<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Währung und Handel</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Theodor</forname>
            <surname>Hertzka</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>826606091</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        1

-----  if-«



-  ■  -i

-4-’ï



li

%

-  ;r  ri

#:

^zL.

=  &amp;lt;

Â_f

0

fS

■íy$T-z-r---^Í:-~-H,



i-  i

;í-~

t-I



^-:-,f-—

  -:

fV  A

_  IA

-  -

=  -  .  V

ç

m#"

-lí:
        <pb n="2" />
        mmsim

4Ä*'?:r  ;
V^.'y  •'•,;■

,^ikä
        <pb n="3" />
        w
        <pb n="4" />
        3^

MF

Í.  »  'TA

-  r-¡"W


.».¿¡TJT  ?  -

^tr  T

■  «

iL«'

r  I

‘*

•«  Í*  ^

k-W

"'  ,l

aär
        <pb n="5" />
        &amp;lt;5

ísá-ip-Âlt
        <pb n="6" />
        8

lind  11  il  11  d  cl.

U"  "rilE&amp;lt;)  0OJ{  Il  liiiri’/CK  A

Im  ^

m

WIEN.
MANZ’Bche  k.  k.  IIof-V^rlaRS-  und  lIuiv»T.sitâtH-Tliuliliiiiidliiii)ç.'
1876.
        <pb n="7" />
        \ttfch

%

Uniwerfität

Kiel

•K

bOTTtltk  ftllTIL  â

I.  #T*#T,  «UlUATIMttiltRai«
        <pb n="8" />
        Inhaltsverzeichniss.

Einleitung
Erstes  Buch.
Das  Papiergeld.
I.  Capitel.  Geschichtliches  über  die  österreichischen  Valutaverhältnisse.
Hie  osterr.  Nationalbank.  Hedeckungsverhältnisse  der  Noten,  Schuld  des
.  taates  an  die  Bank.  Valuta  Schwankungen  /.wischen  J84R  und  1875
II.  Capitel.  Einnuss  der  Valuta  auf  die  Capitalvertheilung  und  den
Ausscnhandcl.
Verschiebung  der  Vermögens,  uml  Einkommens-Verhältnisse  in  Folge  der
reldentweHhung.  Capitalgewinn  auf  dem  Wege  der  Zettelemission.  Einfluss ­
  der  Valuta-Schwankungen  auf  den  Aussenhandel.  Unmöglichkeit
(en  (  urdí  die  Valutaschwankiiugen  hervorgerufenen  Verlusten  im
Fremdhandel  durch  Schutzzölle  entgegenzutreten
III.  Capitel.  Einfluss  der  Valuta  auf  die  Productionsverhältnisse.
Die  der  Concurrenz  des  Weltmarktes  unterworfenen  Preise  folgen  den
Schwankungen  des  Geldwerthes  rascher  als  die  des  Kleinverkehres  und
der  Lohne.  Hieraus  ergeben  sich  für  die  I^roducenten  Gewinne  bei  steigendem,
  Verluste  bei  sinkendem  Disagio  des  Papiergeldes
IV.  Capitel.  Einfluss  der  Valuta  auf  die  Preise  und  Löhne.
Verschiedene  österr.  Preislisten  für  die  Zeit  von  1848—187îi.  Preissteigerung ­
  bei  steigendem,  Preisermässigung  bei  sinkendem  Geldwerthe.

20

37
        <pb n="9" />
        TV

Seite

Vorscliiedeiihoit  dor  Preisbewegung  bei  den  Artikeln  des  Grossbandeis,
des  Kleinbandeis  und  bei  den  Lohnen.  Differenz  zu  Gunsten  und  zu
Ungunsten  der  Producenten.  Abnorme  Lobnsteigerung  in  Oesterreieb
unter  dem  Eintlusse  der  Valutascbwankungeu.  Ernteergebnisse,  Steuerverbältnisse
  und  Krieg  genügen  nicht  zur  Erklärung  der  abnormen
Preisfluctuationen.  Diese  lassen  sich  nur  durch  die  Valuta-Schwankungen ­
  erklären

V.  Capitel.  Einfluss  der  Valuta  auf  den  Zinsfuss.
AVirthschaftliche  Vortheile  eines  billigen  Zinsfasses.  Der  Zinsfuss  ist
,licht  von  der  Geldmenge,  sondern  vom  Capital  abhängig.  Unterschied
zwischen  Geldreichthum  und  Capitalreichthum.  Unmöglichkeit,  den  Geldumlauf ­
  willkürlich  zu  vermehren  oder  zu  vermindern.  Ausgleichende
Tendenz  der  Edelmetallströmungen.  Das  Papiergeld  verändert  bei
willkürlicher  extensiver  Veränderung  seiner  Menge  seinen  intensiven
Werth.  Die  Kaufkraft  der  Papiergeldzeichen  ist  vom  Vertrauen  in  der
Regel  unabhängig.  Die  Zinsfusspolitik  der  Notenbanken  bei  Metallwähruug
  und  bei  Papierwährung.  Die  Valutaschwankungen  halten  den
Zufluss  fremden  Capitales  ab  und  zwar  dann  am  wirksamsten,  wenn
der  Bedarf  darnach  am  grössten  ist

VI.  Capitel.  Einfluss  der  Valuta  auf  den  Wechselcours.
Der  AVechsel  als  internationales  Zahlmittel  ist  kein  blosses  Zahlungsversprechen, ­
  sondern  ein  durch  bereits  vorhandene  Gegenwerthe  gedecktes ­
  Werthpapier.  Genesis  der  AVechselcourse.  Internationale  Gewinne
und  Verluste  aus  den  AVechselcoursen.  Nicht  jede  Edelmetallströmung
hat  in  den  Wechselcoursen  ihren  Grund  und  umgekehrt  kann  das
Saldo  der  Zahlungsbilanz  auch  ohne  Edelmetallsendungen  beglichen
werden.  Die  Valutazerrüttung  verschlimmert  die  Wechselcourse  noch
über  die  Agiodifferenz  hinaus.  Nachweis  hiefür  an  der  Hand  der  österreichischen ­
  Wechselcourse  zwischen  1819  und  1875.  Diese  waren
günstig  bis  zum  Jahre  1848,  von  da  ab  ungünstige.  Approximative
Schätzung  der  hieraus  für  Oesterreich  sich  ergebenden  Verluste  .  .  115

VII.  Capitel.  Die  Wechselcourse  und  der  internationale  Handel.
Ausgleichende  Wirkung  der  Wechselcourse  im  internationalen  Verkehr.
Günstiger  AVechselcours  befördert  die  Importe  und  erschwert  die  Exporte,
ungünstiger  AVechselcours  befördert  die  Exporte  und  erschwert  die
Importe,  Ebenso  steigert  der  Edelmetallabduss  in  Folge  schlechter  AVechselcourse
  und  vermindert  der  Edelmetallzufluss  in  Folge  günstiger
Wechselcourse  die  Concurrenzfähigkeit  auf  dem  AVege  der  Einwirkung
auf  die  Preisverhältnisse.  Unmögliehkeit  dauernder  Geldzu-  oder  Abflüsse ­
  in  Folge  der  Wechselcourse.  Internationale  Verschuldung  zu  unproductiven ­
  Zwecken  ist  unmöglich.  Die  ausgleichende  Wirkung  der
        <pb n="10" />
        V

Seite

Wechselcourse  wird  durch  die  Geldzerrüttung  verwirrt  und  gehemmt.
Die  Verringerung  des  Edelmetallwerthes  im  Papiergeldlande  als  Folge
der  Demonetisirung  des  Edelmetalles  wirkt  gleich  einer  Importprämie
und  gleich  einem  Exportzölle.  Die  ausgleichende  Wirkung  der  Edelmetallströmungen ­
  kann  durch  die  Zollpolitik  nicht  ersetzt  werden.
Ungünstige  Zahlungsbilanz  ist  kein  Hindemiss  der  Valutaherstellung  165
'  VIII.  Capitel.  Einñuss  der  Valuta  auf  die  wirthschaftliche  Thätigkeit
im  Allgemeinen.
Die  Schwankungen  des  Geldwerthes  verändern  die  Erwerbs-  und  Bedürfniss-Sphäre
  jedes  Einzelnen,  machen  die  Geschäftsthätigkeit  von  Zufälligkeiten ­
  abhängig  und  dadurch  alle  Speculation  zum  Spiele.  Abhängigkeit ­
  der  Papiergeldländer  vom  Auslande  im  Grosshandel.  Fictive  Natur
der  durch  Valuta-Conjuncturen  erwirkten  Gewinne  im  Waarenhandel.
Verleitung  zum  Bürsenspiel  durch  die  Valutaschwankungen,  Störung
der  Consumtions-Verhältnisse  in  Folge  der  verschiedenen  Expansivkraft
und  Compressibilität  der  Bedürfnisse
IX.  Capitel.  Einfluss  der  Valuta  auf  die  Staatsfinanzen.
Zinsenersparniss  durch  die  Zettelausgabe.  Dieser  stehen  entgegen  Coursverluste, ­
  Schwächung  der  Steuerkraft  in  Folge  der  wirthschaftUcheu
Nachtheile  der  Papiergeldwirthschaft  und  Verringerung  der  Staatseinnahmen ­
  ohne  entsprechende  Verringerung  der  Staatsausgaben.  Unmöglichkeit, ­
  mit  dem  Steuersätze  den  Schwankungen  des  Geldwerthes  zu
folgen.  Unverhaltnissmässige  Anschwellung  der  Budgets  in  den  Papiergeldländern. ­
  Verschiedenartige  Wirkung  der  Agioschwankungen  auf
die  verschiedenen  Staatsausgaben.  Finanzielle  Ohnmacht  als  Consequenz
  der  Zettelwirthschaft  .  ..  oa«

Zweites  Buch.
TUiö  M  ü  n  %  m  et  all.
I.  Capitel,  Geschichtliches.
e  verschiedenen  Metalle  als  Münzstoffe.  Allgemeine  Herrschaft  der
bilberwahrung  im  Alterthume  und  im  Mittelalter.  Schwankungen  der
Werthrelation  zwischen  Gold  und  Silber  von  der  Perserzeit  bis  zur
Gegenwart.  Historische  Entwickelung  des  Geldwesens.  Die  verschiedenen ­
  Währungssysteme  .
II.  Capitel.  Silber-  und  Goldwährung.
Rückgang  des  relativen  Geldwerthes  im  historischen  Verlaufe  und  daher
Btetig  zunehmende  Eignung  des  Goldes  zu  Münzzwecken,  ln  den
letzten  Jahrhunderten  ist  der  Silberwerth  grösseren  Schwankungen
unterworfen  als  der  Goldwerth.  Unmöglichkeit  einer  unbegrenzten
Entwerthung  des  Silbers

250
        <pb n="11" />
        VI

Seite

III.  Capitel.  Die  Doppel-  oder  Alternativ-Währung.
Die  Doppelwährung  ist  ursprünglich  durch  das  Bedürfniss  nach  Goldmünzen ­
  bei  herrschender  Siliierwährung  hervorgerufen.  Unterschied
zwischen  Doppelwährung  und  Alternativwährung.  Angehllche  Vorzüge
beider.  Unmöglichkeit,  eine  fixe  Werthrelation  zwischen  Gold  und  Silber
selbst  auf  dem  Wege  eines  Weltmünzhundes  mehr  als  vorübergehend
fest  zuhalten.  Irrthümliclikeit  der  Wolowski’schen  Alternativtheorie.
Die  Werthrelation  zwischen  Gold  und  Silber  ist  nicht  blos  schwankend,
sondern  auch  dauernder  Veränderung  unterworfen.  Die  Alternirung
im  Währungsmetalle  ist  mit  Verlusten  für  das  davon  betroffene  Land
verbunden.  Die  Entlastung  der  Schuldner  im  Wege  der  Alternirung
ist  nicht  blos  ungerecht,  sic  erfolgt  auch  zum  Schaden  der  Gesammthuit
  2()&amp;lt;)
IV.  Capitel.  Vortheile  der  Goldwährung  in  den  Staaten  abendländischer
Cultur.
Alle  Staaten  abendländischer  Cultur  sind  für  die  Goldwährung  reif.  Die
Silberwährung  hält  den  Notenumlauf  auf  ungebührlicher  Höhe.  Gefahren
hieraus  speciell  für  Oesterreich-Ungarn.  Die  Silberwährung  isolirt  angesichts ­
  der  gegebenen  Verhältnisse  jedes  europäische  Land  vom  Münzwesen ­
  der  Nachbarn.  Nachtheilo  hieraus  für  den  Aussenhandel  und  für
die  internationalen  Schuld  Verhältnisse.  Im  internationalen  Verkehre
wird  bei  längeren  Darlehen  Gold  dem  Silber  vorgezogen.  Im  Silberwährungslandc
  trägt  die  Verluste  aus  dem  Schwanken  der  Werthrelation
bei  alten  Contracte!!  der  auswärtige  Gläubiger,  bei  neuen  der  inländische
Schuldner  ¡¿98
V.  Capitel.  Schwierigkeiten*des  Währungswechsels.
Die  Münzverluste  bei  Einführung  der  Goldwährung  sind  verschieden,  je
nachdem  früher  Doppelwährung,  Silberwährung  oder  Papierwährung
bestand.  Lander  mit  gesetzlicher  Silberwährung  und  factischer  Papiercirculation
  haben  Itfim  Uebergange  zur  Goldwährung  keine  grösseren
Münzverluste,  als  beim  Uebergange  zur  factischen  Silberwährung.  Fehler,
die  beim  Währungswechsel  in  den  Ländern  mit  Silberwährung  schwer
zu  vermeiden  sind,  können  in  den  Papiergeldländern  leicht  vermieden
werden.  Beim  Währungswechsel  müssen  alle  auf  Silber  gestellten
Contracte  auf  Goldwährung  umgerechnet  werden.  Dieses  kann  nur
nach  der  Marktrelation  zur  Zeit  des  Währungswechsels  geschehen.  Die
Relation  des  lateinischen  Münzbundes  ist  nur  für  die  diesem  Bunde
angehörigen  Staaten  bindend  316

VI.  Capitel.  Die  Edelmetallströmungcn.
Die  Besorgnisse  vor  dem  Abflüsse  des  Goldes  wegen  internationaler
Armuth  oder  ungünstiger  Zahlungsbilanz  sind  unbegründet.  Die  Frage
        <pb n="12" />
        VÎT

(les  internationalen  Reichthums  hat  mit  den  Edelmetallströmungen  überhaupt ­
  nichts  zu  thun.  Eine  ungünstige  Zahlungsbilanz  könnte  blos
einen  zeitweiligen  Abfluss  der  über  den  Circulationsbedarf  hinaus
vorhandenen  Edelmetallbestände  hervorrnfen.  üebereinstimmung  der
continuirlichen,  säcularen  Edelmetallströmungen  von  den  Productionsgebieten
  der  Edelmetalle  nach  Europa  und  von  Europa  nach  Ostasien
mit  den  allgemeinen  Gesetzen  des  Handels-  und  Wechselverkehrs.  Die
europäischen  Staaten  haben  aus  allgemeinen  Gründen  regelmässige
säcnlare  Edelmetallzufnhren  zu  erwarten

VII.  Capitel.  Die  wirthschaftlichen  Nachtheile  isolirter  Währung.
Analogie  der  wirthschaftlichen  Wirkungen  isolirter  Metallvaluta  und  der
Papiervaluta.  Durch  beide  sind  die  Schwankungen  des  Geldwerthes
losgelöst  von  denen  auf  dem  Weltmärkte.  Dies  stört  den  Handel  und
die  Rechtscontinnität.  Der  Geld  wert  h  ist  desto  stabiler,  je  grösser  das
Verkehrsgebiet,  welches  das  nämliche  Münzmetall  besitzt.  Die  Wechselcourse
  isolirter  Silberländer  sind  ungünstig  aus  demselben  Grunde,  wie
die  der  Papierländer.  Isolirung  der  Währung  vertheuert  in  Ländern,
die  auf  fremdes  Capital  angewiesen  sind,  den  Zinsfuss,  macht  ihn  aber
allerdings  stabiler.  Die  höhere  Verkehrsentwicklung  in  Folge  der  Goldwährung ­
  macht  Erschütterungen  des  Handels  häuflger.  Abziehung  des
Geldes  aus  international  verschuldeten  Ländern  durch  Kündigung
seitens  der  internationalen  Gläubiger  ist  ein  Ding  der  TTnmöglichkeit.
Der  internationale  Geldbedarf  wirkt  blos  auf  den  Wechselverkehr,
nicht  auf  die  dauernden  Schuldverhältnisse.  Erklärung  der  englischen
Zinsfuss-Schwankungen  aus  dem  Reichthume  Englands.  Schädliche
Wirkungen  der  isolirten  Währung  auf  die  Staatsflnanzen

Vlli.  Capitel.  Der  Schlagschatz.
^•n  hoher  Schlagschatz  ist  wegen  seiner  isolirenden  Wirkung  schädlich,
-r  erschwert  die  Concurrenzfähigkeit  auf  allen  fremden  Märkten  bei
an  wie  bei  \  erkauf.  Er  schiebt  die  ausgleichende  Wirkung  der
ai  ungsbilanz  und  der  Wechselcourse  von  den  Preisverhältnissen  auf
•e  insfuMsverhältnisse.  TIebertreibung  Seyd’s,  der  von  der  Ermässigung
Schlagschatzes  allein  Unabhängigkeit  im  internationalen  Wechselverkehre ­
  erwartet

Capitel.  Die  Goldwährung  in  Oesterreich.

Gold  *,^*"*^*^*^  Herstellnng  der  Valuta  ist  in  Oesterreich  auf  Basis  der
als  w'ogen  des  billigeren  Zinsfusses  der  Goldanleihen  billiger
StatTt"^  der  Silberwahnpg.  Bei  Letzterer  könnten  allerdings  mehr
Kctährr"^^"  Gircnlation  gelassen  werden,  was  jedoch  wirthschaftlich
der  wäre.  Die  Münzreform  ist  in  Oesterreich  mit  Einziehung
Wilbermünze  und  mit  deren  Umprägung  zu  Scheidemünze  zu

Seite

341

35B

.379
        <pb n="13" />
        beginnen.  Oesterreich  hat  auch  beim  Uebergange  zur  Goldwährung  kein
Silber  zu  verkaufen.  Prägegewicht  der  groben  Silberscheidemunzen.
Die  neuen  Goldmünzen  sind  nicht  im  Anschlüsse  an  irgend  einen  ausländischen ­
  Münzfuss,  sondern  als  Werthäquivalente  der  alten  Silbergnldcn
  zu  prägen.  Feststellung  der  Werthrelation  zwischen  Gold  und
Silber.  Vorsichtsmassrcgeln  gegen  unnöthigen  Abfluss  der  neuen  Goldmünzen ­
  und  gegen  Erschütterungen  des  Verkehres  bei  Durchfiilming  der
Münzreform.  Die  Contingentirung  des  Banknoten-Uiplaufes  ist  im  Falle
der  Münzrefonn  aufzugeben.  Möglichkeit,  die  Goldrechnung  vor  vollständiger ­
  und  factischer  Einführung  der  Goldwährung  zu  etabliren  .
        <pb n="14" />
        Einleitung.

Im  ersten  Buche  dieses  Werkes  soll  der  Nachweis  erbracht
  werden,  dass  für  jedes  Land  unter  allen  Umständen
eine  reine  Metallwährung  die  einzig  vortheilhafte  Basis  des
(Geldwesens  bilden  könne  ;  ira  zweiten  Buche  der  Nachweis,  dass
für  die  Staaten  der  abendländischen  Civilisation  die  Goldwährung
der  Doppel-  und  Silberwährung  vorzuziehen  sei.  Man  wird  vielleicht ­
  einwenden,  dass  die  erstere  dieser  Behauptungen  ein  längst
bekannter,  ausführlichen  Nachweises  nicht  mehr  bedürftiger
Gemeinplatz  ,  die  zweite  dagegen  noch  allzu  strittig  sei,  um
jetzt  schon  ein  endgiltiges  Urtheil  zu  ermöglichen.  Wenn  hier
nichtsdestoweniger  nach  beiden  Bichtungen  eine  möglichst  eingehende ­
  und  positive  Beweisführung  versucht  wird,  so  geschieht
dies  aus  dem  Grunde,  weil  nach  der  Ansicht  des  Verfassers
weder  die  Verwerflichkeit  der  Zettelwirthschaft  derart  allseitig ­
  anerkannt,  noch  umgekehrt  der  Vortheil  der  (Goldwährung ­
  so  zweifelhaft  ist,  als  ziemlich  allgemein  angenommen ­
  wird.
Es  hat  sich  in  jüngster  Zeit  gezeigt,  dass  über  die  Wirkungen ­
  einer  Papiervaluta  die  Meinungen  sehr  weit  auseinandeigehen,
  ja  es  hat  sich  unter  der  Führerschaft  Careys  sogar
eine  allerdings  nicht  sehr  angesehene  Schule  herangebildet,  die
ganz  oifen  die  Lehrmeinung  vertritt,  dass  unter  gewissen
wiithschaftlichen  Voraussetzungen  die  Zettelwirthschaft  von
den  wohlthätigsten  Folgen  begleitet  sein  könne,  und  dass  jene
Doctrin,  nach  weicherblos  die  Edelmetalle  sich  zu  den  Functionen
Dr.  Th.  Hertzka,  Währung  luid  Handel.  i
        <pb n="15" />
        2

des  Geldes  eignen  sollen,  lediglich  Principienreiterei  wäre.  Die
Thatsache,  dass  gegenwärtig  nicht  weniger  als  vier  grosse  Cnltnrstaaten,
  nämlich  Oesterreich,  Russland,  Italien  und  Nordamerika ­
  ,  vorübergehend  sogar  ein  fünfter,  Frankreich,  ihren
Metallumlauf  durch  Papiergeld  ersetzt  haben  und  sich  dabei
zeitweilig  sehr  wohl  befanden,  wird  nach  Kräften  zu  Unterstützung ­
  dieser  Doctrin  ausgebeutet.  Insbesondere  wird  das
merkwürdige  Phänomen,  dass  Frankreich  unmittelbar  nach  einem
verheerenden  Kriege,  der  diesem  Lande  die  ungeheuersten
Opfer  auferlegte,  sich  mit  staunenerregender  Raschheit  unter
der  Herrschaft  des  Zettelwesens  erholen  konnte,  dahin  gedeutet,
dass  es  eben  das  Papiergeld  sei,  welches  die  wirthschaftliche
Regeneration  ermöglicht  oder  doch  merklich  begünstigt  habe.  Man
erinnerte  sich  dabei  an  die  allerdings  auffallenden  Thatsachen,
dass  die  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  und  in  einem  speciellen
  Falle  auch  Oesterreich  unter  ähnlichen  Verhältnissen
einen  ähnlichen  Aufschwung  genommen  haben,  ln  beiden  Staaten ­
  hatte  vor  einem  Decennium  ein  kostspieliger  Krieg  umfangreiche ­
  Zettel-Emissionen  im  Gefolge  gehabt,  und  es  trat  dann
unmittelbar  nach  dem  Kriege  bei  stark  vermehrter  Papiergeldcirculation
  eine  rasche  Erholung  ein.  Die  Versuchung  liegt  sehr
nahe,  aus  der  zeitlichen  Aufeinanderfolge  dieser  Erscheinungen
auf  einen  Causalnexus,  der  zwischen  beiden  bestehen  soll,  zu
schliessen.  Da  der  wirthschaftliche  Aufschwung  nach  der
Papiergeld-Emission  auftrat,  so  folgert  man  ohne  weiters,  dass
er  durch  sie  hervorgerufen  worden  sei.  Es  kann  dies  umsoweniger ­
  überraschen,  da  man  in  dieser  Verwechslung  einer
blos  zeitlichen  Aufeinanderfolge  mit  einem  ursächlichen  Zusammenhänge ­
  so  weit  ging,  selbst  dem  Kriege  an  sich  die  Wirkung ­
  einer  Förderung  des  Volkswohlstandes  zuzuschreiben,  so
dass  derzeit  die  Ansicht  nicht  eben  selten  ist,  unter  gewissen
Umständen  sei  ein  möglichst  verheerender  Krieg  das  beste
Mittel,  die  volkswirthschaftliche  Blüthe  eines  Landes  zu  begünstigen. ­
  Ganz  neu  ist  diese  Irrlehi  e  und  die  ihr  zu  Grunde
liegende  Begriffsverwirrung  nicht;  sie  stammt  aus  jener  Zeit,
in  welcher  man  jede  noch  so  unwirthschaftliche  Consumtion  für
förderlich  hielt,  wo  man  an  die  capitalerzeugende  Wirkung
des  Luxus,  der  stehenden  Heere,  der  Staatsverschuldung  glaubte,
einfach  aus  dem  Grunde,  weil  zur  Ersetzung  der  durch  eine
        <pb n="16" />
        3

1*

derartige  Capitalsvergeudung  erzeugten  Verluste  in  der  Regel
eine  stärkere  Anspannung  der  Production  nothwendig  wurde.
Man  verwechselte  eben  die  Hast  der  Production  mit  ihrem
wirthschaftlichen  Effecte  und  kam  auf  diesem  Wege  dahin,  die
Zerstörung  für  nützlich  zu  halten,  weil  ihr  in  der  Regel  ein
Wiederaufbau  folgen  muss.
Im  Uebrigen  hört  man  nur  höchst  selten  die  Behauptung,
dass  der  Bestand  eines  gestörten  Geldwesens  im  Allgemeinen
nützlich  und  wünschenswerth  sei;  es  wird  zumeist  principiell
^^igGgGben,  dass  es  vortheilhaft  wäre,  die  metallische  Basis
der  Circulationsmittel  zu  besitzen,  dass  es  aber  aus  ganz
speciellen  Gründen  und  mit  Rücksicht  auf  die  einzelnen  Gebiete
des  Wirthschaftslebens  unmöglich  oder  gefährlich  sei,  den
Metallumlauf  auch  thatsächlich  herzustellen.  Bald  ist  es  die
Lage  der  Staatsfinanzen,  was  angeblich  die  Herstellung  des
normalen  Geldumlaufes  unmöglich  machen  soll,  bald  die  Rücksicht ­
  auf  die  Production,  die  durch  das  Zettelwesen  —  wenn
auch  in  ungesunder  Weise  —  begünstigt  werde,  bald  wieder  die
Gefahr,  dass  die  Einziehung  der  unbedeckten  Noten  den  Zinsfuss
  gewaltsam  erhöhen,  das  Creditwesen  des  betreffenden  Verkehrsgebietes ­
  erschüttern  würde,  und  endlich  die  Besorgniss,
dass  eine  ungünstige  Handelsbilanz  alle  Bemühungen  zur  Herstellung ­
  der  Valuta  vereiteln  könnte,  was  die  „principiellen“
Freunde  der  Valutaherstellung  zu  deren  praktischen  Gegnern
macht.  Man  könne  einem  richtigen  Principe  die  nun  einmal
vorhandenen  reellen  Bedürfnisse  des  Verkehres  nicht  opfern  —
heisst  es  dann  —  ;  man  müsse  warten,  bis  sich  die  Lage  derart ­
  verbessert  habe,  um  die  Regelung  der  Valuta  ohue  Gefahr
weitgehender  Erschütterungen  möglich  zu  machen,  —  und  der
schliessliche  Effect  von  all’  dem  ist,  dass  man  die  Papierwirthsehaft,
  gegen  die  im  Principe  mit  hochgradiger  moralischer
Entrüstung  gedonnert  wird,  in  praxi  mit  grosser  Zärtlichkeit
hegt  und  pflegt.  Ja  diese  platonischen  Verehrer  eines  gesunden ­
  Geldwesens  sind  in  Wahrheit  noch  viel  gefährlichere  Feinde
desselben  als  diejenigen,  die  rundweg  erklären,  vom  3Ietallumlaufe
  unter  keiner  Bedingung  etwas  wissen  zu  wollen.  Denn
gegen  die  offenen  Inflationisten  nährt  die  öffentliche  Meinung
ein  lebhaftes  Misstrauen  ;  trotz  der  Verschrobenheit  der  nationalökonomischen ­
  Begriffe,  die  sich  in  den  Papiergeld-Ländern
        <pb n="17" />
        4

einznstellen  pflegt,  verliert  man  doch  auch  dort  nur  selten  das
instinctive  (xefülil  dafür,  dass  dieZettelwirtliscliafteinewirtlischaftliche
  ]\[onstruüsität  sei.  Die  sogenannten  „Praktiker“  aher,
welche  die  Richtigkeit  des  Principes  der  Metallvalnta  anerkennen ­
  und  nur  unter  Hinweis  auf  die  „gegebenen  Verhältnisse“
die  Herstellung  des  Geldwesens  auf  spätere,  bessere  Zeiten
verschieben  wollen  ,  erreichen  damit  nur  zu  häufig,  dass  die
öffentliche  Meinung  gerade  sie  für  die  vernünftigen  Realpolitiker ­
  hält,  die  gleich  weit  entfernt  von  den  theoretischen  Irrthümern
  der  grundsätzlichen  Inflationisten  wie  von  der  „ahstracten
  Principienreiterei“  der  unbedingten  Anhänger  der  Metallvaluta, ­
  die  Anforderungen  einer  concreten  wirthschaftlichen
Lage  am  besten  zu  würdigen  wissen.  Es  muss  daher  gezeigt
werden,  dass  die  metallische  Basis  des  Geldumlaufes  nicht  blos
das  Postulat  einer  wirthschaftlichen  Theorie  sei,  sondern  auch
den  praktischen  Anforderungen  aller  Gebiete  der  Volks-  und
Ötaatswirthschaft  ausschliesslich  entspreche;  dass  alle  die  angeblichen ­
  praktischen  Vortheile  der  Zettelwirthschaft  lediglich
auf  Irrthümern  beruhen,  die  insgesammt  auf  denselben  Grundfehler ­
  zurückzuführen  sind,  auf  welchen  die  principiellen
Anhänger  der  Zettelwirthschaft  ihre  Ansichten  stützen.
Und  was  die  zweite  Frage  anlangt,  so  ist  es  allerdings
richtig,  dass  der  Streit  über  die  Vorzüge  der  Goldwährung
einerseits,  der  Doppelwährung  und  der  Silberwährung  andererseits, ­
  noch  lange  nicht  vollständig  zur  Ruhe  gekommen  ist;
aber  dem  aufmerksamen  Beobachter  kann  es  doch  nicht  entgehen, ­
  dass  die  Argumente  für  die  Goldwährung  im  Wesen
der  Sache  selbst  begründet  sind,  wälirend  die  Argumente  für
die  Doppel-  oder  Silberwährung  ohne  Ausnahme  sich  blos  auf
örtliche  und  vorübergehende  Utilitätsgründe  stützen,  ja  dass
in  Wahrheit  selbst  die  eifrigsten  Anhänger  der  Silber-  oder
Doppelwährung  kaum  mehr  bezweifeln,  das  Gold  an  sich  sei
als  Circulationsinittel  vorzuziehen,  und  sich  darauf  beschränken,
geltend  zu  machen,  wie  unter  gewissen  gegebenen  Bedingungen
der  Uebergang  von  der  Silber-  oder  Doppelwährung  zum
Golde  mit  Opfern  verbunden  wäre,  die  grösser  seien,  als  die
zu  erwartenden  Vortlieile.  Der  Streit  dreht  sich  also  gar  nicht
mehr  darum,  ob  Gold  oder  Silber  besser  sei.  Ls  wird  zugegeben, ­
  dass  überall  dort,  wo  man  die  Freiheit  der  Wahl
        <pb n="18" />
        5

besitze,  das  erstere  erwiinsebter  wäre,  und  strittig  ist  mir  die
Frage  nach  dem  Umfange  und  nach  der  Bedeutsamkeit  jener
Vorzüge,  die  dem  Golde  als  Circuíationsmittel  zuerkannt  werden ­
  müssen.  Insbesondere  wird  bestritten,  dass  diese  Vorzüge
gewichtig  genug  seien,  um  j  edem  Lande  mit  zwingender  Gewalt ­
  die  Nöthigung  aufzuerlegen,  alle  anderen  Währungen  aufzugeben ­
  und  zur  Goldwährung  überzugehen.
Nun  steht  aber  in  Oesterreich-Ungarn,  mit  dessen  Geldverhältnissen ­
  sich  dieses  Buch  hauptsächlich  beschäftigen  soll,
die  krage  gar  nicht  so,  ob  vom  Silbergelde  der  Uebergang
zu  dem  Goldgel  de  durchzuführen  sei  oder  nicht.  Wenn  in
anderen  Staaten  die  Frage  des  Währungswechsels  ventilirt  und
von  den  Schwierigkeiten,  die  dabei  zu  bewältigen  sind,  gesprochen ­
  wird,  so  besteht  die  stillschweigende  Voraussetzung,  dass
die  metallische  Grundlage  der  Währung  mit  der  factischen
Valuta  identisch  sei,  eine  Voraussetzung,  die  für  Oesterreich
bekanntlich  nicht  zutrifft,  denn  die  Währung  ist  hier  auf  Silber ­
  basirt,  der  Umlauf  besteht  aus  Papier.  Die  Frage  einer
Aenderung  des  V  ährungsmetalls  tritt  aber,  was  die  Schwierigkeit ­
  des  Uebergangs  anbelangt,  vor  derjenigen  der  s.  g.  Valutaherstellung ­
  vollständig  in  den  Hintergrund,  u.  z.  in  dem
i^Iasse,  dass,  so  lange  die  Papiervaluta  vorhanden  ist,  für  die
Wahl  des  Münzmetalls  vollständig  freie  Hand  bleibt  und  es
dem  österreichisch-ungarischen  Geldverkehr  durchaus  keine
grössere  Schwierigkeit  bereiten  kann,  vom  Papiere  zum  Golde
uberzugehen,  als  wenn  man  den  Uebergang  blos  zur  Silbervaluta
wählen  sollte.  Es  soll  dies  an  anderer  Stelle  ausführlich  nachgewiesen ­
  werden.  Vorläufig  genügt  die  Erkenntniss,  dass  jene
piaktischen  Bedenken,  die  seinerzeit  in  Deutschland  und  Skandinavien, ­
  gegenwärtig  in  Frankreich  und  Holland  gegen  den
Uebergang  vom  Silber  oder  von  beiden  Metallen  zum  alleinigen
Golde  geltend  gemacht  werden,  für  Oesterreich  keine  Anwendung ­
  ünden  können  ,  und  dass  man  es  daher  bei  dem  Widerstande
gegen  die  Einführung  der  Goldwährung  in  unserer  Monarchie
v\  eiliger  mit  diesen  aus  dem  jiraktischen  Geldverkehre  hervorgeholten ­
  Argumenten,  als  mit  einer  von  Vorurtheilen  aller  Art
»Hctirten  Aengstlichkeit  zu  tliun  hat,  für  welche  stichhältige
und  sachliche  Gründe  kaum  vorhanden  sind.
Beide  Fragen,  die  der  Valutaherstellung  und  die  des
        <pb n="19" />
        6

Münzmetalles,  sind  also  im  Hinblick  auf  die  österreichischen
Verhältnisse  unter  demselben  (Tesiclitspunkte  zu  behandeln.
Weder  ist  die  Noth  Wendigkeit  der  Valutaherstellnng  eine  allgemein ­
  anerkannte  Wahrheit,  noch  ist  der  Vortheil  der  (xoldwährnng
  hier  eine  blosse  Hypothese  ;  vielmehr  muss  Beides  als
Forderung  einer  gesunden  unbefangenen  Geldpolitik  aufgefasst
werden,  deren  Dnrchñlhrnng  dieselben  zumeist  ans  der  Butt
gegriffenen  Vornrtheile  sich  widersetzen.  Diese  Vorurtheile
können  nicht  durch  principielle,  theoretische  Anseinandersetzungen
  bekämpft  werden,  denn  es  gibt  leider  bei  der  hei  rschenden
Begriffsverwirrung  kaum  eine  Theorie  und  ein  Princip,  welches
nicht  bestritten  würde.  Die  Beweisführung  muss  von  den  einfachsten ­
  und  nnwiderleglichsten  Thatsachen  ansgehen  und  von
diesen  fortschreitend  auf  die  allgemeinsten  Hrnndsätze  znrückführen.
  Es  muss  für  alle  Verkehrsgebiete  im  Detail  gezeigt
werden,  dass  die  Herstellung  der  Iffetallvalnta,  insbesondere
aber  der  Hold  Währung  von  wesentlichem  greifbaren  Nutzen
begleitet  wäre,  dem  beim  Verharren  auf  der  Papiervalnta
oder  Silberwährnng  eben  so  viele  Nachtheile  gegenüherstehen.
Erst  wenn  dieser  Nachweis  gelungen  sein  sollte,  ist  Aussicht
vorhanden,  dass  die  Vornrtheile  verschwinden,  die  sich,  in
einer  irrigen  AnÜässnng  der  thatsächlichen  Verhältnisse  wurzelnd, ­
  nur  znin  Schein  mit  falschen  Principien  drapirt  haben.
        <pb n="20" />
        í/tf

"o

Un

ivernt

at

»

K

tn

Ù3'^

erstes  Bucli.

Das  Papiergeld
        <pb n="21" />
        h'
        <pb n="22" />
        I  Capitel.
GescLicLtliches  über  die  österreichischen  Yalnta-Verhältnisse.
        <pb n="23" />
        10

Ueachickliclikeit  ihrer  Leitung  als  dem  Umstande  zu  verdanken,
dass  ihr  Capital  für  die  Bedürfnisse  des  Verkehrsgebietes,  dem
sie  diente,  überreichlich  genügte  und  dass  dieser  Verkehr  durch
lange  Zeit  jene  Stabilität  bewahrte,  die  den  Handelsbeziehungen
primitiver,  auf  einer  niedrigen  Stufe  der  wirthschaftlichen
Entwickelung  stehender  Länder  in  der  Regel  eigen  ist.  Dieses
Capital  betrug  im  ersten  Jahre  (1818)  13,791.000  fl.  C.  M.  ;
vom  Jahre  1819  bis  Ende  des  Jahres  1854  30,3&amp;lt;2.G00  fl.  C.  M.  ;
im  Jahre  1855  wurde  es  auf  09,875.800  fl.  C.  M.  und  im
darauffolgenden  Jahre  auf  103,125.800  fl.  C.M.  oder  109,384.590  fl.
ü.  W.  erhöht;  in  den  Jahren  1803  bis  1807  erreichte  der
Bankfonds  seinen  höchsten  Stand  von  110,250.000  fl.  ö.  W  .,
um  endlich  im  Jahre  1808  auf  90  Millionen  Gulden  reducirt
zu  werden,  welche  Höhe  derselbe  auch  gegenwärtig  inne  hat.
Bedenkt  man,  dass  das  Capital  der  Bank  von  Frankreich
derzeit  blos  aus  73  Millionen  Gulden  besteht,  das  der  preussischen
  aus  32,800.000  fl.  bestand,  so  wird  sich  nicht  läugnen
lassen,  dass  der  österreichische  Bankfonds  auch  dann  unverhältnissmässig
  gross  erscheint,  wenn  man  mit  in  Rechnung  zieht,
dass  die  zwei  genannten  ausländischen  Institute  regelmässig
über  einen  sehr  hohen  Betrag  fremder  Depositengelder  verfügen, ­
  die  grössten  Theils  zur  freien  Verwendung  in  ihren  Geschäften ­
  geeignet  sind,  während  die  österreichische  Nationalbank ­
  auf  diese  Unterstützung  ihrer  Geschäftsthätigkeit  durch
das  Privatcapital  beinahe  vollständig  verzichten  muss.  Insbesondere ­
  bis  zum  Jahre  1848,  wo  das  Capital  der  Bank  im
VeNiältnisse  zu  seiner  gegenwärtigen  Höhe  noch  gering  war
und  trotzdem  die  Baarzahlungeu  aufrecht  erhalten  wurden,
darf  nicht  übersehen  werden,  dass  der  Notenumlauf  in  Oesterreich-Ungarn ­
  ein  überaus  beschränkter  war,  dass  es  die  Bank
sich  gar  nicht  zur  Aufgabe  stellte,  die  ganze  Monarchie  ausreichend ­
  mit  diesen  bequemen  Circulations  -  Instrumenten  zu
versehen,  sondern  beinahe  ausschliesslich  dem  grossen  in  Wien
concentrirten  Banquiergeschäfte  diente.  Die  Pro^ünz  entbehrte
der  Banknoten  fast  gänzlich  derart,  dass  diese  letzteren
häufig,  wenn  mau  ihrer  bedurfte,  mit  einem  nicht  unbeträchtlichen ­
  Aufgelde  bezahlt  wurden.  Als  daun  im  Jahre  1854  der
erste  Versuch  zur  Valutaherstelluug  eingeleitet  wurde  und
durch  die  inzwischen  eiugetreteue  kolossale  Entwickelung  des
        <pb n="24" />
        Verkehrs  sich  die  Nothwendigkeit  ergab,  auch  dem  kleinen
Pro^inzyerkelire  die  Banknoten,  an  die  er  sich  gewohnt  hatte,
zukünftig  zu  sichern,  wurde  der  Bankfonds,  wie  bereits  erwähnt, ­
  in  ausgiebigster  Weise,  u.  zw.  sehr  rasch  um
verstärkt.  Die  im  darauf  folgenden  Decennium  abermals  veriugte
  Reduction  dieses  Fonds  erscheint  daher  nicht  blos  durch
die  inzwischen  eingetretene  Staatsnoten-Emission,  sondern  auch
durch  die  Erkenntniss  hervorgerufen,  dass  ein  Capital  von
90  Millionen  Dulden  für  alle  Fälle  genüge,  um  der  österreic
  lise  len  Notencirculation  als  Assecuranzfonds  zu  dienen.
...  *^|^/^^’ganisation  der  österreichischen  Nationalbank  war
anfänglich  keine  sehr  geschickte  und  stand  nicht  in  jedem
nn  e  auf  der  Höhe  der  Zeit.  Bis  zum  Jahre  1841  war  ihr
le  Betreibung  des  Hypothekgeschäftes  gestattet,  ohne  dass
dieser  Geschäftszweig,  wie  jetzt  der  Fall  ist,  mit  genügender
Sämige  von  d^^mfm^mbWmnCb,s^iäR^  g^nmnt  g^^^m
wäre.  Heber  das  Verhaltniss  des  Notenumlaufs  zur  Bedeckung
^t  trotzdem  in  dem  ersten  Statute  vom  Jahre  1817  nichts
■
Ifilüsü
        <pb n="25" />
        12

manTiigfachen  Schwankungen  his  ant'  I  :  10  77  im  Jahre  1840;
nichtsdestoweniger  erhielten  sich  die  Banknoten  ohne  Disagio
und  theilweise  sogar  mit  einem  Auf'gelde  im  Umlaufe,  weil  die
Summe  dieser  Circuíationsmittel,  weit  entfernt  das  Bedürfniss
zu  tthersteigen,  hinter  demselben  znrückhlieh  und  daher  auch
der  verschwindend  geringe  Metallschatz,  da  er  eben  gar  nicht
in  Anspruch  genommen  wurde,  für  die  Bedeckung  vollkommen
ausreichte.  Als  dann  später  der  Bankfonds  verstärkt  wurde
und  der  Metallschatz  dem  entsprechend  so  sehr  vergrössert
werden  konnte,  dass  trotz  des  bedeutenden  Anschwellens  der

Jahres. ­

zalil

1818
1819
1820
1821
1822
1823
1824
1825
1820
1827
1828
1829
1830
1831
1832
1833
1834
1835
1830
1837
1838
1839
1840
1841
1842
1843
1844
¡1845
1840
¡1847
¡1848
1849
1850
1851
1852
1853

Banknoten-  |  Miinivor-Umlauf
  I  rath

20,738.365
43,786.915
51,915.255
34,827.785
48,294.765
51,028.596
68,057.250
82,110.710
82,319.990
87,363.065
95,697.515
107,563.540
111,988.605
123,929.640
119,879.440
125,063.915
135,752.065
151,160.675
153,752.155
¡146,172.870
¡166,929.360
166,553.875
167,079.390
166,601.755
173,410.105
¡179,386.560
¡197,754.625
¡214,760.790
213,690.055

218,971.125  70,240.569

¡222,976.504

Vitrhält-ll  Jahnias
  bei-'  res-(Ver
  I  zahl

19,214.658  1
33,061.150
29,424.892
18,423.054
19,089.177
15,508.766
22,071.736
19,012.266
14,765.204
20,050.084
22,302.068
21,868.261
17,565.422
12,781.745
22,618.894
31,843.940
39,390.742
34,649.685
25,292.379
31,805.643
30,062.715
23,413.242
15,513.549
39,939.706
58,242.815'
67,345.719
88,909.235
95,153.949
86,933.477

30,425.945

250,477.658  30,064.823

255,367.221
215,636.519

32,303.124
42,827.656

194,943.256  43,247.365,
188,309.217  ¡44,881.3341

•  t-»8
l-as
t'77
t-b!)
3,,
**  0«
5^j
4  ;;b
I
I::
i
1::;

1854
1856
1866
1867
1868
1869
1860
1861
186Ä
1863
1864
1866
1866
1867
1868
1869
1870
1871
187«
1873
1874
1876

Banknoten-Umlauf


1383,491.000
347.880.275
380,181.085
383,480.789
370,022.355
466,758.923
474,861.562
468,874.423
426.877.276
396,655.626
375,828.020
351,100.755
283,988.480'
247,021.120
276,185.150
283,699.220
296,893.160
317,333.530
318,365.470
358,942.580
293,762.350:
286,242.330

Mttnivorrath


Verhält-45,307.0821


49,710.554
87,240.6091
98,043.0201
98,577.444'
80,187.756
89,167.926
99,148.381
105,071.147
110,709.583
112,191.238
121,521.769
104,008.582
108,346.593
108,642.872
116,861.841
114,327.175
143,496.444
142,933.328
143,836.691'
139,368.889,
134,416.8941

8.4«
7-nB
4'86
3  p,
3-76
K
"*•32
4^3
4.00
I
2.,  h
:::
2..  .,
I

Jahres ­
 ­

Í8(&amp;gt;()
1807
1868
1800
1870
1871
187«
1873
1874
1875

Oesainmtunilauf


499,783.120
548,157.807
574,516.027
598,768.850
649,006.679
690,934.424
694,357.356
702,975.550
639,044.544
632,743.363

Münz  vor-  ¡Verhält
rath  I  niss

104,008.582  1
108,346.593,
108,642.872
116,861.841
114,327.1751
143,496.444
142,933.328
143,836.691
139,368.889
134,416.894

5-20
il
        <pb n="26" />
        13

Notenciroulation  ausreichende  Dritteldeckung  vorhanden  war,
gal)  es  doch  ein  zeitweilig  zu  sehr  bedeutender  Höhe  steigendes ­
  Disagio  der  Noten,  weil  die  Circulationsmittel  überreich-IC
  voi  landen  waren  und  keinerlei  Deckung  genügen  konnte,
ese»  „  ju  viel  zu  paralysiren.  Ciul  bedürfte  es  noch  eines
erste^*^!^-  Werth  eines  Cirenlationsmittels.  in
I  ,,  \  eriiültniss  des  Circulatiunsquantums  zu
en  Verkelirsbedürfnissen  massgebend  ist,  so  kann  dieser  darin
ge  nnden  werden,  dass  bis  zum  .lal.re  1848,  wo  die  Uber-,
  ssige  ermelirimg  der  Noteneirculation  begann,  eine  Cours-.fferenz
  zwischen  dem  Metallgeld  und  den  Banknoten  nicht
bestand  trotzdem  der  §.  Iß,der  Statuten  vom  ,Tahre  1841  die
ans,  ruckliehe  Bestimmung  entl.ielt,  dass  zur  Annahme  der
anknoten  im  1  rivatverkehre  kein  Zwang  stattttndet,  währen,1
vertü"i  i“'  “'’  ~  "»dl  einmal  im  Jahre  1808
ver,.4:is:-=r:;:ta:"^
■
        <pb n="27" />
        14

Vom  Ende  des  Jahres  1862  bis  zum  dO.  April  1866  verminderte ­
  darauf  die  Bank  abermals  ihren  Notemunlaut  um
88’9  Millionen  und  sie  stand  wieder  der  Aufnahme  der  Baar-Zahlungen
  —  für  welche  das  Jahr  gesetzlich  vorgesehen
war  —  sehr  nahe,  als  die  Staatsnoten-Emission  in  Folge  des
österreichisch-preussischen  Krieges  alle  zur  Erreichung  dieses
Zieles  gemachten  Anstrengungen  paralysirte,  indem  damit
jene  ungebührliche  Ausdelinung  der  Circulationsmittel  zu  Wege
gebracht  wurde,  unter  deren  Folgen  der  österreichisch-ungarische ­
  Geldumlauf  bis  zum  heutigen  Tage  leidet.
Die  Insolvenz  der  österreichischen  Nationalbank  war
also  stets  durch  die  Verschuldung  des  Staates  hervorgeruten.
Es  lassen  sich  in  dieser  Beziehung  drei  Epochen  unterscheiden.
Die  erste,  von  der  Gründung  der  Bank  bis  zum  Jahre  1848
reichend,  umfasst  jenen  Zeitraum,  in  welchem  der  Staat  bis
zu  einem  Betrage  von  126’8  Millionen  Gulden  Schuldner  der
Bank  wurde,  ohne  dadurch  deren  Solvenz  zu  stören,  da  eben
trotz  dieser  Verschuldung  ein  Missverhältniss  zwischen  den
Circulations-Mitteln  und  den  Circulations-Bedürfnissen  nicht
hervorgerufen  wurde.  Die  zweite  Epoche  von  1848  bis  1866
umfasst  eine  Zeit,  in  welcher  der  Staat  mit  so  hohen  Beträgen
der  directe  Schuldner  der  Bank  wurde,  dass  diese  letztere
nothgedrungen  ihren  eigenen  Notenumlaut  über  die  Verkehrsbedürfnisse ­
  hinaus  ausdehnen  musste  und  dadurch  ein  Disagio
dieser  Noten  hervorrief.  Nur  vorübergehend,  insbesondere  in
den  Jahren  1851  bis  1854,  ging  mit  dieser  directen  Verschuldung ­
  an  die  Bank  und  mit  dem  dadurch  erzwungenen  Anwachsen ­
  der  Banknotencirculation  auch  die  Emission  von
Staatspapiergeld  Hand  in  Hand.  In  diesen  18  Jahren  machte
der  Staat  zweimal  Anstrengungen,  sich  seiner  Schuld  zu  entledigen ­
  und  die  Valuta  herzustellen,  wurde  aber  immer  durch
dazwischen  tretende  politische  Verwicklungen  und  Kriege  an
der  vollständigen  Durchführung  seines  Vorhabens  gehindert.
Die  dritte  Epoche  endlich  —  vom  J  ahre  1866  bis  zur
Gegenwart  —  zeigt  ein  stationäres  directes  Schuldverhältniss
des  Staates  zur  Ban^  und  zwar  ein  Schuldverhältniss  in  einer
Höhe,  welches  für  sich  betrachtet  die  Basis  des  Geldumlaufes
noch  keineswegs  angreifen  würde.  Dass  nichtsdestoweniger
auch  in  dieser  letzteren  Periode  die  österreichischen  Noten
        <pb n="28" />
        f

—  15  —
nur  mit  einem  Disagio  circiiliren,  hat  in  der  directen  Zettel-^mission
  des  Staates  seinen  Grund  und  in  der  VerpHichtung
ijer  Bank,  die  Staatsnoten  an  Zahlungsstatt  zu  nehmen,  so
(  ass  sie  indirect  Mitschuldnerin  für  die  gesammte  vom  Staate
ausgegebene  Zettelmenge  ist.
y  1,  Uebersicht  über  die  (ienesis  der  verschiedenen
chuldverhaltnisse  des  Staates  an  die  Bank  ergibt  das  Folgende.  2)
le  älteste  Sclmld,  die  sogenannte  Ur-  oder  fundirte  Schuld,
rührt  daher,  dass  die  Bank  für  die  Staatsverwaltung  die  Ein-^"genannten
  Wienerwähi-ungpapiergeldes  überiiom-4«-&amp;lt;)
  ‘inn-  i'^l'kwlde  löste  die  Bank  im  Ganzen
mm

Es  betrug  ;

Die  Staat«

Im
Jahre

Im  Staat«-Jahre
  “cliuW  an  die
Bank

Die  KtaatH-Bchuld

  an  die

im

Die  Staatmachuld ­
  an  die
Bank

Im
Jahre

Jahre  au  die

Bank

Bank

1818
1819
1820
1821
1822
1823
1824
1825
1820
1827
1828
1829
1830
1831
1832

10,490.000
23,732.000
34,231.541
28,009.541
39,796.735
47,044.2t&amp;gt;0
57.529.760
72.229.760
81.838.760
87,029.760
98,035.760
105,928.760
108,029.760
112,018.760
114,098.760

1833
1834
1835
183«
1837
1838
1839
1840
1841
1842
1843
1844
1845
1846
1847

104,029,760
114.029.760
128,029.760
128,029.760
129,140  950
131,443.148
129,343.834
126,304..387
125,931.083
114,984.086
110.591.450
108,515.108
106,363.872
104,622.427
126.791,324

1848
1849
185«
1851
1852
1853
1854
1855
185«
1857
1858
1859
18««
1861

178,644.778
189,081.035
150,402,918
121,699.243
130,660.278
121,710.690
294,226.495
25.3,175,172
212,779.561
203,784.354
145.733.823
300,169.337
257,054.159
249,817.212

1862
1863
1864
1865
18««
1867
186S
1869
187«
1871
1872
1873
1874
1875

217,289.244
186,373.140'
175,907.1611
144,292.631'
140,000.000,
80,000.000
80,000.000
80,000.000
80,000.(XK)
80,fX)0.000
8o,ooo.rm
80,000.000
80,000.000
80.0CX).000
        <pb n="29" />
        16

bis  auf  den  Betrag  von  T'/g  Millionen  alsbald  zurückerstattet
wurden.
Eine  vorübergehende  Episode  bildet  in  dieser  Epoche,  wie
bereits  erwähnt,  die  Ausgabe  von  unverzinslichen  Reichsschatzscheinen ­
  mit  Zwangscüurs,  für  welche  eine  IVlaximalgrenze  von
200  i\[illionen  Gulden  festgestellt  wurde.  Dieses  Staatspapiergeld ­
  einzulösen  verpflichtete  sich  die  Bank  im  Uebereinkommen
vom  28.  Februar  1854,  und  um  nunmehr  die  solcher  Art  zu
bedeutendem  Umfange  angewachsene  Bank-Schuld  des  Staates
zu  tilgen  ,  wurde  ein  Theil  des  Erlöses  aus  dem  1854er  Nationalanlehen,
  nämlich  der  Betrag  von  184'/a  Millionen  Gulden  und
überdies  das  Zollerträgniss  der  Bank  zugewiesen.  Nach  mannigfachen ­
  Verzögerungen  der  Rückzahlung  und  nach  verwickelten
neuen  Anlehensbewilligungen  des  Institutes  an  den  Staat  wurden
diesem  endlich  zur  Ermöglichung  der  Wiederaufnahme  der
Baarzahlungen  durch  Uebereinkommen  vom  26,  December  1858
30  ^Millionen  Gulden  in  fünf  gleichen  Jahresraten  vom  1.  November ­
  1860  bis  zum  1,  November  1864  aus  den  Kaufschillingsraten ­
  der  Südbahn  und  rund  23  Millionen  Gulden  Tirundentlastungsohligationen
  übergeben.  In  der  That  begann  nun  die
Bank  vom  September  1858  bis  A])ril  1850  die  Baarzahlnngen.
In  Folge  des  ausbrechenden  Krieges  erreichte  jedoch  kurz
darauf  die  Schuld  des  Staates  eine  bisher  nicht  vorhanden
gewesene  Höhe;  bis  Ende  August  1850  wurden  der  Bank  Vorschüsse ­
  im  Gesammthetrage  von  133  Millionen  Gulden,  überdies ­
  ihrem  Baarschatze  20  Millionen  Gulden  IMetallgeld  entnommen. ­

Im  Jahre  1862  wurden  abermals  Anstrengungen  zur  Ordnung ­
  des  Geldwesens  gemacht.  Im  Sinne  der  damals  beschlossenen ­
  neuen  Bankacte  sollten  von  der  Schuld  des  Staates,  die
damals  rund  217*3  ]\lilHonen  Gulden  betrug,  20  Millionen  in
Silber  und  117  3  Millionen  in  Noten  bis  zum  Jahre  1867  zurückgezahlt ­
  werden.  Es  sollte  die  Bank  die  in  ihrem  Besitze
befindlichen,  zur  Deckung  verschiedener  Schuldbeträge  des
Staates  dienenden  Effecten  veräussern,  so  dass  im  Ganzen  eine
Schuld  von  80  Millionen  Gulden  übrig  geblieben  wäre.  Die
Rückzahlungen  des  Staates  erfolgten  dieses  Mal  thatsächlich
trotz  des  inzwischen  ausgebrochenen  Krieges  ;  an  die  Aufnahme
der  Baarzahlungen  im  Jahre  1867  war  aber  trotzdem  aus  dem
        <pb n="30" />
        A

■
1  h.  llertzka,  Währung  und  Handel.
        <pb n="31" />
        2*

sí

C%2

cp

e=5

ãS

M
ÿ
S

—  18  —
Die  Bewegung  des  österreiolnsclien  (leldwertlios  unter
dem  Einflüsse  all’  dieser  gescliiclitlicli  naeligewiesenen  Veränderungen ­
  zeigt  nun  die  folgende  Tabelle,  in  welcher  vom
Jahre  1848  bis  zum  Schlüsse  des  Jahres  1874  die  höchsten

ti

M  ^  %  o  Î-  ^  ^  ^  ^  ^
I  =  Ê  Isis  i  i  i  I  i
äs  3g  S5S  iss  32  22  S3  2|  3S  iS  3g  SS

V
CC  Í

IN  o  —I  r»  o  Ô  ^  "X)  Tra  -t  c  Fo  -t  —■  «z  c;  ■X'  21  ^  «ö  of
ißCN  fN-N  I  —.  %  —'  ro  'N  —I  —'  OO  OO  OO  'N  CN
*—H  f—4  v—4  f4
Si=  Ss  äz!  bs  IS  Ss  ^=f
1-H  T—1  1—I  ^  i-Hi—I  .—11—1  »—&amp;lt;1—1  1—1  ^  »-Hf—&amp;lt;  »—1»—'  1—«  —'  »—1*-H  »—»*—•  r—11—Í
C51-  öti  To  ob  P-  3*  P-  r-  lO  õ  Öd  Ss  Po  ^  *2  i5  2?  tí  íá  iz;
c^)  r-4  1—4  i-H  IN  1-4  1-4  •—i  —4  i—1  i—1  i-4  i-4  ^  &amp;gt;—■'  —  i-4

Öd  IN  oc  P-  Öd  Ô  Öd  02  P-  5i  oo  »o  ^  r-&amp;lt;  lo  3c  cv  ic  -r  'c  cj  c¿  íd
1-4  "N  1-4  Ï-H  1-4  îN  1-4  1—1  —4  IN  Cf  1-4  ^  ,  1^  O  —  ^4  1-4

1X51-4  -NCi  02  OD  -f  :0  02  00  OQO  44  N  -f  02  N  N  -"f  -f  «O  -f  M  —
1-41-4  N1-4  1-4  44  N  ^  44,—I  440  TC  N  Cf  44  OO  OO  or  -f44

il'
&amp;lt;N  (N

g

22  S;2  5S  S3  33  g»  S‘3  ?,3  SS  S2  Sï  23;
r—1  ^  *-H  f—1  »—1  »—1  »-H  r-H  r—1  »—1  ^  »-H  »—♦  #-4  —  i—^  »-H  »-H  ^  t—1
2g  SS  32  S?8  SS  $1  Is?  2%  Is  s|  S|

SS  S3  33  4-  g-  314  4g  g-  g3  gs  gS
44  r-4  44  44  44  44  ^  44  44  44  44  44  1-4  44  1-4  44  1-4  ^  44  44  1-41-4  44  1-4
S2  SS  Sis  3§  2g  SS  äs  g|  3'?
1-H  »-H  »—1  r-1  T—I  1—I  ,—t  1—'  ^  1  1—«^  ^—4  -Hr-  ^  ^
-»  4  4,  jt,  j;"  jo“  ‘  ¿^  'f  •
-  -  äEl  ?ölf  ?5?&amp;gt;  38  tiVf  !§  38  33  83

§S  3-  ä#  %  gl  äg  §3  %3  3g

'  CO

-fl
rc  rO'

3^

»o  -r
rc-M

11

II

4i
B  %

II
M

ill

■11

|jäi|ijjäi|&amp;lt;„

Jll
I  .i  41'

B%  B%  KB  K%  K%  K%  k%  K%

19

und  die
das  Jahr
und
sind

nieilrigsten  Silhorcmvse  eine,  jeden  Monats,  für

Í-»
o
do
c»

SS  32

I'-  44  O
2  22  Cf  N

S3  SSS

Oi
I

S(5&amp;lt;Cf
OI’~'

2  2ä  23  33  II

I

F?  X)
ï  Ct

«  Í  Î'

CÏ
X

w

F-  ?»

T  &amp;lt;M
I  I  i

?
«

OiC

s  s
e-  »o

sS  iS

OÔ  8n

_  2  p:  SS  s  2
gg  SS  ËZ

22  cfN

22  %%

cfS  L:2

SS  SË

32  ;i3

3!  Is  rfl  ÎI

§1  S3  33  i

33  S3  83

00  ec
  o

WD  fO  ÎÎÎ

00  c

00  e-33



o  o

Sßt

00-t

35  r

O  -i.

K  e

02  i&amp;gt;.

Ç  fO

o  O

o  o

00

ra  ro

22  ^  N

00  N

32

-f  CC

io  "-i  c  'O

-f  N

-2  o-^  Cf

225

SS

N  N

33  z

K  O

21:  Cf  00

-&amp;gt;o

't  «0  CC

O  CC

g§  N^

2^  cc5

N  O

33

CC  N

2^  38

-TI

ec  o

3=  SS  gg  ?ia

  SS

t-  f4

ec  Cf

öS  5

o  o

00  &amp;lt;c

ÎC  CC

02  O

8  33

C  lO

3  31  5i  S?3

Ot

N  N

33  3

-4  o

%  ¡&amp;gt;

8!

•C  CC

-4

*0  f

CC  «4

00  ift

e-  -t

N  44

3  N  -4

NO

2o

N  N

Ö  O

K  !ß  iC

Cf  N  NN

O  O

r  f  -  0
Ff  ec  ,0  CC

iO  o

44

«  5

44  e-  32  ;c

8;

CC  N

2'J5  ,c

N  N

c  5

®2  o

53  iii

1

1i

K

il

K  %

1

^  ï  S  i  S

islllïll

b  £

SS

K  %

u

llii

%

1i

ll

iJ|Ü
III
        <pb n="32" />
        II.  Capitel.

Einfluss  der  Valuta  auf  die  Oapitalvertheilung  und
(len  Aussen  lian  (lei.
Wie  schon  Eingangs  bemerkt,  wurde  in  versciiiedenen
Staaten  die  Erfahrung  gemacht,  dass  die  wirthschaitlichen
Verhältnisse  nnmittelhar  nach  zerstörenden  Kriegen  und  nacli
Einfiilirnng  einer  l^apiergeldwirthschaft  einen  rapiden  Anlschwung
  nahmen.  Wenn  man  daraus  folgert,  dass  Krieg  und
Zettelwesen  der  wirthsc.haftlichen  Entwicklung  förderlich  seien,
so  ist  dies  allerdings  ein  arger  Trugschluss;  aber  wie  jedei"
IrrthuHi  in  der  gel  einen  Kern  von  V  ahrluut  in  sieh  hiigt,
so  kann  auch  hier  aller  ursächliche  Zusammenhang  zwischen
den  zeitlich  aufeinanderfolgenden  Erscheinungen  keineswegs
geleugnet  werden,  (xleichwie  es  naturgemäss  ist,  dass  die  Hauhandwerker ­
  reichliche  Heschäitigung  linden,  wenn  eine  Stadt
durch  ein  Erdbeben  zerstört  wird,  und  trotzdem  kein  Vernünftiger ­
  bestreiten  wird,  dass  ein  Solches  die  furchtbarste  wirfhschaftliche
  Calamität  für  das  davon  betroffene  (lebiet  sei  ,  so
befördern  die  IT'oduction  zeitweilig  auch  Krieg  uud  Hapiergeld
in  ganz  analoger  Weise,  ohne  deshalb  den  (  haraktei  wiifhschaftlichen
  Unglücks  zu  verlieren.  Die  Analogie  zwischen
Krieg  und  Erdbeben  ist  auf  den  ersten  Hl  ick  einleuchtend.  Man
wird  leicht  einsehen,  dass  jener  sogenannte  Aufschwung,  den
        <pb n="33" />
        (1er  Krieg  im  Gefolge  liât,  doch  nur  dahin  führt,  schliesslich
jenen  Zustand  wieder  zu  erreichen,  der  vor  dem  Kriege  vorhanden ­
  war,  und  dass  demnach  hier  von  keinem  Fortschritte,  sondern ­
  höchstens  von  einer  beschleunigten  ^Wiedereinsetzung ­
  inden  vorigen  Stand  die  Rede  sein  kann,  ist  diese
re.stitutio  in  integrum  vollzogen,  dann  hat  es  mit  den  vermeintlichen ­
  wohlthätigen  Folgen  der  vorangegangenen  Zerstörung
  sein  Ende,  dann  muss  die  (xesammtwirthschaft  ihr  Werk
(Olt  A\iedei  aufnehmen,  wo  sie  es  vor  dem  Kriege  verlassen,
iK  es  wild  ihi  dies  voraussichtlich  in  Folge  der  geschwächten ­
  La¡)italskraft  nur  in  langsamerem  Tempo  möglich  sein,  als
es  0  ine  Krieg  der  Fall  gewesen  wäre.
Eine  eben  so  directe  Analogie  zwischen  der  Wirkung  der
.ettelwirthschaft  und  einer  durch  Elementargewalt  hervorgerufenen ­
  Capita  Iszer.störiing  be.steht  nun  allerdings  nicht,  um  so
weniger,  da  der  Zettelemission  vielfach  die  Wirkung  nachgesagt ­
  wird  das  Capital  zu  vermehren  und  dadurch  erst  recht
einen  wirt  ischaftlichen  Aufschwung  einzuleiten.  Und  dies  ist  fürs
l-mte  „ucl.  theilwe.i,«  ricl.tig.  Zwar  .lass  eine  solcl.e  Emission
vl'lV  T  "•  'gel'einle  Entwertlmng  der  I.ainlesntd
  den  in  (,eld  ausgedriickten  Weith  aller  anderen  Caiiitalien
  und  insbesondere  den  Umfang  des  eireiilirenden  (ieldvoiTiit
  ,es  steigert  ,  ist  Idos  eine  scheinbare  Ca,ntiilsvermebrung,
mmm
Summo  P-  .  .1  Ginc  in  Landesgeld  ausgedrückte  höhere
####§
ie  iitsclasse  deren  Einkommen  ein  nominell  feststehendes  ist
11  I  je  nac  I  (  em  Umtange  der  (ieldentwertbiing  mehr  oder
minder  bedeutend  gesebiidigt  sehen  wird,  aus  welcher  «chadigung
  dann  die  anderen  Kerufsclassen  für  sich  einen  verhältnissinassigen
  Crewnin  werden  herausschlagen  können,  da  wie
        <pb n="34" />
        22

erwähnt,  die  Ge.sammtsnmme  des  Nationaleinkommens  sich  für's
Erste  auf  unveränderter  Höhe  erhält.  Aber  schon  diese  Verschiebung ­
  der  Erwerhsverhältnisse,  die  sieh  selbstverständlich
nicht  auf  die  mit  fixen  Besoldungen  angestellten  Berufsclassen,
sondern  weiter  sch  reitend  auch  auf  jene  ausdehnen  wird  ,  die
wieder  vorwiegend  durch  diese  Eixhesoldeten  beschäftigt  wurden ­
  ,  muss  eine  Beeinträchtigung  der  allgemeinen  Production
im  Gefolge  haben.  Gewaltsame  und  %*löt%liche  Verschiebungen
in  den  Vermögens-  und  Erwerbsverhältnissen  wirken  eben  in
der  Hegel  nachtheilig,  einerseits,  weil  sie  zu  unwirthschaftliclien
  Ausgaben  reizen,  indem  nämlich  die  plötzlich  Hepossedirten
  es  nicht  immer  verstehen,  sich  sofort  auf  dem  niederen
Lebensstande  einzurichten,  und  andererseits  die  plötzlich
Beschenkten  nicht  immer  in  der  Lage  sind,  von  dem  Zuwachse
an  Vermögen  und  Einkommen  den  besten  Gebrauch  zu  machen.
Das  Ca])ital  ist  ein  Instrument,  dessen  nutzbringende  Handhabung ­
  ebenso  eine  gewisse  Hebung  voraussetzt,  wie  die  irgend
eines  anderen  Instrumentes.  So  unwirthschaftlich  es  nun  wäre,
die  verschiedenen  Handwerker  in  ihrem  Arbeitsgeräthe  zu  verkürzen ­
  und  damit  die  llentner  zu  beschenken,  ebenso  unwirthschaftlich ­
  der  Art,  wenn  auch  nicht  der  Intensität  nach  ist
ein  unvermittelter  Besitzwechsel  anderweitiger  Capitalien.
Die  Verdrängung  des  Metallgeldes  durch  dieselbe  Function ­
  übernehmende  Papierzettel  ist  aber  andererseits,  wie
bereits  angedeutet  wurde  ,  mit  einem  directen  Capitalsgewinne
verbunden,  und  es  soll  nun  untersucht  werden  ,  in  welcher
Weise  dieser  Capitalsgewinn  erzielt  wird  und  ob  aus  demselben ­
  für  die  Gesammtheit  ein  Nutzen  erwächst.
Für  die  aus  dem  Verkehre  verdrängten  metallischen  Geldzeichen ­
  ,  die  ja  das  betreffende  Land  nicht  unentgeltlich  in  das
Ausland  strömen  lässt,  werden  AVerthe  aller  Art,  und  zwar
je  nach  den  Verhältnissen  Waaren,  Dienstleistungen  oder
Werthpapiere  erworben,  und  da  nun  jenes  Gut,  für  welches
all  dieses  eingetauscht  wird,  kostenlos  ersetzt  wurde,  so  repi’äsentiren
  diese  neuen  Werthe  einen  Zuwachs  des  G  esamnitVermögens. ­
  Wenn  beispielsweise  ein  Verkehrsgebiet  Alillionen
  Gulden  verschiedenartiger  Capitalien  besitzt,  davon  lou
Millionen  in  Form  von  Circulationsmittelii,  so  wird  es  nach
der  Zettelemission  an  Stelle  der  1(H&amp;gt;  Alillionen  Aletallgeldes
        <pb n="35" />
        23

|lie  ffleiche  Menge  Papiergeldes  haben,  das  dieselbe  wirthschaft-Iiche
  Arbeit  verrichtet,  und  für  sein  .Aletallgeld  KK&amp;gt;  Millionen
anderweitiger  Werthe  erworben  haben,  so  dass  nunmehr
lÜO  Millionen  Circulationsmittel  und  1(KK)  Millionen  anderweitiger ­
  Werthe,  zusammen  also  11(J()  Millionen  vorhanden
sein  werden.  Aber  dieser  Zuwachs  von  KX)  Millionen  (der
u  Ilgens,  wie  sich  alsbald  zeigen  mrd,  nicht  voll  sein  kann)
ist  nicht  aus  dem  Nichts  geschaffen,  nicht  durch  die  Zettelemission
  neu  erzeugt,  sondern  auf  Kosten  und  mit  einem  Verluste ­
  aller  anderen  Verkehrsgebiete  der  Erde  herangezogen
worden  Dadurch  nämlich,  dass  das  betreffende  Land  die
Ldelmetalle  bei  sich  zu  Hause  demonetisirt  und  um  deren
e  rag  en  Edelmetallvorrath  der  gesammten  übrigen  AVelt  vermehrt, ­
  verringert  sich  der  Werth  der  gesammten  früher  vorlianenen
  Circulationsmittel  genau  um  den  nämlichen  Betrag,  in-(
  Uli  (  le  vermehrte  Ciiculationsmenge  insgesammt  keine  höhere
lausch-  und  Kaufkraft  besitzt  als  die  frühere  geringere.  Wenn
beispielsweise  die  aus  dem  Papiergeldlande  abströmenden  Edel-^
  ^'ii’milationsmittelquantums  aller  Metallffeldlander
  zusammen  ausmachen,  so  wird  jeder  Geldbesitzer
&amp;lt;  er  ganzen  Erde  eine  Devalvation  der  Kautkraft  seiner  Gelderfahren.
  Es  werden  also  vorerst  die
Ä“;:”  :.;r  =r,;
^  'If  T'"“  einer  Neu«ehöi.fung,  sonvor
  sich  ^  Beraubung  aller  anderen  Verkehrsgebiete
^  ^  möglich,  kann  es  der  wirthschaftlichen  Gerechtigkeit ­
  irgendwie  entsprechen,  dass  diese  Beraubung  sich  vidlein
  ^  ‘^uiür  den  Beraubten  in  anderer  Form
        <pb n="36" />
        24

Schatzung  aufzuerlegen,  ohne  dafür  irgend  eine  wirthschaftliehe
Leistung  zu  bieten?  Und  wenn  dies  möglich  wäre,  müsste
nicht  die  seit  Jahrtausenden  geübte  fxeldwirthschaft  unseres
Planeten  als  ein  geradezu  lächerlicher  Irrthum  erscheinen?
Wozu  hätte  man  ungezählte  Milliarden  von  Arbeitstagen  darangewendet, ­
  um  der  Erde  ihre  Schätze  an  Gold  und  Silber  zu
entreissen  und  diese  den  Circulationszwecken  dienstbar  zu
maehen,  wenn  derselbe  Zweek  durch  bedruckte  Papierstückchen ­
  zu  erreiehen  ist?  Wäre  nicht  jenes  Land  das  weiseste
gewesen,  welches  vom  Anbeginn  den  anderen  Staaten  die  ]\[ühe
und  die  Kosten  überlassen  hätte,  sich  einen  möglichst  stabilen ­
  Werthmesser  zu  beschalfen,  während  es  selbst  sich  begnügt
hätte,  Ilechenmarken  zu  erzeugen,  denen  von  Dbrigkeitswegen  die
Eunction  des  metallischen  Werthmessers  übertragen  wird?  Und
sollte  man  vielleicht  einwenden,  dass  anch  die  bedeckte  Banknote
in  gewisser  Beziehung  eine  derartige  Rechenmarke  ist,  nnd  dass
daher  ganz  dasselbe,  was  soeben  gegen  die  Möglichkeit  der  wirthschaftlichen
  Berechtigung  des  Papiergeldes  gesagt  wurde,  auch
gegen  die  Banknote  geltend  gemacht  werden'kann,  so  vergisst
man,  dass  der  Nutzen,  den  die  Banknote  ihrem  Erzeuger
gewährt,  um  den  Preis  eines  sehr  reellen  wirthschaftliehen
Gegendienstes  erkauft  ist.  Ganz  abgesehen  davon,  dass  schon
die  Aufrechterhaltung  des  LeckungsVerhältnisses  eine  Arbeit
ist,  verbunden  mit  ausserordentlichem  Scharfsinn  und  mit
grossen  Kosten,  die  in  der  Regel  jeden  über  das  Dui’chschnittsmass
  hinausgehenden  Nutzen  der  Notenemission  absorbiren,  so  hat
ja  die  Banknote  auch  den  Beruf  ,  dem  Verkehre  eine  Krleichterung
  und  eine  Bequemlichkeit  zu  verschaffen,  die  ihm  das
Metallgeld  nicht  gewähren  kann,  und  die  Berechtigung  der
Banknote  geht  eben  nur  so  weit,  als  sie  sich  auf  die  Gewährung ­
  dieser  Erleichterungen  beschriudvt.  Das  Pa])iergeld  dagegen ­
  will  sich  kostenlos  und  ohne  jede  wirthschaftliehe  Arbeit
und  Gegenleistung  an  die  Stelle  des  mit  grossen  Kosten  erzeug-'
  ten  Metallgeldes  setzen;  es  will  seinem  Erzeuger  einen  Nutzen
zuwenden,  ohne  dass  derselbe  dafür  etwas  zu  leisten  brauchte,  —
und  wenn  dies  gelingen  könnte,  so  läge  hierin  eine  vollständige ­
  Verneinung  des  obersten  Grundsatzes  aller  wirthschaft-I
  liehen  Beziehungen,  wornach  es  keine  Leistung  ohne  Gegen-1
  leistung  gibt.
        <pb n="37" />
        25

Und  in  der  That  wohnt  dem  Papiergelde  die  Zauberkraft
'licht  inne,  diesen  Grundsatz  auf  den  Kopf  zu  stellen.  Jlit
seiner  Hilfe  kann  allerdings  jedes  Land  einen  Rauh  an  allen
Veikehrsgehieten  begehen,  aber  es  muss  dafür  vollständige ­
  und  schwere  Busse  gewahren.  Es  hat  damit  verzichtet
au  eine  der  wichtigsten  Errungenschaften  der  letzten  .lahrausende,
  auf  die  ü  eldwirthschaft,  es  ist  von  dieser  zur
lauschwirthschaft  zurückgekehrt,  indem  sein  Werthmesser
sammthl-r"*n*’^.“‘*  "ber  die  Ge-SfatiTi"!
  ^  Civilisirten  Staaten  gleichniässig  verbreitete
dere,  w  T  ’  vielmehr  eine  Waare  geworden  ist,
11  pI®  *  "v'i'viiikt  wie  der  jeder  anderen  Waare.
8“’“  nämliche,  ob  man  das
liehe  \b'  i  ""if  «etrade  oder  ähne
  Kothbehelte  der  auf  dem  Zustande  der  Tauschwirthschaft
behndlichen  Länder  ersetzt.  Die  ungeheure  Arbeit,  mit  welcher
die  J  emscbheit  sich  seit  .Tabrtausende«  die  relativ  stabilsten
keife  77’  "^"«rben  hat,  wurde
nnd  d'-je:;;:'7  Surirtfit
*
iiilll
        <pb n="38" />
        26

messer  des  Papier)iuides  von  dem  der  l^idelmetallländer  zwar
verseliiedeii  aber  niclit  scliwankend,  so  würde  sicli  selir
l)ald  ein  stetiges  Verliältniss  1er  inländisclien  und  auslän-(lisclien
  Preise  für  alle  Güterclasseu  lierausstellen.  Man  würde
iin  Handel  mit  dem  Auslande  nicht  mehr  gewinnen  und  verlieren, ­
  als  wenn  man  selbst  eine  Metallvaluta  besässe,  wobei
nur  der  schädliche  Einfluss  der  Valutaentwerthung  auf  die
W^echselcourse,  der  später  behandelt  werden  soll,  von  nachtheiliger ­
  Wirkung  wäre.  Man  könnte  beispielsweise  für  eine
Waare,  die  10  H.  im  entwertheten,  aber  nur  H  H.  im  voll
werthigen  Gehle  gilt,  im  Auslande  eine  andere  Waare  eintausclien,
  die  wieder  nur  H  fl.  im  vollwerthigen,  aber  10  11.
im  entwertheten  Gelde  gelten  müsste.  Durch  die  Schwankungen ­
  der  Valuta  wird  dies  Verliältniss  jedoch  gestört.
Es  ist  nämlich  einleuchtend,  dass  man  im  Papierlande  erzeugte
Güter  dann  mit  dem  grössten  Vortheile  im  Auslände  wird  vcjkaufen
  können,  wenn  durch  eine  plötzliche  Verschlechterung
der  eigenen  heimischen  Valuta  das  Geldstück,  das  man
im  Auslande  erhält,  in  inländischem  Gehle  ausgedrückt
eine  grössere  Summe  repräsentirt,  als  zuvor;  während  man
umgekehrt  im  Auslande  dann  am  vortheilhaftesten  wird
kaufen  können,  wenn  durch  eine  plötzliche  Verbesserung
der  eigenen  heimischen  Valuta  das  Geldstück,  das  man  dem
Auslande  bezahlt,  in  heimische  Valuta  umgerechnet  einen
geringeren  Betrag  repräsentirt  als  zuvor.  Dadurch  aber  wii'd
sich  für  dieses  Land  die  unselige  Tendenz  lierausstellen,  an
das  Ausland  dann  am  meisten  zu  verkaufen,  wenn  der  geringste ­
  reelle  Geldwerth  für  jede  Waare  zu  erlangen  ist,
und  von  dem  Anslande  dann  am  meisten  zu  kaufen,  wenn
der  höchste  reelle  Geldwerth  für  jede  Waare  bezahlt  werden ­
  muss.
Nehmen  wir  ein  concretes  Beispiel.  Ein  Fabrikant  des
Papicriandes  habe  zum  Preise  von  50  H.  in  ^Metallgeld  per
Centner  Baumwolle  gekauft.  Die  Differenz  zwischen  dem
Landgelde  und  dem  Metall-  oder  Wcltgelde  lief  rüge  10  Percent;
er  wird  also  55  fl.  in  eigener  Valuta  dafür  gezahlt  haben.
Diesen  Rohstoff  verwandelt  er,  indem  er  lOO  Arbeitstage  daran ­
  wendet,  in  ein  Gewebe;  der  mittlere  Arbeitslohn  soll  sich
auf  50  kr.  Silber,  das  wäre  also  in  die  Landesvaluta  um-
        <pb n="39" />
        -  27  -  .
Ri'i'fcli.iet,  auf  õõ  kr.  belaufen.  AVir  geben  mm  v„„  ,1er  Vor
ansaetzimg  aus,  dass  Kohstoffe  und  Arbeitslöhne  durchscbnitt
in  dem  J.ande  mit  Papiervaluta  und  in  den  benachbarter
Staaten  im  gleiclien  Wertlie  stehen.  Die  Waare  wird  also  in,
Auslamle  KHI  H.  in  Silber,  indem  l'apierlande  110  11.  i„
v  n  Fertigstellung  beanspruchen.  So-■■

■
liüiSi
        <pb n="40" />
        28

Papiervaluta  unter  sonst  gleich  bleibenden  Verhältnissen  mit
Vortlieil  zu  importiren.  Denn  er  wird  nun  für  dassfdbe  Produet,
dessen  Erzeugung  im  Papierlande  120  fl.  gekostet  bat,  beispielsweise ­
  115  d.  nehmen,  weil  diese  115  fl.  in  Silbeigeld
umgereclinet,  bei  10  Percent  Agio  noch  immer  104  fl.  54  kr,,
ihm  also  einen  Nutzen  von  4  fl.  54  kr.  ergeben.  Bei  diesem
Geschäfte  wird  gleichzeitig  der  Käufer  im  Papierlande  einen
scheinbaren  Gewinn  von  5  fl.  erzielt  haben.
Der  Nutzen  des  Ausländers  wird  sowohl  bei  den  früher
billiger  gekauften,  wie  jetzt  bei  den  theuer  verkauften  Waaren
  ein  wirklicher  sein.  Der  Nutzen  des  Käufers  im  Papierlande ­
  ist  aber  ebenso  trügerisch,  wie  es  früher  der  Nutzen
des  Verkäufers  dort  war,  denn  er  hat  für  ein  Product,  welches  |
hinkünftig,  so  lange  sich  das  Disagio  von  lo  Percent  erhält,  !
im  eigenen  Lande  um  110  fl.  zu  beschaffen  wäre,  115  fl.  ge-  |
geben,  also  5  fl.  oder  0  Arbeitstage  vergeudet.  Noch  auttal-  j
liger  wird  dieser  Verlust,  wenn  man  sich  etwa  voistellt,  dass  ;
es  ganz  dieselbe  Waare  sei,  die  zuerst  für  llo  fl.  bei  einem  i
Agiostande  von  20  Percent,  also  für  einen  Silberwerth  von  ;
94  fl.  an’s  Ausland  verkauft  und  später  wieder  für  115  fl.,
aber  bei  einem  Agiostande  von  10  Percent  und  folglich  für  .
einen  Silberwerth  von  104  fl.  54  kr.  vom  Auslande  zurück-  |
gekauft  wurde.  AVenn  man  die  Landesvaluta  als  !Massstab  i
nimmt,  wäre  diese  ganze  Transaction,  allerdings  ohne  jeden  ,
Verlust  vor  sich  gegangen,  und  doch  werden  9*/2  1^-  ^i^hei
oder  19  Arbeitstage  dabei  an’s  Ausland  abgegeben  worden
sein,  ohne  dass  dafür  irgend  ein  Gegenwerth  zu  erhalten  ge-  ;
wesen  wäre.  |
Man  wird  vielleicht  ein  wenden,  dass  es  ja  durchaus  keine  ■
den  Ländern  mit  gestörter  Valuta  allein  eigenthüinliche  Ten-  ¡
denz  sei,  im  Auslande  dann  einzukaufen,  wenn  dort  billiger  ^
produeirt  wird  als  im  Inlande,  und  dahin  zu  verkaufen,  wenn  i
umgekehrt  im  Inlande  billiger  produeirt  wird.  Thatsächlich  j
liegt  das  Wesen  des  internationalen  Handels  in  diesem  Stre-  I
ben,  beim  Kaufe  wie  beim  Verkaufe  aus  allen  sich  ergeben-  i
den  Differenzen  der  Productionsbedingungen  zweier  Länder  ;
Vortheil  zu  ziehen.  Aber  es  besteht  ein  ungeheurer  Unterschied
zwischen  der  Conjunctur,  wie  sie  naturgemäss  im  intermitió-  ,
nalen  Handel  ausgenützt  wird,  und  derjenigen,  die  sich  im  Ge-  1
        <pb n="41" />
        —  29  —

folge  der  Valutüscliwaiikuiigeii  bei  Ijäiidern  mit  Papiervaliita
lierausstellt.  Während  nämlich  dort  die  T)ilferenz  der  Productionsbedingnngen,
  aus  denen  der  Vortlieil  gezogen  werden  soll,
eine  reelle,  wirklich  greifbare  ist,  ist  diese  Differenz  hier  nur
scheinbar  und  trügerisch.  Es  ist  allerdings  die  Pegel  für
jedes  Jjand,  dass  es  dasjenige  exportirt,  was  es  auf  dem  fremden ­
  Markte  billiger  abzngeben  vermag,  als  es  auf  diesem  fremden ­
  Markte  producirt  werden  kann,  und  umgekehrt  im  Auslande ­
  dasjenige  kauft,  was  dort  billiger  zu  erhalten  ist,
als  es  im  Inlande  producirt  werden  könnte.  Kann  man  nun
\yr  'lieh  die  betreffende  Waare  billiger  oder  then  rer  erzeugen
a  s  der  Ausländer,  so  erfolgt  dieser  Güteraustausch  zu  beiderseitigem ­
  Vortheile,  denn  es  wird  an  beiden  Orten  Arbeit  erspart ­
  und  Geldwerth  gewonnen.  Man  würde,  um  auf  das  vorige
Beispiel  zurückzukommen,  das  Baumwollgewebe,  dessen  Gestehungskosten ­
  im  Auslande  KX)  fl.  Silber  sind  ,  nur  dann  dorthin ­
  ex])ortiren,  wenn  es  im  Inlande  durch  irgend  eine  Verbesserung ­
  des  Betriebes,  durch  die  Gunst  natürlicher  Verhältnisse
oder  durch  eine  abnorme  Wohlfeilheit  der  Lebensmittel  und
Lohne  gelange,  dieselbe  Waare  für  90  oder  95  H.  Silber  her-J^aistellen,
  und  umgekehrt  für  dieses  Gewebe  im  Auslande  blos
(  ann  04'  ,  fl.  in  Silber  bezahlen,  wenn  man  dasselbe  im  Inamle
  aus  irgend  welchem  entgegengesetzten  Grunde  um  den-"iGht
  herzustellen  vermöchte.  Unter  der
anwirkung  der  Valutaschwankungen  aber  sind  ,  wie  oben  ge-2ich"T'
  geradezu  entgegengesetzter  Natur
möglich,  also  ein  wirklich  verlustbringender  auswärtiger  Han-&amp;lt;0,
  (er  unter  normalen  Verhältnissen  der  Natur  der  Sache
'lurchaus  zuwiderläuft.
Um  Missverständnissen  vorzubeugen,  soll  hier  ausdrückich
  zugegebni  werden,  da.ss  allerdings  auch  unter  normalen
.eh  yerhaltnissen  im  internationalen  Handel  Verluste  eben.sowohl
niog  ich  .sind,  wie  umgekehrt  auch  eine  schwankende  Valuta
wirklich  nutzbringende  internationale  Handelsgeschäfte  nicht
mi.s.schliesst.  Was  das  Erstere  anbelangt,  so  entstehen  solche
m  lüste  durch  falsche  Speculation,  durch  abnorme  Wechsel
&amp;lt;ler  (rnnjunctur  und  dergleichen  mehr;  sie  sind  aber  immer
imr  eine  Ausnahme  und  _  worauf  es  hauptsächlich  ankommt  —
»»  Absicht  des  Speculanten.  Unter  der
        <pb n="42" />
        30

Herrschaft  der  Papiervalnta  aher  arheiteu  die  Exporteure  und
Importeure  geradezu  auf  den  Verlust  der  Allgemeinheit  los,
das  heisst  sie  speoiilireu  dann  und  nach  jener  Richtung  am  häutigsten, ­
  wo  eine  scheinbar  günstige  Conjunctnr  ihnen  trügerische
(rewinne  zeigt,  die  in  Wahrheit  Verluste  sind.  Nichtsdestoweniger ­
  ergibt  ohne  Frage  das  (xesammtresultat  des  internatioualen
  Handels  auch  für  ein  Papierland  (Gewinne.  Man
wird  auch  hier  ganz  in  derselben  Weise  wie  bei  Ländern  mit
gesundem  (Geldwesen  vorwiegend  jene  Waaren  exportiren  ,  die
zu  Hause  wirklich  billiger  erzeugt  werden,  dagegen  di(\¡enigim
im])ortiren,  hei  denen  das  Umgekehrte  der  Fall  ist,  und  der
daraus  resul  tiren  de  Nutzen  wird  in  der  Regel  doch  grösser
sein  als  die  Verluste,  welche  die  Ausnützung  jeder  trügerisch
durch  das  Agio  liervorgerufenen  Conjunctnr  nach  sich  ziehen.
Man  darf  nicht  vergessen,  dass  das  Rechenexempel,  welches
hier  zum  Ausgangspunkte  genommen  wurde,  von  einer  in  \\  irklichkeit
  nicht  vorhandenen  Voraussetzung  ausgeht,  nämlich  von
der,  dass  die  (iestehungskosten  jener  Waaren,  die  im  internationalen ­
  Handel  bewegt  werden,  auf  Silber  reducirt,  im  Fxport-
  und  Tmportlande  die  nämlichen  sind.  Fs  geschah  dies,
um  die  Rechnung  zu  vereinfachen.  Aber  es  ist  auch  nicht
schwer  zu  zeigen,  wie  unter  der  Wirksamkeit  der  Agioschwankungen ­
  der  Cewinn  aus  dem  internationalen  Handel  vei  rin
gert  wird,  wenn  man  Waaren  vor  Augen  hat,  bei  denen  eine
bedeutende  thatsächliche  Ditferenz  der  (Iestehungskosten  vorhanden ­
  ist.  Fs  erfordere  beisjiielsweise  der  Centner  liaumwollwaare,
  dessen  Frzengung  im  Auslande  nm  bO  Silbergulden
Pohstotf  und  1(M&amp;gt;  Arbeitstage  à  bO  kr.,  also  zusammen  einen
Kostenaufwand  von  1(M)  fl.  beansprucht,  im  Inlande  neben  den
bo  H.  für  Rohstotf  nur  80  Arbeitstage  à  bo  kr.  Silber,  zusammen ­
  also  Idos  90  Ü.  Silber;  es  steige  nun  das  Disagio  von
10  auf  20  Percent,  so  wird  der  inländische  Fabrikant,  der  für
sein  Product  99  H.  in  Papier  ausgegeben  hatte  und  der,  wenn
er  es  früher  im  Auslande  für  100  fl.  Silber  verkauft  hätte,  einen
Nutzen  von  11  tl.  Papier  erzielt  hätte,  plötzlich  beim  Verkaufe
um  dieselben  lOO  Silbergulden  eine  scheinbare  Cewinnstmarge
von  21  Ü.  Papier  vor  Augen  sehen.  Er  wird  der  Ansicht  sein,
von  diesem  ihm  plötzlich  über  seine  eigene  Erwartung  zugewachsenen ­
  Nutzen  im  Concurrenzkampfe  leicht  einige  Cuiden
        <pb n="43" />
        31

m#
■
        <pb n="44" />
        —  32

Einzeljalire  der  ganzen  E])()che  beträgt  rnnd  17  Percent.  *)
Die  Schwankung  innerhalb  ,  eines  einzelnen  Monates  betrug
einmal  29  V*  Percent  und  überstieg  füntzehnmal  10  Percent.
Man  ermesse  nun,  welche  Umstülpung  aller  Productions-  und
Absatzbedingungen  derartige  Fluctuationen  des  Geldwerthes
hervorriifen  mussten.
In  diesem  Verhältnisse  mag  auch  der  Grund  liegen,
warum  in  Ländern  mit  gestörten  Geldverhältnissen  die  Schutzzolltendenzen ­
  so  leicht  zur  Geltung  kommen.  Man  fühlt  in
einem  solchen  Lande  instinctiv,  ohne  den  inneren  Zusammenhang ­
  überall  klar  einzusehen,  dass  an  den  Gewinnsten  des
auswärtigen  Handels  etwas  nicht  richtig  sei,  und  man  ist
dann  geneigt,  die  Schuld  nicht  jenem  Factor  zuzumessen,  der
den  Schaden  wirklich  herbeiführt,  sondern  jener  Verkehrsthätigkeit,
  welche  durch  diesen  Factor  geschädigt  wird.  Es
ist  nun  nicht  Sache  dieser  Abhandlung,  auf  die  Berechtigung
oder  VerwerHichkeit  der  Schutzzolltheorie  im  Allgemeinen
einzugehen;  gezeigt  aber  muss  hier  werden,  dass  Schutzzölle
—  gleichviel,  welche  heilsame  Wirkung  ihnen  im  Uebrigen
mit  Hecht  oder  Unrecht  zugesprochen  werden  mag  —  den
Effect  nicht  haben  können,  die  schädlichen  Wirkungen  der
Valutaschwankungen  im  auswärtigen  Handel  zu  ])aralysiren.

‘)  Die  jährlichen  Coursschwankungen  für  Silber  an  der  Wiener  Börse  in
den  .Tahren  1848  bis  1875  waren  die  folgenden  :

I  Höchster
Jahr'  Silber-I
  Cours

Höchster  Niederster

Niederster  T^tcrvall  der

Intervall  der

Jahr  Silber-Sllller-





Cours  I  »(«"'egung

Heweguiijç

CourH

CüurH

1848
1849
185U
1851
1852
1853
1851
1855
1851)
1857
1858
1859
18(iU
1891

117
127
150
134
125
119.;,
149..  ,
113.,  «
109..  ,
109..  5
153.^0
144.30
152..  ,

101
105
111
ilii"
S::
101.»
103.„
100.,,
100.,«
1Ä4.,«
134..«

;1G
I  22
il-'si

20.,  ¡,
1^.2,
5.«o
9.««
52.,«
19.««
18.«.

Percent

1892'
1893,
1894
1895
1899
1897
1898
1899
1870
1871
1872
1873
1874
1875

139.  ««
123.««
121-7«
114.,  «
140.  ««
133.,  «
lã:
133.«,
ilí
109.,  «  I

Ill
109.,  «
112.*«
103.,  «
ZilH;::

P
103.;;
100.,  *.

