Gerade  in  kritischen  Zeiten  fordern  sie
massenhaft  ihre  Einkgen  zurück.  Schon  einmal,  im  J.  1848,  war  die
########
Man  consohdirte  nun  (Gesetze  vom  9.  uni  1  7.  Juni  1857)  für  21(;Mifl.  *
Allem  dms  half  nicht.  In  der  Motivirung  des  Budgets  für  1805  wird  die
Summe  für  Ende  1&amp;amp;03  zu  950  Mill,  angegeben.  In  Wirklichkeit  dürfte
le^noeh  nu^rlüich  höher  sein.  ISiun  «dl  der  Eitrag  des  Aideheiis  von
IS04  zur  Verminderung  verwendet  werden.
L  m  die  Mittel  zur  Erfüllung  der  den  Eisenbahngesellschaften  gegen-Verpflichtungen
  zu  beschaffen,  creirte  man  l%01
,0  )0  Obligationen,  jedes  Jahr  verzinslich  zu  20  Fr.  Dieselben  wuren
  im  Curse  von  440  Fr.  ausgegeben  (oder  vielmehr  zu  432  Fr.  7  7  Cent.

sIslPB-H-SsS'S-rS
mit  72’208,991  Fr.).  Darun^^r^HlZrv^MakkoffmiuÒo.OOUFr.Ul^^GruiZ
        <pb n="96" />
        74  FRANKREICH.  —  Finanzen  (Staatsschuld;.
d.  Staatsgarantien.  Ausserdem  hat  der  Staat  verschiedene
Verpflichtungen  übernommen,  deren  Folgen  sich  nicht  bestimmt  überblicken ­
  lassen.  Wir  rechnen  hieher  zunächst  jene  des  Militär-Einsteherwesens, ­
  welches  unter  dem  jetzigen  Kaiserreiche  zu  einer  eigentlichen
Staatsanstalt  gemacht  worden.  Die  Regierung  lässt  sich  von  den  Dienstpflichtigen, ­
  welche  sich  loskaufen  wollen,  eine  bestimmte  Summe  bezahlen, ­
  während  sie  den  Einstehern  nicht  jetzt  schon,  sondern  erst  nach
Jahren  das  Capital  dafür,  die  Pensionen  und  die  Hauptsoldzulagen  zu
entrichten  haben  wird.  Natürlich  wächst  die  Last,  namentlich  nach  jedem ­
  Kriege,  der  die  Menge  der  Pensionsberechtigten  vermehrt.  Das
eingegangene  Geld  ist  verbraucht  zur  Deckung  der  laufenden  Bedürfnisse ­
  des  Staats.  Allerdings  hat  die  Dotationscasse  bereits  Renteninscriptionen ­
  (Ende  1862  im  Capitalbetrage  von  254  64:1,018  mit
10’4{)9,864  Fr.  Rente)  erhalten.  Thatsächlich  ward  die  bisherige  Leistung ­
  weit  überstiegen  durch  die  fortwährenden  neuen  Einzahlungen.
(Von  1855  —  62  betrugen  die  empfangenen  Summen  444’505,970,  die
Vergütungen  dagegen  erst  190’396,370  Fr.)  Es  lässt  sich  nicht  übersehen ­
  ,  wie  die  Dinge  sich  gestalten  werden,  wenn  die  übernommenen
Verpflichtungen  später  (etwa  nach  33  Jahren)  in  ganzer  Schwere  eintreten
  (vergl.  S.  79  Militärwesen).
Eine  andere,  grosse  Verpflichtung  hat  der  Staat  1859  gegen  die
Eisenbahngesellschaften  übernommen  ;  er  garantir!  für  die  sämmtlichen
neu  anzulegenden  (also  bis  dahin  als  nicht  rentabel  unausgeführt  belassenen) ­
  Iflnien,  deren  Kosten  auf  2500—3000  Millionen  geschätzt  werden, ­
  während  50  Jahren  einen  Reinertrag  von  4,65  Proc.  des  Anlagecapitals
  ^  und  zwar  ohne  jede  materielle  Gegenleistung  der  Gesellschaften ­
  im  Falle  sich  irgendwo  Gewinn  ergeben  sollte.  *)

beamte  9(»,00(»  Fr.;  18  ehemal.  Pairs  184,000  Fr.  ;  107  Senatoren  5’070,000  Fr.  ;
2384  ehemal.  Donatäre  1  Mill.  Fr.;  2154  ehemal.  Beamte  der  königlichen  Civilliste
  818,.140  Fr.;  1601  Nationalbelohnumren  711.800  Fr.  :  71  Pe

1601  Nationalbelohnungen  711,800  Fr.  ;  71  Pensionen  an
....  ,  ;  -r  ;  21,263  lebenslängl.  Lnterstützungen  an  Militäre  der  Repubhk
  und  des  ersten  Kaiserreichs  2’608,040  Fr.  ;  70,434  sonstige  Militäniensionen
  3Po04,906  Fr.  ;  35,106  Civilpensionen  25’168,84ü  Fr.
o  ,  )  Her  Staat  hat  ursprünglich  schon  den  Eisenbahngesellschaften  grosse
î5ubventionen  gewährt,  wogegen  deren  Concessionen  meistens  nach  45  Jahren
erlöschen  sollten.  Zur  Zeit  des  Staatsstreichs  brachten  es  die  Vorstände  jener
grossen  Gesellschaften  dahin,  dass  durch  ein  blosses  Decret  ihre  Genusszeit  auf
durch  pÄÄÄÄ
von  der  Concurrenz  ferne  ru  h&amp;amp;ten,  be,raS'S\nd  «Sten  ^
Concessionen.  \  orerst  bauten  sie  aber  nicht,  sondern  sollicitirten  nach  anderthalb ­
  Jahren  um  eine  Staatsunterstützung.  Diese  ist  denn,  wie  oben  angegeben,
gewährt,  und  zwar  in  der  Meise,  dass  der  Reinertrag  der  bestehenden  linien
nur  dann  zur  Verzinsung  der  neuen  einigermassen  mit  beigezogen  werden  darf,
wenn  die  Actionäre  den  bisherigen  (hohen)  Ertrag  von  den  alten  Schienenwegen
keinerlei
per  erhob

ast

Kör

bedeutende
        <pb n="97" />
        FRANKREICH  —  Finanzen  (Schuldgeschichte).

75

Gesammtbetrag  der  Staatsschuld:  Capital
Consolidirte  Schuld  (Jan.  1663)  12,060  Mill.
Schwebende  Schuld  1,000  -
Aeltere  Specialanlehen  (Annuitäten)  gleich  einem  Capitale  von  17
Obligations  trentenaires  (nicht  convertirte)  35  -
Leibrenten,  Pensionen,  gleich  einem  Capitale  von  ....  TOO

,  Zusammen  13,696  Mill.
Hie  Anleihe  von  1604,  nominell  475’!  13,100  Fr.,  ist  nicht  eingerechnet.

Zur  Schnldgeschichte.  Eine  Besprechung  der  franz.  Staatsschuld-Geschichte
  führt  auf  Law’s  Zeiten  zurück.  Am  24.  Fehr.  1720  ward
bei  Strafe  von  20,000  Liv.  Jedermann  verboten,  mehr  als  500  Liv.  in
baarem  Gelde  aufzubew  ahren  ;  alles  übrige  Geld  musste  in  Papier  (Law  -
sche  Scheine)  umgewechselt  werden.  Im  März  erging  sogar  das  unbedingte ­
  Verbot,  »  gemünztes  Gold  oder  Silber  zu  besitzen  oder  auszugeben.« ­
  Das  \  olk  besass  schliesslich  6  Milliarden  in  Papiergeld,  als
der  Staatsbankerut  erfolgte.  Darauf  machte  man  neue  Schulden.  —  In
der  Revolutionszeit  hörte  jede  Verzinsung  auf.  Von  1790  —  95  wurden
(anfangs  blos  für  100  Mill.)  für  43,5/8  Millionen  —  Assignaten  ausgegeben ­
  ,  von  denen  verhältnissmässig  nur  kleine  Beträge  (doch  einige
Milliarden)  eingelöst  wurden.  Der  Curs  begann  schon  1792  zu  sinken;
1795  war  er  gegen  Silbergeld  auf  18  Proc.  herabgegangen.  Wer  die
Assignaten  nicht  annehmen  wollte  war  durch  die  Guillotine  bedroht.
Der  Handel  stockte  und  die  Preise  stiegen  ins  Masslose.  Da  decretirte
man  ein  Maximum;  vergeblich.  Endlich  wurden  die  Assignaten  ausser
Curs  gesetzt,  indem  man  sie  1796  gegen  »Mandate«  einlöste,  im  Verhältnisse ­
  von  30  zu  1  Fr,  Solcher  Mandate  gab  es  für  1800  Millionen.
Auch  sie  wurden  bald  werthlos.  —  Unterdessen  verkaufte  man  von  1790
—  1801  für  2609  Millionen  »Nationalgüter«;  noch  blieben  deren  für  700
Millionen  übrig.  Die  erzielten  Erlöse  standen  ausser  allem  Verhältniss
zum  Werthe.  Das  Geld  ward,  wie  es  einging,  verbraucht.  —  1798  erfolgte ­
  eine  Liquidirung  der  alten  Schuld.  Sie  betrug,  nach  Beseitigung
aller  Ansprüche  von  Emigranten,  2800  Mill.,  und  ward  auf  %  herabgesetzt ­
  {le  tiers  consolidé).  Der  Staat  gab  dafür  Inscriptionen  in  »  das
grosse  Buch«  in  5procentigen  Renten,  anfangs  46’302,000  Fr.  solcher
Renten,  ein  Capital  von  926’040,000  Fr.  repräsentirend.  1799
ging  die  o  Rente  im  Curse  bis  auf  7  Fr.  herab  !  —  Beim  Sturze  Napoleon’s ­
  betrug  die  consolidirte  Schuld  727’603,000  Fr.  Ausser  den
sonst  unvermeidlichen  Opfern,  belastete  der  zweite  Pariser  Friede  den
btaat  mit  einer  Kriegscontribution  von  700  Millionen  an  die  Alliirten.
e  er  les  erhoben  sich  fast  überallher  civilrechtliche  Entschädi-*
  i.  man  1818  durch  neue  Inscription  von  16  040,000
\  X  A  600,000  Fr.  Capital)  beseitigte.  Der  Unterhalt,  der  verbündeten
  Heere  kostete  die  Staatscasse  4  19  Mill.  Damit  stieg  die  Schuld
au  0  J,867  Fr.  Ueberdies  bezahlte  die  Staatscasse  Privatschulden ­
  des  Königs  im  Auslande  mit  1%  Mill.  Renten,  also  30  Mill.  Capital. ­
  Hinwieder  machte  der  König  im  Jahre  1821  dem  österr.  Staat,
um  diesem  die  Mittel  zur  Expedition  gegen  Neapel  zu  verschaffen,  ein

Opposition.  Insbesondere  enthüllte  der
(siehe  unten  Rubrik  FHsenbahnen).

Abg.  Ollivier  eine  Reihe  Schwindeleien
        <pb n="98" />
        76

FlíANKKEICII.  —  Finanzen  (Schuldgeschichte).

Anlehen  von  35  Mill.  Fr.,  dessen  Betrag  nach  der  Julirevolution  nicht
dem  Staate,  sondern  den  Bourbonen  zurückbezahlt  ward.  1825  erhielten ­
  die  Emigranten  eine  Entschädigung  von  einer  Milliarde.  Bei  dieser ­
  Gelegenheit  erfolgte  die  Creirung  der  Sprocentigen  Rente  (unter  dem
Ministerium  Villèle).  Die  4  %  Rente  stammt  aus  dem  Jahre  1828,  aus
Veranlassung  der  Bewilligung  von  80  Mill,  für  die  Expedition  nach
Morea.  —  Der  nicht  unbedeutende  Schatz,  den  man  bei  der  Eroberung
Algiers  fand,  war  bald  verbraucht.  —  Unter  Ludwig  Philipp  stieg  der
Curs  der  5proc.  Rente  bis  123.  Napoleon  III.  setzte  1852  den  Zinsfuss
von  5  auf  4%  %  herab.
Der  jährliche  Zinsbedarf,  am  1.  April  1814  blos  63307,637  Fr.,
ward  durch  den  spanischen  Krieg,  die  Emigrantenentschädigung  etc.  bis
zum  1.  Aug.  1830  auf  190  417,208  Fr.  emporgetrieben  und  stieg  unter
Ludwig  Philipp  bis  1.  März  1848  auf  244’287,206,  wovon  sich  aber
über  40  Mill,  im  Besitze  des  Staates  selbst  befanden.  Ungeachtet  Streichung ­
  der  letzten  Summe,  waren  1852  schon  wieder  231%  Mill,  erforderlich. ­
  Die  Zinsreduction  der  bprocentigen  Schuld  brachte  den  Jahresbedarf ­
  auf  208%  Mill,  herab.  Von  da  an  kam  man  in  11  Jahren  auf
beinahe  376  Mill,  blos  für  die  consolidirte  Schuld!

Eine  Zusammenstellung  vom  Ende  Mai  1859  gewährte  bereits  folgende ­
  Hauptergebnisse,  wobei  zu  bemerken,  dass  die  Schuldvermehrung
unter  dem  Kaiserreiche  höchst  unvollständig  aufgenommen  ist  :
1,43(&amp;gt;’321,00.')statt  1,997’147,130  =  o"9»/„  UO*®/
704’8S9,792  -  82Y237,580  =  4',42  1)7^
22.}’442,430  -  288’.322,080  =  0,45
U538’24.3,948  -  2,201’500,888  =  4,00

Emittirte
Dauer  Renten
Jahre  Fr.
Restauration  10  99'073,019
Julikônifïthum  18  31'158,734
4  14’410,104
7  71’709,380

129
143

Republik
Kaiserreich  .
Zus.  45  210’357,837  3,902’897,235statt5,315’213,084  =  5¡54%  130%
Es  ist  bezeichnend,  wie  die  Staatslenker  wiederholt  zu  wucherischen ­
  Zinsen  Geld  aufnahmen.  Es  ist  damit  der  Grad  des  Staatscredites
zu  verschiedenen  Zeiten  angedeutet,  und  es  ergibt  sich,  dass  die  Regierung ­
  5315  Mill,  verschrieb,  während  sie  nur  3902  Mill,  erhielt:

Zeit
1810—17
1817—18
Mai  1818
Nov.  1818
Aug.  1821
Juli  1823
Jan.  1830
1831
Aug.  1832
Oct.  1841
Dec.  1844  :
Nov.  1847:
Juli  1848:

0
30
N%
12%
1*%
23%
;
(?)
13%

Rente  und  Zinsfuss
Mill,  à  5®/o  durchschnittlich

-o--
  5  -

-  5  -
-  5  -
-  4  -
-  0  —
-  5  -
-  3  -
-  3  -
-  -
-  5  -

pr.  Subscription

llottinger  etc.
Rothsenild  .
denselben
Verschiedene
Rothschild  .
denselben  .

Emiasionspreie
%

57.20
57.55
00.50  -
5  -  durch  Hope  &amp;amp;  Baring  07.—
85.55
89.55  -
102.07%-84.—
  -
98.50  -
78.52%-84.75
  -
•75.25  -
75.25  -

*)  Unterm  18.  Febr.  181  &amp;lt;  wurden  10  Mill.  Renten  im  Curse  von  55  Proc
vergeben;  später  ie  fernere  10  Mill,  zu  58  und  64  Im  Frühjahre  1818  Emission
von  weiteren  24  Mill.  Rente.  Französische  Häuser  boten  72,  die  Regierung  vergab ­
  indess  das  Anlehen  wieder  an  Fremde  zu  07!  Diplomaten  waren  mit  betheiligt.
  (Siehe  Gervinus’  Geschichte  des  19.  Jahrhunderts.)
        <pb n="99" />
        FRANKREICH.  —  Finanzen  (Schuldgeschichte).

77

gelangen  zu  den  neuen  Napoleonischen  Anlehen  :
Zeit  Benöthigtes
Capital
250  Mill.
500  -
750  -

1S54  Juli
1855  Jan.
1855  Juli
1850  Mai
1804  Jan.

500
0011

Subscriptions-Summe

467  Mill,  von  98,000  Unterzeichnern
2,175  -  -  177,000
3,052%  -  -  316,864
2,509  -  -  090,050
4,847  -  -  542,001
Allerdings  wurden  alle  Hebel  in  Bewegung  gesetzt,  um  solche  Erge
  nisse  zu  erlangen,  und  da  man  das  Eintreten  einer  Reduction  vorher
wusste,  so  Unterzeichnete  Jedermann  viel  mehr,  als  er  zu  erhalten
Wünschte.  Am  wirksamsten  aber  lockten  die  günstigen  Bedingungen,
ver  unden  mit  der  Ansicht,  dass,  welche  Regierungswechsel  noch  vor
sich  gehen  möchten,  der  franz.  Staat  selbst  doch  bleibe,  und  nicht  (wie
Oesterreich)  mit  einer  völligen  Zersetzung  bedroht  sei.  Die  günstigen
Bedingungen  waren  zweifacher  Art  :  Ausgabe  der  Papiere  tief  unter  dem
Aennwerthe,  und  Zusicherung  der  Verzinsung  von  einem  frühem  Zeitpunkte ­
  als  dem  der  Zahlung.  Beides  im  gewöhnlichen  Leben  als  »höchst
wucherisch«  durch  das  Strafgesetz  verpönt.  Bei  den  vier  ersten  Anlehen
die  Unterzeichner  die  Wahl  zwischen  3-  und  4  %procentigen
Schuldscheinen  (beim  5ten  gab  es  nur  3  %),  und  zwar  zu  folgenden
Preisen  :  ®

EmUt.-Prei»
1.  Anlehen  65.25
2.

Sprocent.  Obligationen
Zinsyewinn  Wahrer  Preis
2.50  62.75
2.08  63.17
1-98  63.27
1  93  58.57
1.00  05.24

65.25
65.25
00  50
00.30

4'Aprocent.  Obligationen
Emiis.-Preis  Zinsgewinn  Wahrer  Preis
2.70
2.93
2.79
2.88

92.50
92.-92.25

90.—

89.80
89.07
89.46
87.12

Schon  nach  dem  ersten  dieser  Anlehen  schrieb  Léon  Faucher-»Eiigland
  bekömmt  Geld,  wenn  man  den  Curs  der  Consols  zum  Massstabe
  nimmt,  um  ungefähr  3%  Procent  Zins.  Die  franz.  Regierung  dagegen ­
  hch  zu  nahezu  5  Proc.  (zu  4,74  in  3proc.  und  zu  .5,1  in  4%proc.
apieren  und  dabei  mit  einem  eventuellen  Capitalverluste  von  11  Proc
SÎSÜÜ
T  r  1  .  ,  crzinsung  jener  Krimkrieg-Anlehen  erheischt  mit  dem
niortisation  auf  Generationen  hinaus  alljährlich  92%
lienischen  Kriegs  werden  zu  447  Mill,  angegeben,  wofür  aber  fast
        <pb n="100" />
        78

FRANKREICH.  —  Finanzen  (Schuldgeschichte).

40%  mehr  verschrieben  werden  mussten.  Sardinien  leistete  dafür
keine  Geldentschädigung,  sondern  bezahlt  nur  die  seiner  Armee  gelieferten ­
  Kriegsbedürfnisse  mit  GO  Mill.  Bei  Abtretung  von  Savoyen  und
Nizza  übernahm  Frankreich  150  Mill.  Fr.  von  der  sardin.  Staatsschuld.
—  Die  Abtretung  Mentones  und  Rocabrunas  erkaufte  es  um  4  Mill.
Die  Kriege  in  China  und  Cochinchina  kosteten  19G,  in  Mexico  (bis  Ende
1863)  210  Mill.  —  Durch  Vertrag  vom  25.  Oct.  I860  verpflichtete  sich
China  zur  Zahlung  von  52%  Mill.  Fres.  ;  ebenso  Cochinchina  1864  zur
Entrichtung  von  100  Mill.  Fres.  Mexico  soll  obige  Summe  in  14  Annuitäten ­
  abtragen  ;  ausserdem  überliess  es  der  franz.  Regierung  105  Mill
Fres,  im  Curswerthe  jkon  66  Mill.,  entsprechend  dem  Aufwande  für  die
franz.  Truppen  im  ersten  Semester  1864.  —  Nach  Vertrag  v.  15.  Febr.
1862  leistete  Spanien  für  die  Expedition  v.  1823  25  Mill.  Frs.  Entschädigung. ­
  —  Die  Besetzung  Roms  kostete  bis  1864  50  Mill.
Départemental"  und  Gemeindeschulden.  Die  Departemente  waren  bis
zur  neuern  Zeit  frei  von  Schulden  ;  auch  die  Gemeinden  belasteten  sich
damit  nur  mässig,  wie  übrigens  auch  nur  noch  sehr  wenig  Communalvermögen
  in  Frankreich  vorhanden  ist.  In  der  jüngsten  Periode  hat  sich
jenes  Verhältniss  sehr  geändert.  Allerdings  sind  förmliche  Gesetze  nöthig,
  um  Gemeinden  und  Departemente  zur  Aufnahme  von  Anlehen  zu
ermächtigen.  Gerade  in  legislativen  Körpern  für  ein  ganzes  Reich  werden ­
  aber  locale  Fragen  von  der  Mehrheit  dtr  Vertreter  mit  der  vollständigsten ­
  Gleichgültigkeit  und  Unkenntniss  behandelt.  »Von  210  Gesetzentwürfen, ­
  die  dem  gesetzgebenden  Körper  im  J.  1854  vorgelegt  wurden, ­
  betrafen  190  Ermächtigungen  für  Departemente  und  Gemeinden
zur  Aufnahme  von  Anlehen«  (Léon  Faucher).  Nach  einer  Zusammenstellung ­
  La  Barre’s,  die  überdies  nicht  vollständig  zu  sein  scheint,  betrugen ­
  die  derartigen  Ermächtigungen  zur  Aufnahme  von  Anlehen  :

1852  für
1853  -
1854  -
1855  -
1850  -
1857  -
1858  -
1859  -
1800  -
1801  -

9  Städte  und
28  -  -
64  -  -
23  -
47  -  -
31  -
36  -  -
21  -  -
36  -
32  -

12  Departemente
12
14
40
33
18
9
23
16
23

14’617,000  Fr.
13’416,000  -
03’057,000  -
79’219,000  -
85'754,000  -
20’825,000  -
12*557,000  -
50*000,000  -
180*544.000  -
112*000,000  -

Zusammen  327  Städte-  u.  200  Depart.-Anl.  v.  643*989,000  Fr.
Hievon  kommen  fast  500  Mill,  auf  die  Städte,  der  Rest  auf  die  Departemente.

Paris  steht  auch  hierin  voran.  Es  lieh  1855  unmittelbar  60  Mill.,  18.56
nahm  dann  das  »Seinedepart.  «  50  Mill,  auf  ;  1860  Paris  wieder  143  Mill.  Die
Kosten  der  Stadterweiterung  sind  in  einem  Ministerialberichte  an  den  Kaiser
vom  Juni  1860  auf  150  Mill,  veranschlagt.  Der  Gesammtschuldunstand  der  Stadt
ward  1863  zu  268*099,048  Mill,  angegeben.*)
Marseille  nahm  1854  16  Mill,  und  1861  54  Mill.  auf.  Lyon  1854:  12,
1860:  8  und  1861  wieder  10  Mill.**)  Havre  1854  9%  Mill.  Toulouse  i860
6  Mill.  Rouen  I860  4  Mill.  etc.

*)  Nach  den  Aeusserungen  Devinck*s  im  gesetzgeb.  Körper  von  1861  waren
für  die  beschlossenen  Arbeiten  noch  320  Mill,  weiter  unmittelbar  durch  die  Gemeinde ­
  aufzubringen  oder  durch  Beiträge  der  Regierung  zu  decken.
**)  Der  Abg.  Hénon  hob  bei  der  Verhandlung  hervor:  vor  10  Jahren  habe
        <pb n="101" />
        FRANKREICH.  —  Militär  I^ndmacht).

79

Militarweseii.

andmacht.  Bildung  des  Heeres.  Alle  Jünglinge  unterliegen
nac  em  21.  Altersjahre  der  Conscription  und  Losung.  Alljährlich  wird
urc  ein  Gesetz  die  Zahl  der  auszuhebenden  Conscribirten  bestimmt.
rO^  er  waren  SO,000  die  Normalzahl.  In  den  Jahren  1S53,  54  und  55
V,  erhöhte  man  dieselbe  auf  140,000.  Statt  sodann  wieder
ei  0,000  zu  bleiben,  wurden  18.57  100,000  als  Bedarf  angenommen,
zur  Zeit  des  italienischen  Krieges  aber  die  Zahl  für  die  Jahre  1859  und
&amp;gt;  wieder  auf  1  40,000,  dann  neuerdings  auf  100,000  gesetzt  (wovon
b—  '000  für  den  Seedienst  verwendet  werden,  z.  B.  1862  6795).  —
lenstzeit.  7  Jahre.  Nach  6  Jahren  werden  die  Soldaten  meistens
wieder  entlassen,  und  bilden  nun  mit  den  nicht  aufgebotenen  Conscribirten ­
  die  Reserve.  —  Das  bestimmte  Jahrescontingent  an  Conscribirten
ward  schon  früher  meist  nur  theilweise  (blos  in  Ausnahmsfällen  vollständig) ­
  eingereiht  ;  Napoleon,  durch  seine  Erfahrungen  aus  der  Schweiz
belehrt,  in  welcher  Kürze  der  Zeit  ein  Recrut  zur  Watfenführung  herangebildet
  werden  kann,  verfügte  im  J.  I860,  dass  inskünftige  der  der
activen  Armee  nicht  einverleibte  Theil  der  Mann.schaft  in  Friedenszeiten
blos  5  —6  Monate  lang  in  den  Departementaldepöts  eingeübt  werde
welche  Zeit  überdies  auf  drei  Jahre  vertheilt  ist  (also  durchschn.  nicht
zwei  Monate  im  Jahre).  So  wurden  1859  30,955  und  1860  .33,234
Mann  abgerichtet.

Ausrüstung  und  Verpflegung  der  Truppen  sind  im  Ganzen  sehr  gut.
Das  Avancement  steht  jedem  Soldaten  offen.  Körperliche  Züchtigung
wird  nicht  geduldet,  obwol  das  Militärstrafgesetz  sehr  streng  ist.  Die
ahl  der  freiwilligen  Eintritte  nahm  man  früher  zu  10,000  jährich
  an.  Bei  dem  kriegerischen  Geiste  der  Nation  erhöht  sich  die  Zahl
gewöhnlich,  wenn  Feldzüge  in  Aussicht  stehen.  Gleichwol  stellten  sich
Ibo.l  nur  8600  Freiwillige,  hingegen  1854  16,676;  1855  sogar  21,955;
18.)6  19  546,  1857  nur  6828;  1858  1  1,845;  1859  aber  blos  2244
(ein  Zeichen,  wie,  neben  den  veränderten  Anwerbungsverhältnissen,  der
amahge  Krieg  wenig  volksthümlich  war)  ;  1860  betrug  die  Zahl  2192,
1S61  4102,  1862  3599,  1863  5168.
pr  die  Dienstpflichtigen  ist  Los  kauf  zulässig  [ï  exonération  genann
  ).  Schon  1853  war  die  Gesammtzahl  der  Einsteher  93,462.  Danot ­
  *  er  Conscribirte,  der  nicht  selbst  dienen  wollte,  einen  geeigrsatznaann
  aufzusuchen.  Napoleon  III.  machte  die  Stellvertretung
Kprn  ^  Organisirte  dieselbe  so,  dass  das  Heer  stets  einen
SiehPTiin»oldaten  behalte,  und  —  dass  jeder  Einzelne,  wegen
ü  ezüge,  an  das  Staatsoberhaupt  gekettet  sei.  Die  Re-1
  rung  es  immt  den  Loskaufspreis.  Aus  den  hiedurch  gewonnenen
ummen  ist  die  »l^otationscasse  für  die  Armee«  gebildet.  Dieselbe  hat
1  rersei  s  sowo  instandsprämien  für  die  Stellvertreter  zu  leisten,  als
o  Zulagen  für  Diensterneuerungen,  und  endlich  Pensionszahlungen  für
le  im  Kriegsdienste  alt  gewordenen  Unterofficiere  und  Soldaten.  Ein
        <pb n="102" />
        80

FRANKREICH.  —  Militär  (Landmacht).

Gesetz  vom  26.  Apr.  1855  organisirte  das  Verhältniss.  Die  Loskaufssumme, ­
  ursprünglich  zu  2800  Fr.  bestimmt,  ward  1857  auf  1800  Fr.
vermindert,  1858  auf  2000,  1850  wieder  auf  2800  erhöht,  1860  zu
2300,  1861  zu  2500,  1862  u.  63  zu  2200,  1864  zu  2300  Fr.  fixirt.
Die  Stellvertreter  erhielten  für  7  Jahre  eine  Diensterneuerungsprämie
zugesichert,  deren  Betrag  1855  zu  2300  Fr.  bestimmt,  1857  auf  1500
Fr.  reducirt,  dann  im  Febr.  1850  auf  1800,  im  April  aber  auf  2000  Fr.
erhöht  wurde.  1862  u.  63  war  die  Einstandsprämie  2200,  1864  2300
Fr.,  wovon  1000  bei  der  Anwerbung,  1300  beim  Austritt  zahlbar.  Die
Einsteher  geniessen  überdies  nach  7  Dienstjahren  eine  Solderhöhung
von  10  Cent,  täglich,  nach  14  Jahren  aber  eine  solche  von  20  Cent.  Die
Pension  ist  so  normirt,  dass  der  Ausgediente  nach  45  Dienstjahren  ausser ­
  seinem  kleinen  Capitale  (Eiiistandsgeld)  eine  Pension  von  365  Fr
zu  verzehren  haben  soll.  Die  Regierung,  in  der  Absicht,  sich  eine  möglichst ­
  grosse  Zahl  Soldaten  zu  verschaffen,  welche  den  Militärdienst  als
Lebensberuf  ansehen,  gestattet  allen  brauchbaren  Ausgedienten  den  Wiedereintritt ­
  (das  Rengagement)  mit  obigen  Begünstigungen,  ohne  Rücksicht ­
  auf  die  Zahl  der  Loskaufungen.  Diese  Zahl  der  Loskaufungen  betrug ­
  in  den  7  Jahren  1856—62  (die  Austritte  aus  der  Armee  eingerechnet ­
  und  auf  7jährige  Dienstzeit  reducirt)  173,948,  die  der  Anwerbungen,
einschl.  eigentlich  freiwillige  Eintritte,  176,685.  Das  Verhältniss  der
Zalü  der  Loskaufungen  war  jedoch  in  den  einzelnen  Jahren  sehr  verschieden. ­
  1856  und  57  kauften  sich  16%  der  Conscribirten  los,  1858
18%,  1859  (Kriegszeit)  27,37  %  (38,325  Loskaufungen,  in  den  beiden
Vorjahren  zusammen  nur  33,731),  1860  22,76,  1861  19,86,  1862
18,38  %.
Das  Reich  ist  in  5  Marschallatsbezirke  und  22  Militärdivisionen
eingetheilt.
Heerbestand.  Garde.  Infanterie:  2  Divisionen;  die  erste  bestehend ­
  aus  1  Reg.  Gendarmerie  zu  2  Bat.,  1  Reg.  Zuaven  zu  2  Bat.,
und  3  Reg.  Grenadieren  zu  4  Bat.  (zus.  16  Bat.)  ;  —  die  zweite  Division ­
  ist  gebildet  aus  4  Reg.  Voltigeuren  und  1  liât.  Jäger  zu  Fuss.
Cavallerie:  1  Division  von  3  Brigaden,  nämlich:  1)  Reservebrigade,
1  Schwadr.  Hundert-Garden,  2  Reg.  Cürassiere  ;  2)  Linienbrigade’
1  Reg.  Dragoner  und  1  Reg.  Landers  ;  3)  leichte  Brigade,  1  Reg.  Jäger,’
1  Reg.  Guiden  und  1  Schwadr.  Gendarmen,  zus.  37  Schwdr.  —  Artillerie: ­
  2  Reg.  —  Genie:  2  Comp,  und  1  Escadr.  Equipagen-Train.
Gewöhnliche  Truppen.  Infanterie:  100  (früher  1031  Regim.
Linien-Infant.,  zu  3  Bat.  je  von  8  Comp.;  20  Bat.  Jäger,  zu  8  Comp  •
3  Reg.  Zuaven,  zu  3  Bat.;  3  Bat.  leichte  afrik.  Infanterie,  zu  5  Comp  ’
3  Keg.  emgeborn.  algier.  Tirailleurs  (Turcos)  ;  7  Strafcompagnien.  -2
Cavallerie:  12  Reg.  schwere,  neml.  :  2  Reg.  Carabiniers  und  10  Reg
Cürassiere;  20  Reg.  Linien-Cav.,  neml..  12  Dragoner  und  8  Landers;
26  Reg.  leichte  Ca^.,  als.  12  Reg.  Jäger,  8  Reg.  Husaren  und  3  Reg
afrik.  Jäger;  ferner  3  Reg.  Spahis.  —  Artillerie:  20  Reg.  —  Genie:
3  Reg.,  zu  2  Bat.  Hiezu  die  Iruppen  für  den  Verwaltungsdienst,  das
Sanitätswesen  etc.  —  Sodann  die  Gendarmerie  28  Legionen.
Garde  und  Linie  zusammen,  ergibt  sich  folgende  Formation  (ungerechnet ­
  die  Gendarmerie)  :
        <pb n="103" />
        FRANKREICH.  —  Militär  (Landmacht).  g|
Infanterie:  lU  Reg.  mit  373  Bat.  und  2953  Compagn.
Catallene:  64  -  -  3S5  Schwadr.
Artillerie  :  22  -  234  Batterien
-  -  6  Bataill.
\ov  des  Budgets  dem  gesetzgebenden  Körper  im

Infanterie
Cavallerie
Artillerie
Landmiliz

Effectiv
95.000
25.000
7,000

Enrollirt
170.000
45,000
11,700
JTO^OO
300.000

•  ..  Zusammen  127,000  juu,uvu

Kolb,  Statistik.  4.  Aufl.  „  '
        <pb n="104" />
        82

FRANKREICH.  —  Militär  Landmacht).

Heer  im  J.  1812,  ungefähr  743,000  M.,  oder  ohne  die  Gehörten  des

ersten  Heerbannes  (Nationalgarde)  und  die  Gendarmerie  :  (i()2,00(i  Mann
Hiezu  :  die  Truj)pen  des  Königreichs  Italien  40,000
Neapels  50,000
der  deutschen  Rheinbundstaaten  .  .  .  120,000
Polens  {des  »Herzogthunis  "Warschau«)  .  50,000
,  Zusammen  mehr  als  900,000  Mann
Zum  russischen  Feldzuge  stellte  aber  auch  Oesterreich  ein  Hülfscorps
  von  30,800,  Preussen  ein  solches  von  23,300  Mann.  —  Die  ganze

M'ftcht,  welche  gegen  das  Czaarenreich  in  Bewegung  gesetzt  wurde,  betrug ­
  (nach  Thiers)  420,000  M.  ;  durch  Nachsendungen  stieg  die  Zahl
auf  533,000.  Hievon  kamen  als  geordnete  Corps  nur  noch  zurück:  ungefähr ­
  30,000  Oesterreicher  und  Sachsen,  und  15,000  Preussen  und
Polen.  Aus  den  aufgelösten  Truppen  sammelte  man  später  wieder  30—
40,000.  Die  Russen  machten  nach  ihren  Angaben  gegen  100,000  Gefangene. ­
  Manche  Flüchtlinge  gelangten  vereinzelt  (siech!)  in  ihre  Heimath
  zurück.  Jedenfalls  gingen  auf  französischer  Seite  wenigstens  300,000
der  kräftigsten  jungen  Männer  zu  Grunde.  *)  —  Dies  gegen  Russland
geführte  Heer  bestand  übrigens  zur  grössern  Hälfte  aus  Nichtfranzosen.
Es  zählte  :

Infanterie  :  Bataillone  299  französische,  306  verbündete,  zus.  605
Cavallerie:  Schwadr.  251  -  275  -  -  526
Pferde:  34,580  -  40,140  -  -  74,720
Das  Verhältniss  der  Franzosen  mindert  sich  noch  weit  mehr,  wenn
man  die  Deutschen,  Italiener  und  Schweizer  aus  den  Frankreich  unterworfenen ­
  Provinzen  abrechnet.
Die  Aushebungen  unter  der  Regierung  Napoleons  I.  betrugen
nach  den  Senatus-Consulten  nahezu  drei  Millionen  Mann.  Davon
kamen  auf  das  J.  1813  nicht  weniger  als  1’140,000,  nemlich:
11.  Jan.  Senat.-Consult  (sogleich  nach  dem  russischen  Feldzuge)  350,000  M.
3.  Apr.  ditto  (nach  der  Kriegserklärung  Preussens)  ....  180,000  -
24.  Aug.  ditto  00,000  -
9.  Oct.  ditto  (nach  dem  Beitritte  Oesterreichs  zur  Allianz'  .  .  280,000  -
15.  Nov.  ditto  (nach  der  Leipziger  Niederlage)  300,0l(g  -
Ausserdem  sollten  174,600  Nationalgardisten  für  den  Festungsdienst ­
  verwendet  werden.  (Die  Neuzeit  sah  nur  scheinbar  stärkere  Aushebungen ­
  ;  vergl.  Verein.  Staaten.)  Um  jene  ungeheuere  Conscribirtenzahl
  aufzubringen,  bot  man  einerseits  die  gesetzlich  erst  in  den  Jahren
1814  u.  15  dienstpflichtigen  Jünglinge  zum  Voraus  auf;  anderseits  grift’
man  zurück,  zunächst  auf  die  Classen  von  1809—12,  dann  auf  die  von
1807,  endlich  sogar  auf  die  vom  J.  XI  der  Republik  (1803).  —  Anfangs
des  Feldzugs  von  1813  besass  Napoleon  entschieden  die  zahlreichere
Macht.  Nach  dem  Anschlüsse  Oesterreichs  an  die  Verbündeten  änderte
sich  das  Verhältniss,  doch  keineswegs  sehr  bedeutend.  Nach  Bernhardi’s
  kritischer  Berechnung  (in  Toll’s  Denkwürdigkeiten)  war  die  Stärke
der  Heere  auf  dem  Hauptkriegsschauplatze  in  Deutschland  im  Aug.  1813:

Als  die  grosse  Armee  Moskau  erreichte,  war  sie  bereits  auf  95,000  M.
zusammengeschmolzen,  und  hatte  somit,  ehe  die  Kälte  einbrach,  zwei  Drittheile
ihrer  Mannschaft  verloren  (siehe  hinten  Russland,  militärgesch.  Notizen).
        <pb n="105" />
        FKANKKEICH.  —  Militär  Landmacht).

83

Infanterie  ....
Cavallerie  ....
Artillerie  ....
Pioniere  und  Sappeure
Kosacken  ....

Franzosen
330,000
72.500
33.500
4,000

Kanonenzahl

Zusammen

440,000
1,200

Verbündete
304,500
76.000
30,500
22.000
403,000~
1,3S8

Berücksichtigt  man  den  Werth  des  einheitlichen  Oberbefehls  bei  den
Franzosen;  dann  das,  jede  Wirksamkeit  der  »Nordarmee«  (von  132,00(1
Mann)  hemmende  Benehmen  Bernadott^’s,  so  befand  sich  Napoleon  keineswegs ­
  in  einem  ungünstigen  Verhältnisse.  Erst  zur  Zeit  der  Leipziger
Schlacht  war  die  Ueberlegenheit  der  Verbündeten  erdrückend.  Als  dieselben ­
  aber  1814  in  Frankreich  eindrangen,  zählten  ihre  Heere  kaum
-&amp;lt;•0,000  M.,  und  dieser  schwachen  und  theilweise  ganz  schlecht  geführten ­
  Macht  konnte  der  Gewaltige  nicht  mehr  widerstehen.
Nach  der  Restauration  ward  die  Armee  vernachlässigt.  So,  wie
unter  Napoleon  das  Militär,  waren  nun  Geistlichkeit  und  Adel  die  hervorragenden ­
  Stände.  Die  Linientruppen,  ohnehin  der  Zahl  nach  sehr
vermindert,  sahen  sich  den  Garden,  besonders  den  Schweizern,  nachgesetzt. ­
  Allein  die  ausdrücklich  verheissene  »Abschaffung  der  Conscription«
erfolgte  dennoch  nicht.  Zum  Umstürze  der  spanischen  Cortesverfassung
(1823)  genügten  höchstens  80,000  Mann;  zur  Expedition  nach  Morea
(1828)  18,000,  zur  Eroberung  Algiers  (1830)  34,000.—  Die  Julirevolution
  bewirkte  Abschaffung  der  Garden.  Dagegen  verstärkte  Ludwig
Philipp  die  Linienarmee.  In  Algerien  befanden  sich  wiederholt  gegen
00,000  M.  Der  Gedanke,  nach  der  Februarrevolution  von  1848  das
stehende  Heer  durch  ein  Volksheer  zu  ersetzen,  ward  nie  verwirklicht.
Unter  Ludwig  Napoleon  fand  sofort  Truppen-Vermehrung  statt.
Vor  Allem  ward  (1.  Mai  1854)  die  Kaisergarde  wieder  hergestellt.  Sodann ­
  erforderte  der  orientalische  Krieg  bedeutende  Anstrengungen  ;  man
behielt  die  Ausgedienten  bei  den  Fahnen,  und  erhöhte  bei  drei  Altersdassen ­
  die  gewöhnliche  Jahresaushebung  von  80,000  auf  140,000.  —
Nach  dem  Berichte  des  Kriegsministers  an  den  Kaiser  vom  Oct.  1850
sind  im  Ganzen  :

,  ,  ...  ,  Soldaten
nach  dem  Orient  abgegangen  300,268
daher  zurüekgekehrt  .  .  .  227,135
Einbusse  .  .  .  "

Pferde
41,074
9,000

Material
507,686  Tonnen
126,850

b2,133  32,074  470,836  -
1  ^torisch  hat  man  aber  nur  die  Land-  und  nicht  auch  die  Seesoln
  er  c  sic  tigt,  von  welchen  letzten  nach  einer  andern  Notiz  4849
um  amen.  le  Verstümmelten  oder  wegen  Krankheit  nach  Hause  Genicht
  eingerechnet  ;  aus  dem  ministeriellen  Berichte
zn  er.se  en,  dass  bereits  vor  Abschluss  des  Friedens  05,009  nach
er  Heimath  entlassen  worden  waren.  Dies  lässt  annehmen,  dass  der
orient.  Krieg  wenigstens  150,0(»0  jungen  Franzosen  das  Leben  oder  die
esundheit  gekostet  hat.  Unter  den  vor  dem  30.  März  1850  Umgekomwenen
  befanden  sich,  ausser  den  Verschollenen  und  den  SchiATirüchigen  :
284  Officiere,  wovon  14  Generale  und  20  Stabsofficiere,  dann  4403
Unterofficiere  und  50,805  Soldaten.  In  der  nemlichen  Zeit,  in  welcher
        <pb n="106" />
        84

FKAXKIŒICH.  —  Militar  (Seemacht,.

die  Orientarmee  82,133  Mann  einbüsste,  verlor  die  ganze  übrige  franz.
Armee  durch  Tod  nur  21,028.  (Nach  Niel  hatten  die  Franzosen  vor
Sebastopol  allein  einen  Verlust  von  40,308  M.  Eine  andere  Berechnung
gibt  den  Verlust  der  Franzosen  an  Todten  im  Orientkriege  zu  93,250  M.
an,  von  denen  nur  etwa  10,000  an  Wunden  umkamen.)
Am  1.  Jan.  1859,  also  unmittelbar  vor  dem  Ausbruche  des  italien.
Krieges,  war  der  Armeebestand  :
In  den  Coqjs  im  Innern  :i22,228  Mann
-  Algerien  7;t,.iO0  -
-  Italien  0,050  -
Gesammter  Activstand  401,778  Mann
In  widerruflichem  langem  Urlaube  135,407  -
Total  537,Í85  Mañh  *)
Während  des  Kriegs  (Ende  Apr.  bis  Juli  1859)  wurde  die  Zahl  auf
000,000  gebracht  und  im  ganzen  Jahre  ergab  sich  durchschnittlich  ein
Stand  von  550,439  M.  (nach  der  Erklärung  des  Finanzministers  Fouldi.
—  Dieser  Krieg  veranlasste  übrigens,  ausser  der  Erhöhung  der  Jahresconscription
  auf  140,000  M.,  auch  eine  anticipirte  Aushebung  der  Altersclasse
  1800.  In  der  Heerorganisation  kamen  verschiedene  Veränderungen ­
  vor.  Der  Menschenverlust  war  ungewöhnlich  mässig,  doch  verhältnissmässig
  sehr  gross  an  Offleieren.  Im  Ganzen  starben  auf  den  Schlachtfeldern ­
  und  in  den  Ambulanzen  5782,  in  den  Spitälern  4300,  durch
Selbstmord  31,  zus.  (nach  offle.  Aufstellungen)  10,173;  ausserdem  32
in  den  Ambulanzen  in  Frankreich.  Wie  gross  die  Zahl  der  zu  Krüppeln
Gewordenen  war,  wissen  wir  nicht.
Seemacht.  Es  haben  grosse  Anstrengungen  statt  gefunden,  die  franz.
Marine  der  englischen  ebenbürtig  zu  machen.  Ueber  den  wirkl.  Bestand
fehlt  es  an  verlässigen  Angaben.  Bei  Berathung  des  Budgets  für  1805
erklärte  der  Berichterstatter:  Aus  politischen  Gründen  vermeide  die
Commission  eine  nähere  Erörterung,  sich  auf  das  Verlangen  beschränkend, ­
  dass  im  J.  1805  die  Normalzahl  der  ausgerüsteten  Fahrzeuge  von
1  88,  und  die  der  Seeleute  von  32,000,  nicht  überschritten  werde,  während ­
  die  mexican.  Expedition  die  erste  Zahl  auf  259,  die  letzte  auf
18,933  M.  hinaufgebracht  habe.  —  Nach  einer  Aufstellung  vom  October
1804  besass  Frankreich  10  gepanzerte  Fregatten  mit  Maschinen  von
900—  1000  Pferdekr.  und  von  52  —  30  Kan.  —  Schraubenschiffe
hatte  man  3  ersten  und  5  zweiten  Ranges,  die  ersten  v.  1  10  —100  Kan.;
3  weitere  ausgerüstet  und  1  auf  d.  Werfte  ;  1  1  ausgerüstete  und  4  entwaffnete
  Fregatten  und  I  im  Bau;  10  Corvetten  und  4  auf  d.  Werften;
]  Aviso  von  0  Kan.,  1  1  von  4  K.,  30  von  2  ;  5  Kanonenboote  im  Bau  ;
29  Transportsch.,  dann  5  im  Bau  und  14  entwaffnet;  1  schwimmende

*)  Die  ganze  blos  auf  dem  Papier  organi.sirte  Reserve  betrug  damals  nicht
mehr  als  13,88/  Mann,  on  nur  80  schon  gedient  hatten.  Dies  war  die
schwächste  Seite  des  franz.  Armeewesens,  und  damit  ergab  sich  die  Unmöglichkeit ­
  eines  länger  dauernden  Kampfes,  z.  B.  wenn  ausser  dem  Kriege  in  Italien
ein  solcher  zugleich  gegen  Deutschland  hätte  geführt  werden  sollen.  Dieses
Element  der  Schwäche  hat  Napoleon  trefflich  zu  beseitigen  begonnen  durch  die
oben  erwähnte  Einrichtung  eines  im  Ganzen  blos  fünf-  bis  sechsmonatlichen
Abrichtens  der  zum  gewöhnlichen  Activdienste  nicht  ausgehobenen  Jünglinge.
        <pb n="107" />
        FRANKREICH.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.

85

Batterie  v.  16  Kan.,  6  ditto  entwaffnet,  7  im  Bau,  dann  1  Schiffe  zu
Specialzwecken,  —  Räderdampfer:  17  Fregatten,  9  Corvetten,  71
Avisos.—  Segelschiffe:  6  Liniensch.,  24  Freg.,  9  Corv.,  16  Briggs,
22  kleinere  und  3ü  Transportsch.  —  Reserve:  25  Liniensch.  v.  &amp;amp;Í)—
HO  Kan,,  3  Freg.,  7  Kanonenboote.  —  Die  Panzerfregatten  allein
haben  632  Kan.  und  15,600  Pferdekr.;  die  Schraubenlinienschiffe  3296
Kan.,  23,890  Pf.;  die  Fregatten  940K.,  12,990  Pf.;  die  Corv.  188  K.,
5220  Pf.;  die  übrigen  Fahrzeuge  589  K.,  23,918  Pf.  —  Die  Raddampfer ­
  zählen  525  Kan.  u.  19,340  Pf.  ;  die  Segelschiffe  haben  2242  Kan.
Dies  ergibt  zus.  358  und  mit  den  50  im  Bau  begriffenen  und  den
entwaffneten  408  Schiffe  mit  8412  Kanonen  und  100,958  Pferdekraft.
(Eine  andere  Zusammenstellung  ergibt  sogar  478  Schiffe,  9766  Kan.
und  107,075  Pf.)
Die  Bemannung  der  Schiffe  erfolgte  bis  zur  Neuzeit  nach  der  seit
1683  eingeführten  Seeconscription,  welche  alle  Seeleute  bis  zum  50.  Altersjahre ­
  umfasste.  Das  Drückende  derselben  bewirkte  aber  gerade,  dass
Frankreich  eine  so  geringe  Handelsmarine  besitzt,  indem  die  Küstenbewohner ­
  häufig  die  Seeschifffahrt  aufgaben,  um  sich  dem  damit  verbundenen ­
  Hörigkeitsverhältnisse  zu  entziehen.  Darum  betrug  die  Zahl
der  inscribirten  Seeleute  blos  etwa  90,000,  wovon  nur  gegen  60,000
diensttauglich.  Durch  Decret  v.  22.  Oct.  1863  ward  das  Verhältniss  in
einer  der  Dienstpflichtigkeit  im  Landheer  ähnlichen  Weise  neu  geordnet, ­
  und  nun  soll  die  Gesammtzahl  der  Seeleute  gegen  200,000  betragen. ­
  In  der  vorhandenen  Mannschaftszahl  erfreut  sich  indess  England
immerhin  einer  gewaltigen  Ueberlegenheit  ;  doch  hat  man  allerdings  zu
berücksichtigen,  dass  auf  den  Dampfern  eine  geringere  Mannschaftszahl
erforderlich  ist,  als  auf  den  Segelschiffen.  (Vergl.  Grossbr.,  S.  26.)
Geschichtliche  Notiz.  Im  Jahre  1780  ward  die  französische
Kriegsmarine  so  angegeben:  Schiffe  erster  Ordnung  60,  zweiter  24,
leichte  182,  zusammen  266,  mit  13,300  Kanonèn  und  78,000  Seeleuten. ­
  —  Eine  Liste  von  1785  führt  auf:  Linienschiffe  72,  Fregatten  74.
Corvetten  28,  Gabarren  36,  Cutters  27,  Bombardiergallioten  19,  zusammen ­
  256.  (Wegen  Trafalgar  vergl.  S.  26.)

Sociale,  &amp;lt;¿ewerb.s-  und  llaiidelsverhähiiisse.
_  Bemerkungen.  Die  Revolution  hat  sogleich  (4.  August
i  J)  alle  Schranken  aufgehoben,  welche  die  freie  Bewegung  der  einzelnen ­
  S^atsangehörigen  und  den  Verkehr  im  Innern  des  Landes  hinderuv
  estehen  :  unbedingte  Freizügigkeit,  Gewerbsfreiheit,  beliebige
Iheilbarkeit  des  Grundeigenthums.  Da  überdies  jeder  Unterschied  in
den  Rechten  der  Provinzen  und  Gemeinden  fiel,  so  kann  jeder  Franzose
nicht  nur  ohne  amtliche  Erlaubniss  heirathen,  sondern  auch  in  jeder  Gemeinde ­
  ohne  Kosten,  durch  blose  Declaration  das  Ortsbürgerrecht  erwerben. ­
  —  Es  ist  bekannt,  welche  Ausbildung  die  franz.  Industrie  unter
der  Herrschaft  der  Gewerbsfreiheit  erlangt  hat.  Der  vielverbreiteten ­
  Ansicht  entgegen,  dass  diese  Einrichtung  zwar  wohlfeilere,  aber
auch  schlechtere  Waaren  erzeuge,  die  Gewerbtreibenden  in  einen  Zu-
        <pb n="108" />
        86  FJIAXKKEICH.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.
stand  des  Elendes  bringe  und  den  Fortschritt  im  Gewerbswesen  hemfne,
zeichnen  sich  die  franz.  Industrieerzeugnisse  durch  die  elegantesten  Formen ­
  aus,  die  an  Dauerhaftigkeit  denen  anderer  Länder  keineswegs
nachstehen,  und  wofür  gewöhnlich  höhere  Preise  bezahlt  werden,  als  in
dem  noch  mit  Zunftzwang  ausgestatteten  Auslande,  so  dass  der  Handwerker ­
  in  dem  gewerbfreien  Frankreich  eines  bessern  Lohnes  sich  erfreut, ­
  als  in  Deutschland.  Lnd  wenn  es  richtig  ist,  dass  viele  der  vorzüglichsten ­
  Arbeiter  in  Frankreich  (Meister  und  Gehülfen)  Deutsche
sind,  so  spricht  auch  dieser  Umstand  gerade  für  die  franz.  Einrichtung,
unter  der  jene  Icente  ihre  Kunst  und  ihren  Fleiss  mit  besserm  Erfolge
zur  Geltung  bringen  können,  als  unter  den  beengenden  Zunft-  und  Niederlassungsverhältnissen ­
  ihrer  eigenen  Heimath.  Die  Consumenten  gewinnen ­
  ohnehin  bei  der  freien  Concurrenz.
Das  Princip  der  freien  gewerblichen  Bewegung  ist  im  Allgemeinen
in  allen  Zweigen  consequent  durchgeführt,  sonach  nicht  blos  in  einzelnen ­
  Richtungen  nach  bureaucratischem  Ermessen  durch  persönliche  Concessionen
  gestattet,  in  anderen  unbedingt  versagt  (wodurch  ein  Theil  der
Bevölkerung  diesem  oder  jenem  Ernährungszweige  in  unnatürlicher
Weise  zugetrieben  wird).  Darnach  sehen  wir  in  dieser  Beziehung  eine
gesunde,  naturgemässe  Entwicklung.  Dabei  ergibt  sich  auch  die  sehr
beachtenswerthe  Erscheinung,  dass,  während  man  in  Ländern  mit  dem
Principe  der  Beschränkung  ungemein  klagt  über  Uebervölkcrung,  Uebersetztsein
  der  Handwerke  u.  dgl.,  —  gerade  in  Frankreich,  bei  völliger
Unbeschränktheit,  die  Zunahme  der  Bevölkerung  geringer  ist  als  in
irgend  einem  andern  grösseren  Staate.  Von  1821—51  (Zeit  der  ärgsten
Klagen)  betrug  die  Bevölkerungszunahme  im  Durchschnitte  jährlich  :
in  Frankreich  .  0,5S2  Proc.  ¡  in  Oesterreich  etwa  0,S  Proc.
-  England  .  .  1,646  -  -  Russland  -  0,6
-  Preussen  .  .  1,563  -  |
Die  unbedingte  Theilbarkeit  des  Grundeigenthums  hat
zur  Verbesserung  der  Agriculturverhältnisse  mächtig  beigetragen.  Gerade
diejenigen  Gegenden,  wie  die  Seine-,  Rhein-  und  Nord-Departemente,
in  denen  die  Gütertheilbarkcit  am  meisten  durchgeführt  ist,  sind  die
bestangebauten,  reichsten  und  cultivirtesten  im  ganzen  Lande.
Die  Gesammtresultate  würden  noch  ungleich  günstiger  sein,  wenn
nicht  manche  andere  Verhältnisse  hemmend  ein  wirkten.  Obwol  nemlich
das  Princip  freier  gewerblicher  Bewegung  feststeht,  wurden  doch  Beschränkungen ­
  im  Einzelnen  eingeführt.  So  sind  Buchdruckereien  und
Buchhandel  aus  politischen,  Apotheken  aus  sanitätspolizeilichen  Rücksichten ­
  concessionspflichtig.  Ebenso  findet  sich  die  Gütertheilbarkeit
wenigstens  in  Einzelfällen  durch  die  (von  Napoleon  I.  wieder  eingeführten) ­
  Majorate  beschränkt,  hie  und  da  überdies  noch  durch  das  Herkommen ­
  (z.  B.  in  manchen  Gegenden  des  Westens  und  Südens,  die  sich
aber  auch  gerade  durch  geringe  Production  unvortheilhaft  auszeichnen).
Es  gibt  zudem  Beschränkungen  aus  fiscalischen  Gründen  ;  so  ist  der  Tabaksbau ­
  nicht  jedem  Landwirthe,  ja  er  ist  nicht  einmal  in  jedem  Departemente
  gestattet,  damit  der  Ertrag  des  Tabakmonopols  nicht  gefährdet
werde.  (Nur  in  15  Departementen  darf  Tabak  gebaut  werden,  und  jeder
Landwirth  unterliegt  dabei  noch  besondern  Beschränkungen.)  —  Im
        <pb n="109" />
        FRANKREICH.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.  S7

krassen  Contraste  zu  der  Gewerbsfreiheit  im  Innern  war  bis  I860  das
starre  Schutzzoll-,  theilweise  selbst  Prohibitiv-System  gegen  Aussen  aufrecht ­
  erhalten.  Gerade  die  »beschützten«  Fabriken  (nicht  Handwerke  !)
befanden  sich  häufig  ausser  Stande,  mit  den  englischen  zu  concurriren,
die  ihnen  selbst  auf  dem  französischen  Gebiet  Algeriens  überlegen  waren.
In  dieser  Beziehung  hat  Napoleon  III,  Uebelstände  beseitigt,  welche  alle
frühem  Regierungswechsel  überdauert  hatten.  —  Von  sehr  schädlicher
Wirkung  ist  dagegen  das  gerade  unter  seinem  Regime  entwickelte  künstliche ­
  Emportreiben  der  Städte,  namentlich  von  Paris,  auf  Kosten  des
platten  Landes.  Indem  man  daselbst  in  Zeiten  der  Theuerung  das  Brod
unter  dem  Marktpreise  abgibt,  und  Anlagen,  besonders  Luxusbauten
herstellt,  blos  um  die  Arbeiter  zu  beschäftigen,  veranlasst  man  eine  unnatürliche ­
  Entvölkerung  der  Dörfer.  Die  Landgemeinden  veröden;  wer
kann,  zieht  nach  den  Hauptstädten,  So  wirkt  auch  hier  das  grosse  Uebel
des  »Absentismus,«  Was  das  Land  producirt,  wird  von  den  Vornehmen
an  jenen  Centralpunkten  consumirt.  Die  Centralisation  wirkt  in  gleicher
Richtung,  Von  2379  Millionen,  welche  die  Staatscassen  1855  im  Ganzen ­
  verausgabten,  wurden  877  allein  im  Seine-Depart,  (Paris)  ausbezahlt; ­
  und  es  bildet  nur  eine  Bestätigung  des  Ueberwucherns  dieser
Hauptstadt,  wenn  zur  Rechtfertigung  angeführt  ward,  dass  daselbst  in
der  nemlichen  Zeit  auch  650  Mill,  an  die  Staatscasse  entrichtet  worden
seien,  —  gegen  blos  277  Mill,  im  J,  1850,  —  Der  eigentliche  Fluch
des  Landes  ist  aber  der  Absolutismus,  und  dann  das  französ,  Erbübel: ­
  das  Zuvielregieren,  —  das  Beamtenunwesen,  die  Vernichtung
jedes  Self-Government,  die  masslose  Centralisation  in  allen  irgendwie
politischen  Beziehungen.  —  Was  weiter  geht  als  auf  freie  Ansässigmachung
  und  Gewerbsbetrieb,  wird  unter  bureaucratischer  Willkür  gehalten. ­
  Die  Gemeinde  ist  nicht  eine  naturgemässe  Vereinigung  der  neben
und  bei  einander  Wohnenden  zur  Erstrebung  der  Allen  gemeinsam  dienenden ­
  Zwecke,  sondern  die  Commune  gilt  wesentlich  als  Staatsinstitut,
zur  Durchführung  der  von  oben  herab  gelangenden  Befehle.  Darum  entbehren ­
  auch  die  Gemeinden  des  so  natürlichen  Rechtes,  ihren  Ortsvorstand ­
  (Maire)  selbst  zu  wählen:  er  ist  kaiserlicher  Beamter  und  wird
vom  Kaiser,  in  den  kleinen  Orten  wenigstens  von  dessen  Delegirtem,
dem  Präfecten,  ernannt.  Kein  Beschluss  des  Gemeinderaths  darf  vollzogen ­
  werden  ohne  vorgängige  Genehmigung  des  Kaisers  oder  des  Präfecten ­
  !  Sogar  die  Feldhüter  sind  in  eigentliche  Polizeiagenten  umgewandelt ­
  ;  nicht  die  Gemeinde,  sondern  der  Präfect  ernennt  und  entlässt
sie  ;  die  Gemeinde  hat  sie  nur  zu  bezahlen  !  —  Es  scheint,  als  habe  die
Gewöhnung  des  Volkes  daran,  dass  Alles  von  oben  herab  geschehen
könne  und  geschehen  müsse,  am  meisten  beigetragen,  dem  auf  der
nemlichen  Voraussetzung  beruhenden  Communismus  in  Frankreich
das  Feld  vorzubereiten.  —  Wir  reden  hier  nicht  von  der  weitgreifenden
Corruption.
Nächst  der  Bureaucratie  erweist  sich  der  übermässige  Einfluss  des
Klerus  als  ein  unberechenbares  Unheil  :  —  dieses  Klerus,  der  namentlich ­
  die  Volksbildung  hemmt,  statt  sie  zu  fördern.
Endlich  ist  hier  der  drückenden  Grösse  der  öffentlichen  Lasten  zu
gedenken,  sowol  der  hohen  directen  Steuern,  als  der  gehässigen  und  zu
        <pb n="110" />
        88  FRANKIŒICH.  —  Sociale,  G  ewer  b  s-  und  Handelsverhältnisse.

den  mannichfachsten  Betrügereien  führenden  indirecten  Auflagen.  Zwar
ist  die  Summe  der  Auflagen  in  Grossbritanien  scheinbar  noch  grösser  ;
allein  in  Wirklichkeit  gestaltet  sich  das  Verhältniss  entgegengesetzt  ;
1)^  weil  England  weit  höheren  Reichthum  besitzt,  und  2)  weil  in  Frank-'
  reich  (wie  in  den  meisten  Ländern  des  Continents)  zu  den  Geldabgaben
noch  die  enorme  Last  der  Conscription  kommt,  in  Folge  welcher  der
junge  Mann  denjenigen  Geldlohn  nicht  erhält,  den  er  sich  durch  freie
Arbeit  erwerben  würde.  (Der  verstorbene  franz.  Abgeordnete  Desjobert
  berechnete  den  Verlust  jedes  Soldaten  während  der  7jährigen
Dienstzeit  auf  2000  Fr.)
Volksbildung.  Nach  dem  offic.  Bericht  über  die  Lage  des  Kaiserreichs ­
  vom  Nov.  1863  gab  es  67,836  Volksschulen  mit  4  731,916  Kindern, ­
  nemlich  :

37,893  Knabenschulen  mit  2’145,420  Kindern  unter  weltl.  Lehrern
MMcheñ,eh„le„  :  :  :  SRtÉ:'
13,101  -  -  1'059,966  -  -  Ordensschwestern.

Von  den  Ordensschwestern  hatten  12,355  keine  Prüfung  abgelegt.
In  den  30  Monaten  vom  1.  Jan.  1861  (früher  führte  man  keine  Register)
bis  1.  Juli  1863  sind  unter  den  Lehrern  von  37,893  ötfentl.  weltlichen
Schulen  99  gerichtl.  Verurtheilungen  vorgekommen  (blos  19  wegen  Verbrechen, ­
  80  wegen  Vergehen),  dagegen  unter  3351  geistl.  Lehrern  55
(dav.  23  wegen  Verbr.,  22  weg.  Vergehen),  d.  h.  auf  390  weltl.  Lehrer ­
  kam  1  Verurtheilung,  dagegen  auf  blos  70  geistl.  auch  1  !  —  Es  gibt
1018  Gemeinden  ohne  jede  Schule,  10,119  andere  Orte  besitzen  solche
nur  vorübergehend.  Ohne  eigene  Schulhäuser  waren  19,303.  Es  blieben ­
  600,000  Kinder  ohne  allen  Unterricht.  —  Der  Aufwand  für  die
Knaben-  (oder  gemischten)  Schulen  betrug  1862  31'324,615  Fr.,  wovon ­
  29’732,477  auf  Lehrerbesoldung  kamen  (durchschn.  790  Fr.).  Die
Lehrerinen  bezogen  9’169,020  (durchschn.  665  Fr.).  —  Ausser  obigen
gab  es  3162  Kleinkindcrschulen.  —  Im  Jahre  1855  betrugen  die  für
das  Volksschulwesen  aufgewendeten  Summen  '  von  Seiten  des  Staates
6  Mill.,  der  Departemente  5,  der  Gemeinden  11%;  dazu  die  Schulgelder
  mit  9  Mill.,  endlich  die  Bezüge  der  Normalschulen  und  die  Stipendien, ­
  ergaben  sich  zusammen  32%  Mill.  Den  6  Mill,  des  Staats  für  die
Volksschule  stand  der  Aufwand  von  463  Mill,  für  die  Land-  und  Seemacht ­
  und  560  Mill,  für  die  Staatsschuld  gegenüber;  ja  für  das  ganze
Volksschulwesen,  einschliesslich  Schulgelder,  wird  kaum  so  viel  verwendet, ­
  als  —  unmittelbar  und  mittelbar  —  der  Hof  kostet.  Im  J.  1861

hat  man  —  nach  Feststellung,  dass  15,000  Lehrer  völlig  unzureichende
Gehalte  beziehen  —  50,000  Fr.  Pension  für  dieselben  bestimmt  (so  dass
durchschnittlich  noch  nicht  1  Fr.  auf  den  Kopf  kommt)  ,  und  ebenso
bestimmte  man  50,000  Fr.,  um  damit  im  ganzen  Reiche  Landbibliotheken ­
  zu  begründen  !
Die  Civilstandsregister  des  Jahres  1860  umfassen  die  Acten  von
288,936  Heirathen.  Dabei  ergab  sich,  dass  86,142  Bräutigame  und
129,744  Bräute  nicht  einmal  ihren  Namen  unterschreiben  konnten.  —
1861  hatte  man  305,203  Heirathen,  und  jene  Unwissenheit  ward  bei
89,339  Bräutigamen  und  134,782  Bräuten  constatirt,  —  also  fast  bei
        <pb n="111" />
        mjr

89

FRANKREICH  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.
Vs  der  Männer  und  beinahe  der  Hälfte  der  Frauen  —  ein  Zeichen,  wie
es  selbst  bei  der  jüngem  Generation  aussieht.  Uebrigens  ist  der  Unterschied ­
  in  den  einzelnen  Departementen  bezeichnend.  Von  den  1860
verheiratheten  Individuen  konnten  im  Dep.  Niederrhein  nur  2,23  %  nicht
unterschreiben,  im  Dep.  Meuse  3,19,  Vogesen  3,27,  Meurthe  4,44,
Ober-Marne  4,61,  Doubs.5,32,  Oberrhein  6,22,  Manche  8,11,  Seine
8,61,  Mosel  9,02%,  —  in  allen  andern  Dep.  über  10%;  am  meisten
Unwissende  gab  es  im  Corrèze  75,53  %  (nur  911  Männer  und  445  Frauen
konnten  unterzeichnen,  1866  M.  u.  2332  Fr.  konnten  es  nicht!),  Inder
Ober-Vienne  73,40  (823  M.  u.  505  Fr.  gegen  2224  u.  2542!),  Morbihan ­
  72,33%,  Ariége  71,26,  Cher  69,64  ,  Finistère  69,32,  Heiden
09,10,  Dordogne  68,64,  Indre  67,53,  Ost-PjTenäen  66,34,  Nordküsten
65,33,  Ardèche  62,02,  Vendée  61,10,  Corsica  60,98  %.  —  Am  besten
ist  das  Verhältniss  also  in  den  deutschen  Provinzen  Eisass  und  Lothringen; ­
  am  schlechtesten  in  den  Bretagpe'schen  Bezirken.
Von  den  1860  conscribirten  Jünglingen  konnten
weder  lesen  noch  schreiben  .  90,781  =  29,08  %  Weder  lesen  noch  schreiben
beides  nur  unvollkommen  .  9,033  =  2,89  konnten
ordentlich  lesen  u.  schreiben  203,192  =  65,08  1827—29  :  55,21  %
eine  höhere  Bildung  darthun  9,198  =  2,95  1840—14;  40,93
312”2ÏÏ4  1850—54;  34,51
In  den  Jahren  1855  —  59  lieferten  die  wenigsten  Ungebildeten:
Doubs  3,78  Vo,  Oberrhein  5,18,  Meuse  5,31,  Ober-Marne  5,33,  Meurthe
0,64,  Jura  7,17,  Mosel  7,62,  Voges.  7,67,  Seine  8,34  ;—die  meisten:
Allier  70,28,  Ober-Vienne  67,45,  Corrèze  65,94,  Finistère  62,81,  Cher
02,57,  Indre  02,50,  Morbihan  02,42.
Aus  der  Criminalstatistik  ergibt  sich  :  Von  den  durch  die  Schwurgerichte ­
  abgeurtheilten  Angeklagten  :
1857  1858  1861  1862
Proo.  Proc.  Proc.  Proc.
waren  ganz  ohne  Schulbildg.  2,529=43,8  2,365=44,0  1,864  =  38,7  1,983  =  39,8
es  konnten  blos  lesen  od.  nur
unvollk.  lesen  u.  schreiben
gut  lesen  und  schreiben  .
hatten  einen  Grad  weiterer
Schulbildung  ....  322=  5,6  249=  4,6  298=  6,2  321=  6,4
Von  je  1000  Angeklagten  waren  ununterrichtet:
1851  1852  1853  1854  1855  1856  1857  1858  1860  1861  1862
823  810  811  886  817  822  822  827  829  826  843
Also  nicht  einmal  Zeichen  einer  Besserung  !
Literatur.  Uebersicht  der  im  Jahre  1863  in  Frankreich  erschienenen ­
  Bücher  mit  Ausschluss  der  Journale  u.  period.  Schriften  (nach
dem  Catahguc  annuel,  publié  par  C.  Reintvald)  :

2,216  =  38,4  2,081=38,7  2,111=43,9  2,220  =  44,5
706  =  12,2  680  =  12,7  540  =  11,2  466=  9,3

miscne  uckonomie,  Diplomatie,  Handel,  Finan....  -
und  ihre  Hilfswissenschaften,  Biographien  509;  Politik  258;  Mcdicin  und  Thierheilkunde
  262  ;  Naturwissenschaften  175;  Erziehungs-  und  Unterrichtswissenschaft, ­
  Kinderbücher  373;  Philologie  und  Linguistik  172;  Erdbeschreibung,
Länder-  und  Völkerkunde,  Reisebücher  138;  Mathematik  und  Astronomie  205  ;
technologie  269  ;  Kunstliteratur  und  Archäologie  227;  schöne  Literatur  im  Allgemeinen ­
  185;  Gedichte  96;  Theater  180;  Romane  533;  diverse  Schriften  220.
        <pb n="112" />
        90  HiANKRKlCH.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.

Suinma  4708.  (In  Deutschland  im  nemlichen  Jahre  9881)  ;  siehe  Rubrik  »Deutschland.«) ­
  —  Zahl  der  polit.  Zeitungen  (1863)  318,  der  nichtpol.  Blätter  6—70u.

Zur  Criminalstatistik.  Die  Zahl  der  Angeklagten  betrug
durchschn.  im  Jahre  —  wegen  Verbrechen  {crimes)  gegen

die  Personen  das  Eigenthum

1826-30:  1824  5306
]83f—35:  2371  5095
1836—40:  2153  5732
1841—45:  2186  4918
1846—50:  2438  4992
1851—55:  2353  4751
1856—60:  2082  3301
1861:  1944  2869
1862:  2088  2902

zusammen
7130
7466
7885
7104
7430
7104
5384
4813
4990

Die  Zahl  der  1802  wegen  Vergehen  {délits)  abgeurtheilten  Individuen
betrug  176,450  (imVorjahre  180,409,  1858  aber  211,081);  wegen  bloser
  Polizeiübertretungen  571,174  (im  Vorjahre  543,268).
Politische  Verfolgungen.  Gelegentlich  der  im  Aug.  1859
verkündeten  Amnestie  ward  folgende  Liste  der  Deportirten  bekannt;

vom  Juni  1848
-  December  1851  .  .  .  .
in  Folge  d.  »Sicherheitsgesetzes«
Zusammen  (ungeheuere  Zahl  !)

11,003,  wovon  138  noch  in  Algier,
26,884  -  1708  -  -  -  u.  Cayenne,
428  (?)  ^  _  _  _  _  _
38,315,  wovon  1927  -  -  -  -

Sparcassen.  Es  waren  deren  am  Neujahre  1803  478  autorisirt,  doch
nur  450  in  Thätigkeit.  Die  Zahl  der  ausgestellten  Sparcassebücher  betrug ­
  1’379,180  mit  424’209,002  Fr.  Einlage.  Auf  Paris  kamen  247  814
Einleger  mit  50’701,230  Fr.  ’
Alter  scasse.  Die  Caisse  de  retraites  pour  la  vieillesse  hatte  von
ihrer  Gründung  bis  Neujahr  1803  im  Ganzen  73’400,094  Fres,  empfangen ­
  und  in  Renten  (Staatsschuld)  angelegt.
Hilfscassen.  Auf  Gegenseitigkeit  beruhende  Hilfscassen  {Sociétés ­
  de  secours  mutuels)  bestanden  am  Neujahre  1803  4582  mit  039,04  4
Retheiligten,  wovon  aber  73,881  bloseEhrenmitglieder.  Unter  den  übrigen ­
  waren  80,308  Frauen.  Das  Capitalvermögen  betrug  30’700,244  Fr.
Eigentlich  sind  diese  Anstalten  nichts  anderes  als  Staatsrenten-Versicherungscassen,
  indem  alle  Einnahmen  bei  der  Staatscasse  angelegt  werden  !
(Vgl.  die  Verhältnisse  in  England,  S.  31.)"')
Beschäftigung  der  Einwohner.  Es  lebten  von  ;

Ackerbau
Industrie  und  Handel
Freien  Künsten
Ohne  Geschäft  oder  nicht  ermittelt  .
Zusammen

Einwohner

1851
21’992,874
9’283,895
3’483,538
P022,863

1856
19’064,071
12’202,391
3’262,282
1’483,925

f  i  ycenc  aer
Bevölkerung

1851
61,46
25,95
9,73
2,86

1856
52,94
33,M8
9,06
4,12

35’783,170  36’0l  2,669  100,00  100,00

,  11  11O  •  1  ua\on  aoer  olos  2H,9o0  m  ihren
Vohnungen,  dagegen  11,142  m  den  Civil-  und  578  in  Militärspitälern,  134  in
den  Gefängnissen,  3&amp;lt;9  wurden  todt  gefunden,  2  starben  unter  der  Guillotine.
        <pb n="113" />
        FKANKllEICH.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.  91

Sonach  starke  Zunahme  der  Industriellen,  aber  starke  Abnahme
der  Landleute  und  bedenkliche  Vermehrung  der  Geschäftslosen,  da  die
Zahl  der  »nichtermittelten«  Verhältnisse  unzweifelhaft  kleiner  geworden.
Hauptclassen  der  Industrie,  1856:

Kategorien  Zahl  der
Etablissements
Gewebe-Industrie  109,2ü.‘l
Minen  und  Steinbrüche  16,696
Bearbeitung  der  Metalle  2,0b6
Fabrikation  von  metallenen  Gegenständen  41,832
Industrie  in  Leder  7,736
-  Holz  39,012
von  Irdenen  Waaren  ....  12,561
Chemische  Producto  6,398
Baugewerke  209,058
Industrie  von  Möbeln  13,770
Kleidungs-  und  Toilette-Industrie  .  .  .  286,196
Alimentations-Industrie  300,306
Transport-Industrie  94,893
Industrie  bezügl.  Künste  u.  Wissenschaften  7,969
für  Luxus  und  Vergnügungen  *.  16,295
-  den  Krieg  451
-  -  Beerdigung  3,339
Verschiedene  sonstige  Industrien  ...  1,310

Zusammen  1*169,051
Handel  mit  Gegenständen  für:
Bauwesen  9,099
Möblirung  4,829
Kleidung  und  Toilette  78,811
Nahrung  173,121
Heizung  und  Beleuchtung  13,004
Transportwesen  8,840
Künste  und  Wissenschaften  ....  5¡453
Luxus  oder  Vergnügungen  33,681
\  erschiedene  sonstige  Zwecke  .  .  .  .  10,311

337,149

Zahl  d.  davon  Lebenden
männlich  weiblich
831,366  1*046,827
190,243  153,397
73,906  59,899
230,928  181,599
49,491  38,850
124,316  105,009
93,405  79,700
45,772  37,666
1*102,426  840,579
78,683  67,375
734,304  1*221,395
747,436  710,636
592,376  435,512
63,302  56,297
79,639  66,218
22,382  20,709
15,845  12,363
106,216  _  1M,894
5*  182^036  5*2^,9'25

30,227  27,312
-  14,606  14,430
193,167  224,864
338,379  389,566
33,870  30,663
64,285  56,250
14,293  14,298
52,805  57,974
38,076  37,272
779,702  852,629

Freie  Gewerbe,  Klerus  etc.
Juristen  (und  deren  Angehörige)
Aerztliches  Personal
U  nterrichtswesen
Wissenschaften  und  Künste  ....  !
Kriegsmacht  zu  Land  und  zur  See  .  .  .
Beamte  und  Angestellte
Ordensklerus
Weltklerus

73,663
47,118
79,742
32,187
416,825
236,968
12,394
52,176
951,073

68,460
59,309
87,4.59
27,148
22,890
210,276
53,493
24,642
553,677

Die  trauen  und  Kinder  sind  dem  Stande  des  Mannes  beigerechnet,
wenn  sie  nicht  eine  selbständige  Beschäftigung  ausüben.
Die  Zahl  der  Bergwerke  betrug  im  J.  1854  :  824;  448  davon
waren  Steinkohlen-,  177  Eisen-  und  199  andere  Werke.  Die  Kohlenproduction,
  1853  erst  59*379,850  metr.  (Doppel-)  Centr.,  stieg  1862
auf  94,  und  1863  auf  ungef.  100  Mill.,  im  Geldwerthe  v.  117*800,000
Fr.  Die  Hüttenwerke  lieferten  11*800,000  metr.  Cntr.  Gusseisen,
143*800,000  Fr.  werth  (1862  10*530,000  Cntr.  =  135*130,000  Fr.).
        <pb n="114" />
        92  FRANKREICH.  —  Sociale,  Gewerbe-  und  Handelsverhältnisse.

Ag^icoltarprodaction,  geschätzt  nach  Mill.  Hectolitern  ;

Weizen  .
Roggen  etc.
Kartoffeln
Wein  .

1789
.‘14’
46
2
17

1815
44’
44
20
:i5

Auf  jeden  Kopf  der  Bevölkerung  kamen  :

Weizen  .
Roggen  etc.
Fleisch

Hectül.

Kilogr.
Auf  die  Hectare  rechnet  Lavergne  :
Reinertrag  des  Eigenthümers
Gewinn  des  Pächters
Auslagen
Steuern
Löhne  .*

1789
1%
18

1789
Fr.  12
-  5
-  1
-  25

1848
70’
40
100
40—45

1848

1
28

1815
18
6

4
32

1848
30
10
5
5
50

Laut  officieller  Schätzung  betrug  :
der  Bodenwerth  1851  ;  83,744  Mill.
1821  ;  39,514  -
(Innerhalb  30  Jahren  mehr  als  verdoppelt.)
Der  Reinertrag  des  Grundbesitzes  1851  :  2,643’366,000  Fr.
1821:  1,597’000,000  -
Der  Werth  der  grossen  Güter  ist  dabei  kaum  um  ,  jener  der  kleinen,  zerstückelten ­
  um  das  4—5fache  des  Ertrags  gestiegen.)  *)
Uebrigens  bedarf  Frankreich  (ähnlich  wie  England,  wenn  auch  nicht
in  gleicher  Menge)  fremden  Getreides.  Es  betrug  von  181(i  —  61  die
Einfuhr  86’231,240,die  Ausfuhr  45’579,149  Hect.,  sonach  jährl.  Durchschnitt ­
  des  Ausfalls  880,000.  Indess  kamen  von  obigen  Summen  auf  die
Periode  1853—61:  36’791,081  Ein-  u.  21’768,081  Ausfuhr,  sonach
Durchschn.  des  Deficits  2’400,000.  —  Der  Geldbetrag  der  Mehreinfuhr
von  1816—61  wird  zu  1,382’007,249  Fr.  berechnet.
Anbau  und  Production  des  Bodens  nach  der  offic.  Statistik:

Weizen.
Mengkorn
Roggen
Gerste  .
Hafer  .
Mais.  .
Welschkorn
Kartoffeln  .
Zuckerrüben
Wurzelgewächse  249,043
Hülsenfrüchte.  456,612
üelgewächse  .  250,019
Hanf.  .  .  .  125,357
Flachs  .  .  .  80,336
Natürl.Wiesen  5’057,232

Angebaute
Hectárea
6’984,772
572,985
2’193,230
1’040,831
3’262,605
601,997
709,128
829,297
111,360

Ertrag
93’8l  5,916  Hectol.
8’204,492  -
25’567,417  -
17’407,593  -
61’785,701  -
8’331,989  -
10’4S9,587  -
85’761,880  -
3’234,505  m.  Ctr.
45’649,568  -  -
6’292,488  Hectol.
3’680,940  -
646,886  m.  Ctr.
353,091  -  -
144’233,288  -  -

Geldwerth
1,.566’241,049  Fr.
107’953,090  -
279’288,109  -
147’003,555  -
364’517,058  -
75’998,537  -
73’115,304  -
267’704,762  -
57’892,734  -
83’988,200  -
96’792,883  -
74’183,969  -
50’250,717  -
.33’132,975  -
606’408,213  -

Ausserdem  :
Stroh
345’738,663  Fr.
32’764,.502  -
89’811,388  -
24’974,506  -
87’465,102  -
8’272,712  -
6’699,145  -

Samen
12’849,236  -
10’857,013  -

*)  Im  J.  1857  wurden  die  inscribirten  Hypothekschulden  in  80  Departementen
  (über  welche  der  Crédit  foncier  seine  Wirksamkeit  ausdehnte)  auf
12,005’506,374  Fr.  angegeben,  wovon  1,159’732,000  blos  auf  das  Seinedepartement ­
  kamen.
        <pb n="115" />
        FRANKREICH.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.  93

Künstl.Wiesen  2’563,490  87’947,857  m.  Ctr.  360’16S,114  Fr.
«eiden  .  .  0’579,983  18’389,345  -  -  42’320,515  -
Weingärten  .  2'190,909  48’240,521  Hectol.  500’103,360  -
Rei  den  Weingärten  wird  der  mittlere  íTrtrag  auf  d.  Hectare  zu
1”,37  Hectol.,  der  Gesammterndte  zu  35’599,235  Hectol.  rothen  und
12  641,286  weissen  Weines,  und  der  Durchschnittspreis  des  ersten  zu
13,90,  des  letzten  zu  10,84  Fr.  angenommen.
Deber  die  Gewerbsindustrie  können  wir  nur  vereinzelte  Notizen ­
  geben.  Die  Baum  wolle  consumtion,  1830  blos  29'/^  Mill.  Kilogr.,
1840  fast  53,  1850  59%  Mill.,  betrug  1859  81’665,000  Kilogr.  im
Geldwerthe  von  153%  MiU.  Fr.,  1860  aber  sogar  123  702,100  Kil.  zu
202*4  Mill.  hr.  Die  Zahl  der  Dampfmaschinen  war  schon  1852  7779
mit  216,456  Pferdekraft.  —  Rübenzucker  wurde  18«%*  in  366  Fabriken ­
  producirt  108’466,741  Kilogr.  (im  Voijahre  in  362  Fabriken
1  73’677,253  Kil.,  somit  starke  Verminderung.  Das  Rechn.-Jahr  beginnt
1.  Sept.).  Production  in  früheren  Jahren,  Kilogr.:
18*%t  18'%,  18»%,  18»'/.,  18'%.  18",
&amp;lt;&amp;gt;0  214,400  81’140,S00  123*318,700  111*060,000  106*078,100  109*200*000
Die  Zahl  der  Buchdruckereien  ist  auf  1037  beschränkt.  '  Sie
beschäftigen  etwa  9500  Setzer  und  3000  Drucker.  Der  Werth  der  Buchdruckereierzeugnisse ­
  wird  auf  25  Mill,  geschätzt,  wovon  aber  15%  Mill,
(also  beinahe  zwei  Drittel)  blos  auf  Paris  kommen.
Zur  Erläuterung  nachstehender  Handels  Übersichten  ist  zu  bemerken ­
  :  Die  Berechnung  des  Werthes  der  Waaren  geschieht  nach  einem
schon  im  J.  1827  aufgestellten  amtlichen  Tarife  (der  »officielle  Werth«).
Seit  1827  haben  sich  indess  die  wirklichen  Preise  beinahe  sämmtlich
verändert,  und  so  entsteht  eine  zweite  Berechnungsweise  (der  »wirkliche
Werth«).  —  Der  Handel  wird  getheilt  in  den  »allgemeinen«  und  den
»Specialhandel«.  Der  erste  begreift  Alles,  auch  die  blosc  Durchfuhr  in
sich  ;  der  letzte  hingegen  blos  diejenigen  Gegenstände,  welche  in  Frankreich ­
  selbst  zum  Verbrauche  kommen  oder  als  franz.  Producte  verarbeitet, ­
  ausgeführt  werden.  Natürlich  hat  der  Specialhandel  die  grösste
Wichtigkeit.
Der  allgemeine  Handel  1857—60  ergab  in  Mill.  Fr.  :

Angebaute
Hectaren

Ertrag

Geldwerth

Officieller  Werth

1857

1858  1859  1860  1861  1862
2034.9  2148,2  2392,4  2719,7  2541
2441.9  2755,6  2949,4  2615,3  2954

Einfuhr  .  .  2236
Ausfuhr  .  .  2357

Zusammen  4593

4476,8  4903,8  5341,8  5335,0  5495

Wirklicher  Werth

Zusammen  5328  472^
Specialhande1  :

2164,4  2354,8  2657,3  3085,1  2899
2561,1  3057,1  3147,5  2661,9  3050
472515  5411,9  5804,8  5747,0  5949

Officieller  Werth

I860  1861  1862
1585  2018,2  1857
2091,3  1874,2  2256

3676,3  3892,4  4113"
        <pb n="116" />
        94  FRANKREICH.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.

Wirklicher  Werth

Einfuhr  .  .
Ausfuhr  .  .
Zusammen

1857
1874
1805

1858
1502,8
1887,3

1859
1040,7
2200,4

1860
1897,3
2271,1

1861
2442,3
1920,5

1862  1863
2202  2308
2370  2022
499ir

3739  3450,1  3907,1  4108,4  4308,8  4038
Im  J.  1802  fand  der  bedeutendste  Handelsverkehr  mit  folgenden
Ländern  statt  (nach  Mill.  Fres,  wirklichen  Werthes)  :
Frankr.  export,  nach  Allj^.  H.  Spec^-H.  Frankr.  import,  aus

England
Schweiz
Kön.  Italien
D.  Zollverein
Belgien
Spanien
Ver.  Staaten
Brasilien  .
Türkei  .  .
Russland  .

834  Mill.  020  Mill.

England
Belgien
Schweiz
Kön.  Italien
D.  Zollverein
Türkei  .  .
Russland  .
Ver.  Staaten
Brasilien  .
Engl.  Ostindien
Spanien  .  .
Im  Specialhandel  waren  1862  die  wichtigsten  Artikel:

295
275
233
230
202
121
92
83
43

138
175
210
200
137
100
03
50
32

Allg.  H.
650MÍ11.
321  -

239
220
221
177
95
93
90
75
72

Spec.-H.
520  Mill.
259  -
59  -
192  -
1.30  -
139  -
73  -
90  -
40  -
74  -
55  -

Einfuhr
Seide  ....
Rohe  Wolle
Getreide  .  .  .
Rohe  Baumwolle
Gew.  Holz  .  .
Steinkohlen
Kaffee  .  .
Thiere  .  .
Häute  .  .  .
Kolonial-Zucker
Fremd.  Zucker
Oelgewächse  .

Wirkl.  Werth
230,0  Mill.  Fr.
180.7  -  -
157,5  -  -
120,2  -  -
117.8  -  -
102,2  -  -
70,0  -  -
70,0  -  -
09,3  -  -
05,7  -  -
05.2  -  -
49.3  -  -

Ausfuhr
Seidestoffe  .  .  .
Wollenstoffe  .  .
Weine  ....
Tabletterie,  Möbel
Verarb.  Gegenstände
Verarb.  Häute
Baumwollstoffe
Branntweine
Chemikalien
Raffin.  Zucker
Seide.  .  ,
Wolle  .  .

Wirkl.  Werth
303,5  Mill.  Fr.
221.7  -  -
210.7  -  -
140,0  -  -
94.7  -  -
05.8  -  -
03.3  -  -
50,5  -  -
54.4  -  -
50.0  -  -
49.8  -  -
45.1  -  -

Der  (zur  Zeit  des  Druckes  des  gegenwärtigen  Bogens  eben  erschienenen) ­
  Handelsübersicht  von  1803  entnehmen  wir  folgende  Daten:
Generalhandel  :

Offic.  Werth
die  Einfuhr  .  2707  Mill.
-  Ausfuhr  .  3392
0099  -
Zunahme  gegen  das  Vorjahr:
bei  der  Einfuhr  107
-  Ausfuhr  438
Zus.  005

Wirkl.  Werth
3230  Mill.
3520  -
0702  -

337  -
407  -
804  -

Im  Specialhandel  stellte  sich  das  Verhältniss,  Ein-  u.  Ausfuhr
zusammengerechnet,  auf  4390  Mill,  nach  dem  offic.,  und  5009  nach  dem
wirkl.  Werthe.  —  Im  Verkehre  mit  den  wichtigsten  einzelnen  Ländern

erscheinen  :
Einfuhr  aus
England  .
Belgien
Schweiz  .
Zollverein
Kön.  Italien
Türkei

Gen.-Hand.
092  Mill.
301  -
331  -
205  -
247  -
177  -

Spec.-Hand.
597  Mill.
208  -
05  -
140  -
204  -
155  -

Ausfuhr  nach
England
Kön.  Italien
Schweiz  .  .
Spanien  .  .
Belgien  .  .
Zollverein  .

Gen.-Hand.
1040  Mill.
354  -
319  -
249  -
245  -
228  -

Spec.-Hand.
KOO  Mill.
238  -
173  -
170  -
211  -
204  -
        <pb n="117" />
        FRANKREICH.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.  95

Einfuhr  aus  Gen.-Hand.  Spec.-Hand.
Engl.Ostindien  101  Mill.  95  Mill.
Ver.  Staaten  .  92  -  S2  -
Brasilien  .  .  85  -  58  -
Russland  .  .  82  -  62  -
Spanien  .  .  75  -  55  -

Ausfuhr  nach
Türkei  .  .
Ver.  Staaten
Brasilien
Russland  .

Gen  -Hand.  Spec.-Hand.
119  Mill.  75  Mill.
108  -  94  -
82  -  58  -
.34  -  30  -

i  Engl.Ostindien  19  -

16  -

Von  den  3236  Mill,  wirkl.  W.  der  Einfuhr  im  Generalhandel
kommen  1963  Mill,  auf  Rohstoffe  der  Industrie;  1741  Mill,  gingen  davon ­
  in  den  Specialhandel  über.  —  Was  gewöhnliche  Consumtionsgegenstände
  betrifft,  so  ist  deren  Betrag  im  Specialhandel  gegen  das  Vorjahr
um  SO  Mill,  herabgegangen  (auf  6S5  Mill.).  —  Die  Rückzölle  (Drawbacks) ­
  betrugen  77'156,179  Fr.,  ungerechnet  25’943,315  Fr.  Rückzahlungen ­
  für  bezahlte  Salzsteuer.  In  die  Niederlagen  (Entrepôts)  des
Staats  wurden  1863  12’108,790  metr.  Ctf.  Waaren  gebracht,  einen
Werth  von  575  Mill.  Fr.  repräsentirend.  Im  Voijahre  betrug  das  Gewicht ­
  15’234,620  metr.  Ctr.,  der  Werth  716  Mill.  Fr.  —  Der  Transit ­
  belief  sich  auf  2’078,73l  metr.  Ctr.  =  162,828  mehr  als  im  Vorjahre. ­

Nachstehend  eine  Uebersicht  des  allgemeinen  Handels  Frankreichs
seit  1840,  nach  den  »officiellen  Werthen«  in  Mill.  Franken  berechnet:

1.  Periode

2.  Periode

3.  Periode

4.  Periode

Jahr  Einf.  Ausf.  Tot.
1840:  1052  1011  2063
1841:  1121.1066  2187
1842:  1142  040  2082
1843:  1187  002  2170
1841:  1103  1147  2.340

Jahr  Einf.  Autf.  Tot.
45:  1240  1187  2427
46:  1257  1180  2437
47:  1343  1271  2614
48:  862  1153  2015
40:  1142  1423  2565

Jahr  Einf.  .4usf.  Tot.
50:  1174  1531  2705
51:  1159  1620  2787
52:  1438  1682  3120
53:  1632  1861  3403
54:  1700  1788  3407

Jahr  Einf.  Au«f.  Tot.
55:  1052  2o27  3070
56:  2268  2320  4588
57:  2236  2357  4503
58;  2035  2442  4477
50:  2148  2756  4004

Total  5605  5156  10851

5844  6214  12058

7111  8481  15602

1O630  11002  22541

Ein-  und  Ausfuhr  von  Edel-Metallen  in  Mill.  Fr.:

Gold

Silber

1850
1851
1852
1853
1854
1855
1856
1857
1858
1859
1860

Einfuhr  Ausfuhr
61  44
116  31
59  42
318  30
482  65
381  163
462  90
568  123
554  67
727  187
570  159

Einfuhr  Ausfuhr
155  82
179  101
180  183
113  229
100  264
121  318
109  393
97  458
161  176
210  382
131  288

4298

1001

1556

2874

Sonach  Vermehrung  des  Goldes  um  3297  Mill.;  Verminderung
des  Silbers  um  1318;  —  verbleibt  Vermehrung  der  Edelmetalle  um
die  enorme  Summe  von  1979  Millionen  1*)

*)  Wir  haben  bereits  bei  Orossbritanien  'S.  36)  auf  die  Umgestaltung  der
Verhältnisse  zwischen  officiellen  und  wirklichen  Werthen  hingewiesen. ­
  Die  Verbesserungen  in  der  Fabrikation  drückten  die  Preise  unter  die  frühere ­
  Norm  herab,  bis  das  Sinken  des  Goldwerthes  sie  wieder,  sogar  weit  über
das  frühere  Verhältniss,  emportrieb.  Die  Normalsätze  zu  100  angenommen,
betrug  der  wirkl.  Werth  des  Gesammthandels  gegen  den  offic.  Werth  :
        <pb n="118" />
        96  FRANKREICH.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.

Die  Bedeutung  der  einzelnen  Handelsplätze  ergibt  sich  aus
folg.  liebersicht  des  1859  daselbst  erhobenen  Zolles,  Francs:

Havre
Marseille
Nantes
Baris
Bordeaux

45’039,000
41’Ü74,000
31’822,0()0
19’094,000
1-’370,000

Dünkirchen
lalle
Rouen
Boulogne

8’5S7,000
5’0S8,000
5’055,ü00
4’148,000

Jeumont
Strassburg
Valenciennes
And.  Orte

2’9S8,000
2’133,000
B107,000
43’840,0U0

1850
2144

Zahl  der  Fallimente
1851  1852  1853  1854

1855
2937

1856
5773

1857
(&amp;gt;124

1858
4330

1859
3899

1860
4041

1861
4802

1862
(&amp;gt;390

2305  2478  2071  3691
Die  Zahl  der  wegen  eigentlichen  Bankerotts  gerichtlich  Verfolgten

1847
1849

1857
789
105

1858
907
114

1861
898
79

1862
1001

wegen  einfachen  Bankerotts
betrügerischen  .  .
Post.  Zahl  der  beförderten  Briefe  und  Zeitungsnummern  :
Briefe  Zeitungsnummern  Briefe  Zeitungsnummem
fWkM-X  U\i\  “  ‘  ‘  '

120’480,000
158’268,ÜOO

90’275,400
14()’528,433

1852:
1854:

181’000,000
212’385,00U

94’803,000
ll.V744,433

1847  nur  noch  .  .  91,8  '
1848  -  -  .  .80
1849  .  .  91,2
1850  dagegen  schon  90,4
1851  95,8

1852  bereits  lOl  %
1853  .  .  112,8
1854  .  .  119
1855  .  .  118,0
1850  sogar  130

Trotz  einzelner  Schwankungen,  die  nie  fehlen,  ein  Steigen,  das  in  der  kurzen ­
  Zeit  von  10  Jahren  41,01  Broc,  beträgt!  d.  h.  im  J.  1850  konnte  man  mit
141  Fr.  61  Cent,  nicht  mehr  Waaren  aller  Art  bekommen,  als  10  Jahre  früher
um  100  Fr.  In  diesem  Verhältnisse  hatte  das  Geld  bereits  an  Werth  verloren.
Ja  der  Unterschied  ist  in  Wirklichkeit  noch  grösser,  da  die  Verbesserungen  in
der  Fabrikation  nach  1847  ein  weiteres  Herabgehen  bewirkt  hätten.  Nun  kam
die  gewöhnliche  Erschlaffung  nach  den  Anstrengungen  eines  besonders  kostspieligen ­
  Krieges  (des  Krimkrieges)  ,  und  es  trat  die  ungeheure  Handels-  und
Creditkrisis  ein.  Allerdings  gingen  die  Ziffern  1857  auf  110,  1858  selbst  auf
105,54  herab.  Weit  entfernt,  dass  dieses  Herabgehen  die  obigen  Bemerkungen
widerlegte,  dient  es  vielmehr  zur  Bestätigung  derselben.  Sogar  diese  unerhörte
FIrschütterung  war  nicht  im  Stande,  die  Breise  auch  nur  auf  das  frühere  Norm
  a  1  verhältniss  zurückzuführen,  während  sie  unter  gewöhnlichen  Zuständen
dadurch  weit  unter  das  Mittel  herabgedrückt  werden  mussten  ;  selbst  in  diesem ­
  Falle  eines  ganz  ausserordentlicnen  Herabdrückens  standen  alle  Breise
noch  um  beiläufig  ein  Fünftel  (20  Broc.)  höher,  als  10  Jahre  zuvor.  Die  neueren ­
  Ergebnisse  haben  diese  schon  früher  geäusserte  Ansicht  bestätigt.  Im  Kriegsjahre ­
  1859  stieg  die  Verhältnisszahl  auf  110,4,  und  hielt  sich  im  nächsten  Jahre
des  allgemeinen  Misstrauens  auf  108,0.  Dann  kam  der  Krieg  mit  den  Bapiergeldwirren
  in  einem  Goldlande  (Amerika)  und  die  dadurch  nöthige  Abfuhr
grösserer  Massen  Fidelmetalle  nach  den  neuen  Baumwolle-Broductionsländern  ;
gleichwol  blieb  die  Verhältnisszahl  1801  107,7  %  ,  1802  108,3%  ;  es  stieg  1803
sogar  wieder  auf  110,8  %.  —  Es  ist  dabei  selbstverständlich,  dass  auch  das  Silbergeld ­
  im  Werthe  in  so  lange  mitsinken  muss,  bis  die  Länder  mit  Doppelwährung ­
  den  Rest  ihres  Silbergeldes  eingebüsst  haben  werden.
*)  Der  Bericht  des  Justizministers  (Moniteur  v.  17.  März  1804)  gibt  die
Zahl  nicht  an,  sondern  bemerkt  nur,  dass  die  Anklagen  sich  gegen  das  Vorjahr
um  19%  vermehrt  hätten.—  Schuldhaft  ward  1802  über  1794  Bersonen  verhängt, ­
  darunter  128  Frauen.  In  1391  dieser  Fälle  handelte  es  sich  um  Handels-, ­
  in  127  um  gewöhnl.  ,  in  270  um  Schulden  an  den  Staat.  Bei  004  dieser
Individuen  betrug  die  Schuldsumme  weniger  als  500,  bei  333  zwischen  500  und
1000  Fres.,  blos  bei  205  überstieg  sie  5000  Fres.
        <pb n="119" />
        FKAXKREICH.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  HandeUverhältniase.

97

Briefe  Zeitangsnummem
1856:  252’014,8ÜÜ  127*321,445
1857:  252*453,800  144*295,200
1858:  253*234,000  151*298,000
1859:  258*900,000  105*300,000

Briefe  Zeitanginanunem
1860:  263*500,000  179*138,000
1861  :  273*200,000  188*930,000
1862:  283*000,000  202*000,000
1863:  290*000,000  212*(M)0,000

1863  waren  90%  der  Briefe  frankirt.  Die  Geldanweisungen  betrugen ­
  (nur)  3’710,000  Fr.  —Die  Roheinnahme  der  Post  war  69*928,119,
die  Ausgabe  47*370,217,  somit  der  Reinertrag  22*557,902  Fr.  Zur
ersten  Summe  lieferten  die  Briefe  58  Mill.,  die  Drucksachen  6*073,814
Fres.

Telegraphen.  Neujahr  1863  28,003  Kilom.  (3774  d.  MeU.);  Drahtlänge ­
  87,096  (Ende  1857  erst  11,430  Kil.).  Zahl  der  Büreaus  500
(1860  erst  240).  Privatdepeschen:  1852  nur  48,105,  1856:  360,299;
1859:  598,701  :  1862;  1*510,573.  Die  Roheinnahme,  1852  542,891
Fr.,  stieg  1857  auf  3*333,695,  1860  auf  4*022,799,  1862  auf
4*486,126  Fr.

Eisenbahnen.  Frankreich  blieb  im  Eisenbahnbau  längere  Zeit  zurück.
Der  Staat  brachte  dann  sehr  ansehnliche  Opfer,  ohne  die  Bahnen  für
eigene  Rechnung  herzustellen.  Im  Betriebe  standen  Kilometer:
1830  1842  1848  1851  1855  1858  1861  1862  1863
53  590  2211  3541  5530  8657  9448  10,507  11,518
Am  1.  Juli  1864  war  die  Summe  auf  12,357  Kilom.  gestiegen  =  1667
deutsche  Meilen,  während  das  kleine  Britanien  zur  nemlichen  Zeit  2506,
Deutschland  ungei.  2150  Meil.  besass.  —  In  Folge  der  »Fusionen«  hatten ­
  sechs  grosse  Gesellschaften  fast  alle  kleineren  verschlungen.  Ende
1863  waren,  mit  den  im  Betriebe  stehenden  Linien,  20,380  Kilom.
Schienenwege  concessionirt,  davon  19,373  im  Besitz  jener  6  Gesellschaften. ­
  Das  Eisenbahnwesen  ist  somit  gleichsam  monopolisirt.  Auch
sind  die  Preise,  namentlich  für  Personenbeförderung,  mit  Ausnahme  von
England,  die  theuersten,  dagegen  gehören  die  Wagen  und  die  Ordnung
zu  den  geringsten.  Die  Roheinnahme  aller  franz.  Eisenbahnen  betrug
1862  476*167,427,  1863  495*264,387  Fr.  —  (1857  wurden  befördert:
40*662,168  Personen  und  298*144,980  Cntr.  Waaren.)  —  Die  vom
Staate  übernommenen  Zinsgarantien  erstrecken  sich  [exposé  de  la  situation ­
  de  I  empire  für  1863)  auf  4038  V*  Mill.  Fres.  Die  unmittelbaren
lieistungen  der  Staatscasse  für  die  Herstellung  der  20,380  Kilom.  an
Arbeiten  und  Subventionen  sind  zu  1460  Mill.  Fr.  berechnet.  Die  Gesellschaften ­
  ihrerseits  werden  7300  Mill,  aufzuwenden  haben.  *)  Die
Einnahme  pr.  Kilom.  betrug:

*)  Die  Höbe  der  Anlagekosten  (428,000  Fr.  pr.  Kilom.  =  856,000  Thlr.
pr.  d.  Meile)  rührt  grossentheils  von  Schwindeleien  und  Betrügereien  her.  Als
es  sich  um  eine  vom  Staate  geforderte  Zinsgarantie  handelte,  führte  der  Abg.
(lllivier  im  gesetzg.  Körj&amp;gt;er  folg.  Thatsachen  an:  Nachdem  die  Concession  der
Eisenbahn  von  Graissessac  nach  Biziers  ertheilt  war,  wurden  die  Arbeiten  für
16  Mül.  zugeschlagen  ;  die  Unternehmer  traten  sie  einer  andern  Gesellschaft  für
14  Mill,  ab,  und  diese  überliess  sie  einer  dritten  für  12  Mill.;  so  wurden  4  Mill,
verdient,  ehe  nur  ein  Spatenstich  geschehen  war.  Die  Gesellschaft  ist  fallirt,
die  Actionäre  haben  Alles  verloren.;  —  Als  1853  die  Concession  für  den  Grand-Central
  ertheilt  wurde,  creirte  man  Action  zum  Betrage  von  112  Mill.  ;  1857,
nach  dem  Ankäufe  des  Grand-Central  durch  die  Orléaner  und  Lyoner  Bahn-Kol
  u,  Statittik.  4.  Aufl.  7
        <pb n="120" />
        98  FRANKREICH.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.

1S52  35,712  Fr.
1853  41,712  -
1854  45,6ü3  -
1855  51,317  -

185«  48,048  Fr.
1857  45,259  -
1858  41,330  -,
1859  43,908  -

I860  44,492  Fr.
1862  45,319  -
1863  42,999  -  *)

Strassen.  Chausseen  (1862)  :  Staatsstrassen  37,352  Kilom.,  Vicinalstrassen
  220,000  Kil.  —  Schiffbare  Flüsse;  6,500,  Kanäle
4,750  Kilom.
Bank.  Die  Bank  von  Frankreich  ward  im  Apr.  1803  gegründet.
Obwol  ihr  letztes  Privilegium  erst  Ende  1867  abgelaufen  wäre,  hat  man
dasselbe  doch  schon  im  Mai  1857  auf  weitere  30  Jahre  (bis  Ende  1897)
verlängert,  der  Anstalt  aber  die  Verpflichtung  auferlegt,  der  Staatscasse
sofort  100  Mill.  Fres,  gegen  3proc.  Rente  zu  leihen.  Um  die  Mittel
hiezu  aufzubringen,  wurde  die  Zahl  der  Actien,  bis  dahin  91,250  Stück
(zu  1000  Fres.),  verdoppelt  (nun  182,500  Actien).  Gleichzeitig  erhielt
die  Bank  Befugniss,  Banknoten  bis  zum  Minimalbetrage  von  50  Fr.  auszugeben ­
  (bis  dahin  waren  100  Fr.  die  kleinste  Summe).  Die  Summe
der  circulirenden  Noten  schwankte  1863  zwischen  739%  u.  864%  Mill.
(1850  war  das  Maximum  492  Mill.)  —  Die  Anstalt  unterhält  in  allen
grossem  Städten  des  Staats  Filialen.  Die  Gesammtsumme  ihrer  Geschäfte ­
  stieg  folgendermassen  ;

gesellschaften,  fand  sich  das  Capital  zu  261  Mill,  angewachsen,  so  dass  die  ersten ­
  Actieninhaber  149  Mill,  verdienten,  ehe  die  Bahn  fertig  war.  Aehnlich  ging
es  mit  den  famosen  Minen  von  St.  Aubin.  Zu  500,000  Fr.  im  Nov.  1851  angekauft, ­
  wurden  sie  im  Juli  1852  zu  1’500,000  Fr.,  drei  Tage  später  zu  3’200,000
Fr.  und  im  Mai  1856  zu  22  Mill,  in  Obligationen  an  den  Grand  -  Central  verkauft. ­
  (Die  Minen  gehörten  einem  Grafen  N.  N  ,  als  sie  an  den  Grand-Central
abgetreten  wurden,  und  er  war  auch,  wie  behauntet  wird.  Director  des  Grand-Central,
  als  dieser  r.n  die  beiden  andern  Gesellschaften  verkauft  wurde.)
*)  Die  Kraft  der  auf  den  franz.  Bahnen  verwendeten  Locomotiven  war  schon
1861  nominell  die  von  450,000  Pferden;  ihre  Leistung  kam  aber  der  von
1’900,000  Pferden  gleich,  welche  täglich  10  Stunden  arbeiten,  oder  jener  von
«’300,000  Menschen  bei  ebenso  langer  täglicher  Arbeit  Berechnung  des  Ingenieurs ­
  Perdonnet).  Die  Zahl  der  bei  den  franz.  Bahnen  verwendeten  Personen
betrug  60,000.  Eine  von  der  Regierung  niedergesetzte  Commission  zur  Untersuchung ­
  der  Unglücks  fälle  auf  franz.  Schienenwegen  berichtete:  Von  den
189’046,676  Reisenden,  welche  von  18:15  bis  Ende  1855  befördert  wurden,  sind
durch  den  Betrieb  111  getödtet  =  1  auf  1’703,12:1.  Auf  einmal  fanden  52  ihren
Tod  bei  dem  grossen  Unglück  auf  dem  linken  Seine-Ufer.)  Verletzt  wurden
durch  den  Betrieb  393  Reisende,  =  1:479,81  1.  Beides  zusammen  506  Opfer
=  1  :875,092.  P'erner  sind  durch  den  Betrieb  308  Angestellte  der  Bahnen  verunglückt ­
  (49  getödtet,  259  verletzt)  ^  endlich  249  sonstige  Personen  (166  getödtet, ­
  83  verletzt).  Durch  eigene  Unvorsichtigkeit  oder  vom  Betriebe  unabhängige ­
  Ursachen  sind  zahlreichere  Opfer  gefallen:  119  Reisende  (40  getödtet),
1130  Eisenbahnangestellte  (418  todt  und  712  verletzt)  und  64  andere  Personen
(37  todt  darunter  34  Selbstmörder).  In  Folge  wirklichen  Betriebs  kam  1  Vernniflückter
  (getödtet  oder  verletzt)  in  Preussen  auf  3’291,075  Reisende,  in  Belgien ­
  auf  l’Oll  237,  in  Frankreich  auf  375,092,  in  England  auf  311,345  und  in
den  Vereini«-ten  Staaten  auf  188,459  Reisende.  Die  Eisenbahnen  gewähren  eine
grössere  Sicherheit,  als  die  Transportmittel  auf  den  Landstrassen.  Die  Posten
und  die  Messageries  générales  hatten  in  Frankreich  binnen  10  Jahren  (1846  —
1855)  Unfälle  welche  von  7’109,276  Reisenden  20  Personen  das  Leben  kosteten
und  238  verletzten;  eß  kam  also  1  Getödteter  auf  355,463,  und  1  Verletzter  auf
29,571  Reisende.
        <pb n="121" />
        FRANKREICH.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.

1)9

1808
1826
1847
1849
1851
1852

112  Mill.
1000  -
2659  -
1025  -
1241  -
1824  -

1853:  2842  Mill.
1854:  2944  -
1855:  3762  -
1856:  5809  -
1857:  6065  -
1858:  5213  -

1859
1860
1861
1862
1863

6652  Mill.
6340  -
6556  -
7784  -
7542  -

Handelsmarine.  Stand  am  1.  Jan.  1862:
Segelschiffe  14,738  von  910,729  Tonnen
Dampfer  327  -  73,267
15,065  -  983,99tT  -
Fahrzeuge  f.  Küstenfischerei ­
  .  8,041  -  59,541
Die  Tonnenzahl  war  1827  692,000,  ging  dann  bis  184  7  auf  670,000
berab,  erreichte  1857  :  1*052,000,  und  war  sonach  1862  wieder  gesunken. ­
  Die  Aufhebung  der  Marineconscription  nach  alter  Art  lässt  einen
neuen  Aufschwung  erwarten.
Der  Schiffsverkehr  in  den  franz.  Häfen  (natürlich  verschieden
von  der  in  Frankreich  vorhandenen  Zahl  der  Schiffe)  betrug  an  befrachteten ­
  Fahrzeugen  während  der  letzten  Jahre  :

Eingelaufen  :

Zahl  der  Schiffe

Franzos.  Schiffe
Fremde

1859
10,422
14,6J_8_
Zusammen  25,040
Ausgelaufen:
Franzos.  Schiffe  8,778
11,657
20,435

1860  1862
10,675  12,374
14,081  16,448

Fremde

deren  Tonnengehalt

Zusammen

1859  1860  1862
1*628,396  1*663,615  1*907,897
2*375,354  2*348,261  2*658,776

24,756  28,822  4*003,638  4*011,876  4*566,673
8,013  8,201  1*473,192  1*341,531  1*445,872
10^429  11^004  1*563,136  1*502,635  1*560,097
18,442  19,205  3*036,328  2*84  4^Í66^3^Õ^9

Masse,  Gewicht,  Münze.  Das  System  ist  auf  ein  Naturmass  (Meridianmessung) ­
  begründet.  Eintheilung  nach  Decimalen,  bei  Steigerung  über
die  Einheit  griechische  Benennung  (Deka,  Hekto,  Kilo),  beim  Herabgehen ­
  unter  diese  Einheit  lateinische  (Deci,  Centi,  Milli).
Geld.  Einheit  :  der  Franc  =  100  Centimes:  5  Grammen  Silber  •/,«  fein.
Jlanach  der  preuss.  Thaler  =  3  Fres.  69,8  Cent.  ;  der  rhein.  Gulden  2  Fr.  12,5
Cent.  In  Deutschland  wird  der  Franc  meist  zu  8  Sgr.  oder  28  Krzr.  angenommen, ­
  wonach  der  5  Tr.  -  Thlr.  =  2%  fl.  oder  1*/,  Tn  Ir  preuss.  Indessen  ward
in  neuerer  Zeit  die  Goldwährung  die  herrschende,  wobei  nach  dem  frühem
M'erthe  des  Goldes  dasselbe  im  Verhältnisse  von  1  zu  15%  (also  für  jetzt  zu
hoch)  gerechnet  ist.  —  Liingenmass:  Der  Meter;  lOO  Meter  sind  =  149,94
Berliner  oder  128,34  Wiener  Ellen,  109,32  engl.  Yards,  140,55  russ.  Arschinen;
oder  328,12  engl.,  318,62  rhein.  oder  preuss.,  342,63  bayer,  oder  333%  Schweiz,
oder  badische  Tuss.  —  Die  Elle  =  60  Centimeter.  —  Die  franz.  (Juadratlieue
  ist  0,36  der  deutschen.  —  Die  deutsche  Meile  hat  7,420Meter.  —  Flächenniass:
  Die  Are  (100  Quadr.-Meter)  =  947,68  alte  franz.  Q,.-Fuss,  7,05  rhein.
Q.-Ruthen.  —  Die  Hectare  (100  Aren)  =  3,91662  preuss.  Morgen.  —  Körpar-*nass:
  Der  Stère  oder  Kubikmeter.  —FlüssiykciU  -  und  (JetreidemaHii  ;  Der
Eiter.  Der  Hectoliter  (loo  Liter)  =  1,82  preuss.  Scheffel,  1,62  Wiener  Metzen,
22,39  engl.  Quarters;  —  ferner:  1,45  preuss.  oder  1,46  b^er.  Eimer,  66,66  badische ­
  oder  Schweiz.  Mass.  —  Gewicht.  Das  Gramm.  Das  Kilogramm  (1000
Grammen)  =  2  deutsche  Zollpfund,  2,2  englische  oder  2,44  russische  Pfund.
        <pb n="122" />
        100

FRANKREICH.  —  Auswärtige  Besitzungen.

Auswärtige  Besitzungen.

Algerien.  Das  Areal  ward  in  einem  Berichte  des  Kriegsministers
vom  J.  1850  [Rapport  au  Président)  auf  ungefähr  39  Mill.  Hectaren,
also  über  7000  deutsche  Quadrat-Meilen,  angeschlagen;  eine  neue
Schätzung  steigt  sogar  auf  47  Mill.  Hectaren  =  8566  Q.-M.  Die  Landgrenzen ­
  sind  ziemlich  unbestimmt.  Die  Küstenausdehnung  wird  in  einem ­
  Ministerialberichte  von  1854  zu  250  Stunden  [Heues)  angegeben.
Die  Civilbevölkerung  war  bei  der  Aufnahme  von  1861  :

E-p*“{?í“’so:r??í
Araber  in  den  Städten  .  .  .
-  -  Stämmen  .  .
Eingeborene  Juden  ....
Nicht  bestimmt

192,746  1
358,760  I  Militär  63,000.  Die  europ.
2’374,091  I  Civilbev.  ward  Ende  1862  zu
28,097  118,804  Franzosen  u.  86,073
13,142  Fremde  angegeben.

Zusammen  2'966,836

Unter  den  Europäern  befanden  sich  im  J.  1857  :  Spanier  46,246  ,  Italiener ­
  10,421,  Malteser  7511,  Deutsche  5759,  Schweizer  1942.  —  Den
Confessionen  nach  gab  es  1856  unter  den  Europäern  :  Katholiken
158,833,  Protestanten  4539,  Juden  910.  —  Die  Stadt  Algier  hatte
63,784  Einwohner,  wovon  aber  9921  Soldaten  und  18,727  Eingeborene. ­
  Oran  zählte  gegen  36,500,  Constantine  39,500  Einw.  —  Die  gesammte
  Ackerbaubevölkerung  ward  (Neujahr  1863)  zu  109,808  Individuen ­
  angegeben.  —  Im  J.  1857  schied  man  die  Eingeborenen  nach
Rassen  folgendermassen  :

Division  Algier  .  .
Oran  .  .
Constantine
Zusammen

Berç-  Araber  Kabylen
Kabylen  der  Ebene
280,474  447,752  27,800
22,819  431,485  45,462
277,135  506,195  305,691
580,428  1’385,432  378,953

Die  Nomaden  leben  bekanntlich  in  Zelten  ;  andere  Eingeborene  haben
Gourbis,  die  eine  etwas  grössere  Stabilität  der  Wohnplätze  andeuten;  die
kleinste  Zahl  besitzt  Häuser.  Im  J.  1857  rechnete  man  :

Zelte
Division  Algier  .  .  55,529
¡L-  Oran  .  .  77,389
i-  [Constantine  111,881
Zusammen  244,799.

Gourbis  Häuser
65,837  39,381
6,986  8,772
63,405  31,327
136,228  79”480

Geldwerth
der  Häuser
10’005,614  Fr.
3’287,975  -

Die  Zahl  der  Stämme  ist  1364,  davon  298  in  Algier,  303  in  Oran
und  763  in  Constantine.
Es  gab  1856;  3  höhere,  7  Secundar-  und  407  Primarschulen,
im  Ganzen  mit  25,980  Kindern.  Dabei  sind  indess  68  Kleinkinderschulen ­
  mit  6,871  Zöglingen  eingerechnet;  das  Unterrichtswesen  befindet ­
  sich  sonach  in  kläglichem  Zustande.  Eine  Aufstellung  von  1857
führte  freilich  2851  Schulen  der  Eingeborenen  mit  33,715  Kindern  auf;
eine  v.  1863  gab  35,000  die  Schule  besuchende  Kinder  an.
Der  Besitz  Algeriens  hatte  Frankreich  schon  im  J.  1852  nicht  nur
über  eine  Milliarde  an  Geld,*)  sondern  auch  das  Leben  von  100,000

j  Im  gesetzgebenden  Körper,  Sitzung  vom  23.  Jan.  1864,  behauptete
        <pb n="123" />
        FRANKREICH  —  Auswärtige  Besitzungen  (Algerien).  101
Soldaten  gekostet,  von  denen  blos  3400  durch  feindliche  Waffen  gefallen, ­
  alle  andern  aber  an  Krankheiten  gestorben  waren.  Die  Colonisation
ward  von  der  Regierung  mannichfach  gefördert.  Durch  die  in  Aussicht
gestellten  Vortheile  gelockt,  sind  auch  seit  1630  mehr  als  eine  Million
Europäer  nach  Algerien  gezogen;  allein  entweder  kamen  sie  dort  um,
oder  sie  fanden  es  gerathen  in  ihr  Vaterland  zurückzukehren.  Das  Klima
(ungemein  heiss,  oft  mit  furchtbarer  Kälte  in  den  Nächten  wechselnd)
erweist  sich  für  Mittel-  und  Nordeuropäer  höchst  mörderisch.  So  kommt,
nach  34jähriger  Colonisation  und  allen  Opfern,  die  europäische  Bevölkerung ­
  in  ganz  Algerien  noch  nicht  einmal  der  Einwohnermenge  einer
grossen  Stadt  gleich.  —  Die  Zahl  der  Ehen  und  der  Geburten  ist  zwar
■vechältnissmässig  gross  (Folge  davon,  dass  die  Eingewanderten  fast
sämmtlich  im  besten  Alter  stehen,  und  auch  Folge  des  Strebens  der
Natur,  starke  Abgänge  rasch  zu  ersetzen).  Auf  1000  europäische  Einwohner ­
  zählte  man  1651  durchschnittlich  10,04  Heirathen  und  42,63
Geburten  (in  Frankreich  nur  7,8  Heir,  und  kaum  29  Geburten)  ;  1656
ergaben  sich  10,61  Heirathen  und  37,94  Geburten.  Noch  weit  grösser
ist  aber  in  der  Regel  die  Sterblichkeit.  Von  1842  —  51  kamen  auf
1000  Europäer  jährlich  im  Durchschnitte  52,69  Sterbfälle,  ungerechnet
das  Militär  (in  Frankreich  trafen  selbst  im  Cholerajahre  1849  nur  27,7
Sterbfälle  auf  1000  Einwohner,  in  gewöhnlichen  Jahren  blos  24,6).
Selbst  in  dem  ungewöhnlich  günstigen  Jahre  1656  wurde  ein  Verhältniss
von  28,55  Todesfällen  constatirt.  Das  Missverhältniss  beträgt  indess
noch  viel  mehr  als  diese  Ziffern  zeigen,  weil  beinahe  die  gesammte  europäische ­
  Einwohnerschaft  im  kräftigsten  Alter  steht,  in  welchem  in
b  rankreich  kaum  11  Todesfälle  auf  1000  Menschen  treffen.  Von  1830
bis  Ende  1851  zählte  man  bei  der  europ.  Bevölkerung:
Provinsen  Geburten  Sterbfälle
Algier  .  .  .  25,411  :{4,«79
Oran.  .  .  .  11,755  13,602
Constantine  .  7,734  12,097
Zusammen  44,900  60,768
Also  in  allen  Provinzen  mehr  Sterbfälle  als  Geburten.  Auch  seitdem  hat
das  Missverhältniss  blos  ausnahmsweise  aufgehört,  in  den  3  Jahren  1852
bis  Ende  1654  kamen  wieder  blos  17,087  Geburten  gegen  19,004  Todesfälle ­
  vor.  Nur  1856  erscheint  in  obigen  Angaben  mit  einem  Ueberschusse
  an  Geburten.  Am  furchtbarsten  leiden  die  schweizerischen  und
deutschen  Colonisten,  welche  als  Nordländer  in  dem  heissen  Klima  am
wenigsten  die  Feldarbeiten  zu  besorgen  im  Stande  sind.  *)

Picard  sogar,  es  seien  bis  dahin  drei  Milliarden  für  Algerien  aufgewendet
worden.
*)  In  der  vielempfohlenen  Schweizercolonie  bei  Sétif  starben  von  528  dahin
gebrachten  Colonisten  im  ersten  Jahre,  1854,  nicht  weniger  als  75,  —  demnach
im  Verhältnisse  über  142  von  1000!  Ausserdem  starben  noch  weiter  22  Individuen, ­
  welche  von  der  Sétif-Colonisationsgesellschaft  nach  Algerien  gebracht
worden  waren  und  sich  an  andern  Punkten  der  Subdivision  &amp;amp;*tif  aufhielten.
'Die  Colonisationsgesellschaft  hat  es  unterlassen,  klare  Angaben  über  die  spätem ­
  Resultate  zu  veröffentlichen,  allein  sie  sah  sich  1859  genöthigt,  den  Anbau
des  ihr  überlassenen  Bodeifc  durch  Europäer  ganz  aufzugeben,  und  denselben
blos  noch  durch  Eingeborene  betreiben  zu  lassen.)  •
        <pb n="124" />
        ■m

rRAISKKEICH.  —  Auswärtige  Besitzungen  (Algerien).

102

Noch  entschieden  schrecklicher  als  unter  den  Erwachsenen  wüthet
der  Tod  unter  den  Kindern  der  Europäer,  und  die  Colonisten  haben
sonach  nicht  einmal  die  Hoffnung,  ihren  Nachkommen  eine  glückliche
Zukunft  zu  bereiten.  —  Die  Maurische  Bevölkerung  in  den  Städten
schmilzt  gleichfalls  zusammen.  Bei  diesem  Theile  der  Einwohnerschaft
kamen  in  den  Jahren  1850  und  1851  3507  Geburten  und  9930  Sterbfälle ­
  vor.  —  Ebenso  verminderten  sich  die  Neger  von  1849  —  51  um
989  Individuen,  d.  h.  um  10%  Broc.!  Nur  die  Jüdische  Bevölkerung
hat  einen  Ueberschuss  der  Geburten,  wie  denn  auch  ihre  Zahl  in  den
angegebenen  zwei  Jahren  um  2020  Köpfe  oder  mehr  als  10Broc,  zunahm. ­
  (Die  Zahl  der  Juden  wurde  1851  zu  21,048,  die  der  Neger  zu
3488  angegeben.)*)
Ausser  dem  Klima  trug  übrigens  allerdings  das  System  bureaukratischer
  Bevormundung  nicht  wenig  bei,  alle  Colonisationsversuche  so
vollständig  scheitern  zu  machen.  (Wer  eine  Mühle  anlegen  will,  bedarf
dazu  der  Ermächtigung  durch  ein  kaiserliches  Decret  aus  dem  fernen
Baris,  das  nicht  ohne  Mühe,  Zeitaufwand  und  Kosten  zu  erlangen  ist.)
Ausserdem  ist  das  ganze  Land  seit  1804  unter  die  Militärverwaltung
gestellt.  Genug,  nach  mehr  als  einem  Vierteljahrhunderte  hatte  die  Regierung ­
  im  J.  1850  noch  nicht  einmal  200,000  Hcctaren  Landes  an
Colonisten  abgetreten,  nemlich  117,900  Hect.  provisorisch  und  blos
73,008  Hect.  definitiv  (die  Regierung  der  Verein.  Staaten  verkaufte  blos
im  J.  1850  sieben  Millionen  Hectaren  !)  und  sehr  häufig  verliessen  die
Colonisten  wieder  verzweifelnd  das  Land,  auf  dem  sie  sich  niedergelassen ­
  hatten  (selbst  in  dem  günstigen  J.  1856  zählte  man,  auf  39,239
Einwanderer,  wieder  30,400  Zurückwandernde!).  Dies  erklärt,  dass
die  Getreideerndte,  welche  1855  10  Mill.  Hectoliter  betrug,  im  nächsten
Jahre  auf  0  Mill,  zurücksank.  Die  ganze  von  Colonisten  dem  Namen
nach  angebaute  Bodenfläche  betrug  79,120  Hectaren.  Früher  rühmte
man  besonders  den  Erfolg  der  Tabak-,  nun  den  der  Baumwollecultur;
1803  sollen  1'844,055  Kilogr.  Baumwolle  gewonnen  worden  sein.  —
Ungeachtet  des  enormen  Geldaufwandes  gab  es  1803  erst  44  Kilom.
(noch  nicht  0  Meil.)  Eisenbahn.  Bezeichnend  sind  die  Ergebnisse  des
Handelsverkehrs.  Im  Specialhandel  wurden  im  J.  1858  für  I  20%  Mill,
iranz.  Broducte  in  Algerien  eingeführt,  dagegen  nur  für  34  Mill.  Algierische
  Erzeugnisse  nach  Frankreich  exportirt.  Im  J.  1802  betrug  die
Einf.  121,8,  die  Ausf.  wieder  nur  10,8  Mill.  Um  eine  Ausfuhr  von
40  Mill,  zu  erzielen,  bedurfte  man  einer  Einfuhr  von  124.  In  den  25
Jahren  1830  —  1855  war  das  Verhältniss  im  Ganzen:  franz.  Einfuhr
1403,  algier.  Ausfuhr  379%  Mill.,  —  sonach  Unterschied  1083%  Mill.!
Die  fehlende  Summe  bezeichnet,  wie  viel  Algier  die  franz.  Staatscasse
kostet,  abgesehen  von  dem  Verluste  an  Menschenleben,  namentlich  aus
dem  Stande  der  Soldaten.  **)

*)  Interessante  Einzelheiten  hat  unser  Freund  Dr.  Boudin  in  der  Schrift
geliefert  :  Histoire  statistique  ne  la  colonisation  et  de  la  Population  en  Alqérie.
Baris  1853.  Vergleiche  ferner  die  Abhandlung  »Ueber  Auswanderung  nach  Algier, ­
  von  G.  F.  Kolb«,  im  21.  '1  heile  der  »I'erhandlunyen  der  sclnceiz.  gemeinnützigen
  Gesellschaft«,  Jahrgang  1854.
**)  Nach  den  glänzendsten  Erwartungen  ist  man  zu  dem  Resultate  gelangt:
        <pb n="125" />
        yilAXKllÈICH  —  Auswärtige  Besitzungen  (Eigentliche  Colonien).  103

Eigentliche  Colonien  (unter  dem  Marineministerium  stehend).  Die
Ueberreste  der  einst  weit  ausgedehnten  Besitzungen  Frankreichs  (in  Ostindien, ­
  Canada,  Louisiana,  Westindien)  sind  heute,  nach  den  neuesten
officiellen  Aufstellungen  {Tableaux  de  Population,  de  Culture,  de  Commerce ­
  et  de  Navigation  des  Colonies  françaises.  Paris  1863  )•

Deutsche  Bevölker.

In  Amerika:
Martinique  ’
Guadeloupe  u.  Dependenzien
Franz.  Guyana  (Cayenne)  .
St  Pierre  und  Miquelon  .
In  Afrika  (ausser  Algerien)  :
Niederlassungen  am  Sénégal
Insel  Réunion  (Bourbon)  .
Mayotte  und  Dependenzien
In  Asien  (Ostindien)  .  ^
Zusammen

Q.-M.  1861
IS  135,991
20  138,069
1200  19,559
4  .2,385
30  113,398
39  183,491
9  22,570
9  220,478
1329  835,941

Handelsverkehr  1861
Einfuhr  Ausfuhr
30'976,500  21’872,565  Fr,
26’920,631  18’409,997  -
7’078,092  1’299,415  -
4’239,567  4’098,289  -
17’790,963  14’112,203  -
55’993,221  55'644,585  -
9'114,255  34'136,932  -
T5^Tl3,229  149’573,986  -

Die  Summen  des  Handelsverkehrs  sind  nach  den  franz.  »officiellen  Mer

then«  berechnet  (siehe  S.  93).

Die  Franzosen  haben  indess  auch  folgende  Südsee-Inseln  unter  ihre
»Protection«  genommen,  obwol  das  Colonialministerium  selbst  sich  enthält, ­
  dieselben  als  franz.  Besitzungen  aufzuführen  :
Q.-M.  Bevölkerung
Marquesas-Inseln  .  20  12,000
5  Gesellschaftsinseln  28  18,000
Neu-Caledonien  .  .  380  45,000

Auch  über  die  6  Provinzen  von  Nieder-Cochinchina  haben  die  Franzosen ­
  durch  Vertrag  von  1864  ein  »]Protectorat«  erlangt.  Es  ist  ein  Gebiet ­
  von  etwa  500  Q.-M.  mit  ungcf.  2  Mill.  Menschen.  Es  müssen
ihnen  jedenfalls  drei  Häfen,  jeder  mit  0  Quadr.-Kilometer  Landes,  unbedingt ­
  abgetreten  werden.  .  .
ln  der  oben  angeführten  Bevölkerungsliste  der  eigentl.  Colonien  ist
übrigens  auch  die  »farbige«  Bevölkerung  einbegriffen.  Neue  Angaben
über  deren  Grösse  fehlen.  18u2  rechnete  man  auf.

Weitse  Farbige
Martinique.  .  9,490  110,867
Guadeloupe  .  41,441  87,719
Réunion  .  .  37,290  66,201
Die  Zahl  der  Europäer  in  allen  Colonien  beträgt  wol  kaum  200,000.

»Die  Civilbevölkerung,  welche  im  Laufe  von  30  Jahren  geschaffen  worden,  ist
eine  fast  rein  städtische  und  besteht  im  Allgemeinen  blos  aus  den  Lieferanten
der  Armee.  Algerien  ist  heute  dem  M'esen  nach  nur  von  Arabern  und  .
bewohnt,  dann  von  der  Armee  und  ihrem  Anhänge.  M'enn  heute  die  mi  i  rische ­
  Occupation  aufhörte,  so  würde  nach  kurzer  Zeit  das  Land  wieder  i  n
ursprünglichen  Besitzern  anheimfallen.  Diese  sind  so  ziemlich  auf  erse  len
Stufe  der  Entwicklung  geblieben,  auf  der  sie  bei  der  Landung  der  hranzosen
standen.«  '  (Ko  sprach  der  Constitutionnel  im  Nov.  1857,  und  so  i^  es  noch.)
*)  Die  Arealangaben  meist  nach  Schätzungen.  Für  franz.  Gu\ana  bringt
eine  überschwängl.  franz.  Privatarbeit  nicht  weniger  als  18  Mill,  llectaren  -
3260  d  O.-M.  in  Ansatz  ;  ebenso  für  die  Niederlassungen  am  Senegal  25  Mill.
=  4,540  d.-M.
        <pb n="126" />
        y

104

KUSSLAN]).  —  Land  und  Leute.

Die  Sklaverei  wurde  in  Folge  der  Februarrevolution  von  1848
aufgehoben.  Die  Bevölkerung  schied  sich  zuvor,  1847,  folgendermassen  :
Guadeloupe.  .  41,357  87,752  129  109
Guyana  .  .  .  0,432  12,943  19,375
Reunion  .  .  .  40,048  00,200  100  .308
gask““  '■«"  »M  No,«i-Bé  und  Sainte  Maria  .Mada-"

  1  ^kaupinicuii  jroiuucnery  zanit  OOO  J^àmv.
Die  Production  betrug  1801  in  den  vier  Colonien  Martinique
Réunion;  125’5U  1,555  Kilogr.  Zucker,  erzielt
aut  8b,  08o  Hectaren  Landes  (zu  jener  Gesammtsumme  lieferte  Reunion
a  ein  Oo,532,80S  Kilogr.);  13%  Mill.  laitres  Syrop;  1’573,307  Kilogr
Kaffee  erzielt  auf  4,571  Hectaren;  327,575  Kilogr.  Raumwolle,  von
412  Hectar.;  durchschn.  314,830  Kil.  Cacao  von  590  Hectar.  3(1  821
K.)  ,  /04  _00  K.  Rocou  v.  163!)  H.  ;  endlich  für  10’350,2S3  Fr.  Lebensmittel ­
  von  40,105  Hectaren.

Die  Colonien  .
Zusammen  ungef.

Gesammtäbersicht  (1805):
Bevölkerung
37’000,000
33100,000

Das  europ.  Gebiet
Algerien

Q.*M.
9.8K5
7,000
1,330
18,200

840,000

,  .  -  ....  —  41’500,000
Avobei  freilich  sehr  viele  nur  nominell  unterworfene  Gebiete.

Russland  (Czaarthum).
Land  und  Leute.
,.  ^"gemeine  üebersicht.  Trotz  ihrerUnumschrünktheit  ist  doch  selbst
die  Reperung  nicht  im  Stande,  die  Grösse  und  Volkszahl  der  verschiedenen
  fhmle  des  Ungeheuern  Reiches  genau  zu  ermitteln.  Die  Angaben
über  Areal  beruhen  auf  Landkarten-Berechnungen,  die  in  ihren  Resulta-
        <pb n="127" />
        RUSSLAND.  —  Land  und  Leute.

105

ten  um  Zehntausende  deutscher  Quadratmeilen  von  einander  ah  weichen.
Was  die  Bevölkerung  betriflft,  so  finden  allerdings  gewisse  Zählungen,
nemlich  sogenannte  »  Revisionen  o,  gewöhnlich  in  15-  bis  20jährigen
Zwischenräumen  statt.  Dieselben  sind  aber  wesentlich  nur  zu*finanziellen
  Zwecken  angeordnet,  zur  Ermittlung  der  steuerpflichtigen  Männer;
darum  legt  denn  auch  selbst  das  »statistische  Centralcomité«  in  seinen
»statistischen  Tabellen  des  russischen  Reiches  für  das  Jahr  IS56«  das
Bekenntniss  ab,  dass  die  Angaben,  welche  nicht  steuerpflichtige  Personen ­
  betrefifen,  insbesondere  das  weibliche  Geschlecht,  auf  eigentliche
Genauigkeit  keinen  Anspruch  machen  könnten.  —  Häufig  begegnen  wir
dem  Bestreben,  Grösse  und  Volksmenge  noch  colossaler,  als  sie  wirklich
sind,  erscheinen  zu  machen.  Anderseits  darf  aber  nicht  verkannt  werden, ­
  dass  die  Ungenauigkeiten  der  Bevölkerungsaufnahmen  weit  eher  ein
Zuwenig  als  Zuviel  vermuthen  lassen.  —  Die  nachfolgende  Zusamnienstellung
  beruht  hinsichtlich  der  Arealangaben  auf  den  Berechnungen
des  Moskauer  Sternwarte-Directors  G.  Schweizer  und  den  Rectificationen
  Petermanns,  hinsichtlich  der  Volkszahl  auf  den  Erhebungen  von
1858  (nach  den  Mittheilungen  des  russ.  statist.  Comités  im  St.  Petersburger ­
  Kalender  für  1861).  Der  leichteren  Uebersicht  wegen  fügen  wir
den  Namen  der  Gouvernements  und  Gebiete  auch  jene  der  I,änder  bei,  aus
denen  sie  gebildet  sind,  obwol  die  uniformirende  officielle  Classification
solchen  Unterschied  in  Russland  eben  so  wenig  beachtet,  wie  in  Frankreich. ­


I.  Grossrussland.
(Oai  Stammland  des  lleichc«.)
10  Gouvernements,  39,411  Q.-M.  und
22’7ül,ü7b  Kinw.

Oonvern.od.Oebiete  d.  Q.-M.  Bevölk.
18.  Wólogda  .  .  7,201  051,503
10.  Worónesh  .  .  1,211  1’930,850
II.  Kleinrussland.

Oonvern.od.Oebiete  d.Q.-K.

1.  Archangel’sk  .  13,025
2.  JaroRsláw  .  .  622
3.  Kaluga  .  .  .  561
4.  Kostroma  .  .  1,451
5.  Kursk  .  .  .  820
6.  Moskau  .  .  .  602
7.  Nischn¡-Nowgorod  023
8.  Nówgorod  .  .  2,130
0.  ülónez  .  .  .  2,717
10.  Orel  ....  850
11.  Pskow  .  .  816
12.  Rjasán  .  .  .  763
13.  Smolénsk  .  1,018
14.  Tambów.  .  .  1,202
15.  Tula  ....  557
16.  Twer’.  .  .  .  1,163
17.  Wladimir  .  .  861

Bevõlk.
274,051
076,866
1’007,471
1’076,088
1’811,072
1’500,808
1’250,606
075,201
287,354
1’532,034
706,462
1’427,200
1’102,076
1’010,454
1’172,240
1’401,427
1’207,008

4  Gouv.,  3,768  Q.-M.,  6’817,881  Einw.

1.  Chár’kow  *)  .
2.  Kíiew  .  .
3.  Poltáwa  .  .
4.  Tschemígow

080  1’.582,571
024  1’044,334
003  1’810,110
052  1’4  71,866

III.  Südrussland.
(Meiit  Erol)crungen  yon  der  Türkei  aeit  dem
18.  Jahrh.)
6  Gouv.,  7,707  Q.-M.,  4’775,053  Kinw.
1.  Bessarabien  .  634  010,107
2.  Cherson*)  .  .  1,306  1’027,450
3.  Land  der  Don’-schen
  Kosaken  2,806  806,870
4.  Jekatarinosláw*)  1,225  1’042,681
5.  Taurien*)  .  .  1,161  687,343
6.  Tschemomorien*)  575  202,403

*)  Mit  den  Militäransiedelungen  in  der  Ukraine.
*)  Mit  dem  Gbiete  des  neuruss.  Kosakenheeres.
*)  Mit  d.  Stadthau])tmannseh.  Odessa  und  dem  Militärgouvern.  Nicolaiew.
*;  Mit  d.  Stadthauutm.  Taganrog  und  dem  Lande  der  Azow’schen  Kosaken.
*)  Mit  Ssewastopol  und  Kertsch-Jenikale.
*)  Land  der  Kosaken  vom  Schwarzen  Meere.
        <pb n="128" />
        106

RUSSLAND.  —  Land  und  I,eute.

IV.  Westrussland.
(Das  in  den  3  Theilungen  Polens  erworbene
Land,  ausschliessl.  des  sog.  ,,Königr.“  Polen.)
8  Gouv.,  7^75  Q.-M.,  8’670,830  Einw.

Gouv  od.  Gebiete
1.  Grodno  .  .
2.  Kówno  .  .
3.  Minsk  .  .
4.  Mohiléw
5.  Podólien
6.  Wilna  .  .
7.  Wítebsk.
8.  Wolhynien  .

d.  Q.-M.  Bevölk.
()91  881,881
739  988,287
1,022  980,471
808  884,040
771  1'748,400
708  870,110
821  781,741
1,295  1’528,328

V.  Ostseeprovinzen.
(Deutschland  und  Schweden  entrissen.)
4  Gouv.,  2,883  a-M.,  2’837,32S  Einw.
1.  Estland.  .  .  .  359  303,478
2.  Kurland  ...  495  507,078
3.  Livland  ...  883  883,081
4.  St.  Petersburg  .  1,140  1'083,091

VI.  Grossfürstenthum  Finland.

(Von  Schweden  180!)  abgerissen.)
8  Gouv.,  0,835  Q.-M.,  1’724,193
(1’030,549)  Einw.
1.  Abo-Rjörneborg  .  404
2.  Kuopio.
3.  Ny  land  .

4.  St.  Michel.
5.  Tawastehus
0.  Uleaborg  .
7.  Wasa  .  .
8.  Wiboriî

787
210
420
328
3,098
737
791

308,290
213,050
101,837
157,170
103,257
179,880
294,095
207,«;99

VII.  Czaarthum  Kasan.

5  Gouv.,  11,343  Q.-M.,  8'043,328  E.
1.  Kasan  .  .  .  .  1,110  1'543,344
2.  Pensa  ....  089  1'188,535
3.  Perm*)  ....  0,050  2’040,572
4.  Ssimbirsk  .  .  .  883  l’l40,973
5.  Wjátka  .  .  .  2,005  2’123,904
VIII.  Czaarthum  Astrachan.
5  Gouv.,  17,173  Q.-M.,  0’242,501  E.
1.  Astrachan  ')  .  .  3,995  477,492

Gouv.  od.  Gebiete
2.  Orenburg*)  .
3.  Ssamára  .  .
4.  Ssarátow  .  .
5.  Stáwropol'  ')  .

d.  Q.-M.
0,917
2,885
1,480
1,890

Bevölk.
2'030,581
1'530,039
1'030,135
502,317

IX.  Königreich  Polen.
(Krworben  1814  und  15.)
5  Gouv.,  2,320  (2,258)  Q.-M
(1800)  4’840,4G0  E.
1.  Awgustowo  .  .  340

2.  Liublin.
3.  Plozk  .
4.  Radom  .
5.  Warschau

548
315
450
007

030,531
907,205
501,903
940,737
1'728,090

X.  Transkaukasien.
0  Gebiete,  5,508  Q.-M.,  3’492,894  E.
1.  Derbént  .  .  .  491  513,925
2.  Eriwán  ....  573  257,100
3.  Kutaïss  .  .  .  045  540,852
4.  Schemachá  .  .  1,031  033,880
5.  Tiflis  ....  909  047,125
0.  Gebirgsland  .  .  1,859  900,000
XI.  S  Sibirien.
a.  Westssibirien  U.  Nebenländer,
5  Geb.,  83,130  Q.-M.,  2'810,779  E.
1.  Tobol’sk.  .  .  27,000  1'021,220
2.  Tomsk.  .  .  .  15,733  094,051
3.  Ssemipolatinsk  .  8,498  217,451
4.  Ssibirisches  Kirgisengebiet ­
  .  .  14,544  277,451
5.  Orenburg.  Kirgisenhorde ­
  .  .  17,355  000,0(H)
b.  Ostssibirien  u.  Nebenlämler.
0  Geb.,  179,014  Q.-M.,  1'200,119  E.
1.  Jenisséjsk  .  .  45,708  303,250
2.  Irkutsk  .  .  .  13,357  319,930
3.  Jakútsk  .  .  .  71,572  217,955
4.  Transbaikalisches
Geb.  mit  Kjachta  10,057  352,534
5.  Ostssil).  Küstengebiet. ­
  (mit  Kamtschatka). ­
  .  .  33,790  20,438
0.  Amur-Gebiet  5,130  40,000

Unter  Beirechnung  des  amerik.  Russland  ergeben  sich  ;
Europ.  Russland  (mit  Polen  etc.)  99,228  Q.-M.,  05’807,707  Einw.
Asiat.  -  270,779  -  -  8’328,042  -
Amerik.  -  24,300  -  -  54,000  -
Zusammen  394,307  Q.-M  ,"74'T90,409  ICinw.

*)  Vom  Areal  werden  2281  Q.-AL  zu  Asien  gerechnet.
*)  Mit  den  Gebieten  der  Kalmücken  und  Kirgisen  der  Innern  Horde.
*)  Mit  dem  l.ande  der  Orenburger  und  der  Ural’schen  Kosaken.  Vom  Areal
rechnet  man  2232  Q.-M.  zu  Asien.

*)  Mit  den  Gebieten  der  kaukas.  Kosaken,  der  Nogaizen  und  Kalmücken.
        <pb n="129" />
        KÜSSLANl).  —  Land  und  Leute.

107.

Die  officiellen  «statistischen  Tabellen«  berechneten  den  ümfan
Reiches  im  J.  1S56  nur  zu  353,468  geogr.  Q.-M.
Geschlechter.  Die  Aufnahme  von  1858  ergab  im  eigentl
Russland  33  655,824  männliche  und  35*275,904  weibliche  Ei:
ner,  somit  den  enormen  Unterschied  von  1*620,080.  In  Polen  (,
nicht  einbegriffen)  zählte  man  1859:  2*298,046  männl.  und  2*466
weibl.  Einw.,  demnach  Differenz  168,354.  Von  Finland,  dem  drit
ten  besonders  aufgeführten  Gebiete,  fehlen  Nachweise..  Es  zeigt  sich  in
den  obigen  Zahlen  die  Wirkung  der  Männer  verschlingenden  Kriege.
Der  poln.  Aufstand  1863—64  hat  noch  weitere  Verheerungen  veranlasst.
Bewegung  der  Bevölkerung.  Im  Jahre  1856  wurden  angezeigt:
2  706,869  Geburten,  2*146,892  Sterbfälle  und  (im  europ.  Gebiete  allein)
557,123  Heirathen.  Dies  ergäbe:  eine  Geburt  auf  23,42  Einw.,  1  Todesfall ­
  auf  29,5,  und  1  Ehe  auf  103.  Dabei  werden  diese  Ergebnisse
sogar  für  minder  günstig  bezeichnet,  als  die  anderer  Jahre.  Wir  bezweifeln ­
  die  Richtigkeit.  Allerdings  scheint  sich  Russland  in  einem  ähnlichen ­
  Falle  zu  befinden,  wie  Frankreich  vor  der  Revolution,  in  welchem
eine  unverhältnissmässige  Menge  von  Geburten  vorkam  (s.  6.  Abtheilg).
Allein  daran  knüpft  sich  naturgemäss  auch  eine  furchtbare  Sterblichkeit.
Die  Civilstandsregister  sind  ganz  unvollkommen,  besonders  die  Sterblisten, ­
  namentlich  beim  Militär.  Das  Kriegsjahr  1855  scheint  vorzugsweise ­
  verderblich  gewesen  zu  sein.  Nach  einem  Berichte  des  Ministers
des  Innern  sind  während  desselben,  den  Kaukasus  und  die  Don-Kosaken ­
  ungerechnet,  849,700  Menschen  an  Epidemien  erkrankt,  und  davon ­
  163,000  gestorben.  Die  letzte  Angabe  ist  aber  zu  gering,  denn
nach  einem  andern  amtlichen  Berichte  waren  in  jenem  Jahre  32  4,156
Einwohner  blos  an  der  Cholera  erkrankt,  und  von  ihnen  allein  124,504
erlegen.  (Folgende  Thatsache  bezeichnet  die  Verheerungen  einer  Epidemie ­
  in  Russland  :  Nach  einem  Berichte  des  Ministers  des  Innern  wurden
1848  von  der  Cholera  ergriffen  1*686,849  Menschen,  und  davon  starben
668,012!)
Der  Krimkrieg  kostete  Russland  unmittelbar  und  mittelbar  wol
mehr  als  eine  halbe  Mill.  Menschen  (so  hoch  schätzte  Lord  Palmers  ton
in  einer  Parlamentsrede  vom  Mai  1855  den  russ.  Menschen  Verlust).
Daran  reihte  sich  nicht  blos  eine  ansehnliche  Gebietsabtretung,  sondern
es  kam  noch  dazu  eine  massenhafte  Auswanderung  von  Tartaren  und
Nogaizen  aus  der  Krim,  die  in  das  türkische  Gebiet  zogen,  —  einer
Schätzung  zufolge  gegen  85,000  Köpfe.  Diese  Einbusse  ward  später,
doch  nur  zum  kleineren  '1  heile,  ausgeglichen  durch  Einwanderung  von
Bulgaren  in  Russland  (bis  zu  Anfang  1861  angeblich  etwa  10,000).
Furchtbarer  noch  war  der  Exodus  vieler  kaukas.  Stämme,  wol  400,000
Individuen.  *)  Der  Aufstand  in  Polen  1863  und  64  kostete  dieses  Land

NU

*)  Der  »Kuss.  Invalide«  vom  Oct.  ISO4  }fiht  fol
Wanderer  '

g.  Liste  der  kaukas.  Ausbis
  zum  10.  Juli  1S04  sind

•:  \\  ährend  des  M  inters  und  des  Frühjahrs  bis  zun
fortgezogen:  von  Taman  27,;i37  Menschen,  von  Anana  16,452,  von  Novorossiska
  61,995,  von  Tuapse  63,449,  aus  den  Häfen  von  Kuban  und  Sotscha  46,754,
von  welchen  10,664  Unterstützungen  bekommen  haben;  von  Adler  und  von
Hosti  20,731  ,  welche  sämmtlich  unterstützt  wurden.  Auf  türkischen  Fahrzeugen ­
  sind  21,350  auf  ihre  Kosten  abgereist.  Vor  der  vollständigen  Besetzung
        <pb n="130" />
        108

RIjSSLANU.  —  Land  und  Leute.

viele  Menschen.  (Nach  der  Mosk.  Ztg.  waren  schon  bis  1.  Jan.  186-1
in  Folge  des  Aufstandes  19,860  Menschen  getödtet,  81,573  deportirt.)
Nationalitäten.  Eine  nicht  sehr  verlässige  Schätzung  gibt  an  :
Gross-Russen  33’000,00()  |  Deutsche  uoo  OOO
Klein-Rus.sen  (Ruthenen)  11’200,Ü00  Grusen  und  Armenier.  .  2’(K)o'üOü

Weiss-Russen  ....  3’(iO0’00O
Litthauer  und  Polen  .  .  T’0()0,(l()ü
Finnen  und  I.etten  .  .  3’30ü,000
Tartaren  2’4ÜO,OÜO

Juden  l’ÖOU^OOO
Urahsche  Stämme  .  .  .  G00,0üU
Zusammen  C5’20(),()Ob

Arsenjjew  nimmt  (ohne  Mengeschätzung)  10  Hauptstämme  andaselbst),
  1.  Mordwinen  (daselbst  etc.),  m.  Ostjaken  (am  Ob),  n.  Tepteren
(Orenburg).  --  5)  Tartarischp-:  a.  eigentl.  Tartaren  (Astrachan’sche,  Krim’sche
dinzen,  b.  Abchasen,  c  Oseten,  d.  Kistenzen  (in  3  Stämmen),  e.  Lesghier,
f.Grusier.  -  &amp;lt;  )  Mongolischen  a.  eigentliche  Mongolen,  b.  Burjaten  (ander
Sselenga)  ,  c.  Kalmyken  (Astrachan,  Ssaratow  etc.).  —  8)  Matuhchtirischer:
lungusen,  b.  I.amuten.  —  !»)  Ssamojedischcr  (in  12  Stämmen),  —  10
bsibirt^.her[m  0  Stämmen).  —  Ausser  diesen  Hauptstämmen  noch  Westeuropäer, ­
  Griechen,  Juden,  Armenier,  Bulgaren,  Perser,  Indier,  Chiwaer  Turkistanen,
  Zigeuner  etc.  ’
In  den  drei  Ostseeprovinzen  rechnet  man:  704,680  Einw
finnischer  Nationalität,  832,854  Letten,  83,147  Slaven,  136,752  Deutsche ­
  und  29,841  Juden.  Davon  kommen  auf  Kurland  2313  Liven,  474
Letten,  28,000  Slawen,  47,000  Deutsche  und  28,000  Juden;  auf  Livland ­
  497,000  Finnen,  368,000  Letten,  45,000  Slawen  und  63  000
Deutsche;  auf  Esthland  274,000  Esthen,  8945  Slawen,  23,000  Deutsche.
Im  Ganzen  rechnet  man  im  russ.  Reiche  112  verschiedene  Völkerschaften, ­
  welche  mindestens  40  verschiedene  Sprachen  oder  Mundarten
reden.  Dass  solches  Völkergemeng  einem  Staate  keine  Stärke  gewährt
ist  unverkennbar.  Allein  Russland  hat  (z.  B.  vor  Oesterreich)  den  grossen ­
  Vortheil,  dass  sein  Hauptstamm  überwiegend  zahlreich  ist.
Confessionen.  Ebenso  wie  bei  den  Nationalitäten,  hat  auch  bei  den
Kirchen  eine  das  unbestreitbare  Uebergewicht.  Nur  3  Gouvernements
Orenburg,  Astrachan  und  Taurien,  sind  beinahe  zur  Hälfte  nichtchristlich. ­
  Abgesehen  vom  Königr.  Polen,  das  wesentl.  katholisch,  sind  die
Katholiken  nur  in  den  beiden  lithauischen  Gouvernements  Wilna  und
Kowno  vorherrschend.  Ebenso  sind  Esth-,  Liv-  und  Kurland  fast  ganz
protestantisch  (auch  in  Ssaratow,  Samara  [Mennoniten],  Taurien,  Cherson ­
  und  Bessarabien  gibt  es  viele  Protest.).  Dagegen  haben  weder  die

waren  schon  60,000  Personen  ausgewandert.  In  den  Jahren  1855,  1S59  1862
und  im  Sommer  1863  betrug  die  Zahl  der  Auswanderer  80,000,  so  dass  die  Gesammtsumme
  400,000  Personen  beiderlei  Geschlechts  übersteigt.»'.
        <pb n="131" />
        RUSSLAND.  —  Land  und  Leute.

109

Zwangsmassregeln  der  poln.  Regierung  während  ihrer  400jährigen  Herrschaft, ­
  noch  die  Bestrebungen  der  päpstl.  Nuntien  und  der  Jesuiten  die
Weiss-  und  Kleinrussen  ihrem  ersten  Glauben  entfremden  können.  Die
griechische  Kirche  ist  die  eigentlich  herrschende,  doch  gibt  es.viele
Sekten.  Zahlreich  und  energisch  genug,  um  selbst  gefürchtet  zu  werden,
sind  die  Alt  gläubigen  {Starotcerzen,  gewöhnl.  Roskolniken  oder  Ungläubige ­
  genannt)  ;  geschätzt  auf  18  Mill.  —  Die  Griechen  (alle  Sekten  eingerechnet) ­
  mögen  etwa  55  Mill,  zählen;  die  röm.  Katholiken  (mit  Polen)
0%  Mill.,  die  unirten  Katholiken  000,000,  die  Protestanten^  meist  Lutheraner, ­
  fast  4  Mill.,  Mohammedaner  2%,  Juden  fast  2  Mill.,  Buddhisten ­
  200,000  bis  350,000,  —  zusammen  IG  Mill.  Nichtgriechen.*)
Von  den  vorstehenden  Gesammtsummen  kamen  185S  auf  das  Königr.  Polen: ­
  3’()57,14ü  röm  Katholiken  (in  den  10  Jahren  1846  —  56  verminderte  sich
die  Anzahl  um  187,574,  meist  durch  »Bekehrungen«);  blos  4856  orthodoxe,  dagegen ­
  215,967  unirte  Griechen  ;  274,707  Lutheraner,  4,189  Reformirte,  1,581
Mennoniten,  1451  Mährische  Brüder  etc.;  dann  599,875  Juden.  —  In  Finland ­
  nahm  man  1860  an:  1’705,735  Lutheraner  und  40,161  orthodoxe  Griechen ­
  ;  doch  ist  diese  Aufstellung  jedenfalls  ungenau.—  Unter  den  (in  einer  vorliegenden ­
  Berechnung  zu  579,798  entzifferten  Einw.  Kurlands  sollen  sich
befinden:  471,520  Lutheraner,  54,307  röm.  Katholiken,  21,155  Griechen,  622
Reformirte,  444  Altgläubige,  3761  Sektirer  und  27,989  Juden.
Städte.  Im  J.  1850  gab  es  nach  den  officiellen  Statist.  Tabellen
078  Städte,  dann  1300  Flecken  und  305,439  Dörfer  und  Höfe.  Die
Volkszahl  in  den  Städten  ward  zu  5*083,999  angegeben,  gegenüber
58*177,998  in  den  Kreisen.  1858  wurden  angenommen:  3  Städte  von
mehr  als  100,000  Einw.,  8  von  50  —  100,000,  43  von  20  —  50,000,
101  von  10  —  20,000  (abgesehen  von  Polen  und  Finland).  —  St.  Petersburg ­
  hatte  1858  520,131  (1  700  gegründet;  1770  170,000,  1814
335,713,  1840  170,202  (1803  angeblich  580,283).  Moskau  1858
330,370  (1  81  2,  vor  dem  Brande,  252,009;  1810  erst  wieder  100,515).
Warschau  (Polen)  1801  230,255,  wovon  102,777  ständige  Bevölk.
Odessa  1858  104,109  (1803  erst  8000,  1850  71,392).  Abgesehen

*)  Eine  Notiz,  welche  officiellen  Ursprungs  sein  soll,  deren  Richtigkeit
wir  indess  in  einigen  Angaben  bezweifeln  (die  Zahl  der  Protestanten  scheint
uns  viel  zu  gering,  die  der  Mohammedaner  viel  zu  hoch),  gibt  die  Zahl  der  verschied. ­
  Confessionsverwandten  im  eigentl.  Russland  (ohne  Polen)  so  an  :  Orthodoxe ­
  Griechen  55  Mill.,  Protestanten  1'960,660,  und  zwar  hauptsächlich  in  den
baltischen  Provinzen  ;  dieselben  bilden  96  Proc.  der  Bevölkerung  von  Esthland,
82  Proc.  der  von  Livland,  81  Proc.  der  von  Kurland  und  12  Proc.  der  des  Gouvernements ­
  St.  Petersburg.  Zahl  der  römischen  Katholiken  :  2*800,000  ;  Hauptsitze ­
  sind  das  Gouvernement  Wilna,  wo  sie  63  Proc.  der  Bevölkerung  ausmachen. ­
  Armenische  Christen  gibt  es  etwa  500,000,  und  zwar  grösstentheils  im
Kaukasus  und  im  Gouvernement  J  ekate  rin  osla  w.  ln  Bezug  auf  die  Anhänger
der  aus  der  griechischen  Kirche  hervorgegangenen  Sekten  lassen  sich  keine  genauen ­
  Feststellungen  machen,  da  viele  Sektirer  öffentlich  ihre  Confession  nicht
angeben  ;  die  Gesammtzahl  derselben  beträgt  mehrere  Hundert  tausende.  Israeliten ­
  zählt  man  in  Russland  1*450,000,  vorzugsweise  in  den  Westprovinzen;
doch  breiten  sie  sich  mehr  und  mehr  über  das  gesammte  Reich  aus,  seit  es  ihnen ­
  gestattet  ist,  nach  Belieben  ihren  Wohnsitz  zu  wählen.  Mohammedaner:
5*700,000  (?)  ,  fast  ausschliesslich  in  den  Südgouvemementen  ;  sie  bilden  42
Proc.  der  Bevölkerung  von  Taurien,  35  Proc.  der  von  Astrachan  und  43  Proc.
der  von  Orenburg.  In  den  ungeheuren  Flächen  Ssibiriens  leben  ausser  den
Christen  und  Mohammedanern  noch  ungefähr  500,000  Götzenanbeter.
        <pb n="132" />
        no

KUSSLANl).  —  Land  und  Leute.

von  dem  1S55  zerstörten  Ssebastopol  (1840  mit  41,155  Einw.),  hatten
die  übrigen  bekannteren  Städte  die  beigesetzte  Bevölkerung  (1858  :

Kischinew  ....  8.5,547
Kiga  .  72,150
Ssaratow  05,888
Kijew  00,082
Kasan  58,129
Tula  57,705
Berditsew  ....  51,020
Wilna  ,51,154
Charkow  45,150
Astrachan  .  .  .  .  44,790
Woronesch  .  .  .  40,159
Cherson  40,402
Tiflis  (1857)  .  .  .  59,950
Nishny-Nowgrod  30,554
Jaroslaw  35,090
Schitomir  .  .  .  .  33,717
Nicolajew  ....  33,504
Kaluga  32,335
Orel  31,004

Tambow  51,101
Kronstadt.  .  .  .  29,110
Jelez  28,504
Reval  (1855)  .  .  27,905
Kursk  27,050
Mitau  (1855)  .  .  20,109
Ssimferopol  .  .  .  25,887
Minsk  (1855)  .  .  25,352
S.samara  25,343
Twer  25,200
Rensa  25,132
Jakutsk  (185.5).  .  25,850
Wolsk  -  .  .  23,075
Ssimbirsk  -  ..  21,714
Ri  asan  -  .  .  21,449
M  itebsk  -  .  .  20,057
Poltawa  -  .  .  20,200
Kowno  -  .  .  20,199
Archangel  (1855)  19,584

Taganrog  (1855)  19,471
Mohilew  -  19,112
Akkerman  -  19,070
Brest  -  Litoffsky
(1^55)  17,431
Ssmolensk  (1855)  10,035
Tobolsk  -  15,995
Dorpat  -  12,702
Libau  -  10,270
In  Polen  :)
Rodsi  31,504
Pjublin  19,054
Polotzk  13,351
Kalisch  12,585
Ssuwalki  ....  12,573
In  Finland  :
Helsingfors  .  .  .  21,098
Abo  10,870

Russlands  Vergrösserung.  Russlands  grösste  Ausdehnung  von  Ost
nach  West  beträgt  2072,  von  Nord  nach  Süd  700  Meilen.  Die  colossale
Vergrösserung  des  Reiches  datirt  besonders  vom  Jahre  1581,  in  welchem
der  Kosakenhetman  Jermak  Timogéfew  das  von  ihm  eroberte  Ssibirien
der  Herrschaft  des  Czaars  Iwan  II.  unterwarf.  Doch  blieb  Russland  bis
zu  Peter  I.  bei  den  Culturvölkern  fast  unbeachtet.  Peter  erwarb  1707
das  neuentdeckte  Kamtschatka;  ferner  ^Nystädter  Friede)  17  21  von
Schweden:  Ingermanland,  Karelen,  Theile  von  Fin-,  dann  von  Esthund
  Livland;  das  1099  von  den  Türken  eroberte  Azow  ging  1711  wieder ­
  verloren;  dagegen  entriss  der  Czaar  1723  den  Persern:  Daghestan,
Schirwan,  Chilan  und  Derbent,  wovon  indess  1732  und  30  bedeutende
Theile  wieder  verloren  gingen.  1731  unterwarfen  sich  die  Kirgiskaisaken;
  ähnlich  1  742  die  Osseten;  auch  wurden  die  Ostspitze  Ssibiriens,
die  Aleuten  und  Beringsinseln  dem  Reiche  ein  verleibt.  Die  finländische
Provinz  Kymeiiegard  ward  durch  den  Frieden  von  Äbo,  12.  Aug.  1743,
gewonnen.  Unter  Katharina  II.  erfolgten  die  3  Theilungen  Polens,  17  72,'
93  und  95.  Russland  erlangte  fast  %  dieses  einst  mächtigen  Reiches!
Der  Friede  von  Kutschuk-Kainardschi,  22.  Juli  1  774,  entriss  den  Türken ­
  Azow,  einen  Theil  der  Krim  (der  andere  Theil  ward  1783  in  Besitz
genommen),  und  die  Ka  bardei  ;  der  Friede  von  Jassy  sodann,  9.  Jan.  1  792,
auch  Oczakow  sammt  Gebiet.  Grusien  kam  1783  unter  russ.  »Schutz«!
Kurland  und  Semgallen  huldigten  1793.  —  1797  Eroberung  des  persischen ­
  Gebiets  bis  an  den  Kur.  1801  förmliche  Unterwerfung  Grusiens.
Obwol  im  Kriege  von  1807  geschlagen,  erlangte  Russland  dennoch  im
Tilsiter  Frieden,  7.  Juli,  die  seinem  Verbündeten,  Preussen,  durch  die
Franzosen  genommene  Provinz  Bjalystok.  Der  Wiener  Friede,  14.  Oct.
1809,  verschaffte  Russland  von  Oesterreich  den  Tarnopoler  Kreis  und
einen  Theil  Ostgaliziens  mit  400,000  Menschen;  der  Friede  von  Friedrichsham,
  17.  Nov.  1809,  entriss  den  Schweden  ganz  Finland;  jener
von  Bucharest,  28.  Mai  1812,  nahm  ebenso  den  Türken  Bessarabien,
jener  von  Tiflis  1813  den  Persern  bedeutende  Besitzungen  im  Kaukasus.
        <pb n="133" />
        RUSSLAND.  —  I&amp;gt;and  und  Leute.

Ill

Endlich  gab  der  Wiener  Congress  1815  das  jetzige  Polen  an  Russland.—
Nach  neuen  Kriegen  verloren  die  Perser  im  Frieden  von  Turkmanschai,
22.  Febr.  1828,  die  Provinzen  Eriwan  und  Nachitschewan  (nun  Neu-Armenien,
  500  Q.-M.),  und  die  Türken  durch  den  Frieden  von  Adrianopel, ­
  2.  Sept.  1829,  Anapa,  Poti,  Achalzik  und  Achalkalaka  (über
100  Q.-M.).  Das  Verlangen,  sich  weiterer  Besitzungen  des  Sultans  (»des
kranken  Mannes«)  zu  bemächtigen,  veranlasste  1853  den  neuen  Krieg,
an  dem  sich  1854  Frankreich  und  England,  später  auch  Sardinien,  betheiligten, ­
  und  der  mit  dem  Pariser  Frieden  vom  31.  März  1856  endigte.
Seit  länger  als  einem  Jahrhunderte  zum  erstenmale  wieder  mussten  die
Russen  eine  Gebietsabtretung  zugestehen,  d.  h.  das  linke  Ufer  der  Donau
in  Bessarabien,  222  Q.-M.  mit  ungefähr  180,000  Einw.  (wobei  die
Festungen  Ismail  und  Kiala),  an  die  unter  türkischer  Oberlehnsherrschaft
stehende'Moldau  zurückgeben.  —  Zu  ähnlichen  Rückgaben  sah  sich,  wie
oben  erwähnt,  Russland  in  früherer  Zeit  mehrmals  gezwungen,  allein
immer  wusste  es  die  Abtretungen  zur  geeigneten  Zeit  zurückzunehmen
(Beweise  :  Azow,  Derbent  etc.).  In  der  Neuzeit  erlangte  Russland  durch
Uebereinkunft  mit  China  in  aller  Stille  das  zwar  wenig  bevölkerte,  aber
ungemein  ausgedehnte  Gebiet  am  Amur  ;  und  sodann  ist  endlich  1859
und  1864  die  Unterwerfung  Kaukasiens  im  Wesentlichen  durchgeführt.

Der  Gebietsumfang  Russlands  betrug:

unter  Iwan  Wasiljewitsch  I.  1462,
Wasilei  Iwanowitsch,  1505,
Iwan  Wasiljewisch  II.,  1584,
Alexei  Michaelowitsch,  1050,
Peter  I.,  1080,
Anna,  17.30,
Katharina  II.,  1775,
Alexander  II.,  1805,

ungefähr  18,000  Q.-Meil.
24.000
72.000
237.000
280.000
324.000
335.000
394.000

Die  Bevölkerung  schätzte  man  so:

1722  :  14  Mill.  ;
1742:  10  -  :
1702  ;  19  -  I

1782:  27%  Mill,
1793:  34
1803  :  30

1811  :  42  Mill.
1815:  45  -
1829:  50%  -

1838  :  59  Mill.
1851  :  05  -
1804  :  74  -

Die  während  der  letzten  zwei  Jahrhunderte  erlangten  Erwerbungen
begreifen  ein  Ländergebiet  in  sich,  zehnmal  so  gross  als  Deutschland  ;
dessen  Hauptwerth  besteht  aber  weniger  im  Umfange,  als  in  der  günstigen ­
  Lage.  —  Das  Czaarenreich  ist  den  westeuropäischen  Hauptstädten
folgendermassen  näher  gerückt.  Entfernung  von  der  russ.  Grenze  :

nach  1772  Jetzt
Stockholm  32  Meil.  18  Meil.
Königsberg  50  -  20  -
Berlin  202  -  43
Breslau  174  -  11  -
Dresden  207  44
Prag  208  -  45  -

nach  1772  jetzt
Wien  228  Meil.  04  Meil.
München  252  -  89  -
Frankfurt  208  -  105  -
Paris  337  -  174  -
London  330  -  171  -

Polen.  Es  sei  hier  eine  kurze  Notiz  über  Polen  eingeschaltet.  Diese
Republik  umfasste  1773:  13,900  Q.-Meil.  und  16  (nach  Anderen  20)  Mill.
Menschen.  Es  hatte  8*166,000  sächs.  Thlr.  Einkünfte.  Das  von  Napoleon ­
  I.  hergestellte  Herzogthum  Warschau  umfasste  1812:  2800  Q.-M.
und  gegen  4  Mill.  Menschen.  Das  alte  Polen  ist  so  vertheilt  :
        <pb n="134" />
        112

KUSSLAND.  —  Finanzen  (Budget).

Besitzungen  Q.-M.
Russische  11,500
OesteiTeicliische  1,422
Preussische  1,007
Zusammen  13,920

Bevölkerung  1858
15’76T,000,  davon
4’913,000,
2’598,000,
'  23’278,000

National-Folen
4’900,0Ü0
2’100,000
2’200,000
9'200,000

Finanzen.

Budget.  Seit  IS62  wird  selbst  in  Russland  alljährlich  ein  Budget
amtlich  veröffentlicht.  Das  für  1864  enthält  folgende  Haupipositionen
in  Mill.  Rubel  Silber:

Einnahmen,
a.  ordentliche  Brutto
Directe  Steuern  ....  45’4
Indirecte  191’2
Regalien  14’7
Domänen  53’2
Verschiedenes  38’2
Kaukasus  3’5
Zus.  ordentl  346’2
Durchlaufend  8’4

Zus  354’6
b.  ausserordentliche
Ausgabe  von  Schatzscheinen ­

  .......
Engl.-holländ.  Anleihe

18
28’5

Netto
45’2
175’6
1
45’4
37’6
3'4
308'2
8’4

31691

18
28’5

Total  40  n  363'!

Ausgaben.

a.  ordentliche
Staatsschuld  .  .
Höchste  Behörden
Orthodoxer  Clerus
Kaiserhaus  .  .  .
Min.  d.  Auswärt.
-  Kriegs  .
-  Marine  .
-  Finanzen
-  Domänen
Südliche  Colonien
Min.  d.  Innern  .  .
-  Unterrichts
-  Bauten.  .
-  Postanstltn
-  Justiz.  .  .
Reichscontrole  .
Gestüte
Transkaukasien.

Steuer-Ausfälle  .  .
Durchlauf.  Posten

Netto
53’6
l’l
5’3
7’8
2’1
119’8
21’7
39’6
9’1
0’2
12’1
6’1
17’5
0’3
6’5
0’3
0’6
3’6

313'4
4'
8’4
32.5’7
b.  ausserord.
Militär  37’4

Total  363’1

Mit  Erheb.
Kosten
59’6
1’2
5’3
7’8
2’1
119’9
21’7
58’5
9’1
0’2
12’1
6’2
25’2
11’4
6’5
ü’3
0’6
3’6
351’3
4’
8’4_
363’7
37’4
4on

Das  Budget  für  1862  hatte  mit  der  Summe  von  310’619,739,  das
für  1863  mit  347’86T,860  RS.  abgeschlossen.  Die  Zunahme  ist  also  sehr
bedeutend,  rührt  aber  allerdings  grossentheils  daher,  dass  im  letzten
Jahre  zum  erstenmal  wirklich  alle  Positionen  aufgenommen  wurden,
während  zuvor  manche  Specialetats  übergangen  waren.  Tegoborski
hatte  die  Einkünfte  für  1853  zu  224’308,U(»0  R.  berechnet,  und  in  den
durch  Herzen  bekannt  gewordenen  Voranschlägen  für  1859  und  69  erschienen ­
  die  Einkünfte  nach  Abzug  der  Anlehen  mit  280’736  835  und
283’307,38S  RS.
Die  ganze  Besteuerungsweise  Russlands  hat  in  der  jüngsten  Zeit,
schon  in  Folge  der  Bauernemancipation,  eine  Umgestaltung  erlitten.
Eine  genaue  Darstellung  derselben  zu  geben  sind  wir  ausser  Stande.
Der  Ertrag  der  Domänen  ist  gering,  wie  in  allen  Grossstaaten.  Die
oben  aufgeführte  Summe  begreift  nemlich  die  nur  uneigentlich  hieher  gehörende ­
  Abgabe  der  Kronbauern  in  sich,  schon  für  1863  zu  27Yg  Mill.R.
        <pb n="135" />
        RUSSLAND.  —  Finanzen  íBudget).

113

veranschlagt.  Die  eigentl.  Rächte  erscheinen  nur  mit  3,  der  Ertrag  der
Forsten  mit  3%  ,  der  Berg-  und  Hüttenwerke  mit  2%  Mill.,  dagegen
jener  der  Nicolaus-Eisenbahn  mit  etwas  mehr  als  9.  Die  wichtigste  Einnahmeposition ­
  bildet  die  Getränke-  (Branntwein-)  Steuer.  Früher  ward
der  Branntwein  in  29  Gouvernements  als  Monopol  behandelt,  in  anderen
die  Steuer  verpachtet.  Mitte  1858  erfolgte  allgemeine  Verpachtung  des
Erträgnisses.*)  Der  Ertrag,  1853  erst  79  Mill.,  war  für  1863  auf
108  Mill,  veranschlagt,  lieferte  aber  in  Wirklichkeit  118,  ungerechnet
die  Mehreinnahme  in  Sibirien;  für  1864  lautet  der  Voranschlag  auf
127’805,000  R.  —  Die  Auflage  auf  das  Salz  erträgt  etwas  über  10  Mill.
Das  frühere  Monopol  ist  aufgehoben  und  der  Salzhandel,  vorbehaltlich
einer  Steuer  auf  das  Salz,  freigegeben.  Die  Auflage  auf  den  inländischen
Tabak  liefert  4  Mill.  Verhältnissmässig  sehr  gering  erscheint  der  Zollertrag ­
  ,  veranschlagt  zu  34  %  Mi^i  Im  J.  1853  belief  sich  derselbe  schon
auf  28'337,674  ;  die  Summe  sank  im  Kriegsjahre  1854  auf  20’864,391
und  1855  sogar  auf  18’473,103,  hob  sich  aber  folgendermassen  :
1856  1857  1858  1859  1863  (Budg.)  1864  (Budg.)
29’607,620  35*798,581  33*659,312  34*238,187  32*514,532  35*671,000
,  Unterm  11.  Oct.  1862  ward  den  Bauern  eine  Ergänzungsauflage
zur  Kopfsteuer  im  Betrage  von  25  %  des  früheren  Ansatzes  auferlegt,
zus.  6*290,000  R.  Dann  wurck  1.  Jan.  1863  eine  neue  Grund-,  Handels- ­
  und  Gewerbesteuer  eingeführt,  wogegen  Aufhebung  der  Bürgerkopfsteuer ­
  erlblgte,  wonach  man  eine  Mehreinnahme  von  2*530,000  R.
erwartete.  Auch  die  Grundzinsabgaben  erfuhren  eine  Erhöhung  von
2,7  Mill.  Die  Bergwerksabgabe  ward  aufgehoben.
Die  Staatsausgaben  haben  sich  sehr  vermehrt.  Noch  1859  u.  60
war  der  Bedarf  zu  260*201,177,  reap,  zu  298*307,388  R.  veranschlagt.—
Es  treten  besonders  zwei  Ausgabeposten  hervor;  Schuld  und  Militär.  —
Die  §chuld,  welche  1853  33'/%  Mill,  erforderte,  verschlang  1859  bereits ­
  über  49%  ,  erforderte  1860  und  62  mehr  als  54*/%  1862  57,5
und  erscheint  1864  mit  59,6  Mill.,  somit  Steigerung  des  Bedarfs  blos
für  Zinsen  und  Amortisirung  um  mehr  als  10  Mill,  in  5  Jahren.  —  Ungeheuer ­
  ist  die  Ausgabe  für  das  Kriegswesen  angewachsen.  Reden
berechnete  1853  den  Aufwand  für  die  Landmacht  zu  etwas  weniger  als

*)  Um  die  dessfallsigen  Einkünfte  nicht  geschmälert  zu  bekommen,  hatte
die  Regierung  unter  Kaiser  Nicolaus  die  »Mässigkeitsvereine«  verboten  !  Bei
dem  Streben  nach  Emancipation  erkannten  aber  die  Bauern  selbst  die  schlimmen
Lolgen  der  Irunksucht  und  legten,  ohne  Anregung  von  Aussen,  gemeindeweise
das  Gelübde  ab,  nur  in  Krankheitsfällen  und  bei  Familienfesten  wieder  Branntwein ­
  zu  gemessen,  unter  Bestimmung  einer  Strafe  für  die  Uebertreter.  Die
Pächter  suchten  durch  billige  Preise,  selbst  durch  freiwillige  Branntweingaben,
die  alte  1  runksucht  wieder  zu  erwecken,  doch  vergeblich.  Um  so  nachdrücklicher ­
  riefen  sie  die  Hülfe  der  Staatsgewalt  an,  da  sie  ihren  Pachtpreis  nicht
bezahlen  könnten.  Und  in  Wirklichkeit  verbot  eine  ministerielle  Anordnung
den  Vollzug  jener  Gemeindebeschlüsse,  unter  dem  Vorgeben,  dass  die  Communen
  zu  deren  Erlassung  nicht  befugt  seien.  Nach  der  Versicherung  des
Fürsten  Dolgorukow  haben  die  ohnehin  von  den  Branntweinpächtem  gewonnenen ­
  Local-Policeibehörden  mitunter  sogar  offene  Gewalt  —  Ruthen  -  und
Stockschläge  —  angewendet,  die  Bauern  zum  Branntweintrinken  zu  zwingen.
Dies  wirkte,  —  das  Branntweintrinken  ist  stärker  als  je  geworden.
K  o  1  b  ,  StatUtik.  4.  Aufl.  g
        <pb n="136" />
        114

RUSSLAND.  —  Finanzen  (Budget).

71  Mill,  (welche  Summe  übrigens  nicht  ausreichte),  jene  für  die  Marine
zu  2G%.  Jetzt  erscheinen  :  die  Landmacht  im  ordentl.  und  ausserordentl.
Etat  mit  157,3,  die  Marine  mit  21,7,  beide  zusammen  mit  179  Mill.  !  —
So  verschlingen  also  die  unproductiven  Ausgaben  :  Schuld  und  Heer,
über  238Ys  Mill.,  d.  h.  beinahe  69  Proc.  der  wirklichen  »ordentlichen
Einkünfte  «  .
Wir  haben  früher  ein  durchschnittl.  Jahres  deficit  von  30  Mill.  S.-R.
angenommen.  Auch  der  engl.  Gesandtschaftssekretär  zu  Petersburg,  Hr.
Erskine,  schätzte  dasselbe  1861,  fast  ganz  übereinstimmend  damit,  auf
4%Mill.  X.  Das  Deficit  nöthigte  schon  in  jener  Zeit  Ukas  vom  30.  Dec.
1861)  zu  Steuererhöhungen  bei:  Kopfsteuer,  Stempelpapier,  Zoll  (5  %)
und  recommandirten  Briefen.  —  Aus  den  sämmtlichen  officiell  veröfientlichten
  Budgets  sind  gleichwol  weitere  Deficite  nachweisbar  (nemlich
Ergänzung  der  Einnahmen  durch  n^^e  Schulden),  und  zwar  1862
14’757,900,  1863  15’707,770,  1864  46’486,000  R.  S.,  also  im
Durchschnitt  fast  26  Mill.  Allerdings  hat  im  letzten  Jahre  der  polnische
Aufstand  und  der  nun  beendigte  Kaukasuskrieg  einen  ausserordentlichen
Aufwand  erfordert,  welcher  fortan  hinwegfällt.
FÍDanzgeschichtliches.  Vor  Peter  I.  waren  die  Einkünfte  sehr  gering.
Er  steigerte  sie  durch  Verpachtung,  Erhöhung  und  Einführung  neuer
Auflagen  auf  das  Fünffache.  Sie  betrugen  1725  10'  I  86,000  d.  h.
nach  der  jetzigen  Ausprägung  etwa  60  Mifl.)  Rub.  Hauptquellen:  Kopfsteuer ­
  gegen  4’290,000,  Zölle  l'200,00(i,  Branntweinsteuer  980,000,
Salzsteuer  662,000  Rub.  —  17  70  schätzte  man  die  Einkünfte  auf  28  Mill,
preuss.  Thlr.  1  782  betrugen  sie  44’587,000;  1801  88’607,000  Thlr.
(In  dieser  von  Reden  gegebenen  Reduction  auf  preuss.  Thlr.  scheint  jedoch ­
  übersehen,  dass  der  Rubel  früher  in  einem  höhern  Silberwerthe
ausgeprägt  ward.)  —  Tegoborski  bekennt,  dass  die  Staatseinnahmen
bis  1839  die  Summe  von  163’75  1,000  S.-R.  nie  überstiegen.
Finanzen  Polens.  Nach  einer  Veröffentlichung  in  der  Warsch.#Ztg.
betrugen  1860  die  wirkl.  Einnahmen  (einschl.  Rückstände  1  8'272,11  2,
die  Ausgaben  15’949,826  R.,  sonach  Ueberschuss  2  322,286,  der  den
TU  SS.  Cassen  zufloss.  Im  russ,  Budget  für  1862  war  der  Ueberschuss
aus  Polen  zu  3’174,862,  und  in  dem  für  1863  zu  3’150,000  R.  veranschlagt. ­
  Näheres  ist  nicht  bekannt.
Finanzen  Finlands.  Es  wird  ein  Civil-  und  davon  gesondert  ein
Militärbudget  geführt  (in  Mark  Silber,  4  Mark  =  1  R.  S.i.  Das
für  1863  schliesst  so  ab:
Civilbudg.  Militärbudg.  Zumammen
Einnahmen  12’2t&amp;gt;4,50l  2’520,960  14’725,461  Mrk.
Ausgaben  11’902,715  2’397,485  14’300,200  -
Ueberschuss  301,796  123,475  425,261  -
Zu  den  ordentl.  Einnahmen  liefern:  die  indirecten  Auflagen
7’437,578,  die  Grundsteuer  2,504,000,  Gewerbst.  103,600,  Köpfst.
1’238,500,  Die  Aufstellung  ist  übrigens  unvollständig,  da  noch  verschiedene ­
  Specialetats  bestehen.  Der  Ertrag  der  Domänen  fliesst  dem
Militärbudget  zu.
Sebalden.  Ein  Bericht  des  Finanzministers  vom  Novbr.  1861  gibt
deren  Bestand  für  den  1.  Jan,  1864  folgendermassen  an;
        <pb n="137" />
        8*

k

JiUSSLANl).  —  Finanzen  (Buüget,.

115

1)  Tilgbare  (eigentlich:  consolidirte)  Schuld:
Auswärtige  Sprocentige  32’931,00ü  holl.  Gulden
5  »  11'80-,UÜU  Rubel,
^Vt  »  •  .  10’3SO,000  Pfd.  Sterl.,
4  «  37’025,000  Kübel.
2)  Untilgbare  (vielmehr:  schwebende)  Schuld:

a.  Auswärtige  Sprocentige  1G4’391,Ü60  Rubel,
5  «  IS’OOO.OOO  Pfd.  Sterl.,
,  ^  »  6’895,Ü00  »  »
b  Innere  G  »  49’815,178  Rubel,
4  j»  in  ununterbr.  zinstrag.
Billeten  ....  Iö2’303,505  »
^  "  unablösbare  Einigen  .  288,377  »
5  »  Bankbillete,  It.  Edict
vom  2.  Juni  1863  5’028,95(»  »
Zusammen  .  648’781,78]  Rubel.
Nun  sind  aber  dazu  gekommen  :
1)  im  April  1864  eine  Anleihe  bei  Hope  in  Amsterdam ­
  u.  Baring  in  London  mit  6  Mill  Pfd.  Sterl.  37’500,606  Rubel,
2)  December  1864,  5  Lotterieanlehen  im  Inland  1(H)’000,000  »
3)  Neue  Schatzscheine  9,000,000  »
Zusammen  (wovon  100’  noch  nicht  eingezahlt)  796^281,781  RubeT

Der  eigentlichen  consolidirten  steht  eine  ungeheuere  schwebende
Schuld  zur  Seite.  Ja  sie  überragt  dieselbe  in  einer  Weise,  wie  es  in  gar
keinem  andern  Staate  der  Welt  vorkommt.  Dies  ist  mittelbar  wol  der  bedeutendste ­
  Grund  des  ganz  schlechten  Credits  des  Staates.  Ueberall  sonst
ist  die  schwebende  Schuld  weit  geringer  als  die  consolidirte.  —  Fand
die  russ.  Regierung  Schwierigkeiten  in  Aufnahme  von  Anlehen  nach  gewöhnlicher ­
  horm,  so  half  sie  sich  auf  die  schlimmste  Art,  unbekümmert
\im  die  grösseren  Verlegenheiten,  welche  damit  für  die  Zukunft  bereitet
wurden,  —  So  entstanden  zunächst  die  Schatz  sch  eine,  deren  verschiedene ­
  in  Umlauf  befindliche  Serien  sich  Ende  1859  auf  einen  Betrag
von  93  Mill.  Rubel  beliefen,  wozu  laut  Ukas  vom  29.  Juli  1860  die
Ausgabe  von  5  neuen  Serien  kam,  jede  zu  3  Mill.,  ferner  Ukas  vom
Januar  1802,  ^on  10  Serien  für  Subvention  der  Eisenbahngesellschaften  ;
April  1802  von  0,  dann  Ukas  vom  December  1803  nochmals  von  3,
30.  Mai  1804  wieder  von  3  und  Sept.  1864  nochmals  3  Serien,  wodurch ­
  die  Gesammtsumme  der  in  Umlauf  befindlichen  Schatzscheine  nach
Abzug  der  eingelösten  auf  1  79,3  Mill.  K.  stieg.  Sie  sind  zu  4,32  %  verzinslich ­
  (monatlich  à  18  Kopeken  und  werden  bei  Verzollung  von
Waaren  an  Zahlungsstatt  angenommen.  Die  Summe  dieser  Schatzscheine ­
  ist  übrigens  in  obiger  Aufstellung  bereits  einbegriffen.
Die  vorstehenden  Ziffern  geben  indess  nur  ein  sehr  unvollständiges
Bild  von  den  der  russ.  Staatscasse  auferliegenden  Verbindlichkeiten.  In
holge  des  absolutistisch-bureaukratischen  Systems,  wonach  jede  allgemeine ­
  Ihätigkeit,  selbst  im  Gebiete  der  Industrie  und  der  Wohlthätigkeit,
  von  oben  herab  geleitet  werden  soll,  hat  die  Regierung  alle
Creditanstalten  im  Reiche  nicht  nur  unter  ihre  Obervormundschaft,
sondern  unter  ihre  Oberleitung  und  Garantie  gestellt;  sie  alle  sind
gleichsam  Staatsinstitute  !  Wir  nennen  die  Pfandhäuser  in  St.  Petersburg
und  Moskau,  die  Leih-  und  die  Handelsbanken  zu  Petersburg,  Moskau,
        <pb n="138" />
        116

RUSSLAND.  —  Finanzen  (Rudget,.

Riga,  Odessa,  Charkow  und  in  andern  Städten.  Die  Regierung  hielt
sich  dadurch,  dass  sie  ihre  »  Garantie  «  zu  Gunsten  dieser  Institute  aussprach, ­
  berechtigt,  auch  über  die  bei  denselben  angelegten  Gelder  zu
verfügen.  So  wurden  dieselben,  so  weit  jene  Anstalten  ihrer  nicht
unmittelbar  bedurften,  vom  Staate  verbraucht,  —  ähnlich  wie  die
Sparcassengelder  in  Frankreich.  Die  bezeichneten  Beträge  sollen  versprochenermassen
  jederzeit  rückzahlbar  sein.  Da  schuf  man  zur  Deckung
ein  eigentliches  Papiergeld,  vielmehr  eine  Art  Assignaten,  Creditbillets
  geheissen.  MitteOctob.  1864  ward  derenBetrag  zu642’151,850
S.-Rub.  angegeben.  Begreiflicher  Weise  bedurfte  man  für  diese  Creditbillets
  eines  Z  wangscurses.  Sie  verlieren  gegen  Metallgeld  längst
10  bis  15  %  ,  im  Oct.  1864  stieg  der  Verlust  auf  22  %  .
Der  Versuch,  neue  Anlehen  aufzunehmen,  missglückte  unter  solchen ­
  Verhältnissen,  die  Bedürfnisse  aber  wurden  drängender.  Da  erschien ­
  am  20.  Aug.  1859  ein  vom  Kaiser  bestätigtes  Decret  des  Staatsraths, ­
  wonach  alle  bisher  in  öffentlichen  Banken  befindlichen  Gelder  der
Kirchen  und  Stiftungen  jeder  Art,  sowie  alle  Depositen,  —  förmlich  dem
Finanzminister  zur  Verfügung  gestellt  wurden.  Diese  Capitalien  theilte
man  in  4  Classen  :  für  die  begünstigtste  gab  man  4proc.  Staatsschuldscheine ­
  aus,  mit  der  Weisung,  wenn  die  Stiftungen  nicht  im  Stande
seien,  ihre  Einrichtungen  mit  diesem  Ertrage  fort  zu  erhalten,  so  hätten
sie  die  Zahl  ihrer  Pfleglinge  zu  vermindern.  Für  eine  zweite  Kategorie
Stiftungsgelder  wurden  blos  3  %  Schuldscheine  abgegeben.  Gelder  einer
dritten  Classe  erhalten  nur  1  %  ;  solche  einer  vierten  gar  keine  Zinsen  ;
und  darunter  alle  gerichtlichen  Depositen  !  —  Unterm  23.  Sept.  1859
ward  dann  ein  Ukas  veröffentlicht,  nach  welchem  die  Billete  von  Leih-,
Commerz-,  Bank-  und  Sparcassen  und  die  4procentigen  Rentenscheine
in  5proc.  Bankbillets  umgewandelt,  und  von  1861  an  in  37  Jahren
amortisirt  werden  sollen.  Ferner  ward  verfügt,  dass  alle  bei  der  Bank
deponirten  Capitalien,  deren  Eigenthümer  sich  zu  solcher  Umwandlung
nicht  anmelden,  nur  noch  zu  2  (statt  bisher  3)  ®/o  zu  verzinsen  seien  (man
wollte  die  Capitalisten  damit  zwingen,  ihre  Gelder  in  neuen  5procent.
Bankbillets  anzulegen).  —  Alle  diese  Anordnungen  bezweckten,  der
Unbequemlichkeit  einer  Ungeheuern  schwebenden  und  jederzeit  kündbaren ­
  Schuld  sich  zu  entledigen,  indem  man  dieselbe  in  eine  für  immer
unkündbare  verwandle.  In  Folge  dessen  musste  aber  auch  eine  Verzinsung ­
  dieser  Capitalien  übernommen  und  das  Staatsbudget  um  viele
Millionen  mehr  belastet  werden.  —  In  Verbindung  damit  stand  die  Aufhebung ­
  aller  bisherigen  Creditinstitute  im  Reiche  und  die  Schöpfung
einer  Staatsbank  (Ukas  vom  1./13.  Sept.  1859).  Durch  diese  letzte
sollte  namentlich  das  gesammtc  Papiergeldwesen  neu  geregelt  und  es
sollten  alle  Verbindlichkeiten  der  alten  Creditinstitute  abgeglichen  werden.
Dass  dies  blos  eine  neue  fiction  war,  ergibt  sich  schon  daraus,  dass  man
der  neuen  Bank,  die  mit  einem  Capitale  von  nur  15  Mill,  gegründet
wurde,  bezüglich  des  Papiergeldwesens  Verpflichtungen  auferlegte,  die
auf  viele  hundert  Millionen  stiegen.  Die  Bilanz  dieser  Bank  vom
12.  Oct.  1864  schliesst  (bei  so  geringen  eigenen  Mitteln)  mit  der  Ungeheuern ­
  Summe  von  1294’738,462  R.  ab.  Es  erscheinen  dabei  Creditbillete
  in  Circulation  642*151,850,  wogegen  der  Einlösungsfonds  (Metall-
        <pb n="139" />
        RUSSLAND.  —  Finanzen  Dudget).

117

vorrath)  nicht  mehr  als  74’378,512  betrug  Deckungsmittel  also  1  :  &amp;amp;*/,  !),
so  dass  567’773,342  ungedeekt  blieben.
Das  völlig  Unbefriedigende  des  ganzen  Verhältnisses  ergibt  sich
aber  noch  aus  andern  Umständen.  Neben  den  auf  809  Mill,  angewachsenen ­
  Verbindlichkeiten  des  Staats  gegen  die  Bank  und  ferneren
321*703,087  R.  Ausstände  für  Hypotheken,  deren  Betrag,  selbst  wenn
er  ganz  gesichert  sein  sollte,  doch  keineswegs  so  schnell,  wie  es  bei
einer  Bank  noth  wendig,  realisirbar  ist,—  begegnen  wir  einem  Wechselportefeuille ­
  von  nur  vier  Millionen!  So  wenig  konnte  noch  für  Förderung ­
  der  industriellen  und  commerciellen  Bedürfnisse  durch  diese
Bank  geschehen.
Die  Aufstellung  ist  im  Uebrigen  nicht  durchsichtig  genug,  um  die
ganze  Grösse  der  Verbindlichkeiten  des  Staates  gegen  die  Anstalt  mit
Bestimmtheit  erkennen  zu  lassen.  Der  oben  erwähnte  Bericht  des  Finanzministers ­
  anerkennt  jedoch  folgende  Schuldposten  unter  Angabe
ihres  Betrages  am  1.  Jan.  1804.  Wir  fügen  aus  der  Aufstellung  des
Bankinstituts  vom  12.  Oct.  1804  die  neueste  Ziffer  des  Betrages  der
nemlichen  Positionen  bei:
1)  Creditbillete,  an  Neujahr  1804  für  030*525,857  R.,  wogegen ­
  08*340,407  R.  Deckungsmittel  in  Metall  vorhanden  waren;  bleiben ­
  netto  508*179,390  ungedeckt.—  Nach  Bankausweis  vom  October:
in  Circulation  042*151,850,  ab  Metallvorrath  74*378,512,  ungedeckt
507*773,342.
2)  Einlagen  in  die  St.  Petersburger  und  Moskauer  Depositenund
  in  die  ehemal.  Commerz  -  und  Leihbank,  Jan.  78*183,138,  Oct.
nemlicher  Betrag.
3)  opiocentige  Reichsbankbillete  zum  Umtausch  gegen  die
Einlagebillete  der  ehemal.  Creditanstalten  ;  Jan.  208*777,000;  Oct.
273*801,550.
4)  Schulden  des  Reichsschatzes  an  die  Creditanstalten,  Jan.
149*830,859,  Oct.  157*920,179.
Damit  sind  aber  die  Passiva  des  Staates  offenbar  noch  nicht  vollständig ­
  aufgezählt.  Der  Vortrag  des  Ministers  erwähnt  z.  B.  noch,  dass
die  bis  zum  J.  1804  verbliebenen  »Schulden  der  Behörden,  Privatpersonen ­
  und  Gesellschaften«  an  die  St.  Petersburger  Depositenbank
betrugen  194  001,292,  —  ebenso  die  Schulden  der  gleichen  Kategorien
an  die  Moskauer  Depositenbank  150*205,350.  Wir  können  nicht  ermessen ­
  ,  in  wie  weit  diese  Summen  durch  Activa  gedeckt  sind  ;  für  sehr
ansehnliche  Beträge  hat  der  Staat  jedenfalls  einzustehen.  Dazu  kommt,
dass  er  für  alle  Verluste  der  Reichsbank  zu  haften  hat,  da  diese  Staatsund ­
  nicht  Privatanstalt  ist.
Ausser  der  russischen  gibt  es  noch  eine  polnisc.he  und  eine  f  inländische ­
  Schuld.  Die  erste  (die  polnische)  betrug  unmittelbar  vor
dem  Krimkriege  etwa  215  Mill.  poln.  Gulden  (über  32%  Mill.  russ.  S.-R.),
wozu  dann  eine  neue  Anleihe  von  3  Mill.  S.-R.  kam.  —  Die  finländische
Schuld  ward  1803  zu  3*023,000  S.-R.  berechnet.  Dazu  kam  (kais.  Ukas
vom  1./13.  Dec.  1802)  ein  4  %%  Anlehen  von  4*400,000  Thlr.  preuss.
Sonach  dürfte  sich  die  Staatsschuld  des  Reiches  etwa  so  stellen  :
        <pb n="140" />
        118

RUSSLAND.  —  Finanzen  ^Budget  .

A.  Unmittelbare  Staatsschuld  (Ende  1864).
1)  Consolidirte  (ungerechnet  das  lOü’-Anlehen  vom  Dec.  1864)  478’845,681
2)  Schwebende  (Schatzscheine  u.  dgl.)  216’436,100
Summe  A.  .  .  .

B.  Mittelbare  Staatsschuld  (Oct.  1864).
1)  Creditbillete  (nach  Abzug  des  Metallvorraths)
2)  Einlagen  in  die  Depositenbanken  von  Petersburg  u.  Moskau
3)  5procentige  Reichsbankbillete
4)  Schulden  des  Reichsschatzes  an  die  Creditanstalten  .  .  .
Summe  B
C.  Polnische  Schuld  32,3  Mill.,  Finische  7,4’
Gesammtsumme  der  drei  Kategorien  ....
Mit  Einrechnung  des  neuen  Anlehens  .  .  .

695’281,781
567’773,342
78,183,138
273’801,550
157’m^l79
1U77’68472o'9
39,700,000
1812’665,990
1912’665,990
Während  man  selbst  in  dem  reichen  Frankreich  eine  schwebende
Schuld  von  einer  Milliarde  Franken  als  alle  Sicherheit  der  Finanzverwaltung
  zerstörend  anerkennt,  .begegnen  wir  in  dem  armen  Russland
einer  solchen  schwebenden  Schuld  von  mindestens  5176  Mill.  Frkn.,
also  mehr  als  dem  Fünffachen  jenes  Betrags.
Zur  Schuldgeschichte.  Das  Papiergeldsystem  ist  in  Russland  ein  altes
Uebel.  Schon  unter  Katharina  II.  (Manifest  v.  29.  Dec.  1768)  suchte
man  den  Finanzen  damit  aufzuhelfen  (Vorwand  war  die  Unzweckmässigkeit ­
  des  circulirenden  Kupfergeldes).  Die  Gesammtsumme  der  »Assignationen«
  sollte  20  Mill,  nicht  übersteigen  dürfen  (Ukas  v.  10.  Jan.
1774),  dennoch  (Manifest  v.  28.  Juni  1786)  erfolgte  die  Vermehrung
auf  100  Mill,  als  neues  Maximum.  Bei  dem  Tode  der  Kaiserin  waren
für  157®4  Mill.  Assignationen  ausgegeben;  sie  verloren  47  Proc.  im
Curse  gegen  Metallgeld.  Während  der  Kriege  gegen  Frankreich  und
die  Türkei  erfolgten  immer  weitere  Emissionen.  Schon  1810  befanden
sich  die  Finanzen  in  starker  Zerrüttung.  Die  Summe  des  Papiergeldes
belief  sich  auf  577  Mill.  K.  Alexander  erklärte  das  ganze  Staatsvermögen ­
  als  Unterpfand,  und  gab  das  Versprechen  (Manifest  v.  2.  Febr.  1  810  ,
dass  keine  weitere  Emission  erfolgen  solle.  Aber  die  drei  Kriegsjahre
1812—15  erforderten  320  Mill.  S.-R.  über  den  gewöhnl.  Bedarf.  Im
Jahre  1815  war  der  Curs  der  Assignaten  418,  d.  h.  1  Silb.-Rub.  war
gleich:  4  Rub.  18  Kopeken  Assignaten.  Nach  dem  allgemeinen  Frieden ­
  dachte  man  ernstlich  an  eine  Aufbesserung  der  F  inanzlagc.  Die  eigentliche ­
  inscribirte  Staatsschuld  betrug  nicht  viel  mehr  als  1  25  Mill.
S.-R.  Dagegen  circulirte  für  836  Mill.  Papiergeld  !  Man  machte  Anlehen ­
  ;  zuerst  1817  im  Inlande;  Oprocentigc  Obligationen  wurden  zu
83%  %  ausgegeben  und  die  Zahlung  brauchte  nur  in  Papier  geleistet  zu
werden;  dann  1818  im  Auslande,  6procentig  zu  85,  gleichfalls  in  Papier ­
  zahlbar;  1820  folgte  ein  5proc.  Silberanlehen  im  Auslande  zu  72%,
so  dass  die  Regierung  für  40  Mill,  kaum  29  wirkl.  erhielt;  spätere  Anlehen ­
  erfolgten  zu  77  u.  77%  %.  Im  Jahre  1823,  als  Graf  Cancrin  die
Leitung  der  Finanzen  übernahm,  betrug  die  Masse  der  circulirenden
Assignaten  noch  596  Mill,  und  der  Curs  stand  auf  3  R.  60  Kop.  gegen
Silber.  Im  J.  1839  versuchte  es  die  Regierung,  die  Silberwährung  wieder ­
  zur  Hauptbasis  der  Geldcirculation  des  Reiches  zu  machen  und  bestimmte ­
  ,  dass  der  Silberrubel  in  seinem  bestehenden  Werthe  und  mit
        <pb n="141" />
        RUSSLAND.  —  Finanzen  (Budget).

119

»einen  Eintheilungen  die  Münzeinheit  für  alle  circnlirenden  Werthe  sein
solle.  DerCurs  der  Assignaten  wurde  fest  auf  350  (d.  i.  3%  R.  Assignaten ­
  =  1  S.-R.)  normirt.  Die  ehemaligen  Bank  -  Assignaten  wurden
im  J.  1843  durch  die  Creirung  der  Reichs  -  Credit  -  Billets  vollständig
ausser  Umlauf  gesetzt,  welche  dem  Silberrubel  gleich  circuliren  sollen
und  Zwangscurs  haben.  Sie  traten  mit  einem  Betrage  von  170’222,000
S.-R.  ins  Leben,  wofür  die  im  J.  1843  noch  vorhandenen  595,776,000
R.  Assignationen  eingelöst  wurden.  Es  war  somit  ein  Staatsbankerut
  durchgeführt“  denn  die  officielle  Herabsetzung  des  Assignatenwerthes
  war  nichts  Anderes.  —  Für  die  neu  geschafifenen  Reichscredit-Billets
  soll  nun  das  gesammte  Reichsvermögen  haften  und  stets  ein  genügendes ­
  Einlösungscapital  vorhanden  sein.  Dieses  Reichsvermögen
ward  zwar  in  neuerer  Zeit  von  J.  A.  Mikschewitsch  auf  3,919  520,550
S.  -R.  berechnet,  aber  der  Einlösungsfonds  reicht  nicht  aus.  —  Unterdess
  dauerten  die  Deficite  im  Staatshaushalte  fort.*)  Nur  ausnahmsweise ­
  gelangte  man  dazu,  das  Papiergeld  zu  vermindern.  Im  J.  1849
betrug  es  indessen  doch  nur  300%  Mill.  Aber  während  des  Krimkrieges ­
  häufte  man  die  Emissionen.  Anlehensversuche  im  Auslande  misslangen ­
  ;  da  verbot  man  die  Ausfuhr  von  Goldmünzen  und  vermehrte  das
Papiergeld,  anfangs  wenigstens  noch  mit  einiger  Beschränkung  der  Summen, ­
  bis  der  Ukas  vom  10.  Jan.  1855  den  Finanzminister  rückhaltlos
anwies,  »alle  ausserordentl.  Kriegskosten  a  durch  tem%)orelle  Emission
von  Creditbillets  zu  decken,  »  um  ohne  Einführung  neuer  Steuern  und
ohne  Erhöhung  der  bestehenden  der  Staatscasse  die  Möglichkeit  zu  bieten, ­
  allen  gegenwärtigen  Erfordernissen  Genüge  zu  leisten.a  (Man  hatte
in  Erhöhung  der  Auflagen  zuvor  schon  das  Aeusserste  gethan,  so  namentlich ­
  den  Salzpreis  von  25  auf  44  Koj&amp;gt;eken  hinaufgesetzt.)  Dabei
verbot  man  sogar  die  Wiedereinführung  des  eigenen  Papiergeldes  !  Die
ausserordentlicher  Weise  ausgegebene  Papiergeldmasse  sollte  innerhalb
dreier  Jahre  nach  Wiederherstellung  des  Friedens  eingelöst  sein.  In
Wirklichkeit  steigerte  man  die  Papiergeldmasse  folgendermassen.  Es
waren  im  Umlauf"

1S2H  —:iy
Neujahr  1S50
1S53
1854

ITO’221,828  U.
30P578,170
:i3;i’443,008
350'337,021

Neujahr  1855  ;
1856:
1857:
1860:

509’181,397  R.
686’276,844
735’297,U06
679*877,853

Die  Masse  ward  also  noch  lange  nach  Wiederherstellung  des  Friedens ­
  nicht  vermindert,  sondern  vermehrt,  ln  den  vier  Jahren  1853—57
ergab  sich  eine  Vermehrung  von  über  400  Mill.  R.,  also  weit  mehr  als
eine  Verdoppelung  der  vor  dem  Kriege  vorhandenen  Menge.  Das  Silberanlehen
  von  1802  sollte  endlich  das  Mittel  zur  Wiederherstellung  der
Metallwährung  liefern.  Die  Papiere  sollten  vom  1.  Mai  1802  an  mit

*  Die  Oüterconfiscationen  in  den  westlichen  Oubernien  von  Russland,  die
früher  zu  Polen  gehörten,  trafen  2372,  jene  im  Königreiche  Polen  2340  Personen. ­
  Die  Verschenkungeii,  welche  blos  im  Königreiche  und  nur  bis  zum  J.  1837
gemacht  wurden,  überstiegen  22  Mill.  Gulden.  Nach  der  Schrift  des  poln.  Advocaten
  Lub  liner  über  »die  russ.  Amnestie.  Brüssel  1856.«)  Nach  einer  Angabe ­
  hätten  die  Confiscationen  die  ungeheuere  Summe  von  311’182,000  poln.
Gulden  betragen.
        <pb n="142" />
        120  RUSSLAND.  —  Militär  ¡Landmacht).
10%  %  Verlust,  dann  zu  immer  höherem  Curse  eingelöst  werden,  so
dass  mit  dem  1.  Jan.  18G4  der  Paristand  erreicht  sei.  Ein  Anfang
wurde  allerdings  gemacht  ;  schliesslich  aber,  gerade  da  man  das  Ziel  beinahe ­
  erreicht  zu  haben  schien,  wofür  man  enorme  Summen  verwendet
hatte,  überzeugte  man  sich,  dass  die  verfügbaren  Mittel  nicht  ausreichten. ­
  Eine  Verfügung  vom  Nov.  1863  stellte  die  Einlösung  der  Papiere ­
  wieder  ein,  —  es  kehrte  der  Zwangscurs  zurück.
Itlilitärweseii.
Landmacht.  Bildung  des  Heeres.  Der  Adel,  die  grossen  Kaufleute ­
  und  einige  andere  Stände  sind  von  der  Militärpflichtigkeit  ausgenommen. ­
  Stellvertretung  findet  statt,  ist  jedoch  selten;  ausserdem
Loskauf  um  1000  R.  Pap.  Die  Aushebungen  werden  durch  kaiserl.
Ukas  in  der  Weise  angeordnet,  dass  so  und  so  viele  Köpfe  auf  jedes
1000  Einwohner  (wobei  man  nur  die  männlichen  Einwohner,  diese
aber  vom  frühesten  Kindes  -  bis  zum  höchsten  Greisenalter  rechnet)  genommen ­
  werden.  Das  Reich  ist  behufs  Recrutirung  in  zwei  grosse  Hälften, ­
  die  östliche  und  die  westliche,  abgetheilt,  in  denen  die  Aushebungen ­
  wechseln.  Als  Peter  I.  die  erste  derartige  Aushebung  anordnete
setzte  er  dieselbe  zu  1  Recrut  auf  1000  Einwohner  fest.  Noch  in  dem
ersten  Viertel  des  jetzigen  Jahrhunderts  waren  2  M.  auf  1000  die  gewöhnliche ­
  Zahl.  Später  hat  man  das  V  erliältniss  enorm  gesteigert;  während ­
  des  Krimkrieges  in  rasch  wiederholten  Verfügungen  bis  zu  10
einmal  bis  zu  12,  hinsichtlich  der  Reichsmiliz  bis  zu  13  vom  1000
Besonders  stark  wurden  längst  die  Juden  in  Anspruch  genommen*
kaum  minder  stark  die  Polen,  deren  Land  man  an  Waffenfähigen  zu
erschöpfen  suchte.  Im  ganzen  Reiche  herrscht  Schrecken,  wenn  die  Recrutirung ­
  beginnt,  die  vielfach  nichts  Anderes,  als  ein  unerwartetes
nächtliches  Ueberfallen  aller  jungen  Männer  ist  (die  Branka).  Mit  der
Recrutirung  hat  man  eine  Geldabgabe  verbunden  von  ungefähr  33  Rub.
Pap.  für  jeden  Ausgehobenen.  Die  Dienstzeit,  früher  bei  der  Garde
auf  22,  bei  den  übrigen  Truppen  auf  25  Jahre  bestimmt,  wurde  1850
auf  15  Jahre  herabgesetzt,  und  zwar  ohne  Vorbehalt  einer  Reservepfiichtigkeit.
  Doch  kommt  jene  Abkürzung  den  von  früher  Eingereihten  nur
so  weit  zu  gl  t,  dass  sie  nicht  über  20  Jahre  zu  dienen  brauchen.  Die
Verpflegung  der  Truppen  ist  jammervoll  schlecht,  besonders  wegen
zahlloser  Betrügereien.  Das  Avancement  der  Gemeinen  ist  zwar  nicht
dem  Namen  wol  aber  der  That  nach  ausgeschlossen.  Die  Kosaken  dürfen ­
  einen  Theil  ihrer  Ofticiere  wählen.  —  Die  frühere  Leibeigenschaft
hatte  ein  besonderes  Verhältniss  zur  Folge.  Da  der  Hörige  bei  seinem
Eintritte  in  die  Armee  aus  seinem  Communalverbande  herausgerissen
ward,  so  war  er  damit  von  jeher,  wie  man  es  nannte,  »frei.«  Aus  dieser ­
  sog.  Freiheit  erwächst  ihm  aber  nur  Unheil,  wenn  er  (bei  der  enormen ­
  Sterblichkeit  im  russ.  Heere)  etwa  die  Zeit  des  Militärdienstes  überlebt ­
  ;  weil  er  dann,  eben  ausgeschlossen  von  den  Nutzungen  seiner  frühem ­
  Gemeinde,  alt,  entkräftet  und  der  Arbeit  entwöhnt,  es  desto  schwerer ­
  finden  muss,  sich  selbst  zu  ernähren.  —  Bei  den  Finen  und  den
Grusiern  finden,  nach  deren  Privilegien,  blos  Werbungen  (ausserdem
        <pb n="143" />
        RUSSLAND.  —  Militär  (Landmacht).

121

nöthigenfalls  aber  auch  Miütärpflichtigkeit)  statt.  (Finland  hat  an  geworbenen ­
  —  Truppen  —  1  Schützenbataill.  v.  1425,  und  ausserdem ­
  aus  der  Miliz  —  indelta,  nach  schwedischer  Art  —  9  Schützenbataill. ­
  von  2720  M.)  —  Czaar  Alexander  II.  verkündete  bei  seiner
Krönung,  dass  1856  und  in  den  drei  nächstfolgenden  Jahren  keine  Aushebung ­
  stattfinden  solle.  Eine  solche  wurde  aber  viel  länger  nicht  mehr
vorgenommen,  theils  aus  Ersparungsrück  sichten,  theils  weil  man  Schwierigkeiten ­
  befürchtete,  nachdem  die  Bevölkerung  des  Tragens  der  schweren ­
  Conscriptionslast  entwöhnt  war,  und  die  Bauern  überdies  in  dem
Glauben  lebten,  die  ihnen  zugesagte  Emancipation  schliesse  wesentlich
auch  Befreiung  von  der  Conscription  in  sich.  Das  Zusammenschmelzen
der  Armee  nöthigte  endlich  zu  neuen  Aushebungen,  und  der  Aufstand
in  Polen,  der  die  Integrität  des  Reiches  gefährdete  und  damit  das  russ.
Nationalgefühl  verletzte,  war  geeignet,  die  Durchführung  zu  erleichtern.
Ein  unterm  20.  Sept.  1S62  verkündetes  Manifest  befahl  die  Aushebung
von  5  Mann  auf  1000.  Hieran  reihte  sich  ein  Ukas  v.  9.  Juli  1863,  der
die  Aushebung  von  je  10,  und  ein  Ukas  vom  5.  Oct.  1864,  der  weiter
die  von  5  Mann  sowol  in  den  östl.  als  den  westl.  Gouvernements  anordnete. ­

Stärke  des  Heeres.  So  gewaltig  die  Mittel  Russlands  zur  Herstellung ­
  ungeheurer  Heere  scheinen,  so  waren  die  vorhandenen  Truppenmassen ­
  doch  nie  so  gross  in  Wirklichkeit  wie  auf  dem  Papiere.  Da
man  nun  nach  dem  Krimkriege  massenhafte  Entlassungen  vornahm,  den
meisten  Entlassenen  keine  Verpflichtung  für  die  Reserve  auferlegte*),
und  7  Jahre  lang  jede  neue  Aushebung  vermied,  so  musste  die  Militärzahl ­
  bedeutend  zusammenschmelzen.  Allerdings  lieferten  die  beiden
oben  erwähnten  Aushebungen  eine  grosse  Recrutenzahl,  —  auf  dem  Papiere ­
  wol  350  —  400,000  Mann.  Rechnet  man  aber  die  gewöhnlichen
Abgänge  im  Heere  ab,  dann  die  Zahl  der  unbrauchbaren  Re  cru  ten,  endlich ­
  die  Opfer  des  Kampfes  gegen  die  Polen,  so  dürfte  die  wirkl.  Stärke
nicht  viel  grösser  sein  als  vor  einigen  Jahren.  Die  Menge  der  Corps  erscheint ­
  nicht  vermindert,  wol  aber  deren  Mannschaft.  Da  uns  genaue
neuere  Angaben  über  Organisation  und  Stärke  der  einzelnen  Corps  fehlen ­
  ,  so  lassen  wir  zunächst  eine  Aufstellung  folgen,  wie  sie  sich  nach
den  Normirungen  vor  dem  Krimkriege  ergab.  Die  grosse,  die  Acti  voder
  die  Operationsarmee,  umfasste:
Infanterie:  Regim.  Bataill.  **)  Mann
Garde  12  37  45,608
Grenadiercorps  ...  12  37  41,970
6  Infanteriecorps  ...  72  294  330,588
Zusammen  96  368  418,166
Cavallerie:  Regim.  Schwad.  Mann
Garde'  12  60  16,612
Grenadiercorps  ...  4  32  6,528
Bei  den  6  Infanteriecorps  24  192  39,168
Reservecorps  ....  24  176  36,952
Zusammen  64  460  99,260

*)  Nominell  wurden  zwei  Reserven  gebildet,  die  eine  auf  dem  Papiere
264,000  M.  stark,  zur  laufenden  Coi^letirung,  die  andere,  232,000,  für  den
Fall  eines  Krieges.  **)  Einschliesslich  der  Reservebataillone.
        <pb n="144" />
        122

RUSSLAND.  —  Militär  (T.andmacht).

Artillerie,  Genie:  Geschütze  Mann
Garde  HO  5,26'J
Grenadiercorps  112  3,362
Bei  den  0  Infanteriecorps  .  072  19,530
Reserve  96  3,3S1
Zusammen  990  31,548
Sonach  kamen  auf  die  Hauptarmee  normativmässig  etwa  550,000  M.  —
Ausserdem  befand  sich  ein  besonderes,  selbständiges  Heer  im  Kaukasus, ­
  über  dessen  Stärke  die  Angaben  zwischen  110  und  105,000
schwankten.  Endlich  schätzte  man  die  irregulären  Truppen  auf  120,000,
worunter  93,000  Reiter,  und  es  sollten  90  angesiedelte  Bataillone
103,000  M.  stellen.
Die  seit  dem  Frieden  in  der  Formation  vorgenommenen  Veränderungen ­
  sind  uns  nur  theilweise  bekannt.  Aus  den  vorliegenden  Notizen
entnehmen  wir:  jedes  Gardeinfanterieregiment  besteht  im  Frieden  blos
noch  aus  2  Bataill.  und  lOSO  M.  Die  Linieninf.-Regimenter,  vor  dem
Kriege  etwa  4000  zählend,  und  während  desselben  (in  8  Bataillonen)
auf  7000  gebracht,  sind  auf  etwa  1800  vermindert,  indem  jedes  der  4
Bataillone  (wovon  nur  3  activ)  ungefähr  450  M.  zählt;  auch  sind  sie
noch  durchgehends  mit  den  ungenügenden  alten  Gewehren  bewaffnet.
Für  zwei  neuerrichtete  Regimenter  sind  10  GrenzbataiUone  vom  schwarzen ­
  Meere  aufgehoben.  —  Verstärkt  wurden  blos  die  Schützen;  statt
9  Bat.  hat  man  deren  45  mit  guten  Büchsen  ausgerüstet.  —  Bei  der
Cavallerie  wurden  die  9  Dragonerreg.  in  18  verwandelt,  aber  nicht
von  der  Hälfte  der  früheren  Stärke.  —  Wichtig  ist  besonders  die  Verminderung ­
  der  Reserve.  Früher  hatte  jedes  Infanterieregiment  ebensoviel ­
  Reserve-und  Ersatzbataillone,  als  es  Activbataillone  besass,  neml.
Garde  und  Grenadiere  je  3,  Linie  je  4  ;  —  jetzt  durchgehends  blos  noch
eines.  Das  Reservecavalleriecorps  ist  fast  ganz  aufgelöst.  Endlich  sind
die  Militärcolonien  vollständig  eingegangen.  —  Nach  dem  Gesagten
nahmen  wir  die  Stärke  der  russ.  Activarmee  im  J.  1802  nicht  höher  als
folgendermassen  an  :
Infanterie:  Garde  und  Grenadiere  40,000,  Linie  130,000  =  170,000  M.

Cavallerie,  reguläre  55,000  -
Artillerie  und  Genie  30,000  -
Hiezu  die  Kaukasusarmee  (angeblich)  130,000  -

Gesainmtstärke  385,000  M.
Eine  Notiz  vom  Mai  1801  besagte;  Ein  Armeecorps  zählt  sammt
Cavallerie  und  Artillerie  blos  noch  etwa  24,000  M.  Allerdings  hatte
man  noch  die  Kaukasusarmee  und  die  irregulären  Truppen,  insbes.  die
verschiedenen  Kosakencorps,  —  auf  dem  Papiere  130  Regim.,  durchschn.
  von  880  M.,  und  31  Bataillone  und  eben  so  viele  Batterien,  zusammen ­
  ungefähr  150,000  M.,  doch  von  geringem  Werthe.
Der  »Russ.  Invalide«  brachte  1864  folgende  Zusammenstellung:
Die  Armee  umfasst  4  Hauptbestandtheile  ;  nemlich  :
A.  Die  erste  Activarmee:
1863  1864
Infanterie  304,422  094,511
Cavallerie  38,300  49,183
        <pb n="145" />
        RUSSLAND.  —  Militär  (Landmacht  .

123

1863  1864
Artillerie  41,734  4b,773
Genie  13,413  16,203
Zusammen  457,875*)  808,670
B.  Die  zweite  Activ-  Kaukasus-)  Armee:
Linienbataillone  .  .  80,455  74,561
Festungsregimenter  —  23,472
Festungsartillerie  .  .  19,830  29,892
Zusammen  100,285  127,925
C.  Reserven  etc.
Reserven  87,350  38,518
Innere  Wache  .  .  .  129,262  123,161
Detaschirte  Soldaten  .  32,390  30,200
Gendarmen  ....  3,994  6,511
Instructoren  ....  1,040  990
Zusammen  254,036  199,380
Totalsumme  .  812,196  1*135,975

D  Irreguläre  Truppen,  307,000  zum  Dienst  verpflichtete  Kosaken,
von  denen  177,460  sich  im  wirkl.  Dienst  befinden  (somit  oben  bereits  eingerechnet ­
  sind).
Die  Liste  über  die  erste  Activarmee  für  1864  muss  als  bedeutend
zu  hoch  angesehen  werden.**)  Es  scheint,  dass  man  die  Zahl  aller  diesem ­
  Haupttheile  des  Heeres  Zugewiesenen  dem  frühem  Bestand  beirechnete, ­
  ohne  die  grossen  Abgänge  in  Abzug  zu  bringen.  Ohnehin  haben
seitdem  sehr  ansehnliche  Entlassungen  stattgehabt,  und  so  dürfte  der
wirkliche  Stand  der  Activarmee  Ende  1864  wol  nicht  bedeutend  grösser
sein  als  der  für  1863  formell  aufgeführte.  Allerdings  ist  mittlerweile
der  grösste  Theil  der  Kaukasusarmee  verfügbar  geworden.  Bemerkenswerth ­
  erscheint  die  beinahe  vollständige  Erschöpfung  aller  Reserven  in
der  Liste  von  1864.  Durch  Entlassungen  aus  der  Activarmee  hat  diese
Zahl  natürl.  wieder  eine  starke  Vermehrung  erhalten.  ***)

*)  Da  die  Truppencorps  überall,  bes.  aber  in  Russl.,  auf  dem  Rapiere  bedeutend ­
  grösser  zu  sein  pflegen  als  in  Wirklichkeit,  so  mag  diese  Aufstellung
des  »Invaliden«  geradezu  als  Beweis  dienen,  dass  unsere  Berechnung  von  1862
der  Wirklichkeit  entsprach.  Auch  haben  wir  nur  eine  Position  als  zu  gering
bezeichnen  hören  ;  die  Zahl  der  Garden  soll  etwas  grösser,  dagegen  die  der  Kosaken ­
  in  sofern  kleiner  gewesen  sein,  als  die  im  wirkl.  Dienst  gestandenen  von
der  letzten  Abtheilung  hätten  abgerechnet  werden  müssen.
**)  Es  sei  wiederholt  erinnert,  dass  jede  Armee  auf  dem  Pmiiere  weit
grösser  zu  sein  pflegt  als  in  Wirklichkeit.  Welchen  absoluten  Werth  die
Listen  des  »Invaliden«  besitzen,  mag  man  aus  folg.  Notizen  entnehmen:  Nach
dem  »Invaliden«  vom  Febr.  1862  zählte  das  reguläre  Heer  im  J.  1859  357  Generale, ­
  30,051  Offieiere  und  850,225  Gemeine,  dagegen  wirklich  präsent  334  Generale, ­
  19,025  (hficiere  und  698,354  Gemeine.  »Die  Armee  war  damals  schon
bedeutend  reducirt,  denn  im  Jahre  1856  hatte  sie  440  Generale,  24,603  Officiere
und  974,556  Gemeine  gezählt,  wozu  noch  6033  Officiere  und  369,098  Gemeine
von  der  Volksbewatfnung  kamen.  Dabei  ist  die  irreguläre  Armee  nicht  mit  eingerechnet, ­
  die  1859  23  Generale,  2794  Officiere  und  338,381  Gemeine  zählte.
Ueberhaupt  betrug  die  Gesammtzahl  der  Armee  1856:  1*536,183  und  1859:
1*244,569  M.«  Solche  Zahlen  nehmen  sich  sehr  schön  auf  dem  Papier  aus,  entsprechen ­
  nun  aber  einmal  nicht  der  Wirklichkeit.
*•*)  Eine  kaiserl.  Entschliessung  vom  Aug.  1864  bestimmt  in  Kriegszeiten
den  Effectivstand  jedes  Infanterie-Bataillons  zu  900  M  und  jedes  Tirailleur-Bataillons
  zu  780  M.,  d.  h.  also  180  M.  per  Compagnie.  In  Triedenszeiten  ist
        <pb n="146" />
        124

RUSSLAND.  —  Militär  (Landmacht).

Festungen,  zusammen  32.  Ausser  den  festen  Seeplätzen  Kronstadt, ­
  Helsingfors,  Sweaborg  etc.  (Sebastopol  ist  zerstört),  —  sind  nur
die  Festungen  in  Polen  bedeutend;  Zamosk,  Modlin  oder  No  wo  Grigoriewski,
  Brzesk  Litewski  und  die  Citadelle  von  Warschau.  Wenig  ansehnlich ­
  sind  die  Werke  von  Petersburg,  Moskau,  Smolensk.  In  Kamtschatka ­
  ist  Petropawlowski  befestigt.  —  Die  an  der  kaukasischen  Küste
während  des  Krieges  zerstörten  festen  Plätze  (Anapa)  und  blosen  Kreposten
  (Erdaufwürfe)  sind  wahrscheinlich  wieder  hergerichtet.
Kriegsgeschichtliche  Notizen.  Das  russ.  Heer  soll  unter
Peter  I.  1712,  108,000,  bei  seinem  Tode  1725,  196,000  M.  gezählt
haben.  Zur  Zeit  des  siebenjährigen  Krieges,  als  die  Russen  zum  ersten
Male  in  Mitteleuropa  kämpften,  ward  ihre  reguläre  Macht  auf  162,750  M.
berechnet,  neml.  ;  30  Regim.  Cavallerie  (6  Kürassier-,  6  Grenad.-,  18
Dragoner-),  31,950,  und  50  Reg.  Infanterie  (4  Grenadiere,  46  Musketiere), ­
  130,800.  Hiezu  kamen  einige  Milizregimenter.  Katharina  II.
vermehrte  die  Armee.  Eine  Schätzung  von  1785  geht  bereits  auf  360,000
Mann.  —  Eine  Detailberechnung  von  1794  entziffert:
53  Regim.  und  19  Brig.  Cavallerie  81,200  M.
72  -  -  39  Bataill.  Infanterie  203,900  -
5  -  2  Comp.  Artillerie  27,700  -
130  Regim.  etc.  reguläre  Truppen  312,800  M.
Dazu  irreguläre  Truppen,  Kosaken,  Baschkiren  etc.  09,200  -
Garnisonscorps  00,000  -
Gesammtzahl  442,000  M.
Kaiser  Paul  vermehrte  das  Fussvolk,  verminderte  die  Reiterei.  —
Eine  Liste  von  1803  führt  394,200  M.  auf,  mit  Invaliden  und  irregulären ­
  Corps  (auf  dem  Papiere)  über  506,700  M.  —  In  den  beiden  Feldzügen ­
  von  1805  und  7  brachten  es  die  Russen  in  Deutschland  nie  über
SO  —  90,000  M.  Bei  Austerlitz  belief  sich  die  wirkliche  Stärke  der  Alliirten
  auf  nicht  ganz  80,000  M.,  wovon  15,700  Oesterreicher  (die
Franzosen  hatten  beiläufig  die  gleiche  Zahl).  —  Im  grossen  Kriege  gegen
Napoleon  1812  stellte  man  gewaltige  Listen  auf:
Reguläre  Truppen,  worunter  98,000  Garnisonssoklaten  u.  Invaliden  539,400  M.
Irreguläre  Truppen  100,000  -
Nationalmiliz  851,100  -
Zusammen  1’49(7,500  M.

der  Effectivstand  von  drei  verschiedenen  Arten  :  a)  der  verstärkte  Friedensstand
mit  080  M.  per  Bataillon  ;  b)  der  gewöhnliche  Friedensstand  mit  500  und  c)  der
beschränkte  Cadrestand  mit  320  M.  Für  die  Sappeurs  bestehen  nur  die  zwei
ersten  Gattungen  von  Friedensstand.  Eine  weitere  Veröffentlichung  des  Kriegsministeriums ­
  gibt  folgende  Data  über  die  Armeeeintheilung  :  In  Folge  der  Auflösung ­
  der  inneren  Garde  und  der  Bildung  von  stabilen  Truppen  besteht  die
Armee  nun  aus  mobilen  und  stabilen  Truppen.  Die  unbeweglichen  Truppen
bestehen:  a)  aus  70  Infanterie-Reserve-Bataulonen,  10  Tirailleurs-  und  3  Sappeurs-Reserve-Bataillonen,
  welche  sämmtlich  die  Bestimmung  haben,  die  Recruten
  auszurüsten  und  zu  unterrichten,  bis  sie  zur  Armee  einrücken  ;  ihr  Hauptzweck ­
  ist,  in  Kriegszeiten  die  active  Armee  zu  verstärken;  b  aus  Festungs-Truppen
  ;  c)  aus  Provinz-  und  Districts  -  Bataillonen,  welche  die  öffentliche
Sicherheit  beschützen  ;  d)  aus  Etappen  -  Abtheilungen  ,  denen  die  Escorte  der
Gefangenen  obliegt.  Zur  stabilen  Truppe  gehören  auch  die  Festungsartillerie,
die  zu  Festungsbauten  verwendeten  Abtheilungen  und  Strafcompagnien  und
die  activen,  im  Staatsdienste  verwendeten  Invalidencompagnien.
        <pb n="147" />
        RUSSLAND.  —  Militär  Landmacht).

125

Beim  Kampfbeginne  war  indess  die  russ.  Armee  weitaus  die  schwächere;
sie  betrug  (nach  den  Einzelangaben  in  »Toll's  Denkwürdigkeiten&amp;lt;î)  \

Truppen  in  erster  Linie:
Erste  Westarmee,  unter  Barclay  de  Tolly,  am  Niemen,  6  Infanterie-  u.  Mann
2  Cavallerie-Corps,  76,800  Infanterie,  17,450  Cavallerie,  10,000  Artillerie ­
  (mit  558  Geschützen),  zus.,  ungerechn.  6—7000  Kosaken  104,250
Zweite  Westarmee,  unter  Bagration,  bei  Slonym,  4  Infanterie-  und  2
Cavallerie-Corps  (mit  216  Kanonen),  unger.  4000  Kosaken  .  35,000
Reservearmee,  unter  Tormassow,  in  Volhynien,  mit  164  Kanonen  und
einer  Anzahl  Kosaken  .  36,000
Zusammen  in  erster  Linie  höchstens  175,000
reguläre  Soldaten  mit  938  Geschützen,  ungerechnet  die  vorerst  wenig  zu  gebrauchenden ­
  Kosaken.  —Dieser  vergleichsweise  schwachen  Macht  gegenüber  drang
Napoleon  mit  mehr  als  400,000  Mann  vor.
In  zweiter  Idnie  standen  unter  Sacken  42,500  M  Aus  dritter  Linie  erhielt ­
  die  Activarmee  allmälig  46,000  M.  Infanterie  und  9300  Reiter,  Recruten,
zur  Verstärkung.  Ausserdem  standen  in  Finland  unter  Steinheil  30,000  und  an
der  Donau  53,000  Mann.
So  vermochte  Russland  1812  niemals  300,000  M.  gleichzeitig  unter
die  Waffen  zu  bringen.  —  Bei  Smolensk  kämpften  121,118  M.,  wovon
höchstens  113,000  Linientruppen.  Bei  Borodino:
Baasen  Franzosen
Infanterie  .  .  72,000  82,000
Cavallerie  .  17,500  26,000  *)  Ausserdem  7000  Kosaken,  die
Artillerie  .  14,500  15,000  wenig,  und  Milizen,  die  hier  gar  nicht
Zus.  104,000*)  123,000  zu  gebrauchen  waren,
Geschütze  .  .  640  587
Die  Verluste  in  dieser  Schlacht  waren  ungeheuer  ;  bei  den  Franzosen ­
  28,000  und  31  —  35,000  Leichtverwundete;  bei  den  Russen  52,000
die  Hälfte  der  Armee,  wovon  nur  etwa  1000  gefangen.  Die  Franzosen ­
  kamen  blos  noch  95,000  M.  stark  nach  Moskau.  {Toll.)
Der  Feldzug  brachte  auch  das  russ.  Heer  beinahe  zur  Auflösung,
—  fast  so  sehr  wie  das  der  Franzosen.  Ganze  Compagnien  wurden  vernichtet ­
  ;  von  Bataillonen  blieben  2  —  3  M.  übrig  (Angabe  Butturlin’s,
Adjutanten  des  K.  Alexander)  ;  die  120,000  M.  der  Hauptarmee  unter
Kutusow  schmolzen  auf  35,000,  die  50,000  unter  Wittgenstein  auf
15,000  zusammen  ;  von  einer  aus  dem  Innern  Russlands  gesendeten  Verstärkung ­
  von  10,000  langten  1700  auf  dem  Kriegsschauplätze  zu  Wilna
an  (Angabe  des  engl  Commissärs  Sir  Robert  Wilson).  Toll  berechnet  :

Die  beiden  Westarmeen  betrugen  (abzügl.  des  Wittgenstein’schen  Corps
von  21,000):  die  erste  Westarmee  83,000,  die  zweite  35,000  =  .  .  118,000
An  Verstärkung  und  Ersatzmannschaften  erhielten  sie  ...  .  91,8(M)
Zusammen  209,800
In  Wilna  waren  Mitte  December  noch  bei  den  Fahnen  ....  .  40,290
Folglich  Abgang  von  Ende  Juni  bis  Mitte  December  169,510
In  den  Lazarethen  lagen  48,335  M.  Wenn  selbst,  was  erweislich  nicht  der
Fall  die  Mehrzahl  dieser  Erkrankten  genesen  wäre,  blieb  der  Venust  doch
noch  immer  grösser,  als  die  ursprüngliche  Zahl  der  Gesammtmannschaft.  Ein
Abgang  von  ‘Vti  der  gesammten  Mannschaft  ist  gewiss  unerhört.
Die  Napoleon  nachrückende  russ.  Armee  betrug  im  Jan.  1813  nur
noch  15,000  M.  {Toll).  Während  der  beiden  Feldzüge  von  ^13  und
1814  stieg  die  russ.  Truppenzahl  schwerlich  jemals  auf  150,000.  (Bei
        <pb n="148" />
        126

RUSSLAND.  —  Militär  (Landmacht).

Bautzen  standen  blos  82,652  Russen  und  Preussen  fast  100,000  Franzosen ­
  gegenüber.)  —  In  dem  Feldzuge  von  1828  gegen  die  Türken  erschienen ­
  die  Russen  am  Pruth  mit  80,000  M.,  denen  im  nächsten  Jahre
etwa  40,000  nachgesendet  wurden.  Als  das  Hauptcorps  nach  Adrianopel ­
  gelangte,  zählte  es  kaum  noch  15,000  Streitfähige;  es  wäre  verloren
gewesen,  wenn  die  ängstliche  Diplomatie  nicht  eilends  den  Frieden  vermittelt ­
  hätte.  —  »Von  115,000  Russen,  welche  1828  und  29  die  europäische ­
  Türkei  invahirten,  kamen  kaum  mehr  als  10  —15,000  über  den
Pruth  zurück.«  (Major  A/o/^Ä-e.)  /omm«'berechnet,  die  russ.  Armee  habe
in  diesen  beiden  Feldzügen  115,000  M.  verloren,  wovon  100,000  an
Krankheiten.  Schon  der  erste  Feldzug  raffte  40,000  Soldaten  weg.  yom
Mai  1828  bis  Febr.  1829  kamen  201,108  M.  in  die  Spitäler  und  Ambulancen
  ;  besonders  wüthete  zuletzt  die  eigentliche  Pest.  (S.  Boudin,
Géographie  et  Statistique  médicales.)  —  Der  Heldenkampf  Polens  im
J,  1831  zeigte  wieder  die  Schwäche  des  russ.  Heerwesens.  Es  bedurfte
der  äussersten  Anstrengungen  und  der  Unterstützung  von  Oesterreich
und  Preussen,  um  das  kleine  polnische  Heer  endlich  niederzuwerfen.  —
Im  ungarischen  Feldzuge  1849  erschien  eine  russ.  Hülfsarmee  von  etwa
120,000  M.  Da  sich  die  Magyaren  durch  die  Uebermacht  erdrückt
sahen,  so  kam  es  nicht  mehr  zu  Waffenthaten.  —  Der  Krimkrieg  bewies ­
  aufs  Neue  die  unvervvüstbare  Ausdauer  der  Soldaten,  aber  auch  die
Täuschungen  über  die  Stärke  des  Heeres,  und  die  Alles  durchwuchernden ­
  Missbräuche,  besonders  in  der  Verpflegung.  Da  in  den  amtlichen
Aufstellungen  schon  vor  dem  Kriege  1'200,000  M.  als  Militärpersonen
aufgeführt  wurden  (einschliessl.  200,000  Cantonnisten  oder  Soldatenkinder) ­
  ,  so  musste  die  geringe  Truppenzahl  auffallen,  welche  in  die  Donaufürstenthümer
  einrückte.  Allerdings  hatte  Russland  in  vielen,  weit
entfernten  Gegenden  für  Vertheidigung  zu  sorgen,  allein  auf  dem  1  lauptkampfplatze
  kamen  nie  200,000  M.  zugleich  zur  Verwendung.  Innerhalb ­
  20  Monaten  wurden  folgende  Aushebungen  angeordnet:  durch
Ukas  vom  :
10.  Febr.  1854,  0  M.  von  1000  in  den  westlichen  Provinzen,
9.  ^lai  —  0  —  —  —  —  —  östlichen  —
7.  Sept.  -  10-  -  -  -  -  westlichen
14.  Dec.  -  10  -  -  -  -  östlichen
10.  Febr.  18o5,  14  -  -  -  -  -  18  Gouvernements.  —  Reichswehr
41.  Mai  -  I
12.  Aug,  -  &amp;gt;14  ebenso  in  den  übrigen  Gouvernements.
7.  Get.  -  J
(!.  Mai  -  12  M.  von  1000  in  den  westlichen  Provinzen,
15.  Get.  -  10  -  -  -  -  sämmtl.  Gouvernements,  blos  7  ausgenommen.
Die  Reichswehr  brachte  372,000  M.  unter  die  Waffen  (eine
vorgängige  Schätzung  hatte  von  700,000  geredet);  sie  wurden  in  337
Druschinen  oder  Bataillone  getheilt  ;  die  zu  den  Reservebataillonen  cingezogene
  alte  Mannschaft  und  die  neuen  .Aushebungen  lieferten  zusammen ­
  (nur!)  307,000,  im  Ganzen  also  739,000  M.  (nach  einem  Berichte
des  Ministers  des  Innern  an  den  Kaiser),  —  eine  ungeheure  Menge,  indess
immerhin  blos  etwa  halb  so  zahlreich,  als  man  im  übrigen  Europa  annehmen ­
  mochte.  In  den  officiellen  Listen  ward  die  Truppenzahl  in  der
Krim  anfangs  1855  zu  250,000  mit  100,000  Pferden  angegeben.  Die
        <pb n="149" />
        RUSSLAND.  —  Militär  Seemacht).

127

Gesammtsumme  der  Soldaten  im  ganzen  Reiche,  für  welche  die  Intendantur ­
  zu  sorgen  hatte,  entzifferte  sich  1855  zu  845,900  M.  mit  187,360
Pferden,  1856  aber  an  beiden  zu  796,975  und  183,570.  Es  war  also
im  letzten  Jahre  nicht  mehr  möglich,  die  Masse  auf  der  frühem  Höhe  zu
erhalten.  Die  Verluste  stiegen  gewaltig.  Nach  einer  (angeblich  amtlichen) ­
  Zusammenstellung  soll  die  russ.  Armee  schon  bis  Ende  1854
111,132  M.  eingebüsst  haben,  wovon  29,204  Todte,  55,304  Verwundete, ­
  6,460  Vermisste,  16,156  an  Krankheiten  Gestorbene.  *)
Nach  dem  Friedensschlüsse  von  1856  erfolgten  grosse  Aenderungen
im  Heerwesen.  Man  fühlte  die  Nothwendigkeit  von  Ersparungen,  verminderte ­
  die  Zahl  der  Truppen,  suchte  aber  ihre  Qualität  zu  verbessern.
Dabei  Abkürzung  der  Dienstzeit  und  Freilassen  von  378,000  Soldatenkindem
  aus  dem  bisherigen  Verbände.  Der  poln.  Aufstand,  1862  u.  63,
nöthigte  zu  neuen  Anstrengungen.  Nach  dessen  Niederwerfen  und  der
Besiegung  der  Kaukasus  Völker  erfolgte  eine  starke  Verminderung  des
Heeres.  Gleichwol  sind  die  Kosten  noch  immer  ungemein  gross
(s.  Finanzen).
Seemacht.  Die  Dienstzeit  der  Matrosen  wurde  ^Sept.  1859)  von
22  auf  14  Jahre  herabgesetzt.  Der  Stand  der  stark  vermehrten  Flotte
betrug  Mitte  1862  (nach  dem  russischen  Marine-Journal)  248  Dampfer ­
  und  62  Segelschiffe,  unter  den  Ersten  9  Linienschiffe  und
12  Freg.,  unter  den  Letzten  9  Liniensch.  und  5  Freg.  Die  Dampfer
mit  37,007  Pferdekr.  und  2387  Kan.,  die  Segler  mit  1304  Kan.  Zus.
310  Schiffe  mit  3691  Kan.  —  Ausserdem;  300  Hafen-  und  Transportschiffe. ­

Der  Bau  von  Panzerschiffen  ward  1861  mit  dem  Kanonenboot  Opyt
begonnen.  Im  J.  1864  sollten  vollendet  werden:  2  Panzerfregatten  von
28  und  26  Kan.  ,  jede  zu  800  Pferdekr.  ;  3  Panzerbatterien  von  je
26  Kan.,  zur  Küstenvertheidigung  ;  1  0  Monitors  ,  davon  1  mit  2  Thürmen ­
  ,  die  übrigen  mit  1,  auf  jeden  Thurm  1  Geschütz.  Ausserdem  sind
I  3  Panzerflösse  vorhanden.  Diese  sämmtl.  Panzerschiffe  im  Bait.  Meere.

*)  Die  letzte  Zahl  ist  gewiss  weitaus  zu  gering  ;  wahrscheinlich  sind  nur  die
Soldaten  in  den,  dem  Kampfplatze  unmittelbar  angrenzenden  Lazarethen  berücksichtigt ­
  ;  ausgeschlossen  sind  ohnehin  die  Verluste  der  kaukas.  Armee  und
jene  der  irregulären  Tiuppen,  der  Kosaken  etc.  In  Simferopol  allein,  allerdings
dem  Ilauptsjiitale  für  Senastopol,  starben  vom  April  1855  bis  Juli  185Ü  über
40,00&amp;lt;»  M.  ;  überdies  gingen  von  da  gegen  300  'Iransporte  mit  etwa  100,000
Kranken  nach  andern  Orten  in  der  Nähe  ab.  Aehnliches  gilt  von  ßaktsehisarai
und  Perekop,  weiteren  Sammelplätzen  für  Krankentransporte.  Das  Pariser  Puy«
berechnete  die  Verluste  der  russ.  Landarmee  auf  277,000;  ausserdem  habe  die
Flotte  des  Schwarzen  Meeres  von  38,400  volle  23,000  verloren.  —  Ein  Beispiel,
in  welchem  Maasse  die  Verpflegung  schlecht  war:  Von  400  Recruten,  welche
aus  der  Gegend  von  Sacnodien  nach  dem  Dniepr  ziehen  sollten,  kamen  blos  78
in  Kiew  an  ln  Nicolajeff  und  anderwärts  zündete  man  Magazine  an,  um  die
Entdeckung  zu  verhüten,  dass  unter  das  Mehl  in  den  Tonnen  Gv^is  gemischt
war.  —  In  einer  Decembernacht  verliess  das  Reser\ebataillon  der  14.  Dirision
Odessa,  und  verlor  auf  einem  zweimeiligen  Marsche  200  Mann  (ein  gelinder  Frost
hatte  den  Morast  des  Weges  gerade  so  weit  verdichtet,  dass  die  I&amp;gt;eute  vor  Erschöpfung, ­
  zum  Th  eil  stehend,  in  demselben  starben).  —  Zufolge  Berichtes  des
Ministers  des  Innern  mussten,  nach  dem  Abzüge  der  Feinde  aus  der  Krim,  um
das  I,and  zu  säubern,  gegen  200,000  Stück  todtes  Zugvieh  blos  von  den  Strassen
hinweggeschafft  und  vergraben  werden.
        <pb n="150" />
        128  RUSSLAND.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  HandelsverhâltuÍ9.se.

Im  J.  1859  hatte  die  Flotte  erst  wieder  227  Fahrzeuge,  wovon
186  Dampfer.  Es  befanden  sich  161  im  Baltischen,  6  imWeissen,  17
im  Kaspischen,  33  im  Schwarzen  und  10  im  grossen  Stillen  Meere.*)

Sociale,  (iewerbs-  und  Handelsverhältnisse.
Allgemeine  Bemerkungen.  Russland  befindet  sich  in  einer  der  gewaltigsten ­
  socialen  Uebergangsperioden.  Um  den  Ungeheuern  Fortschritt
richtig  zu  bemessen,  den  das  colossale  Reich  begonnen  hat,  muss  man
sich  zunächst  den  Zustand  vergegenwärtigen,  welcher  bis  nach  Beendigung ­
  des  Krimkrieges  bestand.  Von  dem  gesammten  urbaren  Lande
gehörten  etwa  der  Krone,  dem  Adel  oder  Stiftungen,  und  fast  die
ganze  Masse  des  Volkes  war  leibeigen  oder  mindestens  unfrei.  —
Ueber  die  betr.  Ergebnisse  der  letzten  Zählung  liegen  uns  zwei  nicht
ganz  übereinstimmende  Angaben  vor.  Nach  einer  Veröffentlichung  im
»Journ.  des  Ministeriums  des  Innern«  gehörten:
Männer  Frauen
437,326  436,828  zum  Erb-oder  Personaladel,
9,074  7,764  zur  Classe  der  Ehrenbürger,
223,514  208,320  zum  Kaufmannsstande,
281,501  315,027  zum  geistlichen  Stande  der  orthodoxen  Kirche,
3*043,987  3*104,758  waren  steuerfrei,
9*803,201  10*370,957  waren  eigentliche  Leibeigene.
Eine  Veröffentlichung  des  Geheimr.  Troinitzki  (Mitglieds  des  statist.
Centralcomité’s)  brachte  auf  Grundlage  der  nemlichen  letzten  Zählung
folg.  Resultate:  Zahl  der  Leibeigenen  23’069,631,  nemlich  H’244,913
männl.  u.  11  824,718  weibl.,  —  sonach  34,39  Proc.  der  Bevölkerung.
Dabei  waren  aber  die  blos  dem  Namen  nach  freien  s.  g.  Krön-  und  Apanagebauern ­
  nicht  eingerechnet.  Man  zählte  bei  der  vorigen  Aufnahme ­
  9*457,000  männl.  Krön-  und  2*234,800  männl.  Apanagebauern;
ferner  (damals)  132,300  Handelsleute  und  1*434,700  »Bürger.«  (Von
der  letzten  Aufnahme  fehlen  uns  die  dessfallsigen  Nachweise.)  —  Von

*)  Vor  dem  letzten  Kriege  war  die  Seemacht  in  die  des  Baltischen  und  jene
des  Schwarzen  Meeres  getheilt,  erste  von  3,  letzte  von  2  Divisionen,  zus  mit
45  Linienschiffen,  30  Fregatten,  20  Briggs  etc.  Die  Zahl  der  Seeleute  ward  zu
42,000  angegeben.  Die  Schiffe  waren  meistens  schlecht  (sogar  aus  weichem
Holze  erbaut)  ;  die  Bemannung  eben  so  übel,  unter  ihr  viele  Juden  die  beste
Mannschaft.  Als  vorzüglichster  Tbeil  galt  die  Flotte  des  Schwarzen  Meeres.
Diese  ward  bekanntlich  durch  die  Russen  selbst  im  Hafen  von  Sebastopol  zerstört. ­
  Die  Stärke  der  vernichteten  Flotte  ward  in  dem  Militärblatte  »Wojenny
Listok«  so  angegeben  :  18  Linienschiffe  mit  1628  Kanonen  (4  zu  110  bis  120  12
von  80  —  100  und  2  Reservelinienschiffe  von  80  Kan.)  ;  12  Fregatten  von  52  —
56  Kan.  ;  40  Segelschiffe  zweiten  (dritten)  Ranges  von  je  10  Kan.  ;  endlich  15
Kriegsdampfer,  von  denen  etwa  die  Hälfte  vom  Range  einer  Fregatte  und  mit
Bombenkanonen  bewaffnet.  Die  ganze  Pontusfiotte  trug  2800  K.  —  Nach  dem
Pariser  Friedensvertrage  von  1856  darf  keine  Kriegsflotte  auf  dem  Schwarzen
Meere  bestehen.  Zufolge  Uebereinkunft  zwischen  Russland  und  der  Pforte  hält
jeder  dieser  beiden  Staaten  blos  6  leichte  Kriegsschiffe  in  demselben,  während
England,  Frankreich  und  Oesterreich  je  2  solcher  Fahrzeuge  an  der  Donaumündung ­
  aufstellen  dürfen.  (Nach  obiger  Notiz  hat  Russland  das  vertragsnaässige
  Verhältniss  bereits  weit  überschritten,  eventuell  mit  dem  Vorwände,
die  Fahrzeuge  im  Azow*schen,  nicht  im  Schwarzen  Meere  zu  halten.)
        <pb n="151" />
        RUSSLAND.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.  129

den  Leibeigenen  kamen  (nach  Troinitzki)  22’558,748  auf  das  europ.
Russland,  506,545  auf  Transkaukasien  und  4,338  auf  Ssibirien.  Am
grössten  war  die  Zahl  der  Leibeigenen  in  den  Gouvernements  :  Kiew
ri  21,062  und  Podolien  1'041,621;  in  6  andern  je  über  750,000,  in  16
über  600,000  (im  Gouvem.  Moskau  621,312,  Petersb.  260,292).  In
2  Gouvernements  (Ssmolensk  und  Tula)  waren  69  Proc.  der  Bevölkerung
leibeigen,  in  5  weiteren  (Mohilew,  Kaluga,  Minsk,  Kutais  und  Podolien)
über  60%  ,  in  10  andern  über  50  %  ,  stets  ungerechnet  die  Krön  -  und
Apanagebauem,  Die  geringste  Zahl  ergab  sich  in  Bessarabien,  etwa
2  Proc.  —  103,194  Adelige,  deren  Güter  106’228,520  Dessjätinen
Land  umfassten  (davon  81’032,250  Dess.  Acker-  und  25’196,270  Dessj.
unbebautes  Land),  besassen  10’683,853  männliche  Leibeigene,  welche
Letzten  von  obigem  Ackerlande  etwa  33  Mill.  Dessj.  für  eigene  Rechnung ­
  und  48  Mill,  für  ihre  Herren  bebauten.  Von  jenen  Adelsgütern
waren  1859  44,166  mit  7’107,184  männliche  Seelen  für  die  Summe
von  425  503,061  S.-R.  verpfändet,  also  über  %  der  Güter  und  %  der
Leibeigenen.  Noch  in  den  Jahren  1856—59  wurden  an  60,000  Seelen
verpfändet.  —  12,288  männl.  Seelen  gehörten  3703  Edelleuten  die
gar  keine  Güter  besassen;  sie  waren  somit  Sclaven  in  der  eigentlichen
Bedeutung.  —  Nach  den  von  obigen  etwas  abweichenden  Angaben  Aug.
Jourdiers  war  die  Vertheilung  folgende:

mit  weniger  als  21  Leibeigenen
—  21  —  100  —
101—500
501—1000
-  mehr  als  1000
-  ohne  Grundbesitz  .  .  .

Besitzer
47,465
35,441
19,500
2,433
1,457
5,506
117,404

Männliche
Leibeigene
357,946
P62b,644
3*858,085
1*591,631
3*265,842
15,390
10*733,128

Ein  einziger  Adeliger  besass  etwa  150,000  Leibeigene  ;  Besitzer  von  mehr
als  20,000  rechnete  man  6,  von  10—20,000  23.

Ursprünglich  waren  nur  die  zahlreichen  Haus-  und  Hofleute,  aus
Kriegsgefangenen  und  deren  Nachkommen  bestehend,  Sclaven;  die  Bauern
aber  waren  freie  Pächter,  welche  jeden  Georgstag  (Juriews  -  Tag)  den
Pacht  aufgeben  und  weiter  ziehen  konnten.  Ein  Ukas  vom  21.  Nov.
1601  hob  die  Freizügigkeit  auf,  und  fesselte  den  Bauer  an  die  Scholle,
welche  er  am  letzten  Georgstage  bewohnt  hatte.  Dadurch  ward  er  indess
  noch  nicht  leibeigen.  Die  Leibeigenschaft  scheint  auch  nicht  durch
ausdrückliches  Gesetz,  sondern  durch  Missbrauch  der  Gewalt  seit  Peter  1.
eingeführt  worden  zu  sein.  Das  Loos  der  Unglücklichen  versclilimmerte
sich,  als  man  Fabriken  einführte  und  viele  von  ihnen  zwang  in  denselben ­
  zu  arbeiten.  Indessen  ergab  sich  meistens  ein  schlechter  Ertrag,
wenn  man  anders  nicht  die  Leibeigenen  für  ihre  Rechnung  arbeiten  Hess.
—  Da  bildete  sich  das  später  sehr  verbreitete  System  aus,  wona^  die
Unglücklichen  sich  selbst  Arbeit  suchen  durften,  dagegen  ihren  Herren
alljährlich  eine  gewisse  Summe  entrichten  mussten.  Da  der  Ackerbau
den  Russen  nicht  sehr  zusagt,  sie  vielmehr  ein  Wanderleben  oder  mindestens ­
  wechselnde  Beschäftigung  lieben,  so  wurden  viele  Leibeigene
Kaufleute,  Handwerker,  Fuhrleute,  Schiffer  etc.  Manche  erwarben  sich
Kolb,  Statistik.  4.  Aufl.  9
        <pb n="152" />
        130  RUSSLAND.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.

ansehnliche  Vermögen,  für  deren  Sicherheit  sie  freilich  kaum  eine  Garantie ­
  besassen.
Endlich  durchdrang  —  wenigstens  für  den  Ausländer  unerwartet
rasch  und  intensiv  —  die  Emancipationsfrage  auch  Russland.  Die
Regierung  musste  erkennen,  dass  es  in  dem  Ungeheuern  Reiche  an  der
Vorbedingung  eines  wahrhaft  kräftigen  Staates,  an  einem  freien  Bauernund
  einem  zahlreichen  Bürgerstand  fehle.  Der  Krimkrieg  insbesondere
hatte  ungeahnte  Schwächen  enthüllt.  Es  mochten  überdies  noch  andere
Wahrnehmungen  drängen.  Schon  seit  längerer  Zeit  hatte  die  Erbitterung ­
  gegen  die  Bedrückungen  und  Erpressungen  des  Adels  regelmässig
zu  vielen  vereinzelten,  localen  Ausbrüchen  geführt,  meist  von  den  schrecklichsten ­
  Barbareien  begleitet.  Nach  amtlichen  Erhebungen  kamen  alljährlich ­
  zwischen  00  und  SO  (durchschn.  7  3)  Fälle  vor,  in  denen  die
Adeligen  von  ihren  Bauern  ermordet  und  die  Schlösser  niedergebrannt
wurden.  Nach  einem  Berichte  des  Ministers  des  Innern  fanden  sich
schon  1855  alle  Gefängnisse  überfüllt;  die  Zahl  der  Sträflinge,  im  letzten ­
  Jahrzehnte  verdoppelt,  betrug  324,391.  Mit  der  Thronbesteigung
Alexander’s  II.  und  dem  Friedensschlüsse  ergab  sich  die  Bauernemancipation
  geradezu  als  Nothwendigkeit.  Doch  wurde  die  »Regelung  der
bürgerlichen  Verhältnisse«  erst  durch  Ukas  vom  29.  Dec.  1857  wirklich
angebahnt.  Die  Grundsätze,  auf  deren  Basis  der  Kaiser  die  Umgestaltung ­
  ausgeführt  wissen  wollte,  waren  :  Dem  Gutsherrn  bleibt  das  Recht
auf  sein  ganzes  Landgut,  die  Bauern  aber  behalten  ihre  eingefriedigten
Wohnstätten  und  geniessen  die  Befugniss,  diese  als  volles  Eigenthum
zu  erwerben  gegen  eine  Kaufsumme,  welche  in  einer  festgesetzten  Frist
bezahlt  werden  muss  ;  sie  haben  ferner  den  Niessbrauch  von  so  viel  Feld,
als  nach  den  localen  Verhältnissen  nöthig  ist,  um  ihre  Existenz  zu
sichern  und  sie  in  den  Stand  zu  setzen,  ihren  Verpflichtungen  gegen
den  Staat  und  den  Grundherrn  nachzukommen.  Für  diesen  Niessbrauch
sind  die  Bauern  gehalten,  eine  Zinsleistung  an  den  Grundherrn  zu  entrichten ­
  oder  statt  dessen  für  ihn  zu  arbeiten.  —  Der  Minister  des  Innern ­
  erklärte  in  einer  Instruction  ;  Die  Aufhebung  der  Leibeigenschaft
darf  nicht  auf  einmal,  sondern  nur  stufenweise  geschehen.  Zu  diesem
Zwecke  müssen  die  Bauern  Anfangs  in  einem  Uebergangszustande,  d.  h.
mehr  oder  weniger  an  die  Scholle  gebunden  sein  ;  erst  wenn  die  Regierung ­
  ihnen  erlaubt,  unter  gewissen  Bedingungen  eine  Oertlichkeit  mit
der  andern  zu  vertauschen,  werden  sie  schliesslich  freie  I,eute.  Für  diesen ­
  Uebergangszustand  ist  es  nöthig,  eine  Frist  zu  bestimmen,  welche
zwölf  Jahre  nicht  zu  überschreiten  hat.  —  Nach  mancherlei  Verhandlungen ­
  mit  dem  Adel,  Berathungen  von  Commissionen  u.  s.  f.  wurde
ein  vom  19.  Febr.  1801  datirtes  kaiserl.  Manifest  behufs  des  Vollzuges
veröffentlicht.  Darnach  werden  die  Bauern  persönlich  frei,  und  die  Adeligen ­
  treten  ihnen  Grundstücke  zur  Sicherstellung  ihrer  Existenz  gegen
einei^  Grundzins  ab,  welcher  letzte  ablösbar  ist.  »Da  aber  die  neue  Organisation ­
  in  Folge  unvermeidlicher  Verwicklungen  nicht  sofort  in  Ausführung ­
  gebracht  werden  kann,  da  sie  einen  Zeitraum  von  wenigstens
zwei  Jahren  erheischt,  so  soll  während  dieser  Zwischenzeit  das  gegenwärtig ­
  noch  für  das  Eigenthum  der  Adeligen  bestehende  Verhältniss
aufrecht  erhalten  werden,  bis  eine  neue  gesetzliche  Ordnung  durch  die
        <pb n="153" />
        RUSSLAND.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.  131
Beendigung  der  erforderlichen  vorbereitenden  Massregeln  eingeführt  sein
wird.«  Mittlerweile  bleiben  die  Leibeigenen  »temporär  pflichtige  Bauern«  ;
Alles,  was  sie  an  Hütte  und  Grundeigenthum  erhalten,  müssen  sie  bezahlen. ­
  Die  Befugniss,  sie  körperlich  zu  züchtigen,  ging  von  einzelnen
Adeligen  an  die  Behörden  über.  Auch  erhielten  die  Bauern  das  Recht,
sich  ohne  Zustimmung  ihrer  Herren  zu  verheirathen,  ferner  Vermögen
zu  erwerben,  zu  testiren,  zu  kaufen  und  zu  verkaufen.  Die  Ablösung
findet  in  folgender  Weise  statt.  Der  Betrag  der  bisherigen  Leistung  des
Leibeigenen  wird  wie  ein  (iprocentiger  Zins  betrachtet  und  capitalisirt  ;
der  Berechtigte  erhält  also  für  je  (»  Rubel,  die  er  bis  jetzt  jährlich  empfing, ­
  ein  Capital  von  lOO  R.  Hievon  haben  die  Bauern  20  Proc.  unmittelbar ­
  an  ihre  Herren  abzutragen  ;  für  die  übrigen  80  Proc.  gibt  ihnen
die  Regierung  theils  Schatzscheine,  theils  garantirte  Certificate,  beide
5  Proc.  Zins  tragend,  deren  Erste  auf  den  Inhaber,  die  Letzten  aber  auf
den  Namen  lauten  und  überdies  nur  unter  Förmlichkeiten  wie  ein  Grundeigenthum ­
  übertragen  werden  können.  Alle  5  Jahre  wird  ein  Drittheil
der  garantirten  Certificate  gegen  Schatzscheine  umgetauscht,  so  dass  diese
Certificate  nach  15  Jahren  vollständig  eingezogen  sein  sollen.  Die  Bauern
ihrerseits  haben  der  Regierung  für  deren  Vorschuss  49  Jahre  lang  jährl.
fl  Proc.  dieser  vorgelegten  Beträge  zu  entrichten,  womit  die  Verzinsung
und  Amortisation  gedeckt  wird.  —  Die  ganze  Einrichtung  ist  als
sehr  drückend  für  die  Bauern  bezeichnet  worden.  Gleichwol  geht  die
Ablösung  in  gewaltiger  Ausdehnung  vor  sich.  Die  Listen  zerfallen  in
zwei  Kategorien:  in  die  der  grossen  oder  kleinen  Güter,  d.  h.  mit  21
oder  weniger  männl.  Bauern.  Was  die  erste  dieser  Classen  betrifft,  so
waren  im  Juli  1804  nur  acht  Grundbücher  (in  den  Gouvernements  Kostroma ­
  und  Nowgorod)  noch  nicht  in  Wirksamkeit  getreten.  Die  111,508
in  Wirksamkeit  getretenen  beziehen  »ich  auf  Güter,  auf  welchen  gegen
lO’OlO,220  Bauern  leben,  d.h.  99,79%  aller  auf  grössernGütern  überhaupt ­
  lebenden  Bauern  (10’((1  3,478).  Ausführlichere  Nachrichten  sind
über  109,758  dieser  Grundbücher,  auf  9  770,017  Bauern  bezüglich,
vorhanden.  Von  denselben  lassen  74,323,  auf  5’2G6,311  Bauern  bezüglich ­
  ,  noch  gewisse  Pflichtverhältnisse  fortbestehen,  während  durch
35,435  andere,  auf  4'509,700  Bauern  bezüglich,  jedes  Pflichtverhältniss
aufgehoben  wird.  Von  den  Bauern,  deren  Pflichtverhältniss  gelöst  worden, ­
  hatten  bereits  2'052,01  0  ihre  Grundstücke  zu  ihrem  vollen  Eigenthum ­
  gemacht,  und  zwar  428,570  ohne,  die  andern  mit  Mitwirkung  der
Regierung.  Von  den  unter  Mitwirkung  der  Regierung  zu  Stande  gekommenen ­
  und  durch  das  Loskaufsetablissement  bestätigten  13,030
Acten  und  Contractcn  kommen:  1)  auf  die  Güter  mit  Grundzins  8201
Contracte  mit  989,330  Bauern,  3’185.508  Dessj.  Land  und  einem  Loskaufsdarlehen ­
  von  101894,957  R.  2)  Auf  die  Güter  mit  Frohnleistung
5059  Contracte  mit  590,999  Bauern,  1’887,401  Dess.  Land  und  einem
Loskaufsdarlehen  von  59*103,755  R.  3)  Auf  die  Güter  in  den  nordwestlichen ­
  Gouvernements,  für  welche  der  Loskauf  durch  das  Edict  vom
1.  März  1803  obligatorisch  geworden,  370  Acte  mit  43,705  Bauern,
150,437  Dessj.  Land  und  einem  Loskaufsdarlehen  von  2*855,803  R.
Es  waren  also  im  Ganzen  unter  Mitwirkung  der  Regierung  5*223,400
Eessj.  Land  Eigenthum  der  Bauern  geworden,  auf  welches  ein  Loskaufs-9*
        <pb n="154" />
        1  32  IIUSSLAND.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.
dariehen  von  163’854,465  R.  kam.  —  Von  den  für  die  kleinen  Güter
bestimmten  Registern  waren  damals  17,558  angefertigt  und  nur  46  im
Rückstände,  —  die  ersten  mit  180,417  Bauern  (99,7%  aller  auf  kleinen ­
  Gütern  lebenden  Bauern).  Davon  waren  4704  Güter  mit  33,906
Bauern  in  den  Besitz  des  Staats  übergegangen,  welcher  dafür  eine  Entschädigung ­
  von  4’978,195  R.  geleistet  hatte.
Eine  Art  Mittelstellung  zwischen  Freien  und  Leibeigenen  nahmen
früher  die  Krön-  und  Apanagebauern  ein,  jedenfalls  über  2  Mill,  märml.
Einw,  Durch  Ukas  vom  8.  Juli  1863  wurde  verfügt,  dass  sie  innerhalb
2  Jahre  in  die  Reihe  der  bäuerl.  Landeigenthümer  zu  treten  hätten,
wofür  sie  während  der  nächsten  49  Jahre  einen  dem  bisherigen  Obrok
sammt  Annuität  entsprechenden  Kaufpreis  zu  entrichten  hätten.
Nach  glaubwürdigen  Nachrichten  ist  die  grosse  Massregel  der
Bauernemancipation  entschieden  gelungen  und  erweist  sich  schon  jetzt
als  ungemein  wirksam.  Der  Werth  der  Grundstücke  steigt  ;  es  kommen
neue  Ackergeräthe  zur  Anwendung  ;  mehr  neue  Häuser  erstehen  auf  dem
Lande  in  einem  Jahre  als  sonst  in  einem  Jahrzehnt.  Auch  wird  rühmend
erwähnt,  dass  die  Bauern  viele  (angebl.  8000)  Schulen  aus  eigenen  Mitteln ­
  errichtet  hätten.
In  den  deutschen  Ostseeprovinzen  ist,  auf  Antrag  der  Stände,  die
Leibeigenschaft  nominell  längst  aufgehoben  (Ukasen  vom  6.  Juni  1816
und  6.  Jan.  1820).  Die  Bauern  wurden  allerdings  persönlich  frei,  können ­
  aber  keine  Güter  erwerben.  Ihr  Zustand  ist  ein  durchaus  unbefriedigender, ­
  so  dass,  als  der  Grundsatz  der  Emancipation  in  Russland  ausgesprochen ­
  ward,  unter  den  Bauern  der  Ostseeprovinzen  sehr  allgemein
der  Glaube  sich  verbreitete,  der  Kaiser  habe  sie  nun  »frei«  erklärt.
Im  Königr.  Polen  fand  sich  die  Leibeigenschaft  seit  1807  aufgehoben, ­
  d.h.  seit  Gründung  des  Herzogthums  Warschau  und  Einführung
des  modificirten  Code  Napoléon).  Die  Bauern  wurden,  gegen  Ueberlassung
  der  Felder,  zu  Frohndiensten  verpflichtet.  Das  Verhältniss  blieb
ein  durchaus  unbefriedigendes.  Auch  als  die  Frohndienste  vom  1.  Oct.
1861  an  abgeschafft  wurden,  erhielten  die  Bauern  das  Land  nicht  als
freies  Eigenthum,  sondern  blos  in  Erbpacht  [Emphytetisis],  und  wurden
dafür  zur  Zahlung  eines  ewigen  Grundzinses  verpflichtet.  —  Endlich
veranlasste  der  letzte  poln.  Aufstand  die  russ.  Regierung  aus  politischen
Gründen  (zur  Belohnung  der  Bauern  für  ihre  gute  Haltung  —  in  Wirklichkeit ­
  um  die  Macht  des  Adels  und  theilweise  auch  des  Clerus  zu
brechen)  zu  äusserst  durchgreifenden  Massregeln.  Vier  Ukase  vom
2.  März  1864  bestimmten  ;  Mit  dem  Tage  des  Erlasses  werden  die  Bauern
Eigenthümer  aller  Ländereien,  die  sie  innehaben.  Sie  sind  von  allen  bisherigen ­
  Leistungen  an  die  Gutsbesitzer  entbunden.  Sie  können  sogar
innerhalb  dreier  Jahre  die  Ländereien  zurückfordern,  die  sie  seit  dem
Ukas  vom  2b.  Mai  1846  einmal  im  Besitz  gehabt  haben,  wenn  sie  wieder ­
  in  den  Besitz  des  Eigenthümers  gekommen  sind,  und  wenn  sie  andere ­
  dafür  erhalten  haben,  dürfen  sie  diese  gegen  jene  austauschen.  Mit
dem  Eigenthum  am  Boden  erhalten  sie  auch  das  an  Gebäuden,  Vieh,
Werkzeugen,  Aussaat  u.  s.  w.  Sie  bewahren  den  Genuss  der  bestehenden ­
  Servituten,  und  können  diejenigen  revindiciren,  welche  ihnen  durch
erzwungenen  Nichtgebrauch  entzogen  worden  sind.  Sie  haben  auch  das
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        RUSSLAND.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.  133
Eigenthum  an  den  unterirdischen  Producten.  Jagd  und  Fischerei  auf
den  Ländern  der  Bauern  gehören  den  Gemeinden,  ebenso  die  Schankgerechtigkeit ­
  (doch  gehen  die  Einkünfte  dieser  vorläufig  an  den  Staat,  zur
theilweisen  Entschädigung  der  Gutsbesitzer).  An  die  Stelle  der  mannichfachen
  bisherigen  Abgaben  der  Bauern  an  den  Grundbesitzer  tritt  eine
Grundsteuer  an  den  Staat,  welche  aber  nur  zwei  Drittel  der  bisherigen
Lasten  beträgt.  Die  Gutsbesitzer  werden  in  der  Art  entschädigt,  dass
ihre  bisherigen  Einnahmen  aus  Frohndienst  und  Abgaben  geschätzt  werden. ­
  Von  den  ersteren  wird  %,  von  den  andern  ‘4  abgestrichen,  dann
das  Ganze  zu  6  Proc.  capitalisirt  (d.  h.  mit  lfi%  multiplicirt)  und  ihnen
dafür  Verschreibungen  gegeben,  die  aber  nur  mit  4  Proc.  verzinst  und
mit  1  Proc,  amortisirt  werden.  (Durch  diese  verschiedenen  Manipulationen, ­
  erst  Abzug,  dann  Capitalisirung  blos  im  16%fachen  Betrage,
endl.  Vergütung  in  4proc.  Papieren,  sank  ein  Einkommen  von  1000  R.
gerade  auf  500  herab.)
Gemeindeverband.  Mit  einem  ganz  eigenthümlichen,  wahrhaft  socialistischen
  Bande  umfasst  die  Gemeinde  ihre  sämmtlichen  Angehörigen. ­
  Die  slavische  Einrichtung  schliesst  die  Autonomie  des  einzelnen
Individuums  aus.  Die  Feldmark,  in  ihrem  ganzen  Umfange,  ist  nicht
Eigenthum  der  Einzelnen,  sondern  der  Gesammtheit,  der  Gemeinde.
Jede  lebende  männliche  Seele  (denn  auch  hier  zählt  das  Weib  nicht)
hat  einen  Anspruch  auf  den  ganz  gleichen  Antheil  an  allen  Nutzungen
des  Bodens.  Jeder  eben  geborene  Knabe  hat  diesen  Anspruch  von  seiner
Geburt  an,  sein  Vater  tritt  für  ihn  ein.  Dagegen  fällt  der  jedes  Todten
augenblicklich  wieder  der  Gemeinschaft  zu.  Ein  Vererben  nach  unsern
Begriffen  findet  nicht  statt.  Waldungen.  Weiden,  Jagd  und  Fischerei
bleiben,  wie  Luft  und  Wasser,  völlig  ungetheilt.  Aecker  und  Wiesen
werden  unter  sämmtliche  männliche  Ortsangehörigen  vertheilt,  meist  verloost.
  In  der  Regel  hält  man  Reserveland  für  Nachkommende  bereit.  —
Dieses  System  gleichmässiger  Nutzung  (natürlich  auch  gleichmässiger
Leistung)  ward  von  jeher  angewendet,  gleichviel  ob  die  Gemeinde  freie
Eigenthümerin  war  (wie  alle  Kosakengemeinden),  oder  blos  Besitzerin ­
  (wie  auf  den  Kronländern),  oder  nur  Inhaberin  (wie  in  den  leibeigenen ­
  Communen).  Meistens  hatten  die  Leibeigenen  eine  bestimmte
Geldabgabe  zu  entrichten  (den  Obrok).  Häufig  vermochten  die  Bauern
deren  Betrag  nicht  mehr  zu  erschwingen.  Da  kam  man  zu  einer  Theilung
  des  Grundeigenthums.  Der  Gutslien  zog  %  oder  ‘4  des  Bodens
an  sich  und  überliess  den  Rest  an  die  Gemeinde  zu  ihrer  Ernährung,
wogegen  sie  ihm  den  ersten  Theil  kostenfrei  bebauen  (selbst  düngen  und
besäen)  musste.  Natürlich  änderte  sich  dieses  ganze  Verhältniss  mit
der  oben  geschilderten  Umgestaltung  der  bäuerl.  Zustände.  —  Ein  eigentliches ­
  Proletariat  kann  bei  den  erwähnten  Einrichtungen  nicht
entstehen:  ebensowenig  ist  aber  auch  ein  Aufschwung,  eine  gehörige
Entwicklung  selbst  nur  im  Ackerbaue  möglich,  so  weit  die  Bebauer  des
Bodens  nicht  freie  Eigenthümer  zu  werden  vermögen.  —  Den  Polen
ist  durch  Ukas  vom  2.  März  1804  eine  der  russischen  nachgebildete,
somit  auf  Grundlage  der  Selbstverwaltung  beruhende  Gemeindeordnung
verliehen  worden.  Zweck  ist  auch  hiebei  :  Brechen  der  Macht  des  Adels
und  der  Geistlichkeit,  allerdings  aber  auch  der  Nationalität.
        <pb n="156" />
        134  llüSSLANI).  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Ilandelsverhältnis.se.