25.««  Percent
14.,  «  n
9.26  „
39  “  :
15..  .
°’90  Tf
ir
hf?«  n
8.41  n
9.6«  n
c'**'  ”
5-10  „
        <pb n="45" />
        r  ,

—  —
orderst  ist  zu  bedenken,  dass  der  auswärtige  Hände
im  grossen  Ganzen  trotz  Zettehvirtliscliaft  und  Valutamisèrí
(ienn  docli  einen  Gewinn  übrig  lässt,  der  durch  die  Valutü
y.wiiv  beeinträchtigt,^  aber  selten  vollständig  aufgezehrt  odei
vo  ends  in  einen  Verlust  umgewandelt  werden  kann,  AVil]
man  a  so  dem  Schutzzölle  schon  um  dessentwillen  in  einem
lapierlande  segensreiche  Wirkung  zuschreiben,  weil  er  der
HF-=3==^^^^^^
,,2  2  l'inau»,  al.
mm#
■
Th.  Ilertzka,  Währung  und  Hnn.lel.  ..
        <pb n="46" />
        34

mögliche  Gewinn,  'dessen  Verringerung  oder  vollständige
Absorption  die  Wirkung  einer  sogenannten  für  den  Import
günstigen  Valutaconjunctur  ist,  vorweg  verkleinert  und  deshalb
die  Grenze,  wo  der  Gewinnstentgang  in  positiven  Verlust
übergeht,  viel  näher  gerückt.
Drittens  und  hauptsächlich  ist  aber  zu  beachten,  dass
der  Schutzzoll  sich  nur  auf  eine  beschränkte  Anzahl  von  Gütern ­
  ,  die  im  auswärtigen  Handel  bewegt  werden,  erstreckt,
dass  er  überhaupt  niemals  die  Macht  besitzt,  die  gesammte
Summe  der  Exporte  und  Importe  in  massgebender  Weise  zu
beeinflussen,  sondern  höchstens  die  Güterbewegung  von  gewissen
Waaren  ablenken  und  auf  andere  hinleiten  kann.  W^erden  z.  B.
Baumwollgewebe  geschützt  und  wird  dadurch  deren  Import
erschwert,  so  wird  der  Import  bis  zu  jener  Höhe,  die  nothwendiger
  Weise  erreicht  werden  muss,  um  die  Verbindlichkeiten ­
  des  Auslandes  zu  begleichen,  eben  in  einer  anderen
Gattung  vonWerthen  erfolgen.  Man  wird  hier  wahrscheinlich
einwenden,  dass  dies  keineswegs  so  ausgemacht,  ja  eigentlich
eine  Absurdität  sei,  da  schlechterdings  nicht  abgesehen  werden
könne,  warum  ein  gewisses  .Verkehrsgebiet,  das  bisher  vom
Auslande  Baumwollwaaren  bezogen  hat,  nun  plötzlich,  weil
Baumwollwaaren  geschützt  sind  ,  einen  höheren  Bedarf  beispielsweise ­
  an  Glaswaaren  zeigen  sollte.  Dieser  Zusammenhang
zwischen  dem  Schutze  auf  die  eine  und  dem  erhöhten  Bedarfe
für  die  andere  Güterclasse  ist  jedoch  durchaus  nicht  paradox,
er  ist  vielmehr  durchaus  nothwendig.  Denn  wenn  Baumwollwaaren ­
  höher  geschützt,  also  vertheuert  werden,  vertheuern
sich  —  wenn  auch  nur  um  ein  Geringes  —  die  Productionsbedingungen
  füi-  alle  inländischen  Erzeugnisse,  also  auch  für
Glaswaaren.  Diese  werden  nunmehr  minder  concurrenzf  a  big  gegen
das  Ausland  sein,  und  wenn  diese  Verminderung  ihrer  Concurrenzfähigkeit
  nicht  durch  eine  entsprechende  Erhöhung  des
Schutzes  auch  für  sie  ausgeglichen  wird,  so  muss  eben  eine
Steigerung  des  Importes  die  unvermeidliche  Folge  sein.  Die
schädlichen  Wirkungen  der  Valutaschwankungen  beziehen  sich
aber  ganz  in  gleicher  Weise  auf  jede  im  Lande  der  Papierwährung ­
  vor  sich  gehende  Production  und  der  Schutzzoll  wird
daher,  ganz  abgesehen  von  seinen  anderweitigen  Konsequenzen,
in  dieser  Hinsicht  —  nämlich  zur  Verhütung  uder  Verrin-
        <pb n="47" />
        {lacominodiron  sich  erst  allmälig  dieser  Veränderung.  Der  Proidncent
  wird  l)ei  einer  sogenannten  günstigen  Dxportcnnjunctnr
liatsäcldicli  nocli  eine  Zeit  lang  zn  Preisen  prodnciren  können,
die,  in  Papiergeld  ausgedrückt,  hilliger  sind,  als  die  früheren.
Wann  die  endliche  Ausgleichung  eintritt,  weiss  er  durchaus
nicht  und  noch  weniger  kümmert  er  sich  in  der  Regel  um
diese  zukünftige  Ausgleichung.
Mit  welch’  unherechenharer  Capitals-  und  Kräftevergeudung
  für  jedes  Land  ein  Jahrzehnte  lang  andauernder  Zustand
sein  muss,  hei  welchem  fast  ununterhrochen  im  auswärtigen
Handel  Gewinnste  preisgegehen  und  Verluste  erlitten  werden,
die  im  natürlichen  Verlaufe  der  Dinge  bewahrt,  respective
vermieden  hätten  werden  können,  wird  sofort  klar,  wenn  man
sich  die  riesigen  Summen  vergegenwärtigt,  die  hei  den  hoch
entwickelten  Verkehrsverhältnissen  der  Gegenwart  im  auswärtigen ­
  Handel  jedes  civilisirten  Landes  bewegt  werden.
Seit  dem  Jahre  184S,  also  seit  dem  Bestehen  der  Zettelwirtlischaft
  in  Oesterreich  betrug  dessen  auswärtiger  Waarenhandel
rund  17  Milliarden  Gulden.  Wenn  von  dieser  Summe  im  Durchschnitte ­
  durch  den  Einfluss  der  Valuta  auch  nur  um  2  Percent
weniger  verdient  wurde,  als  sonst  der  Fall  gewesen  wäre,  so
genügt  schon  der  solcher  Art  gefundene  Betrag  überreichlicli
zur  FJulösung  der  gesummten  in  unserer  Monarchie  seit  1S4.S
vorhanden  gewesenen  nicht  bedeckten  Geldzeiidien.  Die  Zettelemissionen ­
  Oesterreichs  haben  also  schon  aus  diesem  einen
Titel  allein  um  mehr  als  ihren  Betrag  Capital  vergeudet.  Der
Unterschied  zwischen  der  Ca|ätalsvergeuduug  (lundi  Kleiuentar-Eceignisse
  oder  Krieg  und  derjenigen  (lundi  solidie  Zettvlemissionen
  besteht  darin,  dass  die  erstere  mit  Einem  Schlage
eintritt  und  dadurch  deutlicher  erkennhar  und  schmerzlicher
fühlbar  wird,  dafür  aber,  ist  die  Katastrophe  einmal  vorübergegangen, ­
  dem  Verkehre  und  den  wirthschaftlichen  Kräften
freie  Bahn  zur  Heilung  der  erlittenen  Schäden  lässt  ;  während
die  Ca])italsvergeu(lung  der  Zettelwirthsidiaft  unuuterhnxdien
wirksam  bleibt  und  dauernd  jede  gesunde  wirths(diaftli(die
Thätigkeit  hemmt.
        <pb n="48" />
        in.  (Ja;lite].
luiKItiss  der  Valuta  auf  die  Pioduclioiisverhiiltiiisso.
Im  VorheriRcn  win-de  Kuseinamleixesetzt,  welchen  Einfluss
eine  gestörte  Valuta  auf  die  Gütervertheilung  im  Allnemeinen
ausul,t  Es  ist  nun  auffallend,  dass  trutz  der  eminent  scl.iidmhen
  M  irkunsen  die  sich  schon  hier  zeigen,  die  ziemlich
ve  t  verbreitete  Amsicht  bestehen  kann,  dass  die  Störung  des
dnlnrar”  "  r'i'
aNM
1  eil  sogar  als  Vortheil  empfunden  wird.  An,  allerwenigsten
einen  ‘It  7  ""  ge.störter  Valuta  geneigt,
etwa  duel,  wahrgenommeneil  Xachtlieil  auf  Ibechniing
r  wählen  Ursachen  zu  setzen.  Was  die  Verschiebung  der
yermogensyerhältnisse,  anlaiigt,  so  wlnl  dieselbe  von  ,leii  Itenachtheiligteii
  gar  nicht  bemerkt,  ,1a  ja  der  nominelle  Betrag
Kaufkraft  *"  geneigt,  ,lie  Ursache  dieser  veriinderten
        <pb n="49" />
        Bedürfnisse  zuzusclireiben,  und  für  diese  Theiieriiiifç  macht  man
dann  den  Steuerdruck,  die  Eisen1)ahnverhindun^en,  die  Vermehrung ­
  der  Bevölkerung,  kurz  alles  Andere  eher  verautwortlich,
  als  eben  die  Verschlechterung  der  Valuta.  Umgekehrt
empfinden  Jene  Bevölkerungsschichten  ,  die  nunmehr  ein  nominell
höheres  Einkommen  empfangen  ,  gleichviel,  ob  diese  Krliöbung
eine  reelle  ist  oder  nicht,  dies  doch  als  augenscheiidiche  V  ohlthat,
  und  wenn  es  sich  dann  herausstellt,  dass  auch  sie  trotz  der
nominellen  Einkommensvermehrung  ihre  Lebensverhältiiisse  nur
im  geringen  Grade  oder  auch  gar  nicht  verbessern  können,  so
wird  aueh  hiefür  die  ,,Theuerung“  mit  ihren  verschiedenartigen ­
  fälschlich  angenommenen  letzten  Ursachen  haftbar
gemacht.
Noch  weniger  kann  die  Störung  der  auswärtigen  Handelsbeziehungen ­
  zum  Bewusstsein  jener  Kreise  gelangen,  die  sich
mit  diesen  Angelegenheiten  praktisch  beschäftigen;  eben  hier
wirkt  Alles  zusammen,  um  den  reellen  Nachtheil  mit  dem  Scheine
eines  Vorthciles  zu  umkleiden.  Der  Exporteur,  der  durch  ein
steigendes  Disagio  verleitet  und  gezwiTngeir^wird,  mit  einem
geringeren  Nutzen  für  die  Allgemeinheit  an  das  Ausland  zu
verkaufen,  sieht  doch  seinen  •  in  Landesvaluta  ausgedrückten
eigenen  Gewinn  vermehrt.  Ja  wenn  die  Va  lufa  Verschlechterung
durch  eine  längere  Zeit  in  fortschreitender  Zunahme  begritfen
ist,  emplindet  er  dieselbe  zunächst  als  eine  contlnuirliche  Begünstigung ­
  seines  Geschäftes  und  er  hat  weder  eine  Ahnung
davon,  noch  kümmert  es  ihn,  dass  die  Vermehrung  seines
Ge^winnes  durch  einen  doppidten  Verlust  am  Volksvcrmögen
und  an  der  Volkskraft  erkauft  werden  muss.  Ganz  dasselbe
gilt  für  den  Importeur,  wenn  die  Scala  des  Disagio  nach
abwärts  gleitet.  Allerdings  haben  im  ersten  Falle  die  Importeure, ­
  und  im  zweiten  Falle  die  Exporteure  Grund  sich  zu
beklagen;  allein  auch  hier,  insbesondere  aber  im  ersten  Falle
wird  die  Schuld  der  Schädigung  nur  selten  auf  die  Valuta,
zumeist  aber  wieder  auf  andere  handeis-  und  verkehrsj)olitisehe
  Verhältnisse  geschoben,  und  wenn  es  hoch  kommt,  so
hört  man  thatsächlich  bei  einer  Verbesserung  der  Val  uta  Verhältnisse, ­
  niemals  aber  in  Zeiten  der  Verschlechterung  derselben,
Klagen  über  die  Störung  iip  Aussenhandel.  Fs  ist  nämlich  ein  weit
verbreiteter  und  schwer  auszurottender  Irrthum.  dass  der
        <pb n="50" />
        Export  von  grösserer  AMehtigkeit  sei,  als  der  Import.  Von
dem  nothvvendigen  Zusammenhänge  beider  haben  nur  Wenige
eine  Ahnung,  und  so  glaubt  man  denn  Alles,  was  den  Export
befördert,  als  eine  AV  ohltbat  begrüssen  zu  müssen,  während
man  sieb  über  die  Behinderung  des  Imports  leichteren  Herzens
bin  wegsetzt,  ja  dieselbe  sogar  als  wirtbsebaftlicb  heilsam
anslebt.
Hoch  Alles  dies  würde  nur  für  jene  der  Zahl  nach
^  ^^*^lii'nnkte  Classe  von  Handelsleuten  gelten,  die  den  auswärtigen ­
  Aeikebr  des  Landes  vermitteln.  Die  Ansicht,  dass  eine
schlechte  Valuta  von  günstiger  AVdrkung  sei,  ist  aber  inslesondeie
  auch  in  den  Kreisen  der  Producenten  sehr  stark
verbreitet  und  hat  sich  gerade  hier  mit  ausserordentlicher
Zähigkeit  festgehalten.  Der  Grund  hiefür  liegt  im  Folgenden.
ir  haben  bereits  gesehen,  dass  in  Zeiten  zunehmender  A^alutaverschlechterung
  der  Producent  in  der  Lage  ist,  für  seine
AV'aare  einen  in  Landesvaluta  ausgedrückt  höheren  Betrag  zu
erhalten,  als  den  Productionskosten  entsprechen  würde  Der
Preis  seiner  Pro.lucte  richtet  sich  der  Hauptsache  nach,  in
lolge  der  Concurrenz  des  AVeltmarktes,  nach  dem  AVeltpreise
in  Metallgeld  berechnet;  würden  sich  nun  auch  die  Productionskosten
  sofort  in  demselben  Masse  erhöhen,  so  wäre  der
scheinbare  Nutzen  blos  ein  einmaliger,  er  könnte  sich  nur  für
jene  AVaare  ergeben,  die  zur  Zeit  der  Valutaänderung  bereits
geRemiber.  _l  ist  jedocl,  nielit  «o.  Wii-  in.  vni-igen
-npi  el  gezciKt  wurde,  riclitet  siel,  selbst  die  auf  dem  Weltmarkte
  cononrrirende  Waare  in  ihrem  Preise  niebt  sofort  nnd
0  *  sm  lg  naeb  den  im  Auslande  unter  der  Herrschaft  der
stabilen  Metallwabrung  beaablten  Preisen.  Der  Preis  wird
&amp;lt;  ure  1  die  Ibatsaelien  der  scheinbar  billigeren  Gestehungskosten
ini  1  er  sincuilenz  derartiger  scheinbar  billigerer  Waareii
auf  dem  Markte  gedruckt,  und  dies  in  desto  böberem  Masse
,|e  mehr  der  Preis  blos  durch  die  inländische  Concurrenz
uni  je  weniger  er  durch  die  ausländische  beeinflusst  werden
kann.  ln.  kleinen  Verkehre  und  bei  den  Lohnverhällmissen,
        <pb n="51" />
        40

wo  (lie  fremdländisclie  Coiiourrenz  fast  gänzlich  fehlt,  wird
sich  vorerst  eine  Wirkung  der  (xeldentwertlinng  nur  äusserst
langsam  geltend  machen.  Diese  Preise  und  Löhne  werden  anfänglich ­
  entweder  gar  nicht  oder  nur  um  einen  so  geringen
Betrag  steigen,  dass  sieh  für  dieselben,  wenn  man  die  in
Landesvaluta  gezahlten  Preise  in  Silber  umrechnet,  eine  sehr
ausgiebige  Ermässigung  ergehen  muss.  Der  Producent  wird
also  verhältnissmässig,  d.  i.  im  Vergleiche  zu  den  Preisen,  die
er  früher  und  jetzt  für  seine  Waaren  bekommen  kann,  billiger
produciren  und  folglich  mit  grösserem  Nutzen  verkaufen
können,  als  zuvor.  Dass  diese  Wohlfeilheit  nur  auf  Kosten
des  Arbeiterstandes  un^l  des  mit  diesem  zunächst  in  Verbindung ­
  stehenden  Kleinhandels  und  der  kleinen  Gewerbekreise
möglich  ist,  kümmert  ihn  zunächst  nicht,  da  für  ihn  das
bücherniässige  Ergehniss  seiner  Geschäftsgebahrung  wohl  das
allein  Massgebende  ist.  Die  Arbeiter  selbst  werden  nicht
augenblicklich  den  Druck  der  neuen  Conjunctur  empünden,
denn,  wie  bereits  bemerkt,  ändern  sich  auch  die.Preise  im
Kleinverkehre,  aus  welchem  sie  ihre  Bedürfnisse  besoigeu,  nur
sehr  allmälig  und  sie  werden  daher  für  den  essentiell  verminderten ­
  Lohn  im  Durchschnitte  doch  dieselben  Bedürfnisse
befriedigen  können,  wie  früher.  Dasselbe  gilt  dem  Wesen  nach
.  auch  für  den  Kleinhändler  und  für  den  (lewerbetreibenden,  so
lange  dieser  nicht  genöthigt  ist,  seine  Vorräthe  auf  dem  Weltmärkte ­
  zu  erneuern  und  dort  inne  zu  werden  —  nicht  etwa,
dass  das  Geld,  welches  er  von  seiner  Arbeiterkundschaft  erhält,
nicht  mehr  den  gleichen  Werth  repräsentirt,  denn  für  so
j  subtile  Unterscheidungen  fehlt  diesen  Kreisen  alles  und  jedes
Verständniss  —  sondern  dass  wieder  einmal  eine  „Theuerung“,
ein  Aufschlag  der  Waaren  in  Folge  von  Krieg,  Misswachs,
schlechter  Verwaltung  oder  was  sich  sonst  als  passender  Sün-;
  denbock  darbieten  mag,  eingetreten  sei.  Nun  erst  wird  er  seinen
j  Kunden  den  Brodkorb  höher  hängen  und  nun  erst  beginnt  für  die
Arheiterbevölkerung  jene  Zeit  der  Entbehrung,  die  in  Ländern
I  mit  gesunder  Valuta  die  unmittelbare  Folge  jeder  Lohnminderung ­
  sein  muss.  Diese  Entbehrungen  dauern  so  lange,  bis
es  den  Arbeitern  gelingt,  vom  Unternehmer  jene  nominellen
Lohnerhöhungen  zu  erzwingen,  die  vom  Anbeginn  der  GeldentwerWiung
  entsprochen  hätten.
        <pb n="52" />
        Hppawfpr

Inzwischen  alier  ist  eine  neue  (iehlentwerthnni?  ein-Ketreten.
  J)er  Unternelimei-  kann  wieder  den  erliöhten  |„dm
lewilligcn  und  dooli  noch  einen  durcli  die  (Jnnst  der  ValiitaeonjnnctmJ.ei
  vorgerufenen  (Jewinn  in  seine  »neher  einstellen.
-
(1er  Grund,  warum  die  Classe  der  Unternehmer  !
mc  1  regelmassig  mit  der  Störung  der  Geldverhältnisse  so  gern/i
hefre„„,  et  Ihr  Nutzen  wird  allerdings  nur  auf  kL7
die  (Inr  kleinen  Gewerbetreibenden  möglich,
Ilrodhert  Geschäftsverluste  die  Bilanz  ihrer
ffilt  der  müssen;  aber  hier  mehr  wie  anderwärts
sofort  anfT'  l'“""  Gowinnste  augenfällig  hervortreten  und
ipüüü
###
■Sü
        <pb n="53" />
        sächlich  (1er  AVerth  der  in’s  Kndluse  veriiielirteii  (-rehlzeichen
mit  geringen  Ruhepausen  in’s  Ungemessene,  bis  schliesslich
doch  das  Ende  mit  Schrecken,  nämlich  der  allgemeine  Bankerott ­
  eintrat  oder  in  Haiti  eintreten  wird.  Will  man  solche
Zustände  voraussetzen,  dann  kann  allerdings  der  Unternehmer
während  der  ganzen  Dauer  der  Zettelwirthschaft  und  bis
knapp  vor  Einbruch  der  Katastrophe  fortwährend  jene  Hewinnste
  einheimsen,  die  hier  in  ihrem  Ursprünge  nachgewiesen
wurden.  Aber  solche  Zustände  existiren  derzeit  in  keinem
civilisirten  Staate  und  es  ist  anch  nicht  an/.unehmen,  dass  dieselben ­
  von  irgend  einer  Seite  ernstlich  herbeigewünscht  werden.
AVomit  wir  uns  zu  beschäftigen  haben,  das  ist  der  wirthschaftliche
  Zustand  in  einem  Lande  mit  begrenzter  Zettel-Emission,
  und  in  diesem  sinkt  der  A\^ertli  der  Landesvaluta
i  nicht  continuirlich,  sondern  ist  den  unberechenbarsten  Schwani
  klingen  nach  aufwärts  und  abwärts  unterworfen.  Das  Disagio
der  Noten  eines  solchen  Landes  steigt  durch  eine  Reilie  \on
•Jahren,  bleibt  dann  eine  Weile  lang  stationär,  schwankt  hierauf ­
  unentschieden  nach  auf-  und  abwärts,  sinkt  dann  wieder
durch  längere  Epoclien,  um  sotort  abermals  zu  steigen,  zu
schwanken  und  zu  sinken.  Sehen  wir  nun,  wie  sich  die  \&amp;gt;ihältnisse
  der  Rroducenten  bei  diesen  verschiedenartigen

Bewegungen  der  \aluta  gestalten.
AVenn  der  Heldwerth,  nachdem  er  einen  gewissen  Tiefpunkt ­
  erreicht  hat,  durch  längere  Zeit  annähernd  gleich  bleibt,
so  ist  es  klar,  dass  die  in  der  Kpoche  der  fortschreitenden
(iJeldentwerthung  zurückgeblielienen  Lohne  und  Kleinpreise
endlich  nach  Verlauf  einer  kürzeren  oder  längeren  Frist  den
vom  Weltmärkte  dictirten  AVaarenpreisen  nachfolgen  und  sich
mit  denselben  in's  (Heicligewicbt  stellen.  Nun  werden  die
Unternehmer  genau  unter  denselben  A'erhältnissen  arbeiten,
als  wenn  eine  (ieldentwerthung  überhaupt  nicht  vorhanden
wäre.  Sie  werden  allerdings  ihre  Uroductionskosten  im
schlechten  Heide  bezahlen  und  für  ihre  A\'aaren  Bezahlung  im
schlechten  Heide  empfangen;  wenn  sie  aber  Beides,  Ausgaben
und  Einnahmen  auf  Aletall  umrechnen,  so  werden  sie  linden,
dass  ihr  Nutzen  ceteris  paribus  der  nämliche  ist,  den  sie
unter  der  Herrschaft  einer  Aleta  11  Währung  hätten  erreichen
können.  Ihr  Hewinnst  aus  der  steigenden  Agioconjunctiir  wird
        <pb n="54" />
        43

aiifgehort  haben,  ai,er  sie  werden  auch  keinen  directen  Schaden
aus  der  Geldentwertliung  erleiden  und  der  bestehende  Zustand ­
  des  Geldwesens  wird  daher  für  ihre  Interessen  gleichgilt
  lg  sein.
Nun  soll  .sich  aber  der  Geldwerth  wieder  verbessern,  das
•'agio  soll  sinken.  Jetzt  werden  abermals  die  Preise  der
iin  er  (er  Conciirrenz  des  A\'eltmarktes  stehenden  Prodiicte  sich
nac*h  den  Weltpreisen  richten  müssen,  d.  h.  sie  werden  in
die  TI  ,  sinken.  Auch  jetzt  wird  allerdings
stehnn^rf^'  Waarenvorräthe  zu  nominell  höheren  Gevorhanden
  sind  und  ÜDlglich  die  ndândisGum
■
        <pb n="55" />
        44

feillieit“  erstaunen,  so  könnten  sie  allerdings  auch  mit  ihren
't  Preisen  herahgehen,  gleichwie  sie  früher  bei  derselben  Gelegenheit
'  mit  ihren  Preisen  hinaufgingen.  Es  liegt  aber  in  der  Natur
j  der  Sache,  dass  sie  dies  nur  schwer  und  ungern  thun  werden,
wahrscheinlich  nicht  mit  jener  Raschheit,  mit  der  sie  sich
früher  der  Preissteigerung  accomodirten.  Der  Vortheil  des
Arbeiters  wird  also  für  längere  Zeit  trotz  des  im  V  esen
erhöhten  Lohnes  ein  verschwindend  geringer  sein  und  dies  kann
insüferne  auch  dem  Producenten  nicht  gleichgiltig  bleiben,  als
die  im  grossen  Ganzen  gleichbleibende  Lage  des  Arbeiterstandes ­
  ihn  der  j\löglichkeit  berauben  muss,  die  Löhne  nunmehr ­
  in  derselben  Weise  herabzusetzen,  wie  er  sie  trüber,
gedrängt  durch  die  beginnende  Noth  seiner  Arbeiter,  heraufsetzen ­
  musste.
Allerdings  wird  die  Entscheidung  dieser  Frage,  ob  nämlich ­
  eine  Erhöhung  odhr  Herabsetzung  des  Lohnes  sich  je  nach
der  wechelnden  Conjunctur  rascher  vollziehen  lässt,  zunächst
von  dem  Verhältnisse  des  Angebots  und  der  Nachfrage  von
Arbeit  abhängen.  1st  nämlich  in  einem  Lande  das  Angebot
von  Arbeitskräften  sehr  gross,  dann  wird  der  Unternehmer
bei  einer  für  ihn  nachtheiligen  Conjunctur  sehr  rasch,  auch
ohne  Rücksicht  auf  die  Lage  seiner  Arbeiter,  eine  Lohnreduction
  erzielen  können,  und  dies  wird  dann  wohl  auch  im  Kleinverkehre ­
  eine  verhältnissmäsig  rasche  Ermässigung  der  I’reise
herbeiführen.  Wenn  aber  umgekehrt  die  Nachfrage  nach  Arbeitskraft ­
  grösser  ist  als  das  Angebot,  so  wird  der  Unternehmer ­
  auch  bei  ungünstiger  Conjunctur  den  höheren  Lohn  so
lange  ertragen  müssen,  bis  nicht  die  schliesslich  doch  eintretende ­
  Preisermässigung  im  Kleinverkehr  die  Lohnerliöliung
zum  Bewusstsein  des  Arbeiters  bringt,  dessen  Lebensstellung
verbessert  und  dadurch  eine  Vermehrung  des  Arbeiterangebots
herbeiführt.  Im  erste  reu  Falle  wird  der  Gewinn  des  Unternehmers ­
  aus  der  steigenden  Conjunctur  grösser,  sein  Verlust
aus  der  sinkenden  geringer  sein;  im  letzteren  Falle  aber  wird
das  Umgekehrte  eintreten.
Speciell  in  Oesterreich  scheint,  wie  sich  später  ergeben
wird,  das  Verhältniss  zwischen  Angebot  und  Nachfrage  ziemlich ­
  dauernd  zu  Gunsten  des  Arbeiterstandes  zu  sein,  denn
        <pb n="56" />
        45

!  '  y'l"»'rt"ll.nngen  l,al,™  siel,  rascher  vollzogen  nnd  länger
enalten,  als  die  Lohnermässignngen.  Dadurch  ergab  sich
allerdings  der  in  socialpolitischer  Beziehung  nicht  hoch  genug
anzuachlagende  Vortheil,  dass  unter  dem  Wechsel  der  Valuta-•
  i.jiuictni  nicht  ausschliesslich  die  Arheiterhevölkening  zu  lei-.
  '  CU  hatte.  Bedeutend  war  ihr  (JeiWnii  dagegen  nicht,  denn,
le  sich  ehenfall»  später  heraus.stelle,n  wird,  sind  auch  die
'nehmer  .  ''adilich  wirkungslos  verloren.  Kür  die  Unter-Vilnt.e
  &amp;lt;^&amp;lt;;sanuutwirkung  llieser  wechselnden-^
Disa,rio  Kcradezii  erdrückende.  Bei  steigendem
närer  vTT*'""*”,*“'  ''«''''"'tnissi^s.slg  nicht  viel,  hei  statio-
        <pb n="57" />
        40

ahgehen,  oline  jemals  in  die  Lage  zn  kommen,  sicli  dort  anf
älmliolie  eise  selladlos  zu  halten  —  immer  vorausgesetzt,
dass  diese  Fremde  ein  Land  mit  gesunder  Basis  des  Greldwesens
  ist.  Denn  ein  solches  Land  kennt  Scheinconjuneturen
nicht,  wie  sie  eine  entwerthete  Valuta  im  (tefolge  hat;  es
kommt,  von  ganz  almormen,  hier  nicht  näher  in  Betracht  zu
ziehenden  Zwischenfällen  abgesehen,  niemals  in  die  Lage,  sich
über  den  Effect  seiner  auswärtigen  Handelsheziehungen  zu
täuschen  und  sich  seihst  (lewinne  vorzulügen,  wo  solche  nicht
vorhanden  sind.
        <pb n="58" />
        J-V.  Cai3ite].
^  Einfluss  der  Valuta  auf  die  Preise  und  Löhne.
#####
,  ÍTeMwaitl.  mit  geringen  Al.vveiel.nngen  eine  besthnm-
        <pb n="59" />
        _  4H  —

einlipitliclie  Riclitmis  vorfolRte.  Pio  TaKossoliwiiiilüiiiKen  der
Valuta,  ja  selbst  die  Osoillatiouen  derselben  innerlialb  Hines
.labres  werden  sieb  in  ilirer  liiiclvwirbnnf;  auf  die  I’reisverbülfnisse
  leicbt  paralysircn,  nneb  bevnr  peinigende  Zeit  r.nr
Hevvorl)vingun&amp;lt;^  des  ihnen  ei^jentluimliehen  Effectes  vorhanden
war  End  sollten  diese  AVirknnp^en  doch  äusserlich  lier  vortreten,
^  M  wkidm'  m  dM-  NaWrderS^ffæ.d^^  diesn^ht
angenldicklicli,  sondern  erst  iiaclitriiglicli  geschehen  kann  zu
einer  Zeit,  die  sich  vorher  nicht  lierçchnen  lässt,  m  welchei
alter  der  Stand  des  Agio’s  sich  bereits  geändert  haben  kann  ;
so  dass  es  bei  Betrachtung  derartiger  kurzer  Epochen
schlechterdings  unmöglich  bleiben  muss,  den  Zusammenhang
zwischen  Ursache  und  Wirkung  herauszufinden.  Anders  wird
dies  jedoch,  wenn  man  mehrjährige  Epochen  vor  Angen  hat,  in
denen  eine  bestimmte,  deutlich  hervortretende  Bewegungsrichtung ­
  der  Agiüverhältnisse  constatirt  werden  kann.  Hiei
werden  die  Veränderungen  des  (xeldwerthes  die  erforderliche
Zeit  haben,  auf  die  Preise  zu  wirken,  und  die,  wenn  auch
nicht  absolut  gleiche,  so  doch  im  gros.sen  Ganzen  gleichniässige
  Bewegung  dieses  Geldwerthes  wird  genügen,  um  die
Wirkungen  kleinerer,  dazwischen  liegender  Schwankungen
anszugleichen.
In  der  That  lassen  sich  nun  die  28  Jahre  von  1848  bis
187')  in  mehrere  grössere  Abschnitte  zerlegen,  in  deren  jedem
die  Valuta  eine  ganz  eigenartige  Tendenz  der  Bewegung  autweist.

Es  betrug  nämlich  :
Das  DurchscliiiiltsaKio

Tin  .Talire

1848
1849
187)0
187)1
187)2
187)8
187)4
187)7)
187)()

109  Jü
li:k87)
119-82
12()-07)
119-  77)
110-02
127-77)
120-  02
107)-:;7
        <pb n="60" />
        40

Im  Jahre
1857
1858
1859
18G()
18G1
18G2
18G3
18G4
18G5
18GG
18G7
18G8
18G9
1870
1871
1872
1873
1874
1875

Das  DnrcliscliniOsagio
105.50
104-12
120-  G2
132-25
141-25
128-07
113-  09
115-72
108-  32
119-  84
124-31
114-  48
121-  02
121-89
120-  38
109-  27
108-14
105  —
103-40

4
        <pb n="61" />
        insgesammt  um  nmd  17  Percent.  Da  indessen  ans  den  letzten
Jahren  halbwegs  verlässliche  Preislisten  nicht  zn  erlangen
waren,  zudem  aber  in  diese  letzte  Epoche  eine  verheerende
Krisis  fällt,  die  mit  ihren  abnormen  Preisschwanknngen  jedenfalls ­
  zn  falschen  Schlüssen  verleitet  hätte,  so  wurden  die
Preisberechnnngen  nnr  bis  znm  Jahre  1872  tortgetührt.
Um  nun  zu  finden,  wie  sich  unter  dem  Einilusse  dieser
Valutaschwankungen  die  Preise  der  verschiedenen  V  a  arenkategorien
  bewegten,  wurden  fünf  verschiedene  Preislisten
untersucht,  u.  zw.  die  Jahresdurchschnittspreise  von  14  V  aarengattungen,
  wie  sie  von  der  Pester  Handelskammer  am  Pester
i^Iarkte  für  die  Jahre  1840  bis  1872  berechnet  sind;  verschiedene ­
  31  ittelpreise  auf  den  österreichischen  3Iärkten  nach
den  officiellen  Angaben  der  österreichischen  statistischen
Centralcommission  vom  Jahre  1840  bis  1872;  31ittelpreise  in
Wien  für  die  Jahre  1850  bis  1872  nach  den  Xotirungen  der
Wiener  3larkt-Commission  ;  dann  die  Preisangaben  für  3Iauerziegel
  und  Eisen  von  1854  bis  18(55,  wie  sie  von  der  Pragei
Handelskammer  in  den  auf  der  Wiener  A\  eltansstellung  ansgestellten ­
  Listen  zu  finden  waren.  Schliesslich  wurden  ans
den  halbwöchentlichen  Preisnotirnngen  der  Wiener  Handelskammer, ­
  soweit  diese  eben  reichten,  die  Jahresdurchschnitte
für  Baumwollgarn,  Roheisen,  Zucker  und  Stärke  in  den  Jahren
1854  bis  18G5  herausgezogen.
Zieht  man  ans  den  von  der  Bester  Handelskammer  notirten
  Preisen  die  Dnrchschnitte  einerseits  für  die  Epocliß
1840—184(5  (das  Jahr  1847  ist  als  ein  ganz  abnormes  Hungerjahr
  ausser  Rechnung  gelassen),  andererseits  für  die  Epocliß
1872  und  nimmt  man  die  für  die  erste  Epocli«
gefundenen  3iittelwerthe  als  Einheit  an,  so  ergibt  sich  di^
nachfolgende  Steigerung  der  Preise:
WaareiigattuiiK  1840—1840  186(i—187¿
Weizen  ....  100  10-1.,
Roggen  ....  100  187-4
Gerste  ....  100  181.,
')  Die  Bnda-Pester  Handels-  und  Gewerbekammer  hatte  auf  der  Wien«f
Weltausstellung  „Beiträge  zur  Geschichte  der  Preise  ungarischer  Landesproduct«
im  19.  Jahrhunderte  nach  den  Xotirungen  des  Pester  Marktes“  ausgesteHj
Nach  den  in  dieser  vortrefflichen  Arbeit  enthaltenen  Angaben  ist  die  nachfo*
gende  Tabelle  berechnet:
        <pb n="62" />
        Õ1

Waarengattung
Hafer
Mais  .  .
Rüböl  .  ,
Spiritus  .  .
Ochsenliänte
IJnschlitt
Seil  weine  feit
Speck  ,  .
Hanf  .  .
Honig
Wachs  .  .
Durchschnitt

1840—1840  1800—187¿
100  1G2..

100
100
100
100
loo
100
100
100
100
loo

181.,
133..
128.,
124.,
132.,
172.,
184.,
169.,
109.,
104.,
152

—
N  I  Si'-S  fe  rr,  l~l  .  '  '

I  «

O

W  ¡  I  1  g  II

per  niederosterr.  Metzen

1840  '¿.49
ïï'.!^:îî;
K  IS
1845  Z.40,i
•S40  S.50.,
1H47  5.11,
&amp;gt;«48  a.85,
l«4ü  2.82,
&amp;gt;«5U  2.03,
&amp;gt;*51  2.30,
&amp;gt;»52  3.04,
&amp;gt;«53  3.78g
&amp;gt;«54  5.40g
1855  A.41,
&amp;gt;«58  ,4.90,
&amp;gt;«57  3.34«
&amp;gt;«o8  3.20o
&amp;gt;«^9  ,3.15,
&amp;gt;«30  3.53,
F  a
Ë#
str
&amp;gt;«72  6.12^

1.72«
104.«

per  Wiener  Centner

1.09,
1.45,
1.07,
1.07,
.»5j
1.30,
1.80,
2.78,
1.17,
1.37o
1.54)
l.OOj
1.95,
2.43,
2.88,
2.77,
2.18«
2.00,
2.31«
1.92,
2.09,
2.08,
2.71«
2.58,
.88,
1.52,
2.27,
2.78«
2.10,

16.18
21.4.3
10.90
12.9(î
12.51
19.10
13.20
19.15
12.87
21.83
19.57
19.14
14.88
22.05

25.57  17.40
23.12  21.93
23.08  ■  -
20.52
24.30
21.70
22.15
22.44
19.04
21.50
,  22.34  24.27
.45,  21.39  -
..53,  23.07
.49«  23.18

I  20.77
!  21.80
19.30
19.33
•  22.41
I  24.24
1  23.37
i  20.20

21.39
17.92
17.78
19.59
y.43
10.07
19.01
29.53
18.83
24.47
22.01

18.55
17.77
10.45
10.80
12..50
14.05
17.12
20.25  :
18.75
22.5:1
20.40

31.05
29.87
25.92
25.80
18.84
19.02
22.28
25.21
28.79
21.15
23..59
22.55

.850  27.73
49«  28.65
.4:1,  3:1.84
.43,  27.34
.50:  28.0!»
.45«  30.4.3
—.48,  28.24
.44#  25.28
.48..'  23.7
—.4:1,,  21.
:i9„  23.90
—.4  4.  21

23.84  17:30  I9..%0
27.14  25.:18
29..54  :il.;j2
34.42  29.84
32.53  37.54
32.26  ;i2.07
33.27  3:1.78
31.75  30.95
27.87  23.58

9.07
8.08
8.49
8.79
9.17
9.14
9.95
10.31
8.01
10.08
9.78
—  13.01
23.02  15.00
24.38  10.N5
20.55  17.14  15.54
29.67  10.40  21.8?
29.90  18.20  17.09
30.23  16.(»9  20.15
27.09  16.88  19.91
19.17  13.52  1.5.54

84.00
83.21

&amp;gt;  1.53«*»  1:89/

1.8.3,
1.69,
1.60,

2.58,
2.82.
3.02

17..5fl  —..14«  ¿1  (¡,¡
.30..59
29.32
1  28.91

filii
24.42  28.97125.30
I'  20.02  30.03  29.58
28.84  33.88  33.(»4
27.53  33.20  .30.63
'1  28.24  31.33  30.41
2  28.19  28.90  28.07
m  9fi  fio  oj  __

15.09
15.49
13.72  88.89
18.41  88.99
18.87  87.94
18.18  87.07
13.52  83.12
13.39  88.90
71.77
81.31
84.82
87.(»h
18.83  90.90
18.01  «4,12
87.78
89.89
90.67
99.22
98..53
90.28
15.31  9.3.9.^
18.09  94.02
19.98  93.72
17.28  190.14
16.90  10:1.25

.29

15.24
15.20  15.05

15.29  93.33
12.83  87.78

97.70

&amp;gt;«&amp;lt;«3  95:81

&amp;gt;5«5  .
%  a  ::ii'
        <pb n="63" />
        52

53

Wíinron  1H40—1K4C  1866  -1872
Weizen  100  1^0-s
Roggen  100  144.j
Mais  100  lOO.g
Gerste  100  167-3
Hafer  100  1  /5.j
Haidekorn  .  100  97-,
Erbsen  100  229-0
Bohnen  100  150-e
Linsen  100  142-3
Hirse  .  .  •  100  138.J
Reis  100  91-4

Die  nach  den  officiellen  Angaben  des  statistischen  Jahrbuches  für  Oester-Mittel
  preise  auf  den  österreichischen  Märkten

-fahr

per  nieder-österreichischen  Metzen

1840
1841
1842
1843
1844
1845
1846
1847
1848
1849
1850  -
1851
1852
1853
1854
1855
1856
1857
1858
1859
1860
1861
1862
1863
1864
1865
1866
1867
1868
1869
1870
1871
1872

3-05
2-77
3.05
2.56
2.40
2.63
2.77
5  22
3.51
3.58
2.93
3.10
3.56
4.57
5.67
(trOl
5.95
4.26
3.92
3.70

4.33
4.18
3.76
2.51
4.32
5.04
5.07
4.09
4.44
5.01
5.84

2.15
1.89
1.94
1.70
1.58
2.—
2.80
3.82
2.42
2.43
2.06
221
3.02
3.47
4.16
4.42
3.94
2.99
2.69
2.45

3.04
2.78
2.52
2.51
3.12
3.53
3.56
2.91
3.01
3.29
3.81

2.21
1.89
1.89
1.65
1..54
1.79
2.28
3.41
2.14
2.57
2.47
2  45
3.14
3.35
3.83
3.87
3.45
3.09
2.95
2J6

3.29
3.38
3.08
2.83
3.12
3.28
3.13
2.71
2.90
3.34
4.—

1.80
1.58
1.61
1.45
1.33
1.63
2.17
2.98
1.76
2.19
1.81
1.88
2.43
2.86
2.55
3.35
3.12
2.32
2.29
2.11

2.48
2.40
2.26
2.12
2.51
2.79
2.91
2.52
2.61
2.76
3.22

1.24
1.14
1.14
1.07
-.98
1.16
1.44
1.73
1.25
1.55
1.36
1.35
1.60
1.85
2.03
2.14
1.94
1.83
1.69
1.62

1.61
1.74
1.70
1.48
1.61
1.66
1.89
1.76
1.85
1.86
1.94

3.52
3.24
3.20
3.22
3.27
3.60
4.32
4.80
3.83
2.87
3.60
4.40
4.19
4.63
4.65
4.85
4.52
3.63
3.15
2.94

3.26
3.16
2.96
3.22
3.55
3.46
3.46
2.95
3.13
3.29
3.83

3.89
3.85
4.03
4.03
3.71
3.94
4.83
6.56
5.07
4.—
4.43
4.10
5.07
6.37
6.60
7.05
6.99
5.74
5.54
4.94

5.36
5.24
5.02
5.22
5.39
5.40
5.35
5.09
5.11
5.53
5.81

3.10

3.96

3.22

3.03

3.85

2./o

2.91

4.13

3.27

3.10

3.96

3.06

2./5

3.76

2.49

2.89

3.87

3.22

3.37

4.60

3.66

4.71

6.42

4.74

3.80

5.10

3.61

3.0

3.05

3.  0

4.63

2.74

2.78

4.63

3.35

3.97

3.72

5.05

4.47

4.57

6.28

5.03

6.52

5.05

5.09

6.72

5.18

4.82

6.93

J.19

4.38

5.87

4.28

4.01

5.81

4.32

3-54

5.05

3.65

5.33
5.48
5.37
5.52
6.—
5.86
5.77
5.47
5.60
5.67
5.81

3.86

3.97

4.04

3.85

4.15

4.50

4.34

4.13

4.15

4.22

4.88

4.05
3.97
4.77
4.08
4.49
4.39
4.73
4.03
4.13
4.55
4.96

Waareu

1^40—184  61860—1872

Kartoffel
Rindfleisch
Wein
Bier  i
Holz  hart  36"
„  weich  .
Heu  .  .  .  .
Stroh  .  .  .

niedrigster  Preis

Taglohn  Í  niedrigster
1  mit  Kost  ....

mit  Kost
Durchschnitt

100
100
100
100
100
100
100
100
100
100

164-,
207-,
156.,
174.,
156-5
146.,
119.,
141.,
182.,
164-100



158-,

«i*  b.r«h»elcn  MiltelpreUe  gibt  die  nachfolgende  Tabelle:
_jj)_22!jl2^il»t«rreielijocher  Währung  .Silber.

II

«  TC

16.31
17.15
16.91
15.93
16.85
16.97
16.66
16.22
15.08
15.34
15.21
14.53
14.28
15.88
16.19
16.01
18.63
17.62
17.49
15.4(1

14.96
15.77
15.42
16.03
16.49
15.23
15.75
U..34
14.27
14.33
16.29

-.88
—.75
—.84
—.81
-.74
—.82
—.95
1.70
k22
1.19
1.30
1.29
1.61
1.77
1.84
1.86
1.81
1.59
1.41
1.38

138
1.32
1.33
1.27
1.29
1.41
1.3()
1.17
1.29
1.55
1,60

llllll
g  I  s
per  n.-österr.
Moass

—.09,
-i»6,
—  09,
—.10,
—.09,
—.10,
—.09,
—  .11,
—.10,
-:\k
—.14,
—  .13;
—.  15^
-.14,

i
-.19,
.21
.19,
.21,
.22
25.

-.25
-.22,
-.22,
-.23,
-.25
-.25
-.19
^22
-.29,
-.23;
-.33,
-.28,
-.33
Î
.34

-••3.3,
—.36,
—  .34,
-.37,
.36;
—.36,
—  37,
—.33
3

—.08,
-.08;
-.08,
—.09,
—.08;
—.09,
-.10,
-.11
-.09,
—.08,
-.07,
—.09,
—.10,
—.12,
—.12,
—.12,
—.21,
—.19p
::::

-.13,
::::
-.15;
.15
•14,
.16,
ï
•18j

P

II

per  Wiener
Klafter

per  Wiener
Centner

5.53
5.67
5.67
5.72
5.76
5.93
6.35
6.88
5.85
6.26
6.64
6.59
7.66
8.32
7.17
7.40
9.03
9.16
8.19
7.20

7.84
8.20
8.10
8.70
7.74
8.29
9.02
7.67
9.05
9.94
11—  I

4.06
4.18
4.24
4.50
4.36
4.45
5.04
5.37
4.58
4..  56
4.95
4.84
5.84
6.03
5.2(1
5.61
6..  50
i).68
6.07
5.20

5.48
6.04
5.73
6.01
5.46
5.74
().40
6.:38
6.40
6.95
7.86

1.21
1.31
1.35
1.23
1.05
1.23
1.17
1.38
1.29
1.29
1.38
1.28
1.46
1.55
1.24
1.52
1.73
1.82
1.81
1.52

1.70
1.53
1.53
1.54
1.42
1.24
1.37
1.37
l.()4
1.60
1.58

-.74
—.77
-.82
—.70
—.61
—.74
-.77
—.8(3
-.78
—.76
—.76
—.75
-.97
1.19
-.92
1.09
1.40
1.31
1.08
-.97

—.94
1.09
—.92
1.-—.93

—.79
—.98
—.98
1.17
1.20
1.17

i

—.35
—.35
—.35
—.35
—.35
—.35
—.35
—.44
—.38
—.36
—.43
-.45
-.47
-.52
-.48
—.53
—.61
—  60
—.57
—.47

—.64
—.73
—.49
-.57
—.53
—.55
—.51
—.59
-.62
-.71
—.88*

-.19
—.19
-.19
—.21
—.19
-.19
—.20,
—.22
-.24
—.20
—.22  I
-.22
-.25
—.29
-.25
—.26
—.30
-.;30
-.31
—  29  1

-.40
—.44
—.26
—.28
—.27
-.27
-.31
—.29
-.34
-.36
—.46
        <pb n="64" />
        Vergleicht  man  die  hier  gefundenen  Resultate,  so  ergibt
sich  schon  hieraus  fiir’s  Erste  eine  Preissteigerung,  die,  wie
später  gezeigt  werden  soll,  um  ein  bedeutendes  giössei  ist  als
die  gleichzeitig  in  anderen  europäischen  Ländern  beobachtete,
sodann  aber  ist  ersichtlich,  dass  die  Preissteigerung  in  Pest,
wo  die  Notirungen  für  den  (Irosshaudel  gelten,  im  Durch-Die
  von  der  Wiener  Markkomission  zur  Verfüpunp;  gestellten  Daten  fol-Mittelpreise

  in  Wien

Artikel  l|  Quantität  \\  1850  !  1851  !  1852  |  1853  |  1854  |  1S55  '  1856  |  1857  \  1858

Weizen  .  .
Korn  .  .  .
(Îerste  .  .  .
Hafer  ....
Auszugmelil
Kaisersemmel
¡Weisses  Prod
;  Krbsen  .  .
1  Erditnfel  .  •
!  Rindfleisch  .
1  Kalbfleisch  .
I  Schaffleisch
ISohweinfleisch
¡.Schweinschmal/
Putter
iRier  .
I  Milch  .
1  Ken
Stroh  .
IPrennholz,  hart
„  weich  •
!  Geringster  Taglohn

1  Metzen

1  l'fund
per  Pfund
Vd  Metzen
1  Metzen
1  Pfund

1  Stück
1  Mass
1  Centner
1  Klafter  38
1  Tag

3.34
2.60
1.71
1.55
—.10
—.lli
—.04,
—.51,
1.05
—.18b|
-.13*
■  ^.15»!
—.24  I
'  —.36,),
—.37  1
-.01,
—.13  j
1.39
1.06
'  15.14
!  9.46
'  -.39,

3.33  ;
2.46
2.02
1.82
—.09g
—.12
r  9^
—.50,
!  1.20
—.17»!
—-17»
—.15»
.25.,
.24,
.37
—.01,
-.12,
1.28
1.29
17.81
11.06
—.52»

3.72
3.26  ,
2.45
1.89
—.10,
—.134,
—.06»
—.72
1.88
—.16,:
—.20»
—.17»
—.25,
—.30»
=:%
1::'
1.42
¡18.19
!i2.42
'—.58»

4.55  I  6.20
3.46  !  4.44
2.65  ;  2.97
2.18  !  2.39

—.12,
—,85

—.14
—.17,

6.80  ,
4.46
3.26
2.17
—.15»
—.184

.09;  -.10,

—.87
1.22  j  1.65
—.18»—.17»
—.284—.22»  —.23,
—,18»'—.IO»!—.20,
—.39,1—.30¿  —.37,

—.854
1.81
-.20

—.25»  -—.34
—.45»—.45»
—.03,  !—.01»
—.20»!—,22
1.69  ,  1.32
2.22  !  1.57
18.82  116.53
11.84  i  10.61
—.63»  I—.54,

-.42,1
-.52,
-.01»
—.17,
1.52
1.69
18.46
10.57
—.64,

6.54
3.95
3.08
2.03
—.16,
-.2O4
—.09,
—.92,
1..57
—.23»
-.27»
—.24
—.43»
-.43
1—.40.»
-.01.,
1.60
¡21.42
13.15
—.74

4.33  '
2.55
2.22
1.91  :
—.12»
—.16»
-;»i
1.40
—.21,
.26»'
—.19»'
.43,1
-.39»!
—.48
—.02
Til'i
2.04  '
22.38
14.18
—  .74;

3.84
2.53  j
1.87  ;
1.98
—.12  ;
—.14,1
—.06,1
1.19  :
1.69  1
-.21»
—.28»
—.23,1
—.41»
—.36,'
—.514
—.01»
-.22,
2.14
1.63
22.51
14.36
—.75»

Da  alle  diese  Angaben  bios  die  Preise  für  Koliproducle,  Lebensmittel
und  Lübne  bieten,  so  war  es  der  Vollständigkeit  lialber  nothwendig,  auch
für  die  Industricproducte  verlässliche  Angaben  aufzutreiben.  Es  war  jedoch ­
  unmöglich,  derlei  für  eine  längere  lieihe  von  Jahren  und  für  eine
grössere  Zahl  von  Waarengattungen  zu  erlangen.  Die  Wiener  Handelskammer ­
  iiotirt  erst  seit  dem  Jahre  185d  die  Marktpreise  der  hier  gehandelten
Waaren  und  dies  in  höchst  unvollständiger  Weise.  Zum  Ucberflusse  eignen
sich  die  wenigsten  dieser  Angaben  zu  einer  durch  mehrere  Jahre  fortgeführten
Vergleichung,  da  die  Qualität  der  einzelnen  Gattungen  nicht  gleichmässig  durch
alle  Jahre  fortläuft.  Die  Preise  ans  der  Zeit  vor  der  Valutaherrschaft  fehlen
hier  gänzlich,  es  ist  daher  für  diese  Industrieartikel  die  Erhebung  der  während ­
  der  ganzen  Valutaherrschaft  stattgefundenen  Preissteigerung  unmöglich,
so  dass,  sich  die  Aufgabe  des  Verfassers  hier  nothgedrungen  darauf  beschränken
musste  die  für  den  vorliegenden  Zweck  interessanteste  Periode  von  1854  bis
1865  in  welcher  die  Eewegnngstcndenz  des  Geldwerthes  sieb  dreimal  in  ganz
radicaler  AVeise  änderte,  zur  Beobachtung  lieranzu^elien.
Die  Ausbeute  aus  den  Preislisten  der  Handelskammer  ist  aus  diesen
Gründen  trotz  der  liebenswürdigen  TInterstiitzung  von  Seite  des  Secretariats
dieser  Kammer  eine  liöobst  magere  und  beschränkt  sieb  auf  das  Folgende:
        <pb n="65" />
        55

schnitte  am  geringsten,  bei  den  Mittelwerthen  für  Oesterreich,
die  zumeist  die  Preise  im  Kleinverkehr  angeben,  schon  um
einiges  höher,  am  bedeutendsten  aber  beim  Taglohne  ist.
Kliminirt  man  aber  aus  lieiden  Tabellen  gleichmässig  die
1  reise  für  Weizen,  Koggen,  ]\IaÍ3,  (ierste  und  Hafer,  bei  denen
die  Preissteigerung  aus  einem  von  den  Valuta  Verhältnissen
Ken  hier  gleichfalls  in  Silber  umgerechnet;
tn  Gulden  öaterr.  Währ.  Silber.

18-)9  I  1860  1861  j  18fi2  1863  ¡  1861  |  1865  !  1866  '  1867  |  1868

1863  1870  1871

—.aOi  —.19

.325

—.37i

—.34o  —.
—.03,  —.1
20;  I  .19y  —.
70  I  1.87  1.
67  I  1.26  1.
73  'l9.—  '20.1
10.93  ¡12.31  ,11.49  12.
87,-.864  -.i

—.70,'—.78,  —

1872

Ohresdurchschnitts  preise  nach  den  Notirungen  der  Wiener
Handelskammer  in  (Je.  W.  Silber.

18.54
18.5.5
18.5H
1857
18.58
18.59
18H(»
1801
1802
1805
1804
1805
Schliesslich  wurde,

BaurawollicarnNr.
  20
1  79
1  80
208
2  21
221
250

Roheisen ­


537
470
528
580

572
588
595
404
385

stärke  Zucker

14-82
1590
921
707
10-12-92


1305
12-32
12-75
11-84
9-07

27.89
28.15
35.79
35-84
31-79
28-60
27.08

.  nin  die  Angabe  für  die  Indnstrieartikel  doch  einigerossen
  zu  ergänzen,  auf  die  von  der  Träger  Handelskammer  veranstaltete
»  nllectivausstellung  von  lieitrágen  zur  Geschichte  der  Preise“  zurückgegriften.
(}"i  dieser  Handelskammer,  Herr  I)r.  Edmund  Schebek,  hatte  die
0,  einen  sehr  werthvollen  Extract  aus  mehreren  im  Kataloge  verzeichneten
î^nimlnngeu  einznsenden,  ans  welchem  die  Preise  von  Jlauerziegeln  und  Schmied-
        <pb n="66" />
        ganz  unabhängigen  Grunde,  nämlich  wegen  der  inzwischen
eingetretenen  Verbesserung  der  Communicationsinittel  in  Ungarn ­
  grösser  sein  musste  als  in  Oesterreich  ^),  so  stellt  sich
das  Verhältniss  noch  augenfälliger  dar.

eisen,  wie  sie  anf  den  KronRül^rn  Bnstéhrad,  Katzow  nnd  Kronporióain  verkamen ­
  ,  sich  zur  besonderen  Ueniilzung  eigneten.  Aus  den  für  diese  drei  Orte
notirten  Preisen  wurden  die  Mittelwerthe  gezogen,  diese  in  Silber  um  gerechnet
und  das  Resultat  in  der  naclil'olgenden  Tabelle  zusammengestellt.

Mittelpreise  in  Buêtëhrad  ,
Oe.  W.

1854
1855
1858
1857
1858
1859
1860
1861
1862
1866
1864
1865

Katzow  und  Kronporièain  in
Silber.
Mauerziegeln  Eisen
822  5g
921  6,
1063  7-10-62
  7.,
10-76  6*
937  %
8-67  8,
8-  Tg
8-  95  8,
9-  99  9,
994  8g
1045  9,

*)  Die  Getreidepreise  sind  nämlich  seit  Beginn  der  Eisenbahnära,  wie
E.  Laspeyres  so  überzeugend  nachgewiesen  hat,  in  den  Ländern,  die  einen
TTeberschuss  producircn,  in  einer  sehr  raschen  Steigerung  begriffen,  während
jene  Länder,  die  zur  Deckung  ihres  Bedarfes  an  Brodfrüchten  auf  den  Import
angewiesen  sind,  zum  Theile  sogar  einen  Rückgang  der  Getreidepreise  erfahren
haben.  Nimmt  man  die  Preise  von  1821  bis  1840  gleich  100,  so  betrug  die

percentuelle  Höhe  der  Weizenpreise  in

Perioden
1821—1840
1841—1850
1851—1860
1861—1870

Ungarn  Böhmen  Preusseu  Frankreich
100  100  100  100
136  128  129  105
179  161  163  118
182  146  157  111

England
100
72
94
89.

Noch  deutlicher  tritt  das  Sinken  der  Getreidepreise  in  den  Consumtionsländern
  im  Verhältnisse  zu  den  Preisen  der  Productionsgebiete  hervor,  wenn
man  die  Preise  des  Productionslandes  Ungarn  gleich  100,  und  die  Preise  der
anderen  in  Vergleich  gezogenen  Länder  als  Ratio  daneben  setzt.  Es  ergibt
dies  dann  das  folgende  Verhältniss:

Perioden
1821—1840
1841—1850
1851-1860
1861-1870

Ihigani
100
100
100
100

Böhmen
139
131
126
112

Prcusseii  Frankreich  England
143  216  287
136  168  195
130  142  151
123  135  140.

Die  Erklärung  dieser  Erscheinung  ist  sehr  einfach  Die  Eisenbahnen
ermöglichen  in  stets  ausgiebigerer  Weise  die  Bewegung  der  Getreidemassen
aus  dem  Productionslande  in  jenes  Land,  welches  der  Zufuhren  bedarf;  die
        <pb n="67" />
        57

Ks  betrug  nämlich  nach  Eliminirung  der  Cerealienpreise  die
Preissteigerung  von  1840—1846  auf  1866—1872  in
Percenten
lür  die  Productenpreise  in  Pest  37
n  „  Mittelpreise  in  Oesterreich  .  .  .  51
„  den  Taglohn  (mit  Kost)  in  Oesterreich  .  64.|
«  «  n  (ohne  Kost)  in  Oesterreich  .  82.9
Ks  sind  also  in  der  beobachteten  Epoche  die  fiir  den
Weinverkehr  Reitenden  Jlittelpreise  in  Oesterreich  «m  ein  gutes
ntttheil  starker  gestiegen  als  die  Productenpreise  in  Pest-1
  ..  vollends  die  Taglöhne  ohne  Gewährung  von  Veros
  ,g„ng  um  60  Percent  stärker  als  die  österreichischen
iittelpreise,  und  um  120  Percent  stärker  als  die  Pester  Pro-&amp;lt;iuctenpreise.

s  betrug  in  der  That,  diesem  Gesetze  entsprechend,  die
l'ercentuelJe  Steigerung  der  Getreidepreise
mo  bis  1846  1866  bis  1872
....  100  181.,
„  Oesterreich.  .  100  172.
”  ....  100  162.!
Wnisleriu’'
als  für  Getreide  in  ganz  Oesterreich  grösser  ist

1
        <pb n="68" />
        58

Es  war  nun  diese  Preissteigerung  ip  allen  Kategorien  jedenfalls ­
  wesentlich  höher  als  an  irgend  einem  westeurop.  Hanpthandelsplatze.
  Da  es  sich  jedoch  hei  den  in  den  obigen  Listen
verzeichneten  Waaren  um  Jlohproducte  handelt,  die  aus  früher
angeführten  Gründen  auch  abgesehen  von  den  Valutastörungen
in  Westeuropa  nothweiidigerweise  minder  rasch  steigen  mussten
als  in  Oesterreich,  so  kann  eine  Zusammenstellung  der  hier
gefundenen  Preisverhältnisse  mit  den  etwa  für  Hamburg  zur
Hand  liegenden  keine  massgebenden  Resultate  liefern.  Anders
jedoch  verhält  es  sich,  wenn  man  die  Lohnsteigerung  in  Oesterreich ­
  mit  der  in  den  benachbarten  Staaten  vergleicht.  Einer
statistischen  Arbeit  „Ueber  die  Lehre  vom  Arbeitshdine“  von
Dr.  Carl  Strassburger  im  18.  Rande  der  Hildebrand'schen
„Jahrbücher  für  Nationalökonomie  und  Statistik"  ist  folgende
Steigerung  verschiedener  Lohnsätze  von  1840—1846  aut
zu  entnehmen.

Durchschnitts  lohn.
1810—IfUfi  1866—1871
■i  der  Cigarrenfabrikation  in  Berlin  für  1000  Cigarren  in  Thir.  1.,^  ^
;ini  Ziegelstreichen  in  Jena  für  1000  Ziegel  in  fegi  .  .  14.  14.j
îtzerlohn  in  Bern  für  1000  n  in  Cts  3»)  42  *
lö  90

®)  Es  war  die  Preissteigerung  in  Hamburg  thatsäelilieh  im  Durchschnitt
im  12  Percent  geringer  als  in  Pest.  Ziehen  wir  aus  den  zu  Hamburg  regelmässig
veröffentlichten  Preislisten  die  Durchschnittspreise  lur  sieben  Waarengattungen,
die  sich  auch  in  unserer  Pester  Tabelle  (11)  linden,  fur  die  Epochen  1841  bis
1860  und  1868  bis  1872  heraus  und  vergleichen  wir  die  gewonnenen  Durchschnittszahlen ­
  mit  den  Durchschnittszahlen  der  Pester  Preise  für  dieselben
Epochen,  so  gewinnen  wir  die  folgende  Peticrsicht  :
OnrchschnittBprcise

Il  Verliälliiisszahlen

in  Hamburg

in  Pest

W  a  a  r  e  11

Hanf  .
Talg  .
Rübül
Roggen
Weizen
Gerste
Itafer

1S41
bis
IH.'iO

13.03
14.03  '
11.90  ;
2.07
2.90
1.76
1.47

1868
bis
1872

12.75
14.74
12.67
2.96
3.90,
:b29
2.69

1841
bis
1850

9.36
22.31
16.96
1.80
3.04
1.36
1.05

1868
bis
1872

15.61
27.51
20.02
2.90
4.80
2.19

Hanptdnrcbsrbnitt

in  Hamburg

ill  Pest

1841,50
1  auf
1868,72

1841  50
auf
1868,72

1  98
104.*
106.*
!  143
134.,
;  187
¡1  183  ■

167
123.,
:  11«
161
s
1  m
        <pb n="69" />
        59

Percentuelle  Steigerung  der  Lohnsätze.

Bei  der  Ciparrenfabrikation  in  Berlin
Beim  Ziegelstreichen  in  Jena  .
Bea  Setzerlohnes  in  Bern  .
”  I,  „  Jena  .  .  .  .

100
100
100
100

Geaammtdurchschnitt  .  100

133,
113.,

118
161
131..

ilie  durchschnittliche  Steigerung  beträgt  demnach  hier
'  5  Percent,  davon  aber  entfällt  der  Löwenantheil  auf  den
‘^etzerlohn,  der  auch  in  Oesterreich  während  dieser  Epoche
in  noch  w  eit  höherem  Masse  gestiegen  ist,  als  der  mittlere
Lohnsatz.  Die  ordinäre  Handarbeit  stieg  in  Berlin  und  Jena  blos
in  ,  resp.  14  2  Percent,  während  in  Oesterreich  die  Lohn-^eigei
  ung  mehr  als  80  Percent  betrug.  Hass  vollends  in
V'  ien  der  mittlere  Taglohn  von  41  4  Kreuzern  im  Durchschnitte ­
  der  Jahre  1841—1840  auf  87  9  kr.  im  Durchsc^irntte
  der  Jahre  1866—1872,  also  um  112  Percent  stieg,
«e  hier  nur  nebenbei  erwähnt  werden,  da  sich  nicht  verkennen
cisst,  dass  diese  ganz  abnorme  Preissteigerung  weniger  mit
en  allgemeinen  wirthschaftlichen  Verhältnissen,  als  mit  den
Vi..  ^eichen  giossen  Bauten,  die  vom  Jahre  1870  angefangen  in
len  iin  Werke  waren,  zusammenhängt.  Aber  auch  die  aiissc
  ireitende  Lohnsteigerung  in  ganz  Oesterreich  lässt  auf  eine
SHnz  speciell  wirkende  Ursache  schliessen  ,  als  welche  denn
^  s  )ald  die  Valutaschwankungen  nachgewiesen  werden  sollen.

Um  zu  erkennen,  in  welcher  Weise  diese  Valutaschwan
Bigeii  wirkten,  wird  es  wohl  am  dienlichsten  sein,  wenn  mar
sich  jene  Perioden  ganz  besonders  vor  Augen  hält,  in  dener
Í  er  (reldwerth  in  Oesterreich  eine  gleichmässige  Bewegungs
endenz  bewahrte.  Es  sind  dies,  wie  erwähnt,  vornehmlicl
^  icr,  nämlich  die  Zeit  von  1854—1856,  in  welcher  das  Disagic
lapid  von  27*75  auf  5*67  sank,  ferner  die  Epoche  von  185t
IS  18,)^8,  wo  das  Jahresmittel  des  Disagios  um  kaum  mehi
«Is  1  Percent,  nämlich  von  5*67  auf  4*12  sich  bewegte  und
j|”c  1  die  Intervalle  der  Bewegung  im  selben  Jahre  die  geringi'gigsten
  wahrend  der  ganzen  Herrschaft  des  Zettelwesens
Hien,  dei  (xeldwerth  also  verhältnissmässig  am  stationärsten
*  ich;  dann  die  Epoche  von  1858  auf  1861,  wo  das  Disagio
18n  T".  ^  *tieg,  und  endlich  die  Epoche  von
*  8(,5,  wo  das  Agio  von  die.sem  höchsten  Jahresmittel
        <pb n="70" />
        60

wieder  auf  8-32  sank.  Da  in  diesen  unmittelbar  aufeinanderfolgenden ­
  vier  Epochen  die  Werthveränderung  des  Geldes  einen
ziemlich  scharf  ausgeprägten  (3iarakter  hat,  so  lässt  sich  in
denselben  auch  die  Gesetzmässigkeit  des  Einflusses  der  Valutaströmungen ­
  auf  die  verschiedenen  Preisverhältnisse  am  deutlichsten ­
  beobachten.
Sehen  wir  nun,  wie  sich  thatsächlich  in  diesen  Zeitabschnitten ­
  die  Preise  der  verschiedenen  in  den  Tabellen  verzeichneten
  Werthe  verhielten:

Percentuelle  Preissteigerung  in  l’est  für

1

1854-56

1856—58  1  1858—61

1861—65  1

1)  Weizen
2)  Roggen
3)  Gerste
4)  Hafer
5)  Mais

11-37
-  w.„
Ü9.j3
'¿0-89

—  34-71
—  42-4,
+  n:
4-  ü.ß.

+  20-8
+  30.,
zis-=&amp;amp;:


—  2«.,  :

(1—5)  Durc.hschnilt  .  .

—  19.,5

1-5.2«

8-9

—  2t).,

H)  Riibül
7)  Sj)iritn.s
8)  Ochsenliäiite
0)  TInschlitt
10)  Schweinefett
11)  Speck
12)  Hanf
13)  Honig
1  14)  Wachs  ...  •

+
10.2g
-h  ^4-83
4-+
  9-53
4-  13-83
-t-  ä.jo

=  #
9-jM
7-58
+  1^-58
-h  8-87

13-7
-1-11-3
-f  )¿-3
19-3
—  12.3
=3":;

-17.;  1
—15.4
4-  19.3
+  52.4
—  1-5.4
—  1-4

(6—14)  Durchschnitt  .  .  jj  fl-  5..,«

—  3.J,

-  «

4-  4.9

Es  zeigt  sich  in  dieser  Tabelle  ein  auffallender  Gegensatz ­
  zwischen  der  Preisentwicklung  der  Getreidesorten  —  in
der  Tabelle  an  erster  bis  fünfter  Stelle  angeführt  —  und  jener
der  anderen  Rohproducte.  Getreide  ist  in  seinem  Preise  eben
in  erster  Linie  durch  die  Gunst  oder  Ungunst  der  Ernte  Verhältnisse ­
  bestimmt,  während  die  anderen  Producte,  insbesondere ­
  die  unter  Nummer  8—15  angeführten,  von  den  Ernteverhältnissen ­
  nicht  so  unmittelbar  beeinflusst  werden.  Es  ist  für
den  vorliegenden  Zweck  gleichgiltig,  ob  Getreide  in  Pest  zunächst ­
  aus  dem  Grunde  wohlfeiler  oder  theurer  wurde,  weil
die  Ernte  in  Ungarn  reichlich  oder  spärlich  ausfiel,  oder  ob
dabei  mehr  die  fremdländischen  Ernteverhältnisse  massgebend
waren.  Von  entscheidender  Pedeutung  war,  dass  von  1854  auf
1856  die  Getreidepreise  in  Pest  um  lIl’To  Percent  sanken,  die
allgemeinen  Ernteverhältnisse  also  offenbar  überaus  günstig  sein
        <pb n="71" />
        T

—  Gl  —
mussten,  trotzdem  aber  die  Preise  der  ülmigen  Producte  um  5*30  Percent ­
  in  die  Höhe  gingen.  In  jener  Epoelie  verbesserte  sieli  der
Heldwertli.  Nach  den  frülier  auf  deductivem  Wege  gewonnenen
Resultaten  sollten  also  die  Preise  gestiegen  sein.  Bei  den  (letreidesorten
  tritt  dieses  Ergebniss  nicht  zu  Tage,  da  eben  die
Ernteverhältnisse  die  Wirkung  der  Valutaschwankungen  paralysirten
  ;  bei  den  anderen  Productenpreisen  aber  zeigt  sich  bereits
trotz  der  günstigen  Ernteverhältnisse  die  erwartete  Preis-Erhöhung. ­
  Von  1856  auf  1858  sanken  die  Getreidepreise  abermals  in
lolge  noch  reicherer  Ernteergebnisse;  die  Valuta  war  in  dieser ­
  Zeit  stationär,  und  in  der  That  zeigen  sich  auch  die  Preise
der  anderen  Rohproducte  ermässigt,  zwar  nicht  in  demselben
Grade  wie  Getreide,  da  selbstverständlich  auch  hier  die  Ernte
•nicht  von  so  bestimmendem  EinÜusse  sein  konnte,  aber  man
sieht  denn  doch,  dass  alle  Producte,  mit  Ausnahme  von  Honig
nnd  Wachs,  dem  naturgemässen  durch  die  Gunst  der  Ernte
gegebenen  Impulse  folgen  können.  Von  1858  auf  1861  sinkt
lier  Geldwerth;  die  Preise  sollen  also  nach  dem  Gesetze  des
Heliarrens  auf  den  nominellen  Sätzen  essentiell  zurückgehen,
nnd  es  ist  dies  in  der  That  bei  den  Artikeln  6  bis  14  der
Pall,  trotzdem  die  Getreidepreise,  unter  der  Herrschaft  der
Ernteverhältnisse  stehend,  gestiegen  sind.  Von  1861  auf  1865
verbesserte  sich  der  Geldwerth  ;  die  Preise  sollen  also  steigen,
nnd  abermals  folgen  die  Productenpreise  diesem  Gesetze,  trotzdem ­
  das  Getreide  im  Preise  sehr  wesentlich  sinkt.  Mit  einem
V’orte  :  die  Productionspreise  folgen  dem  auf  abstractem  Wege
geiundenen  Gesetze  mit  merkwürdiger  Genauigkeit,  trotzdem
zufälligerweise  die  Ernteverhältnisse  eine  geradezu  entgegengesetzte ­
  Bewegung  der  Getreidepreise  im  Gefolge  hatten,  und
nlso  unter  normalen  Wirthschaftsverhältnissen  eine  ganz  antlere
  allgemeine  Preisbewegung  zu  vermuthen  wäre.
Untersucht  man  nach  derselben  Methode  die  Preisbewegnng
  in  den  V  iener  Notirungen,  so  ergibt  sich  das  Folgende  :
        <pb n="72" />
        02

Perce  n  tu  elle  Preissteigerung  in  Wien.

|¡  1851—.’)(■)  !  1858—58  !  1858—(11  '  18G1—C5

Auszugnielil  .
Kaiserseuiiiiel
Weisses  Brod
Erbsen  .  .  .
Erdäpfel  .  .
Rindfleisch
Kalbfleisch
Schaffleisch  .
Schweinefleisch
Schweinschmalz
Butter  .  .  .
Eier  ....
Milch  ....
Heu  ....
Stroh  .  ■  .  .
Brennholz,  hari

4-  15.7-,  j  —  4.2  +  Zg
+  15.»i  —2»).,8  +12.;  —  4.,
—  5.,-,  '  —  80  —  0..,  —  4.;

weich

Durchschnitt

Je  eingehender  man  die  hier  enthaltenen  Angaben  jiriitt,
desto  anfallender  wird  die  Harmonie  der  thatsüchlichen  Preishewegnng
  mit  der  vom  Einflüsse  der  Valuta  %ii  erwartenden.
Es  ist  dies  insbesondere  der  Fall,  wenn  man  die  in  der  Pester
Tabelle  verzeichneten  Preise,  die  die  Pewegnng  im  (4rosshandel ­
  wiedergeben,  mit  den  Wiener  Detailpreisen  vergleicht.
Von  1854  auf  1850,  in  der  Ejmche  des  steigenden  (îeldwerthes,
  sinkt  der  Wei/enpreis  um  Percent,  Auszugmehl ­
  aber  steigt  um  15  75  Percent,  desgleichen  Ivaisersemmel
  (das  feinste  Laxusgebäck)  um  15  Ul  Percent;  Roggen
sinkt  in  derselben  Zeit  um  nahezu  20  1+rcent,  weisses  Brod
dagegen  blos  um  5  Percent.  Schweinespeck  steigt  im  (4rossh
  andel  um  7  Va  Percent,  im  Klein  verkehre  um  25  Vs  Percent.
Ebenso  sinkt  in  der  zweiten  Epoche  des  steigenden  Geldwerthes
  (1801—1805)  der  Weizenpreis  im  Grosshandel  um
27‘/s  Percent,  im  Kleinverkehre  aber  der  Ih-eis  der  Semmeln
blos  um  4'8  Percent,  und  der  Mehlpreis  steigt  vollends  um
2  0  Percent.  Roggen  fällt  um  Jo'O  Percent,  weisses  Brod  blos
um  4  7  Percent.  In  der  Epoche  des  sinkenden  Geldwerthes
1858  bis  1801  —  dagegen,  steigt  der  Weizenpreis  im  Grosshandel ­
  um  20-8  Percent,  der  des  feinen  Gebäcks  dagegen  blos
um  12-7  Percent,  und  der  ]\Iehl])reis  sinkt  um  42  Percent.
Der  Roggenpreis  (Grosshandel)  steigt  um  JOT  Percent,  der
Preis  für  Weissbrod  (Kleinhandel)  aber  blos  um  0'5  Percent.
        <pb n="73" />
        63

/u  eben  so  aníTálligen  Resultaten  führt  eine  Zusammenstellung ­
  (1er  Preisflucluationen  für  die  wenigen,  in  der  nachfolgenden, ­
  leider  so  unvollständigen  Tabelle  enthaltenen  Industrieerzeuguis'se.

Percentueile  Preissteigerung.

für

von  1854
bis  185«

von  185«
bis  1858

von  1858
bis  18C1

von  1861
bis  1865

1)  Mauerziegel  (Böhmen)
2)  Eisen  (dto.)
ö)  Roheisen  (Wien)
4)  Stärke  (dto.)
5)  Zucker  (dto.)
ti)  Baumwollgarn  (dto.)

+  %
+  Iti.,,

55.-0
+  6.,3

—  34.J
+  19.;
+  84.g
-f-  10.9

tfo:
+  3.3  1
1
4-  56.,

Durchschnitt  .  .
i

+  22.0;

—  13.4h

4-  20.,

4-  9.,

Die  Ziegelpreise  steigen  von  1854  auf  1856  und  von  1861
ftnf  1865  offenbar  weil  sie  nur  höchst  unwesentlich  von  den  Verhältnissen ­
  des  Weltmarktes  und  beinahe  ausschliesslich  vom
Lohnsätze  bestimmt  werden  ;  aus  ganz  demselben  Grunde  fallen
f’ie  ganz  im  Gegensätze  zu  den  Preisen  aller  anderen  in  den
Tabellen  enthaltenen  Tndustrieproducte  von  1858  auf  1861.
Risen  dagegen,  im  hohen  Grade  unter  der  Herrschaft  der
M  eltconjunctiir  stehend,  steigt  ziemlich  gleicbmässig  trotz
aller  Agioschwankungen  von  Epoche  zu  Epoche,  und  macht
blos  zwischen  1856  und  1858  in  Folge  der  damals  herrschenden
Krisis  eine  Ausnahme.  Aebnliches  gilt  für  Baumwollgarn
(dessen  abnorme  Preissteigerung  voii  1861  auf  1865  jedenfalls
iiielits  mit  den  Valutaverbältnissen  zu  thiin  bat,  sondern  auf
den  damals  wüthenden  Secessionskrieg  zurückzuführen  ist).
Stärke  folgt  naturgemäss  den  PreisHuctuationen  des  Getreides
and  auch  für  Zucker  waren  zwischen  1851  und  1865  die
Hübenpreise  massgebend.
Die  nachfolgende  Tabelle  zeigt  in  übersichtlicher  Zusammenstellung, ­
  wie  die  IMreise  der  verschiedenen  Kategorien
la  den  einzelnen  Epochen  von  einander  abwicben,  und  gestattet
%agleich  einige  Rückschlüsse  auf  die  Productionsbedingungen
ai  diesen  selben  Epoche.
ia54  M
•  1^-7S
+  ö-S«
4-  12.;,
4-tJetreidepreise

  in  Pest  .  .  .
Pi’oductenpreise  in  Pest  .  .
htbensiTiittelpreise  in  Wien  .
'l’aglolin  in  Wien  .  .  .  •  .

IH.W;  r.H
—  14.,4
ö.j,
+  4.„j
4-  i-ii

IH.Ví  (il
+  8-»o
8-00
—  19-»«
—  7.,„,

1K«|—6S
îS
■f  30.,0
        <pb n="74" />
        64

Von  1854  bis  1850  sinken  die  Getreidepreise,  nnd  zwar
ganz  ausgiebig,  nämlich  um  19®/*  Perc.  ;  nnter  normalen  Verhältnissen ­
  hätte  dies  ohne  Frage  eine  Ermässignng  aller
anderen  Preise,  oder  —  wenn  man  gelten  lassen  will,  dass
anderweitige  Ursachen  eine  gleichsam  säcnlare,  allmälige
Preissteigernng  involvirten  —  doch  znm  mindesten  einen  Stillstand ­
  im  Preisaufschlage  zur  Folge  haben  müssen.  Statt  dessen
sehen  wir,  dass  die  Productenpreise  um  5  80  Perc.,  die  Lebensmittelpreise ­
  um  12  71  Perc.  und  der  Taglohn  vollends  um
80  U7  Perc.  gestiegen  sind.  Der  Geldwerth  hatte  sich  verbessert ­
  und  die  Preise  beharrten  auf  den  nominellen  Sätzen,
und  zwar  genau  in  jener  Reihenfolge,  die  als  nothwendig  vorhergesehen ­
  wurde,  nämlich  die  Löhne  am  entschiedensten,  die
Lebensmittel  preise  schon  im  minderen  Grade  und  die  Productenpreise ­
  in  noch  geringerem.  In  dieser  Epoche  müssen  sich  also
die  Arbeiter  sehr  wohl  befunden  haben,  denn  sie  hatten  es
verstanden,  jede  nominelle  Lohnverkürzung  von  sich  abzuwenden, ­
  und  erhielten  doch  für  denselben  Lohn  verhältnissmässig
  mehr  Lebensmittel  als  früher.  Ebenso  befand  sich  der
Kl  ein  verkehr  in  trefflicher  Lage,  denn  seine  Preise  gingen
nominell  nur  unwesentlich  zurück,  die  Anschaffungen  aber
waren  ihm  zu  nominell,  und  soweit  es  sich  um  die  Beschaffung
von  Cerealien  handelte,  sogar  zu  essentiell  ermässigten  Preisen
ermöglicht.  Sehr  schlecht  aber  befanden  sich  die  Prodncenten.
Sie  alle  mussten  im  Durchschnitte  nominell  die  alten,  ja  zum
Theil  erhöhte  Lohnsätze  bewilligen,  bekamen  aber  für  ihre
Producte  fast  ohne  Ausnahme  reducirte  Preise.  Tn  der  Landwirthschaft
  war  diese  Reduction  für  Cerealien  nicht  blos  eine
nominelle,  sondern  sogar  eine  essentielle  ;  doch  mag  hier  immerhin ­
  das  günstige  Ernteergebniss,  welches  eben  die  starke  Preisermässigung
  herbeiführte,  den  Schaden  zum  Theil  ausgeglichen
haben.  Eine  vollständige  Ausgleichung  wird  aber  schwerlich
auch  hier  vorhanden  gewesen  sein,  denn  das  inzwischen  entstandene ­
  Missverhältniss  zwischen  Preisen  und  Löhnen  war
allzugross,  es  stieg  allmälig  bis  auf  nahezu  50  Perc.  Wenn
z.  B.  im  Jahre  1854  auf  eine  bestimmte  Anzahl  von  Arbeitstagen ­
  100  ff.  gewendet  und  für  eine  bestimmte  Menge  Getreide ­
  ebenfalls  100  ff.  gelöst  wurden,  so  mussten  im  Jahre
1850  für  dieselben  Arbeitstage  180  ff.  bezahlt  werden,  während
        <pb n="75" />
        a&amp;amp;sn

—  (50  —

ínr  dasselbe  Cxetreidequantum  bios  81V4  H.  gelöst  wurden.
^Venn  also  im  letzteren  Jahre  dieselbe  Arbeitsleistung  nicht
Win  50  Perc.  ’  vermehrten  Ertrag  lieferte  —  und  dies  ist
^cliw  erlich  anznnehmen  —  so  muss  auch  die  landwirthschaft-Hche
  Hanptprodnction  in  eine  wesentlich  verschlimmerte  Lage
gprathen  sein.
Die  Erzeuger  jener  anderen  landwirthschaftlichen  Pro-«liicte,
  die  in  der  Pester  Tabelle  von  Nr.  0  bis  U  angeführt
sind,  hatten  im  Jahre  ISbÜ  gleichfalls  um  .80-07  Perc.  mehr
an  Arbeitslöhnen  für  dasselbe  Product  zu  leisten  als  1854.
Sie  mussten  überdies  ihren  eigenen  Lebensunterhalt  um  12-7
Í  erc.  them  er  bezahlen  als  im  Jahre  vorher,  während  sie  für
ihre  Erzeugnisse  blos  um  5  4  Perc.  mehr  erhielten.  Es  ergab
sich  also  eine  Differenz  von  81  0  respective  7  8  Perc.  zu  ihren
Ungunsten.
Nicht  viel  besser  erging  es  in  jener  Epoche  den  Inilustriellen.
  Zwar  für  die  Ziegelfabrikanten  war  die  Differenz
nicht  sehr  gross,  denn  auch  der  Preis  ihres  von  den  Weltinarktverhältnissen
  unberührt  gebliebenen  und  unmittelbar  von
Jen  Arbeitslöhnen  abhängigen  Productes  war  sehr  wesentlich
gestiegen;  aber  sie  arbeiteten  yerhältnissmässig  doch  um
nahezu  7  Perc.  theurer  als  zwei  .Jahre  zuvor.  Bei  den  böhniischen
  Eisenwaarenfabrikanten  betrug  die  Differenz  der  Preissteigerung ­
  des  Productes  und  der  Arbeit  mehr  als  15  Perc.,
bei  den  Baumwollspinnern  nahezu  2o  Pej-c.  ;  sie  alle  batten
nberdies  unter  der  Tlieuerung  der  Lebensmittel  zu  leiden.
ln  der  Epoche  des  stationären  Disagio’s  folgen  die  Pro-Jnctenpreise
  bereits  ganz  ausgesproidienermassen  dem  Sinken
Jes  (xetreidepreises.  Dass  die  Lebensmittelpreise  und  die  Tagbihne
  sich  trotzdem  erhöhten,  dürfte  jedenfalls  auf  die  Schwan-«ungen
  zurückzuführen  sein,  die  selbst  in  dieser  stationären
■'poche  innerhalb  der  einzelnen  .Jahre  vorgekommen  sind,  und  die
nn  'Jahre  18{)7  5'/,  Perc.,  im  .Jahre  1858  Oi/j  Perc.  betrugen.
Je  I  reise  folgten  auf  den  von  der  Concurrenz  des  Weltmarktes
nicht  berührten  (lebieten  der  sie  nach  aufwärts  tragenden
^  cllcnbewegung  weitaus  rascher  als  der  abwärts  führenden,
ninl  so  ist  denn  das  schliessliche  Resultat  bei  den  Jjebensiiiittelpreisen
  immer  noch  eine  Steigerung  um  nahezu  5  Perc.,
icim  Tagloline  eine  sedche  von  nahezu  1  Vs  Perc.  Doch  ist  die
Wr.  Th.  Hertzka,  Währung  nnrl  Handel.  r.
        <pb n="76" />
        GO

Differenz  zwísclien  Product  und  Prodnctionskosten  überall  sehr
wesentlicli  znrückgegangen  ;  sie  beträgt  zwischen  (ietreidepreis
und  Taglolm  nur  nielir  Perc.,  zwischen  IVoductenpreis
und  Taglolm  5  Perc.  Aebnlich  bei  den  Industrieerzeugnissen.
Die  Preisfluctuation  für  Ziegel  harmonirt  beinahe  vollständig
mit  der  Preisbewegung  des  Lolines;  zwischen  Eisenpreisen
und  Taglöhnen  ist  eine  Differenz  von  7  Perc.  zu  Ungunsten,
bei  Baumwollgarn  und  Taglöhnen  eine  solche  von  4*/4  Berc.
zu  Gunsten  des  Producenten  entstanden.
Der  enorme  Preisabschlag  für  Stärke  hängt  mit  der
Fluctuation  der  Getreidepreise  zusammen,  wobei  noch  zu  bemerken ­
  ist,  dass  in  dieser  Epoche  der  Preisabschlag  für
eizen,  Roggen,  IMais  und  Kartoffeln  in  Oesterreich  stäi  ker
war  als  in  Pest,  nämlich  im  Mittel  mehr  als  2G  Percent
betrug.
Von  1858  bis  1861  sank  der  Geldwerth,  es  sollen
also  nach  den  auf  aprioristischem  V  ege  gefundenen  Ergebnissen ­
  vermöge  der  Beharrnngstendenz  die  Preise  gesunken
sein,  n.  z.  desto  stärker  in  je  geringerem  Grade  dieselben  von
den  Fluctuationen  des  'Weltmarktes  berührt  wurden.  Nur  für
die  Löhne  wurde  eine  Abweichung  vermuthet,  da  diese  in
Folge  des  dauernd  geringen  Angebotes  an  Arbeitskräften  jeder
Preisreduction  einen  zähen  Widerstand  entgegensetzten.  Die
thatsächlichen  Re.sultate  harmoniren  damit  in  merkwürdiger
Weise  lind  die.se  Harmonie  ist  um  so  auffälliger,  da  abermals
die  Ernteverhältnisse,  weit  entfernt  eine  Iheisreduction  plausibel ­
  zu  machen,  vielmehr  auf  eine  Tlieuernng  liinweisen
sollten.  Nunnielir  gewinnen  die  Ib-oducenten.  Die  Erzeuger
von  Cerealien  erhalten  um  nahezu  \)  Bercent  erhöhte  Breise
und  bezahlen  um  7  Bercent  reducirte  Löhne;  die  Erzeuger
anderer  Landesproducte  verlieren  zwar  im  Durchschnitte  um
1  Percent  mehr  am  l’reise,  als  sie  an  den  Löhnen  gewinnen,
aber  sie  werden  dafür  durch  die  Differenz  von  nahezu  12  Bercent ­
  entschädigt,  die  zwischen  den  Breisen  ihrer  Broducte  und
den  Kosten  der  Beschaffung  für  ihren  Lebensunterhalt  entstanden ­
  ist.  Unter  den  in  den  Tabellen  entbaltenen  Tndmstrieproducten
  folgen,  wie  früher,  abermals  blos  die  Mauerziegeln
den  Fluctuationen  des  Geldwmdhs.  Eisen,  Baumwollgarne  und
Stärke,  unter  dem  Eintlusse  der  Weltmarktpreise  stehend.
        <pb n="77" />
        Ò*

G7

steigen  zufolge  der  sclilecliten  Ernteverliältnisse  und  liefern
dadurch  ihren  Erzeugern  dopjielt  grossen  (xewinn.
Aber  schon  in  der  nächsten  Epoche  tritt  wieder  ein  Rück-«c
  dag  ein,  um  so  auffälliger,  da  gleichzeitig  die  (xetreidejireise
wm  mehr  als  2()  Percent  gesunken  sind.  Tn  Folge  des  gesteigerten ­
  (xeldwerthes  vertheuern  sich  die  Pröductenpreise  nm
naiezu  o  Percent  ,  die  Lehensinittelpreise  um  l.-UVrcent,  der
Taglohn  um  Percent.  Es  gilt  hier  für  alle  Producenten
VMe(  er  genau  das  Nämliche  wie  in  der  Ejioche  von  1804  his
sie  erleiden  ganz  gewaltige  Verluste.  Die  Differenz
»etragt  jetzt  hei  den  Erzeugern  von  Cerealien  DG  d  Percent
den  Erzeugern  anderer  J.andesproducte  im  Durchschnitte
-)  2  Percent,  hei  den  Eisenfahrikanten  in  Böhmen  10  Percent
auf  dem  Wiener  Markte  20  Percent.  J)er  Preisabschlag  für
î^tarke  und  Zucker  ents^iricht  zwar  zum  Theil  den  verminderten ­
  Beschaffungskosten  des  Rohmaterials,  trägt  aber  der
»Steigerung  des  Arbeitslohnes  doch  offenb'ar  keine  Rechnung;  der
1  reisaiifschlag  für  Baumwollgarne  ist  ausschliesslich  auf  die  Ibn-'valzuiigen
  auf  dem  Baumwollmarkte  in  Folge  des  amerikanischen
‘  ecessionskrieges  zurückzuführen  und  blos  die  Ziegelfäbrikanten
'vissen  ihre  Preise  mit  den  Löhnen  in  Kinklaug  zu  bringen.
Die  Thatsachen  erhärten  also  in  ^anz  überraschender
‘'iwe  das  auf  deductivem  Wege  gefundene  (iesetz.  Was
["pPeiell  die  Lebensmittelpreise  betrifft,  so  findet  sich  überdies
ästerreichischen  Verzehrungssteuer  -  Krgebnissen  für
/lu  und  Most,  dann  für  Fleisch,  Schlacht-  und  StechvielO)
2T  inerkwürdige  Bestätigung  der  Thatsache,  dass  die-•
  den  sich  genau  in  jener  Weise  bewegt  haben  müssen,  wie
officiellen  Preislisten  angeben.
Ergebiiiss  der  Verzelirungsstener  auf

.  KlelHch-,  I
\\ein  und  Schlacht-  „
Most  I  u.  Stecli-  /"«ammen
„  !  Vieh

JH5r&amp;gt;
1H5()
I8ü7
1858
1859

i

Millionen  Gulden
‘■‘I:
I

5.,

5.,

I  Fleisch-,  I
Wein  und  Schlacht-  |  »
Most  u.  Stech-Vieh


18ÜU
18ÜI
\8{i2
18U:i
I8t)4
1805

I

Millionen  Gulden
r

)  Es  wurden  absichtlich  blos  die  Ergebnisse  dieser  zwei  Stenerarten

in
        <pb n="78" />
        08

Wie  hieraus  ersiclitlicli  ist,  hat  sicli  das  Erträgiiiss
dieser  Verzelinnigssteuern  von  1854  auf“  1850,  also  jener
Zeit,  für  welche  eine  Tlienernng  der  lichensniittel  anf  dednc,-tivem,
  wie  auf  indnctivein  A\'eg(f  gefunden  wurde,  um
2  Percent  und  in  der  Zeit  von  1801  bis  1805,  für  welche
dasselbe  gilt,  sogar  nm  12  Percent  vermindert.  In  der  Zeit
von  1850  auf  1858  bei  stationärem  Disagio  und  dem  zufolge
stationären  Ijebensmittelpreisen  stiegen  die  Steuererträgnisse
um  12  Percent.  In  der  Zeit  von  1858  bis  1801  aber,  wo  anf
inductivem,  wie  anf  deductivem  Wege  eine  Ermässigung  der
Lebensmittelpreise  gefunden  wurde,  steigerte  sich  der  Ertrag
der  Verzehrungssteuer  nm  volle  40  Percent.
Es  ist  nunmehr  zu  untersuchen  ,  ob  nicht  von  den  Valutaverhältnissen ­
  ganz  abgesehen  auch  anderweitige  Ursachen
vorhanden  waren,  die  derartige  ganz  abnorme  Preisschwanknn-  -
gen  hervorgerufen  haben  konnten.  Da  es  sich  hier  nm  eine  Ei  -
scheinung  handelt,  die  ausschliesslich  anf  Oesterreich  beschränkt
war  und  für  welche  in  den  Preisverhältnissen  der  anderen
europäischen  Staaten  durchaus  keine  Parallele  zu  finden  ist,
so  muss  vom  Ein  Müsse  etwaiger  allgemeiner  Spéculai  iunsepochen,
  europäischer  Krisen  n.  dgl.  ganz  abgesehen  werden.
Allerdings  darf  man  nicht  ausser  Augen  lassen,  dass  jene
Epochen,  in  denen*  der  Oeldwerth  in  Oesterreich  stieg  und
daher  aus  diesem  Grunde  eine  abnorme  Erhöhung  der  Arbeitslöhne ­
  und  Lebensmittelpreise  sich  zeigte,  zugleicdi  auch  jene
waren,  in  denen  die  innere  Ruhe  sich  befestigte  und  daher
ein  Aufschwung  des  Uuteruebmuugsgeistes  wohl  zu  erwarten
war.  Aber  wenn  dieser  die  bestimmende  Ursache  der  Lohnsteigerung ­
  .sein  scdlte,  so  hätten  die  Produete,  insbesondere  die
Fabrikate  mit  der  Preis.steigernng  vorangehen,  die  Lolinsteigerung
  erst  nachtblgen  müssen.  Es  ist  aber  gerade  das
RcclunmK  gezogen,  und  die  für  liier,  Wein  und  Zucker  ganz  ansser  Acht  gelassen, ­
  da  der  Ertrag  dieser  letzten  drei  Stenern  weniger  von  dem  Stande  der
inländischen  Consnmtion,  als  von  der  Ausdehnung  der  Production,  die  wieder
von  auswärtigen  Ahsatzverhältnissen  bedingt  ist,  .  abhängig  erscheint,  tim  aber
auf  die  inländischen  Preisverhältnisse  Rückschlüsse  zu  gewinnen,  musste  lediglich ­
  untersucht  werden,  cd»  von  den  verzehrnngsstener|iHiehtigen  (Jegenständen
im  Inlande  mehr  oder  weniger  in  einer  gegehenen  Epoche  consumirt  wurde,
lind  dies  zeigen  die  Stenererträge  nur  bei  den  obigen  Verzehrnngsgegenständen
  an.
        <pb n="79" />
        6'J

Unigekelirte  der  Fall.  I)ie  Loliiisteigeruiig  übertriitt  in  dieser
i^poelie  weitaus  jede  andere  Preissteigerung,  sie  muss  also  in
erster  Linie  das  bestimmende  gewesen  sein.
Im  Uebrigen  aber  ist  es  notorisch,  dass  eine  Steigerung
des  Unternehmungsgeistes  und  der  Production  thatsächlich
nur  in  einer  der  beiden  Epochen  steigenden  Geldwerths,
nämlich  von  1854  bis  1856  stattfand,  während  von  1861
1865  bei  sinkendem  Disagio  des  österreichischen  Papiergeldes ­
  der  Unternehmungsgeist  darniederlag,  in  höherem
Grade  als  vielleicht  jemals  zuvor.  Nichtsdestoweniger  stiegen
flie  Löhne  beinahe  im  selben  Masse,  wie  in  der  Epoche  1854
^&amp;gt;is  1856.  Umgekehrt  war  die  Epoche  des  sinkenden  Geldwerths ­
  1858  bis  1861  allerdings  auch  eine  Zeit  stagnirenden
Unternehmungsgeistes;  dass  aber  der  Lohnabschlag  darauf
^Pein  unmöglich  •  zurückgeführt  werden  kann,  geht  daraus
hervor,  dass  in  derselben  Zeit  die  Preise  so  wichtiger  Industrie-Erzeugnisse
  wie  Eisen  und  Ihiumwollgarne  namhaft  gestiegen
Die  Zunalime  oder  Abnalime  der  Unternehmungen  und
pEr  Arbeitsgelegenheit  kann  daher  wohl  hie  und  da  die  Wirkung
  der  Valutaschwankungen  verstärkt  haben,  zur  Begründung
der  trüber  besprochenen  Preiserscheinungen  aber  reicht  dieser
-rklärungsgrund  keineswegs  aus.  Am  ^llerdeutlichsten  geht
dies  aus  dem  Erträgnisse  der  Verzehrungssteuer  hervor,
^‘ire  die  Lolinsteigerung  und  die  Steigerung  der  Lebensmittel-Pi'eise
  in  den  Jahren  1854  bis  1856  und  1861  bis  1865  vorwiegend ­
  auf  eine  Zunahme  des  Unternehmungsgeistes  zurückzuführen,
  so  hiesse  dies  speciell  für  Lebensmittel,  dass  diese
^  i’Eise  stiegen,  weil  mehr  consumirt  wurde;  die  Steuerlisten
&amp;lt;&amp;lt;ber  zeigen  ganz  direct,  dass  das  Gcgentheil  richtig  ist,
•^'ämlicli  dass  die  Consumtion  zum  mindesten  für  V  ein,  Most
’ind  P  leiscb  in  der  Abnahme  begriffen  war.  Und  ebenso  hätte
die  Preisermässignng  der  Lebensmittel  in  der  Zeit  von  1858
Pis  |S()l  nui^  dann  eine  P\)lge  des  sinkenden  Unternehmungs-REistes
  sein  können,  wenn  weniger  consumirt  worden  wäre,
zuvor;  während,  wie  die  Steuerlisteii  beweisen,  in  V  ahr-*EÍt
  gerade  in  dieser  Epoche  die  Consumtion  an  V  ein  und
Eiseh  stieg.  Ks  können  also,  durchaus  nicht  die  Consumtions-^^iid
  also  auch  nicht  die  Productionsverhältnisse  die  I  rsache
^  Er  abnormen  Preisschwalikungen  gewesen  sein.
        <pb n="80" />
        70

Ist  dies  aller  nicht  der  Fall,  so  Hessen  sich  mir  noch
drei  weitere  Ursachen  der  Freist!nctnationen  finden,  nämlich
Ernteverhältnisse,  Steuerdruck  und  Krieg.
Dass  die  ersten  die  Preisschwankungen  nicht  erklären,  ist
bereits  wiederholt  hervorgehoben  worden.  Es  waren  zutalligerweise
  die  Getreidepreise  gerade  in  jenen  Jahren  am  massigsten,
in  denen  Löhne  und  Lebensmittel  stiegen,  und  umgekehrt  am
höchsten,  wenn  die  anderen  Preise  sanken.  Es  ist  nun  für  die
vorliegende  Betrachtung  ganz  gleichgiltig,  ob  diese  Preis  Verhältnisse ­
  des  Getreides  durch  die  speciell  inländischen  Ernteergebnisse ­
  oder  durch  die  Conjunctur  auf  dem  Weltmärkte
bedingt  waren;  auf  die  Preise  im  Allgemeinen  wirken  eben
die  Ernten  nur  in  Folge  ihres  Einflusses  auf  die  Getreidepreise ­
  und  wenn  daher  die  IMöglichkeit  vor  Augen  gehalten
wird,  dass  die  abnormen  Ih-eisbewegungen  in  den  beobachteten
vier  Epochen  durch  die  Ernten  hervorgerufen  sein  könnten,
so  kann  dies  nichts  anders  heissen,  als  dass  vielleicht  das
effective  Zurückgehen  der  verschiedenen  Preise  in  den  Zeiten
steigenden  Disagios  nicht  auf  das  Beharren  der  Preise  auf
dem  nominellen  Satze,  sondern  auf  eine  Wohlfeilheit  der  Bodenfrüchte ­
  in  Folge  reichlicher  Ernten  zurückzuführen  sei  und
umgekehrt,  das  Steigen  der  Preise  in  Zeiten  fallenden  Disagios ­
  nicht  auf  das  Beharren  der  Preise  bei  den  nunmehr  verminderten ­
  Werth  repräsentirenden  nominellen  Sätzen,  sondern
‘auf  eine  Theuerung  der  Bodenfrüchte  in  Folge  dürftiger  Fi  nten.
Nun  wurden  aber  die  Bodenfrüchte  theurer  gerade  in  den
Zeiten  sonst  allgemein  sinkender  Preise,  wohlfeiler  in  den
Epochen  sonst  steigender  Preise.  Die  Ernteverhältnisse  hätten
also  geradezu  entgegengesetzte  Erscheinungen  als  die  beobachteten ­
  hervorrufeii  müssen  und  da  sie  dieses  nicht  thaten,  so
muss  eben  die  Ursache,  nach  der  hier  geforscht  wird,  mit  um
so  grösserer  Kraft  gewirkt  haben.
Was  den  zweitmöglichen  Erklärungsgrund,  nämlich  die
Höhe  des  Steuerdruckes  anlangt,  so  ist  es  allerdings  richtig,
dass  dieser  letztere  in  Oesterreich  sowohl  absolut,  als  relativ
im  Vergleiche  zur  Ijeistungsfähigkeit  der  Bevölkerung,  weitaus ­
  grösser  ist,  als  in  den  meisten  anderen  Staaten  Europa's.
Es  ist  jedoch  eine  schon  von  Tooke  widerlegte  irrige  Ansiclit,
dass  Steuern  im  Allgemeinen  die'  Productionskosten  und
        <pb n="81" />
        dadurcli  die  l^reiwe  erliöhen.  Von  einer  alle  Bewohner  eines
Bandes  gleiclimässig  treffenden  Steuer  gilt  dies  entschieden
nicht;  denn  wenn  auch  die  Producenten  in  einem  derartig
hesteuerten  Lande  die  Tendenz  haben  mögen,  von  den  Condimenten ­
  die  Steuer  liereinzuhringen,  so  werden  sie  daran  auf
das  wirksamste  durch  das  dem  entgegenstellende  Bestreben
der  Consumenten,  ihrerseits  die  Steuererhöhung  an  den  Preisen
bereinzubringen,  gehindert,  umsomehr,  da  die  Consumenten  in
der  Verringerung  der  Consumtion  das  drittel  an  der  Hand
haben,  diesem  ihrem  Bestreben  Nachdruck  zu  verleihen,  während ­
  die  Producenten  die  Production  nicht  verringern  können,
da  es  eben  an  Gelegenheit  fehlt  das  Anlagecapital,  welches
bei  der  einen  Productionsart  besteuert  worden  ist,  in  einer
anderen  Anlage'  unversteuert  und  daher  nutzbringender  zu
verwenden.  Im  selben  Sinne  wirkt  die  fremdländische  Concurrenz,
  und  ttitt  daher  gleichzeitig  mit  dem  Steuerdrücke  nicht
auch  eine  Vernichtung  gewisser  Arbeitsca]»italien  ein,  so  kann
keine  Theuerung  die  Folge  der  höheren  Steuer  sein.  Anders
verhält  sich  allerdings  die  Sache,  wenn  nur  ausnahmsweise
einige  Productionsarten  von  der  Steuererhöhung  üherhaupt
‘»der  in  bedeutenderem  Masse  getroffen  werden.  Die  Erzeugnisse ­
  solcher  Productionszweige  werden  im  Prei.se  steigen,
gleichviel  ob  die  Begierung  durch  einen  Schutzzoll  die  ausländische ­
  Concurrenz  fernhält  und  dadurch  die  Preiserhöhung
begünstigt,  oder  ob  sie  dies  nicht  tliut.  Denn  im  letzten  Falle
würden  aus  der  derartig  gedrückten  Productionsart  (Kapitalien
herausgezogen  und  das  Angebot  wird  insolange  sinken,  bis  in
Folge  der  gestiegenen  Preise  wieder  eine  entsprechende  Rentabilität ­
  für  die  betreffenden  Productionsarten  gewonnen  ist.
Aber  auch  eine  derartige  Steuererhöhung  bei  einzelnen  Pro-‘bictionen
  wird  nicht  die  Wirkung  haben,  eine  allgemeine
Preiserhöhung  herbeizuführen;  es  kann  im  Gegentheile  behauj)tet
  werden,  dass  das  Herausziehen  von  Cajdtalien  aus
^Ipn  überlasteten  Geschäftszweigen  und  deren  Verwendung  zu
anderweitigen  productiven  Zwecken  das  Angebot  bei  den  nicht
bedrückten  Productionen  erhöhen  und  dadurch  eher  eine  Verininderung
  der  Preise  herbeiführen  wird.
ln  Oesterreich  hat  nun  neben  der  allgemeinen  Steuer-Erhöhung
  auch  eine  specielle  stattgefunden,  weli^ie  die  Erzen-
        <pb n="82" />
        72

giiiift’  zalilreicher  wichtiger  Waaren  selir  einptiiidlich  trat.  Von
Artikeln  dieser  Art  sind  in  der  Tabelle  Bier,  Fleisch,  AVein
und  Spiritus  enthalten,  von  denen  zwei,  nämlich  Fleisch  und
Bier,  thatsächlich  über  den  allgemeinen  Durchschnitt  hinaus
gestiegen  sind,  während  AVein  sich  in  seiner  Preissteigerung
iin  Alittel  der  anderen  AVaaren  hielt  und  der  Preisautschlag
auf  Spiritus  vollends  hinter  dem  Alittel  zurückbleibt.  AVürde
man  also  auch  diese  AVaareu  aus  den  Tabellen  eliminiren,  so
könnte  dies  die  gefundenen  Resultate  nicht  wesentlich  alteriren.
Im  Uebrigen  mag  man  über  die  AVirkung  der  Steuern
auf  die  Preise  denken  wie  immer,  so  könnte  man  durch  diesen
Factor  höchstens  eine  theilweise  Erklärung  dafür  linden,  warum
die  Preise  von  Anfang  bis  zum  Schlüsse  der  Vergleichsepoche
in  Oesterreich  stärker  gestiegen  sind  als  in  den  minder  hoch
besteuerten  Ländern.  Keinesfalls  aber  liefert  diese  Annahme
auch  nur  den  geringsten  Erklärnngsgrund  für  die  ganz  merkwürdigen ­
  AVellenbewegungen  der  I’reise  in  den  einzelnen
Epochen.  Ahm  1854  bis  185(5  und  von  18(51  bis  18(55  hat  eine
Erhöhung  des  Steuerdruckes  nicht  stattgefunden  nnd  die  abnorme ­
  Preissteigerung  in  diesen  Fj«ochen  lässt  sich  daher  aus
den  'Steuerverhältnissen  durchaus  nicht  hegründen.  AVährend
umgekehrt  gerade  in  der  Kpoche  sinkender  Preise  1858  bis
18(51  der  italienische  Krieg  thatsächlich  den  Steuerdruck  erhöhte. ­