Beamtenthmn  und  Adel.  Zu  einer  eigenen  Kaste  hat  sich  das  Beamtenthum ­
  ausgebildet.  Den  Provinzen,  in  denen  sie  verwendet  werden,
meistens  nicht  angehörend,  bleiben  die  Angestellten  schon  wegen  ihrer
(in  der  Regel  blos  übertünchten)  Bildung  dem  Volke  völlig  fremd,  und
wegen  ihrer  Aufgabe  an  sich,  noch  weit  mehr  aber  wegen  häufig  vorkommender ­
  Feilheit  und  Bestechlichkeit,  demselben  tödtlich  verhasst.
Daher  kommt  es,  dass  die  Anordnungen  von  oben  in  der  Regel  einem
eigenthümlichen  passiven  Widerstande  im  Volke  begegnen  und  nur
höchst  selten  von  diesem  gefördert  werden.  —  Beamtenhierarchie  und
Adel  haben  sich  verschwistert.  In  keinem  Lande  findet  man  grössere
Gegensätze  von  Abgeschliffenheit  und  Uncultur.  Jene  Abgeschliffenheit
hat  aber  für  die  Nation  meist  nichts  Anderes,  als  die  Kunst  grösserer
Erpressungen  und  Bedrückungen,  sonach  fast  nur  Laster  hervorgebracht.
»Zu  jämmerlich,  um  als  Fortschritt  in  der  Bildung  gelten  zu  können,
war  sie  hinreichend,  um  alles  Edle  und  Nationale  im  Innern  des  Menschen ­
  zu  zerstören  .  .  .  Jeder,  der  sich  diese  Abglättung  erworben,  trat
in  den  Staatsdienst  und  erwarb  sich  dadurch  den  Adel,  und  da  alles  äussere ­
  Ansehen,  wie  alle  reelle  Macht  sich  in  dieser  gefährlichen  Beamtenhierarchie ­
  concentrirto,  ausser  ihr  keine  Ehre,  keine  Macht  zu  erwerben
war,  ja  man  nicht  einmal  ausserhalb  ihres  Kreises  dem  Kaiser  und  dem
Vater  lande  zu  dienen  vermochte,  so  trat  Alles,  was  selbst  zum  alten  Adel
gehörte.  in  die  Reihen  der  Beamten  und  ward  mehr  oder  weniger  von
dem  hier  herrschenden  Geiste  der  Verdorbenheit  angesteckt.  —  So  ist
es  denn  gekommen,  dass  der  Adel  in  Russland  zu  einem  Volke  angeschwollen ­
  ist  ;  zu  einem  Volke  der  Herren,  im  Gegensätze  zu  dem  altruss.
  Volke  der  Knechte,  durch  eine  fremde  Bildung,  durch  fremde
Lebensanschauungen  ^  durch  fremde  Sitten  und  Kleidung  von  diesem
Volke  getrennt,  und  nur  durch  Religion  und  Sprache  mit  ihm  vereinigt.«
(So  spricht  selbst  Haxthausen,  der  Bewunderer  Russlands.)
Volksbildung.  Die  Volksbildung  ward  früher  mehr  gehemmt  als  befördert. ­
  Es  war  Grundsatz,  dass  der  Leibeigene  nicht  zu  viel  lernen
dürfe.  Nach  den  amtl.  »statist.  Tabellen  des  russ.  Reiches«  zählte  man
1850  (mit  Einschluss  des  Kaukasus  und  Ssibiriens)  8227  Schulen  und
450,002  Schüler.  Es  kam  also  1  Schüler  auf  143  Einwohner,  während
Einer  in  Oesterreich  auf  14  Einw.  gerechnet  wurde,  in  Frankreich  1  auf
11,  in  Grossbritanien  auf  9,  in  Preussen  (und  dem  grössten  Theile  von
Deutschland)  schon  auf  0,7.  —  Der  Etat  des  gesammten  Unterrichtsministeriums ­
  belief  sich  1857  nur  auf  2,9  (jetzt  0,1)  Mill.  Die  emancipirten
Bauern  sollen  bereits  viel  für  Verbesserung  des  Schulwesens  gethan
haben.  —  Die  0  russ.  Universitäten  zählten  Ende  1803  4901  Studenten, ­
  ungerechnet  die  blosen  Auditoren  (Moskau  1892,  Charkow  703,
St.  Petersburg  072,  Kiew  04  7,  Dorpat  508,  Kasan  419).
Presse.  Im  J.  1855  erschienen  in  Russland  1240,  im  J.  1857
1425  und  1858  15//  Originalschriften,  ferner  im  letztgenannten  Jahre
284  Uebersetzungen  und  105  periodische  Schriften,  sodann  550  Bücher
und  Broschüren  in  Polen.  Eingeführt  wurden  in  jenen  drei  Jahren
1  191,745,  dann  1  013,802  und  1  014,874  Bände  oder  Hefte,  ferner
173,857  in  Polen:  1855  wurden  1  1,000  nicht  eingelassen.  —  Die  Zahl
der  Zeitungen,  1858  109,  neben  95  Zeitschriften,  stieg  1800  auf  142
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        RUSSLAND.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handels  Verhältnisse.

135

und  310;  von  den  letzten  waren  230  in  russ.  Sprache,  38  deutsch,  29
franz.,  5  armenisch,  2  englisch  (Schiffslisten),  3  lettisch,  2  esthnisch,
1  georgisch,  2  russ.-deutsch,  2  russ.-franz.  etc.
Mangel  an  Verkehrsmitteln.  Russland  ist  bekanntlich  ein  Getreide
erzeugendes  Land.  Allein  abgesehen  von  den  in  ihren  W  irkungen  natOrl.
  noch  nicht  überwundenen  frühem  socialen  Missständen,  kann  man
die  natürlichen  Vortheile  nur  wenig  benützen.  Es  fehlt  nicht  etwa  blos
an  guten,  sondern  es  fehlt  überhaupt  an  brauchbaren  Strassen,  ln
Folge  dessen  herrscht  jedes  Jahr  in  einer  Anzahl  Provinzen  Theuerung,
selbst  Hungersnoth,  indess  sich  die  andern  in  einem  Zustande  von  Ueberfluss
  befinden,  aus  dem  sie  keinen  Nutzen  zu  ziehen  vermögen.  Das
Schwanken  der  Getreidepreise  ist  so  gross  wie  im  Mittelalter.  Der  russ.
Domänenminister  sprach  sich  1847  in  einer  Denkschrift  bezeichnend
darüber  aus.  Während  1845  im  Pskow’sehen  Gouvernement  der  Tschetwert
  Roggen  bis  10  Rubel  stieg,  galt  er  85  Meil.  entfernt  noch  nicht  1  '/%.
In  einem  und  demselben  Gouvernement  steigt  und  fallt  der  Preis  nach
Massgabe  guter  oder  schlechter  Erndten  um  das  Sechs—  und  Zehnfache.
So  wechselte  derselbe  in  Stawropol  zwischen  1  Rub.  o7  Kop.  und  17
Rub.  28  Kop.l  —Den  eigenen  Getreidebedarf  Russlands  berechnete  der
Minister  zu  30  Mill.  Tschet  wert  (00  Mill.  Hectoliter),  die  Ausfuhr,  nach
lOjährigem  Durchschnitte,  zu  2*/*  Millionen.  Diese  Ausfuhr  kommt  nur
den  Seeprovinzen  zu  statten,  und  während  die  Preise  hier  zuw  eilen  bedeutend ­
  steigen,  bleiben  sie  im  Innern  auf  dem  tiefsten  Stande.  Wäre
doch  ein  ganzes  Jahr  Zeit  nOthig,  um  den  dortigen  Ueberfluss  nur  nach  den
Seehäfen  zu  bringen  !  Die  nördlichen  Ströme  sind  zu  lange  gefroren,  um
dem  Verkehre  wesentlich  dienen  zu  können;  die  gewaltige  Wolga  geht
blos  nach  einem  Binnensee;  der  Dnjepr  und  andere  Flüsse  sind  wegen
Stromschnellen  oder  versandeter  Mündung  wenig  schiffbar  ;  ganze  Gouvernements ­
  (Kursk,  Charkow  etc.)  entbehren  jedes  schiffbaren  Gewässers. ­
  Der  Minister  klagt  ;  Die  Donaufürstenthümer  führen  gegen  900,000
Tsch.  Getreide  aus  ;  Aegypten  1  %  Mill.;  selbst  die  Türkei  beginnt  Fruchtexportation
  ;  mit  der  gefährlichsten  Concurrenz  bedroht  uns  aber  Nordamerika. ­
  In  gewöhnlichen  Jahren  betragen  h  rächt  und  Assecuranz  nach
London,  pr.  Quarter  :
aus  den  baltischen  Häfen  5—  7  Shill.
-  Odessa  10—12
-  Nordamerika  .  .  .  7—  8  -
so  dass  die  geringere  Entfernung  fast  keinen  Vorzug  mehr  gewährt.
Der  Werth  des*  ausgeführten  Getreides  ward  so  berechnet  (in  S.  -  Rub.):

1845;  Ui’572,751
1840:  28’02'.»,010
1847:  71’270,552
1848;  2P005,045

1850:  lil’207,188
1852:  84’244,559
185:1:  55’o:i3,883
1856:  56’602,374

1857:  51*588,981
1858:  50*288,657
1860;  63*8:10,110
1861;  69*161,601

Die  Wolle  production  ward  1858  auf  1*250,000  Zollcentner  geschätzt;
die  W  ein  production  stieg  1853  in  Bessarabien,  der  Krim,  Cherson  und
Podolien  auf  mehr  als  440,000  Hectol.,  wovon  allerdings  ein  ansehnlicher ­
  Theil  auf  den  seitdem  verlorenen  Bezirk  von  Bessarabien  kam.
Trotz  des  natürl.  Reichthums  an  Mineralien  betrug  die  Gesammtausbeute

doch  nur  (in  russ.  Pud’s):
        <pb n="158" />
        136  RUSSLAND.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.

Kronhütten
Privathütten
Davon  Kupfer:  in  den  Kronhütten
-  -  Privathütten

1832
1’512,177
S’874,2ü^
10’38t),44^
44,759
176,084

1846
2’002,113
11’104^100
13’106,21  a
43,796
216,252

260,048

1857
1’093,302
11’966,633
13’050,935
31,175
306,796
337,9b9

220,843
Eisenerze  etwa  15  Mill.  Pud’s  (=  4,95  Mill.  Zollcentner),  wovon ­
  10%  Mill.  Pud’s  aus  dem  Ural.  Die  Salzausbeute  wird  zu  30  Mill.
Pud’s  angegeben,  Steinkohlenlager  will  man  viele  aufgefunden  haben
doch  stieg  die  Jahresausbeute  nie  über  3’160,000  Pud’s.  (Der  Mangel
Russlands  an  reichen  und  guten  Steinkohlenflötzen  —  so  weit  man  neml
bis  jetzt  weiss  —  veranlasste  den  Geologen  Roderick  zu  der  Aeusserung  •
er  glaube  nicht,  dass  dasselbe  eine  grosse  Zukunft  habe.)
Eisenbahnen.  Was  volkswirthschaftliche  Rücksichten  zu  schaffen
nicht  im  Stande  waren,  das  bewirkten  die  schlimmen  Wahrnehmungen
im  Krimkriege  :  dieser  zeigte  die  politisch-militärische  Nothwendigkeit
von  Eisenbahnen.  Bis  dahin  waren  in  dem  Ungeheuern  Reiche  nur  drei
Schienenwege  vorhanden,  zus.  133  deutsche  Meilen  lang  (von  Petersburg
nach  Zarskoje-Selo  3%  Meil.  ;  von  Warschau  nach  Krakau  41%,  und
von  Petersburg  nach  Moskau  SS).  Die  Regierung  veranlasste  die  Bildung
einer  grossen  Eisenbahngesellschaft,  unter  wesentlicher  Mitwirkung  der
Pariser  Börse.  Es  wurde  die  Anlage  von  4162  Kilometer  (560  M.)  neuer
Schienenwege  projectirt.  Die  finanzielle  Krise  und  die  Entwerthung  des
Papiergeldes  führten  zu  einer  Reduction  ;  vorerst  wurden  nur  folgende
drei  Linien  hergestellt.  Petersb.-Warschau  1115  Kilom.,  Wilna-preuss.
Grenze  172,  und  Moskau  -  Nischni  -  Nowogorod  437,  zus.  1  724  Kilom
=  1616  Werst,  veranschlagt  auf  125  Mill.  S.-R.  Kosten,  wofür  die  Regierung ­
  5%  Zins  garantirt  hat.  In  Wirklichkeit  waren  Ende  1S63  bereits ­
  671  399,264  hr,  =  167’S49,S16  R.  verausgabt,  und  zum  vollständ.
  Ausbau  waren  noch  13—14  Mill.  Fr.  erforderl.,  so  dass  der  Kilom. ­
  bereits  389,44  3  Fr,  kostete  und  bis  zum  Ausbau  400,000  erforderte ­
  (etwa  800,000  Thlr.  die  d.  Meile)..  Das  Actiencapital  betrug  300
Mill.  Fres.,  die  Obligationen  149’438,500  Fres.,  Vorschüsse  und  Arbeiten ­
  des  Staats  230’724,116  Fr.  —  Die  Einnahmen  waren  im  J  1863
36’565,696,  die  Ausg.  24  306,385  Fr.  (pr.  Kilom.  21,200  brutto,  7110
Fr.  netto).  Der  Staat  hatte  wegen  Zinsgarantie  10—11  Mill.  Fr.  zuzuschiessen.
  —  Andere  Gesellschaften  haben  Bahnen  hergestellt  zw  Riga
und  Dünaburg  227  Kilom.,  Riga-Warschau  343,  Warsdiau-Bromberg
161.  Die  Gesammtsumme  der  Eisenbahnen  im  Reiche  beläuft  sich  sonach ­
  auf  3586  Kilom.  =  471  d.  Meil.
Actien-  und  Commanditgesellschaften  bestunden  Ende
ISOI:  127,  mit  einem  (jedoch  nicht  vollständig  einbezahlten)  Gesellschaftscapitale
  von  2S2’323,305  S.-R.
Telegraphen.  Am  1.  Mai  1863  berechnete  man;

Staatstel.  im  Betrieb
in  Ausführg.
Eisenbahn  -  Telegr.
Zusammen  29,570

mit  37,180  AV.  Drahtleitung,  190  Station

3,380
2.620

-  11,750  -
-  __6,100  -
-  55,030  -

40
158

388
        <pb n="159" />
        RUSSLAND  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverháltnisse.  137

Anlagekosten  bis  1.  Jan.  1S62  3’52b,900  R.  —  1802  wurden
627,000  Depeschen  befördert.  Einn.  1'17G,762,  Kosten  1’020,000  R.
Post.  Im  J.  1856  bestanden  3950  Poststationen  mit  einem  Personale ­
  von  16,510  Indmduen.  Zahl  der  Briefe  (Millionen)  :

1825  1835  1840  1845  1850  1854  1855
5  6  8  10  12  14%  10%
In  dieser  kleinen  Zahl  übertreffen  noch  die  »dienstlichen  Sendungen«  alle
Privatcorrespondenz.  Zur  Erläuterung  wird  angeführt,  dass  auch  die
Zeitschriften  der  gelehrten  Gesellschaften,  welche  Portofreiheit  geniessen,
unter  dem  Regierungssiegel  versendet  würden.

Fabriken.  Der  Gesammtwerth  aller  Fabrik-  und  Manufacturerzeugnisse
  im  ganzen  Reiche,  jedoch  ausschliesslich  der  Handwerksproducte,
wird  in  den  statist.  Tabellen  für  1856  auf  224*332,962  S.-R.  berechnet. ­
  Tegoborski  nimmt  mit  Einschlus»  der  Handwerkererzeugnisse  nicht
weniger  als  550  Mill,  an*),  sonach  wol  zu  viel.
Der  Taglohn  betrug  früher,  neben  Kost,  nur  20—50  Kupferkopeken
  (noch  nicht  2  —  4%  Sgr.)  ;  in  der  Erndte  bis  zu  2  Ruh.  Papier
(I~  Sgr.).  Seitdem  bedeutendes  Steigen  der  Preise.  —  Der  Zinsfuss
ist  sehr  hoch,  selbst  hei  Hypotheken  monatlich  I*/*,  1  %,  sogar  2%.

Handel.  Seit  1822  galt  ein  starr  abschliessendes  Prohibitivsystem.
Ein  Ukas  vom  28.  Mai  1857  führte  einen  gemässigten  Schutzzoll  ein,
setzte  auch  die  Zahl  der  zollpflichtigen  Einfuhrartikel  von  472  auf  367
herab,  und  erweiterte  die  Zollfreiheit  auf  300  Artikel.  Der  ganze  internationale ­
  Verkehr  (Ein-  und  Ausfuhr  zusammen)  betrug  in  der  Periode
1S24—28  107  Mill.  S.-R.,  in  der  1844—48  170  Mill.,  ohne  Polen.
Sodann,  mit  Einschluss  von  Polen  (wobei  aber  zu  bemerken,  dass  1854
und  55,  theilweise  selbst  1856,  Kriegszeiten  waren)  :

Jahre
1851
1852
1854
1855
1850

Ausfuhr
97*394,457
114*773,829
05*337,081
49*517,440
100*249,872

Einfuhr
103*737,012
100*804,052
70*358,008
72*099,881
122*502,442

Jahre
1857;
1858;
1859;
1800;
1801  ;

Ausfuhr
169*088,134
151*175,047
105*004,672
181*383,281
177*179,985

Einfuhr
151*080,799
149*383,950
159*334,100
159*303,405
107*111,131

Im  J.  1861  betrug  der  W  a  a  r  e  n  verkehr  in  Rub.  S.:
Davon  Seehandel;  137*702,143
Aus-  u.  115*051,243  Einfuhr;  —

Europ.  Grenze
Asiat.
Finland  .  .
Dazu  ;  Edelme
talle  .  .
(Im  Vorjahre.

Ausfuhr
159*800,359
13*454,108
3*801,504

Einfuhr
142*750,300
22*139,000  (?)
2*221,491

15*790,353
9*875,544

7*138,396
7*147,009)

Die  wichtigsten  Handelsartikel  waren

Landhandel;  39*473,888  Aus-,
44*028,010  Einf.  —  Die  Ostseehäfen ­
  hatten  07,8  Mill.  Aus-  u.
99,6  Mill.  Einf.  ;  die  südl.  Häfen
03,1  resp.  15,5.  —  Westl.  Landgrenze ­
  22,1  M.  Aus-,  27,1  M.Einf.

*)  Die  Runkelrübenzuckerfabrikation  ward  1858  auf  10*500,700  Zollcentner,
  im  Werthe  von  3*580,019  S.-R.  geschätzt;  mit  Zuckerrüben  waren  77,277
pessjätinen  (84,000  Hectaren  Landes  angebaut.  1801  zählte  man  427  Fabriken, ­
  wovon  27  stillstehend,  welche  4*400,785  Berkowetz  Rüben  verarbeiteten.
        <pb n="160" />
        138

RUSSLAND.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.

Einfa
Rohzucker
Steinkohlen  .
Kaffee  .  .  .
Baumwolle,  rohe
Roheisen  .
Getränke,  bes.  Wein,
Farbewaaren  .
Maschinen
Baumwollzeuge
Früchte,  Obst
Seidenzeuge  .
Wollzeuge
Leinenzeuge  .

h  r:
Pud

S.-R

1'095,297
843,270
358,594
2’043,M4
008,402
9’722,940
10’379,188
8’024,017
7’014,537
5’731,»S0
5'029,ß59
4’332,942
2’629,990

Ausfuhr:
Cerealien  .  .  für  S.-R.  09’161,601
Holz  ....  -  -  5’947,363
Häute,  rohe.  .  -  -  1'294,000
gegerbte  -  -  1'325,490
Bein  Pud  3'419,911
2'54G,325

•
Hanf  .
Wolle.
Potasche
Lein-  u.  Hanfsamen

2’977,056
1'045,004
594,012
1'237,458

Die  Verkehrslisten  aus  den  Jahren  1862  und  63  liegen  uns  nur  in
summarischer  Uebersicht  vor.  Hier  die  Hauptziffern  in  Mill.  S.-K.;
Ausfuhr  Einfuhr
1862  •  1863  1862  1863
Waaren.  .  159,9  134,7  125,2  127,0
Edelmetalle  32,2  59,2  4,8  4,9

192,1  193,9  130,0  131,9

Von  der  europäischen  Einfuhr  kamen  wenigstens  früher  in  der
Regel  aus  Grossbritanien  fast  aus  Deutschland  V*,  Frankreich  ‘/g  ;  —
von  der  Ausfuhr  nach  europ.  Ländern:  Grossbritanien  %,  Deutschland ­
  %,  Türkei  und  ebenso  Frankreich  Nach  den  Ver.  Staaten
wurden  1858  ausgeführt  für  2’671,854,  daher  eingeführt  für  5’420,976
S.-R.  —  Im  Handel  mit  Asien  erscheint  China  bei  der  Einfuhr  mit
mehr  als  der  Hälfte  (Persien  mit  %),  bei  der  Ausfuhr  China  sogar  mit
*/a.  —  Dmvsofi  bemerkte  (1855):  Es  exportiren  :
die  28  Mill.  Engländer  für  90  Mill,  st  =  pr.  Kopf  Fr.  80.  33  Cent.
-  36  -  Franzosen  -  50  -  -  =  -  -  -  34.  72
—  07  —  Russen  —  14  —  —  =  —  —  —  5.  22  —

Auf  jeden  Engländer  kam  damals  mehr  als  auf  1  5  Russen.  Noch  ungleicher ­
  dürfte  die  Consumtion  sein.  —  Der  Verbrauch  von  Zucker  war
in  Deutschland  11-,  jener  von  Kaffee  27mal  so  gross  als  in  Russland.
Grösse  des  inländischen  Handels:  1861  wurden  auf  die  1988
Messen  und  Jahrmärkte  im  Reiche  für  336’344,129  R.  Waaren  gebracht, ­
  und  davon  für  235  975,312  verkauft.
Handel  Finlands  im  J.  1862  :

Einfuhr  aus
Russland  7'700,028
Schweden  u.  Norwegen  1'050,844
Andern  Ländern  .  .  O'l  10,330
Zusammen  14'801,208
Im  J.  1803  ....  12'143,933

Ausfuhr  nach
4'070,510  S.-R
996,449  -
4'894,224  -
9'961,183  -
H'275,375  -

Im  letzterwähnten  Jahre  betrug  die  Einfuhr  von  Getreide  4’378,231
R.  S.,  von  gewebten  Stoffen  1'561,962,  Zucker  1’361,675,  Kaffee
1244,226,  Eisen  1  Mill.,  Spirituosen  ebensoviel.  Von  den  ausgeführten ­
  Artikeln  kamen  auf  Bauholz  3%',  Theer  und  Gel  2’,  gewebte  Stoffe
I  %  Mill.
Handelsflotte.  Neujahr  1859;  1116  Schiffe  von  172,605  Tonnen,
mit  10—11,000  Matrosen.  Die  Schiffe  sind  meist  klein;  viele  gehören
        <pb n="161" />
        OESTERREICH.  —  Land  und  Leute.

139

Griechen,  die  sich  nur  der  russ.  Flagge  bedienen.  Die  Zahl  der  Dampfboote ­
  auf  den  Binnengewässern  ward  1860  zu  358  angegeben,  wovon
215  die  Wolga  und  deren  Nebenflüsse  befahren  sollen.  —  Hafen  verkehr; ­
  Schiffe  waren  1861  eingelaufen  10,634  v.  1024,103  Tonnen.
Davon  kamen  auf  die  Ostsee  4807,  die  südlichen  Häfen  5016,  das  Weisse
Meer  811.  Ausgelaufen  10,739  Sch.  v.  1’025,972  Tonn.  —  Unter  den
eingelaufenen  waren  nur  5804  beladen,  unter  den  ausgelauf.  9364.  —
Von  den  angekommenen  waren:  1956  engl.,  1834  russ.,  1468  türk.,
763  hoUänd.,  752  ital.,  558  norweg.,  483  dän.-schlesw.,  440  hannov.
Die  Handelsflotte  F  inlands  (oben  nicht  einbegriffen)  umfasste
1862:  1592  Fahrzeuge  von  98,344  Commerzlasten,  wovon  aber  nur
418  Segel-  und  30  Dampfschiffe  von  mehr  als  10  Lasten,  zusammen  mit
56,610  Lasten  und  5371  Matrosen.
Münze  etc.  Geldeinheit:  der  Silber-Ru  bei,  13  Stück  auf  die  Köln.
Mark  fein,  sonach  1  fl.  52"  ,„  Krzr.  oder  1  Thlr.  2,36  Sgr.  (13  Silber-Rubel  sind
gleich  14  Thlr.  ;  der  Rubel  beiläufig  4  Fr.).  —  Unterabtheilung  in  100  Kopeken. ­
  Der  Werth  des  Papi  er-Rubels  ward  1839  so  bestimmt,  dass  1  Silber-Rubel
  gleich  sei  3  Rub.  50  Kop.  in  Papier.  Auch  der  Papier  -  Rubel  ward  in
loo  Kopeken  Kupfer-Kopeken)  getheilt.  Papier  verdrängt  übrigens  immer
mehr  das  Metallgeld.  —  Die  Elle,  Arschine,  315,4  Pariser  Idnien  :  100  Arschinen ­
  =  71,14  Meter,  106,55  Berliner  Ellen,  oder  77,78  engl.  Yards.  —  Der  russ.
Fuss  ist  genau  der  englische  von  135  franz.  I.inien.  —  Die  Sasche  oder  Klafter ­
  =  7  russ.  oder  engl.  =  6,795  rhein.  Fuss,  2,13  Meter.  —  Die  Werst  (russ.
Meile),  104,25  auf  1  Gr.  des  Aequators,  =  1,0666  Kilom.  =  6,95  russ.  Merst
1  geogr.  Meile.  —  Die  Dessjätine  =  4,2781  Berl.  Morgen  oder  1,09  Hectaren;
  —  5022,3  Dessjätinen  =  1  Quadrat-Meile.  —  Getreidemass:  Der
Tschetwert  =  209,9  Lit.  oder  3,82  Berl.  Scheffel,  oder  0,72  engl.  Quarters.  —
Gewicht:  lOO  Pf.  russ.  =  40,9  Kilogr.,  81,8  deutsche  Zollpfund.  —  Das  Pud
hat  40  russ.  Pfund  =  16,38  Kilogr.  Das  Berkowetz  (Schilfsgewicht  =10  Pud
oder  400  russ.  Pfund.

Oestermcii  (Kaiserthum.*)
Ijaiid  und  liante.
Oesterreich,  bis  1848  ein  Conglomérat  verschiedener  Staaten,  dann
nach  schwachen  constitutioneilen  Versuchen  in  eine  absolute  Monarchie
umgewandelt,  endlich,  nachdem  das  kaiserl.  Diplom  vom  20.  Oct.  1860
mit  etwas  föderalistischer  Färbung  vorangegangen,  durch  das  Reichsgrundgesetz ­
  vom  26.  Febr.  1861  zu  einem  monarchischen  Flinheitsstaate
mit  Reichsvertretung  erklärt,  umfasst  1  1,762  geogr.  (11,253  österr.)
Q.  -  Meilen  und,  nach  der  Zählung  vom  31.  Oct.  1857:  35’018,988
Menschen.  In  nachfolgender  Zusammenstellung  sind  die  vollständig
zum  deutschen  Bunde  gehörenden  Länder  mit  *,  jene,  welche  nur  theil-*)

  Ilauptquelle,  ausser  den  »Tafeln«  und  »Mittheilungen«  der  Direction
der  administrativen  Statistik,  das  von  deren  Vorstand  Frhm.  v.  Czörnig  verfasste, ­
  sehr  übersichtliche  »statist.  Handbüchlein  der  österr.  Monarchie;«  sodann ­
  die  Veröffentlichungen  in  der  officiellen  »Wiener  Ztg.«
        <pb n="162" />
        140

OESTEKKKICH.  —  Land  und  Leute.

weise  dazu  gehören,  mit  j  bezeichnet  (es  sind  letztes  ;  vom  Küstenlande
die  Stadt  Triest  mit  Gebiet,  der  Kreis  Görz  und  ein  Theil  des  Istrianer
Kreises,  85  Q.-M.  mit  361,972  Einw.,  und  von  Galizien  die  Herzogthümer
  Auschwitz  und  Zator,  45  Q.-M.  und  196,339  Menschen).
Länder  Areal.  Q.-M.

österr.  geogr.
*  Oester,  unter  d.  Enns  344  360
*üester.  ob  d.  Enns  .  208  218
*  Salzburg  ....  125  130
*  Steiermark  ....  390  408
*Kärnthen  ....  180  188
*Krain  174  181
•{■Görz,  Gradisca,  Istrien,
Triest  139  145
*Tirol  und  Vorarlberg  509  532
*  Böhmen  903  944
*Mähren  386  404
*  Schlesien  ....  89  94
•j-Galizien  1,364  1,426
Bukowina  ....  182  190
Dalmatien  ....  222  232
Lombardo-Venetien  .  437  456
Ungarn  *)  .  .  3,728  3,896
Kroatien,  Slavonian  .  335  350
Siebenbürgen  .  .  .  954  998
Militärgrenze  .  .  .  583  610
Actives  Militär  ...  —  —
Andere  grössere  Städte:

Bevölkerung
1857
1'681,697
707,450
146,769
1’056,773
332,456
451,941
520,978
851,016
4’705,525
1’867,094
443,912
4’597,470
456,920
404,499
2’446,056
9’900,785
876,009
1’926,727
1’064,922
579,989

Hauptstädte  u.  Einw.
1857

In  Ober  Österreich:
Steier.  .  .  .  10,752
In  Böhmen:
Ileichenberg  .  18,554
Budweis  .  .  .  14,800
In  Mähren  :
Iglau  .  .  ^  .  18,050
Olmütz  .  .  .  13,997
Sternberg  .  .  12,665
In  Galizien:
Krakau  .  .  .  41,086
Brody  .  .  .  22,796
Tarnopol.  .  .  17,210
In  Ungarn:
Szegedin.  .  .  62,700
Ofen  ....  55,240
Presburg.  .  .  43,863

Keskemet  .
Debreczin  .
Arad  .  .  .
Grosswardein
Temeswar  .
Oedenburg
Kaschau  .  .
Maros-Vasarhely

39,434
36,283
26,959
23,171
22,507
18,898
16,417
11,217

Im  Banat:
Maria-Theresiapol
  ....  53,499
Zombor  .  .  .  22,436
In  Kroatien:
Eiume  .  .  .  15,319
Essek  .  .  .  13,883
In  Siebenbürgen  :
Kronstadt  .  .  26,826
Klausenburg  .  20,615

Wien
Idnz  .  .
Salzburg
Graz.  .
Klagenfurt
liaibach.
Triest  .
Innsbruck
Prag.  .
Brünn  .
Troppau
Lemberg
Czemowitz
Zara.  .
Venedig
Pesth
Agram  .
Hermannstadt

476,222
27,628
17,239
63,176
13,478
20,747
65,874
14,224
142,588
58,809
13,861
70,384
26,345
7,797
118,172
131,705
16,657
18,588

Im  Küstenlande:
Görz  ....  13,297
In  Dalm  atien  :
Spalato  .  .  .  10,787
In  Italien  :

Verona
Padua.
Vicenza
Mantua
Chioggia
Udine.
Treviso
Belluno
Adria  .
llovigo
Bassano

59,169
55,240
33,306
29,884
26,667
25,201
22,165
13,552
12,803
12,618
11,827

Es  kommen,  einschliesslich  Militär,  auf
,  T  ,  ^  Proc.  Bevölkerung  Proc.
die  deutschen  Länder  3,591  ^  30  13’250,000  =  37
-  ungarischen  -  6,328  =  54  15’000,000  =  43
-  polnischen  -  1,387  =  12  4'480,000  =  13
-  italienischen  -  456  =  4  2’290,000  =  7

*)  (jlillert  berechnet  nach  den  verschiedenen  Grenzänderungen,  nunmehr  :
Ungarn  9’890,436  Einw.,  Kroatien561,496,  Slavonien  331,020.  —  Für  Siebenbürgen ­
  nimmt  derselbe  an:  Land  der  Ungarn  1'040,700,  Land  der  Sachsen
382,844,  der  Szekler  398,772,  Rumänische  Districte  101,276,  zus,  1'923,592.
        <pb n="163" />
        OESTERREICK.  —  Land  und  Leute  (Bevölkerungsbewegung).  141

pesterreich  bildet  also  keineswegs  einen  durch  natürliche  Verhältnisse ­
  und  in  natürlichen  Grenzen  entstandenen  Staat,  sondern  es  ist  ein
Conglomérat  verschiedener,  da  und  dort  (z.  B.  von  Italien,  von  Polen
etc.,  bedingungsweise  von  Deutschland)  losgetrennter  und  künstlich  vereinigter ­
  Landschaften.  In  Folge  dessen  ist  das  Gebiet  fast  in  allen  Richtungen ­
  offen  und  biosgestellt  (besonders  in  Galizien),  während  im  Innern
des  Staates  die  hohen  Alpen,  die  Karpathen  etc.  die  verschiedenen  Gebietstheile
  schroff  und  für  ewige  Zeiten  von  einander  trennen.  Auch
entbehrt  Oesterreich  des  Besitzes  der  Mündungen  seiner  Ströme,  und
ermangelt  einer  günstigen  Küstenentwicklung.
Die  productive  Bodenfläche  beträgt  in  niederösterr.  Joch:

35’854,995  Joch  Aecker  und  Reisfelder,
1’091,984  -  Weingärten,
13’TS5,989  -  Wiesen,  Gärten,  Oliven-,  Lorbeer-  und  Kastanienwälder,
14’569,31S  -  Weiden,
3r864,873  -  Waldungen,
012,893  -  Sümpfe  mit  Rohrschlag.

Bewegung  der  Bevölkerung  (im  jetzigen  Gebietsumfange).
Sterbfälle  Todtgeburten

Jahre  Trauungen

1851
1852
1853
1854
1855
1850
1857
1858

330,801
310,800
283,417
258,034
245,389
314,451
301,524
298,012

Geburten
(lebende  Kinder)
1’300,573
1'309,099
1'350,051
1'209,722
1'214,119
1'307,047
1'435,051
1'418,036

1'034,162
1'058,025
l'l  59,425
1'257,558
1'525,497
1'072,928
1'017,027
1'081,634

Den  Geschlechtern  nach:
Lebendgeborene

18,062
21,302
20,030
19,096
18,111
19,960
23,591
24,346
Todtgeborene

Eheliche

Uneheliche

1851
1852
1853
1854
1855
1850
1857
1858

Knaben
639,209
647,065
037,008
595,591
574,917
614,283
004,194
050,504

Mädchen
602,014
008,986
601,053
502,033
541,802
578,280
023,703
015,405

Knaben
00,741
58,215
57,470
57,349
49,779
58,847
75,514
77,930

Mädchen
58,009
54,833
54,520
54,149
47,021
56,237
71,580
74,137

Knaben
10,729
12,258
11,477
10,798
10,447
11,401
13,540
13,834

Mädchen
7,933
9,044
8,553
8,298
7,004
8,499
10,045
10,512
Stieg  1858

Die  Zahl  der  un  eh  el.  Geburten,  1851  blos  8,73  Proc
auf  10,72%.  Nach  den  verschiedenen  Theilen  des  Staats  kam  im  J.
1851  auf  100  eheliche  folgende  Anzahl  unehelicher  Geburten:
Wien  ....  52,01  i  Görz,  Istrien  .  .  2,04  Galizien  .  .  .  8,38
Sonst.  Unteröstr.  15,84  I  Triest  ....  22,05  Bukowina  .  .  .  7,58
Oberösterreich  .  19,41  |  Tirol  ....  6,92  Dalmatien  .  .  .  3,41
Salzburg  .  .  .  25,40  j  Böhmen  .  .  .  14,52  Venedig.  .  .  •  2,63
Steiermark  .  .  25,78  ¡  Mähren  .  .  .  13,44  Ungarn  ....  4,37
Kämthen  .  .  .  34,51  Schlesien  .  .  .  13.23  Siebenbürgen  .  .  3,22
Krain  ....  8,50  Krakau  .  .  .  11,92  Militärgrenze  .  .  1,58

Ein-  und  Auswanderungen  sind  nicht  häufig,  ln  den  25  Jahren  von
1819—45  sollen,  Ungarn  und  die  Militärgrenze  unberücksichtigt,  die
Einwanderungen  einen  Ueberschuss  von  186,111  Menschen  ergeben
haben.  Aus  neuerer  Zeit  werden  angegeben  :
        <pb n="164" />
        142

OESTIiiKKKICH.  —  Land  und  Leute  (Nationalitäten).

1849  1850  1851  1854
Auswanderungen-  469  665  2842  4228
Einwanderungen  675  904  962  459S

1855
3978
4000

Schon,  im  J.  1851  gab  es  1805  heimliche  Auswanderungen(1850
nur  15),  davon  1709  von  Leuten  im  17.—40.  Altersjahre,  meist  der
Conscription  wegen.  Die  Ziffern  sind  übrigens  in  den  amtlichen  Berichten ­
  selbst  als  unvollständig  bezeichnet.
Nationalitäten.  Die  Völker,  welche  der  österr.  Staat  umfasst,  sind
äusserst  verschieden  nach  Abstammung,  Bildung,  Sprache,  Sitten  und
Religion  ;  das  Reich  bildet  seinem  Völkergemische  nach  gleichsam  ein
Europa  im  Kleinen.  Ebenso,  wie  es  eine  Menge  von  Ländern  und  Landestheilen
  in  sich  begreift,  umschliesst  es  eine  Menge  von  Stämmen  oder
von  Theilen  derselben.  Dabei  besitzt  keiner  derselben  ein  absolutes
Uebergewicht.  Die  Slaven  sind  relativ  weitaus  am  zahlreichsten,  stehen ­
  aber  anCultur  zu  sehr  zurück,  um  eine  Präponderanz  zu  üben.  Die
Deutschen  bilden  nicht  %  der  Bevölkerung.  (Russland  umfasst  noch
mehr  Nationalitäten,  allein  der  Hauptvolksstamm  besitzt  eine  entschiedene ­
  Ueberlegenheit.)  —  v.  Czörntg  berechnet’
7  889,925  Deutsche,  davon  etwa6’240,000  in  den  deutsch.  Bundesprovinzen,
15’027,046  Slaven,  nemlich
6’132,742  Czechen,  Mährer  und  Slowaken,
2’159,648  Polen,
2’752,482  Ruthenen,
IM83,533  Slovenen,
1’337,010  Kroaten,
P438,201  Serben  (mit  Slavoniern  und  Dalmatinern)
24,030  Bulgaren,  ’
4’947,134  Magyaren,
5’G32,493  Angehörige  romanischer  Stämme,  nemlich:
2’558,317  Italiener,
416,725  Friauler,
14,498  Ladiner,
2'642,953  Ostromanen,
3,175  Albanesen,  '
2,255  Griechen  sammt  Macedo-Wlachen,
16,131  Armenier,
146,100  Zigeuner,
1’049,871  Juden.

Es  ist  übrigens  zu  bemerken,  dass  die  von  Czörntg  zuletzt  aufgeführten ­
  Juden  fast  sämmtlich  das  Deutsche  als  Muttersprache  reden,  sonach ­
  in  dieser  wichtigen  Beziehung  den  Deutschen  beigezählt  werden
können.  —  Czörtiig  nimmt  15  verschiedene  Nationalitäten  an,  ungerechnet ­
  die  mit  den  andern  vermengt  lebenden  Juden  und  Zigeuner  Diese
15  Nationalitäten  bedingen  auf  einer  ethnographischen  Karte  120  verschiedene ­
  Grenzen,  die  Zahl  der  Sprachinseln  übersteigt  2000.
In  den  deutschen  Provinzen  mit  der  stärksten  gemischten  Bevölkerung ­
  lebten  1857  :
in  Böhmen  *)  P766,372  Deutsche,  2’925,9S2  Czechen  und  86,339  Juden
-  Mähren  483,518  -  1'351,982  -  -  41  529
-Schlesien  234,843  -  92,326  -  -  131,V)02  Polen

*)  Nach  einer  andern  Berechnung  gehören  von  dem  Boden  Böhmens  36
Iroc.  dem  deutschen,  64  Proc.  dem  czechischen  Gebiet  an;  von  den  Bewoh-
        <pb n="165" />
        OESTERREICH.  —  Land  und  Leute  (Confcssionen,  Städte).  143

in  Steiermark  640,806  Deutsche  369,246  Slovenen
-  Krain  .  .  29,783  -  421,398
-  Tirol  .  .  525,092  -  325,416  Italiener.
In  ausserdeutschen  Provinzen  :
Ungarn:  1’221,714  Deut.,  4’333,987  Mag.,  1’613,944  Czech.,  423,873  Ruth.,
52,379  Sloven.,  120,092  Kroat.,  397,954  Serb.,  1’171,676Ostrom.,
62,200  Zig.,  393,105  Jud.,
Kroatien  und  Slav.:  24,470  Deut.,  537,880  Kroat.,  271,477  Serb.,
Siebenbürg.:  200,364  D.,  517,577  Mag.,  I’lü4,322  Ostrom.,  79,360  Zig.,
14,152  J.,
Mil.-Grenz.:  38,400  Deut.,  540,992  Kroat.,  324,385  Serb.,  140,826  Ostrom.,
Galizien:  114,293  D.,  P981,076  Pol.,  2’085,431  Ruth.,  448,973  J.,
Bukowina:  37,855  D.,  188,288  Ruth.,  175,679  Ostr.,  29,187  Jud.
Confessionen  (nach  officieller  Aufstellung  von  1857)  ;
23*968,686  römische  Katholiken,  1’963,785  Reformirte  (Cahinisten),
3’526,952  unirte  Griechen,  50,870  Unitarier,
9,737  -  Armenier,  1*049,871  Juden,
2*918,126  nichtunirte  Griechen,  3,955  Lippowaner,Mennon  ,  einige
3,513  -  Armenier,  Anglikaner  und  Mohamme-1*218,831
  Lutheraner,  daner.
Die  Provinzen,  in  denen  es  eine  bedeutendere  Anzahl  Nichtkatholiken ­
  gibt,  sind.
Niederösterreich  .  1*350,684  Kath.,  8,645  Luth.,  1,495  Ref.,  6,999  Jud.
Oberösterr.  .  .  .  673,404  -  14,826  -  56  -  4  -
Steiermark  .  .  .  1*004,919  -  4,977  -  135  -  6  -
Kärnthen  ....  307,642  —  16,666  -  13  -  —  —
Böhmen  4*601,335  -  34,139  -  56,797  -  86,339  -
Mähren  1*784,593  -  17,188  -  34,677  -  41,529  -
Schlesien  ....  396,843  -  61,872  -  45  -  3,280  -
Galizien  .  .  .  .  2*072,633  -  26,960  -  4,140  -  448,973  -
2*077,112  unirte  Griechen.
Bukowina  ....  42,726  Kath.,  352,079  nichtun.Griech.,  29,187Jud.
Dalmatien  ....  337,800  Kath.,  77,139  nichtun.  Griech.
Ungarn  5*138,0l3Kath.,  827,211  unirteGr.,  1*105,869  nichtun.
Gr.,  795,930  Luth.,  1*553,368  Ref.,  393,105  Jud.
Kroatien  u.  Slav.  .  720,893  Kath.,  129,720  nichtun.  Griechen.
Siebenbürgen  .  .  228,095  Kath.,  546,513  unirte  Gr.,  622,780  nichtun.
Gr.,  195,861  Luth.,  265,976  Ref.,  48,040  Unitarier,
14,152  Juden.
Militärgrenze  .  .  448,703  Kath.,  5,533  unirte  u.  587,269  nichtun.  Gr.,
15,864  Luth.,  4,274  Ref.
—  Beim  Militär  .  .  438,912  Kath.,  58,695  un.  und  40,670  nichtun.  Gr.,
16,411  Luth.,  37,359  Ref.,  9,850  Jud.
(Die  Zahl  der  Protestanten  —  der  »Evangelischen  Augsburger  und  Helvet.
Confession«  ,  wie  die  offic.  Bezeichnung  lautet  —  dürfte  übrigens  in  Wirklichkeit ­
  bedeutend  grösser  sein  als  angegeben.)
Städte.  Man  zählt  74,733  Gemeinden,  von  denen  877  Städte  und
2436  Flecken.  Die  wichtigsten  Städte  sind  S.  140  angegeben.  Rechnet
oern  sind  36,96  Proc.  Deutsche,  61,23  Proc.  Czechen  und  1,81  Proc.  Juden.
Am  vorwaltendsten  sind  die  Czechen  in  den  Kreisen  Tabor  (96,65  Proc.),  Prag
(96,43  Proc.,  dagegen  in  der  Stadt  Prag  nur  55,92  Proc.)  und  Czaslau  93,19
Broc.)  ;  am  reinsten  ist  die  deutsche  Bevölkerung  in  den  Kreisen  Eger  (98,17
Broc.),  I^eitmeritz  (87,80  Proc.)  und  Saaz  (87,36  Proc.).  Die  Sprache  der  Deutschen ­
  in  Böhmen  gehört  theils  der  österreichisch-bayerischen  Mundart  an  Budweis)
  ,  theils  der  fränkischen  (Böhmerwald,  Eger),  theils  der  oberpfälzischen
(Eger,  Pilsen),  der  obersächsischen  (Eger,  Saaz,  Leitmeritz  und  endlich  der
oberschlesischen  (Jungbunzlau,  Gitschin,  Küniggrätz  und  Chrudin).
        <pb n="166" />
        144  OESIERIIEICH.  —  Land  und  Leute  (Gebietsveränderungen).

man  bei  Wien'die  Garnison  mit  20,000  M.,  und  die  Bevölkerung  der
ausserhalb  »der  Linien«  gelegenen,  eigentl.  zur  Stadt  gehörenden  Orte
mit  85,500  Menschen,  ein,  so  ergibt  sich  eine  Gesammtzahl  von  mehr
als  580,000  (1754  erst  175,609,  1780  202,044,  1816  245,080,  1820
262,226,  1837  333,582,  1843  37o,  834).  —  Nur  noch  4  weitere  Städte
im  Staate  umfassen  über  100,000  :  Prag  143,000,  Pesth  132,000,  und
Venedig  1858  124,366;  Triest  mit  Gebiet  104,707,  Ausser  diesen
haben  8  Städte  über  50,000,  25  zw.  20  und  50,000,  96  zw.  10  und
20,000  E.
Gebietsveränderungen.  Unter  Ferdinand  I.  umfasste  das  Reich  erst
5400  Quadr.-M.  Durch  den  Prager  Frieden  1G35  verlor  es  die  Lausitz
an  Sachsen;  durch  den  Westphälischen  1648  das  Eisass  an  Frankreich.
Dagegen  erfolgte  1687  die  Umwandlung  Ungarns  in  ein  habsburg.  Erbreich, ­
  gleichzeitig  ward  die  Herrschaft  über  Siebenbürgen  gesichert.  Die
Frieden  von  Carlowitz  und  Passarowitz  1699  und  1718  unterwarfen  Serbien, ­
  Theile  der  Walachei,  Kroatiens  und  Bosniens.  Dagegen  erlangte
Oesterreich  nur  einen  kleinen  Theil  der  »spanischen  Erbschaft«  (Rastatter
und  Badener  Friede  von  1714),  nemlich  die  spanischen  Niederlande,
Mailand,  Neapel  und  Sardinien,  welches  letzte  1720  gegen  Sicilien  umgewechselt ­
  ward.  Der  Staat  hatte  nun  einen  Umfang  von  etwa  9050
Q,-Meil.  1735  und  38  gingen  Neapel,  Sicilien  und  ein  Theil  von
Mailand  verloren,  wogegen  nur  Parma  und  Piacenza  erlangt  wurden.
Der  Belgrader  Friede,  1739,  kostete  Serbien,  und  Friedrich  II.  nahm
1740  Schlesien.  1772  erlangte  Oesterreich  (in  der  ersten  Theilung  Polens) ­
  Galizien  und  Lodomerien.  1777  trat  die  Pforte  die  Bukowina  ab.
Der  Teschener  Friede  verschaffte  dem  Staate  von  Bayern  das  Innviertel
und  einige  schwäbische  Gebiete;  und  die  dritte  Theilung  Polens  1795
gab  ihm  auch  Westgalizien.  Im  J.  1  795  umfasste  Oesterreich  ;

A.  Zum  deutschen  lleiche  gehörende  Erblmide:
Erzherzogthum  Oesterreich  *
Innerösterreich  (Steiermark,  Kärnthen,  Krain,  Österreich.
Friaul  und  Triest)
Oberösterreich  (Tirol  und  Vorarlberg)
\  Orderösterreich  (Breisgau,  Ortenau,  Burgau,  Hohenberg,
Constanz,  Frickthal  (in  der  Schweiz),  Falkenstein  (link.
Rheinufer)  ¡  ^
Königreich  Böhmen,  mit  Eger  und  Asch  95;}
Markgrafschaft  Mähren,  mit  dem  Reste  Schlesiens  .  !  .  491
Niederlande  (mit  Luxemburg  und  Limburg,  doch  ohne
I'üttich)
Zusammen
B.  A  tisser  deutsche  Staa  ten  :
Oesterr.  Italien  (Lombardei  mit  Pavia,  Cremona,  Lodi
Como  und  Casale  ;  Mantua,  Castiglione-Solferino)  '
Ungarn  mit  Nebenländern  und  Militärgrenze  ....
Siebenbürgen  mit  siebenbürg.  Militärgrenze  .....
Galizien  und  Lodomerien  mit  der  Bukowina

862
516

264
4,789
1,109
2’429

Bevölker.
P699,80U
l’561,80o
520,300

428,800
2’916,400
P611,.500
2’251,200

3,976  10’929,800

P203,S40
7'710,000
P260,000
4’792,600

Zusammen  8,591  14*966,440
Gesammtsumme  12,567  25*896,240
Der  Friede  von  Campo  Formio,  17.  Oct.  1797,  entriss  dem  Staate
die  Niederlande,  die  Lombardei,  Falkenstein  etc.  =  663  Q.-M.  und
        <pb n="167" />
        OESTERREICH.  —  Finanzen  (Budget).

145

3’210,000  Menschen.  Es  erhielt  indess  das  östlich  der  Etsch  gelegene
Gebiet  der  Republik  Venedig,  sammt  dieser  Stadt  selbst,  und  Dalmatien
=  7G0  Q.-M.  mit  2’100,000  Einw.  (Der  Kaiser  überliess  dafür  das
dem  deutschen  Reiche  gehörende  linke  Rheinufer  an  Frankreich.)  Der
Friede  von  Luneville  (nach  den  Feldzügen  von  Marengo  und  Hohenlinden), ­
  9.  Febr.  ISOl,  entriss  Oesterreich  das  Breisgau  und  Frickthal,
verschaffte  ihm  dagegen  die  Erzstifte  Trient  und  Brixen.  Der  Staat  umfasste ­
  nun  ll,97(i  Q.-M.  (Unterm  11.  Aug.  1S04  erklärte  sich  der
Beherrscher  zum  »Erbkaiser  von  Oesterreich.«)  Gemäss  des  Pressburger
Friedens  vom  2(5.  Dec.  1S05  (nach  dem  Feldzuge  von  Ulm  und  Austerlitz) ­
  musste  Oesterreich  weiter  abtreten  :  an  das  »Königreich  Italien«  Venedig ­
  sammt  allen  italienischen  Besitzungen;  an  Bayern:  Burgau  (Vorderösterreich), ­
  Eichstädt,  seinen  Antheil  an  Passau,  Tirol,  Vorarlberg,
Hohenembs,  Rothenfels,  Tetnang,  Argen  und  Lindau;  an  Württemberg  :
die  5  obern  Donaustädte,  die  Grafschaft  Hohenberg,  die  Landgrafschaft
Nellenburg,  die  Landvogtei  Altorf  und  einen  Theil  des  Breisgau;  an
Baden:  das  übrige  Breisgau,  die  Ortenau,  Constanz  und  die  Commende.
Fs  erhielt  dagegen  Salzburg  und  Berchtesgaden.  —  Der  Friede  von
Wien,  11.  Oct.  1809  (nach  der  Wagramer  Schlacht),  kostete:  den  Villacher ­
  Kreis,  Krain,  Triest,  (5  kroatische  Grenzregimentsbezirke  und  die
grössere  Hälfte  der  Gespanschaft  Agram,  woraus  Napoleon  die  »Illyrischen ­
  Provinzen«  bildete  ;  ferner  mussten  an  das  Herzogthum  Warschau
überlassen  werden  :  Westgalizien,  der  Zamoscer-Kreis  und  ein  Bezirk
bei  Krakau  ;  an  Russland  :  ein  Theil  von  Ostgalizien  und  der  Tarnopoler
Kreis  mit  400,000  Menschen;  an  Bayern  :  Salzburg,  dasInnviertel,  der
grössere  Theil  des  Hausruck  Viertels  und  Berchtesgaden.  Der  Gesammtverlust
  ward  zu  2035  Q.-Meil.  und  3’304,2(52  Menschen  berechnet.
Der  Staat  umfasste  nur  noch  9920  Q.-M.  und  höchstens  20  Mill.  Einw.
—  Ger  Pariser  Friede  von  1814  und  der  Wiener  Congress  1815  gaben
Oesterreich  seinen  jetzigen  Bestand  sammt  der  Lombardei,  mit  Ausnahme ­
  von  Krakau,  welches  »freie  Stadt«  war,  und  erst  1840  nachUebereinkunft
  der  »Schutzmächte«  dieser  Freistadt  (Oesterreich,  Russland  und
Preussen)  dem  Ersten  incorporirt  wurde.  —  Beim  Friedensschlüsse  von
lbl5  schätzte  man  die  EinwohnerzahlOesteiTeichs  über  28  Mill.  (1818  :
29’813,580;  1830:  34’503,824;  1857:  37’754,856.)  —  Der  zehn-"öchentl.
  Teldzug  von  1859  gegen  Frankreich  und  Sardinien,  endigend
Wit  den  Friedenspräliminarien  von  Villafranca  vom  11.  Juli  und  dem
üricher  Trieden  vom  10.  Nov.  1859,  kostete  den  Haupttheil  der  Lombardei, ­
  etwa  3(59  Q.-M.,  mit  ungefähr  2’720,000  Einw.

I'illlllizoil.
Budget.  Erst  seit  1802  wird  ein  solches  veröffentlicht.  Das  Rechnungsjahr ­
  begann  bisher  am  1.  Nov.  Da  man  nun  zum  gewöhnl.  Kalenderjahr ­
  übergehen  wollte,  so  ward  der  letzte  Voranschlag  für  den  Zeitraum ­
  vom  1.  Nov.  1803  bis  31.  Dec.  1804,  also  ausnahmsweise  für  14
Monate  aufgestellt.  Um  Irrthümer  bei  der  Vergleichung  zu  vermeiden,
geben  wir  die  Aufstellung  nur  für  12  Monate,  jedoch  unter  Annahme
•volb,  Statiitik.  4.  Aufl.  JQ
        <pb n="168" />
        146

OESTERREICH.  —  Finanzen  (Budget;  .

Fl.  125’1(»4,000

245’092,SS7

85’94(;,7S4

einer  andern  als  der  officiellen  Classificirung,  und  unter  Angabe  des  dabei ­
  eingerechneten  Betrags  der  ausserordentl.  Etats.
Einnahmen.
Directe  Steuern:  Grund-ü9’981,10O,  Gebäude-23’29.5,500,
Erwerb  -  0’8G8,100  ,  Personalerwerb-  5*193,400,  Einkommen- ­
  19*783,300,  Erbsteuer  42,000,  zus
Indirecte  Abgaben:  Branntweinsteuer  17*030,400,  Wein-■
  u.  Most-  5*949,354,  Bier-  10*500,000,  Fleisch-  5*589,800,
Zucker-  5*005,000,  sonstige  Verzehrungssteuer  2*201,840,
Pachtungen  5*235,910,  andere  Einnahm.  1*019,885  ;  —  Zoll
15*700,000,  Salz  41*849,147,  Tabak  01*900,280,  Stempel
19*200,000,  Taxen  729,301,  Gebühren  v.  Rechtsgeschäften
24*304,138,  TiOtto  18*208,900,  Mau  then  (Brückenzölle  etc.)
3*419,029,  Punzirung  94,445,  Bergwerksabgaben  300,200,
Verein.  Gebühren  in  Venetien  129,000  =
Staatseigenthum:  Güter6*047,372,Forste  11*575,129,confiscirte
  Güter  000,058,  Fabriken  1*047,941  ,  Bergwesen
32*502,751,  Münzwesen  10*472,804,  Veräusserung  v.  Staatseigenthum ­
  15*329,810,  Grundentlastung  122,993,  verschied.
Einn.  987,320  =
Einnahmen  ausserhalb  des  Finanzministeriums:
Min.  des  Aeusseren  115,300,  Staatsminist.  444,700,  Ungarische ­
  Hofkanzlei  310,705,  Siebenbürgische  91  ,o70,  Croat.-Slavonische
  45,989,  Min.  f.  Handel  u.  Volksw.  15*929,330
(dabei:  Post  13*053,908,  Telegr.  2*247,800),  Min.  d.  Polizei
075,750,  Controlbehörden  1000,  Kriegsmin.  14*380,270  (dabei: ­
  directe  Steuern  der  Milit.-Grenze  2*337,430,  indirecte
159,504,  sonst.  Einn.  0*473,423,  Erlös  aus  alten  Wallen
5*300,000  ,  Marinemin.  309,20(i  (Hafengelder  239,200  =  .
Zusammen
Hievon  kommen  437’270,032  Fl.  auf  ordentl.  und  51*182,4  13
auf  ausserord.  Positionen.  Die  ausserordentlichen  betragen  bei  den
directen  Steuern  16*035,200,  den  indirecten  Aull.  13*427,868,  dem
Staatseigenthum  (Veräusserungen)  15*320,810,  dem  Kriegsminist.  (Veräusserungen)
  6*065,000.
Ausgaben.
1.  Kaiserl.  Hofstaat  Fl.
2.  -  Cabinetskanzlei
3.  Reichsrath  (dav.  Abgeord.-Haus  432,343)
4.  Staatsrath
5.  Ministerrath
0.  Min.  d.  Aeussern  Centralleitung  473,100,  diplom.
  Auslagen  1*183,830,  Consulate  509,400,
Zuschüsse  111,429)
7.  Staatsministerium(dav.  innere  Verw.  10*334,0*'0,
Strafanstalten  1  *057,448,  Wohlthätigk  .029,483,
Baubehörden  709,305,  Stiassenbau  5*840,517,

32*309,404
Fl.  488*4.53,075

Bedarf  ausserordentl.
*454,800  davon  1*299  050
03,482  —
453,451  —
152,971  —
05,407  —

,759

229,059

3*194,402  =......  29*711,094

8.  Ungarische  Hofkanzlei  (dav.  Verwaltgsbehörd.
5*000,000,  Strassenbau  2*153,200,  Gendarmerie
1*301,574)  12*015,833
9.  Siebenbürg.  Hofkanzlei  Verwaltg  951,017;  .  3*405,130
10.  Croatisch-Slavonische  Hofkanzlei  .  .  (  .  1*935,042
11.  Finanzminist,  (dabei  :  Finanz  wache  0*258,421),
industr.  Subventionen  5*806,181,  Grundent-3*197.755



808,s02
493,070
189,029
        <pb n="169" />
        10*

OESTERREICH.  —  Finanzen  (Budget).

147

12

Bedarf  davon  aasterordentl.
319’244,S2fl  57’4SS,.591

12’7GT,S7li
7’S73,477
3’010.112

3’SS2,131

499,&amp;lt;97
147,77S
21,195
7’352
17’091,2S5
1’7S7,4G6

lastung  7’583,5G6,  Pensionen  etc.  Il’UJ  2,693,
—  Zinsen  der  Staatsschuld  114’5O3,9S0,  Tilgung ­
  41’430,143,  —  Betrieb  der  Staatsanstalten ­
  etc.  53’50S,274  [dabei:  Erhebung  der  Verzehrungssteuer ­
  2’077,3Ü3,  des  Zolls  1N92,022,
Salz,  sammt  Ih-oductionspreis  6’S32,517,  Tabak
ditto  30’049,344,  Lotto  11’5S7,33G]  ;  —  Verwal-  .
tung  der  Staatsgüter  6’4G5,74G,  der  Forsten
8’758,SGG,  der  confise.  Güter  388,G28,  der  Fabriken ­
  1’530,810,  der  Bergwerke  30’583,050,
des  Münzwesens  1G’535,G33
■  Minist,  f.  Handel  u.  Volkswirthschaft  (dabei:
Post  9’79G,832,  Telegr.  2’3G3,54G)  ....
13.  Minist,  der  Justiz
1  e'  d.  Polizei  (dabei  :  PolizeiwacheSo3,G31)
13.  Controlbehörden  (darunter  :  Militärrechnungs-Depart.
  1/105,450)
IG.  Kriegsminist,  (dav.  5’300,000  zur  Xachschaffung
  von‘Waffen)  IOG’841,140
1  Marineminist,  (dav.  1’33G,S69  f.  d.  Häfen  etc.)  9’599,305
Zusammen  (437’491,559  im  ord.  Etat)  Fir520’754,348  83’2G2,7M
P'ür  den  ganzen  Zeitraum  von  14  Monaten  (1.  Xov.  1S63  bis  31.
Dec.  1864)  stellt  sich  übrigens  die  Einnahme  auf  569  5  17,335,  der  Bedarf ­
  auf  614’260,059  Fl.
Zu  »Einnahmen.«  Es  sind  nicht  mehr  blos  die  Netto-,  sondern  die
Brutto  -  Summen  vorgetragen,  was  nur  zu  billigen  ist.  Rechnen  wir  die
Betriebs-  und  Erhebungskosten  mit  123’465,651,  dann  die  von  Veräusserungen
  herrührenden  Beträge  mit  20’629,8l0  ab,  so  stellt  sich  die
tein-Einnahme  auf  344’357,614  p'l.  Beseitigen  wir  die  nicht  zu  qualificirenden
  Posten,  so  liefern  ungefähr;
das  unmittelb.  Staatseigenthum  12’84G,000  =  3,75  Proc
die  directen  Steuern  ....  133’757,000  =  39,04  -
die  indirecten  Auflagen  .  .  ._195’998.000  =  G7,21  -
342’G017ooo  =  7(70,00"  -
Ebenso  wie  in  England  und  Frankreich  ftlllt  hier  der  geringe  Ertrag  der
Domänen  auf.  Vieles  ward  früher  verschleudert;  noch  mehr  im  Drange
er  Neuzeit  verkauft.  Dazu  kommt  eine  unzweckmässige  Bewirthschafrimg
  des  Vorhandenen.  *)  Das  Besteuerungs  wesen  ist  gleichfalls  in
vielen  Beziehungen  übel.  Man  war  genöthigt,  die  directen  und  indi-^ecten
  Steuern  möglichst  in  die  Höhe  zu  treiben  ;  dessen  ungeachtet
konnte  man  nicht  einmal  annähernd  eine  Ausgleichung  mit  dem  Bedarfe
erzielen.  Viele  Auflagen  treffen  die  nothwendigsten  Lebensbedürfnisse  :
ro  ,  Pleisch,  Salz.  —  In  den  16  Jahren  1845—60  sind  allerdings  die
er  entliehen  Einnahmen  um  137,  es  sind  daneben  aber  die  ordentlichen
usgaben  um  191  Mill,  gewachsen.  Da  die  Bevölkerung  des  Steuerezirks
  184  5  nur  22%  Mill.  Menschen  betrug,  so  hätte  man,  nach  den
starken  Erhöhungen  der  Steuern  und  nachdem  Ungarn  dem  östeiTei-7

  einer  Angabe  sollen  die  Staatsdomänen  noch  eine  Ausdehnung
on  ))  120,332  Joch  besitzen;  sie  haben  aber  in  den  Jahren  1852—Gl  durchschn.
nur  3  oG8,000  fl.  ertragen.  Ihr  Werth  wird  auf  24G  Mill.  fl.  geschätzt.  —  Die
allein  umfassen  zufolge  einer  Vorlage  an  den  Reienstag  vom  1.  Oct.
ï'G3  4  145,700  Joch  ;  jene  Schätzung  ist  also  offenbar  zu  niedrig.
        <pb n="170" />
        148

OESTERREICH.—  Finanzen  (Jahresrechnung  .

chischen  Steuersysteme  unterworfen  worden,  eine  grössere  Vermehrung
der  Einkünfte  erwarten  dürfen.  —  Die  verhältnissmässig  geringe  Steuerkraft ­
  des  von  Natur  so  reichen  Landes  zeigt  sich  namentlich  bei  der  Einkommensteuer, ­
  wenn  man  deren  Ergebniss  mit  jenem  in  England  vergleicht. ­
  —  Eine  besondere  Erwähnung  verdient  noch  der  Zollertrag,  für
1864  veranschlagt  zu  nur  15’7Ü0,00Ü  fl.  brutto.  Ausser  1'862,622  fl.,
welche  ausschl.  diese  Erhebung  kostet,  erfordert  die  Finanz  wache  einen
Aufwand  von  6‘4  Mill.  —  Allerdings  besteht  dieses  Corps  nicht  blos
für  Erlangung  der  Zollgebühren,  sond.  auch  zur  Wahrung  der  Monopole;
indess  bleibt  der  Kostenaufwand  gleichwol  ungemein  hoch.  (In  England
kamen  1858  auf  24'146,215  Zolleinnahme  nur  817,192  t*  Kosten,
also  kaum  9’4  7o-)  I^er  Rohertrag  war:

Das  Tabaksmonopol  besteht  in  Oesterreich  schon  seit  1670,
die  Staatsregie  seit  1  789  ;  doch  wurde  dieselbe  auf  Dalmatien  erst  1822
ausgedehnt,  auf  Tirol  1828,  Lombardo-Venetien  184  2  und  Ungarn  mit
Nebenländern  1851.  Der  Cigarren  verkauf  stieg  auf  Mill.  Stück  :
1841  1847  1851  1854  1857  1858  1859  1861  1862  1863
55,2  190,0  7S4,2  785,5  1035,9  1023,7  797,2  873,8  981,5  1040
Rauchtabak  verkauf  1841:  277,504  Zollctn.,  1850  (Maxim.)  022,714
1859:  504,470,  1801:  440,339,  1803:  531,453.  Schnupftab.:  1841:  54,070
Zollcent.,  1854  (Max.)  72,810,  1859:  02,794,  1801  :  53,741,  1803:  51,338.  Auf
den  Kopf  der  Bevölkerung  kamen  1859:  20,88  Cigarren  und  1*/«  Rfd.  Tabak.,
Zu  „Ausgaben“.  Ziehen  wir  von  der  Gesammtausgabe,  ebenso  wie
bei  den  Einnahmen,  die  Betriebs-  und  Erhebungskosten  ab,  so  bleibt
ein  Netto-Bedarf  von  997’2SS,697  fl.  Hievon  erfordern
die  Staatsschuld,  sammt  Tilgung  155’934,123  fl.  =  39,25  Broc,
die  T.and-u.  Seemacht  .  .  .  110'440,451  -  =  29,31
Diese  2  unproduct.  Bosten  .  272'374,574  -  =  08,50  Broc.
Noch  schlimmer  gestaltet  sich  das  Verhältniss,  wenn  wir  diesen
Bedarf  mit  dem  wirkl.  reinen  Einkommen  vergleichen  ;  die  beiden  Bosten
verschlingen  davon  79,9  7  Broc,  und  zur  Bestreitung  aller  übrigen  Staatsbedürfnisse ­
  verbleiben  nur  noch  71’989,04Ü  fl.  oder  20,09  Proc  !
Im  J.  1845  hatte  der  Etat  des  Kriegsministeriums  erst  52'/,
Mill,  betragen.  In  den  beiden  Revolutions-  und  Kriegsjahren  1848  und
49  zusammen  kostete  das  Militärwesen  237  272,949  fl.  ;  in  den  beiden ­
  blossen  Rüstungsjahren  1  854  und  55  dagegen  zusammen  424’737,688
fl.*)  Und  doch  erwies  das  J.  1859,  dass  die  langjährige  Ueberan-*)
  Der  Militäraufwand  war  :
1846  1847  1848  1849  1850  1851
59'215,949  02’908,090  72’290,459  165’081,884  120’102,936  125’840,078
Die  Rechnungen  gestalteten  sich  übrigens  in  der  ersten  Zeit  nach  Niederwerfung ­
  der  Revolution  schon  dadurch  unklar,  dass  man  zufällige  Einnahmen

Zoll

Rübenzuckersteuer
1855:  19)90,004  fl.  C.-M
1850:  1’055,723  -
1857:  2’141,714  -
1800:  5'112,225  -  R.-AV
1801  :  5’305,999  -
1802:  5’240,125  -

1855:  19’000,4S2  fl.  C.-M
1850:  20’541,310  -
1857:  18’780,427  -
1858:  19’530,470  -
1859:  13’204,211  -  R.-AV
1860:  12’343,405  -
        <pb n="171" />
        OESTERREICH.  —  Finanzen  (Militäraufwand).

149

strengung  zur  Sicherung  des  Staates  nicht  ausreichte.  Der  Militäraufwand ­
  {einschliesslich  Marine)  betrug  :

1S52
1S.%J
1854
1855
18(i0

Ordentl.  Bedarf
110’S43,321
lir%7,91G
in’40l,l»2
114’320,715
zus.

ansserordl.  Bed.
3M  (¡3,23(5
5’7(51,944
91’294,0()4
101’721,117

ordentl.  Bedarf  auseerordl.  Bed.
185G:  1(J9’()95,558  14’13S,279
1857:  lOG’890,(tl9  IG’142,840
1858:  101’817,0(51  3’985,483
1859:  112’317,261  188’833‘459

134’G21,f.8U,  1862  (Budget)  13G’041,84  9,  18(53  (ebenso)  117’504,G19.
Í  ortwährend,  und  zwar  in  erschreckender  Weise,  steigt  der  Bedarf
für  die  Staatsschuld.  Vor  ISlGbezahltemananZinsen  5’381,000  fl.  ;
1S3I  kostete  die  Schuld  schon  21,  18  12  49  Mill.  ;  in  der  Neuzeit:

1848
1849
18.50
1851
lSGo

4.3’3G9,312
49’797,940
49’G!2,562
GO’481,031

1852:  G2’(508,375
1853:  6(5’819,173
1854:  72’148,31(5
1855:  77*407,532

185(5
1857
1858
1859

88*032,650
91*78(5,98(5
95*9(53,272
104,917.013

8G((,  ungeachtet  der  Beseitigung  der  Lombardischen  Schuld,  101*462,085;
Budgetansatz  112*666,400,  18(53  113*(598,750,  18(54  114*503,980  Zins.

1862

Den  Kosten  des  Hofes  ist  der  Ertrag  der  s.  g.  »Familiengüter«
nicht  beigerechnet  (deren  Capitalwerth  auf  mehr  als  12  Mill,  geschätzt
wird).  In  den  Jahren  1  831—35  war  der  Bedarf  durchschnittl.  4*512,571
1S47  5*203,(589,  1818  4*562,217,  1851  (5,109,848,  1855  0*743,813’
1857  aber  9*  1  04,024.  Die  Nebennutzungen  (Schlösser  etc.)  eingerechnet, ­
  wird  man  8  Mill,  als  Durchschnitt  anzunehmen  haben.
Die  Kosten  der  Beamten  betragen  nach  den  versch.  Positionen  des
Budgets  :

zusammen
88*049,013
21*752,454
2(5*900,(530

r;  ...  ,  ,,  ,  ,  beim  Civil  beim  Militär
r.igenlhche  Besoldungen  u.  Bezüge  55*105,115  32*943,898
Ruhegehalte  u.  Gnadengaben  .  .  11*012*693  10*739,7(51
Diäten,  Kanzleikosten  etc.  .  .  .  1(5*085,238  10*815,392
Zusammen  82*203,046  54*599,051  136*702,(»97
Die  »Ruhegenüsse  der  Individuen  aufgelöster  Aemter«  belaufen  sich
auf  nicht  weniger  als  828,802  fl.  —  Die  Zahl  der  Beamten  beträgt
(nach  dem  'dIIoJ-  und  Staatshandbuchea)  un  gef.  70,000;  vor  1848  sollen
es  sogar  140—1(50,000  gewesen  sein,  allerdings  mit  noch  viel  geringem
Gehalten  als  dermalen.
Der  wirkliche  Aufwand  für  Cultus  und  Unterricht  erscheint
nur  unvollständig  im  Budget,  der  besondern  Bezüge  etc.  wegen.  Der
erste  steigt  auf  7*148,428  fl.,  während  der  letzte  nur  5*990,735  beträgt.
Gabei  sind  aber  weitaus  nicht  alle  Cultuseinkünfte  gerechnet  (s.  unten).
Ger  Gesammtaufwand  für  Wohlth  ätigk  ei  t  ist  nicht  mehr  als
1  183,34  2  ;  hievon  erfordern  die  Findelhäuser  740,4(53,  die  Gebärhäuser ­
  108,152,  während  für  Irrenhäuser  in  der  ganzen  Monarchie  nicht
^e  r  als  3.14,727  fl.  aufgewendet  werden,  —  eine  erschreckend  geringe
buinme.  —  Für  Kunstbauten  sind  227,94  0  fl.  im  Budget  bestimmt.

^er^endete*  ohne  sie  in  der  allgemeinen  Rechnung  aufzuführen.  So  wurden
0,000  fl.  den  Ungar.  Insurgenten  abgenommen  und  verbraucht;  ebenso  die
Kriegsentschädigung  Sardiniens,  die  zu  32%  Mill,  angegeben  wird;  unter  gleichem ­
  litel  bezahlte  Toscana  15o,ooo  und  Neapel  16,521  fl.  Diese  Verheimichungen
  lassen  den  Militäretat  viel  kleiner  ereneinen,  als  er  wirklich  war
^agegen  beflndet  sich  unter  den  ausserordentlichen  Ausgaben  u.  a.  die  Kriegsntschädigung
  an  Russland  für  die  Hülfe  gegen  Ungarn  mit  üM  74,420  fl.
        <pb n="172" />
        150

ÜESTEIUIEICH.  —  Finanzen  Deficit,.

Davon  nimmt  ein  Monument  für  den  Prinzen  Eugen  von  Savoyen  102,700.
eines  für  den  Fürsten  Schwarzenberg  50,000  fl.  hinweg.  —  Unter  den
Subventionen  industrieller  Unternehmen  erscheint  der  österr.  Lloyd  mit
l’0y0,000,  die  Donau-Dampfsch.  mit  100,000,  die  süd-nordd.  Verbind.-Bahn ­
  mit  000,000,  die  Theissbahn  mit  800,000,  die  Elisabethmit
  r:i00,000,  die  böhm.  West-  mit  250,000  und  die  Reichenberger
Bahn  mit  100,000  fl.
Deficit  ist  in  der  österr.  Finanz  nicht  neu.  v.  Czörnig  hat  eine
Zusammenstellung  der  Rechnungsabschlüsse  seit  1781  veröflentliclit  ;
daraus  ergibt  sich,  dass  in  den  78  Jahren  bis  1858  nur  zweimal  die  or-  ^
dentl.  Einnahmen  grösser  waren  als  der  Bedarf;  alle  andern  70  Jahre*
brachten  Deficite.  Allerdings  war  dieses  Resultat  zum  Theil  durch  Ausgaben ­
  zu  productiven  Zwecken,  namentl.  Bau  der  ^unterdessen  verkauften) ­
  Eisenbahnen  herbeigeführt;  diese  Gestaltung  muss  indess  immerhin ­
  unerhört  erscheinen.  Die  Einkünfte  betrugen  1781  65’777,78o  fl.;
sie  stiegen  1791  auf  92’722,090,  freilich  einemBedarfevon  151’300,000
fl.  gegenüber,  sanken  aber  im  nächsten  Jahre  auf  07’049,490.  Das  Jahr
1802  ist  mit  80’204,040,  1803  dagegen  mit  I0l’41fl,7l0  aufgeführt,
1805  hat  1  1  l'808,200,  1800  80’708,830,  1808  10F878,490  geliefert,
1809  nur  94’  740,4  20,  u.  1  813  trotz  der  Anstrengungen  blos  101’511,070,
1814  sogar  nur  70’288,004.  Der  grösste  Aufwand  fand  in  jener  Periode
statt  1805:  145’93S,500  (wov.  Militär  87%  Mill.);  1809'  202’020,890
(Milit.  197%  Mill.)  ;  1810;  351’134,170;  1813:  1  1  F1  72,110  (Milit.
02’870,050).  Von  1810  bis  1835  beliefen  sich  die  Einnahmen  meist
zwischen  125  und  132,  die  Ausgaben  zwischen  132  und  180  Mill.  Das
J.  1821  erforderte  159*4  Mill.,  das  nächste  Jahr,  wegen  des  italien.
Feldzugs  215’088,010.  In  dem  letzten  Decennium  vor  der  1848er  Bewegung ­

  stellten  sich  die  Rechnungsabschlüsse  folgendermassen  :

Einkünfte
isas  14  POS  1,290
isao  i45’2ia,sso
1840  141/514,3:12
1S41  14a’03T,924
1842  145'520.01T

Deficit
l(/4t)0,23S
17’204,542
IS’132,704
lO’l10,707
1  PS02,:i45

1843
1844
1845
1840
1847

Einkünfte
150'371,S30
152’012,900
153'509,037
154N24,481
153'340,790

Deficit
14'952,039
15'500,723
17’40S,770
2PH74,448
50’037,470

So  ist  es  augenscheinlich,  dass  die  Finanzzerrüttung  nicht  erst  durch
das  )dlevolutionsjahr«  herbeigeführt  wurde.  Aber  allerdings  sanken  nun
die  Einkünfte,  sowohl  1818  als  19,  auf  100%  Mill.  ;  und  wenn  sie  sich
1850  auf  1  97  '%,  1851  auf  225  Mill,  hoben,  so  steigerten  sich  auch  die
Bedürfnisse  desto  mehr.  Die  officielle  n  Angaben,  denen  wir  andere
Berechnungen  zur  Seite  stellen,  anerkennen  folgende  Deficite:
Officielles  Deficit  Deficit  nach  Privatberechnung
5S’870,001  fl.  C.-M.
1393130,224

1S48
1840
1650
1851
1852
1853
1854
1855
1850
1857
1658

45’110,040  fl.  C.-M
121’905,S05  -  -
54’804,S02  -  -
02’223,030  -  -
53'447,331  -  -
50'253,035  -  -
140’7  12,022  -  -
13S’809,297  -  -
02’353,007  -  -
42’533,80s  -  -
36’481,601  -  -

Deficit  in  11  J.  S15’357,523  fl.  C.-M.

90’5S9.725  -  -
104’399,971  -  -
79’024,516  -  -
80’515,905  -  -
176']03,940  -  -
160'135,017  -  -
11P169,771  -  -
10P603,050  -  -
44’205,054  -  -
1,161'303,490  fl.  C.-M.
        <pb n="173" />
        OESTERREICH.  —  Finanzen  Deficit).

151

Nach  dem  Verluste  der  Lombardei  und  der  Einführung  des  neuen
Münzfusses  war  das  officielle  Deficit  :

1S62  (Voranschlag)  94’122,889  fl.
1863  (ditto)  62*502,654  -
1864  (ditto)  45*712,724  -
Somit  Gesammtdeficit  in  17  Jahren  1,839*142,986  fl.  ö.  W.  Dabei  ist  zu
bemerken,  dass  gleichzeitig  mit  der  Verkündigung  des  letzten  Voranschlags  zwei
weitere  Gesetze  promulgirt  wurden,  welche  ausserordentliche  Credite  im  Betrage
von  9*646,315  fl.  bewilligten,  um  welche  Summe  sich  sonach  die  Ziffer  des  Deficits ­
  sofort  vergrössert,  abgesehen  von  dem  früher  bewilligten  6  Mill.-Anlehen
zur  Milderung  der  Noth  in  Ungarn  etc.
Mittlerweile  verkaufte  die  Regierung  1855  die  ungarischen  und  böhmischen ­
  Staatsbahnen,  sammt  Ländereien  und  Bergwerken,  an  eine  franz.
Gesellschaft  lun  80  Mill.  C.  M.  ;  ebenso  1850  die  Lombardo-Venetianische
  Bahn,  ausser  der  Strecke  von  Verona  nach  Südtirol,  an  die  Wiener
Creditanstalt  um  100  Mill.  Lire  =  33V*  Mill.  ;  endlich  1858  auch  die
Südliche  Staatsbahn  an  dieselbe  Gesellschaft  um  100  Mill,  fl.,  wovon
die  letzten  30  Mill,  erst  bei  7%  Ertrag  zu  bezahlen  sind.  Nebenbei  Veräusserung
  der  siebenbürgischen  Eisenbergwerke  etc.  ;  dann  Verbrauch
der  den  Italienern  auferlegten  Contnbutionen,  und  der  Kriegsentschädigung, ­
  welche  Sardinien  nach  1849  mit  /  5  Mill.  hrcs.  ^  28  o/1,000  fl.
leisten  musste.  Auch  die  Entschädigung  für  den  Schuldantheil  der  Lombardei ­
  mit  42*300,000  fl.  neuer  Währ,  in  Silber  ist  verbraucht.

1859  280*939,213  fl.  R.W.
1860  65*062,810  -
1861  (vori.Berechn.)  109*500,000  -

Im  October  1849,  nach  Bewältigung  der  Revolution,  war  übrigens
die  Octroyirung  einer  Reihe  »provisorischer  Gesetze«  über  das  Besteuerungswesen ­
  erfolgt.  Zu  diesem  Behufe  wurden  die  Privilegien  der  einzelnen ­
  Länder  und  das  Selbstbesteuerungsrecht  derselben  aufgehoben,
und  der  Einheitsstaat  hergestellt.  Man  unterwarf  Ungarn,  Kroatien,  Slavonien
  und  Siebenbürgen  namentl.  dem  Tabaksmonopol  und  den  Consumtionsabgaben,
  wovon  sie  frei  gewesen  ;  erweiterte  die  Häusersteuer  ;
führte  eine  Abgabe  vom  inländ.  Zucker  ein  ;  schuf  eine  Einkommensteuer  ;
dehnte  die  Biersteuer  auch  auf  Lombardo-Venetien  aus,  und  erhöhte
überhaupt  die  meisten  Steuern  um  25®  „.  Ohne  Zweifel  waren  die  Bedürfnisse ­
  dringend.  Auch  steigerte  man  damit  die  Staatseinkünfte  bis  zu
dem  oben  angegebenen  Betrage.  Eigentlich  musste  man  nach  allen  getroffenen ­
  Anordnungen  eine  viel  bedeutendere  Ertragserhöhung  erwarten.
(Ungarn,  das  1848  nur  4*099,(MMi  fl.  beitrug,  musste  schon  1862  83*/»
Mill,  bezahlen  etc.)  Die  Hauptsache:  Deckung  des  Bedarfs  durch  die
laufende  Einnahme,  misslang  vollständig,  da  sich  die  Ausgaben  weit
mehr  als  die  Einnahmen  vermehrten.  Das  Gesammt-Resultat,  welches
man  im  Jahrzehnt  1848-57  erreichte,  war  :

Ordentliche  Einnahmen  .
Ausgaben
Deficit
(Das  Militär  allein  kostete

2163  Mill.  fl.  C.-M.
3296  -  -  -  ^  ,
1133  -  -  -  =  52  ®/o  der  Einnahme  !
1512  -  -  -  )

Unterm  13.  Mai  1859  erhöhte  man  die  Steuern  durch  Kriegssteuerbeischläge ­
  folgendermassen  ;
        <pb n="174" />
        152

OESTERREICH.  —  Finanzen  (Staatsschuld).

Directe  Steuern
V*  der  Grundsteuer  etwa  .
‘/s  -  Hauszinssteuer.  .
V*  -  Gebäudesteuer.  .
Vs  -  Erwerb  Steuer  .  .
%  -  Einkommensteuer
Zinsensteuer  ....

S’2  Mill.
1’4  -
1’2  -
1'5  -
l’T  -
:f5  -

Zus.  directe  Auflagen  fl.  17,5  Mill.

Indirecte  Steuern
fl.  S’2  Mill.  15®/a  zur  Verzehrungssteuer  fl.  S’  Mill.
Ausdehnung  derselben  auf
das  flache  Land  ...  -  4’
Preiserhöhung  des  Salzes  .  -  ö’
15”  o  zu  den  Taxgebühren  -  5’T  -
25  resp.  40%  zum  Stempel  -  2’5  -
Zus.  indirecte  Aufl.  fl.  24’2Mill.
Total  etwa  fl.  41’T‘Mí1T
Sämmtliche  Steuerbeischläge  wurden  im  Frieden  forterhoben.  Das
Budget  für  1802  verdoppelte  die  Einkommensteuer  und  das  contributo
arti  e  commercio  im  Venetianischen,  erhöhte  die  Couponssteuer  von  5
auf  7  Proc.,  und  vergrösserte  die  Abgaben  vom  Stempel,  Runkelrübenzucker ­
  und  verschiedenen  Gebühren.  —  Diese  Steuererhöhungen  sind
sämmtlich  bis  jetzt  beibehalten.  *)
Staatsschuld.  Nach  dem  officiellen  »Ausweis  über  den  Stand  der
gesammten  österr.  Staatsschuld  mit  Ende  April  1804«  betrug  derselbe
(alle  Beträge  auf  jetzige  Währung  reducirt)  ;

I.  Allgemeine  Staatsschuld  :
a)  Consolidirte,  ältere,  in  AViener  Währung
-  Conv.-Münze  .
neuere,  -  Conv.-Münze  .
-  österr.  Währung
b)  Schwebende,  in  österr.  Währung  .  .
c)  Capital  von  Entschädigungsrenten  etc.

.  .  40’718,3T0fl.
.  .  S’325,()30  -
.  .  1,G47’545,430  -
.  .  037’‘)99,G05  -
.  .  158’S()0,172-.
  .  15’(i42,iH5  -

Zusammen  2,50y’09(i,l07  fl.
II.  Schuld  des  Lombardisch-Venetianischen  Königreichs  :
a)  Consolidirte  in  Conv.-M.  34*747,142,  m  österr.  AV.

30*202,820;  —  b)  Schwebende  *'18,218  =  ....  05*828,180  -
III.  Grundentlastungsschuld  521*548,808  -

Totalbetrag  der  Schuld  3,090*473,245fl.
Zur  Schuldgeschicbte.  Bei  Beendigung  des  siebenjährigen  Krieges,
1703,  belastete  Oesterreich  eine  auf  1  50  Alillionen  geschätzte  Schuld,
welche  1781  auf  283  Mill,  angewachsen  war,  und  beim  Beginne  der
franz.  Revolution  1789  die  Ziffer  von  3  19  Mill,  erreichte.  \"on  jetzt  an
erfolgte  Vermehrung  im  colossais  ten  Umfange.  Schon  1790  stieg  der
Schuldbetrag  auf  fast  372  Mill  ,  1793  auf  125,  1795  auf  490.  Im  nächsten ­
  Jahre  sind  504,  1799  033,  1802  080  AI  ill.  aufgezeichnet,  dann
1810  727,  1811  812  Mill.  An  diese  Anhäufung  der  consolidirten  Schuld
schloss  sich  eine  Reihe  der  ungewöhnlichsten  Finanzmassregeln  :  Staatsbankerut
  und  das  noch  ausserordentlichere  Mittel  des  Zwanges  zur  »Arrosirung«
  ;  erst  setzte  man  einseitig  die  Zinsen  der  Schuld  auf  die  Hälfte
herab,  sodann  nöthigte  man  die  Gläubiger  zu  weitern  Darlehen,  indem ­
  sie  beim  Unterlassen  der  Nachzahlung  die  frühere  Forderung  ganz
verloren  !  —  Aehnlich,  wie  mit  den  eigentlichen  Schuldscheinen,  erging

*)  Der  Bedarf  der  Stadt  AVien,  1852  erst  2*720,823  fl.  betragend,  war  1  soi
bereits  auf  7*012,858  angewachsen.  Die  Einkünfte  hatten  in  gleichem  Masse
erhöht  werden  müssen;  sie  werden  in  den  beiden  genannten  Jahren  mit  3*291  ,S45
und  7,248,227  aufgeführt.  (Im  J.  18(i2  ward  die  AVohnungsmiethezu  20*590,202  fl.
berechnet,  wovon  7*740,222  fl.  an  Staats-  und  Communalsteuem  zu  entrichten
seien.)  Das  unmittelbare  A'ermögen  der  Stadt  ward  übrigens  zu  40*870,515,  der
Schuldenstand  nur  zu  4*024,031  fl.  berechnet.
        <pb n="175" />
        OESTERREICH.  —  Finanzen  'Staatsschuld).

153

es  mit  dem  Papiergelde,  durch  welches  die  Metallwährung  fast  ganz
verdrängt  ward.  Das  Papiergeld  ist  nemlich  ein  altes  Uebel  in  Oesterreich. ­
  Anfangs  hiess  man  es  Bancozettel  und  es  stand  alpart.  Im  J.
17S1  beschränkte  sich  dasselbe  allerdings  noch  auf  7®,  Mill,  fl.,  1788
waren  es  über  20,  1794  32,  1796  47,  1797  74  Mill.  Von  1799  gingen
die  Bancozettel  im  Curse  immer  tiefer  herab.  Es  gab  deren
1798  1799  1800  1801  1802  1806  1808  1809
Mill.  92  141  201  202  337  450  519  730
Es  bestanden  die  bestimmtesten  Versicherungen,  dass  keine  Herabsetzung ­
  des  Werthes  erfolge  Publicandum  von  1S06).  Ein  kajserl.  Mandat ­
  von  Anfang  Febr.  1811  lautete  wörtlich  :  »Ich  gebe  Mein  kaiserl.
Wort,  dass  nie  die  Bancozettel  in  ihrem  Nennwerthe  heruntergesetzt
werden  sollen.«  Allein  factisch  sank  der  Werth  des  Papiers  auf  seines ­
  Nominalbetrags  (1  fl.  in  Silber  stand  17  fl.  in  Papier  gleich)  ;  und
unterm  26.  März  1811  (6  Wochen  nach  jener  officiellen  Erklärung)  sah
sich  die  Regierung  dahin  gebracht,  den  Werth  des  bis  zu  1060  Mill,  angewachsenen ­
  Papiergeldes  auf  ein  Fünftel  herabzusetzen,  d.  h.  man
löste  das  alte  gegen  neues  Papiergeld  ein,  das  man  Einlösungs-  und
Anticipationsscheine  nannte,  wobei  indess  der  Gulden  von  früher  nur  zu
12  Krzr.  angenommen  wurde.  Da  man  aber  die  Papiergeldmenge  stets
aufs  Neue  vermehrte,  obwol  das  Gegentheil  ausdrücklich  zugesichert
worden,  so  dass  die  durch  obige  Massregel  erst  im  .1.  1811  auf  212  Mill,
reducirte  Summe  18  Ui  schon  wieder  auf  639  Mill,  angewachsen  war,  so
sank  auch  das  neue  Papiergeld  rasch  auf  ein  Viertel  seines  Nominalwerthes,
  wonach  also  der  Gesammtverlust  sich  auf  ‘%o  stellte,  und  man
für  ursprüngliche  100  Gulden  nur  5  Gulden  wirklichen  Werth  besass.  —
Die  Kriege  von  1813  —15  erheischten  ansehnliche  Anstrengungen.  *)  —
Um  dann  der  vorzugsweise  lästigen  schwebenden  Schuld  sich  zu  entledigen, ­
  erfolgten  1816  neue  Anordnungen,  die  einem  zweiten  Bankerute ­
  ziemlich  gleich  kamen  :  man  stellte  den  Inhabern  des  Papiergelds
frei,  entweder  dasselbe  für  zwei  Siebentel  des  Nennwerths  in  Banknoten
zu  verwechseln  und  für  die  übrigen  fünf  Siebentel  e  i  n  procentige  Staatspapiere ­
  anzunehmen  ;  oder  aber  für  das  Papiergeld  Actien  der  eben  gegründeten ­
  »Nationalbank«  einzutauschen.  Nun  verminderte  man  wenigstens ­
  das  Papiergeld,  1817  auf  529,  1818  auf  498,  1821  auf  330,  1825
auf  150  Mill  ;  1827  war  die  Summe  auf  etwas  weniger  als  100,  1830
auf  die  Hälfte,  1839  auf  20  Mill,  herabgebracht,  —  freilich  durch  mannichfache
  Manipulationen.  Daneben  hatte  sich  aber  der  Stand  der  Hauptstaatsschuld ­
  wesentlich  erhöht,  obwol  man  von  1818  an  den  Nominalbetrag ­
  theilweise  dadurch  herabdrückte,  dass  man  die  ältere  auf  2*/*  Proc.
Zinsen  reducirte  Schuld  in  herabgesetztem  Curse  gegen  neue  5proc.,  in
Silber  zahlbare  Obligationen  (Métalliques  umtauschte.  Von  825  Mill,
beim  Friedensschlüsse  1815)  stieg  die  Schuldzifler  1820  auf  987,  1830
^uf  1  Obi  und  1847  auf  1249  Mill.**)  Nachdem  sich  schon  1846  und
*  Obwol  man  aber  nicht  einmal  für  die  verstümmelten  Invaliden  genügend
sorgen  konnte,  kosteten  die  Festlichkeiten  des  Wiener  Congresses  den  Staat
gegen  3U  Mill.  Siehe  (iervinm,  Gesch.  des  19.  Jahrh.
**:  Den  meisten  Angaben  über  die  Grösse  der  Haupt-  sowie  der  Papiergeldschuld ­
  liegen  r.  Cziirnig’s  Mittheilungen  »Statist.  Jlandhilchlein  für  die
        <pb n="176" />
        154

OESTERREICH.  —Finanzen  (Staatsschuld).

47  dringende  Finanzverlegenheiten  eingestellt,  erfolgte  184S  die  Revolution ­
  in  Wien,  in  Ungarn  und  Italien.  Nun  ward  wieder  Papiergeld  in
unbegrenzter  Menge  ausgegeben.  Man  erliess  Geldausfuhrverbote,  und
decretirte,  2.  Juni  1848,  Zwangscurs  der  Banknoten  (die  Bank  war  factisch
  nur  eine  Staatsanstalt).  ***)
Die  seit  dem  Niederwerfen  der  Revolution  von  1848  und  49  ausgeführten ­
  Anlehen  sind  ;

1851,  Sept.,  Sub.scriptionsanlehen  zur  Verbesserung  der  Valuta  85’5&amp;lt;)9,S00  fl.
1852,  Mai,  Silberanlehen  im  Auslande  (à  80  %  negocirt  .  .  35’00o’ooo--
  4.  Sdl&amp;gt;t.,  4proc.  inländische  freiwillige  Anleihe  .  .  .  80’000,U00-1853,
  5proc.  Anweisungen  auf  die  Saline  Gmunden  ....  40’000,’000  -
1854,  3.  März,  Lotterieanleihe  (à  00  %)  50’OOo’ooo  -
-  öproc.  Silberanleihe  (à  SO  35’000,’oo0  -

'öden'.  Monarch  ten's  zu  Grunde;  doch  wären  mehrfache  Erläuterungen  dabei  zu
wünschen  ;  vermutnlich  würde  sich  Verschiedenes  anders  gestalten  als  nach  den
Bureauabschlüssen.
***)  Im  Noy.  1848  stand  das  Agio  des  Silbers  gegen  Papier  auf5  Proc.  ;  1849
stieg  es,  19.  Juni,  auf  24-'/,  Proc.,  fiel  dann,  25.  Sept.  (Beendigung  des  ungarischen ­
  Krieges)  auf  5,  stand  aber  zu  Ende  des  Jahres  1849  doch  wieder  auf  13",.
1850,  20.  ÎSOV.  (Verwicklungen  mit  Preussen)  erreichte  das  Agio  52%.  —  1852
sank  es  bis  auf  8  ;  stieg  dann,  März  1854,  neuerdings  bis  44'/,  ;  sank,  10.  Aug.,
auf  10’/,,  stieg  wieder,  Nov.  und  erste  Monate  1855,  auf  28  und  29,  und  ging
endlich  1850,  nach  Sicherung  des  Friedens,  bis  auf  2  %  herab.  Für  den  1.  Jan.
1859  hatte  sich  die  österr.  Regierung,  den  (leutschen  Münzvereinsstaaten  gegenüber, ­
  zur  Wiederherstellung  der  Baarzahlung  verpflichtet  ;  wirklich  sank  das
Agio  auf  1  Proc.  Da  indess  genau  an  dem  bezeichneten  Tage  der  auf  Krieg
deutende  Neujahrsgruss  von  Paris  aus  erfolgte,  so  ward  die  Einlösung  des  Paniers ­
  eine  blos  scheinbare,  bis  am  29.  April  1859  die  Bank  auch  förmlich  der
Verpflichtung  zur  Einlösung  ihrer  Noten  enthoben  ward.  Nun  stieg  das  Silber
wieder  im  März  und  April  auf  5,  im  Mai  auf  31—40  Proc.  Agio.  Nach  der  Friedenserklärung ­
  vom  11.  Juli  ging  es  auf  J0°/„  herab,  st^eg  dann  neuerdings
(Mitte  Oct.)  auf  27,  stand  am  1.  Jan.  1800  auf  21,  hielt  sich  von  Mitte  März  bis
Oct.  auf  etwa  32'/,,  war  am  31.  Dec.  Einführung  des  Zwangscurses  des  Papiergeldes ­
  in  Venetien)  44;  dann  IKOl,  20.  Jan.  (Steueranlehen)  50,  31.  Jan.
sogar  54  (also  schlimmer  als  in  der  übelsten  Zeit  des  Krieges!),  ging  27.  Febr.
(Verfassungsverkündigung  auf  45%  herab,  um  aber  alsbald  wieder  zu  steigen,
15.  Apr.  (ungar.  AVirren)-auf  52.  Die  friedlichen  Aussichten  brachten  den  Stand
am  7.  Juni  auf  35'/.  herab,  allein  am  5.  Dec.  Trentaflaire)  war  die  Notirung
wieder  42'/,,  am  Jahresschlüsse  41'/,.  1802  erfolgte  ein  Herabgehen,  bis  zum
1.  Juni  auf  20'/,,  bis  1.  Nov.  (unter  einigen  Fluctuationen)  auf  21,  Ende  Dec.
auf  14%.  —  1803  war  der  Stand  am  1.  Oct.  11,  am  22.  Nov.  dagegen  wieder
24'  ,,  31.  Dec.  17'/,.  AVährend  des  Jahres  1804  Herabgehen  bis  auf  10,  Oct.
Steigen  auf  10%.  —  Früher  hatte  man,  neben  den  Banknoten,  noch  besonderes
Staats])apiergeld  in  Umlauf  gesetzt  Es  circulirten  zu  Anfang  1S54  über  150
Millionen  des  1  .etztern  neben  188  Mill.  Banknoten,  zusammen  also  338  Mill.
Papiergeld.  Um  dasselbe  wieder  auf  den  Pari-Stand  zu  heben  und  Silber  in  die
Circulation  zurückzuführen,  wurde  unterm  23.  Februar  1854  die  Umwandlung
des  Staatspapiergeldes  in  Banknoten  angeordnet.  Die  Bank  erhielt  zur  Deckung
zunächst  ein  gewisses  Einkornmen  aus  den  Zöllen  angewiesen.  Sodann  wurden
derselben,  zufolge  hinanzminist.-Decrets  vom  Sept.  1855,  für  ihre  weitern  Forderungen ­
  an  den  Staat  (damals  155  Mill.),  Domänengüter  bedingt  abgetreten.
Eine  wirkliche  Trennung  der  Bank  von  der  Staatsverwaltung  erfolgte  erst  durch
ein  Ende  1802  erzieltes  Uebereinkommen.  Das  Guthaben  der  Bank  ward  zu
232’944,490  fl.  festgestellt;  bis  Ende  1800  soll  dasselbe  vollständig  getilgt  sein.
        <pb n="177" />
        OESTERREICH.  —  Finanzen  Staatsschuld).
1854,  20.  Juli,  "freiwillige  Nationalanleihe«  (factisch  Zwangsanleihe) ­
  ,  angeblich  von  500  Mill.  *],  in  Wirklichkeit
1858,  Lotterieanleihe  .  .  .  '  -  -
1859,  Jan.,  5proc.  Anlehen  in  England  von  0  Mill,  x  zu  80
ausgeboten,  ohne  dass  man  Abnehmer  fand  .  .  ■
-  29.  April,  5proc.  Anlehen  .  .  .  .  .  _  .  •  •
Mitte  Mai,  Zwangsanlehen  in  Italien  (auf  75  Mill,  bestimmt, ­
  wegen  des  Verlusts  der  Lombardei  aber  blos)
1800,  Nov.,  Ausgabe  von  Münzscheinen
1801,  Steueranlenen
H)"pothekaranWeisung  auf  d.  Salinen,  schwebende  Schuld
1804,  F  ehr.,  Lotterieanlehen,  aufgebracht  58’,  nominal  .  .
-  Mai,  Silberanlehen  von  70’,  davon  begeben  23Mill,  à
77,10,  nominell  '
Nov.  Anlehen  in  österr.  “Währung  à  87  "  „  ....  .
Zusammen  Anlehen  in  14  Jahren  1,490’021,10o  fl.
Allerdings  fanden  fortwährend  Tilgungen  statt,  «sie  stehen  aber,  wie
der  Erfolg  zeigt,  ausser  Verhältniss  zu  diesen  neuen  Aufnahmen.  Auch
reiheten  sich  daran  Schuldvermehrungen  durch  mancherlei^  Finanzoperationen. ­
  So  capitalisirte  man  schon  in  den  Jahren  1849  —  51  für  32  Millionen ­
  Interessencoupons  und  Lottoanlehensloose.  Sodann  veranlasste
man  im  Oct.  1858,  bei  Veränderung  des  Mftnzfusses,  die  Gläubiger,  zu
den  kleinen  Beträgen,  die  sich  bei  der  Umrechnung  ergaben,  Zuschüsse
zu  leisten,  um  verzinsliche  Schuldscheine  zu  erhalten.  Dann  verwandelte ­
  man  wieder  geringer  verzinsliche  Schuldscheine  in  neue  5proc.
unter  Verminderung  des  Nominalschuldbetrags.  Mittlerweile  erfolgten
auch  verschiedene  Operationen  in  kleinem  Massstabe.  Endlich  bei  den  versprochenen ­
  Tilgungen  zahlte  man  Zinsen  mit  Papiergeld.  Hinwieder  erhöhte ­
  sich  der  Nominalbetrag  der  Hauptschuld  durch  jene  Mönzfussveränderung
  um  5  Proc.  Der  Krieg  von  1859  hatte  eine  Vermehrung  der
Schuld  neben  der  Einführung  von  Kriegssteuern  im  Gefolge.
Gemäss  des  Züricher  F'riedensvertrags  bezahlte  Sardinien  (oder
vielmehr  Frankreich  vorschussweise  statt  dessen  für  Abtretung  der  Lombardei ­
  40  Mill.  fl.  C.-M.  an  Oesterreich.  Die  ganze  Summe  ward,  wie
sie  einging,  durch  die  lautenden  Bedürluissc  verschlungen.
Die  späteren  Creditoperationen  haben  zum  Theil  lebhafte  Klagen
im  Reichsrath  hervorgerufen.  So  enthüllte  die  Controlscommission  des
Abgeordnetenhauses  im  Juli  1803,  dass  die  12  Mill.  Münzscheine  im
Oct.  1802,  sogar  ohne  Einrechnung  der  in"  der  Gasse  liegenden  Münzscheine,
  um  1’09S,190  fl.  überschritten  seien;  ebenso  habe  man  von
den  2%proc.  Anlehen  von  1851  statt  17,288,500  fl.  für  nicht  weniger
als  20*885,900  fl.  ausgegeben.  Die  Schulden-Controlcommission  rügte
sodann  im  F’cbr.  1804  namentlich  die  Depotgeschäfte,  d.  h.  die  Aufnahme ­
  von  Geldern  unter  Verpfändung  von  Staatsschuld-Obligationen,
als  unvereinbar  mit  der  Verfassung,  weil  »der  grösste  Theil  der  Zinsen
dieser  Papiere  in  den  Einnahmen  und  der  Aufwand  an  Zinsen  und  1  rovisionen
  in  den  Ausgaben  nicht  erscheine,  somit  der  Controle  des  Reichsraths ­
  ganz  entzogen  werde.«  Es  ward  beigefügt,  »dass  solche  Geschäfte
Das  Ausschreiben  von  1854  lautete  auf  350  bis  höchstens  500  Mill.  Erst
im  Oct.  1859  verkündete  ein  Art.  der  »Wiener  Zeitung«  ohne  alle  Motmmng,
dass  für  011*571,300  fl.  Schuldscheine  ausgegeben  worden,  wovon  sich  übrigens
20,492,100  im  Besitze  des  Schuldentilgungsfonds  befänden.

155

611*571,300  fl.
40*000,000  -
00*000,000  -
200*000,000  -
30*000,000  -
12*000,000  -
26*000,000  -
90*000,000  -
40*000,000  -
30*480,000  -
25*000,000  -
        <pb n="178" />
        156

OESTERKKICH.  —  Militär  Landmacht).

die  Veranlassung  zur  Verwendung  von  Werthsobjecten  zu  Pfändern  würden, ­
  über  welche  der  Finanzverwaltung  gar  kein  Dispositionsrecht  zustehe«, ­
  und  als  Beleg  ward  die  Verjifändung  von  Papieren  angeführt
welche  dem  venez.  Amortisationsfonds  gehörten,  welchen  Vorgang  das
Abg.-Haus  bereits  als  ordnungswidrig  bezeichnet  habe.

Milkäi  H.
landmacht.  Bildung  des  Heeres.  Aushebung  nach  vollendetem
20.  Jahre  (m  der  letzten  Zeit  85,000  Mann  im  Jahre)  ;  8jährige  Dienstzeit ­
  im  activen  Heere,  dann  noch  2  Jahre  in  der  Reserve.  (Im  Jahre
18o4  wurden  im  Staate  NN  Fälle  von  Selbstverstümmelung  constatirt
um  sich  der  Militärpflicht  zu  entziehen.)  Stellvertretung  besorgt  der
btaat,  ausser  in  Kriegszeiten  (in  den  letzten  Jahren  betrug  die  Taxe
1200  fl.)  —  Das  Avancement  der  Gemeinen  zu  Officiersstellen  findet
selten  statt.  1851  zählte  man  4i)(Jl  adelige  und  10,  JOO  bürgerliche  Ofhciere.
  Unter  den  Ersten  103  Fürsten,  590  Grafen,  898  Barone,  570
10  800  Officieren  4229  Adelige,  namentlich  bei  der  Cavallcrie  1190  von
1/00,  bei  der  Artillerie  und  dem  Stabe  aber  nur  340  von  1700  )
Die  Armee  ist  der  Mannschaft  nach  äusserst  tüchtig.  1818  und  19  machte
sich  aber  die  Verschiedenheit  der  Nationalität  auch  im  Heere  geltend  •
ungarische  und  italienische  Truppen  schlossen  sich  der  Erhebung  in  ihrem
^eciellen  Vaterlande  an.  Auch  1859  gab  es  Anstände  dieser  Art
Der  Sold  ist  geringer  als  in  irgend  einer  deutschen  Armee.  Bis  1848
war  für  das  Sanitätswesen  schlecht  gesorgt,  so  dass  z.B.  der  Regimentsarzt ­
  seinen  Rang  nach  dem  letzten  Officiere  hatte,  wesshalb  es  an  tüchyn
  Aerzten  fehlte.  Seitdem  erfolgten  einige  Verbesserungen.  Die
erpflegung  war  im  feldzuge  von  1859  äusserst  mangelhaft.  Formation ­
  und  Stand:

80  Linien-lnfant.-Regim.,  zu  4  Rataill.  von  (I  Comp.  .
oo  zu  S  Rat.  von  5  Comp.  ;Tiroler  1
&amp;lt;12  Feldjäger-Jlataill.  von  0  Comp.  i  ■
14  Grenz-Infant.-Reg.  und  1  Titler  Grcnz-Inf.-Rat.
10  Samtäts-Comp
_  Gesammtstärke  der  Infanterie
12  Reg.  Cürassiere,  2  Reg.  Dragoner,  14  Reg.  Husaren  13
Reg.  Ulanen,  sämmtl.  zu  OKscadr.,  zus.  Cavallerie
12  Reg.  L  eldartillerie  zu  10  Batterien  von  4  Comp  1  Reg
Küstenartillerie  zu  3  Rataill.  von  4  C.,  1  Reg’  ]{aketeure
  zu  12  Batterien  von  3  C.,  zus.  Artillerie  mit
0,098  resp.  21,318  Pferden)
2  Reg.  Genie  zu  4  Rataill.  u.  0  Rataill.  Pionnière
Dazu:  48  Fuhrwesens-,  Transports-  undRrückenbe.spannungsescadronen
  ^
10  Gendarmerie-Regimenter  u.  Policeiwachtcor¡is
Total,  mit  Stab,  Garden  (781  M.j~etc7

im  Frieden
150,430
25,282
8,040
^  830
185,182
39,188

27,001
8,932
2,802
10,500

im  Kriege
331,230
40,022
55,598
2,858
430,008
41,802

50,300
14,028
22,070
10,500

5,100

570,749

aufgeführt
        <pb n="179" />
        OESTEKKEICH.  -  Militär  (Landmacht.)

157

neralc,  112S  Stabs-  und  14,346  Subalternofficiere,  endl.  32S,052  Unteroff.  und
Gemeine.
Reserve.  Die  seit  1Ò52  an  der  Stelle  der  frühem  Landwehr  eingeführte ­
  Reserve  mag  lOO—12o,00U  Mann  betragen.  Die  Nationalgarden ­
  sind  seit  1S51  gänzlich  aufgedost.  Nur  »mit  besonderer  Bewilligung«
dürfen  an  einzelnen  Orten  Bürger-  und  Schützencorps  bestehen.  Dieselben ­
  besitzen  gar  keine  militärische  Bedeutung.  In  Tirol  allein  findet
man  noch  »Landesschützen«,  welche  in  3  Zuzügen  (von  20—29,  von
30—35  und  von  3(&amp;gt;—45  Jahren)  alle  Wehrkräftigen  umfassen,  und  deren ­
  beide  erste  Abtheilungen  sich  jährlich  auf  einige  Tage  zu  Uebung
und  Musterung  versammeln.  Noch  nicht  geordnet  sind  die  Verhältnisse
der  Militürgrenz-Bewohner,  welche  1S50  ausnahmslos  zu  einem  integrirenden
  Theile  des  Reichsheeres  erklärt  wurden.
Festungen.  Oesterreich  zählt  31,  darunter  G  ersten  Ranges;
Linz,  Salzburg,  Kufstein,  Brixen,  Josephstadt,  Prag,  Theresienstadt,  01-mütz,
  Leopoldstadt,  Gradisca,  Komorn,  Arrat,  Ganove,  Krakau,  Munkacz,
Ofen,  Temeswar,  Brod,  Eszek,  Peterwardein,  Karlsstadt,  Karlsburg,  Cattaro,
Kagusa,  Zara,  Mantua,  Verona,  Legnago,  Peschiera,  Venedig,  Chioggia,  Palmanova ­
  und  Osopo.  Ferner  hat  Oesterreich  das  Mitbesatzungsrecht  m  Mainz,
G  Im  und  Rastatt.
Militärgeschichtliches.  Die  ältern  Nachrichten  über  die
Stärke  des  österr.  Heeres  sind  meistens  sehr  ungenau.  Eine  Berechnung
von  1  783  ergibt  27G,000,  eine  von  1781  dagegen  3G4,000  Mann.  Beide
nehmen  die  Cavallerie  zu  48—50,000,  die  Artillerie  zu  8—9000  M.
an  ;  der  Unterschied  trifft  sonach  auf  die  Infanterie.  —  Damals  hatte  der
Staat»  57  Reg.  Linien-Infanterie  (40  deutsche  etc.  und  11  ungarische),
33  Reg.  Cavallerie  12  schwere  Reg.,  7  Dragoner,  0  Chevauxlegers  und
8  Husaren  ;  dann  22  Reg.  Grenztruppen  (1  7  Infanterie  und  5  Husaren),
3  Reg.  Artillerie  und  1  I  Corps  Ingenieure,  Pontoniers  etc.,  zusammen
120  Reg.  und  Corps.  —  Im  Feldzuge  von  1805  betrug  die  wirklich  mobilisirte
  Macht  noch  nicht  220,000,  selbst  1809  nicht  280,000  M.  auf
dem  Papiere  das  erste  Mal  etwa  250,000,  das  zweite  Mal  320,000;
Springer  entziffert  für  1809  sogar  einen  Bestand  von  030,000,  der  aber
auch  nicht  annähernd  im  Felde  erschien.  Die  active  Hauptarmee  der
Oesterreicher  wie  der  Franzosen  war  ungefähr  gleich  stark,  etwa  200,000
M.)  Nach  einem  geheimen  Artikel  des  Friedensvertrags  von  1809  durfte
das  österr.  Heer  nicht  mehr  über  150,000  M.  betragen.  In  den  3  Jahren ­
  1813—15  wurden  489,900  Recruten  für  das  stfchende  Heer  »gehoben«. ­
  —  In  dieser  Zeit  hatte  man  etwa  250,000  M.  im  Felde.  —  Der
Feldzug  von  1821  gegen  Neapel  und  Sardinien  war  militärisch  unbedeutend. ­
  —  1848  standen  fast  100,000  Mann  in  Italien;  durch  die  Insurrection ­
  schmolzen  sie  rasch  auf  45,000  M.  im  activen  Dienste  zusam-*üen.
  Schnell  ward  die  Armee  ergänzt  und  nun  begannen  die  siegreichen
Feldzüge  Radetzky’s  gegen  Karl  Albert.  Doch  kostete  die  Belagerung
Venedigs  allein  20,000  M.  —  Bei  der  Aufstellung  während  des  Orientkrieges ­
  ward  der  Heerbestand  zu  371  Bataillone,  295  Schwadronen  und
1148  Geschütze,  zus.  553,902  M.  angegeben,  wovon  283,500  M.  mit
b7,4  13  Pferden  und  700  Geschützen  an  der  russ.  Grenze  marschbereit
standen.  Schon  damals  zeigte  sich  die  Mangelhaftigkeit  in  der  Verpfle-
        <pb n="180" />
        158

OESTERREICH.  —  Militär  (Seemacht).

gung.  Ohne  dass  ein  Schuss  abgefeuert  ward  bttsste  man  30—35,000
M.  ein,  in  Folge  der  herrschenden  Entbehrungen  ;  es  sollen  nicht  einmal
eigentl.  Seuchen  grassirt  haben.  (Aeusserung  des  Preuss.  Kriegsministers ­
  Gr.  Waldersee,  in  der  Rerl.  Kammersitzg.  v.  30.  März  1857.)
—  Im  Feldzuge  von  1850  traten  noch  ^eit  verderblicher  die  personellen
und  materiellen  Missstände  hervor.  Trotz  der  800,000  M.  auf  dem  Papiere, ­
  befand  man  sich  auf  den  entscheidenden  Punkten  immer  in  der
Minderheit;  meistens  wurden  die  Soldaten  hungernd  und  mit  Gepäck
beladen  ins  Treffen  geschickt,  dabei  häufig  aufs  Ungeschickteste  verwendet. ­
  Die  Truppen  (die  unzufriedenen  Italiener  und  mitunter  auch  Ungarn ­
  abgerechnet)  erprobten  die  anerkennenswertheste  Ausdauer  und
Tapferkeit.  Ueber  die  numerischen  Verhältnisse  ist  noch  nichts  Genaues
bekannt.  Rechnet  man  die  Angaben  der  officiell  veröffentlichten  Verlustlisten ­
  zusammen,  so  hätte  das  österr.  Heer  an  Todten,  Verwundeten
und  Gefangenen  11  (Î4  Officiere  und  48,500  Unterofficiere  und  Gemeine
eingebüsst  besonders  in  den  Schlachten  von  Magenta  und  Solferino  .
Diejenigen  ,  welche  Krankheiten  oder  Entbehrungen  erlagen  natürlich
ungerechnet.  Der  Formationsstand,  wie  derselbe  vor  diesem  Kriege  aufgeführt ­
  ward,  entzifferte  302,777  M.  im  Frieden  und  085,247  im  Kriege
(Linien-Inf.-Regimenter  hatte  man  blos  02,  aber  zu  0  Rataill.

Marine.  Eine  uns  vorliegende  Liste  vom  Juli  1804
1  Sehr  a  üben  schiffe:
a.  Linienschiffe  :  erster  Classe,  wovon  2  erst  der  Vollendung ­
  nahe,  jed.  SOO  Pferdekr.,  1  à  02  Kan.,  die  andern
à  32  Kan.  ;  3  zweiter  Classe  zu  31  Kan.,  0.50  Pfk,  ;  2
dritter  CI.  à  2K  Kan.,  500  Pfk.,  zus
b.  Fregatten:  2  erster  CI.  à  50  u.  51  K.,  400  u.  500  Pfk.
3  dritter  CI.  à  31  K.  u.  300  Pfk.,  zus
c.  Corvetten:  7  zweit.  CT.,  à  4—22  K.,  230  Pfk.  .  .
d.  Kanonenboote:  S  mit  2—0  K.,  50—230  Pik.  .  .
2;  Rad-Dampfer:  11  mit  2—0  K.,  40—350  Pfk.  .  .
Zus.  Dampffiotte  30  Schifie  mit
3)  Segelschiffe;  2(1,  worunter  1  F  reg.  v.  35  K  ,  3  Corvetten ­
  V.  20  u.  10  K.,  2  Briggs,  3  Schooners  etc.,  zus.
4)  Fluss-u.  Landsee'schiffe:  a.  5  in  der  Donau  mit  10  K.
u.4o5Pfk.,  b)  28  im  Gardasee,  30  K.  000Pfk.,  c)  7  im  See  v.
Mantua  mit  SK.,  d  01  in  d.  Lagunen  mit  149K.,  505Pfk.
Total  121  Schiffe  mit

führt  auf  :
Kan.  Pfdkr.

305  ¿350

104
04
34
42

1800
1010
000
2010

030  11,730
145  —
203  1000
9&amp;lt;7  13,330"

Eine  andere  Aufstellung  berechnet:  50  Seeschiffe  mit  870  Kan.,  darunter
40  Dampfer  mit  051  ^an.  und  12,050  Pflt.,  und  01  Binnenschiffe  mit  187  Kan.
worunter  20  Dampfer  mit  72  Kan.  und  1531  Pfk.  Die  letzte  Angabe  scheint
die  genauere.)  Die  gesammte  }Iarinemannschaft  zählt  13,001  Mann.
Kriegshäfen:  Pola  und  Venedig.

Soc  iaUs  (iewerbs-  und  llaiulelsvci  lidUiiisso.
Allgemeine  Bemerkungen,  Adel  und  katholische  Geistlichkeit  sind
zahlreich  und  mächtig.  Nach  einer  wol  übertriebenen  Angabe  soll  die
erstgenannte  Classe  gegen  800,000  Individuen  also  etwa  100,000  Familien) ­
  umfassen,  am  meisten  in  Ungarn.  Die  Weltgeistlichkeit  zählte
1858  55,370  Individuen,  wobei  1  Patriarch,  4  Primates,  11  Erzbischöfe,  58
Bischöfe  und  24  Weihbischöfe  ;  doch  sind  in  obiger  Zahl  auch  4274  Kle-
        <pb n="181" />
        OESTERREICH.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.  159

riker  in  den  bischöfl.  Seminarien  und  3752  Knaben  in  den  Convicten
eingerechnet.  Obwol  Kaiser  Joseph  II.  (»25  Klöster  aufhob,  gibt  es
doch  noch  720  für  Mönche  und  208  für  Nonnen.  Die  ersten  sind  (einschliessl.
  240  Novizen  und  1917  Laienbrüdern)  von  9600,  die  Letzten
von  5198  Individuen  bevölkert.  Von  den  40,388  Weltgeistlichen  gehören ­
  35,265  zum  lateinischen,  5076  zum  unirten  griechischen  und  47  zum
unirten  armenischen  Ritus,  Ueber  das  Kirchenvermögen  gab  die  Wiener
»Kirchenzeitung«  1861  folgende  Zusammenstellung:

Säcularpfründen  .
Klöster  ....
Kirchen  ....
Unterr.-Anstalten
Sanitäts-Wohlthätigk.-Anst.

Summa
Religionsfonds.  .
Studienfond  .  .

Einkommen
S’772,9S4  fl.
4’258,147  -
6’0S3,281  -
329,252  -
184,016  -
12,033  -

1‘&amp;gt;’639,713  -
3’410,74S  -
875,370  -

Vermögen
113’803,.')95fl.
62’822,30l  -
101’014,557  -
3’84S,513  -
1’752,674  -
144,043  -

2S3’3S5,6S3  -
68’0S6,b07  -
15’418,496  -

Passiva
2’619,019fl.
3’129,575  -
3’859,982  -
18,501  -
26,208  -
535  -

Zusammen  23’925,831  -  366’890,986  -

9’653,820  -
979,622  -
326,642  -
10’960,084  -

Diese  Berechnung  ist  jedenfalls  sehr  niedrig  gehalten  und  scheint
insbes.  das  Mobiliarsermögen  (Staatspapiere,  ausgeliehene  Capitalien)
nicht  zu  umfassen.  *)
Lehranstalten  (1862)  :  8  Universitäten  mit  6702  Studenten
(Wien,  Prag,  Graz,  Insbruck,  Pesth,  Lemberg,  Krakau,  Padua)  ;  8
höhere  technische  Anstalten  mit  1823  Schülern;  125  theolog.  Lehranstalten ­
  (wobei  jedoch  sämmtliche  Klosteranstalten  mit  nur  sehr  geringer ­
  Schülerzahl  beigezählt  sind)  mit  3905  Sch.  ;  5  Rechtsakademien
mit  335  Sch.  ;  8  Chirurgische  Lehranstalten,  632  Sch.  ;  4  Montan-  und
Forst-Akademien,  140  Sch.  ;  18  mindere  landwirthschaftl.  Lehranstalten, ­
  522  Sch.;  227  Gymnasien  mit  51,859  Sch.  ;  48  selbstständige
Realschulen  mit  1  1,387  Sch.  ;  29,445  Volksschulen  mit  2’699,288
Schülern  der  Elementar-und  1  '068,498  der  Wiederholungsclassen.  —  Bei
den  Truppenaushebungen  ergab  sich  1857,  dass  der  Unterricht  in  Niederösterreich ­
  und  in  Böhmen  am  allgemeinsten  verbreitet  ist,  dagegen
am  wenigsten  in  Tirol,  Krain,  Küstenland,  Ungarn,  Galizien,  Bukowina,
Wojwüdina,  Kroatien  und  Dalmatien.  Des  Schreibens  kundig  waren:
in  Niederösterreich  in  Böhmen  in  Dalmatien
1856  von  2092  Recruten  1575  von  6,665  nur  4383  von  751  nur  33!
1S57  -  2649  -  2323  -  11,111  -  6600  -  928  -  9!!
1863  -  3672  -  3171  -  12,659  -  6445  -  911  -  46!
Anfangs  1864  erschienen  im  Kaiserstaate  134  politische  Zeitungen:  80
deutsch,  16  ungarisch,  13  italien,,  6  slavisch,  4  poln.,  2  serb.,  2  croat.,

*  In  Deutsch-Oesterreich  ist  das  Erzbisthum  ülmütz  am  höchsten  dotirt,
mit  300,800  fl.  ;  die  Prämonstratenser  in  Tögl  sind  mit  einem  Einkommen  von
223,(160  fl.  eingetragen,  die  Benedictiner  in  Mölk  mit  190,006,  die  Schotten  in
Wien  mit  197,000,  die  in  Kremsmünster  mit  191,700,  die  Chorherren  in  Klosterneuburg ­
  mit  158,000  u.  8.  f.  —  Für  die  böhmischen  Bischöfe  ist  die  Congrua
in  der  Regel  12,000  fl.;  doch  gibt  es  auch  Domherrn  stellen  und  blose  Pfarreien, ­
  deren  Ertrag  20,006  fl.  übersteigen  soll.  Die  Einkünfte  der  Erzbischöfe
von  Erlau,  Kolotscha  und  ülmütz,  und  des  Primas  von  Ungarn,  Erzbischofs
von  Gran,  belaufen  sich  sogar  auf  156,000  bis  506,000  fl.
        <pb n="182" />
        1  GO  OESTEKKMCH.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.

1  illyr.,  2  ruthen.,  3  rumän.,  2  griech.,  1  slovak.,  2  hebräisch;  sodann
330  nichtpolit.  Zeitschriften;  190  deutsche,  57  ungar.,  29  italien.,  14
poln.,  13  Czech.,  7  Serb.,  G  Croat.,  4  Slovak.,  4  sloven.,  2  ruthen..  1
griech.,  2  hebr.,  1  franz.  1SG3  wurden  2570  Druckschriften  veröfl’entlicht
  (1844.321/,  1853  angebl.  G874),  davon  1093  in  deutscher,  34  7  in
italienischer,  52G  in  slavischer,  582  in  ungarischer,  8  in  französischer  und
14  in  lateinischer  Sprache.  —  Neben  Adel  und  Geistlichkeit  bildet  das
Beamten  th  um  einen  besondern  Stand.  Die  niedern  Angestellten  sind,
besonders  in  einzelnen  Zweigen,  sehr  gering  besoldet,  was  seine  schlimmen ­
  Rückwirkungen  nicht  selten  (zum  Nachtheile  des  Volkes  und  der
Staatscasse)  fühlbar  macht.
Bei  der  letzten  Aufnahme  theilte  sich  die  Bevölkerung  nach  ihrem
Berufe  folgendermassen  (wobei  aber  die  Zahlen  bald  einzelne  Individuen,
bald.Familien  andeuten):  Geistliche  57,959;  Beamte  105,070,  Militär,’
nicht  actives,  140,948;  Literaten  und  Künstler  30,010;  Rechtsanwälte
und  Notare  9,899  ;  Sanitätspersonen  27,984  ;  Grundbesitzer  2’999,O90  ;
Haus-^und  Rentenbesitzer  715,840;  Fabrikanten  und  Gewerbsleute
072,373  ;  Handelsleute  127,150;  Schiffer  und  Fischer  54,028;  Hülfsarbeiter
  bei  der  Landwirthschaft  3’44  7,741  ;'  bei  Gewerben  l’l  15,310;
beim  Handel  90,427;  Dienstboten  892,855;  Taglöhner  2'270¡309;
ohne  bestimmten  Erwerb  1’281,700  (!).
Die  Länder,  welche  der  österreichische  Staat  umfasst,  besitzen  einen
grossen  natürlichen  Reichthum.  Allein  derselbe  ist  fast  in  keiner  Beziehung
erschlossen,  wie  es  nach  den  bisherigen  vielfachen  Hemmungen  der  geistigen ­
  und  materiellen  Entwicklung  des  Volkes  nicht  anders  sein  kann.
Das  Loos  der  Bauern  hat  sich  in  Folge  der  neuzeitlichen  politischen
Bewegungen,  insbesondere  derjenigen  von  1848,  vielfach  gebessert;  die
frühem  Leibeigenschafts-,  Robbot-  und  sonstigen  Hörigkeitsverhältnisse
sind  gebrochen,  die  alten  Feudallasten  ablösbar  erklärt.  Allein  noch  ist
der  Aufschwung  nicht  möglich  ;  noch  lasten  drückend  die  Ablösungsschulden ­
  auf  den  Landleuten,  noch  sind  diese  nicht  wirklich  vollkommen
freie  Eigenthümer.  Dabei  befinden  sich  die  besten  Ländereien  im  Besitze ­
  der  »todten  Hand«  des  Klerus  und  des  Adels,  dessen  untheilbar  gehaltene ­
  Güter  häufig  den  Umfang  kleiner  Staaten  erreichen.  Der  grosse
Grundbesitz  hat  seinen  angeblichen  Beruf  in  Förderung  der  Landwirthschaft ­
  nicht  erfüllt.

Landwirthschaft.  Der  jährl.  Durchschnittswerth  der  landwirthschaftl
Haupt-  und  Nebenproduction  wird  (r.  Czörnig)  auf  2073  Mill.  fi.  geschätzt. ­
  Die  Hauptposten  sind  :

'Weizen
Roggen
Halbfrucht
Gerste
Hafer
Mais
Hirse
Hülsenfrüchte
Kartoffeln
Reis
Kraut
Zuckerrüben

.Heizen  4b'584,(MMl
04'51S,UÜU
15’OÜ(),000
49’!&amp;gt;5S,000
99’544,(I00
4.3’07(i,(»0U
9’731,()00
4’9ü4,0(i0
119’502,000
Zollcentner  51G,0ü0
59’Gf)(),000
18’ö00,00ü

Werth

170  Mill.
14G,8  -
39.4  -
87.4  -
113,2  -
83
20.4  -
15.5  -
50
4,8  -
28
8,G  -
        <pb n="183" />
        OESTERREICH.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.  161

Lein  und  Hanf  Zollcentner  2’688,000,
Lein-  und  Hanfsamen  Metzen  2’286,(M)0,

Werth

Rapssamen
Tabak
Stroh
Heu  etc.
Klee
Wein
Holz
Schlachtvieh
Seiden-Cocons
Schafwolle

1’200,000,
Zollcentner  l’l20,000,
398*000,000,
303’000,000,
202*000,000,
Eimer  33*208,000,
Klafter  29*502,000,
Zollcentner  17*584,000,
209.000,
072.000,

50.4  Mill.
10
10,2  -
10.5  -
93,4  -
227
157,5  -
140
52
190
21,0  -
50,7  -

Im  Berg-und  Hüttenwesen  waren  1860  107,834  Arbeiter  ausschliesslich ­

  beschäftigt,  nemlich  98,556  Männer,  4,009  Frauen  und  5,269  Kinder. ­
  —  Der  Gesammtwerth  aller  Berg-  und  ersten  Hüttenproducte  betrug ­
  42*623,313,  jener  der  Salinen  38*579,374  fl.  Es  wurden  hauptsächlich ­
  gewonnen  :

1860

Gold
Silber
Kupfer
Blei
Glätte
Zink
Steinkohlen
Braunkohlen
Eisen

Menge
Pfd.  3,190
08,188
Cntr.  47,022
125,019
22,027
23,240
-  34*800,000
-  27*780,470
-  5*505,038

Werth
2*153,704  fl.
3*008,200  -
3*230,800  -
1*834,891  -  \
311,757  -  I
257,450  -
0*000,000  -
3*000,000  -
19*830,000

1861
Werth
2*142,921  fl.
3*033,345  -
3*292,871  -
2*534,450  -
383,807  -
7*352,899  -
3*942,005  -
19*457,284  -

Von  295Hochöfen  waren  1800  241  im  Betriebe.  Ausbeute:  4*918,098Cntr.
Roheisen  (Masseln)  und  040,340  Cntr.  Gusswaare.  Steiermark  lieferte  1,442,180,
Kämthen  059,049  Cntr.  Von  den  01  Hochöfen  Böhmens  standen  51  im  Betriebe; ­
  Production:  072,289  Cntr.  Roheisen  und  249,198  Cntr.  Gusswaare.  —
1801  war  die  Roheisenproduction  0*318,459  Zollcntr.

Gewerbsiodostrie  and  Fabrikwesen.  Durch  die  Gewerbeordnung  vom
20.  Dec.  1S59  ist  das  frühere  starre  Beschränkungs-  und  Bevormundungssystem ­
  gebrochen,  und  wenn  auch  noch  nicht  unbedingte  Gewerbefreiheit ­
  hergestellt,  doch  ein  grosser  Schritt  nach  derselben  ausgeführt.
—  Den  Geldwerth  der  gesammten  Gewerbeproduction  berechnet  voti
Czürnig  folgendermassen,  wobei  freilich  die  veralteten  Erhebungen  von
1843  die  Grundlage  bilden  und  die  Lombardei  noch  mit  aufgeführt  ist:

Oroasindaitrie

Oesterreich  unter  (  Wien  .  .  48*132,000
der  Enns  .  .  \  Flachland  37*744,000
Oesterreich  ob  der  Enns  und
Salzburg  22*512,000
Steiermark  10*170,000
Kärnthen  und  Krain.  .  .  .  10*324,000
Görz,  Istrien,  Triest  ....  9,004,000
Tirol  und  Vorarlberg.  .  .  .  18,900,000
Böhmen  ........  115*800,000
Mähren  und  Schlesien  .  .  .  05*721,000
Galizien  und  Bukowina  .  .  .  40*429,000
Dalmatien  1*515,000
Lombardei  93*813,000
Venedig  50*023,000
Ungarn  und  Nebenländer  .  .  03*150,000
Kolb,  Statistik.  4.  Aufl.

Kleingewerbe
15*828,000
11*531,000
10*934,000
8*307,000
7*850,000
3*481,000
7*304,000
32*900,000
17*257,000
14*191,000
2*150,000
35*299,000
27*040,000
P

Zutammen
03*900,000  fl.
49*275,000  -
33*440,000  -
24*483,000  -
24*180,000  -
12*545,000  -
20*204,000  -
148*700,000  -
82*978,000  -
54*020,000  -
3*700,000  -
129*112,000  -
77*003,000  -
(03*150,000)  -
I
        <pb n="184" />
        162  OESTERREICH.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.

Grossindustrie  Kleingewerbe  Zusammen
Siebenbürgen  17’250,000  12’290,000  29’.')4U,O(i0  -
Militärgrenze  b’440,000  5’24(i,000  ir0S(),0U(»  -

Total  623’088,000  211’()80,0Ü0  834,7(18,ÜOO  fl.
Bezüglich  einzelner  Fabrikationszweige  können  wir  aus  neuerer  Zeit  nur
anführen,  dass  18(52  130  Rübenzuckerfabriken  in  Thätigkeit  waren,  wovon
59  in  Böhmen,  31  in  Mähren  und  22  in  Ungarn.  Verarbeitet  wurden  18*%,
14’195,851  Cntr.  Rüben.  18'%,  13’87G,721,  18'%,  18’G21,9(52  Cntr.  Steuer  pr.
Cntr.  Rüben  12  Krzr.  —Baumwollspinnereien  (1859)  200  mit  1'5G3,928
(18G0  angebl.  mit  1’800,000)  Spindeln.
Handel.  Es  gibt  zwei  Zollgebiete  ;  Das  allgemeine  und  (seiner  geographischen ­
  Verhältnisse  wegen  getrennt  davon)  das  Dalmatinische.  Am
30.  Sept.  1850  ward  die  Zolllinie  zwischen  Ungarn  und  den  übrigen
Ländern  aufgehoben  (was  bes.  bei  Benutzung  der  unten  folgenden  Tabelle ­
  zu  berücksichtigen  ist).  Am  1.  Febr.  1853  traten  Parma  und  Modena ­
  dem  österr.  Zollverbande  bei,  der  auch  das  Fürstenth.  Liechtenstein ­
  umfasst  ;  Parma  trat  mit  dem  Oct.  1857,  Modena  in  Folge  der
Kriegsereignisse  wieder  aus.  Während  1831  der  Werth  der  Einfuhr  nur
zu  ()8’550,193,  jener  der  Ausfuhr  zu  79’82‘J,535  fl.  berechnet  wurde,
ergab  sich  seitdem  (von  1851  an  nach  dem  Sonnenjahre  aufgestellt,  das
Ganze  auf  jetzige  Währung  reducirt  und  von  18G2  an  die  Waarenpreise
auf  neue  Werthbestimmung  gesetzt)  folgender  Handel  im  allgemeinen
Zollgebiete  (für  die  letzten  Jahre  nach  provis.  Aufstellung)  :
Ausfuhr
108’58G,719
109’340,G52
115’119,71(5
112’919,380
107’112,49S
117’818,(599
48’G79,047
(52’428,820
110’089,831
13(5’524,944
19.5’814,828
228’440,293
2283(24,871
244’134,142
2G3’9  28,(541
242’3(53,721
275*599,871
2923551,24((
305’197,493
307’(580,155
321’445,0G1
303’028,(55G

Jahre
1842
1843
1844
1845
184(5
1847
1848
1849
1850
1851
1852
1853
1854
1855
185(5
1857
1858
1859
18(50
18G1
18G2
18G3

Einfuhr
111’305,185
117*503,77(5
120*7(59,1(5(5
122*098,048
133*079,348
134*397,117
87*895,990
92*480,793
10(5*903,202
158*074,(5(53
209*329,849
2((7*2(52,1(50
219*1(55,017
248*288,157
301*194,829
292*995,251
308*285,925
208*227,783
231*22(5,702
235*847,057
201*257,288
202*348,115

Durchfuhr
75*451,193
75*2(53,2  1  3
74*910,321
74*241,172
75*032,398
81*210,302
29*257,207
41*025,439
74*143,513
110*2(51,327
112*240,00(1
12((*591,442
88*014,734
151*248,847
1(5(5*13(5,875
1(51*215,393
121*4(59,(537
91*475,441
111*889,523

Hiebei  sind  nicht  eingerechnet  :  die  Ein  -  und  Ausfuhr  »  zur  Zubereitung« ­
  und  »aui  ungewissen  Verkauf«;  ebensowenig  der  Handel  Dalmatiens. ­
  Dieser  letzte  betrug  ;
1859  1861  1862  1863
Einfuhr  8*500,551  7*997,084  7*305,094  7*722,038
Ausfuhr  5*434,793  4*513,953  5*002,072  (5*092,041
Im  J.  1863  betrug  der  Werth  der  Ein-  und  Ausfuhr  im  allgtm.
Handelsgebiete  :
        <pb n="185" />
        11  *

OESTERREICH.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.  163

Waarengattangen  nach  den  Tarifclatsen  Einfuhr  Ausfuhr
Colonialwaaren  und  Südfrüchte  20’387,S95  2,54!)
Tabak  und  Tabaksfabrikate  4*611,300  1  *096,121)
Garten-und  Feldfrüchte  13*339,441  28*315,22!)
Thiere  14*551,212  8*099,146
Thierische  Produkte  9*606,830  6*525,541
Fette  und  fette  Oele  16*981,315  1*302,800
Getränke  und  Esswaaren  2*077,144  3*049,918
Brenn-,  Bau-  und  Werkstoffe  5*885,105  29*613,267
Arzenei-,  Gerbe-  und  chemische  Hülfsstoffe  .  .  13*518,692  3*519,013
Metalle  roh  und  als  Halbfabrikat  33*930,614  26*426,335
Webe-  und  Wirkstoffe  54*700,422  58*452,846
Garne  25*429,765  7*703,9!)O
Webe-und  Wirkwaaren  15*401,625  42*037,324
Waaren  aus  Stroh,  Bast  etc.,  Papier  .  ....  1*677,470  5*694,482
Leder  und  Leder«aaren  6*743,270  9*141,438
Holz-,  Glas-  und  Thonwaaren  3*493,307  17*083,270
Metallwaaren  4*854,981  8*357,658
Land-  und  Wasserfahrzeuge  90,000  3*983,300
Instrumente,  Maschinen  und  kurze  Waaren  .  .  5*875,706  34*880,430
Chem.  Produkte,  Färb-,  Fett-  und  Zündwaaren  .  2*744,376  4*539,628
Literarische  und  Kunstgegenstände  6*447,585  2*909,610
Abfälle  —  294,763

Der  Betrag  der  Ein-  und  Ausfuhr  von  Edelmetallen  war  :
Einfahr  Ausfuhr
1862  25*584,955  fl.  30*714,000  fl.
1863  28*844,372  -  21*709,712  -
in  2  Jahren  54*429,327  flT  52*423,712  fl.
Handelsmarine.  Anfangs  1803,  Schiffe  weiter  Fahrt  :
Schiffssahl  Tonnengehalt  Mannschaft  Fferdekr.
Dampfer  .  .  59  21,538  1700  11,570
Segelschiffe  .  528  207,184  5861  —
Hiezu:  Küstenfahrer  25!)  grosse,  1718  kleine  1.  Classe  und  048
2.  CI.;  —  2480  Fischerbarken;  3208  Lichter  und  Kähne.  —  Gesammt-Bumme
  8000  Fahrzeuge  mit  33,843  M.  Besatzung.  —  Das  Vorjahr
schloss  ab  mit  9838  Seeschiffen  von  331,508  östr.  Tonnen  {=  334,222
Tonnen  à  20  Zollccnt.)  und  34,148  M.  Besatzung.
Wir  unterlassen  eine  Ausscheidung  dieser  Schiffe  nach  den  einzelnen ­
  Landestheilen,  weil  die  officielle  Aufstellung  nach  einer  durchaus
unzulässigen  und  nur  irreführenden  Norm,  alle  Schiffe  weiter  Fahrt  kurzweg ­
  dem  »österreichischen«,  d.  h.  dem  Triestiner  Küstenlande  zurechnet
(im  Gegensätze  zum  venetianischen,  kroatischen,  militärgrenzlichen  und
dalmatinischen  Küstenlande,  von  denen  nur  die  kleineren  Fahrzeuge
ungegeben  sind);  ein  Verfahren,  welches  damit  gerechtfertigt  werden  will,
dass  alle  diese  Schiffe  »in  den  Registern  der  zu  Triest  fungirenden  Central ­
  -  Seebehörde  in  Evidenz  gehalten«  würden.  Damit  hört  jede  Ausscheidung ­
  auf.
Dampfmaschinen,  anfangs  1804  :  54  14  mit  303,84  7  Pferdekr.,
Mill.  Fl.  kostend  (anfangs  1852  erst  1334  Maschinen  mit  52,943
Bf.).  Hievon  294  Schiffsdampfmaschinen  mit  40,000,  1  329  Locomotiven
uiit  204,405,  und  37!)  1  für  Production  verwendete  Masch.  mit  5!),311
Bferdekr.  Von  der  ersten  Kategorie  kommen  00  Masch.  mit  13,281
Bferdekr.  auf  die  Kriegsmarine,  132  mit  12,498  auf  die  Donauschiff.-
        <pb n="186" />
        164  OESTERREICH.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisae.

Gesell,  und  02  mit  12,300  auf  den  östr.  Lloyd.  —  Da  die  Menge  der
für  die  Production  verwendeten  Dampfmaschinen  (ebenso  gut  wie  die
Zahl  der  durch  die  Post  beförderten  Briefe)  ein  nicht  unwichtiges  Moment
zur  Bezeichnung  der  Culturverhältnisse  ist,  so  lassen  wir  ein  Verzeichniss ­
  der  Zahl  der  für  die  gewöhnl.  Industrie  benutzten  Dampfmaschinen
und  deren  Pferdekraft  in  den  einzelnen  Ländern  folgen
Hasch.  Fferdekr.

Oestr.  u.  d.  Enns
—  ob  —
Salzburg  .
Steiermark
Kärnthen  .
Krain
Triest  .  .
Tirol  .  .
Böhmen
Mähren

404
27
3
166
52
21
42
24
1191
570

5,817
251
28
3,732
1,283
285
841
237
18,340
8,769

Schlesien  .  .  .
Galizien  .  .  .
Bukowina  .  .
Ungarn  .  .  .
Siebenbürgen
Kroat.,  Slavonien
Militärgrenze
Dalmatien  .  .
Lomb.  -V  enetien
Zusammen

Hasch.  Pferdekr.

251
124
5
677
13
27
16
2
176

4,969
2,308
108
9,453
240
551
181
28
1,961

3791  59,382

Eisenbahnen.  Im  Betriebe,  Ende  1863  795  österr.  (813  deutsche)
Meilen.  Von  den  Mitte  1861  im  Betrieb  gestandenen  722  östr.  Meilen
kamen  372  =  381  deutsche  auf  das  deut.  Bundesgebiet,  247  auf  Ungarn, ­
  51  Galizien,  3%  Militärgrenze  und  48%  Venetien.  Das  Anlagecap ­
  ital  betrug  Ende  1862  625*277,447  El.,  die  Summe  der  Eisenbahnpapiere ­
  stieg  aber  auf  748*627,030  El.  Es  waren  vorhanden:  1839  Locomotiven,
  3492  Pers  -,  27,995  Güterwagen.  Die  Bahnen  waren  Eigenthum ­
  von  14  Gesellschaften.  —  Befördert  1862  :  12*907,383  Personen
und  177*137,562  Cntr,  Güter;  Bruttoeinnahme  74*012,999  El.

In  den  3  Jahren  1855  —  57  wurden  auf  den  österr.  Bahnen  143  Individuen
getödtet  und  178  verwundet;  die  Unglücksfälle  der  ersten  Art  sind  zu  %  durch
eigene  Schuld  herbeigeführt,  bei  den  Verwundungen  kommt  über  die  Hälfte
auf  fremdes  Verschulden.  Unter  obiger  Gesammtzahl  von  321  sind  210  Bahnbeamte ­
  (94  getödtet  und  116  verwundet);  von  28%  Mill.  Reisenden  sind  in  den
3  Jahren  umgekommen  10,  verwundet  42.  Der  Rest  trifft  auf  andere  Verunglückte, ­
  die  weder  Reisende  noch  Bahnangestelltc  waren.  Im  J.  1857  ist  ohne
eigenes  Verschulden  kein  Reisender  weder  umgekommen  noch  verletzt  worden. ­
  Nach  Fahrmeilen  (»Nutzmeilen«)  berechnet  (deren  1857  78  Millionen  ,
kam  erst  auf  39  Mill,  ein  Todesfall  und  auf  26  Mill,  eine  Verwundung.  —  Im
Jahre  1859  wurden  83  Menschen  getödtet  und  62  verwundet,  unter  den  Ersten
7  Reisende,  durch  eigenes  Verschulden.  —  1862  zählte  man  102  Unfälle,  wobei
91  Personen  getödtet,  83  verwundet  wurden.  Durch  Entgleisung  und  Zusammenstossen
  zweier  Züge  wurden  2  Reisende  und  5  Bahnbedienstete  verwundet
1  Bed.  getödtet;  alle  übrigen  Beschädigten  sollen  ihre  Unfälle  selbst  verschuldet ­
  haben.

Landstrassen  im  J.  1859:  2,951  österr.  Meilen  Staats-  und  9,734
Meil.  Bezirksstrassen.

Telegraphen.  Ende  1860  vorhanden  1662  geogr.  Meil.,  und  (nur)
192  Stationen.  Befördert:  713,342  Depeschen,  worunter  aber  nur
471,216  interne  und  81,777  internationale  Privatdepeschen,  dann  42,754
Transit-  und  115,249  Staatsdep.  1863  1*130,625  Dep.  (mit  den  amtl.)
Einnahme  1*290,447  El.  (1850  gab  es  erst  487  Meil.  Telegr.,  die  Einnahme ­
  war  26,794  Fl.;  im  J.  1860  dagegen  933,460  El.)  —  Man  zählte
1859  noch  320  Privat-Telegr.-Bureaux  von  Eisenbahnen  mit  Privatdepeschen ­
  -  Beförderung.
Post.  1851  war  das  erste  Jahr  niederer  Taxe  ;  befördert  wurden;
        <pb n="187" />
        OESTERREICH.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.

165

1830  1840  1850  1851  1854  1858  1859  1860
Privatbriefe:  Mill.  15,5  24,2  32,24  32,25  46,04  62,39  99,21  79,27
Amtsschreiben:  -  3  5  9,82  11,21  19,70  21,85  28,91  26,31
Indess  stieg  die  ganze  Postbeförderung  selbst  im  J.  1S62  erst  auf
112’6  Briefe  und  34’764,914  Zeitungsblätter,  was  im  Vergleiche  zu  andern ­
  europ.  Ländern  erschreckend  wenig  ist  (s.  unten  »Deutschi.«).  —
Da  die  Stärke  der  Correspondenz  zur  Bezeichnung  des  Culturgrades  und
des  Verkehres  dient,  so  fügen  wir  eine  Liste  der  1860  auf  die  einzelnen
Provinzen  gekommenen  Privatbriefe  bei.

Oesterr.  unter  der  Enns  .  14’150,230
ob  der  Enns  .  .  2*272,892
Steiermark  und  Kämthen  3*786,218
Krain,  Istrien,  Triest  .  .  3*104,956
Tirol  2*584,388
Böhmen  12*699,441
Mähren  und  Schlesien  .  5*135,123

Galizien  und  Bukowina  .  4*791,580
Dalmatien  578,819
Lombardo-Venetien  .  .  10*046,696
Ungarn  16*184,493
Kroatien  und  Slavonian  .  1*735,197
Siebenbürgen  ....  2*197,517

Zusammen  79*267,550

Nationalbank.  Dieselbe  stand  früher  zur  Finanzverwaltung  im  Verhältniss
  einer  Staatsanstalt.  Seit  1863  ist  dessen  definitive  Lösung  angcbahnt.
  Am  11.  Jan.  1865  ergab  sich  folgender  Stand  :  Baarfonds  114*469,240
fl.,  Banknoten  im  Umlaufe  374*960,226.  Die  neuere  Schuld  des  Staats  bei  der
Bank  war:  80*000,000  fl.  fundirte  Staatsschuld  (unverzinslich  und  permanent),
56*142,567  -  gegen  verpfändete  Staatsgüter,
18*273,581  -  Restschuld  des  Staats  für  die  Einlösung  des  Papiergeldes ­
  in  Wiener  Währung,
20*000,000  -  Vorschuss  in  Silber  für  das  in  England  nicht  abgesetzte ­
  6  Mill.  £  Anlehen.

174*416,148  fl.  Gesammtsumme.

Nationalvermögen.  Der  Geldwerth  des  Realbesitzes  wurde  vom  Finanzministerium ­
  auf  Grundlage  der  1851—56  von  Besitzveränderungen
entrichteten  Gebühren  etc.  zu  ermitteln  gesucht.  Das  Ergebniss  war  ;
gesammter  Realbesitz  9,500*969,276  fl.  öst.  W.
Viehstand  ....  1,006*149,740
Ackergeräthe  .  .  .  278*054,672
Zusammen  10,785*173,688
f.  Czörnig,  der  nach  einer  andern  Methode  (nach  der  Production)  berechnete, ­
  bekam  fast  das  gleiche  Resultat,  nemlich  10,531  Mill.  Von  beiden
Beträgen  ist  jedoch  die  Lombardei  mit  etwa  500  Mill,  in  Abzug  zu  bringen, ­
  dagegen  fehlt  in  der  officicllen  Aufstellung  noch  die  »Militärgrenze.«
(Darnach  ergibt  sich,  wie  sehr  Emst  v.  Scherzet  zu  hoch  schätzte,  als
er  den  Bodenwerth  zu  20  Mill,  annahm,  und  dann  das  ganze  »wirthschaftliche
  Vermögen«  zu  50  bis  60  Mill.  fl.  C.-M.  veranschlagte.  In
gleichem  Masse  überschätzte  er  den  Geldwerth  der  jährlichen  Boden  production ­
  ,  indem  er  4100  Mill,  entziffert,  während  v.  Czörnig  nur  2073
herausfinden  konnte.  Das  fortwährende  Sinken  des  Geldwerthes  hat

natürlich  die  ZiflTern  seitdem  höher  gebracht.)  Der  Werth  des  gesammten
  Realbesitzes  ohne  Viehstand  und  Qeräthschaften  vertheilt  sich  nach

der  erwähnten  amtlichen  Berechnung  auf  die  verschiedenen  Provinzen
folgendermassen  :

Nieder-  |  Wien  .
österr.  \  Flachland
ÜORterr.  ob  d.  Enns
Salzburg  .  .  .  .
Steiermark  .  .  .

342*609,912  fl.
722*610,250  -
411*956,699  -
80*497,029  -
422*879,456  -

Kämthen  ....
Krain  .  .  .  .  •
Triest  und  Gebiet  .
Görz,  Istrien,  Gradisca
Tirol  u.  Vorarlberg

99*415,267  fl.
101*587,286  -
136*434,490  -
105*692,939  -
302*382,462  -
        <pb n="188" />
        166  OESTERlíEICH.  —  Sociale,  Gewerba-  und  Handelsverhältnisse.

Böhmen  .
Mähren  .
Schlesien  .
Galizien  .
Bukowina
Dalmatien

1,736*085,822  fl.
770*182,730  -
109*605,076  -
477*496,718  -
51*255,785  -
37*487,764  -

liOmhardo-Venetien
Ungarn  ....
Banat  u.Wojwodina
Kroatien  und  Slavonien

Siebenbürgen  .  .

800*701,743  fl.
1,903*168,900  -
458*811,435  -
178*500,000  -
251*607.514  -

Sparcassen  gab  es  i860  1  10  (1842  erst  25,  184  7  :  50).  Die  Zahl
der  Einleger  war  zu  Ende  des  genannten  Jahres  027,509,  die  Summe
der  Einlagen  107*985,288  fl.  Davon  kamen  44  %  Mill.  auf  Niederösterr.,
30‘/g  auf  Böhmen,  etwas  über  11  auf  Steiermark.
Wohlstand  oder  Armuth  der  Bevölkerung  der  einzelnen  Landschaften ­
  lässt  sich  einigermassen  auch  aus  dem  Ertrage  der  Verzehrungssteuern ­
  erkennen.  Der  Brutto  -  Ertrag  derselben  stellte  sich  1800  im
Ganzen  folgendermassen  :

für  Branntwein  14*242,062  fl.
-  Wein,  Weinmost  und  Obstmost.  6*354,878  -
-  Bier  15*709,986  -
-  Fleisch  6*640,747  -
-  Zucker  aus  inländischen  Stoffen  .  5*113,400  -
-  sonstige  Objecte  des  Verbrauches  4*698,323  -
Zusammen  52*759,396  fl.

Auf  j  e  einen  Kopf  der  B

in  Oesterreich  unt.  der  Enns  5,88  fl.
-  -  ob  der  Enns  .  2,22  -
-  Salzburg  2,92  -
-  Steiermark  1,80  -
-  Kärnthen  1,29  -
-  Krain  1,16  -
-  Triest  und  Gebiet  .  .  .  6,00  -
-  Görz  und  Gradisca  .  .  .  0,78  -
-  Istrien  0,27--
  Tirol  0,72  -
-  Böhmen  2,13  -
-  Mähren  2,15  -

evölkerung  trafen  nun:
:  in  Schlesien  2,61  fl.
I  -  der  Bukowina  ....  1,36  -
I  -  Ostgalizien  1,44  -
j  -  Westgalizien  0,69  -
-  Ungarn  1,06  -
■  -  der  Wojwodina  sammt  Tej
  meser  Banat  ....  0,83  -
,  -  Siebenbürgen  ....  0,87  -
I  -  Kroatien  und  Slavonien  .  0,15  -
!  -  der  Militärgrenze  .  .  .  0,06  -
I  im  lombardisch-venetianij
  sehen  Königi-eiche  .  .  1,30  -
I  im  Gesammt-1  lurchschnitte  1,55  fl.

Diese,  wenngleich  officielle,  Berechnung  der  Stcuerquote,  deren
Maximum  wir  bei  Triest,  dann  zunächst  bei  Oesterreich  unter  der  Enns,
deren  Minimum  wir  bei  der  Militärgrenze  aufgezeichnet  finden,  nimmt
keine  Rücksicht  auf  die  höhere  Besteuerung  der  geschlossenen  Städte  ;
so  stellt  sich  die  Verzehrungssteuer  im  J.  186(1  für  je  einen  Kopf  der
Bevölkerung:  in  Wien  12,63  fl.,  Triest  9,28  fl.,  Prag  9,19  fl.
Münze  etc.  Das  Zollpfund  feines  Silber  wird  zu  45  fl.  (unterabgetheilt  in
100  Neu-Kreuzer)  ausgeprägt.  Es  sind  sonach  45  fl.  Österreich.  =  52%  fl.
rhein.  oder  30  Thlr.  preuss.  (1%  fl.  Österreich.  =  genau  1  Thlr.  preussisch).
Dem  frühem  20  fl.  Fuss  gegenüber  (d.  h.  die  Köln.  Mark  fein  zu  20  fl.)  ergibt
sich  eine  Verringerung  von  etwas  über  5  %.  Der  Zwangscurs,  den»  man  1848
dem  Papiergelde  gab,  und  das  ungeheuere  Schwanken  der  Valuta  (siehe  S.  154)
erzeugten  tief  eingreifende  M  irren  auch  in  den  Finanzverhältnissen  der  Privaten. ­
  (Bei  keinem  Kaufe  oder  \erkaufe  auf  noch  so  kurzen  oder  langen  Credit
wissen  die  Betheiligten,  wie  viel  sie  dem  wirklichen  Werthe  nach,  für  so
viel  hundert  oder  tausend  Gulden,  zu  bezahlen  oder  zu  empfangen  haben.
Ijiingenmass  :  Der  M  icner  1‘uss  zu  12  Zoll);  100  Wiener  Fuss  =  100,72
preuss.  Die  österr.  Meile  =  1,022373  deutsche  M.  oder  7586  Meter.  —  Flfichenmass
  ■  Das  Joch  (zu  1600  Quadr.-Klafter)  =  2,25  preuss.  Morgen.  —  Fruchtmass;
  Der  Wiener  Metzen;  100  ders.  =  6149,95  Liter  oder  111,89  preuss.
        <pb n="189" />
        PKEUSSEX.  —  Land  und  Leute.

167

Scheffel.  —  FlüssigkeiUmass:  Die  Mass  zu  4  Seidel  =1,41  Liter.  Der  Eimer,
als  Rechnungsmass,  hält  40  Mass  oder  56,6  Liter,  der  Wem-Eimer  41  Mass;
daher  100  ders.  =  5801,56  Lit.  oder  84,45  preuss.  Eimer.  —  Oevncht:  110  Pfund
=  56  Kilogr.,  112  Zoll-  oder  119,73  alte  preuss.  Pfund.  —  Im  venetianischen
Gebiete  besteht  von  früher  das  französische  metrische  Mass  und  Gewicht.

Preusseii  (Königreich)  *.
I^aiid  iiiifi  Leute.

Segierungsbesirke
und  Provinzen
1.  Königsberg
2.  Gumbinnen
3.  Danzig  .  .
4.  Marienwerder
I.  Prov.  Preussen
5.  Posen  .  .
6.  Bromberg  .
II.  Prov.  Posen

Bevölkerung

Quadr.-Meilen

408,13
298,21
152,29
319,41

1817
553,101
366,479
242,547
339,424

1849
847,533
614,047
404,667
621,046

1858
938,059
670,783
453,626
682,032

1861
982,894
695,571
475,570
712,831

1Í78,03  l'501,55l  2'487,293  2*744,500  2’866,866

320,96  584,890  897,339  918,222  963,441
211,08  262,910  454,675  498,933  522,109
~~  532,04  847,800  1’352,014  1*417,155  1’485,550

7.  Stadt  Berlin
8.  Potsdam
9.  Frankfurt  .
III.  Prov.  Brandenburg
10.  Stettin  .  .  .
11.  Cöslin  .  .  .
12.  Stralsund  .  .
IV.  Prov.  Pommern
13.  Breslau  .  .
14.  Oj)peln  .  .
15.  Liegnitz.  .
V.  Prov.  Schlesien
16.  Magdeburg.
17.  Merseburg  .
18.  Erfurt  .  .
VI.  Prov.  Sachsen
19.  Münster.  .
20.  Minden  .  .
21.  Arensberg  .
VII.  Prov.  Westphalen

246,95
211,53
248,19
■  736,67

210,09
186,84
_64,38
461.31

721,467
556,051

423,902
845,033
860,097

458,637
933,700
937,659

547,571
947,034
973,154

379,07
351,86
730,93  1'277,518  2’129,022  2*329,996  2’467,759
237,63  327,002  562,127  623,729  654,963
256,70  244,515  448,516  501,546  524,108
83,36  129,239  187,058  203,106  210,668
'577,69  700,756  ri97,70l  1'328,381  1'389,739

804,678
536,085
672,112
2’()  12,875

r174,679
96.5,912
921,00^
lt'061,59ir

1’249,149
1’077,663
_942^S(B
“3*2697613

1’295,9.59
1*137,844
_  956,892
3’390,695

472,012
501,868
240,339
"1*214,219

691,374
742,644
342,2711
1*781,279

749,808  779,754
806,124  831,968
354,130  3(2,995
1*9107(162  1*976,417

442,397

421,935

436,085

132,55

353,283

473,095

463,229

460,105

96.06

340,614

703,523

579,757

670,251

140,84

380,182

1*619,015

1*074.079

1*464,921

1*566,441

369,45

*)  Hauptquellen:  »Zeitschrift  des  kön.  preuss.  statistischen  Bureaus,  redigirt
  von  dessen  Director  Dr.  Emst  Engel.«  —  »Jahrbuch  für  die  amtliche  Statistik ­
  des  Preuss.  Staats  «  —  »Preussische  Statistik«  zwanglose  Hefte),  beide
letzten  gleichfalls  herausgegeben  vom  k.  stat.  Bureau  in  Berlin.  Ausserdem
»kön.  preuss.  Staatsanzeiger.«  Die  trefflichen,  durch  Scharfsinn  und  Gründlichkeit ­
  ausgezeichneten  Arbeiten  des  schon  längst  um  die  M  issenschaft  so  sehr
verdienten  Directors  Dr.  Engel  sind  in  jeder  Beziehung  von  ganz  besonderm
Wer  the.  In  keinem  andern  Staate  ist  in  dieser  Beziehung  bis  jetzt  so  nel  geleistet ­
  worden  wie  in  Preussen  unter  Engel’s  Leitung.
        <pb n="190" />
        168  PREUSSEN.  —  Land  und  Leute  (Bevölkerungsbewegung).

Regierungsbezirke
und  Provinzen
22.  Coin  .  .
23.  Düsseldorf
24.  Coblenz  .
25.  Trier  .  .
20.  Aachen  .
VIII.  Rheinprovinz
IX.  Hohenzollem
X.  Jadegebiet  .
Militär  ausserhalb  .
Gesammtsumme  *

Quadr.-Meilen

72,10
99,50
109,73
130,44
75,48
487,40

B  e  Völkerung

1817
338,410
590,033
359,204
302,901
310,019
1’907,773

1849
497,330
907,151
502,984
492,182
4U,525
2'811,172

1858
545,891
1'002,540
525,504
528,008
440,003
3’108,bT2

1861
507,475
1’115,305
529,929
544,209
458,740
3’215,784

21,15
0,25

40,174

04,235
858
12,043

04,075
950
14,720

5094,92  10'530,571  10’331,187  17’739,913  18’491,220
Von  der  Gesammtsumme  kamen  im  J.  ISül  ;
auf  die  deutschen  Bundesländer  3384,85  Q.-M.  und  14’138,804  Menschen
-  -  Nichtbundesgebiete  1710,07  -  -  -  4’352,410
Bevölkerungsbewegung.
Durchschnitt  grösserer  Zeiträume  (jährlich).

1810—20
1821—30
1831—40

1851
1852
1853
1854
1855
1850

Geburten  Stcrbfälle  Geburten  Sterbfälle
408,742  307,902  I  1841-50  024,549  401,374
504,333  343,942  |  1851-00  081,170  504,790
543,703  415,855  |
Das  letzte  Jahrzehnt.
Geburten  Sterbfalle  Geburten  Sterbfälle
075,405  443,838  1857  703,540  521,929
073,808  557,300  1858  730,170  519,728
059,122  521,190  1859  747,032  493,757
048,049  500,737  1800  730,243  400,808
017,817  550,400  1801  723,018  497,041
025,792  478,085

In  der  Zahl  der  Geborenen  sind  übrigens  die  Todtgeborenen  einbegriffen, ­
  1861  30,029.  Die  Gesammtzahl  vertheilt  sich  auf  371,767
Knaben  und  351,251  Mädchen.  —  Unter  den  Gestorbenen  (einschliessl.
Todtgeborene)  befanden  sich  256,941  männl.  und  240,700  weibl.  Personen. ­
  Von  den  Todtgeborenen  waren  16,979  männlich,  13,050  weiblich.
Die  unehelichen  Geburten  (1861  60,154)  im  Verhältniss  zur
Gesammtzahl  der  Geburten  betrug  je  1  auf:

1816  1852  1857  1858  1859  1860  1861
13,42  13,31  12,97  11,85  11,80  12,05  12,02
In  den  Regierungsbezirken  ergibt  sich  ein  grosser  Unterschied.  Die
westlichen  Landestheile  zeichnen  sich  vortheilhaft  aus,  wozu  die  freieren
Socialeinrichtungen  sicherlich  beitragen.  Im  J.  1861  waren  im  Reg.-Bez.
  Aachen  nur  385Unehel.  unter  15,079  Geborenen;  im  R.-B.  Münster ­
  362  unter  12,605,  Coblenz  648  unter  17,955,  Trier  728  unter
19,111;  —  dagegen  im  R.-B.  Breslau  6607Unehel.  unter  42,839Geb.;
im  R.-B.  Liegnitz  4526  unter  28,289;  Königsberg  4187  unter  39,205
etc.;  Stadt  Berlin  2784  unter  15,212.
Die  Volkszählungen  ergaben  folgende  Einwohnerzahl:
Gesammtzahl  männlich  weiblich
1816  10’319,993  davon  5’105,194  5’214,799
1822  11'664,133  5'788,322  5'875,811

*)  Nach  den  unrichtigen  älteren  Annahmen  5103,97  (4.-M.,  nach  den
neuesten  Berechnungen  dagegen  sogar  nur  5057,56.
        <pb n="191" />
        PREUSSEN.  —  Land  und  Leute  (Geschlechtsverschiedenheit).

169

1831
1840
1849'
1858
1861

Oeiammtzahl  männlich  weiblich
13’ü38,97(t  davon  6’492,880  6’546,090
14’928,503  "'448,584  7’479,919
16’296,483  8'128,753  8M67,730
17’672,609  S’803,129  8’869,480
18’491,22ü  9’212,413  9’278,807
Das  anfangs  wol  wesentlich  durch  die  Männerverluste  in  den  Kriegen ­
  herbeigeführte  bedeutende  Missverhältniss  zwischen  beiden  Geschlechtern ­
  hatte  sich  1840  der  Ausgleichung  genähert;  seitdem  ward
es  durch  Auswanderung  junger  Männer  (zum  Theil  des  Militärdienstes
wegen)  vergrössert.  Von  der  Gesammtbevölkerung  kamen  auf  die  weibl.
Hälfte:  1816  50,41  Proc.,  1840  50,10,  1858  50,15%,  1861  50,18**).
Die  Bevölkerungszunahme  betrug,  nach  Massgabe  der  je  nach  3
Jahren  vorgenommenen  Aufnahmen  :
1817—19  jährlich  2,039  Proc.

1820—22
1823—25
1826—28
1829—31
1832—34
1835—37
1838—40

2,071
1,693
1,277
0,819
1,204
1,451
1.963

1841—43  jährlich  1,211  Proc.

1844—46
1847—19
1850—52
1853—55
1856—59
1859—62

1,383
0,451
1,099
0,524
1,040
1,475

Bei  der  Aufnahme  von  1855  ergab  sich  in  zwei  Regierungsbezirken  eine
Verminderung;  1858  kam  dies  noch  in  einem  Bezirke  (Minden)  vor.
Die  Zahl  der  Haushaltungen  betrug  1861  3’825,693.  Es  kamen ­
  sonach  im  Durchschnitte  4,83  Köpfe  auf  eine  jede.  —  Zahl  der
Gebäude;  4’327,749  Privathäuser  und  85,879  öffentl.  Geb.,  darunter
18,075  Kirchen  und  Bethäuser,  25,479  Schulen,  8914  Spitäler  und
Waisenhäuser,  8079  zu  Versammlungen  der  Landes-  oder  Gemeindecollegien,
  3320  Militär-  und  22,012  sonst.  Gebäude  für  Verwaltungsoder ­
  Cultusz  wecke.
Die  mittlere  Zahl  der  Geburten  und  der  Sterbfälle  ist  sehr  verschieden ­
  in  den  einzelnen  Provinzen.  Es  kam  je  eine  Geburt  jährlich  auf
nachbemerkte  Einwohnerzahl  :
Darchschnitt
20  1821—1830  1831—40  1841—50  1851—60  1816—60

Provinzen
PreuKsen  .  .
Posen  .  .  .
Schlesien  .  .
Pommern.  .
Brandenburg
Sachsen  .  .
Westphalen  .
Rheinland  .
Oesammtstaat

1816
18,31
19.07
21,12
23,83
24,69
25,82
28.08
27,81
23,03

21,34
22,81
22,53
24,83
25,60
26,02
27,26
27,30
24,36

23,99
24,05
24.07
25.69
27.08
26,59  .
27,26
26.69
25,51

23,08
22,28
24,93
25,20
26,76
26,53
28,31
27,40
25,44

22,21
23,07
25.20
25.21
26,87
26,18
28,80
28,16
25,55

22,22
22,63
23,98
25,12
26,46
26,29
27,96
27,44
25,05

*)  1852  war  die  Oesammtzahl  16’935,420  ;  1855:  17’202,013.
**)  Bei  den  letzten  Zählungen  fand  sich  der  Ueberschuss  der  weibl.  Bevölkerung ­
  in  den  Altersclassen  zwischen  17  —  32,  und  von  46  und  mehr  Jahren.
l\s  werden  durchgehends  5  —  6%  mehr  Knaben  als  Mädchen  geboren;  es  sterben ­
  aber  auch  mehr  schon  in  den  Kindeijahren,  doch  bleiben  sie  noch  in  der
Ueberzahl  bis  zur  Periode  von  17—32  Jahren,  in  welcher  Zeit  die  Veränderungen ­
  in  der  Lebensweise  (andere  Berufsbeschäftigung,  theilweise  Gefahren)  mehr
junge  Männer  wegraffen,  als  die  oft  tödtlichen  Kindbette  die  rrauenzahl  vermindern. ­
  Von  33—39  Jahren  sind  wieder  mehr  Männer  als  h  rauen  vorhanden,
von  da  an  aber  sterben  sie  weit  häufiger  als  die  h  rauen.
        <pb n="192" />
        170  PKEÜSSEN.  —  Land  und  Leute  (Ein-  u.  Auswanderungen,  Confessionen).

In  den  östlichen  Provinzen  war  die  Productivität  constant  grösser
als  in  den  westlichen.  Ohne  Zweifel  wirkt  die  Stammesverschiedenheit
dabei  ein  ;  die  meistens  von  Slaven  bewohnten  Landestheile  haben  die
grösste  Geburtszahl.  Aber  auch  die  socialen  Verhältnisse  tragen  dazu
bei.  (Zählte  man  doch  im  alten  feudalen  Frankreich  bei  blos  24  Mill.
Einw.  eben  so  viele  Geburten  wie  später  bei  30  Mill.)  In  Verbindung
mit  der  übergrossen  Fruchtbarkeit  steht  jedesmal  eine  übergrosse  Sterblichkeit. ­
  Es  kam  je  ein  Sterbfall  jährl.  auf  folg.  Einwohnerzahl;
Durchschn.
1816—20  1821—30  1831—40  1841—50  1851-60

Provinzen
Preussen  .  .
Posen  .  .  .
Schlesien  .  .
Pommern.  .
Brandenburg
Sachsen  .  .
Westphalen  .
Kh  einland
Gesammtstaat

32,39
34.99
30.99
41,32
37,98
37,73
39,20
39,42
35,09

32,02
30,08
31,34
41,95
39,32
39,39
39,48
40,15
35,71

28,97
30,18
30,54
37,89
35.80
36,00
39,38
39.80
33,31

29.57
29.58
31,91
39,89
39.09
39,30
38,21
38.09
34,44

27,91
27,83
32,00
39,18
38,58
37,93
40,40
40,14
34,48

1816—60
29,91
29.98
31.37
39.99
38,17
37,27
38.37
38,55
34,49

Ein-  und  Auswanderungen  wurden  amtlich  angezeigt  :
1856  1857  1858  1859  1860  1861  1862  1863
Auswanderungen  18,999  23,972  13,329  9,881  10,385  10,794  14,354  14,293
Einwanderungen  3,027  3,299  3,499  3,909  4,179  4,253  4,728  4,444
Ausserdem  wurden  heimliche  Auswanderungen  constatirt  :  1  856
0.  327,  1557  9,952,  1858  4,157,  1859  3,503  (worunter  1,170  Militärpflichtige), ­
  1800  5,1  13  (1,304  Militärpfl.)  ,  1801  3,450  (1,141),
1802  4,447  (1,048),  1803  4,837  (1,782).  Von  den  officiell  angemeldeten ­
  Auswanderern  des  letztgenannten  Jahres  haben  8,419  Europa
verlassen  (1857  21,212).  —  In  den  Jahren  1814—13  fand  man  einen
Ueberschuss  der  Einwanderer  von  1’072,429  Individuen  (Folge  der  freien
Ansässigmachung  ;  doch  können  die  Ziffern  nicht  als  genau  betrachtet
werden).  Später  änderte  sich  das  Verhältniss.  In  den  IVy*  Jahren  vom
1.  Oct.  1844  bis  Ende  1802  zählte  man  nur  57,985  Ein-,  dagegen
203,739  Auswanderer.  Im  J.  1854  speciell  waren  die  Zahlen;  2,019
gegen  30,344.  —  Die  Erhebungen  über  die  Vermögensverhältnisse  ergaben ­
  ;
Vermögen  (Thlr.)

der  Einwanderer
der  Auswanderer

1858
2’418,542
2’970,070

1859
4'729,077
2’757,709

1860
4’091,481
3’453,599

1861
3’074,0S4
4M31,497

Die  Ziffern  sind  bez.  der  Auswanderer  viel  zu  niedrig,  zumal  sie  sich
ohnehin  auf  die  heimlich  Fortgezogenen  gar  nicht  erstrecken.
Confessionen.  Nach  der  Zählung  von  1801;
A.  Civil  Evangelische  Katholiken  Griechen  Mennonit.  Deutschkath.  Juden

Preussen  .  .
Posen  .  .  .
Brandenburg
Pommern.  .
Schlesien  .  .
Sachsen  .  .
Westphalen  .
Rheinland  .

2’020,982
477,941
2’331,793
1'343,299
1'949,235
1’814,992
799,017
797,294

799,505
915,211
49,298
11,932
1'954,899
122,121
889,252
2'371,292

1,057
15
109
2
5
1
1
9

12,109
1
19
40
7
13
129
1.393

1,749
294
3,144
1,211
4,532
3,131
598
1.544

37,935
74,172
30,994
12,488
40,859
5,775
19,931
34.248
        <pb n="193" />
        PREUSSEN.  —  Land  und  I.eute  Nationalitäten,  Städte).

171

Evangeliiche  Katholiken  Griechen  Mennonit.  DenUchkath.  Juden
Hohenzollem  1,209  02,255  —  —  —
Jadegebiet  .  SO  7  83  —  —  ~-R.
  Militär.  184,098  82,209  0  8  &amp;lt;&amp;gt;3  1  328
Zusammen  lï’298,294  0’900,988  '  1202  13,716  16,233  254,785
Die  »Griechen«  sind,  soviel  bekannt,  sämmtlich  griech.  Katholiken.  Köm.-kathol.
  Klöster  und  Congregationen  waren  1861  185  vorhanden  (davon  101  in
der  Rheinprovinz,  34  in  n  estphalen,  25  in  Schlesien,  1  in  Sachsen,  9  in  Posen,
8  in  Preussen,  7  in  Hohenzollern);  zus.  mit  3888  Indmduen  (davon  1005  männl.,
2883  weibl.)

Nationalitäten.  Nach  der  Sprachverschiedenheit  ergab  die  Zählung
von  1861  bei  der  Civilbevölkerung  15’71S,65G  Deutsche  und  2’504,192
Nichtdeutsche,  neml.  2’214,888  Polen,  Masuren.  Kassuben,  82,232
Wenden,  58,880  Böhmen  und  Mähren,  136,990  Litthauer,  414  Curen
und  10,788  Wallonen.  Hiebei  sind  sämmtliche  Juden  den  Deutschen
zugezählt,  da  dieselben  allerdings  deutsch  als  Muttersprache  reden  (nur
muss  die  gleiche  Regel  bez.  der  Juden  in  andern  Ländern,  z.B.  Oesterreich ­
  ,  ebenfalls  gelten,  während  man  sie  dort  durchgehends  gesondert
auffOhrt);  ebenso  sind  als  Deutsche  gerechnet  die  Nachkommen  der  franz.
Refugiéis,  obwol  dieselben  zumTheil  eigene  Gemeinden  bilden.  Bezilgl.
des  Militärs  fehlen  die  Nachweise.  Die  Nichtdeutschen  sind  im  Wesentlichen ­
  folgendermassen  vertheilt  (abgesehen  von  vereinzelten  hällen):

A.  Polen,  Masaren,  Kusnben  :
1)  im  Grossh.  Posen  801,372  neml.
R.-B.  Posen  .  .  560,566
Bromberg  .  240,806
2)  in  Preussen  .  .  690,441  neml.
R.-B.  Königsberg.  162,969
Gumbinnen  .  148,071
Danzig  .  .  114,635
Marien  Werder  264,766
3)  in  Schlesien.  .  719,365  davon
R.-B.  Oppeln  .  .  665,865
Breslau  .  .  53,474

B.  Wenden  :
R.-B.  Frankfurt  .  .  49,871
Liegnitz  .  .  32,353
C.  Böhmen  u.  Mähren:
R.-B.  Oppeln  .  .  .  51,187
Breslau.  .  .  7,484
D.  Litthauer:
R.-B.  Königsberg  .  32,407
Gumbinnen  104,583
E.  Wa'lonen  :
R.-B.  Aachen.  .  .  10,502

Am  stärksten  gemischt  ist  die  Be.völkerung  in  folgenden  Regierungsbezirken ­

  (das  Militär  ungerechnet)  :
Deuteche  dentwhe
R.-B.  Posen  .  .  389,914  560,715
Bromberg  .  276,109  240,806
Zus.  Prov.  Posêïr“6607083  801,521
R.-B.  Oppeln  .  409,218  717,052
Ganz  Schlesien  .  2’539,094  810,401

_  ^  .  Nicht-^
Deutsche  ¿enteche
R.-B.  Königsberg.  776,230  195,797
Gumbinnen.  439,099  252,654
-  Danzig  .  .  349,467  114,637
Marienwerder  441,382  264,766
Zus.  Prov.Preussen  2’006,178  827,854

Städte.  Im  J.  1849  betrug  die  städtische  Bevölkerung  nur  4’324,813  ;
bei  den  letzten  Aufnahmen  dagegen  hatten  :
Zählung  von  1858  Zählung  von  1861
994  Städte  !v250J34  Einw.  =  29,6%  lOOO  Städte  59125,852  E.  =  30,4  %
Plattes  Land  12’489,779  -  =  70,4  -  Land  .  .  12'865,368  -=  69,6  -
Es  hat  sich  also  vermehrt  :
die  Stadtbevölk.  die  Landbevölkerung
von  1849-1858  um  925,321  =  21,4  %  483,405  =  4,0%
_  1859—1861  -  375,718  =  7,1  -  375,5^9  =  3,0  -
Die  Zunahme  in  den  Städten  war  also  grösser  als  auf  dem  Lande,  bes.
        <pb n="194" />
        172

PREUSSEN.  —  Land  und  Leute  (Städte).

in  der  Periode  1849  —  58.  Dabei  ist  übrigens  zu  erinnern,  dass  verschiedene ­
  Gemeinden  ,  früher  dem  Lande  beigezählt,  seitdem  unter  die
Städte  eingereiht  wurden.  Es  gab  18G1  3  Städte  von  mehr  als  100,000
Einw.,  8  zwischen  50  und  100,000,  4  zw.  40  und  50,000,  2  zw.  30
und  40,000,  11  zw.  20  und  30,000,  66  zw.  10  und  20,000  Menschen.
Die  Einwohnerzahl  der  Städte  von  mehr  als  10,000  war  nach  der  Aufnahme ­
  vom  J.  1861  folgende:

Berlin  .  .
Breslau  .  ,
Cöln
'Königsberg
Magdeburg
Danzig  .
Stettin  .
Aachen  .
Elberfeld
Posen  .
Krefeld  .
Barmen.
Halle  .
Potsdam
Düsseldorf
Erfurt  .
Frankfurt  a
Coblenz
Görlitz  .
Münster
Elbing  .
Stralsund
Brandenburg
Dortmund
Halberstad
Bromberg
Trier  .
Essen
Bonn
Neisse  .
I.iegnitz
Memel  .

547,571
145,589
120,568
94,579
86,301
82,765
64,431
59,941
56,307
51,232
50,584
49,787
42,976
41,824
41,292
37,012
36,537
28,525
27,983
27,332
25,539
24.214
23,727
23,372
22,810
22,474
21.215
20,811
19,996
18,747
18,662
17,590

Glogau  .  .
Nordhausen
W  esel  .  .
Gladbach  .
T.andsberg  a.W.
Remscheid.
Tilsit  .  .
Mühlhausen
(Sachsen)
Stargard
Guben  .
Quedlinburg
Greifswald
Thorn
Minden  .
Schweidnitz
Burg  .
Prenzlow
Viersen
Naumburg
Aschersleb
Zeitz*.  .
Iserlohn
Spandau
Stolpe  .
Bielefeld
Duisburg
Mühlheim  a
Eupen  .
Brieg  .
Eschweiler
Graudenz

en

1

17,533
17,520
17,429
17,069
16,815
16,412
16,146
16,104
16,071
15,929
15,773
15,714
15,505
15,453
15,381
14,996
14,695
14,442
14,352
14,333
14,210
14,142
13,911
13,857
13,846
13,422
13,372
13,190
12,970
12,801
12,784

Ratibor
Hamm  .
Charlottenburg
Merseburg  .
Insterburg.
Paderborn  .
Cöslin  .  .
Wittenberg
Kolberg  .
Saarbrücken
M'eissenfels
Anklam
Glatz
Gleiwitz
Kreuznach
Soest
Eisleben
Kottbus
Neu-Ruppi
Rheydt  .
Neuss  .
Herford.
Solingen
Torgau  .
Grünberg
Rawitzscn
Eilenburg
Oppeln  .
l.issa
liuckenwalde

12,776
12,637
12,431
12,339
12,323
12,271
12,110
12,026
11,760
11.703
11,670
11,668
11,415
11,294
11,185
11,142
11,118
11,112
11,098
10,875
10,769
10,717
10.704
10,679
10,563
10,408
10,393
10,223
10,192
10,170

Von  den  kleineren  Städten  nennen  wir  noch  :

Küstrin  .  .  .
Bochum  .  .
Sorau  .  .  .
Düren  .  .  .
Sagan  .  .  .
Schönebeck  .
Reuthen  .  .
Cleve  .  .  •
Lüttringhausen
Dorp  .  .  •
Hirschbeyg
Leobschütz
Radevormwald
Jauer  .  .  .
I.angensalza  .
Demmin  .  .
Höhescheid  .
Stendal.  .  .

9937
9855
9829
9493
9461
9235
9162
9095
9046
9029
8939
8784
8738
8672
8670
8572
8558
8522

Gnesen  ....
Suhl
Neustadt  (Schles.)
Krotoschin  .  .
Hagen  ....
Siegen  ....
Schwedt  .  .  .
Gumbinnen  .  .
Witten  ....
Salzwedel  .  .  .
Sangerhausen  .  .
Neuwied  .  .  .
Honsdorf  .  .  .
Kalbe  a.  d.  S.
Sommerfeld  .  .
Mühlheim  b.Köln
Emmerich  .  .  .
Culm  .  .  .  .

8520
8511
8463
8459
8426
8245
8044
8006
7943
7915
7877
7766
7722
7689
7685
7678
7669
7636

Kronenberg
Striegau
Lennep  .  .
Marienburg
Gels  .  .  .
Saarlouis  .
Bunzlau
Wriezen
Welbert
Wittstock  .
Hörde  .  .
Ostrowo
Rathenow  .
Krossen
Züllichau  .
Pyritz  .  .
Perleburg  .
Gollnow

7613
7608
7601
7560
7499
7482
7461
7376
7282
7255
7248
7220
7206
7146
7141
7136
7057
6994
        <pb n="195" />
        PREUSSEN.  —  Land  und  I.Æute  (Gebietsveränderungen).  173

Delitzsch  .
Marienwerder
Schneidemühl
Treptow
Ohlau  .  .
F  ürstenwalde
OscKersleben
Goldberg  .
Jüterbogk  .
Finsterwalde

0992
0946
0890
0878
0840
0758
0710
0088
0067
0005

Inowraclaw
Lauban  .  .  .
Frauenstadt  (Pos.
Idppstadt  .  .
Neustettin  .  .
Swinemünde  .
Conitz  .  .  .
Wolgast  .  .
Reicnenbach
(Schlesien)  .

0064
6656
6598
6554
0479
0452
6439
6412
6356

Ruhrort
Pieschen
Wetzlar
I&amp;gt;öwenberg
Jülich
Arnsberg
Kosel  .
Imtzen  .
Hechingen
Sigmaringen

6202
6182
5874
5465
5181
4575
4347
3574
3251
2636

Berlin  hatte  im  J.  1645  erst  9000  Einw.,  1721  53,355,  mit  Milit.  65,300,
1780  113,766  resp.  147,338,  1795  130,487  r.  156,218,  1810  153,070  r.  162,971,
1820  185,829  r.  201,900,  1831  229,843  r.  248,682,  1840  309,953  r.  328,692,  1852
413,517  r.  432,720,  1858  438,961  r.  458,637  (1804  mit  Mil.  angebl.  629,800).  Ein
ansehnlicher  Theil  der  Zunahme  ward  durch  Einverleibung  angrenzender  Orte
veranlasst.  Die  Garnison  ist  1861  mit  22,626  Mann  eingerechnet.

Bodenbenätznng.  Aufnahme  von  1858  :
1*417,486  Magd.  Morgen  Gärten,  Weinberge,  Obstplantagen,
50*472,545  -  -  Aecker,
8*776,302  -  -  Miesen,
8*141,802  -  -  beständige'Weiden,
24*731,067  -  -  W'älder  (wovon  8*059,489  im  Staatsbesitze),
93*539,20^  -  -  oder  (21,490*,  preuss.  Morgen  =  1  Q.-M.)  4352,7
geogr.  Q.-M.  cultivirten  Landes.

Gebietsveränderangen.  Preussen,  dessen  Fürst  1701  den  Königstitel ­
  angenommen,  umfasste  bei  der  Thronbesteigung  Friedrichs  II.,
1740,  2160  Q.-Meil.  und  2’240,000  (nach  Andern  etwa  3  Mill.)  Menschen. ­
  Die  Eroberung  Schlesiens  (680  Q.-M.,  damals  mit  1*100,000
Bew.,  1770  mit  1*327,078)  und  die  erste  Theilung  Polens  (wobei
Preussen  596  Q.-M.  und  %  Mill.  Menschen  erhielt)  vergrösserten  den
Staat,  so  dass  derselbe  bei  Friedrich's  Tode,  1786,  folgenden  Bestand
hatte  (die  Volkszahl  nach  den  damaligen  höchst  ungenauen  Schätzungen)  :

Königreich  Preussen  ,  mit  dem  Netzdistricte  .  1302  Q.-M.,  1*500,000  Bew.
Ilerzogthum  Pommern  457  -  465,000  -
Mark  Brandenburg,  mit  Mansfeld  ....  728  -  1*057,000  -
Herzogthum  Magdeburg  lüO  -  280,000  -
Fürstenthum  Halberstadt  37  -  132,000  -
"Westphälisehe  Länder  222  -  590,000  -
Herzogthum  Schlesien  680  -  1*582,000  -
Dazu  :  Fürstenthum  Neuenburg  14  -  40,500  -

Zusammen  3540  Q.-M.,  5*650,000  Bew.

Von  Pommern  war  das  schwedische  Vorpommern  noch  getrennt  Die
Bestandtheile  der  westphälischen  Besitzungen  waren  :

Fürstenthum  Minden  und  Grafsch.  Ravensberg
Grafschaft  Tecklenburg  und  Lingen  .  .  .  .
Fürstenthum  Ostfriesland
Herzogthum  Cleve
Grafschaft  Mark
Fürstenthum  Moeurs
Herzogthum  Geldern

38  Q.-M.,  130,000  Bew
21  -  45,000  -
54  -  103,000  -
33  -  95,000  -
50  -  125,000  -
4  -  17,000  -
22  -  50,000  -

Im  Jahre  1791  wurden  (durch  Abtreten  des  kinderlosen  Markgrafen) ­
  die  Fürstenthümer  Anspach  und  Bayreuth  erworben  (145  Q.-Meil.
  mit  fast  400,000  Menschen);  1792—93  die  reichsständischen  Gebiete ­
  in  denselben,  1795,  bei  der  letzten  Theilung  Polens,  der  Rest  von
        <pb n="196" />
        174

PREUSSEN.  —  Finanzen  (Budget).

Südpreussen,  Neuostpreussen  und  Neuschlesien.  Nun  hatte  der  Staat
5595  Q.-M.  und  S’7ü0,000  Einw.  Durch  den  Krieg  mit  der  franz.  Republik ­
  verlor  Preussen  die  Besitzungen  auf  dem  linken  Rheinufer,  Geldern, ­
  Moeurs  und  Cleve.  Es  erhielt  dagegen  durch  den  Entschädigungsrecess
  von  1S02:  Hildesheim  mit  Goslar,  Paderborn,  einen  Theil  von
Münster  mit  Cappenberg,  Eichsfeld,  Erfurt,  Blankenhain,  Untergleichen,
Mühlhausen,  Nordhausen,  Quedlinburg,  Essen,  Werden,  Elten  und
Herford,  und  1803  von  Bayern,  gegen  Ueberlassung  von  Neustadt  und
Culm  etc.,  das  Oberstift  Eichstädt,  Weissenburg  a.  d.  Tauber,  Windsheim ­
  und  Dinkelsbühl,  zusammen  173  Q.-M.  mit  000,000  Menschen.
—  1805  liess  sich  die  Regierung  verleiten,  Anspach,  das  rechtsrheinische ­
  Gebiet  von  Cleve,  und  Neuenburg  freiwillig  an  Frankreich  abzutreten ­
  ,  gegen  das  von  diesem  "eroberte  Hannover.  Nicht  nur  protestirte
England  dagegen,  sondern  Preussen  kam  doch  mit  Frankreich  in  Krieg,
der  (Schlacht  bei  Jena,  14.  Oct.  1806)  mit  dem  Tilsiter  Frieden  endigte, ­
  9.  Juli  1807,  welcher  Preussen  gerade  die  Hälfte  seines  Gebietes
kostete.  Es  musste  abtreten  ;  einen  Theil  von  Neuostpreussen  (Bialystük)
  an  den  bisherigen  Alliirten  Russland;  den  Cottbusser  Kreis  an
Sachsen;  Süd-,  einen  Theil  von  West-  und  Neuostpreussen  sammt  dem
Netzdistricte  an  das  damit  geschaffene  Herzogthum  Warschau;  Danzig,
das  mit  vergrössertemGebiete  wieder  als  »freie  Stadt«  erstand;  Ostfriesland ­
  an  Holland  ;  Münster,  Mark,  Dingen  und  Tecklenburg  an  Berg  ;
die  übrigen  westphälischen  und  niedersächsischen  Besitzungen  an  das
neue  »Königreich  Westfalen«;  endlich  Bayreuth  und  Erfurt  an  Frankreich. ­
  Der  Gesammtverlust  wird  zu  2855  Q.-M.  und  5  730,500  Menschen ­
  berechnet.  Der  preussische  Staat  war  auf  2870  Q.-M.  mit
4’500,000  Einw.  zusammengeschmolzen.  —  Der  erste  Pariser  Friede
und  der  Wiener  Congress  gaben  das  Verlorene  zurück  oder  mehr  als
vollständige  Entschädigung.  Nicht  wiedererlangt  wurden-  Polen,  Hildesheim, ­
  Ostfriesland,  Anspach  und  Bayreuth  ;  dagegen  erhielt  Preussen  ;
die  Hälfte  des  Königr.  Sachsen,  die  Rheinprovinz  und  Schwedisch-Vorpommern. ­
  —  1812  kaufte  der  Staat  das  Fürstenthum  Lichtenberg
(auf  dem  linken  Rheinufer,  1  0%  Q.-M.,  damals  mit  35,250  Menschen,
durch  den  Wiener  Congress  dem  Herzoge  von  Coburg  zugetheilt),  und
1849  erwarb  derselbe  die  beiden  Ho  benzol  1er  n'schen  Fürstenthflmer
(21  Q.-M.  und  07,500  Bew.).  Dagegen  büsste  der  König  schon  184  7
die  in  dem  schweizerischen  Neuenburg  ausgeübte  Hoheit  ein,  während ­
  die  förmliche  Verzichtung  erst  1857  erfolgte.  —  Ein  kleines  Gebiet ­
  am  Jadebusen,  zu  einem  Kriegshafen  bestimmt,  ward  Ende  1854
von  Oldenburg  um  %  Mill.  Thlr.  erkauft.
Die  Verfassungsurkunde  datirt  vom  31.  Jan.  1850,  mit  Modificationen
  vom  30.  Apr.  1851,  21.  Mai  und  5.  Juni  1852,  7.  Mai
und  24.  Mai  1853,  10.  Juni  1854,  30.  Mai  1855,  und  15.  Mai  1857.

riiiaiizeii.
Budget,  einjährig.  Da  nach  1861  ein  solches  in  gesetzl.  Weise
nicht  mehr  zum  Abschluss  gekommen,  so  theilen  wir  die  Hauptresultate
        <pb n="197" />
        *

PREUSSEN.  —  Finanzen  (Budget).

175

des  von  der  Regierung  bei  dem  Abgeordnetenhause  beantragten
»Staatshaushalts-Etats  für  lSb4u  mit.

Einnahmen:

I.  Finanzministerium  :  1)  Domänen  (Güter)  5’2T4,040,  2)  Forsten ­
  8*205,000,  von  welchen  beiden  Positionen  jedoch  die
Krondotation  abgerechnet  wird  mit  2*573,099  —  liest  .  .
3)  Verkäufe  von  Domänen  und  Rechten  1*000,000  und  4)
sonstige  Domänen-Einkünfte  1862
5)  Directe  Steuern;  Grundsteuer  10*229,700;  classiñcirte
Einkommenst.  3*345,000  ;  Classenst.  9*389,000  ;  Gewerbst.
3*755,000  ;  Eisenbahnabgabe  1*020,000  ;  Verschiedenes  22,555
6)  Indirecte  Abgaben;  Zölle  12*000,000;  Uebergangsabg
  ,  von  vereinsl.nein,  Most,  Tabak  235,000  ;  Rfibenzuckersteuer
  4*175,000;  Niederlagsgelder  etc.  47,000;  Schifffahrtsabg.
  180,000;  Branntweinsteuer  und  Uebergangsabgabe  von
Branntw.  7*140,000  ;  Braumalzsteuer  und  Uebergangsabgabe
von  Bier  1*480,000;  Steuer  von  inländ.  Weinbau  100,000  ;
Steuer  von  inländ.  Tabaksbau  85,00&amp;lt;);  Mahlsteuer  1*390,000  ;
Schlachtst.  1*600,000  ;  Stempel  4*800,000  ;  Chausseegelder
1*200,000;  Brückengelder  und  Flussgefälle  900,000;  Hypotheken- ­
  und  Gerichtsschreibereigebühren  190,000;  Strafgelder ­
  65,000;  Verschied.  228,314  =
7)  Salzmonopol  9*114,771  ;  8)  Lotterie  1*334,500  .  .  .  .
9)  Seehandlungsinstitut  500,000  ;  10)  Preuss.  Bank  (Antheil)
811,000;  11  Münze  127,754  ;  12)  allgem.  Cassen  Verwaltung
(Zinsen  v.  Eisenbahnactien,  Pensionsbeiträge  etc.)  718,611  ^
Zusammen  Finanzministerium

10*906,541
1*001,862

27*761,255

35*875,314
10*449,271
2*157,365
88*151,608

II.  Minist,  für  Handel,  Gtncerbc  u.  affentl.  Arbeiten".  1  Post
12*133,500;  2)  Telegraphie  1*065,000  ;  3)  Manufakturen  Porzellan ­
  etc.)  372,61*';  4)  Berg-,  Hütten-  u.  Salinenwesen
12*217,515;  5)  Eisenbahnen  14*396,124  40*184,757
III.  Justizmin.  (dav.  9*492,300  Gerichtskost.,  240,000  Strafen)  .  10*331,300
IV.  Minist,  des  Innern  (521,464  aus  Strafanstalten,  83,660  Ertrag
der  Amtsblätter,  85,831  Polizeiverwaltung)  693,639
\.  Minist,  für  die  landtcirthschaftl.  Angelegenheiten  ....  996,164
VI.  Minist,  dm-  geistl.,  Unterrichts-  u.  Medicinalangelegenheiten  103,060
VII.  Kriegsministerium  *  565,416
VIII.  Marineministerium  22,280
IX.  iVi«.  (Consulats-und  Passgeb.)  ....  11,800
Aus  den  Hohenzollem’schen  Landen  (479,000  fl.)  .  .  .  .  273,714
Gesammteinnahme  141*333,738
Oder  vielmehr  mit  der  Krondotation  143*906,837

Fortdauernde  Ausgaben.
A.  Betrieb«-,  Erhebung«-  und  Verwaltung«ko«ten.
I.  Finanzministerium:  Domänen  791,130;  Forsten  3*561,600;

Centralverwaltung  beider  78,490;  directe  Steuern  1*127,342  ;
indirecte  Steuern  4*405,314;  Salzmonopol  2*711,800;  Lotterie ­
  24,300;  Münze  127,754  12*827,730
II.  Minist,  für  Handel,  (ieicerbe  u.  öffentl.  Arbeiten:  Post
10*495,900;  Telegraphen  822,300;  Manufakturen  210,000;
Berg-,  Hütten-  und  Salinenwesen  9*505,082  ;  Eisenbahnen
10*124,689  31*157,971
Summe  A,  Betriebsausgaben  43*985,701
        <pb n="198" />
        176

PREUSSEN.  —  Finanzen  (Budget).

B.  Dotationen.
Zuschuss  zur  Krondotation  500,000
Oeffentliche  Schuld,  dav.  Verzinsung  10*490,017  ;  Tilgung  4*617,087  ;
Renten  423,259  ;  Verwaltung  etc  15*000,850
Jjundtay  239,010
Summe  B,  Dotationen  16*340,400
C.  Staatsverwaltung.
I.  StaaUminist.  (Oberrechnungskammer  124,540;  geheimes  Cabinet ­
  18,300;  Orden,  incl.  f.  eisern.  Kreuz  112,100)  .  .  .  357,600
II.  Minist,  der  auswlirt.  Angelegenh.  (darunter  735,315  Kosten
der  Gesandtschaften  nebst  Consulaten)  953,755

III.  Finauzminist.  (davon  701,000  Zuschuss  zurWittwen-Verpflegungsanstalt
  ;  592,300  Passiva  der  Gen.-Staatscasse,  namentlich ­
  Entschädigungen  für  aufgehobene  Rechte  etc.;  1*900,000
Pensionen  für  Civilbeamte;  42,000  Pensionen  für  Beamten-Wittwen
  und  Waisen  ;  55,000  Gnaden-Pensionen  ;  34,000  Karenz-Unterstützungen; ­
  59,313  Wartegelder  für  Civilbeamte  ;
200,000  Pensions-Aussterbefonds  ;  —  1*851,770  Oberpräsidien
und  Regierungen  ;  400,000  für  Gnadenbew  illigungen  ;  56,050

für  Besoldungs-Verbesserungen  ;  Unvorges.  300,000)  .  .  .  0*037,849
IV.  Minist./.  Handel,  Gewerbe  u.öffentl.  Arbeiten  (dav.  2*492,100
Unterhaltung  der  Staatschausseen  ;  1*000,000  für  Neubauten
von  solchen;  1*371,980  Unterhaltung  unchaussirter  Wege,
Dienstgebäude  etc.;  058,353Besoldung  der  Baubeamten  etc.)  0*543,012
V.  .Tustizministerimn  11*583,000
VI.  Minist,  d.  Innern  (dabei  :  Gefängnisse  2*033,499  ;  Gendarmerie ­
  1*099,616  ;  Polizei  890,807  ;  I.andräthe  914,942  .  .  .  .  5*570,101
VII.  Minist./,  d.  landwirthscha/tl.  Angelegenh  521,250

VIII,  Minist,  d.geistl.,  Unterrichts-v.  Medicinalangelegenh.  (áñheii
Cultus,  evangel  413,450,  kathol.  745,910;  —  Universitäten
583,854;  Zuschuss  für  Gymnasien  und  Realschulen  349,394  ;
Elementarunterricht  541,092  ;  Kunst  u.  Wissenschaft  249,802  ;
—  Patronatsbaufonds  400,000  ;  Gehaltsverbesserung  v.  Geistlichen ­
  und  lichrern  174,327;  —  Heil-  und  Wohlthätigkeits-Anstalten

  140,295  etc.)  4*137,525
IX.  Krieqsministeriujn  37*845,735
X.  Marine  ^^45^33
Summe  C,  Verwaltungsausgaben  70*031,334
Ausgabe  in  Hohenzollern  (404,500  tt.)  231,143

Betrag  der  fortdauernden  Ausgaben  137*194,038
Einmalige  und  ausserordentliche  Ausgaben:
I.  Minist,  d.  Auswärt.  10,000;  II.  Min.  d.  Finanzen  848,800;
III.  31in.ßlr  Handel  etc.  (dabei  1*200,000  für  Land-  u.  Was-  ,
serbauten)  2*017,000;  W.  Justizntin.  (Gefängnisse)  300,000  ;
V  Min.  d.  Innern  01,410;  VI.  Min.  ßir  landw.  Angeleg.
102,487;  VII.  Min.dergeistl.etc.Angel.h^{),{m)&amp;gt;,  VIII.  Ärteoimin.
  1*520,819;  \^.  31  arme  1*190,013;  —  iúv  Hohenzollern
42,571  0*039,100
Gesammtbedarf  (mit  Krondotation  140’400,837)~f43*833',738
Das  Budget  begreift  im  Allgemeinen  die  Brutto  summen  in  sich;
indess  hat  man  (seltsamerWeise)  insbesondere  eine  Position,  und  zwar
gerade  eine  Nettoausgabe,  abgerechnet,  nemlich  die  ursprüngliche
Dotation  der  Civilliste.  Ziehen  wir  von  den  114  Mill.  Einkünften  die
Erhebungs-  und  die  Betriebskosten  der  Staatsanstalten  mit  44*  ab,  dann
die  von  Veräusserungen,  zufälligen  und  durchlaufenden  Posten  herrührenden ­
  Beträge,  so  verbleiben  als  reine  Einnahme  noch  etwa  95,8  Mill.
        <pb n="199" />
        PREUSSKN.  —  Finanzen  Budget).

177

Die  Summen  vertheilen  sich  beiläufig  (mitunter  anders  als  im  Budget
classificirt)  so  :

Einnah
brutto
Domänen*)  .  .  42’(i  Mill.
1  )irecte  Steuern  .  27’8
Indirecte  Abgaben  (»9’5
Zusammen  -

en:
netto
17’4  Mill.  =  T8,1G  Proc.
26’(i  -  =  27,77  -
5PS  -  =  54^  -
95^  -  =T0(bÜÜ  -

Ausgaben:
Militär  (mit  Marine  und  ausserordentl.).  .  .  Thlr.  41'7ü7,7Uü  =  43,54  Proc.
Schulden  (einschl.  Passiva  der  Gen.-Staatscasse)  Ib'l99,21b  =  10,91  -
Diese  2  Posten  "'57’‘J06,910  =  00,45  -
Und  doch  war  die  Militär  -  Reorganisation  bei  Aufstellung  dieses  Etats
noch  nicht  vollendet.  —  Allerdings  ist  dabei  zu  bemerken,  dass  die
meisten  Einnahme-Positionen  zu  gering  angesetzt  sind.
Da  Preussen,  ungeachtet  seiner  verhältnissmässig  geringen  Bevölkerung, ­
  unter  den  ürossmächten  auftritt,  und  da  es  sich  überhaupt
als  Militärstaat  entwickelte,  so  war  eine  hohe  Besteuerung  der  Einwohner ­
  von  jeher  die  natürliche  Folge.  Die  Lasten  wurden  aber  namentlich ­
  in  der  Neuzeit  sehr  vermehrt.  Allerdings  können  die  Budgetziffern ­
  von  frühem  Jahren  nicht  unbedingt  entscheiden,  da  früher  nur
die  Nettobeträge  aufgeführt  waren,  statt  der  jetzigen  Brutto  summen.
Allein  es  tritt  dennoch  ein  gewaltiger  Unterschied  her\or,  wenn  wir
z.  B.  den  Finanzetat  vom  Jahre  1841  mit  dem  jetzigen  vergleichen.
Jener  schloss  ab  mit  57  677,194  Thlr.,  der  von  1864  mit  141%  Mill,
brutto  oder  161%  Mill,  netto.  Und  doch  kostete  damals  schon  das  Heer
24  60  1,208.  In  den  11  Jahren  1849  bis  Ende  I860  betrug  der  Aufwand ­
  für  Landmacht  451'97l,658,  Marine  16’00l,805,  zusammen
467’973,463  l'hlr.  Noch  1847  war  die  Nettoausgabe  nur  64  Mill.  —
Es  betrug  der  Aufwand,  ungerechnet  Nebenposten  :

für  Schuld
1850  7’522,000
1859  13'447,250
1800  15’285,20O
1801  I5'547,700

für  das  Heer  mit  Marine
27*030,002  Thlr.
33*488,503
40*380,332  (davon  5*730,271  für  Reorganisation)
42*475,032

Dabei  bemerkt  man  in  der  Repartition  der  Lasten  sehr  grosse  Ungleichheiten. ­
  Allerdings  hat  man  endlich  die  Grundsteuerbefreiung,  deren  die
Besitzer  von  20'780,1  76  Morgen  Landes  genossen,  im  J.  1861  aufgehoben ­
  erklärt,  allein  diese  Besteuerung  selbst  hat  erst  1865  begonnen,
und  was  bei  Beseitigung  einer  solchen  Steuerbefreiung  bis  heute  wol
nirgends  in  der  Welt  vorkam  —  nur  gegen  Entschädigung  a  der  bisherigen
  Berechtigten,  also  gegen  T^oskauf.  —  Dabei  kann  nicht  unl&amp;gt;emerkt
bleiben,  dass  der  Staat  das  verwerfliche  Institut  einer  (Classen-)  Lotterie
unterhält.  —  Die  Zahl  der  Civilbeamten,  1818  blos  27,775,  war  1856
auf  51,59  7  gestiegen  ;  darunter,  vor  der  letzten  grossen  Gehaltserhöhung  :

*)  Nach  der  Einleitung  des  Entwurfs  zum  Staatshaushaltsetat  für  1804  umfassen ­
  die  Domänen  in  der  engem  Bedeutung  (ungerechnet  die  Waldungen  etc.)
827  Vorwerke  in  500  Pachtungen  mit  einem  Nutzareale  von  1*150,055  Morgen
und  einem  Pachtertrage  von  2*100,388  Thlr.  =  nur  1,89  Thlr.  pr.  Morgen.
Kolb,  Statiitik.  4.  Aufl.  ^2
        <pb n="200" />
        178

PREUSSEN.  —  Finanzen  (früherer  Staatshaushalt).

35,724  mit  weniger  als  400  Thlr.  3,100  mit  7—  800  Thlr.
4,500  -  4—600  -  798  -  8—  900  -
2,400  -  6—700  -  824  -  900—1000  -
Die  1S59  gewährten  Erhöhungen  betrugen  1’132,945  Thlr.  Unter
ohiger  Beamtenzalil  sind  indess  nicht  einhegriften  ;  die  Angestellten  der
Gemeinden  und  Kreise,  Geistliche  und  Volksscliullehrer,  überhaupt  alle,
deren  Besoldung  nicht  unmittelbar  der  Staatscasse  zur  Last  fällt.  (Die
Kosten  für  50,335  Beamte  berechnete  Reden  auf  21’  }  17,862  Thlr.  ;
dann  ungefähr  3’25G,000  an  Pensionen.  Rechnet  man  hiezu  Nebenbezüge ­
  und  Bureaukosten,  so  dürfte  sich  schon  vor  der  Besoldungserhöhung ­
  eine  Gesammtsumme  von  etwa  30  Mill.  Thlr.  für  Unterhalt  des
Beamtenwesens  ergehen  haben.  —  In  ganz  Grossbritanien  zählt  man  nur
2790  Beamte,  mit  91,106  -C  Besoldung;  siehe  S.  11.
Es  darf  nicht  übersehen  werden,  dass  in  der  Neuzeit  regelmässig
Veräusserungen  von  Domänen  stattfanden,  deren  Ertrag  mit  zur  Deckung
der'laufcnden  Ausgaben  dient.  Eis  wurde  budgetmässig  auf  Zuflüsse ­
  aus  dieser  Quelle  (somit  vom  Capitalstock)  gerechnet,  nach  dem
Voranschläge  für  1851  auf  1  Mill.,  1852  l'flOO,000,  1853  und  54  je
2  Mill.,  1855  und  56  je  1%  Mill.,  1857  U300,000,  1858  und  59  je
1  Mill.,  1860  815,000,  1861  800,000,  1862—64  je  1  Mill.
Früherer  Staatshaushalt.  Zu  Anfang  des  vorigen  Jahrhunderts  theilte
man  die  Einkünfte  in  Kriegs-  und  Domänengelälle.  die  Elrsten  lediglich
für  den  Unterhalt  der  Truppen  bestimmt.  17  24  hatte  die  Kriegscasse
3'800,000,  die  Domänencasse  nur  2’950,000  Thlr.  Elinkünfte.  Bei  Friedrich’s ­
  II.  Thronbesteigung  (1740)  betrug  die  gesammte  Staatseinnahme
7’400,000.  Dazu  kam  der  schlesische  Etat,  1744  mit  3’265,000  Thlr.
ETiedrich  verstand  es,  die  Einnahmen  (vielfach  in  äusserst  bedrückender
Weise)  höher  zu  treiben;  sie  wurden  für  1752  auf  mehr  als  12,  1780
auf  ungefähr  21,  1786  selbst  auf  30  Mill,  geschätzt.  Zu  Anfang  des
19.  Jahrhunderts  nahm  man  31  —  33  Mill,  an;  die  llauptquellen  waren  '
Domänengüter  7’466,000,  E'orsten  1’233,000  ,  Contrihutionen  und
Grundsteuer  5’600,000  ;  Accise  und  Zoll  9%  Mill,  (brutto  10’620,000,
wovon  Accise  7’889,000)  ,  Salzmonopol  4  Vs  Mill.,  Stempel  600,000,
Zahlenlotterie  700,000.
Der  Länderverlust  von  1807  brachte  die  Einkünfte  auf  höchstens
18  Mill.  (Reinertrag)  herab.  1812  ertrugen  Domänen  (sammt  E'orsten)
4’360,000,  Grundsteuer  2’984,050  ,  Accise  4’669,1  89  ,  liandconsumtionssteuer
  1'351,085  ,  Zoll  (nur)  760,250,  Salz  1’678,857,  Stempel
701,202,  Gewerbsteuer  681,041.
Von  1821  —  48  wurden  Etats  publicirt;  aber  nicht  hlos  in  laconischer
  Kürze,  sondern  neben  den  veröffentlichten  liefen  auch  geheime
Etats.  Dieselben  enthielten  nur  die  Nettosummen.  Der  veröffentlichte
Etat  für  1821  gibt  folgende  Hauptziffern;
Einnahme:  Domänenertrag  5’664,650  ;  Domänenverkäufe  1  Mill.;  Herg-Ausgahen:

  Geheim.  Cabinet  etc.  3(10,550;  Ministerien:  des  A
600,000,  d.  Geistlichen  2  Mill.,  d.  Justiz  (ausser  den  Sporteln)  P720,

.Auswärtigen
000,  d.  ln-
        <pb n="201" />
        12*

PREUSSEN.  —  Finanzen  früherer  Staatshaushalt).

179

1849
1850
1851
1852
1853
1854
1855
1850
185-1858

1859
1800
1801
1802*)
1803*)
1804*)

nern  (sammtGendarmerie)  2*300,300,  d.  Handels  1*574,000,  d.  Kriegs  22*804,300,
d.  Finanzen  272,100,  d.  ^hatzes  (einschl.  Provinzialschuldenzinsen)  1*159,730;
Staatsschuld  10*143,020;  Pensionen  2*700,000;  Regierungen  2%  Mill.;  Gestüte
100,000;  Ausfälle  und  Ausserordentl.  1*700,000.  Zus.  50  Mill.
Im  J.  1811  lautete  der  veröffentlichte  Etat  auf  55*807,000,  der
geheime  auf  02*925,000  ;  die  wirkliche  Einnahme  betrug  70*040,942
netto,  während  die  Rruttosumme  (nach  Reden)  auf  90*595,000  stieg.  —
1844:  officiell.  Etat  57*077,194,  geheimer  05*239,135;  wirkliche  Einnahme ­
  73*731,540,  brutto  97*200.000.  —  1847  war  der  wirkliche
Reinertrag  70*972,105;  1848  00*003,082;  1849  03*753,375.
Die  ganze  Roh-Einnahme  eingerechnet,  ergaben  die  Budgets:
Jahr  Ausgaben  Dam  Deficit
85*993,281  91*601,281  5*608,000
88*765,349  93*326,567  4*561,168
90*721,860  93*794,433  3*072,573
94*277,300  96*911,013  2*633,713
97*558,698  101*159,163  3*600,895
103*925,069  107*990,069  4*065,000
105*953,312  109*835,632  3*882,320
113*064,113  116*336,877  3*272,764
120*242,312  120*242,312  k.  Deficit
126*409,778  126*409,778  .  k.  Deficit
130*399,288  131*859,288  1*460,000
130*312,755  136*342,316  6*029,561
134*541,701  139*327,337  6*239,358
136*523,411  139*908,411  3*385,000
137*744,159  139*844,159  2*100,000
141*333,738  145*833,738  4*500,000
Zusammen  in  16  Friedensjahren  eine  Steigerung  des  Bedarfs  um
mehr  als  54  Mill.  Thlr.  oder  um  mehr  als  59  Proc.  Dabei  Aufhäufen
von  52*956,640  Thlr.  Deficit,  welches  allerdings  für  die  letzten  Jahre
theils  durch  natürl.  Steigen,  theils  durch  Hinaufschrauben  der  Einnahmen ­
  über  den  Voranschlag  sogar  mehr  als  blos  ausgeglichen  ward.  Allerdings ­
  wurde  ein  Theil  der  Ausgaben  als  »ausserordentlich«  aufgeführt.
Solche  sog.  »ausserordentliche«  Bedürfnisse  stellen  sich  aber  in  dieser
oder  jener  Form  jedes  Jahr  ein,  wie  eine  Unterscheidung  zwischen  ordentlichen ­
  und  ausserordentlichen  Budgets  überhaupt  nur  erfunden  wurde,
um  thatsächlichc  Deficite  zu  beschönigen.  —  In  Wirklichkeit  waren  die
Ausfälle  in  der  ersten  Periode  viel  grösser,  als  sich  aus  obigen  Zusammenstellungen ­
  ersehen  lässt.  Schon  in  dem  Vortrage  des  Berichterstatters ­
  Kühne  an  das  Abgeordneten  -  Haus  vom  25.  April  1S55  über  das
Budget  ward  hervorgehoben:  Seit  1848  haben  in  keinem  Jahre  die
regelmässigen  Einnahmen  zur  Deckung  der  gewöhnlichen  Ausgaben  genügt. ­
  Der  Finanzzustand  habe  sich  in  den  5  Jahren  1848  bis  1852  (nur
so  weit  lagen  die  Abrechnungen  vor)  in  folgender  Weise  verschlimmert  :
1.  Vermehrung  der  verzinslichen  und  unverzinslichen  Schuld
um  43  MdI.  Rthlr.,  zu  einem  Erlöse  von  42*488,658  Thlr.
2.  Verminderung  des  Staatsschatzes  um  17*642,325  -
3.  Aufzehrung  von  Capitalien  und  Beständen  9*441,570  -
Zusammen  69*572,553  ITilr.
Ab:  Erhöhung  von  Cassabeständen  3*259,361
_  •  Bleiben  Manco"1W^3,192  thfi:
*)  In  den  3  letzten  Jahren  vom  I.andtage  nicht  genehmigter  Reggsentwurf.
        <pb n="202" />
        180

PREUSSEN.  —  Finanzen  (Staatsschuld).

Zu  den  neueren  Rudgeterliölmngen  trugen  wesentlich  bei  :  Erhöhung ­
  der  Krondotation  um  %  Mill,  (auf  3’07d,000  Thlr.  an  Geld,  ohne
Schlössergenuss  etc.),  dann  der  Etat  für  Schuld,  Krieg  und  Marine,  und
die  Besoldungserhühungen.
Die  frühem  Budgets  schlossen  (in  Einnahme-  und  Ausgabeziffer
stets  gleich  endigend)  folgendermassen  ab  :
Ü5’!)41,540  Thlr.
!)7T91,72S  -
lü(l’(i07,Sll»  -

185(»
1851
1852
1855
1854
1855

105’()02,770  -
110’5()5,l&amp;lt;)8  -
111’827,785  -

185C)
1857
1858
1859
1890
1801

118’804,O71  Thlr.
120’242,512  -
120’409,778  -
151’859,288  -
150’542,5I0  -
159’527,557  -
in  Einnahme  und  Ausgabe

Das  Budget  der  Stadt  Berlin  für  1805  schliesst
mit  5’029,S95;  der  wirkliche  Bedarf  betrug  1800  5’552,544  Thlr.,  und  ist  somit
grösser  als  der  manches  selbständigen  Staates.
Staatsschuld  nach  dem  Etat  vom  1.  Jan.  ISG  l  :
A.  Allgemeine  verzinsliche  Schuld:
1)  Consolidirte  Schuld  von  1842  77’705,000  Thlr.
2)  Freiwillige  Anleihe  von  1848  4’1G8,170
Anleihe  von  1850  14*855,900
_  1852  15*482,000  -
-  1855  4*559,400  -
_  1854  15*555,400  -
Prämien-Anleihe  von  1855  15*050,000
Eisenbahn-Anleihe  von  1855  7*050,500
Anleihe  bei  der  Hank  von  1850  15*047,.100
Anleihe  von  1857  7*522,000
5i)rocentige  Anleihe  von  1859  29*090,2d0
2te  Anleihe  von  1859  18*019,100
Anleihe  von  1802  4*800,000
Zusammen  gewöhnliche  Schuld
Provinzielle  Staatsschulden

:i)
4)
5)
&amp;lt;■•)
7)
8)
!&amp;gt;)
10)
11)
12)
1.5)

258*904,420  Thlr.
B.  Provinzielle  Staatsschulden  5*904,809
C.  Eisenbahnschulden  19*020,475
Zusammen  verzinsliche  Schuld  201*855,704  Thlr.
1).  Unverzinsliche  Cassen-Anweisungen  (Papiergeld)  .  .  15*842,547
Totul-Scludd  277*078,051  Thlr.

Hiezu  gehören  noch  die  Cautionen  (nach  einer  Angabe  5,2  Mill,,
nach  einer  andern  7,0  M.,  und  das  Guthaben  der  Milit.  -  Wittwcncasse
mit  89U,400  Thlr.,  —  zus.  28:Py^  oder  280%  Mill.  —  Von  dem  durch
Gesetz  v.  24.  Sept.  1802  gestatteten  Eisenbahnanlehen  bis  zu  17  Mill,
hat  die  Regierung  1804  0  Mill,  realisirt.  Ausserdem  hatte  der  Staat
(Anf.  1801)  für  01’150,000  Thlr.  Eisenbahnanlchen  Zinsgarantie  übernommen. ­

Der  Staatsschatz  wurde  vom  Minister  in  der  Budgetcommiss.
vom  Aug.  1802  zu  20*014,499  Thlr.  berechnet;  ausserdem:  Betriebsfonds ­
  in  den  versch.  Gassen  9’873,1  35,  Mittel  zur  Tilgung  von  Gautionen
  5  Mill.;  endlich  rückständige  Steuern  etc.  15’135,533,  —  zusammen ­
  50’023,107  Thlr.  an  Mitteln.
Frühere  Schuldverhältnisse.  Als  Friedrich  II.  1740  den
Thron  bestieg,  fand  er  einen  Staatsschatz  von  8’700,000  Thlr.  Die  Eroberung ­
  Schlesiens  kostete  an  Geld  nur  ungefähr  8,  der  siebenjährige
Krieg  aber  gegen  1  25  Mill.  Man  bedurfte  nicht  nur  der  englischen  Sub-
        <pb n="203" />
        PKKUSSEN.  —Finanzen  (Staatsschuld).

181

sidien  und  der  Einkünfte  aus  dem  hart  bedrückten  Sachsen,  sondern
griff  namentlich  auch  zu  dem  Mittel  der  Münzverschlechterung,  indem
man  die  Mark  fein  Silber  bis  zu  15  (statt  14  Thlr.)  ausprägte,  so  dass
erst  in  Thlr.  so  viel  Silber  enthalten  war,  wie  in  einem  einzigen
vollhaltigen  !  —  Auf  Schlesien  haftete  bei  dessen  Eroberung  eine  Schuld
von  r700,000  Thlr.  Dennoch  hinterliess  Friedrich  (j  1780)  keine
Staatsschuld  sondern  einen  haaren  Staatsschatz  von  50  bis  00,  nach  Andern ­
  von  72  Mill.  Wälirend  der  11jährigen  Regierung  Friedrich  Wilhelm’s ­
  II.  verschwand  nicht  nur  dieser  Schatz,  sondern  es  erwuchs  eine
Schuldenmasse  von  30,  nach  Andern  von  00  Mill.  Unter  Friedrich  Wilhelm ­
  III.  strebte  man  nach  Verminderung  dieser  Last  ;  da  kam  der
Jenaer  Feldzug.  Das  erst  8  Monate  zuvor  emittirte  Papiergeld  sank
bis  auf  %  seines  Nennwerthes  herab.  (1808  auf  27,  im  Juli  1813  sogar ­
  auf  21%  %  ;  erst  im  Jan.  1810  stieg  es  wieder  auf  pari.)  Die  Belastung ­
  der  Staatscasse  durch  die  Anforderungen  des  Siegers  betrug  in
den  Jahren  1800—13  141’473,020  Thlr.,  die  Belastung  des  Volks  unmittelbar ­
  ,  so  weit  die  Leistungen  berechenbarer  Art  waren,  ausserdem
gegen  230  Mill.  —  Nachdem  Napoleon  das  Land  ausgesaugt,  erforderten ­
  die  Kriege  von  1813—15  die  enormsten  Opfer.  Von  den  Entschädigungsgeldern ­
  ,  welche  Frankreich  nach  dem  Kriege  bezahlen  musste,
erhielt  der  Preuss.  Staat  145  Mill.  Fr.  oder  38’G93,00Ü  Thlr.  (Private
dagegen  2’000,000  Fr.  Renten,  ein  Capital  von  52  Mill.  Fres,  repräsentirend).
  Gleichwol  schleppte  sich  durch  die  ersten  Friedensjahre  ein
permanentes  Deficit.  Ein  1817  in  London  abgeschlossenes  Anlchen  von
5  Mill.  T,  5proeentig,  gleichwol  zum  Curse  von  72  begeben,  half  nicht
aus  der  Verlegenheit.  Noch  1818  schloss  man  mit  Rothschild  ein  Anlehen ­
  zum  (hirse  von  70  Proe.  ab.  —  Im  Schuldedicte  von  1820  erlaubte ­
  man  sich  eine  Täuschung.  Man  führte  ungefähr  60  Mill.  Schuldscheine ­
  mehr  auf,  als  wirklich  im  Umlaufe  waren,  um  unter  alten  Titeln
ohne  Volksvertretung  neue  Schuldscheine  ausgeben  zu  können  {Gerrinns,
Geschichte).  So  ward  die  Gesammtschuld  festgestellt  zu  217’075,517
Thlr.  Davon  wurden  bis  Ende  1848  beseitigt  80’553,024  —  zu  welchem ­
  Behufe  man  freilich  auch  für  45’000,000  Thlr.  Domänengüter
veräusserte;  für  Eisenbahnbauten  wurden  gleichzeitig  höchstens  40  Mill,
verwendet.  Darnach  war  die  Schuldsumme  (einschl.  Pa])iergeld)  auf
I  31'421,803  Thlr.  herabgebracht,  wenn  auch  unter  Verminderung  der
Domänen.  Seit  I  5  Jahren  ist  die  Summe  doppelt  so  gross  geworden.  —
Die  Abtretung  des  .ladcbusens  ward  von  Oldenburg  mit  Mill,  erkauft.
Im  orientalischen,  wie  im  italienischen  Kriege  hielt  sich  Preuss  en  zwar
neutral,  musste  aber  beidemale  seiner  Kriegsrüstungen  wegen  zu  Anlehen ­
  schreiten.  Vom  ersten  dieser  Anlehen  wurden  die  Schuldscheine  zu
03,  dann  zu  08%  untergehracht  ;  der  Staat  erhielt  28’725,000  Thlr.
statt  der  verschriebenen  30  Mill.  Das  Anlchen  vom  Juni  1850,  obwol
5procentig,  und  zu  05  ausgeboten,  welcher  Curs  durch  Zinsgenuss  auf
etwa  04%  herabgedrückt  ward,  erlangte  eine,  die  geforderten  30  Mill,
blos  um  1’875,100  Thlr.  übersteigende  Unterzeichnung.  —
1858  ward  der  Werth  des  unmittelbaren  Staatsvermögens  zu
85’551,30  I  Thlr.  geschätzt.  Darnach  waren  die  Passiva  weit  mehr  denn
dreimal  so  gross  als  die  Activa.  —
        <pb n="204" />
        182

PHEUSSEN.  —  Militär  (Bildung  des  Heeres.)

Summe  der  Staatsschuld  in  verschiedenen  Perioden  :

1797:  4()’054,903  Thlr.  =  pr.  Kopf  Thlr.
1805:  53’494,914  -  =  -
1820:  217’845,558  -  =  -
1847:  139’884,581  -  =  -
1853:  219’325,()84  -  =  -
1850*):  247’851,509  -  =  -
1804:  290’000,000  -  ==  -

5.  13  Sgr.
5.  10  -
19.  24  -
19  -
25  -
18  -

8.
12.
14.

—  -  -  -  15.  15  -
Uebersicht  der  von  preussischen  Städten  in  den  Jahren  ISIS  bis
ISOO  Contrahirten  Anleihen  Nach  der  Gesetzsammlung  wurden  zur
Ausgabe  von  auf  jeden  Inhaber  lautenden  Obligationen  privilegirt  die
Städte  (im  Betrage  zu  Thlr.)  :

Cöln  .
Berlin.  .
Magdeburg
Düsseidort
Stettin
Königsberg
Elberfeld
Görlitz  .
Duisburg
Essen.  .

1’750,000
1’500,000
000,000
500,000
500.000
425.000
400.000
310.000
300.000
300,000

Memel
Aachen
Danzig
Halle
Posen

300.000
270.000
270.000
200.000
240,000

Mühlheima.d.  11.  200,000
Bonn  .  .  .  180,000
Crefeld  .  .  .  150,000
Bromberg  .  .  100,000

Neust.-Magdeb
Tiiegnitz  .  .
Thorn  .  .  .
Tilsit  .  .  .
Gross-Glogau
Spandau  .  .
Neuwied  .  .
Werden  .  .
Eupen  .  .

95.000
90.000
80.000
80,000
50,000
50.000
35.000
30.000
25.000

i&amp;gt;1ilitärwe.st‘ii.
Bildung  des  Heeres.  Allgemeine  Dienstpfiiehtigkeit  doch  ohne  wirkl.
Einreihung  aller  taugl.  Jünglinge.  Stellvertretung  ausgeschlossen.
Dienstzeit,  vom  zurückgelegten  20.  Altersjahre  an  (nach  der  neuen  Organisation] ­
  während  7  Jahren,  und  zwar  J  davon  im  stehenden  Heere,
dann  4  in  der  Reserve.  Hierauf  Landwehrpflichtigkeit  während  9  Jahren, ­
  nemlich  4  Jahre,  his  zum  32.  Altersjahre,  im  ersten,  und  5  J.,  h’s
zum  Ende  des  3b.,  im  zweiten  Aufgebote.  Nach  Ibjähriger  Gesammtdienstpflicht
  erfolgt  der  Uebertritt  in  den  Landsturm,  bis  zur  Vollendung ­
  des  19.  Altersjahres.  Auch  gehören  die  dem  Activheere  nicht  eingereihten ­
  Jünglinge  nach  dem  17.  Jahre  zu  dem  Landsturm.  Die  active
Dienstzeit  der  sich  selbst  Ausrüstenden,  welche  gewisse  Schulen  durchgemacht ­
  haben,  ist  auf  ein  Jahr  beschränkt.  Die  Last  des  Militärdienstes ­
  führt  auch  hier  zu  vielen  heimlichen  Auswanderungen  (so  wissen
wir,  dass  im  J.  1857  blos  im  l’osener  Regierungsbezirke  dessfalls  14  7
Untersuchungen  anhängig  waren  ;  ebenso  18b  1  im  Breslauer  381  ;  18b2
im  Bromberger  587,  18(52  73  blos  im  Landrathsbezirk  Simmern,  18(53
212  imBez.  des  Kreisgerichts  Wreschen  etc.)  —  Im  Officierscorps  herrscht
der  Adel  vor.  Nach  der  Rangliste  von  18(54  umfasste  das  Heer  :  1  Feldmarschall, ­
  I  General-Feldzeugmeister,  27  Generale  der  Infant,  und  Cav.
(nur  Adelige),  54  Generallieutenants  (darunter  2  Bürgerliche),  79  General-Majore ­
  (b  Bürg.),  188  Obristen  (3b  B.),  221  Obristlieut.  (39  B.),
498  Majore  (125  B.)  ,  177b  Hauptl.  u.  Rittmeister  ((581  B.)  ,  15(59
Prem.-Lieut.  (7(54  B.),  3572  Seconde-Lieut.  (1(585  B.)  ;  zus.  im  activen ­
  Heere  7988  Offic.,  worunter  4(588  Adelige  und  3300  Bürgerl.,  —

Mit  den  Cassenanweisungen,  welche  oben  nicht  eingerechnet  sind.
        <pb n="205" />
        PUFX’SSEN.  —  Militär  (Bildung  des  Heeres).

183

ein  Missverhältnis«,  das  bedeutend  grösser  ist  als  im  österr.  Heere.  Allein ­
  die  Begünstigung  des  Adels  tritt,  wie  obige  Notizen  erweisen,  bes.  bei
Beförderung  zu  den  höhern  Posten  hervor.  Nur  bei  der  Artill.  und  dem
Genie  hat  das  bürgerl.  Element  ein  Uebergewicht.  Am  übermässigsten
ist  der  Adel  bei  der  Garde  vertreten.  *)
Formation.  Ein  Garde-  und  S  Linien-Armeeeorps  à  2  Divisionen  :

Infanterie:  Bataill.  Friedensstand
9  Keg.  Garde  27  16,991
72  -  Linie  216  116,208
10  Bat.  Schützen  10  5,940
Zus.  Infanterie  253  138,539
Ca  V  allerlei  Schwadron.
8  Keg.  Garde  *)  32  4,769
40  -  Linie*)  168  24,984
12  -  Landwehr*)  48  204

Kriegsstand
27,054
216,432
10,020
253,506
4,857
25,432
7,272

Zus.  60  Keg.  Cavallerie  248  29,957
Artillerie:  9  Brigaden  108  Batterien*)  16,381
Pioniere:  9  Bataillone  4,491
Train:  9  Bataillone  .  .  .  .  .  1,66^
Formationsmässige  Gesammtactivarmee  .  191,033
im  Frieden  mit  432,  im  Kriege  mit  864  bespannten  Geschützen.
Die  Reserven  werden  zu  105,123,  die  Besatzungstruppen  (Land-37,561


27,918
5,454
30,200
356,532

wehr)  zu  153,900  gerechnet;  Total015,921  M.  Nimmt  man  die  Invaliden, ­
  die  Gendarmerie  und  die  Landwehr  2ten  Aufgebots  dazu  (welche
in  110  Bat.  mit  95,190  M.  formirt  werden  kann),  so  wird  eine  Gesammtsummc
  von  743,291  (nach  einer  andern  Berechnung  von  071,280)  M.

*)  Auf  Grundlage  der  von  W.  ¡SUmbel  (»Geber  d.  Mangel  an  genialen  Feldherrn« ­
  gelieferten  allerdings  nicht  mehr  ganz  neuen  Materialien  haben  wir  folgende ­
  Vergleichungstabelle  angefertigt.  Die  Zahl  der  bürgerl.  Oberoffieiere
  beträgt  gleichzeitig  :
Bang  Oesterreich
Feldzeugmeister,  Feldmarschälle,  Generale
Feldmarschalllieut.,  Gen.-Lieuten..
Generalmajore  .......
Stabsofficiere  :  a.  Infanterie  .
b.  Cavallerie  .  .  .
c.  Artillerie  .  .  .
d.  Genie
Hauptleute  etc.  und  Subalternoff.  :  a.  Infanterie
b.  Cavallerie
c.  Artillerie
d.  Genie

Prenssen

tillerie  */».  —  1864  soll  sich  das  Verhältniss  etwas  gebessert  haben.
*)  1  Keg.  Garde-du-Con)s,  1  Cürass.,  2  Dragoner,  1  Husaren,  3  Ulanen.
*)  8  Keg.  Cürassiere,  8  Dragoner,  12  Husaren,  12  Ulanen.
•)  Es  ist  die  Auflösung  der  Landwehr-Cavallerie  und  deren  Ersetzung  durch
8  Linien-Kegimenter  beabsichtigt;  (im  Frieden  sind  nur  die  Stämme  vorhanden).
•)  Die  Artillerie  ist  in  einer  Umgestaltung  in  Feld-  und  Fcstungsartill.-Kegimenter
  begriffen.  Ende  1864  waren  bereits  die  9  Keg  der  ersten  Kategorie
vollzählig  dagegen  fehlten  noch  4  der  zweiten.  Nach  der  neuen  Organisation
wird  die  Artillerie  auf  dem  Kriegsfusse  135  mobile  Batterien  mit  1080  Feldgeschützen ­
  und  72  Feldart.-Festungscompagnien  aufstellen  können,
        <pb n="206" />
        184

l’REUSSEN.  —  Militär  (Kriegsgeschichtliche  Notizen).

auf  dem  Papiere  entziffert.  Es  ist  kaum  nöthig,  daran  zu  erinnern,  dass
die  wirklich  verfügbare  Macht  hinter  solchen  Berechnungen  immer  weit
zurückbleibt.
Die  Landwehr  unterliegt  einer  vollständigen  Umgestaltung.  *  **) j
Festungen.  Es  sind  deren  2b  (laut  Kammerverhandl.  v.  lSü3)
I  namentl.  :  Saarlouis,  Coblenz  mit  Ehrenbreitstein,  Cdln  mit  Deuz,  Min-I
  den,  Erfurt  mit  .dem  Petersberge  und  der  Cyriaksburg,  Magdeburg,  Wittenberg, ­
  Torgau,  Spandau,  Küstrin,  Stettin,  Stralsund,  Colberg,  Glogau,
Cosel,  Glatz,  Schweidnitz,  Neisse,  Posen,  Graudenz,  Thorn,  Swinemünde, ­
  Marienburg,  Danzig,  Pillau,  Königsberg  und  Lötzen  (Boyen;.
I  ,  —  Ferner  hat  Preussen  in  Mainz,  Imxemburg  und  Rastatt  das  Mitbesatzungsrecht. ­

Kriegsgeschichtliche  Notizen.  Preussen  hat  sich  als  Militärstaat  empor ­
  geschwungen.  Friedrich  II.  fand  bei  seiner  Thronbesteigung  in  dem
nicht  3  Mill.  Menschen  umfassenden  Staate  ein  Heer  von  7(i,(100  Mann.
Seinen  Einfall  in  Schlesien  (1  710)  führte  er  zwar  nur  an  der  Spitze  von
etwa  28,000  M.  aus,  hatte  aber  beim  Beginne  des  zweiten  schlesischen
Krieges  (1711)  angeblich  100,000  M.  Den  siebenjährigen  Krieg  eröflnete
  der  König  (1750)  durch  seinen  Einfall  in  Sachsen  mit  00,000  M.
Während  dieses  Krieges  kämpften  die  preuss.  Heere  in  1  0  Hauptschlachten; ­
  es  wurden  ihnen  3  Corps  durch  die  Feinde  zu  Grunde  gerichtet,
und  sie  verloren  überdies  5  Besatzungen.  Die  Gesammtsumme  seiner
Verluste  an  Todten  und  Gefangenen  schätzte  Friedrich  selbst  [Histoire
de  mon  temps)  auf  1  80,000  M.  ;  ausserdem  seien  33,000  Einwohner  den
Barbareien  der  Russen  erlegen  ;  die  Verluste  der  preuss.  Verbündeten
(Britten  etc.)  hätten  100,000  betragen;  sonachGesammtverlustpreussischer
  Seits  373,000.  —  Die  Verluste  seiner  Gegner  berechnete  der  Kö-I
  nigso:  Oesterreicher  (welche  in  10  Hauptschlachten  kämpften  und  3
Besatzungen  einbüssten)  1  10,000  ;  Russen  (in  4  Schlachten,  Verluste
j  aut  dem  Marsche  etc.)  120,000;  Franzosen  (meist  gefangen)  200,000;
j  Schweden  25,000,  zusammen  513,000.  —  Totalverlust  beider  Theilc
I  880,000.  (Die  Schätzung  des  franz.  Verlustes  ist  besonders  zu  hoch.
I  —  Die  im  -Tabre  1800  (Jenaer  Feldzug)  wirklich  in  Activität  gesetzte
I  Truppenzahl  mag  120  —  I  30,000  M.  betragen  haben.  —  Nach  dem  Tili
  si  ter  Frieden  durfte  Preussen  höchstens  12,000  M.  unterhalten.  Allein
I  diese  Beschränkung  drängte  dazu,  möglichst  die  ganze  Nation  wehrhaft
'  zu  machen  (Scharnhorst’s  Verdienst).  Daher  die  neue  Kriegsorganisation
j  mit  dem  s.  g.  Krümpersysterne.  —  Für  den  russischen  Feldzug  musste
I  Preussen  den  Frapzosen  ein  Hülfscorps  von  20,000  (wirkl.  23,300)  M.

*)  Wie  wenig  man  bisher  die  Gesammtsumme  der  jungen  Männer  wehrhaft
machte,  und  wie  weit  man  bei  dem  »stehenden  Heerwesen«  von  diesem  Ziele
immer  entfernt  bleiben  wird,  zeigt  folgende  Thatsache.  Nach  ]  )ieterici’s  Berechnung ­
  betrug  1858  die  Landwehr  ersten  Aufgebots  (damals  vom  25.  bis  32.  Altersjahre) ­
  höchstens  380,2o3  Mann.  Diese  Zitier  ist  viel  zu  hoch,  weil  alle  Abgänge ­
  vom  21.  bis  32.  Jahre  nicht  berücksichtigt  sind.  Die  Zahl  der  im  angegebenen ­
  Alter  stehenden  jungen  Männer  war  aber  bei  der  wirklichen  Aufnahme
Po78,500.  Nur  bei  einer  der  schweizerischen  ähnlichen  Heereseinrichtung  ist
ein  W'ehrhaftmachen  des  ganzen  Volkes  möglich.
**)  Doch  sind  einige  aufgehobene,  wie  Jülich  und  Schweidnitz,  dabei.
        <pb n="207" />
        PREUSSEN.  —  Sociale  und  industrielle  Zustände.

185

stellen  (unter  York),  Als  sich  dieses,  Ende  1812,  gegen  Napoleon  erhob, ­
  und  der  König  endlich  zur  Kriegserklärung  gebracht  ward,  standen
bald  (1813  über  120,000  M.  im  activen  Heere,  ja  die  Gesammtmacht
konnte,  die  Nichtcombattanten  eingerechnet,  bis  auf  253,000  M.  gebracht ­
  werden,  wovon,  auch  nach  der  Vermehrung  der  gewöhnl.  Truppen, ­
  doch  nur  55,100  M.  Garde  und  Linie.  —  Die  4  Armeecorps  von
Bülow,  lauentzien,  York  und  Kleist  umfassten  44*/*  Bataill.  Garde  und
Linie,  dagegen  171  Bat.  Landwehr  und  Reserve.  (Bei  Grossbeeren  standen ­
  im  Kampfe:  14%  Bat.  Linie,  71  B.  Res.  und  Landw.  ;  bei  Havelberg, ­
  wo  eine  franz.  Division  vollständig  aufgerieben  wurde,  blos  Landw.  ;
bei  Dennewitz  14  B.  Linie,  43  -  45  B.  Landw.  Leider  fehlen  specielle
Angaben  von  Leipzig.)  —  Im  Feldzuge  von  1815  umfassten  die  4  Armeecorps ­
  25  B.  Linie  und  111  Bat.  Res.  und  Landwehr.  (Beitzke.)  —
Der  Feldzug  von  1864  kostete  nur  405  Todte,  1628  Verwundete,  54
Vermisste  =  2087  Mann.
Marine.  Stand  im  Juni  1861  :
Schrauben-Dampfer:  3  Corvetten  zu  4(10  resp.  375  Pfdkr.  mit  28  Kan.  —
0  Kanonenboote  zu  80  Pfk.  und  3  K  ;  15  zu  60  Pfk.  und  2  K.  —  Dazu:
neu  angek.  2  schwere  Corv.  ;  im  Bau  3  ditto,  1  Widderschiff  u.  1  kön.  Yacht.
Rad-Dampfer:  2  zu  250  und  120  Pfk.,  4  und  2  Kan.  —  Dann  1  Wachtschiff
und  2  Bugsirdampfer.
Segelschiffe:  3  Fregatten  zu  48,  38  und  28  Kan.  ;  —  3  Briggs,  2  zu  16,  1  zu
10  K.  ;  —  2  kl.  Fahrzeuge.
Ruderschiffe:  36  Bomben-Schaluppen  zu  2,  und  4  Bomben-Jollen  zu  1  K
Zusammen  88  Fahrzeuge  mit  370  ¡nach  and.  Angabe  441)  Kan.,  ungerechnet ­
  die  Geschütze  der  neu  angekauften  und  ausgebauten.
Sooialc  iiml  iiidiislrielle  ZiiNtikiide.
Allgemeine  Betrachtungen.  Der  alte  Militärstaat  Preussen,  mit  seinen
Begünstigungen  des  Adels  (dessen  Angehörige,  selbst  nach  Friedrich’s  II.
Ansicht,  gleichsam  allein  »Ehre  im  Leibe«  haben  sollten;  für  welche
daher  die  üfficierstellen  reservirt  wurden,  wie  ihnen  nach  den  Kriegen
die  Geldunterstützungen  —  meist  wirkungslos  !  —  zuHossen),  —  dieser
Militärstaat,  in  dem  invalide  Soldaten  die  nächsten  Ansprüche  auf  Schullehrerstellen ­
  hatten,  und  worin  nebenbei  die  Bureaukratie  sich  erhob,  —
er  brach  auf  den  ersten  Schlag,  bei  Jena,  vollständig  und  unrühmlich
zusammen.  Die  unbedingte  Nothwendigkeit  einer  Umgestaltung  lag  vor,
wenn  Preussen  nicht  vernichtet  sein  sollte.  Es  ist  das  Verdienst  Stein’s
und  seiner  Genossen,  diese  Nothwendigkeit  erkannt  und  die  Kraft  zur
Durchführung  besessen  zu  haben.  Allerdings  waren  diese  Männer  noch
in  einer  stark  aristokratischen  Anschauungsweise  befangen,  welche  sie
abhielt,  das  freie  Princip  auch  nur  in  den  bürgerlichen  Verhältnissen  mit
allen  Conseijuenzen  anzuerkennen.  Dennoch  ward  vergleichsweise  Grosses ­
  geleistet.  Die  Lrbunterthänigkeit,  ein  Rest  der  Leibeigenschaft,  ward
aufgehoben;  Jedermann  durfte  Grundstücke  erwerben  die  Herstellung
dieses  so  natürlichen  Rechtes  erregte  damals  die  grössteUcberraschung  !).
Theilbarkeit  des  Grundeigenthums  und  Gewerbsfreiheit  wurden  anerkannt ­
  (wenn  auch  nicht  in  dem  vollen  Umfange  wie  in  Frankreich)  ;  man
gab  wenigstens  den  Städten  (aber  eben  nicht  allen  Gemeinden)  das  Recht
der  Selbstverwaltung  ihrer  Communalangelegenheiten  zurück.  Endlich
        <pb n="208" />
        186

PREUSSEN.  —  Sociale  und  industrielle  Zustände.

suchte  man  die  ganze  Nation  wehrhaft  zu  machen.  Die  Ijeistungen  des
preuss.  Volkes  in  den  Jahren  18111—15  waren  mit  die  ersten  Früchte
dieser  Fortschritte.  —  Trotz  zahlloser  Verkümmerungen  jener  zum
Theile  selbst  anfänglich  schon  nur  unvollständig  anerkannten,  in  der  Reactionszeit
  nach  18411  aber  häufig  aufs  Heftigste  angefeindeten)  Principien, ­
  sahen  wir  das  Volk  unter  dieser  Gesetzgebung  in  socialer  Beziehung
weit  mehr  sich  entwickeln,  als  jene  andern  deutschen  Stämme,  bei  denen
man  die  feudalistischen  Vorrechte,  die  Güteruntheilbarkeit,  den  Zunftzwang ­
  u.  s.  f.  aufrecht  erhielt.  Man  vergleiche  z.  B.  die  Bevölkerungszunahme ­
  in  Preussen  mit  der  in  Oesterreich  oder  Altbayern  ;  man  vergleiche ­
  überdies  die  industriellen  I,eistungen.  Und  dabei  vergesse  man
nicht,  wie  in  Preussen  so  oft  bureaukratische  Einrichtungen  hemmend
und  lähmend  ein  wirken;  wie  das  Streben,  den  Staat  als  Grossmacht  auftreten
  zu  lassen,  unnatürliche  Anstrengungen  erheischt,  und  wie  namentlich ­
  die  lange  Zeit  fast  hermetische  Grenzabschliessung  Russlands  höchst
verderblich  wirken  musste.  —  So  ungenügend  unserer  Ansicht  nach  die
blos  theilweise  Anerkennung  der  freien  socialen  Principien  in  Preussen
auch  ist,  so  wurde  der  Staat  dennoch  nur  durch  sie  in  den  Stand  gebracht,
eine  Stellung  als  Grossmacht  zu  behaupten.  Preussen  ist  beinahe  ebenso
wenig  wie  Oesterreich  ein  von  Natur  gebildeter,  durch  natürliche  Marken ­
  begrenzter,  durch  Vereinigung  gleicher  Stämme  geschaffener  Staat.
Man  betrachte  die  Ausdehnung  des  mässigen  Gebiets,  von  Memel  nach
Saarbrücken  und  Hohenzollern,  wie  es  schutzlos  und  unzusammenhängend
da  liegt;  man  beachte  die  Verschiedenheit  der  Altpreussen  und  der  Rheinländer ­
  ;  die  Antipathien  des  Protestantismus  und  Katholicismus  ;  den  Widerwillen ­
  zwischen  Deutschen,  Polen  und  Litthauern;  man  berücksichtige ­
  dabei  den  beschränkten  Umfang  des  Staates  und  den  geringen  natürlichen ­
  Reichthum  vieler  seiner  Gebiete,  —  und  man  wird  erkennen,  dass
Preussen  nur  in  höherer  freier  Entwicklung,  und  schliesslich  nur  in
einem  Aufgehen  in  Deutschland  sein  eigenes  Heil  finden  kann.
Volksbildung.  Stand  der  Unterrichtsanstalten  1860:

Elementarschulen
Mittelschulen  .
Realschulen
Progymnasien
Gymnasien
Lehrer-Seminare

Anstalten
25,150
500
123
33
144
58

Lehrer
20,533
1,857
820
153
1,503

Schüler
2’773,4I3
101,400
24,004
3,247
43,305
3,405

Es  sind  nur  die  festangestellten  Lehrer  und  Lehrerinnen  eingerechnet. ­
  Nicht  mitgezählt  sind  die  Privatanslalten,  so  wie  die  Provinzial-,
Kunst-,  Gewerb-  und  Ackerbauschulen.  Von  der  Schülerzahl  in  den
Elementarschulen  waren  l’  lOJ,  1  70  Knaben  ,  1’870,2  13  Mädchen.  —
Ende  1861  bestanden  21,768  öffentl.  Elementarschulen  mit  86,788
Classen,  88,617  Lehrern  und  1  7u5  Lehrerinnen.  Zahl  der  schulpflichtigen ­
  Kinder  3’090,201.  Davon  besuchten  2’875,886  die  öffentl.,
81,021  concessionirte  Privatschulen,  zus.  2’1)59,857.  Von  den  Schülern ­
  der  öffentl.  Anstalten  waren  1,775,888  evangel.,  1*063,805  kath.,
80,058  jüdisch  und  6090  dissidentisch  —  Gesammtbesoldung  des  Lehrerpersonals ­
  7’449,224  Thlr.  (Durchschnittsgehalt  in  den  Städten  281,
auf  dem  Lande  181  Thlr.)  Dazu  werden  aufgebracht:  durch  Schulgeld
        <pb n="209" />
        PRKUSSFN.  —  Sociale  und  industrielle  Zustände.

187

2’320,9fi8,  durch  die  Gemeinden  und  Fundationon  4’709,95S,  durch
den  Staat  (nur)  328,298.  Mit  Dazurechnung  des  Aufwands  für  Gebäude ­
  steigt  die  Jahrcssumme  auf  9’902,69(),  wovon  438,928  aiis  Staatsfonds. ­
  —  Nach  den  Landtagsverhandlungen  von  1857  betrug  der  jährl.
Lehrerabgang  1289  ;  der  Zuwachs  an  befähigten  Lehrern  nur  850;  es
konnten  also  430  Stellen  nur  ungenügend  besetzt  werden  und  der  Missstand ­
  muss  sich  fortwährend  steigern.

Von  den  im  J.  18*%¡  eingestellten  50,010  Recru  ten  besasscn
37,509  genügende  Schulbildung  =  75,13  l’roc.
10,029  mangelhafte  -  =  20,05
2,412  gar  keine  -  =  4,82
Gymnasien  (1864)  144  mit  2188  Lehrern  (wovon  1390  ordentliche) ­
  und  43,240  Schülern  (dabei  das  Missverhältniss:  28,152  evang.,
12,309  kath.,  2779  jüd.).  —  Universitäten  6  (Berlin,  Bonn,  Breslau, ­
  Greifswalde,  Halle  und  Königsberg,  dann  1  Akademie  in  Münster),
zus.  anfangs  1862  mit  54  21  immatrikulirten  Studenten.

Zar  Criminalstatistik.  ln  den  37  Jahren  1818—54  wurden  988
Todesurtheile  ausgesprochen,  also  durchschnittlich  26,4  9;  am  wenigsten
1811,  ncmlich  14,  am  meisten  1851,  60.  Von  jenen  988  kommen  auf

Mord  .  .
Todschlag  .
Raubmord  .
Kindsmord  .
Brandstiftung

404  oder  40,89  Proc.
137  -  13,87  -
130  -  13,10  -
124  -  12,55  -
90  -  9,72  -

Räuberei  .  .  .
Falschmünzerei  .
Hoch-  und  Landesverrath
  .  .
Duell  ....

52  oder  5,20  Proc.
32  -  3,24  -

12
1

-  1,21  -
-  0,10  -
In  den  3  .lah-Es

  wurden  286  Verurtheilte  wirkl.  hingerichtet,
ren  1855—57,  in  denen  der  Grundsatz  der  Schriftmässigkeit  der  Todesstrafe ­
  sich  wieder  bes.  Geltung  verschaffte,  erfolgten  1  58  Verurtheilungen
und  78  Hinrichtungen;  in  den  3  Jahren  1858  —  60  aber  101  Verurth.,
11  Hinr.  —  Die  Zahl  der  Untersuchungen  betrug  im  Ganzen  :

1859  1860  1861
wegen  Verbrechen  .  .  10,116  10,851  11,512
-  Vergehen  .  .  110,069  115,719  113,277
Uebertretungen  203,384  180,425  174,151
-  Forstfrevel  .  .  472,200  404,437  430,564
Die  Zahl  der  Angeklagten  war  in  diesen  3  Jahren  :  wegen  Verbrechen ­
  11,784,  12,854,  13,679.  —  Davon  verurtheilt;  10,551,
10,974,  1  1,731;  —  wegen  Vergehen,  beschuldigt  :  120,128,  122,517,
122,959;  hievon  verurtheilt  101,541,  103,133,  103,316.  —  In  den  6
Jahren  1854—59  kam  1  Angeklagter  auf  folg.  Flinwohnerzahl  :  in  Schlesien ­
  auf  1759,  Preussen  1876,  Posen  2121,  Brandenburg  2521,  Sachsen ­
  3380,  Pommern  3487,  Westphalen  1041,  Rheinpr.  1294.  —  Nach
C  on  £e  s  8  i  o  ne  n  kam  1  Angeklagter  auf  folg.  Einwohnerzahl:  beiden
1855  1856  1857  1858  1859
Evangelischen  .  .  2183  2058  2878  3405  3521
Katholiken  .  .  .  1949  1828  2752  3430  3208
Dissidenten  .  .  2710  1551  3879  2580  5132
Juden  2700  2692  2230  2891  2950
Beschäftigung  der  Einwohner.  Im  J.  1860  rechnete  man,  dass
8'399,730  Menschen  von  La  n  d  wir  ths  cha  ft  lebten,  nemlich  ;  761,739
Eigenthümer,  30,348  Pächter,  3'469,414  Angehörige  dieser  beiden
        <pb n="210" />
        l’HEUSSEN.  —  Sociale  und  industrielle  Zustände.

188

Classen  ;  ferner  von  Solchen,  welche  die  Landwirthschaft  nur  als  Nebengewerbe ­
  betrieben  :  300,507  Eigenthümer,  30,157  Pächter  u.  I'501,200
Angehörige  derselben;  endlich  Hilfspersonal  und  Gesinde:  32,051  Verwalter ­
  und  Aufseher,  13,745  Wirthschafterinnen,  558,435  Knechte
und  Jungen,  500,532  Mägde,  574,037  Taglöhner  und  505,705  Taglöhnerinnen. ­
  Die  Gasammtsumme  der  Handwerker  war  1'002,877
(534,550  Meister,  558,321  Gehilfen  und  Lehrlinge);  —  jene  der  in
den  Fabriken  und  der  übrigen  Grossindustrie  Beschäftigten  704,352
(Directions-und  Aufsichtspersonal  14,255,  Meister  120,012,  Arbeiter
und  Arbeiterinnen  401,551,  Gehilfen  und  Lehrlinge  128,034).  —  Der
Handel  sammt  Transportwesen,  dann  Wirthschaften,  ferner  Anstalten
für  literar.  Verkehr  (einschl.  Druckereien)  beschäftigten  304,450  Personen; ­
  die  Gesundheitspflege  20,200  ;  der  Unterricht  40,227  ;
der  protest,  und  kathol.  C  ul  tus  10,821.  —  Die  Zahl  der  Adelsgeschlechter ­
  war  einige  Jahre  früher  zu  7003  berechnet  worden  (nach
Ledebur)  und  die  Zahl  der  adeligen  Individuen  ward  (von  Dieterici)  auf
177,525  geschätzt.
Berg-  und  Hüttenwesen.  Der  Geld  wer  th  der  Production  war  :
1855  1856  1857  1858
111,970,014  ll.V090,4:i2  117’740,.V27  Thlr.
Die  Ergebnisse  von  1800  stellten  sich  ungünstiger,  nemlich  :
Production  Geldwerth  Arbeiter

2,845  Bergwerke  7f)’715,!MS  Tonn.  u.  9M78,(102  Ctr.
1,0(13  Hüttenwerke  18M18,201  Cntr.  u.  35,178  Pfd.
21  Salinen  2'012,030  -
Zuganimen

Thlr.
3O’O22,2S0
03%  1,857
1’378,090

Männer  Frau.u.Kind.
100,278  105,532
55,030  110,052
1,505  4,514

95,852,230  100,503  310,608
Im  J.  1801  waren  die  Hauptergebnisse  des  Bergbaues:

Bergwerke
Eisen  .  .
Zink.
Blei  .  .  .
Kupfer  .  .
Steinkohlen

Zahl
1124
45
140
58
448
431
18
19

Braunkohlen  .
Salinen  .  .  .
Vitriol  .  .  .
Alaun  .  .
Hüttenbetrieb
Eisen,  Bob-  .  .
Hohstahl-Roheisen
  in  Guss
Gusswaaren  .
Stab-  .  .  •
Schwarzblech
M'eissblcch  .
Jiisendraht  .
Rohstahl  .,  .
Gussstahl
Raffinii'ter  Stahl
Zinkhütten  .
Bleihütten  ....
Kupfer-  und  Messing-Smalte-,
  Nickel-,  Arsenikfabricate
  .  .  .

Arbeiter
13,410
7,501
9,035
4,738
68,229
10,744
1,330
500
101
Werke  Arbeiter
154
4
13
175
290
10
1
88
44
9
90
54
17
70
0

Produote
2’875,472  Tonn.
0’573,037  Cntr.
940,419  -
P898.092  -
235'!  89,990  -
22137,159  Tonn.
2’878,783  Cntr.
525,035  -
420,331  -
Producte
10,003  8’249,803  Ctr.-98
  152,523  -
3,037  581,391  -
7,047  P700,0I9  -
19,080  5'733,789  -
2,228  7.53,240  -
345  02,031  -
2,010  421,499  -
817  379,040  -
3,320  209,920  -
014  85,973  -
1,235  P448,078  -
342  407,053  -
2,400  110,997  -

77

10.980  -

Geldwerth
P727,090  Thlr.
P430,749  -
2’354,478  -
720,019  -
2P808,320  -
39)38,997  -
P57l,800  -
84,724  -
15,819  -
Geldwerth
1P898,900  Thlr.
324,305  -
P741,051  -
0’358,470  -
18’9S4,004  -
3'398,982  -
720,094  -
2’001,130  -
1’793,844  -
2’810,200  -
771,087  -
8’195,223  -
2’372,942  -
3’792,015  -
.382,840  -
        <pb n="211" />
        PREUSSEN.  —  Sociale  und  industrielle  Zustände.

189

Die  Zahl  der  unter  Aufsicht  der  Bergbehörde  stehenden  Arbeiter
und  der  von  denselben  Verunglückten  war  ;
1858  1859  1860  1861
Arbeiterzahl  115,027  107,749  108,901  115,899
1  )avon  verunglückt  .  .  .  190  207  211  228
Hierunter  Steinkohlenarb.  08,734  04,454  04,185  07,720
Davon  verunglückt.  .  .  113  154  150  107
Im  J.  ISOl  war  die  Zahl  der  Arbeiter  beim  Berg-  und  Hüttenwesen
181,501  (die  ihrer  Familienangehörigen  344,358).  —  1803  war  der
Gesammtwcrth  der  mineral.  Erzeugnisse  34’G87,218  Thlr.,  wovon
27’007,889  für  Brennstoffe.
Agricultar.  Der  Staat  umfasste  im  J.  1801  Grundbesitzer:

1)  von  000  Morgen  und  darüber
2)  -  300—000  Morgen
3)  -  30—300
4)  -  5—  30
5)  unter  5

1801
18,289  mit  40’921,530  Morgen
15,070  -  0’047,317
391,580  -  35*914,889
017,374  -  8*427,479
1*099,101  -  2*227,981

2*141,480  mit  93*539,202  Morgen.
Es  muss  bemerkt  werden,  dass  der  Staat  hier  als  Grundbesitzer  mit
einbegriffen  ist.  Die  Domünen-Güter  umfassen  t’150,158,  die  Staats-Waldungen
  8*059,489  Morgen.  Die  parcellirten  Besitzungen  eines  und
desselben  Grundeigenthümers  sind  stets  zusammengerechnet,  sofern  sie
sich  in  einer  Gemeinde  befinden.
Die  am  geringsten  bevölkerten  Provinzen  umfassen  die  meisten  grossen ­
  Güter.  So  enthalten  (nach  obiger  Classification)  folg.  Güter  :
Ir  CI.  2r  CI.  3r  CI.  4r  CI.  5r  CI.
Preussen  .  .  4,123  4,370  82,950  44,581  49,212
Posen  .  .  .  2,050  1,079  45,229  32,850  24,009
Pommern  .  2,595  1,430  20,247  29,099  32,053
Brandenburg  2,304  2,343  49,108  45,735  00,797
Schlesien.  .  3,003  1,203  49,157  109,081  121,029
Sachsen  .  .  1,239  1,599  41,202  07,202  107,171
Westphalen  .  700  1,401  40,179  75,537  121,825
Rheinland  .  1,512  1,008  49,524  205,440  504,759
Hohenzollern  91  37  1,073  7,233  11,035
Jadegebiet  .  —  —  11  10  11
Dabei  ist  die  sehr  ungleiche  Grösse  der  Provinzen  zu  berüeksichtigen.
  Auf  die  Rheinprovinz  allein  kommt  über  die  Hälfte  aller  kleinen
Grundbesitzungen,  und  diese  Provinz  ist  weitaus  die  am  stärksten  bevölkerte, ­
  —  ein  Beweis,  dass  bei  ungehemmter  Theilbarkeit  des  Grundbesitzes ­
  die  Gesammtsumme  der  Production  vergleichsweise  aufs  Höchste
gesteigert  wird.*)  Erfreut  sich  der  grössere  Gutsbesitz  mitunter  einer
rationellem  Bewirthschaftung,  einer  Bearbeitung  durch  bessere  Werkzeuge
und  eines  Betriebes  mit  bèdcutenderm  Capitale,  so  werden  diese  Vor-*)

  Die  Befürchtung,  es  würden  die  Theilungen  immer  weiter  fortgeführt,
sind  nicht  richtig.  So  ergab  sich  bei  der  Catasterrevision  von  1800  in  Rheinland ­
  und  M  estphalen  u.  a.  :  Die  Bürgermeistereien  Stockheim,  Birgel,  Strass,
Birkesdorf  und  Merken  im  Kreise  Düren  ,  früher  mit  02,563  Parcellen,  hatten
bei  der  Revision  von  1800  nur  noch  51,244,  —  die  Gemeinden  Mühlheim,  Retz,
Uedelhoven,  Holzmühlheim,  Büer,  Bouderath,  Roderath,  Engelgau  und  Frohngau ­
  im  Kreise  Schleiden,  früher  mit  43,920,  zählten  bei  der  Revision  nur  noch
30,049.  Es  hatte  sich  mithin  die  Parcellenzahl  ohne  alles  Eingreifen  der  Gesetzgehung
  während  30  Jahren  im  Kreise  Düren  um  18  %,  im  Kreise  Schleiden  um
10%  vermindert.
        <pb n="212" />
        190

PREUSSEN.  —  Sociale  und  industrielle  Zustände.

tlieile  (soweit  sie  überhaupt  wirklich  vorhanden)  doch  entschieden  Überwegen ­
  durch  das  »Betriebscapital«,  welches  der  kleinere  ICigenthümer  in
seinen  und  der  Seinigen  Kräften  besitzt,  sofern  er  freier  Eigenthümer  ist
oder  werden  kann.  Uebrigens  beruht  namentlich  die  Voraussetzung  eines
reichern  Geldcapitals  meistens  auf  Täuschung.  Es  ist  (namentl.  durch
Lettè^  erwiesen,  dass  die  grossen  Güter  durchschn.  über  die  Hälfte,  bis
zu  %  ihres  Werthes  (in  ganzen  Kreisen  sogar  zeitweise  bis  93%)  mit
1  lypothekschulden  belastet  sind.  (In  den  wohlfeilen  Jahren  lb20—30
erlao-en  in  der  Provinz  Preussen  mindestens  80%  aller  Rittergutsbesitzer
der  Sequestration  oder  Subhastation,  —  verhältnissmässig  weit  mehr
als  kleine  Besitzer.  In  Altvor-  und  Hinterpommern  standen  von  1000
Rittergütern  1300  zur  Subhastation.)  Selbst  die  landwirthschaftlichen
Credit-  und  Pfandbriefinstitute  kamen  bis  zur  neuesten  Zeit  zunächst  nur
den  grossen  Gutsbesitzern  zu  statten.  Diese  sind  es  auch  hauptsächlich,
welchen  die  Ablösungsgelder  zufliessen  (vom  2.  März  1850  bis
1.  April  1859  an  Rentenbriefen  78’508,380  Thlr.  und  ausserdem  79,183
baar),  welche  Summen  häufig  zu  weiterer  Vergrösserung  verwendet  wurden. ­
  Nicht  die  Theilbarkeit  des  Grundeigenthums,  sondern  im  Gegentheile
  die  IJntheilbarkeit  so  vieler  weitausgedehnter  Grundstücke  ist  wesentlich ­
  vom  Uebel.  *)
Nach  dem  Stande  der  Besitzer  vertheilt  sich  das  Grundeigenthum
(1860)  folgendermassen  in  den  einzelnen  Provinzen;

Prpusspii
Krandi'iil).
Pommern
Schlesien
Sachsen
Westphalen
Rheinland

Domänen  u.
Staatsforsten
Guter  Morgen
20t  ;t’l04,500
75  745,817
207  ros,5,50:1
10:1  052,082
154  742,085
125  70:1,870
10  200,3.02
45  578,204

Rittergüter ­


Sonstige  selbst.
Outsbezirke

Guter  Morgen
2,04:1  5'577,l00
5-041,047
4M  71,5:15
4-024,121
()’507,21S
1-442,017
442,.520
400,000

1,451
1,058
1,80:1
3,2,50
1,14:1
411
407

Guter
770
480
052
427
008
110
keine
keine

Morg.
505,240
400,050
046,103
524,074
287,870
88,0:14
keine  ')
keine

Städte  mit
Gemarkung
Gut.  Morgen
120  8-125,121
144  520,714
108  1-225,7:10
72  701,004
140  007,210
140  1-010,050

Landgemeinden
u.  Gemarkung

Guter
8,.521
0,917
0,208
5,743
0,085

.Morgen
12-077,080
4-  00:1,807
6-000,101
5-  025,102
0-7:10,740
5-Ò05Í:l05

128  7M,107  700
/US.  1,010  0-105,088  12,502  28-ö:12,227"2,.50l  '2-202,Oof  888  Ÿ487,100  27,582  40-077,200
Gewöhnlicher  Anbau  des  Feldes  (nach  Engel)  :
P777,OOÜ  Morgen  mit  Weizen,  ertragend  15'6U:l,37ó  Schefiel  einschl.  Saat)

8’1-28,000
P474,000
6’292,000
P909,Ü00
26,000
60,277

Roggen,
Gerste,
Hafer,
Kartoffeln
Tabak
Reben

60-000,674
15-47:1,685
78-646,564
14:1-205,000
403,7:12  Eimer.

Die  mit  Tabak  angebaute  Grundfläche  war  18.59  26,780,  1860
2r&amp;gt;,284,  1861  nur  19,540  Mrg.—Von  den  Weinbergen  gehörten  1  860  in

*)  Nach  einer  offic.  Zusammenstellung  (Staatsanz.  vom  24.  Sept.  1861)  beträgt ­
  die  Gesammtzahl  der  bis  Ende  1860  im  Ganzen  ahgelöaten  Spanndiensttatre
  6’310  352,  der  Handdiensttage  23-444,306;  als  Entschädigung  wurden  festgesetzt: ­
  34-210,062  Thlr.  in  Geld  (Capital),  5,347,323  Scheffel  Roggen  (Rente),
10,633  Scheffel  Weizen  und  287,072  Morgen  I.andes.  _
*)  Es  gibt  84,217  grössere  Land-und  Bauerngüter  mit  3’530,703  Morgen,
aber  keine  selbständigen  Gutsbezirke.
*)  In  Westphalen  tverden  143,408  städtische  und  ländliche  Grundstücke
mit  2*050,800  Margen  aufgeführt,  die  in  die  bisher  erwähnten  Kategorien  nicht
gehören.
        <pb n="213" />
        PRRUSSEN.  —  Sociale  und  industrielle  Zustande.

191

Classe  I  Classe  II  Classe  IH  Classe  IV  Classe  V  Classe  VI
Morgen  150  1,251  9,147  21,503  13,164  15,062
Auf  die  einzelnen  Provinzen  kamen;  Rheinland  10,457  Morg.  Weinberge, ­
  Schlesien  5,348,  Brandenburg  4,448,  Sachsen  3,1  04  u.  Posen  800,
Viehstand  (ohne  Hohenzollcrn  ,  1  800  mit  diesem  ;  die  früheren
Aufnahmen  sehr  unvollständig)  :

Pferde  Esel  Bindvieh  Schafe  Ziegen

1816
1822
1831
1840
1849
1858
1860

P243,261
1’363,249
1’374,594
1’512,429
1’575,417
1’617,160
1’680,624

6,921
7,146
7,336
7,412

4’013,912
4’247,021
4’446,368
4’975,727
5’371,644
5’487,000
5’634,610

Gesamint-Schweine
  viehstand
auf  Rindvieh
reducirt
1’494,369  7’090,387
1’599,211  7’710,103
1’736,004  8’135,259
2’238,749  9’473,922
2’466,316  10,035,378
2’577,956  10’154,561
2’636,701  10’627,621

8’260,396  143,433
10’037,522  175,847
11,751,603  214,072
16’344,01S  359,820
16’296,928  584,771
15’362,196  664,255
17’457,228  806,109
Gewerbswesen.  Die  finanzielle  Noth  des  Staats  nach  der  Jenaer
Schlacht  veranlasste  die  Einführung  einer  GewerbSteuer,  und  damit
diese  reichlicheren  Ertrag  liefere,  gleichzeitig  auch  die  Einführung  der
Gewerbefreiheit  {»Edict  über  Einführung  einer  allgemeinen  Gewerbsteuer«
  vom  2.  Nov.  1810).  Es  war  für  die  früher  Berechtigten  ein
doppelter  Schlag,  das  bisherige  Vorrecht  zu  verlieren  und  dafür,  neben
der  neu  geschaffenen  Concurrenz,  auch  noch  eine  besondere  Steuer  entrichten ­
  zu  müssen.  Und  doch  war  die  Aenderung  eine  Wohlthat  für  den
Staat,  und  alle  theilweiscn  Beschränkungen,  welche  die  Reaction  durchsetzte, ­
  haben  sicli  nachtheilig  erwiesen.  —  Den  Hauptclassen  der  Beschäftigung ­
  nach  zählte  man  1801  nach  den  Gewerbetabellen  :  Metallurgische ­
  Industrie  57,110  Personen,  Maschinenfabrication  73,302,  Fabrication ­
  von  Instrumenten  9,720,  Fahr,  von  Metallwaaren  172,009,
Mineralurgische  Industr.  100,158,  Fahr,  chemischer  Producte  31,735,
Fahr,  von  Consumtibilien  270,873;  Textilindustrie  a)  Bereitung  von
Gespinnsten  und  Geflechten  00,759,  b)  Weberei,  Bandfabric.  203,444,
c)  Zurichten  von  Geweben  35,087,  —  Fabric,  von  Kleidung,  Wäsche,
Putz  108,788,  Leder-  und  Pelzbereitung  195,070,  Holz-  undBeinwaaren
  153,594,  Papier-  und  Pappebereitg.  22,880,  Polygraphische  Gewerbe ­
  12,038,  Baugewerbe  187,390,  andere  Industriezweige  18,904,  —
zusammen  U780,145Pers.  (1840  waren  es  1'343,821,  1855  1’027,770).
Die  Fabrikbevölkerung  hat  weniger,  als  man  erwartet,  zugenommen. ­
  ln  der  Handwerksliste  ergibt  sich  absolut  gleichfalls  eine  Zunahme,
relativ  aber  eine  Verminderung.  —  Bei  den  eigentlichen  Handwerkern ­
  und  mechanischen  Künstlern  (die  nur  einen  Theil  der  in  der  Liste  1
aufgeführten  Personen  ausmachen)  war  die  Zahl  :
1846  1849  1852  1855  1858
Meister  oder  für  eigene  Rechnung ­
  Arbeitende  ....  457,365  535,232  553,107  548,296  545,034
Gehilfen  und  Lehrlinge  .  .  384,783  407,141  447,542  454,088  507,198
Sonach  stärkere  Zunahme  der  Gehilfen-  als  der  Meisterzahl.  *)
*)  Wo  volle  Gewerbsfreiheit  herrscht,  kommt  ein  »Uebersetzen«  einzelner ­
  Gewerbe  weniger  vor,  als  wo  Beschränkungen  bestehen,  wol  wesentlich
wegen  der  Erleichterung  im  Ergreifen  anderer  Beschäftigungen.  Dies  gilt
selbst  bei  denjenigen  Gewerben,  bei  denen  man  es  am  wenigsten  vermuthen
        <pb n="214" />
        192

PREUSSEN.  —  Sociale  und  industrielle  Zustände.

Die  Zahl  der  Dampfmaschinen,  1837  erst  423  mit  7,513
Pferdekraft,  war  1852  bereits  auf  2832  mit  92,462  Pferdekraft  gestiegen. ­
  1860  zählte  man  8,685  mit  365,631  Pferdekr.  ;  nemlich  :
Maschinen  Pferdekr.
a)  für  Hohproduction  :  Rergbau,  Ilüttcn-u.  Salinenbetrieb  l,52S  ('»(),387
Landwirthschaftl.  Zwecke  (Knt.-u.
  Bewässerung  .
Schneidemühlen  .
Getreidemühlen

b)  für  Fabrication  :  Spinnerei,  Weberei  etc.
^las

laschinenfabrlken
metallische  Fabriken
andere  Fabriken
c)  für  Transport  etc.  :  Schiffsmaschinen
I  jocomotiven  .  .
andere  Handelszwecke
Vergl.  Oesterr.  S.  1(53.
Nach  den  letzten  drei  Aufnahmen  waren  die  Dampfmaschinen  über
die  einzelnen  Provinzen  folgendermassen  vertheilt  :

243
220
635
737
373
(521
2,3(50
203
1,456
300

4,180
2,808
8,431
16,143
4,130
16,618
23,085
16,(540
207,144
5,060

1849  1852

1860

2482  mit  117,115  Pferdekr.

Rheinprovinz  .  .  658  848
Brandenburg  .  .  360  558  1583  -  63,213
Sachsen.  .  .  .  326  484  1580  -  44,772
Schlesien  ...  278  303  1153  -  34,278
Westphalen  .  .  177  270  1004  -  63,781
Pommern  .  .  .  05  171  363  -  16,880
Preussen  .  .  .  63  04  351  -  18,100
Posen  ....  7  14  148  -  7,000
Eisenbahnen.  Im  J.  1844  waren  erst  1  I  4  %  Meil.  vorhanden,  davon ­
  blos  18  Meil.  mit  doppelten  Geleisen.  Der  Geldaufwand  betrug
33’86(5,()67  Thlr.  =  296,190  pr.  Meile.  Der  Ertrag  stellte  sich  auf
5,01  %.  —  184  7  war  die  Bahnlänge  auf  238,  Ende  1855  auf  507  Meil.
gestiegen.  (Kosten  pr.  Meile  184  7  durchschnittlich  34  7,388,  1855  aber,
—  bei  140  Meil.  Doppelgeleise  —  4  18,482  Thlr.  Ertrag  in  beiden
Jahren  4,27  und  6,74%.)  1856  hatte  man  533%  Meil.,  wovon  1  46
Staatsbahnen,  sodann:  7  0‘/g  Privatbahnen  unter  Staats-und  3  1  7  '/gMeil.
Privatbahnen  unter  eigener  Verwaltung.  Die  Betriebseinnahme  war
25'459,16(5  Thlr.  —  Ende  18(52  standen  811,(55  Meil.  im  Betriebe,
wovon  208,03  Staatsbahn,  18(5,87  Privatb.  unter  Staatsverwaltung]
404,94  vollständ.  Privathahnen.  Von  obiger  Gesammtsumme  kommen
aber  auf  das  prcuss.  Gebiet  (nach  Abzug  der  preuss.  Bahnstrecken  in
and.  Staaten)  doch  nur  749,21  Meil.  Doppelgeleisig  waren  im  Ganzen
241,73M.  —  Das  wirkl.  verwendete  Anlagecapital  betrug4  10'536,432

möchte.  Schultze-Delitsch  hat  folgende  Gegenüberstellung  geliefert  zwischen
dem  gewerblich  starr  beschränkten  rechtsrheinischen  Bayern,  dem  ungenügend
freien  Preussen  und  der  gewerblich  fast  ganz  freien  bayer.  Rheini)falz.  Es
kommt  je  1  Meister  auf  folgende  Einwohnerzahl  :
in  Altbayern  in  Preussen  in  der  Pfalz
bei  den  Bäckern  .  .  auf  488  auf  652  auf  783  Kopfe
Metzgern  .  .  474  831  958  -
Schuhmachern  232  252  310  -
Schneidern  .  178  188  191  -
Die  theilweise  Gebundenheit  der  Güter  in  Altbayern  und  Preussen  trägt
auch  zu  diesem  Ergebnisse  bei.
        <pb n="215" />
        PKEUSSEN.  —  Sociale  und  industrielle  Zustände.

193

Thlr,,  nemlich:  a)  Staatsb.  96’149,S46.  b)  Privatb.  unter  Staatsverw.
102’458,084,  c)  vollständ.  Privatb.  2H’927,502,  somit  pr.  Meile;,  a)
402,190,  b)  552,546,  c)  528,213;  Durchschnitt  510,007  Thlr.  (Maximum: ­
  Rhein-Naheb.  1015,515).  —  Transportmittel:  1513  Locomot.,
2359  Personen-  und  31,339  Güterwagen.  Im  J.  1862  durchliefen  diese
Locomotiven  3  997,272  Nutzmeilen.  Beförderungsmasse  und  Ertrag;
Personen  25’928,3y3  15’055,740  Thlr.
Güter  .  40t)’854,797  Ctr.  32’088,069  -
Zus.  m.  »sonst.  Einnahmen«  50’424,367  ^
Ab  die  Betriebsausgaben  2(i’535,038

Durchschnittl.  Verzinsung;
Staatsb.  0,17  ,  vom  Staat
verwalt.  Priv.-Bahnen4,01%,
reine  Priv.-Bahn.  5,28%.

Reinertrag  29’‘&amp;lt;S9,329
Die  Zahl  der  beförderten  Reisenden  betrug  :
1853  1855  1856  1857  1858  1859  1860
10’W8,S75  12’72!»,837  15’5ü3,«92  18'0«8,291  19,159,327  20981,218  2r«41,083
Es  war  die  Zahl  der  Unglücksfälle,  a.  getödtet,  b.  verletzt  :

Reisende  .
Bahnbeamte
Fremde

1853
a  b
2  2
58  52
20  5

1854
a  b
-  6

;&amp;gt;.■&amp;gt;
17

1855
a  b
—  3
71  47
30  4

1856
a  b
3  1
03  84
24  9

1857
a  b
1  1
54  157
33  11

1858
a  b

04
27

112
8

Zus.

80  59
T39^

72  87
~T59^

107  54
101

91  120
^1

1559  verunglückten  202  Personen,  wovon  91  getödtet,  111  verletzt.  —
I860  wurden  keine  Reisenden  getödtet,  aber  5  verwundet;  dagegen  51
Angestellte  und  Arbeiter  getödtet,  111  verletzt.  Die  Zahl  der  Angestellten ­
  und  Arbeiter  war  im  gedachten  Jahre  44,852,  die  der  Reisenden
22'0  13,470,  so  dass  auf  4300,000  der  letzten  nur  eine  Verwundung  kam.
Länge  der  Staatschausseen  (anf.  1804)  1840  Meilen.
Telegraphen.  An  Neujahr  1804  297  Stationen  ;  1482  Meil.  Linien.
Depeschen  •
1850  1855  1866  1858  1859  1860  1862  1863
35,317  152,820  221,411  247,202  349,997  384,349  000,297  877,583
Post.  (1803)  2300Büreaux.  VersendeteZeitungsnumm.  75*492,093.
Briefe  :
1842  1850  1855  1859  I860  1863
34'859,342  00'052,012  98’210,281  129'905,040  135’377,080  127*202,023  *)
Handel.  Siehe  »Deutschland«,  Einleitung.
Rhederei.  Jan.  1863:  948  Seeschiffe  (Schiffe  über  40  Lasten),  384
Küstenfahrer  (Schiffe  unter  40  Lst.),  24  Seedampfer,  44  Bugsir-  und
Flussdampfer,  zus.  1420  Schiffe.  Die  gesammte  Tragfähigkeit  war
183,900  Last  à  4000  Pfd.  —  Eine  Liste  vom  1.  Jan.  1804  berechnet
1439  Schiffe  mit  180,559  Lasten.
Von  einzelnen  Seeplätzen  kamen  auf:
Danzig  .  138  Schiffe  mit  44,707  Lasten,
Stettin  .  200  -  -  .30,224
Stralsund  172  -  -  22,122
Fenerversicherungsgesellschaften,  Ende  1802  121,  mit  4070  Mill.
Versicherungscapital  (1850  waren  erst  1225  Mill,  versichert).

*)  Ohne  Werthbriefe  und  Pakete.
Kolb,  Statiitik.  4.  Aufl.

13
        <pb n="216" />
        194

PREUSSEN.  —  Sociale  und  industrielle  Zustande.

Banken,  siehe  folgende  Abthl.,  »Deutschland.«
Sparcassen.  Ende  18()2  bestanden  483,  mit  58’50h,62h  Thlr.
Einlagen,  man  zählte  739,353  Einlagebüchlein,  davon  249,172  in  Beträgen ­
  unter  20  Thlr.,  und  172,808  zwischen  20  und  50  Thlr.
Maasse  etc.  Münze:  Thaler,  früher  14  auf  die  Köln.  Mark  fein,  nun  30  auf
das  Zollpfund  fein  ;  unterabgetheilt  in  30  Silbergroschen  (vordem  in  24  gute  Gr.)
à  12  Pfennige.  Der  preuss.  Thaler  ist  beinahe  in  ganz  Norddeutschland  die
Normalmünze.  1  Thlr.  =  1  %  A  rhein  oder  1’/,  fl  österr.  ;  00“/,,  GrotLouisd’or
à  5  Thlr.  Gold  in  Bremen;  1  Mark  15  Schill.  0,80  Pf.  Hamb.  Banco;  2  Mark
0  Sch.  10,20  Pf.  Lübeck.  Cour  (Preyss.  Friedrichsd’or  werden  in  den  öffentlichen
Cassen  zu  5  Thlr.  20  Sgr.  angenommen.)  —  Längenmams  ;  Der  preuss.  (rheinische) ­
  Fuss  von  12  Zoll  zu  12  Linien  =  139,13  Par.  Linien  oder  0,31385354275
Meter.  Es  sind  sonach  100  preuss.  Euss  =  31,38  Meter,  90,02  Pariser,  102,97
engl.,  99,29  Wiener,  104,00  baver.,  110,27  Frankf.,  109,58  Hamburger,  107,45
hannöv.  Fuss.  —  Die  preuss.  Elle  =  000,94  Millimeter:  100  Ellen  =  72,4  engl.
Yards.  —Flächenmaass:  die  Quadratruthe  (zu  144  Quadr.-Fuss)  =  14,1845827
Quadr.-Meter.  Der  Morgen  zu  180  Quadr.-Ruth.  =  25,532249  Aren.  —  Getreideniaass:
  der  preuss.  Scheffel  zu  10  Metzen;  die  Metze  =  192  preuss.  oder
173,1714  Pariser  Cubikzoll  oder  3,435094  Täter;  100  preuss.  Scheitel  =  52,28
Dresdner  oder  24,72  bayer.  Scheffel,  89,37  Wiener  Metzen,  18,9  engl.  Quarters
oder  151,21  engl.  Bushels,  54,90  Hectoliter,  20,18  russ.  Tschetwert.  —  Flüssigkeitsnmass:
  das  Quart  ist  %  Metzen  =  U145031  Liter.  100  Quart  =  107,11
bayer,  oder  80,94  Wiener  Maass,  100,8  engl.  Quart  oder  25,2  Gallons,  114,5
Litres,  93,1  russ.  Kruschka.  —  Der  Eimer  =  00  Quart  =  08,7019  later.  —
Gewicht.  Durch  Gesetz  vom  17.  Mai  1850  ward  das  deutsche  Zollpfund  als
I-andesgewicht  eingeführt  (zur  Vergleichung  siehe  Frankreich,  Kilogramm,  wovon ­
  das  Pfund  genau  die  Hälfte).  Das  alte  Gewicht  war;  der  Centner  110  Pfd.,
das  Pfund  =  0,467711012733  Kilogr.,  100  Pfund  =  83,52  Wiener,  93,54  neue
oder  Zollpfund.
        <pb n="217" />
        13#

/weite  Abtlieiluiig.
Deutschland  (Staaieiibiind)

LhikI  1111(1  líente.
Das  Bundesgebiet  umfasst  gegenwärtig  84  Staaten  oder  Theile  von
solchen,  1  1,455  Quadratmeilen  und  nach  den  letzten  Zählungen
45’462,89(l,  dermalen  wol  nahe  an  4b  Mill.  Bewohner.

Staaten:  Grösse

Bevölkerung  Venneh-  Einw.

1.  Oesterreich.  Bundesländer
2.  Preussische
8.  Bayern,  Königreich  .  .
4.  Sachsen,  ditto  .  .
5.  Hannover,  ditto  .  .
♦).  Württenib.  ditto  .  .
7.  Baden,  Grossherzogthum
b.  Hessen-]  larmstadt,  ditto
Kurhessen
lU.  Mecklenb.-Schw.,  Grossh.
11.  Mecklenb.-Streb,  ditto
12.  Holstein  u.Lauenb.,  Hzgth.
18.  Luxemb.,  Gr.,  u.  Limb.,  H.
14  Nassau,  Herzogthum  .
15.  Braunschweig,  ditto  .
Iti.  Oldenburg,  Grossherzgth
17.  Sachsen-Weimar,  ditto
IS.  S.-Meiningen,  Herz  )gth.
111.  S.-Coburg-Gotha,  ditto
20.  S.-Altenburg,  ditto  .
21.  Reuss-Greiz,  Fürstenthum
22.  —Schl.-Lobst.-Ebersdf.,  do.
28.  Linpe-Detmold,  Fürstenth.
24.  Scnaumb.-Lippe,  ditto
25.  Waldeck,  Fürstenthum  .
2(J.  Anhalt,  Herzogthum  .  .
27.  Schwarz!).-Sondersh.,  Fth.
2S.  Schwarzb.-Rudolst.,  ditto
21*.  Hessen-Homb.,  Landgrafsch.
8&amp;lt;i.  Liechtenstein,  Fürstenth.
81.  Hamburg,  freie  Stadt  .  .
82.  Bremen  ditto  .  .
88.  Lübeck  ditto  .  .
84.  Frankfurt  a.  M.  ditto  .

Q.-M.
8,591
8,385
1,890
271%
H9S%
854  V.
278
158
178%
244
49%
175
87
85
07%
114
00
48
85*/,
24
0%
15
20%
8
20%
43%
15%
17%
5
8
:::
0
1%

1S15,  nach  d.  nach  den
Bundeematrikel  neuest.Aiifn.

Zusammen  deutscher  Bund  11,455
Mit  Oestr.,  Preuss.,  Schlesw.  21,509
Ganz  ohne  diese  ....  4,479

9’482,277
7'923,489  •)
3'50U,000
1’200,000
1’805,351
1’895,402
1’000,000
019,500
507,208
858.000
71,709
800.000
255,028  *)
802.709
209,527
217.709
201,000
(115,000;  '
(111,000)  *)
98,200  *)
22,255
52,205
09,002
24,((00
51,877
122,447
45,117
58,937
20,((00
5,540
129,80((
48,500
44.050
47.050

13’250,000
14’13S,804
4’089,837
2’225,24((
1’888,07((
1’720,708
1’809,291
850,9((7
788,479
551,701
99,000
594,500
421,088
450,507
282,40((
295,242
278,252
172,841
159,481
187,102
42,180
88,800
108,518
80,774
58,0((4
181,824
04,895
71,918
20,817
7,800
288,099

rung
in  Proc.
28,44
70.08
81,78
85,43
44,04
28,80
30,92
88,82
80.08
58,19
38,02

auf
Q.-.M.
3,089
4,170
8,375
8,190
2,702
4,850
4,925
5,027
4,2.50
2,203
2,0((1

05,15  •.8,397
04,78  4,840

5((,81  5,840
84,78  4,108
85,59  2,5''9
.80,08  4,14((
49,94  4,001
42,77  4,429
89,88  5,715
8((,81  0,242
59,07  5,557
75,12  5,298
28,22  8,819
12,90  2,882
48,49  4,204
48,85  4,204
38,82  4,110
.84,08  5,305
28,98  2,000
78,81  87,208
98,407  108,24  28,184
.50,899  19,12  *',400
88,890  75,08  51,‘&amp;gt;‘'8

8((’l  57,038
51’800,000
12’751,922

45’402,3((7
72’174,080
18’078,508

50,77  .8,9()9
40,09  8,355
41,75  4,085

Ausserdem  beide  Hohenzollem  mit  50,000  Einw.,  sodann  St.  Wendel  ;
lotal  7’998,499.  *  Damaliger  Bestand.  *)  Damals:  Meiningen  54,400,  Hildburghausen ­
  29,700Einw.  *  Damals:  Gotha  185,082,  Coburg80,012Einwohner.
*)  War  Bestandtheil  von  Gotha.
        <pb n="218" />
        196

DEUTSCHLAND.  —  Land  und  Leute.

Zur  ungefähren  Bezeichnung  des  Zahlenverhältnisses  der  G  eschlechter
  sei  bemerkt,  dass  bei  der  Aufnahme  von  1855  im  Zollvereinsgebiete ­
  lebten  :
weibliche  Einwohner  .  10’5H3,6H9  In  Frankreich  war  der  Unterschied
männliche  -  .  IGM85,032  gleichzeitig  nur  299,024.
Unterschied  348,637

Nationalitäten.  Als  möglichst  bestimmtes  Kennzeichen  ist  die  Muttersprache ­
  anzunehmen.  Darnach  besteht  die  gesammte  Bevölkerung
der  Mittel-  und  Kleinstaaten  wesentlich  nur  aus  Deutschen,  mag  auch
die  Abstammung  in  einigen  Gegenden  (wie  der  Lausitz)  slavisch  gewesen ­
  sein.  Nach  den  Zählungen  von  1861  lebten  im  Bundesgebiete;
Deutsche  Nichtdeutsche
in  den  Bundesprovinzen  Oesterreichs  1857)  6’390,000  6’860,000
-  -  Preussens  .  .  .  J3’046,395  874,817
-  Mittel-und  Kleinstaaten  ....  IBM03,.586  70,000
Zusammen  im  Bundesgebiete  37’439,981  7’804,817
In  den  Nichtbundesländern  Oesterreichs  .  2’550,000  18’914,00()
-  -  -  Preussens  .  .  2’672,261  1’629,375
Die  Zahl  der  ihrer  Muttersprache  nach  »Deutschen«  ist  also  in  den
Mittel-  und  Kleinstaaten  allein  beiläufig  ebenso  gross  wie  in  den  preussischen
  und  österreichischen  Bundesprovinzen  zusammengenommen.

Confessionen.

Katholiken  Protestanten  Andere
Christen
1.  Üesterr.  Bundesgeb.  (1857)  12’700,000  350,000  5,000
2.  Preussen  ditto  (I860)  5’231,000  8’800,000  15,800
3.  Bavern  (Schätzung)  .  .  .  3’300,000  1*320,000  6,000
4.  Sachsen  (1861)  ....  41,400  2*180,000  2,200
5.  Tlannover  -  221,600  1*652,400  2,000
6.  Württemberg  (1861)  .  .  527,000  1*180,000  2,500
7.  Baden  -  .  .  .  896,700  445,500  3,000
8.  Gr.  Hessen  -  .  .  .  224,000  599,600  4,300
9.  Kurhessen  -  .  .  .  107,700  611,600  850
10.  Mecklenb.-Schwerin  (1862)  900  547,700  —
11.  Mecklenb.-Strelitz  -  100  98,400  —
12.  Holstein  u.  Lauenb.  -  1,300  590,000  —
13.  Ijuxemb.  u.  Limb.  (Schätzung)  414,500  5,000  —
14.  Nassau  (1861)  .  211,000  238,000  400
15.  Braunschweig  -  .  2,600  278,000  100
16.  Oldenburg  -  .  75,000  220,800  900
17.  S.-Weimar  -  .  9,800  262,300  70
18.  S.-Meiningen  -  .  850  1  (&amp;gt;9,900  80
19.  S.-Coburg-Gotha  (Schätzg.)  900  158,400  .  .  .
20.  S.-Altenburg  -  100  137,000  .  .  .
21.  22.  Beide  Keuss  -  300  125,700  —
23.  24.  Lippe  u.  Schmb.  -  1,000  137,000  —
25.  M'aldeck  -  1,100  55,600  —
26.  Anhalt  -  1,300  177,800  _
27.  28.  Beide  Schwarz!).  -  200  136,300  —
29.  Hessen-Homburg  -  4,400  21,300
30.  Ijiechtenstein  -  7,800  —  —
31.  Hamburg  "  4,000  218,000  200
32.  Bremen  “  1,500  96,800  .  .  .
33.  Imbeck  "  250  49,850  100
34.  Frankfurt  (1858)  15,800  51,200  600

Zusammen  deutscher  Bund  24*004,000
MitGes.-Oestr.  u.  Preuss.,  Schles.  36*958,700
Vollständig  ohne  diese  .  .  •  6*083,000

Juden
150.000
143.000
64.000
1,600
12,100
11,400
24,100
29.000
18,300
3.100
500
3.500
1,600
7.100
1.100
1.500
1,100
1,550
150
400
1,500
800
2,700
400
1,100
7,000
100
600
5,800

20*993,800  44,100  495,000
26*644,000  6*566,600  1*506,600
11*753,800  23,300  202,000

Die  »Katholiken«  sind  nur  römische,  ohne  die  griechischen  Katholiken
        <pb n="219" />
        mjr  '

DEUTSCH!,AND.  —  Land  und  Leute.  Auswanderungen.  197
Auswanderungen.  Ausser  Irland  hat  kein  Land  Europa's  eine  solche
Völkerauswanderung  gesehen,  wie  Deutschland.  Die  natürliche
Neigung  des  germanischen  Stammes  zur  Wanderung  war  es  nicht  allein,
was  diesen  colossalen  Exodus  erzeugte  :  sociales  und  politisches  Uebelbefinden
  wirkte  gewaltig  mit,  um  ihn  herbeizuführen.  Die  Auswanderungen ­
  aus  Deutschland  wurden  um  die  Mitte  der  lS50er  Jahre  sogar
zahlreicher,  als  die  aus  Irland.  Die  ungünstigen  Nachrichten  aus  den
\  ereinigten  Staaten  bewirkten  zwar  im  Jahre  1855  eine  bedeutende  Verminderung; ­
  gegen  18,000  Ausgewanderte  kehrten  sogar  in  ihre  alte
Heimath  zurück.  Auch  fand  seitdem  nur  ein  sehr  verminderter  Fortzug
statt.  Doch  auch  in  dieser  Verringerung  ist  er  noch  immer  ungemein
gross.  —  Alle  Schätzungen  über  die  Grösse  der  Auswanderung  können
nur  als  annähernd  richtig  gelten.  Nach  Olio  Hühner  s  Berechnungen,
die  wir  indess  nach  andern  Materialien  in  einigen  Angaben  modificiren
und  ergänzen,  betrug  die  Gesammtsumme  der  Auswanderer
Deutschland  nach  den  Ver.  Staaten  :

aus

1845
1840
1847
1848
1849
1850

74,000
94,581
109,5:11
81,895
89,102
82,404

1851
1852
1859
1854
1855
1850

112,547
162,301
157,180
251,931
81,098
98,573

1857
1858
1859
1800
1801

115,970
53,200
45,100
49,009
35,427

Bei  den  letzten  Summen  fehlt  die  Zahl  der  über  Havre  Fortgezogenen.
Von  1819—55  war  die  Gesammtsumme,  so  weit  sich  dieselbe  berechnen ­
  Hess  (nach  Gäbler)  1’799,853.  Bringt  man  die  häufig  nicht  eingerechneten ­
  Preussen  und  Deutsch  -  Oesterreicher  überall  mit  in  Anschlag; ­
  berücksichtigt  man,  wie  viele  Auswanderer  auch  noch  nach  andern ­
  Ländern,  namentlich  dem  Britischen  Nordamerika,  Südamerika,
Australien,  sogar  Algerien  wanderten  ;  erwägt  man  dabei,  dass  es  in  der
Kegel  gerade  der  jugendfrischeste  und  kräftigste  Th  eil  unseres  Volkes  ist,
der  auswandert,  so  mag  man  sich  einen  Begriff  von  der  ungeheuem
Grösse  des  Verlustes  bilden.  Will  ipan  nur  das  allermateriellste  Moment
ins  Auge  fassen,  so  berechne  man,  wie  viele  Millionen  Thlr.  nöthig  waren, ­
  die  Fortgewanderten  von  der  Kindheit  bis  zum  Alter  der  Arbeitsfähigkeit ­
  zu  erziehen.  Wenn  unsere  Nation  trotz  dieser  enormen  Einbusse ­
  noch  keineswegs  verkümmert  oder  verkrüppelt  ist  ;  wenn  sie  trotz
alledem  noch  immer  weit  mehr  Elemente  der  Kraft  in  sich  schliesst,  als
jede  andere  Nation  ;  so  liegt  darin  der  beste  Beweis  von  der  physischen
und  moralischen  Trefflichkeit  —  fast  Unverwüstlichkeit  —  der  Deutschen, ­
  und  eine  sprechende  Andeutung,  was  diese  Nation  sein  könnte  !
Städte.  Deutschland  steht  nicht  nur  England,  sondern  selbst  Frankreich ­
  entschieden  nach  an  ganz  grossen  Städten.  Wir  besitzen  deren
zwei  von  mehr  als  einer  halben  Million  Einw.  :  Wien  mit  580,000,
und  Berlin  mit  548,000  (neueste  Zählung  029,000),  dagegen  keine  zwischen ­
  200  und  500,000.  Und  doch  erfreut  sich  das  Städtewesen  in
Deutschland  noch  immer  einer  weit  grösseren  Blüthe  als  im  westlichen
Nachbarlande.  Städte  mit  einer  Bevölkerung  zwischen  100  und  200,000
Menschen  sind  7  vorhanden;  Hamburg  mit  180,000,  München  147,000,
Prag  142,000,  Breslau  140,000,  Dresden  128,000,  Cöln  120,000,
        <pb n="220" />
        198

DEUTSCHLAND.  —  Finanzen.

Triest  101,000,  vierzehn  Städte  zählen  zwischen  50  und  100,000  :  Magdeburg ­
  88,000,  Leipzig  78,000,  Frankfurta.  M.  75,000,  Stettin  74,000,
Hannover  7  0,000,  Bremen  65,000,  Graz  63,000,  Nürnberg  62,000,
Stuttgart  61,000,  Aachen  60,000,  Brünn  59,000,  Elberfeld  56,000,
Crefeld  52,000,  Düsseldorf  52,000.  Acht  haben  zwischen  10  und
50,000;  Chemnitz,  Altona,  Barmen,  Augsbuzg,  Halle,  Mainz,  Braunschweig, ­
  Potsdam.  Vierzehn  umfassen  zwischen  25  und  40,000  Einw.:
Cassel,  Würzburg,  Frankfurta.  O.,  Erfurt,  Darmstadt,  Mannheim,  Carlsruhe,
  Ivübeck,  Linz,  Coblenz,  Rostock,  Regensburg,  Elbing  und  Ulm
(das  Militär  überall  mitgerechnet).  Ungemein  zahlreich  sind  die  Städte
mit  10—25,000  Menschen.  (S.  überdies  die  »Nachträge.«)
Bodenanbau.  Es  liegen  möglichst  genaue  Berechnungen  von  einzelnen ­
  Staaten  vor,  dennoch  ist  das  Material  zu  mangelhaft,  um  eine  Gesammtdeutschland
  umfassende  Uebersicht  zu  geben.  Wir  müssen  uns
hier  auf  einige  Notizen  beschränken.
Wälder.  Nach  der  Berechnung  des  preuss.  Überforstmeisters  Maron  sind
von  dem  durch  ihn  zu  9574  Quadr.-Meil.  angenommenen  Zollvereinsgebiete  und
dem  übrigen  Norddeutschland  2312  Q.-M.  mit  Wald  bedeckt,  neml.  59'879,(Mm
preuss.  Morgen  von  den  überhaupt  zum  Zollvereine  gehörenden  206’491  ,(i(Mi
preuss.  Morgen,  also  25  Proc.  der  Gesammtüäche,  wobei  auf  jeden  Kopf  der  Bevölkerung ­
  durchschnittlich  l*/,o  Morgen  kommen.  Süd-und  Süd  Westdeutschland ­
  sind  reicher  an  AVald  als  der  Norden  und  Nordosten.  Die  waldreichsten
Länder  sind  Nassau,  Kurhessen,  Meiningen,  Schwarzburg-Rudolstadt,  wo  40,2(1,
40,52,  40  und  35  %  der  Gesammtüäclie  dem  Walde  gehören  und  1,75,  2,00,  2,16
und  1  ,S4  Uuadratmorgen  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  zu  rechnen  sind,  während ­
  in  Prcussen  (bei  grossem  Unterschiede  in  den  Provinzen  26%  desGesammtbodens
  bewaldet  sind  und  durchschnittlich  1,50  Quadratmorgen  auf  den  Kopf
entfallen.  Den  verhältnissmässig  geringsten  Waldumfang  haben  Mecklenburg,
Hannover  und  Oldenburg.  Unter  den  Nachweisen  über  die  verschiedenen  Besitzkategorien ­
  finden  wir  von  jenen  50’S79,000  Morgen  Forstboden  17'3h4,ooo
im  Eigenthume  des  Staats;  9’l91,000  in  dem  von  Gemeinden,  23’635,ooo  gehören ­
  Privaten  und  669,500  sind  Eigenthum  von  Kirchen  und  Stiftungen.

Weinberge.
Preussen  (1S60,  incl.  S60  Morgen  in  Posen;
Bayern  1854  64,894  Tagw.  =  .  *.
Württemberg  185S)  81,983  Morg.  =
Baden  (1854)  52,449  Morg.  =
Hessen,  Grossh
Nassau  .
Sachsen  und  Thüringen,  Kurhessen  etc
Deutsch-Oesterreich  256,744  Joch  =
Zusammen  ungefähr

Areal
]&amp;gt;reu88.  Morgi-n
60,277
80,568
99,700
73,900
39,100
15,550
14,000
577,676
966,800

Durchschn.-Ertrag
pri'iiM.  Kinn  r
403,732
861,350
612,027
655.000
233.000
62,500
84,000
(?)  5’000,000
8’ooo,oõõ

Finanzen.
Eigene  Einkünfte  besitzt  der  deutsche  Bund  nicht  ;  alle  Ausgaben
werden  durch  Matricularbeiträge  der  Staaten  bestritten.  Es  kann  sich
daher  hier  nur  um  eine  Zusammenstellung  der  Finanzverhältnisse  der
selbständigen  Staaten  handeln.  Eine  solche  geben  wir  nachstehend,  haben ­
  indess  einige  allgemeine  Bemerkungen  vorauszusenden.
Einige  Staaten  konnten  in  den  nachfolgenden  Tabellen  nicht  aufgeführt ­
  w  erden,  und  zwar  Holstein  weil  es  noch  nicht  constituirt  ist,  und
Limburg  wegen  seiner  Verbindung  mit  Holland,  —mehre  kleinere  aber  —
Lippe-Schaumburg,  Hessen-Homburg  und  Liechtenstein  —  weil  uns  jedes
        <pb n="221" />
        DEUTSCHLAND.  —  Finanzen.

199

genügende  Material  fehlt  zur  Ausscheidung  nach  den  einzelnen  Abtheilungen. ­

Zur  Abtheilung  'tEinkttnfte.o  Es  ist  ungeeignet,  die  Ziffern,  welche
in  den  verschiedenen  Staatsbudgets  erscheinen,  einfach  zusammen
zu  zählen.  Ein  solches,  obwol  sehr  gewöhnliches  Verfahren  führt  zu
unrichtigen  Resultaten.  Im  einen  Staate  werden  nemlich  die  Roh-  (die
Brutto-),  im  andern  blos  die  Rein-  (die  Netto-)  Summen  in  Ansatz  gebracht. ­
  Es  kann  aber  bei  Vergleichungen  nicht  gleichgültig  sein,  ob  die
Betriebsausgaben  für  Staatsanstalten,  die  Kosten  der  Steuererhebung
u.  s.  f.,  bereits  abgerechnet  sind  oder  nicht.  —  Ebenso  erscheinen  im
einen  Budget  nur  die  eigentlichen  Staats-,  im  andern  auch  die  Provinzial-, ­
  im  dritten  (in  kleineren  Staaten,  besonders  den  freien  Städten)
selbst  Gemeinde  -Einnahmen  und  Ausgaben.  —  Eine  gleichmässige
Ausscheidung  alles  dessen  was  eigentlich  nicht  den  Staat,  sondern  nur
die  Provinz  oder  die  Gemeinde  betrifft,  sind  wir  durchzuführen  ausser ­
  Stande,  um  so  mehr,  als  mitunter  sogar  in  den  einzelnen  Landestheilen
  eines  und  desselben  Staates  verschiedene  finanzielle  Einrichtungen
bestehen.  —  Unter  diesen  Verhältnissen  erschien  es  geeignet,  in  allen
Staaten  möglichst  sowol  die  Brutto-  als  die  Nettosummen  zu  ermitteln. ­
  Man  muss  vor  Allem  die  gesammte,  also  die  Roheinnahme
kennen.  Sie  bezeichnet  den  vollen  Umfang  der  Beträge,  welche  in  die
Staascassen  fliessen.  —  Indessen  wäre  es  fehlerhaft,  sodann  ohne  weitere
Unterscheidung  hievon  die  Auslagen  für  Verwaltung  der  Staatsanstalten
und  Erhebung  der  Steuern  abzuziehen.  In  der  Regel  entspricht  es  unzweifelhaft ­
  dem  öffentlichen  Interesse,  dass  zu  den  mittelbaren  oder  unmittelbaren ­
  Lasten  nicht  auch  noch  viele  Erhebungskosten  kommen.
Allein  diese  Regel  erleidet  wesentliche  Ausnahmen.  Bei  Verwaltung  von
Domänen  müssen  die  Ausgaben  weit  grösser  sein,  als  bei  einer  blossen
Steuererhebung  ;  ähnlich  bei  den  heillosen  Imtterien,  wo  man  den  Spielern ­
  doch  Einiges  in  Form  von  Gewinnsten  wieder  zufiiessen  lassen  muss.
Bei  manchen  Staatsanstalten  (z.  B.  Post,  Eisenbahnen,  Telegraphen)  ist
es  sogar  höchst  verdienstlich,  wenn  die  Verwaltung  das  volkswirthschaftliche
  und  nicht  das  fiscalische  Interesse  als  massgebend  betrachtet.  Wir
gelangen  demnach  dahin  :  dass  die  Kosten  der  eigentlichen  Bewirthschaftung
  der  Domänen  und  des  eigentlichen  Betriebs  der  Staatsanstalten  (sehr
verschieden  von  der  Landesverwaltung  oder  auch  von  der  blossen  Erhebung ­
  der  Auflagen)  an  der  Bruttosumme  abzuziehen  sind.  Indem
wir  nachfolgende  Aufstellung  versuchen,  finden  wir  uns  indess  vielfach
auf  ziemlich  unsichere  Schätzungen  hingewiesen  ;  häufig  mussten  ältere
Detailangaben  aushelfen.  Um  so  weniger  kann  von  einer  absoluten  Richtigkeit ­
  die  Rede  sein,  als  das  Nachstehende  überhaupt  der  erste  Versuch
einer  derartigen  Ausscheidung  ist.  Hiebei  drängt  sich  die  Bemerkung
auf,  wie  viel  in  Deutschland  erspart  werden  könnte  durch  eine  einfache,
kaufmännische  Cassaverwaltung,  im  Gegensätze  zu  der  fast  allgemein
angenommenen  bureaukratischen  Einrichtung.  Das  Beispiel  Englands,
durch  ein  blosses  Ilandelsinstitut,  die  Bank,  den  grössten  Theil  der  dortigen ­
  so  colossalen  Cassageschäfte  (billig  und  zweckmässig)  zu  führen
(siehe  S.  12),  mag  als  Fingerzeig  dienen.  Auch  Hesse  es  sich  auf  diese
Weise  am  besten  vermeiden,  dass  enorme  Summen—viele  Millionen  —
        <pb n="222" />
        200

DEUTSCHLAND.  —  Finanzen.

fortwährend  in  den  verschiedenen  einzelnen  Cassen  der  so  mannichfach
gebildeten  Aemter  zerstreut  und  unbenützt  umher  liegen,  während  diese
Summen,  wenn  sie  je  in  einer  Anstalt  vereinigt  wären,  dem  grössten
Theile  nach  stets  nutzbringend  verwendet  werden  könnten.
Es  ist  eine  sehr  gewöhnliche  Berechnung  ;  die  Staatslasten  belaufen
sich  auf  so  viel,  folglich  treffen  so  viel  Thaler  auf  jeden  Kopf  der  Bevölkerung, ­
  Diese  Methode  führt  zu  irrigen  Schlüssen.  Es  muss  vor  Allem
der  Ertrag  der  homilnen  (unter  welchem  Ausdrucke  wir  der  Kürze  wegen
das  gesammte  unmittelbare  Staatseigenthum,  also  auch  Staatsforsten  und
Staatseisenbahnen  begreifen)  von  den  Lasten  der  Einwohner  abgerechnet
werden;  denn  die  Einkünfte  aus  dem  unmittelbaren  Eigenthume  des
Staats  bilden  keine  Last  der  Bürger;  je  mehr  Domänen,  desto  geringer
müssen  vielmehr  die  Lasten  sein;  blos  zur  Ergänzung  der  ursprünglich ­
  allein  zur  Deckung  des  Staatsbedarfs  bestimmten  —  Domänen ­
  hat  man  Steuern  eingeführt.  *)  Es  scheint  uns  daher  die  Ausscheidung ­
  der  Staatseinkünfte  nach  drei  Hauptkategorien  gerechtfertigt  :  Domänen, ­
  indirecte  Auflagen  und  directe  Steuern.  Dabei  darf  man  aber
nicht  (wie  der  sonst  so  verdienstvolle  Reden  gethan  die  Erträgnisse  der
sog.  Regalien,  Hoheitsrechte  und  Monopolanstalten  den  Domänen  beirechnen, ­
  Die  daher  rührenden  Einkünfte  sind  vielmehr  nichts  Anderes
als  indirecte  Aufiagen,  und  zwar  oft  von  der  allerdrückendsten  Art.  Zu
rei&amp;gt;artiren  bleiben  demnach  die  indirecten  Auflagen  und  die  directen
Steuern,  und  auch  diese  berechnet  man  besser  nach  Haushaltungen
(»Familien«),  als  nach  Köpfen,  Man  erhält  damit  einen  richtigem
üeberblick  der  Grösse  der  Last  ;  denn  nicht  die  Kinder,  die  verheiratheten
  Frauen  oder  die  Dienstboten  entrichten  die  Steuern  und  Abgaben,
sondern  das  Familienhaupt  ist  es,  welches  dieselben  in  der  Regel  aufzubringen ­
  hat.  Dabei  müssen  wir  allerdings  auf  den  bedeutenden  Unterschied ­
  in  der  Grösse  der  Haushaltungen  aufmerksam  machen.  Während
bei  der  Zählung  von  1858  jede  derselben  in  Preussen  durchschnittlich
4,82  Köpfe  umfasste,  zählte  deren  in  Bayern  jede  nur  4,  1ÎL**).
Wenn  man  im  Uebrigen  berechnen  will,  wie  viel  Procentc  vom  gesammten
  Staatsbedarfe  auf  einen  einzelnen  Ausgabeposten  kommen  (z.B.
auf  Militär,  Schuld,  Hof),  so  kann  nicht  der  Brutto-,  sondern  nur  der
Ac¿¿obetrag  des  Staatsbedarfs  als  Massstab  der  Berechnung  dienen.  Die
*)  Eine  besondere  Beachtung  verdiente  die  Ermittlung  des  Werthes  uud
Ertrages  derjenigen  Domänen,  welche  einst  Napoleon  in  der  unverantwortlichsten ­
  Weise  an  vormals  Reichsunmittelbare  überliess  ;  Besitzungen  die  ursprünglich ­
  wesentlich  zur  Deckung  der  Landesbedürfnisse  bestimmt  waren  und
nun  diesem  Zwecke  durch  einen  Federstrich  vollständig  entzogen  wurden
**)  Es  ist  diese  Erscheinung  noch  in  anderer  Hinsicht  bemerkenswerth.
In,Deutschland  hat  sich  die  Ansicht  sehr  verbreitet:  die  Freiheit  der  Ansässigmachung
  und  Verheirathung  führe  zur  leichtsinnigen  Begründung  von  Familien. ­
  Nun  ist  die  Ansässigmachung  in  1  reussen  erleichtert,  in  Baverii  erschwert;
man  sollte  also  glauben  die  Bevölkerung  sei  im  letzten  in  weniger,  folglich
zahlreichere  Familien  zusammengedrängt.  Die  Wirklichkeit  beweist  dasGt^entheil,
  und  dieses  Gegentheil  tritt  auch  in  den  einzelnen  Provinzen  Bayerns  hervor, ­
  wie  denn  z.  B.  in  der  Pfalz,  bei  voller  Freiheit  der  Ansässigmachung,  die
Haushaltung  durchschnittlich  4,53  Individuen  zählte,  demnach  0,34  mehr  als
im  Gesammtstaate.  Früher,  ehe  die  zahlreichen  AOswanderungen  conscriptioiispfiiehtiger
  Jünglinge  aus  der  Pfalz  stattfanden,  war  der  Unterschied  noch  viel
grösser.
        <pb n="223" />
        DEUTSCHLAND.  —  Finanzen.

201

Steuerbaren  müssen  freilich  nicht  etwa  blos  die  Nettosumme  (z.  B.  ffir
das  Heer),  sondern  sie  müssen  auch  überdies  die  dadurch  verursachten
Kosten  der  Erhebung  dieser  Summe  aufbringen  ;  diese  Erhebungskosten
wären  also  dem  Betrage  des  Aufwandes  für  ein  bestimmtes  Bedürfniss
noch  beizurechnen.  (In  Bayern  ist  z.  B.  der  Ertrag  des  Malzaufschlags ­
  für  die  Staatsschuld  bestimmt.  Das  Volk  sieht  sich  aber  nicht
blos  mit  dem  Reinerträge,  desselben  belastet.  sondern  ebenso  mit  den
Summen,  welche  die  Erhebung  verschlingt.  Ohne  Staatsschuld  würden
die  Einwohner  nicht  etwa  blos  dasjenige  ersparen,  was  für  Verzinsung ­
  und  lilgung  der  Schuld  verwendet  wird,  sondern  überdies  noch
die  Kosten  der  gesummten  Verwaltung  der  Aufschlagsgefalle.)  Da  es  sich
nun  aber  selten  ausscheiden  lässt,  aus  welchem  Zweige  der  Einkünfte
die  einzelnen  Ausgabeposten  gedeckt  werden,  so  erübrigt  bei  einer  derartigen
  Berechnung  nichts  Anderes,  als  dass  die  eigentlichen  Staatsbedürfnisse
  durchgehends  nach  den  Nettosummen  festgestellt  und  darnach ­
  die  Procentantheile  der  einzelnen  Abtheilungen  berechnet  werden.
Damit  erhält  man  die  richtige  Verhältnisszahl  (in  Procenten)  für  die  einzelnen ­
  Zweige  des  Staatsbedarfs.  —  Bei  der  Position  »Hof«  haben  wir  in
der  Hegel  nur  diejenigen  Summen  aufgezeiclmet,  welche  als  »  Civilliste
nnd  Apanagen«  erscheinen.  In  Wirklichkeit  gehört  hieher  noch  weiter
der  meistens  sehr  bedeutende  Genuss  von  Schlössern,  Gütern  u.  s.  f.
Nur  ausnahmsweise,  wo  bestimmte  Anhaltspunkte  Vorlagen  ,  haben  wir
Nebennutzungen  beigerechnet.  —  Sehr  zu  bedauern  ist,  dass  die  Materialien ­
  fast  vollständig  fehlen,  um  zu  berechnen,  wie  hoch  sich  die  Kosten
für  das  lieamtenthum  belaufen.  (Man  würde  ein  erschreckendes  Ergebniss
  erlangen.  In  Preussen  werden  gegen  32  Mill.  Thlr.,  in  Bayern
gegen  12  Mill.  H.  =  liy.  Mill.  Thlr  ,  dagegen  in  der  Schweiz  noch
nicht  4  Mill.  hrkn.  =  wenig  über  1  Mill.  Thlr.,  und  selbst  in  dem
i;eichen  und  ausgedehnten  Grossbritanien  nur  2%  Mill.  .U  für  Beamte
des  Staats  ausgegeben.  Vgl.  das  oben  bei  Preussen,  S.  178,  und  das
unten  bei  »Bayern«  und  bei  »  Schweiz  «  Bemerkte.)
/jur  Position  S  taa  ts  s  c  hu  Iden,  ii  Eine  Berechnung  in  der  gewöhnlichen ­
  Weise,  welche  Summe  von  der  Schuld  auf  jeden  Kopf  trifft,
scheint  uns  ungeeignet,  weil  es  wesentlich  darauf  ankommt,  welche  Domänen, ­
  namentlich  Eisenbahnen,  dagegen  vorhanden  sind.  (Unterschied
zwischen  Schulden  zu  productiven  und  zu  unproductiven  Zwecken.)
ine  Berechnung  der  bezeichneten  Art  hätte  nur  dann  einen  richtigen
inn,  wenn  man  vorerst  den  Betrag  des  activen  Staatsvermögens  mit
jenem  der  Schulden  abgleichen  könnte.  Dazu  aber  fehlt  das  Material,
indem  in  keinem  andern  europäischen  Staate,  als  der  so  einfach  und
Wenig  kostspielig  verwalteten  Schweiz  die  Gesammtsumme  der  Activa
und  Passiva  des  Gemeinwesens  sorgsam  festgestellt  und  vorgetragen
Wird.  Uebrigens  zeigt  sich  die  Wirkung  sehr  merklich  in  dem  grössern
oder  geringem  Betrage  der  benöthigten  directen  und  indirecten  Steuern,
fcren  Summe  wesentlich  durch  das  Ueher  wiegen  der  Domänenerträgnisse
über  die  Zinslast  der  Staatsschuld,  oder  umgekehrt,  mit  bestimmt  wird.
Oder  man  hat  den  Ertrag  der  Domänen  mit  dem  Bedarfe  für  Staatschuid
  zu  vergleichen,  dann  ergibt  sich  das  gegenseitige  Verhältniss
zwischen  unmittelbarem  Vermögen  und  Schulden.
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        DEUTSCHI.ANI).

Finanzen.

202

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        <pb n="225" />
        Jàbresãusgabe  der  deutschen  Staaten  ;  Câpitalsamme  ihrer  Schulden  und  ihres  Papiergeldes.

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DELTSCHLAND.  —  Finanzen.

203

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        •204

DEUTSCHLAND.  —  Finanzen.

Specielle  Bemerkungen  zu  vorstehenden  Tabellen.
1)  Oesterreich.  Einnahme  und  Ausgabe,  dabei  insbes.  auch  die  Steuern
und  Abgaben,  sind  in  Wirklichkeit  merklich  niedriger  als  die  Zahlen  annehmen
lassen,  in  Folge  des  geringem  Wertbes  des  unter  dem  Namen  der  Banknoten
circulirenden  Papiergeldes.  Die  Bank  ist  zwar  allerdings  eine  Privatanstalt;  da
aber  der  Staat  die  von  derselben  bezogenen  Summen  erst  im  Laufe  der  nächsten
Jahre  abtragen  will  (worüber  nun  ein  Vertrag  besteht),  so  geniessen  die  Banknoten ­
  Zwangscurs.  —  2)  Preussen.  Die  Summen  sind  im  Voranschläge  von
der  Regierung  bedeutend  zu  niedrig  angegeben  ;  der  Gesammtbetrag  der  Einkünfte ­
  etc.  steigt  auf  eine  ansehnlich  höhere  Ziffer.  —  U,  Wiirttembcp-g.  Die
Einkünfte  sind  um  einige  Millionen  zu  niedrig  veranschlagt  ;  die  Abgaben  betragen ­
  also  in  diesem  Verhältnisse  mehr.  —  1&amp;gt;)  Kurhessen.  Die  Domänen  im
factischen  Besitze  des  Kurfürsten  (Itothenburger  Quart  etc.)  sind  nicht  eingerechnet. ­
  Ausser  der  Civilliste  bezieht  der  Kurfürst  ungef.  350,000  Thlr.
12)  Nassau.  Die  Bank,  welche  Noten  ausgibt,  ist  zwar  Privatanstalt,  der  Staat
hat  aber  Garantie  für  dieselbe  geleistet,  und  so  haben  diese  Noten  einigermassen
das  Ansehen  von  Staatspapiergeld.
Die  verschiedenen  Geldsorten  auf  preuss.  Thaler  reducirt,  und  unter
Dazurechnung  eines  ungefähren  Betrages  für  diejenigen  Gebiete,  deren
Finanz  Verhältnisse  nicht  ausgeschieden  oder  nicht  bekannt  sind,  finden
wir  beiläufig  (denn  es  kann  nur  von  einer  einigermassen  annähernden ­
  Richtigkeit  die  Rede  sein)  folgende  Resultate:
Einnahmen  in  Thalern  :  Brutto  Netto
Mit  Gesammt-Üesterreich  und  Preussen  028  Mill.  438  Mill.
Ohne  beide  Grossmächte  100%  -  112  -
Von  den  reinen  Einnahmen  rühren  her  •

Mit  Oesterreich  und  Preussen
aus  Domänen  .  .  05  Mill.  =  14,88
-  indirecten  Auflagen  233  -  =  53,10
-  directen  Steuern  .140  -  =31,93

Ohne  diese
40’000,000  =  35,71  %
47'500,000  =  42,41
24'500,000  =  21,88

Auf  jede  Familie  treffen  durchschnittl.  im  Jahre  Abgaben:

in  Oesterreich  *)
indirecte  Auflagen  10,33
directe  Steuern  11,14

in  Freussen  **)  im  übr.Deutschland
13,54  11,87  Thlr.
0,95  0,12  -

27,47  20,49

17,99  Thlr.

Ausgaben  :

Mit  Oesterreich  und  Preussen  473  Mill.  Thlr.
Ohne  beide  112

Von  den  Ausgaben  kommen  auf  :
Mit  den  2  Grossmächten  Ohne  diese
Hof  ...  17,7  9,7  Mill.
Militär  .  .  145,0  25,5  -
Staatsschuld  148,0  27,0  -

Diese  drei  Posten  310,7  02,2  Mill.
Von  der  Netto-Staatsausgabe  erfordern  ;
Mit  den  2  Grossmächten  Ohne  diese
Hof  .  .  .  3,04%  8,00  %
Militär  .  .  30,05  22,77
Staatsschuld  31,29  24,11

Zusammen  05,58  55,54

*)  Der  wirkliche  Betrag  ist  um  so  viel  geringer,  als  die  Differenz  der  Valuta ­
  ausmacht  (s.  oben).
**)  Der  wirkl.  Betrag  erhöht  sich  um  so  viel,  als  der  Voranschlag  der
Steuer-  und  Abgabenerträge  zu  niedrig  ist.
        <pb n="227" />
        DEUTSCHLAND.  —  Militärwesen.

205

Schaldeo.  Wir  schätzen  dieselben  :
in  den  rein  deutschen  Staaten  (ohne  Limburg)  auf  ....  574  Mill.
Dazu  in  Gesammt  -  Oesterreich  u.  Preussen  2000  und  281’)  2,356  -
Zusammen  etwa  2,930  Mill.
Papiergeld,  a.  eigentliches  Staatspapiergeld  :
in  den  rein  deutschen  Staaten  etwa  18,38  Mill.  Thlr.
in  Preussen  15,84  -
Zusammen  34,22  Mill.  Thlr.
b.  Oesterreichische  Jianknoten  beiläufig  262,33  -
Total  gegen  196,65  Mill.  Thlr.
(Hiebei  sind  jedoch  selbstverständlich  die  Privat-Banknoten,  nemlich
  ausser  den  österreichischen,  nicht  eingerechnet.^

.Mílitiirwesieii.
Deutschland  als  solches  besitzt  nur  eine  Landmacht,  nachdem  der
Bundestag  die  Schiffe  der  von  der  deutschen  Nationalversammlung  1848
und  49  zu  begründen  begonnenen  Flotte  verkauft  hat!
Die  Stärke  der  Contingente  ward  ursprünglich  auf  1  Procent  der
Bevölkerung  bestimmt,  nach  Massgabe  der  anfänglichen  Einwohnerzahl,
-  also  1  Proc.  derjenigen  Bevölkerung,  welche  die  Staaten  etwa  im
Jahre  1815  besassen,  ohne  Rücksicht  auf  die  spätere  Vermehrung.  Hievon ­
  sollte  V,  in  Cavallerie  bestehen,  und  auf  je  1000  M.  sollten  2  Geschütze ­
  gestellt  werden.  So  erhielt  man  eine  Armee  von  301,637  Mann,
ln  der  Lolge  erliess  man  den  kleinen  Staaten  die  Stellung  von  Cavallerie, ­
  theilweise  gegen  Vermehrung  ihres  Fussvolkes  (nur  bei  Frankfurt).
Man  bildete  daraus  eine  »Reservedivision«,  zur  Verstärkung  der  Besatzung ­
  in  den  Bundesfestungen  bestimmt.  Hiedurch  stieg  die  Mannschaftszahl ­
  auf  303,484.  In  allen  Fällen  sollten,  der  »Bundeskriegsverfassung« ­
  zufolge,  die  Staaten  überdies  bereit  sein,'  %  der  ursprünglichen ­
  Summe  als  Reserve,  und  ferner  %  jener  Principalsumme  als  Ergänzungsmannschaft ­
  demnach  ausser  dem  einen  Proc.  der  Bevölkerung
zusammen  noch  %  Procent)  für  den  Fall  des  Bedarfs  zu  stellen.  —
1  hatsächlich  brachten  die  meisten  Staaten  ihr  Militär  auf  eine  grössere
Anzahl,  als  wozu  sie  verpflichtet  waren.  —  Die  »revidirte  Kriegsverfassung ­
  des  deutschen  Bundes«  vom  10.  März  1853  erhöhte  die  Stärke  des
Haupteontingents  um  %  Proc.;  ein  Bundesbeschluss  vom  27.  April
SOI  aber  hob  den  Unterschied  zwischen  Haupt-  und  lleserveconiingent
uuf,  fasste  beide  als  »  Haupteontingent«  zusammen  im  Betrage  von  1%
roc.  der  Matrikelzahl,  und  unter  Erhöhung  des  nebenbei  bestimmten
*  Ërsatzeontingents«  von  '/«  auf  %  Proc.,  wonach  die  Gesammtverpflichtung
  auf  1%  Proc.  der  Matrikelzahl  steigt.  (Da  aber  die  Bevölkerung
m  den  verschiedenen  Staaten  sich  sehr  ungleich  vermehrte  [siehe  S.  195],
so  ergibt  sich  darnach  eine  wesentl.  ungleiche  Belastung.)  Das  Hauptcontingent
  ist,  unbeschadet  der  gestatteten  Beurlaubungen,  auch  im
rieden  vollständig  zu  erhalten.  Für  die  »Ersatztruppen«  muss  derart
Sorge  getragen  sein,  um  die  Mannschaft  mit  Cadres  versehen  zu  können.
Bei  Aufstellung  des  Contingents  darf  nur  die  »  streitbare  Mannschaft  «
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        fF-&amp;gt;

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206

DEUTSCHLAND.  -  Militärwesen.

gerechnet  werden,  und  alle  Nichtcombattanten  sind  über  die  festgesetzte
Zahl  zu  stellen.  Zu  diesen  Nichtcombattanten  gehören  :  die  Armeefuhrwesensoldaten ­
  (nicht  zu  verwechseln  mit  dem  Artilleriefuhrwesen),  die
Verpflegungsmannschaft  sammt  Bäckerei,  die  Sanitätscorps  etc.  —  Von
dem  Contingente  hat  %  (früher  %)  aus  Reiterei  zu  bestehen.  Auf  je
1000  M.  des  Hauptcontingents  sind  an  Feldartillerie  mindestens  2%
Geschütze  zu  liefern  (früher  blos  2)  ;  ein  Fünftel  der  Artillerie  soll  reitende ­
  sein.  —  Ausser  den  Feldgeschützen  soll  ein  Belagerungspark  vorhanden ­
  sein,  bestehend  aus  100  schweren  Kanonen,  30  Belagerungshaubitzen ­
  und  70  Mörsern.  Die  Mannschaft  hiefür  ist  über  die  Contingentszahl
  zu  stellen;  ebenso  jene  für  Feldartillerie,  sofern  dieselbe,
Stäbe  eingerechnet,  30  Mann  auf  jedes  Geschütz  übersteigt.  —  Jedes
Armeecosps  muss  einen  Brückentrain  und  eine  Birago’sche  Brückenequipage ­
  besitzen.  —  Von  der  Gesammtmannschaft  hat  Vioo  aus  Pionieren, ­
  Jägern  oder  Scharfschützen  zu  bestehen.  Das  Minimum  der  Chargen ­
  soll  sein:
1  Officier  auf  45—50  Streitbare  bei  der  Infanterie,

1
1  Unterofficier  -
1
1  Spielmann

30—35  -  -  den  andern  Waffengattungen,
12—15  -  -  der  Infanterie,
10—12  -  -  den  übrigen  Waft'engattungen,
45—60  -  -  der  Infant.,  Pionieren  u.  Genietruppen,
'  -  -  40—50  -  -  den  übrigen  Waffen.
Der  Präsenzstand  im  Frieden  ist  für  das  Haupteontingent  :
1  )  Ofßciere  ;  %  aller  W^aflengattungen  ;
2)  Infanterie:  %  der  Unterofficiere  und  Spielleute,  %  der  Gemeinen;
3)  Reiterei  ;  %  bis  %  der  Mannschaft  und  Pferde  ;  %  bei  Landwehrreiterei  ;
‘/a  wo  Beurlaubung  mit  Pferden  und  Sold  besteht  (Hannover);
4)  Fiissartillerie:  %  der  Unterofficiere  und  Spielleute,  %  der  Gemeinen  ;
5)  Reitende  Artillerie:  wie  sub  3,  Reiterei;
6)  Festungsartillerie  :  %  Unterofficiere  und  Spielleute,  */„  Gemeine  ;
7)  Pioniere  H.  (ienie:  %  -  */,  -  u.  Reitpferde.
Recruten  dürfen  in  der  zur  Ausbildung  angenommenen  Zeit  (selbst
bei  der  Infanterie  0  Monate)  in  den  Präsenzstand  nicht  eingerechnet
werden.  —  %  der  Bespannung  sämmtlicher  Geschütze  ist  stets  bereit  zu
halten.  —  Durch  einen  Bundesbeschluss  vom  15.  Nov.  1&amp;amp;55  ist  die
Dienstverpflichtung  für  jeden  in  die  Bundescontingente  einzurechnenden
Mann  auf  mindestens  0  Jahre  bestimmt  ;  die  Präsenz  aber  ;

bei  der  Infanterie  .  .  .
-  -  Reiterei  ....
-  Fussartillerie  .  .
-  -  reitenden  Artillerie
-  den  Genietruppen  .  .

2'/*,  wenigstens  2  Jahre
3%,  -  3  -
:  :  :
2'.,  -  2  -

und  zwar  sollen  diese  Bestimmungen  nicht  durchschnittlich,  sondern  für
jeden  einzelnen  Mann  einzuhalten  sein.  —  Nachfolgend  eine  Gegenüberstellung ­
  des  ursprünglichen  Hauptcontingents  und  des  Gesammtcontingents
  nach  dem  Bundesbeschluss  vom  27.  Apr.  1801,  dann  des
jetzigen  wirklichen  Formationsbestandes  (unbeschadet  Beurlaubungen  etc.).
        <pb n="229" />
        DEUTSCHLAND.  —  Militärwesen.

207

Armeecorps
I.,  II.,  111.
IV.,V.,\T.
MI.
VIII.

IX.

X.

Staaten
Oesterreich  .  .  .
Preussen  ....
(für  Hohenzollem)
Bayern  ....
Württemberg  .  .
Baden
Darmstadt  .  .  .
Sachsen,  Königreich
Kurhessen  .  .  .
Nassau  ....
Luxemburg-Limburg
Hannover  .  .  .
Braunschweig  .  .
Oldenburg  .  .  .
Holstein-Lauenburg
Hamburg  .  .  .
Bremen  ....
Lübeck  ....
Mecklenburg-Schweri
Mecklenburg-Strelitz
Sach  sen-Weimar  .
Sachsen-Coburg-Gotha
Sachsen-Meiningen
Sachsen-Altenburg
Reuss-Greiz  .  .  .
Reuss-Schleiz  etc.  .
Waldeck  ....

Linpe-Detmold.  .
Scnaumburg-Lippe
Anhalt-Dessau-Cöthen
Anhalt-Bernburg  .  .
Schwarzburg-Rudolstadt
Schwarzburg-  Sondershausen
Homburg  .  .  .
Liechtenstein  .  ,
Frankfurt  .  .  ,

Ursprüngl.
Contingent
94,822
)79,234
I  .501
35,600
13,955
10,000
6,195
12,000
5,679
3,028
2,556
13,054
2,096
2,178
3,600
1,298
485
407
3,580
717
2,010
1,116
1,150
982
223
522
519
691
240
854
370
539
451
200
55
479

Jetziges
Contingent
173,841
147,170
65,268
25,575
18,334
11,357
22,000
10,413
6,720
2,977
23,933
3,842
4,170
6,600
2,379
823
691
6,564
1,317
3,685
2,046
2,110
1,802
408
957
953
1,297
385
2,237
989
826
366
100
879

^\rUcA

Wirklic

\V

Best

182

26

12,(

26,6

12,000

7,200

3,000

26,800

5,300

4,000

2,200
750
600
6,560
1,300
3,700
2,000
2,100
1,800
1,100
900
1,200
380
2,000
1,000
850
360
70
750

Zusammen  290,286  553,028

611,500

Die  einzelnen  Armeecorps  haben  nach  den  jetzigen  Contingent  »Ziffern ­
  folgende  Stärke  :
Mann  Oesch.  |  Mann  Oesch.
L,  2.,  3.  Armeecorps  173,Ml  356  I  9.  Armeecorps.  .  42,110  84
^  ,  5.,  6.  -  147,170  300  ¡10.  -  .  .  50,319  104
7.  -  65,268  136  j  Reservedivis.  .  .  19,044  40
-  55,276  114  j  Zus.  "553,028  1134
Davon:  398,197  Linieninfant.,  28,438  Jäger,  69,218  Cav.,  50,254  Artill.,  6921
Genie.
Das  Officierscorps  der  Mittel-  und  Kleinstaaten  umfasste  im
J-  1859,  nach  der  deutschen  Wehrztg.,  2614  Adelige  und  3663  Bürgerliche. ­
  Der  Adel  überwog  bes.  in  Sachsen,  Kurhessen  und  Mecklenburg  ;
die  Bürgerlichen  hatten  die  stärkste  Zahl  in  Baden,  Gr.  Hessen  und
Hayern  (s.  die  einzelnen  Staaten).

Bandesfestangen  und  deren  Besatzung.
l)  Mainz:  Oesterreicher  und  Preussen.  im  Kriege  verstärkt  nach  dem
ursprünglichen  jetzt  aber  um  die  Hälfte  erhöhten  Ansätze  durch  6592  M.  von
der  Reser%edi\ision,  nemlich  2100  von  Weimar,  1150  Meiningen,  1116  Gotha,
892  Altenb.,  854  Dessau,  370  Bemburg,  200  Homburg.  —  2)  Luxemburg:
        <pb n="230" />
        208  DEUTSCHLAND.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.
Dreussen  und  1981  Luxemburg-Limburger,  verstärkt  durch  1459  M.  von  der
Keservediv.,  neml.  731  von  Tdppe,  519  Waldeck,  200  Schaumburg.  —  3)  Landau: ­
  Bayern,  verstärkt  durch  1790,  neml  745  von  Reuss,  539  Scmv.-Rudolst.,
451  Sclnv.-Sondcrsh.,  55  Idechtenst.  —  4)  Rastatt:  Badener,  Oesterreicher  u.
Rreussen.  —  5)  Ulm:  Würltemberger,  Bayern  u.  Oesterreicher.  —  Die  übrigen
Festungen  siehe  bei  den  einzelnen  Staaten.
Sociale,  Oewcrb.s-  iiiiil  Haiidclsvci  häliiiisse.
Keine  Nation  der  Erde  besitzt  eine  so  allgemeine  Durchbildung  wie
die  deutsche.  Leider  sind  die  vorliegenden  Materialien  in  Folge  der
staatlichen  Zersplitterung)  viel  zu  lückenhaft  oder  nach  zu  verschiedenen
Normen  aufgestellt,  um  in  einem  Gesammtbilde  das  hieher  Gehörende
zu  vereinigen.  Wir  müssen  auf  die  Notizen  bei  den  einzelnen  Staaten
verweisen.  Hier  nur  einige  allgemeinere  Daten.
Universitäten.  Mit  Einschluss  aller  preussischen  (also  auch  des
ausserhalb  des  Bundesgebiets  befindlichen  Königsberg,  zählt  man  23
Hochschulen  (Universitäten),  nemlich  G  in  Rreussen  Berlin,  Bonn,  Breslau, ­
  Halle,  Greifswalde  und  Königsberg,  ausserdem  Akademie  in  Münster), ­
  1  in  Oesterreich  (Wien,  Prag,  Graz  und  Innsbruck,,  3  in  Bayern
(München,  Würzburg,  Erlangen),  2  in  Baden  (Heidelberg  u.  Freiburg),
je  1  in  Hannover  (Göttingen),  Sachsen  (Leipzig),  Württemberg  (Tübingen), ­
  den  Sächs.  Herzogthümern  (Jena),  Grossh  Hessen  ^Giessen  ,  Kurhessen ­
  (Marburg),  Schleswig-Holstein  (Kiel,  Mecklenburg  Rostock).
Die  Zahl  der  Ijchrer  an  denselben  beträgt  ungef.  19.50  mit  Einschluss
der  Privatdocenten,  Sprach-  und  Exercitienmeister  ;  die  Sludentenzahl
war  anfangs  1SG4  1&amp;amp;,G3b.
Polytechnische  Schulen.  Sie  sind  eine  rasch  aufblühende  Schöpfung
der  Neuzeit.  So  viel  übrigens  auch  die  meisten  der  Anstalten,  welche
diesen  oder  einen  ähnlichen  Namen  führen,  im  Einzelnen  leisten,  so
werden  uns  doch  nur  folgende  7  als  wirklich  vollständige  Polytechnische ­
  Schulen  bezeichnet  '  die  zu  Karlsruhe,  Berlin  die  Bauakademie),
Hannover,  Wien  und  München;  dann  Stuttgart  und  Dresden.  Eine  bes.
Erwähnung  verdient  noch  die  Bergakademie  zu  Freiberg.
Literatur.  In  Deutschland  erschienen  Druckschriften,  ungerechnet ­
  die  Zeitungen  und  Anzeigeblätter  laut  dem  Hinrichs’schen  Vierteljahrs-Katalog) ­
  :
1851  1852  1853  1854  1855  1856  1857  1858  1859  1860  1861  1862  1863
8326  8857  8750  8705  8794  8540  8699  8672  8060  '.&amp;gt;490  9506  9779  9889
Von  der  letzten  Zahl  dürften  etwa  400  Schriften  abzurechnen  sein,
die  nur  auf  Titel  Wiederholungen  von  Lieferungs  werken  beruhen.  Im
Uebrigen  vertheilt  sich  die  Gesammtzahl  von  1803  folgendermassen  ;
Sammelwerke,  Literaturwissenschaft  19b  Schriften,  Theologie  1410;
Jurisprudenz,  Politik  und  Statistik  b90  ;  Heilwissenschaft  44  3,  Naturwissenschaften ­
  505,  Philosophie  91,  Pädagogik,  Schulbücher  7  77,  Jugendschriften ­
  275,  alte  und  oriental.  Sprachen  384,  neuere  Sprachen
302,  Geschichte  059,  Erdbeschreibung  270,  Mathematik  91,  Kriegswissenschaft, ­
  Pferdekunde  201,  Handel  und  Gewerbswesen  393,  Bau-,
Eisenbahn-,  Schiffswesen  171,  Forst-und  Bergwesen  99,  Landwirth-
        <pb n="231" />
        DEUTSCHLAND  —  Sociale,  Oewerbs-  und  Handelsverhiltnisee.  209

Schaft  254,  schöne  Literatur  95(i,  schöne  Künste  458  ,  Volksschriften
214,  Freimaurerei  22,  vermischte  Schriften  437,  slavische  undungar.
Literatur  198,  Karten  179.  —  1864  erschienene  Druckschriften  nur
9564.  (In  Frankreich  war  die  Gesammtzahl  der  1863  erschienenen  Bücher
ohne  Zeitschriften  4768,  siehe  S.  89.)

Die  Zahl  der  Zeitungen,  Wochen-  und  Anzeigeblätter  betrug  nach
einer  (jedoch  wol  nicht  ganz  vollständigen)  Zusammenstellung  vom  Ende
des  J.  1861  1202  (oder  1221  mit  Posen),  nemlich  in

Preussen.  ...  52b  Baden  .  .
Bayern  .  .  13S  Mecklenburg
Sachsen  ....  90  Holstein  .
Deutsch-Oesterreich  77  Kurhessen
Braunschweig  .  .  61  Frankfurt.
ürttemberg  .  60  Hamburg  .
Hannover  ...  58  Reuss  .  .
Sächs.  Herzogth.  .  35  Bremen
Harmstadt  32  Oldenburg
Hierunter  befinden  sich  249  täglich
tungen,  nemlich  :

29  [  Nassau
21  Sch  warzb.  Rudolstadt
19  Lübeck  .  .
13  I  Anhalt  .  .
12  I  Detmold  ....  4
12  Homburg  .  .  .  .  3
12  Luxemburg
10  Waldeck
10  Schaumburg
erscheinende  politische  Zei

71  in  Pr  Bussen,  44  in  Bayern,  3S  in  Deutsch-Oesterreich,  IS  in  den  Kreistädten,
  16  im  Königr.  Sachsen,  15  in  Württemberg,  11  in  Baden,  9  in  Hannover ­
  5  in  Kurhessen,  4  in  den  Sächs.  Herzogthümem,  4  in  Holstein,  4  in  Darmstadt, ­
  3  in  Braunschweig,  3  in  Mecklenburg,  3  in  Nassau,  1  in  Reuss*).  Vergl
unten  :  »Deutsch-österr  Postverein.)
Stimmenyerhältniss  der  Staaten  am  Bundestage.  Im  Plenum  (entscheidend ­
  bei  Einführung  neuer*  organischer  Bestimmungen)  haben
Oesterreich  und  die  5  Königreiche  jedes  4  Stimmen,  Baden,  beide  Hessen, ­
  Holstein  und  Luxemburg  jedes  3,  Braunschweig,  Schwerin  und
Nassau  jeder  2,  alle  übrige  Staaten  jeder  1  Stimme,  zusammen  69.  —

)  Gewerbswesen.  Bei  Bearbeitung  der  beiden  ersten  Auflagen  des  gegenwärtigen ­
  Werkes  schien  es  geeignet,  die  Gewerbegesetzgebung  aller  einzelnen
Maaten  Deutschlands  in  ihren  Grundzügen  zu  erwähnen.  Ob  wol  der  Oegenstend
  eigentlich  nicht  hieher  gehörte,  waren  solche  Angaben  in  einem  Augenblicke ­
  dem  begonnenen  allgemeinen  Kampfes  um  Gewerbefreiheit  wol  nicht  unjvichtig,
  und  wir  freuen  uns,  ebenfalls  einige  Materialien  zur  Entscheidung  geuetert
  zu  haben.  Nachdem  der  Kampf  im  Grundsätze  entschieden  ist,  glauben
Wir  dagegen  den  betreffenden  Raum  zu  anderweiten  Mittheilungen  besser  benu
  zen  zu  können.  Das  Zunftwesen  ist  in  seinen  hemmenden  Formen  gebro-^nen
  ;  leider  noch  nicht  ebenso  das  gleich  schädliche  und  an  sich  sogar  noch
weit  weniger  berechtigte  büreaukratische  Concessionswesen.  Aber  selbst
^ne  vollkommene  Gewerbefreiheit  vermag  ihren  Segen  nur  höchst  unvollkommen ­
  zu  entfalten  ohne  die  Verwirklichung  des  Grundsatzes  eines  deutschen
Maatsbürgerrechts,  mit  der  Befugniss  freier  Niederlassung  in  allen  Orten
i^eutschlands  Ganz  getrennt  davon  kann  das  Ortsbürger-  und  Heimathfan.
  I-  der  Schweiz  thatsächlich  geschieht.  Damit
laut  die  Besorgniss  vor  einer  Auflösung  der  Gemeinde  (wie  in  Frankreich),
nü  es  beseitigt  sich  die  Befürchtung,  dass  die  wohlhabenden  Orte  von  Armen
i^T^^bweramt  und  zu  deren  Erhaltung  gezwungen  würden.  DieUnterhaltungs-I
  if  I  '  nicht  die  Niederlassungs-,  sondern  die  Hei  math  gemeinden,
m  Uebngen  kann  nicht  oft  genug  darauf  hingewiesen  werden,  wie  alljährlich
ausende  tüchtiger  junger  Männer  durch  unsere  schädlichen  Ansässigkeitsgesetze
  in  das  Ausland  getrieben  werden.  Es  ist  kläglich,  wenn  der  Bayer,  der
adener  u.  s.  f.  zu  Paris  und  im  ganzen  übrigen  Frankreich  \del  leichter  zur
nsässigmachung  gelangt,  als  in  seinem  nächsten  deutschen  Nachbarlande
Uder  wol  gar  in  der  engeren  Heimath  selbst  !  '
Kolb,  sutiitik.  4.  Aua.  1A
        <pb n="232" />
        210  DEUTSCHI,AND.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.

Praktisch  wichtiger  ist  die  »  engere  Versammlung.«  Dabei  sind  17  Stimmen ­
  folgendermassen  verthcilt  :  1.  Oesterreich,  2.  Preussen,  3.  Bayern,
4.  Sachsen,  5.  Hannover,  G.  Württemberg,  7.  Baden,  S.  Kurhessen,
9,  Grossh.  Hessen,  10.  Holstein  u.  Lauenburg,  11.  Luxemburg  u.
Limburg,  12.  die  grossherz.  u.  herzogl.  sächsischen  Häuser,  13.  Braunschweig ­
  u.  Nassau,  14.  die  beiden  Mecklenburg,  15.  Oldenburg,  Anhalt, ­
  die  beiden  Schwarzburg,  10.  Liechtenstein,  die  beiden  Reuss,
Schaumburg-Lippe,  Lippe,  Waldeck,  Hessen-Homburg,  17.  die  freien
Städte.  —  In  der  15.  Curie  führt  Oldenburg  */„  ,  Anhalt  "'n  ,  jedes  der
beiden  Schwarzburg  Stimme,  in  der  10.  Curie  jede  der  betheiligten
Regierungen  Vj.
Der  deutsche  Zollverein,  der  erste,  wenn  auch  durchaus  ungenügende
Schritt  zur  materiellen  Einigung  Deutschlands.  Den  Anfang  bildeten
die  Zolleinigungen  des  Grossherz.  Hessen  mit  Preussen,  und  Württembergs ­
  mit  Bayern,  dann  deren  gemeinsame  Verschmelzung.  Die  Zollanschlussverträge ­
  datiren  (abgesehen  von  der  Aufnahme  bloser  Enclaven)
1K2S,  14.  Febr.  Verbindung  Preussens  und  des  Grossh.  Hessen.
17.  Juli.  Anschluss  von  Anhalt.
1829,  3.U.  4.  Jul.  Sachs.-Meiningen  und  Coburg-Gotha.
1831,  10.  Apr.  Waldeck.
Kurhessen.
Bayern  und  Württemberg  (seit  l&amp;gt;*.  Jan.  1828  verbündet),  sainmt
beiden  Hohenzollern.
Könige.  Sachsen.
Thüringen  (8  Staaten).
I  lessen-H  omburg.
Baden.
Nassau.
Frankfurt.
Lippe-Detmold.
Braunschweig.
Luxemburg.
Hannover,  Oldenburg,  Schaumburg-Lippe.

25.  Aug.
1833,  22.  März.

1835.

30.  März.
11.  Mai.
20.  Febr.
-  12.  Mai.
10.  Dec.
1830,  25.  Jan.
1841,  18.  Oct.
-  19.  -
1847,  2.  Apr.
1851.  7.  Sept.

Gebietsumfang  und  Bevölkerung  stiegen  in  folgender  Weise:

Jahr
1828
1831
1834
1837

Q.-M.
5,240
5.293
7,732
8,090

Bevölkerung
13'295,254
13’930,547
2:&amp;gt;’478,120
20’008,'.(7:i

Jahr
|S43
1852
1858
1801

Q.-M.
8,245
9,045
9.045
9.045

Bevölkerung
28’198,130
32’559,055
33’512,407
31’070.277

Der  Zollverein  umlässt  alle  deutschen  Länder  (zudem  das  nichtdeutsche ­
  Preussen  ,  ausgenommen  folgende  neun  Staaten  :  Oesterreich
sammt  Liechtenstein,  beide  Mecklenburg,  die  3  Hansestädte,  Holstein
und  Limburg.
Die  Gesammteinnahme,  1830erst  I  l’SOS,55  1,  1835  10’880,180,
und  1811  22’255,204  Thlr.  ohne  Rübensteuer)  betrug  Thaler:

ohne  Rübenzuckersteuer

1847
1848
1849
1850
1851
1852
1853
1854
1855

27'552,990
22’099,299
23’049,730
22’948,809
23’250,050
24’409,721
22’010,154
23’157,408
20’323,371

mit  derselben
27’834,088
23’083,13S
24*144,573
23’525,092
24*720,895
20*307,985
24*187,528
20*751,308
30*101,059

ohne  Rübenzuckersteuer
1850  20*150,450
1857  20*595,788
1858  28*000,592
1859  23*757,542
1800  24*205,108
1801  25*902,751
1802  25*840,427
1803  25*741,104

mit  derselben
30*524,410
32*201,100
35*797,205
32*811,138
31*992,720
        <pb n="233" />
        14

DEUTSCHLAND.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverháltnigse.  211

.  Es  ist  hiebei  zu  bemerken,  dass  der  Zoll  von  fremdem  Zucker,  im
J.  1846  6’793,225  Thlr.,  also  beiläufig  %  der  ganzen  Einnahme  auslachend,
  in  iolge  der  Runkelrübenzuckerfabrikation,  1800  auf  etwa
400,000  Thlr.  herabsank.  —  Auf  jeden  Kopf  der  Bevölkerung  kamen
netto,  nach  Sgr.  und  Pfenn.:

1830
26.1

1835
21.7

1842
25.0

1847
2S3

1848
23.6

1854
24.9

1857  1858
26.10  29.11

1859
26.9

fuhrart
1’06S,697
157,067
4,313
7,949
47,898
34,663
29,343
184,782
256,441
157,085
452,917
154,279
27,984
11,487
470,097
23,915
21,097
93,332
170,271
58,746

Die  wichtigsten  Ein
Hohe  Baumwolle  .  Cntr.
Baumwollgarn,  ungebleicht,
1  und  2drähtiges  .
~—  3  und  mehrdrähtiges
Haumwollwaaren  .
Chemische  Fabrikate
Eisenvitriol  .  .  .
Krapp
Aloe  .
Harze
Salpeter
Schwefel  ....
Aussereurop.  Hölzer.
"«Hro
Getrocknete  Cichorien
Farbhülzer  in  Blöcken
gemahlen
Kupfervitriol
Soda  .  .
Fottasche  .
Terjientinöl
Hüheisen  1858  5*253,155,
I860  2*185,937,  1862
3*056,303  Cntr.  .  .  .
Gesehmied.u.  gewalzt.Eisen
Eisenbahnschienen
Hob-  u.  Cementstahl
Eisenstäbe  unter  '/,  Q.-Caçonnirtes
  Eisen  1858
•09,677,  1860  61,58
•H12  84,432  .  .  .
Ganz  grobe  Eisenwaaren  .
rohe  Eisen-u.  Stahlwaaren
ditto
usen-  u.  Stahlstein  .  .  .
Flachs,  Werg,  Hanf  .  .  .
"  1‘izen  1858  3*518,487  Schfl.
18.59  2*476,978,  1860
062,575,  1862  8*802,836
Koggen  1858  5*332,900,
18.59  7*216,902,  i860
*095,445,  1862  6*905,996  4*668,675
Gerste  1858  977,375,  1859
•*^S,063,  I860  802,345,
|862  2*157,360  ....
^-‘""«aat  Cntr

ikel  waren  1863  (in  Centnern):

Zoll

3*114,068
107,194
90,815
44,868
26,503

120,818
214,375
66,231
9,533
603,221
337,305

3*010,753

1*753,536
395,951

Rapssaat
Rohe  Häute  u.  Felle  .  .
Rohes  Maschinengarn  .  .
Gebleichtes  u.  gefärbt,  Garn
Zwirn
Branntwein
Wein  1858  222,341,  1859
247,569,  1860  204,259,
1862  201,762  ....
in  Flaschen  ....
Häringe
Kaffee  1858  1*342,027,  1859
1’265,180,  1860  1*309,119
1862  1*348,262  ....
Käse
Mühlenfabrikate  1858
173,451,  I860  270,168,
1862  401,506  ....
Geschälter  Reis  ....
Syrup  1858  24,976,  1859
48,914,  1860  71,608,  1862
,102,319
I  Un  verarbeit  Rauchtabak  .
Fabricirter
'l’hee
Rohzucker  für  Siedereien
•  858  526,631,  1859  229,891,
I860  78,566,  1862  464,369  430,.531
Oel  in  Fässern  850,429
Rohseide  23,876
Seidenwaaren  .  ...  5  889
Talg  1858  59,037,  1860  22,039,
1862  86,852  63,604
Rohe  Schafwolle  ....  454,804
Gezwirntes  Wollengarn  .  .  13,919
Bedruckte  Wollenwaaren  .  2(979
Gewalkte  unbedruckte  ditto  28,714
Ungefärbtes  Wollengarn  .  210,113
Zinn  in  Blöcken  ....  46,440
Bücher  und  Landkarten  27,527
Federn  u.  Federspulen  .  47,065
Gesalzene  Fische  ....  69,682
Getrocknetes  Obst  .  .  .  184,669
Thran  173,162
Salz  613,918

790,605
542,650
117,260
44,803
13,041
44,855

205,443
42,450
489,314

1’334,743
51,125

235,331
582,487

90,998
572,905
7,592
15,842

Besondere  Erwähnung  verdient  die  Baumwolleeinfuhr.  Dieselbe
at  sich  im  Zollvereine  weit  mehr  gehoben  als  selbst  in  Frankreich,  ob-K
  oich  unsere  Gesammtziffer  allerdings  noch  zurücksteht,  und  obwol
        <pb n="234" />
        212  DEUTSCHLAND.  —Sociale,  Oewerbs-  und  Handelsverhältnisse.

dabei  auch  noch  die  Wiederausfuhr  abzuziehen  ist.  Die  Einfuhr  betrug
Cntr.  ;

1834  1835  1840  1845  1850  1855  1859
in  Frankreich  7:58,700  775,200  1’058,840  1’215,1G0  1’080,320  r522,720  1’633,580
im  Zollvereine  175,377  120,013  334,527  446,470  494,208  982,888  I'321,884
18()0  betrug  die  Einfuhr  roher  Baumwolle  im  Zollvereine  l’720,(j91  Cntr.,
18G1  2’0ü2,681,  1862  l’ü63,791.
An  baumwollenen  Stuhl-  und  Strumpfwaaren  exportirte  der  Zollverein
1846  etwa  70,000  Cntr  ,  1854  —  57  jährlich  gegen  200,000,  1858  312,352  Cntr.;
an  Wollenwaaren  1846  82,000,  1854  190,000,  1858  212,000  Cntr.  ;  an  Seidenwaaren
  1846  12,300,  1854  28,400,  1858  42,666  Cntr.
Der  Geldwerth  der  Ganzfabrikate  stieg  (nach  Schätzung)  von  98Mill.  Thlr.
1844  auf  190  im  J.  1857,  und  203%  1858.
Der  Werth  des  Ueberschusses  der  Ausfuhr  von  Fabrikaten  über  die  Einfuhr ­
  derselben  Artikel  hob  sich  von  71  Mill.  Thlr.  im  J.  1844  auf  148  1857,  und
168%  1858.
Die  Runkelrübenzuckerfabrikation  im  Zollvereinsgebiete,  welche
1  erst  506,923  Cntr.  Rüben  verarbeitete,  stellte  sich  seitdem  so;

Zahl  der
Fabriken
18'%.  227
18'%.  222
18"%.  216
18'%,  233
18'%.  249

Versteuerte
Rüben
18’469,890  Cntr.
19’188,403  -
21’839,799  -
27’551,208  -
28’915,134  -

Zahl  der
Fabriken
I  18'%.  257
18"/..  256
18'%,  247
18'%,  247
18'%,  .  .  .
18'%.  253

Versteuerte
Rüben
36’668,557  Cntr.
34*399,317  -
29*354,031  -
31*692,394  -
36*138,863  -
39*911,520  -

Die  Steuer  betrug  lange  3  Sgr.  vom  Cntr.  grüne  Rüben  (20  Cntr.  angenommen ­
  zu  1  Cntr.  Rohzucker),  von  1853  an  6  Sgr.,  seit  1.  Sept.  1858  7%  Sgr.  =
5  Tblr.  per  Cntr.  Zucker.  Indess  wird  thatsächlich  ein  grösseres  Zuckerquantum ­
  aus  den  Rüben  gewonnen.  Früher  rechnete  man  5%  Cntr.  rohe  für  1  Cntr.

getrocknete  Rüben;  dann  blos  5  auf  1  ,  nunmehr  schon  4®/.  Cntr.  auf  1.
Von  den  Fabriken  waren  1864:  221  in  l’reussen  sammt  Anhalt  (letzte  29),  14  in

Braunschweig,  6  in  Bayern,  6  in  Württemberg,  2  in  Thüringen,  je  1  in  Sachsen,
Hannover,  Kurhessen  und  Baden  (die  letzte,  zu  Waghäusel,  die  grösste  von
allen,  mit  etwa  500,000  Cntr.  Rüben).  —  Der  Rübensteuerertrag  war  18*”/.,
erst  40,247  Thlr.,  18**/.,i  194,520,  18*%.  576,283,  18*%,  1*472,430,  18'%,
2*171,709,  18*%.  3*693,978,  18*%,  5*510,241,  18*%.  9*167,139,  l8'*/„  7*923,098,
18'%,  9*034,716  Thlr.

In  den  im  en  gern  Steuer  verband  befindlichen  Staaten  Preussen,
  Sachsen  u.  Thüringen  wurden  1862  an  Branntweinsteuer  9’61  0,9  16
Thlr.  erhoben  ;  ferner  an  Uebergangsabgaben  für  Wein  und  für  Tabak
354,385.  —  1863  betrug  die  Uebergangssteuer  v.  Tabak  allein  324,947

Thlr.

Gesammtindastrie.  In  Bezug  auf  die  Staaten  des  Zollvereins  liegen
wenigstens  Anfänge  von  Zusammenstellungen  vor,  aus  denen  wir  einige
Notizen  entnehmen.

Bergwesen  *)  Jahre  Gruben
1860  5491
1862  4818
Davon  kamen  auf:
Steinkohlen  1860  677
1862  688
Braunkohlen  1860  912
1862  833
Eisenerze  1860  2843
1862  2347

Production
376*085,478  Cntr.
471*773,227  -
246*956,560  -
311*525,560  -
87*653,287  -
101*687,984  -
28*015,637  -
44*320,414  -

Geldwerth
41*604,251  Thlr.
44*268,699  -
26*379,199  -
27*699,298  -
4*408,090  -
4*703,363  -
2*608,795  -
3*601,008  -

Arbeiter
83,154
88,206
18,935
19,648
18,481
23,754

')  »Tabellen  über  die  Production  des  Bergwerks-,  Hütten-  u.  Salinenbe-
        <pb n="235" />
        VJC

DEUTSCHLAND.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.  213

¡Í

Im  J.  18b2  lieferten  zur  Production  —  Centner:

Steinkohlen
l’reussen  .  2(&amp;gt;r767,816

Sachsen
Hannover.
Bayern
Kurhessen
l’hüringen
Baden  .  .

34*621,43«
7*206,759
4*424,402
2*833,239
484,369
187.519

Braunkohlen
Preussen  .  76*140,999
7*672,903

Sachsen  .
Anhalt  .
Thüringen
Kurhessen

Eisenerze
Preussen  24*277,240
Luxemburg
Nassau  .  .
Hannover  .
Bayern  .  .
Sachsen.  .
Württerabg
Gr.  Hessen

7*890,000
5*352,946
2*370,387
1*032,957
1*002,199
540,542
590,594

6*815,907
3*466,424
2*524,660
Braunschweig  2*388,352
Nassau  .  .  1*019,651
¡  Bayern  .  911,403
I  Gr.  Hessen  639,371
j  Hannover  .  108,314
Die  Zahl  der  Hütten  war  1699,  das  Productionsquantum  29*891,099
Cntr.,  Geldwerth  96*925,638  Thlr.  —  Es  waren  darunter:  Roheisen  in
Gänzen  und  Masseln  12*682,410  Zollctr.,  Rohstahleisen  231,454,  Gusswaaren
  unmittelbar  aus  Erzen  1*013,131,  Gusswaaren  aus  Roheisen
2*638,574,  Stab-und  gewalztes  Eisen  8*263,465,  Eisenblech  1*056,357,
Eisendraht  560,084,  endlich  Stahl  818,327  Zollctr.—  Dem  Geldwerthe
nach  steht  die  Production  von  Stabeisen  und  gewalztem  Eisen  mit
29*956,1  33  Thlr.  am  höchsten;  es  folgt  Roheisen  in  Gänzen  und  Masseln ­
  mit  16*533,382  Thlr.,  Gusswaaren  aus  Roheisen  mit  9*785,019,
Eisenblech  5*190,139,  Silber  (127,971  Pfd.)  mit  3*794,772  Thlr.  An
Gold  wurden  19  Pfd.  (10  Pfund  in  Sachsen  und  9  Pfund  auf  den  hannoverisch ­
  -  braunschweigischen  Communion  -  Bezirken)  gewonnen.  —  Der
Salinen  betrieb  weist  ein  Quantum  von  überhaupt  7*857,652  Cntr.
gegen  6*580,593  Cntr.  in  i860  auf.  In  der  Hauptsumme  ergibt  die  Tabelle ­
  für  Gruben,  Hütten  und  Salinen  :  6615  Werke,  509*432,088  Cntr.,
146*439,539  Thlr.  Werth  (wobei  jedoch  der  Geldwerth  der  Erze  doppelt ­
  aufgeführt  ist,  bei  den  Gruben  und  den  Hütten)  und  264,482  Arbeiter. ­
  Von  letzteren  wurden  in  I860  nur  250,187  gezählt.
Gewerbsindustrie.  Wir  entnehmen  der  vom  Centralbureau  des  Zollvereins ­
  gefertigten  Hauptzusammenstellung  der  desfallsigen  Ergebnisse
der  Aufnahme  von  1861  folgende  Daten;
a.  Maschinen  Spinnerei  u.  Zwirnerei:  223  Handkämmereien,  Leistenspinnereien ­
  und  Haarspinnereien,  1777  Streichgarn-  und  llalbwollgarniVigogne-)
  Spinnereien  mit  1*117,862  Feinspindeln,  146  Kammgarnspinnereien
mif.  M  Ci.l  Ol  ti  U,  f  1  ^  ^

bereitungsanstalten,  38  Flachs-,  Hanf-  und  Wergspinnereien  mit  78,064  Feinspindeln ­
  für  Flachsgarn,  396  für  Hanfgarn  und  56,032  Feinspindeln  für  Wergi^rn,
  419  Fabriken  für  Zwirn-,  Strick-,  Stick-  und  Nähgarn  aus  Wolle,  Baumwolle ­
  und  Ivcinen.
b.  Weberei,  Zeug-  und  Bandwaarenmanufactur:  1067  Tuchfabriken ­
  mit  2592  Maschinenstühlen  ,  622  Fahr,  für  andere  wollene  und  halbwollene ­
  Zeuge  (ausschliesslich  Shawls  und  Teppiche)  mit  3655  Maschinenstühlen,
1072  Walkmühlen,  940  Fahr,  für  baumwollene  und  halbbaumwollene  Zeuge
mit  23,491  Maschinenstühlen,  301  Fabriken  für  leinene  Zeuge  mit  350,  und  314
Fahr,  für  Seiden-,  Sammt-,  Seidenband-  und  Sammtbandwaaren  mit  1270  Maschinenstühlen, ­
  60  Shawlsfabriken  mit  867  Maschinen-  und  1229  Handstühlen,
45  Teppichfabriken  mit  250  Maschinen-  und  293  Handstühlen,  354  Fahr,  für
Bänder,  Idtzen,  Posamentirwaaren  (jedoch  ohne  die  in  Seide  und  als  leonische
triebs  im  Zollvereine  für  das  Jahr  1862.«  'Diese  Tabellen  sind  so  ungeschickt
und  so  wenig  übersichtlich  als  möglich  gedruckt.)

Í  [  /
        <pb n="236" />
        MÊOmr

■  '  *  ‘  M.

214  DEUTSCHLAND.  —Sociale,  Gewerbs-und  Handel.sverhältnisse.
■\yaaren  gearbeiteten  Bänder  und  Tressen)  ,  in  welchen  2843  Maschinen  -  und
mit  der  Hand  bewegte  Müblenstühle  und  1019  gewöhnliche  Band-  und  Posanientirstühle
  gehen,  endlich  279  Etablissements  für  Strumpfwaaren  mit  4236
Maschinenstühlen  u.  103  Fabriken  für  Tüll,  Bobbinets  u.  Spitzen,  einschliesslich ­
  der  Klöppelei  mit  50  Handstühlen.  —  Webstühle:  32,882  in  Seiden-,
Halbseiden-,  Sammt-,  Seidenband-  und  Sammtbandwaaren,  151,451  Webstühle
in  Baumwolle  und  Halbbaumwolle,  120,229  in  Leinen,  39,833  in  Wolle  und
Halbwolle,  29,944  in  der  Strumpfweberei  und-Wirkerei,  5014  für  Bänder,  14,966
Webstühle  sind  in  den  andern  Gewerben  im  Gange  ;  ausserdem  gehen  als  Nebenbeschäftigung ­
  noch  370,970  Webstühle  zu  Leinwand,  6284  Stühle  zu  groben
wollenen  Zeugen  und  10,715  für  andere  Gewebe.
c.  Bleichanstalten,  Färbereien,  Druckereien:  403  Garnbleichen
und  -Siedereien,  475  Stückbleichen  und  Appreturanstalten  für  Weissbleichen,
47  Türkischrothfärbereien,  834  andere  Garnfärbereien  in  Baumwolle  u.  Wolle,
177  Garn-  und  Stückfärbereien  und  A^iprctnranstalten  für  Seiden-  und  1077  für
andere  Waaren,  endlich  640  ])ruckereien  für  Zeuge  aller  Art.  Wachstuch-  und
Wachstaiftfabriken  63.
d.  Metallproduction  und  Metallwaarenfabrikation  :  1044  Eisenwerke ­
  (einschliesslich  der  Hütten  für  llohstahleisen  und  der  Eisenwalzwerke)
setzen  510  Hohöfen,  886  Frischfeuer,  992  Puddlings-,  729  Schweiss-,  469  Kuppel- ­
  und  237  Flammöfen  in  Betrieb  ;  ferner  bestehen  207  Eisendrahtwerke,  296
Stahlwerke  (einschliesslich  der  Stahlwalz-  und  Stahldrahtwerke)  mit  97  Frischfeuer ­
  für  Koh-  oder  Schmelzstahl,  427  Kaffinirfeuer  für  Grobstahl,  52  Cementöfen
  für  Cementstahl  und  372  Tiegelöfen  für  Gussstahl.  —  Blei-  und  Silberwerke ­
  zählt  der  Zollverein  74,  Zinkwerke  54,  Kupferwerke  105,  Messingwerke
58  ;  für  Zinn,  Arsenik,  Schwefel,  Vitriol,  Alaun,  Gold,  Quecksilber,  Antimon,
Wismuth,  Kobalt  und  Nickel  aber  62  Werke  im  Ganzen.  —  Metallwaarenfabrikation ­
  :  715  Fabriken  für  Maschinen,  146  l'äsenbahn-  und  andere  Wagenfabriken ­
  ;  543  Anstalten  für  Hecheln,  Kämme,  Jacquard-Maschinen-Karten  etc.,
982  Eisen-  und  Blechwaarenf.,  Nägel-,  Drahtstift-,  Schraubenfabr.,  548  Stahlwaaren-
  und  Schneidewaarenfabr.,  421  Eisengiessereien,  98  Gewehr-und  Blankwaffenfabriken, ­
  139  Pulvermühlen,  Schrot-  und  Zündhütchenfabr.,  65  Nähnadelfabr.,
  50  Steck-,  Stricknadel-,  Haarnadel-  u.  dgl.  Fabriken,  296  Gold-  und
Silberwaarenmanufacturen,  ferner  leonische  Waaren  -  und  imitirte  Gold-  und
Silberwaarenfabriken,  45  Fabriken  von  Neugold-,  Neusilber-,  187  für  Kupfer-,
Bronze-,  Messingwaaren,  sowie  galvanoplastische  Anstalten.
e.  Bereitung  von  mineralischen  und  ge  misch  ten'St  offen  für
gewerblich-officinelle  und  häusliche  Zwecke:  5087  Kalkbrennesniegelglasf.,

  102  Porzellanf.,  195  Steingut-  und  andere  Irdwaarenf.,
üblen  und  -Bafhnericn,  2036  Lohmühlen  ,  11,328  Sägemühlen  und

werke,  17  Si
9782  Oelmül
Fournierschneidereien,  1154  l’ott-und  W  aidasche-,  auch  Flusssiedereien,  897
Theeröfen,  105  Fabriken  von  gefärbtem  und  lackirtem  ],eder,  366  ]Leimsiedereien ­
  ,  244  Wachsbleichen,  336  Stearin-  und  ordinäre  Seifenfabriken,  endlich
600  Knochenmühlen,  Beinschwarz-,  Poudrette-,  Kunstdüngerfabriken  u.  Bluttrocknungsanstalten. ­

f.  II  o  1  z  w  a  a  r  e  n  ,  P  a  p  i  e  r  u  n  d  k  u  r  z  e  W  a  a  r  e  n  :  1321  Spielwaarenfabr.,
891  Papier-,  164  lapetenfabr.,  295  für  Lederwaaren  und  Cartonnage,  82  für
Spielkarten,  373  für  Steinpappe  u.  Papiermaché-Waaren,  496  für  Strolihüte  etc.
g.  Für  Verzehrungsgegenstände:  59,118  Getreidemühlen,  wovon
39,415  Wasser-,  840  Danmf-,  16,815  Windmühlen;  19,234  Bierbrauereien,  70
Schaumweinfabr.,  33,208  Destilliranstalten.
h.  Literarischer  Verkehr:  1543  Buch-,  1224  Kupfer-etc.  Druckereien, ­
  1714  Buchhandlungen.
Die  Zahl  der  Dampfmaschinen  betrug  13,525  mit  599,172  Pferdekraft.
Hievon  kamen  auf  :
        <pb n="237" />
        DEUTSCliLANl).  —  Sociale,  Oewerbs-  und  Handelsverháltnisse.  215

Kohproduction  (sammt  Bergbau;  2752  Masch.  mit  1)2,535  Pfk
Fabrikation  6361  -  -  61,118
Transport  (Locomot.,  Dampfsch.  3412  -  -414,518

Von  der  Gesammtsumme  trafen  auf  die  einzelnen  Staaten  ;

Preussen  .  .
Bayern  .  .  .
K.  Sachsen
Hannover  .
Württemberg  .

Masch.  Pferdekr.
8666  365,631
886  77,886
1234  46,466
666  27,737
388  28,466

I  Baden  .  .  .
I  Gr.  Hessen
I  Thüringen  .  .
I  Braunschweig.

Masch.  Pferdekr.
348  3,415
258  2,744
243  21,385
261  1,986

Offenbar  wirkt  auf  das  Zahlenverhältniss  die  Grösse  der  Wasserkräfte ­

  und  der  Preis  der  übrigen  Brennmaterialien  (Holz  und  Torf)  bedeutend ­
  ein.

Es  gibt  im  Ganzen,  ungerechnet  die  Mühlen  etc.,  fast  180,000
fabrikmässig  betriebene  Anstalten.  —  Die  Handelsflotte  zur  See  umfasste ­
  2827  Segel-  und  55  Dampfschifife,  erste  mit  271,773  Schiffslasten ­
  (543,516  Tonnen),  letzte  mit  2944  Pferdekr.  Die  Fluss-  und
Binnenseeschifff.  zählte  ausserdem  17,374  Segel-  und  254  Dampfschiffe.
—  Chausseen  10,283Meil.  —  Eisenbahnen  1861:  125  mit  1482.7
geogr.  Meil.  Länge  (vergl.  übrigens  unten  S.  216).
Gesammtbandel.  Den  Gesammtgeldwerth  der  Einfuhr  (ohne  Ausund
  Durchfuhr)  berechnete  Dieterici  folgendermassen  :  *)

1853:  203’631,986  Thlr.  I  1855:  267’0SO,821  Thlr.
1854:  255'532,231  -  |  1856:  3ü3’002,66ü  -
Hievon  kamen  1856  auf  die  einzelnen  Hauptpositionen:

A.  Früchte  und  Vieh:  Getreide  24*317,628,  Sämereien  und  Beeren  Thaler
6*307,062,  Gartengewächse  und  Obst  1*168,307,  Schlacht-  und
Zugvieh  7*304,484  =  42*067,811
B.  Andere  Verzehrungsgegemtände  •  Mühlefabrikate  4*126,610,
Thiere  u.  thierisehe  Producte  (Fleisch,  Butter  etc.)  5*143,487  ;
geistige  Getränke  2*662,346  ;  Colonialwaaren  und  Südfrüchte
32*626,676;  sonstige  Es.swaaren  421,087;  Tabak  11*770,630  =  57*054,736
C.  Fohstoffe.  und  Halhfabrikate  :  Kohstoffe,  Brennstoffe,  Erze,
Webestofle,  Häute  87*450,533  ;  Färbe-  und  chemische  Stoffe
10*613,601;  Fette  und  Gele  17*647,516;  Metalle  13*464,666;
Garne  42*315,364  ;  Leder  581,126;  sonstige  Halbfabrikate
253,560  =  172*626,666
D.  Manufaktur-  und  Jnduetriewaaren  :  Webewaaren  16*651,082;
aus  Borsten,  Papier  etc.  572,560  ;  Leder-  u.  Kürschnerwaaren
842,626  ;  Bein-,  Holz-,  Glas-,  Steinwaaren  4*026,277;  Metallwaaren
  2*206,243  ;  Instrumente  und  kurze  Waaren  621,320;
ehemische  Fabrikate  1*375,233  ;  Bücher  etc.  2*127,413  =.  28*725,784
E.  Sonntige  (legenetünde  2*467,630

Der  Betrag  des  Generalhandels  (also  Ein-,  Aus-  und  Durchfuhr) ­
  wird  von  Otto  Hübner  in  Thlr.  so  geschätzt  :

1850  1851  1852  1853  1854
432*831,700  447*726,846  471*106,60!  560*822,124  725*257,466
Derselbe  berechnet  den  Werth  des  Zollverein-Verkehrs
Jahre  Einfuhr  Ausfuhr  Durchfuhr
1856  330,304,686  307*345,780  124*575,463
1860  371*151,286  353*258,621  140*916,255
1861  402*078,173  354*068,646  150*482,788

1855
761*368,286
(in  Thlr.)  :

*)  Eine  amtliche  Wertherhebung  findet  nicht  statt;  man  ist  also  auf  blose
Schätzungen  hingewiesen  und  hat  selbst  sehr  veraltete  zu  berücksichtigen,  wenn
sie  mit  einiger  Kenntniss  auf  das  Detail  eingehen.
        <pb n="238" />
        216  DEUTSCHLAND.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handels  Verhältnisse.

Zur  Vergleichung  setzen  wir  bei  :
Jahre  Einfuhr  Ausfuhr  Durchfuhr
IMO  181’t*59,146  172’948,1H)  7S’.'&amp;gt;09,i:tH
1857  354’900,381  353’Ü93,127  J44’04ft,942
1858  321'528,183  350'830,792  lll’S22,35&amp;lt;)
Allerdings  sind  seit  1850  mehrere  Staaten  dem  Zollverein  erst  beigetreten. ­
  Immerhin  ist  die  Ein-  und  Ausfuhr  (ohne  Durchfuhr)  dermassen ­
  gestiegen,  dass  sie  nach  diesen  Berechnungen  auf  jeden  Kopf
der  Bevölkerung  betrug  ;
1850  8  Thlr.  m50
51  12,1
12,5

52
53
54
55

14
20,4
19,1

58
59
00
01

20.3  Thlr.
21.3
20,1
18,9
21.5
22.5

Eisenbahnen.  Die  zum  Vereine  deutscher  Eisenbahnverwaltungen
gehörigen  Schienenwege  hatten  Mitte  1864  eine  Länge  von  2541  Meil.
Rechnete  man  blos  die  im  Bundesgebiete  (mit  dem  ausserdeutschen
Preussen)  befahrenen  Strecken,  so  ergaben  sich  nach  einer  (doch  der
Berichtigung  bedürfenden)*)  Zusammenstellung  2145  Meilen.  Davon
kommen  auf  Preussen  830,  Deutsch-Oesterreich  4  14,  Bayern  304,  Hannover ­
  120,  Sachsen  76,  Württemberg  66,  Baden  76,  Ürossh.  Hessen
42,  Kurhessen  42,  Schleswig-Holstein  und  Lauenburg  50,  Nassau  33,
Schwerin  30,  Braunschweig  19,  Luxemb.-Limburg  17,  Anhalt  15,  Meiningen ­
  13,  Weimar  12,  Coburg  -  Gotha  12,  Altenburg  5,  Oldenburg  2,
Homburg  1,  die  freien  Städte  7.  Nur  5  kleine  deutsclic  Staaten  sind
ganz  ohne  Schienenwege  :  beide  Schwarzburg.  Waldeck,  Lippe-Detmold
und  Liechtenstein,  zusammen  77  Quadr.-Meil  mit  312,000  Bew.  umfassend, ­
  sonach  etwa  der  Hälfte  eines  franz.  Departements  gleich.**)

*)  So  sind  z.  B.  die  bedeutend  grösseren  österr.  Meilen  einfach  als  deutsche ­
  Meilen  angesetzt.
**)  Im  J  1855,  als  erst  1407  Meil.  im  Betriebe  standen,  hatten  diese  Bahnen
039’995,000  Thlr.  gekostet,  =  die  Meile  durchschn.  454,940  (gleichzeitig  die
Meile  in  Frankreich  770,000)  Thlr.  —  Im  J.  1859  standen  im  deutschen  hnsenbahnvereine
  (also  mit  Gesammt-Oesterreich  bereits  in  Verwendung:  3020  Locomotiven
  (1801  :  4055,  wov.  2877  auf  Privat-,  1178  auf  Staats!).),  7079  Personenwagen ­
  mit  290,028  Plätzen  und  01,703  Lastwagen  von  8'07o,578  Cntr.  Befördert ­
  wurden  im  genannten  Jahre  Ol'l  15,705  Personen  und  523’487,199  Cntr.
Güter.  Von  jener  Personenzahl,  die  im  Ganzen  400’920,222  Meil.  zurücklegte
wurden  15  verletzt  und  5  getödtet,  unter  den  letzten  nur  Einer  unverschuldet’
Auf  20’040,000  Meilen  (Entfernung  wie  von  der  Erde  zur  Sonne)  kam  also  auf
den  deutschen  Bahnen  die  Beschädigung  Eines  Reisenden  ;  dagegen  sind  die
Elsenbahnangestellten  allerdings  bedeutenden  Gefahren  ausgesetzt  —  1800
wurden  13  Reisende  beschädigt  und  5  getödtet  (von  der  Ge.sammtzahl  5  unverschuldet) ­
  ;  dagegen  betrug  die  Zahl  der  getödteten  Bediensteten  und  Arbeiter
115  (7  unverschuldet),  der  sonst  beschädigten  225  (20  unverschuldet  Von  andern ­
  als  den  bisher  genannten  Personen  fanden  durch  die  Eisenbahn  90  ihren
Tod  und  34  wurden  beschädigt;  30  darunter  hatten  die  Bahnen  in  selbstmörderischer ­
  Absicht  betreten,  und  sind  auch  34  davon  wirklich  getödtet  worden
Alle  diese  hier  zuletzt  genannten  124  Personen  haben  aber,  mit  Ausnahme  von
nur  2,  die  sie  betroffenen  Unfälle  sich  selbst  zuzuschreibeii,  und  zwar  hauptsächlich ­
  wegen  unbefugten  Betretens  der  Bahnhöfe  oder  der  Geleise.  Fasst  man
die  Zahl  sämmtlicher  Unfälle  zusammen,  so  ergeben  sich  im  Ganzen  272  blose
Verletzungen  an  Personen,  und  sind  210  Verluste  von  Menschenleben  zu  beklagen, ­
  worunter  48  Beschädigungen  und  11  Tödtungen  ohne  Selbstverschulden
        <pb n="239" />
        PHEUSSENs  —  Sociale,  Gewerbs-  und  HandeUverhältninse.  217

Zahl  der  Vereina-Stationen


Telegraphie.  Der  »Deutsch-österreichische  Telegraphenverein«  umfasste ­
  am  1,  Jan.  1864  mit  Einschluss  von  Holland  9  Staaten,  nemlich  :
Länge  der  Vereinslinien ­

g«  ogr.  Meilrn
2208,1
1524,.3
379,5
248,0
214,7

Oesterreich
Preussen
Bayern  .  .
Niederlande
Württemberg
Hannover  ,
Sachsen
Baden
Mecklenburg

300
296
73
63
81
46
26
79
17

Zusammen  981

239,4
138.6
194.7
_58^
5205,6

Gesammtlänge
der  Drähte
geogT.  Mrilen
3904,0
4740,8
775.2
617,7
283.3
481,9
204.6
425.6
73,2
11.506.5

Am  1.  Jan.  1856  waren  erst  vorhanden  :  234  Stationen,  2317,7  M.  Linien
und  3889,8  M.  Leitung.
Deutsch  •  Österreichischer  Postverband.  Im  J.  1862  betrug  die  gesammte
  Postbeförderung  345’.502,000  Briefe  und  185'471,062  Zeitungsblätter. ­
  Das  Verhältniss  war  aber  nicht  das  gleiche  in  den  verschiedenen
Gebieten  des  Postvereins,  wie  folgende  Aufstellung  zeigt,  wobei  wir
zugleich  berechnen,  wiewiel  auf  jeden  Kopf  der  Bevölkerung  kommen  :

im  Ganzen  :

auf  d.  Kopf:

Briefe  Zeitungen  Briefe  Zeitgn.
10’233,000  5’023,410  7,47  3,66
28’126,000  38*083,248  5,99  8,12
1*544,000  1*218,137  5,63  4,44
852.000  10,710  8,50  0,l0
9*886.000  5*553,767  5,23  2,94
352.000  166,243  7,14  3,36
998.000  224,693  4,99  1,12
3*578,000  1*652,472  6,54  3,00
413.000  128,867  4,17  1,30
112*600,000  34*764,914  3,19  0,98
1*572,000  1*813,084  5,34  6,19
127*876,000  69*949,548  6,82  3,73
15*992,000  7*441,389  6,77  3,15
20*192,000  11*702,170  6,57  3,81
11*288,000  7*738,410  6,50  4,49
345*502,000  185*471,062  4,85  2,65~
Vergleichen  wir  damit  die  Ergebnisse  in  einigen  ausserdeutschen
Ländern,  die  wir  sämmtlich  v.  J.  1863  anfügen  können  :
Grossbritannien  .  .  642*000,000  610*000,000  21,98  20,82
Frankreich  .  .  .  290’000,000  212*000,000  7,70  5,65
Italien  79*616,000  45*327,000  3,65  2,08
Schweiz  33*311,200  23*463,470  12,73  9,35
Man  wird  bemerken,  dass  bei  den  kleinen  deutschen  Gebieten,
z.  B.  den  Hansestädten,  specielle  Verhältnisse  die  Zahlengrösse  stören.
In  den  grösseren  Gebieten  aber  ist  das  Verhältniss  unverkennbar  be-Baden

  .  .  .
Bayern  .  .  .
Braunschweig
Bremen  .  .
Hannover  .
Lübeck
Luxemburg  .
Meck  lenbiirg-Sch  werin
Strelitz
Oesterreich  .  .
Oldenburg  .  .
Preussen  .  .
Sachsen  .  .  .
Thurn  und  Taxis
Württemberg
Durchschnitt

*)  Bei  Preussen  ist  Anhalt,  M’aldeck  und  ein  Theil  von  Sondershausen,  bei
Sachsen  ebenso  Altenburg  einbegriffen.  —  Von  Hamburg  fehlen  übrigens
auch  jetzt  noch  alle  Mittheilungen.  Da  in  Bremen  und  Lübeck  mehrere  Postämter ­
  bestehen,  so  ist  ein  Theil  des  dortigen  Postverkehrs  offenbar  den  auswärtigen ­
  Posten  beigerechnet,  die  Summe  für  diese  Städte  also  eine  zu  geringe.
        <pb n="240" />
        •  *  ‘  u

218  DWJTSCIILAXD.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.

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zeichnend.  Wenn  die  Durchschnittszahl  für  das  ganze  Vereinsgebiet
sich  so  niedrig  stellt,  so  ist  augenscheinlich  das  Ergebniss  in  Oesterreich
mit  seiner  meist  uncultivirten  nichtdeutschen  Bevölkerung  das  hier  am
meisten  einwirkende  Moment.  —  Beim  Briefverkehr  fallen  die  Grossstädte
  besonders  in  das  Gewicht.  Ohne  London  und  Paris  würde  die
Durchschnittsziffer  in  England  und  Frankreich  eine  bedeutend  geringere
sein.  Um  so  mehr  Beachtung  verdient  die  hohe  Ziffer,  welche  die  Schweiz
nachweist,  obwohl  sie  jeder  Gressstadt  entbehrt.  Die  Menge  der  Reisenden ­
  mag  diesen  Mangel  ausgleichen.  Beim  Zeitungsabsatze  wirkt
namentlich  die  Stempelgebühr  sehr  nachtheilig.  Ohne  diese  Last  würde
nicht  nur  Oesterreich,  sondern  auch  Preussen  eine  bessere  Stelle  einnehmen. ­
  Die  hohe  Zahl  in  Bayern  steht  damit  in  Beziehung,  dass  eine
Menge  kleiner,  ganz  wohlfeiler  Blätter  daselbst  erscheint.
Grössere  Wechselbanken  und  deren  Capital  (in  Thlr.).  Ende  lS(i4  :
a.  Ohne  Notenemission:  Schlesischer  Bankverein  in  Breslau  2‘/,  Mill.,
Schaaffhausscher  Bankverein  in  Coin  5’lS7,050,  Berliner  Handelsgesellschaft
3’78(J,2(K),  Discont-Ges.  in  Berlin  I  l’5()0,l(IO,  Nordd.  Bank  in  Hamburg  7%
Mill.,  Commerzbank  in  Lübeck  3  Mill.,  allg.  deutsche  Creditanstalt  in  Leipzig
Ü’922,l30,  Coburg.  Creditges.  1  Mill.,  Bank  für  Handel  u.  Industrie  in  Darmstadt ­
  8’571,4()0,  Nürnb.  Bank  P()(m,0()0,  Dessauer  Creditanstalt  8  Mill.,  Lebensversich
  -  u.  Sparbank  in  Schwerin  100,000,  Niederösterreichische  Escomptegesellsch.
  in  Wien  4  Mill.,  Gesten-.  Creditanstalt  das.  40  Mill.,  Triester  Commerzbank ­
  1)78,100,  zusammen  10ö’so.'),1(m;  Thlr.  ;  ferner  folgende,  deren  Capitalbetrag
  wir  nicht  kennen  :  Stuttgarter  Hof-,  Kurhessische  J.eihbank.
b.  Mit  Notenemission  Zettelbanken):  Preussische  Bank  15  Mill.
Berl.  Cassen-Ver.  P,  Breslauer  Bank  1’,  Danziger  ITivat-  1’,  Cölner  Privat-  1%

Königsberger  Privat-  P,  Magdeburger  Privat-  P,  pommersche  Bank  2’,  Posener
Provinzial-  P,  (zus.  in  ITeussen  !)  Banken  mit  24  Mill.  Cap.).  —  Bremer  Bank
4’4OO,OO0,  Hamburger  Vereins-  2’,  Nordd.  7%',  Lübecker  Commerzb.  1%’

Tiüb.  1  rivat-  400,000,  Kostocker  1  \  Hannoversche  5'420.000,  Braunschweiger
3*509,000,  Bückeburger  500,975,  T,eipziger  3’,  Landständ.  Bank  in  Bautzen
550,000,  Dessauer  Landes-B.  P,  Geraer  2*159,000,  Gothaer  1*400,000,  Weimarsche
  4*157,100,  Meininger  4*,  Frankfurter  5*714,2^0,  Süddeutsche  1*077,357,
Nassauische  Landesbank  8*835,077,  Homburger  2‘'5,714,  Luxemburg.  1*333,333,
Bayer.  Hypoth.  u.  M'echselbank  in  München  1  1*428,571,  zus.  13S':toO,052  Thlr.
—  Die  Summe  an  circulirenden  Noten  dieser  Zettelbanken,  so  weit  diesell)e  bekannt ­
  ist,  betrug  Ende  Sept.  1804  :  bei  der  österr.  Nationalbank  393%  Mill.  H.
östr.  W.,  bei  den  übrigen  deutschen  Banken  zusammen  Isl  Mill.  Thlr  (hiervon ­
  kamen  auf  die  »Preuss.  Bank«  zu  Berlin  allein  über  121,  nächst  ihr  ain  meisten ­
  auf  die  Frankfurter  Bank,  14,8  Mül.  Thlr.
Actien-  und  CommanditgeHellschaften.  Nach  ().  Hübner  s  Berechnung ­
  waren  Ende  1S58  1,057*788,253  Thlr.  in  solchen  angelegt  (davon ­
  249*207,419  als  Anlehen).  Von  der  einbezahlten  Gesammtsumme
kamen  nach  dieser  Berechnung  401*532,050  auf  Ei.senbahnen.
Lebensversicherungsgesellschaßen.  In  England  kam  schon  im  .Jahre
169  /  das  erstemal  ein  Rechtsfall  wegen  einer  bestrittenen  Lebensversicherung ­
  vor  die  Gerichte;  in  Deutschland  wurde  1828  in  Lübeck  die
erste  Lebensversicherungsbank  gegründet.  Ende  1803  bestanden  in
Deutschland  29  solcher  Anstalten,  jedoch  liegen  nur  von  27  Berichte
vor.  Die  Zahl  der  Versicherten  betrug  194,818,  mit  einem  Versieh.-Capitale
  von  203*300,761  Thlr.  (anfangs  1801  erst  1  29,589  Versicherte
mit  137*542,377  Thlr.  ;  jetzt  Durchschnitt  1,044  Thlr.).  Nimmt  man
auch  an,  dass  bei  auswärtigen  Gesellschaften  30,000  Personen  asse-
        <pb n="241" />
        DEUTSCHLAND.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  HandebverháltnisBe  219

curirt  seien,  und  diese  im  Mittel  nicht  unter  1500  Thlr.,  so  ergäben
sich  für  Deutschland  (ohne  die  Schweizer  Anstalt)  nur  etwa  200,000
Versicherte  mit  250  Mill.  Thlr.  —  Indess  findet  eine  sehr  rasche  Zunahme ­
  statt.  —  Anfangs  1862  gab  es  in  Deutschland  —  Lebens-  und
Rent  en  Versicherungsanstalten  zusammengenommen  (die  erste  der  letztbezeichneten
  1825  zu  Wien  gegründet)  —  40  solcher  Institute,  wovon
14  Actien-,  5  gemischte  und  21  Gegenseitigkeitsgesellschaften.  Von  der
Gesammtzahl  kommen  auf  Oesterreich  11,  Preussen  9,  K.  Sachsen  4,
Hannover  3,  Württemberg  u.  Frankfurt  je  2,  Bayern,  Baden,  Kurhessen, ­
  Grossh.  Hessen,  Mecklenburg,  Braunschweig,  Gotha,  Hamburg,
Lübeck  je  1.
Genossenschaften  (auf  Selbsthilfe  beruhend,  nach  Schulze-Delitzsch).
Ende  1863  waren  speciell  nachgewiesen;  662  Vorschuss-und  Creditvereine,
  172  RohstofiF-Genossenschaften,  66  Consumvereine,  zus.  900;  die
nichtangemeldeten  eingerechnet,  dürfte  die  Zahl  1150  betragen.  Der
gesammte  Jahresverkehr  wird  auf  40  Mill.  Thlr.  veranschlagt,  die  Mitgliederzahl ­
  auf  200,000.

Deutsche  Handelsflotte,  anfangs  1863  :
Segelschiffe  mit  Tonnen  Dampfer  mit  Tonn.  Bemann.
Deutsch-Oesterreich  (etwa)  2,500  250,WO  50  18,000  14,000

Preussen  1,39«  364,620  24  3,300  9,000
Hannover  924  123,378  1  ...  3,600
Mecklenburg  417  145,368  ...  .  .  .*  ...
Schlesw.-Holstein  .  .  .  2,619  130,460  19  1,071  7,000
Oldenburg  637  88,140  2,800
Hamburg  514  222,129  22  17,637  6,000
Bremen  292  186,716  10  19,608  3,000
Lübeck  41  13,091  14  ...  500
Zusammen  9,340  1'529,902  Î4Ô  59,616  46,000
Dazu  die  Dampfer  ...  140  59,616  —  —  —
Flussschiffe  .  .  .  .  .  20,000  1’000,000  250  —  60,000

Von  den  einzelnen  Flfissen  ist  der  Rhein  für  die  Schifffahrt  am  bedeutendsten, ­
  obwohl  die  letzte  nicht  nur  die  Concurrenz  der  Eisenbahnen  zu  bestehen ­
  hat,  sondern  durch  Flusszölle  (das  sog.  Rheinoctroi)  auch  noch  bedrückt
wird.  1857  befuhren  den  Strom  und  dessen  Nebenflüsse  96  Dampfschiffe  (wovon ­
  46  auch  für  Personenbeförderung),  mit  einer  l’ferdekraft  von  13,769,  und
sammt  154  Anhängen  mit  954,526  Ctr.  Ladungstähigkeit.  Die  Zahl  der  Segelschifle
  beläuft  sich  mit  Anschluss  der  niederländischen  auf  888  für  den  Rhein
und  auf  1694  für  die  Nebenflüsse,  zus.  auf  2582.  1862  wurden  bei  den  Hauptrheinzollämtern ­
  abgefertigt  :

zu  Berg

zu  Thal

Mainz
Goblenz  .
I'obith

Schiffe

5,569
12,099
3,550

Wirkl.
Ladung
Cntr.
11'768,535
15'175,386
«’928,838

dav.  durch
Dampfer
Cntr.
3’541,143
14’961,380
«’523,504

Schiffe
9,031
13,440
7,393

Wirkl.  dav.  durch
Ladung  Dampfer
Cntr.  Cntr.
5'976,751  1'082,873
10’359,806  824,481
18’347,662  2’012,735

Hierbei  sind  die  T  lusse  nicht  einbegritfen.  Deren  passirten  661  Neuburg,
«57  Mannheim,  895  Mainz,  die  letzten  allein  458,281  Cuhikmeter  oder  4'801,618
Uentner  enthaltend.  —  Steinkohlen  wurden  ferner  (18(î2;  auf  dem  Rhein  versendet ­
  17*965,(&amp;gt;80  Cntr.  —  Den  Verkehr  auf  den  Nebenflüssen  des  Rheins
bezeichnen  folg.  Notizen  von  1862.  Es  passirten  :

')  Unter  den  Segelschiffen  einbegriffen.
        <pb n="242" />
        220  DEUTSCHLAND.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handels  Verhältnisse.

zu  Berg
Schiffe  Wirkl.  Ladung
Mannheim  auf  dem  Neckar  4,344  1’96G,Ü88  Cntr.
Höchst,  auf  dem  Main  .  .  4,150  55,344
Niederlahnstein,  auf  d.  Lahn  4,372  701,950
Coblenz,  auf  der  Mosel  .  .  807  251,617

zu  Thal
Schiffe  Wirkl.  Ladung
9,014  3’814,829  Cntr.
5,958  2’620,543  -
4,375  3’059,626  -
1,137  907,702  -

Elbschifffahrt.  Nach  den  Hamburger  Verkehrstabellen  sind  1863
daselbst  von  der  Oberelbe

Schiffe  u.  Flösse  Bemannung  Ladungsfähigkeit
angekommen  .  .  5,162  16,939  10’415,660  Cntr.
dahin  abgegangen  .  4,914  18,324  9’389,084  -
Bei  dem  sächsischen  Hauptzollamt  Schandau  passirten  1863:
bei  der  Bergfahrt  bei  der  Thalfahrt
a)  beladape  Schiffe  .  987  mit  423,634  Cntr.  6,003  mit  8’160,918  Cntr
b)  unbeladene  -  .  1,488  -  —  -  41  -  —  _
c)  Dampfer  unter  a  .  601  -  —  -  703  -  —

Weserschifffahrt.
mit  der  Oberweser;
Schiffe  u.  Flösse  Bemannung
angekommen  .  .  2,381  7,840
abgegangen  .  .  1,380  5,558

Nach  den  Bremer  Listen  war  1863  der  Verkehr

Ladungsfähigkeit
88,689  Lasten  =  3'547,560  Cntr.
68,060  -  =  2’722,400  -

Turnvereine.  Anfangs  1863  bestanden  (nach  Gg.  Hirth)  in

Deutfich-Oesterr
Preussen  .  .
Bayern  .  .
Hannover  .
Württemberg
Sachsen  .  .
Baden  .  .  .
Schwerin  .  .
Kurhessen
Grossh.  Hessen

25
431
138
65
74
170
28
12
22
75

Oldenburg
Luxemburg  .  .
AVeimar
Schlesw.-Holstein
Nassau  .  .  .
Braunschweig  .
Meiningen  .  .
Coburg-Gotha  .
Dessau  .  .  .
Altenburg  .  .

16
1
34
33
40

23
11
1
17

lleuss
Budolstadt
Sondershausen
Hamburg
I.übeck
Bremen
Frankfurt
Strelitz
Waldeck
Lippe  .

8
14
4
8
5
8
9
1
3
1
Zus.  1424
Sämmtl.  Vereine  umfassten  159,142  Mitglieder,  worunter  79,694  erwachsene ­
  active  Turner,  16,578  Turnzöglinge  (Knaben),  35,90S  Turnfreunde  (meist
ältere  Mitgl.'  und  2269  Ehrenmitglieder.  —  Im  April  186  4  war  die  Zahl  der
Vereine  auf  1978,  die  der  Mitglieder  auf  176,1  17  gestiegen.
Münze  etc.  Abgesehen  von  einzelnen  kleineren  Gebieten,  bestehen  in
Deutschland  drei  verschiedene  Münzfusse:  In  Norddeutschland  rechnet  man
nach  Thalern,  in  Oesterreich  nach  Gulden  österr.  Währ.,  in  Südwestdeutschland ­
  nach  Bheinischen  Gulden.  Während  früher  die  Cölnische  Mark  (von
233,85  Grammen)  den  Massstab  bildete  (14  Thlr.-,  20  fl.-,  24%  6  -Fuss)  wird
nun  nach  der  Münzconvention  von  1857  das  Zollpfund  feines  Silber  ausge-3'%,

  Pfd.,  100  österr.  fl.  2'%,,  100  rhein  fl.  2‘%

Pfd.

Silberpari  der  Wechselcurse  nach  vorigem  und  jetzigem
Münzfusse:

Hamburg
=  ;Jü0  M.  H.  à  8,4Ï4  Gr.  :
Berlin  151,35  Th.,  jetit  151,69  Th.
=  100  M.  B.  :
Frankfurt  88,29  fl.,  88,19  fl.
Wien  72,72  fl.,  75,84  fl.

Paris
=  300  »c*.  &amp;amp;  4,5  Or.  :
80,86  Th.,  81,00  Th.
=»  200  Fres.  :
94,29  fl.,  94,50  fl.
=  300  Fres.  :
115,40  fl.,  121,5  fl.

Amsterdam
a=  250  fl.  holl,  à  9,45  Gr.  ;
141,49  Th.,  141,75  Th.
=  100  fl.  holl.:
99.  —  fl.,  99,22  fl.
80,82  fl.,  85,05  fl.
        <pb n="243" />
        DEUTSCHLAND.  —  Das  deutsche  Reich  1786.

221

Getricht.  Mit  Ausnahme  von  Bayern  und  Kurhessen  ist  im  ganzen  Gebiete
des  Zollvereins  das  Zollpfimd  (*/,  Kilogr.)  als  Landesgewicht  eingeführt.  Es
sind:  28  Zollpf.  =  25  bay*.,  und  30  kurhess.  Pf.
Wir  verweisen  zur  Vergleichung  zunächst  auf  S.  194  u.  99.
Geschichtliche  Notizen.  Nachstehend  einige  kurze  Notizen  über  die
frühem  statistischen  Verhältnisse  Deutschlands.

Das  deutsche  Reich  1786.

1.  Oesterreichischer  Kreis  ....
2.  Burgundischer  -  ....
3.  Bayerischer  -  ....
4.  Fränkischer  -  ....
5.  Schwäbischer  -  ....
6.  Niederrheinischer  -  ....
7.  Oberrheinischer  -  ....
8.  Westphälischer  -  ....
9.  Niedersächsischer  -  ....
10.  Obersächsischer  -  ....
11.  Böhmen
12.  Mähren
13.  Preuss.  und  Oesterreichisch  Schlesien
14.  I&amp;gt;ausitz

Q.-M.  Bevölkerung
2,145  4'182,000
469  1’880,000
1,020  1’600,000
484  1’000,000
729  1’800,000
458  2’100,000
500  1’000,000
1,250  2’300,000
1,280  2’100,000
2,000  3’700,000
961  2’266,000
396  1’137,000
720  1’800,000
180  400,000

Oesammtzahl  12,592  26’2G5,000
Staaten  gab  es  289,  darunter  61  freie  Reichsstädte.  Hier  eine
Uebersicht  der  statistischen  Hauptmomente.  (Die  Einzelangaben  beruhen
auf  wenig  zuverlässigen  Schätzungen.)

1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11
12.
13.
14.
15.
16.
17.
18.
19.
20.
21.
22.
23.
24
25.
26.
27.
28.
29.
30.
32.
33.

Staaten  Q.-M.
Deutsch-Oesterreich  ....  3,976
Deutsch-Preussen  .  .  .  .  2,180
Kur-Pfalz-Bayem  ....  1,064
Kur-Sachsen  736
Kur-Braunschweig-Iiüneburg  .  700
Kur-Mainz  175
li.wr-'ïrxer  (terra  incognitaI)  .  151
Kur-Cöln  (ohne  d.  Reichsstadt)  360
Herzogth.  Sachs.-Weimar-Eisen.  42
Sachs.-Ootha-Altenburg  55
Sachs.-(’üburg-Saalfeld  16
Sachs.-Hildburghausen  14
Sachsen-Meiningen  22
Markgrafschaft  Anspach-Bayreuth  145
Herzogth.  Braunschweig  ...  94
Mecklenburg-Schw'erin  240

Mecklenburg-Strelitz
Württemberg  .  .
Zweibrücken  .  .  .
Landgrafsch.  Hessen-Kassel  .
Hessen-]  larmstadt
Markgrafschaft  Baden  .  .  .
Herzogth.  Oldenburg  .  .  .
Fürstenth.  Anhalt-Dessau  .
Anhalt-Cöthen  .  .
Anhalt-Bernburg  .
Anhalt-Zerbst  .  .
Nassau-Dillenb..  .
Nassau-Saarbr.
u.  31.  Fürstenthüm.  Schwarzburg
Fürstenth.  Waldeck  ....
u.  34.  Grafsch.  Lippe  u.Schaumb

70
200
36
260
100
70
45
12

13
48
40
39
28

Bevö’k.
10’930,000
4’110,000
2’100,000
1’870,000
850.000
325.000

550.000
156.000

385.000
185.000
240.000
70.000
585.000
60.000
450.000
300.000
200.000
85.000
31.000
23.000
22,900
20,700
130.000
35.000
100.000
’  88,000

Einkünfte
90—115MÍ11.A  C.-M.
22—30  Mill.  Thlr.
10  Mill.  fl.
6’800,000  Thlr.
5%  Mill.
IV.  Mill.  fl.
780.000  -
2’200,000  -
600.000  -
800,000  -
150,000  Thlr.
80,000  fl.

2’000,000  -
1  '/,  Mill.  Thlr.
700.000  -
350.000  -
2  Mill.  fl.
800.000  fl.
2’100,000  Thlr.
1’150,000  fl.
1’200,000  -
200.000  Thlr.
300.000  -
90,000  -
140.000  -
120.000  -
400.000  fl.
150.000  -

200,000  Thlr.
200,000  -
        <pb n="244" />
        222

DEUTSCHLAND.  —  Das  deutsche  Reich  1786.

Staaten  Q.-m.  Bevölk.
¿h—38.  türstenth.  u.  3  Grafsch.  Reuss.  21
39.  Grafschaft  Wernigerode  ....  4  12,f(&amp;gt;0
40.  Erzstift  Salzburg  240  250,00(»
41.  Hochstift  Passau  15
Bamberg  65  180,000
Würzburg  95  200,000
Speyer  (ohne  d.  Reichest.)  28  100,000
Hildesheim  .  .  .  .  54
Paderborn  .  .  .  .  55
Osnabrück  56  120,000
Lüttich  105  200,000
49.  Bisthum  Fulda  48  80,000

42
43.
44.
45.
46.
47.
48.

Einkünfte
Thlr.
200,000  -
1%  Mill.  fl.
200,000  -
700.000  -
800.000  -
300.000  -
260.000  Thlr.
600.000  fl.
180.000  -
I’200,000  -
300,000  -

Bemerkungen.
Zn^.  Mainz.  Es  gehörten  dazu  :
1)  Das  Erzstift  Mainz  (Mainz,  Bingen,  Höchst,  Rüdesheim,
Hochheim,  Fritzlar)  115
2)  Thüringisches  Gebiet  (Erfurt)  12
3)  Das  Eichsfeld
4)  Das  Bisthum  Worms  (ohne  die  freie  Reichsstadt)  .  .  8

Q.-M.  Bevölk.

208,000
36.000
74.000
15.000

Zul.  Tr  ier.  Bestandtheile  :  1)  Das  Erzstift  Trier  110  Q,.-M.,
Augsburg  (ohne  Reichsstadt,  aber  mit  Dillingen)  34  Q.-M  ;
3)  Gefürstete  Probstei  Eiwangen  7  Q.-M.
Zu%.  Cöln.  Bestandtheile:
A.  Kurfürstenthum  Cöln.  ^
1)  Erzstift  Cöln  (mit  Bonn,  Andernach,  Neuss;  doch  ohne
die  freie  Reichsstadt)  j;o
2)  Grafschaft  Recklinghausen  j  5
3)  Herzogthum  Westphalen  .  .5,5

Bevölk.

80,000
18,900
100,000

B.  Bisthum  Münster  (mit  Münster,  Meppen,  Vechte)
Zu  14.  Anspach-Bayreuth.  Bestandtheile:

130
230

200,000
350,000

1)  Fürstenth.  Anspach  (mit  Schwabach,  Fürth,  Gunzenhausen)  80
2)  -  Bayreuth  mit  Erlangen,  Culmbach-,  Hof)  65
Zu  42.  Hochstift  Bamberg.  Dazu  gehörten  :  Forchheim,  Kronach.
y  "  Würzburg.  -  -  Kissingen,  Kitzingen.
,  iipeyer.  -  -  Bruchsal,  Philippsburg
heim,  Rhbinzabern.  Dahn  und  die  J’robstei  Weissenourc  1
aber  ohne  die  freie  Reichsstadt  Speyer.
Zu  48.  Hochstift  lAittich.  Dazu  gehörten:  Verviers,  Spaa,  Dinant,  Hui.
Hier  eine  Uebersicht  der  wichtigsten  freien  R  eichss  tild  te  ;

200,000
185,000

,  Deides-Inirg
  im  Eisass  ,

[Im  schiaUbischen  Kreise:)
Augsburg  mit  1  Dorf  u.  32,500  Einw.
Ulm  mit  17  (?)  Q.-M.  Gebiet,  die  Stadt
mit  12,000  Einw.
Schwäbisch-Hall  mit  6  Q.-M.
Reutlingen  -  4  Dörfern.
Nördlingen  -  1  Q.-M.
Heilbronn  -  1
Rottweil  -  2  -
Gmünd  -  3  -
Memmingen  mit  einer  Anzahl  Dörfer.
Kempten  ohne  Gebiet.
Kaufneuren  mit  IV,  Q.-M.
Ravensburg  -  2V,
Biberach  -  2
Lindau.
Weil.

fm  bayerischen  Kreise:)
Regensburg  mit  21,500  E.,  ohne  Gebiet.
[lul  ober-  u.  kurrheinischen  Kreise:)
Worms  m.  2  Q.-M.,  d.  Stadt  mit  5000  E.
Speyer,  ohne  Geb.,  d.  Stadt  mit  5600  E.
Frankfurt  a.  M.  mit  2Q.-M.,  die  Stadt
mit  36,000  Einw.
Wetzlar.
(/m  fränkischen  Kreise  :)
Nürnberg  mit  (angebl.)  30  Q.-M.  und
50,000  Menschen,  wovon  29,000  in
der  Stadt
Rothenburg  mit  5  Q.-M
Schweinfurt  -  1  */,  -
Windsheim  -  4  Dörfern.
        <pb n="245" />
        DEUTSCHLAND.  —  Der  Rheinbund.

223

(Im  fcestphälischen  Kreise  :)
Coin,  ohne  Gebiet,  mit  40,000  Einw.
Aachen,  mit  18  Dörfern,  die  Stadt  mit
25,000  Einw.
[Im  nieiler-slichsischen  Kreise:)
Mühlhausen,  mit  4  Q.-M.

Nordhausen  mit  1  */*  Q.-M.
I  Goslar.
I  Bremen,  mit3Q,.-M.  und40,000Mnsch.
Lübeck  -  3%  -  -  30,000  -
Hamburg-  4  -  -  100.000

Der  Rheinband
in  seinem  Bestände  von  1812.

Deutschland  war  als  solches  verschwunden:  alle  Mittel-  und
Kleinstaaten  gehörten  dem  »Rheinbunde«  an,  Frankreich  hatte  grosse
Gebiete  an  sich  gerissen  ;  das  linke  Rheinufer,  die  Ems-,  Weser-  und
ElbmOndungen.  Oesterreich,  verkleinert  bis  zu  9900  Q.-M.  mit  etwa
20  Mill.  Menschen,  und  Preussen,  zusammengeschmolzen  auf  2870  Q.-M.
  mit  4*/g  Mill.  Bew.,  besessen  den  Rest  des  ehemaligen  Reiches.

Vom  jetzigen  Bundesgebiete  waren  einverleibt  :
Frankreich  unmittelbar  1785  Q.-M.,  mittelbar  (unter  franz.
Verwaltung:  Triest,  Schwed.  Pommern,  Erfurt  etc.)  185  =  .  1,070  Q.-M.
dem  Königreiche  Italien  (Südtirol)  180
den  Rheinbundstaaten  etwa  5,500
dem  dänischen  Staate  (Holstein)  154
Sonach  unmittelbar  oder  mittelbar  unter  Frankreich  .  .  7,800
dem  österreichischen  Staate  2,450
dem  preussischen  Staate  1,075

Abschluss  des  Rheinbundsvertrags  zu  Paris  am  12.  Juli  1806.
Die  ursprünglich  beigetretenen  Staaten  sind  unten  mit  j  bezeichnet, ­
  bei  den  übrigen  ist  die  Zeit  des  Beitritts  angegeben.)  Die  anfänglichen ­
  Theilnehmer  verpflichteten  sich,  zu  einer  franz.  Armee  von  200,000
M.  ein  Contingent  von  63,000  zu  stellen,  welche  Zahl  später,  in  Folge
weiterer  Zutritte,  auf  119,180  M.  an  wuchs.  Im  Jahre  1809  umfasste
der  Rheinbund  ein  Gebiet  von  5,977  Q.-M.  und  14’320,000  Menschen.
Nachdem  Napoleon  einen  Theil  von  Westphalen,  dann  Oldenburg  und
Ahremberg  mit  Frankreich  vereinigt  hatte,  war  der  Umfang  noch  5,384
Q  -Meil.,  die  Volkszahl  13’475,000.

t  8.
9.
+  10.
V  11.
t  12.
T  13.
f  14.
+  15.
t  10.
t  17.
t  18.

Staaten
(Zeit  ihres  Beitritte«  zum  Ulieinbiiiide.)
Bayern,  Königreich  über
Westfalen,  Königr.  nach  d.  Jenaer  Schlacht)
Sachsen,  Königreich  (11.  Dec.  1800)
Württemberg,  Königreich  .  .
Frankfurt,  Grossherzogthum  .
Berg,  Grossherzogthum  .  .
Baden,  Grossherzogthum  .  .
Hessen,  Grossherzogthum
Würzburg,  Grossherzogthum  (3.  Oct.  1800)
Nassau-Usingen,  Herzogthum  |
Nassau-Weilburg  -  )  '  '  '  '
Hohenzollern-Hechingen,  Fürstenthum  .
Hohenzollern-Sigmaringen
Salm-Salm  -  )
Salm-Kyrburg  -  |
Isenburg-Birstein
IJechtenstein
licyen

Q.-H.  Volkssahl

1,700
825
090
354
95
315
278
160
78

5
20
29
15
2

3’700,000
2’200,000
2'100,000
1’350,(K»0
302.000
880.000
980.000
000,000
258.000

80  280,000

14.000
38.000
55.000
40.000
5,000)

Contingent ­

30.000
25.000
20.000
12,000
5.000
8.000
4.000
2.000
        <pb n="246" />
        224

DEUlhCHLAND.  —  Bayern  (Land  und  Leute).

Staaten
(Zeit  ihres  Beitrittes  7um  ßheinbunde.)
IJ.  oachsen-Weimar,  Herzoffthum
20.  Sachsen-Gotha

(Beitritt
am
15.  Dec.  1806)
April  1807)
(ditto)
(ditto)
(ditto)

Q.-M.
:i0
45
28
18
12
46
28
28
21
35
47
244
5,200

Volkszahl  Contingent

125,000^
160,000
75.000
50,000|
25,000'
120,000
85.000
72.000
55.000
110,000
70,000)
350,000)

2,800

800
650
450
400
600
2,300

14']  00,000  118,000

21.  Sachsen-Coburg
22.  Sachsen-Meiningen  -  j
23.  Sachsen-Hildburghausen  -  I
24.  —  26.  Anhalt,  3  Herzogthümer  (18,
27.  u.  28.  Lippe,  2  Fürstenthümer
29.  —31.  Iteuss,  3  Fürstenthümer
32.  Waldeck,  Fürstenthum  luinuy
33.  Schwarzburg,  2  Fürstenthümer  (18.  April  1807)
34.  Mecklenburg-Strelitz,  Herzogth.  (18.Febr.  1808)
30.  Mecklenburg-Schwerin  -  (22.  März  1808)
Vorstehende  Schätzungen  ergeben  ungefähr
Bemerkungen.
9)  Jf  urzbnrg.  (Grossherzog  :  der  frühere  Grossherzog  von  Toscana.)

Die  einzelnen  Staaten  Deutschlands.
I.  Ossterreieli  {Kaisertlium  .
(Siehe  Seite  139—167.)
2.  Preiissen  (Königreich).
(Siehe  Seite  167—104.,

3.  Kayerii  (Königreich).*

Regierungsbezirke  Q.-M.**)
Oberbayern  311,52
Niederbayem  105,02

1818
585,467
450,895

Bevölkerung
1855
744,451
554,013

1858  1861
757,989  779,991
567,001  575,338

iSiüaiüin
um  so
        <pb n="247" />
        DEUTSCHLAND.  —  Bayern  (Land  und  Leute).

225

Regierungsbezirke  Q.-M.
,  lüb,22
Uherpfalz  und  Regensburg  .  175,4(5
Obertranken  127,(54
Mitteilranken  157¡72
Lnterfranken  u.  Aschatfenb.  1(52,41
Schwaben  und  Neuburg  .  .  171,(54

Bevölkerung
^18  1855  1858  T86Í~"
44(5,1(58  587,  :m  595,129  608,069
409,481  471,900  479,341  485,895
394,954  499,913  509,770  51(5,743
437,838  533,587  537,492  545,285
501,212  589,076  598,534  601,758
487,951  561,576  570,492  576,758

Zus.  1,390,23  3*707,966  4*541,456  4*615,748  4*689,837
rannhenzahl  1  131,051.  Es  kamen  sonach  4,15  Personen  auf  die
^amilie.  Dem  Militärstande  beigezählt  wurden  114,48(5  Individuen,
^ahl  der  Taubstummen  27  70,  der  Blinden  2691.  —  Man  rechnet  durchschnittlich ­
  :

1  rauungen:  1  auf  154  Einw.  (in  der  Pfalz  1  auf  138  Einw.)
Geburten,  1  -  28,6  -  -  -  -  1  -  26  1  -
St  erb  fälle:  1  -  34,5  -  -  _  -  1  -  ;(8’,5  -
Auf  1000Mädchen  bei  den  ehelichen  Geburten  1069  Knaben,
■  -  -  -  -unehelichen  -  1040
Verhältniss  der  Geschlechter:  490  männl.  zu  510  weibl.  Einw.
Im  J.  18*'/«»  zählte  man:  Geburten  167,080  (dav.  86,191  Knab  ,
ho,886  Mädch.  —  ehel.  129,491,  unehel.  37,589,  unter  letzten  19,061
Knab.,  1  8,528  Mäd.  ;  —  von  den  Unehel.:  in  der  Pfalz  nur  2254,  in
Oberbayern  7554:  —  Todtgeborene  :  3120  Knab.  2357  Mäd.  (worunter ­
  714  u.  549  unehel.)  —  Trauungen  35,257.  —  Ehescheidungen  263.
--  Sterbfälle  137,124  (70,173  männl.  66,951  weibl.,  —  davon  unter
29,982  Knab.,  32,977  Mäd.  Ueberschuss  der  Geburten

Früherer  Bevölkerung  »stand  resp.  Zunahme:

1815  (ungenau):  3*560,000
1818  (ebenso):  3*707,966
1834:  4*246,778

1837  :
1840  :
1843  :

1846  :  4*504,874
1S49  :  4*520,751
1852  :  4*559,452

4*315,469
4*370,977
4*440,327
Bei  den  Zählungen  von  1858  u.  61  ergab  sich  sonach  eine  Zunahme
von  74,  192  resp.  73,000  Individuen,  dagegen  war  bei  der  von  1855  eine
ansehnliche  Verminderung  eingetreten.  Diese  letzte  rührte  hauptsächlich ­
  von  der  Pfalz  her.  Gerade  hier  hatte  früher  die  Einwohnerzahl
}'  eitau8  am  meisten  zugenommen.  1814  umfassten  die  Gemeinden,  welche
jetzt  denPfalzkreis  bilden,  erst  429,695  Menschen;  1849  aber616,370.
yj!  ergaben  sich  bis  1  858  (soweit  constatirt,  zum  ersten  Male  seit
irhunderten!)  Verminderungen,  und  zwar  in  den  3  Jahren  1852—
'  -&amp;gt;  allem  um  die  enorme  Menge  von  22,045  Menschen.  In  der  letzten
eriode  tritt  endlich  wieder  eine  Besserung  ein.
Auswanderung.  Bis  1830  war  die  Zahl  der  Einwanderer  jener  der
usvvanderer  etwa  gleich  (in  der  Pfalz  sogar  stärker,.  Dann  :

1!^!***—durchschnittlich
1835—43  —
1843—51
1851—55
1855—60
(1835—60  im  Ganzen
StatiBÜk.  4.  Aufl.

Einwanderer  Auswanderer

278
1,080
933
695,4
865,6
24,176
1,056
1,084

2,107
5,356
11,282
17,329,6
6,715
244,232
5,026
2.933

Vermögen  jedes
Auswanderers
430  fl.
313  -
233  -
235  -
306  -
61*937,487  -)
432  -

15
        <pb n="248" />
        22G

DEUTSCHLAND.  —  Bayern  T.and  und  Leute).

Die  Oesammtsumme  des  Vermögens  der  Einwanderer  in  den  25
Jahren  1835—HO  ward  zu  2(i’0l3,347  fl.  angegeben.  Obwol  die  Zifler
bez.  der  Auswanderer  unzweifelhaft  zu  gering  ist,  ergibt  sich  doch  schon
darnach  eine  Einbusse  von  beinahe  3fl  Millionen.
In  der  Zahl  der  Auswanderer  sind  die  heimlich  Fortgezogenen
einbegriffen  :

Jahre
IS"/.,
IS"/..
1S"/m
1S»%,

Auswanderer
1H,9(»5  davon
20,340  -
24,055  -
0,030
7,1  OS  -
0,500  -

heimlich
4,821
5,321
5,041
2,015
1.070
2.070

Jahre
1S"/S8
IS«®;,
IS«%,

Auswanderer
5,532  davon
4,001  -
0,5SS  -
5,020  -
2.033  -

heimlich
1,202
1,133
1,712
1,100
485

In  der  Pfalz  war  das  Verhältniss  am  ungünstigsten  ;

Jahre
lS"/.s
IS':,,
IS";.
IS'V..
IS'«;,

Auswanderer
7,088  davon
8,314  -
S,801
4,722  -
2,000  -
3.400  -

heimlich
4,138
4,203
4,402
2,453
1,712
2,200

Jahre
is'v;,
lS"/„
IS'';.
18"/.,
18«'/.,

Auswanderer
1,912  davon
I,535  -
2,315  -
1,578  -
717  -

heimlich
1,005
1,030
1,500
1,077
434

Zusammen  44,437

24,028

Mehr  als  die  Hälfte  bestand  sonach  aus  heimlichen  Auswanderern, ­
  grösstentheils  wegen  der  Reaction  (im  Anfang  der  1850er  Jahre)  und
wegen  der  Conscription.  —  Da  in  der  nemlichen  Zeit  nur  2535  Personen
einwanderten,  so  ergab  sich  ein  constatirter  Verlust  von  41,002  Menschen. ­
  Das  impertirte  Vermögen  betrug  3’103,070,  das  exportirte,  so
weit  ermittelt,  0’032,302  fl.  —  Hinsichtlich  der  Pfalz  ist  noch  bes.  zu
berücksichtigen,  dass  daselbst  in  den  zunächstvorangegangenen  1  fl  Jahren
1835—51  bereits  54,813  Menschen  mehr  aus-  als  eingewandert  waren,
wonach  sich  ein  üesammtverlust  von  Ofl,  7  15  Personen  innerhalb  27  Jahren ­
  ergibt.  Man  mag  daraus  die  tiefe  Erschütterung  der  Verhältnisse  in
dem  kleinen  Gebiete  erkennen.  Die  Zahl  der  bereits  eingereihten  Soldaten, ­
  welche  entflohen,  ist  nicht  eingerechnet.  Die  ungünstigen  Nachrichten ­
  aus  Amerika  hemmten  endlich  dieses  Fortziehen,  das  unter  den
jungen  Männern  nur  die  Krüppel  und  Schwächlinge  zurück  zu  lassen
drohte.

Confession  en.  Man  zählte  1852  neuere  Aufnahmen  liegen  nicht
vor);  Katholiken  3'  1  7fl,333  *)  ;  Protestanten  1’233,804  (ncmlich  :  Lutheraner ­
  00fl,38fl,  Reformirte  2431,  Unirte  in  der  Pfalz  325,077),  Mennoniten
  und  Griechen  5,5fl0,  Juden  50,033.  Die  meisten  Lutheraner
leben  in  Mittelfranken  (408,011)  und  Oberfranken  (280,223),  die  wenigsten ­
  Protestanten  in  Niederbayern  (2002)  und  Oberbayern  (1  1,050).
Yi'và  Juden  sind  am  zahlreichsten  in  Unterfranken  (15,834),  der  Pfalz
(15,fl0fl)  und  Schwaben  (0305),  am  wenigsten  zahlreich  in  Niederbayern
(10).  der  Oberpfalz  (910)  und  Oberbayern  1218).  Die  meisten  Mennoniten
  sind  in  der  Pfalz  (3384)  ,  wo  die  Bevölkerung  confessionell  am
stärksten  gemischt  ist.

+)  Nach  dem  Pastoralblatte  für  die  Erzdiözese  München  vom  Dec.  1864  soll
die  Anzahl  der  Katholiken  anfangs  1864  3’270,404  betragen  haben.  Wir  halten
diese  Angabe  zu  niedrig  (siehe  unsere  Schätzung  S.  196).
        <pb n="249" />
        15*

DEUTSCHLAND.  —  Bayern  íLand  und  I&amp;gt;eute).

227

Städte.  Es  gibt  8119  Gemeinden.  Diese  bestehen  aus  232  Städten,
417  Märkten,  22,383  Dörfern  und  Weilern,  und  21,584  Einöden  und
Mühlen.  Die  bedeutendsten  Städte  hatten  1801  (mit  Militär)  folgende
Einwohnerzahl  ;

München
Nürnberg
Augsburg
Würzburg
Regensburg
Bamberg
Ingolstadt
Fürth  .

Bayreuth
Passau  .
Amberg  .
Speyer  .
Ansbach  .
Landau  .
Kaiserslaute
Hof  .  .

m

Erlangen

148,201  Straubing  .  .  10,714  !  Edenkoben  .  .  5,4ol
62,797  Kempten  .  .  10,370  Kitzingen.  .  .  5,374
45,389  Germersheim  ,  9,673  ,  Weissenburga.  T.  5,180
36,119  !  Aschaffenburg  .  9,323  |  Dillingen  .  .  .  5,144
27,875  i  Schweinfurt.  .  8,707  Dinkelsbühl  .  .  5,058
23,542  Zweibrücken  .  8,519  I  Rothenburg  a.  T.  5,049
19,398  ,  Neuburg.  .  .  8,276  :  Lindau  .  .  4,918
19,125  Neustadt  a.  H.  .  7,611  |  Neu-Ulm  .  .  .  4,810
18,044  Eichstädt  .  .  7,335  Sulzbach  .  .  .  4,499
13,360  Pirmasens  .  .  7,097  Kaufbeuren  .  .  4,482
12,942  Freising  .  .  .  7,086  Forchheim  .  .  4,218
12,810  St.  Ingbert  .  .  6,918  Rosenheim  .  .  4,140
12,245  .  Schwabach  .  .  6,611  ¡  Burghausen  .  .  3,472
12,244  Memmingen  .  6,603  ;  Imdwigshafen  .  3,331
12,029  I  Nördlingen  .  .  6,412  ;  Donauwörth  .  .  3,313
12,018  Frankenthal  .  6,228  |  Reichenhall  .  .  3,071
10,896  Dürkheim  a.  II.  5,540  '

In  den  Gressstädten  sowol  als  in  den  Festungen  sind  die  obigen
Zahlen  wesentlich  durch  die  Militärbevölkerung  bedingt.  Diese  letzte
betrug;  in  München  23,479,  in  Würzburg  8638,  Augsburg  6929,
Nürnberg4644,  Bayreuth  4078,  Bamberg  3859,  Amberg3843,  Regensburg ­
  3626,  Passau  3516.  In  den  Festungen;  Ingolstadt  12,092,  Germersheim ­
  6317,  Landau  6146,  Neu-Ulm  34  76.
München  hatte  1  780  nur  37,200  Einw.,  1818  53,672,  1834  88,905,
1852  106,715.  Vereinigung  anderer  Gemeinden  bewirkte  das  seitherige
ungewöhnliche  Steigen.  —  Die  ehemals  berühmte  Reichsstadt  Nürnberg
zählte  1818  nur  noch  26,854,  und  selbst  1  840  erst  wieder  44,863  Einw.
Ebenso  war  Augsburg  1818  auf  29,809  Menschen  herabgekommen,  und
hatte  1840  erst  36,869.

Gebiettveränderungen.  Nachdem  in  Pol  ge  Ablebens  des  Kurfürsten
Max-Joseph  III.  (20.  December  1777)  und  des  Teschener  Priedens
(13.  Mai  1779)  die  Rheinpfalz  und  Bayern  vereinigt  worden,  war  der
Bestand  des  Pfalz-Bayerisch  en  Kurstants  vor  der  Revolution  :
,  Q.-M.  Einw.  Q.-M.  Einw.
'  Bayern,  a.  Herzogthum  Bayern
■  uff

b.  Überpfalz
c.  Fürstenthum  Neuburg
d.  -  Sulzbacr

Q.-M.
576
130
52
26

2  Unter-  oder  Bhcinufalz.
3.  Herzogthum  JUlien  und  Berg

Einw.
990,000)
175,000|
92,000
43,000)

784  P300,000

150
130

400,000
400,000

Zusammen  1,064  2’100,000

Zur  Rheinpfalz  gehörten:  Mannheim,  Heidelberg  und  einige  Theile
^08  jetzigen  Pfalzkreises,  —  zu  Jülich  und  Berg  :  Düsseldorf,  Elberfeld,
Solingen,  Kaiserswerth  und  Düren.  1801  ward  die  Volkszahl  zu  2’328,294
berechnet.  —  Durch  den  Luneviller  P'rieden,  1801,  verlor  Bayern  die
Rheinpfalz,  Jülich  und  das  ihm  1795  anerfaliene  Herzogthum  Zweibrücken ­
  (letztes  36  Q.-M.  mit  60,000  Plinw.).  Es  erhielt  zur  Entchädigung
  (Reichsdeput.-Hauptschluss  v.  25.  Febr.  1803)  :  die  Bisthümer
Bamberg,  Freising  und  Augsburg,  Theile  derer  von  Würzburg  und  Pas-
        <pb n="250" />
        228

DEUTSCHIiAND.  —  Bayern  (Finanzen).

sau,  12  Abteien  und  15  Reichsstädte  (worunter  Ulm,  Kempten,  Memmingen, ­
  Nördlingen,  Schweinfurt),  Es  gewann  etwa  60  Q.-Meil.  und
110,000  Menschen,  —  Der  Presburger  Friede  (26.  Dec.  1805)  kostete
zwar  das  zu  einem  besondern  Staate  erhobene  Würzburg,  verschaffte
Bayern  aber  :  den  Rest  des  Passauer  Gebiets,  Tirol,  Vorarlberg,  die
Markgrafschaft  Burgau,  das  Fürstenthum  Eichstädt  und  die  Reichsstädte
Augsburg  und  Lindau;  Gewinn  500  Q.-Meil.  und  620,000  Menschen.
1806  ward  das  Herzogthum  Berg  gegen  das  von  Preussen  abgetretene
Ansbach  vertauscht.  Zufolge  der  Rheinbundsacte  erhielt  Bayern  die
Reichsstadt  Nürnberg.  (1.  Jan.  1806  nahm  der  Kurfürst  den  Königstitel ­
  an;  1.  Mai  180S  Aufhebung  der  alten,  einst  mächtigen  Landstände.)
1808  hatte  Bayern  in  15  Kreisen  1636  Q.-M.  und  3’232,000  Einw.  —
In  Folge  des  Wiener  Friedens  (26.  Dec.  1809)  erlangte  der  Staat:  Salzburg, ­
  Berchtesgaden,  das  Innviertel  und  den  grössten  Theil  des  Hausruckviertels, ­
  zus.  260  Q.-M.  und  410,000  Menschen,  gegen  einige  Abtretungen ­
  an  Württemberg  (Ulm)  und  an  Würzburg,  etwa  42  Q.-M,
mit  130,000  Ew.  —  1810  musste  Südtirol  (180  Q.-M.,  300,000  Ew.)
an  das  Königreich  Italien  abgetreten  werden  ;  die  Fürstenthümer  Bayreuth ­
  und  Regensburg  (90  Q.-Meil.,  270,000  Menschen)  sollten  als
Entschädigung  dienen.  Bayern  umfasste  nun  über  1700  Q.-Meil.  und
3’800,000  M.  —  Zufolge  des  Rieder  Tractats  (8.  Oct.  1813),  und  der
Wiener  Congressbestiinmungen  erhielt  Bayern  seinen  jetzigen  Bestand  :
es  musste  Tirol,  Vorarlberg,  Salzburg,  das  Inn-  und  Hausruckviertcl  an
Oesterreich  zurückgeben,  und  erhielt  dafür  die  (ungenügende)  Entschädigung ­
  :  Würzburg,  Aschaffenburg  und  die  Rheinprovinz.  So  lange  die
Contiguität  der  letzten  mit  dem  Hauptlande  nicht  hergestellt  ist,  bezahlt
Oesterreich  jührl.  100,000fl.  —  Neue  Verfassung  vom  26.  Mai  1818.
Finanzen.  Budget.  Dasselbe  ward  bisher  auf  den  enormen  Zeitraum
von  6  Jahren  festgesetzt  —  auf  weit  länger,  als  in  irgend  einem  andern
Staate  der  Welt.  Jede  genauere  Vorausberechnung  ist  damit  unmöglich
gemacht.  (Eine  Abkürzung  steht  in  Aussicht.)  Das  Budget  für  die
VIII.  Finanzperiode  (vom  I.  Oct.  1861  bis  Ende  Sept.  1867,  das  Rechnungsjahr ­
  beginnt  mit  dem  1.  Oct.)  entziffert  :

Ein  nah  men:
I.  Directe,¡StauUaußagen,  A.vSteuern:  11  Grund-4’804,0;n  fl.
2)  Haus-717,07(&amp;gt;,  3',  Gewerb-  I'222,621,  4)  Capitalrenten-536,171,
  5)  Einkommen-232,768=  7’öl2,607.  —11.  Steuerbeischläge:
  zu  1)  l’60l,341;  zu  2,  107,561  ;  zu  3)  61,145,
zu  4)  26,806,  zu  5)  23,271  =  I'820,130  ;  zus  9’333,037  fl.
II.  Indirecte  Auflagen:  Taxen  4'500,000,  Stempel  1’210,343,
Aufschlagsgefälle  (auf  Bier  etc.)  6’200,000,  Zölle  6’350,000  =  18’260,343  -
III.  Regalien  undHiaatsanstaItem  Salinen  3T30,000,  Bergwerke
in  der  Pfalz  250,000,  Eisenbahnen  5’003,256,  Post  570,000,
Donaudampfschiflf.  25,146,  Donau-Mainkanal  26,133,  Telegraphen ­
  30,000,  Bank  in  Nürnb.  150,000  etc  6’204,761  -
W.  Domänen:  Forsten  etc.  5’000,000,  üekonomien  305,611,
Grundrenten  etc.  4'116,234  etc  6*423,688  -
V.  Besondere  Abgaben  .  .  27,545  -
VI.  Uebrige  Einnahmen  :  Contiguitätsentschädigung  v.  Oesterreich ­
  (s.  oben)  102,083,  Steuerbeischlag  in  der  Pfalz  100,000,
Wittwen-  und  Waisenfondsbeiträge  66,506  etc  271,163  -
Hiezu  aus  dem  Bestände  der  VII.  Finanzperiode  200,000  -
Zusammen  46'720,567  -
        <pb n="251" />
        DEUTSCHLAND.  —  Bayern  (Finanzen).

229

I.  Staatsschuld  .  .  .
II.  Hof  (Civill.  2’350,580;
HI.  Staatsrath  .  .  .  .
IV.  Landtag
V.  Minist,  d.  Aeussem  .
VI.  -  d.  Justiz
VII.  a.  -  d.  Innern  .
b.  -  d.  Cultus  .  .

Ausgaben:
13’55G,37ö  I  VIII.  Minist,  d.  Handels  .  252,84b
2’995,(»ü4  I  IX.  -  d  Finanzen  .  879,712
74,905  X.  Staatsanstaltcn  *)  .  .  S’399,030
75,000  I  XI.  Zuschüsse  an  Kreisfonds  503,900
472,712  1  XII.  Militäretat  *)  .  .  H'415,000
3’373,192  :  XIII.  Landbauetat  .  .  774,003
l’ü50,000  ,  XIV.  Wwen-u.  Waisenpens.  710,000
99,037  XV.  Keichsreser\efonds  .  1’483,274
I  Zusammen  40'720,597

Ausserdem  ward  für  die  beiden  ersten  Jahre  der  Finanzperiode  ein
ausserordentl.  Militärbudget  im  Gcsammtbetrage  von  10’152,500  fl.  bewilligt, ­
  welches  durch  Anlehen  gedeckt  wurde.  Die  Zunahme  der  Staatseinnahmen ­
  über  den  Voranschlag  lieferten  die  Mittel,  um  von  IS®*,*
folg.  Etats  zu  erhöhen  •  Justiz  jährl.  178,708,  Inneres  205,300,  Staatsanstalten ­
  (Erziehung)  176,027,  Cultus  217,327,  Militär  (einschl.  Antlieil
  an  einmal.  Aufwand)  3  351,640,  zus.  4’  189,002  fl.  —  Die  Gesammtsumme
  des  Staatsbedarfs  stellt  sich  sonach  auf  50’009,590  fl.
Es  ist  zu  bemerken,  dass  die  Netto-,  nicht,  wie  anderwärts,  die
Uruttosummen  eingesetzt  sind,  wonach  denn  auch  eine  einfacheZiffergegenüberstellung,
  z.  B.  gegen  das  preussische  Budget,  als  unzulässig
erscheint  Um  obige  51  Millionen  in  die  Staatscasse  zu  liefern,  ist  die
Erhebung  von  ungef.  75  Mill,  erforderlich.  (Als  der  Finanzminister  den
Kammern  den  auf  46  058,525  fl.  gestellten  Budgetentwurf  vorlegte,  berechnete ­
  er  die  Bruttoeinnahme  auf  74’006,005,  worunter  allerdings  die
Betriebsausgaben  für  Salinen  und  Bergwerke  mit  4’874,771,  tür  Eisenbahnen ­
  mit  0’ÍM)5,000,  Post  2’131,170,  und  das  nun  ganz  beseitigte
Lotto  mit  3’872.S53.*

*)  Erziehung  und  Bildung  l'l  53,073,  kathol.  Cultus  1’24((,522,  protest.
433,023,  Gesundheit  289,850,  Wohlthätigkeit  218,111,  Sicherheit  1'304,504,
Industrie  und  Cultur  104,057,  Strassen-,  Brücken-  und  Wasserbau  2'954,887,
Leistungen  an  Gemeinden  95,481,  Steuerkataster  291),000,  Münzanstalt  11,328,
Glasmalerei  3,000.
*)  Active  Armee  9'500,000,  Gendarmerie  902,800,  topogr.  Bureau  50,000,
Zuschuss  an  den  Militär-Invalidenfonds  92,000,  Militär])ensionen  700,000,  für
ausserord.  Bedürfnisse  95,200,  für  Militärseelsorge  15,000.
*)  Bei  Festsetzung  des  Budgets  für  die  0.  Finanzperiode  welches  noch  mit
der  geringen  Summe  von  37'591,090  fl.  abschloss)  hob  der  Verfasser  dieses
Buches  in  der  Abgeordnetenkammer,  ohne  Widerspruch  zu  finden,  hervor  (s.
Ntenogr.  Berichte  vom  Mai  1852  :  »Wenn  man,  ganz  abgesehen  von  den  eigentlichen ­
  Betriebskosten,  die  Besoldungen  der  Forst-  und  llentbeamten  etc.  mit
in  Itechnung  bringe,  so  betrügen  die  Staatsausgaben  beiläufig  42  Millionen.
H  ievon  aber  nähmen  hinweg  (nach  den  Ziffern  der  definitiven  Budgetfestsetzung)  :
die  Schuld  .  9'810,000  fl.  i  die  (Mvilbeamten  .  11'03I,000  fl
der  Hof  .  .  2’950,000  -  j  die  Geistlichkeit**)  1'502,000  -
die  Armee  .  10'042,000  -  |  diese  5  Posten  allein  35’995,000
uder  beiläufig  30  Millionen.  Für  alle  übrigen  Staatsbedürfnisse  blieben  sonach ­
  nur  0  Mill.,  und  auch  davon  könnten  wenig  über  3  Mill,  für  unmittelbar
productive  Zwecke  verwendet  werden.  Die  Pensionen  allein  (oben  eingerechnet) ­
  verschlängen  über  3  V,  Mill.
**)  Es  sind  dies  natürlich  nur  die  Staatszuschüsse,  indess  sich  die  kathol.
Kirche  im  Besitze  ansehnlicher  lleichthümer  befindet  jiach  ministerieller  Angabe ­
  betrugen  die  Kirchenfonds  18**/,,  über  92  Mill  ,  d.  i.  nach  amtlicher  Be-
        <pb n="252" />
        230

DEUTSCHLAND.  —  Bayern  (Finanzen).

Das  Militär  erhielt  von  1848—55  ausser  dem  Budgetansatze,  ausserordentlicher ­
  Weise,  vermittelst  Anlehen  noch  weitere  21’389,423  fl.  ;
1851»  ferner  25’417,500.  (Die  Expedition  nach  Kurhessen,  1850  und
51,  kostete  nach  den  ministeriellen  Kammervorlagen  3’540,471  fl,  [ungerechnet ­
  weitere  814,848  fl.  »für  vermehrte  Truppenhaltung  im  Innern«],
wofür  ein  Entschädigungsanspruch  an  Kurhessen  erhoben,  von  diesem
aber  nicht  anerkannt  wurde.  Die  »Kriegsbereitschaft«  von  1855  soll  gegen
5  Mill,  erfordert  haben.  Für  die  militärische  Hülfeleistung  in  der  Pfalz,
1849,  bezog  Preussen  202,500  fl.  In  den  7  Jahren  —18*755
wurden  im  Ganzen  für  die  Armee  109’S00,39S  fl.  ausgegeben.  In  dem
Rechnungs-Jahre  18*%g  allein  stieg  diese  Ausgabe  auf  23’357,029  fl.
Die  Pensiojien  sind  nirgends  so  zahlreich  und  so  hoch,  als  in  Bayern.
Das  Cadaster  hatte  schon  am  1.  Oct.  1853  19’155,031  fl.  gekostet,  und
zur  Vollendung  nahm  man  weitere  3  Mill,  in  Aussicht.  (Aus  den  Zinsen ­
  dieses  Capitals  liesse  sich  ein  ansehnlicher  Theil  der  Grundsteuer
decken.)  Der  bayer.  Staat  erfreut  sich  übrigens  eines  grossen  Domänenbesitzes,
  nur  ist  der  Ertrag  gering  (so  liefern  die  rechtsrheinischen
Bergwerke  nicht  das  geringste  Reineinkommen  ;  ebensowenig  die  Militär-Fohlenhöfe,
  obwol  sie  19,309  Tagwerk  [etwa  1*/^  Q.-M.]  Grundeigenthum ­
  und  ein  grosses  Inventar  besitzen).  —  Ehrenvolle  Ewähnung  verdient ­
  ,  dass  die  Abgeordnetenkammer  die  Aufhebung  des  Lotto  vom
1.  Jan.  1802  an  erwirkte,  obwol  dasselbe  in  den  4  letzten  Jahren  durchschn.
2'7  1  9,130  fl.  rein  ertragen  hatte  (bei  9’03S,205  fl.  Einlagen)  und  obschon ­
  gerade  in  dieser  Zeit  ungewöhnliche  Bedürfnisse  bestanden.
Der  Aufwand  für  die  Staatseisenbahnen  betrug  bis  30.  Sept.  1802
120’740,139  fl.  Die  Einnahme  war  18"%;  14’243,702,  die  Ausgabe
0,958,875  (40  7„),  der  Reinertrag  7  284,827  fl.  Es  sind  dies  5.9  %
vom  Anlagecapit.  (Befördert:  4’325,908  Pers.,  24’347,703  Cntr.  Güter.
Kein  Reisender  ward  beschädigt,  dagegen  kamen  9  Bedienstete  durch
eigene  Unvorsichtigkeit  ums  Leben,  3  wurden  ohne,  1  1  durch  eigene
Schuld  beschädigt.)
Kreisinsten.  Ausser  den  unmittelbar  durch  die  Staatscasse  bestrittenen ­
  Ausgaben,  müssen  deren  viele  für  Verwaltung,  Justiz,  Unterricht,
Wohlthätigkeit  etc.  durch  die  einzelnen  Regierungsbezirke  vermittelst
besonderer  Kreis-Umlagen  gedeckt  werden.  (Bcischlagsprocente  zu  allen
directen  Steuern;  in  den  7  ältern  Kreisen  durchschn.  8—11,  in  der
Pfalz  nicht  weniger  als  53—5  1  Proc.,  zusammen  durchschn.  1  ’024,000  fl.,
wovon  417.000  blos  auf  die  Pfalz  treffen.)
Frühere  Finanzverhaltnisse.  Vor  der  franz.  Revolution  wurden  die
Einkünfte  auf  10  Mill.  fl.  geschätzt.  Die  Steuern  waren  nicht  nur
freiwillige  Leistungen  der  I^andschaft,  sondern  die  Steuercassen  standen
auch  nicht  unter  fürstlichen,  sondern  unter  eigenen  Landschaftsbeamten.
Von  1800—  1819  herrschte  der  Absolutismus;  die  Staasrechnungen
wurden  jeder  Volkscontrole  entzogen.  Es  entstand  ein  grosses  Deficit
(was  zur  Vcrfassungsverleihung  mit  wirkte),  ln  den  1  830er  Jahren  errechnung ­

  1  T’Oltl,500  fl.  mehr  als  18*%,).  Die  beiden  Erzbischöfe  erhalten  für
ihre  Personen  20,000  und  15,000  fl.,  3  Bischöfe  jeder  10,000,  die  3  andern  je
8000  fl.,  ausserdem  Palais.  Die  Domkapitel  kosten  überdies  187,000  fl.
        <pb n="253" />
        DEUTSCHLAND.  —  Bayern  (Finanzen).

231

langte  man  vermittelst  einseitiger  Festsetzung  des  Budgets  (und  Ersparung ­
  an  Strassen  etc.)  sehr  bedeutende  »Erübrigungen«,  welche  meistens
zu  Luxusbauten  verwendet  wurden.  Seitdem  haben  die  grossen  Ueberschüsse
  aufgehört.

SchuUl.  Dieselbe  entstand  grossentheils  durch  Ueberwälzen  der
Privatschulden  der  Kurfürsten  auf  die  Landescasse,  was  sich  die  im  17.
und  18.  Jahrhunderte  zu  einem  blossen  Scheininstitute  herabgekommene
Landesvertretung  stets  nach  einigem  Widerstreben  gefallen  Hess.  Zur
Deckung  ward  der  »Malzaufschlag«  eingeführt,  anfangs  in  geringem  Betrage. ­
  Auf  einigen  der  neu  erworbenen  Gebiete  lasteten  Schulden,  indess
  das  mit  überkommene  Activvermögen  (dabei  die  Güter  der  eingezogenen
  Klöster  grossentheils  verbraucht,  wohl  auch  Vieles  veruntreut
ward.  Anlehen  wurden  auf  Anlehen  gehäuft:

1501  3  Mill,  zu  0%  Lit.  A)
\‘t  -  -  4‘/t
1502  1  -  -  5
1804  %  -  -  5
—  1  —  —  5
ISOO  430,000  H.  zu  5%
1H08  4  Mill,  zu  (i“o  (Pit.  B]

1809  8'700,9O0  zu  5%  Zwangsanlehen)
r0OO,OO0  Liv.  toum.  Cassenbons
1810  25  Mill.  Fres,  für  die  Dotationen
Napoleon’s  in  Bayern.
-  1  "300,000  ñ
-  1’000,000  Fr.

Ungeachtet  dieser  Schuldanhäufung  gab  es  Millionen  von  Zinsrückständen ­
  ;  die  vom  laufenden  Dienste  betrugen  sogar  über  19  Mill.  Man
bezahlte  mit  bprocent.  Cassenanweisungen,  an  denen  aber  sogleich  20®/„
verloren  wurden.  In  der  Folge  sank  der  Curs  der  h%  Papiere  auf  59.
—  1812  Versuch  der  Emission  eines  Lotterieanlehens  von  12  Mill,  zu
4®/o  verzinslich,  und  von  G  Mill,  unverzinslich.  Da  dieser  Versuch  misslang, ­
  1813  abermals  Zwangsanlehen,  unter  Beibehaltung  des  Lotterieanlehens ­
  von  3  Mill,  zu  5%.  Am  1.  Oct.  1811  betrugen  die  anerkannten ­
  Schulden  1  1  8'239,G95  H.  ;  es  sollten  nun  jährlich  3'959,999  fl.  für
Verzinsung,  r559,000  für  Tilgung  verwendet  werden.  Wirklich  ward
selbst  während  des  russischen  Krieges  etwas  abbezahlt.  Ungemeine  Ausgaben ­
  erfolgten  1815,  da  Bayern  als  Grossmacht  aufzutreten  suchte.
Nach  den  Pariser  Friedensverträgen  erhielt  der  bayerische  Staat  l’état)
von  den  franz.  Dcfensionsgeldern  1  5,  von  den  Contributionsgeldern  25%
Mill.  Fr.  Allein  die  Verwendung  ist  nur  theilweise  bekannt,  da  die  Regierung ­
  später  jeden  Rechnungsnachweis  aus  der  vorconstitutionellen
Periode  verweigerte.  Rudhart  gab  an  (Protokoll  der  Abgeordneten  vom
4.  Oct.  1831),  König  Max  1.  habe  u.  a.  durch  Urkunde  vom  24.  Jan.
181G  hievon  2’409,009  fl.  an  die  Königin  und  seine  Töchter  verschenkt.
Dagegen  übernahmen  die  Kammern  noch  1822  955,000  fl.  Privatschulden ­
  des  nemlichen  Königs  auf  die  Staatscasse,  welche  Summe  er  von
Ludwig  dem  XVI.  geliehen  hatte.  Die  Verwendung  von  Staatsgeldern
für  das  s.  g.  »griechische  Anlehen«  erschien  vor  1849  niemals  in  den
veröffentlichten  Staatsrechnungen.  Der  Verfasser  dieses  Buches  brachte
als  Abgeordneter,  in  seinem  Vortrage  Namens  des  h  inanzausschusses
vom  5.  März  1849,  das  Verhältniss  zum  ersten  Male  an  die  Obffentlichkeit.
  Er  wies  eine  Forderung  des  Staates  an  den  von  der  Regierung  zurückgetretenen ­
  König  Ludwig  nach  im  Betrage  von  1  529,  333  fl.  Der
genannte  Fürst  fand  sich  darauf  veranlasst,  der  Staatscasse  diese  Summe
        <pb n="254" />
        232

DEUTSCHLAND.  —  Bayern  ('Militär  .

aus  seinen  Privatmitteln  zurück  zu  erstatten.  Wol  der  einzige  Fall  dieser ­
  Art  in  der  deutschen  Constitutionsgeschichte.
Beim  Beginne  der  constitutioneilen  Periode,  ISIS,  ward  die  Staatsschuld ­
  auf  105  Mill.,  mit  den  Zinsrückständen  auf  107’722,G58  fl.  berechnet. ­
  Alljährlich  sollten,  ausser  den  Zinsen,  %  Proc.  getilgt  werden
Inde,ssen  kamen  fortwährend  »Einweisungen  aus  ältern  Rechtstiteln«
(worunter  ungefähr  8%  Mill,  zur  Abfindung  der  Ansprüche  des  Prinzen
Karl  auf  eine  vormalige  Secundogeniturdotation).  So  ward  die  Staatsschuld ­
  folgendermassen  berechnet  :

1820  110  Mill.
1825  111'/.  -
1820  122%  -

1850  128  Mill.
1852  152  -
1854  151

1859  125%  Mill.
1840  128
1847  120

Seit  1847  entstand  eine  »neue  Schuld«,  wesentlich  zur  Deckung  von
Deficits.  Die  Anlehen  für  ausserordentl.  Militärausgaben,  für  die  Eisenbahnen ­
  und  die  »Grundrentenentschädigung«  werden  besonders  behandelt.
Am  1.  Oct.  IS62  war  der  Stand  der  verschiedenen  Schuldkategonen;

1)  alte  Schuld
2)  neue
5)  Militäranlehen

9S’475,1  15
15’155,59.5
52*020,700

4)  Eisenhahnschuld  .  .  100*150,858
5)  Grundrentenschuld  101*701,200
Total

,  luiui  542*495,208
Dass  der  Eisenbahn-  wie  der  Grundrentenschuld  verhältnissmässige
(sogar  höhere)  Activwerthe  zur  Seite  stehen,  bedarf  keines  Nachweises.
r&amp;gt;.  Schuldenstand  der  Gemeinden  war  am  30.  Sept.  1S63
15  316,636  fi.  ;  davon  kamen  auf  Oberbayern  5*395,260,  Unterfranken
4  (110,635,  Oberfranken  1*795,295,  Mittelfranken  1*509,217,  Schwaben
1’327,5  47,  Oberpfalz  537,773,  Pfalz  406,571,  Niederbayern  334,  33S  fl.
Militär.  Formation.  Jährliche  Aushebung  nach  dem  Loose,  im
22.  Altersjahre.  Stellvertretung  zulässig  (1856  1207  neue  Stellvertretungen, ­
  18i)7  1234,  1858  1281,  1859  3002,  I860  1860,  1861  1729).
Dienstzeit  sechs  Jahre,  wovon  etwa  1%  auf  Präsenz  kommen.  Der
hohe  Adel  ist  von  der  Dienstpflicht  befreit,  der  niedere  Adel  und  das
höhere  Beamtenthum  besitzen  das  Vorrecht,  dass  ihre  Söhne  als  Cadetten
  eintreten.  1862  waren  unter  2323  Offic.  806,  im  nächsten  Jahre
unter  2333  Offic.  804  Adelige  (einschl.  der  persönlich  Geadelten)  und
somit  1517  resp.  1529  Bürgerliche.  Im  ersten  dieser  Jahre  waren  :
Generäle  Stabsoffle.  Hauptl.  Lieuten.
adohg  .  .  47  111  225  425
bürgerlich  .  12  120  291  1094
Wie  überall,  überwiegt  das  bürgerl.  Element  bes.  bei  Genie  Artillerie ­
  und  Infant.,  ist  dagegen  in  der  Minderheit  bei  der  Cav  —  Frei-1-:,!'i::

dreifaou',  ISCO  M«,  'iMI  5^1"  fÆ  Men'ge  te  IC

sertionen  :
1848  896  Mann
1849.532»)  -
1850  819  -
1851  767  -

1852  906  Mann
1853  765
1856  528
1857  409

1858
1859
1860
1861

342  Mann
549  -
646  -
561  -

*)  Ausserdem  2325  »Fahnenflüchtige.,  beim  Aufstande  in  dtr  Pfalz).
        <pb n="255" />
        DEUTSCHI.AND.  —  Bayern  (Militär).

233

Das  Bundescontingent,  ursprünglich  35,()Ü0  M.,  beträgt;  Hauptcontingent
  41.533,  Reserven  11,867,  Ersatzmannschaft  5,934;  zusammen ­
  59,334.  Obwol  diese  üesammtsumme  keinenfalls  sofort  gefordert
werden  kann,  ist  die  Formation  doch  noch  weit  grösser.  Der  wirkliche
Durchschnittsstand  war  in  den  letzten  Rechnungen  so  aufgeföhrt  ;

1856  1857  1858  1859
9),96K  90,295  93,137  105,757
Die  Formation  ist  auf  72,845  M.  streitbare  Soldaten.  5052
Nichtstreitbare  und  25,200  assentirt  unmontirte  (u.  unexercierte)  Mannschaft, ­
  zus.  103,097  M.  bestimmt,  sammt  9,210  Pferden.

Uj  Infant.-Reg.  à  3  Bat.  zu  6  Comp,
h  Jägerbataillone  zu  4  Comp.  .  .
3  Cürassierregimenter  j
0  Chevauxlegersreg.  &amp;gt;  à  4  Escadr.
3  Ulanenregimenter  )
3  fahrende  Art.-lteg
•  reit.  Art.-Reg
1  Ceniereg.  à  8  Comp
1  ()uvrierscompagnie
3  Sanitätscompagnien
Zusammen

streitbare
Mannschaft
48,896
6,760
I  1,992
3,984
I  1,992
6,583
870
1,768

nicht
streitbare
496
112
72
144
72
3,144
27
20
285
680

Dienstpferde ­


72,845  5,052

assent.
Unmont.
20,400
800
300
600
300
1,860
300
400  —
240  —
25,200  7,692

1,683
3,366
1,683
2,824
654

Nicht  eingerechnet  sind:  die  obersten  Commandostellen,  Leibgarde
der  Hartschiere  und  Garnisonscompagnien.  —  Das  1.  u.  2.  Artill.-Reg.
je  mit  5  leichten  und  7  schweren  Fussbatt.,  das  4.  mit  4  leichten  und
8  schweren  Fussbatt.,  das  3.  (reitende  mit  1  Feldbatt.

Landwehr.  Dem  Gesetze  nach  soll  dieselbe  allenthalben  bestehen;
sie  ist  aber  thatsächlich  nur  in  den  grössern  Städten  und  ausserdem  auf
dem  Papiere  vorhanden  ;  in  der  Pfalz  fand  man  es  nicht  für  zweckmässig,
«e  auch  nur  dem  Namen  nach  zu  organisiren.  Die  Einrichtung  ist  dermalen ­
  ohne  alle  praktische  Bedeutung.  (Auf  dem  Papiere  erscheinen
r&amp;gt;4,5(»0  M.  Infanterie  in  542  Compagn.),  560  freiwilligeGebirgsschützen,
I  &amp;lt;70  M.  Cavall.  (7’/^  Escadr.  und  830  M.  Artill.

Festnuffen.  Ingolstadt  und  Germersheim  (beide  neu  erbaut,  erstes
mit  einem  Aufwande  von  18%  Mill.,  letztes  mit  einem  von  etwa  1  3  Mill.),
Landau  (Bundesfestung,  im  Frieden  blos  von  Bayern  besetzt).  In  Ulm
hat  Bayern  das  Mitbesatzungrecht  (Neu-Ulm  liegt  auf  bayerschem  Gemete).
  Ausserdem  einige  kleine  feste  Punkte,  wie  Marienberg  bei  Würz-'mg,
  Oberhaus  bei  Passau,  WiSlzburg  und  Rosenberg.
FriegsffCHchtchtltche  Notizen.  Die  Kriegsmacht  Pfalz-Bayerns  vor
&amp;lt;89  ward  auf  24,000  M.  berechnet,  wovon  jedoch  nur  7000  präsent
Waren.  Die  Kriege  zur  Rheinbundszeit  (u.  a.  in  Tirol)  erheischten  viele
enschenopfer,  und  wenn  auch  keine  bayer  Truppen  nach  Spanien  gesendet ­
  wurden,  so  gingen  dagegen  im  russ.  Feldzuge  30,000  M.  fast
sämmtlich  zu  Grunde.  Die  höchste  Formation  des  bayer.  Heeres  betrug
ungefähr  4  7,000  M  ,  also  selbst  in  der  Napoleonischen  Kriegszeit  nicht
m  Hälfte  der  jetzigen.  Nach  dem  Rieder  Vertrage  Vermehrung  der
Armee  auf  86,000  Mann.
        <pb n="256" />
        334

DEUTSCHLAND.  —  Bayern  (Sociale  Verháltniase).

Sociale  Verhältnisse.  In  den  7  rechtsrheinischen  Kreisen  herrscht
bekanntlich  Erschwerung  der  Ansässigmachung,  System  des  Realrechtsund ­
  neben  ihm  nun  wieder  stark  des  Concessionirungswesens  im  Gewerbsbetriebe,
  und  Untheilbarkeit  der  Adels-  und  vieler  anderer  Güter  ;
im  Pfalzkreise  dagegen  aus  der  Zeit  der  franz.  Herrschaft  :  Freiheit  der
Ansässigmachung  und  Heirath,  des  Gewerbbetriebs  und  der  Gütertheilbarkeit.
  Wäre  es  auch  ungereimt,  die  Verschiedenheit  aller  Erscheinungen ­
  in  beiden  Landestheilen  diesen  Umständen  beizumessen,  so  üben
dieselben  doch  unzweifelhaft  einen  gewaltigen  Einfluss,  und  wir  stellen
darum  folgende  Resultate  einander  gegenüber:
Der  im  Privatbesitz  befindliche  Boden  zerfällt  in  5)4  7,0  lU  einzelne
Besitzungen,  davon  228,5)70  in  der  kleinen  Pfalz,  mit  einer  Durchschnittsgrösse ­
  von  4  Tagwerken,  dagegen  nur  1051,15)5  Besitzungen  in  Oberbayern ­
  durchschn.  von  24  Tagw.  —  Die  Zahl  der  Parcellen  ist  12  808,472,
wovon  3’004,202  in  Unterfranken  und  2’030,578  in  der  Pfalz.  —  Die
landwirthschaftl.  Production  ist  am  mannichfachsten  und  in  vielen  Beziehungen ­
  am  grössten  in  der  Pfalz.
Bei  consequenter  Durchführung  des  Princips  der  Ge  werbsf  reihe ­
  it  entsteht  weniger  ein  unnatürliches  Zudrängen  zu  den  Gewerben,
als  bei  dem  bureaukratischen  Concessionswesen.  1801  zählte  man  in
Bayern  321,510  Gewerbtreibende  1  52,5)70  Meister,  108,540  Geholfen
und  Lehrlinge).  Dabei  kam  aber  ein  Gewerbtreibender  in  den  ältern
Kreisen  schon  auf  14,2  Einwohner,  in  der  ge  w  erb  freien  Pfalz  erst  auf
17.  (In  Preussen,  wo  principiell  Gewerbfreiheit  besteht,  kam  1  erst  auf
17,  wobei  aber  dennoch  die  Gewerbsproduction  eine  weit  höhere,  als  in
Bayern.  Vergleiche  auch  Kurhessen,  wo,  bei  starrem  Zunftzwange,
gleichfalls  1  Handwerker  schon  auf  14  —15  Einwohner  kommt.)
Die  Zahl  der  Realrechte  und  radizirten  Gewerbe  betrug  nach  einer
ministeriellen  Erhebung  von  1801  74,015),  mit  einem  Schätzungswerthe
von  08'8  10,318  fl.  (  1  825^waren  es  erst  08,150  Rechte  im  Werthe  von
etwa  12  Mül.!)  Auf  die  einzelnen  Kreise  kamen;
Kreise  Bechte  Werth  Kreise  Rechte  Werth
Oberbayern  .  17,sll  15)’71  (),.')  15  H.  Oberfranken  .  5,101  4’;)54,027  fl.
(dav.  München  1,4S5)  1'7  00,55)0)  Mittelfranken..  5),710  0’70S,417
Niederbayern  15,5:(S  15’755),545)  ,  Unterfranken  .  5,05)4  0'552¡140
Oberpfalz  .  .  10,170  5’t)Ss,ioo  ¡  Schwaben  .  .  5),712  5)’712,S5)s
Auf  sänimtl.  Realrechte  sind  Ilvpotheken  ciimetraiten  von  3’014  253  fl  .
wovon  2'370,55)1  in  Oberbayern.
Von  den  Geborenen  waren  im  Durchschnitt  der  22  Jahre  18»%,
bis  18»»/eo  -1,1  Proc.  unehelich;  in  der  Pfalz  nur  8,8%,  in  den  andern ­
  Kreisen  dagegen  23,2%.  Das  Verhältniss  würde  ein  absolut  günstigeres ­
  sein,  wenn  nicht  den  Militärpflichtigen  (auch  in  der  Pfalz)  das
Heirathen  unmöglich  gemacht  wäre.  (1%^  der  Stadt  München,  wo  das
Realrechtswesen  am  ausgebreitetsten,  überstieg  die  Zahl  der  unehelichen
Geburten  wiederholt  die  der  ehelichen.)  Von  I  OlM)  unehelich  Geborenen
wurden  durch  nachfolgende  Ehen  legitimirt  ;  in  der  Pfalz  21)1,4,  in  den
andern  Kreisen  nur  144,2.
Ehescheidungen  traf  je  eine  auf  folg.  Anzahl  Trauungen:
        <pb n="257" />
        235

DEUTSCHIiAND.  —  Bayern  (Sociale  Verhältnisse).

in  der  Pfalz  in  den  andern  Kreisen
von  Katholiken  ....  871  lfi4
von  Protestanten  .  .  .  285  102
von  gemischter  Confession  367  84

Verbrechen.  In  den  7  Jahren  18'%,  bis  18*%4  wurden  im  Ganzen ­
  von  den  Gerichten  an  Verbrechen  abgeurtheilt,  in:

Oberbayern  3487
Niederbavern  17  08
Überfranken  1636
Schwaben  1557

Oberpfalz  1490
Unterfranken  1236
Mittelfranken  1212
Pfalz  nur  528

Auf  eine  gleiche  Einwohnerzahl  kamen  Verbrechen  in

Oberbayem
Niederbayern
Überfranken
Oberpfalz

566
378
371
364

Schwaben  315
Mittelfranken  263
Unterfranken  237
Pfalz  nur  100

(siehe:  Annalen  der  Rechtspflege  in  der  bayer.  Pfalz,  1847,  wo  auch
eine  Menge  weiterer  Nachweise.)  Allerdings  hat  sich  dieses  Zahlenverkältniss
  in  Folge  der  politischen  Ereignisse  von  1849  geändert  (ein  einziges ­
  Urtheil  des  Pftlzischen  Appellhofes  von  1850  erkannte  gegen  333
l*ersonen  Anklage  auf  Tod  wegen  Hochverraths  !  Bereits  im  Oct.  1851

Waren  wegen  des  Aufstandes  in  der  Pfalz  abgeurtheilt:  42  Personen
■'^or  Special-,  310  vor  Schwur-  und  244  vor  Zuchtpolizeigerichten,  zus.
596,  ungerechnet  alle  Militärpersonen).  Unverkennbar  war  die  Pfalz
Während  des  letzten  Jahrzehnts  in  ein  höchst  unnatürliches  Verhältniss
gekommen,  wie  dies  namentlich  auch  die  furchtbare  Bevölkerungsabnahme ­
  zeigte.  Das  frühere  pfälz.  Strafgesetzbuch  war  weit  strenger  als
das  altbayerische  ;  dennoch  betrugen  die  Verurtheilungen  wegen  eigentlicher ­
  Verbrechen  (nach  dem  Berichte  des  Abgeordn.  Dr.  Edel  vom  Nov.
1855  über  die  Gerichtsorganisationi:

1880—51  1851—52  1852—53  1853—54
in  Oberbayern  128  104  122  140
in  Niederbayern  112  124  114  106
in  der  Pfalz  33  66  50  65

Zur  Gerichtsstatistik.  Von  Einführung  des  öffentl.  -  mündl.
Verfahrens,  1.  Jan.  1849,  bis  zur  Einführung  des  neuen  Strafgesetzbuchs, ­
  30.  Juni  1862,  also  in  13'/|  Jahren,  wurden  in  den  rechtsrhein.
Kreisen  327  Todesurtheile  erlassen  und  davon  65  vollzogen:  50  gegen
Mörder  und  15  gegen  Räuber.
Eine  Zusammenstellung  der  in  den  7  Jahren  18'%&amp;amp;  bis  18*%,  wegen ­
  Verbrechen  oder  Vergehen  Abgeurtheilten  in  den  7  rechtsrhein.
Kreisen,  ausgeschieden  nach  den  beiden  Haupteonfessionen,  ergibt  folg.
Durchschnitte  :
auf  100,000  Seelen
Abgeurtheilt  Katholiken  Protestanten  Kalhol.  Protest
Wegen  Verbrechen  285  50  =  0,7  5,5
-  Vergehen  4745  1171  =  162,6  128^5
Zusammen  5020  1222  •  =  172,3  134,1
In  jedem  einzelnen  Jahre  war  die  Zahl  der  Katholiken  die  überwiegende ­
  (ebenso  wie  in  Preussen,  siehe  S.  187).  Dagegen  muss  erwähnt ­
  werden,  dass  die  sorgsamen  Berechnungen  von  Hermann’s  erga-
        <pb n="258" />
        236

DEUTSCHLAND.  —  Bayern  (Sociale  Verhältnisse).

ben,  dass  die  relative  Zahl  der  Selbstmorde  bei  den  Protestanten  fast
dreimal  so  gross  ist  als  bei  den  Katholiken.  (Beide  Erscheinungen  stehen ­
  nur  scheinbar  im  Widerspruch.)
Volksbildung.  Elementarschulen  gab  es  1861  7126  mit  8265  Lehrern ­
  —  Bei  der  Truppenaushebung  des  Jahres  1863  hatten  9,88%  der
Conscribirten  eine  mangelhafte  Schulbildung  (1862  1  1,7  %,  1861
11,76%);  davon  in  Niederbayern  19,7,  Oberpfalz  15,9,'  Oberbayern
9,2,  Pfalz  (wo  alle  Wohlhabenden  Ersatzmänner  zu  stellen  pflegen)  8,2,
Schwaben  7,4,  Oberfranken  7,0,  Unterfranken  6,8,  Mittelfranken  4,8%•
—  Mittelschulen  (1862):  29  Gymnasien  mit  301  Lehrern,  2532
Gymnasial-  und  4882  Lateinschülern.  Ausserdem  28  isolirte  T,ateinschulen
  mit  198  Lehr,  und  1363  Schul.  —  8  Bealgymnasien  und  29
Ge  werbschulen.  —  1  polytechn.  Schule.  —  3  Universitäten.
Beschäftigungsweise.  Von  je  1000  Einw.  lebten  (nach  v.  Hermann)  *)  :

von  Landwirthschaft  ....
von  Industrie  und  Handel  .  .
von  Renten,  Staatsdienst,  Kunst
im  Militär
conscribirte  Arme

Dampfmaschinen.  Im  J

1840
657
257
54
14
18
861

1852
679
227
55
19
20

Die  Zahl  der  Geistlichen ­
  ist  bei  den  Katholiken ­
  wie  1  :464,  bei  den
Protestanten  1  ;  1015.

1861  889  mit  77,889  Pferdekraft,

worunter  aber  353  Locomotiven  mit  55,136  Pferdekraft.

Berg-  und  Hüttenwesen,  1861:
Werke  Production
Bergwerke  549  6’455,252  Zollcntr.
Hüttenwerke  139  P563,541
Salinen  8  1’009,753
Zusammen

Geldwerth
1’421,962  H.
8’371,628  -
4’278,446  -
14’U72,036%

Arbeiter
3716
3792
2294
irbOiT“

696  9’008,546  Zollcntr.
Doch  sind  dabei  die  im  Hüttenbetrieb  verwendeten  Bergproducte
offenbar  doppelt  aufgeführt,  und  in  dem  Gcldwcrth  der  Salinenproducte
ist  nicht  blos  der  reelle  Werth,  sondern  auch  die  Salzsteuer  einbegriffen.
—  Von  den  Werken  gehörten  1860  82  dem  Staate.  —  Die  wichtigsten
Bergwerksproducte  waren  1862:  4’424,  102  Zollccntner  Steinkohlen,
r096,882  fl.  werth,  von  131  Werken;  1’032,957  Cntr.  Eisenerze,
186,131  fl.,  von  279  Werken;  —wichtigste  Hüttenproducte  :  600,021
Cntr.  Roheisen,  ,1’688,802  fl.  worth,  v.  84  Werk.;  232,920  Cntr.  Gusswaaren,
  1'614,786  fl.;  694,421  Cntr.  Stabeisen,  4’715,765  fl.  etc.
Bezüglich  (1er  Landwirthschaft  ist  zu  bemerken,  dass  der  Tabakbau
sich  sehr  vermindert  hat.  Im  J.  1857  waren  20,178  Tagwerk  mit  Tabak  bertui

  v/ii.  1111  TTciiiic  vuii  II  .viiii.  n.  geschätzt
140,000  Ctr.  ausgeführt,  im  Werthe  von  7%  Mill.  fl.  —  Der  Viehstand  war
bei  der  Aufnahme  v.  1801:  380,108  Pferde,  3’185,882  Stück  Rindvieh,  2’058,63K
Schafe,  150,855  Ziegen,  926,522  Schweine.  Schon  1854  ward  der  Geldwerth  des
Viehstandes  auf  223’964,586  fl.  geschätzt.

*)  Aeusserst  interessante  Vergleichungen  über  den  Stand  der  Gewerbe  in
den  Jahren  1847  und  61  bei  v.  Hermann.
        <pb n="259" />
        DEUTSCHLAND.  —  Sachsen  (Land  und  Leute).

237

In  der  Gewerbsindustrie  verdienen  die  Brauereien  eine  bes.  Erwähnung. ­
  Es  bestanden  deren  in  den  letzten  Jahren  4878,  ungerechnet  jene  in
der  Pfalz;  sie  lieferten  etwa  8’800,000  Eimer  Bier  imWerthe  von  54  Mill.  Schon
185()  betrug  die  Ausfuhr  155,231)  Eimer,  im  Werthe  von  991,500  fl.,  1801  war
die  Ausfuhr  auf  318,333  Eimer  gestiegen.  —  Branntweinbrennereien  gab
68  1800  blos  in  der  Pfalz  gegen  2000,  mit  einer  Production  von  45,000  Hectoliter, ­
  wovon  22,000  nach  Preussen,  Baden,  Holland,  Frankreich  etc.  gingen.
Wohnungen.  Gebäude  waren  in  den  7  rechtsrhein.  Kreisen
im  Werthe  von  bbb'957,72U  fl.  gegen  Feuer  assecurirt.
Sparcassen,  1.  Oct.  1S()2  24b  mit  23’6S2,77b  fl.  Einlagen.
Eisenbahnen.  Bayern  besitzt  vergleichsweise  bedeutend  mehr  als
I*reu88en  ;  Ende  lb04  304  Meil.  im  Betriebe,  neml.  164  Meil.  Staats-,
29  M.  vom  Staate  gepachtete  und  111  M.  reine  Privatbahnen.  Verkehr
äul  der  Staatsbahn  siehe  S.  230.)
Telegraphen.  Oct.  1862  277  %  Meil.,  550  M.  Drahtlänge  und  nur
44  Stationen;  251,237  Depeschen,  Ertrag  212,450,  Betriebskosten
159,733  fl.  Da  die  Anlagekosten  749,594  fl.  waren,  so  ergibt  sich  eine
Hente  von  7,03%.
Post.  18«%,  33'070,731  Briefe  18%„  erst  20'932,635  ,  38'936,646
^eitungsblätter.
Maasse  elc.  Der  bayr.  Fuss  =  0,9299  preuss.  oder  29,18  Centimet.  Die
Elle  s=  1,249  preuss.  —  Das  Tagwerk  =  400  (i.-Ruthen  oder  34,0727  Aren.  —
^ie  Maass  =  0,9330  preuss.  Quart  oder  1,009  Liter.  Der  bayr.  Eimer  =  04
5ayr.  Maass  oder  0,9958  preuss.  Eimer  oder  08,41  Liter.  —  Der  bayr.  Schäffel
•=  4,0457  preuss.,  oder  222,35  Liter.  —  Das  bayr.  Pfund  =  1,12  Zollpfund,
(ln  der  Pfalz  besteht  meist  noch  franz.-metrisches  Maass  und  Gewicht.)

,  .*)  Ilauptyuelle  die  höchst  schätzbare  Mittheilungen  enthaltende  »  Zeitstatistischen
  Bureaus  des  Kön.  Sächsischen  Ministeriums  d.  Innern.«
t  Bureau  bekanntlich  unter  der  Leitung  des  kenntnissvollen  Dr.  Weinlig
1  —  Sodann;  »Staatshandbuch  f.  d.  Königr.  Sachsen.  1803.  Herausge-*
  Statist.  Bureau  im  Minist,  d.  Innern«  (bearbeitet  von  dem  ebenso
gelälhgen  als  thätigen  Sekr.  L.  Th.  Petermann).

4.  Sachsen  (Königreich)*.

Kreisäs* ­

  Q.-M.  Bevölk.  Auf  die  '
tion  Dec.  1861  Q.-M

Männlich  1'088,933
Weiblich  r  136,307

kau  84  827,245  9848
zen  45  V,  308,488  0845  I
nen  271'/,  f^\240  8”Í9Õ  ,

79  583,213  7382
03  500,294  8037

Familien  470,199.

Bewohnte  Gebäude  230,410.

Unter  den  Einw.  53,970  wendischen
Stammes,  in  333  Ortschaften.

Amtshauptmannschaften  der  4  Kreise  :

F  reiberg

251,207
114,979
95,915
121,112
202,002
101,148
101,928
101,210

..  miiiuoerg  .  .  .
'  '  Plauen  ....  184,304
Schönburg'sehe

Chemnitz  .  .  .  212,loO
Zwickau  .  197,805
Annaberg.  .  .  120,077

I  Borna  .
2.  I  Grimma

I  Rochlitz
I  Döbeln.

1  vvCvKoIlt^rFnCllcilt.  *  i
,  I  Budissin  151,381
1  Zittau  .  .  .  .  157,107

Ilecessherrschaft.  112,753

M
        <pb n="260" />
        238

DEUTSCHLAND.  —  Sachsen  (Land  und  I^eute).

Confessionen  (1861):
Lutheraner  2’175,392

Reformirte  .  .  .
Anglicaner  .  .  .
Rom.  Katholiken
Deutsch-Katholiken
Griechische  Katholiken
Juden

4,515
233
41,363
1,722
460
1,555

Gebrechliche,

Blinde  .  .
Taubstumme
Blödsinnige
Irren  .  .

1,606
1,366
4,540
1,559

Städte.  In  den  142  Städten  (worunter  aber  Orte  von  noch  nicht
600  Menschen;  lebten  1861  819,621,  auf  dem  Lande  1’405,619  Personen. ­
  Die  Zunahme  in  den  Städten  war  von  1855—58  nur  wenig  stärker ­
  als  auf  dem  Lande,  während  sie  von  1852—55  sogar  schwächer  gewesen, ­
  dagegen  hat  sich  für  1858  —  61  eine  Vermehrung  ergeben  in  den
Städten  von  6,27,  auf  dem  Lande  nur  von  4,06  Proc.  —  Bedeutendere
Städte  1861  (mit  Militär]:

Dresden
I.eipzig  .
Chemnitz
Zwickau
Freiberg
Glauchau
Plauen  .
Merane  .
Zittau  .
Budissin
Crimmitzschau
Reichenbach
Meissen.

128,152
78,495
45,432
20,492
17,488
16,586
16,166
13,626
13,063
11,237
10,650
10,198
9,886

Annaberg
Werdau  .
Grossenhain
Döbeln  .
Mittweida
Frankenberg
Zschopau
Schneeberg
Pirna  .  .
Hainichen
Wurzen  .
Rosswein
Eibenstock

9,710
9,298
8,988
8,228
7,969
7,943
7,858
7,582
7,441
6,594
6,408
6,401
6.365

Bevölkerung  shetvegung.
Geburten  Sterbfälle  Trauungen
1859  91,393  60,476  18,707
1860  92,835  57,483  19,655
1861  90,805  67,373  18,517
Unter  den  Geborenen  waren  in  diesen ­
  3  Jahren  unehel.  :  14,377,  14,083,
13,895.  —  In  den  9  Jahren  1853—61
sind  10,871  Individuen  ein-,  und  nur
9,074  ausgewandert.

Grimma  .
I.eisnig  .
Hohenstein
Oschatz  .
Lösnitz  .
Treuen  .
Stollberg.
Cederán  .
Waldheim
Kirchberg
Marienberg
Kamenz  .
Penig  .  .
Rochlitz  .

Frühere  Bevölkerung
1815:  1’178,802
1824:  1’311,483
1834  :  P595,668
1840:  1’706,276
1849:  1’894,431
1852:  1’987,612
1855:  2’039,176
1858:  2’122.148

5,879
5,770
5,580
5,468
5,367
5,312
5,266
5,183
5,183
5,172
5,097
4,999
4,933
4,859

Das  Ackerland  umfasst  1’344,4  75  Acker,  die  Wiesen  301,551,
Weiden  56,168,  Wald  84  5,945  (wovon  283,173  Staatseigenthum)!
Von  den  48’525,2ll  Steuereinheiten  kommen  H’089,8(*7  auf  die  Rittergüter. ­
  —  Viehstand  1861);  95,642  Pferde,  638,460  St.  Rindvieh,
371,989  Schafe,  270,462  Schweine,  90,881  Ziegen.
Bodenvertheilung  :  Q.-M.

Kammergüter  .  .  .
Staatswaldungen  .  .
Kirchen-  und  Schulgut
Gemeindeeigenthum  .
Innere  StadtHächen  .

1,75
27,73
5,46
7,44
0,85

Privateigenthum  ;
a.  Ritterschaftliches  (942
Rittergüter)  ....
b.  Uebriges
Gesammtsumme

Q.-M.

43,24
185^12
271.63

Gebietsveränderungen.  Kur-Sachsen  im  Jahre  1786:
Kur-Kreis  'Wittenberg  etc.)  ^  W  IS^^OOO
Thüring’scher  Kreis  (Weissenfels,  Langensalza)  36  165,000
Meissnischer  Kreis  (Dresden,  Torgau)  ...  69  300,000
Leipziger  Kreis  46  210,000
        <pb n="261" />
        DEUTSCHLAND.  —  Sachsen  (Finanzen).

239

Q.-M.  Einw.
Erzgebirmscher  Kreis  (Ereiberg,  Chemnitz  .  .  S4  .‘i08,000
Voigtländischer  Kreis  (Plauen,  Reichenbach)  .  21  \  «t;  nnii
Neustädter  Kreis  13/
Stifte  Merseburg,  Naumburg,  Zeiz  22  &amp;lt;H),000
Fürstenthum  Querfurt  ....
Theil  der  Grafsch.  Henneberg  (Subía)  .  .  8  20,000
-  -  Mansfeld  (Eisleben)  ...  8  ....
Grafschaften  Barby  und  Gommern  4  ....
Lausitz  (mit  Görlitz,  Lauban  etc.)  .  .  .  ISO  400,000
Zusammen  (eigentl.  039  Q.-M.)  000  1'"00,000
Sachsen  verliess  nach  der  Jenaer  Schlacht  das  preussische  Böndniss.
  Zufolge  des  Posener  Vertrags  v.  11.  Dez.  1806  schloss  sich  der
Kurfürst  dem  Rheinbunde  an,  erklärte  sich  zum  Könige,  und  erhielt  den
Cottbusser  Kreis  von  Preussen,  wogegen  er  Mansfeld,  Gommern  und
Barby  an  Westfalen  abtrat.  Auch  ward  er  zum  Herzoge  von  Warschau
erhoben,  das  jedoch  einen  besondern  Staat  bildete.  Der  Wiener  Congress, ­
  mehrmals  auf  dem  Punkte  Sachsen  vollständig  an  Preussen  zu
überlassen,  verfügte  schliesslich  eine  Theilung.  Zufolge  Vertrags  vom
18.  Mai  1815  musste  Sachsen  an  Preussen  abtreten;  die  Nieder-  und
einen  Theil  der  Oberlausitz,  den  Wittenberger  und  Thüringer  Kreis,
und  Theile  des  Neustädter,  Leipziger  und  Meissner  Kreises,  den  grössten
Theil  der  Stifter  Merseburg,  Naumburg,  Zeiz,  dann  Mansfeld,  Querfurt,
die  Voigtländischen  Enclaven  und  Henneberg.  Weimar  erhielt  den
Haupttheil  des  Neustädter  Kreises.  Der  Gesammtverlust  betrug  379
Q.-M  und  875,60(1  Menschen,  oder,  den  an  Preussen  blos  zurückgegebenen ­
  Cottbusser  Kreis  abgerechnet,  368  Q.-M.  und  845,200  Einw.
Die  jetzige  Verfassung  à&amp;amp;iixX,  1.  Sept.  1831.
Finanzen.  Dreijährige  Budgets.  Die  letzten  schlossen  so  ab  :
für  1S49  bis  Al  jährlich  "'000,009  Thlr.
-  1852  -  54  -  H'2K1,728  -
-  1855  -  57  -  9'040,902  -  und  ausserord.  7'893,550  für  3  Jahre
-  Ib58  -  00  -  9’305,243  -  -  5'242,058
-  1801  -  03  -  I2'350,352  -  -  7'522,000
1842  war  d.  Staatsbedarf  5'002,289

Budget  für  die  Einanzperiode  1864—66.*)
1.  Jährliche  Einnahmen.
A.  Nutzungen  des  ¡Stautsvenniigens.
1)  Domänen  und  andere  Besitzungen  dabei:  Forste  und
Jagden  1'250,000,  von  den  Kammergütern  118,940
2)  Regalien  und  Verkehrsanstalten  (dabei  Staatseisenbahnen ­
  2'000,000,  Salz418,000,  Post207,000,  Chaussee-u.  Brückengelder ­
  232,000  ,  Berg-  und  Hüttennutzungen  87,540,  Flösserei
und  Holzhöfe  40,000
Tür  das  Telegraphenwesen  ist  14,000  Thlr.  etatmässiger  und
^  10,000  transitorischer  Zuschuss  angesetzt).
3)  Zinsen  und  Administrationseinkünfte  dabei  Zinsen
von  Active  apitalien  040,00(1,  Lotterieüberschuss  500,000,  Besoldungsabzüge ­
  zum  Pensionsfond  70,000)

Thaler.
1'471,740

3'000,040

1'27:^5%
5'750,808

*)  In  dem  Gesetz-  und  Verordnungsblatte  sind,  abweichend  von  dem  Gebrauche ­
  anderer  constjtut.  Staaten,  nur  die  Hauptziffern  der  Budgetpositionen, ­
  ohne  alle  Special  isirung  der  einzelnen  Etats,  abgedruckt.
        <pb n="262" />
        240

DEUTSCHLAND.  —  Sachsen  (Finanzen).

1{.  Steuern  und  Abyaben.
1)  Directe,  ordentliche  (Grundsteuer,  9  Pf.  p.  Einheit  I  ’518,800,  Gewerbe- ­
  und  Personalsteuer  712,000;
2)  Indirecte,  ordentliche  (Grenz-  und  Elbzoll  1*120,700,  Branntweinsteuer ­
  608,800,  Schlachtstcuer  293,700,  Biersteuer  250,100,
Weinsteuer  14,400,  Tabaksteuer  2,600,  die  5  letztgenannten
Steuern  incl.  Uebergangsabgabe  ;  Kübenzuckersteuer  499,700,
Stempelimpost  320,000)
Summa  der  Steuern  und  Abgaben
Summa  der  Staatseinkünfte
Hiezu  C.  Zusatz  aus  den  verfügbaren,  soweit  nöthig  durch  besondere ­
  Creditmassregeln  zu  verstärkenden  Beständen  des
mobilen  Staatsvermögens
Summa  der  Staatseinnahmen

Thaler.
2*230,800

3*110,000
5*340,800
11*091,608

2*567,376
13*658,984

II,  Jährliche  Ausgaben.
A.  Allgemeine  Staatsbedürfnisse.  ctatmasei^  transitons,  h
Thaler
1)  Königliches  Haus:  Civilliste  615,000,  Schatullgeld
der  Königin  30,000,  Apanagen  205,566,  Unterhaltung ­
  der  zum  königlichen  Haustideicommiss  gehörigen ­
  öffentlichen  Sammlungen  36,173  und  17,018

trans.  =  886,566  17,648
2)  Schuld,  Verzinsung  2*285,231,  Tilgung  836,293  =  3*121,524
3)  Renten  unablöslicher  Capitalien  123,549
4}  a)  Ablösung  der  den  Domänen  nicht  angehörigen
Lasten  und  Abfindungszahlungen  10,000,  b  nachträgl.
  Entschädigung  für  den  Wegfall  gewerbl.  Verbietungs-Rechte
  152,000  trans.  =  10,000  152,000
5)  Landtagskosten  (dav.  4000  Zuschuss  zu  den  Landtagsmittheilungen) ­
  40,166
6)  Allgemeine  Regierungsangelegenheiten  ....  2,000
B  Gesammtministerium  und  Dependenzen  26,490  2,400
C.  Justizdepartement  581,492  9,655
1).  Departement  des  Innern  958,512  92,514
E.  Finanzdepartement  490,374  47,589
F.  Militärdepartement  2*294,875  10,567
G.  Dep.  des  Cultus  und  öfientlichen  Unterrichts  .  .  .  397,670  100,845
H  Departement  des  Auswärtigen  91,445  7,300
1.  Beiträge  zu  den  Ausgaben  des  Deutschen  Bundes  35,000  —
K.  Pensionsetat  ...  584,396  12,514
Ti.  Bauetat  911,420  2*543,500
M.  Reservefond  100,000  —

10*662,752  2*996,232
13*658,984  pr.  Jahr.
Ein  ausserordentliches  Budget  ist  diesmal  wieder  nicht  aufgestellt,
vielmehr  das  etwa  dahin  Gehörige  unter  die  transitorischen  Postulate  verschrieben ­
  worden.  Daher  das  grosse  Anwachsen  derselben,  namentlich  beim  Bauetat,
worunter  für  diese  Finanzperiode  7  (also  jährlich  2%)  Millionen  Thlr.  zu  Vollendung ­
  der  Chemnitz-Annaberger  und  Herlasgrün-Hofer  Staatsbahn  figuriren.
Die  Vermehrung  des  Bedarfs  in  der  Neuzeit  rührt  hauptsächlich
von  den  Positionen  Schuld  und  Militär  her.  —  Der  Bedarf  für  die  Schuld
betrug  lS®%e  591,678,  18*%,  651,790,  18*%,  1*588,102,  18»%*
2*197,065,  18»%,  2*585,985,  18»%,  2*834,000.  Der  für  das  Militär:
18»*/„  1*180,369,  18*748  1  344,025,  18*7»,  1*841,543,  18»%,
1*933,417,  18»%,  2*038,168,  18»%,  2*175,096.  Die  eigentliche  Ci-
        <pb n="263" />
        DEUTSCHLAND.  —  Sachsen  Finanzen).

241

vüliste  war  1831  auf  500,000  Thlr.  C.-M.  (513,889  Thlr.  Cour.)  festgesetzt; ­
  sie  ward  1854  auf  570,000,  (1804  behufs  Ausdehnung  der  in
a  en  Departements  vorgenommenen  Erhöhung  der  Beamtengehalte  auf
die  aus  der  CiviUiste  bezahlten  um  weitere  45,000  Thlr.)  erhöht,  und
iür  die  Königin  ein  Schatullegeld  von  30,000  Thlr.  beigefügt.  Die  Pensionen ­
  (worunter  auch  solche  von  Hofbediensteten),  1845  522,672,
stiegen  18*%,  auf  556,669,  18“%*  sogar  auf  635,401.  Die  Ausgabenvermehrung ­
  führte  u.  a.  zur  Einftihrung  einer  Rentensteuer  (1851)  und
Erweiterung  des  Lotterieinstituts  (Vermehrung  und  Preiserhöhung  der
oose!)  Dagegen  gestatteten  die  wachsenden  Erträge  namentlich  der
Eisenbahnen  und  Forsten  sowie  der  indirecten  Abgaben,  die  in  den  50«r
a  iren  eingeführten  ausserordentlichen  Zuschläge  zu  den  letzten  nach  und
%W  ^*^^Gder  in  Wegfall  zu  bringen,  die  ordentlichen  Sätze  zu  ermässigen
(ödilachtsteuer  und  Salzpreis)  und  die  wiederholten  Gehaltaufbesserungen ­
  und  gemeinnützigen  Opfer  bei  Betriebsanstalten  (Aufhebung  der
Postbestellgelder,  Bau  von  Gebirgsbahnen)  bis  jetzt  ohne  Steuererhöhung
urchzuführen.  Neuerdings  scheint  man  jedoch  bei  Abschätzung  der
Gewerbtreibenden  (die  Agricultursteuer  ist  invariabel,  das  Wachsthum
er  Grundsteuer  auf  die  Gebäude  zu  rechnen)  innerhalb  des  vom  Gesetze
gelassenen  Spielraums  möglichst  hoch  herauf  zu  gehen.
Die  wirkliche  Einnahme  übersteigt  stets  sehr  bedeutend  die  vorgesehene ­
  Summe.  Die  letzten  Finanzperioden  lieferten  folgende  Gesammt-Grgebnisse
  :

Oesanunteinnahme  Ordentl.  Auagabe  Ueberachasa
1852-54  28’460,798  25*188,122  3*272,675  Thlr
1855^57  32*609,529  27*799,372  4*810,157  -
1858—60  36*428,449  30*490,111  6*323,175  -
Auf  die  Staatseisenbahnen  waren  Ende  1862,  einschliesslich
Betriebscapital,  46*020,059  Thlr.  verwendet.  Die  Roheinnahme  war
1862:  5  396,569,  der  Reinertrag  2*661,753  Thlr.,  mithin  verzinste
Sich  das  meist  zu  4  %  erborgte  Anlagecapital  zu  etwas  über  5  %.
Das  mobile  Staatsvermögen  des  Königreichs  Sachsen  betrug  am
Schlüsse  der  Finanzperiode  18“%„;  18*955,437  bei  den  Centralcassen
und  17*355,873  bei  den  Provinzialcassen  und  Betriebsanstalten,  zus.
311,310  Thlr.

Das  immobile  Staatsvermögen  wurde  geschätzt  auf  92*681,013  Thlr.,
I^ämlich  :  a)  zur  freien  Benutzung  der  Krone  vorbehaltenes  518.073,
zur  öffentlichen  Benutzung  (incl.  Straf-  und  Versorgungsanstalten,
^  '  Strassen,  Canäle  etc.)  4  551,842,  c)  an  Betrieb  der  Staatswirth-^haft
  81*340,333*),  d)  für  Zwecke  des  Civildienstes  4*476,932,  e)  für
1bestimmtes  1*793,833.  Summe  des  Staatsvermögens
128*992,323  Thlr.
_  Staatsschulden  des  Königreichs  Sachsen  betrugen  am
Schlüsse  der  Finanzperiode  18"%^  :  A.  Anleiheschulden  3%  Anleihe
'on  1830:  6*801,400,  4%  Anleihe  von  1847  :  8*929,500,  vereinigte

)  Darunter:  Staatseisenbahnen.  37*293,832  Thlr.
Forsten  ....  30*271,021
Kammergüter  .  .  1*895,976
Fiscal-Kohlenwerke  1*984,870
Kolb,  statiitik.  4.  Aufl.

16
        <pb n="264" />
        242

DEUTSCHLAND.  —  Sachsen  'Militär).

4procentige  Anleihen  von  1852,  55,  58  u,  59  ;  32’230,400,  3%  Anleihe
von  (ehemal.  sächsisch-bayrischen)  Eisenbahnactien  v.  1855:  4’4  19,800
unverzinsl.,  nunmehr  gekündigte  alte  Kammerscheine  etc.  9,265  =
52’390,365;  B.  Finanzhauptcassenschulden  395,359;  C.  Casscnbilletschuld
  7’000,000;  D.  übernommene  Actienschuld  der  sächs.-schles.  Eisenbahn ­
  (4  %)  3’734,700,  zus.  63’520,424  Thlr.—  Zum  Baue  der  Annaberger
  und  Voigtländischen  Staatsbahn,  sowie  zur  Ergänzung  der
Betriebsmittel  bei  den  vollendeten  Staatsbahnen  wurde  1862  eine  weitere ­
  1%  Anleihe  von  6%  Mill.  Thlr.  emittirt,  so  dass  sich  gegenwärtig
der  Schuldenstand  auf  circa  70  Mill,  beziffert,  welche  sich  durch  die  obgedachten ­
  7  Mill,  zur  Vollendung  jener  Eisenbahnen,  sowie  4  Mill,  für
den  beschlossenen  Eisenbahnbau  von  Freiberg  nach  Chemnitz  weiter
vermehren  werden.
Finanzgeschichtliches.  Die  Erhebung  sächsischer  Kurfürsten  auf
den  polnischen  Königsthron  kostete  Sachsen  enorme  Opfer.  Schon  unter
August  II.  (1697—  1733)  wurden  »  der  Königswürde  «  wegen  Landestheile
  und  Rechte  des  Kurstaats  veräussert.  Auch  zog  jenes  Verhältniss
die  Schweden  unter  Karl  XII.  in  das  Land  (170(&amp;gt;  und  7),  deren  Erpressungen ­
  auf  23  Mill.  Thlr.  geschätzt  wurden.  —  Der  siebenjährige  Krieg
war  von  einem  schrecklichen  Aussaugen  Sachsens  begleitet.  Friedrich  II.
zog  gegen  50  Mill,  daraus  ;  der  sächsische  Staat  ward  mit  29  Mill,  neuen
Schulden  belastet  ;  der  üesammtschaden  des  Landes  stieg  aber  auf  mindestens ­
  70  Mill.  Die  Verschwendung  in  der  Hofhaltung  dauerte  indess
fort.  1778  berechnete  man  den  Staatsbedarf  auf  6’634,000  Thlr.,  wovon ­
  2’017,116  für  »  Armee  und  Politik«,  679,823  für  den  Hof,  414,016
für  Apanagen,  1’910,899  für  Schulden,  702,729  Besoldungen  u!  349,749
Pensionen  !  —  Zufolge  des  Teschener  Friedens  erhielt  Sachsen  6  Mill.
Gulden  Entschädigung  von  Bayern  für  Erbschaftsansprüche.  —  Die
preuss.  Allianz  gegen  Frankreich  1806  kostete  25  Mill.  Fres.  Kriegssteuer, ­
  ungerechnet  die  besondere  Belastung  der  Stadt  Leipzig.  Von  den
Entschädigungsgeldern,  die  Frankreich  nach  Napoleon’s  Sturze  zu  entrichten ­
  hatte,  erhielt  Sachsen  6’80  l,  1  46  Fr.
Die  eigentliche  Staatsschuld,  1764  29’028,425  Thlr.,  war  1806
auf  14  932,885  herabgebracht,  1817  aber  wieder  auf  22’857,626  gestiegen, ­
  wovon  16'660,  771  auf  Sachsen  lasten  blieben,  während  Preussen
den  Rest  zu  übernehmen  hatte.  —  Die  Kammer-Creditcassen-Schuld,
1765  8’698,898  Thlr.,  war  bei  der  Landestheilung  auf  2  984,556  gemindert, ­
  wovon  1’554,205  bei  Sachsen  verblieben.  —  Schon  1772  erfolgte ­
  Ausgabe  von  Papiergeld.  Bei  der  Landestheilung  waren  für  5  Mill,
verbreitet;  davon  musste  Sachsen  3‘^  Mill,  decken.  1819  waren  für
2Va,  1843  für  3  Mill,  im  Umlaufe.  Nun  erfolgten  weitere  Ausgaben;
im  September  18  13  für  1,  im  Juni  1846  für  3  Mill.  Der  Betrag  der  gesammten
  Staatsschuld  war  (allerdings  mit  Vermehrung  der  Staatseisenbahnen ­
  steigend)  :
1819  1830  1847  1849  1853  1858
25’148,201  1&amp;amp;’762,050  33’778,000  41’343,3G1  42’781,523  Gü’729,552
Militär.  Conscription  ;  6jährige  Dienstzeit  vom  21.  Altersjahre  an  ;
sodann  weiter  2jährige  Verpflichtung  zur  Reserve.  Jeder  Militärpflichtige ­
  hat  im  Frieden  das  Recht,  sich  durch  einen  Einsteher  vertreten  zu
        <pb n="265" />
        DEUTSCHLAND.  —  Sachsen  (Militär:  Socialverhältnisse).  243
lassen,  den  der  Staat  um  300  Thlr.  stellt.  Aus  der  Altersclasse  18*%
aben  684  Militärpflichtige  von  der  Stellvertretung  Gebrauch  gemacht.
Die  Körperbeschaffenheit  der  jungen  Männer  hat  sich  in  der  Neuzeit
verschlimmert.  Während  1834  noch  fast  40%  der  Aufgerufenen  dienstlähig
  waren,  sank  die  Zahl  der  Brauchbaren  1856  auf  22%  herab.  Im
J-  1862  waren  von  21,715  Conscribirten  5182  tauglich  =  23,86%  (in
der  Amtshauptmannschaft  Freiberg  von  1192  nur  237,  Chemnitz  von
blos  380,  Annaberg  von  1303  nur  275);  doch  dürfte  die  Erhöhung
er  Ansprüche  wesentlich  zu  diesem  Resultate  beigetragen  haben.  —
Unter  den  Offleieren  befanden  sich  1859  nicht  weniger  als  356  Adelige
gegenüber  241  Bürgerlichen  (nach  Steubelj,  —  ein  Missverhältniss,
^e  c  es  in  den  Mittelstaaten  nur  in  Mecklenburg  noch  überstiegen  ward.
Infanterie:  2  Divisionen  à  2  Brig,  zu  4  Linien-  und  1  leicht.  Bataill.,
^hwadr.  à  158  M.  mit  154  Dienstpferden  3  208  -
-Artillerie:  mit  50  Geschützen  l'o4(»
Pioniere  und  Pontoniere,  2  Comp  '¿50
Train  (mit  1950  Pferden)  !  !  .  1,130  -
Dazu  die  Stäbe;  zus.  25,396  M  ;  dann  1232  Nichtcombattanten,  ungerechnet ­
  (he  Reserve.  -  Festung:  Königstein.
Kriegsgeschichtliches.  1783  war  der  Heeresbestand  21,992  Mann
(13  Infanterie-  und  8  Cavallerie-Regimenter).  1806  stellte  Sachsen  ein
ontingent  von  22,000  M.  gegen  Napoleon,  wovon  6000  bei  Jena  geangen ­
  wurden.  Das  Rheinbundscontingent  betrug  20,000  (1807  ausnahmsweise ­
  nur  6000).  Die  sächs.  Truppen  kämpften  1809  gegen
esterreich,  1812  (21,500  M.)  gegen  Russland,  wo  sie  zum  grössten
4  heil  aufgerieben  wurden.  In  der  I.eipziger  Schlacht  trat  die  neu  for-Jiirte
  kleine  Armee  grösstentheils  zu  den  Verbündeten  über.  Bis  zum
yOhjahre  1814  musste  das  Land  ein  Heer  von  28,000  M.  gegen  Napoleon ­
  stellen,  1815  10,000.
Sociale  Verhältnisse  etc.  Die  Criminalstatistik  liefert  ungünstige ­
  Ergebnisse.  Die  Zahl  der  Verbrecher  in  den  Strafanstalten,  von
1810—19  unregelmässig  schwankend  zwischen  1093  und  1271,  stieg
(zunächst  in  Folge  politischer  Verurtheilungen,  sofort)  von  1122
aut  1382,  im  nächsten  Jahre  auf  1623;  1857  erreichte  die  Zahl  sogar
ging  indess  in  den  Jahren  1858  und  59  auf  2253,  2071,  und  am
•  11  1  1861  auf  1986  herab.  Es  kam  ein  Verbrecher  auf  folgende  Einwohnerzahl ­
  :
1  f  1840-44  1845—49  1855—59
^45.1  E.  1557  E.  1008  Einw.  =  Vermehrung  41  Proc.
Die  Zahl  der  jugendlichen  Verbrecher  unter  16  Jahren  hat  sogar
um  61/2  %  zugenommen.  Die  Zahl  der  Rückfälligen,  184  0  —54  durch-D
  1  1855  —  59  38,46,  speciell  1859  sogar  45,75  %.
00  1  dürften  Aenderungen  im  Verfahren  wesentl.  zu  allen  diesen  Resulen
  beigetragen  haben.  Das  Maximum  der  polit.  Sträflinge  war  1851
'  •  ,  1859  fanden  sich  noch  8  detinirt.  —  Nach  Geschlechtern  ist  das
orc  ischn.  Verhältniss  4,5  männl.  Sträflinge  gegen  1  weibl.  Die  Farn ­
  bezirke  haben  im  Ganzen  weniger  Sträflinge  geliefert  als  die
urc  ischnittszahl.  —  Im  J.  1863  fanden  1054  Hauptverhandlungen
16*
        <pb n="266" />
        244

DEUTSCHLAND.  —  Sachsen  (Socialverhältnisse

gegen  1383  Angeschuldigte  statt,  von  diesen  wurden  9  zum  Tode,  252
zum  Zuchthause,  643  zum  Arbeitshause,  361  zum  Gefängnisse,  844  zu
Geldstrafen  verurtheilt,  107  wurden  von  der  Anklage,  15  von  Strafe
freigesprochen.
Die  Getreide-  und  Kartoffelproduction,  auf  Roggenwerth  reducirt,
  ward  durchschnittl.  pr.  Jahr  geschätzt  :

Centner
1846—50  19’086,3Ü3
1851—55  16’552,031
1856—60  19’430,601

Geldwerth
48’221,081  Thlr.
57’560,157  -
55’077,125  -

Viehstand  (1861):  95,642Pferde,
638,460  St.  Kindvieh,  371,989  Schafe,
270,462  Schweine,  90,881  Ziegen.

lirandvcrsicheruny.  Bei  der  Landesversich.-Anstalt  war  am  31.  Dec.  1862
der  Assecurationsbetrag  der  Immobilien  320’542,037  Thlr.  —  Dampfmanchineyi,
Ende  1861:  1003  stehende  mit  15,633  Pferdekr.,  203  Locomotiven  mit  30,267,
10  auf  Schiffen  mit  397,  und  18  sog.  Locomobilen  mit  119,  zus.  1234  Maschinen
mit  46,416  Pferdekr.  (1856  erst  708  mit  16,709).  —  Kohlenheryhau  (1861)  ;  81
Stein-  und  157  Braunkohlen  werke,  erste  mit  11,404  Arbeit.,  19*382,976  Cntr.,
3*229,451  Thlr.  werth  ;  letzte  mit  2760  Arbeit.,  2*754,561  Cntr.,  378,444  Thlr.
werth.  —  Metaliberybau  (1861):  394  Gruben,  10,764  Arbeit.,  Productionswerth
1*795,063  Thlr.  —  Ausbringen:  54,905  Pfd.  Silber,  98,301  Cntr.  Blei,  496Cntr.
Kupfer,  3013  C.  Zinn,  circa  815,000  C.  Eisenstein  etc.  —  Die  Eiaeyihütten  hatten ­
  1876  Arbeiter  und  1*378,779  Thlr.  Production,  die  übrigen  Hütten  1001  Arb.
—  liuchdrnckereien  zählte  man  1856  110,  mit  97  Schnell-  und  268  Handpressen
(davon  in  Leipzig  allein  29  Etablissements,  mit  66  Schnell-  und  141  Handpressen) ­
  ;  sie  beschäftigten  1776  Arbeiter,  producirten  für  588,400  Thlr.,  und  verbrauchten ­
  12,646  Ballen  Papier.  Hiezu  kamen  85  Steindruckereien.  Zahl  der
Zeitschriften  202  (worunter  nur  4  tägliche  und  7  sechsmal  in  der  Woche  erscheinende ­
  Zeitungen).  —  liaunnrollnpinnereien,  1855:  133  mit  554,646  Feinspindeln, ­
  und  einem  Anlagecapitale  von  5*  ,  Mill.  Thlr.;  Verbrauch:  24*383,058  Pfd.
Baumwolle;  Arbeiterzahl  11,420,  worunter  2427  Kinder.  —  (1861  hatten  die
Baumwollspinnereien  620,000  Spindeln,  die  Streichgarn-  und  Vigognespinn.
303,000,  die  Kammgarnspinnereien  85,000  Spindeln;  ferner  gab  es  120  Kämmmaschinen. ­

Post  1863  :  14*390,208  Briefe  (wovon  362,323  recommandirt)  ;  2*370,654  Fahrpostsendungen ­
  ohne  Werthangabe,  1*419,899  Werthsendungen  von  208*178,269
Thlr.,  219,817  Baarauszahlungen  zu  1*767,922  Thlr.
Stauisteleyrapthen  1863:  138  Meilen  I,änge  der  Linien,  179,655  Telegramme
(darunter  91,245  interne).
StaaUeisenbuhnen  1863:  76  Meilen.  Beförderte  Personen  4*118,165  ;  Güter:
62*/*  Mill.  Cntr.,  davon  6  Mill.  Cntr.  Normalgut,  59’/,  Mill.  Cntr.  nach  Wagenladungen, ­
  2  Mill.  Cntr.  nach  vereinbarten  Sätzen  und  */,  Mill.  Cntr.  Eilgut.
Einnahme  5*/,  Mill.  Thlr.  (267,000  Thlr.  mehr  als  1862  .  —  Vrirathahnen  :  33*/,
Meilen,  wovon  8  Meilen  unter  Staatsverwaltung.  Beförderte  Personen  2*021,958,
beförderte  Güter  27*910,923  Cntr  Einnabme  2*/,  Mill.  Thlr.  —  Hauptsumme
109  Meilen  Länge,  6'/,  Mill.  Personen,  93'/,  Mill.  Cntr.  Güter  und  8  Mill.  Thlr.
Einnahmen  von  allen  sächsischen  Bahnen.
Elbschifffahrt,  siehe  S.  220.
üparcassen,  Ende  1862:  119;  Zahl  der  Conten  323,915  ;  Gesammteinlagen
21*467,373,  Reservefond  921,476  Thlr.
Maasse  etc.  Grundlage  der  Leipziger  Fuss  à  12  Zoll  =  0,28319  Meter.  —
Die  Kanne,  71,18  Cubikzoll.  Der  Scheffel  =  7900  Culükzoll.  —  Landmaass
die  Ruthe  =15  Fuss  2  Zoll;  der  Acker  300  ü  -Ruth.  —  Beim  Gelde  wird  der
Groschen  in  10  Pfennige  getheilt.
        <pb n="267" />
        DEUTSCHLAND.  —  Hannover  (Land  und  Leute).

245

3.  Hannover  (Königreich)^.

Confessionen
Lutheraner  ....
Kefomiirte  ....
Katholiken  ....
Andere  Christen  .  .  .
Juden
943,581  männl
Zus.  998  y,  1’888,070  (  944,489  weibl.
Dazu;  Hälfte  des  Communionhezirks  mit  Braunschweig  692.  —  Auf  die  Q.-M.
durchschn.  2702  Einw.  —  Wohngebäude  275,362  (im  Comm.-Bez.  ausserdem
^‘3).  Unter  den  Einwohnern:  631,108  Verheirathete,  36,649  Wittwer,  79,464
Wittwen.  —  Ackerbautreibende,  sammt  Angehörigen  958,935  =  50,79%
Industrietreibende  -  -  574,333  =  30,42
Verkehr-u.  Handeltreib.  -  -  126,642  =  6,71
1815  1833  1848  1855  1858
Frühere  Bevölkng.  1’305,351  1’662,629  1’758,847  1’819,777  1’843,976

Landdrosteien
Hannover  .
Hildesheim
Lüneburg  .
Stade  .  .  .
Osnabrück

Bevölkrg
Q.-M  1861
106%  368,973
82  V,  366,766
211  367,669
119  296,626
113%  262,316
54  y,  192,329
IIV,  33,391

.\urich
Berghptmnschft  Harz

1’555,448
97,018
221,576
1,943
12,085

Bevölkerungsbewegung.  Trauungen  1856  14,745,  1858  16,204,
1861  15,426,  1862  15,460.  —Geburten  1850  64,035,  1861  63,24%
1862  60,232;  hierunter  sind  jedoch  die  Todtgeburten  eingerechnet,  in
den  beiden  letzten  Jahren  2404  und  resp.  2336.  —  1862  waren  von
den  Geborenen  :  männl.  31,075,  weibl.  20,157;  unehelich  6080  =  10,09
Eroc.  (im  Vorjahre  6400  =  10,13  %).  —  Gestorben,  ungerechnet
dieTodtgeb.:  1856  30,100,  1857  45,552,  1861  42,051,  1862  40,839.
1859  1860  1861  1862
Auswanderungen  4562  4927  2521  2472
Einwanderungen  888  1653  1143  1171
Städte,  im  Ganzen  43  selbständ.  Städte.  1861:  Hannover  mit  den
Vorstädten  7  1,170  (1821  erst  27,517,  doch  ohne  die  neu  incorporirten
Gemeinden).

Hildesheim
Osnabrück
Lüneburg
Celle  .
Göttingen
Harburg  **)
Emden  .

17,134
16,180
14,411
14.139
12,452
12,243
12.139

Clausthal
Leer
Stade  .
Goslar  .
Hameln
Norden
Papenburg

9,052
8,750
8,269
7,730
6,786
6,199
6,198

Osterode  .  .  .
Verden.  .  .  .
Eimbeck  .  .  .
Nienburg  .  .  .
Northeim  (1858)
Aurich
Münden

6,179
5,779
5,741
5,184
4,750
4,712
4,432

Gehietsänderungen.  »Kur-Braunschweig-Lüneburg«  umfasste  1  786  :

Fürstenthum  Calenberg  (Hannover)
Grubenhagen  .  .  .
Lüneburg  oder  Celle  .
Herzogthum  Lauenburg  .  .  .  .
Bremen
Fürstenthum  Verden

Q-M.  Bevölkerung
95  185,000
45  80,000
210  200,000
40  45,000
150  152,000
35  30,006

*)  Hauptquelle  bez.  Bevölkerung  und  einiger  Socialverhältnisse  :  »Zur
Statistik  des  Königr.  Hannover.  Aus  dem  statist.  Bureau.«  8  Hefte,  lentes
yon  1862;  —  um  so  schätzbarer,  als  die  Verhältnisse  dieses  Staates  im  übrigen
Deutschland  keineswegs  so  bekannt  sind,  wie  dessen  Bedeutung  es  jedenfalls
Verdient.  —  Im  Uebrigen  erfreute  sich  der  Verf.  sehr  schätzbarer  Privatmittheilungen. ­
  **)  1821  erst  3973.
        <pb n="268" />
        246

DEUTSCHLAND.  —  Hannover  (Finanzen).

Land  Hadeln
Grafschaft  Hoya
Diepholz
Bentheim  (verpfändet)
Theile  der  Grafschaft  Honenstein
Zusammen  ungefähr

Q.-M.
12
38
15
22

Bevölkerung
17.000
40.000
12.000
20,000

062  800,000  bis  1  Mill.
Das  Ganze  war  kein  Einheitsstaat  ;  die  Gebiete  besessen  sehr  verschiedene ­
  Rechte.  —  Der  Lüneviller  Friede  anerkannte  Osnabrück  als
Bestandtheil  Hannovers.  1803  besetzten  franz.  Truppen  das  Land.  1805
Hess  sich  Preussen  durch  Frankreich  verleiten,  Hannover  gegen  andere
Abtretungen  einzutauschen.  1807  erklärte  Napoleon  die  südlichen
Landschaften  (Göttingen,  Grubenhagen,  Clausthal),  —  anfangs  1810
aber  das  ganze  übrige  hannöv.  Gebiet,  Lauenburg  ausgenommen,  zu  Bestandtheilen
  des  neuen  Königreichs  Westfalen  Doch  incorporirte  er  noch
im  nemlichen  Jahre,  nach  einer  willkürlich  gezogenen  Linie,  den  ganzen
nördlichen  Theil  dem  Kaiserreiche  selbst.  Es  gehörten  Bremen,  Verden,
Hoya,  Diepholz,  Nienburg  und  Lüneburg  zu  den  franz.  Departementen
der  Elbe-  und  der  Wesermündungen,  indess  Hannover  und  Celle  dem
westfälischen  Departemente  der  Aller,  Göttingen  jenem  der  Leine,  Grubenhagen ­
  und  der  Harz  dem  des  Harzes  zugethcilt  blieben.  —  Der  Wiener ­
  Congress  stellte  Kur-Braunschweig  als  Königreich  Hannover  wieder
her.  Es  wurden  zwar  das  domänenreiche  Lauenburg  und  die  Aemter
Klötze  und  Elbingerode  abgetreten,  dafür  aber  Ostfriesland,  Hildesheim,
Goslar,  Lingen,  Aremberg-Meppen,  das  Eichsfeld  und  einige  westfälische ­
  Parcellen  erlangt.  —  Indess  war  Hannover  der  That  nach  britisches
Besitzthum,  bis  nach  dem  Tode  Wilhelm’s  IV.  (1837)  die  Personalunion
aufhörte.
Verfassung.  Das  »Grundgesetz«  datirte  vom  2(i.  Sept.  1833.  Kaum
war  Ernst  August  (bis  dahin  Herzog  von  Cumberland,  zur  Regierung
gelangt,  so  hob  er  einseitig  dasselbe  auf  durch  Patent  vom  5.  Juli  1837.
Dann  »Landesverfassungsgesetz«  vom  (&amp;gt;.  August  1840.  Aenderung  durch
die  Verfassungsgesetze  vom  10.,  10.  und  20.  April,  5.  Sept,  und  20.  Oct.
1848.  Neue  Octroyirung  vom  1.  Aug.  1855,  und  weiter  7.  Sept.  1  850,
dann  24.  März  1857,  ein  neues  Finanzeapitel  mit  der  nach  octroyirtem
Wahlgesetz  gebildeten  Ständcversammlung  vereinbart.
Finanzen.  Budget.  Durch  die  Octroyirungen  von  1855  und  50  ist
an  die  Stelle  der  einjährigen  Budgetperiode  des  Verf.-Gesetzes  von  1848
die  frühere  zweijährige  wieder  hergestellt.  Das  Rechnungsjahr  beginnt
mit  dem  1.  Juli.  Nach  den  dem  Landtag  1804  bei  den  Budgetverhandlungen ­
  gemachten  Mittheilungen  waren  die  wirklichen  Ergebnisse  des
Staatshaushalts  1S"%«  (die  Rechnungen  von  18«%^  fehlen  noch)  inThlrn.;

Einnahmen.
Domänen  saramt  Forsten  .
Directe  Steuern  .  .  .  .
Indirecte  -  u.  Zölle  .
Ober  harz.  Bergw.  u.  F  orste
Communions  -  -  -
Kohlenbergwerke  .  .  .
Salinen

2M  05,405
3'432,440
4’430,330
2’2'J3,728
272,153
239,980
57,378

Auagaben.
Gesammtministerium
Stände
Min.  d.  Auswärtigen
Kriegsministerium  .
Justizministerium
Cultusministerium  .
Min.  des  Innern  *)  .

231,71s
34,249
103,701
2’028,953
1’051,944
200,549
5’520,759

*)  Darunter  die  Betriebskosten  der  Eisenbahnen.
        <pb n="269" />
        DEUTSCHLAND.  —  Hannover  (Einanzen).

247

Einnahmen.
Kalkbrüche  bei  Lüneburg  48,248
Wasserzölle  174,927
Posten  n  09,9(59
Eisenbahn  u.  Telegraphen  5’529,430
Chaussee-  u.  Brückengeld.  204,329
Lütterieertrag  .  .  .  .  71,758
^ortein  d.  Oberbehörden  63,952
Zinsen  v.  Activcapitalien  563,714
Ueh  rige  unmittel  n.  Einn.  39,808
Zahlung  v.  andern  Cassen  67,349
Zusammen  20'770,977
Somit  Ueberschuss  512,745,  obgleich  in  Folge  der  vorsichtigen
Veranschlagung  die  Budgetaufstellung  ein  Deficit  von  190,177  Thlr.
entziflfert  hatte.
Das  im  Sommer  1S64  festgestellte  Budget  für  IS**/**  schliesst  mit
einer  Gesammteinnahme  von  20’753,995  und  einer  Gesammtausgabe  v.
2r006.940,  somit  252,945  Thlr.  Deficit  ab;  für  IS”/««',  Einnahme
20’7S6,&amp;amp;95,  Ausg.  20’745,190,  Ueberschuss  41,705  Thlr.
Das  für  ein  so  wenig  bevölkertes  Land  sehr  hohe  Budget  umfasst
gleichwol  noch  nicht  den  ganzen  Staatsbedarf.  Es  gehören  nemlich  dazu
600,000  Thlr.  (in  Wirklichkeit  gegen  750,000)  Betrag  der  Civilliste.
Die  Civilliste,  früher  zu  500,000  Thlr.  C.-M.  (513,888  Thlr.  Cour.),
ward  erst  einseitig  auf  600,000  Thlr.  erhöht  (überdies  eine  Summe  von
600,000  Thlr.  für  den  Schlossbau  in  Monbrillant  bewilligt),  dann  wurden ­
  Staatsgüter  für  den  grössten  Theil  derselben  eigens  ausgeschieden
und  der  Privatverwaltung  des  Königs  übergeben.  Durch  die  für  das
Land  sehr  nachtheilige  Art  dieser  Ausscheidung  ist  die  Civilliste  thatsächlich
  um  ungef.  150,000  Thlr.  erhöht.*)  Ausserdem  bezieht  der
Hof  die  Zinsen  eines  aus  der  «'königlichen  Kammer«  in  den  Jahren  1784

Ausgaben.
Min.  des  Handels  .  .  .  73,469
Finanzministerium  .  .  .  5’781,012
Passivetat  2’717,523
Pensionsetat  513,210
Künftig  wegfallende  Ausg.  218,345
Ausserordentl.  Ausgaben.  1*056,791

Zusammen  20’258,231

*)  Die  Frage  wegen  »Cassentrennung«  ist  in  Hannover  nicht  neu.  Die  Verfassung ­
  von  1833  bestimmte  dem  Fürsten  eine  Civilliste.  Für  Emst  August,
der  Ausscheidung  eines  Capitals  an  Grundstücken  wollte,  war  dies  ein  Hauptbeweggrund,
  bei  seinem  Regierungsantritte  die  Verfassung  umzustürzen.  Im
J.  1841  wurde  sein  Verlangen  verwirklicht.  Allein  schon  1848  musste  der  König ­
  in  Wiederherstellung  der  frühem  Ordnung,  nemlich  Annahme  einer  Civilhste,
  willigen.  Bei  der  »Ausscheidung  des  Kronguts«  von  1858  gab  es  schwere
Verhandlungen,  v.  Bennigsen  wies  in  der  2.  Kammer  wiederholt  nach,  dass  die
Erträgnisse  der  für  die  Krone  geforderten  Güter  viel  zu  gering  eingeschätzt  seien.
Er  führte  folgende  grosse  Domänen  namentlich  auf:  Erichsburg-Hunnesrück
zu  8510  Thlr.  verpachtet  und  zu  4569  Thlr.  angerechnet;  Hardegsen  zu  1700
»nd  1206Thlr.;  Eb.storf  3931  und  2127  Thlr.;  Königshorst  6525  und  3599  Thlr.;
Liebenburg  8661  und  7189  Thlr.  ;  Coldingen-Ruthe  18,425  und  13,426  Thlr.  ;
»Springe  6(550  und  3222  Thlr.  Bei  Hardegsen  stellte  sich  durch  die  vertragstnässigen
  Absätze  sogar  das  Ergebniss  heraus,  dass  das  Land  der  Krone  für  die
Uebernahme  noch  einige  Thaler  zugeben  müsse!  Miquel  berechnet  den  Nachtheil
  des  Landes  durch  die  Krongutsausscheidung  auf  183,405  Thlr.,  erwähnt
aber  dabei,  dass  schon  zuvor  die  königliche  Bedarfssumme  gegen  die  Zeit  vor
der  Octroyirung  von  1H55  um  86,112  Thlr.  erhöht  sei;  beide  Summen  zusammen
  ergeben  269,517  Thlr.  Geh.  Finanzrath  Bar  in  seiner  Gegenschrift  räumt
dass  der  Verlust  des  Landes  durch  das  Ausscheidungswerk  auf  100  bis
¿0,000  Thlr.  sich  belaufe.  —  Uebrigens  wurde  der  Krone  noch  ein  Betriebskapital ­
  von  300,000  Thlr.,  rückzahlbar  in  jährlichen  Raten  von  10,000  ,  unverzinslich ­
  vorgeschossen.
        <pb n="270" />
        248

DEUTSCHLAND.  —  Hannover  (Finanzen).

—  90  in  englischen  3proc.  Stocks  angelegten  Capitals  von  600,000  £
(4’080,000  Thlr.),  und  ferner  Zinsen  eines  »Schatullencapitals«  von
2’400,000.  Dies,  sammt  dem  Wer  the  nicht  angerechneter  Staatsgüter,
dürfte  den  wirkl.  Genuss  des  Hofes  auf  etwa  950,000  Thlr.  bringen.  —
Das  Kriegswesen  kostete  noch  1855  blos  1’590,000,  also  über  eine  Million ­
  weniger  als  jetzt.  Auch  erforderte  die  Schuld  »Passivetat«  damals
nicht  über  1’965,370.  Die  Civilbesoldungen,  1853  3’318,000  Thlr.,
wurden  schon  1856  mit  einemmale  um  fast  300,000  Thlr.  erhöht,  namentlich ­
  die  Ministergehalte  von  4000  auf  6000  Thlr.  hinaufgesetzt  (vorläufig ­
  sogar  ohne  Genehmigung  der  Kammern)  ,  und  gleichzeitig  die
Summe  der  Pensionen  um  59,050  Thlr.  vermehrt.  Demnach  kosten  die
Civilbeamten  in  diesem  gering  bevölkerten  Lande  (nach  Stüve)  wenigstens ­
  3'620,000  Thlr.!  —  Allerdings  ist  es  nicht  unbedingt  massgebend,
wenn  sich  die  Schlussziifer  des  Budgets  in  wenigen  Jahren  mehr  als  verdoppelt ­
  hat  (das  Budget  v.  18»%,  schloss  ab  mit  9'OTO,235  Thlr.  Einn.,
8  612,517  Ausg.  und  457,718  üeberschuss).  Es  wurde  neml.  eine  andere ­
  Berechnungsweise  eingeführt.  Das  wahre  Verhältniss  ist  ersichtlich
aus  einer  vom  h  inanzminist.  den  Ständen  (neben  der  jetzigen  Budgets—
berechnung)  vorgelegten  Uebersicht  in  früherer  Weise,  wonach  nur  die
Nettosummen  eingetragen  sind,  ohne  Productions-,  Erhebungs-  und
Betriebskosten.  Darnach  würden  sich  die  Ziffern  folgendermassen  stellen  ;

Unter  dem  Ministerium  Borries  wurden  wegen  der  ausserordentl.  gesteigerten ­
  Anforderungen  für  den  Hof,  das  Militär  und  die  Beamtengehalte,
sämmtliche  directe  Steuern,  zum  Theil  erheblich,  erhöht,  mit  den  bezeichnenden ­
  Ausnahmen  der  Grund-  (!)  und  der  Besoldungssteuer.  Die
Steuerlast  wird  als  nicht  geradezu  drückend  geschildert,  sie  treffe  aber
namentlich  das  städtische  Gewerbe  schon  ziemlich  hoch.  Die  bisherige
günstige  Lage  des  Haushalts  beruht  vornemlich  auf  der  Ertragserhöhung
der  bedeutenden  Staatsforsten,  auf  den  ansehnl.  Einnahmen  von  Eisenbahnen ­
  und  auf  dem  Zollpräcipuum  von  rund  1'25ü,0&amp;lt;»0  Thlr.  Letztes
vermindert  sich  aber  vom  J.  1866  an  durch  die  neuen  Zollvereinsverträge
auf  5—600,000  Thlr.  Dagegen  hat  die  Regierung  durch  dieselben  Verträge ­
  sich  zu  einer  Erhöhung  der  Branntweinsteuer  um  etwa  250,000
Thlr.  und  ferner  auch  zu  einer  Erhöhung  der  (im  J.  18"%,  nur  164  552
Thlr.  ertragenden)  Salzsteuer  um  heil.  450,000  Thlr.  verpflichtet.  (Den
Ständen  ist  dieser  Vertrag  noch  nicht  vorgelegt.)
Der  verhältnissmässig  geringe  Ausgabeposten  für  das  Cultusministerium
  erklärt  sich  daraus,  dass  aus  den  eingezogenen  Klöstern  und
Stiften  ein  gesondert  verwalteter  sog.  Klosterfonds  für  Kirchen-  und
Schulausgaben  und  für  milde  Zwecke  gebildet  ward,  welcher  z.  B.  im  J.
18  «Ves  für  die  Universität,  Kirchen  und  Schulen  278,529  Thlr.  verausgabte. ­
  —  Durch  Ablösung  des  Stader  Zolls  erhält  Hannover  3’100,000
Thlr.,  wozu  Grossbritanien  und  Hamburg  jedes  %  beigetragen  haben.
Von  dieser  Summe  waren  am  1.  Juli  1863  2  987,427  Thlr.  bereits  abgetragen. ­


Einnahmen  ll’28o,587
Ausgaben  11’543,8S7

18“/««
11’.307,030  Thlr.
11’303,530  -
        <pb n="271" />
        DEUTSCHLAND.  —  Hannover  (Militärwesen).

249

Sebald.  Gesammtschold  davon  Eitenbahnschold  Zinslast  (ohne  Tilrnnir)
1857  Thlr.  44’586,214  31’661,592  2’009,G27
1861  -  46’344,836  30’623,ü7ö  2’(»72,713
1864  -  48’018,274  30*472,235  2*353,011
Die  Tilgung  war  bisher  regelmässig  sehr  bedeutend  (im  J,  1863
^  urden  an  Eisenbahnschulden  1*835,550,  an  sonstigen  Schulden  335,238
■Thlr.  abgetragen);  sie  wird  aber  von  I860  ab  sich  erheblich  vermindern,
indem  bis  dahin  die  älteren  Eisenbahnschulden  gänzl.  getilgt  sein  sollen.
Ftnanzgeschichtliches.  Der  siebenjährige  Krieg  kostete  blos  die
®Schatzcasse«  33*487,000  Thlr.  Vor  der  franz.  Revolution  schätzte  man
die  Roheinkünfte  des  Staats  auf  5%  Mill.  Die  Kosten  der  franz.  Occupation ­
  vom  Juli  1803  bis  Ende  1805  wurden  auf  20  —  27  Mill,  angeschlagen, ­
  ungerechnet  die  Einquartierungen.  Gemäss  des  »Staatsgrundgesetzes« ­
  erfolgte  am  1.  Juli  1834  die  Vereinigung  der  »königl.  General-«
(Domänen-)  mit  der  »Generalsteuercasse.«  Nettoergebnisse:
1834  1841
Einnahme  Ausgabe  Einnahme  Ausgabe
Domänencasse  3*170,636  3*194,726  3*018,740  3*06K,826
Landescasse  3*406,262  3*381,040  3*720,132  3*603,420
Zusammen  6*576,898  6*575,766  6*738,872  6*67'2“246  ~

Militär.  Die  Cavallerie  rekrutirt  sich  durch  freiwillige  Werbung,
Vermittelst  Capitulation  auf  gewisse  —  meistens  10  —  Jahre.  Die  Infanterie ­
  wird  jährl.  durch  Losung  unter  den  20jährigen  ausgehoben.  Bei
Artillerie  und  Genie  besteht  ein  gemischtes  Verhältniss.  —  Dienstzeit
Jahre,  einschl.  eines  Kriegsreservejahres.  Präsenzzeit  im  Ganzen  nicht
'olle  2  Jahre.  Viele  Bauerssöhne  treten  freiwillig  in  die  Reiterei,  da  sie,
Einmal  einexercirt,  mit  Uniform  und  Pferd  entlassen  werden;  sie  müssen
^  as  letzte  unterhalten,  dürfen  es  aber  auch  benützen,  und  bekommen
®inen  Unterhaltungsbeitrag.  In  der  Regel  rücken  sie  nur  zur  Exercirzeit
"ieder  beim  Regimenté  ein.  Unter  704  Officieren  des  activen  Dienstes

'Varen  1802  205  Adelige,  400  Bürgerliche.  —  Stand:

111.»  V*  v-uiannici-,  i
J^açoner-,  2  Husaren-),  in  je  4  Escadr.,  das  Regiment
.  einschliessl.  84  Reservisten
'  •  ene;  2  Comp,  reitende,  3  Bataill.  Fussartillerie,  jedes
ataill.  mit  3  held-  und  1  Park  -  und  Reservecomp.  ;
ferner  1  Handwerkercomp
•  ■

activ  Reservisten
17,904  2,640
2,742  504
2,671
257
40

Gesammtsumme  (ohne  441  Gendarmen)  26,758
Vor  dem  7jährigen  Kriege  hatte  Hannover
*■  0  Reiter  und  14,137  %*ussvolk  ;  während  desselben  bis  zu  48,400  M.
^  zählte  man  14,258  M.  Linie  (darunter  3550  Reiter  mit  2350
j  ‘^vden  in  13  Cav.-Regim.,  und  10,012  Fussvolk  in  22  Regim.I),  so-^nn
  7,707  M.  in  den  Landregimentern  und  Garnisonscorps.  Von  1770
00  standen  hannover  sche  Truppen  für  Englands  Interesse  in  Gibral-V,
  auf  Minorca  und  in  Ostindien;  doch  waren  es  Geworbene.  1802
liefen  sich  die  Linientruppen  auf  10,700  M.  Nach  den  Conventionen
        <pb n="272" />
        250  DEUTSCHLAND.  —  Hannover  (Sociale  und  gewerbl.  Verhältnisse).

von  Suhlingen  und  Artlenburg,  3.  Juni  und  5.  Juli  1803,  sollten  sie
auseinander  gehen,  allein  Viele  traten  in  englischen  Dienst.  Die  vorzugsweise ­
  aus  Hannoveranern  gebildete  »Englisch-deutsche  Legion«  kämpfte
ruhmvoll  bei  Kopenhagen,  in  Spanien  und  bei  Waterloo.  Der  neu  hergestellte ­
  Staat  brachte  das  Heer  1813  und  14  auf  28,953  M.  mit  2099
Pferden,  1815  sogar  auf  30,211  M,  mit  3022  Pferden.  1810  war  der
Bestand  noch  30,801  M..,  welche  1’820,972  Thlr.  Cass.-Münze  kosteten; ­
  1819:  20,910  M.  mit  3434  Pferden,  und  1880,007  Thlr.  Conv.-Münze
  Geldbedarf.
Sociale  and  gewerbliche  Verhältnisse.  Zur  Berichtigung  sehr  verbreiteter ­
  Vorurtheile  ist  zunächst  über  das  Verhältniss  des  Adels  zu  bemerken ­
  :  Der  noch  immer  bedeutende  Einfluss  desselben  beruht  (abgesehen ­
  von  seiner  Stellung  am  Hofe)  auf  der  Zusammensetzung  der  im
J.  1855  octroyirten  ersten  Kammer,  da  diese  zum  überwiegenden  Theile
aus  der  Ritterschaft  gewählt  wird,  in  welcher  der  Adel  numerisch  die
Ueberhand  hat.  Die  früher  erblichen  Vorrechte  des  Adels  wurden
1848  verfassungsmässig  aufgehoben  und  durch  die  Octroyirung  von  1855
nicht  wieder  hergestellt.  *)  —Der  Grossgrundbesitz  wird  noch  ungetheilt
erhalten.  Es  gibt  13,100  Güter  und  Bauernhöfe  von  mehr  als  120  Morgen ­
  Landes.  Erst  1831  wurden  die  Feudallasten  (und  zwar  um  den  25-fachen
  Jahresbetrag!)  ablösbar  erklärt.  Gleichwol  sind  die  Ablösungen
(nach  einer  uns  von  competenter  Seite  gewordenen  Mittheilung)  viel  weiter ­
  vorangeschritten  als  in  den  meisten  deutschen  Ländern,  namentlich
in  dem  Hauptgebiete  von  Preussen.  Der  Domanialablösungsfonds  allein
hat  bis  zum  1.  Juli  1803  1  7’505,280  Thlr.  eingenommen,  wodurch  ungefähr ­
  die  Hälfte  der  Berechtigungen  des  Domaniums  abgelöst  wurden.
—  Im  Ganzen  benscht  ein  mässiger,  in  stetem  Fortschreiten  begriffener
Wohlstand.  Insbes.  hat  sich  der  Bauernstand  im  letzten  Menschenalter
sehr  gehoben.  Ausser  der  umfangreichen  .Ablösung  der  Feudallasten  hat
die  gute  Agrargesetzgebung  über  Gemeinheitstheilungen  etc.  vortheilhaft
gewirkt.  Die  Landescreditanstalt  leiht  bis  zur  Hälfte  des  Taxwerthes
auf  die  Bauernhöfe  unkündbare  Capitalicn  zu  einem  Zinsfusse  von  durch-*)
  In  Beziehung  auf  die  in  den  beiden  ersten  Auflagen  des  gegenwärtigen
Werkes  gemachten  Bemerkungen  über  Vorrechte  des  Adels  etc.  ist  uns  von
competenter  Seite  bemerkt  worden  :  der  Adel  nehme  keineswegs  alle  hohen
Stellen  ein  ;  in  der  Armee  sei  derselbe  weit  weniger  vertreten  als  z.  B  in  Preussen, ­
  indem  Bürgerliche  bis  zu  den  höchsten  Posten  gelangten;  im  (’ivildienste
finde  man  insbes.  Nachkommen  von  Nichthannoveranern,  die  als  Professoren
nach  Göttingen  berufen  worden,  an  den  bedeutendsten  Stellen  ;  statt  des  allerdings ­
  starren,  frühem  Beamtenthums,  sei  durch  die  Stüve’sche  Organisation
und  Besoldungsherabsetzung  ein  Verhältniss  entstanden,  durch  welclies  Viele
vom  Staatsdienste  fern  gehalten  würden,  gewiss  nicht  zum  Besten  des  Landes  etc.
—  Eine  uns  gleichfalls  von  völlig  verlässiger  Seite  zugekommene  neue  Notiz  besagt ­
  :  Die  unter  König  Ernst  August  tnatsächlich  stattgefundene  ungemein
grosse  Bevorzugung  des  Adels  in  den  hohen  Militär-  und  Civilstellen  hat  unter
seinem  Nachfolger  sehr  nachgelassen  (beispielsweise  sind  18Ü4  unter  7  Ministern
3  Bürgerliche;  unter  den  7  Landdrosten  ebenfalls  3  Bürgerliche;  die  Chefs  der
Forst-,  Eisenbahn-  u.  Zollverwaltung  sind  bürgerl.,  die  der  Post-  u.  Steuerverwaltung ­
  adelig;  von  den  activen  Generallieutenants  :  3  bürgerl.,  3  adelig;
Gen.-Majore:  0  adelig,  3  bürgerl.  Diese  Verhältnisse  sind  für  die  Bürgerlichen
allerdings  noch  immer  ungünstig,  keineswegs  aber  in  höherm  Masse  als  in
Deutschland  überhaupt.
        <pb n="273" />
        DEUTSCHLAND.  —  Hannover  (Sociale  und  gewerbl.  Verhältnisse).  251
schnittl.  3‘/g  %.  —  In  einem  grossen  Theile  des  Landes  sind  übrigens
nicht  blos  die  Rittergüter,  sondern  auch  die  bäuerlichen  durch  Gesetz
oder  (wie  in  den  Marschen)  durch  die  Verhältnisse  gebunden.  Eine  freie
Theilbarkeit  kennen  im  grössern  Umfange  nur  die  südlichen  Provinzen
Göttingen  und  Grubenhagen.  —  Die  Gewerbsindustrie  hat  erst  seit  1853,
nachdem  Hannover  sich  dem  Zollvereine  angeschlossen,  einen  regen  Aufschwung ­
  genommen.  Der,  freilich  durch  ein  Gesetz  v.  1847  und  durch
die  Praxis  der  Verwaltungsbehörden  etwas  gemilderte  Zunftzwang  hindert ­
  aber  in  einem  grossen  Theile  des  Landes  die  freie  Entwicklung  der
Gewerbsthätigkeit.  Concessions  wesen,  beschränkende  Bestimmungen
über  Verheirathung  und  Ansässigmachung  warten  auch  noch  der  gesetzlichen ­
  Beseitigung.
Cultivirtes  Areal  nach  den  letzten  genauen  Aufnahmen  von  1  S*%g  :
Ackerland  und  Gärten  4  131,81t)  Morg.,  Wiesen  und  privative  Weiden
2’443,541,  Forsten  2  036,371)  Morg.
Brandversicherung,  Ende  1862.  Immobiliarversichergn  313’336,817,
Mobiliarversicherungen  194  632,025  Thlr.  (Ende  1849  erst;  Immob.
201’776,299,  Mob.  75’517,746.)
Berg-  und  Hüttenwesen.  Im  J.  1862  bestanden  152  Bergwerke,  78
Hütten  und  16  (davon  2  ärarialische)  Salinen  mit  9751  Arbeitern,
Reiche  13’279,846  Cntr.,  werth  5  094,364  Thlr.,  producirten,  darunter
'  206,759  Cntr.  Steinkohlen,  2  370,387  Cntr.  Eisenerze,  1’739,999
Gntr.  Bleierze,  88,314  Cntr.  Gold-  u.  Silbererze,  733,955  Ctr.  Salz.
Viehstand  in\  Dec.  1861  •  Pferde  213,946  (1857  209,853),  Rindvieh ­
  949,179  (1857;  889,333;,  Schafe  2’21  1,927  (gegen  1'840,774),
Schweine,  einschl.  Ferkel  554,056,  Ziegen  164,852  (statt  122,712).
Sparcassen,  Ende  1862;  125,  mit  1  1'203,240  Thlr.  Einlagen  von
i  13,651  Einlegern  (1849  nur  2  242,452  Thlr.  von  35,909  Einlegern).
Eisenbahnen,  sämmtlich  Staatsbahnen.  Der  Concessionirung  von
^Privatgesellschaften  stand  bei  der  Regierung  die  bureaukratische  Auffas-®^ng,
  daneben  bei  Regierung  und  Ständen  das  bisher  günstige  finanzielle
l^ygebniss  entgegen.  —  Am  1.  .Juli  1863  standen  119,59  Meil.  im  Be-J^iebe.
  Im  J.  I8*%,  wurden  befördert;  2’447,216  Pers.,  35’600,022
Gntr.  Güter.  Roheinnahme  5*587,237,  Reinertrag  2*798,364  Thlr.  =
des  Anlagecapitals  (im  Vorjahre  rein;  2*874,322Thlr.  =  5,87%).
lie  älteren  Bahnen  (Minden-Braunschw.,  Hannov.-Harburg,  Wunstorf-«remen)
  ertrugen  9%,  die  Südbahn  (Hannov.-Cassel)  4,34%,  dieWestj^hn
  (Minden-Emden)  1,78%,  die  Bremen  -  Gestebahn  nur  0,74%.
er  Ueberschuss,  nach  Zahlung  der  Zinsen,  zur  Abtragung  der  Capital-«chuld,
  belief  sich  18'%,  auf  792,063  Thlr.
Telegraphen.  18**/,,:  98  Stationen,  195,998  Privat-  und  470,279
lenstdepeschen  (ein  ungeheures  Missverhältniss!  im  Vorjahre  165,274
riv,-  u,  424,136  Dienstdep.).  Reinertrag  40,630  Thlr.  =  15%  des
Anlagecapitals.
Bost,  siehe  Deutschland,  S.  217.
Rhederei.  Nov.  1863  (die  Last  zu  4000  Pfund):
        <pb n="274" />
        252

DEUTSCHLAND.  —  Württemberg  (Land  und  Leute).

Seeschiffe  Last  Haapthäfen  Seeschiffe  Last
Elbflotte  ....  159  11,272  'Papenburg  .  .  .  194  15,559
Weserflotte  ...  65  11,742  Emden  ....  87  5,534
Ems-u.  Nordseeflotte  700  38,675  Leer  54  3,392
Zusammen  Im  61,689  Geestemünde  .  .  36  8,638
Harburg  .  21  3,604
Vermehrung  vom  Oct.  1860  bis  Nov.  1863:  100  Seeschiflfe  von  13,014  Last.
Maasse  etc.  Der  Fuss  zu  12  Zoll  =  29,2  Centimeter  ;  24  hannov.  =  23  engl.
Fuss;  100  hannov.  =  93,07  preuss.  —  100  bann.  Morgen  (zu  120  Ruthen)  =
102,65  preuss.  oder  rhein.  —  Getreidemaass  :  die  I.ast,  zu  16  Malter  à  6  Himten;
  das  Malter  =  3,39  preuss.  Schelfel.

6.  Württemberg  (Königreich).

Kreise  Q.-M.
Neckarkreis  .  .  60,43
Schwarzwaldkrei.s  86,71
Jaxtkreis  .  .  .  93,43
Donaukreis  .  .  113,72
Zus.  354,29

Bevölkerung  Auf  die
3.  Dec.  1861  Q.-H.
497,375  8,230
431,676  4,978
376,753  4,032
414,904  3,648
1’720,708  4,856

Confessionen
Evangelische  1’179,814
Katholiken  527,057
Christi.  Dissidenten ­
  ,  2,499
Juden  .  .  11,388

Die  Kreise  sind  in  64  Oberämter  eingetheilt  mit  1912  Gemeinden.
Zahl  der  Haushaltungen  375,438,  —  durchschn.  von  4,58  Köpfen.
Männliche  Einwohner  830,193,  weibliche  890,515.  Auf  100  männliche
Einwohner  kamen  daher  107,38  weibliche.

Frühere  Volkszahl  (ortsanwesende  Bevölkerung)  *)

1815:  1’395,462
1832:  1’578,147
1841:  1’646,871

1843:  1’680,798
1846:  1’726,716
1849:  1’744,595

1852
1855
1858

1’733,263
1’669,720
1’690,898

Die  Zählung  vom  Dec.  1852  hatte  also  für  die  nächstvorangegangenen
3  Jahre  eine  BevölketungsVerminderung  von  11,332,  die  von  1855
für  einen  gleichen  Zeitraum  sogar  eine  solche  von  weiteren  63,545  Köpfen
ergeben.  Erst  die  jüngsten  Aufnahmen  gewährten  wieder  eine  mässige
Erhöhung,  1858  von  21,178,  1861  von  29,815.

Die  Aus-  und  Fj  inwander  ungen
1858  Vermögen
2,989  Auswanderer  mit  1’269,809  fl.
1,307  Einwanderer  -  1’069,631  -
Von  den  Auswanderern  gingen  1800
nach  Nordamerika;  die  Einwanderer
kamen  hauptsächlich  aus  den  Nachbarstaaten ­
  Baden,  Bayern,  Oesterreich,
der  Schweiz  etc.

betrugen  :
1859  Vermögen
3,480  Auswanderer  mit  1’511,757  fl.
941  Einwanderer  -  1’403,251  -
Von  den  Auswanderern  gingen  1990
nach  Nordamerika,  130  nach  Australien ­
  ;  die  Einwanderungen  erfolgten,
wie  gewöhnlich,  aus  den  Nachbarstaaten. ­


*)  Zur  Erläuterung  vielfach  abweichender  Ziffern  namentlich  in  Zeitungen,
aber  auch  in  der  1.  Aufl.  des  gegenwärt.  Buches)  sei  bemerkt,  dass  in  Württemberg ­
  zweierlei  Bevölkerungsaufnahmen  stattfinden:  a)  jährliche,  zur  Ermittlung ­
  der  Zahl  der  Ortsangehörigen,  d.  h.  der  in  den  verschiedenen  Gemeinden
Heimathberechtigten,  wobei  auch  die  Abwesenden  aufgeführt  werden,  so
lange  nicht  officiell  angezeigt,  dass  sie  anderwärts  ein  neues  Heimathrecht  erworben ­
  haben,  oder  so  lange  sie  nicht  officiell  ausgewandert  sind  ;  b)  die  je  in
3  Jahren  zu  wiederholenden  Zählungen  der  ortsanwesenden  Bevölkerung,  nach
den  Normen  des  Zollvereins.  Die  erste  Verfahrungsweise  liefert  grössere,  die
zweite  richtigere  Zahlen.
        <pb n="275" />
        DEUTSCHLAND.  —  Württemberg  (Land  und  Leute).

253

Die  Auswanderungen  betrugen  in  den  10  Jahren  vom  3.  Dec.  lb**/„  zusammen ­
  54,285  I’ers.,  somit  durchschn.  aufs  Jahr  5,428.  —  Am  stärksten  war,
in  Folge  einer  Reihe  ungünstiger  Emdten,  Weinfehljahre  etc.  die  Auswanderung ­
  in  den  Jahren  1853  und  1854;  sie  betrug  im  J.  1854  allein  21,144  Fers.  —
Die  Einwanderung  betrug  in  den  10  Jahren  18*%,  zusammen  9,029  Personen,
somit  durchschn.  aufs  Jahr  902.

Städte  (3.  Dec.  1801).  Stuttgart,  ohne  die  Weiler,  50,103  Einwohner ­
  ;  mit  denselben  zählte  :
Stuttgart.  .  .  61,314  Rottenburg  a.N.  5,996
Ulm  ....  22,736  Biberach  .  .  .  5,099
Heilbronn  .  .  14,333  Kirchheim  u.  T.  5,478
Heutlingen  .  .  13,075  Ebingen,  mit  Parc.  4,012
Esslingen  .  .  11,558  Nürtingen  .  .  4,520
~~  mit  Filialen  .  15,059  Calw  ....  4,402
Ludwigsburg  .  ll,20l  Rottweil  mit  Alt-Jübingen
  .  .  8,709  stadt  .  .  .  4,350
Gmünd  .  .  .  8,298  Mezingen  .  .  .  4,318
Eannstadt  .  .  7,414  Aalen,  mit  Parc.  4,272
Hall  ....  6,862  1  Eningen  u.  A.  .  4,217
Göppingen  .  .  6,748  I  Pfullingen  .  .  4,042
Havensburg.  .  6,092  i  Schwenningen  .  3,927
mit  Parcellen  0,817  I  Sindelfingen  .  .  3,804
luttlingen  mit  '  Heidenheim  .  .  3,702
Farcellen  .  .  0,397  Oehringen  3,700
Städtische  Bevölkerung  (1858)  90,441  Familien  mit  433,410  Personen
Ländliche  -  -  208,994  -  -  1’257,488

I.aupheim.  .  ,
Ellwangen
Backnang.
Schorndorf
Urach,  mit  Parc
Langenau.  .
Böblingen
Ehingen  a.  D.
Waiblingen  .
Vavhingen
Scbramberg,
Parcellen
Winenden
Bietigheim
Mergentheim

mit

3,657
3,623
3,593
3,490
3,402
3,371
3,287
3,261
3,260
3,197
3,125
3,037
3,024
3,000

Gebietsveränderungen.  Vor  der  franz.  Revolution  umfasste  dasHerzogthum
  Württemberg  etwa  175  Q.-M.  und  585,000  Menschen.  Es
gehörten  zu  demselben  0  Herrschaften  im  Eisass  und  in  der  Franche-Comté,

  darunter  die  gefürstete  Grafschaft  Müinpelgard,  dann  Franque-^ont
  und  Blamont,  ferner  die  Grafschaft  Horburg  und  die  Herrschaft
Heiclienweiher.  Diese  links-rheinischen  Besitzungen,  30  Q.-M.  mit
56,000  Einw.,  gingen  an  Frankreich  verloren.  Der  Reichs-Deput.-Schluss
  von  1803  gab  zur  Entschädigung  :  die  Probstei  Ellwangen,  viele
Abteien  und  Klöster  (Zwiefalten,  Rothenmünster,  Comburgetc.)  und  die
Heichsstädte  Weil,  Reutlingen,  Esslingen,  Rottweil,  Giengen,  Aalen,
Hall,  Gmünd  und  Heilbronn.  —  45  Q.-M.  mit  1  16,700  Einw.  Württemberg, ­
  zu  einem  Kurfürstenthum  erklärt,  umfasste  gegen  100  Q.-M.
und  784,000  Menschen.  Der  Pressburger  Friede  brachte  1805  neue
Aergrösserungen  :  Ehingen  und  4  andere  Donaustädte,  die  Grafschaften
Hohenberg  und  Bondorf,  die  Landgrafschaft  Nellenburg,  Theile  des
llreisgau  und  ritterschaftliche  Enclaven,  65  Q.-M.  mit  185,500  Bewoh-J^ern.
  Der  Kurfürst  hob,  30.  Dec.  1805,  einseitig  die  Verfassung
und  nahm,  1.  Jan.  1806,  den  Königstitel  an.  Gegen  Abtretung
Von  Villingen,  Bräunlingen  und  andern  Schwarzwalddistricten  an  Baden,
6rhie.lt  Württemberg:  Biberach,  die  bayerische  Herrschaft  Wiesenstein,
^ie  Stadt  Waldsee,  die  Grafschaft  Schellingen,  zwei  Deutsch-Ordenscommenden,
  1  Abtei  und  die  Souveränität  über  10  Grafschaften  (Isny,
Cchsenhausen  etc.),  6  Herrschaften,  einen  Theil  der  Besitzungen  der
Fürsten  Thurn  und  Taxis,  Limpurg-Gaildorf,  Löwenstein,  Hohenlohe
und  Krautheim.  1800  erlangte  Württemberg  ferner:  Die  Landgerichte
lettnang,  Ravensburg,  Leutkirch,  Wangen  (grösstentheils),  Söllingen,
Albeck,  Geisslingen,  Crailsheim  und  Gerhardsbronn,  die  Stadt  Ulm,
        <pb n="276" />
        254

DEUTSCHLAND.  —  Württemberg  (Finanzen).

und  die  Souveränetät  über  weitere  Besitzungen  des  Fürsten  Taxis  (Neresheim),
  Oettingen,  Hohenlohe-Kirchberg,  und  das  Deutschmeisterthum
Mergentheim.  Dagegen  trat  es  Stockach  und  einige  Bezirke  an  Baden,
weitere  an  Bayern  ab.  Es  gewann  126,000  Menschen.  —  Der  Wiener
Congress  liess  das  Gebiet  unverändert.  —  Verfassung  vom  25.  September ­
  1819.