Es  bleibt  zur  Erklärung  der  Preissteigerung  und  der
Preistluctuationen  noch  der  Einlluss  der  Kriege  zu  untersuchen*. ­
  Von  solchen  haben  während  der  letzten  2(5  .lalire  fünf
von  grösserem  Umfange  stattgefunden  :  der  Revolutionskrieg
von  1848—18411,  der  Krimkrieg  von  1855—1854,  der  italienische ­
  Krieg  im  Jahre  18511,  der  preussiscli  -  österreichische
Krieg  im  Jahre  18(5(5,  und  der  deutsch-französische  Krieg  von
1870—1871.  Es  muss  nun  vor  Allem  principiell  bestritten  werden, ­
  dass  den  Kriegen  jener  grosse  Einlluss  auf  die  Preis  Verhältnisse ­
  innewohnt,  der  ihnen  ziemlich  allgemein  zugeschrieben ­
  wird.  Die  Kriege  steigern  allerdings  die  Preise  aller
AVaaren,  die  zum  eigentlichen  Kriegsbediu’fe  gehören,  sie  hindern ­
  auch  die  Production  sehr  häutig  im  Allgemeinen,  aber
sie  gleichen  du'S  wieder  dui'ch  eine  Einschränkung  der  allge-
        <pb n="83" />
        73

meinen  Consiimtion,  die  eine  naturgemässe  Folge  des  erhöhten
Steuerdruckes  ist,  aus  und  es  wird  stets  von  ganz  specielleu
Verhältnissen  ahhängen,  uh  das  (iewicht  des  ersten  oder  des
zweiten  h  actors  überwiegend  ist,  und  ob  daher  als  unmittelbare ­
  Folge  des  Krieges  ein  Fallen  oder  Steigen  der  Preise
angenommen  werden  muss.  Fin  umfangreicheres  Steigen  der
Preise  in  Folge  eines  Krieges  kann  nur  dann  eintreten,  wenn
die  Behinderung  der  Production  wegen  lange  andauernder  Ver-•
  Wüstung,  lange  andauernder  llechtsunsicherheit  und  ebenso
lange  andauernder  massenhafter  Brachlegung  von  Arbeitskraft
einen  hohen  Umfang  erreicht.  Alles  dies  könnte  für  die  österreichisch-ungarischen ­
  Verhältnisse  in  bedeutenderem  blasse  bei
den  Revolutionskriegen  und  in  etwas  beschränkterem  blasse
bei  dem  italienischen  Kriege  angenommen  werden.  Die  Tabellen ­
  zeigen  aber  für  1848—1H4Í)  durchaus  keinen  hohen  Preis,
nnd  auch  tür  das  Jahr  18:)Ü  eher  billigere  als  theuerere  Preise
denn  im  Durchscbnitle  der  vorhergehenden  und  darauf  folgenden ­
  Jahre.  Das  Jahr  1854  brachte  allerdings  eine  gewaltige
Preissteigerung  der  Körnerfrüchte  und  Debensmittel.  Fs  wäre
jedoch  etwas  allzu  kühn,  angesichts  des  geringen  Fin  Musses
der  früher  erwähnten  zwei  Krieg.sepochen  behaupten  zu  wollen,
«lass  diese  durch  den  Ki  imkrieg  hervorgerufen  worden  8ei,  der
ja  Oesterreich  direct  gar  nicht  getroffen  hat.  Die  Preise  der
Jahre  18t;ti  und  insbesondere  die  von  1870  sind  gleichfalls
höher  als  die  der  vorhergehenden  Jahre,  aber  diese  Steigerungen ­
  stören  denn  doch  den  Durchschnitt  der  Preise  nur  in
höchst  geringfügigem  blasse.
Fs  mag  aber  die  Wirkuiig  des  Krieges  auf  die  Preise
"ie  iininei  geartet  sein,  so  kann  dadurch  doch  keineswegs  die
Dichtigkeit  der  aus  den  Vergleichstabellen  gezogenen  Schlussfolgerung ­
  alterirt  werden,  da  gerade  in  jenen  Jahren,  wo  infensive
  Preissteigerungen  gefunden  wurden,  Kriege  überhaupt
nicht  vorkamen.  Die  Preise  stiegen  von  1854  auf  lK5t;,  also
'^011  einem  Kriegs-  zu  einem  FriedeHsjahre,  und  ebenso  von
If^bl  auf  18lh),  die  beide  Friedensjahre  sind;  sie  sanken  ferner ­
  \  on  I8i)8  auf  1X01,  die  abermals  beide  durch  Kriege  nicht
gestört  waren.  Das  inzwischen  liegende  1850er  Kriegsjahr
•ätte,  so  sollte  man  meinen,  eher  eine  IPreissteigerung  hervori’ufen
  sollen.
        <pb n="84" />
        Auch  das  Verhältniss  der  österreichischen  und  der  fremdländisclien
  Preisductuationen  zu  einander  kann  durch  den
Einlluss  der  Kriege  nicht  erklärt  werden.  Unter  den  Kriegen, ­
  die  in  dem  letzten  Vierteljahrhundert  stattgefunden
haben,  sind  allerdings  zwei,  die  auf  die  österreichischen
Verhältnisse  eine  grössere  AVirkung  geül)t  haben  mögen  als
auf  die  des  benachbarten  Deutschland,  nämlich  der  Krimkrieg
und  der  italienische  Krieg.  Dem  steht  jedoch  der'  schleswigholsteinische ­
  Krieg  und  der  deutsch-französische  Krieg  gegenüber ­
  ,  die  wieder  Deutschland  in  höherem  Alasse  berührten,
und  so  müsste  sich  denn,  wenn  Ki'iege  auf  die  Preissteigerung
Einfluss  gehabt  hätten,  dieser  Einfluss  hier  und  dort  die
Wage  halten.
Es  zeigt  sich  also  durchaus  kein  halbwegs  genügender
und  der  Kritik  standhaltender  Erklärungsgrund  für  die  thatsächlich
  vorhandenen  Preiserscheinungen,  als  der  in  den
Valutaverhältnissen  gebotene.  Die  Annahme,  dass  ein  rapides
Sinken  des  (Teldwerthes  ein  Sinken  der  Lebensmittelj)reise,  ein
rapides  Steigen  des  (Teldwerthes  aber  ein  ebenso  rapides
Steigen  der  Debensmittelpreise  hervorrufen  müsse,  lässt  sich
nicht  widerlegen.  Die  Vermuthung,  dass  die  Producenten  nicht
aus  dem  absoluten  geringen  (xeldwierthe,  wohl  aber  aus  der
sinkenden  Richtung  desselben  Vortheile,  dagegen  aber  aus
einer  steigenden  Tendenz  Xachtlieile  ziehen  mussten,  hat  sich
als  richtig  erwiesen.  A\  enn  wir  jedoch  den  (iesammteflcct  der
Valutaschwankungen  überblicken,  so  lindet  sich,  dass  die
Vortheile  für  die  Producenten  nur  gering,  die  Nachtheile  aber
ganz  ungeheuer  sind;  denn  die  Löhne  und  Lebensm  it  tel  |i  reise
haben  sich  den  durch  die  AVerthverringerung  des  (fehles
bedingten  Steigerungen  der  nominellen  Preisansätze  weit  rascher
accommodirt,  als  umgekehrt  den  nominellen  Preisrückgängen,
die  durch  das  Steigen  des  (feldwerthes  bedingt  worden  wären,
ln  dem  Schaukelspiele  der  Valuta  sind  namentlich  die  J^öhne
mehr  den  sie  emportragenden  Wellen,  als  denjenigen  gefolgt,
die  nach  abwärts  geführt  hätten  und  auf  dem  (febiete  des
(f  rosshandels  auch  thatsächlich  die  Preise  nach  abwärts  geführt
haben.  Der  Producent  erhält  gegenwärtig  in  Oesterreich  für
Product  allerdings  einen  namhaft  höheren  Preis  als  vor  einem
Vierteljahrhuuderte,  aber  noch  um  ein  \’ielfaches  höher  muss
        <pb n="85" />
        —  75  —

-r5

er  die  Arbeitskraft  und  seinen  eigenen  Lebensunterhalt  bezahlen.
•Ta,  es  zeigt  sich  schliesslich,  dass  die  {Steigerung  der  Preise
im  Grossbandel  zu  einem  grossen  Theile  hervorgeiufen  ist
flurch  die  jedes  Mass  überschreitende  Vertheuerung  der  Productionskosten,
  und  dass  sie  jedenfalls  besteht  auf  Kosten  der
Concurrenztahigkeit  mit  dem  Auslande.'
        <pb n="86" />
        V.  Capitel,

Einfluss  (1er  Taliita  auf  den  Zinsfiiss.
Es  ist  ein  nnlengharer  Vortheil  für  jedes  Land,  billigen ­
  Zinsfiiss  zu  besitzen,  und  mit  Recht  wird  daher  Alles,
was  dahin  wirkt,  diesen  dauernd  herabzudrücken,  für  eine  Betörderung
  der  nationalen  AVohlfahrt  gelialten.  Auf  den  ersten
Blick  sollte  man  allerdings  meinen,  dass  es  für  das  gesammte
Einkommen  gleichgiltig  bleibt,  ob  ein  verbaltnissmässig  grösserer ­
  oder  geringerer  Theil  desselben  sich  aus  (npitalrente
einerseits  oder  aus  Unternehmergewinn  und  Arbeitslohn  andererseits ­
  zusammensetzt.  Unter  sonst  gleichbleibenden  Verhältnissen ­
  wird  zwar  jede  Erhöhung  des  Uapitalzinses  auf
Kosten  der  anderen  beiden  Einkommenzweige  vor  sich  gehen;
aber,  da  (xewinn  auf  der  einen  und  Verlust  auf  der  anderen
Seite  sicli  einander  die  Wage  halten,  so  wird  der  rein  wirthschaftliche
  Gesammtetfect  auf  die  Höbe  des  Volkseinkommens
der  nämliche  bleiben;  was  Unternehmer  und  Arbeiter  verlieren, ­
  wird  eben  der  (Kapitalist  gewonnen  haben.  Zuvörderst
aber  ist  in  socialer'Beziehung  die  VerHieilnng  des  Nationaleinkommens ­
  keineswegs  gleichgiltig.  Es  ist  nicht  wünschenswertli,
  dass  die  Capitalisten  sich  auf  Kosten  der  direct  jiroducirenden
  Bevölkerungsclassen  bereichern,  während  umgekehrt ­
  eine  Steigerung  des  Einkommens  dieser  letzteren  zum
Schaden  der  Rentner  eine  weitaus  lieilsninere  Verniögensverschiebung
  hervorruft,  die  sociale  (fleichheit  befördert.  Aber
auch  in  rein  wirthschaftlicher  Beziehung  ist  die  Art  dei'  Ein-
        <pb n="87" />
        77

koinmensveiiheilung  nicht  gleichgiltíg.  Die  Erliöliung  des
Avheitslolines  steigert  die  Arbeitstliätigkeit  und  wirkt  überdies ­
  in  gesunder  A\"eise  fördernd  auf  die  Volksvermelirung;
die  Ei’liöliung  des  Enternelimergewinnes  erweitert  den  Kreis
(1er  Unternelimungen  und  befördert  daher  in  ähnlicher  eise
die  Production.  Dem  gegenüber  ist  allerdings  zu  bedenken,
dass  auch  die  Steigerung  der  (/aj)italrente  als  Beförderung
der  Capitalansammlung  aufgefasst  werden  muss,  und  dass
schliesslich  jede  Capitalvermehrung  wieder  die  Zunahme
(1er  Production  begünsfigt;  aber  das  letztere  kann  doch  nur
mittelhar  dadurch  geschehen,  dass  -eben  die  Vermehrung  des
verfügbaren  Capitals  den  Zinsfuss  ermässigt,  und  wenn  man
daher  die  Sache  bei  Lichte  besieht,  so  läge  bestenfalls  ein
wirthschaftlicher  Nutzen  hoher  Capital  reute  darin,  dass  diese
sich  durch  ihre  längere  Wirksamkeit  von  selbst  aufhebt,  d.  h.
ihre  Ermässigung  herbeifuhrt.  Man  kann  also  in  Wahrheit
sagen,  dass  unter  jedem  (Tcsichtspunkte  eine  massige  (Kapitalrente ­
  das  zu  erreichende  wirthschaftliche  Ziel  ist,  und  dass
liöchstens  eine  künstliche  Ermässigung  dieser  Rente  insofern
überflüssig  oder  selbst  schädlich  sein  könnte,  als  dadurch  die
Herbeiführung  jenes  nafurgemässeu  Zustandes  verzögert  wird,
bei  welchem  auch  ohne  jede  gewalfsame  Einwirkung  der  Zins,
fuss  sich  von  selbst  ermässigen  würde.
Dies  alles  gilt  in  dem  Falle,  wenn  (hipi  tal  rente,  Unternehmergewinn ­
  und  Arbeitslohn,  die  in  einem  Verkehrsgebiete
verdient  werden,  zur  (länze  im  Tnlande  verbleiben.  (k»mplicirter
gestaltet  sich  die  Sache  ,  wenn  mau  von  der  Voraussetzung
ausgellt,  dass  ein  Theil  dieses  im  Inlande  verdienten  Einkommens ­
  vorübergehend  oder  dauernd  in’s  Ausland  wandert.
Ks  kann  ein  Land  mit  fremdem  (Kapitale  ai'beiteu  und  daher
einen  Theil  der  (hijiitalrente,  an  das  Ausland  abgeben  müssen;
es  können  ferner  ausländische  Unternehmer,  die  jedoch  mit
inländischem  ('apitai  arbeiten,  ihre  Kräfte  diesem  Jiande  widmen
nnd  in  diesem  Falle  wird  ein  Theil  des  Unternehmergewinnes
ni’s  Ausland  gehen;  schliesslich  können  fremde  Arbeiter  im
Hände  verwendet  werden,  und  in  diesem  Falle  wird  ein  Theil
der  etwaigen  Ceberschüsse  des  Arbeitslohnes  früher  oder
*^pätfü'  in  die  Fremde  abHiessen.  In  jedem  dieser  drei  Fälle  wird
für  das  betreffende  Land  unmittelbar  einen  Gewinn  am
        <pb n="88" />
        78

Xationaleinkommen  repräsentiren,  wenn  jener  Einkoinmenszweig,
an  welchem  das  Ansland  partici])irt,  znm  Nutzen  der  anderen
Einkommenszweige  geschmälert  wird.  Im  ersteren  Falle  wird
ein  Druck  auf  die  Capital  reute,  im  zweiten  ein  solcher  auf
den  Tlnternehmergewinn,  im  dritten  eine  Ermässigung  der
Löhne  —  alles  selhstverstiindlich  zu  Gunsten  der  anderen
Einkommens-Kategorien  —  den  im  Inlande  verbleibenden  Rest
des  Nationaleinkommens  steigern.  Ob  dieser  Gewinn  um  die
etwaigen  schädlichen  Folgen  'eines  solchen  Druckes  nicht  allzu
theuer  erkauft  sein  kann,  das  wird  einerseits  von  der  wirthschaftlichen
  Bedeutung  der  derart  benachtheiligten  Einkommens-Kategorien ­
  ,  andererseits  von  dem  Umfange  der  fremdländischen ­
  Betheiligung  an  denselben  abhängen.  Hier  aber
wird  ohne  Zweifel  der  erstere  Fall,  nämlich  die  Vergrösserung
des  Uuternehmergewinnes  und  Arbeiterlohnes  auf  Kosten  der
mit  dem  Auslande  getheilten  Capitalrente,  die  grössten  Vortheile ­
  und  die  geringsten  Nachtheile  im  Gefolge  haben.
Es  ist  nun  andererseits  allerdings  waln*,  dass  ein  Land
umgekehrt  auch  an  den  Einkommenszweigen  eines  fremden
Verkehrsgebietes  participireu  kann,  dass  seine  (Kapitalisten,
Unternehmer  oder  Arbeiter  im  Auslande  Beschäftigung  suchen  ;
aber  diese  Fälle  gehöi’en  nicht  in  den  Kreis  dieser  Untersuchung, ­
  denn  hier  handelt  es  sich  nur  um  Vortheile  oder
Nachtheile  aus  der  inländischen  Einkommensvertheilung,
Die  Länder  mit  gestörter  Valuta  —  Frankreich,  bei
welchem  übrigens  das  Bapiergeld  nur  eine  vorübergehende
Erscheinung  ist,  ausgenommen  —-  gehören  nnn  zu  jenen  Verheb ­
  rsgehieten,  die  fremdes  Ca])ital  im  grossen  Umfange  beschäftigen. ­
  Sie  haben  also  schon  um  desswillen  ein  sehr  lebhaftes ­
  Interesse  daran,  die.  (Kapitalrente  niedrig  zu  erhalten,
und  sie  sind  daher  im  vollen  Rechte,  wenn  sie  Alles,  was
diesen  Effect  herheiführen  kann,  mit  Rücksicht  auf  die  nationale
Einkommenvertheilung  für  vortheilhaft  halten.  Tn  diesen  Ländern ­
  wird  aber  ziemlich  übereinstimmend  der  Valuta  Verschlechterung ­
  die  Wirkung  nachgesagt,  den  Zinsfuss  zu  ermässigen,
und  eine  der  Hauptursachen,  warum  sie  sich  so  schwer  zur
Herstellung  der  gestörten  Geldverhältnisse  entschliessen,  liegt
eben  darin,  dass  sie  davon  eine  allgemein  dauernde  Erhöhung
des  Zinsfusses  besorgen.
        <pb n="89" />
        79

-Die  Quelle  dieses  Trrtliums  liegt  in  der  Verwechslung
des  Capitals  mit  dem  Circulationsmedium.  Der  Zinsfuss  richtet ­
  sich  auf  die  Dauer  weder  nach  dem  wirklichen,  noch  nach
dem  scheinbaren  Umfange  der  in  einem  Lande  vorhandenen
(  irculationsmittel,  sondern  nach  dem  Umfange  der  in  diesem
vorhandenen  Capitalien,  oder  noch  richtiger  gesagt,  nach  dem
Verhältnisse  dieser  Capitalien  %u  der  durch  diese  zw  leistenden ­
  wirthschaftlichen  Arbeit.  Nun  haben  wir  allerdings  früher
gesehen,  dass  durch  die  Zettelemission  dem  Lande  für’s  erste
ein  Vermögenszuwachs  in  den  Schoss  geworfen  wird.  Für  die
Drage  des  -Zinsfusses  ist  dies  jedoch  ganz  irrelevant.  Das  Verhaltniss
  der  für  die  innere  Production  verfügbaren  (Kapitalien
[l^esen  zu  leistenden  Arbeit  bleibt  im  grossen
Canzeii  das  nämliche,  gleichviel  ob  ein  Land  jene  Bedürfnisse,
&amp;lt;  ie  zur  Zettelausgabe  geführt  haben,  durch  diese  oder  durch
ein  verzinsliches  Anlehen  deckt.  Ist  der  Zinsfuss  des  Landes
welches  vor  dieser  Alternative  steht,  höher  als  im  Auslande!
«0  wird  es  sein  verzinsliches  Anlehen  im  Auslande  unter'
J)nngen  und  folglich  auf  dem  inländischen  Markte  der
Production  auch  auf  diese  Art  kein  Ca])ital  entziehen;  ist
sein  Zinsfuss  mässiger,  so  wird  es  die  durch  die  Zettelemission
  frei  werdenden  (Kapitalien  im  Auslande  anlegen  und
anch  dadurch  kein  vermehrtes  (Kapitalangebot  für  die  inländische ­
  Production  hervorbringen.  Wnn  umgekehrt  im
ersteren  Falle,  nämlich  bei  höherem  inländischen  Zinsfnsse,
zur  Zettelausgabe  geschritten  wird,  so  verhindert  dies,  dass*
‘las  Ausland  jene  Werthpaj.iere  kauft,  die  es  ohne  das  Dazwischentreten ­
  dieses  Umstandes  in  dem  betreffenden  Lande
anvorbeii  und  dadurch  diesem  neue  (Kapitalien  zugeführt
.  ;  glftiehwie,  wenn  bei  mässigerem  beiniischen  Zinsfnsse
pn  Anlehen  aufgelegt  wird,  dieses  das  heimische  (Kapital  verun
  ert,  im  Auslande  jene  Werfhpapiere  zu  kaufen  und  (launch ­
  demselben  jene  (Kapitalien  zuzuwenden,  die  es  ohne  das
Dazwischentreten  dieses  Umstandes  von  dorther  bezogen,
î’espective  dahin  gesendet  hätte.  Für  den  ersten  Moment
‘Allerdings  wird  diese  Ausgleichung  sich  nicht  vollständig  vollzie
  leii,  und  daher  durch  eine  Zettelemission  eine  vorübergehende
S  teigerung  des  (’ajntalangebotes  hervorgebracht  werden;  auf
AA*  Dauer  jedoch  muss  in  allen  Fällen  das  nämliche  Veihältniss
        <pb n="90" />
        80

(les  (^Kapitalangebotes  sieb  berstellen,  und  tolglicb  jede  einseitige
Wirkung  auf  den  Zinsfuss  entfallen,  i)  Ein  Ibiterscbied  wird
allerdings  darin  liegen,  dass  die  Bescliaftung  eines  (  apitais
auf  dein  Wege  eines  Anlebens  mit  directen  Kosten  verbunden
ist,  was  bei  dem  im  Wege  der  Notenemission  bereingezogenen
*)  Um  (lies  deutlicher  zu  machen,  möge  ein  coneret.es  Beispiel
diirchgeführt  werden.  Ein  bestimmter  Staat  soll  zur  Deckung  von  Kriegskosten ­
  ein  Anlehen  hrauchen.  Der  Zinsfuss  in  dem  hetretienden  Lande  betrage
5%,  in  den  Nachbarländern  4®/o.  Wenn  nun  der  Staat  ein  fünfpercentige«  Anlehen ­
  aufnimmt,  so  wird  dasselbe  im  Auslande  untergeh  rächt  werden,  dagegen
wird  das  Ausland,  insolange  als  dieses  neue  Anlehen  nicht  vollständig  placirt  ist,
keine  anderen  Capitalien  nach  dem  betrellenden  Lande  senden,  was  ohne  dieses
Anlehen  unstreitig  der  Fall  gewesen  wäre.  Der  Zinsfuss  im  Inlande  wird  unverändert ­
  bleiben,  im  Auslande  wird  derselbe  durch  das  Anlehen  gesteigert  Werden,
und  diese  Steigerung  wird  eben  die  Zuflüsse  der  ausländischen  Capitalien
hemmen.  Für  den  Erlös  des  Anlehenshetrages  wird  der  Staat  im  Auslande  entweder ­
  seinen  Kriegsbedarf  direct  eintauschen  und  überhaupt  eine  Nachti  age
nach  irgend  welchen  Erzeugnissen  im  Inlamle  nicht  hervorruten,  oder  er  wird
seinen  Kriegsbedarf  trotz  des  Anlehens  im  Inlande  aufbringen;  dann  aber  muss
die  Anlehenssumme  vom  Auslande  in  andern  Gütern  entrichtet  werden,  und
der  Steigerung  der  Frodaction  zu  unjwodiictivem  Kriegsgehrauch,  die  eine
Erhöhung  des  Zinsfusseshervorrufen  würde,  steht  ein  Nachlassen  der  Production
auf  anderen  Gebieten  gegenüber,  so  dass  das  Gleichgewicht  nicht  gestört  wird.
Emittirt  der  Staat  dagegen  Noten,  so  kann  er  hiefür  wieder  seinen
Kriegsbedarf  im  Auslande  kaufen  (d.  h.  er  wird  mit  den  Noten  zuerst  das
)letallgeld  und  mit  dem  Metallgelde  den  Kriegsbedarf  kaufen);  oder  er  kauft
den  Kriegsbedarf  im  Innern,  dann  werden  für  das  verdrängte  Metallgeld  anderweitige ­
  Güter  hereinströmen  und  abermals  wird  der  Steigerung  der  Production
zu  Kriegszwecken  ein  Nachlassen  derselben  auf  anderen  Gebieten  gegenüherstehen,
  die  Anforderungen  an  das  .arbeitende  Capitel  werden  sich  nicht  erhöhen, ­
  der  Zinsfuss  wird  der  nämliche  bleiben.  Ganz  dasselbe  gilt,  wenn  man
annimmt,  dass  es  nicht  unproductive,  sondern  productive  Zwecke  seien,  zu
denen  der  Staat  im  Wege  einer  Anleihe  oder  der  Notenemission  sich  das
Capital  verschaflen  will.  Haut  er  z.  H.  eine  Eisenbahn  ans  dem  Erlöse  eines
Anlehens,  so  wird  sich  der  Zinsfuss,  wenn  er  das  Anlehen  im  Auslande  aufnimmt, ­
  nicht  ändern,  und  ebensowenig,  wenn  er  die  Schienen  mit  dem  gegen
Noten  eingetauschten  Metallgelde  im  Auslande  bezahlt  oder  auch,  wenn  er  sie
gegen  seine  Noten  direct  im  Inlande  kauft,  da  in  diesem  Falle  für  das  frei
werdende  Metallgeld  andere  Güter  hereinströmen.  Bringt  er  dagegen  das  Anlehen ­
  im  Inlande  unter,  so  wird  er  allerdings  dadurch  den  Zinsfuss  erhöhen,
aber  dies  kann  ihm  nur  gelingen,  wenn  der  Zinsfuss  früher  mässiger  war  als
im  Auslande,  und  in  einem  solchen  Falle  würde  das  hetreIfende  Land  das  aus
der  Notenemission  freiwerdende  Metallgeld  nicht  zum  Einkäufe  von  Producteii,
sondern  zum  Einkäufe  von  Werthpa]deren  benützen,  der  Steigerung  der  Production ­
  aus  dem  erhöhten  Schienenhedarfe  stünde  keine  durch  die  Producteneinfuhr
  herheigeführte  Ermässigung  anderweitiger  Productionen  gegenüber  und
        <pb n="91" />
        81

Capitale  nicht  der  Fall  ist.  Aber  dies  wird  blos  auf  den  Umfang ­
  der  Zinsenrente,  nicht  aber  auf  den  Zinsfuss  einen  Einfluss ­
  nehmen,  und  was  es  mit  dieser  Rente  für  eine  ßewandtniss
  hat,  soll  später  gezeigt  werden,
]\Ian  könnte  vielleicht  noch  ein  wenden,  dass  eine  Papiergeld-Emission ­
  dem  betreffenden  Lande  allerdings  keinen  directen
  Zuwachs  an  frei  werdendem  Capitale  zuführe,  daher  auch
flen  Zinsfuss  desselben  aus  diesem  Grunde  nicht  direct  ermässige
  ;  dass  aber  eine  Wirkung  doch  nicht  ausbleiben  könne,
indem  ja  die  Aufnahme  eines  Anlehens  durch  die  Vermehrung
der  Capitabiachfrage  auf  dem  Weltmärkte  eine  allgemeine
Zinssteigerung  herbeiführen  müsse  —  allerdings  eine  geringere,
als  wenn  sich  diese  Nachfrage  blos  auf  das  betreffende  Land
beschränken  würde  —  und  "dass  dann  rückwirkend  das  Einzelland ­
  selbst  von  dieser  Zinsfusssteigerung  betroffen  werden
müsste;  während  im  Falle  der  Zetteleniission  eine  solche  Nachfrage ­
  weder  auf  dem  heimischen  Markte,  noch  auf  dem  Weltmärkte ­
  einträte,  eine  Zinsfusssteigerung  also  nirgends  sich
geltend  mache  und  daher  das  betreffende  Land  auch  von
der  Participation  an  der  allgemeinen  Zinsfusssteigerung  des
Weltmarktes  verschont  bliebe.  Dies  ist  jedoch  ebenfalls  unlichtig.
  Line  Notenemission  ist  für  den  Welf  markt  zwar  mit
keiner  directen  Capital  nach  fr  a  ge,  wohl  aber,  wie  an  anderer ­
  Stelle  ausgeführt  wurde,  mit  einer  directen  Capital-2
  er  Störung  gleichbedeutend.  Das  Geldcapital  des  Weltmarktes ­
  wird  durch  den  Zufluss  an  Edelmetallen  nicht  essentiell ­
  vermehrt,  seine  anderweitigen  (Kapitalien  aber  werden  um
einen  entsprechenden  ßefrag  verringert,  und  cs  wird  also  die
Notenemission  eine  Lücke  im  Weltcapitale  erzeugen,  die  sofort
^nf  den  Zinsfuss,  wenn  auch  nur  in  verschwindend  geringem
blasse,  zurückwirken  muss,  und  diese  Rückwirkung  wird  sich
flann  selbstverständlich  auch  auf  das  Papiergeldland  erstrecken.
Diese  Erwägungen  sind  es  indessen  gar  nicht,  die  bei  der
Behauptung,  Zettelwirthschaft  erniässige  den  Zinsfuss,  in  Frage
kommen.  Es  wird  ganz  einfach  geglaubt,  dass  die  Emission
nunmehr  müsste  der  Zinsfuss  genau  in  der  nämlichen  Weise  steigen.  Der
aizige  Unterschied  liegt  darin,  dass  der  Staat  im  ersteren  Falle  Zinsen  zu
^  den  hat,  im  letzteren  Falle  nicht,  diese  Zinsenzahlungen  werden  aber  keinesden
  landläufigen  Zinsfuss  alteriren.
Th.  Uertzka,  Währung  und  Handel.

6
        <pb n="92" />
        82

unbedeckter  Greldzeiclien  das  Geld  vermebre.  Dieses  ist  ganz
und  gar  unricbtig,  denn  jedes  Land  bat  eine  bestimmte  zur  Bewältigung ­
  seiner  Circulationsbedürfnisse  notbwendige  (-leidmenge
und  kann  diese  dauernd  wieder  vermebren  oder  verringern.  Der
Umfang  dieses  Geldbedürfnisses  richtet  sich  nach  dem  Umiange
des  Verkehrs  ,  der  Raschheit  der  Circulation  und  nach  der  Organisation ­
  jener  Hilfsmittel,  die,  abgesehen  vom  Gehle,  dem  Verkehre
in  Form  von  Credit  geboten  werden.  Je  grösser  der  Verkehr,
desto  grösser,  und  je  ausgebildeter  der  Credit,  desto  geringer
unter  sonst  gleichbleibenden  Verhältnissen  der  Geldumlauf.
Ein  Land  kann  ungeheuer  capitalreich  und  doch  áusserst
geldarm  sein,  wenn  sein  Verkehr  gering  oder  sein  Creditsystem
  zu  einer  überaus  hohen  Entwicklung  gelangt  ist,  und
umgekehrt  kann  ein  Land  capitalsarm  und  doch  geldieich
sein,  wenn  sein  Verkehr  gross  oder  seine  Creditorganisation
sehr  mangelhaft  ist.  Ja  insofern,  als  der  Reichthum  an  Capital
die  Organisation  des  Credites  ausserordentlich  befördert,  indem
naturgemäss  wohlhabende  Leute  einander  gefahrloser  und  daher
leichter  creditiren  werden,  als  arme,  kann  sogar  von  einem
Gegensätze  zwischen  Capital-  und  Geldreichthiiin  gesprochen
werden.  Für  den  Reichen  ist  der  Besitz  von  Baargeld  in  der  Regel
überflüssig,  für  den  Armen  die  unerlässlichste  Bedingung  jedes
Geschäftes.  An  Beispielen  dafür,  dass  dies  keine  abstráete
Speculation,  sondern  der  reellsten  Wirklichkeit  vollkoinmen
entsprechend  ist,  fehlt  es  nicht,  ja  alle  einschlägigen  Erscheinungen ­
  sind  unwiderlegliche  Beweise  für  diese  Behauptungen.
So  ist  Holland  bekanntlich  eines  der  ea]»italreichsten  Lander
der  Welt,  an  Circiilationsmitteln  aber  ausserordentlich  arni,
da  sowohl  sein  Creditsystem  hoch  entwickelt,  als  andererseits
sein  Verkehr  verhältnissmässig  nicht  gross  ist.  Auch  das
reiche  England  ist  verhältnissmässig  sehr  geldarm;  sein  Verkehr
ist  zwar  ungeheuer,  aber  der  colossale  Capitalreichthum
Hand  in  Hand  gehend  mit  der  zur  höchsten  Spitze  getriebenen
Entwicklung  des  Credits  macht  Baargeld  im  Verkehre  selten
nothwendig.  Weitaus  reicher  an  Circulationsmitteln  sind  trotz
\  ihres  verhältnissmässig  hohen  Reichthums  Frankreich  und
\  Deutschland  aus  dem  Grunde,  weil  auch  ihr  Verkehr  sehr
\gross  ist,  das  Creditsystem  jedoch  im  Verhältnisse  zuni  englischen ­
  auf  einer  niedrigen  Stufe  steht.  Die  Vereinigten
        <pb n="93" />
        83

Staaten  von  Nordamerika  besitzen  einen  relativ  sehr  geringen
(  apitalreichthnm,  sind  dagegen  ausserordentlich  geldreich,
Jenn  ihr  Verkehr  ist  sehr  lebhaft  und  ihr  Credit  ziemlich
unsicher.  Vergleicht  man  diese  fünf  Verkehrsgebiete  mit
Rücksicht  auf  iliren  landläufigen  Zinsfuss  unter  einander,  so
wird  man  finden,  dass  derselbe  gerade  im  umgekehrten  Verhältnisse ­
  zur  circulirenden  Geldmenge  steht.  Den  massigsten
Zinsfuss  hat  das  geldärmste  Holland,  den  höchsten  das  an
(xehl  reichste  Nordamerika  ;  denn  dort  wird  mit  viel  Capital
wenig,  hier  mit  wenig  Capital  viel  gearbeitet.
Man  glaubt  gemeinhin  ,  dass  die  Feststellung  des  Zinsiusses
  das  Ergebniss  des  Verhältnisses  zwischen  Angebot  und
Nachfrage  nach  Geld  sei,  während  es  sich  doch  in  Wahrheit
bei  diesem  Angebote  sowohl  als  bei  der  Nachfiage  nicht  um
Gehl,  sondern  ausschliesslich  um  Capital  handelt,  welches
allerdings  häufig  in  der  Form  von  Geld  gegeben  und  empfangen
wird.  Um  dies  einzusehen,  muss  man  sich  blos  vergegenwärtigen, ­
  dass  erstens  in  der  überwiegend  grossen  Mehrzahl
der  Leihgeschäfte  das  (leid  gänzlich  ausgeschlossen  ist.  Der
Lachter  eines  Grundstückes,  der  Miether  eines  Hauses,  einer
Fabrik,  einer  Geräthschaft  zahlt  Leihgebühr  für  die  Benützung ­
  fremden  Capitals  ganz  in  derselben  Weise,  wie  der
Kaufmann,  der  seinen  V  echsel  escomptiren  will.  Und  wenn
auch  die  Mietlie  ,  die  für  die  (Bewährung  jener  Capitalien
bezahlt  wird,  einen  anderen  Namen  hat  als  die  Miethe,
die  für  eine  geliehene  Geldsumme  zu  zahlen  ist,  so  besteht
•loch  mit  Rücksicht  auf  den  Zinsfuss  nicht  der  geringste
essentielle  Unterschied  zwischen  beiden,  und  es  wäre  eine  verbängnissvolle
  Kurzsichtigkeit,  wenn  man  übersehen  wollte,
üass  der  landläufige  Zinsfuss  durch  Nachfrage  und  Angebot
beim  Grundcapital  ganz  in  derselben  Weise  beeinflusst  wird,
wie  durch  Nachfrage  und  Angebot  beim  Geldcapitale.  Zwischen
•  ein  Zinssätze  in  beiden  Fällen  kann  allerdings  ein  Unterschied ­
  bestehen,  hervorgerufen  durch  die  grössere  oder  geringere
Sicherheit  und  Bequemlichkeit  der  Leihgeschäfte  oder  durch
diniere  Lrsachen  ;  ist  aber  dieser  Unterschied  einmal  festgestellt,  so
wird  jedes  Herabgehen  des  (Grundzinses  den  Zinsfuss  im  Escompte
oder  im  Lombardgeschäfte  genau  so  beeinflussen,  wie  umgekehrt ­
  der  Zinssatz  in  diesen  beiden  (Geschäften  den  Grundzins
ö  *
        <pb n="94" />
        84

beeinflussen  muss.  Vorübergehend  mag  allerdings  durch  eine
ganz  s])ecielle  Conjunctur  der  Zinssatz  in  dem  einen  oder  anderen ­
  Geschättszweige  in  ganz  abnormaler  Weise  alterirt
werden.  Es  kann  durch  besondere  Ereignisse  eine  plötzliche
migewölinliche  Verstärkung  der  Nachfrage  gerade  nur  nach
Grundcapital  eintreten  und  der  Grundzins  wird  dann  über
sein  gewöhnliches  Verhältniss  zum  Geldzinse  steigen;  daraus
aber  folgern  zu  wollen,  dass  beide  etwas  essentiell  Verschiedenes ­
  seien,  wäre  genau  derselbe  Irrthum,  als  wenn  man  aus
einer  abnormen,  durch  irgend  eine  Börsenconjunctur  hervorgerufenen ­
  Steigerung  des  Lomba  rdzinsfusses  den  Schluss  ziehen
wollte,  dieser  Zinsfuss  sei  vom  Escomptesatze  unabhängig,  zur
Gewährung  des  Lombardcredites  sei  ein  Capital  ganz  anderer
Natur  nothwendig,  als  dasjenige  zur  Gewährung  von  Escompte-Darlehen.
  Ferner  werden  auch  die  sogenannten  reinen  Geldgescliäfte
  nicht  immer,  und  in  Ländern  mit  entwickeltem
Creditsysteme  sogar  sehr  selten,  durch  wirkliche  Vermittlung
der  Circulationsmittel  empfangen  und  bewilligt,  ln  England
beispielsweise  werden  fast  alle  sogenannten  Geld-Darlehen
[durch  einfaclie  Umschreibungen  in  den  Büchern  durchgeführt.
Der  Capitalist  erlaubt  dem  Unternehmer  über  einen  gewissen
Hestaudtheil  seines  —  des  (Kapitalisten  —  Vermögens  zu  verfügen. ­
  Dieser  Bestaiidtheil  wird  in  Pfunden  und  Schillingen
ausgedrückt,  aber  zu  seiner  Ausfolgung  bedarf  es  dieser
Pfunde  und  Schillinge  nicht,  dazu  genügt  ein  beliebiges  Blatt
Papier,  auf  welchem  A  erklärt,  dass  B  auf  seine  (befahr  und
Rechnung  über  ein  Capital  von  bestimmter  Höhe  dispon!ren
dürfe.  Man  könnte  sich  ganz  gut  vorstellen,  dass  der  Verkehr
überhaupt  ohne  jede  materielle  Intervention  von  Geld  bewerkstelligt, ­
  dass  Darlehen  bewilligt  und  genommen  würden,
ohne  dass  jemals  ein  Geldstück  oder  eine  Banknote  von  Hand
zu  Hand  zu  wandern  brauchte.  Der  Zinsfuss  würde  sich  darum ­
  nicht  minder  nach  dem  Verhältnisse  des  zu  Unteruehmungen
verfügbaren  Ca^ütals  zu  den  Unterjiehmungen,  die  Capital
beanspruchen,  richten,  er  würde  je  nach  den  Schwankungen
dieses  Verhältnisses  auf  und  ab  steigen  und  das  Geld  hätte
dabei  keine  andere  Function  als  die,  die  Rechnungseinheit,
den  Massstab  für  den  Verkehr  zu  bilden.
Man  könnte  nun  einwenden,  dass  allerdings  das  Geld
        <pb n="95" />
        85

Wos  em,  m  gewissen  Fällen  notliwendiges  Instrument  des  Verkehrs ­
  sei  Insoweit  aber  der  Verkehr  dieses  Instrumentes  bedürfte
musste  doch  der  «ehrauch  desselben  bezahlt  werden,  u.  zw’
hoher  oder  geringer,  je  nachdem  dasselbe  reichlich  oder  spürich
  vorhanden  sei.  England,  so  könnte  man  beispielsweise
Bagen,  brauche  allerdings  im  Verhältnisse  zu  seinem  Verkehre
diese''  ",  "le  «&amp;lt;^’''menge  als  Oesterreich,  aber  wenn
diese  verhaltmssmassig  geringe  Geldmenge  durch  irgend  einen
t-ingnff  noch  unter  den  Bedarf  herab  vermindert  würde  so
wurde  eben  doch  Geldknappheit  und  in  deren  Folge  ein  ’aoi^iehen
  des  Zinsfusses  eintreten.
Soll  damit  nur  gesagt  sein,  dass  der  Zinsfuss  vorübergehend ­
  und  partiell  auch  durch  die  Fluctnationen  in  der  Geld
menge  eines  Landes  gestört  werden  könne,  .so  ist  dies  richtig
na  das  Creditsystem  keines  Landes  .so  hoch  entwickelt  ist!
sä  1  r  I  entbehrlich  zu  machen,  .so  bedürfen  that-:
  f^kpitalsuchende  auftreten,  dieses
-apitals  häufig  in  der  bestimmten  Form  des  Geldes  und  wenn  es
Verb"  f  "'"r  '^es  Geldstandes  mit  Schwierigkeiten
ei  hunden  ist,  ihnen  das  Capital  in  dieser  Form  zu  gewähren
so  werden  sie  gern  auch  einen  höheren  Zinsfuss  als  denjenigen,’
den  das  1  erhaltniss  zwischen  Capita  langebot  und  Nachfrage  im
AllKeineinen  vorauHsetzeii  würde,  bezahlen.  Umgekelirt  werden
bei  einem  (ie  Id  Überflüsse  die  Besitzer  des  Geldes  nach  Capital
«nchenden  ausgehen,  die  Capital  gerade  in  dieser  Foi-m  nehmen
wollen,  und  sie  werden  im  Notlifalle,  für  diese  Form  des  Capitals
?*;
riz::  's,  t
mtsen  als  es  zur  Befriedigung  seiner  Circulationshedüifnisse
raucht,  da  es  ja  anderenfalls  den  Ueberschuss  über  seinen
mgenen  Bedarf  sofort  gegen  andere  Capitalien,  die  es  relativ  dringen, ­
  er  benothigt,  im  Auslände  eintaimclien  und  umgekehrt  jede
'IK!  e  in  seinem  Circnlationshedarfe  gegen  andere  Cai,Italien
sei,  denen  mindere  Nachfrage  herrscht,  aus  dem  Auslande
&amp;gt;eder  fallen  kann.  Es  ist  ebenso  leicht  möglich,  das  Wasser
einem  Gefäs.se  stellenweise  anfznhänfen  oder  amszuschöpfen
île  dass  sofort  durch  Abströmeii  oder  Zufluss  die  Uneben-
        <pb n="96" />
        l.eit  ausgeglichen  wür.le,  als  es  möglich  ist,  Circnlationsmittel
in  einem  Laide  iiher  den  Bedarf  aufeuspeichern  oder  aus  demselben
  unter  der  Bedarfsgrenze  lieranszuzielien,  ohne  dass  der
Weltmarkt  seine  nivellirende  Wirkung  üben  würde.  Wo  Weid
über  dem  Bedarf  vorhanden  ist,  dort  vermindert  sich  die
Kaufkraft  desselben  und  es  wird  wahrlich  Niemand  ein  Weldstück
  in  einem  Lande  behalten,  wenn  er  für  dasselbe  im
Nachbarlande  einen  höheren  Werth  erhalten  kann;  ebenso
wird  Niemand  auf  die  Daiier  in  Verlegenheit  sein,  ein  (Teldstück
  zu  erhalten,  wenn  er  für  dasselbe  mehr  zu  bieten  vermag, ­
  als  im  Naehbarlande  für  dasselbe  zu  erhalten  ist.  Im
Stande  der  Circulationsmittel  eines  Landes  können  daher
allerdings  Wellenbewegungen  eintreten,  ja  da  ein  Zustand  absoluter ­
  Ruhe  angesichts  der  Verkehrsentwicklung  der  Legenv,art
  kaum  denkbar  ist,  so  werden  solche  Vf^dlenliev/egiingen
auch  continuirlich  vorhanden  sein  ;  aber  jedes  Wellenthal  wird
sofort  durch  einen  heranspülenden  Wellenberg  ausgeiullt  und
dieser  Wellenberg  wird  wieder  einem  Wellenthale  Platz
machen  müssen.  Jm  grossen  Wanzen  wird  das  Niveau  des
Gleichgewichtes  immer  erhalten  bleiben,  wobei  allerdings  zu
bemerken  ist,  dass  dieses  Gleicbgewicht  nicht  etwa  in  einer
Gleichheit  der  ]\ienge  je  nach  der  Ko]ifzabl  oder  nach  dem
inächeniiihalte  eines  i.andes  besteht,  »hindern  nacli  dem  A/erhältnisse
  zwischen  Vorrath  und  Circulât,onsbedurtniss  sich
ricditet.
]\lit  apderen  AVorten,  es  wird  überall  aut  die  Lauei  so
viel  an  Circulationsmitteln  vorhanden  sein,  als  dem  Verkehie
und  der  Crediteiitwickluiig  entspriclit,  und  als  zur  Erhaltung
der  Glelchmässigkeit  der  Kaufkraft  des  Geldes  in  allen  Verkehrsgebieten
  erforderlich  ist.
Lass  aber  die  Kaufkraft  der  Edelmetalle,  ihr  Tauschwerth
  sinken  oder  steigen  muss,  je  nachdem  sich  ihre  ]\lenge
bei  sonst  gleich  bleibenden  Bedürfnissen  des  Verkehres  vermehrt ­
  oder  verringert,  ist  ebenso  einleuchtend.
Lie  W^erthrelation  aller  Waaren  untereinander  richtet
sich  lediglich  nach  dem  Verhältnisse  von  Angebot  und  Nachfrage. ­
  Allerdings  kann  der  verhandene  Vorrath  jeder  Waare
vermehrt  oder  verringert  werden  ,  ohne  dass  sich  deshalb  ihr
        <pb n="97" />
        Tauschwerth  zu  ändern  brauchte,  wenn  nämlich  mit  dem
Wechsel  des  aufgestapelten  Vorrathes  auch  eine  Veränderung
des  Gebrauchswerthes  Hand  in  Hand  geht.  Es  kann  der  Vorrath ­
  an  Korn  absolut  betrachtet  steigen,  ohne  dass  der  Preis
des  Kornes  sinken  muss,  wenn  gleichzeitig  der  Kombedarf
durch  ein  Wachsthum  der  Bevölkerung  oder  durch  das  Auftreten ­
  eines  neuen  Korn  consumirenden  Industriezweiges  sich
steigert.  Und  ebenso  kann  umgekehrt  der  Kornpreis  auch
hei  einer  Verminderung  der  Ernteergebnisse  der  nämliche
bleiben,  wenn  gleichlaufend  durch  irgend  welche  Ursachen  eine
Verminderung  des  Consums  eingetreten  ist.  Erhält  sich  aber
der  letztere  auf  gleicher  Höhe,  so  muss  Jede  Niveauveränderung
im  verfügbaren  Vorrathe  sofort  auf  die  Preisscala  zurückwirken. ­
  Ganz  das  Nämliche  gilt  für  die  Edelmetalle,  und  eine
gegentheilige  Autfassung  könnte  nur  von  der  Annahme  ausgehen, ­
  dass  yler  Gebrauchswerth  dieser  edlen  Metalle,  die  den
Stoff  zum  (Ttelde,  also  zum  allgemeinen  Werthmesser  geben,
an  keine  Grenzen  gebunden  sei,  dass  der  Tauschwerth  eines
Pfundes  Gold  der  nämliche  bleiben  müsse,  gleichviel,  ob  von
diesem  Stoffe  viel  oder  wenig  vorhanden  sei.
Eine  solche  Auffassung  wäre  jedoch  nicht  nur  irrig,  sie
würde  sogar  das  directe  Gegentheil  der  thatsächlichen  Sachlage ­
  darstellen;  denn  es  gibt  in  Wahrheit  kein  Gut  von  begrenzterem
  Gebrauchswerthe  als  gerade  die  Circulationsmittel.
Wenn  das  Angebot  an  Kleidungsstücken  gross  ist,  und  dem
entsprechend  deren  Tauschwerth  zu  sinken  beginnt,  so  wird  diese
Wohlfeilheit  sofort  eine  Steigerung  der  Nachfrage  hervorrufen
und  dadurch  dem  weiteren  Sinken  des  Tauschwerthes  eine
Grenze  gezogen  werden.  Beim  Korne  ist  diese  Dehnbarkeit
fies  Consums  schon  viel  geringer,  und  daher*  die  Veränderlichkeit ­
  des  Tauschwerthes  viel  grösser;  der  Gebrauchswerth  des
Geldes  dagegen  ist  noch  in  viel  höherem  Grade  unveränderlich, ­
  und  daher  der  Tausch  werth  desselben  lediglich  von  dem
jeweiligen  relativen  Stande  des  Geldvorrathes  abhängig.  Denn
•las  Geld  als  solches  dient  dem  unmittelbaren  Consum  gar  nicht,
cs  ist  lediglich  ein  Instrument  des  Verkehres,  und  ohne  vorhergehende ­
  Veränderung  des  Verkehrsumfanges  kann  daher  das
Hedürfniss  nach  Geld  weder  gesteigert  noch  vermindert  werden.
Wenn  ein  Land  zu  Besorgung  der  dem  Gelde  obliegenden
        <pb n="98" />
        Fiinctioiieii  friilier  tausend  Pfunde  Goldes  gehraueht  hat  und
es  würden  diesem  Lande  plötzlich  tausend  neue  Pfunde  Goldes
zugeführt,  ohne  dass  sich  in  den  (Kredit-  und  Verkehrsverhiiltnissen
  desselben  etwas  geändert  hätte,  so  werden  nunmehr
die  zwei  tausend  Pfunde  doch  nur  dieselben  Functionen  besorgen ­
  können  wie  die  alten  tausend,  sie  werden  insgesanunt
den  nämlichen  Gebrauchswerth  und  den  nämlichen  Tauschwerth ­
  repräsentiren  wie  früher  das  halbe  (Quantum  und  die
Kaufkraft  jedes  einzelnen  Goldstückes  in  diesem  Lande  wird
genau  um  die  Hälfte  verringert  sein.
Fine  Störung  erleidet  diese  genaue  mathematische  umgekehrte ­
  Proportion  zwischen  Vorrath  und  Tauschwerth  nur
dadurch,  dass  die  Edelmetalle  neben  ihrer  Function  zur  Vermittelung ­
  des  Verkehres  auch  eine  Verwendung  etwas  minder
stabiler  Natur  haben,  indem  sie  nämlich  zu  Schmuckgeräthen,
Gefässen  und  insbesondere  in  neuerer  Zeit  auch  zu  mancherlei
industriellen  Zwecken  benutzt  werden.
Auf  diesen  Gebieten  wird  nun  allerdings  jede  Verringerung
des  Tauschwerthes  eine  Zunahme  des  Consumes  im  Gefolge
haben,  und  dies  muss  nothwendiger  Weise  dem  Sinken  des
Tauschwerthes  entgegenwirken.  Wäre  jedoch  dieser  zweite  Gebrauchswerth ­
  für  Gold  und  Silber  nicht  vorhanden,  würden
sie  blos  zu  Geldzwecken  verwendet  werden,  so  müsste  bei
gleich  bleibendem  Verkehre  auch  ihr  Tauschwerth  genau  im
umgekehrten  Verhältnisse  znm  vorhandenen  Vorrathe  stehen.
Wäre  es  möglich,  den  Abfluss  der  in  einem  Lande  künstlich
aufgestapelten  überflüssigen  Fdelmctallvorräthe  zu  verhindern,
so  könnte  die  Ausgleichung  und  IRückkehr  znm  normalen
Tauschwerthe  erst  dann  erfolgen,  wenn  durch  inzwischen  eingctretene
  Steigerung  des  Verkehres  auch  der  Gebraucliswerth
des  Geldes  wieder  entsprechend  gestiegen  wäre,  beschleunigt
würde  diese  Ilückkehr  dadurch,  dass  in  Folge  der  künstlichen
Verringerung  des  Tauschwerthes  die  Production  von  Fdclmetallen
  in  einem  solchen  Lande  unmöglich  lohnend  sein
könnte  und  daher  für  die  Verluste  durch  Abnützung  u.  s.  w
kein  Ersatz  vorhanden  wäre.
Da  es  unmöglich  ist,  durch  irgend  welche  Mittel  das  Zunnd
  Abströmen  der  Edelmetalle  nach  und  von  einem  Verkehrsgebiete ­
  wirksam  zu  verhindern,  da  überdies  der  Einfluss  des
        <pb n="99" />
        —  «9  —

Edelmetallconsnms  zn  anderen  als  monetanschen  Zwecken  die
Ixenanigkeit  der  Beobachtung  stören  muss,  so  ist  es  äusserst
schwer,  in  einem  Lande  mit  Metallvaluta  diese  strenge  Proportionalität ­
  des  Geldwerthes  zu  den  Verkehrsbedürfnissen  zu
beobachten.
Weit  einfacher  stellt  sich  die  Aufgabe  in  einem  Lande
mit  Pajüervaluta.  Zwar  glauben  Viele,  selbst  Solche,  die  sich
der  Erkenntniss  nicht  verscliliessen  können,  dass  es  unmöglich
sei,  einem  Lande  das  für  dessen  Verkehrsbedürfnisse  nothvvendige
  Edelmetall  zu  entziehen  oder  zu  vermehren,  es  müsse
dieses  Problem  gerade  in  einem  Lande  mit  Papiervaluta  geingen,
  da  ja  hier  eine  Ausgleichung  der  gestörten  Niveauverlaltmsse
  durch  Zu-  oder  Abfluss  vom  Auslande  nicht  erfolgen
könne.
In  Wahrheit  kann  aber  der  Betrag  der  Circuíationsmittel
‘lurch  die  Zettel-Emission  eben  so  wenig  vermehrt  werden,  als
‘lurch  die  Aufspeicherung  von  ^Metallgeld.  Jede  Geldnote,’  die
‘  em  Circulationsbedarfe  des  Landes  hinzugefügt  wird,  verdrängt
ßiu  entsprechendes  Metallgeldstück  aus  dem  Verkehre.  Hat  die
^otcn-Emission  den  vollen  Umfang  des  nominellen  Geldbedarfes
‘es  betreffenden  Landes  erreicht,  so  i.st  alles  Metallgeld  aus
‘lemselben  abgestossen.  Werden  dann  noch  mehr  Noten  ausgegeben
  ,  so  kann  allerdings  kein  ferneres  Abströmen  stattfinden
und  hierin  liegt  in  j)raxi  ,1er  Unterschied  zwischen  Metall-  und
apiercirculation.  Der  bei  der  ersten  jedoch  nur  hypothetisch
angenommene  Fall,  dass  es  gelingen  könnte,  über  den  Bedarf
voiLandene  Circulationsmittel  künstlich  im  Lande  zu  erhalten,
l^ntt  hier  sofort  mit  allen  seinen  dort  als  nothwendig  nachgcwiesenen
  Wirkungen  auch  praktisch  ein.  Jede  einzelne  der
im  Verkehre  befindlichen  Noten  verliert  genau  so  viel  an
*^aufkraft,  als  neue  Noten  über  den  Bedarf  hinaus  ausgegeben
"erden.  Beträgt  diese  Ueberemission  10  Pecent,  so  wird  bei
sonst  glcichbleibenden  Verkehrsverhältnissen  jede  einzelne-Note
&amp;gt;  Percent  an  Werth  verlieren,  beträgt  sie  50  Percent,  so
Jer,len  50  Percent  an  Werth  verloren  gehen  ,  und  man  mag
''e  Anzahl  und  den  Umfang  der  Geldzeichen  bis  in’s  Unendliche
ermehren,  ihre  Gesammtkaufkraft  wird  doch  immer  die
^^m  iche  bleiben,  die  Geldmenge  wird  nur  extensiv,  niemals
er  intensiv  zugenommen  haben.  Dass  dem  so  sei,  beweist

I  i;
        <pb n="100" />
        90

die  Geschichte  aller  Zettel-Emissionen.  j\ran  glaubt  häufig,  dass
es  das  ^tisstrauen  in  die  Einlösbarkeit  der  Geldzeichen  sei,
was  deren  Entwerthung  hervorrufe,  und  häufig  tritt  allerdings
der  Factor  des  Misstrauens  in  Form  einer  Versicherungsprämie,
die  noch  über  das  Verhältniss  der  Geldmenge  zum  Geldbedarte
hinaus  vom  Geldwerthe  abgezogen  wird,  hinzu,  so  dass  durch
eine  Noten-Emission,  wenn  mit  derselben  auch  lüisstrauen  verbunden ­
  ist,  die  Geldmenge  intensiv  sogar  vermindert  wird,
statt  sich  zu  vermehren.  Aber,  dass  das  Ausschlaggebende
doch  nur  das  rein  mechanische  Verhältniss  der  Geldmenge  zum
Geldbedarte  bleibt,  hat  sich  an  wiederholten  Beispielen  gezeigt.
Als  die  Bank  von  England  ihre  Baarzahlungen  einstellte,  ihre
Noten  daher  Uber  den  Bedarf  ausgegeben  werden  konnten  und
zeitweillig  auch  in  der  That  ausgegeben  wurden,  war  von
Misstrauen  in  die  dauernde  Solvenz  der  Bank  niemals  die
Rede.  Jedermann  wusste,  dass  das  Vermögen  der  Bank  intact
sei,  dass  sie  bei  ruhiger  Licpiidation  nicht  nur  alle  ihre  Gläubiger ­
  befriedigen,  sondern  auch  ihr  volles  Actiencapital  retten
und  für  die  Actionäre  noch  einen  Nutzen  herausschlagen
i  könnte.  Die  Noten  wurden  doch  nicht  zum  Nennwerthe  angenommen ­
  ,  weil  mehr  als  erforderlich  von  denselben  vorhanden
\  war.  Ebenso  macht  der  österreichische  Verkehr  zwischen  den
Noten  der  österreichischen  Bank  und  denen  des  Staates
keinen  Unterschied.  Beide  steigen  und  fallen  im  Werthe
lediglich  nach  dem  Verhältnisse,  das  sich  zwischen  dem  Verkehrsverhältnisse ­
  und  der  Notenmenge  herausstellt  ;  ja  als  die
im  brefidge  der  letzten  Krisis  einhergehenden  gehäutten  Zahlungsverbindlichkeiten, ­
  insbesondere  aber  die  Erschütterung  des
Credits  ein  grösseres  Bedürfniss  nach  Circulationsmitteln  zur
Folge  hatte,  verbesserte  sich  sogar  die  Kautkratt  der  österreichischen ­
  Geldzeichen  trotz  der  Vermehrung  derselben  und
trotzdem  gleichzeitig  das  Vertrauen  in  die  Solvenz  des  Staates
und  der  Bank  unmöglich  gestiegen,  sondern  vielmehr  nothwendigerweise
  gesunken  sein  musste.  Im  Jahre  1872,  in  der
Zeit  der  wachsenden  Steueriiberschiisse  musste  Jedermann  den
österreichischen  Staat  weit  eher  in  der  Lage  glauben  ,  seine
Staatsnoten  einzulösen,  als  zwei  Jahre  s])äter,  wo  die  Krisis
das  Deficit  wieder  zum  Vorschein  gebracht  und  die  finanzielle
liage  des  Staates  bedenklich  verschlimmert  hatte.  Trotzdem
        <pb n="101" />
        91

hatte  das  österreichische  Papiergeld  im  Jahre  1872  ein  durchschnittliches ­
  Disagio  von  O'/a  Percent,  im  Jahre  1874  dagegen
hl  OS  ein  solches  von  5  Percent.
Und  wenn  —  was  ein  günstiges  Geschick  ab  wenden  möge
—  in  Folge  eines  Krieges  oder  anderer  Unglücksfalle  die
österreichischen  Staatsnoten  abermals,  wie  zu  Beginn  dieses
Jahrhunderts,  devalvirt  werden  sollten,  so  wäre  die  Bank  noch
immer  in  der  Lage,  ihre  Notenbesitzer  zu  befriedigen,  und  zwar
vollständig,  wenn  die  Staatsnotendevalvation  eine  massige  ist,
und  selbst  im  Falle  des  vollständigen  Staatsbankerotts  noch
mit  einer  sehr  namhaften  Quote.  Der  Courswerth  beider  ist
aber  ganz  der  nämliche  und  richtet  sich  nach  dem  Verhältnisse ­
  zwischen  Circulations-  und  Verkehrsbedürfniss.  3)

*)  Dass  in  der  That  das  Disagio  nicht  direct  von  dem  jeweiligen  Stande
des  Staatscredits  ahhángt,  ebensowenig  aber  ausschliesslich  von  der  absoluten
Höhe  des  Notenumlaufs,  sondern  hauptsächlich  von  der  Wechselwirkung  der
drei  Factoren:  Geldumlauf,  Verkehrsbedürfnisse  und  Entwicklung  des  Creditsystems,
  beweist  die  folgende  Tabelle  :

■fahr

18-18
1849
1850
1851
1852
1853
1854
1855
1850
1857
1858
1859
1800
1801
1802
1803
1864
1805
1800
1807
1808
1809
1870
1871
1872
1873
1874

Agio

iS;
!!*'■&amp;lt;•
mZ
%
104..  1
141..  0
128.„,
Ë
I;;:
m'Z
121.P,
120.„
109..  ,
106..  ,

Notenumlauf  |  Handel

105.,

222.,,
250..  ,
255.„
188..  ,
383.,,
383..  ,
370..  ,
400..  ,
474..  ,
408..  ,
420..  ,
390..  ,
375..  ,
351..  0
499..  ,
548..  ,
049.OO
09O.„
%:::
639.n.

130.,
1.54.,
277
310.,
405.,
433.,
433.,
474.,
518.,
496.,
486.,
418
473.,
520.,
532.0
545.,
578.,
601.,
547.,
701.,
810.,
857^
827.,
1008.,
1001.;
1006.,
1017..

Escompte

30.„
Ol.yo
37..  ,
45..  ,
36..  ,
Ö3.,4
73..  ,
86..  ,
76..  ,
35t,
58..  ,
61.„
06,,
89..  ,
106:::
%
81.3
87.»
109.»
136..  ,
167..  ,

Cours  der
l’apierobligation
und  der  Rente

181.,
142..

60..  0
64*.
54..  ,
ë
I
        <pb n="102" />
        92

Eine  Papiergeld-Emission  vermehrt  also  die  umlanfende
Geldmenge  blos  den  Ziffern,  nicht  aber  dem  Wesen  nach,  es
kann  ihr  ans  diesem  Titel  auch  keine  Wirkung  auf  den  Zins-Um

  einen  Massstab  für  den  Staatscredit  %n  finden,  wurde  der  Durchschnittscours
  des  massgebenden  östeireichischen  Staatspapieres  und  zwar  bis  zum  Jahre
18(58  der  in  Papier  verzinslichen  Staatsobligationen  und  von  1869  an  der
Papierrente  genommen.  Aus  früheren  Jahren  waren  die  Durchschnittscourse
nicht  zur  Hand,  da  verlässliche  Aufzeichnungen  und  Berechnungen  darüber
erst  seit  dem  Jahre  186.1  von  der  Wiener  Börsenkammer  zusammengestellt
wurden.  Als  Massstab  für  die  Bedürfnisse  des  Verkehrs  dienen  einerseits  die
Aufzeichnungen  über  die  Bewegung  im  auswärtigen  Handel,  andererseits  die
Aufzeichnung  über  die  Inanspruchnahme  der  Nationalbank  im  Escomptegeschäfte.
  Ein  genaues  Yerhältniss  beider  zu  dem  wirklichen  Umfange  des
Verkehrs  in  jedem  einzelnen  Jahre  kann  zwar  nicht  behauptet  werden,  jedoch
bieten  ohne  Zweifel  diese  Daten  im  Ganzen  und  Grossen  ziemlich  verlässliche
Anhaltspunkte  zur  Beurtheilnng  der  einschlägigen  Verhältnisse,  in  der  Art,
dass  eine  Steigerung  des  auswärtigen  Verkehrs  und  'der  Inanspruchnahme  der
Bankcassen  im  Escomptegeschäfte  auf  eine  allgemeine  Steigerung  der  Verkehrsthätigkeit
  gedeutet  werden  kann  und  umgekehrt.  Hinsichtlich  des  Umlanges
der  Circnlationsmittel  muss  jedoch  bemerkt  werden,  dass  die  Zitier  des  Notenumlaufs ­
  bis  zum  .Tabre  18.53  inclusive  ungenau  ist,  da  nur  der  Banknotenumlauf ­
  am  Schlüsse  eines  jeden  Jahres  sich  verzeichnet  findet,  neben  demselben
aber  noch  ein  Umlauf  von  Staatspapiergeld  existirte.  In  den  ersten  3  Jahren
1848,  1849  und  1850  war  jedoch  diese  Staatsnotencirculation  unbedeutend  ;  erst
von  da  ab  bis  zu  Beginn  des  Jahres  1854  wurden  grössere  Quantitäten  unverzinslichen ­
  Staatspajjiergeldes  in  Cours  gesetzt;  auf  dieses  Staatspapiergeld  konnte,
wie  bemerkt,  in  obiger  Zusammenstellung  keine  Rücksicht  genommen  werden,
da  der  von  Jahr  zu  Jahr  wechselnde  Umfang  dieser  Emissionen  in  den  Quellen
nicht  angegeben  ist,  und  die  für  diese  3  Jahre  verzeichnete  Circulationsmenge
erscheint  demnach  in  der  Tabelle  wesentlich  geringer,  als  sie  in  Wirklichkeit ­
  w.ßr.
Es  zeigt  sich  nun,  dass  vom  Jahre  1848  bis  zum  Jahre  1850  der  Notenumlauf ­
  steigt,  und  dem  entsprechend  auch  der  Werth  der  Circnlationsmittel
sich  verringert.  Wohl  haben  sich  gleichzeitig  die  Umsätze  im  Escompte  und
insbesondere  im  Aussenhandel  gesteigert,  dies  dürfte  jedoch  durch  die  Wiedereinsetzung ­
  des  Credites  in  seine  durch  die  Revolutionsereignisse  gestörten
Functionen  wettgemacht  worden  sein.  Dass  im  Jahre  1854  die  Geldentwerthung
fortschreitet,  trotzdem  das  Bedürfniss  im  Escompte  sich  namhaft  erhöht  hat
und  trotzdem  auch  der  Banknotenumlauf  zurückging,  erklärt  sich  daraus,  dass
in  diesem  Jahre  zum  ersten  Male  ein  besonders  starker  Umlauf  unverzinslichen
Staatspapiergeldes  neben  dem  Bankgelde  auftritt.  ln  den  zwei  folgenden
Jahren  sinkt  das  Disagio  sehr  wesentlich,  obwohl  sich  der  Notenumlauf  nur
unwesentlich  vermindert,  da  insbesondere  im  letzteren  Jahre,  in  welchem  auch
die  Verbesserung  des  Geldwerthes  einen  schärferen  Ausdruck  erlangt,  Aussenhandel ­
  und  Escompte  grössere  Ziffern  zeigen.  Im  folgenden  Jahre  steigt  das
        <pb n="103" />
        93

fuss  zugeschrieben  werden.  Richtig  bleibt  allerdings,  dass  di
otenbank  eines  Randes  mit  gestörten  Geldverhältnissen  i,
rer  nnsfusspolitik  \nel  unabhängiger  von  den  reellen  Markt

■
.,i«  der  T"  'i™  Verrrhllmmeums  de.  Beldwehlie.,
•‘“leeiiden  T  1  ""f  Staat.papicrc  parallel  läuft.  Im
weuu  au  »«■■Oour.  der  6perre„t«en  Ol.ligalluueu,
        <pb n="104" />
        94

Verhältnissen  ist,  als  unter  der  Herrschaft  der  Metallvaluta
der  Fall  wäre.  Bort,  wo  beispielsweise  wie  in  Oesterreich  die
Notencircnlation  an  eine  hestiinmte  gesetzliche  IVlaxinialgrenze
und  des  Escomptes.  Im  nächsten  .Jahre  18G8  dagegen  verbessert  siel,  der
Geldwert!,  trotzdem  der  Notenumlauf  weiter  gestiegen  ist  ;  es  dürfte  eben  in
diesem  .Jahre  die  ßteigernng  des  Verkehrs  noch  grösser  gewesen  sein,  als
die  Zittern  über  den  Aussenhandel  und  Escompte  andeuten.  A\  enn  man  die  in
die.sem  Jahre  im  gsossen  Umfange  beginnende  Eisenbahn-lianthätigkeit  bedenkt,
so  erscheint  dies  vollauf  erklärlich.  Der  Cours  der  Staatspapiere  aber  steigt
in  kaum  nennenswerthem  Masse,  keinesfalls  entspricht  diese  Steigerung  der  des
Geld  wert  hes.  Hier  muss  jedoch  bemerkt  werden,  dass  dieses  Stationarbleiben
der  Staatspapiercourse  wohl  zumeist  darin  begründet  sein  mag,  dass  in  diesem
Jahre  die  Zinsenreduction  der  österreichischen  Staatspapiere  discutirt  wurde
und  sich  des  Capitals  in  Folge  dessen  weitgehende  Besorgnisse  bemächtigten.
In  den  folgenden  B  Jahren  ruft  die  fernere  bedeutende  Vermehrung  der  Circu-.
lationsmittel  trotz  gleichzeitigen  Wachsthums  des  Verkehrs  eine  abermalige  Verschlechterung ­
  des  Geldwerthes  hervor.  Im  Jahre  1872  bleibt  der  Geldumlaut  sta  lonär
  die  Verkehrsbedürfiiisse  steigern  sich,  das  Üisagio  sinkt  demnach  mit  rapiden
Sprüngen.  Die  Steigerung  des  Verkehrs  ist  auf  der  Tabelle,  insbesondere
¡111  auswärtigen  Handel  nicht  ersichtlich,  letzteres  schon  aus  dem  Grunde  nicht,
weil  die  Wertliangaben  der  otticiellen  Handelslisten  die  inzwischen  eingetietene
  Veränderung  aller  Waareiipreise  nicht  brachten.  Wer  aber  die  Geschichte
des  Schwindeljahres  1872  kennt,  für  den  bedarf  es  keines  Beweises,  dass  in
diesem  Jahre  die  Verkehrsbedürfnisse  ganz  ausserordentliche  waren.  Das  Jahr
1873  zeigt  einen  ferneren  Rückgang  des  Disagios  ungeachtet  abermaliger,  wenn
auch  geringfügiger  Steigeruttg  des  Notenumlaufes,  und  trotzdem  eine  Steigerung
des  Verkehrs  für  dieses  Jahr  unbeschadet  der  erhöhten  Ziffer  des  Escompte-Portefeuilles
  nicht  anzunehmen  ist,  wohl  aus  dem  Grunde,  weil  damals  bereits
die  Krisis  ausgebrocheii  und  folglich  die  Function  des  Crédités  gelähmt  war,
demnach  ein  relativ  grösseres  Bedürfniss  nach  Circulâtionsmittelii  herrschte.
Tm  .Jahre  1874  endlich  ruft  die  gleichbleibende  Wirksamkeit  des  letzten  Umstandes ­
  ,  verbunden  mit  einer  ausgiebigen  Ermässigung  des  Umlaufes  trotz
gleichzeitigen  Rückgangs  des  Verkehrs  eine  abermalige  Verbesserung  des  Geldwerthes ­
  hervor.  Die  Rentencourse  laufen  mit  der  Werthbewegung  der  Fapieigeldzeichen
  in  dieser  letzten  Epoche  ziemlich  parallel.
Es  zeigt  aber  diese  Tabelle  auch,  dass  der  Geldbedarf  in  Oesterreich
während  des  letzten  Vierteljahrhunderts  sehr  bedeutend  gestiegen  und  gegenwärtig ­
  mindestens  dreifach  so  gross  ist,  als  zu  Beginn  der  Epoche.  Damals
konnten  rund  223  Millionen  Banknoten,  Hand  in  Hand  gehend  mit  einer  höchst
geringfügigen  Circulation  veizinslicheu  Staatspapiergeldes,  sieh  nur  mit  einem
Disagio  im  Verkehre  erhalten,  welches  höher  war  als  das  Disagio  der  dreifach
vergrösserten  Zettelmenge  der  letzten  Jahre.  Es  ist  eben  auch  der  Verkehr  m
diesem  Vierteljahrhundert  ganz  ausserordentlich  gestiegen  u.  zw.  aller  Wahrscheinlichkeit ­
  nach  noch  bedeutender  als  der  Notenumlauf.  Der  Aussenhande
hat  sieh  mehr  als  verdreifacht,  der  Escompte  der  Natioualbank  vervierfacht.
        <pb n="105" />
        95

Kestookt  T  r  '  '  ''!’  ^"'^f"«»r»l'Mk  gewisse  Schranken
f&amp;gt;n,  l.  r  ’  rt  "■«‘«■■e,  als  sie  bei  einer  baareinlösen,len
.  T  •■»■senbliekliel,  lül.lbar  werdenden  üblen  Folgen
,F&amp;lt;ler  falschen  Zinsfnsspolitik  gezogen  sind.  Die  Banken  in  ln
,ve"l'  "7’  y'^t^llgcbl  niü.ssen  ihren  Zinsfhas  stets  nach  den
will!  "  7  'icl'f""-  ^'-nrden  sie  billigeres  Geld  begen,
  als  diesen  Verhältnissen  entspräche,  so  würden  ihre
le  aiikeii  in  ihrer  Metallre-serve  einen  sehr  empfindlichen
.ironieter.  Das  Ausland  kann  ihre  Noten  nicht  braiiehen,  wer
in  tremden  Lande  Geld  sucht,  sucht  eben  nur  lletallgeld  ;  wird
iinii  dem  Auslände  in  grossen  Beträgen  baarer  Credit  bewiligt,
  oder,  was  der  Wirkung  nach  auf  dasselbe  hinaiisläuft
uas  Ausland  veranla.sst,  seine  im  inlande  gewährten  Credite
^nruckzuz.el.en,  so  .strömt  das  Metall  ab,  es  verringern  sich
die  Reserven  der  Banken,  und  da  die  letzteren  sehr  wohl  wissen
(diieb  wenn  ihnen  das  (besetz  in  dieser  Bichtung  keinen  i
ja  wfünrlocl".  Da»  Creditweaen  aber  »cheint  sich  in  dieser  Zeit  in  Oeslerreicb-'
  garn  nur  sehr  inivvesenliich,  keineswegs  aber  in  dem  Masse  gehoben  r.n
::£Lf  “  1  =;:Zn:;r::r=':,-a:
Jahre  i«“  a'‘lor''oaT"'  ""  «rcniationsmit.ein  ;  in.
Kunf.  Millionen  I'fund  iJoldmünze,  18  Millionen  Pfund  Silber-  und
i*fnnd*^T”^^/  iíiHíonen  Pfund  Noten,  zusammen  also  162'/,  Millionen
Zeit  '  ¿  dass  der  Verkehr  Englands  sich  in  dieser
nicht  mindestens  in  demselben  Masse  gehoben  hätte,  wie  der  Verkehr
ij  T'  ^^^4;  wenn  trotzdem  die  Steigerung  des
üurlnisses  nach  Circulationsmitteln  im  letzteren  Verkehrsgebiete  eine  vierfach
Jas  in  Cirossbritannien,  so  kann  dies  seinen  Grund  nur  darin  haben,
(Ve^t  ?  (^"«giGl'igerem  Masse  die  Umsätze  durch  Vermittlung  des
•ts  bewerkstelligt  wurden,  während  hier  zu  Lande  der  Uebergang  von  der
-  uwirthsehaft  zur  t-'reditwirlhschaft  noch  kaum  begonnen  hat
        <pb n="106" />
        96

Fingerzeig  gibt),  dass  die  Verringerung  ihrer  ^tetallreserve  ihre
Solvenz  gefährdet,  so  sehen  sie  sich  alsbald  gezwungen,  dure  i
Zinsfusserhöhungen  die  Creditsuchenden  ini  eigenen  Lande  sowohl ­
  als  in  der  Fremde  von  ihren  Gassen  fern  zu  halteiu  Sie
werden  dies  um  so  rascher  tlmn  müssen,  da  ihnen  das  Lde  -
inetall  nicht  blos  für  Rechnung  des  Auslandes,  sondern  auc  i
für  Rechnung  des  Inlandes,  welches  sie  so  Überreichlich  um
allzu  billig  mit  Credit  versehen,  entnommen  wird;  denn  der
inländische  Verkehr  bedarf  nur  eines  bestimmten  Quantums
von  Noten  und  er  wird  daher  jene  Notenmenge,  die  ihm  ubei
den  Bedarf  hinaus  zugeführt  wurde,  bei  den  Banken  gegen
Metall  eintauschen,  welches,  wenn  überüü^ig,  iivs  Ansian
,  wandern  kann.  Wenn  umgekehrt  diese  Banken  den  Zmstuss
höher  halten  wollten,  als  es  den  thatsächlichen  Verhältnissen
des  luaiides  eiitspreclien  würde,  so  werden  sich  ihre
nicht  blos  in  dem  Masse  verringern,  als  etwa  durch  Erhohuncren
  des  %:insfusses  der  TJbrternehiniingSjgeist  eingeschrinikt  sena
^dRe,  sondern  sie  hüben  amdilder  (kr  Concur^n^  des  VeRmarktes
  zu  begegnen.  Die  Creditsuchenden  im  eigenen  Lande
werden  ausländisches  Geld  zur  Verfügung  haben  und  den
theueren  eigenen  Bankcredit  gar  nicht  benützen.  Die  Thatsache
aber  dass  das  Darniederliegen  ihrer  Geschäfte  nicht  die  Folge
ehies  allgmnemen  DarmedeDmgens  des  Dntmnehmungs^nsR^
sondern  die  der  ungebührlichen  Höhe  ihres  Zinssatzes  sei,  win
den  Banken  ^^nnmls  augeMdicklmh  durch  das  JLmichv^dlen
ihrer  Metallvorräthe  angezeigt,  denn  das  hereinstromende  hemi  e
Geld  langt  eben  als  Metallgeld  an,  dessen  sich  der  inländische
Verkehr,  soweit  es  seinen  normalen  Bedart  übersteigt,  entledigen ­
  und  dasselbe  bei  den  Zettelbanken  gegen  Noten  eintauschen ­
  wird.  Die  Banken  werden  also  im  'erstereii  Falle
die  Zettel,  die  sie  allzu  billig  ausgestreut,  immer  wieder  aut
Kosten  ihrer  Goldvorräthe  zurückerhalten  und  bald  inne  werden ­
  dass  sie  statt  der  Noten  eigentlich  ihren  Metallschatz  so
billiir  verschleuderten;  im  zweiten  Falle  werden  sie  dagegen
inne  wenkn,  dass  sm  dieZetRd,  dm  sm  dem  VerkMire  allzu
theuer  machten,  demselben  nunmehr  unentgeltlich  uheidassen
müssen  Beides  werden  sie  unmöglich  durch  längere  Zeit  tortsetzen,
  das  erstere  niclit  aus  selir  begründeter  Furcht  vcir  (lern
Bankerotte,  das  zweite  nicht  ans  Sorge  für  ihre  Geschalte.
        <pb n="107" />
        97

pie  Zettelbanken  in  den  Papierländern  befinden  sieb  dem
gegenüber  in  der  auf  den  ersten  Anblick  sehr  bequemen,  in
\  abrheit  aber  doch  höchst  peinlichen  Lage,  erst  sehr  spät  zu
\\isseu,  ob  ihre  Zinsfusspolitik  den  reellen  Verhältnissen  des
(Geldmarktes  entspricht  oder  nicht.  Allerdings  haben  auch  sie
f*iiien  IMassstab  darin,  dass  sie  den  Zinsfuss,  wie  er  sich  auf
ofienem  ^larkte  gestaltet,  mit  dem  ihrigen  vergleichen  ;  aber
dieser  Vergleich  kann  sehr  oft  trügen,  da  die  Geschäfte,  die
auf  offenem  Markte  abgeschlossen  werden,  nicht  immer  der
(Tüte  und  Sicherheit  nach  die  nämlichen  sind  und  überdies
‘lieser  Markt,  nach  dem  man  sich  richten  könnte,  nur  selten
Hn  einheitlicher  ist  und  sich  häufig  jeder  Controle  entzieht.
Haben  sie  nun  überhaupt  keine  Grenze  für  ihren  Notenumlauf
al.s  das  eigene  Belieben,  so  werden  sie  in  dem  Falle,  wo  sie
mit  ihrem  Zinsfusse  allzu  billig  sind,  zwar  bemerken,  dass  die
(^reditsuchenden  massenhaft  herbeiströmen,  sie  werden  aber
niemals  wissen,  ob  dies  in  einer  hochgradigen  Steigerung  des
I  nternehmung.sgeistes  oder  darin  seinen  Grund  hat,  dass  sie
selb.st  den  offenen  Markt  allzu  erfolgreich  unterbieten.  Die  Contnirrenz
  des  Weltmarktes  wird  sich  viel  schwerer  bemerkbar
machen,  indem  die  gestörte  Valuta  gleichsam  eine  Scdieidemauer
zwischen  dem  inländischen  und  ausländischen  Verkehre  zieht,
nie  zwar  nicht  absolut  unübersteiglich  ist,  jedoch  immerhin  ausijeicht,
  um  sehr  bedeutende  Differenzen  zwischen  dem  inlännischen
  und  au.sländischen  Zinsfusse  möglich  zu  machen,  ohne
nass  man  (Kredit  vom  Auslande  suchen  oder  gewähren  würde.
Ist  dies  auch  der  Fall,  so  wird  sich  doch  die  Wirkung  eines
allzu  billigen  Zinsfusses  nur  in  der  abnormen  Vermehrung  der
K  reditgesuche  zeigen,  und  dies  wird  eine  kurzsichtige  Bank-Piping
  mit  Rücksicht  auf  die  Steigerung  ihrer  Geschäfte  mögmherweise
  sogar  für  einen  Gewinn  zu  betrachten  geneigt  sein,
he  einmal  ausgegebenen  Noten  können  nicht  zurückströmen,
•(eil  Metallschatz  nicht  angreifen  und  folglich  ihr  Uebermass
^mht  fühlbar  machen.  Umgekehit  wird  die  Bank,  wenn  ihr
piisfuss  höher  ist,  als  es  die  Marktverhältnisse  bedingen,  allermgs
  ihre  (Geschäfte  durch  die  Concurrenz  des  offenen  Marktes  beeinträchtigt ­
  sehen  ;  dies  wird  jedoch  erstlich,  wie  bereits  erwähnt,
"'egen  der  Scheideniauer  des  Disagios  und  der  demzufolge  er-«ehwerten
  Concurrenz  des  Auslandes  nicht  in  so  hohem  Masse
m.  Th.  Hertzka,  Währung  und  Handel.
        <pb n="108" />
        98

(1er  Full  sein,  wie  in  einem  Lunde  mit  ^[etallw.ilirung  ;  sodann  aber
wird  die  Bank  niemals  wissen,  ob  der  Rückgang  ihrer  Geschäfte  in
einer  allgemeinen  Stagnation  des  Unternelnnnngsgeistes  oder
in  ihrer  fehlerhaften  Discontopolitik  %n  suchen  ist.  i\ian  wird
ihr  kein  Metallgeld  zur  Umwechslung  gegen  Noten  präsentiren
und  die  Thatsache,  dass  sie  dem  Verkehre  Geld,  dessen  er
wirklich  bedurfte,  vorenthalten  hat,  kann  nicht  direct  bemerkbar ­
  werden.
Auch  bei  jenen  Banken  in  Papiergeld-Ländern,  die  lui
ihre  Notenausgabe  eine  gesetzliche  Grenze  haben,  ist  zu  Leurtheilung
  der  Richtigkeit  der  Zinspolitik  kein  director  Anhaltspunkt ­
  gegeben.  Die  Vermehrung  der  Noten  wird  allerdings
nicht  in’s  Ungemessene  vor  sich  gehen  können,  aber  es  wild
eben  von  der  jeweiligen  Höhe  des  wirklichen  realen  Geldbedürfnisses ­
  abhängen,  ob  die  Kreditgew  ährung  nicht  schon  lauge
bevor  die  gesetzliche  Grenze  der  Notenausgabe  erreicht  ist,
mit  einer  ungerechtfertigten  Unterbietung  des  idarktes  Hund
in  Hand  ging.
Der  Zinsfiiss  in  einem  Lande  mit  gestörten  Geldverhältnissen ­
  ist  daher  nicht  massiger,  wohl  aber  willküilieber
  als  der  in  einem  Ijaiide  mit  Metallvaluta,  und  da  die
Gesetzmässigkeit  des  Zinsfusses  angesichts  der  steten  Schwankungen ­
  in  den  Marktverhilltnisseu  mit  einer  sehr  schwankenden ­
  Disconto])olitik  gleichbedeutend  ist,  während  die  Villküi,
die  es  nicht  nötliig  hat,  sich  nach  der  von  Woche  zu  Woche
ändernden  Conjnnctur  zu  richten,  in  der  Regel  durch  längere
Zeit-auf  ihrem  Sinne  heharren  wird,  so  besitzen  die  Länder
mit  gestörter  Valuta  fast  ohne  Ausnahme  auch  einen  stabileren ­
  Zinsfuss.  als  die  mit  Metalkeld.  Ob  dieser  willkürliche ­

  und  stabile  Zinsfuss  im  Diirchscbnitte  höher  oder  billiger
ist,  als  es  bei  dem  Bestehen  einer  IMetallvaluta  der  Fall  wäre,
das  ward  zunächst  von  der  individuellen  Auffassung  jener  Persönlichkeiten ­
  abhängen  ,  die  den  Banksatz  zu  regeln  haben.
Auf  die  Dauer  ist  jedoch  gerade  in  einem  Lande  mit  gestörter
Valuta  die  Aufrechthaltung  eines  ungebührlich  theueren  Zinsfnsses
  viel  leichter  möglich,  als  die  eines  ungebührlich
niedrigen.  Insbesondere  gilt  dies  dann,  wenn  der  Notenvermehrung. ­
  eine  Maximalgrenze  gezogen  ist,  sei  es  durch
gesetzliche  Feststellung  eines  Verhältnisses  zwischen  ^letall-
        <pb n="109" />
        99

■
»■B
        <pb n="110" />
        100

Beointviiol.tígten  angonWicldiol.  mit  omov  n™'‘"
molift'age  mir  Completining  ilircs  V.in-atlms  auf  (fern  Markte
■rsolieiuen;  wäliremi  .lerjeinge,  der  die  ueueu  îsoteii  cimtt.rt,
lamit  die  Verfügung  iil.er  ein  gaim  neuen  sonst.
muden  gewesenes  (inantnm  von  Circnlat.onsmitteln  evlmlt  und
.s  daher  demjenigen,  der  in  diesem  Momente  mit  einer  (seldinforderiing
  l.erantritt,  mi  liilligereii  lîediiignngcii  iil,erlassen
kann  und  muss,  als  sonst  der  Fall  gewesen  wiire.  Und  liipr
zeigt  siel,  abermals,  dass  die  Benacbtl.eiligten,  die  eine  Vermindernng
  ihres  Geldvorratlies  erleiden  mussten,  die  Unbill,
die  sie  erfahren,  nicht  auf  Rechnung  der  wirklichen  Ursache
schieben,  während  der  Bevormigte,  der  momentan  billigeres
Geld  erhält,  die  erfahrene  Gunst  der  Notenemission  znschreibt.
Obwohl  nun  dies  nur  so  lange  währen  kann,  als  die  Zettemenge
  im  Zustande  des  Wachsthnmes  ist.  erhält  sich  doch
das  Bewusstsein  der  Wirkung  dieses  Zustandes  auf  den  Zinsfiiss
  dauernd,  und  man  glaubt,  dass  es  nicht  diese  vori.bergehende
  Epoche  der  activen  Zettclvermelu-nng,  sondern  dei
Zustand  des  vermehrten  Zetteliimhinfes  sei,  was  den  Zinslnss
ermässige.  Man  übersieht,  dass  eine  Verdoppelung  der  Umlanfsinittel
  der  Zahl  nach  notbwendiger  Weise  wirkungslos
bleiben  müsse,  wenn  man  zur  Besorgung  jedes  Geschäftes
nunmehr  nominell  die  doppelte  Menge  an  Umlai.fsm.tteln  in
Anspruch  nehmen  muss;  man  bemerkt  nur  die  ihatsache  der
nominellen  Verdoppelung  und  zieht  daraus  seine  Schlüsse,  nnbekümmert
  darum,  ob  die  Thatsachen  denselben  entsprechen
oder  nicht.  .
Umgekelirt  sind  die  Befürclitnngen  iur  den  /instuss  bei
Wiederbevstidlnng  einer  gestörten  Valuta  insofern  gereebtfertio-t
  als  für  die  Dauer  des  ITeberganges  tbatsiicblicb  alle
dieieniUn,  die  während  dieser  Zeit  (leid  henötbigen,  einer
Restriction  unterworfen  sein  können.  Die  Valutaberstellung  ist
nur  im  Wege  einer  Einziehung  aller  überflüssig  circulirenden
Noten  möglich.  Bis  zu  dem  ]\Iomente,  wo  die  cireiilirende
Geldmenge  den  normalen  Umfang  erreicht,  können  neue  (xelddarlehen
  nur  sehr  schwer  und  nur  unter  harten  Bedingungen
gewährt  werden,  l^iit  jedem  Betrage,  der  den  Cireiilationsinitteln
  des  Landes  entnommen  wird,  steigt  zwar  der  innei
Werth  des  in  Circulation  verbleibenden  Restes  der  (xeU-
        <pb n="111" />
        —  101

Zeichen,  alle  Besitzer  dieser  Geldzeichen  werden  die  Kaufkraft ­
  ihres  Geldes  vermehrt  sehen  und  einen  Ueberschuss  in
Händen  haben,  den  sie  zur  Besorgung  ihrer  Geschäfte  nicht
verwenden  müssen  und  der  daher  wohl  geeignet  wäre,  auf
dem  Geldmärkte  den  durch  die  Noteneinziehung  verursachten
Abgang  zu  ersetzen.  Aber  auch  dieser  Rrsatz  kann  sich  nicht
augenblicklich  vollziehen,  am  wenigsten  geschieht  dies  an
jener  Stelle  wo  die  Einziehung  der  Noten  vorgenommen  wird;
diese  wird  die  Credit  Suchenden  zurückweisen,  denen  es  erst
allmälig  und  unter  grossen  Schwierigkeiten  gelingt,  statt  der
gewohnten  Geldquelle  jene  andere  zu  finden,  die  aus  den
Ueberschüssen  der  unter  zahllose  Besitzer  vertheilten  Circulationsquantitäten
  erst  später  und  allmälig  sich  ansammeln
kann.
Dabei  darf  man  jedoch  nicht  übersehen,  dass  die  Restriction ­
  nur  so  lange  fühlbar  ist,  als  mit  der  Einziehung  der
Noten  jene  Grenze  erreicht  wird,  bei  welcher  die  (iesammtsumme
  der  Umlaufsmittcl  den  normalen  Stand  erreicht.  Jede
weitere  Noteneinziehung  kann  nur  mehr  den  Effect  haben,
das  Pajüergeld,  welches  früher  ausschliesslich  den  Verkehr  é
beherrscht  hat,  durch  Metallgeld  zu  ersetzen.  Werden  Noten
unmittelbar  gegen  Metallgeld  eingewechselt,  so  wird  dieses
Metallgeld  allerdings,  so  lan^e  als  das  normale  Niveau  der
Circulationsmittel  noch  nicht  erreicht  ist,  in’s  Ausland  abfilessen  ;
in  dem  Augenblicke  jedoch,  wo  der  Zustand  des  Gleichgewichtes ­
  eintritt,  wird  dieser  Abfluss  aufhören  und  nunmehr
wird  die  Einlösungsstelle  selbst  für  jedes  Papiergeldzeichen,
das  sie  dem  Verkehre  entzieht,  demselben  das  entsprechende
Metallgeldzeichen  verabreichen.  Erfolgt  jedoch  die  Einziehung
der  Noten  auch  ohne  jeden  unmittelbaren  Ersatz  an  Circulationsmitteln
  seitens  der  Einlösestelle,  so  wird  in  dem  Momente
des  erreichten  Gleichgewichtes  der  Ersatz  vom  Auslande
her  erfolgen.  Denn  ebenso  wenig  als  es  gelingen  kann,  ein
metallisches  Circulationsmedium  dauernd  unter  den  Verkehrsbedarf
  zu  erniedrigen,  ebenso  wenig  ist  dies  beim  Uebergange
von  der  Zettelwirthschaft  zum  Metallgelde  der  Fall.  So  wie
dies  versucht  wird,  steigt  die  Kaufkraft  des  Geldes  über
die  normale  Höhe,  und  die  Edelmetalle,  die  früher  aus  dem
Lande  verdrängt  wurden,  weil  sie  eine  Verminderung  ihrer
        <pb n="112" />
        102

i

Kaufkraft  nicht  v  erf  ragen  konnten  ,  werden  nun  hereinströmen,
angelückt  durch  die  Steigerung  ihrer  Kaufkraft.  Es  ist  dahei
auch  ganz  gleicligiltig,  oh  der  Staat  cs  ist,  der  die  papierenen
Circiüatiüiisinittel  etwa  gegen  Ausgabe  von  Schuldtiteln  einzieht, ­
  oder  eine  Kotenhank,  die  dies  in  Form  von  llestrictionen
durchführt.  In  beiden  Fällen  handelt  es  sich  nur  um  die
UeherWindung  der  Schwierigkeiten  des  ersten  Ueherganges,
nämlich  darum,  dass  die  hereinströmenden  Metallgeldstücke
nicht  sofort  zur  Verfügung  jener  Zahlstellen  sein  werden,  die
bisher  die  Creditgeschäfte  des  Irnndes  besorgt  haben.  Eine
Störung  der  Creditverhältnisse  kann  also  bei  unvorsichtiger
und  ungeschäftsmässiger  Durchführung  der  Noteneinlösung
allerdings  hervortreten  —  eine  Einengung  der  Circulationsverhältnisse
  niemals,  und  da  es  sehr  wohl  möglich  ist,  den
Uebergang  ohne  einen  solchen  Fehler  zu  vollziehen,  so  ist  auch
die  ausschweifende  Furcht  der  Credithedürftigen  vor  den
Störungen  des  Ueberganges  nur  bedingungsweise  gerechtfertigt.
Speciell  in  Oesterreich,  wo  gegenwärtig  das  Disagio  auf  wenige
Procente  gesunken,  eine  namhafte  Ueherfüllung  an  Circulationsmitteln
  also  derzeit  nicht  vorhanden  ist,  ist  mit  Rücksicht
auf  die  ungestörte  Function  des  ('redites  während  der  Uebergangsepoche
  hauptsächlich  nur  darauf  zu  achten,  dass  die
eingelösten  Papierzettel  sofort  und  an  der  rechten  Stelle  durch
Metallgeld  ersetzt  werden.
Davon,  in  welcher  Weise  dieser  Uebergaiig  mit  den
geringsten  Störungen  vollzogen  werden  kann,  soll  an  anderer
Stelle  ausführlich  gesprochen  werden.  Hier  genüge  es  zu  constatireii,
  dass  der  Zustand  einer  durch  Vermehrung  der  (Jeldzeichen
  hervorgerufenen  Valuta  Verschlechterung  den  Zinsfiiss
in  heilsamer  Weise  unmöglich  heeinflussen  kann.  Der  Zinsfuss
eines  Papiergeldlandes  wird  willkürlicher  und  minder  schwankend, ­
  aber  auf  die  Dauer  und  im  Durchschnitte  eher  höher
als  niedriger  sein  ,  denn  unter  der  llerrscüiaft  geregelter  (ieldverhältnisse.

Wir  entnehmen  theils  dem  Buche  Seyd’s  „Die  wahren
Orundsätze  des  Bauhuoteuweseiis",  theils  dci"  gründlichen
Arbeit  desGcneralsecretäis  Lucam  „Die  österreichische  Nationalbank ­
  während  der  Dauer  des  dritten  Privilegiums“  die  folgende
Zusammenstellung  über  die  hei  den  Banken  von  England,
        <pb n="113" />
        —  108  —

Frankreich,  Preiisseii  und  (Jesterreiel]  wälirend  der  30  Jahre
vom  September  1844  bis  Ende  1873  geltenden  Zinssätze.
Es  herrschte  ein

Zinsfu.ss  von

3.,?:
4v!:
5"::

durch  Wochen

hei  der  Bank
von  England
134
5¿71
364
96
162
54
153
36
89
49
46
41
13
21

bei  der  Bank
von  Frankreich

163
172
143
530
21
262
18
167
1
42
3
5

2

bei  der  preuasi-»chen
  Bank

947
205
244
7
69
7
30
6
5

bei  der  osten-  '
Nationnlbank  i

768
595
73
87

Daraus  erfriht  sich  vor  allem,  dass  der  Zinssatz  hei  der
Dank  von  Enß^land  im  Durchschnitte  dieser  HO  .Jahre  H  001  Percent, ­
  hei  der  Hank  von  Frankreich  4-20.^)  Percent,  lad  der
pieussischen  Hank  4‘4.^&amp;gt;0  Percent  und  hei  der  österreichischen
National-Hank  4'582  Percent  betrug.  Er  war  also  hei  der
letzteren  höher  als  bei  den  drei  anderen  Hanken  und  es
zeigt  sich  zugleich,  dass  die  Schwankungen  des  Zinssatzes
sieh  hei  allen  vier  Hanken  im  umgekehrten  V'erhältnis.se  zur
durehschnittlichen  Höhe  des  Zinsfusses  verhalten.  Die  grössten
Schwankungen  nach  Zahl  und  Intensität  hatte  die  Hank  von
England;  sie  wechselte  in  diesen  1520  Wochen  den  Zinssatz
nicht  weniger  als  212  Mal,  also  im  Durchschnitte  nach  je
00  Tagen  einmal  und  bewegte  sich  dabei  innerhalb  der  (irenze
Von  2  bis  lo  Percent;  der  Durchschnitt-Zinstiiss  abei-  ist  der
nuissigste.  ^ach  ihr  folgt  die  Hank  von  Frankreich,  deren
Schwankungen  sich  zwischen  2%)  Percent  und  9  Percent,
nlso  innerhalb  einer  Dseillationsgrenze  von  (iba  Percent
bewegen;  sie  wechselte  den  Zinsfuss  8H  Mal  ,  also  im
^Mittel  alle  129  Tage.  Wieder  höher  ist  der  Zinsfuss  der
preussischen  Hank,  deren  Dseillationsgrenze  aber  blos  b  Per-
        <pb n="114" />
        —  104  —

cent  beträgt,  und  die  blos  68  i\Ial,  oder  nach  je  157  Tagen
eine  Veränderung  vornahm.  Den  höchsten  Zinstuss  hat  die
österreichische  Nationalbank  mit  einer  Dscillationsgrenze  von
blos  2'¡2  Percent,  und  mit  14  maliger  ,  oder  je  einer
Zinsfussveränderung  nach  durchschnittlich  760  Tagen.  Im
Uebrigen  gibt  eine  Vergleichung  der  Zinssätze  in  ^  dieser
60jährigen  Epoche  kein  genaues  Bild  der  wirklichen  Zinsfussverhältnisse
  auf  dem  Geldmärkte,  insbesondere  tiii  Gesteiieich,
denn  vom  4.  April  1866  bis  zum  22.  September  1856  verharrte ­
  die  österreichische  Nationalbank  aut  dem  ganz  willkürlichen ­
  ,  künstlich  festgesetzten  Zinstüsse  von  4  Percent,  ohne
irgendwie  das  Bestreben  zu  zeigen,  sich  den  IMarktverhältnissen
  auch  nur  im  Geringsten  zu  accommodiren.  Es  ist  selbstverständlich ­
  ,  dass  sie  mit  diesem  ihrem  künstlichen  Zinssätze
den  landläuiigen  Zinstuss  nicht  beherrschen  konnte.  J)ieser
war  für  Papiere  erster  Kategorie  häufig  massiger  als  der
ihrige,  zeitweilig  aber  auch  doppelt  so  hoch;  der  Bankzinsluss
war  lediglich  für  gewisse  ])rivilegirte  Personen  bestimmt,  die
um  diesen  Preis  Geld  an  den  Bankcassen  erhalten  konnten,  um
es  dann  den  Marktverhältnissen  entsprechend  vertheuert  weiter
zu  geben.  Unter  Berücksichtigung  dieses  Umstandes  hat  nun
der  Generalsecretär  v.  Lucam  in  seinem  oben  citirten  Buche
die  nachfolgende  Tabelle  (s.  Seite  105)  über  die  Veiändei  ungen
des  Zinssatzes  tür  die  Zeit  vom  1.  «laniiar  1863  bis  61.  December ­
  1875  zusammengestellt.
Es  zeigt  sich  im  grossen  Ganzen  auch  hier  die  nämliche
Erscheinung.  Den  massigsten  Zinssatz  hat  die  Hank  von  England ­
  mit  einer  Oseillationsgrenze  von  8  Percent;  ihr  tolgt
die  Bank  von  Frankreich  mit  einer  Oseillationsgrenze  von
5V2  Percent,  sodann  kommt  die  preussische  Bank  mit  einer
Oseillationsgrenze  von  5  Percent  und  den  Reigen  beschliesst
wieder  die  österreichische  Nationalbank  mit  einer  Oscillationsgrenze
  von  2^'%  Percent.
Es  scheint  im  Uebrigen,  dass  die  österreichische  Nationalbank ­
  die  ihr  durch  die  Uneinlöslichkeit  ihrer  Noten  gegebene
Macht,  sich  von  den  reellen  Marktverhältnissen  zu  emancipiren,
nicht  blos  dazu  benützte,  um  den  Zinsfuss  stabil  zu  erhalten,
sondern  thatsächlich  auch  dazu,  um  mit  demselben  willkürlich ­
  unter  jene  Grenze  hinabzugehen,  welche  durch  die-
        <pb n="115" />
        105  -

/

Veränderungen  des  Zinssatzes  vom  1.  Jänner  1863  bis  31.  December  1875.

;  Zins-;
  tuBH  in  :  M
;  Per-  «
centen  j  ’S
:  ^

iank  von  hngland,  reiclf  Ij  Preussische  Bank

(Product  I
der  ||
Wochen  !'
und  Percente)
  ^

I  (Product  !
der  I
Wochen  :
und  Percente)


87
4
61
141%
T8%

2
::
3
3%
4  '  100
4V,  :  28
5
5V,
67,
8  '
'

34%
3
54«/,

34'/,
13%

174
9
152.,
275“*‘
126
3^,4,
g::
137..  .»  —

163«/,
57'/,
29%
134
23
142
95

í6¡  =
536  I  388'/,
103.J  50%

29%'
4%

710
570
206.
56.

143%
52
67,1
9  I

(Product
der
Wochen
und  l’ercente)


Oesterr.  National-;
bank

(Product
der
Wochen
und  J’ercente)
  ¡

1553,40
226,»,
7^6.4„
312
210
42„ol
.81

141%
57«/,

566.
260..,u.,

386«/,!  1934.,,
87  I  522
5  !  3^

678%!  27710,0  678%  2846.,o,  678%l  3141,,,  678'/,!  3315.4.,

m

4  om  l’ercent  l.,„  Percent  '  4.*^,  Percent  i  4..,.  Percent

^larktverhältnisse  geboten  gewesen  wären.  Ihr  Durchschnittszinssatz
  ist  blos  um  (1^50  Percent  höher  als  der  der  Bank
von  Preussen,  um  0  001  Percent  höher  als  der  der  Bank  von
Frankreich  und  um  0-802  Percent  höher  als  der  der  Bank  von
England.  ]\lan  wird  schwerlich  behaupten  wollen,  dass  in
fliesen  Differenzen  der  Unterschied  des  Capitalreichthums,  wie
er  zwischen  Oesterreich  und  diesen  Ländern  besteht,  zum
vollen  Ausdrucke  gelangt.  Wäre  wirklich  der  Zinsfuss  in
Deutschland  blos  um  V4  Percent,  in  Frankreich  um  Percent
und  in  England  um  %Q  Percent  mässiger  als  in  Oesterreich,  so
wäre  es  unbegreiflich,  warum  alle  diese  Länder  andauernd  so
ijedeutende  Capita  lien  nach  Oesterreich  entliehen  u.  zw.  trotz
fier  Scheidemauer,  welche  die  Zettelwirthschaft  zwischen  ihrem
und  dem  österreichischen  Capitalmarkte  aufgerichtet  hat.  Wer
flie  Verhältnisse  des  österreichischen,  deutschen  und  französischen ­
  (Geldmarktes  genauer  kennt,  wird  ohne  weiters  zugeben, ­
  dass  zwischen  dem  ersten  und  zweiten  jedenfalls  ein
        <pb n="116" />
        106

grösserer  Unterschied  des  Reichtlinins  besteht  als  zwischen
dem  zweiten  und  letzten  und  doch  beträgt  die  Differenz  des
Zinssatzes  zwischen  der  österreichischen  und  preussischen  Dank
1)los  Vt  Tercent,  die  des  Zinssatzes  zwischen  der  preussischen
und  französischen  Bank  aber  beinahe  '/a  Bercent.  Die  Aufklärung ­
  dieses  Häfhsels  liegt  ziemlich  nahe.  Die  Bankraten
der  westeuropäischen  grossen  Zetfelinstitute  sind  eben  mit  dem
durchschnittlichen  Zinsfusse,  wie  er  sich  auf  offenem  idarkte
für  erstes  l’apier  herausstellte,  im  grossen  (faiizen  immer
gleichbedeutend,  während  die  österreichische  Bankrate  iin
Durchschnitte  nicht  unwesentlich  niedriger  ist,  als  der  Durchschnittssatz ­
  auf  dem  österreichischen  idarkte  und  keinen  verlässlichen ­
  Anhaltspunkt  für  die  wirkliche  Höhe  des  landläufigen ­
  Zinsfusses  gibt.  ]\[au  darf  nicht  vergessen,  dass  eine
Zettelbank  wohl  einen  sehr  bedeutenden  Antheil  vom  Escomptegeschäfte
  jedes  Landes  absorbirt,  dasselbe  jedoch  keineswegs
monopolisiren  kann.  Nach  einer  Zusammenstellung,  welche  die
in  Wien  unter  dem  Titel  „D(‘r  Tresor“  erscheinende  Zeitschrift
am  10.  November  1875  über  das  Escompteportefeuille  aller
österreichischen  und  ungarischen  Creditinsfitute  brachte,  war  die
österreichische  National  bank  im  .Jahre  1871  mit  o4  l’crcent,  im
Jahre  1872  mit  J5  6  Bercent,  im  Jahre  187J  mit  J7'8  Bercent
und  im  Jahre  1874  mit  JO  Bercent  am  gesammten  Escompte
der  österreichischen  Creditinstitute  betheiligt,  also  im  Durchschnitt ­
  mit  ungefähr  einem  Drittheil.  Bedenkt  man,  dass  ausser
den  Creditinstituten  (zu  denen  übrigens  in  der  Zusammen
Stellung  des  Tresor  auch  die  Sparcasseu  und  Versicherungsgesellschaften ­
  gerechnet  sind)  noch  sehr  bedeut  ende  anderweitige ­
  Geldquellen  in  jedem  Laude  existireu  —  wir  erwähnen
blos  die  grossen  Eisenbahnen  und  die  Brivatescompfeure  —
und  dass  ferner  insbesondere  in  Oesterreich  auch  das  Ausland
an  den  Escomptegeschäften  stark  betheiligt  ist,  so  wird  mau
zu  '  dem  Schlüsse  gelangen,  dass  die  österreichische  Nationalbank ­
  schwerlich  mehr  als  20  IVrcent"  des  Gcsammt-Esconqifegeschäftes
  der  iMonarcIde  in  Händen  hat.  Und  es  ist  eine  in
Oesterreich  ebenso  bekannte  Thatsache,  dass  die  andern  Geld-([uellen
  mit  ihrem  Escomptesafze  unbekümmert  um  die  Bankrate
  fast  ausnahmslos  sehr  bedeutend,  in  der  Provinz  häufig
mit  dem  Doppelten,  über  diese  hinausgehen.
        <pb n="117" />
        107

tfcö

Qt

,  ^  Uniuer/itc
Aul  die  durclisclinittliche  Höhe  des  landläuf  '
insses  muss  aber  die  willkürliche  und  ungenügende  «
Hankrate  offenbar  eher  schädlich  als  nützlich  zurü^
aben.  Vergrössert  wurde  blos  der  Gewinn  der  inlünuiscnrrr
Hscompteure  und  jener  Geschäftshäuser,  die  in  der  Lage
waren,  die  Hankcassen  direct  in  Ansjiruch  zu  nehmen.  Für
'lie  Gesammtheit  der  geldbedürftigen  rroduccnteu  und  Handeltreibenden ­
  musste  dies  aus  dem  Grunde  naehtheilig  sein,  weil
i^ie  wulernatürliebo  Ermässignng  der  Hankrate  dem  auslän-•lischen
  Cajutale  den  Zutritt  erschwerte,  felglich  dessen  Coneurrenr.
  auf  dem  inländischen  Cajiit  aismarkte  verringerte  und
T  'J.*'  inländischen  Cajdtalisten  iu  den  Stand  setzte,
'lenZinstuss  hoher  zu  erhalten,  als  sie  bei  höherer  Hankrate
hie  eine  stärkere  Betiieiligung  des  ausländischen  Capitals  zur
0  ge  gehabt  hatte,  im  fetaiide  gewesen  wären.  Es  war  also
Wieder  nur  eine  willkürliche  Verschiebung,  nicht  aber
■iiue  wirkliche  Verbesserung  der  Zinsfussverhältnisse,  was
&amp;lt;lie  Emancipation  der  Hank  von  den  reellen  Marktverhältiiissen
  herbeitiilirte.  Und  diese  Verschiebung  war  um  so  un
gerechter  und  schädlicher,  da  sie  diejenigen  am  härtesten  traf,
'lie  der  meisten  Schonung  und  Unterstützung  bedürfen,  nämicli
  die  kleinen  l'roducenten  und  Händler,  die  am  voUstän-'ligsten
  von  den  Zwischcn-Escompteuren  abhängig  sind.
Dass  auch  die  Hankrate  selbst  durch  die  Zettelwirthsehaft
  nicht  ermässigt  werden  kann,  wenn  anders  in  solchem
talle  die  betreffende  Hank  es  versteht,  sich  den  reellen-Markt-Verhältnissen
  zu  accommodiren,  zeigt  der  Zinsfiiss  der  Hank
von  hrankreieh  während  der  letzten  ,Jahre,  wo  diese  durch
'Ion  Staat  verhindert  war,  ihre  Noten  haar  eiiiznlösen.  Ihr
-iiistuss  111  dieser  Zeit  betrug  im  J)urch.schiiitte  rund  iyjiy
'■rcent,  also  um  rund  Udfi  Percent  mehr  als  im  Durchschnitte
1er  vorhergehenden  .Jahre,  in  ,lenen  ihre  Solvenz  nicht  ge-Stört
  war.  ”

Kraniz  *•  ''«kaniitlich  den  Noten  der  Jtank  von
"i/ZZ  y  r  """"Tnr  ^  hatte
fol.!  ,  Von  da  ah  fände,,  hi«  Kode  ]87r,  die
b*^n,len  \  erajitiernnpen  statt:
Am  i¿().  Juli  1871  wurde  der  Zinsfass  auf  5  Percent  lixirt
«  '4.  November  1871  „  „  (j
        <pb n="118" />
        108

Alles  bisher  Gesagte  gilt  auch  unter  der  Voraussetzung,
dass  das  arbeitende  Capital  eines  Landes,  dessen  b  iille  doch
in  erster  Linie  den  Zinstuss  bestimmt,  durch  den  Zufluss  fremder ­
  Capitalien  oder  durch  den  Abfluss  eigener  (’apitalien  in
die  Fremde,  keiner  Veränderung  unterworfen  ist.  Nun  sind
aber  die  Verkehrsgebiete,  die  lediglich  mit  eigenem  Capitale
arbeiten  und  deren  Capitalien  sich  aut  das  eigene  Land  beschränken, ­
  in  Wirklichkeit  kaum  vorhanden.  Das  Capital  ist
im  höchsten  Grade  kosmopolitisch  und  lässt  sich  nur  schwer
in  nationalen  Grenzen  festhalten.  Betrachtet  man  aber  den
Einfluss  der  Valutastörung  auf  die  internationale  Capital  be  wegung,
  so  ist  unmöglich  zu  verkennen,  dass  dieser  Einfluss  nur
ein  hemmender  sein  kann.  Jede  Wanderung  von  Capital  aus
oder  nach  einem  Lande  mit  gestörter  Valuta  ist  einei  sogenannten ­
  Valutasjieculation  gleichzuachten.  Der  Capitalist,  der
nach  dem  Lande  mit  zerrüttetem  Geldwesen  leihen  will,  ^iid
sich  dieser  Valutaspeculation  nur  sehr  schwer  unterziehen,  er
wird  in  der  Hegel  seinem  Schuldner  die  Verpflichtung  auieilegen,
  ihm  Zahlung  nicht  in  dem  schwankenden  Landgelde,
sondern  unter  allen  Bedingungen  in  vollwerthigem  Metallgelde
zu  leisten.  Dieser  Bedingung  aber  wird  sich  der  Schuldner  nur
sehr  widerwillig  fügen.  Zwar  ist  der  Werth  des  Metallgeldes

Am  28.  Februar  1872
„  15.  October  1873
„  10.  November  1873
»  18^
r  2T  ,  18^
„  5.  Marz  1874
„  4.  Juni  1874
Es  herrschte  also  :

urde  der  Zinstuss

n  n  n
n  n  n
n  M  M
))  n  rt
n  n  «
»  »  ”

auf  5  Percent  fixirt,
»  Ü  II  I»
I,  7  „  II
n  fl  «  ”
n  4V2  II  «
»4  M  M

Ein  Zinsfuss  von

Durch  Wochen

Dies  ei’Kiht  ein  Product  der
Wochen  imd  Percente.

4  Percent.
4’/s  n
5  n
6
7

30
12«/7
6IV7
79*/:
D/:

120  1
57*/,
307*/,
475*/,
10
        <pb n="119" />
        109  —

«las  Stal&amp;gt;i]e  und  der  Werth  seiner  Landesvalnta  das  Schwankende; ­
  er  aber  wird  die  Saclie  nmgekelirt  empfinden,  nnd
zwar  ans  dem  ixrnnde,  weil  sich  die  Preise  der  meisten
\  aalen  nnd  der  Löline,  wie  früher  gezeigt  wurde,  in
einem  Lande  mit  gestörter  Valuta  nicht  sofort  nach  den
Schwajiknngen  des  (-»eldwerthes  richten  nnd  demnach  im  Falle
solcher  Schwankungen  für  den  Schuldner  eine  sehr  empfindliehe,
  unter  Umständen  sogar  eine  ihn  zu  Grunde  richtende
Ditferenz  entstehen  kann.  Wenn  er  z.  B.  1000  fl.  in  Silber  entliehen ­
  hat,  unter  der  Voraussetzung,  dass  er  mit  dieser  Summe
2000  Arbeitstage  werde  bezahlen  können,  und  nun  der  Werth
der  Landesvaluta  plötzlich  sinkt,  so  wird  er  möglicher  AVeise
beim  Fälligkeitstermin  seiner  Schuld  zum  Ankäufe  der  1000
Silbergulden  eine  Summe  in  Landesvaluta  verwenden  müssen,
mit  welcher  er  ÖOOO  Arbeitstage  hätte  bezahlen  können.  Er
wird  zwar  auch  die  Chance  eines  analogen  Gewinnes  haben,
doch  wird  es  in  den  seltensten  Fällen  den  Neigungen  eines
Holiden  Unternehmens  entsprechen,  ausser  der  Gefahr,  die  sein
Gcschätt  auch  bei  der  genauesten,  sorgfältigsten  Berechnung
«chou  aus  inneren  Gründen  für  ihn  bergen  kann,  auch  noch
die  Gefahr  einer  von  seiner  eigenen  Geschäftsconjunctur  ganz
unabhängigen  Valutaconjunctur  auf  sich  zu  nehmen.
Dazu  kommt  noch,  dass  diese  letztere  (xefahr  für  den
inländischen  Unternehmer  allemal  dann  am  grössten  ist,  wenn
der  Unternehmungsgeist  gerade  durch  dieselbe  Valutaconjunctur
den  stärksten  Impuls  empfängt,  und  daher  nach  Capitalien
eine  starke  Nachfrage  herrscht.  Wie  nämlich  früher  gezeigt
wurde,  wird  der  Fxport  jedes  Landes  mit  gestörter  Valuta
dann  in  dei  höchsten  Blüte  stehen,  wenn  die  Geldentwerthung
tortschreitet.  In  einer  solchen  Epoche  wird  Capital  gesucht ­
  sein,  aber  jeder  Unternehmer  wird  dasselbe,  selbst  zu
lästigeren  Bedingungen,  lieber  von  einem  inländischen  Capitabsten
  entlehnen,  den  er  in  inländischer  Valuta  zu  zahlen  hat,
bevor  er  sich  entschliesst,  bei  steigendem  Disagio  die  Verpflichtung ­
  zu  übernehmen,  in  Metallgeld  zu  zahlen.  Leichter  würde
man  sich  in  einem  Lande  mir  gestörter  Valuta  zur  Ueber-Uahme
  derartiger  Verpflichtungen  bereit  finden  lassen,  wenn
bie  Landesvaluta  in  einer  Verbesserung  begriffen  ist.  Aber  in
t-ljoehen,  wo  dies  geschieht,  liegt  der  Unternehmungsgeist,  wie
        <pb n="120" />
        lio  —

^leiolifalls  tVi'ilior  gozrigt  wnrde,  daruieder,  man  brandit  in
soldien  Zdtan  wenig  Capital  nnd  man  wir'd  daher  im  Allgemeinen ­
  in  dem  Papiergeldlande  fremdes  (\apital  verliältnissmässig
  am  leichtesten  nehmen,  wenn  man  es  nicht  hranelit,
verilältnissmässig  am  schwersten  jedoch  in  Zeiten,  wo  man  es
hranchen  könnte,  lias  (iesammtresnltat  wird  sein,  dass  fremdes ­
  (Kapital  in  ein  solches  Land  iiherhanpt  nnr  selten,  jedenfalls ­
  weit  seltener  gelangen  kann,  als  unter  der  Herrschaft
gesunder  GrcldVerhältnisse  der  Fall  wäre.  Und  ähnlich  verhält
es  sich  nach  der  entgegengesetzten  Seite,  weiin  das  Land  mit
gestörter  Valnta  im  Besitze  iiherfliissiger  ('apitalien  ist,  die
im  Anslande  Verwendung  snchen.  Hier  wird  der  (Kapitalist
es  sein,  der  in  allen  Fällen  die  Cfefahr  der  Valntaconjnnctnr
anf  sich  nehmen  muss,  da  der  Ausländer,  dem  er  seine  (Kapitalien ­
  darleiht,  kaum  jemals  gesonnen  sein  dürfte,  sich  zn  einer
Rückzahlnng  in  der  fremden,  ihm  nnhekannten  nnd  schwankenden ­
  Landes  valnta  zn  verpflichten.  Hie  Rentner  des  Pajiier-1
  andes  werden  aher  ehen  so  wenig  als  die  irgend  eines  anderen
Verkeil  rsgehietes  sonderlich  geneigt  zn  Valntaspecnlationen
sein,  nnd  daher  schon  ganz  im  Allgemeinen  lieber  zn  billigem
Zinssätze  im  eigenen  Lande  als  zn  hohem  im  fremden  Lande
Held  ansleihen.  Dazu  kommt  ancli  hier  wieder,  dass  für  sie
die  (Hüahr  der  Valntaspecnlation  dann  am  grössten  ist,  wenn
sie  für  ihr  Capital  im  eigenen  Lande  die  geringste  Verwendnng
  haben,  nämlich  wenn  ihre  heimische  Valnta  in  tortschreitender ­
  Verbessernng  begriffen  ist  nnd  sie  daher  beisjiielsweise
für  Í000  (Hilden  Landesgeld,  mit  denen  sie  NOO  (Hilden  Silbergeld ­
  gekauft  nnd  an  das  Ansland  verliehen  haben,  nach  Ablauf
einiger  Monate  zwar  dieselben  800  (Hilden  Silbergeld  znrückerhalten,
  die  aber  nunmehr  etwa  blos  0(X)  Gulden  Landesgeld
werth  wären.  Umgekehrt  werden  sie  in  Zeiten  fortschreitender
(feldverschlechternng  zwar  leichter  geneigt  sein,  die  mit  einem
Darleihensgeschäfte  in  die  Fremde  verbundene  Valntaspecnlation
  zu  übernehmen  ;  aber  gerade  in  solchen  Zeiten  werden
sie  das  Ausland  auch  leicht  entbehren  können,  da  das  Wachsthum ­
  des  inländischen  Unternehmungsgeistes  ihren  Capital  len
daheim  reichliche  Beschäftigung  bietet.
Für  alle  Fälle  ist  also  eine  Absch  1  iessnng  des  einheimischen ­
  (Kapitals  vom  ausländischen  die  Folge.  Tndessen
        <pb n="121" />
        Ill

e  „Inder  mit  verlmltnissmässig  geringer  (;a|)it,ilskraft  sind
Die  gestörte  Valuta  liält  also  von  tlesterreiel,  fremde
apitahen  fern.  Es  i.st  dies  ein  Moment,  welei.es  nicht  nur
n  /insfnss  ganz  im  Allgemeinen  und  dauernd  erliölien  muss
sondern  überdies  dnrel,  das  Hinzntreten  des  Umstandes,  dass
die  fremden  Kapitalien  gerade  in  den  Zeiten  der  leldiaftesteii
nteinelimiingsliist  am  wirksamsten  versclieiielit  werden  zu
Kerade  dann  siel,  znrüekziel.t,  wenn  der  Zin.sf„ss  obneliin
"  ‘  -'.’'.liiiictiir,  bei  weleber  die  beimi.sebe  IVoilnetion
11  grosseren,  I  mfange  für  das  Ausland  z«  arbeiten  in  der
Uge  ware.  Mass  der  Nutzen,  den  die  IVodnetion  des  Landes
n  solchen  Zeiten  ans  der  sogenannten  giinsligen  Valnlaeon.
.  iiietnr  zieht,  ziim  grössten  Theile  nur  ein  .scheinbarer  ist
a  .  er  d.yan  dar,  bans  nichts;  die  Verthenernng  ,les  Zimsfasses
Kann  hochslens  den  einen  Effect  haben,  der  l'rodnction  aaeh
&amp;lt;•11  geringen  liest  reellen  Nutzens,  den  sie  aus  der  Con-.
  iiictar  zic  icn  konnte,  za  rauben  and  den  Rentnern  des
candes  in  den  Seho.ss  z„  werfen.  Um  sich  vorzustellen,  dass
"  .  Hehinderang  der  Production  ein
«irkl,eher  Nutzen  geleistet  würde,  müsste  man  annehmen,  dass
nitcr  der  Herrschaft  einer  solchen  Valatacon,i«nct„r  nicht  nur
«  Jhal  des  scheinbar  erzielten  Exportiintzens,  sondern  dieser
ganze  Nutzen  anreell  and  ffctiv  sein  masa.
H^genri;iöt%/1%"  mr  ffn,!:,/'!
•■iiihaltnng  der  fremden  Kapitalien  der  Zinsfuas  in  de,,,  Lande
        <pb n="122" />
        112

nit  gratörtPr  Valuta  sich  claupniil  liiiliar  gastalt™  muss  als
niter'lier  Herrscliaft  georcliieter  (Tcldverliültniaae  der  Fall
vnre  TMe  scl.eiul.ar  lieilsaine  Wirkung  derValntastörnug  au
ion  Zinsfnss  liât  sirl.  also  iu  das  «egentlieil  verwandelt.  Und
nit  Riicksiclit  auf  diesen  Factor  Initten  In'iclistens  die  «  a,ntaisten
  ein  Interesse  daran,  für  die  Aufreelitlialtung  der  Zettelivirtliseliaft
  einzustellen.  Für  die  (lesannntlieit  alier  .st  diese
Wirkung  der  Zettelwirtliseliaft  iiielit  Idos  iu  socialer  1  insu  i  ,
näinlicli  in  Folge  der  nngereeliteren  drückenderen  Elllkoinraeiisvertlieiliing,
  vonUeliel,  sondern  aneli  insofern,  als  dadme  i  ,  as
lietreftende  Land  dem  Auslai.de  iu  liölierein  (T.-ade  trdni  a.
wird  als  sonst  der  Fall  wäre.  U-a.iz  aligel.alteii  werden
iiiiinlicli  die  fremden  Capitalien  auch  durch  die  Valntastorung
nicht,  sie  werden  nur,  wie  wir  gesehen  haheii,  zu  driickeiidereu
SÄTrr
welchen  durch  die  Valuta.störnng  der  Ziiisfi.ss  iiherden  noriiialeii
Stand  erhöht  wird,  ist  als  directer  mir  durch  diesen  tactoi
liervorgerufener  Verlust  für  die  (lesamiiitheit  zu  hetrachten
Um  Miasverstiindni.sseu  vorzuheiigen,  soll  hier  sofort  heineik
werden,  dass  diese  Auffassung  mit  derjenigen,  die  in  jedef
Keilte,  die  für  geliehenes  Capital  in’s  Ausland  wandert,  einen
Verln.st  erblicken  will,  nh  lits  gemein  hat.  Die  irenideii  Capitalien
  arbeite«  hu  Inlande,  und  in.  Durchs,liintte  ist  es
ganz  unzweifelhaft,  dass  der  Nutzen,  den  sie  mit  sich  hiingeii,
grösser  ist  als  der  Zins,  der  tür  sie  entrichtet  werden  muss.
\Vilre,  es  anders,  so  würde  man  sie  eben  nicht  entleihen,  denn
die  Unternehmer  werden  unmöglich  Capitiilien  anine  niieii
wollen,  wenn  deren  Verwendung  ihnen  nicht  iiher  die  Zinsen
hinaus  noch  einen  Unternelnnergewiun  filing  lasst.  Also  auch
die  unter  der  Herrschaft  der  l’apiervaliita  zu  relativ  drückenderen ­
  Bedingungen  entlehnten  Capitalien  müssen  n.i  Lande
„och  einen  Nutzen  zurücklassen  ;  aber  darum  hleiht  es  nicht
minder  wahr,  dass  jener  Betrag,  um  welchen  die  fremde
setzen  ist  Denn  iu  dieser  Hinsicht  hleiht  es  gleichgiltig,  o
mit  Rücksicht  auf  andere  wirthschaftliche  Factoreu  v.m  einem
        <pb n="123" />
        113

/um  Solilusae  soll  liier  noch  ein  Argument  erwälinl
werden,  das  liänfig  gegen  die  Anschaiinng  geltend  gemachl
wird,  dass  der  Zinsfhss  nicht  von  der  Geldmenge,  sonderr
\on  der  (  apitalslülle  abhänge.  Man  verweist  darauf,  dass  die
grossen  Banken  regelmässig  ihren  Zinsthss  erhöhen  ,  wenn  ihre
Metallreserye  angegriffen  wird,  und  hält  dies  Schwinden  der
Reserve  mit  einer  Verringerung  der  Circulationsmittel  für
gleichbedeutend.  Tn  Wahrheit  ist  jedoch  diese  Identität  der
Reserve  und  des  jeweiligen  Umfanges  der  Circulation  nur  unter
gewissen  Voraussetzungen  vorhanden.  Wenn  die  Circulationsmittel
  durch  das  Hereinströmen  fremder  Metalle  sich  vermehren, ­
  dann  wird  diese  Thatsache  in  einer  Anschwellung
der  Bankreseiwe  zum  Ausdrucke  kommen  und  demzufolge  ermässigend
  auf  den  Zinsfuss  wirken,  und  umgekehrt  wird  eine
Verringerung  der  (ärciilationsmittel,  die  durch  Abströmen
der  Edelmetalle  hervorgerufen  wird,  die  Bankreserve  vermindern ­
  und  dadurch  eine  Erhöhung  des  Zinsfnsses  hervormíen.
  Wenn  jedoch  die  Vermehrnng  der  IJmlanfsmittel  durch
eine  Vennehrung  der  Notenausgabe  seitens  der  Bank  vor  sich
geht,  dann  wird  dies  die  Bankreserve  vennindern,  und  umgekehrt ­
  wird  eine  Verminderung  des  Notenumlaufes  durch  die
Bank  die  Bankreserve  erhöhen;  nunmehr  wird  die  Vennehrung
der  Circulation  zur  Zinsfusserhöhung,  die  Verminderung  der
selben  zur  Zinsfussermässigung  führen.  Ini  Allgemeinen  soll
aber  mit  der  Bebau|,tnng,  dass  der  Zinsfuss  vom  Capitaland
  nicht  vom  (leldvorrathe  abhänge,  durchaus  nicht  gesagt
sein,  dass  nicht  eben  der  Zinsfuss  berufen  sei,  regulirend  auf
den  Celdvorrath  zu  wirken  ,  d.  h.  Held  herbeizuziehen,  wenn
davon  vorübergehend  weniger  vorhanden  ist,  als  den  Circiila-Ronsbedürfnissen
  entspricht,  und  umgekehrt  den  Abdusss  desselben ­
  zu  erleichtern,  wenn  davon  über  den  Circulationsbedarf
sich  angesammelt  hat.  Nur  dürfen  dabei  der  Stand  der  Circulationsmittel
  und  der  Zinsfuss,  nicht  in  der  M^eise  als  Ursache  und  Wirkung ­
  betrachtet  werden,  als  ob  der  letzte  Urund  immer  in  dem
^laen,  die  Wirkung  immer  in  dem  anderen  zu  finden  wäre,  oder  als
ab  es  gelingen  könnte,  durch  wie  immer  geartete  Veränderung  ini
j^taiide  der  Geldzeichen  den  Zinsfuss  dauernd  zu  beeinflussen.  Beide
Gdingen  sich  wechselweise,  und  zwar  so,  dass  hoher  Zin.sfuss  Gelda
  lerfluss  herbeirnft,  dieser  wieder  den  Zinsfuss  erniässigt,  mässigei
Hr.  TU.  H  e  r  t  z  k  a  ,  Währung  und  Handel.  y
        <pb n="124" />
        114

ZiiisfnsR  dann  Geldmangel  liervorrnft,  der  wieder  den  Zinsfusi^
erhülit  und  so  fort  in’s  Unendlielie.  Die  unerliissliclie  Voraussetzung ­
  dieser  V'ecliselwirkuug  ist  eben  die  stete  Veränderliclikeit
  des  Geldumlaufes  in  Form  von  Abfluss  und  Zufluss
der  Edelmetalle.  Vlirde  diese  Strömung  gebemmt,  würde  der
Geldumlauf  von  auswärtigen  Einflüssen  isolirt,  so  wurde
augenblicklicb  jeder  Einfluss  der  Circulationsmenge  auf  den
Zinsfuss  aufhören,  denn  dann  träte  an  die  Stelle  der  Veranderlicbkeit
  der  Umlaufsmenge  die  Veränderliobkeit  des
Wert  bes  der  gleiclibleibenden  Umlaufs(|nantitäten.  Bei  einer
Veränderung  der  Verkebrsbedürfnisse  könnte  dann  durch  den
Zinsfuss  nickt  mehr  Geld  angelockt  oder  abgestossen,  sondern
blos  der  Geldwerth  erhöbt  oder  vermindert  werden.  Die  \orstellung
  aber,  dass  man  durch  Zufuhr  von  Circulationsmitteln
den  Zinsfuss  niedrig,  ihn  durch  Abfuhr  hoch  erhalten
könne,  ist  eine  Verwechselung  von  Wirkung  und  Ursache,
eine  Verwechselung  um  so  bedauerlicherer  Art,  da  die  V  irkuiig
die  nämliche  bleibt,  wenn  es  durch  ein  künstliches  Mittel
gelingt,  die  angebliche  Ursacdie  feruzuhalten,  und  umgekehrt
Inch  "diese  Ursache  künstlich  hervorgerufen  werden  kann,  ohne
die  angeblich  mit  ihr  noth  wendig  verbundene  Wirkung  zu
äussern.  ,  ,,  •  .r
Wir  resumiren  also:  Der  Zinsfuss  ist  abhängig  vom  Verhältnisse ­
  des  verfügbaren  Capitals  zur  capitalbedürttigen
Production;  auch  der  für  Geldcapitalien  zu  zahlende  Zinsfuss
hängt  auf  die  Dauer  nicht  von  der  Geldmenge  ab,  denn  diese
ist  eine  durch  das  Ciiculatiousbedü  rfuiss  gegebene  Grösse,
die  willkürlich  weder  verringert  noch  vermehrt  werden  kann;
nur  vorübergehend,  wenn  in  Folge  einer  Veränderung  der
Verkehrsverhältnisse  der  Bedarf  nach  Circulationsmitteln  sinkt
oder  steigt  und  dem  entsprechend  ein  Abfluss  oder  Zufluss
von  Geld  nothwendig  wird,  richtet  sich  der  Zinsfuss  für  Geldcapitalien ­
  während  der  Dauer  der  Ausgleichung,  d.  h.  insolange
  als  durch  Ah-  oder  Zufluss  das  Gleichgewicht  im  Circulationsmittelstande
  nicht  hergestellt  ist,  auch  nach  dem  Verhältnisse ­
  des  Geldvorrathes  zum  Gebrauche.
        <pb n="125" />
        8*

VI.  Capitel

Einfluss  (1er  Valuta  auf  den  Wechselcours.

Da  namentlich  in  neuerer  Zeit  auf  keinem  anderen  (Gebiete
der  Handelmwissenschaften  grössere  Trrtlnimer  und  folgenscl.werere
  Begriffsverweelislungen  begangen  werden  als  auf  dem
I  er  Theorie  der  AVeehseleourse,  so  wird  es  nicht  überflüssig  sein
diese  Theorie,  so  treffend  sie  auch  kürzlich  von  mehreren
Autoritäten,  insbesondere  von  (löschen,  Soetbeer,  Nasse  und
Bamberger  erläutert  worden  ist,  hier  nochmals  in  ihren  (frundzügen
  zu  beleuchten,  um  dann  von  den  gewonnenen  Resultaten
auf  die  Beeinflussung  dieses  hochwichtigen  Factors  der  internationalen ­
  Hamlelsheziehungen  durch  die  Valutaverhältnisse
überzugehen.

(Gleichwie  im  Binnenhandel  nur  ein  geringer  Theil  d
Handelsgeschäfte  durch  Vennittlung  des  (Feldes  bewei
_  igt  ^iid,  so  gilt  dies  auch  für  den  international
Verkehr.  Es  hängt  von  der  Entwicklung  des  Oeditsystei
der  handeltreibenden  Nationen  ab,  ob  sie  ihre  Zahlungsverbir
iichkeiten  mehr  oder  minder  vollständig  ohne  das  Dazwische
reten  von  (lold-  und  Silbersendungen  ausgleichen  könnf
^wischen  dem  Handelsverkehre,  der  mit  ganz  rohen,  all
redites  entbehrenden  Völkerschaften  getrieben  wird  in
&amp;gt;ei  denen  daher  jeder  Güteraustausch  eine  materielle  iinmitb
are  Zahlung  in  (?eld  oder  in  einer  anderen  Waare  erforde
und  zwischen  dem  Verkehre,  wie  er  sich  etwa  zwisch
England  und  Holland  gestaltet,  wo  kaum  jemals  ein  (ieschs
        <pb n="126" />
        ulnie  Vermittlung  des  Credits  ahgescldnssen  wird,  gibt  es  eine
grosse  Anzahl  .der  versebiedenartigsten  Mittelstufen.  Im  Allgemeinen ­
  aber  kann  von  dem  Anssenbandel  civilisirter  Länder
füglich  bebani)tet  werden  ,  dass  liier  der  Credit  eine
noch  viel  wichtigere  Rolle  spiele,  als  im  Binnenhandel,
und  dass  die  Function  der  Geldzeichen  dabei  auf  ein  viel
bescheideneres  Mass  beschränkt  sei,  als  im  Verkehre,  den  die
Binnenhändler  unter  einander  und  mit  ihren  Kunden  betreiben.
Die  Ursache  liegt  darin,  dass  im  internationalen  Handel  auch
die  Continentalstaaten  sich  daran  gewöhnt  haben,  die  Vermittlung ­
  der  Banquiers  zu  Ausgleichung  ihrer  Zahlungen  in
Anspruch  zu  nehmen,  und  dass  überdies  jene  Personen  und
(leschäftskreise,  die  den  internationalen  Handel  betieiben,  zni
Creditbewillignng  geneigter  und  befähigter  sind,  als  das
grosse  Publicum,  welches  beim  Binnenhandel  in  Betracht  zu
ziehen  ist.
Das  Creditinstrnment,  dessen  sich  der  internationale
Handel  bedient,  ist  der  Wechsel.  Der  Importeur,  der  Waaren
aus  dem  Anslande  bezieht,  gibt  als  Zahlung  für  dieselben
nicht  baares  Geld,  sondern  Wechsel.  Diese  Gepflogenheit  ist
keine  willkürliche,  sondern  hat  ihren  guten  Grund  in  zweierlei  Umständen ­
  :  erstens  darin,  dass  die  Sendung  metallische]  Zahlmittel
von  Land  zu  Land  mit  Münzverlnsten,  Flucht-und  Versicliernngskosten
  verbunden  wäre,,  die  im  Anssenbandel,  wo  häutig  mit
geringen  Nntzenantheilen  geai’beitet  wird  ,  sehr  schwel  empfunden ­
  würden,  sodann  aber  darin,  dass  der  Lnqilänger  dei
W  a  are  fast  niemals  in  der  Lage  ist,  dieselbe  so  fold  zu  \  erkaufen ­
  ,  oder  wenn  er  dies  ancb  kann,  von  heimischen  Käufern
sofort  haare  Zahlungen  zu  ei  langcn,  so  dass  auch  er  seinen
Kunden  Credite  in  Form  von  Wechseln  gewähren  muss  und
daher  über  ein  anderes  Zahlungsmittel  als  diese  Wechsel  in
der  Regel  nickt  disponirt.  Der  internationale  Verkäufer,  der
haare  Zalilnng  fordern  würde,  müsste  sieb  daher  einerseits
dazu  verstehen,  wegen  der  Kosten  der  Baarsendnng  mit
geringerem  Nutzen  zu  arbeiten,  andererseits  wegen  Mangel
an  Käufern,  die  haar  zahlen  können,  sich  mit  einem  geringen
Kundenkreise  zu  begnügen.  Nicht  übersehen  darf  dabei  werden,
dass  diese  Zahlung  mit  Wechseln  im  internationalen  Verkehre, ­
  wenn  sie  den  Stempel  der  Solidität  nicht  veiHeien
        <pb n="127" />
        117

soll,  nur  theilweise  den  Character  eines  Creditgeschäftes,  dem
Wesen  nach  aber  den  einer  wirklichen  effectiven  Zahlung
besitzen  muss,  d.  h.  der  solide  Importeur  darf  die  bezogene
Waare  nicht  etwa  mit  Wechseln  begleichen,  die  er  erst  dann
einzulösen  in  der  Lage  ist,  wenn  es  ihm  bis  zum  Verfallstage
gelingt  die  bezogenen  Waaren  zu  verkaufen,  also  nicht  mit
solchen  ,  auf  denen  er  als  letzter  Schuldner  erscheint,  vielmehr
mit  Rimessen,  die  sich  in  seinen  Händen  als  Zahlung  für
früher  von  ihm  abgegebene  Waare  befinden.  Diese  Rimessen
müssen  in  jedem  Falle,  auch  wenn  er  die  neubezogenen
Waaren  nicht  verkaufen  könnte,  bezahlt  werden  u,  z,  nicht
vom  Importeur,  sondern  von  einem  Dritten,  der  den  Gegenwerth
  bereits  in  Händen  hat,  so  dass  in  Wahrheit  er  nicht
der  Schuldner,  sondern  blos  der  Bürge  auf  den  an  Zahlungsstatt ­
  gegebenen  Wechselbriefen  ist.
Diese  Unterscheidung  ist  von  wesentlicher  Bedeutung
bei  Beurtheilung  der  internationalen  Zahlungsverbindlichkeiten,
denn  sie  zeigt,  dass  in  solider  Art  kein  Land  irgend  eine
vom  Auslande  bezogene  Waare  diesem  unbedeckt  schuldig
werden  kann,  sondern  sie  mit  reellen  bereits  bestehenden
V  erthen  bezahlen  muss.  Das  Ausland  borgt  dem  importirenden
  Lande  keine  Güter,  es  empfängt  Zahlung  in  effectiv  vorhandenen ­
  Werth  en,  die  aber  erst  in  einem  späteren  Termine
zur  Ausgleichung  gelangen.  Wäre  das  Gegentheil  der  Fall,
würde  der  Importeur  seinem  ausländischen  Lieferanten  eine
Schuldurkunde  ausstellen,  so  wären  regelmässig  Zweifel
darüber  zulässig,  ob  er  dieselbe  am  Verfallstage  einzulösen
im  Stande  sein  wird,  und  was  die  Hauptsache  ist,  es  wäre  auf
diese  Weise  möglich,  Güteiiiuantitäten  zu  beziehen,  welche  die
Kautkratt  des  eigenen  Landes  übersteigen.  Da  jedoch,  wenn
mau  die  Sache  bei  Lichte  besieht,  der  heute  ankommende
Laumwollballen  blos  mit  der  Schuldurkunde  über  einen  gestern
bereits  consumirten  Baumwollballen  bezahlt  werden  kann,  so
wird  unmöglich  mehr  bezogen  werden  können,  als  das  eigene
Land  zu  kaufen  im  Stande  ist.  Ein  Ueberschuss  kann  nur
dadurch  entstehen,  dass  bei  gleichbleibender  Conjunctur  der
Restern  vom  Impoideur  verkaufte  Baumwollballen  von  ihm  in
&amp;lt;ler  Regel  zu  höherem  Preise  abgesetzt  worden  ist,  als  ihm
&amp;lt;ler  vom  Auslande  bezogene  Ballen  kostet.  Er  wird  daher  mit
        <pb n="128" />
        118  —

neun  verkauften  Ballen  vielleicht  zehn  neue  kaufen  und  es
mag  nun  fraglich  erscheinen,  oh  es  ihm  gelingen  wird,  diese  zehn
ebenso  rasch  ahzusetzen,  als  die  früheren  neun.  Im  Wesen  der
Sache  ändert  dies  jedoch  nichts  und  es  muss  daher  für  die
Gesammtheit  des  internationalen  Handels  die  Thatsache  festgehalten ­
  werden,  dass  die  an  Zahlungsstatt  gegebenen  und
angenommenen  Wechsel  keine  in  der  Luft  schwebenden  Zahlungsversprechen ­
  repräsentiren,  für  welche  die  Deckung  erst
beschafft  werden  muss,  sondern  solche,  für  welche  die  Deckung
bereits  vorhanden  ist.  Dies  wird  um  so  augenfälliger,  da  sehr
häutig,  wie  sich  sofort  zeigen  wird,  der  fremdländische  Lieferant
gar  nicht  die  im  Portefeuille  des  Importeurs  befindlichen  inländischen ­
  Wechselbriefe  in  natura  erhält,  sondern  zumeist  Wechselbriefe ­
  seines  eigenen  Landes,  die  der  Importeur  gegen  sein
Portefeuille  ausgetauscht  hat.  Dadurch  tritt  die  Thatsache,
dass  im  internationalen  Handel  nicht  geliehen,  sondern  gezahlt
wird,  mit  dem  alleinigen  Unterschiede,  dass  die  Zahlung  nicht
in  Metall,  sondern  in  einer  Art  Werthpapier  erfolgt,  noch
klarer  zu  Tage.
Ausnahmen  von  dieser  Hegel  finden  allerdings  statt,  u.  zw.
in  Form  der  sogenannten  Wechselreiterei.  Diese  hat  im  internationalen ­
  Handel  sogar  unter  Umständen  eine  ganz  legitime
nützliche  IMission  ;  ihr  Eingreifen  stört  trotzdem  häufig  die
naturgemässe  Entwicklung  der  Handelsbeziehungen  und  der
Wechselcourse.  Aber  diese  Störungen  können  doch  nur  vorübergehend ­
  sein  und  dürfen  hier  füglich,  wo  es  sich  um  die
Darstellung  der  Principien  des  legitimen  internationalen  Verkehrs ­
  handelt,  ausser  Betracht  gelassen  werden.
Da  nun  der  Verkäufer  im  Auslande  die  Güte  jener
Wechselbriefe,  die  ihm  sein  Kunde  für  die  bezogene  Waare
senden  könnte,  nur  höchst  selten  zu  prüfen  in  der  Lage  ist,
und  er  ohne  die  genaue  Kenntniss  der  einschlägigen  Verhältnisse ­
  eine  Zahlung  in  solcher  Form  anzunehmen  kaum  geneigt
wäre,  so  tritt  zur  Ermöglichung  derartiger  Zahlungen  die
Intervention  der  Banken  hinzu.  Der  Importeur  sendet  nämlich  seine
Wechselbriefe  nicht  immer  direct  seinem  Lieferanten,  sondern
er  übergibt  sie  einem  heimischen  lJan(piier,  dieser  beschafft
ihm  für  den  Werth  derselben  ein  passenderes  Zahlungsmittel
und  dieses  kann  nun  doppelte  Form  haben,  entweder  sind  es
        <pb n="129" />
        lio

Wechsel  aus  jenem  Lande,  in  welchem  die  Zahlung  '  geleistet
werden  soll,  oder  es  ist  eine  Anweisung  auf  einen  dortigen
Banquier,  ln  beiden  Fällen  läuft  die  Abwicklung  des  Geschäftes
darauf  hinaus,  dass  die  inländischen  Wechsel  des  Importeurs
gegen  Wechsel  auf  das  Land,  in  welchem  er  Zahlung  zu
leisten  hat,  ausgetauscht  werden.  Im  ersteren  Falle  geschieht
dies  direct,  im  zweiten  indirect,  denn  auch  der  heimische
Banquier  kann  die  Anweisung  oder  den  Wechsel  auf  den
fremden  Banquier  nur  in  dem  Falle  ausstellen,  wenn  er  bei
diesem  eine  Forderung  in  der  gleichen  Höhe  ausständig  hat,
und  das  wird  nur  dann  der  Fall  sein,  wenn  er  dem  fremden
Banquier  früher  Wechsel,  die  im  fremden  Lande  zu  zahlen
sind,  zum  Incasso  übersendet  hat  oder  demnächst  solche  übersenden ­
  kann,  oder  auch,  wenn  ihn  der  betreffende  fremde
Banquier  zur  Leistung  einer  ähnlichen  Zahlung  auffordert
oder  aufgefordert  hat.  Immer  werden  es  Zahlungsverpflichtungen ­
  in  Form  von  Wechseln  sein,  die  zwischen  den  beiden
Ländern  ausgetauscht  werden,  und  es  wird  von  der  Natur
und  den  speciellen  Einrichtungen  der  Creditwirthschaft  abhängen,
  welche  dieser  verschiedenartigen  Proceduren  mit  Vorliebe ­
  gewählt  wird.
Nehmen  wir  zur  Vereinfachung  der  Betrachtung  die
Regel,  dass  jeder  Importeur,  nachdem  er  die  in  seinem
Portefeuille  befindlichen  Kundenwechsel  seinem  Banquier  übergeben ­
  hat,  direct  oder  durch  diesen  V  echsel  auf  jenes  Land
sucht,  aus  welchem  er  die  zu  bezahlende  Waare  bezog.
Umgekehrt  werden  die  Importeure  in  dem  betreffenden  fremden
Lande  V  echsel  auf  das  erstere  Land  zur  Begleichung  ihrer
Verpflichtungen  an  dasselbe  suchen.  Es  werden  ferner  die  Fixporteure ­
  des  Landes  die  fremden  Wechsel,  die  sie  als  Zahlung
für  ihre  Sendungen  in  Händen  haben,  zu  verkaufen  trachten
und  ebenso  die  Exporteure  im  fremden  Lande  die  in  ihren
Händen  befindlichen  V  echsel  aus  dem  ersteren  an  Mann
bringen  wollen.  Mit  demselben  Angebot  und  mit  derselben
Nachfrage  werden  alle  Banquiers  aus  beiden  Ländern,  die
sich  mit  derartigen  Transactionen  beschäftigen,  auf  dem  Markte
erscheinen.  Der  Natur  der  Sache  nach  wird  jeder  Verkäufer
eines  fremden  Wechsels  sich  unter  Umständen  auf  einen  kleinen
Abzug  vom  vollen  Werthe  seines  Besitzes  gefasst  machen,  da
        <pb n="130" />
        120

er  ja,  wenn  es  ihm  nicht  gelingen  sollte,  diese  im  Inlande  zu
veräussern,  auf  den  Bezug  des  Metallgeldes  aus  dem  fremden
Lande  Kosten  wenden  müsste;  und  ebenso  werden  diejenigen,
die  fremde  Wechsel  suchen,  bereit  sein,  für  dieselben  etwas
mehr,  als  den  inneren  Werth  zu  bezahlen,  da  sie  ja  andernfalls, ­
  wenn  sie  keine  solchen  fremden  Wechsel  erhalten  können,
für  die  Baargeldsendungen,  zu  denen  sie  verpflichtet  sind,  Versicherungsgebühr ­
  und  Frachtspesen  ausgeben  müssten.  Selbstverständlich ­
  werden  beide  Theile,  wohlwissend,  dass  eine
derartige  Disposition  auf  der  anderen  Seite  besteht,  auch
bestrebt  sein,  mehr  zu  erhalten,  respective  weniger  zu  geben,
als  dem  inneren  Werthe  des  (ieschäftsobjectes  entspricht.
Welcher  von  beiden  Theilen  bei  diesem  Feilschen  Sieger  bleiben
wird,  das  hängt  lediglich  davon  ab,  ob  in  einem  gegebenen
;^[omente  mehr  fremde  Wechsel  zum  Verkaufe  ausgeboten  als
gesucht,  oder  umgekehrt  mehr  Wechsel  gesucht  als  zum  Verkaufe ­
  ausgeboten  werden.  Eine  Grenze  müssen  aber  Gewinn
und  Verlust,  sowohl  des  Käufers  als  des  Verkäufers  haben
und  diese  Grenze  wird  eben  durch  den  Kostenaufwend
bestimmt,  der  mit  der  Sendung  oder  mit  dem  Empfange  jenes
effectiven  Geldbetrages,  auf  welchen  der  betreffende  Wechsel
lautet,  verbunden  wäre.
Da  diese  Concurrenz  in  den  grossen  Geldplätzen  eines
Landes  ziemlich  concentrirt  ist,  und  da  dieselbe  überdies  zum
allergrössten  Theile  durch  Bankhäuser  vermittelt  wird,  die
sich  auf  ihren  Vortheil  ausgezeichnet  verstehen  und  die  Lage
auch  gehr  klar  zu  überblicken  vermögen,  so  wird  es  nur  in
den  seltensten  Füllen  möglich  sein  ,  dass  den  Verkäufern
fremder  Wechsel  oder,  wie  sie  kurz  heissen,,  von  Devisen  ,  ein
irgendwo  vorhandenes  Bedürfniss  nach  jener  Waare  entgehen,
oder  dass  den  Käufern  ein  irgendwo  vorhandenes  Angebot  der
von  ihnen  gesuchten  Waare  unbekannt  bleiben  sollte.  Die
Wechselcourse,  die  im  beiderseitigen  Feilschen  um  den  Wechselpreis ­
  Vorkommen,  werden  daher  mit  nahezu  mathematischer
Genauigkeit  das  wirkliche  Verhältniss  zwischen  Angebot  und
Nachfrage  wiedergeben.
Nun  werden  aber  fremde  Wechsel  immer  dann  überwiegend ­
  angeboten,  wenn  ein  l,and  vom  Auslande  mehr  Zahlungen ­
  zu  empfangen,  als  an  dieses  zu  leisten  hat,  und  es
        <pb n="131" />
        121

werden  umgekehrt  fremde  Wechsel  über  das  Angebot  hinaus
gesucht  werden,  wenn  das  betreffende  Verkehrsgebiet  an’s
Ausland  mehr  Zahlungen  zu  leisten,  als  von  diesem  zu
empfangen  hat.  Welcher  Natur  diese  Zahlungen  sind,  und  in
welchen  (Tcschäftcn  sie  ihren  Ursprung  haben,  ist  dabei  natürlicher ­
  Weise  ganz  gleichgiltig,  denn  es  wird  dem  Baumwollimporteur
  niemals  beifallen,  zur  Zahlung  an  seinen  fremdländischen ­
  Lieferanten  eben  nur  den  Wechsel  eines  fremdländischen
Baumwollhändlers  zu  suchen,  ebensowenig  als  der  Baumwollexporteur
  das  geringste  Interesse  daran  hat,  die  in  seinen
Händen  befindlichen  Wechsel  der  fremden  Baumwollhändler
mit  Vorliebe  an  die  einheimischen  Baumwollimporteure  zu  verkaufen. ­
  Der  Erstere  wird  seinem  Bedürfnisse  genau  in  der
nämlichen  Weise  genügt  haben  ,  wenn  er  einen  fremden  Wechsel  '
erhält,  der  als  Zahlung  für  geleistete  Frachtdienste,  für
gekaufte  Wcrthj)aj)iere  oder  zu  Beschaffung  der  Subsistenzmittel ­
  für  einen  im  Inlande  weilenden  fremden  Beisenden
begeben  wurde;  und  ebenso  wird  der  Verkäufer  fremder
Wechsel  dieselben  ebenso  gern  und  zu  demselben  Preise  an
denjenigen  überlassen,  der  damit  Frachtkosten  an  fremde
Iransportgesellschaften  bezahlen,  fremde  V  erth%)apiere  kaufen,
oder  seinen  im  Auslande  weilenden  Angehörigen  Geldbeträge
remittiren  will.  Im  internationalen  V  echselhandel  wird  also
die  Summe  sämnitlicher,  unter  welchem  Namen  und  aus
welchem  Ui's])runge  immer  herrührenden  internationalen  Zahlungen ­
  hervortreten,  und  der  Wechselcours,  wie  er  im  Austausche ­
  der  von  Land  zu  Land  laufenden  Wechsel  sich  ergibt,
ist  weit  entfernt,  das  Spiegelbild  blos  eines  bestimmten  internationalen ­
  Handelszweiges,  etwa  des  V  aarenhandels  zu  bieten,
Pr  zeigt  vielnlehr,  ob  die  Gesammtheit  der  von  einem
Lande  bezogenen  und  nun  zu  begleichenden  Wert  he  aller
Art  grösser  sei  ,  als  die  Gesammtheit  der  von  diesem
Lande  gelieferten  und  nunmehr  von  ihm  einzucassirenden
Werthe.
Dabei  fällt  nun  sofort  die  merkwürdige  Erscheinung  in
die  Augen,  dass  die  Gesammtheit  der  Verpflichtungen  und
der  zu  emjjfangenden  Zahlungen  im  grossen  Ganzen  bis  auf
pine  geringe  Oscillationsgrenze  sich  beinahe  immer  annähernd
die  Wage  hält.  Dies  muss  nämlich  stets  der  Fall  sein,  so
        <pb n="132" />
        122

lange  die  Verlust-  oder  Gewinnstgrenze  der  echselcourse
nicht  erreicht  wird.  Beim  Paricourse  ist  offenbar  voUkommenes
  Gleichgewicht  vorhanden;  dasist  jedoch  selhstverstandlic  i
nur  ausnahmsweise  der  Fall.  Doch  auch  die  Coursdifferenzen
innerhalb  jener  Grenze,  hei  welcher  Baarsendungen  lohnend
werden  ,  können  nur  durch  verhältnissmässig  höchst  geringtägige
  Differenzen  in  der  beiderseits  vorhandenen  V'echselmenge
  hervorgerufen  sein.  .
Es  handelt  sich  hier  um  ein  Angebot  und  um  eine  ISachfrage,
  die  beide  auf  anderem  V'ege  gar  nicht  zu  heiriedigen
sind.  Niemand  wird  —  wenn  nicht  specielle  Beweggründe
vorliegen  —  zu  Baarsendungen  greifen,  so  lange  er,  und  sei
es  mit  noch  so  geringem  Vortheile,  einen  Wechsel  erlangen
kann,  der  seinem  Bedürfnisse  genügt  ;  man  sollte  daher  meinen,
dass  das  geringfügigste  Ueber^^degen  der  Nachfrage  oder  des
Angebotes  den  Cours  augenblicklich  zu  der  Verlust-  oder
Gewinngrenze  treiben  müsste.  Dem  wirkt  nun  entgegen,  (  ass
die  Arbitrage  häuffg  durch  künstliche  Mittel,  durch  Vorausbeschaff’nng
  der  fehlenden,  Voraushegebung  der  iiberflussigen
Devisen,  das  Gleichgewicht  hcrzustellen  bemüht  ist.  Doch  kann
ihr  dies  auf  die  Dauer  unmöglich  gelingen  und  der  V  echselcoui-s
  bleibt  daher  selbst  für  relativ  überaus  geringe  Differenzen ­
  im  Verhältnisse  des  internationalen  Wechselangebotes
höchst  empffndlich.
Die  Differenz  des  Wechselcourses  ist  aber  für  das  davon
begünstigte  Land  ein  reiner  Nutzen,  sie  repräsentirt  gleichsam ­
  die  Prämie  der  Enthaltsamkeit  für  denjenigen,  der  weniger
kauft  als  er  verkauft,  und  der  dadurch  in  den  Stand
wird,  noch  über  den  Unterschied  seinei  Einkäufe  und  kaute
hinaus  Zahlungen  vom  Auslande  zu  erlangen.  Hat  ein  Land
so  viel  auf  den  fremden  Märkten  zu  bezahlen,  als  es  von  dorther ­
  zu  empfangen  hat,  so  werden  die  beiderseitigen  Wechsel
einfach  ohne  jede  Prämie  ausgetauscht;  hat  es  mehr  zu  bezahlen, ­
  als  zu  empfangen,  so  wird  es  nicht  nur  den  in  der
Kegel  geringen  Ueherscliuss  der  Zahlungen  in  Form  ^  von
Baarsendungen  entrichten  müssen,  sondern  ausserdem  hei  jener
ganzen  Summe  der  Zahlungen,  die  gegen  die  Empfänge  ausgetauscht ­
  werden  kann,  eine  durch  den  Coursverlust  ini
Wechsel  ausgedrückte  Aufzahlung  leisten  müssen;  und  wenn
        <pb n="133" />
        —  123  —

es  schliesslich  mehr  zu  empfangen  als  zu  zahlen  hat,  so  wird
es  nicht  nur  den  Ueberschuss  der  Empfänge,  sondern  von  der
ganzen  gegen  seine  eigenen  Zahlungsverpflichtungen  ausgetauschten ­
  Summe  der  an  das  Ausland  geleisteten  Zahlungen
die  durch  den  Gewinn  am  A\  eclisel  ausgedrückte  Aufzahlung
einstreichen.  Und  der  eigentliche  Gewinn  und  Verlust  für
jedes  Land  liegt  gar  nicht  in  jenen  Haarsendungen  ,  die  als
Zahlung  tür  die  Ueberschüsse  nach  der  einen  oder  andern
Seite  geleistet  oder  empfangen  werden,  denn  für  diese  Zahlungen ­
  wurden  eben  reelle  Gegenwerthe  geliefert  oder  emj)fangen  ;
jene  Zahlungen  dagegen,  die  lediglich  in  dem  Course  des
Wechsels  ihren  Lrsprung  haben,  sind  reiner,  durch  keine
Gegenleistung  aufgehobener  Gewinn  oder  Verlust.  Wenn  z.  H.
ein  Land  tür  l(KX)  IMillionen  Gulden  Waaren,  Werthpapiere
und  Dienste  vom  Auslande  bezogen  hat,  dagegen  aber  für
lOlt)  ^Millionen  Gulden  Waaren,  erthpa2)iere  und  Dienste
an  dasselbe  lieferte,  so  wird  es  allerdings  schon  deshalb
allein  10  Millionen  Gulden  herausbezahlt  erhalten,  aber
dabei  unter  sonst  gleichbleibenden  Verhältnissen  im  internationalen ­
  Handel  nicht  mehr  gewonnen  haben  als  jene
Verkehrsgebiete,  mit  denen  es  in  Handesbeziehungen  steht;
denn  tür  diese  lO  Millionen  hat  es  eben  Waaren,  Dienste  oder
Werthpapiere  geliefert,  die  auf  seinem  Markte  allerdings  einen
geringeren  Werth  repräsentiren  müssen,  als  diese  10  Millionen
(fla  es  sie  sonst  voraussichtlich  nicht  in  das  Ausland  geliefert
hätte),  die  aber  umgekehrt  im  Auslande  einen  höheren  Werth
als  10  Millionen  repräsentiren  müssen  (da  sie  sonst  das  Ausland ­
  ebenso  wenig  bezogen  hätte).  Die  Folge  dieses  Ueberschusses
  von  10  Millionen  ist  jedoch,  dass  sich  der  Wechselcours
  für  das  betreffende  Land  günstig  stellen  muss,  da  dessen
Wechsel  mehr  gesucht  als  angeboten  sein  werden,  und  dass
sich  umgekehrt  die  Course  jener  fremden  Wechsel,  die  das
Land  tür  seine  Zahlungen  braucht,  ungünstig  stellen  müssen,
da  von  diesen  fremden  Wechseln  dem  betreffenden  Lande  um
10  Millionen  mehr  angeboten  als  von  ihm  gesucht  wurden.
Beträgt  die  solcherart  entstehende  Coursditferenz  beispielsweise ­
  1  Percent,  so  wird  dieses  Land  im  Austausche  der
beiderseitigen  Wechselverpflichtungen  10  andere  Millionen  gewinnen, ­
  für  die  es  absolut  nichts  zu  leisten  hat,  die  es  ein-
        <pb n="134" />
        124

mais  erhalten  hätte,  wenn  es  vom  Auslande  mehr  gekauft
oder  das  Ausland  von  ihm  um  10  Millionen  weniger  bezogen
hätte.  Die  10  3Iillionen,  die  es  mehr  geliefert  hat,  bringen
ihm  also  auf  diese  Weise  20  Millionen  herein  und  umgekehrt
kosten  dem  Auslande  die  10  ]\Iillionen,  die  es  mehr  bezog,
20  ^Millionen.
Zu  bemerken  ist  hier  noch,  dass  ein  wirkliches  reelles
Ab-  und  Zuströmen  der  Edelmetalle  in  holge  der  W  eehselcourse
  ebenso  wenig  nothwendiger  Weise  vorhanden  sein  muss,
als  umgekehrt  eine  thatsächlich  eintretende  Edelmetallstromung
allemal  ohne  weiters  Rückschlüsse  auf  die  Wechselcourse  und
auf  die  Zahlungsbilanz  gestattet.  Davon,  dass  die  wirklichen
Edelmetall  Strömungen  sieh  nur  sehr  schwer  controliren  lassen,
indem  häuüg  buchmässige  Uebertragungen  und  Zahlungsanweisungen ­
  an  deren  Stelle  treten,  und  umgekehit  nicht
selten  zur  Ersparung  von  Kosten  Edelmetallsendungen  gai
nicht  als  solche  declarirt  sind,  soll  hier  nicht  weiter  gesprochen
wèrden;  aber  auch  die  in  den  Handelsausweisen  verzeichneten
Kdelmetallsendungen  haben  häuüg  in  anderen  Iransactionen
ihren  (%rund,  als  in  jenen  Zalilungen,  die  zur  Begleichung
internationaler  Forderungen  nothwendig  sind.  1  )ie  Rroductionsländer
  der  Edelmetalle  versenden  diese  zum  grössten  Theil
nicht  zur  Ausgleichung  empfangener  Bezüge,  sondern  es  sind
dies  Exporte,  die  sich  von  den  Exporten  anderer  Waaren  in
nichts  unterscheiden  und  für  welche  Zahlung  erst  zu  enq.fangen
ist.  Es  verschifft  beispielsweise  Australien  alljälirlich  enoime
(Toldquantitäten  nach  England  und  seine  Zahlungsbilanz  ist
trotzdem  in  der  Regel  günstig.  Hier  tritt  die  Wirkung  des
günstigen  Wechselcourses  nicht  in  Form  von  Fdelmetallbezügen
zu  Tage,  sondern  macht  sich  höchstens  in  einer  Verringerung
der  Metallsendungen  um  den  Betrag  des  Activsaldos  fühlbar.
Aber  auch  die  Begleichung  eines  effectiven  Activ-  oder
Passivsaldos  aus  der  Zahlungsbilanz  erfolgt  nicht  immer  durch
Edelmetallsendungen,  oder  bei  den  Productionsländern  der
Edelmetalle  durch  eine  Veränderung  in  der  Ausfuhr  oder  Einfuhr ­
  gerade  dieser  Waare.  Fs  kann  eben  die  Rückwirkung
der  Edelmetallbewegung  auf  den  Stand  der  (Ürculationsmittel
und  von  diesen  auf  die  Productionsbedingungen  sofort  escomptirt
werden,  das  heisst:  ein  Land,  welches  in  holge  einer  günstigen
        <pb n="135" />
        125

Zalilniigsbilanz  Baarzalilungpii  zu  empfangen  hätte,  braucht
nicht  erst  zu  warten,  bis  diese  Baarzalilungen  durcli  ihren
Kinriuss  auf  die  Kaufkraft  seiner  (Hrculationsinittel  seine
impnrtfähigkeit  erliüht  liaben  ;  "es  kann  vielinelir  den  Saldo
sofort  tlieilweise  oder  gänzlich  in  Foi-m  von  anderen  W'erthen
beziehen,  ln  diesem  Falle  realisirt  dasselbe  seinen  Nutzen  viel
unmittelbarer,  als  wenn  es  baare  Sendungen  empiängt,  die  es
ja  schliesslich,  wie  sich  späte]-  zeigen  wird,  doch  gegen  (rüter
anderer  Art  umsetzeu  müsste,  und  auch  die  Schwankungen
dei  intei  nationalen  Zahlungsbilanz  werden  auf  ein  geringeres
.Mass  reducirt.  Der  WVchselcours  hat  dann  seine  ausgleichende
A\  il  kling  nicht  erst  nachträglich,  sondern  augenblicklich  ausgeübt.
Sehen  wir  nun,  wehdien  Kinfiuss  eine  gestörte  Valuta
auf  den  Wechselcours  übt.  Käme  in  dem  Disagio  der  Geldzeichen ­
  eines  Kandes  blos  der  Unterschied  zwischen  dem
^  ííi’the  der  Papiergeldzeichen  und  dem  Geldwerthe  auf  dem
^  f*itinarkte  zum  Ausdrucke,  so  müsste  ein  sfdidier  Einfluss
überhaupt  geleugnet  werden.  Ein  beispielsweise  in  Wien  ausge.stellter
  AWchsel  über  110  H.  ö.  W.  Parlier  wäre  in  Paris
bei  einem  Agiostande  von  llu,  lOO  Ü.  Silber  oder  da  2'4(391
Fram-s  einem  österr.  Silbergulden  gleich  sind,  240-91  Francs
werth  und  bei  einer  Gleichheit  des  Angebots  und  der  Nachfrage ­
  würden  diese  240  91  Francs  auch  thatsächlich  in  Paris
für  denselben  gegeben,  und  umgekehi-t  würden  in  Wien  für
einen  Pariser  Wechsel  von  240  91  Francs  110  fl.  in  österr.
I.aiidesvaliita  zu  erhalten  sein.  Die  Sache  verhält  sich  jedoch
nicht  so.  Die  1  10  fl.  österr.  Dandesvaluta  sind  in  Oesterreich
nicht  so  viel  werth,  als  die  240  91  Francs  in  Paris,  u.  zw.
aus  dem  einfachen  (irunde  nicht,  weil  auch  die  lOO  fl.  ö.  W.
Silber,  die  in  Oesterreich  für  llO  fl.  Landesvaluta  zu  ei-halten
sind,  in  (  lesterreich  selbst  gar  nicht  so  viel  wei-th  sind  und
werth  sein  können,  als  dasselbe  Silberquantum,  aus  welchem
allerdings  genau  24091  Francs  geprägt  werden,  in  Paris
werth  ist.
Es  ist  nämlich  ein  gewaltiger  Irrthum,  wenn  man  etwa
glaubt,  dass  die  im  Oourse  angegebene  Devaluirung  der  Geldzeichen ­
  eines  J^andes  das  Verhältniss  dieses  Geldwerthes  zum
Geldwerthe  auf  dem  A\  eltmarkte  ausdrückt.  In  diesem  (Joursverluste ­
  spiegelt  sich  blos  die  Differenz  im  Wert  he  des  Metall-
        <pb n="136" />
        12G

geldes  npd  des  Papiergeldes  in  den  betreffenden  Ländern  der
Papiervaluta  selbst  ab,  und  es  bestellt  noch  eine  fernere  Differenz ­
  zwischen  dem  Werthe  des  Metallgeldes  im  Papierlande
und  zwischen  dem  Werthe  des  Metallgeldes  aut  dem  Weltmärkte, ­
  Die  Zettelemission  vermehrt  in  derselben  Weise,  wie
eine  durch  irgend  welchen  Umstand  lierbeigefíihite  Anschwellung ­
  des  Edelmetallvorrathes,  das  im  Lande  vertiigbare  Circulationsquantum,
  und  da  eine  solche  Vermehrung  bei  gleichbleibenden ­
  Bedürfnissen  mit  einer  Verringerung  der  Kaufkraft
aller  (Geldzeichen  Hand  in  Hand  gehen  muss,  so  sinkt  um  den
entsprechenden  Betrag  nicht  hlos  die  Kaufkraft  des  Papiergeldes,
  sondern  auch  die  des  vorhandenen  Metallgeldes.  Ja  im
Papiergehllande  ist  diese  Thatsache  der  Beobachtung  viel  zugänglicher, ­
  als  eine  unter  analogen  Verhältnissen  vor  sich
gehende  Entwerthung  der  (Geldzeichen  in  einem  Lande  mit
metallischer  Circulation.  Während  man  in  letzteren  den  wirklichen ­
  Sachverhalt  blos  aus  der  höchst  mühsamen  Vergleichung
aller  Waarenpreise  finden  kann  und  dabei  stets  im  Unklaren
darüber  ist,  wieviel  von  einer  etwaigen  Steigerung  auf  eine
innere  Veränderung  des  Cebrauchswerthes  der  betreffenden
Waaren  selbst,  und  wieviel  auf  die  Verringerung  des  Cebrauchswerthes ­
  des  Circulationsmittels,  gegen  welches  sie  eingetauscht ­
  werden,  zu  stellen  ist,  liegt  die  Sache  im  Papiergeldlande ­
  viel  einfacher.  Hier  zeigt  schon  der  Umstand,  dass
das  Metallgeld  aus  dem  Lande  verdrängt  wird,  in  ganz  unzweideutiger ­
  Weise,  dass  dessen  Kaufkraft  gesunken  sein  muss.
Wäre  dies  nicht  der  Fall,  würde  das  Celdstück  im  Inlande
nicht  weniger  werth  sein  als  im  Auslande,  so  könnte  dasselbe
nicht  abströmen,  da  ja  dieses  Abströmen  mit  nicht  unbeträchtlichen ­
  Kosten  für  Transport  und  Versicherung  und  überdies
mit  Münzverlusten  verknüpft  ist.  Wer  es  vorzieht,  ein  österr.
(Guldenstück  nach  Deutschland  zu  senden,  der  muss  wissen,
dass  er  für  dasselbe  draussen  mehr  erhalten  kann  als  daheim,
und  da  er  bei  einem  Agiostande  von  beispielsweise  110  ini
Inlande  für  den  Silbergulden  Waaren  im  Werthe  von  I  H.
10  kr.  Tiandesvaluta  erhalten  kann,  so  folgt  daraus,  dass  auch
diese  1  fl.  10  kr.  Landesvaluta  dem  Weltpreise  des  Silbers
nicht  voll  entsprechen,  d.  h.  dass  jener  füntündvierzigste  Theil
eines  Pfund  Eeinsilber,  den  der  Silbergulden  enthält,  in  Oester-
        <pb n="137" />
        127

reich  weniger  wertli  ist,  als  auf  dem  Weltmärkte.  Und  es  ist
dies  anders  gar  nicht  möglich.  Im  Lande  mit  Papiercirculation
haben  die  Edelmetalle  aiifgehöM  als  (xeld  zn  functioniren  ;  sie
wären  absolut  werthlos,  wenn  sie  nicht  einerseits  durch  ihre
Verwendbarkeit  zu  anderweitigen  Zwecken,  andererseits  durch
ihre  Exporttähigkeit  auf  einem  gewissen  Preise  gehalten
würden.  îsun  ist  es  aber  klar,  dass  Silber  und  (lold,  wenn
ihnen  die  Verwendbarkeit  zu  (  urculationszwecken  genommen
würde  und  sie  hlos  jenen  tlehrauohswerth  behielten,  der  aus
ihrer  Verwendbarkeit  zu  Schmuckgeräthen  und  zu  industriellen
Zwecken  hervorgeht,  ganz  ungeheuer  im  Preise  sinken  müssten.
Gelänge  es,  den  Export  der  edlen  Metalle  aus  einem  zum
Papiergelde  ühergegangenen  Verkehrsgehiete  zu  verhindern,
so  müsste  innerhalb  der  (Grenzen  dieses  Landes  diese  Entwerthung
  des  (loldes  und  Silbers  im  vollen  Umfange  eintreten.
  Dass  dies  nicht  geschieht,  hat  seinen  (Irund  lediglich
darin,  dass  man  tîold  und  Silber  sehr  leicht  exportiren  kann,
sie  auch  thatsächlich  ausser  Landes  schafft,  sowie  ihre  inländischen ­
  Preise  so  weit  zurückgegangen  sind,  dass  die  Ausfuhr
lohnend  wird.  Es  muss  also  noth  wendige  iweise  der  gesammte
Edel  meta  llvoirath  eines  solchen  Landes  mindestens  um  den
Betrag  der  Münz-,  Fracht-  und  Vei’sicherungskosten  geringer
sein,  als  er  es  auf  dem  \\  eltmarkte  wäre,  da  ja  dieser  inländische ­
  Preis,  hei  Lichte  besehen,  lediglich  aus  dem  W  eltpreise, ­
  abzüglich  der  erwähnten  Spesen  besteht.  Nehmen  wir
an,  dass  diese  Sj)esen  1  Percent  vom  Werthe  betragen,  so
wird  Silber  und  (lold  im  Inlande  um  I  Percent  weniger
werth  sein,  als  auf  den  Märkten  der  Metallgeldländer  und  da
das  Disagio  der  Landesvaluta  hlos  die  Differenz  zwischen  dein
inländischen  Metall-  und  dem  Papiergelde  ausdrückt,  so
wird  die  Differenz  zwischen  der  Landesvaluta  und  dem  Weltjireise
  des  Edelmetalls  noch  uni  1  Percent  grösser  sein.
Man  wird  also  beispielsweise  für  240  91  Francs  in  Paris
hei  einem  Agiostande  von  110  nicht  110  fl.,  sondern  111.,  fl.
Papier  gehen  müssen.  Der  Wechselparicours  zwischen  Wien
und  Paris  wird  nicht  der  inneren  (Qualität  des  beiderseitigen
Metallgeldes  entsprechen,  sondern  erst  dann  im  (Gleichgewichte ­
  stehen,  wenn  1  Percent  vom  österr.  Werthe  abgezogen, ­
  respective  1  Percent  zu  den  französischen  Werthen
        <pb n="138" />
        128

zugeschlagen  ist.  Dev  Betrag,  um  welelieu  der  W  eclisel  des
Pamergeldlandes  auf  diese  Weise  noch  über  die  uiläudische
Cuursdiffereuz  hinaus  auf  allen  fremden  ^Märkten  entwertliet
wird,  entsprießt  genau  jenem  Betrage,  über  welchen  die  IVeisdifferenz
  der  Devisen  aus  Ländern  mit  ]\Ietallvaluta  in  der  Rege
gar  nicht  gehen  kann,  nämlich  den  Münz-  und  Transportknsten
der  Edelmetalle;  es  wird  also  der  Paristand  dieser  Papiergeldwechsel
  genau  auf  der  Verlustgrenze  aller  audm-en  V  echsel
stehen.  Den  Coursstand,  auf  welchem  beispielsweise  ein
deutscher  Wechsel  in  Paris  erst  dann  sinken  kann,  wenn  die
Zahlungsverpflichtungen  Deutschlands  an  Frankreich  die  Enipiiinge
  von  dorther  in  solchem  Atasse  überwiegen,  dass  BaargeWsendungen
  lohnend  werden,  muss  der  österr.  Wechsel
bl  Paris  dann  inne  haben,  wenn  zwischen  österreichischen  und
französischen  Zahlungsverpflichtungen  vollkommenes  Gleichgewicht ­
  herrscht;  während  bei  einem  Verhältnisse  von  Zah-Inngsverpflichtungen,
  welches  Baarsendnngen  von  Oesterreich
nach  Frankreich  nothwendig  machen  würde,  die  österr.  W  echsel
in  Paris  noch  einmal  nm  den  Betrag  der  Versendungsspesen
für  Edelmetalle  sinken  inüs.sten.
Die  österreichischen  Wechselconrse  sind  ein  lehrreicher
Beleg  zu  dieser  BehauptungJ)  Während  dieselben  vor  Eintritt
der  Zettelwirthschaft  beinahe  ohne  Ausnahme  günstig  waren,
wurden  sie  von  da  ab  ebenso  regelmässig  ungünstig.  Eine  aut
grosse  Vollständigkeit  allerdings  keinen  Ans])ruch  machende
Zusammenstellung  für  die  .Jahresmittelwerthe  der  Devise
')  Es  ist  keine  leichte  Aufgahe,  insheson.lere  in  Oesterreich,  wo  statistisches ­
  Material  erst  in  jüngster  Zeit  systematisch  gesammelt  nnd  gesichtet
wird  für  eine  längere  Reihe  von  .fahren  verlässliche  Auf/.eichnnngen  über  die
jeweilige  Höhe  des  Wechselconrses/.u  erhalten  ;  werden  doch  seihst  derzeit  von  keiner
öffentlichen  Behörden  die  entsprechenden  Daten  veiwerthet.  Die  Wiener  Börsekanimer
  veröttentlicht  zwar  von  .fahr  zu  .fahr  die  Durchschnittscourse  verschiedener ­
  an  ihr  gehandelten  Werthe,  aber  unter  diesen  Durchschnitten  heflndet
sich  merkwürdiger  Weise  kein  einziger  Devisencours.  Ebenso  wenig  existirt
bisher  eine  Privatarheit  über  diesen  Gegenstand.  Das  erforderliche  Material
musste  daher,  soweit  es  sich  nicht  zufällig  in  den  1‘uhlicationen  der  österr.
Nationalhank  aus  dem  Jahre  18til  geordnet  vorfand,  aus  den  einzelnen  Coursblättern ­
  der  Wiener  Börse  ausgezogen,  berechnet  und  gesichtet  werden.
Die  erwähnte  Publication  der  Bank  enthält  die  höchsten  und  niedersten
monatlichen  Durchschnittscourse  auf  Augsburg,  wie  sie  an  der  Wiener  Börse
        <pb n="139" />
        129

„Augsburg“  an  der  Wiener  Börse  aus  den  Jahren  1819  bis
1847  zeigt,  dass  dieser  Cours  im  Durchschnitte  dieser  29  Jahre
um  0-72G  Percent  unter  Pari  stand,  d.  i.  also  um  diesen  Perßeit,

  der  Gründung  der  Nationalbank  bis  zum  Jahre  I860  vorkamen.  Eg  ist
nun  allerdings  nicht  ganz  correct,  die  Mittelwerthe  aus  diesen  höchsten  und
niedersten  Coiirsen  als  Jahresdurchschnitte  aufzufassen.  Da  indessen,  insbesondere
  fur  die  ersten  Decennien,  ein  anderes  Material  absolut  nicht  vorhanden  ist
und  da  ja  überdies  die  reelle  Fehlergrenze  bei  allen  Durchschnittsberechnungen
insofeme  man  nicht.auch  das  Quantum  der  zu  jeder  einzelnen  Notiz  gehandelten
Waare  kennt,  eine  kaum  minder  grosse  ist,  so  müssen  hier  eben  nothgedrungen
diese  aus  den  höchsten  und  niedersten  Coursen  gezogenen  Mittelwerthe  als
Durchschnitte  gelten.  Es  ist  dabei  noch  zu  bemerken,  dass  die  Augsburger
letzten  Jahre  den  «r  die  100  fl.  süddenleeh  berechneten  Onur.  in  da.  Aequivalent
  fnr  100  fl.  ii.  W.  Silber,  so  erhält  man  da»  folgende  Resultat;

Höchster  Niederster

monatlicher  Durchschnitt-Vistacours ­
  auf
Augsburg

1819:
1820!|
18211
18221
I82:i
1824
1825
1826
1827
1828
1829
18:  tu
18H1
1882
1888
1834
i  1885
;  1836
I  1837
!  1888
1839

99V,
99V,
98V,
99  V,
100
99V,.
99V,
99V,
100‘:,
99‘V,4
99
99»/,
1(X)V,
loov.

%
%
97V,
98't
99V,
98%
99
99",
iS
B:
99V„
i:;v

Daraus
berechnetes
Mittel  des
Jahrescourses.


98.40
99.00
98..  0
99..  0
98-00
98.0,
98-00
99
99
99
99.;
100
99.,
99.;
99.,
98.0
99.,
99.0
1(10.,
100.,
100.,

,.  Höchster  Niederster  '  Daraus
!  ;  —  -  berechnetes
II  monatlicher  Durch-  '  Mittel  dem
j  schnitt-Vistacours  auf  Jahres-I
  Augsburg  '  courses

1840
1841:
18421
1843
18441
1845  i
18461
1847  i
1848!
1849
1850
1851
1852
1853
1854
1855
1856
1857
1858
1859
1860

%
1%9V„
1%
128V„
%
106"/,,
::::

99"/„
1
100‘/„
m‘i,
iiS’
110V4
%
S?

i
99..  ,
MV'
126..  0
1
106..  ,
iS

Vom  Jahre  1861  an  fehlen  auch  diese  dürftigen  Aufzeichnungen  und  e
bleibt  daher  kein  anderes  Mittel  als  das  Zurückgreifen  auf  das  Urmaterial
den  Courszettel.  Da  nunmehr  die  Wahl  zwischen  den  sämmtlichen  im  off
ciellen  Coursblatte  verzeichneten  Wechselcoursen  offen  stand,  so  wurde  di
Dr.  Th,  Ilertzka,  Währung  und  Handel.  g
        <pb n="140" />
        130

^entsatz  günstig  für  Oesterreich  war.  Der  günstigste  Cours
tindet  sich  im  Jahre  IH44  mit  2-3  Percent  unter,  der  ungunmmmm

Täglicher  Stand  des  Wechsel-Vom
  2.  Jänner  bis

Am  I  Jänner

1.
2.
3.
4.
5.
Ü.
h
9.
lü.
11.
12.
13.
14.
15.
11).
17.
18.
19.
20.
21.
22.
23.
24.
25.
2Ü.
27.
28.
29.
30.
31.

109  40  2'A
;  111-85
112-  50
111-80,
:  112-65
114--113-
  50
113-15
113-30
113-35
113-20
113-30
113-50
113-50
113-55
U4-—

Februar
115  25

113-40
113-50
113-  751
114-  201  3
114-  80
115-  451

3

113-20
113-85
113-35
111-95
100.80
107-  20
108-  65
108--1
108-  75'
111-251
111-85:
111-35
110  45
110-55
110—
110-60!
110-  40'
111-  25
110-35
109-  75'
110-  -I
110-35'

März
IIO-40I
110-  65
111-  65
112-  -:
112  00
112-20
110-85
110-85
110-75
110.05
110-40
110-45
110-50
110-25
110-  45
110-60
111-  —
110-751
110-50'
110-35

11153
110-111
10760,

110-60
110-  90
111-  85
112-  -
11  MT
113  44
110-88

April
I  “/o
-  .  I  3
112  50,
112-  85
112  75
113—  1
112-  85j
113—  1
113-10',
11385
113  55:
113—  I
113—1
112-  90i
113-  30
113-40
113—1
113-15
112-75
111-35
111-45
111-70;
111-75
11145
110-75
l(ÍÕÓO
110-65
11327
114  70
110.42

Mai
I  '
110-60,
110—1
110  75
110—j
108-lOi
108-50;
108-85:
108  Õ5
107-55!
105-701
103-60
105-  -'
103-75
105.—'
106-  05

106-25
105-75'
105—1
104-60
104-35;
103-90;
103  —
10375j
102  40'
10707
111  58
103  17

Juni
r/
101-75  i
101  30
101-50
101-  85
103-45
103-55
103-35
103-  30,
104  50:
104-  15'
103  55!
103-351
103-35!
102-  60
102-50:
102551
102-50
102-  30'
102-20,
103-102-80

103-25
103-05
103-10

103  64
105  28
102(H)

115-40
116  -
112-25!
__  116—
D.  0.11437!
H.  0.116.87
N.  0.110  081
a  V  i  s  t  a  -  P  a  1»  i  e  r.

Der  JabresJurohscbnitts-Cours  pro
        <pb n="141" />
        9*

131

stigste  im  Jahre  1837  mit  0-2  Percent  über  Pari  für  Augsburg
verzeichnet.  Während  der  ganzen  Epoche  ergibt  sich  blos  für

der  Wechselcours  im  österreichischen  Gelde  ausgedrückt  nicht  blos  von  den
Schwankungen  im  Wechselverkehre  und  im  Disagio  der  österr.  Noten,  sondern
auch  von  jenen  in  der  Werthrelation  zwischen  Gold  und  Silber  abhängig  wurde.
I)ie  nachfolgenden  Tabellen  geben  nun  die  Originalnotizen  für  die  ll¿  Jahre
1861—1872  und  überdies  berechnet  nach  dem  jeweiligen  Hamburger  Zinssätze
die  Vistacourse  für  die  höchsten,  niedersten  und  für  die  Durchscbnittsnotizen
eines  jeden  Monats  und  Jahres.
Courses  auf  Hamburg,  3/M.  Sicht.
31.  December  1861

Juli
103-30
103-15
103-50
103  95
103-60
103-40
103-25
103-35
103-30
103-60
103-25
103-35
103-30
103-10
102-  75
10200:
103-  201
103-25
103-2o!
103-751
103-55
103-051
102-751
102-  65!
103.-I
103.-103-
  05
104-1
10473.
103  371
1861  für  a

August
%  »/o
3  103—  3
102-30
101-90
101-55!
101  36
101-60
101-  65
102-  25
102-35
102-65'
102-50
102-40:
IO2-45I
102-40
—  .  I
102-35
102-40!
102-75
103  20
102-70
102-40
102-25
102-50
102-10
102-15
102-30
102.15
1030«
10397
10211

September
I  %
101-75:  3
101-  50,
101-80
102-  -
10210
102-05;
101-60
101-20
101-65
101-55
101-45
101-30
101-k)
101-—!
100-75
100-  90!
101-  20
100-75
100-85
100-40
100-30
100  2«
100-40
100-70
100-70
10193

October
'  %
100  30  3
100  95
101-65
101-  75
102-  1
102-40,
102-90
10335
102-85
102-20
101-  65
102-  40*
102-75
101-  95
102-  40
102-20
101-65
101-15
101-75,
101-75
101-85
101-90
101-  85
102-  15
102—1
102  —
101-95
102  75
10412
10106

102  87
100  95
vista-Papier  ist  10«  95.

November
102  10  3
—  •  I
102-10
102  301
102-501
102-65:
10275
102-70

102-  65
102  9513'/
103-  30
103-40

103-45

103-25
103-20
102-  90
103-  45
103-10
102-90
—  ■  I
102-75'
102-85:
102-  85!
103-  20;
103-25,
103  70

3
4

103  84
104  74
102  8«

December  i

104-10
104-20
104-80
104-  70'
105-  45
10«10

106-10:  :
105-10'  Í
105-30  !
105-60;
104-  75;
104  35
105-  65|  !
105-70,
105-55!
105-351
105-70
105-351
105-801
105-50

105-20'
105-65;
105  9ol
105  70
10«  15
10«  90
10513  ,

schnitts-Course  (D.  C.)  berechnet.  —  Hei  allen  Tabellen  wurden  Bruchtheile  unter
^ichneten  Tagen  wurde  in  Wien  keine  ööentliche  Börse  abgehalten.  —  An  den
toursblatte  nicht  angegeben  war,  wurde  derselbe  aus  dem  Geld-  und  Waarenpro
  Monat,  H.  0.  Höchster  Cours  und  N.  C.  Niedrigster  Cours,  sämmtlich  für
        <pb n="142" />
        132

5  Jahre  ein  höchst  geringfügiges  Aufgeld  für  diese  fremde
Devise.  Ganz  anders  gestaltet  sich  das  Bild  vom  Jahre  1848
bis  1875.  Nimmt  man  hier  eine  Zusammenstellung  des  Courses
der  Devise  Augsburg  von  1848  bis  1800,  der  Devise  Hamburg
vom  Jahre  1801  bis  1872  und  der  Devise  London  von  1873
bis  1875,  so  ergibt  diese  ein  durchschnittliches  Aufgeld  von
U-2740  Bercent.  Unter  Pari,  also  günstig  für  Oesterreich  standen
die  Durohschnittsnotirungen  dieser  fremden  Wechsel  (selbstverständlich ­
  nach  Anrechnung  des  Silberagios)  in  diesen
28  Jahren  überhaupt  nur  achtmal,  nämlich  in  den  Jahren
1850,  1801,  1808,  1809,  1870,  1871,  1872  und  1874.  Der

Täglicher  Stand  des  Wechsel-Vom
  2.  Jiinner  bis

Am

Jänner

1.  —
2.  !  105-30
3.  105  05
4.  I  105-55

(i.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
13.
14.
15.
lÜ.
17.
18.
19.
20.
21.
22.
23.
24.
25.
20.
27.
28.
29.
30.
31.

105-30
105-40
105-30
104-85
104-00
104-85
104-75
104-  85
105-  —
104-95
104-80
104-05
104-85
104-20
104-30
104-20
104-20

103-75
103-35
10316
103-  05
104-  —
L&amp;gt;.  c.  105.40
H.  C.  100-44
N.  C.  103  92

Fehrnar
%
104-15  3

104  40
104-25
104--103-50

103-45
103-15
101  50
101-  90
102-  55
102-30
102-  75
103-  —
102-  95
103-  10
103-10
103--102-50

102-50
102-70
102-55
102-45
102-45
102-40

10371
105-18
10220

März
102-  75
102-80
10310
103-  10
103-102-90

102-05
102-75
102-70
102-00
102-45
102-35
102-—I
lOl-Boj
101-50
101-  95
102-  05
101-80
101-55
101-09;
101-45'
101  35
101-75'
101-45,
101-45
102  97
103  87
102  11

Ajiril
101-55
101-55
101-45
101.50
101-30
101-20
101-10
101  70
100-25
99-40
99-  20
99-i)5
99-  25
9945
100-100-
  15

99-05
99-45
99-45
99-10
99-15
97-25
97-05
97.-I
100  04
10240
97  73
Der  Jahre

Mai
9590
90-85'
97-70'
97-55:
97-25
97-15
97-  05
98-  15
98-05
98-251
98-151
98-25
98-lOi
98-30
98-40
98-10
98-  80
99-  55
BMI  50
99-05
99-20
98-55
98-00
98-20

98-50
97-35
9892
10125
9002
sdurchsclinitts

9705
90-90
90.50
90-05'
90  30,
90-15,

95--i
9385
94-00
94-  95,
95-  25
95-30
95-45
95-45
95-25
95--|
95-40
95-35
94-  85
95—
9.5-10
94-80,
94-25
90  18;
97-78,
94  55
■Cours  |)ro
        <pb n="143" />
        138

ungünstigste  Cours  stellte  sich  im  Jahre  18«6  mit  1  05  Percent ­
  heraus,  der  günstigste  mit  0-83  im  Jahre  1871.  Es  hat
sich  also  der  Durchschnitt  der  gesummten  Epoche  gegen  die
Zeit  vor  1848  ziemlich  genau  um  ein  Percent  verschlimmert  ;
der  beste  unter  der  Herrschaft  der  Zettelwirthschaft  erreichte
Jahresdurchschnitt  war  um  I  47  Percent  schlechter  als  der
günstigste,  der  schlechteste  der  zweiten  Epoche  um
0.85  Percent  schlechter  als  der  schlechteste  Wechselcours  der
ersten  Epoche.
Es  zeigt  sich  also  in  der  That,  dass  die  Papiemirthschaft
  in  Oesterreich  die  Wechselcourse  nicht  nur  verschlimmert.

Courses  auf  Hamburg,  8  ^1.  Sicht.
31.  December  18ti2.

Juli
94ÍÍ5
95-25
95-40
95-65
95-45
9565
95-30
95--94-
  85
95-  -
95-10
94-95
94-85
94-70,
94-45I
94-25
94-2()|
91-15
94-20
94-05
94-25
94  50
94-05
93-70
93-60
9360
93-90
96  52
96  61
94  30

August^
93-851  3
93-  85
94-  35
94-75
94-70
94-  85
95-  401
95-  50j
9770
97-551
96-  05
95-85:'
95  50:
—  •  I
95-801
95-401
95-101
95.55
95.70
9Ô6OI
95-601
95..50
95-  85'
97-  10;
96-  90Í
96-85;
96  381
98  43
9465

September
I  7,
94-751  3
94-  95
95-  30'
95-15
95  35
95-351

95-30
95-35
95-05
95-25
95-05
95-—
95-15
94-95
94-65
94  45
94-15
9375
92-  90
93-  35
93-35

93-35  j
9345j
92  70
92-90
95  15
9607
93  40

Octol)er
I  '
93  15  :
92-  70
93-  05
92-75
92-ïo;
92-60
92-20'
91-15
91-20
91-35
1&amp;gt;0.20
90  15
9130
91-  40
92-  25
91-60

91--91-20

91-20
90-80
90-85
90-  80
91-  10
90-  95
91-  80
91-35
91-55
92  23
93  85
90-83

November
I  7o

91-40  ;
91-60:
91-65!
91-751
91-50  4
91-35|
91-55:
91-55
91  15
91-45
91-40

91-55
91.70
91-  85
92.60
92-  05
91-85

91-70
91-85
91.75
91-75
91-55
91-4&amp;lt;'

92  56
9353
9206

-IV

1862  für  a  vista-Papier  ist  97.15.

December
91-30'4V,
91  40
90-951
90-20
90--89-30


88-60
89-15
89-15
89-45  4
89.30

89-—
88-80
87-85
87-  75
88-  40
88-70
88-25
88-20
88-45

87-45
86-tK)
X6  10
86-30
8970
9243
86  96
        <pb n="144" />
        —  184  —

sondern  die  früher  regelmässig  vorhandenen  Coursgewdnne  in
ebenso  regelmässig  auftretende  Coursverluste  verwandelt  hat.
Im  günstigen  Wechselcourse  der  Epoche  vor  1848  spiegelt
sich  unter  anderem  auch  die  Thatsache  ab,  dass  Oesterreich  ein
ärmeres  Land  ist  als  jene  Länder,  mit  denen  es  die  lebhaftesten ­
  Verkehrsbeziehungen  unterhält,  und  dass  es  daher
schon  aus  diesem  Grunde  in  der  Regel  nicht  im  Stande  war,
von  diesen  so  viel  zu  kaufen,  als  diese  von  ihm  kauften.  Da
jene  Zahlungsverpflichtungen,  zu  deren  Ausgleichung  die
Wechsel  dienen,  nicht  blos  aus  der  Lieferung  von  Waaren,
sondern  auch  aus  der  von  Werthpapieren  und  Dienstleistungen

Täglicher  Stand  des  Wechsel-Vom
  2.  Jänner  bis

ä.m

8.
9.
10.1
11.
12.1
13.  i
14.  I
15.1
16.,
17.
18.
19.
20.
21.
22.
23.
24.
25.
26.
27.
28.
29.
30.
31.
D.  C
H.  C
N.  (!

Jänner
®/o
85-  10  4
84-25
84-  85
*86-30
86-  45
86-40
86-25
85  75
85-  75
86-  —
85-  80
86-86-10

86-  50
87-  40
87-55
87-45
86-80
86-75

87-35
87-15
86-  95
87-  —
86-60
86-65
87-  23
88-  43

Februar

86-25
86-65
86-60
86-90
86-85

'/o

März

86-80
86-95
86-60
86-70
86-80
86-85

86-  70
87-  -
87--86-75

86-70
86-55

86-50
86-30
86-60
86-45
86-25
85-20

86  20
86  10
86-20
86-50
86-35
86-90

86-35
86-30
86-30
86-20
86-10
85-40

87-25
86-  90
87-  25
87--8730

87-25

85-20
84-70
83-76
84-35
83-95

8740
87-96
86  76

83-95
83-80
86  46
87-60
8-138

April
83-55
83-10

3

83-65  3
83-76

82-70

82-30
82-  30
82-60
82-80
83-  15
82-  90
83-  15
83-35
83-70
83-  75
84-  -

85-20
84-70
84-20
84-—
83-  90
84-  15

86-26
84-90
84-15
83-85

83-15
82-70
82-50
82-  95
83-  05
82-40
82-20
82-16
82-60
82-70
82-75
82-60
82-55
82-70
82-65
82-65
82-96

83-05
83-55
83-20
82-95
82-80

84-28
86-89
8292

8346
84-38
82-77

82-96  3
83--83-20


83-35
83-30
83-35
83-35

83-65
83-45
83-25
83-40

83-30
83-10
83-20

83-15
83-10
83-20

83-35
83-40
83-30
83-45
86  69
83-25

82-90
84--84-44

86-67

Der  JaliresduiThschnitts-Cours  pro
        <pb n="145" />
        135

entstehen,  so  ist  dies  auch  leicht  erklärlich,  und  das  Verhältniss
  konnte  sich  erhalten  selbst  in  jenen  Jahren,  wo  etwa
durch  die  Ungunst  der  Productionsverhältnisse  Oesterreich
ausser  Stand  gesetzt  war,  seine  Schuldigkeiten  durch  Waarensendungen
  an  das  Ausland  ahzutragen.
Sollte  sich  dies  im  Jahre  1848  urplötzlich  geändert  haben,
sollte  Oesterreich  vom  Momente  der  Inflation  angefangen  durch
ein  Vierteljahrhundert  beinahe  ohne  Unterbrechung  mehr  auf
den  fremden  Märkten  gekauft,  als  an  diese  verkauft  haben?
Im  ersten  Momente,  solange  der  durch  die  Valutastörung
bedingte  Silberahfluss  währte,  geschah  dies  sicherlich;  aber

Courses  auf  Hamburg,  3;M.  Sicht.
31.  December  1863.

Juli

82-  90  4
83-  -
82-  85
82-85
83-  -
82-  95
83-  05
83  —
83-05
83-10

83-15
83-20
82-  90
83-  05
83-20  3V,
83-35

83-90
83-  75
84-  —
84-30
84-  65
85-  —

84-70
84-25
84-10
84--84--


85-74  .
83-68

August

84-84-15

84  05
84-84-05

84-20
84-10
84-20
8415
84-10
83-95
83-90

83-80
83-65
83-40
8325
83  50
83  65
83-65
83-35
83-40
83-30
83-45
83-55
83-50
84  44
8194
83-87

3‘A

3

September

83-55
83  30
83  60
83-55
83-40
83-40
83-30
83-  30
83-25
83-15
83-20
82-  90
83-  15
83-82-
  95
8295
82-90
83  10
83-  15
8310
83-15
83-15
83-20
83  10
83-—
88-81
84-  18
8352

3

October
%
83-—  3
83  25
83-20
8350
83  90
83-70  3'/,
83-60
83-45
83-50  4
83-55
8355
83-60
83-60
83-60
83-60
83-75
83-80
83-80  5
83-90
8415
83  95
83-85
83-60
83-55
83-  80
83  95
84-  10
84-  52
85-  20
8362

November

84-25  5
84-90
84-60
84-  90
86.50
85-  75
86  05
87-15
87  25
87--  5V,
87-20
87-  40
88-  15
8890  6
91--91-60

91-25
91-35
92  90
91-65
9150
90-—
90-45
90-25  5V,
90-85
89-74
94  29
8530

December
91-  5V,
90  75
91-30
91-40
90  95
90  65
89-  75
90-  15
89-90
89  25
88-  75
87-85  5
87-  50
89-  25
89-85
89--88-
  70
89-  75
88-95
89  05

88-75
88-  25
89  —
89-  60
9077
92-66
88-95

I
I

I

1863  für  a  vista-Papier  ist  85-87.
        <pb n="146" />
        —  136  —

nachdem  das  Silber  einmal  ausgewandert  war,  ist  nicht
abzusehen,  wie  dies  Land  seine  reicheren  Concurrenten  auf
dem  Weltmärkte  überbieten,  mehr  als  sie  an  (lütern,
Werthpapieren  und  Dienstleistungen  von  dorther  hätte  beziehen
können  ?  Man  braucht  blos  an  die  riesigen  Anlehen  zu  denken,
die  von  Oesterreich  gerade  in  den  letzten  Decennien  im  Auslande ­
  aufgenommen  wurden,  und  deren  Summe  sich  auf
Milliarden  beläuft,  um  jeden  Oedanken  an  die  Möglichkeit,
dass  Oesterreich  trotzdem  für  Bezüge  irgendwelcher  Art  noch
einen  Saldo  an  das  Ausland  zu  entrichten  hatte,  als  widersinnig ­
  fallen  zu  lassen.  In  der  That  fanden  diese  Mehrbezüge

Täglicher  Stand  des  Wechsel-VoiH
  2.  Jänner  bis

Am  l|
IÎ
5.  'i
IÍ
11.
12.
13.
14.
15.
16.
1%
I  19.
i  20.
I  21.
I  22.
23.
24.
25.
26.
27.
28.
29.
30.
31.
D.  C.
H.  C.
N.  C.

4
3»/,

Jänner  I
%
90  —

90-  40
91-  30
90-75
90-25
90-20
90-65
90-30
90-20
90  10
91  —
90-  85
91-  75
92  75
9220
91-85
91-40
91-75
91-45
91-40
90-75
90-  70
91-  20
91-85
9202
9308
91  -

Februar

92-05
91-80
91-  55
92-91-60

90-35
90-25
90-25
9010
89-  85
90  05
80-90
90-  25
89-90
89-  50
89  35
90—
90
90-89
  75
89  25
89-15
88  60
89-—

91  1«
9304
8949

4
4V,

März
89-85
89-65
89-  65
90  25
90-90-25

90  30
90-25
90-20
90--89-70

89-’-89-20

89  15
88-50
88-25
88-75
88  75
88-40
88-60
88-50
88-55

88-30
8825
87-25
90-91
  15
S902

*/«

37,

37,

April
88-15
87-75

87-50
87-40
87-20
87-65
88  25
87-45
87-40
87-10
86-70
86-30
8610
85-40
84-  85
85-50
85-  66
8615
86'30
86-  25
85-90
85-65
85-50
85-80
85-50
87-40
89  13
85-  70

Mai

85-  85
86-  05
86-35
80-70
86-40
86-40
86-10
86--86
  25
86  20
86  10

85-90
85-  95
86-  15
86
86  15
86-25
86-85
  75
85  95
85-80
85-85
85-80
8704
87-07
80  00

"/«
4
17,

Juni
8585
85-85
85-80
85-85
85-80
85-  90
86-  10
86  —
85-70
85-85
85-80
85-  85
86  05
86  05
86-  10
86-35
86  60
86-30
86-15
86-20
86-  90
87-  -
87  15
86-40
86-25
80  94
88-02
i  80-45

37,

37:

Der  Jahresdurchsclinitts-Cüurs  pro
        <pb n="147" />
        gar  nicht  statt.  Der  ungünstige  Wechselcours  ist  nicht  der
Ausdruck  einer  passiven  Zahlungsbilanz,  sondern  lediglich  die
Consequenz  dessen,  dass  100  fl.  C.-M.  Silber  in  Augsburg
mehr  werth  waren,  als  100  fl.  C.-M.  Silber  im  Papierlande
Oesterreich,  und  dass  ebenso  100  fl.  ö.  W.  Silber  in  Hamburg
wohl  128*55  Mark  Banco  galten,  in  Wien  aber  um  eben  so  viel
weniger  werth  waren,  als  die  Münz-Fracht  und  Versicherungsspesen ­
  für  diese  selben  KK)  fl.  von  Wien  bis  Hamburg
betragen.  Der  fremde  Wechsel  repräsentirt  nun  ,  wenn  er  in
Wien  zum  Verkaufe  ausgeboten  wird,  ein  Silberquantum,
welches  beinahe  kostenlos  in’s  Ausland  versetzt  werden  kann.

Courses  auf  Hamburg,  3/M.  Sicht.
31.  December  1864.

Juli
8615
86-30
'  86-55
86-50
86-45
8670
86-75
86-65
86-25
86-85-85

85-60
85-85
85-80
85-80
85-70
85-9(1
85  85
85-75
85-80
85-  85
86  05
86-  15
85-95
85()5
85-70

56  0O
57  62
S6-40I
1884  für  a

3V,

August

85-50
85  55
85  55
85-  75
86-  -.
86-05
86  05
86-—
85-75
85-75
85  80
85-65

85-65
85-70
85-50
85-40
85  50
85  50
85-55
85-45
H5-65
85-40
85-30
85-15
85-15
85-45
8676
87*04
86  32

4Y

n.

5V,

September
%
85  95  6
85-60
85-55
85-85
85-85
85  95

86-90
86-  75
86  80
87-  —
87-35
87-45
87-  75
87  65
87-30
87-15
86-80
87  05
87--87--

  85
86  65
86  75
87-  20
87-30
88-  13
80  29
86-83

OV,
5’/.

October

87-35
87  60
87-75
87  30
87-10
87-40
87-45
87-65
87-30
87-25
87-80
87-25
87  40
87  io
67-45
87-50
8815
87-95
87-  95
88-  15
88-45
88-70
88  65
88-88-20

88-10
8H-78
8050
88-10  I

3‘/.
37«

November
%

87-45
87-75
87-60
87-35
87-55
87-45
87-30
87-45
87-20
87-30
87  io
87-35
87-65
87  70
87-75
87  90
87-75
87-65
87-45
87-35
87-75
87-60
87-  65
87-55
88-  35
88-64
87-81

3V,

4'/.

December
%
87  55  Vi
87  80
87-  75
88-  —
87-90
87-90

87-80
87  75
87-75
87-00
87  85
87-85
87  60
87-85
87-90
87-70
87-60
87-45
87-40
87-35

vista  Papier  ist  88  50.

86-90
86-70
86  60
86-60
86  75
88-48
80-—
87-47

V-;
        <pb n="148" />
        138

und  er  wird  schon  aus  diesem  Grrunde  allein  tlieurer  bezahlt,  als  ein
Silberquantum  ,  welches  ihm  an  Werth  dann,  aber  nur  dann
ganz  gleich  wäre,  wenn  es  sich  eben  auch  im  Auslande  befände.
Es  sind  aber  die  oben  erwähnten  U-2746  Tercent,  um
welche  die  fremden  Wechsel  im  Durchschnitte  des  letzten
Vierteljahrhunderts  an  der  Wiener  Börse  noch  über  den
.Aletallgeldpreis  hinaus  bezahlt  wurden,  keineswegs  das  volle
Aequivalent  jener  Spesen,  welche  die  Versendung  des  Silbers
von  Wien  nach  Augsburg  und  Hamburg,  oder  des  Goldes
nach  Ijondon  verschlingen  würde.  ]\Ian  hat  also  füi  die  fremden
Wechsel  an  der  Wiener  Börse  im  Durchschnitte  gar  nicht  den

Täglicher  Stand  des  Wechsel-Vom
  2.  Jänner  bis

Am  11  Jänner

1.  ll
2.
3.
4.
5.  '
6.
7.
8.
9.  :
10.
11.
12.)
13.
14.
15.
16.
17.  !
18.
19.
20.
21.
22.
23.
24.
25.
26.
27.
28.
29.
30.
31.

87  16
86-95
86-90
86-70
86-90
86-90
86-60
86-90
86-90
86  85
86-60
86-70
86-85
86-  95
1  87
,  87-05
i  87-05
:  86-75
87-  -
86-95
86-85
86-85
I  86  60
85-80
85-6:

D.C.  87-64
H.C.  88-02
N.C.  86-51

X

Febrnar
85-55
85-25
84-75
84-65
84-  75
85-  -
85-30
85-55
85-40
85  55
85-50
85-05
85
85
84-75
84-75
84-  75
85-84-80

84-70
84-60
84-50
84-70

85-66
8641
85  13

März
84  65
84-45
84-35
84-15
84-30
84-30
84-50
84-25
84-10
84-05
83-50
83-80
83-80
83-60
83-80
83-80
73-75
83-65
83-40
83  40
83-10

82-90
82-50
82-25
82-35
82-50
84-  10
85-  28
82-66

X

2‘/,

April
82-75
82-85
82-65
82-20
82-30
82-30
82  15
82-—
81-75
81-70
81-60
81-35

81-30
81-50
81-25
81-25
81-05
80-70
80-70
80-35
80  70
80-90
81  —

8197
83-26
8070

1%

Mai
81-15
81  —
81-—
80-  95
81-  15
81-20
81-15
81-10
81-25
81-30
8130
81-30
81-50
81-50
81-50
81-45
81-45
81-20
81-25
81-30
81-25
81-15
81--80-95

80-65
8065
81  65
8201
81  15

X

8136
8161
8110
Der  Jahresdurchschnitts-Conrs  pro

Juni
8060*2V,
80-75
80-80

80-95
80-80
80-  85
81-  10
80-70
80-70
80-  75
81-  -
80-75
80-  95
81-  ’-81-10

81--81-10

81-10
80-85
80-65
80-70
80-80
80-75
        <pb n="149" />
        139

vollen  Betrag  dessen  bezahlt,  was  sie  in  Wiener  Silber  oder
Grold  werth  waren,  und  dies  ist  nur  daraus  erklärlich,  dass
durchschnittlich  ein  die  Nachfrage  übersteigendes  Angebot
dieser  Wechsel  vorhanden  sein  musste,  d.  h.  dass  die  Zahlungsbilanz ­
  für  Oesterreich  wirklich  günstig  war.
Es  kann  nun  die  Frage  entstehen  ,  wie  so  es  kam,  dass
in  einzelnen  Jahren  die  Wechselcourse  auch  unter  der
Herrschaft  der  Zettelmisère  nicht  blos  relativ,  sondern  absolut
günstig  für  Oesterreich  standen.  Wenn,  theoretisch  betrachtet,
der  mathematische  Paristand  schon  die  Gewinngrenze  für  den
Wechselcours  eines  Papiergeldlandes  darstellt,  so  muss  in  der

Courses  auf  Hamburg,  3/M.  Sicht.
31.  December  1865.