Finanzen.  Dreijährige  Budgets.  Das  für  die  Finanzperiode  18«‘4a
bis  18«%4  (je  vom  1.  Juli  beginnend)  enthält  folg.  Hauptpositionen*)  ;

Einnahmen  (in  Gulden):
I.  Ertrag  des  unmittelbaren  Staatseigenthums

18“%

A.  Bomiinen.  E^einnahme'
1)  bei  den  Cameralämtern  .  1’264,285
2)  -  -  Forstverwaltung.  4’715,156

Reinertrag
795,072
2’411,300
359,500
900,000
4,000

5’617,763
J’681,100
65,000
184,635
20,200
120,000

1’891,010
236.000
24,165
2,750
120.000

3)  von  Berg-  u.  Hüttenwerk.  2’925,527
4)  -  den  Salinen  .  .  .  1’514,940
5)  -  d.Bleichanst.Weissenau  83,645
B  Verkehrsanstalten.
1)  Eisenbahnen  ....
2)  Posten
3)  Telegraphen
4)  Bodenseedampfschifffahrt
5)  Neckardampfschifffahrt  .
C.  Verschied.  Einnahmen
Zus.  (Kosten  11’448455)
II.  Indirecte  Steuern  :
a.  Zoll  2’411,200
b.  Accise  408,204
c.  Auflage  auf  die  Hunde  .  91,001
d.  Wirthschaftsabgabe  .  .  1’760,550
e.  Sporteln  387,000
Zus.  (Kosten  552,920)  5’057j955  4’505,0:Î5
III.  Directe  Steuern  ;
a.  vom  Grundeigenthum  I  Die  Kosten

18’192,252  6’743,796

2’270,000
380,754
41,771
1’427,510
385,000

1  I
b.  von  Gefällen  [werden  von  deni
c.  -  Gebäuden  j  Amtspflegen  (
d.  -  Gewerben  |  gedeckt.  )
e.  -  Apanagen,  Capital
und  Einkommen
IV.  Zuschüsse  aus  vo-3’000,000



700,000  665,000

Spätere  Abweichungen
18“%,  18«%.
74%293  701,884
wie  im  Vorjahre

14.000  14,000
2’025,000  2’045,000
241.000  246,000
wie  im  Vorjahre

6’846,008  6’824,599

wie  im  Vorjahre

riger  Finanzperiode  309.889  703,190  1’245,054
Gesammte  Reineinnahme  15’223,721  15’719,23ÍT  Í6^239¡688
Der  Capitalwerth  der  Domänen  (des  »Staatskammerguts«'  wird  auf
120  Mill,  geschätzt.  Die  alten  directen  Steuern  oben  lit.  a  bis  d)  haben
zu  der  zur  Ergänzung  des  Staatsbedarfs  nöthigen  Steuersumme  beizutragen ­
  :  Grudeigenthum  und  Gefälle  ‘%.,  Gebäude  Gewerbe  ;  —
(im  vorigen  Budget  standen:  von  Grundeigenthum  2’1  13,866  fl.,  von
Gefällen  11,134,  Gebäuden  500,000,  Gewerben  375,000).  Es  betrugen

*)  Das  Budget  für  die  weitere  Finanzperiode  ist  noch  nicht  festgestellt.  Da
der  obige  Voranschlag  der  Einnahmen  bedeutend  zu  niedrig  gegriffen  war,  so
soll  sich  eine  durchschnittl.  Mehreinnahme  von  4  Mill,  jährl.  ergeben  haben.
        <pb n="277" />
        DEUTSCHLAND.  —  Württemberg  (Finanzen).

255

im  Rechnungsjahre  18**/,*
umgelegten  Staatssteuem  :

die  Catastersummen  und  die  auf  dieselben
Steuer  auf  je  100  fl.

Grundstücke,  Kcincrtr,«  lS'(IO4,0y2  Ä.j  „  ,  3%,  Thlr.  v.  Ueincrtragc;
Gebäude,  Capitalwerth  202’88uis92  -  2  -  27  -  5‘/„  -  -  Capitalwerthe;
Gewerbe,Catasteranschlag  411,067  -  91  -  13  -  3%,  -  -  Catasteranschl.
Hiebei  ist  jedoch  zu  erwähnen,  dass  die  Cataster-Einschätzungen  des  Reinwtrags
  der  Grundstücke  und  des  Capitalwerthes  der  Gebäude  tief  unter  der
^  irklichkeit  stehen,  und  der  Catasteranschlag  der  Gewerbe  keine  Schätzung
,  ®  Gewerbeertmgs,  sondern  der  Gewerbesteuer  ist,  wie  der  Gesetzgeber  sie
nach  gewissen  Anhaltspunkten  dachte.  —  Von  der  Capitalrenten-  und  der
Apanagen-  und  Einkommensteuer  ruht  die  letztere  ausschliesslich  auf  dem  Einommen ­
  aus  Apanagen  und  aus  solchen  Berufen,  welche  den  übrigen  directen
'  namentlich  der  Grund-,  Häuser-,  Gewerbe-  oder  Capitalsteuer
ment  unterliegen,  und  trifft  hauptsächlich  das  Einkommen  der  Apanagirten
rrinzen  etc.),  der  Beamten,  Geistlichen,  üfficiere,  Aerzte,  Advocaten,  Künst-1
  ’  Handlungscommis,  sowie  der  ein  Einkommen  von  mehr  als  200  fl  beziehenden ­
  Geholfen,  Arbeiter  und  Diener.  Beide  Steuergattungen  (die  Capitalrentenund
  die  Einkommensteuer)  betragen  seit  dem  J.  1858  je  4  Procent  des  betreffenden ­
  Einkommens.  Vorher  betrug  seit  dem  J.  1848  die  erstere  5,  die  letztere
*  Brocent.

1)  Civilliste  ....
f)  Apanagen,  Wittume
Staatsschuld  .
^)  Renten  .  .  .
5)  Entschädigungen
Bensionen  .  .
')  Quiescenzgehalte
8)  Gratialien  .  .
I  )  Geheimer  Rath  .
*9)  Depart,  der  Justiz

Ausgaben  (Bedarf)  18**/,,

882,400
244,792
3*527,665
61,264
48,283
678,100
15.000
95.000
42,483
1*068.685

11)  Depart,  d.  Auswärtigen

des  Innern.
des  Kirchen-  u.
Schulwes.  .
des  Kriegswes.
der  Finanzen  .
16)  Ständische  Sustentationscasse

17)  Keservefonds  .  .  .

12)
13,
14)
15)

213,866
1*752,958
1*947,019
3*586,249
811,270
178,687
70,000

Zus.  15*223,721

Abweichend  waren  für  die  beiden  andern  Jahre  der  Finanzperiode  festgesetzt:
  Ziffer  3  oben  für  18“/.,  zu  4*219,409,  für  18“/..  zu  4*607,686;  —  endlich
me  Gesammtsumme  :  15*719,233  und  16*239,688  fl.
Das  unter  der  Civilliste  nicht  begriffene  »Hofdomänen-Kammergut«
(Familienfideicommiss)  erträgt  dem  Könige  nach  dem  Stande  der  letzten,
J.  1861  vorangegangenen  Jahre,  210,000  fl.  Die  Civilliste  hat,
vermöge  der  darunter  begriffenen  Naturalien,  im  Durchschnitt  der  drei
re  18*y*g  jährlich  900,002  fl.  31  kr.,  zus.  also  mit  der  oben  er-'vä
  nten  Summe  ungef.  1*1  11,000  fl.  Von  dem  Bedarfe  für  die  Staatskommen,
  ausser  4000  fl.  Provisionen  auf
18“,.  18“/..  18“/.,
Zinsen  .  .  2*803,265  3*378,709  3*673,086  3*807,106
lilgung  .  720,400  836,700  930,600  1*128,920
Die  Schuld  kostete  1&amp;amp;*®/,,  nur  1*384,221  fl.  Indessen  vrar  am
j&amp;gt;!,  Juni  1860  für  Eisenbahnen  sammt  Betriebsmaterial  ein  Capital  von
82  1,956  fl.  26  kr.  verwendet,  theils  aus  dem  Grundstock,  theils  aus
flehen.  Die  Bahnen  lieferten  nun  einen  Reinertrag  18*%*  von  6,1
/oc.,  18**gß  von  5,3,  18**^,  von  6,2  Proc.  Da  jene  Summe,  so  weit
durch  Anlehen  aufgebracht  wurde,  theils  zu  3*/,,  theils  zu  4,  und  in
f  ungünstigen  Zeit  zu  4  */.  "/„  (neuerdings  durchgehends  zu  4  ver-2insjt
  wird,  so  sind  die  Steuerpflichtigen  durch  die  Schuldvermehrung  ereichtert,
  nur  die  Anlehen  zu  Kriegszwecken  zur  Zeit  des  Orient-  und
*^8  italien.  Kriegs  bilden  in  neuer  Zeit  Ausnahmen.  —  Der  Militär-
        <pb n="278" />
        256

DEUTSCHLAND.  —  Württemberg  (Finanzen).

aufwand  war  18^%i  zu  2’107,083,  18‘%5  zu  2’307,107  fl.  angenommen. ­
  Der  jetzigen  Position  von  3’58ü,249  sind  noch  237,000  fl.
Militärpensionen  beizusetzen.
Beim  Beginn  der  letzten  Finanzperiode  (1.  Juli  1861)  hatte  man
aus  der  vorigen  Periode  einen  Ueberschuss  (verfûgb.  Vermögen  der  Restverwaltung) ­
  von  0  027,340  fl.  32  kr.  Hievon  ab  das  Betriebscapital  der
Staatscasse  mit  2  340,351  fl.  33  kr.,  konnten  2’258,133  fl.  56  kr.  zur
Ergänzung  des  Bedarfs  der  neuen  Finanzperiode,  und  4’410,855  fl.  3  kr.
für  eine  Reihe  gemeinnütziger  Ausgaben  bestimmt  werden.  —  Das  reine
Vermögen  der  Restverwaltung  auf  1,  Juli  1864  wird  wol  gegen  15  Mill.
Gulden  betragen  haben  und  grossentheils  auf  Bauten  von  Eisenbahnen,
einer  Bibliothek,  einer  weiteren  Irren-Anstalt  und  für  andere  gemeinnützliche ­
  Anstalten  verwendet  werden.
Rüc.kblicke.  Die  Einkünfte  des  Herzogthums  Württemberg  wurden
1776  auf  2  Mill,  geschätzt,  wovon  800,000  fl.  Ertrag  der  Domänen,
1’200,000  Einkünfte  der  Landschaft.  Eine  andere  Berechnung  aus  der
nemlichen  Zeit  steigt  bis  auf  3  Mill.  —  In  der  neuern  Periode  war  die
Netto-15  innah  me  des  ordentlichen  Etats  (aus  dem  Kammergute,  dem
Salzregal,  den  Eisenbahnen,  Posten,  Telegraphen  etc.,  sowie  aus  directen
  und  indirecten  Steuern)  ;
18'%,  18",„  18'%,
0’422,00‘Jfl.  :0)%kr.  lü’651,22ü  fl.  21  kr.  lP591,l07fl.  5kr.  10’439,622fl.  42kr.
18®*/
/®®  18®*/  1«ß®/
durchschnittlich  :  /*•  /s'
12’320,475  fl.  8  kr.  14’344,429  fl.  40  kr.  17’279,830  fl.  53  kr.
An  Reinertrag  aus  directen  Steuern,  und  zwar  ;  a)  an  Grund-,  Häuser-, ­
  Gewerbe-  und  Gefällsteuern  ;  b)  an  Steuer  aus  Capital-  und  anderen ­
  Renten  ;  und  c)  an  Steuer  aus  dem  Berufseinkommen  der  Beamten,
Offleiere,  Geistlichen,  Aerzte,  Anwälte  und  den,  der  Gewerbesteuer  nicht
unterliegenden  Bediensteten,  wurde  durchschnittlich  erhoben,  u.  zwar  :

18'%,  18:%.  18'%,  18*%,  18*%.  18*%,
fl.  fl.  fl.  fl  fl.  fl.
a.  2’400,000  2’500,ü00  2’000,000  2’600,000  2’(1()0,()00  2’400,000
b.  407,275  401,097  399,002  ,  202,980  272,831  148,42o
c.  100,000  137,121  135,979  00,782  91,050  48,855
Zus.  2'907,275  3'038,818  3'135,581  2'803,708  '  2'904,487  2'597;275
18»%,  18'%,  18*%,  18®%,  18*%,  18'%,
fl.  fl.  fl.  fl.  fl.  fl.  kr.
a.  2'000,000  2’000,000  2'000,000  3'300,000  3’000,000  3’000  000  —
b.  199,637  570,088  001,520  090,317  574,221  595¡283  49
c.  55,084  229,094  173,413  180,073  109,900  115,481  24
Zu».  2’254,721  2’805,782  3*434,939  4*Í82¡390  3*084,181  3*710,705  13

Die  Steuern  unter  a  sind  Repartitionssteuern,  d.  h.  sie  werden  von
den  Ständen  je  auf  3  Jahre  in  einer  festen  Summe  verwilligt,  auf  die
bestehenden  Cataster  umgelegt,  und  von  den  Gemeinde-  und  Amtskörperschaften ­
  kostenfrei  an  die  Staatscasse  abgeliefert.  Für  die  Steuern
unter  b  und  c  werden  die  Steuersätze  von  den  Ständen  je  von  3  zu  3  Jahren ­
  nach  Bedürfhiss  gewilligt,  und  sodann  auf  Grund  von  Fassionen  der
Pflichtigen  von  den  Steuerbehörden  angesetzt  und  erhoben.  Ihre  Steuersätze ­
  haben  vielfach  gewechselt  und  betrugen  z.  B.  bei  b  (der  Capitalrentensteuer)
  je  von  lüO  fl.  Capital  in  den  Jahren  l&amp;amp;‘%o  26  kr.;
        <pb n="279" />
        DEUTSCHLAND.  —  Württemberg  (Finanzen).

257

1S»%3  10  kr.;  18'%,  12  kr.  ;  18'%,  5  kr.  ;  18^/„  15  kr.;  von  da  an
von  100  fl.  Rente  in  den  Jahren  18*766  5  Proc.  ;  18®*/,*  4  Proc.
Die  indirecten  Steuern  gewährten  an  Reinertrag  ;
18*7.,  18'V..  18*%,  18*%,  18»*..  18'%,
fl.  kr.  fl.  fl.  fl.  kr.  fl.  kr.  fl.
2  793,250  20  3’884,857  3’679,976  3’992,213  40  4’300,542  42  4’87S,889
Die  indirecten  Steuern,  deren  viele  Gattungen  im  Laufe  der  letzten
»1  Jahrzehnte  aufgehoben  wurden,  bestehen  im  J.  1802  noch  aus  folgenden ­
  :  Zoll  ;  Accise  (im  Wesentlichen  nur  noch  von  Liegenschaftsverkäufen, ­
  1  Proc.  des  Kaufpreises)  ;  Umgeld  von  dem  in  Wirthshäusem  ausgeschenkten ­
  Wein,  10  Proc.,  Steuer  von  Malz  zu  Bier,  24  kr,  vomSimri
Malz;  Branntweinsteuer,  %  der  preuss.  Steuersätze  ;  Steuer  auf  Hunde,
zur  Hälfte  für  den  Staat  und  zur  Hälfte  für  die  Gemeinde,  2,  4,  8  fl.
Vom  Kopfe;  Sporteln.
Der  Salz  verkauf,  dessen  Ertrag  nicht  unter  dem  der  indirecten
Steueranlagen,  sondern  unter  der  Hauptsumme  I,  A  oben  begriffen  ist,
steht  dem  Staate  ausschliesslich  zu,  welcher  das  Pfund  (%  Kilogr.)
Kochsalz  zu  3  kr.,  Steinzalz  zu  1  Yg  kr.  im  Detail  im  ganzen  Lande  verkaufen ­
  lässt.
Die  Zunahme  der  Reineinnahmen  des  Staats  beruht  zum  grössten
Theile  auf  der  Erhöhung  des  Forstertrags  ;  auf  dem  Ertrage  der  Eisenbahnen ­
  ;  dem  erhöhten  Ertrage  der  Hüttenwerke,  und  in  Folge  des  gestiegenen ­
  Verkehrs  und  Verbrauchs,  der  indirecten  Steuern.
Die  Ausgaben  der  Gemeinden  werden  theils  aus  dem  Ertrage
ihres  Grundbesitzes  (Waldungen,  Allmanden)  und  ihrer  Schaafweiden,
sowie  des  Bürgeraufnahmegeldes  u.  dgl.  ,  welcher  Ertrag  in  manchen
Gemeinden  eine  Umlage  von  Gemeindesteuern  unnöthig  macht,  theils
durch  directe  Steuern  auf  die  Grund-,  Häuser-  und  Gewerbecataster
und  auf  die  Capitalrenten-  und  Einkommensfassionen  bestritten.  Indirecte
  Steuern  für  Gemeinden  (Octrois,  Eingangs-  oder  Verbrauchssteuern)
"urden  nur  zu  Stuttgart  erhoben  und  im  J.  1845  daselbst  durch  Beschluss ­
  des  Stadtrathes  und  Bürgerausschusses  aufgehoben.  Auch  wurde
durch  ein  Gesetz  vom  (i.  Juli  1840  die  Erhebung  solcher  Steuern  für
Gemeinden  von  einer  Ermächtigung  durch  die  Gesetzgebung  abhängig
erklärt,  d,  h.  allgemein  untersagt.  Die  Befreiung  von  der  Last  und  den
Verderblichen  Wirkungen  städtischer  Octrois,  welche  Belgien  durch  sein
Gesetz  von  18bü  mit  so  Ungeheuern  fortdauernden  Opfern  des  Staats
(Millionen  jährlich)  erkaufen  musste,  wurde  also  in  Württemberg  ohne
ii"Kcnd  welche  derartige  Opfer  erzielt.
Amtsliörperschaften  (Oberamtsbezirke)  haben  die  gleichen  Selbstcsteuerungsrechte
  wie  die  Gemeinden,  und  machen  davon  hauptsächich
  für  Bezirksstrassen  Gebrauch.  *)
Die  Eisenbahnen  sind  beinahe  ausnahmslos  vom  Staate  hergestellt.

.  1  Wir  reden  nicht  näher  von  dem  Plane,  den  frühem  Feudalrechte-Be-1
  Zorn  für  die  mit  ihrer  rechtlichen  Zustimmung  zu  Stande  gebrachten  Ablöungen
  noch  eine  nachträgliche  Entschädigung  zu  gewähren,  welche,  so  wie
le  nrojectirt  ward,  dem  Volke  eine  l.ast  von  43  Mill,  aufgebürdet  haben  würde
tieie  den  Bericht  der  Ablös.-Commission  von  1858).  Wir  gehen  auf  Einzeleiu*n
  nur  darum  nicht  ein,  weil  wir  ein  Zurückkommen  auf  den  Plan  nicht  blos
1  outisch  für  unverantwortlich,  sondern  für  moralisch  unmöglich  halten
Kolb,  Ststistik.  4.  Aufl.  17
        <pb n="280" />
        «  i  i  i

Ü

258

DEUTSCHLAND.  —  Württemberg  (Finanzen,.

Die  Staatsbahnen  habSn,  bei  nachbemerkten  Längen,  für  die  Staatscasse
  folgende  Ergebnisse  gewährt,  je  vom  1.  Juli  bis  30.  Juni

Anlagecapital,
einschl.  d.  aus  derlaufen-Jahr
  den  Einnahme  auf  Meliorationen ­
  verwendeten
Beträge
18"%,  32’702,372  fl.  37  kr.
18»%,  33'186,257  -  8  -
18'%,  33'981,129  -  23  -
18'%,  34’901,545  -  21  -
18'%,  35’366,608  -  34  -
18'%,  4Ü’233,905  -  20  -
18'%,  42’824,956  -  20  -
18'%,  52’590,219  -  13  -
18'%,  63’701,322  -  47  -

Meilen
Bahnlänge

Rein-Ertrag,
einechl.  der  aus  laufenden ­
  Einnahmen  auf  Meliorationen ­
  verwendeten
Beträge
1’568,004  fl.  19  kr.
1'800,207  -  7  -
1'956,484  -  8  -
1'773,108  -  4  -
2,152,199  -  12  -
2'145,941  -  35  -
2’651,673  -  27-3'364,003
  -  45  -
3'537,524  -

Bein-Ertrag
in  Procenten
jenes  Capitals

Rechnet  man  von  dem  Anlagecapital  und  von  dem  Reinerträge  die
aus  laufenden  Einnahmen  bestrittenen  Meliorationen  beiderseits  ab,  so
betrug  der  Reinertrag,  welcher  alsdann  im  Wesentlichen  die  haaren  Ablieferungen ­
  der  Eisenbahncasse  an  die  Hauptstaatscasse  darstellt  :

im  J.  18'%;
-  -  18'%,
-  -  18"/.,
--iy%,,

4,794%
4,838
4,458
3,779
5,084

im  J.  18'%,
-  -  lb'%,
-  -  18'%,
-  -  18'%,

3,907%
6,179
6,304
5,422

Der  Unterschied  rührt  daher,  weil  manche  Verbesserungen,  welche
anderwärts  durch  Capitalaufnahme  bestritten  werden,  hier  aus  dem  laufenden ­
  Ertrage  bezahlt  werden.
Die  Ausgaben,  ausschl.  der  Meliorationen  aus  laufenden  Einnahmen, ­
  erforderten  von  der  Einnahme  IS®*/..  42,2  Proc.,  in  den  folgenden
Jahren  41,6  —  43,5  —  48,9  —  45,1  —47,7  —  42,5  —  41,1  —42,4.
Befördert  wurden  seit  18®%.  Personen  :  1’893,323,  —  2’079,568  —
2’306,751,  —  2’636,408,  —  2’742,936,  —  3’042,687,  —  3'146,312,
—  3’805,508,  —4’480,378;  —Güter,  Centner:  5’631,122  —  6’664,702
—  7842,470,  —  7'769,238,  —  8’909,237,  —  8’7S6,658.  —  18«%,
11’371,435,  —  15’485,259,  —  16'1  78,305.
Die  Abweichungen,  welche  die  vorstehende  Darstellung  der  württ.
Eisenbahn-Ergebnisse  von  der  in  den  frühem  Ausgaben  dieses  Werkes
gegebenen  darbietet,  beruhen  zum  kleineren  Theile  auf  materiellen  Berichtigungen, ­
  zum  grössern  blos  auf  einer  andern  formellen  Darstellung
der  gleichen  Ergebnisse.
Das  Eisenbahnnetz  Württembergs  sieht  noch  einer  grossen  Erweiterung ­
  über  viele  I^andestheile  durch  den  Staat  entgegen,  da  sich  der
Nutzen  der  bestehenden  Bahnen  und  ihre  Verwaltung  in  hohem  Grade
bewährt  haben.
Staatsschuld.  Den  5.  Nov.  1864  betrug  die  Staatsschuld:

Verzinsliche  Staatsschuld
zu  5%^
-  4%  Anlehen  von  i8'%,  ]  15'314,200)
Pensionsfond  3'804,700(^
Einlösungsfonds  für  das  Staatspapiergeld  500,0001
Militäreinsteher-Cautionen  1'343,6501
%  -

-  3%

fl.
515,920
29'525,900
20'962,550
21'688,300

Zusammen  72'692,670
B.  Unverzinsliches  Staatspapiergeld  3’000,000
        <pb n="281" />
        17*

DEUTSCHLAND.  —  Württemberg  (Finanzen).

259

An  Staatsanlehen  wurden  zum  Elsenbahnbau  seit  dem  Jahre  1845
theils  ausdrücklich  aufgenommen,  theils  von  den  Anlehen  von  1845,
1847,  1855  und  1859  zum  Eisenbahnbau  verwendet,  bis  zum  J.  1862;
50’847,057  fl.,  wovon,  nach  Abrechnung  des  seither  durch  Heimbezahlung ­
  Getilgten,  den  4.  Juli  1804  noch  zu  verzinsen  waren46'795,200fl.
Der  Rest  von  gegen  26  Millionen  bildet  die  übrige  Staatsschuld,  und  ist
grossentheils  als  Folge  von  Kriegen,  Kriegsrüstungen,  Uebernahme  von
Kammer-  und  Landschaftsschulden,  und  von  sogenannten  Finanzausgleichungen ­
  mit  Standesherrn  anzusehen.  Ein  Theil  des  Capital-Aufwands
  auf  die  Eisenbahnen  wurde  aus  Grundstocksmitteln  und  allgemeinen ­
  Ueberschüssen  des  Staates  bestritten.
Geschichtliche  Notizen.  Unter  der  anfangs  furchtbar  verschwenderischen ­
  Regierung  des  Herzogs  Karl  sollen  die  Schulden  fast  auf  16  Mill,
gestiegen,  doch  allmählig  meistens  wieder  getilgt  worden  sein.  —  1806
betrug  die  Gesammtschuld  15’659,297  fl.,  davon  die  der  Landschaft
nur  4’60  7,98  2,  die  der  Kriegsprästationscasse  3’581,4  18,  der  Rentenkamniercasse
  3’288,794,  der  kirchenräthlichen  Cassen  1’000,601,  und  die
Schuld  der  neuerworbenen  Landestheile  1524,824  fl.  —  1816  verwendete ­
  man  800,000  fl.  von  den  französischen  Reluitionsgeldern,  dann
Weiter  die  Gesammtsumme  der  von  Frankreich  erhaltenen  Contributions-Öelder
  mit  3*750,000  fl.  für  die  Schuldentilgung.  Dennoch  stieg  die
Schuldsumme  in  Folge  neuer  Einweisungen,  da  insbesondere  den  Mediatisirten
  7’867,353  fl.  Entschädigungen  bewilligt  wurden.  So  war  der  Schuldenstand ­
  im  August  1817  24’760,134,  am  22.  Juni  1820  20’374,559,
im  Jahre  1833  wieder  28’706,350,  und  am  1.  Juli  1845  20’774,033fl.
Nachdem  man,  vermittelst  Tilgung  während  eines  Vierteljahrhunderts,
die  Schuldsumme  von  ihrem  höchsten  Stande  um  etwa  8  Mill,  herabgebracht, ­
  erfolgte  wieder  ein  sehr  rasches  Steigen,  diesmal  aber  grossentheils ­
  in  Folge  der  Eisenbahnbauten.
Die  neueren  Anlehen  sind,  ihrem,  vom  Staate  zu  verzinsenden  und
zu  tilgenden,  Nominalbeträge  nach  :
1845.  7’213,f)00  fl.,  Nominalcapital,  zu  3'/,im  Curse  von  97  fl.  2*/,  kr.  Aufgenommen ­
  zu  Beseitigung  des  Kündigungsrechtes  der  Staatsgläubiger;
3’2()3,311  fl,  davon  wurden  zum  Eisenbannbau  verwendet.  Einbezahlt
wurden  :  a)  baar  7’000,197  fl.  39  kr.,  b)  mittelst  der  Cursdifterenz  von  2  fl.
.  .  57*/,  kr.  213,402  fl.  21  kr.  ;  zu  verzinsen  und  zu  tilgen  sind  7*213,000  fl.
840.  81,000  fl.,  zu  4%,  ul  pari,  vom  Pensionsfonds,  zum  Eisenbahnbau.
1840.  Juni.  1*218,700  fl.,  zu  4  %,  alpari,  zum  Eisenbahnbau,  statt  gewünschter ­
  0  Millionen,  mit  */,  %  Provision  an  Bankiers,  und  */*  %  an  Cameralbeamte
  und  Amtspfleger  für  die  bei  ihnen  subscribirten  Summen.
184(&amp;gt;.  December.  1*050,000  fl.,  zu  4*/,  */g,  gegen  baare  Vergütung  von  2*/,%
Cursditferenz  und  einer  Zinsenjouissance,  zusammen  gegen  ein  baares
Opfer  von  42,000  fl.,  zum  Eisenbahnbau,  —  und  2,300  fl.,  zu  4*/,%  al
pari;  zusammen  1*052,300  fl.
1847.  März.  11*000,000  fl.,  zu  4*/,  %  ,  im  Curse  von  97'/,  %,  und  6*000,000  fl.,
zu  4*/,**/,,  im  Curse  von  98%,  nebst  einer  Provision  für  die  Bankhäuser,
bestehend  in  einer  4monatl.  Zinsenjouissance  etc.  Der  Nettoertrag  der
Anleihe  im  Betrage  von  16*308,228  fl.  40  kr.  diente  zum  Eisenbahnbau.
1849.  Juni.  3*333,300  fl.,  zu  4*/,  %,  im  Cuge  zu  90%  ;  Reinertrag  2*999,970  fl.
Das  Anlehen  wurde  zur  Deckung  durch  den  Feldzug  in  Schleswig-Holstein
  etc.  im  Reichsdienste  etc.  entstandenen  Kosten  von  2*777,800  fl.
36  kr.,  und  zur  theilweisen  Deckung  eines  Deficits  im  ordentlichen  Dienste
        <pb n="282" />
        260

DEUTSCHLAND.  —  Württemberg  Finanzen).

von  834,412  ri.  20  kr.  aufgenommen,  und  der  Ueberrest  die.se.s  letztem
Deficits  aus  der  Papiergeldscreirung  bestritten.
1849.  3’000,000  fl.  Paniergeld.  Durch  die  Finanzgesetze  von  1849  und  1852  für
laufende  Ausgaben  des  ordentlichen  Dienstes  verwendet.
1852.  Januar.  4’5ü0,000  fl.,  zu  4%  %,  alpari,  zum  Eisenbahnbau  für  den  Anschluss ­
  an  Baden  und  Bayern
1855.  3’092,800  fl.,  zu  4*/„  %,  zum  Curse  von  97  ;  Kriegsbereitschafts-Anlehen,
wovon  aber  1'030,745  fl.  59  kr.,  zu  dem  Plochingen  -  Keutlinger  Eisenbahnbau ­
  verwendet  wurde.  Das  Anlehen  lieferte  3’000,010  fl.  baar.
1857.  2’524,700  fl.  ,  zu  4  %.  \on  der  ständischen  Staatsschuldenverwaltung
wurde  mit  der  K.  Staatsverwaltung  ein  von  dieser  letzteren  (aus  Grundstocksmitteln ­
  oder  dgl.)  vorzuschiessendes  4%  Anlehen  von  3'ü  12,500  fl.
für  den  Plochingen-Keutlinger  Eisenbahnbau  zum  Curse  von  90  %  contrahirt,
  und  hievon  vorläufig  für  den  Nominalbetrag  von  2’524,700  fl.  ein
Baarcapital  von  2’423,712fl.  für  den  Eisenbahnbau  erzielt.  Der  Rest  des
Nominalcapitals,  im  Betrage  von  487,800  fl.  als  nicht  erforderlich,  auch
nicht  eraittirt.  Die  K.  Staatsfinanzverwaltung  übernahm  das  Anlehen  zu
90%,  setzte  aber  einen  Th  eil  desselben  zu  97%,  und  später  zu  100%
an  das  Publicum  ab.
1859.  Mai.  5*700,000  11.,  zu  4%  %,  al  jtari,  Kriegsbereitschaftsanlehen,  mittelst ­
  Subscription  des  Publicums  bewirkt.  (Vier  Bankhäuser  erhielten
10,191  fl.  15kr.  Provision).  Von  diesem  Anlehen  blieben  880,207  fl.  38kr.
für  den  Eisenbahnbau  übrig.
1800.  5*  154,000  fl.  Nominalcapital,  zu  4%.  Die  K.  Staatsflnanzverwaltung
übernahm  das  Anlehen  im  (’urse  von  97,  so  dass  sich  netto  5  Mill,  ergaben, ­
  die  zum  Eisenbahnbau  di^niten.  Die  K.  Staatsfinanzverwaltung  setzte
ihrerseits  einen  Theil  dieses  Anlehens  zum  Curse  von  100%,  einen  anderen ­
  Th  eil  zu  100  fl.  50  kr.,  worunter  20  kr.  Zinsratum,  also  zum  Curse
von  100%  ans  Publicum  ab.  (Kosten  verursachte  dieses  Anlehen  der
Staatsschuldenzahlungscasse  keine.  Beim  Absätze  eines  Theils  der  verkauften ­
  Obligationen  bezahlte  die  K.  Staatshauptcasse  den  Bankiers
2,375  fl.  Provision;  an  Beamte  nichts.)
1801.  i  159,700  fl.,  zu  4”/^.  Im  Curse  von  98;  zur  Hälfte  für  die  Grundstocksverwaltung ­
  des  Staates  übernommen,  zur  anderen  Hälfte  dem  Publicum
mittelst  Subscription  überlassen,  lieferte  dieses  Anlehen  baar  7'0l0,500fl.
zum  Eisenbahnbau.  (Wer  bei  der  Subscrintion  des  Publicums  über  50,000
fl.  zeichnete,  erhielt  beim  Schlüsse  der  Einzahlung  '/*  "  ^  Provision  vergütet. ­
  Diese  Provisionen  kosteten  0,221  fl.  11  kr.,  und  wurden  von  der
Staatsschuldenzahlungscasse  aus  andem  Mitteln  bestritten,  die  Gebühren
Jür  K.  Cassenbeaniten  betnigen  250  fl.  und  wurden  aus  dem  allgemeinen
Reservefonds  des  Staates  bezahlt  .
1802.  7’142,800  fl.  zu  3  %  %.  Im  Curse  von  98  %.  Von  diesem  Anlehen  subscribirte ­
  das  l’ublicum  2’OOO.OOtt  fl.  und  die  Staatscasscnverwaltung  übernahm ­
  auf  Rechnung  der  Grundstocks-  und  der  Restverwaltung  )'142,800  fl.
an  denselben  zu  liefern.  DieNettoprovenue  des  Anlehens  war  0*999,944  fl.
Die  letzten  5  Anlehen  von  1857  bis  1802  einschliesslich  wurden  also  von
der  ständischen  Staatsschuldenverwaltungsbehorde,  im  blinVerständnisse  mit
dem  Finanzministerium,  nicht  mehr  durch  Anlehens  Verträge  mit  Bankhäusern
sondern  ganz  oder  theilweise  direct  beim  Publicum  realisirt,  die  Anlehen  von
1857  und  1800  aber  ganz,  das  von  1801  zur  Hälfte  und  das  von  1802  zu  %  durch
Lieferung  ihres  Betrages  an  die  ständische  Staatsschuldenzahlungscasse  zu  einem
bestimmten  Curse  aus  den  zeitlich  verfügbaren  Fonds  der  K.  Staatsfinanzverwaltung
  (d.  h.  aus  den  von  Gefällablösungen  etc.  herrührenden  Grundstocksgeldern, ­
  sowie  aus  den  disponibeln  Mitteln  der  Restverwaltung)  aufgebracht,
wogegen  es  der  K.  Staatsfinanzverwaltung  überlassen  blieb,  die  ihr  von  der
ständischen  Schuldcntilgungscassc  ausgestellten  Obligationen  nach  Bedürfniss
und  Conjuncturen  wieder  an  das  Publicum  abzusetzen.  Diese  beide  Anlehensformen ­
  haben  dem  Staate  wohlfeile^nlehen  verschafft,  die  bei  weitem  vortheilhafteste
  aber  die  letztere  Form,  weil  der  Staat  dabei  die  Zeiten  für  den  allmähligen
  Verkauf  der  ständischen  Obligationen  zu  günstigen  Cursen  abwarten
konnte.
        <pb n="283" />
        DEUTSCHLAND.  —  Württemberg  'Militär.

261

Militär.  Conscription  und  Stellvertretung  ;  6jährige  Dienstzeit  im
activen  Heere.  Die  Zahl  der  Aushebungen  zum  activen  Heere  wird  verfassungsmässig ­
  je  von  3  zu  3  Jahren  in  einem  besonderen  Gesetze  von
den  Ständen  verwilligt,  und  betrug  in  den  Jahren  18®%*  jährlich  4,600
Rekruten.  Die  Landwehr  in  3  Aufgeboten  bis  zum  32.  Altersjahre  einschliesslich ­
  bestand  bis  zum  J.  1859  blos  auf  dem  Papiere  als  Verpflichtung ­
  zum  Eintritte  in  das  Militär  auf  Kriegsdauer,  und  hat  zur  nächsten
Bestimmung,  das  active  Heer  während  eines  Krieges  in  seiner  vollständigen ­
  Contingentstärke  zu  erhalten.  In  Folge  der  bei  der  Kriegsaufstellung
  vom  J.  1859  gemachten  Erfahrungen  werden  nunmehr  jährlich
gegen  1000  (etwa  980)  Landwehrpflichtige  zu  Owöchigem  Exercitium
hei  der  Infanterie  einberufen.  Im  activen  Militär  dient  der  ausgehobene
Soldat  das  Minimum  der  durch  die  Bundeskriegsverfassung  vorgeschriebenen ­
  Zeit  (2  und  bei  einigen  Specialwaflen  3  Jahre  ;  siehe  S.  206).  Bei
der  Infanterie  dienen  übrigens  nur  die  Jäger  2  Jahre  ununterbrochen,  die
übrige  Infanterie  blos  1  %  Jahr  ununterbrochen,  wogegen  der  Mann  noch
der  Einberufung  zu  Kriegsübungen  unterliegt.  Unter  den  Offleieren
waren  1859  ;  301  Adelige  und  309  Bürgerliche.  Stand  des  Heeres  im
J.  1864:
Infanterie:  1  Division  zu  3  Brigaden,  S  Regimentern,  16  Linien-  und  2
Jägerbataillonen  (1  weiteres  ist  beantragt  ;  72  Compagnien;  hiezu  kommt  im
Kriege  noch  1  Stabscomp.  und  9  Ersatzcompagnien,  1  Disciplinarcomp.,  1  Sanitätscompagnie. ­

Reiterei:  1  Feldjägerabtheilung;  1  Division  von  4  Kegim.,  zu  4  Schwadr.,
zus.  lü  Schwadr.,  und  im  Kriege  noch  3  Ersatzschwadronen.
Artillerie:  1  Brigade,  1  Feldart.-Reg.,  2  reitende  Batterien,  2  leichte  und
2  (im  Kriege  2%)  schwere  Fussart.-Batt.,  1  Comp.  Munitions-Reserve,  1  Comp.
Belagerungsartill.,  1  Ersatzbatt.;  2  Batt.  Festungsartill.  ;  Armeetrain;  1  Garnisonsart.-Comp. ­
  unter  der  Arsenaldirection.
(ieneralquartienneinterstah  mit  2  (’omp.  Pionieren.
Der  Kriegsfuss  ist  26,KS5  oder,  nach  Alwug  der  Nichtstreitbaren,  25,110,
Worunter  2,934  Mann  bei  der  Reiterei.  Der  Friedensfuss  (wesentlich  gleichbedeutend ­
  mit  der  durchschnittlichen  Präsenz)  :  10,5S1,  wovon  10,371  Combattanten
  und  worunter  2,010  Reiter.
Festung.  Ulm,  Bundesfestung,  mit  gemischter  (württemb.-österr.-bayer.)
  Besatzung.  —  Hohen-Asperg  ist  militärisch  ohne  Bedeutung.
Geschichtliches.  Die  alten  Herzoge  von  Württemberg  unterhielten
meistens  eine  ansehnliche  Truppenzahl,  —  während  des  siebenjährigen
Krieges  gegen  14,000,  noch  1783  gegen  6000  Mann.  Zum  Rheinbunde
batte  Württemberg  12,000  zu  stellen,  welche  zwar  nicht  nach  Spanien,
'wol  aber  nach  Russland  ziehen  mussten.  1813  Reorganisation  der  vernichteten ­
  Armee.  1814  und  15  grosse  Anstrengungen  gegen  Napoleon.
Sociales.  Sehr  beachtenswerth  ist  der  von  Moriz  Mohl  in  einem
Kammerberichte  geführte  Nachweis,  wie  überall  an  der  Eisenbahnlinie
neue  industrielle  Pitablisscments  entstehen,  während  entfernt  von  der
Buhn  meist  ein  Verfall,  namentlich  der  Industrie,  eintritt.  Unverkennbar ­
  hat  sich  in  den  letzten  Jahren  der  Volkswohlstand  bedeutend  gehoben. ­
  Die  Zahl  der  Handlungsetablissements,  1835  3463,  stieg  schon
18;&amp;gt;6  auf  4837  ;  die  der  Fabriken  wuchs  gleichzeitig  von  363  auf  647,
und  noch  mehr  hob  sich  die  Production  derselben.  Die  anhängigen
fronten  haben  sich  sogar  folgendermassen  vermindert  :
        <pb n="284" />
        262

DEUTSCHLAND.  —  Württemberg  (Sociales).

18»%.  18»%.  18»%.  18»%:  18'%,  18»%.  18%.
8,813  7,883  4,773  2,007  1,009  '  824  635
Die  Zahl  der  anhängigen  anderen  Processe  betrug  :
18»%.  18»%:  18%,
Civilprocesse  .  .  21,256  15,902  14,623
Criminalprocesse  21,754  16,529  16,763
Mit  der  Zunahme  des  Wohlstandes  ging  daher  Hand  in  Hand  eine
bedeutende  Abnahme  der  Civil-  und  Criminalprocesse.
Die  Einlagen  in  die  Landes-  und  Bezirkssparcassen  betrugen  :
18»%.  18»%.  18»%:  18»%.  18»%.  18%,
2’258,992  2’833,649  3’749,176  4’390,276  5’032,938  5’442,723
Ausserdem  hatte  die  mit  der  Rentenanstalt  zu  Stuttgart  verbundene
Sparcasse  an  Einlagen  •
1856  1857  1858
32,000  868,000  P215,000
Auch  bestehen  mehrere  Privatspargesellschaften.
Einen  ausserordentlichen  Fortschritt  bildet  die  Einführung  der  Gewerhefreiheit
  (Gesetz  vom  12.  Febr.  1862),  deren  Ergebnisse  sich  in  der
Erfahrung  durchweg  als  die  allererfreulichsten  bewähren.  —  Dagegen
lastet  noch  ein  ganz  verderbliches,  von  dem  Minister  v.  Linden  durchgesetztes ­
  Gesetz  (v.  5.  Mai  1852)  auf  dem  Lande.  Dieses  Gesetz  beschränkt ­
  die  Erlaubniss  zur  Verehelichung  und  Uebersiedelung
und  macht  die  Befugniss  dazu  in  sehr  vielen  Fällen  von  den  örtlichen
Behörden  abhängig.  Das  Ergebniss  dieses  traurigen  Gesetzes  ist  es
wesentlich,  dass  die  Zahl  der  unehel.  Geburten  von  12,35  %  im  J.  1853
auf  19,89%  im  J.  1861  stieg.  Es  steht  zu  hoffen,  dass  Württemberg
sich  bald  von  diesem  entsittlichenden  Gesetze  reinigen  werde.
Fast.  Im  Jahre  1851  von  Taxis  gegen  1’300,ÜOÜ  fl.  Entschädigung
an  den  Staat  übergegangen,  ist  dieselbe  sehr  verbessert.  18»%.  hatte
man  1’173,888  fl.  Einnahme  und  l’011,406  Ausgabe,  Ib“®/.,  dagegen
1’751,844  Einnahme  und  1’515,064  Ausgabe.  Zahl  der  beförderten
Reisenden  1852;  127,825,  18«®/.,  332,323;  Briefe;  1  8*%.  6’239,675.
18®"/.!  9’183,200  ;  Fahrpoststücke  in  den  nemlichen  Jahren  ;  1  '805,655
und  2  360,462  ;  dabei  18“®/.i  6’959,962  Zeitungsnummern  (vgl.  S.  217).
In  den  Jahren  18®*/..  wurde  die  Ruralpost  im  ganzen  Lande  eingeführt, ­
  so  dass  jetzt  in  den  allermeisten  Wohnhäusern  des  Landes  die
Post  täglich,  in  den  übrigen  alle  2  Tage  die  Gegenstände  an  die  Adressaten ­
  direct  abliefert.
Telegraphie.  1861  53  Stationen,  seitdem  solche  Vermehrung,  dass
nun  alle  Oberämter  mit  Telegraphen  versehen  sind.
Maasse.  lOU  Fuss  (zu  10  Zoll)  —  91,28  Fuss  preuss.  oder  29,65  Met.  Der
Juchart  =  1  */z  Morgen;  der  Morgen  =  31,5  Aren  oder  1,23  preuss.  Morgen.
Der  Scheffel  hat  177,23  Liter  oder  3,22  preuss.  Scheffel.  Der  Eimer  =  293,92
Liter  (die  Maass  ist  1,84  Liter).
        <pb n="285" />
        DEUTSCHLAND.  —  Baden  (Land  und  Leute).

263

Baden  (Grossherzogthum).

Bevölkerung')

Kreise
Seekreis  .  .
Oberrhein-  .
Mittelrhein  .
Unterrhein-  .
Zusammen
Mánnl

Q.-M
64%
75
74
64%

1H58
195,249
336,465
457,327
346,911

1861
198,160
345,913
469,782
355.436

278  1'335,952  1’369,291
668,901,  weibl.  700,390,  Unterschied

Confessionen  1861  :

Katholiken
Protestanten
Dissidenten
Mennoniten
Juden  .  .

896,683
445,539
1,749
1,221
24,099

273,880  Familien  in  1585
Gemeinden.

31,489(1858:35,416).
Die  Kreiseintheilung  von  1864  ergibt  11  Kreise,  für  die  Justiz  mit
66  (bis  dahin  73)  Amtsgerichten,  für  die  Verwaltung  mit  59  (bis  dahin
64)  Bezirksämtern.  Die  Kreise  sind:  1)  Constanz  mit  122,398  Einw.,
2)  Villingen  65,093,  3)  Waldshut  81,167,  4)  Freiburg  187,913,  5)  Lörrach ­
  87,502,  6)  Karlsruhe  211,565,  7)  Offenburg  140,194,  8)  Baden
114,592,  9)  Mannheim  83,349,  10)  Heidelberg  124,556,  11)  Mosbach
150,962.

Gehurten.  In  den  26  Jahren  1830  —  55  einschliesslich  kamen  deren
1'2  78,24  2  vor;  in  27  Jahren  also  etwa  so  viel,  als  die  Gesammtbevölkerung
  beträgt.  Davon  waren  unehelich  1833—42:  14,9%,  1843—53
15,08,  1853—55  über  18%.  In  den  3  Jahren  1856  —  58  wurden  geboren: ­
  45,531,  dann  46,632,  endlich  46,833.  Die  Zahl  der  Sterbfälle
war:  33,107  4-  36,312  +  37,274;  sonach  mehr  Geburten  zus.  32,303.
—'  ln  den  beiden  Jahren  1859  und  60  ergaben  sich:  49,766resp.  48,297
Geburten  und  37,359  resp.  31,961  Sterbfälle.
Ileirathen.  Deren  Zahl  hat  relativ  abgenommen  ;  sie  betrug  1821,
als  das  Land  viel  weniger  Menschen  zählte,  fast  ebenso  viel  wie  jetzt  ;
1629  hatte  Baden  über  8000  Ileirathen.  1832  über  9000,  1834  (bei
140,000  Einw.  weniger  als  dermalen)  über  10,000,  1852  7005,  1853
6851,  1854  6515,  1855  7267.  Seitdem  Zunahme  :  1856'  8262,  1857:
8621,  1858:  8953,  1859:  9045,  1860:  9711.

Auswanderungen  (ohne  die  heimlichen,  meist  von  Conscribirten)  :

,  Auawanderer  Vermögen  Unterstütz.
1840-49  2:i,966  mit  5’700,8HUfl.  174,636H.
1850—55  62,444  -  7’529,417  -  1'601,783  -

Seitdem  Auswanderer:

1856
1857
1858

1969
3477
1970

1859  1241
1860  2608
1861  1330

Die  Unterstützungen  meist  von  Gemeinden  (217,783  fl.  vom  Staate).  —  Von
den  Auswanderern  vor  1856  gingen  82,011  nach  Nordamerika,  2238  nach  Al-^er.
  —  Am  höchsten  stieg  die  Zahl  1852  14,366  (mit  1'968,164  fl.)  1853  12,932
(mit  1’923,903  fl.),  und  1854  21,561  ;  sie  sank  1855  auf  3,334.  —  Im  Ganzen  sind
Von  1840—61  99,005  Personen  ausgewandert.  —  Indigenate  wurden  in  den  3
Jahren  1858—61  ertheilt  an  605  Personen.  •

Frühere  Volkszahl:

1816  :  1'005,899
1823  :  1'109,430
1830  :  1'200,471
1834  !  1'230,791
1840  ;  1'296,967

1843  :  l':135,354
1846:  1'367,486
1849:  1'364,774
1852  :  1'356,492
1855:  1'314,837
1858:  1'335,952

Sonach  im  Ganzen  jährlich
1834—46  Zunahme  136,695  =  11,391
1846—49  Abnahme  4,712=  1,571
1849—52  -  8,282  =  2,761
1852—55  -  42,105  =  14,035
1855—58  Zunahme  21,115=  7,038
1858-61  -  34,339  =  14,779

*)  Hauptquelle  für  Bevölkerungsverhältnisse  etc.  :  »Beiträge  zur  Statistik
der  innern  Verwaltung  des  Grossh.  Baden.  Herausgegeben  von  dem  Handelsministerium.« ­
  (Bis  jetzt  16  Hefte.)
        <pb n="286" />
        264

DEUTSCHLAND.  —  Baden  (Finanzen  .

Studie  1861  :
Mannheim  .  .  27

27,172  Bruchsal
27,103  Constanz
10,883  Baden  .
10,289  Kastatt
13,854  Lahr  .

8,270  i  Weinheim
7,819  I  Durlach  .
7,733  Ettlingen  .
7,428  !  Offenburg
7,103  I

0,130
5,01  7

Karlsruhe  ,
Freiburg.  .
Heidelberg  .
Pforzheim  .

Gehietsverilnderunffen.  1771,  nach  Alissterben  der  (katholischen)
Baden-Badischen  Linie,  Vereinigung  ihres  Gebietes  mit  (dem  protest.)
Baden-Durlach.  Die  ganze  Markgrafschaft  hatte  1  790  erst  216,000
Einw.  auf  65—  /  0  Q.-Meil.  —  Bestandtheile:  Karlsruhe,  Durlach,  Pforzheim, ­
  Rastatt,  Baden  ;  einige  Bezirke  auf  dem  linken  Rheinufer  (Theile
der  Grafschaft  Sponheim  im  jetzigen  Rheinhessen,  Dorf  Rhodt  und  Herrschaft ­
  Gräfenstein  bei  Pirmasens  in  der  Rheinpfalz,  und  Herrschaften
Rodemachern  und  Hespringen  im  Luxemburg’schen).  Die  linksrheinischen ­
  Besitzungen,  8  Q.-M.  mit  38,500  Menschen,  gingen  an  Frankreich ­
  verloren;  der  Reichsdeputationsschluss  1803  gewährte  reiche  Entschädigung ­
  ;  das  Hochstift  Constanz,  die  rechtsrheinischen  Theile  der
Hochstifte  Basel,  Strassburg  und  Speyer  (Bruchsal,  Philippsburg),  die
kurpfälz.  Aemter  I^adenburg,  Bretten,  Heidelberg  und  Mannheim,  die
Nassau-Usingische  Herrschaft  Lahr,  die  darmstädt.  Aemter  Lichtenau  u.
Wildstädt,  11  Abteien  (Lichtenthal,  Ettenheim,  Reichenau  etc.),  endlich ­
  7  Reichsstädte:  Offenburg  Zell,  Gengenbach,  Ueberlingen,  Biberach,
  Pfullendorf  und  Wimpfen,  —  zus.  60  Q.-Meil.  mit  24  8,000  Einw.
Der  Markgraf  nahm  am  1.  Mai  1803  den  Titel  eines  Kurfürsten,  und
am  12.  Juli  1806  den  eines  Grossherzogs  an.  1806  ward  Biberach  an
Württemberg  überlassen,  dagegen  erworben  ;  die  Städte  Villingcn  und
Bräunlingen,  der  grösste  Theil  des  Breisgau  (früher  österreichisch),  das
Fürstenthum  Heitersheim  mit  der  Grafschaft  Bonndorf,  die  Geistlichengüter ­
  im  Breisgau,  die  Ortenau,  die  Stadt  Constanz  und  die  Souveränität ­
  überBesitzungen  von  Fürstenberg,  I.einingen,  liöwenstein  und  Salm.
Baden  umfasste  nun  261  Q.-Meil.  mit  925,000  Menschen.  1809  Belohnung ­
  für  die  Theilnahme  am  Kriege  gegen  Oesterreich  ;  gegen  Abtretung ­
  der  Souveränität  über  die  Leiningischen  Aemter  Amorbach  und
Miltenberg  (5  Q.-M.  mit  25,000  Einw.)  an  Darmstadt,  bekam  Baden
von  Württemberg  ;  das  Oberamt  Stockach  und  Theile  von  Hornberg,
Rottweil,  Tuttlingen,  Maulbronn  und  Mergentheim,  gegen  1  5  Q,-M.  mit
45,000  Einw.  Endlich  erhielt  Baden  1  8  1  4  das  1805  an  Frankreich  überlassene ­
  Kehl  zurück.  Kein  anderer  Staat  hat  sich  so  sehr  vergrössert.
[Verfassung  vom  22.  Aug.  1818.)
Finanzen.  Zweijährige  Finanzperioden  (doch  unter  Trennung  der
Etats  für  die  einzelnen  Jahre).  Der  Voranschlag  für  1865  enthält  folgende ­
  Hauptpositionen  :

A.  Justizministerium  (Bezirksjustiz  153,145,  Strafanstalten ­
  189,002)  =  342,147  135,185
B.  Minist,  des  Innern  (Bezirksverw.  45,293,  Heilanstalt ­
  Pforzh.  117,067,  ditto  Illenau  223,460,  poli-Einnahmen.



Koheinnahme  &amp;lt;lav.  Kotten

zeil.  Verwahranstalt  12,133)
C.  Handelsmin.  (Gestüt  19,480,  Strassenbau  26,867

398,553  172,729
46,347  2,018
        <pb n="287" />
        DEUTSCHLAND.  —  Baden  (Finanzen).

265

-p.  .  .  Koheinnahme  dav.  Kosten
r  inanzministenum  16’3(»3,973  4’911,724
E.  Knegsministerium  70,00(t  5,000
Zusammen  17*101,020  5*220,050
Die  Einzelpositionen  der  Einnahmen  des  Finanzministeriums  sind  :

Roheinnahme

I.  Cameraldománen-Veraaltung  1*418,053
II.  Forstdomänen-Verwaltung  2*030,788
III.  Berg-  und  Hütten-Verwaltung  ....  345,043
IV.  Steuerverwaltung,  nemlich  (7*344,430)
1.  Directe  Steuer  3*089,232
2.  Accise  und  Ohmgeld  2*270,400
3.  Justiz-  und  Polizeigefälle  1*228,004
4.  Forstgerichtsgefälle  .  88,352
5.  Versen.  Einnahmen  08,328
6.  Gemeinsame  Verw.-Kosten  —
V.  Salinen-Verwaltung  1*481,500
M.  Zollverwaltung  2*970,250
VII,  Münzverwaltun  053,888
'TU  Allgemeine  Cassen-Verwaltung  54,009

Ausgaben  (eigentl.  Staatsaufwand).
I  Staatsministerium;  Hof  930,204  (dav.  Chilliste  752,490),
Landstände  43,900,  geh.  Cabinet  8,930,  Staatsministerium
15,300,  Beiträge  zu  Bundeslasten  15,493,  zufällige  Ausg.
1,000  =z
II  Minist,  des  Auswärtigen  (dabei  :  Gesandtschaften  03,100,
Bundeskosten  19,400)
III.  Justizministerium  (wobei:  Strafanstalten  105,432).  .  .  .
IV.  Minist,  des  Innern  (wobei  Sicherheitspolizei  [Gendarmerie]
204,010,  Cultus  118,039,  Unterricht  547,532  [Univ.  Heidelberg ­
  135,723,  Freiburg  48,905,  polj’techn.  Schule  40,592,
Volksschulen  130,799,  höhere  Bürgerschulen  31,000],  Wissenschaften ­
  und  Künste  24,735,  Armenanstalten  99,904,
Pfleganst.  Pforzheim  102,192,  ditto  Illenau  158,002)  .  .
V.  Handelsministerium  (dabei  :  Strassen-u.  Wasserb.  1*125,588,
Landwirthschaft  148,139)
'I  Finanzminister,  (dav.  :  Pensionen  550,300,  Schuld  1*151,993
[Renten  nach  Abzug  der  Activzinsen  515,015,  Tilgung
025,078]  ohne  die  Eiscnbahnschuld)
'^II.  Kriegsmmisterium
Zusammen  (mit  Verwaltungskosten  10*297,927)
Sonach  Uebcrschuss  1805:  803,093  fi.

dav.  Kosten
779,010
835,701
322,532
(875,091)
219,849
181.904
149,213
02,104
13,330
249,285
339,713
1*021,702
087.905
49,410

1*014,947
115,000
1*593,900

2*215,283
1*331,402

1*850,010
2*944,003
11*071,271

An  dieses  ordentliche  Budget  reiht  sich  zunächst  ein  aussery
  deutliches,  für  die  beiden  Jahre  1SG4  u.  65  zusammen  2*839,359
betragend,  wovon  361,918  für  das  Minist,  der  Justiz,  688,091  für
as  des  Innern,  1*147,4  70  des  Handels  (meist  Strassen-u.  Wasserbau),
2,375  der  Finanzen  und  259,505  für  das  des  Kriegs.  —  Die  Deckung
erfolgt  durch  Verwendung  theils  der  vorgesehenen  laufenden  Einnahmeerschüsse ­
  über  die  ordentl.  Ausgabe,  theils  der  aus  den  Vorjahren  angesammelten ­
  Ueberschüsse,  theils  auch  (399,981  fl.)  aus  dem  Domaüialgrundstocke.


Obwol  nun  im  Budget  die  Brutto-Summen  aufgeführt  sind,  und
üeben  dem  ordentlichen,  wie  angegeben,  ein  ausserordentliches  Budget
esteht,  gewähren  beide  doch  nur  einen  unvollständigen  Ueberblick  über
en  Staatshaushalt,  indem  es  ausserdem  noch  Specialetats  gibt.  Die-*
  Selben  sind  für  1865  folgendermassen  aufgeführt:
        <pb n="288" />
        266

DEUTSCHLAND.  —  Baden  (Finanzen).

Einnahme  Ausgabe
I.  Postverwaltung  1’734,961  1’372,170
II.  Eisenbahnbetriebsverwaltung  8’552,101  5’285,616
III.  Bodenseedampfschifffahrtsverwaltung  .  126,872  116,341
IV.  Vom  Antheil  an  der  Main-Neckareisenbahn  118,730  —
V.  Eisenbahnbauverwaltung  —  9’131,010
VT.  Eisenbahnschuldentilgungscasse  ....  14’164,156  14’164,156

Lässt  man  auch  die  beiden  letzten  Positionen,  mit  Ausnahme  der
Zinsen  für  die  Eisenbahnschuld,  dann  aber  auch  im  Netto  die  aus  dem
Grundstock  entnommene  Summe  ganz  ausser  Ansatz,  so  stellt  sich  das
gesammte  bad.  Staatsbudget  auf  30’533,044  fl.  brutto  oder  17’783,669
fl.  netto  Einnahme  und  1  fl’822,364  fl.  Ausgabe.
Der  Aufwand  für  Militär,  1833  erst  1’494,798,  war  1848
3’521,466,  1849  3’404,391  ;  1859  (Kriegsbereitschaft)  wurde  der  Budgetsatz ­
  von  2  522,920  fl.  um  2’932,205  überschritten.
Das  Generalcataster  für  1863  wies  nach:  Grund-  undGefällsteuercapitalien
  541,240,454  fl.,  Häusersteuercap.  194’331,625,  Gewerbsteuercap.
  20fl’081,095  (bei  letzter  Position  135’9fl0,875  fl.  Steuercap.
vom  persönl.  Verdienst,  52’885,445  Betriebscap.,  1  fl'234,775  für  Gehülfen),Classensteuercap.37’435,410
  (Capitalsteuercap.  gegen  210  Mill.).
—  Die  Steuer  ist  bei  Aeckern  und  Häusern  zu  19,  bei  Gewerben  und  in
der  Classensteuer  zu  23  Krzr.  für  100  fl.  Capital  bestimmt.  —  Ein  besonderes ­
  Budget  besteht  auch  noch  für  die  Badanstalten,  worin  der  Pachtzins ­
  des  Spielpächters  von  Baden-Baden  mit  314,067  fl.  die  Hauptsumme
bildet.
Der  Betriebsfonds  der  verschiedenen  Staatsanstalten  und  Cassen  ist

zu  4’486,900  fl.  festgesetzt.
Unter  den  oben  aufgeführten  Zinsen  sind  die  der  Eisenbahnschuld
nicht  einbegriffen.  Dieselben  betragen  2’9  11,734  fl.  —  Die  Eisenbahnen ­
  ertrugen  rein  :  1860  5,37  %;  1861  6,14;  1862  4,88%.

Geschichtliche  Notizen,  ln  den  Finanzgesetzen  sind  die  Nettoeinnahmen ­
  folgendermassen  veranschlagt  :

1825  7’231,00(»
1835  8’419,000
1845  9’864,000

1846  10’387,000
1848  1()’714,000
1849  10’450,000

1851  9’465,000
1857  10’477,6t)6
1861  11’181,397

Kosten  der  Revolutionsunterdrückung  von  1  849  :  Verlust  der  Staatscasse
  fl.  2’988,115,  Forderung  Preussens  4’575,952,  Verlust  der  Gemeinden ­
  über  3’000,000,  zusammen  10’564,067.
In  den  Kammerverhandlungen  von  1856  wurden  die  Kosten  der  preuss.
Hülfe  zu  3’281,284  fl.  angegeben,  wovon  3’002,275  durch  Umlagen  der  Gemeinden ­
  gedeckt.  Durch  Uebereinkommen  mit  vielen  einzelnen  Betheiligten  wusste
der  Fiscus  ansehnliche  Summen  ersetzt  zu  bekommen.
Schuld  am  1.  Januar  1863:

1.  Allgemeine  Staatsschuld:

a.  unverzinslich:  an  den  Domänengrundstock  12  Mill.  ;  Papiergeld ­
  3  Mill.  ;  andere  unverz.  Posten  849,446,  zus.  .  .  fl.  15’849,446
b.  verzinslich,  an  Privatgläubiger,  Depositen,  Cautionen  etc.  -  23’999,558
Zusammen  39’849,004
II,  Eisenbahnschuld  .  ^  68’27ü,507
Total  108’119,511

Der  Werth  der  Domänengüter,  50,000  Morgen,  und  der  Forsten,,
        <pb n="289" />
        DEUTSCHLAND.  —  Baden  (Militär,  Sociales).

267

250,000  Morg.,  ward  schon  früher  auf  50  Mill,  getchätzt;  jener  der
Bahnen  kann  zu  100  Mill,  veranschlagt  werden.  —  Zur  Verminderung
der  allgemeinen  Schuld  trug  1852  ein  Vergleich  mit  Bayern  wegen  des
streitigen  altpfälzischen  Schuldwesens  bei,  wodurch  Baden  eine  Abfindungssumme ­
  von  2’275,000  fi.  erhielt.  —  Die  nach  dem  Zehntablösungsgesetze ­
  von  1833  auf  die  Staatscasse  übernommene  Unterstützung  zur
Beförderung  der  Ablösung  hat  ihren  Abschluss  noch  nicht  erreicht  ;  sie
betrug  an  Neujahr  1863:  6’039,718  fi.
'—  Vor  der  Zeit  der  franz.  Revolution  war  die  alte  Schuld  getilgt.
I^ie  Rheinbundskriege  und  die  auf  manchen  Erwerbungen  lastenden
Passiven  veranlagsten  Schulden.  Am  28.  Dec.  1813  ward  ein  6%  gezwungenes ­
  Anlehen  angeordnet.  Ende  1820  betrug  die  fundirte  Schuld,
nach  Abzug  der  Activen,  15’602,925  fi.  ;  Ende  1830  14’844,110.
ßann  kam  die  der  Grundlasten-Ablösung.  Stand  der  gewöhnlichen  (ohne
Eisenbahn-)  Schuld  :
Ende  1841  :  38’834,322  fl.,  oder  30’071,434  nach  Abzug  der  Activen
-  1846;  36’576,475  -  -  27’685,574  -
Unter  den  neueren  sind  zweiLotterieanlehen,  das  von  1840,  50fi.-Loose,
  in  25  Jahren  rückzahlbar,  von  5  Mill,  und  das  von  1845,  35fl.-Eoose,
  in  40  Jahren  rückzahlbar,  von  14  Mill,  (letztes,  obwol  nur  3‘/jprocentig,
  mit  20*®/eo  Proc.  Agio  emittirt).
Gemeindehaoshalt.  Am  1.  Jan.  1861  betrug  das  Bruttovermögen
Gemeinden  111629,412  fl.,  die  darauf  haftende  Schuldsumme
^  764,203  fl.  —  Die  Gemeindeumlagen  stellten  sich  im  Ganzen  auf
E917,194  fl.
Militär.  Conscription*).  Dienstzeit  im  activen  Heere  6,  in  der  Reserve ­
  2  Jahre.  Der  Preis  für  Stellvertretung,  welche  das  Kriegsministerium ­
  vermittelt,  wurde  1862  auf  550  fi.  für  Infanteristen  und  600  bei
andern  Waffengattungen  herabgesetzt.  Unter  den  Offieieren  (1859)
136  Adelige  und  316  Bürgerl.  Infanterie  10,907  M.  :  1  Divis,  von  5
B.egim.  (worunter  1  Grenadiere)  zu  2  Bataill.,  ferner  2  Füsilier-  und  1
Jägerbat.  —  Cavallerie:  3  Reg.  Dragoner  zu  4  Escadr  1870  M.  —
■Artillerie  -.  1  Reg.  zu  5  Feldbatterien  (1  reitende  zu  6,  4  Fussbatt.  zu  8),
mit  38  Feldgeschützen,  dann  3  Festungs-  und  1  Ausfallbatterie  für
Eastatt,  2077  ;  Pioniercomp.  ;  zus.  im  Frieden  8280,  Kriegsfuss  16,734.
^  I^'estung:  Rastatt  (Bundesfestung,  theilweise  mit  österr.  und  preuss.
Besatzung).
Zum  Rheinbunde  hatte  Baden  8000  M.  zu  stellen.  Badische  Truppen ­
  kämpften  neben  den  Franzosen  1806  und  7  in  Preussen,  1808  und
^äter  in  Spanien,  1809  gegen  Oesterreich,  1812  in  Russland,  1813  in
Norddeutschland;  sodann  1814  und  15  gegen  Frankreich.  Bei  der
Kriegsbereitschaft  von  1859  waren  20,722  M.,  5209  Pferde  und  57  Geschütze ­
  aufgestellt.
Sociale  Verhältnisse.  Die  Zahl  der  bis  1.  Januar  1857  abgelösten

*)  Bei  der  Aushebung  vom  Jan.  1859  waren  im  Stadtamtsbezirke  Karlsruhe
on  140  Aufgerufenen  nur  41  diensttauglich.
        <pb n="290" />
        268

DEUTSCHLAND.  —  Gr.  Hessen  (Land  und  Leute).

Zehnten  war  bereits  5654;  noch  abzulösen  67.  Das  Ablösungscapital
der  ersten  betrug  40  547,778  fl.
Nach  officiellen  Schätzungen  ertrug  im  J.  1855  die  Production:
des  Weines.  .  .  fl.  4’435,342  j  des  Hanfs  ...  fl.  r935,280
-  Tabaks.  .  .  3’13ü,540  ■  -  Hanfsamens  .  344,571
der  Zuckerrüben  .  513,030  j  -  Hopfens  .  .  350,303
Die  Zahl  der  Gewerbtreibenden  in  Baden  betrug  1861  80,287.  Davon
.kamen  61,188  auf  zünftige  und  19,000  auf  unzünftige  Gewerbe.  Im  Ganzen  gab
es  1369  Zünfte.  Das  Vermögen  derselben  belief  sich  auf  376,084  fl.  g
Spitäler  (mit  Ausschluss  der  blosen  Gemeindearmenhäuser)  gibt  es
131  in  102  Orten,  mit  11  Mill.  fl.  Vermögen.
Wohlstandsvermehrung.  Es  betrug  die  Zahl  der  Ganten:
1852  1853  1854  1855  1856  1857  1858  1859  1860  1861  1862
1347  1047  833  690  409  268  232  241  260  240
Criminaljustiz.  Je  am  1.  Jan.  der  nemlichen  Jahre  befanden  sich
in  den  Centralgefängnissen,  Individuen  ;
1128  1392  1426  1448  1316  985  878  866  742  691  757
Viehstand.,  Dec.  1861:  72,81  7  Pferde,  621,486  Stück  Rindvieh,
177,322  Schafe,  307,198  Schweine,  67,509  Ziegen.
Staatsstrassen  (186  Ij  425  Stunden,  Vicinalwege  mit  Staatsunterstützung ­
  225,  zus.  650  Stunden.
Eisenbahnen,  anfangs  1864  75,8  Meil.  (sämmtl.  Staatsbahn,  mit
Ausnahme  von  3,97  Meil.).  —  Jahreseinnahme  der  Staatsbahnen  1862
(bei  54,1  Meil.):  5’175,105  fl.  (dav.  2’650,081  vom  Personen-  und
2’525,024  vom  Güterverkehr).
Telegraphen  und  Post,  siehe  S.  217.
Maasse:  Der  Fuss  von  10  Zoll  zu  10  Linien  =  30  Centimet.  Die  Wegstunde ­
  14814,81  bad.  Fuss  =  4%  Kilom.  oder  %  d.  Meilen.  —  Der  Morgen
=  36  Aren  oder  1,4099  preuss.  Morgen.  —  lOOMalter  =  loOHectolit.  oder272,92
preuss.  Scheffel.  Die  Ohm  =  150  Liter;  10  Ohm  =  1  Fuder.

8.  Hessen  ((jirossherzogthum).  *
Bevölkerung
Auf  d.  Q.-M.

Provinzen  Q.-M.  1855  1858  1861  1861
Starkenburg  54,47  312,630  318,422  322,744  5925
Oberhessen  72,87  298,939  300,261  299,672  4113
Rheinhessen  24,96  224,855  226,888  234,491  9394

Zus.  ^  152,30  836,424  845,571  856,907  5627

1861  lebten  361,981  Individuen  vom  Ackerbau,  308,098  von  der
Industrie,  69,821  vom  Handel  und  Verkehre.  Militär  5429**),  Dienst-*)

  Sehr  schätzenswerthe  Materialien  in  den  »Mittheilungen  der  Grossh.
Hessischen  Centralstelle  für  die  Landesstatistik«  (seit  1862)  und  den  »Beiträgen
zur  Statistik  des  Grossh.  Hessen.  Herausgegeben  von  der  Grossh.  Centralstelle
für  die  T.andesstatistik«,  bis  jetzt  3  Bände.  Die  Leistungen  sind  um  so  anerkennenswerther,
  als  die  materiellen  Mittel  der  Centralstelle  ganz  kläglich  beschränkt ­
  erscheinen.  Besondere  Anerkennung  verdienen  die  trefflichen  Leistungen ­
  des  Hrn.  Obersteuerraths  Fabricius.
**)  Die  im  grossen  Urlaub  befindlichen  Soldaten  sind  dem  Civil  beigerechnet.
        <pb n="291" />
        DEUTSCHLAND.  —  Gr.  Hessen  Land  und  I.eute).

269

boten  25,098.  —  Haushaltungen  1861:  176,225,  sonach  durchschn.
4,80  Individuen.  —  Nach  Geschlechtern  424,202  männl.  Einw.,
4«12,705  weibl.  —  Während  1855  eine  Bevölkerungsverminderung
17,910  Menschen  eingetreten  war,  ergab  die  Zählung  von  1858
die  von  1861  11,496  Vermehrung.

Confessionen  (1861)'

Evangelische  .  ,  590,551
Katholiken  .  .  224,021
Deutsch-Kath.  etc.  3,200
Mennoniten  .  .  913
And.  Christen  .  .  218
Juden  ....  29,000

Frühere  Bevölkerung  :
1817:  629,535
1825:  695,980
1834:  760,765
1843:  834,711
1849:  852,524
1852:  854,314

\on  1822  —  61  sind  145,059  Personen  mehr  aus-  als  eingewandavon
  81,706  in  den  9  Jahren  1846—55.

Zahl  der  Gehurten  in  den  9  Jahren  1858—61  zus.  81,523,  Sterblälle
  55,446.

Städte  (1861)  68  mit  228,640  Einw.:  Mainz  41,279  (mit  Kastei
•*b.022),  Darmstadt  28,529  (1822:  18,943),  Offenbach  16,707,  Worms
^i,«l99  (einst  gegen  60,000),  Giessen  9355,  Bingen  5916,  Alzei  5245,
«ensheim  4784,  Friedberg  4691  ,  Heppenheim  4625,  Alsfeld  4033,
Kastei  (bei  Mainz)  3743,  Dieburg  3611,  Gernsheim  3603.
Das  Areal  der  productiven  Bodenfläche  beträgt  3  208,363  Morgen,
ßoml.  1'694,589  Acker-  und  Gartenland,  437,576  Wiesen-  und  Weienland,
  98,729  Weinberge  (wovon  36,013  in  Rheinhessen)  u.  1'097,475
Morgen  Wald.

Gehietsveränderungen.  Vor  der  f'ranz.  Revolution  umfasste  die  Land-Grafschaft
  Hessen-Darmstadt  :  1)  die  Grafschaft  Katzenelnbogen  (mit
Jarnistadt  und  Ems),  2)  Überhessen  (das  Oberfürstenthum,  mit  Gies-Butzbach),
  3)  die  Herrschaft  Hanau-Lichtenberg  (meist  im  Oberf
  sass,  mit  Pirmasens  in  der  jetzigen  bayer.  Pfalz,  und  Buchsweiler  im
jetzigen  franz.  Niederrhein),  zus.  102  Q.-Meil.  mit  300,000  M.  Im
^uneviller  Frieden  mussten  abgetreten  werden  ;  die  linksrheinischen
^Sitzungen  an  Frankreich,  die  Aemter  Lichtenau  und  Wilstadt  an  Ba-,
  und  die  Aemter  Katzenelnbogen,  Ems,  Epstein  und  Kleeberg  an
‘  assau-Usingen,  —  zus.  38  Q.-M.  mit  79,300  Einw.  Entschädigung  :
as  Herzogthum  Westfalen,  die  Mainzer  Aemter  Starkenburg,  Steinheim,
ernsheim,  Vilbel,  Hirschhorn,  Heppenheim,  Bensheim,  Lorsch,  Fürth,
^  zenau  etc.  ;  die  pfälz.  Aemter  Lindenfels,  Umstadt  und  Otzberg;  ferrechtsrheinische
  Gebiet  des  Hochstifts  Worms,  die  Reichsstadt
riedberg  und  die  Probstei  Wimpfen,  zus.  103  Q.-Meil.  und  201,800
enseben.  Durch  einen  Tauschvertrag  mit  Baden  ward  die  Reichsstadt
erlangt.  —  Am  13.  August  1806  nahm  der  Landgraf  den  Tip
  I  rossherzogtt  an.  Er  erhielt  die  Hoheit  über  Löwenstein-Werthheim,
^^r  ach,  Leiningen,  Solms,  Wittgenstein  und  Hessen-Homburg  =  42  Q.-®i
  •  mit  90,800  Einw.  —  1810  erlangte  man  einige  Aemter  von  Baeinen
  Iheil  von  Hanau  und  ein  Amt  von  Fulda  =  9  Q.-M.,  31,600
scmT"  ^  1814  ward  die  Gesammt-Volkszahl  auf  620,000  verA-—
  Nach  den  Wiener  Congressbeschlüssen  musste  Darmstadt
reten;  das  Herzogthum  Westfalen,  die  Fürstenthümer  Wittgenstein,
        <pb n="292" />
        270

DEUTSCHLAND.  —  Gr.  Hessen  /Finanzen).

die  Aemter  Amorbach,  Miltenberg,  Heubach,  Alzenau  und  Dorheim,
sodann  das  wieder  selbständig  gewordene  Hessen-Homburg,  zusammen
185,000  Menschen.  Es  erhielt  dagegen  einen  Theil  des  franz.  Donnersberg ­
  -  Departements  (mit  Mainz)  auf  dem  linken,  und  einen  Theil  des
Fürstenthums  Ysenburg  auf  dem  rechten  Rheinufer,  zus.  damals  mit
203,800  Menschen.  —  Die  Verfassung  datirt  vom  17.  Dec.  1820,  geändert ­
  1848,  dann  Octroyirung,  zuletzt  Wahlgesetz  vom  6.  Sept.  1856.
Finanzen.  Dreijährige  Budgets,  das  für  1863—65  so  abschliessend:
Einnahmen:  I.  Domänen  2’281,143‘/j  fl.’).  (Dabei:  Güter  659,360,  Forsten ­
  1’444,477  ,  Eisenbahn  80,000.)  II.  Regalien  61,500  (dabei  Post  25,000).
III.  Directe  Steuer*)  2’832,732%.  IV.  Indirecte  Auflagen  3’861,090  (dabei:
Tranksteuer  und  Zapfgebühr  900,000,  Salzregie  720,000,  Rheinzölle  130,000,
Mainzoll  15,000,  Chausseegeld  110,000,  Brückengeld  100,000,  Sporteln  98,000,
Stempel  490,000,  Abg.  von  Hunden  und  Nachtigallen  39,040,  Zoll  IT50,000).
V.  Einnahmen  aus  verschiedenen  Quellen  (Geldstrafen  etc.)  256,497%.  Zusammen ­
  9’292,963%  fl.
Ausgaben:  I.  Für  Lasten  u.  Abgänge,  auf  den  Cameraldomänen,  Forsten, ­
  Brandversicherungsbeiträge,  Renten,  insbes.  der  Grundrenten-Ablösungen
für  die  standesherrlichen  Steuer-u.  sonstige  Privilegien  etc.  778,376%.  II.  Verzinsung ­
  und  Tilgung  der  Staatsschuld  923,459.  III.  Pensionen  389,210  (dabei
137,450  Militärpens.).  IV.  Grossh.  Haus-  und  Hofstaat*)  770,000.  V.  Landstände ­
  20,000.  VI.  Militär  und  Militäranstalten*)  1’667,180.  VII.  Staatsminister, ­
  Staatsrath  und  Cabinets-Direction  33,415.  VIII.  Ministerium  des  Grossh.
Hauses  und  desAeussern  *)  130,734.  IX.  Ministerium  des  Innern“)  P350,133%.
X.  ditto  der  Justiz  557,506.  XI.  ditto  der  Finanzen  2’313,958.  XII.  Allgemeine
Kosten  in  den  Collegienhäusern  7932.  XIII.  In  Folge  weiterer  nachträglicher
Vorlagen  etc.  94,931  %  fl.  Zusammen  9,036,835%  fl.  ')

*)  Der  übrige  Theil  der  Eisenbahnerträgnisse  wird  für  Verbesserung  der
Bahnen  (Herstellung  von  Doppelgeleisen)  verwendet.  Das  Budget  ist  sonach
unvollständig.  (Der  Ertrag  ist  durchschnittl.  über  5  %.)
*)  Es  werden  erhoben  10  Kreuzer  3  %  Heller  auf  den  Gulden  Normalsteuercap ­
  ital.  Der  Betrag  des  letzten  ward  für  1864  angenommen  zu  15’892,217  fl.
(Für  1865  wurden  16’058,820  fl.  angenommen,  nemlich:  3’205,550  Personal-,
1’971,301  Gewerb-  und  10’881,9(»9  fl.  Grundsteuer.)  Der  Ertrag  der  directen
Steuer  war  1864  veranschlagt  zu  2*880,464*/,„  fl.,  wovon  auf  die  einzelnen  Provinzen ­
  kommen  :  Rheinhessen  1*043,411%,,  Starkenburg  951,232“/,o,  Oberhessen ­
  885,82oy,q  fl.  —  Im  Jahre  1851  wurden  nur  8  Kreuzer  vom  Steuergulden
erhoben.
*)  Die  eigentliche  Civilliste  war  früher  zu  581,000  fl.  bestimmt.  Im  Jahre
1855  erging  an  den  I,andtag  das  Ansinnen,  1*100,000  fl.  Schulden  der  Civilliste
auf  die  Landescasse  zu  übernehmen,  wogegen,  ausser  dem  vorhandenen  Papiergelde, ­
  dessen  weiter  für  noch  eine  Million  ausgegeben  werden  sollte,  so  dass  die
Zinslast  nicht  wesentlich  vergrössert  werde  ;  ausserdem  aber  sei  diese  Mehrausgabe ­
  von  Papiergeld  durch  Abzüge  an  der  Civilliste  allmählig  einzuziehen.
Nach  längeren  Verhandlungen  gingen  die  Kammern  darauf  ein.  Die  Bestimmung ­
  wegen  Abzugs  an  der  Civilliste  hatte  aber  so  wenig  praktische  Bedeutung,
dass  die  Civilliste  im  Jahre  1857  vielmehr  um  50,000  fl.  emöht  wurde.  (Ausserdem ­
  erhielten  zwei  Neffen  des  Grossherzogs,  welche  keinen  Anspruch  auf  Apanage ­
  besassen,  jeder  eine  solche  von  18,000  fl.  jährlich  —  und  im  Jahre  1861
der  eine,  in  Folge  seiner  Verehelichung,  weiter  noch  22,000  fl.,  also  im  Ganzen
40,000  fl.  —  von  den  Ständen  bewilligt.)
*)  Das  Militärbudget  war  18*%,  nur  892,355  fl.,  18*%,  1*164,377,  18»%,
1*208,721.
*)  Dabei  60,000  fl.  für  Gesandtschaften  und  Consulate.
“)  Dabei:  Univers.  Giessen  82,455,  Gendarmerie  137,431  fl.
*)  In  Folge  Beschlusses  der  Stände  über  den  Abzug  am  Reinerträge  der  Forsten ­
  von  */,o  auf  %q  der  Rubrik  »I.  I,asten  auf  Forstdomänen«  wurden  un-
        <pb n="293" />
        DEUTSCHLAND.  —  Gr.  Hessen  [Militär;  Gewerbliches).

271

Schuld.  Nach  den  letzten  dem  Landtage  vorgelegten  Aufstellungen,
die  allerdings  nur  bis  Ende  1859  reichen,  beliefen  sich  die  Passiven  der

gewöhnlichen  Schuld  auf  fl.  22’.379,364
Davon  ab  die  Activa  mit  15’605,427
Blieben  netto  b'773,937
Daneben  die  Eisenbahnschuld  mit  ....  13’305,100
Total  (brutto  35’6&amp;amp;4,464)....  .  20’079,ü37

Unter  den  Schuldposten  befinden  sich  für  4’300,000  fl.  Grundrentenscheine ­
  (Papiergeld),  —  ein  sehr  hoher  Betrag  für  das  kleine  Land.

Militär.  Conscription.  Dienstzeit  6  Jahre,  wovon  2  in  der  Reserve.
Militärstellvertretungsanstalt  durch  den  Staat  unterhalten.  Stand:  die
Gfr.  Hess.  Armeedivision  bildet  die  3.  Division  des  8.  Bundesarmeetorps.

  Nach  der  Kriegsformation  besteht  das  Contingent  aus:
I.  Infanterie:  zwei  Brigaden  à  2  Regimenter,  jedes  zu  2  Bataillonen  ä  5
yompagnien  ;  (ein  Jägerbataillon  ward  aus  den  in  den  verschiedenen  Regimentern ­
  vertheilten  Scharfschützen  gebildet)  =  928(5  M.
II.  Reiterei:  eine  Brigade  v.  2  Kegim.  à  4  Schwadr.  =  1543  M.
III.  Artillerie'.  Vier  resp.  fünf  Batterien  (mit  8  gezog.  Kanonen  nach  österr.
Systeme  und  6  dergl.  nach  preuss.  Systeme),  1339  M.
Ferner  eine  Pioniercompagnie  :  153  M.  Hiezu  die  Stäbe  etc.  —  Zus.  12,749,
11,654  Combatían  ten.  —  Activ  im  Dienste  standen  am  1.  Jan.  1864
•*943  M.

Festung.  Mainz,  Bundesfestung  mit  Österreich.-preuss.  Besatzung,
im  Kriege  verstärkt  durch  Truppen  der  Reservedivision  ;  von  hessischen
Iruppen  liegt  dort  blos  ein  40  Mann  starkes  Wachtcommando.
Geschichtliche  Notiz.  Vor  der  franz.  Revolution  betrug  der  Truppenstand ­
  etwa  4000  M.  ;  eben  so  viel  das  Rheinbundscontingent.  (Bis
1S08  war  der  Etatsstand  9350  M.)  Nach  dem  russischen  Feldzuge  ward
das  Truppencorps  neu  organisirt,  und  nach  der  Leipziger  Schlacht  erfolgten ­
  grosse  Anstrengungen  gegen  Napoleon.
Gewerbliches.  Bergwesen.  54  Gruben,  1800  mit  einer  Production
Von  r'242,037  Cntr.  und  einem  Geldwerthe  von  24  7,001  fl.;  20  Hüttenwerke, ­
  mit  257,018  Cntr.  Production,  1’271,220  fl.  werth;  3  Sali-—
  zus.  83  Werke  mit  1902  Arbeitern,  1’753,775  Cntr.  Production. ­
  1'093,182  fl.  werth.
Brandvcrsicherungscapital  1802  :  275’230,000  fl.
Viehstand  (1802):  40,914  Pferde,  309,017  St.  Rindvieh,  237,839
Schafe,  100,400  Schweine,  77,227  Ziegen.
Fost  (1803):  angek.  Briefe  5'142,033  und  1’450,842  Zeitungen.
Ftsenbahnen  (1803):  41%  Meil.,  wovon  15,7  Staatsbahn.
’  Das  franz.  System  bildet  die  Grundlage.  Der  Fuss,  zu  10  Zoll,
"  Centimeter:  sonach  100  hess.  =  79,65  preuss.  Fuss  oder  25  Meter.  —

6oiin%l^  -Ausgaben  pro  1865  wegen  Steuerfreiheit  der  ]lomanialforsten  weitere
20O(  fl  Vorgesehen  und  es  gehen  hiernach  den  Ausgaben  für  ein  Jahr  noch  zu
hei  Dagegen  sind  nach  beschlossenem  Wegfall  des  Chausseegeldes  die  Erungskosten
  desselben  pro  1865  in  Abzug  zu  bringen.  Dieselben  berechneu
  sich  in  der  vorigen  Periode  auf  rund  21,000  fl.  und  kommen  für  1865  an  der
esamintsumme  der  Staatsausgaben  diese  21,(»00  fl.,  oder  für  ein  Jahr  7000  fl.,
uiit  im  Ganzen  5000  fl.  in  Abzug.  Es  schliessen  sich  hiernach  die  bewilligten
'^esammtausgaben  ab  auf  9’031,835'/,  fl.
        <pb n="294" />
        272

DEUTSCHLAND.  —  Kurhessen  (Land  und  Leute).

Der  Morgen  =  25  Aren  oder  0,9715  preuss.  Morgen.  —  lOO  Malter  =  128
Hectol.  oder  232,89  preuss.  Scheffel.  —  Die  Ohm  =  1,0  Hectoliter  oder  0,54
preuss.  Eimer.

\
9.  Hessen  (Kuriürstenthum).

Bestandtheile  Q.-M.  Bev.  1861
Provinz  Niederhessen  72,45  322,304
Grafsch.  Schaumburg  35,39  119,493
Provinz  Oberhessen  .  28,31  108,798
Provinz  Fulda.  .  24,00  123,583
Herrsch.  Schmalkalden  8,22  30,407
Provinz  Hanau  .  .  5,07  27,774
Zus.  (100,147  Famil.)  174,10  738,479
Städte  1861  :
Kassel  .  .  .  38,930
Hanau  .  .  .  10,582
Fulda  .  .  9,339
Marburg".  .  .  7,089
Bevölkerungsbewegnvff  1  858  :  2
21,351)  Geb.  u,  21,880  Sterbf.!)  -
Wanderungen  in  den  8  Jahren  18
Einwanderer  in  den  5  Jahren  1850-Confessionen

  (1801).
Reformirte  373,094
Lutheraner  134,050
Unirte  104,444
Zus.  Protestanten  011,588
Katholiken  107,713
Sekten  848
Juden  18,330
Eschwege.  .  .  0909
Hersfeld  .  .  .  5972
Schmalkalden  .  5307
Bockenheim  .  .  4901
Rinteln  .  .  .  3255
5,512  Geb.,  19,555  Sterbf.  (1855;
Heirathen  1801:  5329.  —  Aus-50—00:
  40,854  (dav.  9130  1854);
-00  :  1110.

Frühere  Volkszahl

1818
1849
1852
1855

507,800
759,751
755,350
730,392

Veränderung  im  Ganzen  im  Jahre
1818—49  mehr  191,885  0,190
1849—52  minder  4,523  1,508
1852—55  -  18,958  0,319
1855-58  -  9,053  3,218

So  hatte  denn  Kurhessen  bei  drei  auf  einander  gefolgten  Zählungen
jedesmal  einen  weitern  Einwohnerverlust  aufgewiesen;  es  hatte  in  9  Jahren ­
  zusammen  33,134  Menschen  eingebüsst,  d.  h.  4.30  Proc.

Gehietsverändernngen.  Bestand  von  1780:  Q-M.  Bevölkerung
Hessen-Kassel  2081
Antheil  an  der  Grafschaft  Henneberg  .  4j  350,000
Grafschaft  Hersfeld  10)
Antheil  an  der  Grafschaft  Schaumburg  10  30,000
Grafschaft  Hanau  22  70,000
Zusammen  (?)  200  450,000

Im  lalneviller  Frieden  trat  der  Landgraf  Rheinfels  und  St.  Goar
(auf  dem  linken  Rheinufer,  %  Q.-M.  mit  2500  Menschen)  an  Frankreich ­
  ab,  und  erhielt  dagegen  die  Reichsstadt  Gelnhausen  und  die  Enclaven ­
  Fritzlar,  Holzhausen  und  Amöneberg,  5  Q.-M.  mit  I  4,000  Einw.
Am  15.  Mai  1803  nahm  er  den  Kurfürstentitel  an.  Nach  der  Jenaer
Schlacht  besetzten  franz.  Truppen  das  Land.  Kurhessen  (mit  Ausnahme
von  Hanau  und  Niederkatzenelnbogen)  bildetfe  den  Kern  des  1807  errichteten ­
  »Königreichs  Westfalen«,  welches  in  der  Zeit  seiner  grössten  Ausdehnung ­
  1120  Q.-M.  und  2%  Mill.  Menschen  umfasste.  König:  Napoleon’s ­
  jüngster  Bruder  Hieronymus  [Jeröme],  Hauptstadt  Kassel.,  1813:
Restauration  des  Kurfürsten.  Er  hatte  abzutreten  :  Katzenelnbogen  an
Nassau,  die  Herrschaft  Messe  an  Hannover,  und  kleine  Distrikte  an
Weimar  und  Darmstadt  ;  erhielt  aber  ;  den  grössten  Theil  des  Hochstifts
        <pb n="295" />
        DELTSCHIjAND.  —  Kurhessen  (Finanzen).

273

^ulda,  mehre  Enclaven  und  einen  Theil  von  Ysenburg  zur  Herstellung
mit  Niederhessen.  —  Staatsgrundgesetz  vom  5.  Jan.
‘»31.  (Die  erste  octroyirte  Verfassung  datirte  vom  13.  Apr.  1S52,  die
zweite  octroyirte  vom  1.  Mai  1860;  die  Wiederherstellung  des  Staatsgrundgesetzes ­
  erfolgte  unterm  21.  Juni  1S()2.)
Finanzen.  Nach  dem  vom  5.  Apr.  1849  datirten  Voranschläge  kam
Budget  zwischen  der  Regierung  und  dem  Landtage  (selbst  dem  nach
6r  octroyirten  Verfassung  gebildeten)  nicht  mehr  zur  Vereinbarung,
IS  endlich  unterm  24.  Juni  1803  ein  »Finanzgesetz  für  die  11.  Finanz-Periode
  von  den  Jahren  1801,  02  u,  03«  (die  zu  %  der  Zeit  bereits  abgeaufen
  waren)  zum  Abschluss  gelangte,  mit  folgenden  Hauptziifem  ;
Einnahmen:

Idirecte  Steuern*).
•1  ^*'^‘recle  Abgaben  *).
.  \\  eg-  u.  Brückengelder
Lümanialeinkünfte  .
Gesundbrunnen  .  .  .
J  Aufkommen  der  Forsten
i'  .  -  Jagden
1  ischereien  ....
•  Berg-,  Salz-,  Hüttenwerke

Thlr.
894,300
1*183,350
44,240
344.570
19,110
950.570
9,530

10.  Ertrag  der  Posten  .  .
11.  Staatseisenbahnén  .  .
12.  Einnahmen  aus  dem
Capitalvermögen  *;  .  .
13.  Ueberschuss  der  Landescreditcasse
  .  .  .
-,  -  -  14.  Vom  Laudgestüte  .  .
2,430  I  15.  SonstigACinnahmen  .
Zusammen

J.  Kurfürstl.  Hof  .  .
f  -  Apanagen  .  .  .  .
btaatsministerium
j  hechtspHege  .  .  .
Innere  Verwaltung*)

352,490
Ausgaben.
Thlr.
304,704  0.  Finanzverwaltung®  .
50,900  7.  Kriegsverwaltung
69,070  8.  Auswärtige  Angeleg.
305,950  9.  Pensionen,  Unterstütz.  .
1  108,510  Zusammen

Thlr.
43,500
518,000
542,020
42,000
9,500
_131,730
5*117,340
Thlr.
1*037,300
1*004,540
49,990
_  320,j30
4*983,450
bür  die  drei  Jahre  der  Finanzperiode  wurde  die  Einn.,  einschl.  des
«etriebscapitals  von  900,000,  auf  10,852,300,  der  Bedarf  (einschl.  des
^emhchen  Betriebscapitals)  zu  1  5*029,590  Thlr.  festgesetzt,  somit  Ueberat^liuss
  1*222,710.  (Der  Staat  duldet  Spielbanken  zu  Nauheim,  Wilehnsbad,
  Nenndorf  und  Hofgeismar.)  —  Ausser  der  Civilliste  befindet
der  Kurfürst  factisch  im  Genüsse  der  Hälfte  des  gesammten  Staats-Kapitalvermögens
  und  der  sogenannten  Rothenburger  Quart  wodurch
sich  seine  Einkünfte  auf  800,000  Thlr.  erhöhen  sollen.  —  Das  Budget
^  r  804—00  ist  (Anfangs  1805)  noch  nicht  zu  Stande  gebracht.  Der  Fianzausschuss
  des  Landtags  veranschlagt  die  Einnahme  nur  zu  5*  100,910
—  Im  Ausgabeetat  verlangt  die  Regierung  für  das  Militär  nicht
Weniger  als  1*301,820  Thlr.
*.!  ¡¡’“■unter  Grundsteuer  005,000,  Oewerb-  129,000,  Classenst.  87,000.
X  520,100,  Rübenzuckerst.  150,000,  Stempel  200,000,  Vercnst
  K.-xa.n  V  ,  ..  .  und  Bier  48,000  etc.
e  201,000.
I  ausserordentl.,  Gen  dar-114
  Jan  ji”nntcr  ;  Verwaltung  der  Domänen  118,017,  ditto  der  direct.  Steuern
sens  59  bem  131,204,  der  Forsten  504,359,  des  Berg-u.  Salinenwel^olb,
  StatUük.  4.  Aufl.  jg
        <pb n="296" />
        274

DEUTSCHLAND.  —  Kurhessen  (Finanzen).

Finanzgeschichtliches.  Die  Einkünfte  des  Kassel’sehen  Gebietes
schätzte  man  17bG  auf  1000,000  Thlr.,  wozu  noch  */%  Mill,  aus  Hanau
kam.  Bekannt  ist  der  Soldatenverkauf  an  England.  Der  (katholisch  gewordene) ­
  Landgraf  Friedrich  II.  erhielt  1770  —  S1  für  22,000  Mann
(durchschn.  à  978  Thlr.)  *)  2  l’270,778  Th  Ir.  ;  die  Ausrüstungs-  und
Löhnungskosten  hatten  9’599,539  betragen,  so  dass  ein  Gewinn  verblieb
von  11’737,239  Thlr.  Mit  diesemGelde  ward  vortheilhaft  gewirthschaftet
  ;  der  zum  Hofagenten  erhobene  alte  Rothschild  legte  damit  den
Grundstein  zu  seinem  »Hause.«  Der  Landgraf  aber  hinterliess  ein  Vermögen ­
  von  50  Mill,  fl.,  zumal  er  auch  die  während  des  siebenjährigen
Kriegs  von  England  bezahlten  Subsidien  nur  zumTheil  an  das  Land  abgab. ­
  Vergebens  hatten  die  Stände  geltend  zu  machen  gesucht,  dass  selbst
nach  einer  Entscheidung  des  höchsten  Gerichts  von  1705  auch  das  Kammergut ­
  Staatseigenthum  sei.
Die  Einkünfte  des  r&amp;gt;Königreichs  Westfalens  betrugen  9%  Mill.  Thlr.;
die  Ausgaben  1808;  37’375,000  Fr.;  die  Schuldenmasse  schon  damals
112  007,750  Fres.!  Es  gab  freiwillige  und  gezwungene  Anlehen,  und
der  Curs  der  Staatspapiere  sank  bis  auf  50  Procent.
Nach  der  Restauration  Fortdauer  der  Finanzzerrüttung.  Das  Militär ­
  wurde  auf  2000  M.  ierabgebracht  ;  glelchwol  musste  das  Land  ebenso
viel  dafür  bezahlen,  wie  1800,  als  das  Heer  20,000  M.  betrug.  Die
Stände  begehrten  1815  Einsicht  in  den  Stand  der  Kriegscas.se  ;  dieses
ward  verweigert  ;  man  erfuhr  aber,  dass  die  Casse  Schuldscheine  über
1  %  Mill.  Thlr.  zu  Gunsten  der  Cabinetscasse  ausgestellt  hatte  und  verzinste. ­
  Das  erste  Budget  in  der  constitutioneilen  Periode,  18*ysa,  schloss
mit  einem  Deficit  von  l’015,890  Thlr.  ln  der  Verfassung  von  1830
ward  zugestanden,  dass  nur  die  Hälfte  des  Schatzes  als  Staats  vermögen
angesprochen  werde.  Und  doch  setzte  sich  der  Kurfürst  alsbald  in  den
Alleinbesitz  der  Rothenburger  Quart.  —  In  der  Neuzeit  erhob  Bayern
Entschädigungsansprüche  für  die  1850  erfolgte  Sendung  von  Executionstruppen.
  Der  Kurfürst  antwortete  mit  einer  Gegenforderung.
Schulden.  Der,  meistens  sehr  ungenau  angegebene  Stand  ist  nach
zuverlässiger  Privatmittheilung)  Ende  1801  ;
1)  3%proc.  Anlehen  in  Folge  Finanzgesetzes  v.  üct.  1S33,  ursprüngl.
  1'205,850  Thlr.,  Rest  nach  den  meist  durch  Ablösungscapitalien
  bewirkten  Abtragungen)  noch  Thlr.  030,050
2)  4%proc.  Anl.  in  Folge  Ges.  v.  Dec.  1840,  ur.spr.  1  Mill.,  Rest
3)  Rest  des  1852  auf  Grund  eines  Finanzmimst.-Beschlusses
aufgen.  4'  ¡proc.  Anlehens  von  1  %  Mill.,  wovon  seit  30.  Sept.  1858
jáhrl.  y*  Proc,  mit  7500  Thlr.  zur  Rückzahlung  gelangt  s.  unten,  .
4)  Rest  eines  gleichen  Anlehens  v.  1858,  betragend  1'2  Mill.,
mit  ‘/.  Proc.  =  0000  Thlr.  Rückzahlung  seit  1.  Aug.  1858  .  .  .
5*  Staatslotterieanlehen  von  1845  (s.  unten)  1805
0)  4"  0  Anlehen  zu  Eisenbahnbauten  v.  1803,  Nominalbetrag  10’,
wovon  eingezahlt  etwa  5'000,000
7)  Unverzinsl.  Papiergeld,  laut  Ges.  v.  24.  Juni  1803  .  .  .  .  1'500,000
Zusammen  14’400,070
wogegen  das  Activcapitalvermögen,  dessen  Jahresertrag  im  Budget  angegeben,
in  Betracht  kommt.

400,400

0’80'J,02‘»

')  Nach  anderer  Notiz  lieferte  er  10,992  M  ,  wovon  0500  umkamen.
        <pb n="297" />
        18*

DEUTSCHLAND.  —  Kurhessen  'Militär  .

•275

Auf  das  Lotterieanlehen  sind  jährl.  255,000  Thlr.  behufs  Tilgung
abzuzahlen.  Das  Haus  Rothschild  sollte  den  Amortisationsfonds  asserviren
  und  davon  S'/s  Proc.  Zins  vergüten.  Als  dieser  Fonds  auf  r;PJG,579
Ihlr.  angewachsen  war,  bot  das  Handelshaus  die  Aushändigung  an.
Kurhessen  acceptirte,  und  man  verwendete  nun  die  daraus  flüssig  werdenden ­
  Mittel  zur  Tilgung  der  oben  unter  3  u.  1  aufgeführten  Anlehen.
Beide  sind  vollständig  zurückbezahlt.  Gleichwol  werden  die  verbrielungsmässigen
  Capitalabtragungen  und  Zinsen  im  Staatsgrundetat  in
Ausgabe  fortgeführt,  und.  neben  dem  Ueberschuss,  welchen  die  Tilgungsrente ­
  von  2.)5,000  Thlr.  (nach  Abzug  der  jährl.  Lotteriegewinne)
auf  bringt,  zur  Herstellung  des  Lolterieanlehens-Tilgungsfonds  benutzt.
Auf  diese  Weise  wird  letzter  also  zum  entsprechenden  Antheil  mit  4  %
statt  3‘/j  verzinst  und  in  einer  weit  kürzeren  Reihe  von  Jahren  zu  der
erforderlichen  Höhe  gebracht,  als  nach  dem  Vertrage  über  das  Anlehen
der  Fall  gewesen  sein  würde.  Dieses  Verfahren  bietet  noch  den  Vortheil
dar,  dass  für  die  Folgezeit  die  Staatscasse  eine  erhebliche  Erleichterung
erfahren  wird.
Zur  Schuldyeschichte.  Während  die  Reichthümer  der  Landgrafen
sich  häuften,  vermehrten  sich  die  Schulden  des  Landes.  Nach  der  Restauration ­
  verweigerte  der  Kurfürst  den  unzweifelhaftesten  Rechtsverpflichtungen ­
  aus  der  westfälischen  Zeit  die  Anerkennung.  Dagegen  wurden ­
  300,000  Thlr.  Schulden  des  Kurprinzen  auf  die  Staatscasse  überwiesen. ­
  Der  Schuldenstand  war  1810  I  '304,1  07  Thlr.  —  Der  Landtag
suchte  seit  1831  Ordnung  in  das  Finanzwesen  zu  bringen.  Allein  die
Regierung  bekümmerte  sich  niemals  um  dessfallsige  Bestimmungen.  Ein
Beispiel  bildet  das  Lotterieanlehen  von  1815.  Statt  für  0  Mill,  wurden
lür  0’725,000  Thlr.  Papiere  ausgegeben;  statt  Pariausgabe  wurden  12%
Broc.  Provision  bewilligt;  statt  3*/*%  Zinsen  erhalten  die  Gläubiger
Weit  weniger  ;  statt  einer  sogleich  beginnenden  und  wachsenden  Tilgung
wird  bis  1872  nicht  einmal  der  Zins  vollständig  abgetragen,  so  dass
1.  Jan.  1888  (!)  die  Gläubiger  noch  0  725,000  Thlr.  zu  fordern
haben,  die  dann  in  grossen  Summen  getilgt  werden  sollen  (s.  Land-^agsverh.
  vom  20.  Juni  1848).
Militär.  Conscription  ;  Losung  ;  Stellvertretung  ;  5  Jahre  Dienstzeit, ­
  wovon  1  in  der  Reserve.
Infanterie:  4  Regim.  (wovon  1  Leibgarde),  in  2  Bataill.  und  8
'-omp.  —  1  Jäger-  und  1  Schützenbataill.,  zus.  5770  activ,  mit  Reserve  9,157
Cavallen'e;  2  liusarenreg.  zu  4  Escadr.,  2  Esc.  Cürassiere  oder
'■»arde  du  Corps,  988  M.  activ,  mit  Reserve  )  ,508
Artillerie:  1  Reg.  mit  19  Geschützen;  1  Pioniercomp.,  act.  651  .  1,0.13
Mit  Nichtcombattanten,  Train  u.  2.  Aufgebot  15,209,  ohne  diese  11,998
Im  J.  1780  unterhielt  der  Landgraf  15,000  Soldaten.  1792  stellte
zu  den  in  die  Champagne  eindringenden  Preussen  8000,  im  nächsten
Jahre  zu  den  Engländern  in  Flandern  12,000,  gegen  Geldsubsidien.
(Das  Königreich  Westfalen  stellte  25,000  M  zum  Rheinbunde.  Westlälische
  Truppen  kämpften  in  Oesterreich,  Spanien  und  Russland.)  Nach
der  Restauration  wurde  die  active  Militärmacht  gegen  Napoleon  auf
2J,0l)0  Mann  gebracht,  wovon  0500  Landwehr.  Aber  nicht  blos  der
^»andsturm  (82,000,  wovon  indess  nur  17,000  mit  Feuerwaffen  Verse-'^üe),
  sondern  selbst  die  Landwehr  wurde  bald  aufgelöst.
        <pb n="298" />
        276  DEUTSCHLAND.  —  Mecklenburg-Schwerin  (Land  und  Leute).

Sociales.  In  dem  (mit  Ausnahme  Hanau’s  etc.)  durch  Zunftzwang
belasteten  Kurhessen  tritt  uns,  wie  in  Bayern,  die  Erscheinung  entgegen, ­
  dass  die  Gewerbe  mehr  übersetzt  sind,  als  wo  volle  Gewerbefreiheit
besteht.  Während  in  Preussen  und  der  Rheinpfalz  erst  auf  17  Einwohner ­
  ein  Handwerker  kommt,  trifft  in  Kurhessen  einer  schon  auf  14.
Und  doch  steht  hier  die  gewerbliche  Production  nach  Quantität  und
Qualität  zurück.  »In  Preussen  gab  es  IS  ld  h  151  studirte  Staatsdiener,
mit  Ausnahme  der  Advocaten,  Geistlichen,  Aerzte,  Professoren  etc.,  —
in  Kurhessen  in  demselben  Jahre  442  Beamte  der  nemlichen  Kategorien.
Hienach  kommen  in  Preussen  auf  100,000  Menschen  41,  in  Kurhessen
59  studirte  Beamte.«  (Hildebrand,  Landtagsantrag  vom  5.  December
1S49.)  Unter  den  1859  ausgewanderten  224  1  Individuen  befanden  sich
492  gerichtl.  verfolgte  Recrutirungspflichtige  und  mehr  als  600  Jünglinge ­
  zwischen  16  und  20  Jahren,  die  noch  nicht  verfolgt  werden  konnten. ­
  (Bei  der  Aushebung  von  1863  haben  sich  von  den  Pflichtigen  nicht
gestellt:  im  Landrathsamte  Kirchhain  29,  in  Schaumburg  45,  in  Hanau
28,  in  Gelnhausen  22,  in  Rotenburg  36  etc.)
Eisenbahnen  (anf.  1863)  44%  Meil.,  dav.  19,6  Staatsb.
Viehstand  (1859):  41,671  Pferde,  202,409  St.  Rindvieh,  500,217
Schafe,  143,490  Schweine,  45,254  Ziegen.
Maasse:  Der  Fuss  =  28,77  Centimeter  oder  11  Zoll  preuss.  —  15  kurh.
Pfund  =  14  Zollpfund;  der  Centner  108  Pfund.

10.  x^Icckleiibiirg-Schweriii  (Grossherzogthum)*.

Areal  244  Q.-M.,  wovon  die  329  Seen  etwa  12  Q.-M.  einnehmen. ­
  BevfSlherung  1863  551,761  (1862  zählte  man  269,795  männl.,
281,966  weibl.)  E.;  auf  die  (4.-M.  nur  2263.  Da  hier  das  mittelalterliche ­
  Feudal  wesen  for  ter  halten  wird,  so  ist  blos  der  kleinste  Theil  des
Landes  unmittelbar  der  Staatsgewalt  unterworfen  ;  weitaus  das  Meiste
steht  unter  der  Herrschaft  des  noch  quasi-souveränen  Ritterthums.  Die
Vertheilung  war  I  862  folgende  :

Landesherrl.  Domaniuni  .  .
Klostergüter
995  ritterschaftl.  Güter**)  .  .  .
40  Stadtgebieten.  Kämmereigüter

Q.-M.  Bevölk.  Confessionen  (ls«2)  :
l05'/z  207,105  Lutheraner  547,530
8  9,082  Reformirte  202
103'/,  137,382  Katholiken  .  908
27  198,192  Juden.  .  .  3,121

Städte:  Schwerin  23,233,  Rostock  20,396,  Wismar  13,128,  Güstrow  10,501,
Parch  im  7142,  Bützow  4588,  Malchin  4547,  Ludwigslust  4310,  Doberan  4009.
1820  1830  1Ö39  1851  1854  1858
Frühere  Volkszahl:  393,320  448,008  504,150  543,337  540,204  542,148
Aus  dem  so  dünn  bevölkerten  Lande  fanden  in  der  Neuzeit  massenhafte ­

  Auswanderungen  statt,  so  dass  die  Volkszahl  von  1851  —  54
sogar  Verminderungen  erlitt.  Da  der  Ueberschuss  der  Geburten  über  die

*)  Vergl.  »Beiträge  zur  Statistik  Mecklenburgs;  vom  grossh.  statist.
Bureau  in  Schwerin.«  3  Bände;  letztes  Heft  v.  1803.
**)  Hievon  028  Lehen  und  307  Allodien.
        <pb n="299" />
        DEUTSCHLAND.  —  Mecklenburg-Schwerin  (Finanzen).

277

Zahl  der  Sterbfülle  von  1819  —  58  66,419,  die  Bevölk.  -  Zunahme  aber
nur  7,754  betrug,  so  war  der  Menschenverlust  durch  Auswanderung
beiläufig  58,665.  1852  zogen  gegen  8000  fort;  noch  mehr  1853;  1854
•♦450.  Noch  1857  belief  sich  die  Auswandererzahl  auf  6373,  und  erst
1858  sank  sie  auf  1766  herab.  —  Die  Bevölkerung  stammt  aus  einer
Vermischung  des  deutschen  mit  dem  slavischen  Elemente,  doch  waltet
das  erste  nun  ausschliesslich  vor.
Gebtetsverilnderunffen.  Die  letzte  der  verderblichen  Länder-Erbtheilungen
  erfolgte  1701  in  Mecklenburg,  durch  Losreissen  von  Strelitz  für
einen  Jüngern  Sohn  des  Fürsten.  —  1788  anerkannte  die  Stadt  Rostock
zum  ersten  Male  die  volle  Landeshoheit  Mecklenburgs.  Das  seit  155
Jahren  davon  getrennte  Wismar  ward  1803  um  1*628,000  Thlr.  N%
(I  200,000  Thlr.)  auf  100jährigen  Pfandbesitz  von  Schweden  erlangt;
Schweden  soll  sein  Pfand  im  Jahre  1903  um  ungef.  28  —  30  Mill.  Thlr.
einlösen  können!  —  1803  erhielt  der  Herzog  für  die  verlorenen  Canoi^icate
  zu  Strassburg  und  für  seine  Ansprüche  auf  die  Insel  Privai  durch
Heichsdeputationsschluss  7  stiftlübeckische  Dörfer  und  eine  Rente  von
16,000  fl.  aus  den  Rheinoctroierträgnissen  (!)  —  Obwol  der  Herzog  der
erste  deutsche  Fürst  war,  der  vom  Rheinbunde  abfiel  (schon  am  25.  März
1813),  erlangte  er  doch  keine  Gebietsvergrösserung,  sondern  nur  den
J'itel  Grossherzog,  17.  Juni  1815.
Statt  des  vom  Bundestage  umgestürzten  Staatsgruvdgesetzes  vom
lO.  Get.  1849  ist  in  beiden  Mecklenburg  wieder  hergestellt;  der  Erbvergleich
  von  1755!  Darnach  haben  beide  Mecklenburgische  Grossherzogthümer
  gemeinsame  Landstände  auf  ganz  feudaler  Grundlage.
Finanzen.  Das  Licht  der  Oeffentlichkeit  dringt  nicht  in  diese  Vefbältnisse.
  Noch  kennen  wir  keinen,  die  Einzelpositionen  nachweisenden
neueren  Etat,  als  den  vom  Minister  aufgestellten  für  das  (an  Johannis
beginnende)  Rechnungsjahr  1  8"%*,  wonach  die  Ausgaben  zu  3*430,028,
^1^  Kinnahmen  zu  3*292,748,  ein  Deficit  von  137,280  Thlr.  ergaben.
Eine  Notiz  bez.  des  der  Kriegsrüstungen  wegen  sehr  aussergewöhnl.
Etats  von  1führt  auf:

Einnahme:  a)  ordentl.  2*772,684  Thlr.  wobei  aber  487,855  Thaler
'^assavorrath  vom  Vorjahre),  b)  ausserord.  631,346  dabei  346,283
'on  Anlehen  für  Truppenmobilisirung),  zus  3*404,030
Ausgabe:  a)  ordentl.  2*202,147,  b)  ausserord.  383,070  =  .  2*675^217

Die  Einn.  wird  jetzt  (v.  Raabe)  auf  4  Mill.  Thlr.  geschätzt,  wovon
^ui  die  Domänen  brutto  2*4  00,000,  auf  Passageabgaben  (Elb-  u.  Eisenahnzölle) ­
  320,000,  Steuern  und  Zölle  640,000,  auf  die  übrigen  Positionen ­
  ebenfalls  640,000  Thlr.  kommen.*)  Von  einem  eigentlichen
Systeme  der  Besteuerung  findet  sich  keine  Spur.  Die  Lasten  sind  meistens ­
  local  ganz  verschieden,  je  nachdem  sie  in  entfernten  Zeiten,  in
dieser  oder  jener  Art  eingeführt  wurden.  —  Das  Domanium  hat  einen
Bestand  von  2684  Hufen  (fast  2  Mill,  preuss.  Morgen),  was,  die  Hufe
30,000  Thlr.  gerechnet,  einen  Werth  von  mehr  als  80  (wol  richtiger
'*on  loo)  Mill,  ergibt.  —  Zu  Dobberan  wird  eine  Spielbank  geduldet.  —
"Eie  Ausgaben  für  die  Hofadministration  stellen  sich  höher,  als  für  die
*)  Um  Wiederholungen  zu  vermeiden,  verweisen  wir  bezügl.  der  Hauptlunahme-
  u.  Ausgabeposten  auf  die  Zusammenstellung  S.  202  u.  203.
        <pb n="300" />
        278  DEUTSCHLAND.  —Mecklenburg-Schwerin  Militär,  Sociale,s).

Civiladminlstration  :  letztere  betragen  noch  nicht  %  Mill.  Th  Ir.,  die  für
das  grossherzogliche  Haus  hingegen  über  eine  halbe  Mill.,  mehr  also,
als  die  (frühere)  Civilliste  des  Königs  von  Sachsen.«  (Reden.)
Schulden.  Nach  (Wiggers)  »Staatskunde  von  Mecklenburg«  betrugen ­
  dieselben  18&amp;lt;)0  &amp;amp;’843,944  Thlr.,  neml.:  Landesschulden  r4b8,944,
fürstliche  7’200,000,  ständische  175,000  Thlr.
Finanzgeschichtliches.  Herzog  Karl  Leopold  (f  1747,  brachte  mit
seinen  russischen  Hülfstruppen  unsägliches  Elend  über  das  Land.  Die
Reichsprozesskosten  betrugen  über  300,000,  die  Executionskosten
r  100,000  Thlr.  N%.  Landestheile  mussten  an  Preussen  und  Kurbraunschweig ­
  verpfändet  werden.  17^%g  löste  die  Reluitionscommission  die
1734  an  letztes  verpfändeten  8  Domänenämter  mit  1’535,000  Thlr.  wieder ­
  ein.  Der  erste  Reichskrieg  gegen  die  franz.  Republik  kostete  2  70,000,
die  »bewaifnete  Neutralität«  bis  zum  Lüneviller  Frieden  1'200,000Thlr.
Dennoch  waren  die  Schulden  im  J.  1803  bis  auf  495,000  Thlr.  getilgt.
Der  Kriegsschaden  des  Landes  vom  Oct.  1800  bis  Febr.  1807  betrug
7’218,000  Thlr.  —  Von  den  franz.  Contributionsgeldern  erhielt  Schwerin ­
  2’1  50,000  Fr.
Militär.  Conscription  mit  Stellvertretung  ;  0jährige  Dienstzeit.  Unter
den  Officieren  (1859,  nach  Steubel)  107  Adelige  und  nur  20  Bürgerl.,
ein  Missverhältniss,  wie  es  nirgends  sonst  vorkommt.  Bestand  :  5,370  M.

Haupt-  und  1  194  Ersatz-Contingent,  zus.  0504.
Infanterie;  1  Grenadier-,  3  Musketier-und  1  leicht.  Bataill.  .  .  .  4210  M.
Carallerie;  1  Dragonerreg.  von  4  Escadr  072  -
Artillerie:  2  Bat.  mit  l(i  Geschützen  und  1  Pionierabtheilung,  zus.  .  482  -

Sociale  Verhältnisse.  Mecklenburg  ist  der  einzige  Staat  in  Deutschland, ­
  in  welchem  die  franz.  Revolution  fast  keine  socialen  Aenderungen
hervorgebracht  hat.  Das  Feudalwesen  dauert  fort;  obwol  die  Jahre  1848
und  49  dasselbe  zu  erschüttern  anfingen,  so  befestigten  doch  die  Bundestagsbeschbisse ­
  die  alten  Zustände.  Die  Rittergutsbesitzer  üben  wahre
Souveränitätsrechte  ;  die  Lage  des  Landvolkes  ist  die  elendeste.  Länger
als  irgendwo  in  Deutschland,  nemlich  bis  1820,  währte  die  Leibeigenschaft ­
  fort,  der  die  Mehrzahl  der  Einwohner  unterlag.  .Auch  später  besserten ­
  sich  deren  Verhältnisse  wenig.  Ausser  den  Stadtgebieten  gibt  es
zunächst  054  Rittergutsbesitzer.  Mit  ihnen  nehmen  an  dem  Grundbesitze ­
  etwa  1  002  Erbpächter  Theil,  0103  Bauern,  die  an  den  Boden  eigentlich ­
  kein  dingliches  Recht  haben,  und  endlich  etwa  0590  Bündner,  die
meistens  nur  wenige  Aecker,  aber  mit  dinglichem  Rechte,  besitzen.  Die
Zahl  der  Grundbesitzer  ist  also  klein  —  15,085  unter  308,118  Landleuten. ­
  wovon  nur  030  vollkommen  freie  Eigenthümer  sind.  Selbst  diese
mit  Schulden  belasteten  Rittergutsbesitzer  befinden  sich  in  keiner  allzubehaglichen ­
  Lage.  (1834  war  ihre  Schuldenmasse  23’855,994  ,  1819
dagegen  30’503,780).  —  Die  Güter  der  Ritter  und  die  von  0  Bauernschaften ­
  umfassen  103  Q.-Meil.,  jene  der  Domänen  und  Klöster  1  13.
Dieses  ganze  Areal  ist  dem  Eigenthumserwerbe  der  Bauern  entzogen.
Das  Ge  werbe  wesen  wird  durch  die  beiden  entschiedensten  principiellen
  Gegensätze  eigenthümlich  beherrscht:  einerseits  der  massloseste
Gewerbe  zwang,  anderseits  eine  fast  vollständige  Handelsfreiheit
nach  Aussen  !  Auf  dem  Lande  darf  Niemand  ein  Gewerbe  treiben,  ausser
        <pb n="301" />
        1)EUTSCHLAN1).  —  Mecklenburg-Strelitz.

279

auf  Veranlassen  und  zum  ausschliesslichen  Nutzen  der  Gutsherrschaft.
Daher  kommt  auf  1  S3  Landbewohner  erst  ein  Handwerksmeister,  —  in
den  Städten  dagegen  einer  auf  16  Einw.  Neben  der  ziemlich  vollständigen ­
  Handelsfreiheit  hat  man  Bannmühlen,  Bannbranntwein,  Bannbier;
selbst  Tanzmusik  dürfen  nur  privilegirte  Amtsmusikanten  ausüben.  Das
Gewerbewesen  liegt  tief  darnieder  ;  Fabriken  gibt  es  überhaupt  fast  gar
nicht.  Und  die  Ergebnisse  im  Grossen?  Im  Jahre  1S62  kam  1  Geburt
erst  auf  31,5  Einw.,  1  Heirath  erst  auf  126,8,  dagegen  1  Todesfall
schon  auf  45,7  —  In  Verbindung  mit  der  Abnahme  der  Heirathen  steht
die  Zunahme  der  unehelichen  Geburten.  Das  Verhältniss  war;
1Tü5  1  zu  17,6  ehel.  1840  1  zu  7  ehel.
1820  1  -  10,8  -  1845
1830  1-9  -  1852

1  zu
1  -  5,7
1  -  4,7

1859
1861
1862

1  zu  4,8  ehel.
1  -  3,8  -
1-3,9  -

(1862;  14,481  ehel.  u.  3720  unehel.  Geburten;  Sterbfälle  12,072;  Heir.  4350.y
Im  J.  1851  war  in  260  Ortschaften  %  der  Geburten  unehelich,  in
20'J  Orten  die  Hälfte  und  mehr,  und  in  79  kamen  nur  uneheliche  Gekurten ­
  vor,  —  als  Folge  der  Heirathserschwerung.
Den  Stand  der  Volksbildung  in  diesem,  unter  einem  starren
(protestantischen)  Kirchenregimente  stehenden  Lande  beweist  die  Thatsache,
  dass  von  den  1857  ausgehobenen  865  Recruten  nur  430  Gedrucktes ­
  und  blos  245  Geschriebenes  lesen,  dabei  aber  nur  136  ordentlich
selbst  schreiben  konnten.

Vtehstand:  84,528  Pferde",  266,837  St.  Hornvieh,  1’045,179
Veredelte  und  153,271  Landschafe,  12,094  Ziegen,  157,522  Schweine.
Sparcassm.  Einlagen  am  1.  Jan.  1861:  6’488,764  Thlr.
Handel.  Die  Einfuhr  ward  1857  auf  1  3  013,000,  die  Ausfuhr  auf
20’667,000  Thlr.  geschätzt.  —  1861  ward  die  Einf.  zu  2  826,570,  die
Ausf.  zu  2’745,496  Zollcntr.  berechnet.
Ithederei.  Jan.  1863;  417  Schifte,  wovon  389  vermessen  mit  48,456
Dast  zu  6000  Cntr.  Bemannung  ungef.  4400.  —  Von  der  Gesammtzahl
  gehören  367  dem  Platze  Rostock,  50  Wismar.
Eisenbahnen.  30'/,  Mcil.
.  Hausse,  etc.  Münze:  derpreuss.  Thlr  ,  jedoch  in  48  Schillinge  à  12  Pfen-•'iRe
  eingetheilt.  —  166  Rost.  Kornscheffel  =  76,76  preuss.  Sehen,  oder  38,89
Bcctol.;  166  llaferscheffel  =  43,82  Ilectol.  —  Seit  1861:  deutsches  Zollgewicht.

11.  MreklMilHir^-Slrflilz  (Gros.sher/ogt}ium).

Q.-M.  Bevölk.  Im  Herzogth.  Strelitz.
1860.  Güter.  QM  Einw.
Herzogth  Strelitz  .  .  42*,  82,175  Cabinets-u.  Domänen-  36  -14,773
t*ürstenth.  Ratzeburg  6%  16,885  Ritterschaftl.  Privat-.  11,62  16,381
4*7%  99,666  Städtische  Besitzungen  5,38  31,621

Confesstonen  :
Lutheraner  .  .  98,421
Reformirte  .  .  8
Katholiken  .  .  115
"""den  ...  516

Städte  :
Neustrelitz  .  .  7,544
Neubrandenburg  6,912
Friedland.  5,129

Frühere  Volkszahl:

1817:  72,587
1834:  84,656
1849:  96,292
1851  :  99,628
        <pb n="302" />
        280

DELïSCHLAND.  —  Schleswig-Holstein  und  J^auenburg.

Gebietsverändernnffen.  Der  Herzog  erhielt  1S15  mit  der  grossherzogl.
  ürdc  ein  Gebiet  von  10,000  »Seelen«  im  vormal.  franz.  Saarde])art.
  (linkes  Rheinufer,  die  Kantone  Kronenburg,  Reiferscheid  und
Schleiden).  Er  verkaufte  dasselbe  am  21.  Mai  1S  19  an  Preusaen  um
1  Mill.  Thlr.  (100  Thlr.  pr.  Seele)  und  einige  Domänen.
Finanzen.  Wir  kennen  gar  kein  Budget.  schätzte  die  Regierung ­
  :  Ausgaben  l’O  19,049  Thlr.,  Einkünfte  904,525,  Deficit  55,1  24.
—  Schulden  1800  1’055,000  Thlr.
Militär.  1  Bataillon.  Schwerin  stellt  für  Strelitz  Cavallerie  und  Artillerie, ­
  wogegen  dieses  mehr  Infanterie  liefert.  Bundescont.  1317  Mann.
Sociales.  Die  Zustände  sind  im  eigentl.  Strelitz  wie  in  Schwerin  ;
dagegen  finden  sich  in  (dem  entfernt  gelegenen)  Ratzeburg  mehr  kleine
Grundbesitzer.  Die  grossen  Rittergüter  haben  nur  01  Besitzer  mit  vollem ­
  Eigenthumsrechte  und  1435  mit  beschränktem.  Dies  ergibt  ein  noch
schlimmeres  Verhältniss  als  in  Schwerin.—  In  den  10  Jahren  1851  —  00
hat  die  Bevölkerung  um  508  abgenommen,  obwol  7435  mehr  geboren
wurden,  als  starben,  —  Folge  der  Auswanderung  wegen  der  übeln  Zustände. ­


12.  8clileswi&amp;lt;r-llolsteiii  und  Lauenhur^  (llerzogthümer).
In  der  Zeit  der  Abfassung  der  gegenwärtigen  Abtheilung  dieses
Buches  sind  die  Verhältnisse  der  Elbherzogthümer  noch  nicht  definitivgeordnet.
  Wir  fassen  die  uns  aus  verlässiger  Quelle  gewordenen  Mittheilungen ­
  über  diese  Landschaften  zusammen,  obwol  weder  die  Vereinigung
  Lauenburgs  mit  Schleswig-Holstein,  noch  die  Aufnahme  Schleswigs ­
  in  Deutschland  zur  Zeit  förmlich  festgestellt  ist.  *)
Q.-M.  Bevölk.  Auf  die  Städte  und  Flecken  (ISCO)
1S(io  Q.-M.  Schleswig  Holstein
Schleswig  100“4o  400,907  2,405  Flensburg  10,0S2  Altona  45,524
Holstein  155  544,419  5,512  Schleswig  12,197  Kiel  .  .  17,541
J.auenburg  19  50,147  2,059  Hadersleben  8,012  Rendsburg  10,702
540%  Pool,475  Apenrade  5,155  Itzehoe  .  7,500
Frähere  Bevölk.  is:ti  tsi.s  Lauenburg  Fl.  Neuinünster  0,850
Schleswig.  .  .  .1.17,578  .105,417  Ratzeburg  59^9  -  Elmshorn  0  094
Holstein  .  .  .  455,590  470,847  I  auenburg  4101  -  Heide  0  452
I,auenburg  .  nicht  g_e^hj^jR),480  .  Wandsbeck  o’ool
Zusammen  888,750  Glückstadt  5^7  52
Die  Einwohner  sind  meist  Lutheraner  (in  Holstein  83  1  Reformirte,
1241  Kathol.,  34.)  and.  Christ.,  3507  .luden).  Die  Arealangaben  beruhen ­
  nicht  auf  einer  genauen  Vermessung.
Holstein  war  von  jeher  deutsches  Reichsland.  Die  Holsteinischen ­
  Grafen  erlangten  1320  die  Eventualbelehnung  mit  dem  Herzogthum ­
  Schleswig,  1380  die  wirkliche  Belehnung,  1435  nach  langen

*)  Wir  verdanken  diese  treffliche  Bearbeitung  der  freundlichen  Güte  des
Hrn.  Prof.  Dr.  Jiavtt  in  Kiel.  Einige  weitere  Notizen  fügen  wir  in  Anmerkungen ­
  bei.
        <pb n="303" />
        DEüTSCHTANI).  —  Schleswig-Holstein  und  Lauenburg  (Finanzen).  281
Kämpfen  im  Frieden  die  Anerkennung  dieses  Besitzes.  1460  nach  Aussterben ­
  des  Holsteinischen  ürafenhauses  ward  der  Schwestersohn  des
atzten  Grafen,  König  Christian  I.  von  Dänemark,  durch  Wahl  der  vereinigten ­
  Stände,  »nicht  als  ein  König  von  Dänemark«,  zum  Landesherrn
auch  von  Schleswig-Holstein  bemfen.  Demnächst  Theilung  unter  meh-^len
  Landesherrn  aus  dem  Oldenburgischen  Stamme.  1721  gewaltsame
esetzung  des  fürstlichen  Antheils  von  Schleswig  und  Vereinigung  desben
  mit  dem  königlichen  Antheile.  177.1  Anerkennung  dieses  Actes
und  gänzlicher  \  erzieht  der  Gottorfischen  Linie  auf  Schleswig,  Ausausch
  des  grossfürstlichen  Antheils  von  Holstein  gegen  Oldenburg  und
eimenhorst.  1834  Einführung  von  Provinzialständen  für  Schleswig
Holstein.  1848  Erhebung  der  Herzogthümer  gegen  die  in  Folge
iner  Revolution  in  Kopenhagen  erstrebte  Losreissung  Schleswigs  von
Holstein  und  Incorporirung  des  ersteren  in  Dänemark.  Staatsgrundgesetz ­
  vom  15.  Sept.  1848.  1850  Berliner  Friede,  der  die  Nichtincorpo-«yung
  Schleswigs  sichern  soll.  Mit  König  Friedrich  VII.  stirbt  am
lu.  Xovbr.  1863  der  Mannsstamm  der  zur  Thronfolge  in  Dänemark  und
Zugleich  auch  in  den  Herzogthümern  berufenen  älteren  königlichen  Linie
Erstgeborne  der  jüngeren  Linie,  Herzog  Friedrich  VIII.,  erlärt
  durch  Proclamation  vom  16.  Xovbr.  1863  die  Regierung  an  treten
Wollen.  Occupation  Holsteins  durch  den  deutschen  Bund  und  Krieg
deutschen  Grossmächte  gegen  Dänemark.  Die  Friedenspräliminarien
'OUI  1  August  1864  sprechen  die  Trennung  der  3  Herzogthümer  von
^or  dänischen  Monarchie  aus.
Lauenburg  kam  bei  dem  Aussterben  des  sächsischen  Herzogsäuses
  1689  an  Kur-Braunschweig,  ward  1806  durch  französische  Truppon
  occupirt,  1810  mit  dem  französischen  Departement  der  Elbmündungen ­
  vereinigt,  kam  1814  wieder  an  Hannover,  das  es  am  29.  Mai  1815
f^össtentheils  an  Preussen  abtrat,  von  dem  dieser  Theil  als  eigenes
eutsel.es  IL  rzogthum  und  unter  Erhaltung  seiner  besonderen  Verfas-8ung
  bereits  unterm  4..Juni  1815  an  König  Friedrich  VI.  von  Dänemark
erlassen  wurde.  In  Folge  dessen  hat  Lauenburg  seine  besonderen
öndstände  behalten.  Vertässungsgesetz  vom  20.  Decbr.  1853.
Finanzen.  So  lange  die  Landstände  von  Schleswig-Holstein  in  Wirksamkeit
  waren,  besondere  Finanzverwaltung  mit  ständischem  Steuer-(w'-i^oit
  factisch  die  Berufung  der  Landstände  aufhörte
^io  Vermischung  der  schleswig-holsteinischen  Finanzen
^  on  dänischen  und  die  finanzielle  Ausbeutung  Schleswig  -  Holsteins
S  hl"  ^^oemark,  insonderheit  als  durch  die  dänischen  Kriege  gegen
t  usfj  des  vorigen  und  im  Beginn  des  gegenwärtigen  Jahrhunderts  die
j  i^^^*^^ohuId  wuchs  und  1813  der  dänische  Staatsbankerott  eintrat.  Seit
1  regelmässige  Veröffentlichung  von  Budgets  und  Finanzrechnungen,
ach  dem  Budget  pro  1  84  1  stellten  sich  die  Einnahmen  folgendergestalt  :
1)  Dänemark
Domäne-Einnahmen  171,lud  Kbankthlr.
directe  Steuern  3’155,UUd
indirecte  Steuern  3’466,UU0
verschiedene  Einnahmen  408,160
7’2d0,260  Kbankthlr.
        <pb n="304" />
        282  DEUTSCHIiAND.  —  Schleswig-Holstein  und  Lauenburg  Finanzen).

2)  Schleswig-Holstein
Domäne-Einnahmen  u.  Kammergefälle  .  l'2ü5,UUU  llbankthir.
directe  Steuern  l’Ül8,000
indirecte  Steuern  1’500,150
verschiedene  Einnahmen  215,740
4’058,800  Kbankthlr.
3)  Ueberschuss  aus  d.  Herzogth.  Lauenburg  .  210,000
4j  Ueberschuss  der  Colonicn,  des  Oeresund-  u.
Stromzolls,  des  Schleswig-Holsteinischen  Canals, ­
  des  Fostwesens  u.  Zinsen  der  Activen  3’0S5,S50

Zusammen  15’455,000  Kbankthlr.
Nach  dem  Jahre  1852  wurden  nun  gemeinsame  Finanzcassen  für
die  ganze  Monarchie  gebildet  und  specielle  für  die  einzelnen  Landestheile
  eingerichtet,  jedoch  so,  dass  der  im  Herzogthum  Lauenburg  "nach
Abhaltung  der  localen  Verwaltungsausgaben  verbleibende  Ueberschuss
lediglich  in  die  gemeinsame  Finanzeasse  abgeliefert  wurde.  In  diese
flössen  überdies  der  Ueberschuss  der  Domäne  -  Intraden  ,  der  Colonien,
des  Eider-Canals,  des  Zolls,  des  Kartenstempels,  der  Schifffahrtsabgaben,
  der  Brennsteuer,  der  Post-  und  Telegraphenintraden,  der  Classenlotterie,
  die  Zinsen  von  den  Staatsactiven  und  vom  üeresundfond,  sowie
einzelne  andere  Einnahmen,  und  es  wurden  daraus  bestritten  die  Civilliste,
  die  Apanagen,  die  Zinsen  für  die  Staatsschuld,  die  Mehrzahl  der
Pensionen,  die  Kosten  für  das  Heer,  die  Flotte,  die  auswärtige  Vertretung ­
  und  die  gemeinsamen  Ministerien.  Da  die  Einnahmen  der  gemeinsamen ­
  Finanzeasse  aber  zur  Bestreitung  dieser  Ausgaben  nicht  ausreichten, ­
  so  mussten  die  einzelnen  Landestheile  einen  Zuschuss  leisten,  der
in  einem  für  Schleswig-Holstein  ungünstigen  Verhältniss  zuletzt  zu
37,35  7o  Ihr  dieses  bestimmt  wurde.  Viel  bedeutender  wurde  das  Land
dadurch  prägravirt,  dass  die  Kammergefälle,  welche  in  Dänemark  durch
frühere  Steuerregulirungen  weggefallen  sind,  fast  ohne  Ausnahme  als
Domäneintraden  betrachtet  und  in  die  gemeinsame  Casse  gezogen  wurden, ­
  obgleich  bei  den  Abmachungen  von  1S51  und  52  bestimmt  war,
dass  die  Domäneverwaltung  zu  den  spcciellen  Angelegenheiten  der  einzelnen ­
  Landestheile  gerechnet  werden  sollte.  Nach  der  nunmehr  erfolgten ­
  Trennung  von  Dänemark  ist  wieder  eine  besondere  Finanzverwaltung ­
  t,ür  jedes  der  Herzogthümer  eingetreten,  die  aber  bei  den
noch  nicht  definitiv  geordneten  Verhältnissen  kein  Bild  der  wirklichen
finanziellen  Lage  gibt.  Nach  den  pro  IS"*«5  aufgestellten  Budgets  betragen ­
  ;
A.  die  Einnahmen'’')  in  Holstein  in  Schleswig
1)  von  den  Domänen  P07(i,(»70  Mrk.  ti2t),870  Mrk.  —  Sch.
2)  aus  den  Landesabgaben  u.  Steuern  7’2t)5,0SO  -  5’(i(»'J,5!)s  -  4  -

*)  Das  von  den  Bundescommissaren  veröffentlichte  Budget  für  Holstein
(ohne  Schleswig)  enthält  u.  a.  tolgende  Specialangaben.  Einnahmen:  1  von
den  Domänen  310,(H)0  Mark,  horsten  4(i2,t)7((,  Pachtungen  (Erbpachtungen
und  Zeitj)achtabgahen)  302,700.  2)  Stehende  Gefälle  703,000,  verschiedene  hankünfte,
  namentlich  aus  den  Regalien  203,530.  3)  Directe  Steuern  :  Contribution
747.000,  l.andst.  801,000,  Hausst.  324,000,  Magazinkorn  und  Fouragegelder
77.000,  Rangst.  15,000,  Ständest.  00,000,  Chausseest.  50,250,  Einquartierungsst.
40.000,  Beiträge  für  das  Taubstummeninstitut  in  Schleswig  00,000.  4)  Indirecte
Steuern  :  Zolleinkünftc  3’200,000,  Hälfte  der  Einkünfte  vom  Eidercanal  43,500,
Recognition  von  Handelsreisenden  24,000,  Stempelabgabe  7500,  Branntweinst.
        <pb n="305" />
        DEUTSCHLAND.  —  Schleswig-Holstein  und  Lauenburg  (Finanzen).  283

3)  von  den  Activen  d.  Staatscasse

“1)  vom  Postwesen.  .  .  .
5)  vom  Telegraphenwesen  .
die  Ausgaben  :
1)  Civilliste

in  Holstein  in  Schleswig
25,900  Mrk.—SchiU.  154,130  Mrk.  6  Schill.
539,000  -  —  -  536,900  -  —  _
63,200  -  —  -  —
9*000,750Mrk.—Schill.  6’987,408Mrk.  10Schill.

2)  Apanagen  135,750
3)  Landesregierung  .  .  150,062
•1)  Bundesausgaben  .  .  .  220,000
3)  Justizwesen  152,290
*&amp;gt;)  Geistliche  u.  Unterrichtsanstalten ­
  297,900
”)  Innere  Verwaltung  .  .  1*017,554
Verwaltung  d.  Finanzen  3*996,452
3)  Kriegswesen  ....  —

4
12
8

130,000
101,975
298,116
1*056,911
3*387,221

6  -
6  -
3  -

5*960,000  Mrk.—Schill.  4*974,224  Mrk.  6  Schill.

Es  ergibt  sich  demnach  eine  Gesammteinnahme  beider  Herzogthü-^Gr
  von  15’9bS,24S  Mrk.  10  Schill,  und  eine  Gesammtausgabe  von
1^*934,224  Mrk.  6  Schill.,  mithin  ein  Ueberschuss  von  5*054,024  M.
4  Sch.,  wovon  c.  3*/*  Mill.  M.  zur  Erhaltung  eines  bundesmässigen
Contingents  erforderlich  sein  werden,  also  2*/*  Mill.  M.  für  die  Civilliste,
  die  Marine,  die  nothwendigen  ausserordentlichen  Anschafiungen
ond  die  Verzinsung  der  zu  übernehmenden  Schuld  übrigbleiben.
Lauen  bürg  musste,  wie  bemerkt,  bisher  seinen  ganzen  Geber-Schuss
  in  die  gemeinsame  Casse  abliefern.  Nach  dem  Budget  pro  lS**/e6
beträgt  die  Einnahme  404,643  Thlr.  L.-M.  und  die  Ausgabe  für  die
Localverwaltung  233,646  Thlr.  L.-M.,  mithin  der  Geberschuss  170,997
'4'hlr.  L.-M.»)
Die  Schuld  derHerzogthümer  Schleswig-Holstein,  wesentlich  aus
dem  Kriege  von  1848  herstammend,  beträgt  c.  21*/,  Mill.  M.  Dazu
kommt  der  Antheil  von  der  gemeinsamen  Staatsschuld  mit  29  Mill,
dän.  s  21  Vereinsthaler,  sowie  die  Entschädigung  für  die  Kriegskosten. ­
  —  Lauenburg  hat  neben  seimmi  Antheil  an  der  gemeinschaftbchen
  Schuld  ebenfalls  noch  eine  besondere,  die  aber  von  den  Landständen ­
  selbst  verwaltet  und  aus  landschaftlicher  Casse  verzinst  wird.»*)
Betrug  ist  indess  nicht  bedeutend).***

^•^00(1  (von  den  indireoten  Steuern  kommen  in  Abzug  die  an  das  oldenburgihe
  hürsteijthum  Lübeck,  an  Hamburg  und  Lübeck  zu  zahlenden  Aversional-Utiimen
  von  148,000  M.),  Stempelpapier  250^000  M.,  Abgaben  von  Erbschaften
•  Eigenthumsübertragungen  260,000.  5)  Einnahmen  von  Activen  der  Staatsasse
  25,900.  (»)  Post  539,600.  7)  Telegraphen  63,200.  Summe  sämmtlicher
unnahmen  9,000,750  M  —  Im  Einnahmebudget  von  Schleswig  erscheinen
•  &amp;amp;  :  Landesabgahen  1*296,000,  directe  Steuern  1*947,598,  indirecte  2*086,000,
empei  160,000,  Erbschaftsabgaben  u.  Eigenthumsübertragungen  180,000  M.
*)  Nach  einer  vorliegenden  Notiz,  deren  Richtigkeit  wir  allerdings  nicht
ÍÜ  vermögen,  betragen  die  Domänengüter  über  16,000,  die  Waldungen
Oer  50,000  Morgen.  Erste  liefern  einen  Bruttoertrag  von  50,000  Thlr.,  wovon
Oer  die  Verwaltungskosten  etc.  einen  sehr  bedeutenden  Th  eil  hinwegnehmen  ;
^gGgen  wird  der  Reinertrag  der  Forsten  auf  etwa  100,000  Thlr.  geschätzt.
»)  Ende  1847  ward  dieselbe  zu  427,300,  1851  nur  noch  zu  307,300  Thlr.
angegeben.
*»)  Die  schlesw.-holsteinische  Armee  zählte  am  1.  Jan.  1850:
        <pb n="306" />
        284  DEUTSCHLAND.  —  Schleswig-Holstein  und  Lauenburg  Sociales).

Sociales.  In  Schleswig-Holstein  besteht  noch  eine  Ritterschaft,  der
gewisse  Familien  angehören,  deren  Zahl  nur  durch  Reception  vermehrt
werden  kann  und  die  in  Holstein  H  adelige  Klöster  als  Versorgungsanstalten ­
  für  Töchter  besitzt.  Die  adeligen  Güter,  deren  Zahl  gegen  300
beträgt,  sind  noch  in  mancher  Weise  bevorzugt,  haben  aber  in  Schleswig ­
  die  Patrimonialgerichtsbarkeit  verloren.  Der  Bauernstand,  der  in
den  Marschen  und  der  Mitte  des  Landes  die  Iveibeigcnschaft  niemals
gekannt  hat,  bildet  die  Stärke  der  Bevölkerung.  Auf  der  Geest  geschlossene ­
  Bauernhöfe  ,  bei  freier  Theilbarkeit  des  Bodens  in  der  Marsch.  —
Für  den  Volksunterricht  ist  seit  lange  gut  gesorgt.  Personen,  die  nicht
lesen  und  schreiben  könnten.  finden  sich  fast  gar  nicht.  —  In  Lauenburg ­
  sind  von  den  21  adeligen  Gütern  noch  15  Lehnsgüter.  Früher  bestand ­
  die  Ritter-  und  Landschaft  nur  aus  den  Besitzern  dieser  Güter
und  den  Abgeordneten  der  3  Städte.  Nach  der  Verfassung  vom  20.  Dec.
1853  wählen  die  Gutsbesitzer  den  dritten  Theil  der  Landesvertreter  (5  .
Die  Bauern  in  den  4  Aemtern,  wie  in  den  Gütern,  haben  durchweg  nur
Meiergerechtsame  an  ihren  Höfen.  Die  landwirthschaftliche  Cultur,  wie
die  Volksbildung,  steht  daher  auf  einer  niedrigem  Stufe.
Die  Gewerbe  sind  in  Folge  der  noch  in  allen  3  Herzogthümern  bestehenden ­
  Zunftverfassung  nicht  sehr  entwickelt.  Bedeutendere  Fabriken ­
  kommen  in  Lauenburg  gar  nicht  vor  ;  in  Schleswig-Holstein  besonders ­
  für  Wollen  waaren  (Neumünster),  Zuckerraffinaderie,  Papier,  Eisenguss ­
  und  Maschinenbau.
Der  Handel  ist  in  Schleswig-Holstein  in  Folge  der  günstigen  Lage
zwischen  zwei  Meeren  bedeutend.  Die  Einfuhr  in  Schleswig-Holstein  der
mit  diesem  zu  einem  Zollgebiet  vereinigten  Eutinschen,  Hamburgischen
und  Lübeckischen  Enclaven  im  Jahre  1802  betrug  780’300,452  Pfd.  zu
einem  angegebenen  Werthe  von  27’423,081  Rthlr.  =  20’5G7,700  Thlr.
22*/a  Sgr.  und  die  Ausfuhr  40l’307,830  Pfd.  zu  einem  declarirten
Werthe  von  20’037,732  Rthlr.  =  15'703,200  Thlr.  Preuss.
Rhederei.  Die  Anzahl  dengin  Schleswig-Holstein  zu  Hause  gehörenden ­
  Schiffe  betrug  im  Jahre  1862  :  21)04  mit  55,55  py*  Commerzlasten, ­
  wovon  indessen  die  Insel  Arröe  mit  327  Schiffen  mit  4000  Commerzlasten ­
  gegenwärtig  ausgeht.  Unter  diesen  Schiffen  befinden  sich  18
Dampfschiffe  von  412V,  Coinmerzlastcn  und  010  Pferdekraft.  Die  Erheblichkeit ­
  der  Schifffahrt  ergibt  sich  auch  aus  der  Anzahl  von  Seedienstpflichtigen. ­
  Diese  betrug  in  Holstein  4984  und  an  in  der  Nebenrolle
stehenden  über  50jährigen  Dienstpflichtigen  1148.  Für  Schleswig  ist

Mann  Pferden
Fussvolk  .  .  34,318  mit  707
Reiterei  .  .  2,000  -  1070
Artillerie  .  .  4,054  -  2205
Genie  .  .  .  440  -  30
Zusammen  41,814  -  4084

I  Nach  dem  an  die  Bundescommis-I
  sare  am  10.  Jan.1851  übergebenen
Berichte  zählte  d.  Heer,  einschl.
I  1251  Nichtstreitbare,  43,288  M.,
i  worunter  nur  5000  Nichtangehörige
I  de^Landes.  Die  Flottille  ist  dabei
i  ungerechnet.

Der  Aufwand  für  das  Kriegswesen  betrug
1848  ....  83)37,100  Mrk.  Crt.,  wovon  310,053  See-Etat
1840  ....  18T80,780  -  802,302
1850  (Anschlag)  14’920,431  -  -  -  320,000
        <pb n="307" />
        DEUTSCHLAND.  —  Luxemburg  und  Limburg.

285

die  Anzahl  der  Seedienstpflichtigen  höher  und  für  die  Hauptrolle  auf
Regen  7000  anzunehmen.*)
,  Nachdem  die  aufgedrängte  Berechnung  nach  dänischen  lieichsnalern
  beseitigt  ist,  wird  wieder  nach  Thalern  Courant  à  .‘1  Mark  =  4b  Schilgerechnet.
  Doch  wird  der  Preuss  Thlr.  zu  40  Schill,  gerechnet  in  allen
onentlichen  Cassen,  wie  im  Privatverkehr  angenommen.  Bis  1#54  waren  Reichsank-,
  später  Ueichsthlr.  die  Landesmünze.  In  Lauenburg  gilt  der  Preuss.  Thlr.
mit  einer  Eintheilung  in  48  Schill,  als  Landesmünze.

13.  Luxemburg  (Grossh.)  und  Limburg  (Herzogthiiin).

,  ft.-M.  Bev.  1862  Auf  d.  Q.-M.
^  uxemburg  47  202,31:*  4341
Limburg  ^o  218,775  5442
87  421^088  484(T
Ihe  Einwohner  sind  Katholiken,
ausser  etwa  5000  Protest,  und  1000
Juden.

Frühere  Bevölkerung.
Laxe.riburg  Limburg
'  1840:  100,730  100,710
1840:  180,783  205,202
1858:  105,028  217,217
¡Stadt  Luxemburg  1802)  13,050  Einw.
Echternach  4025.
Obwol  die  Masse  der  Bevölkerung  durchaus  deutscher  Abstammung
ist,  wird  in  dem  deutschen  Lande  Luxemburg  doch  der  Missbrauch
Reduldet,  dass  alle  amtlichen  Verhandlungen  in  französischer  Sprache
Ruführt  werden.  —  Ijuxemburg  gehörte  früher  als  besonderes  Herzog-^hum
  zu  den  österr.  Niederlanden.  Der  Luneviller  Friede  brachte  es  an
^rankreich  (M'älderdepartement).  Im  J.  1S14  erhielt  der  König  der
Niederlande  (für  seine  an  Nassau  und  Preussen  überlassenen  Ansprüche
äuf  »Nassauische  Stammlande  «)  das  durch  einen  Theil  des  Herzogthums
I^ouillon  vergrösserte  und  zum  Grossherzogthum  erhobene  Luxemburg.
sollte  Bestandtheil  des  deutschen  Bundes  sein,  und  ward  mit  100
^  -M.  und  255,028  Menschen  in  die  Bundesmatrikel  eingetragen.  Die
^6ÍRÍsche  Revolution  1830  zerriss  das  Luxemburgische  Gebiet.  Durch
^ie  Verträge  von  183!)  kam  ein  Theil  an  Belgien.  Als  (ungenügende)
^Entschädigung  erfolgte  die  nominelle  Vereinigung  eines  T  heiles  von  Lim-°nrg
  mit  dem  Bunde,  jedoch  derart,  dass  dieses  letzte  durchaus  nur  eine
^Jitderländische  Provinz  ist.  Auch  besitzt  nur  Luxemburg  eine  besonere
  Verfassung  'v.  !).  Juli  1848,  durch  Octroyirung  geändert  27.  Nov.
*^50,  7.  Juni  1857  und  Nov.  1857.  Seit  1841  hatte  Luxemburg  drei
(Institutionen  und  fünf  Wahlgesetze.  Nach  der  sog.  »revidirten  Verässung«
  V.  27.  Nov.  1856  waren  schon  zu  Ende  1857  fünfzehn  Gesetze
  octroyirt.  Das  Wahlgesetz  datirt  v.  1.  Dec.  1860).
Finanzen.  Limburg  unterliegt  vollständig  der  niederländischen  Fi-^anzeinrichtung.
  Luxemburg  dagegen  hat  eine  eigene  Verwaltung.  Der
Staatsbedarf,  1853  noch  2’835,000  Fres.,  stieg  1857  auf  3  202,26!),
später  auf  beinahe  4  Mill.  Indess  ist  seit  1854  das  (früher  gestörte)
^ieichgewicht  in  den  Finanzen  hergestellt.  Unter  den  Finn.  :  600,000
Grund-,  1  75,000  Einkommensteuer,  900,000  Stempel-und  Enregistrement, ­
  550,000  Zoll  u.  105,000  Fr.  Post  (brutto;.  Unter  den  Aus-,

  *)  Eisenbahnen  :  in  Holstein  24'/,  M.,  in  Schleswig  etwa  14,  in  Lauen-'^i'R
  12,  zus.  ungef.  5U  Meil.
        <pb n="308" />
        286

DEUTSCHLAND.  —  Nassau  (I.and  und  I.eute'.

gabeposten  erscheinen;  Civilliste  200,000  Fr.  (bis  18  ib  150,000  fl.,
dann  blos  100,000  Fr.,  seit  1858  verdoppelt);  Militär  500,000.
Schulden.  1859  wurden  IV900,000,  1863  für  Ei.senbahnbau  und
ähnl.  Zwecke  weiter  9’270,000  Fres.  ,  beides  zu  4%,  aufgenommen
(letztes  Anlehen  à  91  negocirt),‘zus.  etwas  über  13  Mill.  Fres.
Militär.  Holländische  Einrichtung.  2  Bataill.  Jäger,  dem  9.  Armeecorps ­
  zugetheilt,  im  Kriegsfälle  für  den  Festungsdienst  in  Luxemburg
bestimmt,  im  Frieden  1602,  im  Kriege  2057  Mann.  Freussen  hat  die
Stellung  der  Specialwaffen  (322  Mann)  übernommen.  —  Das  Contingent
für  Limburg  betrüge  der  Bevölkerung  nach  2027  M.  ;  zufolge  eines
Vertrags  mit  Nassau  (siehe  unten)  stellt  aber  Limburg  1079  Reiter.
Eisenbahnen:  in  Luxemb.  1862  161  Kilom.  =  2L'‘(jMeil.
In  Luxemburg  franz.  Münze.  In  Limt  urg  Alles  holländisch.

14.  Nassau  (Herzogthumj.

Areal  85%  Q.-M.,  eingetheilt  in  28  Aemter.  —  Bevölkerung  :  Dec.
1861  456,567,  in  1  11,038  Familien.  (Ende  1863  162,334  Einw.)
Konfessionen:  Mennoniten  .  112  I  tStiOUe  (1801):
Protest,  (unirt)  237,053  Deutschkatholiken  307  Wiesbaden  .  .  21,107
Katholiken  211,083  Juden  7112  |  Biebrich  .  .  4,700
Frühere  Volkszahl:  1834  370,374,  1843  412,221,  1840  425,080,  1852  420,000,
1855  431,540,  Auswandenwgen  :  In  den  11  Jahren  1852—02  15,712  (am  meisten
1854:  3555);  Einwanderungen  2125.  —  Vom  Areal  sind  15,285  Morgen
(%  Q.-M.)  Weinberge,  714,177  Ackerland,  201,102  AViesen,  757,300  AVald.—
Vieh  stand  (1802'  12,047  Pferde,  504  Esel,  208,172  Rindvieh,  157,150  Schafe,
50,050  Schweine,  33,500Ziegen.  —  Bergwerke  (1800):  004,  wovon  525Eisenstein-, ­
  210  Dachschiefer-,  37  Blei-,  Silber-  u.  Erzgruben.
Gebietsveränderungen.  Nassau  war  zu  Anfang  des  gegenwärtigen
Jahrhunderts  nach  zwei  Hauptdynastenlinien  getheilt  ;  AValram'sche  und
Ottonische.  A'^on  der  erstgenannten,  welche  früher  in  die  Zweiglinien
von  Idstein,  AVeilburg,  Saarbrücken,  Ott  weder  und  Usingen  zerfallen
war,  bestanden  noch  zwei  Zweige:  die  Usingische,  zu  deren  Gebiet
AViesbaden,  Idstein,  Lahr  (nun  bei  Baden)  und  Saarbrücken  nun  Rheinpreussen)
  gehörte,  und  die  AVeilburgischc,  mit  AA^eiIburg;  dann  Kirchheimbolanden, ­
  Stauf  und  Göllheim  (jetzt  Rheinbayern).  Das  Ottonische ­
  (Oranische)  Haus  besass  Diez,  Dillenburg,  Siegen,  Herborn  u.  die
Grafschaft  Spiegelberg,  zusammen  48Q.-AI.  mit  1  30,006  Menschen
Die  linksrheinischen  Besitzungen  gingen  im  Imnevillcr  Frieden  verloren ­
  :  Usingen  büsste  20  Q.-M.  und  60,200,  AVeilburg  8  Q.-M.  und
18.000  Menschen  ein.  Als  Entschädigung  erhielt  das  Erste  I  803  :  die
Mainzischen  Aemter  Königstein,  Höchst,  C'ronberg,  Rfldesheim,  Oberlahnstein, ­
  Eltville,  die  Besitzungen  des  Mainzer  Domcapitels  auf  der
rechten  Rheinseite  ;  das  Pfälzische  Amt  Caub,  Parcellen  von  Cöln.  Hessen ­
  und  Trier  (Limburg)  und  die  Grafschaft  Sayn,  zus.  36  (¿.-M.  mit
92.000  Einw.  ;  —  AVeilburg  empfing  vom  Kurfürstenthume  Trier;  Ehrenbreitstein, ­
  Montabaur,  Limburg  und  einige  Abteien,  16  Q.-M.  und
37.000  Menschen.  —  Zur  Rheinbundszeit  vereinigten  beide  Fürsten
        <pb n="309" />
        DEUTSCHLAND.  —  Nassau  (Finanzen).

287

ihre  Besitzungen.  181  6  starb  ohnehin  die  üsinger  Linie  aus.  Die  Rheinhundsacte ­
  hatte  die  Oranische  Linie  mediatisirt  und  ihre  Besitzungen
theila  dem  Grossherzogthum  Berg,  theils  dem  Herzogthum  Nassau  etc.
ein  verleibt.  (Durch  den  Wiener  Friedensschluss  erhielt  diese  Linie
Luxemburg  zur  Entschädigung.)  Durch  Vertrag  mit  Preussen  vom  31.
1815  trat  Nassau  Ehrenbreitstein  ab,  es  erhielt  Hadamar,  ferner
Liez  und  Dillenburg  zurück.  Das  jetzige  nass.  Gebiet  umfasst  Bestaiidtheile
  von  23  früheren  Staaten.  —  Verfassung  vom  1.  Sept.  1814,  motlihcirt
  1848,  Octroyirungen  1851.
FiDanzen.  Jährliche  Budgets.  Die  Domänencasse  wird  getrennt  ver-''’altet
  von  der  Landcssteuercasse.

‘  Budget  -  Entwurf  der  Landes  steuercasse  für  1864  :
Einnahmen:  a)  Steuergefälle:  Stempel  365,400  ;  Regalien  174,702  (darunter ­
  Rheinzoll  12^,500,  Post  12,000);  Monopole  231,783  (darunterSalz  221,350);
Lonfirmationstaxen  164,000  ;  Strafen  21,300;  ausserorcl.  Einn.  130,536  etc.  ;
*ns.,  nach  Abzug  des  Deficits  bei  der  Strassenunterhaltung  gegen  die  Chausseegelder ­
  etc.,  netto  .  ...........  r083,6.50  fl.
b)  Zollgefälle,  mit  Branntwein-  u.  Biersteuer  872,700  -
c)  Staatseigenbahn  600,400  -
d)  Zuschuss  aus  der  Domänencasse  ....  50,748  -
Zusammen  2’607,408  fl.

Ausgaben:  Staatsministerium  208,084  (dabei:  Landtag  30,000,  Bundes-Gesandtschaften
  u.  Consulate  212,002);  obere  Gerichtsbehörden  140,500;
-Militär  800,328;  Landesregierung  1’303,080  dabei  :  Lehranstalten  114,245,  Medicinalwesen
  81,813,  Land-  u.  Wasserstrassenbau  374,5.53,  Beförderung  der
Landwirthschaft  u.  Industrie  35,603,  Landjägercorps  65,320,  Strafanstalten
*•^&amp;gt;454);  Finanzverwaltung  1’873,773  (dabei:  Leibrenten,  Pensionen  etc.  218,757,
Staatsschuld  1*486,641,  wovon  1*317  614  Eisenbahnschuld,  ;  Rechnungskammer
•^^,500,  zus.  4*673,173  fl.
Die  Stände  setzten  den  Betrag  der  Ausgabe  auf  4*650,360  fl.  herab;  den
'iben  aufgezählten  laufenden  Einnahmen  wurden  sodann  hinzugefügt:  Ueberfchuss
  von  1863  435,053  fl.,  u.  5  Simpla  der  Grund-,  Gebäude-  u  Gewerbsteuer
^/105,5(»0  =  1  *.527,560  fl.  Darnach  ergibt  sich  ein  Deficit  von  63,134  fl.  (Im
Vorjahre  wurden  6  Steuersimpla  erhoben.)
Budget  -Entwurf  der  herz.  Domänencasse  für  1861:

Einnahme:  Forsten  600,000,  Feldgüter  240,000,  Weinberge  115,000,
ycundrenten  116,005,  Badanstalten  153,000,  Berg-  u.  Hüttenwerke  202,000,
^gh  u.  Fischerei  31,000,  Mühlen-  u.  Bannrechte  5,000,  Gebäude  0,000,  Main-*iill
  37,523,  Mineralwasserdebit  385,502,  Zinsen  von  Activcapitalien  41,000,
ausserord.  13,000,  verkaufte  Früchte  160,000,  zus.  2*108,030  fl.
i&amp;gt;  .-'Ausgaben:  Obere  Verwaltung  85,256,  I.asten  und  Senituten  60,303,
etriehskosten  der  Grundstücke,  Bergwerke  etc.,  sammt  Steuer,  Kosten  des
Mineralwasserdebits  (letzter  allein  250,207  etc.,  083,054,  Pensionen  etc.  101,631,
chuld  325,840,  Zuschuss  zur  Landessteuercasse  50,748,  Total  1*615,031.  —
'mach  Ueberschuss,  dem  Herzog,  402,000  fl.

Beide  Cassen  zus.  haben  sonach  gegen  6  V*  Mill  Roheinnahme.
Wegen  des  Eigenthums  der  Domänen  wurde  oft  hartnäckig  gestritliin.
  Der  Herzog  beanspruchte  dieselben  (sogar  die  Mineralquellen  und
hen  Mainzoll)  als  fürstliches  Privateigenthum  ;  es  wurde  überdies  vom
taate  eine  jährliche  Rente  von  140,000  11.  gefordert  für  --  im  J.  1808
^'ifgehobene  —  Leibeigenschafts  -  Gefälle,  weil  damals  auch  der
■'^del  entschädigt  worden  sei.  1808  war  von  keiner  Seite  solcher  Ent-^hädigungsanspruch
  erhoben  worden,  namentlich  nicht  von  den  beiden
Herzogen,  welche  die  Leibeigenschaft  aufhoben  ;  damals  flössen  auch
        <pb n="310" />
        288

DEUTSCHLAND.  —  Nassau  (Finanzen).

bereits  die  Domanialeinkünfte  in  die  allgemeine  Staatseasse,  während
man  später  erst  die  Domänen  von  derselben  trennte.  Der  Landtag  (es
gab  1832  sogar  eine  Minoritätskammer  von  nur  5  Mitgliedern,  welche
kleine  Minorität  ihrerseits  die  Majorität  von  IG  Mitgliedern  ausschloss  !)
capitalisirte  sogar  jene  geforderte  Jahresentschädigung  und  vergütete  dem
Hofe  2’400,0ü0  fl.  zur  Abfindung.  Im  J.  1848  anerkannte  der  Herzog
die  Domänen  als  Staatseigenthum,  doch  fanden  in  den  nächsten  Jahren
lange  Verhandlungen  über  die  Grösse  der  Civilliste  statt.  Die  Summe
von  300,000  fl.,  ungerechnet  die  Apanagen,  ward  von  ihm  als  nicht  genügend ­
  bezeichnet,  indem  er  50,000  fl.  mehr  forderte.  Nachdem  die
einstweilige  Uebercinkunft  1853  abgelaufen  war,  erklärte  der  Minister
einseitig  die  Wiederherstellung  des  vorigen  Zustandes!  j
Unterm  23.  Jan.  1861  erfolgte,  nach  langen  Verhandlungen  mit
den  Ständen,  eine  Uebereinkunft  des  wesentl.  Inhalts  :  die  Domänen
behalten  die  in  demErbvereinsvertrage  von  1783  bestimmte  rechtl.  Natur,
sie  sind  unveräusserlich,  in  der  Regel  unverpfändbar  und  bleiben  einer
unter  der  Oberleitung  des  Staatsministers  stehenden  Finanzbehörde  untergeordnet; ­
  es  wird  ein  Normaletat  je  auf  10  Jahre  mit  den  Ständen
vereinbart,  welcher  Etat  ohne  deren  Zustimmung  bei  den  Ausgaben  nicht
überschritten  werden  darf;  zwar  wird  den  Ständen  jährlich  ein  Etat  vorgelegt, ­
  allein  die  Entscheidung  über  Anträge  des  Landtags  steht  ausschl.
dem  Herzoge  zu,  sofern  der  Normaletat  nicht  überschritten  wird  ;  von
dem  Reinerträge  der  Domänen,  nach  Abzug  der  Apanagen,  Witthume
und  Ausstattungen,  dann  des  Bedarfs  zur  Schuldcndeckung,  fliessen  10
Proc.  der  I.andessteuercasse  zu;  erreicht  der  Reinertrag  aber  700,OOOfl.,
so  wird  diese  Zahlung  auf  15  Proc.  erhöht;  auf  den  noch  erhobenen
Entschädigungsanspruch  von  U316,61  7  fl.  wegen  früherer  Zehntberechtigung ­
  verzichtet  der  Herzog.  *  i
Nach  der  den  Ständen  vorgelegten  Abrechnung  für  1850  war  der
Bezug  des  Hofes  :  Herzogliche  Chatoullc  283,000,  ferner  50,000  für
den  Schuldentilgungsfonds;  Hofmarschallamt  4  1,((00,  Hofmarschallstab
106,200;  Oberstallmeisterstab  113,600,  Oberjägermeisteramt  16,20((,
Apanage  18,000,  zus.  7  1  8,80((  fl.
Schuld.  Bis  1837  gab  es  keine  stehende  Schuld  der  Landescasse.
Die  herzogliche  Schuld  der  Domänencasse  dagegen  ward  Ende  1815
auf  5’642,537,  und  am  1.  Jan.  1818  auf  7’023,357  fl.  berechnet,  worunter ­
  ;  »Capitalien  von  Mitgliedern  des  herzogl.  Hauses«  mit  1  33  1,30  1  fl.,

*)  Es  ist  nich  schwer  cinzusehen,  dass  durch  diese  Uebereinkunft  spätere
Streite  über  die  Natur  der  Domänen  keineswegs  ausgeschlossen  sind.  Welcher ­
  »Natur«  sollen  diese  Besitzungen  sein  ï  Man  kann  streiten  über  die  Eigenschaft ­
  domanialer  Grundstücke  als  Privat-  oder  öflentl.  Eigenthum  ;  dass
aber  die  Gesundbrunnen,  die  Mainzölle  u.  s.  f.  ihrem  ganzen  Wesen  nach  dem
Lande  und  nicht  der  fürstl.  Familie  privatim  angeboren,  ist  doch  wahrlich  klar.
Und  doch  erscheint  die  Zahlung  von  10  Proc.  des  Reinertrags  an  die  Landescasse ­
  fast  blos  wie  die  Entrichtung  einer  Einkommensteuer  (der  in  England
auch  die  Civilliste  unterliegt),  und  selbst  die  Art  der  Berechnung  ist  unbegreiflich ­
  nachtheilig  für  die  Landescasse,  da  Apanagen,  Witthum  und  sogar  die  zur
Schuldverzinsung  und  Tilgung  nöthigen  Gelder  von  vornherein  abgezogen  werden, ­
  während  die  letzten  doch  nichts  anderes  als  anticipirte  Genüsse  des  Hofes
constatiren.
        <pb n="311" />
        289

I^EÍ-'ISCH.LAND.  —  Xas.sau  Militär].

dann  Schulden  bis  zum  Jahre  1731  zurück.  Am  1.  Jan.  1836  war  die
ummeauf  S’243,910  fl.  gestiegen.  Da  übernahm  der  Landtag  2’4  00,000,
2"  °^Gn  erwähnte  Abfindungssumme  für  die  vor  28  Jahren  erfolgte
ufhebung  von  t  eudallasten  auf  den  Domänengütem.  Indessen  ward  auf
späteren  Landtagen  hervorgehoben,  es  seien  gegen  die  bestimmte  Zusic
  erung  der  Regierung  von  dem  zu  jenem  Behufe  aufgenommenen
ötaatsanlehen  nicht  weniger  als  1’511,900  fl.  zu  andern  Zwecken,  als
zur  Tilgung  der  »Domänenschuld«  verwendet  worden.  —  Der  Stand  der
chuld  ist  am  1.  Jan.  1865  folgender:

-  ‘i)  5%

mmßmsmrn

i  4riotÄir;i'.;  ïi.-fiÆ*-'“  riiÄc.
  Domiinenschuld:  nicht  ganz  die  Hälfte  des  3%proc.  Kothschild’schen
J^otteneanlehens  von  1837,  ursprüngl.  7’100,()00  (bezahlt  wurden  in  Wirklichl^eit
  nur  6  247,169  fl.);  ferner  %  des  4proc.  Anlehens  v  Oct.  1853  (s.  oben)  —
juer  noch  346,100;  endl.  nicht  consohd.  Schuld  659,998,  zus.  etwas  über  4  V,
»herzogl.«  Schulden  sollen  grossentheils  entstanden  sein  durch  Unerstützung
  des  Don  Carlos  und  durch  Theilnahme  an  dem  verunglückten  Un-^rnehmen
  der  Begründung  einer  Adelscolonie  in  Texas.  Beides  kann  das  nass,
^and  nicht  berühren.  Der  Herzog  hat  anfangs  Jan.  1862  durch  Rothschild  ein
^  "^^tanlehen  von  r600,000  fl.  aufgenommen,  zu  dessen  Verzinsung
J»nd  Tilgung  in  19  Jahren  er  jährl.  126,169  fl.  aus  seinen  Uomäneneinkünfgerechnet.


Die  Cursverluste  bei  den  5  ersten  Eisenbahnanlehen  werden  so  berechnet: ­
  bei  1.  240,000  fl.,  bei  2.  170,000,  3.  u.  4.  630,000,  bei-5.
^8,000,  zus.  (ohne  die  letzten  Anlehen)  1’128,000  fl.
Staatspapiergcld  gibt  es  nicht,  aber  der  Staat  hat  Garantie  für  die
Landesbank  übernommen,  welche  für  2%  Mill.  Banknoten  emittirte.
Militär.  Conscription  mit  Stellvertretung  (1862  zu  500  fl.)  ;  6jährige
lenstzeit;  doch  wird  die  Mannschaft  bei  der  Infanterie  höchstens  2,  bei
erArtiUerie  4  Jahre  eingestellt,  sonst  aber,  ausser  den  Herbstübungen,
curlaubt.  Bestand  7142  Mann,  nemlich  :
2  Reg.  und  1  Jägerbataillon;  dann:  1  Ersatzbat.  Infant.  5711  M.
.Lomp.  Artillerie  mit  16  Kanonen  5§3  _
Pioniere  und  Sanitätscomp.,  Stäbe,  Nichtcombattanten  .  848  -
bo  erfolgte  der  Abschluss  eines  »Brigadeverbandes«  mit  Limburg  (nicht
^uxemburg)  ,  wonach  Nassau  das  Contingent  beider  Länder  an  Infanterie
^  -distillerie,  5498  M.,  Limburg  dagegen  das  Gesammtcontingent
^  ävallerie,  870  M.  stellt.  Der  Oberbefehl  wechselt.
Eisenbahn:  32,8  Meil.,  wovon  28  Meil.  Staatsbahn.
Viehstand  :  13,055  Pferde,  202,691  St.  RindWeh,  156,954
chafe,  56,167  Schweine,  31,939  Ziegen.

Kolb,  Stati.tik.  4.  Aufl.

19
        <pb n="312" />
        290

DEUTSCHLAND.  —  Braunschweig  (Land  und  Leute).
15.  Braunschweig  (Herzogthum).
Areal  ÖT*/«  Q.-M.,  mit  dem  Communionbezirk  (gemeinschaftl.  mit
Hannover)  67%.  —  Bevölk.  im  Dec.  1861  (einschl.  692  im  Comm.-Bez.)
  282,400  Menschen.  —  Confessionen  :  276,922  Lutheraner,
993  Reformirte,  2633  Kathol.,  99  sonstige  Christen,  1061  Juden.  —
Haushaltungen  65,574.  —  Von  1853—60  zählte  man  1241  ein-  und
6500  ausgewanderte  Personen.  —  Zahl  der  Geborenen  in  den  4  Jahren
1859  —  62  einschl.,  36,497  Lebend-u.  1731  Todtgeborene,  zus.  38,228.
Hierunter  7216  Uneheliche  =  18,9%.
Bevölkerungszunahme.  Das  Herzogthum  zählte  Einwohner:
1700:  158,980  i  1834:  253,232  1  1852:  271,208
1814:  200,527  |  1840:  209,228  |  1858:  274,009
Städte.  Braunschweig  1861,  mit  Milit.  42,209  Einwohner  (1780:
22,400);  Wolfenbüttel  8947;  Helmstedt  6508,  Holzminden  4546.
Herrschaftsivechsel.  Nach  der  Jenaer  Schlacht  ward  das  Land,  mit
Ausnahme  des  Amtes  Thedinghausen,  dem  Königreiche  Westfalen  zugetheilt
  (Departemente  der  Oker,  der  Leine,  und  des  Harzes).  1813  Restauration. ­
  (Die  Mediatbesitzungen  des  Herzogs,  das  Fürstenthum  Oels
in  Schlesien  etc.,  umfassen  gegen  40  Q.-M.)  —  Verfassung  vom  1  2.  Oct.
1832,  modificirt  22.  Nov.  1851.
Finanzen.  Dreijährige  Budgets.  Das  für  1864  —  66  schliesst  mit
5’475,000  Thlr.  ab  (für  diese  3  Jahre  zusammen),  nemlich  :
Einnahmen  :  1)  Ueberschüsse  vom  Kammergute  512,000;  2  Directe  Steuern  :
Grundabgabe  105,000,  persönl.  Abgaben  40,000;  3)  Indirecte  Steuern  1’380,000
darunter:  Zoll  und  innere  Consumt.-Abgaben  1’209,000,  Salz-Monopol45,000,
Stempel  120,000);  4)  Chausseegelder  etc.  120,000;  5,  Eisenbahn  und  Post
1’002,000  ;  6)  Leihhaus  255,000;  7)  Lotterie  150,000;  8;  Extraordinär.  6000.
Ausgaben;  1)  Allg.  Landesverpttichtungen  24,000  ;  2)  Staatsministerium
und  Archiv  90,000  ;  3)  I.egationskosten  21,900;  4)  Landtag  etc.  20,000;  5  Justiz ­
  403,500;  0)  Finanzverwaltung  390,300  ;  7)  Militär  1’140,S50  (davon:  laufendes ­
  Bedürfniss  1’050,250  ;  Polizei-Militär  80,700,  schwindender  Etat  3900  ;
8)  Polizei  294,115;  9)  Baukosten  000,500  davon  37,500  bei  der  Militärverwaltung); ­
  10)  Pensionen  348,20((  Civilpens.  225,000,  Militär])ens.  12.1,2(10);  11)
Staatsschuld  1’833,800  (dav.  Zinsen  1’195,800,  Tilgung  635,000,  Aufgeld  auf
Gold  3000]  ,  12)  Extraord.  235,835.
Es  sind  dies  Netto-Summen.  Ausserdem  wird  besondere  Rechnung
geführt  über  den  Kloster  -  und  Studien  fonds.  Für  die  Finanzperiode ­
  18®*  «6  ist  der  Ueberschuss  des  Letzten  (über  die  Betriebskosten)
zu  533,000  Thlr.  veranschlagt.*)  Endlich  ist  der  Ertrag  der  Domänen ­
  weit  grösser  als  oben  angegeben,  indem  eben  nur  der  iu  die  Landescasse
  abgelieferte  Theil  hier  erscheint.  Wir  wissen,  dass  die  Einnahme ­
  der  »Kammercasse«  schon  im  J.  1854  zu  563,245  Thlr.  etatisirt
war,  in  folg.  Weise;
Für  den  herzogl.  Hofstaat  220,722;  Schlossbauschuld  8,697  ;

*)  Hievon  werden  verausgabt:  28,125  Thlr.  für  das  Consistorium,  114,910
für  höhere  Bildungsanstalten,  88,000  für  die  Gymnasien,  51,681  für  Seminarien
und  Bürgerschulen,  22,209  für  Dorfschulen,  25,022  für  Kirchen-  und  Schuldiener ­
  und  Zuschüsse  gering  dotirter  Pfarrer,  24,222  Ruhegehalte,  53,361  Unterstützungen, ­
  71,700  Fundationen,  20,000  Baukosten  etc.
        <pb n="313" />
        19*

291

DEUTSCHLAND.  —  Braunschweig  Land  und  Leute).’
übrige  Schuld  112,200;  —  nach  fernerm  Abzüge  der  Verwaltungskosten
Wurden  133,000  Thlr.  in  die  Staatscasse  abgeliefert.
Der  Hofetat  erscheint  nicht  im  Staatsbudget,  weil  dessen  Bezüge
'on  vornherein  der  »Kammercasse«  entnommen  werden.  Ausser  obigen
220,722  Thlr.  bezieht  der  Hof  22,333  aus  anderen  Positionen,  ferner
ie  Zinsen  des  auf  dem  Kammergute  haftenden  Bevern’schen  Capitals
'^on  100,000  Thlr.  Gold,  Ablösungsgelder  von  Grundlasten,  und  verschiedene ­
  Nutzungen.
Geschichtliche  Notizen.  Zu  Anfänge  des  19.  Jahrh.  berechnete  man
die  Einkünfte  auf  851,000,  die  Ausgaben  blos  auf  741,000  Thlr.  Unter
er  westfälischen  \erwaltung  wurden  die  Lasten  so  sehr  gesteigert,  dass
der  Staat  aus  den  braunschweig.  Landestheilen  l’GOO,000Thlr.  gezogen
haben  soll.  1832  erfolgte  die  Vereinigung  der  Kammer-  mit  der  Steuercasse.
  Das  Budget  für  18*%,  schloss  dessen  ungeachtet  blos  mit  der
Summe  von  LOIS,094  Thlr.  ab.
Der  Af/oí^cr-Capitalfonds  beträgt  1’594,591  Thlr.
Schuld.  Am  1.  Jan.  1804  1  1’354,090  Thlr.  (worunter  000,000
emittirte  Leihhaus-Cassenscheine),  grösstentheils  entstanden  durch  den
Staats-Eisenbahnbau,  der  8’705,600  Thlr.  kostete,  im  J.  1801  aber
867,222,  also  über  10  Procent,  1803  (nach  vorläufiger  Aufstellung)
908,547  =  1  1  ®/,  des  Anlagecapitals  ertrug.  —  Kammerschuld
ausserdem  414,205  Thlr.,  gedeckt  durch  1’321,438  Thlr.  Kammerapitalfonds.
  —  Domänen:  circa  45  Güter,  250,000  Morgen  Wald,
dann  Berg-,  Hütten-  und  Salzwerke.
Nach  der  Zeit  des  siebenjährigen  Krieges  war  Braunschweig  stark
^trschuldet,  —  durch  diesen  Krieg,  der  gegen  7  Mill,  kostete,  und  durch
die  Verschwendungen  des  Herzogs  Karl.  Die  Schulden  wurden  bis
1790  getilgt.  Die  Fremdherrschaft,  dann  der  Kampf  gegen  dieselbe,
erheischten  grosse  Opfer.  1815  berechnete  man  die  Gesammtschuld  auf
9’540,805  Thlr.,  1830  auf  0'077,090,  1840  auf  7’400,212  (wovon
d  305,122  Kammerschuld).
Militär.  Nach  preussischem  Systeme,  doch  mit  einer  Dienstpflichvon
  5  J,  in  der  I^inie,  7  in  der  Landwehr.
1  Infant.-lieg,  von  2  Bataill.  Linie  u.  1  Bat.  Landwehr;  1  Jägerbataill.  —
Musarenreg.  von  3  Schwadr.  Linie  u.  1  Schwadr.  Landwehr.  —  Artillerie  1
^S'^Mann"  ^  l  andwehr-Batterie.  Zusammen  Friedensfuss  2720,  Kriegsfuss
Im  siebenjährigen  Kriege  stellte  Braunschweig  12,000  M.  Während
6s  Westfälischen  Königthums  kämpften  \iele  Braunschweiger  gegen  Napoleon, ­
  1809  in  Oesterreich,  später  in  Spanien.  1813—15  bot  der  Hergegen
  10,000  Mann  auf.
Eisenbahnen,  1803:  27  Meil.,  im  Staatsbesitz.
        <pb n="314" />
        292  DEUTSCHLAND.  —  Oldenburg  (Land  und  Leute,  Finanzen).

16.  Oldenburg  (Grossherzogthum  .

Q.-M.
98,44
6,68
9^13
114,25'

Bevölk.
1861
239,158
21,693
34,391

Auf  die
Q.-M
2,429
3,247
3,767

Confessionen  :
Protestanten  .  220,759
Katholiken  .  75,056
Andere  Christen  912
Juden  .  .  .  1,487

Bestandtheile  *}
Herzogth.  Oldenburg
Fürstenth.  Lübeck
Birkenfeld
Zus.  114,25  295,242  2,584
Männl.  147,734,  weibl.  147,508.
Haushaltungen  60,667.  —  Stadt  Oldenburg  mit  Milit.  und  Gebiet  12,574,
Varel  5240,  Jever  4172,  Eutin  3055,  Birkenfeld  2449.
Volkszahl  1815  217,769,  1834  255,765,  1852  285,226,  1855  287,163,  1858
293,998.  ,
Auswanderungen,  bes.  der  Conscription  wegen.  1802,  als  (von  einer
lleihe  von  Jahren  her)  2,073  »widerspänstige  Wehrpflichtige«  auf  der
Liste  standen,  erging  Amnestie  für  diejenigen,  welche  ihren  Militärdienst
antreten  oder  Ersatzmänner  stellen  wollten.
Gebietstvechsel.  Die  »Grafschaft«  Oldenburg,  1777  durch  Joseph  11.
zum  »Herzogthum«  erhoben,  umfasste  :  Oldenburg  mit  30,  Delmenhorst
7,  und  das  Bisthum  Eutin  8,  zus.  45  Q.-Meil.  und  85,000  Menschen.
1803  erhielt  Oldenburg  durch  Reichsdeputationsschluss  das  secularisirte
Hochstift  Lübeck.  Gegen  einige  Abtretungen  an  die  Reichsstadt  Lübeck
und  Aufhebung  des  Elsflethcr  Zolles  bekam  es  das  hannover  sehe  Amt
Wildeshausen  und  die  Münster’sehen  Aemter  Vechta  und  Kloppenburg,
54  Q.-M.  mit  92,000  Einw.  Obwol  der  Herzog  am  14.  Oct.  1808  dem
Rheinbund  beigetreten  war,  bemächtigte  sich  Napoleon  am  10.  Dec.  1810
des  Landes,  das  den  franz.  Departementen  der  Elbe-  und  Wesermündungen ­
  incorporirt  ward.  1813  Restauration.  Der  Wiener  Congress  erhob ­
  den  Herzog  (Verwandten  des  Kaisers  von  Russland)  zum  Grossherzog, ­
  und  theilte  ihm  ein  Gebiet  auf  dem  linken  Rheinufer,  im  ehemal.
franz.  Saardep.  zu  (das  entlegene  Birkenfeld)  :  Russland  trat  die  Herrschaft ­
  Jever  ab,  und  1854  ward  auch  die  Herrschaft  Knyphausen  und
Varel  nach  200jähriger  Trennung  wieder  erlangt.  1851  Verkauf  eines
Gebietes  am  Jahdebusen  an  Preussen.
»Staatsgrundgesetz«  v.  1  8.  Febr.  1840,  »revidirt«  den  22.  Nov.  1852.
Finanzen.  Das  Steuerrepartitionsverhältniss  wird  je  auf  0  Jahre  festgesetzt ­
  :  1858  so,  dass  Oldenburg  80%,  Lübeck  11%,  Birkenfeld  7%
Proc.  trage.  —  1804  waren  (Einnahmen  und  Ausgaben  im  Wesentl.
gleich)  angenommen;  Centralcasse  617,000,  Herzogthum  Oldenburg
l’507,000Einn.,  l’578,000Ausg,,  Lübeck  l44,7O0,Birkcnfeld  190,000.
(Nach  dem  Budget  ent  würfe  für  1861—03  erschienen:  Zoll  mit
455,000,  Staatsgut  340,000,  Sporteln  140,000,  Grundsteuer  104,000,
Häuserst.  30,000,  Einkommenst.  100,000  etc.  Unter  den  Ausgaben  :
Militär  350,000  [ohne  Pensionen],  Finanzverwaltung  320,000,  Inneres
480,000;  Centralvcrwaltung  475,000  Thlr.).
Zur  Zeit  der  Grafen  war,  bei  der  Einfachheit  des  Hofes,  selten
von  einer  Steuer  die  Rede.  1769,  unter  dänischer  Herrschaft,  betrugen
die  Einkünfte  288,400,  1780  gegen  350,000  Thlr.  Dermalen  erschei-*)
  Vergl.  Statistische  Nachrichten  über  das  Grossh.  Oldenburg,  herausgegeben ­
  vom  statist.  Bureau.  6  Hefte.
        <pb n="315" />
        DEUTSCHLAND.  —  Sachsen-Weimar-Eisenach.

293

nen  184,000  Thlr.,  welche  die  regierende  Familie  aus  den  Domanialeinkünften
  vorweg  bezieht,  nicht  in  den  gewöhnl.  Rechnungen.  (Auch  besitzt ­
  der  Grossherzog  in  Holstein  3%  Q.-M.  Landes  mit  mehr  als  8000
Bewohnern  und  40,000  Thlr.  Ertrag.  —  Der  Militäretat  war  von
1840—48  durchschnittl.  229,330  Thlr.  —  Für  die  Bracker  Hafenanlage
Wurden  im  Ganzen  170,000  Thlr.  bestimmt.
Die  Schuld,  am  Ende  des  grossen  Krieges  1’200,000,  1848  fast
abgetragen,  war  Ende  tS60  auf  4’270,000  Thlr.  angewachsen,  und  betrug ­
  1.  Jan.  1864  4'160,000  Thlr.,  wovon  56,300  auf  den  Gesammtstaat,
  3’802,800  auf  das  Herzogthum,  290,300  auf  Lübeck  und  10,600
(nach  einer  andern  Angabe  vom  1.  Jan.  1863  •  50,200)  auf  Birkenfeld
kamen.  (In  dem  Voranschlag  für  1864  sind  4800  Thlr.  neues  Anlehen
für  Lübeck  und  7500  für  Birkenfeld  einbegriffen.)  Allerdings  dienten
1’900,000  Thlr.  zur  Abfindung  für  die  Bentink’sehen  Souveränitätsansprüche ­
  auf  die  Herrschaft  Knyphausen.  Für  Abtretung  des  Jahdegebiets
bezahlte  Preussen  %  Mill.  Thlr.
Militär.  Conscription  mit  Stellvertretung  ;  sechsjährige  Dienstzeit,
Wovon  2  in  der  Reserve.  Im  Frieden  bleiben  die  Soldaten  blos  1  %  Jahre
präsent,  die  sogleich  der  Reserve  Zugetheilten  nur  6  Monate.  Oldenburg
stellt  nach  Uebereinkunft  die  Artillerie  auch  für  Bremen  und  Lübeck,
zus.  2  Batterien  von  1  2  Geschützen,  mit  dem  eigenen  Contingente  ;
1  Reg.  zu  4  Rataill.  Infanterie,  zu  5  Comp.  3,051]
1  -  3  Schwadr.  Reiterei  509/  4007  Mann.
Artillerie  etc.  mit  1(5  Kanonen  447j
Die  Oldenburg.  Marine  zählte  an  Neujahr  1863  640  Schifte  von
33,913  Last  mit  2725  Mann.
3/fV«sc:  Thaler,  10  =  1  feine  Mark,  also  10  oldenb.  Thlr.  =  14  preuss.

17.  Sacliseii-Weiiiiar-Kisciiacli  (Grosslierzogtlium),  *)

Kreise
Weimar  .
Eisenach  .
Neustadt  .

Familien  .
Männlich
Weiblich

Q.-M.
32.37
21,SO
11.38
05,01

Bevölk.
Ende  1861
140,772
82,444
50,030
“2737252
02,924

Frühere  Volkszahl:
1810:  193,809
1834:  238,072
1843:  252,833
1852:  202,524
1858:  207,112

Cou  fcssionen  (1801):
Protestant.  202,272
Katholiken  9,824
And.  Christen  (58
Juden  .  .  1,088

Von  den  Geburten  1853
bis  01  :  15,50  l’roc.  unehelich. ­


133,999  Ausu-underuiu/en  :
139,253  1851  :  2,179
1852  :  2,332
1853:  1,802
Städte:  ^Veimar  13,887,  Eisenach  11,517,  Apolda  7732,  Jena
6984,  Neustadt  an  der  Orla  4  821.

Gehietsvermehrung.  Zu  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  hatte  das
»Herzogthum«  Weimar  etwa  40  Q.-M.  und  120,000  Bew.  1815  erhielt
der  Fürst,  nebst  dem  »Grossherzogstitcl«,  eine  Gebietsvergrösserung  von
26  Q.-M.  mit  75,000  Einw.  :  die  Herrschaften  Blankenhain  und  Un-*)-

  Vergl.  :  »Beiträge  zur  Statistik  des  Grossh.  Sachs.-Weim.-Eisenach  ;
herausgegeben  vom  grossh.  Staatsminist.,  Depart,  d.  Innern.«  (1804).
        <pb n="316" />
        i  VV  «  i

t  M

294

DEUTSCHLAND.  —  Sachsen-Weimar-Eisenach.

terkranichfeld,  den  grössten  Theil  des  kön.  sächs.  Neustädter-Kreises,
3  deutsche  Ordens-Commenden  u.  Bezirke  v.  Fulda  u.  Kurhessen.  —
Verfassung  v.  5.  Mai  181G;  revidirtes'Grundgesetz  v.  15.  Oct.  1850.
Finanzen.  Dreijährige  Budgets.  Etat  für  18G3—G5  :

Thlr.

Einnahme  l’()58,GGS
Davon  :
Kaniniergüter  .  .
Forsten.....
Activzinsen  .  .  .
Regalien  ....
Sporteln,  Strafen  etc.
Grundsteuer  .  .  .
Indirecte  Steuern
Einkommensteuer  .

138.000
290.000
108,483
31,220
139,035
108,2.50
445,115
250.000

Thlr.

Ausgabe  1’654,558
Darunter  :
Hof
Landtag  .  .  .
Für  Bundeszwecke
Staatsschuld  *)  .
Bauwesen  .  .  .
Verwaltung  .  .

Das  Budget  für  1857—59  war  :
Einnahme  1’550,827  Thlr.

Steuererhebung  u.  Ausfälle
Kosten  d.  indirect.  Auflagen
Pensionen
Militär
Gendarmerie  ....
Strafanstalten....
Gesundheitspflege  .  .
Kirchen  und  Schulen  .
Kunst  und  Wissenschaft
Universität  Jena  .  .  .

280,000
8,500
10,530
230,917
07,135
429,287
20,536
36,300
100,080
180,000
23,186
15,735
15,667
83,267
13,0S9
23,200

Ausgabe  1’544,239  -
Das  für  1860—62:
Einnahme  1*625,190  Thlr.
Ausgabe  1*624,852  -
Die  Finanzlage  hat  sich  seit  1854  sehr  gebessert;  damals  mussten
an  Einkommensteuer  14'/*  Pfennige  vom  Thlr,  bezahlt  werden,  jetzt  8
Pfng.  (Das  eingeschätzte  Gewerbeeinkommen  betrug  1858  4’GG2,949
Thlr.  Capital.)  —  Das  Verhältniss  der  Domänen  ist  auch  in  Weimar
nicht  geordnet.  Bis  1848  bezog  der  Grossherzog  den  Reinertrag  des
8.  g.  Kammervermögens.  Dann  ward  das  Letzte  als  Staatseigenthum
anerkannt  und  eine  Civilliste  von  250,000  Thlr.  festgesetzt,  vorbehaltl.
Erhöhung  auf  280,000  bei  verbesserter  Finanzlage.  Im  J.  1854  ward
die  Verabschiedung  von  1848  wieder  aufgehoben.  Die  Frage  über  das
Eigenthum  des  Kammervermögens  ist  wieder  unentschieden.  Die  Einkünfte ­
  fliessen  aber  in  die  Staatscasse,  aus  welcher  eine  s.  g.  Domänenrente ­
  von  280,000  Thlr.  an  den  Grossherzog  bezahlt  wird.  —  in
Folge  des  Wachsens  der  Einkünfte  wurden  auch  die  Beamtenbesoldungen
um  39,038  Thlr.  =  etwa  10%  erhöht.  (Der  Staatsminister  erhält  rtun
3500,  jeder  andere  Departements-Chef  2500  Thlr.)
Diebetrug  am  1.  Oct.  1  8G4  4’1  43,705Thlr.,  wovon  000,000
Papiergeld,  (Die  Schuld  der  Landschaft  war  1820  :  I  '990,21  0  ;  1847;
3’531,359  Thlr.  gewesen,  wozu  aber  noch  1’483,0G5  Kammerschuld
und  000,000  Cassaanweisungen  kamen;  1851  dagegen  0’491,802  Thlr.
Von  1850—02  wurden  2’010,000  Thlr.  Schulden  getilgt.)
Militär.  Conscription  ;  Stellvertretung  ;  0jährige  Dienstpflicht,  wovon
2  Jahre  in  der  Reserve.  Stand:  3085  M.  in  3  Bataill.  —  (1780  nur  80
Mann  Garde:  —  Rheinbundscontingent  800.)

")  Die  Regierung  hatte  36,000  Thlr.  mehr  postulirt.
        <pb n="317" />
        DEUTSCHLAND.  —  Sachsen-Meiningen-Hildburgkausen.  295

18.  Saclisen-)leiiiingeii-llildburghaiisen  (Herzogthum).

43  (nach  Andern  bis  zu  46  Q.-M.  Bevölkerung  Ende  1861:
172,341  (1858:  168,816).
1834  146,324  Einw.  I  1852  166,530  Einw.  !  männlich  84,179
1849  163,100  -  1  1855  165,530  -  weiblich  88,162

Städte:  Meiningen  6921,  Sonneberg  5344,  Saalfeld  4427,  Hildburghausen ­
  4233  Einw.
Con/essionen  :  169,870  Protest.,  842  Kathol.,  82  Mennon.  und
1547  Juden.
Nach  Erlöschen  der  Gothaer  Linie  beanspruchte  der  Herzog  von
Meiningen,  als  Aeltester  der  Nebenlinie,  die  alleinige  Erbfolge  in  Gotha.
\ergebens.  Doch  erhielt  er  (Hildburghauser  Vertrag  v.  12.Nov.  1826)
fast  das  ganze  Herzogthum  Hildburghausen  (1815:  29,706  Einw,  auf
12  Q.-M.)  ;  von  Coburg:  das  Fürstenth.  Saalfeld  und  das  Amt  Themar  ;
von  Gotha  :  dessen  Antheil  an  Römhild  u.  das  Amt  Kranichfeld  ;  von
Altenburg:  Camburg,  Neusulza,  Th  eile  von  Eisenberg,  Vierzehnheiligen ­
  etc.  Die  Gegenabtretungen  waren  gering.  Meiilingen  gewann  25
Q.-M.  und  71,181  Einw.  —  Grundgesetz  vom  23.  Aug.  1829.
Finanzen.  Das  Budget  für  1862—65  schliesst  ab:
Landemcasse  .  1'086,592  fl.  Einnahme  und  1'086,592fl.  Ausgabe
Domänencasse  850,700  -  -  -  758,450  -
Zusammen  1'937,292  fl.  Einnahme  und  l'845,042fl.  Ausgabe
Die  Hauptposten  sind  bei  ÒlGt  Landescasse:  directe  Steuern  312,000,
indirecte  617,595,  Regalien  33,275,  versch.  71,597,  Hälfte  der  Domänenüberschüsse ­
  46,125;  unter  den  Ausgaben:  Landtag  9750,  Militär
146,069,  Schuld  240,753;  bei  der  Domänencasse:  Einnahme  v.  Gütern
196,137,  v.  Forsten  602,377  ;  —  Ausgabe  für  den  Hof  225,000  (ausserdem ­
  Hälfte  der  Domänenüberschüsse  mit  46,125,  zus.  271,125),
Schuld  89,786.
Aus  den  Domänen  erhält  vor  Allem  der  Hof  225,000  fl.  ;  was  sodann ­
  noch  an  Reinertrag  bleibt,  wird  zwischen  dem  Herzog  und  der
Landescasse  getheilt;  dies  nach  einem  Gesetze  von  1854,  durch  welches
das  Gesetz  von  1819  beseitigt  wurde,  demzufolge  der  Herzog  einfach
200,000  fl.  Civilliste  zu  beziehen  hatte.  Der  Landtag  bestreitet  nun  die
Gültigkeit  der  Bestimmungen  von  1854  und  nimmt  die  Domänen  meist
als  Staatseigenthum  in  Anspruch.  —  Die  Vergrösserung  des  Staatsbedarfs ­
  ist  wesentl.  dadurch  veranlasst,  dass  Meiningen  für  die  Hälfte  der
Baukosten  der  Werrabahn  (8  Mill.  Thlr.,  mit  den  andern  betheiligten
Regierungen)  eine  4  %  Zinsgarantie  übernommen  hat,  dann  durch  Vergrösserung ­
  des  Militäretats.  (18*%,  betrug  derselbe  95,560,  jetzt  [s.

oben]  um  50,509  fl.  =  53  Proc.  mehr  I
Schuld  am  1.  Oct.  1864  :  ältere  1’7S1,484  fl
neue  von  1862  (zunächst  für  die  Eisenbahn  .  .  700,000  -
Cassenanweis.  (bei  705,180  fl.  Einlösungsfonds)  .  1'049,996  -

Der  Schuldenstand  war  am  1.  April  1860:  4'594,Ol7  fl.

Militär.  Conscription  mit  Stellvertretung  ;  6jährige  Dienstzeit,  wovon
2  Jahre  in  der  Reserve.  Bestand  :  1  Linienreg.  von  2  Bat.  à  4  Comp.,
1726  M.  (bis  1855  blos  1  Bat.)  ;  384  M.  Ersatzmannschaft,  zus.  2110.
        <pb n="318" />
        296

DEUTSCHLAND.  —  Sachsen-Coburg-Gotha.

10.  Sachseii-Cobiirg-Ooilia  (Herzogthiim).*)

Herzogth.
Gotha
Coburg

Q.-M.  Bevölk.  1861
20  112,417
10  47,014
30  150,431

Frühere  Volkszahl:  1
1834:  134,005  I
1840:  149,753  |
1855:  150,878
1858:  153,870  |

Städte:  Gotha  10,009,  Coburg  10,090,  Ohrdruf  4999.

Confessionen  :
Protestanten  158,304
Katholiken  900
Juden  .  .  150
35,703  Haushaltung.

Gehietsverilnderungen.  A.  Gotha  17&amp;amp;0:  ^  ^  Einw
Fürstenthum  Gotha  30  77,000
Grösster  Theil  des  Fürstenth.  Altenburg  .  25  78,000
(1815:  185,082  Einw.)  55  150,000

1825  Aussterben  der  männl.  Idnie  der  Herzogsfamilie;  1820  Theilung  des
Landes  unter  die  übrigen  herzoglich  sächsischen  Häuser.

B.  Coburg.  Ende  vorigen  Jahrhunderts  etwa  10  Q.-Meil.  Coburg-Saalfeld ­
  G,  Theil  von  Alten  bürg  10).  Das  Herzogthum  ward  1  SOG
durch  franz.  Truppen  occupirt,  180S  als  Rheinbundsstaat  wieder  hergestellt. ­
  Der  Wiener  Congress  vergrösserte  es  um  »  20,000  Seelen  a  durch
das  sog,  Fürstenthum  Lichtenberg  (St.  Wendel,  auf  dem  linken  Rheinufer), ­
  wonach  1815  das  Areal  auf  28  Q.-Meil.,  die  Volkszahl  auf  80,01  2
stieg.  Der  Herzog  verkaufte  Lichtenberg  1831  an  Preussen  gegen  eine
Rente  von  80,000  Thlr.,  zum  Theil  in  Domänen,  da  ein  projectirter
Tausch  gegen  den  Kreis  Schleusingen  nicht  zu  Stande  kam.
C.  Coburg-Gotha.  Bei  der  Theilung  Gotha’s  erhielt  der  Herzog
von  Coburg  dasselbe  mit  Ausnahme  des  Amtes  Kranichfeld,  und  gegen
Abtretung  des  Fürstenthums  Saalfeld  und  anderer  Parcellen.
Staatsgrundgesetz  Gotha’s  v.  2G.  März  1810,  abgeändert  den  3.  Mai
1852.  Verfassungsurkunde  Coburg’s  V,  8,  Aug.  1821.  Gemeinschaftliche ­
  Verfassung  für  beide  Herzogthümer  vom  3.  Mai  1852.
Finanzen.  A.  Gotha.  Selbst  in  der  abgeänderten  Verfassung  waren ­
  die  Domänen  als  Staatseigenthum  anerkannt.  Die  »Agnaten«  protestirten,
  namentl.  Prinz  Albert,  Gemahl  der  Königin  v.  England.  Ende
1854  neues  Uebereinkommen  des  Herzogs  mit  dem  Landtage  :  das  Kammer- ­
  und  Domänenvermögen  wird  in  Staats-  und  Domänengut  getheilt;
das  letzte  überlässt  jährlich  G0,G31  Thlr.  Domänengefälle  an  den  Staat,
erhält  aber  als  Ablösung  050,000  Thlr.  Darauf  neue  Protestation  der
Agnaten  ;  endlich  ein  von  ihnen  genehmigtes  Uebereinkommen.  Der  Herzog ­
  erhält  aus  den  Reinerträgen  »des  Domänenfideicommissguts  des
herzogl.  Hauses  im  Herz.  Gotha«  100,000  Thlr.  feste  Jahresrente.  Sodann ­
  fliessen  der  Staatscasse  aus  den  Reinerträgen  jährl.  3G,000  Thlr.
als  feste  Rente  zu.  M  eitere  Reinerträge  des  Domänenguts  werden  zu
gleichen  Hälften  zwischen  Herzog  und  Staatscasse  getheilt.  An  Reinerträgen ­
  der  Domänen  erhielten
18*%,  18"%,  18«%,  18«%.
der  Herzog  124,444  148,193  140,679  145,210
-  Staat  60,444  84,193  76,679  81,210

*)  Vergl.  »Mittheilungen  aus  dem  statist.  Büreau  des  Herzogl.  Sfaatsminist.
zu  Gotha  üb.  Landes-  und  Volkskunde«,  herausgegeben  vom  Vorstande  dea
stat.  Bür.,  Reg.-Rath.  Hess.  1.  Heft.
        <pb n="319" />
        DEUTSCHLAND.  —  Sachsen-Altenburg.

297

Budget  vom  1.  Juli  1S61  bis  dahin  1S65,  in  Thlr.  ;
Domänencasse  559,500  Thlr.  Einnahme,  385,009  Thlr.  Ausgabe
Staatscasse  _.  606,500  -  -  600,500  -
Zusammen  1'166,000  Thlr.  Einnahme,  992,169  Thlr.  Ausgabe.
Zu  den  Domänen  lieferten  IS‘%.  Forsten  460,787  Thlr.,  Güter  47,713,
Zinsen  (von  847,819  Capital)  44,525.  Dagegen  erfordert  die  Domänenschuld
210  198^  "Ihlr.  Capital)  52,548,  und  die  Verwaltungskosten  belaufen  sich  auf
Unter  den  Einnahmen  der  Staatscasse  erscheinen  :  directe  u.  indirecte
öteuem  375,175,  Sporteln  u.  Chausseegelder  82,401,  Zinsen  49,116  (ausl’151,327
Ihlr.  Capital).  —  Unter  den  Ausgaben:  Schuld  92,222  (von  1'816,158  Thlr.
Capital),  Militär  61,431.
Geaammtschuld  beider  Cassen,  einschl.  100,000  Thlr.  Papiereeld.  3'204  042
^°RGgen  2'315,710  Activcapital  vorhanden.  '  '
B.  Coburg.  Etat  vom  1.  Juli  1801  bis  dahin  1865,  in  Gulden:
Domänencasse  194,408  fl.  Einnahme,  128,808  fl.  Ausgabe
.  Staatscasse  .  471,000  -  -  466,900  -
Zusammen  665,408  fl.  Einnahme,  595,708  fl.  Ausgabe.
Den  Ueberschuss  der  Domänencasse,  65,600  fl.,  beziehen  der  Herzog  und
die  Staatscasse  zu  gleichen  Tlieilen.  Unter  den  übrigen  Staatseinnahmen
sind:  Zinsen  aus  Capitalien  23,538,  directe  Steuern  115,745  (Grundst.  55,745
Einkommenst.  60,000),  indirecte  215,673  (Zoll  u.  Rübenst.  109,930,  Braumalzst!
'•1,155,  Salzst.  31,588),  Regalien  76,100;  —  unter  den  Staatsausgaben:  Schuld
106,750,  Militär  46,953.
Schuld.  Ende  Juni  1864  2'697,180,  einschl.  350,000  fl.  Papiergeld.  Dage-Ren
  Activa:  936,958,  wobei  jedoch  363,000  fl.  Zuschüsse  auf  Zinsgarantie  für
die  Werrabahn  voll  gerechnet  sind.  —  Coburg  war  schon  1773  mit  1'075,068
Rthlr.  Schulden  belastet.  Trotz  einer  kaiserl.  Verwaltungscommission  betrug
die  Schuld  1799  noch  1'261,000  fl.  1847  waren  es  1'203,943  und  1857  1'525,221,
Ungerechnet  das  Papiergeld;  1858  1'933,346  mit  diesem.
C.  Gemeinsamer  Etat.  Verfassungsmässig  besteht  eine  Gemeinsamkeit ­
  nur  für  gewisse  Ausgaben.  Diese  betragen  nach  dem
Btat  für  1S*V«5  194,366  Thlr.,  neml.  f.  Staatsministerium  74,675,
Justiz  19,400,  Militär79,800,  Bundeskosten,  Zoll,  Archiv  etc.  20,491.
Militär.  Conscription  ohne  Stellvertretung.  Hauptcontingent  1302,
Reserve  372,  zus.  1674,  Ersatzmannschaft  372;  im  Ganzen  2046  M.,
m  1  Reg.  von  2  Bataill.  à  4  Comp,  und  1  Ersatzcomp.  —  Zufolge  Vertrags ­
  mit  Preussen  von  1861  übernahm  dieses  die  Erhaltung  des  Contingents ­
  gegen  eine  A  versalsumme  von  80,000  Thlr.  im  Frieden,  9000
Jhlr.  für  jede  Mobilmachung,  und  148,000  Thlr.  für  Mobilhaltung  wähfund
  eines  Jahres  Die  preuss.  Militärreglements  gelten  auch  in  CoburgtJotha.
  Die  Dienstzeit  ward  von  6  auf  6%  Jahre,  und  dabei  die  Präsenz-Zeit
  von  1‘/g  auf  2  Jahre  erhöht.  Preussen  besetzt  dieOfficiersstellen  im
Einvernehmen  mit  dem  Herzoge.

20,  Saclisen-.ilteiibiir^  (Herzogthum).

Kreise  Q.-M.
Altenburgischer  .  .  .  11  %
baalfeld-Eisenbergischer  12'/*
Zu8."Tr“

Bevölk.  ;
1861
89,672
47,490
137,162  I

Frühere  Bevölk.
1834  117,921
1849  131,629
18.58  134,659

1863
Geburten  5179
Sterbfälle  3827
Trauungen  2288
        <pb n="320" />
        298

DEUTSCHLAND.  —  lteu.ss-Greiz.

ImJ.  1S63  in  den  10  Städten  46,SSGEw.  I  (Unter  den  Geburten  876  unehel.,  ,
-  -  464Dörfern92,176  -  Haushaltungen  29,900.—Städte:  Al-I
  tenburg  (1863)  17,459,  Ronneburg
I  (1862j  6407,  Eisenberg  4775.
Confessionen  :  etwa  137,000  Protestanten,  100  Kathol.
Nationalität.  Die  Einw.  sind  im  Altenb.  Kreise  meist  Nachkommen ­
  von  Wenden  (Slaven)  ;  wendische  Tracht  und  Sitten  haben  sich
erhalten,  die  wendische  Sprache  dagegen  war  schon  im  16.  Jahrhunderte
verdrängt.
Altenburg  bildete  bis  zur  Theilung  von  1826  einen  Bestandtheil
von  Gotha.  Damals  ward  es,  mit  Ausschluss  der  Grafschaft  Camburg,
dem  Herzoge  von  Hildburghausen  überlassen,  der  sein  kleines  Stammland ­
  an  Meiningen  abtrat.  —  Grundgesetz  v.  29.  Apr.  1831,  wiederholt
geändert,  zuletzt  im  Mai  1857.
Finanzen.  Der  dreijährige  Etat  für  1862—64  schliesst  so  ab:  Einnahme ­
  829,526.  Ausgabe  802,255.
Davon:  Militär  83,867,  Civilliste  158,000  Thlr.  —  Im  vorigen  Etat  waren:
Einnahme  803,810  (darunter:  Domänen  und  Regalien  370,183,  directe  Steuern
198,200,  indirecte  229,050),  Ausgabe  801,910.  Der  gestiegene  Ertrag  der  Forsten ­
  etc.  ermöglichte  seit  1862  eine  Steuererleichterung.  Der  Rechenschaftsbericht ­
  für  die  Finanzperiode  1856—58  ergab  übrigens  weit  höhere  Summen
als  obiger  Voranschlag,  nemlich  (auf  3  Jahre)  im  Ganzen  :  3’511,721  Thlr.  Finn,
u.  3’099,289  Ausgabe.  —  Schuld  (1862)  1’047,352  Thlr.,  nemlich:  Domänenschuld ­
  109,763,  verzinsl.  Staatsschuld  505,189,  Papiergeld  (Cassencreditscheine)
432,400.  Die  Activcapitalien  sind  ansehnlich.  Ihnen  ist  auch  das  1861  auf
1*178,122  Thlr.  gestiegene  Vermögen  der  Landesbank  beizurechnen.  Es  wird
ein  Ueberschuss  der  Activcapitalien  über  den  Schuldbetrag  von  226,022  Thlr.
berechnet.
Militär.  Conscription,  Stellvertretung,  Dienstzeit  7  J.,  wovon  V
in  der  Reserve.  Hauptcontingent  1173,  Ersatz  327,  zus.  1809,  in  1
Reg.  von  2  Rata  ill.  à  4  Comp,  (früher  blos  1  Bataillon).  i  1862  Militärconvention ­
  mit  Preussen,  wonach  die  Oberofficiere  von  Preussen  ernannt
werden.
Sociales.  Die  Altenburger  Bauern  gelten  für  sehr  wohlhabend  ;  ihr
trefflicher  Boden  ist  gut  angebaut.  In  der  Regel  erbt  der  jüngste  Sohn
das  Gut  ;  sind  nur  Töchter  vorhanden,  so  erhält  die  älteste  das  Besitzthum. ­
  Bei  den  Heirathen  herrscht  die  hässlichste  Geldaristokratie;  ein
»vierspänniger  Bauer  «  gibt  seine  Tochter  nicht  leicht  einem  »zweispännigen«,
  noch  weniger  dieser  die  seinige  einem  Kuhbauern  oder  Häusler.
Selten  wird  ein  Gut  getheilt.  Die  übervortheilten  Kinder  kommen  oft  in
die  schlimmste  Lage.  Dabei  ist  die  Sittlichkeit  durch  diese  Verhältnisse
tief  untergraben.

31.  Rciiss-Oreiz  (1*  ürstentlmmj  =  llcuss  ältere  Jänie.
Auf  6%  Q.-M.  lebten  1861  42,130  (1858  39,397)  Einw  .
1815:  22,255  Einw.  I  1849:  36,274  Einw.  •  Greiz,  10,036  Einw.
1834:  30,041  -  |  1855:  34,896  -  Alte  Landständ.  Verfassung.
Finanzen.  1861  Einnahme  (wol  mit  Rechnungsüberträgen,  angebl.)
201,243)  worunter  nicht  volle  30,000  Thlr.  directe  Steuern),  Ausgabe
        <pb n="321" />
        299

Df-iL'l  SCHLAND.  —  Keuss-Schleiz.  Lippe.
152,40t  (dav.  35,221  Militär).  Ueber  die  Hälfte  der  Einkünfte  fliesst
in  die  Kammercasse.  —  Die  Schuld  ward  im  Jahre  IS47  zu  377,000
Ihlr.  angegeben,  wovon  305,000  auf  den  Domänen  lastet,  der  Rest
Landesschuld.  Diese  letzte  ward  in  der  jüngsten  Zeit  zu  205,000  Thlr.
angegeben,  wovon  75,000  verzinsl.  und  130,000  Thlr.  Papiergeld.

22.  ReiiKs  -  Sclileiz  -  Lobeiistein  -  Rbersdorf
(Fürstenthum  =  Reuss  jüngere  Linie.

15  Q.-M.,  1861  mit  83,360  Menschen,  —  1852  umfasste
Frstth.  Gera  32,378
Lobenstein-Ebersdorf  22,372
Schleiz  21,92ü
Pflege  Saalburg  3,148

1815;  52,205  Einw.
1834:  72,021  -
1849:  77,903  -
1858:  81,800  -

Stadt
Gera  (1801,  mit
Pöppeln)  14,207
Einw.

Verfassungs-Urkunde  v.  30.  Nov.  1849,  umgeändert  14.  April  1852,  wieder  '
niodificirt  20.  Juni  1850.

Budget  iÜLX—65:  Einnahme  281  850,  Ausgabe  273,850Thlr.
Wir  kl.  Rechnungsabschluss  von  1860:  Einnahme  386,664,  wovon  aber
101,000  Cassaübertrag;  Ausg.  278,400.  Unter  der  Ersten:  77,274
Thlr.  directe,  143,914  indir.  Steuern,  33,126  Sporteln.  Das  Militär
kostete  55,129  Thlr.,  das  Schulwesen  nur  1  1,729!  —  Schuld  Ende
1863  :  Staatsschuldscheine  225,950,  kündbare  Schuld  nach  Abzug  des
Reservefonds  159,744,  zus.  385,694  Thlr.  Die  kündbare  Schuld  soll,
nach  Verfügung  von  1864,  in  eine  4procentige  consolidirt  werden.  Hiezu
das  Papiergeld  (nach  einer  Angabe  130,000,  nach  der  andern  320,000
Thlr.)  ;  Domänenschuld  unbekannt.
Die  Truppen  der  3  jüngeren  reussiseben  I.inien  bilden  mit  jenen  der
älteren  Linie  1  Bataill.  von  5  sehr  ungleichen  Comp.,  zus.  1117  Mann,
Wovon  783  auf  die  jüngere,  334  auf  die  ältere  Linie  kommen.

liipiic-Uetmold  (Fürstentlium  .
20%  Q.-M.  Bevölkerung  (1861)  108,513.  Stadt  Detmold  5598.
1834  :  97,720  Einw.  Verfass.-Ges.  v.  6.  Juli  1830,  wiedereingeführt
1852;  100,015  -  15.  März  1853.  —  1807  nahm  der  dem  Rhein-1858.’
  100,080  -  ,  bunde  beigetretene  Graf  den  Fürstentitel  an.
Etat  für  1864  und  65:  Einn.  210,178,  Ausg.  215,611  Thlr.  Unter ­
  den  Einnahmen:  Grundsteuer  36,508  (wozu  die  so  sehr  bevorzugten
Ritter  nicht  mehr  als  2102  beitragen  !),  Classensteuer  32,383,  Schulgeld ­
  8458,  Stempel  4000,  Zoll  128,721  ;  —  unter  den  Ausgaben:
Schuldzinsen  13,774,  der  Fürstin  1  lOO,  dem  Prinzen  Woldemar  6000,
Gehalte  9664,  der  fürstl.  Rentei  30,815  (dabei  Herrengelder  8559,  dem
Fürsten  12,000,  Entschädigungen  wegen  des  Zollanschlusses  6705  etc.),
Militär  68,419,  Gendarm.  6193,  Bundeskosten  4000,  Wegbaucasse
18,500,  Elementarschulen  24,382,  Mittelschulen  4448,  Pferdezucht
3000.  —  Auch  hier  hat  aber  der  Hof  die  sämmtl.  Domänen  im  Besitz,
dabei  die  Forsten  (fast  des  ganzen  Areals),  Saline,  die  s.  g.  landes-
        <pb n="322" />
        '  *  ‘  t  A.  »  i

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lili’I
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li  #

15

300

DEUTSCHLAND.  —  Schaumburg.  AValdeck.

herrl.  Gefälle,  Gewerbsteuer,  Sporteln  und  Strafgelder.  Diese  Einkünfte
werden  auf  200,000  Thlr.  geschätzt,  woraus  die  Kosten  der  Hofhaltung
(etwa  100,000  Thlr.  ausser  obigen  Beträgen),  Bewirthschaftungskosten
der  Domänen  und  der  grösste  Theil  der  Besoldungen,  einschl.  der  hohem
Geistlichkeit,  gedeckt  werden.  Dabei  ist  aber  den  Ständen  jede  Einsicht
in  diese  Rechnungen  versagt.  —  der  Landescasse  (IbCi)  301,105
Thlr.  (1818  befanden  sich  gegen  80,000  Thlr,  Vorrath  in  der  schuldenfreien ­
  Gasse).  Die  Domänen  sollen  mit  250—300,000  Thlr.  Schulden
belastet  worden  sein  ohne  Genehmigung  der  Stände.
Militllr.  Conscription  ;  4jährige  Dienstzeit,  1  Infanterie-Bataill.
von  840  M.,  120  Ersatzmannschaft  und  240  Reserve.

24,  Scliaiiiiibiirg-Li|)|)c  (Fürstentlmm).
8  Q.-Meil.,  1801:  30,774  Einw.  (davon  4210  in  der  Stadt  Bückeburg) ­
  .  Eine  nominelle  Verfassungsurkunde  datirt  v.  10.  Jan.  1810,  eine
den  Verhältnissen  entsprechende  ward  selbst  1848  nicht  zu  Stande  gebracht. ­
  —  Einkünfte  etwa  230,000  Thlr.  Die  indirecten  Auflagen  ertragen ­
  etwa  27,100  Thlr,  Die  ganze  Regierung  ist  höchst  patriarchalisch
eingerichtet.  Der  Fürst  besitzt  die  Domänen,  sammt  Waldungen  und
Jagd,  und  übt  das  Monopol  der  Branntweinbrennerei  ;  die  Brennsteuer
muss  ihm  mit  etwa  0000  Thlr.  aus  der  Landescasse  zurückersetzt  werden! ­
  Auf  den  Domänen  lasten  angehl.  2'080,000  Thlr  Schulden.  1850
ward  die  Einlösung  der  CassenanWeisungen  verweigert  !  —  Beim  Militär
4  Vs  Jahre  Dienstzeit,  dann  1  Jahr  Reserve.  Conscription.  Das  Contingent, ­
  4  Jägercomp.  mit  385  M.,  ist  im  Kriege  zur  Luxemb.  Besatzung
bestimmt.

25.  ^Valdeck  (Fürstentlmm).

Fürstenthümer
Waldeck
Pyrmont

Q.-M.
10%
1%

20%
Stadt  Arolsen  1005  Einw.

Bevölk.  1861
51,5S0
7,(»15
5S,0(ll'"

IS  13:  5S,753  Einw.
1S52:  50,007  -
1858:  57,550  -
55,070  Protestanten  (iinirt),  1071  Katholiken., ­
  800  Juden.

Das  »Staatsgrundgesetz«  vom  23.  Mai  1840  ward  hinwegoctroyirt,
und  17.  Aug.  1852  durch  ein  anderes  ersetzt.
Waldeck  und  Pyrmont  haben  gesonderte  Etats  ;  für  1863—65  folg.:
a.  im  Fürstenthum  W  a  1  d  e  c  k  :
Einnahme

1803
1804
1865

ordent.  ausserord.  zusamm,
440,300  14,573  403,003
442,004  8,085  450,740
441,201  1,140  442,401
b.  im  Fürstenthum  Pyrmont:
1803  71,002  10,005  82,087
1804  72,330  2,885  75,215
1805  07,505  1,835  00,400

ordent.
450,235
445,012
443,248
74,712
72,085
07,012

Ausgabe
ausserord.
14,573
8,085
1,140

10,005
2,885
1,835

zusamm.
404,808
453,007
444,388
84,807
75,870
00,747
        <pb n="323" />
        DEUTSCHLAND.  -  Anhalt.

301

In  Waldeck  ward  zur  Erzielung  obiger  Einnahme  die  Classen-,  Gewerbe- ­
  und  Grundsteuer  um  12%  Proc.  erhöht.  —  In  Pyrmont  röhren
(1564)  44,059  Thlr.  Einn.  von  den  Domänen  her.  Der  Landtag  beschloss ­
  Cassenvereinigung  mit  Waldeck.  Zu  Pyrmont  besteht  bekanntlich ­
  noch  eine  Spielbank.
Schulden  (1854)  1’520,000  Thlr.
Truppen.  3  Compagnien,  Contingent  S66  M.  Vor  der  franz.  Revolution ­
  hielt  der  damal.  Fürst  5  Comp,  »der  schönsten  Leute,  a  Für
den  amerik.  Krieg  verkaufte  er  1225  M.,  von  denen  720  nicht  wiederkehrten. ­


26.  Anhalt  (Herzogthum\
1  )e.ssau  ,  .
Cöthen  .  .
Bernburg  .
Zus.
Anhalt  ward  1603  in  4  Staaten  getheilt.  Nach  Aussterben  der
Zerbst’sehen  Linie,  1  793,  theilten  sich  die  3  andern  in  deren  Gebiet,  doch
erhielt  die  russische  Kaiserin  Katharine  II.,  als  Zerbst’sehe  Princess,  die
Herrschaft  Jever  an  der  Nordsee.  Die  Cöthener  Linie  erlosch  1849,  die
Bemburgeram  19.  Aug.  1  803.  Nachdem  die  Verfassungsurkunde  Dessau’s
vom  29.  Oct.  und  Cöthens  vom  28.  Oct.  1848  durch  herzogl.  Patent
Vom  4.  Nov.  1851  aufgehoben  worden,  declarirte  ein  neues  Patent  vom
22,  Mai  1853  die  Vereinigung  dieser  beiden  Herzogthümer  zu  einem
Staate,  Am  17,  Sept.  1859  erschien  eine  Landschaftsordnung  für  die
sämmtlichen  Anhalt’sehen  Herzogthümer.  Die  definitive  Verbindung
Bernburgs  erfolgte  mit  dem  1.  Oct.  1804.  Das  Verfassungsgesetz  des
Letzten  v.  28.  Febr.  1850  war  im  April  1855,  dann  Sept.  1859  geändert ­
  worden.
Der  Finanzetat,  18'%,  für  Dessau  zu  590,000,  für  Cöthen  zu
449,888  Thlr.  bestimmt,  war  für  diese  vereignigten  Herzogthümer  18=%;
auf  1’303,500,  1858  auf  1’084,495,  dann  1801  auf  1’847,278  Einn.
und  1’841,513  Bedarf,  1802  auf  1’929,351  und  1’907,614,  und  1804
auf  2  1  57,944  und  2’150,715  Thlr,  gesteigert.  Unter  den  Einnahmen
erschienen  1804:  Domänenertrag  795,034,  Steuern  l’l  93,105  (für  1801
finden  wir  aufgeführt  :  directe  Steuern  131,273,  indirecte  802,180),
Sporteln  78,01  5,  Regalien  20,1  20,  Schulgelder  277,700:  unter  den  Ausg.:
Hof  180,000  (1801  198,250),  Finanzen  1’182,585,  Schuld  130,700,
Militär  102,704,  Bauwesen  197,025,  Pensionen  78,805,  Cultus  und
Unterr.  132,091,  Deutsch.  Bund  23,000,  Gesandtschaften  2420,  Justiz ­
  81,889.
Der  Finanzetat  Bernburgs  für  1804  schloss  ab  mit  1’280,028
Einn.  und  1’203,G12  Ausg.  Unter  den  Einn.  :  aus  Domänen,  Bergwerken ­
  und  dingl.  Rechten  618,289,  directe  Steuern  53,373,  indirecte
552,529,  Sporteln  30,914;  —  unter  d.  Ausg.  :  Hof  82,062,  Staats-Q-M.


15
13  V.
15

Bevölk.  1861
124,013
57,811

43  V.  181,824

Studie  (1861)  :

Dessau
Bernburg.
Cöthen
Zerbst.  .

15,613
11,058
10,503

Die  mittelbaren  Besitzungen ­
  des  Herzogs  in  Preuss.-Sachsen,
  Ostpreussen  u.  der
Krim  umfassen  gegen  15
Q.-M.,  ungerechnet  die  v.

10,480  I  Bernburg  ererbten.
        <pb n="324" />
        302

DEUTSCHLAND.  —  Anhalt.

Verwaltung  71,913,  Justiz  52,604,  Inneres  93,085,  Cultus  54,365,
Militär  53,511,  Finanzen  848,626.
Dem  Landtag  des  wiedervereinigten  Herzogthums  ist  für  1865  ein
gemeinsamer  Etat  vorgelegt  worden,  mit  folgenden  Hauptresultaten  ;
Einnahme:  1)  Domanialverwaltung  (hierunter  von  Gütern  464,750  Thlr.,
von  Aeckern  75,600,  von  Wiesen  36,365,  von  den  Forsten  und  Jagden  367,710,
von  Gebäuden  und  gewerblichen  Anlagen  42,755)  1’036,945.  —  2)  Steuerverwaltung ­
  1'953,905,  und  zwar  A.  directe  Abgaben  138,425,  darunter  alte  Grundabgaben ­
  63,480,  Rückzahlungen  bei  Ablösungen  3500,  —  sodann  neue  Grundund
  Gewerbesteuern  resp.  Einkommensteuer  :  a)  Grundsteuern  von  Dessau-Cöthen,
  b)  Gewerbesteuern  von  Dessau-Cöthen,  c)  Kriegssteuern  von  Bernburg
sind  ausser  Ansatz  geblieben),  Concessionsabgaben  18,325,  Gewerbesteuer
der  Magdeburg-Leipziger  und  Berlin-Anhalter  Eisenbahn  50,000,  Entschädigung ­
  für  Ausübung  des  Postrechts  3120.  B.  Indirecte  Abgaben  durch  dieZolldirection
  1’(139,000  (darunter  llübenzuckersteuer  1’375,000,  Herauszahlung
1’296,000,  diesseitiger  Antheil  79,000,  incl.  37,775  Hebungskosten).  Branntweinsteuer ­
  125,000  (Herauszahlung  51,000,  diesseitiger  Antheil  74,000),  Braumalzsteuer ­
  22,000  etc.  Indirecte  Abgaben  durch  die  Kreissteuerämter  176,480.
—  3)  von  BergAverken  und  Hütten  insgesammt  677,596,  und  zwar  a)  von  den
Harzer  Bergwerken  rund  101,552,  b)  von  der  Eisenhütte  zu  Mägdesprung  70,065,
c)  von  der  Eisengiesserei  zu  Bernburg  108,000,  d)  vom  Salzbergwerke  Leopoldshall ­
  367,474,  e)  Zehnt  von  Kohlenbergwerken  30,505.  —  4)  Sporteln  80,674.—
5)  Stolgebühren  (Dessau-Cöthen)  6450.  —  6)  Schulgelder  (Dessau-Cöthen)
29,300,  7)  Insgemein  5935  (darunter  Prinzessinsteuern  etc.  3960),  zusammen
3’790,805  Thlr.
Ausgabe:  1)  zum  herzoglichen  Hause  270,950  (nämlich  a)  an  die  herzogl.
Fideicommisscasse  259,000,  b)  an  die  Frau  Herzogin  Witwe  zu  Anhalt-Bernburg ­
  20,950).  —  2)  Allgemeine  Staatsverwaltung  48,278  (Staatsministerium
11,550,  Gesandtschaften  3873,  Deutscher  Bund  16,000,  Landschaft  9520,  Ordenscasse
  1200).  —  3)  Staatsschuldenverwaltung  185,100  (Verzinsung  und  Til-{Tung
  der  Staatsschulden  für  Dessau-Cöthen  incl.  Verwaltungsaufwand  119,800,
lür  Bernburg  65,300.  —  4)  Justizverwaltung  119,550.  —  5,  Verwaltung  des  Innern
135,363,  6)  Finanzverwaltung  2’237,156  (Centralverwaltung  56,090,  Domanialaufwand
  202,170,  Steuerverwaltung  1’465,560),  Berg-  und  Hüttenwesen  513,336.
—  7)  Generalcommission  9775.  —  8)  Cultus  und  Unterricht  165,655.  —  9)  Militär ­
  166,710.  —  10)  Renten,  Entschädigungen  12,182.  —  11,  Pensionen  146,385.
—  12)  Bauwesen  370,344.  —  13)  Insgemein  2510.  Zus.  3  869,958.  —  Sonach
Deficit  79,153  Thlr.
Schuld.  Dieselbe  betrug  1850  in  Dessau  1’717,070,  in  Göthen
2’121,927,  zus.  3’839,597  Thlr.,  im  nächsten  Jahre  aber  5’107,327!
1800  war  sie  auf  4’858,99  2  herabgebracht.  Activa  werden  zwar  2132,070
Thlr.  aufgeführt,  es  waren  aber  dabei  alle  Effeeten  zum  Nominalwerthe
angesetzt  und  der  Zinsertrag  dieser  Activen  betrug  nur  51,898  Thlr.*)
—  Der  Werth  des  Landesdomanial-Grundbesitzes  wird  übrigens  zu  14
Mill.  Thlr.  angegeben.  (Obwol  der  letzte  Herzog  von  Göthen  die  Schulden ­
  enorm  vermehrte,  musste  er  doch  Schulden  halber  das  Fürstenthum
Pless  verkaufen.)  —  Die  Schuld  von  Bernburg  ward  1801  zu2’290,050
Thlr.  angegeben,  einschl.  500,000  Thlr.  Papiergeld.  Die  Activa  wurden ­
  nominell  zu  878,536  Thlr.  berechnet.**)  —  In  einer  Aufstellung
*)  Schon  vor  1848  weigerte  sich  die  Cöthen’sche  Regierung,  die  von  ihr
ausgestellten  3  %  Schuldscheine  zur  Verfallzeit  ul  pari  einzulösen.  Man  bestimmte ­
  später  eigenmächtig  einen  viel  niedrigem  Einlösungspreis  !
**)  Vor  dem  Ableben  des  letzten  Herzogs  von  Bernburg  hiess  es,  dass  für
den  Fall  dieses  Ablebens  eine  dem  .Lande  im  höchsten  Grade  nachtheilige  Ordnung ­
  der  Vermögensverhältnisse  eingeleitet  sei,  wonach  Domänen  mit  einem
        <pb n="325" />
        DEUTSCHLAND.  —  Schwarzburg-Sondershausen.

303

vom  1.  Jan.  1604  erscheint  der  Nettobetrag  der  Schuld  von  Dessau-Cöthen
  mit  1*627,593,  von  Bernburg  mit  1*618,634,  zus.  3*446,227  Thlr.
Militilr.  6jährige  Dienstzeit,  wovon  2  in  der  Reserve.  Formation:
1  Regim.  von  2  Bataill.  und  2  Scharfschützencompagn.  mit  ungef.  2000
(1636)  M.  Mit  Preussen  bestehen  Militärconventionen.  —  Vor  der
franz.  Revolution  unterhielt  der  Fürst  von  Zerbst  allein  2  Regim.  Soldaten. ­
  Er  verkaufte  von  1778—1781  1160  M.  an  England,  das  für
jeden  Umgekommenen  44  Thlr.  bezahlte,  und  wobei  3  Verwundete  einem
Todten  gleich  geachtet  wurden.  1783  kamen  964  Mann  aus  Amerika
zurück  ;  es  fehlten  also  176.

27.  Schwarzbiirg-Soiidersliauseii  (Fürstenthum).
15%  Q.-M.  1661  mit  64,695  (1656  62,974)  Einw.  (davon  9
Q.-M.  und  37,109  Menschen  in  der  »Unterherrschaft«,  der  Rest  in  der
»Oberherrschaft«).  Stadt  Sondershausen  (Unterherrschaft)  5619,  Arnstadt ­
  6696  Einw.  Verfassungsgesetz  v.  20.  Dec.  1849,  modificirt  1652,
54  und  56,  zuletzt  abgeschafft  am  6.  Juli  1657.
Finanzen.  Der  Etat  für  1864—1667  ergibt:  628,546  Thlr.  Einnahmen, ­
  611,354  Ausgaben.  Unter  den  Ersten  :  Domänengüter  119.092,
Forsten  227,813  ;  directe  Steuern  77,600,  indirecte  1  1  1,265,  Gebühren ­
  61,250:  —  unter  den  Ausg.  ;  Hof  155,120,  Militär  46,466.  Indess
  sind  die  Einkünfte  zu  niedrig  angesetzt.  Schon  die  Abrechnung
von  1659  zeigte:  644,678  Einn.,  606,733  Ausg.,  und  es  ergab  sich  für
die  damit  abgelaufene  4  j  äh  rige  Finanzperiode  einUeberschuss  von  192,543,
der  für  Chausseebauten,  landwirthsch.  Darlehenscasse  und  Verstärkung
des  Reservefonds  bestimmt  wurde.  Ebenso  fand  der  Landtagsausschuss
für  1662,  nach  Abzug  der  Cassareste  etc.,  eine  wirkl.  Einn.  v.  653,621
und  eine  Ausgabe  von  649,601  Thlr.  Die  Civilliste  früher  zu  140,000
Thlr.  vereinbart,  wurde  i860  um  10,000  Thlr.  erhöht.  Der  vorige
Fürst,  der  Branntweinbrennerei  und  Bierbrauerei  als  Monopol  ausübte.

erwarb  grosse  Güter  in  Slávonien,  Böhmen  und  Mecklenburg.  —  Schuld:
.  1851,  1.  Mai  1856,  1.  Jan.  1861  1863
Kammerschuld  .  838,713  927,042  839,418  672,287
Landesschuld  .  382,743  622,980  682,333  851,976
Zusammen  1*221,466  1*550,022  1*521,751  1*524,263

500,000  Thaler  Cassenanweisungen  (nach  Andern  circulirten  nur
1  50,000)  sind  Privat-Papiergeld  des  ftti-stl.  Hauses.
MilitUr,  6  Jahre  Dienst,  wov.  2  in  der  Reserve.  1  Bat.  626  M.

Frtrage  von  105,000  Thlr.  als  Allodialgut  behandelt  würden.  Wo  möglich  noch
greller  sei  eine  Uebereinkunft  im  Betreff  des  Salzbergwerks  bei  Stassfurth,  inuem
  die  vom  Staate  Bernburg  dafür  bisher  geleisteten  Zahlungen  den  Allodialerben
  des  Herzogs  bezahlt  und  der  Betrag  von  dem  Gesammtherzogthume  An-  •
halt  als  Landesschuld  übernommen  werden  soll.  Es  ist  uns  unbekannt,  ob  und
^ie  diese  für  das  Land  wichtige  Streitfrage  erledigt  ist.
        <pb n="326" />
        304  DEUTSCHLAND.  —  Schwarzburg-Rudolstadt.  Hessen-Homburg.

28.  Scliwarzbiirg-Riidolstadt  (Fürstenthum).
Auf  17Va  Q.-Meil.  ISGl  71,013  Menschen  (davon  »Oberherrschaft« ­
  13%  Q.-Meil.  mit  5b,028  Einw.)  —  Stadt  Rudolstadt  mit  G033,
Frankenhausen  5040  Einw.  —  Confess.  :  71,bG8  Luther.,  3  Reform.,
73  Kathol.,  1G9  Juden.  —  Die  Verfassung,  vom  21.  April  1821,  erlitt
1848  Abänderungen,  ward  aber  1854  wieder  umgewandelt.
Nach  dem  Etat  für  die  3  Jahre  18*%g  ist  die  Einn.  und  Ausgabe
durchschn.  8G0,774  fl.  Die  Domänen  sind  als  Eigenthum  der  fürstl.  Familie ­
  erklärt  (1847  war  die  Einn.  der  Kammercasse  zu  398,253,  der
Landescasse  nur  zu  245,640  fl.  veranschlagt.  Seit  18G0  konnte  die  directe ­
  (Classen-)  Steuer  ganz  aufgehoben  werden).  Ausgaben  :  vorbehaltene ­
  Cameralrente  des  Fürsten  nach  dem  Etat  von  18*%,  110,400,
Apanagen  etc.  34,897,  Militär  71,678,  Schuld  40,040  fl.,  wovon  5000
für  Tilgung,  lieber  den  Betrag  der  Schulden  liegen  verschiedene  Schätzungen ­
  vor,  welche  von  1'250,000  bis  1’848,000  fl.  variiren;  darunter  für
200,000  fl.  Papiergeld.
Militar,  wie  bei  Sondershausen,  1  Bataill.  von  989  Mann.

29.  Ilesseii-IIoiiiblirg  (Laiidgrafschaft).

Amt  Homburg  .  .
Oberamt  Meisenheim

Bevölk.
1861
13,111
13,706

Stadt:  Homburg  vor  der  Höhe,
mit  6987  Einw.
Verfassung  vom  3.  Jan.  1850

Zus.  5  26,817
Hessen-Homburg  war  zur  Rheinbundszeit  (  1  80G—  1  5)  von  Hessen-Darmstadt
  mediatisirt.  Der  Wiener  Congress  erklärte  den  Landgrafen
souverän,  und  vergrösserte  sein  Gebiet  durch  Meisenheim  (auf  dem  linken ­
  Rheinufer).

Budget  1852  1859  1861  1863  1864
Einnahmen  290,473  359,766  410,954  539,507  415,253
Ausgaben  292,655  406,538  379,167  519,687  396,823  •
Unter  den  Einnahmen  24,000  fl.  Pacht  des  Hazardspiels  zu  Homburg  —
bereits  verpachtet  bis  1.  April  1871  !
Der  Landgraf  bezieht  25,000  fl.  Rente  von  Darmstadt.  —  Die  Mediatbesitzungen
  in  Preussisch-Sachsen,  18  Dörfer  mit  11,617  Menschen,
sollen  ihm  54,000  fl.  ertragen.  Vor  1848  soll  aber  die  Hofhaltung  Aber
150,000  fl.  gekostet  haben.  —  Schulden  am  1.  Febr.  1864  :  742,71  1,
Activcapitalien  221,747  fl.  Alle  Schulden  sollen  bis  zum  Jahr  1868
abgetragen  sein.
Militär.  Conscription,  Stellvertretung,  Dienstzeit  6  Jahre,  wovon
0  2  in  der  Reserve;  Contingent  sammt  Reserve  etc.  366  Mann.
        <pb n="327" />
        DEUTSCHLAND.  —  Liechtenstein.  Hamburg.

305

30.  Liechtenstein  (Fürstenthum).
3  Q  -M.  mit  7800  Menschen.  Die  Mediatbesitzungen  des  Fürsten
in  Schlesien  und  Mähren  sollen  104  Q.-Meil.  mit  350,000  Einw.  umfassen, ­
  und  ihm  1  400,000  fl.  Einkünfte  v’erschaflfen.  —  Neue  Verfassung ­
  V.  26.  Sept.  1862.
Finanzen.  Die  im  J.  1863  dem  Landtag  vorgelegte  Abrechnung  wies
39,250  fl.  österr.  W.  Einn.  und  41,920  fl.  Ausgabe  nach.  Mit  Oestorreich ­
  ward  1864  ein  Zoll-  und  Monopolvertrag  abgeschlossen;  der  Kaiserstaat ­
  führt  die  betr.  Verwaltung  und  vergütet  als  Ertrag  jährlich
15,000  fl.  Die  übrigen  Auflagen  betragen  5000  fl.  Eine  Staatsschuld
^iht  es  nicht.  Statt  einer  Civilliste  flies  sen  dem  Fürsten  Domänenerträgnisse ­
  zu.

31.  Ilamhiir^  (Freie  Stadt).

Areal  6%  Q.-M.
Stadt  Hamburg  135,1139
Vorstadt  St.Georg  22,308
-  St.  Pauh  21,134
Zus.  Stadt  178,841
Gebiet,  einschl.
Hälfte  v.  Bergedorf, ­
  1850  .  .  54,258
233,099

Bevölkerung  1861  :
Confessionen  :
Lutheraner  .  210,000
Keformirte  .  2,000
Katholiken  .  4,000
Mennoniten  .  200
Juden  .  .  .  7,000

Frühere  Bevölkerung;
Jahre  Stadt  und  Land*

1811
1834
1852
1858

Vorstädte  gebiet
100,983  30,130
130,385  27,706
161,390  39,300
171,090  50,845

In  der  Stadt  1850:  77,129  männl.,  89,019  weibl.  E.

Im  J.  1810  ein  verleibte  Napoleon  Hamburg  dem  franz.  Reiche  (!)
als  Hauptort  des  Depart,  der  Elbemündungen.  1813  Befreiung.
Finanzen.  Budgetentwurf  für  1864  10  349,745  Mk.  Crt.  Einnahme ­
  und  10’961,311  Ausgabe,  nemlich:

E  innahme.

Unmittelbares  Staatsvermögen  (dabei  Eisenbahn,  Post  und  Lotterie)
Steuern  u.  Abgaben  (1802  kamen  auf  die  directen  Steuern  1’500,900,
die  indirecten  :  4’007,300,  dabei  :  Stempel  1’055,000,  Zoll  1’150,000,
Accise  1’300,000)
Bi  Verse  Gebühren,  Strafgelder
Ausserordentl.  Einnahmen
Transitirende  Einnahmen  (darunter  1’850,250  Grundsteuer  zur
Deckung  der  Feuercassenanleihe)

Mk.  C.
1’719,185

6’753,800
717,000
50,500
2’102,660

Ausgaben.
Honorar  des  Senats  und  Kosten  der  Bürgerschaft,  einschl.  Beamtenpensiouen
  409,005,  auswärt.  Angelegenheiten  105,  &amp;lt;50,  FinanzverMaltung  2’310,189,
(Wovon  1’700,834  Erforderniss  der  Schuld)  ,  Justiz  332,859,  Unterricht  129,384,
Militär  954,308,  Bauwesen  1’250,140,  Handel  und  Schifffahrt  977,838,  Polizei
Und  Gefängnisse  801,180,  Wohlthätigkeitsanstalten  720,750,  Verwaltung  der
Vorstädte  und  des  Landgebiets  158,403,  ausserord.  Ausgaben  048,833,  transiti-^onde
  Ausg.  (darunter  Verzinsung  und  Tilgung  des  Feuercassenanlehens  1862
mit  1’850,250)  2’102,660.
Kolb,  SUtUtik.  4.  Aufl.

20
        <pb n="328" />
        306

DEUTSCHI.AND  -  Hamburg.

Die  Einnahmen  werden  jedoch  meistens  bedeutend  zu  niedrig  veranschlagt. ­
  So  ergab  die  Abrechnung  von  1862  statt  der  veranschlagten
10’528,610,  wirkl.  Einn.  11*330,625,  Bedarf  10*280,430  M.  C.
Schuld.  Stand  am  1.  Jan.  1862;  59*136,366  M.  Beo.,  neml.  :
Rest  der  alten  Schuld,  à  5%  23*985,360  Mrk.  Banco
Feuercassen-Stadtanlehen  v.  1842  à  3'/,%  27*576,000
Staats-Prämienanlehen  à  3®q  7*575,000

Der  Capitalbetrag  der  Schuld  war  1814  33%  Mill.  Mark  Banco
=  41*875,000  M.  Cour.,  oder,  mit  Dazurechnung  der  Zinsrückstände
und  der  capitalisirten  Renten,  48*425,000  M.  C.  —  1838  dagegen
30*769,000.  —  Das  Nominalcapital  der  »Feuercassenstaatsanlehen«  betrug ­
  ursprünglich  34*400,000  M.  Beo.,  wofür  (bei  Emission  à  93,
98%,  99,  97,  100  und  86%)  in  Wirklichkeit  32*515,940  M.  Bc.  erlöst ­
  wurden.  Die  »Staatsprämienanleihe«  von  1846,  9*600,000  M.  B.,
ward  1848  zu  einer  Art  Zwangsanleihe  gemacht.  —  Die  Gesammtschuld
betrug  Ende  1847  65*256,087,  Ende  1850  67*855,807  M.  B.
Geschichtliche  Notizen.  Die  Kosten  der  franz.  Occupation  vom
19.  Nov.  1806  bis  31.  Oct.  1807  betrugen  erweislich  44*381,  311  Fres.
Die  Beschlagnahme  englischer  Waaren  wurde  1807  durch  Zahlung  von
16  Mill.  Fres,  abgewendet.  Hamburg  litt  besonders  1813  unter  Davoust.
Der  kgl.  franz.  Commissär  Monnai  musste  einen  Schaden  von  7  1*964,450
Fres,  anerkennen,  wobei  1207  zerstörte  Häuser  mit  35*701,100  Fres,
angesetzt,  Vieles  aber  übergangen  war.  Davoust  hatte  aus  der  Bank
7*506,956  Mrk.  genommen,  wofür  Frankreich  im  Jahre  1816  %  Mill.
Fres.  Renten  (ein  Capital  von  10  Mill.  Fres,  repräsentirend)  vergütete.
Der  Gesammtschaden  Hamburg*s  durch  die  franz.  Herrschaft  wird  zu  89
Mill.  Thlr.  berechnet.  —  Der  Schaden,  welchen  der  grosse  Brand  vom
5.  bis  8.  Mai  1842  verursachte,  ist  zu  90  Mill.  Thlr.  veranschlagt.  Es
wurden  4219  Gebäude  in  75  Strassen  eingeäschert.
Militär.  Werbung,  so  weit  nöthig  Conscription.  Dienstzeit  6  Jahre,
vom  21  Altersjahre  an.  Bestand;  2  Bataillone  Linien-Infant.,  1686M.,
Jägerabtheilung  120,  Pioniere  21,  2  Schwadr.  Dragoner  336,  zus.  2163.
—  Bürgermilitär,  etwa  10,000  M.,  neml.  ;  2  Comp.  Fussartillerie,
9  Bataill.  Infanterie,  I  Bat.  Jäger,  1  Escadr.  Cavallerie.

Handel*).  Seit  1857  wird  nur  noch  der  Betrag  der  Ein-,  nicht
mehr  jener  der  Ausfuhr  aufgezeichnet,  da,  »wie  interessant  auch  handelsstatistische ­
  Tabellen  sein  mögen,  dieselben  ein  Hinderniss  für  den
freien  Verkehr  nieht  sein  dürfen.  «  (Bei  Vergleichungen  ist  hierauf  gebührend ­
  Rücksicht  zu  nehmen.)  Die  blosse  Einfuhr  betrug:

Jahr  Centner  dav.  «eewärta  **)
1846  18*535,648  10*390,832
1850  24*993  051  14*134,258
1854  29*854,015  15*729,391
1855  31*767,006  18*805,106
1856  36*817,042  22*352,431
1857  36*803,571  20*649,058

Geldwerth
281*665,730  M.  Beo.
353*136,070
530*668,030
528*558,190
654*872,080
688*849,300

*)  Tabellarische  Uebersichten  des  Hamburgischen  Handels  im
Jahre  1863,  zusammengestellt  von  dem  handelsstatistischen  Büreau.
**)  Der  Rest  landwärts,  aus  Binnen-Deutschland.
        <pb n="329" />
        20*

DEUTSCHLAND.  —  Hamburg

307

Jahr
185S
1859
1800
1861
1862
1863

Centner
32’200,550
33’652,039
37’822,469
38’939,631
38’222,079
41'516,U11

dav.  seewãru
19’6.57,977
19’154,804
20’3S5,211
21'123,159
20’993,450
23M  88,783

Oeldwerth
502’206,800  M
57ri80,850
609*905,710
612*682,000
640*841,960
738*665,510

1863  betrug  der  Werth  der  Einfuhr  zur  See  398*238,
340  427,140  M.  Beo.  —  Die  bedeutendsten  Einfuhren
folgenden  Ländern  (in  Mark  Beo.)  ;

Bc

and

zu

füe»

er

aus

Seewärts  :
Vereinigte  Staaten  .
Amerik.  Westküste  .
Brasilien  ....
Cuba
Venezuela  ....
Hayti
China
ÍBrit.  Ostindien
I—  Singapore  .  .  .
Porto  rico  ....
Mex.  Ostküste  .  .

Grossbritanien
Frankreich  .  .
Niederlande
Belgien  .  .  .

13*937,150
11*826,520
10*474,080
8*476,730
6*735,390
3*580,850
2*363,710
1*908,040
414,110
1*595,390
1*077,650
227*662,170
13*571,630
10*395,220
6*439,690

Bremen  und  Weser  .  .  4*492,540
Italien  2*877,120
Norwegen  2*417,370
Spanien  2*093,770
Preussen  1*444,120
Kleinasien  793,400
Schweden  707,870

über  Altona  ....  56*521,600
Land-  and  flusswärts  :
Berl.-Hamb.  Eisenbahn  130*331,220
Fuhrposten  ....  101*573,470
über  Harburg  ....  37*872,790
Alton.-Kiel.  Eisenbahn  13*525,640
landw.  pr.  Fuhre  .  .  12*646,880
Lübeck  11*563,906
Niederelbe  6*250,240

Nach  grösseren  Gebieten  geordnet  betrug  die  Einfuhr  M.  B.  aus;

Australien
Asien  .  .  .
Afrika.  .  .
Südamerika
Westindien  .
Nordamerika

438,180
5*627,400
1*148,090
28*412,580
13*770,580
16*037,100

Nord-Europa  .  .  .
Grossbritanien  .  .
Süd-Europa  .  .  .
über  Altona  .  .  .
land-  und  flusswärts  .

27*336,420
227*662,170
20*684,250
56*521,600
340*427,140

Der  Handelsverkehr  des  einzigen  Platzes  Hamburg  mit  Grossbritanien ­
  übertraf  bis  1861  jenen,  den  ganz  Frankreich  mit  dem  genannten
Staate  führte,  um  die  Hälfte,  oft  sogar  um  das  Doppelte  und  dies,  obwol
  auch  in  der  franz.  Handelsliste  der  Verkehr  mit  England  längst  die
erste  Stelle  einnahm.  —  Was  den  Handel  mit  Amerika  betrifft,  so  war
es  im  J.  1778,  dass  zum  erstenmal  ein  Schiff  unmittelbar  daher  in  den
Hamburger  Hafen  einlief.  1863  wirkte  der  Krieg  auf  den  dort.  Verkehr.
Rhederei,  Ende  1863:  536  Seeschiffe  von  79,922  Commerzlasten
zu  6000  Pfund  (3  Tonnen)  ;  darunter  22  Seedampfer  von  5879  Comüierzlasten
  Tragfähigkeit.  —  Auswanderer  wurden  in  den  12  Jahren  von
1850—61  von  Hamburg  aus  268,771  befördert,  —  1850  erst  7,130,
m  den  vier  nächsten  Jahren  12,379,  29,035,  29,480,  50,819,  dann
(1855)  Rückschlag  auf  18,652.  1857  wieder  31,565,  1859  nur  13,242,
I860  16,215,  1861  14,399,  1862  20,077,  1863  24,681  (wov.  15,692
nach  New-York).
Noch  im  J.  1840  bestand  die  Hamburger  Marine  erst  aus  193  Seeschiffen ­
  von  15,875  Commerzlasten  Tragfähigkeit  ;  1843  waren  die  Zahlen ­
  207  u.  17,220,  1853  408  u.  42,565.  —  Der  Schiffsverkehr  1863:
Eingelaufen  5,543  Seeschiffe  von  481,216  Lasten  mit  55,125  Seeleuten.
Abgegangen  5,548  -  -  480,696  -  -  55,086
        <pb n="330" />
        •  ‘  ‘  14.  »  I

308  DEUTSCHLAND.  —  Hamburg.  Bremen.
Das  ungünstigste  Verkehrsjahr  war  seit  lange  1858,  in  welchem  blos  4,364
Seesch.  von  368,220  La.st  ankamen  und  4,377  Sch.  v.  369,512  L.  abgingen.
Assekurirt  gegen  Seegefahr  wurden  :
Mark  C.  Mittlere  Prämie

1814
1824
1834
1844
1854
1855
1856

41’791,000
lüO’579,000
189’434,000
293’694,000
522’611,200
527’644,800
678’867,200

3^^
2%.
IVs
l‘Vs
17.6
1%.
iy.6

Proc.

1857
1858
1859
1860
1861
1862
1863

Mark  C.
733’697,900
538’689,900
578’852,000
617’131,900
625’743,300
598’538,100
654’617,500

Mittlere  Prämie
17g  Proc.
17,0
l“/.00
1*7.00
1*7.00

Der  Wechsel-Verkehr,  soweit  dem  Stempel  unterliegend:

1853
1854
1855
1856
1857
1S58

Zahl  der
Wechsel
281,835
303,053
324,327
361,449
392,720
352,436

Betrag
M.  Beo.
532’692,000
5S6’525,00Ü
649’257,000
669’590,000
993’072,000
526’582,000

1859
1860
1861
1862
1863

Zahl  der
Wechsel
276,734
295,655
310,679
311,774
315,135

Betrag
M.  Beo.
54  7’964,000
587’691,000
649’012,000
675’!  05,000
662’156.000

Münze,  Maasse;  1  Mark  Banco  =  V,  Thlr.  preuss.,  genauer:  100  M.B.  =
50,5632  Vereinsthlr.  Dagegen  :  1  Mark  Courant  =  7,  Thlr.  Die  Mark  abgethcilt
  in  16  Schillinge  zu  12  Pfenn.  —  100  hamb.  Fuss  (zu  12  Zoll  à  8  Linien)
=  91,3  preuss.  Fuss  oder  28,66  Met.  —  Getreidemaass:  die  Last,  zu  60  Fass;
100  Fass  =  loo  preuss.  Scheffel  od.  54,96  Hectol.  —  100  Hamb.  Viertel  =
632,77  preuss.  Quartier  od.  724,55  Liter.  Seit  1858  das  Zollpfund  eingeführt,
gleich  r031,759  alte  Pfund.  —  Die  »Commerzlast«  =  60  Ct.  oder  3  Tonnen.

33.  Bremen  (Freie  Stadt.)

Areal  47;  Q.-Meil.  (99,804  Br.  Morgen)  Bevölkerung  am  16.
Febr.  1862:  98,467.  1865  104,091  Menschen;  1862:  18,728  Gebäude, ­
  wov.  13,831  Wohnhäuser.

Bevölk.  1865
Stadt  Bremen  70,692  Einw.
Landgebiet  .  21,983  -
Stadt  Vegesack  3,981  -
Bremerhaven  7,135  -
1862;  niännl.  48,579
weibl.  49,888

Frühere  Volkszahl

1823
1834
1842
1849
1855

55,989
64,670
72,820
79,102
88,877

Confessionen.
Die  Einwohner  sind  Protestanten, ­
  bis  auf  etwa  1500  Katholiken ­
  und  50  Juden.

1861:  3099  Geburten  (dav.
263  unehel.),  2293  Sterbfölle,
811  Trauungen.
Stadt  Bremen  1807  36,041  Einw.,  1823  39,493.
Nachdem  Bremen  im  Jahre  1803  eine  Gebietsvergrösserung  erlangt,
ward  es  1810  durch  Napoleon  erst  dem  Königreiche  Westfalen,  dann
Frankreich  unmittelbar  ein  verleibt,  als  Hauptort  des  Weserdepartements.
—  1813  Wiedererstehen  des  Freistaats.  —  1827  erkaufte  man  um

*)  Dass  zu  Bremen  die  Statistik  nicht  vernachlässigt  wird,  beweisen  die  mit
Fleiss  und  Verständniss  ausgeführten  schätzbaren  Arbeiten  des  statist.  Büreaus,
namentlich:  »Zur  Statistik  des  Bremischen  Staats.  Herausgegeben  v.  dem  provis.
  Büreau  f.  die  Staatsstatistik.  1862«  (die  Resultate  der  Volkszählung  enthaltend), ­
  und  »Tabellarische  Uebersicht  des  Bremischen  Handels  im  J  1863  [ebenso
1862],  zusammengestellt  durch  die  Behörde  für  die  Handelsstatistik«  (1864).
        <pb n="331" />
        DEUTSCHLAND.  -  Bremen.

309

77,200  Thlr.  Gold  von  Hannover  ein  Gebiet  von  357  Hannöver.  Morgen, ­
  worauf  Bremerhaven  angelegt  ward  (dermal.  51  7  Bremer  Morg.)
Das  Budget  für  1864  schloss  so  ab:
Ausgabe  ordentl.  1'456,507  Thlr.

Finanzen.
Einnahme  ordentl.  1'200,851  Thlr
ausserord.  271,613
Zus.

ausserord.
Zus.

316,708  -
1'773,215  ThbT

571,464  Thlr.
sonach  Deficit:  im  ordentl.  Etat  von  156,656,  im  ausserordentl.  von
45,005,  —  zus.  V.  201,752.  Doch  sind  die  Einn.  gewöhnl.  zu  niedrig,
die  Ausgaben  zu  hoch  veranschlagt.  So  ergab  die  Jahresrechnung  von

Einnahme,  budgetirt  1'453,075,  wirklich  1’676,425,  =  mehr  222,450  Thlr.
Ausgabe,  -  1'868,024,  -  1'750,803,  =  wenig.  117,221  -
Die  Rechnung  des  Jahres  1863  lieferte  nach  Hauptrubriken  folgende ­
  Ergebnisse  :

Einnahmen  ;

aus  directen  Abgaben  (274,180  ord.,  154,667  ausserord.)  =  428,847  Thlr.
-  indirecten  Abgaben  730,405
-  dem  Eigenthume  des  Staates  454,657
ordentl.  Einnahmen  aus  andern  Titeln  80,565
Einnahmen,  erzielt  durch  Veränderung  der  Activa  .  .  226,014
Zusammen  (1855  erst  l'l02,46lj  1'030,388  Thlr.

Ausgaben:

Gesetzgebung  und  allgemeine  Verwaltung  227,166  Thlr.
Justiz  (ausschl.  Baukosten)  40,261
Gewerbe,  Handel  und  Schifffahrt  :
a.  besondere  Staatszwecke  52,400
b.  öffentl  Bauten  853,028
c.  öffentl.  Communicationsmittel  44,887
öffentl.  Wohlthätigkeit  384
Gesundheitspflege  5,607
Cultur  718
Erziehung  und  Unterricht  84,042
Wissenschaft  und  Kunst  30,184
^3itär  147,583  -
Finanzverwaltung  und  allgemeine  Lasten  774,827
Ausgaben  zur  Vermehrung  der  Activa  26,808

Zusammen  (1855  erst  1'300,294)  2'306,174  Thlr.
4(  0  346)  für  die  Schuld  betrug  564,001  Thlr.  (1855  erst  367,118,  1850
Unter  den  einzelnen  Auflagen  nennen  wir  zuerst  die  Einkommens  Steuer.
Einkommen  unter  250  Thlr.  sind  steuerfrei  ;  solche  zwischen  250  und  300  entrichten ­
  1  Th.,  von  400  bis  400  dagegen  2%  ,  von  500  an  aber  1  I»roc.  Die  Abgabe ­
  ist  stets  nach  dem  wirkl.  Einkommen  des  Vorjahrs  zu  entrichten.  Eigenthümlich
  ist  die  Art  der  Erhebung  dieser  Steuer  :  Nur  die  ersten  5  Thlr.  werden
offen  vor  der  fungirenden  Deputation  bezahlt;  was  der  Steuerpflichtige  darüber ­
  schuldig  ist,  wirft  er  in  eine  grosse  Kiste  mit  einer  offenen  Spalte,  wobei
ihn  nur  sein  früher  abgelegter  Bürgereid  bindet,  indem  ihn  Niemand  controliren
  kann.  Gleichwol  hat  die  wirkliche  Einnahme  meistens  den  Voranschlag
übertroffen  ;  dieselbe  betrug  :

1850  50,546  Thlr
51  58,627  -
52  56,000  -
53  68,101  -
54  83,600  -

1855  86,230  Thlr.
56  03,737  -
57  101,502
58  69,380  -
59  77,330  -

I860  85,000  Thlr.
61  00,087  -
62  118,030  -
63  110,406  -
64  08,544  -
        <pb n="332" />
        /

/g

310

DEUTSCHLAND.  —  Bremen

Schuld,  Ende  1863  11’481,317  Thlr.  Ld’or,  neml.  :
3'/z  proc.  Schuld  B’814,953
4  -  gewöhnliche  Schuld  10,000
4‘/»  -  Ei.senbahnanlehen  von  1859  (4  Mill,  preuss.  Thlr.)  4’406,364
Im  Jahre  1811  betrug  die  Schuld  3’641,815  Thlr.  Die  Last  war
um  so  grösser,  als  das  mit  dem  Vermögensschosse  besteuerte  Capital  im
ersten  Decennium  dieses  Jahrhunderts  nur  zwischen  24  —  30  Mill,  umfasste. ­
  Die  franz.  Occupation  schlug  dem  Wohlstände  solche  Wunden,
dass  das  Vermögen  1813—20  blos  allmählig  von  17  auf  20  Mill,  stieg,
und  erst  1826  die  frühere  Höhe  wieder  erreichte.  —  Der  Schoss  von
1854  dagegen  vertrat  bereits  ein  Capital  von  mehr  als  83%  Mill.,  der
von  1863  ein  solches  von  127y,  Mill.  (1730  —  39  durchschnittlich  nur
10,7  Mill.)*)  —  1828  waren  von  der  alten  Schuld  noch  2’610,000Thlr.
rückständig.  Aber  schon  1827  hatte  man  mit  neuen  Anlehen  zu  productiven ­
  Zwecken  begonnen.  Das  »Bremerhaven-Anlehen«  von  602,000
Thlr.  eröffnete  1827  —  31  den  Reigen.  Dann:  1845  Eisenbahnanlehen
von  2’737,000;  1847  neues  Bremerhavenanlehen  von  1  Mill.  etc.  —
Im  Febr.  1863  erfolgte  die  Convertirung  der  4%  proc.  Schuld  von  184  7,
48,  55,  56  u.  57  in  eine  3%  procentige.  Den  Gläubigern  wurde  Baarzahlimg
  oder  Annahme  der  neuen  Papiere  im  Curse  von  92  angeboten.
Militär.  Werbung  auf  5  Jahre  zu  200  Rthlr.  ;  ausserdem  erhalten
die  Geworbenen,  nebst  der  Löhnung,  jährl.  mindestens  40  Thlr.  Nöthigenfalls
  Conscription.  —  Bestand:  1  Füsilier-Bataill.  von  760  M.,  in
der  Neuzeit  erhöht  auf  809,  wogegen  das  Cavallerie-  und  Artilleriecontingent
  von  Oldenburg  gestellt  wird.  Die  früher  bestandene  Bürgerwehr
(1  Regim.  von  3  Bataill.)  existirt  nicht  mehr.

*)  Der  bremische  Vermögensschoss  ist  im  Jahre  1803  zum  ersten  Male  nach
9  Jahren  wieder  erhoben  worden  und  zwar  in  der  Höhe  von  Vs  Vo  von  allem  Vermögen ­
  über  3000  Thlr.  und  von  ‘/,*  %  von  dem  Vermögen  von  1000  bis  3O0o  Thlr.
Der  Vermögensschoss  brachte  1803  eine  Einnahme  von  151,000  Thlr.  ,  was  ein
Vermögen  von  127  Mill.  Thlr.  repräsentirt.  Aus  einer  Vergleichung  mit  früheren ­
  Jahren,  welche  das  bremische  statistische  Büreau  bis  zum  Jahre  1730  zurückgeführt ­
  hat,  ergibt  sich  ,  dass  die  Verinögenszunahine  im  vorigen  Jahrhundert
und  selbst  noch  in  den  ersten  Jahrzehnten  unsers  Jahrhunderts  eine  äusserst
langsame  war,  wenn  man  sie  mit  der  rapiden  Steigerung  in  der  zweiten  Hälfte
unsers  Jahrhunderts  vergleicht.  Von  1730  bis  1800  stieg  das  der  Vermögenssteuer ­
  untenvorfene  Vermögen  Bremens  nur  von  10  auf  20  Mill.  Thlr.,  während
sich  die  Zahl  der  Steuernden  kaum  verdoppelte  und  nur  von  005  auf  1299  Personen ­
  stieg.  Dagegen  hat  sich  das  Vermögen  Bremens  von  1849  bis  1803  von
04  auf  127  Millionten  Thlr.  vermehrt  und  die  Zahl  der  Steuernden  ist  in  derselben ­
  Zeit  von  5773  auf  8050  gestiegen,  während  die  Zahl  derjenigen,  welche
über  3000  Thlr.  im  Vermögen  haben,  in  den  letzten  14  Jahren  von  3100  auf  4993
sich  vermehrte  —  ein  Beweis,  wie  falsch  die  Behauptung  ist,  dass  unsere  hochgestiegene ­
  Cultur  nur  wenige  Menschen  auf  Kosten  Vieler  reich  gemacht  habe.  —
Anlangend  die  Ergebnisse  des  Einkommenschosses,  so  ist  derselbe  in  den
Jahren  1847—1803  von  48,457  auf  98,544  Thlr.  gestiegen.  Das  Einkommen,
welches  der  Schoss  repräsentirte,  war  1847  nur  5,  Millionen,  dagegen  1803
11  Millionen  Thaler  und  ina  Jahre  1802  12,  Millionen.  In  dem  guten  Geschäftsjahre ­
  1850  repräsentirte  die  Steuer  ein  Einkommen  von  10,  Mill.  Thaler.  Im
Jahre  1857  sank  das  Einkommen  auf  7y  Millionen  Thlr.  herab,  da  der  Einkommenschoss ­
  nur  09,388  Thlr.  aufbrachte.
        <pb n="333" />
        DEUTSCHLAND.  —  Bremen.

311

Einfuhr

Ausfuhr

Handel.
1856
1857
1858
1859
1860
1861
1862
186;i

BruUo-Cir.
10’947,267
11’290,676
11'106,153
11’783,651
14’678,412
15’592,410
15’642,178
14’179,586

Werth  Ld’or  Klh.
66’091,522
74’004,780
56’454,749
68’865,259
71’504,302
69’561,503
67’000,863
67’145,146

Seewärts  kamen  1863:  6’639,173  Cntr.
gingen  -  4’324,689

Bnitlo-Clr.
6’658,620
5’850,837
6’078,853
6’707,942
8’068,062
6’833,266
6’997,015
6’818,718

Werth  Ld’or  Rih.
61’475,297
62’609,472
55’.349,792
64’311,845
70’068,298
62’824,985
61’374,916
60’406,656

zu  45’375,93?  Ld’or  Thlr.
-  29’089,075

Der  Verkehr  mit  den  einzelnen  Gegenden  betrug  in  Ld’or  Thlr

^  Einfuhr  aus
Zollverein  20’665,400
übriges  Europa.  15’324,327
Grönland  und  Brit.  Nordamerika  ....  131,681
Vereinigte  Staaten  10’989,710
Mexico  und  Centralamerika  .  .  ...  398,997
Südamerika  9’702,9I0
Westindien  4’715,090
Africa  177,750
Asien  4’521,786
Australien  und  Sandwich-Inseln  ....  517,495
zur  Ausrüstung  der  HandelsÜotte  ....  —
Auf  den  Verkehr  mit  Grossbr.  kommen  8’580,104  Ein-  u.  4’027,428  Ausf.,
mit  Erankr.  692,068  Ein-  und  494,664  Ausf.
In  einigen  frühem  Jahren  betrug  der  Werth  der

Ausfuhr  nach
30’497,680
17’625,023
42,322
8’6S3,042
223,726
876,826
944,479
206,156
219,363
349,489
738,550

1852
1853
1854
1855

Einfuhr
40’401,S04
48’206,229
53’686,6I2
51’214,990

Ausführ
37’398,139Ld.Rthl.
44’762,449  -
47’835,449  -
48’248,310  -

Beförderung  von  Auswanderern
1832-57  in  4739  Schiffen  .  685,768
1858—63  -  851  -  125,388
Zus.  in  32  J.  5590  Schiffe  811,156
:dav.  1854  76,875,  I860  30,296,  1863
18,175)  1864  27,529  in  104  Sch.
302  Seeschiffe  mit  einer  Tragfähigkeit  von
103,102  Lasten  zu  2  Tonnen  oder  4000  Pfund;  darunter  10  Dampfer
mit  9801  Lasten  (1853:  241  Schiffe,  nur  von  57,873  Lasten),  dagegen
Ende  1858  279  Seeschiffe  von  90,002  Lasten.
Der  versteuerte  Werth  von  Grundstücken  (IV*  pr.  mille)  stieg  so
in  Ld.  Thlr.  :

Rhederei  Yjwàç  1803

1820  1830  1840  1850  1860  1862  1863
11’648,375  12’335,250  22’866,000  30’839,250  42’339,666  61’019,000  64’000,000
Rechnet  man  das  steuerfreie  Grundeigenthum  des  Staats  mit  4  ,  das
der  Kirchen  und  Schulen  mit  wenigstens  1  Mill,  dazu,  so  stellt  sich  der
Werth  alles  Grundeigenthums  auf  mindestens  09  Mill.  Thlr.  Gold.
Sparcasseneinlagcn  ;  erst  379,635,  1841:  1’002,800;  1851  :  2’325,913  ;
1861  (Juli)  5’475,740.  (Ende  1862  kamen  auf  lOO  Einw.  nicht  weniger  als  35
Sparcassebücher,  und  auf  jeden  Einwohner  traf  durchschnittl.  ein  Sparcasseguthaben
  von  63  Thlr.  Gold.)
Münze,  Maaeec.  Bremen  rechnet  nach  Rcichsthalern  zu  72  Groten,  in  Pistolen ­
  zu  5  Thlr.  (5  Thlr.  Gold  =  5%  Thlr.  Courant).  100  Brem.  Fuss  =92,19
preuss.  oder  28,93  Met.  100  Brem  Ellen  =  86,72  preuss.  —  Der  Brem.  Scheffel
-  1,35  preuss.  Scheffel  od.  74,1  Lit.  —  Das  Oxhoft  =  6,19  preuss.  Quart  od.
217,44  Lit  —  Seit  1858  Zollgewicht.
        <pb n="334" />
        312

DEUTSCHLAND.  —  Lübeck.

33,  Lübeck  (Freie  Stadt.)*)

Areal  6  Q.-M.  Bevölkerung,  1.  Sept.  1802  50,399  E.,  nemlich

Stadt  Lübeck  27,249
Vorstädte  4,049
Landgebiet  12,459
Hälfte  V.  liergedorf  (Gemeinschaft ­
  mit  Hamburg)  .  6,042

Frühere  Volkszahl

1815
1845
1852
1857

44,600
46,845
48,425
49,482

Confessionen
49,426  Lutheraner
427  Reformirte
262  Katholiken
102  and.Christ.
605  Juden.

Nachdem  der  Reichsdeput.  -  Schluss  1803  das  Gebiet  vergrössert,
vereinigte  Napoleon  dasselbe  am  31.  Dec.  1810  mit  Frankreich  (Depart,
der  Elbemündungen).  1813  Wiedererlangung  der  Selbständigkeit.
Finanzen.  Das  Budget  für  180  4  schliesst  ab  mit  1’309,000  Mark
Einn.  und  1’314,000  Ausgabe,  beides  Netto-Summen.  Die  wichtigsten
Positionen  sind  :

Einnahme;  Domänen  einschl.  Forste  303,000,  Berechtigungen  und  Concessionen
  27,000,  Verschiedenes  (Zinsen  und  Dividenden,  von  Actien  der  Lübeck-Büchener
  Eisenbahn,  Gebühren  der  Behörden,  Strafgelder  der  Gerichte)  286,000,
indirecte  Abgaben  525,000,  directe  Steuern  228,000  Mark.
Ausffaben;  Senat  und  Bürgerschaft  96,000,  auswärtige  Angelegenheiten
27,000,  Gerichte  u.  Polizei  155,000,  Verwaltung  66,800,  öffentl.  Bauten  u.  Lootsenwesen
  198,000,  Kirchen  und  Schulen  46,500,  Wohlthätigkeit  23,300,  Militärverwaltung ­
  156,500,  Pensionen  24,500,  Staatsschuld  521,000.
Der  Ueberschuss  dient  zur  Deckung  unvorhergesehener  Bedürfnisse. ­
  Auch  hier  werden  die  Einnahmen  durchgehends  zu  niedrig  veranschlagt, ­
  so  dass  sich  bedeutende  Uebcrschüsse  ergeben.  Diese  Ueberschüsse
  betrugen  1859  gegen  3(5,000  Mark,  18(50  aber  sogar  52,287,
während  ein  Deficit  von  18,838  vorgesehen  war.  —  Für  1803  waren
1’334,450  Mk.  Einn.  u.  1  '300,214  Bedarf  vorgesehen.  Die  wirkl.  Einkünfte ­
  stiegen  aber  auf  1’4  15,879,  während  die  Ausgabe  sich  nur  auf
1’328,(541  Mk.  erhob.  —  Der  Entwurf  des  Budgets  für  18(55  veranschlagt ­
  die  Einn.  zu  1’41  6,422,  den  Bedarf  zu  ('329,399  Mrk.
Schuld.  Lübeck  litt  1800  schwer  durch  die  Kriegscreignisse.  Der
Schaden  ward  auf  11  Mill.  Fres,  berechnet.  Auch  gab  es  später  Zwangsanlehen.
  Die  fundirte  alte  Schuld  war;

1820  1830  1844  1855
Mark  9’457,900  9’374,100  5’881,041  4'465,000
1849  und  50  wurden  für  Eisenbahn-  und  andere  Bauten  8  Mill.
Mark  neu  aufgenommen;  1861  war  der  Schuldbetrag  12’077,550  Mrk.
Weiter  wurden  18(53  aufgenommen  3*/,  Mill.  Thlr.  =  8’75O,OO0  M.
zum  Bau  einer  directen  Bahn  nach  Hamburg.
Militär.  Conscription  mit  Zulassung  der  Stellvertretung.  Dienstpflicht, ­
  wovon  2  Jahre  activ,  Ojähr.  Ausserdem  Bürgermilitär:  1  actives
und  2  Reservebataill.,  und  5  Bataill.  Landwehr.  —  Haupt-und  Reservecontingent:
  612  M.  ,  Ersatzcont.  67,  zus.  (579.  Die  Artilleriequote
wird  durch  Oldeuburg  gestellt.

*)  Vergl.  :  »Statistisches  Jahrbuch  der  freien  und  Hansestadt  Lübeck  für
das  Jahr  1862;  herausgegeben  vom  Verein  für  Lübeckische  Statistik«  (erst  1864
erschienen).
        <pb n="335" />
        DEUTSCH!,ANT).  —  Frankfurt  am  Main.

313

Handelsverhältnisse.  Lübeck  ist  von  seiner  einstigen  Höhe  als  Haupt
der  Hansa  bedeutend  herabgekommen,  theils  in  Folge  der  Umgestaltungen ­
  der  Zeit  und  der  feindlichen  Bestrebungen  des  benachbarten  Dänelüark,
  theils  durch  Festhalten  am  Veralteten.  Doch  verdienen  die  grossen
Anstrengungen  alle  Anerkennung,  welche  die  Stadt  in  der  Neuzeit  bes.
für  Herstellung  von  Eisenbahnen  gemacht  hat.
Einfuhr  (die  Ausfuhr  bleibt  unberücksichtigt)  in  Mrk.  Crt.  ;
1856  1857  1858  1859  1860  1861  1862
94S,851  78’7&amp;amp;9,7«iy  G4’095,905  5.V699,691  57’725,073  57’304,547  60’973,803
1863  stieg  der  Werth  der  Einfuhr  wieder  auf  61’967,421  Mrk.
(also  noch  nicht  %  von  1856).  Dazu  lieferten:  die  Eisenbahnen
37  781,031,  die  Seeschifffahrt  18  607,654,  Post,  Frachten  und  Flussschiffe ­
  5’578,736.  Die  wichtigsten  Bezugsländer  waren:  Russland  mit
8  527,660,  Schweden  3’848,469,  Grossbritan.  1*960,451,  Frankreich
1  573,1  18,  Schlesw.-Holst.  1*295,819,  Preussen  355,134,  Dänemark
345,154.
Rhederei,  anfangs  1863'  55  Seeschiffe  (darunter  14  Dampfer)  von
6355  Last  zu  4120  Lüb.  Pfd.  —  Hafenverkehr  1863  :  angekommen
1302,  abgegangen  1306  Seeschiffe  (darunter  373  Dampfer),  erste  von
91,656,  letzte  von  93,873Last;  1864  angek.  1484  Sch.  v.  1  15,500  Last.
Münze,  Maa/tse.  Die  Mark  =  10  Schillinge  à  10  Pfenn.  =  0,4118  preuss.
Thlr.  Jetzt  werden  2'/,  Mark  =  1  preuss.  Thlr.  gerechnet,  da  zufolge  Gesetz
V.  Dec.  1850  der  35  Mark-  oder  14  Thlr.-Fuss  eingeführt  ist,  der  Thlr.  à  40  Schill.
—  loo  Fuss  =  91,04  preuss.  Fuss  od.  28,70  Met.  —  Die  Elle  hat  2  Fuss.  —  100
Schelf.  Weizen  od.  Roggen  =  03,1239  preuss.  Schelf,  od.  3409,4  Liter;  100
Schelf.  Hafer  =  71,8941  preuss.  oder  3951,4  Täter.  —  Das  Fuder  Wein,  zu
4  Oxhoft  oder  0  Ohm  ;  die  Oxhoft  hat  0  Anker  oder  30  Viertel  ;  das  Viertel
2  Stübch.  ;  das  Stübchen  =  3,0375  Jdt.  ;  100  Stübchen  317,08  preuss.  Quart.
Das  Biermaass  ist  etwas  grösser.  —  Handelsgewicht  :  der  Centner  von  8  Liespfund
  oder  112  Pfund;  das  Pfund  Handelsgewicht  =  484,7078  Gramm;  das
Stadtpfund  480,47  Gramm.  Das  *  Schilfspfund»  hat  2%  Ctr.  Die  »Schiffslast«
4000  (4120)  Pfund,  die  Commerzlast  0000  Pfund.  —  f^it  1800  :  Annahme  des
Zollgewichts.

34,  Frankfurt  am  Main  (Freie  Stadt).
Areal  1%  Q.-M.,  Bevölkerung  im  Dec.  1861  *).  83,390,  wovon
71,462  in  der  Stadt,  1  1,928  in  den  8  Landgemeinden.  Von  obiger  Anzahl ­
  kommen  1018  M.  auf  das  Frankfurter  Militär,  während  die  Bundesgarnison ­
  (3,666  M.,  nemlich  1116  Oesterreicher,  1884  Preussen  und
666  Bayern)  nicht  eingerechnet  ist.  (Die  Zahl  der  Haushaltungen  war
1858  12,841,  wovon  10,780  in  der  Stadt.  Unter  den  Einwohnern  vom
Civil  befanden  sich  schon  damals  30*894  Fremde.)
*)  Einer  besondern  ehrenvollen  Er\%ähnung  verdienen  die  statist.  Arbeiten
über  die  Bevölkerung  Frankfurts  von  Dr.  Gust.  Bumiiz.  Sie  sind  mit  einer
Genauigkeit  durchgeführt,  wie  solche  überhaupt  nur  in  einem  so  kleinen  Staatsgebiete ­
  möglich  ist,  verdienen  aber  eben  darum  auch  besondere  Beachtung  bei
wissenschaftlichen  Forschungen.  Sie  finden  sich  abgedruckt  in  den  »Beiträgen
zur  Statistik  der  freien  Stadt  Frankfurt,  herausgegeben  von  der  statist.  Abthlg.
des  Frankfurter  Vereins  für  Geographie  und  Statistik.«
        <pb n="336" />
        314

DEUTSCHLAND.  —  Frankfurt  am  Main.

Confessionen  (1858)
Lutheraner  .  .
»Evangel.«  (Unirteetc
Deutscn-Reformirte
F  ranzös.  -Reform  irte
Röm.-Katholische  .
Deutsch-Katholische
Juden
Andere  Confessionen

43,946
1,416
5,448
460
15,788
428
5,733
164

Frühere  Bevölkerung

Jahr
1817
1823
1837
1846
1855
1858

Staat
47,850
50,824
63,936
68,240
74,784
79,278

dav.  Stadt
41,458
43,918
53,054
55,367
64,257
67,975

Frankfurt  ward  1806  von  Napoleon  zur  Bundesstadt  des  Rheinbundes, ­
  und  1810  zur  Hauptstadt  des  »Grossherzogthums  Frankfurt«  (unter
dem  Erzkanzler  Dalberg)  erklärt.  Dieser  neue  Staat  umfasste  95Q.-M.
und  302,000  Menschen,  in  den  4  Departemenlen  von  Frankfurt,  Aschaffenburg, ­
  Hanau  und  Fulda.  1813,  nach  der  Leipziger  Schlacht,  erlangte
Frankfurt  seine  Selbständigkeit  wieder.

Finanzen.  Nachstehend  der  Entwurf  des  Budgets  für  1865.  Da
indess  die  Einnahmen  immer  weit  niedriger  als  deren  Ergebniss  veranschlagt ­
  werden,  so  fügen  wir  zugleich  eine  Zusammenstellung  des  wirkl.
Ertrags  in  den  beiden  Vorjahren  hinzu  (bei  den  Ausgaben  treten  gewöhnl.
  einige  Ersparungen  ein,  doch  ist  der  Unterschied  nicht  sehr  bedeutend) ­
  .

Einnahmen  (im  Ganzen  zu  2  854,365  fl.  veranschlagt)  :
I.  Rechnei-Casse  (für  den  laufenden  Dienst).
wirkliche
1)  Gefälle  von  Grundeigenthum  1862  1883
a.  Stadtkämmerei  122,466  114,455
b.  Forstamt  .  .  .  .  .  .  .  .  145,059  127,170
2)  Regierungs-,Folizei-,Jurisdictionsgefälle,
Strafen,  Stempel,  Concessionen  und  Admodiationen
  449,388  493,897
3)  Accise  und  Consumtionsabgaben  .  .  539,811  574,157
4)  Handelsabgaben  628,931  659,191
5)  Telegraph  .  .  1,088  1,275
6)  Stadtbeleuchtungs-u.  Chausseeeinnahme  49,191  49,957
7)  Abgabe  der  Dorfschaften  13,700  13,231
8)  Verschiedenes  29,030  9,1(19
9)  Städtische  Verbindungs-u.  Hafenbahn  14,561  12,900
10)  Wasserleitung  10,079  8,795
2’003,310  2’064,141

II.  Schuldentilgungs  -Casse:
1)  Eisenbahnen
2)  Einkommensteuer
3)  Wohn-  und  Miethstiuar
4)  Lotterie
5)  Zinsen  von  Acti  vean  italien,  Antrittsgelder, ­
  Erlös  von  verkauften  Gütern  .  .
III.  Pfandhaus

161,777
215,180
131,450
227,755

466,645
233,589
104,683
226,651

36,054  28,796

1’075,216
12,200

1'060,364
12,200

muthmassl.
1865
106,541
85.000

430,100
523,240
634,300
1,400
48.000
13,234
6,850
14.000
9,500
1’872,165
400.000
230.000
115.000
200.000
25,0(10
970,000
12,200

Ausgaben  (Voranschlag  für  1865,  zus.  2  849,136  fl.,  neml.):
I.  Rechnei-Casse:

1)  Obere  Staatsbehörden  und  Canzleien  .  .  165,667
2)  Justiz  151,944
3)  Verwaltung  574,611
4)  Militär  366,388
5)  Polizei  208,820
        <pb n="337" />
        ö)  Sanitãtsamt  5,200
7)  Kirchen-,  Schul-  und  Studienwesen  .  .  ,  125,802
8)  Armenwesen  84,442
9)  Verschiedenes  5,000
10)  Pensionen  161,076
11)  Staatsdiener  Wittwen-  und  Waisencasse  .  20,000

TT  o  ,  .  1*866,950
■ti.  Schuldentilgungs-Casse:  521,000fl.  —  Es  bleibt  nach  Abzug  dieser
Summe  von  den  der  Casse  zugewiesenen  Einnahmen  ein  Ueberschuss  von
449,000  fl.,  welcher  zur  Minderung  der  Schuld  zu  verwenden  ist.
in.  Pfandhaus  !  12,186  fl.

Schuld  am  31.  December  1864.

Rehuid  für  verschiedene  Anlehen  7*540,220
^^.nlehn  bei  der  Bank  (unverzinslich)  *)  .  .  .  1*000,000
Eisenbahnschuld  6*968,800

Dazu  Obligationen  zur  Ablösung  der  Realgerechtigkeiten) ­
  **)  1*419,000
Zusammen  16*928,020  fl.

Der  Antheil  Frankfurts  bei  Herstellung  der  3  grössern  Eisenbahnen ­
  betrug  7*868,060  fl.  —  Ein  im  Wesentlichen  bereits  gewonnener
Process  gegen  Rheinuferstaaten  wird  der  Stadt  eine  Entschädigung  von
nngef.  1  Mill.  fl.  gewähren.
Aus  der  Ftnanzgesehichte  cx'K&amp;amp;hnGn  wir:  Custine  auferlcgte  der  Stadt
ini  Oct.  1792  eine  Contribution  von  2  Mill.  Gulden,  Kleber  im  Juli
1796  8  Mill.  Fres,  und  Augereau  im  Jan.  1806  4  Mill.  Fres.,  natûrl.
ungerechnet  die  Einquartierungslasten  und  den  Verlust  an  confiscirten
und  verbrannten  englischen  Waaren.
Militär.  Werbung.  Seit  1859  werden  für  eine  Capitulationszeit
Von  4‘/e  Jahren  (früher  6'/*  Jahre)  300  fl.  Handgeld,  und  an  Sold,  Casernirung
  und  Menagezulage  tägl.  19  Krzr.  gezahlt;  nach  lOjähriger
Dienstzeit  Soldzulage.  Frankfurt  ist  der  einzige  Staat,  dessen  Contingent ­
  vom  Bundestage  über  das  gewöhnliche  Verhältniss  erhöht  ward,  da
es  keine  Reiterei  und  Artillerie  liefert.  Nach  der  Bevölkerung  sollte  die
freie  Stadt  im  Normalcontingent  blos  479  M.  stellen,  statt  deren  werden
693,  und  mit  Erhöhung  und  Ergänzung  1044  M.  gefordert.  Gemäss
des  Bundesbeschlusses  vom  17.  März  1859  musste  Frankfurt  sein  Contingent ­
  sofort  auf  895  M.  bringen;  1862  sollten  es  1018  Mann  sein.
Sociales.  Von  1836—58,  während  die  Bevölkerung  um  20  Procent
Zunahm,  hat  sich  die  Zahl  der  selbständig  arbeitenden  Meister  in  den
zünftigen  Gewerben  um  24%,  die  ihrer  Gesellen  um  6%  vermindert;
die  freien  und  Fabrikgewerbe  hoben  sich  dagegen.
Handel  I860:  Einfuhr  4*134,109,  Ausfuhr  2*448,508  Cntr.  ***)

*)  Für  Verleihung  des  Rechtes  der  Notenemission  hatte  die  Bank  der
Staatscasse  eine  Mill,  unverzinslich  zu  leihen.
**)  Die  für  die  Schirnen  vergütete  Entschädigung  wird  durch  die  zu  diesem
Zwecke  eingeführte  Schlachtgebühr  verzinst  und  getilgt.
***)  S.  die  Abhandlung:  »Der  AVaarenhandel  und  Verkehr  der  freien  Stadt
Frankfurt  seit  deren  Anschluss  an  den  deutschen  Zollverein,  1836—66,  vom  k.
bayr.  Oberzollinyiector  Otto  Frhrn.  v.  Au/aessu,  in  den  »Beiträgen  zur  Statistik
der  freien  Stadt  Frankfurt,  1.  Bd.,  4.  Hft.«,  in  welchem  auch  eine  Abhandlung
über  »den  Mainverkehr  und  die  Mainzölle  von  1847—60«  von  demselben  Verf.
        <pb n="338" />
        Dritte  Abtheilung.
Die  übrigen  europäischen  Staaten.

Italien.

Bei  der  ersten  Ausgabe  des  gegenwärtigen  Werkes,  und  zum  Theil
selbst  bei  der  zweiten,  bedurfte  es  einer  besondern  Rechtfertigung,  warum ­
  wir  die  Halbinsel  als  Ganzes  schilderten,  entgegen  der  bekannten
Auffassung  Metternich's  :  »  Es  gibt  kein  Italien  ;  es  ist  diese  Benennung
nur  eine  geographische  Classification.  «  Behufs  des  Zusammenfassens
dieser  Einzelstaaten  mussten  wir  Italien  damals  eine  gesonderte  Abtheilung ­
  widmen.  Beides  —  die  Rechtfertigung  und  diese  gesonderte  Abtheilung ­
  —  erscheint  nunmehr  ilberfiflssig.
Sehen  wir  ab  von  einzelnen  Grenzdistricten*),  so  hat  sich  Italien
nunmehr  folgendermassen  gestaltet  :
Q.-M.  Bevölkerung
Königreich  Italien  (Bev.  18H2)  4,670  21’776,95:t
Kirchenstaat  (Rest,  1853)  .  .  214  682,489
Halbsouverän:  Monaco  (1857)  %  7,627
San  Marino  (1850)  1  5,700
Zus.,  italien.  Staaten  4,885  22’472,769
Hiezu  :  Venetien  (österreichisch)  ,.  .  457  2’446,056
Corsica  und  Nizza  (franz.)  .  .  215  379,413
Malta  (englisch,  1860)  ...  10  147,683
Zus.  5,567  25'445,92f

Historische  Notizen.  I.  Italien  1788.

Staaten
Sardinische  Staaten  .
Neapel  und  Sicilien  .
Römischer  Staat  .
Toscana,  Grossherzogth
Parma,  Herzogthum  .
Modena  ditto

1,260
2,175
750
380
90
92

nevoiKerung
3’200,000
6'000,000
2’200,000
1’000,000
250.000
320.000

17  Mill.  Lire
5Mill.])ucati
2Mill.Rhlr.
3  -  -
1  -
800,000  -

ouuuiuen
keine
unbekannt
7  Mill.  Rthlr.
bekannt  keine
dto.
dto.

*)  Das  an  sich  gewiss  richtige  Princip  der  Nationalität  wird  in  Fällen,  in
denen  es  sich  um  Grenzbezirke  handelt,  niemals  bis  zur  äussersten  Consequenz
durchgeführt  werden  können.  Dies  hat  besonders  treffend  nachgewiesen  Karl
Blind  in  der  kleinen  Schrift:  »Ueber  Staat  und  Nationalität.  London  1859.«
Nicht  nur  Correnti  und  Maestri  (in  dem  verdienstvollen  »Annuario  IStatisiico-Italianon),
  sondern  sogar  die  officielle  Statistica  del  Regno  d^Italia  ;  Popolazione,
hat  sich  nicht  entblödet  (Introduzione,  p.  XLI)  ,  keineswegs  blos  Venetien,
Nizza,  Corsica  und  Malta,  sondern  auch  noch  Triest,  Istrien,  Görz,  Südtirol,
den  Schweiz.  Cant.  Tessin  und  einen  Theil  von  Graubünden  für  Italien  in  Anspruch ­
  zu  nehmen.
        <pb n="339" />
        ITALIEN.

317

Staaten
Republik  Venedig
Genua  .  .
Lucca  .  .
-,  ,  -  Ragusa  .  .
Malteserordens-Staat
Lombardei  (Oesterreich)
Insel  Corsica  (Französ.'

Q-M.
865
90
18
22
10
192
160

Bevölkerung
2*600,000
400.000
120.000
56,000
130,000
1*300,000
130,000

Einkünfte
8  Mill.  -
2  -  -
unbekannt
dto.
80,000  Scudi
3  Mill.  ff.

Schulden
40  Mill.  Rthlr.
*)
keine  bekannt
dto.
dto.
dto.
keine

Gesammtsumme  6,100  17,700,000  28Mill.Rthlr.  50  Mill.Rthlr.

Bestandtheilé  der  einzelnen  Staaten  :
^rdimen.  Fürstenth.  Piemont,  Herzogth.  Savoyen,  Insel  Sardinien.
■^eapel  und  Sicilien.  Zwei  gesonderte  Königreiche.
Römischer  Staat.  Das  spätere  Gebiet,  ausserdem  die  Grafschaften  Avignon  und
Venaissin,  40  Q.-M.  und  55,000  Einw.
R^rma.  Die  Herzogth  timer  Parma,  Piacenza  und  Guastalla.
Modena.  Herzogth  timer  Modena  und  Mirándola  und  Fürstenth.  Novellara.
Venedig:  Q.-M.  Bevölk.
a.  Terra  firma,  oder  il  Dominio  Veneto**)  ....  625  2*103,000
b.  In  Dalmatien  und  Albanien  (Zara,  Spalatro)  .  ,  .  200  380,000
c.  In  der  venetianischen  Levante  (Ionische  Inseln)  .  .  40  120,000
^enua.  Genua,  Savona,  Finale,  die  Insel  Capr^a.
Malteserordens-Staat.  Insel  Malta,  mit  den  benachbarten  Inseln  Gozzo  u.  Comino.
ï^mhardei.  Bios  die  Herzogthümer  Mailand  und  Mantua  und  die  kais.  Lehen
in  der  Riviera  bei  Genua.

H.  Italien  in  der  Napoleonischen  Zeit  (1812).

Länder  ^  Bestandtheile  Q.*M.  Einwohn.
1.  Königreich  Italien  Lombardei,  Venedig,  Romagna,  die
Marken,  Istrien,  Südtirol,Modena  1520  6*500,000
2.  -  Neapel  Das  Festland  Unteritaliens  .  .  .  1548  5*000,000
3.  -  Sicilien  Die  Insel  491  1*700,000
4.  -  Sardinien  Die  Insel  .  440  500,000
5.  Franz.  Departements  Savoyen,  Piemont,  Genua,  Parma,
Theilev.  Modena,  Toscana  (Hetrurien),
  Rom,  Insel  Corsica  .  .  .1700  6*000,000
6.  Englische  Besitzung  Insel  Malta  10  100,000
Zus.  5700  19*800,000
Bemerkungen.

Zu  1.  Das  Königr.  Italien  war  in  25  Departeniente  getheilt.  Napoleon  selbst
war  König  dieses  Staates  ;  derselbe  sollte  jedoch  nach  ihm  nicht  mehr
von  einem  frank.  Kaiser  beherrscht  werden.
Zu  2.  Von  1806—8  unter  Joseph  Napoleon,  des  Kaisers  Bruder,  später  bis
1815,  unter  Murat,  des  Kaisers  Schwager.
Zu  3.  Unter  dem  alten  bourbonischen  Herrscher.
Zu  4.  Unter  dem  alten  savoyischen  Herrscher.
m.  Italien  Ende  1858.
Q.-M.  Bevöl-,
  kerung***)
L  Königr.  Sardinien  .  .  .  1,375  5*167,542
2.  Lombardo-Venetien  .  .  .  826  5*173,054
*)  Der  Staat  hatte  45  Mill.  Rthlr.  nach  Aussen  verliehen.
**)  Dazu  gehörten  das  heutige  venetianische  Gebiet,  ferner  die  Provinzen
Von  Brescia,  Bergamo,  Capo  d*Istria  etc.
*•»)  geben  die  Ziffern  möglichst  nach  den  damaligen  officiellen  Annahmen, ­
  welche  jedoch,  wie  sich  später  erwies  (bes.  was  Neapel  betrifft),  etwas  zu
noch  gegriffen  waren.  Dem  Königr.  Sardinien  war  damals  bekanntl.  noch  Savoyen ­
  und  Nizza  einverleibt.  ,

Staatsbedarf  Schuld
Lire  Lire
144  Mill.  660  Mill.
87  -  156  -
        <pb n="340" />
        318

ITALIEN.

Q.-M.  Bevölk.  Staatsbedarf  Schuld

3.  Herzogth.  Parma.  ...  113  500,000  10  Mill.  13  Mill.
4.  -  Modena  .  .  .  110  605,000  10  -  12  -
5.  Grossh.  Toscana  ....  403  1'807,000  40  -  118  -
6.  Kirchenstaat  mit  S.  Marino  729  3’130,000  81  -  :i66  -
7.  Beide  Sicilien  2,039  9'117,000  138  -  530  -
Hiezu:  Corsica  159  240,000  —  -  _
Malta.  .  .  .  .  .  10  140,000  —  -  _  _

5,664  25’880,000  5lOMill.‘~T7855  MÜL

Nationalitäten.  Italien  erfreut  sich  des  sehr  wesentlichen  Vorzugs
vor  allen  übrigen  grösseren  Ländern,  dass  gleichsam  seine  Gesammtbevölkerung
  der  gleichen  Nationalität  angehört.  Andern  als  italienischen
Ursprungs  sind  nur  (nach  der  Berechnung  des  Amiuarto  statistico-italiano
1858):  351,805  Friauler,  88,410  Albaner  oder  Amanten  (1461,  1532
und  1  744  nach  Apulien,  Calabrien  und  Sicilien  geflohen,  und  meistens
irrthümlich  Griechen  genannt,  da  sie  neugriechisch  sprechen),  41,044
Juden  (dav.  12,790  im  Kirchenstaate,  6820  im  frühemKönigreiche'sardinien,
  2950  in  der  Lombardei,  5406  im  Venetianischen,  680  in  Parma,
2710  in  Modena,  7688  in  Toscana,  etwa  2000  in  Neapel),  29,676  Slaven,
  23,350  Griechen,  19,084  Deutsche,  8500  Spanier  (Alghero  auf
Sardinien),  1000  Armenier,  390  Zigenuer.  —  Die  Zahl  der  Deutschen  hat
sich  in  Folge  Trennung  der  Lombardei  von  Oesterreich  vermindert.  Franzosen ­
  kommen,  abgesehen  von  den  mit  Frankreich  vereinigten  Landschaften, ­
  nur  vereinzelt  vor.
Confessionen.  Die  Einwohner  sind  fast  sämmtlich  Katholiken  ;  etwa
50,000  Protestanten  (worunter  die  früher  hart  bedrückten  Waldenser),
dann  die  Juden  und  eine  Anzahl  Griechen  bilden  Ausnahmen.

1)  Küiiig^reieh  Italien.

Dasselbe  besteht  aus  59  Provinzen,  1859  abgetheilt  in  193  Bezirke
ctVcowciam,  welche  zusammen  7720  Gemeinden  umfassen.  (Volkszählung
vom  Dec.  1861.)

1)  Piemont  und  Ligurien  024
2)  Lombardei  (jetziger  Umfang)  419
3)  Emilia  (Parma  474,598,  Modena  631,378,  llomairna
1'040,591  Einw.)  406
4)  Marken  (883,073,  Umbrien  513,019  Einw.)  .  .  351
5)  Toscana  ’  3gj
5)  S:  :  ;  ;  :  :  :  :  :  ;  ;
8)  Sardinien
.  ,  ,  Zusammen*)  4670
Die  (von  Correnti  und  Maestri  rectificirte)  amtl.  Zahl
21’777,334,  neml.  männl.  Bevölkerung  10’897,236,  weibl.  1
—  Zahl  der  Familien  4’674,371  ;  __  der  Häuser  3’693,1
379,702  unbewohnt  (vielfach  Landhäuser  etc.).

Bevölkerung
3'535,736
3'104,838

2'146,567
P396,092
1'826,334
6'787,520
2'391,802
588,064
21'776,9M
ist  eigentl.
0’S80,098.
7  2,  wovon

♦)  Die  Italien.  Berechnungen  schwanken  zwischen  246,507  und  259  320
Quadr.-Kilom  (55,05  =  1  deutsche  Q.-Meile).  -  Bezügl.  der  Bevölkerung  ist
zu  bemerken,  dass  nach  den  vorhandenen  älteren  Angaben  vor  einem  Jahrhundert ­
  im  Umfange  des  jetzigen  Königreichs  Italien  13'137,240  Menschen  wohnten.
        <pb n="341" />
        ITALIEN.

319

Die  officielle  Classification  ist  folgende  (neben  den  Provinzen  geben
Wir,  und  zwar  in  Parenthesen,  auch  die  Bezirke  und  deren  Bevölkerung
an,  mit  Ausnahme  der  von  Toscana  und  Sicilien,  wo  die  s.  g,  Provinzen
schon  von  sehr  beschränktem  Umfange  sind.
Provinzen  (nnd  Bezirke).

A.  Alte  Provinzen  and  Lombardei.  *)
1)  Prov.  Alessandria  Bezirk  Alessandria  139,237,  Acqui  89,138,  Einw.
Asti  149,799,  Casale  135,130,  Novi  72,943,  Tortona  59,360)  =  645,607
2)  Bergamo  Bergamo  201,310,  Clusone  48,647,  Treviglio  97,278  347,235
3)  Brescia  Brescia  181,603,  Breno  51,922,  Castiglione  76,032,  Chiari
67,657,  Salo  56,714,  Verolanuova  52,455)  486,383
4)  Cagliari  (Cagliari  140,523,  Iglesias  56,730,  T^nusei  59,446,  Oristano
  115,398)  372,097
J  Cowo  (Como  217,837,  Lecco  113,125,  Varese  126,472)  .  .  .  .  457,434
6)  Cremona  (Cremona  165,218,  Casalmaggiore  97,448,  Crema  76,975)  339,641
7)  Cuneo  (Cuneo  177,062,  Alba  118,980,  Mondovi  144,986,  Saluzzo
156,251)  597,279
8)  Genua  [Genova]  (Genua324,096,Albenga53,985,Chiavaril08,391,
Levante  78,162,  Savona  85,509)  650,143
9)  3/atVand[Milano]  Mailand388,928,  Lodi  167,222,  Monza  156,885,
Gallarate  133,949,  Abbiategrasso  101,336)  948,320
10)  JVocara  ,No  vara  191,104,  Biella  126,360,  Ossola  33,767,  Pallanza
61,789,  Valsesia  32,250,  Vercelli  134,115)  579,385
11)  Bavia  Pavia  143,442,  Bobbio  34,785,  Lomellina  132,149,  Voghera
109,409)  419,785
12)  Porto  Maurizio  Porto  Maurizio  59,726,  San  Remo  61,604)  .  .  121,330
13)  Sassari  (Sassari  67,191,  Alghero  37,112,  Nuoro  52,508,  Ozieri
34,392,  Tempio  24,764)  215,967
14)  Üondrio  (blos  ein  Bezirk,  Sondrio)  106,040
15)  2'urin  [Torino]  (Turin  484,571,  Aosta81,884,  Ivrea  159,338,  Pinerolo
  132,168,  Susa  84,031)  941,992
B.  Emilia.
1)  Prov.  Bologna  (Bez.  Bologna  303,749,  Imola  59,624,  Vergato
44,079)  407,452
2)  Ferrara  Ferrara  138,622,  Cento  33,017,  Comacchio  27,519)  .  199,158
3)  Forl\  (Forli  68,588,  Cesena  77,439,  Rimini  78,436)  ....  224,463

generale  (31.  dicembre  1861).  Die  Ergebnisse  weichen  sehr  bedeutend  ab  von
der  (bei  der  vorigen  Ausgabe  benutzten)  Stntistica  amministrativa,  seconda  eãi-Zione.
  Es  ist  nunmehr  eine  ziemliche  Verlässigkeit  erreicht.  —  Nachstehend
auch  eine  Angabe  des  Umfangs  der  einzelnen  Provinzen  in  Quadr.-Kilom.

(55,05  =  1  deutsche  Q.-Meile.)  (Die  Reihenfolge  ist  die  ofliciell  angenommene,
in  alphabet.  Ordnung,  nach  französischem  Muster.)  Abruzzo  Citeriore  2861  Q.-Kilom.,
  Abruzzo  Ulteriore  I  3425,  Abruzzo  Ulteriore  II  6500,  Alessandria  5055,
Ancona  1916,  Arezzo  3306,  Ascoli  Piceno  2096,  Basilicata  10,676,  Benevento
1752,  Bergamo  2660,  Bologna  3604,  Brescia  5180,  Cagliari  13,530,  Calabria  Citeriore ­
  7358,  Calabria  Ulteriore  I  3924,  Calabria  Ultenore  II  5975,  Caltanisetta
3*68,  Capitanata  7652,  Catania  5102,  Como  2717,  Cremona  2148,  Cuneo  7136,
Ferrara  2616.  Firenze  5861,  Forli  1855,  Genova  4114,  Girgenti  3861,  Grosseto
4435,  Livorno  326  (davon  232  die  Insel  Elba),  Lucca  1494,  Macérala  2737,  Massa
und  Carrara  1760,  Messina  4579,  Milano  2993,  Modena  2502,  Molise  4604,  Napoli ­
  1111,  Noto  3697,  Novara  6543,  Palermo  5087,  Parma  3240,  Pavia  3330,
Pesaro  und4Jrbino  2965,  Piacenza  2500,  Pisa  3056,  Porto  Maurizio  1210,  Principato
  Citeriore  5481,  Principato  Ulteriore  3649,  Ravenna  1922,  Reggio  (Emilia)
2888,  Sassari  10,720,  Siena  3793,  Sondrio  3260,  Terra  di  Bari  5938,  Terra  di  Laboro ­
  5975,  Terra  d’Otranto  8530,  Torino  10,270,  Trapani  3146,  Umbria  9633.
        <pb n="342" />
        320

ITALIEN.

4)  Massa  und  Carrara  ,Massa  und  Carrara  75,671,  Casteinova  di  Garfagnana
  35,478,  Pontremoli  29,584)  140,733
5)  Modena  (Modena  133,341,  Mirándola  66,686,  Pavullo  60,564)  .  260,591
6)  Parma  (Parma  146,463,  Borgo  di  S.  Donnino  79,288,  Borgotaro
30,278)  256,029
7)  Piacenza  (Piacenza  143,490,  Firenzola  74,629)  218,569
8)  Ravenna  (Ravenna  77,211,  Lugo  60,492,  Faenza  71,815)  .  .  .  209,518
9)  Reggio  (Reggio  170,484,  Guastalla  59,570)  230,054
C.  Marken.
1)  Prov.  Ancona  (ein  Bezirk)  •  254,849
2)  Ascoli  (Ascoli  91,036,  Fermo  104,994)  196,030
3)  Macérala  (Macerata  184,250,  Camerino  45,376)  229,626
4)  Pesaro  und  Urhino  (Pesaro  99,704,  Urhino  102,864)  ....  202,568
D.  Umbrien.
Prov.  Umbrien  (Bez.  Perugia  199,710,  Spoleto  68,005,  Rieti  77,900
Fuligno  58,427,  Terni  64,931,  Orvieto  44,046,  513,019
£.  Toscana.
\)  Arezzo  219,559.  —  2)  FYorcwr[Firenze]  696,214,  (dabei  Pistoja95,262,
San  Miniato  102,299).  —  3)  Grossetu  100,626.  —  4)  Lworno
116,811  (dabei  Elba  20,340).  —  5)  lAicca  256,161.  —  6)  Pisa
243,028.  —  7)  Siena  193,935  1’826,334
F.  Neapolitanische  Provinzen.
1)  Abruzzo  Citer-iore  (Bez.  Chieti  109,018,  Lanciano  110,798,  Vasto
107,500)  327,316
2)  Ahruzzo  Ulteriore  I.  (T'eramo  132,833,  Penne  97,228}  ....  230,061
3)  AbruzzoUlteriore.il.  (Aquila  99,438,  Solmona  75,382,  Avezzano
86,380,  Cittaducale  48,251)  309,451
4)  Rasilicata  (Potenza  180,025,  Matera  97,441,  Melfi  103,539,  Lagonegro
  111,754)  492,959
5)  Renevento  (Benevento  94,666,  Cerre  to  69,532,  San  Bartolomeo
in  Galdo  56,308)  '  220,506
6)  Calabria  Citeriore  (Cosenza  171,689,  Paola  92,786,  Castrovillari
109,130,  Rossano  58,317  431,922
7)  Calabria  Ulteriore  I.  (Reggio  115,572,  Gerace  99,333,  Palmi
109,641)  324,546
8)  CalahriaUlteriore  II.  (Catanzaro  121,254,  Monteleone  117,451,
Nicastro  90,007,  Cotrone  55,467)  384,159
9)  Cajntunata  (Foggia  140,588,  San  Severo  126,166,  Bovino  46,131)  312  885
10)  Molise  (Campobasso  121,259,  Iserina  129,666,  Larino  95,082)  346  007
11)  Neajrel  [Napoli]  (Neapel  527,578,  Casorla  123,309,  Pozzuoli69,576,
Castellamare  147,520)  9^3
12)  Principato  Citeriore  (Salerno  248,576,  Sala  84,549,  Camnatrna
98,959,  Vallo  96,172)  528,256
13)  Principato  Ultenore  (Avellino  161,797,  Ariano  84,800,  Sant’Angelo ­
  de’Lombardi  109,024)  355  621
14)  Terra  di  Pari  (Bari  250,968,  Barletta  216,498,  Altamura  86,936)  554*402
15)  Tetra  di  Lavoro  (Caserta  255,743,  Nola  86,029,  Gaeta  128,892,
Sora  132,879,  Piedimonte  49,921)  653,4&amp;lt;W
16)  Terra  di  Otranto  (Lecce  115,096,  Tarent  [Taranto]  124,853,  Gallipoli ­
  111,131,  Brindisi  96,902)  447,982
G  Sicilien.
1)  Caltanisetta  223,178.  —  2)  Ccríanm450,460.  —  3)  263,880,
—  4)  394,761.  —  5)  iVbio259,613.  —  6)  Í'aíemío584,929.
—  7)  rrq/mw*  214,981  2’391,802
        <pb n="343" />
        ITALIEN  (Städte).

321

Siädie  und  deren  Bevölkerung,  1862.  Die  officielle  Statistik  führt
im  Ganzen  7720  Gemeinden  auf,  davon  8  mit  mehr  als  100,000  Einw.,
9  mit  50—100,000,  25  mit  30—50,000,  37  mit  20—30,000,  73  mit
^  20,000,  141  mit  10—15,000.  Dabei  ist  aber  der  Begriflf  von  »Gemeinde« ­
  ein  sehr  verschiedener.  In  manchen  Gegenden  begreift  man
Weit  ausgedehnte  Landbezirke  von  mehren  Quadratmeilen  darunter  und
gelangt  damit  zu  Zahlen,  die  nur  täuschen  (so  erscheint  die  Gemeinde
Canipannori  mit  38,340  Einw.,  dieselben  sind  aber  auf  ein  Gebiet  von
16,343  Hectaren,  also  mehr  als  3  Quadr.-Meilen  zerstreut;  im  Orte
selbst  leben  nur  482  Menschen!)  Unter  diesen  Verhältnissen  beschränken ­
  wir  uns  bei  der  folg.  Zusammenstellung  auf  Angabe  der  concentrirt
  wohnenden  Einwohnerzahl,  setzen  aber  die  Gesammtsumme  der
Gemeindebevölkerung  in  Parenthese  bei,  wenn  nicht  beide  Grenzen  Zusammentreffen. ­


Neapel  (447,065;  418,968
Mailand  .  .  196,109
Turin  (204,715)  180,520
Palermo(194,463)  167,625
Genua  (137,986)  127,986
Florenz.  .  .  114,363
Bologna  (109,395)  89,850
Livorno  (96,471)  83,543
Catania  (68,810)  64,921
Messina  (103,324)  62,024
Parma  (47,428)  47,067
Brescia  .  .  .  40,499  ,
Piacenza  .  .  39,318  I
Pisa  (51,057)  .  33,676  |
Modena  (55,512)  32,248
Bari  (34,063)  .  32,934
Foggia  (34,052)  32,493
Ancona  (46,090)  31,238
Cremona  .  .  31,001
Andria  .  .  .  30,067
Pavia  (30,480)  .  28,670
Cagliari  (30,905)  28,244

Ferrara  (67,988)  27,688
Módica  (30,547)  27,449
Alessandria  (56,545)

27,027
Barletta  .  .  .  26,474
Trapani  (30,592)  26,334
Termini  .  .  .  25,780
Molfetta  .  .  .  24,648
Cora  to  .  .  .  24,576

Bergamo  (38,765)  24,566
Arcireale  (35,447)
24,151
Sassari  (25,086)  22,945
Trani  ....  22,382
Bitonto  .  .  .  22,126
Caltagirone  .  .  22,015
Lucca  (65,435)  .  21,966
Siena  ....  21,902
Ragusa  .  .  .  21,705
Reggio  (Emilia)
(50,371)  .  .  21,174
Salerno  29,031)  20,977

I  Caltanisetta  (23,879/
I  .  20,411
!  Piazza  Armerina  20,310
Asti  (30,717)  .  20,239
Canicatti  .  .  20,025
Vercelli  (25,012)  19,352
Ravenna  57,303)  19,118
Taranto  (27,484)  19,105
Lecce  (21,345)  .  17,836
Maddoloni  (20,257)
!  17,798
i  Marsala  (31,350)  17,732
I  Forli  38,646)  .  17,723
Faenza  (26,357  17,486
Cerignola  (21,639,  17,242
Catanzaro  (22,451)  17,130
Casala  Monferrato  17,061
Rimini  (33,272)  16,850
Reggio  (  Calabr.  )
(30,577)  .  ,  15,692
Monza  (24,662)  15,587
Perugia  (44,130)  14,885

\\  eitere  Städte  mit  einer  concentrirten  Bevölkerung  von  mehr  als  14,00(
Menschen  sind:  Castellamare  di  Stabia  und  Novara;  mit  mehr  als  12,000:  Bar
cellona  Pozzo  di  Grotto  und  Cuneo,  mit  mehr  als  11,000  :  Prato  (Toscana)
m  09?’  (2-l,&amp;lt;lh8)  ;  mit  mehr  als  10,000:  Casería  27,728  und  Sinigaglii

Gebietsveränderungen.  Die  oben  (S.  316  u.  317)  mitgetheilten  Zusammenstellungen ­
  zeigen,  in  welchen  staatlichen  Verhältnissen  sich  die
einzelnen  Länder  der  Halbinsel  während  der  Hauptperioden  des  letzten
Jahrhunderts  befanden.  Zur  näheren  Erläuterung  fügen  wir  einige  Notizen ­
  bezüglich  der  fiilhern  Einzelstaaten  bei  ;

Sardinien.  Beim  Beginne  der  grossen  Revolution  nahmen  die  Franzosen ­
  Savoyen  und  Nizza,  was  der  König  in  dem  Friedensvertrage  vom
15.  Mai  1796  gutheissen  musste.  1  798  neue  Occupation  Piemont  s,
daun  am  9.  Dec.  förmliche  Verzichtleistung  des  Königs.  Das  Land
Wurde  erst  provisorisch  verwaltet,  dann  unterm  11.  Sc¡)t.  1S02  Frankreich ­
  einverleibt  (Eintheilung  in  6  Departemente,  ungerechnet  die  früher
incorporirten  Landschaften).  Dem  Könige  blieb  nur  die  Insel  Sardinien.
Kolb,  SUtiitik.  4.  Aufl.  21
        <pb n="344" />
        322

ITALIEN  (Gebietswechsel).

—  Auch  Genua,  anfangs  in  eine  ligurische  Republik  umgewandelt,
ward  im  Mai  1805  Frankreich  einverleibt.  —  Der  Wiener  Congress
setzte  den  König  wieder  in  Piemont  ein,  vergrössert  durch  die  Republik
Genua  und  die  benachbarten  kaiserlichen  Lehen  ;  der  zweite  Pariser
Friede  gab  ihm  auch  den  anfangs  vorenthaltenen  Theil  von  Savoyen  wieder. ­
  (1810  schätzte  man  die  Bevölkerung  auf  3’700,()00,  1838  auf
4'050,100  ;  die  Aufnahme  von  1848  ergab  4’910,004,  die  von  1857
5’107,542.)  —  Das  Jahr  1848  schien  die  sardinische  Königsherrschaft
über  ganz  Oberitalien  auszubreiten:  die  I.ombardei,  Venedig,  Parma
und  Modena  erklärten,  sich  mit  dem  sardinisphen  zu  einem  subalpinischen
  Reiche  zu  vereinigen,  das  11  Mill.  Menschen  umfasst  hätte  ;  die
Niederlagen  Karl  Albert’s  bei  Custoza  und  Novara  führten  zum  alten
Teritorialzustande.  (Mailänder  Friede  vom  0.  Aug.  1840.)
Vurma.  Der  Herzog  erkaufte  1700  vgm  Gen.  Bonaparte  den  Frieden.  Der
Erbprinz  ward  1805  gegen  Erhebung  zum  »Könige  von  Hetrurien  zur  Verzichtleistung ­
  bewogen,  worauf  Napoleon  das  I,and  (grösstentheils  als  Depart,  des
Taro)  mit  Frankreich  vereinigte.  Ein  Vertrag  der  Grossmächte  vom  10.  April
1814  überliess  Parma  der  zweiten  Gemahlin  Napoleon’s,  Marie  Louise,  doch
ohne  Erbfolgerecht.  Nach  ihrem  Ableben,  1847,  kam  der  kleine  Staat  an  die
frühere  Herzogsfamilie  zurück,  der  man  von  1815  bis  dahin  T.ucca  —  die  vormalige ­
  Republik  —  hingegeben  hatte.
Modena.  Trotz  eines  vom  Gen.  Bonaparte  erkauften  Friedens,  ward  der
Herzog  1700  durch  Aufstand  vertrieben  und  das  T.and  mit  der  cispadanischen,
dann  der  cisalpinischen  Republik  —  dem  spätem  Königreiche  Italien  —  vereinigt. ­
  1814  Restauration.
Toscana.  Der  Grossherzog  (vom  österr.  Fürstenhause)  erkaufte  1705  von
Frankreich  den  Frieden,  trat  aner  1801  seine  Ansprüche  auf  Toscana  an  diesen
Staat  ab  gegen  Salzburg,  s])äter  Würzburg.  Napoleon  verwandelte  Toscana  in
ein  »Königreich  Hetrurien«,  dem  er  anfangs  den  Erbprinzen  von  Parma  als
Herrscher  octroy  irte,  bis  er  das  Land,  üct.  1807,  Frankreich  einverleibte  die  3
Deparlemente  des  Arno,  Ombrone  und  Mittelmeers)  ;  des  Kaisers  Schwester,
Elise  (Gemahlin  des  zu  einem  Fürsten  von  Piombino  erhobenen  Bacciochi;,  war
Generalgouverneurin,  mit  dem  Titel  einer  Grossherzogin.—  1814  Restauration.
Neapel  und  ¡Sicilien.  Im  Januar  1700,  nach  dem  Einrücken  der  franz.  Truppen ­
  in  Neapel,  ward  die  Itepubblica  Vartenopea  proclamirt  ,  im  Juni  aber  mit
Waffengewalt  vernichtet.  Am  27.  Dec.  1^05  erging  Napoleon’s  Tagesbefehl  ans
Schonbrunn  :  »Das  Bourbonisebe  Haus  von  Neapel  hat  aufgehört  zu  regieren«.
Erst  ernannte  der  Kaiser  seinen  Bruder  Joseph,  dann,  Juli  180S,  seinen  Schwager ­
  Murat  (Joachim  1.)  zum  Könige  von  Neapel.  Auf  Sicilien  behauptete  sich
das  Bourbonische  Herrscherhaus  mit  Hülfe  der  Engländer.  Ende  1S13  schloss
sich  Murat  den  Allirten  an  ;  dann,  als  Napoleon  von  Elba  nach  Frankreich  zurückgekehrt ­
  war,  suchte  er  sich  ein  grösseres  Reich  zu  erobern,  ward  aber  von
den  üesterreichern  geschlagen.  Schon  im  Mai  1815  fand  die  Wiedereinsetzung
der  Bourbonen  statt.  Da  der  Wiener  Congress  von  einem  Könige  »beider  Sicilien« ­
  geredet,  so  benützte  dies  die  Regierung,  Dec.  1810,  um  die  zwei,  nach
Verfassung,  Verwaltung  und  Finanzwesen  früher  immer  getrennten  Reiche  in
einen  absolut  regierten  Einheitsstaat  umzuwandeln.
Die  Vereinigung  aller  dieser  Staaten  zu  einem  »Königreiche  Italien« ­
  begann  1850.  Durch  den  Friedensvertrag  von  Zürich,  10.  Nov.  1S50,
musste  Oesterreich  den  grössten  Theil  der  Lombardei  abtreten,  welches  Land
nun  von  Napoleon  III.  dem  Könige  von  Sardinien  überlassen  ward.  Volkserhebungen ­
  in  den  übrigen  Landschaften  führten  nun  zu  folgenden  Annexionen  :
der  Emilia  (Parma,  Modena  und  Romagna),  unterm  18.  März  1800;  Toscana’s
unterm  22.  März  ;  der  Marken,  Umbrien’s  und  des  Königreichs  beider  Sicilien
unterm  17.  Dec.  nemlichen  Jahres.  Allerdings  musste  der  König  (Vertrag  vom
24.  März  1800)  sein  Stammland  Savoyen  und  überdies  Nizza  an  Frankreich  abtreten. ­
  Annahme  des  Titels:  »Königreich  Italien«  den  17.  März  1801.
        <pb n="345" />
        ITALIEN.  —  Finanzen  (Budget).

323

Finanzen.  Ein  eben  erst  unter  gewaltsamen  Verhältnissen  gebildeter
Staat  kann  selbstverständlich  das  Gleichgewicht  zwischen  Einnahmen
und  Ausgaben  nicht  sofort  hersteilen,  um  so  weniger,  wenn  der  Staat,
von  dem  die  Umgestaltung  ausging,  sich  ohnehin  schon  längst  in  zerrütteten ­
  hinanzverhältnissen  befand.  Kommt  nun  aber  dazu  der  Aufwand ­
  für  ein  übergrosses  stehendes  Heer  —  ein  Aufwand  wie  wenn  sich
der  Staat  beständig  im  Kriegszustände  befände  —  vielfache  Verschwennicht
  selten  Mangel  an  Ehrlichkeit  in  der  Verwaltung  und  endlich
innere  Unruhen,  so  können  die  Ergebnisse  nicht  anders  als  verderblich
sein.  Von  vom  herein  lässt  sich  Genauigkeit  des  Budgets  und  Einhalten
er  Voranschläge  nicht  erwarten,  und  alle  Berechnungen  können  nur
als  ungefähre  Anhaltspunkte  betrachtet  werden.
Das  Bridget  für  1861,  das  erste  des  neuen  Königreichs,  schloss  mit
folgenden  Zahlen  ab  (in  Lire)  :
ordentliche  ausserordentliche  Zusammen
Einnahme  45G’5(&amp;gt;8,214  34’3(tl,S23  490’S70,037
Ausgabe  G12’9«l,122  192’180,772  8ü5’141,894
Deficit  15fi’392,9ü8  157’878,949  314’271,857
Aus  dem  Vortrage,  den  der  Finanzminister  Bastogi  am  23.  Dec.
1861  in  der  Abgeordnetenkammer  hielt,  ergab  sich  aber  bereits,  dass
die  Wirklichkeit  noch  viel  ungünstiger  war.  Man  hatte  weitere  ordentliche ­
  und  ausserordentliche  Ausgaben,  deren  Betrag  durch  Ersparungen
(worunter  Nichtausführen  projectirter  Eisenbahnen)  nur  unvollständig
gedeckt  wurde.  Nach  vorläufiger  Aufstellung  betrug  das  Deficit  ;  im
ordentl.  Budget  160’922,459,  im  ausserord.  239’486,048,  im  Ganzen
40((’408,507  liire.  Gegenüber  der  wirklichen  Gestaltung  im  J.  1861,
entwarf  nun  der  Minister  folgenden  Voranschlag  für  1862  .
ordentliche  ausserordentliche  zusammen
Einnahmen  487’00l,170  44’2S3,834  531,285,004
Ausgaben  090’38l,372  149’750,004  840’131,376
Deficit  203’7M&amp;gt;,202  104’466,170  308'846,372
Unter  den  ordentlichen  Einnahmen  werden  aufgeführt  :  Zölle
190’785,934,  directe  Steuern  1  31'671,459  ,  Enregistrement.  Stempel
u.  Taxen  1  10'454,483,  Eisenbahnen  23  1  35,690,  Telegraph  1’950,000,
Post  1  2'666,666  ;  Einnahme  der  verschied.  Ministerien  17’Ü04,294.  —
Unter  denAusgaben  erschien  das  Militär  (Landmacht)  mit  1  72555,635
Lire  im  gewöhnl.  und  mit  54’959,614  im  ausserord.  Budget,  zusammen
227  515,249  (davon  für  :  Stab  5  Mill.,  Activarmee  104,  Sicherheit  18%,
Freiwillige  3,  Festungen  14,  Nationalgarde  20  Mill.).  Für  die  Marine
wurden  63’678,461,  für  die  Schuld  160,930,292,  und  für  den  Hof
14  Mill,  (namentl.  Civilliste  lO'/j  Mill.)  gefordert.  —  Der  Minister  berechnete ­
  weiter  :  Zur  Deckung  des  in  beiden  Jahren  erwachsenden  Deficits ­
  von  717  (eigentl.  719)  Millionen  dienen:  35  Mill,  neapolitanische
Renten,  23  880,000  sicilianische  Renten  ,  und  das  Anlehen  von  1861
üiit  500  Mill.  Noch  bleibt  ein  Ausfall  von  159  Mill.  Um  denselben  zu
beseitigen,  sollen  neue  Steuern  erhoben  werden:  50  Mill,  an  weitern
Rinregistrirungsabgaben,  5’  weitere  Salz  -  und  Tabaksteuer,  4  —  5’
durch  Ausdehnung  des  Tabakmonopols  auf  die  neu  annexirten  Landestheile,
  4’  Abgabe  von  Reisenden  mit  Eilbeförderung,  20’  Erhöhung
ünd  bessere  Vertheilung  der  Grundsteuer,  30’  Mobiliarsteuer.  Diese
21*
        <pb n="346" />
        324

ITALIEN.  —  Finanzen  Budget).

Summen  ergeben  zusammen  139  Mill.  Zur  Deckung  des  auch  darnach
verbleibenden  Ausfalls  seien  Schatzscheine  {Buont  del  Tesoro)  auszugeben, ­
  was  um  so  mehr  zulässig  erscheine,  da  nicht  mehr  als  für  30  Mill,
solcher  Scheine  sich  im  Umlaufe  befänden.  Später  ward  Vermehrung
der  Schatzscheine  auf  200  Mill,  verlangt.

Der  ministerielle  Budgetentwurf  für  1803  schloss  mit  folgenden
Zahlen  :

ordentliche  ausserord.  zusammen
Bedarf  70:V343,296  172’044,129  »35’3b7,425  Lire
Einkünfte  549’355,244  05'450,400  bl4’811,ü50  -
Deficit  '  ”213’98H,052  100’587,723  32(»’575,775  Lire

Unter  den  ordentlichen  Ausgaben  erscheinen;  die  Schuld  mit
340’508,000,  die  Landm.  mit  197’070,000,  die  Marine  mit  53,906,000,
zus.  Schuld  und  Kriegswesen  über  59  1  %  Mill.,  —  fast  die  Gesammtsumme
  der  erwarteten  Einnahme  !  Die  definitive  Feststellung  der  Ausgaben ­
  lautete  auf  780’75S,505  L.  im  ordentlichen,  und  103*032,799
im  auszerordentlichen  Etat,  zus.  943*791,304.
Im  Budgetentwurfe  für  1804  berechnete  der  Minister  den  ordentlichen ­
  Bedarf  auf  757*253,448,  den  ausserord.  auf  124*106,988,  zus.
880  300,435.  (Dabei  erschien  das  Militär  in  der  ersten  Abtheilung  mit
191*013,173,  in  der  zweiten  mit  42*921,720  :  ebenso  die  Marine  erst
mit  41*314,052,  dann  weiter  mit  2*815,920.)  —  Die  wirklichê  Feststellung ­
  durch  die  Kammern  ergab  indess  :  ordentlicher  Bedarf  770  Millionen, ­
  ausserordentlicher  120,  zus.  902;  —  ordentl.  Einn.  520,  ausserord. ­
  120,  zus.  646;  Deficit  250  Mill.  Später  wurden  diese  Zahlen
bedeutend  modificirt,  jedoch  ohne  Verminderung  des  Deficits  (s.  unten).
Indess  erwies  es  sich  schliesslich,  dass  alle  diese  Voranschläge
täuschend  waren.  Aus  einer  vom  Finanzminister  im  Juni  1804  an  die
Kammer  gebrachten  Vorlage  ergab  sich  folgende  wirkliche  Bilanz,
wenn  man  die  ordentlichen  und  ausserordentlichen  Etats  zusammenfasst  :

1862  1863
Bedarf  97.V.)»2,584  9»;2’!»it  J,7(to  Lire
Einnahme  590’70l,89(}  5S5’914,142  -
Defiüit  .  .  384’S90,08S  377’(»‘'0,558  Lire
Dabei  erscheinen  unter  diesen  Einnahmen  im  ersten  Jahre  33*753,210,
im  zweiten  47*904,107  I&amp;gt;.  als  Erlös  von  veräusserten  Staatsgütern;
neben  jenen  durch  Schulden  gedeckten  Deficiten  ward  also  auch  das  unmittelbare ­
  Staatsvermögen  um  die  eben  angegebene  Summe  vermindert.
Der  Budgetentwurf  für  180;)  schliesst  folgendermassen  ab  :
ordentl.  ausserord.  zusammen
Bedarf  747*308,308  f  00*470,200  853*838,034  Lire
Einnahme  504*003,107  01*437,011  025*500,718  -
Deficit  183*305,201  45*7)32^55  228*33T,7ñ0  Lire
Es  wäre  unbillig,  nicht  zu  erwähnen,  dass  sich  unter  den  ausserordentlichen ­
  Ausgaben  sehr  bedeutende  Summen  zu  productiven  Zwecken
befinden,  —  allerdings  neben  solchen  für  das  Kriegswesen  u.  s.  w.  Nach
einer  ministeriellen  Berechnung  vom  Jan.  1804  betrugen  die  in  den
4  Jahren  des  Bestehens  des  neuen  Staates  für  öffentl.  Arbeiten  bestimmten ­
  Ausgaben;
        <pb n="347" />
        ITALIEN.  —  Finanzen  (Budget).

825

für  Sicilien  Lire  3T’HüH,95«
-  das  Neapolitanische  -  25’ii48,122
-  Toscana  .  -  T’271,844
-  die  Emilia,  Umbrien  und  die  Marken  -  19’270,323
-  die  I.ombardei  -  S’267,2b2
-  die  Insel  Sardinien  -  23*293,121
-  Piemont  -  15’52H,585

Zusammen  Lire  140,163,132
Zieht  man  aber  auch  alle  ausserordentlichen  Etats  ab  (obwol  in
denselben  sehr  Vieles  enthalten  ist,  was  in  das  gewöhnliche  Budget  gehört), ­
  so  bleibt  doch  immer  folgendes  niederschlagende  Ergehniss  :
ordentl.  £inn.  ordentl.  Ansg.  Seflcit
1860  469*115,(9)0  571*277,000  102*162,000
1861  456*700,000  643*050,000  186*350,000
1862  469*500,000  717*000,000  247*500,000
Sonach  Deficit  in  3  Jahren  blos  im  s.  g.  ordentl.  Etat  536*012,000
Um  die  ganze  Schwierigkeit  der  Finanzlage  zu  überblicken,  genügen ­
  diese  Zahlen  indess  keineswegs.  Das  Verhältniss  ist  vielmehr
dieses;  Der  Finanzminister  berechnete  zu  Anfang  des  Jahres  1804,  das
Deficit  habe  betragen  ;  1861  504  Mill.,  1802  353,  1803  377.  Nehmen
wir  den  Anschlag  für  1804  nur  mit  250’  dazu,  so  ergab  sich  in  dieser
kurzen  Zeit  von  4  Jahren  ein  Ausfall  von  nicht  weniger  als  1400  Mill,
oder  ungefähr  anderthalb  Milliarden.  Eine  der  Regierung  befreundete
Feder  (bei  Correnti  und  Maestri)  gesteht  aber  offen  einen  Ausfall  von
970’  in  dem  ordentl.  und  897’  in  dem  ausserordentl.  Budget,  zus.  also
1867  Mill,  zu!  Dabei  hat  man  überdies  für  370  Mill.  Staatsgüter  verkauft ­
  und  eine  schwebende  Schuld  geschaffen,  deren  Ertrag  bei  den
Einnahmen  eingerechnet  ist.  Das  ganze  wirkliche  Deficit  in  den  4  Jahren ­
  entziffert  sich  auf  2285  Mill.  !  Ver  gl.  Annuario  statistico  italiano,
1864,  p.  089.)
Um  die  Einkünfte  zu  der  oben  angegebenen  Höhe  emporbringen
zu  können,  hatte  man  eine  Menge  Auflagen  in  den  verschiedenen  annectirten
  Ländern  neu  eingeführt  oder  bestehende  erhöht.  Man  ist  damit
bereits  vielfach  zu  dem  Punkte  gelangt,  bei  welchem  eine  Steigerung  der
Auflagen  keine  Erhöhung  der  Einnahmen  mehr  gewährt!  In  der  Abgeordnetensitzung ­
  vom  4.  Nov.  1804  entwarf  der  Finanzminister  Sella  ein
trostloses  Bild  von  der  finanziellen  Lage  des  Staates.  Er  äusserte  :
Als  über  das  Budget  von  1864  verhandelt  wurde,  glaubte  man  den  laufenden ­
  Dienst  des  Jahres  mittelst  der  angewiesenen  Mittel  decken  zu  können  ;  man
erwartete,  dass  am  1  .  Januar  die  drei  neuen  Steuern,  die  Grund-,  Mobiliar-  und
Consumtionssteuer,  in  Kraft  treten  und  52  Millionen  mehr  ergeben  würden  ;
allein  sie  konnten  nicht  sogleich  von  dem  besagten  Termin  an  erhoben  werden,
und  daraus  und  aus  andern  Verhältnissen  entstanden  folgende  Differenzen  :  Die
Grundsteuer  ergab  statt  der  veranschlagten  Mehreinnahme  von  17  Millionen
nur  eine  solche  von  8  Millionen,  die  Consumtionssteuer  statt  11  nur  3  Millionen
und  die  Mobiliarsteuer  konnte  noch  gar  nicht  erhoben  werden.  Da  aber  mittlerweile ­
  auch  die  bisherige  Steuer  aufhörte,  so  stellte  sich  statt  einer  Mehreinnahme ­
  von  6  eine  Mindereinnahme  von  8  Millionen  ein.  Statt  der  in  Aussicht
genommenen  Mehreinnahme  von  52  Millionen  ergab  sich  daher  eine  von  3  Millionen, ­
  und  es  fehlen  daher  49  Millionen  in  dieser  Budgetabtheilung.  Die  Budgetcommission ­
  ging  auch  von  der  Ansicht  aus,  dass  im  laufenden  Jahre  der
noch  200  Millionen  betragende  Rest  der  letzten  Anleihe  begeben  würde  ;  dafür
konnte  man  indess  nur  etwa  197  Millionen  erhalten.  Die  Budgetcommission
rechnete  ferner  auf  210  Millionen  aus  dem  Verkauf  von  Domänen  und  geistli-
        <pb n="348" />
        326

ITALIEN.  —  Finanzen  Budget).

chen  Gütern  ;  bis  jetzt  beträgt  die  dessfallsige  Einnahme  aber  nur  10  Mill.  ;  im
letzten  Trimester  werden  noch  3  Mill,  dazukommen  ;  hier  fehlen  mithin  197  Mill.
Mie  im  weiteren  Verlauf  des  Jahres  die  wirkliche  Differenz  zwischen  Activen
und  Passiven  sich  stellen  wird,  kann  noch  nicht  angegeben  werden.  Das  ist
aber  noch  nicht  Alles  ;  vielmehr  sind  die  Ausgaben  um  32  Mill,  überschritten
worden.  Die  Kammer  hat  weitere  50  Mill.  Ausgabe  bewilligt.  Nach  allem  diesem ­
  braucht  die  Staatscasse  dieses  Jahr  noch  200  Mill.  ,  für  welche  gesorgt
werden  muss.  An  den  Credit  sich  zu  wenden,  wäre  unzeitgemäss  während  einer
Geldkrise  in  dem  hohen  Stand  des  Disconto’s  aller  Banken.  —  Der  Minister
spricht  es  offen  aus,  dass  Italien  Ersparungen  einführen  müsse  ;  es  sei  unmöglich, ­
  in  der  bisherigen  Weise  Ausgaben  zu  machen.  Das  Ministerium  werde
desshalb  Aenderungen  im  Budget  von  1805  Vorschlägen,  durch  welche  30  Mill
am  Heere,  12  Millionen  an  der  Flotte  und  noch  andere  18  Mill,  erspart  würden
noch  weitere  Er-sparungsvorschläge  würden  an  die  Kammer  gelangen  ;  allein  das
genügt  nicht;  die  Einnahmen  müssten  erhöht  werden.
Der  von  den  Kammern  schliesslich  (Dec.  1864)  genehmigte  Plan
des  Ministers  zerfällt  wesentlich  in  zwei  Theile  :  Deckung  des  unmittelbaren ­
  dringenden  Bedürfnisses,  und  Vermehrung  der  Einkünfte  für  die
Zukunft.  —  Um  den  unmittelbaren  Bedürfnissen  die  Stirn  zu  bieten,
d.  h.  um  200  Millionen,  die  vor  dem  nächsten  15.  Dec.  da  sein  müssen, ­
  zu  schaffen,  haben  die  Kammern  genehmigt:  l)  den  Contract,  welcher ­
  den  Vorschuss  von  50  Mill.,  den  eine  Gesellschaft  auf  die  Domänen ­
  angeboten,  stipulirt.  Diese  Compagnie  wird  in  Zukunft  mit  dem
Verkauf  dieser  Güter  anstatt  des  Staats,  aber  unter  seiner  Ueberwachung,
  beauftragt  sein.  Man  betrachtet  diese  Uebereinkunft  als  sehr
lästig  für  den  Staat.  —  2)  Die  Anticipation  von  124  Millionen,  welche
die  Totalsumme  der  Grundsteuer  für  1865  bilden.  Diese  Steuer  muss
in  die  Cassen  des  Staatsschatzes  am  15.  Dec.  gezahlt  werden.  Die
Steuerpflichtigen,  welche  ihren  Steuertheil  vorauszahlen,  sollen  einen
Abzug  von  6%  gemessen;  diejenigen  aber,  die  ausser  Stande  sind,  diesen ­
  Vorschuss  zu  leisten,  werden  mit  einem  Zuschlag  von  6%  belastet.
Die  Gemeinden  werden  ermächtigt,  die  Totalsumme  der  Steuer  im  Namen ­
  ihrer  Steuerpflichtigen  vorauszuzahlen.  (Zweihundert  waren  Ende
Nov.  bereits  diese  Verpflichtung  eingegangen.)  Gleichwol  hat  der  Minister, ­
  der  diese  Summe  durchaus  in  klingender  Münze  realisiren  musste,
um  den  Dienst  zu  sichern,  geglaubt,  das  Eingehen  dieser  Steuer  dadurch
sicher  stellen  zu  müssen,  dass  er  sic  im  Voraus  an  das  Bankhaus  Rothschild ­
  escomptirte.  —  3)  Die  Négociation  von  30  Mill.  Schatzbons.
Was  die  zur  Vermehrung  der  Einnahmen  bestimmten  Massregeln
betrifft,  so  haben  die  Kammern  die  folgenden  adoptirt  ;  1  )  Erhöhung
des  Tabakspreises  um  fast  ein  Drittel,  die  jährlich  22  Mill,  einbringen
soll,  eine  Hoffnungsziffer,  die  sicher  nicht  erreicht  werden  wird.  —  2)  Erhöhung ­
  der  Salzsteuer  von  30  Centimes  das  Kilogramm  auf  40.  Diese
Steuer  soll  12  Millionen  liefern.  —  3)  Erhöhung  der  Brieftaxe  von  15
Centimes  auf  20  für  die  einfachen  Briefe.  Angenommene  Einnahme:
2  Millionen.  —  4)  Erhöhung  des  Einfuhrzolles  auf  Colonialwaarcn,  wie
Kaffee,  Pfeffer  u.  s.  w.  —  Angenommenes  Mehr:  2  Millionen.  —
5)  Zoll  von  50  Centimes  auf  jeden  Centner  nach  Italien  eingeführten
Getreides.  Jahresertrag  :  2  Mill.  —  6)  Die  Kammern  votirten  ferner  ein
Gesetz  über  die  Gehaltsabzüge  der  Beamten.  Dieser  Abzug,  der  bis
26®/u  betragen  kann,  soll  ungefähr  5  Mill,  einbringen.
        <pb n="349" />
        ITALIEN.  —  Finanzen  Finanzgeschichtliche  Notizen).

327

Im  Uebrigen  hat  der  König  eine  Verminderung  seiner  Civilliste  von
3  Millionen  gewährt.
Um  wenigstens  einige  Uehersicht  hez.  der  Einzelheiten  des  Budgets ­
  zu  gewähren,  lassen  wir  die  Hauptpositionen  des  für  1864  aufgestellten ­
  folgen,  obwül  auch  diese  Festsetzungen  mehrfach  abgeändert
und  schliesslich  in  keiner  Feststellung  eingehalten  wurden  :
Einnahme,  a.  ordentliche:
1.  Grundsteuer  (Einkommensteuer  V.  Immobiliarbesitze)  Lire  112*009,510

2.  Einkommensteuer  vom  Mobiliarbesitze  13*929,667
3.  Mutationsgebühr  (Enregistrement)  66*125,750
4.  Zölle  63*000,000
5.  Accise  (Octrois)  22*825,197
6.  Regalien  (Salz,  Tabak,  Pulver,  111*160,000
7.  Lotto  37*042,282
8.  Ertrag  der  Domänen  49*766,152
9.  Verschiedene  Einnahmen,  Rückersätze  etc  46*244,471
522*103,029
b.  ausserordentliche  Einnahme  150*286,422
Zusammen  Lire  672*389,451
Ausgabe  :
ordentl.  ausserordentl.
1.  Ministerium  der  Finanzen  .  .  390*440,882  12*122,954
2.  Min.  d.  Justiz  u.  d.  Cultus.  .  29*475,505  1*114,000
3.  -  -  Auswärtigen.  .  .  .  3*393,014  173,220
4.  -  -  Unterrichts  ....  14*730,167  806,187
5.  -  -  Innern  48*629,528  15*385,426
6.  -  -  öffentl.  Arbeiten  .  .  65*046,053  44*972,486
7.  -  -  Kriegs  191*626,575  41*700,725
8.  -  -  Marine  40*726,727  21*704,082
9.  -  -  Ackerbaus,  Handels  etc.  3*412,088  2*148,254
787*4HO,539  140*127,335
Total  nach  dieser  (modihcirten)  Feststellung  .  .  927*607,874

Nimmt  man  darnach  den  Bedarf  für  das  Kriegswesen  (Landmacht
u.  Marine)  zu  305*758,1  10,  den  für  die  Schuld  zu  196*772,400  L.  an,
so  ergibt  sich  eine  Gesammtsumme  von  nicht  weniger  als  502*530,600
Lire,  d.  h.  06,25  Proc.  der  ordentl.  Einnahme;  für  alle  übrigen  Bedürfnisse ­
  bleiben  nur  noch  3,75  Proc.  !
Finanzgeschichtliche  Notizen'.  Schon  vor  der  Zeit  der  Bildung  des
jetzigen  Staate^  reichten  die  gewöhnlichen  Einnahmen  in  den  meisten
Staaten  nicht  aus  zur  Deckung  der  Bedürfnisse.  Correnti  und  Maestri
berechnen:  1852  hätten  sich  die  Einkünfte  aller  nun  vereinigten  Gebiete ­
  auf  118%,  die  Ausgaben  auf  446'/*  Mill,  belaufen;  1850  seien
diese  Zahlen  auf  501  und  514  Mill,  gestiegen  und  der  Schuldenstand
sei  von  1310  auf  1482  Mill,  angewachsen  gewesen.  Die  Richtigkeit
dieser  Aufstellung  angenommen,  kommt  das  damalige  AHssverhältniss
doch  keineswegs  dem  jetzigen  gleich.  Im  Uebrigen  finden  wir  in  den
einzelnen  frühem  Staaten  folg.  Hauptmomente,  woraus  ersichtlich,  dass
in  dem  sardin.  Königreich  die  schlimmste  Finanzwirthschaft  stattfand.
a)  Königreich  Sardinien.  Vor  der  franz.  Revolution  schätzte
man  die  Einkünfte  auf  17  Mill.  Lire,  wozu  die  Insçl  Sardinien  brutto
eine  Million,  netto  aber  nur  200,000  beitrug.  1816  nahm  man  die  Einkünfte ­
  zu  48,  den  Bedarf  zu  56  Mill.  an.  Nach  Unterdrückung  der  Re-
        <pb n="350" />
        328  ITALIEN.  —  Finanzen  'Finanzgeschichtliche  Notizen).

volution  von  1821  hatte  das  Land,  ausser  den  bedeutenden  Naturalleistungen, ­
  für  den  Unterhalt  des  österr.  Occupationsheeres  jährlich
6  Mill.  Lire  zu  entrichten  (die  Occupation  dauerte  vom  April  1821  bis
zum  Oct.  1823).  —  1831  betrugen  die  Einkünfte  68’958,00ü  1835  -
72’851,000,  1840:  78  426,000,  1846;  84’282,900.

Einnahmen
1847  ;
1848  :
1840  :
1850  :  95’500,000
1851  :  98’320,000
1852  :  IUI'504,000
1853  :  106’436,000
Zufolge  einer  Aufstellung  d(
Ende  des  Jahres  1853,  hatte  das

Ausgaben

ortientl.  augserurdcntl.
84’(»2Ü,000  Ü2’570,34()
91’54t;,(IOO  lül’379,519
IOÜ’573,000  112’539,812
119’914,000  70’230,5«ü
123’415,000  43’073,552
127’4«5,000  20’229,680
127’020,000  23’908,000
Finanzministers  für  die  Kammer,
eficit  betragen  ;

1851  :
1852  :
1853  :
1854  :

18'839,39l|
60’040,824l  zusammen  in  4  Friedensjahren
33’320,891(  154’479,583  Lire.
42’278,470)

zu

Aber  auch  später  ward  das  finanzielle  Gleichgewicht  nicht  hergestellt. ­
  Die  Budgets  schlossen  mit  folgenden  Zahlen  ;

1854
1855
1850
1857
1858
1859
1800

Bedarf
137’G68,242
138’852,652
139’157,335
143’720,860
14S’747,552
150’314,970
157*805,370

Einnahme
128*182,501
128*422,824
130*542,008
135*907,821
144*982,521
141*230,210
149*343,441

Deficit
9*485,801  Lire
10*429,828
8*005,327
7*759,045
3*705,031
9*078,700
8*401,935

Demnach  zum  voraus  anerkanntes  Deficit  in  7  Jahren  57*555,607
Lire.  Dazu  kamen  jedes  Jahr  zahllose  Nachtragscredite,  und  es  sind
nur  die  gewöhnlichen,  nicht  auch  Kriegsverhältnisse  berücksichtigt  '
ausserdem  erscheinen  angeliehene  Summen  unter  den  Einnahmen.  Wie
bei  den  meisten  in  Finanzverlegenheit  befindlichen  Staaten  bezeichncte
man  einen  Theil  der  Ausgaben  als  »  ausserordentliche  «  Bedürfnisse  obwol
  dieselben  alljährlich  wiederkehrten.  Die  Kriegskosten  von  1559
wurden  1560  vom  Minister  zu  55*920,557  Lire  angegeben,  wobei  jedoch ­
  weder  die  Naturalleistungen,  noch  die  von  Franlmcich  gelieferten
und  später  verrechneten  Kriegsbedürfnisse  von  60  Mill,  einbcgrifieii  sind.

b)  Parma.  Das  für  1559
9'68(i,931  Lire  Einnahme  nnd  9’394,18G  Ansgabe  abgeschlossen,
die  Lasten  vermehrt  wurden,  zeigen  folgende  Zahlen  ;

aufgestellte  Staatsbudget  war
4,166  Ausgabe  abceschlosspn.

mit
Wie

Directe  Steuern  Lire  2*030,000
Beischlagsprócente  zu  denselben  Po  19  080
Pensionen  7oVooo
Jahresaufwand  für  die  Schuld  .  535¡000

3*002,000
1*714,394
1*179,000
1*200,000
Wenige  Landschaften  erfuhren  solche  Misshandlungen  wie  Parma
So  erhielt  1854  Thomas  Ward,  der  Günstling  des  Herzogs,  britischen
Ursprungs,  früher  Stallknecht,  das  Privilegium  zum  Betriebe  aller  gegenwärtigen ­
  und  später  erst  anzulegenden  Eisen-  und  Kupferminen  im
        <pb n="351" />
        ITALIEN.  —  Finanzen  Finanzgeschichtliche  Notizen).  329
ganzen  Lande.  Staatsgüter  im  Werthe  von  2  Mill,  wurden  ihm  um
100,000  Lire  verkauft.  Für  sich  selbst  Hess  der  Herzog  die  Auflagen
erhöhen,  ordnete  Zwangsanlehen  an,  zog  das  Vermögen  der  Wohlthätigkeitsanstalten
  ein,  und  liess,  um  in  den  Besitz  des  sämmtlichen  Metallgeldes ­
  zu  gelangen,  Schatzbons  mit  Zwangscurs  ausgeben  ;  was  er  auftreiben ­
  konnte  legte  er  im  Auslande  an.  Nach  Ermordungs  des  Herzogs ­
  (27.  März  1854)  verwandelte  seine  Gemahlin,  nun  Regentin,  das
gezwungene  in  ein  freiwilliges  Anlehen  von  2  Mill.  Lire  und  hob  die
Verordnung  wegen  Einziehung  des  Vermögens  der  Wohlthätigkeitsanstalten
  auf.
c)  Modena.  Die  Finanzverwaltung  ward  geheim  gehalten.
d)  Toscana.  In  den  1850er  Jahren  hatte  die  Regierung  meist
mit  einem  Deficit  zu  kämpfen,  herbeigeführt  durch  die  Unterhaltskosten
der  österr.  Truppen  (1855  veranschlagt  zu  2’343,734  toscan.  Lire).
Das  Budget  für  1859  schloss  übrigens  ab  mit  39’866,400  Einn.  und
39  781,300  Ausgabe.  Eine  Veröffentlichung  des  Finanzministers  vom
ISIärz  I860  (nach  Vertreibung  des  Grossherzogs)  berechnete  die  Einkünfte ­
  für  1859  zu  33’487,770,  für  1860  aber  zu  81’608,783,  mit
entsprechenden  Ausgabesummen.  Vor  der  Revolution  habe  das  Militär
6  990,732  gekostet,  1860  seien  23*417,229  Lire  dafür  erforderlich.  Der
Minister  fügte  bei  :  wenn  die  nächsten  Folgen  der  Revolution  überstanden ­
  seien,  werde  man  etwa  41  Mill.  Einkünfte,  dagegen  55  Mill.  Bedarf ­
  haben.
e)  Beide  Sicilien.  Der  König  von  Neapel  erkaufte  1796  von
Frankreich  den  Frieden  um  8  Mill.  Franken.  Um  die  Mittel  dazu  aufzutreiben, ­
  musste  Jedermann  seine  silbernen  und  goldenen  Gefässe  abliefern ­
  gegen  Papiergeld,  das  schnell  auf  */,  seines  Nennwerthes  herabsank. ­
  Ausserdem  bemächtigte  sich  die  Regierung  des  Eigenthums  der
7  Banken,  und  erhob  ausserordentliche  Zwangssteuern  ('/,o  vom  Einkommen). ­
  Als  der  Hof  nach  Sicilien  floh,  konnte  er  für  20  Mill,  edle
Metalle  mit  sich  führen.  —  Mit  der  Restauration  (unter  den  Gräueln
der  Banden  des  Cardinals  Ruflb)  kehrten  auch  die  Verschwendungen
der  Königin  Caroline  und  ihres  Gttnstlings  Acton  zurück.  Als  der  letzte
1804  auf  Napoleon’s  Dictât  vom  Ministerium  entfernt  ward,  erhielt  er
Domänen  mit  30,000  Ducati  Ertrag  geschenkt.  In  noch  viel  grösserer
Ausdehnung  verschleuderte  Napoleon  auch  hier  die  Domänen.  Bei  Einsetzung ­
  des  neuen  Königs  behielt  er  sich  die  Verschenkung  von  neapolit.
Staatsgütern  mit  einem  Jahresertrage  von  einer  Million  vor.  In  der
Napoleon’schen  Constitution  von  1808  war  für  den  König  eine  Civilliste
von  1*032,000  Ducati  bestimmt.  Die  Staatsbedürfnisse  wurden  für  1808
auf  12  700,000,  die  Einkünfte  nur  auf  5*700,000  Ducati  berechnet;  zur
Deckung  des  Deficits  sollte  ,  unter  Aufhebung  der  Zehnten  und  Frohnden,
  eine  Grundsteuer  von  7  Mill,  erhoben  werden.  —  Die  Restauration
der  Bourbonen  kostete  ungeheuere  Summen.  Der  König  versprach  den
Oesterreichern  zum  Voraus  (Vertrag  vom  29.  April  1815)  25  Mill.  Fr.
Kriegsentschädigung.  Sodann  musste  das  Land  dem  Vicekönige  Eugen,
obwol  er  Neapel  gar  nichts  anging,  für  angeblich  anderweite  Ansprüche,
5  Millionen  Franken  »Entschädigung«  bezahlen.  Unter  dem  Titel  von
»  Ausgaben  der  hohen  Politik  «  wurden  ferner  zur  Zeit  des  Wiener  Con-
        <pb n="352" />
        330

ITALIEN.  —  Finanzen  (Schuld).

gresses  6  Mill.  Ducati  verschleudert,  wovon  2  Mill,  an  auswärtige
Unterstützer  der  bourbonischen  Sache,  insbesondere  auf  jenem  Congresses) ­
  •  —  Die  herrschende  Finanznoth  veranlasste  nicht  nur  Beibehaltung ­
  der  verhassten  Napoleon’schen  Grundsteuer,  sondern  man  erhöhte ­
  dieselbe  um  35  Proc.  Die  Verschleuderung  des  Nationalvermögens ­
  dauerte  fort*)  **).  —  Für  den  Verfassungsumsturz  von  1S22  bezahlte ­
  man  an  Oesterreich  85  Mill.  Ducati  Kriegskosten  [nach  Angabe
des  Österreich.  Generals  Bianchi]***).  —  Als  Ferdinand  II.  den  Thron
bestieg  (Nov.  1830),  lag  ein  Jahresdeficit  vor  von  050,000  Ducati.
Nun  wurden  Ersparungen  vor  genommen  am  Unterhalte  des  Militärs
und  der  Gefangenen.  Dagegen  bestimmte  ein  Decret  des  Königs  für
jeden  Prinzen  ein  Majorat  von  einer  halben  Mill.,  durch  den  Staat  verzinslich ­
  vom  Tage  der  Geburt  an.  (S.  Gualterio,  tivolgimenti  italiani.)
Im  Uebrigen  wurden  die  Plrgebnisse  der  Finanz  Verwaltung  geheim  gehalten. ­
  Erst  nach  dem  Sturze  der  Bourbonen  erfuhr  man,  dass  das
letzte  Budget  mit  einer  Einnahmesumme  von  31  020,300  Ducati  abgeschlossen ­
  habe.  Wie  hoch  sich  der  Ausgabeetat  belief,  wissen  wir  nicht.
—  Doch  scheint  die  Finanzverwaltung  schliesslich  eine  vollkommen  geordnete ­
  gewesen  zu  sein.
Schuld.  Die  italien.  Regierung  betrachtete  es  als  politische  Aufgabe ­
  ,  jeden  Unterschied  der  Schulden  der  verschiedenen  Theile  des
neuen  Staats  zu  verwischen.  So  erschien  denn  im  Juni  1801  ein  Gesetz, ­
  welches,  behufs  »Unificirung«  der  sämmtlichen  Staatsschulden,
die  Umschreibung  aller  älteren  Obligationen  befahl  der  Verkaufswerth
derselben  war  freilich  früher  ein  sehr  verschiedener  gewesen).  Es  waren
80  verschiedene  Kategorien  in  fünfprocentige  Schuldscheine  des  Königreichs ­
  Italien  umzuwandeln.  Der  Stand  der  Einzelschulden,  anfangs  zu
2,100’383,583  Idre  berechnet,  stieg  später,  mit  Dazurechnung  der
schwebenden  Schulden,  auf  2,2-1  l’87O,000.  Davon  rührten  nicht  weniger
als  1170  Mill,  (also  über  die  Hälfte)  vom  Königreich  Sardinien  her,  und
zwar  nach  Abrechnung  von  00  Mill,  für  Savoyen.  Die  Schuld  der  Immbardei
  erscheint  mit  15(i’,  Toscana  mit  1  30'  (die  von  der  j)rov.  Regierung
aufgenommenen  Gelder  eingerechnet),  Parma  mit  117,  Modena  mit
18’88,  die  frühem  päpstl.  Gebiete  mit  30’20  ,  Neapel  mit  520  und  Sicilien ­
  mit  187  Mill.  Sodann  nahm  der  neue  Staat  (Juli  1801)  ein  Anlehen ­
  von  500  Mill,  auf,  das  im  Curse  von  nur  70  Proc.  emittirt
wurde  (oder  eigentl.  von  00,33,  da  der  Zinsgewinn  1,17  Proc.  betrug),
wesswegen  für  mehr  als  700  Mill.  Schuldscheine  ausgegeben  werden
*)  Talleyrand  erhielt  hievon  eine  Million,  und  als  Herzog  von  Dino  überdies ­
  00,000  hrc.  Jahresrenten  ¡  der  österr.  General  Hianchi  illefehlshaber  der
Truppen  gegen  Murat)  bekam  40,000  Fres.  Rente,  der  spätere  Finanzminister
Luigi  Medici  25,000,  Alvaro  Ruffo  ebensoviel.  (Enthüllungen  eines  späteren
neapol.  Finanzministers.)
**)  1810  sprach  man  von  »Ersparungen  an  den  Kriegskosten«,  blom  um  den
Ministern  Medici  und  Tommasi,  sowie  dem  österr.  General  Nugent,  jedem
00,000  Ducati  von  dieser  angebl.  Ersparung  schenken  zu  können.  Tommasi
bezog  für  ein  mit  dem  röm.  Stuhle  abgeschlossenes  Concordat  80,000  Ducati.
***■)  Dabei  beschenkte  der  König  die  österr.  Generale  glänzend;  Frimont
allein  erhielt  200,000  Ducati.  (Nicht  blos  die  Revolutionen,  sondern  auch  die
Reactionen  sind  kostspielig.)
        <pb n="353" />
        ITALIEN.  —  Finanzen  (Schuld).

331

mussten,  wofür  die  Staatscasse  494’867,986  Lire  wirklich  erlangte.  Die
schwebende  Schuld  dazu  gerechnet,  entziffert  sich  Ende  1864  eine  Gesammtsumme
  der  Schuld  von  4,145'63U,  160  Lire,  ungerechnet  den  wegen
Erwerbung  päpstlichen  Gebiets  zu  übernehmenden  Schuldantheil  (wofür
schon  früher  430  Mill,  in  Aussicht  genommen  waren).
Schuldverhältntss  der  frühem  Einzelstaaten.
a)  Sardinien.  So  sehr  das  Schuldenanhäufen  in  der  Neuzeit  eingerissen, ­
  hat  doch  kein  anderer  Staat  seine  Passiva  verhältnissmässig  so
ungeheuer  vermehrt,  wie  der  sardinische.  Vor  der  ersten  franz.  Revolution ­
  war  das  Land  schuldenfrei  ;  die  Republik  Genua  besass  sogar  bedeutende ­
  Capitalausstände  (1780  schätzte  man  dieselben  auf  45  Mill.
Rthlr.).  Am  l.Jan.  1835  war  der  Schuldenstand  Sardiniens  99’779,510
Lire.  Allein  die  üble  Wirthschaft  steigerte  denselben  schon  vor  1847
bedeutend.  Die  beiden  Kriege  von  1848  und  ‘49  kosteten  205  7  15,803
Lire,  wovon  78'616,667  Kriegsentschädigung  an  Oesterreich.  —  Sodann ­
  wurden  bis  Ende  1852  98’209,600  für  Eisenbahnen  verausgabt,
und  hierauf  weiter  12  Mill,  bis  Ende  1854  verwendet.  Dies  beträgt  für
Krieg  und  Eisenbahnen  zusammen  etwa  316  Mill.  Allein  man  hatte  vom
Jahre  1848  his  Ende  1854  nicht  weniger  als  568%  Mül.  neue  Schulden
Contrahirt  (darunter  ein  unterm  7.  Sept.  1848  angeordnetes  gezwungenes ­
  Anlehen  von  50  743,000  Lire).  Für  418’156,185  wirklich  bezahlte ­
  Lire  musste  man  503*252,126  verschreiben,  und  jedes  Jahr
brachte  die  enormsten  Ausfälle  in  der  gewöhnl.  Verwaltung.  Nun  kam
der  Krimkrieg,  Die  ausserordentliche  Militärausgabe  in  den  beiden ­
  Jahren  1855  und  56  betrug  44*948,578  für  das  Landheer,  7*959*062
für  die  Marine;  zus.  52*907,640  Lire.  Mit  Dazurechnung  der  gewöhnlichen ­
  Militärausgaben  kostete  das  Kriegswesen  in  jenen  zwei  Jahren
130  Mill.  Das  Geld  Hess  sich  nur  durch  Anlehen  beschaffen.  Allein  es
mangelte  an  Credit,  England  leistete  Bürgschaft  für  zwei  Kriegsanlehen,
zus.  2  Mill.  £  =  50  Mill.  Lire.  Gleichwol  konnte  man  5  ®/„  Papier  nur
zu  79"/o  verwerthen;  das  Land  musste  also  die  aufgenommenen  Capitalien ­
  thatsächlich  zu  6'/,  %  verzinsen.  —  Als  im  Jahre  1858  ein  neues
Anlehen  von  40  Mill,  aufgenommen  ward,  machte  die  reactionäre  Opposition ­
  geltend:  in  den  17  Jahren  1830—4  7  seien  163%  Mill,  geliehen ­
  worden,  in  den  10  Jahren  1848—58  dagegen  570  Mill.  —  Der
Krieg  von  1859  erforderte  ungeheure  Anstrengungen,  Im  Februar  ermächtigten ­
  die  Kammern  zu  einem  Anlehen  von  50  Mill.  :  in  Wirklichkeit ­
  wurden  für  3*229,280  Lire  Renten  =  64*585,600  Capital  zu  5%
ausgegeben.  Im  Mai  schoss  die  Turiner  Bank  dem  Staate  30  Mill,  vor,
nur  zu  2®/„  verzinslich,  wogegen  die  Anstalt  Noten  bis  zu  20  Lire  herab
ausgeben  durfte,  wie  denn  auch  die  Banknoten  Zwangscurs  erhielten.
Mitte  Oct.  ertheilte  ein  königl.  Decret*  dem  Finanzminister  Ermächtigung, ­
  ein  weiteres  Anlehen  von  100  Mill,  in  Renten  aufzunehmen.  Im
Juni  1860  genehmigten  die  Kammern  die  Aufnahme  eines  Anlehens  von
150  Mill.  ,  welches  im  Aug.  nominell  zu  80,50,  aber  nur  zu  78,40
effectuirt  ward.  Ausserdem  wurde  die  von  Frankreich  als  Schuldantheil
der  abgetretenen  Provinzen  ausbezahlte  Summe  von  150  Mill,  gleichfalls ­
  im  laufenden  Haushalte  verbraucht  Aus  Veranlassung  der  Erwerbung ­
  der  Lombardei  musste  Sardinien  250  Mill.  Lire  Schulden  über-
        <pb n="354" />
        /

Æ

332

ITALIEN.  —Militär  (Landmacht).

nehmen.  Hievon  haften  150  Mill,  auf  dem  Monte  Lombardo-  Veneto,
wogegen  man  auch  Activa  erhielt:  dagegen  mussten  100  Mill,  haar  an
Oesterreich  bezahlt  werden.  Frankreich  schoss  die  Summe  vor  gegen
Auslieferung  5proc.  sard.  Renten  ,  welche  indess  nur  zum  Durchschnittscurse
  vom  29.  Oct.  1859  angenommen  wurden.
b)  Emilia.  Vor  der  definitiven  Vereinigung  mit  Sardinien  nahm
die  provisorische  Regierung  40  Mill.  Lire  auf.
c)  Toscana.  Um  1842  sollen  die  Schulden  abgetragen  gewesen
sein.  Die  nach  1849  restaurirte  Regierung  borgte  bis  1853  110’0G6,0fi6
Lire,  ungerechnet  die  Ausgabe  von  8%  Mill.  Papiergeld.  Bis  zur  Vereinigung ­
  mit  Sardinien  lieh  die  prov.  Regierung  30  Mill.
d)  Neapel  und  Sicilien.  Unmittelbar  vor  der  Zeit  der  Revolution ­
  hatten  die  Staatspapiere  einen  sehr  hohen  Curs.
Militär.  Landmacht.  Das  sardin.  Conscriptionsgesetz  bildet  die
Grundlage  der  Wehrverfassimg  des  neuen  Königreichs.  Ein  Theil  der
Jünglinge  (im  Königr.  Sardinien  war  die  Zahl  auf  jährl.  9000  M.  festgesetzt) ­
  wird  für  das  stehende  Heer  ausgehoben,  der  Rest,  eine  Reserve
bildend,  soll  jährl.  40  Tage  lang  in  den  Waffen  geübt,  kann  aber  ausserdem ­
  nur  im  Kriegsfälle  zu  den  Fahnen  gerufen  werden.  Ueberdies  besteht ­
  eine  Nationalgarde,  alle  nicht  im  activen  Militärdienste  stehenden
Männer  bis  zum  34.  Altersjahre  in  sich  begreifend.
Die  tactische  Eintheilung  der  Armee  ward  durch  königl.  Decret ­
  vom  24.  Jan.  1862  folgendermassen  bestimmt:  6  Armeecorj)s,  jedes
von  3  Divisionen,  die  Divisioß  zu  2  Brigaden,  4  —  0  Bataill.  Scharfschützen ­
  [Bersaglieri],  2  RegTtüavallerie  und  0—9  Batterien  ;  —  ausserdem ­
  eine  allgemeine  Cavallerie-Reservedivision  und  eine  Artilleriereserve ­
  von  10  Batterien.  Die  Linien-Infanterie-Regimenter  haben  4  ,  die
Scharfschützen  0  active  Bataillone  zu  4  Compagnien.  —  Unterm  29.
Juni  1862  erfolgte  die  Creirung  von  2  weiteren  Grenadier-  und  von  10
weiteren  Füsilierreg.  etc.  —  Die  Zahl  und  Stärke  der  einzelnen  Corps
findet  sich  in  einem  Berichte  einer  Commission  der  Abgeordnetenkammer ­
  vom  Juli  1861  folgendermassen  angegeben;
Hann
Infanterie,  Linie:  bO  Keg.,  (wov.  b  Grenad.  u.  72  Füsiliere)
—  Jäger:  (Bersaglieri)  (i  (seitdem  nur  5)  Reg.  27,336  —  .  .  259,312
Cavallerie:  26  Reg.  (4  Cürass.,  20  leichte  Reiterei,  Lanciers  u.  Chevauxleg.,
  2  Cuiden  26,335
trie:  10  Reg.  (5  Feld-,  3  Festungs-,  1  Ponton-,  1  Arbeiterreg.)  31,347
.•  2  Reg.,  6862;  —  Train:  3  Reg.,  7957  =  14,819
Verschiedene  Corps  (Administration,  Freischützen  etc.)  9,094
frcnifar/ucne  (Carabinieri)  :  14  Legionen  19,227
Zusammen  (ungerechnet  etAa  14,000  Officiere)  ....  1  36Öj34
Rechnet  man  die  Officiere  und  8000  Veteranen  dazu,  so  ergeben
sich  über  380,000,  und  mit  den  Seesoldaten  (wobei  2  Marineinfant.-Reg.)
  gegen  400,000  M.  Die  mobilisirbare  Nationalgarde  wird  zu
150,000  angeschlagen;  Zollschutzwächter  gibt  es  14,000  Die  Gesammtsumme
  steigt  somit  (auf  dem  Papiere)  über  550,000  Mann.
Hievon  weicht  aber  die  wirkliche  Stärke  sehr  bedeutend  ab.  So
wurde  z.  B.  in  den  Vorlagen  des  Kriegsministers  an  die  Abgeordneten-Artillerie


Genie
        <pb n="355" />
        ITALIEN.  —  Militär  (Landmacht).

333

kammer  von  1S62  die  eöective  Stärke  (statt  der  nominellen  von  303,048)
folgendermassen  angegeben  ;
Linieninfanterie  111,207  M.,  Bersaglieri  17,508,  Cavallerie  10,536,  Artillerie ­
  17,302,  Genie  4,397,  Train  2,485,  Verwaltung  2,755,  Carabinieri  18,516,
Veteranen  4,879,  Sanitätstruppen  395,  zus.  190,100  Mann.
Seitdem  hat  die  finanzielle  Noth  zu  sehr  bedeutender  Verringerung
des  Militärstandes  genöthigt.
Nationalyarde.  Ein  Gesetz  vom  4.  August  1861  hat  die  Bildung
von  220  Bataill.  mobilisirter  Nationalgarde  angeordnet.  Nach  den  aufgestellten ­
  Listen  gehören  übrigens  1’230,988  Bürger  in  die  active
Nationalgarde  (wovon  726,219  als  mobilisirbar  bezeichnet  werden),
766,552  weitere  werden  als  Reserve  aufgeführt,  was  eine  Gesammtzahl
von  nicht  weniger  als  l’997,54ü  Mann  ergäbe.  —  Der  milit.  Werth
dieser  Masse  dürfte  indess  sehr  gering  anzuschlagen  sein.
Festungen.  In  den  alten  festländ.  Provinzen:  Alessandria,  Casale,
Genua  und  18  kleinere  ;  in  der  Lombardei  :  Pizzighettone,  Pavia  und
3  Forts  ;  —  Mittelitalien  :  Ancona,  Ferrara,  Piacenza,  Bologna,
Reggio;  Castelle  zu  Livorno,  Siena,  Volterra,  Pistoia,  Florenz;  dann
4  kleinere  und  auf  der  Insel  Elba;  Porto  Ferrajo  u.  Porto  Longone  ;  —
Unteritalien:  Gaeta  ,  Capua,  Civitella  dell’  Troute,  Pescara;  Citadelle ­
  von  Neapel  ;  —  auf  Sicilien  Messina,  Siracus  u.  Forts  von  Palermo ­
  ;  auf  der  Insel  Sardinien  :  Cagliari  u.  Sassari.
Kriegsgeschichtliche  Notizen.  Die  Stärke  der  Truppenmacht  aller
ital.  Staaten  ward  1858  auf  173,700  Mann  im  Frieden  berechnet,  für
den  Krieg  auf  250,000.  Einzelne  Länder  :  a)  Sardinien.  Die  Könige
dieses  Militärstaats,  stets  nach  Vergrösserung  lüstern,  unterhielten  immer
ein  ansehnliches  Heer.  Vor  der  ersten  franz.  Revolution  zählte  dasselbe
24.000  Mann.  Zufolge  Vertrags  vom  25.  April  1793  mit  England  verpflichtete ­
  sich  der  König,  für  200,000  £  Subsidien,  50,000  M.  gegen
Frankreich  zu  stellen.  Später  kämpften  die  Piemontesen  ruhmvoll  in
der  franz.  Armee.  —  Ende  März  1848  rückten  etwa  30,000  M.  sardinische
  Truppen  in  die  Lombardei  ein.  Ihre  Zahl  ward  allmählig  auf
65.000  gebracht,  ungerechnet  die  Hülfstruppen  aus  der  Lombardei,
Rom,  Toscana  und  Parma.  Indessen  sollen,  nach  der  Versicherung
des  commandirenden  Generals  Bava,  doch  nur  15,000  schlagfertig  gewesen ­
  sein.  Die  Soldaten  bewiesen  Tapferkeit,  Geschick  und  Ausdauer. ­
  Allein  man  liess  es  ihnen  an  Allem  fehlen,  und  die  Führung
war,  besonders  wegen  des  steten  Eingreifens  des  Königs  Karl  Albert,
eine  ungeschickte.  Während  des  Waffenstillstandes  vermehrte  man  das
Heer  auf  dem  Papiere  bis  zu  135,000  M.  (worunter  die  lombardische
Division  von  5,500).  Beim  Wiederbeginne  des  Kampfes  zählte  man
aber  höchstens  85,000  active  Combattanten.  Die  Cavallerie,  besonders
die  Artillerie,  waren  trefflich,  die  Artillerie  aber  nicht  zahlreich  genug,
und  an  leichter  Reiterei  fehlte  es.  Die  Infanterie  stand  der  österreichischen ­
  weit  nach.  Bei  der  ganz  schlechten  Führung  dauerte  der
Feldzug  nur  vom  20.  bis  24.  März  1849;  er  endete  mit  der  Schlacht
von  Novara.  —  1855  find  56  nahm  Sardinien  am  orientalischen  Kriege
Theil;  es  sendete  17,584  M.  nach  der  Krim,  die  sich  wacker  hielten,
wovon  aber  selbst  nach  den  officiellen  Angaben  2,532  (also  14,4  Proc.),
        <pb n="356" />
        334

ITAIJEN.  —  Militär  (Marine).  —  Sociales.

umkamen.  —  Deber  den  Feldzug  von  1S59  fehlen  noch  statist.  Nachweise. ­

b)  Neapel  und  Sicilien.  Vor  der  französ.  Revolution  bestand
das  Heer  aus  ungef.  25,000  Mann.  Als  man  dasselbe  1798  auf  angeblich ­
  120,000  brachte  (Mack  drang  mit  00,000  derselben  in  das  römische
Gebiet  ein),  hatte  man  fast  nur  ungeübte  Massen,  welche  von  den  Franzosen ­
  schnell  zerstreut  wurden.  —  Unter  Murat’s  Regierung  kämpften
Neapolitaner  zur  Seite  der  Franzosen,  namentlich  in  Spanien  und  in
Russland.  Gegen  Napoleon  vermied  der  König  1811  jeden  ernsten  Angriff. ­
  Als  er  1815  die  Grenze  wieder  überschritt,  zählte  seine  active
Armee  in  Wirklichkeit  wenig  über  30,000  M.  (s.  Pepe,  memorie)  ;  er
ward  von  den  Oesterreichern  unschwer  geschlagen  (Treffen  bei  Macerata).
  —  Zur  Vertheidigung  der  Cortesconstitution  geschah  1822  fast
nichts,  —  vielmehr  wurden  die  Vertheidigungsm  assregeln  vom  Regenten
und  einem  Theile  der  Generale  systematisch  vereitelt.  Wilh.  Pepe,
gegen  welchen  der  ganze  Stoss  der  österr.  Executionsarmee  (58,000  M.)
gerichtet  war,  hatte  nur  18,000  Linientruppen  und  nicht  einmal  ebenso
viel  Milizen.  Nach  dem  Treffen  bei  Rieti  lösten  sich  die  Truppen  fast
vollständig  auf.  —  Im  Frühjahre  1848  sendete  der  König  ein  Heer
.unter  Wilh.  Pepe  zur  Bekämpfung  der  Oesterreicher  nach  Oberitalien,
rief  dasselbe  aber  sogleich  nach  dem  Verfassungsumsturze  zurück.  Einige
kleine  Abtheilungen  verweigerten  den  Gehorsam,  geführt  von  Pepe  und
einer  Anzahl  anderer  Officiere  ;  sie  zeichneten  sich  in  Vertheidigung
Venedigs  durch  Geschicklichkeit  wie  durch  Muth  aus.  Der  König  von
Neapel  selbst  unternahm  1849  einen  Feldzug  gegen  die  römischen  Republikaner ­
  ,  ward  aber  von  Garibaldi  schmählich  über  die  Grenze  zurückgetrieben. ­
  Vor  der  letzten  Umwälzung  zählte  das  neapolit.  Heer
formationsmässig  92,586,  mit  der  Reserve  sogar  143,586  Mann.
Märine.  Dem  Marinebudget  für  1865  zufolge  zählt  man  73  Kriegsund ­
  25  Transportschiffe.  Unter  ersteren  befinden  sich  1  Schraubenlinienschiff, ­
  13  Schraubenfregatten  ersten  Rangs  ,  wovon  5  gepanzert,
9  Fregatten  zweiten  Rangs,  wovon  2  Segelfregatten  und  6  gepanzert,
10  Corvetten  ersten  Rangs,  wovon  2  Segelcorvetten  und  2  gepanzert,
17  Corvetten  zweiten  und  dritten  Rangs,  14  kleinere  Schiffe,  8  Schrauben-Kanonenboote
  und  ein  Dampfwidder.  Von  diesen  Schiffen  sind
noch  13  im  Bau,  darunter  der  letztgenannte  Dampfwidder  »Affondatore«
in  London,  dessen  Kosten  auf  4  Mill.  Fr.  angeschlagen  sind.  Der
Gesammtkostenbetrag  der  Flotte  beläuft  sich  annäherungsweise  auf
141  033,205  Lire.  Eine  andere  in  den  ital  Kammerverhandlungen
von  1861  mitgetheilte  Aufstellung  ergibt  ;  14  Panzerschiffe,  31  Schrauben- ­
  und  36  Raddampfer,  endlich  18  Segelfahrzeuge.  Sie  führen  zus.
1324  Kanonen,  haben  26,030  Pferdekraft  1  28,479  Tonnen  Gehalt  u.
21,930  Individuen  zur  Bemannung.  Die  Kosten  werden  hiebei  zu
141’429,205  Lire  angegeben.  Das  grösste  Schraubenschiff  ist  der  Re
Galantuomo  von  64  Kan.,  aber  nur  mit  450  Pferdehr.  ;  dagegen  haben
5  Panzerfregatten  je  36  Kan.  u.  800  —  900  Pferdekr.
Sociales.  So  viele  begründete  Klagen  sich  "auch  gegen  die  jetzige
Verwaltung  in  Italien  erheben,  so  muss  doch  immerhin  anerkannt  werden, ­
  dass  die  neue  Ordnung  der  Dinge  frisches  Leben  statt  der  früher
        <pb n="357" />
        ITALIEN.  —  Sociales  (Volksbildung).

335

herrschenden  Stagnation  brachte,  durch  welche  jeder  Aufschwung  der
an  sich  so  befähigten  ital.  Nation  in  Entwicklung  der  geistigen  Kräfte
wie  des  materiellen  Wohlstandes  unmöglich  gemacht  war.
Volksbildung.  Nach  einer  ministeriellen  Aufstellung*)  besassen
von  den  7721  Gemeinden  im  J.  IS®*/«,  7027,  1S*%;  dagegen  7290
Volksschulen.  Da«aber  in  manchen  Gegenden  die  »Gemeinden«  einen
Umfang  von  mehren  deutschen  Q.-M.  besitzen,  und  etwa  den  französ.
Kantonen  gleichen,  so  ergeben  diese  Zahlen  nur  etwa  in  Beziehung  auf
die  Zunahme  während  eines  Jahres  ein  richtiges  Bild.  Die  Zahl  der
Lehrer  stieg  gleichzeitig  von  12,475  auf  14,253,  die  der  Lehrerinnen
von  6631  auf  7604.  Die  Schulen  wurden  von  459,273  Knaben  und
341,929  Mädchen,  sonach  801,202  Kindern  besucht.  Im  nächsten
Jahre  stieg  die  Gesammtzahl  auf  939,234.  Es  ward  übrigens  festgestellt,
dass  von  je  1000  Einwohnern  weder  lesen  noch  schreiben  konnten  :

männi.  weibl.
in  den  alten  Provinzen  u.  der  Lombardei  .  .  461  574
-  Mittelitalien  641  750
-  Neapel  und  Sicilien  835  938

Da  die  Gesammtzahl  der  Kinder  im  Alter  von  6  —  12  Jahren
3'166,600  beträgt,  so  ergibt  sich,  wie  viel  noch  zu  thun  ist.  —  Im
J.  1S*%,  zählte  man  ferner  147  technische  Schulen,  250  Gymnasien  u.
87  Lyceen;  sie  waren  besucht  von:  7666  Gewerbschülern,  16,281
Gymnasiasten  u.  3948  Lyceisten.  Universitäten  gibt  es  19;  die  Studentenzahl ­
  ward  nur  zu  5508  angegeben  ,  während  es  im  Vorjahre
15,668  gewesen  sein  sollen,  wovon  9,  159  auf  Neapel  allein  gekommen
wären  ,  indess  diese  Universität  18"^%^  geschlossen  erscheint.  Nächst
Neapel  war  Pavia  am  bedeutendsten  mit  1173,  dann  Turin  mit  888
Studenten.  Die  übrigen  LTniversitäten  befinden  sich  zu  Bologna,  Cagliari, ­
  Camerino,  Catanea,  Ferrara,  Genua,  Macerata,  Messina,  Modena,
Palermo,  Parma,  Perugia,  Pisa,  Sassari,  Siena  und  Urbino.
Literatur.  Abgesehen  von  den  periodischen,  erschienen  1863  4243
Schriften  (worunter  aber  offenbar  eine  Menge  bloser  Broschüren).  Darunter ­
  solche  über:  Literatur  685  ,  Unterricht  608,  Theologie  460  (die
Kirche  also  bereits  überholt  durch  die  Schule!),  Volkswirthschaft,  Statistik ­
  etc.  286,  Geschichte  251,  Rechtswesen  239,  Politik  232,  Medicin
  228,  Technologie  226  etc.  —  Zeitungen  und  Zeitschriften  gab
es  1863  365,  wovon  119  in  den  alten  piemont.  Provinzen,  84  in  der
Lombardei,  54  in  Neapel,  4  6  in  Toscana,  24  in  der  Emilia,  21  auf  Sicilien ­
  und  17  in  den  Marken  und  Umbrien  gedruckt  wurden.
Geistlichkeit.  Man  zählt  nicht  weniger  als  44  Erz-  u.  185  gewöhnl.
Bischöfe  (in  dem  viel  grösseren  Frankreich  nur  17  Erz-  u.  71  Bischöfe).
Abgesehen  von  den  gewöhnl.  Geistlichen,  umfasst  der  Ordensclerus  (nach
einer  ministeriellen  Kammervorlage  vom  Febr.  1864)  in  82  verschiedenen ­
  Orden  u.  2382  Klöstern,  von  denen  658  den  Bettelorden  angehören: ­
  15,49  1  Mönche,  18,198  Nonnen,  4  168  Novizen  u.  7671  Novizinnen. ­
  —  Die  jährlichen  Erträgnisse  der  Geistlichengüter  sind  folgendermassen
  veranschlagt;  die  der  relig.  Corporationen  zu  16’216,532,
der  Bisthümer  7*737,214,  der  Fabriken  1  5*400,748,  der  Präbenden  etc.
*)  Annuario  dell’  Istruzione  pubblica  del  regno  d’Italia.
        <pb n="358" />
        336

ITALIEN.  —  Sociales.

36’912,722,  zus.  76’266,216  Lire.  Man  hält  diesen  Voranschlag  für
zu  niedrig.  Der  Capitalwerth  der  Geistlichengüter  wird  auf  nahezu  zwei
Milliarden  geschätzt.
Bodenanbau.  Nach  der  Berechnung  Correnti’s  (welche  jedoch  im
Verhältniss  zum  angegebenen  Umfange  des  Staates  um  4%  Mill.  Hektaren ­
  zu  niedrig  ist),  umfassen  •
Die  Aecker  und  Weinberge  lO’Ol  1,102  Hectaren,  die  natürl.  und  künstl.
Wiesen  859,701,  lleisfelder  119,430,  Olivennflanzungen  552,384,  Castanienpflanz.
  579,910,  Gehölze  3’92(i,9S7,  Weiden  5m)91,820  (zus.  2ri41,400  llectar.)
—  Eine  andere  Berechnung  führt  4’220,773  Hectar.  Waldungen  auf,  wovon
2’367,591  in  öflentl.,  1'853,182  in  Privateigenthum.
Die  Production  wird  folgendermassen  veranschlagt  :
Weizen  33'128,870  Hectoliter,  Mais  14’3OO,270,  Iteis  1’241,498,  zus.  mit
dem  andern  Getreide  05’008,847  Hectol.  —  Castanien  5’2S4,142,  Kartoffeln
9'300,893,  Hülsenfrüchte  3’802,010,  Gel  1'552,372,  Wein  20'273,771  Hectol.
(Diese  letzte  Annahme  dürfte  bedeutend  zu  hoch  sein.)  —  Ferner:  Manna  3  7  5,100,
Liquiriz  1'451,580,  Cocons  (Seide)  38,  nach  Andern  54  Mill.  Kilogr.  Ueber  das
Ergebniss  der  bedeutend  gestiegenen  Baumwollpffanzung  fehlen  neue  Notizen.
Die  Getreideeinfuhr  ward  1801  auf  922,535,  die  Ausfuhr  auf  107,140  Hect.
geschätzt,  im  Geldwerthe  erste  von  18%,  letzte  von  2’%Mill.  Lire.  —Den  Geldwerth ­
  des  Oeles  schätzte  man  auf  50  '.  Mill.  Lire,  den  der  Butter  und  des  Käse  in
der  Lombardei  allein  auf  75',  der  Seide  auf  110—170',  desTabaks  auf  03  V,  Mill.
Viehstaml;  3'272,595  Stück  Rindvieh,  1'280,758  Pferde,  Esel  u.  Maulesel,
8'415,790  Schafe,  2'174,017  Ziegen,  3’049,9l0  Schweinen.
Handel.  Nach  einer  auf  Grund  der  alten  Zollregister  aufgestellten
Liste  betrug  der  internationale  Handelsverkehr  vor  dem  Jahre  1859  im
Umfange  des  jetzigen  Königreichs  ungefähr  Gü7'/a  Mill.  Lire  Ein-  und
gegen  570’  Ausfuhr.  Da  die  Binnenzölle  in  dem  neuen  Staate  hinwegfielen, ­
  so  mussten  sich  die  Summen  zunächst  vermindern,  ln  Wirklichkeit ­
  ergeben  die  Aufstellungen  für  das  Jahr  1801  eine  Einfuhr  von
476’791,930  Lire  Ein-  u.  3  19’107,448  Ausfuhr  ;  für  1802  werden  dagegen ­
  (zieml.  auffallende  Zahlen!)  angegeben:  S21’511,545  Lire  Einu.
  479’167,097  Ausfuhr.  Die  bedeutendsten  Summen  kommen  auf  den
Verkehr  mit:

Frankreich
England
Oesterreich
Schweiz
Russland  .
Niederlande
Belgien
Schweden  .

Einfuhr  aus
218’788,758
190'090,475
157'933,501
83'709,234
33'710,525
24'207,358
7'709,I73
2'100,199

Ausfuhr  nach
184'3')9,h03  Lire.
25’971,787  -
00'409,910  -
140'443,041  -
1'841,94  5  -
1'509,575  -
3'737,339  -
311,442

mit
606,000,  u.  52  Dampfer  mit  16,886  Tonnen.  (Eine  vief  höhere  Angabe ­
  der  Shipping  Gazette  beruht  auf  Verwechslung  mit  dem  Hafenverkehre.) ­
  Der  Hafenverkehr  (1862)  :
eingelaufen

ausgelaufen

Segelschiffe
Dampfer
Zusammen

Schiffe
13,381
422

Tonnen
2'211,801
82,045

Schiffe
13,489
422
13,911

Tonnen
2'190,987
82,045
2'279,032

13,803  _  2'293,840
Von  der  Gesammtzahl  (ein-  u.  ausgelaufene  Fahrzeuge  zusammen)
waren  18,473  Schiffe  mit  2’808,228  Tonnen  befrachtet,  9241  Schiffe
        <pb n="359" />
        italien.  —Sociales  /Eisenbahnen).

337

1  764  650  Tonnen.  Dagegen  bios  mit  Ballast.  —  Auch  befinden
sich  unter  der  Gesammtzahl  4849  befrachtete  Fahrzeuge  und  3754  mit
Ballast  (erste  von  F133,482,  letzte  von  975,276  Tonnen),  welche  blos
anlegten  (wegen  Beschädigung,  Einnahme  von  Bedürfnissen  etc.).
htsenhahnen.  Im  April  1859  standen  erst  1472  Kilom.  im  Betriebe; ­
  im  Januar  1864  dagegen  2881  ,  während  weitere  1103  sich  im
aue  befanden  Im  März  1864  wurden  2990  Kilom.  (über  400  Meil.)
Die  (^sammtWe  aller  Verkehr»'»“/;"  wa"d  lu  »'o.wl
1  3,oÄ:1.  ÄÄ
Bureaux  4o9.  —  Dazu  kamen  18  unterseeische  Drahtleitungen  von  524
Kilom.  Lange.  Die  Zahl  der  Depeschen  betrug  1862  bereits  1’566  280
Post.  Zahl  der  Briefe  :  1862  7F502.779;  1863  72  513,346.  Dazu
Zeitungen  45  327,810  (9’72l,620  mehr  als  im  Vorjahre)  und  8  1  14  024
andere  Drucksachen.  (Auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  kamen  also  nur
3,1»5  Briefe  und  Kreuzbandsendungen  und  2,08  Zeitungen.)
Actiengesellschaften.  Seit  1860  sind  im  Königreich  Italien  98
Actien-Gesellschaften  gegründet  worden.  Vorher  existirten  deren  279,
so  dass  jetzt  eine  Gesammtzahl  von  377  anonymer  Gesellschaften  besteht ­
  mit  einem  Nominal-Capital  von  1,353’270,820  Lire.  Das  Capital
vertheilt  sich  auf  die  verschiedenen  Provinzen  wie  folgt  :

I'iemout.
Lombardei
Toscana  .
Komagna

755’s4H,5oo  Lire.
oroi(»,()24  -
193’512,S52  -
lOS’ö25,2n  -

Modena
Neapel

u.  Parma

Sicilien
Zusammen

9’322,0((0  Lire.
lS5’785,.3h3  -
39’202,25ü  -

,  1,35:í’270,820  Lire.
Auf  Banken,  Eisenbahnen  und  Kanäle  kommt  von  diesem  Capital
mehr  als  eine  Milliarde.  —  Die  »Nationalbank«  vermittelte  1862  für
iBt  Turin,  sie  hat  auaaerdem
in  2/  Städten  huíale.  Notencirculation  Ende  1864;  77  Mill.  Lire.
Cnlturgeschichtliche  Notizen  aus  den  einzelnen  Landestlieilen
bcaitre  ddrte  nicht  lesen  und  schreiben  lernen.  _  Auf  der  Insel  S.rdiitn
  hatte  sich  ohnehin  das  hcudalwesen  erhalten.  Adel  und  Oeistlichkeit
  besitzen  dort  das  grosse  Grundeigenthum.  Der  Landmann  ist  nicht
freier  Ligenthflmer;  höchtens  erscheint  das  ganse  Dorf  als  Nutsniesser
«ner  Anzahl  leider,  welche  gemeinsam  bewirthschaftet  werden.  (Im
Ortschaften!  davon  gehörten  aber
nb  T  if  V'*  u  dem  Adel.  Noch  nicht  genug  damit,  war
Ober  die  Hälfte  des  Areals  der  Insel  mit  220,000  Menschen  das  Eigenem ­
  remder  Adelsfamilien,  die  ihr  Einkommen  im  Auslande  ver-K
  otb,  StatiitiW.  4.  Aufl.
        <pb n="360" />
        338

ITALIEN.  —  Sociales.

zehrten.)  Noch  im  J.  Ib33  zählte  man  auf  Sardinien  376  grosse  Feudalgüter, ­
  wovon  die  Hälfte  im  Besitze  spanischer  Adelsfamilien.  Die
Bevölkerung  befindet  sich  in  mancher  Beziehung  noch  in  halbwildem  Zustande. ­
  —  Eine  bedeutende  Veränderung  fand  seit  1&amp;amp;4S,  zumal  auf
dem  Festlande  statt  :  Beschränkungen  des  Adels  und  Klerus,  und  Ausbildung ­
  des  Constitutionalismus.  Nachdem  im  März  1S50  (Siccardi’sches
Gesetz)  die  geistliche  Gerichtsbarkeit  und  andere  Privilegien  des  Klerus
aufgehoben  worden  (doch  wagte  man  noch  nicht  einmal,  die  in  Frankreich, ­
  Belgien,  dem  deutschen  linken  Rhein  gebiet  bestehende  »Civilehe«
einzuführen),  drängte  die  finanzielle  Noth  zu  einer  Einziehung  von
Klostergütern.  Zufolge  des  Gesetzes  vom  25.  Mai  1855  wurden

aufgehoben  :
60  Klöster  auf  dem  Festlande  mit
40  -  -  -  -  -
40  -  -  Sardinien
182  Bettelklöster
05  Capitel
Geistliche  Beneficien

772  Mönchen  und  770,000  Lire  Eink.
1,085  Nonnen  -  202,000
488  Individuen  -  309,000
3,145  -  -  84,000  -
080  Canonicaten  -  500,000
1,700  .....

399  Institute  mit  0,870  Individuen  und  2'015,000  Lire  Eink.
Vor  der  Zeit  der  Reformen  enthielt  der  sard.  Staat  23,000  Geistliche  =
I  auf  214  Einw.,  während  in  Belgien  1  auf  600,  in  Oesterreich  1  auf
610  gerechnet  ward.  —  Das  Einkommen  der  Geistlichkeit  betrug  vor
der  Klosteraufhebung  über  17  Mill.  [Rwista  Knctclopeihca,  1855),  also
mehr  als  die  gesammte  Grundsteuer,  und  viermal  so  viel  als  die  in  Belgien ­
  votirte  »Allocation«  ausmacht  (selbst  in  der  Clericalschrift  :  Alloctizione
  della  Sanità  ...  al  sacro  Collegia  nel  Concistorio  segreto  del  22
gennajo  1855,  seguita  da  una  Esposizione  di  documenti  etc.  wird  ein  Einkommen ­
  von  10’412,0S1  Lire  zugegeben).  —  Vor  1848  hatte  kaum
der  dritte  Theil  der  Gemeinden  Schulen  für  Knaben  ;  solche  für  Mädchen
waren  fast  ganz  unbekannt.  Im  J.  1856  gab  es  Elementarschulen:
5,072  für  Knaben  145  Gemeinden  ohne  Knabenschulen
2,833  -  Mädchen  1,151  -  -  Mädchenschulen.
Indess  konnten  1857  von  17,705  Rccruten  9,096  weder  lesen  noch
schreiben.  —  Seit  1819  und  besonders  1851  das  Prohibitivsystem  aufgegeben
  ward,  erlangte  der  Handel  einen  starken  Auischwung  (so
stieg,  nach  Herabsetzung  der  Zuckcrzölle  auf  die  Hälfte,  die  Consumtion
  in  8  Jahren  von  7  %  auf  1  8%  Mill.  Kilogr.)

b)  Mittelitalien.  Modena  war  Eldorado  des  Jesuitismus,
und  Absolutismus.  —  ln  Toscana,  wo  während  der  zweiten  Hälfte
des  vorigen  Jahrhunderts  mehr  Verbesserungen  stattfanden  als  in  irgend
einem  andern  Staate  Italiens,  blieb  doch  der  Hauptgrundbesitz  in  den
Händen  des  Adels  und  der  Geistlichkeit  ;  die  Bauern  wurden  nicht  freie
Eigenthümer.  In  der  Neuzeit  verfolgte  man  alle  Neuerungen,  und  das
traditionelle  Leopoldinische  Regierungssystem  (ein  zudem  sehr  überschätztes ­
  System  des  »erleuchteten  Despotismus«)  ward  aufgegeben  und
bekämpft.  Man  hörte  fortwährend  von  Verurtheilungen  Solcher,  welche
Bibeln  oder  methodistische  Tractätchen  gelesen  !  (An  den  bekannten
Fall  der  Eheleute  Madiai  reiheten  sich  noch  viele  ähnliche.)  —  In  dem
kleinen  Lande  zählte  man  1855  314  Klöster  mit  3,240  München  und
4,173  Nonnen,  ausserdem  10,031  Weltgeistliche.
        <pb n="361" />
        22*

ITALIEN,  —  Sociales.

339

c)  Unteritalien.  Die  Lebensweise  des  Volks  ist  dürftig  und
schmutzig.  So  fruchtbar  der  Boden  (war  doch  Sicilien  die  Kornkammer
Roms),  so  vernachlässigt  erscheint  der  Anbau  desselben.  Die  Felder
Werden  vielfach  nur  alle  2  —  3  Jahre  bestellt.  Der  Landmann  ist  nicht
freier  Eigenthümer.  Das  Gewerbswesen  steht  auf  sehr  niedriger  Stufe,
wie  man  überhaupt  fast  nur  in  den  Städten  einige  Handwerker  trifft.  —
Geistlichkeit  und  Adel  sind  die  übermächtigen  Stände.  1834
zählte  man  im  Königreiche  Neapel  allein  14  Erzbischöfe,  06  Bischöfe,
26,800  Weltgeistliche,  11,730  Mönche  und  9,520  Nonnen!  Die  Einkünfte ­
  des  Klerus  wurden  1820  auf  9  007,390  Duc.  berechnet.  —  Der
sicilianische  Adel  besteht  aus  61  Herzogen,  117  Fürsten,  217  Markisen,
über  1000  Baronen  und  2000  einfachen  Adeligen.  Ein  Einkommen  von
mehr  als  3  Mill.  Duc.  dient  auf  der  Insel  nur  zum  Unterhalte  von  7600
Geistlichen  (wie  dies  hervorgeht  aus  dem  von  den  geistlichen  Corporationen
  selbst  im  Jahre  1842  aufgestellten  Stato  di  attività  e  passività).
I)^gcgen  nimmt  man  an,  dass  %  der  Sicilianer  Bettler  sind.  Im  J.  1820
fanden  sich  auf  der  ganzen  Insel  nur  5  Buchdruckereien  (nebenbei  ein
Zeichen,  wie  wenig  die  zahlreiche  Geistlichkeit  in  und  ausser  den
Klöstern  sich  mit  Literatur  beschäftigte).  —  Nach  einer  wie  es  scheint
amtlichen  Notiz  zählte  man  im  Febr.  1861  im  ehemal.  Königr.  Neapel:
1020  Mönchs-  und  272  Nonnenklöster,  mit  13,611  Mönchen  und  8001
Nonnen.  Von  den  Mönchen  hatten  4712  ein  Einkommen  von  4*555,968
Lire,  während  die  übrigen  8899  vom  Almosen  lebten.  Die  Einkünfte
der  Frauenklöster  beliefen  sich  auf  4*772,794  Lire.  —  Besondere
Schwierigkeiten  findet  die  Herstellung  eines  genügenden  Schulwesens.
Die  Erhebungen  unter  der  neuen  Regierung  ergaben,  dass  von  3094
Gemeinden,  welche  nach  Einwohnerzahl  und  Bedeutung  jedenfalls  Primärschulen ­
  besitzen  sollten,  1084  deren  ganz  entbehrten,  und  dass  an
900  Schulen  der  Unterricht  durch  Individuen  ertheilt  wurde,  welche
selbst  der  Elementarkenntnisse  ermangelten.  Mit  vielen  Lehrstellen  war
keine  höhere  Besoldung  verbunden  als  18  Ducati  (etwa  21  Thlr.)  jährl.
Die  gesammte  Staatsausgabe  für  den  Primärunterricht  belief  sich  aber
auch  nur  auf  etwa  1  12,000  Ducati.  Die  Zahl  der  Schüler  stand  zur
Bevölkerung  im  Verhältnisse  von  1  zu  1000.
J/öwzfin,  Maaaa  und  (Jevicht  sind  im  Allgemeinen  die  französischen.  Der
rranc  heisst  I.ira.  (Die  frühere  toscanische  Lira  hatte  nur  den  Werth  von  84
Cent.  ;  noch  geringer  waren  die  alten  Lire  von  Parma  und  Modena).  In  Neapel ­
  rechnete  man  nach  Ducati.  Der  Ducato  ward  in  lO  Car  lint  und.  100  (Irant
getheilt.  Sein  Silbergehalt  sollte  sein  =  1  Thlr.  4  Sgr.  4,05  Pf.  preuss.,  war
aber  wirklich  1  Ihlr.  3  Sgr.  11,65  Pf.  —  Auf  Sicilien  rechnet  man  im  Privatverkehre ­
  noch  nach  Onde,  zu  30  Tari  à  20  Grani;  die  Oncia  =  3  Thlr.  11  Sgr.
10,94  Pf.  —  Längemaass  :  der  Valmo,  in  Neapel  0,26455,  auf  Sicilien  0,258098
'let.,  also  0,8429  u.  0,82235  preuss.  Fuss.  —  Feldmaass:  in  Neapel  der  ^logyu)
  =  0,2741  preuss.  Morgen.  —  Oetreidemaass  :  in  Neapel  der  Tomolo  zu
«‘&amp;gt;5,55  Liter  oder  1,0106  preuss.  Scheffel,  in  Sicilien  zu  17,19  Lit.  oder  0,3128
Schff.  Die  sicil.  òalnia  hat  16  Jomoli.  —  \\  einmaass  :  der  Itarile,  in  Neapel  zu
6,635,  auf  Sicilien  0,5  nreuss.  Eimer.  —  Gewicht:  in  Neapel  das  Pfund  zu
320,759  Gramm,  auf  Sicilien  der  liotolo  zu  793,4  Gr.  —  Trotz  aller  Bemühungen
der  Polizei  hat  sich  im  Privatverkehr,  namentl.  auf  Sicilien,  die  alte  Rechnungsweise ­
  beim  Maass,  Gewicht  und  Geld  erhalten.
        <pb n="362" />
        340

ITALIEN.  —  Die  römischen  Staaten.

2.  Die  röiiiisehen  Staaten  Mor  sog.  »Kirchenstaat«).

1)
2)
:))
4)
5)

Bestaudtheile
Koni  und  Comarca  .
Delegation  Viterbo
Civitavecchia
Velletri
Frosinone  .
Zus.  (11,790  (i.-Kilom.)
Gegenwärtig  wol  etwas

Q.-M.
S2
54
IS
28
32

214

Bevölk.  1853
320,509
128,324
20,701
02,013
140,759

084,300
über  700,000.

Bis  zum  J.  IS59  umfasste  der  sog.  »Kirchenstaat«  748  Q.-M.  und

(nach  der  Aufnahme  von  1853)  3’124,G(iS  Menschen.  Er  bestand  aus
5  llaupttheilen  :
1)  Eigentliches  Patnnionimn  Petri,  neml.  :  Kom  u.  Comarca  Q.-M.  Bev.  1853
(Stadtbezirk)  und  die  3  Delegationen  (Bezirke)  Viterbo,
Civitavecchia  und  Orvieto,  zus.  etwa  170  504,581
2)  Die  4  Leijationen  der  Koniagna:  Bologna,  Ferrara,  Forll
und  Kavenna  180  1’014,582
3)  Die  Marken  mit  den  0  Delegationen  :  Ancona,  Urhino-Pesaro,
  Macerata,  Fermo,  Ascoli  und  Camerino  ....  100  924,002
4)  í/w/ònc«  mit  den  3  Delegationen  Perugia,  Spoleto  u.  Rieti  150  443,155
5)  Campayna  Marittima  mit  den  31  lelegationen  Velletri,  Frosinone ­
  und  Benevent  70  239,748

Confessionen.  Die  Bevölkerung  ist  katholisch  ;  selbst  im  frühem
Umfange  zählte  man  nur  9237  Juden  und  283  (andere^  Akatholiken.
fitadt  Rom  ,  Ende  1802  mit  197,078  Einw.  (darunter:  40  Bischöfe,  1385
Weltpriester,  2474  Mönche,  1057  Seminaristen,  2032  Nonnen,  2013  weibl.  Klosterzöglinge ­
  ;  dann  283  Akatholiken  und  4220  Juden).  Im  J.  1198  unter  Innocenz
  111.  zählte  Rom  35,000  Einw.  ;  1377,  als  die  Päpste  von  Angnon  zurückkehrten ­
  17,000;  1513  unter  Leo  X.  40,000,  und  1521  schon  90,000;  unter  Clemens ­
  VH.  105,047,  und  im  Jahre  1793  100,948.  ln  den  Jahren  1809  und  1813
zeigte  sich  eine  starke  Verminderung  auf  130,268  und  117,882;  dann  stieg  die
Zahl  wieder  1823  auf  130,209,  1830  auf  147,235  und  bei  der  Thronbesteigung
Pius  IX.  zählte  es  180,199.  —  Viterbo  hat  13,800,  Velletri  13,000,  Alatri  11,400,
Civitavecchia  11,000  Einw.
Herrschaftsverändernnyen.  Vor  der  Zeit  der  franz.  Revolution  umfasste ­
  der  sog.  Kirchenstaat  ungefähr  790  (J.-M.  und  2’200,000  Menschen. ­
  Zu  demselben  gehörten  die  Grafschaften  Avignon  und  Venaissin
(in  Frankreich),  eine  Landschaft  von  etwa  10  Q.-M.  und  55,000  Einw.
Die  dortige  Bevölkerung  empörte  sich  aber  gegen  die  päpstliche  Herrschaft, ­
  und  unterm  14,  Sept.  1791  decretirte  die  franz.  Nationalversammlung ­
  die  von  vielen  Avignesen  beantragte  Vereinigung  dieser  Landschaft ­
  mit  Frankreich.  Im  Frieden  von  Tolcntino,  19.  Febr.  1797,
musste  der  Papst  nicht  nur  dies  gutheissen,  sondern  auch  die  Romagna
an  die  cisalpinische  Republik  ab  treten,  ln  Folge  der  Ermordung  des
franz.  GesandtenDuphot  zu  Rom  rückten  aber  schon  am  1  l.  Febr.  1  798
franz.  Truppen  in  die  Hauptstadt.  Ein  Volksaufstand,  15  Febr.,  endete
mit  Verkündigung  der  »römischen  Republik«.  Gegen  Ablauf  des  Jahres
stellten  indess  neapolitanische,  russische  und  türkische  Truppen  die
päpstliche  Herrschaft  wieder  her.  —  Im  April  1809  riss  Napoleon  Ancona, ­
  Urbino,  Macerata  und  Camerino  vom  Kirchenstaate  los,  dieselben
seinem  »Königreiche  Italien«  einverleibend.  Am  17.  Mai  desselben  Jahres ­
  (4  Tage  vor  der  Schlacht  bei  Aspern)  decretirte  er  weiter  die  Incor-
        <pb n="363" />
        ITALIEN.  —  Die  römischen  Staaten  (Finanzen).

341

porirung  Roms  selbst  in  den  franz.  Kaiserstaat  (Departemente  der  Tiber
und  des  Trasimene  ;  Rom  sollte  «  die  zweite  Stadt  des  Reiches  «  sein).
r)en  Papst  brachte  man  gewaltsam  nach  Frankreich.  —  1814  Restauration, ­
  unter  Verlust  Avignon’s  und  eines  kleinen  Landstriches  auf  dem
rechten  Poufer.  —  Die  Aufstände  von  1848  veranlassten  den  Papst  zur
Flucht  nach  Gaeta  (24.  Nov.).  Am  8.  Febr,  1849  beschloss  die  Nationalversammlung ­
  :  Wiederherstellung  der  »römischen  Republik«.  Nach
ruhmvollem  Kampfe  fiel  Rom  am  3.  Juli  in  die  Gewalt  der  von  dem
Präsidenten  Napoleon  zur  Wiedereinsetzung  des  Papstes  gesendeten
Truppen  der  franz.  Republik.  —  1859  befreite  sich  die  Romagna  von
der  päpstl.  Herrschaft;  ISGO  folgten  die  Marken  und  Umbrien.
Finanzen.  Waren  dieselben  schon  früher  zerrtlttet,  so  kann  es  nicht
Wunder  nehmen,  dass  sie  nach  der  Lostrennung  von  mehr  als  drei  Viertheilen ­
  der  frühem  Bevölkerung  in  vollständiger  Unordnung  sich  befinden. ­
  Verlässige  Nachweise  fehlen  um  so  mehr,  als  die  Oeffentlichkeit
der  Finanzverwaltung  ausgeschlossen  ist.  Nach  Privatangaben,  die  wir
in  Kürze  zusammenstellen,  hätten  die  Budgets  etwa  so  abgeschlossen  ;
I860:  Bedarf  22,  Einkommen  8  Mill.  Scudi
1861  :  -  20,  -  8  -
1862:  -  10,  -  5  -  -

Es  liegt  uns,  jedoch  nicht  in  authentischer  Form,  folgendes  Budget
für  1804  vor  (in  Scudi)  :
Einnahme
Directe  Steuern  und  Domainen  (dazii  .  .  .  1'050,737
Zölle  (dogane)  2’600,910
Cataster  (censo)  —
Stempel  u.  Enregistrement  (bollo  e  registro;  316,263
Bost  176,075
Lotto  745,618
Münze  (zecca,  bollo  d’oro  e  d’argento)  .  .  .  66,110
Steatsschuld  2(i2,15(»
Finanzministerium  —
Min.  des  Innern  (Specialtitel;  45,264
Handelsministerium  51,762
Kriegswesen  55,115

Anigabe
271,018
435,305
57,172
40,902
142,373
490,330
57,755
5’363,261
1'303,387
873,055
313,115
J^61,432
10’728,123

Zusammen  Sc.  5'3IO,0|0
Das  Deficit  (5’408,213)  ist  somit  grösser  als  die  ganze  Einnahme.  Die
Verzinsung  der  Schuld  allein  verschlingt  alle  Einkünfte,  ja  noch  darüber
hinaus  !  Es  i^  dies  Folge  davon,  dass  der  Papst,  um  die  Losreissung
der  mit  dem  Königr.  Italien  vereinigten  Provinzen  nicht  anzuerkennen,
die  förmliche  Uebernahme  eines  Theiles  der  Schuld  auf  diese  Landestheile
  nicht  eingeht.  Der  Ertrag  des  »  Peterspfennigs  «  reicht  zur
Deckung  eines  solchen  Deficits  nicht  aus.  Der  Ertrag  dieser  Sammlungen ­
  soll  von  1860  bis  zum  Mai  1864  zusammen  37’690,000  Fres.
=  6'853,000  Scudi  gewesen  sein.  —  Das  Budget  für  1865  soll  mit
6’300,000  Sc.  Einnahme  und  ll’800,000  Ausgabe,  sonach  wieder  5‘'
Mill.  Deficit,  abschliesscn.
Das  Budget  für  1859  ,  das  erste  seit  langer  Zeit,  in  welchem  das
Gleichgewicht  wenigstens  auf  dem  Papiere  hergestellt  war,  schloss  mit
14’752,365  Scudi  Einnahme  und  14’568,858  Ausgabe.  Dabei  waren
die  Haupteinkünße,  brutto:  Zölle  (wobei  aber  auch  Tabaks-  u.  Salzmonopol) ­
  7’898,215  (Kosten  2’431,775)  ,  Steuern  und  Domänen
        <pb n="364" />
        342

ITALIEN.  —  Die  römischen  Staaten  (Finanzen).

3’532,090,  Stempel  und  Einregistrirung  1’047,94(),  das  sittenverderbende ­
  Lotto  riSl,S00  (davon  Kosten  796,655).  —  Ilauptausgaben  :
Schuld  5’547,750,  Militär  2’082,358,  Inneres  1’527,669  (wov.  die  Gefängnisse ­
  gegen  800,000  !).  Das  Budget  für  1860,  das  letzte  bei  dessen
Aufstellung  die  Regierung  sich  im  vollen  Besitze  des  Landes  befand,
schloss  noch  ab  mit  14’453,328  Scudi  Einn.  und  15  019,331  Ausg.  Verglichen ­
  mit  dem  Voranschläge  von  1864  ,  haben  sich  die  Einkünfte  um
Ya,  die  Bedürfnisse  nur  um  %  vermindert.
Indessen  geben  die  Budgets  überhaupt  nur  ein  sehr  unvollständiges
Bild  des  wirklichen  Bedarfes.  Es  sind  aus  denselben  ausgeschlossen:  die
Fondsanweisungen  für  besondere  Titel,  namentlich  die  Dotation  der
Präfectur  der  apostolischen  Paläste  (600,000  Scudi),  die  Ausgaben  für
den  Papst  selbst,  u.  jene  für  die  Municipalität  v.  Rom  ;  endlich  die  nicht
ganz  zu  vermeidenden  Kosten  des  Unterhalts  der  fremden  Truppen.  —
Während  schon  1859  die  Schuld  allein  fast  31  Proc.  sogar  von  der
Brutto-Einnahme  verschlang,  ward  für  Unterricht  und  Wohlthätigkeit
aus  dem  Staatsbudget  nicht  mehr  aufgewendet,  als  die  Festlichkeiten  bei
Creirung  von  8  neuen  Cardinälen  erheischten.  Allerdings  erscheint  der
persönliche  Bedarf  des  Papstes  nur  mit  ungefähr  600,000  Scudi  (fast
900,000  Thlr.)  in  diesen  Rechnungen;  allein  in  Wirklichkeit  sind  weit
über  5  Mill.  Scudi  (über  7  Mill.  Thlr.)  als  Ertrag  der  geistlichen  Beneficien ­
  im  Kirchenstaate  hinzu  zu  rechnen.  —  Das  Personal  der  Beamten
betrug  1854  8,296,  (7,858  in  Activität,  438  in  Quiescenz).  Sie  bezogen
1’949,431  Sc.;  ausserdem  erforderten  die  vacan  ten  Stellen  51,867,  und
die  Pensionen  74,883,  zus.  fast  %  der  damaligen  Gesammteinnahme.
Finanzgeschichtliche  Notizen.  Nach  der  officiellen  Zusammenstellung ­
  der  Staatsrechnungen  von  1814—1846,  welche  der  päpstliche  Finanzminister ­
  Morichini  im  Dec.  1  84  7  der  vom  Papste  eingesetzten  »  Consulta« ­
  vorlegte,  war  seit  1828  auch  nicht  ein  Jahr  ohne  Deficit
geblieben.  Von  1828—30  betrug  dieses  Deficit  399,393,  in  den  drei
nächstfolgenden  Jahren  1831  —  33  zusammen  8’187,574,  und  von  da
bis  zum  Tode  Gregor’s  des  XVI.  in  jedem  Jahre  durchn.  566,000
Scudi.  —  Morichini’s  Nachfolger,  Angelo  Galli,  sagte  in  seiner  1847
verfassten  Relation  :
»Viele  Register  sind  nicht  abgeschlossen;  die  Ausgabenverzeichnisse  lassen
sich  nicht  auffinden,  und  jene  der  De])ositen  sind  schlecht  aufhewahrt.  Im  Allgemeinen ­
  enthalten  die  Register  Abänderungen,  Zusätze  u.  Abminderungen,  die
eine  Vergleichung  mit  den  frühem  Rechnungen,  an  welche  sie  sich  anscnliessen
sollen,  nicht  zulassen.  Bei  den  Cameralcassen  bleiben  enorme  Summen  zu  liquidiren
  ;  hinsichtlich  der  Cassabücher  existirt  keine  regelmässige  Entlastung.  Es
ist  bekannt,  dass  seit  1837  den  Schatzverwaltungen  legale  Papiere  fehlen.«
Es  scheint,  dass  die  Finanzverwaltung  in  der  Revolutionszeit  (unter
der  Republik)  zum  ersten  Male  eine  mindestens  formell  geordnete  war  '.
Wenigstens  sah  sich  der  franz.  Obergeneral,  nach  befohlener  strenger
Untersuchung,  zu  einer  für  die  Betheiligten  sehr  ehrenvollen  Erklärung
veranlasst.  Nach  der  Restauration  erfolgte  sofort  die  Erhöhung  einer
Reihe  von  Steuern.  Der  Versuch  einer  rationellen  Finanzverwaltung
hörte  auf,  sobald  man  das  Finanzministerium  wieder  einem  Geitlichen
übertrug.  Die  leasten  wurden  dermassen  gesteigert,  dass  die  Staatseinkünfte, ­
  im  J.  1838  zu  7’080,000  Scudi  berechnet,  1859  mehr  als  das
        <pb n="365" />
        ITALIEN.  —  Die  römischen  Staaten  (Finanzen).

343

Doppelte  betrugen.  Man  erhob  z.  B.  den  Monatsbetrag  der  Ge  werbsteuer» ­
  14  Mal  im  Jahre,  als  ob  das  Jahr  14  Monate  umfasste.  Die  verdammenswerthe
  Einrichtung  des  Lotto  ward  derart  »  verbessert  «,  dass
sie  einen  erhöhten  Ertrag  lieferte.  Trotzdem  hatte  man  bis  1858  jedes
Jahr  ein  Deficit,  Napoleon  Pepoli  bemerkt  (in  der  Schrift  :  II  debito  pubblico
  pontificio,  lettera  al  conte  Costa  della  Torre,  di  G.  Napoleons  Pepoli; ­
  Torino  1858):  »In  den  Rechnungen  von  1848—57  kommen  die
öffentlichen  Arbeiten  zusammen  mit  5’182,403  Franken  vor,  neben
24’79G,430  Fres,  für  die  fremde  Occupation,  ungerechnet  die  daher  rührenden ­
  Lasten  der  Privaten.  Der  öffentl.  Unterricht  erscheint  dagegen
mit  242,527  Fr.  Die  Erhebungskosten  der  Einkünfte  betragen  30—31
Proc.  (in  England  8,  in  Frankreich  14,  in  Piemont  16%).  Die  Verwaltung ­
  der  Domänen  kostet  640,500,  während  der  ganze  Rohertrag  derselben ­
  nur  160,250  ausmacht;  man  hat  namentlich  Bergwerke,  die  weit
mehr  kosten  als  eintragen.  —  Seit  der  Restauration  steigt  der  Besitz  der
todten  Hand  jährl.  um  3—4  Mill.  Scudi.  «  Wir  kennen  eine  einzige
weise  Maassregel  :  Herabsetzung  der  Eingangszölle  durch  das  Zollgesetz
vom  8.  Mai  1856,  und  der  Erfolg  war  eine  Mehreinnahme.
Was  von  öffentl.  Geldern  eingeht,  ward  von  jeher  nicht  als  Eigenthum ­
  des  Landes,  das  zu  dessen  Bestem  verwendet  werden  müsse,  sondern ­
  als  Ertrag  des  Patrimoniums  der  Geistlichkeit  angesehen,  worüber
diese  beliebig  zu  schalten  habe.  —  Die  päpstlichen  Finanzen  sind  eigentlich ­
  seit  der  Zeit  zerrüttet,  in  welcher  die  regelmässigen  Zuflüsse  aus
den  übrigen  kathol.  Ländern  zu  versiegen  begannen.  Schon  vor  einem
Jahrhunderte  hatte  man  ein,  wenn  auch  kleines,  Deficit.  Noch  gegen
Ende  des  18.  Jahrh.  zog  der  römische  Hof  aus  Deutschland  im  Durchschnitte ­
  jährl.  für  Ann  aten  194,880,  für  Pallien  215,417  fl.  Im  Ganzen
sollen  demselben  seit  600  Jahren  aus  allen  nördl.  Ländern  zusammen
etw'a  1020  Mill.  Gulden  zugeflossen  sein.  Spanien  und  Portugal  entrichteten ­
  ihm,  nach  der  Berechnung  von  Canga  Arguelles,  seit  dem
12.  Jahrh.,  gegen  14,580  Mill.  Realen.  —  Indem  Werke:  Sülle  finanze
dello  stato  pontificio  sind  folgende  Ziffern  einander  gegenübergestellt  :
1815  1853
*  Einnahme  2'920,657  13’472,782  =  Zunahme  360  Proc.
Ausgabe  2’353,397  15*374,371  =  -  553  -
Schuld.  Deren  Betrag  ward  am  1.  Jan.  1858  zu  66*471,274  Scudi
angegeben.  Unterm  18.  April  1860  ward  ein  5proc.  »kathol.  Anlehen«,
durch  welches  50  Mill.  Fres.  aufgebracht  werden  sollten,  im  Curse  von
90  ausgeschrieben;  doch  vernahm  man  im  Juli,  dass  erst  7  Mill,  gezeichnet ­
  seien.  Im  Dec.  1861  soll  der  Finanzminister  der  Consulta  die
Ausgabe  neuer  Schuldscheine  kundgethan  haben.  Im  März  1861  erfolgte ­
  die  Ausschreibung  eines  neuen  5proc.  von  6,  ebenso  im  Jan.  1863
von  4  Mill.  Scudi.  Im  Mai  1864  vernahm  man  von  einem  neuen  5proc.
Anlehen  von  50  Mill.  Fres.,  das  im  Curse  von  77  %  ausgegeben  würde.
Wahrscheinlich  konnten  diescAnlehen  nicht  vollständig  realisirt  werden.
Dennoch  dürfte  die  Gesammtsumme  der  Schuld  Anfangs  1865  gegen
90  Mill.  Scudi  betragen.  Nach  der  zur  Verzinsung  bestimmten  Summe
müsste  man  sogar  bedeutend  über  100  Mill,  annehmen;  doch  sind,  wie
uns  scheint,  etwa  900,000  Scudi  Pensionsbeträge  eingegriffen.
        <pb n="366" />
        344

ITALIEN.  —  Die  römischen  Staaten  (Militär).

Die  Finanzzerrüttung  ist  im  Kirchenstaate  ziemlich  alt.  Schon  im
J.  1741  finden  wir  eine  Schuld  von  5(1  Mill,  angegeben,  mit  r‘24«,000
Scudi  verzinslich.  1758  erscheint  ein  Zinsbedarf  von  1  ':lU5,hU4.  Bis
1781  erfolgte  Vermehrung  der  Schuld  um  5  Mill.,  dann  eine  kleine  Abtragung. ­
  Den  Waffenstillstand  vom  28.  Juni  179b  erkaufte  der  Papst
von  Bonaparte  um  21,  den  Frieden  um  Tolentino  um  weitere  15  Mill.
Fres.,  ungerechnet  die  Kunstschätze.  1  801  war  die  Schuldsumme  (54  Mill.
Scudi.  Die  Klöster  und  geistlichen  Corporationen  hatten  etwa  die  Hälfte
davon  zu  fordern.  Die  franz.  Regierung  hob  diese  Institute  auf,  womit
jener  Schuldentheil  hinwegfiel;  von  dem  Reste  der  Schuld  wurden  blos
%  anerkannt,  so  dass  7u»  der  Gesammtpassiven  abgestreift  waren.  —
Nach  Napoleon’s  Sturz  suchte  Pius  VII.  die  wiederhergestellten  Congregationen
  mittelst  eines  Anlehens  von  1  %  Mill.  Sc.  theilweise  zu  entschädigen. ­
  —  1832  nahm  der  Staat  3  Mill,  von  Rothschild  auf  (ungeachtet
seines  Judenthums),  und  zwar  mit  Verlust  von  37%  Proc.  von  dem  verschriebenen ­
  Betrage  !  —  ln  der  Neuzeit  begann  die  Papiergeldemission.
Bei  Proclamirung  der  Republik  circulirten  bereits  für  4’151,000  Scudi
Schatzscheine  [Bunni  del  tesoro).  Die  republikanische  Regierung  sah
sich  zur  weitern  Anwendung  dieses  Mittels  gedrängt,  und  so  befanden
sich  bei  Wiedereinsetzung  des  Papstes  für  7’821,000  Scudi  Papiergeld
im  Umlaufe.  Ausserdem  circulirten  für  (5(55,5(55  Scheidemünzen.  Obwol
  die  Restauration  ihre  eigenen  Gläubiger  und  Beamten  mit  Schatzscheinen ­
  bezahlt  hatte,  setzte  sie  dennoch  deren  Werth  um  35  Proc.
herab.  Eine  spätere  Uebereinkunft  mit  der  Bank  bezweckte  die  Einlösung ­
  des  Staatspapiergeldes.  Man  machte  zu  diesem  Behufe  unterm
1.  Mai  1853  ein  8proc.  Anlehen  von  26  Mill.  Fres.  —  Der  Betrag  der
Staatsschuld  ^tieg  von  Jahr  zu  Jahr.  Näch  einer  amtlichen  Zusammenstellung ­
  des  Finanzministers  vom  Mai  1854  betrug  das  Deficit  :
in  den  (5  letzten  Monaten  v.  1R49  12’I75,000  Lire*)
im  Jahre  1850  S'OO  1,000  -
-  -  1851  4’8ä2,0(»0  -
Im  Mai  1855  ward  der  Finanzconsulta  folgendes  neue  Anwachsen
der  Schuld  angegeben  :
185:1  um  2’817,440  Scudi  *
1854  -  4’021,000  -
1855  (Deficit)  5’000,000
In  welcher  Weise  jedesmal  die  Deficite  gedeckt  wurden,  ist  nur
unvollständig  bekannt.
Militär.  Die  1  nippen  werden  im  Tn-  und  Auslande  g&amp;lt;worben.  Da
indess  der  römische  Stuhl  den  Angehörigen  seines  eigenen  Staates  misstrauen ­
  muss,  die  Werbung  einer  ausreichenden  Anzahl  fremder  Söldlinge ­
  aber  mit  Schwierigkeiten  und  unerschwingbaren  Kosten  verbunden
sein  würde,  so  halten  franz.  Soldaten  (nach  der  franz.-ital.  Convention
vom  15  Sept.  1864  noch  2  Jahre  lang)  zu  Rom,  und  hielten  bis  1859
Österreich,  in  den  Legationen  die  päpstliche  Herrschaft  aufrecht.  —  Der

*)  Wir  geben  diese  Ziffern  nach  Liren,  wie  wir  sie  in  piemontesischen
Blättern  aufgezeichnet  fanden,  da  uns  der  Wortlaut  dieses  ministeriellen  Vortrags ­
  nicht  vorliegt.
        <pb n="367" />
        ITALIEN.  —  Die  römischen  Staaten  (Sociales).

345

Formationsstand  der  päpstlichen  Truppen  war  Mitte  1863,  einschliesslich ­
  Gendarmerie  8513  Mann,  darunter:
Infanterie:  1  Reg.  Linie  1700,  1  Bataill.  Jäger  (cacciatori)  800,  1  Bataill.  Zuaven
  (Franzosen  u.  Belgier,  650,  1  Bat  Carabinieri  (Schweizer  650,  1  Bat.
Garnisonstruppen  500,  1  Legion  Gendarmerie  2500  Mann  ;  dazu  Arbeiter,
Krankenwärter  etc.
Cavallerie  Gendarmen  250,  2  Escadr.  Dragoner  300  Mann.
Arttlle.ne:  1  Reg.  mit  3  Feld-  und  5  Positionsbatterien  850  Mann.
Im  J.  1859  war  der  Formationsstand  15,239  M.  mit  1200  Pferden,
Später  vermehrte  man  die  Truppenzahl  bis  auf  ungefähr  25,000  (unter
Lamoricière).  Das  1  reffen  von  Castelfidardo  gegen  die  Piemontesen  vernichtete ­
  das  kleine  Heer.  —  Feste  Plätze-  Civitavecchia,  Castell
Sant’  Angelo  (Engelsburg  zu  Rom),  Porto  d’Anzio.
Socialverhältnisse.  Es  gibt  vier  Stände  :  Geistlichkeit,  Adel,  Bürger
und  Bauern.  Der  erste  Stand  herrscht;  in  seinen  Händen  allein  liegt
alle  Gewalt  ;  er  leitet  Alles,  auch  die  Justiz  und  das  Militärwesen.  Im
frühem  Umfange  des  Kirchenstaats  zählte  man  66,100  Geistliche  (1  auf
45  Einwohner  oder  9  Familien!),  109  Bisthümer,  117  Seminarien,  10,950
Pfarreien  und  19,000  Kirchen  und  Klöster.  Der  Werth  des  Grundbesitzes ­
  der  Geistlichkeit  wird  auf  195  Mill.  Scudi  (über  eine  Milliarde
Franken)  berechnet.  Ausserdem  besitzt  der  Adel  enorme  Reichthümer.
Er  führt  zwar  die  Namen  der  alten  Adelsfamilien,  stammt  aber  grösstentheils
  keineswegs  von  jenen  berühmten  Geschlechtern  ab*,  sondern
verdankt  seinen  Ursprung  oder  seine  Erhebung  vielfach  dem  hohen  Klerus. ­
  Gewerbe  und  Handel  liegen  darnieder.  Dabei  fehlt  es  an  Eisenbahnen, ­
  überhaupt  an  genügenden  Verkehrsmitteln.  Gleiches  Loos  des
Darniederliegens  trifft  den  Ackerbau.  Die  Latifundien,  die  Feudaleinrichtungen, ­
  sind  sein  Verderben  ;  die  Landleute  entbehren  des  freien
Eigenthums  der  von  ihnen  zu  bearbeitenden  Grundstücke.  Guillard
{statistique  humaine)  bemerkt:  »L’agro  Romano,  dessen  Ausdehnung
2000  Quadr.-Kilometer  (36  deutsche  Q.-M.)  übersteigt,  ist  das  Eigenthum ­
  von  113  Familien  und  von  64  Congregationen.  Es  sind  dies  die
grössten  Besitzungen,  die  fürstlichsten  Domänen,  die  es  auf  der  Welt
gibt.  Die  kleinsten  Pachtungen  umfassen  wenigstens  300  Hectaren,  viele
bis  zu  5000  (etwa  18,000  Morgen  =  fast  eine  deutsche  Q.-M.).  Der
Pachtpreis  ist  zwischen  8  und  18  Fres,  für  die  Hectare.  In  der  Provinz
Velletri  bezeichnet  man  das  Pachtgut  von  Campo-Morto,  das  einer
Kirche  gehört,  und  dessen  Ausdehnung  85  Q.-Kilom.  umfasst.  Noch
heute  bildet  es  ein  gesetzliches  Asyl  für  die  Verbrecher!  Latifundia
Italiam  perdiderunt,  sagte  Plinius.  Dieser  Missstand  ist  also  erneuert.
Man-misst  dem  Nepotismus  der  Päpste  diese  Erneuerung  bei.  —  Das
gesammte  Volk  wird  in  möglichster  Unwissenheit  gehalten,  besitzt  aber
weit  mehr  Fähigkeiten  und  Kraft,  als  man  gewöhnlich  annimmt.  Raub
und  andere  Verbrechen  kommen,  in  Folge  der  schlechten  Erziehung  und
der  ganzen  Unnatur  der  Verhältnisse,  in  ungeheuerer  Menge  vor.  Nach
den  amtlichen  Verzeichnissen  betrug  die  Zahl  der  Criminalsträflinge  in
den  Gefängnissen  des  Kirchenstaats  am  30.  Juni  1855  4133,  darunter
608  wegen  Mord  und  Tödtung  12  wegen  Gattenmord
25  -  Elternmord  11  -  Sodomie.
        <pb n="368" />
        346

SCHWEIZ.  —  Land  und  Leute.

Auf  je  100,000  Einwohner  kamen  also  21  gewöhnl.  Morde  und
Tödtungen  und  1  Elternmord!  Politische  Verfolgungen  betrieb  die  Reaction ­
  derart,  dass  blos  in  den  drei  ersten  Jahren  nach  Wiederherstellung
der  päpstl.  Autorität  (1849),  vermittelst  »  Pulver  und  Blei  «  durch  das
Militär,  oder  durch  die  Hand  des  Henkers,  nicht  weniger  als  1644
Menschen  hingerichtet  wurden.  —  Selbst  der  starr  conservative  österr.
General  Schönhals  (in  den  »Erinnerungen  eines  Österreich.  Veteranen«)
äussert  ;  »Wir  wollen  hier  nicht  alle  Fehler  einer  geistlichen  Herrschaft,
die  Widersprüche,  in  denen  sie  mit  den  Bedürfnissen  der  neuern
Zeit  steht,  herausheben;  es  genügt,  den  Kirchenstaat  gesehen  zu
haben,  um  die  Sehnsucht  zu  begreifen,  die  die  Einwohner  dieses  von
der  Natur  so  gesegneten  Landes  nach  einem  gerechten,  und  auf  einer
festen  Basis  ruhenden  Regierungssysteme  durchdringen  muss!«*)
Handel.  Wie  die  Zollherabsetzung  vom  8.  Mai  1856  wohlthätig
wirkte,  zeigt  folgende  Verkehrsliste  (nach  Scudi)  ;
1856  1857  1858
Einfuhr  9’79T,822  12’t)27,432  13’010,I43
Ausfuhr  t)’GS5,283  ll'G25,355  ]PG!M),258
Handelsmarine,  Januar  18(5(»  in  den  Häfen  des  Mitteil.  Meeres:  298  Schiffe
von  4058  Tonnen  mit  880  M.  Besatzung.
Münze  etc.  Der  Scudo,  10  Paoli  oder  100  Bajocci  =  5  Eres.  45»/,o  Cent,
oder  1,47  preuss.  Thlr.  —  Der  röm.  Fuss  ipabno)  =  0,9485  preuss.  od.  29,77
Centim.  —  Die  röm.  Sicile  [migba]  —  1489  Met.  —  Rubhio  =■  2,94  Hectol.
oder  5,30  preuss.  Scheffel.  —  Der  liarilo  =  58,33  Liter.
3.  Sau  lUariiio,  lialbsouveriine  Republik,  und
4.  Mouat  u,  halbsouveränes  Fürstciitliuni,
siehe  Seite  316  (L  ebersicht  von  Italien).

Sdiweiz  (1^'reistaat).

Land  und  Leute.  Etwa  740  (i.-M.  und  etwas  über  2‘4  Mill.  Menschen,
in  22  Kantonen,  wovon  aber  3  in  sich  wieder  gethcilt  sind,  sonach  im
Ganzen  25  zu  einem  Bundesstaate  vereinigte  Kantone.

Kantone

Zürich
Bern.
Luzern
Uri  .
Schwyz

Grösse

Schweiz.  Deutsche
Q.-Stunden  =  Q.-Meilen
74,83  31,2
294,
54,
47,
40,00

123,1
22,0
19.7
10.8

Bevölk.
1861
200,205
407,141
130,504
14,741
45,039

Davon  :
Protestanten ­

253,793
405,727
2,019
30
524

Katholiken ­

11,250
58,319
127,807
14,705
44.509

Andre
Christ.
1,054
2,275
4

Juden ­

102
820
14
1

*l  besonders  bezeichnend  sind  die  Berichte,  welche  schon  in  früherer
Zeit  die  geheimen  Österreich.  Polizeiagenten  an  ihre  eigene  Regierung  ah  statteten ­
  über  die  Zustände  des  römischen  Landes  und  seiner  Bewohner.  Siehe
darüber  und  überhaupt  über  die  Zustände  Italiens  die  Schrift  :  »Italien  in  seiner
neuzeitlichen  nationalen  Entwicklung  und  jetzigen  polit.  ].age;  Einleitung  zur
Geschichte  Italiens  vom  Beginne  der  ersten  franz.  Revolution  bis  zur  neuesten
Zeit;  von  F.  K.  Broch,  (pseudonym),  Zürich  1859,  bei  Meyer  u.  Zeller.«  —
About's  »Question  Romaine«  ist  ohnehin  bekannt.
        <pb n="369" />
        SCHWEIZ.  —  Land  und  Leute.

347

Kantone

Grösse

Schueiz.  Deutsche
Q.-Stun  den  =  Q.-Meilen
Unterwalden  ob
dem  Walde  ,  20,90  8,7
Unterwalden  nid
dem  Walde  .  12,00  5,3
Glarus  .  .  .  29,82  12,5
Zug  ...  .  10,20  4,3
Freiburg  .  .  71,10  29,8
Solothurn  .  .  34,56  13,7
Basel-Stadt  .  1,59  0,7
Basel-Land  .  18,55  7,7
Schaifhausen  .  12,90  5,5
Appenzell  Ausser-Rnoden
  .  .
Appenzell  Inner-Rnoden
  .  .  7,33  2,9
St.  Gallen  .  .  87,70  34,9
Graubünden  .  304,10  127,3
Aargau  .  .  .  60,44  25,5
Thurgau  .  42,81  18,1
Tessin  .  .  121,00  50,9
Waadt  .  .  .  138,75  57,7
Wallis  .  .  .  226,59  94,8
Neuenburg  .  34,78  14,5
Genf.  .  .  .  12,27  5,2

Bevölk.
1861
13,376
11,520
33,303
19,608
105,523
09,203
40,083
51,582
35,500

Davon  :
Protestanten ­


Katholiken ­


Andre  Jn-Christ.
  den

93  13,283  —  —

51
27,500
609
15,522
9,545
30,513
41,005
32.950

11,475
5,827
18,990
89,970
59,024
9,740
9,751
2,478

12,000
180,411
90,713
194,208
90,080
116,343
213,157
90,792
87,309
82,870

115
09,492
50,700
104,167
67,735
93
199,452
693
77,095
40,009

11,884
110,731
39,945
88,424
22,019
116,233
12,790
90,088
9,234
42,099

28
9
23
59
253
222
72

2
8
35
171
4

10,73  4,8  48,431  40,218  2,183  29  1

1  —
88  100
8  —
79  1538
316  10
11  0
519  396
5  6
475  565
331  377

Zus.  1769,39  738,2
(Es  sind  hiebei  die  Durchreisenden
die  Gesammtzahl  auf  2’519,030.)

2’510,494  1'470,982  1'023,430
nicht  eingerechnet  ;  mit  denselben

5800  4216
stellt  sich

Die  Arealberechnung  nach  den  vom  Gen.  Düfour  geleiteten  trigonom.
Aufnahmen;  doch  sind  die  Kantone  Bern,  Luzern,  Uri  und  Unterwalden  noch
nicht  vermessen.  Nach  den  bisherigen  Ergebnissen  der  wirklichen  Aufnahme
wird  man  das  Areal  wol  zu  740  Q.-M.  annehmen  dürfen.  Es  kommen  auf  die
bedeutendsten  Seen:  Genfer  10,4  deutsche  U.-M.  (wovon  6,2  zur  Schweiz  gehören), ­
  Bodensee  9,7  (dav.  3,3  schweizerisch),  Neuenburger  See  4,3,  Vierwaldstätter ­
  1,9,  Züricher  1,0,  Luganer0,9,  Thuner0,8,  Lago  maggiore  (so  weit
schweizerisch),  0,79,  Bieler  0,64,  Zuger  0,6,  Brienzer  0,5.
Zahl  der  Wohnhäuser:  340,327,  der  bewohnten  Räumlichkeiten  Stuben ­
  etc.  2’010,150;  Zahl  der  Haushaltungen  528,105.  —  Von  der  Bevölkerung: ­
  männl.  1'236,359,  weibl.  1'274,135.  ^ach  dem  Civilstande  :  zusammenlebende ­
  Ehegatten  738,467,  getrennt  oder  geschieden  41,274  ;  verwittwet  155,353,
ledig  1'575,400.
Von  der  Bevölkerung  sind  heimathberechtigt  an  ihrem  Wohnorte  1'474,011  ;
an  andern  Orten  als  ihrer  Heimathgemeinde,  jedoch  im  nemlichen  Kanton
wohnen  692,855  ;  Kantonsfremde,  aber  Schweizer  'aus  andern  Kantonen)  220,843  ;
niedergelassene  Ausländer  114,983;  Heimathlose  1802.
NätiODälitäteD  (nach  Haushaltungen,  zufolge  der  Sprache  classificirt:
307,065  deutsch,  123,438  franz.,  28,697  italien.,  8905  romanisch  Die  Bevölkerung ­
  spricht  fost  durchgehends  französisch  in  den  Kantonen  Waadt,  Genf
und  Neuenburg  (im  letzten  doch  nur  16,234  gegen  2327  deutscheHaush.),  dann
grösstentheils  in  Wallis  12,527  gegen  0179,  und  Freiburg  15,305  gegen  5530  d.;
endlich  wohnen  in  Bern  15,340  franz.  gegen  75,781  deutsche  Haush.  —  Italienisch ­
  ist  der  Kant.  Tessin  mit  25,427  Haush.  (112  deut.,  6  franz.).  —  In  Graubünden ­
  sind:  9150  Hsh.  deutsch,  8802  romanisch,  2848  ital.,  14  franz.  Die
Schweiz  zählt  unter  ihren  3071  Gemeinden  1707  deutsche  in  19  Kantonen,  947
franz.  in  6  Kant.,  292  ital.  in  2  K.,  und  125  romanische  in  1  Kant.)

Städte.  Die  Zahl  aller  Gemeinden  betrug  bei  der  Aufnahme  von  1850  3058,
wovon  29  mit  mehr  als  5000  Einw.  Im  J.  1800  umfassten  :
        <pb n="370" />
        348

SCHWEIZ.  —  Land  und  Leute.

Bern  29  01.  resp.  JO,000;  Lausanne  20,515,  resp.  28,000;  St.  Gallen  14,5:12,
resp.  If,frn  11,p;  Freiburg  10,454;  Neuenburg  10,382;  Herisau
;  Chur0990;  Solothurn5910;  Schwyz
")  -'[nderehcdeutcndereGem^nden:  Chaux  de  Fonds  (Neuenb.)  10,778,  Lode

•  tiri:  o  ,,v.  vjiaiieii;  u.ui  ;  uster  (Z,unch
rieh)  5311  ;  Summiswald  (Bern)  5239  ;  Wählern  fBern)  5110
senschaft  zuerd  beigetretenen  Kantone:  Luzern  1332,  Zürich  1351,  Glarus  1352,
Bern  1353  und  Zug  1302  ;  dies  die  »Eulyenossenschaft  der  8  alten  Orte.«  —  3)  Die
»mittleren«  Kantone:  Freiburgund  Solothurn  1481,  Schaffhausen  1501,  Basel
oOl  getheilt  seit  1831  in  Stadt  und  Landschaft),  Appenzell  1513  (getheilt  seit
159/  in  Inner-  und  Ausser-Ilhoden)  ;  dies  «der  Bund  der  13  Orte.«  —  4)  Die
»neuen  F-antone«  :  St  Gallen,  Thurgau,  Aargau,  Waadt,  Graubünden  und  Tessin,
  alle  1/38  und  1S03.  —  o  Die  »neuesten  Kantone«  :  Wallis,  Genf,  Neuenburg ­
  1515  —  )  or  der  Zeit  der  fraiiz.  Revolution  bildeten  die  »13  Orte«  einen
sehr  f  sen  Bund.  Sie  umfassten  kaum  450  Q.-M.  und  970,000  Menschen  Neben ­
  ihiien  bestanden  noch  andere  Städtchen  in  einer  Uuasi-Selbständigkeit,  welche ­
  sich  an  die  Eidgenossenschaft,  oder  vielmehr  an  einzelne  Kantone,  anlehnten; ­
  andere  Gebiete  sodann,  welche  von  ihnen  beherrscht  wurden,  alle  mit  sehr
ungleichen  Rechten.  Zunächf  kamen  die  »rz/z/e/r/mf/l!/?«  Orte«,  die  sich  wieder
mannichlach.schieden.  Die  Einen  waren  die  »Bundesgenossen«  nssnciès,  socii
nemheh  die  Abtei  St.  Gallen  und  die  Städte  St.  Gallen  und  Biel,  mit  dem  Vor-^.l^ßGordnete
  an  die  lagsatzuiig  zu  senden  ;  die  Andern  galten  blos  als
»Mitverbundete  coalite^  confoederati)  :  die  drei  Bünde  Graubündeii  ,  Wallis,
die  Stadt  Muhlhausen  (im  Eisass),  das  Fürsteiithum  Neuenburg,  die  Stadt  Genf
und  ein  Iheil  des  Bisthums  Basel.  Noch  tiefer  standen  die  bloseii  »Schutzverwandten« ­
  :  die  Abtei  Engelberg,  der  Flecken  Gersau  und  der  andere  'l’heil  des
liis^ums  Basel.  Hieran  reiheten  sich  die  »gemeinsamen  Unterthanen«,  oder  die
im  Kriege  unterworfenen  Landschaften,  welche  einem  oder  mehren  der  1.3  eidgenössischen ­
  Stände  gehörten.
Von  den  13  Orten  hatten  7  eine  aristokr.,  0  eine  demokr.  Regierungsform
—  ln  4  der  ersten  herrschte  eine  Geschlechts-  oder  Fatriciatsaristokratie  neml’
m  Ilern,  Solothurn,  Kreibiirç  uml  Luzern;  in  II  eine  Städte-  oder  liOrReruristokratie
  nemheh  in  Zürich,  Ha»el  und  Schaffliausen.  -  Kic  demokr  Kantone
iPiPülüi
gau,  den  8  alten  Orten  gehörend;  das  Freiamt,  theils  denselben,  theils  Zürich,
Bern  und  Glarus  zuständig;  da«  jetzige  Tessin,  ausgenommen  das  Uvinenthal
theils  den  12  alten  Orten,  theils  En,  Schwyz  und  Unterwalden;  das  Rheinthal,
den  8  alten  Orten  und  Appenzell  zuständig;  Waadt  und  ein  Theil  des  Aargail
war  den  Bernern  unterworfen  ;  auch  da^s  selbständige  Bünden  seinerseits  besass
Unterthanenlande:  \  eltlin,  Bormio  und  Chiavenna.  Das  Frickthal  gehörte  zu
Oesterreich.  ”
Die  franz.  Revolution  bewirkte  völlige  Umgestaltung.  Schon  1792  verjagten ­
  die  Bewohner  des  Bisthums  Basel  ihren  Bischof,  und  erklärten  sich  für  eine
Republik.  1793  riss  Frankreich  einen  Theil  dieses  Gebietes,  Pruntrut,  an  sich  ;
1797  einen  andern,  Erguel.  Die  Bewohner  von  Veltlin,  Chiavenna  und  Bormio,
        <pb n="371" />
        SCHWEIZ.  —  Finanzen.

349

denen  von  den  Bündnern  Gleichheit  der  Rechte  verweigert  wurde,  schlossen
sich  der  »Cisalpinischen  Republik«  Italien)  an.  Das  Waadt  riss  sich,  als  »Leinan’scher
  Kanton«,  von  Bern  los  (Jan.  1798).  Nachdem  die  Berner  von  den
franz.  Truppen  geschlagen  waren,  erfolgte  Auflösung  der  »Eidgenossenschaft«
und  Bildung  eines  Einheitsstaats,  der  »Helvetischen  Republik.«  Dieselbe
ward  blos  der  administrativen  Bequemlichkeit  wegen  in  18  (nicht  selbständige)
Kantone  getheilt;  Bern  zerfiel  in  4  :  Bern,  Überland,  Aargau  und  Leman.  Auch
Baden,  Thurgau,  T/Ugano,  Bellinzona  und  Wallis  wurden  in  Kantone  umgewandelt,
  während  man  Uri,  Schwvz,  Unterwalden  und  Zug  zu  einem  Kanton
«Waldstätten«  vereinigte.  Appenzell,  St.  Gallen  und  das  Rheinthal  bildeten  den
Kanton  »Säntis.«  Genf  und  Mühlhausen  wurden  Frankreich  einverleibt.  —  Es
folgen  \iele  Unruhen.  Die  Centralisation  widerstrebte  den  Schweizern  ;  französischer ­
  Seits  nährte  man  unter  der  Hand  die  Zwietracht.  Im  Febr.  1803  verkündete ­
  Bonaparte  die  »Vermittlungsakte.«  Die  Kantone  erhielten  ungefäh^^
ihren  vormaligen  Umfang  wieder  (doch  blieben  Waadt  und  Aargau  vori  Bern
getrennt)  ;  sie  durften  ihre  innem  Angelegenheiten  wieder  selbst  ordnen,  indess
die  allgemeinen  Angelegenheiten  einer  Tagsatzung  übertragen  waren,  zu  welcher ­
  jeder  der  grossem  Kantone  zwei,  jeder  der  kleineren  einen  Abgeordneten
sendete.  Neuenburg  und  Wallis  wurden  durch  Napoleon  mit  Frankreich  vereinigt; ­
  so  bestanden  19  Kantone.  —  Der  Wiener  Congress  suchte  auch  in  der
Schweiz  die  alten  Zustände  wieder  herzustellen  ;  die  Verfassung  von  1815  decretirte
  die  Souveränität  der  Kantone,  deren  Zahl  um  3  vermehrt  ward  Genf,  Wallis, ­
  Neuenburg,.  Das  ehemalige  Bisthum  Basel  ward  mit  dem  Kanton  Bern
vereinigt.  Sardinien  trat,  der  Contiguität  Genfs  wegen,  einen  kleinen  Bezirk
an  dasselbe  ab  (Carouge),  Oesterreich  gab  die  Herrschaft  Räzüns  an  Graubünden, ­
  und  das  Frickthal,  Laufenburg  und  Rheinfelden  an  Aargau  ;  Frankreich
sollte  nach  dem  Pariser  Frieden  svertrage  das  Dappenthal  an  Waadt  zurückgeben, ­
  es  weigerte  sich  aber  dessen  und  erst  1^03  kam  ein  Vergleich  zu  Stande;
Mühlhausen  blieb  ohnehin  bei  Frankreich,  wie  das  Veltlin,  Chiavenna  und  Bormio ­
  bei  der  Lombardei.  —  Die  Wiederherstellung  des  aristokratisch-oligarchischen
  Regiments  konnte  den  Schweizern  unmöglich  Zusagen.  Die  Bewegung,
welche  1830  durch  Europa  ging,  ward  benützt,  um  die  meisten  Kantonalverfassungen ­
  im  demokratischen  Sinne  umzugestalten  ;  auch  trennte  sich  die  Landschaft ­
  Basel  von  der  Stadt.  Die  beiden  feindlichen  Elemente  bekämpften  sich
ununterbrochen.  Vermittelst  jesuitischer  Ränke  bildeten  zuletzt  7  Kantone  sogar ­
  einen  »S'owf/erÖMWf/«  (Luzern,  Schwyz,  Uri,  Unterwalden,  Zug,  Wallis  und
Freiburg).  Er  ward,  Nov.  1847,  mit  XVafl'engewalt  vernichtet.  Die  Schweizer
benützten  klqg  die  Stprme  des  Jahres  1848,  um  sich  neu  zu  constituiren  ;  Neuenburg ­
  schüttelte  die  preussische  Herrschaft  ab,  und  eine  neue  Bundesverfassung
kam  unterm  12.  Sept.  1848  zu  Stande,  wodurch,  unbeschadet  der  Autonomie
der  Kantone  in  ihren  innern  Angelegenheiten,  soweit  diese  nicht  mit  dem  allgemeinen ­
  Schweiz.  Staatsbürgerrecht  in  Conflict  kommt  und  die  gesammte  staatl.
Entwicklung  hemmt,  iedenfalls  die  Nationalkraft  gegen  Aussen  vereinigt  wurde.
Die  Organe,  durch  welche  die  Nation  ihren  Willen  kund  gibt,  sind  der  National- ­
  und  der  Ständerath,  welche  vereint  7  Männer,  den  »Bundesrath«,  als  höchste ­
  Executivbehörde,  erwählen.  In  den  Ständerath  sendet  jeder  Kanton,  ohne
Unterschied  seiner  Grösse,  2  Vertreter,  jeder  Halbkanton  1  ;  in  den  Nationalrath
  dagegen  wird  je  ein  Repräsentant  auf  20,000  Einw.  gewählt.
Finanzen.  Bundesbudget.  Die  neue  Verfassung  schuf  dem  Bunde,
statt  der  unsichern  Matricularbeiträge  der  einzelnen  Kantone,  eigene
Einkünfte.  Wie  in  Nordamerika  ward  das  Zoll  wesen  die  Haupteinnahmsquelle. ­
  Die  Postverwaltung  ward  zwar  gleichfalls  der  Bundesbehörde ­
  übergeben  ;  die  Entschädigung,  welche  die  Kantone  für  diese
Ueberlassung  erhalten,  kommt  aber  meistens  dem  ganzen  Reinerträge
der  Anstalt  gleich;  wie  die  Kantone  auch  von  den  Zöllen  fast  2V,  Mill,
erhalten,  als  Entschädigung  für  ihre  frühem  Sonderzölle.  Directe  Steuern
hat  der  Bund  nicht  zu  beziehen.  Für  »ausserordentliche  Fälle«  besteht
eine,  je  für  20  Jahre  aufgestellte  Scala,  nach  welcher,  wenn  etwa  nöthig.
        <pb n="372" />
        350

SCHWEIZ.  —  Finanzen.

die  einzelnen  Kantone  zu  Beiträgen  für  Bundeszwecke  verpflichtet  sind
(welche  Beiträge  man  wohl  zunächst  an  den  Post-  und  Zollentschädigungsgeldern ­
  in  Abzug  bringen  würde).  Das  Budget  für  1865  schliesst
ab  mit  18’893,000  Fr.  Einnahme  und  20’119,000  Bedarf,  sonach
1’226,000  Fr.  Deficit.  Da  sich  das  wirkliche  Verhältniss  wie  gewöhnlich
anders  gestalten  wird,  so  ziehen  wir  es  vor,  die  Hauptpositionen  der
wirklichen  Abrechnung  von  1863  mitzutheilen.

Einnahmen.

1)  Ertrag  der  Liegenschaften  51,355,  angelegten  Capitalien  112,262  163,617
2)  Zinsen  von  Betriebscapitalien  und  Vorschüssen  102  679
3)  Regalien  und  Verwaltungen  ;  Zoll  8’540,484,  Post  7’744,082,  Telegr.
  671,885,  Pulver  949,969,  Zündkapseln  28,229,  Telegraphenwerkstätte ­
  89,209,  Münze  1’029,840,  Polytechnicum  41,102  .  .  19’094,799
4)  Kanzleieinnahmen  und  Vergütungen  134]796
Zusammen  19’495,891

Ausgaben.
1)  Zinsvergütungen  (dabei  Verzinsung  des  Münzreservefonds)  .  .
2)  Allgemeine  Verwaltungskosten:  Nationalrath  112,712,  Ständerath ­
  6,725,  Bundesrath  61,000,  Bundesgericht  9,588,  Bundeskanzlei ­
  144,678,  Militär%)ensionen  27,756
3)  Departemente  :  polit.  Den.  126,182,  Inneres368,066,  Militärdep.
17,793,  Finanz-  43,379,  Handels-  und  Zoll-  26,594,  Justiz-  und
Polizeidep.  21,675
4)  Specialverwaltungen:  Militär  3’301,965,  Zoll  3’504,936  (davon:
2^473,196  Entschädigung  an  die  Kantone  als  Loskauf  ihrer  frühem ­
  Zölle),  Post  7’744,082  (dav.  :  Entschädigung  an  die  Kantone ­
  1’608,908),  Telegraph  570,846,  Pulverven^altung  843,983,
Zündkapseln-  38,292,  Münzverw.  1’029,840,  Telegr.-Werkstätte
82,916,  Polytechnicum  381,377
Zus.  (einschliessl.  8997  Fr.  Unvorhergesehenes)
Ueberschuss

201,502
362,459
603,690

17,498,239
18’671,652
824,239

Für  die  Verwaltung  eines  Staates  von  dritthalb’Millionen  Menschen
sind  dies  sehr  geringe  Summen.  Indessen  darf  nicht  übersehen  werden  ;
emerseits,  dass  manche  Ausgabe  für  das  grössere  Gemeinwesen  den  Kantonen ­
  überlassen  bleibt;  anderseits  aber  ebenso,  dass  hier  die  Bruttosummen ­
  mit  einer  Vollständigkeit  eingetragen  sind,  wie  nirgends  sonst
(erscheint  doch  sogar  der  Preis  für  das  von  der  Münze  verwendete  Metall ­
  vollständig  in  der  Hauptrechnung),  und  dass  auch  die  blos  durchlaufenden ­
  Beträge  (Einnahme  der  Post  für  die  Kantone)  hier  aufgeführt
sind.  hassen  wir,  zur  Vergleichung  mit  andern  Staaten,  blos  die
Netto-Summen  ins  Auge,  so  stellt  sich  das  eidgenössische  Budget  folgendermassen
  :

Einnahme:  1)  Directe  Steuern  ;  gar  keine  ;
2)  Indirecte  :  Zölle  .  .  .  .  5*035,548
3)  lieg  alten  :  Post  nichts  (weil  den  Kantonen  zufliessend),  Telegraphen-, ­
  Pulver-,  Zündkapsel-  und  Münzverwaltung  203,252
4)  Ertrag  des  Staatsvermögens  (Domänen)  266,296
5)  Kanzleieinnahmen  134]796
,  Gesammtsumme  der  Netto-Einnahme  5’üjJ9,892
        <pb n="373" />
        SCHWEIZ.  —  Finanzen.

351

Ausgabe:  1)  «ScAmW  (zum'fheil  nur  Selbstverzinsung)  .  .  .  201,512
2;  Allgem.  Verucaltung:  Nationalvertretung  180,4117,  Bundesgericht
9587,  Bundeskanzlei  144,078,  Pensionen  27,756,  Departemente
003,690  966,149
3)  Militär*)  3’301,965
4)  Anstalten'.  Polytechnicum  netto  340,275
Gesammtsumme  3*809,901
Die  höchste  Besoldung  ist  die  des  Bundespräsidenten  =  10,000
Frkn.  (2666  preuss.  Thlr.,  kaum  zwei  Drittel  dessen,  was  in  Bayern

ein  blosser  Ärei'sregierungs-Präsident,  einschliesslich  Repräsentations-  und
Reisegelder  bezieht)  ;  jedes  der  6  übrigen  Mitglieder  des  Bundesraths
erhält  8500  Fr.  (2266  Thlr.).  Beim  »politischen  Departement«  (Ministerium ­
  der  auswärtigen  Angelegenheiten)  sind  blos  3000  Fr.  für  Repräsentation ­
  bestimmt,  und  für  »  Orden  «  wird  gar  nichts  verausgabt.
Schulden.  Deren  hat  die  Schweiz  wesentlich  nur  für  Activ-Erw  erbungen
  contrahirt  ;  ausserdem  zur  unmittelbaren  Landesvertheidigung  in
dem  Streite  wegen  Neuenburg.  Für  Ende  1863  wurden  die  Schulden
auf  3’750,000  Fr.  berechnet,  denen  ein  Actiwermögen  von  15*300,553
gegenüber  steht,  worunter  4*543,904  Fr  angelegte  Capitalien.
Finanzen  der  Kantone.  Wir  sind  nicht  im  Stande,  bezügl.  jedes
Kantons  die  neuesten  Budget-  oder  die  letzten  Abrechnungsresultate  anzugeben. ­
  Um  eineUebersicht  herzusteilen,  müssen  wir  mitunter  auf  etwas ­
  ältere  Zahlen  zurückgreifen.  Wir  bemerken  bei  jedem  Kantone  die
Quelle  —  Budget  oder  Abrechnung,  und  das  Jahr.

Kantone  Quelle  Einnahme  Ausgabe  Schulden  Actiwerraögen
Bern  (‘)  Budg.  f.  1865  5*034,172  5*353,078  20%  Mill.  65%  Mill.  (1863)
Zürich  (*)  Kechn.v.  1863  3*570,197  3*132,545  3%  -  15  Mill,  (rein)
Waadt  (■;  Budg.f.  1865  3*235,000  3*289,635  3%  -  13  -  (rein;
Genf  Rechn.v.  1863  2*612,300  2*992,900  14'/.  -
Aargau  (*)  Budg.f.  1865  2*004,804  2*438,804  .'....  20*340,202(1863)
St.  Gallen  »)  -  -  1865  972,000  1*552,000  9  Mill.  5*842,807  (rein)
Tessin  -  -  1863  1*556,566  1*579,395  5*  .  Mill.  800,000
Freiburg  (•)  -  -  1863  1*917,062  2*197,115  25  -

Basel-Stadt  -  -  1864  1*275,000  1*575,000  5'/,  -
Basel-Land  (^)  -  -  1865  514,300  511,573  1  -  1*343,000  (rein)
Solothurn  -  -  1865  1*130,328  1*243,311  1'/.  -  5  Mill.
Luzern  (")  -  -  1863  943,748  1*204,507  1*400,000  6'  ,  Mill.
Thurgau  Rechn.v.  1863  1*121,189  836,846  300,000  8*586,244
Wallis  Budg.f.  1865  699,948  775,164  2'/.  Mill.  2  Mill.
Graubünd.  (•,  Rechn.v.  1861  731,000  965,000  4'/.  -  8  -
Schaifhausen  -  -  1857  294,099  351,953  350,000  11  -  (rein)
Glarus  Budg.f.  1865  425,000  391,000  2'/,  Mill
Schwyz  Rechn.v.  1861  207,000  270,000  640,000  210,000  (rein)

Innerrhoden  -  -  1863  215,000  227,000  .
Ausserrhoden  -  -  1863  249,000  214,000  120,000  350,000
Zug  '®,  Budg.  f.  1865  143,000  136,000  225,000  350,000
Nidwalden  -  -  1864  92,348  78,991  96,300  130,000  (rein)
Obwalden  -  18'%,  111,912  123,794  30,000  448,000'rein)

*)  Dabei  sind  nicht  nur  vorübergehende  Ausgaben  einbegriffen,  wie  z.  B.
für  Anschaffung  gezogener  Gewehre  und  Kanonen,  sondern  auch  solche,  welche
durchaus  nicht  hieher  gehören,  namentlich  623,800  für  Herstellung  von  sog.  Heerstrassen ­
  über  Gebirge  Furka-,  Oberalp-und  Axenbergstrasse).  Uebrigens  muss
allerdings  bemerkt  werden,  dass  der  Aufwand  für  das  Militärwesen  auch  in  der
        <pb n="374" />
        352

SCHWEIZ.  —  Finanzen.

Bemerkungen.  (1)  Bern.  Nach  der  Rechn.  v.  1863  wurden  771,(»00Fr.
für  das  Militär  und  929,545  für  das  Uuterrichtswesen  aufgewendet.  Der  Werth
der  Grundstücke  blos  im  alten  Kantonstheile  war  zu  440  Mill,  catastrirt.  —
(2)  Zürich.  Im  Budg.  f.  1804  erschienen  :  Militär  mit  440,000,  Erziehungswesen ­
  mit  820,500  (bei  einer  Gesammteinn.  von  3’310,000,  sonach  fast  %  der
Kinn,  für  Erziehungszwecke  !  Das  Kirchenwesen  erscheint  gesondert  mit  413,043  .
Ausser  dem  unmittelbaren  Staats-  beträgt  das  Stiftungsvermögen  39*',  Mill.  —
(3)  Waadt.  Im  Budg.  f.  1803:  Milit.  (mit  ausserord.  Aufwande)  709,800,  Unterricht ­
  002,575,  öffentl.  Arbeiten  703,289.  —  (4)  Aargau.  Kechn.  f.  1803:
Erziehung  330,345,  Milit.  299,789.  —  (5)  St.  Gallen.  Steuercapital  1804.
234Mill.  —  (0)  Freiburg.  Actiwermögen  ausser  Elsenb.  0'/,  Mill.  —  7)  Baselland. ­
  Steuercapital  97%  Mill.  —  (8)  Luzern.  Budget  für  1803:  Milit
240,505,  Erziehung  210,470.  —  9)  Graubünden.  Steuerbares  Vermögen  147
Mill.  ;  ausserdem  über  13  Mill.  Corporationsvermögen.  —  (10,  Zug  Steuercapit.
  (1803)  30  Mill.  ^  ^  '  8-In

  der  vorstehenden  Tabelle  sind  viele  blos  formelle  Ueberträge  aus
frühem  Etats  einbegriffen  ;  ebenso  durchlaufende  Posten  ;  endlich  solche
Lasten,  welche  in  andern  Staaten,  als  Leistungen  der  Gemeinden  und
Kirchen,  ausser  dem  Staatsbudget  bleiben.  Unter  Berücksichtigung  dieser ­
  Momente  erhalten  wir  für  die  Finanzverwaltungen  in  der  ganzen
Schweiz,  Bundes-  und  Kantonallasten  zusammen,  folg.  Resultate:
Netto  der  Rechnungen  des  Bundes  etwas  über  St,  Mill.  Fres.
-  -  -  der  Kantone  30—32
Zusammen  etwa  30
Hievon  treffen  auf  die  Hauptpositionen
der  E  i  n  n  a  h  m  e  n  :
aus  Domänen  ungefähr  .  10  Mill.
-  directe!!  Steuern  .  10
-  indirecte!!  Abgaben  .  10

der  Ausgaben:
Besoldungen  *)  ....  4’000,000
Unterricht  5’5(  10,000

Militär  7’500,000

Pensionen

00,000

Schulden  5’000,000

Seit  etwa  10  Jahren  haben  sich  die  Finanzverhältnisse  der  Kantone
vielfach  gewaltig  umgestaltet.  Die  Anforderungen  sind  gestiegen,  aber
auch  die  Mittel.  Die  Ansprüche  an  den  Staat  vermehrten  sich  sowol
in  Folge  der  fortschreitenden  Entwicklung,  als  des  Sinkens  des  Geldwerthes.
  Die  alten  Aufstellungen  (z.  B.  des  verdienten  und  nicht  nach
Verdienst  gewürdigten  Franscini)  gleichen  durchaus  nicht  mehr  den  jetzigen ­
  Zuständen.  Die  Verhältnisse  im  Ganzen  haben  sich  aber  nicht  verschlimmert, ­
  sondern  verbessert.  Die  Ausgaben  für  das  Militärwesen
sind  besonders  gestiegen,  theils  vorübergehend  (Erwerbung  gezogener
Kanonen  und  Gewehre),  theils  bleibend.  Man  hat  zudem  auf  diesen  Etat
in  wunderlicher  W  eise  sogar  die  Gesammtsumme  für  Herstellung  von

Schweiz  gegen  früher  ungemeu!  gestiegen  ist.  Dieser  Aufwand,  so  weit  er  die
eidgenöss.  (also  die  Central-)  Casse  betrifft,  war  1850  nur  919,122,  1850  erst
1'710,818  Fr.,  ist  aber  un  Budget  für  1805  sogar  zu  4'212,000  veranschlagt.  Von
der  letzten  Summe  kommen  aber  allerdings  wieder  P005,000  Fr.  auf  Strassenund
  Kasernbauten  und  auf  weitere  Anschaffungen  gezogener  Geschütze.
♦)  In  Zürich  erhält  ein  Regierungspräsident  4000,  ein  Reg.-Rath  3500  Fr
Besoldung;  in  Bern  letzt.  5000,  in  St.  Gallen  3500;  in  Waadt  Präsident  und
Räthe  gleichmässig  4000;  im  Thurgau  Präsident  2757,  Räthe  2333—2545  ;  —
in  Glarus  der  Landammann  700,  der  erste  Rathsschreiber  dagegen  2000,  der  erste
Weibel  1000;  in  Appenzell  Ausserrhoden  der  regierende  Landammann  200,  jedes
andere  Mitglied  der  Standescommission  100  Fr.  !
        <pb n="375" />
        SCHWEIZ.  —  Finanzen.

353

Kunststrassen  über  das  Hochgebirge  gesetzt.  Doch  trotz  aller  dieser
Steigerungen  —  welcher  Unterschied  gegen  den  Aufwand  der  Staaten
mit  stehendem  Heere,  welcher  Unterschied  für  die  Staatscasse,  welcher
unendlich  grössere  Unterschied  für  den  einzelnen  Dienstpflichtigen.*)
Die  directen  Steuern  bestehen  fast  allenthalben  nur  in  einer
Vermögens-  und  Einkommens-  (als  einziger  directen)  Steuer  (meistens
^  1  %  ■'om  1000  Vermögen,  doch  in  Appenzell-Innerrhoden  ISGl  gesteigert ­
  auf  5  vom  1000,  in  Glarus,  in  Folge  des  Brandes,  auf  3).  Bios  in
Genf,  Waadt  und  in  einem  Theile  von  Bern  kennt  man  eine  Grundsteuer.  —
Unter  den  in  directen  Abgaben  erscheinen  die  eidgenössischen  Zölle,
dann  Auflage  auf  Salz  (sehr  mässig,  doch  verschieden  in  den  einzelnen
Kantonen)**),  Stempelpapier,  Erbschaftsabgaben  etc.  —  Sehr  häuflg
schliessen  die  Budgets  mit  einem  Deficit  ab.  Allein  es  besteht  dieses
gewöhnlich  nur  scheinbar,  indem  man  die  Einnahmen  äusserst  niedrig,
die  Ausgaben  ganz  hoch  veranschlagt,  so  dass  sich  sehr  oft  bei  den  Rechnungsabschlüssen ­
  Ueberschüsse  ergeben,  während  die  Budgets  Deficite ­
  in  Aussicht  gestellt  hatten.  Auch  bezeichnet  man  zuweilen  die
ganze  Summe  als  Deficit,  welche  durch  directe  Steuer  aufgebracht
Werden  muss  (daher  die  scheinbar  seltsamen  Unterschiede  in  den  Einnahmen ­
  und  Ausgaben  in  St.  Gallen,  Aargau  etc.),  während  man  letztere ­
  in  einigen  Kantonen  überhaupt  noch  gar  nicht  kennt.  (So
braucht  das  Aargau  gewöhnlich  gar  keine  Steuer  zu  erheben  ;  in  Baselland ­
  kam  directe  Steuererhebung  seit  dem  Bestehen  des  Kantons  überhaupt ­
  nur  viermal  vor,  höchstens  %  vom  Tausend  des  Vermögens.
Wir  entnehmen  einem  Vortrage  von  Dr.  Steiger  vom  J.  lSGü  folgende  Daten ­
  (wobei  zu  bemerken,  dass  alle  Ertragssummen  ansehnlich  gestiegen  sind).
Directe  Steuern  werden  von  21  Kantonen  oder  Halbkantonen  bezogen.  Zürich
bezog  die  erste  Steuer  1832  und  erhebt  jährlich  gegen  750,000  nun  000,000,  Fres.
Schwyz  seit  1848  ungefähr  00,000Fres.,  Nidwalden  2  pr.  mille  vom  Vermögen,
erhält  circa  00,000  Fres.  Zugseit  1848  ungefähr  20,000  Fres.  Glarus  erhebt  schon
"eit  dem  vorigen  Jahrhundert  eine  l,andessteuer;  dieselbe  wurde  seit  dem  grossen
Brande  auf  3  festgestellt  und  erträgt  100,000  Fres,  (seitdem  ist  der  Ertrag  gestiegen). ­
  Freiburg,  seit  1848,  bezieht  jetzt  2%,  im  Betrage^von  520,000  Fres,
(seitdem  etwa  das  Doppelte).  Baselstadt  erhebt  schon  sehr  lange  eine  Einkommensteuer, ­
  gegen  425,000  Fres.  Baselland  schon  lange  circa  55,000  Fres.,  doch
nicht  jedes  Jahr.  Appenzell  1.-Rh.  seit  1811  5%,,  wovon  2  für  Armenwesen, ­
  im  Ganzen  circa  40,000.  Appenzell  A.-Rh.  seit  alter  Zeit  80—100,000  Fres
kchaflhausen  seit  1834  circa  95,000  (etwa  140,000  Fres.  Aargau  erhob  einmal
(1855)  eine  Steuer  von  340,000  Fres.  Thurgau  bezieht  Steuern  seit*  Bestand  des
Kantons,  auch  wenn  das  Budget  so  grosse  Vorschläge  zeigt,  dass  sie  den  Ertrag

*)  F.s  verdient  einer  besondern  Erwähnung,  dass  Schweizer  wiederholt  unsere ­
  Berechnungen  um  so  viel  meinten  erhöhen  zu  sollen,  als  die  Leistungen
des  einzelnen  Mannes  betragen.  Wir  sind  sehr  bereit  auf  diese  Rechnungsweise
einzugehen,  verlangen  dann  aber  natürlich  auch,  dass  das  Geldopfer  der  beim
stehenden  Heerwesen  so  viele  Jahre  lang  jedes  Verdienstes  beraubten  Soldaten
(also  deren  Verlust  an  Arbeitsverdienst)  ebenso  in  Rechnung  gebracht  werde.
Wie  die  Flinte  oder  der  Militärrock,  den  sich  —  nach  der  Verschiedenheit  der
Kantone  —  der  Schweizer  theilweise  selbst  anschaflen  muss.
**)  Der  gewöhnliche  Preis  des  Salzes  ist  8  Cent,  für  das  Pfund  ;  dieses  nothwendige
  I.ebensbedürfniss  ist  also  hier  wohlfeiler,  als  in  denjenigen  Ländern,
aus  welchen  die  Schweiz  einen  Theil  ihres  Salzes  bezieht.  Folge  davon  :  stärkerer ­
  Verbrauch.  (So  wurden  im  Aargau  1856  54,334  Centner  Kochsalz  verkauft,
pr.  Kopf  also  27,17  Pfd.,  während  in  Preussen  nur  17  Pfd.  auf  den  Kopf  kamen.)
Kolb,  StatUtik.  4.  Aufl.  90
        <pb n="376" />
        354

SCHWEIZ.  —  Finanzen.

der  Steuer  überschreiten,  es  nimmt  jährlich  142,000  Fres.  ein.  St.  Gallen  bezog
bisher  350,000  Fres.,  kommt  aber  auf  5o0,000Frcs.  Graubünden  deckte  ehemals
seine  Bedürfnisse  durch  den  sogen.  Hepräsentanten-Schnitz,  d.  h.  jeder  Bezirk
bezahlte  eine  bestimmte  Summe  für  jeden  zu  wählenden  Vertreter,  wodurch  der
Kanton  00—70,000  Fres,  erhielt.  In  neuester  Zeit  wurde  die  Steuer  nach  der  jetzt
üblichen  Art  umgewandelt.  Waadt  erhebt  directe  Steuern  seit  dem  Bestände
des  Kantons  und  zwar  nach  dem  Kataster  050,000Fres.,  vom  Erwerb  und  Vermögen ­
  280,000  Fres.,  zusammen  030,000  Fres.  Wallis  bezieht  jährl.  circa  150,000
Fres.  Tessin  seit  1850  ungefähr  150,000  Fres,  und  will  in  Zukunft  das  Doppelte
erheben.  Genf  hat  seit  alter  Zeit  eine  Grundsteuer  im  Betrage  von  250,000  Fres.
Neuenburg  seitl850  ca.  450,000Frcs.,  1  %q.  Bern  bezieht  auch  directe  1—1  */*  7oo*
Die  Schulden  der  Kantone  haben  sich  in  der  Neuzeit  in  einer  früher
nicht  für  möglich  gehaltenen  Weise  vermehrt.  Vor  etwa  12  Jahren  stieg
deren  Betrag  in  der  ganzen  Eidgenossenschaft  höchstens  auf  9—10  Mill.
Fres.,  wovon  etwa  0'/,Mill,  auf  das  hart  bedrängte  Tessin  kamen.  Jetzt
ist  die  Summe  auf  ungef.  108—llO  Mill,  gestiegen!  Allerdings  rühren
diese  Schulden  weitaus  zum  Haupttheil  von  Eisenbahnbauten  oder  auch
andern  Erwerbungen  her.  Nur  in  Genf  ist  das  Letzte  nicht  der  Fall,
und  die  Bahnen  der  stark  verschuldeten  Kantone  Freiburg  und  Neuenburg, ­
  auch  die  des  wohlhabenden  Bern,  rentiren  schlecht  (die  Schulden
dieser  4  Kantone  allein  betragen  etwa  03,  die  aller  übrigen  ungef.  40
Mill.).  Allein  abgesehen  davon,  dass  diese  Rente  im  Laufe  der  Zeit
sich  erhöhen  wird,  steht  den  Schulden  ein  viel  grösseres  Activvermögen
entgegen,  das  wir  in  18  Kantonen  oder  Halhkantonen,  von  denen  allein
Notizen  vorliegen,  —  ungerechnet  den  Werth  jener  Bahnen  —  auf  180
Mill,  veranschlagen.  Natürlich  ist  das  Verhältniss  in  den  einzelnen  Kantonen ­
  ein  sehr  verschiedenes.
Zum  Schlüsse  noch  ein  Paar  von  dem  Verfasser  dieses  Buches  vor
einigen  Jahren  berechnete  Vergleichungen.  Das  Budget  des  Kantons
Zürich  ergab  damals,  mit  Dazurechnung  des  entsprechenden  Antheils
an  (Jena  Bundesbudget,  —  gegenüber  der  Finanzverwaltung  einiger  deutscher ­
  Staaten  von  beiläufig  gleicher  Bevölkerung,  folgende  Hauptresultate ­
  (alle  Summen  auf  preuss.  Th  Ir.  reducirt  ;  die  Zahlen  haben
sich  seitdem  geändert,  die  Verhältnisse  sind  im  Wesentlichen  geblieben  j:

Hauptausgaben:  Zürich  Weimar  Braunschweig
nach  d.  U.  ehn.  V.  1862  n.  d.  It'  chn.  v.  1861  n.  d.  Bud(f.  f.  1S*
Hof  —  2.50.000  200,000  Thl]
Staatsschuld  3,000  300,103  428,407  -
Militärwesen  122,000  153,325  315,284  -
Pensionen  4,000  100,193  127,990
Gesammtbetrag  dieser  4  Posit.  129,00(7  815,921  PÍÕTjTõi  -
Gesammter  Staatsbedarf  739,780  1’534,251  P824,000  -
Hauptstaatseinkünfte:
Domänen  und  Regalien  .  141,000  178,555  •  150,880
Indirecte  Auflagen  .  •  .  .  113,422  310,330  493,300  -
Directe  Steuern  ....  213,100  520,857  432,000  -

Dabei  darf  nicht  übersehen  werden,  dass  im  Züricher’sehen  Etat
viele  blos  durchlaufende  Posten  Vorkommen,  während  in  den  andern  Staaten ­
  ansehnliche  Nachtragscredite  erscheinen,  namentlich  für  Militär.
(Bei  den  bemerkenswerthen  Ergebnissen  des  schweizerischen  Finanzwesens
gegenüber  jenen  aller  andern  Staaten  Europa’s  verweisen  wir  auf  die  näheren
Erörterungen  darüber  in  der  [vom  Verf.  des  gegenwärtigen  Buches  herrührenden ­
  anonymen]  Schrift:  «Die  Schweiz  in  ihren  bürgerlichen  und  politischen
        <pb n="377" />
        23*

SCHWEIZ.  —  Militärwesen.

355

Zuständen,  ihren  fínanziellen,  militärischen,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnissen.
Für  Einheimische  und  Fremde.«  Zürich,  1S58  bei  Schabelitz.)

Militärwesen.  Die  Schweiz  hat  keine  stehenden  Truppen  ;  es  ward
der  Bundesregierung  sogar  verfassungsmässig  verboten,  solche  zu  errichten. ­
  Dagegen  ist  jeder  waffenfähige  Schweizer  auch  in  Wirklichkeit  militärpflichtig. ­
  Von  Kindheit  an  Waffenfflhrung  gewöhnt,  erfolgt  das  militärische ­
  Einschulen  der  Rekruten  stets  in  sehr  kurzer  Zeit,  und  später
genügen  Wiederholungscurse  von  wenigen  Tagen.  Das  Bundesheer  hatte
am  31.  Dec.  1863  folgenden  Bestand:
1)  Biindesauxzug,  —  die  Mannschaft  von  20—34  Jahren  :  Contingent
3  Procent  der  Bevölkerung,  =  60,582;  wirklich  eingereiht  .  .  85,441
2j  Reserve,  —  von  35—4ü  Jahren;  —  l'/t  Proc.  =  34,701,  wirkl.  .  .  45,631
3)  Landicehr,  —  bis  zum  44.  Altersjahre,  organisirt  63,536
4J  Landsturm  (offfciell  zu  150,000  M.  angenommen)
Zus.  eflectiv  104,608
Die  Formation  ist  folgende  :

A.  Auszug.  I.inien-Infant.  57  ganze  Bataillone,  0  halbe,  endlich  6  Einzelcompagnien, ­
  68,011  M.  —  Scharfschützen  45  Compagnien,  5,711  —  Genie:
6  Sappeur-  und  3  Pontonierscompagnien,  1344.  —  Artillerie  7502:  25  bespannte
Batterien  (schon  1862  befanden  sich  darunter  12  Batt.  von  gezogenen  Kanonen),
2  Gebirgs-,  4  Raketenbatterien,  3  Comp,  für  Positionsgeschütz,  6  Comp.  Parkartillerie; ­
  ausserdem  Park  train.  —  Cavallerie  1883  M.  ;  22  Comp.  Dragoner,
7  y,  Conin.  Guiden.
B.  Reserve;  I.inien-Infant.;  31  ganze,  lO  halbe  Bataill.  und  15Einzelcompagn.,
  35,332.  —  Schützen  28'/,  Comp.,  3322.  —  Genie:  6  Sappeur-  u.  3  Ponton.-Comp., ­
  790.  —  Artillerie  5067:  13  bespannte,  2  Gebirgs-,  4  Raketenbatterien ­
  ,  8  ganze  und  2  halbe  Positions-  und  6  Parkcompagn.  ;  ferner  Parktrain
—  Cavall.  1110;  13  Dragoner-und  7*/,  Guidencomp.
C  Organisirte  Landfcehr.  Infant.  55  Bataill  und  26  Einzelcomp.,  52,704.
—  Schützen  36  Comp.,  4755.—  Genie:  5  Sappeur-  und  2Pontonierscomp  ,631.
Artill.  :  8  Feldbatterien,  6  Pos  -  u.  4  Parkcomp.,  4388.—  Cavall.  8Comp.,  1058.
Auszug  und  Reserve  sind  jeden  Augenblick  mobil  zu  machen.  Die
bewaffnete  Macht  der  Schweiz  ist  schwach  an  Reiterei.  Ihre  Linieninfanterie ­

  könnte  dagegen  der  eines  stehenden  Heeres  entgegengestellt
werden.  Dabei  besitzt  man  eine  vortreffliche  Artillerie  und  hat  eine  entschiedene ­
  Ueberlegenheit  an  Scharfschützen.  Bei  der  Landwehr  ist
die  vollständige  Zahl  Offleiere  nicht  vorhanden  ;  allein  dieselbe  bildet
dennoch  das  Mittel,  dem  Auszuge  und  der  Reserve  eine  sofortige  Verstärkung ­
  zu  gewähren.

VergletcAung.  Können  Staaten  mit  stehenden  Heeren  dasselbe  leisten ­
  ,  wie  die  Schweiz?  Nimmermehr!  Hannover,  Braunschweig  und
Oldenburg  zusammen  haben  etwa  die  gleiche  Volkszahl  wie  die  Schweiz.
Stellen  wir  ein  Paar  Ziffern  zusammen  :

Schweiz  Hannover,  Braunschw.
und  Oldenburg
Volkszahl  2’510,000  2’466,000
Kosten  des  Militärs  .  2’000,000  Th  Ir.  3'800,000  Thlr.
Marschbereite  Truppen  160,000  36,000
Mit  einem  Geldaufwande  von  wenig  über  die  Hälfte  stellt  die
Schweiz  sonach  eine  über  viermal  grössere  Militärzahl  als  jene  Staaten.
Und  dabei  ist  die  Last  für  die  militärpflichtigen  Einwohner  in  Friedenszeiten ­
  (welche  die  Regel  bilden!)  weitaus  geringer.  —  Mit  der  nemlichen
  Geldsumme,  deren  man  in  Hannover  etc.  bedarf,  um  ge
        <pb n="378" />
        356

SCHWEIZ.  —  Sociales.

10,00U  Soldaten  zu  haben,  bereitet  die  Schweiz  80,000  M.  zur  Marschbereitschaft ­
  vor.  Aehnlich  ist  das  Verhältniss  in  andern  Staaten.  Belgien, ­
  dessen  Bevölkerung  ungefähr  die  doppelte  Zahl  jener  der  Schweiz
beträgt,  unterhält  ein  Heer  von  beiläufig  80,000  M.,  welches  im  äussersten
  Falle  bis  auf  100,000  vermehrt  werden  kann,  also  trotz  der  zweifachen ­
  Volksmenge  dem  schweizerischen  Heere  an  Zahl  entschieden
nachsteht.  Belgien  verwendet  aber  thatsächlich  meistens  gegen  40  Mill.
Fres,  auf  sein  Militärwesen  !  Schon  diese  numerische  Stärke  eines  jedenfalls ­
  auch  gut  organisirten  und  geübten  Heeres  sichert  demselben  eine
Ueberlegenheit.
Kriegsgeschichtliches.  Gegen  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  standen ­
  ungef.  50,000  Schweizer  in  29  Regimentern  als  Söldlinge  in  den
Diensten  von  Frankreich,  Spanien,  Sardinien,  Rom,  Neapel  und  Holland; ­
  20,500  M.  davon  bloss  in  Frankreich.  Von  1474—1774  wurden
fast  700,000  Schweizer  für  den  franz.  Militärdienst  geworben*).  Auch
1830  standen  wieder  2  Garde-  und  4  Linienregim.  in  diesem  Verhältnisse. ­
  —  Zum  russischen  Feldzug  von  1812  musste  die  Schweiz
ihrem  »Vermittler«  ein  Hülfscorps  von  16,000  Mann  stellen.  —  Obwol
die  schweizerische  Wehrkraft  zur  Zeit  des  Sonderbundskrieges  (1847)
noch  keineswegs  so  organisirt  war,  wie  jetzt,  zeigte  sich  diese  Wehrkraft
doch  schon  in  einer  nach  Umfang  und  Schnelligkeit  der  Entwicklung
Staunen  erregenden  Weise.  Es  stellten  in  wenigen  Wochen  in  das  Feld  '
die  13%  eidgenössischen  Kantone  98,8()1  Mann  172  Kanonen
die  7  Sonderbunds-Kantone  39,.5S0  -  74
Zusammen  138,441  Mann  246  Kanonen
Ausserdem  hatte  der  Sonderbund  damals  46,976  M.  Landsturm,  und
anderthalb  Kantone  (Neuenburg  und  Inner  -  Rhoden)  nahmen  keinen
Theil  am  Kampfe.  (Die  Kosten  dieses  Krieges  werden,  die  Opfer  der
Privaten  natürlich  ungerechnet,  auf  1  5y¡¡  Mill.  Fres,  geschätzt.)  Die  Militärcapitulationen
  mit  fremden  Staaten  sind  verfassungsmässig  verboten.
Sociales.  Die  Schweiz  bietet  das  wunderbare  Bild  eines  Staates  dar
von  nur  dritthalb  Millionen  Menschen,  welcher,  ungeachtet  der  localen
Trennung  durch  die  höchsten  Gebirge,  dennoch  Angehörige  dreier  grosser
Culturnationen  umfasst.  —  Angehörige  ganz  verschiedener  Stämme,  die
nicht  durch  eine  despotische  Gewalt  zusammengekettet,  sondern  durch
die  lebendige  Ueberzeugung  verbunden  sind,  dass  dieses  Verhältniss  weit
besser  und  nützlicher  für  sie  ist,  als  ein  Anschluss  an  ihre  grossen
Stammnationen  dermalen  sein  könnte.  —  Wenn  es  gar  keinen  andern
Beweis  als  diesen  für  die  Güte  des  Fundamentalverhältnisses  der  schweizerischen ­
  Einrichtungen  gäbe,  so  wäre  dieser  allein  schon  unwiderlegbar.
Da  jeder  Kanton  souverSn  ist,  so  trifft  man  im  Einzelnen  sehr  verschiedenartige ­
  Verhältnisse.  Allenthalben  hat  indess  der  Grundsatz  Geltung  :
dass  das  Volk  nach  Maassgabe  seiner  Bedürfnisse  und  seiner  Einsicht
sich  selbst  regiert.  In  Folge  dessen  werden  alle  Beamten  (auch  die  Rich-*)

  An  Werbegeldern  soll  die  Schweiz  von  1740—50  jedes  Jahr  gegen  600,000
Liv.  aus  Frankreich  bezogen  haben;  1744  sogar  1%  Mill.  Jetzt  betrachten  die
Schweizer,  statt  solchen  Verdienstes,  die  Industrie  als  wichtigste  Quelle  des
Wohlstandes.
        <pb n="379" />
        SCHWEIZ.  -  Sociales.

357

ter,  die  nicht  einmal  studirt  zu  haben  brauchen)  vom  Volke  gewählt,  und
dies  nur  auf  eine  gewisse  Zeitdauer.  Es  gibt  also  keinen  Beamten  st  and,
keine  hohen  Besoldungen,  keine  Pensionen.  Und  doch  herrscht  hier
(neben  voller  Press-  und  Versammlungsfreiheit)  Ruhe  und  Ordnung,  wie
in  keinem  Lande  in  höherm  Maasse.  Die  neue  Bundesverfassung  hat
auch  bereits  mehrfach  äusserst  wohlthätig  gewirkt,  insbesondere  auf  Beschränkung ­
  des  »  Kantönligeistes,  a  so  namentlich  durch  die  Bestimmung,
dass  die  Schweizer  in  allen  Kantonen  gleiche  Rechte  geniessen  ;  dass
alle  Schweizer  das  Recht  freier  Niederlassung  besitzen,  dann  durch  Beseitigung ­
  aller  Binnenmauthen,  Einführung  gleicher  Münze  und  Maasse
u.  s.  w.
Im  Einklänge  mit  den  politischen  Zuständen  herrscht  in  der  Schweiz
auch  in  mercantiler  Beziehung  das  Princip  der  Freiheit,  —  das  Freihandelssystem. ­
  Mit  welchem  Erfolge  ?  Die  Eidgenossenschaft,  höchst
ungünstig  gelegen,  weit  vom  Meere,  von  den  wichtigsten  Bezugsquellen
entfernt  ;  rings  umgeben  von  Staaten  mit  Schutzzöllen,  sonach  von  deren
Märkten  mehr  oder  minder  ausgeschlossen  ;  dazu  bei  sehr  hohen  Tagelöhnen,' ­
  und  ohne  die  wichtigen  Steinkohlen,  —  hat  dennoch  alle  jene
Schutzzollstaaten  mit  ihrer  Industrie  überflügelt.
Die  wichtigsten  Industriezweige  sind:  1)  in  Seide;  gegenüber  einer  Einfuhr
von  k3%  Mill.  Fres  in  roher  und  17  Mill,  in  verarbeiteter  Seide,  betrug  1858  die
Ausfuhr  ungef.  231  Mill.  (1857  247  Mill.),  Gewicht  35,988  Cntr.  ;  2)  in  Baumwolle, ­
  deren  1858  209,289  Cntr.  (1859  259,822)  in  rohem  Zustande  eingeführt
wurde,  Werth  gegen  11*/,  Mill.,  ausgeführt  für  etwa  54'/,  (1859  75'/,  Mill.)  ;
3)  Uhrenfabrikation  ;  4)  Strohgeflechte  ;  5,  Käse  (Rindvieh  und  ebenso  Butter
führt  die  Schweiz,  obwol  Gebirgsland,  weit  mehr  ein,  als  aus).*)
Mmenbahnen.  Ungeachtet  der  Terrainschwierigkeiten  standen  Ende  1893
249,98  schweizerische  Stunden  =  1192  Kilom.  oder  190%  deutsche  Meil.  im
Betriebe,  ungerechnet  2,8  Kil.  Pferdebahn.  Schon  Mitte  1891,  als  erst  1013
Kilom.  im  Betriebe  standen,  zählte  man  49  Tunnels  von  17,297  Met.  Länge;
es  ist  sonach  der  90ste  Theil  der  Bahnen  unterirdisch.  Der  Tunnel  des  Loges,’
Jurabahn,  misst  3259,  der  Hauensteintunnel  2495  Met.  ;  auf  13,000  Kilom.
deutscher  Bahnen  misst  der  längste  Tunnel  nur  1933  Met.)  Im  Bau  59  Schweiz!
Stunden,  ausserdem  concessionirt  31'/,  Stdn.  Im  J.  1854  hatte  man  erst  8*/,
Stunden  Schienenwege.
Telegraphen.  Bei  einem  Tarifsätze  von  nur  einem  Franken  ist  das  Institut
dem  Publicum  und  der  Staatscasse  sehr  nützlich  geworden.  Die  Idnien  hatten
189,1  eine  Länge  von  3192  Kilom.  und  eine  Drahtlänge  von  9107.  Es  bestanden
199  Bureaux  (sogar  auf  dem  Rigiberge;  in  ganz  Preussen  1892nur  191).  Zahl  der
Depeschen:  1893  459,871,  wovon  298,778  interne,  119,212  internationale  und
41,881  transitirende.  Die  Einnahme  war  972,000  Fres.,  die  Ausgabe  571,000,
somit  Reinertrag  101,000.
Vogt.  1893  2108  Bureaux  und  Ablagen.  Brieftaxe  lO  Rapp.,  unfrankirt  15,
Localtaxe  5  Rapp.,  Zeitungen  %  R.  pr.  Blatt.  Briefe  33’311,271  =  12,73  pro
Kopf;  Zeitungsblätter  23*493,470.
Damnfgchife.  Auf  II  Seen  fuhren  1892  90  Dampfboote,  worunter  (Bodensee ­
  und  Lago  maggiore)  allerdings  21  ausländische.

*  Siehe  die  nähern  Nachweisungen  in  den  »Beiträgen  zur  Statist,  d.  Industrie ­
  und  des  Handels  der  Schweiz,  von  G.  Fr.  Kolb;  Zürich  1859«  (besonders ­
  abgedruckt  aus  der  »Monatsschrift  des  wisscnschaftl.  Vereins  in  Zürich«).
—  In  der  Schweiz  wird  so  wenig  wie  im  Zollvereine  eine  amtl.  Abschätzung  des
Werthes  der  Waaren  vorgenommen.  Im  Uebrigen  herrscht  auch  in  diesem
Zweige  selbstverständlich  die  grösste  Oeffentlichkeit,  wie  die  monatlichen  Veröffentlichungen ­
  und  bes.  die  alljährlichen  Zusammenstellungen  beweisen.
        <pb n="380" />
        358

BELGIEN.  —  I.and  und  Leute.

lirandversicherungen.  In  17  Kantonen,  von  denen  Nachweise  vorliecen,
waren  Ende  1859  assecurirt  1,618’375,98S  Fres.
Sparcassen.  Ende  1802  230  Cassen  mit  353,855  Einlegern  und  131’542,639
Fres.  Einlagen.  Davon:  Zürich  38  Cassen,  74,076  Einl.,  12’750,687  Fres  ;  Bern
42  Cass.,  00,523  Einl.,  29’393,2S2  Fres.
Banken.  Ende  1803  bestanden  00  Banken  mit  82  Mill.  Actiencanital.  Nur
18  dieser  Banken  geben  Banknoten  aus.  Im  J.  1802  befanden  sich  für  14  Mill,
solcher  Papiere  in  Umlauf,  also  nicht  über  17  Proc.  des  gesammten  Actiencapitals
  der  Banken.  Im  Uebrigen  muss  allerdings  bemerkt  werden,  dass  die  Mehrzahl ­
  der  gedachten  Institute  keine  vollständigen  Banken  nach  gewöhnl.  Begriffen ­
  sind.  Indess  besitzen  doch  selbst  so  kleine  Orte  oder  kleine  Kantone  wie
Glarus,  Freiburg,  Neuenburg,  Thurgau  und  Baselland,  wirkliche  Banken,’und
sie  erweisen  sich  als  durchaus  solid.
Tngespressc.  1829  erschienen  nur  38  politische  und  nichtpolitische  Blätter
keines  öfter  als  zweimal  wöchentlich.  —  1804  erschienen  345,  worunter  185  politische, ­
  22  wissenschaftliche  und  literarische,  20  religiöse  (15  protestantische
und  5  katholische),  1  rationalistisches  (in  Genf  ,  10  gemeinnützige  (Land-  und
Forstwirthschaft  u.  s.  w.)  Davon  in  deutscher  Sprache  231,  in  französischer  103,
in  italienischer  8  und  in  romanischer  3.  39  Leitungen  erschienen  sechs  oder
sieben  Mal  in  der  “Woche.
MUnze,  Maasse:  Das  franz.  System  ist  entweder  ganz  eingeführt,  oder  bildet ­
  wenigstens  die  Grundlage.  Neben  der  Silber-  ward  1800  die  franz.  Goldwährung ­
  angenommen.  Der  Franc  wird  in  100  Rappen  getheilt  (der  abgeschabte
alte  Schweiz.  Frank  hatte  etwa  11  't  Sgr.  Werth;  die  Mark  zu  35,5984  schw.
Fres.  ;  die  neuesten  Frankenstücke  sind,  bei  nur  4  Gramm.  Silber,  blos  88%  Cts.
werth.  —  Der  Fuss  =  3  Decimet.  Der  Stab  4,  die  Ruthe  10  Fuss  =  3  Met.  —
Die  Schweiz.  Stunde  zu  10,000  Fuss  =  4800  Met.  —  Der  Juchart  zu  400  Q  -
Ruth.  (40,000  R.-Fuss)  =  30  Aren  oder  l,40k(i3  preuss.  Morgen.  —  Die  Maass
{lepot)  =  l'/j  Liter.  Der  Saum  =  1,5  Hectol.  oder  2,1834  preuss.  Eimer.  —
Das  Pfund  =  %  Kilogr.,  gleich  dem  deutschen  Zollpfunde.

Belgien  (Königreich.)

Provinzen  ft.-M.
Antwerpen  51,0
{Anvers]
Brabant  59,8

Bevölk.
Jan.  1862**  ***) )
405,003

825,124

Städte  *  *  *  ;
Antwerpen  114,009,  Mecheln  (Malinos) ­
  33,855,1.ierro  14,814^  Turnfort ­
  12,891,  Gheel  11,400.
Brüssel  Bruxelles  177,954  mit  8
Vorstädten  281,370  ,  Löwen  Louvain ­
  32,020,  Tirlemont  12,178,
Ixelles  22,129,  Molenbeek-St.-Jean
  21,313,  St.-Josse-ten-Noode
19,879,  Schaerbeek  14,353.

*)  Hauptquellen  über  Be&amp;gt;  ölkerungsverhältniste  die  trefflichen  Documents
statistiques,  publics  pai  le  depart,  de  VIntérieur  avec  le  eonennrs  de  la  commission
centrale  de  titatistique.  Der  neueste  uns  vorliegende  Band  ist  der  7.,  herausgepben
  1803,  die  Bevölkerungsbewegung  von  1801  angebend.  —  Eine  schätzbare ­
  Sammlung  von  Daten  findet  sich  in  dem  IJj-posé  de  la  situation  du  royaume
pour  la  période  décennale  de  1851—00.
l'iigentlich  blos  Schätzung,  indem  man  den  Ueberschuss  der  Geburten ­
  den  letzten  Zählungsresultaten  beirechnete.  Diese  am  15.  Oct.  1850  vor
nommene  wirkl.  Zählung  hatte  eine  Bevölkerung  von  4’529,401  nachgewiesen.
Auf  Grund  der  bezeichneten  Verfahrungsweise  berechnete  man  die  Bevölk.  für
I  Jan.  1804  auf  4*894,071  Menschen.
***)  Die  Provincialhauptstädte  sind  zuerst  genannt.
        <pb n="381" />
        BELGIEN.  —  Land  und  Leute.

359

Provinzen  Q.-M.
Westrändern  58,9
{Flandre  occidentale)

Ostflandern  54,6
(Flandre  orientale

Hennegau
[Hain  aut)

I-üttich
(Liege)
Limburg
Imxemburg
Namur

67,8

52.7

44,0
80,5
66.7

Bevölk.
Jan.  1862
647,371

810,-583
835,822
545,882

197,916
204,597
304.268

Sätdte
Brügge  Bruges)  50,268,  Cortrick
(Courtrai  23,228,  Ostende  17,032,
Koulers  12,160,  Thielt  11,355,
Ypern  17,095,  Poperinghe  10,690.
Gent  Gand)  120,134,  Alost  19,254,
St.  Nicolas  23,645,  Renaix  11,766,
Lokeren  17,291.
Bergen  (Mons)  26,799,  Doomyk
31,172,  Charleroy  12,782,  Gilly
14,042,  Jumet  13,858,  Jemappes
11,000.
Lüttich  (Liège)  97,544,  Verviers
28,691,  Seraing  20,084,  Huy
10,632.
Hasselt  9,895,  Saint-Trond  11,500.
Arlon  5,647.
Namur  25,989.

Zus.  536,6  4’836,566

Geburten  Sterbfälle  Heirathen

1854
1855
1856
1857
1858
1859
1860
1861

131,837
125,955
134,187
143,291
145,074
149,812
144,668
147,253

103,266
112,716
97,395
103,458
107,910
111,650
92,871
106,381

29,490
29,815
32,926
37,292
38,237
36,941
35,112
33.802

1856lebten  in  86Städten  1'I81,371  E.
-  -  -  2445  Landgem.  3’348,090  -
Davon:  männliche  Einw.  2’271,783

•weibliche

Volkszahl  Ende  1831
1840
1850
1860

2'257,678
3’785,814  E
4’073,162  -
4’426,202  -
4’731,957  -

Im  Jahrzehnt  1851—bO  zählte  man  zusammen;  1’262,743  ehel.
und  108,454  unehel.  Geburten,  dagegen  r020,209  Todesfälle.
Unter  den  1801  Geborenen  waren

75,674  Knaben,  davon  70,186  eheliche,  5,488  uneheliche
71,579  Mädchen,  -  66,420  -  5,159
ungerechnet  die  Todtgeborenen  ,  neml.  4009  Knaben  u.  2956  Mädchen,  wovon
396  Knaben  u.  370  Mädchen  unehelich.  —  Unehel.  Kinder  wurden  anerkannt
1751,  legitimirt  4026.  —  Ehescheidungen  1859  57,  1860  55,  1861  50.—
Auswanderungen  (1861)  10,218,  Einwanderungen  8856.  —  In  dem  Jahrzehnt ­
  1841—50  zählte  man  45,470  Aus-  und  33,466Einwanderungen  ;  im  Jahrzehnt ­
  1851—60  aber  der  Ersten  88,607,  der  Letzten  60,206.
Nationalitäten:  1)  Vlämen  (Flamänder),  Deutsche,  ein  entstelltes
Deutsch-Holländisch  redend,  in  Flandern,  Antwerpen,  Limburg,  (1840)  '
2  471,248  Menschen;  2)  Wallonen,  franz.  Ursprungs,  ein  verdorbenes ­
  Französisch  (wallonisch)  sprechend,  in  Brahant  und  Lüttich  etc.
U827,1  41.  Die  Sprache  der  Gebildeten  ist  die  französische,  wie  überhaupt ­
  das  franz.  Element  überwiegend  sich  entwickelt.
Confessionen.  Die  katholische;  —blos  etwa  15,000  Protestanten
(die  Angaben  schwanken,  9000  —  20,000)  und  1500  Juden.
Jlerrsehaftsveränderungen.  Die  vormals  »spanischen«,  dann  »österreichischen ­
  Niederlande«  umfassten  zu  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts
etwa  400  Q.-M.  und  2’250,0Ü0  Menschen.  Das  Hochstift  Lüttich  bildete ­
  einen  besondem  Staat,  mit  200,000  Einw.  auf  100  Q.-M.  Der
Luneviller  l'riede  brachte  das  ganze  Land  unter  franz.  Herrschaft;  es
wurde  eingetheilt  in  die  9  Departemente  Lys,  Schelde,  Jemappes,  Dyle,
        <pb n="382" />
        360

BELGIEN.  —  Finanzen  (Budget).

beide  Neethen,  Sambre,  Ourthe,  Niedermaas  und  Wälder.  Der  Wiener
Congress  vereinigte  dieses  Gebiet  mit  Holland  zu  einem  »Königreich
der  Niederlande«.  Die  Kämpfe  zu  Brüssel  21.—27.  Sept.  1830  hatten
die  Trennung  beider  Länder  zur  Folge.  Am  30.  Nov.  1830  proclamirte
der  Nationalcongress  die  Unabhängigkeit  Belgiens;  am  4.  Juni  1831  erfolgte ­
  die  Erwählung  des  Prinzen  Leopold  von  Sachsen  -  Coburg  zum
Könige;  nach  vorgängiger  Intervention  Frankreichs,  fand  am  19.  April
1839  die  Anerkennung  Belgiens  durch  Holland  statt,  gegen  Uebernahme
eines  Theiles  der  holländischen  Staatsschuld.

Finanzen.  Budget  iiXx  1804.
Einnahmen  157’782,
.  .  18’8S(;,290  I
.  .  10,700,000
.  .  4,070,000
400.000
P250,000
210.000
13’515,000
26’120,000

Grundsteuer  .
Personalsteuer  ....
Gewerbsteuer  ....
Bergwerksabgabe  .
Abgabe  v.  geist.  Getränken
—  vom  Tabaksverkauf  .
Zollertrag
Accisse,  sammt  Salzsteuer

700  Fres.,  nemlich  :
Enregistrement....
Domänenertrag  .  .  .
Post  *)
Dampfschifffahrt  zwischen
Ostende  und  Dover
Eisenbahn
Anderweit»  Einkünfte  .
Von  Domänenverkäufen  .

31’520,000
4’400,000
3,160,000
225.000
32’350,000
10’816,500
100.000

iiisgaben  151’778,575  Fres,  (ungerechnet  Supplementarcredite)  :

Staatsschuld  40’660,2(»0
Dotationen  ,  .  .  .  .  4’237,080
Ministerium  der  Justiz  .  14’625,756
—  des  Auswärt.  u.  Marine  2’076,188
—  des  Innern  ....  10’603,809

Min.  d.  öffentl.  Arbeiten  26’452,0U5
—  des  Kriegs  ....  35’988,010
—  der  Finanzen  .  .  .  14’423,900
Rückersätze  u.  Nichtwerthe  975,200
Specialfonds  835,437

Der  Budget-Entwurf  für  1865  schliesst  ab  mit  159’1  12  790
Fres.  Einn.  und  153’61  1,469  Bedarf.  Der  Ueberschuss  soll  Verwendung
  erhalten  in  Gemässheit  früherer  Gesetze  über  öffentl.  Bauten.  Von
den  Ausgaben  sind  34’904,950  Fres,  für  das  Kriegswesen  bestimmt.  —
Der  Hof  erfordert  3'401,323  (eigentl.  Civilliste  2’751,323).
Der  h  inanzhaushalt  leidet  unter  dem  Systeme  der  Supplementär—
credite.  Vom  4.  Quartal  1830  bis  Ende  1859  betrug  die  Gesammtausgabe
  des  Staats  3,769’601,475  Fres.,  im  jährl.  Durchschnitte  also
128’875,264  (am  wenigsten  1835:  87’104,005  Fres.).  Unter  der  holl.
Regierung  hatte  Belgien  die  Hälfte  des  gemeinsamen  Bedarfs  aufzubringen, ­
  durchschn.  4  0'724,91  3  Gulden  (etwas  über  88  Mill.  Fres.).  Dennoch ­
  befindet  sich  das  Land  jetzt  besser  als  zuvor.  Bei  Vorlage  des
Budgets  für  1861  konnte  der  Minister  geltend  machen,  was  der  belg.
Staat  von  jener  grossen  Gesammtsumme  seit  1830  verwendet  hatte  -
42  Mill,  für  Kunst  und  Wissenschaft,  10  für  Herstellung  religiöser  Bauwerke, ­
  54  für  öffentlichen  Unterricht,  4  für  die  Militärschule,  14  für
Gefängnisse,  77  für  Strassen,  12  für  Vicinalwege,  128%  für  Flüsse  und
Canäle,  191  für  Staatseisenbahnen.  —  Der  Vicinal-Wegebau,  welcher
schon  im  Budget  für  1861  eine  Mill,  in  Anspruch  nahm,  fehlte  im  Budget ­
  von  1831  ganz  und  empfing  noch  1841  nicht  mehr  als  100,000
Fres.  Der  höhere  Unterricht  erforderte  1831  :  339,539,  1861  993,236
Fres.  ;  ähnliche  Zahlen  Verhältnisse  zeigen  sich:  für  die  Mittelschulen  mit

*)  Nach  Abzug  von  42  Proc.  zu  Gunsten  der  Gemeinden,  in  denen  das
Octroi  abgeschafit  worden.
        <pb n="383" />
        BELGIEN  —  Finanzen  Schuld;.

361

71,089  u.  934,167  Fres.  ,  die  Primärschulen  mit  21  7,142  u.  1'909,109
Fres.,  Kunst  und  Wissenschaft  mit  87,248und  811,300  Fres.  —  Grosse
Kosten  verursacht  das  Militärwesen.  —  So  wurden  1801  ausserordentlicher ­
  Weise  15’561,170  Fres,  für  Vervollständigung  des  Artilleriematerials ­
  bewilligt.  Die  Kosten  des  Antwerpener  Festungsbaues  sind  zu
48’927,000  Fres,  veranschlagt,  wovon  20  Mill,  durch  Anlehen,  10  Mill,
durch  die  Stadt  Antwerpen,  der  Rest  aus  den  laufenden  Einnahmen  bestritten ­
  werden  sollen.  Ein  grosser  Fortschritt  war  die  Abschaffung  der
Gemeindeoctroi  s.  Solcher  Localmauthen  gab  es  in  78  Städten  mit  einer
Bevölkerung  von  1’222,991  Menschen;  der  Reinertrag  der  betr.  Abgaben ­
  belief  sich  1859  auf  10  876,085  Fres.  Um  deren  Aufhebung  zu  ermöglichen, ­
  überliess  der  Staat  den  betr.  Gemeinden  42  (für  später  40)
Proc.  des  Rohertrags  der  Posten,  75  Proc.  des  Zolls  von  Caffe,  und  36
(später  34)  Proc.  der  Accisgebühr  auf  geistige  Getränke.  Dagegen  erhöhte ­
  man  diese  Accisgebühr  auf  geistige  Getränke  und  Zucker.
Schuld.  Deren  Betrag  ward  für  1.  Mai  1864  auf  633%  Mill.  Fres.
Nennwerth  angegeben.  Bestandtheile  :

UebemommenerSchuldantheil  v.  Holland,  16’931,200  Fres,  zu  5%,  Francs
und  22üMU5,632  zu  2‘,  %  .  237*036,832
Rest  d.  4»^  Anlehens  v.  1836  f.  Eisenbahnen,  Canäle  u.  Strassen  13*288  000
Rest  der  beiden  3®^  Anlehen  von  1838  für  Eisenbahnen  und  [7,6  '
Mill.]  Kriegsentschädigung  25*415,000
Capital  der  der  Stadt  Brüssel  zu  zahlenden  Rente,  seit  1842,  à  5%  '
capitalisirt  6*000,000
Rest  des  4'/,  %  Anlehens  v.  1844  zur  Convertirung  5proc.  Schuldscheine ­
  von  1832  65*397,682
Rest  des  4'/,  *4,  Anlehens,  aufgenommen  zur  Abzahlu^ng  einer
2%proc.|Schuld  an  Holland  (84*656,000  Fres,  statt  der  nominellen ­
  169*312,000)  71*821,500
Rest  des  4  %  %  Anlehens  von  1852  zur  Convertirung  5%  Schuldscheine ­
  von  1840,  42  und  48  146*926  500
Rest  des  4%  %  Anl.  v.  1857  zur  Convertirung  der  Schuldscheine  '
von  1852  und  zu  öffentlichen  Arbeiten  67*714,900

Für  Ablösung  des  Sc  beide  zol  Is  (1863),  wofür  Belgien  den  Betrag ­
  an  Holland  entrichtet  hatte,  waren  an  das  Erste  zu  vergüten  ;  von
England8’752,320Fres.,  Amerika2’779,200,  Preussen  1’670,640,  Norwegen ­
  1*560,720,  Frankreich  1*542,720,  Dänemark  1*096,800,  Niederlande ­
  1*039,440,  Mecklenburg  1*036,320,  Hannover948,720,  Hamburg ­
  6  6  7,6  8  0,  Oesterreich542,360,  Schweden  543,600,  Italien  487,200,
Spanien  432,520,  Russland  428,300,  Bremen  120,320,  Oldenburg
121,2((0  ,  Lübeck  25,680,  Portugal-  23,280,  Griechenland  23,280,
Argentinische  Republik  18,680,  Chile  13,920,  Römische  Staaten  5760,
lürkei  4800,  Peru  4320,  Brasilien  I68O,  Ecuador  1440  Fres.
Aus  einer  Vorlage  des  h  inanzministers  an  die  Abgeordnetenkammer ­
  vom  Nov.  1862  entnehmen  wir  folgende  Zusammenstellung,  deren
Ziffern  sich  natürlich  auf  den  damaligen  Stand  beziehen  :  Die  belgische
Staatsschuld  zerfällt  in  zwei  Theile  :  1)  Die  Schuld,  welche  in  Folge  der
Verträge  vom  Königreich  der  Niederlande  übernommen,  diejenige,  welche
durch  die  Organisation  des  Landes  in  den  Jahren  1830—32,  sowie  diejenige, ­
  welche  durch  das  Jahr  1848  erforderlich  ward.  Die  Zinsen  derselben ­
  bilden  eine  jährliche  Last  von  16*623,105  Fres.,  die  Amortisation
erfordert  1*580,746  Fres.  pr.  Jahr.  2)  Die  Schuld,  welche  zum  Zweck  der
        <pb n="384" />
        ä

362

BELGIEN.  —  Militär.  Sociales.

grossen  öffentlichen  Arbeiten  aufgenommen  wurde,  erfordert  zur  Verzinsung ­
  11’299,665  Fres.,  zurTilgung  1'81  9,696  Fres,  per  Jahr.  Das  Capital ­
  dieser  sämmtl.  Staatsschulden  betrugursprdngl.  884’988,563Fres.
hiervon  sind  bereits  getilgt  260’792,016  -
Es  verbleibt  demnach  ein  Capital  von  ....  624’196,547  Fres.
Hierzu  ist  zu  bemerken,  dass  das  Capital  der  2%  bis  4procentigen
Anlehen  zum  Nominalwerth  angenommen  ist.  Auf  4%  Procent  reducirt
ergibt  sich  eine  Gesammtschuld  von  527’313,143  Fres.
Staatseisenbahnen.  Anfangs  1862  besass  der  Staat  in  unmittelbarem
Eigenthume  569  Kilometer  =77  deutsche  Meilen  Eisenbahnen.  Es
waren  197  883,136  (1863:  223  488,699)  Fres,  darauf  vewendet  (der
Kilom.  kostete,  einschl.  des  Betriebsmaterials,  durchschn.  345,335
(1863:  376,243Frcs.).  Ende  1859  waren  die  seit  Erbauung  der  ersten
Linie  vom  Staate  aufgebrachten  Capitalzinsen  bis  auf  einen  Vorschuss
von  9'799,599  Fres,  durch  den  Ertrag  der  Bahnen  gedeckt.  Diese  Schienenwege ­
  selbst  besassen  übrigens  bereits  einen  bedeutend  hohem  Geldwerth
  als  die  Herstellungskosten  betragen  hatten.  Ausser  den  eigenen
Bahnen  hatte  der  Staat  den  Betrieb  von  188  Kilom.  Privatbahnen  gepachtet. ­
  Die  Betriebskosten  erforderten  50.17  (eigentl.  51,68)  Proc.
der  lloheinnahme.
Finanzen  der  Gemeinden  im  J.  1860,  Fres.  :
_.  ,  ,  ordent’iche  ausserordentl.  ffesammte
.Ftw/irtÄmc  f/er  86  Städte  18’055,:i;i8  1P340,2:17  29,395  575
Ausgabe  -  -  -  16’909,120  1P964,194  28'873¡314
der  Landgemeinden  12’143,182  11'396,641  23*539,823
Ausgabe  -  -  13’466,335  6’896,454  2ü'362J89
Militär.  Conscription  mit  Stellvertretung  ;  Dienstzeit  vom  vollendeten ­
  1  9.  Jahre  an  8  Jahre,  wovon  ungefähr  die  Hälfte  in  Urlaub  Präsenzstand, ­
  etwas  über  40,000  Mann  und  8800  Pferde.  Formation:
Infanterie:  16  Reg.  (1  Carabinier-,  2  Jäger-,  1  Grenadier-,  12TJnienreg.)  74,556
Cavallerie:  8  Reg.  '2  Jäger-,  2  Lanciers-,  2  Cürass.-,  1  Guiden-,  I  Gend.-)  6,530
Artillerie:  4  Reg.  mit  4  reitenden,  15  fahrenden  u.  24  Belag.-Batterien)  3,818

Genie:  1  Reg.  von  2  Bataillonen  529
Train  839

Zusammen  mit  Reserve  l00,()ÏÏÜp86,272
Festungen:  Antwerpen;  Mons,  Charleroi,  Philippeville,  Marienburg ­
  ;  Ath,  Tournay,  Menin,  Ypern  ;  Gent,  Namur.
Marine:  1  Brigg  von  2o,  1  Goelette  von  12,  2  Kanonen  Schaluppen
von  je  5  Kanonen  und  3  Dampfer.
Sociales.  Die  Landwirthschaft  ist  musterhaft  ;  über  eine  Million
Menschen,  also  beiläufig  der  vierte  Theil  der  Bevölkerung,  lebt  von  ihr.
Auch  das  Gewerbswesen  hat  einen  hohen  Grad  erreicht.  Der  Reichthum
an  Steinkohlen  und  die  vielen  Eisenbahnen  und  Kanäle  fördern  Fabrikation ­
  und  Handel.  Die  Ausfuhr  hat  sich  von  1835—60  verfünffacht.
Die  Production  von  Steinkohlen  stieg  seit  1830—1860  von  2’51  3,000
auf  9’610,  895  Tonnen,  und  dem  Geldwerthe  nach  von  31’650,000  auf
107  127,000  Fres.  Die  Producte  der  Hüttenwerke  repräsentirten  1838
einen  Werth  von  52,  1860  129  6  Mill.  Francs.  Die  Dampfmasehinen
hatten  1838  25,312  Pferdekraft,  1860  aber  161,809.  —  Indess  besitzen ­
  Geistlichkeit  und  Adel  noch  sehr  überwiegende  Macht  und  Reich-
        <pb n="385" />
        BELGIEN.  —  Sociales.

363

thümcr,  und  ausserdem  drückt  die  Abgabenlast,  so  weit  sie  von  dem
viel  zu  hohen  Militäretat  (verçl.  »Schweiz«  S.  356),  von  der  dem  Lande
aufgebürdeten  Theilnahme  an  der  holländischen  Schuld,  und  von  den
laufenden  Deficiten  herrührt.  —  Selbst  die  Anfangsgründe  des  gewöhnlichen ­
  Unterrichts  sind  (bei  der  Herrschaft  des  Klerus  über  die  Schulen)
wenig  verbreitet.  Von  den  Conscribirten  der  Jahre  1851  ,  1856  und

1859  konnten
nicht  lesen  u.  schreiben
nur  lesen
lesen  und  schreiben  .  .
mehr  als  dies  ....

1851
14,233
4,213
9,843
19,653

1856
13,343
3,778
9,718
12,901

1859
13,933
3,211
11,200
14,407

1861
14,158
3,092
12,030
15.020

Ebenso  konnten  von  1000  Sträflingen  beim  Eintritt  in  die  Zuchthäuser:

1850  1855
nicht  lesen  noch  schreiben  550  500
nur  lesen  295  203

lesen  und  schreiben
mehr  als  dies

1850  1855
130  157
18  14

Das  Schulwesen  ist  in  jeder  Beziehung  in  ungenügendem  Zustande.
In  den  Jahren  1852  —  60  wurden  allerdings  8’289,290  Fres,  für  Schulhäuser ­
  ausgegeben,  während  bis  1851  zus.  nur  4’754,724  dafür  verwendet ­
  worden  waren.  Auch  hatte  sich  die  Zahl  der  Gemeindeschulen
um  362  vermehrt.  Dagegen  war  die  Gesammtsumme  der  öffentl.  und
Privatschulen  (ohne  die  Institute)  von  5520  im  Jahre  1851  auf  5322  im
Jahre  1860  herabgegangen.  Die  Zahl  der  schulpflichtigen  Kinder  betrug
schon  1856  699,731;  dagegen  fanden  sich  1860  erst  515,892  in  die
Schulregister  überhaupt  nur  eingetragen.  Hinwieder  stieg  die  Zahl  der
Klosterbewohner  von  1  1,968  am  15.  Oct.  1846,  auf  14,853  am  31.  Dec.
1856  (2523  Mönche  in  150  Klöstern  und  12,330  Nonnen  in  812).  In
dem  Commissionsberichte  über  das  Wohlthätigkeitsgesctz  (Kammerverhandlung ­
  vom  April  1857)  ward  nach  amtl.  Erhebungen  angegeben  :  Von
den  908,000  Familien,  welche  Belgien  umfasst,  leben  89,630  in  guten,
373,000  in  gedrückten  Verhältnissen  und  446,0(M)  im  Elend,  266,000
xler  letzten  geniessen  öffentliche  Unterstützungen.  Es  sind  also  von  100
Belgiern  9  wohlhabend,  42  in  mehr  oder  minder  misslicher,  49  in  ganz
übler  Lage.  —  Die  Zahl  der  bekannten  Bettler  betrug  am  1.  Oct.  1856
88,019,  wovon  48,041  männlichen  Geschlechts!  am  wenigsten  in  dem
dünn  bevölkerten  Luxemburg  1  778  ;  dagegen  im  industriereichen  Lüttich
17,097  ;  am  meisten  in  Ostflandern,  37,217,  in  Westflandem  12,760,
in  Brabant  1  1,760,  Hennegau  8828,  Antwerpen  5879,  Namur  5450,
Limburg  2550.
Zahl  der  Strilßwge  in  den  Centralgefängnissen:  Ende  1857,  5192,
1858  4575,  1859  4517,  1860  4078,  1861  3773,  1862  3789:  —  sonach ­
  ansehnliche  Verminderung.
lierg-  und  Hüttenwesen,  ISOl.  193  Kohlengruben  im  Betriebe,  über  93,579
Hectareii  sich  erstreckend,  mit  81,075  Arbeitern  (einsch  1.  7890  Frauen,  5380
Mädchen  und  10,090  Jungen)  lieferten  10’057,103  Tonnen  im  Werthe  von
110’014,977  Fres.  ;  davon  wurden  0’078,112  Tonnen  im  Lande  selbst  verbraucht.
(Die  Gruben  im  Hennegau  lieferten  zu  obiger  Summe  7*935,045,  die  in  der  Prov.
I.üttich  nur  1*878,457  Tonn  ).  Die  Ausbeutekosten  werden  zu  100*239,278  Fres,
angegeben,  wovon  59*184,080  Arbeitslöhne.  Verwendet  waren  bei  den  Kohlenwerken ­
  991  Dampfmaschinen  mit  50,030  Pferdekraft.  —  Die  übrigen  Bergwerke ­
  hatten  11,450  Arbeiter  und  eine  Werthproduction  von  15  Mill.  Fres.  Die
Gesammtzahl  der  Bergleute  war  93,131  ;  die  der  Unglücksfälle  im  Jahre  220;
        <pb n="386" />
        364

BELGIEN.  —  Sociales.

wurden  209  Menschen  getödtet,  82  verwundet.  -  Man  zählt
402  Hüttenwerke,  wovon  374  für  Eisenbereitung;  sie  hatten  24  504  Arbeiter ­
  und  erzeugten  für  J2fi’044,G94  Eres.  AVaaren.)
Dampftnaschmen  zählte  man  Ende  1861  im  Ganzen  5306  von  175  315Pfer-"
  I&amp;gt;.n.pfbó„,e„  mi,
1.  Jan.  1862:  1824  Kilom.  ,246  deutsche  Meil.),  wovon  569
iordert.  Die  Einnahmen  vom  Personenverkehre  waren  11’780  855  vom  Güter-I860
  wurde  in  diesem  Jahre  kein  Reisender  beschädigt;  dagegen  wurden  5  Angestellte ­
  und  6  Personen^  welche  auf  der  Bahn  gingen  ,  getödtet,  und  25  der
ersten  und  14  der  letzten  verwundet.
halten'  1862:  6875  Kilom.,  wovon  4745  durch  den  Staat  unter-K%"3)tÁd
  %f
iä„Äö
»allgemeine  Handel«  (also  eimschl.  Durchfuhr)  hob  sich  seit
1836  lolgendermassen,  nach  dem  bleibenden  Tarif  von  1833  {valeurs  permanentes' ­
  gerechnet  :  *
1836  1867  I860
Einfuhr  209  Mill.  794’331,000  854M00,000  Fres.
Ausfuhr  165%  -  837’000,000  893’200,000
Der  wirkl.  AVerth  war  1863  bei  der  Einf.  1068,4  Mill.,  Ausf.  991,7  Alill  —  Bei
dem  vorzugsweise  entscheidenden  Specialhandel  ergaben  sich  in  Mill.  Fres.  ;

1836
1840—44
1845—49
1850—54

Einfuhr
187,2
210,6
227,9
278,8

Ausfuhr
144,8  Mill.
153,4  -
196,2  -
315,1  -

1855
1856
1857
1860
1863

Einfuhr
354.7
399.8
393.2
510,0
616.3

Ausfuhr
375,2  Mill.
407
450.7  -
545,0
533.7  -

Der  grösste  A^erkehr  fand  (1863  im  Specialhandel  statt  mit:
Frankrel¿h"?87,r''  îôLIMilL  NiederlaÆ^'^T"'  înjMilî*
England  103,5  108,6  -  Zollverein  61  5  ('»ö’s
Hafenverkehr  Eingelaufen  Ausgelaufen’

Schiffe  ,  .  .
Tonnengehalt  .
Wirkl.  Ladung

1861
:i,7H0
721,323
(&amp;gt;78,243

1862
3,314
638,023
.’&amp;gt;93,87!»

1863
3,648
646,981
593,728

1864
3,830
738,497
669,919

Handelsmarine.  Dieselbe  hat  sich  verringert  :

1861
3,777
712,087
306,918

1862
3,380
643,356
335,241

1863
3,688
672,469
344,184

1864
3,815
727,525
383,786

1852  1856  I860
Schifte  .  .  165  15S  J35
(Davon  Dampfer  6  g  ^
Tonnenzahl  .  .  66,193  43,349  37,191
(Davon  Dampfer  1,377  5,392  l]559
Münze,  Maas^\  Das  franz.  System,  bei  den  Maasen  mit  anderer  Benennung. ­
  Die  Atme  (Elle)  ist  der  Meter  ;  der  Z»W  =  Liter  ;  der  Baril  =  HectoL

1861
116
8
33,111
4,254

1862
111
B)
30,699
3,926)
        <pb n="387" />
        NIEDERLANDE.  —  I^and  und  I^eute.

365

\iederlande  (Holland,  Königreich).*;

Provinzen
Noordbrabant
Gelderland
Zuidholland  .

Q.-M.
93,4Ü
92,7
54,52

Bev.  1863.
418,201
419,99«
«51,885

Noordholland  49,75  562,504

Zeeland
Utrecht
Friesland

Oberijssel  .
Groningen
Drenthe
Limburg
Zus.

32,13
25,23
59,68

173,160
168,429
282,481

60,55  244,541

41,78
48,53
40,19
598,51

218,176
102,225
220,020
3'667,866

Städte  und  deren  Bevölkerung.
Herzogcnbusch  23,640,  .Tilburg  16,792,
Breda  15,360.
Arnheim  27,878,  Nimwegen  22,140,  Zütphen
15,248,  Apeldoorn  11,316.
Haag  (’s  Gravenhage)  84,615,  Rotterdam
112,728,  Leyden  37,534,  Dortrecht  23,552,
Delft  21,460,  Schiedam  16,176,  Gouda
15,077.
Amsterdam  266,679,  Harlem  29,098,  Zaandam
  12,281,  Helder  16,669,  Alkmaar
10,436.
Middelburg  15,957,  Vlissingen  10,125.
Utrecht  56,921,  Amersfoort  13,074.
Leeuwarden  24,697,  Weststellingwerf  12,341,
Opsterland  12,007,  Schoterland  10,856,
Tietjerksteradeel.  10,498,  Wonseradeel
10,304
Zwolle  19,959,  Deventer  17,257,  Kämpen,
14,467.
Groningen  37,762.
Assen  5,346.
Maastricht  28,348.

Limburg  gehört  rechtlich  zum  deutschen  Bunde,  bildet  aber  factisch
  einen  integrirenden  Theil  Hollands.  Nicht  verschmolzen  mit  Holland ­
  ist  Luxemburg  (s.  S.  285).

1851
1854
1858
1860

Geburten
117,036
109,563
112,898
115,569
Nach  Geschlechtern,

Sterbf&amp;amp;lle  Heirathen
74,557
81,794
97,977
102,527

Unter  den  Geborenen  waren  1858;
58,290  männl.,  54,608  weibl.;  —108,067
ehel.  (55,805  männl.^  52,262  weibl.),
4,831  unehel.  ;  —  bei  den  Geborenen
sind  die  Todtgebor.  einger.  mit  6,052,
Zählung  vom  31.  December  1859;

26,368
23,855
26,342
27,007
bei  der
l’f)29,035  männl.,  1T&amp;gt;80,093  weibl.
Zahl  der  Blinden  1992,  der  Taubstummen  1219.
Confessumen  (1859):  Protestanten  2’007,026,  darunter  niederdeutsche ­
  Reformirte  1’81  8,081,  franz,  Rcformirte  9803,  Remonstranten
5320  ,  Separatisten  05,728,  Taufgesinnte  (Anabaptisten)  12,102,
Lutheraner  51,008,  Alt-Lutheraner  9931,  Herrnhuther  331  ,  Anglikaner ­
  575,  Episcopalen  97,  Presbyterianer  374;  —röm.  Katholiken
1’229,092,  Jansenisten  5394,  Griechen  32,  Juden  03,790  (dav.  00,750
niederdeutsche  und  3040  portugiesische).
1830  1840  1849  1859
2’613,487  2’860,559  3’056,879  3’309,128

Frühere  Bevölkerung

Vgl.  Uitkomsten  der  vierde  tienjarige  Volkstelling  in  het  Konigrijk  der
Nederlanuen  of  den  31.  Dec.  1859.  Uitgegeven  op  last  van  het  Departement  van
binnenlandsche  zaken  (3  Th  le,  1863  u.  64).  —  Statistisch  Jaaruoek  voor  het
Konigrijk  der  Nederlanden;  tiende  en  elfde  jaargangen  (2  Thle,  1863).  Da
aber  diese  officiellen  Veröffentlichungen,  wie  leider  so  vielfach,  verspätet  erfolgen, ­
  so  sind  wir  genöthigt,  die  Bevölkerungsangabe  von  1863  einer  andern
Quelle,  neml.  dem  an  stastist.  Material  reichen  Gothaischen  geneal.  Hofkalender ­
  Mr  1865  zu  entnehmen.  Auch  in  Beziehung  auf  die  niederl.  Colonien  recurriren
  wir  auf  diesen  Almanach.
        <pb n="388" />
        2s.

366

NIEDERLANDE.  —  Land  und  Leute.

Nationalitäten:  1)  Holländer  (Batavier)  ,  etwa  2’40Ü,0U0,  in
Holland,  Zeeland,  Utrecht  und  Geldern  ,  ihre  Sprache  ist  ein  ausgebildetes ­
  Plattdeutsch;  2)  Friesen,  fast  %  Mill.,  in  Friesland,  Groningen,
Drenthe,  Oberyssel  und  auf  mehren  Inseln  ;  mit  einer  holländ.  Mundart  ;
3)  Flamänder,  etwa  400,000,  in  Nordbrabant  und  Limburg  ;  4)  Niederdeutsche, ­
  ungefähr  50,000  in  Limburg.  —  Bei  der  Volkszählung
vom  Dec.  1859  ergab  sich,  dass  3030  der  vorhandenen  Einwohner  in
den  niederl.  Colonien  geboren  waren  ,  36,547  in  Deutschland,  19,426
in  Belgien,  1111  in  Grossbritanien,  und  4932  in  andern  fremden
Ländern.
Häuser  (Dec.  1859)  542,395  bewohnte,  52,045  unbewohnte.
Herrschaftswechsel.  Vor  der  franz.  Revolution  bestand  die  Republik
der  Vereinigten  Niederlande  aus  1)  den  7  vereinigten  Provinzen  (Holland,
Geldern,  Zeeland,  Utrecht,  Friesland,  Oberyssel  und  Groningen),  2)  der
kleinen  Landschaft  Drenthe,  und  3)  den  »Generalitätslanden«,  wozu  Herzogenbusch,
  Breda,  Bergen-op-Zoom,  Mastricht,  Venloo,  Sluis  und  Hulst
gehörten.  Man  schätzte  das  Gebiet  auf  625  Q.-M.  ,  die  Bevölkerung
auf  2%  Mill.  (In  Holland  1796.  1’880,463.)  —  Nach  Eroberung  des
Landes  durch  die  Franzosen  1795  erfolgte  Umgestaltung  des  Staats  in
eine  der  franz.  nachgebildete  »Batavische  Republik«,  in  8  Departemente
eingetheilt.  Bald  musste  man  Staatsflandern,  Mastricht  und  Venloo,
36  Q.-M.  mit  122,000  Einw.,  an  Frankreich  abtreten.  Der  Friede  von
Amiens  verschaffte  dem  Staate  die  im  Kriege  verlorenen  Colonien  wieder,
mit  Ausnahme  von  Ceylon  ;  auch  für  die  an  Frankreich  abgetretenen
Landestheile  erhielt  Holland  nur  ungenügende  Entschädigung  durch  die
Cleve'sehen  Aemter  Huissen  und  Malburgen  von  Preussen.  Im  wiederbegonnenen ­
  Kriege  gingen  die  Colonien  neuerdings  verloren.  Napoleon
dictirte  Verfassungsänderungen;  schliesslich,  24.  Mai  1806,  Verwandlung ­
  der  Republik  in  ein  Königreich,  auf  dessen  Thron  er  seinen  Bruder
Ludwig  erhob  (den  Vater  des  jetzigen  Kaisers  Ludwig  Napoleon).  Schon
1807  musste  der  Scheinkönig  das  zwischen  Frankreich  und  der  Maas
liegende  Gebiet,  mit  einem  Theile  von  Zeeland  und  den  Festungen  Bergen-op-Zoom, ­
  Herzogenbusch,  Gertrudenburg,  Middelburg  und  Vliessingen ­
  ,  an  Frankreich  abtreten,  wogegen  er  Ost  friesland,  Jever,  Kniphausen
  und  Varel  erhielt.  Der  in  1  1  Departemente  getheilte  Königsstaat
umfasste  nur  noch  578  Q.-M.  und  2'001,4  16  Einw.  —  1810  nahm  der
franz.  Kaiser  überdies  Staatsbrabant,  Zeeland  und  einen  Theil  von  Geldern, ­
  woraus  er  die  franz.  Departemente  der  Rhein-  und  der  Scheldemündungen ­
  bildete.  Als  der  Nominalkönig  darauf  die  Krone  niederlegte, ­
  einverleibte  Napoleon  am  9.  Juli  1810  auch  den  Rest  von  Holland
dem  franz.  Staate  (Eintheilung  in  die  7  Departemente  ;  Zuydersee,  Maasmündungen ­
  ,  Oberysselmündungen  ,  Oberyssel,  Friesland,  West-  und
Ostems).  Das  misshandelte  Volk  benützte  auch  in  diesem  Lande  die
erste  Gelegenheit,  das  hremdjoch  abzuschütteln  ;  die  Holländer  erhoben
sich  Ende  1813.  Der  Wiener  Congress  bildete  nun  aber  unterm  21.  Juli
1814  ein  »Königreich  der  Niederlande«,  aus  der  ehemaligen  Republik,
den  Österreich.  Niederlanden  und  dem  grössten  Theile  des  Hochstifts
Lüttich.  (Das  zu  einem  »Grossherzogthum«  erhobene  I,uxemburg
sollte  dem  neuen  Könige  als  Entschädigung  dienen  für  seine  an  Nassau
        <pb n="389" />
        NIEDERLANDE.  —  Finanzen  (Budgetentwurf  .

367

abgetretenen  Besitzungen.)  Der  zweite  Pariser  Friede  vereinigte  noch
Marienburg  und  Philippeville  mit  dem  Staate.  \  on  den  holländischen
Colonien  wurden  das  Cap,  Demerary,  Essequebo  und  Berbice  nicht
wieder  zurückgegeben.  Das  vereinigte  Königreich  hatte  1815  (ohne  die
auf  4  Mill,  geschätzten  Einwohner  der  Colonien)  eine  Bevölkerung  von
5’126,000,  1829  aber  von  6’235,000  Menschen.  Die  Revolution  von
1830  riss  Belgien  ab.  Zur  Entschädigung  des  deutschen  Bundes  für  den
theilweisen  Verlust  von  Luxemburg  ward  Limburg,  aber  nur  dem  Namen
nach,  Deutschland  ein  verleibt  (siehe  S.  285).  —  Holland  wusste  seitdem
seine  ostindischen  Colonien  in  hohem  Maasse  auszudehnen  und  nutzbar
zu  machen  :  die  Vertauschung  seiner  Besitzungen  auf  Malakka  gegen
Benkoolen,  durch  Uebereinkunft  mit  England  von  1824,  förderte  dies
ganz  besonders.

Finanzen.  Budget  für  1864.
Einnahmen:  103  732,949  fl.,  nemlich  :
Directe  Steuern  (Grund-,  Personal-,  Patentsteuer)
Accise
Stempel-,  Registrir-,  Gerichts-,  Hypothek-  u.  Erbschaftsabgaben
Zölle  und  Schiftfahrtsabgaben
Lootsengelder  -
Controlgebühr  f.  Gold-  u.  Silberwaaren  256,5(10,  Berg^erksabg.  598
Domänen  (sammt  Ertrag  v.  Rechten)
Post  2’l0(l,00(t,  Telegraph  305,700
Lotterie
Jagd  und  Fischerei  100,000,  Verschiedenes  10’853,965  =  .  .  .
Rente  von  Belgien
Ertrag  der  Colonialverwaltung
Beitrag  der  Colonien  zur  Verzinsung  der  Staatsschuld  ....
Rückzahlungen  aus  dem  Colonialdienste

20’749,850
IS’080.000
12’489,000
3’939,936
700.000
=  257,098
P259,400
2’405,700
410.000
10’953,965
400.000
19’463,000
9’S00,000
2'825,000

Ausgaben:  102’893,972  fl.,  nemlich:

Hof  (davon  Civilliste  600,000)  *)  900,000
Reichsrath,  Rechnungshof  588,029,  auswärt.  Angeleg.  598,050  =  1’186,079
Inneres  24’278,387,  Justiz  2*933,744  =  27*212,131
Cultus  :  protest,  u.  jüdisch  1*752,886,  kathol.  668,673  ■=  .  .  .  2*421,559
Pinanzverwaltung  6*749,200
Krieg  :  Landmacht  12*733,000,  Seemacht  8*739,953  =  .  .  .  .  21*472,953
Staatsschuld  39*976,977
Centralverwaitung  der  Colonien  2*925,073
Unvorhergesehene  Ausgaben  »  •  •  .50,000

Von  1865  an  ergeben  sich  mehrfache  wesentliche  Aenderungen  im
Staatshaushalte.  Nach  dem  Vortrage  des  Finanzministers  bei  Vorlage
des  Budget-Entwurfs  für  1865  an  die  Volksvertretung  war  aus  dem
Etatsjahr  1863  ein  Ueberschuss  von  8*657,721  fl.  ,  aus  1864  von
5*252,594  fl.  vorhanden;  im  Ganzen  also  beinahe  14  Millionen.  Dazu
kommt  der  Ertrag  der  ostindischen  Colonien  für  1864:  dieser  beträgt
jedoch,  nach  Abzug  der  Zinsen  der  ostindischen  Schuld  (fl.  9  800,000),
nur  fl.  7*825,000;  d.  h.  bedeutend  weniger  als  in  den  letzten  Jahren,

*)  Ohne  den  Ertrag  der  Krongüler.  Vor  der  Trennung  Belmens  war  die
Civilliste  1  */j  Mill.  Das  königl.  Haus  besitzt  ausserdem  grosse  Reichthümer.
Der  vorige  König  soll  sein  »Privatvermögen«  durch  Handelsgeschälte  mit  der
Maatschappy  auf  150  (?)  Mill.  fl.  gebracht  haben.
        <pb n="390" />
        368

NIEDERLANDE.  —  Finanzen  Budgetentwurf).

wiewol  nicht  weniger  als  1854  und  mehr  als  1852,  1853  und  1861.
Dieselbe  Summe  hat  die  Regierung,  als  den  muthmasslichen  Ertrag  des
Jahres  1865,  auf  den  Etat  gebracht;  denn  zum  erstenmal  ward  jetzt,
gemäss  dem  Gesetz  über  die  indische  Comptabilität,  das  Colonial-Budget
den  Kammern  zur  Beschlussfassung  vorgelegt.  Damit  ist  denn  ein
Total-Ueberschuss  von  etwa  30  Mill.  Gulden  gegeben,  aus  dem  die  Ausgaben ­
  des  Mutterlandes  und  der  Colonien  zum  Theil  bestritten  werden
können.  Diese  Ausgaben  betragen  für  das  Mutterland  104’138,719  fl.
Diese  Summe  begreift  an  ausserordentlichen  Ausgaben  14%  Mill,  für
den  Bau  der  Staatsbahnen,  1  Mill,  für  die  Fortsetzung  der  Maas-Regulirung ­
  von  Rotterdam  nach  der  See,  2  Mill,  für  Amortisirung  der  Staatsschuld ­
  (einschliesslich  der  Million,  die  jährlich  für  diesen  Zweck  ausgesetzt ­
  ist).  Eine  Reihe  anderer  Posten  bringen  die  ausserorderlichen  Ausgaben ­
  auf  etwa  30  Mill.  ,  so  dass  für  die  ordentlichen  73’680,222  fl.
übrig  bleiben.  Im  vorigen  Etat  betrugen  die  ausserordentlichen  Ausgaben ­
  1’200,000  fl.  weniger,  die  ordentlichen  73’645,880  fl.  Dabei
darf  jedoch  nicht  verschwiegen  werden,  dass  dies  günstige  Resultat  nur
durch  Verminderung  der  Zinsen  der  Staatsschuld  in  Folge  der  Amortisirung ­
  um  475,000  fl.  erreicht  werden  konnte.  Andererseits  dürfen  wir
nicht  übersehen,  dass  die  Ausgaben  für  den  Unterricht  durch  die  Errichtung ­
  von  Realschulen  auf  179,000  fl.  gewachsen  sind,  dass  150,000  fl.,
ausgesetzt  für  den  Verkehr  mit  Japan,  aus  dem  indischen  Budget  herübergenommen ­
  wurden.  Die  Staatsschuld  erscheint  in  diesem  Budgetentwurfe
  mit  39’497,637  (wovon  11  Mill,  für  Tilgung),  die  Landmacht
mit  12’675,000,  die  Seemacht  mit  8'886,309  (wovon  4’  für  das  Material
und  3*4’  für  Besoldungen  und  Löhnungen).  Von  den  23*505,145  fl.
des  Departements  des  Innern  sind  20  Mill,  für  öffentl.  Bauten  und  1*4’
für  den  Unterricht  bestimmt.  Die  Pensionen  und  Wartegelder  erfordern
3  Mill.  Der  Finanzminister  kündigte  bei  Vorlage  des  Budgetentwurfs
weiter  die  Abschaffung  derGemeinde-Accisen  an;  der  hierdurch  entstehende ­
  Ausfall  soll  durch  Erhöhung  der  Auflage  auf  Spirituosen  und  durch
Ueberweisung  eines  Theiles  der  Personal-  und  Häusersteuer  gedeckt  werden, ­
  so  wie  die  Reform  des  Stempelgesetzes,  namentlich  die  Aufliebung
des  Stempels  auf  Zeitungen  und  Druckschriften.  Die  Annahme  der
letzteren  Massregel,  die  schon  in  den  Sectionen  günstig  aufgenommen
ist,  hält  das  Ministerium  für  so  gewiss,  dass  es  mit  der  englischen  Regierung ­
  eine  Post-Convention  abgeschlossen,  in  Folge  deren  schon  vom
1.  Get.  1864  das  Briefporto  von  40  Cents  auf  15  Cents  herabgesetzt
ward.  Bei  dieser  Convention  hatte  die  grossbritanische  Verwaltung  die
unmittelbare  Abschaffung  des  Stempels  auf  Zeitungen  und  Drucksachen
als  Conditio  sine  qua  non  gestellt.  Es  ist  hier  noch  zu  bemerken,  dass
das  holländische  Budget  eine  Position  für  geheime  Ausgaben  gar  nicht
kennt.  —  Nach  einem  Gesetze  vom  18.  August  1860  sollen  jedes  Jahr
wenigstens  10  Mill,  für  Eisenbahnbauten  verwendet  werden.  Die  Kosten
des  ganzen  projectirten  Schienennetzes  sind  zu  110’726,815  fl.  veranschlagt. ­
  —  Die  neuzeitige  Gestaltung  der  Finanz  Verhältnisse  verdankt  man
übrigens  unverkennbar  der  durchaus  unnatürlichen  Ausbeutung  der  ostind.
Colonien.  Es  ist  augenscheinlich,  dass  diese  Quelle  nicht  in  allen  Zeiten
flicssen  wird.  (Die  Colonialbudgets  s.  S.  374.)
        <pb n="391" />
        NIEDERLANDE.  —  Finanzen  Früherer  Staatsbedarf.

369

Früherer  Staatsbedarf.  Schon  im  vorigen  Jahrhunderte  waren  die
Ausgaben  Hollands  durch  Schulden  und  Militärwesen  hoch  gesteigert,
die  Deckung  aber  ermöglicht  durch  den  Reichthum  der  Bevölkerung,  den
Gewinn  aus  den  Colonien  und  die  Schifffahrt.  So  schätzte  man  die  Einkünfte ­
  1  /70  auf  26,  1786  auf  46  Mill.  —  1805  stieg  das  Budget  unter
dem  Drucke  der  Leistungen  für  Frankreich  auf  69,  1806  auf  77.  Im
letzten  Jahre  sah  man  ein  Deficit  von  11  Mill,  vorher;  es  betrug  aber  in
Wirklichkeit  56,  und  1807  schloss  sich  ein  weiteres  von  40  Mill.  an.
Auch  1808  zeigte  der  Voranschlag  einen  Bedarf  von  80,  gegenüber  einer
Einnahme  von  50  Mill.  1809  stand  nochmals  ein  Deficit  von  20  Mill,
in  Aussicht.  1811  bestimmte  Napoleon  die  Leistungen  der  mit  Frankreich ­
  vereinigten  holl.  Departemente  zu  61  Vg  Mill.  Fres.  —  Das  Budget
des  Vereinigten  Königreichs  vom  Jahre  1817  führte  einen  Bedarf  von
73’400,000  auf,  davon

für  das  Finanzdepartement,  mit  Schulden
-  Kriegswesen  (zu  Lande  23,  zu  Wasser  5;  .  .  .
für  diese  2  Posten  (über  70%  der  Gesammtsumme)

24%  Mill.  fl.
28  -  -

52%  Mill.  fl.
Nach  der  belgischen  Revolution  machte  der  König  von  Holland
übertriebene  militärische  Anstrengungen.  Die  späteren  Abschlüsse  der
Staatsrechnungen  zeigten  die  Folgen.  Der  wirkl.  Aufwand  war  :

1831  ;
1832  :
1833  :
18%..
18*%

ordentlicher
41'250,000
49’193,643
49’885,849
51'300,000
45*450,000

ausserordentl.
46’600,000  fl.
45'242,202
45*242,202
4*200,000
22*800,000

Davon  Militärauiwand  :
ordentlicher  ausserordentl.
1831  :  12*400,000  28*000,000
18»%,:  12*100,000  31*744,100
18»»  11*000,000  10*603,400

Das  drohende  finanzielle  Verderben  nöthigte  zur  Sparsamkeit,  und
der  hochsteigende  Ertrag  aus  Ostindien  gewährte  bald  grosse  üeberschüsse.
  In  den  11  Jahren  184  7—57  stellten  sich  die  Rechnungsabschlüsse ­
  (nach  v.  Baumhauer)  folgendermassen  :

1847
1848
1849
1850
1851
1852
1853
1854
1855
1856
1857
Zus

Gesammt-Einkünfte

76*019,355
66*605,537
78*284,908
75*983,243
78*356,261
73*581,466
74*737,357
90*081,701
98*667,136
106*862,938
116*534,093

dav

Abgaben  im
Matterl.
54*076,557
53*534,595
54*052,937
55*593,580
56*078,865
55*888,468
57*018,791
58*178,046
59*244,266
55*592,661
56*632,141

Aus  den
Colonien
14*097,303
7*720,194
20*751,394
17*000,000
16*382,698
14*500,000
14*569,399
20*444,141
24*347,851
30*331,700
41*658,421

935*713,996  615*890,907

Gesammt-Ausgaben

75*757,480
76*324,912
69*992,129
70*012,194
73*865,285
69*325,855
84*722,819
81*926,186
84*897,172
92*639,326
93*195,507

Zinsen  der
Schuld
35*939,028
35*936,617
36*022,229
35*993,528
35*816,874
35*487,852
34*761,296
34*097,782
33*6‘M&amp;gt;,251
33*010,913
32*339,620

872*658,864  383*892,990

221*803,101
Im  J.  1859  betrugen  die  Staatseinkünfte  74*540,580  fl.,  einschl.
13*760,532  aus  den  Colonien.  Da  ausserdem  ein  Ueberschuss  von
29*617,500  fl.  aus  den  frühem  Jahren  vorhanden  war,  so  erhöhten  sich
die  verfügbaren  Mittel  auf  104*158,080.  Die  Ausgaben  beliefen  sich  auf
101*068,000,  worunter  16*062,382  für  Schuldentilgung.
Die  Budgetsergebnisse  der  nächsten  4  Jahre  stellten  sich  so  ;
1860  1861  1862  1863
Einnahmen  98*240,390  95*405,595  93*847,488  98*787,188
Ausgaben  86*586,310  97*776,824  93*227,286  98*020,792
Kolb,  Statistik.  4.  Aufl.  24
        <pb n="392" />
        370

NIEDERLANDE.  —Finanzen  (SchuldensUnd,.

Besonders  bemerkenswerth  ist  die  Verminderung  des  Bedarfs  für

die  eigentl.  Verzinsung  der  Staatsschuld.  Nach  einer  ministeriellen
Vorlage  an  die  Volksvertretung  hatte  man  zu  diesem  Zwecke  nöthig  :

1855  fl.  35’79:i,187
1856  :i5’224,246
1857  :14’590,583
1858  34’107,620
1859  32’133,938

1860  fl.  31’561,919
1861  30’935,258
1862  30,799,502
1863  30’696,589
1864  29,907,724

Der  seitherigen  weitern  Verminderung  sowol  durch  Capitalabtragung
  als  durch  Herabsetzung  des  Zinsfusses  (Convertirung)  haben  wir
oben  bereits  gedacht.

Provinzial-  und  Communaleinkiinjte.  Die  Ersten  (aus  Beischlagsprocenten
  zur  Grund-  und  Personalsteuer,  dann  aus  den  Gebühren  für
Benutzung  der  von  den  Provinzen  hergestellten  Strassen,  Brücken  und
Canäle  fliessend)  belaufen  sich  auf  etwas  mehr  als  2  Mill.  ISGl  war
der  Bedarf  2’688,274,  1862  nur  2’011,01  5  fl.  Die  Einkünfte  der  Gemeinden ­
  aber,  von  deren  unmittelbarem  Eigenthume  und  von  Beischlagprocenten
  nicht  nur  zu  den  gewöhnlichen,  sondern  auch  zu  den  Verzehrungsteuern, ­
  stiegen  1859  auf  22’920,102,  I860  aber  auf  23’465,550  fl.
Schuldenstand  nach  dem  Budget  für  1864  ;

Nominalbetrag  Zins
2*/*  proc.  nationale  Schuld  fl.  684’244,470  17’106,111
3  -  -  -  104’200,912  3’126,027
31/  _  Obligat,  des  vorm.  Tilgungssyndicats  15’940,000  552,650
4  -  nationale  Schuld  200’H43,700  8*033,748
T.eibrenten,  Cautionen  etc  143,187
Zusammen  1,005*229,082  28*96  f,723
Unverzinsl.,  laut  Gesetz  v.  26.  Apr.  1852  10*000,000  .  .  .  .
Total  1,015*229,082  .  .  .  .  .  !

ln  der  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  war  der  Credit  des  holl.
Staats,  ungeachtet  seiner  starken  Verschuldung,  so  gross,  dass  dessen
2  Y;proc.  Schuldscheine  mit  10  Proc.  Agio  bezahlt'wurden.  Allein  schon
durch  den  Krieg  gegen  England  wegen  Nordamerika  sank  der  Curs.  —
1795  musste  die  Republik,  ausser  der  Gebietsabtretung,  auch  noch  100
Mill.  fl.  Kriegskosten  an  Frankreich  bezahlen.  Als  Ludwig  Napoleon
den  holl.  Thron  bestieg,  betrugen  die  alten  Schulden  999’102,826  fl.,
deren  Verzinsung  28%  Mill,  erforderte.  Die  neuen  Schulden  dazu  gerechnet, ­
  ergaben  sich  1200  Mill,  mit  36  Mill.  Jahreszinsen,  während
die  regelmässigen  Einkünfte  nur  58  Mill,  betrugen  (daher  u.  a.  1807  ein
zu  7®/o  verzinsl.  Zwangsanlehen).  1810  erklärte  Napoleon  eigenmächtig
die  Zinsen  der  Schuld  auf  ein  Drittel  reducirt.  Unter  Wilhelm  1.
würden  zwar  die  vermittelst  eines  Federstrichs  beseitigten  %  wieder  anerkannt, ­
  dagegen  bis  zur  Abtragung  des  ersten  Dritttheils  und  der  neuen
Schuld  als  unverzinslich  erklärt.  —  1836  sah  man  sich  genöthigt,  die
Colonien  gesetzlich  als  Hypothek  der  Staatsschuld  zu  erklären.  1838
hatte  man  wieder  ein  Deficit  von  11  Mill.  Endlich  erlangte  Holland  eine
wesentliche  Erleichterung,  indem  Belgien  zufolge  des  Vertrages  vom  '
19.  April  1839  eine  jährliche  Rente  von  5  Mill.  Gulden  übernehmen
musste.  Noch  bedurfte  es  indess  der  ungeheuersten  Anstrengungen  des
Volkes  und  der  reichen  Zuflüsse  aus  Ostindien,  um  ein  Gleichgewicht
        <pb n="393" />
        24*

NIEDERLANDE.  —  Militär.