2V,

Juli
80-80
81-10
81-45
81-55
81-25
81--81

81-30
80-90
HO(JO
80-65
80-  95
81-  05
81-25
81-35
81-25
81-25
81-20
80-  95
81-  25
81-40
81-40
81-40
81-50
81  60

81-30
81-80
82-42
8120
1865  für  a

•3V,

August

81-35
81-50|
81-70
81-  90
82
82-81-70

81-65
81-90
81-65
81-70
81-Ò5
81--81-05

81-05
81-05
8105
81-80-80

80-65
80-80
80-85

8060
80-75
80-80
80-90
8206
82-82
81-411
vigía  Papier

Septemlær
81—
80-65
80-  95
81-  20
81-05
81-35
81-25
81-15
81-30
81-10
81-20
81-10
81--80-90

80-90
80-  85
81-  20
80-85
80-85
80-75
80-70
80-65
80-45
8025
80-35
81-  77
82-  16
81  25
ist  82-65.

October

8020
80-  45
80  75
80  65
8115
81-  25
81-70
81  70
81-25
81-30
81-30
81-—
81  io
81-15
81-10
8120
81-20
81  15
80-90
80-50
8050
80-30
80-15
80  39
80-15
80-15
8204
82-98
81  20

%

5V,

6V,
7

November
%

80-  40
80  90
81-  05
80-  70
8105
81-  10
8105
80  90
80-95
80-70
80-55
80-60
80-50
80-85
81  15
80-80
80-60
80-65
80-40
80-25
80-25
80-20
80-10
79  80
8P89
82-57
80-80

December

79-80
79-85
79-30
79--79-05

7880
78-90
78-  90
79-  25
79  —
79  05
7890
7895
78  60
78-90
78-50
7815
7805
7810

77  35
77  20
77  20
77-40
7967
80-85
78-35

T'
        <pb n="150" />
        That  die  Ueberschreitung  dieser  (-rewinngrenze  auf  besondere
Ursachen  zurückzntühren  sein.  Diese  Ursachen  finden  sich
leicht;  es  sind  ganz  die  nämlichen-,  xlie  auch  in  den  Metallgeldländern ­
  gar  nicht  selten  die  AMechselcourse  vorübergehend
oder  auch  für  längere  Zeit  über  die  mathematische  Crewinnoder
  Verlustgrenze  hinaus  treiben.  Vor  Allem  darf  nicht
übersehen  werden,  dass  diese  Grenze  selbst  eine  variable
Grösse  ist,  da  die  Kosten,  Umständlichkeiten  und  Gefahren
director  Edelmetallbezüge  von  mancherlei  Zufälligkeiten  abhängig ­
  sind.  Ein  Krieg  z.  B.  dehnt  in  der  Regel  diese  Grenze
sehr  bedeutend  aus.  Es  sei  hier  unter  Anderem  auf  die  riesigen

Täglicher  Stand  des  Wechsel-Vom
  2.  Jänner  bis

Am
1.
2.
3.
4.
5.
G.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
13.
14.
If).
IG.
Sj
19.  I
20.
21.  1
22.  !
23.
24.
25.  '
2G.
27.
28.
29.  i
30.
31.
D.  0.
H.  C.
'N.  C.

Jänner

77-80
78-05
78-45
7865

6‘A
Ü

78-50
78-45
78-40
78-35
78-35
78-30
78-30
78-40
-78-35
78-35
78-40
78-45
78-50
78-45
78-2:
78-55
78-50
78-55
78-40
78-10
78-15
7957
7986
7906

Februar

78-05
77*70
77-65
77-30
77--7G75

7G-G0
7660
76  85
77--77-30

77-30
7690
7G-G0
77-10
77--7685

76-90
76  50
76-50
76-25
76-10
7575

7769
79  12
7651

März
76-30
76-20
7645
76-25
76-40
76-55
7615
7620
76-10
7625
76-10
76-10
76-10
76  10
76-20
76-  85
77-  20
77-  85
79-25
8030
78-  60
77-  80
77  60
7810
78-  65
78-70
77-83
81
76-86

3'/

April

57,

4

Mai
81  50
85--88-


90  20
92--95
  —
96-75
98--95-75

9895
98-50
95-25
96
95-35
96  —

67,
7

7850
78-50
78  65
78-  45
7840
79  20
79-  20
78-  75
79-  20
8050
78-50
78-  60
79  —
79-  50
79-78-85

78-05
78-75
78-60
78-35
78-—
78-  -
78-85
80-  —
79-  89
81  61
79  17
Der  Jahresdurchschnitts-Cours  pro

96-25
96  65
95  —
92-  50
95  —
94-70
94--I
93-  50'
9549!
100  93
82-621

Juni
95-94
  50
96  25
97-25
98  50
100-101-

  50
101-  29
102-  25
103-103-
  50
104-  65
105  50
103-90
103.50
102-75
101  51
102  25
102-25
99  15
98  50
98  —
97-  25
98-  75
102  32
10761
96  15
        <pb n="151" />
        141

Differenzen  zwischen  Silber-  und  Wechselcours  hingewiesen,  wie
sie  in  der  weiter  unten  beigefügten  Vergleichstabelle  für  das
Jahr  1866  im  Monate  Juli  berechnet  sind.  Der  Wechselcours
auf  Hamburg  stand  da  in  seinem  Maximum  um  volle  7  Percent ­
  über  dem  höchsten  Silbercourse  desselben  Monats  und  der
niederste  Wechselcours  auf  Hamburg  um  5*2  Percent  über  dem
niedersten  Silbercourse.  (janz  Aehnliches  kommt  unter  analogen
Verhältnissen  oderbei  intensivenVerhebrsstörungen,  die  auf  andere
Ursachen  zurückzuführen  sind,  bei  Paniquen  u.  d.  gl.  an  allen
(xeldplätzen  vor.  Auch  gibt  es  immer  eine  bedeutende  Anzahl  von
Personen,  die  der  grösseren  Bequemlichkeit  halber  es  vorziehen.

Courses  auf  Hamburg,  3/M.  Sicht.
31.  December  1866.

.ruli

101-50
101-  50
102-  -
101-75
06-—
08-25
100-  15
l(HJ-(;0
90  50
101  50
101-  75
102-  —

10075

102-60
100-501
08-—
96
06  -
96-80

97.10
101  40
104-65
0720
1866  für  a

August
I
08-85!  5
97-50
97-25

97-40
97-.50
97-—
96-25
9&amp;lt;)-30
96  —
96-  30
95  65
94-—
0075
95  50
94-50
94-  75
95-  50
97-97-10

97-  50
98-  20
97-75
97-25
96-  25
95-25
7-4Ö0
100  00
0469
vista  Papiere

September

95-40
95-40
0495
95-75
95-  60
96-  50

97  50
97-30
96-70
96  —
96-(K)
96  —
96  25
96-25
96  25
96-05
96  10
96-60
96  05
95-50
95-  55
96—
96-60
95  —

96  90
9866
95-78
ist  01-08.

n

üctotmr
04  50
95-  10
96-95-90

95t)5
95-70
95-40
95-70
95  (iO
95-60
95-95
95-  85
96-  25
96-50
07  45
97  15
96  75
96  35
96-10
96-45
96-30
96-25
96  —
96-40
96-—
96-10
9655
06  07
0842
0545

3V,

Noveml&amp;gt;er

0665
96-25
95-85
96  —
95-75
95-90
95-95
95-75
95-55
95-60
95-75
95-—
95-25
04  50
94-  85
95  —
95-  40
95-35
95-30
95-35
95-15
95-45
95  75
95-90
06  51
0762
0545

®/o

ÜecemJier
06  —
96-40
96-10
96-25
96-35
9t)45

97-10
97-15
97-96-
  75
97  15
97-  50
98-  40
08-75
98-50
98-40
98-10
98-30
98-30

97-65
96  60
97-50
97-55
08-18
0074
0606

37,i
.1
I
        <pb n="152" />
        142

zu  ihren  Zahlungen  Wechseln  statt  des  Baargeldes  zu  verwenden ­
  ,  auch  wenn  dies  mit  einem  geringen  Mehrbeträge  an
Kosten  für  sie  verbunden  wäre.  Wenn  also  die  Zahlungsbilanz ­
  eines  Landes  im  hohen  Grade  und  dauernd  activ
geworden  ist,  so  werden  seine  Wechsel  leicht  über  die  Gewinngrenze ­
  steigen.  Jedenfalls  muss  aber  die  Zahlungsbilanz  in
jenen  Jahren,  wo  die  fremden  Wechselcourse  in  Wien  unter
pari  standen  ,  eine  überaus  günstige  für  Oesterreich  gewesen
sein.  Dies  zu  constatiren,  ist  insbesondere  für  die  Jahre
von  1868  bis  1872  von  grosser  Wichtigkeit.  Bekanntlich
wurde  gerade  in  dieser  Epoche  die  Bilanz  im  Waarenverkelire

Täglicher  Stand  des  Wechsel-Vom
  2.  Jänner  bis

Am
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
lü.
11.
12.
13.
14.
15.
16.
17.
18.
19.
20.
21.
22.
23.
24.
25.
26.
27.
28.
29.
30.
31.

Jänner

%

97-75
97-30
97-  90
98-  -
98-25
98-301
98-601
98-  65
99-  20
99-15
99-40
99  —
98-85
98-  75
99-  15!
99-35!
99-501
99  55|
99-15
99-1
99-101
98-60

98-10
97-35
9675
97-25
1).  C.  99-29
H.C.100  80
N.  C.  97-48

Februar
1
96-501  3

95-85  ¡
9575,
95-60  ;
95-  75
96-  -:
96-10!
95-302V.
94  55!
95-35;
95-40;
95-20
95-15

94-951
94-  801
95  —
95-  10
95-25
95-30
95-10
95  —
95  —
95-—

95-14
9798
95-14

März
I
95--I2V.
94-  95
95-  —
95-35
95-15
95-60
85-10
94  90

95--95-40

95-  50I
96-  10,
96  —
95  50,
95-  50
96-  25
96-25
95-  75
96  20
96-  10

96-96--


95-90
95-90
96  20
96-851
95491

April

*/o
9575'3V,
95-  95
96-  60
96-45
96-40
96-30

98-25
98-10
98-85
98-60
98-80
98-40
98-35
98--98-15

98-  30
99-  75

99-75
100-60
100*75
99-75
99-15
98-50
98-50
98-88
10138
9635

Mai
I
98-75  2V,
98-40
97-  95
98-97
  90
98-20
98--97-60

96--96.-


94-75
94-40,
94-25
94-201
94-60|
94-301  3
93-  25
94-  30'2V.
94-35
94-75
94-50
94-20
94-10
93-90
92  90
9632
9961
9348

Juni
1“/.
92-052V,
92-15!
91-80
92-  1
93-  501
93-85
93-30!

92-50
92-50
92-60
92-75
92-25j
92-15;
92-75

92-15
92-25
92-20
92-05
92-40
92-35
92-45

9305
94  44
9237

Der  Jabresdurchschnitts-Cours  pro
        <pb n="153" />
        —  143  —

mehr  und  mehr  ungünstig.  Im  Jahre  1866  hatte  der  Waarenhandel
  einen  Activsaldo  von  1116  Millionen  ergeben,  im
Jahre  1867  einen  solchen  von  113  1  Millionen;  trotzdem  blieben
die  Wechselcourse  in  beiden  Jahren  für  Oesterreich  ungünstig,
im  ersteren  sogar  mit  1  05  Percent  schlechter  als  jemals  zuvor
und  nachher.  Die  Zahlungsbilanz  im  Ganzen  muss  also  nothwendigerweise
  verhältnissmässig  schlecht  gestanden  sein.  Im
Jahre  1868  und  1869  sank  der  Activsaldo  des  Waarenhandels
auf  415  respective  19  2  Millionen;  die  Wechselcourse  aber
wurden  jetzt  günstig,  u.  z.  desto  mehr,  je  mehr  sich  die  Bilanz
des  Waarenhandels  verschlimmerte.  1870  ergaben  die  officiellen

Courses  auf  Hamburg,  3/M.  Sicht.
31.  December  1867.

Juli
I
92-502V
92-65
92-  90
93-  25
93-05
93--I
I
92  90
92-90
92-  90
93-  25
93-40
93-50

93-60
93-  65
94-  30
95-94-85

94-40
94-15
94--I
94  20'
94-40
94-—
94-65'

94-65
94-40'
94-45|
9432!
9629
9303

August
94--2  V
9425'
93-85

93-85
93-60
92-  95
93-  15
9330
93  20
93-20
92-35
92  —
92-35
92-40

92-601
92-40
92-30'
92-20,
92-20'
92-25
—  •  i
92-40
92—1
91-  90,
92-  —I
92-05,
91  80
9359
64  84
9238

91  72
92  32
9127
1867  für  a  vista-Papier  ist  94  42

September
I
91-05‘2V,
90-  90
91-  05
91-05
90  90
91-15
91-10
91-35
91-25
91-10
91-25
91-15
90-90
90-75
90-70
9070
90-  851
91-  25|
91-45!
91-25!
91-30,
91-551
91  75
91-50;
91-60

October

91  60
91-95
91-95
91-95
91-  89
92-  05
91-95,
91-75
91-70
91-70!
91  75j
91-70!
91-65
91-  851
92-  -!
92  50
92  10

92-10
91-  85
92-  05  3
91-90
91-  80
92-  15
91-m
91-80
91-75
91-80
9250
9308
92  17

November
I  *  »
91.80  ¡  3
9I-80!
9180
91-75
91-65
91-40
91-20
91-05!
91-05'
91-—!
90-95
90-%l
90-70^
90-15'
90-10,
90-15'
90-20
90-10
90-10'
89-35
89-60
88-40
88-80
88-65

9121
9249
89-06

December

88-80  3
88-  50
8895:  ■
89-  35
90-  251
90-10!
69-8o!
89-  551
89-70,'
89-501
89-15
89-45;
89-45
89-60
89-60
89-80
89-50
89-75
89-85
89-75

89.9o!
90-25  i
90251
89-85
90-28
90  93
8916
        <pb n="154" />
        Handelslisten  einen  Passiv  saldo  von  dG’5  Millionen  ;  dei
Wecliselcours  aber  blieb  zum  Vortlieile  Oesterreichs  mit
1  pro  mille,  das  wäre,  wenn  man  die  störende  M  irhung  der
Agioverbältnisse  mit  ungefähr  1  Percent  in  Anschlag  bringt,
in  Wahrheit  eine  durch  die  Zahlungsbilanz  hervorgerufene
Gunst  von  11  pro  mille.  Im  Jahre  1871  stieg  der  Passivsaldo
des  Waarenhandels  auf  781  Millionen;  der  Wecliselcours  aber
wurde  günstig  mit  0’88,  also  relativ  mit  nahezu  2  Percent.
Im  Jahre  1872  stieg  der  Passivsaldo  des  Waarenhandels  vollends ­
  auf  225-7  Millionen  ;  der  Wecliselcours  aber  blieb  günstig
mit  0-47  ,  resp.  1  V2  Percent.  Eine  handgreiflichere  Widerlegung

Täglicher  Stand  des  Wechsel-Vom
  2.  Jänner  bis

Am
1.
2.
3.
4.
5.
G.
7.
8.
9.
!  10.
iii
14.  ,
15.
IG.
17.
18.
19.  ;
20.
21.
22.
23.
24.
25.
2G.
27.
28.
29.
30.
31.
D.C.
H.U.
N.  0.

Jänner
I
90.15  3
90  —
9u-—

89-40  ;
89-40
89-50
89-89-


88-90!
88-  90;
89-  15j
89-—
88-90
88-50}
8S--Î
88-401
88-  7O1
89-  —I
88-751
88-65
88-65
88-80
88-45
88-30
8905
90-  80
88-00

Februar

«/o

88-25'3

88-05
87-80
87-75
87-8"
87-80
87-45
87-Õ5
87--1
86-  951
87-  51)
87-—
87-30
87-—
86-95
86-90
86-65
86-55
86.15
86-50
80-—
86-15
86.45
86.40
86-65

87-00;
88.91,
80-541

2'/,

März

86-35
80-50
86-35
85-  70
86-85-70

85-70
85-70,
85-80
85-80
85-95
85-  95
86-  20
86-15
85-75:
85-70
85-50
85-40
85-45
85—
85-60
85-35
85-30
85-60
85-40
80  29
8704
85  53

“Io
2V,

April
r/o
85-35'2V:
85.05
85-40
85-  65
8545
85  50
85  65
86-  15
8625

87-—
86-70
86.10
86-15
86-15
86-25
86-30
86-15
86-25
86-  25
86-10
86-'-85-60

85-95
86  —
80  51
87-  54:
85-58:

Mai
1  "0
86-202'/.
86-30
86-20!
86-20;
85  90
86-15;
80  45
86-251
86-15;
86-10
86-05
86-—!
86-—!
86-05;
86-—I
86-05!
86-20'

86-25
86-40
86-10
86-25
86-20
86-15
86-15
86-10
80  09,
80  99
80  441

Juni

85-  752//,
86-  —
8b-—I
86-05
86-10
80  io
85  80
85-75
85-75
85-50
85-45
85-50
85-85
85-75
85-70
85-70
85-55'
85-40
85-35
85-30
85-30
85-40

85-50
80  21
80  (G
85-83

Der  Jahresdurcbschnitts-Cours  pro
        <pb n="155" />
        145  —

der  so  vielfach  begangenen  Verwechslung  zwischen  der  Bilanz
im  Waarenhandel  und  der  gesammteii  Zahlungsbilanz  lässt
sich  schwer  finden.  Deutlicher  selbst  als  die  glänzende  theoretische ­
  Beweisführung  Soetbeer’s  zeigt  die  Tliatsache  der
gerade  in  der  Zeit  der  ungünstigsten  Handelsbilanz  auftretenden
absolut  günstigen  Wechselcourse,  dass  Oesterreich-Ungarn
seine  Waarenbezüge  nicht  mit  Geld  oder  Wechseln,  sondern
mit  Werthen  anderer  Art  (im  vorliegenden  Falle  mit  Werthpapieren) ­
  bezahlt  hat,  und  dass  noch  ein  sehr  bedeutender
Ueberschuss  der  Effectenbezüge  des  Auslandes  über  die
Waarenbezüge  Oesterreichs  vorhanden  gewesen  sein  muss.

Courses  auf  Hamburg,  3/M  Sicht.
31.  December  1868.

Juli

August

September
%

October
I
85  30  2V,

X5  4D  2V,
85-25
84-95
84-85
•  I
84-75
83-90
83-70
83-80
83-  95
84-  -1
—  •
84-15!
84-25:
84  15:
84-101
84-15
84-401
84-40,
84-lo!
83-  90
84-  25
83  85
83-95
83-90
83-90
83-90
8335
84  73
85  03
83-87

83-50|2V,
83-75!
83-751
83-80:
83-80
83-75
83-80
83-70
83-70
83-70
83-65
83-90

83-  90
84-  10
84-  401
85-40
85-  20
84851
84-15
83-  90,
84-  —
84-15
84-05
84--84--

  50
85  03
84  02

84-05  2V,
84.35
84-50
84-20
84-30
84-20
84-35*
84-40
84-25
84-65
84  80
84-  60
85-  45
85  05
84-70
84-  75
85-45
85  20
85-  —
8515
85-25

85-15
85  10
85-15
85-28
85-08
84-57

85-20
85-15
85-20
85-35'
85-30
85-35:
85-55
8570
85-40,
85-35
85-25;
85-30
85-35:
85-55|
85-15!
85-15
85-10
85-45,
85-10'
85-05
85-—
'  85-25'
85-35  2»/,
85-55,
85-45
85-40
85-85
80-24
85-53

November

85-60
85-  65
81-95
8,-90
86-  25  3
86  40
86-50
86-40
86-30
86-15
86  05
86-05
86-30
86-45
86-45
86-50
86-k)
86-55
86-  75
87-  15
8740
87-35|
86-7o;
80  051
88-00  :
85-84:

December
I  %
80-05  3
87-25
87-45  i
87-40
87-90
87-55
87-  75
88-  50
88-60
89-  -
88-55
88.60
88-60
88-55
88-60
80-35)
8860|
88-40:
88-40
88-20

88-25
88-15
88-20
88-15
88-87
0002
87-00

10

1868  für  a  vista-Papier  ist  80  00.
Dr.  Th.  Hertzka,  Währung  und  Handel.
        <pb n="156" />
        146

Was  aber  für  den  vorliegenden  Zweck  insbesondere  wichtig
ist:  mit  dieser  Thatsacbe  zerfallen  auch  die  Declamationen
über  die  Unmögliclikeit,  die  Valuta  lierzustellen,  so  lange  die
Handelsbilanz  ungünstig  sei  ,  in  Nichts.  Wohl  blieben  die
Besorgnisse,  dass  das  Metallgeld  wieder  verschwinden  könnte,
unbegründet,  selbst  dann,  wenn  die  Zahlungsbilanz  derMonarchie
thatsächlich  so  ungünstig  wäre,  als  behauptet  wird,  da  in
diesem  Falle  ein  wirklich  beginnender  Edelmetallabfluss  sie
sofort  herstellen  müsste  ;  aber  es  ist  doch  bezeichnend,  dass  auch
die  Prämisse  selbst,  auf  welche  so  falsche  Schlussfolgerungen
gebaut  wurden,  falsch  ist.  Die  österreichische  Zali-Täglicher

  Stand  des  Wechsel-Vom
  2.  Jänner  bis

Tuiu

Mai
1
90-80  ö
90  05

April

Marz

Februar

Jauner

Am

91  50
91-50
9130
91-40
91-40

94-05  3
94  60
92-85

89-20

87-90

91-50
91-40
9065
90-80

88-80
89--89-15

89-05

87-75
87-90

90-70

92-80
92-25
92-  65
93—
93-10
92  90

91-45
91-40
91-30
91-40
91-60

90-  75
91-  -

88-60
88-40
88-50

89-10

90-  90
9125
91-  50

90-90
90-85
01  50

89-40
89-35
89-45
89-65

10

88-55
88-45
88-45
88-65
88-60
88-60

11.

92-05
92-10
91-65
91  20
91-90
91-60

12.

91-35

13

91-25
91-10
01.-91-10

91-10
91-35

90-90
90-85

14

91-30
91-70
91-30
91-50
91-50
91-90

15

90-10
90-80
01  10
90  50
90-20

17.

91-05
90-95
0060
90-80
90-75

88-80
89  35
88-80
89-15

18.

9195
91-45
91-55
91-25
91-25
91-—

19

20.

91-60
01-73
91-50
91-35
91-35
91-35

21

92-15
92-30
92-40

90—
90  05
89-  95
90-  25
90-10
90-55

22.

89-30

23

90-  85
91-  20

24.

8930
89-25
89-50
89-45
89-25
80-50

25.

90-60
89-75
8030
89-  70
90-  20

26.

92-95

27.

91-35

3V

91-20
9125

28

29.

91-40

0375
93-75
02-48
04  45
01  33

30.

9135
01-83
0242
01-50

31.

02.28
0267
01-01

02  40
0501
0001

0047
91-78
89-47

89-44
9017
88-41

D.C.

H.  C

Der  Jabresdurchschnitts-Cour.s  pro
        <pb n="157" />
        10'

147

lungsbilan/  war  günstig  auch  unter  der  Herrschaft ­
  der  Zettelwirt  li  Schaft;  die  Verluste  anden
Wechselcoursen  in  der  durchschnittlichen  Höhe  von  nicht
ganz  8  per  mille  sind,  wie  bereits  erwähnt,  durch  die  Entwerthung
  des  Edelmetalls  in  Oesterreich,  nicht  aber  durch
die  Ungunst  der  Zahlungsbilanz  zu  erklären.  Wenn  die
Valuta  in  Ordnung  gewesen  wäre,  so  hätten  ohne  Frage  auch
die  Wechselcourse  absolut  günstig  sein  müssen,  wie  sie  es  in
den  vorhergehenden  Decennien  wirklich  waren.  Denn  ein
Grund  für  eine  urplötzliche  im  Jahre  1848  eingetretene  Verschlimmerung ­
  der  Bilanz,  d.  h.  für  ein  Ueberwiegen  der  Ein-Courses

  auf  London,  3/M.  Sicht.
31.  December  1869.

Juli
91-45
91  45
91-  60
9225
92  —
92-  10
92  30
92-25
92  —
9210
92-20
9215
91-60
91-50
91-65
91-60
91-  90
92-  05
92-10
92-25
92  —

91-70
91-70
91-85
91-70
91-50
91-55
92-79
9322
92  86
1869  für  a

August
91-35
91  35
91-10
90-80
90-70

90-80
90-60
90-65
90-75
90-80
90-80
90-85
90-90
90-85
90-75
90-70
90-55
90-55
90-40
90  —
8950
89-20
88-  95
89-70
91  43
92  26  I
89-  84

September
89-65  4
89-55
89-15
89-75
9060
90  25
88-  25
87-  95
89-  55
89-30
89-  75
90  —
90-  15
90-15
90-20
90-15
90-05
89-  95
90-  10
90-15
89-90
89-60
89-75
89-85
89-80
9060
91-40
88-  83
vista  Papier  ist  91  69.

October
89-50
89-  80
90-  35
90-45
90-30
90-25
90-40
90-50
90-40
90-10
90  —
90-35
90-40
90-45

90-45
90-55
90  50
90-65
90-45
90-9050

90-35
90-30
90-80
90-95
91  66

91  39
92-68
9039

4V,

November

91-85
91-45
91-40
91-45
91-50
91-65
91-55
9116
91-45
91-50
91-55

91-60
91-  90
92  25
92-  20
9215

92  —
91-90
91-  95
92-  05
92-10
92-20
92  30
9236
9274
93  21
9236

3*/.

December
3%

92-20
92-26
92-20
92-05
91-80
91.50
91-65
91-40

91-25
91-40
91-40
91-70
91-50
91-60
91-35
91-06
91-15
91-40
91-25

91-35
91-35
91-25
91-30
91-25
9235
93-10
91-84

3%

3V,
        <pb n="158" />
        148

käufe  Oesterreich-Ungarns  auf  den  fremden  Markten  statt  des
früher  vorhandenen  Ueberwiegens  der  Verkaufe  lasst  sic  i
ilnrchaus  nicht  finden.  Wohl  aber  sind  Oründe  und  ^fotive  in
genügender  Menge  vorhanden,  die  zn  der  Annahme  drangen,
Lss  nach  dem  Jahre  1848  das  Verhältniss  der  Internationa  en
Bezüge  und  Verkäufe  in  Oesterreich  noch  günstiger  geworden
ist,  als  zuvor.  Man  braucht  hlos  auf  die  inzwischen  vom  Staate
sowohl  als  von  verschiedenen  Privatgesellschaften  im  Anslam  e
Contrahirten  riesigen  Schulden  hinzuweisen,  um  dies  vollaut
erklärlich  zu  finden,
Im  Durchschnitte  der  letzten  fünf  Jahre  aber,  die  man
Täglicher  Stand  des  Wechsel-Vom
  2.  Jänner  bis

Am
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
:  12.
dt
:  15.
;  16.
17.
I  18.
I  19.
20.
21.
22..
!  23.
!  24.
!  25.
!  26.
i  27.
28.
1  29.
30.
¡31.
Id.  c
H.  c
N.  C

Jänner

Februar

“/o

91  30
91-25
91-20
91-25
91-10
9075
90-  85
91  15
91-91--


91-15
91-05
91-05
91-15
90-  95
91-  -
i  90-95
'  91-05
91
91-05
91-20
,  91-20
'  91-10
91-  88
92-  09
91  54

91-25
91-30
91-15
91-05
9095
91-10
91-25
91  45
91-40

91-80
91-70
91-70
91-65
91-60
91-60
91-80
91-  85
92-  10
92-15
92-15
9205

92  30
9285
9174

3'A

März

“/o

92  05  3
91-70
91-  90
92-  05

92-—
91-90
91-75
91-90
91-75
91-55
91-  85
9190
92-  05
91-75
91-80
91-70
91-70
91-60
91-50
91-50
91-55
91-  55
91-65
91-55
91-60
92  44
9274
92-  19

April
91-55

91  05
91-50
91-30

91-40
9115
91-15
91-20
91-10
91-10

91-15
91-10
91-10
91-05
91  -
91-15
91-30
91-25
91-35
91-30
91-35

Mai

91-45
91-60
91-60
91-60
91-50
91-60
91-55
91-40
91-50
91  70
91-65
91-65
91-60
91-60
91-60
91-55
91-40
91-35
91-35
91-45
91-50
91-40

0005
90-95
9103  02  15  00  01
0234  0230  0178
01-68  01  32  88  00
Der  .Tabresdurobsolmitts-Oours  pro

Juni
91-05
01  10
9D9Ü
90-70

90-75
90-—
89-55
89-60
89-30
88-70
88-—
88-10
88-85
88-70
88-80
88-80
88-65
83-65
88-70
88-65
88-60
        <pb n="159" />
        149

hauptsächlich  im  Auge  hat,  wenn  die  Handelsbilanz  gegen  die
Möglichkeit  der  Valutaherstellung  in’s  Feld  geführt  werden
soll,  waren  die  Wechselcourse  sogar  positiv  günstig  und  zwar
durchschnittlich  mit  mehr  als  Ve  Percent.  Dass  bei  einem  solchen
Stande  der  Wechselcourse  von  einem  Abströmen  der  Edelmetalle
keine  Rede  hätte  sein  können,  ist  selbstverständlich.  Bei  ruhiger
Ueberlegung  hätte  schon  die  Fluctuation  im  Silberagio  auf
diese  handgreifliche  Thatsache  aufmerksam  machen  sollen.
Dieses  Agio  sank  nämlich  während  der  letzten  fünf  Jahre  um
rund  17  Percent.  Dass  trotz  alledem  die  Herstellung  der
Valuta,  wenn  ihr  nicht  eine  entsprechende  Restriction  der

Courses  auf  London,  .^  'M.  Sicht.
31.  December  1875.

Juli
88-  7D
8915
89-55
89-  85
90-  05
89-  90
89-50
89-  95
92-80
90-  —
90-  35
91-  40
92-  75
94-10
98-75
KKIÖO
95  —
93-  10
93-30
98--96-75

96-—
96-50
96-50
91194
101  59
8997

AugUBt

96--96
  —
96-25
96-50
9075
94-50
92-80
92-25
04-50
94-—

93-35
92  —
92-50
92-50
91  50
92-  25
93-  95
93-15
92-  75
93-  10
93-'-92-50

92-35
94  80
98-08
9259

4'/,

September
I  «;o
91-  75  ,3'/.
92-  20  I
91-45

92-75
92-80
92-35
92*

91  50
91-65
91-75
9185
91-95
01-90
91-80
01-85
91:90
91-  85
92-  —
92-15
91-  95
92-  10
91-95
9272
9:101
92:10

October
92-10
9230
9210
92-30
91-  75
92-91-95

91-85
91-50
9175
91-60
91-45
91-50
91-70
91-75
91-45
9115
90-80
00-85
90-85
90-85
90-85
90-70
90-25
90  io
92  10
9299
90-78

November

89-75
8940
89  50
89-55
89-60
89-65
89  60
89-85
89-90
91-20
9130

91-  50
92-  75
9325
92  25
91-  70
92-  25
92-25
92-05
9205
91-75
91-70
91-60
91  89
9808
9007

-P/,

4V,

December
%
91-05  47,
91-30
90-90
90-55
90-70

90-80
9030
90-  80
91-  20
91-20
91-40
91-45
91-40
9170
91  75
91  65
91-80

91-  86
91  60
91-45
91-45
92-  28
92-88
91-32

1875  für  a  vista-Papier  ist  92  :17
        <pb n="160" />
        150

Circiüationsmittel  vorherginge,  wahrscheinlich  ein  geringfügiges ­
  Abströmen  der  Edelmetallmünzen  als  erste  Folge
hätte,  jedoch  mir  ein  Ahströmen  bis  zu  dem  Belaufe,  wo  die
zurückbleibenden  Circulationsmittel  dem  Verkehrsbedürfnisse
entsprechen,  ist  allerdings  richtig;  aber  daraus  wird  kein
Verständiger  eine  Gefahr  für  die  Valuta  deduciren  wollen.
Als  durchschnittliche  Differenz  des  Wechselcourses  in
der  Nach-achtundvierziger-  gegen  den  in  der  Vor-achtundiüerziger-Epoche
  wurde  die  Ziffer  von  rund  1  Percent  gefunden.
Ob  nun  wirklich  unter  normalen  Geld  Verhältnissen  die  Wechselcourse
  für  Oesterreich-Ungarn  in  den  letzten  Decennien  noch

Täglicher  Stand  des  Wechsel-Vom
  2.  Jänner  1871

Am
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
13.
14.
15.
10.
17.
18.
19.
20.
21.
22.
23.
24.
25.
20.
27.
28.
29.
30.
31.
D.  C.
H.  C.
N.  C.

.Ttlnnor

91-45
91-65
91-55

91-25
91-40
91-55
91-75
91-75
91-80

91-85
‘&amp;gt;105
91-85
91-85
91-85
91-90

91-85
91-85
91-  90
91-80
91-65
9105
92-54
92-  75
91-85

3V,

Februar
91-10  ‘

3'/,

91-20
91-30
91-30
91-35
91-35
91-40
91-60
9165
91-50
91-30
91-40
91-40'
91-20
91-15
91-30
9105
91-35
91-45
91-30
91-30
91-40
91-55

9214;
92  45
91  85

März
91-70
91-65
91  »0

91-80
91-70
91-65
91-60
91-60
91-90
91-95
91-  95
92-  —
91-  75
91  95
92-  05
92-55
92-40
92  —
91-85
91-80

92-—
92-15
91-  75
92-  15
92-92-69

9336
9210

April
92-10
92-20
92-10
92-30
92-60
92-70

92-60
92-25
92-20
9205
92-10
92  15
92  35
92-30
92*30
92-30
92-40
92-30
92-25
92-20
92-05
92-10

3V,

9307
9351
92  74

Mai
1
92-05  3
9215
92-10
92-15
92-05
91-95

27:

91-  95
92—
92  05
92-—
92-92-—

91-85
91-85

91-80
91-65
91-65
9165
9155
91-65
91-65
91-45

91-30
9120
92-42
92-84
9177

91-62
91  07
98-27
Der  Jaliresdurchsclmitts-Cours  pro

27,

.luni
90-95
90-65
90-30
90-55
.90-60
90-60
90-  75
91-  15
91-45
91-20
91-91-05

91
91-05
91-05
91-20
91-30
91-30
91-40
91-45
9160
91-50
9105
        <pb n="161" />
        —  151  —

-iOCi  ’«3

günstiger  geworden  wären  als  zuvor,  oder  ob  nicht  etwa  der
Durchschnittscours  auch  ohne  den  Einfluss  der  Valutastörungen
sich  um  einige  Tausendtheile  verschlimmert  hätte,  das  ist
eine  mit  Sicherheit  kaum  mehr  zu  beantwortende  Frage.
Aber,  wie  bereits  erwähnt,  sprechen  alle  Gründe  dafür,  dass
die  Zahlungsbilanz  dieses  Landes  sich  wahrscheinlich  noch
verbessert  haben  würde,  d.  h.  also,  dass  ohne  die  Valutastörungen ­
  der  Durchschnittswechselcours  statt  mit  V4  Percent
zu  Ungunsten  Oesterreichs  zu  stehen,  wahrscheinlich  mit  mehr
als  s/4  Percent  zu  dessen  Gunsten  sich  erhalten  hätte.  Schon
a  priori  muss  dies  angenommen  werden,  da  die  Entwerthung
Courses  auf  Hamburg,  fl/M.  Sicht.
bis  31.  December  1871.

fei

October

November

September
%
80—  2'/
88-80

Augnst

December

.Tull

90-60
90-15
90-15
90*30

90-95

2'/

80--87--


87*-87-50

85*50

87  15
86*50
86*50

3V

87-10

9065
90*65
91*20
91*46
91-30
91-25

88  65
88*30
88*35
88-35

87-35
87*30
87-25
86-80

87*15
87*05
86-60
86-65
86-70
86-70

90-20
90-05
89-95
89-80
89-95
89-80

87-95

88-05
88-10
87-75
87-30
87*55
87-25

87-15

91-40
91-30
91-20
91-20
91-15
91-10

87-25
87-45
87-50
87-40
87*30
87-20

87-30
87*45
87-35
87-45
87-35
87*40

86-65
86  65

89-75

I  i

87*20
87*45
87-45
87*60
87*75
85*75

86-65
86-65
86-80

89-45
89-35
89-20
89-15

91-15
91-—

87-  40
87*45
8y-60
88*25
88-  75
88*90

86-70
86-65
86-85
86-85
86*50
86*45

86*75
86*80
86-90

90-  90
91-  05
91*-89-35


89*65
89*75
89-50
89-25
89  05

87-60
87*60
87-75
87-75
87*25

2«/,

90-85
90-75
90-80
90-80
90-75
90*70

86  50

8865
88-45
88*—
87*75
87*-80

  40
86*65
86*85
86  90

86.15
85*95
85*90
85*70

88*50
89-88-
  95
89-  -
9019
91  17
89-05
vista-Panier

87  75
87  25
88*02
88*98
80  66

3V

íK)-85
9168
9202
91  22
1871  für  a

87-  46
88-  00
86  04

88-00
8967
87-06
ist  90  00.

87-07
8791
87  14
        <pb n="162" />
        I

i  ::

—  152  —
fier  Edelmetalle  innerhalb  der  Grenzen  der  Monarchie  in  Folge
ihrer  hier  stattfindenden  Demonetisirung  —  und  diese  Ent-Am

  I'  Jänner

Täglicher  Stand  des  Wechsel-Vom
  2.  Jänner  1872

8580
85-30
85  25
85-65

85-50
85-15
85-10
85-—:
85-40
85-30
85-50
85-65
85-50
85-40
85-55
85-65
85-55
85-65
85-85
85-50
85-05
85-10,
84-80
8465
8(1-  —
86  40
85-28

Februar
84-lo!

84-10
84-—
83-90
83-45
83-  80
84-  30
84-30
84-50
84-35
84-35
84-45
84-50

84-50
84-25
83-90
83-80
83-90
83-75
83-55
83-75
83-75

K4(i0
H513
8417

März

83  55  3
83.30
83  25
83-05  2V,
82-  95
83-  10
82-70

82-75
82-70
82  —
82-20
81-95

81-50
8130
8165
81-  85
81-80
82-  25

82-25
82-10
81-90
81-90

82-SO
S4-1S
81-Sl

April

81-70
81-80
81-90
81-95
8170
81-75
81-75
81-85
8190
81-70
81.60
8170
81-75
81-  85
82-  10
82  05
8210
82-15
82  30
82-10
82-  50
83-  15

83  35
83-25

2V.

Mai
"/o
83-102%
83-20
83-20
83  25
83-35
83-  50
84-  -;
84  20
83-45
83-80
83-55
83  35
83  50
83-35
83  20

83-35
83-40
83-25
8310!
83-05
83  io;

83-S3
  01
S473
S3(»2

Juni

82-60
82-55
82-60
82-45
82-35

82-65
82-75
82-70
82-40
82-20
82-25
82-50
82-55
82-65
84-65
82-75
82-75

82-35
82-30
82  15
81  00

83  10
8237
8251

Wenn  man  nun  finden  will

82-  51
83-  87
82(111
Der  Jahresdiirchschnitts-Cours  pro
,  wieviel  von  Fall  zu  Fall  für  fremde
Wechsel  an  gleichwerthiRem  österr.  Oelde  gezahlt  wurde,  so  muss  man  vom
Preise  der  Wechsel  vorher  noch  das  Silberagio  abziehen.  Da  almr  die
Wechselcurse  vom  Jahre  1848  bis  zum  Jahre  I860  nicht  nach  dem  Durchschnitte ­
  aller  einzelnen  Tagesnolizen,  sondern  nach  den  Mittelwerthen  aus
den  höchsten  und  niedersten  Monatsdurchschnitten  berechnet  wurden,  so
ist  es  unzulässig,  dieselben  mit  dem  aus  den  einzelnen  Tagesnotizen  berechneten ­
  Durchschnittsagio  zu  vergleichen  ;  sie  müssen  vielmehr  den  in  ganz
ähnlicher  Weise  berechneten  Mittelwerthen  des  Silberpreises  gegenüber  gestellt
werden.  Daraus  erklärt  sich,  dass  in  der  nachfolgenden  Tabelle  die  als  Durchschnitt ­
  des  Silberagio  angegebenen  Zahlen  mit  den  im  Capitel  I  enthaltenen
nicht  identisch  sind:
        <pb n="163" />
        153

vverthung  wurde  ja  eben  als  Grund  des  Umschlages  in  den
Wechselcoursen  erkannt  —  mit  1  Percent  wohl  zu  niedrig
Courses  auf  Hamburg,  3/M.  Sicht,
bis  31.  December  1872.

Juli
81
8185
81-851
81-  85
82-  051
8240
82-05
82  —
81-80
81-65
81-90
81-70
81-70
81-70
81-75
81-  95:
82-  25
82-20
82-35
82-15
82-20
82-30
82-20
82-05

82--81-70

81-65
82-57
8302
82-2«

3

August
!  ®/o
81-80,  3
81-30'

81-30:
81-25,
81-25'
81-451
81-25
81-202'/,
81-10
81-10
81-15
80-90
80-75
80-  85
81-  05
81--80-70
  3
80-  75
81-  05
8095
80-75
80-80
80-55
8045
8100
82  41
81  05

September
®/o

80-45
80-35
60-40
80-40
80  30
80-35

80-40
80-35
80-35

October
I
79-954'/,
79-85
79-  95
80-  15
80-10;
80-25!  4
8050

80-30
80-10
80-05

37

November

78-30
79-80
78-30
78-60'
78-  75'
79-  -I
79-40
79-10
79-15

37:

80-30,
80-25!
8015
—  •  I
80-15
80-  50
81-81'-'4'„

80-85
80-65  5
80-65,
—  -  ,17%
80-40
80-45
8035

80-25|
8130
81  01
8005

79-  90
80-  io
79-  90
80-  05
79-95
79-85!
79-70'

79-70
7940
79-45
79-35
79-10
79-15

79-78-75

78  30
78-70
80.43
81  31
78-00

79-25
79-15  4
7920
79-ioj
79-25'4'/%
79-40
79-50
79-55
79-40
79-65

79-95
80  —
8010
79-50
79-35
79-35

4

8000!
81  •-78-00!


1872  für  a  vista-Papier  ist  82  51.

1848  107.,,
1849  11.3.,.
1850  121.0,
1851  126.0,
1852  118..,

Attpb.  (100  i.
*ioa‘,7  I  1853
114.  ,  1854
121  I  1855
126.,0  I  1856
119.5«  I

811b«nct«

111.0
127.,
119.0
105..

WMhMlMmri  #.
(100  fl.

1

1857
1858
1859
1860

Bllberafl«

106.0
103.,
li:

December  |

70  50  4  !
80-—!  ;
79-  90,  I
80-  15!  !
80-20  I
80-15  I
80-15
80-30
80-05  '
79-  85  :
8015
80-  25:
80-451  !
8035  I
80-30  4',

80-25  !
8030

80-30
80-30

79-85  I
80-08
8130
8030  i

W*cbMl«oiiri  a.
Au«»b.  (100  fl.
%

Um  das  vom  Jahre  1861  bis  1872  gebotene  reichhaltige  Material  übersichtlich ­
  zu  ordnen  und  die  Vergleichung  mit  den  Agioschwankungen  zu
erleichtern,  sind  in  der  nachfolgenden  Tabelle  die  höchsten  und  niedersten
Silbercourse  eines  jeden  Monats  mit  den  höchsten  und  niedersten  Wechsclcoursen
ferner  das  jährliche  Durchschnittagio  mit  dem  jährlichen  Dnrchschnittwechselcourse
zusammengestellt,  zuvor  aber  die  in  den  Originalnotizen  für  100  Mark  Banco
angegebenen  Wechselcourse  in  die  Aequivaleute  für  100  fl.  ö.  W.  Silber  umgesetzt.
        <pb n="164" />
        —  154  —

Í  'i

gegriffen  ist,  indem  internationale  Edelmetallsendungen  im
Durchschnitte  einen  grösseren  Kostenbetrag,  denn  einen  solchen

Höchster
Niederster
Höchster
Niederster
Höchster
Niederster
i  ”
I  Höchster
I  ri
Niederster

Jahr
1861
Silbercours  .
Wechselconrs
Silbercours  .
Wechselconrs
1862
Silbercours  .
Wechselconrs
Silbercours  .
Wechselconrs
1863
Silbersours  .
Wechselconrs
Silbercours  .
Wechselconrs
1864
Silbercours  .
Wechselconrs
Silbercours  .
Wechselconrs
1865
Silbercours  .
Wechselconrs
Silbercours  .
Wechselconrs
1866
Silbercours  .
Wechselconrs
Silbercours  .
Wechselconrs
1867
Silbercours  .
Wechselconrs
Silbercours  .
Wechselconrs
1868
Silbercours  .
Wechselconrs
Silbercours  .
Wechselconrs
1869
Silbercours  .
Wechselconrs
Silbercours  .
Wechselconrs
1870
Silbercours  .
Wechselconrs
Silbercours
Wechselconrs

Jänner

139..  ,
Í3?:::
137.23
115.—
110..  5
1/2.3,
121..  ,

Februar  März  April  I  Mai

115.,;
llß.—
113-50
n4.„

113.50
109:1,
/09.,,

108.,
IO!)..

10ÍK—  IOC,.,

106.,
Í07

107.2,
107.—
131  50
/aa,o
109.-109.—

1.30.—
/23..

114

113

Höchster
Niederster

110.

114.—

105.

108.,

113.,

111.

112.

104.

106.

103.go
104.,,
101.50
101.—

105..  ,
ior&amp;gt;.„
103..  5
104..  .,

Höchster
Niederster

101.35  103.25
101....  .  104...

133.2,
/33.„
126.5,
127.—

126..  5
127..  ,
125  50
120.—

131,3
l2S.t,

128.,5
128.,,
125.50
120...

Höchster
Niederster

115.3,  I  115.—
//'^.44  I  //'/-«B
113.-  114  30
113.—  114.—

117

114.

119-05
nt
117.—

Höchster
Niederster

114.

lli..,.

114.

112

114

112.

119-25
119.-116.25

110...

121.«  124

121.75
120.3,
120...

125.,;
119»

Höchster
Niedei'ster

121.

mZ
120...

118.

118

118.—

I  l21.g,
121.,,  122.—
120.3;  120.33
121,—  !  120.,,

121.-mZ

120.,,

!  121.40
122.,,  1  122.3,
120.3,  I  121—
121.—  1  121.,,

Höchster
Niederster
        <pb n="165" />
        155

von  1  Percent  bedingen,  insbesondere,  wenn  es  sich  nicht  um
die  Sendung  von  Barren  allein,  sondern  auch  um  die  Sendung

Juni

Juli

138..  0
iS::
128..  0
m.—
124.-111.-


m:
114.—

140..  ,
142.—
125..  0
124.-it“

72/„
114,0
i'S"
773..  ,

122.,
122.-121.,

121..

120.,„
121.—
llb.;,
117.—

138.-m...

137.-136.30

127..  ,
mZ
124..

111,
113.,
109,
110.

114.-mZ

114.—

107.»  107.»
JO7.80  108..^
106.,o  106.»
107.—  107.—

131.-138.—

123.-723..
  0
125.»
723..  4
122.,
112.»
773  ,0
110.»
770..  ,
12.2..  ,
123.—
121.,,
727..  ,
133..  ,
134.—
117..  ,
118.—

August

137.»
m:
134...

129.-  126.

mZ
724..  ,
111-3»
112.—
110..  ,
770..  ,
113.»
All
773..  ,
108.»
707..  ,
129.»
132.—
125.—
/2.5.—
124.»
725.«.

121.,
121.

79

3i

Sei»tmbr.

October

136.»
%
733.,,

m“
723.»
111-6.
/;/.—
110,0
770.»
115.»
117.—
113.,
774..  «

107.»
703..  ,
107.-707..
  .

128.»
/26  —

122.»
720.44
114  —
112.»
777.40

114
II.  3.
III.  »
770.,
121.»  121.—
I  m::!
773..  ,  I  7/7.»
129.»  124.-720.»
  '  723.43
122-  122.»
122.—  .  727...

138»
m:
733.,
123.»
%
779.»
112,0
770.»
117..  0
i'S;:
776..  0
109.-106:»

707..  4
129.-126»

72«.—
123.-mZ

727,3
114.-AI:

772.«.

121-7,
722.—
119.»
779.  _

122.»
779..«

Novnibr.  i  Decmbr.

138.»
iS:
735.g4
121.»
i:.;:
727.»
123.»
nt
"2...
116...
S;
775.»
108—
703.»
106.»
706.»
128  —
723.»
126.25
726.—
122.-722.—

118.»
777.»

i:

121.»
727.»
124,3
nt
773.,.

142.—
141.—
138.,
733.,
121.,
727.,
114.-774.»

121,0
nt
777.»
116.»
114.::
773.»
106.»
706.»
103.»
703.»
131,0
1%
727.»
120.»
120  —
118—
777..  .

117.—  119-773.,


115.4
775..

123.»  i  122.»
72.3.—  I  722..«

120»
727.,,
122»
1%
720.«

Jahres-Durchschnitt
  des
Silber-  Wechselagio


141.,

128.«

113.«

115.,

108..

119..

124..

114

141.

128.4

113..

116.,

108.«

120.,

124.*

114.,,

121.,,  120.»

1Ü1-S9  I  127.,0
        <pb n="166" />
        —  156  —

von  pjemünztem  Metalle  handelt.  Es  würde  jedoch  zu  weit  und
kaum  zu  einem  vollkommen  genauen  Resultate  führen,  wenn

Jahr

Jänner

Februar

März

April

Mai

1871
Höchster  Silbercours  ....
„  Wechselcours  .  .  .
Niederster  Silbercours  ....
„  Wechselcours  .  .  .
1872
Höchster  Silbercours  ....
„  Wechselcours  .  .  .
Niederster  Silbercours  ....
„  Wechselcours  .  .  .

122..  0
121.-/2Í.,2

114,3
it::
112..  ,

122  —
121.
121.—
121,12
112.3
J/2,3
110.3
111.’—

123..  3
123.,
122  —
IIO30
in.—
107.43
fO?«,

122.03
123.2,
122.—
122.22
110..  3
108..  ,

122.03
1224,
122,,
^2/.3p
112-lll-Ti

110.43  i
110.2,  1

Für  die  3  Jahre  1873  bis  1875  wurde  die  Devise  London  und  das  Goldagio

  zur  Vergleichung  herangezogen.
Täglichei  Stand  des  AVechsel-Vom
  2.  Jänner  1873

Am
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
13.
14.
15.
16.
17.
18.
19.
20.
21.

22.
23
24.
25.
26.

:  28.
29.
!  30.
I  31.  I
|D.  C.

.Tanner
I
108'5o!57o
108-25;
108-10

108-15
108-20
108-501
108-651
108-  5014,/,
109-  -
109-05
108-85
108  85
108-80
108-80

108-85;

109-05
109--108-
  90;
109-  10
10940

4

109-30
109-20
109-  -
108  90'
108-95  3'/:
110-  01

Februar
“/o
109  -  3V,

109-05
10915!
109-05!
108  90
108  90
108-90;
108  90;
108-85:
108-85
108-  90
10915
109-  25

109  25
109-40
109-45
10955
100-50
109-30
109  25
109-35;
109  501
109-35!
109  201

11011

März
109  20  3  V:
109-15'
109  10
109  05
109-10!
109-15
109-15|
109  2o|
109-15,
109-15!
10920
109-151
109  25
109-30'
109  25!
10925
10930
109  20;
10910:
109-io!
—  •  i
109-05
109-05  4
109-10
109-05
109--11013


April
i
108-90  4
108  85
108-90
108-90
108-80^
108-80,
108-80;
108  85!
108-90
108-80
108-8-11
108-80'
108-85,
108-  95
10905!
109-  —I
109-05'
109  05
109  05,
109  05
-.  I
109  05
109-  05
108-95
110-  01

Mai
1%
109--;4
108-  90
109—  1
108  90
109  05
10910
109  05'4V:
109-10
108-  70
109-  —  5
111-05!
111-80!
11150,
111  50!
111  20|
110  751  6
109-70!
109-  75
110-  50
110-70
110-  85
111-  05
111  35
11120
110-85
11040
11157

Juni

110-20  6
11020
110-  30,  7
110  70
111—  j
111-25
111-  65
112-  251
112  20  6
112  30
II2-80'
112-90
112-55!
11215
112-15
112-10
11185'
11155
111-20
110-70
110  25
11010
110-10
iiai5

.TahresdurchschniU
        <pb n="167" />
        157

man  nachträglich  berechnen  wollte,  um  welchen  Betrag  die
für  Oesterreich  bestehende  Nöthigung,  sein  Silber  erst  ins

Juni

Juli  I  August  -SeptmbrJ  October  j  Novmbr.,Decinbr.

121.,,
Í1K,  I

110  ,5  I  109.,5
108.,,  I  108.,5
I  70«.„

121.,
720,

120.,0
*2  ^^^11
119.«5  :  117.,5

777;,

■^^'^•58  I

118.^  I  117.—
i  ^1^-92
117.—  115.,,
774.,,  774.0,

108..  ,  I  108.,,  I  107.,5  i  108.,5
1V8,,  70&amp;amp;„  ^  707.,,  ;  70/;„
107..  ,  !  107.,,  105,5  ,  105.,0
700..  ,  j  700.,,  !  704.,,  704.,,

117.00
770..  ,
114.75
109..  5
70/  .,0
lOG-oo
705..  .

Jahres-Durohschnitt
  des
Silber-  jWechselagio
  I  courses

120.,.  119.,,

109  „  108.,

Courses  auf  London,  :i/M.  S.
bis  31.  December  1873.

Juli
11010  0
110  30
110  70
111-25
111-40

August

111-—!
111-45

3'/,

111-45
111-45

111-  75
112-  20
112-40

111-30
111-20
111-05
lililí ­

  95

11150  5

110  95

111—
111  05
111-40
111.50

111  —
110  90
111-111-50


111  20  4V*
11140
111-70
112  —
111-90
111-95
111-85  4
111-75
\  111-50
111-10
110-95
110-95
112  81

111-10
111-Ï5
111-25
111-50
111-60.
111-30  3
111-20
111-20
111-25
111-30
111-25
111-30,
111-30

112-15

pr»  1873  112-44.

Sejdeinlier
111-25  3
111-30
111-40
111-55
111-70
111-70

111-85
111-  95
112-  10
112  25
112-35
112-35
112-35
112-  45
112.55
112-60
J12-70
113-  —
113-25
113-45
113-65

October
j  ®/o
113-85'  5
113-85
113  60
113-10,
113-10
112-90
112.90
112-85
112-85
112-85
112-90
112-95
112-  95  6
113-  05
113-—:
113--I

112-85  7
112-70
112-75
112-55
112-55
112-45

November
Vo

113-  75,  8
114-  15
114-25
114  35
114-  30,
114  75'  9
115-  (VJ
115-15
114-95'
114  6;5'
113  95
113.55
113  25
113-35
113-60
113-  70  8
113.85
114-  05^
114-10

113-50
113-55

113-70
113-80  5

1  13-39

112-55
112-35'
112-40
112-75
112-90
1  14-59

113-75
113  20
113-30  6
113-50'
11Ü  43

December
113-65  6
113-80,
113-85
113-  90
114-  -  5
114  —

113-80
113-80
113-75
113-60  4  7;
113-()5
—.  i
113-40
113-40
113-40
113-45
113-50,
11355
113-55
113-70
113-80  .1

113-65
113-20
113-10
112-90  .
11  4  98  I
        <pb n="168" />
        —  158  —

Ausland  zu  senden,  um  es  auf  den  vollen  Werth  zu  bringen,
seine  Wechselcourse  thatsäclilich  verschlechtern  musste.  Selbst
bei  der  Annahme,  dass  diese  Verschlimmerung  wirklich  blos
1  Percent  betragen  haben  sollte,  ergibt  sich  im  Durchschnitte
der  Nach-achtundvierziger-Epoche  ein  Wechselverlust  von  erschreckender ­
  Höhe  für  das  Land.  Der  internationale  Waarenhandel
  der  Monarchie  betrug  in  diesen  29  Jahren  rund
17  Milliarden  Gulden.  Nimmt  man  für  den  Effectenhandel
und  für  alle  andern  internationalen  Transactionen  blos  die
Summe  von  3  Milliarden,  so  ergibt  dies  für  den  gesammten
Güteraustausch  20  Milliarden.  An  dieser  ganzen  Summe  verloren ­
  Production  und  Handel  Oesterreichs  unter  dem  Einflüsse

Täglicher  Stand  des  Wechsel-Vom
  2.  Jänner  1874

Am
!  1.
2.
3.
4.

Jänner
1  ""
112-65  4  V,
112-4ü;
112-65'

6.  —.  I
7.  113-05:
113-10
113-25'
113-30,
113-75,
113-80
113-75
113-75,
113-75
113-75
113-75
113-80
113.75
113-35
113-40
113-45:
113-50
113-45
113-45
113-05
112-75
112-85
ID.C.  114-42

8.
9.
10.
11.
12.
13.
14.
15.
16.
17.
18.
19.
20.
21.
22.
23.
24.
25.
26.
27.
28.
29.
30.
31.

Februar
]■%

113-30  3  V,
113-20'
113-25
113-10
112-90
112-701
112-60
112-75
112-  95
113-  05'
113-—!

112-75
112-55
112-30
112-05
111-85
111-85
111-75
111-60
111-65
111-75
111-75
111-55

118  42

März

111-45  3‘A
111-35
111-25
111-10
111-05
111-35
111-75
111-55
111-30
111-35
111-50
111-85

112  15
111-85
111-95
111-80
111-80
111-75
111-75
111-80
111-80
111-75
111-  75
111-85
111-95
112-  61;

April
:
112-15  3*
112-25
112-40

112-60
112-45
112-45
112-35
112-15
112--;
111-75
111-90
111-85
111-90
111-95
111-85
111-75
111-75
111-70
111-85
111-95
111-40
111-25
111-65
111-90

Mai
i  "/.
111-70  4
111-85
11180
111-80'
111-75
111-80
111-80
111-75
111-90
111-95
11185:
111-80!
111-75
111-80
111-85
111-75
111-75
•111-70
111-75

111-70
111-70
11165
111-50  3*/.
11150

112-95  112-86  112-53
Uar  Toliroadnrelisebniff-Ponrs  nrn

Juni
\X
111  50  3'A
11150
111-45
111  40  3
111  40
111  45
111-60
111-70,
111-801
111-801
11175
111-  85
111  95
112  —
112-  05
112—
112—
112--2*/*
111IK)
111-80
111-55
11155
111-55

11160
        <pb n="169" />
        159

der  Valutazerrüttung  im  Durchschnitte  1  Percent,  also  effective
200  Millionen  Gulden.  Aber  diese  Summe  ist  eben  nur  als
ein  Minimum  zu  betrachten,  denn  es  war  nicht  blos  aller
Wahrscheinlichkeit  nach  der  Percentsatz  des  Verlustes  grösser,
sondern  auch  der  Betrag,  um  den  es  sich  dabei  handelt,
wesentlich  höher  als  20  Milliarden.  Letzteres  insbesondere  ist
nicht  blos  wahrscheinlich,  sondern  absolut  sicher.  Die  officiellen
Listen  für  den  Waarenhandel  sind  unvollständig,  namentlich
in  der  Ausfuhr.  An  allen  Grenzen  weisen  die  Nachbarstaaten
mehr  Einfuhren  aus  Oesterreich,  als  Oesterreich  Ausfuhren
nach  den  betreffenden  Staaten  aus.  Diese  Differenz  beträgt
z.  B.  nach  einer  genauen  Vergleichung  der  österr.  Export-Courses

  auf  Hamburg,  3  M.  Sicht,
bis  31.  December  1874.

Juli
111  TU
111-75
111-70
111-75^
111-70
111-65
111-65
111-65
111-75
11170
11160
111-60
111-55
11150
111-05
110-85
110  90
110-90
110-80
110-80
110-85
110-85
110-90
110-85
110-65
110-40
110-15
111  93
1874  für

August
!  */.
110-10  3
109  80
109-45
109  60
HO-—
110  —
109  80
109-65
109-75
109  75
109-90
109-85

109-80
109-70
1091)0
109-65
109-70  3‘;,
109-75
109-70
109-70
109-65
109-75
109-85
109-90
109-90
110  75

Septomher
I  '/"
109-80  3
109-75
109-75
109-80
109  85

109-80
109  75
109-80
109-95
11U--109-90

109-90
109-90
109-75
109-80,
109-85
109-85;
109-85'
109-85
109-65
109-45
109-50
109-50'
109-30
109-10
110  56

October
I  %
109-30  3
109-45.
10945'
109  45
199  60
109  65
109-80
109-85
109-90

110-05
HO-—
109  90
109-  95
H0--110-
  05
110-10
11015
110-20
110-15
110-35
110-35
110-45
110-40
110-20
110-05
109-85
109-90,
110  91

Noveml&amp;gt;er
:
109-90  4
109  90
109-95
109  85
109-  90
HO--110-
  10
110-20
110-60
110-45
110-30
110-35

110-30
11040
110-30
110-35
110-30
110-30
110-40
110-50
110-50
110-60
110-55
110-55
H0-50'
111  52

December
1
110-40  6
110-45
110-45
110-55
110-65
110-60
110-65
110-70
110-70
110  70
H0  70;
110-80
110-85
110*90
110-80
110  85
110-80
110-85
11095
110-95

110-85
110-85
110-75
110  60
112-38

à  vista-Papier  ist  112*24.
        <pb n="170" />
        160

listen  mit  den  deutschen  Importlisten  für  das  Jahr  1873
31  Percent.  Ebenso  unterliegt  es  keinem  Zweitel,  dass  die
Wertherhebungen  des  statistischen  Amtes  zu  gering  gegriffen
sind,  so  dass  unter  Berücksichtigung  dieser  Irrungen  der  wirkliche ­
  Waarenhandel  der  gesummten  Epoche  mit  20  Milliarden
jedenfalls  der  Wahrheit  entsprechender  geschätzt  erschiene,
als  mit  den  officiell  ausgewiesenen  17  Milliarden.  Und  dass
die  Transactionen  in  Werthpapieren,  im  Transportdienste  und
in  anderen  entgeltlichen  Leistungen  zwischen  Oesterreich  und
dem  Ausl  au  de  mit  3  Milliarden  für  29  Jahre  viel  zu  niedrig
geschätzt  sind,  dürfte  auch  Jedermann  einleuchten,  der  da
weiss,  dass  in  dieser  Epoche,  die  Schuld  des  Staates  sich  um

Täglicher  Stand  des  Wechsel-Vom

  2.  Jänner  18/0

Aitril

Mai

Marz

.Mini

Februar

.1  itunei

Am

111  20

111-45
111-50
111-05
111-60
111  (Mj

37

111-30
111-35
111-40
11140
111-50
111-55

37

111-25
111-20
111-15

37

37,

11-05

110  60  1  6

111-15
111  20
111-25

Hill ­
  1-05
111-10
111-15

110-70
110-85

111-10
111  —
111-05
111-05
111-05
111-15

111-30
111-35

111-65
111-60
111-60
111-70
111-70
111-70

110  85  !
110-80!  5
110-80

111-40
111-35
111-30
111-40
111-35
111-35

11125
111-40
111-60
11150
111  35
111-35

111-40
111-50
11150
11155
111-65
111-50

10.

110-75
110-60
110  65
110.65
110-70
110-75

11.

111-20!
Il  1-35  i
111-35
111-35!
111-45
111-40

2

13.

111-55
111-45
111-35
111-45
111.50
111-45

14.

111-30
111-35
111-40
111-40
111-40
111-45

111-40
111-40
111-40
111-40
111-50
111-45

15.

16.

17.

111-45
111-35
11135
111-30
11145

110-  90  :
Il  1-15  I
111-  20!
111-45  1
111-20  i
111-15

111-40
111-40
111-35
111-20
111-20
111-20

37

19.

20.

111-50
111-50
111-50
111-50
111-50
111-50

21.

111-50
111-50
111-45

111-50
111-45
111-40
111-35
111-30
111-35

22.

23.

111-45
11150
111-50

24

111-20
111-15
111-15
111-10
111-05
111-10

25

111-25
111-25
111-25
11125
11120

26.

111-40

27.

111-50

111-45
111-45

28.

29.

111-45

111-40
111-40
ll‘/i-40

30.

11145
11Ä38

31.

112  51

112  21
Der

112  22

11219

D.C

Tahresdurclischnitt-Conrs

pro
        <pb n="171" />
        —  161  —

1

I,

i

zwei  Milliarden  vermehrte,  für  ungefähr  denselben  Betrag
Eisenbahnen  gebaut  wurden,  dass  ein  grosser  Theil  des  Versieherungsgeschäftes
  in  Oesterrreich  noch  vor  Kurzem  von
ausländischen  Anstalten  besorgt  wurde,  und  dass  die  Frachtverrechnungen ­
  aus  dem  Eisenbahnverkehre  allein  viele  hunderte ­
  Millionen  betragen  haben.
Vor  allem  aber  ist  nicht  zu  übersehen,  dass  diese  Verluste ­
  aus  dem  internationalen  Wechselverkehre  sich  naturgemäss
  von  Jahr  zu  Jahr  steigern.  Vor  30  Jahren  betrug  der
Aussenhandel  der  Monarchie  knapp  400  Millionen  Gulden  ;
derselbe  hat  gegenwärtig  lOOO  Millionen  überschritten  und
wird  sich  ohne  Frage  von  Jahr  zu  Jahr  weiter  vermehren.

Courses  auf  London,  3;M.  S.
bis  31  December  1875.

Juli
111-50^3'/
111-45
111-55
111-50'
111-45
111-40
111  30  3
111-351
111-40:
111-40
111-50
111  55:
111-05
111-70
111-70:
111-05
111-75
111-05
111-75,
111-70,
111-05'
111-55
111-55
111-45
111-40  2*/,
111-45
ll‘J39

August

111-452*/
111-40
111-35
111-40
111-40
111-40
11140
111-40
111-50
111  05
111  05
111-00  2
11155
111-55
111-50
111-00
111-85,
111-80
11190
111-95;
111-80
111-80;
111-80
111-75
111-70
111-  70
112-  23

September

111-70,
111-80
111-85
111-95
111-95
111-90
111  85
111-85
11185
11105
111-00
111-75
111-80
111-85
111-85
lll-iKJ
111-90
111-90
111-85
11185
11175
111-75
111-75
111-80
111-95
112  38

October
111-952
111-  90
112-  i
112  05
11215
112-20
112  25  2*,
112-25
112  35
112-35
112-40
112-45
112-50  3*
11245
112  70:
112-80'
112-  90
113-  25
113-80  4
113-70
113-15
112-80
112-20
112-30
112-40
112-80

113  41

November

113--113--


113-25
113-90
113-85
113-75
113-85
113-  80
114-  15
114--'

114-05
113-  90
114-113-95

113  95
113  85
113-85
113-60
113-40
113  50
113  50
113-65-11365

114-70

1875  für  a  vista-Papier  ist  112-77.
Dr.  Th.  Hertzka,  Währung  Und  Handel.

December
113-65,!  3
113-60'
113-351
113-20;
11295
113-15
113-25;
113-40
113-35,
113-55.
113-55
113-60
113-45
113-65,
113-80

113-80
113-70
113-60:
113-50
113  40

113-15
113-05
113-15
113-05
113-05
114  26

11

■1
        <pb n="172" />
        1G2

Ebenso  steigert  sieb  der  Umfang  der  ans  dem  Eisenbalmverkelire
  berrülirenden  internationalen  Zahlungen.  Auch

Die  nun  folgende  Tabelle  bietet  eine  vergleichende  Zusammenstellung
der  Monatsdurchschnitte  des  Goldagios  und  des  für  die  Devise  London  gezahlten ­
  Aufgeldes  von  1873  bis  1-875.  Das  Goldagio  ist  nach  dem  Course  der
Zwanzigfrancs-Stücke  berechnet  (ein  Zwanzigfrancs-Stück  gleich  8  fl.  10  kr.  ö.  W.
Silber).  Zum  Behufe  grösserer  Uebersichtlichkeit  ist  der  Cours  auf  London  in
Percenten  umgerechnet  und  überdies  die  Differenz  zwischen  dem  (xoldagio  und

18  7  3

18  7  4

18  7  5

1

i

i
A

1
0

i

1

ji

!i

j

Jänner
Februar  ....
März
April
Mai
Juni
Juli
August
September  .  .  .
October  ....
November  .  .  .
December  ....

107.,,
107..  ,
108.gg
110
109..  ,
109..  5
110.99
111-8.
11^68
112..  ,

107..  9
107..  0
%
109..  ,
109..  9
111-0.
112..  ,
113.g9
112..,,

+  0.68
+  0.82
+-0.,g
+•0-04
4-0.34
4-0.77
-i-0.69
4-0.34
4-0-02
4-0-33
4-0.40
+-O.35

111-60
110.7,
110.33
110-32
109..  ,
108..  ,
108.63
109.,3
109.78
109^9

112-0.
111-03
110.,,
110-38
110.49
110.,,
109.38
108.4,
108.,,
110-02

•+O-0.-109-8,


109-8,
109.63
109.63
109.88
109.78
109.78
1  io.„
110.,,
111...
112.47
112.69

i&amp;amp;
110.03
%:
1%:
109-8,
110.02
111-02
112-29
’ük«

0-03
—-Oo:
+-O.40
-+O.22
4r0+4
4-0.39
4  0.,;
0-26
0.|0
—  0-09
—0.,g
~0-23

Jahresdurchschnitt  ,  I09.¿g

.i'lO.flg

•+O.30

109.99

l09.g,  —0.,,

1  10.38

1  10.40

14-0.0,

ii,s  eruurigi  iiuiuurin  sin
  den  nun  folgenden  zwei  Tabellen  geschehen  ist.  Die  erste  enthält  die
AVechselcourse  auf  Augsburg  vom  Jahre  1819  bis  1847  und  die  Differenz  derselben ­
  gegen  den  Paristand.  Die  zweite  Tabelle  bringt  vom  .Fahre^  1848
bis  18G0  die  Wechselcourse  auf  Augsburg,  vom  Jahre  LSfil  bis  1872  die
Wechselcourse  auf  Hamburg  in  Percenten  und  verglichen  mit  den  Agiodurchschnitten
  der  entsprechenden  R|inche,  endlich  die  Vergleichung  dei
Wechselcourse  auf  London  mit  dem  Goldagio  für  die  drei  Jahi

1873

bis  1875.

Jahr

1819
1820
1821
1822
1823
1824
1825
182(5
1827

Vista-Wechsel-



Ahwoichung
  des
Courses

Jahr

Vista-Wechsel
 ­


Abweichung ­
  des
Courses

,  98^
99.68
98-76
99.,6
08.96
98.6,
'  98-90
99.60
99.,6

~l-60
~0.p3
1-30
—D.gn
—1-0.-—1-60

l-.O
O-40
O.go

1828
1829
1830
1831
1832
1833
1834
1835
1830

00..,
99.95
100.,6
99.96
99.30
99..  6
98..  ,
::

—0.6.-,
9-06
•+9-06
"“9.06
—9-45
-  0.,o
        <pb n="173" />
        103

der  Austausch  von  Werthpapieren  zwischen  Oesterreich  und
dem  Auslande  wächst,  wenn  man  von  der  vorübergehenden

Jahr

Vista-Wechsel-



Abweichung ­
  des
Courses

Jahr

Vista-Wechsel-



Abweichung ­
  des
Courses

1837
1838
1839
1840
1841
1842

100.,0
100.,o
100.,o
■£

+  0.,o
%
‘•O.gj
~l-45

1843
1844
1845  .
1846
1847

99.4J

—  1-46
=t:
—0.40
“0.,,

Durchschnitt  der  gesummten ­
  Epoche  ....

~0.;2*

Jahr

1848
1849
185U
1851
1852
1853
1854
1855
1856
1857
1858
1859
186U
1861
1862
1863
1864
1865
1866
1867
1868
1869
1870
1871
1872

Durchschnitt
des  Silber-Agio


118...
1
106.,.
103..  ,
123..  ,
133..  ,
lä:
113.0«
!&amp;amp;
119..  ,
124..  ,
i2i;;i
121..  ,
120...
109.0»

Durchschnitt
des  Wechselcourses
  in
Percenten
108.,,
126.,.
I
106.,,
104..  ,
I::
128^
113..  ,
116..  0
108..  .
120..,
124..  0
114..  ,
120..  0
121..  ,

Differenz  des
Silber-  und
Wechselcourses

119.
108.O

»5

Jahr

1873  109.,.
1874  109.p,
1875  ,110  »«
Durchschnitt  der  Epoche  1848—187;

Durchschnitt
des  Gold-Agio


Durchschnitt
des  Wechselconrses
  in
Percenten
110.O.
109...
110.40

Diflerenz  des
Silber-  und
Wechselcourses
-hO.jo
"^11
+  0.04

-}-o.,

2748

Es  zeigt  sich  also,  dass  in  den  29  .Jahren,  in  denen  die  Haarzahlnnger
*11
        <pb n="174" />
        164

Störung,  wehilie  die  Krisis  im  Gefolge  gehabt  hat,  und  ebenso
von  den  Ausschreitungen  der  Ueberspeculation  absieht,  von
Jahr  zu  Jahr.  Wenn  daher  die  Verluste  aus  den  A\'e&amp;lt;diselcoursen
  in  den  drei  Decennien  seit  1848  auch  wirklich  blos
200  Millionen  betragen  haben  sollten,  so  entfiele  von  dieser
Verlnstsninme  auf  das  erste  Decenninm  wahrscheinlich  blos
auf  das  zweite  “/;,  auf  das  dritte  d.  h.  die  Wechselverluste ­
  dürften  in  den  Fünfziger-Jahren  durchschnittlich  je
i\  Millionen,  in  den  Sechziger-Jahren  je  0  Millionen,  in  den
Siebziger-Jahren  je  12  Millionen  Gulden  per  Jahr  betragen
haben.  Sie  werden  aber  im  nächsten  Decenninm,  wenn  die
Valutazerrüttnng  fortbestehen  sollte,  wahrscheinlich  24  j\Iillionen
  und  abermals  ein  Decenninm  später  wahrscheinlich
50  Millionen  im  Jahre  erreichen  —  vorausgesetzt,  dass  die
Constitution  dieses  Landes  robust  genug  ist,  um  die  Segnungen
der  Zettelwirtlischaft  noch  weitere  zwei  Decennien  lang  zu
ertragen.
Dass  die  Wechselcourse  trotz  der  Papierwirthschaft  vorübergehend ­
  günstig  waren,  und  dass  dies  gerade  im  Durchschnitte ­
  der  letzten  Jahre  wieder  der  Fall  ist,  ändert  an  der
Thatsache  dieser  Verluste  nichts.
Es  muss  eben  als  unzweifelhaft  hingestellt  werden,  dass
die  Wechselcourse  unter  normalen  Geldverhältnisson  noch
mindestens  um  1  Percent  günstiger  gewesen  wären.  Mit  Rücksicht ­
  auf  die  Wirkung  der  Valuta  ist  es  aber  ganz  gleichgütig,
  ob  der  durch  sie  verursachte  Schaden  sich  in  Form
eines  positiven  Verlustes,  oder  in  Form  einer  entsprechenden
Gewinnstverkürznng  ansspricht.
in  Oesterreicli  herrschten,  der  zur  Vergleichung  herangezogene  fremde  Wechsel
im  Durchschnitt^  0'72ü  Percent  unter  pari,  also  um  diesen  Betrag  günstig
für  Oesterreich  stand;  im  Durchschnitte  der  28  Jahre  von  18-18  bis  1875  unter
der  Herrschaft  der  Zettelwirtlischaft  dagegen  notirten  die  zur  Vergleichung
herangezogenen  fremden  Wechsel  D  274ü  Percent  iiher  ¡itirl,  also  um  diesen
Betrag  ungünstig  für  Oesterreich.
        <pb n="175" />
        VIT.  Capitel.
Die  Wecliselcourse  und  der  internationale  Handel.
Es  soll  nun  untersucht  werden,  welchen  Einfluss  die  Wech-'
selcourse  auf  die  internationalen  Handelsbeziehungen  üben.
Dabei  ist  auf  Zweierlei  Rücksicht  zu  nehmen,  erstlich  auf  die
Wirkung  der  Coursdiflerenz  an  sich,  zweitens  auf  diejenige
der  mit  den  A\’’echselcourseii  Hand  in  Hand  gehenden  Edelmetallströmung. ­

Wenn  die  Wecliselcourse  für  ein  Land  ungünstig  stehen,
so  heisst  das,  dass  dasselbe  bei  Begleichung  seiner  internationalen ­
  Verpflichtungen  stets  noch  einen  Zuschlag  zu  den  laufenden ­
  Zahlungen  in  Eomi  von  Courseinbussen  gewähren  muss.
Ein  günstiger  Wechselcours  dagegen  ermöglicht  dem  Lande
die  Heschatfung  der  Zahlungsmittel  an  das  Ausland  zu  billigen
gewinnbringenden  Coursen.  Dabei  ist  nun  zu  unterscheiden
zwischen  dem  Wechselcourse  ,  wie  er  im  Momente  des  Geschäftsabschlusses ­
  vorhanden  war,  und  jenem,  wie  er  zur  Zeit  der
vollständigen  Abwicklung,  wenn  nämlich  die  ausgestellten
Wechsel  zur  Zahlung  präsentirt  werden,  sich  ergeben  kann.
Die  in  der  Zwischenzeit  eintretende  Veränderung  schlägt
naturgemüss  zum  Vortheile  derjenigen  ,  die  fremde  Wechsel
zu  kaufen,  und  zum  Nachtheile  derjenigen  aus,  die  solche  zu
verkaufen  haben,  wenn  der  Cours  für  das  eigene  Land  günstig
wird,  und  umgekehrt.  Es  gewinnen  also  die  Exporteure,
wenn  sich  die  Zahlungsbilanz  verschlimmert,  die  Importeure,
wenn  sie  sich  verbessert.  Aber  da  sich  Gewinn  und  Verlust  der
        <pb n="176" />
        Ißß  —

Exporteure  von  Fall  zu  Fall  genau  compensiren,  ja  in  Wahrheit
nur  gegen  einander  ausgetauscht  werden,  so  ist  diese  Wirkung
der  Coursfluctuationen  für  die  Gesammtheit  gleich  gütig.
Anders  verhält  es  sich  mit  den  Coursen,  wie  sie  im
JVlomente  jedes  Geschäftsabschlusses  gegeben  sind.  Diese
bewirken,  dass  ein  Land  auf  den  fremden  Märkten  billig  oder
theuer  kauft,  theuer  oder  billig  verkauft,  je  nachdem
seine  Zahlungsbilanz  günstig  oder  ungünstig  ist.  Der
Wechselcours  drückt  eben  aus,  wie  hoch  die  Zahlungsmittel ­
  jedes  Landes  auf  den  fremden  j\[ärkten  im  Preise
stehen  ,  d.  h.  ob  ihre  Kaufkraft  grösser  oder  geringer
ist  als  die  der  Zahlungsmittel  anderer  Länder.  Wenn  der
Wechselcours  auf  London  in  Paris  ein  Percent  unter  Pari
stellt,  so  bedeutet  dies,  dass  ein  Pfund  Gold  zu  englischen
Sovereigns  ausgeprägt  in  Frankreich  um  ein  Percent  weniger
Güter  aller  Art  kaufen  kann,  als  dasselbe  Pfund  Gold  in
französischen  Zwanzig-Francs-Stücken,  und  dass  man  umgekehrt
für  ein  Pfund  französischen  Goldes  in  England  um  ein  Percent
mehr  zu  kaufen  vermag  ,  als  für  ein  Pfund  englischer  Goldmünze. ­
  Das  im  Wechselcourse  begünstigte  Land  gewinnt
also  beim  Verkaufe  und  erspart  im  Einkäufe  auf  allen  fremden
Märkten.  Es  ist  aber  klar,  dass  Derjenige,  dem  für  dieselbe
Waare  mehr  bezahlt  werden  muss  als  jedem  Anderen  ,  und
dessen  Zahlungsmittel  höheren  Werth  haben  als  die  aller
Concurrenten,  schwer  verkaufen  und  sehr  leicht  kaufen  wird.
Wenn  in  London  der  Wechselcours  auf  Paris  ein  l’ercent  über
Pari,  der  auf  Berlin  dagegen  Pari  steht,  so  wird  der  Engländer
unter  stmst  gleichbleibenden  Verhältnissen  es  vorziehen,  in
Deutschland  statt  in  Frankreich  zu  kaufen,  da  er  auf  diese
Weise  dem  einpercentigen  Abzüge  von  seiner  Zahlungsvaluta
entgehen  kann.  Dagegen  wird  der  Franzose  in  England  den
deutschen  Käufer  leicht  überbieten  können,  da  dort  eben  seine
Münze  lieber  genommen  wird  als  die  deutsche.  Jedes  Land
wird  also  desto  leichter  kaufen  und  schwerer  verkaufen,  je
günstiger,  und  umgekehrt  desto  leichter  vei-kaufen  und  schwerer
kaufen,  je  schlechter  seine  Wechselcourse  sind.  Wenn  der  französische ­
  Exporteur,  solange  die  Course  Pari  standen,  von
seinem  englischen  Kunden  einen  Wechsel  über  100  Pfd.  Wt.  für
eine  bestimmte  Waa  reu  Sendung  erhielt,  so  wird  er,  wenn  der
        <pb n="177" />
        167

r

■'P.'-.»'  T

Cours  für  Frankreich  um  ein  Pereent,  günstiger,  also  für
Londoner  Wechsel  schlechter  wird,  lOl  Pfd.  St.  fordern  müssen,
um  denselben  Betrag  in  Franken  aus  dem  Verkaufe  dieser
Wechsel  zu  lösen.  Der  Londoner  Exporteur  dagegen,  der
heim  Paristande  von  seinem  französischen  Kunden  100  Fres,
forderte,  wird  sich  nunmehr  mit  einem  V  echsel  über  99  hrcs,
begnügen.
Ungünstige  Wechsel  course  befördern  also  den
Export  und  erschweren  den  Import,  günstige
Wechselcourse  erleichtern  den  Import  und  erschweren ­
  den  Export.  Nun  sind  aber  die  erster  en
durch  ein  Ueberwiegen  des  Importes  über  den
Export,  die  letzteren  durch  ein  lieber  wi  egen  des
Exportes  über  den  Import  hervor  gerufen,  und  die
Wechselcourse  haben  daher  die  Eigenschaft,  jene
Verkehrsrichtung  zu  heben,  durch  deren  Darnieder ­
  1  i  e  g  e  n  ,  und  umgekehrt  jene  einzuengen,  durch
deren  un  verhä  1  tn  issmässige  Ausdehnung  sie  hervor ­
  ge  rufen  sind.  Sie  tragen  solcher  Art  ein  sehr
wirksames  Mittel  zu  ihrer  eigenen  Paralysirung
in  sich  selbst.
Dazu  kommt  noch,  dass  mit  ungünstigenWechselcoursen
regelmässig  ein  Export,  mit  günstigen  ein  Import  baarer
Zahlmittel  Hand  in  Hand  geht.  Jener  Theil  der  Verpflichtungen ­
  eines  Landes  an  das  andere,  der  gegen  schuldige
Empfange  von  dorther  nicht,ausgetauscht  werden  kann,  vermehrt ­
  noch  durch  die  Differenz  ,  die  bei  dem  Austausche  der
beiderseitigen  Wechsel  durch  den  Coursabstand  entsteht,  wird
durch  Edelmetallsendungen  ausgeglichen.  Wenn  beis])ielsweise
ein  Verkehrsgebiet  1000  Millionen  Dulden  vom  Auslande  zu
empfangen,  und  1010  )Iillionen  Dulden  an  das  Ausland  zu
bezahlen  hat,  und  es  stellt  sich  demzufolge  der  Wechselcours
etwa  mit  1  Percent  zu  seinen  Ungunsten  ,  so  wird  es  erstlich
die  10  Millionen  Dulden,  um  die  es  thatsächlich  mehr  Werthe
aus  dem  Auslande  bezogen  hat,  sodann  aber  auch  jene  zehn
Millionen  Dulden,  um  die  es  beim  Austausche  seiner  Wechsel
gegen  die  fremden  durch  den  Coursstand  benachtheiligt  wurde,
baar  bezahlen  müssen.  Es  wird  den  schliesslichen  Saldo  von
20  Millionen  Dulden  seinem  Baarmittelvorrathe  entnehmen
        <pb n="178" />
        /

—  168  —
und  um  denselben  Betrag  den  Baarmittelvorratli  jener  Länder
vermehren,  denen  es  denselben  schuldig  geworden  ist.  Dadurch
aber  wird  die  Kauflvraft  des  Geldes  in  dem  betreffenden  Lande
steigen  und  in  den  fremden  Ländern,  welche  die  Baarsendungen ­
  erhalten  haben,  entsprechend  sinken  ;  es  werden  also
hier  die  Geldpreise  aller  Güter  sinken,  dort  die  Preise  derselben ­
  Güter  steigen.  Dies  kann  unmöglich  ohne  Einfluss
auf  den  Handelsverkehr  bleiben.  AVenn  in  einem  Lande  die
Preise  zurückgehen,  so  wird  dies  nothwendiger  Weise  die
früher  bestandenen  Importe  mancher  ’W'^aare  aufheben,  die
früher  nicht  vorhandene  Exportfähigkeit  anderer  Waaren  herbeiführen, ­
  und  dies  umsomehr,  wenn  gleichzeitig  in  den  Verkehrsgebieten, ­
  mit  denen  dieses  Land  seinen  Aussenhandel
betreibt,  eine  relative  Preissteigerung  cintritt.  Jetzt  wird  erst
recht  der  Import  dieses  Landes  sinken,  sein  Export  steigen,
u.  z.  insolange,  bis  das  Gleichgewicht  in  dessen  Zahlungsbilanz ­
  hergestellt  ist.  Und  dies  wird  sich  mit  der  Gewalt
eines  Naturgesetzes  vollziehen;  denn  solange  die  ungünstige
Za  Illungsbilanz  anhält,  wird  auch  der  Abfluss  der  Circulationsmittel
  nicht  auf  hören,  und  dadurch  wird  nothwendiger
Weise  doch  endlich  jene  Wohlfeilheit  aller  Güter  herbeigeführt,
die  ein  ferneres  Ueberwiegen  der  Importe  über  den  Export
unmöglich  macht.  Allerdings  kann,  wie  schon  im  vorigen
Capitel  angedeutet  wurde,  der  durch  die  Zahlungsbilanz
bedingte  Edelmetall  -  Zu-  oder  Abfluss  dadurch  vermindert
oder  auch  vollständig  aufgehoben  werden,  dass  der  Saldo  der
Bilanz  und  ebenso  der  Saldo  aus  dem  Wechselaustausche  durch
Werthe  'anderer  Art  (Effecten,  Waaren,  Dienstleistungen)
beglichen  wird.  Geschieht  dies  aber,  so  ist  damit  die  soeben
geschilderte  ausgleichende  Vlrkung  der  Wechsel  course  schon
vorweg  escomptirt.  Es  wird  in  dem  Lande  mit  passiver  Bilanz
nicht  erst  der  thatsächliche  Abfluss  der  Circulationsmittel  und
die  dadurch  hervorzurufende  Wohlfeilheit  der  anderen  Güter
abgewartet,  um  die  Exporte  zu  steigern,  sondern  diese  Steigerung ­
  tritt  augenblicklich  ein.  Unter  normalen  Verhältnissen
sind  also  dauernd  ungünstige  Wechselcourse  schlecliterdings
unmöglich.  Sie  können  durch  längere  Zeit  in  Kraft  bleiben,
wenn  das  davon  heimgesuehte  Verkehrsgebiet  durch  eine  Verkettung ­
  von  Umständen  sein  Bedürfniss  an  Circulationsmittelu
        <pb n="179" />
        169

stetig  sinken  sieht,  was,  wie  in  einem  früheren  Capitel  ansgeführt ­
  wurde,  entweder  durch  ein  Zurückgehen  des  Verkehrs,
oder  durch  eine  steigende  Entwicklung  des  Creditsystems  vor
sich  gehen  kann.  Aber  endlich  wird  auch  hier  nach  einer
Reihe  von  Jahren  der  Vorrath  an  Circulationsmitteln  derart
eingeengt  sein,  dass  ein  ferneres  Angreifen  desselben  ohne
allgemeinen  Preisrückgang  nicht  mehr  möglich  sein  wird.  Im
Uebrigen  ist  diese  Voraussetzung,  dass  ein  Land  bei  stets
sinkendem  Verkehre  dauernd  als  Käufer  im  Auslande  auftreten
könnte,  an  so  viele  kaum  jemals  zusammentretfende  Bedingungen
geknüpft,  dass  dieselbe  wohl  niemals  zutreffen  dürfte.
Diese  ausgleichende  Wirkung  der  Wechselcourse  ist  im
internationalen  Handel  von  unermesslicher  Bedeutung.  Es  läge
allerdings  im  Interesse  jedes  Verkehrsgebietes,  die  Gewinne
aus  den  Wechselcoursen  dauernd  zu  geniesssen  ;  keines  könnte
aber  in  Wahrheit  den  dadurch  hervorgerufenen  stetigen  Zufluss ­
  der  Edelmetalle  durch  unbeschränkte  Zeit  vertragen.
Von  Vortheil  wäre  eine  dauernde  Gunst  der  Exportfähigkeit
im  V  aarenhandel,  d.  h.  es  wäre  für  jedes  Land  wünschens-W’erth,
  Güter  aller  Art  billiger  zu  erzeugen  als  die  Gesammtheit
  der  anderen  Länder,  vorausgesetzt  natürlich,  dass  diese
V  ohlteilheit  der  Production  nicht  etwa  um  den  Preis  eines
niedrigeren  Lebensstandes  der  Arbeiterbevölkerung  erkauft
wird,  Sündern  durch  leichtere  wohlfeilere  Lebensbedingungen
und  durch  höhere  Geschicklichkeit  der  Arbeiterbevölkerung
hervorgerufen  ist.  Aber  gerade  hiefür  ist  eine  der  nothwendigsten
  Voraussetzungen,  dass  die  Zahlungsbilanz  des
betreffenden  Landes  nicht  dauernd  günstig  sei.  (Unter  welchen
Voraussetzungen  eine  scheinbare  Ausnahme  von  dieser  allgemeinen ­
  Regel  ei  nt  reten  kann,  soll  im  zweiten  Buche  dargelegt ­
  werden.)  Ein  einseitiges  Ueberwiegen  der  V  aarenexporte
  oder  der  von  einem  Verkehrsgebiete  dem  Auslande
geleisteten  entgeltlichen  Dienste  ist  schon  aus  dem  Grunde
auf  die  Dauer  unmöglich,  weil  in  einem  solchen  Falle  die
Zahlung  gar  nicht  geleistet  werden  könnte.
Das  exj)urtirende  liand  geriethe  durch  eine  solche  llandelseonjunctur
  in  die  Lage  des  Midas,  unter  dessen  Händen  sich
alles,  was  er  berührte,  in  Gold  venvandelte  und  der  daran
eiendlich  zu  Grunde  gegangen  wäre,  hätten  die  Götter  den
        <pb n="180" />
        170  —

Fluch  nicht  wieder  von  ihm  genommen.  Was  sollte  man  auch
mit  stets  neuen  Baargeldsendungen  heginnen,  wenn  einmal
der  Verkehr  mit  Baargeld  gesättigt  ist?  Das  einzige  Auskunftsmittel ­
  wäre,  die  hereinströmenden  Goldstücke  einzuschmelzen ­
  und  zu  Frunkgeräthen  zu  verarbeiten  ;  wie  stünde
es  aber  mit  einem  Lande,  das  fortwährend  Producte  aller
Art  ausführt  und  dafür  lediglich  Silber-  und  Goldgeräthe
einhandelt?
Man  nehme  immerhin  an,  dass  es  die  segensreichste,  an
sich  von  den  unermesslichsten  Vortheilen  begleitete  Conjunctur
sei,  was  die  Gunst  der  Zahlungsbilanz  hervorrief;  der  \ortheil ­
  dieser  Conjunctur  für  die  Gesammtheit  wird  doch  erst
dadui’ch  zur  Geltung  gelangen  können,  dass  der  Import  von
Circuíationsmitteln  seine  volle  V  irkung  auf  die  Productionsverhältiiisse
  äussert,  das  heisst  die  Gunst  der  Zahlungsbilanz
und  damit  endlich  sich  selbst  wieder  aut  hebt.
Es  möge  z.  B.  in  einem  einzelnen  Lande  eine  Erfindung
gemacht  werden,  dnreh  welche  sich  plötzlich  die  iruchtbarkeit
  aller  Aecker  verdoppelt.  Es  wäre  dies  sicherlich  eine  der
grossartigsten,  heilsamsten  Revolutionen,  die  im  Verkehrsleben
eines  Landes  vor  sieb  gehen  mag,  und  doch  könnte  das  betretfende
  Volk  nicht  den  vollen  Nutzen  aus  ihr  ziehen,  ja  es
müsste  nach  mancher  Richtung  in  eine  höchst  kritische  Lage
gerade  durch  dieselbe  gelangen,  wenn  jene  ausgleichende  V  irkung ­
  der  Edelmetallströmungen  nicht  vorhanden  wäre.  A\  enn
der  durch  den  Export  von  Cerealien  hervorgerutene  Goldzulluss
  nicht  allmälig  alle  Preise  derart  erhöhen  würde,  dass
endlich  die  Getreide-Exporte  auf  das  frühere  Niveau  zurückkehren ­
  müssten,  so  würde  diese  grossartige  Errungenschatt  dem
betretlenden  Lande  zwar  sehr  viel  Cold,  aber  durchaus  keinen
höheren  Culturstand  verschallen.  Seine  Arbeiter  würden  nicht
besser  bezahlt,  seine  Industrie,  seine  Gewerbethätigkeit  nicht
vermehrt,  denn  Niemand  erhielte  bessere  Iheise  als  zuvor;
man  wäre  nicht  besser  genährt,  nicht  besser  gekleidet,  nicht
mit  besseren  Geräthen  versehen  als  vorher.  Der  Getreidestrom,
der  aus  dem  Igamie,  der  Goldstrom,  der  in  das  Land  ginge,
würden  die  wirthschaftlichen  Verhältnisse  durchaus  nicht
berühren.  Die  Grundbesitzer  würden  ungeheuer  reich  an  Gold,
der  wirthschaftliche  Zustand  aber  bliebe  der  nämliche.  Glück-
        <pb n="181" />
        licherweise  aber  kann  dies  nicht  stattfinden,  der  Goldzuflnss
wirkt  sehr  rasch  auf  die  Preise.  Es  werden  nun  die  Arbeitslöhne ­
  steigen,  es  steigen  in  gleicher  Weise  die  Preise  aller
Waaren.  Und  da  die  Preissteigerung  bei  den  Löhnen  und
Fabrikaten  grösser  sein  muss,  als  bei  jener  Waare,  deren
massenhaft  vermehrtes  Angebot  eben  den  Goldzufluss  hervorgerufen ­
  hat,  so  wird-die  Tendenz  entstehen,  von  dem  überschüssigen ­
  Getreide  mehr  und  mehr  im  Lande  selbst  zu  verzehren, ­
  d.  h.  die  Arbeiterbevölkerung  zu  vermehren,  die
industrielle  Production  zu  steigern,  und  dies  wird  so  lange
geschehen,  bis  endlich  die  Preise  auf  eine  solche  Höhe  gestiegen ­
  sind,  dass  man  trotz  verdoppelter  Ergiebigkeit  des
Bodens  kein  Getreide  mehr  exportiren  kann,  d.  h.  verhältnissmässig
  so  viel  wie  vor  dem  Eintritte  der  verdoppelten  Fruchtbarkeit ­
  im  eigenen  Lande  consumirt.  Dies  wird  nun  allerdings
die  Vermehrung  des  Goldvorraths  ins  Unendliche  verhindern,
statt  des  todten  Goldschatzes  aber  eine  Verdoppelung  des
Culturstandes  ’  herbeigezaubert  haben.  Und  damit  man  nicht
etwa  glaube,  dass  dieser  Gegensatz  ein  reines  Phantasiegebilde
sei,  oder  dass  in  diesen  Schlussfolgerungen  irgend  eine
Lücke  bestehe  ;  so  stelle  man  sich  einmal  vor,  dass  die  Grundbesitzer ­
  eines  Landes,  dessen  Fruchtbarkeit  sich  plötzlicli
durch  irgend  ein  Natur-  oder  Culturereigniss  verdoppelt  hat,
die  leidige  Gewohnheit  annähmen,  all’  das  Gold,  das  sie  für
ihr  Getreide  erhalten,  zu  vergraben  oder  zu  Schmuekgeräthen
umzuschmelzen.  Jetzt  werden  in  der  That  die  Preise  nicht
steigen,  denn  das  neu  hinzuströmende  Gold  kann  den  Circulationsmittelvorrath
  nicht  vermehren  ;  es  wird  aber  auch  die
Blüthe  und  der  V  ohlstand  des  Landes  nicht  zunehmen,
trotz  der  Schätze,  die  in  den  Schmuckkästen  und  Kellern  der
(Grundbesitzer  aufgehäuft  sein  mögen.  Sowie  jedoch  die  Grundbesitzer ­
  den  doppelten  Krtrag  ihrer  Felder  in  ähnlicher  Weise
verwenden,  wie  früher  den  einfachen,  nämlich  zu  Verbesserung
ihrer  Lebensstellung,  zu  Capitalsanlagen  u.  dgl.,  wird  nothwendigerweise
  eine  zunehmende  Theuerung  mit  dem  zunehmenden ­
  allgemeinen  Wohlstände  Hand  in  Hand  gehen  und  es
muss  endlich  jener  Zustand  eintreten,  wo  das  l^and  verhältnissmässig
  nicht  mehr  exportiren  kann  als  früher,  weil  seine
Consumtion  entsprechend  gestiegen  ist.
        <pb n="182" />
        172