371

im  Staatshaushalte  wieder  herzustellen.  Von  1850  an  begann  die  Schuldentilgung ­
  mit  Nachdruck  und  glänzendem  Erfolge.  So  hat  sich  denn
—  eine  seltene  Ausnahme  in  unserer  Zeit  —  der  Schuldenstand  folgendermassen
  vermindert:
1S40,  1.  Jan.,  Capitalschuld  ’122,702  fl.,  mit  35’787,94S  Zins.
1857,  -  -  l,150’im(&amp;gt;,()30  -  -  33’65fl,221  -
1859,  -  -  1,086*343,830  -  -  31*402,675  -
Nach  Angabe  des  Finanzministers  bei  Vorlage  des  Budgets  für
1861  betrug  die  Verminderung  der  Schuld  von  1844  bis  dahin  bereits
170  Mill.  Capital  und  9  Mill.  Zins.  Eine  Erklärung  des  Ministers  von
1863  entziffert  die  Verminderung  des  Capitalbetrags  der  Schuld  von
1850—62  auf  204*083,91  1,  die  der  Zinslast  zu  6*260,549  fl.
Militär.  Der  Stamm  des  Heeres  besteht  aus  Geworbenen.  Die
Dienstzeit  der  Conscribirten,  mit  dem  20.  Altersjahre  beginnend,  dauert
5  Jahre,  doch  werden  sie  nach  einigen  Monaten  als  Miliz  entlassen,  und
nur  alljährlich  einige  Wochen  lang  wieder  eingeübt.
Linie.  9  llegim.  Infanterie  (1  Grenad.  und  Jäger,  8  eigentliche
Linie,  zu  4  Bataill.,  jedes  mit  5  Feld-und  1  Depot-Compagn.)  ;  5  Reg.
Cavallerie  (4  Drag,  und  1  Limburger  Jäger,  die  ersten  zu  4  ,  letztes  zu
5  Feld-  und  I  Depot-Escadr.);  5  Reg.  Artillerie  (I  Feldartill.-Reg.  mit  11,
1  reit.  Reg.  mit  1  Batterien  zu  8  Kan.  ,  3  Festungsartill.  -  Reg.,  1  reit.
Reg.  mit  4  Batterien);  1  Genie-Bataill.,  Pontoniers  etc.  Gesammtstärke
  61,078  M.,  wov.  4703  (*avall.  und  10,196  Artill.  mitl2ü  Feldgeschützen. ­
  Die  ostind.  Armee  (s.  unten)  ist  dabei  nicht  einbegriffen.
Miliz.  Ausserdem  besteht  eine  I^andwehr  {Schüttere  =  Schützen),  in
2  Banne  getheilt,  alle  Waffenfähigen  vom  25.—35.  Altersjahre  in  sich
begreifend.  1861  bestand  der  ndienstthuendea  Ban  aus  15  Bataill.  mit
25,843  in  der  ersten  und  7747  in  der  zweiten  und  dritten  Classe,  zusammen ­
  33,590  M.  Die  erste  Classe  begreift  die  Unverheiratheten,
Wittwer  ohne  Kinder  etc.  —  Eine  weitere  Ahtheilung  bildete  die  ruhende
{rüstende)  Schüttere!,  54  ganze  und  9  halbe  Bataill.  und  62,597  M.  —
Im  Frieden  gibt  der  Staat  den  Schutters  nur  die  Ausrüstung.  Ein  Gesetz ­
  von  1861  verfügte  übrigens  die  eventuelle  Verschmelzung  der  Miliz
mit  dem  stehenden  Heere.
Festungen.  Mastricht,  Venloo,  Herzogenbusch,  Breda,  Bergen-op-Zoom,
  Vliessingen  und  Grave.  Kleinere:  Sluis,  Briel,  Helvetsluys,  Coevorden,
  Sas  van  Gent,  Nieuwe-Schanz,  Schoonhoven,  Bourtanger-Schanz
und  Ter-Neuve.  (Luxemburg  ist  deutsche  Bundesfestung.)
Armeein  Ostindien:  28  Bataill.  Infant.,  1  Reg.  Cavall.,  18  Comp.
Artill.  und  6  Comp.  Genie.  Die  Infant.-Bat.  bestehen  aus  4  Comp.  Inländer ­
  und  2  Comp.  Europäer  und  Afrikaner;  3  Bataill.  und  die  Reiterei
sind  ausschliessl.  aus  Europäern  gebildet,  die  Artill.  und  das  Geniecorps
zur  Hälfte.  I860  wurde  die  Gesammtstärke  der  Truppen  in  Ostindien
zu  27,104  M.  angegeben,  wovon  11,189  Europäer,  331  Afrikaner,
1209  Amboinesen  und  14,375  Eingeborne.  Der  Effectivstand  betrug
am  31.  Dec.  1862  (nach  dem  Gothaer  Almanach):  24,544  M.  Infant.,
2823  Artill.,  624  Cavall.,  937  Sappeurs  u.  Genie,  u.  1264  Offleiere,
—  zusammen  30,192.
        <pb n="394" />
        372

NIEDERLANDE.  -  Sociales.

Kriegsgeschichtliches.  1785  stellte  Holland  64,700  M  in  Kriegsbereitschaft. ­
  Nach  dem  »Allianzvertrage«  von  1795  musste  die  batavische
Republik  35,000  M.  franz.  Truppen  uniformiren,  unterhalten  und  besolden. ­
  Später  hatten  die  Holländer  in  der  franz.  Armee  zu  dienen.
1815  kämpfte  ein  niederländisches  Armeecorps  bei  Waterloo  gegen  Napoleon. ­
  Vor  der  belg.  Revolution  nahm  man  an:  stehendes  Heer  25,000,
mit  Colonialtruppen  43,000,  mit  Miliz  140,000.
Marine.  Stand  Mitte  1864;
A.  Dampfer  (mit  Schraube,  ausser  der  letzten  Kategorie  :)  Kanonen
5  Fregatten,  3  zu  51,  2  zu  4.3  Kan.  (1  eigentl.  schwimmende  Batterie;  24,3
2  Corvetteu  1.  Classe  zu  19  K  yy
10  Corvetten  2.  Classe  zu  10—20  K  }
28  Schooner  zu  8  und  10  K.  (
1  Transportschiff  (Corvette)  20
11  Raddampfer  mit  1  bis  8  K  00
57  Dampfboote  mit  7S8
B.  Segelschiffe.
5  schwimmende  Batterien,  2  zu  32,  1  zu  30,  2  zu  26  Kan  140
2  liinienschiffe  2.  Classe  zu  74  148
3  Fregatten  1.  CI.,  zu  52  Kan  156
4  Fregatten  2.  CI.,  zu  32  K  128
6  Corvetten,  4  zu  22,  1  zu  20,  1  zu  10  118
67  kleinere  Schiffe  298
87  Segelschiffe  mit  ungef.  6500  Mann  und  beiläufig  1002
Total  144  Fahrzeuge  mit  1  790  Geschützen.  —  Die  Mannschaftszahl ­
  der  Marine  betrug  je  am  1.  Jan.  ;  1861  6587,  1862  6098,  davon
(im  letzten  Jahre)  1094  in  West-  und  2901  in  Ostindien.  (In  Ostindien
befanden  sich  1860  28,  in  Westindien  6  Kriegsschiffe,  auf  den  ersten
u.  a.  800  Eingeborene.)
Im  J.  1780  zählte  die  Flotte  24  Linienschiffe  (von  50  —  67  Kan.),
27  Fregatten  (zu  20—44)  ,  und  im  Ganzen  2290  Kanonen  und  14,780
Seeleute  ;  eine  Schiffsliste  von  1  782  spricht  sogar  von  4  2  Linienschiffen
und  43  Freg.  1828  bestand  die  Marine  wieder  aus  17  Liniensch.  und
20  Freg.  1829  rechnete  man  30  Schiffe  mit  720  Kan.  und  4314  M.;
ausser  Activität  63  Schiffe.
Sociales.  Holland  besitzt  noch  immer,  und  besonders  neuerdings
wieder,  grosse  Reichthümer;  allein  sie  sind  sehr  ungleich  vertheilt.  Der
Masse  des  Volkes  ist  jeder  Lebensgenuss  verkümmert  durch  eine  Menge
drückender,  namentl.  indirecter  Abgaben.  Eine  schlimme  Rückwirkung
auf  den  Volkscharakter  konnte  nicht  aus  bleiben.  Indest  hätte  man  sehr
Unrecht,  die  Holländer  nur  als  kleinliche  Krämer  anzusehen.  Noch  ist
dieselbe  Nation  vorhanden,  welche  ihr  dem  Meere  abgerungenes  Land
zuerst  mit  Kanälen  nach  allen  Richtungen  durchfurchte  ;  auch  in  der
Neuzeit  haben  die  Holländer  selbst  unter  dem  Drucke  sehr  schlimmer
Finanzzustände  durch  Anlage  des  grossen  Kanals  vom  Helder  nach
Amsterdam,  Erbauung  von  Eisenbahnen,  Trockenlegen  des  s.  g.  »Haarlemer
  Meeres«  (die  Kosten  wurden  sogleich  auf  10  Mill.  fl.  geschätzt)
und  Entwicklung  ihres  Colonialbesitzes  bewiesen,  dass  sie  vor  grösseren
Unternehmen  keineswegs  zurückweichen.  In  dem  kleinen  Lande  erscheinen, ­
  die  geistige  Regsamkeit  bekundend,  jedes  Jahr  über  1800
Druckschriften,  ungerechnet  150  Zeitungen  und  60  andere  Zeitschriften.
        <pb n="395" />
        NIEDERLANDE.  —  Sociales.

373

Volksschulen,  1859:  2498  mit  4628  Lehrern  und  130  Lehrerinnen;
Schüler:  im  Januar  183,477  Knaben  und  133,075  Mädchen,  im  Juli
nur  142,105  Knaben  und  1  15,895  Mädchen.  —  Besondere  Schulen: ­
  1016,  mit  2016  liChrern,  1033  Lehrerinnen,  und  im  Juli
40,265  Schülern  und  43,361  Schülerinnen.  —  Lateinschulen  u.  Gymnasien ­
  64  mit  1818  Schülern.  —  Universitäten  3  (Leyden,  Utrecht,
Groningen)  mit  1395  Studirenden.  —  Von  den  1861  ausgehobenen
9930  Recruten  konnten
lesen  u.  schreiben  7722  =  77,76%  (  weder  lesen  noch  schreiben  1SS2  =  18,93%
nur  lesen  .  .  .  256  =  2,58  -  |  unbekannt  70  =  0,70  -
Handel.  Officielle  Werthe  in  Gulden:

(itneralhandel:  1846  1856  1857  1858  1859  1861  1862
Einfuhr  255’  412’  4irO'&amp;lt;2,S40  4tS‘7.3fi*669  399,fi70,2(K)  409’1«9,47S  445'587,477
.\u»fuhr  210’  33S’  343'3:)2.75S  330’740,977  35«’710,977  401*121,914  391*393,470
Specialhandel:  1846  1856  1857  1858  1859  1860
Einfuhr  162’  294’  400’462,413  413’229,144  2S8’699,170  316’389,359
Ausfuhr  118’  225’  231’310,561  231’183,488  242’561,596  251’915,243
Durchfahr..  92’  112’  112’022,197  99’557,489  113’487,50S  136’843,234

Im  Generalhandel  erschienen  1862  (in  Gulden):

Einfuhr  Ausfuhr
Preussen.  .  107’608,356  146’659,509
Hamburg  .  5’196,412  7’684,974
Bremen  .  .  2’070,749  471,644
Oesterreich  .  1’568,103  5’309,678
andere  deutsche
Häfen  .  .  4’313,916  4’403,892
Zusammen
Deutschland  120’757,536  164’529,697

I  Einfuhr  Ausfuhr
:  Grossbrit.  .  .  117’274,066  85’797,305
i  Holl.  Ostindien  81’518,408  39’497,756
1  Belgien  .  .  39’922,387  40’742,087
Frankreich  .  16’521,443  9’389,769
;  Russland  .  .  18’185,799  8’724,235
i  Ver.  Staaten  .  8’338,725  4’573,040

j  Norwegen  u.
;  Schweden  .  .
'  Dänemark
1  Italien  .  .  .

7’695,025  3’356,221
2’677,206  1’680,186
3’592,700  8’984,565

Einfuhr  der  wichtigsten  Co  lo  n  i  al  pro  duc  te  ,  Kilogr.:
Kaffee  Rohzucker  Baumwolle  Reis
1S46—50  durchschn.  50’472,(t0(l  163’759,0U0  10’490,OOU  22’4M,000
1851—55  -  63’209,000  109’977,0(M)  15’577,000  39’278,000
1856-60  -  70’469,000  102’959,000  20’922,000  47’219,000
Rhederei,  Ende  1863  2231  Schiffe  von  539,844  Tonnen  (Ende
1861  waren  es  noch  2332  Schiffe  von  286,217  Lasten,  und  1859  noch
74  Schiffe  und  19,458  Last  mehr  gewesen),  —  Hafenverkehr  1862:
eingelaufen  (beladen  und  leer)  8861  Schiffe  von  1’757,625  Tonnen;
ausgelaufen  9078  Schiffe  von  1'839,281  Tonnen.

Telegraphen  (siehe  deutscher  Telegraphen-Verein,  S.  217).
Eisenbahnen  ungefähr  65  Meilen,
Post.  Inländische  Briefe:  1848  4’324,03*2  ,  1854  1  1’158,515,
1861  15’533,458,  1862  16’114,573;  ausländische  in  den  neml.  Jahren:
1’833,824;  3  025,208;  4  1  74,803;  4’314,745;  —  zusammen  1862
20’429,316  Briefe  =  5,58  auf  den  Kopf;  dazu  6  365,955  Zeitungen
und  andere  Drucksachen  =  1,74  pr.  Kopf  (eine  äusserst  geringe  Anzahl; ­
  vergl.  S.  217).  '
Viehstand  I860:  243,454  Pferde,  1’287,538  Stück  Rindvieh,
865,728  Schafe,  270,586  Schweine.  114,903  Geisen  etc.
Münze,  Maasse.  Der  holländ.  Gulden,  etwas  geringer  als  der  rheinische,
die  Mark  ausgeprägt  zu  24,7466,  oder  fast  24%  fl.  die  Goldwährung  ist  abgeschafft). ­
  —  Die  Maasse  sind  die  französisch-metrischen,  mit  holländ.  Benen-
        <pb n="396" />
        374

NIEDMIIíANDK.  —  Sociales,  Colonien.

nung.  Die  Myl  ist  der  Kilometer,  die  Elle  der  Meter,  der  Palm  =  1  Deciniet.

Flüssi^keitsniaas
Das  Pond  ist  das  Kilogramm.

Colonien  ;  in  Ostindien
-  Amerika
-  Afrika  (Guinea)

Q.-M.
:io,oo(»
2,8HU
500

Zus.  etwa  3:$,300

Menschen  1862
17’050,000
04,000
100,000

lb’000,000

Die  ostia  disc  h  en  Besitzungen  haben  (nach  Kuiper,  folgenden ­
  Umfang  (Bevölkerung  vom  Dec.  18()2);
Unter  der  Bevölkerung
1802  :  52,248  liuropäer  vom
Civil  (davon  20,891  in  den
Colonien  geboren  ;  —  von
der  Gesammtzahl  25,021  auf
Java  u.  Madocra)  ;  —  Europäer ­
  im  Militär  13,548  und
933  Abkömmlinge  von  solchen; ­
  —  Chinesen  230,578
(davon  155,177  auf  Java).
In  den  5  Jahren  1853—57
starb  auf  folgende  Anzahl
durchsebn.  je  ein  Mann
an  tli‘11  Küsten-  im  InplAtzrn
  nern
Europäer  von  15  21
Afrikaner  von  22  48
Eingeborene  von  25  40

Provinzen
Java  und  Madoera  .  .  .
Gouv.  Sumatra’s  Westküste
Benkoelen
liampong
Talern  bang
Banka
Billiton  .
Riau  .
Borneo,  westl.  Abthlg.
—  südl.  u
Celebes  .
.  g  I  Amboina
\  Banda
§  I  i  Ternate
^  %  I  Menado
Timor  .  .

östl.

Zus.  etw

ft.-M.
2,445
2,200
455
475
2,912
237
119
825
2,800
0,508
2,150
479
411
1,130
1,207
1,042

Bevölk.
12’380,000
T500,000
110,000
91.000
511,500
50,800
14.000
25,200
440.000
570.000
290.000
100.000
112,000
94.000
178.000
910.000

a  25,521  18’000,000
Die  Eingeborenen  sind  meist  Mohammedaner,  die  der  Molukken  sind
Christen  geworden  (reformirt).
Die  mittelbaren  Besitzungen  sind  hauptsächlich  :  Siak  auf  Sumatra,  das
nordwestl.  Nieuw-Guinea,  Bah  und  Lombok.  Mit  deren  Einrechnung  beträgt
das  Areal  des  niederl.  Ostindien  etwa  30,000  Q.-M.
Das  Budget  für  1802  führt  auf:  Einnahmen  01’127,184  ,  dazu
Erlös  aus  Colonialwaaren  47’557,70i  ,  zus.  108’084,978  fl.  —  Ausgaben; ­
  in  Indien  84’Ul  8,930  ,  Colonialausgaben  im  Muttcrlande
18’351,305,  wahrscheinl.  Ueberschuss  0’31  1,737.  Bezüglich  der  einzelnen ­
  Einkünftequellen  finden  wir  von  1858  aufgezeichnet;
Verpachtete  Abgaben  12’518,330,  Zölle  und  nicht  verpachtete  Abgaben
10’175,818,  Grundsteuer  10’124,480,  Salzmonopol  1857;  4’132,187  Gulden.
Der  Opiumpacht  allein  ertrug  1857  7’8S7,024  Ü.  blos  in  Java  und  Madoera
und  941,450  auf  den  Buitenbezittingen  (Westküste  v.  Sumatra).—  Für  Strassenund
  Wasserbauten  waren  damals  3’728,000  fl.  bestimmt.
Pvoduktß  auf  Ja\a  und  Madoera.  Eigenthum  der  Eingeborenen  sind
geblieben  etwa  zwei  Mill.  Bouws  Landes,  der  Bouw  von  5  Bunders,
(welcher  letzten  5505  =  eine  geogr.  Quadr.-M.)  Es  wurden  1858  geerndtet
  ;
Heiss  beinahe  31  %  Mill.  Tikols  (1  Tikol  =  5%  Zollceutner)

Kaffe,  von  212’003,780  Bäumen
Zucker,  auf  40,045  Bouws

Indigo,
Thee,
Zimmt,
Cochenille,
Tabak,

-  18,313
-  2,672
-  1,787
224
-  1,640

895,000  Tikols
Tü50,000  -
014,784  Ffund  (ä
1’734,985  -
240,379  -
72,340  -
21,915  Tikols

/.  Kilogr.)
        <pb n="397" />
        DÄNEMARK.  —  I,and  und  Leute.

375

Handel.  Die  Flotte  von  niederl.  Indien  bestand  1S58  aus  307  Schiffen, ­
  worunter  nur  8  Dampfer,  zus.  v.  59,250  Tonnen.  Es  betrug  1857
die  Einfuhr  Ausfuhr
durch  Private  ;JS’638,02S  fl.  48’529,311  fl.
für  Rechnung  der  Regierung  24’98&amp;lt;J,511  -  .57’3‘.t4,573  -
Zur.  U3V24,5«)9  fl.  “  105’i)23,884  fl.
Von  der  Ausfuhr  kamen  auf  Zucker  3(îM38,7ü3,  Kaffe  34M64,ü92,  Reis
9’990,(i09,  Zinn  7'257,175,  Indigo  4’080,433,Tabak  1’30.5,139  fl.
Die  amerikanischen  Besitzungen  sind:  Surinam  (18G1)  mit
52,170,  und  in  Westindien  (Dec.  1802):  Curaçao  19,127,  Aruba  3258,
St.  Martin  3321  ,  Bonaire  3203,  St.  Eustach  1977,  Saba  1807.  —
1850  zählte  man  in  holländ.  Westindien  34,051  Einw.,  wovon  21,848
Freie  (9505  Männer,  12,343  Frauen)  und  12,803  Sklaven;  auf  Surinam
1801  nur  10,805  Freie,  35,371  Sklaven.
Die  Sklaverei  ward  mit  dem  1.  Juli  1803  aufgehoben.  Die  Entschädigung ­
  der  Sklavenbesitzer  ward  zu  825  Fres,  für  jeden  Sklaven
festgesetzt,  ohne  Rücksicht  auf  das  Alter.  Zunächst  traten  die  Emancipirten
  in  eine  Lehrzeit  von  drei  Jahren.  Die  Hälfte  des  Arbeitslohns
während  dieser  Lehrperiode  bezahlt  der  Staat.  —  Man  glaubte  anfangs,
dass  die  Sklavenemancipation  etwa  12—10  Mill.  Gulden  kosten  würde.
Da  aber  die  Zahl  der  Sklaven  ungefähr  40.000  betrug,  so  steigt  die
Summe  auf  18  Mill.

Dänemark  (Königreich).

A.  Königreich  Danemark.
Kopenhagen  .  .
Seeland  und  Möen
Bornholm  ....
Föhnen  u.  Langeland
Lolland,  Falster  etc.  .
Nord-Jütland  .
Zur.  A.
H.  Ite.ilUnder.
Färöer  (17  bew.  Ins.
Island
Grönland  ....
Westindien  :  St.  Croix
St.  Thomas
St.  Jean
Zur.  B.
Gesammlsumme  ungef.

Q.-M.  Bevölk.*
.-&amp;lt;5,143
¡419,008
10.5  29,304
00,5  205,820
30.5  80,797
400,7  _  703,813
09(1  1'000,551
24  8,922
1807  00,987
180  9,880
3,5  22,802
1,1  12,500
1  1,715
2082  122,920
2780  1'725,000

Island  besitzt  eine  eigene  Verwaltung,  doch
Schränkung  der  Selbständigkeit.

Confexsiouen  :
Ausserhalb  der  lutherischen
"Staatskirche»  zählte  man
1800  mit  Einrechnung  der
llerzogthümer  :  21,322  Personen, ­
  worunter  8177  Juden,
3187  Katholiken,  3033  Heformirte,
  2042  Baptisten,
2007  Mormonen  (1802  angeblich ­
  3004  ,  wovon  186
Geistliche:.

Städte  :
Kopenhagen  .  .  155,143
Odense  ....  14,255
Aarhuus  ...  11,009
Aalborg  .  10,009
beschwert  man  sich  über  lie-Gebietsvertlnderungen.

  Zu  Anfänge  des  19.  Jahrhunderts  standen
noch  Norwegen  und  Schleswig-Holstein  unter  den  dänischen  Königen.

Ergebniss  der  Zählung  vom  1.  Febr.  1800;  bezüglich  Westindiens  uwh
der  Aufnahme  von  18;&amp;gt;5,  —  laut  »königl.  dän.  Hof-  u.  Staatskalender«.  Eine
neuere  Notiz  gibt  den  3  westind  Inseln  zus.  eine  Bevölkerung  von  38,1.10.
        <pb n="398" />
        376

DÄXEMAKK.  —  Finanzen.

Im  Frieden  von  Kiel,  14.  Jan.  1814,  musste  das  Erste  an  Schweden
abgetreten  werden.  Der  König  erhielt  Schwedisch-Pommern  als  angeblichen ­
  Ersatz,  überliess  dasselbe  aber  an  Preussen  gegen  Lauenburg  und
1  Mill.  Ihlr.  an  Geld.  Die  Versuche,  die  Elbherzogthümer  vollständig ­
  Dänemark  einzuverleiben,  führten  1804  zum  Kriege  mit  Preussen  und
Oesterreich  und  endigten  mit  dem  Wiener  Frieden  vom  30.  Oct.  1864,
durch  welchen  Dänemark  die  3  Herzogthümer  vollständig  verlor  (mit
Ausnahme  der  kleinen  Insel  Aaroe,  wofür  jütländ.  Exclaven  abgetreten
werden  mussten).

Finanzen.  Das  ganze  Finanzwesen  muss  in  Folge  des  Verlustes  der
Herzogthümer  umgestaltet  werden.  In  welcher  Weise  dies  geschieht
ist  zur  Zeit  der  Abfassung  der  gegenwärtigen  Abtheilung  noch  nicht  festgestellt. ­
  Früher  hatte  man  ein  allgemeines  Ileichsbudget  für  die  allgemeinen ­
  Ausgaben  und  die  dafür  aufzubringenden  Mittel,  und  daneben
3  Specialbudgets  a.  für  das  eigentliche  Königreich,  b.  für  Schleswig  und
c.  für  Holstein.  Daneben  entstand  noch  ein  viertes  für  die  gemeinsamen
Bedürfnisse  des  eigentl.  Königreichs  und  des  mit  diesem  in  ein  engeres
V  erhällniss  gebrachten  Schleswig  (ohne  Holstein).  Der  gesammte  Reinertrag ­
  Lauenburgs  floss  in  die  allgemeine  Gasse.  —  Da  das  Verhältniss
des  früheren  Reichsbudgets,  welches  nun  von  dem  Königreich  im  engem
Sinn  allein  zu  tragen  ist,  aber  nothwendig  sehr  beschränkt  werden  muss,
noch  völlig  ungeordnet  erscheint,  so  können  wir  zur  Erläuterung  nur  die
vormalige  Normirung  angeben.  Unterm  28.  Febr.  1850  ward  ein  »Normalbudget« ­
  octroyirt,  das  bis  zum  Zustandekommen  eines  Gesetzes  als
Grundlage  für  Repartirung  der  Steuerzuschläge  dienen  sollte.  Für  das
(am  1.  April  beginnende)  Etatsjahr  18«%.  war  z.  B.  folgender  Voranschlag ­
  aufgestellt  :

I.  Gemeinschaftlicher  Etat  für  alle  L  andestheile.

Einnahmen  Thir.  R.-Mze.
Ueberschüsse  der  Domänen  .  P74S,424
Lauenburg’s  .  252,’b73
Westindien’s  .  42,850
Zinsen  der  Staatsactiva  .  .  784,084
des  üeresundfonds  .  P2(lo|üOO
Stempel,  Schitff.-Abgabe,  Zölle
u.  and.  indir.  Auflagen  .  .  7’755,47î)
Post  und  Telegraph  .  .  .  203,740
Classen-Lotterie  ....  100,000
Verschiedenes  300,1  10
Zuschüsse  der  Landestheile  zu
den  gemeins.  Kosten  .  .  4’200,000
Beitrag  desKönigr.  u.  Schleswig's ­
  zu  d.  Reichsrathskosten  35,000

Zus.  10’G8y,lOO

Ausgaben
Civilliste  ....
Apanagen  .  .  .
Geh.  Staatsrath
Reichsrath  .  .
Staatsschuld  .
Pensionen  .  .  .
Ministerien  .  .  .
d.  Auswärt
d.  Kriegs
d.  Marine
^  -  d.  Finanzen
\  ersch.  u.  Ausserord
Unvorges.  Ausgaben
Zus

Thlr.  R.-blze«
800,000
308,800
00,400
35.000
5'730,400
1’307,500
230,725
4’270,200
r040,102
438,001
1’354,022
05.000
10’080,100

Den  zur  Deckung  der  «gemeinschaftlichen«  Ausgaben  fehlenden
Betrag  (oben  mit  4  200,000  Ihlr.  in  Einnahme  gesetzt,  d.  h.  mit  weit
mehr  als  im  »Normalbudget«  bestimmt  war)  mussten  die  Hauptlandestheile
  in  folgendem  Verhältnisse  aufbringen:  das  Königreich  02  Proc.,
Schleswig  16,30,  Holstein  21,04  (von  Lauenburg  war  der  ganze  Einnahmeüberschuss ­
  oben  bereits  einbezogen).
        <pb n="399" />
        DÄNEMARK.  —  Finanzen.

377

Die  wirkliche  Abrechnung  für  ergab"

Einnahme
1)  gemeinsamer  Etat  der  Monarchie  ....  15M23,74‘J
2)  -  -  Dänemark’su.  Schleswig’s  53,258
3)  Specialetat  für  Dänemark  11’294,379
4)  -  -  Schleswig  1*531,979
5,  -  -  Holstein  l’&amp;amp;67,119

Ausgabe
15’1*23,748
53,258
7*593,114
1*288,053
1*002,790

Der  Ueberschuss  in  den  Specialbudgets  ward  den  betr.  Landestheilen
  gutgeschrieben  auf  ihren  schuldigen  Beitrag  zur  Deckung  der  allgemeinen ­
  Bedürfnisse.  —  Augenscheinlich  standen  sich  die  Herzogthümer
  bei  dieser  Einrichtung  viel  übler  als  das  eigentliche  Königreich.
Das  Missverhältniss  ward  besonders  durch  das  Verfahren  bezüglich  der
Domänen  gesteigert.  Bei  der  Repartition  der  Beiträge  zu  den  Gesammtlasten
  ward  nemlich  auf  die  völlig  ungleichen  Leistungen  der  verschiedenen ­
  Landestheile  an  Domanialeinkünften  gar  keine  Rücksicht  genommen. ­
  So  ertrugen  die  Domänen  1S®%5  folgende  Summen,  während,
wenn  diese  Einkünfte  nicht  vorhanden  gewesen,  nach  Maassgabe  der
Bevölkerung,  die  weiter  beigesetzten  Beträge  durch  Steuern  hätten  aufgebracht ­
  werden  müssen  :

wirkl.  Ertrag  sollte  aufbringen
•  Königreich  310,252  1*035,000  Thlr.
Holstein  072,011  390,750
Schleswig  730,052  293,250
Die  Civilliste  ward  im  Dec.  1803  zu  630,000  Thlr.  für  die  ganze
Monarchie  bestimmt,  die  Apanage  für  den  Kronprinzen  zu  25,000.
Während  nun  wegen  der  bisherigen  allgemeinen  Bedürfnisse
erst  noch  Bestimmung  zu  treffen  ist,  wurde  im  October  1864  dem  Folkething
  ein  Specialbudget  des  Königreichs  für  das  Finanzjahr  18®%,
vorgelegt,  mit  folgenden  wesentlichen  Daten:  Einnahmen  8’722,301
Thlr.,  ncmlich:  directe  Steuern  4*034,125,  indirecte  Abgaben  1*382,150,
isländische  und  färörische  Intraden  57,714,  verschied.  Einn.  3*248,212.
Ausgaben  6*161,281  ,  nemlich:  Reichstag  60,000,  Ministerium  des
Innern  3*779,853,  Justizministerium  989,398,  für  Kirchen  und  Unterrichtswesen ­
  395,999  (ausser  den  besonderen  Fonds  dieses  Ministeriums),
besondere  Staatsschuld  des  Königr.  468,000,  besonderes  Pensionsarchiv
169,250,  andere  und  ausserord.  Staatsausgaben  298,780  Thlr.  Hierzu
kommt  noch  der  Antheil  des  Königr.  an  den  gemeinschaftl.  Ausgaben.

Schuld.  Nach  der  Staatsrechnung  von  18^%,  betrug  die  gemeinsame ­
  Schuld  am  31.  März  1863  95*734,337  Thlr.  Hievon  haben  die
Elbherzogthümer  zufolge  des  Friedensvertrags  29  Mill,  zu  übernehmen,
bleiben  Thlr.  üü’734,337
Anfangs  Januar  1864  ward  mit  Hambro  u.  Söhne  in  London  ein
5proc.  Anlehen  von  1*200,600  nominal  im  Curse  von  93  abgeschlossen ­
  10*550,000
Im  Nov.  1864  kam  dazu  ein  mit  Raphael  u.Söhne  in  London  abgeschlossenes ­
  weiteres  5  proc.  Anlenen  von  728,000  für  welches
die  noch  ausstehenden  25  Raten  (à  39,561  jf)  der  Ablösung  des
Sundzolls  durch  Russland  (zusammen  mit  989,000  .¿"i  verpfändet
wurden  ;  emittirt  zu  94*/,  :  .  .  .  6*400,000
Zusammen  Schuld  83*684,337
Durch  das  letzte  Anlehen  sollte  u.  a.  die  im  Juni  1864  geschaffene
schwebende  Schuld  von  6  Mill.  Thlr.  (  Credit  scheine  )  wieder  getilgt
        <pb n="400" />
        H78

DÂNMViAltK.  —  Finanzen.

werden.  —  Uebrigens  betrug  das  A  c  t  i  v  vermögen  des  Staates,  welches
Dänemark  nach  dem  Wiener  Friedensvertrage  ausdrücklich  verblieb
(nach  der  Aufstellung  vom  31.  März  1863),  11'161,783  und  das  Ablösungscapital
  des  besonders  verwalteten  Sundzolls  31’139  293  zusammen ­
  42’361,082  Thlr.

Finanzgesehichtliches.  Das  »Konigsgesetz«  von  1660  (welches  dem
Herrscher  die  maassloseste  Gewalt  einräumte)  zeigte  seine  verderblichen
Wirkungen  auch  in  dem  Finanzwesen.  Unter  der  Herrschaft  dieses  Gesetzes ­
  stieg  die  Schuld  schon  1771  auf  15'31.,.836  Rthlr.,  wovon  man
bereits  einen,  wenn  auch  kleinen,  Theil  als  »verjährt«  erklärte;  unter  der
Herrschaft  dieses  Gesetzes  erfolgte  sodann  1813  ein  förmlicher  Staatsbankerott, ­
  wobei  man  sich  mit  der  königl.  Verheissung  zu  begnügen
hatte,  dass  inskünftig  ein  jährliches  Budget  veröffentlicht  werden  solle.
Diese  Verheissung  ward  1835,  also  nach  22  Jahren,  zum  ersten  Male
erfüllt.  —  Im  J.  1813  betrug  die  gewaltsam  reducirte  Staatsschuld  142
Mill.  Kbkthlr.  Papier  ;  das  Papier  galt  nur  '4  seines  Nominalbetrags  in
Silber:  sonach  =  35*4  Mill.  Mehrfache  neue  Anlehen  vermehrten  die
Schuldsumme  rasch  aufs  Neue.  Sie  betrug  in  Silber  1811  116’608,000
Thlr.  Erst  nach  dieser  Zeit  begann  einige  Verminderung,  so  dass  1*848
noch  105  Mill,  erschienen.  Nun  bekam  man  für  die  »Monarchie«  folgende ­
  Resultate  :

Jahr  Einnahme  Ausgabe
1S43  IPO.52,330  2P318,30l
1850  I2'982,:3)5  22’871,1»2
1851  13’373,443  15’032,362
1852  17'056,713  19'106,338

Deficit
IU'235,311
0’88S,817
P718,313
2’043,613

Deckungsweise
Englisches  Anleheiiv.Rbthlr.  7  Mill.

(und  Kriegssteuer  von  5  -
jNeue  engl.  Anleihe  von  6  -
(und  Kriegssteuer  von  5’274,000
Kriegssteuer  .  .  .  1'102,000
/Neue  Anleihe  .  .  .  1'358,000

I  u.  \  enninderung  des  Cassastandes.

Dieser  finanziellen  Zerrüttung  entkam  der  Staat  1856  durch  den
Loskauf  des  Sundzolls  (Oeresund).  Die  fremden  Küstenstaaten  bezahlten
dafür  30’476,325  Rthlr.,  wozu  beitrugen:
Preussen  4’,440,027  I  Hamburg  .  .  K,7,012  ,  Oldenburg  .  28  127
Oesterreich  .  23,434  Hannover  .  .  123,387  I  Niederlande.  I’4o8’o60
Belgien  .  .  401,455  j  Lübeck  .  102,OlM»  ^  Russland.  .  o'TOx'oOj
Bremen  .  218,585  |  Mecklenburg  .  Sclnveden  l’5iK)^504
Frankreich  1’213,003  |  Norwegen  .  .  667,225  Ver.  Staaten  ^  380  000
Grosshritan.  10’126,825  !  ■  ’

Diese  Einnahme  ermöglichte  dann  auch  die  Verminderung  der
Staatsschuld,  die  am  1.  April  1854  123’553,300  Thlr.  betragen  hatte.
Der  Krieg  von  1864  schlug  auch  den  Finanzen  tiefe  Wunden.  Man
bedurfte  neuer  Steuern  und  wiederholter  Anlehen.  Durch  die  Ersten
sollten  im  Königreich  allein  während  des  Finanzjahres  18"4,  2'4  Mill.
Thlr.  aufgebracht  werden,  und  zwar  durch  Erhöhung  der  Einkommensteuer ­
  um  3  Proc.  und  der  Grundsteuer  um  3  Thlr.  21  Schill,  pr.  Tonne
Hartkorn.  Grössere  Summen  mussten  natürlich  durch  Anlehcn  erlangt
werden  (s.  oben).  Nach  den  der  Volksvertretung  am  27.  Juni  1864  gemachten ­
  Vorlagen  hatte  die  Land-  und  Seemacht  vom  1.  Dec.  1863  bis
31.  Mai  1864  ausserordentlicher  Weise  14’200,000  Thlr.  erfordert.  Bis
zum  Friedensschlüsse  kamen  wol  noch  3—4  Mill.  dazu.  Ueberdies  be-
        <pb n="401" />
        DÄNEMARK.  —  Militärwesen.

379

fand  sich  ganz  Jütland  in  der  Gewalt  der  Verbündeten,  so  dass  die  Einkünfte ­
  daher  völlig  versiecht  waren.
Militärwesen.  Conscription.  Die  mit  dem  22.  Altersjahre  beginnende ­
  Dienstzeit  dauert  8  Jahre,  wovon  4  (bei  der  Artillerie  blos  2)  auf
die  Kriegsreserve  kommen.  Dann  8jährige  Dienstpflicht  im  ersten,  später, ­
  bis  zum  45.  Altersjahre,  im  zweiten  Aufgebote.  Factisch  hat  man
aber  das  Einexerciren  der  Recru  ten  bei  der  Infanterie  auf  10  Monate  beschränkt, ­
  um  eine  desto  grössere  Anzahl  in  den  Waffen  üben  zu  können.
—  Die  Formation  war  bis  zum  letzten  Krieg  folgende  •
Friedensfuss.  Infanterie:  Bataill.,  nemlich  1  Leibgarde,  22  Linie,
zu  4  (  omp.,  zus.  Iü,ü3ü  M  —  Cax'allerie;  25  Schwadr.  (Leibgarde,  Gardehusarenreg.,
  5  Dragonerreg  zu  4  Escadr.),  3598  M.  —  Artillerie;  2  Reg.  12  Batterien ­
  zu  8  Kanonen  ,  25(iO  etc.  Zus.  22,900  nominell,  factisch  etwa  12,000  M
T  J^riegsstärke  45  Bataill.  Infanterie,  20  Schwadr.  Reiterei,  15  Batterien ­
  etc.,  zus.  50,000  M.  —  Als  der  jüngste  Krieg  drohte,  theilte  man  die  Bataillone, ­
  verstärkte  sie  durch  weitere  Ausgehobene,  so  dass  ihre  Zahl  sich  verdonnelte
  und  dann  Regimenter  aus  ihnen  gebildet  wurden.  Man  erhielt  für  den
Felddienst  3  Infanterie-Divisionen  jede  zu  3  Brigaden  à  2  Bataill.)  und  1  Cavallerie-Division
  von  0  Reg.  Der  Rest  der  Infanterie  diente  als  Reserve.  Obwol
die  Gesammtstärke  zu  55  —  00,000  M.  angegeben  ward,  scheint  dieselbe  doch
nur  sehr  kurze  Zeit  40,000  ^I.  betragen  zu  haben.  —  Die  Regimentsverbände
der  Infanterie  sind,  als  unzweckmässig,  wieder  aufgehoben,  überhaupt  ist  die
Truppenzahl  vermindert.  Es  ist  indess  eine  völlige  Umgestaltung  aes  Heerwesens ­
  nothwendig.  (Mährend  des  früheren  Schleswig-Holstein’schen  Kriegs
von  1849  etc.  ward  die  Stärke  des  dän.  Heeres  so  angegeben  :  Infanterie  49,301,
C’avallerie  10,027,  Artillerie  9,000,  zusammen  09,000  mit  144  Geschützen.)
Festungen  :  Kopenhagen  mit  der  Citadelle  Friedrichshafen,  Kronburg,
  Korsör,  Nyborg,  Friedericia,  Christianör  bei  Bornholm.
Marine  (bei  Ausbruch  des  Krieges)  ;  a.  Panzerschiffe:  2  Corvetten
à  8  Kanonen,  1  Batterie  (Rolf  Krake)  mit  4,  2  Schooner  à  3;  —  b.  gewöhnliche ­
  Schraubendampfer  :  1  Linienschiff  von  04  K.  ,  300  Pferdekraft, ­
  4  Fregatten,  zus.  102  K.  ,  3  Corvetten,  2  Schooner,  7  Kanonenboote; ­
  —  c.  7  Raddampfer;  zus.  29  Damj)fer  mit  383  Kanonen;  —
d.  9  grössere  Segelschiffe  mit  330  Kan.  (darunter  2  Linienschiffe  zu
84  Kan.,  und  2  Fregatten);  —  e.  50  Ruderschiffe.  —  Gesammte  Marinemannschaft ­
  1  7  40.  —  Es  fanden  während  des  Kriegs  noch  einige  neue
Erwerbungen  von  Schiffen  statt;  dann  aber  auch  einige  Verkäufe.  Auch
der  Marineetat  muss  nothwendig  stark  vermindert  werden.
Dänemark  hatte  1785  eine  Landmacht  von  75,203  M.  ,  wovon
35,715  auf  Norwegen  kamen.  Da  der  grösste  Theil  aus  Landwehr  bestand, ­
  so  betrugen  die  Kosten  nur  1  003,922  Rthlr.  Die  Marine  zählte
60  Schiffe  (darunter  33  Linienschiffe,  zum  Theil  unbrauchbar)  mit  2060
Kanonen,  10,961  Matrosen  und  5000  Seesoldaten.  In  der  Seeschlacht
bei  Kopenhagen,  2.  April  1801,  litt  die  dänische  Flotte  bedeutend
(wurden  doch  auch  von  der  englischen  Flotte  unter  Nelson  1  4  Schiffe,
wobei  2  Linienschiffe,  kampfunfähig).  Nach  dem  Bombardement  Kopenhagen’s,
  2—5.  Sept.  1807,  führten  die  Briten  die  gesammte  dänische
Flotte  hinweg;  18  Linienschiffe,  15  Fregatten,  0  Briggs  und  25  Kanonenboote. ­
  —  Im  Feldzuge  von  1813  stellten  die  Dänen  den  Franzosen
1  2,000  M  Hülfstruppen.  —  Im  ersten  Schleswig-Holstein'sehen  Kriege
kämpften  beide  Theüe  sehr  tapfer.  Die  Dänen  verdankten  indess  ihre
        <pb n="402" />
        380

SCHWEDEN.  —  Land  und  I.eute.

Erfolge  wesentlich  theils  der  Marine,  theils  der  Ungeschicklichkeit  der
ihnen  entgegengestellten  Führer,  und  dem  Mangel  einer  ernsthaften
Kriegführung  preussischer  Seits.  —  Auch  im  Feldzuge  von  1864  hielt
sich  nicht  blos  die  dänische  Marine,  sondern  ebenso  die  Landmacht  sehr
wacker.  Die  letzte  aber  ermangelte  namentlich  guter  Ausrüstung.
Handel.  Ein-  und  .Ausfuhr  zusammen,  offic.  Werth,  Mill.  Rthlr.  :
1853  1854  1855  1856  1857  1858  1859  1860  1861  1862
84,6  9.5,9  103,2  l02,&amp;amp;  100,4  S4,&amp;amp;  99,7  101,6  105,8  105,0
Hievon  1862:  Einfuhr  66’387,560,  Ausfuhr  38’660,2I6  Thlr.,
nemlich  :
Königreich  Schleswig  Holstein  Enclaven
Einfuhr  nach  38’9(i^,8T9  9’8o4,794  17’193,564  420  323
Ausfuhr  aus  17’722,484  4’571,681  16’153,904  212J47
Unter  der  Ausfuhr  4'100,000  Hectolit.  Getreide,  13,755  Pferde,  52,297
Stück  Hornvieh,  46,709  Schafe  —  Am  Gesamnithandel  waren  am  meisten  betheiligt: ­
  Hamburg  mit  35,9  und  Grossbrit.  mit  22  Mill.  Thlr.  R.-M.  Da  alle
Verhältnisse  durch  den  Verlust  der  Herzogthümer  sich  geändert  haben,  so
unterlassen  wir  nähere  Mittheilung.
Rhederei'Euáe  1862  im  Königr.  2763  Schilfe  von  68,603  Commerzlasten ­
  zu  6000  Pfund  (mit  den  Herzogthümern  :  5727  Schiffe  von
124,158  Commerzlast).
Münze,  Maasse.  Der  1854  zur  Landesmünze  erklärte  Reichsbankthaler
heisst  »Ihaler  Reichsmünze.«  Er  hat  =  6  Mark  =  96  Schillinge  und  ist  gleich
y*  Thlr.  preuss.  —  Der  Fuss  [fod],  dem  rheinischen  fast  gleich.  Die  Last  [laest)
hat  22  Tonnen,  die  Tonne  2,53  llerliner  Scheffel.

Schwellen  (Königreich).*)
Das  Areal  wird  zu  3868  schwed.  =  8025  deutsche  Q.-M.  berechnet. ­
  Bevölkerung  bei  der  Zählung  am  31.  Dec.  1860  3’859,728,  Ende
1863  (nach  Berechnung  des  Centralbureau)  4’022,564  ;  davon:
Q.-M.  Bevölk.
1536  1’169,931  in  Sn-ea  Rike  (eigentl.  Schweden,  begreifend:  Stadt  Stockholm
und  die  Län  :  Stockholm,  Upsala,  Södermanland,  Westmanland,
  Oerebro,  Wermland  und  Kopparberg),
1784  2’3G4,122  in  (iöthn  Rike  Gothland,  begreifend  :  Malmöhus,  Christianstad, ­
  Blekinge,  Kronoberg,  Jönköping,  Calmar,  Oestergothland.
  Halland,  Skaraborg,  Elfsborg,  Götheborg  und  Bohus,
Gothland  ,
4705  488,511  in  ^  07'rland  n.  Lappland  [Gefleborg,  Westernoreland,  Jemtland,
  Wester  hotten,  Norrbotten).

*)  Ungeachtet  der  ungemeinen  Schwierigkeit,  statist.  Erhebungen  in  dem
weitausgedehnten  und  dünn  bevölkerten  Staate  vorzunehmen,  ist  Schweden  doch
allen  andern  grossem  I.ändern  in  Begründung  und  Fortführung  einer  Bevölkerungsstatistik ­
  vorangegangen,  und  so  besitzen  uir  denn  von  1751  an  ,  Jahr  für
Jahr,  möglichst  genaue  Nachweise  über  Bevölkerung  und  Bevölkerungsbewegung. ­
  Das  1858  errichtete  statist.  Centralbüreau,  unter  der  Leitung  des  kenntnissvollen
  Dr.  Berg,  veröffentlicht  seine  ungewöhnlich  werthvollen  Arbeiten
zunächst  unter  dem  Titel  :  Ridray  till  Üveriges  ojficiela  Statistik.  Auch  erscheint
eine  Statistik  Tidskrift,  utgifven  af  kongl.  statistika  central-byran  (das  10.  Heft
V.  1864).  Ausserdem  eine  Menge  einzelner  Schriften.
        <pb n="403" />
        SCHWEDEN.  —  Finanzen.

3S1

Ende  1S60  wohnten  434,519  E.  in  den  89  Städten,  3  425,299
auf  dem  Lande.  —  1855  waren:  männl.  r764,llS,  weibl  1’875,214
Einwohner.
Städte  (Ende  1863):  Stockholm  124,691,  Götheborg  41,584,
Norrköping  21,679,  Malmö  21,526,  Carlskrona  15,995,  Gefle  11,610,
Lund  9323,  Upsala  9252,  Jönköping  8658,  Calmar  8634,  Oerebro  8383.
Frühere  Bevölkermin  :  \Vo\  1’785,727,  1766  l’9Sl,6oO,  1771  2’041.0S1,  1773
(nach  Hungersnoth)  1’972,407,  1790  2’15S,232,  1800  2’347,.403,  1^07  2  434,721,
1810  2’377,851,  1815  2’465,066,  1825  2’771,252,  1835  3’025,439,  1x45  3'316,o36
1850  3’482,541.  —  In  den  5  Jahren  1851  bis  Ende  1855  ergaben  sich  durchschnittl.
  :  Lebend  Geborene  113,191  ;  davon  unehel.  10,556  in  Stockholm  1778
ehel.  gegen  1477  unehel.)  ;  Sterbfälle  77,045;  Heirathen  26,06«.  In  dem  ungünstigen ­
  J.  1857  zählte  man  119,303  Geburten,  aber  101,453  Sterbfälle,  und
ausserdem  gab  es  3,245  Auswanderer  mehr  als  Einwanderer.  Die  Bevölkerungsbewegung ­
  von  1816—55  ergab
Geburten  u.  Sterbfälle  verglichen  nach  den  Zählungen
in  den  Städten  einen  Ausfall  von  10,69%  eine  Zunahme  von  56,06%
auf  dem  Lande  -  Ueberschuss  v.  55,47%  -  46,.^!%
Also  auch  in  Schweden  Zuströmen  nach  den  Städten,  wo  die  Sterblichkeit ­
  überwiegt.
Confessionen.  Die  lutherische  herrschend;  Katholiken  etwa  900,
Mormonen  400,  Juden  lOOO  (1855  935  .
Nationalitäten.  Der  schwedische  Stamm  ist  ein  Zweig  des  germanischen. ­
  Lappen  (zur  tschudischen  Familie  der  mongolischen  Race  gehörig) ­
  zählte  man  1855  5685.
Gebietsveräuderungen.  Schweden  zu  Anfang  des  jetzigen  Jahrh.  :
Q.-M.  Einwohner
Schweden,  Gothland,  Nordland  und  Lappland  8,000  2’35(*,000
Finland  ^,000  624,000
Vorpommern,  Rügen  und  Stadt  Wismar  .  .  90  DOJ'OO
Zusammen  etwa  11,100  3'100,000
1803  ward  Wismar  an  Mecklenburg  verkauft  oder  eigentlich  nur
verpfändet.  Schwedens  Theilnahme  am  Kriege  v.  1806  gegen  Napoleon
zog  den  Verlust  Pommerns  nach  sich.  Durch  den  Frieden  v.  17.  Sept.
1809  musste  sodann  Finland  an  Russland  überlassen  werden.  Gegen
Beitritt  zum  Continentalsysteme  ward  Pommern,  6.  Jan.  1810,  wieder
erlangt.  Die  Theilnahme  am  Kriege  gegen  Napoleon  von  1813  führte
im  Frieden  von  Kiel,  14.  Januar  1814,  zur  Erwerbung  Norwegens,  das
jedoch  als  selbständiger  Staat  anerkannt,  und  wogegen  auch  Pommern
abgetreten  werden  musste.
Finanzen.  Dreijährige  (etwas  eigenthümlich  abgefasste)  Budgets,
welche  jedoch  nur  einen  unvollständigen  Ueberblick  über  den  Staatshaushalt ­
  gewähren,  da  der  grösste  Theil  des  Heeres  und  eine  Menge  von
Civilbeamten  aus  bestimmten  Staatsgütern  unterhalten  werden,  von  deren
Ertrage  gar  nichts  in  den  allgemeinen  Rechnungen  erscheint.  Budget  für
1864  bis  Ende  1866  jährlich  :
a.  Ordentl.  Einnahmen:  Domänen  und  Rechn.-Ueberträge  Khlr.  8’309,500
b.  Ausserord.  Emn.:  Zölle  und  Accise  13’5OO,OO0,  Post  P500,000
Branntweinsteuer  8’400,000,  Stempel  P200,000  •
Gesaramte  (laufende)  Einnahme  jährl.  32  909,500
        <pb n="404" />
        382

SCHWEDEN.

Finanzen.

35’70i,(ia(&amp;gt;
12’112,031
4’97i»,85ü
2’400,U00
3’333,333
404,000
2’517,87()
9’800,270
35’553.'300

a.  Ordentl.  Ausgaben  ;  Hof  1’230,000,  Justiz  2’185,300,  Auswärtiges ­
  479,200,  Kriegswesen  9’20H,20U,  Marine  3’593,700,  Inneres
3’70G,800,  Finanzen  5’552,300,  Cultus  u.  Unterricht  4’032,000,
Pensionen  1’264,500  31’250,000
Bleibt  Ueberschuss  1’(»59,500
b.  Ausserord.  Ausgaben:  für  3  Jahre  zus
(davon;  Schuld  12’283,905)
Deckungsmittel  für  die  ausserord.  Ausgaben  :
1)  Ueberschuss  aus  frühem  Finanzperioden
2)  Obiger  Ueberschuss  von  1’059,950  in  3  Jahren
3j  aus  Anleihen
4)  Ueberschuss  aus  den  Einnahmen  der  Nationalbank  .  .  .
5)  Karten-  und  Zeitungsstempel
0)  Kopfsteuer  von  1803
7)  Verschiedene  Einnahmen  ¡  '
Zus.  ausserord.  Einnahme
Unter  den  Einkünften  ist  der  Zollertrag  besond.  gestiegen  ;  1821  nur
1’584,Ü42,  1831  2’041,087,  1840  3’000,203,  hob  sich  derselbe  1854  auf  7’43S  305,
1855  auf  8’910,243,  und  ist  jetzt  veranschlagt  zu  13%  Mill.  Ebenso  stieg  die
Branntweinsteuer  von  früheren  080,000,  1855  auf  mehr  als  3  Mill.,  1S59  auf
6’770,000  und  findet  sich  nun  mit  8’400,000  Kthlr.  veranschlagt*).
Ordentl.  und  ausserordentl.  Budget  zusammengefasst,  ergeben  sich  iährhch
  44’700,020  Rthlr.  Einn.  und  43’151,545  Bedarf
Schuld.  1819  ward  die  auswärtige,  anfangs  der  1810  Jahre  die  gewöhnl.
  inländische  Schuld  getilgt.  Allein  es  circulirte  damals  für  ungeiUhr
  22  y4  Mill.  I  apiergeld.  1852  und  53  wurden  zwei  Anlehen  au  (genommen, ­
  das  erste  von  450,000  .P  zu  provinziellenLandverbesserungen,
4%,  das  zweite  von  3  Mill.  Mrk.  Beo.  Die  grosse  Geldkrise  von  1857
veranlasste,  Jan.  1858,  den  Abschluss  eines  (iproc.  Anlehens  von  12  Mill.
Rthlr.  zur  Unterstützung  des  Handelsstandes.  Ein  Anlehen  von  20  Mill.
Rthlr.  zu  5®/«%  in  40  Jahren  zu  amortisiren,  ward  für  den  Eisenbahnbau ­
  aufgenommen  (negozirt  bei  Johns  in  Stockholm).  Ein  weiteres
5%  Anlehen  von  25  Mill,  diente  zunächst  für  Eisenbahnbauten,  dann
aber  auch  zur  Liquidirung  des  noch  unbezahlten  Rests  (von  9  Mill.)  der
von  den  letzten  Reichsständen  aufgenommenen  12  Mill.  —  Die  ganze
Schuld  zerfällt  in  eine  innere  und  äussere.  Der  Capitalbetrag  der  Schuld
wurde  für  Ende  1803  folgendermassen  angegeben;
Eisenbahnanlehen  von  1858  (urspr.  21’841,333)  20’485,0(»0  Kthlr
-  1800  (  -  20’000,007)  25’479,955  -
Inländische  Schuld  0’171,125
Zusammen  52’130,(580
Ausserdem  hat  das  Reichsschuldcomptoir  im  Dec.  1803  ein  in  den  Jahren ­
  1805—07  zurückzahlbares  5  proc.  Anlehen  von  3  Mill,  aufgenommen; ­
  ferner  im  März  1804  ein  solches  von  35  Mill.  Da  dieses  letzte
wol  mit  zur  1  ilgung  des  unmittelbar  vorangegangenen  dienen  sollte,  so
veranschlagen  wir  die  Gesammtsumme  der  Schuld  auf  etwa  87  Mill
Rthlr.  Indess  ist  dieses  Anlehen  nur  theilweise  untergebracht  worden,
wesswegen  die  Regierung,  um  ihre  Eisenbahnausgaben  zu  decken,  Ende
*)  Die  eigentl.  Branntweinsteuer  ward  von  Dr.  Berg  auf  dem  Lond.  statist.
Congress  (1800)  zu  5’870,002  Rthlr.  angegeben;  dazu  kam  ungef.  1  Mill,  von
Auflagen  auf  den  Detailverkauf.  Ein  Fünftel  davon  ist  den  landwirthschaftl.
Provinzialgesellschaften  zur  Verfügung  gestellt,  der  Rest  den  Gemeinden  überlassen ­
  für  nützl.  Anstalten.
        <pb n="405" />
        SCHWEDEN.  -  Militär.

383

Dec.  1864  die  Papiere  einer  6proc.  temporären  Anleihe  von  8’100,000
Mrk.  Bnco.  in  Hamburg  zu  Markt  brachte.  (Anfangs  1865  ward  die
Eisenbahnschuld  allein  zu  55  Mill,  angegeben.)  (Für  Staatseisenbahnen
waren  schon  anfangs  1863  52%  Mill.  Rthlr.  vom  Reichstage  votirt;
Privatgesellschaften  wurden  durch  Darlehen,  zusammen  bis  Mitte  1862
mit  5*472,000  Rthlr.,  unterstützt.)
Militär.  A.  Angeworbene  Truppen  [Värjvade)  ]  meistentheils  auf  6
(mindestens  auf  3,  höchstens  auf  12  Jahre)  geworben.
2  Garde-Infant.-Reg.  (zu  2  Bataill.  à  4  Comp.),  1  Jägerreg.  [Wärmland,
6  Comp.),  1  Leibgarde-Reg.  zu  Pferde  (4  Escadr.),  1  Ilusarenreg.  (6  Escadr.),
3  Artillerie-Reg.  mit  10  reitenden  Batterien,  6  fahrenden  und  1  Fussbatterie.
B.  Eingetheilte  Truppen  [Indelta).  Sie  erhalten  theils  von  Grundbesitzern, ­
  theils  aus  bestimmten  Staatsgütern,  ausser  ihrem  torp  (Wohnhaus ­
  und  Acker),  einen  jährl.  Lohn  in  Geld  oder  Naturalien  ;  dagegen
nur  im  Dienste  Sold.  Während  4  Wochen  werden  sie  alljährlich  zu
Uebungen  vereinigt.  Die  Dienstpflicht  hört  erst  mit  der  Dienstfähigkeit
auf.  —  C.  Miliz  von  Gothland;  21  Compagnien,  zum  stehenden  Heere
gerechnet,  doch  nur  auf  der  Insel  zum  Dienste  verpflichtet.  —  D,  Conscriptionstruppen
  [Beväring,  eine  Art  Landwehr,  da  diese  Truppen  zunächst ­
  nur  in  der  Waflenführung  unterwiesen  ,  dann  für  gewöhnliche
Zeiten  entlassen  werden).  Seit  1812  ist  jeder  Sehwede  vom  20.  —  25.
Altersjahre  dienstpflichtig.  (1852  betrug  die  Aushebung  18,882  M.,
von  denen  1632  Ersatzleute  stellten.)  —  Stärke  ohne  Offleiere  u.  Spielleute ­
  (nach  dem  Goth.  Alm.)  :
Infanterie  :  Garde  1800,  Linie  (Indelta;  24,000,  Miliz  von
Gothland  8,500,  Landwehr  íBeváring)  70,050,  zu«.  .  105,250

Cavallerie:  Garde  450,  Linie  4450,  I.andwehr  3760  =  .  .  8,660
Artillerie:  Linie  3350,  Landwehr  1700  =  (mit  176  Kan.)  5,050
Genie  1180.  —  Train  4667  =  5,847

Zu«.  (30,807  Garde  u.  Unie,  84,010  I^andw.)  124,807
Eine  Aufstellung  von  1863  ergibt  (einschl.  Offleiere  etc.)  120,128  M.,
worunter  32,864  geworbene  u.  In  deltatruppen  u.  77,012  M.  Landwehr
in  5  Classen.  —  Die  seit  1861  (nach  engl.  Vorbild)  geschaffenen  »Freiwilligen ­
  Schützencorps  «  zur  Vertheidigung  des  Landes  zählten  Ende
1863  15,768  M.  in  125  Corj)S.  während  von  8  Corps  noch  die  Angaben ­
  fehlten.
Festungen.  An  den  Küsten:  Marstrand  mit  Karlsten,  Göteborg
mit  Elfsborg,  Karlskrona  mit  Kungsholm  und  Drottingkär,  Stockholm
mit  Waxholm  und  Frederiksborg.  Im  Innern  besonders  Karlsborg.
Geschichtliche  Notiz*).  1782  zählte  das  Heer  18,388  M.,  wovon
1800  M.  Garde,  und  31  andere  Infanterie-  und  14  Cavallerie-Regim.
Marine.  Die  Schiffsliste  von  Ende  1863  zählt  auf;
2  Schraubcnlinienschiffe  von  74  und  70  Kanon,  und  200  und  160  Pferdekraft,
1  Schraubenfregatte  von  22  Kan.  und  400  Pferdekraft,
5  Dampf-Corvetten  von  10  und  6  Kan.  u.  60  bi«  200  Pferdekraft,
6  Schraubenkanonenboote  von  2  Kan.  und  60Pferdekraft,
10  Schrauben-Schaluppen.  —  Zusammen  24  Dampfer  mit  212  Kan.

•)  Nach  den  schwed.  Kriegsrollen  bei  Wieselgren,  de  la  Gardiska  Archivet,
  bestand  das  Heer  Gustav  Adolph’s  in  der  Schlacht  bei  Lützen  aus  13,882  M
Fussvolk  und  6810  Reitern.
        <pb n="406" />
        348

SCHWEDEN.  -  Sociales.

Dazu:  28  grosse  Segelschiffe,  mit  527  Kan.  ;  darunter:  5  Liniensch.  von
(52—72  Kan.,  3  Fregatten  von  32—36,  4  Corvetten  von  12  u.  14,  3  Briggs
13  Kanonen-Schooner;  ’
Endlich  die  Sehe  er  en-(Kuder-)  Flotte,  171  Fahrzeuge  mit  250  Kan.  —  Ueberdies
  noch  Transport-  und  andere  kl.  Fahrzeuge.
Darnach  ergibt  sich  eine  Flotte  von  223  Schiffen  mit  9S9  Kanonen.
  —  Indess  würde  es  sehr  fehlgegriffen  sein,  blos  nach  dieser  Grösse
der  Zahl  zu  urtheilen.  So  ist  die  ganze  Segelflotte  alt:  unter  den  Linienschiffen ­
  zählt  das  neueste  40,  das  älteste  S3  Jahre.  Mehre  der  Linienschiffe ­
  haben  sich  seit  20  Jahren  nicht  in  See  befunden,  und  alle
sind  baufällig  (der  S0jährige  »Manligheten«  in  dem  Grade,  dass  er  zum
Abbrechen  verurtheilt  worden  ist).  Fregatten  sind  5  im  Alter  von  35
—  20  vorhanden,  davon  dürfte  nur  die  jüngste  seetüchtig  sein.  Auch
die  kleineren  Segel-Fahrzeuge  sind  fast  alle  dienstunfähig  geworden.
Die  25  Jahre  alten  Segelschiffe  »Stockholm«  und  »Karl  XIV.  Johann«
sind,  ohne  sie  zu  verlängern,  in  Schraubenschiffe  umgewandelt,  und  mit
Maschinen  von  160  und  200  Pferdekraft  versehen  worden.  Das  einzige
wirklich  dienstfähige  Dampfschiff  ist  die  Fregatte  Wan  a  dis  «  von  20
gewöhnlichen  u.  2  ganz  schweren  Kanonen  und  400  Pferdekraft.
Im  Bau  begriffen:  1  kl.  Schraubenfreg.  ,  4  Sehr.-Kanonenboote,  1  sonst.
Schraubenschift  u.  2Käderdampfsch.  —  Die  Segelttotte  zählte  1855  28(5  Fahrzeuge, ­
  worunter  11  Liniensch.  und  8  F  reg.  Die  Mannschaftszahl  ward  damals
zu  14,950  angegeben.
Sociales.  Es  gibt  vier  wesentlich  verschiedene  Stände  :  1  der  Adel,
ist  äusserst  bevorzugt  ;  vor  einigen  Jahren  berechnete  man  :  von  den
2805  Adeligen  im  Mannesalter  haben  340  Civilämter,  870  Officiers-  und
90  Marinestellen  im  Besitze  (nichtadelige  Offleiere  gibt  es  nur  710);
ausserdem  bekleidet  der  Adel  alle  Hofämter  (nur  in  der  Geistlichkeit
sind  fast  alle,  in  der  Justiz  die  meisten  Stellen  mit  Bürgerlichen  besetzt)  ;
das  gesammte  Vermögen  der  2400  Adelsfamilien  wird  auf  71  Mill.Rthlr.
berechnet  ;  Vs  des  Areals  von  Schweden  befindet  sich  in  deren  Besitz  ;
dennoch  verarmt  der  Adel,  und  wird  von  den  Bürgerlichen  überholt  ;  er
sinkt  um  so  mehr,  seit  .Jedermann  Güter  mit  Adelsvorrechten  erwerben
kann.  —  2)  Oeistbchkeit,  gleichfalls  sehr  mächtig.  —  3)  Bürger:  83
Städte  senden  Reichstagsmänner.  —  4)  Dauern  :  sie  müssen  %  der
Staatslasten  tragen,  das  Provincialheer  (Indelta)  unterhalten,  und  die
Strassen  bauen  ;  die  Gutszertrümmerung  ist  erschwert,  und  es  bestehen
viele  Feudallasten  *).
Die  Volkszählung  von  1855  ergab,  verglichen  mit  der  von  1805
und  1830  ;

*1  Ein  schwedisches  Blatt  äusserte  :  Unsere  Standesunterschiede  machen
den  Bauer,  wenigstens  den  nichtreichen,  zu  einem  Paria.  Ein  ärgeres  Schimpfwort ­
  als  «Bauer«  kennt  der  Schwede  nicht.  Er  wird  von  Jedermann  mit  einem
verächtlichen  Du  angeredet,  und  er  selbst  hält  Jedermann  für  berechtigt  dazu.
Der  stolze,  schwedische  Adel,  so  stolz  wie  in  keinem  I.ande,  hält  den  Bauer
nicht  höher,  als  man  im  Mittelalter  die  Leibeigenen  hielt.  Neun  Zehntel  der
Volkszahl  Schwedens  bestehen  aus  Bauern,  und  diesen  ist  nicht  ein  Viertel  der
gesetzgebenden  Macht  zugefallen  Die  Stimmenzahl  der  anderen  Stände  auf  dem
Reichstage  ist  dreimal  grösser,  und  sonach  sind  die  Bauern  niemals  im  Stande,
irgend  etwas  selbständig  durchzusetzen,  und  werden  bei  allen  Gelegenheiten
überstimmt.  Daher  denn  auch  die  gesteigerte  Anzahl  der  Auswanderungen.
        <pb n="407" />
        SCHWEDEN.  -  Sociales.

385

Kitterstand  .  .
Priesterstand.  .
Kürgerstand  .  .
Bauernstand  .  .
Standespersonen.
Auslänuer  u.  Isrealiten
  .  .  .
Alle  Andern  .  .
Zus.

Familien-  Gesammte  Personenzahl  des  Standes  Hepräsentirt
haupter  iggg  1830  1805
l,66ö  11,742  10,458  9,503  50  Vertreter
2,232  15,362  14,153  15,145  60
13,366  81,408  66,693  65,411  60
394,610  2’378,267  2'168,915  1*759,038  100
11,361  79,441  70,091  69,348  ohne  alle
298  1,866  1,972  —  ebenso
168,770  1*071,246  555,800  494,327  ebenso
592,303  3*639,332  2*888,082  2*412,772

Es  kommt  also  je  ein  Vertreter:  beim  Adel  auf  33  Familienhäupter, ­
  bei  der  Geistlichkeit  auf  37,  beim  Bürgerstande  auf  222,  beiden
Bauern  auf  3946.  Dabei  bildet  jeder  der  4  Stände  eine  getrennt  von  den
andern  berathende  und  beschliessende  Kammer.  Die  mannichfachen  Bestrebungen, ­
  eine  Aenderung  zu  bewirken,  haben  bis  jetzt  sämmtlich  noch
nicht  zum  Ziele  geführt.  —  Bemerkenswerth  ist  die  Zunahme  der  Angehörigen ­
  des  Bürger-  und  Bauernstandes,  dann  der  von  jeder  Vertretung ­
  ausgeschlossenen  »  Standespersonen  «  und  »aller  Andern«  [alla  '*
andra)  seit  1830.

Unterricht.  Von  den  Kindern  zwischen  8  und  15  Jahren  besuchten
185.)  71  1  roc.  die  Schulen.  Es  bestanden  13  Eehrerseminare,  wovon
3  für  trauen.  Die  Zahl  des  fest  angestellten  Lehrerpersonals  betrug
1856  :  2065  ,  die  des  ambulanten  Lehrerpers.  889.  Die  Ersten  unterrichteten ­
  159,745,  die  Letzten  146,483  Kinder  (1847  waren  die  betr.
Zahlen  99,343  und  91,964)  ;  es  besuchten  8,82  Proc.  der  Bevölkerung
die  Schulen,  dabei:  Universitätsstudenten  1885.  Die  Zahl  der  Aerzte
betrug  1860  in  dem  ausgedehnten  Lande  nur  477  =  1  auf  7813  Einw.,
und  sie  bekleideten  meistens  noch  besondere  Civil-  oder  Militärfunctionen. ­
  --  Die  Zahl  der  unterstützten  Armen  war  3,9  %  der  Bevölkerung,
was  eine  kleine  Zunahme  gegen  früher  andeutet.  —  Die  Menge  der
schweren  Verbrechen  hat  von  1852—57  um  mehr  als  40  Proc.  abgenommen, ­
  und  die  der  Sträflinge  um  30  Proc.  Dieses  Ergebniss  coincidirt
  mit  der  Abschaffung  der  entehrenden  Leibesstrafen.
Leider  bildet  die  Branntweinbrennerei  noch  immer  einen  der
Richtigsten  Industriezweige.  Früher  galt  dieselbe  als  Privilegium
er  Grundeigenthümer.  Die  Gesetzgebung  von  1855  und  57  hob  dieses
orrecht  auf,  erhöhte  aber  die  Auflage  auf  Branntwein.  Das  Ergebniss
war,  dass  die  Zahl  der  Brennereien  in  den  Jahren  1852—59  von  35,842
erzeugte  Quantität  von  30—10  Mill.  Kannen  auf
1J  /0o,000  (von  916,000  Hectol.  auf  358,000)  sank.

1*870,368  Skcppund  Eisenerz  gebrobei
  welchen  77^,000  Sk  epp.  Koheisen
spn  a  wurden,  und  von  1309  Eisenhämmern  wurden  843,051  Skepp.  Stabeiusgeschmiedet.
  Die  Fabrikation  von  Eisenwaaren  und  Stahl  betrug  140,751
toi.  21.1,.D8  Tonnen.  Die  Zahl  sämmtlicher  bei  den  Bergwerken  beschäftigrbeiter
  betrug  20,384,  worunter  bei  Eisenwerken  allein  10,395.
Aach  einer  Liste  der  Production  im  J.  1863  waren  10*542,329  Cntr.  Eisen-Kolb,
  SUtiitik.  4.  Au«.  25
        <pb n="408" />
        386

SCHWEDEN.  —  Sociales.

wurde  in  299  Etablissements  betrieben,  mit  einer  Production  von  549,339  Cntr.,
worunter  149,271  Cntr.  Stahl.  Die  gesummte  Eisenausfuhr  betrug  2’351,040  Cntr.,
die  Consumtion  im  Lande  ward  zu  1’560,325  Cntr.  berechnet.  —  Production
anderer  Metalle;  44,449  Cntr.  Garkupfer,  503  Nickel,  3044  Messing,  7251  verarbeitetes ­
  Kupfer,  11,252  Blei,  212,500  Zink,  1236  Cobalt,  1200  Siangan,  6668
Schwefel.  —  Bei  der  Minenausbeute  waren  22,297  Menschen  und  50  Dampfmaschinen ­
  beschäftigt,  von  den  letzten  32  in  den  Gruben,  4  in  den  Hochöfen  und
14  in  den  Hüttenwerken.
In  früherer  Zeit  bildete  das  Eisen  den  wichtigsten  Ausfuhrartikel;  1780
exportirte  man  für  3—4  Mill.  Species  Eisen  und  Stahl  ;  dann  kamen  die  Fischwaaren
  mit  600,000,  die  Holzwaaren  mit  400,000,  Kupfer  mit  300,000  und  Messing ­
  mit  200,000  Species.  Getreide  erzeugte  das  T.and  nicht  genug  für  den  eigenen ­
  Bedarf.  Später  erlangten  die  Holzwaaren  eine  grössere  Bedeutung,  und
noch  viel  später,  neml.  seit  1850,  begann  das  Getreide  mit  jenen  Exportartikeln
zu  concurriren.  Eine  auf  die  6  Jahre  1853—59  ausgedehnte  Erhebung  deutet
eine  durchschnittl.  Jahresausfuhr  von  einer  Mill.  Tonnen  (fast  1'650,000  Hectoliter) ­
  an.  1859  bildeten  Holzwaaren  den  ersten  Ausfuhrartikel,  Getreide  den
zweiten,  Eisen  erst  den  dritten.  —  Im  J.  1860  hob  sich  die  Ausfuhr  von  Stangeneisen ­
  auf  2'296,181,  und  die  von  Stahl  auf  170,321  Cntr.  ;  aber  es  stieg  auch
die  von  unvermahlenem  Getreide  auf  10’849,506  Cubikfuss.
Unter  den  Einfuhrartikeln  nennen  wir,  nach  den  lüsten  von  1860  :  Baumwolle ­
  19’226,177  Pfd.,  Baumwollgewebe  852,578,  Wolle  2’548'205,  Wollgewebe
870,831,  Kaffe  15'155,804,  Thee  95,887,  Rohzucker  3’671,000,  Tabaksblätter
4’040,647  Pfd.,  Steinkohlen  11’791,612  Kubikfuss.
Eine  besondere  Beachtung  verdient  die  Steinkohleneinfuhr.  Im  J.  1834
betrug  dieselbe  erst  92,060  Tonnen,  1860  dagegen  (nachdem  der  Einfuhrzoll
abgeschafft  war)  1'871,683  Tonnen.  Damit  ist  die  Zunahme  der  Industrie  angedeutet. ­

Die  Zahl  der  Fabriken  und  Manufacturen  und  der  Geldwerth  ihrer  Erzeugnisse ­
  war  :

1830  1857
1840  2176
1850  2513
1860  2509
1861  2604

13’174,705  Thlr.  schw.
21’199,576  -
37’091,523  -
69’109,220  -
74’606,857  -

1861  waren  die  bedeutendsten  Fabrikzweige: ­
  20  mechan.  Baumwollspinnereien ­
  mit  13’345,157  Rthlr.  Production,
11  Zuckerraffinerien  mit  12’576,786,
105  Tuch-etc.  Fabriken  mit  10’173,294,
25  Baumwollen-  und  Linnenfabr.  mit
5’525,842,  101  Tabaksfabr.  5’023,855.
1859  1860  1861  1862
74’241,000  82,409,000  100,070,000  «8’2'.0,000
78’007,000  80,190,000  81’08&amp;gt;,000  80’638,O0O

Frankr.
1’845,000
9'801,000

Handel.  1852  1856  1857
Einfuhr  29’Ü49,Ü00  70,.003,000  00^800,000
Ausfuhr  27’608,000  61’022,000  02’289,000
Der  stärkste  Verkehr  fand  statt  mit
Grosibritanien  Lübeck  Dänemark  Norwegen*
Einfuhr  19’814,000  26’30l,000  8’201,000  5’784,000
Ausfuhr  39’519,000  4’310,000  7'739,000  2’253,000
Hafenverkehr  1862.  Beladen  eingelaufen  5454  Sch.  von  270,538  Lasten  (zu
2  engl.  Tonnen,  also  40,64  Zollcentn.)  ;  beladen  ausgelaufen  7316  Schiffe  von
557,493  Last.
Rhederei:  1830  1841  Fahrzeuge  von  72,074  Lasten  ;  dann  Steigen,  1859
3364  Schiffe  von  157,456  L.,  hierauf,  unter  einzelnen  Schwankungen,  Rückgang, ­
  1862  auf  3108  Fahrzeuge  von  148,837  Last.  Dabei  ist  aber  die  Zahl  der
Dampfschiffe  1862  auf  228  mit  8806  Pferdekr.  gestiegen,  was  diese  Verminderung ­
  ausgleicht.  —  Zahl  der  Seeleute  ungef.  13,000.
Kanäle  und  kanalisirte  Flüsse  (ausser  den  grossen  I&amp;gt;andseen)  :  55  schwed.
=  80  deutsche  Meil.  Die  Schifffahrt  ist  jedoch  in  der  Regel  5  Monate  im  Jahre
durch  den  Frost  unterbrochen.  Von  1840—60  hat  der  Staat  für  Kanalanlagen
2'778,114,  für  Kanalisirung  von  Flüssen  803,347,  und  für  Hafenanlagen  3’106,782
Rthlr.  verwendet.
Gewöhnliche  Kunststrassen  (1860)  :  2960  schwed.  =  4264  deutsche  Meilen.

')  Auf  dem  Landwege  betrug  die  Einf.  nur  505,000,  die  Ausf.  208,000  Th.
        <pb n="409" />
        25*

NORWEGEN.  —  Land  und  Leute.

387

JEisenbahnen,  1.  Dec.  lSG4f  855  Kilometer  =115  deutsche  Meil.  (Ende
1861  53  schwed.  =  76  deutsche  Meil.,  davon  etwa  16  schw.  Meil.  Privat-,  das
Uebrige  Staatsbahn.  Die  Kosten  der  letzten  beliefen  sich  damals  durchschn.
auf  800,000  Kthlr.  für  die  schwed.  Meile.  Die  Staatsbahnen  hatten  1863:
2’889j760  Rthlr.  Einn.,  1'981,000  Betriebsausgabe,  somit  908,760  Rthlr.  Reinertrag. ­

Telegraphie  :  Mitte  I860  hatten  die  Linien  eine  Länge  von  663  deutschen
Meilen.  Stationen  gab  es  67.
Post.  1859  befördert  6’457,227  Briefe.  Taxe  12  Ore  =  1*/,  Sot.
Münze,  Maasse.  Die  Verordnung  v.  3.  Febr.  1855  bestimmt  als  Rechnungseinheit ­
  y*  Rthlr.  Silber,  entsprechend  einem  Reichsthaler  Reichsschuld  oder
32  Schilling  Beo.  ;  sie  wird  Riksdaler  Riksmynt  genannt  und  R;dr  R:mt  geschrieben; ­
  Silberwerth  (nur)  11  Sgr.  5,4  Pf.  —  Der  Fuss  (fot)  =  0,946
S reuss.  Fuss  oder  29,69  Centimeter.  Die  schwed.  Meile  hat  10,688  Meter  (die
eutsche  7420)  ;  die  sch^-ed.  Quadratmeile  ist  =  2,08  deutsche.  —  Die  Kanne
—  2,2858  preuss.  Quart  oder  2,6172  Liter.  —  Die  Tonne  Getreidemaass  ä  63
Kannen)  =  164,88  Liter.  —  100  Pfund  schwed.  [Avs)  —  85,06  Zollpfund.  Das
Skeppund  (Schiffspfund)  Roheisengewicht  =  558  schwed.  Pfd.,  das  Skepp.
Rerggewicht  =  332  schw.  Pfd.
Auswärtige  Besitzung:  Die  westindische  Insel  St.  Barthélémy,  nicht
ganz  I  Q.-M.  gross,  mit  2800  Menschen.

\orwpgen  (Königreich).
Areal  2114  schwed.  oder  5800  deutsche  Q.-Meil.  Bevölkerung
1855:  r490,786  (davon  in  der  ganzen  Nordhälfte  des  grossen  Landes
nur  128,795,  nemlich  in  Nordland  auf  688  deutschen  Q.-Meil.  nur
74,140,  in  Finnmarken  auf  1285  deutschen  Q.-M.  sogar  nur  54,655.
Durchschnittl.  Bevölkerung  auf  die  d.  Q.-M.  247.  —  Männlich:  729,905,
weiblich:  760,142.  Von  der  gesummten  Einwohnerzahl  kamen  nur
197,815  auf  die  Städtebevölk.  —  Bis  1864  dürfte  die  Bevölkerung,  ungeachtet ­
  zahlreicher  Auswanderungen,  auf  etwa  1’680,000  gestiegen  sein.
Nationalitäten.  Neben  den  (germanischen)  Norwegern  etwa  16,000
Finnen  und  Lappen,  worunter  1945  Nomaden;  sodann  5992  Kwänen
und  739  Zigeuner  (Fantefölger  oder  Tatere).  Sodann  gemischte  Racen:
1116  Norweger  und  Kwänen,  830  Norweger  und  Finnen,  450  Kwänen
und  Finnen.
Confession.  Die  lutherische  allein  herrschend  (230  Mormonen).
,  Auswanderung.  In  den  5  Jahren  1846  —  50  wanderten  aus:  10,799,
in  den  weitem  5  Jahren  1851—55  mindestens  15,000;  1857  allein
schätzte  man  die  Zahl  der  Auswanderer  auf  10,000.
Frühere  Volkszahl.  1783  blosse  Schätzung  725,000;  dann:
1815  1825  1835  1845
886,431  1'651,318  1'194,812  1'328,471
Städte  (1855):  Christiania  38,958,  Bergen  25,797,  Trondhiem
16,012,  Stavanger  11,717,  Drammen  9916,  Christiansand  9521,  Frederickshall
  7408  Einw.
Herrschaftswechsel.  Norwegen,  früher  selbständig,  ward  1387  dänisches ­
  Besitzthum.  Als  Dänemark  durch  den  Kieler  Frieden  vom  14.  Jan.
1814  das  Land  an  Schweden  abtrat,  Hessen  sich  die  Norweger  nicht  in
solcher  Weise  verhandeln.  Sie  gaben  sich,  17.  Mai  1814,  zu  Eidsvold,
        <pb n="410" />
        388

NORWEGEN.  —  Finanzen.

eine  freie  Verfassung.  Nach  einigen  Kämpfen  mit  den  schwedischen
Truppen  kam  es  zu  einem  Vertrage,  dessen  Hauptergebniss  die  modificirte
  Verfassung  vom  4.  Nov.  1814  ist,  derzufolge  Norwegen  ein  freies,
selbständiges,  untheilbares  und  unabhängiges  Reich  bildet,  und  zu  Schweden ­
  in  keinerlei  Unterthänigkeit  steht,  obwol  es  denselben  König  hat.
Finanzen.  Das  Budget  für  die  3  Jahre  vom  1.  Juli  1863  bis  dahin
1866  schliesst  in  Einnahme  und  Ausgabe  mit  14’310,000  Speciesthaler,
somit  für  jedes  einzelne  Jahr  mit  4’7  7  0,000  ab,  und  zwar:
Einnahmen:  Zölle  2’850,0üü,  Branntweinsteuer  51ü,O0Ü.  Malzsteuer
250,000,  Post  321,500,  Stempelpapier  08,000,  Telegr.  00,800,  Ertrag  der  Staatsanstalten ­
  und  Activen  102,000,  nicht  liquidirte  Renten  108,575,  indirecte  Auflagen ­
  105,200,  Bergwerke  99,000,  Verschiedenes  175,425
Ausgaben:  Hof  99,000,  Storthing  83,933,  Staatsrath  und  Centralverwaltungen ­
  183,2/4,  Ministerium  des  Auswärtigen  112,902,  des  Kriegs  1’005  480
der  Marine  1’041,541  (davon  aber  nur  434,333  für  Kriegsschiffe,  dagegen  007,208
für  l  ost,  lelegr.,  Dampfschifflinien  u.  Navigationsschulen),  der  Justiz  307,181,
des  Cultus  154,552,  des  Innern  391,420,  der  Finanzen  802,212;  —  Staatsschuld
401,312  ;  Unvorhergesehenes  04,181.
Schuld.  Ende  1863  8  522,000  Speciesthaler,  wogegen  die  verwerthbaren
  Activa  4’245,000  betrugen,  ungerechnet  850,000  Speciesthaler
Betriebsfond  des  Kongsborger  Silberbergwerks  etc.  Im  Aug.  1863  ward
zu  Hamburg  eine  neue  norwcg.  Staatsanleihe  auf  den  Markt  gebracht,
deren  Ertrag  oben  wol  nicht  vollständig  eingerechnet  ist.  Ende  185o’
als  die  Schuld  erst  7’651,800  Species  betrug,  bestand  dieselbe  aus  folgenden ­
  Theilen  :

Rest  der  alten  Innern  Schuld  1’990  000
Anlehen  von  1851,  zur  Begründung  der  Hypothekenbank  .  .  .  982  800
Eisenbahnanlehen  von  1848  zu  4,  und  von  1858  zu  4‘,'*  %,  Rest  .  .  4'073¡000

1*inanzgeschichthches■  Als  Norwegen  sich  von  Dänemark  trennte,
war  es  vollständig  ausgesaugt  ;  Silbergeld  fast  nirgends  mehr  ,  dagegen
das  Land  mit  25  Mill.  Papiergeld  überschwemmt.  Der  Unabhängigkeitskrieg ­
  hatte  überdies  die  Ausgabe  von  weitern  14  Mill.  Thlr.  Zetteln
nothwendig  gemacht,  denn  das  Land  bekam  nirgends  Darlehen.  Zudem
bestimmte  der  Kieler  Tractat,  dass  Norwegen  2’4ü0,000  Thlr.  in  Silber
(Species)  von  der  dänischen  Schuld  übernehmen  müsse.  Als  Unterpfand
für  alle  diese  Schuldposten  hatte  man  nur  den  Werth  des  Staats-Grundeigenthums ­
  mit  4%  Mill.  Species.  Der  Curs  des  Papiergeldes  sank  immer ­
  tiefer.  Der  nach  der  neuen  Verfassung  factisch  regierende  Bauernstand ­
  umfasste  zwar  keine  »  ausgezeichnete  Finanzbeamte,  «  dagegen
viele  praktische  Männer.  Um  die  Einlösung  des  Papiergeldes  jederzeit
zu  sichern,  auferlegte  sich  die  arme  Nation  ein  Zwangs  a  nleh  en  von
2  Mill.  Spec.  Diese  Summe  bildete  den  Grundstock  für  eine  neue  Bank,
welche  für  4  Mill.  Thlr.  stets  einlösbare  Bankzettel  emittirte.  Die  ganze
Masse  des  alten  Papiergeldes  sollte  eingezogen  werden  und  es  sollten
dabei  10  Reichsbankthaler  Zettel  für  1  Thlr.  Spec,  der  neuen  Bank  gelten. ­
  Das  Ziel  ward  erreicht.  Im  J.  1823  war  die  Staatsschuld  bereits
auf  5’820,0ü0,  1842  auf  2  820,000  Spec,  herabgebracht,  und  gegen
Ende  der  40er  Jahre  schon  so  gut  wie  vollständig  getilgt,  ja  der  Staat  besass
  überdiess  gegen  11  Mill,  an  Activen.  —  Die  Staatseinkünfte  stiegen
(und  zwar  unter  Verminderung  der  Steuersätze)  ,  von  nicht  einmal
V/i  Mill,  im  J.  1815,  auf  mehr  als  3%  im  J.  1842,  und  über  4%  Mill.
        <pb n="411" />
        NORWEGEN.  —  Militär.  Sociales.

389

1858.  —  Der  Storthing  benützte  die  (durch  die  demokratischen  Einrichtungen ­
  herbeigeführte)  glückliche  Lage  der  Staatscasse  theils  zu  Verbesserungen, ­
  theils  zur  Verminderung  der  Volkslasten.  Ungeachtet  des
Widerstandes  der  Regierung,  konnten  allmählig  alle  directen  Steuern
(seit  1836  auch  die  Grundsteuer)  abgeschaflFt  werden.  In  späterer  Zeit
wurden  wieder  Anlehen  contrahirt,  aber  wesentlich  für  productive
Zwecke,  für  Einrichtung  einer  ganz  Norwegen  verbindenden  Dampfschifffahrt ­
  (bis  zum  höchsten  Norden),  Anlegung  von  Häfen,  von  Kunststrassen ­
  ,  Erbauung  von  Leuchtthürmen,  Eisenbahnen,  Gründung  einer
Hypothekenbank  u.  dgl.  Besonders  beachtenswerth  ist  der  steigende
Ertrag  der  Zölle,  durch  welche  weitaus  der  grösste  Theil  des  Staatsbedarfs ­
  gedeckt  wird.  Im  Budget  für  1818  zu  680,000  Spec,  veranschlagt,
ergab  sich  eine  wirkl.  Einnahme  von  860,000,  und  im  nächsten  Jahre
von  1’059,000.  1830  war  der  wirkl.  Ertrag  1’311,000,  1839  1’830,000,
1850  2’197,000,  1859  2  656,000.
Militär.  Die  Truppen  sind  theils  geworben,  theils  ausgehoben.
Jeder  Norweger  ist  dienstpflichtig.  Die  Ausgehobenen  kehren  nach  einiger ­
  Zeit  in  ihre  Heimath  zurück,  obwol  die  Dienstpffichtigkeit  bei  der
Infanterie  5  ,  bei  der  Cavallerie  und  Artillerie  6  Jahre  dauert.  Hiebei
ist  die  Zeit  der  Reservepflichtigkeit  eingerechnet.  Activ  sind,  einschliesslich ­
  der  Cadres  und  der  zu  unterrichtenden  Recruten,  durchschnittlich ­
  höchstens  7200  M.  Die  ausgediente  Mannschaft  gehört  noch
3  Jahre  lang  zur  Landwehr.  Wer  nicht  in  der  Linie  dient,  wird  bei  der
Landwehr  einexerciert.  —  Stand  1854  23,484  Mann,  nemlich  :

Zmi'e.'Infanterie,  22  Bataill.  *)  15,9781
Cavallerie,  ä  Jägercorps  1,382&amp;gt;  19,511
Artillerie,  1  Reg.  .  .  2,151  j
Landwehr  (organisirte)  •  15,604

Zusammen  .‘15,115
Der  König  darf  eine  Garde  von  norwegischen  Freiwilligen  halten,
und  Behufs  der  Waffenübungen  3000  M.  alljährlich  aus  einem  Reiche
in  das  andere  bringen.  Sonst  darf  kein  schwedischer  Soldat  in  Norwegen ­
  und  kein  norwegischer  ;n  Schweden  stationirt  sein.  —  Es  bestehen
108  freiwillige  Schützenvereine,  zus.  mit  7600  Mitgliedern.
Festungen  (meist  unbedeutend)  :  Frederiksstad  mit  Frederikshald,
Aggershuus  bei  Christiania,  Forts  bei  Christianssand,  Bergen,  Drontheim.
Marine.  Norwegen  besitzt  2  Schraubenfregatten  von  56  und  26
Kanonen  und  500  resp.  300  Pferdekraft,  3  Schraubencorvetten,  zus.  mit
36,  und  6  Dampfkanonenboote  und  3  Schleppdampfer,  zus.  14  Dampfer
mit  133  Kan.  Ausserdem  eine  Anzahl  Fahrzeuge  nach  dem  älteren  Systeme, ­
  worunter  2  Fregatten;  diese  Schiflfe  meistens  sehr  alt.  Als  seedienstpflichtig
  sind  46,000  Mann  zwischen  dem  30.  und  60.  Altersjahre ­
  in  die  Marineliste  eingetragen.
Sociales.  Alle  Norweger  sind  vor  dem  Gesetze  gleich  ;  Adel  existirt
verfassungsmässig  nicht  mehr.  Das  Gesetz  vom  1.  August  1821  bestimmte ­
  ,  dass  die  Steuerfreiheit  mit  dem  Tode  der  damaligen  Lehenbe-*)
  Ein  eigenthümliches  Corps  bilden  die  sog.  SkirlUhere  oder  Schlittschuhläufer ­
  ;  es  sind  mehre  Companien  leichter  Infanterie,  mit  Büchse  und  einem
8  Fuss  langen  Stock  zur  Erleichterung  des  Laufens  armirt.
        <pb n="412" />
        390

NORWEGEN.  —  Sociales.

sitzer,  die  übrigen  Vorrechte  aber  mit  dem  Tode  der  damals  geborenen
Adeligen  aufliören  sollten.  Nur  15  Geschlechter,  von  denen  überdies
seitdem  ein  Theil  ausgestorben,  nahmen  die  nach  dem  Gesetze  von  1824
zulässigen  Vorrechte,  blos  in  der  Führung  eines  adeligen  Namens  und
Wappens  bestehend,  in  Anspruch.—  Das  Storthing  schaffte  1839  auch
die  Zünfte  ab.
Norwegen  zeigt,  ebenso  wie  die  Schweiz,  was  ein  Land  durch
zweckmässige  volksthümliche  (demokratische)  Einrichtungen  werden
kann.  Der  Roden  ist  bekanntlich  sehr  wenig  fruchtbar.  Das  jährlich  in
Anbau  gebrachte  Ackerland  wird  auf  418,000  Tonnen  oder  norwegische
Morgen  geschätzt,  d.  h.  auf  nur  ungefähr  29  geogr.  Q.-Meil.  Das  gesammte
  urbare  Ackerland  beträgt  beiläufig  das  Vierfache  dieser  Summe,
also  noch  nicht  120  Q.-M.  von  5800!  Die  Getreideproduction  ist  bei
weitem  unzureichend;  in  gewöhnlichen  Jahren  müssen  800,000,  in
schlimmen  selbst  1’200,000  Tonnen  Getreide  eingeführt  werden.  Dabei
besteht  die  im  Inlande  gewonnene  Frucht  mehr  als  zur  Hälfte  blos  aus
Hafer.  —  Es  fehlt  an  Gewerbsindustrie  ;  es  mangeln  die  Arbeiter  dazu,
es  mangeln  die  Capitalien;  es  fehlt  an  Strassen  in  dem  von  Natur  unwegsamen ­
  und  dünn  bevölkerten  Lande.  So  sind  denn  die  Norweger
vorzugsweise  auf  Seefahrt  und  Fischfang  hingewiesen.  Die  ärmliche
Lebensweise  aber  hat  die  hässliche  Krankheit  des  Aussatzes  {Lepra^
Elephantiasis  orienta  Hs)  und  im  Norden  den  Scorbut  zur  Folge.
Als  Norwegen  1811  die  Selbständigkeit  erlangte,  war  sein  Zustand
in  jeder  Hinsicht  äusserst  traurig.  Jetzt  bietet  sich  ein  ungleich  günstigeres ­
  Bild  dar.  Die  »Bauernherrschaft«  des  Storthings  versäumte  es  nicht,
das  materielle  Wohl,  ja  sogar  Kunst  und  Wissenschaft  zu  fördern.  —
Die  Theilbarkeit  der  grossen  Güter  ist  auch  in  Norwegen  eingeführt,
und  hat  auch  hier  ihre  heilsamen  Wirkungen  erprobt.  Schon  1821  erliess
  der  Storthing  ein  Gesetz  über  Erbtheilung  der  Aecker.  Auch  die
ungetheilten  Gemeindegüter  sollten  freies  Brivateigenthum  werden.  Der
Staat  selbst  parcellirtc  und  verwandelte  seine  verpachteten  Güter  in  freies
Eigenthum,  wodurch  die  Zahl  der  Grundbesitzer  ansehnlich  vermehrt
^ya^d.  In  den  Jahren  1822—38  wurden  auf  solche  Weise  3112  parcellirte
  Bauerngüter  verkauft.  In  den  Jahren  1825—35  vergrösserte  sich
die  Zahl  der  Grundbesitzer  von  90,385  auf  105,000.  IJer  Grundwerth
aber,  1802  auf  25%  Mill.  Spec,  geschätzt,  war  schon  1839  auf  04  Mill,
gestiegen.  —  Nicht  minder  hebt  sich  die  für  Norwegen  besonders  wichtige ­
  Schifffahrt.  Im  Jahre  1809  bcsass  das  Land  1363  Fahrzeuge  von
54.000  Commerzlasten  (zu  2  engl.  Tonnen);  1837  2373  Schiffe  von
80.000  Lasten,  mit  einer  Bemannung  von  12,400  Seeleuten;  1845
4061  Schiffe  zu  123,328;  1853  4893  Schiffe  zu  174,945,  1859  5278
Fahrzeuge  von  203,041  u.  1861  5493  von  276,077  Lasten  mit  33,953
Seeleuten,  die  zu  den  besten  in  der  Welt  gehören.  Ila/enverkehr  1861:
eingelaufen  11,473  Schiffe  von  583,949  Last  (wovon  aber  393,919
Ballast),  ausgelaufen  10,994  von  529,634  Last  (wov.  111,376  Ballast).
—  Den  geistigen  Fortschritt  bezeichnet  die  Zunahme  der  Buchdruckereien. ­
  Im  Jahre  1807  bcsass  das  Land  deren  blos  4;  1845
bereits  37.  Zu  jener  Zeit  erschienen  nur  4  dürftige  Wochenblätter,  in
dieser  23  Zeitungen  und  13  Zeitschriften.  Selbst  bis  Tromsoe  und  Ham-
        <pb n="413" />
        í

Berner

SPANIEN.  —  Land  und  Leute.

391

merfest,  den  äussersten  der  Finnmarken,  ist  die  Druckerpresse  gedrungen. ­
  In  den  meisten  Städten  bestehen  Mittel-  und  höhere  Gemeindeschulen, ­
  in  denen  der  Unterricht  unentgeltlich  ertheilt  wird.
Die  Zustände  Norwegens  werden,  sowol  was  Einfachheit,  als  was
unmittelbar  solid  -  praktische  Richtung  betrifft,  denen  in  der  Schweiz
vielfach  ähnlich  gefunden.
Handel  18(50  (neuere  Angaben  fehlen):  Einfuhr  fur  1do9/,75U
Species,  Ausfuhr  10’742,217.  .
Telegraphen.  Schon  1857  269  deutsche  Meilen  Drähte  39  Stationen,  von
denen  jedoch  nur  23  das  ganze  Jahr  über  offen,  und  141,858  Telegramme  mit
Münze.  Species&amp;amp;aler,  9‘/*  auf  die  feine  Köln.  Mark,  also  =  1  Thlr.
6  Pf  preuss.  Unterabtheilung  in  120  Schill.  11,829  norweg.  Species  =  4,,316
schwed.  Rthlr.  —  Maasse  und  Gewicht  sind  die  dänischen.

Spanien  (Königreich).
Land  und  Leute.*)  Spanien  umfasst  1(5,356  Q.-Leguas  oder  9200
deutsche  Q.-Meil.  ,  wovon  15,966  Q.-Leg.  =  8981  d.  auf  das
Festland  kommen.  Die  Gesammtbevölkerung  betrug^nach  der  letzten
Berichtigung  der  Aufnahmelisten  im  Jahre  1860  15’673,536  (die  unten
folgende  Specialliste  ergibt  55  weniger.  Das  Anuario  erwähnt,  dass
diese  Aenderung  Folge  einer  Berichtigung  ist).  Von  der  Gesammtzahl
waren  7’765,508  männl.  ,  7’907,973  weibl.  (darunter  51  Männer  und
168  Frauen  von  mehr  als  100  Jahren).  Das  Land  ist  in  49  Provinzen
getheilt  (Wir  setzen  nachstehend  die  Namen  der  alten  Landschaften  in
Parenthesen  voran.)  Die  Zahl  der  Gemeinden  (Ayuntamiendos  )  beträgt ­

  9370.
Provinzen
[Keu-Castüien  :)
1.  Madrid  .  .  .
2.  Toledo  .  .
:5.  Guadalajara  .
4.  Cuenca  .  .  .
Mancha:)
5.  Ciudad-Real  .
'Alt-Castilicn  :)
(5.  Burgos  .  .  .
7.  Logroño  .  '  .
8.  Santander  .  .
9.  Sória  .  .  .
10.  Segó  via  .  .  .
11.  Avila  .  .  .

Q.-M.  Bev.  1860  '

141
263
229
316

489,332
323,782
204,(526
229,514

368  247,991

266
91
99
180
128
140

337,132
175,111
219,9(56
149,.549
146,292
168,773

Provinzen
12.  Paléncia
13.  Valladolid  .
Leon  ;)
14.  Leon  .  .
15.  Zamora  .  .
16.  Salamanca  .
[Anturien  :)
17.  Oviedo  .  .
{(ializien:)
18.  Coruña  .  .
;  19  Lugo  .  .
20.  Orense  .  .
1  21.  Pontevedra.

ft.-M.
147
143

290
194
232

Bev.1860
185,955
246,981
340,244
248,502
262,383

192  540,586

145
178
129
82

557,311
432,516
369,138
446,259

*)  Hauptquellen:  Anuario  extadistico  de  España,  publt^do  por
'erner  (obgleich  dem  wesentl.  Theile  nach  bereits  nicht  mehr  neu)  die  bei
Folianten  :  Censo  de  la  Población  de  España,  según  el  recuento  rerÿkWo
I  de  mayo  de  1857,  und  Nomenclátor  de  los  Pueblos  ^  Es^na  beide  beitof
  Comisión  de  Estadística  aeneral  del  Iteino.  Madrid,  Imprenta
        <pb n="414" />
        392

SPANIEN.  —  Land  und  Leute.

22
23.
24.
25.
26.
27.
28.
29.
30.
31.
32.
33.
34.
35.
36.

Provinzen
(Estremadura
Bajadoz  .  .
Cáceres  .  .
(Andalusien  :)
Sevilla  .
Cádix
Huelva  .
Córdoba
Jaén  .  .
Granada.
Almería  .
Málaga  .
(Múrela  ;)
Murcia  .
(Valencia  ;
Albacete
Valencia
Alicante.
Castellón

Q.-M.  Bev.  1860

408
377
249
132
194
244
243
232
155
133

403,735
293,672
473,920
391,305
176,626
358,657
362,466
441,404
315,450
446,659

210  382,812

281
204
99
115

206,099
617,977
390,565
267,134

37.
38.
39.
40.
41.
42.
43.
44.
45.
46.
47.
48.
49.

Provinzen
(Aragonien
Zaragoza
Huesca  .
Teruel  .
(Catalonien
Barcelona
Tarragona
liérida  .
Gerona  .
(liaskische  Ih-ov.
Navarra  .  .  .
Vizcaya  .  .  .
Guipúzcoa  .  .
Álava  .  .  .
Inseln  :)
Baleáres  *)  .  .
Canarias**)

Q.-M.  Bev.  1860

311
276
258
140
115
224
107
190
40
34
57
87
132

390,551
263,230
237,276
726,267
321,888
314,531
311,158
299,654
168,705
162,547
97,934
269,818
237,036

Taubstumme  9860.  —  Blinde  17,3
Bewegung  der  Bevölkerung

79.

Zusammen***)  9,200  15’673,481

Geburten

1858
1859
1860
1861

ehelich
■  516,118
525,243
541,231
577,484

unehelich
30,040
31,080
32,222
34,125

zusammen
546,158
556,323
573,453
611,609

Sterbfälle
433,931
449,037
428,967
417,786

Heirathen
113,443
112,903
126,496
130,731

Offenbar  sind  die  Kegister  in  der  letzten  Zeit  mit’stcigender  Genauigkeit
gegebenen  Ländern.
♦u  katholische  herrschend;  man  schätzt  die  Zahl  der  Akathohken
  (wol  viel  zu  hoch)  auf  etwa  120,000.
Volksstamme.  Die  eigentlichen  Spanier  sind  ein  Gemisch  der  früher  hier
wohnenden  Völker  (Gelten,  Hörner,  Alanen,  Gothen,  Sueven,  Vandalen,
Mauren,  Araber  ;  das  maurisch-arabische  Element  besonders  in  Andalusien ­
  vorwaltend).  Ausser  ihnen  etwa  %  Mill.  Basken,  00,000  Medejares
  (Moriskos,  Abkömmlinge  der  Mauren)  in  den  Thälern  der  Sierra
Nevada  und  in  den  Apuljaren;  dann  etwa  1000  deutsche  Colonisten  in
der  Sierra  Morena;  15,000  Zigeuner  und  eine  kleine  Anzahl  Juden  Bei
der  Aufnahme  von  1800  wurden  20,917  ansässige  Fremde  gezählt  und
13,995,  die  sich  blos  vorübergehend  im  Lande  aufhielten.
Frühere  Bevölkerungsaufnahmen  (höchst  ungenau)  •
n/wi  1COO  f,/.-  -.-r  I  /./»  ®  *  ,*
Aach  ofne.  Angaben  hat  die  Cholera
in  den  Jahren  1855  u.  56  in  Spanien
829,189  Personen  befallen  und  davon
236,744  weggerafft.

1723  7’625,000
1768  9’309,814
1787  10’409,879
1797  lü’541,221

1822  11'661,865
1832  11'158,274
1846  12'162,872
1857  15'464,340

o-  (^Gr  Aufnahme  von  1857  hatten  :  Mallorca  203,941  Einw.
3d,10^9,  Ibiza  22,17^  tormentera  l,62o,  Cabrera  52.
I.anzarote
***)
die  Spanier  in  Tetuan  mit  14,950  Menschen.

Menorca
        <pb n="415" />
        SPANIEN.  —  Land  und  Leute.

393

Die  älteren  Angaben  sind  durchgehends  unzuverlässig.  Die  erste  Zählung
ist  die  von  17S7  ;  die  Angaben  von  1797  u.  1S22  sind  bloss  Schätzungen.  Die
erste  genauere  Zählung  ist  die  von  1S57  ;  noch  verlässiger  die  von  lS(iU.

Städte.  Die  Provinzialhauptstädte

Madrid  .  .  .
Barcelona  .  .
Sevilla  .  .
Valencia  .  .
Málaga  .  .  .
Cadix  .  .  .
Granada  .  .
Zaragoza  .  .
Palma  Balear.)
Valladolid  .  .
Córdoba  .
Coruña  .  .
Murcia  .  .  .
Santander  .  .
Burgos  .  .  .
Almería  .  .  .
Pamplona  .  .

281,170
178,025
112,159
106,4.35
92,611
63,513
63,113
58,978
42,910
41,913
36,501
27,354
26,888
24.702
24,327
23,018
22.702

Badajoz  .
Alicante  .
Jaén  .  ,
liérida  .
Castellón
Tarragona
Bilbao
Toledo  .
Vitoria  .
Salamanca
Cáceres  .
Oviedo  .
Gerona  .
Zamora  .
Palencia  .
Albacete.

zählten  1857  Einw.:

22,195
20,342
19,738
19,581
19,297
18,023
17,649
15,797
15,569
15,203
14,795
14,156
13,959
12,881
12,881
11,860

Santa  Cruz  ffenerifa)
  .  .  .
Logroño  .  .  .
Segovia  .  .  .
Huesca  .  .  .
Leon  .  .  .  .
San  Sebastian  .
Ciudad-Beal  .
Teruel  .  .  .
Huelva  .  .  .
Lugo  .  .  .  .
Cuenca  .  .  .
Orense  .  .
Pontevedra  .  .
Guadalajara
Cávila  .  .  .
Soria  ....

10,834
10,466
10,339
9,874
9,603
9,484
8,951
8,830
8,423
8,246
7,284
6,872
6,623
6,533
6,419
5,191

Die  übrigen  bedeutendem  Städte  sind:  Jerez  de  la  Frontera  mit  38,898
Einw.,  Réus  28,171,  Antequera  27,201,  Santiago  26,938,  Tortosa  24,977,  Ecija
23,508,  Cartagena  22,106,  Alcov  21,901.  —  3  Städte  zählen  zwischen  19  und
20.000  Bew.  :  Honda,  Lorca  u.  Puerto  de  Santa  Maria;  —  3  weitere  mehr  als
18.000  :  San  Fernando,  Sanlúcar  u.  Tarragona;  —  2  über  17,000:  Ferrol  und
Gracia  ;  —  2  über  16,000  :  Alicante  u.  Ubeda;  —  4  über  15,000  :  Mataré,  Játiva,
Manresa  u.  Osuna;  —  5  zwischen  14—15,000:  Don  Benito,  Lucena,  Algeciras,
Alcira,  Igualada;  —  4  zw.  13—14,000:  Sebadell,  Vieh,  Mahon,  Baéza;  —  9
zw.  12—13,000:  Moron,  Gerona,  Molinos,  Andujar,  Las  Palmas,  Vélez-Málaga,
Daimiel,  Utrea,  Marchena;  —  7  zw.  11—12,000  :  Loja,  Yecla,  Martos,  Baena,
Villanueva  y  Getrú,  Sueca,  Cabra;  —  16  zw.  10—11,000:  Montro,  Montril,
Valdepeñas,  Aranjuez,  Béjar,  Aguilar,  Linares,  Manacor,  Gijon,  Figueras,
Flehe,  Lebrija,  Arcos  de  la  Frontera,  Manzanares,  Almagro,  Guadix.

Spanien  besitzt  sonach  weit  weniger  grosse  Städte  als  andere  Länder; ­
  nur  4  haben  über  100,000Einw.,  blos  4  zwischen  50  u.  100,000,
0  zwischen  25  u.  50,000.  (Zur  Maurenzeit  sollen  Sevilla  u.  Granada
400,000,  Córdoba  300,000,  Toledo  200,000  Einw.  gezählt  haben.)  —
Die  Bevölkerung  Madrids  ward  1  SOI  (sammt  Bannmeile)  zu  314,061
angegeben.

Geschichtliche  Notizen.  Es  ist  allerdings  ganz  unerweisbar,  dass
die  Pyrenäische  Halbinsel  zur  Römerzeit  40  Mill.  Bewohner  zählte;
gleichwol  lässt  sich  annehmen,  dass  sie  deren  zur  Araberzeit  mehr  als
20  Mill,  umfasste.  Da  erfolgten  nacheinander  die  Vertreibung  von
2  Mill.  Mauren,  von  800,000  Juden,  und  von  mindestens  600,000
Mauresken.  Mehr  als  die  Kriege,  mehr  als  die  Colonisirung  Amerika’s,
trug  der  Alles  niederdrückende  geistliche  und  weltliche  Despotismus
zur  Entvölkerung  des  Landes  bei  (gerade  diejenigen  Provinzen,  aus
denen  die  grösste  Menschenzahl  nach  Amerika  auswanderte  ,  entvölkerten ­
  sich  noch  am  wenigsten).  —  Die  span.  Regierung  erkaufte  den
Basler  Frieden,  1795,  von  der  französ.  Republik  um  den  Preis  ihres
Antheils  an  St.  Domingo  ;  den  Frieden  von  Amiens,  1802,  erlangte  sie
durch  Abtretung  von  Trinidad.  1801  erhielt  Spanien  die  Festung  Olivença
  von  Portugal.  Gegen  Erhebung  des  Erbprinzen  von  Parma,  eines
        <pb n="416" />
        394

SPANIEN.  —  Finanzen  (Budget).

spanischen  Infanten,  auf  den  Königsthron  von  Hetrurien,  trat  sodann
die  Königsfamilie  (das  nicht  ihr,  sondern  dem  Staate  gehörende!)
Louisiana  ebenfalls  an  Frankreich  ab,  welches  Land  nun  Napoleon
seinerseits  um  60  Mill.  Frkn.  an  die  Vereinigten  Staaten  verkaufte  !
Während  des  blutigen  Unabhängigkeitskrieges  schüttelten  sämmtliche
spanische  Besitzungen  auf  dem  amerikanischen  Festlande  die  Fremdherrschaft ­
  ab.  (Bis  zum  Jahre  IS08  hatten  die  spanischen  Colonien  über
310,000  Q.-M.  mit  ungefähr  18  Mill.  Menschen  umfasst.  Es  gehörten
dazu  :  Mexico  ,  mit  Texas  und  Californien  ;  das  ganze  Festland  von
Mittelamerika;  Neu-Granada,  Venezuela,  Bolivia,  Peru,  Chile  und  die
argentinischen  Gebiete.)
Finanzen.  Wie  in  den  meisten  Staaten,  deren  Einkünfte  nicht  ausreichen ­
  ,  hat  man  ein  ordentliches  und  daneben  ein  ausserordentliches
Budget.  Der  Entwurf  des  Budgets  für  18'*^^,  wie  derselbe  den
Cortes  vorgelegt  wurde,  ergibt  im  ordentlichen  und  ausserordentlichen
Etat  die  hohe  Gesammtsumme  von  2626  Mill.  Realen.  Der  Entwurf
des  Budgets  für  18®%*  hatte  die  gewöhnl.  Einn.  mit  2,108’638,000,
die  ausserordentl.  mit  420’170,348  Realen  aufgeführt.  Da  uns  kein
neueres  Budget  vollständig  vorliegt,  und  auch  die  Aufstellungen  in  den
Veröffentlichungen  der  statistischen  Commission,  abgesehen  davon,  dass
sie  ebenfalls  nicht  die  neuesten  Etats  bringen,  auch  noch  unvollständig
sind,  so  ziehen  wir  es  vor,  einfach  die  Ergebnisse  eines  früheren  Budgets
folgen  zu  lassen,  wobei  wir  nur  bemerken,  dass  im  Etatsjahre  1  b^Ve«
der  Bedarf  für  den  Hof  52’350,000,  für  die  Staatsschuld  338'08l,006,
für  das  Landheer  331’017,497  und  für  die  Marine  94’612,213  Realen
betrug.

I.  Ordentliches  Budget  für  1861.
Einnahmen  1,938’1)80,0Ü0  Realen,  neml.  :
1.  Directe  Steuern:  Grundsteuer  (erst  seit  1845  eingeführt)  400  Mill.,  Gewerbst.
  71’,  Enregistrement  u.  Hypotheken  34’,  Bergwerksabgaben  ö’OlO.OOO,
Verschied.  10’800,090;  zus.  520’S70,000.
2.  Indirecte  Abgaben  :  Zoll  245’,  Consumtionsabgabe  177’,  Verschiedenes
40’203,000;  zus.  4()2’203,000.
3.  Monopolen.  Staatsanstalten:  Stempel  101’800,000,  Tabak  300’*),  Salz
120  ,  Pulver  21’,  Lotterie  142’,  Münzanstalt  7’852,000,  Post  u.  Telegr.  9’852  000
Versch.  5’460,000;  zus.  714’024,000.
,  ^  Staatsbergwerke  42’250,000,  Staatsgüter  3’175,000,  Renten
der  Geistlichkeit  49’250,000,  Versch.  7’902,000,  zus.  102’583  000
Philippin“Z:'ll9?o“  »’■

Ansyahcn  1,932’474,305  Realen,  neml.  :
der  Justiz  15  041,10/  Leibrenten  etc.  144’130,000  (Pensionen  10’020,415,  Quie.s-^iarine-Iiivaliden
  49’090,000),  Verschiedenes
.io  025,193;  zus.  5/9o24,o24.
B  Ministerien:  Rath.spräsidentschaft  430,000,  »Statistik«  11’371,949,
Staatsministerium  10  093,820,  Gnaden-  u.  Justizmin.  203’985,724  (dabei:  Gerichtshöfe ­
  2S’045,500.  jährl.  Statistik  343,000,  Weltklerus  111’215,587  Kosten

•)  Im  J.  1850  war  die  wirkl.  Einnahme  vom  Tabaksmonopol  erst  176  Mill.,
1850  223,  1859  274,  1801  311%  Mill.  *
        <pb n="417" />
        SPANIEN.  —  Finanzen  (Budget).

395

des  Cullus  45*792,343,  Ordensklerus  14*687,576),  Kriegs-  und  Colonialminist.
368*833,622  (Stab  12*016,180,  Armee  163*691,560,  Verwaltung  14*223,703,  Milit  -
Unterricht  4*128,287,  Nationalgarde  41*317,774,  Versch.  127*577,092;  Colonien
1*102,506),  Marine  114*381,268,  Minist,  des  Innern  97*190,520  ^dabei  Telegr.
12*081,120,  Post  31*639,600,  Nationaldruckerei  1*440,800),  Ministerium  des  Fomento ­
  (öffentl.  Arbeiten,  Landwirthschaft,  Handel  u.  öffentlichen  Unterricht)
88*047,527  (davon  :  Unterricht  24*648,970,  öffentl.  Arbeiten  47*661,290,  Landwirthsch.,
  Industrien.  Handel  8*233,970),  Finanzmin.  452*120,856  (dav.  Steuererhebungskosten ­
  315*800,059,  Lotteriegewinnste  u.  Steuerausfälle  105*778,163).
II.  Ausserordentliches  Budget.
Einnahmen:  Erlös  v.  verkauften  Nat.-Gütern  245*450,613,  Provinzialleistungen ­
  an  Eisenbahngesellschaften  20  Mill.,  Schatzscheine  162*884,000;  zus.
428*334,613  Beal.
Ausgaben  :  Aufwand  für  Verkauf  der  Nationalgüter  5*417,500,  Amortisation
der  Schuld  23  Mill.,  Herstellung  von  Gerichtsgebäuden  700,000,  Unterhalt  der
Kirchen,  Klöster  u.  Paläste  8*200,000,  Kriegsmaterial  64*000,004,  Marinematerial ­
  100  Mill.,  Gefängnisse  9*500,000,  Telegraphen  12*237,638,  öffentl.  Arbeiten,
Strassen  u.  Häfen  168*700,000,  Gebäude  der  Finanzverwaltung  4  Mill.,  Unterstützung ­
  V.  Eisenbahngesellschaften  32*579,475;  zus.  428,334,613  Realen.
Im  Ganzen  ergibt  sich  ein  Bedarf  v.  2,360’S08,918,  und  dagegen
eine  Einn.  von  nur  1,958*680,000,  somit  ein  Deficit  von  402  128,918
Real.,  wenn  wir  nemlich  die  Schatzscheine  und  die  Staatsgüterverkäufe
ausser  Ansatz  lassen.  —  Es  erfordern  :
das  Kriegswesen  (einschl.  Invaliden)  696*304,894R.  =  35,55  %  der  Einkünfte,
die  Schuld  (einschl.  Cirilpensionen)  405*641,197  -  =  20,71  -  -
Diese  2  Posten  zus.  1,101*946,091  R.  =  56,26  %  der  Einkünfte.
Unverkennbar  hat  Spanien  in  der  Neuzeit  einen  bedeutenden  Aufschwung ­
  erlangt,  und  die  Einkünfte  steigen  in  Folge  dessen  sehr  ansehnlich. ­
  Aber  der  Bedarf  wächst  ebenfalls,  und  ohne  den  hohen  Ertrag, ­
  den  die  Veräusserung  der  Nationalgüter  seit  einer  Reihe  von  Jahren
liefert,  würde  man  nicht  ausgekommen  sein.  Indess  schwindet  die  Masse
dieser  Güter  immer  mehr  und  es  steigert  sich  die  Summe  der  Verpflichtungen, ­
  welche  der  Staat  dagegen  übernehmen  muss  (z.  B.  für  die  Gemeinden, ­
  deren  Grundeigenthum  ebenfalls  zum  Nutzen  der  Staatscasse
veräussert  wird,  wogegen  dieselbe  Rentenscheine  in  entsprechendem
Betrage  ausgibt  !  )  Dabei  ist  fortwährend  der  wirkliche  Aufwand  weit
höher  als  der  Voranschlag.  So  hatte  man  in  Mill.  Realen  :
1851  1852  1853  1854  1855
Wirkl.  Bedarf  1527*  1480  1542  1760  ca.  1700*
Ausgabebudget  1449*  1328  1426  1586  1498*
Ueberschreitung  78*  152  116  174  ca.  200*
Im  Budget  für  1856  erschienen  allerdings  1471  Mill.  Einnahme
und  nur  1470  ordentliche,  dann  aber  noch  weiter  370  Mill,  ausserordentliche ­
  Ausgaben.  Da  man  indess  damals  das  Desamortisationsgesetz ­
  suspendirte  und  die  Repartitionssteuer  {derrama)  abschaffte,  so  ward
das  Deficit  noch  weit  grösser.  Die  ordentlichen  Budgets  schliessen,
seitdem  immer  mehr  steigend,  folgendermasen  ab  ;
1857  1858  1859  I860
Einnahme  1,562*631,400  1,775*155,393  1,794*731,800  1,892*344,000
Ausgabe  1,682*441,030  1,775*155,393  1,789*926,041  1,877*369,825
Als  im  Spätjahre  1859  die  ausserordentlichen  Ausgaben  für  den
Krieg  gegen  Marokko  begannen,  schritt  man  zu  neuen  Auflagen.  Die
        <pb n="418" />
        396

SPANIEN.  —  Finanzen  'Frühere  Einkünfte).

Steuern,  welche  den  Grundbesitz  belasteten,  wurden  auf  das  bewegliche
Eigenthum  ausgedehnt,  die  Consumtionsabgaben  erhöht,  ebenso  die
Stempelgebühr  ;  zugleich  erfasst  die  letzte  nunmehr  auch  die  Actien  und
Schuldscheine  der  industriellen  Gesellschaften;  ebenso  unterliegen  die
Privatschuldscheine  von  mehr  als  300  Realen  (etwas  über  21  Thlr.  !)
und  die  Wechsel  einer  schweren  Abgabe.  Auch  seitdem  schritt  man
wiederholt  zur  Erhöhung  der  Auflagen  ;  so  ward  die  Grundsteuer  erhöht, ­
  ebenso  die  Consumtionsabgaben,  die  Auflagen  auf  die  Eisenbahnfahrbillette ­
  u.  dgl.
Provinzial-  unà  Gemeindebudgets.  Im  Jahr  I860  betrugen  die  besonders ­
  aufzubringenden  Ausgaben  der  Provinzen  1  79’460,740  ,  die  der
Gemeinden  aber  311  095,9  10  Realen.
Zahl  der  Beamten.  Ende  1861  standen  im  activen  Staatsdienst
65,790  Individuen  mit  438’442,393  Realen  Besoldung.  Pensionäre  des
Staats  zählte  man  nicht  weniger  als  49,657  mit  147’698,306  R.  (darunter
6433  Ordensgeistliche,  deren  Klöster  aufgehoben  mit  H’333,754,  und
20,692  Militäre  mit  53  057,455  Realen).  Sodann  bezogen  7821  Angestellte ­
  26’317,248  Realen  aus  den  Provinzial-,  und  76,005  Angestellte
124’342,831  Realen  aus  den  Gemeindecassen.
Frühere  Einkünfte.  Ungeachtet  des  natürlichen  Reichthums  des
Landes,  und  ungeachtet  des  300jährigen  Besitzes  der  Gold-  und  Silberminen ­
  Peru’s  und  Mexico’s,  befanden  sich  die  Finanzen  Spaniens  schon
im  vorigen  Jahrhundert  in  zerrüttetem  Zustande.  Während  des  Unabhängigkeitskrieges ­
  hörte  jede  Ordnung  in  der  Finanzverwaltung  auf.
Aber  auch  nach  Jahren  war  solche  nicht  hergestellt.  1817  betrugen  die
Einkünfte,  mit  Einrechnung  des  Ertrages  der  Colonien,  620  Mill.  Realen; ­
  man  hatte  dabei  ein  Deficit  von  200  Mill.  Das  Missverhältniss
stieg,  als  man  endlich  auch  an  Verzinsung  der  seit  1808  gar  nicht  mehr
beachteten  Staatsschuld  dachte,  indess  die  amerikanischen  Besitzungen
sich  vollständig  losrissen.  Die  Cortes  wagten  keine  durchgreifenden  Reformen. ­
  Halbheit  war  ihre  Sache.  Daher  schien  es  ihnen  allzukühn,  der
Geistlichkeit  den  ganzen  Zehnten  zu  entziehen;  nur  die  Hälfte  des
Zehnls  ward  aufgehoben  (auf  4  00  Mill.  Real,  geschätzt).  Damit  hatten
sic  sich  die  Möglichkeit  der  Einführung  einer  ausreichenden  directen,  insbesondere ­
  einer  ergiebigen  Grundsteuer  abgeschnitten.  So  gelangte  man
denn  in  der  constitutioneilen  Periode  zu  folgenden  Budgetabschlüssen:
Bedarf  Deficit
1820  :  702’802,;i04  172  Mill.  Real.
1821  :  75(i’214,217  87  -  -
1822  :  664'813,314  102  -
Der  im  nächstfolgenden  Jahre  ausgebrochene  Krieg  schwellte  den
Ausgabenetat  auf  861’59  1,646  Realen  an,  indess  die  Einnahme  nur  auf
550  Mill,  geschätzt  ward.  Erwies  sich  der  Constitutionalismus  unfähig, ­
  unter  ungewöhnlichen  Verhältnissen  Ordnung  in  den  Staatshaushalt ­
  zu  bringen,  so  war  der  Absolutismus  noch  unfähiger  dazu,  selbst  in
der  Zeit  der  ungestörtesten  Ruhe.  Mit  ihm  kam  die  masslose  Verschwendung ­
  wieder,  mit  ihm  kehrten  die  alten  Missbräuche  alle  zurück.
Da  der  volle  Zehnt  zu  Gunsten  der  Geistlichkeit  aufs  Neue  eingeführt
und  das  Volk  dadurch  empfindlich  gedrückt  ward,  so  vermochte  man
nicht  durch  Erhebung  neuer  Steuern  ein  Gleichgewicht  hersustellen.
        <pb n="419" />
        SPANIEN.  —  Finanzen  (Schuld).

397

Selbst  im  Jahre  1643,  also  etwa  20  Jahre  nach  WiederUfegründen  der
»Ruhe  und  Ordnung«,  war  man  nicht  weiter  gekommen,  als  dass  man
eine  Einnahme  von  677’709,985  neben  einemBedarfe  von  995’S1  4,698
Realen  aufführen  konnte.  Die  Noth  hat  seitdem  doch  zur  Erfassung  des
Eigenthums  der  Geistlichkeit  gedrängt,  ja  man  hat  sich  sogar  des  Grundeigenthums ­
  der  Gemeinden  zum  Vortheil  der  Staatscasse  bemächtigt
(siehe  unten,  Schuld).  Ein  Aufschwung  im  industriellen  Leben  ist  eingetreten ­
  ,  er  äussert  seine  Wirkungen  namentl.  auch  in  einem  Steigen
der  gewöhnl.  Einkünfte  des  Staates,  aber  doch  keineswegs  in  dem  nemlichen
  Maasse  wie  die  Bedürf^se  sich  vermehren.  (Das  Budget  des
Jahres  1845  stellte  einen  Bedarf  von  1185  Mill.  R.  auf,  —  etwa  die
Hälfte  des  jetzigen  Erfordernisses  !)  Mit  der  leicht  herbeigeführten  Einnahme ­
  durch  Veräusserung  aller  Güter  der  todten  Hand  gewöhnt  man
sich  nur  zu  sehr  an  Verschwendungen  und  Verschleuderungen  aller

Art  *).
Schuld.  Stand  der  consolidirten  Schuld  am  1.  Dec
Consolid.  5%  Rente  an  die  Ver.  Staaten
-  3%  ”

1863  :
12’ü00,000  R.

äussere  Schuld  1,051  112,000
_  _  -  innere  Schuld  3,988  188,426
Nicht  verkäufl.  Rente  der  Civilcorporationen  für  veräusserte
,  Grundstücke  21’728,770  =  Capital
Ditto  des  Clerus  17’044,029  =  Capital  noft
Differirte  3%  Rente,  auswärt.  Schuld
_  -  innere  -  ^
Amortisirbare  Schuld  erster  Classe
innere  Schuld  2ter  CI

851’534,432
769’498,170

äussere

Consolidirte  3  %  differirte  Schuld,  laut  eines  mit  Dänemark
abgeschlossenen  Vertrags
Schuld  für  öffentl.  Arbeiten  (mit  46*135,140  R.  Zinsen)

247*245,911
330*655,000
607*112,000

des  öffentl.  Schatzes
Convertirbare  :  consolidirte  3  %  Schuld  .  .  .
differirte  -  -  .  .  .
amortisirbare  Schuld  Ir  Classe
-  2r  -

13*000,000
773*854,000
576*261,850
63*504,973
312*057,611
428*493,205
510*811,612

Zusammen  (mit  358*460,512  R,  Zinslast)  15,500*355,439  R.
Dazu;  schwebende  Schuld,  Betrag  am  1.  Jan.  1864  1,854*834,659  -
Total  17,355*190,098  R.
Die  »differirte«  Schuld  wird  erst  allmählig  in  consolidirte  3%  verwandelt;
von  1851—55  ward  sie  nur  mit  1  %  verzinst,  von  1855—57  mit  1*/*,  1857  —  59
1%,  1859—61  1%,  1861-63  2,  1863-65  2'/.,  1865-67  2%,  1867  —  69  2%,
von  1869  an  3%.  Die  »passive«  oder  »amortisirbare«  Schuld  trägt  gar  keine
Zinsen  ;  dagegen  soll  alljährlich  ein  Capital  von  etwa  30  Mill,  zum  Ankauf  auf
dem  Wege  des  öffentlichen  Ausgebots  verwendet,  und  sonach  die  Schuldsumme
vermindert  werden.  —  In  Beziehung  auf  beide  letztgenannte  Schuldgattungen
haben  sich  Zwistigkeiten  zwischen  der  Regierung  und  den  Gläubigern  ergeben,
welche  dem  Curse  der  spanischen  Papiere  nachtheilig  sind.
Zur  SchuUlgeschichte.  Der  älteste  Theil  der  jetzigen  Schuld  geht
bis  zu  den  Zeiten  der  Eroberung  Granada’s  zurück.  Der  Erbfolgekrieg

*)  So  wurde  dem  Herzoge  von  Parma  durch  kön.  Decret  vom  Oct.  1860
eine  lebenslängliche  Rente  von  540,000  Realen  bewilligt.  —  Von  jeher  meinte
in  Spanien  jede  siegreiche  Partei  ihre  Genossen  durch  Anstellungen  und  Beförderungen ­
  belohnen  zu  sollen.  O’Donnell  erklärte  ganz  offen  in  den  Cortes,  dass
er  58  Brigadegeneräle  u.  s.  w.  blos  aus  politischen  Gründen  angestellt  habe
        <pb n="420" />
        398

SPANIEN.  —  Finanzen  (Schuldgeschichte).
vermehrte  die*ohnehin  schon  unter  Karl  V.  und  Philipp  II.  angehäuften
Passiva.  Beiiri  Tode  Philipp’s  V.  Avar  Spanien  mit  SOO  Mill.  Realen
belastet.  König  Ferdinand  legte  seinen  Käthen  die  Frage  vor:  ob  er
verpflichtet  sei,  dieselben  anzuerkennen  ;  seinem  Verlangen  gemäss  verneinten ­
  sie  die  Frage,  und  nun  Avar  des  Königs  Gewissen  beruhigt.
Karl  III.  hielt  sich  verpflichtet,  dieses  Unrecht  wieder  gut  zu  machen  •
von  1762  bis  79  erfolgten  einige  Abschlagszahlungen.  Allein  der  amerikanische ­
  Krieg  hatte  das  AusWeiben  der  Silberflotten  zur  Folge  und
von  1780  an  ward  das  Land  auch  noch  mit  800  Mill.  Papiergeld  ¡vales)
überschwemmt.  1796  sanken  die  Einkünfte  von  den  früheren  675  auf
478  Mill.  R.,  Avährend  sich  der  Bedarf  von  1117  auf  1442  vergrösserte.
Indessen  sollte  nach  den  spätem  Finanzplänen  die  ganze  Schuld  im  Jahre
1800  vollständig  abgetragen  sein.  Natürlich  ward  diese  Verheissung
nicht  erfüllt.  Als  Joseph  Napoleon  1808  den  span.  Thron  bestieg,  war
eine  Schuld  von  7200  Mill.  Aorhanden.  Das  Papiergeld,  schon  1806  auf
51  %  seines  NennAverthes  herabgegangen,  sank  1808  auf  28,  1809  auf
20  und  1811  auf  4  %  !  Von  1808—19  bekümmerte  man  sich  nicht  um
die  Schuld.  Bei  der  Restauration  Avar  dieselbe  auf  11,735  Mill,  angewachsen.
  Der  Unabhängigkeitskrieg  hatte  also  4500  Mill.  R.  gekostet.
Das  Papiergeld  stieg  wieder  um  44  %,  Ferdinand  VII.  verweigerte  ir;-dess
  jeder  neuen  Schuld  die  Anerkennung,  unbekümmert  darum,  dass
die  Cortes  1810  und  11  in  der  grössten  Noth  sogar  Privatgelder  Aveggenommen
  und  zur  Rettung  seines  Thrones  verAvendet  hatten!  Die  Cortes ­
  von  1820  fanden  eine  Schuldenmasse  von  14,361  Mill.  ZAvei  Drittheile
  der  Schuldurkunden  gehörten  aber  geistlichen  Corporationen,  deren
Aufhebung  beschlossen  ward.  Dadurch  verminderte  sich  die  Last  auf
4833,  oder  nach  anderer  Berechnung,  auf  5273  Mill.  Zur  Tilgung  besass
  man  Nationalgüter  im  Werthe  von  8633  Mill.  —  Nach  Wiederherstellung ­
  des  Absolutismus  verweigerte  König  Ferdinand  den  von  ihm
selbst  genehmigten  Cortesanlehen  die  Anerkennung,  obAvol  das  Geld
theilweise  für  seine  Civilliste  verwendet  worden  war.  Die  vier  Cortesanlehen ­
  beliefen  sich  auf  zwei  Milliarden,  wovon  allerdings  kaum  ein  Viertel ­
  in  die  Staatscasse  gelangt  war.  Der  König  erklärte  auch  die  Verkäufe ­
  der  Klostergüter  für  nichtig  ;  man  gab  den  Käufern  nicht  einmal
die  bezahlten  Beträge  zurück.  (Es  waren  25,177  Güter  verkauft  und
ZAvar  uni  1045  Mill.,  während  der  TaxAverth  nur  450  Mill,  betragen
hatte,  die  Avirklich  geleisteten  Zahlungen  beliefen  sich  auf  mehr  als  352
Mill.)  Nun  musste  Spanien  noch  eine  Kriegsentschädigung  an  Frankreich ­
  entrichten:  278  Mill  R.,  in  3%  Inscriptionen  in  das  »grosse
Buch«.  Aber  auch  England  erhob  Entschädigungsansprüche.  Um  dasselbe ­
  zu  befriedigen,  nahm  Spanien  zu  Paris  lOü  Mill.  Fres,  auf  im
Curse  von  —  50  Procent!  Trotz  seiner  Nichtanerkennung  der  Cortesanlehen ­
  vergrösserte  Ferdinand  die  Schuld  um  2181  Mill.  Der  neue  Erbfolgekrieg ­
  (für  Isabella)  kostete  gegen  4  Milliarden  !  Nach  der  Zeit  der
Juhrevolution  musste  man,  um  wieder  geliehen  zu  bekommen,  sich  bequemen, ­
  die  alten  Schulden  anzuerkennen.  Immer  wieder  ward  man
zum  Verkaufe  der  Geistlichengüter  gedrängt.  So  erfolgten  von  1836  bis
zum  October  1839  Veräusserungen  im  Betrage  von  mehr  als  1300  Mül.
Real.  ;  aber  Alles  reichte  nicht  aus.  Es  herrschte  sogar  formeU  die  äus-
        <pb n="421" />
        SPANIEN.  -  Militär.

399

serste  Verwirrung.  Keine  Berechnung  ergab  mit  den  andern  übereinstimmende ­
  Resultate.  Ein  Gesetz  von  1851  reducirte  die  höher  verzinsl.
Schuld  einseitig  auf  3  %  ;  die  längst  rückständigen  Zinsen  etc.  wurden
als  »  digerirte  »  Schuld  «  »  consolidirt  «  und  zunächst  mit  1  ‘4  %  verzinst
(siehe  oben).  Man  gab  1854  sogar  Schatzscheine  mit  Zwangscurs  aus.
Die  Noth  zwang  zum  Desamortisationgesetze  von  1855.  —  Der  Staat
verfügte  neuerdings  Einziehung  der  Güter  der  todten  Hand,  aber  nicht
Idos  jener  der  Geistlichkeit,  sondern  auch  der  der  Gemeinden,  Unterrichts- ­
  und  Wohlthätigkeitsanstalten.  Für  das  erlangte  Capital  werden
Staatsrenten  gegeben.  Die  vom  1.  Mai  1855  bis  dahin  1856  veräusserten
  Güter  ertrugen  eine  Milliarde,  und  noch  waren  fünfmal  so  viel  übrig,
als  die  Veräusserung  aufs  Neue  suspendirt  wurde.  Allein  der  Drang  der
Noth  war  so  augenscheinlich,  dass  endlich  im  Aug.  1859  ein  Vertrag
des  Staats  mit  dem  Papste  zu  Stande  kam,  wonach  selbst  das  Kirchenoberhaupt ­
  zustimmte  ,  der  Regierung  freie  Hand  zur  Veräusserung  von
Kirchengütern  zu  lassen.  Dieselben  werden  alle  verkauft,  ausgenommen
Kirchen  und  Pfarrhäuser  ;  der  Klerus  erhält  für  den  Erlös  unübertragbare ­
  3procentige  Renteninscriptionen.  Zur  Veräusserung  bestimmt  wurden ­
  darnach:
14.394  Güteru.  92,022ablösb.  Gültend.  Ordensgeistl.,geschätzt  560’57Ü,902  R.
140,317  -  -  105,579  -  -  -  Weltgeistlichk.  -  1,993*907,571  -
100,711  257,001  2,500*538,473
Vor  Erlassung  des  Desamortisirungsgesetzes  waren  im  Ganzen
.  3015*670,724  R.  aus  dieser  Quelle  in  die  Staascasse  geflossen,  neml.
275*317,381  von  Staats-,  629*646,300  v.  Geistlichen-,  1437*832,316
von  Gemeinde-,  3*099,202  von  Provincialgütem,  537*242,284  von  solchen ­
  derWohlthätigkeits-,  132*531,066  der  Unterrichtsanstalten  etc.—
Wie  weit  man  aber  überhaupt  in  der  Veräusserung  der  öffentl.  Güter  geht,
ergibt  sich  daraus,  dass  selbst  ein  Drittheil  der  Staats-  und  Gemeindewaldungen ­
  zum  Verkaufe  bestimmt  ist,  während  man  anderwärts  die  Erhaltung ­
  der  Wälder  für  eine  besondere  Aufgabe  des  Staates  ansieht.
(Ohnehin  wird  eine  Verschlimmerung  verschiedener  physischer  Zustände
des  Landes  wesentl.  der  Entwaldung  der  Berge  beigemessen.)  Auch  hat
man  kein  Bedenken  getragen,  sich  während  des  marokkanischen  Krieges ­
  der  Sparcassengelder  zu  bemächtigen.  —  Im  J.  1860  musste  Marokko ­
  den  Frieden  mit  einer  Gebietsabtretung  und  dem  Versprechen  der
Zahlung  von  39  Mill.  Piaster  Kriegsentschädigung  erkaufen.  In  den
letzten  Jahren  hat  Spanien  einige  alte  Forderungen  fremder  Mächte  bereinigt, ­
  namentl.  1860  47  Mill.  Realen  an  England  abgetragen,  welche
dieses  aus  der  Zeit  des  letzten  Erbfolgekriegs  (für  Isabella)  zu  beanspi^-chen
  hatte,  dann  sich  mit  Frankreich  unterm  15.  Febr.  1862  wegen
dessen  Forderung  von  1823  dahin  abgefunden,  dass  dasselbe  190  912,561
Realen  3proc.  Obligationen  erhielt  (im  Werthe  von  25  Mill.  Fres,  angenommen) ­
  ;  ausserdem  schlug  Spanien  seine  Gegenforderung  von  16
Mill.  Fres,  für  Confiscation  der  Prisen  nieder.
Militär.  Conscription.  Die  Dienstzeit  beträgt  bei  der  Infanterie
8  Jahre,  wovon  5  in  der  Linie  und  3  in  der  Provincialmiliz.  Die  Regierung ­
  besorgt  Stellvertreter;  die  Loskaufssumme  ward  im  Dec.  1859  auf
8000  R.  festgesetzt.  Anfangs  1859  zählte  man  16,888  Freiwillige  im
        <pb n="422" />
        400

SPANIEN.  —  Militär.

Heere.  Im  Mai  1859  ward  Anordnung  getroffen,  um  bis  zu  100,000
Mann  wirklich  ins  Feld  stellen  zu  können,  ungerechnet  40,000  in  den
Colonien.  In  wenigen  Monaten  folgten  zu  diesem  Behufe  1859  drei
Aushebungen,  zus.  von  100,000  Mann.  Auch  mobilisirte  man  während
des  marokkanischen  Krieges  00,000  Mann  Provincialmiliz.  —  In  den
10  Jahren  1852—01  wurden  270,239  M.  ausgehoben:  davon  kauften
sich  47,323  los.  Die  Zahl  der  frei  will.  Eintrite  oder  Wiedereintrite  betrug ­
  indess  nur  33,071.  (Im  J.  1861  zählte  man  6334  freiw.  Eintrite;
davon  5082  gegen  Einstandsgeld,  1252  ohne  solches).  Ende  1861  war
der  Staatsschatz  mit  75  082,415  R.  Capital  für  die  Einsteher  belastet.
Der  Formationsstand  war  anfangs  1862  :
Infanterie;  41  Linienreg.  zu  2  Bataill.  ;  20  Jägerbat.,  80  Bat.  Pro-  Mann
vincialmiliz,  zus.  70,484  im  activen  Dienst  u.  57,012  in  der  Reserve  =  128,000
Cavallerie:  4  Reg.  Cürassiere,  8  R.  I.anciers,  4  Reg.  Jäger,  3  R.
Husaren,  zu  4  Schwaur.  ;  dann  2  leichte  Jäger-Schwadr.  etc.  .  .  .  13,009
Artillerie;  5  Reg.  zu  Fuss,  5  Fijo-Bataill.  zu  Fuss,  5  Reg.  fahrende, ­
  1  Reg.  reit.,  1  Reg.  Gebirgsartill  12,329
Genie;  2  Reg.  von  2  Bataill  4,016
Hiezu:  Königl.  Hellebardiere  283,  Miliz  auf  den  canarischenInseln7320,
Gendarmerie  [yuardia  civil'j  9844,  Grenzwächter  [carabmieros)  Infant.  11,039,
Cavall.  1259,  Marinecarab.  004  ,  catalon.  Corps  500  etc.  Im  Ganzen  wird  ein
Militärstand  aufgeführt  von  230,300  M.  Doch  ist  dies  blos  die  Formationsstärke,
mit  Einrechnung  von  Miliz,  Gendarmerie  und  Zollwächtern;  bei  den  Fahnen
sind  etwa  100,000.  —Eine  nicht  unbedeutende  Militärmacht  befindet  sich  in
den  Colonien,  abgesehen  von  den  Truppen,  welche  zur  Unterwerfung  St.  Domingo’s ­
  abgesendet  wurden.  Auf  Cuba  standen  nach  den  officiellen  Eisten  am
31.  Dec.  1850  8  Reg.  Infant,  (zu  2  Bataill.),  3  Bataill.  Cazadoren  (Jäger),  2  R.
Cavall.,  1  Reg.  Fuss-  und  1  ditto  Gebirgsartillerie,  dann  noch  versch.  Specialcorps, ­
  zus.  23,920  M.  ;  gleichzeitig  3000  M.  bei  der  Marine  (32  Schifte  mit  308
Kan.)  —Auf  Puerto-Rico  hatte  Spanien  1800:  1  Reg.  Inf.,  1  Bat.  Cazad.,
1  Brigade  Artill.  etc.,  zus.  3393Mann.  —Auf  den  Philippinen  (1800:  10  R.
Infant.,  1  Cavall.,  2  Brigad.  Artill.,  zus.  10’923  M.  —  Dies  ergibt  38,245  M.
Festungen.  Spanien  besitzt  deren  viele  ;  die  bedeutendsten  sind  :
a)  am  biscayischen  Meere:  Fuentarabia,  San  Sebastian,  Santona,
Santander,  los  Passages,  Ferrol,  Coruna,  Vigo,  Toro  ;
b)  an  der  portugies.  Grenze:  Ciudad  Rodrigo,  Bajadoz,  Olivença;
c)  in  Andalusien  und  am  Mittelmeere:  Cádix,  Tarifa,  San  Rmpie
(gegen-Gibraltar),  Malaga,  Vélez-Málaga,  Alméria,  Cartagena,  Alicante,  Castell
von  Valencia,  Murviedro,  Tarragona,  Barcelona,  Rosas  ;
d)  gegen  Frankreich:  Figueras,  Urgel,  Puycerda,  Pampeluna,  Gerona,
Hostalrich,  Manresa,  Eerida,  Tortosa,  Mequinenza,  Zaragoza;
e)  auf  den  Inseln  und  in  Afrika:  Palma,  Port  Mahon,  Ceuta.
Marine.  Ende  1863:
a)  Schrauben-Dampf  ei-  ;  7  Panzer-Fregatten  von  30—10  Kan.,  11  Holzfregatten ­
  von  38—50,  5  Corvetten,  21  Schooner,  18  Kan.-Schaluppen,  S  Transportfahrzeuge, ­
  zus.  70  Schraubendampfer  mit  780  Kan.
b)  Riiderschiffe;  3  zu  16  Kanonen  u.  500  Pferdekr.  ;  —  8  zu  6  K.  u.  350  ;
—  1  zu  5  K.  ;  —  i  zu  4,  11  zu  2  K.  u.  230  ;  —  2  zu  1  K  u.  lOOPfkr.  ;  —  1  Transportschiff ­
  von  500  Pferdekr.,  zus.  26  mit  120  Kan.
c)  Segler;  2  Liniensch.  von  86  u.  84  Kan.  ;  —  1  Fregatte  v.  42;  —  8  Corvetten ­
  V.  12—30;  —  15  kleinere;  zus.  26  Segler  mit  376  Kan.
Total  123  Fahrzeuge  mit  1285  Geschützen  u.  un  gef.  22,000  Pferdekraft.
Die  Bemannung  ward  1861  angegeben  zu:  1121  üfficiere  ,  189  Rechnungsbeamte, ­
  93  Mechaniker,  12,986  Matrosen,  7980  Marinesoldaten,  539  M.  Arsenalwache. ­
  —  Ende  1861  waren  als  dienstpflichtig  in  den  Listen  der  Marineconscription
  89,831  M.  eingetragen,  von  denen  1  1,024  wirklich  eingereiht  waren,
78,807  aber  sich  ausser  Dienst  befanden  (meistens  auf  der  Handelsflotte).
        <pb n="423" />
        SPANIEN.  —  Sociales.

401

Kriegsgeschichtliches.  Nach  dem  Etat  von  1776  sollte  die  Landmacht ­
  132,730  M.  zählen;  der  wirkliche  Bestand  ward  indess  1783
nur  auf  60—70,000  geschätzt,  wozu  20,000  M.  Landmiliz  kamen.  Die
Marine  war  damals  noch  sehr  ansehnlich:  1782  rechnete  man  gegen
50  Linien-  und  70  sonstige  grössere  Schiffe  mit  5300  Kanonen  und
55,000  Seeleuten.  (Ueber  die  Schlacht  von  Trafalgar  siehe  S.  26  J  —
Leber  die  (fortwährend  ungemein  wechselnde)  Zahl  der  Kämpfer  gegen
Napoleon  fehlen  bestimmte  Anhaltspunkte.  Nach  dem  Kriege  waren  so
viele  Ofticiere  vorhanden,  dass  man  ein  Heer  von  anderthalb  Millionen
Soldaten  hätte  versehen  können,  darunter  700  Generale.  —  Im  Frühlinge
  1822,  als  der  Krieg  mit  Frankreich  drohte,  zählte  man  nur  48,681
Soldaten  (dagegen  waren  gleichzeitig  73,495  Geistliche  über  den  reichlich ­
  bemessenen  Bedarf  vorhanden  !).  Die  gegen  Spanien  ausgesendete
franz.  Expeditionsarmee  bestand  aus  etwa  80,000  Mann.  —  Als  der
sechsjährige  Kampf  zwischen  Cristinas  und  Carlisten  begann,  Ende  1835,
bestand  die  Macht  der  Letzten  aus  18,000  M.  Fussvolk,  800  Reitern,
17  bespannten  und  35  un  bespannten  Kanonen,  dann  3500  Freiwilligen
als  Reserve.  Die  Cristinos  besassen  eine  Streitmacht  von  nahezu  100,000
Mann.  Später  stieg  dieselbe  auf  fast  150,000;  die  Kräfte  der  Carlisten
aber  vermehrten  sich  in  Biscaya  und  Navarra  auf  40,000,  in  Aragonien
(unter  Cabrera)  und  Catalonien  auf  30,000.  Anfangs  1855  zählte  das
Heer  67,400  M.,  wobei  jedoch  8000  Gendarmen  eingerechnet  waren.
—  Der  Feldzug  gegen  Marokko,  1859,  erhöhte  das  Selbstvertrauen  der
Truppen,  dagegen  soll  der  Versuch,  St.  Domingo  zu  unterwerfen,  bis
Ende  1864  gegen  20,000  M.  gekostet  haben.  —  Auffallend  ist  die
grosse  Sterblichkeit  unter  den  Truppen.  Im  J.  1860  starben  blos  in  den
Militärspitälern  56  Officiere  u.  4515  Soldaten  (davon  7  Off.  u.  675  Soldaten ­
  in  Tetuan)  ;  1861  starben  in  jenen  Spitälern  11  Off.  1862  Soldaten. ­
  Ausserdem  viele  in  den  Civilspitälem.  —  Rühmlich  ist  auch
der  Aufschwung  der  Marine*).
Sociales.  Adel  und  Geistlichkeit  besassen  Jahrhunderte  lang  die
Reichthümer  Spaniens  ;  neben  ihnen  erhob  sich  der  fürstliche  Absolutismus. ­
  Wohin  man  kam,  mögen  einige  Daten  zeigen.  Im  Jahre  1787
zählte  man  in  Spanien  479,653  Edelleute  (wie  in  Russland,  ist  hier
blos  das  männliche  Geschlecht  in  Rechnung  gezogen),  davon  beinahe
V*  in  Asturien  ;  ferner  77,665  Mönche  und  59,396  Weltgeistliche  (bei
der  Aufnahme  von  1768  sogar  83,118  Ordens-  und  66,687  Weltgeistiche
  ;  ausserdem  2666  Beamte  der  Inquisition,  ungerechnet  deren  »Familiären«), ­
  und  4103  Beamte  der  übrigen  Geistlichkeit;  sodann  37,902
Civilbeamte  und  77,884  Militäre  ;  dann  34,030  Kaufleute  (die  Zahl  der
Geistlichen  war  4  mal  so  gross!),  39,073  Fabrikarbeiter,  262,932
Handwerker  (kaum  die  doppelte  Zahl  der  Geistlichen),  896,844  Bauern,

*)  Die  Zeitung  Contemporáneo  bemerkte  im  Mai  1864  {wenn  auch  nicht
ganz  übereinstimmend  mit  der  obigen  Schiffsliste)  :  »Im  Jahre  1844  bestand  die
spanische  Flotte  aus  47  Schiffen,  meistens  Segelschiffen,  welche  713  Kanonen
trugen.  Gegenwärtig  zählt  Spanien  122  Schifk,  welche  1324  Kanonen  tragen,
demnach  hat  sich  in  20  Jahren  die  Seemacht  um  75  Schiffe  mit  611  Kanonen
vergrössert.«
Kolb,  Statútik.  4.  Aufl.

26
        <pb n="424" />
        402

SPANIEN.  —  Sociales.

und  r234,lSS  Taglöhner  etc.  Von  den  4364  Städten  des  Landes  befanden ­
  sich  nur  1275,  von  den  12,732  Dörfern  nur  4233  unter  königl.
Jurisdiction.  —  Wie  die  Volksbildung  gehemmt  statt  befördert  ward,
zeigte  der  Erfolg.  Selbst  rein  materielle  Verbesserungen  liess  man  nicht
auikommen.  Bekannt  ist  die  Entscheidung,  als  zur  Zeit  Karl’s  II.  eine
niederländische  Gesellschaft  den  Tajo  und  Manzanares  schiffbar  machen
wollte  :  »Hätte  der  allmächtige  Gott  diese  Flüsse  bis  Madrid  schiffl)ar
haben  wollen,  so  würde  er  dies  ohne  alle  Mitwirkung  schwacher  Menschenkinder ­
  ausgeführt  haben  ;  es  wäre  daher  eine  freventliche  Widersetzlichkeit ­
  gegen  ihn  und  seine  Vorsehung,  wenn  schwache  Menschen
das  ordnen  wollten,  was  er  aus  allweisen  Gründen  zu  thun  unterliess.«
(Annalen  \  .Don  Juan  Alvarez  de  Colmenar.)  —  Sogar  im  letzten  Drittel
des  vorigen  Jahrhunderts  bedurfte  es  aller  Anstrengungen  von  Campomanes,
  um  ein  Gesetz  zu  erlangen,  durch  welches  die  wichtigsten  Gewerbe ­
  wieder  für  ehrlich  erklärt  wurden,  nachdem  sie  Jahrhunderte  lang
für  unehrenhaft  gegolten  hatten.  Selbst  nach  1820  zählte  man  noch  3005
Klöster  im  Lande.  Bis  dahin  bezog  der  Erzbischof  von  Toledo  ein
Einkommen  von  500,000  Ducaten,  jener  von  Valencia  200,000.  Die
Einkünfte  des  Erzbisthums  Valencia  sollen  15’400,000  Realen  betragen
haben.  In  Galizien  befanden  sich  Vg  des  Bodens  im  Besitze  der  Geistlichkeit, ­
  in  ganz  Spanien  wol  ein  volles  Drittheil.  Das  Einkommen  des
Staats  betrug  1820  21  Mill.  Piaster,  das  der  Geistlichkeit  52  Mill.  —
Nach  der  1855  angeordneten  Aufhebung  der  Jesuitenconvente  und  aller
Klöster  von  weniger  als  12  Conventualen  (was  die  Säcularisirung  von
ungefähr  000  Klöstern  herbeiführte)  blieben  deren  noch  über  1000  bestehen. ­
  —  Nach  dem  Dicionário  von  Canga  Arguelles  bezog  der  päpstliche ­
  Stuhl  von  der  iberischen  Halbinsel;
von  Ende  des  11.  bis  Ende  des  18.  Jahrhunderts  14,400’000,000  Real.
von  1814—20  (davon  für  Ehedispense  24’945,880)  41*525,22fi
von  1820—55  140*000,000
Noch  hält  der  Adel  einen  enormen  Grundbesitz  ungetheilt  und  in
schlechter  Bewirthschaftung  (zu  Ende  1856  zählte  man  1350  Granden
von  Spanien,  worunter  75  Herzoge,  51  6  Grafen,  64  7  Marquesen,  65  Viscondes,
  55  Barone;  —  ausserdem  585  Generalofficiere  !).  Noch  fehlt  es
an  guten  Schulen  ;  noch  ist  die  Geistlichkeit  übermächtig,  diese  Geistlichkeit, ­
  der  der  Mangel  an  Unterricht  des  Volkes  zur  Last  gelegt  werden ­
  muss  -T-  da  die  Schulen  sich  in  ihrer  Gewalt  befinden.  Noch  hemmen ­
  mannichfache  Hindernisse  eine  allseitige  Entwicklung  der  Industrie,
darunter  das  Schutzzollwesen  *).  Gleich  wol  haben  die  allerdings  mitunter ­
  furchtbaren  Erschütterungen  seit  Anfang  des  jetzigen  Jahrhunderts,
der  Uebergang  der  Güter  todter  Hand  in  freien  Besitz  etc.,  wenigstens
zur  Benützung  eines  Theiles  der  vorhandenen  reichen  Kräfte  geführt.
Die  Regenerirung  trifft  zusammen  mit  dem  Sturze  der  Mönchsherrschaft
und  der  Beschränkung  des  Absolutismus.  Im  starken  Gegensätze  zu  den

*)  Die  dadurch  »beschützte«  Fabrikation  von  Baumwollen-  und  Wollenstoffen ­
  kann  nirgends  mit  der  ausländischen  concurriren;  und  als  Folge  der
den  Papierfabriken  gewährten  Begünstigung  konnten  namentl.  gegen  Ende  1859
die  Madrider  Zeitungen  nur  immer  mit  Mühe  das  benöthigte  Papier  auftreiben  !
        <pb n="425" />
        26  *

SPANIEN.  —  Sociales.

403

frühem  Aufnahmen  wies  die  Volkszählung  von  1857  an  Geistlichen  nur
noch  nach:  43,061  Weltpriester,  0702  auf  den  Aussterbeetat  gesetzte
Mönche  und  12,593  Nonnen,  zum  Theil  für  Unterricht  und  Krankenpflege ­
  verwendet.  —  Ende  1861  zählte  man  39,885  Welt-  und  ausserhalb ­
  der  Klöster  lebende  Ordensgeistliche  (die  Zahl  der  letzten  ward  Ende
1800  zu  0072  angegeben).  Ende  1800  bestanden  folg,  öffentliche  Schulen ­
  für  Knaben  :  0217  vollständige,  5241  unvollständige,  187  zeitweise,
dann  212  höhere;  für  Mädchen  4471  vollständige,  848  unvollständige,
72  zeitw.,  14  höhere;  —  sodann  4155  Privatschulen,  zus.  24,353  Anstalten. ­
  Die  Schülerzahl  wird  freil.  mit  1  101,529  aufgeführt,  darunter
aber  Hunderttausende  von  Kindern  unter  6  J.  Der  gewöhnliche  Jahresaufwand ­
  für  das  Volksschulwesen  beträgt  01  589,405  Realen,  neml.
1’406,032  aus  Stiftungen,  54’330,014  v.  den  Gemeinden  u.  5’792,219
Schulgeld.  Dazu  kam  in  den  5  Jahren  1850—60  zusammen  ein  ausserordentlicher ­
  Aufwand  von  21529,587  ijährl.  also  im  Durchschn.
4’305,919)R.  In  den  Mittelschulen  zählte  man  1858  erst  14,890,  1861
dagegen  21,4  78  Schüler.  Die  10  Universitäten  (Barcelona,  Granada,
Oviedo.  Madrid,  Salamanca,  Santiago,  Sevilla,  Valencia,  Valladolid  und
Zaragoza)  hatten  1801  8011  Studenten.  Hiezu  kommt  noch  eine  Reihe
von  Specialschulen.  Den  ziemlich  pomphaften  Aufstellungen  gegenüber
tritt  aber  folgende  Thatsache  :  Nach  der  Aufnahme  vom  J.  1860  konnten
von  den  Einwohnern:

mannl.  weibl.  zusammen
lesen  und  schreiben  2’41.3,944  719,071  3’13(l,015
lesen,  aber  nicht  schreiben  316,505  389,095  705,060
keines  von  beiden*)  5’ü34,008  G’802,S07  ll’S37,415
Zeitschriften  erschienen  Ende  1861  373,  darunter  befinden  sich
aber  126  amtliche,  sodann  40  für  Philosophie  u.  Religion,  23  f.  Unterricht, ­
  37  wissenschaftliche,  28  f.  Literatur  u.  Kunst,  27  f  moralische,
37  f.  materielle  Interessen,  2  f.  .Jurisprudenz,  3  f.  Medicin,  2  f.  Landwirthschaft,
  3  f.  Verwaltung,  12  f.  Handel  u.  Anzeigen(!),  3  für  Industrie,
0  f.  Militärwesen,  2  f.  Musik^  3  f.  Moden,  9  f.  satyrische,  7  f.  Ankündigungen, ­
  3  f.  sonstige  Zwecke.  —  Dramatische  Werke  wurden  1861
von  der  Censur  geprüft  315,  davon  32  nicht  genehmigt.  —  Theater
zählte  man  1801  293  mit  Plätzen  für  142,072  Zuschauer;  Schauplätze
für  Stiergefechte  97  mit  4  82,801  Plätzen.

liodetiunbau.  Seit  Anfang  des  Jahrhunderts  ist  die  Getreideproduction
(nach  Schätzung)  von  05  auf  140  Mül.  Fanegas,  die  M  einproduction  von  47  auf
80  Mül.  Arobas  gestiegen  es  sollen  3'/,  Mül.  Morgen  mit  Reben  bepflanzt
sein).  —  Die  Theübarkeit  des  Grundbesitzes,  woran  es  früher  so  sehr  fehlte,  ist
dermassen  ins  Leben  geführt,  dass  schon  im  J.  1858  die  Grundsteuer  in  3’392,875
Quoten  zur  Erhebung  kam  (was  freilich  keineswegs  eine  eben  so  grosse  Zahl
einzelner  Eigenthümer  andeutet).
Vieh  stand  und  veranschlagter  Werth  desselben,  1859  :

Stück  Geldwerth
Rindvieh  1’809,148  884’308,948  R.
Pferde  382,009  2703,50,041  _
Maulthiere  005,472  77O’9S3,270  -
Esel  750,007  177’39S,„00  -

Stück  Geldwerth
Schafe  17*592,.538  045*148,115  R.
Ziegen  3*145,100  132*499,239  -
Schweine  1*008,203  255*899,240  -
Kamele  1801  2*091,970  -

*)  Noch  1850  kam  es  vor,  dass  in  ganzen  Bezirken  die  Kinder  keine  andere
Schrift  besassen  um  lesen  zu  lernen,  als  —  die  Kreuzzugsbulle  !
        <pb n="426" />
        404

SPANIEN.  —  Sociales.

Bera-  u.  Hüttenwerke.  1853  standen  2336,  1859  3581,  1860  6795  im  Be-^
  .  1  T&amp;amp;  $  •  •  Al  f  1  .m.  ...A  1%  TTw»  _

Yciuuwcii.  ,  königlichen  Minen  jährl.
Von  1826  an  waren  3500  Gruben  in  den  Sierras  von  Gador  und  Lujar  eröffnet,
und  die  Ausbeute  stieg  bald  auf  800,000  Cntr.  Das  Königreich  Granada  schien
wie  umgewandelt.  Bevölkerungen,  die  seit  der  Maurenvertreibung  im  tiefsten
Elende  lebten,  verbesserten  ihr  I.oos  durch  reichlohnende  Arbeit.  Jetzt  liefern
die  spanischen  Gruben  80,000  Tonnen,  —  weit  über  ein  Viertheil  der  gesarnmten
  Bleiproduction.  —  Quecksilber  liefert  Almadén  15,000  Centner.  —  Zur
Silber  Erzeugung  (762,000  Mark  in  ganz  Europa)  trägt  Spanien  220,000  Mark
bei.  Das  I.and  besitzt  reiche  Kupfer-  und  Zinklager*).  Die  Bergwerksausbeute
ward  1860  so  berechnet  (in  Zollcntr.'  ■

3’510,058  Cntr.  Roheisen,
6,336,378  -  Bleierze,
2’920,068  -  Kupfererze,
2T  76,044  -  Zink,
6’635,462  -  Steinkohlen.
Aerarialwerke  lieferten  :
Almadén  14,760  Ctr.  Quecksilber,
Riotinto  18,088  -  Kupfer,
Das  Land  könnte  iährl.  zwei  Mill.  Tonnen  Steinkohlen  liefern,  indess  fehlte
1  1  Itiin  Ott

lanares  44,529  Cntr.  Blei.
Salinen  7’833,838  -  Salz,
Hüttenproducte;
822,756  Cntr.  Eisen,
1’649,968  -  Blei,
54,094  -  Kupfer,
37,060  -  Zink.

JJCXn  aJCAliM.  JVWiäll  W  J  C*A*X  A  .  &amp;lt;U  »f  VA  A»**  A*«  .Æ.VAAAAW**  7  ^  ,
es  noch  an  Verbindungswegen.  —  ln  den  Bergwerken  waren  I860  28,5o4,  in
den  Hüttenwerken  8171  Arbeiter  beschäftigt.  In  den  letzten  zählte  man  nur
372  durch  Wasser  u.  blos  104  durch  Dampf  betriebene  Maschinen.  Der  Geldwerth
Oll  iiool  Koi-ofVinot  Anf  flip  Aerar!al-O

  t  UUi  W1  t»  aS.'JCl  U.  UAVÍ3  A  Vf-A  UVAAVAA  AV^AAAAAjVA  w  v  A  *  ^^  ^  .
der  Mineralproduction  wird  auf  221^002,934  Real,  berechnet.  Auf  die  Aerarialwerke
  kamen  135’237,300  R.,  wovon  jedoch  111’249,561  auf  das  producirte  Salz
gerechnet  sind.  ,  ,  ,  „  .  «  ~  ^
Von  den  49’983,160  Hectaren  Landes,  welche  der  Staat  im  Ganzen  umtasst,
sind  lO'l86,045  Hectaren  Waldland.  Davon  sind  3'427,562  zur  Veräusserung
bestimmt,  neml.  203,692  Hectaren  Staats-,  3T87,428  Gemeinde-  u.  36,441  Stiltuugswald.
  Es  verbleiben:  dem  Staate  (nur  noch)  467,566,  den  Gemeinden
6*238,126,  und  den  Stiftungen  52,791  Hect.  Waldes.
Industrie.  Sie  liegt  noch  entschieden  darnieder.  Wenn  auch  nicht  ohne  die
mannichfachsten  Schwindeleien,  entstanden  indess  in  der  Neuzeit  die  verschiedenartigsten ­
  industr.  Gesellschaften.  Ende  1861  zählte  man  deren:
Actiencapital
3  Wechselbanken  -
46  Gesellsch.  für  Fabrikation  und  Industrie  'D'bhyh
13  Versicherungsgesellschaften  •  ^  10,000
23  Ges.  für  ötfentl.  Arbeiten  (meist  Eisenbahnen)  (ausserdem
2O70'OS5,TO0  in  Obligationen)  2,2014^4,000
13  Creditgesellsch  (einbezahlt  nur  458*806,310)  (ausserdem
129*072,900  in  Obligationen)  1,548*000,000  -
11  Zettelbanken  (circulirend  421*209,510  R.  Noten)  .  .  .  .  225*000,000  -
Zusammen  4,962*417,606  R.
Das  Steigen  des  Ertrags  der  Consumtion  sab  gaben  beweist  (neben
dem  Sinken  des  Geldwerthes)  die  Zunahme  des  Wohlstandes.  Die  Schwankungen ­
  dabei  deuten  aber  auch  enorme  Schwindeleien  und  deren  Rückschläge  an.
Dieser  Ertrag  war:  1846  187  MUL,  1847  172,  1848  193,  1850  213,  1854  241,
1857  226,  1858  270,  1859  432,  1860  302,  1861  318  Mill.  R.

*)  Die  Römer  beuteten  schon  die  Kunferlager  am  Riotinto  aus.  Als  die
Mauren  Spanien  verliessen,  zerstörten  sie  ihre  künstlichen  Anlagen.  Die  span.
Regierung,  um  die  Bergwerke  in  der  neuen  Welt  zu  fördern,  verbot  die  Exploitation ­
  im  eigenen  Lande,  und  zwang  Sevilla,  aus  dem  fernen  Chile  und  Peru
ein  Product  zu  beziehen,  das  ihm  aus  nächster  Nähe  auf  dem  Guadalquivir  zugeführt ­
  werden  konnte.
        <pb n="427" />
        SPANIEN.  —  Sociales.

405

Handel.  1S50
1854
1857
1858
1859
1860

Einfuhr  671’993,640,
813’485,244,
1,555’375,013,
1,504*558,000,
1,262’692,7‘21,
-  1,483*313,498,

Ausfuhr

Hauptverkehrsländer  (Mill.  Realen)  :

Einfuhr

488*566,642  Real
993*502,783  -
1,168*581,599  -
971*360,000  -
1,026*032,988  -
1,098*203,445  -
Ausfuhr

Amerika  .  .
Frankreich  .  .
Grossbritanien
Gibraltar  .  .  .
Schweden  .  .  .
Afrika  .  .  .  .
Hamb.  u.  Bremen
Beljçien  .  .  .  .
Russland  .  .  .
Preussen  .  .  .

1858  1859  1860
428,8  401,6  467,8
467,6  359,0  381,9
334,3  291,4  371,2
62,9  54,6  72,7
27,2  35,6  33,5
50.6  3,1  6,7
14.6  6,1  2,7
8,4  49,6  69,2
12,5  3,1  3,9
0,1

1858  1859  1860
361,2  387,6  381,8
270,5  244,6  248,8
196,4  257,4  320,7
19.5  19,8  23,5
4,0  6,5  5,7
21.1  17,8  23,3
10.2  9,8  7,6
10,7  12,2  6,9
13.6  16,3  8,3

An  der  Stelle  des  frühem  Prohibitiv-  ist  1849  ein  Schutzzollsystem
eingeführt  worden;  statt  der  früher  prohibir  ten  93  Waarenartikel  gibt
es  deren  nur  noch  25.  Der  Handel  nahm  einen  Aufschwung  in  Folge
dieser  Erleichterung;  die  Einfuhr,  1850  erst  671  Mill,  betragend,  hob
sich  auf  mehr  als,  1500;  die  Ausfuhr  ging  von  488  auf  beiläufig  1000
empor.  Aber  die  Milderung  erweist  sich,  den  entschiedenen  Fortschritten ­
  anderer  Länder  gegenüber,  als  durchaus  ungenügend.  (Auffallen
muss  es,  wie  tief  der  einst  blühende  Handel  mit  Deutschland  gesunken ­

  ist.)
Verkehrsmittel.  In  Spanien  wie  in  Russland  war  der  Mangel  an
Verkehrsmitteln  bis  zur  Neuzeit  das  bedeutendste  materielle  Hindemiss

wirthschaftlichen  Aufschwungs.  In  der  einen  Provinz  konnte  der  grösste
Ueberfluss  bestehen,  während  in  der  andern,  etwa  10  oder  20  Meilen
davon  entfernt,  aber  auf  der  andern  Seite  des  Gebirges,  wahre  Hungersnoth
  herrschte.  Mit  dem  Angreifen  der  Kirchengüter  musste  der
Staat  in  dieser  Beziehung  etwas  thun.  Von  1846  bis  Ende  1858  wurden ­
  dafür  bereits  1,1  14*643,000  Realen  von  ihm  aufgewendet,  nemlich
für  Haupt-  und  Provinzialstrassen  701*762,(KtO  R.
-  Eisenbahnen  232*154,000  -
-  andere  öffentliche  Bauten  .  .  72*536,000  -
-  Hafenbauten,  ungefähr  .  .  .  108*191,000  -
1)  Kunststrassen.  Die  Länge  des  projectirten  Strassennetzes  einerseits,
u.  die  def  ausgeführten  oder  im  Bau  begriffenen  Strassen  betrug  zu  Ende  1860,
in  Kilomet.  ;
Strassen  Ir  Classe  13,352,  davon  9097  fertig,  1708  im  Bau,
-  2r  -  9,967,  -  1650  -  945  -  -
-  3r  9,961,  -  629  -  511  -  -
Zusammen  33,280,  dav.  11,276  fertig,  3164  im  Bau.
Es  ergibt  sich  daraus,  wie  viel  noch  zu  thun  ist,  dann  aber  auch  die  Rührigkeit, ­
  welche  begonnen  hat.
2)  Eisenbannen.  Im  Nov.  1848  ward  die  erste  Bahn  —  von  Barcelona
nach  Mataro  —  eröffnet;  im  Febr.  1851  folgte  die  von  Madrid  nach  Aranjuez.
Anfangs  1864  hatte  Spanien  bereits  3742  Kilom.  (504  Meil.)  Bahnen.  Mit  den
weiter  projectirten  Linien  wird  es  6018  Kil.  Schienenwege  bekommen  (etwa
812  Meil.),  welche,  nachdem  verschiedene  Fusionen  erfolgt  sind,  37  verschiedenen ­
  Gesellschaften  gehören.  Die  Voranschläge  für  die  Gesammtlänge  von
6018  Kilom.  betragen  4959*942,611  R.  ;  die  vom  Staat  1863  bereits  geleisteten
        <pb n="428" />
        ly

’Má.

406

SPANIEN.  —  Sociales.

1861
1862
1863

Zuschüsse  waren  788*555,170,  die  noch  zu  leistenden  599*207,245  R.  —  Die  Einn.
betrug  I860  bei  1925  Kil.  Länge  131*337,300,  die  Betriebsausgabe  76*580,930  —
Seitdem  ergab  sich  :  *
Länge  Brutto-Einnahme  pr.  Kilom.
2,119  Kil.  173*934,402  K.  20,520  R.
2,527  -  204*526,692  -  20,233  -
3,154  -  254*914,425  -  20,205  -
Wasserwege.  Spanien  besitzt  eine  herrliche  Kostenentwicklung  von
500  Lieues  am  mittelländischen  und  von  300  am  atlantischen  Meere,  dort  mit
61,  hier  mit  56  Häfen  ;  aber  alle  Kunstarbeiten  waren  bis  zur  Neuzeit  vernachlässigt; ­
  jetzt  erst  hat  man  ansehnliche  Mittel,  besond.  auf  Hafen  bauten  verwendet. ­
  Daran  reihen  sich  die  Kanäle,  deren  693  Kilom.  (93%  d  Meile)  vor-Eingelaufen



lieber  See  .
Küstenfahrer

Ausgelaufen

10,127  Sch.
48,932  -

1*351,988  Tonn.
1*895.721  -

9,097  Sch.
48,812  -

1*244,520  Tonn.
1*879,827  -

Zus.  59,059  Sch.  3*247,709  Tonn.  57,909  Sch.  3*124,349  Tonn.
]  )ie  wirkliche  Befrachtung  der  Schiffe  langer  Fahrt  betrug  indess  nur  l’OlO  468
4)  Telegraphen.  Ende  1861  :  6933  Kilom.  =  934  d.  Meilen  auf  dem
1  laster,  auch  der  Dollar  ist  nur  eine  Nachahmung  desselben  ;  in  ganz  Amerika
und  Asien  kennt  man  vorzugsweise  dieses  Geld.)  —  Die  Maasse  sind  sehr  verschieden, ­
  am  verbreitetsten  die  castilischen.  Die  Elle,  vara,  hat  3  nies  (Fuss)
#*###
ffifSssIglltil
Auswärtige  Besitzungen.  Spanien,  einst  Beherrscherin  von  beinahe
ganz  Amerika,  besitzt  (nach  der  officiellen  Liste  im  Anuario  estadístico)
noch  folgende  Colonien  (wobei  zu  bemerken,  dass  die  Presidios  schon
bei  Sjianien  selbst  aufgeführt  sind)  ;
        <pb n="429" />
        SPANIEN  -  Sociales.

407

A.  Amerika;
Cuba  mit  der  Pinosinsel  und  Zugehör
Puerto-Rico  mit  Zugehör  Jungferninseln:  .  .  .  .  .
11.  Afrika:
Isla  de  Fernando  Poo,  Isla  de  Corisco,  Gebiet  am  Cabo  de
San  Juan,  Isla  de  Mosquitos  ó  Elobey,  Isla  de  Annoboe
C.  Océanien:
Philippinische  Inseln  (Islas  Filipinas)*/
Die  Marianen-Inseln
-  Carolinen-Inseln  **)
Zusammen
Santo-Domingo  (der  westliche  Theil  der  Insel,  etwa  800  deutsche
Q.-M.)  ist  hier  nicht  eingerechnet.  In  Folge  einer  Revolution  war  dieses
Gebiet  im  März  1861  Spanien  aufs  Neue  incorporirt  worden;  es  erfolgte
jedoch  alsbald  ein  Aufstand,  der  ungeachtet  sehr  grosser  Menschen-  und
Geldopfer  (20,000  Soldaten  und  280  Mill.  Realen  bis  Anfangs  1805)  nicht
bewältigt  werden  konnte.  Dagegen  hat  man  unter  den  Philippinen  solche
Inseln  und  Gebiete  eingerechnet,  welche  thatsächlich  unabhängig  sind,
lieber  die  Volkszahl  liegen  nur  theilweise  nähere  Notizen  vor.  Es

hatten  :
Die  Insel  Cuba,  Dec.  ISül  1’396,530
-  -  Puerto-Rico,  1801  583,181
-  Philippinen,  Dec.  1859  4’429,031
Santa  Isabel  auf  Fernando  PÓO,  1802.  .  .  1,037
Zusammen  0’410,379

Die  Bevölkerung  von  Santo-Domingo  wird  gewöhnl.  zu  200,000
angenommen.
Cuba  (Habana)  nimmt  unter  den  auswärt.  Besitzungen  die  wichtigste
Stelle  ein.  Die  Bevölkerung  soll  1770  erst  170,000  Menschen  betragen  haben.
Nach  der  Aufnahme  von  1801  bestand  die  Einwohnerschaft  aus  793,484  AVeissen,
  232,493  Mulatten  oder  freigelassenen  Schwarzen,  und  370,553  Negersklaven. ­
  Auf  die  Stadt  Habana  und  Bezirk  kamen  davon  205,070.  Der  Geldwerth
der  Bodenproducte  ward  1%1  zu  104’887,00l  Piaster  (Doll.)  berechnet,  davon
07,0  Mill.  Zucker  (11’273,517  Cntr.),  10,9’  Tabak  (090,300  Cntr.),  2,5’  Kaffee
(073,240  Cntr.).  —  Der  Handel  ergab  1857  :  32’008,1S8  Piast.  Aus-  u.  34’S53,38S
Einfuhr.  —  Für  1800  wurden  die  Einkünfte  zu  27’145,422,  der  Bedarf  zu
29’(ilo,778  P.  berechnet.  —Die  Bevölkerung  von  Puerto-Rico  bestand  1801
aus  300,400  AVeissen,  241,037  freien  Farbigen  und  41,738  Sklaven.  (Ob  die  Angaben ­
  über  die  Sklavenzahl  genau  sind,  dürfte  einigermassen  zu  bezweifeln  sein.)
Einkünfte  dieser  Insel  wurden  für  1800  zu  2’052,356,  die  Ausgaben  zu
2’857,052  P.  berechnet.  —Die  »Localausgaben«  auf  den  Philippinen  waren
für  1800  zu  752,389,  die  Einnahmen  zu  708,817  Piaster  Pesos)  veranschlagt.
Die  AA  aareneinfuhr  auf  diesen  Inseln  betrug  1858  3’35G,  107  Piaster,  die  Ausfuhr ­
  7’550,330.

*)  Es  sind  dies  die  Batanes  und  Babuyanes  ;  dann  die  Inseln  von  Polillo,
Catanduanes  Marinduque,  Búrias,  Ticao  und  Masbate  ;  die  Calamianes,  Cuyos
und  Cagayanes;  die  Sibuyan-,  Romblon-,  Tablas-  und  Fuegos-;  die  Basilánund
  Joló-Inseln.  Ferner  folg,  einzelne  Inseln  :  Luzon  (3578  Quadr.-Leguas),
Mindoro,  Palauan  oder  Paragua,  Babaion,  Samar,  Léyte,  Bojol,  Cebú,  Negros,
vanáy,  Mindanao  (2828  (J.-Leg.).  Eingerechnet  ist  endlich  ein  Gebiet  auf
Borneo  (1010  Q.-Leg.).
**)  Paláos,  Bonebey,  Ualan  und  die  Pegunien-Inseln.

Deutsc

{¿.-Leguas  Q

3,833
301

11.141

5//SM

33

15,453  8,705
        <pb n="430" />
        408

PORTUGAL.  —  Land  und  Leute,  Finanzen.

Portugal  (Königreich).

Provinzen  (und  D  is  tríete).
A.  Fedland.*  **) )  Q.-M.  Bev.  1861
Minho  (mit  den  Distr.  Vianna,  Braga,  Porto)  147  887,859
Tras-os-Montes  (Uistr.  Braçanza,  \  illa  Real)  ....  190  340,180
Beira  (Aveiro,  Coimbra,  Viseu,  Guarda,  Gastello  -  Branco  408  1'210,050
Estremadura  (Leiria,  Santarém,  Lissabon)  390  785,860
Alemtejo  (Portalegre,  Evora,  Beja)  471  311,729
Algarbien  (Faro)  .  .  110  157,666

B.  Inseln.
Azoren  (Distr.  Angra,  Horta,  Ponta  Delgada)  ....  54  240,548
Madeira  und  Porto  Santo  (Funchal)  16  101,420
Gesammtsumme  (Bev.  1802  zu  4’110,276  berechnet)  1786  4’035,330

Confession:  die  katholische,  es  soll  heimliche  Juden  geben.

Städte  :
Lissabon  (1857)  275,286
Oporto  .  .  .  80,000

Braga  .  .  .  30,000  Eivas  ....  12,400
Coimbra  .  .  .  15,200  Evora  .  .  .  12,000
Setuval  .  .  .  15,000
Geschichtliches.  Eine  Berechnung  vom  Jahre  1732  nahm  l’S50,000
Einw.  an.  (Zu  König  Emanuel’s  Zeiten  angeblich  über  4  Mill.)  —  Die
Theilnahme  Portugals  am  Kriege  gegen  Frankreich  und  Spanien  endete
ISO  1  mit  dem  Verluste  der  Grenzfestung  Olivenca.  1807  rückten  franz.
Truppen  in  das  Land,  die  königl.  Familie  entfloh  nach  Brasilien.  Nach
dem  furchtbaren  Peninsularkriege  anerkannte  zwar  der  Wiener  Congress
Portugals  Ansprüche  auf  Olivenca,  Spanien  gab  dasselbe  jedoch  nicht
heraus.  Der  Hof  kehrte  erst  nach  der  Revolution  von  1820  aus  Brasilien

zurück  ;  nun  machte  sich  aber  diese  Colonie  unabhängig.
Finanzen.  Budget.  Das  für  18"%;  schliesst  ab  mit  20’103,829
Mil-Reis  Einnahme  und  dem  gleichen  Bcdarfe.  Hauptposten:
Bei  den  Einnahmen:  directe  Steuern  4’938,176,  indirecte  9’633,172,  Domänen ­
  u.  Verschiedenes  2’017,021,  Abzüge  an  Besoldungen  etc.  210,070,  ausserordentl.
  3’298,790.
Bei  den  Ausgaben:  Hof  075,748  (davon  eigentl.  Civilliste  305,000),
Schuld:  innere  2’820,111,  äussere  2’928,840,  Militär  3’128,345,  Marine  1'249,448,
ausserord.  Ausg.  2'700,lii0.
Der  finanziellen  Verlegenheit  wegen  haben  vor  einigen  Jahren  der  König
auf  01,250,  und  3  Prinzen  auf  70,000  Milreis  verzichtet.  Bemerkenswerth  ist,
dass  1804  das  Tabaksmonopol  aufgehoben  werden  konnte,  obwol  dasselbe  zuletzt ­
  einen  Pachtertrag  von  2’291,000  Thlr  geliefert  hatte.
Daneben  bestehen  noch  mancherlei  besondere  Budgets,  namentlich  für  Dotation ­
  des  Weltklerus,  der  Frauenklöster  u.  s.  f.

*)  Theilweise  nach  dem  Goth.  Hofkalender,  auf  Grundlage  portugiesischer
Quellen.  Wir  müssen  jedoch  bemerken  ,  dass  diese  Angaben  ,  selbst  was  die
Arealverhältnisfte  betrifft,  zum  Theil  augenscheinlich  ungenau  sind.  Der  Vertreter ­
  Portugals  auf  dem  statist.  Congresse  zu  London  1800  hat  zwar  gerühmt,
wie  Jedermann  in  dem  gedachten  Lande  sich  voll  Vorliebe  mit  Statistik  beschäftige ­
  ;  gleichwol  begegnen  wir  meistens  nur  höchst  unsichern  oder  unzuverlässigen ­
  Angaben.  Seit  1835  ist  das  Festland  in  17  Districte  getheilt.  Da  indess
die  Provinzialeintheilung  noch  immer  die  in  Mitteleuropa  fast  allein  beachtete,
den  natürl.  Verhältnissen  am  meisten  entsprechende  und  am  leichtesten  zu
überblickende  ist,  so  bleiben  wir  vorerst  bei  dieser.
**)  Nach  einer  vorliegenden  portugies.  Berechnung  nur  2950  port.  =  1600
deutsche  Quadrat-Meilen.
        <pb n="431" />
        PORTUGAL.  —  Finanzen.

409

Budget  der  überseeischen  Besitzungen  Milreis:
Einnahme  Bedarf

Cap-Verdische  Inseln  ....  103,152  124,932
Inseln  St.  Thomas  und  Principe  25,050  42,180
Angola  273,308  318,591
Mozambique  .......  88,929  143,905
Indische  Besitzungen  ....  320,342  308,690
Timor  5,798  20,028
Macao  162,958  107,171

Zus.  (Deficit  86,620)  978,537  1'066,157

Frühere  Einkünfte  :  Aufstellung  von  1775  :
Einkünfte  aus  dem  Königreiche  7  Mill.  Rthlr.  ;  aus  Brasilien:  V,  des  Goldes ­
  1*,  Mill.,  vom  Diamantenhandel  1  Mill.,  von  sonstigen  dortigen  Auflagen,
Pachten,  Taxen  3  Mill.  Rthlr.  ;  aus  den  afrikanischen  und  ostindischen  Besitzungen ­
  4  Mill.  ;  von  der  Kreuzbulle  für  Rechnung  der  Krone  1  Mill.  ;  zusammen ­
  gegen  18  Mill.  Thlr.
Nicht  nur  in  den  Bewegungsjahren  von  1S20,  sondern  auch  in  den
1830er,  40er  u.  50er  Jahren  schlossen  die  Budgets  fast  regelmässig  mit
Deficiten.  Erst  in  der  Neuzeit  ist  es  dem  Staate  gelungen,  wenigstens
seinen  laufenden  Verpflichtungen  gegen  die  auswärtigen  Gläubiger  nachzukommen. ­


Schuld.  Stand  am  30.  Juni  1803  (nach  dem  Goth.  Almanach).
Mil-Reis
Neue  Fonds  (innere  Schuld  89'771,400M.-R.,  äuss.  19’353,452;^)  =  174’222,829
Differirte  Schuld  (innere  273,751  M.-R.,  äussere  156,635  =  957,250
Rückständige  Zinsen  (innere  718,429  M.-R.,  äussere  322,305  jf)  =  2*124,853
Gesammtschuld  177*304,932
Ein  Theil  der  Schuld  (namentl.  ein  Anlehen  von  5  Mill,  wurde  für
Eisenbahnbauten  contrahirt,  indem  die  Regierung  die  betr.  Gesellschaft  mit
123,653  Fres.  pr.  Kilometer  subventionirte.  —  Ausser  obiger  Summe  ist  nicht
nur  eine  schwebende,  sondern  es  sind  auch  mancherlei  Specialschulden  vorhanden. ­


Im  Jahre  1754  berechnete  man  die  Staatsschuld  auf  19  Mill.  Rthlr.;
1843  gab  man  dieselbe  zu  80*708,000  Mil-Reis  an,  einschliesslich
2*200,000  Papiergeld.  (Dieses  Papiergeld  stand  32—34  Proc.  unter
seinem  Nominalwerthe.)  Bis  Ende  1852  war  dann  das  Verhältniss  der
Schuld  unbedingt  in  Dunkel  gehüllt.  Damals  nahm  man  120  Mill.  an.
Ein  Decret  vom  18.  December  1852  setzte  zwangsweise  alle  Zinsen  auf
3  Proc.  herab  ;  ein  Theil  der  Gläubiger  protestirte  dagegen.  (Das  Anlehen ­
  Dom  Miguel*s  von  1832,  angeblich’1  Mill.  Mil-Reis,  wovon  nie
Zinsen  bezahlt  wurden,  ist  nicht  anerkannt  und  vorstehend  nicht  eingerechnet.) ­
  —  Nach  Teixeira  des  Vasconcellos  wuchs  die  Schuld  so  an.

1826
1835
1838
1848

35*523,000  Mil-Reis
55*280,990
82*040,514
74*193,180  -

1849
1853
1855
1859

74*421,197  Mil-Reis
79*353,942
93*314,340
131*574,485  -

Mehre  Anlehensversuche,  selbst  für  Eisenbahnzwecke,  sind  in  den
Jahren  1859,  60  und  62  misslungen,  da  die  Regierung  ihre  Verbindlichkeiten ­
  gegen  die  ältern  Gläubiger,  insbesondere  gegen  die  auswärtigen
nicht  erfüllte  (1837  bezahlte  man  die  Zinsen  der  innem  Schuld,  suspendirte
  aber  die  Entrichtung  jener  der  auswärtigen).  Im  März  1861  erklärte ­
  die  Regierung  den  Cortes,  dass  sie  die  Desamortisirung  auch  ohne
Zustimmung  des  Papstes  vornehmen  werde.  Von  dieser  Zeit  an  scheint
        <pb n="432" />
        410

PORTUGAL.  —  Militär,  Sociales.

wenigstens  einige  Ordnung  in  die  Finanzverwaltung  gebracht  worden  zu
sein,  doch  kennen  wir  die  Einzelheiten  nicht.
Militär.  31,640  M.  nach  dem  Friedens-,  70,855  nach  dem  Kriegsfusse,
  mit  3128,  resp.  6482  Pferden  und  90  Geschützen.  Die  wirkliche
Stärke  war  indess  am  30.  Juli  1864  :  21,257  M.  mit  2050  Pferden  und
36  ausgerüsteten  Kanonen.  —  Formation:
Infanterie:  18  lieg,  zu  8  Comp,  im  Frieden  und  zu  12  im  Kriege,  und  12  Jägerbataill.
  zu  (i  u.  8,  resp.  10  Comp.
Carallerie:  2  I.anciers-  und  0  Jägerreg.  zu  0,  im  Kriege  8  Comp.
Artillerie:  4  lieg.,  1  Bataill.  Genie.
Ferner:  Colonialtruppen  in  erster  Linie  10,230,  in  zweiter  Linie  13,834.
Festungen  (  meist  verfallen  )  :  Elvas,  Jeruftienha,  Campo  Mayor,
Marvao,  Peniche,  Nonsando,  Almeida  und  die  Forts  von  Lissabon  mit
dem  einzigen  Kriegshafen.
Flotte.  1  Linienschiff  von  74  Kan.,  1  Fregatte  von  50,  3  Corvetten
  à  18,  1  Brigg  von  14,  3  Schooner,  12  kleinere  Segelschiffe  und  14
Dampfer  mit  124  Kan.  (worunter  7  Dampfcorvetten  mit  94  Kan.)  ;  —
zusammen  35  Fahrzeuge  mit  328  Geschützen  und  3281  Mann.
Rückblicke.  1783  besass  Portugal  noch  9  Linienschiffe  und  9  Fregatten. ­
  —  Im  Peninsularkriege  waren  die  port.  Truppen  nach  englischer
Art  organisirt  und  bildeten  in  Wirklichkeit  ein  tüchtiges  Corps.

Sociales.  Auch  hier  sind  :  Adel  und  Geistlichkeit  im  Besitze  des
Landes  ;  %  desselben  nicht  angebaut.  Hohe  Zölle  bewirkten  das  Gegentheil
  einer  Förderung  der  Gewerbsindustrie  ;  solche  ist  fast  gar  nicht  vorhanden ­
  ;  zahllose  Beschränkungen,  Monopole  und  Begünstigung  von
Corporationen  wirken  dazu  mit  ;  ebenso  das  Niederhalten  der  Volksbildung ­
  durch  den  die  Schulen  beherrschenden  Klerus.  1822  zählte  man
29,000  Geistliche,  aber  nur  873  Elementarschulen!  Unter  jenen  Geistlichen ­
  befanden  sich  1  1,484  Mönche  und  Nonnen;  der  Klerus  hatte  ein
Einkommen  von  3%  Mill.  Mil-Reis.  (Der  Patriarch  von  Lissabon  bezog
allein  48,000.)  Selbst  1854  bestanden  erst  1349  Volksschulen  =  1  auf
3000  Einwohner,  und  1  Schüler  auf  84  Menschen!  —  Trotz  Aufhebung
der  Majorate  ist  das  Grundeigenthum  noch  wenig  getheilt  ;  durchschnittlich ­
  umfasst  ein  Besitzthum  58Yg  Hectaren  (in  Belgien  nur  3,  in  Frankreich ­
  4  Hectaren).  Allein  die  Umgestaltung^  die  Vermehrung  der  kleinen
Grundbesitzer,  das  Freiwerden  des  Bodens,  sind  bereits  im  Gange,
durch  Vernichtung  der  Majorate,  Einziehen  der  Klostergüter  und  Ablösung ­
  der  Renten.

Production.  Getreide,  ministerielle  Berechnung  für  1854:
Production  P309,020  Moios  (à  828  Lit.)  =  I0’838,ß8()  Hectol.
Consumtion  P241,185  -  =  10’277,012
Während  aber  1854  eine  Getreideausfuhr  von  10*293,Uüü  Fres,  vorkam,  stieg
in  Folge  von  Misserndten  1856  die  Einfuhr  auf  22’ü20,UOO  Fres,  im  Häfen  von
Lissabon,  und  auf  1’2G4,0Ü0  in  dem  von  üporto.
Nach  Forrester  bedecken  die  Weinberge  blos  im  Continentalgebiete
800,000  Acres  oder  etwa  324,000  Hectaren.  Mittlere  Weinausfuhr:

1678—1687
1698—1707
1718—1727
1757

632  Pipen
7,188
17,692
12,488

1775:  24,013  Pipen
1795:  55,911
1798:  72,496
1807:  54,718

1833
1843—52
1857—58

20,809  Pipen
33,176
19.434*)

=  102,550  Hectolit.
        <pb n="433" />
        POllluGAL.  —  Sociales.

411

Die  ganze  Weinerndte  auf  dem  Festlande  ward  1S54  auf  22’179,000  Almudas
(3’700,000  Hectol.)  geschätzt;  die  auf  den  Açoren  zi\  17,974  Pipen,  endl.  jene
von  Madeira  zu  12,373  P.  Seitdem  hat  die  Traubenkmnkheit  auf  Madeira  den
^  einbau  fast  vernichtet.
1853  schätzte  man  die  Erndte  an  Orangen  auf  493  Mill,  (wovon  183Mill,
von  den  Inseln),  jene  der  Citronen  auf  42  Mill.  Stück,  die  der  Mandeln  auf
22'/*Mill.Hectoliter.  —Gleichzeitig:  M'olleproduction  4’374,ÜÜ0Kilogr.  (öfters
5  Mill.),  Seide  (1851)  145,000  Kilogr.

Handel  (in  Mil-Reis).
Einfuhr  Ausfuhr
1842  :  9’826,024  6’580,534
1843  :  12’314,512  G’948,416
1848  :  10’805,7G7  8’543,539
Verlieh  rsm  i  ttel

1851
1854
1856

Einfuhr
13’749,231
18’201,903
20’451,809

Ausfuhr
8'228,470
14’164,038
16’299,035

1)  Handelsflotte  1654  591  Schiffe  von  82,402  Ton-—
  2)  Landstrassen  nur  etwa  1000  Kilom.  (ungef.  135  Meil.)  —
3)  Eisenbahnen.  Nach  dem  Vertrage  der  Regierung  mit  einer  franz.  Gesellschaft ­
  vom  Jahre  1660  hatte  diese  die  Linie  von  Lissabon  nach
der  spanischen  Grenze,  und  von  Lissabon  nach  Oporto,  zusammen  506
Kilom.  =  68  deutsche  Meil.  herzustellen.
Münze,  Maasse.  Der  Mil-Reis  (1000  Reis  =  1  Thlr.  14'/*  Sgr.  Der  Crusado
  480  Reis.  —  \)cr  palmo  de  craveiro  =  22  Centimet.  ;  die  j)é  (Fuss)  =  1*/*
p-'-  ’  o,  r,.
L

58
oder  1,0073  preuss.  Scheffel.  —  Flüssigkeitsmaas  :  die  almtida  oder  ahnade  =
0,2487  preuss.  Eimer  oder  16,74  Liter.  —  Weinmaass:  die  pipa  zu  26  almudas.
—  Das  Pfund  (arrateli  =  0,459  Kilogr.  —  1860  ward  das  metrische  System
eingeführt.

Auswärtige  Besitzungen.

A.  In  Afrika:  Cap-VerdischeInseln  (7bewohnt,  7unbew.)
In  Senegambien  (liissao.  Cacheo  etc.)
Inseln  S.  Thomé  und  Principe
Angola  mit  Ambriz,  Benguela,  Mossaniedes*)  .  .  .
Mozambi(jue  und  Zubehör  (Sofala,  Cabo  Delgado  etc.
B.  1)  ln  Indien  :  Goa,  Salcete,  Bardez  etc
Damao  (4  U.-M.,33,950E.),Diu  (%  Q.-M.,  10,858  E.
2)  Océanien  und  China:  Macao  '/,
Inseln  Timor  (nördl.  Theil),  Flores  u.  Kambingetwa  ....
Zus.  (dem  Areal  nach  wol  stark  überschätzt  etwa  25,000  2’461,549

Q.-M.
78
1,687
21
9,552
13,500
69
4%

Bevölk.
95,393
1,095
14,580
659,190
300,000
408,596
44,808
29,587
918,300

(îrirclu'iilaiid  (Königreich).

A..  Eigentl.  Griechenland.
.  Nomarchieu  Q.-M.  Einw.  1861
Attika  und  Böotien  .  116  116,024
^hthiotis  und  Phokis  .  112  102,291
Akarnanienu.  AetoUen  138  109,392
Arplis  und  Korinth  .  91  138,249
Achaia  und  Elis  .  .  94  113,719

Nomarchien
Arkadien  .
Messenien
Lakonien  .
Euböa  .  .
Cykladen  .

Q.-M.  Einw.  1861

80
63
77
80
50

96,546
117,181
112,910
72)368
118,130

!  Il

Zusammen  900  1'096,810

")  Neuere  portug.  Angaben  schätzen  die  Bevölkerung  willkürl.  auf  2  Mill.
        <pb n="434" />
        412

GRIECHENLAND.  —  Land  und  I.eute.

B.  Ionische  Inseln.
Hauptinseln  *)  Q.-H.  Einw.  1863
Korfu  ....  13,3  64,359
Paxo  0,4  4,901
Sta.  Maura  .  .  .  6,3  20,737
Thiaki  (Ithaka)  .  1,8  11,926
Confession:  Die  griechische

Hauptinseln
Kephalonia.  .  .
Zante
Cerigo  (Cythera)  .
Zusammen
Total  A.'  u.  B.

Q.-M.  Einw.  1863
12,5  72,787
7,8  39,367
5,3  14,454

47,4  228,531
947  1’325,341
orthodoxe  herrschend  ;  Katholiken
etwa  50,000  auf  Syra,  zu  Athen,  auf  den  Ionischen  Inseln;  einige  Protestanten. ­
  Die  Mohammedaner  sind,  bis  auf  wenige  zu  Chalkis,  vertrieben ­
  (1821  zählte  man  noch  90,830).  —  Nationalitäten.  Ueber  900,000
eigentl.  Griechen  (nach  Fallmerayer  ein  albanesisches  Mischlingsvolk);
gegen  280,000  Albanesen  (Arnauten,  ein  bulgarisch-slavisches  Mischlingsvolk); ­
  20—30,000  Armenier;  eine  Anzahl  »Franken«  (West-Europäer, ­
  namentl.  Italiener  auf  Ionien),  endlich  im  eigentlichen  Griechenland ­
  höchstens  500,  auf  den  ionischen  Inseln  aber  etwa  6000  Juden.  —-Städte:
  Athen  1862  41,298  Einw.,  Piräus  6425;  Hermopolis  (aufder
Insel  Syra)  18,511,  Patras  18,342,  Argos  10,000;  —  Korfu  15,921,
Zante  18,000.
Jlerrschaftsverändenmg.  Der  neugriechische  Staat  verdankt  seine
Existenz  dem  Volksaufstande  von  1821.  Nach  Jahren  endlich  erfolgte
auch  die  Anerkennung  seitens  der  Grossmächte  ,  womit  aber  die  Beschränkung ­
  auf  unnatürliche  Grenzen  und  die  Octroyirung  des  bayerischen ­
  Prinzen  Otto  als  Kö  nig  von  Griechenland  (1832)  verbunden  ward.
Eine  Constitution  erlangten  die  Griechen  nicht  früher,  als  in  Folge  der
Revolution  vom  3.  Sept.  1843.  Nach  vielfachen  vorangegangenen  Bewegungen ­
  bewirkte  der  Aufstand  vom  Oct.  1862  den  Sturz  des  Königs
Otto.  In  Folge  eines  von  den  3  Schutzmächten  am  5.  Juni  1863  zu
London  abgeschlossenen  Protokolls  ward  der  Prinz  Wilhelm  von  Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg ­
  als  Georg  I.  auf  den  Thron  erhoben. ­
  In  Verbindung  damit  verzichtete  England  durch  Vertrag  vom
14.  Nov.  1863  auf  seine  Oberhoheit  über  die  Ionischen  Inseln,  welche
zu  einem  Bestandtheile  Griechenlands  mit  dem  Vortheile  immerwährender ­
  Neutralität  erklärt  wurden.  —  Zur  Geschichte  dieser  Inseln  sei  bemerkt ­
  :  Seit  dem  14.  Jahrhundert  bildeten  sie  ein  Besitzthum  der  Republik ­
  Venedig.  Der  Friede  von  Campo  Formio  brachte  sie  1797
unter  die  Herrschaft  Frankreichs;  1799  fielen  sie  in  die  Gewalt  der
Russen  und  Türken.  Ein  Vertrag  vom  21.  März  1800  verwandelte
Ionien  in  eine  Föderativrepublik  (»die  Sieben-lnseln-Republik«)  ,  welche
unter  türkischem  Schutze  stehen  sollte.  Zufolge  des  Tilsiter  Friedens
kamen  die  Inseln  wieder  in  den  Besitz  Frankreichs,  das  ihnen  dem
Namen  nach  eine  besondere  Verfassung  gab.  Indessen  besetzten  die
Engländer  im  Jahre  1810  die  wichtigsten  dieser  Eilande.  Zufolge  eines
Vertrages  der  Grossmächte  vom  5.  Nov.  1815  bildeten  sie  darauf  einen
selbständigen  Staat  unter  britischem  »Schutze«  ;  in  Wirklichkeit  wurden
sie,  aber  von  den  Engländern  nur  wie  eine  Colonie  behandelt  ;  und  genossen ­
  nicht  einmal  jene  Rechte,  welche  den  Bewohnern  der  wirklichen

*)  Ausserdem  16  kleinere  bewohnte  Inseln,  deren  Areal  und  Bevölkerung
bei  den  Hauptinseln  eingerechnet  ist.  —  Die  ion.  Inseln  bilden  nunmehr  die
4  Nomarchien  Korfu  (mit  Paxo),  Kephalonia,  Leukades  Sta.  Maura  u.  Ithaka)
und  Zante  (mit  Cerigo).
        <pb n="435" />
        GRIECHENLAND.  —  Finanzen.

413

Colonien  Englands  zustehen.  Daher  beständiges  Verlangen  einer  Vereinigung ­
  mit  Griechenland.
Finanzen.  Dieselben  sind  seit  dem  Bestehen  des  Staates  in  vollständiger ­
  Zerrüttung.  Für  1864  waren  die  Einnahmen  auf  23’348,685
Drachmen  geschätzt;  die  gleiche  Summe  ward  für  1865  angenommen,
doch  mit  einer  durch  die  Vereinigung  der  ionischen  Inseln  eiyielten  Vermehrung ­
  von  4*805,000.  Die  Ausgaben,  im  Vorjahre  zu  22*233,118
Drachmen  veranschlagt,  erhöhen  sich  nunmehr  auf  27  965,874  Drachmen. ­
  Von  der  Ausgabenvermehrung  kommen  nur  3*648,911  auf  die
ionischen  Inseln,  der  Rest  kommt  dem  frühem  Griechenland  zu  gut.  —
Von  der  Ausgabesumme  erfordert  das  Militärwesen  allein  5  374,529
Drachmen.  Was  die  Einnahme  betrifft,  so  ist  jedoch  zu  bemerken,  dass
die  wirklich  eingehenden  Summen  weit  hinter  dem  Voranschläge  zurückzubleiben ­
  pflegen.  In  dem  Budget  für  1861  war  der  Bedarf  für  die  Civilliste
  mit  1  Mill.,  für  das  Landheer  mit  6*038,696,  Marine  mit  2*131,958
veranschlagt.  Nach  einem  Uebereinkommen  der  Schutzmächte  soll  dieCivilliste,
  durch  Verzichten  dieser  Mächte  auf  einen  entsprechenden  Theil
ihrer  Zinsforderung,  um  12,000  £  erhöht  worden  sein.  (Der  König  wäre
aber  damit  blos  ein  apanagirter  Prinz  jener  fremden  Regierungen  geworden ­
  !)  Da  sich  auch  die  Finanzverhältnisse  der  ionischen  Inseln  keineswegs ­
  in  blühender  Lage  befanden,  so  ist  nicht  abzusehen,  in  welcher
Weise  nunmehr  sofort  ein  befriedigendes  Verhältniss  hergestellt  werden
könnte.*)
Aus  einer  officiellen  Zusammenstellung  entnehmen  wir  folgende
Thatsache:  Von  Errichtung  der  Monarchie  im  Jahre  1833  bis  Ende  1862
beliefen  sich  •

Die  ordentl.  Einkünfte  Griechenlands  auf  •  -  i
Der  Ertrag  der  Anlehen  und  die  Vorschüsse  der  Schutzmächte  14ä  110,144

Zusammen  603*221,206
470*032,402

Die  Verwaltungsausgaben
Die  Zahlungen  auf  die  Schuld  ^  '

*826,^0
Zusammen  597*858,931

Dabei  hat  man  aber  eben  die  Verpflichtungen  für  die  Schuld  nur
zum  kleinsten  Theile  erfüllt,  im  Wesentlichen  die  Schutzmächte  Vorschüsse ­
  leisten  lassen.

*)  Eine  unbefangene  Würdigung  der  Verhältnisse  wird  zu  der  Ansicht
führen,  dass  Griechenland,  zumal  bei  der  geringen  Entwickelung  seines  liodenanbaues
  und  seiner  Gewerbsindustrie,  —  die  Kosten  einer  Holhaltung,  eines
ausgebildeten  Beamtenthums  und  eines  stehenden  Heeres  zu  erschwingen  ment
vermöge.  Der  Bau  des  königl.  Palastes  in  Athen  allein  soll,  nach  laylor,  zwei
Mill.  Dollars  gekostet  haben.  Eine  Einrichtung,  welche  dem  Lande,  seinen  Zuständen ­
  und  Mitteln  entsprechen  sollte,  hätte  auf  ähnlichen  G^ndlagen  beruhen ­
  müssen,  wie  wir  dieselben  in  der  Schweiz  mit  den  schönst^  Ergebnissen ­
  finden:  eine  Föderativrepublik,  in  welcher,  von  der  Gemeinde
ausgehend,  dann  zum  Kantone  aufsteigend,  die  unmittelbar  Betheiligten  m  einfacher ­
  Weise  sich  selbst  regieren;  wobei  nur  dasNothwendige  centralisirt,
kein  Hof,  kein  kostspieliges  Beamtenthum,  noch  ein  stehendes  Heer  vorhanden
Wäre,  wie  es  auch  gerade  der  ganzen  historischen  Entwicklung,  den  glorreichsten
Erinnerungen  aus  den  Zeiten  des  alten  Hellenenthums  allein  entspräche.
        <pb n="436" />
        414

GlilECHENI.AND.  —  Finanzen.

Schuld.  Bekannt  sind  uns  folgende  Hauptposten  :
1)  Gezwungenes  Anlehen  von  5  Mill.  Piaster,  decretirt  1622.  Es  konnte
nur  zu  einem  sehr  kleinen  Theile  eingebracht  werden.  •

beide  5  proc.,  das  erste  im  Curse  von  59,  das  zweite  zu  55  Proc.  negozirt.  Es
sollen  nicht  ^inmal  250,000  it  in  die  Staatscasse  geflossen  sein.  Die  spätere
Regierung  verweigerte  dieser  Schuld  die  Anerkennung.  Vom  ersten  Anlehen
wurden  seij¡  dem  Juli  1820,  vom  2.  seit  dem  Juli  1827  keine  Zinsen  mehr  bezahlt.
Nach  einer  Angabe  vom  Sept  1804  wäre  die  neue  griech.  Regierung  bereit,  diese
Schuldgattungen  in  der  Weise  anzuerkennen,  dass  sie  45  Proc.  des  Capitals  und
15  Proc.  an  capitalisirten  Zinsen  zu  übernehmen  und  mit  5  Proc.  weiter  zu  verzinsen ­
  hätte.  Der  sich  hienach  ergebende  Gesammtbetrag  wurde  zu  2‘/*  Mill.
Pf.  Sterl.  veranschlagt.
4)  Anlehen  von  00  Mill.  Franken,  Sprocentig,  1832  garantirt  von  England,
Frankreich  und  Russland.  Die  griechische  Regierung  sagte  in  einer  1‘'40  an
die  Grossmächte  gerichteten  Note:  In  den  Jahren  1837—40  habe  Griechenland
für  Verzinsung  und  Tilgung  ö’300,000  Dr.  selbst  gedeckt;  die  Grossmächte  hätten ­
  bis  1845  zum  nemlichen  Behufe  27’143,950  Dr.  vom  Anlehens  c  api  ta  le
verwendet:  —  an  die  Pforte  hätten  12’531,104  Dr.  Entschädigung  bezahlt  werden ­
  müssen  ;  —  die  Sendung  bayerischer  Truppen  nach  Griechenland  habe  nicht
weniger  als  22’340,802  Dr.  gekostet;  Rothschild  habe  für  Negozirung  des  Anlehens ­
  0’000,000  ])r.  bezogen;  im  Ganzen  seien  von  diesem  und  dem  baverischen
  Anlehen  (worüber  sogleich  einiges  Nähere)  nicht  mehr  als  43^,473
Drachmen  für  innere  Verbesserungen  übrig  geblieben  !  (Und  dafür  ward  das  arme
I.and  mit  solcher  enormen  Schuldenmasse  belastet  !)  Da,  in  Folge  der  Garantie
der  drei  Grossmächte,  eine  fortwährende  Amortisirung  sattfindet,  so  war  der
Capitalbetrag  im  J.  1800  bereits  auf  44’444,107  Dr.  herabgebracht;  allein  jene
Mächte  hatten  00’142,098  Dr.  für  Vorschüsse  zu  fordern,  zusammen  also  schon
110’580,805  Dr.
5)  Darlehen  des  Königs  Ludwig  I.  von  Bayern.  In  den  Jahren  1832,
1835,  30  und  37  gewährte  der  König  Imdwig  von  Bayern  dem  Könige  von
Griechenland  4  Darlehen,  im  Gesammtbetrage  von  ungefähr  8  Mill.  Erkn.  zu
4  Proc.  Da  es  meistens  Vorschüsse  auf  das  00  Millionen-Anlehen  sein  sollten,
so  ward  der  grössere  Theil,  nach  Massgabe  wie  dieses  Anlehen  flüssig  wurde,
zurückersetzt.  Eine  Summe  von  1’233,333  Gulden  (mit  den  angelaufenen  Zinsen
bis  1849  1’529,333  fl.,  welche  König  Ludwig  aus  seinen  Privatmitteln  an  die
bayerische  StaatScasse  zurückersetzte,  —  siehe  S.  231)  wurde  aber  nicht  abgetragen, ­
  vielmehr  erhob  die  griech.  Regierung  nach  der  Revolution  von  1843  sogar ­
  noch  Gegenforderungen.
0)  Neue  Anlehen.  Im  Dec.  1802  decretirte  die  provis.  Regierung  die
Ausgabe  von  0  Mill.  Dr.  in  Oproc  Obligationen.  Es  konnten  jedoch  nur  für
3'/î  Mill,  untergebracht  werden.  Ausserdem  hat  die  Bank  von  Athen  bis  Mitte
1804  gegen  Verpfändung  der  wichtigsten  Einkünfte  (Zoll,  Oliven-  und  Korinthenerndte)
  9  Mill,  vorgeschossen  ;  ebenso  die  Bank  von  Korfu  10  Oüo  it
(280,000  Dr.).
7)  Die  Schuld  Ioniens,  betragend  Ende  Januar  1804  209,325  ;^,  wovon
90,289  an  England  geschuldet,  welche  Summe  unverzinslich  ist.
Sonach  scheint  der  gesammte  Schuldenstand  folgender  zu  sein  ;
a)  Anlehen  von  00  Mill.  Fres,  sammt  den  Vorschüssen  der
Schutzmächte  mindestens  Drachm.  115  Mill.
b)  Neue  Schulden,  bes.  an  die  Bank  -  10
c)  Ionische  Schuld  -  7%  -
d)  Schulden  aus  dem  Revolutionskriege,  nach  der  Convertirung
  -  03

Es  lässt  sich  nicht  absehen,  wie  der  arme  Staat  diese  Last  verzinsen ­
  kann.

2)  Anlehen  von  1824

1825

e)  Forderung  des  Königs  Ludwig  I.  von  Bayern  .  .  .
Zuammen  etwa

Drachm.  2»tu  Mill.

-  ~
        <pb n="437" />
        GRIECHENLAND.  —  Militär,  Sociales.

415

Militär.  Conscription.  Im  April  1861  gab  der  Kriegsminister  den
Stand  der  Truppen,  mit  Einrechnung  der  eben  noch  auszuhebenden  Recruten,
  folgendermassen  an:  911  Officiere,  1760  Unterofficiere,  362
Musiker  und  7888  Gemeine.  In  Folge  der  Revolution  ergab  sich  eine
beinahe  vollständige  Auflösung  der  Truppen.
Formation  von  1861:  10  Bataill.  Infanterie,  4  Schwadr.  Reiter  (das  1  Glied
mit  Lanzen),  1  Rataill.  Artill.,  1  Sappeure-  u.  1  Ouvriers-Comp.  ;  dann  Cadres
für  10  Bataill.  Reserve  und  (ungef.  1700  M.)  Gendarmerie.
Festungen.  Missolunghi,  Nauplia,  Navarin,  Tripoliza,  Akrokorinth,  Akropolis ­
  von  Athen,  Chalkis,  Lamia,  Vonitza,  Rhion,  Monerabasia.
Marine.  1  Ilampffregatte  von  28  Kanonen  und  320  Pferdekraft,  2  Segelcorvetten
  von  26  und  22  Kau.,  1  Raddampfer  von  120  Pferdekr.,  6  Schraubenavisos ­
  und  23  kleinere  Segelschiffe,  zusammen  32  Fahrzeuge  mit  182  Kanonen;
die  8  Dampfer  mit  735  Pferdekraft  und  44  Kanonen,  ungerechnet  2  ionische
Dampfer.
Sociales,  ln  keinem  Theile  der  Welt  findet  man  auf  so  engem  Raume
grössere  Unterschiede  im  Bildungsgrade  der  Einwohner:  neben  einem
beinahe  vollkommenen  Mangel  aller  Cultur,  die  grösste  \erfeinerung.
Nur  in  Russland  begegnen  wir  theilweise  ähnlichen  Verhältnissen.  —
Die  Geistlichkeit  besass  unter  der  türkischen  Herrschaft  fast  %  des  Bodens. ­
  Von*  den  Klöstern  wurden  zwar  schon  1829  320  aufgehoben,
welche  weniger  als  6  Bewohner  zählten;  es  blieben  aber  noch  82  übrig,
mit  1500  —  2000  Mönchen  und  Nonnen.  Die  Frauenklöster  reducirte
man  1833  auf  30.  —  Im  J.1853  soll  man  in  Griechenland  gezählt  haben  :
30  Bischöfe  und  Erzbischöfe,  5114  Geistliche,  12,549  Beamte  (!),  dagegen ­
  nur  674  Lehrer!  Für  Unterricht  ist  seitdem  etwas  mehr  geschehen.
In  Ionien  gab  es  1858  180  Schulen  mit  6732  Knaben  und  1076  Mädchen. ­
  Man  zählt  (ungerechnet  die  ionischen  Inseln)  10  Gymnasien  und
eine  Universität  (zu  Athen,  mit  600  Studenten),  eine  andere  Universität
zu  Korfu.  —  Einen  Adel  gibt  es  eigentlich  nicht.  Einige  phanariotische
Familien  legen  sich  zwar  den  Fürsten-,  einige  ionische  den  Grafentitel
bei;  indess  verbot  schon  die  Verfassung  von  Trözene  (1827)  die  Ertheilung
  von  Adelstiteln.  —  Unter  den  Einwohn,  waren  1853  nur  25,542
Gewerbtreibende.  Die  Zahl  der  Seeleute  ward  zu  26,312,  jene  der
Ackerbauer  zu  229,259  angegeben.  Die  Masse  des  Volkes  lebt  höchst
ärmlich  ;  in  vielen  Gegenden  bilden  Milch  und  Kräuter  die  ausschliessliche ­
  Nahrung.  Von  den  7’700,000  Ilectaren  Landes  sind  freilich  2*/,
Mill,  durch  Felsen  und  Berge,  800,000  durch  Waldungen  eingenommen;
allein  auch  vom  Reste  ist  kaum  %  wirklich  angebaut;  obwol  die  Bevölkerung, ­
  mit  Ausnahme  der  Inselbewohner,  wesentlich  eine  ackerbauende
ist,  muss  das  Land  dennoch  Getreide  einführen.  Der  Grund  liegt  hauptsächlich ­
  darin,  dass  es  so  wenig  freies  Bodeneigenthum  gibt.  Ungeheuere ­
  Ländereien  befinden  sich  im  Besitze  der  todten  Hand,  der  Kirchen
wnd  Klöster;  von  anderen  muss  dem  Staate  der  Zehnte,  ja  mitunter  ein
doppelter  und  ein  dritthalbfacher  Zehnt  entrichtet  werden,  wodurch ­
  der  Anbau  mancher  Producte  gerade  unmöglich  gemacht  ist.  Dazu ­
  eine  enorm  hohe  Grundsteuer.  (Die  Regierung  hinderte  ausserdem
dadurch,  dass  sie  nach  der  Revolution  von  jedem  Grundbesitzer  einen
besondern  Erwerbs-Nachweis  forderte  —  in  einem  Lande  ,  in  welchem
so  wenig  verbrieft  ward,  und  nach  einem  solchen  Revolutionskriege  !
und  in  dessen  Ermangelung  die  Grundstücke  als  Staatseigenthum  bean-
        <pb n="438" />
        416

GRIECHENLAND.  -  Sociales.

spruchte.)  —  Gewerbsindustrie  fehlt  beinahe  gänzlich.  Sie  und  der
Handel  sind  namentlich  dadurch  gehemmt,  dass  von  allen  Producten,
welche  aus  einem  in  den  andern  griechischen  Hafen  eingeschifft  werden,
immer  wieder  der  Zoll  entrichtet  werden  muss.  Trotzdem  hat  sich  endlich ­
  eine  Vermehrung  in  der  Production  ergeben  (bes.  in  Korinthen,
Feigen,  Oel  und  Seide).
Handel  \ra  Jahre  1862,  verglichen  mit  1861,  in  Drachmen:
Generalhandel  Specialhandel
Einfuhr  49’109,066  weniger  2’521,220  44’128,473  weniger  3’785,56.3
Ausfuhr  32’323,728  mehr  32,275  28’U27,648  -  79,487
Hievon  kommen  auf  den  Verkehr  zu  Lande  nicht  mehr  als  1’454,471  Dr.
Ein^hr  (meist  Vieh)  und  78,862  Ausfuhr  ;  der  gesammte  übrige  Verkehr  fand
zur  See  statt.  —  Hievon  trafen  (im  Generalhandel,  und  Ein-  und  Ausfuhr  zusammengerechnet) ­
  24’003,341  auf  den  Handel  mit  England  (32  Proc.  des  Gesammtverkehrs;,
  14’944,199  auf  den  mit  der  Türkei,  1P093,6SU  mit  Frankreich,
10  472,199  mit  Oesterreich.
Der  Handel  der  ionischen  Inseln  betrug:
1862  1’273,134  ^  Einfuhr,  1’108,519  Ausfuhr
1863  1’232,220  -  -  930,556  -
Handelsmarine.  Obwol  es  den  Rhedern  an  Geld  zur  Anschaffung  von
Dampfschiffen  fehlt,  hatte  sich  die  Marine  doch  gehoben,  von  3345  Fahrzeugen,
89,642  Tonnen  Gehalt  u.  15,300  Matrosen  im  J.  1838,  auf  5052  Schiffe,  294,996
Tonnen  und  26,312  Matrosen  1855.  Dagegen  waren  Finde  1858  nur  noch  eingetragen ­
  ;  3920  Schiffe,  268,600  Tonnen,  23,128  Seeleute  ;  —  und  Ende  1861:
4153  Schiffe,  255,977  Tonnen,  23,243  Matrosen.
Münze,  Maasse.  Die  Drachme  ,  58,043063  auf  die  feine  Köln.  Mark,  oder
%  span.  Piaster;  ’Werth  7  Sgr.  3  Pf.,  abgetheilt  in  100  Lepta.  —  Ein  Gesetz ­
  vom  Jahre  1836  verfügte  die  Einführung  des  franz.  metrischen  Maas-  und
Gewichtsystems.  Auf  den  ionischen  Inseln  rechnete  man  bisher  nach  Pfd.
Sterl.  ,  im  \erkehr  nach  span.  Piastern,  Maasse  und  Gewicht  meist  die  alten
venetianischen.

Türkisches  Reich  (Sultanat).
Land  und  Leute.  Obwol  sehr  geschwächt,  umfasst  das  türkische
Reich  noch  immer  eine  Menge  der  herrlichsten  Länder  in  den  drei  Erdtheilen
  der  alten  Welt.  Verlässige  statistische  Nachrichten  fehlen;  man
ist  auf  blosse  Schätzungen  beschränkt.  Eintheilung  in  159  Provinzen
und  1320  Districte  (Angabe  des  türk.  Abgeordn.  zum  statist.  Congress
in  London).

Europäische  Türkei:*
Unmittelb.  Besitzgn.
Schutzstaaten  :
Rumänien  ....
Serbien  (Syrp)  .  .
Monténégrine  .  .

Q.-M.  Bevölk.
6,500  10,5  Mill.

2,280
1,000
90

4,2  -
1,1  -
0,13  -

Asiatische  Türkei:
Anadoli  (Kleinasien)
Armenien  und  Kurdistan ­
  ....
Syrien  (Scham)  .  .
Arabistan  ....

Q-M.  Bevölk.
9,800  10,7  Mill.
5,700  1,7  -
6,880  2,8  -
9,000  0,8  -

*)  Von  einzelnen  Provinzen  erwähnen  wir  besonders  :  Bosnien  mit  810,000
Einw.  (316,000  Mohammedaner,  380,000  Griechen,  111,500  Kathol.,  2500  Juden) ­
  und  die  Herzegowina  mit  290,000  (180,000  Griechen,  68,000  Mohammed., ­
  42,000  Katholiken).
        <pb n="439" />
        TÜRKEI.  —  Land  und  Leute.

417

Q-M.  Bevölk.
9,870  15,8  Mill.

Afrikan.  Türkei
Aegjpten  (Missr)
Türk.  Nubien  etc
Tripolis  .  .  .
Tunis  .  .  .

Q.'M.  Bevölk.
8,400  4,3  Mill.
4.000  0,8  -  I
6.000  0,6  -  !
3,600  0,8  -

Zusammenstellung  ;
In  Europa
In  Asien
In  Afrika

31,400  16
22.000  6,5  -
63.000  38,3  -
32,300  25,5  -

Total  etwa
Davon  unmittelbare  Besitzungen

Nationalitäten

Ottomanen  .  ,
Griechen  .  .
Armenier  .  .
Juden  ....
Slaven  ....
Romanen  .  .  .
Albanesen  .  ,
Tartaren  .  .  .
Araber  .  .  .
Syrer  und  Chaldäe
Drusen  .  .  .
Kurden  .  .  .
Turkomannen  .
Zigeuner  .  .  .

in  den  unmittelbaren  Besitzungen  (unsich.  Schätzung)  :
in  Europa  in  Asien  zusammen
2’100,000  10’700,000  12’800,000
1'000,000  1'000,000  2'000,000
400.000  2'000,000  2'400,000
70.000  80,000  150,000
6'200,000  —  6'200,000
4'000,000  —  4'000,000
1'500,000  —  1'500,000
44.000  100,000  144,000
—  900,000  4'700,000  (einschl.  Aegypten)
—  235,000  235,000
—  30,000  30,000
—  1'000,000  1'000,000
—  So,000  85,000
214.000  214.000

Lejean  [Ethnographie  de  la  Turquie  (TEurope,  in  Petermann's  Monatsheften)
stellt  folgende  Classification  auf,  ireil.  vielfach  auch  nur  ohne  eine  Schätzung
der  Zahl  zu  wagen  :  I.  IndogtTmanisvhe  Familie  :  a)  Zigeuner  390,000  (60,000  in
der  Moldau,  130,000  in  der  Walachei,  etwa  200,000  in  Serbien  und  der  Türkei).
b)  Deutsche  (1200  in  3  Dörfern  der  Dobrudscha).  —II.  Velasgischer  ^\&amp;amp;.vava.
[(iraeco-ltomanen)  :  a)  Griechen  990,000  (110,000  in  Constant,  und  am  Bosporus, ­
  80,000  auf  Candia,  800,000  in  Thessalien,  Rumelien  u.  Bulgarien),  b)  (Pipetaren ­
  (Arnauten  oder  Albaner)  1'309,000,  c)  Rumänen  4'202,000  (104,300  in
Serbien,  2'420,000  in  der  Walachei,  1'605,000  in  der  Moldau,  33,000  in  der
Dobrudscha,  40,000  in  Bulgarien),  d)  Zinzaren  Wlachen,  Makedowlachen).  —
111.  Slavische  Familie:  a)  1'660,000  Serben,  b)  Bulgaren,  c)  Russen,  d)  Polen
(70  Familien).  —  IV.  6&amp;gt;wuii«cAe  Rasse  :  a  Araber,  b)  Juden.  —  V.  2'ürkische
Rasse:  a)  üsmanli  (370,000  zu  Constant,  und  am  Bosporus),  b)  Jurücken,
c)  Tartaren.  —  VI.  Magyaren.  —  VII.  Armenier.

Confessionen.  in  Europa  in  Asien  zusammen
Moslim  ....  4'550,000  12’650,000  21'000,000  (mit  Aegypten)
Griechen  ....  lü'000,000  3'000,000  13'000,00ü  (einschl.  Armenier)
Katholiken  •)  .  .  640,000  260,000  900,000
Juden  70,000  80,000  150,000
Städte  in  Europa:  Constantinopel  (etwa)  b00,000  (nach  einer
Schätzung  1’075,000  Einw.  Adrianopel  140,000,  Salonichi  70,000,
Serajewo  70,000,  Gallipoli  50,000.  Philippopel  40,000,  Sophia  30,000.
Gebtetsverluste.  Das  türkische  Reich  dehnte  sich  in  der  zweiten
Hälfte  des  vorigen  Jahrhunderts  noch  über  bedeutende  Provinzen  aus,
die  ihm  seitdem  entrissen  wurden.  So  ging  die  Krim,  über  welche  die
Sultane  Souveränität  ausübten,*  1770  an  Russland  verloren  ;  ebenso  riss
Oesterreich  damals  die  Bukowina  an  sich.  Der  Jassyer  Friede  von  1792
'vard  erkauft  durch  Ueberlassung  des  Budschak  bis  zum  Dniester  an
Russland,  und  einiger  Grenzschlösser  an  Oesterreich.  Das  Bündniss  mit

*)  Hiervon  sind:  640,000  römische  Katholiken,  25,000  unirte  Griechen
Uder  Chaldäer,  75,000  unirte  Armenier,  20,000  Syrer  und  unirte  Chaldäer,
140,000  Maroniten.
Kolb,  Statistik.  4.  Aufl.

27
        <pb n="440" />
        418

TÜRKEI.  —  Finanzen.

Russland  gegen  Frankreich  kostete  die  Mündung  des  Phasis  und  andere
Punkte  des  schwarzen  Meeres.  Zufolge  des  Bucharester  Friedens  von
1812  mussten  auch  Bessarabien  und  die  jenseits  des  Pruth  gelegenen
Theile  der  Moldau  an  den  nordischen  Nachbar  abgetreten  werden.  1821
riss  sich  Griechenland  los.  Der  Adrianopler  Friede,  1829,  kostete  Anapa
und  andere  Küstenstriche  in  Asien.  Der  Krieg  mit  Russland  von  1853
—  5  G  endigte  zum  ersten  Male  wieder  seit  einem  Jahrhunderte  mit  einer
wenigstens  mittelbaren  Gebietszurückerlangung  von  222  Q.-Meil.  und
180,000  Bew.  (siehe  S.  111).  Eine  bedeutende  Einwanderung  fand
1803  und  Gl  statt;  520,000  Tscherkessen  wanderten  nach  der  Türkei
(bes.  der  asiatischen)  aus;  leider  scheint  die  grössere  Hälfte  dieser  Unglücklichen ­
  zu  Grunde  gegangen  zu  sein.
Finanzen.  Ein  eigentliches  Budget  gibt  es  erst  seit  18G3  und  die
damalige  erste  Aufstellung  war  wenig  mehr  als  eine  unsichere  Schätzung,
—  ein  Umhertasten.  Man  fand,  dass  im  Jahre  18®7ei  (vielmehr  im
Jahre  127G  der  Mohammedaner)  die  Einnahme  284’5G0,925  Fres,  betragen ­
  hatte  (wir  berichten  hier  nach  einer  franz.  Quelle),  während  der
Bedarf  sich  auf  nicht  weniger  als  333’351,100  belief  und  somit  ein  Deficit ­
  von  48’790,175  Fres,  zu  Tage  lag.  —  Der  neue  Voranschlag  ergab
nun  für  18"%«  (1278):  3  322,042  Beutel  Einnahme,  2’9S1,3SG  Bedarf.
Allein  das  günstige  Verhältniss  bestand  nur  auf  dem  Papiere,  trotz  der
Einführung  des  Tabak-  und  Salzmonopols,  der  Erhöhung  der  Stempelund
  Licenzgebühren  (die  man  sämmtlich  den  Gläubigern  verpfänden
musste).
Das  Budget  für  18"%*  schloss  ab  mit  3  010,539  Beutel  Einnahme
und  2’9G9,004  Bedarf,  das  für  18"%,  (1280)  mit  3’242,190  Einn.  und
3’205,G72  Bedarf.*)  Die  Positionen  des  Letzten  sind:
Einnahmen.  1)  Directe  Steuern:  Verghi  (Personalsteuer)  GOG,409,  Militärersatzabgabe ­
  122,106.  —  2)  Indirecte  Aufiagen  2T  16,648,  darunter  besonders:
Zehnte  876,615,  Abgaben  von  Schafen  223,478,  Zölle  426,066,  Tabaksmonopol
235.666,  Stempel  36,666,  von  geistigen  Getränken  36,666,  Tapou  Kopfsteuer)
25,666  ;  —  3)  Post,  kais.  Druckerei  und  Staatsimmobilien  26,669  davon  Post
26,152;;  —  4)  Salinen,  Forsten,  Fischerei  und  Bergwerke  266,543  (Salzmonopol
126.666,  von  Bergwerken  15,844)  ;  —  5,  Tribute  93,544,  nemlich  :  von  Aegypten
86,606,  Walachei  5,666,  Moldau  3,666,  Serbien  4,666,  Samos  866,  Berg  Àthos
144.  —  Dazu:  Einkünfte  der  Admiralität  12,876,  des  Handelsministeriums  927,
des  Ministeriums  der  öft'entl.  Arbeiten  3664.
Ausgaben.  A)  Ordentl.  :  1)  äussere  Schuld  458,648;  —  2)  innere  493,967
(nemlich  :  Eshani-Djedidés  und  Tahoilati-Mumtazé,  Zins  und  Amortisation
335,066,  zehnjährige  Bons,  Zins  44,446,  Zinsen  an  die  AVaisencasse  9,968,
Séhims,  Moukatas,  Timars,  Zins  164,558);  —  3)  Pensionen  und  Dotationen
216,146;  —  4)  Ministerien  1’746,706  (neml.  :  Civilliste  241,260,  Krieg,  sammt
der  mit  133,346  besonders  aufgeführten  Artill.,  796,396,  Marine  264,265,  Justiz
26,945,  Vacoufs  —  Cultus  —  39,455,  Inneres  .368,235,  Auswärt.  26,375,  Handel
und  Ackerbau  4785,  Unterricht  und  öffentliche  Arbeiten  12,588,  Polizei  32,512  ;
—  5)  Allgemeine  Ausgaben  des  Finanzministeriums  136,366.  —  Zus.  3’639,166
Beutel.  —  B)  Ausserord.  :  1  Rechnung  mit  der  ottom.  Bank  etc.  35,236;
Syrische  Bons,  Amort.  und  Zins  58,566  ;  Rückersatz  von  %  der  zum  Voraus  er-*)

  Es  liegt  uns  vor  in  der  Druckschrift  :  Sublime  Porte  ;  Ministère  des  Finances. ­
  Budget  des  Recettes  et  des  Dépenses  de  l’exercice  18"%,.  Traduction
officielle  du  texte  turc.  Constantinople.
        <pb n="441" />
        27  *

TÜRKEI.  —  Finanzen.

419

hobenen  Verghi  Personalsteuer)  22,715;  Kosten  der  cirkassischen  Einwanderung
50,000;  —  zusammen  166,512.  —  Total  3’205,672.
Diese  ganze  Aufstellung  beruht  aber  wesentlich  auf  Fiction.  Der
Finanzminister  selbst  anerkennt,  dass  ein  grosser  Theil  der  Einkünfte
erst  im  nächstfolgenden  Jahre  eingehen  werde.  Unzweifelhaft  umfasst
der  türkische  Staat  eine  ungemeine  Fülle  natürlicher  Reichthümer.  Aber
die  Uncultur  der  Bevölkerung  weiss  sie  nicht  nutzbar  zu  machen  und  es
fehlt  durchaus  an  Ordnung  im  Staatshaushalte.  Alle  Budgets  schliessen
mit  Ueberschüssen  ab,  und  doch  braucht  man  jedes  Jahr  grosse  neue
Anlehen.  Es  erschwert  der  Hass  unter  den  verschiedenen  Nationalitäten
und  Religionen  ein  gesundes  Emporblühen  dqp  Gemeinwesens.  Allerdings ­
  konnte  der  türkische  Finanzminister  in  einem  Berichte  vom  Sept.
1855,  also  während  des  Kriegs,  hervorheben:  Die  Pforte  hat  in  den  28
Monaten  vom  27.  Mai  1853  bis  27.  Sept.  1855  für  ausserordentliche
Kriegsausgaben  ir2UO,000  £  aufgewendet,  und  dies  bestritten  ohne
neue  Auflagen  oder  Steuern,  und  ohne  Unterstützung  Europa's,  ausser
2  Vj  Mill.  £  aus  der  ersten  englischen  Anleihe,  und  600,000  £  Vorschuss
auf  die  zweite.  (Der  Charadj  ward  sogar  aufgehoben,  gegen  Verpflichtung ­
  der  Rajahs  zum  Kriegsdienste.)  Seitdem  sind  aber  Schulden  und
neue  Auflagen  um  die  Wette  entstanden.
Schuld.  Das  erste  fönnliche  Staatsanlehen  ward  nicht  früher  als  im
letzten  Kriege  ,  1851  ,  aufgenommen,  allein  seitdem  folgte  ein  Anlehen
auf  das  andere  :
A.  Auswärtige  Schuld.
1)  Anlehen  von  1854,  3  Mill,  jf,  zu  6%,  unter  Verpfändung  des  Tributs
von  Aegjpten,  angebl.  nur  zu  82%  abgesetzt.  2)  Weiteres  4proc.  Kriegsanlehen
  von  5  Mill.  unter  Garantie  von  England  und  Frankreich  ,  angebl.  zu
102'/,  %  untergebracht.  3)  Drittes  Anlehen  zu  5  Mill,  ,  vom  Mai  1858,  zu
6%  verzinsl.,  mit  2®/o  Provision  an  die  Uebemehmer,  ausgegeben  zu  85,  unter
Verpfändung  der  Zolleinkünfte  von  Constantinopel.  Ein  Anlehensversuch  im
J.  1859  scheiterte  vollständig,  obwol  8  %  Zinsen  geboten  wurden.  Dann  übernahm ­
  aber  4,  der  bekannte  Mires  im  October  I860  ein  Anlehen,  bestehend  aus
800,491  Obligationen,  ausgegeben  zu  312'/,  Fres,  und  einlösbar  zu  500  Fres.
Obwol  der  Zinsertrag  sich  auf  mehr  als  9®,,  stellte,  wurden  nur  101,800  Obligationen ­
  abgesetzt,  sonach  für  31’817,500  Fres,  nominell  für  50,900,00(1  p'res.  =
2’036,000  jf).  5  6®/o  (l)evaux’sche)  Anleihe  vom  März  1862,  8  Mill.  in
23'/,  Jahren  rückzahlbar,  zu  welchem  Behufe  ein  Tilgungsfonds  von  2%  gebildet ­
  wird  ;  die  Anleihe  ward  zur  Consolidirung  der  schwebenden  Schuld  und
zur  Tilgung  des  Staatspapiergeldes  bestimmt,  und  den  Gläubigem  sind  die  Erträgnisse ­
  des  Tabaks-  und  Salzmonm)ols  sowie  des  Stempels  und  der  Licenzen
verpfändet.  Gleichwol  betrug  der  Emissionspreis  nur  68,  oder  rtelmehr  66'%.
6)  6%  Anlehen  von  1863  und  64,  zus.  8  Mill,  bei  der  türkischen  Bank.  Die
Scheine  von  500  Fres,  wurden  zu  340  abgegeben,  sonach  mit  einem  \erluste
von  32®%  !  Ziehen  wir  nun  auch  ungefähr  1  '/,  Mill,  jé'  ab,  welche  auf  die  frühem
Anlehen  bereits  abgetragen  sein  mögen,  so  stellt  sich  die  in  11  Jahren»contrahirte
  auswärtige  Schuld  auf  mindestens  29  Mill.  Pfd.  Sterl.  =  etwa  192
Mill.  pr.  Thlr.
B.  Innere  Schuld.  Piaster

1)  6®/a  consolidirie  in  24  Jahren  rückzahlbar  Essams-Dieddidés)  250  Mill.
2)  6"%  Schatzkammerscheine,  in  14  J.  rückzahlbar  Hasné-Tahvili)  -280
3)  6®/„  Schatzobligationen  Serghis,  430
4)  Renten  Essams-Mamtuzes)  p
5)  Schulden  verschiedener  Art,  meist  bei  Griechen  aufgenommen  634
6)  Schwebende  Schuld  5^
Zus.  17’750,000  Jf)  2219
        <pb n="442" />
        420

TÜRKEI.  —  Militär.

Im  Gegensätze  zu  andern  Staaten,  in  denen  man  Anlehen  aufnahm
zur  Beseitigung  des  Papiergeldes  und  dann  den  Ertrag  der  Anlehen  für
andere  Zwecke  verbrauchte,  hat  die  Türkei  allerdings  das  auf  99’880,000
Piaster  angewachsene  Staatspapiergeld  (die  Calmés)  aus  der  Circulation ­
  glücklich  entfernt  und  die  Metallwährung  wieder  hergestellt.  Indess
ist  eben  eine  nachweisbare  Schuldmasse  von  wenigstens  40%  Mill.  JC  =
310  Mill.  Thlr.  entstanden;  andere  Berechnungen  steigen  auf  54  Mill.  £.
Das  Jahr  1864  schloss  mit  einem  auf  277,000  Beutel  berechneten  Ausfall, ­
  ungerechnet  die  auf  450,000  Beutel  geschätzte  schwebende  Schuld.
Es  ist  augenscheinlich  ,  dass  in  der  bisherigen  Art  nicht  fortgewirthschaftet
  werden  kann,  hei  welcher  namentlich  der  Betrag  jeder  neuen
Zinszahlung  durch  ein  neues  Anlehen  unter  den  drückendsten  Bedingungen ­
  aufgebracht  werden  muss.  Von  dem  grossen  Schatze  früherer
Zeit  ist  längst  nichts  mehr  vorhanden.  Schon  1776  entstand  eine  Art
Staatsschuld,  übwol  Griechenland  über  12%  Mill.  Drachmen  an  die
Pforte  bezahlen  musste,  vermochte  es  diese  doch  nicht,  die  im  Andrianopeler
  Frieden  dem  Czaaren  versprochene  Kriegscontribution  von  10  Mill.
Ducaten  zu  erschwingen  ;  der  russische  Kaiser  schenkte  der  Pforte  diese
Schuldsumme.  —  Auf  das  nun  beseitigte  Papiergeld  wurden  während
des  russischen  Krieges  30—40  Proc.  verloren.
Militär.  Seit  1843  ward,  nachdem  einige  frühere  Versuche  gescheitert, ­
  mit  Organisirung  der  Landmacht  nach  franz.-preuss.  Vorbilde  begonnen, ­
  doch  ist  dieselbe  noch  keineswegs  vollständig  durchgeführt.  Die
Bildung  des  Heeres  geschieht,  ausser  freiwilligem  Eintritte,  durch  Aushebung ­
  und  Losung.  Dienstzeit:  5  Jahre  im  activen  Heere,  dann  noch
7  in  der  Reserve.  —  Organisation  :
I.  Active  Armee  [Nizam],  6  Armeecorps  (Ordü),  jedes  mit  2  Divisionen
oder  6  Regim.  Infanterie,  4  Cavallerie  und  1  Artillerie.  Ausserdem  4  detaschirte
Divisionen.  (Das  Infant.-Regim.  hat  4  Bataill.  zu  8  Comp.,  und.etatsmässig
:i2()U,  in  Wirklichkeit  etwa  2800  M.  ;  das  Cavallerie-Reg.  6  Schwadr.  [2  Jägerund
  4  Lanciers-]  mit  736  resp.  934  M.)  Im  Ganzen  höchstens  148,000  Mann,
nomlich  :
36  Regim.  Infanterie  .  .  100,800  2  Regim.  Genie  ....  1,600
24  -  Cavallerie  .  .,  17,280  8  -  detaschirte  Corps  16,000
10  -  Artillerie  .  13,000
II.  Reserve  [Itedif,  Landwehr);  ebenso  eingetheilt  wie  die  Linie  und  auf
dem  Papiere  ebenso  stark  ;  —  in  Wirklichkeit  nicht  vollständig  organisirt.
III.  Contingente  der  dem  Nizam  noch  nicht  unterworfenen  Provinzen
und  der  halbsouveränen  Staaten.  —  Aegypten  besitzt  ein  nach  europäischer  Art
gebildetes  Heer  von  etwa  15,000  früher  40,000)  M.  Dazu  die  Contingente  von
Überalbanien  mit  etwa  10,000,  Bosnien  30,000,  Serbien  20,000,  der  Donaufürstenthümer
  7000,  und  von  Tunis  und  Tripolis  10,000;  zusammen  etwa  100,000.
IV.  Irreguläre  Truppen,  geschätzt  auf  80,000  M  (ohne  bes.  Werth).
Nach  einem  türk.  Ministerialberichte  betrug  die  wirkliche  Stärke
der  türk.  Armee  im  letzten  Kriege  :
Nizam  (Linie):  Redifs  (Landwehr.):

Infanterie  (sammt  Garde)  .  .  72,180  Infanterie  92,650
Cavallerie'und  Artillerie  .  .  22,737  Cavallerie  11,177
Festungsartillerie  u.  Reserve  10,408  Zug.  (7741  engl.  Solde)  103,827
Zus.  (2259  in  engl.  Solde)  105,325  Dazu  mobile  Miliz  ....  7,741

Bekannt  ist,  dass  sich  die  türk.  Truppen  im  letzten  Russenkriege
wiederholt  sehr  gut  schlugen,  so  bei  Kalafat,  Olteniza  ,  und  besonders
        <pb n="443" />
        TÜRKEI.  —  Handel.

421

in  dem  mit  ausgezeichnetem  Erfolge  vertheidigten  Silistria.  Wenn  sie  zu
Anfänge  der  Belagerung  Sebastopol’s  keine  Tapferkeit  bewiesen,  so  war
die  elende  Verpflegung  und  schlechte  Behandlung  von  europäischer  Seite
schuld.  Bei  Eupatoria  (auf  der  Krim)  hielten  sie  sich  so  wacker,  dass
dies  den  Tod  des  Czaars  Nicolaus  beschleunigte.  In  Asien  kämpften  sie
öfters  mit  Ausdauer,  dennoch  mit  schlechtem  Erfolge,  wegen  der  Unfähigkeit ­
  der  Führer,  und  der  diplomatischen  Machinationen,  wodurch
namentlich  dem  wacker  vertheidigten  Kars  die  Hülfe  entzogen  ward.
Marine  (1861)  48  Dampfer  und  63  Segelschiffe,  zus.  112  Kriegsfahrzeuge; ­
  die  Dampfer  waren  3  Linienschiffe,  5  Fregatten,  4  Corvetten,
13  Avisos,  4  Kanonenboote  und  19  Transportdampfer;  die  Segelschiffe:
1  Linienschiff",  1  Freg.,  13  Corvetten,  11  Briggs,  4  Schooner,  8  Kutter
und  25  Kanonenboote.  Seitdem  wurden  1  Liniendampfer,  3  Dampffregatten, ­
  5  Dampf-  und  2  Segelcorvetten  und  9  Transportdampfer  erbaut.
Rechnet  man  die  im  Bau  begriffenen  Fahrzeuge  dazu,  so  ergeben  sich
144  Schiffe  mit  1742  Kanonen  und  15,314  Pferdekräften.  Zur  Bemannung ­
  wären  33,0Ü0  Individuen  erforderlich,  doch  befinden  sich  nur
10,900  im  effectiven  Dienste.  —  1864  ward  1  Panzerschiff  in  England
vollendet  ;  2  weitere  sind  im  Bau  bereits  vorangeschritten.

Handel.  Nach  einer  allgemeinen  Schätzung  soll  im  Jahre  1863,  mit
Einrechnung  der  Schutzländer,  die  Einfuhr  etwa  1300,  die  Ausfuhr
gegen  1200  Mill.  Fres,  betragen  haben,  was  sehr  hoch  gegriffen  scheint.
—  Eine  nähere  Schätzung  in  der  Schrift  :  the  Ottoman  Empire  and  its
resources,  London  1852,  ergab  für  1852  in  Mill.  Piastern:

Einfuhr  A  umfuhr
252  l.tOMill.

Einfuhr
2

Ausfuhr
19  Mill

51
SO
25
12
2

Grossbrit.,  Ionien
Persien  (Transit)  .  .  217  218  Persien  (direct)  .  .  109
Frankreich  ....  109  230  Schweiz,  Ver.  Staaten  92
Oesterreich  .  .  .  114  185  Aegjpten  ....  91
Russland  ....  97  74  Walachei  ....  38
Holland  ....  26  9  Moldau  19
Belgien  5  2  Serbien  8
Sardinien  ....  4  lO  Zusammen  1182  1064
Ueber  den  Hafenverkehr  fehlen  nähere  Angaben.  Aus  der  Sulinamündung
  liefen  1861  3085  Schiffe  von  548,717  Tonnen  aus;  die
meisten  Dampfer,  130  von  61,515  Tonnen  waren  österr.,  die  meisten
Segelschiffe,  1078  von  162,003  Tonnen  griechische.
Münze,  Muasse.  Gerechnet  wird  nach  Piastern,  von  den  Türken  Grusp
f genannt;  da  die  Sultane  sich  durch  Münzverschlechterung  aus  ihren  Finanzveregenheiten
  helfen  wollten,  so  wurden  die  Münzen  immer  gehaltloser;  während
der  Werth  des  Piasters  1764  noch  etwa  22  Sgr.  betrug,  war  er  1822  auf  5%,
und  während  des  letzten  Kriegs  sogar  unter  1*/*  herabgesunken.  Jetzt  ist  derselbe ­
  2  Sgr.  Grössere  Summen  berechnet  man  nach  Beuteln,  zu  500  Piaster.
—  Längenmaass:  die  Dräu,  Pik,  Elle,  für  Seide  und  Tücher  zu  1,0283  preuss.
Ellen  oder  68,58  Centimeter  oder  0,75  engl.  Yards  ;  die  Endaseh  für  alle  übrigen
Manufacte,  zu  0,9883  preuss.  Ellen  oder  65,25  Centim.  —  Getreidemaass  :  der
Eortin  von  4  Kilos,  der  Kilo  zu  35,27  Liter  oder  0,6416  preuss.  Scheffel.  —
Flüssigkeitsmaass  :  die  Alma  oder  Almud,  zu  5,2047  Liter  oder  4,5454  preuss.
Quart.  —  Gewicht:  die  Oka  zu  1,2785  Kilogr.
        <pb n="444" />
        422

TÜRKEI.  —  Schutzstaaten.

8  c  h  11  t  z  8  t  a  (*)  t  e  II.
A  Rumänien  oder  Vereinigte  Donaufürstenthümer.
In  der  Walachei  fand  1S60  zum  erstenmale  eine  Volkszählung  statt;
von  der  Moldau  besitzen  wir  nur  unsichere  Schätzungen.
Q.-M.  Einw.  Städte  Krajowa  .  .  21,512
Walachei  .  1330  2’400,021  Bukarest  124,734  ¡  Brada  .  .  15,707
Moldau  .  958  1’800,000  Jassy  ungef.  50,000  i  Giurgewo  .  10,557
Zus.  2288  4’200,000  Blojeschti  .  26,478  |  Buseo  .  .  9,027
In  der  Walachei  :  Unter  den  Einw.  viele  Zigeuner;  in  der  Moldau
1’240,1S1  E.  männl.  allein  gegen  120,000.
1’160,740  -  weibl.  Com/cäsiom  ;  griechische,  100,000  Kathol.  und  25,000
Protest.
Gemäss  des  Pariser  Friedensschlusses  vom  30.  März  1856  und  der
von  der  Pariser  Conferenz  getroffenen  üebereinkunft  vom  19.Aug.  1558
sollten  beide  Länder  unter  der  Benennung  »Vereinigte  Fürstenthümer
Moldau  und  Walachei«  als  gesonderte,  nur  in  bestimmten  Beziehungen
verbundene  Gebiete,  jedes  mit  einem  eigenen  Hospedaren,  unter  der
Suzeränität  der  Pforte  verbleiben.  Indessen  wählte  die  Volksvertretung
sowol  der  Moldau  als  jene  der  Walachei  im  Jan.  1859  denselben  Hospedaren ­
  (Kuza);  die  sämmtlichen  Grossmächte  anerkannten  diesen  Schritt
im  Sept.  1859,  nur  die  Pforte  protestirte  ,  anerkannte  aber  Ende  1861
die  Union  für  die  Lebensdauer  des  jetzigen  Hospodars.  In  der  Verfassungsurkunde ­
  von  Fokschan  vom  9.  Xov.  1859  sind  beide  Fürstenthümer ­
  für  ewige  Zeiten  zu  Einem  Staate  vereinigt  erklärt,  der  den
Namen  »Rumänien«  führt.  Am  2,  Mai  1863  a.  St.  führte  Kuza  einen
Staatsstreich  aus.  Neue  Verfassung  vom  28.  Juni  1864.
Finanzen.  Seit  1860  wird  auch  hier  ein  Budget  regelmässig  aufgestellt. ­
  In  dem  Entwürfe  des  Voranschlags  für  1864,  welcher  der  Kammer
vorgelegt  wurde,  entzifferten  sich  die  Einnahmen  auf  155’697,218  Piaster, ­
  die  Ausgaben  auf  153’1  10,049.  Die  Budget-Commission  der
Kammer  reducirte  die  Einnahmen  auf  144’930,444,  die  Ausgaben  auf
135’035,766  Piaster.  Der  Fürst  aber  octroyirte  ein  Budget  mit  folgenden ­
  Hauptpositionen  :
Einnahmen.  Directe  Steuern  54’483,811,  indirecte  20’8S2,711  ,  Domänen
5P5S1,507,  Regalien  (Post,  Telegr.:  4’(»00,00U,  Verschied.  6’549,852;  —  ausserordentliche ­
  Einnahmen  38*272,678;  —  zus.  175*770,548.
Ansfjuben.  a)  ordentl.  :  Ministerrath  97,200,  Staatsrath  552,000,  Minist,  des
Innern  24*580,076,  Finanzmin.  43*866,552,  Krieg  40*182,515,  Cultus  26*418,044,
Justiz  12*428,166,  Aeusseres  1*643,474,  Handel  16*000,000;  zus.  165*767,997.
b)  auserord.  :  Inneres  804,529,  Finanz  12*653.879,  Krieg  15*009,908,  Cultus
1*163,282,  Aeusseres  600,000,  Handel  8*000,000,  Justiz  41,0S0,  zus.  38*272,678;
somit  Gesamnitbedarf  204*042,675,  —  davon  Deficit  28*272,127  Piaster.
Das  Budget  für  1865  ergibt  159*166,677  Einn.  und  158*660,220
Bedarf.
Der  Einzelangaben  wegen  lassen  wir  einige  Notizen  aus  dem  uns
vollständig  vorliegenden  Budget  für  1860  folgen.
Walachei  Moldau  Zusammen
Einnahme  .  74*844,190  43*178,155  118*022,345
Ausgabe.  .  73*471,345  44*884,441  118*355,786
        <pb n="445" />
        TÜRKEI.  —  Schutzstaaten.

423

Wir  fassen  beide  Budgets  zusammen.
Einnahmen:  I.  Directe  Steuern  47*830,339  Piaster  (dav.:  Grund-11*152,680,
Personal-  23*761,404,  Gewerb-  4*594,143,  Wegsteuer  —  statt  der  frühem  Kopfsteuer, ­
  familienweise  erhoben  —  8*322,112.)  —  II.  Indirecte  Abgaben  30*409,  &amp;lt;56
(darunter:  Zoll  14*580,999,  Salz  8*654,100,  von  Spirituosen,  nur  in  der  Moldau
849,425,  Stempel  800,000  ,  Telegraphen  1*700,000,  Post  476,767,  Abgabe  von
Gütererwerbungen  durch  die  todte  Hand,  blos  in  der  Walachei,  2  Mill.)  —
III  Domänen  22*815,926  darunter  :  Einnahme  von  205  durch  den  Staat  verwalteten ­
  Klöstern  mit  19*650,460).  —  Verschiedenes  16*966,324.
Von  den  Ausgaben  bemerken  wir  :  Walachei  Moldau  Zusammen
Staatsschuld  .  .  •  8*023,916  2*118,750  10*142,666
Civilliste  1*134,000  945,000  2*079,000
Cultus  und  Unterricht  14*013,328  7*112,856  21*126,184
Militär  .  .  17*000,000  11*913,209  28*913,209
Bei  »Schuld«  ist  der  Tribut  an  die  Pforte  einbegriffen,  für  die  Walachei
1*525,000,  für  die  Moldau  918,750.  —  Von  der  Militärausgabe  kommen  6*507,086
Piaster  auf  Miliz  und  Gendarmerie.
Schulden.  Dieselben  waren  1853  in  beiden  Staaten  nahezu  getilgt.  Dagegen
hatte  die  Moldau  schon  1856  wieder  9*/*,  die  Walachei  Ende  1857  mindestens
14  Mill.  Piast.  Schulden,  ungerechnet  6  Mill,  für  den  Loskauf  der  Leibeigenen
in  der  Moldau.  'Nach  einer  andern  Angabe  hätte  die  österr.  Occupation  der
Donaufürstenthümer  während  des  Orientkriegs  die  Moldau  zur  Aufnahme  von
7,  die  Walachei  zu  solcher  von  22  Mill,  in  Anlehen  gezwungen,  ungerechnet  die
unmittelbaren  leasten  der  Einwohner.)  Im  Mai  1860  ward  für  den  vereinigten
Staat  ein  Anlehen  von  60  Mill.  Fres,  aufgenommen,  unter  Verpfändung  der
Salz-  und  Zollerträgnisse,  sowie  der  Klostergüter.  Bei  Vorlage  des  Budgets  für
1865  erklärte  die  Regierung,  die  Staatsschuld  habe  am  1.  Januar  1864  nur
28*162,584  Piaster  betragen.  Indess  habe  der  Staat  während  des  Jahres  1864
mehr  als  52  Mill,  aufgenommen,  davon  48  Mill,  bei  der  ottoman.  Bank  und
Stern  Brothers  in  London  (7procentige  ;  es  mussten  aber  916,000  Pfd.  Sterl.  =
61*372,000  Piaster  verschrieben  werden,  um  718,548  =  48*142,676  Piaster
zugesichert  zu  erhalten).  Hievon  waren  38  Mill,  zur  Entschädigung  der  säeularisirten
  Klöster  u.  10  Mill,  für  die  Bedürfnisse  des  Heeres  bestimmt.  Da  indess ­
  die  Klosterfrage  noch  nicht  entschieden  war,  so  wurden  nur  ungef.  20  Mill,
vorläufig  auf  Abrechnung  bezahlt,  die  übrigen  18  Mill,  dagegen  —  gleichfalls
zur  Deckung  des  Ausfalls  im  gewöhnl.  Staatshaushalte  verwendet.  —  Die  Gesammtschula
  beläuft  sich  sonach  auf  etwa  94  Mill.  Piast.  (Im  Februar  1865  hat
die  Kammer  die  Aufnahme  eines  neuen  Anlehens  von  150  Mill.  türk.  Piaster
zur  Entschädigung  der  griech.  Klöster  bewilligt.  Russland  soll  noch  7*523,000
Lee  Entschädigung  fordern  als  Auslagen  für  die  1853  und  54  nicht  gerufenen
russ.  Truppen.)
Militär,  a)  reguläres  15,500  M.  in  7  Regim.  Linien-Infant.,  1  Bat.  Jäger,
2  Reg.  Cavall.,  1  Reg.  Artill.,  1  Bat.  Genie,  1  Bat.  Pompiers;  —  b)  Volkswehr
und  ürenzwächter  etwa  20,000.
Handel,  1862,  Ausf.  3o7‘/,,  Einf.  175Mill.  Plast.  —  Zahl  der  in  den  Häfen
eingelaufenen  Fahrzeuge  10,862  von  1*612,232  Tonnen.
Münze.  67  Moldau-Walachische  Piaster  =  1  ./*;  13  Piaster  20  Para  =
1  Fünffrankenthaler.  10  Piaster  20  Para  =  1  Silberrubel.  Der  Piaster  also
etwa  38  Cent,  oder  3  Sgr.  1861  ward  eine  neue  I^andesmünze  geschaffen,  »Romanac«,
  genau  dem  franz.  Franc  gleich,  mit  der  Unterabtheilung  in  100  Sutim.
B.  Serbien  ,Fürstenthum),
der  Pforte  tributpflichtig,  mit  unabhängiger  Verwaltung  und  Volksvertretung ­
  (Skuptschina),  etwa  1000  Q.-M.  gross,  1861  mit  1*098,281
Einw.,  worunter  955,000  Serben,  120,000Rumänen,  20,000  Zigeuner,
1800  spanische  Juden,  höchstens  2000  Deutsche.  Stadt  Belgard  1  1,600.
Finanzen.  Im  Rechnung^'ahre  (1,  Nov  beginnend)  18'%,  3  Mill.  Gulden.
(Unter  den  Einnahmen  eine  ICopfsteuer  von  lü  fl.  für  die  Familie,  dann  Zigeunersteuer ­
  ;  unter  den  Ausgaben:  frühere  fürstl.  Civilliste  171,428  fl.,  Militär
[1856]  344,000;  1859  soll  die  Cmlliste  auf  400,000  fl.  gebracht  worden  sein.)
        <pb n="446" />
        424

TÜRKEI.  —  Schutzstaaten.

Die  3  letzten  Budgets  schlossen  so  ab  (Steuerpiaster)  :
1863  1864  1865
Einnahme  29’829,833  22’253,344  27*529,385
Ausgabe  29*229,833  24*487,513  27*529,385
Differenz  —  600,000  +  2*234,169  —
Das  Deficit  von  1804  soll  durch  üeberschüsse  der  Vorjahre  gedeckt
worden  sein.  Für  1805  erlangte  man  eine  Ausgleichung  durch  Erhöhung
der  Kopfsteuer  von  5  auf  0  Thlr.  und  Einführung  eines  Salz-  und  Tabakmonopols. ­
  Die  Hauptpositionen  sind  im  letzten  Jahre  ;
Einnahmen.  Domänen,  Zehnte,  Post,  Telegraphie  1*300,000,  Kopfsteuer
15*630,000,  Salz-  und  Tabaksregie  1  Mill.,  Zoll  3*800,000,  verschied.  Auflagen
1*397,000,  ausserordentl.  Einnahmen  4*402,385.
Ausgaben.  Tribut  an  die  Pforte  und  oberste  Staatsstellen  2*899,663,  Centralverwaltung ­
  2*390,263,  Ministerien  22*239,459.
Eine  Schuld  von  300,000  österr.  Ducaten,  aufgenommen  gegen
Verpfändung  der  Regalien,  wird  als  getilgt  angegeben.
Militär.  Stehende  Truppen  etwa  2500  M.,  in  2  Bat.  Linien-Inf.,
2  Comp.  Jäger,  2  Schwadr.  Cavall.,  5  Batterien  Artillerie  und  1  Comp.
Pioniere.  —  Die  Miliz  wird  auf  %0,000  M.  geschätzt.
Handel,  18®7eo  55'/;  Mill.  Piaster  Ein-,  63®/*  Mill.  Ausfuhr.
Münze-.  Steuer-Piaster,  ungefähr  10  Kreuzer  österr.  Conventions-Münze
  =  3'/*  Sgr.

C.  Montenegro  (Fürstenthum),
Areal  etwa  70  Q.-M.  mit  125,000  (68,000  männlichen)  Einw.,
griechischer  Confession.  Einkünfte  etwas  über  100,000  Fres.  Der  Fürst
bezieht  eine  russ.  Subvention  von  8000  Ducaten  und  eine  französ.  von
50,000  Fres.
D.  Aegypten  (halbselbständiges  Vicekönigreich).
Etwa  8400  Q.-M.  und  (nach  Alf.  v.  Kremer)  1860  mit  4*306,691
Einw.  (darunter  150,000  christliche  Kopten).  —  Städte:  Kairo  256,700,
Alexandria  164,400,  Damiette  37,100,  Tanta  19,500,  Rosette  18,300,
Sues  4160.  —  zus.  Städtebevölkerung  500,160.  Von  der  Landbevölkerung ­
  kommen  auf
Oberägypten  in  620  Dörfern  1*168,995  Menschen,
Mittelägypten  -  554  -  519,582
Unterägypten  -  3205  -  2*117,954
—  Einkünfte  und  Bedarf  1855  geschätzt  zu  765,000  Beutel  (zu  5  Jt).
Der  Tribut  an  die  Pforte,  1833  noch  12,000,  ist  auf  80,000  erhöht.  —
Die  schwebende  Schuld  ward  1857  zu  30—35  Mill.  Fres,  angegeben;
ferner  wurde  im  August  1860  ein  6proc.  Anlehen  von  20  Mill.  Fres,
mit  Laffitte  in  Paris  abgeschlossen,  sodann  im  April  1862  der  Prospect
einer  Anleihe  von  2*195,200  Pfd.  Sterl.  ausgegeben,  zur  Tilgung  der
schwebenden  Schuld  bestimmt,  und  endlich  im  Nov.  1864  zu  London
ein  7proc.  Anlehen  im  Betrage  von  5*704,200  £  (wovon  2  Mill,  fest
begeben)  auf  den  Markt  gebracht,  im  Nettopreise  von  92;  innerhalb
15  Jahren  soll  diese  Schuld  wieder  getilgt  werden.  Da  die  Staatsschuld
schon  bei  Said  Paschas  Tod  (Jan.  1863)  zu  79*870,000  Fres,  angegeben
        <pb n="447" />
        TÜRKEI.  —  Schutzstaaten.

425

wurde,  so  dürfte  dieselbe  jetzt  etwa  130  Mill.  Fres,  betragen.  Das  Papiergeld ­
  hat  einen  stark  wechselnden  Curs.  —  Armee  etwa  15,000  M.
(4  Inf.-Reg.  ,  1  Schützenbat.,  2500  Reiter,  1200  M.  Ar  tili.,  1  Negerregiment ­
  aus  Sudan,  ursprünglich  von  3000  M.)  —  Flotte  (1857):  4  Linienschiffe, ­
  6  Freg.  etc.  —  Der  internationale  Handel  am  Mittelmeere
allein  ward  1860  zu  15*/*  span.  Thlr.  Aus-  und  12*/*  Mill.  Einfuhr
berechnet.  —  Der  Verkehr  und  der  Wohlstand  des  Landes  hat  sich  seitdem ­
  ungemein  gehoben  durch  starken  Anbau  von  Baumwolle.  Schon  in
den  8  ersten  Monaten  von  1864  wurden  43  Mill.  Kilogr.  nach  England
und  10  Mill,  nach  Frankreich  ausgeführt,  im  Geldwerthe  von  301*/*  Mill.
Fres.  Die  Ungeheuern  Zuflüsse  von  Edelmetallen  sollen  eine  Art  socialer
Revolution  im  ganzen  Lande  bewirkt  haben.
        <pb n="448" />
        Vierte  Abtlieiluiig.
Amerika  und  die  übrigen  Erdtheile.

Vereinigte  Staaten  von  Vordanierika  (Föderativ-Republik).

Land  und  Leute.  Das  Areal  ist  nicht  genau  berechnet.  Die  vorliegenden ­
  Angaben  variiren  zwischen  2’743,300  und  3’230,572  englischen
(130,000  bis  152,000  deutschen)  Quadratmeilen  (21,2582  englische  =
1  deutsche).  Die  Bevölkerung  betrug  bei  der  Zählung  von  1860
31’443,322,  neml.  27’489,502  Freie  und  3  053,587  Sklaven;  mit  Ein-Techiïung
  der  Indianer  etc.  steigt  die  Gesammtzahl  auf  31  747,514.

8.
9.
10.
11.

12.
13.
14.
15.
16.

17.
18.
19.
20.
21.

Staaten  (und  Gebiete)  Areal  Q.-M.  Bevölkerung
A.  Neu-England-Staaten  ■  Engl.  Deutsche  1850
Maine  31,766  1,494  583,169
New-Hampshire.  .  .  9,280  436  317,976
Vermont  9,056  426  314,120
Massachusetts  .  .  .  7,800  367  994,514
lihode-lsland  .  .  .  1,306  61  147,545
Connecticut  ....  4,674  219  370,792
li.  Mittelatluntische  Staaten  :

1860  dav.  Sklav.
628,276  —
326,073  —
315,098  —
1'231,066  —
174,620  —
460,174  —

New-York  ....  46,000
New-Jersey  .  .  .  .  8,320
Pennsylvanien  .  .  .  46,010
Delaware  2,120
Maryland  9,356
C.  Sudatlantische  Staaten:
Ost-Virginia  .  .  .  38,352
North-Carolina  .  .  .  45,500
South-Carolina  .  .  .  24,500
Georgia  58,000
Florida  .  .  •  •  .  59,268
[District]  Columbia  .  50
D.  Süd-Cis-JIississippi-Staaten  :
Alabama  50,722
Mississippi  .  .  ■  .  47,156
Tenessee  45,600
Kentucky  37,680
West-Virginien  .  .  23,000

2,164
391
2,164
100
440

3’097,394
489,555
2’311,786
91,532
583,034

1,804  (1’421,661)
2,140  869,039
1,152  668,507
2,728  906,185
2,788  87,445
2  51,687

2,386  771,623
2,218  606,526
2,145  1’002,717
1,772  982,405
1,082  (oben)*)

3’886,735
672,035
2’906,115
112,216
687,049
1’261,397
992,622
703,708
1'057,286
140,425
75,080

964,201
791,305
1’109,801
1’159,6S4
393,234

1,805
85,382

475,196
331,059
407,406
467,461
61,745
3,185
435,473
479,607
287,112
425,583
20,630

*)  Die  Bevölkerung  West-Virginiens  (Staat  21;  im  J.  1850  ist  in  der  bei
Ost-Virginien  (Staat  12)  angegebenen  Summe  einbegriffen.
        <pb n="449" />
        VEREINIGTE  STAATEN.  —  Land  und  Leute.

427

Staaten  (und  Gebiete)
E.  Xord-CÍ8-3IÍ88tssippt-Staaten
  :
22.  Ohio  .
23.  Indiana
24.  Michigan
25.  Illinois  .
26.  Wisconsin
27.  Minnesota

Areal  Q.-M.

Engl.  Deutsche  1850

Bevölkerung

39,964
33,609
56,253
55,409
53,924
83,531

1,880
1,590
2,645
2,606
2,536
3,929

F.  Ultra-31Í88Í88Íppi-Staaten  :

26  Iowa  45,045  2,118
29.  Missouri  67,368  3,166
30.  Arkansas  52,198  2,455
31.  Louisiana  46,341  2,179
32.  Kansas  60,000  3,763
33.  Nevada  63,500  3,92&amp;lt;
(Gebiete)  a.  Utah  .  .  109,600  5,015
b.  Nebrasca  .  63,300  2,977
c.  Colorado  .  106,475  5,008
d.  Dakota  .  152,500  7,173
G.  WestlUnder  dc8  mexicanischen  Busens:
34.  Texas  237,321  11,164
II.  Länder  am  stillen  Ocean  :
35.  Californien  ....  188,962  8,869
36.  Oregon  95,2  &amp;lt;4  4,461
(Gebiete)  e.  Neu-Mexico  124,450  5,So3
f.  Washington  71,300  3,35.1

1’980,329
968,416
397,654
651,470
305,391
6,077
192,214
662,044
209,697
517,762

11,380

1860  dav.  Sklav.
2’339,502  —
1’350,428  —
749,113  -
1’711,951
775,681  —
173,655  —

674,948  —
1’162,012  115,619
435,450  111,115
708,002  351,726
107,206  —
16,657  —
40,273  —
26,641  —
34,277  —
4.837  —

212,592  604,215  194,956

92,597
13,294
61,547

*79,994
52,465
93,516
11,594

24

Oregon  gebildet.  n
Unter  der  Bevölkerung  (nach  dem  Preliminar}'  Report  on  the  Eight  Census), ­
  im  Gegensätze  zu  Europa,  730,000  Männer  mehr  als  Trauen.
'  Bevölkertmgszunahme.  Die  Bevölkerung  derjenigen  britischen  Colonien
  welche  später  die  vereinigten  Staaten  bildeten,  ward  16S0  auf
80  000  1701  auf  260,000  und  1753  auf  1’051,000  angeschlagen.
1775  bitten  die  Vereinigten  Staaten  nach  einer  amtlichen  Schätzung
2’383  300  Bew.  Seit  1700  erfolgen  alle  10  Jahre  wirkliche  Aufnahmen:

1790
1800
1610
1820
1830
1640
1650
I860

Bevölkerung  Zunahme  —  Procent

3’929,872
5’305,925
7’239,614
9’636,131
12’666,020
17’069,453
23’191,676
31’443,322

1’376,098
1’933,869
2’398,317
3’227,669
4’203,433
G’l  22,423
6^251,456

35,02
36,45
33,13
33,49
32,67
35,87
35,53

1793
1830
1640
1850

Oebietiumfang
605,461  engl.  (i.-M.
2’150,000  -  -  -
2’306,262  -  -  -
2’743,300  -  -  -

Von  der  Gesammtbevölkerung  waren
1790  17,8  Proc.  Sklaven,  1660  12,6
I860  31’443,322  6’251,456  Proc.,  da  die  Freien  sich  stärker  \^rmehrten.
  In  den  Sklavenstaaten  war  jedoch  ein  anderes  Verhältmss  (1^90
i’231,975  Freie  und  697,697  Sklaven).
Bei  der  ersten  wirklichen  Bevölkerungsaufnahme  (1790)  ergab  sich
hlgende  Einwohnerzahl  in  den  einzelnen  Staaten  ;

Virginien  .  .
Massachusetts
Pennsylvanien
Nord-Carolina
New-York  .

747,610
475,327
434,373
393,951
340,120

Maryland  .  .
Süd^arolina  .
Connecticut  .
New-Jersey  .

319,728
249,073
237,946
184,139

New-Hampshire  141,885
Georgia  .  .  .  62,548
Rhode-Island  .  68,625
Delaware  .  .  59,094
        <pb n="450" />
        428

VEREINIGTE  STAATEN.  —  Land  und  Leute.

Confessionen.  Es  fehlen  verlässige  Notizen.  Auffallend  ist  die  geringe ­
  Zahl  der  Katholiken,  1S5Ü  (nach  M.  Wagner)  nur  1’233,350,
—  1860  dagegen  angebl.  ungef,  3  Mill.  Es  ist  jedoch  selbst  die  letzte
Summe  nicht  die  Hälfte  derjenigen  Zahl,  welche  man,  nach  der  irländischen ­
  und  einem  Theile  der  deutschen  Immigration,  erwarten  sollte.
Viele  Katholiken  treten  in  der  Union  zu  einer  protestantischen,  viele  zu
gar  keiner  Kirchgenossenschaft.  —  Mormonen  sollen  sich  63,700  in
der  Union  befinden,  wovon  38,000  in  Utah,  5000  in  New-York,  4000
in  Californien  im  britischen  Canada  auch  5000).
Nationalitäten.  Eine  genaue  Ausscheidung  der  verschiedenen  Zweige
des  kaukasischen  Stammes  ist  unmöglich.  Die  Zahl  der  Deutschen
möchte  allerdings,  wenn  man  die  Nachkommen  der  Eingewanderten  einrechnet, ­
  5  Mill,  erreichen  ;  allein  diese  Nachkommen  haben  in  grösster
Anzahl  aufgehört,  Deutsche  zu  sein.  Nach  dem  Census  von  1860  waren
von  den  Einwohnern  1’301,136  in  Deutschland  geboren,*)  431,692  in
England,  108,518  in  Schottland,  1'611,304  in  Irland,  109,870  in
Frankreich,  573,655  in  andern  Ländern,  zus.  4'  136,175  total  im  Auslande ­
  Gehörne.  —  Die  Zahl  der  Juden  wird  (von  M.  Wagner)  auf
120,000  geschätzt.  Indianer  gab  es  nach  dem  Census  von  1850
388,299  (in  51  oder  52  Stämmen),  nach  dem  von  1860  nur  noch  294,431.
—  Die  Negerbevölkerung  betrug,  mit  Einrechnung  von  487,970  freien
Schwarzen,  4’441,730.  %  der  Farbigen  wird  als  Mulatten  aufgeführt.
—  In  Californien  gab  es  33,348  Chinesen.
Einwanderungen.**)  Im  ersten  Jahrzehnt  der  Unabhängigkeit  betrug
die  Einwanderung  jährlich  nur  etwa  4000  Individuen;  1794  (franz.  Revolution) ­
  ungef.  6000;  1817  (Hungersnoth  in  Europa)  22,240  (was  für
unerhört  galt).  Seit  1819  werden  Einwanderungsregister  geführt.  Im
Ganzen  kamen  (nach  Bromwell):

1819—29  fast  130,000
1829—39  über  538,000
1839—49  -  1’427,000
1849—55  incl  2’118,000
Zus.  in  30  J.  4’212,024

Davon  waren  :
Briten  und  Irländer ­
  .  .  2’343,445
Deutsche  .  .  1*242,082
Franzosen  .  188,725
Schweizer  .  31,071

Norweger  u.  Schw  .29,441
Chinesen  in  Californien ­
  .  .  10,714
Mexicaner  .  .  15,909
Italiener  .  .  .  7,185
Russen  .  .  .  938

Von  1855  —  00  einschliessl.  wunderten  849,790  Personen  ein,  ungerechnet
die  über  Canada  gekommenen;  1801  sodann  05,529,  1802  70,300,  1803  trotz

*)  Das  Procentverhältniss  der  Deutschen  zur  Gesammtbevölkerung  ist  in
den  einzelnen  Staaten  folgendes;  Wisconsin  15,97  Proc.,  Indiana  14,94,  Minnesota ­
  10,59,  Illinois  7,05,  Missouri  7,50,  Ohio  7,19,  California  7,10,  New)ork
6,61,  Marjdand  6,39,  Iowa  5,71,  Michigan  5,18,  New-Jersey  5,03,  Pennsylvania
4,74,  District  Columbia  4,3.1,  Kansas  4,03,  I.ouisiana  3,48,  Texas  3,40,  Kentucky ­
  2,36,  Oregon  2,06,  die  Territorien  1,86,  Connecticut  1,85,  Delaware  1,13,
Massaschusetts  0,81,  \irginia  0,66,  Rhode  Island  0,47,  South  Carolina  0,38,
Tennessee  0,35,  Florida  0,34,  Alabama  0,27,  Arcansas  0,26,  Mississippi  0,25,
Georgia  0,23,  New-Hampshire  0,13,  North-Carolina  0,8,  Vermont  0,7,  Maine
0,6.  Die  totale  fremdgeborene  Bevölkerung  der  Union  war  4*130,175  oder  13,15
Proc.  der  gesammten  Bevölkerung.  Engländer  bildeten  1,37  Proc.,  Irländer
5,12,  Deutsche  4,14.
**)  Hauptquellen:  die  Schrift  des  Unionsbeamten  William  J.  Bromwell: ­
  History  of  the  Immigration  io  the  United  States,  New-York  1856,  —  sodann ­
  ein  (uns  übrigens  nur  im  Auszuge  bekannter)  Bericht  des  Staatssecretärs
der  Verein.  Staaten  über  die  Einwanderungen  in  den  14  Jahren  1844—57.
        <pb n="451" />
        V"EREINIOTE  STAATEN.  —  Land  und  Leute.

429

des  Krieges  155,223,  worunter  92,6‘&amp;gt;1  Irländer,  38,236  Deutsche  und  18,262
Engländer  und  Schotten.  Oberinspector  Kennedy  schätzt  das  im  Jahrzehnt
1850—60  den  Ver.  Staaten  durch  die  Einwanderer  zugeführte  Geld  auf  400  Mill.
Doll.,  wogegen  von  1848—60  von  den  Ankömmlingen  50  Mill.  Doll,  in  ihre
Heimath  gesendet  worden  seien.  _  ,
Deutsche,  ungerechnet  die  Preussen,  werden  in  einer  andern  Liste  aufgeführt ­
  :  1852  118,126,  1853  140,635,  1854  206,054,  1855  bis  1860  279,957.

Nach  den  Angaben  des  amerikanischen  Staatssecretärs  betrugen  die

Einwanderungen  :
1844  84,764
1845  119,896
1846  158,649
1847  239,482
1848  229,483

1849  299,683
1850  315,334
1851  408,828
1852  397,343
1853  400,982

1854  460,474
1855  230,476
1856  224,498
1857  271,558
I  Zus.inl4J.  3’9()7,018

Die  Gesammtzahl  der  Einwanderer  vom  30.  Sept.  1843  bis  31.  Oct.  1860
war  auf  4’386,441  angewachsen,  wovon  123,126  auf  Í858  und  179,469  auf  1860
kamen;  im  letzten  Jahre  54,491  aus  Deutschland  und  der  Schweiz,  48,637  aus
Irland,  13,001  aus  England,  5476  aus  China  etc.  Es  befanden  sich  darunter
108,550  männl.,  70,833  weibl.  Auf  der  Seereise  waren  222  gestorben.  *)

Städte.
New-York  .
Philadelphia
Brooklyn  .
Baltimore  .
Boston  .  .
New-Orleans
SL  I.ouis  .
Cincinnati  .
Chicago

1810
96,377
96,691
4,402
46,555
32,250
17,212
V,540

1820  1830  1840
123,706  203,007  312,710
108,116  167,188  258,037
7,175  13,662  41,913
62,738  80,625  102,313
43,298  61,392  93,383
27,176  46,310  102,193
4,598  5,852  16,469
9,644  24,831  46,338

1850  1860
515,507  814,277  Einw.
408,762  568,034
96,838  273,425
169,054  214,037
136,881  177,902
116,375  170,766
77,860  162,179
114,436  160,060
29,963  109,420

Andere  Städte  (1860)  :

Buffalo  .
I^ouisville  .
Newark  .
San  Francisco
Washington
Providence
Rochester
Eetroit  .
Milwaukee
Cleveland
Charleston
IVoy  .  .
New-Haven

84,132
75,196
72,055
66,000
61,400
50,689
48,096
46,834
45,323
43,550
40,194
39,653
39,277

Richmond
Lowell  .
Jersey-City
Cambridge
Roxbur)
Charleston
Worchester
Nashnlle
Reading  .
Salem.  .
New-Bedford
Dayton  .  .

37,958
37,069
29,256
26,074
25,137
25,120
24,963
23,715
23,171
22,486
22,309
20,132

Städte,  deren  Bevölkerung ­
  i.  J.  1860  uns  noch
nicht  bekannt,  Einwohnerzahl ­
  1850:

Pittsburgh
Albany  .
Syracuse  .
Portland  .
Mobile  .

46,601
41,139
22,271
20,815
20.513

1790  zählten  :  Philadelphia  42,520  Einw.,  New-York33,131,  Boston  18,038,
Charleston  16,359,  Baltimore  13,503.
Gebietszuwachs.  1803  Erwerbung  Lousiana’s  von  Frankreich  —
1810  Erwerbung  Florida’s  von  Spanien.  —  1822  Besetzung  des  zu
Louisiana  gerechneten  Districts  Columbia.  —  1845  Annexation  von
Texas  (früher  spanisch,  dann  mexicanisch,  zuletzt  selbständig).  1848

*)  In  den  5  Jahren  1855—60  betrug  die  Zeitdauer  einer  Reise  von  Europa
nach  Amerika  durchschnittl.  30  Tage,  und  es  starben  dabei  unterwegs  von  500
Menschen  einer.  Bei  einer  Gesammtsumme  von  5  Mill  Einwanderern  müs-*Gn
  daher  wenigstens  10,000  Menschen  auf  der  See  ihr  Leben  gelassen  haben.
Loch  bleibt  dies  weit  unter  der  Wirklichkeit,  da  vor  1855  die  Reisen  ^iel  länger
dauerten  und  viel  gefährlicher  waren.*
        <pb n="452" />
        430

VEREINIGTE  STAATEN.  —  Finanzen-Erwerbung

  von  Neumexico  und  Obercalifornien  von  Mexico.  —
Der  blutige  Aufstand,  den  im  J.  1861  elf  Staaten  begannen  (Virginien,
Nord-  und  Süd-Carolina,  Tenessee,  Arkansas,  Georgien,  Florida,  Alabama, ­
  Mississippi,  Louisiana  u.  Texas)  ist  allerdings  (anfangs  1865)
noch  nicht  vollständig  niedergeschlagen,  hat  aber  doch  beinahe  alle  Aussicht ­
  auf  Erfolg  verloren.
Die  13  Provinzen,  welche  am  4.  Juli  1776  ihre  Unabhängigkeit
proclamirten,  sind  oben  (S.  427)  verzeichnet.  Die  Vermehrung  der
&amp;gt;1  Staaten«  (Aufnahme  von  Gebieten  als  eigene  Staaten)  erfolgte:

14.  Staat,  Vermont,  1791,
15.  Kentucky  1792,
16.  Tennessee  1796,
17.  Ohio  1802,
18.  Louisiana  1812,
19.  Indiana  1816,
20.  Mississippi  1817,
21.  Illinois  1818,

30.  Wisconsin  1848,
31.  Californien  1851,
32.  Minnesota  1858,
33.  Kansas  1858,
34.  Oregon  1859,
35.  West-Virginien  1862,
36.  Nevada  1864.

22.  Alabama  1819,
23.  Maine  1820,
24.  Missouri  1820,
25.  Florida  1822,
26.  Michigan  1837,
27.  Texas  1845,
28.  Arkansas  1846,
29.  Iowa  1846,
Verzeichniss  der  Präsidenten  der  Vereinigten  Staaten.  Die  Amtsperiode, ­
  je  am  4.  März  beginnend,  endet  stets  nach  4  Jahren:
1789.  George  Washington  (2mal).
1797.  John  Adams.
1801.  Thomas  (2mal).
1809.  John  Madaison  (2mal).

1817.  James  Monroe  (2mal).
1825.  John  Quincy  Adams.
1829.  Andrew  i/WcÆson  (2mal)
1837.  Martin  van  Buren.
Finanzen

1841.  Will.  7/armon  (-¡-4.  April  1841).
1841.  John  T’y/«/-  (als  bish.  Vicepräs.).
1845.  James  Knox  Volk.
1849.  Zachar.  Taylor  (•)-  9.  Juli  1850).
1850.  Millard  EiV/wore  (bish.  Vicepr.).
1853.  Franklin  Pierce.
1857.  James  Buchanan.
1861.  Abraham  Lincoln  (2  mal).
Dieselben  befanden  sich  in  der  Neuzeit,  bis  zum  Hereinbrechen ­

  der  grossen  Handelskrise  von  1857,  in  einem  sehr  blühenden
Zustande.  Der  Zoll  brachte  weitaus  am  meisten  ein,  nächstdem  die  veräusserten
  Staatsländereien  —  »Congressland  «,  zu  1  *,'4  Doll,  per  Acre
verkauft.  So  hatte  man  in  dem  (mit  dem  1.  Juli  beginnenden)  Rechnungsjahre ­
  18*78«  92’850,1  17  Doll.  Einnahme  (davon  64’022,863  aus
Zöllen,  S’917,645  ^'  aus  Landverkäufen),  während  die  Ausgaben  nur
72’948,792  betrugen;  ebenso  18*"/,,  88’532,839  Einnahmen  gegen
64’878,828  Ausg.  —  Dagegen  schloss  das  Budget  für  18*7,«  so  ab:
Bedarf  81’585,667,  Einnahme  46’557,569,  Deficit  35’028,098  (unter
den  Ausg.  :  Militär  25’485,384,  Marine  1  3’976,000,  Schuld  9’684,538  ;
—  unter  den  Einnahmen:  Zoll  41’789,621  ,  Landverkauf  3’513,686).
Auch  in  den  nächsten  Jahren  ergab  sich  noch  ein  Ausfall.  Für  1  8*7«o
stellte  sich  die  wirkliche  Abrechnung  folgendermaassen  •
Einnahme
Zölle  0  53’189,000
Landverkauf.  .  .  .  PT  79,000

Verschiedene  Einn.

Zus

Aus  Anlehen

Total

PO]0,000
.  55’978,000
20’774,000
ÿ'76’752,000

Aufgabe
Civildep.,  Auswärt,  etc
Depart,  des  Innern.
-  Kriegs
der  Manne
Schuld  ....
/  Zus

27’970,000
3’956,000
16’410,000
11’513,000
17’613,om)
77’4G2,000

Von  18®'*/«!  schien  das  Gleichgewicht  nahezu  hergestellt.  Für
1S®‘«2  nahm  man  einen  Bedarf  von  68’364,000  und  eine  Einnahme  von
64’496,000  $  an  (wozu  der  Zoll  60,  der  Landverkauf  3  Mill,  liefern
sollte).  Allein  im  Frühjahre  1861  brach  der  Aufstand  der  Südstaaten
        <pb n="453" />
        VEREINIGTE  STAATEN.  -  Finanzen.

431

aus,  und  nun  forderte  der  Finanzminister  unterm  4.  Juli  des  genannten
Jahres  neue  Credite,  namentl.  ISO*/*Mill,  für  Militär,  30  /%  für  Marine,
2  ly,  für  Schuld.  Der  ganze  Jahresbedarf  erhöhte  sich  auf  318’519,581  ;
Anlehen  und  neue  Abgaben  wurden  gleichzeitig  angewendet,  insbes.
der  Zoll  erhöht.  Doch  blieb  das  Ergebniss  der  Abgabenvermehrung  um
25’447,334  ^  hinter  den  verschiedenen  Voranschlägen  zurück,  indem
die  Gesammteinnahme  nur  54  552,655  betrug.  Dagegen  erhöhten  sich
die  Ausgaben  auf  532’423,809  S,  wov.  394’064,996  für  die  Armee.—
Später  stellte  der  Finanzminister  seine  Berechnung  iolgendermassen  ;
IS*'/».  Einnahme  56’''&amp;lt;i9,131,  Bedarf  543’4U6,426
IS'*..  -  95’SOU,OUU,  -  4T5’331,246
1S*%.  -  161’5tiS,5oO,  -  749’731,961
Die  Einnahmeerhöhung  ward  durch  die  Einführung  neuer  Auflagen
bewirkt;  das  Deficit  musste  jedes  Jahr  durch  Vermehrung  der  Schuld
gedeckt  werden.  Aber  —  alle  diese  \  oranschläge  blieben  hinter  der
Wirklichkeit  des  Bedarfes  zurück,  besonders  um  desswillen,  weil  man
mit  der  Vermehrung  des  Papiergeldes  dessen  Entwerthung  vergrösserte
und  in  Folge  davon  alle  Leistungen  fortwährend  theurer  bezahlen  musste.
Somit  sind  alle  Budgets  täuschend  so  lange  der  Krieg  dauert  und  die
Papierwährung  nicht  abgeschafft  ist.  Für  das  Finanzjahr  18%=  entwarf
der  Finanzminister  im  Dec.  1864  folg.  Uebersicht.
Einnahme
Zölle  ^  70’272,092
Verkauf  von  Ländereien  642,185
Innere  Auflagen  .  .  .  249’562,S60
Verschiedene  Quellen  .  24’02(),171
Besondere  Auflagen  .  ._  16,080
Zus.  344’512,389
Somit  unmittelbar  oder
mittelbar  zu  deckendes ­
  Deflcit  ....  1064’570,067

Zahlungsrückstände  .  f  380’387,050

Kriegswesen  ....  625’945,T-12
Marine  llu’047,460
Civilliste  (Civilverwaltg.)  21’“96,572
Pensionen  u.  Indianer  .  6’590,098
Verschiedene  Ausgaben  9’152,oo7
Verzinsung  der  Schuld  91’h1(&amp;gt;,215
Zus.  "1245’729,136
Dazu  :  verfallende
Schuldtitel  ....  163’353,320

Totalbedarf  1409’082,456

Für  IS^Vee  lautet  ein  vorläufiger  Ueberschlag:
Civilliste  33’(iS2,097  j  Zölle  .  .  •  •  •  •
Pensionen  u.  Indianer  .  14’196,050  j  Innere  Einkünfte
Kriegswesen  ....  531  758,121  i  I.ändereien  .  .  .  .
Marine  121’219,663  |  versch.  Quellen  .  .  ^
Zinsen  der  Schuld  .  .  127’000,000  I  Zus.
81Y256,005  Deficit

70’000,000
300’000,000
1’000,00(1
25'000,000
396’000,000
422’256,005

Eine  früher  sehr  bedeutende  Einnahmequelle  ist  ziemlich  versiegt  :
der  Erlös  aus  Staatsländereien  hat  sich  in  Folge  des  Heimstättegesetzes
(s.  unten,  Socialverhältnisse)  ungemein  vermindert.  Derselbe  belief  sich

mir  noch  auf

18*V„
884,887
Im  letzten  Jahre

18*'/„  18"/.,
125,048  136,078
wurden  abgegeben  •

gegen  Baarzahlung  .  .  ,  .
gegen  Militär-Warrants  .  .
gegen  Agriculturalscrips  .  .
an  Staaten  für  Eisenbahnen  .
unter  dem  Heimstättegesetze  .

Zusammen

18'"..
678,007  ^
432,773  Acres,
519,900  -
214,418  -
857,1''0  -
1’261,592  -
3’281,865  Acres.
        <pb n="454" />
        432

VEREINIGTE  STAATEN.  —  Finanzen.

Die  Gesammtsumme  der  Staatsländereien  wird  auf  1000  Mill.  Acres
geschätzt.  Vermessen,  aber  noch  nicht  abgegeben  waren  am  30.  Sept.
1864  133’517,587  Acres.
Die  neuen  Auflagen  sind  sehr  mannichfach  und  erstrecken  sich  über
eine  Menge  Lebensbedürfnisse.  Eine  Grundsteuer,  die  wieder  eingeführt
worden,  bestand  vom  Anfänge  der  Union  bis  1818  in  sehr  niedrigem
Betrage  (1  Cent  für  den  Acre  Landes)  ;  seitdem  hatte  jede  directe  Steuer
für  Zwecke  des  Gesammtstaats  aufgehört  ;  jetzt  hat  man  auch  Einkommen- ­
  und  Gewerbsteuer  sowie  Stempeltaxe.  Die  übrigen  neuen  Steuern
gehören  theils  in  die  Kategorie  der  Accise,  theils  der  Zölle,  woran  mancherlei ­
  sonstige  Auflagen  sich  anreihen  (auf  Zucker,  Kaffe,  Thee  ;  destillirte
  Getränke  ;  Equipagen  ,  Schmucksachen  ;  dann  Banknoten  ,  Legate ­
  etc.).  —  Die  Zölle  werden  theils  nach  Gewicht  und  Maas,  theils
nach  dem  Werthe  erhoben,  mitunter  hat  man  auch  beide  Systeme  oombinirt
  (bei  Cigarren  z.  B.  nach  der  Qualität  80—100  Cents  pr.  Pfund
und  10  To  des  Werthes).  —  Unter  den  (erst  seit  dem  Krieg  eingeführten) ­
  innern  Auflagen  erscheint  zunächst  die  Einkommensteuer.  Alle
Einkommen  unter  600  $  sind  frei,  und  bei  den  höheren  darf  dieser  Betrag ­
  abgerechnet  werden.  Für  die  gewöhnlichen  Gewerbe  sind  Jahrestaxen ­
  bestimmt  (wie  in  Frankreich  die  Patentsteuer)  ;  alle  Gewerbtreibende
  (wobei  auch  die  Aerzte  und  Advokaten)  müssen  diese  Abgabe
entrichten  ;  bei  fabrikmässigem  Betriebe  sind  die  Unternehmer  verpflichtet, ­
  jeden  Monat  ihre  Production  anzugeben,  wonach  sich  dann  die  Auflage ­
  bemisst.  —  Das  ganze  System  der  innern  Auflagen  ist  noch  neu
und  erst  in  der  Ausbildung  begriffen.  Im  Finanzjahre  lS®Te,  erlangte
die  Staatscasse  hiedurch  nicht  mehr  als  39  Mill.,  18®Te*  schon  110,  u.
für  18®Ye6  geht  die  officielle  Schätzung  auf  250.  Man  hofft,  bei  Durchführung ­
  der  Organisation  später  nicht  weniger  als  300  Mill,  zu  erlangen, ­
  ungerechnet  das  insurgirte  Gebiet.
Was  die  Ausgaben  betrifft,  so  beträgt  die  höchste  Besoldung,  die
des  Präsidenten  der  Union,  nicht  mehr  als  25,000  Doll.,  jene  des  Vicepräsidenten
  nur  5000.  Im  Uebrigen  vermisst  man  eine  so  zweckmässige
Finanzverwaltung,  wie  sie  namentlich  in  der  Schweiz  besteht  ;  man  begegnet ­
  vielmehr  häufig  der  Verschwendung  und  dem  Betrüge.

Geschichtliche  Notizen.  Im  Jahre  1781  sollten  8  Mill.  Doll,  für  die
Centralregierung  aufgebracht  werden.  Diese  Summe  ward  nach  Maassgabe ­
  des  vermuthlichen  Werthes  der  angebauten  Ländereien  (demnach
als  Grundsteuer)  in  folgender  Weise  repartirt  (woraus  unter  anderm  ersichtlich, ­

  wie  weit  der  jetzige  Grossstaat  New-York  [the  Empire-State]
den  meisten  andern  Provinzen  noch  nachstand)  :
Virginien  .  $  P307,594  New-Jer.sey  .  ^  705,979
Massachusetts  l’307,49ü  Nord-Carolina  022,077
Pennsylvanien  1'120,794  Süd-Carolina  373,598
New-York  .  373,598

Maryland
Connecticut

933,990
727.196

Rhode-lsland  ^  216,684
New-llampshire  173,398
Delaware  .  112,085
Georgien  .  24,905

Die  Einkünfte  der  Union  stiegen  folgendermassen  ;

1792  3’652,014
1795  5’920,216
1800  10’624,997
1810  9’299,737

1815  15'411,634
1820  16’779,331
1825  21'342,906
1830  24’280,888

1835  34’103,635
1840  16’993,858
1845  29’769,134
1850  43’375,798
        <pb n="455" />
        VEREINIGTE  STAATEN.  —  Finanzen.

433

lieber  die  neuere  Finanzgeschichte  s.  unten,  Schuld.
Schuld.  Am  Schlüsse  des  Fiscaljahres  war  die  Staatsschuld
auf  25’125,155  S  herabgebracht.  In  Folge  des  Zollausfalls  seit  1857,
dann  der  Kriegsausgaben,  stieg  sie
lS‘»/,o  auf  64’769,703,  IS'%,  auf  90’907,829  ^
lieber  die  Gestaltung  der  Finanz  -  und  insbesondere  der  Schuldverhältnisse ­
  seit  dem  Ausbruche  des  Bürgerkriegs  entnehmen  wir  dem
im  Dec.  1864  dem  Congress  erstatteten  Berichte  des  Finanzministers
folgende  Notizen  :
Am  4.  März  1861  war  die  Staatsschuld  höchst  unbedeutend.  —  In  seinem
Jahresberichte  vom  4.  Juli  1861  schätzte  der  damalige  Finanzminister  seinen
Etat  für  das  am  30.  Juni  endende  Fiscal-Jahr  auf  318'519s581  $,  welche  er
durch  die  ordentlichen  Einnahmen  und  eine  Anleihe  von  270  Mill,  f  reichlich
zu  decken  hoffte.  Weitere  20  Mill.  0  directer  Steuern  und  eine  Taxe  von  3%  auf
alle  Einkommen  über  800  0  wurden  durch  Congressbeschluss  vom  5.  Aug.  1861
angeordnet.  Die  Erfahrung  lehrte,  dass  die  Schätzungen  des  Finanzministers
unzulänglich  waren,  u.  am  9.  December  desselben  Jahres  sah  er  sich  genöthigt,
den  Congress  um  Mittel  zur  Deckung  eines  Deficits  von  213’404,427  S  anzugehen. ­
  in  seinem  Berichte  von  genanntem  Tage  wurde  das  Budget  für  das
nächste  Fiscal-Jahr  auf  475’331,245  ^  abgeschätzt.  —  Eine  Erhöhung  der
Steuern  erschien  unabweisbar,  und  so  erging  unterm  1.  Juli  1862  das  neue  allgemeine ­
  Steuergesetz,  woran  sich  unterm  14.  Juli  die  Erhöhung  der  Einfuhrzölle ­
  reihete.  —  Doch  die  Bedürfnisse  stiegen  immer  mehr.  Man  glaubte  das
Ergebniss  der  Unterhandlungen  wegen  eines  Anlehens  nicht  abwarten  zu  können, ­
  und  so  beschloss  der  Congress  die  Ausgabe  von  300  Mill.  Papiergeld,  nachdem ­
  schon  früher  die  Emission  von  60  Mill,  verfügt  worden  war.  Dasselbe  erhielt ­
  Zwangscurs.  Diese  Noten  waren  zur  Conversion  in  6%  mit  Gold  zu  verzinsende ­
  Obligationen  zulässig,  für  deren  Zahlung  die  Einkünfte  aus  Zöllen
ebenfalls  in  Gold  —  speciell  verpfändet  waren.  Dasselbe  Gesetz  ermächtigte
zur  Emission  von  500  (später  511)  Mill.  Obligationen,  nach  5  oder  20  Jahren
rückzahlbar.  —  Trotz  dieser  umfassenden  Bewilligungen  für  das  am  30.  Juni
1863  endende  Fiscal-Jahr  ergab  der  Bericht  des  Finanzministers  vom  4.  Dec.
1862  ein  Deficit  von  276’912,517  0  und  der  Voranschlag  für  das  folgende  Jahr
einen  solchen  Ausfall  von  622*388,186.  Der  Congress  autorisirte  deshalb  am
3.  Mai  1863  eine  Anleihe  von  300  Mill,  für  das  laufende  und  von  600  Mill,  für
das  nächste  Fiscal-Jahr.  Hievon  sollten  400  Mill,  in  6proc.  Schatzscheinen  und
150  Mill,  in  Papiergeld  ausgegeben,  von  der  letzten  Summe  aber  50  Mill,  für
Rückzahlung  temporärer  Depositen  reservirt  werden.  Zur  Bestreitung  temporärer ­
  Auslagen,  die  im  Laufe  des  Jahres  nothwendig  würden,  gestattete  der
Congress  am  1.  März  1863  noch  die  Emission  von  6%  nach  Jahresfrist  rückzahlbarer ­
  Certificate  und  genehmigte  die  Entgegennahme  von  Depositen  für
picht  kürzer  als  30  Tage  gegen  lOtägige  Kündigung.  Von  ähnlichem  Charakter
ist  die  unterm  3.  März  1863  genehmigte  Ausgabe  eines  limitirten  Betrages  Papierg^eld
  in  Stücken  unter  \  0.  .
Das  Jahr  1864  brachte  (zum  Theil  in  Gemässheit  der  frühem  allgemeinen
Beschlüsse)  neue  Anlehen  und  Steuererhöhungen,  namentlich  bei  den  Zöllen
(Gesetz  vom  30.  Juni).—  Es  ist  uns  noch  nicht  möglich,  eine  vollkommen  klare
Uebersicht  über  die  mannichfachen  seitherigen  Finanzoperationen  zu  erlan^n.
~7  Nach  den  Angaben  des  Finanzministers  vom  Dec.  1864  waren  seit  dem^-ginne
  des  Fiscaljahres  (also  in  der  kurzen  Zeit  v.  1.  Juli  bis  dahin)  641  12  &amp;lt;,213  0
neue  Schuldscheine  emittirt,  dagegen  allerdings  auch  eine  sehr  ansehnliche  (der
Ziffer  nach  uns  jedoch  nicht  bekannte)  Summe  eingezogen  (oder  eigentl.  umgewechselt) ­
  worden.  —  Ein  Erlös  aus  dem  Verkaufe  von  Ländereien  hat  beinahe
ganz  aufgehört  in  Folge  des  Heimstättegesetzes,  durch  welches  den  Einwanderern
  unentgeldlich  Land  überlassen  wird  (s.  unten,  Social  Verhältnisse).
Ueber  den  Gesammtstand  der  Schuld  erklärte  der  Finanznuniider  :  »Der
Gesammtbetrag  des  unverzinslichen  Nationalpapiergeldes,  ohne  die  ^oten  von
Weniger  als  einem  Dollar  und  die  Noten  der  Nationalbanken,  ist  auf  400  Mill.
Kolb,  sutiitlk.  4.  Aufl.  28
        <pb n="456" />
        434  VEREINIGTE  STAATEN.  —  Finanzen.

beschränkt,  abgesehen  von  50  Mill.  Reservefond  für  temporäre  Depositen.  Von
5proc.  verzinslichen  Noten  waren  am  1.  Nov.  1864  120^519,110  S  im  Umlauf
Die  Couponnoten  haben  sich  als  unpractisch  erwiesen  und  es  sind  etwa  90  Mill,
von  der  ursprünglichen  Emission  von  150  Mill,  eingezogen,  vernichtet  und  durch
Noten  ersetzt  worden,  einlösbar  in  3  Jahren  und  6%  Zinsen  tragend,  halbjährlich ­
  zahlbar.  —  Der  den  Nationalbanken  ausgestellte  Notenbetrag  war  am  22.
Nov.  65’160,110  Diese  Summe  kann  aber  nicht  als  eine  entsprechende  Vermehrung ­
  des  Papiergeldes  angesehen  werden,  weil  viele  Staatsbanken  in  Nationalbanken ­
  umgewandelt  wurden  und  deshalb  ihr  früheres  Papiergeld  eingezogen. ­
  Der  Umlauf  von  Staatsbanknoten  betrug  am  1.  Jan.  1864  169’926,129,
im  Juli  1864  (in  dem  loyalen  Landestheile)  nur  126’196,606  $.  —  Am  25.  Juli
wurde  zu  Zeichnungen  auf  eine  neue  Anleihe  eingeladen.  Der  Erfolg  hat  nicht
ganz  den  Erwartungen  entsprochen.  Um  die  grosse  Summe  der  ausstehenden
Verpflichtungen,  die  auf  130  Mill,  angeschwollen  waren,  aufzubringen,  war  es
nötnig,  die  eingezogenen  5proc.  Schatzamtsnoten  im  Betrage  von  über  80  Mill,
durch  eine  neue,  gleich  grosse,  oder  noch  etwas  grössere  Emission  zu  ersetzen.
—  Um  anderen  Forderungen  zu  begegnen,  wurde  abermals  eine  Anleihe  von
32  Mill,  ausgeschrieben.  Das  Resultat  war  sehr  befriedigend,  es  wurden  Angebote ­
  für  70  Mill,  gemacht  und  der  ganze  Betrag  mit  durchschnittlich  4  %  Prämium
  genommen.  Darauf  am  1.  üct.  wurde  abermals  eine  Anleihe  von  40  Mill,
auf  Fünfzwanziger-Obligationen  ausgeschrieben.«
Der  Minister  hebt  noch  hervor,  dass  die  Zinsen  der  in  Goldwährung ­
  abgeschlossenen  Anlehen  jährl.  bereits  56  Mill,  erforderten,  also
beinahe  den  ganzen  Betrag  der  (ihnen  gleichsam  als  Unterpfand  dienenden, ­
  weil  gleichfalls  in  Gold  zu  entrichtenden)  Zölle.
Der  Stand  der  Staatsschuld  war  am  1.  Nov.  1864  folgender:

A.  Consolidirte  Schuld:  Capital
in  Gold  verzinslich  $  947*228,700
in  gesetzl.  Währung  verzinslich  .  .  598*185,216
auf  welche  die  Zinszahlung  erloschen  267,030

Zus.  consolidirte  1545*680,946
B.  Papiergeld:
Noten  on  demand  613,132
Tresorscheine  432*547,437
Postal  Currency  10*037,913
Fract.  Currency  (Kleingeld)  .  .  10*687,958
(5  %  Schatzscheine  auf  1  u.  2  Jahre*)  120*519,110)
(Compound  Int.  Notes*)  .  .  .  .  102*329,680)

Zusammen  netto  471*533,688
Total^20i7*214,629

JahreBzins
55*726,182
35*839,434

91*565,616

Hiezu  kommt  noch  das  Bankpapiergeld  mit  191*356,816  ^S',
neml.  65*160,210  Noten  der  Nationalbank,  und  126*196,606  Noten
der  Staatenbanken.
Alsbald  nach  Einführung  des  Papiergeldes  musste  Gold  mit  Agio
bezahlt  werden;  Ende  1862  mit  33  %,  Febr.  1863  72,  August  22.
Zu  Ende  des  Jahres  1863  war  das  Aufgeld  his  zu  52  Procent  wieder ­
  gestiegen.  Doch  erst  im  Jahre  1864  erfolgte  das  ärgste  Steigen
des  Goldagio,  also  die  Entwerthung  des  Papiergeldes.  Im  monatlichen
Durchschnitt  betrug  das  Aufgeld  nach  den  New-Yorker  Notirungen
nach  Procenten  :  im  Januar  55,03,  Februar  58,80,  März  63,37,  April
73,09,  Mai  79,02,  Juni  105,  Juli  158,06,  August  154,09,  September

*)  Diese  beiden  (zwischen  Parenthesen  gestellten)  Papiergeldarten  sind
bereits  oben  unter  der  »in  gesetzl.  Währung  zu  verzinsenden«  Schuld  aufgeführt ­
  (weil  verzinslich',  desshalb  bei  der  Summirung  hinweggelassen.
        <pb n="457" />
        28*

\T£REINIGTE  STAATEN.  -  Finanzen.

435

122,59,  October  107,35,  November  133,75,  December  129,28;  I.  Semester ­
  72,17,  II.  Semester  134,03,  im  ganzen  Jahre  1864  :  103,15*
Proc.  ;  Minimum  am  6.  Jan.  51,5,  Maximum  am  11.  Juli  175,5  %.

Finanzen  der  Südstaaten.  Ueber  diese  entnehmen  wir  dem  Berichte,
welchen  der  Finanzminister  der  Conföderirten,  Mcmminger,  im  Dec.
1803  an  den  Congress  erstattete,  folgende  Angaben.
In  den  9  ersten  Monaten  1863  betrugen  diegesammt.  Einkünfte  601’522,893  S,
wovon  aber  nur  6’945,241  aus  gesunden  Quellen  herrührten,  neml.  4’128,988
Kriegssteuer,  934,798  Zölle  etc.  Die  übrigen  Mittel  waren  :  391’623,53ü  S  Tresorscneine,
  ca.  175  Mill.  Anleihen  zu  8,  7,  6  und  5%  ,  1’862,550  durch  Sequestration ­
  erlangt,  2  Mill.  Baumwollen-Certificate,  24’498,217  durch  diverse  Mittel ­
  erzielt  etc.  —  Diese  Zahlen  reprásentiren  in  allen  Fällen  Papier,  welches
sich  damals  gegen  Gold  durchschnittlich  wie  1  zu  12  verhielt.  Das  Kriegsdepartement ­
  kostete  ca.  378  Mill.,  die  Marine  38,  der  Civildienst  erforderte  12,
die  öffentl.  Schuld  32’,  ausgelöste  Tresorscheine  59’,  fundirte  Tresorscheine  65’,
Total  584’368,559  ff,  demnach  Bestand  17’154,334.
Die  Regierung  der  Südstaaten  deckte  ihre  Bedürfnisse  vorzugsweise ­
  durch  Ausgabe  unfundirten  Papiergeldes.  Zu  Anfang  des  Jahres
1864  war  dessen  Betrag  blos  in  Schatzscheinen  auf  die  enorme  Summe
von  700  Mill,  und  von  Vao  Ponds  auf  200  Mill.  $  angewachsen,  die
Kauffähigkeit  aber  tief  herabgesunken.  Da  erliess  der  südstaatl.  Congress ­
  ein  Decret  (promulgirt  unterm  27.  Febr.  1864),  nach  welchem
den  Inhabern  der  Schatzscheine  auferlegt  wurde,  die  genannten  Papiere
'  bis  spätestens  zum  1.  April  (also  innerhalb  33  Tage!)  gegen  4proc.
Bonds  zu  convertiren.  Nach  Ablauf  dieser  Frist  wurden  die  Papiere
nur  noch  um  %  ihres  Nominalwerths  angenommen,  und  jeden  Monat
weiter  10®/,  mehr  abgezogen.  Ebenso  mussten  die  Yao  Bonds  con  verti ­
  rt  werden.  —  Es  war  eine  colossale  Repudiirung,  ein  vollständiger
Bankerott!  Bei  der  Ungeheuern  Ausdehnung  des  Landes  und  dem  Abgeschnittensein ­
  grosser  Landschaften  von  der  secessionistischen  Regierung ­
  ,  war  es  gar  nicht  möglich,  alle  Papiere  rechtzeitig  zur  Convertirung
  anzumelden.  Die  Inhaber  waren  kurzweg  ihres  Eigenthums
beraubt  !

Die  Gesammtschuld  der  südstaatlichen  Confederation  wurde  gleichwol
  von  deren  Finanzminister  für  den  1.  Oct.  1864  auf  1147  970,208  ^
angegeben,  wovon  549’340,090  verzinslich,  der  ganze  Rest  aus  Schatzbonds ­
  bestehend,  welche  bis  Ende  des  gedachten  Jahres  convertirt  sein
Würden.  Nicht  eingerechnet  sei  das  sogen.  Baumwollen-Anlehen,
2’200,000  £  betragend,  zu  dessen  Deckung  250,000  Ballen  Baumwolle ­
  dienten;  nicht  eingerechnet  sind  ferner  die  repudiirten  Summen.

Zur  Schuldgeichichte.  Nach  dem  Unabhängigkeitskriege  hatte  man  :

Auswärtige  Schuld:  an  Frankreich  38  Mül.  Livr.
an  Holland,  Capital  671,200,  Zinsen  26,848  =
an  Spanien

Einheimische  Schuld:

Anlehen,  unbezahlte  Zinsen,  Sold
Gesammtschuld

7’037,037  ft
698,048
150,000
7’885¡08^
34’115,290
42’000.375

In  der  Folge  stellte  sich  indess  eine  bedeutend  grössere  Ziffer  heraus;
auch  ward  die  zur  Verzinsung  erforderliche  Summe  auf  nicht  weniger
als  3’4  15,955  ^  berechnet.  Später  betrug  die  anerkannte  Schuld  :
        <pb n="458" />
        436

VEREINIGTE  STAATEN.  —  Finanzen.

1790  79’124,404  1812  45’209,737  1830  48’505,40t)
1791  75’4()3,476  1810  127’334,9.34  *)  1833  4’774,334
1834  war  die  Schuld  vollständig  getilgt;  1835  wurden  sogar  Ueberschüsse
  von  der  Union  an  die  einzelnen  Staaten  vertheilt.  Der  mexicanische
  Krieg  und  die  neuen  Landerwerbungen  veranlassten  bedeutende
Geldaufnahmen.  Auf  den  Schuldenstand  wirkten  in  verschiedenen  Zeiten ­
  wesentlich  folgende  Momente  ein:  Unterm  30.  April  1803  erkaufte
die  Union  von  Napoleon  Louisiana  um  12  Mill.  ebenso  unterm
22.  Febr.  1811)  Florida  von  Spanien  um  5  Mill.—  Mit  Texas  übernahm ­
  man  ungef.  10  Mill.  Schulden.  Für  Abtretung  Californiens  etc.
wurden  etwa  20  Mill,  an  Mexico  vergütet  (15  Mill.baar).  1834  wurden
20  Mill,  für  Anlage  von  Kunststrassen  und  Kanälen  bestimmt.  1835
erhielt  die  Union  von  Frankreich  25  Mill.  Fres,  (fast  5  Mill.  zur
Entschädigung  für  die  ihr  durch  Napoleon’s  Gewaltmaasregeln  in  den
grossen  Kriegen  verursachten  Verluste.  Von  sämmtlichen  Indianerstämmen ­
  erkaufte  die  Union  bis  zum  J.  1840  4  12  806,370  Acres
Land,  wofür  sie  S5’088,800  ^  bezahlte.  Dagegen  verkaufte  sie  von
1833  bis  1857  114’271,800  Acres  um  132’650,347^.  Da  die  meisten
Ländereien  nicht  erkauft,  sondern  als  herrenloses  Gut  in  Besitz  genommen ­
  waren,  so  besass  die  Union  1857  noch  1080  Mill.  Acres  Land,
ungerechnet  401’004,988  Acres  für  Schulz  wecke  etc.
Finanzverhältnisse  der  einzelnen  Staaten,  1800.

Californien  .
Connecticut  .
Illinois  .  .
Indiana  .  .
Iowa  ,**)  .  .
Maine  .  .  .
Massachusetts
Michigan  .  .
New-llampshire
New-Jersey  .
New-York  .
Ohio
Penn  sylvan  ien
llhode-Island
Vermont  .  .
AVisconsin

I.  Nicht-Sklaven-Einnahme

1M84,221
757.088
753,011
1’288,445
777,033
431,700
2’012,050
692,482
206,890
207,737
10*835,962
3*520,153
3*826,350
264,777
241.089
979,464

Staaten.
Ausgabe
1*109,143
723,835
761,977
1*218,185
751,403
394,008
2*293,206
721,437
184,445
200,993
11*018,798
3*552,995
3*879,054
269,095
230,489
713,853

II.  Sklavenstaaten.

Alabama  .  .
Arkansas  .  .
Carolina,  Nord-—
  Süd-Delaware
  .
Florida
Georgien  .
Kentucky
Louisiana

912,722
484,911
6*496,925
958,307
42,009
91,924
1*165,162
983,623
2*538,703

939,744
441,571
6*065,691
908,698
41,927
68,772
1*179,110
883,887
2*396,135

Schuld
4*048,781
11*138,454
10*286,855
322,295
1*037,386
6*743,428
2*289,842
95,000
33*570,238
17*223,153
38*638,961

100,000

6*773,000
3*092,622
9*125,505
3*691,574
143,000
3*170,750
5*479,244
10*023,903

*)  Folge  des  Krieges  mit  England
**)  Siehe  folgende  Seite.
        <pb n="459" />
        VEREINIGTE  STAATEN.  -  Militär.

437

**).

Einnahme  Ausgabe  Schuld
1’04S,339  l’30ü,043  14’&amp;amp;21,473
Ü24,02Ü  707,015  7’271,707
3’454,77S  2'137,069  23’301,000
1*848,094  1*704,287  16*643,666
424,771  1*005,888  —
4*326,550  4*222,537  40*386,659
Die  Rechnung  der  mit  Sternchen  (**)  bezeichneten  Staaten  umfasst
zwei  Jahre.  Auch  scheinen  verschiedene  der  vorstehenden  Angaben
nicht  sehr  genau.  Die  Aufstellung  von  1858  hatte  ergeben:

Maryland  ^
Mississippi
Missouri  r
Tennessee
Texas  .  .
Virginien

Einnahme  Ausgabe  Schuld  Zins^
Nicht-Sklavenstaaten  30*066,964  34*577,429  123*795,081  5*829,375
Sklaven-Staaten  .  .  13*862,555  13*840,043  125*543,932  4  734,022
Zusammen  43*929,519  48*417,472  249*339,013  10*563,397
Die  meisten  Staaten  besitzen  eigene  »  Schulfonds  a.  Im  Ganzen
ward  der  Retrag  derselben  Ende  18o9  zu  40  598,690  ^  angegeben.
Derselbe  rührt  von  der  Verpflichtung  her,  einen  Theil  des  Staatsgrundeigenthums ­
  für  den  Unterhalt  der  UnteiTichtsanstalten  zurückzubehalten. ­
  Es  soll  der  16.  Theil  der  zum  Verkaufe  bestimmten  Ländereien
dazu  verwendet  werden.  —  Der  Umfang  des  von  der  Union  an  die  Schulanstalten ­
  überlassenen  Grundbesitzes  ward  1856  zu  52  970,2.11  Acres,

und  deren  Werth  zu  200  Mill.  S  geschätzt.

Militär.  A.  Landmacht.  In  den  Zeiten  des  Friedens  bestimmt  der
Congress  die  Zahl  der  Truppen  von  zwei  zu  zwei  Jahren.  Sie  werden
geworben,  mit  30  bis  zu  200  $  Handgeld.  Die  Capitulationszeit  ist
gewöhnlich  5  Jahre  (in  Kriegszeiten  weniger).  Nach  deren  Ablauf  erhält ­
  der  Wiedereintretende,  ausser  dem  neuen  Handgelde,  Anspruch
auf  eine  Zulage,  und  nach  der  Verabschiedung  180  Acres  Land.  In  den
20  Jahren  1833  —  53  wurden  26  Mill.  Acres  an  ausgediente  Soldaten
überlassen  (besonders  nach  dem  mexicanischen  Kriege,  denn  in  Kriegszeiten ­
  müssen,  um  die  nöthigen  Soldaten  zu  erhalten,  grössere  Zugeständnisse ­
  gemacht  werden,  sofern  nicht  eine  Aushebung  stattfindet).
Indess  erhält  der  Angeworbene,  schon  in  gewöhnlichen  Zeiten,  ausser
dem  Handgelde  :  Kost,  Kleidung  und  monatltch  7  ,  nach  zwei  Monaten
10  $  Sold.  Für  im  Dienste  invalid  Gewordene  wird  reichlich  gesorgt.
Unter  den  Soldaten  befinden  sich  viele  Fremde.  —  Vor  Ausbruch  des
Bürgerkrieges  umfasste  das  stehende  Heer  19  Regimenter,  nemlich
10  Inf.,  4  Artill.  ,  4  gewöhnl.  Cavallerie-  und  1  berittenes  Schützenregiment. ­
  Der  Formationsstand  war  17,984,  der  wirkliche  Stand  indess
nur  15,764.  ^
Sogleich  beim  Ausbruch  des  Aufstandes  zeigte  sich  der  völlständige
Mangel  einer  wahren  Militärorganisation,  die  bei  dem  Milizsystem
durchaus  nothwendig  ist.  Der  Amerikaner  lässt  sich  eine  Aushebung
für  ein  stehendes  Heer  so  wenig  gefallen  wie  der  Schweizer.  Allerdings
ist  ein  jeder  Bürger  vom  18.  bis  zum  45.  Altersjahre  verpflichtet  erklärt, ­
  zur  Vertheidigung  seines  Vaterlandes  mitzuwirken,  und  so  hatte
man  1860  eine  Anzahl  von  3’070,987  Gemeinen  und  51,460  Officieren
—  auf  dem  Papiere.  Das  Ganze  aber  war  in  Wirklichkeit  nichts  Anderes
als  eine  Spielerei,  völlig  verschieden  von  der  Milizeinrichtung  der  Schweiz,
Es  fehlte  gehörige  Organisation,  Uebung  und  Disciplin  vollständig.
        <pb n="460" />
        438

VEREINIGTE  STAATEN.  -  Militär.

Während  die  Bundesversammlung  der  kleinen  Schwei/  blos  an  Auszug
und  Reserve  S8  Linien-Bataill.  etc.  kurzweg  zum  Ausmarsch  befehligen
kann,  besass  die  Union  in  jenen  angeblichen  drei  Millionen  Milizen
nicht  eine  einzige  zum  Felddienst  zu  befehligende  organisirte  Compagnie  !
Es  ist  ein  halbes  Wunder,  wie  aus  diesem  Zustande  ein  wirkliches  Heer
herausgebildet  werden  konnte,  und  doch  gelang  es,  wenn  auch  allerdings
mit  schweren  Opfern,  die  sehr  wol  zu  vermeiden  gewesen  wären.  Man
vermehrte  nun  zunächst  die  Linientruppen  auf  19  Reg.  Infant.,  6  Ca  valí.,
5  Artill.  (im  März  1S62  39,3/3  M.)  ;  dann  folgte  die  Werbung  von
s.  g.  »Freiwilligen«  auf  kurze,  später  auf  längere  Zeit;  endlich  im  Juli
1863  zum  erstenmal  die  wirkl.  Aushebung  durch  Conscription  mit  der
Befugniss  des  Loskaufs.  Da  diese  Befugniss  aber  wesentl.  beitrug,  dass
man  die  nöthige  Mannschaft  nicht  erlangte  (nach  Angabe  des  Kriegsministers ­
  vom  Dec.  1863  erhielt  man  statt  der  ausgeschriebenen  300,000
Recruten  in  Wirklichkeit  nur  50,000),  so  ward  1864  diese  Begünstigung ­
  beseitigt  und  dafür  die  Stellvertretung  gestattet.  Stellt  man  nun
einfach  die  verschiedenen  Truppenaufgebote  zusammen,  so  erhält  man
allerdings  folgende  colossale  —  aber  täuschende  —  Zahlen  •

Die  wirkliche  Vermehrung  der  Truppen  erfolgte  aber  nicht  entfernt
in  dieser  Ausdehung.  Vor  Allem  wurde  (wie  uns  bestimmt  versichert
wird)  die  jeweils  geforderte  Gesammtsumme  auf  alle  Staaten  der  Union,
also  auch  die  insurgirten,  ausgeschlagen,  in  denen  natürlich  eine  Aushebung ­
  gar  nicht  stattfinden  konnte  (von  500,000  trafen  ungef.  360,000
auf  die  bundestreuen  Staaten)  ;  sodann  kamen  die  Loskäufe,  welche  der
Unionscasse  zwar  Geld  aber  keine  Mannschaft  lieferten,  und  endlich  erfolgte ­
  Entlassung  aller  Soldaten  ,  sobald  deren  (anfangs  nur  so  kurz  bestimmte) ­
  Dienstzeit  vorüber  war,  da  man  nicht,  wie  in  Europa,  während
des  Krieges  jede  Entlassung  der  Gesunden  verweigerte.  Jene  Ausschreibungen ­
  besitzen  also  keineswegs  die  gleiche  Bedeutung  wie  etwa
die  vom  alten  Napoleon  angeordneten  Aushebungen  (siehe  S.  82).  Dagegen ­
  ist  allerdings  zu  erwähnen  ,  dass  die  Aushebungen  in  den  Südstaaten ­
  vom  April  1861  bis  Juli  1864  zu  498,500  Mann  angegeben
werden.  Nach  dem  Army-Register  sollen  die  bundestreuen  Staaten  vom
Anfang  des  Bürgerkriegs  bis  Ende  1864  1'258,761  M.  wirklich  gestellt
haben.  Davon  seien  aber  497,875  Milizen  nur  auf  3  oder  9  Monate  eingereiht ­
  gewesen,  wonach  für  den  längeren  Dienst  zusammen  nur
760,886  Mann  verblieben.
Ueber  die  Formation  und  Stärke  fehlen  uns  verlässige  Uebersichten ­
  durchaus.  Schwerlich  betrug  die  Stärke  der  Unionsheere  auf  den

1861,  April,  Freiwillige  auf  3  Monate

77,875
660,971
300,000
300.000
120.000
300,000
300,000
300.000
700.000
500.000
300.000

Dec.,
1862,  Juli,
Aug.,  Miliz

3  Jahre
—  3  —
9  Monate
-loo  Tage

Í863,  Juli,  Conscribirte

2  Jahre
3  -

-  3
-  3  -
-  3  -
-  3  -

Zusammen  in  4  Jahren  3’858,846
        <pb n="461" />
        VEKEINIGTE  STAATEN.  -  Militär.

439

Amerikaner
16,000
4,500
3.300

1777.  März
Juni

Briten  Amerikaner
27.000  4,500
30.000  8,000

verschiedenen  Kriegsschauplätzen,  aber  zu  einer  und  derselben  Zeit  zusammengerechnet,
  jemals  über  500,000  M.  )
Festungen.  Bis  zum  Beginne  des  Bürgerkriegs  waren  deren  eigentlich ­
  keine  vorhanden,  nur  hatte  man  die  grossen  Hafenplätze  durch  Forts
gedeckt,  namentlich  New-ltork,  Boston,  New-Orleans,  Charleston  etc.
Auch  gegen  die  Indianer  hat  man  an  manchen  Puncten  Forts  errichtet.
Dagegen  haben  die  Südstaatlichen  sogleich  nach  dem  Beginne  des  Aufstandes ­
  eine  Reihe  von  Plätzen  stark  befestigt,  vor  Allen  Richmond.
Geschichtliche  Notizen,  Die  Nordamerikaner  haben  es  bisher  immer
versäumt,  ihre  Milizen  während  des  Friedens  gehörig  zu  organisiren.
Dennoch  schufen  sie,  so  oft  Gefahr  vorhanden  war  —  allerdings  anfangs
nie  ohne  schwere  Menschenopfer  —  eine  tüchtige  Militärmacht.  So  war
es  schon  im  Unabhängigkeitskriege.  Folgende  Gegenüberstellung  der
gegenseitigen  Streitkräfte  zu  verschiedenen  Zeiten  jenes  Kampfes  rührt
von  einem  Militär  von  Fach  her,  und  zwar  nicht  von  einem  Amerikaner, ­
  sondern  von  einem  Gegner  derselben,einem  Briten  ,  Stedman,
der  gerade  in  diesem  Kriege  selbst  diente,  und  zwar  unter  dem  ausgezeichneten ­
  englischen  Obergenerale  Lord  Cornwallis.  {Stedman,  History
of  the  war  of  Nor  th-America.)  Es  betrug  die  Zahl  der  Kämpfer  :
Briten
1776.  August  24,000
November  26,900
December  27,700  ,
Aus  dem  Jahre  1781  liegt  uns  folgende  Berechnung  über  die  Streitmacht ­
  der  Amerikaner  vor  '
Infanterie,  49  Regim.,  jedes  von  9  Comp,  zu  46  Mann  28,224
Ä  Î  :  ’
Cuvallerie,  4  -  6  Escadr.  -  64
Zusammen  32,580
Unmittelbar  nach  beendigtem  Kriege  waren  nur  noch  4800  Mann
Infanterie  und  2600  Cavallerie  vorhanden.  Die  gesammte  Streitmacht
verminderte  sich  dann  auf  1500  M.  Als  dagegen  1794  ein  Krieg  mit
Frankreich  drohte,  standen  75,000  M.  kriegsbereit.  Bei  Beendigung  des
zweiten  Krieges  mit  England,  1815,  hatte  man  32,000  Soldaten,  deren
Zahl  schneU  auf  6,000  vermindert  ward.  —  Im  inexicanischen  Kriege
wurden  90,067  M.  aufgestellt,  wovon  4,443  Officiere.  Es  starben  an
♦)  Ueber  die  Verluste  im  Felde  sind  sehr  übertriebene  Angaben  verbreitet
worden.  Der  zu  Lynchburg  (Virginien)  Ende  1864  'eröffentlichte  »Süd^^lmanach«
  enthält  eine  Zusammenstellung,  welche  angebl.  aus  amtlichen  (Jue
herrührt  ..»eit  »ie  die  drei,er,te„  %*M.hjlbeWmW«AüB^e.^furja,
Veit  nicht
Verluste
Todte  Verwundete
der  Unionisten  43,573  132,265  8.,48
-  Südstaatlichen  26,720  101,843  &amp;lt;8,731
Zusammen  70,293  234,TÖT  166,212
Zu  erüähuen  i.t  hier  „och,  %St%%„du„dt
nion  abgetreten  worden  sind.
        <pb n="462" />
        440

VEKEINIGTE  STAATEN.  —  Militär.

Wunden  121  Off.  und  1399  Gemeine;  an  Krankheiten  86  O.,  6,063
Gern.;  durch  Zufälle  108,  zus.  7777  Todte.  Verwundet  wurden  ausserdem ­
  3743,  worunter  300  Offic.  —  Zahl  der  Deserteure  4966.
Zum  Schluss  eine  Uebersicht  der  zur  Bekämpfung  der  Stelbständigkeit
  Amerika's  verkauften  deutschen  Truppen  (nach  Franz  Löher’s  »Geschichte ­
  der  Deutschen  in  Amerika«).  Es  verkauften  die  Fürsten  von

Hessen  .  .  16,992  Mann,  wovon  6,500  umkamen

Braunschweig  5,723  -  -  3,015
Hanau.  .  2,422  —  —  981
Anspach  .  .  1,644  -  -  461
M’^aldeck  .  .  1,225  -  -  720
Zerbst  ...  1,160  -  -  176

Zusammen  29,166  Mann,  wovon  11,843  umkamen
B.  Marine.  Beim  Ausbruche  des  Bürgerkriegs  hatte  man  zwar  10
alte  Linienschiffe,  von  denen  aber  keines  mehr  diensttauglich  war,  10  Segelfregatten, ­
  davon  blos  3  brauchbar  u.  s.  f.  Die  allein  noch  in  Betracht
kommende  Dampfflotte  bestand  aus  6  Fregatten,  zus.  mit  222,  27  kleineren ­
  Schiffen  mit  224  ,  und  einer  schwimmenden  Batterie  mit  8  Kanonen. ­
  Aber  schnell  ward  eine  ganz  neue  Flotte  hergestellt,  lieber  deren
Stärke  und  Leistungen  bis  Ende  1864  enthält  die  Botschaft  des  Präsidenten ­
  der  Union  an  den  Congress  folgende  Notizen  :

»Der  Bericht  des  Flottensecretärs  bietet  eine  umfassende  und  befriedigende
Darstellung  des  Flottendepartements.  Es  ist  ein  Gegenstand  gerechten  Stolzes
für  unsere  Landsleute,  dass  eine  Flotte  von  so  grossem  Umfange  in  so  kurzer
Zeit  organisirt  und  mit  so  grossem  Erfolge  geführt  worden  ist.  l)ie  Flotte  besteht ­
  (die  am  1.  Dec.  1864  im  Bau  begriffene  ist  eingeschlossen)  aus  671  Fahrzeugen ­
  von  510,396  Tonnen  Gehalt,  bewaffnet  mit  4610  Geschützen.  Es  ergibt
dies  trotz  dem  Verluste  durch  Schifflirüche  und  Schlachten  gegen  das  vorige
Jahr  einen  Zuwachs  von  88  Fahrzeugen,  167  Kanonen  und  42,427  Tonnen.  Es
dienen  gegenwärtig  auf  der  Flotte  mit  Einschluss  der  Offleiere  51,000  Mann.  Es
wurden  im  Laufe  des  Jahres  324,  und  seit  Beginn  der  Feindseligkeiten  1374
feindliche  Fahrzeuge,  darunter  267  Dampfer,  aufgebracht;  der  Erlös  beim  Verkaufe ­
  dieser  Prisen  beläuft  sich  auf  14,396,250  S.  Die  Totalausgaben  des  gesammten
  Flottendepartements  mit  Inbegrifl  der  ungeheuren  Geschwader,  die
seit  dem  4.  März  bis  zum  1.  November  1864  geschaffen  worden  sind,  betragen
238*647,262  ^.«  —  Wir  entnehmen  dem  ministeriellen  Berichte  noch  folgende
nähere  Angabe  über  den  Bestand  der  Kriegsmarine  einschl.  der  im  Bau  begriffenen ­
  Schiffe,  am  1.  Dec.  1864  :

Zahl  der
Geschütze
113  Schraubendampfer,  besond.  für  den  Kriegsdienst  gebaut  1,426
52  Schaufelrad-Dampfer,  do  524
71  Panzerschiffe  275
149  Schraubendampfer,  gekauft,  gekapert  etc.  u.  zum  Kriegsdienst ­
  eingerichtet  6J4
174  Schaufelrad-Dampfer,  gekauft  etc.  do  921
112  Segelfahrzeuge  ^50
671  Tbtar5;61Ö

Tonnenzahl ­

169,231
51,878
80,596
60,380
78,762
69,549
510,396

Ueber  die  im  Bau  begriffenen  Panzerschiffe  sagt  der  Bericht:  Von
den  Fahrzeugen  der  Monitor-Classe  sind  nur  zwei,  der  Dictator  und  Puritan
für  den  Dienst  auf  hoher  See  bestimmt.  Vier  Thurmschiffe  sind  in  den  Bauhöfen ­
  der  Regierung  von  Holz  gebaut  und  mit  Eisen  gepanzert  worden,  wodurch ­
  sie  sich  von  den  ursprünglichen  Monitors  unterscheiden,  die  ganz  von
Eisen  sind.  Die  einzigen  auf  hoher  See  verwendbaren  Panzerschiffe  ausser  dem
Dictator  und  Puritan  sind  die  New-Ironsides,  die  Fregatte  Koanoke,  die  gepanzert ­
  wurde,  und  derDunderberg,  ein  Kasemattenschiff.  Die  jüngst  gebauten
und  die  noch  im  Bau  begriffenen  Kriegsschiffe  sind  von  Holz;  die  der  kleineren
        <pb n="463" />
        VEREINIGTE  STAATEN.  —  Sociales.

441

Classe  sind  Kanonenboote,  darunter  8  von  je  6UU  Tonnen  Gehalt,  mit  einem
schweren  Parrottgeschütz  und  vier  Breitseitekanonen.  —  Zur  Aufrechthaltung  der
Blockade  empfiehlt  der  Marinesecretär  den  Bau  schnellerer  Kriegsdaim)fer,
weil  die  im  Auslande  gebauten  Blockadebrecher  ausgezeichnet  schnelle  Fahrzeuge ­
  sind.  Sieben  solcher  Fahrzeuge  sind  im  Bau  begriffen,  drei  bereits  vom
Stapel  gelaufen.  Ferner  sind  zwanzig  Dampfer  von  geringerer  Schnelligkeit,
aber  mit  schwereren  Geschützen  versehin,  im  Bau.  Zehn  derselben  haben  geschützte ­
  Kanonen  verdecke  und  werden  je  zwanzig  schwere  Geschütze  führen.
Zwei  werden  einen  dünnen  Eisenpanzer  zum  Schutz  gegen  Bomben  bekommen.
Die  übrigen  zehn  sind  von  geringerer  Grösse,  aber  haben  gleich  starke  Maschinen ­
  und  sind  für  eine  grössere  Schnelligkeit  bestimmt.  Seit  dem  letzten  Jahresberichte ­
  bis  zum  1.  Nov.  1864  wurden  dem  Departement  324  Prisen  gemeldet, ­
  darunter  105  Schooners,  88  Dampfer,  40  Schaluppen,  3  Barken,  3
Briggs  und  85  kleine  Boote.  Seit  Anfang  der  Rebellion  wurden  1379  Prisen
gemacht,  nemlich  652  Schooner,  267  Dampfer,  171  Schaluppen,  34  Briggs,  29
Barken,  15  Schiffe  und  117  Yachten  und  kleine  Boote.  Im  Ganzen  wurde  aus
dem  Verkaufe  condemnirter  Prisengüter  die  Summe  von  0  14*396,250  51  Cts.
erlöst,  womit  0  1*237,153  96  Cts.  Unkosten  verknüpft  waren,  und  9  13*153,341
46  Cts.  zur  Hälfte  der  Mannschaft  der  betreffenden  Kriegsschiffe,  und  die  andere ­
  Hälfte  den  Ver.  Staaten  als  Pensionsfond  für  die  Marine  zufiel.
Während  des  Unabhängigkeitskrieges  bestand  die  amerik.  Seemacht
zunächst  nur  aus  Kapern  und  Kreuzern.  Nach  dem  P'rieden  verkaufte
man  die  Kri^sschiffe  wegen  Untauglichkeit  und  aus  Geldmangel.  Später
wollte  man  20  eigentliche  Kriegsschiffe  bauen.  Allein  erst  1801  begann
man  nur  einigermassen  damit.  Beim  Ausbruche  des  Krieges  von  1812
bestand  die  ganze  Seemacht  aus  4  Fregatten  und  8  Sloops,  mit  6000  M.
Dennoch  errangen  die  Amerikaner  mehr  Vortheile,  als  die  Pranzosen
während  ihres  ganzen  Krieges.  Man  vermehrte  die  Kriegsmarine  durch
Kauffahrteischiffe.  In  den  meisten  Kämpfen  befanden  sich  die  Amerikaner ­
  im  Vortheile,  allerdings  unter  Vermeidung  einer  eigentlichen  Seeschlacht. ­
  Der  Commodore  Rodgers  nahm  bis  Ende  1813  den  Engländern ­
  218  Schiffe  mit  574  Kanonen  und  5106  M.  Laut  britischem  Parlamentsausweis ­
  büssten  die  Engländer  vom  1.  Octbr.  1812  bis  1.  Mai
1813  im  Ganzen  382  Fahrzeuge  ein.
Sociales.  Den  schwärzesten  Punct  bildete  bisher  die  Negerklaverei.
P'reilich  war  dieselbe  aus  den  Zeiten  der  Monarchie  überkommen,  allein
unter  der  Republik  hatte  sich  das  Uebel  noch  furchtbar  ausgebreitet,
Wenngleich  Amerika  zuerst  unter  allen  Staaten  (vom  1.  Jan.  1808  an)
den  Sklavenhandel,  d.  h.  die  Sklaveneinfuhr  verboten  hatte.  Allerdings
nahm  die  Zahl  der  Freien  im  Ganzen  mehr  zu  als  die  der  Sklaven.  Das
Verhältniss  war  aber  umgekehrt,  wenn  man  blos  die  Sklavenstaaten  berücksichtigt. ­
  Zudem  gelang  es  den  Sklavenzüchtern,  das  Gebiet  der
Sklaverei  zu  erweitern.  Während  man  es  dem  Christenthume  als  eines
seiner  höchsten  Verdienste  anrechnet,  die  Sklaverei  gebrochen  und  aufgehoben ­
  zu  haben,  wissen  wir  nicht  nur  aus  der  Geschichte,  dass  gerade
bei  den  christlichen  V  ölkern  die  Negerklaverei  ihre  Begründung
fand,  sondern  wir  bekamen  auch  das  empörende  Schauspiel,  dass  namentlich ­
  Geistliche  am  eitrigsten  waren  in  Vertheidigung  und  Aufrechterhaltung
  jenes  schändlichen  Institutes.  Nach  Scherzer's  Versicherung  befanden ­
  sich  unter  den  Sklavenzüchtern  nicht  weniger  als  »1  600  Geistliche, ­
  welche  zusammen  über  600,000  Sklaven,  also  ein  Pünftheil  der
Gesammtsklavenbevölkerung  als  ihr  Eigenthum«  besassen.  Hoffentlich
wird  der  furchtbare  Bürgerkrieg  nicht  ohne  das  welthistorische  Ereigniss
        <pb n="464" />
        442

VEREINIGTE  STAATEN.  —  Sociales.

der  vollständigen  Abschaffung  der  Sklaverei  endigen.  Ein  erster  grosser
Schritt  geschah,  nach  anfänglichem  Schwanken,  durch  die  Proclamation
des  Präsidenten  Lincoln  vom  22.  Sept.  1862,  nach  welcher  alle  Sklaven
in  den  rebellischen  Staaten  vom  1.  Jan.  1863  an  unbedingt  frei  sein
sollten,  während  den  bundestreuen  Staaten,  welche  die  Sklaverei  freiwillig ­
  aufheben  würden,  eine  Unterstützung  für  zu  leistende  Entschädigung ­
  in  Aussicht  gestellt  ward.  —  Ein  Congressbeschluss  vom  Febr.
1865  (der  freilich  einer  Zustimmung  von  %  der  Staaten  bedarf)  erklärt
die  Sklaverei  im  ganzen  Unionsgebiet  aufgehoben.  Eine  Reihe  Einzelstaaten ­
  sind  für  sich  diesem  Beschlüsse  vorangegangen.  Auch  sind  viele
Tausende  von  Negern  durch  die  Waffen  der  Unionisten  befreit  worden.
Im  Uebrigen  gibt  es  in  Nordamerika  keinen  Unterschied  nach  gesonderten ­
  Ständen,  insbesondere  keinen  Beamten  stand  als  solchen,
da  die  öffentlichen  Stellen  durch  freie  Wahl  und  nur  immer  auf  gewisse
Zeit  übertragen  werden.  Man  schätzt  die  Zahl  Derjenigen,  welche  von
Berufsarbeiten  leben,  die  eine  s.  g.  höhere  Bildung  voraussetzen,  nur
auf  ungefähr  200,000.  Im  Civildienste  sind  blos  gegen  24,900  angestellt.
Kirchen.  Ihre  Anzahl  ward  1854  zu  38,061  angegeben,  der  Gesammtwerth
  des  Kirchenvermögens  aber  zu  87’328,800  D#ll
Schulen.  Ihre  Zahl  betrug  1840  50,624,  und  hat  sich  seitdem  wol
verdoppelt.  —  Im  Staate  Massachusetts  wurde  1845  bei  900,000
Einw.  eine  Mill.  S  fOr  den  Volksunterricht  verwendet.  Selbst  in  dem
eben  neu  entstandenen  Staate  Wisconsin  betrug  der  Schulfonds  des
Staats  schon  1851  765,109  welche,  zu  7  Procent  angelegt,  53,557
Doll,  jährlich  ertrugen.
Bibliotheken.  Es  gab  deren  1859  40,890  mit  12’720,686  Bänden,
davon  1297  öffentl.  Bibliotheken  mit  4’280,866  Bänden.  (1793  erst  35
öffentl.  Bibliotheken  mit  75,000  Bänden.)

Zeitungen  tmd  andere  Zeitschriften.
1775  37  Zahl  der  jährlich  verbreiteten  Nummern
1801  203  1828  etwa  00  Mill.
1950  252  1850  -  420  -
1800  4051  1800  -  028  -

Tägliche  polit.  Zeitungen  gab  es  1860  372,  mit  einer  Nummernverbreitung ­
  von  443  Mill.*)

Agricultur,  Industrie-  und  Handelsverhält)iisse.**)

Bebautes  I.and
1783  l’l20,000  Acres
1810  40’950,000  -
1850  113’032,014  -
I860  I63’261,389  -

Nach  der  »Heimstättebill«  vom  20.
Mai  1802  kann  jeder  Bürger  und  jeder
Eingewanderte,  der  seine  Absicht,  dies
werden  zu  wollen,  erklärt  hat,  100  Acres
vermessenes  Staatsland  in  jedem  Theile

*)  Im  Nov.  1864  erschienen  159  deutsche  Zeitungen,  davon  in  Californien ­
  4,  Connecticut  1,  District  von  Columbia  1,  Illinois  14,  Indiana  5,  Kansas ­
  1,  Kentucky  2,  Louisiana  2,  Maryland  2,  Massachusetts  2,  Michigan  3,
Minnesota  4,  Missouri  8,  New-Jersey  3,  New-York  18,  Ohio  21,  Pennsylvanien
45,  Wisconsin  15,  Tennessee  und  West-Virginien  1.
**)  Steigen  des  Grundicerthes.  Hier  ein  Paar  Beispiele  :  Der  Boden,  auf
welchem  die  Stadt  Chicago  steht,  und  dessen  Verkaufswerth  man  bereits  im
J.  1852  auf  mehr  als  1  Mill.  ^  schätzte,  ward  1815  um  30  tt  verkauft.  —  Die
        <pb n="465" />
        VEREINIGTE  STAATEN.  —  Sociales.

443

Werth  der  Fabrikerzeugnisse
1810  198%  Mill.
1850  1020%  -
1860  1900
Werth  des  gesammten  Privateigenthums ­

1850  wirklicher  Werth  7,135  Mill.
1860  -  -  16,159  -

der  Union  in  Besitz  nehmen,  gegen
blosse  Registrirgebühr  von  10  Der
definitive  Besitztitel  wird  nach  5  Jahren ­
  ausgefertigt,  während  welcher  Zeit
der  Eigenthümer  das  I,and  nicht  über
6  Monate  verlassen  darf.  Stirbt  er,  so
gehen  seine  Rechte  auf  die  Erben  über.
Ausserdem  erfolgt  frühere  Ausfertigung ­
  nur  gegen  Entrichtung  von  %  0
pr.  Acre.
Nach  dem  Census  von  1860  hatte  das  Immobiliareigenthum  einen  Geldverth ­
  von  11,272  Mill.,  das  Mobiliareigenthum  einen  solchen  von  4,831  Mill.  0,
und  darnach  sind  die  Steuern  repartirt,  die  Annahme  also  unbedingt  zu  niedrig.
{Von  der  Gesammtsumme  kamen  auf  die  »loyalen«,  der  Union  treu  gebliebenen
Staaten  10,900  Mill.  0,  worunter  3,270  Mill.  Mobiliareigenthum.)
Der  Geldwerth  einiger  der  wichtigsten  Ackerproducte  wurde  für
1S62  und  63  folgendermassen  berechnet:
1862  1863
Waizen  .  .  .  Bushel  169’993,500  191'088,238
Hafer  ....  -  172’520,997  174’858,167
Mais  ....  -  586’704,474  449’!  63,894
Heu  ....  Tonnen  20’000.000  18’500,000
Tabak  .  .  .  Pfund  208'807,078  258’442,412
Wolle  ....  -  63’524,172  79’405,212
Die  wichtigsten  Bergproducte  waren  1860:  884,474  Tons  Roheisen
(19’487,799  S  Werth),  406,298  Tons  Stab-  und  Walzeisen  (22’248,796  ^)  und
für  27’970,193  0  Gusswaaren  ;  8%  Mill,  kommen  davon  auf  den  Staat  New-York,
  fast  5  Mill,  auf  Pennsylvanien.  Zu  der  auf  19  Mill,  abgeschätzten  Kohlenproduction
  lieferte  Pennsvlvanien  9’397,333  Tons,  Anthracit  für  11’869,574  0
und  66’994,295  Bushels  Steinkohlen  zu  2’833,859  Ohio  28%  Mill.,  Virginien
9%  Mill.  Bushels  Steinkohlen.
Posten  1

Briefbeförderung
265,545  Briefe

Jahr  Postämter  Poststrassen
1790  75  1,875  engl.  Meil.
1851  21,551  196,290  -
1856  25,565  219,935  -
1859  28,539  260,052  -
Telegraphenlinien
1848  10,339  engl.  Meil.
1852  .....  16,000  -
mit  den  Doppellinien  27,177
Kanäle.  Von  1815—35  wurden  2800  engl.  Meilen  angelegt.

1790  blos
1800  circa  2  Mill.
1815  über  7  -
1825  geg.  10  -
1840  circa  40  -
1855  fast  120  -  (119’634,418)
(in  Grossbritanien  1863  642  Mill.!)

1851  betrug

die  Gesammtlänge  etwa  4000  Meilen.  Kosten  :  90  Mill.  Dol
Eisenbahnen.  Im  Betriebe  standen  1864  34,442  engl.  =  7468  deutsche  M.,
wofür,  einschl.  Betriebsmaterial  1,287’311,000  0  aufgewendet  worden  waren.
Auf  die  einzelnen  Staaten  kamen  1860  engl.  Meil.  Bahn:

1.  Pennsylvanien  3610
2.  Ohio  .  .  .  3389
3.  Illinois  .  .  3120
4.  New-York  .  2869

5.  Indiana  .
6.  Georgien  .
7.  Virginia  .
8.  Tennessee

2199
1421
1378
1317

9.  Massachusetts
10.  Wisconsin
11.  Süd-Carol.  .
12.  Nord-Carol.  .

1281
1045
988
977

Rodenfläche,  auf  der  sich  die  Stadt  Cincinnati  erhebt,  wurde  vor  67  Jahren ­
  um  ein  Pferd  abgetreten.  —  Der  Grund  und  Boden  der  Stadt  New-York
  und  Umgegend  ward  im  J.  1624  für  24  Doll,  verkauft,  während  derselbe
1852  einen  Werth  von  mehr  als  300  Mill,  repräsentirte.  —  Im  Uebrigen  begegnet ­
  man  in  den  amerik.  Angaben  sehr  oft  aen  fabelhaftesten  Uebertreibungen,
und  beinahe  alle  Zahlen  können  nur  mit  Vorbehalt  angenommen  werden.
        <pb n="466" />
        444  VEREINIGTE  STAATEN.  —  Agricultur,  Industrie,  Handel.

13.  Missouri  .  .  925
14.  Alabama  .  .  S91
15.  Michigan  .  .  874
16.  Mississippi  .  867
17.  New-Jersey  .  836
18.  Iowa  .  .  .  805
19.  New-Hampshire  659
20.  Connecticut  .  635

21.  Vermont  .  .  586
22.  Kentucky  .  .  564
23.  Maine  .  .  .  510
24.  Marj'land  .  .  467
25.  Texas  .  .  .  452
26.  Florida.  .  .  401
27.  Louisiana  .  .  336

28.  Minnesota  .  161
29.  California  .  .  147
30.  Delaware  .  .  127
31.  Rhode-Island  .  119
32.  Kansas  ...  40
33.  Arkansas  .  .  38
34.  Oregon  ...  20

1836  gab  es  in  der  Union  erst  1421  engl.  Meil.  Schienenwege,  1848  5,265,
1852  10,878,  1855  19,438  und  1856  23,242  Meil.  —  Die  Bahnen  sind  meist  sehr
unsolid;  viele  Gesellschaften  (man  rechnete  deren  1854  325)  haben  ihre  Gläubiger ­
  betrogen  ;  gleichwol  besitzt  Amerika  ein  ungeheueres  Eisenbahnnetz.

Handelsmarine,  nach  Tonnen  berechnet  :

1791  1822  1842  1847  1852  1855
502,146  1'324,692  2’092,390  2’839,045  4T38,439  5’212,000

Eine  Berechnung  von  1855  ergab:

Tonnenzahl  der  freien  Staatep  4’321,951
-  Sklavenstaaten  859,032
Zusammen  5*180,983
Zahl  der  Schiffe  fast  .  .  .  30*000

davon  :  New-York  .  .
Massachusetts  .
Maine  .  .  .
Pennsylvanien  .

1860
5*219,181

1*464,221
978,210
806,605
397,767

In  Folge  der  Unsicherheit  durch  Caper,  sank  die  Handelsflotte  der
Union  1864  bis  auf  1*664,516  Tonnen  herab.  Eine  nicht  unbedeutende
Anzahl  Schifle  ward  neml.  durch  die  Secessionisten  vernichtet  (im  Jahre
1863  452  Fahrzeuge  mit  einem  auf  20%  Mill,  geschätzten  Werthe),
noch  weit  mehr  wurden  aber  verkauft  und  fuhren  unter  neutraler  Flagge.
Der  Friede  wird  das  frühere  Verhältniss  zieml.  rasch  wieder  hersteilen.

Dampfschifffahrt.  1811  erschien  der  erste  Dampfer  ;  1852  besass
die  Union  1450  Dampfschiffe  von  ungefähr  450,000  Tonnen,  darunter
125  Oceandampfer  von  120,000  Tonnen,  1860  dürfte  sich  die  Zahl  der
Dampfschiffe  auf  mehr  als  2400  belaufen  haben.  Ihr  Tonnengehalt  wird  zu
867,937  angegeben  (oben  einbegriffen).  —  Matrosen  rechnete  man  schon
1845  gegen  100,000,  von  denen  52,000  im  auswärtigen  Handel,  26,000
bei  der  Küstenschifffahrt,  10,000  beim  Stockfisch-,  und  550(1  beim  Wallfischfange, ­
  endl.  6500  bei  der  Binnenschifffahrt  Verwendung  fanden.

Kill-  und  ausgelaufene  Schiffe.
1832  17,606  Sch.  v.  2*765,636  Tonn.
1849  46,513  -  -  8*798,269  -
1857  44,432  -  -  12*141,432  -

1858  52,651  Sch.  v.  13*467,837  Tonn
1859  45,271  -  -  15*721,796  -
1860  ....  -  -  17*665,125  -

Eisenbahn-  und  DampfbootunfHile.  Nach  einer  (wol  nicht  ganz
vollständigen)  Zusammenstellung  sind  in  dem  Jahrzehnt  1855—04  Unfälle ­
  vorgekommen  auf:
Eisenbahnen  1637,  dabei  getödtet  1683,  verwundet  6766,
Dampfschiffen  244,  -  -  2997,  -  1689,

Gesammthandel;  die  Rechnungsjahre  vom  1.  Juli  an:

Ausfuhr
18"/»  :  275*156,846
18»%*:  326*964,968
18»%,:  362*949,144
18»%*:  324*644,421
18»%,:  356*789,462
18»%*:  406*122,296
18'%,  :  331*869,459

Einfuhr
261*468,526
314*639,942
366*896,141
282*613,156
338*768,136
362*166,254
252*187,587

Mit  Ausschluss
Ausfuhr
218*965,563
281*219,423
293*883,222
272*611,274
356*419,759
336*234,885
267*652,849

des  Geldes
Einfuhr
257*868,708  Doll.
316*432,316
348*428,372
263*338,654
319*488,634
355*796,551
242*631,939
        <pb n="467" />
        VEREINIGTE  STAATEN.  —  Agricultur,  Industrie,  Handel.  445

Hauptverkehrsländer  18*%,*)
Grossbritanien  .  .  .
Britisch  -  Nordamerika
Britisches  Ostindien
Frankreich  ....
Cuba
Hamburg  und  Bremen
Mexico
Brasilien
China

Einfuhr  aus  Ausfuhr  nach
13S’59t),4S4  202’34Ü,921  Doll.
23’&amp;amp;51,381  22’7ü6,328
lü’f)92,342  r240,650
43’219,549  62’206,2T8
34’032,276  12’382,899
18’498,607  18*378,708
6*935,872  5*354,073
21*214,803  6*280,235
13*566,587  8*906,118
Da  in  den  Ver.  Staaten  der  Zoll  nach  dem  declarirten  Werthe  erhoben  %ird,
so  sind  (obwol  jede  Declaration  beschworen  werden  muss)  falsche  Angaben
an  der  Tagesordnung.  (Der  Senator  Bigles  hob  schon  1859  in  einem  Berichte
hervor,  wie  in  den  officiellen  Eisten  über  den  Handel  Frankreichs  von  1858  die
Ausfuhr  von  dort  nach  der  Linion  um  20  Mill.  Doll,,  also  über  100  Mill.  Fres.,
höher  angegeben  war,  als  dieselbe  Waarenquantitàt  in  den  Listen  der  Verein.
Staaten.  —  Gold  wird  im  eigentl.  Sinne  wie  eine  AVaare,  als  gewöhnlicher  Ausfuhrartikel ­
  angesehen.  Um  die  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  betrug  der  gesummte ­
  auswärtige  Handel  von  England,  Frankreich  und  Russland,  mit  Einrechnung ­
  der  jetzigen  Verein.  Staaten,  nur  etwa  180  Mill.  Doll.  !)
Fallimente:  1857  4937,  1858  4225,  1859  3912;  die  Schuldenmasse  betrug
in  diesen  drei  Jahren  291*750,000,  95*749,662  u.  64*294,000  f  (Eine  andere
Angabe  lautet:  1859  4936,  1860  3676  Fallimente.)  In  den  nördlichen  (bundestreuen) ­
  Staaten  war  der  Betrag  der  Fallimente:

1857
1858
1859
1860

Zahl
4,257
3,113
2,950
2,733

Banken.

Schuld
265*818,000
73*608,747
51*314,000
61*739,474
1850
1860

1861
1862
1863
1864

Zahl
5,935
1,652
495
510

Schuld
178*682,170
25*049,300
7*899,000
8*579,700

»

872  mit  227  Mill.  Capital
1642  -  421  -

und  207  Mill.  Zettelumlauf.

Fondspapiere.  Zufolge  eines  Senatsbeschlusses  legte  der  Staatssecretär
  1854  dieser  Versammlung  eine  Uebersicht  des  ungefähren  Betrags
circulirender  Fondspapiere  vor.  Darnach  belief  sich  die  Gesammtsumme
der  Fondspapiere  auf  1,178*567,882  $,  wovon  184*184,714  im  Besitze
von  Fremden.  Später  ward  die  Summe  noch  ungemein  vermehrt.  Die
schamlosesten  Betrügereien  knüpfen  sich  daran,  nicht  selten  begünstigt
und  unterstützt  durch  eine  wahrhaft  ehrlose  Art  der  Justizpflege.  Nach
Hunt*s  Merchants  Magazin  betrug  der  Nominalwerth  aller  in  den
Ver.  Staaten  von  Corporationen  ausgegebenen  Obligationen  und  Actien
im  Jahre  1790  .  .  .  70*500,000  S
-  1840  .  .  .  734*546,000
-  1860  ..  .  2,211*290,000
Münze,  Maasse.  Der  Dollar  0  =  9,7211  eine  feine  Mark,  eingetheilt  in  100
Cents.  Wirklicher  Werth  1  Thlr.  12  Sgr.  7,96  Pf.,  also  beiläufig  2  fl.  29  kr.  rh.
oder  5  Francs  35  Cent.  Da  aber  die  Gold-  neben  der  Silberwährung  besteht,
und  bei  dem  Sinken  des  Goldwerthes  die  Silberwährung  jetzt  schon  verdrängt
ist,  so  wird  man  den  Dollar  nur  noch  zu  1  Thlr.  11  ogr.  annehmen  können.
(Gesetzlich  ist  der  deutsche  Gulden  nur  zu  40  Cents  tarifirt,  so  dass  2/,  tt.  —
1  Doll.  —  Die  */,  Doll,  werden  Schillinge  genannt.  —  Papiergeld  s.  S.  434).

*)  Wir  ersetzen  diese  ältere  Liste  nicht  durch  eine  neuere,  da  seit  dem
Beginne  des  Bürgerkriegs  die  officiellen  Listen  durchaus  keine  richtige  Darstellung ­
  mehr  genen.  So  ist  namentl.  der  Verkehr  mit  dem  Süden  nicht  nur
auf  Umwege,  sondern  wesentl.  auf  den  jeder  Aufzeichnung  sich  entziehenden
Schleichhandel  verwiesen.
        <pb n="468" />
        446

MEXICO.

—  Die  Maas  se  sind  meistens  die  englischen.  Der  Acre  =  1,5S49  preuss.  Morgen ­
  oder  40,4671  Aren,  die  Hectare  also  2,47  Acres.  640  Acres  sind  eine  amerikanische ­
  Quadratmeile.  Die  amerik.  Längemeile,  1609  Met.  =  0,217  deutsche
Meil.  —  Das  Bushel  =  %  Berliner  Schelf.  —  Der  Centner  wird  zu  112  Pfund
gerechnet.  Das  Pfund  0,454  Kilogr.  Der  Fuss  {foot)  =  30*;  Centimeter  Der
L'íírrf  =  0,914  Meter.

Mexico  (Kaiserthum).

Aufetwa45,000  Q.-M.  lebten  in  den  neunzehn  verbündeten  Staaten,
nach  der  Aufnahme  von  1853  7’661,520,  n»ch  einer  andern  Angabe
Ende  1862  8’629,982  Menschen  (eine  eigentliche  Zählung  hat  indess
nie  stattgefunden).  Den  Nationalitäten  nach  sind  die  Einwohner
entweder  europ.  Abkunft,  Weisse  (getheilt  in  wirkl.  Europäer,  etwa  40,000,
Creolen,  etwa  300,000,  u.  Chapetones,  Mischlinge,  die  sich  für  Weisse
halten,  ungef.  800,000)  oder  Farbige,  Mestizos  (aus  Racen  Vermischung
enstanden)  gegen  1%—2  Mill.,  oder  Indianer,  ungefähr  3%  —4  Mill.,
oder  Neger,  nur  16,000.  Die  Indianer  haben  sich  unterworfen  Indios
ßdeles),  oder  sind  noch  frei  und  ungetauft  [Indios  bravos).  Sonst  trifft
man  fast  nur  Katholiken,  obgleich  andere  Cuiten  gestattet  sind.  Städte:
Mexico  205,000  (270,000)  E.,  Puebla  71,600  (85,000)  Guatalaxara
63,000  (90,000),  Guanaxuato  48,000,  San  Luis  40,000,  Colima  31,800,
Merida  30,000,  Queretaro  29,700,  Zacatecas  25,000,  Morelia  25,000,
O  ajaca  25,000.
Die  Finanzen  sind,  bei  den  fortwährenden  Bürgerkriegen,  in
starker  Zerrüttung.  Schon  1836  hatte  man,  bei  einer  auf  11%  Mill.
Piaster  veranschlagten  Einnahme,  fast  8  Mill.  Deficit.  Die  Geldzahlung
der  Vereinigten  Staaten  für  die  Abtretung  von  Neu-Mexico  und  Obercalifornien
  (siehe  S.  436)  konnte  kaum  momentan  Aushülfe  gewähren.
Das  Budget  für  1856  berechnete  einen  Staatsbedarf  von  13’126,239.
und  dagegen  eine  Einnahme  von  nur  8%  Mill.  Piaster.  Die  Schuld  ward
damals  zu  133%  Mill.  Piaster  angegeben,  wovon  52%  Mill,  äussere
Schuld.  Die  Hälfte  der  Einnahmen  floss  aus  Zöllen  ;  dann  bestanden
Monopole  auf  Tabak,  Salz,  Pulque  (Getränk  der  Indianer)  und  Schiesspulver; ­
  auch  unterhielt  der  Staat  eine  Lotterie.  Die  Zinsen  der  auswärt.
Schuld  wurden  seit  1851  nicht  mehr  bezahlt.  Im  Oct.  1857  schloss  die
Regierung  ein  Lotterieanlehen  mit  amerik.  Bankiers  ab,  rückzahlbar  in
47  Jahren.  Um  die  Finanzverhältnisse  zu  ordnen,  verfügte  Präs.  Juarez
im  Juli  1859  die  Einziehung  der  Kirchengüter,  wodurch  man  wenigstens
40  Mill.  Piaster  zu  erlangen  hoffte.
Doch  die  ganze  Staatseinrichtung  ward  umgestürzt  in  Folge  der
franz.  Intervention.  Die  republik.  Regierungsform  wurde  vernichtet  und
dafür  der  Bruder  des  Kaisers  von  Oesterreich  als  Maximilian  I.  auf  den
wiederhergestellten  Kaiserthron  erhoben  (1864).  Zur  Regelung  der  Finanzen ­
  schloss  dieser  (März  1864)  ein  6%  Anlehen  von  8  Mill.  £  oder
201,6  Mill.  Fres,  im  Curse  von  63  mit  dem  Londoner  Hause  Glyn,
Mills  &amp;amp;  Comp.  ab.  —  Nach  einem  Vertrage  vom  10.  April  1864  mit
Frankreich  erhielt  dieses  weitere  105  Mill.  Fres,  des  nemlichen  Anlehens
        <pb n="469" />
        MEXICO.

447

in  demselben  Curse,  somit  angenommen  für  66  Mill.  Fres.,  auf  Abrechnung. ­

Durch  kaiserl.  Decrete  vom  10.  und  11.  April  1864  aus  Miramar
wurde  die  Einsetzung  einer  Finanzcommission  und  Anlegung  eines
Grossen  Buches  der  Staatsschuld  angeordnet,  ln  das  Letzte  sollten  einzutragen ­
  sein:  1)  die  3proc.  engl.  Bonds  von  1851  mit  10  241,6o0  A-j
2)  eine  jährl.  Rente  von  480,000  JC  oder  12’096,000  Fres,  für  das  neue
Anlehen  von  8  Mill.  JG;  3)  eine  Rente  von  6,6  Mill.  Fres,  oder  261,905  £
für  die  an  Frankreich  überlassene  (obige)  Summe  von  66  (resp.  105)
Mill.  Fres.  ;  4)  eine  Rente  von  153,625  £,  als  Zins  der  consolidirten
(bisher  nicht  bezahlten)  Zinsen  für  das  engl.  Anlehen  von  1851.  —  Dies
ergibt  zusammen  27  561,975  £  Capitalschuld  mit  1'202,780  £  Jahres—
zins.  —  Ausser  der  in  Schuldscheinen  abgetragenen  Summe  hat  sich
aber  der  neue  Kaiser  von  Mexico  Frankreich  gegenüber  weiter  zur  Zahlung ­
  von  210  Mill.  Fres,  in  Annuitäten  von  je  25  Mill,  verpflichtet,  womit ­
  die  Kosten  der  franz.  Expedition  bis  zum  1.  Juli  1864  ausgeglichen
wurden.  Dies  ergibt  eine  Gesamratschuld  von  etwa  900  Mill.  Fres.  Capital ­
  und  etwa  40  Mill.  Fres.  Zins,  ungerechnet  die  besonderen  Entschädigungsansprüche ­
  von  Privaten  (die  berüchtigte  Jecker  sehe  b  or—
derung).  Daneben  hat  Mexico  vom  1.  Juli  1864  an  für  den  Unterhalt  etc.
der  franz.  Hülfstruppen  zu  sorgen.  (Der  Staatsbedarf  soll  18  /g,  etwa
40  Mill.  Piaster  betragen,  die  ordentl.  Einnahme  nur  11  —  13  I)
Jft7iíâr.  Dasselbe  war  früher  formationsmässig  zu  91,299  M.  bestimmt. ­
  wovon  26,353  stehend.  Nach  dem  Vertrage  mit  Frankreich
vom  April  1864  sollten  vorerst  25,000  Mann  franz.  Truppen  im  Lande
bleiben,  wofür  Mexico  pr.  Jahr  und  Mann  1000  Fres,  zu  vergüten  habe.
Diese  Truppen  würden  allmählig  zurückgezogen.  Nach  der  Räumung
bleibt  die  im  franz.  Dienst  stehende  Fremdenlegion  (etwa  6000  Mann)
noch  6  Jahre  im  Lande.  —  Seitdem  haben  Werbungen  für  den  me.^.
Dienst  in  Oesterreich  und  in  Belgien  stattgefunden.  Man  hofft  4urch
dieselben  8—9000  M.  zu  erhalten.  Unter  den  festen  Puncten  ist  Vera
Cruz  oder  vielmehr  das  Fort  von  San  Juan  d’Ulloa  am  bedeutendsten.  —
Die  ganze  Marine  besteht  nur  noch  aus  9  kleinen  Fahrzeugen,  zus.
mit  35  Kanonen  (nach  Andern  nur  aus  3  Schiffen).
Nach  einer  kaiserl.  Verordnung  vom  Jan.  1865  soll  das  Heer  folgendermassen
  formirt  werden  :

(Gendarmerie:  1  I.egion,  1945  Mann.
Infanterie  :  12  Linien-  und  2  Jägerbataill.  zu  8  Comp.,  à  84  M.  Friedensund ­
  134  Kriegsstärke.  i,  ,  -j-  i  n
Cavallerie:  G  Regim.  zu  4  Escadr.,  à  120  resp.  IGO  M.  ;  12  Präsidial-Cav.-Comp.
  (für  Sicherung  der  Nordgrenze  gegen  die  Indianer  zu  100  M.
Artillerie'.  1  Bataill.  Fussart.  mit  G  Batterien  von  72  resp.  120  M.;  1  Keg.
mit  4  berittenen  und  4  Gebirgsbatterien.  .
Zusammen  18  Generale,  114G  Offic.,  22,374  M.  im  Friedens-  resp.  30,044
im  Kriegsstande:  —  G04G  Pferde,  1000  Maulthiere  etc.
Freni'ie  Truppen:  etwa  7000  (lesterreicher,  1500  Belgier  (sämmtl.  geworben)
und  die  franz.  Fremdlegion  von  etwa  6000  M.

Sociales.  Das  Eigenthum  des  angebauten  Bodens  befindet  sich  in
den  Händen  der  überhaupt  herrschenden  Weissen.  Der  Klerus  besass
übermässigeReichthümer.  Man  schätzte  dieselben  auf  400  Mill.  Piaster.
        <pb n="470" />
        448

STAATEN  VON  CENTRAEAMERIKA.

Die  Finanznoth  zwang  auch  hier  zur  theilweisen  Einziehung  der  Geistlichengüter. ­
  Es  sollen  deren  noch  für  250—300  Mill.  Piaster  vorhanden
sein  (nach  Don  Miguel  Lordo).
Der  Aufstand  Mexico’s  gegen  Spanien  begann  1810  und  endete  erst  1821.
Seitdem  gab  es  blos  bis  1850  200  verschiedene  Aufstände.
Handel  des  Hafens  von  Vera  Cruz  1856:  Einfuhr  88’027,455,  Ausfuhr
44*578,975  Eres,  (über  die  Hälfte  des  Verkehrs  traf  England).  —  1800:  Einfuhr
13’198,400,  Ausfuhr  0’883,000  Piaster.
Gold-  nnd  Silberausbetite.  Mexico  hat,  zufolge  der  neuesten  Nachweisungen
Tejada’s,  vom  J.  1090  bis  einschl.  1852,  nicht  weniger  als  für  2734*704,897  Piaster ­
  an  edlen  Metallen  zum  Ausnrägen  geliefert,  wovon  nur  82*119,162  Plast.
Gold.  Für  die  Zeit  von  der  Eroberung  bis  1690  nimmt  Tejada  eine  Silberausbeute ­
  an  von  827%  Mill.  Piaster,  so  dass  Mexico  im  Ganzen  an  3502%  Mill.
Pesos  an  edlen  Metallen  lieferte,  wovon  höchstens  100  Mill,  auf  das  Gold  kommen. ­
  (Californien  und  Australien  zusammen  liefern  gegenwärtig  in  einem
Jahre  weit  mehr  Gold,  als  Mexico  in  330  Jahren.)
Münze.  Piaster  {Pesos)  —  Dollars  (die  verbreitetste  Münze  in  der  Welt),
M  erth  1  Thlr.  12  Sgr.  8  Pf.  od.  5  Eres.  35  Cts.  —  Maasse  etc.  wie  in  Spanien.

Staaten  von  Central  -  Amerika  (5  Republiken).

Staaten  *)
Guatemala
San  Salvador  ....
Honduras
Nicaragua  (mit  Grevtown
und  Mosquitogebiet)  .
Costa-Rica

Q.-M.
1918
345
2215
2730
1011

Sevölk.
850.000
000,000
350.000
400.000
130.000

Nationalitäten.  Weisse,  eine
Menge  von  Mischlingen,  u.  etwa
1  Mill.  Indianer.  Die  letzten  theilen
  sich  in  Ladinos  oder  Quiche,
d.  h.  abhängige,  bekehrte  (katholische),
  —  und  Pravos  oder
Zusammen  etwa  8225  2*300,000  Parbaros,  —  unabhängige,  freie.
^tädte  :  Guatemala  60,000  (?)  Einw,  ,  Comayagua  (in  Honduras)
18,000,  Leon  (in  Honduras)  35,000,  San-José  (Costa-Rica)  30,000.
Finanzen.  In  Duros  (Piastern  oder  Dollars)  angeblich  ;

Guatemala
San  Salvador
Honduras
Nicaragua
Costa-Rica  .

Einkünfte
1*280,000
550.000
250.000
380.000
1*000,000

Schulden
1*200,000
1*500,000
600,000
4*000,000  (?)
keine

(1862)
(1861)
(circa)
(1859)

Einfuhr
1*093,000
1*320,000
750.000
500.000
911.000

Ausfuhr
1*587,000
2*340,000
800,000
500,000
1*373,900

Historische  Daten.  Unabhängigkeits-Erklärung  (erst)  21.  Sept  1821  —
nung  vom  mexicanischen  Bundesstaate  1.  Juli  1823.  —  Unionsvertrag'der
Trennung  Guatemala’s  21.  März  1847.

Trennung
5  Staaten  7.  October  1842.

*)  Die  Arealangaben  nach  den  Berechnungen  Petermann’s  resp.  der  verdienstvollen ­
  Perthes  sehen  geogr.  Anstalt  in  Gotha  ;  die  Bevölkerungsangaben
nach  des  Nordamerikaners  Sanier  »The  States  of  Central-Ameiica.«  Vergl.  ferner ­
  Goth.  geneal.  Almanach  für  1865.
        <pb n="471" />
        COLUMBIA.  —  VENEZUELA.

449

Vereinigte  Staaten  von  Colninbia  (Föderativ-Republik)
(früher  genannt  Neu-G  ran  ad  a).
Areal  13,500  Q.-M.,  Bev.  2*800,000.  Die  9  föderirten  Staaten
und  deren  Bev.  sind:  Panama  173,000,  Bolivár  175,000,  Magdalena
100,000,  Santander  490,000,  Antioquia  327,000,  Boyaca  443,000,
Cundinamarca  391,000,  Cauca  437,000,  Tolima  251,000.  (Die  Stadt
Bogota  mit  43,000).
Ein  Budgetentwurf  ergab  vom  1.  September  1801  bis  dabin  1802
1*824,000  Piaster  Einn.  gegen  2*130,517  Bedarf.  —  Eine  Schätzung
für  1804  lautet  auf  2,2  Mill.  Einnahme  und  2,7  Mill.  Ausgabe.  Zölle
bilden  die  Haupteinnahmequelle  ;  sie  ertragen  etwa  1  Mill.  Der  Präsident
der  Republik  bezieht  9,500  Piaster  Gehalt,  und  seine  3  Minister  erhalten ­
  je  2,500,  die  Generale  in  Activität  2000  Piaster,  —  Die  ScJiuld
belief  sich  schon  1801  auf  44  Mill.,  wovon  34*090,000  Piaster  englischen
Gläubigern  gehören,  nemlich  :
1)  Ursprüngl.  Schuld  von  16  Mill.,  nach  einer  Uebereinkunft  von  1845  zu
verzinsen,  erst  zu  3*/*%,  dann  steigend  auf  6%  ;  2)  differirte  Schuld,  d.  h.  capitalisirte
  Zinsen,  16*090,000,  jetzt  noch  unverzinsl.,  in  einigen  Jahren  von  %  auf
3%  steigend;  endlich  3)  neue  nicht  bezahlte  Zinsen  seit  1853,  2*600,000.  Ungerechnet ­
  die  letzte  Summe  ,  sollten  1859  an  die  englischen  Gläubiger  640,000
Piaster  bezahlt  werden.  Mit  den  übrigen  Ausgaben  ergab  sich  schon  1861  ein
Bedarf  von  2*640,000,  sonach  Deficit  890,000  Piaster.
Die  bewaffnete  Macht,  im  Frieden  auf  2000  M.  bestimmt,  beträgt
thatsächlich  nur  500.  Eine  Kriegsmarine  ward  ganz  aufgegeben.
Handel  1863:  Einfuhr  14%  ,  Ausfuhr  12  V,  Mill.  Piaster.  —  Der  über  den
Isthmus  gehende  und  stark  steigende  Verkehr  ward  1863  auf  16%  Mill,  x  geschätzt ­
  (Goth.  Alm.).  .  T.  .  1
Münze.  Durch  Gesetz  vom  27.  Juli  1857  ist  der  alte  Piaster  (Peso)  beseitigt,
und  dafür  das  franz.  Münzsystem,  und  zwar  Gold  wie  Silber,  angenommen.  Der
neue  Piaster  ist  dem  5Fr.-Thlr.,  der  Real  dem  halben  Franken  gleich.
Historische  Daten.  Die  Revolution  in  dem  spanischen  Königreiche  Neu-Granada
  begann  1811.  Die  Schlacht  bei  Calobozo  entschied  1818  die  Unabhängigkeit. ­
  Die  1819  unter  dem  Namen  Columbia  vereinigten  Gebiete  von  Caraccas
  und  Neu-Granada,  denen  sich  1821  Uuito  und  1823  Panama  anschloss,
zerfielen  1831  wieder  in  die  3  Staaten:  Neu-Granada,  Venezuela  und  Ecuador.
1864  Wiederaufnahme  der  alten  Benennung  des  Staats  und  Herstellung  einer
der  nordamerikanischen  nachgebildeten  Föderativverfassung.

Vciirziicla  (Republik).
Grösse  gegen  20,000  Q.-M,  Bevölkerung  lSo8  1  504,000  ,  darunter ­
  (1851)  298,000  Weisse,  480,000  von  gemischten  Racen,  48,000
Sklaven,  100,000  bekehrte,  14,000  unterworfene  und  52,000  unabhängige ­
  Indianer.  —  Der  Rechnungsabschluss  von  18“*/a*  zeigte  8  248,031
Besos  Bedarf  und  nur  2*705,055  Einnahme.  Die  Schuld  betrug  1855
angeblich  19*945,000,  während  eine  andere  Angabe  dieselbe  schon  für
1849  auf  fast  23  Mill,  berechnete.  Im  Oct.  1859  erging  ein  Decret,
folgendermassen  lautend  :
Ko  11»,  StiUiütik.  4.  Aufl.

29
        <pb n="472" />
        450

VENEZUELA.  -  ECUADOR.  -  PERU.

»Die  Regierung,  in  Betracht,  dass  ihre  gegenwärtigen  Bedürfnisse  die  Verwendung ­
  aller  ihrer  natürlichen  Ilülfsmittel  erfordern,  da  sie  kein  Anlehen  machen ­
  will,  welches  den  Handelsstand  drücken  würde,  der  ohnehin  schon  so  viele
Opfer  bringt,  noch  andere  schmerzliche,  mit  dem  allgemeinen  AVohle  nicht  verträgliche ­
  Massregeln  nehmen  mag,  hat  befohlen,  dass  alle  Zahlungen  für  Contracte ­
  und  Creditoperationen  aller  Art  fürs  erste  suspendirt  werden  sollen.«
Handel  18*%g  ;  Einfuhr  7,  Ausfuhr  8,3  Mill.  Pesos.
Münze,  Maasse.  Pesos,  zu  1  Thlr.  2%  Sgr.  Im  auswärtigen  Handel  wird
nach  spanischen  Piastern  gerechnet.  Maasse:  die  spanischen.

FiCiiador  (Republik).
Der  Umfang  dieses  (Quito,  Guayaquil  und  Assuay  in  sich  begreifenden) ­
  Staates  wird  auf  13,500  Q.-Meil.,  die  Bevölkerung  auf  1  Mill.
Menschen  geschätzt,  worunter  etwas  über  die  Hälfte  Nachkommen  von
Europäern,  die  übrigen  meist  Indianer  (Stadt  Quito  70,000  Einw.).
—  Einkünfte  1  ,  Schuld  über  19  Mill.  Piaster.  Einfuhr  2'/%  Mill.,
Ausfuhr  2*/¡,  Mill.  Stehende  Truppen  und  Kriegsflotte  gibt  es  nicht.
(1850  ward  das  franz.  Münz-  und  Gewichtssystem  angenommen.)

Peru  (Republik).
Areal  gegen  24,000  Q.-M.,  Bevölk.  etwa  2*4  Mill.,  ungerechnet
die  Indianer  (geschätzt  auf  y.  Mill.).
Finanzen,  1801  :  Einn.  21’245,832  ^  (darunter  10*921,751  für  Guano,*)
3*251,755  aus  Zöllen);  Ausg.  21*440,400  (davon  5%  Mill,  für  die  Schuld  und
10*/j*  für  Heer  und  Flotte.  —  Früher  wurden  alle  Staatshedürfnisse  mit  0  Mill.
Piaster  bestritten  :  jetzt  reichen  20*  nicht  aus.  —  Sclnddenstand  am  1.  Jan.  1804  :
28*702,700  ^  auswärtige,  5*525,545  innere,  zus.  34*288,245.  Dabei  schuldet  aber
die  Regierung  gewöhnlich  bedeutende  Summen  (1859  etwa  10  Mill.)  an  Vorschüssen ­
  auf  Guano.  (Ein  Anlehen  von  10  Mill.  ^  ward  im  Dec.  1800  in  England ­
  nicht  untergebracht.)  —  Nach  Vertrag  mit  Spanien  vom  27.  Jan.  1805
muss  Peru  an  dieses  13  Mill.  Pesos  fuertes  Kriegskosten  an  dieses  entrichten
und  sonstige  Entschädigung  leisten,  erhält  dagegen  die  von  den  Spaniern  weggenommenen ­
  Chincha-lnseln  zurück.  Man  hat  Papiergeld  (Vales)  ausgegeben.
Die  Verschleuderung  wird  als  sehr  gross  geschildert.
Truppen  11,000  Mann,  ungerechnet  4000  Gendarmen.  —  Marine  18  kleine
Schiffe  mit  90  Kan.,  ausserdem  ein  Monitor.

*)  Die  Guanolager  auf  den  Chincha-lnseln  bilden  somit  für  jetzt  den
Hauptreichthum  des  Staates.  Man  berechnet,  dass  dieselben  mindestens  4  Mill.
Tonnen  umfassen,  im  Geldwerthe  von  etwa  230  Mill.  (Andere  schätzen  000
Mill.  ^.)  Die  Mächtigkeit  der  I.ager  steigt  auf  30  Meter.  (A.  v.  Humboldt
nahm  an,  dass  der  Koth  der  Vögel  in  300  Jahren  erst  eine  Erhöhung  von  einem
Centimeter  habe  herbeiführen  können.  Diese  Berechnung  ward  mehrfach,
namentlich  von  Rigero,  geprüft  und  richtig  befunden.  Darnach  hätte  es  also
900,000  Jahre  bedurft,  bis  die  jetzige  Höhe  erreicht  werden  konnte.  Wir  legen
derartigen  Berechnungen  keinen  besonderen  Werth  bei,  doch  mag  es  als  Curiosum
  erwähnt  werden,  dass  die  gewöhnliche  Rechnung  vom  Bestehen  der
Welt  erst  seit  5  —  0000  Jahren  —  sogar  durch  das  Guanolager  ziemlich  unzweifelhaft ­
  umgestossen  wird.)
        <pb n="473" />
        29*

BOLIVIA.  —  CHILE.

451

Handel  1862  :  Einf.  27,1,  Ausf.  32,9  Mill.  1863  betrug  die  OuanoauRfuhr
280,049  Tonnen,  während  der  Verkauf  mit  den  bereits  exportirten  Quantitäten
auf  328,474  Tonnen  stieg.  Salpeter  wurden  1'540,963  Cntr.  ausgeführt.  —Handidaßotte
  1861  :  110  Schiffe  von  24,234  Tonnen  [nach  dem  Brem.  Handelsbl.).
Münze.  Nach  dem  Gesetze  vom  31.  Jan.  1863  ist  der  silberne  5Frcsthlr.
unter  dem  Namen  »Sonne«  als  Münzeinheit  angenommen,  abgetheilt  in  100
centanos.  Dann  werden  Goldstücke  geprägt  im  Verhältniss  zum  franz.  Münzfusse
  (also  Doppelwährung  !).

Bolivia  (Republik).
Etwa  24,000Q.-M.  und  185S  l’987,352Einw.,  worunter  245,000
Indianer  (nach  Goth.  gen.  Alman.).  Städte:  La  Paz  76,372,  Cochabamba ­
  40,676,  Potosí  22,850,  Sucre  23,979  E.  —  Der  1809  begonnene ­
  Aufstand  endete  erst  1825.  —  Die  Einnahme  ward  1850  zu
1’976,217,  die  Ausgabe  zu  1'738,744  Piast.  veranschlag;!.  Die  Schuld
Soll  bis  auf  etw'a  100,000  Piaster  getilgt  sein.  —  Truppen  1500  M.  —
Werth  der  Einfuhr  (1853)  6’897,925  Franken.

Chile  (Republik).
Areal  (bei  sehr  unsichern  Grenzen)  gegen  3000  Q.-Meil.  Bevölk.
ungefähr  1’600,000.  Darunter  sollen  sich  nur  150,000  Weisse  befinden
(wobei  Einwanderer  aus  Eluropa)  ,  Mill.  Neger,  die  übrigen  Mischlinge, ­
  getaufte  und  ungetaufte  Indianer.  Das  Land  ist  in  14  Provinzen
und  60  Departemente  getheilt.  Stadt:  Santiago  mit  80,000  Einw.  Unabhängigkeitserklärung ­
  vom  18.  Sept.  1810;  doch  dauerte  der  Kampf
bis  1820.  Staats  einnahme:
1851  1853  1857  1860  1862
4’581,254  5’869,910  6’419,142  7’494,750  6’287,155
(Unter  den  Einnahmen  von  1862:  3'841,374  Zölle,  1'090,080  Monopole, ­
  666,722  Grund-,  76,018Gewerbsteuer,  291,710  Ilnregistremcnt,
103,165  Stempel,  38,092  Weggelder,  120,810  von  Posten.)  Das
Budget  für  1863  betrug  (&amp;gt;’24  4,887  Einn.  und  7’585,983  Ausg.  Schuld
(Elnde  1862)  innere  3185,625  Pesos,  ältere  auswärtige  857,300  JC,
Ensenbahnschuld  (von  1858)  l’485,800  i^;  Gesammtschuld  14’900,000
Pesos  (dabei  1  124,900  Pesos  bei  der  innern  und  509,200  .£  beider
äusseren  Schuld,  bestehend  aus  consolidirten  Zinsen,  welche  nicht  bezahlt
Worden  waren).  Militär  1862  3093  stehend,  Nationalgarde  29,700.
Marine  5  Dampfer  von  29  Kan.;  worunter  1  Schraubencorvette  von  20.
In  950  Schulen  (worunter  384  von  Privaten)  zählte  man  (1861)  39,697
Schüler.  7/fl«i/c/(l  862)  Einfuhr  1  7'226,655,  Ausfuhr  21*994,432  Pesos
(1860  für  14’1  74,477  Kupfer,  1854  erst  für  4’316,616,  1859  für
11’894,404).  —  Marine  (Ende  1862)  259  Schiffe  von  57,110  Tonnen.
Hisenbahn:  120  deutsche  Meilen  (von  S.  Jago  nach  San  Fernando);
2  Telegraphenlinien.
Münze.  Peso  fuerte  =  5  Fres.  Seit  1860  franz  Maass  und  Gewicht.
        <pb n="474" />
        452  ARGENTINISCHER  STAATENliUNI).  —  PARAGUAY.

Argoiitiiiisclifr  Staateiibuiul  (Republik).
Dnabliängigkeitserklärung  vom  9.  Juli  1816.  Nach  dem  Wicderanschluss
  des  aus  der  Conföderation  ausgetreten  gewesenen  Buenos-  Ayres
umfasst  der  Bund  neuerdings  11  Staaten,  mit  etwa  10,500  Q.-M.  und
(einschliessl.  100,000  freien  Indianern)  1'2T1,600  Einw.  ;  5362  Q-M,
und  350,000  Menschen  kommen  auf  Buenos-Ayres  ;  die  Hauptstadt  des
letzten  allein  mit  ungefähr  1  10,000,  worunter  56,000  Europäer,  davon
20.000  Italiener,  15,000  Franzosen,  10,000  Spanier,  5000  Briten,
2500  Deutsche.  Die  Zahl  der  Emtcanderer  ist  im  Staate  Buenos-Ayres
bedeutend;  seit  1856  jährl.  6000—8000,  1862  6,706,  1863  10,-108,
1864  wol  mehr,  zur  Hälfte  Italiener,  überhaupt  überwiegend  Romanen.
—  Emanzen.  Das  Budget  für  1  865  schliesstab  mit  8’595,037  Pesos  fuertes
Bedarf  und  8’293,300  Finn.,  sonach  einem  Deficit  von  301,737  Pesos.
—  Unter  den  Ausg.  :  Krieg  und  Marine  2'76  1,316,  Schuld  2  94  7,172
(davon  1’068,631  für  Einlösung  des  Papiergeldes),  ausserdem  erscheinen
im  Etat  des  Min.  d.  Finanzen  800,000  Pesos  für  Tilgung  eines  vorübergehenden ­
  Anlehens.  —  Die  Einkünfte  rühren  vorzugsweise  her  von  ;
Eingangszoll  4  Mill.,  Ausgangszoll  1’550,000,  Stempelpapier  130,000,
Post  64,000,  Zuschlagsprocente  zu  Abgaben  2’250,000,  directe  Steuer
150.000  etc.  —  Schuld:  britische  (von  Buenos-Ayres  aufgenommen)
2’285,000.b,  innere  Schuld  101’21  7,648  Papier-Piaster  =  900,000  b
—  Buenos-Ayres  hat  1857  ein  Abkommen  mit  seinen  engl.  Gläubigern
getroffen  ;  die  verfallenen  Zinsen  wurden  capitalisirt  (oben  einbegriffen)  ;
sie  trugen  von  1861—65  1  %  Zins,  dann  2%,  von  1870  an  3%.  —
Ausser  obigen  Schulden  340  457,656  Piaster  Papiergeld.  Dieses  soll
nun  aber,  zufolge  Gesetzes  vom  Nov.  1864  durch  eine  Staatsbank  mit
Notenemission,  in  der  Weise  eingelöst  werden,  dass  für  25  Papierpiaster
je  1  Peso  fuerte  gegeben  werde.  Um  die  nöthigen  Geldmittel  aufzubringen, ­
  sollen  die  Staatseisenbahn  und  Staatsländereien  verkauft  und
überdies  ein  Anlehen  von  4  Mill.  Pesos,  zu  7%  verzinst  und  ausserdem
mit  1  ®/q  Amort.,  im  Inland  aufgenommen  werden.  Die  Einlösung  des
Papiergeldes  sollte  am  1.  Januar  1865  beginnen,  und  bis  1.  Mai  1866
wenigstens  %  desselben  beseitigt  sein.  —Militär  etwa  10,700,  Nationalgarde ­
  in  Buenos-Ayres  19,867.  Flotte  etwa  7  kleine  Dampfer
und  10  Segelschiffe.  —  Handel  von  Buenos-Ayres  (1858)  Einfuhr  312
Alill.,  Ausfuhr  271  Yg  Mill.  Papierpiast.  (20—25  Pajjierpiaster  gelten
seit  Jahren  nur  1  wirkl.  Peso  =  5  Fres.  40  Cent.)  —  Im  Handel
die  Wollcausfuhr  bes.  Wichtigkeit  erlangt.  Während  1832  nur  94  1
Ballen  exportirt  wurden,  stieg  die  Zahl  1840  auf  3677,  1  850  auf  1  7,069,
dann  18"%,  auf  60,892,  und  18"%*  sogar  auf  91,381  Ballen.

Paraguay  (Republik).
Ueber  16,000  Q.-Meil.,  1857  mit  1’337,431  Einw.,  wovon  etwa
y,o  Weisse,  %,)  Creolcn,  %o  Neger,  Miscblinge.  Einkünfte  1  2’  14  1,323
Fres.  Militär  12,000  M.  stehend,  45,000  Miliz;  15  kleine  Dampfer.
Einfuhr  1859  8%,  Ausfuhr  7%  Mill.  Piaster.
        <pb n="475" />
        ITUUGliAY.  —  BRASILIEN.

453

limalla}  (Republik).
Die  »Republica  oriental  del  Uruguay  a  (wol  auch  nach  dem  Haupthc'standtheile
  Montevideo  genannt)  umfasst  etwa  3400  Q.-Meil.  und
210,000  Menschen.  Stadt  Montevideo  40,000  Einw.  —  Budget  für  18
Monate  vom  I.  Juli  1860  bis  Ende  1801  :  Einn,  und  Ausg.  3’579,802
Piast.  Schuld  20  Mill.,  ausserdem  50,000  C  engl.  Schuld;  die  meisten
Zinsen  rückständig.  (Im  Decbr.  1801  ward  ausserdem  zu  London  ein
Oproc.  Anlehen  von  1  Mill.  Pf.  Sterl.  im  Curse  von  00  aufgelegt.)  —
Handel  1801:  Einf.  0  012,522,  Ausf.  7’570,257  Piaster.

Krasilieii  (Kaiserthum).
Areal  etwa  1  18,000  Q.-Meil.  Bevölkerung,  naeh  einer  s.  g.  Aufnahme ­
  von  1850,  7’077,800,  1850  (nach  ministerieller  Schätzung)  über
8  Mill.  ;  worunter  über  5  Mill.  Freie,  2%  Mill.  Negersklaven  und  %  Mill.
Wilde  (nach  einer  altem  Angabe  etwa  l'300,000  Weisse).  Die  Sklaven
sollen  sich  grosstentheils  im  Besitze  von  10,000  Eigenthümern  befinden.
Cultus  der  katbolische,  mit  kümmerlicher  Duldung  anderer  Confessionen.
(Vgl.  »Brasilien  unter  Kaiser  Dom  Pedro  II.«  ;  von  Pereira  da  Silva;
übers.  V,  Cap.  Hörmeyer.)  Rttitvanderung  aus  Europa  ist  ziemlich  zahlreich ­
  ,  hat  aber  zahllose  Klagen  der  Einwanderer  veranlasst.  Eine,  jedoch ­
  unvollständige,  officielle  Zusammenstellung  von  1801  führt  55  Colonicn
  auf  mit  33,070  Menschen.  Am  bedeutendsten  ist  darunter  S.  Leopoldo ­
  mit  15,200  Personen.  Städte:  Rio  de  Janeiro  1855  mit  200,130
Einw.,  Bahia  über  120,000.  —  1808  flüchtete  die  portugiesische  Königsfamilie ­
  nach  Brasilien,  1815  ward  diese  Colonie  zu  einem  »  Königreiche« ­
  erklärt.  Nachdem  der  Hof  1820  nach  Europa  zurückgekehrt,
erfolgte  1822  der  Zusammentritt  einer  Nationalversammlung,  1.  August
Erklärung  der  Trennung  von  Portugal,  12.  Oct.  Erhebung  des  Kronprinzen ­
  zum  Kaiser  des  selbständigen  Reiches  Brasilien.  Verfassung
vom  11.  Dec.  1823.
Finanzen.  Das  Budget  für  IS^Vss  schliesst  ab  mit  52  Mill.  Mil-Reïs
Einn.  und  50’588,818  Bedarf  (davon  1’078,000  Hof,  14’012,014  Landund
  7’000,100  Seemacht;  die  Schuld  erfordert  etwa  7’/*  Mill.).  Dazu
kommen  10—12  Mill.  Provincialbedürfnisse.  Die  Budgetsätze  reichen
thatsächlich  nie  aus.  So  betrug  der  Voranschlag  für  1857  blos  35'/%  Mill.,
während  die  wirkl.  Ausgabe  18%  überstieg.  Allerdings  vermehren  sich
die  Einkünfte  fortwährend  (  1820  erst  10  Mill,  [oder  10,000  Contos  de
Reïs],  1838  bereits  20’),  allein  trotzdem  gelangt  man  nicht  zum  Gleichgewichte ­
  (Budget  von  18"%,  Einn.  30’128,000  gegen  40’007,000  Bedarf ­
  ;  Budget  von  18"%,  Einn.  45  Mill,  gegen  48  303,000  Bedarf,
18'%,  51%’  Einn.,  53’878,000  Bedarf).  Zu  den  Einkünften  liefern
die  Zölle  %;  18'%,  35’023,000  Mil-Reïs  (darunter  5’123,000  von
Ausfuhrzöllen),  und  seitdem  hat  man  die  Gebühren  noch  erhöht.
        <pb n="476" />
        454

HAYTI  und  ST.  DOMINGO,

Das  Capital  der  Innern  fundirtcn  Schuld  betrug  am  31.  December  1SG3
7G’777,400  Mil-Reïs,  das  der  dussern  10’S20,2üO£  (worunter  2’GO  1,900
für  Eisenbahnzwecke),  zus.  ungefähr  124%  Mill.  Mil-Reïs.  Daneben
gibt  es  aber  eine  schwebende  Schuld,  neml.  l’apiergeld  mit  nicht  selten
schwankendem  Curse,  wovon  Ende  Dec.  ISGl  4’33G,5Ò0  Mil-Reïs  in
Schatzscheinen  und  35’249,151  in  eigentlichem  Papiergeld  im  Umlauf
waren.  Die  Noten  der  Bank  erhielten  im  Sept.  18G4  Zwangscurs.
Militär.  Zunächst  Werbung  mittelst  Handgelds  und  Landschenkung ­
  an  die  Ausgedienten.  Da  man  indess  auf  diese  Weise  nicht  genug
Soldaten  bekommt,  so  wird  die  fehlende  Zahl  durch  «Pressen«  ergänzt
Ueber  drei  Viertheile  der  Mannschaft  werden  durch  solche  gewaltsame
Recrutirung  aufgebracht.  Die  Gepressten  geniessen  nicht  nur  nicht  die
erwähnten  Vortheile  der  Geworbenen,  sondern  erhalten  überdies  geringem ­
  Sold.  Darum  desertirt  in  jedem  Jahre  durchschnittlich  ein
Zehntel  der  gesammten  Mannschaft,  und  zwar  von  der  Marine  wie  vom
Landheere.  Das  letzte  besteht  formationsmässig  aus  22,540  Mann,  wovon ­
  3727  Cavallerie  (in  4  leichten  Reg.)  und  3582  Artillerie.  (Hauptinfant.-Corps ­
  :  15  Linienbataillone.)  Dazu  kommen  4G00  Seesoldaten.
Auf  dem  Papiere  hat  man  auch  57  7,329  M.  Nationalgarden,  die  aber
meistens  nicht  einmal  Waffen  besitzen.

Die  Marine  zählt  22  Dampfer  und  IG  armirte  Segelschiffe
Volksschulen.  1856  erst  2460  mit  82,500  Schülern  (1  auf  100  Einw.!).

18"%,  kamen  von  der  Einfuhr  über  59
Mill,  aus  England  u.  dessen  Colonien
(1856  bestanden  davon  gegen  27  Mill.
Vc

Handel,  Einfuhr  Ausfuhr
1840;  57’727,129  41’671,791
18*%«:  9P2.33,818  96’4.31,315  -
18*%T  :  123’855,958  114’503,411  aus  Baumwollwaaren).  Von  der  Aus-18'%,:
  130’263,844  96T  99,753
18'%,  :  127’268,194  106'782,223
18*%,:  111'622,684  112’950,010
18«%,:  119’326,301  127’293,599
18«%,:  98’190,647  122'554,130

Handelsmarine:  148  Schiffe  von
langem  Curs  und  1400  Küsten-  und
Flussfahrer.

Arobas  =  gegen  4  Mill.  Centr.  ;  dann
8  Mill.  Arob.  Zucker,  600,000  Arob.
Tabak,  250,000  Arob.  Cacao,  gegen
40,000  Jlectol.  Zuckerbranntwein.  Seitdem ­
  auch  starken  Anbau  von  Baumwolle. ­


Eisenbahnen'.  Zwei,  etwa  30  deutsche  Meil.,  veranschl.  zu  38  Mill.  Milreïs.
Münze.  Das  Milreïs  (1000  Reis)  in  Silber  gleich  1  Th  Ir.  15  Sgr.  2  Pf.  •  in
Papier  ist  der  Werth  schwankend;  er  betrug  1S41  25%,  Sgr.  1852  22*/  Stir
Der  Conto  de  Reis  =  1000  Milreïs  oder  1  Million  Reis.  Grössere  Summen  werden ­
  gewöhnl.  in  Contos  berechnet,  und  in  etwas  eigenthüml.  Weise  geschrieben
z.  B.  es  betrugen  die  Staatseinkünfte  von  1838:  »20,039:858  U  567  Reis«  also
20,039  Contos,  858  Milreïs  und  567  Reis.  Der  Annäherung  an  das  Thalerverhältniss
  wegen  blieben  wir  bei  der  Berechnung  nach  Mil-Reïs.

llayti  und  Santo  Domingo  (Republiken).
Der  Umfang  der  ganzen  Insel  wird  zu  1350  Quadr.-Meil.,  ihre  Bevölkerung ­
  zu  800,000  angegeben,  worunter  400,000  Neger,  fast  ebensoviel ­
  Mulatten  und  30,000  Weisse.  —  Auf  Hayti  (im  Westen,  ehemals
französisch)  rechnet  man  550  Q.-M.  mit  600,000  Bew.  (Stadt  Port-au-
        <pb n="477" />
        HATH  und  ST.  DOMINGO.

455

Prince,  21,000);  hier  herrschen  die  Schwarzen  und  hier  bestand  bis
zum  Jan.  1859  das  Carricaturkaiserthum  Soulouques.  Auf  St.  Domingo
(im  Osten,  vormals  spanisch)  kommen  800  Quadr.-Meil.,  aber  nur  etwa
200  000  Bew  unter  dem  Vorherrschen  der  Weissen,  mit  afrikanischer
Beimischung.  —  Der  Staatsbedarf  Hayti’s  war  1846—49  durchschnittlich ­
  5*421,000,  das  Einkommen  4*629,800  Fres.,  wovon  Ertrag  der
Zölle  4*219,000.  Im  J.  1862  sollen  die  Einkünfte  1*157,682,  die  Ausgaben ­
  nur  1*326,160  Piaster  betragen  haben.  —  Hayti  sollte  (laut  Vertrag ­
  von  1825)  an  Frankreich  150  Mill.  Entschädigung  bezahlen.  Obwol
  aber  diese  Summe  1838  auf  60  Mill,  herabgesetzt  wurde,  war  der
Staat  doch  ausser  Stand,  seine  Verbindlichkeit  zu  erfüllen.  Die  Zahlungsfrist ­
  ward  bis  1872  verschoben,  nachdem  ursprüngl.  1,9  Mill.  Fres,
abgetragen,  dagegen  aber  1825  ein  Anlehen  von  12,7  Mill,  aufgenommen ­
  worden  war.  Hiezu  kommt  eine  5proc.  innere  Schuld  von  35,500
Gourdes.  Endlich  ist  das  Land  mit  13%  Mill.  Gourd.  Papiergeld  überschwemmt. ­
  Dies  ergibt  zus.  etwa  105  Mül  französ.
Theil  der  Insel  machte  sich  1791  ,  der  spanische  179o  an  Frankreich ­
  abgetreten)  später  unabhängig.  Nach  mancherlei  V  andlungen  -
Vereinigung  und  Wiedertrennung  beider  T  heile  —  brachten  es  die  Spanier ­
  zu  einer  scheinbar  freiwilligen  Unterwerfung  St.  Domingo  s  unter
ihre  Herrschaft.  Die  Bevölkerung  erhob  sich  aber  mit  solchem  Nachdruck ­
  und  solcher  Ausdauer  dagegen,  dass  sich  Spanien  endlich  1865
zum  Aufgeben  seiner  Herrschaftsansprüche  entschliessen^te  -^f
Hayti  hat  man  die  Armee,  früher  30,000  M.,  im  Dec.  I860  auf  16,000
vermindert  und  dadurch  Mittel  für  Erziehungszwecke  gewonnen.  Es  erhalten ­
  13,000  Kinder  unentgeltl.  Unterricht  in  loO  öffentl.  Schulen.
Der  Werth  der  Ausfuhr  ward  1855  auf  25  Mül.  l*rcs.  angeschlagen.
1789  betrug  derselbe  205,  1801  65,  1821  22%,  1829  nur  noch  4  Mül.
Die  Einfuhr  Hayti*s  ward  übrigens  1862  zu  I  0/»  ,  die  Ausfuhr  zu
11*/  Mül  preuss.  Th  Ir.  berechnet.  Davon  kamen  in  Mül.  ihlr.  auf
*  Nordamerika  .  .  .  5,2  Mül.  Einfuhr,  2,0  Mül.  Ausfuhr
England  und  Colonien  2,7  -  -  "
Frankreich  ....  1*3  "  "  o*^  "
lleutschland  .  .  .  -  -  3,4  -  .
Münze:  Gourdes,  Dollars  oder  snan.  Piaster.  —  MaasM  u.  (ieioxchte:  die
alten  französischen,  jedoch  für  Flüssigkeiten  das  englische  Wcin-Gallon.

Die  übrigen  Erdtheile.
Die  Colonien,  welche  verschiedene  europäische  Mächte  in  den
andern  Erdtheüen  besitzen,  haben  wir  stets  bei  den  betr.  Staaten  erwähnt. ­
  Von  einer  Statistik  der  übrigen  Länder  in  den  drei  Erdtheilen
  Asien,  Afrika  und  Australien  kann  keine  Hede  sein.  Bei  der
hohen  Wichtigkeit  mehrer  dieser  Länder  wollen  wir  es  gleichwol
versuchen,  wenigstens  einige  Notizen,  die  freilich  in  den  meisten
Fällen  kaum  mehr  als  Schätzungen  oder  Andeutungen  sind,  zusammen
zu  stellen.
        <pb n="478" />
        456

ASIEN.

Asien.
China.  Der  Umfang  des  Uauptlandes  beträgt  etwa  70,000  geogr.
Q.-M.  (nach  Barrow  nur  00,072,  nach  Mac  Culloch  dagegen  76,815);
der  der  Schut/iländer  150—180,000.  Während  die  Schutzländer  äusserst
gering  bevölkert  sind  (zusammen  wol  nur  von  wenigen  Mill.  Menschen
bewohnt)  ,  umfasst  das  Hauptland  eine  Volksmenge  wie  kein  anderer
Staat  der  Erde.  Eine  sog.  »Zählung«  soll  im  J.  1852  die  ungeheuere
Summe  von  53()’009,300  Einwohnern  ergeben  haben,  somit  fast  die
doppelte  Zahl  der  Bevölkerung  aller  Staaten  Europas  zusammen  genommen. ­
  Wol  mag  dabei  die  bekannte  orientalische  Uebertreibung  mitgewirkt ­
  haben,  was  sich  um  so  mehr  annehmen  lässt,  als  die  angebliche
Zählung  vom  J.  1812  doch  nur  die  Ziffer  von  300’279,5U7  aufweist.
Indess  lässt  sich  eine  Bevölkerung  von  100,  höchstens  150  Mill,  allerdings ­
  annehmen.  —  Die  Staatseinkünfte  sollen  im  J.  1811  lOUSül,!  10
Taels  (der  Tacl  etwas  über  2  i)reuss.  Th  Ir.)  betragen  haben.  —  Die
Stärke  des  Heeres  wird  auf  200,000  tartarischc  und  000,000  chines.
Soldaten  geschätzt;  cs  ist  eine  Art  Miliz.  —  Im  Ausfuhrhandel
nimmt  der  Thec  die  erste  Stelle  ein.  Der  Export  ward  18auf
HO’067,000,  18«%,  aber  auf  Mi)’05G,9  15  Pfund  berechnet.  Die  Ausfuhr ­
  von  roher  Seide  stieg  in  der  nemlichen  Zeit  von  01,542  auf  75,910
Ballen  (18®%,  sogar  auf  81,250).
Japan.  Der  Umfang  dieses  Inselreichs  wird  auf  etwa  7000  Q.-M.,
I  seine  Einwohnerzahl  auf  ungef.  25—30  Mill,  geschätzt  (die  Angaben
schwanken  zwischen  10  und  10  Mill.)  —  Die  Einkünfte  der  japanes.
Regierung  dürften  sich  höchstens  auf  10  —  12  Mill.  Taels  belaufen.
AVeit  grösser  sind  (zusammen  gerechnet)  die  der  vielen  halbsouveräncn
Dynasten.  Japan  wird  nemlich  von  einer  Feudalaristokratie  beherrscht.
—  Die  Truppenmacht  des  Taikun  (weltlichen  Kaisers)  wird  auf  etwa
80,000  M.  geschätzt,  während  die  Daïmios  (Lehnsfürsten)  zusammen
über  eine  viel  grössere  Anzahl  verfügen.  —  Der  Werth  der  Ausfuhr
ward  1803  zu  5,  jener  der  Einfuhr  zu  1  %  Mill.  Doll,  angegeben,  allein
diese,  wenn  auch  auf  quasi-officiellc  Angaben  sieb  stützende  Berechnung
ist  jedenfalls  zu  niedrig,  indem  der  Betrag  der  Rohseidcausfuhr  allein
8  Mill  Doll,  überstiegen  haben  dürfte.
Persien.  Auf  beiläufig  20,000  Q.-M.  leben  höchstens  10—12  Mill.
Menschen.  Die  Einkünfte  werden  auf  3  Mill.  Toman  (wenig  über  3  Mill,
preuss.  Ihlr.)  geschätzt.  Es  gibt  eine  von  europ.  Officieren  organisirte
Armee,  angebl.  gegen  00,000  M.  betragend,  doch  bestehen  die  liauptstreitkräfte
  aus  Irregulären,  mindestens  200,000  M.  Die  Schätzung  des
Werthes  der  Ein-  und  Ausfuhr  zu  je  21  Mill.  Thlr.  ist  rein  willkürlich.
Von  den  andern  Ländern  Asiens,  soweit  sic  nicht  europäische  Besitzungen ­
  sind  (s.  Ostindien  bei  Grossbrit.,  asiat.  Russland  und  asiat.
Türkei  bei  Russland  und  lürkei,  dann  die  ind.  Inseln  bei  Nicderl.  etc.)
kann  höchstens  die  Arealgrösse  einigermassen  berechnet  werden.  Ueber
Bevölkerung,  Kriegsmacht  und  Handel  Hessen  sich  nur  völlig  haltlose
Schätzungen  aufstellen,  ohne  allen  praktischen  Werth.
        <pb n="479" />
        AFRIKA.  —  AUSTRALIEN.

457

Afrika.
Republik  am  Orangefluss  (Batavisch-Afrikanische  Maatschappij),  von
den  holländischen  Boern  gegründet,  die  1835  und  3(J  vom  Cap  weg-Kogen
  und  deren  Unabhängigkeit  durch  Vertrag  vom  23.  Februar  1854
von  England  anerkannt  wurde;  —  etwa  3200  deutsche  Q.-M.,  1858
mit  12,839  Bewohnern  europäischer  Abstammung,  —  Holländern  und
Engländern  —  und  etwa  5000  Schwarzen,  ungerechnet  die  wandernden
Buschmänner.
Transvaal’sche  Republik,  ungef.  2400  Quadr.-Meil.,  (nach  Hall)  mit
18,000  weissen  Bewohnern.  Die  Zahl  der  Schwarzen  (Kaffem)  unter
Botmässigkeit  der  Boern  wird  (wol  zu  hoch)  auf  100,000  geschätzt.  —
Eine  andere  Schätzung  nimmt  die  gesammte  Bevölkerung  zu  40,000
Menschen  an.
Liberia,  die  1823  von  den  Nordamerikanern  an  der  afrikan.  Westküste ­
  gegründete  Negerrepublik,  soll  etwa  40,000  Menschen  zählen,
aus  Amerika  zurückvcr])Hanzte  und  eine  Anzahl  freiwillig  in  das  Gemeinwesen ­
  getretene  Neger.  Die  von  dieser  Schö[)fung  gehegten  Erwartungen ­
  wurden  nur  in  sehr  beschränktem  Masse  erfüllt.

Aiisfralini.
Hawaiische  (Sandwich-)  Inseln.  Königreich,  8  grössere  Inseln  mit
284  Q.-M.  (wovon  187  auf  die  Hauptinsel  kommen)  und  (1801)  07,084
Einw.,  ausserdem  27  10  Fremde.  In  den  zwei  Jahren  vom  l.  April  1858
bis  dahin  00  betrug  (nach  dem  Goth.  Alm.)  die  Einn.  050,210  (wovon ­
  213,209  aus  Zöllen,  108,812  aus  Innern  Abgaben,  100,831  aus
dem  Verkauf  von  Staatseigenthum).  Die  Ausgabe  war  04  3,088  (davon
Civilliste  52,320,  llegierungspressc  20,000,  Unterricht  23,743,  Gerichte ­
  90,928,  öffentliehe  Arbeiten  131,821  ,  Militär  45,495  ^').  Die
(meist  zu  12%  verzins!.)  Schuld  betrug  128,777  ^.  —  Der  Werth  der
Kinfuhr  ward  1802  zu  998,240,  jener  der  Ausfuhr  zu  580,542  ^  angegeben. ­
        <pb n="480" />
        Fünfte  Abtheilung.
Allgemeine  Uebersichten.

I.  Land  und  Lente.
A.  Staaten  Europa

Q.-M.
Grossbritanien  (mit  Malta  etc.)  ....  5,800
Frankreich  0,853
Russland  (europäisches)  00,230
Oesterreich  11,702
Preussen  5,005
Deutschland  (ohne  Schleswig)  *  **) )  .  .  .  11,455
(Rein  deutsche  Staaten)  (1,470)
Schleswig  107
Italien  (sammt  Rom)  4,885
Schweiz  740
Belgien  537  *
Niederlande  508
Dänemark  (mit  Island)  2*080
Schweden  8,025
Norwegen  5,800
Spanien  0,200
Portugal  1,780
Griechenland  047
Türkei  (sammt  europ.  Schutzländern)  .  0,870

Gesammt-Europa  (abzügl.  doppelte  Posten)  181,420

Bevölk.  Auf  d.Q.-M
20*300,000  5,050
37*400,000  3,707
05*800,000  003
35*200,000  2,003
18*500,000  3,031
45*402,000  3,000
(18*073,500)  4,035
410,000  2,405
22*500,000  4,600
2*510,000  3,302
4*840,000  0,01I
3*008,000  6,003
1*070,000  621
4*050,000  504
1*680,000  303
15*700,000  1,700
4*035,000  2,315
1*325,000  1,300
15*800,000  1,001
282*300,000  1¡555

B.  Staaten  Amerika  s.

Deutsche  Q.-M.

Vereinigte  Staaten  von  Nordamerika  .  .  140,000
Mexico  .  .  45,000
Central-Amerika  (5  Staaten)  und  Hayti  .  8,800
Columbia-Staaten  (3  Staaten)  ....  47,000
Peru,  Bolivia  und  Chile  51,000
Argent.  Staaten,  mit  Paraguay  u.  Uruguay  60,000
Brasilien  148,000
Polarländer  88,000
Patagonien  24,000
Hiezu  !  Europäische  Besitzungen  .  .  .  70,000
Gesammt-Amerika  ungefähr  682,000^

Bevölk.  Auf  d.Q.-M
33*000,000  235
8*000,000  177
2*000,000  329
5*400,000  115
6*000,000  117
2*800,000  46
8*000,000  54

0*000,000  ÕÕ
73*000,000  ÍÕ7

*)  Die  verschiedenen  deutschen  Staaten  siehe  in  der  Uebersicht  S.  195.
**)  Man  nahm  früher  eine  ^össere  Summe  an,  da  man  das  Festland  gegen
den  Nordpol  hin  viel  weiterreichend  glaubte,  als  sich  seitdem  ergab.
        <pb n="481" />
        ALLGEMEINE  UEBEKSICHTEN.  —  Bevölkerung.

459

r.  Die  übrigen  Erdtheile.
Wir  sind  nicht  im  Falle,  eine  ähnliche  Berechnung  bezüglich  der
drei  übrigen  Erdtheile  zu  geben.  Es  fehlen  dazu,  mit  wenigen  Ausnahmen, ­
  alle  festen  Anhaltspunkte.  In  ganz  allgemeinen  Umrissen  wollen
wir  nur  Folgendes  erwähnen.  In  Asien  sind  zwei  Länder  von  sehr
starker  Bevölkerung  :  Clÿna,  dessen  Einwohnerzahl  (obwol  zu  537  Mill,
angegeben)  wir  auf  lUÜ—450  Mill,  schätzen,  und  Ostindien  (sammt
der  Indo-Chinesischen  Halbinsel  und  den  Inseln),  mit  etwa  250  Mill.
Japan  mag  ungef.  25-30,  die  asiatische  Türkei  10,  Persien  gegen
1  0  Mill,  umfassen.  Alle  andern  Länder  sind  sehr  gering  bevölkert.  —
Ganz  unsicher  ist  die  Einwohnerzahl  Afrika’s*).  Dies  vorausgesendet
(und  insbesondere  die  chinesische  Angabe  reducirt),  können  wir  für  die
verschiedenen  Erdtheile,  in  mehr  oder  minder  begründeter,  theilweise
aber  allerdings  ganz  unsicherer  Schätzung,  etwa  folgende  Zahlen  annehmen ­
  ;

ü.  biciiaiiiiiitnborbliek  der  (irbsse  und  Bevôlkeniiitç.

Europa
Amerika  .
Asien  .  .
Afrika  .  .
Australien

Gesammtsumme  ungef

ft.-M.
181,420
082,000
785.000
545.000
170.000
“2^37000

Menschenzahl  Aufd.  Q.-M.

282%  Mill.
73
780
80
2

1,220  Mill.

1,555
107
004
147
12

517

Confessionen  in  Europa.

Griechen

Andre
Christ.
200,000
30,000

Katholi-  Protestanken. ­
  ten.
Grossbritanien  5’8(i0,000  23’200,000  —
Frankreich  34’500,000  2’000,000  —
Hussl.,  europ.  ü’500,000  3'800,000  53’500,000
Oesterreich  27’500,000  3'500,000  2’020,000
Preussen  Ü'007,000  11'300,000  1,200
Deutschland  24’004,000  20’003,800  44,100

Jaden

40.000
60.000
1'800,000
54.000  1'050,000
30.000  255,000

Klein-Deutschl.)  (6'083,000  11'753,800  23,300

22'400,000
1'023,000
4'800,000
1'230,000
3,200
1,000
15'700,000
4'000,000
30,000
650,000

50.000
1'477,000
15.000
2'010,000
1'714,000
4'040,000
1'680,000

—  5,900
—  10,000
—  ’  ’  400
—  300

15,000  1'300,000

Mohammedaner ­


300,000

495,000
202,000)
45.000
4.200
1,500
64.000
8.200
1,000

Italien
Schweiz
Belgien
Niederlande
Dänemark
Schweden
Norwegen
Spanien
Portugal
Griechenland
Türkei,  europ
Zusammen  etwa  137,2  Mill.  66,6  Mill.  67,7  Mill.  354,000  3,6Mill.  4,8Mill.
Den  Katholiken  sind  übrigens  hier  die  un  ir  ten  Griechen  beigerechnet.

500  —

lO'OOO  000  70,000  4'500,000

*)  Dieterici  glaubte  200  Mill,  annehmen  zu  dürfen.  Dies  ist  aber  unzweifelhaft ­
  viel  zu  viel.
        <pb n="482" />
        460  ALLGEMEINE  UEEERSICHÏEN.  —  Bevölkerung.

In  Amerika  wird  man  etwa  35  Mill.  Katholiken  und  36  Mill.  Protestanten ­
  annehmen  können.
Die  gesummte  Menschenzahl  dürfte  sich  nach  Confessionen  etwa  so
vertheilen  :

Christen  :
Katholiken*)  .  .  .  185  Mill.
Protestanten  .  .  .  I0(i  -
Griechen  SU  -
Andere  Christen  .  .  15  -

Nichtchristen:
Mohammedaner  .  .  TU  Mill.
Juden  u  -
sog.  Heiden  ....  76U  -
'wiTMilL

386  Mill.
Von  sämmtlichen  Menschen  bekennt  sich  sonach  nicht  einmal  ein
Drittel  (eigentlich  noch  nicht  einmal  31,62  Proc.)  zum  Christenthum.
In  diesem  selbst  bilden  die  Katholiken  nicht  ganz  die  Hälfte  (nur
4  7,91  7(,),  während  sie  von  der  Gesammtmasse  der  Menschen  noch
nicht  den  siebenten  Theil  ausmachen  (nur  15,14  %).  —  Von  den  nichtchristl.
  Glaubensbekenntnissen  zählt  der  Buddhismus  weitaus  die  meisten ­
  Bekenner,  wahrscheinl.  gegen  500  Mill.  ,  also  fast  um  die  Hälfte
mehr  als  alle  christl.  Confessionen  zusamniengenommen  und  beinahe
dreiinal  so  viel  als  die  kathol.  Kirche.  (Emil  Schlagintweit’s  Schätzung
von  310  Mill.  Buddhisten  u.  335  Mill.  Christen  ist  in  beiden  Annahmen ­
  zu  niedrig,  besonders  aber  in  der  ersten.)

Germanen:
a.  Deutsche,  in
1  )eutschland  .  .
übrig.  I'reussen
Oesterreich
Schweiz  ....
Frankreich  .  .  .
Buss.  Ostseeländer
Holland  .  .  .
Belgien  .  .  ^^
Zus.  Deutsche
b.  Unten  .  .  .
c.  iSkanJinat'icr
Zus.  Germanen

Die  drei  Hauptvölkerstämme  in  Europa.

Mill.
38,5
2,5
2.5
1,8
2
0,6
3,2
2.6

53.5
24.5
J7,3
85.5

Romanen:
a.  Franzosen  in
Frankreich.  .  .
Belgien  ....
Schweiz  ....

Slawen:

b.  Italiener  .
c.  Jlisjiano-Portugiesen
  ....
Zus.  Romanen

Mill.
31.5
1,8
0,6
33,0
25.5
10
78,4

a.  Fussen  .  .  .
1).  Polen  u.  Litthauer
  in  Russland
c.  S  lar  en  in
Oesterreich.  .  .
Preussen  .  .  .
Türkei  ....
Zus.  Sluven

Mill.
48

2.4
4

70,1

Auswärtige  Besitzungen  europäischer  Staaten.

Grossbritanien
Russland
Türkei  '  .  .
Niederlande
Spanien  .  .

Q.-M.
230.000
205.000
53,000
33,300
8,700

Bevölk.
11)0  Mill.
8,4  -
22,5  -
18
6’400,000

Frankreich  .  .
Portugal.  .  .
Dänemark  .
Schweden  .  .
Zus.  etwa

Q.-M.
8,300
20,00U
200
1
648,500  ^Mül.

Bevölk.
3,8  Mill.
2’500,000
45,000
2.800

5  dem  (unirten)  orientalischen  Ritus  angehören,  146  Erzbisthümer,  604  Bisthümer
  ;  106  Diöcesen  sind  vacant  darunter  die  meisten  in  Italien.  Die  Zahl  der
betitelten  Prälaten,  welche  die  kathol.  Hierarchie  bilden,  beläuft  sich  auf  980
        <pb n="483" />
        ALLGEMEINE  UEBERSICHTEN.  -  Bevölkerung.

461

Die  grossen  Städte  in  Europa.

I.  Classe,  mit  mehr  als  einer  Mill.  Einw.  —  2  Städte  :  London  mit2’Sü.‘l,000,
Paris  l’G9G,00(i,  Constantinopel  (angehl.)  1’075,000.
II.  CI.  mit  mehr  als  %  Mill.  —  :(  Städte:  Berlin  545,000  (G30,000)  ,  Wien
580,000,  St.  Petersburg  580,000.
III.  CI.  mit  200—500,000.  —  IG  Städte  :  Manchester  4G0  Tausend,  Liver|)ool
444,  Neapel  410;  —  Glasgow  305,  Moskau  33G,  Lyon  310;  Birmingham  205,
Brüssel  281,  Madrid  281  ;  Lissabon  275,  Amsterdam  2GG,  Marseille  2G1,  Dublin
258,  Warschau  230,000,  Leeds  207,  Edinburgh  2o2,oO0.
IV.  CI.  mit  100—200,000.  —  42  Städte:  Rom  197,  Mailand  19G,  Sheffield
185,  Turin  180,  Hamburg  170,  Barcelona  178,  Palermo  1G7,  Bordeaux  163,  Kopenhagen ­
  155,  Bristol  154,  München  148  (IGG),  Wolverhampton  147,  Prag  142,
Breslau  140,  Adrianopel  ungef.  140,  Pesth  13^,  l.ille  131,  Dresden  128,  Genua  128,
Venedig  124,  Bukarest  124,  Gent  120,  Coin  119,  Belfast  110,  Stockholm  117,
Antwerpen  114,  Nantes  114,  Florenz  114,Toulouse  113,  Rotterdam  112,  Sevilla
112,  Murcia  100,  Newcastle  100,  Bradford  lOG,  Valencia  1  OG,  Triest  105,  Ode.ssa
104,  Rouen  103,  Stoke-up-Trent  101,  Cork  lol,  Granada  101.
Fügen  wir  noch  die  Mittelstädte  hinzu,  nemlich  jene  mit  50  bis
100,000  Einw.  als  Classe  V,  mit  40—50,000  als  CI.  VI,  und  mit  25
—10,000  als  CI.  VII,  so  erhalten  wir  nach  den  verschiedenen  Ländern
folgende  Zusammenstellung  :
Grosstädte  Mittelstädte

Grosshritanien  .
Frankreich  .  .  .
1  leutschland  .  .
íKlein-I  leutschland)
Preussen  ....
Oesterreich  .  .  .
Italien  (ohne  Venedig)
Russland  .  .
Schweiz  .  .  .
Belgien  .  .  .
Niederlande
1  länemark  .  .
Schweden  .  .
Norwegen  .  .
Spanien  .  .  .
Portugal  .  .  .
Griechenland  .
Türkei  .  .  .
—  Schutzstaaten

Classen  :  1
1

II

III  IV  Z  UB.

1  —  2
—  2  —
—  1  —
2

—  1

8
5
7
(:i)
2
4
5
1
2
1
1
I

IG
8
0
(:i)
3
5
G
4
3
2
1
1
4
1
3
1

V
10
13
14
(d)
G
8
4
8
1
1
2

VI  VII  Zus
10  25  54
IG
14
(«)
7
21
16
13
2
6
5
1
1
2

10
8
(«)
3
4
2
5
2
1

2

—  1

30
36
(21)
IG
33
22
26
5

8
7
1
1
2
13
1
3
2
1

Zus.  3  3  16  42  64

76  48  14G  270

Grosshritanien  —  insbesondre  aber  England  —  ist  sonach  am  reichsten ­
  sowol  an  Gross  -  als  an  Mittelstädten  —  1G  der  Ersten,  51  der
Letzten  —  und  es  bleibt  dieses  Verhältniss,  gleichviel  ob  wir  blos  die
absolute  Zahl  der  Städte,  oder  die  relative  Zahl  nach  der  Bevölkerung
des  ganzen  Staates  ins  Auge  fassen.  An  Grossstädten  kommen  dann:
Deutschland  mit  0,  Frankreich  mit  S  und  Italien  mit  G  (7).  Mittelstädte
besitzt  Frankreich  30,  Deutschland  3G,  Oesterreich  33,  Italien  22,
Während  das  an  Gressstädten  ohnehin  ganz  arme  Russland  nicht  mehr
als  2G  besitzt.  Spanien  zählt  nur  4  Gross-  und  13  Mittelstädte,  ist  sohin ­
  sehr  arm  an  städtischer  Bevölkerung.
        <pb n="484" />
        462

ALLGEMEINE  UEBEKSICHTEN.  —  Staatsschulden.

II,  Finanzen.
Jährlicher  Bedarf  der  europäischen  Staaten.

Bruttosummen,  in  Mill.  Thlr.
Einkünfte  Bedarf
Grossbritanien  .  .  .  463  450
Frankreich  588  630
llussland  318  344
Oesterreich  326  347
Preussen  144  144
Deutschland  (Klein-)  *  **) )  166,5  166,5
Italien  (mit  Rom)  .  .  1611  242
Schweiz  (blos  Bund)  .  5,2  5,2
Belgien  42,1  42,1
Niederlande  ....  49,4  49,4
Dänemark  10  10
Schweden  14  14
Norwegen  7,2  7,2
Spanien  168  175
Portugal  .....  30  30
Griechenland  ....  6,5  7
Türkei  80  86
Türkische  Schutzstaaten  7,5  7,5
Zus.  ungefähr  Mill.  2,591  2757

Davon  erfordern

Hof
3,3
10
8,6
5.0
3.1
9.7
4.5
0,9
0,5
0,5
0,5
0,2
3.5
1
0,25
6.7
0,4

Militär
180
160
146
77
41.7
25,5
77
0,88
9.7
12,3
3,0
5.4
2,3
40
6.5
2
32
4

Schuld
178
186
58
104
16,2
27,0
100
0,05
8,4
22,6
3,2
2,6
0.7
28
8,6
28
0,6

58,7

825

773

Es  ergibt  sich  also  eine  gewöhnliche  Einnahme  von  etwa  2591
Mill.  Thlr.  gegen  einen  gewöhnlichen  Bedarf  von  ungefähr  2757,
sonach  ein  Ausfall  (Deficit)  von  160  Mill.  Thlr.  Ziehen  wir  die  blos
durchlaufenden  Posten  (Betriebskosten  der  Staatsanstalten,  Erhebungskosten ­
  der  Auflagen  etc.)  ab,  so  bleiben:  Reineinnahme  beiläufig  2100,
gegen  Reinausgabe  2266  Mill.  Thlr.  Hievon  erfordern  :
die  Höfe  beiläufig  58,7  Mill.  =  2,59%
das  Militär  (Land-  und  Seemacht)  825  -  =  36,41
die  Staatsschulden  773  -  =  34,1  1
Zusammen  diese  drei  Posten  1656,7  Mill.  =  73,11  %
Bleiben  für  alle  andern  Bedürfnisse  nur  609,3  -  =  26,89
Im  Uebrigen  verweisen  wir,  was  Berechnung  der  Einnahmen  und  Ausgaben
betrifft,  auf  unsere  Bemerkungen  S.  199  folg.

Uebersicht  der  europäischen  Staatsschulden
in  Millionen  Thalern.

Grossbritanien  .  .
Frankreich  .  .  .
Oesterreich  .  .
Russland  .  .
Spanien  .  .  .  •
Italien  ....
Niederlande  .  .  .
Deutschland  (Klein-)
Preussen  ....
Portugal  ....

5,390  Mill
3,706  -
2,065  -
2,052  -
1,400  -
1,220  -
580  -
574  -
292  -
266  -

Türkei  .  .
■  Belgien  .  ,
Dänemark  .
Griechenland
Schweden
Norwegen
Türk.  Schutzstaaten
Schweiz  ....
Zusammen  ungef.  *  *)

320  Mill.
169  -
63  -'
50
30  -
12,8  -
1,2  -
1  -
18,200  M.

*)  Siehe  die  Einzelheiten  S.  202  u.  203  folg.
**)  A.  Moser,  »Svstemat.  Mitthlgen  aus  den  Gebieten  der  Statistik,  Nat.-üekon.etc.«
  hat  berechnet,  dass—natürl.  mit  Einschluss  aller  Actienunlerneh-
        <pb n="485" />
        AIJ.GEMEINE  UEBERSICHTEN.  —  Kriegskosten.

463

Die  Staatsschulden  sind  in  der  Neuzeit  zu  einer  früher  nie  gekannten ­
  Höhe  emporgetrieben  worden.  Insofern  die  neuen  Anlehen  zu  productiven ­
  Zwecken,  namentl.  Eisenbahnanlagen,  verwendet  werden,  kann
die  Schuldvermehrung  sogar  entschieden  nützlich  sein.  Anders  aber,
wenn  dieselben  zur  Deckung  von  Ausgaben  im  laufenden  Dienste  und
besonders  zur  Unterhaltung  enormer  stehender  Heere  dienen.
Allerdings  hat  sich  das  Nationalvermögen  seit  Beendigung  der
grossen  Kriege  in  Folge  der  ungemeinen  industriellen  Thätigkeit  äusserst
  ansehnlich  vermehrt.  Ausserdem  ist  der  Geldwerth  in  Folge  der
Ungeheuern  Goldfunde  sehr  bedeutend  gesunken.  Gleichwol  hat  auch
die  Zahlungsfähigkeit  der  Staaten  ihre  Grenze.  Die  frühere  Staatsschulden-Geschichte
  weiss  von  gar  vielen  offenen  und  verdeckten  Staatsbankerotten, ­
  z,  B.  den  Law’schen  Papieren  und  den  Assignaten  in  Frankreich ­
  ,  den  Capital  -  und  Zinsreductionen,  sogar  mit  der  Beigabe  einer
Zwangsarrosirung  in  Oesterreich,  den  frühem  Schuldherabsetzungen  in
Holland,  Dänemark,  Spanien  und  Portugal  u.  s.  f.  Und  auch  die  Neuzeit ­
  kennt  eine  Nichterfüllung  der  finanziellen  Verpflichtungen  namentlich ­
  in  Griechenland  und  den  meisten  Staaten  Amerika's.  Und  wenn
man  auf  England  hinweist,  so  darf  billig  gefragt  werden,  ob  man  etwa
beweisen  wolle,  dass  dessen  Wohlstand  das  Product  der  Schuldanhäufung ­
  sei?  Wir  wissen  im  Gegentheile,  dass  die  Anstrengungen  in  den
Napoleonischen  Kriegen  mit  jenen  Schuldanhäufungen  eine  wahre  finanzielle ­
  Erschöpfung  des  Volkes  zur  Folge  hatten,  so  dass  dessen  Consumtionsfähigkeit
  drei  Jahrzehnte  nach  Wiederherstellung  des  Friedens
noch  nicht  die  geringste  Zunahme  erkennen  Hess  (vergl.  S.  30).  Der
Krimkrieg  allein  hat  Euroj)a  über  0  Milliarden  Franken  oder  1900  Mill.
Thlr.  gekostet,  wovon  1100  Mill.  Thlr.  durch  Anlehen  aufgebracht
Wurden*).  Noch  fehlen  uns  die  Materialien  zur  genauen  Berechnung  der
Verluste  (an  Menschen  und  Geld),  welche  der  italienische  Krieg  veranlasste.
  **)  Welche  Theorien  im  Uebrigen  aber  auch  erdacht  werden

men  u.  Anlehen  von  Gesellschaften,  Vereinen  u.  s.  f.,  der  europ.  Geldmarkt
vom  1.  Jan.  1801  bis  1.  Oct.  1803,  also  in  2*/*  Jahren,  im  Ganzen  mit  einer
Summe  von  5687  Mill.  Fres,  in  Anspruch  genommen  worden  sei  (Engel  entziffert ­
  5494  Mill.  Fres  od.  1405  Mill.  Thlr.).
*)  Wir  veranschlagen  die  Kosten  dieses  Krieges  nach  möglichst  genauen
Detailrechnungen  so:  England  520  Mill.  Thlr.,  Frankreich  019  (wovon  560
durch  Anlehen  aufgebracht!),  Türkei  50,  Sardinien  16,  Russland  (mindestens)
350,  Oesterreich  (für  Rüstungen)  148,  übrige  Staaten  30  Mill.  —  Der  Menschenverlust, ­
  soweit  derselbe  constatirt  vorliegt,  war:  Briten33,037,  Franzosen ­
  86,982,  Sardinier  2^532.  Rechnen  wir  dazu  50,000  Türken  und  200,000
Russen,  so  ergibt  sich  ein  unmittelbarer  Verlust  von  373,000  Soldaten,  —
jungen  Männern  in  den  besten  Lebensjahren  !
**)  Die  Zahl  der  Todesfälle  bei  der  franz.  Armee  in  Italien  werden  zu  10,173
angegeben  [Statistique  gén.,  tome  11,  page,  XXXVIH),  natürl.  ungerechnet  diejenigen, ­
  welche  verwundet  nach  ihrer  Ileimath  gebracht  wurden  und  dort  starben, ­
  ebenso  ungerechnet  die  zu  Krüppeln  Gewordenen.  Die  Vollständigkeit
der  franz.  officimlen  Angaben  über  die  in  Italien  erlittenen  Verluste  ist  vielfach, ­
  nicht  ohne  plausible  Gründe,  bezweifelt  worden.  Relativ  sehr  unbedeutend ­
  war  der  Menschenverlust  im  letzten  dänischen  Kriege.  Nach  den  officiellen
  Angaben  hat  derselbe  der  preussischen  Armee  (allerdings  ohne  die  österr.
Einbusse)  nicht  mehr  als  29  Officiere  und  370  Unterofficiere  und  Soldaten  gekostet, ­
  zus.  405  Mann.
        <pb n="486" />
        4G4

ALLGEMEINE  UEBERSICHTEN.  —  Stehende  Heere.

mögen,  immer  wird  die  mit  der  Schuld  Vermehrung  zu  unproductiven
Zwecken  gleichen  Schritt  haltende  Ab  gab  en  Vermehrung  in  nackter ­
  Wirklichkeit  beweisen  :  dass  die  Staatsschulden  mittelbar  zugleich
Schulden  jedes  einzelnen  Eintvohners  eines  Landes,  Schulden  jeder  Familie ­
  sind  ;  Schulden,  icelche  jedes  Grundstück,  jedes  Geschäft,  jedes  Vermögen ­
  belasten.

III.  Stellende  Heere  der  europäischen  Staaten.

Abgesehen  von  allen  besondern  Anstrengungen  im  Falle  wirklicher
Kriege,  haben  die  stehenden  Heere  auch  im  Frieden  beiläufig  nachbemerkten ­
  Formationsstand,  der  natürlich  verschieden  ist  von  dem
Effectivstande,  welcher  sich  namentlich  in  Folge  von  Beurlaubungen ­
  mindert.

Grossbritanien  (mit  Indien)  220,000

Frankreich  430,000
Russland  700,000
Oesterreich  417,000
l’reussen  230,000
Deutschland  (Klein-)  .  .  200,000
Italien  200,000
Schweiz  —
Belgien  80,000

Holland  00,000
Dänemark  10,000
Schweden  70,000
Norwegen  10,000
Spanien  230,000
Portugal  30,000
Griechenland  10,000
Türkei  u.  Schutzstaaten  .  .  100,000
Zusammen  3’087,000

Rechnen  wir  dazu  die  Kriegsmarinen  mit  mehr  als  200,000  Mann,
so  erreicht  die  Zahl  derjenigen  Männer,  deren  freiwillig  gewählter  oder
aufgezwungener  Beruf  während  des  kräftigsten  Alters  das  Kriegsgewerbe ­
  ist,  die  enorme  Summe  von  weit  mehr  als  drei  Millionen.
Ein  einziger  Staat  in  ganz  Europa  unterhält  keine  stehenden  Truppen; ­
  es  ist  die  Schweiz,  welche,  ungeachtet  ihrer  geringen  Volkszahl,
im  Falle  des  Bedarfs  in  kürzester  Frist  ein  geübtes  Milizheer  von
100,000  Mann  zu  ihrer  Vertheidigung  aufzustellen  vermag.  Allerdings
werden  jene  3  Millionen  Männer  nicht  beständig  bei  den  Fahnen  gehalten, ­
  sondern  ein  ansehnlicher  Theil  davon  befindet  sich  gewöhnlich  in
Urlaub.  Man  wird  aber  das  Höchste  annehmen,  wenn  man  die  Hälfte
der  Mannschaft  als  beurlaubt  rechnet.
Sonach  bleiben  noch  weit  über  anderthalb  Millionen  Männer,  welche
permanent  einer  bürgerlichen  Beschäftigung  entzogen  sind.  Wir  haben
S.  462  die  Kosten  des  Heerwesens  der  sämmtlichen  europäischen  Staaten ­
  im  Frieden  zu  825  Mill.  Thlr.  veranschlagt.  Volkswirthschaftlich
ist  aber  das  Opfer  noch  ungleich  grösser.  Nimmt  man  an,  dass  jeder  von
jenen  anderthalb  Millionen  kräftigster  Männer  täglich  nur  einen  halben
Thaler  verdienen  könnte,  so  ergibt  sich,  dass  den  europäischen  Ländern, ­
  mit  der  Arbeit  jener  Leute,  täglich  eine  Production  im  Werthe
von  mindestens  750,000  Thlrn.  entzogen  ist.  Zieht  man  dabei  noch
die  Einbusse  der  Arbeitskraft  von  mindestens  300,000  Cavallerie-  und
Artillcriepferden  in  Betracht,  so  wird  der  Gesammtverlust  jährlich  (bei
        <pb n="487" />
        ALLGEMEINE  UEBERSICHTEN.  -  Europa  1812.

465

300  Arbeitstagen)  nicht  unter  250  Mill.  Thlr.  (fast  1000  Mill.  Fres.,
also  einer  Milliarde)  zu  veranschlagen  sein.*)
Hieran  reihen  sich,  als  Folgen  des  stehenden  Heerwesens:  massenhafte ­
  heimliche  Auswanderungen  der  kräftigsten  jungen  Männer,
Selbstverstümmelungen  und  eine  gegen  das  natürliche  Verhältniss  oft  sogar ­
  verdoppelte  Sterblichkeit  der  Einkasemirten.

Anhang.  —  Historische  Notizen.
A.  Statistische  Uebersicht  von  Europa
vor  der  Zeit  der  ersten  französischen  Revolution  (1780).
Staaten  Q.-M.
Deutsches  Reich  ....  12,000
Oesterreich  (übriges)  .  .  7,200
Preussen  (übriges)  .  .  .  1,400
Frankreich  9,500
Grossbritanien  u.  Irland  .  5,800
Spanien  9,200
Portugal  1,800
Italien,  11  Staaten  .  .  .  5,500
Verein.  Niederlande,  Republik  625
Schweiz  700
Dänemark  (mit  Norwegen)  7,800
Schweden  11,000
Polen,  Republik**)  .  .  .  10,500
Russland  (in  Europa,  .  .  75,000
Türkei  11,500
Gesammtsumme  170,000  Í67’  655—680’Th.  4000—4500’  Th
B.  Politische  Statistik  von  Europa  im  Jahre  1812.
I.  Das  französische  Kaiserreich  und  die  von  demselben
abhängigen  Staaten.
A.  Das  französische  Kaiserreich  Selbst.
Dasselbe  umfasste;  Das  heutige  Frankreich,  Belgien,  Holland,  Theile  von
Deutschland  (das  ganze  linke  Rheinufer,  Elb-  u.  Wesermündungen  etc.),  Theile

*)  Vergl.  die  Schriften  von  Dr.  Schulz-Bodmer  (dem  1860  gestorbenen
theuren  Freunde  des  Verf.  gegenwärtigen  Buches)  :  »MilitUrpolitik.  Mit  besonderer ­
  Beziehung  auf  die  Wulerstandskraft  der  Schveiz  und  den  Kampf  eines  Mil^zheeres
  gegen  stehende  Heere.  Leij)zig  1855«  und:  »Die  Bettung  der  Gesellschaft
aus  den  Gefahren  der  Militiirherrschafl.  Leipzig  Ferner  die  Broschüre  :
*&amp;gt;Die  Nachtheile  des  stehenden  Heerwesens  und  die  Nothwendigkeit  der  Ausbildung
eines  l’^olkswehrsystems.  Von  G.  F.  Kolb.  Vortrag,  in  Druck  gegeben  auf  Veranlassen ­
  des  volkswirthschaftlichen  Vereins  für  Südwestdeutschland.  Leipzig
1862.  FörstneVsehe  Buchhandlung.«
**)  Zu  Bolen  gehörten  damals  noch:  1)  Grosspolen  (Marschau,  Posen,  Frau-*tadt,
  Kalisch,  Gnesen,  Polozk  etc.)  ;  2)  Kleinpolen  Krakau,  Czenstochau,  I.ublin,
  Chelm,  I.uck,  Kaminieezk  etc.)  ;  3)  das  Grossfürstenth.  Lithauen  (Milna,
Grodno,  Kowno,  Brzesc,  Minsk  etc.)  ;  4;  Die  freien  Städte  Danzig  nnà  Thorn
^it  Gebiet;  5)  Das  Herzogthum  Curland  und  Semgalleti.  —  Vor  1772  umfasste
Polen  über  13,600  Q.-M.  und  18—20  Mill.  Menschen.
Kolb,  Stati.tik.  4.  Aufl.

Bevölk
(Mill.)
26%
9%
1%
25
12
10%
3
16%
2%
5‘(;
3
14
25
15

.  Einkünfte
(Mill.)
60’  fl.
90—115’  fl.
22—30’  Thlr.
430’  livres.
13%’  £.
100’  Piaster.
18’  Thlr.
26’  -
40’  fl.

7’  Thlr.
9’  -
7’  -
70’  -
30’  -

Schulden
(Mill.)
100’  fl.
160—200’  fl.
(Schatz  60’  Th.
3700’  Livres.
240’  y.
130’  Piaster.
20’  Thlr.
50’  -
2000’  fl.

14’  Thlr.
40’  -

80’  -
keine

30
        <pb n="488" />
        466

ALLGEMEINE  UEBERSICHTEN.  —  Europa  1812.

von  Italien  (das  Festland  der  sardin.  Staaten  g  „  Damalige  Truppen-Parma,Theilev.
  Modena,Toscana,Rom),Theile  ’  Bevölkerung  macht
der(Genf,  Neuenburg,  Wallis),  zus.  13,(500  42’3(5(5,000  0(50,000
B.  Vasallenstaaten,  die  gleichsam  vollständig  /ranz.  Präfecturen  waren.
1.  Das  Königreich  Italien  1,520  6’500,000  50,000
2.  Illyrien  1,140  1*530,000  ....
3.  Das  Königreich  Westfalen  825  2*100,000  30,000
4.  Das  Grossherzogthum  Berg  315  880,000  5,000
Zusammen  ungefähr  3,800  11*000,000  85,000

D.  Sonstige  Vasallenstaaten.
5.  Die  übrigen  33  Rheinbundsstaaten  (Bayern,
Sachsen,"Württemberg  etc.  [siehe  S.  223])  4,250  10*500,000  100,000
(5.  Das  Königreich  Neapel  1,82  5  4*(500,000  (50,000
7.  Das  Herzogthum  Warschau  2,825  4*000,000  (50,000*)
8,000,  I‘TI  00,000  220,000
Frankreich  s«//í;h¿  rfcnFrtía/ícn  beiläufig  2(5,300  72*500,000  0(55,000

II.  Staaten  unter  dem  überwiegenden  Einflüsse  Frankreichs.

Q.-M.  Bevölkerung
1.  Helvetische  Eidgenossenschaft  (520  1*500,000
2.  Preussen**)  2,870  4*000,000
3.  Oesterreich  10,000  20*000,000
4.  DAMcwmrÄ  (mit  Norwegen  und  Schleswig-Holstein)  8,800  3*100,000
Zusammen  ungefähr  22,300  29*200,000

III.  Wirklich  unabhängige  Staaten.
Q.-M.  Bevölkerung
1.  Grossbritanien  5,800  18*000,000
Vasallenstaat:  Insel  ÄtciVfcn  .......  500  1*700,000
2.  Russland,  europäisches  95,000  40*000,000
Zusammen  etwa  100,000  (50*000,000

IV.  Staaten  im  Kampfe  um  Erhaltung  ihrer  Selbständigkeit.
1.  Spanien  9,200  10*500,000
2.  Portugal  1,800  3*500,000
11,000  14*000,000
V.  Sonstige  Staaten  ohne  höhere  politische  Bedeutung.

1.  Schweden  (ohne  Finland  und  ohne  Norwegen)  .  .  8,000  2*800,000
2.  Insel  Sardinien  440  500,000
3.  Türkei  9,000  12*000,000
Zusammen  beiläufig  17,500  15*500,000

*)  Beim  Beginne  des  Feldzuges  von  1812  gegen  75,000.
**)  Preussen,  das  nur  42,000  Soldaten  unterhalten  durfte,  musste  für  den
russischen  Feldzug  ein  Contingent  von  20,000  stellen;  Oesterreich,  das  nicht
über  150,000  haben  durfte  ,  musste  gleichfalls  30,000  stellen.
        <pb n="489" />
        30*

ALLGEMEINE  UEBEliSICHÏEN.  —  Sociales.

467

Zusammenstellung.

Q.-M.  Bevölkerung.
I.  Frankreich  mit  39  VasallenstaaU-n  29,300  ”2'/,  Mili.
II.  4  Staaten  unter  Frankreichs  Einfluss  22,300  29
III.  2  unabhängige  Staaten  'Englanu,  Russland)  .  .  100,000  00
IV.  2  Staaten  im  Kampfe  um  ihre  Selbständigkeit  .  .  11,000  14
V.  3  Staaten  ohne  politische  Bedeutung  .  .  .  .  .  17,500  15%

Zusammen  51  Staaten  mit  177,000  191  Mill.

III.  Industrie-  und  Verkehrs  Verhältnisse.

Dermaliger  Welthandel.

Werth  in  .Millionen  Thalrm.

Grossbritanien
Frankreich
Deutschland  (ohne  Oesterreich)
Vereinigte  Staaten  ....
Belgien
Holland
China  und  Australien  .  .
Oesterreich
Russland  (mit  Finland)  .  .  .
Brasilien
Schweiz
Engl.  Ostindien

ÍX

2500
1586
1400
1000
549
472
400  !
394
380
360
280
260
250

Spanien  und  Portugal
Türkei  und  Aegypten
Scandinavien  .  .  .
Brit.  Nordamerika  .
Antillen  .  .  .  .
Holl.  Ostindien  .  .
Chile,  Peru  .  .  .
Columbiastaaten
Argentinische  Staaten
Mexico
Griechenland
Centralamerika  .  .

230
180
150
100
100
92
80
66
60
35
30
17

Dies  ergibt  zusammen  fast  11,000  Mill.  Thlr.  (10,971  Mill).  Selbst'
verständlich  handelt  es  sich  nur  um  eine  Schätzung,  welche  unmöglich
eine  absolute  Richtigkeit  besitzen  kann.  Nun  ist  aber  die  Summe  vor
Allem  auf  die  Hälfte  zu  reduciren  ,  also  auf  5000  Mill.,  da  dieselben
Waaren  steth  mindestens  zweimal  abgeschätzt  sind,  bei  der  Ausfuhr
des  einen,  und  ebenso  bei  der  Einfuhr  des  andern  Landes.  Allein  auch
diese  Hälfte  ist  noch  zu  viel,  weil  eine  Menge  von  Waaren  nicht  unmittelbar ­
  vom  Absendungs-  nach  dem  Bestimmungsorte  gelangen,  sondern
zuvor  andere  Länder  passiren  (transitiren),  und  dort  ebenfalls,  unter  der
»Durchfuhr«  erscheinen.  Ja  in  einigen  Staaten,  wie  Frankreich  und  Belgien ­
  ,  werden  die  transitirenden  Waaren  (sehr  missbräuchlich)  sogar
doppelt  gerechnet:  beim  Ein-  und  dann  wieder  beim  Ausgange.  Dadurch
vergrössert  sich  auch  die  Summe  des  Handelsverkehrs  der  betreffenden
Staaten  (also  namentlich  Frankreichs  und  Belgiens)  sehr  bedeutend.
Dieser  Verkehr  ist  in  Wirklichkeit  weniger  gross,  als  er  auf  dem  Papiere
scheint.*)  Wenn  sich  nun  aber  der  internationale  Handel  ungleich

*)  In  den  »Beiträgen  zur  Statistik  der  Industrie  und  des  Handels  der  Schweiz,
Von  G.  F.  Kolb«  (bes.  abgedruckt  aus  der  »Monatsschrift  des  wissenschaftlichen
Vereins  in  Zürich«  1859),  haben  wir  übrigens  auf  die  Lnzuverlässigkeit  und  die
Widersprüche  in  den  Handelslisten  der  verschiedenen  I.änder  aufmerksam  gemacht, ­
  sowie  darauf,  dass,  wenn  man  den  internationalen  Handel  nach  Kopien
der  Bevölkerung  berechnen  will,  unrichtige  und  irreführende  Resultate  zum
Vortheile  der  kleinen  Staaten)  sich  ergeben  müssen.
Nach  den  (übrigens  im  Einzelnen  auf  verschiedenartigen  Berechnungswei-
        <pb n="490" />
        468

ALLGEMEINE  UEI3ERSICHTEN.  —  Handelsflotten.

kleiner  erweist,  so  umfasst  hinwieder  der  wirkliche  Gesammtverkehr
  bei  weitem  colossalere  Werthe,  als  alle  obigen  Ziffern  erkennen
lassen.  Weit  grösser  als  der  Handel  mit  entfernten  Nationen  ist  in  der
Regel  der  Verkehr,  den  jedes  Volk  im  eigenen  Lande  führt:  der  Handel
linter  den  eigenen  Angehörigen.  Darüber  mangeln  aber  meistens  alle
statistischen  Aufzeichnungen.*]

Die  Handelsflotten.

1.  Grossbritanicn  .  .
2.  Vereinigte  Staaten**)
3.  Deutschland  (s.  S.  21Í

—  übriges  Desterre
4.  Frankreich
5.  Italien  .  .
6.  Holland
7.  Norwegen
8.  Spanien  .
9.  Russland  (mit  F
10.  Dänemark
11.  Schweden
12.  Griechenland
13.  Türkei  .  .
14.  Portugal  .
15.  Belgien

ch

nland)

Schüfe
28,040
38,000
29,500
7.200
15,005
10,550
2,230
5.500
4,800
3,000
2,700
3,100
4.500
1.200
000
111

Tonnen
5’330,000
5’350,000
2’580,000
93.000
rooo,oo8
080,000
540.000
745.000
370.000
370.000
200.000
400.000
300.000
170.000
83.000
30,700

uannschait
180,000
190.000  (?)
46.000
20,600
25.000
50.000
14.000
32,500
36.000
16.000

26,000
6,000
8,000
1,400

Zusammen  ungefähr  162,800  18’250,000  650,000

Entscheidend  ist  der  Tonnengehalt,  und  darin  besitzen  die  germanischen ­
  Völker  ein  grosses  Uebergewicht.  Indess  sind  See-  und  Flussschiffe ­
  leider  nicht  gehörig  ausgeschieden  und  es  ist'wesentlich  dieser
Umstand,  dem  Deutschland  die  obige  hohe  (relativ  zu  hohe)  Ziffer  verdankt. ­
  (Vgl.  übrigens  S.  219).***)

Eisenbahnen.
1864  im  Betriebe  gegen  15,000  deutsche  Meilen,  davon:
Ver.  Staaten  6750,  deutsche  Staaten  2541,  Grossbrit.  2506,  Frankreich  1667,
(Preussen  830,  Oesterreich  813,)  Ostindien  600,  Spanien  520,  Russland  471,  Itasen ­

  beruhenden)  officiel  len  Listen  des  internationalen  Handels  hat  sich  derselbe
von  1830  bis  Ende  1855  vergrössert:  in  Frankreich  um  145  Proc.,  in  England
um  211,  in  den  Vereinigten  Staaten  um  270%.
*)  Geschichte  der  Himdelskrise  von  1857.  In  den  Ver.  Staaten  zählte
man  4937  Fallimente  von  292  Mill.  Doll.;  in  Grossbritanien  stellten  151  grössere
Handelsfirmen  ihre  Zahlungen  ein  ;  an  deren  Passiven,  74’427,569  £  betragend,
gingen  etwa  25%  verloren.  --In  Hamburg  kamen  145  Zahlungseinstellungen  vor!
**)  Stand  vor  dem  Kriege;  die  jetzige  Verminderung  muss  als  vorübergehend ­
  betrachtet  werden.
***)  Im  Jahrzehnt  1850—  59  war  die  durchschnittl.  Zahl  der  verunglückten
Schiffe  2066;  1860  dagegen  2148,  1861  2171.  —  Die  transatlantische  Dampfschifffahrt ­
  begann  1838.  In  den  18  Jahren  von  1841  bis  anfangs  I860  sind  20
grosse  Dampfer  zu  Grunde  gegangen,  deren  Werth  auf  15*930,000  £  geschätzt
wird.  Es  kamen  aus  dieser  Veranlassung  2807  Menschen  ums  Leben.  Ungefähr
noch  zweimal  so  viel  kleinere  Dampfer  blieben  ungerechnet.  Von  obigen  Schiffen
sind  4  spurlos  verschwunden,  3  sanken  in  den  Grund,  3  scheiterten  an  der  westlichen ­
  Küste,  5  an  der  östlichen,  1  versank  durch  Zusammenstoss,  und  1  verbrannte ­
  auf  offener  See.
        <pb n="491" />
        ,  ocuweiz  lui,  australien

Schweden  76,  Niederlande  65,  Aegypten  60,  Portugal  40
Die  Gesammtlänge  würde  beinahe  dreimal  um  die  ganze  Erde  reichen, ­
  und  doch  sind  erst  30  Jahre  verflossen  seit  Eröffnung  des  ersten
mit  Dampfkraft  befahrenen  Schienenwegs  (zwischen  Liverpool  und  Manchester, ­
  März  1829.*)

Electrische  Telegraphen.

Ver.  Staaten  ungef.  7500  deutsche  Meil.  ;  Russland  4300;  deutscher  Telegraphenverem
  5206  ;  Frankreich  3600;  Grossbrit.  3000;  Britisch  -  Ostindien
^OÜO;  Italien  1760;  Pj  renäenhalbinsel  860;  Südamerika  700;  Schweden  680;
'  Nonvegen  350;  Australien  300;  Belgien  225.  —  Im  Ganzen  über
Za,000  Meilen,  —  fast  das  Fünffache  des  Erdumfangs,  ungerechnet  die  unterseeischen ­
  Telegraphen  (1851  der  erste  zwischen  Dover  und  Calais)  und  ebenso
ohne  die  mehrfachen  Drahtleitungen.
c  ,  Veranlassung  des  Abschlusses  eines  Telegraphenvertrags  zwischen  der
Schweiz  und  den  angrenzenden  Staaten  erhielt  man  1864  folgende  Notiz  über
die  Zahl  der  Stationen  (Bureaux)  :  Schweiz  202,  Baden  116,  VVürttemberg  101,
Bayern  200,  übriger  deutsch-österr.  Telegraphenverein,  umfassend  Oesterreich,
Preussen,  Sachsen,  Hannover,  Mecklenburg,  Hansestädte,  Nassau,  Niederlande ­
  etc.  1777,  Frankreich  1126,  Belgien  230,  England  1275,  Italien  512,  Spanien ­
  193,  Portugal  66,  Algerien  und  Tunis  51,  Schweden  83,  Norwegen  83,
Dänemark  mit  Schleswig-Holstein  72,  Russland  118,  Türkei  mit  Schutzstaaten
ünd  Griechenland  106,  Aegjpten,  Tripolis,  Ostindien,  China  u.  Australien  256.

Metall-  and  Mineralaasbeate.

a.  Edelmetalle.  Man  schätzte  deren  jährliche  Ausbeute

um  1500  jährlich  1  Mill.  Thlr.
-  1550  -  4  -  -
-  1600  15
-  1650  -  23%  -

um  1700  jährlich  30%  Mill.  Thlr.
-  1750  49
-  1800  -  76  -  -
-  1850  -  177%  -

Dabei  wird  die  Gesammtproduction  in  diesen  vierthalbhuiidert  Jah-*“en
  so  angenommen  (Mill,  preuss.  Thaler)  :

*1  Commission  der  italien.  Abgeordnetenkammer  hat  1864  folgende
crechnung  der  Personen-Beforderungstaxen  nach  Kilometer  und  in  Centimes
aufgestellt  :

,  Klasse  I.  II.
Italienische  Staats-  u.  Süditalienische  Bahnen  .  .  lo  7
I.ombardische  Bahnen,  gewöhnliche  Züge  ...  11  s
-  -  Schnellzüge  .  .  .  .  .  13,2  9,6
t-entrahtalienische  u.  römische,  gewöhnliche  Züge  .10  8
_  -  Schnellzüge  .  .  .  12  9,6
f  ranzösische  Bahnen  lo  7,5
Englische  Bahnen  durchschnittlich  13  lo
Oesterreichische  Bahnen  Zahlung  in  Banknoten)  11,8  8,9
I  reussische  Bahnen  IV.  Classe  2,5  Centimes)  .  •  lo  7,5
Bayrische  Bahnen  8,6  4,8
Badische  Bahnen  9  6
Belgische  Bahnen  ...........  8  6
Schweizerische  Bahnen  10,8  7,3

m.
5
.5,7

.5,5
6,5
5,9
5
4
5,2
        <pb n="492" />
        470

ALLGEMEINE  UELERSICHTEN.  —  Goldproduction.

Gold  Silber  Zusammen

in  Amerika  2701  7307  10,008
in  Europa,  exclus.  Russland  .  140  530  070
in  Russland  300  88  388
in  Afrika  u.  den  Sunda-Inseln  680  —  080
Zusammen  3821  7025  11,740
Vorrath  aus  dem  Mittelalter  .  80  200  280
Total  31Hñ  8125  12,026

Dem  W  e  r  t  h  e  nach  ....  33%  07%
Gewicht  in  Cölner  Mark  17’077,099  580*334,544
Dem  Gewichte  nach  .  .  .  3%  97%

1548  begann  die  Goldausbeute  in  Californien,  1851  jene  in  Australien. ­
  Im  ersten  Lande  wurden  in  den  10  Jahren  1848  bis  Ende  1857
ungefähr  1*940,000  Zollpfund  Gold  gefunden,  werth  gegen  776  Mill.
Thlr.  ;  im  letzten  in  den  9  Jahren  1851—59  beiläufig  für  750  Mill.
Thlr.  (siehe  S.  47);  dazu  kommt  die  Ausbeute  in  Russland,  geschätzt  für
1845  —60  auf*ungefähr  300  Mill,  und  die  seitherige  Production,  in
Victoria  allein  von  etwa  200  Mill.  Thlr.  (im  Ganzen  in  dieser  Colonie
seit  1859  über  800  Mill.  Thlr.)  —  Die  Silberproduction  vermehrte  sich
nur  wenig.  Das  Verhältniss  der  Goldausbeute  zur  Silberausbeute  war  :
1800  ;  29%  Gold,  71%  Silber
1845  :  49  -  51  -  (Russisches  Gold)
18"%„  :  82  18  -  (seitdem  noch  grösseres  Missverh&amp;amp;ltniss,.

Nach  der  Berechnung  eines  Nordamerikaners  betrug  die  Production
an  Edelmetallen  (Gold  und  Silber)  1846  62  Mill.  Doll.  ,  1863  dagegen
271  Va  Mill.)  davon:  1846  ,1863
Australien  —  75*000,000
Californien  —  70*000,000
Andere  Theile  der  Ver.  Staaten  1*300,000  30*000,000
Russland  18*000,000  22*000,000
Mexico  18*500,000  25*000,000
Britisch  Columbia  —  0*000,000
Süd-Amerika  13*000,000  13*000,000
Europa  ausser  Russland  0*000,000  0*800,000
Asien  und  Afrika  4*000,000  5*775,000
Neu-Seeland  etc  —  12*000,000
Andere  Länder  —  0*000,000
Hiezu  liefern  Nord-  und  Süd-Amerika  jährlich  ü  90*350,000  Gold  und
47*050,000  Silber;  Australien,  Russland  und  alle  übrigen  Länder  108*230,000
Gold  und  19*345,000  Silber  ;  zusammen  also  beläuft  sich  die  Production  von
Gold  (75,34  Proc  )  ^  204*580,000,  Silber  (24,00  Proc.)  ^  00*995,000,  Total  (379
Mill,  preuss  Thlr.)  ^  271*575,000.
Das  Kilogramm  (Doppelpfd.)  reines  Gold  wird  in  Frankreich  zu  3444  Fres.
44  Cent.,  das  Kilogr.  reines  Silber  zu  222  Fres.  22  Cent,  ausgemünzt,  oder;
das  Kilogr.  Gold  ®/,o  fein  zu  3100,  das  Kilogr.  Silber  ®/,o  fein  zu  200  Fres.  —  ln
Deutschland  wird,  nach  der  Münzconvention,  das  Zollpfund  (genau  '/,  Kilogr.) ­
  feines  Silber  ausgeprägt  zu  30  Thlr.,  oder  45  österr.  oder  52%  rhein.  Gulden. ­
  Das  relative  AVerthverhältniss  von  Gold  zum  Silber  ist  in  den  Ländern,
welche  noch  Münzen  in  beiden  Metallen  einen  fixen  "Werth  zu  geben  versuchen
(welche  also  entweder  Doppelwährung,  Doppelstandard  haben,  oder  Silber  als
Scheidemünze  behandeln)  folgendes  :

in  Frankreich  ....
in  England
in  Spanien
in  Portugal  früher  15,48
seit  1855  ....

15,5  zu  1
14,28  zu  1
15,75  zu  1
14,188  zu  1

in  Russland  15  zu  1
in  den  Ver.  Staaten  früher
15,98,  seit  Febr.  1853  14,88  zu  1
        <pb n="493" />
        ALLGEMEINE  üEBERSICHTEN.  —  Goldproduction.

471

Nach  einem  englischen  Parlamentsausweise  wurden  in  den  7  Jahren ­
  1851  bis  Ende  1857  in  Europa  eingeführt:  für  130  Mill.  £  Gold
und  für  29’870,000  £  Silber;  —  aus  Europa  exportirt  dagegen  an  Edelmetallen ­
  für  79’170,000  £  (wovon  50*670,000  in  Silber  nach  Indien
und  China).  Sonach  verblieb  Europa  eine  Vermehrung  der  Edelmetalle ­
  von  80*700,000  £(über511  Mill.  Thlr.  oder  fast  2018  Mill.  Frkn.).
blos  in  der  kurzen  Zeit  von  7  Jahren.  Diese  Annahme  erscheint  sogar
noch  bedeutend  zu  gering.  Es  sollen  nemlich  von  jener  Summe  auf
Grossbritanien  allein  kommen:  Einfuhr  an  Edelmetallen  138  856,000,
Ausfuhr  104*538,311  £,  sonach  in  Grossbritanien  allein  eine  Vermehrung ­
  von  34*328,000  £  (fast  229  Mill.  Thlr.  oder  über  858  Mill.  Frkn.)
In  den  5  Jahren  1858  bis  Ende  1862  ergab  sich  in  England  folgendes

Verhältniss  :
Einfuhr  Gold
Silber
Zus.  Einfuhr

89*744,149  £
50*206,924

Ausfuhr  Gold
Silber

73*540,092  £
57*450,194

139*951,073  Ausfuhr  130*990,286
Sonach  neuerdings  Vermehrung  fast  9  Mill  £  =  fast  60  Mill.  fhlr.
ln  Frankreich  betrug  in  den  15  Jahren  1850  bis  Ende  1864  die  Einfuhr
der  Edelmetalle  8047,  die  Ausfuhr  6076  Mill.,  wonach  sich  in  diesem
Lande  der  Vorrath  um  1971  Mill.  Fres,  vergrösserte.  —  Eine  solche
colossale  Vermehrung  der  Edelmetalle  musste  eine  Verminderung  des
Geldwerthes  zur  Folge  haben.*)

Masifs
kann  sich  das  Sinken  des  Werths  der  Edelmetalle  überhaupt  äussem)  Dass
das  Silber  mit  herabgedrückt  wurde,  ist  sehr  erklärbar,  einmal  weil  auch  dessen
Production  sich  nicht  unbedeutend  vermehrte,  ganz  besonders  aber  infolge  des
Verdrängens  der  Silberwährung  aus  vielen  Ländern,  und  somit  der  Nermmderung
  seiner  Consumtion.  Sehr  begreiflich  ist  es,  d^s  die  durch  die  Mirren  in
Amerika  momentan  in  einiges  Stocken  gerathene  Goldzufuhr  aus  Californien
sogar  ^^vorübergehendes  Steigen  der  Goldpreise  zur  I  olge  haben  musste.
-  Einer  Preisberechnung  der  wichtigsten  Waaren  der  Hamburger  Horse  entnehmen ­
  wir  folgende  Notizen.  Es  kosteten  durchschnittlich  Ihlr.  .

18'%,
Baumwolle  .  .  .  18,04
Butter  20,02
Cafl'e  12,43
Cigarren  ....  146,53
Eisen,  roh  .  .  .  .  1,11
Eisen  waaren,  grobe  .  4,05
Flachs  16,44
Fleisch,Ochsen-,  gesalz.  10,31
Garn,  Baumwollen  .  30,77
—  I,einen  u.  Zwirn  .  51,40
—  Wollen-u.  Halbw.  97,43
Häute,  amerik.  .  .  14,84
Holz,  Blau-  .  .  1,68
Hopfen  16,37
IntUgo  147,40

18**/..
18,06
27.29
16,77
160,47
1,30
5,80
17,20
13,80
33,57
52.30
91,97
26,63
2,11
31,40
204,31

Kupfer
Leder,  Sohl-  .  .  •
Mehl,  Koggen  .  •
—  Weizen  .  .
Del,  Oliven-,  Fabrik-Speise
  .  .  •
—  Cocus-  .  .  •  •
—  Palm-  .  •  •  •
—  Lein-  .  .  •  •
—  Küb-  .  •  •  •
Pfeffer
Reis,  Carolina  .  .
—  Java  .  .  .  •
Roggen  .  •  •  •
Saat,  Klee-,  roth

18*%.  18**4.
28,68  35,60
28,12  39,08
1,86  4,02
4,57  5,76
14,18  17,21
21,05  25,65
14,43  15,15
10,46  13,41
9,85  11,47
11,66  13,75
9,34  13,97
7,10  7,64
4,24  4,32
1,97  2,86
11,50  16,49
        <pb n="494" />
        472

ALLGEMEINE  UEBERSICHTEN.  -  Unedle  Metalle.

b.  Ausbeute  unedler  Metalle  und  Mineralien.  Nach  Millionen  Zollcentnern
  berechnet  betrug  die  Production  von  Steinkohlen  und  Eisen  in  :

Grossbritanien  (1S()2)

Steinkohlen
1640,00  Mill.  Cntr.
300,00

Roheisen
79.00  Mill.  Cntr.
18.00
5,75
6,04
23,6
6,35
0,26
0,89
4,28

Ver.  Staaten  (1860)
Preussen  (1861)  235'19
Belgien  (1861)  200,00
Frankreich  (1863)  200,00
Oesterreich  (I860)  34,80
Sachsen  (1859)  30,39
Bayern  (1858)  5,29
Russland  (1857)  1,04
Italien  (1861)  1,50
Schweden  (1857)  4,40  (1863)  4  39

Saat,  Klee-,  weiss
—  Raps-  u.  Rüb-Salpeter,
  roh  ostind
Südsee  .  .
—  raffln.  .  .  .
Schiffsbrod  .  .
Schinken  u.  Speck
Schwefel,  roh  .  .
—  raffin.  .  .  .
Seide,  roh  u.  gezwirnt

18*%.
10,56
4  —
9,84
4,11
11,52
4,10
15,54
2,24
3,03
642,06

18*%.
19,89
5,28
13,12
5,26
14,21
5,37
18,61
2,45
3,50
586,97

Sprit,  französ.  .  .
—  Korn-  u.  Kartoffel-Tabak

Thran
i  Wein
Weizen
Wolle
Zink
Zucker,  roh
—  raffln.

18*%,
9,14
5,72
16,48
9,60
6,78
3,08
60,71
4,99
7,34
9,13

18*%,
22,82
9,26
22,08
11,82
11,95
3,96
65,31
7,25
8,74
11,25

benen
annimmt

Lebensmittel
^  :  .  aun  uor  AiCIL  ^
den  Motiven
IpïSiï
        <pb n="495" />
        ALLGEMEINE  UEBERSICHTEN.  —  Colonialproducte.

473

Tonnen  ausgeführt.  Dieses  I.and  allein  könnte  den  Bedarf  von  ganz  Europa
während  4000  Jahren  decken.

Die  Quecksilberproduction  wird  im  Ganzen  auf  00,000  Cntr.  geschätzt,  w
Almadén  15,000,  Californien  30,000  und  Peru  3,000  Cntr.  liefern.

ozu

Der  Gesammtgeldwerth  der  Bergproducte  war  in  Mill.  Thlr.

Grossbritanien  (1803)  ,  .  230  Mill.
Preussen  (1800)  ....  32  -
Frankreich  (1803)  ...  32  -
Belgien  ungefähr  ...  30  -

Oesterreich  (1800)
Spanien  (1800)  .  ,
Russland  (1857)

28  Mill.
10  -
14  -

c.  Sonstige  besonders  wichtige  Natur-  und  Industrieproducte.
1.  Baumwolle.  Von  allen  Xaturproducten  findet  die  Baumwolle  nach
dem  Getreide  die  ausgedehnteste  Benützung.  Der  Verbrauch  derselben
in  Indien  und  China  —  diesen  Ländern,  welche  wenigstens  die  Hälfte
der  gesammten  Menschenzahl  auf  Erden  umfassen,  und  deren  Bevölkerung ­
  sich  zum  Theil  ausschliesslich  in  Baumwolle  kleidet  —  lässt  sich
kaum  annähernd  schätzen.  Gleichwol  ging  der  colossale  Baumwolleverbrauch ­
  in  Europa  nicht  von  Asien,  sondern  —  in  entgegengesetzter  Richtung
  —  von  Amerika  aus.  Die  Quantität,  welche  überhaupt  in  den  uns
bekannten  Handel  kommt,  wird  zu  IG—18  Millionen  Centner  jährlich
veranschlagt.  Davon  producirten  früher  die  Vereinigten  Staaten  allein
zwei  Drittheile  ;  rS50,000  Centner  kamen  aus  Ostindien  in  den  europäischen ­
  Verkehr:  1'10U,000  aus  dem  übrigen  Asien,  und  650,000  aus
Mexico,  Brasilien  und  den  andern  Ländern  Südamerika’s.  Der  Geldwerth ­
  blos  der  nordamerik.  Baumwollerndte  in  dem  günstigen  Jahre  1859
Ward  auf  290  Mill,  preuss.  Thlr.  geschätzt.  Dies  ist  mehr  als  die  californische
  und  australische  Goldausbeute  zusammengenommen.
Grossbritanien  verarbeitet  mindestens  ebenso  viel  Baumwolle,  als
alle  andern  Länder.  Von  1735  —1719  verbrauchte  man  daselbst  jährlich ­
  nur  eine  Million  Pfund,  I860  mindestens  1000  Mill.,  sonach  mehr
an  einem  Arbeitstage,  als  zu  jener  Zeit  in  drei  Jahren.  Seit  Abschaffung ­
  der  Eingangszölle  ist  der  Verbrauch  auf  das  IGfache  gestiegen.
Vermittelst  der  Maschinen  liefert  ein  Arbeiter  so  viel  Gespinnste,  als  95
—  100  indische  Handspinnerinnen.  —  Obwol  eine  indische  Spinnerin
früher  blos  etwa  8  Sgr.  wöchentlichen  Lohn  erhielt,  während  in  England ­
  die  Arbeiter,  einschliesslich  der  Frauen  und  Kinder,  im  Durchschnitte ­
  IG  Sgr.  täglich  verdienen,  vermögen  dennoch  die  bis  zum
Aeussersten  wohlfeilen  indischen,  mit  den  sehr  theuern  englischen  Arbeitern ­
  nicht  zu  concurriren.  Die  Zahl  der  in  allen  Baumwollfabriken
Ëuropa’s  und  Amerika's  beschäftigten  Arbeiter  wird,  einschl.  der  Kinder, ­
  auf  1  Mill,  geschätzt;  ihre  Löhne,  durchschn.  zu  130  Thlr.  angenommen, ­
  betragen  jährlich  mehr  als  162  Mill.  Es  ist  aber  vielleicht
eine  viermal  grössere  Anzahl  als  jene  mittelbar  in  ihrem  Lebensunterhalte ­
  von  der  Stabilität  der  gedachten  Industrie  abhängig.  Leider  hat
auch  die  Negersklaverei  in  Nordamerika  ihre  Ausbreitung  dem  Baumwolleanbau ­
  zu  verdanken,  wozu  gegen  eine  Million  Schwarze  verwendet
Wurden.  Die  älteste  Angabe  der  Baumwolleausfuhr  von  Nordamerika
findet  sich  in  einem  Handelsberichte  der  Stadt  Charleston  (Südcarolina) ­
  von  1747,  —  damals  handelte  es  sich  um  sieben  Säcke  !  Als  1784
71  Säcke  von  dort  in  England  ankamen,  ward  Beschlag  darauf  gelegt,

-OÊsn-
        <pb n="496" />
        474

ALLGEMEINE  UEBEllSICHTEN.  —  Colonialproducte.

IVegen  falscher  Consignation,  »Aveil  Amerika  so  viel  gar  nicht  produciren
könne.  «  Der  Verbrauch  roher  Baumwolle  (aus  den  verschiedenen  Ländern) ­
  ward  1859  so  geschätzt:  Grossbrit.  2’294,000  Ballen,  Vereinigte
Staaten  928,000,  Frankr.  525,000,  Russl.  334,000,  Deutschi.  212,000,
Holland  125,000,  Spanien  118,000,  Italien  101,000,  Oesterr.  66,000,
Belgien  64,000.  (Die  Liste  ist  indess  nicht  ganz  genau,  wie  denn  namentl.
  die  Schweiz  in  derselben  fehlt.)  Der  Verbrauch  steigt  mit  dem
Wohlstände  und  der  höhern  Cultur.  Während  in  England  auf  jeden
Kopf  eine  Jahresconsumtion  von  24  Pfd.  kommt,  beträgt  dieselbe  in  der
Türkei  und  andern  gleich  wenig  cultivirten  Gegenden  nur  2—2%  Pfd.
—  Der  Bürgerkrieg  in  Nordamerika  hat  eine  ungeheuere  Störung  hervorgebracht. ­
  Natürlich  empfanden  dieselbe  nicht  blos  die  Productionslünder,
  sondern  ebenso  alle  Gegenden,  in  denen  die  Baumwollefabrikation ­
  eine  Wichtigkeit  erlangt  hat,  namentl.  England.  Der  Baumwolleanbau ­
  ward  nun  in  verschiedenen  Ländern  in  einer  gegen  früher
nicht  geahneten  Ausdehnung  betrieben,  namentlich  in  Ostindien  und
Aegypten,  theilweise  auch  in  Brasilien,  Mexico,  der  asiat.  Türkei,  und
einigen  südl.  Gegenden  Europa’s.  In  den  beiden  erstgenannten  Ländern
ist  dadurch  ein  Zufluss  von  Metallgeld  veranlasst  worden,  der  bereits  zu
einer  Art  socialer  Revolution  geführt  hat.

Nachfolgende  Zusammenstellung  der  Einfuhr  roher  Baumwolle  in
England  deutet  die  stattgehabten  Veränderungen  an  (die  Quantität  in
engl.  Pfunden)  :  •

aus  den  Ver.  Staaten
-  Bahama-  u.  Bermuda-Inseln
  ....
-  übrig,  brit.  Westindien
-  Brasilien  ....
-  Mexico  ....
-  der  Levante  .
-  Ostindien  .  .  .
-  China
-  andern  Ländern
Zusammen

1860
1115’b9(l,00S
585,984
464,800
n’286,864
44’036,608
204’141,168
3,920
8’528,800

1861
819’500,528
10,864
485,520
1-'290,336
41’4T9,200
369’040,448
9’177,840

1862
13'524,224
5’403,328
722,736
23’339,00S
3’131,520
65’238,320
392’654,528
I'766,016
18’193,616

1863
6'394,080
29’771,392
2’556,848
22’603,168
19’278,112
107’358,944
434’420,7H4
30’856,336
16'343.600

1390’938,752  1256’984,736  523’973,296  669’583,264

Für  1864  veranschlagte  der  Economist:
aus  Nord-Amerika  .  150,000  Ballen  à  438  Pfd.  =  65’700,000  Pfd.
-  Ostindien  .  .  1'398,000  -  -  365  -  =  5l0’270,000  -
-  Aegypten  .  .  257,000  -  -  500  -  =  127’500,000  -
-  Brasilien  .  .  .  212,000  -  -  180  -  =  38’160,000  -
Für  1865  geht  eine  vorläufige  Schätzung  der  als  wahrscheinlich  zu
erwartenden  Zufuhr  auf  2’900,000  Ballen  (von  oben  bezeichneten  Gewichtsverschiedenheiten), ­
  nemlich  150,000  Ballen  aus  Nordamerika,
250,000  aus  Brasilien,  100,000  (à  200  Pfd.)  aus  Westindien  und  Peru,
l'500,000  aus  Ostindien,  300,000  aus  Aegypten,  1  00,000  (à  355)  aus
der  Türkei  und  500,000  (à  240  Pfd.)  aus  China  und  Japan.

2.  Wolle.  Auf  Grundlage  der  Berechnungen  des  Generalconsuls  für
Uruguay  in  Berlin,  Hrn.  J.  J.  Sturz,  liefern  wir  folgende  Zusammenstellung ­
  :
        <pb n="497" />
        ALLGEMEINE  UEBEKSICHTEN.

Colonialproducte.

475

Schafe
in  Europa  ....  224’28S,00(»
-  Amerika  .  .  •  44’3t)0,0ü0
-  Australien  .  .  .  2SM2f&amp;gt;,000
Zusammen  ungef.  2y7’OÜO,üOO

W  oUeproduction
5()0’T  10,000  Pfund
9rsoo,ooo  -
92’425,000  ^
Í45'ÕÕÕ/9I0

Dies  ergibt  durchschnittlich  kaum  2  Pfd.  Wolle  auf  jeden  Kopf  der
Bevölkerung.  (Es  ist  dabei  angenommen,  dass  die  Zahl  der  Schale  betrage: ­
  in  Grossbrit.  40  Mill.,  in  Frankreich  35,  dem  Zollverein  32,
Oesterr.  30%,  Russl.  52,  Spanien  20  Mill.  ;  dann  in  den  Ver.  Staaten
20,  den  Argentinischen  8,  Uruguay  fast  4  Mill.)*)  —

3.  Zocker.  Die  Gesammt-Rohrzuckcrproduction  ward  1859  von  der
engl.  Regierung  auf  1’365,500  Tonnen  (27  310,000  engl.  Centner)  geschätzt, ­
  nemlich  :

Cuba  .  .  .
Porto-Rico  .
Brasilien  .  .
Ver.  Staaten  .
Brit.  Ostindien
Mauritius  .  .
Reunion  .  .

415.000  Tonnen
58.000
75.000
10.000
100.000
120,000
55,000

Antillen  franz.  .
—  dänische
—  holländ.
—  englische
Java  ....
Manila  .  .  •

100.000  Tonnen
8’500
14,000
180.000
110,000
00,000

I  liezu  Runkelrübenzucker,  im  nemlichen  Jahre,  geschätzt  auf
427  500  Tonnen  =  7’550,000  engl.  Cntr.,  wovon  2  Mill.  Cntr.  in
Frankreich  erzeugt,  2’  in  Deutschland,  1,4  Mill,  in  Oesterr.  ,  800,000
in  Russl.  und  Polen  und  350,000  in  Belgien.  Der  Zuckerverbrauch
war  nach  Zollpfundcn  :

Grossbrit.  (1803)  29,25
Dänemark  (1852)  13,13
Frankreich  (1859)  10,28
Schweiz  (1858)  .  9,32
Niederlande  (1852)  8,95

Zollverein  (180.3)  .  7,50
Spanien  (1800)  .  4,23
Oesterreich  etwa  .  4,50
Griechenland  .  .  2j

Türkei  ....  2
Russland  (1800)  .  0,93
Ver.  Staaten  (1802)  24,71
Victoria  (1857)  .  57,00

4.  Caffe.  Die  Schätzungen  der  Production  schwanken  zwischen
5%  und  10  Vs  Mill.  Cntr.  (gute  oder  schlechte  Emdten).  Bei  0%  Mill.
Cntr.  nimmt  man  einen  Werth  von  150  Mill.  Thlr.  an.  Production  in

guten  Jahren  in  Mill.  Centner  :
Mill.  Mill.
Brasilien  .  .  .  5,19  Sumatra  .  .  .  0,30
Java  2,02  i  Cuba,  Porto-Rico  0,30
Ceylon  ....  1,05  ;  Venezuela  .  .  .  0,30
St.  Domingo  .  .  0,75  |  Costa-Rica  .  .  0,15

Mill.
Mocca  ....  0,075
Engl.  Westind.  .  0,075
Uebriges  Westind.  0,03
Manila....  0,045

*)  Vor  etwa  zwei  Jahrzehnten  ward  die  M  olleconsumtimi  in  England  zu

an

Pf.,  stieg

den

aus

aus

brit

Australien
        <pb n="498" />
        47G

ALLGEMLIXL  ULBLliSlCIITEX.  —  Colonialproducte.

Verbrauch  1858  (auf  Zollgewicht  reclucirt)  :

im  Ganzen  pr.  Kopf
Holland.  400,0(10  Ctr.  12  Pf.
Belgien  .  .  428,302  9,2
Ver.  Staaten  2'512,550  9,13
Schweiz  .  .  150,541  0,02*)
*)  Caffc  und  Caffesurrogate.

im  Ganzen  '  pr.  Kopf.
Zollverein  .  1’300,000  Ctr.  3  94  pf
Frankreich  564,010  i’,57
Oesterreich  403,200  i’jj
Grossbritan.  318,043  i’o9
Spanien  (1860)  19,696  ff’13

d&amp;lt;!'Kohseidq,roduction  wird  durchsdmittlieh
  auf  1120  Mill.  tres,  geschätzt;  davon:  Europa  415  Mill.  (Italien
285,  Frankreich  loS),  China  425,  Ostindien  und  Japan  200  (andere
nehmen  nur  120  an)  ,  übrige  Länder  80  Mill.  -  An  Seidewaaren  verbraucht ­
  England  über  halb  so  viel,  als  das  ganze  übrige  Europa  •  ein
Engländer  consumirt  etwa  5mal  so  viel  als  ein  Franzose,  obwol  sein
Land  kein  Pfund  roher  Seide  erzeugt.

6.  Wein.
preuss.  Eimer
Frankreich*)
Oesterreich  .
Spanien  .  .
Italien  .  .
Portugal

Die  Production  in  Europa  übersteigt  durchschn.  124  Mill,
(über  85  Mill.  Hectoliter)  ;  davon  erzeugen  :

.  TO’000,000  Eimer
.  28’100,000
8’000,000
8’000,000
5’500,000

Zollverein
Schweiz  .  -.
Griechenland
Südrussland  .

3’000,000  Eimer
1’600,000
500.000
200.000

7.  Hopfen
England
Bayern  .  .
Böhmen  .
Preussen
Baden  .  .
Württemberg

In  guten  Jahren  1  —  1%  Mill.  Cntr.  :  in

600.000—  750,000
100.000—  230,000
60.000—  90,000
35.000—  40,000
20.000—  30,000
10.000—  15,000

üebriges  I  leutschland
  .  .  .
Belgien  .  .  .
Eisass  ....
Amerika  .  .  .
Zusammen

10,000—  20,000
40.000—  60,000
20.000—  30,000
120,000—  130.000
1’015,000—1’375,000

8.  Tabak.  In  dem  deutschen  Zollvcreinsgcbiete  waren  1860  nur
noch  71,735  preuss.  Morgen  mit  Tabak  angebaut  (früher  bedeutend
mehr),  1861  sank  die  Ziffer  auf  55,885  preuss.  Morgen  herab,  mit  einem
Ertrage  von  354,335  Cntr.  Davon  kamen  auf;

Preussen  (mit  Enclaven)
Baden.  ...
Bayern  .  .  .
Grossh.  Hessen
Hannover  .  .
Thüringen  .  .
Kurhessen  .  .
Württemberg  .
Sachsen  ...
Braunschweig  .
In  Frankreich  waren  1861
Morgen  (in  15  Departementen,

Morg.  Ertrag
20,59(i  140,815  Cntr.
18,722  117,987
12,138  63,018
1,824  10,491
1,228  9,012
&amp;lt;&amp;gt;04  4,737
529  6,663
189  1,084
48  437
7  88
5,000  Hectaren,  also  beiläufig  60,000
von  37,000  Grundeigenthümern)  mit

iue  uurchschn

1  roüuction  ward  officiell  geschätzt  auf  48’240,000  Hect.

1850
1851
1852

45’266,000  Hect.
39’429,000  -
28’636,000  -

1853
1854
1855

22’682,000  Hect.
10’824,000  -
15’175,000  -

1856
1857
1858

21’294,000  Hect.
35’410,000  -
45’805,000  -
        <pb n="499" />
        AIíIjGEMKIXE  UliliEHSICHTEX.  —  Colonialproducte.

477

Tabak  bepflanzt.  In  Oesterreich  soll  die  mit  Tabak  angebaute  Fläche
1860  42,750  Hectaren  (über  160,000  Morgen)  betragen  haben,  wovon
36,000  Hectaren  in  Ungarn,  —  Dieterici  berechnete,  auf  Grundlage  der
(freilich  nicht  mehr  neuen)  Daten  von  1852  :
Tabaksconsum.  Besteuerung  des  Tabaks
im  Ganzen  Pf.  pr.  Kopf  Überhaupt  pro  preusa.  Pfd.
Preussen  .  .  4S’333,037  Pfd.  2,85  1’387,802  Thlr.  00  Sgr.  10,34  Pf.
Orossbritanien  27’566,011  1,004  30’283,807  32  11  5
Frankreich  .  4.3’811,896  1,224  25’986,001  17  9*61
Oesterreich  .  34’566,400  0,92  5’845,320  5  0,88
Im  Königreich  Italien  betrug  1862  der  Verbrauch  19  898,044  Zollpfund ­
  =  0,91  Pfd.  pr.  Kopf;  in  Spanien,  Durchschnitt  der  3  Jahre
1858  —  60,  14’733,696  Zollpf.  =  0,98  Pf.  pr.  Kopf  (Cigarren  durchschnittlich ­
  nur  3370,318  Stück  =  0,226  auf  jeden  Einwohner).
Die  Production  der  Tabaksmanufacturen  betrug
in  Oesterreich  in  Frankreich
1860  1861
Rauchtabak  581,700  Zollcentner  329,800  Zollcentner
Schnupftabak  60,700  -  16,048
Cigarren  837’900,000  Stück  806’250,000  Stück
Reinertrag  36’436,344  fl.  114’115,000  Fres.
(Die  neueren  Ergebnisse  siehe  S.  64  u.  148.)
        <pb n="500" />
        Sechste  Abtlieiluiig.

Allgemein  menschliche  Verhältnisse.
Wir  haben  bisher  zunächst  von  rein  staatlichen  oder  wirthschaftlichen
  Zuständen  gesprochen;  es  sei  uns  vergönnt,  in  einer
letzten  Abtheilung,  gleichsam  einem  Anhänge,  auch  Einiges  über  allgemeine, ­
  rein  menschliche  Verhältnisse  beizufügen.
Es  ist  unverkennbar,  dass  die  Materialien  für  Lösung  der  grossen
»  socialen  Frage  «  noch  lange  nicht  genügend  gesammelt,  noch  weniger
in  allen  ihren  Beziehungen  gesichtet  und  geordnet  sind.  Insbesondere
hat  die  politische  Arithmetik  erst  begonnen,  ihre  Aufgabe  in  dieser  Richtung ­
  nur  zu  erkennen.  Kaum  ist  ein  Anfang  gemacht,  die  Lösung  derselben ­
  in  einzelnen  Theilen  zu  versuchen.  Obwol  aber  die  erlangten
Resultate  verhältnissmässig  erst  wenige  Punkte  der  wichtigen  Frage
umfassen,  und  selbst  in  dieser  Beziehung  nur  auf  annähernde,  nicht  auf
absolute  Richtigkeit  Anspruch  machen  können,  so  erweisen  sich  doch
schon  diese  Ergebnisse  vielfach  als  überraschend,  und  dermassen
praktisch  wichtig,  dass  sie  die  Aufmerksamkeit  jedes  denkenden  Menschen ­
  in  Anspruch  nehmen  müssen.*)
Sterblichkeitsherechnungen  im  Allgemeinen.  Als  im  17.  Jahrhunderte, ­
  zunächst  durch  die  Hazardspiele,  —  die  Wahrscheinlichkeitsrechnungen ­
  etwas  entwickelt  wurden,  brachte  ein  Blick  auf  die  Geburtsund
  Sterblisten  der  Stadt  Breslau  den  genialen  Halley,  den  Berechner
der  Wiederkehr  des  nach  ihm  benannten  Kometen,  im  Jahre  KiiKl  auf
den  Gedanken,  die  Methode  dieser  Rechnung  auch  auf  die  Dauer  des
menschlichen  Lebens  anzuwenden,  —  freilich,  wie  man  nach  dem  Titel
der  ersten  Abhandlung  Halley’s  über  diesen  Gegenstand  annehmen  muss,
zunächst  nur,  um  ein  neues  Feld  für  die  Glücksspiele  zu  eröffnen  !  Ihm,
wie  später  Déparcieux,  kam  es  hauptsächlich  auf  die  genauere  Berechnung ­
  von  Renten  und  Tontinen  an.  Der  Deutsche  Süssmilch  ist  es,
*)  Es  ist  eine  treffende  Bemerkung  des  viel  verdienten  Dr.  Engel  :  »Das
durch  die  Individuen  des  Volks  repräsentirte  Capital  ist  bei  weitem  das  beträchtlichste ­
  im  Staate  ;  und  das  in  der  lebenden  Generation  ruhende  Erziehungscapital
  übersteigt  weit  die  Summe  aller  übrigen  Capitalien.  Jede  Verkümmerung ­
  der  physischen  Beschaffenheit  der  Bevölkerung,  der  hätte  entgegengewiÄt
  werden  können,  ist  eine  Verschwendung  des  edelsten  Capitals,
der  Intelligenz  und  der  physischen  Kraft  der  Bevölkerung,  und  kommt  einer
absoluten  Capitals  Vergeudung  gleich.«
Sehr  wahr  bemerkt  auch  Wappäus  (»Allgem.  Bevölkerungsstatistik«):
»Wie  viel  Hoffnungen,  wie  viel  Glück  werden  begraben  mit  einem  frühzeitigen
Tode?  Eine  allmählige  Annäherung  an  das  Ideal  (der  grössten  iiatürl.  Lebensdauer) ­
  liegt  nicht  ausserhalb  des  Bereichs  des  menschl.  Strebens.  Jeder  wahre
Fortschritt  einer  Nation  in  Sittlichkeit,  Wissenschaft  und  Kunst  bringt  sie
ihm  näher,  denn  eine  grosse  Zahl  der  nicht  natürlichen  Todesursachen  sind
Wirkungen  negativer  Culturzustände.«
        <pb n="501" />
        ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Sterblichkeitslisten.  47ÍÍ

dem  das  grosse  Verdienst  gebührt,  das  Problem  der  Mortalität  über  die
niedere  Region  solcher  Anwendung  empor  gebracht  zu  haben,  und  gerne
übersieht  man  es  dabei,  dass  ihn  ein  orthodox-theologisches  Streben
erfüllte.
Die  ersten  Versuche  konnten  nur  ziemlich  roh  sein.  Man  nahm  das
Material  wo  und  wie  man  es  eben  fand.  Allmählig  musste  man  sich  von
der  Nothwendigkeit  überzeugen,  dieses  Material  strenger  zu  sichten.
Man  gewahrte  Unterschiede  und  erkannte  namentlich,  dass  alle  Stände,,
alle  Classen  und  Geschlechter  in  demjenigen  Verhältnisse,  in  welchem
sie  vorhanden  sind,  bei  der  Berechnung  vertreten  sein  sollten.
Allein  auch  bei  der  grössten  Genauigkeit  wird  man  immer  Resultate ­
  bekommen,  welche  eine  absolute  Richtigkeit  nur  gewähren  für
einzelne  Gegenden,  und  zwar  auch  hier  nur  für  diese  oder  jene  vergangene ­
  Zeitperiode.  Denn  sogleich  im  nächsten  Nachbarlande,
in  welchem  z.  B.  die  Stadt-  oder  die  Landbevölkerung,  der  Fabrik-  oder
der  Agriculturbetrieb  mehr  vor  waltet,  werden  die  Ziffern  nicht  unwesentliche ­
  Modificationen  erfahren.  Das  Nemliche  wird  stattfinden,  wenn
im  Laufe  der  Zeit  Veränderungen  in  der  Lebensweise,  der  Ernährung,
der  Wohnung  einer  Bevölkerung  eintritt  Wir  haben  überdies  bereits
wiederholt  darauf  hingewiesen,  wie  sogar  in  einem  und  demselben
Lande,  und  hier  selbst  in  ganz  kurzen  Perioden,  die  Verhältnisszahlen
sehr  wesentlich  sich  ändern.  (Siehe  z.  B.  das  S.  3  über  die  Bevölkerungszunahme ­
  in  Grossbritanien,  und  S.  55  —  58  über  die  Zahl  der  Geburten, ­
  Heirathen  und  Sterbfälle  in  Frankreich  Bemerkte,  oder  die
Ziffern  über  den  Bevölkerungswechsel  in  sämmtlichen  Staaten  Deutschlands.) ­
  Denn  ein  Stillstehen  findet  sich  nirgends  in  der  Natur,  —
nirgends  im  Leben,  eigentlich  nicht  einmal  im  Tode,  wo  in  stiller
Wirksamkeit  wenigstens  noch  die  Macht  der  Zersetzung  ihre  gewaltigen ­
  Kräfte  entwickelt.
Ueber  den  jetzigen  wissenschaftlichen  Stand  der  Frage  verdanken
wir  die  nachfolgende  klare  und  treffliche  Abhandlung  der  freundlichen
Gewogenheit  des  hierin  so  besonders  erfahrenen  und  kenntnissvollen
Hrn.  Finanzraths  G.  Mopf  in  Gotha,  welcher  diese  Abhandlung  eigens
für  unser  Buch  zu  bearbeiten  die  Gefälligkeit  hatte.  (Einige  Bemerkungen ­
  fügen  wir  bei.)
Sterblicbkeitsiisten.
Schon  längst  hat  man  erkannt,  dass  das  Absterben  der  Menschen,  wenn
auch  im  Einzelnen  vielerlei  Zufälligkeiten  ausgesetzt  und  scheinbar  regellos
eintretend,  doch  im  grossen  Ganzen  nach  gewissen  Gesetzen  erfolgt.  Es  zeigt
sich,  dass  der  Mensch  gleich  nach  seiner  Geburt  im  hohen  Grade  der  Gefahr,
dem  Tode  zu  unterliegen,  ausgesetzt  ist,  dass  diese  Gefahr  Anfangs  sich  mit
jedem  Tage  mindert  und  schon  nach  dem  ersten  Lebensjahre  wesentlich  geringer ­
  geworden  ist,  dass  sie  auch  von  hier  an  noch  fällt  bis  zur  Periode  vom  10.
his  14.  Lebensjahre,  wo  eine  Art  Stillstand  stattfindet.  Von  diesem  M  endepunkte ­
  an,  wo  die  Gefahr  zu  sterben  am  Geringsten  ist,  geht  sie  in  die  entgegengesetzte ­
  Richtung  über,  sie  nimmt  mit  dem  fortschreitenden  Lebensalter  zu
pnd  steigt  ununterbrochen  bis  zur  höchsten  Lebensgrenze,  Anfangs  langsam,
jenseit  des  55.  Lebensjahres  aber  in  rascher  Progression.  In  diesen  allgemeinen ­
  Umrissen  lässt  eine  aufmerksame  Beobachtung  der  täglich  unter  unseren
Augen  vorgehenden  Erscheinungen  das  denselben  zu  Grunde  liegende  Gesetz
der  Sterblichkeit  unschwer  erkennen.  Schwieriger  ist  es,  dieses  Gesetz  im
        <pb n="502" />
        4SI)  ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Sterblichkeitslisten.

Einzelnen  numerisch  zu  bestimmen.  Um  dies  zu  können,  muss  man  genau
beobachten,  in  welchem  Verhältnisse  in  ganzen  Bevölkerungen  auf  ausgedehntem ­
  Gebiete  unter  verschiedenen  Verhältnissen  die  Sterbfälle  ein  treten.  Es
muss  dazu  festgestellt  werden,  wie  viel  in  jedem  Lebensalter
von  einer  gewissen  möglichst  grossen  Zahl  Lebender,  welche
in  dieses  Alter  eintreten,  im  Laufe  desselben  sterben.  Dies  ist
die  für  die  Sterblichkeitsstatistik  zu  lösende  Aufgabe.  Zeigt  es  sich  z.  B.,  dass
von  10,000  neugebornen  Knaben  im  I.aufe  des  ersten  Jahres  1S50  und  von
einer  gleich  grossen  Zahl  neugeborner  Mädchen  während  der  nemlichen  Zeit
1725  sterben,  so  ist  das  Sterblichkeitsverhältniss  der  Knaben  im  ersten  Lebensjahre ­
  18*4  Brocent,  dasjenige  der  Mädchen  nur  17'/*,  —  und  findet  es  sich,
dass  im  25.  Lebensjahre  von  10,000  Personen  männlichen  Geschlechts,  welche
in  dasselbe  ein  treten,  im  Laufe  desselben  84,  und  von  ebensoviel  Personen
weiblichen  Geschlechts  88  gestorben  sind,  so  wird  das  Sterblichkeitsverhältniss ­
  des  männlichen  Geschlechts  im  25.  Lebensjahre  0,84  Proc.,  dasjenige  des
weiblichen  Geschlechts  dagegen  0,88  Proc.  betragen.  Aus  diesen  Zanlen  ergeben ­
  sich  von  selbst  zwei  wichtige  Verhältnisse,  nemlich  der  Grad  der  Wahrscheinlichkeit ­
  oder  der  Gefahr,  im  Laufe  des  nächsten  Jahres  zu  sterben,  und
ebenso  der  Grad  der  Wahrscheinlichkeit,  das  darauf  folgende  Jahr  zu  erreichen.
Da  für  den  einzelnen  Menschen  eines  oder  das  andere  dieser  Ereignisse  eintreten
  muss,  so  bilden  jene  beiden  Wahrscheinlichkeiten  zusammen  die  Gewissheit, ­
  welche  durch  1  ausgedrückt  wird.  Nach  den  eben  angegebenen  Zahlen
wird  bezüglich  des  nächsten  Jahres  die  Sterbens  Wahrscheinlichkeit  sein  :
für  den  Neugebornen  für  den  24jährigen
männl.  Oeschl.  —  weibl.  Geschl.  männl.  Geschl.  —  weibl.  Geschl.
0,1850  0,1725  _  _  0,0084  0,0088
und  die  Ueberlebens  Wahrscheinlichkeit  :
0,8150  0,8275  0,9010  0,9912
Sa.  1.  1.  1.  1.
Sind  diese  Verhältnisse  für  jedes  Lebensalter  (nach  einzelnen  Jahren  und
für  die  erste  Zeit  nach  der  Geburt,  wo  in  kürzeren  Perioden  Veränderungen  eintreten,
  nach  Wochen  und  Monaten)  genau  erforscht,  so  ist  das  Wesentlichste
für  die  Bestimmung  des  Sterblichkeitsgesetzes  und  für  Aufstellung  einer  Sterblichkeitsliste ­
  gewonnen.  Letztere  soll  anzeigen,  wie  viel  von  einer  gewissen
Zahl  Neugeborner  in  jedem  folgenden  Lebensjahre  (für  das  erste  Lebensjahr
in  kürzeren  Zeitabschnitten)  mit  Tode  abgehen,  bis  alle  gestorben  sind.
Solche  Beobachtungen  ergeben  allerdings  nur,  wie  die  Verhältnisse  auf
einem  gewissen  Baume  und  während  einer  gewissen  Zeit  wirklich  waren  ;  wenn
aber  Baum  und  Zeit  eine  so  grosse  Ausdehnung  haben,  dass  auf  ihm  und  in  ihr
die  verschiedenen  Einflüsse,  welche  die  Sterblichkeit  verändern,  gleichmässig
zur  Geltung  kommen  konnten,  so  ergeben  die  Beobachtungen  an  der  Vergangenheit ­
  das  mittlere  Maas,  nach  welchem  auch  künftig  die  Sterblichkeit
stattfinden  wird.  Tausenderlei  zufällige  Ereignisse  bringen  zwar  fortwährend
Abweichungen  von  diesem  mittleren  Maase  bald  nach  dieser  bald  nach  jener
Seite  hin  zu  Wege,  allein,  wenn  auch  dem  Gange  der  Sterblichkeit  des  Menschen ­
  nicht  so  feste  Bahnen,  wie  dem  Laufe  der  Himmelskörper  vorgezeichnet
sind,  so  sehen  wir  doch  die  Schwankungen  dieses  Ganges  in  ziemlich  enge
Grenzen  gewiesen.  Aus  den  Beobachtungen  an  der  Vergangenheit  kann  daher
stets  ein  annähernd  richtiger  Schluss  auf  die  Ereignisse  der  Zukunft  gezogen
werden,  für  so  lange,  als  nicht  tief  eingreifende  sociale  Aenderungen  eintrelen.
Es  könnte  nach  Gbigem  leicht  und  einfach  scheinen,  das  Gesetz  der  Sterblichkeit ­
  für  jedes  Alter  zu  bestimmen,  indem  man  dazu  nicht  etwa  nöthig  hat,
zu  beobachten,  nach  welchem  \  erhältnisse  eine  gewisse  grössere  Zahl  Neugeborner ­
  beiderlei  Geschlechts  successive  abstirbt,  —  wozu,  abgesehen  von  andern
Schwierigkeiten,  ein  langer  Zeitraum  gehören  würde,  —  sondern  nur  zu  beobachten ­
  braucht,  wie  viele  von  einer  auf  einem  grösseren  Baume  lebenden
Bevölkerung  in  jedes  Lebensjahr  eingetreten  und  wie  viel  davon  im  Laufe  desselben ­
  gestorben  sind.  Gleichwohl  unterliegen  diese  Beobachtungen  grossen
Schwierigkeiten,  weniger  in  Betreff  der  Gestorbenen,  als  in  Betreff  der  i,ebenden, ­
  auf  welche  jene  zu  beziehen  sind.  Solche  Beobachtungen  sind  in  der  That
        <pb n="503" />
        ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Sterblichkeitslisten.  4gI
in  grösserem  Maasstabe  noch  nirgends  mit  Genauigkeit  vorgenommen  worden
und  es  ist  ein  noch  ungelöstes  Problem  der  Statistik,  Mittel  und  Wege  zu  finden, ­
  welche  es  möglich  machen,  mit  Genauigkeit  in  ganzen  Bevölkerungen
nach  einzelnen  Altersjahren  und  für  die  erste  Zeit  der  Geburt  nach  kürzeren
Zeitabschnitten  die  Zahl  der  Lebenden  festzustellen,  unter  welchen  die  in
diesen  Lebensabschnitten  vorgekommenen  Todesfälle  eingetreten  sind.
Lange  Zeit  hindurch  hat  man  geglaubt,  das  Sterblichkeitsgesetz  lediglich
nach  den  in  einem  Lande  vorgekommenen  Todesfällen  bestimmen  und  daraus
allein  eine  Sterblichkeitsliste  herstellen  zu  können,  welche  jenes  Gesetz  für
i edes  Lebensalter  erkennen  lasse.  Man  hat  dazu  die  während  einer  längeren
*eriode  vorgekommenen  Todesfälle  verzeichnet,  dieselben  nach  den  Altersjahren, ­
  in  denen  sie  eingetreten  waren,  zusammen^estellt  und  angenommen,  alle
Gestorbenen  wären  gleichzeitig  geboren.  Bei  dieser  Annahme  ergibt  die  nach
den  Todesjahren  vorgenommene  Zusammenstellung  der  Gestorbenen  ohne  Weiteres ­
  die  Sterblichkeitsliste.  Sie  zeigt  an,  in  welcher  Reihenfolge  sämmtliche
Todte  von  Zeit  ihrer  Geburt  an  successive  abgestorben  sind.  Die  Summe  aller
verzeichneten  Todten  ist  die  Zahl  der  Neugebornen  ;  indem  man  von  derselben
die  im  ersten  Lebensjahre  vorgekommenen  Todesfälle  abzieht,  erhält  man  die
Zahl  derjenigen,  welche  von  den  Neugehornen  das  nächste  Jahr  erleben  und
80  fort  durch  Abziehung  der  in  jedem  Altersjahre  Gestorbenen  die  Zahl  derer,
welche  das  nächste  Jahr  erreichen.  Diese  einfache  Methode,  eine  Sterblichkeitsliste ­
  lediglich  nach  den  Todesfällen  zu  construire!),  heisst  die  Halle)'sehe,
weil  Hai  lev  seine  Sterblichkeitsliste  auf  die  in  der  Stadt  Breslau  in  den  Jahren
von  1()87  bis  1091  vorgekommenen  Sterbfälle  stützte,  ohne  nach  den  einzelnen ­
  Altern  die  Zahl  der  Lebenden  zu  kennen,  unter  denen  diese  Sterbfalle
vorgekommen  waren.  Dieselbe  führt  nur  unter  der  Voraussetzung  zu  richtigen
Resultaten,  dass  die  betreffende  Bevölkerung,  welcher  die  Todesfälle  entnomnien
  sind,  nicht  nur  während  der  Zeit,  wo  diese  .Aufzeichnung  stattfand,  sondern ­
  schon  längere  Zeit  vorher  in  einem  völligen  Beharrungszustande  sich  befand, ­
  dass  also  die  Zahl  der  Geburtsfälle  der  Zahl  der  Sterbfalle  gleich  war
und  auch  durch  Ein-  und  Auswanderungen  der  Bevölkerungsstand  und  die
Alters  Verhältnisse  in  demselben  nicht  verändert  wurden.  Diese  Voraussetzung
findet  nirgends  statt  und  hat  niemals  irgendwo  stattgefunden.  Desshalb  sind
die  nach  jener  Methode  construirte!)  Sterblichkeitslisten,  wie  die  bekannte  und
vielfach  angewandte  Süssmilch-Bau  mann'sehe,  die  Northampton'sche,  welche
den  Berech))ungen  der  meisten  englischen  Lebensversicherungsanstalten  zu
Grunde  liegt,  die  von  Duvillard  für  Frankreich,  die  älteren  belgischen  Listen
u.  s.  w.  unrichtig  und  unzuverlässig.  Da  nach  dem  allgemeinen  Gesetze  des
Fortschritts,  wie  im  ganzen  Menschengeschlechte,  so  auch  in  den  Bevölkerungen ­
  einzelner  l.änder,  ein  Ueberschuss  der  Gehörnen  über  die  Gestorbenen
Und  daher,  abgesehen  von  localen  und  periodischen  Störungen,  eine  fortschreitende ­
  Zunahme  der  Bevölkerung  stattfindet,*,  so  zeigen  die  nach  jener  Methode
t'onstruirten  Sterhlichkeitslisten  eine  verhältnissmässig  zu  grosse  Zahl  von
Sterbfällen  in  den  jüngern  Altern  und  somit  ein  zu  rasches  Absterben  an.  An
demselben  Fehler  würde  eine  Sterblichkeitsliste  leiden,  welche  man  durch  .Aufzeichnung ­
  aller  gleichzeitig  Lebenden  nach  den  einzelnen  .Altern  gebildet  hätte.
Das  Fehlerhafte  jener  Methode  blieb  nicht  lange  unerkannt,  gleichwohl  hat
Ulan  bei  dem  Mangel  anderer  Hülfsmittel  bis  in  die  neueste  Zeit  fortgefahren,
Sterblichkeitslisten  lediglich  nach  den  Todesfällen  zu  construiren.  Die  zur
Beseitigung  der  Fehler  hie  und  da  angehrachten  Correctionen  sind  ungenügend ­
  und  desshalb  fehlt  uns  noch  eine  zuverlässige  Sterblichkeitsliste,
Welche  genau  darstellt,  wie  auf  einem  grösseren  Ländergebiete  während  einer
längeren  Zeit  das  Sterblichkeitsverhältniss  in  jedem  Lebensalter  wirklich  war.
Brst  in  neuerer  Zeit  ist  durch  Vervollkommnung  der  Volkszählungen  etwas
besseres  Material  zur  Berechnung  solcher  Sterblichkeitslisten  gewonnen  worden. ­
  Wir  lassen  hier  zwei  Listen  folgen,  welche,  nach  diesen  neueren  Erhebungen ­
  berechnet,  wenigstens  mehr  Vertrauen  als  die  älteren  verdienen.

*)  Wesentlich  in  dem  Maase,  in  welchem  der  allgemeine  Fortschritt  der
A/ultur  die  Mittel  schafft,  eine  grössere  Anzahl  Menschen  ernähren  zu  können.
Kolb,  Statiatik.  4.  Aufl.  31
        <pb n="504" />
        1
2
4
5
G
7
8
9
10
11
12
13
14
15
IG
17
18
19
20
21
22
23
24
25
2G
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47

ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Sterblichkeitslisten.

irblichkeitslisteD  nach  den  Beobachtungen  an  ganzen  Völkerschaften.

Belgien,  von  Quetelet  1856

Sachsen,  v.  Heym

Männer

Frauen

1840  —  49

Lebende ­


SF:  i

Sterbende ­


Mittlere
I.ebensdauer
  !

Lebende ­


Sterbende ­


Mittlere
Lebensdauer ­


1000
638
782
752
734
720
710
702
695
689
684
679
675
672
669
666
663
659
654
647
640
633
626
618
611
604
597
589
581
574
566
558
550  I
541
533
525
517
509
501
493
484
475
467
459
451
443
435
426

162
56
30
18
14
10
8
7
6
5
5
4
3
3
3
3
4
5
7
7
7
7
8
7
7
7
8
8
7
8
8
8
9
8
8
8
8
8
8
9
9
8
8
8
8
8
9
8

37.42
43.56
45,63
46.44
46.57
46.47
46.12
45,63
45.09
44.48
43,80
43.12
42.37
41.56
40,74
39,92
39.10
38,33
37,62
37,03
36.43
35,82
35,22
34,67
34,06
33.45
32.84
32.28
31.71
31,09
30,53
29.96
29,20
28,87
28.29
27.72
27,14
26.56
25.97
25.38
24.85
24.31
23.72
23,12
22,52
21,92
21.31
20,75

1000
864
808
777
756
741
730
720
712
705
699
694
690
687
684
681
678
674
669
660
650
641
631
622
614
607
600
594
588
582
576
570
562
555
547
539
531
523
515
507
499
491
483
475
467
459
451
442

136
56
31
21
15
11
10
8
7
6
5
4
3
3
3
3
4
5
9
10
9
10
9
8
7
7
6
6
6
6
6
8
7
8
8
8
8
8
8
8
8
8
8
8
8
8
9
9

38.95
44.01
46.02
46,84
47,13
47.07
46.77
46,41
45.93
45,38
44.77
44.09
43.54
42,52
41,71
40,89
40.07
39,30
38.59
38.11
37,69
37,21
36,80
36.32
35.78
35,20
34.60
33.94
33.29
32,62
31.96
31.29
30.55
30.11
29.54
28.97
28,40
27,83
27,24
26,68
26.10
25,51
24,82
24.33
23,74
23,15
22.55
22,00

6415
6368
6321
6274
6228
6182
6134
6085
6035
5985
5933
5881
5826
5770
5713
5655
5595
5536
5476
5415
5354
5292
5229
5163
5096
5025
4952
4877

47
47
47
46
46
48
49
50
50
52
52
55
56
57
58
60
59
60
61
61
62
63
66
67
71
73
75
76

39,308
38,594
37,877
37,157
36,428
35,696
34,971
34,249
33,528
32,804
32,087
31,367
30,658
29,951
29,244
28,539
27,840
27,131
26,423
25,715
25,002
24,289
23,576
22,871
22,165
21,471
20,780
20,092
        <pb n="505" />
        Al ­
ter
~4^
49
50
51
52
53
54
55
56
57
58
59
60
61
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81
82
83
84
85
86
87
88
89
9(1
91
92
93
94
95
96
97
98
99

LGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  -  Sterblichkeitslisten.  483

Belgien,  von  Quetelet  1856

Sachsen,  von  Heym

Männer

Frauen

1840—49

Sterbende ­


Mittlere
Lebensdauer ­


Lebende ­


Sterbende ­


Mittlere
Lebensdauer ­


Lebende ­


Sterbende ­


Mittlere
Lebensdauer ­


418
410
403
396
389
382
374
366
358
349
340
330
319
307
294
280
265
250
235
220
205
192
179
166
153
139
125
111
9#
88
78
69
60
52
45
38
32
26
21
17
13
10
7
5
4
3
2,4
0,4!
0,2i

8
8
8  •
9
9
10
11
12
13
14
15
15
15
15
15
13
13
13
13
14
14
14
12
11
10
9
9
8
7
7
6
6
5
4
4
3
3
2
1
1
0,6
II
0,5
0,2
0,2
0,2

20,14
19,52
18.85
18,18
17.50
16,81
16,16
15.50
14,83
14,20
13,57
12,96
12,39
11.86
11,36
10,90
10,49
10,09
9,70
9.33
8,98
8.55
7.55
7.74
7.55
7.04
6,77
6.56
6.30
6,02
5.74
5,41
5.16
4,87
4,55
4.30
4,01
3,82
3,61
3.34
3,22
3.04
3,13
3,18
2.85
2,63
2.17
1.85
1,59
1,50
1,00
0,50

433
424
415
406
397
389
381
373
365
358
351
344
337
329  •
321
311
301
290
279
267
253
238
221
204
187
170
154
137
123
110
98
87
76
66
57
48
41
35
29
24
19
15
11
8
6
5
3,7
2.4
1.5
1,0
0,6
0,4

9
9
9
9
8
8
8
8
7
7
7
7
8
8
10
10
11
11
12
14
15
17
17
17
17
16
17
14
13
12
11
11
10
9
9
7
6
6
5
5
4
4
3
2
1
1,3
1,3
0,9
0,5
0,4
0,2
0,4

21,44
20,89
20.33
19.77
19,21
18.59
17.97
17,35
16,72
16,04
15.34
14,65
13,94
13,27
12.59
11.97
11.35
10.77
10,17
9,61
9.11
8,65
8,28
7.93
7,60
7,32
7,02
6.83
6,55
6,27
5,98
5,67
5.42
5,16
4,90
4,72
4,44
4.12
3,87
3,57
3,37
3,14
3,10
3.07
2.93
2.42
2.07
1,96
1.83
1,50
I.n
0,50

4801
4724
4643
4560
4473
4381
4283
4180
4070
3956
3838
3716
3588
3453
3315
3169
3017
2858
2692
2523
2351
2178
2003
1829
1651
1477
1308
1145
991
849
720
604
500
407
330
262
204
155
114
82
57
38
24
15
9
5
3
1

11
81
83
87
92
98
103
110
114
118
122
128
135
138
146
152
159
166
169
172
173
175
174
178
174
169
163
154
142
129
116
104
93
77
68
58
49
41
32
25
19
14
9
6
4
2
2
1

19,403
18,711
18,028
17,347
16,675
16,015
15,370
14,736
14,119
13,513
12,913
12,321
11,742
11,182
10,627
10,094
9,577
9,082
8,611
8,154
7,714
7,287
6,880
6,487
6,133
5,797
5,481
5,190
4,919
4,658
4,403
4,152
3,912
3,692
3,436
3,198
2,966
2,745
2,553
2,354
2,167
2,000
1,875
1,700
1,500
1,300
0,833
0,500

31*
        <pb n="506" />
        484  ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Sterblichkeitslisten.

Während  es  grossen  Schwierigkeiten  unterliegt,  in  ganzen  Völkerschaften ­
  genau  zu  beobachten,  wie  die  Sterblichkeit  in  jedem  Lebensalter  sich  gestaltet, ­
  ist  es  leicht,  diese  Beobachtungen  anzustellen  an  geschlossenen  Gesellschaften, ­
  deren  Theilnehmer  beim  Eintritt  ihr  Lebensalter  nachweisen  müssen,
wie  bei  Rentenanstalten,  Wittwencassen  und  Lebensversicherungsanstalten.
Nach  solchen  Beobachtungen  sind  einige  zuverlässige  Sterblichkeitslisten  berechnet ­
  worden,  die  wir  hier  folgen  lassen.  Die  betreffenden  Gesellschaften
waren  zwar  nicht  sehr  zahlreich,  allein  was  den  an  denselben  gemachten
Beobachtungen  an  Umfang  abgeht,  wird  reichlich  durch  die  Sicherheit  und
Genauigkeit  derselben  ersetzt.
Sterblichkeitslisten  nach  Beobachtungen  an  geschlossenen  Gesellschaften.

Preuss.  Wittwen-Verpfleg.-Anst.
1776  —1845,  von  Brune

17  engl.  Lebensvers.-Anstalten


Franz,  lontinen

1689  —  96
von  Deparcieux

Frauen

1762

840

Männer

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3  C

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90

1000

4&amp;lt;,71
48.17
48,27
48.20
47,98
47,66
47.30
46,83
46,26
45.58
44,89
44.20
43.51
42,82
42.17
41.52
40.87
40.22
39,62
39,00
38,40
37,78
37.17
36,55
35,93
35.30
34,69
34,06
33,29
32,80
32,16
31.52
30.88
30.23
29.58
28.89
28.18

970

22

948

130

915

902

890

100000  676

48,36
47.68
47.01
46,33
45,64
44,96
44.27
43.58
42,88
42,19
41,49
40,79
40,09
39,39
38.68
37,98
37.27
36,56
35.86
35.15
34.43
33.72
33.01
32,30
31.58
30.87
30.15
29.44
28.72
28,00

880

99324  674

872

98650,  6721
97978  671!
97307}  671
966361  671
95965  672
95293  673
94620  675
93945  677
93268  680

866

860

854

848

162

40.56
40,22
39,86
39.47
39,06
38.61
38,12
37.61
37,08
36,52
35.94
35,35
34,76
34,16
33.56
32.95
32,34
31,72
31,10
30.47
29,83
29,19
28,54
27,89

10000
9838
9682
9533
9392
9266
9136
9019
8908
8802
8700
8600
8501
8402
8304
8207
8110
8014
7918
7823
7729
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7543I
74511

842

56

835

149

828

141

821

132

814

92588
91905
91219
90529
89835
89137
88434
87726
87012
86292
85565
84831
84089
83339
82581
81814
81038
80253
79458

683

124

58

806

9260
9202
9144
9085
9025
8964
8903
8842
8780
8717
8653
8587
8518
8445
8369
8291
8210
8125
8036

39,50
38.75
38,00
37,14
36,49
35,73
34,97
34.21
33,45
32,69
31.93
31,17
30,42
29,68
28.94
28.21
27,48
26.76
26,05

117

686

798

58

22

111

790

59

690

23

60

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782

694

24

102

774

698

25

100

766

&amp;lt;03

26

99

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62

99

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28

63

20

98

&amp;lt;42

29

64

&amp;lt;34

30

66

&amp;lt;26

69

96

&amp;lt;18

32

750

96

710

33

&amp;lt;58

95

34

02

767

94

35  694
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93

&amp;lt;  &amp;lt;6

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93

89

&amp;lt;95

92

38

805

93

90

39
        <pb n="507" />
        ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Sterblichkeilslisten.  485

Franz.  Tontinen

Preuss.  Wittwen-Verpfleg.-Anst.
177Ü  —  1S45,  von  Brune

17  engl.  Lebensvers.-Anstalten


10S9  —96
von  Deparcieux  j

Männer

Frauen

1  &amp;lt;  02  —  1840

Alter ­


40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
5(1
51
52
53
54
55
56
57
58
59
60
61
62
63
64
65
66
67
68
69
70
71
72
73
74
75
76
77
78
79
80
81
82
83
84
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86
87
88

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657
650
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636
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615
607
599
590
581
571
560
549
538
526
514
502
489
476
463
450
437
423
409
395
380
364
347
329
310
291
271
251
231
211
192
173
154
136
118
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71
59
48
38
29
22

27.48
26,77
26,06
25,34
24,62
23,89
23,15
22,45
21,74
21,07
20,38
19.73
19.11
18.48
17.85
17.25
16.64
16,02
15,44
14.84
14.25
13.65
13,04
12,43
11.86
11.26
10.69
10,14
9,61
9.11
8,64
8,17
7.73
7,31
6,90
6,50
6,10
5,71
5.36
5.00
4.69
4,39
4.01
3.84
3,52
3,21
2,92
2,67
2.36

7943
7847
7749
7649
7546
7440
7330
7216
7097
6973
6845
6714
6579
6440
6296
6147
5992
5830
5662
i  5487
5304
5112
4910
4699
4481
4258
4032
3804
3573
3338
3100
il  2859
I  2617
il  2374
2132
1895
1667
1457
1269
1103
954
817
689
568
454
350
261
187
127

k  %

96
98
100
103
106
110
114
119
124
128
131
135
139
144
149
155
162
168
175
183
192
202
211
218
223
226
228
231
235
238
241
242
243
242
237
228
210
188
166
149
137
128
121
114
104
89
74
60
47

II

25,35
24,65
23,96
23.27
22,58
21,89
21,21
20,54
19,88
19.22
18.57
17,92
17.28
16.64
16,01
15,39
14,77
14,17
13.58
13,00
12,43
11,87
11.34
10,83
10,33
9,85
9,37
8.90
8.44
8,00
7,58
7,17
6.79
6.44
6,11
5.81
5,.54
5,26
4,97
4.64
4,29
3,93
3,57
3.22
2.90
2,62
2.34
2,07
1.81

Mill

3761
7273
7187
7102
7018
6934
6849
6762
6674
6584
6492
6397
6299
6197
6090
5976
5853
5722
5583
5437
5286
5130
4969
4802
4627
4442
4246
4038
3819
3591
3356
3117
2877
2637
2398
2163
1935
1718
1516
1330
1159
1000
849
706
575
461
366
289
228

88
86
85
84
84
85
87
88
90
92
95
98
102
107
114
123
131
139
146
151
156
161
167
175
185
196
208
219
228
235
239
240
240
239
235
228
217
202
186
171
159
151
143
131
114
95
77
61
48

27.22
26.55
25,86
25.16
24,46
23.75
23,03
22,32
21,61
20,90
20.19
19,48
18.78
18,08
17,.39
16,71
16,05
15.41
14.78
14.16
13.55
12,95
12,35
11.76
11.19
10,64
10,10
9,60
9,12
8,67
8,24
7,83
7,45
7,08
6,73
6.41
6,11
5.82
5,52
5.22
4,92
4,63
4.36
4,14
3,97
3.83
3,70
3.55
3.36

iîP

78653
77838
77012
76173
75316
74435
7:1526
72.582
171601
70580
6951
68409
67253
66046
64785
63469
j  62094
60658
59161
57600
55973
54275
52505
50661
48744
46754
44693
42565
40374
38128
35837
33510
31159
28797
26439
24100
21797
19548
17369
15277
13290
11424
9694
8112
6685
5417
4306
3348
2537

815
826
839
857
881
909
944
981
1021
1063
1108
1156
1207
1261
1316
1375
1436
149
1561
1627
1698
1770
1844
1917
1990
2061
2128
2191
2246
2291
2327
2351
2362
2358
2339
2303
2249
2179
2092
1987
1866
1730
1582
1427
1268
1111
958
811
673

27,28
26.56
25.84
25,12
24,40
23,69
22.97
22,27
21.56
20,87
20,18
19.50
18,82
18,16
17.50
16,86
16,22
15.59
14.97
14,37
13,77
13.18
12,61
12,05
11.51
10.97
10,46
9,96
9.47
9,00
8,54
8,10
7,67
7,26
6,86
6.48
6,11
5,76
5,42
5.09
4,78
4.48
4.18
3,90
3,63
3,36
3.10
2.84
2.59

dauer
        <pb n="508" />
        486  ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Sterblichkeitslisten.

Franz.  Tontinen

Preuss.  Wittwen-Verpfleg.-Anst.
1776  —1845,  von  Brune

1689  —  96
von  Deparcieux

Männer

Frauen

17  engl.  Lebensvers.-Anstalten


1762—1846

Alter ­


^  Hl

¡II

II

89
90
91
92
93
94
95
96
97
98
99

16
11
7
4
2
1
ü

2,06
1,77
1,50
1,25
1,00
0,50

80
46
24
11
4
1

34
22
13
7
3
1

1,58
1,37
1,16
0,95
0,75
0,50

180
141
108
80
57
38
24
14
3
1

3,13
2,85
2,57
2.30
2,03
1,78
1,54
1.30
1,07
0,83
0,50

1864  545
1319  427
892  322
570  231

339
184
89
37
13
4
1

155
95
52
24
9
3
1

2,35
2,11
1,89
1,67
1,47
1,28
1,12
0,99
0,89
0,75
0,50

Wahrscheinliche  und  mittlere  Lehensdauer.  Unter  wahrscheinlicher
^Lebensdauer  [vie  probable,  probability  of  life)  versteht  man  (nach  Hall^’’)  die
Anzahl  der  Jahre,  nach  deren  Ablauf  die  Wahrscheinlichkeit,  dass  ein  M’^ensch
noch  lebe,  und  die  Wahrscheinlichkeit,  dass  er  nicht  mehr  lebe,  dieselbe  ist,
wo  also  jede  dieser  Wahrscheinlichkeiten  einen  Werth  von  */,  hat.  Dies  ist
der  Fall,  wenn  die  Zahl  der  Lebenden  des  Alters,  von  welchem  man  ausgeht,
auf  die  Hälfte  reducirt  ist.  Nach  der  obigen  Sterblichkeitsliste  für  Belgien
leben  z.  B.  von  1000  lebend  gebornen  Knaben  nach  Zurücklegung  des  38.  Leben^ahres
  noch  501,  nach  zurückgelegtem  39.  Lebensjahre  noch  493,  die
Hälfte  ist  also  zwischen  dem  38.  und  39.  Lebensjahre  gestorben.  Die  wahrscheinliche ­
  Lebensdauer  für  den  neugebornen  Knaben  liegt  daher  nach  obiger
Liste  zwischen  diesen  beiden  Altersgrenzen,  und  zwar  stellt  sie  sich,  da  im
39.  Lebensjahre  von  501  Personen  8  starben,  auf  38'/*  Jahr.  Bei  Bestimmung
des  ebenbemerkten  Bruches  von  %  wird  vorausgesetzt,  dass  die  in  einem
Jahre  vorkommenden  Sterbfälle  sich  auf  die  einzelnen  Zeitabschnitte  desselben ­
  gleichmässig  vertheilen,  was,  von  den  niedrigsten  und  höchsten  Lebensaltern ­
  abgesehen,  als  approximativ  richtig  angenommen  werden  kann.  —
Um  die  wahrscheinliche  Lebensdauer  für  den  20jänrigen  Jüngling  nach  obiger
Liste  zu  finden,  hat  man  zu  berücksichtigen,  dass  von  den  im  20.  Lebensjahre
noch  lebenden  640  Personen  die  Hälfte,  nemlich  320  zwischen  dem  59.  und
60.  Lebensjahre  gestorben  ist.  Da  im  60.  Jahre  von  330  Lebenden  11  starben,
so  wird  die  wahrscheinliche  Lebensdauer  für  den  20jährigen  59'®/,,  —20  =  39'®/,,
Jahre  sein.  Eben  so  berechnet  sich  die  wahrscheinliche  Lebensdauer  für  das
40.  Jahr,  in  welchem  Alter  nach  obiger  Liste  noch  484  leben,  wovon  die
Hälfte  =  242  nach  dem  65.  Jahre  gestorben  ist,  auf  65"/,,  —  40  =  25"/,,  Jahre
u.  s.  f.  Man  kann  hienach  für  jedes  Lebensalter  aus  irgend  einer  Liste  die
wahrscheinliche  Lebensdauer  leicht  finden.
Verschieden  von  der  wahrscheinlichen  Lebensdauer  und  viel  wichtiger  als
diese  ist  die  mittlere  Lebensdauer  (vie  moyenne,  expectation  of  life,  afterlife-time). ­
  Man  versteht  darunter  (nach  Deparcieux)  die  Anzahl  Jahre,  welche
der  Mensch  von  einem  gewissen  Alter  an  im  Durchschnitte  noch  zu  leben
Aussicht  hat.  Nach  der  obigen  Sterblichkeitsliste  von  Brune  für  Männer  lebt
nach  zurückgelegtem  94.  Lebensjahre  nur  noch  eine  Person,  welche  im  Laufe
des  nächsten  Jahres  stirbt.  Da  dies  in  jedem  Zeitpunkte  desselben  geschehen
kann,  so  nimmt  man  nach  Grundsätzen  der  Wahrscheinlichkeit  an,  dass  der
Tod  in  der  Mitte  des  nächsten  Jahres  eintrete.  Es  wird  daher  die  noch  zu  erwartende ­
  Lebensdauer  für  den  94jährigen  =  '/,  Jahr  sein.  Nach  zurückgeleg-
        <pb n="509" />
        ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Sterblichkeitslisten.  487

tem  93.  Lebensjahre  leben  noch  4  Personen,  von  denen  3  im  nächsten  und  1  im
darauf  folgenden  Jahre  sterben.  Das  Mittel  der  von  jeder  noch  zu  durchlebenden
Jahre  oder  die  mittlere  Lebensdauer  des  93jährigen  ist  daher  —y=0,75
Jahre.  Nach  zurückgelegtem  92.  Lebensjahre  leben  noch  11  Personen,  von  denen ­
  7  im  nächsten,  3  im  darauf  folgenden  und  1  im  letzten  Jahre  sterben.  Das
Mittel  der  von  jeder  derselben  noch  durchlebten  Jahre  oder  die  mittlere  Lebensdauer ­

  für  den  92jährigen  wird  daher  sein

11+4+1  1

11

—  2  =  0,95  Jahre  u.  s.  f.

Die  mittlere  Lebensdauer  wird  sonach  für  jedes  Lebensalter  x  dadurch  gefunden, ­
  dass  man  die  von  diesem  Lebensalter  x  ab  bis  zum  höchsten  Alter  der  Sterblichkeitsliste ­
  Lebenden  addirt,  die  Summe  mit  der  Zahl  der  Lebenden  bei  x
dividirt  und  den  Quotienten  um  %  vermindert.  In  dieser  Weise  ist  die  mittlere
Lebensdauer  für  jedes  Alter  in  obigen  Sterblichkeitslisten  berechnet  worden.
Die  Kenntniss  der  mittleren  Lebensdauer  eines  Volks  sowohl  für  die  Zeit
der  Geburt,  als  auch  für  jede  folgende  Altersstufe  ist  ein  höchst  wichtiges
Hülfsmittel  für  viele  anthropologische  und  volkswirthschaftliche  Untersuchungen ­
  und  Vergleichungen.  Dieselbe  kann  aber  nur  gefunden  werden  auf  Grund
einer  mit  Genauigkeit  construirten  Sterblichkeitsliste,  und  es  ist  daher  eine
der  wichtigsten  Aufgaben  der  Statistik,  obiges  Problem  zur  Gewinnung  solcher ­
  Listen  zu  lösen.  Die  Versuche,  die  mittlere  Lebensdauer  für  die  Zeit  der
Geburt  aus  andern  Verhältnisszahlen,  namentlich  aus  den  Geburts-  und  Sterblichkeitsziffern ­
  eines  Landes,  oder  aus  dem  arithmetischen  Mittel  beider  Ziffern, ­
  oder  aus  dem  Durchschnittsalter  der  Lebenden  und  Gestorbenen  abzuleiten ­
  oder  damit  zu  identificiren,  führen  zu  unrichtigen  Resultaten.  Alle  diese
Verhältnisse  können  sich  je  nach  dem  Geburtsverhältniss  und  der  Frequenz
der  verschiedenen  Altersclassen  ändern,  ohne  dass  die  Sterblichkeit  die  geringste ­
  Aenderung  erfährt  und  eben  so  umgekehrt.  Gleichwohl  haben  sich  •
manche  Statistiker  dieser  Irrthümer  und  Verwechselungen  schuldig  gemacht.
Wenn  daher  von  der  mittleren  Lebensdauer  einer  Bevölkerung  oder  eines  gewissen ­
  Berufstandes  die  Rede  ist,  so  hat  man  zu  berücksichtigen,  ob  die  Angabe ­
  sich  auf  eine  gehörig  construirte  Sterblichkeitsliste  gründet,  ehe  man
derselben  Glauben  schenkt.  Ist  von  der  mittleren  Lebensdauer  eines  Berufstandes ­
  die  Rede,  so  muss  ausserdem,  da  die  Ausübung  des  Berufs  nicht  mit
der  Geburt  beginnt,  angegeben  sein,  auf  welches  Anfangsalter  sich  die  mittlere
Lebensdauer  bezieht.

Die  mittlere  I.ebensdauer  für  die  Zeit  der  Geburt  ist  nach  den  besseren ­
  der  dermalen  vorhandenen,  wenn  auch  noch  nicht  ganz  zuverlässigen
Sterblichkeitslisten  folgende  :

männl.  Oeschl.
Belgien  1856  (Quetelet)  .  .  .  37,42  Jahre
Niederlande  18*%,  (v.  Baumhauer)  35,44
Frankreich  18'%,  (Demonferrand)  39,29
England  1841  (Farr)  40,19  -

weibl.  Oeschl.
38.95  Jahre
38,20  -
40.95  -
42,18  -

Stadt  Carlisle  17'%,  (Milne)  .  .  38,72  Jahre
Schweden  1/*%,  (M  argentin-Price)  33,20  Jahre  35,70  Jahre

Die  mittlere  Lebensdauer  des  Menschen  in  der  neueren  Zeit  schwankt
hiernach  für  das  männliche  Geschlecht  zwischen  35  und  40  Jahren,  für  das
weibliche  zwischen  38  und  42  Jahren  ;  in  den  früheren  Zeiten,  namentlich  vor
Einführung  der  Kuhpockenimpfung,  scheint  sie  ein  Paar  Jahre  kürzer  gewesen ­
  zu  sein,  doch  lässt  sich  für  diese  Annahme  aus  Mangel  genauer  Nachweise ­
  über  die  damalige  Sterblichkeit  ein  stricter  Beweis  nicht  beibringen.
Zur  Erläuterung  sei  hier  noch  bemerkt,  dass  einige  Statistiker,  wie  Dieterici
  und  Wappaeus,  unter  mittlerer  Lebensdauer  das  Durchschnittsalter
der  Gestorbenen  in  einem  Lande  verstanden  und  für  unsere  mittlere  Lebensdauer ­
  den  Namen  »Vitalität«  eingeführt  wissen  wollen.  Es  widerstreitet  dies
jedoch  einem  fast  hundertjährigen  Sprachgebrauche.  Zur  Vermeidung  von
Missverständnissen  möge  man  daher  bei  diesem  durch  die  Natur  der  Sache
gerechtfertigten  Sprachgebrauche  stehen  bleiben.  Eben  so  bezeichnet  »Durch-
        <pb n="510" />
        488  ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  -  Sterblichkeitslisten.

schnittsalter  der  Gestorbenen  «  den  auszudrückenden  Begriff  sehr  prägnant,
man  hat  daher  nicht  nöthig,  einen  andern  Ausdruck  dafür  zu  substituiren.
Am  wenigsten  würde  mittlere  Lebensdauer  der  geeignete  Ausdruck  sein,  da,
wie  gleich  nachgewiesen  werden  wird,  das  Durchschnittsalter  der  Gestorbenen
einer  Bevölkerung  die  für  den  Neugebornen  im  Durchschnitte  sich  berechnende
mittlere  Lebensdauer  nicht  ausdrückt.
Gehurtsziffer  tend  Sterblichkeitsziffer.  Die  Geburtsziffer  drückt  das  Verhältniss
  der  jährlich  in  einem  Lande  Geborenen  zur  Zahl  der  Bevölkerung,
die  Sterblichkeitsziffer  das  Verhältniss  der  jährlich  Gestorbenen  zur  Bevölkerung ­
  aus.  Beide  Verhältnisse  pflegt  man  in  der  Weise  zu  bestimmen,
dass  man  angibt,  wie  viel  Lebende  auf  einen  Geburts-  und  wie  viel  Lebende
auf  einen  Sterbfall  kommen.  Die  gesuchten  Ziffern  werden  daher  gefunden,
wenn  man  die  jeweilige  Bevölkerungszahl  mit  der  Zahl  der  jährlichen  Geburtsund ­
  mit  der  Zahl  der  jährlichen  Todesfälle  dividirt.  Kommen  unter  einer  Bevölkerung ­
  mit  1  Million  Seelen  jährlich  40,000  Geburts-  und  30,000  Sterbfälle  vor,
so  ist  die  Geburtsziffer  und  die  Sterblichkeitsziffer  =  33  %.
Nach  dieser  Ausdrucksweise  ist  also  das  Verhältniss  der  Geburts-  und  Sterbfälle ­
  zur  Bevölkerung  um  so  grösser,  je  kleiner  die  Geburts-  und  Sterblichkeitsziffer ­
  ist,  und  ebenso  umgekehrt.  Wie  viel  Geburts-  und  Sterbfälle
in  einern  Lande  während  des  Jahres  Vorkommen,  ist  unschwer  festzustellen.
Diese  Feststellung  erfolgt  jetzt  fast  in  allen  civilisirten  Staaten.  Allein  der
andere  Theil  der  Rechnung,  die  Zahl  der  Lebenden,  unter  denen  die  Geburtsund ­
  Sterbfälle  eintreten,  unterliegt  ununterbrochenen  Schwankungen  und  ist
für  jeden  Tag  im  Laufe  des  Jahres  ein  anderer.  Es  fragt  sich  daher,  welche
Zahl  der  Lebenden  aus  dem  Laufe  des  Jahres  soll  der  Rechnung  zu  Grunde
gelegt  werden  ?  Um  die  richtige  Mittelzahl  zu  finden,  bedarf  es  nicht  nur
einer  genauen  Feststellung  der  Bevölkerungszahl  am  Anfänge  des  Jahres  und
der  darin  im  Laufe  des  Jahres  vorgehenden  Veränderungen  ,  sondern  auch
eines  auf  diese  Data  gegründeten  umständlichen  mathematischen  Verfahrens.
In  dieser  genauen  Weise  hat  noch  nirgends  die  Berechnung  der  Geburts-  und
Sterblichkeitsziffer  stattgefunden.  Als  Zahl  der  Lebenden  wird  gewöhnlich
das  Resultat  der  an  irgend  einem  Termine  im  Laufe  des  Jahres  vorgenommenen ­
  Volkszählung  angenommen,  und  wo,  wie  in  den  meisten  T.ändern,  nicht
jährlich  gezählt  wird,  sucht  man  die  Zahl  der  Lebenden  für  das  betreffende
Jahr  nach  den  beiden  zunächst  liegenden  Zählungen  und  den  Differenzen  zwischen ­
  den  Geburts-  und  Sterb-,  sowie  zwischen  den  Ein-  und  Auswanderungsfällen ­
  während  der  Zwischenperiode  annähernd  zu  bestimmen.  Auf  mathematische ­
  Genauigkeit  hat  dieses  Verfahren  zwar  keinen  Anspruch,  doch  ist  bei
Bevölkerungen,  deren  Bestand  nicht  sehr  grossen  Schwankungen  unterliegt,
der  Fehler  nur  ein  kleiner.
Nach  den  neueren  derartigen  Erhebungen*'  waren
nach  dem  Durchschnitte  der  Jahre  die  Geburtsziffer  die  Sterblichkeitsziffer

in  Sachsen  (1S47  —  50)  ....  24,S2  34,12
-  Württemberg  (1S43  —  52)  .  .  24,S5  31  00
-  Preussen  (1844  —  53)  ....  25,47  33.’&amp;gt;'5
-  Oesterreich  (1842  —  51)  .  .  .  25,80  20  72
-  Sardinien  (1828  —  37)  ....  27,52  33,34
-  Bayern  (1842  —51)  28,33  34,05
-  Holland  (1845  —  54)  ....  29,02  30,25

*)  Wappaeus,  Allgem.  Bevölkerungsstatistik,  I.  Theil,  S.  150  und  100.
(Bei  dieser  Gelegenheit  wollen  wir  nicht  ermangeln,  auf  das  genannte  vorzügliche ­
  Werk  überhaupt  hinzuweisen.  Bedarf  dasselbe  auch  in  wissenschaftlichen ­
  Kreisen  längst  keiner  besonderen  Empfehlung  mehr,  so  wäre  ihm
doch  eine  viel  allgemeinere  Verbreitung  zu  wünschen.  —  Viele  Geburtsund ­
  Sterblichkeitsziffern  aus  neueren  Jahren  finden  sich  übrigens  in  unserm
Buche  bei  den  BevölkerungsVerhältnissen  der  einzelnen  Staaten  angegeben.
Kolb.\
        <pb n="511" />
        ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Sterblichkeitslisten.  489
nach  dem  Durchschnitte  der  Jahre  die  Geburtiziffer  die  SterblichkeiUaiflfer

in  England  (1845  —  54)  ....  :i0,06  43,79
-  Norwegen  (1846  —55)  .  .  .  .  30,35  51,77
-  Dänemark  (1845  —  54),  .  .  .  3u,83  45,00
-  Hannover  (1846  —  55)  .  .  .  .  31,36  40,09
-  Schweden  (1841—50).  .  .  .  31,38  46,67
-  Belgien  (1847  —56)  32,83  40,08
-  Frankreich  (1844  —  53)  .  .  .  35,82  41,73

Bei  Bestimmung  dieser  Verhältnisse  sind  die  Todtgebornen  sowol  zu  den
Gehörnen,  wie  zu  den  Gestorbenen  gerechnet  worden,  mit  Ausnahme  von
England,  wo  die  Todtgebornen  nicht  registrirt  zu  werden  pflegen.  Das  Verhältniss
  sämmtlicher  Gehörnen  zur  Bevölkerung  schwankt  in  obigen  Ländern
zwischen  1  :24,82  und  1  :35,82,  das  Verhältnis  sämmtlicher  Gestorbenen  zur
Bevölkerung  zwischen  1:30,31  und  1:51,77.  Ein  allgemeiner  Durchschnitt
aus  obigen  Ländern  ergibt  ein  Mittelverhältniss  der  Gebomen  zu  den  Lebenden ­
  oder  eine  mittlere  Fruchtbarkeit  von  1  :29,53  und  ein  Mittelverhältniss
der  Sterblichkeit  von  1  :36,21.
Ein  hohes  Geburtsverhältniss  ist  in  der  Regel  die  Folge  häufiger
Ehebündnisse  im  Lande  und  diese  werden  wiederum  bedingt  durch  die  Leichtigkeit ­
  des  Erwerbs  der  zur  Begründung  eines  Hausstandes  erforderlichen
Subsistenzmittel.  M  o  Unterhalt  leicht  zu  gewinnen,  Arbeitskräfte  leicht  und
vortheilhaft  zu  verwerthen  sind,  da  sind  auch  die  Bedingungen  zunehmenden
M'ohlstandes  vorhanden.  Beruht  hierin,  wie  gewöhnlich,  die  grössere  Fruchtbarkeit ­
  einer  Bevölkerung,  so  ist  sie  ein  erfreuliches  Zeichen  materiellen
Wohlbefindens.  Zuweilen  ist  sie  freilich  auch  das  Product  des  Leichtsinnes
in  der  Schliessung  der  Ehebündnisse  bei  ungenügendem  oder  unsicherem  Erwerbe ­
  und  der  Häufigkeit  ausserehelichen  Umgangs.  *)  Es  zeigt  sich  dies
nicht  selten  in  Gegenden  mit  vorwaltend  industrieller  Beschäftigung,  die  bei
günstigen  Conjuncturen  reichen  Lohn  gewährt,  bei  ungünstigen  grossen
Mangel  erzeugt.  Die  nach  solchem  Mangel  oft  plötzlich  eintretende  Leichtigkeit ­
  reichlichen  Erwerbs  verführt,  wie  zu  manchem  anderen  Leichtsinne,  so
auch  oft  zu  unbedachtsamen  Ehebündnissen,  und  es  ist  daher  eine  oft  gemachte ­
  )Vahrnehmung,  dass  bei  industriellen  Bevölkerungen  das  Geburtsverhältniss
  ein  höheres  als  bei  ackerbauenden  ist.  Doch  kann  dies  nicht
als  Regel  aufgestellt  werden  und  es  kommen  auch  viele  Fälle  vom  Gegentheile
  vor.  So  erreichte  in  den  drei  östlichen  Provinzen  des  preussischen
Staates  (Ostpreussen,  Wcstpreussen  und  Posen),  wo  die  Beschäftigung,  von
den  wenigen  Seestädten  abgesehen,  fast  ausschliesslich  eine  ackerbautreibende ­
  ist,  das  Geburtsverhältniss  während  der  ersten  Jahre  nach  Herstellung
des  Friedens  (1816  —  29)  die  enorme  Höhe  von  1  :18,57,  dasselbe  sank  zwar
hierauf  während  der  Periode  von  1821  —1830  etwas  herab,  jedoch  nur  wenig,
indem  es  sich  auf  21,83  minderte  und  beträgt  noch  jetzt  daselbst  zwischen
22  und  23.  Der  Aufschwung,  den  in  jener  Periode  Preussen  nahm,  hatte  auf
die  dortige  Bodencultur  einen  vortneilhaften  Einfluss  und  erleichterte  in
hohem  Grade  die  Gründung  ländlicher  Haushaltungen  auf  dem  damals  noch
schwach  bevölkerten  Terrain.  Und  dieser  Einfluss  dauert  auch  jetzt  noch  fort;
er  ist  der  hauptsächlichste  Grund  des  starken  Geburtsverhältnisses  in  jenen
Provinzen.
Engel  hat  in  seinen  gründlichen  Untersuchungen  über  die  Populationsverhältnisse ­
  im  Königreiche  Sachsen  nachzuweisen  gesucht,  dass  dasGeburts-•)

  Bei  den  Geburten  unterscheidet  die  Statistik  zwischen  ehelichen
und  unehelichen,  —  vernünftiger  M  eise  nicht  sowol  um  damit  das  Maas
der  Sittlichkeit  oder  Unsittlichkeit  der  Bevölkerung  zu  bezeichnen  (denn  die
Masse  der  unehelichen  Geburten  ist  gewöhnlich  das  Ergebniss  fehlerhafter
socialer  Zustände,  namentlich  einer  Erschwerung  der  Ansässigmachung  und
Verehelichung,  z.  B.  in  Folge  der  Heimathsrechts-,  Zunft-  und  Militärverhältnisse), ­
  als  vielmehr  wegen  der  im  Allgemeinen  viel  übleren  Erziehungsbedingungen ­
  und  der  furchtbar  gesteigerten  Sterblichkeit  der  unehelichen  Kinder.  Kolb.
        <pb n="512" />
        490  ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Sterblichkeitslisten.

verhältniss  in  Abhängigkeit  stehe  von  der  vorwaltenden  Art  der  Arbeit  einer
Bevölkerung.  Allein  die  interessanten  Schlüsse,  zu  denen  er  gelangt,  haben
vorerst  nur  Gültigkeit  für  das  Königreich  Sachsen.  Während  hier  der  gewerbtreibende
  Theil  der  Bevölkerung  das  höchste  (23,72)  und  der  ackerbauende
das  niedrigste  (25,80)  Geburtsvcrhältniss  zeigt,  findet  das  völlige  Gegentheil
im  Königreiche  Preussen  statt.  Hier  steht  dem  ungemein  hohen  Geburtsververhältnisse
  in  den  ackerbautreibenden  drei  östlichen  Provinzen  von  22,36  ein
ungemein  niedriges  (27  —  28)  in  dem  industriellen  Rheinland  und  Westfalen
gegenüber.  Eben  so  wenig  allgemeine  Gültigkeit  hat  der  alte,  neuerdings  von
Guillard  hervorgehobene  und  als  eins  der  Hauptergebnisse  seiner,  wie  er
meint,  nnouvelle  sciencehingestellte  Satz,  dass  sich  die  Fruchtbarkeit  einer
Bevölkerung  umgekehrt  wie  ihre  Dichtigkeit  verhalte.  Es  gibt  sehr  dicht  bevölkerte ­
  Gegenden,  wie  Sachsen,  wo  ein  überaus  hohes,  und  schwach  bevölkerte ­
  Gegenden,  wie  Hannover,  wo  ein  geringes  Geburtsverhältniss  stattfindet. ­
  Die  wesentlichste  Bedingung  für  das  Maas  der  Fruchtbarkeit  einer
Bevölkerung  bleibt  die  grössere  oder  geringere  Leichtigkeit  des  Erwerbs  und
der  häuslichen  Niederlassung,  die  Wirkungen  derselben  können  jedoch  durch
Nebeneinflüsse  mancherlei  Art  alterirt  werden.
Die  Sterblichkeitsziffer  lässt  nur  das  Verhältniss  der  Sterbfälle
zur  Bevölkerung  erkennen.  Wäre  die  Gefahr,  dem  Tode  zu  unterliegen,  für
alle  Lebensalter  gleich,  so  würde  die  Sterblichkeitsziffer  in  alleiniger  Abhängigkeit ­
  von  dem  jeweiligen  Maase  der  Sterblichkeit  stehen  und  denselben
Schwankungen  wie  dieses  unterliegen,  also  einen  Rückschluss  auf  das  Sterblichkeitsgesetz ­
  selbst  gestatten.  Da  aber  die  Gefahr  zu  sterben  in  verschiedenen ­
  Altersstadien  eine  verschiedene  ist,  so  kann  die  Sterblichkeitsziffer  einer
Bevölkerung  sich  ändern,  ohne  dass  das  Sterblichkeitsverhältniss  in  den  einzelnen ­
  Altersclassen  die  geringste  Aenderung  erfährt.  Es  ist  dies  der  Fall,
wenn  Veränderungen  in  der  Frequenz  der  Altersclassen  eintreten.  So  zieht
namentlich  eine  Vermehrung  der  Geburten  eine  stärkere  Besetzung  der  jüngeren ­
  Altersclassen  nach  sich  ;  da  nun  diesen  eine  höhere  Sterblichkeit  eigen
ist,  so  wird  eine  grössere  Zahl  von  Sterbfellen  eintreten  und  dadurch  das  Verhältniss ­
  der  Sterbfälle  zur  Bevölkerung,  d.  h.  die  Sterblichkeitsziffer  erhöht
werden.  Es  ist  daher  eine  allgemeine  Wahrnehmung,  dass  in  Bevölkerungen
mit  hoher  Geburtsziffer  auch  die  Sterblichkeitsziffer  eine  hohe  ist  und  eben  so
umgekehrt.  Im  Königreiche  Preussen  war  während  der  Jahre  1822  —1837

Die  grosse  Verschiedenheit,  welche  in  den  verschiedenen  Provinzen  ein
und  desselben  Landes  in  den  Geburtszifl’ern  stattfand,  übertrug  sich  daher  in
entsprechendem  Grade  auch  auf  die  Sterblichkeitszitfern.  Es  würde  ein  grosser ­
  Fehlschluss  sein,  aus  der  Verschiedenheit  der  letzteren  Ziffern  für  die
verschiedenen  Provinzen  des  preussischen  Staats  eine  eben  solche  Verschiedenheit ­
  des  Sterblichkeitsgesetzes  folgern  zu  wollen.  Das  letztere  war  höchst
wahrscheinlich  während  jener  Periode  in  allen  Provinzen  annähernd  dasselbe
und  jene  grosse  Verschiedenheit  der  Sterblichkeitsziffern  hatte  nur  in  der
verschiedenen  Besetzung  der  Altersclassen  ihren  Grund,  namentlich  waren
in  Folge  der  zahlreicheren  Geburten  in  den  östlichen  Provinzen  die  jüngeren, ­
  einer  höheren  Sterblichkeit  unterworfenen  Altersclassen  verhältnissmässig
  viel  zahlreicher  als  dieselben  Classen  in  den  westlichen  Provinzen
besetzt.
Hieraus  erhellt  deutlich,  dass  die  Sterblichkeitsziffer  nicht  die  mittlere
Lebensdauer  ausdrückt,  wie  viele  Statistiker,  namentlich  auch  der  geniale
Hoffmann,  angenommen  haben.  Eben  so  wenig  wird  dieselbe  durch  die  Geburtsziffer, ­
  oder,  wie  Price  und  einige  andere  Statistiker  meinen,  durch  das
arithmetische  Mittel  zwischen  Geburts-  und  Sterblichkeitsziffer  ausgedrückt,
obwol  letztere  Annahme  der  Wahrheit  näher  kommt.  Die  mittlere  Lebendauer
kann,  wie  oben  bemerkt,  nur  gefunden  werden  aus  einer  auf  Grund  zuverlässiger ­
  Erhebungen  construirten  Sterblichkeitsliste.

die  Oeburtsziffer  die  Sterblichkeitsziffer

in  den  östlichen  Provinzen  .