Es  ist  also  heilsam  und  nützlich,  dass  der  Goldzufluss
in  Folge  gesteigerter  Concurrenzfahigkeit  seine  dahingehende
Wirkung,  diese  gesteigerte  Concurrenztahigkeit  wieder  zu
verniehten,  ausüben  kann.  J)ass  aueh  umgekehrt  die  paralysirende
  Wirkung  des  (loi  dabfl  usses  nützlich  und  heilsam
sei,  bedarf  in  den  Augen  der  meisten  Menschen  gar  keines
Beweises,  trotzdem  eigentlich  der  Natur  der  Sacke  nach  dieses
weit  minder  einleuchtend  erscheinen  sollte,  als  das  erstere.
Wenn  nämlich  die  Fähigkeit  zu  kaufen  durch  das  Abfliessen
des  (loides  nicht  gestört  würde,  so  käme  man  dadurch  in  die
sehr  angenehme  Lage,  für  die  nützlichsten  und  nothwendigsten
Dinge  des  Gonsums  eine  Waare,  nämlich  Gold  oder  Silber,  abzugeben, ­
  deren  Abgang,  wenn  er  keine  Lücke  in  die  Circulation
reisst.  Niemandem  Entbehrungen  auferlegt.  Aber  wenn  dies  möglich ­
  wäre,  so  könnte  ein  Verkehrsgebiet  thatsächlich  seine  gesammten
  Umlaufscapitalien  consumiren.  Es  könnte  so  lange
mehr  verzehren  als  erzeugen,  bis  all’  seine  (ürculationsmittel
ausserhalb  der  Landesgrenzen  wären,  und  stände  dann  abermals ­
  vor  der  Alternative,  entweder  den  Gon  sum  gewaltsam
einzuschränken  und  durch  Steigerung  der  Production  das  verlorene ­
  Umlaufscapital  zurückzuerlangen,  oder  aber  ganz  in
derselben  Weise  die  anderen  Betriebscapitalien  aufzuzehren.
Es  liegt  durchaus  kein  Grund  vor,  die  Umwandlung  aller
Grundstücke,  Häuser,  Maschinen  und  Arbeitsgeräthe  in  Nahrungs- ­
  und  Kleidungsmittel  für  unmöglich  zu  halten,  wenn
man  die  Umwandlung  aller  Girculationsmittel  in  derlei  Genussmittel ­
  für  möglich  hält.  Ein  Land  könnte  sich  also,  wenn
eine  wirkliche  passive  Zahlungsbilanz  nicht  sofort  die  Preise
drücken  und  dadurch  das  fernere  Einkäufen  auf  dem  Weltmärkte ­
  unmöglich  machen  müsste,  schliesslich  mit  Stumpf  und
Stiel  selber  verschlingen,  sieh  gleichsam  durch  den  eigenen
Klagen,  durch  die  eigene  Gui'gel  hindurchjagen,  und  das  wäre
nachgerade  ebenso  unangenehm,  als  das  ohnmächtige*  Verharren ­
  auf  derselben  Gulturstufe  trotz  aller  Steigerung  der
Production  im  umgekehrten  Falle.
Import  und  Export  sind  überdies  unter  dem  Gesichtspunkte ­
  zu  betrachten,  dass  ein  Theil  derstdben  aus  Werthpapieren ­
  besteht.  Wenn  die  Bilanz  im  Waarenhandel  activ
ist,  so  wird  nothwendiger  Weise  die  Bilanz  im  Etfectenhandel
        <pb n="183" />
        173

passiv  sein,  und  umgekehrt,  l^iit  Rüeksielit  auf  die  AVechselcourse
ist  es  gleichgiltig,  ob  ersteres  oder  letzteres  der  Fall  ist;  hier
handelt  es  .sich  hlos  darum,  oh  der  Import  aller  Werthe  zusammen
genommen  vom  Exporte  aller  Werthe  übertrolfen  wird  oder  diesen
übertrifft.  ^lan  könnte  nun  allerdings  sagen,  dass  es  vurt  heil  halt
sei,  dauernd  eine  active  Zahlungsbilanz  zu  besitzen,  wenn
nur  der  Ursprung  des  Activsaldos  im  Waarenhandel  und  in
der  Bilanz  der  Dienstleistungen,  nicht  aber  im  Effectenhandel
zu  suchen  sei;  auf  die  Dauer  aber  ist  eben  ein  solches  Verhältniss
  unmöglich  ;  es  ist  nicht  denkbar,  dass  ein  Land  unaufhörlich ­
  Waaren  exportirt,  A\^erthpa¡)iere  importirt  und  noch
einen  Saldo  an  Haarmitteln  zu  fordern  hat,  u.  z.  aus  folgendem ­
  Grunde:  Die  hereinströmenden  Werthpapiere  absorbiren
das  überschüssige  Capital  des  Landes,  ihre  Concurrenz  hat
die  Tendenz,  den  Zinsfuss  zu  erhöhen  ;  kommt  dazu  noch  das
Hereinströmen  von  Haarmitteln,  welches  die  Preise  steigert
und  dadurch  den  Markt  für  die  fremden  Werthpapiere  in
unverminderter  Kauflust  erhält,  so  werden  alsbald  der  heimischen
Production  Capitalien  entzogen  werden,  und  diese  wird  der
ausländischen  gegenüber  nicht  blos  mit  der  bereits  in  ihren
\\  irkungen  nachgewiesenen  Preissteigerung  auf  ihre  Producte,
sondern  überdies  noch  mit  stets  steigender  Zinsfusserhöhung  zu
kämpfen  haben.  Die  Werthpapierimporte  werden  also  mehr
und  mehr  die  inländische  Production  hemmen  und  den  Waarenexport
  einschränken.  Auf  irgend  eine  Weise  wird  nun  die
Ausgleichung  eintreten  müssen  ,  und  es  geschieht  dies  in  der
für  die  Production  förderlichsten  Wei.se  jedenfalls  dadurch,
dass  die  Summe  der  Bezüge  die  Summe  der  Exporte  eneicht
oder  übersteigt,  womit  dann  der  günstige  Wechselcours  und
mit  ihm  der  Edelmetallimport  aufhört.  Dadurch  allein  kann
die  Exportfähigkeit  der  Production  erhalten  bleiben.  Eine
stetige  Steigerung  der  Gütererzeugung  bei  gleichzeitiger  Verwendung ­
  der  einheimischen  (’apitalien  im  Auslande  kann  allerdings ­
  Hand  in  Hand  gehen,  aber  die  Voraussetzung  beider
ist,  dass  nicht  nebenher  Geldimporte  laufen,  das  heisst,  dass
der  Saldo  der  Zahlungsbilanz  nicht  dauernd  activ  sei.  Dies
geschieht  nun  in  der  That  nicht.  Strömen  Edelmetalle  dadurch
herein,  dass  der  Passivsaldo  aus  dem  Effectenhandel  hinter
dem  Activsaldü  aus  dem  W^aareidiandel  zurückbleibt,  so
        <pb n="184" />
        174  —

wird  die  Aiizielmiigskraft  des  Landes  für  fremde  AVertlipapiere
  erhöht,  seineExpnrtfäliigheit  im  Waarenliandel  gleichzeitig ­
  vermindert;  sinkt  dagegen  der  Activsaldo  ans  dem
Waarenliandel  unter  den  Passivsaldo  ans  dem  Effectenhandel,
so  steigert  sich  in  Folge  des  Ahtlnsses  der  Edelmetalle  und  der
damit  Hand  in  Hand  gehenden  Wohlfeilheit  die  Exportfähigkeit
der  A\'aaren  nnd  es  sinkt  der  Import  von  Werthpapieren.
Wenn  umgekehrt  ein  Land  Waaren  importirt  nnd  Werthpapiere ­
  exportirt,  so  wird  anch  hier  nothwendiger  Weise  eine
Ansgleichnng  eint  reten.  Der  Fall,  dass  die  exportirten  Werthpapiere ­
  direct  dazn  dienen  sollen,  den  Consnm  der  importirten
Waaren  zu  ermöglichen,  dass  also  die  für  die  exportirten
Werthpapiere  in’s  Inland  strömenden  Capitalien  unproductiv
consumirt  würden,  ist,  wie  hier  nebenbei  bemerkt  ^  werden
soll,  aus  zwei  Gründen  unmöglich;  erstens  weil,  wie
im  vorigen  Capitel  ansgeführt  wurde,  im  internationalen
Handel  unbedeckte  Credite  böchstens  per  nefas  gewährt  wertlen
  und  daher  zu  unproductive!’  Consumtion  bestimmte
Gütei-  nur  im  Anstausidi  gegen  andere  Güter  hereingelangen
könnten.  Man  müsste  sich  nur  etwa  vorstellen,  dass  die
Grundbesitzer  eines  solchen  Landes  Hypotheken  autnehmen,
nicht  um  ihre  Liegenschaften  zu  verbessern,  sondern  nm  ihre
Kleider-  und  Weinrechnungen  zu  bezahlen.  Das  geschieht
nun  in  der  That  bei  keiner  Nation.  Geschähe  es  aber,  so
wäre  damit  gar  bald  jedem  (  xnisum,  dem  jiroductiven  wie
dem  unproductive!!,  eine  (L'cnze  gesteckt.  Lin  Volk,  welches  zu
Zwecken  seiner  Consnmtion  sein  Vermögen  statt  seines  Linkommens
  angi’cifen  wollte,  würde  bald  wedc!’  Ve!’mögen  noch  Linkommen
  besitzen,  und  damit  vom  Weltmärkte  als  Käufer  sowohl  wie
als  Verkäufer  verschwinden.  Wenn  daher  ein  Verkehrsgebiet  seine
Bezüge  an  Waaren  und  Dienst!eistnngen  auch  mit  Werthpapieren
  bezahlt,  so  geschieht  dies  doch  nur,  weil  die  Schuldui’kunden,
  welche  die  Werthpapiere  darstellen,  Zwecken  der
Production  dienen.  Gleichwie  das  Imnd,  welches  fremde
Werthpapiere  kauft,  seine  Capitalien  im  Auslande  arbeiten
lässt,  so  lässt  das  Land,  welches  seine  Werthpapiere  verkauft,
fremdes  Capital  innerhalb  seiner  Grenzen  arbeiten  ;  ersteres
ist  gleichsam  in  der  Lage  eines  Landwirthes,  der  die  Ueherschüsse
  seiner  Ernten  auswärts  zinsti’ageml  anlegt,  letzte!es
        <pb n="185" />
        in  der  eines  Landwirt  lies  ,  der  zu  Verbesserung  seiner  Wirtliscbaft
  eine  Hypothek  aufniinmt.  Dass  keiner  von  Beiden  zu
Durchführung  dieser  Transactionen  des  haaren  Geldes  bedarf,
ändert  an  der  Sache  nichts.  Der  Erstere  tauscht  eben  sein
Getreide  direct  gegen  zinstragende  Papiere  aus,  der  Letztere
lässt  seine  Ernten  theils  unmittelbar  durch  die  hei  den  verschiedenen ­
  Investitionsarheiten  beschäftigten  Arbeiter  autzehren,
theils  tauscht  er  gegen  dasselbe  unmittelbar  die  nothwendigen
Maschinen  und  Instrumente  ein,  und  ebenso  lässt  er  sich  auch
die  Darlehenssumme,  die  er  auf  seine  Hypotheken  erhält,
unmittelbar  in  Form  von  Maschinen,  Werkzeugen,  Kleidern
und  Nahiningsmitteln  für  seine  Arbeiter  verabfolgen.  Wenn
Beide  gleich  vernünftig  handeln,  so  wird  das  schliessliche
Ergebniss  nach  einer  Reihe  von  Jahren  sein,  dass  der  erstere
Landwirth  ein  Capital  von  bestimmter  Höhe  in  Werthpapieren
angelegt  besitzen,  der  zweite  den  Werth  seines  Gutes  um
denselben  Betrag,  und  zwar  über  die  Schuldverpflichtung  hinaus ­
  erhöht  haben  wird.  Da  hier  Missverständnisse  sehr  häutig
sind  ,  so  soll  das  Beispiel  in  positiven  Zahlen  gegeben  werden.
Der  erstere  Landwirth  wird  also  unter  sonst  gleichen  Verhältnissen ­
  nach  Ablauf  einer  Reihe  von  .lahren  ein  Grundstück
in  unverändertem  Wert  he  und  Gulden  in  zinstragenden
Papieren  haben,  der  zweite  wird  den  Werth  seines  Bodens
um  2i)0.(KH)  Gulden  erhöht  haben  und  Gulden
schuldig  geworden  sein.  Db  es  vernünftiger  ist,  den  ersteren
oder  den  letzteren  Weg  zu  wählen,  wird  lediglich  davon
abhängen,  ob  in  dem  betreffenden  Lande  Werthpapiere  oder
Ameliorationen  von  Grund  und  Boden  höheren  Ertrag  liefern.
Es  ist  aber  klar,  dass  nutzbi'ingend  anzulegende  Capitalien ­
  nicht  ins  Unendliche  vermehrt  werden  können  und  auch
nicht  ins  Unendliche  vermehrt  zu  werden  brauchen.  Bei  guter
Verw^endung  derselben  wird  alsbald  der  Zeitpunkt  kommen,
wo  sich  die  Früchte  der  Investitionen  zeigen  müssen.  Jetzt
wird  die  gesteigerte  Production  nicht  blos  hinreichen,  um  die
eigenen  Bedürfnisse  zu  befriedigen  und  die  Zinsen  für  das
aufgenommene  Darlehen  zu  bezahlen,  sondern  es  wird  noch
ein  Ueberschuss  bleiben,  der  nun,  wenn  auf  eigenem  Boden
entsprechende  Gelegenheit  zu  nutzbringender  Anlage  fehlt,  zu
Abtragung  der  Schulden  und  schliesslich  zinstragend  in  der
        <pb n="186" />
        170

Fremde  angelegt  werden  kann.  Für  alle  Fälle  werden  die
Tiivestitionen  mit  Hilfe  fremden  (Kapitals  aufliören  müaaen,  aueli
wenn  die  früheren  Investitionen  verfehlt  waren  und  nicht  die
erwartete  Rente  ahwerfen.  Der  Unterschied  wird  dann  darin
bestehen,  dass  nunmehr  nicht  der  Ertrag  es  ist,  der  sich  erhöht ­
  hat,  sondern  der  Consum,  der  verringert  werden  muss.
So  viel  zur  Widerlegung  der  häufig  auftreteuden  Ansicht,
dass  der  Export  von  Werth})a])iereu  an  sich  schädlich  sei  und
durch  die  wachsende  Verschuldung  zu  einer  Verarmung  des
Landes  führe.  Es  mag  diesbezüglich  nur  noch  bemerkt  werden,
dass  UapitalVergeudung  in  Folge  von  Schuldverhältnisseu  mit
dem  Auslande  weit  häufiger  und  weit  leichter  dann  eintritt,
wenn  man  die  eigenen  Capitalien  im  Auslande  anlegt  als  umgekehrt, ­
  wenn  ausländische  Capitalien  im  eigenen  Lande  verwendet
werden.  Es  liegt  nämlich  in  der  Natur  der  Sache,  dass  man
sich  weit  seltener  darüber  täuschen  wird,  oh  jene  Anlage,  die
mit  Hilfe  des  fremden  Capitals  durchgeführt  werden  S(dl,  auch
wirklich  den  erwarteten  Nutzen  abwerfen  wird,  als  darüber,  ob
das  (hi])ital,  das  man  in  der  Fremde  anlegt,  nicht  etwa  gefährdet
ist.  Mit  all’  dem  soll  natürlich  nicht  geleugnet  werden,  dass
ausnahmsweise  auch  die  im  Wege  internationaler  Verschuldung ­
  beschaftteu  Capitalien  vergeudet  werden  können.  Es
geschieht  dies  sogar  häufig  mit  jenen  Anlehen,  die  unter
finanzieller  Misswirthschaft  leidende  Staaten  im  Auslande  aufnehmeu.
  Allein  hier  liegt  weder  die  Ursache  noch  das  Symptom
des  Uebels  im  Fremdhaudel.  Der  Effect  wäre  der  nämliche,
wenn  die.  betreffende  Staatsverwaltung  inländisches  statt  des
ausländischen  (’apitais  entlehnt  hätte.  Es  würde  dann  das
vergeudete  (’aj)ital  entweder  der  inländisc  hen  Rroduction
fehlen,  oder  es  müsste  durch  Anleheii  zu  ju-oductiven  %we(  ken
von  Aussen  her  ersetzt  werden.  Zieht  man  die  Bilanz,  so
bleiht  dieselhe  in  allen  drei  Fällen  —  fremdes  ^nlehen  zu
Zwecken  der  Vergeudung,  einheimisches  Anlehen  zum  selben
Zwecke  ohne  Ersatz  aus  der  Fremde,  oder  endlich  einheimisches
Anlehen  znm  seihen  Zwecke  mit  nachträglichem  Ersätze  durch
fremdländische  productive  Anlehen  —  genau  die  gleiche.
Das  Spiel  der  W^ech  sei  course  regelt  nun  auch  in  jenem
Laude,  wehdies  Werthpapiere  exportirt  und  andere  Werthe
        <pb n="187" />
        impoî'tirt,  das  gesunde  Verliältniss  der  Importe  und  Exporte
in  sehr  wohltliätiger  Weise  ;  es  verhütet  einerseits,  dass  mehr
Waaren  eingetührt  werden,  als  das  Ausland  unter  günstigen
Bedingungen  im  Austaimche  gegen  Werthpapiere  überlassen
mag,  und  umgekehrt,  dass  mehr  Werthpapiere  exportirt  werden,
als  mit  Vortheil  gegen  Werthe  anderer  Art  umgesetzt  werden
können.  Erreicht  der  Waarenimport  eine  ungebührliche  Höhe,
so  wird  eben  ein  Abfluss  von  Zahlungsmitteln  die  Folge  sein,
die  Preise  werden  sinken  und  da  dies  gleichzeitig  einen  vermehrten ­
  Abfluss  an  Werthpapieren  hervorruft  und  das  Capitalangebüt
  des  Auslandes  steigert,  so  wird  nunmehr  aus  doppelten
Gründen,  nämlich  einerseits  wegen  Verschlechterung  der  inneren
Marktverhältnisse,  andererseits  wegen  der  grösseren  Leichtigkeit ­
  der  Production,  hervorgerufen  durch  die  Steigerung  des
(Kapitalangebotes,  der  Export  im  Waarenhandel  steigen,  der
Import  sinken.  Wenn  umgekehrt  der  Export  von  AVertlipapiei
  en  ein  Uebermass  erreichen  sollte,  so  werden  Baarmittel
hereinströmen,  die  Preise  werden  steigen  und  dies  wird  einerseits ­
  den  Waarenimport  befördern,  andererseits  alle  Exporte
hemmen.
Es  geht  aus  all’  dem  hervor,  dass  ungünstige  Wechselcüurse
  zwar  stets  einen  effectiven  Verlust  für  jedes  davon
betroffene  Land  bedeuten,  dass  aber  unter  normalen  Verhältnissen ­
  erstens  diese  Verluste  immer  nur  vorübergehend  sein
können,  dann  aber,  dass  sie  zur  Herstellung  des  gesunden
Gleichgewichtes  der  Producfions-  und  Absatzverhältnisse  beitragen ­
  und  daher  gleichsam  die  nofhwendige  Arznei  sind,
durch  welche  das  Uebel,  dem  sie  ihren  Ursprung  verdanken,
in  del’  wirksamsten  Weise  geheilt  wird.
Dies  gilt  jedoch  uneingeschränkt  nur  für  Länder  mit
normalem  Geldumläufe.  Unter  der  Herrschaft  des  Papiergeldes
gestaltet  sich  die  Wechselwirkung  zwischen  echselcours  und
Absatzverhältniss  nicht  blos  weitaus  complicirter,  es  wird  auch
der  Heilungsprocess,  der  oben  behandelt  wurde,  wesentlich
modificirt,  ja  häufig  paralysirt.
Dass  dies  der  Fall  sein  muss,  geht  vor  Allem  schon  aus  der
Thatsache  hervor,  dass  die  Wechsel  course  auf  ein  Land  mit  Papiervaluta ­
  dauernd  ungünstig  bleiben  können,  was  für  die  Jiänder
mit  gesundem  Geldwesen,  wie  oben  nachgewiesen  wurde,
Or.  Th.  Hertzka,  Währung  und  HauJfl.  12
        <pb n="188" />
        178

immöglich  ist.  Es  muss  also  notliwendigerweise  ein  störender
tactor  vorhanden  sein,  der  den  Wechselcuurs  verhindert,  aut
die  Ursachen,  die  ihn  herheitührten,  einzuwirken,  und  der
gleichsam  den  Organismus  des  Verkehrsgebietes  unempfänglich
macht  für  das  Heilmittel,  unter  dessen  Eintlnss  andere  Vei’-kehrsgehiete
  so  rasch  genesen.  Sehen  wir  zu,  welches  dieser
störende  tactor  ist,  und  in  welcher  Weise  sich  seine  chronische
Wirkung  fühlbar  macht.
Her  ungünstige  Wechsel  cours  vertheuert  auch  iu  dem
Lande  mit  Papiergeld  den  Bezug  aller  fremden  Werthe  und
verwohlfeilt  für  alle  Länder,  die  mit  dem  ersteren  in  Handelsbeziehungen ­
  stehen,  den  Bezug  von  dessen  Erzeugnissen,
Dienstleistungen  und  Werthpapieren.  Stünde  beispielsweise
der  V  echselcours  zwischen  Oesterreich  und  Deutschland  auf
])ari,  so  dass  bei  einem  angenommenen  Agiostande  von  10  Percent ­
  ein  Wechsel  über  110  ff.  o.  W.  in  Frankfurt  so  viel  werth
wäre,  als  ein  deutscher  Wechsel  über  2(M)  ^fark  (von  der
Diflei  enz  zwischen  dem  (xold-  und  Silbercourse  sehen  wir  zur
Veieiufachuug  der  Untersuchung  ab),  so  könnte  man  eine
A\  aai’e,  deren  Productionskosten  nach  Zuschlag  oder  Abzug
der  Frachtspesen  in  Deutschland  und  OesterreicI,  gleich  huch
wäien,  von  dem  einen  zum  anderen  Lande  weder  importiren
noch  exportiren.  ird  aber  der  Wechsel  cours  ungünstig  für
Oesten-eich,  erhält  man  für  den  Wechsel  über  110  H.  ü.  W.
i  apier  in  t  rankfurt  blos  198  Mark,  dagegen  für  den  deutschen
200  Mark-Wechsel  in  Wien  1111  H.  ö.  W.  Papier,  so  wird
in  Oesterreich  der  Export  der  früher  nicht  exportfähigen
\\  aare,  in  Deutschland  der  Import  der  früher  nicht  im])ortfähigen
  Waare  lohnend  geworden  sein.
Es  werden  ferner  bei  einem  solchen  Wechselcourse  Edelmetalle ­
  aus  Oesterreich  nach  Deutschland  strömen.  Aber  dieser
Abfluss  wird  zwar  in  Deutschland  die  Wirkung  haben,  die
Preise  zu  erhöhen,  nicht  aber  in  Oesterreich  die  Wirkung,
die  Preise  direct  zu  errnässigen,  denn  hier  wird  durch  den  Abfluss ­
  der  Edelmetalle  der  Vorrath  von  Circulationsmitteln  nicht
verringert,  da  das  Circuíationsmedium  eben  aus  Papierzetteln
besteht,  die  unter  keiner  Bedingung  abfliessen  können.  Es
fehlt  also  das  weitaus  wirksamste  Reizmittel,  welches  in  den
Landern  mit  Metallgeld  zu  Hebung  der  Exporte  und  zu  Ver-
        <pb n="189" />
        riiîgerimg  der  Importe  beiträgt,  nämlich  die  Steigerung  der
Kaufki-aft  des  Geldes  im  eigenen  Lande.  Statt  dessen  greift
hier  ein  anderer  Factor  ein,  der  schliesslich  zwar  auch  die
Wirkung  hat,  die  Zahlungsbilanz  zu  ändern,  dies  jedoch  in
ganz  anderer  Weise  thut,  als  in  den  Ländern  mit  Metallvaluta
die  Verringerung  der  (ürculationsmenge.  W  enn  nämlich  in
Folge  ungünstiger  Zahlungsbilanz  die  in  den  Papiergeldländern
vorhandenen  Edelmetalltpiaiititäten  in's  Ausland  strömen  ,  so
wird  dadurch  zwar  nicht  der  Vorrath  an  Tauschmitteln  (da
ei,en  die  Edelmetalle  hier  keine  Tauschmittel  sind),  wohl  aber
(1er  Werth  der  vorhandenen  Papiergeldzeichen  verringeid.  Es
steigt  nämlich  das  Disagio  der  Noten.  Dass  dem  thatsächlich
so  ist,  lehrt  nicht  nur  die  Erfahrung,  es  folgt  auch  mit  Nothwendigkeit
  aus  der  Natur  der  Sache,  da  Ja  die  Nachfrage
nach  Edelmetallen  in  den  betreifenden  Ländern  eine  Preissteigerung ­
  derselben  in  Noten  ausgedrückt,  d.  h.  eine  ]*reisverringerung
  der  Noten  erzeugen  muss.  Es  wird  also  auf
einem  Umwege  dasselbe  erreicht,  was  in  den  Metallgeldländern
unter  analogen  Verhältnissen  beobachtet  wird.  Dort  verringert
sieh  bei  ungünstiger  Zahlungsbilanz  der  Umfang  der  (ürculationsmittel
  ;  hier  bleibt  der  Umfang  unverändert,  dagegen  aber
sinkt  der  intensive  Werth  des  Tauschmittels;  und  da  in  letzter
Linie  der  W'erth  des  Cinmlationsmittehjuantums  auch  in  den
Papiergeldländern  nach  dem  in  ^Metallgeld  umgerechneten
Wert  he  bemessen  werden  muss,  so  hat  sich  dadurch  auch  hier
der  Vorrath  an  (hrculationsmitteln  verringeid.
Dadurch  entsteht  auch  hier  nun  ein  Druck  auf  die  Preise
aller  Waarengattungen.  Da  der  Umfang  an  ('irculationsmitteln
  bei  gleichem  Circulatioiisbedürfnisse  der  nämliche
geblieben  ist,  so  entfällt  auf  jeden  Bruchtheil  des  Verkehrsbedürfnisses ­
  das  nominell  gleiche  Circulationsmittelquantum,
und  da  dies  intensiv  eine  Reduction  erfuhr,  eigentlich  ein
essentiell  geringerer  Tauschmittelbetrag.  Es  müssen  also  alle
gegen  Geld  umzusetzenden  Dinge  in  Metallgeld  umgerechnet
billiger  werden,  und  dadurch  müsste  das  Bestreben  entstehen,
durch  Verkauf  an’s  Ausland  die  Preisausgleichung  herzustellen.
Selbstverständlich  gilt  aber  dies  Alles  nur  unter  der  Voraussetzung ­
  ,  dass  bei  solcher  Art  verringerter  Kaufkraft  der  Geldzeichen ­
  deren  Zahl  im  Papiergeldlande  nicht  vermehrt  wird,
12*
        <pb n="190" />
        180  —

denn  nur  dann  wird  eben  zur  Ausgleichung  der  Preisverliältnisse
  der  internationale  Markt  in  Anspruch  genommen
werden  müssen.
Die  Länder  mit  geregelter  Valuta  besitzen  auch  gar
kein  anderes  Mittel  der  Ausgleichung  in  einem  solchen  Falle,
denn  die  Circulation  einlöslicher  Banknoten  kann  angesichts
eines  Edelmetallabflusses  nicht  dauei  nd  vermehrt  werden,  und
bei  ihnen  wirkt  daher  nothwendigerweise  die  durch  den  Abfluss
der  Edelmetalle  herbeigeführte  Preisreduction  mit  ihrer  vollen
Wucht  auf  den  Aussenhandel,  Die  Papiergeldländer  aber
haben  einen  sehr  becpiemen  Ausweg,  ihren  Geldvorrath
ganz  anderswoher  als  vom  Weltmärkte  zu  ergänzen  —  es
ist  dies  die  neuerliche  Anwendung  der  Notenpresse.  Wenn
in  Folge  einer  Werth  Verringerung  des  Circuí  ationsraittel  quantums
die  Tauschkraft  des  Gesammtumlaufes  sinkt,  und  dadurch
im  Vergleiche  zu  dem  früheren  Zustande  eine  Lücke  im  Celdvorrathe
  entsteht,  so  gibt  man  eben  mehr  Papiergeldzeichen
aus  und  hält  dadurch  grossentheils  den  Druck  auf  die
Preise  auf.
Man  darf  daher  von  dieser  Wirkung  des  Edelmetallabflusses ­
  auf  die  Handelsbilanz  in  den  Papiergeldländern  -
und  diese  Wirkung  wäre  eine  gesunde,  denn  sie  bestünde  in  eineithatsächlichen
  reellen  Preisermässigung  —  in  der  Regel  nur
wenig  erwarten  ;  dagegen  tritt  ganz  unfehlbar  und  in  ausschlaggebender ­
  AVeise  jene  AVirkung  hervor,  die  im  zweiten,
dritten  und  vierten  Capitel  beleuchtet  wurde.  Das  Emporschnelleij
  des  Disagios  der  Noten  befördert,  auch  wenn  keine
reelle  Preisermässigung  damit  verbunden  ist,  den  Fxport  und
hindert  den  Import.  An  die  Stelle  der  wirklichen  ti-itt  eine
scheinbare  Productionserleichterung,  und  es  wird  dahei-  der
Export,  trotzdem  er  im  grossen  (lanzen,  ungeachtet  des  Edelmetallabflusses, ­
  nicht  vortheilhafter  betrieben  werden  kann  als
zuvor,  doch  einen  grösseren  Umfang  erreichen  und  der  Import
wird  sinken,  trotzdem  der  Nutzen  aus  demselben  nur  scheinbar
gesunken  ist.
Umgekehrt  würde  sich  die  Sache  verhalten,  wenn  ein
Papiergeldland  eine  günstige  Zahlungsbilanz  besässe  und  nunmehr ­
  die  Edelmetalle  in  dasselbe  einströmen  würden.  Auch
hier  könnte  dieser  Zufluss  direct  den  Vorrath  an  Circulations-
        <pb n="191" />
        181  —

mittein  nicht  vermehren  und  dadurch  keine  Preiserhöhung
herbeifiiliren  ;  wohl  aber  sinkt  durch  das  wachsende  Angebot
der  Preis  der  Edelmetalle  in  diesem  Lande  in  Papiergeld  ausgedrückt ­
  ,  d.  h.  es  steigt  der  Edelmetallwerth  seiner  Papiergeldzeichen, ­
  und  folglich  repräsentirt  nunmehr  dessen  vorhandenes
Tauschmittelquantum  trotz  des  unveränderten  Umfanges  der
Circulation  doch  einen  höheren  V  erth.  Die  Preise  werden  jetzt,
in  l'apiergeld  ausgedrückt,  /  die  nämlichen  bleiben,  dagegen
aber  in  Edelmetall  umgerechnet,  steigen,  so  dass  aus  diesem
Drunde  der  Import  lohnender,  der  Export  minder  lohnend
werden,  die  Zahlungsbilanz  sich  verschlimmern  müsste.  Aber
diese  auf  einem  Umwege  erfolgte  gesunde  Wirkung  der  Edelmetallströmung ­
  kann  auch  hier  dadurch  paralysirt  werden,
dass  das  Papiergeldland  in  einem  solchen  Falle  ein
anderes  den  internationalen  Handel  nicht  berührendes  Mittel
der  Ausgleichung  besitzt,  nämlich  die  Restriction  seines  Notenumlaufs. ­
  Unfehlbar  treten  dagegen  sofort  jene  Erscheinungen
ins  Sjuel,  die  in  den  Capiteln  2,  3  und  4  erörtert  wurden.
Die  Production  wird,  wenn  auch  nicht  effectiv,  so  doch  scheinbar ­
  erschwert,  an  die  Stelle  der  Exporthinderung  und  Importbeförderung ­
  durch  reelle  Preisverhältnisse  tritt  die  nämliche
AVirkung  in  Folge  einer  wirthschaftliehen  Fiction.
Nun  wäre  bei  so  gearteter  A  erschiebung  der  AA  irkungen
zwar  für  alle  Fälle  der  Schaden  vorhanden,  dass  die  Herstellung ­
  des  (Gleichgewichts  in  der  Zahlungsbilanz  nach  der
einen  oder  anderen  Seite  nicht  dadurch  erfolgen  könnte,  dass
jene  Seite  der  internationalen  Handelsgeschäfte  stärker  cultivirt
  wird,  die  im  Augenblicke  mit  grösserem  reellen  Nutzen
betrieben  werden  kann,  sondern  zumeist  dadurch,  dass  sich
der  Nutzen  des  einen  oder  anderen  Zweiges  nur  scheinbar
erhöht;  aber  es  könnte  zum  Alindesten  dieses  Gleichgewicht
erreicht  werden.
In  Wahrheit  aber  gelingt  dieses  Kunststück  der  Herstellung ­
  des  Gleichgewichts  in  Ländern  mit  Papiervaluta  last
niemals,  zum  Alindesten  nicht  in  jenem  Alasse,  dass  sie  beim
Austausche  der  beiderseitigen  AA’^echselverbindlichkeiten  einen
wesentlichen  Coursgewinn  erreichen  können.
Ganz  abgesehen  von  den  internationalen  Verkehrsbeziehungen ­
  besteht  eben,  wie  im  VT.  Capitel  nachgewiesen  wurde.
        <pb n="192" />
        182

in  solchen  Ländern  eine  continnirliche  Tendenz  des  Edelmetall ­
  ah  fluss  es,  so  dass  derjenige  AVecliselcours,  der  für
ein  Metallgeldland  die  Verliistgrenze  wäre,  für  das  Papiergeldland ­
  dem  Paristande  gleich  zu  achten  ist,  d.  h.  jenem
Stande,  der  sich  ergehen  würde,  wenn  Empfänge  und  Verpflichtungen ­
  im  internationalen  Handel  im  Gleichgewichte  sind.
Der  rix])unkt,  um  welchen  die  Course  oscilliren,  ist  nicht  der
Paristand,  sondern  das  mathematische  Pari  ahziiglich  aller
Transportspesen  für  Edelmetall.
Man  könnte  dem  entgegenhalten,  dass  eine  (Trenze  für
den  ungünstigen  Wechsel  cours  schliesslich  doch  dadurch  gegeben ­
  sei,  dass  der  Edelmetallvorrath  des  Papiergeldlandes
endlich  erschöpft  werden  müsse;  dann  aber  sei  weiterer  Abfluss ­
  der  Edelmetalle  nicht  mehr  möglich.  Hier  vergisst  man
jedoch,  dass  der  Coursverlust,  den  ein  Land  beim  Austausche
seiner  Wechsel  Verpflichtungen  gegen  seine  AVechselempfänge
erleidet,  durchaus  nicht  in  Edelmetall  sal  dirt  zu  werden
braucht,  sondern,  wie  bereits  einmal  auseiiiandergesetzt  wurde,
sowohl  nachträglich  durch  V  erthpapiere  oder  Waarensendüngen
  ausgeglichen  oder  auch  in  solcher  Form  vorher  schon
escomptirt  werden  kann.  Es  können  also  auch  jene  Länder,
die  kein  Edelmetall  selbst  produciren,  dauernd  ungünstige
Wechselcourse  haben,  nur  kann  bei  diesen  allerdings  kein
dauernder  Edelmetallabfluss  stattflnden.  Bei  den  Productionsländern
  der  Edelmetalle  aber  ist  selbstverständlich  auch  das
Letztere  recht  wohl  möglich,  ja,  wenn  die  Kdelmetallproduction
einen  grosseren  Umfang  erreicht,  sogar  noth  wendig.
Um  die  Verderblichkeit  der  durch  die  Zettelwirthschaft
herbeigeführten  Demonetisirung  der  Edelmetalle  zu  begreifen,
halte  man  sich  auch  Folgendes  vor  Augen.  Da  in  Folge  dieser
Demonetisirung,  wie  schon  erwähnt,  nicht  nur  das  I’apiergeld
im  Verhältnisse  zu  den  Edelmetallen,  sondern  das  Edelmetall
selbst  innerhalb  der  Landesgrenzen  im  Verhältnisse  zu  den
Edelmetallen  auf  dem  Weltmärkte  entwerthet  ist;  so  ergibt
sich  dadurch,  dass  Jedermann,  der  an  das  hetreffende  Land
erkauft  und  dort  Zahlung  empfängt,  die  empfangenen  Zahlungsmittel ­
  kostenfrei  heimtragen  kann,  denn  die  Transj)ortund
  Münzkosten,  ja  in  der  Regel  noch  ein  kleiner  Gewinn
über  dieselben  hinaus,  werden  schon  bei  der  Zahlung  selbst
        <pb n="193" />
        &amp;amp;

183

vergütet,  indem  dabei  das  bezahlte  Edelmetall  zu  verringerten
Preisen  angerechnet  wird.  AVenn  dagegen  ein  Bürger  des
betreffenden  Papiergeldlandes  im  Auslande  verkauft  und  dort
Zahlung  empfängt,  so  muss  er  die  Fracht-  und  Alünzspesen
für  die  empfangenen  Zahlungsmittel  doppelt  tragen,  ein  Mal
indem  er  die  Verfrachtung  wirklich  zu  besorgen  hat  ,  ein
zweites  Mal,  indem  ihm  daheim,  wenn  er  die  empfangenen
Zahlungsmittel  realisiren  will,  die  Frachtkosten  nochmals
abgezogen  werden.  Jedes  Metallgeldstück  wird  eben  im  Werthe
um  einige  Pfennige  erhöht,  so  wie  es  die  Grenzen  des  Papiergeldlandes ­
  verlässt,  und  um  einige  Pfennige  im  AVerthe  verringert, ­
  sobald  es  diese  fluchbeladenen  Grenzen  überschreitet.
Dies  wirkt  selbstverständlich  für  das  betreffende  Land  gleich
einer  Importprämie,  verbunden  mit  einer  Besteuerung  des
Exportes.  Beides,  Prämie  wie  Zoll  ist  zwar,  in  Percenten
ausgedrückt,  nur  gering,  aber  es  wird  unerbittlich  für  Alles
gezahlt  und  für  Alles  erhoben  ,  was  im  A^erkehre  des  betreffenden ­
  Landes  mit  allen  Nachbarstaaten  nur  irgend  AA^erthbares
  ein-  oder  ausgeht.  Gegen  diesen  Zoll  gibt  es  keinen
Schmuggel  und  die  Prämie  kann  Keinem  entzogen  werden,  der
irgend  Etwas,  seien  es  Dienstleistungen,  AVaaren  oder  Werthpapiere, ­
  in  s  Papiergeldland  liefert.  Und  in  dieser  gespenstischen ­
  unfassbaren  Auflage,  die  sich  das  Papiergeldland  zu
Gunsten  seiner  Concurrenten  und  zum  Schaden  seiner  eigenen
Producenten  und  fhipitalist^en  auferlegt,  liegt  die  hauptsächliche
Sühne  für  den  Raub,  den  es  an  allen  Ländern  des  Erdballs
in  jenem  Momente  begangen,  wo  es  ihnen  das  eigene  Circulationscapital
  als  werthlosen  Ballast  vor  die  hüsse  warf,  und
im  Austausche  dafür  Güter  aller  Art  in  Empfang  nahm.  Nur
zu  reichlich  muss  es  die  Zinsen  dieses  Capitals  zurückzahlen.
Es  hat  sich  selbst  ausgeschlossen  aus  der  Geldgemeinschaft
der  civilisirten  Nationen.
Es  ist  nun  die  Frage,  ob  es  ein  Alittel  gibt,  in  den
Ländern  mit  Papiervaluta  die  ausgleichende  A\  irkung  der
Wechselcourse  künstlich  zu  ersetzen.  Da  hier  die  AVechselcourse
  in  der  Regel  ungünstig  sind  ,  so  würde  es  sich  zunächst
darum  handeln,  vollen  Ersatz  für  den  die  Exporte,  befördernden ­
  ,  die  Importe  hemmenden  Abfluss  der  Edelmetalle  zu
gewinnen.  Als  solche  Ersatzmittel  werden  häufig  Schutzzölle
        <pb n="194" />
        empf(»lileii  ;  diese  sollen  denselben  Effeet,  den  in  den  Ländern
mit  Metallvaluta  die  Wechselcourse  besitzen,  herbeituhren,
und  in  der  That  konnte  man  bemerken,  dass  beinahe  ohne
Ausnahme  die  protectionistischen  Tendenzen  zumeist  in  den
Ländern  mit  gestörten  Ueldverhältnissen  und  häufig  unmittelbar
nach  erfolgter  Störung  des  Geldumlaufes  zur  Geltung  zu
gelangen  versuchen.  Russland,  Oesterreich,  Italien,  Nordamerika, ­
  in  jüngster  Zeit  vorübergehend  auch  Erankreieh  sind
Beispiele  dafür.  Es  gehört  dies  mit  zu  der  verhängnissvollen
Verwirrung  aller  wirthschaftlichen  Anschauungen,  welche  die
Zettelwirthschaft  überall  nach  sich  zieht.  Denn  in  Wahrheit
kann  durch  die  Zollpolitik  wolil  das  Verhältniss  jener  Eaetoren
unter  einander,  aus  denen  sich  die  Gesammtheit  der  Zahlungsverpflichtungen ­
  einerseits  und  der  Empfänger  andererseits  in
einem  Lande  zusammensetzt,  alterirt,  niemals  aber  das  Verhältniss ­
  aller  Verpflichtungen  zu  allen  Empfangen  geändert
werden.
Die  Grundursache  des  Irrthums  liegt  darin,  dass  man  die
Bilanz  im  Waarenhandel  mit  der  gcsammten  Zahlungsbilanz
verwechselt,  und  dass  man  insbesondere  glaubt,  durch  die
Einschränkung  der  Waarenimj)orte  die  Bilanz  im  günstigen
Sinne  ändern  zu  können.  Dass  durch  eine  Erhöhung  der  Zölle
die  Importe  vieler  Waaren  für’s  Erste  verringert  werden,  kann
nicht  bestritten  werden.  Der  Zoll  wirkt  hier  in  derselben
V  eise,  wie  ein  ungünstiger  V  echselcours  )  er  erschwert  den
Bezug  der  davon  betroffenen  Waaren.  Aber  schon  hier  erstreckt
sich  die  Wirkung  nicht  auf  die  Gesammtheit  aller  Waarenbezüge,
  sondern  blos  auf  jenen  Theil  derselben,  der  durch
die  Zollerhöhung  direct  betroffen  wurde;  auf  alle  anderen
Importe  dagegen  ,  hauptsächlich  aber  auf  die  Gesammtheit  der
Waarenexporte  äussert  der  Schutzzoll  eine  geradezu  entgegengesetzte ­
  Wirkung.  Während  nämlich  Edelmetallabfluss  Wohlfeilheit ­
  zur  Eolge  hat,  vertheuern  die  Schutzzölle,  die  Production;
  sie  schwächen  also  die  Concurrenzfähigkeit  aller  im
Inlande  erzeugten  Waaren  auf  den  fremden  IMärkten.  d.  i,
also  die  Exportfähigkeit,  und  sie  erhöhen  auch  die  Concurrenzfähigkeit
  aller  vom  Schutzzölle  nicht  getroffenen  fremden
Waaren  auf  den  inländischen  Märkten,  d.  i.  die  Ini])ortfähigkeit
deiselben.  Ja  diese  letztere  Wirkung  wird  sich  sogar  bei
        <pb n="195" />
        —*-  18Õ  —

einem  Theile  tier  mit  Zöllen  belegten  Waaren  äussern,  bei
jenen  nämlich  ,  wo  der  Zollschutz  geringer  ist  als  im  Durchschnitt ­
  der  anderen  Waaren,  denn  bei  diesen  A\drd  die  \  ertheuerung
  der  inländischen  Production  grösser  sein,  als  die
Vertheuerung  der  ausländischen  Bezüge.  Doch  selbst,  wenn
es  möglich  wäre,  alle  iin  internationalen  Handel  irgendwie
belangreichen  AVaaren  mit  verhältnissmässig  gleich  hohen
Schutzzöllen  zu  belegen,  so  würde  dadurch  der  Saldó  der  Zahlungsbilanz ­
  nicht  verändert,  ja  es  wird  dies  nicht  einmal  bei
dem  Saldo  der  AVaarenbilanz  der  Fall  sein.  Es  wird  im
grossen  Ganzen  die  A^ertheuerung  der  inländischen  Production
der  A^ertheuerung  der  fremdländischen  Bezüge  entsprechen,
diese  beiden  AVirkungen  werden  sich  vollständig  paralysiren
und  der  schliessliche  Effect  wird  nicht  ein  Deber  wiegen  des
Exportes  über  den  Import,  sondern  eine  gleichniässige  A'erringerung
  Beider  sein.  Das  Interessanteste  dabei  aber  ist,
dass  dieser  schliessliche  Effect  gar  nicht  dadurch  hervorgerufen
sein  wird,  dass  die  Impoide  in  das  betreffende  Land  erschwert
wurden,  und  erst  diese  Erschwerung  eine  Erschwerung  der
Exporte  zur  Folge  hatte,  sondern  die  AV'irkung  wird  umgekehrt
gerade  von  den  Exporten  ausgehen,  ln  dem  Schutzzoll  lande
selbst  wird  sich  nämlich  in  Hinsicht  auf  den  auswärfigen
A\  aarenbezug  gar  Nichts  geändert  haben;  man  würde  dort
ebenso  leicht  imjiortiren  können  wie  zuvor,  da  ja  durch  die
mit  der  A^ertheuerung  der  Importe  Hand  in  Hand  gehende
A  ertheuerung  der  inländischen  Production  das  A  erhältniss
zwischen  auswärtigen  und  einheimischen  I’reisen  das  nämliche
geblieben  ist.  Für  die  erste  Zeit  allerdings,  in  welcher  die
A'ertheuerung  des  Consnms  durch  die  Schutzzölle  auf  die  Lohnverhältnissc
  noch  nicht  die  volle  A\  irkung  äussert,  entsteht
eine  Differenz  zu  Gunsten  der  inländisclten  Erzeugung,  die
hinderlich  für  den  Import  ist;  sowie  aber  einmal  die  l’roductionskosten
  sich  den  veränderten  Preisverhältnissen  angepasst
haben,  verschwindet  diese  Differenz  und  im  grossen  (Tanzen
wird  dann  —  immer  vorausgesetzt,  dass  alle  Einfuhrartikel
gleichmässig  vertheuert  sind  —  der  Importeur  genau  unter
den  nämlichen  Bedingungen  auswärtige  A\'aaren  beziehen
können  wie  früher.
Beeinflusst  wird  die  Handelsbewegung  durch  ilie  Schutz-
        <pb n="196" />
        186

zolle  von  einer  ganz  anderen  Seife  her,  als  in  der  Absicht
derjenigen  liegt,  welche  das  Schutzzollsystem  befürworten  ;  es
werden  direct  nicht  die  lmj*orte,  sondern  die  Exporte  vereitelt
und  erst  die  Unmöglichkeit,  die  fremden  Bezüge  durch  einheimische ­
  Waaren  zu  bezahlen,  verringert  diese.
Das  Ausland  nämlich  hat  durchaus  keinen  Drund,  die
durch  die  Zollpolitik  vertheuerten  Producte  des  „geschützten"'
Verkehrsgebietes  höher  zu  bezahlen;  es  wird  einen  grossen
Theil  der  Waaren,  die  es  vorher  dort  kaufte,  entweder  aus
anderen  Ländern  einführen  oder  selbst  erzeugen,  letzteres  um
so  leichter,  da  ja  der  Zoll,  der  auf  seine  Exporte  gelegt
wird,  bei  ihm  die  entgegengesetzte  Wirkung  üben  wird,  wie
im  Schutzzollande,  er  wird  nämlich  seine  Producenten  zwingen
billiger  zu  verkaufen  ,  als  sie  es  vordem  thaten.  Die  Erzeugnisse ­
  des  Schutzzollgebietes  werden  in  solcher  Art  von  den
fremden  Märkten  mehr  und  mehr  verdrängt  werden  und  dies
wird  allerdings  schliesslich  auch  dessen  Import  verringern.
Wie  man  sieht,  wird  schon  auf  dem  (ilebiete  des  Waarenhandels
  der  Schutzzoll,  weit  entfernt  eine  günstige  Bilanz
zu  erzwingen,  ganz  im  Cregentlieile  nach  Ueberwindung  der
ersten  vorübergehenden  Uebergangsconjuncturen  die  Bilanz
und  folglich  die  Wechselcourse  nur  noch  schlechter  machen.
Noch  deutlicher  zeigt  sich  dies  jedoch,  wenn  man  die  Bewegung ­
  im  Etfectenhandel  und  die  Bilanz  der  Dienstleistungen
mit  in  den  Kreis  der  Betrachtung  zieht.  Die  Vertheuerung
der  Production  wird  noth  wendigerweise  den  Zufluss  fremder
Capitalien  gegen  einheimische  Werthpapiere  unterbinden.  Der
Zinsfuss  der  Papierwerthe  wird  sinken  und  es  muss  daher  für
das  Ausland  minder  lohnend  werden,  seine  Capitalien  in  dem
betreffenden  Lande  arbeiten  zu  lassen.  Umgekehrt  wird  ganz
aus  der  nämlichen  Ursache  das  einheimische  Capital  die  Tendenz ­
  haben,  mehr  als  früher  der  Fall  war,  ins  Ausland  zu
strömen.  Es  wird  sich  also  die  Bilanz  im  Effeetenhandel  verschlimmern; ­
  diese  Verschlimmerung  findet  ihre  (Lenze  nur
darin,  dass  in  Folge  der  Erschwerung  aller  Production  die
inländischen  Capitalien  langsam  ei-  zunehmen  werden  als  zuvor ­
  und  dadurch  einerseits  der  Abfluss  einheimischer  Capitalien
verringert,  andererseits  das  Bedürfniss  nach  fremden  Capitalien
erhalten  wird.  Es  wird  dann  davon  abhängen,  ob  die  Unter-
        <pb n="197" />
        187

bindung  der  Capitalsansammlung  oder  die  Unterbindung  der
Production  sieb  energischer  fühlbar  macht,  um  den  Ausschlag
bei  der  AVaaren-  oder  bei  der  Effectenbilanz  zu  geben.  Ist
Kr.steres  der  Fall,  beginnen  trotz  gestörter  Production  die
Capitalien  zu  mangeln,  so  \\ird  sich  die  Ungunst  der  Bilanz
hauptsächlich  im  Waarenhandel  zeigen;  ist  letzteres  der  lall,
so  wird  dies  zunächst  beim  Etfectenhandel  der  Fall  sein.
Immer  jedoch  werden  die  Schutzzölle  die  Tendenz  haben,  die
Exporte  zu  hemmen,  und  nur  wenn  auf  der  einen  Seite  diese
Hemmung  einen  ganz  unverhältnissmässigen  Umfang  erreicht,
wird  dies  eine  relative  Besserung  auf  der  anderen  Seite  erzwingen. ­
  Granz  dasselbe  gilt  von  den  Dienstleistungen.  Die
Vertheuerung  aller  Preise  muss  nothwendigerweise  auch  alle
jene  Dienstleistungen,  deren  Kosten  sich  vornehmlich  aus
Löhnen  zusammensetzen,  vertheuern  und  folglich  deren  Concurren/
  auf  dem  AVeltmarkte  erschweren.  Eine  Reaction  kann
auch  hier  lediglich  dadurch  eintreten,  wenn  etwa  die  Unterbindung ­
  des  Unternehmungsgeistes  die  Löhne  trotz  der  Theuerung
  aller  Lebensbedürfnisse  nicht  nur  relativ,  sondern  auch
absolut  herabdrückt.
Mit  einem  AA'orte,  die  Schutzzölle  würden  auf  allen  Gebieten ­
  des  internationalen  Verkehrs  die  Zahlungsbilanz  fortwährend ­
  verschlechtern,  wenn  nicht  die  in  ihrem  Gefolge
gehende  Erschwerung  der  Production,  die  Unterbindung  des
wirthschaftlichen  Aufschwunges,  dem  Uel)erwiegcn  der  Bezüge
an  AVaaren,  Dienstleistungen  und  A\'erthpapieren  eine  Grenze
zögen.  Die  Schutzzölle  regeln  also  allerdings  auch  die  Zahlungsbilanz, ­
  aber  in  ganz  anderer  AVeise,  als  es  bei  den
AVechselcoursen  der  Fall  ist.  AVährend  hier  die  Beförderung

der  Eoncurrenzfähigkeit  in  Folge  des  EdelmetallabHusses
das  Correctiv  ist,  liegt  dieses  bei  den  Schutzzöllen  in  dei
Vei  armung,  hervorgerufen  durch  die  Erschwerung  der
Production.
Im  Uehrigen  aber  handelt  es  sich  bei  jeder  Schutzzollpolitik ­
  nicht  um  die  gleichmiissige  Vertheuerung  aller  A\  aarenhezüge.
  sondern  um  die  gewisser  bevorzugter  Kategorien,  hür
diese  kann  nun  allerdings  eine  Aenderung  in  der  Handelsbewegnng
  erzwungen  werdtui.  Wenn  beispielsweise  ein  Land
mehr  Kisen  imporlirt  als  exportirt  und  es  wird  nun  ein  aus-
        <pb n="198" />
        188  —

giebiger  Schutzzoll  auf  Eisen  gelegt,  so  wird  dieser  die  Eisen-Exporte
  nur  massig  beeinflussen,  es  sei  denn  dadurch,  dass  der
steigende  Consum  inländischer  Erzeugnisse  für  den  Export
Weniger  übrig  lässt,  oder  allenfalls  noch  dauurch,  dass  allmälig
  die  durch  den  Schutzzoll  eingeschlafeite  industrielle
Regsamkeit  der  Concurrenzfähigkeit  auf  den  fremden  ^Märkten
schadet;  die  Eisen-Importe  dagegen  werden  direct  und  ausgiebig ­
  gehindert,  vielleicht  auch  gänzlich  abgehalten  werden
und  es  wird  sich  jedenfalls  das  Verhältniss  zwischen  Export
und  Import  weitaus  günstiger  gestalten  als  früher.  Bei  allen
anderen  Waaren  muss  jedoch  das  (xegeiitheil  eintreten.  So
gering  auch  für  jeden  einzelnen  Bewohner  eines  solchen  Landes ­
  die  Vertheuerung  seiner  Lebensbedürfnisse  durch  die  Vertheuerung
  seines  Bedarfes  an  Eisen  sein  mag,  so  wird  diese
Vertheuerung  eben  doch  bestehen  und  zurückwirken  auf  alle
Preise  und  Löhne  ;  die  Production  aller  Waaren  wird  dadurch, ­
  wenn  auch  nur  um  ein  Geringes  erschwert  werden.
Um  dieses  Geringe  aber  vermindert  sich  eben  die  (’oncurrenzfahigkeit
  aller  einheimischen  Güter  sowohl  auf  den  einheimischen ­
  als  auf  den  fremden  Märkten,  es  werden  daher  nm
dieses  Geringe  bei  allen  Waaren  unter  sonst  gleichbleibenden
Verhältnissen  die  Exporte  sinken,  die  Importe  steigen,  und  die
Summe  aller  dieser  Einbussen  wird  schliesslich  doch  grösser
sein,  als  der  Gewinn  bei  den  Eisenwaaren.  Lass  sie  grösser
sein  muss,  sowie  erst  einmal  die  Vertheuerung  der  Production
in  Folge  der  Eisenvertheuerung  Zeit  gehabt  hat,  ihre  Wirkung
zu  äussern,  folgt  aus  derselben  Betrachtung,  die  früher  unter
der  Voraussetzung  angestellt  wurde,  dass  der  Zoll  gleichmassig
  auf  alle  Güter  gelegt  wird.
Es  soll  nun  noch  die  hie  und  da  auf  tauchen  de  Besorgniss,
  dass  -ein  Land  mit  ungünstiger  Handelsbilanz  die  Valuta
nicht  herstellen  könne,  weil  in  diesem  Falle  die  Edelmetalle
sofort  wieder  abströmen  müssten,  erwähnt  werden.  Es  stellt
dies  die  Sache  geradezu  auf  den  Kopf.  Davon,  dass
man  unter  dieser  Handelsbilanz  in  der  Regel  nur  die
Balanz  des  Waareiihandels  versteht,  und  deren  Ungunst  für
gleichbedeutend  hält  mit  der  ungünstigen  Balanz  des  gesummten ­
  internationalen  Austausches  eines  solchen  Landes,
mag  nicht  weiter  gesprochen  werden.  Loch  selbst,  wenn  die
        <pb n="199" />
        189

ganze  Zahlungsbilanz  ungünstig  sein  sollte  —  und  sie  kann
dies  'sein,  selbst  wenn  die  Balanz  des  Waavenhaiidels  günstig
ist  —  wird  dadurch  eben  so  wenig  eine  vorher  gesunde
Valuta  zerrüttet,  als  die  Herstellung  einer  zerrütteten  Valuta
verhindert  werden.*)  Vor  allem  schon  deshalb  nicht,  weil
die  Wechselcourse  und  folglich  die  Zahlungsbilanz  in  solchen
Ländern  vorwiegend  nur  aus  dem  Grunde  ungünstig  sind,
weil  eben  die  Valuta  zerrüttet  ist;  beseitigt  man  diese  Ursache,
')  Selbst  Göschen  (Theorie  der  auswärtigen  Wechselcourse)  begeht  in
diesem  Punkte  einen  bedauerlichen  Irilhum.  Er  hält  es  tur  wahrscheinlich,
«dass  in  vielen  Fällen  die  Rntwerthung  der  Münze  die  directe  oder  indirecte
Folge  übermässiger  Einfuhren  ist,  mindestens  eben  so  häufig,  als  die  Folge
von  Schulden  und  Bankerotten  der  Staaten“.  Nichts  kann  unrichtiger  sein.
Niemals  haben  übermässige  Einfuhren  eine  Papiergeldemission  erzwungen,  niemals ­
  kann  sich  ohne  die  letztere  eine  Landesvaluta  um  mehr  als  den  Betrag
der  natürlichen  Verlustgrenze  der  Wechselcourse  entwerthen.  Denn  ohne  die
Zettelemission  kann  sich  das  IJebermass  der  Einfuhr  unmöglich  dauenid  erhalten ­
  ,  da  der  beginnende  Abzug  des  Baargeldes  nothwendiger  Weise  die
Zahlungsbilanz  alsbald  herstellen  muss.  Nur  wenn  die  Emission  uneinlöslicher
Noten  in  die  durch  den  Baarabfluss  entstandene  Lücke  im  Circulationsbedarfe
eintritt  und  dadurch  die  Rückwirkung  des  Geldabflusses  auf  die  Preisverhältnisse ­
  ])aralysirt,  ja  an  die  Stelle  der  sonst  unweigerlich  eintreteuden  Erraässigung
  aller  Preise  sogar  eine  Preissteigerung  treten  lässt;  nur  dann  kann  sich
das  Uebermass  der  Importe  dauernd  erhalten  und  nur  dann  kann  trotz  stetiger,
bis  zu  völliger  Erschöpfung  fortschreitender  Vermiudernng  des  MetalIgeldvorrathes
  eine  Üeldeutwerlhung  eintreten.  Der  Richtigkeit  dieses  Sachverhaltes
kann  sich  dieser  hervorragende  englische  Volkswirth  selbst  nicht  verschliessen,
denn  in  der,  dem  oben  citirten  Satze  unmittelbar  folgenden  Begründung  wird
der  Verlauf  der  Ereignisse  in  den  Papiergeldländern  doch  so  geschildert,  dass
allemal  die  Zettelemission  —  gleichviel  zu  welchem  Zwecke  und  aus  welchem
Anlasse  —  den  Beginn  macht  und  die  steigende  Einfuhr  blos  die  nothweudige
Folge  ist;  es  wird  auch  nachdrücklich  betont,  dass  Zettelemissionen  die  Zahlungsbilanz ­
  stets  mehr  und  mehr  verschlimmern  ;  es  wird  sogar  an  einem
Beispiele  gezeigt,  dass  besorgnisserregende  Geldausfuhren,  da  eine  Zettelemission
  vermieden  wurde,  ganz  von  selbst  wieder  aufliörten  nichtsdestoweniger ­
  wird  am  Schlüsse  nochmals  die  Möglichkeit  einer  „Erschöpfung“
des  haaren  Geldvorrathes  ohne  vorherige  Emission  von  Papiergeld  statuirt,
und  von  der  Herstellung  des  Gleichgewichtes  in  der  Zahlungsbilanz  erst  nach
erfolgter  Entblössung  des  Landes  von  Eirculationsmitteln  gesprochen.  Bei  der
grossen  Autorität,  die  Göschen  in  England  wie  auf  dem  Continente  mit  Recht
in  allen  Fragen  des  Wechselcourses  und  der  internationalen  Zahlungsbilanz
geiiiesst,  wäre  es  von  grossem  Nutzen,  wenn  er  diesen  Irrthum,  der  namentlich
im  österreichischen  Laienpublicum  viel  Unheil  gestiftet  hat,  bei  passendem
Anlässe  selbst  corrigiren  wollte.
        <pb n="200" />
        —  190  —
so  hört  aiicli  die  Wirkung  aof.  Damit  soll  selhstverständlieli
nicht  gesagt  sein,  dass  nicht  auch  nach  erfolgter  Hei  stalling
der  Valuta  ans  anderweitigen  Ursachen  \V  echselcours  und
Zahlnngsbilanz  nngünstig  sein  können,  in  welcliein  balle  dann
allerdings  Edelmetalle  ans  dem  betreffenden  Lande  abströmen
werden.
Aber  für  alle  Fälle  wird  dieser  AbHnss  nnr  so  lange
währen  können  ,  bis  in  Folge  desselben  die  (  ■ircnlationsniittel
im  dem  betreffenden  Lande  jenen  Stand  erreichen,  der  den
normalen  Vevkebrsbediirfnissen  entsjiricbt,  wo  dann  sofort  die
regnlirende  Wirkung  dev  Wecbselconrse  eintreten  muss.  Und
aneh  den  znr  Herstellnng  der  Valuta  selbst  dienenden  Operationen ­
  kann  ein  Einflnss  anf  die  Wechselconrse  nnd  anf
die  •  Fdelinetallströmnng  nicht  ahgesprochen  werden.  ]n
erster  länie  werden  diese  (  fjierationen  ,  die  zumeist  in  der
Anfnahme  ansländischer  Metallanlehen  bestehen  ,  ganz  nnzweifelhaft
  in  ausgiebiger  Weise  dahin  wirken,  die  \\  echselconrse
  zn  verbessern;  denn  ein  solches  Anlehen  ist  eben
gleichbedentend  mit  dem  Abschlnsse  eines  Fffeetenverkanfsgeschäftes
  an  das  Ansland  nnd  hat  daher  Zahlungen  des
Anslandes  an  das  Inland  znr  nothwendigen  (k)nse&amp;lt;|nenz.  Ist
aber  das  znm  Zwecke  der  Valntaherstellnng  anfgenummene
Metallanlehen  zn  gross,  so  dass  die  in  Fcdge  desselben  hereinströmenden ­
  Zahlnngsniiftel  den  Bedarf  des  Landes  übersteigen, ­
  so  wird  im  ferneren  Verlaufe  selbstverständlich  ein
Kiiekströmen  der  (ürcnlationsmittel  nach  dem  Anslande  die
Folge,  nnd  mit  diesem  Rückströmen  eine  Verschlechternng
der  Wechsehionrse  verbunden  sein  ,  jedocb  nicht  in  der  Wise,
dass  der  Edelmetallabflnss  die  Ursache  nnd  der  schlechte
Wechselconrs  dessen  Folge  ist,  sondern  umgekehrt  werden  die
Edelmetalle  wieder  abströmen,  weil  zuvor  schon  die  Wechselcourse
  schlecht  geworden  sind,  nnd  diese  werden  schlecht
geworden  sein,  weil  der  Ueberfluss  an  Circulationsmitteln  in
dem  betreffenden  Lande  die  Preise  emporgetrieben,  folglich
den  Exporthandel  beeinträchtigt,  den  ImporHiandel  gesteigert
haben  wird.  Ist  umgekehrt  bei  den  zur  Herstellung  der  Valuta
dienenden  Operationen  zu  wenig  IMetallmünze  geprägt,  zn  viel
an  Geldnoten  eingezogen  worden,  so  wird  Edelmetall  noch
über  den  Anlehensbetrag  in  das  betreffende  Verkehrsgebiet
        <pb n="201" />
        191

eíustromeii,  die  Wecliselcüurse  werden  günntig  bleiben.  Tn  dem
Momente  also,  wo  die  Baarzalilungen  hergestellt  sind,  werden
die  Wechseleourse  auf  die  Handelsbeziehungen  und  auf  den
¡Stand  der  Cireulationsmittel  genau  die  nämliche  ausgleichende
Wirkling  üben  wie  in  jenen  1  .«ändern,  welche  die  metallische
Basis  des  Geldwesens  niemals  verlassen  haben.
Die  einzige  Schwierigkeit  für  jedes  Land,  welches  zu
den  Metallzahlungen  zurückkehren  will,  liegt  blos  darin,  dass
die  Einziehung  der  Noten  möglichst  gleichlaufend  mit  der
Sättigung  des  inländischen  Verkehres  durch  ^letallgeldzeichen
fo  lisch  reiten  muss.  Geht  die  Kinziehung  zu  rasch  vor  sich,
so  wird  damit  eine  vorübergehende  Beengung  des  Geldstandes
verbunden  sein  und  diese  kann  gefährliche  Erschütterungen,
ja  verheerende  Krisen  im  Gefolge  haben;  geht  die  Einziehung
zu  langsam  von  Statten,  so  ist  dies  mit  einer  Verschwendung
an  Prägekosten,  mit  unnöthigem  Zeitverluste  verbunden,
indem  die  überHiissig  ausgegebenen  Metallgeldzeichen  t  heil  weise
wieder  abströmen,  im  Auslande  eingeschmolzen  werden  und
nunmehr  neue  geprägt  werden  müssen.
        <pb n="202" />
        VTIT.  Capitel
Einfluss  (1er  Valuta  auf  die  wirtliscliaftliche  Tliätigkeit
  im  Allgemeinen.
Die  Stövnng  des  (reídwesens  wirkt  liilnnend  anf  jede
gesunde  Regung  des  Speenlatinnsgeistes.  Rer  (’apitalist  wird
dadnreli  geliindert,  in  Zeiten  sinkenden  TTnternehinnngsgeistes
von  seinem  l^esitze  eine,  wenn  aneh  im  Dnreliscknitte  massigere,
so  do(di  ents]n'ecliend  regelmässige  Rente  zu  ziehen  ;  der  l'uternelimer
  sieht  sieh  ausser  Stande,  in  Zeiten  des  Hedarls  zu
relativ  billigen  Bedingungen  Capital  zu  erhalten  ;  der  Arbeiter
endlich  wird  hei  günstigen  Conjnnctnren  um  einen  Theil  der
ihm  gebührenden  Imlinerhöhnng  verkürzt.  Umgekehrt  kann
der  Capitalist  zeitweilig  eine  nngehührlich  hohe  Rente  erzwingen, ­
  der  Unternehmer  sieht  sich  hei  ungünstigen  (kuijuncturen
  von  einem  unmässigen  ('apita  Isangebote  umseh  wärmt
und  d&amp;gt;r  Arbeiter  endlich  erhält  hei  ungünstigen  (Xinjuncturen
einen  durch  Nichts  gerechtfertigten  Zuschlag  zu  seinem  laduie
auf  Kosten  der  Production.  Auch  die  grosse  Classe  der  auf
tixe  Bezüge  und  Gehalte  Gesetzten  verliert  durch  die  immerwährenden ­
  Schwankungen  in  der  Kaufkraft  des  (xeldes  den
Massstab  für  eine  vernünftige  Begrenzung  der  Lebeusbedüi'fnisse.
  Derselbe  Bezug,  der  gestern  noch  reichliches  Auskommen
bot,  kann  möglicherweise  heute  schon  ungenügend  sein  zur
Bestreitung  der  nothwendigsten  Bedürfnisse,  und  da  es  stets
leichter  ist.  die  Bedürfnisse  zu  erhöhen  als  sie  einzuschränken,
so  wird  in  der  Regel  eine  unvernünftige  unwirthschaftliche
Ausdehnung  der  Ausgaben  die  Folge  solcher  Schwankungen  sein.
        <pb n="203" />
        193

Insbesondere  bei  der  Classe  der  Unternehmer  und
Capitalisten  wird  zu  dem  unausbleiblichen  Rückschläge,  den
die  Schwankungen  des  Geldwerths  in  der  Bedürfnisssphäre  mit
sich  bringen,  noch  die  directe  Verlockung  zu  unwirtbschaftlicher
  Verwendung  des  Capitals  und  der  Unternehmerthätigkeit
treten.  Auch  in  den  Rändern  mit  Metallvaluta  ist  es  eine
bekannte  Thatsache,  dass  immer,  wenn  auf  eine  Zeit  hochgespannter ­
  wirthschaftlicher  Regsamkeit  eine  Epoche  der
Reaction  folgt,  in  welcher  Capital  und  Arbeit  durch  längere
Zeit  geringe  Rente  ab  werfen,  die  Gemüther  in  unwiderstehlicher ­
  Weise  zu  waghalsigen  Speculationen  gereizt  werden.
Der  Capitalist,  der  seine  Rente  durch  den  Stillstand  aller
Geschäfte  übermässig  verkürzt  sieht,  der  Unternehmer,  der
keine  Gelegenheit  findet,  seine  Thätigkeit  zu  verwerthen,  sie
beide  werden  endlich  begierig  und  ohne  gewissenhafte  Prüfung
nach  allem  Neuen  greifen,  das  ihnen  nach  längerer  Entbehrung ­
  endlich  wieder  höheren  Gewinn  in  Aussicht  stellt.  Nach
Epochen  wirthschaftlicher  Stagnation  folgen  Epochen  der
Ueberspeculation  und  des  Schwindels  —  das  ist  eine  allgemeine, ­
  übeiall  beobachtete  Erscheinung.  Während  aber  unter
normalen  Verhältnissen  der  Uebergang  von  wirthschaftlicher
Regsamkeit  zu  wirthschaftlicher  Stagnation  nur  nach  längeren
Zwischenräumen  und  als  Eolge  allgemein  wirkender  Ursachen
eintritt,  kehren  in  den  Ländern  mit  Papiervaluta  solche  Uebergänge
  in  raschem  Wechsel  wieder.  Dazu  kommt  noch,  dass
die  Bevölkerung  in  einem  Papiergeldlande  ganz  ohne  ihr  Dazuthun,
  ja  oft  wider  ihren  Willen  foitwährend  zu  waghalsigen
Speculationen  ganz  besonderer  Art  gezwungen  wird.  Jeder
Besitzende  in  einem  solchen  Lande  ist  Valutaspeculant,  also
genöthigt,,  ein  Spiel  mitzumachen,  von  dem  er  in  der  Regel
nichts  versteht,  ja  dessen  Wirkungen  er  häufig  gar  nicht
verspürt.  V  er  Geld  oder  Geldrente  besitzt,  wird  hier  bei
steigendem  Disagio  stets  verlieren,  bei  sinkendem  Disagio
gewinnen,  und  so  wenig  ihm  dies  auch  sofort  deutlich  werden
mag,  es  wird  endlich  doch  insofern  zu  Jedermanns  Bewusstsein ­
  gelangen,  als  unmöglich  verborgen  bleiben  kann,  dass  bei
hohem  Agiostande  nach  Bestreitung  der  Lebensbedürfnisse
eine  geringere,  bei  niedrigem  Stande  des  Disagio  eine  höhere
Summe  von  Ersparnissen  erübrigt  werden  muss.  Der  Besitzer
Ur.  Tli.  Hertzka,  Währung  und  Handel.  13
        <pb n="204" />
        ^  194

von  G-ütern  anderer  Art  wird  umgekelirt  bei  steigendem  Disagio ­
  einen  liölieren,  bei  tieferem  Stande  des  Disagio  einen
geringeren  Erlös  zu  erzielen  im  Stande  sein.  Dies  muss  jede
geschäftliolie  Combination  auf  solider  Basis  unmöglich  machen.
Auf  einen  Wechsel  der  Conjunctnr  wird  jeder  Geschäftsmann
gefasst  sein,  aber  er  wird  sich  nach  Kräften  bestreben,  die
wahrscheinliche  Conjunctur  vorher  zu  berechnen,  und  sich
überhaupt  zu  Speculationen  nur  dann  entschliessen,  wenn
nach  seiner  Erfahrung  und  Berechnung  ein  günstiger  AV  echsel
wahrscheinlicher  ist,  als  ein  ungünstiger.  Man  kann  nun  vom
Getreidehändler  verlangen,  dass  er  sich  über  die  zukünftige
Lage  des  Getreidemarktes,  vom  Kaffeehändler,  dass  er  sich
über  die  Conjunctur  auf  dem  Kaffeemarkte  eine  mehr  oder
minder  begründete  Ansicht  bilde  ;  man  kann  von  Beiden  fordern,
dass  sie  Speculationen  unterlassen,  wenn  sie  nicht  die  nöthige
Sachkenntniss,  nicht  den  nöthigen  Scharfsinn  haben,  um  derartige ­
  Combinationen,  mit  einiger  M'ahrscheinlicheit  das  Richtige ­
  zu  treffen,  anstellen  zu  können.  Von  keinem  Geschäftsmanne ­
  kann  man  aber  fordern,  dass  er  alle  die  unzähligen,
seiner  eigenen  Geschäftssphäre  entrückten  1*  actore  kennen
und  in  dei’  Wirkung  voraiishereehnen  soll,  die  auf  den  ?^tand
des  Geldwerthes  in  einem  Lande  mit  Pa})iervaluta  Einfluss
haben.  Und  da  in  dem  Papiergeldlande  die  Schwankung  des
Geldwerthes  jede  andere  Conjunctur  mit  beinahe  souverainer
Gewalt  beherrscht  und  folglich  die  genaueste  ,  scharfsinnigste
Combination  über  die  zukünftigen  Preisverhältnisse  welcher
Waare  immer  ganz  werthlos  ist,  so  lange  sie  nicht  durch
eine  eben  so  verlässliche  Combination  über  den  zukünftigen
Geldwerth  ergänzt  werden  kann:  so  haben  die  Unternehmer
in  den  Papiergeldländern  nur  die  Wahl,  entweder  auf  jede
Speculation  zu  verzichten  oder  jede  Speculation  aufs  Gerathe  wohl
zu  unternehmen.  Daher  kommt  es  denn  in  der  That,  dass  kühne
und  doch  klug  rechnende  Kaufherren  mit  weitem  Blick  für  die
Verhältnisse  des  Weltmarktes  fast  nur  in  den  Ländern  mit  Metallvaluta ­
  Vorkommen,  während  es  in  den  Papiergeldländern  Börsenspleler
  —  oder  Krämer  gibt.  Hindernisse  reizen  allerdings  den
Menschengeist  zu  erhöhten  Anstrengungen,  aber  dies  ist  nur  dann
der  Fall,  wenn  diese  Hindernisse  keine  absolut  unbesiegbaren,
aller  menschlichen  Voraussicht  spottenden  sind,  denn  dann
        <pb n="205" />
        195

’  13*

tritt  an  die  Stelle  der  geistigen  Anstrengung  zur  Besiegung
des  Hindernisses  die  stumme  Resignation,  die  Ergebung  in's
Unabänderliche.
Der  deutsche,  der  französiclie,  der  englische  Händler
und  Fabrikant  —  sie  alle  bemühen  sich,  die  Conjunctur  für
jene  Waaren,  mit  denen  sie  Handel  treiben  und  die  sie  erzeugen ­
  ,  für  eine  kürzere  oder  längere  Zeit  vorher  zu  berechnen
und  je  nach  dem  Resultate  ihres  Nachdenkens  ihr  Lager  zu
vermehren  oder  einzuschränken.  Für  jeden  Geschäftszweig
finden  sich  in  diesen  Ländern  scharfsinnige  Köpfe,  die  mit  oft
staunenerregender  Geschicklichkeit  alle  Verhältnisse  ihres  Betriebes ­
  beherrschen,  und  die  gerade  wegen  dieser  Voraussicht,
mit  der  sie  die  Bedürfnisse  der  Zukunft  vorhersehen,  den
Handel  zu  Ehren  bringen  und  seine  ausgleichende  Mission  bei
Vermittlung  des  Angebotes  und  der  Nachfrage  auf  dem
Weltmärkte  erfüllen.  Es  ist  ja  die  Aufgabe  des  Speculanten,
vom  Ueberflusse  der  Gegenwart  für  die  Noth  der  Zukunft
aufzus])eichern,  und  umgekehrt  die  Noth  des  Augenblicks  aus
dem  Ueberriusse  der  Vergangenheit,  ja  zum  Theil  aus  dem
der  nächsten  Zukunft  zu  lindern.  Ersteres  besorgt  die  Haussespeculation,
  letzteres  die  Baissespeculation,  die  Beide  nicht
da  sind,  um  sich*  im  blinden  Glücksspiel  gegenseitig  die  Wage
zu  halten,  sondern  vornehmlich  dazu  ,  um  in  richtiger  Erkenntniss
  dessen,  was  der  nächste  Augenblick  bringen  muss,  die
momentanen  Ausscbreitungen  der  Theuerung  sowohl,  als  der
Wohlfeilheit  zu  bekämpfen.
Tn  den  Tjändern  mit  Papiervaluta  ist  Alles  dies  nur  sehr
schwer  möglich.  Die  grossartigste,  in  ihrer  Feinheit  bewunderungswürdigste ­
  Combination  des  Speculanten,  er  mag  das
zukünftige  Verhältniss  zwischen  Angebot  und  Nachfrage  in
seinem  Fache  noch  so  richtig  berechnet  haben,  wird  durch  die
nächstbeste  Schwankung  der  Valuta  über  den  Haufen  geworfen; ­
  und  umgekehrt  kann  die  Gunst  der  Valutaconjunctur  die
schlimmsten  Fehler  des  glücklichen  W^aghalses  gut  machen,
der  ohne  Kenntniss  und  Verständniss  Etwas  unternimmt,  was
nicht  seines  Amtes  ist.  Die  Händler  und  Fabrikanten  des
Papiergeldlandes  werden  sich  auf  diese  Weise  nach  und  nach
entwöhnen,  die  geschäftliche  Conjunctur  auch  nur  zu  prüfen;
die  Ausdehnung  oder  Einschränkung  ihrer  Geschäfte  wird
        <pb n="206" />
        196

Lei  ihnen  kaum  mehr  Sache  der  Berechnung  und  der  Combination, ­
  sondern  Sache  des  Temperaments  und  der  Laune  sein.
Dadurch  aber  wird  ein  doppelter  Nachtheil  entstehen.
Vor  allem  wird  das  Land  mit  Papiervaluta  im  Welthandel
auf  jede  selbstständige  Berechnung  mehr  und  mehr  verzichten
und  schliesslich  dahin  gelangen,  von  den  Speculanten  des  Auslandes ­
  vollständig  abhängig  zu  werden.  Damit  allein  schon
wird  für  dasselbe  jener  sehr  bedeutende  Dewinn  verloren  sein,
den  andere  Länder  aus  der  kaufmännischen  Geschicklichkeit
und  Unternehmungslust  ihrer  grossen  Handelshäuser  ziehen.
Es  wird  seine  Vorräthe  nicht  dann  ergänzen,  wenn  dies  nach  der
WeJtconjunctur  jedes  einzelnen  Artikels  am  vortheilhaftesten
möglich  ist,  und  auch  bei  einer  vorübergehenden  Theuerung
seine  Käufer  nicht  unter  das  normale  Mass  einschränken,  sondern, ­
  wie  dies  bei  kleinen  Krämern  üblich  ist,  der  Hauptsache
nach  stets  den  gleichen  Vorratli  halten,  und  für  den  Bedarl
des  Augenblickes  sorgen.  Auch  andere  Länder  können  bei
ihrer  Handelsthätigkeit  Irrthümern  unterworfen  sein  und  häuüg
durch  fehlerhafte  Speculation  Verluste  erleiden  ;  aber  im  Durchschnitte ­
  ist  denn  doch  die  grosse  W’aarenspeculation  gewinnbringend ­
  und  das  kapiergeldland  wird  auf  einen  ihm
gebührenden  Antheil  an  diesen  Gewinnen  verzichten.
Noch  schlimmer  gestaltet  sich  dieses  Verhältniss,  wenn
ein  solches  Land  den  grossen  Speculationen  nicht  gänzlich
entsagt,  dagegen  aber  bei  denselben  mehr  durch  Rücksichten ­
  auf*  die  Valutaconjunctur  als  auf  die  den  betreftenden
Handelszweigen  selbst  eigenthümliche  Combination  geleitet
wird,  Wie  dies  unter  der  Herrschaft  des  Papiergeldwesens  nur
zu  häuüg  der  Fall  ist.  Dann  wii'd  dasselbe  nicht  nur  aul  den
reellen  Speculationsgewinn  verzichten,  sondern  in  der  Regel
von  den  Speculanten  des  Nachbarreiches  ausgebeutet  werden.
Diese  werden  kaufen  oder  verkaufen,  je  nachdem  sie  die  Conjunctur
  für  die  bestimmte  Waare  für  günstig  oder  für  ungünstig ­
  halten;  die  Abnehmer  oder  die  Abgeber  werden  sie
aber  mit  Vorliebe  dort  suchen  und  in  der  Regel  auch  linden,
wo  man  Käufe  und  Verkäufe  unabhängig  von  diesen  Combinationen
  nach  ganz  anderen  Gesichtspunkten  vorzunehmen
püegt.  Dass  dann  in  der  Regel  Diejenigen  Recht  behalten
werden,  die  unter  der  Erwägung  der  reellen  \  erhältnisse
        <pb n="207" />
        197

gehandelt  haben,  nicht  aber  Diejenigen,  die  anf  die  Zufälle
der  Valutaachwanklingen  rechneten,  ist  selbstverständlich.  iLs
mag  auch  hänlig  der  Fall  sein  ,  dass  beide  Theile  gewinnen,
wenn  nämlich  der  ausländische  Spéculant  die  Waarenconjnnctnr,
  der  Spéculant  des  Papiergeldlandes  die  Valuta  conjnnctnr
  errathen  hat;  aber  der  Unterschied  wird  darin  liegen,
dass  der  Gewinn  des  einen  ein  reeller,  der  des  andern  ein
tictiver  ist.  Venn  z.  B.  ein  Berliner  Getreidehändler  nach
sorgfältigen  Erkundigungen  über  den  Stand  der  Ernten  in
den  europäischen  und  amerikanischen  Prodnctionsländern  den
Entschluss  fasst,  Getreide  anfznkaufen,  und  der  Pester  Getreidehändler ­
  durch  das  stete  Sinken  des  Disagios  veranlasst
wird,  Getreide  in  bianco  zu  verkaufen  :  so  wird,  wenn  die
Combination  Beider  richtig  ist,  der  Berliner  Spéculant  schliesslich ­
  für  den  Weizen,  den  er  etwa  mit  4  Thalern  per  Zollcentner
  gekauft,  4’'2  Thaler  erhalten;  der  Pester  Händler
aber  wird  die  4  Thaler,  die  er  erhalten,  beim  Agiostande
von  beispielsweise  130  gegen  1  fl.  80  kr.  ö.  W.  iimgewechselt
haben.  Ist  nun  das  Disagio  auf  110  gesunken,  so  werden  die
4V2  Thaler  Silber,  die  der  Weizen  nunmehr  werth  ist,  blos
7  fl.  42  Va  kr.  ö.  W.  repräsentiren  ,  der  Pester  Spéculant  mrd
also  mit  einem  scheinbaren  Gewinne  von  37  Va  hr.  per  Centner
decken  können.  Für  seine  Person  wird  dieser  Gewinn  auch
wirklich  und  greifbar  sein,  denn  für  ihn  handelt  es  sich  nicht
darum,  welchen  inneren  Werth  die  früheren  7  fl.  80  kr.,  und
welchen  die  gegenwärtigen  7  fl.  42  Va  hr.  repräsentiren  ;  ihm
ist  es  gleichgiltig,  dass  mit  dem  Betrage,  den  er  erhalten
eine  geringere  Anzahl  von  Arbeitstagen  ,  eine  geringere  Menge
von  Producfen  aller  Art  eingetalischt  werden  konnte,  als  mit
jenem  Betrage,  den  er  zu  bezahlen  hat;  ihm  erscheint  mit
Hecht  ausschlaggebend,  dass  37^'2  hr.  für  jeden  Centner  in,
seinen  Händen  bleiben.  Anders  aber  gestaltet  sich  die  Sache  mit
Hinblick  auf  den  Nutzen  der  Gesammtheit.  Für  diese  ist  nicht
der  nominelle  Befrag  der  Geldzeichen,  sondern  der  essentielle
W  erth  des  Kmpfanges  und  der  Zahlung  von  Bedeutung.  Wenn
man  den  Arbeitstag  zu  50  kr.  ö.  W.  Silber  rechnet,  so
konnten  für  die  7  fl.  80  kr.,  die  der  Spéculant  empfanden
hat,  und  die  nur  fl  fl.  Silber  repräsentirten,  12  Arbeitstage
oder  Producte  im  Werthe  von  12  Arbeitstagen  eingetauscht
        <pb n="208" />
        198

werden;  dafür  aber  mussten  später  Producte  im  AVerthe  von
IHV2  Arbeitstagen  im  Austausche  gegeben  werden.  Das  Land
hat  also  1  V2  Arbeitstag  oder  75  kr.  Silber  auf  jeden  Centner
gelieferten  Getreides  verloren,  und  wenn  der  Spéculant  nichtsdestoweniger ­
  kr.  Papiervaluta  gewann,  so  musste  um
diesen  Betrag  irgend  einer  seiner  Landesgenossen  noch  über
die  75  kr.  Silber  hinaus  geschädigt  worden  sein.
Um  dies  zu  verdeutlichen,  stelle  man  sich  vor,  dass  der
Pester  (xetreidespeculant  zugleich  der  Tdeferant  jenes  Landwirthes
  sei,  von  welchem  er  späterhin  das  Getreide  zur  Lieferung ­
  nach  Deutschland  kauft  ;  das  (xeschäft,  um  das  es  sich
hier  handelt,  möge  1000  %  oll  centner  AVeizen  umfassen.  Nun
liefert  der  Pester  Spéculant  um  denselben  Betrag  von
4000  Thalern  =  7800  fl.  ö.  A\A  Papier,  die  er  bei  einem
Getreidepreise  von  4  Thalern  oder  6  fl.  Silber  und  bei  einem  Agiostande ­
  von  130  für  den  in  bianco  verkauften  A\'eizen  erhalten
hat,  dem  l.andwirthe  Maschinen  und  A\'erkzeuge;  späterhin
empfängt  er  von  demselben  Landwirthe  die  KMX)  Centner  Getreide, ­
  schreibt  diesem,  da  inzwischen  der  A\''eizenpreis  auf
41/a  Thaler  oder  fl.75  Gulden  Silber  gestiegen,  das  Agio  aber
auf  110  gesunken  ist,  dafür  7425  H.  Papier  gut,  ist  damit
seiner  Verpflichtungen  gegen  seinen  Berliner  Geschäftsfreund
ledig,  und  hat  noch  875  fl.  Papier  von  seinem  landwirthschaftlichen
  Kunden  zu  fordern.  Dieser  aber  muss  1000  Centner ­
  Getreide  und  überdies  875  fl.  Papier  für  Maschinen
bezahlen  ,  die  er  nunmehr  für  den  AVerth  von  rund  886  Centner ­
  AVeizen  erhalten  könnte.  Lr  hat  also  114  Centner
AVeizen  und  überdies  875  fl.  zu  viel  bezahlt;  die  114  Centner
AVeizen  repräsentireu  den  Verlust  an  das  Ausland,  die  875  fl.
den  Gewinn  des  inländischen  Speculanten.
Dass  derlei  Geschäftsconjuncturen  kein  Pantasiebild,
sondern  der  traurigen  reellen  Wirklichkeit  entnommen  sind,
davon  wissen  die  Speculanten  Oesterreichs  und  Ungarns  gar
mancherlei  zu  erzählen.  Es  ist  sehr  selten  vorgekommen,  dass
ausländische  Speculanten  den  Kürzeren  zogen,  wenn  sie  in  den
(Geschäftsverbindungen  mit  unserer  Monarchie  eine  entgegengesetzte ­
  Speculationstendenz  verfolgten,  als  diese  letztere;  dagegen ­
  ist  es  die  Regel,  dass  österreichische  und  ungarische
Speculanten,  wenn  sie  sich  in  Gegensatz  zum  Auslande
        <pb n="209" />
        —  109

stpllteii,  (leu  Kürzeren  zogen,  wenn  ihnen  nicht  etwa  die
Valuta  zu  Hilfe  harn  und  den  Schaden  von  ihren  Schultern
auf  die  der  Gesammtheit  überwälzte.  Wiederholt  wurde  auf
diese  Weise  der  Pester  durch  den  Berliner  Getreidehändler,
der  Priester  durch  den  Hamburger  KafFeehändler,  der  Wiener
durch  den  lüverpooler  Baumwollhändler  ausgelieutet.  Man  gab
dann  in  solchen  Fällen  als  Krklärungsgrund  an,,  dass  die  Ausländer ­
  durch  ihre  grössere  allgemeine  Bildung,  durch  die  engeren
Verbindungen  mit  den  grossen  Bezugsquellen  u.  dgl.  m.  in
die  Lage  versetzt  wurden  ,  die  Situation  richtiger  zu  heurtheilen.
  Es  mag  dies  in  vielen  Fällen  auch  wirklich  mit
dazu  heigetragen  haben  ,  den  Vortheil  des  Auslandes  auf  Kosten
Oesterreichs  zu  sichern;  aber  die  erste  hauptsächlichste  Uisache
lag  doch  darin,  dass  die  Zettelwirthschaft  den  Speculationsgeist
in  Oesterreich  zerstört,  den  Spielgeist  an  dessen  Stelle
gesetzt  hat.
Dies  wäre  übrigens  noch  mit  verhältnissmässig  geringen
Nachtheilen  für  das  Land  verbunden  gewesen  —  obwohl"  der
Nutzen  einer  tüchtigen,  geschäftskundigen  Speculation  keineswegs ­
  unterschätzt  werden  darf  —  wenn  nicht  ganz  aus  demselben ­
  Grunde  die  Neigung  zu  leichtsinnigem  Glücksspiele  alle
Berufsclassen  der  Monarchie  mehr  und  mehr  erfasst  hätte.
Die  Valutaschwankungen  zwangen  jeden  Fabrikanten,  jeden
Gewerbsmann,  mit  den  Vorräthen,  die  er  nothwendiger  Weise
halten  musste,  gleichsam  an  der  Geldbörse  zu  spielen.  Heber
Nacht  konnte  ihnen  allen  ein  Emporschnellen  des  Disagios
Gewinnste,  ein  plötzliches  Sinken  des  Disagios  Verluste
bringen,  gegen  die  es  keine  Mittel  der  Abwehr  gab.  Was
war  natürlicher,  als  dass  diejenigen,  die  auf  diese  Weise
wider  Willen  in  den  Kreis  der  Fonds-  und  Geldbörse  gezogen
wurden,  allmälig  an  dem  Spiele  derselben  Geschmack  fanden,
und  nunmehr  auch  freiwillig  das  thaten,  was  sie  doch  für  alle
Fälle  nicht  gänzlich  umgehen  konnten.  Dazu  rechne  man  die
steten  Schwankungen  in  der  Lebensstellung,  hervorgerufen
durch  die  Schwankungen  des  Geldwerthes  und  des  Preises
aller  Lebensbedürfnisse,  und  man  wird  es  nur  zu  begreiflich
finden,  dass  Unsolidität  und  Spielwuth  sich  der  weitesten
Kreise  bemächtigen;  überall  sind  Diejenigen  ,  die  plötzlich  den
Kreis  ihrer  gewohnten  Genüsse  eingeschränkt  sehen,  die
        <pb n="210" />
        200

gezwungen  werden,  liebgewordenen  Bedürfnissen  zu  entsagen,
im  höchsten  Grade  geneigt,  das  Gewagteste  zu  unternehmen,
um  diese  Nothwendigkeit  von  sich  ahzuwehren.  In  den  Ländern
mit  schwankender  Papierwährung  geräth  hei  jedem  Sinken
des  Papierwerthes  die  grosse  Masse  der  Bevölkerung  in  eine
derartige  Lage  und  die  fortgesetzte  Versuchung  untergräbt
endlich  auch  in  den  Massen  die  Freude  an  der  ehrlichen
Arbeit,  deren  Lohn  so  unsicher  und  schwankend  ist.
Es  verdient,  ganz  abgesehen  von  diesem  Einflüsse  gestörter
Geldverhältnisse  auf  die  active  wirthschaftliche  Thätigkeit,
auch  die  Störung  der  Consumtionsverhältnisse  in  Folge  derselben ­
  Ursache  besondere  Beachtung.  Lehrreich  ist,  was  Julius
Faucher  in  seiner  Vierteljahrsschrift  für  Volksmrthschaft  und
Culturgeschichte  (Band  23  und  24)  in  seiner  bekannten  geistreichen ­
  Methode  über  dieses  Thema  geschrieben.  Er  untersucht
den  Einfluss  der  Valutastörung  auf  die  Verschiebung  des  Preisverhältnisses ­
  der  einzelnen  V^aaren  und  Dienstleistungen  unter
einander,  indem  er  zeigt,  dass  bei  einem  raschen  Wechsel  der
Wohlständigkeit  in  breiten  Gesellschaftsschichten  die  verschiedenen ­
  Bedürfnisse  je  nach  ihrer  Expansivkraft  und  Compressibilität
  eine  wesentliche  Veränderung  durchmachen.  „Indem  die
künstliche  Vermehrung  der  Zahlmittel  znächst  die  Nachfrage
vermehrt,  kann  sie  doch  nur  nach  Massgabe  der  Expansivkraft
des  einzelnen  Bedürfnisses  vermehren,  welches  im  Verein  mit
den  Zahlmitteln  hinter  der  Nachfrage  steht.  Ebenso  wie  das  Bedürfniss
  keine  Nachfrage  erzeugt,  sowie  die  Zahlfähigkeit  fehlt,
erzeugt  auch  die  Zahlfähigkeit  keine  Nachfrage,  soweit  das  Bedürfniss
  fehlt  ....  Nun  ist  die  Expansivkraft  des  Bedürfnisses
—  des  gewohnheitlichen  und  des  conventioneilen  Bedürfnisses,
zu  welchen  das  natürliche  Bedürfniss  im  Fortschritte  der  Cultur
  anschwillt,  eben  dadurch  die  Cultur  bildend  —  ein  sehr  verschiedenes, ­
  schon  wenn  nur  diejenigen  Bedürfnisse  herangezogen
werden,  welche  in  die  grosse  Dreitheilung  Nahrung,  Kleidung,
Wohnung  sich  einfügen  lassen.  Das  Nahrungsbedürfniss  besitzt
z.  B.  schon  im  Allgemeinen  weniger  Expansivkraft  als  das
Kleidungsbedürfniss  und  dieses  besitzt  wieder  weniger  als  das
Wohnungsbedürfniss  ....  Auf  dem  Gebiete  der  Nahrungsmittel ­
  ordnen  sich  die  Unterschiede  der  Expansivkraft  des  Bedürfnisses ­
  und  in  Folge  dessen  des  Verbrauches  derart,  dass
        <pb n="211" />
        201

nächst  fiem  Salze  die  geringste  hei  Pflanzenkost  vorhanden  ist,
die  im  festen  Aggregatzustande  genossen  wird  ;  dass  thierische
Kost  die  Mitte  bildet,  und  dass  in  erster  Linie  dieSpecereiwaaren,
der  Zucker  und  die  geistigen  Gretranke  stehen,  die  letzteren  in
der  aufsteigenden  Reihe  :  Wein,  Bier  Branntwein,  denen  allen  der
Tabak  voraneilt.  In  dieser  Reihe  nimmt  der  Verbrauch  zu  bei
Vermehrung  der  Zahlmittel,  aber  so  nimmt  er  nicht  wieder
ab  bei  deren  Verminderung.  Die  Expansion  und  Compression
folgen  beim  Spiel  der  Elasticität  des  Bedürfnisses  nicht  denselben ­
  (resetzen  ....  Die  Unterschiede  der  Compressibilität
fies  Bedürfnisses  und  in  Folge  dessen  des  Verbrauchs  ordnen
sich  dagegen  derart,  dass  nächst  dem  Salze  die  geringste  bei
Tabak,  demnächst  beim  Branntwein  stattfindet,  dem  die  übrigen
geistigen  Getränke  folgen.  Es  beginnt  dann  der  Thee  die  Reihenfolge ­
  der  Pflanzenabsude,  in  denen  ein  Alkaloid  das  Reizmittel
bildet,  und  der  Zucker  schliesst  sich  hier  an.  Auch  die  Gewürze
gehören  in  diese  erste  Gruppe,  wahrscheinlich  an  hoher  Stelle.
Es  folgt  die  Pflanzenkost  in  der  Richtung  von  der  weniger  nahrhaften ­
  zur  nahrhafteren  und  den  Reigen  schliesst  die  Kost  aus
dem  Thierreiche  mit  dem  frischen  Schlachtfleische  als  eigentlicher ­
  Schlussstein.  “
Faucher  beweist  diese  Behauptung  an  der  Hand  höchst
origineller  Untersuchungen  und  geht  dann  zur  Erörterung
des  Kleidungsbedürfnisses  über.  Er  führt  aus,  wie  dessen
Expansivkraft  weitaus  grösser  sei,  als  die  des  Xahrungsbedürfnisses,
  dass  seine  Compressibilität  aber  beinahe  ganz
und  gar  im  umgekehrten  Verhältnisse  zur  Expansivkraft
stehe,  „ln  denjenigen  Richtungen  der  Entwicklung  des  Hcdüi  fnisses,
  in  denen  es  am  leichtesten  vorwärts  geht  —  und  das
sind  vor  Allem  die  Häufigkeit  des  Mode  Wechsels,  die  Anpassung ­
  an  die  Jahreszeit,  die  Reinlichkeit  und  der  Prunk  —
geht  es  am  schwersten  zurück.  Denn  ohne  Schaden  für  den
Einzelnen,  welcher  im  Verfalle  der  Selbstachtung  besteht  und
kaum  weniger  zerstörend  wirkt  als  unzureichende  Ernährung,
geht  es  nur  zurück,  wenn  die  schwierige  Aufgabe  gelöst  wird,
die  Gcsammtheit  einen  Schritt  zurückthun  zu  lassen.“
Das  Wohnungsbedürfniss  im  weitesten  Sinne  sei  wieder
exjjansivfähiger  als  das  Kleidungsbedüidhiss.  obwohl  im  Ganzen
'loch  compressibler  als  dieses.  Unter  Wohnungsbedürfniss  versteht  '  ^
        <pb n="212" />
        202

der  Vei’fassfr  hier  "nicht  Idos  das  AVohngelass,  sondern  auch
Alles,  was  dasselbe  füllen  muss,  wenn  darin  gelebt,  gearbeitet
und  (%escbäft  betrieben  werden  soll,  nicht  blos  die  Dinge,
sondern  auch  die  Dienstleistungen,  die  dazu  geböienj  nicht
blos  die  (rebäude  im  persönlichen,  sondern  auch  die  Debaude
im  öffentlichen  Besitze;  nicht  blos  das  Dach  und  Fach,  sondern ­
  auch  den  A\'eg  und  Steg  —  mit  einem  M'orte  den  selbst
geschaffenen  Theil  der  Keimat  des  Volkes  in  seiner  Uesammtheit.
  Fr  untersucht  schliesslich  auch  den  Unterschied,  den  es
macht,  ob  es  sich  um  den  Kinfluss  einer  vorübergehenden  Fihöhung
  der  Zahlfähigkeit  auf  die  Nachfrage,  oder  um  eine
dauernde  Erhöhung  handelt.  Im  ersteren  Falle  kommt  es  nicht
blos  auf  die  Weite  des  S¡)ielraums  für  die  Fxpansivkraft  des
Bedürfnisses,  wie  er  in  der  Natur  des  Menschen  und  des  Verbrauchsgegenstandes ­
  gegeben  ist,  sondern  auch  darauf  an,  ob
die  Expansion  schneller  oder  langsamer  vor  sich  gehe.  „Nun
steht  die  möglichste  Schnelligkeit  der  Fx])an.sion  häutig  in  fast
umgekehrtem  Verhältnisse  zur  Weite  des  Spielraums  für  die
Expansivkraft.  Das  Nahrungsbedürfniss  erfordert  täglich  neue
Befriedigung;  schon  das  Kleidungsbedürfniss  kennt  dagegen
die  tägliche  Wiederkehr  z.  B.  nur  bei  der  Wäsche,  Haarpriege
  u.  s.  w.,  für  den  Rest  können  Veränderungen  nur  in
langen  Zwischenräumen  sich  vollziehen,  welche  schon  namhaften
Unterschied  unter  einander  aufweisen.  Den  Heisepelz  wechselt
man  nicht  so  schnell  wie  den  (-rlacéliandschuh,  und  Schmuck
aus  Uold  und  Edelstein  ist  gar  erst  langlebig  und  unterliegt
nur  dem  Modewechsel.  Noch  weit  mehr  und  grössere  Unterschiede ­
  in  der  Ueriodicität  des  Bedürfnisses  walten  zwisclum
den  einzelnen  Zweigen  des  Wohnungsbedürfnisses  ob.  Ein
Jahrhundert  und  mehr  verfliesst  zwischen  der  Herstellung
eines  Baues  und  dem  Eintritt  der  absoluten  Nothwendigkelt
einer  Erneuerung,  während  die  Reinlichkeit,  Heizung  und
Beleuchtung  der  Müdiniing  fast  ununterbrochen  sich
wiederholende.  Ansprüche  zu  stellen  vermögen.  Die.  Einwir
kling  einer  Erhöhung  oder  Verminderung  der  Zahlfähigkeit
  auf  die  Nachfrage  fällt  daher  je  nach  deren  Dauer
verschieden  aus.  Nur  wenn  der  Veränderung  der  Zahlfähigkeit ­
  ein  wirklicher  wirthschaftlicher  Vorgang  zu
(Grunde  liegt,  d.  h.  wenn  sie  aus  der  wirklichen  Vermehrung
        <pb n="213" />
        203

odpr  Vprmindprunpj  dps  Xationalwohlstandps  unter  dem  Kinduss
  des  technischen  und  sittlichen  Fortschrittes  oder  Rückschrittes ­
  tiiesst,  also  aus  einer  Ursache,  welche  in  abstracto
als  bleibend  anzusehen  ist,  ist  die  Weite  des  Spielraums
für  die  Expansivkraft  und  Compressibilität  —  je  nachdem  —
als  das  ]\Iass  für  die  zu  erwartende  Veränderung  in  der
Gliederung  der  Nachfrage,  und  in  dem  Verhältniss  der  Preise
unter  einander,  soweit  diese  von  der  Nachfrage  abhängen,
anzusetzen.  Wo  es  sich  dagegen  um  vorübergehende,
weil  künstlich  herbeigeführte  Veränderungen  der  Zahlfähigkeit ­
  handelt,  vollzieht  sich  die  neue  Gliederung  der  Nachfrage
und  das  Verhältniss  der  Preise  unter  einander,  soweit  dieselben ­
  von  der  Nachfrage  abhängen,  nur  unvollendet,  bleibt
auf  halbem  Wege  stehen  und  erzeugt  kein  reines  Rild*  einer
höheren  oder  niederen  Culturstufe,  sondern  nur  einen  verwirrten ­
  Ansatz  zu  einem  solchen,  oder,  wenn  man  es  so
nennen  will,  den  Torso  eines  solchen.  Vorzüglich  auf  dem
Gebiete  des  Wohnungsbedürfnisses  macht  sich  ein  fragmentarischer ­
  Charakter  der  in  der  Lebensform  vor  sich  gehenden
Veränderungen  geltend,  welcher  sich  häutig  in  wunderlichen
Incongruitäten  verräth.  Mächtige  Kronleuchter  prangen  in
Zimmern  von  zwei  Quadratruthen  und  das  Wachs  träutelt
von  denselben  auf  Schlepj)kleider  nieder,  welche  zwischen  sich
keinen  Raum  auf  der  Diele  lassen.  Schlafzimmer  werden
zeitweilig  ausgeräumt,  um  ein  Tafelservice  für  24  Personen
aufstellen  zu  können;  ein  Bedienter  schläft  im  Corridor,  der
nach  dem  Abort  führt,  die  Köchin  bewohnt  einen  Schrank  in
der  Küche,  der  sich  zur  Lagerstätte  aufschlagen  lässt,  und
das  Hausmädchen  schläft  unter  der  Treppe  !  Dagegen  ist  nichts
einzuwenden,  wenn  bei  steigendem  Nationalwohlstand  desgleichen ­
  Incongruitäten  den  Uebergang  zu  einer  im  Allgemeinen
erhöhten  Lebensform  darstellen,  denn  ein  Fortschritt  erzwingt
den  andern,  und  was  noch  fehlt,  wird  dann  eben  nach
Massgabe  der  Periodicität  des  Bedürfnisses  wirklich  nachgeholt, ­
  Aber  wenn  die  Steigerung  der  Zahlfähigkeit,  welche
den  fragmentarisch  vor  sich  gehenden  Umschwung  in  der
Lebensform  in  Gang  bringt,  mit  jähejn  Abschluss,  wie  bei  der
Papiergeldwirthschaft  der  Fall  ist,  wieder  aufzuhören  bestimmt
ist,  nach  unbeugsamem  Gesetze,  dann  wird  die  Lebensform,  die
        <pb n="214" />
        204

sonst  bios  üpherfçaiip^,  oilier  dauernd  gefälschten,  die  Incongrnitäten
  werden  zur  Regel  und  die  A^erwirrung  in  Avelche
die  Cultiir  geratlien  ist,  wird  dadurch  noch  gesteigert,  dass
die  Compressibilität  des  Bedürfnisses,  an  welche  nun  die
Reihe  kommt,  nirgends  genau  zusammentällt  mit  der  .Expansivkraft ­
  ....  Denn  geht  es  rückwärts  mit  der  Zahltähigkeit,
so  tritt  ja  auch  in  BetreflP  des  Wohnungsbedürfnissesund  seiner
einzelnen  Zweige  dieselbe  Unterscheidung  bei  Bemessung  der
Compressibilität  gegenüber  der  Expansivkraft  eiii,  die  schon
beim  Nahruugs-  und  Kleidungsbedürfnisse  zur  (-reltung  kam  ;
—  Gewohnheit  und  Convention  schwächen  die  Compressibilität,
während  sie  den  Spielraum  der  Expansivkraft  erweitern.  Und
ebenso  ist  die  Stelle  des  einzelnen  Postens  im  Personalbudget
auch  hier  nicht  ganz  ohne  Einfluss.  In  der  Ausdehnung,  A^ert
  heil  un  g  und  Einrichtung  des  AVohnungsgel  asses  behauptet
die  Gewohnheit,  die  sich  hier  erst  recht  zur  Sitte  erhebt,
daneben  sogar  auch  eine  oft  ganz  sinnlose  Mode,  ihr  Recht  ;
Stotf  wie  Form  einmal  eingeführt,  Averden  zum  Zwang;  Porcellan,
  Silber  und  Sjiiegelglas  lassen  sich  leichter  herbeirufen,
als  Avegscbicken  ;  die  Zahl  der  Dienstboten  lässt  sich  leichter
vermehren,  als  ATrmindern.  Im  Ganzen  lässt  sich  Alles,  Avas
man  a'oii  Aussen  sieht,  scliAverer,  nur  das,  Avas  man  Amn  Aussen
nicht  sieht,  leichter  einschränken.  A\  eil  es  dergleichen  bei
Befriedigung  des  AVohnungsbedürfnisses  gibt,  Aväbrend  cs  beim
Klcidungsbedürfniss  nur  in  ganz  einzelnen  Dingen  vorkommt
—  der  Ersatz  des  HemdAA  Ccbsels  durch  blossen  A\  cchsel  des
Vorhemdes,  in  Erankieicb  und  Deutschland,  nach  der  Avirtbschaftliclrcn
  Erschöpfung  durch  die  Kriege  im  Anfang  des
.lahrhunderts,  ist  ein  Beispiel  —  ist  das  AVohnungsbedürtniss,
wenn  auch  noch  ex])ansivkräftiger,  als  das  Kleidungsbedürfniss,
  doch  zugleich  im  Ganzen  compressible!'  als  dieses.
Auch  lehrt  schon  der  eiste  Blick  in  die  Geselligkeit  und  den
Strassenverkehr  in  den  grossen  Städten  jener  Culturstaaten.
in  AA^elchen  es  zu  entAverthetem  Papiergelde  gekommen  ist,
nämlich  Oesterreich,  Amerika,  Italien  und  Russland,  dass  wir
Völker  A^or  uns  haben,  bei  Avelchem  der  Luxus  in  der  Kleidung ­
  ausser  A^erhältniss  zum  Luxus  auf  anderen  Gebieten
steht  ....  Die  Zunahme  der  Zahlfähigkeit  bei  der  ersten
Ausgabe  des  Papiergeldes  erzeugte  ihn.  aber  als  cs  bei  dessen
        <pb n="215" />
        205

Entwerthung  zur  Notliwendigkeit  der  Compression  des  Bedürfnisses ­
  überhaupt  kam,  leistete  das  erhölite  Kleiduiigsbedürfniss
  stärkeren  Widerstand,  als  der  Rest  des  Bedürfnisses/
Zu  all  dem  kommt  aber  noch,  dass  die  Production  jener
Steigerung  oder  Einschränkung  der  Nachfrage,  wie  sie  unter
der  Herrschaft  der  eben  besprochenen  (besetze  stattündet,  nicht
überall  in  gleicher  W  eise  folgen  kann,  dass  demnach  die  Preise
jener  Bedürfnisse,  die  nicht  so  rasch  neu  erzeugt  ,  als  neu  gesucht ­
  werden,  unverhältnissmäsaig  steigen  und  fallen,  während
die  Preise  anderer  Güter,  die  leichter  nachzuschaffen,  deren
Erzeugung  rascher  einzuschränkeu  ist,  stabiler  bleiben.  In
erster  Linie  kommt  hier  die  Möglichkeit  des  Importes  oder  des
Exportes  in  Erwägung  zu  ziehen  und  es  zeigt  sich  hier  nun
unseligerweise,  dass  dieselben  Luxusbedürfnisse,  deren  Expansivkraft ­
  so  überaus  gross  ist,  auch  am  leichtesten  und  raschesten
vom  Auslande  zu  beschaffen  sind,  während  ihre  allerdings
ebenso  grosse  Exportfähigkeit  wirkungslos  bleibt,  da  die  geringe ­
  Compressibilität  dieser  Bedürfnisse  es  selten  zu  einer
Abnahme  des  inländischen  (Konsums  und  folglich  zu  keiner
Nothwendigkeit  des  Exports  kommen  lässt.  Es  ist  leicht  zu
ermessen,  in  wie  ungesunder  und  zerstörender  Weise  die  Lebensgewohnheit ­
  eines  Volkes,  dessen  Lebenssphäre  steten  Schwankungen ­
  unterworfen  ist,  unter  der  Herrschaft  dieser  Gesetze
sich  gestalten  muss.  Der  Genuss  von  Tabak  und  geistigen  Getränken ­
  wird  rasch  steigen  und  nicht  wieder  zurückgehen,  es
wird  vielmehr  bei  einer  Verminderung  der  Consumtionsfähigkeit
  die  Einschränkung  auf  dem  Gebiete  der  animalischen  und
des  gesunderen  Theiles  der  vegetabilischen  Nahrung  vor  sich
gehen.  In  ähnlicher  \\  eise  wird  der  Kleiderluxus  der  oberen
Gesellschaftschichten  zu  ungemessener  Höhe  steigen,  noch  bevor
die  unteren  Volksschichten  zu  zweckmässiger  und  besserer
Kleidiuig  überzugehen  Zeit  gehabt  haben.  Die  Wohnungen
werden  nicht  gesunder  und  geräumiger,  wohl  aber  reichlicher
gefüllt  mit  Luxusgeräthen  aller  Art  sein.  Es  wird  sich  also
Wohl  der  Luxus,  nicht  aber  der  Standard  of  living  der  Ge-«ammtheit
  erhöhen.  Ein  derartiges  Volk  wird  für  seine  Bedürfnisse ­
  mehr  ausgeben  als  zuvor,  ohne  besser  genährt  und  gekleidet ­
  oder  mit  gesunderen  Wohnungen  versehen  zu  sein.
Nun  ist  es  allerdings  erwiesen,  dass  die  Erhöhung  des
        <pb n="216" />
        —  206

Lebensstandes  einer  Nation,  die  Vermehrung  de^  Aufwandes
für  die  Bestreitung  ihrer  Bedürfnisse,  bei  vernünftiger  Verwendung ­
  sich  in  wirthschaftlicher  Beziehung  vollauf  bezahlt
macht;  je  ausgiebiger  sich  ein  Volk  nährt,  je  vollkommene]
es  sich  gegen  die  Unbilden  der  Witterung  schützt,  desto
Tüchtigeres  wird  es  zu  arbeiten  im  Stande  sein  und  die  Capitalbildung
  wird  steigen,  trotz  der  vermehrten  Ausgaben.
Wenn  aber  diese  letzteren  nicht  in  einer  Weise  verwendet
werden,  dass  dadurch  die  Arbeitsfähigkeit  steigt,  dann  wird
selbstverständlich  die  Steigerung  des  Aufwandes  gleichbedeutend
mit  einer  Verminderung  der  Capitalbildung  und  dies  wieder
gleichbedeutend  mit  wirthschaftlichem  Rückgänge  sein.
Es  sind  nun  glücklicherweise  in  dem  Talirluindeite,  in
welchem  wir  leben,  die  Fortschritte  auf  allen  Gebieten  der
Ciiltur  so  rasch  und  mächtig,  dass  in  keinem  halbwegs  civilisirten
  Staate  ein  wirklicher  wirthschaftlicher  Riickschritt
beobachtet  werden  kann  ;  aber  der  Fortschritt  wird  eben  langsamer, ­
  wenn  ihn  so  zerstörende  Ursachen,  wie  die  Zettelwirthschaft
  eine  ist,  behindern.  Auf  alle  erdenkliche  Weise
tritt  diese  verheerende  Seuche  dem  wirthschaftlichen  Aufschwünge ­
  in  den  Papiergeldländern  entgegen.  Sie  reizt  zu
Bedürfnissen  eines  übertriebenen  Luxus  auf  Kosten  jeder  Ausdehnung ­
  der  gesunden  Volksbedürfnisse;  sie  vermehrt  die  Aus-.aben,
  ohne  die  Arbeitskraft  zu  stärken;  sie  verwirrt  die  Productionsbedingungen
  und  macht  den  Handel  verlustbringend;
sie  untergräbt  die  Arbeitslust  und  nährt  einen  verderblichen
Spielgeist;  und  all  dieses  um  eines  finanziellen  Vortheils  willen,
der  wie  sich  sofort  zeigen  wird,  auch  nur  auf  dem  blossen
Scheine  beruht  und  in  Wahrheit  gleich  all  den  anderen  Vortheilen, ­
  die  der  (feldzerüttung  angedichtet  werden,  bei  näherer
Betraciitung  sich  in  einen  geradezu  unberechenbaren  Schaden
verwandelt.  •
        <pb n="217" />
        Oe

%

cy

VJ

&amp;lt;y.

ÍÍ3V

IX.  Capitel
Einfluss  der  Valuta  auf  die  Staatsflnauzen.
EjS  hat  sich  gezeigt,  dass  die  Emission  unbedeckter  Geldzeichen ­
  in  volkswirthschaftlicher  Beziehung  die  grössten  Nachtheile ­
  im  Gefolge  hat.  Dagegen  wurde  bereits  im  2.  Capitel
angedeutet,  dass  für  die  Staatsfinanzen  ein  director  Vortheil
aus  der  Zettelausgabe  fiir’s  erste  allerdings  sich  insofern
ergeben  könne,  als  hiedurch  der  Staat  in  den  Besitz  eines
zinslosen  Darlehens  gelangt  und  folglich  Interessen  erspart,
die  er  fiir  ein  verzinsliches  Darlehen  bezahlen  müsste.  Die
Capitalvermehrung,  von  der  wir  an  jener  Stelle  sprachen,
kommt  also  dem  Staate  zugute.  Durch  die  Zettelemission
wird  jener  Bestandtheil  des  Volksvermögens,  der  früher  in
metallischer  Circulation  angelegt  war,  frei,  er  wird  dazu
benützt,  um  im  Austausche  gegen  das  in  die  Fremde  wandernde ­
  Metallgeld  Güter  anderer  Art  hereinzuziehen,  und  da
gleichzeitig  die  kostenlos  emittirten  Geldzeichen  die  Function
des  Circuíationsmediums  ausüben,  also  dessen  Abgang  ersetzen,
so  bilden  die  für  die  früheren  Circulationsmittel  hereinströmenden
anderweitigen  Güter  einen  Zuwachs  zum  Gesammtvermögen.
Der  Besitzer  dieses  Zuwachses  ist  derjenige  Factor,  der  die
Zettel  emittirt.  Es  ist  dabei  ganz  gleichgiltig,  ob  dieser  die
neu  hereinströmenden  Güter  auch  factisch  in  Händen  behält
oder  ob  er  sie  verbraucht;  im  ersteren  Falle  wird  sein  Vermögensstand ­
  eine  positive  Vergrösserung  erfahren  haben,  im
zweiten  Falle  wird  jene  Verminderung  des  Vermögensstande«,
        <pb n="218" />
        208

die  ohne  dieZettelansgahe  unvermeidlich  gewesen  wäre,  verhütet,
da  eine  unverzinsliche  und  uneinlosliche  Schuld  eben  keine
directe  Belastung  des  Vermögens  darstellt.
Man  könnte  dem  entgegenhalten,  dass  die  Zinsenersparnisse ­
  wohl  einen  Gewinn  für  die  Staatsñnanzen  an  sich,
nicht  aber  einen  Gewinn  für  die  wirthschaftliche  Gesanimtheit,
zu  der  doch  auch  der  Staat  gehört,  repräsentiiden.  Die  Zinsen
müssten  eben  an  die  Gesammtheit  der  Bürger  gezahlt  werden,
und  wenn  nun  diese,  um  das  Zinsenerforderniss  des  Staates
zu  decken,  zu  entsprechend  höheren  Steuerleistungen  herangezogen ­
  würden,  so  hätten  sie  dadurch  weder  gewonnen  noch
verloren  ,  sie  müssten  die  empfangenen  Zinsen  einfach  wieder
zurückerstatten  und  der  schliessliche  Etfect  bliebe  derselbe,
als  ob  Zinsen  überhaupt  nicht  gezalilt  worden  wären.  Nur  die
Vertheilung  des  Einkommens  und  der  Lasten  würde  in  beiden
Fällen  nicht  die  nämliche  sein.  Im  erst  eren  Falle,  wenn
Zinsen  gezahlt  und  beigesteuert  werden  müssen,  würden  die
Gapitalisten  einen  Gewinn,  die  Gesammtheit  der  anderen  Steuerzahler ­
  eine  dem  entsprechend  höhere  Belastung  emptinden  ;  im
zweiten  Ealle  würde  der  Gewinn  der  Gapitalisten,  aber  auch  die
höhere  Belastung  der  anderen  Steuerzahler  fehlen.  Es  ist  aber
zu  bedenken  ,  dass  der  Zinsengenuss  für  die  (kqütalisten  kein
reiner  durch  das  Staatsanlehen  nengeschaMener  Gewinn  ist.  Ihr
Capital  würde  auch  ohne  dieses  Anlehen  Zinsen  tragen,  und  es
kann  sich  für  sie  demnach  nur  um  die  Ditferenz  der  vom  Staate
bewilligten  und  der  landläuügen  Zinsen  handeln,  während  die
Gesammtheit  nicht  blos  diese  Ditferenz,  sondern  den  gesammten
Zinseübetrag  beisteuern  muss,  eine  Nothwendigkeit,  der  sie  bei
lier  Aufnahme  eines  zinslosen  Anlehens  enthoben  ist.  Nicht
anders  verhält  sich  die  Sache,  wenn  man  die  Eventualität  voi’
Augen  hält,  dass  auch  das  Ausland  zur  Aufbringung  der  verzinslichen ­
  Aidehenssumme  herbeigezogen  werden  müsste,  ja  in
diesem  Falle  wird  die  Sache  noch  viel  klarer.  Hier  steuert
zwar  das  Ausland  ein  Capital  zur  Deckung  der  Staatsbedürfnisse
bei  und  dieses  Capital  wird  ohne  Zweifel  in  dem  betreftenden
Lande  nutzbringend  angelegt  werden,  sei  es  direct  dadurch,
dass  der  Staat  selbst  eine  solche  nutzbringende  Anlage  vornimmt, ­
  sei  es  indirect  dadurch,  dass  inländisches  Capital,
welches  sonst  vom  Staale  nnprodnctiv  consumirt  würde,  der
        <pb n="219" />
        Production  erhalten  bleibt;  aber  für  das  entliehene  Capital
werden  eben  die  Zinsen  in’s  Ausland  wandern,  während  bei
der  Notenemission  dasselbe  Capital  zinslos  bereingezogen  wird,
ohne  dass  im  Austausch  dafür  etwas  anderes  gegeben  zu
werden  brauchte,  als  der  Bestand  metallischer  Circuí  ationsmittel,
  deren  Function  nunmehr  die  Papierzettel  übernehmen. ­

Dieser  anscheinend  unwiderlegliche  Vorth  eil  für  die
Staatsfinanzen  wird  aber  für’s  erste  schon  dadurch  paralysirt,
dass  die  Schuldenlast,  in  welche  sich  ein  Staat  durch  die  Zettelausgahe
  stürzt,  in  ihrer  absoluten  Höhe  ohne  Ausnahme  jene
Schuldenlast  weitaus  überragt,  die  durch  die  Aufnahme  eines
verzinslichen  Anlehens  entstünde.  Wenn  der  Staat  im  letzteren
Falle  seinen  (Häubigern  jene  Zinsen  bewilligt,  denen  er  sich
nach  seinen  Creditverhältnissen  unterwerfen  muss,  so  wird  er
den  vollen  Betrag  der  Darlehenssumme  auch  wirklich  und  im
guten  (reble  erhalten.  Verlangt  man  beispielsweise  5  Percent
Zinsen  von  ihm  und  erreicht  der  durch  das  Anlehen  zu
bedeckende  Bedarf  die  Höhe  von  beispielsweise  2(X)  Millionen,
so  ward  der  Staat  für  2(X)  Millionen  üpercentiger  (Obligationen
2(M)  Millionen  in  Metallgeld  erhalten  und  mit  diesem  Betrage ­
  seine  Bedürfnisse  vollständig  befriedigen  können.  Emittirt
  er  jedoch  Stuatsnoten,  so  wird  diese  Emission,  je  weiter
sie  fortichreitet,  den  Werth  der  Greldzeichen  desto  intensiver
drücken;  der  Staat  wird,  um  einen  Bedarf  von  2(K)  Millionen
eüectiven  Geldes  zu  decken,  nicht  2(M.)  Millionen,  sondern
250  Millionen,  vielleicht  300  Millionen  Zettel  cmittiren  müssen,
und  folglich  statt  200  Millionen,  250  Millionen  oder  300  Millionen ­
  schuldig  geworden  sein.  Es  wird  nun  davon  ahhängen,
ob  bis  zur  Rückzahlung  der  Notensohuld  eine  kürzere  oder
längere  Zeit  verstreicht,  um  die  Frage  zu  entscheiden,  ob  der
Staat  am  Coursverluste  bei  der  Ausgabe  seiner  Zettel  mehr
verliert,  als  er  an  Zinsen  erspart  hat,  oder  ob  umgekehrt  die
Summe  der  Zinsenersparnisse  grösser  wird  als  die  der  Coursverluste. ­
  Denn  die  Noten  müssen,  falls  nicht  etwa  ein  Staatshankrott ­
  den  Knoten  entzweihaut,  zum  vollen  Nennwert!)e
eingelöst  werden,  trotzdem  bei  der  Emission  derselben  und
beim  Eintausche  jener  Bedürfnisse,  welche  die  Emission  hervorgerufen ­
  haben,  die  Zettel  nur  gegen  einen  (’oursverlust  ange-Dr.
  T  h.  H  e  r  t  z  k  a  ,  Wähnmg  und  Handel.  14
        <pb n="220" />
        210  —

mmmen  wurden.  Wenn  man  aber  glaubt,  diesem  Coursveidnste
dadurcl,  entgehen  an  können,  dass  man  die  Staatanoten  überhaupt ­
  nicht  einlüst  und  die  metallische  Oirculatiou  dauern
durch  dieselbe  ersetzt,  so  hat  man  dadurch  den  hnauziellen
Nachtheil  der  Ziusenzahlnug  dauernd  gegen  ,,ene^  mit  der
schwankenden  Valuta  unzertrennlich  verbundenen  Nachthei  e
eingetauscht,  deren  verheerende  wirthschattliche  Folgen  im
Vorhergehenden  beleuchtet  wmrden  und  deren  zerstörende
Rückwirkung  auf  die  Staatsflnanzen  nunmehr  untersucht  wei-Für
  jeden  Staatsmann,  der  den  innigen  Zusammenhang
der  Gesammtheit  in  Folge  der  Valutazerriittung  grosser  sind,
in  einen  Zuwachs  des  Staatseinkommens  verwandelt  werden
kan«,  und  dass  auch  umgekehrt  nicht  jeder  Verlust  am  Volks-10
  Perceirt,  oder  100  Millionen  an  den  Staat  steuei  so  ‘
wemi  sich  d^  \r,Dcsmidmnmien  mn  50  M  hm^n
verringert,  das  Staatseinhoimnen  nicht  nm  diese  .&amp;gt;0  M.l-
        <pb n="221" />
        211

14*

kommen  des  Staates  nickt  erst  in  jenem  Momente  gänzlich
verschwunden  sein  wird,  wenn  auch  das  Volkseinkommen  gänzlich ­
  vernichtet  ist,  sondern  dass  die  Steuerleistungsfähigkeit
der  Bürger  eines  solchen  Staates  sofort  aufliören  muss,  sowie
deren  Einkommen  nur  mehr  hinreicht  zur  Bestreitung  der
noth  wendigsten  Lebensbedürfnisse,  d,  h.  wenn  sie  für  den  Staat
nichts  mehr  übrig  haben.  Es  werden  also,  wenn  beispielsweise
zur  Bestreitung  der  noth  wendigen  Lebensbedürfnisse  000  Millionen
Gulden  erforderlich  sind,  die  100  Millionen  Steuereinkünfte  gänzlich ­
  verloren  sein,  wenn  sich  das  Nationaleinkommen  um  400  Millionen ­
  Gulden  vermindert.  Es  ist  eben  unmöglich,  dass  der  Staat
an  jedem  Bestandtheile  des  Volkseinkommens  gleichmässig  participirt.
  Die  Möglichkeit  dieser  Participation  wird  desto  grösser,
je  mehr  ein  Theil  des  Nationaleinkommens  als  absolut  reiner,
durch  die  dringendsten  Lebensbedürfnisse  unberührter  Zuwachs
anzusehen  ist,  und  desto  geringer,  einen  je  grösseren  Bruchtheil
  des  Einkommens  die  Deckung  dieser  Lebensbedürfnisse
erfordert.  Zwischen  den  zwei  Extremen,  bei  deren  einem  der
Zuwachs  des  Volkseinkommens  beinahe  vollständig  in  die
Staatscassen  geleitet  werden  kann,  während  bei  dem  anderen
die  Verminderung  des  Volkseinkommens  beinahe  vollständig
aus  den  Staatscassen  gezogen  werden  muss,  gibt  es  eine
Unzahl  von  Abstufungen,  und  es  ist  ganz  unzweifelhaft, ­
  dass  auf  die  Dauer  die  Staatsfinanzen  bei  jeder  Veränderung ­
  der  Einkoinmensverhälfnisse  einer  Nation,  insoweit
dieselbe  nicht  durch  eine  Steigerung  oder  Verminderung
der  Lebensbedürfnisse  ])aralysirt  wird,  zum  vollen  Betrage
participiren.
Dass  aber  die  (Tesammtheit  der  wirthschaftlichen  Schäden
in  Folge  der  Val  uta  Zerrüttung  den  Gewinn  des  Staates  aus
seinen  Zinsenersparnissen  weitaus  übertrifft,  bedarf  wohl  keines
Beweises.  Man  kann  annehmen,  dass  das  Bedürtniss  an  (äreulationsmitteln
  bei  keinem  civilisirten  Lande  10  Percent  des
jährlichen  Volkseinkommens  übertrifft.  Diese  10  Percent  des
Volkseinkommens  sind  also  das  Maximum  dessen,  was  der
Staat  an  Papiergeldzeichen  einittiren  kann,  auch  wenn  neben
seinem  eigenen  Papiergelde  kein  anderes  (ärculationsmittel
existirt.  Was  er  darüber  hinaus  emittirt,  ist  blos  eine  nomineUe,
  nicht  aber  eine  essentielle  Vermehrung  der  Emission,
        <pb n="222" />
        212

!

lind  kann  ihm  keineswegs  höheren  Ertrag  bringen,  als  eine  im  Umfange ­
  des  Circiilationsbedürfnisses  etwa  aufgelegte  verzinsliche
Anleihe.  Von  diesen  10  Percent  des  jährlichen  Volkseinkommens
kann  also  im  günstigsten  Falle  der  Staat  durch  eine  Zettelemission
  Zinsen  ersparen.  Bei  Zugrundelegung  eines  5percentigen
  Zinsfusses  würde  dies  eine  Ers^iarniss  von  V2  Percent
des  Volkseinkommens  repräsentiren.  Man  mag  nun  die  Nachtheile ­
  der  Valutazerrüttung  nach  welcher  Richtung  immer
ins  Auge  fassen,  so  wird  mau  finden,  dass  der  durchschnittliche ­
  durch  sie  hervorgerufene  Verlust  weitaus  grösser  sein
muss,  als  dieses  V2  Percent.  Man  rechne  die  Verluste  aus  der
Störung  der  Production,  aus  der  Verschiebung  der  Capitalsbewegung
  und  aus  den  Wechselcoursen  zusammen  und  man
wird  alsbald  erkennen,  dass  es  thöricht  wäre  zu  glauben,
das  Volkseinkommen  werde  durch  all’  diese  schädlichen  Einflüsse ­
  zusammengenommen  hlos  um  den  V200  Th  eil  vermindert.
Jede  darüber  hinausgeliende  Verminderung  aber  ist  bereits
ein  directer  Verlust  für  die  (fesammtheit,  den  Staat  mit  eingerechnet, ­
  und  es  ist  schwerlich  ühertriehen,  wenn  mau  annimmt, ­
  dass  dieser  Verlust  im  Durchschnitte  der  Jalire  zum
mindesten  das  Drei-  und  Vierfache  dessen  beträgt,  was  der
Staat  durch  seine  Zinsenersparnisse  gewinnen  kann.
Es  wird  aber  seit  der  Epoche  der  grossen  stehenden
Heere  in  ganz  Europa  und  insbesondere  in  jenen  capitalsärmeren
  Ländern,  die  ja  gerade  diejenigen  sind,  wo  die  Valutazerrüttung ­
  herrscht,  systematisch  ein  finanzieller  Raubbau
betrieben,  der  den  Zusammenhang  zwischen  dem  (tedeihen  der
Volksvfirthschaftund  dem  Gedeihen  der  Staatsfinanzen  vollständig
ignorirt,  und  man  wird  —  nebenbei  bemerkt  —  nicht  irre  gehen,
wenn  man  annimmt,  dass  die  Armuth  dieser  Länder  zum  grossen
Theile  in  diesem  uinGrthschaftliehen  Aussaugungssysteme  ihren
Grund  hat.  Man  begreift  leider  nur  selten,  dass  es  die  Henne
tödten  heisst,  welche  die  goldenen  Eier  legt,  wenn  man  die  Staatseinkünfte ­
  auf  der  gleichen  Höhe  erhalten,  oder  vermehren  will,
ohne  gleichzeitig  für  eine  Erhaltung  oder  entsprechende  Vermehrung ­
  des  Volkseinkommens  zu  sorgen.  Angesichts  dieser
Begritfsverwirrnng  kann  es  wenig  frommen,  wenn  man  beweist,
dass  der  Gewinn  des  Staates  aus  der  Valutaversehlechterung
nur  durch  vielfach  grössere  Verluste  am  nationalen  Wohl-
        <pb n="223" />
        213  —

Stande  erkauft  wird;  liier  muss  gezeigt  werden,  dass  auch
abgesehen  von  der  Ben  achtheil  igung  des  Volkswohlstandes,
die  Staatsñnanzen  direct  durch  die  gestörte  Valuta  zu
Schaden  kommen.  Und  in  der  That  ist  dieser  Schaden  so
handgreiflich  und  offen  zu  Tage  liegend,  dass,  um  ihn  zu  erkennen, ­
  durchaus  kein  tieferes  volkswirthschaftliches  Wissen,
sondern  blos  eine  oberflächliche  Bekanntschaft  mit  den  Gesetzen ­
  der  Mathematik  nothwendig  ist.
Wie  bereits  einmal  erwähnt  wurde;  bringt  die  Valutazerrüttung ­
  eine  Verschiebung  der  Einkommensverhältnisse  mit
sich,  bei  welcher  zunächst  Diejenigen  benachtheiligt  werden,
die  ein  nominell  flxirtes  Einkommen  beziehen.  Zu,  diesen
aber  gehört  in  erster  Linie  der  Staat.  Die  Mehrzahl
seiner  Revenuen  ist  genau  und  fest  vorherbestimmt  und  auch
jener  Theil  derselben,  der  gesetzlich  nicht  solcher  Art  fixirt
ist,  verfolgt  doch  eine  unverkennbare  Tendenz  des  Beharrens,
II.  zw.  nicht  des  Beharrens  auf  dem  essentiell,  sondern  auf
dem  nominell  gleichen  Betrage.  Die  Einkommensteuer  z.  B.
soll  in  Percenten  des  Volkseinkommens  bezahlt  werden.  Wenn
daher  dieses  Einkommen  selbst  essentiell  dasselbe  geblieben
ist,  sich  aber  wegen  der  Verringerung  des  Geldwerthes  nominell ­
  erhöht  hat,  so  sollte  man  meinen,  dass  nunmehr  auch  die
Steuer  genau  um  den  nämlichen  Betrag  nominell  wachsen
müsse.  Es  ist  aber  eine  bekannte  Thatsache,  dass  sich  dies
nicht  so  verhält,  dass  zum  mindesten  die  Steigerung  der
nominellen  Steuerhöhe  der  nominellen  Steigerung  des  Einkommens ­
  nur  sehr  allmälig  und  unvollständig  folgt.  Allerdings
steht  es  der  Finanzveiwaltung  in  solchem  Falle  frei,  den
Steuersatz  zu  erhöhen  und  dadurch  den  Ausfall  hereinzubi'ingen,
  und  in  der  That  sieht  sich  der  Eisens  in  allen
Staaten  mit  schwankender  Valuta  weit  rascher  als  in  den
Staaten  mit  gesunder  Metallvaluta  genöthigt,  solche  Steuererhöhungen ­
  vorzunehinen  ;  aber  selbst  bei  Anwendung  der
grössten  Härte  wird  es  niemals  möglich  sein,  auf  diesem  Wege
jenen  Einkommensstand  zu  erreichen,  der  bei  geordneten  Geldverhältnissen ­
  ohne  jede  liscalische  Anstrengung  sich  von  selbst
erhielte.  Vor  Allem  wird  es  der  Staatsverwaltung  unmöglich
sein,  bei  der  Besteuerung  zwischen  jenen  ihrer  Bürger,  die
auf  ein  fixes,  nominell  gleichbleibendes  Einkommen  gesetzt
        <pb n="224" />
        —  214  —

sind,  und  denjenigen,  deren  nominelles  Einkommen  sich  mit
dem  Sinken  des  Geldwertlies  erhöht,  einen  Unterschied  zu
machen;  schon  aus  dem  Grunde,  weil  die  Grenzlinie  zwischen
heiden  gar  nicht  gezogen  werden  kann,  indem  nicht  alle,  die
ein  sogenanntes  fixes  Einkommen  beziehen,  in  die  erste  Kategorie, ­
  und  nicht  alle,  deren  Einkommen  ein  unfixirtes  ist,  in
die  letzte  Kategorie  gehören.  Es  gibt  ganze  Classen,  die
zwar  einen  „festen“  Gehalt  beziehen,  jedoch  in  der  Lage  sind,
diesen  Gehalt  höher"oder  niedriger  tixiren  zu  lassen,  je  nachdem ­
  die  allgemeinen  Geld-  und  Einkommensverhältnisse  sich
ändern;  umgekehrt  gibt  es  Gewerbsleute  und  Handeltreibende,
die  in  ihrejn  Einkommen  von  den  auf  fixen  Gehalt  Gesetzten
vollständig  abhängen  und  von  jeder  Verschlechterung  des
Geldwerths  beinahe  in  dem  nämlichen  Grade  getroffen  werden,
wie  diese.  Ebenso  ist  es  bei  den  einzelnen  Einkommenszweigen
des  Staates  schwer  zu  unterscheiden,  inwieweit  sie  sieh  den
Schwankungen  des  Geldwerths  accommodiren  oder  nicht,  und
der  Staat  wird  daher,  wenn  er  den  Versuch  macht,  die  für
ihn  aus  dieser  Schwankung  resultirende  Benaelitlieiligung  anf
die  Steuerzahler  abzuwälzen,  nach  der  einen  Seite  seinen
Zweck  nicht  vollständig  erreichen,  da  er  mit  dem  Steuersätze
nicht  hoch  genug  hinaufgehen  kann,  nach  der  anderen  Seite
den  Steuersatz  über  die  Ausgleichsgrenze  hinaus  erhöht  haben.
Pis  ist  aber  klar,  dass  er  das,  was  er  auf  der  einen  Seite
noch  immer  zu  wenig  einnimmt,  auf  der  anderen  Seite  nicht
hereinhringen  kann,  da  die  überlasteten  Theile  des  Volkseinkommens ­
  die  geforderten  Steuererträge  eben  nicht  bieten  werden.
Anderseits  aber  vereiteln  auch  die  stetigen  Schwankungen  des
Geldwerthes  jede  ausgleichende  Tendenz  der  Steuergesetzgebung. ­
  Eine  Steuerhöhung,  die  heute  noch  genügend  sein  könnte,
kann  morgen  schon  zu  gering,  übermorgen  wieder  zu  hoch  sein,
und  das  Traurige  für  den  Staat  ist  auch  hier,  dass  das  zu
Niedrig  ihm  schaden,  das  zu  Hoch  aber  wenig  nützen  wird.  Wenn
der  Steuersatz  geringer  ist,  als  der  Steuerfähigkeit  entsprechen
würde,  so  wird  eben  nur  der  geringere  Steuerertrag  einlliessen  ;
ist  aber  der  Steuersatz  höher,  als  der  Zahlungsfälligkeit
entsjn-icht,  so  wird  die  Steigerung  des  Steuersatzes  mit
der  Steigerung  des  Steuereinkommens  keineswegs  gleichbedeutend ­
  sein.
        <pb n="225" />
        —  215

Der  Staat  wird  also  durch  die  örtliche  und  zeitliche
Verschiebung  der  Einkommens  Verhältnisse  in  gleicher  Weise
benachtheiligt.  Er  wird  zwar  sowohl  diejenigen  seiner  Bürger,
die  bei  der  Einkommensverschiebung  zu  kurz  gekommen  sind,
als  auch  die  Gesammtheit  der  Bürger  in  den  Zeiten  nomineller
Einkommensverringerung  ungebührlich  bedrücken,  dadurch
aber  niemals  die  Verluste  voll  hereinbringen,  die  ihm  aus
der  von  ihm  nicht  beabsichtigten  stetigen  Entlastung  der
durch  die  Vermögensverschiebung  begünstigten  Bürger  und
der  zeitweiligen  der  Gesammtheit  in  Zeiten  nomineller  Einkommenssteigerung ­
  erwachsen.
Die  Ausgaben  des  Staates  aber  bleiben  im  grossen
Ganzen  trotz  der  Schwankungen  des  Geldwerthes  essentiell
die  nämlichen,  ja,  wie  schon  die  im  4.  C  apitel  nachgewiesene
Preisbewegung  für  Oesterreich  schliessen  lässt,  pflegen  sie
sogar  unter  dem  Einflüsse  dieser  Schwankungen  zu  .steigen.
Da  Lebensmittel  und  Lohne  durch  die  Zettelwirthschaft
allgemach  zur  ungebührlichen  Höhe  emporgeschraubt  wurden,
müssen  nothwendigerweise  in  demselben  Grade  auch  die
Staatsausgaben  sich  unter  dem  Einflüsse  der  herrschenden
Theuerung  gesteigert  haben.
Vergleicht  man  das  Wachsthum  des  Staatsaufwandes  in
den  westeuropäischen  Staaten  mit  dem  Oesterreichs  und
Russlands,  so  muss  die  ganz  nnverbältnissmässige  Anschwellung ­
  der  Budgets  in  den  beiden  letzteren  Papiergeldländern
in  Erstaunen  setzen.  Nach  Czörnig’s  Angaben  in  dessen  1858
erschienenem  Buche  „(  )esterreichs  Neugestaltung“  betrugen  die
Ausgaben  der  fünf  grossen  europäischen  Staaten  im  .Jahre
1841)  die  folgenden  Summen:

In  Grossbritannien  und  Irland
„  Erankreich
„  Preiissen
„  Russland
Oesterreich  (inch  Ungarn)  .  .
Zusammen

508.7  Mill.  Gulden,
544.2  „  n
120.g  „  n
440.g  „  n
^41.J  M  M
lfl28.4  Mili.  Gulden.

Nach  den  Budgets  des  ,1  ah  res  1875  stiegen  die  Ausgaben ­
  ;
        <pb n="226" />
        In  Grossbr.  u.  Irland  auf  rund  730  M.  G.,  d.  i.  um  28.4  1  erc.,

Frankreich
Preussen
Russland
Oesterreich-Ungarn

arn  „  „  632.2  „  „  M  «  »  161.3  „
Zusammen  3714.7  M.  G.,  d.  i.  um  02.o  Perc.

Selbst  die  Militärstaaten  par  excellence,  Preussen  und
Frankreich,  letzteres  trotz  des  unermesslichen  Aufwandes,  den
der  jüngste  Krieg  verursacht  *),  bleiben  also,  was  die  Anschwellung ­
  des  Budgets  anlangt,  weit  hinter  Oesterreich  und  Russland ­
  zurück.  Die  Ausgabenvermehrung  betrug  hier  nahezu
zweimal  so  viel  als  in  den  beiden  anderen  continentalen  Grossstaaten ­
  und  fünfeinhalbmal  so  viel  als  in  Grossbritannien.
Und  dies  ist  nur  zu  gut  durch  die  ValutaverhUltnisse  zu  erklären. ­
  Denn  von  den  iStaatsausgaben  besteht  nur  ein  sehr
geringer  Theil  aus  solchen,  die  von  der  Veränderung  des
Geldwerthes  direct  unabhängig  sind.  Strenge  genommen  gehört ­
  hiezu  hlos  der  Zinsenaufwand  für  Staatsschulden,  deren
Interessen  in  Papiergeld  zu  bezahlen  sind.  Ein  zweiter  Theil
(1er  Staatsausgaben  richtet  sich  unmittelbar  nach  jeder
Schwankung  des  Geldwerthes.  Dazu  gehören  die  in  Silber  zu
bezahlenden  Interessen  der  Staatsschuld  und  alle  Einkäute  des
Staates  auf  offenem  Markte,  wozu  die  Naturalvcrpflegung  des
Militärs,  die  Ausrüstung  der  Landarmee  und  Flotte,  die  Einkäufe ­
  und  Investitionen  der  Tabakregie,  der  Montanverwaltung, ­
  des  Post-  und  Telegraphenwesens  und  schliesslich  alle
Bauten^  zu  rechnen  sind.  Eine  dritte  Kategorie  bilden  jene
Ausgaben,  die  den  Schwankungen  des  Geldweithes  nicht
augenblicklich,  aber  doch  im  Laufe  der  Zeit  ganz  unfehlbar
nachfolgen.  Es  sind  dies  hauptsächlich  alle  vom  Staate  bezahlten ­
  Gehalte.
Dass  die  in  Papiergeld  tixirten  Zinsen  der  Staatsschuld
durch  die  Schwankungen  des  Geldwerthes  unmittelbar  nicht
beeinflusst  werden,  ist  selbstverständlieh.  Uebersehen  darf
jedoch  auch  hier  nieht  werden,  dass  dies  blos  für  die  Zinsen
der  alten  Anlehen  gilt,  während  in  dem  Momente,  wo  ein
*)  Die  Steigerung  der  Ausgaben  bis  1870  batte  ungcaclitet  der  schlimmen
Finanzwirtlischaft  unter  dem  Kaiserreiche  blos  üB.,  Percent  betragen.
        <pb n="227" />
        217

neues  Anlehen  contrahirt  wird,  der  zufällige  Stand  des  Geldwertlies ­
  sofort  von  ausschlaggebendem  Einflüsse  auf  die  vom
Staate  zu  übernehmenden  Opfer  ist.  Abgesehen  davon,  dass
bei  hohem  Agiostande  der  Zinsfuss,  den  der  Staat  auf  oftenera
Geldmärkte  zu  bezahlen  hat,  auch  absolut  höher  zu  sein
pflegt,  ist  für  alle  Fälle  auch  bei  gleichem  Zinsfusse  der  Ertrag ­
  eines  Papiergeldanlehens  geringer  liei  hohem,  und  höher
bei  massigem  Disagio.  Es  muss  eben  zur  Deckung  des  nämlichen ­
  Bedürfnisses  der  nominelle  Stand  des  Anlehens  höher
bei  hohem  als  bei  niedrigem  Disagio  bemessen  werden.
Dass  die  Zinsen  der  Silberanlehen  einen  grösseren  Theil
der  Staatseinnahmen  vorweg  absorbiren  bei  hohem  als  bei
niedrigem  Agiostande,  ist  selbstverständlich.  Ganz  das  nämliche ­
  aber  gilt  von  den  Einkäufen  des  Staates  auf  offenem
Markte,  gleichviel  ob  dieselben  iin  Auslande  oder  im  Inlande
vorgenommen  werden.  Denn  in  beiden  Fällen  richten  sich  die
Preise  in  der  Hauptsache  nach  dem  in  ^Metallgeld  umgerechneten ­
  Weltpreise  ;  es  muss  also  ein  höherer  Preis  in  Papiergeld ­
  gezahlt  werden,  wenn  der  Werth  des  letzteren  sinkt,  ein
niässigerer,  wenn  dieser  Geldwerth  sich  gehoben  hat.
Dass  aber  auch  die  Gehalte  schliesslich  durch  die  Schwankungen ­
  des  Geldwerthes  beeinflusst  werden  müssen,  folgt  mit
Noth  Wendigkeit  daraus,  dass  in  Folge  dieser  Schwankungen
der  Kaufweidh  der  ursprünglich  in  ^Metallgeld  flxirten  Gehalte
sich  stetig  verringert,  die  Staatsbeamten  demgemäss  stets
schlechter  bezahlt  erscheinen  und  nunmehr  der  Staat  vor  der
Alternative  steht,  die  Gehalte  entweder  auf  den  früheren
oflectiven  Stand  zu  erhöhen,  oder  aber  in  Folge  der  luigenügendeii
  Gehalte  die  Tüchtigkeit  und  Arbeitslust  seiner  Diener
andauernd  zu  verringern.  Da  in  den  Ländern  mit  gestörtem
Geldwesen  die  Finanzlage  aus  den  oben  angegebenen  Ursachen
beinahe  immer  schlecht  ist,  so  werden  sich  diese  nur  sehr
»ehwer  entschliessen,  ihren  Staatsdienern  jene  Gehaltzulagen
zu  bewilligen,  die  nothwendig  wären  ,  um  den  effectiven  Werth
der  Gehalte  auch  nur  annähernd  auf  der  gleichen  Höhe  zu
erhalten.  Erspart  wird  aber  dadurch  nichts  ;  denn  nunmehr
muss  an  die  Stelle  der  Gehaltaufbesserung  eine  continuirlich
fortschreitende  Vermehrung  der  Beamtenzahl  treten,  da  der
Natur  der  Sache  nach  die  tüchtigeren  arbeitsfähigen  Individuen
        <pb n="228" />
        —  218  —

es  in  einem  solchen  Lande  mehr  und  mehr  verschmähen
werden,  die  Staatsdienste  autznsuchen,  wo  sie  keine  ihren
Fälligkeiten  entsprechende  Entlohnung  mehr  linden.  Die  untüchtigeren ­
  Individuen,  die  an  ihre  Stelle  treten,  können  dann
selbstverständlich  nicht  mehr  dasselbe  leisten  wie  jene,  um  so
weniger,  da  schliesslich  auch  sie  sieh  genöthigt  sehen  werden,
Nehenverdienste  aul’zusuchen,  deren  Ertrag  iluien  dasjenige
ersetzen  soll,  was  ihnen  der  Staat  vorenthält,  und  eine  solche
(Icpllogcnhcit  nicht  darnach  angethan  ist,  die  Arbeitslust  in
den  Bureaux  des  Staates  zu  erhöhen.  Und  wenn  schliesslich
die  Entwerthung  des  Geldes  und  die  damit  Hand  in  Hand
gehende  Theucrung  einen  allzu  hohen  Grad  erreicht  haben,  so
slelit  sich  der  Staat  endlich  doch  gezwungen,  die  Gehalte  zu

erhöhen,  und  er  hat  dann  in  doppelter  Beziehung  verloren,
nämlich  durch  die  Vermehrung  sowohl  als  durch  die  Erhöhung
der  Dotationen.
Für  den  Staat  ist  also  die  Wirkung  der  Valuta  Verschlechterung ­
  keine  wesentlich  andere  als  für  jenen  riieil  dei  Staats
bürger,  der  dadurch  am  meisten  benachtheiligt  wird,  nämlich
für  die  auf  Hxe  Gehalte  Gesetzten.  Seine  Einnahmen  kann  er
nur  unwesentlich  und  das  nur  unter  den  grössten  Schwieiigkeiten
  erhöhen  ;  bei  seinen  Ausgaben  dagegen  muss  er  sich  fast
vollständig  der  allgemeinen  Preissteigerung  unteiwerfen.  Wie
verderblich  sich  ein  solcher  Zustand  für  die  Finanzen  eines
Staates  erweisen  kann,  zeigt  sich  mit  erschreckender  Klarheit
an  dem  Beispiele  der  österreichischen  Finanzlage.  Die  Zinsenersparnisse
  aus  jeneu  zinsenlosen  Anlehen  ,  die  seit  dem
,1  ahre*  1848  die  österreichische  Valutaversclilecbterung  zui
Folge  gehabt  haben,  beliefen  sich  hochgerechnet  auf  durchschnittlich ­
  1.5  Millionen  Gulden  im  Jahre.  Da  in  derselben
Zeit  die  durchschnittlichen  Ausgaben  des  Staates  ungefähr
450  Millionen  Gulden  im  Jahre  betrugen  und  von  diesem  Gesa ­
  mmtbetrage  reichlich  in  jene  Kategorie  gehören,  die  von
jeder  Schwankung  des  Silberwerthes  unmittelbar  berührt
wurde,  Vio  in  jene  Kategorie,  bei  welcher  sich  der  Ein  Muss
dieser  Schwankungen  zwar  nicht  sofort,  aber  auf  die  Dauer
doch  ganz  unfehlbar  einstellte,  und  hoch  gerechnet  bio  von
den  Schwankungen  des  Geldwerthes  überhaupt  nicht  direct
berührt  wurde;  und  da,  wie  sich  im  4.  Capitelbgezeigt  hat.
        <pb n="229" />
        219

die  durch  die  Valiitascliwankungen  hervorgerufene  Theuerung
der  Lebensinittelpreise  und  Löhne  noch  über  das  durch  die
Verminderung  des  Geld  wertlies  bedingte  Mass  hinaus  ging;
so  stellt  sich  die  Rechnung  folgendermassen  :  Bei  ®/i„  der
Ausgaben  muss  man  die  Preissteigerung  zum  mindesten  mit
dem  vollen  Betrage  der  Geld  Verschlechterung  in  Anschlag
bringen;  diese  betrug  iiiiniin  Mittel  der  ganzen  Epoche  der  Geldzerrüttung ­
  17  ^  3  Percent  und  es  würde  sieh  also  bei  dieser  ersten
Ausgabekategorie  eine  Zubusse  von  rund  Millionen  im
Jahresdurchschnitte  ergeben  ;  bei  den  '’’/n,  der  zweiten  Kategorie
kann  die  Erhöhung  mit  mindestens  10  Percent,  das  wäre  mit
27  Millionen  im  Jahre  berecluiet  werden,  so  dass  sich
die  Gesammterhöhung  der  Ausgaben  in  Folge  der  Val  uta-Schwankungen
  auf  durchschnittlich  öO  Millionen  Gulden  im
Jahre  belaufen  würde.  Zieht  man  davon  die  1Ò  Millionen
Gulden  Zinsenersparnisse  ab  ,  'SO  bleibt  ein  Deficit  von
dÜ  il  Honen  Gulden  im  Jahre.  Von  diesem  Deficit  konnte
allerdings  durch  willkürlichen  Steuerdruck  und  durch  unverliältnissmässige
  Belastung  einzelner  Steuerträger  ein  geringer
Theil  hereingebraeht  werden;  wenn  man  jedoch  bedenkt,  dass
die  Staatsausgaben  regelmässig  dann  am  grössten  waren,  wenn
die  Valuta  am  schlechtesten  stand,  da  ja  zumeist  dieselben
Ereignisse,  welche  den  Geldwerth  in  Oesterreich  am  ra])idesten
versehlechtcrten,  zugleich  auch  die  Bedürfnisse  des  Staates  aut  s
höchste  steigerten,  und  überdies  in  solchen  Fällen  gerade  jene
Ausgaben  zu  abnormer  Höhe  an  wuchsen,  bei  denen  unmittelbar
der  volle  Betrag  der  durch  die  Valutaversehleehterung  bedingten
Preissteigerung  zugesetzt  werden  musste  j  wenn  man  erwägt,  dass
aus  diesen  Gründen  eine  Jahr  für  Jahr  vorgenommene  detaillirte
lleclinung  zeigen  würde,  wie  thatsächlich  in  Folge  der  Valutaseh ­
  wankuugen  zu  den  Staatsausgaben  weit  mehr  zugesetzt  werden ­
  musste,  als  die  obige  Durchschnittsrechnung  ergibt;  so  ist
es  keine  Uebertreibung,  wenn  man  behauptet,  dass  trotz  aller
dagegen  angewendeten  Steuererhöhungen  der  durch  die  Valutaniisère
  herbeigeführte  Ausfall  im  Staatshaushalte  im  Durchselinitte
  der  Jahre  mimlestens  die  obigen  05  Millionen  Gulden
betragen  haben  müsse.  Dies  ergäbe  aber  für  die  abgelaufenen
28  Jahre  der  Zettelwirtbsehaft  eine  Summe  von  980  Millionen
und  mit  Zinseszinsen  rund  2  Milliarden,  Das  ist  nun  annä-
        <pb n="230" />
        220

liernd  der  Betrag,  um  welclien  die  österreicliische  Staatsöcluild
seit  dem  dahre  1848  gewachsen  ist,  wohlverstanden,  wenn
man  die  schwebende  Schuld  und  die  (Irundentlastungsschulden
mit  in  Rechnung  zieht.  Man  kann  also  die  gesammte  inzwischen ­
  eingetretene  riesige  Verschuldung  des  österreichischen
Staatswesens  füglich  auf  Rechnung  jener  Finanzweisheit  setzen,
die,  um  Zinsen  zu  ersparen,  den  gesammten  Volks-  und  Staatshaushalt ­
  in  die  heilloseste  Verwirrung  stürzte.  ’)  Und  dabei
sind  blos  die  directen  ‘fiscalischen  Wirkungen  der  Valutazerrüttnng
  in’s  Auge  gefasst.  Wenn  man  bedenkt,  um  wie  viel
rascher  der  österreichische  National  Wohlstand  gestiegen  wäre,
wenn  ihm  während  der  letzten  28  Jahre  jene  andauernde
Erschwerung  der  Production,  Behinderung  der  Capitals-Ansammlung
  und  Verschlechterung  der  auswärtigen  Handelsbeziehungen
  erspart  geblieben  wären,  die  alle  im  (refolge  dei
Zettelwirthschaft  gingen  ;  wenn  man  die  Rückwirkung  der
volkswirthscliaftlichen  Zustände  auf  die  StaatsÜnauzen  nicht
aus  dem  Auge  lässt  :  so  gelangt  man  zu  dem  Schlüsse,  dass
dieses  Reich  ohne  Zweifel  bei  sonst  gleichbleibenden  Verhältnissen ­
  zu  de  linanziell  blühendsten  Eu  ropa's  gehören  müsste  ;
dass  es  keine  Finanzdeiicite  gekannt  und  niemals  ^  zu
einer  Zinsen  reduction  hätte  schreiten  müssen,  wenn  es  nicht
mit  dem  Fluche  der  Zettelwirthschaft  behaftet  gewesen  wäre.

.)  Wem  dies  übertrieben  erscheinen  sollte  ,  der  lese  die  Ansicht  Tooke's
Uber  die  FoIrcu  der  en^Hsebeu  Zettelwirthschalt  zu  UeRinii  dieses  Jahrhunderls.
Prince'Smith  iiusserte  sieh  auf  dem  siebenten  ColiRresse  deutscher  Volkswirt  he
folgendermassen  über  dieses  Thema:  „Während  etwa  15  Jahren  schloss  man
alle  Geschäfte,.  Schuldverträge,  Pachtcontracte  nach  I'lunden  nicht  zu
sondern  zu  bis  einer  Unze  Goldes.  Die  britische  Regierung  borgte
etwa  51X1  Millionen  solcher  leichten  Pfunde.  Nach  beendigtem  Kriege  nun
sollte  die  Einlösbarkeit  der  Noten  wieder  hergestellt  und  für  dieselben  wieder
auf  Verlangen  Gold  gegeben  werden  ....  Die  geborgten  leichten  Pfunde
der  Staatsschuld  wurden  dadurch  in  schwere  Pfunde  verwandelt  ;  —  und  die
Moral  von  der  Geschichte  ist,  dass  die  britische  Regierung  etwa  140  Millionen
Pfund  einbüssen  musste,  weil  sic  einige  ^0  Jahre  früher  sich  nicht  eiitschliesson
konnte  mit  einem  kleinen  Opfer  ihre  Schuld  von  11  Millionen  an  die  Rank
zu  zahlen,  und  um  jeden  Preis  die  Einlösbarkeit  der  Ranknoten  aufrecht  zu
erhalten.“  Es  hat  also  auch  der  englische  Staat  lediglich  an  seiner  Staatsschuld
ungefähr  das  Zehnfache  dessen  durch  die  Valutamisère  eingcbüsst,  was  ursprünglich ­
  durch  die  Zettelausgabe  erspart  wurde.
        <pb n="231" />
        221

Welch  gefährliche,  von  der  grössten  politischen  Kurzsichtigkeit ­
  Zengniss  ablegende  Thorheit  es  insbesondere  in  den
continentalen  (xrossstaaten  ist,  durch  längere  Zeit  eine  Geldzerrüttnng
  bestehen  zn  lassen,  sieht  man  erst  recht  ein,  wenn
man  bedenkt,  dass  ein  solcher  Zustand  den  betreifenden  Staat
im  Falle  eines  Krieges  hnanziell  wehrlos  macht.  Man  kann
von  österreichischen  Politikern  häiihg  hören,  dass  es  ein  eigenes
^Missgeschick  gewesen  sei,  welches  diese  Monarchie  mit  einem
Kriege  zweimal  in  dem  Momente  übetraschte,  in  welchem  es
nach  gewaltigen  Anstrengungen  beinahe  gelungen  wäre,  die
Valuta  wiederherzustellen.  In  Wahrheit  legt  dies  nicht  von
dem  Missgeschicke,  sondern  von  dem  beispiellosen  sprichwöitlich
  gewordenen  (xliicke  Oesterreichs  Zengniss  ab.  Hätten
diese  Kriege  Oesterreich  in  einem  andern  Augenblicke  getroffen,
so  hätten  sie  möglicher  Weise  mit  seiner  Vernichtung  geendet.
Und  wenn  man  nunmehr  aus  Furcht,  es  könnte  etwa  ein
dritter  Krieg  abermals  die  zur  Herstellung  der  Valuta  gemachten ­
  Anstrengungen  vereiteln,  diese  Anstrengungen  unterlässt, ­
  so  dürfte  dies  Jeden,  der  die  grenzenlose  Begriffsverwiriung
  nicht  kennt,  die  hier  zu  Lande  in  allen  Fragen  des
Oeldwesens  herrscht,  zu  der  Meinung  verleiten,  dass  die
österreichischen  Staatsmänner  in  noch  schlagenderer  Weise,
als  bereits  zweimal  geschehen,  den  Beweis  liefern  wollen,  wie  ein
Staat,  der  sich  die  drei  Haupterfordernisse  der  Kriegführung,
nämlich  Oeld,  Geld  und  nochmals  Geld,  nicht  verschaffen
kann,  besiegt  ist,  bevor  er  den  ersten  Schuss  getlian.
        <pb n="232" />
        AP;

iii  '  '

Àã
        <pb n="233" />
        Zweites  Buell.

as  Münzmetall.
        <pb n="234" />
        1:8
        <pb n="235" />
        L  Capitel.
(i  e  S  c  h  i  c  h  11  i  c  11  e  S.
Von  (lern  Augenblicke  an,  wo  die  in  der  Cnltnr  vorgeschrittenen ­
  Völker  die  Nützlichkeit  eines  Wertlnnessers  erkannten, ­
  der  iin  (iuteraustausclie  gleichsam  als  gemeinsamer
Massstab  und  Vermittler  bei  Käufen  und  Verkäufen  dienen
sollte,  wo  mit  einem  Worte  der  Gedanke  des  Geldes  entstand
und  wo  es  sich  darum  handelte,  unter  den  Stoffen  zu  wählen,
aus  denen  diese  Werthmassstäbe,  die  aber  zugleich  auch  die
Werthträger  sein  mussten,  verfertigt  werden  sollten  ;  war  es
natürlich,  dass  die  Aufmerksamkeit  auf  die  verschiedenen
Metalle  sich  lenkte.
Diese  eignen  sich  sowohl  durch  ihre  allgemeine  Nützlichkeit ­
  als  durch  die  im  Durchschnitte  für  jedes  einzelne  unter
ihnen  ziemlich  gleichmässige  Schwierigkeit  der  Förderung,  als
auch  schliesslich  durch  ihre  Dauerbarkeit,  vor  allen  anderen
Stoffen  zu  diesem  Zwecke,  und  so  finden  wir  denn  in  der
That  beinahe  alle  IMetalle  zu  Münzen  verwendet.  Eisen  wurde
nach  dem  Zeugnisse  griechischer  Schiiftsteller  in  mehreren
Staaten  des  Alterthums,  insbesondere  in  Sparta,  ausgemünzt  ;
in  Japan  coursirte  noch  kürzlich  eiserne  Scheidemünze  und  im
Innern  Afrika’s  dienen  auch  jetzt  eiserne  Barren  als  vornehmliche
  Vermittler  des  Tauschhandels.  Blei  wurde  ebenfalls
im  alten  Italien  und  Griechenland  zu  Münzen  geprägt,  und
in  Birma  finden  Bleigewichte  heute  noch  Verwendung  als
Scheidemünze.  Zinnmünzen  gab  es  im  alten  Syracus,  Rom,
Dr.  Th.  liertzka,  Währung  und  Handel.  15
        <pb n="236" />
        220

dem  alten  Britannien  nnd  selbst  noeh  im  17.  dalirliunderte  in
einigen  enropäisclien  Staaten;  auf  melireren  liinteiasiatiseben
Inseln  und  in  îlexiko  war  Zinngeld  lange  Zeit  gdiräuclilieli.
Aueli  die  Ausprägung  von  Blatln  wurde  1828  bis  1845  in
Russland  versuclit,  jedoch  wegen  der  allzu  grossen  Werth-Schwankungen
  dieses  Metalls  bald  wieder  aufgegeben.
In  den  civilisirten  Staaten  werden  gegenwärtig  nur  mehr
Nickel,  Kupfer,  Silber  und  Gold  als  Münzmetalle  betrachtet
u.  zw.  die  ersten  beiden  als  Stoffe  zur  Ausprägung  von
Scheidemünze,  die  beiden  letzteren  als  eigentliche  Währungsmetalle. ­
  Die  Geldfunction  des  Goldes  und  des  Silbers  ist  jedoch
eine  uralte.  Vermöge  der  ihnen  anhaftenden  ganz  besonderen
Unzerstörbarkeit  und  wegen  ihres  hohen  Werthes  haben  diese
beiden  edlen  Metalle  schon  im  grauen  Alterthume  bei  jedem
Volke,  das  mit  ihnen  bekannt  wurde,  alsbald  die  Herrschaft
im  Geldverkehre  erobert  und  diese  aucli  bis  zum  heutigen
Tage  unbestritten  behauptet.
Es  unterliegt  keinem  Zweifel,  dass  sich  alle  Metallgeldsysteme ­
  ursprünglich  aus  dem  Gewichtsgelde  entwickelten.
Im  alten  Testamente  finden  sich  unzweifelhafte  Beweise  dafür,
dass  die  Hebräer  das  Geld  lange  Zeit  nicht  zählten,  sondern
wogen.  Dieselbe  Gepflogenheit  besteht  auch  heute  in  den
meisten  Ländern  Ostasiens,  so  in  China  und  Hinterindien.  Sie
gilt  übrigens  auch  in  den  Ländern  abendländischer  Civilisation
noch  immer  im  internationalen  Handel  als  Regel.  Ausserhalb
der  Landesgrenzen  haben  die  meisten  IMünzen  keinen  (  ourswerth
  mehr,  sie  werden  nur  nach  ihrem  Gewichte  angenommen
und  selbst  die  sogenannten  Weltmünzen  bleiben,  wenn  sie
einigermassen  abgegriffen  und  abgenützt  sind,  demselben
Schicksale  unterworfen.
Es  liegt  aber  auf  der  Hand,  dass  im  internen  Verkehre
dieses  Gewichtgeld  von  den  grössten  Unbequemlichkeiten  begleitet ­
  ist.  Schon  in  früher  Zeit  versuchte  man  daher
gleichzeitig  bei  verschiedenen  Culturnationen  die  umständliche ­
  Procedur  des  Wägens,  insbesondere  aber  des  Untersuchens
  auf  den  Feingehalt,  überflüssig  zu  machen,  indem  man
die  eursirenden  Metallstücke  als  Beglaubigung  für  ihren  Werth
mit  dem  Stempel  irgend  einer  anerkannten  Autorität,  als  die
sich  naturgemäss  in  erster  Linie  die  Staatsgewalt  darbot,  ver-
        <pb n="237" />
        15*

Hall,  E«  sclieiiit,  dass  man  sicli  zuerst  darauf  beschränkte,  den
Feingehalt  zu  bestätigen;  denn  die  ältesten  auf  uns  gekommenen ­
  Glänzen  sind  in  einer  AVeise  geprägt,  dass  gegen  die
A^erkürziing  des  Gewichts  durchaus  keine  Sicherheit  geboten
war.  Es  waren  Blechstücke,  die  auf  einer  Seite  den  Stempel
trugen,  rings  um  denselben  aber  so  viel  freien  Baum  Hessen,
dass  sie  recht  gut,  ohne  den  Stempel  im  Geringsten  zu  berühren, ­
  auf  die  Hälfte,  ja  auf  den  vierten  Theil  ihres  Gewichtes ­
  durch  Beschneiden  und  Abschaben  reducirt  werden
konnten.  Diese  Stempel  unterscheiden  sich  nicht  wesentlich
von  den  Stempeln  der  heutigen  Ihinzirungsämter  und  sie  werden,
wenn  sie  vielleicht  auch  anfangs  von  der  Staatsgewalt  in  der
Absicht  aufgeprägt  wurden,  den  Werth  sicherzustellen,
schliesslich  im  Verkehre  doch  nur  als  Beglaubigungszeichen
des  Feingehalts  angesehen  worden  sein.  Später  erst  sorgte
man  dafür,  durch  zweckentsprechende  Abstempelung  auf  beiden
Seiten  und  über  die  ganze  Fläche  auch  das  Gewicht  sicherzustellen, ­
  und  von  diesem  Alómente  erst  dürfte  die  AVage  aus
dem  Geld  verkehre  der  Culturnationen  verschwunden  sein.  Ein
festes  Verhilltniss  der  einzelnen  Alünzen  zu  einander,  überhaupt
ein  bestimmter  Alünzfuss,  wurde  aber  trotzdem  ursprünglich
wohl  bei  keiner  Nation  festgesetzt.  Der  Staat  beschränkte  sich
darauf,  durch  seine  Autorität  zu  beglaubigen,  dass  ein  gestempeltes ­
  Aleta  11  stück  eine  bestimmte  Zahl  Gewichtseinheiten
und  einen  bestimmten  Feingehalt  besässe  ;  er  prägte  auch  wohl,
um  den  verschiedenartigen  Verkehrsbedürfnissen  zu  genügen,
Geldstücke  von  kostbarem  und  minder  kostbarem  Aletalle,  überliess
  es  aber  gänzlich  dem  freien  Ermessen  jedes  Einzelnen,
zu  berechnen,  wie  viel  von  den  Alünzen  des  einen  Stoffes  für
die  des  anderen  in  Handel  zu  geben  seien.  Hier  zeigte  sich
jedoch  wieder  der  Uebelstani,  dass  die  Umrechnung  der  Alünzen
aus  unedlem  Aletalle  gegen  ihr  Aequivalent  in  Gold-  oder  Silberstücken ­
  grossen  Schwankungen  und  Irrungen  unterworfen  war.
Trotz  dieses  Gebrechens  bestehen  derartige  Geldsysteme  auch
h(*ute  noch  an  manchen  Orten,  allerdings  nicht  absichtlich  durch
ii’gend  eine  Gesetzgebung  herbeigeführt  und  sanctionirt,  wohl
aber  dadurch  entstanden,  dass  im  Verkehre  verschiedene  Geldsorten ­
  verschiedener  fremder  Völker  herrschend  geworden  sind
und  zwischen  den  einzelnen  Stücken  ein  übersichtliches  AVertli-
        <pb n="238" />
        —  -228

verliitltnis»  aus  diesem  Gnmde  gar  iiielit.  festgestellt  werden
kann.  An  der  Westldiste  Afrika'«  und  in  mehreren  »udamenkanisclien
  nnd  asiatischen  Staaten  eircnlirt  in  hnnter  Idisthung
englisches,  holländisches,  deutsches,  spanisches  nnd  tranzosisclies
Geld,  zura  Tlieil  gemengt  mit  einheimischen  Scheidemnnzen.
Iter  nächste  Schritt  in  der  Vervollkommnung  des  Jlunzwesens
  ist  die  Feststellung  einer  einfachen  gesetzlichen  Wahrung.
Es  wird  bestimmt,  dass  alle  bedungenen  Zahlungen,  falls  Anderes
nicht  ausdrücklich  stipulirt  ist,  in  den  aus  einem  bestimmten
Metalle  geprägten  Münzen  zu  leisten  und  zu  empfangen  sind.
Münzen  aus  anderem  Metalle  werden  überhaupt  nie  i  gepi  ag  ,
oder  wenn  dies  geschieht,  so  hleiht  es  gänzlich  dem  freien
Verkehre  überlassen,  wie  und  in  welcher  Weise  er  dieselben
liewerthen  will.  Eine  derartige  einheitliche  Währnng  hat  den
grossen  Nachtheil,  dass  je  nach  der  Natur  des  MunzmeWIs
für  den  grossen  oder  kleinen  Verkehr  eine  wesentliche  Eischwernng
  entsteht.  Ist  das  alleinige  Munzmetall  Silbei  odei
vollends  Gold,  so  fehlt  dem  Kleinverkehre  das  gesetzliche
Zahlmittel  und  derselbe  wird  auf  die  Stufe  des  Tauschhandels
herahgedrUngt.  Ein  Beispiel  hiefür  finden  wir  in  England  zur
Zeit  wo  dort  Geld  nur  aus  Silber  geprägt  wurde.  Die  kleinste
Münze  war  der  Silherpfennig,  der  1'42fi  Gramm  wog  und
man  sah  sich  daher  genötliigt,  diese  Pfennigstücke  zu  halbiren
nnd  zu  viertheilen,  und  da  .selbstverständlich  auch  dies  nicht
genügte,  gaben  die  Krämer  auf  eigene  Hand  Knpftrniunzeii
aus,  die,  da  sie  einem  wirklichen  Bedürfnisse  entsprachen  auch
„ein  genommen  wurden.  Ist  dagegen  das  Wiihrungsnieta  1  eines
der  line,Heu,  wie  es  z.  B.  im  vorigen  .labrlmnderte  in  Schweden
und  Russland  das  Kupfer  war,  so  wird  der  grosse  Verkehr
im  höchsten  Grade  behindert,  gleichsam  ohne  gesetzliches  Zahlmittel
  gelassen.  .
Um  auch  diesem  Uebelstande  abznlielten,  ergriffen  die
civilisirten  Staaten  zweierlei  Ansknnttsmittel.  Sie  adoptirten
entweder  einlieitlicbes  AVäbrungsgeld  nnd  prägten  für  (len
Kleinverkehr  ein  Zeichengeld,  die  sogenannte  Scheiilemnnze,
ans  •  oder  aber  sie  versuchten  es,  die  verschiedenen  AVährnngsmetalle
  in  eine  fixe  Werthrelation  zn  einander  zn  bringen,  eine
vielfache  Währung  zn  etabliren.  Letzteres  wurde  nicht  blos
für  die  edlen,  sondern,  nnd  zWar  mit  demselben  Recht,  auch
        <pb n="239" />
        229

für  (lie  unedlen  Metalle  versuclit.  So  bestand  in  Schweden  eine
Zeit  lang  Doppelwährung  für  Kupfer  und  Silber.  In  der  Kegel
aber  ist  unter  vielfacher  Währung  doch  nur  die  Doppelwährung
für  Gold  und  Silber  zu  verstehen.  In  den  Staaten,  wo  diese
besteht,  werden  die  kleinen  Münzen  aus  unedlem  IMetalle  nui
als  Zeichengeld  ausgeprägt,  dessen  Courswerth  nicht  aut  der
Fiction  eines  festen  Werthverhältnisses,  sondern  lediglich  auf
der  gesetzlich  geregelten  Thatsache  beruht,  dass  sie  in  beschränkter ­
  Zahl  von  Jedermann  angenommen  werden.
Bei  der  gemischten  Währung  ist  Gold  und  Silber  tür
sich  allein  das  ausschliessliche  Münzmetall  und  es  werden  daneben
noch  aus  anderen  ]\Ietallen  Geldstücke  von  doppelter  Art  geprägt, ­
  und  zwar  Zeichengeld  für  den  kleinen  Verkehr,  dessen
Werth  blos  auf  der  Kläglichkeit  seiner  Umwechslung  gegen
Währungsgeld  beruht,  und  Handelsmünzen  aus  dem  für  die
Währung  nicht  acceptirten  anderen  Edelmetalle,  deren  Werth
ein  schwankender  ist  und  lediglich  von  den  Klarktverhältnissen  •
abhängt.  Es  steht  dem  selbstverständlich  nicht  gegenüber,
dass  einerseits  auch  Zeichengeld  aus  dem  Währungsmetall
selbst  geschlagen  wird,  welches  dann  eben  unterwerthig  auszuj)rägen
  ist,  und  dass  andererseits  die  Ausprägung  von  Handelsmünzen ­
  gänzlich  unterbleibt.  Je  nachdem  das  Währungsmetall ­
  Gold  oder  Silber  ist,  nennt  man  diese  gemischte  Währung
gemeinhin  Gold-  oder  Silberwährung.  Und  ebenso  wie  bei  der
Herrschaft  der  Silberwährung  Hanilelsmünzen  aus  Gold  und
Scheidemünzen  aus  Silber  geschlagen  werden,  könnten  auch
in  den  Ländern  der  G(ddwälirung  Handelsmünzen  aus  Silber
und  Zeichenmünzen  aus  Gold  geprägt  werden.  Letzteres  geschielit
  aber  thatsächlich  niemals,  und  zwar  aus  dem  Grunde,
weil  das  Bedürfniss  nach  beiden  fehlt.
Bevor  die  Frage  nach  dem  relativ  besten  Klünzsysteme
an  der  Hand  der  theoretischen  und  praktischen  Gründe,  die
für  die  eine  oder  die  andere  Ansicht  geltend  gemacht  weiden,
untersucht  wird,  dürfte  es  von  Vortheil  sein,  einen  geschichtlichen ­
  Rückblick  zu  werfen  auf  die  Wandlungen,  die  sich  von
der  ältesten  Zeit  bis  zur  Gegenwart  im  Werth  Verhältnisse
und  in  der  Geldfunction  der  beiden  Edelmetalle  vollzogen
haben.
Ini  Alterthiime  war  fast  allenthalben  das  Silber  das
        <pb n="240" />
        eigentliche  W  ä  h  r  un  g  s  ni  e  t  a  11  ;  (Toldmiinzen  wurden  entweder
überhaupt  nicht  geprägt  oder  cursirten  doch  zumeist  nur  neben
dem  Silbergelde  zu  ganz  bestimmten  Zwecken,  ln  Jlum  war
antaugs  ganz  unzweifelhaft  die  Silberdrachme  die  IMünzeiuheit
und  die  Goldstatereu  sanken  oder  stiegen  im  Preise  ganz  in  demselben ­
  blasse,  wie  etwa  heute  die  Dukaten  oder  goldenen  Achtgiildeiistücke
  in  Oesterreich.  Herodot  erwähnt  als  ganz  besonderaMerkwürdigkeit,
  dass  die  dem  Perserkönige  unterworfenen
indischen  Völkerschaften  ihren  Tribut  nicht  wie  die  anderen
Nationen  in  Silber,  sondern  in  Gold  entrichteten.  Der  (»rnnd
dieser  lange  Zeit  andauernden  allgemeinen  Herrschatt  des
Silb(‘ig(ddes  ist  ganz  unzweifelhaft  darin  zu  suchen,  dass
das  Gold  damals  ein  allzu  kostbares  und  seltenes  Metall
war,  dass  Goldmünzen,  die  dem  Hedarfc  des  täglichen  Verkehrs ­
  genügt  hätten,  allzu  klein  hätten  ausgeprägt  werden
müssen,  und  dass  demnach  die  Jiücksicht  auf  die  \erkehrsbedürfnisse
  gebieterisch  die  A\'ahl  eines  ^Münzmetalls  forderte,
dessen  Tauschkraft  den  anderen  Waaren  gegenüber  nicht
allzu  gross  war.
Hrst  später  wurden  in  vielen  alten  Staaten  Gold-  und
Silbermünzen  gemischt  in  einem  fixen  Werth  Verhältnisse  ausgeprägt, ­
  d.  h.  eine  Art  Doppelwährung  beliebt.  Nichtsdestoweniger ­
  war  das  wirkliche  Werthverhältniss  von  Gold  und
Silber  nie  und  nirgends  weder  örtlich  noch  zeitlich  stabil.
.Je  nachdem  neue  Fundorte  des  einen  oder  andern  Edelmetalls ­
  erschlossen  wurden  oder  die  Redüifnisse  des  Verkehrs ­
  schwankten,  bekam  man  am  selben  ()rte  für  dieselbe
Gewichtseinheit  Silbers  zu  verschiedenen  Zeiten  grössere  oder
geringere  Gewichtseinheiten  Goldes  und  ebenso  bekam  man
zur  selben  Zeit  an  verschiedenen  Orten  mehr  oder  weniger
Gobi  für  die  Gewichtseinheit  Silber.  Insbesondere  die  Dnterschiede
  in  der  letzten  Richtung  waren  bis  in  die  neueste  Zeit,
wo  die  Indie  Ausbildung  der  Gommunicationsmittel  örtliche
Preisverschiedenheiten  nur  bis  zu  einem  gewissen  Grade  zulässt, ­
  .sehr  häufig  und  intensiv.
Nach  Soetbeer’s  Annahme  war  die  erste  am  allgemeinsten
verbreitete  und,  wie  es  scheint,  von  der  längsten  Dauer  begleitete ­
  Werthrelation  der  Edelmetalle  die  von  1  zu  l.ö'/a-Das
  war  die  Werthrelation  der  persischen  Golddarriken  zu
        <pb n="241" />
        231

den  persischen  Silbersiglos.  Aus  altegyptischen  Inschriften
lässt  sich  eine  ähnliche  Werthrelation  erkennen,  aber  ganz
ebenso  unzweifelhafte  Beweisstücke  sprechen  dafür,  dass  abwechselnd ­
  mit  dieser  Werth  relation  in  den  Staaten  der  altasiatischen
  Cultur  auch  das  Verhältniss  von  13  zu  1,  12  zu  1
und  IIV2  zu  1  sich  lange  Zeit  erhielt.  Geschichtliche  Documente ­
  aus  der  Zeit  vor  Christus  berichten  auch  über  vorübergehende ­
  Werthrelationen  von  10  zu  I  und  von  8  zu  1  ;
sowie  umgekehrt  21-8  v.  dir.  in  Horn  einmal  Goldmünzen  in
(1er  Relation  von  1714  zu  1  geprägt  wurden.  Man  sieht  also
dass  Schwankungen  von  über  UH)  l’ercent  sich  aus  der  ältesten
Zeit  nachweisen  lassen.
Unter  den  römischen  Kaisern  hielt  sich  die  Werthrclation
der  Gold-  und  Silbermünzen  im  Durchschnitte  auf  ungefähr
11  zu  1.  Doch  war  dieselbe  steten  Schwankungen  unterworfen ­
  und  zu  Constantins  Zeiten  galt  14  zu  1  als  das  Normale. ­
  Die  Ursachen  all’  dieser  Veränderungen  waren  wohl
die  nämlichen,  die  auch  heute  die  Preise  der  Edelmetalle  beeinflussen, ­
  nämlich  neue  Funde  reichhaltiger  Silber-  oder  Goldminen, ­
  neu  angeknüpfte  Handelsbeziehungen  mit  Ländern,  die
stärkeren  Begehr  nach  Silber  oder  Gold  hatten,  oder  von  diesen
^Metallen  bedeutende  (Quantitäten  abgeben  konnten.
Im  ganzen  Mittelalter  schwankte  die  Werthrelation  örtlich ­
  und  zeitlich  zwischen  12’  ,  zu  1  und  0  zu  1.  Anhaltspunkte ­
  dafür,  dass  das  Gold  unter  das  Neunfache  des  Silberwerthes
  im  I’reise  gesunken  sei,  sind  uns  nicht  erhalten,  wohl
aber  stieg  sein  Werth,  wenn  auch  nur  vorübergehend,  bis
über  das  Dreizehnfache.  ’)

')  Soetboer  vi'röftentliclit  im  1875er  Dando  von  Mirth’s  .\nnalen  einige  Znsammenstellungen
  über  die  Werthrclation  der  Edelmetalle  nach  englischen  und
deutschen  Quellen.  Er  bemerkt  dabei,  dass  diese  (¿ucllen  mit  einiger  Vorsicht
zu  gebrauchen  seien,  da  nicht  überall  klar  ware,  ob  nicht  in  mancheir  hallen
der  zur  Zeit  angenomiuene  Goldmünzfuss  zu  Finanzoperationen  benützt  wurde.
Unter  diesem  Vorbehalte  ergibt  sich  aus  englischen  Münzverordnungen  von

1104  bis  1404  folgende  Schwankung  der  Werthrelation;

im  Jahre  1104  wie  1  :  O-o
„  „  1256  „1:9.,
„  „  1262  „  1  :  9-,
„  „  1292  „  1  :  l2.i(V)
„  „  1344  „  1  :  110
„  „  1346  „  1  .  11.;

im  Jahre  1352  wie  1  :  ll'.¿
1412  „  1  :  10..,
1422  „  1:12
1465  „  1  :  11.,
1494  „  1:12
        <pb n="242" />
        282  —

Bald  nach  der  Entdeckung  Amerika  s  zeigte  sich  in  ganz
Europa  eine  continuirliche  und  ausgiebige  AVertherhöhung  des
Goldes  dem  Silber  gegenüber.  Als  Grund  dieser  Erscheinung
lässt  sich  hier  schon  mit  aller  Bestimmtheit  die  gewaltige
Silhereinfuhr  aus  dem  neuen  Continente  bezeichnen.  Insbesondere ­
  seit  dem  Jahre  1557,  wo  die  Silbergewinnung  mittelst
Qnecksilberamalgation  in  den  peruanischen  und  mexikanischen
]\Iinen  zur  Anwendung  gebracht  wurde,  begann  ein  mächtiger
Silberstrom  nach  Europa  zu  fluten.  Zwar  nahm  gleichzeitig
auch  die  Goldgewinnung  einen  grösseren  Umfang  an,  aber
sie  wurde  bei  weitem  von  der  Silbergewinnung  übertrotfen.
Man  schätzt  die  in  den  drei  und  ein  halb  Jahrhunderten  von
1500  bis  1848  in  den  Welthandel  gebrachten  Gold(juantitäten
auf  rund  GOOO  ^Millionen  Gulden,  die  Silheivpiantitäten  auf
rund  18500  Millionen  Gulden.  Unter  dem  Einflüsse  dieser  Verhältnisse ­
  stieg  in  England  die  Vierth  relation  des  Goldes  zum
Silber  von  11-80  zu  1  im  Jahre  152(1  auf  14  50  zu  1  im
Jahre  1670;  in  Frankreich  stieg  die  Werth  relation  von  11  70
zu  1  im  Jahre  1561  auf  1540  zu  1  im  Jahre  1680  und
schliesslich  in  Deutschland  (nach  den  Reichsmünzordnungen
und  den  IMünzverordnungen  einzelner  Kreise)  von  11  "88  zu  1
im  Jahre  1524  auf  1511  zu  1  im  Jahre  1660.

Aur  den  Rechnungen  des  deutschen  Ordens  in  Preussen  wurde  nach
vierzigjährigen  Durchschnitten  die  Werthrelation  der  Edelmetalle  folgendermassen
  festgestellt  :
1351—1390  wie  1  :  V¿^  1  1409-1448  wie  1  :  13.,
1369-1405  „  1  :  12.8  '  1455-1494  „  1  :  10.,
1393-1432  „  1  :  12.,  ;  1469-1.508  „  1  :  9.,
El)enso  geben  die  Lübecker  Munzrechnungen  die  Werthrelation  der  Edelmetalle ­
  in  Norddeutschland,  wo,  nebenbei  bemerkt,  zu  Anfang  des  13.  .Tahrhunderts
  der  Sachsenspiegel  das  Pfenniggewicht  Gold  zum  Zehnfachen  des
Pfenniggewichts  Silbers  angesetzt  hatte,  wie  folgt  :

Die  Mark  fein  Gold

im  Jahre  1351  zu

1375  „
1403  „
1411  „
1451  „

69  Gulden  à  10  Schill.
69  „  a  12  „
69  „  à  16  Va  n
69  „  Ä  16  „
69  „  à  21
69  »  à  27  „

Die  Mark  fein  Siibcr  Werthreiation
zu  56  Schill.  1  :  12",
„67  „  1  :  12.,
„  87V,a  .  1  ;  12.,
„92  „  1  '•  12.p
„  123  V@  „  1  •  Ibj
„  160  „  •  1  ;  11.,
        <pb n="243" />
        233

Vom  letzten  Decenniiim  des  17.  Jahrliundertsbis  zum  .Jahre
1H5()  dagegen  zeigten  die  Gold-  und  Silberpreise  eine  verhältnissmässige
  Stabilität.^)  Die  Schwankungen  überragter]  nur  selten
1  Percent,  es  war  also  eine  Epoche  verhältiiissmässiger  Kühe  eingetreten. ­
  Zwar  dauerte  die  Silberzufuhr  aus  Amerika  im  unverminderten, ­
  ja  im  gesteigerten  Masse  fort,  aber  gleichzeitig  hatte
sich  auch  die  Goldzufuhr  wesentlich  gehoben,  und  was  die
Hauptsache  ist,  die  ostasiatischen  Länder  begannen  jetzt  stets
steigende  Quantitäten  Silbers  zu  absorbiren,  so  dass  dem
amerikanischen  Silber  ein  theilweiser  Abfluss  nach  Gstasien
ei'öflhet  war.  Erklärt  wird  dieser  Abfluss  nach  Ostasien
durch  den  Umstand,  dass  die  Werthrelation  der  Edelmetalle
zu  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  in  Japan  0  zu  1,  in  China
10  zu  1  und  in  Ostindien  12  zu  1  war,  und  dass  der  gesteigerte ­
  Consum  ostindischer  Artikel  in  Europa,  dem  damals
noch  kein  irgendwie  nennenswerther  Consum  euro])äischer
Artikel  in  Ostasien  gegenüberstand,  die  jährliche  Ausgleichung
eines  in  der  Bilanz  des  Waarenhandels  sich  ergebenden  Saldos ­
  an  Ostindien  erforderte.

*)  Nach  den  halbwöchentlichen  Notirungen  im  Hamburger  ('oursblatte
berechnet  Soetbeer  die  folgenden  zehnjährigen  Durchschnitte.

Jahr
1687—1690
1691—1700
1701-1710
1711-1720
1721-1730
1731-1740  .
1741-1750
1751—1760
1761-1770
1771-1780
1781—1790
1791—1800
1801-1810
1811-1820
1821-1830
1831—1840
1841-1850.

(ioldpieiB  in
Hamburg  Mk.  Banco
per  Mk.  f.

Hieraus  sich  ergebende
Werthrelation  des  Goldes  zum
Silber

415..  ,  1
415.«
423..  ,
420..  ,
418..  ,
418..  ,
414.3,
405,0
410.00
406.3,
409..  ,
427.3,
433..  ,
430,3
438..  ,
434..  ,
59®/,,  Pence  pr.  Pfund  St.

14-  98
14.  „
15..  ,
15.  „
15-  09
Id-o,
14-  93
14..  9
14..  ,
14.  „
14.,  «
15.  „
15«,
15.3,
15.80
15  s,
15-  83
        <pb n="244" />
        234  —

Mit  dem  Jahre  1848,  insbesondere  jedoch  seit  18ol  trat
abermals  eine  Wendung  in  der  Werthrelation  der  Edelmetalle
ein.  Damals  wurden  zuerst  in  Californien  und  dann  iu  Austialien
  überaus  reichhaltige  lioldlager  entdeckt,  die  sehr  rasch
die  Goldgewinnung,  die  zu  Anfang  des  Jahrhunderts  iur  den
bekannten  Theil  der  Erde  auf  45.000  Pfund  und  1840  noGi
auf  120.000  Pfund  jährlich  geschätzt  wurde,  im  Jahre  18o3
auf  500.000  Pfund  Gewicht  oder  einen  Werth  von  nahezu
350  Millionen  Gulden  hoben,  während  die  gleichzeitige  Silberproduction
  84  Millionen  nicht  überschiitt.  )
Gleichzeitig  aber  erreichten  die  Silberverscliitfungen  nach
Ostasien  früher  ganz  unbekannte  Dimensionen.«)  Auf  die  Ursache ­
  dieser  Erscheinung  wie  überhaupt  der  ostasiatischen
Silberbezüge  soll  noch  zurückgekommen  werden.  Aber  es  ist
klar  dass  der  so  plötzlich  anwachsende  GoldzuÜuss,  verbunden ­
  ’mit  einer  das  Angebot  übersteigenden  Silbernachfrage  für
Ostasien,  eine  Umwälzung  in  den  Preisverhältnissen  der  beiden ­
  edlen  ]4etalle  herbeizuführen  vollständig  geeignet  war.
ln  der  That  sank  die  Werthrelation,  die  1850  1  zu  15*83  gewesen, ­
  um  einige  Bruchtheile  und  zwar  im  Durchschnitte  des

s)  Nach  der  iur  die  französische  Enquête  veranstalteten  Untersnehung  war
die  Gesammtproduction  von  Gold  und  Silber  in  den  Jahren  1816  und  1819  bis

1867  die  folgende;
Gold
Fiai
1846  .  .  214,265.000
1849  .'  .  385,392.000
1850  .  .  432,189.000
1851  .  .  510,644.400
1852  .  .  821,848.700
1853  .  .  868,678.600
..
1855  .  .  757,534.300
1856  .  .  801,923.200
1857  .  .  783,171.600

Silber  I
ieu
197,580.000  1858  .
212,010.000  1859  .
231,990.000  1860  •
223,110.000  1861  .
219,780.000  1862  .
207,570  000  1863  .
210,900.000  1864  .
222,000.000  '  1865  .
225,330.000  1866  .
235,320.000  1867  .

iJold  Silber
Franken
760,461.000  249,750.000
710,736.700  251,970.000
659,465.800  264,180.000
660,672.000  276,390.000
652,069.500  294,150.000
662,392.500  321,900.000
667,295.000  326,340.000
695,082.000  360,750.000
709,704.000  355,200.000
714,007.500  360,750.000

«)  Nach  den  Jahresberichten  der  Londoner  Bouillon  Brokers  betrug  die
Silberausfuhr  von  Europa  nach  Ostasien  per  Ueberlandspost  von  1851  bis  1856
7  754  000  Bfund  Gewicht  im  Werthe  von  rund  352  Millionen  Gulden,  d.  i.  jährlich ­
  1292  Pfund  im  Werthe  von  58*6  Millionen  Gulden,  und  von  1857  bis  186;,
vollends  26,280.000  Pfund  im  Werthe  von  1179  Millionen  Gulden,  d.  i.  jährlich
2,920.000  Pfund  im  Werthe  von  131  Millionen  Gulden.
        <pb n="245" />
        —  235

Jahres  1859  his  auf  1  zu  15*21,  um  sich  dann  bis  zum  Jahre
1867  allmälig  wieder  auf  1  zu  15*57  zu  heben.
Offenbar  entspricht  aber  diese  Veränderung,  die  im  ]\Iaximum
  1  Percent  nicht  erreichte,  den  oben  erwähnten  gewaltig
wirkenden  Ursachen  nur  sehr  unvollkommen.  Kalifornien  und
Australien,  zwei  Länder,  die  früher  als  Goldproducenten  gar
nicht  in  Betracht  gekommen  waren,  hatten  in  dieser  Epoche,
gering  gerechnet,  für  :f5(M&amp;gt;  Millionen  Gulden  neues  Gold  auf
den  Markt  geworfen  und  an  Silber  nahmen  die  ostasiatischen
Länder  mehr  von  den  europäischen  Märkten,  als  die  Gesammtproduction
  von  Jahr  zu  Jahr  betrug.  Dadurch  kam  es,  dass
der  Edelmetallvorrath  der  Länder  abendländischer  Civilisation,
der  184Í*  noch  auf  IJ'  j  Milliarden  Franken  in  Gold  und  20
il  Harden  in  Silber  geschätzt  wurde,  also  aus  58  Percent  in
Silber  und  42  Percent  in  Gold  bestand,  1867  umgekehrt  aus
42*5  Percent  Silber  und  57*5  Percent  Gold  sich  zusammensetzte. ­
  •')

*)  Nach  den  Londoner
folgende  Werthrelation:

.  1851
1852
1853
1854
1855
1856
1857
1858
1859
1860
1861
1862
1863
1864
1865
1866
1867  .  •
Die  tranzö

Silhcrpreisen  ergibt  sich  von  1851  bis  1867
DurcbBchnittspieis  de«
Jahre«  Werthrelation
l’ence  per  Unze  St.

Amerika  s,  wie  folgt

61
m,«
61t,
61'/,
61%
61',
61*,
61%
62
61%
60'%«
61%
61%«
61',
61%
61',«
60"/.,

1

15,«
15.»
15  „
I5.„
15.,  «
15-,,
15.»
15.3«
15..  ,
15«,
15»
15.,  «
15..  ,
15,«
15.,,
15.„
15;,

1849
1850

he  Kn.jnête  schlitzte  den  Kdelmetallvorrath  Europa’«  und
Francs
Oold  Silber  Zunammen
.  .  11.413.259.,  20,075.243.«  34,488.502.«
.  .  14,788.014.,  20,050  910.«  34,838.924«
        <pb n="246" />
        Man  muss  iÜHoimch  Uis^^ien  ampien,  dm  ekie  ßru^iere
Vei'ychiebnngderPreisverhältmssG  xnverliüWi  geeignet  waren,
und  eine  solche  ñndet  sich  denn  thatsäehlich  iin  iranzosisehcui
Münzgesetze  vom  7.  Germinal  des  Jahres  XI  der  l^epuhlik
mit  welchem  dort  die  IJoppelwälirimg  gesetzlich  eingeiuhit
wurde.  Dieses  Gesetz,  welches  bekanntlich  teststellt,  dass
Zahlungen  je  nach  Belieben  in  Gold  oder  Silber  nach  demüxen
AVerthverhältnisse  von  15^/,  zu  1  geleistet  werden  können,
bhdrt  J(Mmnmnn  dm  Mnglh^hkeit,  in  Fiank^imh  ^mmn
ShBœn  dM  Gkd^meh^sCkdd  ^^^n  Smrnr  undnn^^dmhrt  bm
einem  Sinken  des  Silberpreises  Silber  gegen  Gold  auszutauschen.
Um  diese  Operation  durchzutühren,  ist  nichts  weiter  noting,
als  dass  man  das  wohlfeile  Metall  auf  dem  Weltmärkte  kauft,
es  in  der  französischen  ^lünze  ausprägen  lässt,  dm  geprägten
Stücke  gegen  Münzen  aus  dem  theureii  Metall  umwechselt  und
diese  dann  einschmilzt.  Diese  Operation  kann  so  lange  fortrresetzt
  werden,  als  der  V(,rrath  Ifrankreielis  an  ^dünzen  des  im
Preise  gestiegenen  IMetalls  reicht,  und  als  andererseits  dm
französische  IMünzc  die  Ausprägung  des  wohlfeilen  IMetalls  zu
bewältigen  im  Stande  ist.  Der  Münzvorrath  Frankreichs  aber
ist  schwer  zu  erschöpfen,  denn  dieses-  Land  ist  eines  der  geld-^or
  WpU  Seine  Circulation  an  Edelmetallen  ist

1851  .
1852  .
1853  .
1854  .
1855  .
1856  .
1857  .
1858  .
1859  .
1860  .
1861  .
1862  .
1863  .
1864  .
1865  .
1866  .
1867  .

Krancf*
Gold  Silber
15.214.613..  ,  20,017  799.«
16,002.523.«  19,981.555.,
16.810.589.4  19,9,33  267.;,
17.522.210.,  19,888,531  4
18,215.576.^  19,855.423.«
18,950.619.0  19,821.312.«
19.654.319.,  19,640.892.;
20,335.284.«  19,476.716.,
20.962.517.5  19,309.095.«
21,536.361,  19,150.630.,
22.110.893.,  19,001.698.«
22.907.248.,  18,829  322.«
23,020.570.,  18.677.146.5
23,480.058.)  18,517.392.,
23,965.724.«  18,399.238.,
24,535.090.5  18,449.237-,
25,141.312.0  18,628.702.«

ZuHninmen
35.258.413.,
35,984.079.,
36,743.856,
37.410.745.,
38,071.000.,
38,774.932.«
39,295.211.
39,812.001.,
40.271.61.3.,
40,686.991.«
41.112.502.,
41.732.571..  ,
41,697.716«
41.997.541.,
42,364.952.»
42.984.328..  ,
43,770.014.6
        <pb n="247" />
        237

weitaus  grösser  selbst  als  die  Englands  und  wird  von  keinem
der  andern  europäisehen  Staaten'  auch  nur  annähernd  erreicht.
Und  da  überdies  auch  Belgien  und  die  Schweiz,  nachdem  sie
das  Frankensystem  angenommen  hatten,  unter  dem  Einflüsse
der  französischen  Geldverhältnisse  standen,  und  auch  in  den
Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  die  Doppelwährung  —
allerdings  unter  Festhaltung  eines  anderen  Werth  Verhältnisses
—  bestand,  so  war  es  ein  Münzvorrath  von  mindestens  1U  ^Milli ­
  arden  Franken,  aus  dem  die  Edelmetall-Arbitrageure  schöpfen
konnten,  wenn  sie  beim  Austausche  von  Silber  gegen  Gold
ihre  Rechnung  fanden.  So  lange  aber  diese  Umwechslung  des
auf  dem  Weltmärkte  sinkenden  iMetalls  gegen  das  im  Preise
gestiegene  in  Frankreich  möglich  ist,  kann  selbstverständlich
die  Preisdifferenz  der  Beiden  sich  nicht  wesentlich  über  jenen
Betrag  erheben,  der  die  Kosten  einer  derartigen  Umwechslungsoperation ­
  repräsentirt.
Es  zeigt  sich  nun  in  der  That,  dass  Frankreich  und  die
Länder  der  Doppelwährung  es  waren,  die  einen  grossen  Theil
des  Goldstromes  aus  Kalifornien  und  Viktoria  aufgenommen
und  mindestens  die  Hälfte  des  für  Ostasien  erforderlichen  Silbers ­
  abgegeben  hatten.  Auf  diese  Thatsache  leitet  vor  Allem
die  Beobachtung,  dass  die  ]\[ünzausj)rägung  Frankreichs,  die
von  1H()3  bis  1848  blos  1217  Millionen  Franken  in  Gold,  dagegen ­
  rund  3000  Millionen  in  Silber  betragen  hatte,  von  1851
bis  1807  sich  auf  5800  Millionen  Franken  in  Gold  und  blos
auf  383  Millionen  Franken  in  Silber  belief.  Gleichzeitig  weisen
die  französischen  Handelslisten  einen  IMehrimport  in  Gold  von
rund  4  Milliarden  und  einen  ^lehrexport  an  Silber  von  rund
2  ^Milliarden  Franken  aus.  Die  beiden  letzten  Ziffern  sind
jedenfalls  ungenau,  da  bekanntlich  die  Edelmetallbewegung
sich  nur  schwer  controlireu  lässt,  insbesondere  wenn  Diejenigen,
welche  diese  Edelmetallbewegung  hervorgerufen  haben,  wie  im
vorliegemTen  Falle,  ein  lebhaftes  Interesse  besitzen,  sich  nicht
allzu  genau  in  die  Karten  blicken  zu  lassen.  Wahrscheinlich
War  der  thatsächlich  stattgehabte  Zufluss  von  Gold  und  Abfluss ­
  von  Silber  noch  grösser.
In  ähnlicher  Weise  bestand  auch  die  Münzausprägung
in  Nordamerika  zu  jener  Zeit  zu  01  Percent  in  Gold  und
blos  zu  0  Percent  in  Silber.  Es  trat  also  der  vermehrten
        <pb n="248" />
        —  238  —

Golílpi'odiiction  (lie  künstlich  gescliaítene  vermehrte  (xohlnacli-Irage
  der  Düppelwährungsländer  und  der  vermehrten  Silbernachfrage ­
  Ostasiens  das  künstlich  geschaffene  Silberangebot
derselben  Länder  entgegen.  Beides  konnte  zwar  die  Veränderung ­
  der  Werthrelation  nicht  vollständig  paralysiren,  genügte
aber,  um  dieselbe  innerhalb  enger  Grenzen  zu  halten.
Es  unterliegt  jedoch  keinem  Zweifel,  dass  die  Länder  der
Doppelwährung  diese  ausgleichende  Wirkung  nicht  in  alle
Ewigkeit  äussern  konnten  ;  es  musste  noth  wendigerweise  der
Moment  eintreten,  wo  ihr  Silbervorrath  erschÖ2)ft  und  damit
auch  ihre  Aufnahmsfähigkeit  für  Gold  an  ihre  Grenze  gelangt
wäre.  Thatsächlich  begann  es  dort  bereits  nicht  blos  an  den
groben  silbernen  Courantmünzen,  sondern  auch  an  den  als
Scheidemünzen  dienenden  kleinen  Silberstücken  zu  fehlen  und
man  sah  sich  deshalb  in  Frankreich  zu  ernstlichen  Gegenmassregeln
  gezwungen.  In  Nordamerika,  wo  inzwischen  das
Papiergeld  zur  Herrschaft  gelangt  war,  trat  die  Münzfrage
selbstverständlich  in  den  Hintergrund.  Frankreich,  die  Schweiz,
Belgien  und  Italien  aber  schlossen  im  Jahre  1800  die
sogenannte  lateinische  Münzconvention,  die  gegen  das  drohende
Unheil  Abhilfe  schaffen  sollte.  Es  wurden  Zwei-,  Ein-  und  Einhalb-Frankenstücke
  nunmehr  als  Scheidemünze  ausgeprägt,
um  deren  Einschmelzung  zu  verhindern  und  in  solcher  Art
dem  Verkehre  die  noth  wendigen  kleinen  Geldstücke  zu
bewahren.  Da  die  Circulation  im  Uebrigen  bereits  thatsächlich
ans  Goldstücken  bestand,  so  regten  Italien,  Belgien  und  die
Schweiz  die  reine  Goldwährung  an.  Deren  Annahme  scheiterte
jedoch  am  Widerspruche  Frankreichs  und  die  kleineren  Staaten
gaben  nach,  umsomehr  da  die  factische  Goldwährung  gesichert
schien.
Bald  darauf  aber  trat  ein  abermaliger  Umschwung  in
der  Werthrelation  ein,  und  dessen  Wirkungen  wurden  diesmal!
da  weder  die  nordamerikanische  Union,  noch  die  lateinische
Münzconvention  mit  ihren  Edelmetallvorräthen  ausgleichend
dazwischen  traten,  in  ganz  anderer  Weise  fühlbar  als  die  entgegengesetzte
  Umwälzung  des  früheren  Decenniums.  Die  Werthrelation, ­
  im  Jahre  1807  ziemlich  hart  an  der  von  der  lateinischen
Münzconvention  festgesetzten  Grenze  von  löVa  stehend,  hob
        <pb n="249" />
        239

sicli  mit  Ende  des  dalires  1875  auf  15'i)2  %u  1  und  erreichte
in  den  ersten  ]\ronaten  des  Jahres  187(3  voriibergeliend  das
Verliältniss  von  20  zu  IJ)  Die  Ursache  der  Umwälzung  ist
abermals  in  den  veränderten  Productions-Verhältnissen  der
Edelmetalle  und  in  der  Silbernachfrage  für  Dstasien,  dann
aber  in  den  Münzmassregeln  mehrerer  europäischer  Staaten
55U  suchen.  Bis  zum  Jahre  1800  etwa  entfielen  ungefähr  der
gesammten  Silberproduction  der  Erde  auf  Mexico,  Peru,  Bolivia
und  Chili  und  die  Gewinnung  dort  hielt  sich  mit  geringen
Schwankungen  so  ziemlich  auf  gleicher  Höhe.  Zwar  stienschon
  im  vorigen  Decennium  die  Silberausbeute  in  einigen
europäischen  Staaten,  namentlich  in  Spanien  und  Deutschland
verhältnissmässig  ziemlich  bedeutend,  aber  die  absolute  Höhe
der  Production  erreichte  hier  doch  keinen  derartigen  Umfang,
dass  dadurch  die  Productions-Verhältnisse  der  Erde  wesentlicn
alterirt  worden  wären.  Es  hielt  sich  die  Gesammtproduction
im  Mittel  auf  2  ]\lillionen  Pfund  (Gewicht  im  Werthe  von
rund  90  Trillionen  Gulden  im  Jahre.  Von  1870  trat  mit  der
Auffindung  neuer  überaus  reichhaltiger  Silberlager  in  den
westlichen  Theilen  der  Vereinigten  Staaten,  insbesondere  in
Nevada,  ein  neuer  bis  dahin  wenig  beachteter  Producent  auf
den  Weltmarkt.  Die  Production  dieser  Gebiete  hatte  im  Mittel

’)  Nach  (len  .Iahres-,  respccUve  Monatsdurchschnitten  des  Londoner
Silherpreises  herechnot  sich  die  Werthrelation  wie  folgt:

1868
1869
1870
1871
1872
187.3
1874
1875  .Tanuar—.Inni
1875  .Tlili  -  December
1876  Januar
dto.  Februar
dto.  Mar/,
dto.  April
dto.  Mai
dto.  Juni

l)urcb8clinittHiirein
(len  Sil  liera

Wertbrolatlon

60'/,
GO'/,.
59'
58'/,
57'/,,
56%
55"/„
54'/,,
53%
53%
52'/,
51%

15.„
15..  .
15..  0
15.*.
15.„
15.^0
IG,*
IG.»
IG.»
1G.M
17.»
17.»
17.*,
17.«,
18..  .
        <pb n="250" />
        (1er  Sechziger  Jahre  rund  450.000  Pfund  (lewicht  ini  Werthe
von  ungefähr  20  IMillionen  Gulden  betragen.  Die«çlbe
aber  betrug  ini  Jahre  1870  750.000  Pfund  im  Werthe  von
iVò^lt  Millionen  und  stieg  im  Jahre  1875  annähernd  auf
2,700.000  Pfund  im  Werthe  von  120  Millionen  Gulden.  Durch
diesen  neuen  Zufluss  ist  die  gesanimte  Silberproduction  auf
ungefähr  d,000.000  Pfund  im  Werthe  von  102  Millionen  Gulden
gestiegen,  hat  sich  also  um  mehr  als  80  Percent  gegen  das
vorige  Decennium  vermehrt,  während  gleichzeitig  die  Goldgewinnung ­
  von  rund  240  Millionen  Gulden  gegen  Ende  des
vorigen  Decenniums  auf  190  Millionen  Gulden  im  IMittel  der
letzten  Jahre  sank.  Während  also  im  Decennium  1851  —18()0
die  (Goldgewinnung  auf  75  9  Percent  und  die  Silbergewinnung
auf  24'1  Percent  und  im  Decennium  1801—1870  die  erstere
noch  immer  auf  07‘4  Percent,  die  zweite  auf  J2'0  Percent  veranschlagt ­
  wurde,  schätzt  Soetbeer  für  die  4  Jahre  1871  18  &amp;lt;4
die  Gold])roduction  nur  mehr  auf  50  Percent  gegen  44  Percent
Silbergewinnung  und  für  1875  dürfte  sich  das  Verhältniss
vollends  auf  54  Percent  zu  40  Percent  stellen.
Mit  dieser  Verminderung  des  Angebotes  für  Gold  und
der  Vermehrung  desselben  für  Silber  ging  aber  Hand  in  Hand
einerseits  eine  Verminderung  der  Nachfrage  für  Silber,  anderseits ­
  eine  Steigerung  der  Goldnachfrage.  Als  hauptsächlicher ­
  Grund  der  verminderten  Silbernachfrage  wurde  bereifs
die  Veränderung  im  Silberbedarfe  üstasiens  angedeutet.
Während  nämlich,  wie  früher  gezeigt  worden  ist,  die  Verschiffung ­
  per  Ueberlandpost  in  den  Jahren  1857—1805  durchschnittlich ­
  2,920.000  Pfund  im  Werthe  von  Ul  IMillionen
Gulden  betrug,  also  um  ungefähr  900.000  Pfund  mehr  als  die
damalige  durchschnittliche  Silberproduction,  sank  im  Decennium
18GÜ—1875  die  durchschnittliche  Verschiffung  auf  1,000.000
Pfund  im  Werthe  von  47^4  IMiHionen  Gulden,  d.  i.  um  ungefähr ­
  2  ]\Iillionen  Pfund  Gewicht  unter  die  durchschnittliche
Gewinnung  dieses  Decenniums  und  um  2’/»  Millionen  Pfund
unter  die  Gewinnung  des  letzten  .Jahres.  Zur  selben  Zeit  verminderte ­
  sich  aber  auch  der  ^lünzbedarf  Europa’s  an  Silber,
ja  mau  kann  sagen,  dass  hier  die  Silberausprägungen  bis  auf
veihältnissmässig  sehr  geringe  Beträge  ganz  eingesfellf  wurden.
Zwei  der  grössten  Staaten  mit  Silberwährung,  Oesterreich  und
        <pb n="251" />
        241

Russland,  hatten  in  Folge  der  Papierwirthschaft  schon  längst
aufgehört  für  die  Edelmetall-Märkte  massgebend  zu  sein.  Deutschland,
  welches  früher  zu  seinen  Circulations-Zwecken  jährlich
(lern  Edelmetall-Markt  bedeutende  Silberquantitäten  entnommen
hatte,  ging  zur  Goldwährung  über  und  stellte  damit  selbstverständlich ­
  die  Silberausprägung  ein  ;  ebenso  aber  restringirte!!
die  Staaten  der  lateinischen  Münzconvention,  und  nicht  minder
Nordamerika,  also  die  Länder  der  Doppelwährung,  ihre  Silberausprägung. ­
  Zwar  im  Jahre  1808—1878  wurden  noch  in
Paris,  Brüssel  und  Mailand  ungefähr  00(1  Millionen  Francs
Silber  geprägt,  indem  bei  dem  eintretenden  Sinken  des  Silberpreises ­
  unter  den  sogenannten  Paristand  der  lateinischen
Werthrelation  die  Arbitrage,  gleichwie  sie  früher  Silber  gegen
(irold  eingetauscht  hatte,  nunmehr  den  Versuch*  machte,  das
tlieuer  gewordene  Gold  gegen  Silber  aus  diesen  Ländern  herauszuziehen. ­
  So  lange  dies  möglich  war,  hielt  sich  in  der  That
der  Rückgang  des  Silberpreises  in  mässiger  (Grenze  ;  aber  die
Regierungen  des  lateinischen  Münzbundes  erkannten  gar  bald,
dass  die  Arbitrage  ihr  gesammtes  Circulationsgebiet  nur  zu
rasch  allen  Goldes  berauben  würde,  wenn  ihrem  Treiben  kein
Riegel  vorgeschoben  würde.  Sie  hatten  sich  ein  Deeennium
zuvor  die  Umwechslung  ihrer  schweren  Fünffrankenthaler
gegen  die  goldenen  Zwanzigfrankenstücke  gefallen  lassen,
trotzdem  sie  auch  bei  dieser  IManipulation  sich  dessen  wohl
bewusst  waren,  dass  sie  unter  dem  Zwange  eines  verfehlten
Gesetzes  eine  werthlosere  Waare  gegen  eine  werthvollere  erhielten ­
  ;  sie  duldeten  dies  aus  dem  (rrunde,  weil  das  Publicum
die  Goldcirculation  als  eine  wesentliche  Erleichterung  empfand
und  die  unhandlichen  unbequemen  Silberstücke  auch  mit  Verlust ­
  gerne  verschwinden  sah.  Aber  sie  konnten  diesmal  nnmöglich
  ruhig  Zusehen,  wie  es  die  Arbitrage  unternahm,  nunmehr
An  die  Stelle  des  bequemen  Goldstückes,  an  das  sich  der  Verkehr ­
  gewöhnt  hatte,  wieder  die  plumpen  Ecus  zu  setzen.  Um
dem  vorzubeugen,  gab  es  kein  anderes  Mittel,  als  entweder
den  gesetzlichen  Uebergang  zur  alleinigen  (-ioldwährung  und
die  gänzliche  Sistirung  der  Silberauspräguug,  oder  als  Palliativmittel
  die  Einschränkung  dieser  letzteren.  Es  wurde  das
letztere  gewählt,  und  von  Jahr  zu  Jahr  für  die  Silberausprägung ­
  ein  Maximalbetrag  bestimmt,  der  für  die  fünf  Staaten
Ur.  Th.  Hertzka,  Währung  und  Handel.  20
        <pb n="252" />
        242

?

des  Mnnzbimdes  im  Jahre  1S74  120  JMilHonen  Francs,  1875
150  Millionen  Francs  und  1870  129  Millionen  Franes  betrug.«)
Zu  all’  dem  trat  dann  noch  die  Goldnaclitrage  und  das
Silberangebot  Deutschlands,  in  ihren  Wirkungen  gesteigert
durch  die  Perspective  auf  ähnliche  IMassregeln  jener  anderen
Staaten,  die  sich  gleich  Deutscdiland  zum  Uebergange  zur
Goldwährung  entschlossen  haben,  dieselbe  thedweise  thatsaeh-Uch
  schon  in  Angriff  nahmen  oder  demnächst  in  Angriff
nehmen  werden,  Deutschland  allein  hat  200  bis  2;)0  Millionen
Thaler  Silber  verkauft  oder  noch  zu  verkauieu.  Annähernd
die  Hälfte  dieses  Betrages  dürfte  das  Silber  ausmachen,  dessen
sich  Holland,  Schweden,  Norwegen  und  Dänemark  zu  entledigen ­
  haben;  für  alle  Fälle  werden  die  aut*  diese  letztere
Weise  frei  werdenden  Silberbeträge  zum  mindesten  tür  ein
Decennium  genügen,  um  die  Münzstätten  der  lateinischen
Staaten,  selbst  in  dem  Falle,  wenn  diese  den  radiealen  Ihmch
mit  dem  herrschenden  Systeme  verzögern  solltmi,  voilant  zu
speisen,  so  dass  die  gesammte  Silberproduction  der  Fr  de  tür
Ostasien  und  für  die  verschiedenen  Industriezwciîke  1  rei  ver
fügbar  erscheint  und  naturgemäss  durch  die  Wucht  ihrer
rie'sig  angewachsenen  Menge  die  Preise  im  hohen  Grade
drücken  muss.
Ob  unter  so  bewandten  Verhältnissen  vorerst  ein
ferneres  Sinken  des  Silberpreises  zu  erwarten  ist  oder  nicht,
und  wovon  die  Beantwortung  dieser  Frage  in  erster  Reihe
abhängig  werden  dürfte,  soll  siiäterhin  untersucht  werden.
Vorerst  möge  in  Kürze  dargelegt  werden,  wie  sieh  unter  dem
Einflusse  dieser  steten  Veränderungen  in  der  Werthrelafion
der  Edelmetalle  die  modernen  (%eldsysteme  im  gesehichtliehen
Verlaufe  gestalteten.
®)  Auf  die  einzelnen  Staaten  vertheilt  sich  dieses  Contingent  wie  folgt;
1874  1875
Millionen  Kr
Frankreich  ....  GO  75
Italien  dü  50
Belgien  1%  15
Schweiz  8  10
Griechenland  ....  —  —
Zusammen  .  120  150  129.