-  -  mittleren
-  -  westlichen
        <pb n="513" />
        ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Sterblichkeitslisten.  491

Durchschnittsalter  der  Lebenden.  EineVerbesserung  bei  den  neueren  Volkszählungen ­
  besteht  darin,  dass  von  jedem  Individuum  nach  seiner  oder  seiner
Angehörigen  Angabe  das  Alter,  in  dem  es  sich  befindet,  verzeichnet  wird.  Es
hat  sich  zwar  gezeigt,  dass  diese  Angaben  nicht  mit  hinreichender  Genauigkeit ­
  erfolgen  und  dass  namentlich  die  runden  Alterszahlen  eine  eigenthümliche
Anziehungskraft  ausüben,  so  dass  die  Alter  von  20,  25,  30  etc.  Jahren  in  der
Regel  viel  reicher  besetzt  erscheinen,  als  die  anstossenden  Alter  von  19,  26,
29,  31  etc.  Jahren.  Ist  es  daher  auch  nicht  möglich  gewesen,  eine  von  Altersstufe ­
  zu  Altersstufe  fortschreitende  Bevölkerungsliste,  welche  man  als  völlig
richtig  hätte  ansehen  können,  aufzustellen,  so  ergab  doch  die  Beobachtung,
dass  jene  Unrichtigkeiten  gewisse  mässige  Grenzen  nicht  überschreiten  und
dass  es  wenigstens  möglich  ist,  nach  diesen  Erhebungen  Altersclassen  von
5  zu  5  Jahren  und  selbst  für  kürzere  Zeitabschnitte  mit  annähernder  Richtigkeit ­
  zu  bilden.  *)  Aus  solchen  Tabellen  hat  man  das  Durchschnittsalter,  waches ­
  der  lebenden  Bevölkerung  eigen  ist,  abgeleitet.  Man  hat  dazu  nur  nöthig,
die  Summe  der  Alter  aller  Lebenden  einer  Bevölkerung  mit  der  Bevölkerungszahl ­
  zu  dividiren.  Es  betrug  dieses  Durchschnittsalter  der  Lebenden  nach
"VVappaeus  (Bd.  11.  S.  76)  für

Frankreich  (1851)
Belgien  (1846).  .
Kirchenstaat  (1853)
Dänemark  (1845).
Holland  (1849)  .
Schleswig  (1815)  .
Schweden  (1850)  .
Norwegen  (1855).

31,06  Jahre  Sardinien  (1838)  .  .
28,63  -  Grossbritanien  (1851)
28,16  -  Holstein  (1845)  .  .  .
27,85  -  Irland  (1841)  .  .  .  .
27,76  -  die  Vereinigten  Staaten
27,74  -  (1850)  .  .  .  .  .
27,66  -  Untercanada  (1852)  .  .
27,53  -  Obercanada  (1852)  .  .

27.22  Jahre
26,56  -
26,52  -
25,32  -
23,10  -
21,86  -
21.23  -

Für  das  Königreich  Sachsen  (1852)  berechnet  Engel  das  Durchschnittsalter ­
  der  Lebenden  auf  27,25  Jahre  und  für  l’reussen  schlägt  er  es  nach  approximativer ­
  Schätzung  auf  27,50  Jahre  an.

Zwischen  obigen  Ländern  findet  eine  höchst  frappante  Verschiedenheit
statt.  Die  Differenz  der  beiden  Extreme  von  Frankreich,  welches  das  höchste
Durchschnittsalter  von  31,06  Jahren  aufweist,  und  Obercanada,  dessen  Bevölkerung ­
  nur  ein  Durchschnittsalter  von  21,23  Jahren  hat,  beträgt  fast
10  Jahre,  das  ist  fast  ein  Drittel  des  Satzes  für  die  erstere  und  fast  die
Hälfte  des  Satzes  für  die  letztere  Bevölkerung.  Diese  Verschiedenheit  beruht ­
  in  der  Verschiedenheit  der  Frequenz  der  einzelnen  Altersclassen  und
letztere  ist  hauptsächlich  wiederum  eine  Folge  der  Verschiedenheit  des  Geburtsverhältnisses. ­
  In  Ländern,  wie  die  amerikanischen,  mit  starker  Reproduction ­
  sind  die  jüngeren  Alter  verhältnissmässig  viel  zahlreicher  besetzt,  als
in  Ländern  mit  schwacher  Reproduction,  wie  Frankreich,  wodurch  sich  natürlich ­
  für  jene  das  Durchschnittsalter  der  Bevölkerung  niedriger  als  für  diese
stellen  muss.  Es  vertheilt  sich  in  obigen  Ländern  die  Bevölkerung  auf  die
verschiedenen  Altersclassen  in  folgender  Weise.  Von  10,000  Lebenden  kommen ­
  nach  Wappaeus  (Bd.  II.  N.  44  und  45)  in  den  verschiedenen  nachverzeichneten
  Ländern  auf  die

*)  Das  nächste  Ziel  muss  aber  doch  die  Herstellung  von  Listen  nach  den
einzelnen  Jahren  sein,  wie  v.  Hermann  deren  im  9.  Hefte  der  »Beiträge
zur  Statistik  von  Bayern«  aufzustellen  begonnen  hat,  wodurch  eine  Klarheit ­
  erzielt  wird,  die  bei  dem  Zusammenlassen  der  Altersgenossen  von  je
5  oder  gar  10  Jahren  durchaus  fehlt.  Zur  Erlangung  richtigerer  Resultate
dürfte  es  nicht  wenig  beitragen,  wenn  bei  den  Volkszählungen  die  Trage  gestellt ­
  würde  :  »in  welchem  Jahre  und  Monate  ist  jede  Person  geboren?«  statt:
»wie  viel  Jahre  zählt  dieselbe?«  Dadurch  würde  schon  die  wesentliche  Verschiedenheit ­
  beseitigt,  dass  die  Einen  das  angetretene,  die  Anderen  das  bereits ­
  zurückgelegte  Jahr  angeben.  Allerdings  bedarf  es  daneben  möglichst
genauer  Ein-  und  Auswanderungs-,  ganz  besonders  aber  —  genauer  Sterblisten. ­
  Kolb.
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        492  ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Sterblichkeitslisten.

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O  'Æ  I'*  oo  ec  —  O  00  05  áO  OI  lO
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05K5  04  I—  1(5—40500(005-0-4
■•O  I-  iC  -O  1(5  K5  05  0C&amp;gt;  -O  04  -f  50
040C5  05  05  00  0IOI-K504

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o  04  or  04  04  04  -4  —  1(5,  05  50  O)
03-050—&amp;lt;  OO  -O  1(5  OO  C  00  ec
—'  —  CO  50  ecOl-K5—4

uaiSiaji

-O—i3OO50De'5O4CeO5O5-45O
50  05  4-  05  =  1(5  1(5  00  00  -0  (04—

)BB)S
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iC  03  I-  05  —  —  04
(O  O  I—  (O  ec  -O
05  —  1-1(5  OI

apuB%
-japai_M

l-  0500003  05  -0  04  i(5i(5  —  —  eC
04  05l-04=-0-0(0  —  05  0li(5
—  —  C  05050005300-004

qoT0j
-quBJj

A  I

U501COK30000000C
I  —  —  040405-0  1(5  501-00  05  0
i  I  I  I  I  I  I  M  I  I  U
K5C&amp;gt;i(50i(500000&amp;gt;Of
—  —  O4O4CC-OK55C4-O0T:

Aus  dieser  Tabelle  lässt  sich
leicht  ableiten,  wie  sich  der  vorzugsweise ­
  productiveTheil  der  Bevölkerung ­
  zu  dem  unproductiven
verhält  und  welches  Verhältniss
der  wehrfähige  zu  dem  nicht  wehrfähigen ­
  einnimmt.  Wappaeus  gelangt ­
  nach  Zusammenfassung  obiger ­
  Zahlen  zu  folgenden  allgemeinen ­
  Schlüssen  :  »Es  kömmt  in  unseren ­
  Staaten  überhaupt  über  ein
Drittel  (33,06  Proc.)  der  ganzen
Bevölkerung  auf  die  Individuen
bis  zum  15.  Lebensjahre,  d.h.  über
ein  Drittel  der  ganzen  Bevölkerung ­
  besteht  aus  den  Mitgliedern
der  Gesellschaft,  welche  noch  nicht
durch  ihre  Arbeit  eine  Compensation ­
  für  ihren  Unterhalt  geben
können;  ferner,  beinahe  ein  Zehntel ­
  (9,72  Proc.)  fällt  auf  die  Altersclasse
  von  15  —  20  Jahren,  in  der
Regel  noch  die  Altersstufe  des
heranreifendenAlters  und  für  viele
noch  die  Zeit  der  Ausbildung  und
Vorbereitung  für  einen  bestimmten ­
  Lebensberuf;  nicht  ganz
die  Hälfte  -(48,SS  Proc.)  kömmt
auf  die  Periode  der  vollen  Kraft
und  Thätigkeit  zwischen  2U  und
60  Jahren;  auf  die  Altersclasse
von  60-—  70  Jahren,  die  Periode
der  meist  schon  abnehmenden
Kraft,  fällt  ungefähr  ein  Zwanzigtheil
  (4,92  Proc.),  und  endlich  auf
die  Classe  des  hohen,  in  der  Regel ­
  nicht  mehr  productiven  und
schon  mehr  oder  weniger  hülfslosen
  Alters  kommt  wenig  über
ein  Vierzigtheil  (2,81  Proc.),  also
ein  sehr  geringer  Theil  der  Bevölkerung ­
  im  Vergleiche  mit  der
grossen  Proportion  der  Classen
des  Kindesalters,  mit  welchem
dies  hohe  Alter  in  so  fern  gleich
steht,  als  es  eben  so  unproductiv
zu  sein  und  von  der  Gesellschaft
überwiegend  nur  Opfer  zu  fordern ­
  pflegt.«  Hoffmann  hebt  auf
Grund  ähnlicher  Untersuchungen
die  Thatsache  hervor,  »dass  der
Nation  die  Erfüllung  der  Dankbarkeit ­
  gegen  ihre  abgelebten
Greise  sehr  viel  weniger  schwer
ist,  als  die  Pflege  der  Hoffnung
für  die  Zukunft,  welche  der  Kindheit ­
  und  dem  heran  wachsenden
Geschlechte  gewidmet  werden
muss.  Durchnittlich  kommt  erst
ein  Uebersiebzi^ähriger  auf  12
Unterfünfzehnjährige.«
        <pb n="515" />
        ALLGEMEINE  VERHÄLINISSE.  —Sterblichkeitslisten.

493

man  die  Alter,  welche  die  in  einem  Lande  während  einer  eewrissen
Periode  Gestorbenen  zur  Zeit  ihres  Todes  hatten,  addirt  und  die  Summe  mit
der  ^hl  der  Gestorbenen  dividirt,  so  erhält  man  das  Durchschnittsalter
der  Gestorbenen.  Dieses  Alter  ist  zum  Theil  wol  abhängig  von  dem  Sterbhchkeitsverhältnisse,
  welches  in  den  verschiedenen  Altern  herrscht,  in  noch
höherem  Grade  aber  von  der  verschiedenen  Frequenz  der  Altersclassen,  und
es  leuchtet  ein,  dass  es  sich  um  so  niedriger  stellen  muss,  je  zahlreicher  die
Jüngeren,  und  um  so  höher,  je  zahlreicher  die  höheren  Altersclassen  besetzt ­
  sind.  Leider  sind  derartige  Berechnungen  nur  noch  sehr  sparsam  ange-^ellt
  worden,  ln  Frankreich  war  im  Jahre  1853  das  Durchschnittsalter  der
Gestorbenen  excl.  der  Todtgebornen  37,68  Jahre,  in  Bayern  berechnet  es  sich
für  das  Iriennium  von  1854—56  auf  29,28  Jahre,  in  Preussen  nach  approximativen
  Durchschnitten  aus  den  von  5  zu  5  Jahren  fortschreitenden  Altersclassen
wahrend  der  Jahre  1816—1860  für  das  männliche  Geschlecht  auf  26,47  Jahre,
fur  das  weibliche  auf  28,64  Jahre  und  für  beide  Geschlechter  auf  27,53  Jahre.

Wir  fassen  hier  die  aus  Vorstehendem  resultirenden  Zahlenverhältnisse
fur  verschiedene  Lander  in  folgende  Tafel  zusammen.  Die  mit  A.  M  bezeichnete
  Columne  enthalt  das  arithmetische  Mittel  zwischen  Geburts-  und  Sterblichkeitsziffer.


Name  des  Landes

Mittlere
Lebensdauer

=  I  Zf
So  f  o

I"

II

Durchschnittsalter ­


11

Oesterreich
Preussen
Bayern
Württemberg
Sachsen
Hannover
Frankreich
England
Belgien
Niederlande
Schweden
Norwegen
Dänemark
Sardinien

?
?
?
?
p
39,29
40.19
37,42
35,44
33.20
?
?
9

?
?
?
?
?
?
40.95
42,18
38.95
38,26
35,70
p
?
9

25,80
25,47
28,33
24,85
24.82
31,36
35.82
30,06
32.83
29,02
31,38
30,35
30.83
27,52

29.72
33,85
34,65
31,99
34,12
40,89
41.73
43,79
40,08
36,25
46,67
51,77
45,00
33,34

27,76
29,66
31,49
28.42
29,47
36,13
37,78
36,93
36,46
32,64
39,03
41,06
37,92
30.43

(?)  27,50
?
?
27,25
?
31,06
26,56
28,63
27,76
27,66
27,53
27,85
27.22

o  S
k  -p

?
27,53
29,28
9

37

68

erung  seit  einem  Jahrhunderte  in  einem  völlig,
jährlich  dieselbe  Zahl  geboren  würde  und  eii
e.  I  a.  ..1.  ..  ..  f  .l.n  ..........L

•en
eine

Befände  sich  eine  Bevölkerun
Beharrungszustande,  so  dass  j
gleiche  Zahl  mit  lode  abginge,  auch  diese  Todten  sich  auf  die  verschiedenen
Alter  ein  Jahr  wie  das  andere  vertheilten  und  die  dadurch  gebildeten  Verhältnisse ­
  der  Altersclassen  nicht  durch  Ein-  und  Auswanderungen  gestört  würden,
so  würden  mittlere  Lebensdauer  der  Neugebornen,  Geburts-  und  Sterblichkeitsziner,
  Durchschnittsalter  der  Gestorbenen  gleich  sein  und  durch  ein  und
dieselbe  Zahl  ausgedrückt  werden.  *)  Da  aber  bei  jedem  Volke  in  allen  jenen
Beziehungen  fortwährend  grössere  oder  geringere  Veränderungen  eintreten,
so  verändern  sich  auch  diese  Zahlen  Verhältnisse  und  zwar  keineswegs  in  gleicher ­
  Proportion.  Es  können  daher  diese  Werthe  niemals  für  einander  sub-*)

  Ob  auch  das  Durchschnittsalter  der  Lebenden  damit  übereinstimmt
hängt  von  dem  Sterblichkeitsverhältnisse  in  den  einzelnen  Altersclassen  ab'
Vielleicht  drückt  diejenige  Sterblichkeitsliste  das  allgemeine  Sterblichkeitsverhältniss
  der  Menschen  richtig  aus,  nach  welcher  auch  das  Durchschnittsalter
der  Lebenden  mit  dem  Durchschnittsalter  der  Gestorbenen  übereinstimmt.
        <pb n="516" />
        494

ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Sterblichkeit.

stituirt  oder  sichere  Schlüsse  von  dem  einen  auf  den  andern  gezogen  werden.
Will  man  die  Sterblichkeit  verschiedener  Völker  oder  die  Sterblichkeit  eines
und  desselben  Volkes  in  verschiedenen  Perioden  mit  einander  vergleichen,  so
kann  dies  nur  geschehen  auf  Grund  einer  zuvor  für  jedes  Volk,  resp.  für  jede
Periode  construirten  genauen  Sterblichkeitsliste  obiger  Form  und  auf  Grund
der  daraus  für  jedes  Alter  abgeleiteten  mittleren  Lebensdauer.  Die  Anwendung
anderer  Vergleichungsmomente  führt  zu  unsicheren  Resultaten.  Da  solche  Vergleichungen ­
  gleichwol  häufig  vorgenommen  werden,  so  wollen  wir  die  Trüglichkeit
  derselben  durch  einige  Beispiele  anschaulich  zu  machen  suchen.
Gesetzt,  das  Sterblichkeitsverhältniss  bei  den  oben  (S.  492)  aufgeführten
Völkerschaften  wäre  ein  völlig  gleiches,  es  ginge  daher  in  einer  und  derselben
Altersclasse  bei  allen  jährlich  ein  gleiches  Procentmaas  durch  den  Tod  ab,  so
würden  doch,  wenn  man  nach  irgend  gewählten  Procentsätzen  die  Sterblichkeit
berechnete,  die  dadurch  gefundenen  Todten  für  die  verschiedenen  Länder  verschiedene ­
  Sterblichkeitsziifern  und  ein  verschiedenes  Durchschnittsalter  ergeben,
und  zwar  aus  dem  Grunde,  weil  die  Lebenden  sich  auf  die  verschiedenen  Altersclassen
  nicht  in  allen  Ländern  nach  derselben  Pronortion  vertheilen.  Die  numerische ­
  Verschiedenheit  kann  eine  sehr  bedeutende  sein.  Vergleichen  wir  z.  B.
Frankreich  und  Norwegen  mit  einander  und  nehmen  an,  dass  die  Sterblichkeit
in  beiden  Ländern  genau  nach  dem  Gesetze  erfolge,  welches  die  obige  Sterblichkeitsliste ­
  von  Quetelet  für  Belgien  und  zwar  für  Männer  ausdrückt,  wonach
das  mittlere  Sterblichkeitsprocent  für  die  Altersclasse  von  0—4  Jahren  =  0,8,
von  5—9  Jahren  =  1,  von  10—14  Jahren  =  0,5  u.  s.  w.  ist,  so  würden  in  Frankreich ­
  von  10,000  Personen  nur  250,  in  Norwegen  dagegen  von  derselben  Zahl
202  sterben,  mithin  die  Sterblichkeitsziffer  für  ersteres  Land  40,  für  letzteres
nur  38,17  betragen.  In  Frankreich  würden,  nach  dem  mittleren  Durchschnitte
der  Alterscla,ssen  berechnet,  alle  250  Gestorbene  9487,5  Jahre,  in  Norwegen  die
202  Gestorbenen  dagegen  nur  8421,5  Jahre  durchlebt  haben  ,  mithin  würde  das
Durchschnittsalter  der  Gestorbenen  für  Frankreich  sich  auf  37,95  Jahre,  für
Norwegen  nur  auf  32,14  Jahre  berechnen.  Welche  Verschiedenheit  dieser  Ziffern ­
  bei  völlig  gleichem  Sterblichkeitsverhältnisse  !
Umgekehrt  kann  bei  ein  und  demselben  Volke  sich  das  Sterblichkeitsverhältniss ­
  ändern,  ohne  dass  die  Sterblichkeitsziifer  die  geringste  Aendcrung  erfährt. ­
  Es  ist  dies  der  Fall,  wenn  in  einer  Altersclasse  so  viel  mehr  Personen
sterben,  als  in  einer  anderen  dem  Tode  wenige  r  unterliegen.  Die  Gesammtzahl
  der  Gestorbenen  ist  dann  dieselbe,  mithin  bleibt  sich  auch  das  Verhältniss
derselben  zur  Zahl  der  Lebenden  oder  die  Sterblichkeitsziifer  gleich.  Findet  in
solchem  Falle  die  geringere  Sterblichkeit  in  den  jüngeren  Jahren  statt  und
bleibt  sie  auf  diesem  Maase  stehen,  so  wird  dadurch  die  mittlere  Lebensdauer
verlängert,  findet  dagegen  die  grössere  Sterblichkeit  in  den  jüngeren  Altersclassen
  statt,  so  wird  die  mittlere  Lebensdauer  verkürzt.  Im  ersteren  Falle
wachsen  nämlich  die  zwischen  den  beiden  Wendepunkten  gewonnenen  Lebensjahre ­
  der  ganzen  Bevölkerung  zu,  in  letzterem  gehen  die  zwischen  diesen
Wendepunkten  ausgefallenen  Lebensjahre  derselben  verloren,  ohne  sich  wieder
zu  ersetzen.
Es  kann  endlich  der  Fall  eint  reten,  dass  in  den  jüngeren  Altern  die  Sterblichkeit ­
  geringer  wird,  während  sie  in  den  höheren  Altersclassen  sich  in  solchem
Grade  vermehrt,  dass  die  durch  letzteren  Umstand  der  ganzen  Bevölkerung
verloren  gehenden  Lebensjahre  genau  so  viel  betragen  ,  wie  die  durch  mindere
Sterblichkeit  in  den  jüngeren  Jahren  gewonnenen.  In  diesem  Falle  bleibt  die
mittlere  Lebensdauer  für  die  Zeit  der  Geburt  und  die  folgenden  Altersclassen
bis  dahin,  wo  die  Aenderung  eintritt,  offenbar  dieselbe,  (Tenn  die  Summe  der
von  der  ganzen  Völkerschaft  durchlebten  Jahre  wird  durch  die  sich  compensirenden
  Abweichungen  nicht  alterirt.  Um  aber  jenes  Verhältniss  herbeizuführen,
muss  im  höheren  Alter  eine  viel  grössere  Zahl  von  Personen  mehr  sterben,  als
in  den  jüngeren  weniger  mit  Tode  abgehen.  Dies  wird  die  Sterblichkeitsziffer
oder  das  Verhältniss  der  Zahl  der  Gestorbenen  zur  Bevölkerung  erhöhen,  —
was  Viele  als  ein  Zeichen  verkürzter  Lebensdauer  ansehen.  Das  Durchschnittsalter ­
  der  Gestorbenen  wird  aber  durch  die  grössere  Zahl  der  im  vorgerückten ­
  Alter  Gestorbenen  erhöht,  was  Vielen  als  ein  untrügliches  Zeichen  verlängerter ­
  Lebensdauer  gilt.  Gleichwol  ist  die  mittlere  Lebensdauer  genau
        <pb n="517" />
        ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Sterblichkeit.

495

dieselbe  geblieben.  Diese  Beispiele  zeigen  deutlich,  wie  gänzlich  unzuverlässig
die  Schlüsse  sind,  die  aus  der  Sterblichkeitsziffer  oder  dem  Durchschnittsalter
der  Gestorbenen  auf  die  Lebensdauer  des  Menschen  gezogen  werden.  Dass  noch
viel  weniger  aus  der  Geburtsziffer  und  dem  Durchschnittsalter  der  Lebenden
auf  das  Sterblichkeitsverhältniss  und  die  mittlere  Lebensdauer  geschlossen
werden  kann,  leuchtet  von  selbst  ein.  Es  muss  daher  ferner  jeder  derartige
Versuch  als  ein  eitler  bezeichnet  und  lediglich  auf  Herstellung  genauer  Sterblichkeitslisten ­
  als  das  einzige  Mittel  zur  Erkennung  des  Sterblichkeitsgesetzes
und  der  mittleren  Lebensdauer  verwiesen  werden.

Nach  den  klaren  Erörterungen  des  Herrn  Finanzrath  Hopf  über
allgemeine  Sterblichkeitsverhältnisse  richten  wir  den  Blick  noch  auf
einige  besondere  Punkte.  *]
Sterblichkeit  in  den  Städten.  Man  gewahrte,  dass  die  Sterblichkeit
in  den  Städten  eine  andere,  grössere  sei,  als  die  durchschnittliche.  So
kamen  nach  den  officiellen  Zusammenstellungen  zu  Paris  je  ein  Sterbfall ­
  resp.  eine  Geburt.

1  Sterbf.  Ib36  auf  37,79  Einw.
1  -  1841  -  3.1,93  -
1  -  1846  -  36,85  -
1  -  1851  -  38,18  -

1  Geburt  auf  31,41  Einw.
1  -  -  31,25  -
1  -  -  31,56  -
1  -  -  32,58  -

Dagegen  hatte  man  in  den  363  Hauptorten  von  Bezirken  in  Frankreich ­
  (einschliesslich  Paris)  und  hinwieder  im  ganzen  Lande  :
1  Sterbfall  1  Geburt

in  d.  Hauptorten  in  ganz  Frankr.
1836—40  auf  38,11  42,35  Einw.
1841_45  _  39,84  44,29  -
1846—50  -  37,32  41,97  -

in  d.  Hauptorten  in  ganz  Frankr.
auf  35,62  35,31  Einw.
-  36,75  35,66  -
-  37,81  37,48  -
(Sonach  grössere  Schwankungen  bei  den  Sterbfällen,  als  bei  den
Geburten.)  Im  Jahre  1858  kam
1  Sterbfall  1  Geburt
im  Seinedepartemente  Paris)  auf  36,5  Einw.  auf  30  Einw.
in  den  übrigen  franz.  Städten  -  35,1**)  -  -  33
auf  dem  Lande  -  44,3  -  -  39%  -
In  England  (einschl.  London)  kamen  im  Durchschnitte  der  10
Jahre  1849  —  58  auf  100,000  Personen  jährlich  2216  Sterbfälle  ,  in  London ­
  allein  aber  war  das  Verhältniss  2425.  Fasst  man  die  125  Districte
zusammen,  welche  die  grössten  Städte  enthalten,  so  war  die  Durchschnittszahl ­
  2563,  dagegen  in  den  mehr  ländlichen  Districten  nur  1970.
Wappäus  hat,  als  Durchschnitt  von  9  Staaten,  gefunden,  dass  von
allen  Geborenen  (einschl.  Todtgeb.)  innerhalb  der  5  ersten  Jahre  starben ­
  :  in  den  Städten  33,60%  ,  in  den  Landbezirken  nur  27,28  ,  sonach
ein  Unterschied  von  6,32  auf  je  100.

*)  Von  Druckschriften  seien  (ausser  den  besond.  angeführten  von  Quetelet
und  WappUns)  im  Allgemeinen  zunächst  hier  envähnt:  Boudin,  J.  Ch.  M.,
Traité  de  Géographie  et  de  Statistique  médicales.  Paris,  1857,  2  vol.  —  Oetterlen,
  Dr.  Fr.,  Handbuch  der  medicinischen  Statistik,  Tübingen  1864  (ein  gleichfalls ­
  mit  ungemeinem  Fleisse  und  ausgedehntem  Quellenstudium  bearbeitetes
Werk).  Hirsch,  Dr.  Aug.,  Handbueh  der  historich-geographischen  Pathologie.
Erlangen  I860.
**)  In  andern  Jahren  war  die  Sterblichkeit  zu  Paris  immer  grösser  als  in  den
übrigen  Städten.  Hier  ist  also  ein  Ausnahmefall.
        <pb n="518" />
        496

ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Sterblichkeit.

So  leicht,  wie  es  hienach  scheint,  lässt  sich  indess  das  w  a  lire
Verhältniss  keineswegs  ermitteln.  Bei  allen  derartigen  Berechnungen
ist  das  ununterbrochene  Ab-  und  Zuströmen  der  fremden  Bevölkerung
ausser  Ansatz  gelassen.  Durch  klinische  Anstalten  und  auf  andere  Weise
werden  Schwangere  von  auswärts  nach  den  Hauptorten  gezogen.  Hinwieder ­
  verbringt  man  häufig  die  Neugebornen  (also  in  der  Zeit  der
grössten  Sterblichkeit)  nach  dem  Lande.  Die  höheren  Schulen  sowol,
als  die  Gelegenheit  des  leichteren  Verdienstes,  ziehen  dann  wieder  nach
der  Stadt.  Die  gleiche  Strömung  wird  durch  Spitäler  bewirkt,  sowie
auch  wohlhabende  Provinzialbewohner  sich  gerne  nach  Beendigung  eines
thätigen  Lebens  hier  niederlassen.  *)  Wie  sich  ein  Unterschied  zwischen
den  von  Reichen  und  den  von  Armen  bewohnten  Quartieren  einer
und  derselben  Stadt  herausstellt,  werden  wir  unten  erwähnen.  Hier  sei
nur  kurz  berührt,  wie  viel  durch  Herstellung  guter  Lüftung  und  Reinigung ­
  geschehen  kann.  **)
Unterschied  nach  Geschlechtern.  Die  Naturgesetze  über  Geburt  sowol, ­
  als  über  Sterblichkeit,  zeigen  sich  keineswegs  gleich  für  beide  Geschlechter. ­
  Sie  ergeben  Verschiedenheit  vom  ersten  Augenblicke  bis  zum
Ende  des  Lebens.  (Vergleiche  die  Tabellen  S.  482  folg.)  Die  vorhandenen ­
  Ziffern  schwanken  zwar  im  Einzelnen,  stimmen  aber  alle  in  folgenden ­
  drei  Punkten  überein  :  1)  Es  werden  mehr  Knaben  als  Mädchen ­
  geboren;  2)  dennoch  ist  die  weibliche  Bevölkerung  im  Ganzen
die  zahlreichere  ;  3)  diese  scheinbare  Anomalie  erklärt  sich  durch  die
notorisch  grössere  Sterblichkeit  beim  männlichen  Geschlechte,  besonders
im  ersten  Lebensalter.

1)  Es  werden  mehr  Knaben  als  Mädchen  geboren.  Nach  den  vorliegenden ­
  Geburtslisten  kamen  je  auf  lOÜO  Knaben;

in  England  (1859)  .  95G  Mädchen
-  Frankreich  (1858)  952
-  Oesterreich  (1858)  940

in  Preussen  (1809]  .  .  .  945  Mädchen
-  Sardinien  1828—37)  .  951
im  Kant.  Zürich  1850—52)  953

Wappäus,  der  die  Ergebnisse  in  15  Ländern  je  während  einer
Anzahl  Jahre  zusammenstellte,  fand,  dass  im  Durchschn.  auf  100  Mädchen ­
  106,31  Knabengeburten  kamen.  Die  Schwankungen  waren  in  den
einzelnen  Ländern  sehr  gering:  Maximum  107,18  in  Hannover,  Minimum ­
  105,22  in  Sardinien.  Nahm  man  blos  die  Lebendgeborenen  in
Rechnung,  so  stellte  sich  das  Mittel  auf  105,83.  Bei  den  Todtgeborenen
dagegen  ergab  sich,  dass  auf  100  todte  Mädchen  140,33  Knaben
trafen  !  ***)

*)  Bei  der  Zählung  von  1851  fand  man  zu  London  unter  1’394,903  Menschen ­
  über  20  Jahren,  749,853  ausserhalb  der  Hauptstadt  Geborene.  Nach  einer
Notiz  sollen  unter  den  1’151,978  Einw.  von  Paris  (vor  der  Stadterweiterung
nicht  mehr  als  09,424  eingeborne  Pariser  gewesen  sein,  also  blos  1  auf  10,59  !
**)  Visedunt  Ebrington  hob  auf  dem  statistischen  Congresse  zu  Paris  hervor,
dass  Lamheth-Square  in  London,  früher  ein  Hauptherd  der  Cholera,  des  Typhus
und  der  Fieber,  ungeachtet  seiner  tiefen  Lage,  jetzt  eine  geringere  Sterblichkeit
hat,  als  die  hoch  gelegene  Hampstead-road,  wo  man,  gerade  der  gesunden  Lage
wegen,  die  hygieinischen  Verbe^sserungen  meinte  unterlassen  zu  dürfen.
***)  Yqjj  allen  bisherigen  Erklärungsversuchen  hat  sich  auch  nicht  einer
stichhaltig  bewiesen.  Am  meisten  plausibel  schien  das  s.  g.  Sadler-Ilofacker’-sche
  Gesetz  zu  sein,  wonach  das  relative  Alter  des  Vaters  oder  der  Mutter  in  der
Art  bestimmend  sein  sollte,  dass  inEhen,  in  denen  der  Gatte  mehr  Jahre  zähle.
        <pb n="519" />
        ALLGEMEINE  VTÎRHÂLTNISSE.  —  Sterblichkeit.

497

2)  Obwol  allenthalben  mehr  Knaben  ah  Mädchen  geboren  werden,
ist  doch  die  weibliche  Bevölkerung  im  Ganzen  die  zahlreichere.  Wir  verweisen ­
  auf  die  Specialangaben  bei  den  einzelnen  Staaten.  So  war  die
Ueberzahl  der  Frauen  :
876,920  in  Preussen  (1858)  .  .  65,889
97,217  im  Zollvereine  (1855)  .  299,024
1’620,080  in  Schweden  (1855)  .  .  111,096

in  England  (1861)  ,
-  Frankreich  (1861)
-  Russland  (1858)

Ausser  den  allgemeinen  Sterblichkeitsverhältnissen  tragen  zu  diesem ­
  Resultate  bei  :  1  )  die  anstrengendere  Beschäftigung  der  Männer,
nur  theilweise  ausgeglichen  durch  die  Niederderkunften  der  Frauen  ;
2)  öftere  Excesse  in  der  Lebensweise  der  Männer  ;  3)  Kriege  und  selbst
im  Frieden  —  der  Menschen  verschlingende  Militärdienst;  4)  endlich
in  Europa  noch  die  Auswanderung  vorzugsweise  von  Männern  nach  anderen ­
  Erdtheilen.  Dass  in  Ländern  wie  Californien  und  Australien  die
Ueberzahl  auf  Seite  der  Männer  ist,  bedarf  keiner  Erklärung.  Dagegen
muss  erwähnt  werden,  dass  in  dem  von  Auswanderungs-  und  Kriegsverlust ­
  freien  Belgien  bei  der  letzten  Aufnahme  die  männliche  Bevölkerung ­
  um  14,105  überwog.  Diese  Erscheinung,  im  Zusammenhalte  mit
den  Ergebnissen  der  früheren  Zählungen,  ist  geeignet,  uns  zu  der  Vermuthung
  zu  führen,  dass  ein  Ueberwiegen  der  weiblichen  Bevölkerung
aufhörte,  wenn  die  naturwidrige  Verminderung  der  Männer  durch  Auswanderung ­
  (wie  in  Deutschland)  oder  durch  Kriege  (wie  in  Frankreich,
unter  besonderer  Berücksichtigung  der  ununterbrochenen  Soldatenopfer
in  Algerien)  ihr  Ende  nähme.  Nach  den  grossen  Kriegen  überwog  die
weibliche  Bevölkerung  auch  in  Belgien.  Bei  der  Zählung  vom  Jahre  1  829
betrug  dieses  Mehr  auf  jede  Million  Einw.  noch  37,370;  bei  der  Zählung ­
  von  1846  war  der  weibliche  Ueberschuss  auf  jede  Million  nur  noch
2341,  also  höchst  unbedeutend.  Und  nun  fand  sich  1856  sogar  ein
männlicher  Ueberschuss  von  3114  auf  jede  Mill.  Einw.
3)  Die  Sterblichkeit  ist  im  Allgemeinen,  und  namentlich  im  frühesten
Alter,  grösser  beim  männlichen  ah  beim  weiblichen  Geschhchte.  Wir  verweisen ­
  zunächst  auf  die  S.  182  u.  483  abgedruckten  Sterbelisten.*)  In
England  ergaben  sich  1859  auf  je  100,000  Kinder  unter  5  Jahren  bei
den  Knaben  7325  Sterbfälle,  bei  den  Mädchen  nur  6363.  Nach  Marc
d’Espine  [Notice  statistique  sur  les  lois  de  Mortalité  et  de  Survivance)
starben  in  den  Jahren  1838  —  45  im  Kantone  Genf:

am  ersten  Tage  .
in  der  ersten  Woche
in  der  zweiten  -
in  der  dritten
in-  der  vierten

Knaben  Mädchen
78  63
168  152
68  53
56  39
29  20

im  ersten  Halbjahre
im  zweiten
im  zweiten  Jahre
im  dritten

Knaben  Mädchen
536  420
156  144
223  201
113  108

eine  grössere  Zahl  Knaben,  im  andern  Fall  eine  grössere  Zahl  Mädchen  geboren
werde.  Die  verdienstlichen  Untersuchungen  von  Prof.  Dr.  Itreslau  in  Zürich
haben  auf  Grund  der  Erhebungen  in  dem  genannten  Kantone  die  Unhaltbarkeit ­
  auch  dieser  Behauptung  dargethan.
*)  Nach  Heltft  kommen  von  den  im  ersten  Altersjahre  sterbenden  Kindern
überhaupt  auf  den  1.  Monat  über  25  Proc.,  auf  den  2.  Monat  10%,  den  3.  9,5,
den  4.  9,8,  den  5.  7,7,  den  6.  6,6,  den  7.  6,5,  den  8.  5,5,  den  9.  5,2,  den  10.  5,5,
den  11.  4,8  und  den  12.  4,4%.
Kolb,  Statistik.  4.  Aufl.

32
        <pb n="520" />
        498

ALLGEMEINE  VERHÄI.TNISSE.  -  Sterblichkeit.,

So  war  schon  nach  einem  Jahre  der  ursprüngliche  Unterschied  ausgeglichen, ­
  und  von  da  an  ergab  sich  durch  alle  Altersclassen  eine  Ueberzahl
  der  weiblichen  Bevölkerung.  —  Auch  Quetelet  fand  in  Belgien
(nicht  nur  im  Durchschnitte,  sondern  in  allen  einzelnen  Provinzen),
dass  nach  Ablauf  eines  Jahres  das  Gleichgewicht  bereits  nahezu  hergestellt ­
  war.  Nach  den  Mortalitätslisten  aus  England  vom  Jahre  1841  war
dort  die  Ueberzahl  der  Knaben  schon  etwas  vor  vollständigem  Ablaufe
des  ersten  Jahres  verschwunden.  In  Preussen  hat  der  treffliche  Beobachter ­
  Engel  ermittelt,  dass  die  Sterblichkeit  der  Frauen  die  grössere  ist
blos  in  den  Jahren  10—14,  dann  25—40,  endlich  über  GO;  in  allen
anderen  ist  sie  geringer.  —  Eine  Aufnahme  in  Oesterreich  im  Jahre
1851  (nicht  im  ganzen  Staate,  sondern  mit  Ausschluss  von  Wien,  Italien,
Dalmatien,  Serbien,  Banat,  Kroatien  und  Slavonien)  ergab  folgende
Zahl  der  Sterbfälle  :
Ehelich  Unehelich

männl.  weibl.  männl.  weibl.
von  Geburt  bis  1  Mon.  incl.  01,080  46,806  8,705  7,567
1-  2  Monate  -  13,407  10,825  2,566  2,202
2-  3  -  -  10,336  8,281  1,806  1,761
3-  -  6  -  18,656  14,850  2,027  2,617
6—  9  -  -  13,243  11,107  1,486  1,431
9—12  -  -  15,036  13,903  1,333  1,401
_  12—18  -  -  17,209  16,071  1,591  1,503
-  I  Yz—2  Jahre  -  13,346  13,200  075  1,028
2—  3  -  -  15,512  14,448  984  1,055
3—  4  -  -  9,325  0,007  516  585
4—  5  -  -  8,053  7,346  405  480

Zusammen  in  5  Altersjahren  106,103  166,343

23,384  21,819

Von  1000  Lebendgebornen  starben  also  schon  im  Geburtsjahre  ;
männlich  weiblich  Unterschied
eheliche  Kinder  248  212  36
uneheliche  -  361  342  10

In  Frankreich  erschienen  1854  {Siatisii^ue  de  la  Fra7ice,  deuxième
série,  tome  4)  schon  bei  den  Todtgebornen  :  die  Knaben  mit  23,544,
gegen  nur  10,234  Mädchen.  Auf  100  todtgeborne  Mädchen  kamen  also
nicht  weniger  als  145,03  todtgeborne  Knaben,  und  zwar  stellt  sich  bei
diesen  Todtgeburten  das  Verhältniss  ziemlich  merkwürdig;  auf  je  100
todtgeborne  Mädchen  ;

ehel.  Knaben
im  Seinedepartement  124,77
in  den  übrigen  Städten.  142,31
auf  dem  Lande  .  .  .  157,67
Mittelzahl  140,87

unehel.  Knaben
132,38
116,97
108,78
116,89

Gesammt-Todtgeborten

126,90
137.03
152,37
145.03

Von  10,000  Lebendiggebornen  starben  dann  im  1.  Jahre:  1844
Knaben,  1507  Mädchen,  Unterschied  337  I  In  den  nächsten  3  Jahren
starben  von  den  übrig  gebliebenen  8150  Knaben  wieder  1078,  von  den
8493  Mädchen  (also  einer  grösseren  Anzahl  1)  nur  1040.
In  Folge  dieser  Verhältnisse  erlangt  die  weibliche  Bevölkerung
durchschnittlich  ein  längeres  Leben,  als  die  männliche  ,  wie  dies  im  Allgemeinen ­
  aus  allen  Sterblisten  zu  ersehen  ist  (vergl.  S.  483  u.  480).
Wir  erwähnen  hier  nur  noch,  bezüglich  der  einzelnen  Schwankungen,
        <pb n="521" />
        ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Sterblichkeit.

499

Folgendes  :  Mit  dem  Beginne  der  Mannbarkeit  tritt  in  der  Regel  für  beide
Geschlechter  ein  Minimum  der  Todesfälle  ein.  Dann  erfolgt  eine  Vermehrung ­
  derselben,  zunächst  bei  den  Frauen  ;  nur  in  dieser  kritischen
Periode  (in  der  die  ersten  Wochenbetten  mehrfache  Opfer  fordern)  haben
sie  stärkere  Verluste  als  die  Männer.  Bei  den  letzten  erfolgt  die  Steigerung ­
  etwas  später;  vom  21.  —  25.  Jahre  stellen  sich  bei  ihnen  ansehnliche ­
  Einbussen  ein;  kaum  ein  Zweifel,  dass  die  grosse  Sterblichkeit  im
Militär  auf  die  betreffende  Ziffer  ein  wirkt.  Darauf  mit  30  Jahren  ein
zweites  Minimum  bei  den  Männern.  Vom  40.  Jahre  an  starke  Zunahme
der  Sterblichkeit  bei  beiden  Geschlechtern.
In  England  berechnete  man  die  längere  Lebensdauer  der  Frauen
durchschnittlich  zu  2  Jahren;  Milnes  fand  sie  in  Schweden  3,2,  Marc
d’Espine  in  Genf  3,5  Jahre.  Für  Frankreich  ermittelte  Legoyt  1851
bis  1853  einen  noch  viel  grösseren  Unterschied,  und  zwar  sowol  was
das  mittlere  Alter,  als  was  die  wahrscheinliche  Lebensdauer
betrifft,  nemlich  :
Wahrsch.  Lebensdauer  der  Männer  36  J.  3  M.  Mittleres  Alterd.  Männer  35  J.  3M.
-  Frauen  40  -  -  Frauen  42-lOM.
Untersch.  zu  Gunsten  der  Frauen  3  J.  9  M.  Untersch.  zu  Gunsten  d.  Fr.  7  J.  7  M.
Unter  den  Versicherten  der  Gothaer  Lebensversicherungsbank  war
nach  den  genauen  Beobachtungen,  welche  Hopf  im  Bulletin  de  la  Commission ­
  centrale  de  statistique  de  Belgique  Tom.  VIII.  pg.  507  mittheilt,
in  den  Altern  von  20—40  Jahren  die  Sterblichkeit  des  weiblichen  Geschlechts ­
  noch  einmal  so  gross  wie  die  Sterblichkeit  des  männlichen; ­
  vom  40.  bis  60.  Jahre  war  die  Sterblichkeit  beider  Geschlechter
gleich,  vom  60.  bis  70.  Jahre  war  die  Sterblichkeit  der  Frauen  geringer ­
  als  die  der  Männer,  und  jenseits  des  70.  Lebensjahres  wurde
sie  wieder  grösser.
Einwirhingen  guter  und  schlimmer  Jahre  auf  die  Lebensverhältnisse,
Wie  gross  diese  Einwirkung,  haben  wir  schon  gelegentlich  angedeutet
(z.  B.  S.  55  —  58,  Frankreich,  Zahl  der  Heirathen,  Geburten  und
Sterbfiille  in  guten  und  schlimmen  Jahren).  »Es  klingt  eben  nicht  poetisch, ­
  ist  aber  trotzdem  wahr,  dass  die  Menge  der  Ehen  in  jedem  Jahre
von  den  Kornpreisen  abhängt.  Je  wohlfeiler  das  Brod,  desto  mehr  Ehen,
und  umgekehrt.«  Sodann  kann  man  bei  jeder  Truppenaushebung  wahrnehmen, ­
  ob  das  Jahr,  dem  die  Aufgebotenen  angehören,  eine  reiche,
mittlere  oder  schlechte  Emdte  geliefert  hatte.  Die  Conscribirten  aus
1  heuerungs-  und  Nothjahren  bleiben  nicht  nur  der  Menge  nach  unter
der  Mittelzahl,  sondern  sie  sind  auch  im  Durchschnitte  weniger  kräftig
und  kleiner,  indem  verhältnissmässig  weit  inehr  von  ihnen  als  sonst
das  Normalmaas  nicht  erreichen.*)  So  bestätigt  sich  die  Bemerkung  des
trefflichen  Quetelet;  »Es  scheint,  dass  Nothjahre  ihr  Gepräge  der  menschlichen ­
  Gattung  tief  eindrücken,  ganz  so,  wie  strenge  Winter  ihre  Spur
in  dem  Holzwuchse  unserer  Wälder  zurückzulassen  pflegen.«  —  Besonders ­
  erschreckend  treten  aber  die  Wirkungen  der  Theuerungsjahre  in
Man  hat  lange  geglaubt,  die  kinderreichen  Jahre  lieferten  die  meisten
Sterblinge.  Die  Vitalitätstafeln  von  Hermanns  beweisen  die  Unhaltbarkeit  dieser ­
  Unterstellung  wenigstens  als  Regel,  ganz  übereinstimmend  mit  der  oben
erwähnten  Wahrnehmung.

32
        <pb n="522" />
        500  ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Sterblichkeit  der  Armen.

den  Sterblisten  hervor.  In  Russland  ergaben  die  amtlichen  Aufzeichnungen ­
  der  Geburten  und  Sterbfälle  in  den  Jahren  1840—50  einen
durchschnittlichen  Ueberschuss  der  Geburten  von  435,836  ;  im  Nothund ­
  Hungerjahre  1848  hingegen  einen  Ueberschuss  der  Sterbfälle  von
295,943,  —  also  eine  Difterenz  von  mehr  als  730,000  gegen  die  Normalzahl. ­
  —  Man  berechnete  die  Menge  der  Sterbfälle  zu  Paris  in  dem
bedeutenden  Zeiträume  von  1694  bis  1784,  also  von  90  Jahren.  Die
durchschnittliche  Sterblichkeit  betrug  :
in  den  10  theueisten  Jahren  je  21,174  Mittl.  Weizenpreis  pr.Setier  Liv.  21  10  sous
-  -  10wohlfeilsten  -  -  17,529  -  -  -  17.05  -
Weizenpreis  Sterbf.  Weizenpreis  Sterbf.
ZuLondon:  1802  58  Sh.  10  d.  20,508  I  in  7  engl.  Grafsch.  1801  118  Sh.  3  d.  55,905
1800  113  -  7  -  25,6701-  7  -  -  1804  60  -  1  -  44,794
Turin:  5  wohlfeile  Jahre  (1828,  1830,  34—36)  4,638  Todesfälle
5  Theuerungsjahre  (1829,  1831—33,  37)  5,231
Nicander  fand  (Memoiren  der  Academie  von  Stockholm),  dass  in
Schweden  die  Zahl  der  Sterbfälle  durch  die  Theuerung  vermehrt  wurde  :
1762  um  %  ,  1763  um  %,  1772  um  ,  1773  um  */,,  1799  um  '/?,
1800  um  %.  Die  Wirkung  der  Theuerung  tritt  aber  um  so  furchtbarer
hervor,  wenn  berücksichtigt  wird,  dass  es  nicht  die  Gesammtheit  der
Einwohner  ist,  welche  gleichmässig  zu  dieser  SterblichkeitsVermehrung
beiträgt,  sondern  dass  die  Reichen  so  glücklich  sind,  gar  kein  Contingent ­
  liefern  zu  müssen,  wonach  die  ganze  Erhöhung  ausschliesslich  von
den  Aermern  herrührt,  diese  also  nicht  blos  mit  %  ,  */*  u.  s.  f.,  sondern ­
  noch  weit  härter  betroffen  werden.*)
Einßuss  von  Wohlstand  oder  Armuth  auf  die  Sterblichkeit.  Dieser
Einfluss  ist  von  überraschender  Ausdehnung  und  Grösse.  Die  Schriften
von  Benoiston,  Morgan  (Secretär  ácr  Equitable  Society),  Dr.  Casper  und
Quetelet  enthalten  reiches  Material.  Nach  Casper’s  Untersuchungen
leben  von  1000  zu  gleicher  Zeit  geborenen  Menschen:

Wohlhabende  Arme
nach  5  Jahren  noch  943  655
-  10  -  -  938  598
-  20  -  -  866  566
-  30  -  -  796  486
-  40  -  -  695  396
Die  Zahlen  der  ersten
durch  Zusammenstellungen

Wohlhabende  Arme
nach  50  Jahren  noch  557  283
—  60  -  -  398  172
—  70  —  —  2.15  65
—  80  —  —  5  &amp;lt;  9

Colonne  (Wohlhabende)  erlangte  Casper
der  bei  adeligen  Familien  eingetretenen
Sterbfälle,  jene  der  zweiten  (Arme)  aber  aus  den  Listen  der  seit  vielen
Jahren  in  Berlin  verstorbenen  Stadtarmen.  —  Die  durchschnittliche  Lebensdauer ­
  stellte  sich  bei  den  Reichen  auf  50,  bei  den  Armen  nur  auf
32  Jahre.  Der  Zufall,  der  ein  Kind  auf  dem  weichen  Polster  der  Reichen ­
  geboren  werden  liess,  gab  ihm  also  ein  Geschenk  von  vollen  18
Jahren  Lebensdauer  mehr  mit  auf  den  Weg,  als  dem  auf  dem  Strohlager ­
  der  Bettlerin  zur  Welt  gekommenen  Kinde.  Das  Missverhältniss
tritt,  wie  man  sieht,  schon  in  der  frühesten  Zeit,  es  tritt  aber  am  aller-*)

  Seit  ein  starkes  Sinken  des  Geldwerthes  eingetreten  ist,  kann  der  Marktpreis ­
  des  Getreides  aus  zwei  entfernt  von  einander  stehenden  Epochen  (z.  B.
aus  den  1820er  und  1850er  Jahren)  selbstverständlich  nicht  mehr  nach  der  einfachen ­
  Geldziffer  als  Maasstab  der  Wohlfeilheit  oder  Theuerung  gelten.
        <pb n="523" />
        AI&amp;gt;I&amp;gt;GEMEINE  VERHÄETNISSE.  —  Eebensdauer.

501

meisten  im  höheren  Alter  hervor  ,  und  würde  noch  ungleich  grösser  sein
wenn  sich  die  Reichen  nicht  häufig  durch  ein  Uebermaas  von  Genüssen
selbst  das  Leben  verkürzten.  (Siehe  auch  Quetelet’s  wahrhaft  treffliches ­
  Werk  »sur  Ihomme  et  le  développement  de  ses  facultés,  ou  essai
de  Physique  sociale.V.  Paris,  1835.)  Villermé’s  Beobachtungen  stimmen
damit  überein.  So  stirbt  in  dem  mehr  von  Reichen  bewohnten  ersten
Stadtbezirke  von  Paris  jährlich  nur  '/¡g  ,  in  dem  mehr  von  Armen  bewohnten ­
  zwölften  Bezirke  (mindestens)  der  Gesammtbevölkerung.*)
Ebenso  stirbt  in  den  wohlhabenden  Departementen  Frankreichs  jährlich
/4s  1  iîi  den  armen  %g  der  Einwohnerschaft.  Lord  Ebrington  fand  zu
London  eine  durchschnittliche  Sterblichkeit  von  25  per  mille  ,  in  einigen
Quartieren  aber  stieg  sie  auf  40,  während  sie  in  anderen  nur  13  betrug.
Ebenso  ermittelte  er  an  einigen  Orten  eine  mittlere  Lebensdauer  im  Handwerkerstande ­
  von  nur  19  —  20,  in  der  Classe  der  Handelsleute  und
Gentlemen  eine  von  40  —  45  Jahren.  Und  dabei  darf  nicht  übersehen
werden,  welche  bedeutende  Annäherung  der  Ziffern  dadurch  bewirkt
ist,  dass  nirgends  blos  Reiche,  nirgends  bl0s  Arme  wohnen;  schon
der  partielle  Unterschied  erzeugt  solche  Abweichungen.**)
Ah-  oder  Zunahme  der  Lebensdauer.  In  früherer  Zeit  nahm  man,
wol  nicht  ohne  Einwirkung  gewisser  durch  die  Bibel  empfangener  Eindrücke ­
  ,  unbedingt  an,  dass  die  Menschen  vordem  ein  viel  höheres  Alter
erreicht  hätten.  Die  Grundlosigkeit  dieser  Unterstellung  musste  allmählig
  erkannt  werden.  Nun  wurden  aber  die  glänzendsten  entgegengesetzten ­
  Berechnungen  zum  Beweise  einer  ungemein  gesteigerten  Lebensdauer
aufgestellt.  Schon  d’Ivernois  nannte  dies  »eine  Lieblingsthese  der  Doctrinare.« ­
  Es  ist  in  der  neuesten  Zeit  zur  Evidenz  dargethan  worden,  dass
jene  Berechnungen  im  Allgemeinen  auf  irrigen  Grundlagen  beruhen  ,  dass
somit  ihre  Resultate  unhaltbar  sind.  Ein  mathematischer  Beweis  für  die
behauptete  Verlängerung  des  menschlichen  Lebens  lässt  sich  in  Wirklichkeit ­
  nicht  hersteilen  ,  da  es  durchaus  an  dem  nöthigen  Materiale  fehlt,
die  Lebensdauer  nach  den  verschiedenen  Altersclassen  in  den  frühem
Zeiten  zu  ermitteln;  ist  dies  doch  selbst  jetzt  nur  sehr  unvollkommen
möglich.  Auf  die  betreffenden  Verhältnisse  hat  namentlich  Wappäus
hingewiesen.  Am  auffallendsten  trat  aber  die  Sache  hervor,  als  vor

•  TT*^  Villermé  kam  in  Paris  in  den  Jahren  1S22—2ü  ein  Todesfall  :
im  II.  Arrondissement  1  auf  71  Lebende  ;  mittl.  Miethpreis  pr.  Wohnung  605  Fres.
-  I.  -  1  -  (;h  -  _  -  408  -
-  IX-  -  1  -  50  -  -  _  -  .  172  -
-  XII.  -  1-44-  -  _  _  -  148  -

**)  Chadwick  (the  duration  of  life,  London  1844)  kam  zu  folgenden  Resultaten: ­
  Bei  der  Gentry  sterben  bis  zum  5.  Alteryahre  von  100  lebend  geborenen
Kindern  20,  bei  der  Arbeiterbevölkerung  50.  Die  mittlere  Lebensdauer  ist  bei
der  ersten  44,  bei  der  letzten  22  Jahre.
Villermé  hat  aus  den  Altersverhältnissen  von  5419  in  Mühlhausen  zwischen
1823  -34  V^erstorbenen  aus  den  Ständen  der  Fabrikherren,  Kaufleute  bis  herab
zu  den  Arbeitern  in  den  Spinnereien,  die  wahrscheinliche  Lebensdauer  bei  der
Geburt  (oder  die  Zeit,  bis  zu  welcher  die  Hälfte  der  Lebend-Geborenen  gestorben ­
  ist)  und  die  mittlere  Lebensdauer  im  20.  Altersjahre  zu  ermitteln,  somit
eine  Statistik  nach  den  VV'ohlstandsverhältnissen  herzustellen  gesucht.  Er  kam
zu  dem  Resultate,  dass  die  Unterschiede  der  wahrscheinlichen  Lebensdauer  bei
der  Geburt  um  das  Neunfache,  beim  Eintritte  des  20  Jahres  aber  noch  um
mehr  als  die  Hälfte  differirt.
        <pb n="524" />
        502

ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Lebensdauer.

einigen  Jahren  Dr.  Engel  seine  mit  ungewöhnlicher  Sorgfalt  ausgeführte
Abhandlung  über  »das  Durchschnittsalter  der  Gestorbenen  oder  die  sog.
mittlere  Lebensdauer  in  Preussen  in  der  Zeit  von  1816  bis  1860«  veröffentlichte. ­
  Hier  die  wichtigsten  der  von  ihm  gefundenen  Resultate.
Das  durchschnittliche  Alter  der  Geborenen  betrug  nach  Jahren  und  nach
Geschlechtern  ;  Gestorbene

1816—20
1821—30
1831—40
1841—50
1851—60

männliche
26.41
27,19
27.41
26,21
25,24

weibliche
28,80
29,66
29,33
28,30
27,63

zufuimmen
27,57  Jahre
28.39  -
28,34  -
27,23  -
26.40

Da  die  Kinder  im  ersten  Altersjahre  einer  besonders  grossen  Sterblichkeit ­
  ausgesetzt  sind,  so  wurden  eigene  Listen  blos  für  diejenigen  Individuen ­
  angefertigt,  welche  das  erste  Lebensjahr  zurückgelegt  hatten.
Hiebei  ergaben  sich  nun  folgende  Hauptresultate  :
Gestorbene  über  1  Jahr  alt

1816—20
1821—30
1831—40
1841—50
1851—60
Dr.  Engel  bemerkt

männliche
36,65
38,01
36,83
35,85
35,14

weibliche
37,67
38,76
37,64
36,89
36,69

zusainmcn
37,14  Jahre
38.37  -
37,23  -
36.37  -
35,91

_  bezüglich  seiner  ausführlichen  Berechnung  :
»Diese  Tabelle  ist,  weil  eine  Enttäuschung,  gewiss  für  Viele  eine  Trauerbotschaft. ­
  Ihr  Inhalt  ist  auch  frappirend.  Derselbe  widerlegt,  gestützt
auf  so  grosse  Zahlen,  wie  sie  für  ähnliche  Arbeiten  noch  niemals  und
nirgends  verwendet  wurden,  die  süsse  Meinung,  dass  die  mit  dem  Durchschnittsalter ­
  der  Gestorbenen  identificirte  mittlere  Lebensdauer  stetig
wachse  oder  gewachsen  sei.  Er  erklärt  alle  gegentheiligen  Behauptungen
für  irrig.«  —  Dr.  Engel,  der  eben  so  gemüthvoUe  Mensch  als  treffliche
Statistiker,  versuchte  auf  sonstige  Weise  die  gefundenen  Resultate
selbst  zu  entkräften.  Er  unternahm  es,  das  Alter  der  Lebenden  nach
einer  ganz  anderen  Methode  zu  bestimmen,  nemlich,  so  weit  es  sich
thun  lässt,  dasselbe  direct  festzustcllen.  Aber  auch  damit  ist  es  misslungen, ­
  bessere  Ergebnisse  zu  ermitteln.  Von  je  100  Indi\iduen  der
Bevölkerung  kam  nemlich  auf  nachstehende  Altersclassen  folgende  Procentzahl ­
  :
Männliche  Bevölkerung  im  Alter  :  1816  1840  1858
von  14  Jahren  und  weniger  17,87  17,44  17,44
-  über  14—20  Jahren  ...  (?)  6,23  5,10
_  _  20—25  -  ...  2,56  4,64  4,38
_  _  25-32  -  ...  3,43  5,20  6,07
_  _  32—39  -  ...  3,67  4,33  4,90
_  _  39—60  -  ...  (?)  9,07  9,23
_  -00  -  ...  3,33  2,99  2,73
Weibliche  Bewohner  :
von  14  Jahren  und  weniger  17,41  17,08  17,15
-  über  14—60  Jahren  .  .  .  29,86  29,91  29,96
-  -  60  -  ...  3,14  3,11  3  04
(Hier  ist  bes.  auffallend  der  Rückschritt  im  Alter  von  mehr  als  60  Jahren.)
Trotz  des  auch  auf  diese  Weise  gefundenen,  das  erste  Resultat
bestätigenden  Ergebnisses  ,  hegt  Engel  selbst  Zweifel  über  die  Richtig-
        <pb n="525" />
        503

ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Lebensdauer.

keit  beider  zur  Anwendung  gebrachter  Methoden.  Und  in  Wirklichkeit
konnte  das  oben  von  Hopf  mit  Recht  ganz  besonders  betonte  Moment
gleicher  oder  ungleicher  Besetzung  der  verschiedenen  Altersclassen  in
verschiedenen  Epochen,  mit  dem  vorliegenden  statist.  Material  nicht
vollständig  ermittelt  und  gewürdigt  werden.  Die  Verminderung  der  mehr
als  60jährigen  Männer  ist  wenigstens  zum  Theil  unzweifelhaft  den  Kriegen ­
  beizumessen.  Diese  haben  Lücken  erzeugt  in  den  Reihen  derjenigen ­
  Männer,  welche  bei  der  Aufnahme  von  1858  das  60ste  Altersjahr
überschritten  haben  könnten  und,  da  sie  gerade  zu  den  kräftigsten
Jünglingen  gehört,  ganz  gewiss  grossentheils  dieses  Alter  auch  überschritten ­
  haben  würden.  Unsere  Bemerkung  erhält  ihre  Bestätigung
dadurch,  dass  die  Zahl  der  mehr  als  6Ojährigen^rauen  wenigstens  nur
um  0,10  Proc.  abnahm,  während  die  der  Männer  um  das  Sechsfache,
nemlich  um  0,60  Proc.  sank.  Ebenso  bedingt  ein  stärkerer  als  der  gewöhnliche ­
  Ueberschuss  der  Geburten  über  die  Sterbfälle  mit  Noth  Wendigkeit ­
  eine  stärkere  Besetzung  der  jüngern  Altersclassen  in  den  Listen,
somit  ein  Herabdrücken  der  durchschnittlichen  Alterszahl  aller  Lebenden. ­

Es  dürfte  hiebei  zu  beachten  sein,  welche  Resultate  im  Kantone
Genf,  also  in  einem  vom  preuss.  Staate  ziemlich  entfernten  Gebiete,
schon  vor  einigen  Jahren  ermittelt  wurden.  Marc  d’Espine,  der  die  Zunahme ­
  der  Lebensdauer  daselbst  seit  dem  J.  1561  rühmte,  gelangte
gleichwol  schon  1847  zu  der  Bemerkung*.  »Das  mittlere  Alter  scheint
hier  in  den  letzten  30  Jahren  seinen  Gipfelpunkt  erreicht  zu  haben,  und
weiterer  Erhöhung  nicht  fähig  zu  sein.  Die  Lebenserwartung  ist  nach
meiner  Tabelle  (Ergebnisse  von  1838—45  im  ganzen  Kantone)  43,62
Jahre;  nach  Heyer  (Stadt  und  Weichbild)  war  sie  1814—30  47,21  J.  ;
nach  Mailet  (Stadt  allein)  ergaben  sich  1814  —  33  45,08  Jahre.«  Somit
auch  zu  Genf  ein  Rückschlag  in  der  letzten  Periode.
Legoyt  hat  in  Frankreich  umfassende  Erhebungen  über  die  mittlere ­
  Lebensdauer  in  den  verschiedenen  Perioden  des  jetzigen  Jahrhunderts ­
  und  nach  den  verschiedenen  Altersclassen  vorgenommen.  Folgendes ­
  sind  die  erlangten  Hauptergebnisse  (nach  Jahren  und  Monaten).
Männliches  Geschlecht.

1806
—9
J.M.

1810
—14
J.M.

1815
—19
J.M.

1820
—24
J.M.

1825  11830Il835
—29
J.M.

—34
J.M.

—39
J.M.

1840  1845  |1850
—44  —49  —64

J.M.

J.  M.  J.  M

1855
—59
J.M.

Bei  der  Geburt
5  Jahren
-  20  -
-  40
-  60

Bei  der  Geburt
5  Jahren
-  20
-  40
-  60  -

7  30
742
4  33

830
644
2:34
3Í24
7  12

5l32  2  33
6  45'  2  46
4  34  10'37
10  261—!  26
11;13|  3|13
Weibliches  Geschlecht.

34  5
45  6
36  5
25  3
13  3

32|  7  33  8  33
'44  11  45  5  45

5'34  134
2  24  8  24
6  12  10il2
I  I  i

32|  8^4'—|35l  ll36

3  45  10  46!—'47
6  34  10134  9  38
6  26
—  13

3  251  8  25
91211  13

I  1

5'36l
2  47
5  38
26
13

37
47
38
3  26
6  13

1  33
3  45
1136
2  25
3!12

7^8
4  47
6  38
3  26
6,13

4|37
10
10
5
5

3
47j  5
38  10
26  6
13  4
        <pb n="526" />
        504

ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  -  I.ebensdauer.

Hier  tritt  uns  eine  Zunahme  der  Lebensdauer  entgegen,  wenn  auch
mit  einzelnen  Fluctuationen  und  namentlich  einem  beinahe  unbedingten
Rückschlag  im  letzten  Quinquennium.  Der  Fortschritt  im  Ganzen  ist
augenscheinlich,  —  Aehnliche  Ergebnisse  hat  man  in  Belgien  und  in
England  gefunden.
Es  würde  uns  hier  zu  weit  führen,  in  umfassendere  Erörterungen
einzugehen.  Nur  wenige  allgemeine  Bemerkungen  seien  gestattet.  Mathematisch ­
  feststehende  Resultate  lassen  sich  ,  schon  wegen  der  Mangelhaftigkeit ­
  des  Materials  neben  der  Ungeheuern  Schwierigkeit  der  Berechnung ­
  ,  für  die  vergangene  Zeit  nicht  erlangen  ;  wahrscheinlich  hat  indess
während  der  letzten  Jahrzehnte  kein  sehr  bedeutender  Fortschritt  stattgefunden ­
  ;  in  Deutschland  namentlich  verhinderten  dies  die  zahlreichen
Auswanderungen  besonders  von  jungen  Männern.  Dennoch  ist  eine
Verlängerung  der  Lebensdauer  während  der  letztverflossenen  zwei  oder
drei  Jahrhunderte  im  höchsten  Grade  wahrscheinlich.  Das  freilich  nur
ungenügende  Material  deutet  darauf,  dass  das  höchste  Alter  der  Greise
sich  seit  Jahrhunderten  und  Jahrtausenden  ziemlich  gleich  geblieben
ist,*)  dass  aber  die  Zahl  derjenigen  Menschen,  welche  überhaupt  ein
höheres  Alter  erreichen,  und  welche  insbesondere  die  so  gefährlichen
Kinderjahre  überstehen,  sich  sehr  bedeutend  vergrössert  hat.  Damit
stimmen  auch  die  sonst  wahrnehmbaren  Umstände  vollkommen  überein.
Die  Lebensverhältnisse  auch  der  Minderbemittelten  sind  relativ  besser
geworden,  und  die  Nutzanwendung  davon  ergibt  sich  von  selbst,  wenn
wir  berücksichtigen,  in  welchem  Maase  schon  einzelne  gute  oder
schlimme  Jahre  auf  die  Lebensdauer  einwirken.  Uebereinstimmend  damit ­
  zeigt  die  Erfahrung,  das  Seuchen  in  der  Neuzeit  auch  nicht  annähernd ­
  so  furchtbar  wüthen  konnten  ,  wie  früher.  Während  zu  London
im  J.  1603  15,356  Sterbfälle  vorkamen,  was  damals  beiläufig  die  Normalzahl ­
  gewesen  sein  mag  ,  stieg  die  Zahl  im  nächsten  Jahre  auf  97,306,
wovon  68,596  der  Pest  erlagen,  —  dies  wäre  (nach  Farr)  bei  der
jetzigen  Menschenmenge  der  britischen  Hauptstadt  gleich  einem  Verluste
von  600,000  an  der  Pest  Umgekommenen,  Vergleichen  wir  damit  die
Verheerungen  der  ärgsten  neuzeitlichen  Seuche.  In  Folge  der  verschiedenen ­
  Choleraepidemien  starben  zu  London:  1&amp;amp;®%8  6729,  1
14,601  ,  1854  11,661  oder  mit  Dazurechnung  verwandter  Krankheiten
17,919  Menschen  im  letzten  Jahre.  In  ganz  Frankreich  raffte  die  Cholera
hinweg:  1832  102,7  35  Menschen,  1849  100,110,  und  1851  145,541.
In  Preussen  :  1831  32,647,  1832  9,091,  1837  13,325,  1818  26,151,
1849  45,315,  1852  41,238,  1855  30,564.  Wahrlich  ein  grosser  Unterschied ­
  ,  und  Niemand  wird  in  Abrede  stellen,  dass  grössere  Reinlichkeit, ­
  bessere  Nahrung,  Kleidung  und  Wohnung  beitrugen,  die  Seuche
wenigstens  so  weit  zu  beschränken.  —  Wir  bedauern  es,  die  Richtigkeit

*)  In  Frankreich  hat  sich  in  den  Jahren  1653  —  60  eine  Verminderung  in
der  Zahl  den  Hundertjährigen,  welche  gestorben  sind,  ergeben.  Diese
Zahl  betrug:  1853  143,  1854  115,  1855  128,  1856  114,  1857  106,  1858  103,  1859
99,  1660  84.  Natürlich  entscheidet  dieses  Ergebniss  nichts  in  der  vorliegenden
Frage.
        <pb n="527" />
        ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Sterblichkeit  nach  Monaten.  505

der  uns  vorliegenden  Angabe  nicht  prüfen  zu  können,  dass  in  Frankreich ­
  von  den  ISOO  bis  1807  geborenen  Knaben  blos  45%  das  Alter
der  Conscriptionspflichtigkeit  erreicht  hätten,  von  den  1822  bis  1825
Geborenen  dagegen  61%.  Allerdings  werden  die  Listen  in  der  letzten
Periode  genauer  geführt  worden  sein  als  in  der  frühem  ;  gleichwol  lässt
sich  erwarten,  dass  schon  die  Verminderung  der  Pockenseuche  sich  bemerkbar ­
  machen  musste,  denn  die  genannte  Krankheit  raffte  nicht  etwa
blos  die  Schwächlinge,  sondern  oft  die  Kräftigsten  hinweg.  —  In  London ­
  betrug  die  Zahl  der  Todesfälle  von  Kindern  bis  zu  zwei  Jahren  in
der  ersten  Hälfte  des  vorigen  Jahrhunderts  je  zwischen  9  und  10,000;
gegen  Ende  des  vorigen  und  im  ersten  Decennium  des  gegenwärtigen
Jahrhunderts  belief  sie  sich  nur  auf  5  bis  6000  ;  und  doch  war  die
Volkszahl  von  674,350  im  J.  1700,  auf  1’050,000  im  J.  1810  gestiegen. ­
  *)
Sterblichkeit  nach  Monaten.  Dass  die  Sterblichkeit  sich  nicht  gleich
bleibt  in  jeder  Jahreszeit,  ist  bekannt.  Der  menschliche  Körper  ist  ein
so  empfindlicher  Organismus,  dass  es  nur  einer  verhältnissmässig  nicht
grossen  Steigerung  der  Kälte  oder  Hitze  bedarf,  um  diesen  Organismus
zu  schädigen  oder  zu  Grunde  zu  richten.  Während  aber  die  Phantasie
der  Dichter  das  schlimmste  Verhältniss  in  der  Hitze  —  dem  Feuer,
der  Hölle  —  suchte,  erweist  sich  die  Kälte  in  Wirklichkeit  weitaus
als  die  verderblichere  Temperatur.  Folgende  (von  Wappäus  aufgestellte)
Tabelle  mag  dies  zeigen.  Unter  12,000  Todesfällen  im  Laufe  des  Jahres
kamen,  die  Monate  gleich  lapg  angenommen,  auf  den

*)  Ohne  den  folgenden  Berechnungen  jetzt  noch  den  nemlichen  Werth  beizulegen ­
  wie  bei  Herausgabe  der  frühem  Auflagen  unser«  Buches,  wollen  wir
doch  mittheilen,  dass  Finlaison  auf  Grundlage  der  Materialien  der  engl.  Tontinengesellschaften ­
  die  wahrscheinl.  Lebensdauer  so  berechnet:

bei

1695  1785—1825  1695  1785—1825
5  Jahren  40,7  51,58  Jahre  bei  40  Jahren  22,69  29,07  Jahre
10  -  38,07  48,31  -  50  -  17,32  22,62  -
20  -  31,79  41,19  -  00  -  12,45  15,85  -
30  -  26,12  35,74  -  70  -  7,19  10,2  -

Nach  der  gewöhnl.  Weise  berechnet  erlebten  zu  Genf  von  10,000  Menschen  :

10  Alter^jahre  40  Jahre  70  Jahre  90  Jahre

1561  —  1600  480
1601  —  1700  524
1701—1760  601
1761—1800  613
1801  —  1811  694
1814—1833  741
1838—1845  744

206  41  2,3
296  80  3,7
427  145  5
538  Í86  51
529  238  81

Auf  dem  Londoner  statist.  Congresse  von  1860  hob  Edwin  Chadwick  in
der  2.  Section  die  wohlthätige  Wirkung  gesunder  Wohnungen  hervor.  Unter
den  Arbeitern  von  St.  Giles  herrschte  eine  Sterblichkeit  von  30  auf  1000  im
Jahre.  Bei  denjenigen,  welche  man  in  Musterwohnungen  unterbrachte,  sank
die  Sterblichkeitsziffer  bis  aut  13%  vom  1000  herab.
        <pb n="528" />
        506  ALLGEMEINE  VERHÄI.TNISSE.  —  Sterblichkeit  nach  Monaten.

Monat

18*%.

i8*y«,

pa
18*%,

1  ã
18*%,

I  5  cs

X
18*%.

,  %
18*%;  18*%,'  18»%

S  I

Januar  ,
.Februar
März
April
Mui
Juni
Juli.
August
September
October  .
November
December

1140
1162
1067
1045
860
834
910
1084
1021
910
984
983

1143
1234
1278
1186
978
876
828
855
880
879
919
935

1153
1030
1051
1066
1041
918
876
975
976
924
985
1005

1253
1215
1208
1137
1076
956
853
839
866
830
845
972

1191
1094
1097
1020
947
941
917
954
992
908
918
1020

1170
1155
1231
1149
1044
925
815
878
935
846
900
951

1084
1114
1179
1179
1108
965
971
882
801
828
909
980

1181
1140
1143
1183
1127
944
844
839
884
880
916
919

994
1151
1211
1178
1072
844
760
821
1019
950
1068
992

Differenz*)  I  328  I  450  I  277

423

283  I  416  I  378  I  344

451

Durchgehends  sind  es  die  kalten  Monate,  welche  eine  übergrosse
Menschenmenge  hinwegraffen,  ja  in  der  Regel  sind  sie  es  allein,  welche
eine  das  jährliche  Mittel  überschreitende  Anzahl  Opfer  fordern.  Die
heisse  Jahreszeit  vergrössert  zwar  ebenfalls  die  Sterblichkeit,  doch  nur
wenig,  blos  höchst  ausnahmsweise  bis  zur  Durchschnittszahl.  Natürlich
müssen  die  schädlichen  Temperatureinflüsse  eine  gewisse  Zeit  hindurch
auf  den  Körper  eingewirkt  haben,  ehe  die  Zerstörung  erfolgen  kann.
Dies  gilt  namentlich  von  der  Hitze.  Die  Kälte  aber  wirkt  verderblich
sowol  alsbald  nach  ihrem  Eintrit,  als  auch  noch  lange  nachher.  Allerdings ­
  stellt  sich  mit  derselben  gewöhnlich  auch  grösserer  Mangel,  Beschränkung ­
  des  Arbeitsverdienstes  bei  steigendem  Bedarf,  ein.  (Ziemlich ­
  abweichende  Ergebnisse,  die  man  bezüglich  des  Winters  und  Sommers ­
  auf  der  Insel  Island  gemacht  haben  will,  lassen  wir  hier  unerörtert.
Es  scheinen  die  Berechnungen  ungenügend  zu  sein  oder  besondere  Verhältnisse ­
  obzuwalten.)  Ein  Paar  helle,  schneidend  kalte  Januar-oder
Februartage  ,  —  dieses  für  so  gesund  gehaltene  »reine  ,  klare  Wetter«  —
verniehten  oft  die  Existenz  von  1000  und  mehr  Menschen  in  einer  einzigen ­
  Stadt  wie  London  im  Laufe  einer  einzigen  Woche,  über  die  gewöhnliche ­
  Sterbezahl.  Viele  Menschen  sind  nemlich  durch  Alter,
Entbehrung,  chronische  Leiden  oder  Schwäche  so  weit  herabgebracht,
dass  ein  plötzliches  Sinken  der  Temperatur  das  zwischen  der  Vitalität
und  der  Krankheit  gerade  noch  schwankend  erhaltene  Gleichgewicht
zerstören  und  das  Leben  zu  Ende  bringen  kann.  So  lange  die  Respirationsorgane ­
  nicht  zu  stark  in  Anspruch  genommen  werden,  widerstehen
sie  noch  der  Krankheit;  eine  geringe  Vermehrung  des  ungünstigen  Verhältnisses ­
  in  der  einen  Wagschale  genügt  dagegen,  diesem  ungünstigen
Elemente  das  Uebergewicht  zu  verschaffen.
Uebereinstimmend  mit  den  nach  Monaten  gesammelten  Erfahrungen, ­
  dass  in  gemässigten  Climaten  nicht  die  Wärme,  sondern  die  Kälte
es  ist,  welche  den  menschlichen  Organismen  am  meisten  schadet,  sind
die  Berechnungen  nach  Jahren  (obwol  uns  deren  zur  Zeit  noch  wenige

*)  Zwischen  Maximum  und  Minimum.
        <pb n="529" />
        ■m

jjí

ALLGEMEINE  \'ERHÄLTNISSE.  —  Sterblichkeit  nach  Gewerben
vorliegen).  So  fand  Moser  (»Gesetze  der  Lebensdauer,«  Berl.  183
Königsberg,  dass  die  mittlere  Jahrestemperatur  (-*-  6  ®)  und  die  mi
Sterblichkeit  (1877  Todesfälle)  auf  die  beiden  Jahre  1818  und  25  tra
die  geringste  Sterblichkeit  (1638  Todesfälle)  in  dem  wärmsten  Ja
1822  (Mitteltemperatur  +7®),  dagegen  die  grösste  Sterblichkeit
kältesten  Jahre,  1826,  vorkam,
Sterblichkeit  in  den  verschiedenen  Ständen,  namentlich  den  einzelnen
Handwerken.  Im  vorigen  Jahrhunderte  glaubte  man  durch  Herstellung
allgemeiner  Sterblichkeitstabellen  das  Höchste  zu  leisten.  Indessen
musste  man  sich  allmählig  überzeugen,  dass  ein  grosser  Unterschied  in
der  Mortalität  von  Angehörigen  der  verschiedenen  Stände  besteht.
Villermé  [tableau  de  T  état  physique  et  moral  des  ouvriers)  und  Casper
(»die  wahrscheinliche  Lebensdauer  des  Menschen,«  Berlin  1835,  dann
in  seiner  Wochen-  und  Vierteljahrsschrift)  waren  es  namentlich,  welche
diesen  Zweig  der  Statistik  förderten.  Sonst  befasste  man  sich  meistens
nur  mit  den  s.  g.  gelehrten  Ständen,  den  Geistlichen,  Juristen,
Aerzten  und  Lehrern,  *)  und  verfuhr  auch  bei  der  blossen  Berechnung
meistens  in  einer  nicht  ganz  richtigen  Weise.  Der  Frankfurter  Arzt  de
Neufville  hat  die  Sterblichkeitsverhältnisse  in  den  einzelnen
Handwerken  bei  gehöriger  Classification  näher  zu  ermitteln  gesucht
(»Lebensdauer  und  Todesursachen  22  verschiedener  Stände  und  Gewerbe,
nebst  vergleichender  Statistik  der  christlichen  und  israelitischen  Bevölkerung ­
  Frankfurt’s.  Frankfurt,  1  855.«).  Das  von  de  Neufville  benutzte
Material  umfasste  alle  Sterbfälle  in  der  Stadt  Frankfurt  während  der  33
Jahre  von  1820—52:  die  Gesammtzahl  dieser  Todesfälle  war  6867.
Darunter  befanden  sich  1782  ,  bei  denen  speciell  die  Art  der  Krankheit
angegeben  war.  Er  fand  als  mittleres  Alter  der  zu  Frankfurt  Gestorbenen ­
  ,  bei  den

Weissbindern,  Malern,
Lakirern  ....
Schuhmachern  ,  .  .
Buchdruckern  .  .  .
Schreinern  ....
Schlossern  u.  Schmieden
Jkhneidern  ....
Steinmetzen  und  Bildhauern ­

Schriftsetzern,  Schriftund
  Zinngiessern
Lithographen  u.Kupferstechern ­


Jahre  Monate

Jahre  Monate
Geistlichen  .  .  .  .  65  11
l^ehrern,  Gärtnern  und
Metzgern  ....  56  10
Kaufieuten  ....  56  9
Gerbern  56  7
Fischern  und  Schiffern  55  9
Juristen  und  Cameralisten ­
  .  ...  54  3
Aerzten  u.  Wundärzten
1.  Classe  ....  52  3
Bäckern  51  6
Bierbrauern  ....  50  6
Zimmerleuten  ...  49  2
Maurern  48  8
Indess  ist  diese  Liste  nur  mit  Vorsicht  zu  gebrauchen,  da  sich  die
freie  Stadt  Frankfurt  in  sehr  exceptionellen  Verhältnissen  befindet.**)  Es

47
47
47
46
46
45
43
41
40

6
3
4
3
4
10

10

*)  Dies  geschieht  auch  in  der  sonst  sehr  schätzbaren  Schrift  von  Escherich
  :  »Hygienisch-statist.  Studien  über  die  Lebensdauer  in  verschiedenen  Ständen, ­
  auf  Grund  von  15,730  registrirten,  gleichzeitig  lebenden  öffentlichen  Beamten ­
  (Aerzte,  katholische  und  protestantische  Geistliche,  Schullehrer,  Forstund
  Justizbeamte)  des  Königreichs  Bayern.«  Würzburg,  1854.
**)  In  Berlin  fand  man  bei  17,625  (in  der  Periode  1855—60)  vorgekommenen ­
  Sterbfällen  nachbemerktes  mittl.  Alter:  Bäcker  41,6  Jahre,  Bildhauer
        <pb n="530" />
        508  ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Sterblichkeit  nach  Gewerben.

bedarf  überhaupt  Erhebungen  in  ganzen  Ländern,  um  zu  sichern  Resultaten ­
  zu  gelangen.  Auch  ist  dabei  sehr  zu  beachten,  dass  einzelnen
Gewerben  vorzugsweise  kräftige,  anderen  (z.  B.  den  Schneidern)  vorzugsweise ­
  schwächliche  Knaben  zugewendet  werden.*)  —  In  England
hat  man  die  kürzeste  Lebensdauer  bei  den  Stahlarbeitern,  bes.  bei  den
Trockenschleifern  in  Sheffield  ermittelt.  Die  zweite  Stelle  nehmen  die

41,4,  Brauer  34,3  ,  Buchdrucker  48,3,  Fischer  47,2,  Gärtner  48,4,  Gerber  47,
Kaufleute  47,2,  Kürschner  38,2,  Maler  45,2,  Maurer  47,  Metallgiesser  42,ß,
Schifl'er  41,5,  Schlächter  43,5,  Schmiede41,8,  Schneider  4ß,G,  Schriftsetzer  34,8,
Schuhmacher  49,  Steindrucker  33,  Tischler  44,7,  Zimmerleute  4ß  Jahre.
*)  Wenn  man  die  Sterblisten  der  s.  g.  »gelehrten  Stände«  mit  jenen  der
Handwerker  u.  s.  f.  vergleicht,  darf  nicht  ausser  Acht  bleiben,  dass  die  Letzten ­
  meistens  schon  mit  15  Jahren  ihren  Gewerben  zugerechnet  werden,  die  Ersten ­
  erst  nach  der  Anstellung,  wenn  sie  schon  gegen  30  Jahre  alt  sind.  Studenten ­
  der  Theologie  oder  Medicin  erscheinen  in  den  Todtenlisten  noch  nicht  als
»Geistliche«  oder  »Aerzte.«  Dieses  Verhältniss  lässt  den  Unterschied  im  mittleren ­
  Alter  der  Gestorbenen  grösser  erscheinen  als  er  ist.  —  Wir  fügen  übrigens ­
  die  Hauptresultate  bei,  zu  denen  Escherich  gelangte:  »Alle  gelehrten
Stände  haben  im  Durchschnitte  eine  kürzere  I.ebensdauer  als  die  ununterschiedene
  gleichzeitig  lebende  männliche  Bevölkerung  in  Bayern.  Diese
allgemeinsteWanrnehmung  muss  eine  ebenso  allgemeine  Ursache  haben.  Die  physischen ­
  Existenzbedingungen,  die  psychischen  Einflüsse  können  nicht  bei  allen
Ständen  solche  Lebensgefährdungen  bringen.  Die  geringstbesoldeten,  die  Schullehrer, ­
  haben  im  Durchschnitte  aller  0  Stände  eine  günstigere  Lebenshoffnung,
die  kathol.  und  protest.  Geistlichen  mit  den  festesten  Stützen  von  Seiten  der
Psyche  für  ihre  Lebenshoffnung,  die  Forstleute  bei  der  gesundesten  Lebensweise ­
  in  freier  Luft  können  doch  nicht  concurrirán  in  ihrer  I.ebensdauer  mit  der
un  unterschieden  männlichen  Bevölkerung.  Es  muss  allen  Ständen  gemeinschaftlich ­
  noch  etwas  ankleben,  was  diese  Gunst  der  physischen  und  psychischen ­
  Unterstützungsmittel  in  seiner  Rückwirkung  auf  die  Lebensdauer  üoerbietet, ­
  und  was  der  ununterschiedenen  männlichen  Bevölkerung  nicht  an  gehört. ­
  Es  kann  dieses  Gemeinschaftliche  nur  im  Vorbereitungsmodus  vermuthet
  werden.  Beweis  dafür  auch  die  Thatsache,  dass  beim  Eintritte  in  den
Stand  die  Abweichung  in  der  relativen  Sterblichkeit  zwischen  den  Angestellten
und  Nichtangestellten  am  grössten,  nach  dem  05.  Altersjahre  hingegen  die
Sterblichkeit  bei  den  Angestellten  langsamer  ist.«  —  Die  Forstbeamten
haben  unter  den  0  Ständen  die  langsamste  Sterblichkeit  und  zwar  in  allen  Altersclassen.
  —  Die  protest.  Geistlichen  zählen  die  meisten  Greise,  haben
aber  im  Alter  von  50—00  Jahren  eine  erhöhte  Sterblichkeit.  —  Die  Schullehrer ­
  stehen  den  prot.  Geistlichen  am  nächsten.  —  Die  Justizbeamten
haben  zwischen  dem  00.  und  70.  Altersjahre  eine  erhöhte  Sterblichkeit.  —  Die
kathol.  Geistlichen  haben  besonders  im  Alter  von  45—05  Jahren  ebenfalls
eine  solche.  —  Die  Aerzte  haben  unter  allen  Classen  die  grösste  Sterblichkeit, ­
  am  allermeisten  im  frühesten  Alter;  %  unterliegen  schon  vor  dem  50.
Jahre,  und  ‘®/,,  vor  dem  00!
Bei  Vergleichungen  dürften  die  Verhältnisszahlen  sehr  zu  beachten  sein,
nach  welchen  die  verschiedenen  Gewerbe  1852—54  in  Sachsen  brauchbare  und
unbrauchbare  Militärpflichtige  geliefert  haben  siehe  Engel’s  Mittheilungen  des
statistischen  Büreau’s).  Die  Fischer  hatten  z.  B  42,80%  Untüchtige,  die  Steinmetzen ­
  40,39,  Brauer  52,97,  Zimmerleute  52,28,  Maurer  54,87  ,  Tischler  09,91,
landwirthschaftliche  Knechte  und  Taglöhner  02,37  ,  Bergleute  07,41  ,  Hüttenarbeiter ­
  61,23,  Schuhmacher  70,51,  Schneider  79,94,  Weber  72,77,  Spinner  aller
Art  79,07  ,  Schriftsetzer,  Buchdrucker  85,00,  Lithographen  85,19,  Uhrmacher
88,23,  Lehrer  87,38,  Gymnasiasten  88,00,  Apotheker  92,54.  Im  Ganzen  waren
tüchtig  minder  tüchtig  unbrauchbar
aus  den  Städten  19,73%  9,31  %  70,90%
-  -  Dörfern  20,58  8,17  05,20
        <pb n="531" />
        ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Sterblichkeit  nach  Gewerben.  509

Bergleute  in  Steinkohlengruben  ein,  zum  Theil  in  Folge  der  Unglücksfälle. ­
  *)  —  Ferner  hat  man  in  England  die  Lebenserwartung  für  verschiedene ­
  Alter  so  berechnet**)  :

Altersjahre ­


bei  Arbeit  im  Hause  mit

weiii((  RtiwcKUug  «larker  Bewegung
20  41,8522  Jahre  42,0133  Jahre
30  35,1170  -  34,5022  -
40  27,9113  -  27,8004  -
50  20,5022  -  21,1805  -
60  14,0430  -  15,1413  -
70  8,6490  -  10,4407  -

bei  Arbeit  im  Freien  mit
wenig  Bewegung  starker  Bewegung
37,8017  Jahre  43,4166  Jahre
30,1435  -  36,5832  -
23,0357  -  29,1284  -
17,2754  -  21,9732  -
11,0169  -  15,5635  -
4,5607  -  9,3313  -

Dr.  Guy,  Vorstand  eines  Spitals  zu  London,  unternahm  es,  die
Kranken  seiner  Anstalt  mit  der  nöthigen  Vorsicht  darüber  zu  befragen,
durch  welche  Verhältnisse  sie  zur  Ergreifung  dieses  oder  jenes  Gewerbes
bestimmt  wurden.  Die  Ergebnisse  waren  :

Beweggründe  bei  der  Wahl  :

66

Man  folgt  dem  Gewerbe  des  Vaters
Man  folgt  dem  Gewerbe  des  Bruders ­
  oder  eines  sonstigen  Verwandten ­
  19
Der  Vater  oder  ein  Verwandter  betreibt ­
  ein  ähnliches  Geschäft  .  .  3
Das  Geschäft  ist  im  Geburtslande
vorherrschend  —
Der  Meister  war  befreundet  ...  1

Beschäftigungen  in
gedeckten  Bäumen
sitzend,  nicht  sitzend

69

13
18
2
1

Beschäftigung ­
  im
Freien

Gesammtzahl
  der
FäUe
172

37
24
2
2

*)  Wegen  der  Einzelheiten  verweisen  wir  auf  den  im  Anhang  mitgetheilten
  Vortrag  des  Verfassers.
ln  England  beträgt  die  durchschnittliche  Lebenserwartung  aller  20jährigen
  Männer  onneUnterschied  39,42  Jahre;  —  in  den  63  gesundestenDistricten
ist  die  Zahl  43,46,  dagegen  im  übelsten  der  Minenbezirke  (Merthyr-Tydfil  nur
30,57  Jahre.  —  Eine  noch  nicht  gedruckte,  schöne  Arbeit  von  Frof.  Zeuner
(am  Polytechnicum  zu  Zürich)  über  die  Lebensdauer  der  bergmännischen  und
der  übrigen  Bevölkerung  von  Freiberg  in  Sachsen  ergibt  u.  a.  ;  Im  Alter  von  6
bis  zu  30  Jahren,  bei  den  Frauen  auch  im  späteren,  zeigt  sich  keine  sehr  auffallende ­
  Verschiedenheit  in  den  Mortalitätsverhältnissen.  Dagegen  beginnt  bei
den  Bergmännern  zwischen  dem  30  und  40.  Jahre  schon  eine  grössere  Sterblichkeit, ­
  obwol  sich  die  Zidern  in  der  jüngsten  Periode  günstiger  gestalten.  Von
je  10,000  Individuen  erreichen  ein  Alter  von  90  Jahren  :
Männer  :  Frauen  :
Bergleute  ....  1  12
Nicntbergleute  .  .  10  26
In  dem  Alter  zwischen  30  und  40  Jahren  werden  auch  die  meisten  Bergleute
»bergfertip«,  d.  h.  invalid,  und  im  Allgemeinen  ist  mit  70  Jahren  keiner  mehr
arbeitsfähig.  Die  ungünstigen  Ergebnisse  sind  ohne  Zweifel  herbeigeführt
durch  ärmliche  Lebensweise,  eine  aufreibende  Arbeit  und  (was  bei  einer  allgemein ­
  dürftigen  Lage  immer  vorkommt)  allzu  frühe  Heirathen  (von  den  im  Alter
von  20—25  Jahren  Verstorbenen  waren  18,4  Proc.  verheirathet,  bei  den  Nichtbergleuten ­
  nur  6,6  Proc.).  Die  Fälle  des  Verunglückens  mit  tödtlichem  Ausgange ­
  sind  nicht  ungewöhnlich  zahlreich  (weit  seltener,  als  z.  B.  bei  Maurern
und  Zimmerleuten)  ;  sie  vertheilen  sich  aber  sehr  regelmässig  auf  die  einzelnen
Altersclassen,  in  der  Art,  dass  auf  die  Jüngsten  am  meisten  Unfälle  kommen
(Folgen  von  Unvorsichtigkeit  und  Leichtsinn).  Von  162  tödtlich  geendeten
Unglücksfällen  trafen  62  auf  die  Altersclasse  von  15.  bis  25.  Jahren.
        <pb n="532" />
        510  ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Sterblichkeit  beim  Militär.

Beweggründe  bei  der  Wahl:

Beschäftigungen  in
gedeckten  Räumen

sitzend  nicht  sitzend
War  durch  die  Gemeinde  in  die
Lehre  gegeben  ....  .12  2
Aus  Neigung  zu  dem  Gewerbe  .  .  53  03
Weiss  keinen  besonderen  Beweggrund ­
  15  16
Schwächlichkeit  oder  körperliche
Fehler  8  —
Andere  Beweggründe  (sehr  verschieden) ­
  21  33

Beschäftigung ­
  im
Freien

11

32

Gesammtzahl
  der
Fälle
14
127
31

86

Es  ist  bezeichnend,  dass  unter  503  Individuen  nur  acht  waren,  die
bei  der  Wahl  ihres  Geschäftes  durch  Gesundheitsrücksichten  bestimmt
wurden.  Zudem  ist  die  Rücksicht,  welche  in  dieser  Beziehung  heute
gewöhnlich  vorwaltet,  in  der  Regel  sogar  eine  ganz  verkehrte  :  man  bestimmt ­
  nicht  selten  Knaben  ihrer  Schwächlichkeit  wegen  gerade  zu  solchen ­
  Gewerben,  bei  denen  sie  (in  Folge  des  gebückten  Sitzens)  um  so
gewisser  und  so  schneller  zu  Grunde  gehen  müssen.  Die  Ermittelungen
der  Statistik  werden  dahin  führen,  dass  man  die  Wahl  der  Beschäftigungsweise ­
  inskünftige  weit  mehr  als  bis  jetzt  Rücksicht  auf  die  Körperbeschaffenheit ­
  der  Individuen  nehmen  wird.  —  Den  Opfern  gegenüber,
welche  manche  Beschäftigungsweisen  unbestreitbar  fordern,  ist  es  eine
erhebende  Wahrnehmung,  dass  Arbeit  an  sich  der  Gesundheit  nicht  nur
nicht  schadet,  sondern  dieselbe  stärkt  und  stählt,  und  dass  hinwieder
Trägheit  und  Ueppigkeit  die  nemlichen  Wirkungen  hervorbringen,  wie
ganz  ungesunde  Beschäftigungen.*)
Zwar  langsam  wirkende,  doch  ganz  besonders  mächtige  Todesursachen ­
  sind  vor  Allem  ;  wirkliche  Nahrungssorgen,  Mangel  an  genügenden ­
  Lebensbedürfnissen.  Ein  plötzliches  Verhungern  tritt  äusserst  selten
ein;  dagegen  fort  und  fort  ein  Verkümmern,  —  ein  allmähliges  Verhungern, ­
  —  gleichsam  Tag  für  Tag  weiter  greifend.
Sterblichkeit  im  Militarstande.  Man  ist  anzunehmen  geneigt,  dass
in  Friedenszeiten  die  Sterblichkeit  beim  Militär  geringer  sein  müsse  als
im  Civil.  Doch  gerade  das  Gegentheil  tritt  als  Thatsache  hervor;  —  die
Sterblichkeit  beim  Militär  ist  wenigstens  um  die  Hälfte  grösser,  zuweilen ­
  noch  einmal  so  gross,  als  im  gleichen  Alter  beim  Civil.  Die  Veränderung ­
  in  den  Lebens-  und  Nahrungsverhältnissen,  die  Verlockungen
zu  einem  in  gewissen  Beziehungen  viel  weniger  geordneten  Leben,  das
Zusammengedrängtsein  in  Schlafsälen  ,  vielleicht  seihst  Mangel  an  jeder
Arbeit  in  der  gewöhnten  Weise,  mögen  am  meisten  zu  den  ungünstigen
Resultaten  beitragen.  Dass  wir  Kriegsstrapazen  und  eine  Verlegung
nach  entfernten  Ländern  hier  ohnehin  ausser  Berücksichtigung  lassen,
versteht  sich  von  selbst.  Wir  reden  zunächst  nur  von  dem  Militärdienste
in  der  Heimath  und  in  Friedenszeiten.  —  Einer  unserer  Freunde,  der
ausgezeichnete  franz.  Medicinalstatistiker,  Oberarzt  Dr.  Boudin,  lieferte ­
  eine  treffliche  Erörterung  in  der  gekrönten  Preisschrift;  Statistique
de  ï  état  sanitaire  et  de  la  mortalité  des  années  de  terre  et  de  mer  (Paris,
184G).  Hier  zunächst  einige  der  von  Boudin  festgestellten  Resultate:

')  Einiges  Nähere  darüber  in  dem  als  Anhang  folgenden  Vortrage.
        <pb n="533" />
        ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Sterblichkeit  beim  Militär.  511
Französische  Armee.  Während  die  Sterblichkeit  bei  der  20
—  30jährigen  Civilbevölkerung  je  10,3  auf  1000  betrug,  war  dieselbe
auf  1000  Soldaten  (zur  Zeit  der  älteren  Bourbone)  :
Ganze  Armee,  Durchschnitt  ....  19,0
Gemeine  von  der  Linien-Infanterie  .  .  22,3
-  -  Garde-Infanterie  .  .  16,7
Unterofficiere  von  der  Linien-Infanterie  10,8
-  Garde-Infanterie  9,0
Die  Gesammtsterblichkeit  war  also  fast  noch  einmal  so  gross,  als  im
gleichen  Alter  beim  Civil.  Das  Verhältniss  bessert  sich  in  dem  Maase;
in  welchem  äusserlich  die  Mannschaft  besser  gestellt  ist.*)
Englische  Armee.  Der  Aufwand  für  dieselbe  ist  grösser,  die
Versorgung  vielfach  besser,  darum  die  Sterblichkeit  geringer  als  im
franz.  Heere.  Und  dennoch  folgende  Ergebnisse  :  Von  der  19jährigen
Bevölkerung  starben  in  England  durchschnittlich  9,2  (in  den  Ackerbaubezirken ­
  nur  7,7)  von  1000  ;  selbst  in  den  ungesundesten  Fabrikstädten
blos  11,9  bis  12,4.  Zu  den  Truppen  nimmt  man  nur  kräftige  Jünglinge,
besonders  zur  Garde.  Die  Sterblichkeit  ist  aber:
Gardereiterei  11  Linieninfanterie  18,7
Linienreiterei  13,3  Fussgarde  .  .  20,4!
Dagegen  :  Polizei  (trotz  des  Nachtdienstes  !)  .  .  8,92  !
Die  Fussgarde  ist  besonders  eng  casernirt,  was  genügendes  Lüften
unmöglich  macht.  Die  grössere  Sterblichkeit  der  Garden,  gegenüber  den
Linientruppen,  dauert,  selbst  wenn  sie  entlassen  sind  ,  fort  !
Britische  Auxiliartruppen  hatten  in  ihrer  Heimath  :
die  Fencibles  (Malteser,  auf  Malta  dienend)  9,0  Sterbfälle  von  1000
die  Hottentotten  auf  dem  Cap  12,5
die  Hindus  in  der  Armee  von  Bengalen  .  .  13,0
die  Hindus  in  der  Armee  von  Madras  .  .  15,0
die  Lascoreyns  auf  Ceylon  25,8
Oesterreichische  Armee.  Nach  Dr.  G.  A.  Schimmer  (Biotik
der  k.  k.  österr.  Armee  im  Frieden)  beträgt  die  jährl.  Mortalität  12,037
M.  ,  was,  den  Armeestand  selbst  zu  653,000  M.  angenommen  (was
jedenfalls  zu  viel  ist),  IS,6  Todesfälle  auf  je  1000  M.  ergibt.  96  Proc.
des  österr.  Heeres  stehen  zwischen  20—24  Jahren,  Die  Sterblichkeit
beim  Civil  ist  in  diesem  Alter  1  :  74,5,  in  der  Armee  aber  1  :  57,3.
Pre  ussische  Armee.  Wir  lassen  zunächst  einige  Bemerkungen ­
  über  dieses  Heer  folgen,  welches  früher  die  kürzeste  Dienstzeit,
und  damit  auch  die  geringste  Sterblichkeit  hatte.  In  der  Periode  von
1821—30  betrug  dieselbe  bei  den  Männern  im  20—25.  Altersjahre  im
Civil  10,1  vom  Tausend,  beim  Militär  11,7.  Die  Mortalität  war  also
immerhin  grösser  als  im  bürgerlichen  Leben,  obwol  man  eben  erst  blos

*)  Dr.  Bertillon,  Hospitalarzt  von  Montmorency,  hebt  in  seiner  Schrift
»Statistique  des  Causes  de  Décès»  her\or  :  Er  selbst  habe  nachgewiesen,  dass  die
Sterblichkeit  im  Allgemeinen  seit  dem  vorigen  Jahrhunderte  für  alle  Altersclassen
  geringer  geworden;  Vergleichungen  der  beiden  Perioden  1817—31  und
1840—49,  nach  den  verschiedenen  Methoden  der  Wissenschaft  versucht,  Hessen
aber  keinen  Zweifel,  dass  in  der  letzten  Periode  die  Mortalität  unter  den  Jünglingen ­
  erschreckend  zugenommen,  besonders  zwischen  dem  20.  und  25.  Altersjahre  ;
dabei  sei  es  bezeichnend,  dass  das  weibliche  Geschlecht  dieser  Verschlimmerung
entging.  Bekanntlich  war  die  Truppenzahl  von  1817—30  geringer  als  in  der  Folge.
        <pb n="534" />
        512  ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Sterblichkeit  beim  Militär.

die  gesündesten  und  stärksten  Jünglinge  ausgehoben  hatte.  Und  jene
Ziffer  bezeichnete  schon  damals  nicht  den  ganzen  Umfang  des  Menschenverlustes ­
  ,  weil  viele  Schwererkrankte  aus  dem  Heere  entlassen  und
später  den  Todten  des  Civilstandes  zugezählt  wurden,  während  sie
eigentlich  auf  die  Sterbliste  der  Soldaten  gehören.  —  Das  erste  preuss.
Armeecorps,  welches  allerdings  die  stärksten  Verluste  erlitt,  hatte*)  in
dem  Jahrzehnt  1850—59  durchschn.  17,6  Todesfälle  auf  1000  wirkl.
präsente  Soldaten,  nach  Abrechnung  der  als  Invaliden  Entlassenen  !
Hiezu  kamen  aber  noch  je  51,06  jener  Invaliden,  zus.  also  ein  Gesammtverlust
  von'68,66  1  (In  der  kurzen  Zeit  vom  1,  Apr.  1859  bis  Ende
Juni  1860  waren  in  diesem  einen  Armeecorps  248  M.  als  Invaliden  und
überdies  662  als  dienstuntauglich  entlassen  !)  Allerdings  stellte  sich  die
Ziffer  bei  den  übrigen  Armeecorps  geringer,  doch  durchgehends  sehr
hoch,  wenn  man  die  Entlassenen  mit  in  Anschlag  bringt.**)
Piem  ontesische  Armee.  In  den  Jahren  1834—43  war  die
Sterblichkeit  der  Truppen  in  Piemont  und  Savoyen  15,8  vom  Tausend
[auf  Sardinien  sogar  23,5),  während  sie  bei  der  entsprechenden  Civilbevölkerung
  nur  9,2  betrug.
Spanische  Armee.  Es  wurden  in  den  Spitälern  Militäre  verpflegt
1860  1861

Offir.  Soldat.  Offlc.  Soldat.
in  den  Militärspitälern  .  .  .  792  119,907  112  64,514
in  den  Civilspitälern  .  .  .  1328  312,929  1138  219,398
Zusamnien  2120  432,836  1250  1^83^942
Bios  in  den  Militärspitälern  sind  gestorben  ;
1860  56  Officiere  und  4515  Soldaten
1861  11  -  -  1862

1860  fand  allerdings  der  Marokkanische  Feldzug  statt.
Unter  den  Todten  dieses  Jahres  I860  befanden  sich  7  Off.  u.  675
Soldaten  zu  Tetuan.  (Auch  Spanien  erlangte  seinen  milit.  Ruhm  nicht
gerade  wohlfeil.)
Ermittlungen  aus  der  jüngsten  Zeit.  Die  Leistungen  der  Statistik,
—  die  offenen  Darlegungen  der  factischen  Verhältnisse  —  konnten  nicht
ohne  praktische  Beachtung  bleiben.  Es  erfolgten  mancherlei  wirkliche
Verbesserungen  ;  vielfach  bemühte  man  sich  ,  jene  gräulichen  Zahlenergebnisse ­
  zu  beseitigen.  So  hob  der  ñanz.  Kriegsminister  in  einem  Berichte ­
  vom  1.  Oct.  1864  hervor;  in  den  Jahren  1862  und  63  habe  die
durchschnittl.  Sterblichkeit  auf  1000  Mann  im  europäischen  Frankreich
nur  noch  10,  in  Algerien  12  Mann  betragen.  Nach  der  Dauer  der
Dienstzeit  ergebe  sich  folgendes  Verhältniss  ;  auf  1000  M.  unter  den
Fahnen  betrage  die  Sterblichkeit  bei  einem  Dienste  von

weniger  als  1  Jahr  .  .  .  11,45
1—3  Jahren  13,38
3—5  -  9,30

5—7  Jahren  7,40
7—14  -  5,35
darüber  7,11

*)  Nach  der  Broschüre  :  »Die  Militärorganisation  social  und  deutsch  beleuchtet. ­
  Berlin,  1862,«  welche  Schrift  von  einem  Intendanturrathe  herrühren  soll.
**)  Bei  einigen,  eine  sehr  niedrige  Sterblichkeitszifl'er  ergebenden  Berechnungen ­
  hat  man  nicht  blos  die  Entlassenen  ausser  Ansatz  gelassen,  sondern
auch  —  um  die  Todesfälle  auf  eine  recht  grosse  Anzahl  zu  vertheilen,  —  die
ganze  Formationsstärke  der  Corps,  also  mit  Einrechnung  der  gar  nicht  Präsenten, ­
  der  Beurlaubten  u.  s.  f.  zur  Grundlage  der  Rechnung  gemacht!
        <pb n="535" />
        ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  -  Sterblichkeit  beim  Militär.  513

Gegen  die  U  nfehlbarkeit  dieser  Aufstellung  müssen  bescheidene  Zweifel ­
  erlaubt  sein.  Wenigstens  finden  wir  in  der  offic.  Statist,  yén.,  2.  série
tome  11  paye  XXX177/die  Angabe,  dass  im  J.  1S59,  bei  einem  Efiectivstande
  von  500,000  Mann,  18,075  Todesfälle  vorgekommen  seien.
Dies  ergibt  37,3  pr.  1000.  Allerdings  sind  darunter  5868  auf  den
Schlachtfeldern  und  in  den  Ambulanzen  Gestorbene  einbegriffen.  Diese
abgerechnet,  bleiben  aber  immer  noch  12,807  Todesfälle,  d.  h.  25,61
pr.  Tausend  1
Wegen  des  englischen  Heeres  siebe  unten,  S.  516.
Die  durchschnittliche  Sterblichkeit  in  der  preuss.  Armee  ward
auf  dem  Statist.  Congresse  zu  Berlin  nach  ministeriellen  Berechnungen
zu  ungefähr  9,8  auf  1000  angegeben.
Obwol  nun  aber  nicht  in  Abrede  gestellt  werden  kann,  dass  sich
die  Verhältnisse  so  ziemlich  in  allen  Staaten  gebessert  haben,  so  erscheint ­
  doch  die  Grösse  der  Besserung,  welche  in  den  Ziffern  hervortrit,
  theilweise  als  Illusion.  Man  ist  nitht  nur  sorgsamer  in  der  Auswahl
der  Recruten  geworden  ,  sondern  man  hat  insbesondere  die  von  schweren ­
  Krankheiten  befallenen  Soldaten  weit  häufiger  als  sonst  aus  der  Armee
entlassen,  wonach  es  kam,  dass  sie  einerseits  aus  den  Sterblisten  des
Militärs  hinwegblieben,  anderseits  aber  auch  noch  die  Todtenzahl  der
Civilpersonen  vergrösserten.  —  Während  sich  in  der  preussischen
Armee  im  Jahre  1816  auf  je  1000  Mann  etwas  über  2  Entlassungen  als
Invaliden  ergaben,  steigerte  sich  die  letzte  Zahl  in  den  Jahren  184  7—57
auf  ungefähr  4,  um  von  1858  durchschnittlich  auf  15  emporgeschnellt
zu  werden!  Das  Ergebniss  war  natürlich  sehr  bemerkbar:  vor  1858
zählte  man  auf  1000  Mann  ungefähr  3  Invaliden  und  10  Todte,  nachher ­
  zwar  nur  5  Todte,  aber  1  5  als  Invaliden  Entfernte  !  —  Ebenso  lassen ­
  die  furchtbar  zahlreichen  Erkrankungen  keinen  Zweifel,  dass  die
Sanitätsverbältnisse  unter  den  Truppen  nichts  weniger  als  günstig  sind.
Wir  wissen  z.  B.  ,  dass  im  preuss.  Heere  während  des  Jahres  1861
nicht  weniger  als  237,750  Erkrankungsfälle  vorkamen,  von  denen
125,866  die  Aufnahme  in  die  Lazarethe  nothwendig  machten.*)  —  Aus
der  bayerischen  Armee  liegt  uns  eine  Uebersicht  vom  zweiten  Halbjahre ­
  1863  vor,  wonach  während  dieser  6  Monate  46  Mann  gestorben,
daneben  aber  124  als  felddienstuntauglich  entlassen  worden  sind.
Eine  ganz  besondere  Beachtung  verdient  die  erschreckende  Menge
CiQT  Selbstmorde  \m  Militär,  ln  der  preuss.  Armee  kamen  im  J.  1861
103  vor.  In  Frankreich  blos  bei  der  Pariser  Garnison  durchschnittlich
1  auf  2307  Mann.  —  Nach  Schimmer  befinden  sich  in  Oesterreich  unter
1000  auf  gewaltsame  Weise  um  gekommenen  Personen  im  Civil  120,9
'Selbstmörder,  im  Militär  dagegen  nicht  weniger  als  558,3!  —  Die  Be-*)

  Nach  einer  Notiz  in  der  1).  Wehrztg.  wären  in  den  10  Jahren  1829—
1838  in  der  preusH.  Armee,  bei  einem  durchschn.  Bestände  von  150,083  Mann,
je  196,528  Erkrankungs-  u.  2104,3  Todesfälle  vorgekommen,  unter  den  letzten
609,4  am  Typhus.  Es  gibt  dies  13,96  Todte  auf  looo  M.  Die  Zahl  der  Kranken
war  grösser  als  die  der  Soldaten,  d.  h.  jeder  Soldat  kam  durchschn.  mehr  als
einmal  im  Jahre  in  das  Spital.
Kolb,  Statiitik.  4.  Aufl.

33
        <pb n="536" />
        1

514  ALLGEMEINE  VERHÁLTOISSE.  —  Sterblichkeit  beim  Militär.

rechnungen  Adolph  Wagners  ergeben,  dass  auf  je  100  Selbstmorde
männlicher  Civilpersonen,  im  Militär  kommen:
in  Sachsen  (1847—58)  177  Selbstmorde
-  M  ürttemberg  (1846—50)  ....  192
-  Frankreich  (1856—60)  .  253
-  Preussen  (1849)  293
-  Schweden  (1851—55)  423
-  Oesterreich  (1851—57)  .....  643!
Rmsische  Armee.  Hier  stieg  die  Mortalität  sogar  auf  38  vom  Tausend!
Dienst  im  toirklichen  Kriege  und  ausser  der  Heimath.  Wir  reden
nicht  von  den  Gefallenen.  Es  sei  nur  erwähnt,  dass  das  Ergebniss  besserer ­
  Verpflegung  im  Kriege  noch  mehr  hervortritt,  als  schon  im  Frieden. ­
  So  hatte,  nach  den  Angaben  des  den  Gesundheitsdienst  leitenden
engl.  General-Inspectors  Marshall,  die  britische  Armee  in  den  41  Monaten ­
  des  spanischen  Krieges,  abgesehen  von  den  Verwundungen,
durchschn.  auf  1000  Mann  118,0  Todesfälle,  wovon  aber  auf  je  1000
Officiere  nur  37  trafen.  (Dagegen  starben  an  Wunden  durchschn.  nur
42,4  Gemeine,  hinwieder  00  Officiere  auf  1000.)
Wir  haben  S.  100  gezeigt,  wie  gross  die  Sterblichkeit  der  franz.
Truppen  in  Algerien  ist  (über  100,000  Todte,  von  denen  nur  3400
an  Wunden  umkamen),  und  lassen  unten  (S.  510)  eine  Notiz  bezügl.
der  englischen  Colonien  folgen.  Zunächst  mögen  einige  Mittheilungen
aus  dem  Krimkriege  folgen.  Schon  am  2.  Oct.  1854  hatten  die  Briten
auf  34,042  Mann,  ausser  1539  an  der  Alma  Verwundeten,  5238  eigentl.
Kranke,  also  über  151  auf  1000,  ehe  noch  die  eigentlich  furchtbaren
Strapazen  begannen.  In  den  ersten  7  Monaten  des  Krimfeldzuges  betrug ­
  die  Sterblichkeit,  auf  das  ganze  Jahr  berechnet,  05%  blos  an
Krankheiten,  eine  Mortalität,  grösser  als  zur  Zeit  der  Pest  in  London,
und  grösser  als  sie  unter  den  Cholerakranken  ist.  Dank  der  freien
Presse  in  England,  musste  schleunigst  für  Abhülfe  gesorgt  werden,  und
nun  erprobte  sich  eine  gute  Verpflegung:  der  Zustand  der  britischen
Truppen  ward  besser  als  der  der  französischen.  Während  der  0  letzten
Kriegsmonate  zählte  man  unter  den  Kranken  des  Krimheeres  verhältnissmässig
  nicht  viel  mehr  Sterbfälle,  als  unter  den  (natürlich  im  Allgemeinen ­
  gesunden)  engl.  Garden  in  der  Heimath;  ja  in  den  letzten  5
Kriegsmonaten  starben  an  Krankheiten  von  der  Armee  im  Felde  nur
^/g  so  viel,  als  von  den  Truppen  zu  Hause.  Viele  der  Verbesserungen
wurden  später  beibehalten,  und  in  Folge  ihrer  ist  die  Sterblichkeit  der
engl.  Truppen  nun  so  vermindert,  dass  sie  1859  nur  noch  9  vom  1000
betrug,  statt  der  frühem  17,5  (Durchschnitt  v.  1837—40).  —  Im  Fiebrigen ­
  haben  die  parlamentarischen  Untersuchungen  noch  die  höchst
wichtige  Thatsache  festgestellt,  dass  der  Gesundheitszustand  derjenigen
Truppen  am  günstigsten  ist  ,  welche  der  gewöhnlichen  Beschäftigung
nicht  entfremdet  werden.  Dies  zeigte  sich  in  der  Heimath  bei  dem  Corps
der  Royal  Engeneers  (bekannter  unter  ihrer  früheren  Bezeichnung
von  Sappeurs  und  Mineurs)  ;  blos  ein  Wochentag  ist  den  eigentl.  Militärexercitien
  vollständig  gewidmet,  die  andern  Tage  nur  zur  Hälfte  ;
die  übrige  Zeit  wird  mit  gewöhnl.  Arbeit  zugebracht;  gleichwol  erwies
sich  das  Corps  als  militärisch  trefflich  geschult  und  dabei  als  vorzugs-
        <pb n="537" />
        33*

ALLGEMEINE  VERHÄI-TNISSE.  —  Sterblichkeit  beim  Militär.  515
weise  gesund.  Ebenso  hat  man  bei  den  Truppen  in  Indien  gefunden,
dass  diejenigen  Soldaten,  welche  sich  nebenbei  mit  Schneidern  und
Schustern  ,  oder  mit  Buchbinderei,  Uhrmacherei  u.  dgl.  beschäftigen,
sich  in  Aufführung  und  Gesundheit  auszeichnen  ,  unbeschadet  ihrer  militärischen ­
  Brauchbarkeit.*)
Nach  einer  Privatmittheilung  des  Oberarztes  Dr.  Boudin  wäre
wol  nie  für  eine  Armee  im  Felde  so  vortrefflich  gesorgt  gewesen,  wie
für  die  französische  im  italien.  Feldzuge  von  1859  ,  weswegen  nur  geringe ­
  Verluste  an  Krankheiten  vorgekommen  seien.  Dies  ist  ein  Ausnahmefall. ­
  In  der  Regel  kommen  auch  in  den  blutigsten  Kriegen  weit
mehr  Menschen  durch  Krankheiten  als  durch  feindliche  Waffen  um.
W^ir  verweisen  auf  die  S.  22  und  125  angeführten  Beispiele.  Im  russischen ­
  Feldzuge  hatte  Napoleon  schon  zwei  Drittheile  seines  ausgezeichneten ­
  Heeres  eingebüsst,  als  er  Moskau  erreichte,  ob  wol  er  die  Hauptmacht ­
  seiner  Feinde  nur  einmal  zu  einer  Feldschlacht  gebracht  hatte.
Die  schliesslich  siegreiche  russische  Hauptarmee  aber,  zu  der  allmählig
209,800  Mann  verwendet  wurden,  hatte  nach  5‘/*  Monaten  nur  noch
40,290  bei  den  Fahnen!  In  dem  Heere  der  Ver.  Staaten  hatte  man  in
den  zwei  Jahren  vom  1.  Juni  1861  bis  dahin  1863  im  Durchschnitt
jährl.  53,2  Todesfälle  auf  1000  Mann  ;  davon  kamen  nur  8,6  auf  Verwundungen, ­
  dagegen  44,6  auf  Krankheiten.  Bei  den  OHicieren  belief
sich  die  Zahl  der  Todesfälle  durch  Verwundungen  auf  11  %  vom  Tausend,
bei  den  Gemeinen  nur  auf  8*/*  ;  dagegen  die  Sterbfälle  durch  Krankheiten ­
  bei  den  Ersten  nur  auf  22,  bei  den  Letzten  auf  46.  {A  Report  to
the  Secretary  of  War  upon  the  Sanitary  Condition  of  the  Volunteer  Army;
by  Fred.  Law  Ohnsted.  —  Mortality  and  Sickness  of  the  Un.  St.  Volunteer ­
  forces,  by  E.  D.  Elliot.)
Hier  ist  auch  die  Frage  wegen  des  Acclim  a  ti  sir  en  s  zu  erwähnen. ­
  In  den  auswärtigen  Besitzungen  der  europ.  Staaten  ist  die
Sterblichkeit  meist  furchtbar.  Man  suchte  durch  langes  Dortlassen  der-*
selben  Regimenter  —  das  »Acclimatisiren«  —  dem  Uebel  zu  begegnen,
vermehrte  aber  dasselbe  damit.  Den  Bemühungen  des  engl.  Obristen
Tulloch  und  den  wissenschaftlichen  Nachweisungen  des  franz.  Oberarztes ­
  Dr.  Boudin  gelang  es,  das  entgegengesetzte  System,  das  des  häufigen ­
  ^Vechsels,  wonach  kein  Corps  über  3  Jahre  in  einer  Colonie  verbleiben ­
  soll,  zur  Geltung  zu  bringen,  weil,  je  länger  der  Mensch  in  ungesundem ­
  Clima  verbleibe,  sein  Körper  desto  hinfälliger  werde.  Und

*)  In  der  piemontesischen  Abgeordnetensitzung  v.  2.  Febr.  1857  bekl^c
sich  der  Kriegsminister  über  die  Verminderung  der  ihm  zur  Verfügung  gestellten ­
  Mannschaftszahl;  von  den  10,000  M.,  welche  aus  der  Altersclasse  1830  auL
geboten  worden,  seien  nach  5  Jahren  nur  noch  5709  vo^anden  gewesen,  sonach
4291  in  Abgang  gekommen;  ebenso  von  der  1831er  Classe  4024  in  Jahren.
Solche  Menschenconsumtion  erregte  grosses  Erstaunen.  Der  .  Iimster
tbeilte  nun  weitere  Ziffern  mit,  die  uns  zu  folgenden  Kesulteten  fuhren.  Von
den  10,000  Aufgebotenen  wurden  1320  an  die  Marine  überwiesen  «der  aus  Familienrücksichten ­
  entlassen  etc.  Blieben  also  noch  8080.  Hievon  aber  starben
1120  (also  über  12,9%!)  und  als  körperlich  unbrauchbar  mußten  aus  dem  Dienste
noch  entlassen  werden  1850  (über  21,3%),  —  Gesammteinbusse  über  34  /,,  wozu ­
  freilich  der  Krimfeldzug  nicht  wenig  beigetragen  haben  mag.
        <pb n="538" />
        516  ALLGEMEINE  \'T1RHÄLTNISSE.  —Sterblichkeit  in  Gefängnissen.

nun  erlangte  man  folgende  Resultate:  Sterbfälle  auf  je  1000  M.  bei  dem
Systeme

Colonien  :  des  Accli-  des
matisirens  Wechsels
Gibraltar  ...  22  12,2
Malta  ...  18,7  18
Ionische  Inseln  28,3  13,4
Bermudas  .  .  52,1  11,0
Cap  ....  15,5  12,7
St.  Helena  .  .  33  8,8

Colonien  :  des  Accli-  des
matisirens  Wechsels
Mauritius  .  .  30,1  22,3
Jamaika  .  .  .  128,0  39,7
Kleine  Antillen  82,5  59,1
Ceylon  ...  75  44,2
Durchschnitt  48,58^  24,2

In  Ostindien  unterlagen  dem  Clima  seit  Anfang  des  jetzigen  Jahrhunderts ­
  jedenfalls  über  150,000  Soldaten.  Selbst  vom  blos  finanziellen
Standpunkte  betrachtet,  ist  dies  ein  ungeheuerer  Verlust;  jeder  Mann
kostet  bis  zur  Landung  in  Indien  ungefähr  100  £.
Seedmist.  Nach  dem  sorgsamen  engl.  Beobachter  A.  M.  Tüll  och
{Comparison  on  the  sickness,  mortality  and  prevailing  diseases  among  sea~
men  and  soldiers;  London  1841)  ergaben  sich  für  Grossbritanien
folgende  Verhältnisse  auf  einen  Effectivstand  von  je  1000  Mann:
Gesammtmacht  davon  im  Mittelmeere

Marine
1304
11,1
25,7

Landtruppen  Marine  Landtruppen
krank  929  1204,4  krank  1088
todt  14  19,7  todt  20
entlassen  20  38,1  entlassen  95
Bei  der  engl.  Handelsmarine  betrug  die  Sterblichkeit  im  Durchschnitte ­
  der  8  Jahre  1852  —  50  18,7  von  je  1000  Seeleuten,  am  wenigsten ­
  1852  13,8,  am  meisten  1856  20,4  (22.  Annual  Report  of  the  Registrar-General) ­
  .

Sterblichkeit  in  den  Gefängnissen.  Die  beachtenswerthesten  Resultate ­
  der  »Études  sur  la  Mortalité  dans  les  Bagnes  et  dans  les  Maisons
Centrales  de  force  et  de  correction,  depuis  1822  Jusqu’à  1837;  par  ordre
du  ministre  de  l  intérieur  ,  par  Raoul  Chassinat.  Paris,  1844,  sind:  Die
mittlere  Sterblichkeit  unter  den  Galeerensträflingen  ist  jährlich  4,07%
*bei  einem  durchschnittl.  Alter  der  Sträflinge  von  30,66  Jahren.  Unter
den  Freien  in  diesem  Alter  ist  aber  die  Sterblichkeit  nicht  mehr  als  1,06%.
Es  sterben  also  verhältnissmässig  beinahe  viermal  so  viel  Galeerensträflinge, ­
  als  Freie  (genauer  3,8  1  gegen  1).  Eine  Sterblichkeit  von
4,07  %  tritt  bei  den  Freien  erst  im  Alter  von  63  Jahren  ein,  wonach
(wenigstens  in  gewisser  Beziehung)  jenen  Galeerensträflingen  das  Leben
um  32—33  Jahre  verkürzt  wird.  —  Bemerkenswerther  Weise  ist  die
Sterblichkeit  in  den  »Centralgefängnissen«  (bei  geringeren  Strafen  als
Galeeren)  viel  grösser  als  dort  (was  zunächst  auf  einen  sehr  Übeln  Zustand ­
  der  betr.  franz.  Anstalten  schliessen  lässt].  In  diesen  Centralgefängnissen ­
  kamen  durchschn.  nicht  weniger  als  5,55  Sterbfälle  auf  jedes
100  männliche  Sträflinge,  und  dies  bei  einem  mittleren  Alter  von  30,86
Jahren,  in  welchem  Lebensalter  die  Mortalität  unter  den  freien  Männern
1,09  ist,  so  dass  verhältnissmässig  mehr  denn  fünfmal  so  viel  Sträflinge
als  Freie  (eigentlich  5,09  mal  so  viel)  sterben.  Eine  Sterblichkeit  von
solcher  Grösse  tritt  bei  Freien  erst  im  67sten  Altersjahre  ein.  wonach
sich  eine  Lebensabkürzung  von  36  Jahren  herausstellt.  —  Eine  weit
günstigere  Verhältnisszahl  ergibt  sich  für  die  weiblichen  Sträflinge  in
den  Centralgefängnissen,  noch  um  etwas  günstiger  als  unter  den  (blos
        <pb n="539" />
        AIJ.GEMEIXE  VERHÄLTNISSE.  —  Sterblichkeit  in  Gefängnissen.  517
aus  Männern  bestehenden)  Galeerensträflingen.  Es  ist  nemlich  die  mittlere ­
  Sterblichkeit  3,95  %  ,  bei  einem  durchschnittl.  Alter  von  32,84
Jahren,  in  welchem  die  Sterblichkeit  unter  den  freien  Frauen  1,10  beträgt. ­
  Immerhin  sterben  3'/.  mal  (3,59  mal)  so  viel  Eingesperrte  als
Freie.  Dieses  Mortalitätsverhältniss  entspricht  dem  der  Freien  im  62.
Altersjahre  —  sonach  Lebensverkürzung  um  ungefähr  29  Jahre.—In  demselben ­
  Zeiträume  sterben  also:  100  männliche  Sträflinge  in  den  Centralgefängnissen, ­
  70  weibliche  daselbst,  und  76  Galeerenzüchtlinge  gegen
je  20  Freie.  —  Die  Sterblichkeit  ist  übrigens  unter  den  Galeerensträflingen ­
  im  ersten  Jahre  der  Gefangenschaft  unverhältnissmässig  gross;
dann  schwindet  wenigstens  dieser  Unterschied  (wol  in  Folge  der  Gewöhnung ­
  und  der  streng  geordneten  Lebensweise).  Bei  den  Sträflingen
in  den  Centralgefängnissen  findet  man  im  ersten  Jahre  keine  besondere
Steigerung  der  Mortalität  (über  das  in  diesen  Instituten  gewöhnliche
Verhältniss  hinaus).  —  Die  I.änge  der  Strafdauer  äussert  im  Ganzen
keinen  wahrnehmbaren  Einfluss.  Dagegen  ist  die  Mortalität  unter  den
Rückfälligen  geringer,  als  unter  den  zum  ersten  Male  Eingesperrten ­
  (sie  haben  die  Eindrücke  der  Scham,  des  Kummers  und  Grames
schon  überwunden).  Nach  Ständen  geschieden  ist  die  Sterblichkeit
am  grössten  :  «)  unter  den  Landleuten,  Soldaten,  Seeleuten,  Vagabunden ­
  und  Bettlern  ;  dann  kommen  mit  einer  geringen  Ziffer  b)  Diejenigen,
welche  ein  sog.  »actives«  Gewerbe  trieben  ;  hierauf  c)  die  von  freien  Gewerben ­
  und  Künsten  ;  endlich  d,  die  ein  sitzendes  Gewerbe  in  den  Städten ­
  Betreibenden.  Die  Verhältnisszahlen  der  Mortalität  sind:  151,  147,
132  und  130.
Nicht  blos  in  Frankreich,  sondern  im  Allgemeinen  überall  ist  die
Sterblichkeit  in  den  Gefängnissen  eine  weit  grössere  als  unter  der  freien
Bevölkerung.  Um  die  richtige  Verhältnisszahl  zu  ermitteln,  muss  immer
berücksichtigt  werden,  dass  sich  die  Eingekerkerten  der  grossen  Mehrzahl ­
  nach  in  den  besten  Altersjahren  befinden.
Die  Wirkungen  der  Einzel  zellenhaft  auf  Körper  und  Geist
scheinen  uns  auch  jetzt  noch  keineswegs  festgestellt.  Nach  Füesslin
(früher  Inspector  des  Männerzuchthauses  in  Bruchsal,  in  seiner  1855
veröffentlichten  Schrift:  »Die  Einzelhaft«)  hatte  die  Sterblichkeit  nur
11,1  vom  Tausend  betragen  ,  oder  mit  Einschluss  der  Selbstmörder  17,7.
Indess  ist  diese  Aufstellung  unhaltbar,  indem,  wie  schon  Wappäus  bemerkt ­
  hat,  die  Todesfälle  auf  die  Gesammtsumme  der  im  Laufe  eines  Jahres ­
  Verhafteten  vertheilt  sind,  statt  auf  die  wirkliche  Durchschnittsbevölkerung; ­
  darnach  allein  schon  steigen  jene  Zahlen  auf  23,2  und  28.
Eine  Hauptfrage  betrifft  aber  speciell  die  Geisteskrankheiten.  Nun  führt
Füesslin  für  die  5  Jahre  1850—54  und  bei  einer  (zu  hoch  angenommenen) ­
  Durchschnittsbevölkerung  von  607  Individuen,  —  1&amp;amp;  hälle  »eigentlicher ­
  Seelenstörungen  und  schwerer  Geisteskrankheiten«  auf.  Hieran
reihten  sich  aber  noch  21  weitere  Fälle  von  »Mentalaffectionen,  welche
den  Namen  von  Seelenstörungen  nicht  verdienen«  sollen,  und  endlich
6  Selbstmorde  und  »mehre«  Selbstmordversuche,  —  abgesehen  von  »3
tödtlichen  Unglücksfällen.«  Wir  müssen  gestehen,  diese  Ergebnisse  nichts
weniger  als  befriedigend  zu  finden.
        <pb n="540" />
        518  ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Lebenskräftigkeit  nach  Racen.
Lebenskräftigkeit  der  verschiedenen  Racen  und  Stä?nme.  Wenn  wir
das  Hinschwinden  der  eingeborenen  amerikanischen  Stämme  betrachten  ;
wenn  wir  wahrnehmen,  wie  diese  Indianer  der  Kraft  ermangeln,  in  Berührung ­
  mit  Europäern  zu  leben,  so  haben  wir  einen  Beweis,  dass  die
Lebenskräftigkeit  der  verschiedenen  Racen  nicht  die  gleiche  ist.  Diese
Wahrnehmung  war  bekanntlich  die  nächste  Veranlassung  zur  Begründung ­
  der  Negersclaverei  in  Amerika.  Und  wirklich  beweist  die  Zunahme
der  Schwarzen  in  den  Vereinigten  Staaten,  ungeachtet  ihrer  entsetzlichen
Lage,  einen  hohen  Grad  von  Lebenszähigkeit.  Haben  sie  sich  doch  in
den  »Sclavenstaaten«  weit  stärker  vermehrt,  als  selbst  die  Freien.  Aber
nur  in  einem  Theile  der  heissen  Zone  ist  dies  möglich.  In  kälteren
Ländern  werden  die  Neger  durch  die  Schwindsucht  weggerafft.  Sogar
schon  in  Algerien  erliegen  sie  diesem  Loose.  Ja  selbst  unter  den  Tropen
gedeihen  sie  keineswegs  überall,  wie  sie  namentl.  auf  den  engl.  Antillen
ohne  die  Emancipation  und  ohne  frische  Zufuhr  allmählig  auszusterben
drohten  (s.  S.  45).  Auf  Ceylon  fand  man  schon  1841  keine  Spur  mehr
von  den  9000  Negern,  welche  die  Holländer  dahin  verbracht  hatten,
und  statt  der  seit  1803  durch  die  Engländer  dort  importirten  4—5000
Schwarzen  waren  damals  nur  noch  2  —  300  vorhanden.  —  Doch  nicht
blos  unter  den  verschiedenen  Racen,  sondern  selbst  unter  den  sich
näher  stehenden  Stämmen  einer  und  derselben  Race  zeigt  sich  ein
grosser  Unterschied  in  der  Lebenskräftigkeit.
I)as  Verpflanzen  nach  andern  Zonen.  Nach  den,  besonders  gelegentlich ­
  der  Colonisation  Algeriens  vorgenommenen  Untersuchungen
(namentlich  des  hochverdienten  Dr.  Boudin)  wird  man  in  der  Regel  den
Satz  aufstellen  können  :  Eine  Verpflanzung  nach  einem  Lande  mit  wesentlich ­
  anderem  Clima  als  die  Heimath  ist  jedem  Stamme  schädlich.
Nur  durch  die  Mittel  einer  höheren  Cultur,  in  gewisser  Beziehung
einem  Emancipiren,  wenn  auch  nicht  von  der  Erde,  doch  von  den
primitiven  rohen  Verhältnissen,  —  nur  durch  ein  I.ossagen  von  der  harten ­
  Arbeit,  zumal  im  Felde,  unmittelbar  unter  den  climatischen  Einflüssen ­
  ,  ist  es  dem  Menschen  möglich,  in  anderen  Zonen  zu  gedeihen.
Die  ganze  Lehre  vom  allmähligen  Acclimatisiren  beruht  auf  Täuschung. ­
  Die  Erfahrung  lässt  keinen  Zweifel,  dass,  je  länger  man  in
einer  solchen,  wenigstens  individuell  und  relativ  ungesunden  Gegend
verweilt,  der  durch  die  Fortdauer  ungünstiger  Einflüsse  immer  mehr  geschwächte ­
  Körper  desto  h  infälliger  wird.  Die  verderblichen  Einflüsse
sammeln  sich  an,  sie  cumuliren  sich  gleichsam.  Den  sprechendsten  Beweis ­
  dafür  liefern  die  Erfahrungen,  welche  man  im  englischen  Heere
machte.  Man  nahm  wahr,  dass  von  1000  Mann  auf  Ceylon  im  ersten
Jahre  44  starben,  im  zweiten  48,7,  im  dritten  49,2.  Bei  der  nemlichen
Anzahl  Soldaten  hatte  man  auf  Jamaika  im  ersten  Jahre  des  dortigen
Aufenthaltes  77  Sterbfälle,  im  zweiten  87,  in  den  folgenden  93.  Auf
Guyana  wechselte  die  Zahl  innerhalb  11  Jahren  folgendermassen  :  77,
87,  89,  03,  01,  79,  83,  73,  120,  109,  140;  —ungeachtet  einiger
Rückschläge,  im  Ganzen  eine  furchtbare  Vermehrung!  (s.  Tulloch  und
Boudin).  Solche  Erfahrungen  veranlassten  endlich  Aenderung  des  Systems. ­
  Da  ergab  es  sich  dann,  dass  die  Zahl  der  Sterbfälle  unter  die
Hälfte  gegen  früher  herabsank  (s.  S.  510).  Die  nemliche  Erfahrung
        <pb n="541" />
        ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Sterblichkeit  nach  Racen.  519
kann  man  bei  sorgsamer  Aufmerksamkeit  fast  überall  machen.  So  findet
man  in  Ostindien,  dass  sich,  hat  das  dortige  Clima  seine  schwächenden ­
  Wirkungen  auf  Europäer  einmal  begonnen,  Rheumatismen  und
Lähmungen  bei  ihnen  einstellen.  Um  für  die  verderbliche  Malaria  der
Campagna  di  Roma  empfänglich  zu  werden,  muss  man  eine  Zeit  lang
in  dem  Lande  selbst  gelebt  haben.  Vom  blosen  Durchreisen  der  Malariagegend ­
  erkrankt  man  nicht.  Deutsche,  französische  und  englische  Künstler ­
  werden  fast  nie  im  ersten,  wohl  aber  im  zweiten  und  dritten  Jahre
ihres  dortigen  Aufenthaltes  von  dem  Uebel  ergriffen.  Die  franz.  Truppen, ­
  welche,  um  Joseph  Napoleon  auf  den  neapolitanischen  Thron  zu
erheben,  hier  durchzogen,  hatten  weder  auf  dem  Hin-  noch  auf  dem
Hermarsche  von  der  als  so  verpestet  geltenden  Luft  zu  leiden,  während
das  von  Pius  VII.  hier  erbaute  Capuzinerkloster  bald  ausstarb.*)
Darnach  erklärt  es  sich  von  selbst,  aus  welchem  Grunde  die  Colonisation ­
  Algeriens  —  ungeachtet  der  dreissigjährigen  enormen  Anstrengungen ­
  der  franz.  Regierung,  —  nicht  glückt.  Können  auch  die
Beamten,  die  Kaufleute  ,  die  Wirthe  und  selbst  Handwerker  in  jenem
Lande  leben,  so  ist  dagegen  das  Verhältniss  ein  anderes  bei  den  Landleuten, ­
  den  wirklichen  Colonisten,  die  der  Sonne  und  überhaupt  dem
Clima  unmittelbar  sich  aussetzen  müssen.  (Beispiele  in  der  Abhandlung
des  Verfassers  »über  Colonisirung  Algeriens  a  in  den  Verhandlungen  der
Schweiz,  gemeinnützigen  Gesellschaft  von  IS54.)

♦)  Eine,  blos  in  diesem  einen  Punkte  nicht  mit  der  vollen  Schärfe  der
Consequenz  durchgeführte,  sonst  aber  treffliche  Abhandlung  ist  die  »  Ueber  Acclvnatisirutinsjïrozesse
  uuti  Acclttu.-Kvatihheiteti,  von  lir.  Clemens  in  tvankfurt
  a.  J/.,«  in  Henke’s  Zeitschrift  für  die  Staatsarzneikunde,  1855.  Der  Verfasser ­
  stellt  das  sj)rechende  Motto  voran:  »Est  autem  óptimas  uër,  uni  unicuiqae
  est  nativas.  lien  ricas  Jîantzovias.«  Er  bemerkt  sodann  :  »Die  Pflanzen  vermögen ­
  grösstentheils  nur  in  den  ihnen  von  der  Natur  angewiesenen  Himmelsstrichen ­
  zu  gedeihen.  Von  Thieren  können  nur  wenige,  und  diese  nur  auf  Kosten
ihrer  Gestalt  und  Gesundheit,  dem  Menschen  in  alle  Gegenden  der  Erde  folgen.« ­
  Er  fügt  bei,  selbst  der  allgemeine  Satz,  der  Mensch  vermöge  es,  den
ganzen  Erdball  zu  bewohnen,  könne  nur  auf  die  Völker  mit  höherer  Cultur  angewendet ­
  werden.  »Die  Verj)flanzungsfähigkeit  steht  daher  in  einem  geraden
Verhältnisse  zur  Cultur,  nimmt  zu  wie  diese,  nimmt  ab  wie  diese.«  Der  Verfasser ­
  handelt  weiter  von  den  sog.  »Acclimatisirungskrankheiten,«  wobei  ihm  aber
noch  das  wichtige  Moment  entgeht,  dass  ein  vollständiges  Acclimatisiren
  in  der  Regel  unmöglich,  namentlich  Feldbau  in  anderen  CTimaten  absolut
verderblich  bleibt,  —  die  unvermeidliche  Consequenz  seiner  eigenen,  im  Uebrigen
  so  lichtvollen  Aufstellung.
Capitän  Burton  ,  der  Afrika-Reisende  (1857)  bemerkt  :  »Das  Clima  raubt
dem  Reisenden  Energie  und  Gesundheit.  Die  folgenden  Seiten  werden  zeigen,
dass  es  sogar  nicht  einmal  rathsam  ist,  die  einfachsten  geodätischen  Arbeiten
zu  unternehmen  ;  mein  Gefährte  erkrankte  zweimal  blos  davon,  dass  er  die  Sonnenhöhe ­
  nahm.—  Derjenige  widersteht  dem  Clima  am  besten,  der  si  ch  demselben
  am  wenigsten  aussetzt.«—Dennoch  geräth  Burton  auf  die  hergebrachte ­
  Acclimatisirungstheorie,  ohne  wahrzunehmen,  wie  er  sie  eigentlich
sogleich  selbst  widerlegt  :  »Reisende  werden  stets  wohlthun,  sich  an  der  (afrik.)
Küste  zu  acclimatisiren,  ehe  sie  sich  in  das  Innere  begeben  ;  nach  ihrer  M  lederherstellung
  (nach  einer  ersten  Erkrankung  !)  aber  dürfen  sie  einen  zweiten  Anfall ­
  nicht  abwarten  ;  sie  würden  sonst  auf  diese  Vorbereitung  zur  Reise  das
Maas  von  Kraft  und  Stärke  verwenden,  das  zur  wirklichen  Ausführung  derselben ­
  erforderlich  ist.«  (Also  das  directe  Gegentheil  der  Acclimatisirung!)
        <pb n="542" />
        520  ALIiGEMEIXE  VERHÄLTNISSE.  —  Lebenskräftigkeit  nach  Racen.

Auch  die  Kinder  der  Fremden  .sterben  in  solchen  Ländern,  —
sogar  die  in  denselben  geborenen  ,  —  und  zwar  in  noch  furchtbarerer
Menge  als  die  erwachsenen  Eingewanderten.  Es  zeigt  sich  dies  in  Algerien, ­
  in  Aegypten,  auf  den  Antillen  und  in  Ostindien.  Der  franz.
Militärarzt  Vital,  der  16  Jahre  in  Algerien  zubrachte,  fand,  dass  die
von  europäischen  Eltern  zu  Constantine  geborenen  Kinder  alsbald  »unerbittlich« ­
  hingerafft  werden;  von  den  (dem  I,ande  gleichfalls  fremden) ­
  hier  geborenen  Negern  erreichen  unter  lUO  durch  sehn,  blos  zwei
das  Jünglings-  oder  Jungfrauenalter  (s.  Gazette  médicale,  6.  November
1852).  In  Aegypten  waltet  dasselbe  Verhältniss.  Mehemed  Ali  hatte
90  Kinder,  nur  5  konnten  erhalten  werden.  Dieser  furchtbaren  Erscheinung ­
  misst  man  es  bei,  dass  das  Nilland,  ungeachtet  dasselbe  so  oft  Eroberern ­
  unterlag,  heute  noch  von  demselben  Menschenstamme  bewohnt
ist,  wie  zu  den  ältesten  Zeiten  (s.  Schölcher’s  L'Égypte  en  1S45).
In  Algerien  ist  das  Andenken  an  die  Römer  noch  nicht  erstorben  (die
Franzosen  wurden,  wenigstens  anfangs  —  nach  einer  mündlichen  Mittheilung ­
  des  franz.  Divisionsgenerals  Neumayer  an  den  Verf.  —  Rumi
==  Römer  genannt)  ;  dagegen  ist  jede  Spur  der  römischen  Bevölkerung
verschwunden.  —  »Kinder  von  Europäern,  in  den  europ.  Niederlassungen ­
  an  der  Westküste  von  Afrika  geboren,  erreichen,  bleiben  sie
an  dem  Orte  ihrer  Geburt,  selten  das  zehnte  Ijebensjahr.«  —  Auf  den
Antillen  finden  wir  dieselbe  Erscheinung  (s.  Dr.  Clemens  a.  a  O.).
Den  Einwanderern  ist  also  in  der  Regel  die  Möglichkeit  abgeschnitten,
wenigstens  ihren  Kindern  eine  glückliche  Zukunft  zu  bereiten.  —  Ein
dem  mitteleuropäischen  wenigstens  ähnliches  Clima  ist  es,  was  die
Auswanderung  nach  den  nördlichen  und  westlichen  der  Vereinigten  Staaten ­
  vor  jedem  anderen  Colonisationslande  empfiehlt,  obwol  auch  dort
die  Sterblichkeit  unter  den  Eingewanderten  noch  immer  unzweifelhaft
grösser  ist,  als  in  der  Heimath.  Eigentlich  vermögen  wir  gar  nicht  zu
ermessen,  wie  sich  die  somatischen  Verhältnisse  der  europäischen
Stämme  in  Amerika  gestalten  würden,  ohne  deren  unausgesetzte  Erneuerung ­
  durch  frische  Einwanderer.  Die  Wahrnehmungen  Dcsor’s
scheinen  auf  eine  Abnahme  der  Kräftigkeit  bei  den  älteren  Ansiedlern
zu  deuten,  und  wir  möchten  die  Frage  zu  besonderer  Untersuchung
empfehlen.
Die  Erfahrung  zeigt  in  einem  analogen  Falle,  dass  die  Thierarten
in  der  Regel  da  am  besten  gedeihen,  wo  die  Natur  sie  entstehen  liess.
Verpflanzung  ist  meistens  mit  wesentliehen  Nachtheilen  verbunden.
Gleichwohl  zeigen  sich  sehr  entschiedene  Ausnahmsfälle.  Auf  Neuholland ­
  gab  es  früher  keine  Schafe,  und  doch  gedeihen  diese  Thiere,  nachdem ­
  man  ihre  Art  dahin  verpflanzt  hat,  aufs  Allervortrefilichste.  Aehnlich
  kann  es  mit  einzelnen  Menschenstämmen  bezüglich  einzelner  Länder ­
  sich  verhalten.  Dies  scheint  wirklich  der  Fall  in  einigen  Gebieten
der  südlichen  Halbkugel.  Die  Sterblichkeit  unter  den  Soldaten  betrug
nach  den  letzten  Angaben:  auf  dem  Cap  12  vom  Tausend,  auf  St.  Helena ­
  10,6,  Neu-Seeland  9,1,  Tasmanien  7,8.  —  Nach  den  auf  dem
statistischen  Congresse  zu  London  I860  von  den  Vertretern  Australiens
gemachten  Angaben  zählte  man  in  den  verschiedenen  Colonien  je  auf
1000  Einwohner:
        <pb n="543" />
        ATJ.GEMEINE  VERHÄI-TNISSE.  —  Lebenszähipkeit  der  Juden.  521

Colonien
Neu-Süd-Wales
Victoria  .  .  .
Südaustralien  .
Tasmanien  .  .
Xeu-Seeland  .
West-Australien

Geburten
"Î857  18«8

Sterbfälle

40,45
47,Í5
38,82
37.70

40,35
39,93
47,98
37,17
37,12
47.90

1857
15,0b
11,80
16,90
8,32

1858
17,20
17,93
15,73
18,50
9,50
15.70

Diese  Angaben  können  indess  auf  vollständige  Genauigkeit  durchaus ­
  keinen  Anspruch  machen.  Die  Vertreter  Australiens  auf  jenenti  Congresse
  haben  dies  selbst  erklärt,  und  wenn  man  berücksichtigt,  wie  Vieles ­
  die  Erhebungen  sogar  in  den  bestorganisirten  europäischen  Ländern
noch  zu  wünschen  lassen,  ist  es  augenscheinlich,  dass  die  Notizen  aus
jenen  Gegenden  nicht  sehr  genau  sein  können.  Wir  möchten  es  daher
noch  keineswegs  als  erwiesen  ansehen,  dass  die  genannten  Theile  der
südlichen  Halbkugel  ein  den  Europäern  so  unbedingt  gesundes  Clima
besitzen.  Zweifel  dürften  vorerst  um  so  mehr  am  Platze  sein,  als  der
Vertreter  Süd-Australiens  die  erschreckende  Ihatsache  angab  unter
den  Gestorbenen  hätten  sich  09,28  Proc.  Kinder  unter  10  Jahren  befunden. ­
  Diese  Thatsacbe  spricht  jedenfalls  dagegen,  dass  die  europäische ­
  Bevölkerung  daselbst  so  leicht  sich  festsetze.
Entgegen  den  erwähnten  ungünstigen  Einflüssen  eines  fremden
Climas  im  Allgemeinen,  kann  längerer  Aufenthalt  in  einer  anderen  Zone
für  gewisse  Krankheiten  von  ausgezeichnetem  Nutzen  sein.  Namentlich
gilt  dies  von  einem  der  am  häufigsten  vorkommenden  Uebel,  der  Lungentuberculose,
  die,  ist  sie  nicht  schon  zu  weit  vorangeschritten  ,  hiedurch ­
  in  ihrer  weiteren  Entwicklung  verzögert  oder  selbst  geheilt  werden ­
  kann.  Für  Madeira  ist  dies  durch  den  verdienten  Dr.  K.  Mittermaier
  aus  Heidelberg  statistisch  nachgewiesen.  Für  andere  Orte,  besonders ­
  Palermo,  erscheint  es  nach  den  sorgsamen  climatologischen  und  andern ­
  Untersuchungen  des  wackern  Forschers  von  Vivenot  aus  \\  ien
gleichfalls  dargethan.  Ist  einmal  die  medicin.  Statistik  weiter  ausgebildet,
  so  werden  die  climat.  Kurorte,  zugleich  auch  durch  die  immer  mehr
fortschreitende  Annäherung  der  Völker  begünstigt,  voraussichtlich,  eine
grössere  prakt.  Bedeutung  erlangen.*)
Zähigkeit  des  jüdischen  Stammes.  Wir  kennen  einen  Menschenstanim,
  der  bei  weitem  mehr  als  jeder  andere  in  allen  Ländern  und  Climaten
  gedeiht:  es  ist  der  Jüdische.  Derselbe  scheint  gleichsam  ein
»Monopol  des  Cosmopolitismus«  zu  besitzen,  nach  dem  Ausdrucke  Boudin's. ­
  Unter  den  furchtbarsten  Verfolgungen  erhielten  sich  die  Juden
allenthalben  ,  wo  anders  nicht  zu  ihrer  unmittelbaren  Ausrottung  geschritten ­
  ward.  Man  konnte  vielfach  wahmehmen,  dass  ihre  Vermehrung ­
  eine  grössere  ist,  als  die  der  andern  Nationen.  Insbeson  ere  zeigt
sich  die  Sterblichkeit  unter  ihnen  am  geringsten.  —  In  Algerien  kamen ­
  in  den  5  Jahren  1844  —  49  auf  1000  Menschen  bei  den  Europäern
Zu  vergl.  :  Mittermaier’s  Schrift  über  Madeira  und  von  Vivenot's
“Palermo  und  die  allgem.  climat.  Verhältnisse  von  Deutschland,  It^ien«  .
-  Von  dem  letztgenannten  Gelehrten  haben  wir  ein  umfassendes  »Handbuch
der  medicinischen  Climatologie«  zu  erwarten,  welches,  nach  dem,  was  wir  dar
über  vernehmen,  eine  bes.  Bedeutung  zu  erlangen  verspricht.
        <pb n="544" />
        522  ALLGEM.  VERHÄLTNISSE.  —  Krankheit  b.  leichtern,  schwerer  Arbeit.

durchschn.  57,7  Todesfälle,  bei  den  Juden  nur  33,9.  Im  J.  1856  ergaben ­
  sich  in  der  Stadt  Algier  bei  den
Europäern  Moslimen  Juden
Geburten  .  1234  331  211
Sterbfälle  .  1553  514  187

Die  Juden  allein  hatten  demnach  mehr  Geburten  als  Sterbfölle.
in  Frankfurt  fand  de  Neufville  nach  den  Civilstandsregistern  von
1846—48  folgendes  Sterblichkeitsverhältniss:

Alter  Christen  Juden
1—4  Jahre  24,1  Proc.  12,9  Proc.
5—9  2,3  0,4
10—14  1,1  1,5
15—19  3,4  3,0
20-24  6,2  4,2
25-29  6,2  4,6
30—34  4,8  3,4
35—39  5,8  6,1
40—44  5,4  4,6
45—49  5,6  5,3

Alter  Christen  Juden.
50—54  Jahre  4,6  Proc.  3,9  Proc.
55—59  5,7  6,1
60—64  5,4  9,5
65—69  6,0  7,2
70—74  5,4  11,4
75—79  4,3  9,1
80—84  2,6  5,0
85—89  0,9  1,5
90—94  0,16  0,4
95—100  0,04  —

Allerdings  dürfen  wir  bei  der  Beurtheilung  nicht  übersehen,  einmal
dass  die  Juden  gewöhnlich  jede  harte  Arbeit  vermeiden,  zum  andern
ihre  massige  nüchterne  Lebensweise.  Doch  dürften  beide  Momente  —
(welche  ebenfalls  wieder  eine  Stammeseigenthümlichkeit  bestätigen)  nicht
ausreichen,  das  Verhältniss  in  seinem  vollen  Umfange  zu  erklären.  Wir
gelangen  vielmehr  zu  dem  Schlüsse,  dass  sich  auch  hier  eine  ungleiche
Lebenszähigkeit  kund  gibt.

Krankheiten  nach  Ständen  und  Altern.  Die  Statistik  hat  nicht

blos  die  Sterbfälle,  sondern  ebenso  die  Krankheiten  nach  Beschäftigungsweise ­

  und  Alter  der  davon  Befallenen  ins  Auge  zu  fassen.
Sehr  Vieles  ist  in  dieser  Beziehung  noch  zu  thun.  Ein  interessantes  Material ­
  gewähren  die  englischen  Unterstützungsvereine  (die  s.  ^.Friendly
Societies],  ein  Material,  welches  in  übersichtlicher  Weise  in  einigen  Parlamentsacten ­
  (den  blue  books)  niedergelegt,  und  von  Fi  niais  on  trefflich
verarbeitet  wurde.  {Abstract  of  Ileturris  of  Sickness  and  Mortality,  and
of  reports  of  assets  etc.,  of  Friendly  Societies  in  England  and  Wales,  1852;
und,  daran  sich  anschliessend;  Return;  Mr.  Alex.  Glen  Ftnlaisons  report, ­
  second  part,  1854.)  Wir  geben  eine  Zusamenstellung  der  wichtigsten ­
  Momente.  Die  Zahl  der  Krankheitstage  bei  den  Arbeitern,
welche  jenen  Unterstützungsvereinen  angehörten,  war;

in  allgemeiner  Arbeit

in  leichter  Arbeit

in  schwerer  Arbeit

Alter
Jahre
15—  16
16—  21
21—26
26—31
31—36
36—41
41—46
46—51
51—56
56—61
61—66
66—71

im  Ganzen  per  Jahr
6,21  6‘/.  Tage
33,77  6%
34,32  6%
34,54  fast  7
34,61  -  7
39,08  7%
44,14  8»A
52,67  10%
64,83  12%
82,26  16%
118,26  23%
180,28  36

im  Ganzen  per  Jahr
5,13  5  Tage
30,72  6
30,55  6
30,14  6
29,28  fast  6
34,33  6%
37,59  7%
46,44  9%
60,57  12
73,13  14%
103,86  20'.
167,37  33%

im  Ganzen  per  Jahr
6,99  7  Tage
35,34  7
36,33  7‘/.
37,45  7%
38,40  7%
42,96  8%
49,82  fast  lO
58,25  11  %
68,92  13%
91,57  18%
133,63  26»/.
194,13  38%
        <pb n="545" />
        4

I

ALLGEM.  VERHÄLTNISSE.  —  Krankheiten  wegen  Lüftungsmangel.  523

Vom  15.  bis  zum  S5.  Altersjahre,  also  in  einer  Arbeitszeit  von  70
Jahren,  hat  der  Arbeiter  genau  5  Jahre  Krankheit  durchzumachen.  Davon ­
  treffen  aber  auf  die  51  Jahre  vom  16.  bis  zum  Ende  des  66.  Altersjahres ­
  blos  78  Wochen  Krankheit,  also  1%  Jahr.  Theilen  wir  diese
letzte  Zeit  in  zwei  beinahe  gleiche  Hälften,  so  kommen
auf  die  ersten  26  Jahre,  v.  15—41  182,52  Tage  =  gerade  %  Jahr
auf  die  folgenden  25  -  -  41—66  362,17  -  =  beinahe  1
Ferner  auf  die  11  -  -  66—77  543,0  -  =  -  1*/*  ~
-  -  8  -  -  77—85  ■  763,68  -  =  2  -
Dies  der  allgemeine  Durchschnitt.  Dagegen  stellt  sich  das  Verhältniss
  bei  leichter  und  bei  schwerer  Arbeit  folgendermassen  :

Leichte  Arbeit:
Alter
in  den  29  Arbeitsjahren  von  15—44
in  den  24  -  44—68
in  den  11  -  -  68—79
in  den  6  -  -  79—85

zus.in  70

Schwere  Arbeit;
in  den  24  Arbeitsjahren  von  15—39
in  den  25  -  -  39—64
in  den  12  -  -  64—76
in  den  6  -  76—82
in  den  3  -  82—85

zus.  in  70

Krankheit
Tage  J.  Mon.
182,37  =  —  6
356,49  =  1  —
567,86  =1  6
577,35  =  1  6
1684,07  =4  6
179,61  =  —  6
361,32  =  1  —
582,27  =  1  7
576,69  =  1  7
319,67  =  —  10
2019,56  =5  6

Bei  der  schweren  Arbeit  ergibt  sich  sonach  ein  ganzes  Jahr  mehr
Krankheit."Der  Arbeiter  hat  an  seinem  39.  Geburtstage  ein  halbes  Jahr
in  Krankheit  zugebracht,  der  Mann  mit  leichter  Beschäftigung  hat  die
gleiche  Zahl  Krankheitstage  erst  mit  seinem  44.  Jahre  erduldet.
Ist  aber  die  Zahl  der  Krankheitstage  geringer  bei  dem  Einen  als
bei  dem  Andern,  so  vertheilt  sich  das  eine  jede  Classe  treffende  Quantmn
  in  merkwürdiger  Regelmässigkeit  der  Art,  dass  von  diesem  Quantum ­
  in  jeder  Classe  auf  die  zweiten  25  Jahre  noch  einmal  so  viel  Krankheitstage ­
  kommen,  als  auf  die  ersten  25.  Es  ergeben  sich
Alter  bei  leichter  Arbeit  bei  schwerer  Arbeit
in  den  25  Jahren  von  15%—40•/,  154*  .  Tage  189*,,  Tage
-  -  -  _  -  40'/,—65%  312%«  -  391%,  -
(Die  Hälfte  der  letzten  Zahl  ist  156%,  -  195%,  -

In  beiden  Fällen  starke  Verdoppelung  der  Erkrankungszeit  in
den  letzten  25  Jahren.  Später  steigt  das  Verhältniss  noch  mehr.
Aus  der  neueren  Schrift  :  T/ie  Law  relating  to  Frtendly  Soctettes,
hy  W.  Tidd  Pratt,  1859,  ergiebt  sich  u.  a.  folgende  Classification  der
Zahl  der  Krankentage  :
bei  leichter  Arbeit  bei  schwerer  Arbeit

im  Alter  von  gro#««  stsdte
30  Jahren  4,91  Tge
50  -  10,41  -
70  -  26,74  -

kleine  Städte  Land  groaae  Städte
6,22  Tge  6,22  Tge  8,41  Ige
11,59  -  9,37  -  12,92  -
46,44  -  42,71  -  52,29  -

kleine  Städte  Land
7,60  Tge  7,65  Tge
13,19  -  12,34  -
36,62  -  47,98  -

Krankheiten  veranlasst  durch  ungenügende  Lufterneuerung.  Es  liegt
ausser  unserm  Plane,  auf  die  einzelnen  Krankheiten  einzugehen.  Doch
möge  wenigstens  in  Kürze  eines  erst  in  der  jüngsten  Zeit  richtig  aufge-
        <pb n="546" />
        524  AIJjGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Helrath  von  Verwandten.

fassten  Verhältnisses  gedacht  werden.  Es  betrifft  die  ungenügende
Lufterneuerung,  zumal  in  Kasernen,  Spitälern  und  Strafanstalten,  mehr
oder  minder  aber  in  den  Wohnungen  aller  ärmeren  Classen.  —  Die
Sache  erscheint  um  so  wichtiger,  wenn  wir  berücksichtigen,  dass  ungefähr ­
  '/lo  aller  Todesfälle  durch  Lungensucht  oder  andere  Krankheiten
der  Athmungsorgane  veranlasst  wird.
Der  schwedische  Oberarzt  Dr.  Liljewalch  war  unseres  Wissens
der  Erste,  welcher  die  enorme  Sterblichkeit  in  den  stehenden  Heeren
(vorzugsweise)  dem  Mangel  eines  genügenden  Quantums  frischer  Luft
in  den  Kasernen  beimass.  Er  berechnete,  jeder  Soldat  bedürfe  den
Raum  von  48  Cubikmetern,  während  das  schwedische  Kasernereglement ­
  auf  S  Cubikmeter  per  Kopf  berechnet  sei.  Allein  mit  Recht  erinnerte ­
  Boudin  ;  Die  Bestimmungsweise  von  so  und  so  viel  Cubikmeter
Raum  sei  nicht  besser,  als  wenn  man  die  Lebensmittel  nach  deren  V  olumen
  bemessen  wollte,  ohne  Rücksicht  auf  den  Nahrungsgehalt.  Nicht
sowol  diese  oder  jene  Cubikmeterzahl  Luft,  welche  auf  jede  Bettstelle
treffe,  als  vielmehr  die  Erneuerung  der  Luft  sei  das  entscheidende
Moment,  denn  auch  die  höchste  der  aufgestellten  Zahlen  (35—50  Cubikmeter) ­
  wäre  weitaus  nicht  genügend  bei  einer  wirklichen  (hermetischen) ­
  Abschliessung.  *)  So  bestimmte  man  denn  die  durch  Ventilation
herbeizuführende  Zahl  der  Cubikmeter  für  jeden  Menschen  und  jede
Stunde,  und  zwar  nahm  Roscoe  30  Cubikmeter  als  Minimum  an,
Léon  Duvoir  forderte  40,  Pettenkofer  aber,  dem  wir  die  genauesten  Untersuchungen ­
  verdanken,  hält  00  für  nothwendig.
Gefahren  der  Heirath  von  Verwandten.  Die  Kinder  aus  Ehen  von
Verwandten  sollen  insbes.  einen  ungewöhnlich  grossen  Beitrag  zur  Zahl
der  Taubstummen  liefern.  Während  die  Zahl  der  Ileirathen  von  nähern
Verwandten  in  Frankreich  kaum  2  Proc.  beträgt,  fand  Dr.  Perrin,  dass
unter  den  Taubstummen  zu  Lyon  25%  der  Gesammtzahl  aus  solchen
Ehen  hervorgegangen  waren  ;  I)r.  Boudin  ermittelte  zu  Paris  28,35%,
und  Chazarin  zu  Bordeaux  30,33,  Ijandes  daselbst  sogar  30,30%  (siehe
Boudin,  Etudes  statist,  sur  les  dangers  des  unions  consanguines,  im  Journal ­
  de  la  société  de  Statistique  de  Paris,  1802).  Die  Beweisführung  ist
mittlerweile  angegriffen  worden.  Beachtenswerth  ist  nun  aber  doch  die  Bemerkung ­
  von  Dr.  Karl  Meyer  (Mitglied  des  statist.  Büreaus  in  München), ­
  dass  in  Bayern  unter  der  protestantischen  Bevölkerung  die  Zahl
der  Taubstummen  nach  Verhältniss  noch  einmal  so  gross  ist,  als  bei  den
Katholiken,  was  wol  den  häufigem  Heirathen  unter  Blutsverwandten
bei  den  Protestanten  zuzuschreiben  sei.  Dieselbe  Beobachtung  will  man
auch  bei  den  Israeliten  gemacht  haben.  Die  Theorie  ward  besonders
von  Bewiss  und  Oesterlen  angefochten.  **)
Einfluss  der  Theuerung  auj  die  Zahl  der  Verbrechen.  Im  J.  1840
standen  in  Frankreich  31,708  Individuen  wegen  Diebstahls  vor  Gericht;

*)  Eine  solche  ist  glücklicherweise  gleichsam  unmöglich.  Pettenkofer
(»über  den  Luftwechsel  in  Wohngebäuden«)  hat  berechnet,  dass  durch  eine  5  Meter ­
  hohe  und  6  Meter  lange  gewöhnliche  Wand  jede  Stunde  54  Cubikmeter  Luft
dringen,  wenn  die  I.uftströmung  nur  %  Millimeter  in  der  Sekunde  beträgt.
**)  S.  das  eine  Fülle  des  interessantesten  Stoffes  umfassende  »Handbuch
der  medicin.  Statistik  von  Dr.  Fr.  Oesterlen.  Tübingen  1864.«
        <pb n="547" />
        ALLGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Vermischte  Notizen.

525

im  Theuerungsjahre  1847  stieg  die  Zahl  auf  41,626  ;  sie  ging  1848  auf
30,000  herab.  —  Im  Jahre  1834  betrug  die  Zahl  der  Verhaftungen  wegen ­
  Verbrechen  in  England  22,451.  In  den  beiden  nächsten  Jahren
sanken  die  Getreidepreise  und  es  ergab  sich  gleichzeitig  mehr  Arbeitsund ­
  Verdienstgelegenheit;  da  sank  auch  jene  Zahl.  1837  Steigen  der
Lebensmittelpreise,  Handelskrise,  —  2600  Verhaftungen  mehr.  Von
1837—41  Fortdauer  hoher  Preise,  schwacher  Handel,  allmähliges  Ansteigen ­
  der  Verhaftungen  auf  31,309.  —  1842  begann  Peel  die  Zollreformen; ­
  von  1842—46  kostete  der  Quarter  Weizen  nur  54  Shillinge;  viele
Eisenbahnbauten,  befriedigender  Handelsverkehr.  —  Verminderung  der
Verhaftungen  auf  24  —  25,000.  —  1847  Geschäftskrise,  28,838  Verhaftungen ­
  ;  1848  sogar  30,249.  Nun  Abschaffung  der  Kornzölle,  Verminderung ­
  der  Lebensmittelpreise  ,  —  ungeachtet  der  zunehmenden  Bevölkerung ­
  blos  ein  Gleichbleiben  der  Verbrecherzahl.
1853  :  27,057  Verhaftungen,  —  der  Quarter  Weizen  kostet  53  Shill.
1854;  29,359  -  -  72  7  Pence.*)

Vermischte  Notizen.  Nach  der  Berechnung  von  Wappäus  kamen
auf  10  Mill.  Geburten:  9’768,334  Einzelgeburten,  227,587  Zwillinge,
3948  Drillinge,  118  Vierlinge  und  3  Fünflinge.
Eine  auffallende  Erscheinung  hat  sich  in  Frankreich  ergeben  :  bei
einer  Bevölkerung  von  mehr  als  36  Mill,  (in  den  86  frühem  Departementen)
  ist  die  Zahl  der  Geburten  nicht  grösser,  als  sie  vor  70  Jahren
■war,  obgleich  der  Staat  damals  nur  etwa  24  %  Mill,  umfasste  ;  in  ähnlichem ­
  Verhältnisse  minderte  sich  die  Zahl  der  Sterbfälle.  Es  ergaben  sich  :

Geburten
1781  970,400  1850  954,240
1782  975,703  1851  979,907
1783  947,941  1852  905,080
1784  905,048  1853  927,917
zus.  3’85ib098  3'827,134

Sterbfälle
1781  881,138  1850  701,010
1782  948,502  1851  817,449
1783  952,205  1852  810,095
1784  887,155  1853  787,581
3’0G9,OOO  3’177,m

*)  Einßnss  der  Uchtilbildiiny^  auf  die  Zahl  der  Verbrechen.  Man  hat  wiederholt ­
  gefunden,  dass  eine  unverhältnissmässig  grosse  Anzahl  unter  den  Sträflingen ­
  der  ersten  Elementarkenntnisse  ermangelt.  Die  Thatsache  ist  unbestreitbar,
nicht  so  die  gewöhnlich  daraus  abgeleitete  Folgerung,  dass  schon  der  erste
Unterricht  die  Menschen  bessere  ;  finden  wir  doch  gerade  von  Feingebildeten
vielfach  die  schmähliehsten  und  empörendsten  Dinge  verüht.  Jene  &amp;gt;Ienschen
sind  in  der  Kegel  nicht  schlimmer,  weil  sie  nicht  lesen  und  schreiben  können,
sondern  der  Mangel  jener  Kenntniss  erschwert  ihnen  das  Fortkommen,  und  die
dadurch  über  sie  gebrachte  Noth  wird  häufig  die  Ursache  von  Vergehen  und
Verbrechen.  Gerade  unter  solchen  Verhältnissen  sind  aber  die  Bemerkungen
Von  Courcelle-Seneail  (TraiW-  (F  économie  politique)  am  Platze:  nl)u  moment  que
iioasistance  publique,  cette  grande  excejttion  au  système  de  distribution  par  la  liberté, ­
  est  acceptée,  on  doit  admettre  comme  une  exception  corrélative  que  les  frais
d^tne  certaine  instruction  fassent  partie  des  déjyenses  nécessaires  du  gouvernement.
En  effet,  cette  instruction  tend  au  même  but  que  les  secours  publics,  jnais  elle  y
^cnd  d'une  manière  inßnimentplus  directe  et  plus  efficace;  elle  attaque  le  paupérisme, ­
  non  dans  ses  sympUUnes  ou  dans  ses  résultats,  mais  dans  sa  cause  prequi,
  sans  aucun  doute,  est  Fignorance.«
        <pb n="548" />
        526  ALLGEMEINE  ^VERHÄLTNISSE.  —  Vermischte  Notizen.

Die  frühem  hohen  Geburtszahlen  sind  um  so  auffallender,  als
damals  die  Eintragung  der  Geburten  in  die  Register  keinenfalls  mit  der
jetzigen  Vollständigkeit,  die  von  Protestanten  und  Juden  aber  überhaupt
officiell  gar  nicht  stattfand.  Berechnungen  über  die  Zeit  der  Verdoppelung ­
  der  Einwohnerzahl  in  den  verschiedenen  Ländern  sind  praktisch ­
  werthlos.  Fast  jede  neue  Zählung,  selbst  in  dem  kurzen  Zeiträume
von  3  oder  5  Jahren,  liefert  ganz  andere  Ergebnisse  als  die  vorhergehende.*) ­
  Das  8.  g.  Mal  thus'sehe  Gesetz  über  Vermehrung  der  Bevölkerung ­
  hat  sich  nirgends  bewährt.
Consumtion  der  Hauptnahrungsmittel  in  den  verschiedenen  Städten
und  L&amp;amp;ndem.  Leider  sind  die  Nachweise  darüber  noch  sehr  unvollständig
und  unzuverlässig  zugleich.  Wir  wollen  indess  wenigstens  einige  Notizen
geben,  wobei  wir  die  Berechnungen  des  Obersteuerraths  Ewald  zu
Grunde  legen  (die  von  uns  abgeänderten  oder  neu  eingeschalteten  Ziffern
sind  mit  Sternchen  bezeichet).  Jährliche  Consumtion  per  Kopf:

Brod.  Die  Consumtion
ist  stärker  in  Süd-  als  in
Norddeutschland  u.  stärker ­
  auf  dem  Lande  als  in
den  Städten.

in  Preussen  324  Pfd.
-  Baden  471  -
-  England  450  -
-  Frankreich  495  -

Stdt.  Darmstadt  321,4  Pf.
-  Frankfurt  322,45  -
*  -  Paris  365

Fleisch  :
*in  Preussen  35,5  Pf.
Königr.Sachsen41,67  -
Baden  50,8
Kant.  Thurgau  39
*Spanien,  Land  16,08  -
Städte  46,06  -
Frankreich  39,4
»Städte  106,9  -
»Land  12
England,  blos
Rindfleisch  78,67  -
In  Palermo  ist  (nach
ring,  dass  (während  man

England,  alles
Fleisch  136  Pf.
»Belgien  84,46  -
Durcnsch.v.94
Preuss.Städt.  83,6
»Stadt  Malaga  29,24  -
Münster  51,75  -
»Brüssel  75
»Dresden  87
Bremen  89
»Hamburg  92
»Barcelona  60,06  -
»Madrid  95,18  -

Stdt.Magdeburg  97  Pf.
Frankfurt  152,32  -
Darmstadt  101,7
Wien  151  (?)  -
Berlin  114
Coblenz  140
»Augsburg  149
Nürnberg  167
München  171
»Paris  118,99  -
Basel  153
Genf  235  (?)  -

briefl.  Mittheilungen)  die  Fleischconsumtion  so  gern ­
  Brüssel,  obwol  dasselbe  oben  nur  mit  so  geringer

*)  Achille  (Juillard,  in  seinen  y&amp;gt;Íüéments  de  Statistique  humaine  ou  Démographie ­
  comparée,&amp;lt;i  macht  die  Bemerkung:  «La  nature  et  Fart  rivalisent  de  fécondité; ­
  chaque  produit  du  travail  amène  un  travailleur  de  plus.  ,  Cette  merveilleuse
correspondance  nous  a  induit  à  poser  le  problème  suivant:  »»Étant  donnée  la  production ­
  d'un  pays,  déterminer  sa  population,  et  réciproquement,  »n
Der  franz.  Nationalökonom  P  a  s  s  y  einnert:  »  Les  populations  slaves  et  magyares ­
  sont  les  moins  denses  et  chez  qui  le  blé  est  au  plus  bas  prix,  —  parce  qu’elles ­
  sont  les  plus  dénuées  d’industrie.  Et  cependant  le  blé  y  est  encore  trop  cher
pour  les  pauvres  créatures  qui  le  produisent.  C’est  presque  uniquement  de  seigle
qu’elles  vivent,  et  tandis  quen  France  le  blé  est  au  seigle  comme  'à  est  à  1,  en  Angleterre ­
  comme  4  est  à  \  ,  en  Russie,  Pologne,  Hongrie  il  est  comme  1  est  à  7,
même  à  9.
Tooke  berechnet,  der  Erndte-Ausfall  bewirke  folg.  Steigen  der  Preise  :
Ausfall:  10%  20%  30%  40%  50%
Steigen:  30%  80%  160%  280%  450%
Doch  hängt  gar  Vieles  von  andern  Umständen  ab,  insbesondere  leichter
Zufuhr  von  auswärts,  Vorräthen  etc.
        <pb n="549" />
        ALLGEMEINE  \T1RHÃLTNISSE.  —  Vermischte  Notizen.

527

Ziffer  figurirt,  1  geschlachtetes  Thier  des  Jahres  auf  2%  Einw.,  u.  s^ciell  ein
Stück  Rindvieh  auf  5  Einw.  rechnet),  in  der  Sicilian.  Hauptstadt  1  Thier  erst
auf  7*/*  und  1  St.  Rindvieh  auf  18*/,  Einw.  kommt.
Die  Kaffe-  und  Zuckersonsumtion  haben  wir  S.  475  angegben.
Ueber  den  Verbrauch  geistiger  Getränke  liegen  ganz  widersprechende
Notizen  vor.  (Die  Bierconsumtion  in  England,  60  Liter  per  Kopf,  soll
nur  von  der  in  Bayern  mit  S  2  Liter  übertroffen  werden;  in  Württemberg
54,  in  Preussen  13%  Lit.)  In  Frankfurt  sollen  an  geistigen  Getränken ­
  auf  jeden  Einwohner  204  Liter  kommen,  wovon  aber  48  Obstwein; ­
  in  Darmstadt  nur  78  Lit.  ;  in  Paris  127  ,  in  der  Schweiz  54  Lit.
blos  an  Wein;  in  Preussen  nur  2%  Lit.  Wein,  dagegen  9%  Branntwein.
—  Armand  Husson,  »/a  Consommation  de  Paris  (1856)«  rechnet  per
Kopf  täglich  1  Pfd.  Brod,  163  Grammen  Fleisch,  dann  jährlich  137,12
Lit.  Wein,  14,5  Lit.  Bier,  103,66  Lit.  Milch  und  4,85  Kilogr.  Butter.
Die  Gesammtgeldausgabe  für  Lebensmittel  betrage  497%  Fr.  (täglich
1  Fr.  37  Cent.)  pr.  Kopf,  und  die  ganze  Consumtion  der  Pariser  Bevölkerung ­
  belaufe  sich  im  Jahre  auf  523  967,137  Fr.  —  Die  Weinconsumtion
  in  Spanien  beträgt  nach  der  officiellen  Statistik  auf  dem  Lande  im
Durchschnitt  32,41  Liter,  in  den  Städten  29,61  ;  insbes.  in  Madrid
37,86,  Barcelona  51,63,  Valladolid  60,23,  Malaga  61,86,  Caceres  82,69.
Besondere  Beachtung  verdient  der  Wasserverbrauch.  Wir  theilen
folg.  Zusammenstellung  mit,  weniger  wegen  ihrer  Genauigkeit  (an  der
wir  in  manchen  Beziehungen.zweifein),  als  weil  sie  uns  geeignet  scheint,
die  Aufmerksamkeit  auf  einen  der  wichtigsten  Verbrauchsgegenstände
zu  lenken,  dem  man  bisher  noch  lange  nicht  die  verdiente  Würdigung
hat  zu  Theil  werden  lassen.
Auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  rechnet  man  im  grossen  Durchschnitt  für
Getränk  und  zur  Zubereitung  von  Speisen  2  Liter,  und  zu  äusserlichen  Zwecken,
als  Waschen  u.  s.  w.  ,  18  Liter  Wasser.  Durch  Zusammenwohnen  wird  dieser
Verbrauch  erheblich  vermindert  und  es  kann  eine  aus  5  Gliedern  bestehende
Familie  mit  40  I.itern  auskommen.  In  Paris  findet  folgender  Verbrauch  statt:
Eine  Person  consumirt  täglich  20  Liter  Wasser,  ein  Pferd  75,  ein  zweirädriger
Wagen  40,  ein  vierrädriger  Wagen  75  zum  Reinigen;  eine  Pferdekraft  von
Hochdruckmaschinen  stündlich  200,  eine  dgl.  von  Mitteldruckmaschinen  stündlich ­
  400,  eine  dgl.  von  Niederdruckmaschinen  stündlich  800,  ein  Quadratmeter
Garten  jährlich  500;  ein  Bad  consumirt  täglich  300,  ein  Gassenspülhahn  täglich
5  bis  0000,  ein  Quadratmeter  Strassensprengung  täglich  1  Liter  Wasser.  Unter
Benützung  dieser  Angaben  ,  welche  den  Verhältnissen  anzupassen  sind,  kann
der  Bedarf  einer  Stadt  an  Wasser  leicht  ermittelt  und  hierauf  hin  die  Berechnung ­
  der  nöthigen  Anlagen  u.  s.  w.  einer  künstlichen  Zuführung  des  M  assers
angelegt  werden.  Der  Verbrauch  an  Wasser  ist  übrigens  selbstredend  sehr  verschieden ­
  und  regelt  sich  nach  climatischen  Verhältnissen  und  dem  grösseren
oder  geringeren  Vorrath  an  Wasser,  wie  nachfolgende  Zusammenstellung  des
Wasserverbrauchs  in  mehreren  grösseren  Städten  ergibt  :  Paris  verbraucht  täglich ­
  für  jeden  Kopf  00  Liter  (die  Einrichtungen  gestatten  eine  Abgabe  bis  120),
Metz  und  St.  Etienne  20—25,  Angoulême  35—40,  Havre  40—45,  Clermont  50
—55,  Montpellier  50—00,  Toulouse  und  Narbonne  02—78,  Grenoble  00  05,
Dijon  198—078,  Besançon  240,  Marseille  470,  Bordeaux  170,  Altona  25,  Cette
loo,  Lyon  85,  Nantes  00,  London  112,  Glasgow  113,  Genua  120,  Edinburgh  50,
Manchester  64,  Philadelphia  70,  New-York  508,  Brüssel  und  München  80,  Rio
Janeiro  9,  Constantinopel  20,  Rom  (alter  Theil)  1084,  Rom  (neuer  Theil)  1105,
Hamburg  125  Liter.
        <pb n="550" />
        Anhang-.
Zur  Philosophie  der  Statistik.
(Im  Wesentlichen  nach  einem  Vortrage  des  Verf.  im  geograph.-statist.
Vereine  zu  Frankfurt  a.  M.)
Es  ist  ein  etwas  kühnes  Unternehmen,  die  Aufmerksamkeit  einer
Versammlung  während  eines  ganzen  Abends  für  Statistik  in  Anspruch ­
  zu  nehmen.  Ist  es  auch  ein  Irrthum,  wenn  zuweilen  behauptet
wird,  die  Statistik  bestehe  nur  aus  Zahlen,  so  hates  doch  seine
Richtigkeit,  dass  sich  die  Statistik  vorzugsweise  der  Zahlen  bedient.
Diese  Zahlen  aber  sind  starr,  trocken  und  zurückschreckend.
Ueberblickt  man  überdies  so  manche  Reihen  dicker  Bände  kenntniss-
  und  geistlos  angefertigter  Tabellen,  so  überzeugt  man  sich
leicht,  dass  damit  Niemand  angezogen  werden  kann,  wol  aber  Viele
zurückgeschreckt  werden  müssen.  Den  Meisten  ist  es  einerlei  ,^ob  diese
Meere  von  Zahlen  so  oder  anders  aussehen  ;  sie  blicken  mit  Gleichgiltigkeit ­
  darüber  hin.  Selten  bleibt  ein  Eindruck,  eine  Erinnerung  zurück,
es  sei  denn  etwa  gar  der  Eindruck  des  Widerwillens.
Berücksichtigt  man  zudem,  für  welche  Zwecke  die  Statistik  (oder
was  man  so  nannte)  schon  missbraucht  ward.  Nur  zu  oft  (ganz  besonders ­
  vor  einigen  Jahrzehnten  schien  sie  keine  andere  Aufgabe  zu
haben,  als  der  Ostentationssucht  der  Regierenden  zu  dienen,  und  ein
Mittel  für  officielle  Schönfärberei  abzugeben.  Welche  Erhebungen  wurden ­
  schon  angeordnet,  und  wie  wurden  sie  durchgeführt  ;  in  welcher
Art  hat  man  die  Zahlen  gruppirt,  um  die  socialen  Verhältnisse  eines  Landes ­
  und  Volkes  in  einem  Glanze  darzustellen,  der  nichts  anders  als  ein
unwahrer  Theaterflitter  war,  zum  Verbergen  der  vorhandenen  Armseligkeit, ­
  oder  zum  Aufputzen  eines  Gewebes  von  Lug  und  irug.
Aber  besteht  denn  das  Wesen  der  Statistik  in  solchen  Dingen  1  Ist
sie  nur  vorhanden,  um  einem  derartigen  Treiben  zur  Unterlage  zu
dienen  ?
Wenn  diese  jüngste  aller  Wissenschaften  trotz  des  so  vielfach  mit
ihr  getriebenen  Missbrauchs  und  trotz  der  Unkenntniss  und  Unfähigkeit
Mancher  von  denen  ,  welche  man  mit  Leitung  der  Erhebungen  und  mit
der  Verarbeitung  der  Ergebnisse  beauftragt  hat,  —  gleichwol  mehr  und
mehr  allgemeine  Aberkennung  sich  erwirbt,  —  wenn  sie  täglich  mehr
in  alle  Gebiete  des  socialen  Lebens  eindringt  und  diese  durchforscht,  —
wenn  es  schon  jetzt  dahin  gekommen  ist,  dass  man  auf  beinahe  gar  keinem ­
  Gebiet  mehr  eine  ordentliche  Stellung  einnehmen  kann,  ohne  wenigstens ­
  einige  statistische  Kenntnisse  zu  besitzen,  —so  liegt  bereits  der  thatsächliche
  Beweis  vor,  dass  diese  neue  Wissenschaft  eben  doch  etwas
ganz  Anderes  als  ein  leeres  Spielwerk  sein,  dass  sie  vielmehr  hohe  innere ­
  Bedeutung  besitzen  muss.
        <pb n="551" />
        Anhang.  Zur  Philosophie  der  Statistik..

529

Doch  —  sagt  man  —  das  Starre,  Zurückstossende,  Trockene  der
Statistik  bleibt  immerhin.  —  Gerade  dies  ist  an  sich  em  Irrthum,  so
wenig  wir  eine  Behandlung  der  genannten  Wissenschaft  ,  wie  dieselbe
Nutzen  zu  gewähren  ?  .
^'"%mref%ühne  „praktischen  Werth-^wesen  s^,  dass  die
Statistik,  wie  es  namentlich  durch  l)r.  Boudin  bezüglich  Algeriens  g
Nord-  und  Mitteleuropa  sind?  Die  Statistik  hat  nemlich  dargethan,  dass,
während  in  Frankreich  von  1  0,0U0  Einwohnern  durchschnittlich  im  Ja  ire
24UsWrbmi,  v^derghddmn/^izaM  m  Al@;erien  527  (h^did^ilod
weggerafft  werden,  obwol  die  Colonisten  in  der  Regel  krdhigst^
Lebensalter  angehören,  in  welchem  in  der  Heiinath  von  1  ^
100  erliegen.  Als  im  Jahre  1853  eine  Genfer  Gesellschaft  auf  al  e  W  .
Landleute  an  warb,  um  eine  Schweizer-Colonie  m  der  Nähe  von  Setif
zu  begründen,  war  es  die  Statistik,  welche  die  Beweisgründe  lieferte,
um  vor  Betheiligung  erfolgreich  zu  warnen.  Das  Missglücken  des
Unternehmens  ward  voraus  berechnet  und  durch  eine  einfache  kleine  Abhandlung ­
  bewirkt,  dass  Tausende,  welche  sich  zum  Wegzug  bereits
gerüstet  hatten,  ihren  Entschluss  erst  verschoben,  dann  ganz  aufgaben.
Von  den  bereits  Fortgezogenen  aber  starben  14,2  Procent  im  ersten
Kolb,  StatUtik,  4.  Aufl.  34
        <pb n="552" />
        530

•  Anhangs.  Zur  Philosophie  der  Statistik.

Jahre  (75  Todesfälle  auf  528  Individuen).  Da  die  Statistik  diese  Thatsache
  constatirte,  war  es  mit  der  Setifcolonisirung  sofort  zu  Ende.
Man  hat  früher  allgemein  an  ein  unbedingtes  «Acclimatisiren»  der
Einwanderer  in  entfernte  Länder  geglaubt,  wonach  der  menschliche
Körper  sich  allmählig  an  jedes  fremde  Clima  gewöhne.  Man  hat  in
Folge  dessen  die  nach  weit  entlegenen  Colonien  gesendeten  Truppenkörper ­
  möglichst  wenig  abgelöst,  im  festen  Glauben,  dass  die  Sterblichkeit ­
  um  so  geringer  werde,  je  länger  ein  Corps  in  der  nemlichen  Zone
verweile.  Die  Statistik  hat  die  Grundlage  dieser  ganzen  Acclimatisirungstheorie
  erschüttert,  indem  sie  nach  wies,  dass  der  menschliche  Körper ­
  um  so  gewisser  zu  Grunde  geht,  je  länger  er  einem  schädlichen  Einflüsse ­
  des  Climas  ausgesetzt  ist.  So  kam  die  englische  Armeeverwaltung
dahin,  im  Gegensätze  zu  früher  das  Princip  anzunehmen,  dass  kein
Truppencorps  ohne  besonderes  Bedürfniss  länger  als  drei  Jahre  in  einer
entfernten  Colonie  belassen  werde.  Das  nächste  Ergebniss  dieser,  vermittelst ­
  der  Statistik  erwirkten  Aenderung  war,  dass,  während  man
früher  in  sämmtlichen  britischen  Colonien  auf  1000  Mann  durchschnittlich ­
  48,58  Todesfälle  zählte,  diese  Ziffer  sofort  auf  24,2,  also  vollkommen ­
  auf  die  Hälfte  herabsank.*)
Unter  allen  Krankheiten,  von  denen  die  Menschen  heimgesucht
werden,  sind  es  s.  g.  Lungenleiden  (eigentlich  Krankheiten  der  Respirationsorgane) ­
  ,  welche  die  grösste  Zahl  Opfer  fordern.  Das  Uebel
herrscht  aber  nicht  an  allen  Orten  gleichmässig.  Doch  fragt  man,  welche
Orte  sich  als  gesund  empfehlen,  so  mangeln  zur  Zeit  noch  fast  alle
sichern  Anhaltspunkte.  Früher  sandte  man  die  Leidenden  nach  Nizza;
endlich  brachten  manche  schlimme  Erfahrungen  zur  Erkenntniss,  dass
dieser  Ort  die  Vorzüge  nicht  besitzt,  welche  man  ihm  beimass.  Dagegen
wurden  dieselben  in  Madeira  allerdings  gefunden.  Statistische  Untersuchungen ­
  haben  sodann  dargethan,  dass  das  näher  gelegene,  ohne  so
grosse  Reisebeschwerlichkeit  zu  erreichende  und  minder  kostspielige  Palermo ­
  beiläufig  die  gleichen  Vortheile  gewährt.  Aber  welches  sind  die  geeignetsten ­
  Orte  in  unsrer  Nähe  bezüglich  dieser  oder  jener  Krankheit?  Wie
Vielen  könnte  vielleicht  durch  eine  verhältnissmässig  kleine  Ortsveränderung ­
  Rettung  werden  !  Indess  bedarf  es  dazu  einer  grösseren  Entwicklung ­
  und  Ausbildung  der  Statistik.  Treffend  hat  ein  franz.  Schriftsteller, ­
  der  selbst  Arzt  ist  Bertillon  in  Paris,  Oberarzt  von  Montmorency),
geäussert  :  «Was  wissen  wir  von  den  Todesursachen,  wie  wir  dieselben
durch  die  Statistik  erfahren  könnten?  Man  frage-einen  Arzt,  welches
die  in  Frankreich  von  Phthisis  am  wenigsten  heimgesuchten  Gegenden
seien,  ob  bedeutende  Unterschiede  obwalten,  ob  die  Nähe  von  Flüssen
sich  vortheilhaft  oder  nachtheilig  erweise  ?  Nicht  Einer  vermag  mit  voller
Sicherheit  zu  antworten.  Und  dies  bei  einer  Krankheit,  welche  mehr
als  den  zehnten  Theil  aller  Menschen  wegrafft  ;  welche  sich  vorzugsweise
auf  das  werthvollste  Alter,  die  erwachsene  Jugend,  wirft;  welche,  wie
behauptet  wird  [Registrar  General,  1853),  die  Hälfte  aller  Sterbfälle
zwischen  dem  15.  u.  30.  Altersjahre  verursacht;  —einer  Krankheit,

')  Das  Nähere  siehe  S.  510.
        <pb n="553" />
        34*

Anhang.,  Zur  Philosophie  der  Statistik.

531

die  sich  erblich  fortpflanzt,  und  die  oft,  nachdem  sie  Familien  unglücklich ­
  gemacht,  nur  damit  endigt,  dass  sie  dieselben  ganz  ausrottet  !  Bios
aus  Vorurtheil  (oder  auf  das  Ungefähr  hin)  pflegen  wir  Orte  und  Climate
als  für  die  Leidenden  günstig  oder  ungünstig  zu  nennen.  Einer  Familie,
die,  vor  der  Erblichkeit  des  Uebels  zitternd,  nach  einer  Gegend  ziehen
möchte,  in  welcher  ihr  mehr  Hoffnung  bliebe,  sich  der  sie  verfolgenden
Geisel  zu  entziehen,  können  wir  einen  verlässigen  Rath  kaum  ertheilen.
Und  doch  —  welches  Uebel  ist  in  seinen  Verheerungen  leichter  zu  erkennen
als  die  Phthisis,  so  dass  man  sich  zu  der  Behauptung  berechtigt  sieht  :
keine  derartige  Untersuchung  sei  wichtiger  und  leichter  zugleich.“  —
Welche  Fülle  belehrender  Thatsachen  wird  eine  verständige  Ausbildung ­
  der  Statistik  für  jedes  einzelne  Land  und  bezüglich  aller  Hauptkrahkheitsformen
  zum  Heile  der  Menschheit  enthüllen  !  Ueher  blickt
man  nur  dasjenige  Material,  welches  z.  B.  die  jährlichen  Truppenaushebungen ­
  in  einem  grösseren  Reiche  liefert,  so  gewahrt  man,  wenn  es
durch  die  Statistik  nur  einigermassen  mit  Umsicht  und  Kenntniss  geordnet ­
  und  gesichtet  wird,  mitunter  die  überraschendsten  Resultate,  die
ebenso  oft  wichtige  belehrende  Fingerzeige  bilden.  Es  ist  nicht  Zufall,
sondern  die  Wirkung  bestimmter  Ursachen,  die  sich  müssen  ermitteln
lassen,  wenn  z.  B.  in  Frankreich  auf  100,000  Conscribirte  im  einen
Departemente  durchschnittlich  nur  118  Befreiungen  wegen  Scropheln
Vorkommen,  im  andern,  unmittelbar  an  dasselbe  angrenzenden  dagegen
auf  die  gleiche  Verhältnisszahl  nicht  weniger  als  2809  ;  und  doch  ist
jenes  im  Pas-de-Calais,  dieses  im  angrenzenden  Xorddepartement  wirklich ­
  der  Fall.  Ebenso  hat  man  wegen  Kropfes  im  einen  Departemente
keinen  einzigen  Aufgerufenen  freizulassen,  im  andern  hingegen  die  erschreckende ­
  Menge  von  8832  (auf  100.000),  —  im  Finistère  einer-,  im
Morbihan  anderseits;  —  in  gleicher  Weise  wegen  Verlusts  der  Zähne
dort  30,  hier  6700  u.  s.  w.
Wie  furchtbar  ist  die  Sterblichkeit  der  Kinder  im  ersten  Lebensjahre, ­
  und  wie  ungeheuer  der  Unterschied  in  den  einzelnen  Provinzen
eines  und  desselben  Landes.  In  Bayern  z.  B.  starben  1861—62  von  100
Gehörnen  im  Regierungsbezirke  Pfalz  22,92,  also  schon  eine  erschreckende
Anzahl  ;  in  allen  andern  Regierungsbezirken  ergab  sich  aber  eine  noch
grössere  Menge,  ja  in  dem  Kreise  Schwaben  stieg  die  Ziffer  auf  43,89,
und  in  Oberbayern  auf  44,02.  Wie  viele  Menschenleben  können  da
gerettet  werden,  wenn  man,  durch  solche  Resultate  zu  Forschungen  und
Verbesserungen  veranlasst,  überall  auch  nur  die  Verhältnisszahl  der
Pfalz  erreicht.
Welche  Wichtigkeit  besitzen  genaue  statistische  Forschungen  in
dem  angedeuteten  Sinne  nicht  blos  für  die  Kranken  unmittelbar,  sondern
selbst  für  die  einzelnen  Gegenden?  Man  wird  Heilorte  entdecken,  wo
man  solche  heute  noch  nicht  ahnet,  und  man  wird  hinwieder,  wo  man
die  Grösse  einer  Verheerung  erkennt,  auf  Ergründung  der  Ursachen
und  auf  Mittel  zu  deren  Beseitigung  sinnen,  und  gewiss  oft  mit  vollem
Erfolge.
Eine  vorzügliche  Beachtung  verdient  u.  a.  die  Beschäftigungsweise ­
  der  verschiedenen  Classen  und  Stände  in  ihrer  Wirkung  auf  die
Gesundheit.  Es  ist  sicherlich  keine  gleichgiltige  Sache,  wenn  die  Stati-
        <pb n="554" />
        532

Anhang.  Zur  Philosophie  der  Statistik.

Btik  bereits  nachgewiesen  hat,  dass  bei  den  Einrichtungen  des  stehenden
Heerwesens  schon  im  Frieden  fort  und  fort  weit  mehr  junge  Männer
dem  Tode  verfallen,  als  wenn  man  dieselben  in  ihren  gewöhnlichen  bürgerlichen ­
  Beschäftigungen  belassen,  oder  vielmehr  (nach  dem  Vorbilde
der  Schweizer)  nur  so  lange,  als  wirklich  unbedingt  nöthig  ist,  in  den
Waffen  geübt  hätte,  um  sie  sodann  blos  im  Falle  des  wirklichen  Bedarfes
zur  Vertheidigung  des  Vaterlands  unter  die  Fahnen  zu  berufen.  Es  liegt
eine  dringende  Mahnung  zur  Aenderung  des  Heerwesens  in  der  Thatsache,
  dass  schon  mit  dem  Betreten  der  Kaserne  diese  jungen  Männer
in  nicht  seltenen  Fällen  dem  Tode  eine  noch  einmal  so  grosse  Anzahl
von  Opfern  liefern  müssen,  als  nach  dem  natürlichen  Laufe  der  Hinge  ;
und  es  ist  bezeichnend  genug,  wenn  in  demjenigen  Lande,  aus  welchem
wir  genauere  Erhebungen  darüber  besitzen  (Frankreich),  sorgfältige
Berechnungen  zwar  eine  Zunahme  der  durchschnittlichen  Lebensdauer
im  Allgemeinen  ergeben,  gleichzeitig  aber  festgestellt  haben,  dass  eine
einzige  Altersclasse  eine  Ausnahme  bildet,  in  welcher  die  Sterblichkeit
nicht  ab-,  sondern  geradezu  zugenommen  hat,  —  nemlich  in  der  Classe
zwischen  dem  20.  und  25.  Altersjahre,  aber  auch  hier  nur  beim  männlichen, ­
  keineswegs  beim  weiblichen  Geschlechte  (Bertillon).  Seit  der
Restaurationszeit  hat  bekanntlich  eine  Vermehrung  der  stehenden  Truppen ­
  stattgefunden  und  Algerien  hat  beständig  seine  Opfer  gefordert.
Dies  die  einfache  Erklärung.  Die  Zeit  der  Feldzüge  seit  1S54  ist  hiebei
nicht  einmal  eingerechnet.
Es  ist  sodann  eine  der  Beachtung  nicht  unwerthe  Bemerkung,  dass
die  Lebensdauer  der  Geistlichen  durchgehends  eine  viel  höhere  ist  als
die  der  Aerzte,  selbst  abgesehen  von  Zeiten  der  Epidemien,  so  dass  das
von  den  Ersten  erreichte  Alter  an  einem  und  demselben  Orte  durchschnittlich ­
  66  Jahre  beträgt,  während  das  der  Andern  kaum  52  erreicht,
wie  denn  die  Aerzte  unter  allen  Angehörigen  der  s.g.  «gelehrten  Stände»
überall  am  frühesten  hingerafl’t  werden.
Wenn  in  gewissen  Gegenden  ermittelt  ward,  dass  von  den  Angehörigen ­
  des  Schneidergewerbcs  über  30  Proc.  schon  im  Alter  von  20
bis  30  Jahren  sterben,  und  dass  überhaupt  mehr  als  40  Proc.  der  diesem
Stande  sich  Widmenden  der  Schwindsucht  unterliegen,  so  dürfte  darin
allein  schon  eine  starke  Aufforderung  liegen,  einerseits  keineswegs  mehr
vorzugsweise  die  schwächlichen  Knaben  für  diese  Beschäftigung  zu
bestimmen,  anderseits,  soweit  es  nicht  ohnehin  möglich  ist,  sich  der
Nähmaschine  zu  bedienen,  wenigstens  auf  Mittel  zu  denken,  um  die
gebückte  Haltung  bei  der  Arbeit  zu  mildern,  dem  Rücken  eine  Stütze
zu  verschaffen,  und  endlich  für  bessere  Lüftung  der  Arbeitsräume  —
dieses  noch  lange  nicht  genügend  gewürdigten  Erfordernisses  in  solchen
Fällen  —  zu  sorgen.
Von  der  grössten  Bedeutung  werden  die  Untersuchungen  sein,
welche  sich  den  verschiedenen  Fabrikbevölkerungen  zuwenden.  ,,Die
Dame“  —  so  ungefähr  äussert  sich  ein  trefflicher  englischer  Beobachter
—  ,,die  Dame,  welche  von  ihrem  mit  Seidenstoff  überzogenen  Sopha
aus  ihren  Salon  überblickt,  möge  von  den  Leiden  der  Verfertiger  beinahe ­
  aller  unter  ihren  Augen  befindlichen  Gegenstände  erfahren.  Wenn
diese  glänzende  Visitenkarte  reden  könnte,  so  würde  sie  vielleicht  von
        <pb n="555" />
        wir-533



Anhang.  Zur  Philosophie  der  Statistik.
der  nun  durch  Lähmung  befallenen  Hand  ihres  Verfertigers  erzählen.  Jener
herrliche  Spiegel,  der  alle  Pracht  des  reich  ausgestatteten  Saales  reflectirt,
  hat  ohne  Zweifel  die  zitternde  Gestalt  des  abgemagerten  Künstlers
dargestellt,  den  die  Quecksilberdämpfe  bei  dieser  Arbeit  vergifteten.
Diese  reichen  und  zierlichen  Vorhänge  haben  beigetragen,  dem  armen
Weber  ein  tödtliches  L’ebel  zuzuziehen,  indem  sie  ihn  zu  einem  beständigen ­
  Andrücken  seines  Magens  an  den  Webstuhl  zwangen.  Sogar  die
Tapete  an  den  Wänden,  geschmückt  mit  einem  Glanze  wie  der  Frühling
ihn  bietet,  hat  durch  ihren  giftigen  Staub  die  Finger  des  Arbeiters  mit
Geschwüren  bedeckt  .  .  .  Und  all  dieses  Leiden,  wovon  so  Manches  zu
vermindern  wäre,  wird  hingenommen  ohne  die  leiseste  Klage.  Der  Arbeiter ­
  fällt  hinweg  aus  der  Reihe  ;  augenblicklich  tritt  ein  anderer  an
seine  Stelle,  und  diesem  folgt  vielleicht  bald  ein  Dritter.“  .  .  .
In  England  hat  man  ermittelt,  dass  die  Schleifer  von  Sheffield,
namentlich  die  Trocken-Schleifer  (the  dry-grinders)  von  allen  Arbeitern
die  am  schlimmsten  gestellten  sind.  Die  mit  dem  Schleifen  von  Gabeln
Beschäftigten  unter  ihnen  erreichen,  wie  durch  die  Statistik  ermittelt  ist,
durchschnittlich  nur  ein  Alter  von  29  Jahren  I  Der  feine  Staub  des
Stahls  und  Schleifsteins  richtet  sie  zu  Grunde.  Ihre  Krankheit  wird  die
Schleifer-Fäule  (the  grinders  rot)  genannt.  Die  Leichenöffnung  zeigt  die
Lunge  so  schwarz  gefärbt,  als  ob  sie  in  Dinte  getaucht  wäre,  und  ihre
Textur  naturgemäss  schwammicht  —  gleicht  einem  Stücke  Gummi
elasticum  !  Aber,  wird  man  fragen,  warum  befeuchtet  man  den  Schleifstein ­
  nicht,  um  das  Stauben  zu  verhüten  ?  Der  Schleifer  antwortet,  dass
sich  gewisse  Operationen  mit  dem  nassen  Steine  nicht  ausführen  lassen.
So  könne  insbesondere  nur  durch  die  Trockenbehandlung  ein  abgerundeter ­
  Rücken  an  den  Rasirmessern  hergestellt  werden,  und  das
Gleiche  gelte  von  den  nach  hinten  abgerundeten  Scheeren.  Es  drängt
sich  die  weitere  Frage  auf:  Wozu  ist  denn  diese  Abrundung  des  Rückens
nothwendig?  Aendert  es  für  den  Rasirenden  auch  nur  das  Geringste,
wenn  sein  Messer  hinten  eckig,  statt  rund  aussieht?  Müsste  die  Dame,
welche  ihre  müssige  Zeit  mit  Handarbeit  ausfüllt,  nicht  gerechtes  Bedenken ­
  tragen,  sich  jemals  einer  Scheere  der  bezeichneten  Art  zu  bedienen, ­
  wenn  sie  wüsste,  dass  die  Herstellung  jener  Form  das  Leben  eines
ihrer  Mitmenschen  gefährdet  ?  Und  doch  treten  solche  Kleinigkeiten  in
den  Vordergrund,  wenn  es  sich  um  Gesundheit  und  Leben  einer  ganzen
Classe  von  Arbeitern  handelt  !  Es  ist  eine  der  schönsten  Aufgaben  der
Statistik,  in  solchen  Dingen  die  Thatsachen  festzustellen  und  auf  Abhilfe ­
  zu  dringen.  Arbeiter  und  Meister  ihrerseits  täuschen  sich  oft  absichtlich ­
  oder  unabsichtlich  über  die  Folgen.  In  vielen  Fällen  lassen  sich
Vorrichtungen  zur  Abhülfe  erdenken.  Bei  der  Anwendung  ist  dann  freilich ­
  nicht  selten  erst  das  Vorurtheil  oder  die  stoische  Verzweiflung  der
Arbeiter  selbst  zu  überwinden.
Man  hat  berechnet,  dass  bei  den  Trockenschleifern  in  Sheffield  das
Alter,  welches  sie  durchschnittlich  erreichen,  beträgt  :
Trockenschleifer  von  Sicheln  Jahre
-  Sägen
-  Feilen
-  Tischmessern
-  Messern  mit  Federn
        <pb n="556" />
        534

Anhang.  Zur  Philosophie  der  Statistik.

Trockenschleifer  von  Schrotmessern  und  Wollscheeren  32  Jahre.

-  Scheeren  32
-  Kasirmessern  31
-  Gabeln  29

Der  Unterschied  rührt  her  von  der  theilweisen  ^VasseranWendung  und
vom  spätem  Eintritt  in  das  Geschäft.  In  den  bessern  Fabriken  hat  man
den  Staub,  indem  man  denselben  durch  Anwendung  von  Blasbälgen  möglichst ­
  nach  dem  Kamine  treibt,  zu  entfernen  gesucht.  Allein  die  Arbeiter
selbst  widersetzten  sich  der  Neuerung.  »Das  Geschäft  geht  schlecht  genug ­
  «,  hörte  man  sie  sagen  ;  »wenn  die  Leute  noch  länger  leben,  ist  es
bald  übersetzt,  und  dann  kann  Niemand  mehr  seine  Lebsucht  verdienen!  a
Aus  dem  nemlichen  Grunde  weigerten  sie  sich,  Masken  vor  das  Gesicht
zu  binden,  und  doch  liess  sich  erweisen,  dass  schon  das  Tragen  eines
Schnurrbartes,  der  wenigstens  einen  Theil  des  Staubes  von  Mund  und
Nase  abhielt,  merklich  nützte.  Indess  wird  das  Feststellen  der  Thatsachen
  und  ihr  Bekanntwerden  dennoch  schliesslich  zum  Auffinden  von
Hülfsmitteln  und  zu  deren  wirklichen  Anwendung  führen.
Die  Bergleute  nehmen  in  den  englischen  Sterblisten  die  zweite
Stelle  ein.  Und  doch  sind  in  Grossbritanien  nicht  weniger  als  300,000
menschliche  Wesen  mit  dem  Bergbau  beschäftigt,  und  —  hörten  sie
plötzlich  auf  in  ihren  Gruben  zu  arbeiten,  so  geriethe  die  ganze  britische
und  ein  grosser  TJieil  der  ausländischen  Industrie  mit  einem  Schlage  ins
Stocken  ;  es  würde  sich  Mangel  und  Noth  sofort  über  das  ganze  Land
und  die  gesammte  Nation  verbreiten.
Am  übelsten  befinden  sich  bei  dem  Bergbau  die  Steinkohlengräber.
In  vielen  Gruben  haben  die  Kohlenschichten  nur  20  bis  25  Zoll  Mächtigkeit. ­
  Nun  soll  der  Arbeiter  möglichst  wenig  Erde  mit  den  Kohlen
aus  dem  Boden  herausbringen.  So  müssen  die  Leute  gekrümmt,  oft  auf
dem  Rücken  liegend,  12  Stunden  lang  arbeiten.  Die  ganze  menschliche
Gestalt  erhält  eine  Missbildung.  Als  einige  dieser  Leute,  wegen  Verbrechen ­
  zum  Zuchthause  verurtheilt,  nach  Wakefield  gebracht  worden
waren,  vernahm  man  von  ihnen  die  einzige  Klage,  dass  sie  die  ihnen  auferlegte ­
  Zwangsarbeit  in  aufrechter,  gerader,  statt  gekrümmter  Haltung
verrichten  müssten.  Man  rechnet,  dass  in  den  englischen  Kohlenbergwerken ­
  jedes  Jahr  850  Menschen  getödtet,  gegen  10,000  sonst  beschädigt ­
  werden.  Jede  Production  von  71,880  Tonnen  Kohlen  kostet  durchschnittlich ­
  ein  Menschenleben  !  Wie  sehr  diese  furchtbare  Zahl  vermindert ­
  werden  könnte,  zeigt  eine  Vergleichung  mit  dem  Bergbau  in  andern
Ländern.  Nach  den  Berechnungen  von  Mackworth  kommen  auf  1000
Arbeiter  in  den  deutschen  Steinkohlengruben  1,89  Getüdtete,  in  denen
von  Belgien  2,8,  in  den  englischen  durchschnittlich  4,5,  in  denen  von  Staffordshire ­
  aber  7,3.  —  Indess  bezeichnen  diese  Zahlen  nur  den  unmittelbaren, ­
  nicht  auch  den  mittelbaren  Verlust  an  Menschenleben  Die  ungesunde ­
  Luft,  die  üblen  Dünste,  der  Kohlenstaub,  welchen  die  Arbeiter
einathmen,  zerstören  nicht  minder  ihre  Gesundheit.  Asthma,  Bronchitis
und  Pneumonie  stellen  sich  bei  ihnen  in  furchtbarer  Häufigkeit  ein.
Bereits  ist  festgestellt,  dass  die  Kohlengräber  in  der  Altersperiode  vom
20.  bis  zum  60.  Jahre  im  Ganzen  sich  95  Wochen  lang  krank  befinden.
Es  sind  dies  um  67  Proc.  mehr  als  bei  andern  Arbeitern.  Die  Lunge
der  Gestorbenen  ist  durch  den  Kohlenstaub  schwarz  gefärbt.
        <pb n="557" />
        Anhang.  Zur  Philosophie  der  Statistik.  535
Ist  nun  auch,  wie  sich  aus  der  vorstehenden  Notiz  ergibt,  das  Verhältniss
  der  deutschen  Bergleute  ein  entschieden  günstigeres  als  das  der
englischen,  so  haben  doch  Prof.  Zeuners  Vergleichungen*)  dargethan,
dass  die  Lebensdauer  in  Freiberg,  einerseits  der  Bergleute  anderseits  der
.Nichtbergleute,  sich  )0  stellt,  dass  von  10.000  Personen  ein  Alter  von
90  Jahren  erreichen:
Männer  Frauen
Bergleute  ....  1  1-Nichtbergleute
  .  .  10  20
Schon  in  dem  Alter  zwischen  30  und  40  Jahren  werden  die  meisten
Arbeiter  ,,bergfertig“,  d.  h.  invalid.
Selbstverständlich  kann  keine  Rede  davon  sein,  wirklich  nothwendige
  Arbeiten  aufzugeben,  weil  deren  Betrieb  mit  Nachtheilen  und  Gefahren ­
  verknüpft  ist.  Aber  es  gilt  vor  Allem,  die  Phatsachen  zu  ermitteln ­
  und  festzustellen  ;  sie  liefern  nicht  selten  ganz  andere  Resultate
als  die  blosen  Annahmen  und  Behauptungen.  Dann  wird  der  menschliche ­
  Scharfsinn  darauf  geleitet,  Mittel  zur  Abhülfe  der  Hauptübel  zu
erdenken,  und  sicherlich  wird  ihm  dies,  so  bald  man  die  wahre  Sachlage ­
  kennt,  in  den  meisten  Fällen  in  bedeutendem  Grade  gelingen.
Den  Opfern  gegenüber,  welche  manche  Arbeiten  fordern,  und,
wenn  auch  in  wesentlich  vermindertem  Masse,  stets  fordern  werden,  ist
es  nicht  nur  eine  beruhigende,  sondern  selbst  erhebende  \V  ahrnehmung,
dass  die  Arbeit  an  sich  nicht  nur  nicht  schadet,  sondern  im  Gegentheil
zur  Verlängerung  des  Lebens  beiträgt,  indem  sie  die  Gesundheit  stählt
und  stärkt,  während  hinwieder  Trägheit  und  Ueppigkeit  die  nemlichen
Wirkungen  erzeugen,  wie  eine  höchst  ungesunde  Beschäftigung.  Der
Engländer  Dr.  Guy,  der  mit  vielem  Fleisse  die  Lebensdauer  in  den
vornehmen  Classen  zu  ermitteln  suchte,  gelangte  zur  heststellung  der
überraschenden  Thatsache,  dass  bei  Erwachsenen,  je  höher  die  Stellung
in  der  socialen  Hierarchie,  je  unbeschränkter  die  Mittel  zur  Befriedigung
jedes  Gelüstes,  —  desto  geringer  die  Wahrscheinlichkeit  einer  langen
Lebensdauer  ist.  Man  hat  sich  so  sehr  daran  gewöhnt,  den  Besitz  von
Reichthum  als  die  beste  Bürgschaft  des  körperlichen  Wohlergehens  anzusehen, ­
  dass  die  Meisten  mit  Staunen  den  Satz  Guy’s  vernehmen
werden  :  die  Wahrscheinlichkeit  der  Lebensdauer  kürzt  sich  bei  jeder
Bevölkerungsclasse  der  Erwachsenen  in  dem  Masse  ab,  in  welchém  ihr
der  wohlthätige  Antrieb  zur  Arbeit  fehlt.  Zieht  sich  ein  Mann,  der  lange
Zeit  in  reger  Thätigkeit  lebte,  plötzlich  von  allen  Geschäften  zurück,
so  lässt  sich  mit  einer  Wahrscheinlichkeit  von  10  gegen  1  annehmen,  dass
er  das  wirksamste  Mittel  ergriffen  hat,  sein  Leben  zu  verkürzen.  So
sehr  wir  auch  über  den  Geschmack  des  Seifensieders  lächeln  mögen,  der,
nachdem  er  sich  in  Ruhe  versetzt,  gleichwohl  an  jedem  läge  des  Seifensiedens ­
  nach  seinem  alten  Arbeitslocale  wandelte,  so  müssen  wir  doch
anerkennen,  dass  der  Instinct  den  Mann  vollkommen  richtig  geleitet  hat.
Den  Müssiggang  vermögen  wir  am  wenigsten  zu  ertragen,  und  ganz  besonders ­
  gilt  dies  von  Solchen,  welche  sich  an  ein  thätiges  Leben  einmal
gewöhnt  haben.  ,,Wahrlich,“  bemerkt  ein  englischer  Statistiker  ,  ,,es
giebt  eine  Vergeltung  in  diesem  Leben,  wenn  wir  dieselbe  nur  richtig

')  S  oben  S.  509.
        <pb n="558" />
        536

Anhang.  Zur  Philosophie  der  Statistik.

erkennen  wollen.  Der  arme  Bauer  von  30  Jahren,  der  sein  kärgliches
Mittagsbrod  im  Schatten  einer  Hecke  geniesst,  hat  eine  um  13  Jahre
längere  Lebenswahrscheinlichkeit  vor  sich,  als  der  Monarch  vom  gleichen
Alter,  der  in  Purpur  gehüllt  und  vielleicht  Herr  eines  halben  Erdtheils
  ist.  ‘  ‘

Wir  haben  oben  verschiedene  Beispiele  angeführt  und  aus  den  früher ­
  vorgekommenen  Beispielen  sofort  Schlüsse  gezogen  für  die  Zukunft.
Aber  waren  jene  Erscheinungen  nicht  etwa  blos  zufällig?  könnten  die
Verhältnisszahlen  nicht  eben  so  gut  ganz  anders  lauten?  Auf  die  letzte
Frage  antworten  wir  mit  einem  entschiedenen  Nein  !  Nach  Massgabe
der  obwaltenden  Zustände  konnten  die  Zahlen  nur  diese  und  keine  andern ­
  sein,  und  nur  nach  Massgabe  einer  Aenderung  dieser  Zustände  selbst
können  die  Ziffern  in  Zukunft  grösser  oder  geringer  werden.
Ein  näheres  Studium  der  Statistik  beweist  die  überraschende  Thatsache
  :  Es  gibt  keinen  Zufall  in  solchen  Dingen!
Ueberall  finden  wir  Ursache  und  entsprechende  Wirkung,  —
Regelmässigkeit,  Ordnung,  innere  Uebereinstimmung,  volle  Harmonie.  —
Was  uns  als  Zufälligkeit,  als  etwas  Ausserordentliches,  in  einzelnen
Fällen  selbst  als  Monstrosität  erscheint,  —  es  bildet  nur  eines  der  äussersten
  Glieder  des  Ordentlichen  und  Gewöhnlichen  ;  es  gehört  zu  den
regelmässigen  Erscheinungen;  ja  es  ist  eben  bei  dem  wohlgeordneten ­
  Gange  der  gegebenen  Verhältnisse  geradezu  unvermeidlich,  in  gewisser ­
  Beziehung  unentbehrlich,  und  es  wird  sich  selbst  in  seinen  monströsesten ­
  Momenten  mit  einer  Regelmässigkeit  wiederholen,  die  man
sogar  in  bestimmten  Zahlen  vorausberechnen  kann.  Man  darf  nur  die
s.  g.  ungewöhnlichen  Fälle  nicht  zu  sehr  abgesondert  und  vereinzelt  betrachten, ­
  sondern  in  ihrem  factischen  Verhältniss  zu  den  »gewöhnlichen«
oder  »ordentlichen«  Erscheinungen.  Um  dieses  richtige  Verhältniss  zu
ermitteln,  hat  man  möglichst  grosse  Mengen  in  das  Auge  zu  fassen,
hat  man  sich  also  möglichst  grosser  Zahlen  zu  bedienen,  weil  dann  ein
einseitiges  Hervortreten  der  Wirkung  von  Sonderverhältnissen  in  der
Fülle  des  Ganzen  gleichsam  verschwindet,  die  bei  kleinen  Zahlen  so  störenden ­
  Irrthümer  ihre  überwiegende  Bedeutung  verlieren,  und  sogar  die
Fehler  der  Beobachtung  und  Berechnung  nach  der  einen  Seite,  sich  durch
die  nach  der  andern  im  Wesentlichen  auszugleichen  pflegen.
Beobachtet  man  die  atmosphärischen,  die  meteorologischen  Erscheinungen ­
  in  einer  Gegend,  so  wird  man  an  einzelnen  Tagen  allerdings  ganz
gewaltige  Sprünge  wahrnehmen;  aber  man  wird  dennoch  im  Grossen  und
Ganzen,  in  den  Monaten  und  noch  mehr  in  einer  Reihe  von  Jahren,  immer ­
  wieder  den  gleichen  Phänomenen  begegnen,  —  ähnliche  Hauptresultate ­
  erhalten,  in  einer  Periode  wie  in  der  andern.  Gewisse  Zeiträume
zusammengefasst,  wird  man  Mittelzahlen  bekommen,  die  fast  unveränderlich ­
  erscheinen.  Es  gilt  dies  für  die  Grösse  des  Luftdrucks,  für
Kälte  und  Wärme,  Regen  und  Schnee,  herrschende  Winde  und  zum
Ausbruch  kommende  Gewitter,  wie  für  tausend  andere  Dinge.
Tritt  in  einem  Jahr  eine  starke  Verminderung  ein,  so  folgt  alsbald
die  Ausgleichung  durch  ein  (nachfolgendes)  Uebersteigen  der  Mittelzahl,
also  durch  Vermehrung.  Beide  Fälle  aber  —  jenes  Weniger  wie  dieses
        <pb n="559" />
        Anhang.  Zur  Philosophie  der  Statistik.

537

Mehr—  sie  gehören  selbst  wieder  in  den  Kreis  der  gewöhnlichen
Erscheinungen,  sie  bilden  einen  wichtigen  und  nothwendigen  Theil  eben
dieses  völlig  naturgemässen  Verhältnisses  in  seinen  regelmässigen  Phasen.
Und  wie  gering  ist  gewöhnlich  die  Einwirkung  auch  der  äussersten
Schwankungen  auf  die  Mittel-,  die  Normalzahl,  auf  das  Ganze  !
Beobachtungen,  welche  sich  auf  die  lange  Zeit  von  115  Jahren  ausdehnen, ­
  haben  dargethan,  dass  im  Saonegebiet  durchschnittlich  an  125
Tagen  im  Jahre  Regen  ftlllt.  Die  Abweichungen  betragen  in  diesem
(hierin  allerdings  besonders  beständigen)  Clima  —  nicht  mehr  als  fünf
Tage,  indem  an  den  äussersten  Grenzen  einerseits  12u,  anderseits  130
Regentage  erscheinen.  )Iag  die  Differenz  anderwärts  allerdings  grösser
sein,  —  so  bedeutend  wie  man  ohne  feste  Beobachtung  zu  glauben  pflegt,
ist  sie  nirgends.
Die  mittlere  Barometerhöhe  stellt  sich  zu  Paris,  nach  vielen  Jahren
berechnet,  auf  756  Millimeter.  Und  welches  ist  der  Unterschied  in  den
einzelnen,  scheinbar  so  sehr  von  einander  abweichenden  Jahren?  Noch
nicht  einmal  drei  Millimeter.  Die  grossen  Schwankungen  an  den  einzelnen ­
  Tagen  reichen  in  ihren  Wirkungen  auf  das  Ganze  nicht  weiter,
denn  sie  werden  immer  gröstentheils  sofort  wieder  ausgeglichen.
Aehnlich  wie  in  der  physischen  Welt  ist  das  Verhältniss  auf  den
Gebieten  der  rein  menschlichen,  der  socialen,  ja  selbst  der  moralischen ­
  Zustände.  Auch  hier  findet  sich  überall  Regelmässigkeit,
Harmonie,  Periodicität.  Auch  hier  ist  es  die  Aufgabe  der  Statistik,  erst
die  Thatsachen  festzustellen,  dann,  vermittelst  der  erlangten  Ergebnisse,
die  betr.  Gesetze  zu  erforschen.
So  lange  die  socialen  Grundlagen  keine  wesentliche  Aenderung  erfahren ­
  ,  ergibt  sich  in  jeder  nur  irgend  ausgedehnteren  Periode  durchschnittlich ­
  die  gleiche  Zahl  von  Heirathen,  Geburten  und  Todesfällen.
Das  Verhältniss  ist  aber  ein  noch  stabileres  in  andern  Beziehungen,  in
denen  man  es  noch  weniger  erwartet.  So  hat  der  franz.  Statistiker
Valentin-Smith  durch  eine  in  der  Gemeinde  Chalamont  vorgenommene,
über  einen  Zeitraum  von  40  Jahren  ausgedehnte  Berechnung  gefunden,
dass  von  den  neu  vermählten  Frauen  im  ersten  Jahre  nach  der  Heirath
regelmässig  ein  Siebentel  Mütter  wurden,  im  Laufe  des  ersten  und  zweiten ­
  Jahres  zusammen  ein  Drittel,  und  dass  dagegen  der  dreissigste  Theil
nach  fünf  Jahren  zum  erstenmal  niederkam.
Noch  merkwürdiger  ist  das  Streben  der  Natur,  einzelne  Ueberschreitungen
  der  gewöhnlichen  Norm  wieder  auszugleichen,  und  das,  was  wir
etwa  (in  Ermangelung  genauer  Kenntniss  aller  Verhältnisse)  »Störungen«
nennen  möchten,  zu  verwischen.
Im  Jahre  1832  herrschte  in  Frankreich  eine  ungewöhnliche  Sterblichkeit ­
  ;  die  Cholera  richtete  starke  Verheerungen  an  ;  die  Zahl  der  Todesfälle ­
  betrug  033,733,  d.  h.  63,600  mehr  als  nach  dem  Durchschnittsverhältniss.
  Aber  im  nächsten  Jahre  sank  die  Zahl  der  Sterbfälle
auf  812.548  herab,  d.  i.  57,600  weniger  als  die  Normalzahl,  so  dass
sich  der  Ausfall  sofort  wieder  nahezu  ausglich.  —  Das  Jahr  1847  brachte
grosse  Theuerung  bei  302  Todesfällen  wurde  gerichtlich  erwiesen,  dass
sie  unmittelbar  durch  Verhungern  oder  Erfrieren  veranlasst  waren)  ;  es
ergaben  sich  um  3  Procent  mehr  Sterbfälle  als  im  Vorjahre.  Im  nächsten
        <pb n="560" />
        Anhang.  Zur  Philosophie  der  Statistik.

538'

Jahre,  1848,  verminderte  sich  die  Sterblichkeit  (trotz  der  blutigen  Junikämpfe ­
  in  Paris)  beiläufig  auf  das  Normalverhältniss  :  allein  die  Geburten
vermehrten  sich  gerade  um  3  Proc.,  wie  überhaupt  die  dessfallsige  Ausgleichung ­
  bald  durch  Verminderung  der  Todten-,  bald  durch  Vermehrung ­
  der  Geburtszahl  erfolgt.  —
In  den  5  Jahren  1846—50  betrug  die  Mittelzahl  der  Todesfälle  in
Frankreich  848,348.  Dabei  kamen  aber  auf  das  Cholerajahr  1849  nicht
weniger  als  982,008  ;  demnach  eine  Ueherschreitung  der  Normalzahl  um
134,000.  Im  nächsten  Jahre,  1850,  sank  nun  aber  die  Sterbliste  auf
761,610  Fälle  herab,  so  dass  87,000  Individuen  weniger  als  in  einem
Mitteljahr  erlagen  (es  war  gleichsam  eine  anticipirte  Abtragung  auf  das
Todescontingent  geleistet,  welche  nun  dem  Schuldner  abgerechnet  wurde
und  somit  zu  gut  kam).  Gleichzeitig  hob  sich  die  Menge  der  Geburten,
welche  im  fünfjährigen  Mittel  1846  —  50  949,594  betragen  hatte,  im  J.
1849  auf  985,848,  was  einen  aussergewöhnlichen  Zuwachs  von  36,000
ergibt.  Durch  beide  Momente  zusammen,  war  also  der  ausserordentliche
Verlust  bis  auf  1  1,000  ausgeglichen.  *)
In  England  und  Belgien  machte  man  nach  den  Epidemien  von  1832
und  49  ähnliche  Erfahrungen.  In  England  und  Wales  kamen  in  den  5
Jahren  1848—52  durchschnittl.  402,550  Todesfälle  vor.  Das  Cholerajahr ­
  1849  überschritt  diese  Mittelzahl  um  38,303.  Dagegen  nahm  das
nächste  Jahr  1850,  33,564  Menschen  weniger  als  die  Mittelzahl  hinweg,
abgesehen  von  einer  Vermehrung  der  Geburten  im  J.  1851  um  21,000.
Welchen  Schrecken  hat  die  Malthus’sche  Lehre  von  dem  Anwachsen
der  Volksmenge  in  geometrischer  Progression  hervorgebracht;  zu  welchen ­
  verkehrten  Vorschlägen  hat  sie  geführt  ;  wie  sehr  hat  sie  eine  vernünftige ­
  Entwickelung  der  Gesetzgebung  über  Verehelichung  und  Niederlassung ­
  aufgehalten,  und  selbst  die  bereits  erlangten  Fortschritte  vielfach ­
  wieder  geschädigt.  Wäre  die  Statistik  damals  schon  zur  Genüge
ausgebildet  gewesen,  so  würde  nicht  blos  Vielen  eine  unnöthige  Furcht
erspart,  sondern  auch  gar  manche  für  das  Volkswohl  gemeinschädliche
legislatorische  und  polizeiliche  Massnahmen  vermieden  worden  sein.
Ileberall  hiess  es;  die  Lebensmittel  können  nur  in  arithmetischer  Progression ­
  vermehrt  werden,  die  Menschenmasse  aber  wächst  in  geometrischer ­
  Progression.  Daher  Erneuerung  des  Systems  väterlicher  Bevormundung ­
  des  Volkes  durch  die  bureaukratische  Weisheit  ;  daher  Beschränkung ­
  der  lleirathen,  Beschränkung  der  Ansässigmachung,  Beschränkung ­
  des  Gewerbebetriebs,  Beschränkung  der  Gütertheilbarkeit.
Jeder  polizeiliche  Eingriff  in  die  natürlichsten  Rechte  schien  befugt,  ja
schien  sogar  nothwendig  für  das  Gemeinwohl.  Diesen  Volksbeglückungsexperimenten ­
  gegenüber  blicke  man  doch  auf  die  durch  die  Statistik  festgestellten ­
  Ergebnisse  in  Ländern,  in  denen  man  mehr  oder  minder  vollständig ­
  dem  Grundsätze  freier  Bewegung  huldigt.  Hat  sich  die  Menschenzahl ­
  hier  wirklich  in  geometrischer  Progression  vermehrt?  Die  Volksmenge ­
  hob  sich,  nach  Procenten  der  vorhandenen  Anzahl  :

*)  Nach  dem  Cholerajahr  1854  konnte  sich  die  Ausgleichung  nicht  sofort
ergeben,  da  1855  wieder  ein  Kriegsjahr  war;  erst  später  erfolgte  diese  Ausgleichung. ­
        <pb n="561" />
        Anhang.  Zur  Philosophie  der  Statistik.

539

Jahre
1821—30
1831—40
1841—50
1851—60

in  Frankreich
6,69  %
5,07
4,49
2,59

in  England
15,89%
14,27
13,00
11,18

Jahre
1831—39
1840—46
1847—52
1853—55
1856-58
1859—62

in  Preussen
14,49%
7,93
5,10
1,57
3,12
4.26

Da  tritt  nirgends  die  gefürchtete  geometrische,  es  tritt  nicht  einmal
eine  constante  arithmetische  Progression  hervor.  Andere  Daten  aber
lassen  keinen  Zweifel,  dass  sich  in  der  Regel  der  Volkswohlstand  entschieden ­
  mehr  hob,  als  die  Volksmenge,  und  dass,  wenn  ausnahmsweise
ein  Stillestehen  oder  gar  eine  Verminderung  der  letzten  sich  ergab,  diese
Veränderung  gerade  von  einer  tiefen  Erschütterung  des  allgemeinenWohlbefindens
  herrührte.  Eine  Vergrösserung  der  Verhältnisszahl  bei  der
Volksvermehrung  pflegt  in  dem  Masse  zu  erfolgen,  in  welchem  eine  \  er
besserung  in  der  Lage  des  Volkes  eine  solche  stärkere  Zunahme  ebenso ­
  wol  rechtfertigt  als  erklärt.  .  ,  ,
Selbst  in  den  Erscheinungen,  welche  vermeintlich  aus  der  »natürlichen ­
  Ordnung  der  Dinge.heraustreten«,  ergibt  sich  eine  B«tändigkeit
  in  den  Resultaten,  eine  periodische  Wiederholung  der  gleichen  Zahlen, ­
  welehe  weit  mehr  als  bloses  Erstaunen  zu  erwecken  geeignet  ist.
Beim  Beginne  jedes  neuen  Jahres  lässt  sich  bis  auf  kleine  Schwankungen
mit  Bestimmtheit  Voraussagen,  wie  viel  Menschen  im  Laufe  der  nächsten
12  Monate  in  einem  Lande  oder  einer  grossen  Stadt  gewaltsam  umkommen ­
  werden,  theils  durch  Unglücksfälle,  sonach  »zufällig«,  wie  man  es
nennt,  theils  durch  Selbstmord,  theils  durch  Verbrechen.  Nehmen  wir
z.  B.  die  statistischen  Tafeln  von  Baris  vor  der  Zeit  der  letzten  Stadterweiterung. ­
  Da  hatte  man  des  Jahres  etwas  mehr  als  «00  gewaltsame
Todesfälle,  worunter  ein  wenig  Ober  400  »zufällige«,  und  davon  etwas
über  anderthalb  hundert  durch  Ertrinken  herbeigeführte.  So  ergaben
sich  an  unabsichtlichen  Tödtungen  (morts  arndmlelks)  :
1850  419  Fälle,  wovon  153  durch  Ertrinken,
1851  409  -  -  157  -
Im  Ganzen  kamen  zur  nemlichen  Zeit  mit  Einrechnung  der  Selbstmorde ­
  jährl.  200  bis  220  Personen  im  Wasser  um,  und  beiläufig  50
durch  Erhängen;  —  gleichsam  als  ,,ordentliches  Budget.
Die  Ermordungen  werden  mit  solcher  Regelmässigkeit  begangen
und  haben  ein  so  gleichmässiges  Verhältniss  zu  gewissen,  zum  1  heil
bereits  ermittelten  Normen,  wie  die  Bewegungen  der  Ebbe  und  Hut  ,
und  die  gewöhnlichen  Folgen  der  Jahreszeiten.  *)  Ja  die  Jahreszeiten
*1  Aus  der  uns  gerade  zu  Gesicht  gekommen  «Uebersicht  der  in  den  Jahren
1853-62  iinGrossh.  Hessen  vorgekommenen  gewaltsamen  Tödtungen«  entnehmen
wir  folg.  Daten  bezügl.  der  Tödtungen  durch  Unglücks  fälle:
in  den  3  Jahren  1853—55.  .  .  .  567  Fälle=jährl.  189
1856-58.  ...  554  -  -  84/,
1859—61.  ...  583  -  -  ¡94%
in  dem  einen  Jahre  1862  •
Durchschnitt  189,6
Nimmt  man  zu  obigen  Fällen  auch  noch  die  der  Tödtungen  durch  Verbrechen, ­
  Selbstmord  und  Hinrichtungen,  so  ergeben  sich  folgende  Zahlen  :
        <pb n="562" />
        540

Aqhang.  Zur  Philosophie  der  Statistik.

selbst  äussern  vielfach  ganz  unmittelbar  ihren  Einfluss,  z.  B.  sogar  auf
die  Selbstmorde  ;  sie  bestimmen  deren  Verhältnisszahl  in  solcher
Weise,  dass  man  von  Monat  zu  Monat  nach  weisen  kann,  wie  die  Menge
dieser  Selbstmorde  steigt  mit  dem  Wachsen  der  Tageslänge.  Die  Untersuchungen ­
  Hippolyte  Blanc’s,  welche  sich  über  alle  in  den  Jahren
1854  —  58  in  ganz  Frankreich  vorgekommenen  Selbstmorde  ausdehnen
{Du  Suicide  en  France-,  Paris  1862),  haben  die  eben  erwähnte  schon
früher  ermittelte  Erfahrung  aufs  Neue  in  schlagender  Weise  bestätigt.
Wenn  wir  jeden  Monat  auf  die  gleiche  Zahl  von  30  Tagen  berechnen,
so  kamen,  und  zwar  nach  den  verschiedenen  Geschlechtern,  auf  je  1000
Selbstmorde  •

Die  einzelnen  Fluctuationen  sind  nicht  nur  an  sich  unbedeutend,  sondern ­
  sie  verschwinden,  sobald  man  eine  andere  Gruppe  von  Jahren  ins
Auge  fasst.  So  folgen  sich  z.  B.  in  den  Jahren  18^9—53  die  Monate
August  bis  October  bei  den  Männern  mit  folgenden  Verhältnisszahlen  :
83—/6—70,  wogegen  man  andere  kleine  Schwankungen  wahrnimmt,
die  ihrerseits  wieder  in  der  folgenden  Periode  verschwanden.  Die  Richtigkeit ­
  der  Regel  im  Ganzen  ist  unverkennbar  ;  in  einem  noch  grösseren
Zeitraum  zusammengenommen  werden  auch  jene  Fluctuationen  verschwinden. ­
  *)

AVie  klein  sind  überall  die  Abweichungen  von  der  Mittelzahl!
♦)  In  der,  seit  Abhaltung  des  vorstehehenden  Vortrags  erschienenen  Schrift
von  Adolph  AVagner:  ,,l)ie  Gesetzmässigkeit  in  den  scheinbar  willkürlichen
menschlichen  Handlungen,—zweiter  Theil;  Statistik  der  Selbstmorde,“  findet
sich  unsere  Ansicht  entschieden  bestätigt.  Der  \’’erf.  bringt  17  verschiedene
Zusammenstellungen.  Sie  sind  zum  Theil  unvollständig,  zum  Theil  unzuverlässig ­
  (wie  aus  Russland)  oder  von  einzelnen  Städten  entnommen  (Genf,  Frankfurt ­
  a.  M.,  Berlin),  deren  Gebiet  nicht  nur  zu  klein  ist,  um  gegen  s.  g.  ,,zufällige ­
  Schwankungen“  zu  sichern,  sondern  in  denen  auch  (eben  weil  es  sich  nur
um  die  A’orgänge  in  solchen  Städten  handelt)  anderweite,  besondere  Verhältnisse ­
  vorzugsweise  ein  wirk  en  ;  endlich  hat  er  es  versäumt,  die  Resultate
der  verschiedenen  Monate  auf  die  gleiche  Anzahl  von  Tagen  zurückzuführen.
Natürlich  fehlen  da  Schwankungen  im  Einzelnen  nicht.  Gleichwol  wird  unser
Satz  durch  das  Hauptergebniss  entschieden  unterstützt.  Da  aber  AA'agner  nicht
das  AA’’achsen  oder  Abnehmen  der  Tage,  sondern  nur  die  Hitze-  und  Kältegrade
ins  Auge  fasste,  so  wusste  er  nicht,  was  mit  der  Erscheinung  anfangen,  dass  die

bei  Männern

bei  Frauen

im  Januar

68
75
84
94
96
106
99
82
74

63
70
78
93
92
110
106
89
78
99
68
60

Februar
März

Juni
Juli
August
September
October
November
December

61
62

&amp;lt;  /

1853—55.
1856—58.
1859—61.

.  941  Fälle=jährl.  313%
.  906  -  -  302

.  906  -
.  1023  -
.  321  -

341
321

1862.

1  lurchschnitt

319,1
        <pb n="563" />
        Anhang.  Zur  Philosophie  der  Statistik.

541

Die  Regelmässigkeit  der  Wiederholungen  ergibt  sich  u.  a.  auch
bei  den  Ermordungen  mit  Vorbedacht  gerade  so  wie  bei  den  in  Folge
augenblicklicher  Aufwallung,  oder  in  Folge  von  Streitigkeiten  aus  schein-Januar


Februar
März
April
Mai
Juni
Juli
August
September
October
November
December

{IS‘%
57
73
78
94
103
104
103
94
85
78
60
05

(18“4
08
77
90
82
97
102
95
92
78
84
04
70

meisten  Selbstmorde  auf  den  Juni,  die  wenigsten  auf  den  December  fallen,
während  die  Hitze  und  resp.  Kälte  allerdings  erst  später  eintritt.  Er  kommt
daher  zu  dem  Schlüsse:  ,,Die  relative  Gleichheit  der  Monate  Mai  bis  Jimi  und
die  meist  schon  beträchtlichere  Wiederabnahme  im  August  beweist,  dass  es
nicht  der  absolute  Hitzgrad,  sondern  die  Ungewohnheit  der  Hitze  und  der
U  ebergang  von  der  kalten  zur  warmen  J  ahreszeit  ist,  wodurch  der  Selbstmord
so  stark  begünstigt  wird.“  Unser  Erklärungsversuch  hat  wol  den  Anspruc
einfacher  und  zutreffender  zu  sein.  Wir  lassen  einige  der  Zusamenstellungen
aus  andern  Ländern  als  Frankreich  folgen,  obwol  ihre  \olkszahl  viel  kleiner
und  das  Ergebniss  somit  Schwankungen  ungleich  mehr  ausgesetzt  ist,  und  fügen
die  Resultate  von  Berlin  bei,  als  Zeichen  der  anomalen  Gestaltung  in  einer
solchen  Stadt  mit  ihren  zahlreichen  anderweiten  Einwirkungen.  Dabei  muss
nochmals  daran  erinnert  werden,  dass  W  agner  bei  seiner  sonst  so  sehr  verdienstlichen ­
  Arbeit  es  doch  versäumt  hat,  die  Ergebnisse  der  einzelnen  .  lonate
auf  eine  gleiche  Anzahl  von  Tagen  zurückzuführen.
Belgien  Bayern  Oestreich  Dänemark
-
02
00
70
88
110
119
121
98
78
05
08
'Es%1iabci  noch  zu  bemerken,  dass  die  Beobachtungen  in  den  eben  aufgeführten ­
  Ländern  auf  etwa  12,000  Fälle  beschränkt  waren  während  die
aus  Frankreich  sich  (1827-58)  über  nicht  weniger  als  92,002  solcher  Fälle
ausdthnUn.  „och  eine  Notiz  bei  :  Für  Frankreich  ist  constatirt,  dass  der
Mann  im  jugendlichen  Alter  am  meisten  das  Erhängen  an  wendet;  snäter  bedient ­
  er  sich  am  meisten  der  Feuerwaffen  ;  im  Alter  entscheidet  er  sich  neuerdings ­
  für  das  Erhängen  (s.  Guerry,  Eomi  sur  la  statuiUque  morale  de  la  trance,
Earis  1033;.  Bei  dieser  Gelegenheit  mag  auch  noch  erwähnt  werden,  dass  die
Neigung  zum  Selbstmorde  nicht  abnimint  (wie  man  sonst  meinte),  sondern  wächst
mit  den  Jahren  ;  blos  das  allerhöchste  Alter  bietet  eine  geringe  Verminderung
dar.  Auf  je  100,000  Menschen  einer  bestimmten  Altersclasse  (also  z.  B.  aut
100,000  männliche  oder  ebenso  viel  weibliche  Einwohner  zwischen  5  und  mehr
als  80  Jahren  etc.)  kam  in  den  Jahren  1849—58  in  Jrankreich  folgende  Zahl
von  Selbstmorden  :
Lebensalter  Selbstmorde  von  Männern
von  5—30  Jahren  12,1

(18‘%,
67
08
03
88
113
139
110
82
72
08
71
53

Schweden
(18"/.,)
70
78
73
91
137
96
90
70
83
73
05
02

Berlin
(18‘7..)
97
48
117
08
112
83
97
112
59
08
00
73

30—40  -
40—50  -
50—00  -
60—70  -
70—80  -
80  und  mehr

35,7
50,9
67,0
73,4
78.3
69.3

Frauen
5,4
10,7
14.5
17.5
22,0
23,5.
23.5

Somit  permanentes  Steigen  bis  zu  80  Jahren;  —  erst  dann  tritt  eine  Verminderung ­
  ein,  und  selbst  dies  nur  bei  den  Männern  ;  denn  bei  den  Frauen  muss
man  bis  zur  zweiten  Decimalstelle  greifen,  um  überhaupt  eine  V  ernngerung
feststellen  zu  können.
        <pb n="564" />
        542

Anhang.  Zur  Philosophie  der  Statistik.

bar  ganz  zufälligen  Veranlassungen.  Ja  diese  Regelmässigkeit  lässt  sich
sogar  in  Beziehung  auf  die  Mordwerkzeuge  nach  weisen,  mit  denen  die
Tödtungen  oder  Verwundungen  stattfinden.
Die  Zahl  der  V  erbrechen  überhaupt  unterliegt  geringem  Schwankungen ­
  als  die  Zahl  der  Sterbfälle.  —
Somit  sind  wir  allerdings  zu  der  von  Buckle  (Gesch.  der  Civilisation ­
  in  England)  ausgesprochenen  Folgerung  gezwungen,  ,,dass  die
Vergehen  der  Menschen  nicht  sowol  das  Ergebniss  der  Laster  der  einzelnen ­
  Individuen,  als  desZuStandes  der  Gesellschaft  sind,  in  welche
diese  Einzelnen  geworfen  wurden.“
Ebenso  wird  man  kaum  in  Abrede  stellen  können,  dass  die  Vermehrung ­
  d^  Selbstmorde,  welche  sich  in  der  Neuzeit  mehr  oder
minder  fast  in  allen  Ländern  zeigt,  ebenso  wenig  eine  blose  Sache  des
Zufalls  oder  Ungefährs  ist,  als  die  nemliche  Erscheinung  in  verschiedenen
Perioden  der  altrömischen  Geschichte  ohne  innere  Gründe  hervortrat.
Wir  erblicken  darin  Symptome  übler  Socialzustände.  Kommen  solche
Erscheinungen  vorzugsweise  in  einzelnen  Classen  der  Gesellschaft  vor
(wie  z.  B.  nach  dem  italien.  Kriege  von  1859  in  gewissen  höhern  Kreisen ­
  in  Oesterreich)  ,  so  liegt  darin  zugleich  eine  Andeutung  der  besonderen ­
  Ungesundheit  des  Zustandes  gerade  in  diesen  Kreisen.  —
Es  sei  gestattet,  hier  einige  Sätze  des  trefflichen  Quetelet  (de.  Vtnflucence
  du  libre  arbitre  de  T  homme  sur  les  faits  sociaux)  über  die  sich  hier
aufdrängende  Frage  wegen  Einwirkung  der  mensehlichen  Willensfreiheit ­
  einzuschalten.  ,,Die  Willensfreiheit,“  sagt  er,  ,,dieses  wunderliche, ­
  aller  Regeln  spottende  Element,  scheint,  indem  es  seine  Wirksamkeit ­
  mit  derjenigen  der  sonst  das  Gesellschaftsystem  beherschenden
Ursachen  vermengt,  alle  unsere  Berechnungen  für  immer  verwirren  zu
wollen.“  Und  doch  zeigt  die  Statistik  das  Gegentheil.  ,,Es  gibt  gewiss
keinen  Act  im  Bereich  des  menschlichen  Handelns,  bei  welchem  der
freie  Wille  in  unmittelbarer  Weise  eingrifte,  als  bei  der  Heirath.“  Nun
beweisen  aber  die  Civilstandsregister  gerade  bei  den  Trauungen  eine
Stätigkeit  und  Gleichmässigkeit,  noch  grösser  als  bei  den  Geburten  und
Sterbfällen.  Selbstverständlich  macht  sich  jede  sociale  Störung,  jedes
schlimme  wie  jedes  gute  Jahr,  in  allen  diesen  Beziehungen  bemerkbar.
Gleichwol  sind  von  den  drei  Momenten  :  Geburten,  Sterbfälle  und  Verehelichungen, ­
  —  die  Schwankungen  am  geringsten  bei  den  Heirathen.
Allein  es  treten  noch  ganz  andere  überraschende  Erscheinungen  hervor.
Ueberblicken  wir  die  Ergebnisse  in  einem  grösseren  Lande,  etwa  vom
Umfange  Frankreichs  oder  nur  Belgiens,  so  begegnen  wir  auch  in  den
Unterabtheilungen  im  Wesentlichen  immer  den  nemlichen  Verhältnisszahlen
  —  so  bei  den  Heirathen  zwischen  Junggesellen  und  Jungfrauen,
zwischen  Junggesellen  und  Wittwen,  zwischen  Wittwern  und  Jungfrauen, ­
  endlich  zwischen  beiderseits  Verwittweten.  ,,Wps  noch  mehr  in
Erstaunen  setzt,“  bemerkt  Quetelet,  ,,ist,  dass  diese  constante  Wiederkehr ­
  derselben  Thatsachen  sich  bis  in  die  einzelnen  Provinzen  wiederholt, ­
  obwol  hier  die  Zahlen  so  klein  werden,  dass  die  mannichfaltigen,
neben  dem  mensehlichen  Willen  wirkenden  ««zufälligen  Ursachen»»  alle
Regelmässigkeit  zu  zerstören  drohen.  .  .  Im  thatsächlichen  Verlauf  der
Dinge  geht  demnach  Alles  so,  als  ob  vom  einen  Ende  des  Landes  zum
        <pb n="565" />
        Anhang.  Zur  Philosophie  der  Statistik.

543

andern  das  Volk  sich  alljährlich  verständigte,  dieselbe  Anzahl  Heirathen
abzuschliessen,  und  dieselben  in  gleichheitlicher  Weise  unter  die  einzelnen ­
  Provinzen,  unter  Stadt  und  Land,  unter  Junggesellen  ,  Mädchen,
Wittwer  und  Wittwen  zu  vertheilen.  Nach  Spuren  eines  menschlichen
Willens  könnte  man  nur  etwa  in  dieser  sich  gleich  bleibenden  Vertheilung
  suchen;  sicherlich  hat  Niemand  daran  gedacht,  dieselbe  illkürlich
  hervorzurufen.  —  Noch  mehr.  Es  könnte  scheinen,  als  ob  eigene
gesetzliche  Bestimmungen  beständen,  welche  für  die  verschiedenen
Altersclassen  je  nur  eine  bestimmte  Anzahl  von  Ehebündnissen  bewilligten" ­
  (oder  vielmehr;  solche  geböten  und  wie  eine  Steuer  forderten)  ,
,,eine  solche  Regelmässigkeit  herrscht  in  dieser  Beziehung.  .  .  Der  noch
nicht  30  Jahre  alte  Mann,  welcher  eine  Frau  von  60  Jahien  heirathet,
ist  doch  sicherlich  nicht  durch  ein  Verhängniss  oder  eine  blinde  Leidenschaft ­
  getrieben;  er  befindet  sich  im  Falle,  seinen  freien  Willen  im  vollsten ­
  Umfang  anzuwenden.  Und  dennoch  kam  er  dahin,  diesem  andern
Budget,  das  nach  den  Gebräuchen  und  Bedürfnissen  unsers  Gesellschaftsorganismus ­
  geregelt  ist,  seinen  Tribut  zu  entrichten;  und  gerade
diese  budgetmassigen  Steuern  werden  mit  grösserer  Regelmässigkeit
abgetragen,  als  jene,  die  man  an  die  Staatscasse  zu  leisten  hat."  —
Das  von  Quetelet  besonders  er  wähnte  V  erhältniss  ist  aber  um  so  merkwürdiger, ­
  als  es  selbst  in  denjenigen  Jahren  bestätigt  wird,  welche  (z.  B.
in  Folge  von  Theuerung)  eine  Verminderung  der  Heirathen  überhaupt  ergeben. ­
  Gerade  in  solchen  Ausnahmsjahren  hält  sich  die  Zahl  der  anormalen
Eheabschlüsse  nicht  blos  auf  der  gleichen  Höhe  wie  früher,  sondern  sie
scheint  sogar  noch  um  etwas  zu  steigen.  Wenigstens  lässt  solches  das
von  Adolph  Wagner  hervorgehobene  Beispiel  aus  Oesterreich  annehmen.
In  diesem  Staate  betrug  die  Zahl  der  Eheabschlüsse  im  J.  1852  316,800,
wovon  231,900  zwischen  Ledigen  und  85,000  zwischen  Brautleuten,
von  denen  ein  Theil  oder  beide  Theile  verwittwet  waren.  Im  J.  1855
sank  die  Gesammtzahl  der  Heirathen  auf  2  15,000  herab  ;  die  enorme
Verminderung  von  72,000  traf  indess  ausschliesslich  auf  die  Normalehen
(zwischen  Ledigen),  die  auf  156,000  gesunken  waren,  während  sich  die
anormalen  Heirathen  sogar  bis  zu  79,000  vermehrten.  Aber  1852  kostete ­
  der  Metzen  Weizen  nur  3,85  fl  ,  18o5  dagegen  6,04  fl.  österr.  W.
Es  scheint  darin  die  Andeutung  zu  liegen,  dass  gerade  in  schlimmen
Zeiten  die  (schon  einen  stabileren  bürgerlichen  Besitz  geniessenden)  Verwittweten
  mehr  Gelegenheit  zur  Wiederverheirathung  finden  als  sonst.
Manche,  die  sich  ohne  die  Ungunst  der  Zeit  ebenfalls  verheirathet  haben
würden,  und  zwar  mit  bisher  Ledigen,  wählen  nun  —  in  der  Classe  der
Verwittweten  (oder  Geschiedenen).  .
»Man  glaube  nur  nicht«,  fährt  Quetelet,  übereinstimmend  mit  dem
von  uns  bereits  Gesagten  fort,  »dass  die  Heirathen  die  einzige  Abtheilung ­
  gesellschaftlicher  Thatsachen  bilden,  welche  einen  so  regelmässigen
und  stetigen  Gang  aufzuweisen  haben.  Mit  den  Verbrechen  verhält
es  sich  ebenso,  und  sie  ziehen  alljährlich  die  Strafen  im  gleichen  Verhältnisse ­
  nach  sich.  Dieselbe  Gleichmässigkeit  lässt  sich  bei  den  Selbstverstümmelungen ­
  nachweisen,  um  sich  der  Conscription  zu  entziehen  ;
bei  den  Summen,  welche  in  öffentlichen  Spielhäusern  gesetzt  werden ­
  ;  ja  sogar  bei  den  der  Post  übergebenen,  ungenau  oder  unrichtig
        <pb n="566" />
        544

Anhang.  Zur  Philosophie  der  Statistik.

adressirten  und  darum  unbestellbaren  Briefen.  Mit  wenigen  Worten: ­
  es  verläuft  Alles  derart,  als  ob  die  verschiedenen  Classen  vonThatsachen
  ausschliesslich  physischen  Ursachen  unterlägen.«  (Ja  selbst
die  Acte  der  Mildthätigkeit,  die  Unterstützungen,  die  «guten  Werke»,
unterliegen  den  nemlichen  Gesetzen.;
Quetelet  schliesst  so  :  «Muss  man  nun,  einer  solchen  Uebereinstimmung
  von  Thatsachen  gegenüber,  die  menschliche  Willensfreiheit  unbedingt ­
  leugnen  ?  Ich  glaube  nicht  ;  ich  denke  nur,  dass  diese  Willensfreiheit ­
  in  ihrer  Wirkung  auf  sehr  enge  Grenzen  beschränkt  ist  und
bei  den  gesellschaftlichen  Erscheinungen  die  Rolle  einer  zufälligen
Ursache  spielt.  Sieht  man  darnach  ganz  ab  von  den  einzelnen  Individuen, ­
  und  betrachtet  man  die  Dinge  nur  im  Grossen  und  Ganzen  ,  so
ergiebt  sich,  dass  die  Wirkungen  der  zufälligen  Ursachen  sich
neutralisiren  und  wechselseitig  in  der  Art  ausgleichen,  dass  nur  noch
die  wahren  Ursachen  vorwalten,  kraft  deren  die  Gesellschaft  besteht  und
sich  erhält.  .  .  .  Die  Möglichkeit,  eine  Moralstatistik  zu  begründen  und
nutzbare  Folgerungen  daraus  abzuleiten,  ist  vollständig  von  der  Fundamentalthatsache ­
  abhängig,  dass  der  menschliche  freie  Wille  sich  verflüchtigt ­
  und  ohne  merkliche  Wirkung  bleibt,  sobald  die  Beobachtung
sich  über  eine  grössere  Anzahl  von  Individuen  verbreitet.  Nur  dann
lassen  sich  die  constanten  und  die  veränderlichen  Ursachen  erkennen,  die
das  Gesellschaftssystem  beherrschen  ,  und  man  muss  auf  eine  Modification
dieser  UrsacJum  bedacht  sein,  wenn  man  nützliche  Aenderungen  bewirken  will.  «
Der  edle,  tiefblickende  Spinoza  lehrte  bekanntlich  :  »Die  Menschen
glauben  nur  darum  frei  zu  sein,  weil  sie  zwar  ihrer  Handlungen  sich
bewusst  sind,  die  Ursachen  aber  nicht  kennen,  von  denen  dieselben
bestimmt  waren  .  .  .  Das  Kind  meint,  es  begehre  die  Milch  mit  Freiheit; ­
  der  zornige  Knabe,  Er  wolle  die  Rache  ;  der  Feige,  Er  bestimme
sich  zur  Flucht;  der  Betrunkene,  Er  spreche  aus  freiem  Geistcsentschlusse.
Das  Kind,  der  Thor,  der  Schwätzer  und  die  meisten  Menschen  dieser
Art  sind  derselben  Meinung,  nemlich  dass  sie  aus  freiem  Entschlüsse
reden,  während  sie  doch  ihrem  Drang  zum  Reden  keinen  Einhalt  thun
können.«  —
Was  der  edle  Weltweise  Spinoza  im  Geist  erkannte,  —es  ist  durch
die  Statistik  mit  mathematischer  Bestimmtheit  erwiesen.  —

Bleibt  uns  sonach,  wenn  die  socialen  Erscheinungen  auf  diese  Weise
in  gleicher  Art  und  gleicher  Zahl  an  uns  vorüberziehen,  keine  Wahl?
—  müssen  wir  einfach  uns  in  stoische  Ruhe  hüllen,  oder  im  Glauben  an
einen  unüberwindlichen  Fatalismus  den  Dingen  zuschauen  wie  sie  eben
kommen  mögen?
Das  sei  feme!
Gerade  hier  zeigt  sich  die  P  erfec  tibilität  unseres  Geschlechtes.
Die  fortschreitende  Ausbildung  der  Statistik  wird  uns  mehr  und  mehr  in
den  Fall  setzen,  die  Wirklichkeit  genau  und  richtig  zu  erkennen,  und
damit  werden  wir  auf  den  Weg  geleitet,  der  uns  zu  zweckmässigen  Mitteln ­
  der  Verbesserung  führt.  Nicht  das  Aufstellen  neuer  Moraloder ­
  Kirchengesetze,  noch  die  weitere  Entwicklung  der  alten,  wird  im
Stande  sein,  den  Zustand  der  menschlichen  Gesellschaft  wesentlich  zu
        <pb n="567" />
        Anhang.  Zur  Philosophie  der  Statistik.

545

verbessern,  wol  aber  wird  eine  solche  Verbesserung  erzielt  werden  durch
eine  weitere  Entwicklung  der  Intelligenz  und  eine  damit  in  Verbindung
stehende  Verringerung  des  vorhandenen  materiellen  Elends.  —
Indem  wir  beitragen  zur  Verbesserung  der  menschlichen  Zustände,
folgen  wir  gerade  einem  durch  die  menschliche  Natur  in  uns  gelegten,
durch  die  Verhältnisse  in  uns  entwickelten,  durch  die  auf  uns  einwirkenden ­
  Umstände,  gleichsam  von  der  Geburt  bis  zum  Tode,  weiter  drängenden ­
  Triebe.  i.r  v  i
Und  was  in  dieser  Beziehung  geschieht,  ist  nicht  vergeblich  1
Man  hebe  das  die  Finanzen  der  Staaten  wie  den  Gesundheitszustand ­
  seiner  kräftigsten  männlichen  Jugend  untergrabende  stehende
Heerwesen  auf,  durch  Einführung  einer,  die  Vertheidigungskratt
unendlich  erhöhenden  wirklichen  Wehrhaftmachung  der  ganzen  Nation,
nach  dem  praktischen  Vorbilde  der  Schweiz,  so  wird  man  selbstverständlich ­
  auch  die  Selbstverstümmelungen  in  den  Reihen  unserer  Jugend  beseitigt ­
  haben,  und  es  werden  ebenso  die  in  manchen  Ländern  furchtbar
zahlreichen  heimlichen  Auswanderungen,  um  sich  dem  Jahre  langen
blosen  Casernendienst  zu  entziehen,  vollständig  aufhören.  Ebenso  wird
die  damit  verbundene  Vergrösserung  der  Sterblichkeit  von  selbst  hinwegfallen. ­
  —  Beseitigt  man  so  viele  monströse  Erschwerungen  der  Ansässigmachung
  und  Verehelichung,  so  wird  unzweifelhaft  auch  die  enorme
Zahl  der  unehelichen  Geburten  vermindert,  und  damit  in  physischer
Beziehung  das  Sterblichkeitsverhältniss  der  Neugebomen  verbessert  in
moralischer  die  wohlthätige  Wirkung  der  Erziehung  in  einem  geregelten
Familienkreise  erlangt  werden.  „ofiopTipt
Die  Ergebnisse  der  Statistik  führen  also  zu  der  mit  mathematischer
Schärfe  zu  präcisirenden  Erkenntniss,  dass  bei  dieser  oder  jener  Einrichtung ­
  das  eine  oder  andere  physische  oder  moralische  Uebel  vermindert ­
  oder  vermehrt  wird.  Sie  leiten  uns  dahin,  das  Eine  zu  thun,  das
Andere  zu  vermeiden,  wodurch  wir  die  Menge  der  UnglücksfMR  und
Missstände  verringern  und  günstigere  Verhältnisse  herbeiführen  können.
Die  Zahl  der  Häuser,  welche  in  einer  grossen  Stadt  niederbrennt,  wechselt ­
  in  einer  gegebenen  grössern  Periode  nur  wenig,
die  gleiche  bleibt.  Ersetzt  man  aber  die  Holz-  durch  Steinbauten,  d
strohbedach,mR  durch  Ziegeln  oder  Schiefer  und  führt  zwischen  den
einzelnen  Gebäuden  Brandmauern  auf,  so  werden  die  Veranlassungen  zu
Feuersbrünsten  allerdings  wiederkehren,  aber  mit  weit  geringerem  r  o  ge
und  weit  geringerer  Verheerung.  Man  wird  von  ausgedehnten  Brän  en  nur
in  viel  grösseren  Zwischenräumen  hören;  ganze  Städte  wer  en  (¡i^a  e
nie  mehr  vollständig  abbrennen  ;  und  dass  die  Assekuranzpr  mie  er-###=##

auf  die  Unfälle  einwirkendes  Moment  einem  andern  substit  ,
lere  Lebensdauer  49  Jahre  (z.  B.  in  den  gesundesten  Bezirken  von

K  o  1  b  SUtUtik.  4.  Aufl.
        <pb n="568" />
        546

Anhang.  Zur  Philosophie  der  Statistik.

England)  ;  unter  andern  Verhältnissen  sinkt  die  Zahl  der  Jahre  auf  25
herab  (z.  B.  in  Liverpool,  Manchester).  Bleiben  die  Zustände  die  nemlichen,
  so  wird  das  Leben  kommender  Generationen  die  gleiche  Ziffer
aufweisen,  ebenso,  wie  unter  gleichen  Windstrichen  die  Wellen  des
Oceans  nach  wie  vor  in  der  nemlichen  Zahl  an  den  Küsten  sich  brechen
werden.
Da  es  in  die  Hand  der  Menschen  gegeben  ist,  die  Zustände  des
Lebens  zu  modificiren,  so  besitzen  sie  auch  die  Macht,  den  Lauf  der
menschlichen  Handlungen  innerhalb  gewisser  Grenzen  zu  ändern.  Verbessern ­
  wir  die  socialen  Zustände,  so  weit  solches  im  Bereiche  der  Möglichkeit ­
  liegt,  so  werden  wir  bald  Erfolge  wahrnehmen,  die  weit  über
alle  anfangs  gehegten  Erwartungen  hinausreichen.  —  Nicht  die  Lehre
des  Fatalismus,  sondern  im  Gegentheil  die  der  menschlichen  Perfectibilität
  erhält  durch  die  Statistik  eine,  und  zwar  eine  unerschütterliche
Stütze.
Es  gibt  somit  keine  Wissenschaft,  welche  bei  dem  Streben  nach
Verbesserung  aller  menschlichen,  aller  socialen  Verhältnisse  einen  gleich
sichern  und  gleich  verlässigen  Leitfaden  gewähren  kann,  wie  die  eben
genannte.  Sie  zeigt  zunächst  die  W^irkungen  mit  mathematischer  Bestimmtheit; ­
  sie  ermöglicht  nicht  nur,  sondern  sie  fordert  auf  zum  Erforschen ­
  der  Ursachen  dieser  Erscheinungen,  und  bietet  Mittel  zum
Ergründen  der  hier  maasgebenden  Gesetze.  Auf  der  von  ihr  gesicherten
festen  Basis  ist  zunächst  zu  ermessen,  nach  welchen  Punkten  die  Anstrengungen ­
  zu  richten  sind,  um  die  menschlichen  Zustände  zu  vervollkommnen ­
  und  zu  verbessern.  Der  Forscher  sieht  sich  dabei  nicht  mehr
darauf  beschränkt,  von  blos  individuellen  und  vagen,  für  das  Ganze  unzuverlässigen ­
  W^ahrnehmungen  auszugehen,  woraus  bisher  so  viele  und
nicht  selten  so  schwere  Irrthümer  und  Fehlgriffe  entsprangen.
Wie  in  der  physischen,  so  bleibt  in  der  socialen  Welt  keine
Ursache  ohne  die  entsprechende  Wirkung.  Jede  Veränderung  in  den
Sitten,  den  Gewohnheiten,  der  Gesetzgebung  eines  Volkes  ruft  entsprechende ­
  Folgen  hervor.  Stets  macht  sich  dann  noch  weiter  eine  Rückwirkung ­
  auf  andere  Zustände  und  Verhältnisse  geltend.  Nichts  bleibt
in  dieser  Hinsicht  allein  und  isolirt.  Verbessert  eure  Felder,  und  ihr
werdet  damit  nicht  blos  den  auf  denselben  anzubauenden  Pflanzen  ein
besseres  Gedeihen  sichern,  sondern  ebenso  den  von  diesen  Pflanzen  ernährten ­
  Thieren,  und  endlich  den  Menschen  selbst,  denen  diese
Thiere  dienen  und  von  denen  sie  leben.  Gerade  so,  wie  hier  in  physischer, ­
  ergeben  sich  in  moralischer  Hinsicht  parallele  Wirkungen  von
einem  Gebiet  auf  das  andere.
»Indem  die  Statistik  den  wahren  Zustand  eines  Landes,  die  Elemente
seiner  Kraft  und  seiner  Schwäche,  seines  Reichthums  oder  seines  Elends
ermittelt,  wird  sie  stets  die  wahrste  und  treueste  Bezeichnerin  der  Weisheit ­
  oder  Schädlichkeit  der  Institutionen  eines  Volkes,  der  Fähigkeit
oder  Unfähigkeit,  der  Würde  oder  Unwürde  seiner  Regierung  sein.  Ganz
besonders  sind  es  die  Sterblisten,  in  denen  diese  Verhältnisse  sich  reflectiren
  und  worin  sie  ihr  Urthcil  finden,  —  ein  unparteiisches,  unwiderlegbares ­
  Urtheil,  dessen  Wahrheit  durch  nichts  getrübt  zu  werden  vermag, ­
  weder  durch  dieSchmeicheleien,  welche  die  Gewalthaber  sooft
        <pb n="569" />
        Anhang.  Zur  Philosophie  der  Statistik.

547

täuschen  und  nicht  selten  ins  Verderben  verlocken,  während  sie  Unglück
über  ganze  Länder  bringen,  —  noch  durch  dieLeidenschaften,  welche
blos  lästern,  anzuschwärzen  und  herabzuwürdigen  suchen.  Statistisch
hat  die  menschliche  Perfectibilität  eine  mächtige  Offenbarung  in  der  regelmässigen ­
  Entwicklung  der  Bevölkerungszunahme  vermittelst  des
Ueberschusses  der  Geburten  über  die  Sterbfälle,  —  mit  andern  Worten  :
in  der  Zunahme  der  mittleren  Lebensdauer  des  Menschen,  dem  hohen
und  getreuen  Ausdrucke  der  socialen  Verhältnisse  eines  Landes  und
Volkes.»  —
So  ungefähr  drückt  sich  Valentin-Smith  aus,  und  er  hat  damit
einen  Punkt  bezeichnet,  dessen  Bedeutung  weder  die  kriechendste
Schmeichelei,  noch  die  giftigste  Gehässigkeit  zu  verwischen  im  Stande  ist.
Es  war  sicherlich  nicht  Folge  eines  blinden  Ungefährs,  nicht  das
Ergebniss  durchaus  unabwendbarer  Zustände,  wenn  in  den  Jahren  1854
und  55  zum  erstenmal  während  des  ganzen  Jahrhunderts,  in  Frankreich ­
  statt  jeder  Zunahme  der  Bevölkerung  sogar  positiv  eine  Verminderung ­
  derselben  eintrat  ;  wenn  sie  im  ersten  der  beiden  genannten
Jahre  um  69,318,  im  zweiten  wieder  um  37,274  herabsank.
Es  war  ebensowenig  ein  bloses  Ungefähr,  wenn  in  Preussen  die
Zahl  der  Geburten  von  675,465  im  J.  1851  auf  617,017  im  J.  1855
sich  verringerte,  und  wenn  daneben,  in  der  nemlichen  Zeit,  auch  noch
die  Menge  der  Sterbfälle  von  443,838  auf  550,460  sich  vermehrte.
Es  wird  für  alle  Zeiten  eine  furchtbare  Anklage  des  Waltens  der
Reaction  in  Deutschland  nach  dem  Jahre  1848  sein,  wenn  man  auf
die  Ergebnisse  der  Volkszählungen  blickt,  und  durch  sie  eine  positive
Verminderung  der  Einwohnerzahl  in  einer  ganzen  Reihe  von  Ländern
constatirt  findet  ;  —  einen  Menschenverlu  st,  •
in  der  bayer.  Rheinpfalz  von  1849—55  2J,ÜJ6  Personen,
;WüntemberK  .  .  .  .  jS4»-55  74.8,5  -
Es  ist  dies  ein  Verlust,  der  im  Verhältniss  zur  Gesammtzahl  der  Einwohner ­
  am  grössten  erscheint  in  der  bayer.  Rhein-Pfalz,  in  Kurhessen,
Baden  und  Württemberg.
Eine  Abnahme  der  Bevölkerung  beweist,  aller  Schmeichelei  spottend, ­
  dass  nicht  (wie  die  Reaction  ankündigte)  eine  Verbesserung,  sondern ­
  eine  Verschlimmerung  der  Zustände  stattgefunden  ;  dass  also  die
Veränderungen  nicht  zum  Guten,  sondern  zum  Schlimmen  geführt  haben.
Hier  muss  übrigens,  um  Missdeutungen  zu  begegnen,  noch  eine
Bemerkung  eingeschaltet  werden.  Die  Wohlfahrt,  Kraft  und  Be  eutung
einer  Nation  lässt  sich  nicht  unbedingt  blos  nach  der  Volksmenge  bemessen. ­
  Hier  wirken  allerdings  auch  noch  andere  Umstände  ein,  und
kommen  noch  andere  Dinge  in  Betracht,  als  die  Erlangung  der  unbedingt ­
  erforderlichen  Nahrungsmittel.  Ausser  den  Bedingungen  zu  deren
Erwerb  muss  sich  ein  Volk  im  Besitz  seiner  natürlichen  hreiheitsr
  echte  befinden.  Darauf  beruht  die  menschliche  Würde  und  das
Bewusstsein  dieser  Würde,  ohne  welche  alle  edlen  Befähigungen  unseres
Geschlechts  verkümmern.  Auch  dies  lehrt  die  Statistik,  indem  sie  bei
allen  Erscheinungen  des  socialen  Lebens  die  Ursachen  und  Folgen
        <pb n="570" />
        548

Anhang.  Zur  Philosophie  der  Statistik.

untersucht  und  würdigt.  Es  mag  hier  eine  Hinweisung  auf  das  grosse
Reich  im  Osten  von  Asien,  —  eine  Hinweisung  auf  China  stattfinden,
das  trotz  seiner  500  Millionen  Menschen,  und  trotz  des  grossen  Fleisses
und  der  Genügsamkeit  derselben,  sich  im  elendesten  Zustande  befindet;
wo  das  Weib  Sklavin  ist,  man  sich  der  Kinder  gewohnheitsmässig
durch  deren  Tödtung  entledigt,  und  wo  die  Geburten  sich  nur  zum  Füllen ­
  der  Gräber  zu  häufen  scheinen.  Auch  ist  es  nicht  etwa  Mangel  an
Organisation  und  obrigkeitlicher  Aufsicht,  was  dort  fehlt  ;  ist  doch
gleichsam  für  Alles  so  umfassend  gesorgt,  dass  man  durchschnittlich  auf
10,000  Familien  nicht  weniger  als  3000  Beamte  nothwendig  hält.  Vortrefflich ­
  sind  die  Bemerkungen  Valentin-Smith’s,  der  freilich  ein  ihm
näher  liegendes  Beispiel  nicht  hervorheben  durfte.  ,,Freiheit  des  Menschen, ­
  Freiheit  des  Bodens,  endlich  alle  Freiheiten,  welche  die  Seele
des  Fortschritts  sind,  .  .  .  dies  ist’s,  was  China  fehlt;  und  dies  ist  es
auch,  was  immer  und  überall  als  unentbehrlich  sich  erweist  für  Entwicklung ­
  der  menschlichen  Perfectibilität.  Die  Wissenschaft  der  Hygieine
lehrt  und  die  Statistik  beweist,  dass  allenthalben,  wo  das  Volk  durch
despotische  Einrichtungen  niedergedrückt  wird,  die  Gesundheit  des
Menschen  schwächlich,  das  Altern  frühzeitig,  die  Lebensdauer  kurz  ist.“
Durch  den  Mangel  an  Freiheit  scheint  das  ganze  Leben  in  einem  seiner
Grundbedingungen  angegriffen  zu  sein.  —
Fast  alle  Wissenschaften  bedürfen  der  Statistik.  Die  ganze  Volkswirthschaftslehre
  wird  erst  durch  sie  eine  feste  Begründung  erlangen,
deren  dieselbe  vielfach  heute  noch  entbehrt.  Aus  einem  Staatsbudget  wird
man  in  fernen  Zeiten  vielfach  einen  bestimmtem  und  richtigem  Begriflf
von  dem  Zustande  eines  Volkes  bekommen,  als  jemals  durch  die  meisterhaftesten ­
  allgemeinen  Schilderungen,  wie  wir  solche  aus  dem  Alterthum
besitzen.  Wie  sehr  deutet  sodann  die  Criminalstatistik  an,  wo'die  Hauptwunden ­
  der  bürgerlichen  Gesellschaft  eitern;  wie  sehr  weist  sie  auf  die
wichtigsten  Veranlassungen  der  Gesetzübertretungen  hin,  und  fördert  die
Erkenntniss  der  Heilmittel.  —  Für  die  Philosophie  ist  eine  völlig  neue
Grundlage  gewonnen  von  der  ausserordentlichsten  Wichtigkeit.
Es  würde  viel  zu  weit  führen  ,  wollten  wir  alle  Verhältnisse  dieser
Art  beleuchten.  Das  Gesagte  dürfte  genügen  zur  allgemeinen  Bezeichnung ­
  der  unendlichen  Leistungsfähigkeit  der  Statistik,  dieser  jüngsten
Wissenschaft,  die  sich  allerdings  noch  in  ihrem  ersten  Entwicklungsstadium ­
  befindet,  deren  Kenntniss  aber  gleichwol  der  Staatsmann  wie
der  Arzt,  der  Fabrikant  wie  der  Kaufmann,  der  Gesetzgeber  und  selbst
der  gewöhnliche  Bürger  sehr  bald  nicht  mehr  wird  entbehren  können.
Wir  haben  oben  allerdings  zunächst  nur  eine  Reihe  von  Fragen  über
Gesundheit  und  Leben  des  Menschen  erwähnt.  Die  Statistik  beschränkt
sich  indess  keineswegs  auf  diese  Punkte,  sie  breitet  sich  vielmehr  über
alle  Verhältnisse,  alle  Phänomene  des  physischen,  moralischen  und  intellectuellen
  Lebens  aus  ;  sie  umfasst  das  ganze  Wirken  und  Sein  aller
Classen,  Völker  und  Nationen  ;  sie  dringt  in  Tiefen,  welche  der  menschlichen ­
  Berechnung  vor  Kurzem  noch  dermassen  unnahbar  schienen,  dass
man  Jeden,  der  ein  Vordringen  in  diese  Gebiete  behauptet  hätte,  für
wahnsinnig  erklärt  haben  würde.  Dies  das  Gebiet  der  Statistik  I

Druck  Ton  Breitkopf  und  Härtel  in  Leipiig.
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