1870
54
45
10.«
7.,
12
        <pb n="253" />
        243

10*

ln  England  bestand  vom  Jahre  1275  bis  zum  Jahre
1&amp;lt;)&amp;lt;)4  die  Dopi^elwälirung,  in  der  Art,  dass  von  Zeit  zu  Zeit
das  AVerthverliältniss  der  in  Silber  ausgeprägten  Schillinge
zu  den  in  (xold  geprägten  Guineen  gesetzlich  geregelt  wurde.
Doch  waren  dabei  die  englischen  Gesetzgeber  jener  Zeit  niemals ­
  von  der  Absicht  beherrscht,  ein  bestimmtes  Werthverh.iltuiss
  festhalten  zu  wollen  j  ibi  e  Absicdit  ging  vielmehr
dahin,  die  auf  dem  Edelmetallmarkte  thatsächlich  vorhandene
delation  richtig  zu  erfassen  und  in  gesetzliche  Normen  zu
l)iiiigen.  Dass  sie  dies  thaten,  hatte  seinen  Grund  ganz  ausschliesslich ­
  in  dem  praktischen  Bedürfnisse  des  englischen
Vei  kehrs  nach  (?oldmünzen  und  in  der  Erkenntniss,  dass  es
eine  grosse  Erleichterung  sei,  wenn  Zahlungen  ohne  weitläuiige
  und  schwierige  Umrechnungen  gleichmässig  in  beiden
Edelmetallen  geleistet  werden  können.  Da  mithin  das  eigentliche ­
  Princip  der  Doppelwährung  in  England  nicht  verfolgl
wurde,  dieses  Geldsystem  gleichsam  blos  von  Fall  zu  Fall
und  auf  Kündigung  etablirt  wurde,  so  schlief  zwischen  Idb4
und  1717  die  Doppelwährung  von  selbst  wieder  ein,  indem
ganz  einlach  keine  neue  Feststellung  der  Werthrelation  erfolgte, ­
  der  Werth  des  Silbers  aber  inzwischen  derart  gesunken
war,  dass  die  alten  Feststellungen  nicht  mehr  Geltung  beluilten
  konnten,  die  Guineen  damit  zur  Handelsmünze  wurden.
Es  bestand  also  wieder  die  alte  einfache  Silberwährung.  1717
wurde  aber  .auf  den  Rath  des  damaligen  königlichen  Münzuieiaters
  Sir  Isaac  Newton  wieder  zur  Doppelwährung  zurückgegriffen.
  Man  setzte  den  Werth  der  Guinee  auf  21  Schillinge
überschätzte  aber  damit  den  Werth  des  Goldes  um  ungefähr ­
  1  V2  Percent,  und  die  Folge  davon  war,  dass  sich  nunuielir
  sehr  rasch  eine  tactische  Goldwährung  in  England
(  ta  bl  irte.  Die  vollwichtigen  Silbermünzen  wunderten  aus,  die
Guinee  wurde  thatsächlich  alleinige  Zahlungsmünze  Englands.
Dn  Jahre  ISUo  schrieb  Lord  Liverpool  seine  berühmte  „Abl'andlung
  über  die  Idünzen  des  Königreichs,  ein  Brief  an  die
Königin".  Er  empfahl  darin  die  Annahme  der  einfachen  gemischten
\Väbrung  unter  Zugrundelegung  des  (K)ldes  als  alleinigen
*  Binzmetalls.  Im  Jahre  l.Slö  wurden  seine  Vorschläge  angeklommen
  und  seitdem  besitzt  England  ununterbrochen  die  reine
f^üld  Währung.
        <pb n="254" />
        244

ln  Frankreich  bestand  bis  znm  Jahre  180J  die  Silberwährnng.
  Durch  das  Gesetz  vom  7.  Germinal  des  Jahres  XT
der  Republik  wurde  die  Doppelwährung  eingeführt,  nnd  zwar
unter  Festhaltung  der  Werthrelatiou  zwischen  Gold  und
Silber  von  15^2  1.  Dem  ursprünglichen  Begründer  des
Systems  in  Frankreich,  Gaudin,  schwebte  allerdings  der  Gedanke ­
  vor,  diese  Werthrelation,  wie  sie  damals  dem  Ätarktverhältnisse
  entsprach,  ähnlich  den  alten  englischen  Gesetzgebern,
von  Fall  zu  Fall  zu  verändern,  wenn  nämlich  die  IMarktrelation
  dies  erfordern  würde.  —  Die  französische  Gesetzgebung ­
  hat  aber  diese  Absicht  fallen  gelassen,  sie  betrachtete
die  Werthrelation  als  etwas  unabänderlich  Feststehendes.  Tn
Folge  davon  fanden  wiederholt  schon  Auswanderungen  des
einen  oder  andern  auf  dem  Edelmetallmarkte  über  die  gesetzliche ­
  Werthrelatiou  hinaus  gestiegenen  ]\Tetalls  statt,  und  zwar
geschah  dies  bis  zum  Jahre  ISbO  mit  den  Goldmünzen.  Diese
wurden  schliesslich  in  Frankreich  beinahe  gar  nicht  geprägt
und  mussten  in  der  Regel  mit  einem  Agio  bezahlt  werden  ;
sie  waren  zu  ITandelsmünzen  degradirt  und  damit  bestand  dort
trotz  des  loi  du  7.  Germinal  XT  facti  sch  die  Silberwährung.
Zwischen  1850  und  18(17  strömten  wieder  die  Silberstücke
ab,  so  dass  die  Währung  sich  zu  einer  factisehen  Goldwährung ­
  umgestaltete.  Gegenwärtig  wird  das  abermalige
Abströmen  der  Goldmünzen  nur  durch  Thnschränkung  der
Silberaus])rägungen  sowohl,  als  durch  die  Sus])ension  der
Daarzahlungen  seitens  der  französischen  Bank  verhindert.
*■  Die  Schweiz  hatte  bis  zum  ]\Iünzbunde  mit  Frankreich
die  reine  Silberwährung.  Durch  den  Tim  stand  jedoch,  dass
dort  die  Ausprägung  des  Silbergeldes  in  Folge  des  Gesetzes
vom  7.  Mai  1850  nach  dem  französischen  Francfusse  erfolgte
und  sich  dadurch  eine  Art  thatsächlieher  Münzeinheit  zwischen
beiden  Däudern  etablirte,  wurde  die  Schweiz,  als  die  Goldeiuwanderungen
  nach  Frankreich  grössere  Dimensionen  annahmen,
  gleichfalls  mit  den  französischen  Goldstücken  überschwemmt, ­
  im  Jahre  1800  zu  gesetzlicher  Zulassung  dieser
Münze  gedrängt  und  gehört  heute  dem  lateinischen  IMünzbunde
  an.
ln  Belgien  wurde  im  Jahre  18J2  das  französische  Münzsystem ­
  angenommen,  jedoch  um  die  Girculatiou  des  Goldes  zu
        <pb n="255" />
        245  —

ermöglichen,  im  Jahre  1S47  die  Werthrelation  auf  1  zu  15  81
feHtge.stcllt.  Als  aber  bald  darauf  das  rapide  Sinken  des
(iüldwerthes  eintrat,  wurde  die  Prägung  von  Goldmünzen
sistirt  und  die  reine  Silberwährung  wieder  eingeführt.  Die
französischen  Zwanzig-Francsstücke  sollten  blos  zu  ihrem
Marktwerthe  circuliren  ;  aber  im  Verkehre  machte  sich  die
Nothwendigkeit  möglichst  ungehinderten  Münzverkehrs  mit
Frankreich  in  so  zwingender  V  eise  geltend,  dass  schliesslich
im  Jahre  1801  das  französische  System  der  Doppelwährung
vollständig  acceptirt  wurde,  dessen  Consequenzen  seither  das
Irnnd  in  ähnlicher  Weise  zu  tragen  hat,  wie  die  anderen  Gebiete, ­
  die  nachträglich  noch  demselben  Systeme  beigetreten
sind.  Zum  lateinischen  Münzbunde  gehören  jetzt  nächst  Frankreich, ­
  der  Schweiz  und  Belgien  noch  Italien,  Griechenland,
Spanien  und  Rumänien.  In  Amerika  haben  Peru,  Neugranada
und  Ecuador  die  Doppelwährung.
Die  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  besassen  noch
zur  Zeit  des  Secessionskrieges  die  Doppelwährung,  und  zwar
nach  dem  Münzgesetze  vom  Jahre  1807  mit  der  Werthrelation
von  1  zu  15'988.  Als  demzufolge  nach  Entdeckung  der  australischen ­
  Goldfelder  das  Silber  abzuströmen  begann,  veränderte
man  im  Jahre  1850  den  Münzfuss  der  kleinen  Silbermünzen
nach  der  Werthrelation  von  1  zu  14'88,  legte  diesen  den  Charakter ­
  von  Scheidemünzen  bei  und  stellte  die  Prägung  der
Silbercourantmünzen  gänzlich  ein.  Damit  war,  wenn  auch
nicht  gesetzlich,  so  doch  thatsächlich  die  Goldwährung  eingeführt. ­
  Doch  hätte  immerhin  für  den  Fall,  als  Gold  dereinst
bis  zur  Werthrelation  von  1  zu  15'988  steigen  sollte,  die
Doppelwährung  wieder  factisch  in’s  Leben  treten  können.  Inzwischen ­
  brach  der  Secessionskrieg  und  mit  ihm  die  Indation
herein,  und  als  die  nordamerikanische  Gesetzgebung  daran
ging,  die  Valuta  zu  regeln,  war  die  Zeit  der  Doppelwährung
vorbei,  und  der  Congress  entschied  sich  fíir  die  Goldwährung.
In  den  Niederlanden  bestand  bis  zum  Jahre  1825  die
Silberwährung,  von  da  an  die  Doppelwährung  nach  der  gesetzlichen ­
  Relation  von  1  zu  15870.  Dies  hatte  zur  Folge,  dass
die  groben  Silbermünzen  sehr  rasch  aus  dem  Verkehre  gedrängt
wurden  ,  trotzdem  die  Ausmünzung  des  Goldes  nur  von  Staatswegen ­
  erfolgte  und  für  Private  nicht  geübt  wurde.  Man  er-
        <pb n="256" />
        246  —

kannte  die  Notliwendigkeit,  von  der  Doppelwährung  ahzugehen,
und  im  Jahre  1847  wurde  nach  hartem  Kampfe  zwischen  den
Anhängern  der  Gold-  und  Silberwährung  von  der  Kammer  mit
2  Stimmen  Majorität  die  letztere  aceeptirt.  Mit  der  Frage
der  nachträglich  eingetretenen  weitergehenden  Entwerthiing
des  Goldes  hatte  diese  Münzmassregel  nichts  zu  tlmn,  jedenfalls ­
  aber  ist  es  ein  Irrthum,  wenn,  wie  es  häutig  geschieht,
behauptet  wird,  Holland  wäre  damals  von  der  Goldwährung
zur  Silberwährung  übergegangen.  Es  wurde  ganz  einfach  die
Doppelwährung  mit  der  einheitlichen  Währung  vertauscht,
und  dass  man  als  Basis  der  letzteren  damals  das  Silber  wählte,
wurde  hauptsächlich  damit  begründet,  dass  bei  den  Schwankungen ­
  der  Werthrelation  der  beiden  Edelmetalle  der  Silberpreis ­
  denn  doch  das  bleibendere  sei,  u.  z.  aus  dem  Grunde,  weil
der  Silbervorrath  der  Welt  grösser  sei,  als  der  Goldvorrath.
Es  hat  sich  dies  inzwischen  geändert  und  die  Niederlande  entschlossen ­
  sich,  als  die  Scliwankungen  des  Silberpreises  stets
grössere  Dimensionen  annahmen,  im  Jahre  1875  zum  Ueber-'
  gange  von  der  Silber-  zur  Goldwährung.  Der  Verlust  der
niederländischen  Staatseasse  bei  Durchführung  der  im  Jahre  1850
abgeschlossenen  Münzveränderung  betrug  1,0(51.125  il.  (nicht
wie  irrthümlich  gar  häutig  behauptet  wird  10  Millionen
Gulden);  der  Verlust  bei  der  nunmehr  beschlossenen  Münz
Veränderung  wird  jedenfalls  viel  grösser  sein  ,  denn  die  idenge
der  jetzt  einzulösenden  Münzen  ist  grösser  als  jene  rund
50  Millionen  Gulden,  die  vor  einem  Viei'tcljahrhundert  an  den
Staaf^cassen  präsentirt  wurden,  und  auch  der  Fei  centsatz
des  Verlustes  wird  namhaft  höher  auslallen.
ln  Deutschland  beschäftigte  man  sich  schon  seit  dem  Jabi-e
1850  sehr  ernsthaft  mit  der  Münzreform.  Die  Bestrebungen  waren
jedoch  vorläutig  in  erster  Linie  darauf  gerichtet,  die  nach
verschiedenartigem  Münzfusse  ausgeprägten  Silbercourantstücke ­
  der  einzelnen  Staaten  auf  einheitliches  System  zurückzuführen. ­
  Der  Gedanke  eines  Ueberganges  zur  Goldwährung
wurde  für  Deutschland  zuerst  von  Oesterreich  angeregt,  u.  z.
auf  der  im  November  1854  in  Wien  zusammengetretenen
idünzconferenz  ,  an  welcher  Bevollmächtigte  Oesterreichs,
Preussens,  Baierns,  Hannovers  und  Frankfurts  thcilnahmen.
Die  österreichischen  Bevollmächtigten  schlugen  eine  Münz-
        <pb n="257" />
        247

einigung  mit  Deutschland  vor  und  beantragten  ferner  mit
Rücksicht  darauf,  dass  die  grössten  Handelsstaaten  Europa’s
thatsäehlich  die  Doldwahrung  besassen,  die  Annahme  dieser
letzteren  als  Grundlage  der  Münzeinigung.  Die  anderen  Bevollmächtigten ­
  widersetzten  sich  jedoch  diesen  Vorschlägen,
und  als  die  Conferenzen  im  Jahre  1856  wieder  aufgenommen
wurden,  war  die  Beibehaltung  der  Silberwährung  bereits  entschieden. ­
  Es  wurde  aber  trotzdem  die  Ausprägung  einer  einheitlichen ­
  Handelsmünze  in  Gold  beschlossen,  und  so  enthalten
denn  die  Artikel  18,  10,  20  und  21  des  Wiener  Münzvertrages ­
  vom  24.  dänner  1857  die  Bestimmungen  über  die  Ausprägung ­
  der  Ivronen  und  halben  Eronen  in  den  Staaten  des
Münzvereins.  Ausdrücklich  wurde  dabei  stipulirt,  dass  diese
Vereinsgoldmünze  in  keinem  Staate  als  Währungsgeld  zugelassen ­
  werden  dürfe;  sollte  einer  der  Vereinsstaaten  die
Krone  nach  einem  vorausbestimmten  Course  bei  seinen  Cassen
zulassen,  so  dürfe  sich  diese  Vorausbestimmung  höchstens  auf
die  Dauer  von  0  Monaten  erstrecken  und  der  Cassencours  nicht
höher  sein  als  der  Durchschnitt  des  amtlichen  Börsencourses
in  den  vorausgegangenen  0  Monaten.  Wo  für  ältere  Goldmünzen ­
  ein  unabänderlicher  Cassencours  bereits  festgesetzt
war,  sollten  diese  Goldmünzen  allmälig  aus  dem  Verkehre
gezogen  werden.  Fremde  Goldmünzen  durften  zwar  angenommen ­
  werden,  jedoch  nur  zu  einem  Werthe,  der  wenigstens
um  Va  Bercent  unter  dem  inneren  Gehalte  steht.  Auf  dem
ersten  deutschen  Handelstage  im  Jahre  1861  fand  aber  die
Goldwährung  bereits  zahlreiche  Vertreter,  und  seither  gewann
dieselbe  so  sehr  an  Anhang,  dass  nach  Constituirung  des
deutschen  Reiches  das  nunmehr  praktisch  in  die  Hand  genommene ­
  Werk  der  Münzeinigung  beinahe  ohne  Widerspruch  auf
Rasis  der  Goldwährung  durchgeführt  werden  konnte.  Im  Gesetze ­
  vom  4.  April  1871  wurde  die  Goldmark  als  deutsche
Währungsmünze  acceptirt.  Von  den  Schwierigkeiten,  welche
die  Durchführung  der  deutschen  ^lünzreform  zu  bestehen  hatte
und  von  der  Rückwirkung  dieser  Massregel  auf  die  Münzverhältnisse ­
  der  ganzen  Welt  soll  noch  eingehender  gehandelt
werden.
ln  Gesterreich-Ungarn  wurde  seit  den  Wiener  Münzverhandlungen ­
  der  Gedanke  des  Ueherganges  zur  Goldwährung
        <pb n="258" />
        —  248  —

nicht  fallen  gelassen.  Der  Desetzartikel  1(1  vom  Jahre  1867
bestimmt  in  seinem  12.  Art.  unter  Berufung  auf  den  Pariser
iMünzvertrag,  dass  den  Legislativen  Oesterreichs  und  Ungarns
je  früher  gleichartige  Gesetzesvorlagen  über  die  Einführung
der  Goldwährung  vorgelegt  werden  sollen.  Im  Jahre  1870
wurden  die  sogenannten  „Aclitguldenstücke“  gleich  20  hiancs
an  die  Stelle  der  Kronen  gesetzt,  doch  nur  als  Handelsmünze,
  deren  Werthbestimmung  ausdrücklich  dem  freien
Verkehr  überlassen  blieb.  Der  Cassencours  dieser  neuen
Münzen  sollte  von  Fall  zu,Fall  ähnlich  dem  der  Kronen,  je
nach  den  Schwankungen  des  Courswerthes  bestimmt  werden,
was  denn  in  der  That  seither  bei  den  Gassen  der  Telegraphenämter, ­
  welche  diese  :Münzsorten  anzunehmen  in  die  Lage
kommen,  allmonatlich  geschehen  ist.  ®)

«)  Nach  Welttheilen  geordnet,  stellen  sich  die  Münz  Verhältnisse  der  verschiedenen ­
  Länder  wie  folgt  dar.  Es  besteht  ;

ln  Europa

j  Goldwährung

Doppelwährung

Sillierwährung

1
!  England,
Deutschland,
Niederlande,
Schweden,
Norwegen,
Dänemark,
Portugal.

D  .
Frankreich,
Belgien,
Schweiz,
Italien  (Papier),
Spanien,
Griechenland,
Rumänien,
Türkei  (1:15.,),
Finnland.

in
Russland  (Papier),
Oesterreich  (Papier),
Serbien  (fremde  Münzen).
1
1

In  Amerika

Goldwährung  |  Doppelwährung

Silberwährung

in
Vereinigte  Staaten,
Canada,
Cuba  (Papier),
Brasilien  (Papier),
Argent.  Republik.

in
Chile  (1  ;  16.3o„J,
Vereinigte  Staaten  von
Mittelamerika,
Ecuador,
Neugranada,
Peru,
Bolivia.

in
Mexico,
Uruguay  (Papier),
Haiti,
Domingo  (Papier).
        <pb n="259" />
        —  249  —

g

Goldwährung

Persien,
Japan  (?).

Goldwährung

In  Asien

Doppelwährung

ln  Afrika

Doppelwährung

Aegypten  (1  :
Algier,

Britische  Colonieii.
In  Australien  endlich  herrscht  die  Goldwährung.

Silberwährung

in
Indien
China
Siam.

bilberwährung

in
Tunis,
Abessinien.
        <pb n="260" />
        TT.  Capitel.

Silber-  und  Goldwährung:.
Nachdem  im  vorigen  Capitel  die  historische  Kiitwicklung
der  Miinzziistiiiide  in  den  civilisirten  Staaten  geschildert  wurde,
handelt  es  sich  nni  die  Entscheidung  der  Frage,  welche  ]\Iiinz
Verfassung  die  relativ  beste  sei,  welches.  Geld  den  Anforderungen ­
  des  Verkehrs  von  Fall  zu  Fall  am  besten  entspreche.
Um  diese  Frage  zu  entscheiden,  muss  man  sich  den  Zweck
des  Geldes  vergegenwärtigen.  Dieser  besteht  darin,  dem  Verkehre ­
  einen  Werthmesser  zu  geben,  der  möglichst  unveränderlich ­
  durch  längere  Zeit  die  nämliche  Kaufkraft  behält  und  der
überdies  in  denkbar  bequemster  handlicher  Form  die  Geschäfte
vermittelt.  In  allen  Beziehungen  bieten  hier  die  Edelmetalle
Gold  und  Silber  vor  den  anderen  bekannten  Gütern  so  viele
und  so  Ausserordentliche  Vortheile,  dass  die  Wahl  nur  zwischen
diesen  beiden  schwebt.  Vermöge  ihrer  Unzerstörbarkeit  hat
sich  in  ihnen  die  Arbeit  vergangener  Jahrhunderte  und  Jahrtausende ­
  vollständiger  aufgestapelt,  als  in  irgend  einem  andern
St(jiïe  so  dass  im  Vergleiche  zu  dem  vorhandenen  Vorrathe
die  laufende  Broduction,  sie  mag  noch  so  gross  sein,  verhältnissmässig
  doch  nur  wenig  in’s  Gewicht  fällt.  Dies  sichert
die  relative  Stabilität  ihres  Preises,  obwohl  es  ganz  unzweifclhaft
  ist,  dass  gerade  wegen  dieser  unnnterbrochenen  Aufstapelung ­
  ihr  Tauschwerth  im  Vergleiche  zu  allen  anderen  Gütern,
die  sich  mehr  oder  minder  rasch  abnützen  und  stets  neu  erzeugt
werden  müssen,  in  einem  continuirliclien  säeularen  Sinken  be-
        <pb n="261" />
        251

griflPen  ist.  Zugleich  ist  aber  dieser  Werth  noch  immer  so  hoch
geblieben,  dass  in  einer  verhältnissmässig  geringen  ]\Ienge
Kdelmetalles  doch  eine  sehr  bedeutende  Tauschkraft  steckt
und  dieses  also  auch  heute  noch  ein  höchst  bequemes  Zahlmittel ­
  ist.  Aber  hier  darf  nicht  verkannt  werden,  dass  in
letzterer  Beziehung  die  Eignung  der  Edelmetalle  zu  Geldzwecken ­
  eine  Einbusse  erlitten  hat.  Vor  einem  halben  Jahrtausende ­
  noch  Hess  sich  kaum  ein  im  praktischen  Verkehre
vor  kommendes  Geschäft  denken,  welches  durch  Vermittlung
des  Metallgeldes  nicht  in  einfachster  und  bequemster  Weise
hätte  beglichen  werden  können.  Es  gab  Wenige,  deren  Vermögen ­
  dem  Werthe  eines  Centners  Gold  gleichgekommen  wäre  ;
es  konnte  also  Jedermann,  wenn  es  ihm  beliebte,  sein  gesammtes
  Um  und  Auf  in  Goldform  leicht  bewahren,  ja  bequem
bei  sich  tragen  und  jedenfalls  ohne  Belästigung  mit  Silber
oder  schlimmstenfalls  mit  Gold  die  umfangreichsten  Transactionen ­
  vollführen.  Es  ist  dies  heute  durchaus  anders  geworden. ­
  Bie  Kaufkraft  der  Edelmetalle  ist  derart  gesunken,
dass  die  Transactionen  im  grossen  Verkehre  sehr  oft  den  Umsatz ­
  von  vielen  Centnern  Goldes,  und  selbst  im  kleinen  Verkehre ­
  den  Umsatz  von  Centnern  Silbers  erfordern.  Ihr  Vermögen
in  Edelmetallform  mit  sich  zu  führen,  ist  heute  nur  den  Minderbemittelten ­
  möglich,  kurz  die  Edelmetalle  sind  als  Instrumente
des  Verkehrs  so  schwerfällig  geworden,  dass  sie  nicht  mehr
allen  Bedürfnissen  desselben  entsprechen,  ln  wie  weit  dies
nun  ihrer  wirklichen  Entwerthung  oder  anderweitigen  Ursachen ­
  zuzuschreiben  sei,  ist  allerdings  eine  andere  Frage.
Denn  daraus,  dass  ein  Pfund  Gold  heute  seinen  Besitzer  minder
reich  macht  als  vor  einigen  Jahrhunderten,  ohne  weiters  folgern ­
  zu  wollen,  dass  dieses  Gold  selbst  im  Werthe  zurückgegangen ­
  sei,  wäre  allerdings  nicht  streng  logisch.  Es  können  ^
sich  eben  auch  die  Begriñ'e  über  iieichthum  geändert  haben,  es
können  die  Güter,  die  gegen  Gold  eingetauscht  werden  sollen,
an  innerem  Werthe  gewonnen  haben;  und  Beides  hat  in  der  That
stattgefunden.  Die  Bedürfnisse  der  Menschen  haben  sich  im  geschichtlichen ­
  Verlaufe  ganz  ausserordentlich  vermehrt.  Ein
Kleid,  ein  Schwert,  eine  dürftige  Hütte,  Korn  und  Fleisch,
das  war  das  Ziel  der  Wünsche  selbst  des  freien  wohlhabenden
Mannes  im  frühen  Mittelalter.  Inzwischen  sind  tausend  neue

:i

i-  ,  !
I  i
¡¡l'i  ui
        <pb n="262" />
        —  252  —

I

pi

m

Genüsse  und  Bedürfnisse  Iiinzugekominen,  und  selbst  die
uralten,  soweit  die  menselilielie  Erinnerung  zurüekreielit,  als
sülelie  vorhandenen  Erfordernisse  des  Lebens  haben  sieh  verfeinert ­
  und  coniplicirter  gestaltet.  Es  wäre  also  sehr  wohl
niöglieh,  dass  man  sich  mit  einem  Pfund  Gold  aueh  heute  noch
dasselbe  versehaffen  könnte,  was  vor  1()(K)  Jahren  dafür  zu
erhalten  war,  dass  aber  die  nämlichen  Güter,  deren  Besitz  \oi
Generationen  glücklich,  zufrieden,  ja  reich  machte,  heute
selbst  den  Wünschen  des  ärmsten  Bettlers  nicht  zu  genügen
vermöchten.  Aber  für  den  vorliegenden  Zweck  ist  die  Spaltung
der  Era  ge  nach  diesen  zwei  Seiten  ganz  überflüssig,  üb  man
mehr  Gold  braucht,  weil  das  Edelmetall  selbst  werthloser
geworden,  oder  ob  dies  blos  aus  dem  Grunde  geschieht,  weil
die  Bedürfnisssphäre  gestiegen  ist,  ändert  doch  nichts  an  dei
Thatsache,  dass  nunmehr  in  den  Händen  der  civilisirten
Menschheit  10  Pfund  Gold  nicht  denselben  Dienst  verrichten,
wie  1  Pfund  Gold  in  den  Händen  unserer  Urahnen.  Und
ebenso  wenig  kann  diese  im  allgemeinen  geschichtlichen  Verlaufe ­
  beobachtete  Erscheinung  in  ihrer  Richtigkeit  dadurch
alterirt  werden,  dass  ausnahmsweise  auch  in  früheren  Epochen
der  Edelmetallvcrrath  an  bestimmten  Orten  dermassen  gehäuft,
die  Bedürfnisse  derart  verfeinert  wurden,  dass  die  absolute
oder  relative  Kaufkraft  des  Geldes  damals  schon  eine  ähnliche
Reduction  erfuhr,  wie  gegenwärtig.  Im  alten  Rom  z.  B.  ei  -
reichte  die  Theuerung  nachgerade  beinahe  dieselbe  Höhe,  wie  in
irgend  einer  modernen  Grossstadt.  Aber  die  unmittelbare  1  elge
davon,  war  auch  dort,  dass  das  Silbergeld  selbst  für  den  alltäglichen ­
  Verkehr  zu  unbequem  wurde,  dass  das  Gold  das  eigentliche ­
  Circulationsmetall  bildete  und  dass  man  schliesslich,  als
auch  dieses  zu  schwerfällig  wurde,  den  Credit  zu  Vermittlung ­
  von  Zahlungen  benützte.  In  ganz  ähnlicher  Weise  kann
aueh  die  rasche  Entwicklung  der  Creditgeschäfte  aller  Formen
während  der  letzten  Jahrhunderte  durch  die  steigende  Unbequemlichkeit, ­
  die  der  Gebrauch  des  Metallgeldes  mit  sich
brachte,  theilweise  erklärt  werden.  Die  Banknote  z.  B.  war
entbehrlich  in  früheren  Jahrhunderten  ;  sie  ist  heute  eine  unerlässliche ­
  Nothwendigkeit  geworden.  Da  es  keinen  kostbareren
StoflP  als  die  Edelmetalle  gibt,  der  sich  kraft  seines  inneren
Werths  zum  Tauschmittel  für  grössere  Transactionen  eignen
        <pb n="263" />
        —  253

würde  (die  Edelsteine  sind  ans  teclinisclien  Gründen  zn  Geldzwecken ­
  absolut  unbrauchbar),  so  musste  eben  der  Credit  in
die  Lücke  treten,  die  der  steigende  Verkehr  geschaffen.
Schon  diese  einfache  Betrachtung  erklärt,  warum,  ganz
ahgesehen  von  anderweitigen  Gründen,  aus  Rücksichten  der
Handlichkeit  und  Beijuemlichkeit  das  Gold  in  den  meisten  Staaten
den  Vorzug  vor  dem  Silber  errungen  hat,  und  je  weiter  die
Verminderung  der  Kaufkraft  beider  Edelmetalle  im  Verlaufe
der  Zeiten  fortschreiten  wird,  ihn  immer  mehr  und  mehr  gewinnen ­
  muss.  Derselbe  Grund,  der  vor  der  kolossalen  Vermehrung ­
  des  Edelmetall-Vorrathes  der  civilisirten  Welt  in  Folge
der  Entdeckung  Amerika’s  für  das  Silber  als  Währungsmetall
sprach  und  demselben  auch  thatsächlich  die  beinahe  ausschliessliche ­
  Herrschaft  sicherte,  nämlich  die  Rücksicht  auf  die  Verkehrsbedürfnisse, ­
  spricht  gegenwärtig  in  ebenso  starker  Weise
für  das  Gold.  So  lange  man  ein  Joch  Ochsen  für  wenige
Gulden  kaufte  und  für  ein  Huhn  einen  Geldbetrag  zahlte,  der,
wenn  er  in  Gold  ausgeprägt  worden  wäre,  nur  mit  Hilfe  guter
Mikroskope  sichtbar  gewesen  wäre,  so  lange  war  es  naturgemäss,
  das  Silber  als  Werthmassstab  zu  gebrauchen.  Heutzutage, ­
  wo  ein  gutes  Joch  Ochsen  mehrere  hundert  Thaler  kostet,
wo  also  der  Landmann,  wenn  er  auf  dem  Viehmarkte  seinen
Einkauf  macht,  einen  Wagen  mit  Silbergeld  mit  sich  führen
müsste,  und  wo  umgekehrt  selbst  die  meisten  Gegenstände
des  kleinen  Gebrauches  mit  (Goldstücken  bezahlt  werden  können
—  heute  verlangt  der  Verkehr  das  (loldgeld.  Dieselbe  historische ­
  Entwicklung,  die  vor  Jahrtausenden  den  Uebergang  von
Kn])tcr  und  Bronze  als  Währungsmetallen  zum  Silber  erzwang,
wird  nunmehr  den  Uebergang  vom  Silber  zum  Golde  erzwingen. ­

Man  unterschätze  die  V  ichtigkeit  dieses  BequemlichkeitsjMomentes
  nicht.  Niemand  wird  bestreiten,  dass  die  Zahlung
grösserer  Beträge  in  Silbermünze  überaus  lästig  ist,  dass  der
Verkehr  in  den  Ländern  mit  reiner  Silberwährung  sich  häufig
gezwungen  sieht,  zu  allerlei  Surrogaten  zu  greifen,  gleichviel
oh  dieselben  Banknoten  oder  fremde  Goldmünzen  seien.  Beide
sind  gleich  schädlich.  Die  Banknote  ist  ein  Hebel,  wenn  auch
ein  nothwendiges,  ihr  sind  vornehmlich  die  grossen  Erschütterungen ­
  zu  verdanken,  die  im  Geld  verkehre  der  civilisirten
        <pb n="264" />
        —  254

/

Völker  periudiscli  vurkommeii,  denn  ihr  Undaiit'  ist  nicht  wie
der  des  guten  Metallgeldes  ansschliesslich  von  den  mit  Natnrgewalt
  wirkenden  Gesetzen  des  Verkehrs,  sondern  znni  grossen
Theile  von  menschlicher  Willkür  abhängig  und  diese  Willkür ­
  kann  irren  und  hat  häutig  schon  die  t'olgeschwersten
Irrthümer  begangen.  Wäre  das  Becjnemlichkeits-Moment  nicht
vorhanden,  so  würde  die  Banknote  kaum  existiren,  es  sei  denn,
wenn  sie  dem  Verkehre  durch  den  Zwangscours  autgenöthigt
würde,  denn  Niemand  hätte  ein  Interesse,  statt  wirklicher
Zahlung  ein  Zahlungsversprechen  an  zun  eh  in  eu.  Der  Zutluss
und  Ahilnss  metallischer  Zahlmittel  regelt  sich  nun  je  nach  dem
Verhältnisse  der  internationalen  Zahlnngsverpfliehtnngen  und
Emptänge  von  seihst.  Der  Wechselconrs  ist  der  Regulator,
nach  welchem  der  Mechanismus  des  iuternatioualeii  Verkehrs
sich  selber  steuert  u.  zw.  mit  untrüglicher  Sicherheit  uud
Genauigkeit,  1st  zu  viel  j\Ietallgeld  vorhanden,  so  steigen  die
Preise  und  die  hiedurch  hervorgenifenen  Käufe  im  Auslande
drängen  den  Ueherschuss  ausser  Landes.  1st  zu  wenig
Metallgeld  vorhanden,  so  sinken  die  Preise  und  die  da
durch  hervorgerufenen  Käufe  der  Ausländer  im  Inlande
ziehen  die  fehlenden  Metalle  herein.  Es  ist  dabei  ganz
unmöglich  ,  dass  sich  irgend  Jemand  über  den  Umfang
der  (Kreditmittel,  die  ihm  zur  Verfügung  stehen,  mit  denen
er  Andere  betheiligen  kann,  täusche.  Anders  ist  es  mit  der
Banknote,  Auf  die  Dauer  kann  allerdings  auch  von  diesen
nicht  mehr  ausgegeben  werden,  als  der  Verkehr  bedarf  ;  denn,
wenn  dies  geschieht,  so  werden  sie  eben  an  die  Gassen  des
Emissions-Institutes  zurückströmen,  sich  in  jMetallgeld  Umsetzen ­
  und  dann  in  Form  dieses  letztem  ausser  Landes
strömen.  Aber  wenn  dies  einmal  geschieht,  ist  es  zu  spät,  das
inzwischen  hervorgerufene  Unheil  zu  verhüten.  Es  kann  sich
nur  mehr  darum  handeln,  die  schädlichen  Folgen  desselben  zu
bekämpfen.  Die  Bankuoteupresse  ist  ein  Instrument,  mit  dessen
Hilfe  Geldstücke  geprägt  werden,  die  sich  über  Nacht  in
werthloses  Pa])ier  verwandeln  können,  und  das  Traurige  ist,
dass  dieser  letztere  Umwand  1  ungsprocess,  wenn  er  uiivermuth ­
  et  eintritt,  Verlegenheiten  für  denjenigen  im  Gefolge  hat,
der  die  Banknoten])resse  leichtsinnig  in  Bewegung  setzte,  und
dass  diese  Verlegenheiten  zu  Krisen  für  ein  ganzes  Land
        <pb n="265" />
        2Õ5

werden  können.  Dass  nichtsdestoweniger  aueli  die  Ausgabe
nietalliscli  nicht  voll  bedeckter  Noten  wirthschaftlich  gerechtfertigt ­
  ist,  ja  unter  Umständen  ein  grosses  wirthschaftliches
(xlück  und  gerade  das  Schutzmittel  gegen  Krisen  der  verderblichsten ­
  Art  werden  kann,  das  zu  begründen  und  zu  erörtern, ­
  gehört  nicht  in  den  Kähmen  dieser  Arbeit.  Aber  klar
ist  jedenfalls,  dass  es  von  Vortheil  für  jedes  Land  ist,
wenn  sein  (Teldverkehr  nicht  in  allzu  grossem  Betrage  durch
Noten  bedient  wird,  wenn  die  sichere,  sich  selbst  regulirende
Grundlage  möglichst  bieit  und  der  von  menschlicher  Willkür
abhängige  papierene  Autbau  möglichst  klein  ist.  Nimmt  man
an,  dass  auch  eine  tüchtige  Verwaltung  eines  Zettel-Institutes
sich  über  den  Umfang  der  Noten-Ausgabe  um  10  Bercent
irren  kann,  so  wird  dieser  Irrthum  nur  8  Bercent  des
gesammten  Geldumlaufes  betragen,  wenn  die  (Kddcirculation
zu  2/j  aus  Metall  und  blos  zu  bs  aus  Banknoten  besteht.  Ist
aber  das  umgekehrte  Verhältniss  der  Fall,  so  wird  ein  Irrthum ­
  voll  10  Bercent  im  Notenumläufe  b  (i  Bercent  des
gesammten  Umlaufes  betragen  und  die  Krisis,  die  ein  solcher
Irrthum  hervorrufen  kann,  wird  im  zweiten  Falle  doppelt  so
intensiv  sein  als  im  ersteren.  Das  Bedürfniss  nach  Noten  ist
aber  ganz  naturgemäss  in  dem  Lande  mit  Silberwährung  viel
grösser  als  in  dem  Lande  mit  Goldwährung,  denn  dort  wird
das  Bedürfniss  nach  10  d.-Noten  ein  viel  dringenderes  sein
als  hier  nach  100  fl.-Noten,  da  10  H.  in  Silbergeld  schwerer
und  unbequemer  sind  als  100  fl.  in  Gold  ;  sie  haben  bei  der
heute  geltenden  Werthrelation  von  1:19  nahezu  das  doppelte
Gewicht  und  nicht  viel  unter  dem  vierfachen  Rauminhalte.
Das  specitische  Gewicht  des  Goldes  ist  nämlich  beinahe  doppelt ­
  so  gross  als  das  des  Silbers;  ersteres  ist  19bb,  letzteres
IOV2  ^^al  so  schwer  als  Wasser.  Bei  einer  Werthrelation  von
1:19  repräsentirt  also  ein  Stück  Gold  das  übfache  des
Werthes  eines  gleich  grossen  Stückes  Silber.
Die  reine  Silberwährung  eignet  sich  daher  aus  allen
diesen  Giünden  gegenwärtig  nur  mehr  für  jene  Länder,  in
denen  die  grosse  Masse  der  Bevölkerung  so  arm  ist  und  wo
die  Preise  gleichzeitig  so  niedrig  sind,  dass  zur  Mehrzahl  der
Transactionen  noch  immer  die  Silbermünzen  ein  vollkommen
ausreichendes  Tauschmittel  abgeben.  Dies  ist  thatsächlich  in
        <pb n="266" />
        —  256  —
,w  Innterasiatkchen  Ländern  der  Fall.  Während  der  englische
Arbeiter  seine  Wochenlöhne  in  Sovereings  und  in  ansgiebigen
Brncbtheilen  desselben  befahlt  erhält,  lassen  .sich  die  Lcd.ne
indischer  und  chinesischer  Arbeiter  in  Goldstncken  schwer
berechnen  und  bezahlen.  Derselbe  Unterschied  besteht  für
die  Preise  der  gangbarsten  Lebensmittel.  Die  Münzen,  die
das  Volk  der  asiati.schen  Reiche  zu  Markte  bringt,  können
keine  Goldmünzen  sein,  denn  dort  würde  eine  solche  nicht  das
Ansgabe-Uiulget  weniger  Tage,  wie  es  doch  in  allen  civilisirteii
  Staaten  Fnropa's  der  Fall  ist,  reprasentiren,  sondem  (in
gan/ps  Vermögen.
In  Europa  ist  aller  Orten  vom  reinen  Silbergelde  abgegaiigen
  worden,  sei  es  durch  den  Uebcrgang  zur  Goldwiibriing,
sei  es  durch  die  Znlassniig  fremder  Gnldimmzeii,  sei  s‘s
durch'  Papiergeldwirthscbaft,  sei  es  endlich  durch  die  Doppelwälirnng.
  '  ...
Es  wäre  nunmehr  noch  zu  nntersnelien,  oh  dieSilherwahimiig
nieht  etwa  doch  der  Goldwäbning  gegenüber  den  Vorzug  grosserer ­
  Stabilität  beaiisprneben  könnte.  Wird  doch  behauptet,  dass
die  derzeit  so  enoriiieii  PreisHuctiiatioiieii  in  der  Wertlirelation
der  beiden  Edelmetalle  hauptsächlich  auf  die  so  sehr  ge.steigerte
Giddnacbfrage  znrückziifiiliren  sei,  mit  anderen  Worten,  dass
eeirenwärtig  nicht  das  Silber  im  Preise  sinke,  sondern  iiiiigekehrt
  das  Gold  es  sei,  welches  im  l’reise  steige  Es  wird
ferner  darauf  liiiigewiesen,  dass  im  liistori.schen  Verlauf.'  die
man  die  (Johlproduction  in  den  dreieinlmll)  dahrhundeiien
von  ir,()0  bis  1848  auf  nicht  ganz  18  Millionen  (iulden,  von
1848  hi.s  1875  aber  auf  annähernd  250  Millionen  Gulden  im
Jahresdurchschnitte,  während  die  Silberproduction  von  88  Mdlionen
  dulden  im  Mittel  der  dreieinhalb  Jahrhunderte  bis  1848
blos  auf  120  Millionen  dulden  im  Büttel  der  letzten  28  Jahre
stiecr.  Während  also  beim  dolde  eine  Zunahme  der  Production
umliahezu  das  Ufache  zu  berechnen  ist,  stieg  die  Silberproduction
  um  wenig  mehr  als  das  Dreifache.  Daraus  geht  nun
allerdings  unwiderleglich  hervor,  dass  die  (4oldproduction  im  weitaus ­
  stärkeren  Masse  zugenommen  hat,  als  die  Silbergewinnung.
        <pb n="267" />
        257

Aber  wenn  daraus  ein  Schluss  auf  die  Preisbeständigkeit  der
beiden  Edelmetalle  gezogen  werden  dürfte,  so  könnte  dieser
doch  offenbar  nur  dabin  gehen,  dass  wegen  dieser  Productionsverhältnisse
  der  Werth  des  Goldes  im  Verhältnisse  zum
i^ilberwerthe  nothwendigerweise  hätte  sinken  müssen.  Merkwürdigerweise ­
  ist  aber  gerade  das  Entgegengesetzte  eingetreten.
Ti-otz  unverhältnissmässiger  Zunahme  der  Goldproduction  ist
das  Gold  gegen  Silber  kostbarer  geworden.  Zu  Anfang  des
Ib.  Jahrhunderts  galt  ein  Pfund  Gold  im  Durchschnitte  nicht
ganz  12  Pfund  Silber;  in  der  Zeit  der  höchsten  Goldproduction
dagegen  und,  nachdem  dieselbe  eine  totale  Umwälzung  in  den
^.idelmetallvorräthen  der  ganzen  V  eit  hervorgerufen  hatte,
waren  für  ein  Pfund  Gold  immer  noch  mehr  zu  erhalten  als
15  Pfund  Silber  und  jetzt  sind  nahezu  20  Pfund  des  weissen
Metalls  dafür  zu  kaufen.  Die  grosse  Steigerung  der  Goldproduction ­
  hat  also  offenbar  den  Werth  des  Goldes  nicht  verringert, ­
  zum  mindesten  nicht  ausgiebiger  verringert  als  die
verhältnissmässig  viel  bescheidenere  Siíberproduction  den  Werth
des  Silbers.
Es  kann  aber  auch  dem  wieder  entgegengehalten  werden,
dass  allerdings  vom  Jahre  1500  bis  zur  Gegenwart  der  Preis
des  Goldes  im  Verhältnisse  zu  dem  des  Silbers  gestiegen  sei,
dass  dies  aber  lediglich  aus  dem  Grunde  geschah,  weil  zwischen
1500  und  1848  die  gesammte  Goldproduction  blos  6140  Millionen ­
  Gulden,  die  Silperproduction  dagegen  13250  Millionen
Gulden,  also  um  mehr  als  7000  ]\Iillionen  mehr  als  jene  betragen ­
  habe,  während  von  1848  bis  1875  allerdings  7000  Millionen ­
  Gulden  (soldes  und  blos  3400  IMillionen  Gulden  Silbers
producirt  wurden,  der  Ueberschtiss  der  Goldgewinnung  also
4600  Millionen  Gulden  betrage,  was  aber  immer  noch  ‘  im
Verhältnisse  zum  Silberüberschusse,  den  die  früheren  Jahrhunderte ­
  aufgehäuft,  gegen  Anfang  des  16.  Jahrhunderts  einen
PeberschuHS  der  Silbergewinnung  über  die  Goldgewinnung  von
mehr  als  3b'a  Milliarden  Gulden  ausmache.  Es  seien  mit  einem
^^orte  in  den  letzten  Jahrhunderten  16550  Millionen
Gulden  Silbers  und  blos  13140  Millionen  Gulden  Goldes  pro-'lucirt
  worden,  also  noch  immer  mehr  Silber  als  Gold,  und  es
'vilre  demzufolge  ganz  erklärlich,  dass  Gold  jetzt  höher  im
ih-eise  stände  als  SHber.  Wenn  aber  die  gegenwärtigen
-  Th.  Hertzka,  Währung  und  Handel.
        <pb n="268" />
        258

e

Productionsverhältnisse  noch  genügend  lange  Zeit  andanern,
oderw^m  vWknd^  was  ja  aWrmah  mnü^:en  d^
(Goldgewinnung  einen  neuen  Aufschwung  nehmen  sollte,  werde
sh^  zmgmi,  ^Lss  ge^m  im  Ihreme  ^dlen
müsse.  .  .  .  _  ....
Aber  auch  dies  ist  ganz  und  gar  unstichlialtig.  Her  tui
die  europäischen  Staaten  erübrigende  Tleherschnss  an  Silber  ist
niemalä  erheblich  grösser  gewesen  als  der  Ueberschnss  an
Gold.  Trotzdem  ist  unter  diesen  geringen  Ueberschussen  der
(Toldwerth  gegen  Silber  fortwährend  gestiegen,  wahrend  umgekehrt ­
  selbst  das  bedeutendste  Ueherwiegen  der  Goldansammlung ­
  im  letzten  Vierteljahrhunderte  den  Goldpreis  kaum
wesentlich  zum  Reichen  bringen  konnte.  Von  1500  bis  in  die
Mitte  dieses  Jahrhunderts  wurden  allerdings  um  7  Milliarden
Gulden  mehr  Silber  als  Gold  producirt,  aber  von  dem  produeirten
  Silheixpiantnm  flössen  in  derselben  Zeit  mindestens
0  Milliarden  nach  Ostindien  ah,  es  verblieben  also  für  die
Länder  der  abendländischen  Civilisation  0  Milliarden  G(dd
crecren  7  Milliarden  Silber  zurück.  Das  eigentliche  Missverhâîtniss
  zu  Ungunsten  des  Silbers  betrug  also  ungefähr  eine
Milliarde  oder  17  Percent;  und  dies  genügte,  nm  die  Wertlirelation
  von  ungefähr  11  1  15t  g  zu  1,  oder  um
20  Percent  in  die  Höhe  zu  treiben.  Von  1848  bis  1875  aber
Müssen  von  den  8400  Millionen  der  Silherprodiiction  abermals
mehr  als  2000  Millionen  nach  O.stasien,  so  dass  für  die  Lander
der  abendländischen  Civilisation  ein  Ueberschnss  von  ungefähr ­
  **  1V*  Milliarden  verfügbar  blieb  ;  diesem  stand  nun  (  n
neue  (Goldausbeute  von  7  Milliarden  gegenüber.  Der  vertugbare
  (Toldziiduss  war  also  um  500  bis  d(M)  Percent  starker,
als  der  verfügbare  Silherzufluss  und  doch  hat  dies  so  colossale
Missverhältniss  die  Werthrelation  kaum  vorübergehend  verändert, ­
  ja  schliesslich  sogar  eine  neuerliche  20  Percent  erreichende ­
  Preissteigerung  gerade  des  so  überreichlich  zuströinenden

  Metalls  nicht  verhindern  können.
Worin  ist  nun  die  Ursache  dieser  eigenthümlichen  Lr-Hcheinungeu
  zu  suchen  Y  Und  i.st  es  inshe.sondere  das  (Gold,
welches  im  Laufe  der  .lahrhnnderte  —  gleichviel  oh  Meine
Prodmdion  einen  grösseren  oder  geringeren  Umfang  als  du*
des  Silbers  hatte  —  im  Preise  stieg,  -oder  ist  es  umgekehr
        <pb n="269" />
        259  —

(las  Silber,  welches  im  Preise  sank,  und  zwar  langsamer,
wenn  seine  Production  in  massigen  (Grenzen  blieb,  stärker,
wenn  es  diese  Grenzen  überschritt?
Alle  Gründe  sprechen  für  das  Letztere.  Es  ist  vor
Allem  otfenbar,  dass  auch  der  Goldwerth  im  Laufe  der  Jahrhunderte ­
  nicht  absolut  stieg,  sondern  olfenbar  gefallen  ist,
Wohl  kauft  man  heute  für  ein  Pfund  Gold  mehr  Silber  als
vor  J  und  4  Jahrhunderten,  aber  man  kauft  weniger  von  der
weitaus  grössten  Mehrzahl  aller  anderen  Waaren  dafür.  Es
sind  also  Gold  und  Silber  zugleich  in  ihrer  Tauschkraft  zurückgegangen, ­
  nur  allerdings  das  Silber  weit  bedeutender  als
das  Gold.  Diese  Thatsache,  die  wohl  schwerlich  bestritten
werden  dürfte,  genügt  für’s  erste  vollkommen  zu  Erbringung
des  Beweises,  dass  im  säcularen  Verlaufe  die  Kaufkraft  des
Goldes  stationärer  geblieben  sei,  als  die  des  Silbers.
Dass  dem  aber  so  ist,  dürfte  im  Folgenden  seinen  Grund
haben  :
Die  fortschreitende  Production  beider  Edelmetalle,  und
die  damit  Hand  in  Hand  gehende  Entwerthung  beider,  drängte
stets  fühlbarer  zum  Gebrauche  des  Goldes  zu  Geldzwecken  ;
beim  Golde  stand  daher  der  Entwerthung  ein  stets  wachsender
Gebrauchswerth  entgegen,  während  die  durch  das  Productionsverhältniss
  bedingte  Entwerthung  des  Silbers  noch  durch  das
Abnehmen  des  Gebrauchswerthes  zu  Circulationszwecken  beschleunigt ­
  wurde.  Diese  Disparität  in  der  Entwicklung  der
Werthrelation  hätte  noch  viel  schrotfer  hervortreten  müssen,
wenn  Ostasien  mit  seinem  ausschliesslich  auf  Silber  gerichteten ­
  Bedürfe  dem  abendländischen  Angebote  nicht  entgegengekommen ­
  wäre.  Von  den  Ursachen  dieses  ostasiatischen  Bedarfes ­
  soll  späterhin  noch  ausführlicher  gesprochen  werden.
'  Doch  kann.  es  offenbar  a  priori  keinem  Zweifel  unterliegen,
dass  für  den  Fall,  als  die  ostasiatischen  Länder  bezüglich
ihrer  Aufnahmsfähigkeit  den  Edelmetallen  gegenüber  dieselben ­
  Verhältnisse  zeigen  würden,  wie  das  Abendland,  d.  h.
wenn  auch  bei  ihnen  das  Bedürfniss  nach  Gold  mehr  und
mehr  gestiegen,  das  Bedürfniss  nach  Silber  mehr  und  mehr
in  den  Hintergrund  getreten  wäre,  der  Werthabstand  beider
Edelmetalle  heute  voraussichtlich  ein  noch  weitaus  höherer
geworden  wäre,  als  es  thataächlich  der  Fall  ist.
        <pb n="270" />
        Nun  ist  die  rroduütiüii  beider  Edelmetalle  in  fortschreitender ­
  Progression  begritfen;  physikalische  und  geographische
Entdeckungen  trugen  gleichmässig  dazu  bei,  diese  Production
zu  erleichtern  und  zu  vermehren.  In  je  ausgiebigerem  ]\Iasse
(lies  aber  geschieht,  je  mehr  sich  also  beide  Edelmetalle  zugleich
(Mitwerthen,  desto  mehr  verringert  sich  der  (lebrauchswerth
des  Silbers  und  steigt  nothvvendigervveise  der  Gebrauchswerth
des  G(ddes,  da  für  jenes  Bedürfniss,  um  dessen  Befriedigung
es  sich  hier  handelt,  nämlich  für  das  Circulationsbedürfnlss,
blos  die  Wahl  zwischen  Gold  und  Silber  offen  steht.  Das  Interessanteste ­
  dabei  ist,  und  zugleich  jenes  ^Moment,  auf  w(dcdes
  bei  Beantwortung  der  vorliegenden  Frage  die  grösste
Aufmerksamkeit  gewendet  werden  muss,  dass  auf  diesem
Wege  selbst  eine  einseitige  Steigerung  der  Goldproduction
dazu  beitragen  könnte,  den  Gebrauchswerth  des  Silbers
zu  ermässigen,  den  des  Gcddes  zu  steigern.  Jedes  neu  ausgt
prägte  Geldstück,  gleichviel  ob  es  aus  Silber  oder  G(dd  bestehen ­
  ■  mag,  vermehrt  den  Geldvorrat!!  der  Welt,  erniedrigt
unter  sonst  gleichbleibenden  Verhältnissen  die  Kaufkraft  des
Geldes,  macht  also  die  Silbermüiizen  stets  unhandlicher,  den
Gebrauch  des  Goldgeldes  stets  noth  wendiger.  Und  so  ist  es  (leim
durchaus  nicht  so  absurd,  als  es  auf  den  ersten  Blick  scheinen
mag,,dass  gerade  der  kolossale  Goldzufluss  des  letzten  Vierteljahrhunderts, ­
  trotzdem  sich  der  Silbervorrath  in  der  letzten
Zeit  kaum  wesentlich  vermehrt  hat,  nicht  das  Bedürfniss  nach
Gold,  sondern  nach  Silber  verminderte.  Vor  25  Jahren  waren
in  Europa  und  Amerika  keine  G  Milliarden  Goldgulden  in
Circulation,  heute  sind  es  mehr  als  12  Milliarden;  die  Silbercirculation
  ist  auf  derselben  ungefähren  Höhe  von  H  IMilliarden
geblieben,  und  doch  wird  das  Silber  stets  lästiger,  das  Gold
stets  gesuchter.  Denn  das  Ausschlaggebende  ist,  dass  suJi  die
Circulation  von  zusammen  nicht  ganz  12  Milliarden  auf
mehr  denn  20  Milliarden  gehoben  hat,  dass  also  jedes  einzelne
Geldstück  in  seiner  Kaufkraft  beeinträchtigt  wurde,  und  dass
diese  Beeinträchtigung  zunächst  dem  Silber  schadet
Und  voraussichtlich  wird  sich  dieses  Verhältniss  dem
Wesen  nach  gar  niemals  mehr  ändern,  sich  weit  eher  mehr
und  mehr  verschärfen.  Ein  Umschlag  in  den  l’roductionsverbältnissen,
  der  dem  Silber  nützlich  wäre,  ist  kaum  nmglich.
        <pb n="271" />
        261

Eine  Steigerung  der  (icddprudnction  wird  auf  Silber  und  Gold
beinahe  gleiclimässig  drücken  ;  ein  Zurückgeben  der  Goldproduction
  das  (irold  jedenfalls  inebr  in  seiner  Kaufkraft
stärken,  als  das  Silber.  Ein  nachhaltiges  Zurückgehen  der
Si  Iber  production  kann  als  beinahe  unmöglich  bezeichnet  werden,
denn  dies  wäre  gleichbedeutend  mit  einem  Zurückgehen  der
technischen  Hilfsmittel  des  Bergbaubetriebes.  Die  Silberproduction
  kann  nur  in  Folge  des  Preisrückganges  für
Silber  zurückgehen,  und  also  niemals  die  Ursache  einer  nachhaltigen ­
  Preissteigerung  dieses  Edelmetalls  sein.  Nimmt
vollends  die  Silberproduction,  wie  es  allen  Anschein  hat,  fernerhin ­
  zu,  so  wird  dies  naturgemäss  den  Silberpreis  vollends
drücken.
]\rit  all  dem  aber  soll  keineswegs  behauptet  werden,
dass  eine  ungemessene  fernere  Erweiterung  des  Preisabstandes
zwischen  Gold  und  Silber  wahrscheinlich  oder  auch  nur  nach
menschlicher  Voraussicht  zu  erwarten  sei.  Bis  zu  dem  Zeitpunkte ­
  allerdings,  wo  die  sämmtlichen  Staaten  der  abendländischen ­
  Civilisation  zur  Goldwährung  übergegangen,  ihres
überschüssig  werdenden  Silbervorrathes  ledig  sein  werden,
sind  weitgehende  PreisHuctuationen,  die  im  grossen  Ganzen
dem  Silber  sehr  schädlich  sein  werden,  allerdings  mit  Sicherheit ­
  vorauszusehen.  Wenn  insbesondere  die  Länder  der  lateinischen ­
  Münzconvention  die  Silberprägungen  gänzlich  einstellen, ­
  mit  ihrem  Silbervorrathe  auf  dem  Markte  erscheinen
und  Gold  dafür  zu  kaufen  beginnen  werden,  ist  ein  ferneres
ausgiebiges  Fallen  des  Silber])reises  unmöglich  zu  vermeiden.
Wie  weit  dies  gehen  wird,  lässt  sich  mit  Bestimmtheit  nicht
einmal  annähernd  Vorhersagen,  aber  gross  werden  die  Fluctuationen
  in  diesem  Falle  jedenfalls  sein,  und  keine  andere
Grenze,  als  die  im  Silberbedarfe  Ostasiens  gelegene  haben.
Dieser  Silberbedarf  aber  muss  noth  wendigerweise  hervortreten,
und  zwar  desto  stärker,  je  mehr  sich  das  Silber  in  Europa
entwerthet.  Die  jenigen,  die  da  annehmen,  dass  der  Preisabstand ­
  der  beiden  fletadle  aus  dem  Grunde  grösser  werde,
weil  das  Gold  an  Kaufkraft  gewinnt,  mögen  allerdings  auch
glauben,  dass  dieser  Abstand  bis  in’s  Unendliche  wachsen
kann.  Wer  aber  der  Ansicht  ist,  dass  die  Vergrösserung
des  Preisabstandes  hauptsächlich  auf  eine  Verringerung  des
        <pb n="272" />
        262

Silberwerthes  in  Europa  xuiiick/ufübrcn  ist,  der  kann  keinen
Augenblick  darüber  in  Zweifel  sein,  dass  diese  Verringerung
nicht  f^tsclii'eh^akan^  o^ie  mit  N^^nmt^vend^^mteimm
Silberabfluss  nach  Ostasien  berbeizuführen.  Wenn  Silber  um  K
Percent  im  Preise  fällt,  so  heisst  das  dann  nicht  blos,  dass
für  Gold  um  10  Percent  mehr  Silber  gegeben  werden  muss,
sondern  auch,  dass  fiir  ein  IPfuiid  Tfhee,  Air  ein  l^fhrnl  Eaaiinivolle,
  IiKligro  oder  dgl.  der  in  Silber  ausgedriuflkte  Ireis
steigt.  Geschieht  das  nun  auf  den  europäischen  Markten,  so
muss  dies  nothwendigerweise  eine  Anziehungskraft  auf  al  e
diese  Artikel  ausüben;  diese  Anziehungskraft  wird  desto
grösser,  je  mehr  die  in  Silber  ausgedrückten  Preise  auf  den
europäischen  Märkten  steigen,  und  sie  muss  so  lange  wahren,
bis  der  als  Rembourse  für  die  ostasiatischen  Waarensendungen
dahin  abfliessende  Silberstrom  die  Kaufkraft  des  Silbers  auci
(fort  allniäligr  verHngrert,  d.  h.  die  bereise  steigert,  lind  ebenso
verringert  die  in  Gold  berechnete  Preisermässigung  aller
abendländischen  Erzeugnisse  im  Oriente  dort  deren  Absatzfäbigkeit,
  stellt  also  auch  aus  diesem  Grunde  die  Handelsbilanz ­
  günstiger  für  Ostasien  ,  so  lange  dieses  seinen  Silbervorrath
  nicht  auf  die  entsprechende  Höhe  gebracht  hat.
Aus  diesem  Grunde  ist  es  sogar  höchst  wahrscheinlich,
dass  der  Silberabfluss  nach  Ostasien  grössere  Dimensionen  annehmen ­
  wird,  noch  bevor  die  Demonetisirung  dieses  Edelmetalls
in  Europa  vollständig  durchgeführt  ist,  und  dass  dies  den
europäischen  Völkern  den  Hebergang  zur  Goldwährung
wesentlich  erleichtern  wird.  Dieselbe  Wirkung  hat  vor  zwei
Decennien  die  ausserordentliche  Vermehrung  der  Goldproduction
  geäussert,  durch  welche  der  (xeldwerth  im  Allgemeinen
in  Europa  gedrückt  und  damit  die  Demonetisirung  des  Silbers,
wenn  auch  nicht  gesetzlich  ,  so  doch  thatsächlich  im  stärkeren
Masse  begonnen  wurde.  Der  Münzvorrath  des  Abendlandes
stieg  damals  rasch,  der  Geldwerth  sank  damit  im  Allgemeinen,
Ostasien  konnte  in  Europa  weniger  kaufen  und  mehr  verkaufen
als  früher  und  gelangte  auf  diese  Weise  in  den  Besitz  von
a/  der  damaligen  gesammten  Silberproduction.  Es  scheint  aber
in  jener  Zeit  aus  Ursachen,  die  noch  näher  beleuchtet  werden
sollen,  der  Silberabfluss,  insbesondere  nach  Indien,  rascher
vor  sich  gegangen  zu  sein,  als  den  natürlichen  Preisverhalt-
        <pb n="273" />
        263  —

Hissen  entsprach,  so  dass  damit  für  Hinterasien  ein  Vorrath
anfgestapelt  wurde,  von  dem  diese  (iehiete  noch  gegenwärtig
zehren,  und  nunmehr,  da  diese  störenden  abnormen  Ursachen
hinweggefallen  sind  ,  der  Silberabfluss  in  s  Stocken  gerathen
ist,  trotzdem  die  Veränderung  auf  dem  europäischen  Edelmetallmarkte ­
  demselben  derzeit  eben  so  förderlich  wäre  ,  als
sie  es  vor  zwei  Decennien  war.  Aber  endlich  dürfte  sich  das
Gleichgewicht  wieder  hersteilen  und  dann  bei  jeder  weiterschreitenden ­
  Entwerthung  des  Silbers  in  Europa  der  nach
Asien  gehende  Strom  grössere  Dimensionen  annehmen.
Wenn  man  die  Aufnahmsfähigkeit,  die  Ostasien  insbesondere ­
  von  1851  bis  1865  für  Silber  an  den  Tag  gelegt  hat,
mit  den  Productionsverhältnissen  und  mit  dem  voraussichtlichen ­
  Ueberschusse  des  abendländischen  Silberbestandes  nach
erfolgter  Demonetisirung  des  Silbers  zusammenhält,  so  kann
kaum  ein  Zweifel  darüber  entstehen  .  dass  jene  fernen  menschenreichen, ­
  wenn  auch  derzeit  relativ  verkehrsarmen  Gebiete
vollkommen  im  Stande  sind,  die  Werthrelation  dauernd  auf
einer  entsprechenden  Höhe  zu  halten.  Indien  und  China  ab-Korbirten
  damals  im  Jahresdurchschnitte  ungefähr  so  viel
Silber,  als  derzeit  von  allen  Producti  on  sgebieten  auf  die  Märkte
gebracht  wird.  Es  sind  aber  jetzt  überdies  die  Ueberschüsse
des  gegenwärtigen  abendländischen  Silbervorrathes  unterzubringen. ­
  Wenn  man  diesen  ganzen  Vorrath  derzeit  auf  acht
Milliarden  Gulden  schätzt  und  annimmt,  dass  davon  die  Hälfte
aus  der  Circulation  verdrängt  werden  müsse,  so  wäre  nur
noch  zu  erforschen,  welchen  Preisabschlags  und  welcher  Zeit
es  bedürfe,  damit  das  Abendland  einen  derartigen  Silberbefrag
theils  zur  fortlaufenden  Ergänzung  seiner  dann  noch  verbleibenden ­
  Silbercirculation,  theils  zu  industriellen  und  decorativen
Zwecken  absorbiren  könne  ,  um  darüber  in’s  Reine  zu  kommen,
wann  bei  sonst  gleichbleibenden  Productionsbedingungen  der
Ruhepunkt  erreicht  werden  kann.  Nun  sind  4  Milliarden  allerdings ­
  ein  enormer  Betrag,  aber  die  Aufnahmsfähigkeit  Europa  s
und  Amcrika’s  für  Silber  zu  obgedachtem  Zwecke  ist  nicht
minder  eine  enorme.  Von  1851  bis  1865  z.  B.  muss  diese
Aufnahmsfähigkeit  auf  ungefähr  2  Milliarden  geschätzt  werden,
denn  der  Münzvorrath  Europa’s  an  Silber  verminderte  sich
damals  um  nahezu  1  Milliarde,  von  den  3V,  Milliarden  der
        <pb n="274" />
        204

Silberproduction  aber  nahm  Ostasien  blos  2V2  Anspruch,  so
(lass  I  Milliarde  ans  dem  IMnnzvorrathe,  und  1  Milliarde  ans
der  Prodnction  znr  Verfügung  stand.  Diese  2  Milliarden  wurden
binnen  D/g  Decennien  consnmirt,  und  die  Werthrelation  hatte
sich  dabei  sogar  zn  Gunsten  des  Silbers  verbessert.  Inzwischen
haben  sich  die  industriellen  Verwendnngsarten  des  Silbers  wesentlich ­
  vermehrt  und  an  Ausdehnung  gewonnen  ;  tritt  hiezu  noch  die
den  Consum  stimulirende  Wirkung  eines  Preisabschlags,  so
kann  füglich  erwartet  werden  ,  dass  das  Abendland  in  längstens
zwei  Decennien  den  doppelten  Silberbetrag,  nämlich  4  Milliarden
zu  consumiren  vermag.  Ist  dies  aber  einmal  geschehen,  so
wird  damit  jeder  ferneren  Preisermässigung  des  Silbers  vorgebeugt ­
  sein,  die  europäischen  und  amerikanischen  Verkehrsgebiete ­
  werden  vielmehr,  um  in  den  Besitz  des  ihnen  auch
dann  noch  nöthigen  Silbers  zu  gelangen,  mit  Ostasien  bei  der
Nachfrage  um  die  Ergebnisse  der  Silberproduction  in  Concurrenz
  treten  und  damit  die  Silberpreise  wieder  in  die  Höhe
treiben  müssen.
Von  einer  dauernden,  noch  viel  weniger  von  einer  ins
Bodenlose  gehenden  Entwerthung  des  Silbers  durch  dessen
Demonetisirung  in  Europa  kann  daher  absolut  keine  Hede
sein,  so  lange  die  ostasiatischen  Länder  sich  dieses  Edelmetalls ­
  zu  Circulationszwecken  ausschliesslich  bedienen.  Eine
andere  Frage  ist  es,  was  dann  geschehen  soll,  wenn  dies  Letztere
aufhört,  wenn  nämlich  die  fortgesetzte  Vermehrung  des  Edelmetallvorrathes
  der  gesummten  Erde  auch  in  den  hinterasiatischen ­
  Verkehrsgebieten  die  Preise  und  Löhne  derart  steigert,
dass  Silber  zu  Circulationszwecken  unhandlich  wird  und  daher
gegen  Gold  umgetauscht  werden  muss.  In  diesem  Falle  würde
allerdings  die  Preisreduction  des  weissen  Edelmetalls  bis  an
jene  Grenze  gehen  müssen,  die  ihm  sein  Nutzwerth  zu  industriellen ­
  und  decorativen  Zwecken  allein  vorschreibt,  und
gleichzeitig  würde  eine  solche  Revolution  in  den  Verkehrsgewohnheiten ­
  Ostasiens,  je  nachdem  sie  sich  rasch  oder  langsam ­
  vollzieht,  entweder  eine  allgemeine,  wenn  auch  nur  vorübergehende, ­
  Steigerung  der  Kaufkraft  des  Goldes  oder  doch
zum  mindesten  eine  bedeutendere  Verzögei-ung  seiner  sonst
unvermeidlichen,  säcularen  Werthveränderung  im  Gefolge
haben  müssen.  Aber  wenn  man  die  Natur  des  hinterasiatisclneji
        <pb n="275" />
        Verkehrslebens  näher  befrachtet,  so  kann  man  die  Rernhifrung
erlangen,  dass  eine  derartige  Umwälzung  dort  erst  nach
Ablauf  einiger  Jahrhunderte  möglich  ist.  Und  die  Kosten  derselben ­
  müsste  schliesslich  Ostasien  bezahlen,  während  die
abendländischen  Verkehrsgebiete  davon  eine  ausserordentliche,
wenn  auch  nur  vorübergehende  Steigerung  ihres  Wohlstandes,
ihrer  wirthschaftlichen  Uebermacht  mit  Sicherheit  zu  gewärtigen ­
  hätten.
Und  was  schliesslich  dann  geschehen  soll  und  wird,  wenn
dereinst  durch  stetige  Aufspeicherung  der  Goldvorräthe  aucli
die  Kaufkraft  des  Goldes  in  einem  Masse  gesunken  sein  sollte,
die  dasselbe  zu  \erkehrs-  und  Circulationszwecken  unhandlich
und  unbrauchbar  machen  sollte,  das  zu  untersuchen  ist  wohl
nicht  Aufgabe  unseres  Jahrhunderts.  Früher  oder  später  wird,
wenn  anders  sich  die  Productions-Bedingungen  nicht  radical
ändern,  auch  dieser  Zustand  unvermeidlich  eintreten  ;  aber  bis
dahin  wird  der  Menschengeist  wohl  die  Mittel  gefunden  haben,
um  an  die  Stelle  des  unpraktisch  gewordenen  Tauschmittels
ein  anderes  besseres  zu  setzen.  Für  den  vorliegenden  Zweck
genügt  der  ach  weis,  dass  auch  in  Hinsicht  auf  die  Stabilität
der  Kaufkraft  das  Gold  den  Vorzug  vor  dem  Silber  habe  und
dass  dieser  Vorzug  in  der  nächsten  Zukunft  voraussichtlich
stets  entschiedener  hervortreten  werde.
        <pb n="276" />
        ITT.  (TajMtel.
Die  Dop|)ol-  oder  Altcinativwiiliiuii!:.
Der  Gedanke,  Gold  und  Sillier  gleiclizeitip;  als  Grundlage
des  Miinzwesens  zu  wählen,  indem  man  hehle  Kdelmetalle  in
eine  bestimmte  Werthrelation  bringt,  entstand  schon  im  Alterthum ­
  ,  als  ln  einzelnen  Cultuvstaaten,  insbesondere  in  Koni,
durch'  die  Gäufiing  der  Edelinetallvorriithe  die  Kaiifkratt  des
Goldes  wie  des  Silbers  derart  gesunken  war,  dass  das  erstcre
anting  zu  Zwecken  des  grossen  Verkehrs  unhandlich  zu  werilen.
Dass  man  in  diesem  Falle  nicht  einfach  zur  Goldwährung
überging,  hat  mehrere  Gründe:  man  scheute  vor  Allem  die
Kosten  des  Währnngsweehsels,  die  in  jenen  Zeiten  relativ  noch
weitaus  bedeutender  gewesen  wären  als  gegenwärtig  ,  wo  die
ungeheure  lüasse  des  aufgespeicherten  Vorraths  sowohl  als
der  laufenden  Production  beider  Edelmetalle  seihst  die  grossartigsten
  Münzmassregeln  eines  einzelnen  Staates  verhaltnisamässig
  doch  leicht  durchführbar  macht;  sodann  aber  war  das
Silhergeld  für  zahlreiche  Bedürfnisse  allerdings  zu  schwel,
dagegen  aber  das  Goldgeld  für  manche  ,  nicht  minder  beachtenswerthe
  Verkehrszweige  noch  allzu  kostbar.  Da  man  nun
bemerkte,  dass  die  Werthrelation  der  beiden  Edelmetalle  sich
in  der  Regel  durch  längere  Zeiträume  mit  geringtugigeii
Schwankungen  auf  derselben  Hohe  erhalte,  so  liciiützte  man
diesen  Umstand  zu  einer  gesetzlichen  Fixiriing  des  V  erthverhältnisses
  der  Gold-'  und  Silbermünzen.  Jtan  war  sich  dabei
sehr  wohl  bewusst,  einen  Eingriff  in  die  natürliche  Grdniing
        <pb n="277" />
        267

der  Dinge  zn  begehen  ;  allein  es  bot  sieb  eben  kein  bequemeres
Mittel  der  Abhilfe  gegen  die  nun  einmal  bestehenden  TTebelstände
  der  einheitlichen  Silberwährung,  üeberdies  waren  die
Gefahren  und  Nacbtheile  der  Doppelwährung  im  Alterthum
bis  in  das  späte  Mittelalter,  wo  der  Verkehr  im  Allgemeinen
auf  so  überaus  niederer  Stufe  stand,  die  ]\rünzverhältnisse  dgr
einzelnen  Länder  isolirt  waren,  die  moderne  Arbitrage  gar
nicht  existirte,  minder  gross  als  gegenwärtig.  Nichtsdestoweniger ­
  haben  die  alten  Gesetzgeber  die  von  ihnen  angenommene ­
  Werthrelation  niemals  als  etwas  für  alle  Zeiten  unabänderlich ­
  Feststehendes  betrachtet;  sie  veränderten  dieselbe,  wenn
sich  die  lyfarktverhältnisse  änderten,  was  in  der  That,  wieim
  l.^Capitel  nachgewiesen  wurde,  im  Verlaufe  der  Jahrhunderte ­
  und  Jahrtausende  sehr  häufig  geschah.  Ja  die  Doppelwährung ­
  wurde  sogar  in  der  Hegel  derart  aufgefasst,  dass
dem  Wesen  nach  blos  das  eine  der  l\rünzmetalle,  u.  z.  das
Silber,  der  eigentliche  Werthmesser  war  und  derMünzfuss  der
Goldstücke  durch  Neuausprägung  und  Neutarifirung  verändert
wurde,  wenn  sich  der  Marktwerth  wesentlich  verschoben  hatte.
Die  Doppelwährung,  wie  sie  beisj)ielsweise  in  der  zweiten
Hälfte  des  Mittelalters  in  England  bestand,  war  eigentlich
eine  Silberwährung,  verbunden  mit  der  gesetzlichen  Verpflichtung, ­
  (xold  zum  Marktwerthe  an  Zablungsstatt  anzunehmen. ­

Auch  den  französischen  Gesetzgebern.  als  sie  vor  nunmehr ­
  drei  Vierteljahrbänderten  an  die  Aenderung  der  bis  dabin
ausschliesslich  auf  Silber  basirten  Währung  Frankreichs
gingen,  schwebte  ursprünglich  der  Plan  einer  derartigen  Anpassung ­
  des  Doppelwäbrungssystems  an  die  reellen  ]\larktverhältnisse
  vor.  Die  Wertheinbeit  sollte  der  Silberfranc  sein,
und  Gewicht  oder  Werth  der  Goldstücke  sollte  je  nach  den
Schwankungen  der  ^larktverhältnisse  wechseln.  Wäre  dieser
Gedanke  vollständig  zur  Durchführutig  gelangt,  so  wäre  damit
für  Frankreich  derselbe  Zustand  des  (Geldwesens  geschaffen
worden,  wie  er  etwa  in  Oesterreich  vorhanden  wäre,  wenn
hier  die  Duc  a  ten  oder  goldenen  Zwanzig-Francsstücke  zu  einem
vom  (Gesetzgeber  von  Fall  zu  Fall  festzusetzenden  Cassencourse
als  gesetzliches  Solutionsmittel  gelten  würden.
Im  französischen  (Gesetze  vom  Jahre  1803  wurde  jedoch
        <pb n="278" />
        2C8

die  Claiisel,  welche  von  der  Veränderlichkeit  des  i\Iiinzfusses
für  (Goldstücke  handelte,  weggelassen,  und  da  in  der  nächsten
»Folgezeit  die  .Schwankungen  der  Werthrelation  —  allerdings  zumeist ­
  gerade  unter  dem  Einflüsse  des  französischen  i\lünzgesetzcs
und  der  in  Frankreich  gehoteuen  i\Iöglichkeit,  das  im  Werthe
gesunkene  Metall  gegen  das  im  Werthe  steigende  anszutauschen
  —  sich  innerhalb  sehr  geringer  Grenzen  hielten,
so  dachte  man  lange  Zeit  nicht  daran,  dass  es  doch  immerhin
möglich  wäre,  der  trotz  all’  dem  Decennien  lang  beobachteten
Ausfuhr  des  (Goldes  durch  eine  Veränderung  des  iMünzfusses,
durch  das  Zurückgreifen  auf  die  ursprüngliche  Idee  Gandins
ein  Ende  zu  machen.  Aber  als  ein  Heiligthum,  als  ein  unabänderliches, ­
  für  alle  Zeiten  gegebenes  (Grundgesetz  betrachteten
auch  die  Franzosen  ihre  Werthrelation  von  1  zu  15^2  damals
nkht.  Von  1850  bis  1867.  als  das  (Gold  nach  Frankreich
strömte  und  das  Silber  abfloss,  wurde  die  Frage  einer  i\lünzreform
  bereits  leidenschaftlich  discutirt  und  wie  sich  heute
kaum  mehr  verbergen  lässt,  nur  durch  den  überwiegenden
Einfluss  des  Hauses  Rothschild  und  der  Bank  von  Frankreich
noch  einmal  zu  (Gunsten  der  Doppelwährung  entschieden.  Es
geschah  dies  umsomehr,  da  damals  die  französische  Regierung ­
  noch  hoffen  durfte,  dass  in  ähnlicher  Weise  wie  Italien,
Belgien,  die  Schweiz  und  später  S])anien,  Griechenland  und
Rumänien,  auch  die  Mehrzahl  der  anderen  europäischen  Staaten
sich  diesem  Systeme  anschliessen  würden  ,  und  in  diesem  Falle
allerdings  die  Nachtheile  der  .Doppelwährung,  über  ein  grösseres
Verkehrsgebiet  verbreitet,  für  Frankreich  minder  tühlhar
geworden  wären,  wodann  Frankreich  thatsächlich  klug  gehandelt ­
  hätte,  eine  Reform  seiner  eigenen  Münzpolitik  erst
dann  in  Angriff  zu  nehmen,  wenn  die  Kosten  dieser  Iteform
nicht  von  ihm  allein,  sondern  von  ganz  Europa  mitzutragen
gewesen  wären.  Es  ist  aber  anders  gekommen  ,  und  wenn  sich
in  Frankreich  nun  abermals  eine  Partei  findet,  die  der  Doppelwährung ­
  das  Wort  redet,  so  kann  man  deren  Existenz  recht
eigentlich  auf  die  Erkenntniss  der  furchtharen  Verluste  zurückführen,
  die  Frankreich  aus  seinem  iMünzsysteme  bedrohen.
Der  IJebergang  zur  (Goldwährung  würde  heute  in  Frankreich
zum  mindesten  nahe  an  eine  Milliarde  Francs,  vielleicht  aber
auch  das  Doppelte  und  Dreifache  kosten,  und  da  ist  es  denn
        <pb n="279" />
        269

nur  zu  erklärlich,  dass  man  in  Paris  von  einem  Weltmünzbunde
auf  Grund  der  Doppelwährung  phantasirt  und  vor  den  kühnsten
Theorien  nicht  zurückschreckt,  um  diesen  Weltmünzbnnd
namentlicli  Deutschland  und  England  plausibel  zu  machen.
Es  kann  nicht  schaden,  zur  Beleuchtung  des  Streite.s
übel*  die  Doiipelwährung  nochmals  festzustellen,  dass  diese
sicli  von  jeher,  und  so  auch  gegenwärtig,  gleichsam  in  der
Defensive  befindet,  während  die  einheitliche  ährung  in  ausgesjirochener
  Offensive  begriffen  ist.  Zahlreiche  Staaten  haben
es  sich  wiederholt  schon  die  grössten  Opfer  kosten  lassen,  um
ein  einheitliches  AMihrungssystem  herzustellen;  insbesondere,
um  in  den  Besitz  der  Goldwährung  zu  gelangen,  werden  selbst
die  ungeheuersten  Kosten,  Verluste  von  unzähligen  Millionen
nicht  gescheut.  Die  Doppelwährung  dagegen  wurde  immer
blos  als  das  beipiemste  Auskunftsmittel  in  Fällen  der  Noth
ergriffen.  Die  A^ertheidiger  der  Doppelwährung  beliaupten
allerdings,  dass  es  ein  Phantom  sei,  welchem  beim  Uebergange
  zur  Goldwährung  so  grossartige  Opfer  gebracht  werden  ;
aber  es  muss  doch  immerhin  einiges  Nachdenken  erregen,  wenn
man  sieht,  dass  auf  der  einen  Seite  für  ein  Princip  gekämpft
wird,  zu  dessen  Verwirklichung  die  Anhänger  desselben  vor
Nichts  zurückschrecken,  während  auf  der  anderen  Seite  ein
System  in  b  rage  kommt,  von  welchem  ,  insbesondere  unter  den
heutigen  Verhältnissen,  füglich  angenommen  werden  kann,  dass
es  der  Vergessenheit  anheim  fiele,  wenn  es  nicht  einzelne
läinder  gäbe,  die  an  seiner  Verfechtung  ein  so  augen.scliein-Tclies
  Interesse  haben.  Es  müsste  mit  sonderbaren  Dingen
zugehen,  wenn  Frankreich  nicht  begierig  zugreifen  würde,  sowie ­
  ihm  die  Möglichkeit  geboten  wird,  dieser  von  ihm  so
lioch  gepriesenen  Dojipelwährung  mit  verhältnissmässig  geringen
Kosten  los  und  ledig  zu  werden.  Diese  Erwägung  allein  muss
jedenfalls  dazu  beifragen,  um  jene  Staaten,  welche  die  Dojipelwährung ­
  zu  ihrem  eigenen  Glücke  noch  nicht  besitzen  ,  gegen
die  Lobpreisungen  dieses  letzteren  Münzsystems  einigermassen
misstrauisch  zu  machen.
Die  Anhänger  der  I  )opj,elwährung—von  Denjenigen,  die
fçanz  offen  zugeben,  das  Bestehende  nur  aus  Furcht  vor  den
Ojifern  des  A\  iihrungswechsels  aufrecht  zu  erhalten,  soll  hier
Voilüulig  ganz  abgesehen  werden  —  scheiden  sich  in  zwei
        <pb n="280" />
        Lager.  Lie  Einen  behaupten,  dass  die  Taritirung  der  beiden
Edelmetallsurten  die  Macht  habe,  die  Werthrelation  Liatsächlich
  auf  der  gleichen  Höhe  zu  erhalten,  jede  einseitige
Lreisveränderung  des  Goldes  oder  Silbers  zu  verhüten.  Lie
Andern  aus  der  Schule  Wulowsky’s  geben  zu,  dass  die  hesthaltung
  der  Werthrelation  ein  Ling  der  Unmöglichkeit  sei,
wenn  die  Marktverhältnisse  sich  ändern;  sie  bestreiten  auch
nicht,  dass  bei  jeder  Verrückung  der  Werthrelation  das  im
kreise  steigende  Edelmetall  aus  dem  Verkehre  verschwinden
müsse,  aber  sie  glauben,  dass  dies  mit  keinem  Nachtheile,  ja
sogar  mit  wesentlichen  Vurtheilen  verbunden  sei,  dass  temer
nach  einiger  Zeit,  wenn  sich  die  AVerthrelation  abemials  andere ­
  das  zuvor  abgetlossene  Edelmetall  wieder  zuruckkehren
müsse.  AVolowsky  hat  deshalb  auch  an  die  Stelle  des  A\  ortes
i  Doppel  Währung“  das  von  ihm  erfundene  „Alternativ-I
  Währung“  g;e8etzt;  denn  die  Tender  des  Hanzôsi^dmn
Gesetzgebers  ist  nach  ihm  nicht,  Gold  und  Silber  ziigleic,  i
zum  Werthniesser  zu  macheii,  sondern  abwechselnd  bohl  oder
Silber,  je  nachdem  das  eine  oder  andere  ini  Preise  sin  *e.
Beide  Schulen  fügen  hinzu,  dass  sich  die  Üxe  Taritirung  nicht
,  auf  die  Lauer  erhalten  könne,  wenn  es  blos  ein  einzelnes
(  Land  sei,  welches  dieselbe  decretire.  Wenn  jedoch  alle  Staaten
der  Erde  oder  doch  die  grössten  wichtigsten  derselben  sich  zu
einem  Münzbiinde  auf  Basis  des  Loppelwähriingsgesetzes
einigten,  so  müssten  nach  der  Ansicht  der  Emen  Gold-  und
Silbermünzen  für  ewige  Zeiten  friedlich  neben  einander  coursiren,
  nach  der  Ansicht  AVolowsky’s  müsste  in  einem  s&amp;lt;.lchen
Falle  AbHuss  und  ZuHuss  der  Gold-  und  Silbermüiizen  sich
in  sehr  bescheidenen  Grenzen  halten  ,  die  Abweichung  der
Marktrelation  von  dem  gesetzlichen  Eixpiinkte  konnte  nach
oben  wie  nach  unten  stets  nur  eine  minimale  Grösse  sein.
Lie  erstere,  die  starre  Doppel  Währungstheorie,
ist  seit  Wolowsky’s  Auftreten  seitens  der  Nationalökononien
von  Fach  gänzlich  aufgegeben  worden.  Nur  ein  geistreicher
Dilettant,  Heinrich  Cernnschi,  hält  noch  an  dieser  alten  Loctnn
fest.  Mit  beispielloser  Ilührigkeit  und  seltenem  Geschicke  hat
dieser  in  Frankreich  impatriirte  Italiener  den  dein  Entschlaten
nahen  Streit  wieder  aufgenommen  :  seine  Schritten  machen
insbesondere  auf  das  Laienpubliciim  grossen  Eindruck,  und  e
        <pb n="281" />
        271

ist  daher  trotz  der  augentalügen  Absurdität  aller  Grundpfeiler ­
  der  Cernusclii'sclien  Tlieoiie  durchaus  nothwendig,  sich
mit  derselben  zu  befassen.  Ornuschi  hält  oder  hielt  sich
offenbar  für  einen  Anhänger  olowsky's,  trotzdem  er  im
Grunde  genommen  nur  die  von  diesem  liervorragenden  Gelehrten ­
  längst  widerlegten  Jrrthnnier  im  verstärkten  Masse  wieder
vorbringt,  Er  hat  für  die  Doppelwährung  einen  neuen  Namen,
den  des  „  Bimetallismuserfunden,  indem  seiner  Ansicht  nach
ilire  Wirkung  die  wäre,  die  beiden  Edelmetalle  gleichsam
in  eines,  welches  er  „Electron“  nennt,  zu  verschmelzen.  Die
(iründe,  mit  denen  Cernuschi  für  dieses  sein  Electron  in’s
Feld  zieht,  sind  die  folgenden  :  Es  sei  eine  ganz  irrige,  ja  unsinnige ­
  Principienreiterei  der  Nationalökonomen,  zu  bestreiten,
dass  es  Amt  des  Gesetzgebers  wäre,  in  seinen  Machtbefugnissen ­
  liege,  ein  bestimmtes  Werthverhältniss  zwischen  den
Gold-  und  Silbermünzen  festzustellen.  (toüI  und  Silber  dürften ­
  nicht  als  W  aare  betrachtet  werden,  deren  Werth
lediglich  durch  das  Verhältniss  von  Angebot  und  Nachfrage ­
  bestimmt  werde.  Den  Werth  der  ^Lünzen  mache  das
Gesetz,  ohne  Gesetz  wären  sie  werthlos.  (Bei  letzterer
Behauptung  ist  es  nicht  klar,  ob  der  Verfasser  glaubt,  Gold
und  Silber  hätten,  wenn  sie  zu  JMünzen  nicht  geprägt  würden,
überhaupt  keinen  Tauschwerth,  etwa  gleich  atmosphärischer
Luft  und  fliessendein  Wasser,  oder  ob  es  blos  seine  Ansicht
ist,  dass  der,  abgesehen  vom  gesetzlichen  )lünzwerthe,  in  den
Fdelmetallen  vorhandene  anderweitige  Gebrauchs  wert,h  im
Verhältnisse  zu  jenem  eine  verschwindende  (frösse  sei.  Die
B  e  h  auptu  ng  des  Verfassers,  dass  der  (Gesetzgeber
jede  ihm  beliebige  Werthrelation  wählen  könne,
leitet  aber  jedenfalls  auf  die  erste  re  Annahme
hin.)  Diese  Macht  des  (Gesetzgebers,  den  Werth  des  (Geldes
zu  schaffen,  erhelle  am  besten  aus  der  Befähigung  des  Staates,
Papiergeld  in  Umlauf  zu  setzen.  Was  für  das  Pajiier  gelte,
müsse  doch  ebenso  auch  für  das  Metall  in  Wirksamkeit  sein.
Da  also  der  Staat  in  den  Ländt*ru  der  Goldwährung  den
Werth  der  Silhermünzen  und  in  den  Jhindern  der  Silber-Währung
  den  \\  erth  der  Goldmünzen  gesetzlich  regele,  so
läge  absolut  kein  (Grund  vor,  ihm  zu  verwehren,  dass  er  auch
Beides  gleichzeitig  time.  Damit  aber  sei  der  Bimetallismus
        <pb n="282" />
        272  —

etablirt  und  dieser  sei  in  Wahrlieit  das  uaturgeinässeste
^liinzsysteiii,  denn  die  beiden  Jídelinetalle  hätten  das  nämliche
Recht,  den  nämlichen  Anspruch,  zu  (ieldzwecken  gebraucht
zu  werden.  ])ie  Natur  selbst  habe  die  idenschen  daiauf  hinge ­
  wiesen.  Sie  habe  es  in  ihrer  eisheit  so  eingerichtet,  dass
ein  minder  kostspieliges  weisses,  ein  kostspieligeres  gelbes
Edelmetall  sich  dem  (Gebrauche  darbiete;  sie  babe  überdies
die  Rroductionsverhältnisse  so  gestaltet,  dass  die  Ausbeute
beider  Edelmetalle  für  sich  betrachtet,  den  grössten  Schwankungen ­
  unterworfen  sei  und  daher  auch  der  (leldwerth  in
den  Ländern  mit  einheitlicher  Währung  schwanken  müsse,
die  Schwankungen  in  der  (fohl-  und  Silberausbeute  sich  aber
gegenseitig  in  der  glücklichsten  Weise  compensiren,  so  dass
das  „Electron“  unter  stetigeren  Productionsverhältnissen
.stehend,  auch  in  seiner  Kaufkraft  stetig  bleiben  werde.  Die
„Monometallisten“  (so  werden  die  Anhänger  der  Goldwährung
genannt)  seien  auch  ganz  ausser  Stande,  ihre  Ideen  durchzuführen, ­
  denn  die  Natur  enthalte  ihnen  das  zu  ihren  Zwecken
nöthige  G(dd  vor  und  für  das  Silber,  dessen  sie  sich  entledigen
müssten,  gebe  es  keine  Verwendung;  sie  vernichteten  in  freventlicher ­
  und  nutzloser  Weise  den  Werth  eines  so  überaus  nützlichen ­
  Stoffes,  wie  es  Silber  bisher  gewesen,  und  früher  oder
später  müsse  der  Moment  kommen,  wo  sich  Alle,  ge  di  angt
durch  die  Verhältnisse,  zum  Bimetallismus  bekehren;  dieser
aber  werde  den  Zustand  vollständigster  Ruhe  heibeifühien.
Ein  einzelner  Staat  könne  allerdings  die  Werthrelation  nicht
willkürlich  tixiren.  Zwar  habe  das  französische  Gesetz  eine
ganz  ungeheure  Wirkung  geäussert,  ja  es  habe  allein
trotz  allen  Veränderungen  der  Production  die  Werthrelation
durch  viele  Decennien  beinahe  unverrückbar  festgehalten.  Die
Schwankungen,  die  von  180:1  bis  zur  Gegenwart  im  Goldwerthe
  vorgekoinmeii  sein  mögen,  seien  zudem  gai  nicht  aut
die  Productionsverhältnisse,  sondern  auf  jene  Irrthümer  zurückzuführen, ­
  die  in  der  Münzgesetzgebung  verschiedener  Staaten
begangen  wurden.  Jetzt  aber  sei  der  nionometallistis(die  Wahnsinn ­
  zu  gross  geworden,  Erankreich,  welches  früher  den  Münzrevolutionen ­
  sein  (píos  ego  entgegengerufen,  sei  mit  seinen
Kräften  zu  Rande  gelangt  und  die  Münzunion^  daher  zur
Noth  Wendigkeit  geworden.  Diese  müsse  aus  (gründen  dei
        <pb n="283" />
        273  —

TTtilität  (lie  lateinisclie  ]\rünzre]ation  von  i  zu  aceeptiren.
lili  Principe  aber  wäre  es  ebenso  gut  möglich,  auch  eine
Werthrelation  von  1  zu  1  festzustellen.
Dass  derlei  Dinge  im  letzten  Viertel  des  19.  Jahrhunderts
gesell  lieben  und  insbesondere  in  Oesterreich  von  einer  zahlreichen ­
  Partei  als  Evangelium  geglaubt  werden,  ist  jedenfalls
eine  ganz  merkwürdige  Erscheinung.  Man  weiss  nicht,  soll
man  sich  mehr  über  die  Kühnheit  jedei-  einzelnen  Behauptung,
oder  mehr  darüber  wundern,  dass  der  Verfasser  die  Widersprüche, ­
  in  die  er  sich  selber  verwickelt,  nicht  bemerkt.
Dass  die  Edelmetalle  werthvoll  waren,  noch  bevor  sie
zu  Oeldzwecken  verwendet  wurden,  und  dass  dieser  V  eitli
von  der  Nachfrage  einerseits,  von  den  Productionskosten  andererseits ­
  bedingt  wurde,  ist  historisch  allzuleicht  nachzuweisen, ­
  als  dass  darüber  viele  Worte  zu  verlieren  wären.
Herr  Cermischi  selbst  gesteht  dies  zu  in  einem  Momente  der
Vergesslichkeit,  wo  er  nämlich  von  der,  nebenbei  bemerkt,  gar
nicht  vorhandenen  grossen  Regelmässigkeit  der  Productions
Verhältnisse  bmder  Edelmetalle  zusammengenommen  sprichtJ
ja  er  kann  diese  im  0runde  genommen  jedem  vernünftigen
Menschen  unausrottbar  inhärente  Vorstellung  gar  niemals  vollständig ­
  los  werden.  Es  ist  beinahe  ergötzlich  zu  sehen,  wie
er  sich  selbst  Zwang  anthiit,  sich  selbst  hintergehen  will,  um
den  Productionswerth  aus  den  Edelmetallen  hinauszubekonunen.
So  tragt  er  z.  H.,  um  seine  (Gegner  ad  absurdum  zu  tÜliren,
ob  denn  ein  Klumpen  (iold,  der  etwa  vom  Himmel  Hele’
werthlos  sei,  tn.tzdeni  doch  otfenbar  keinerlei  Menschenarbeit
zmr  Erzeugung  dieses  Geddklumpens  nothwendig  sei.  Diebeste
Antwort  auf  diese  Frage  wäre  allerdings  tür  C.  .sowohl
als^  für  seine  Nachbeter  der  Rath,  das  Capitel  über  den
„V  erth"  in  einem  beliebigen  nationalökonomischen  Handbuche
nachznlesen  ;  da  aber  die  Zahl  dieser  Nachbeter  Legion  ist  und  da
sie  insbesondere  in  Oesterreich  sogar  Kinlluss  auf  die  Regierung
haben,  so  muss  man  widerstrebend  .sich  mit  Dingen  befassen,
die  Jedermann,  der  in  der  Währnngsfrage  das  Wort  ergreift,
längst  erledigt  haben  sollte.  Der  vom  Himmel  gefallene
Kluin])en  (lold  erfordert  allerdings  keine  Arbeit  und  ist  trotzdem ­
  so  viel  werth  ,  w  ie  jeder  andere  vom  gleichen  Cewichte
nnd  gleichen  Feingehalt;  aber  ganz  das  Nämliche  gilt  ja  für
Or.  Th.  Hertzka,  Währung  und  Handel.  lo
        <pb n="284" />
        274

jedes  andere  Gut  äucli.  Ein  vom  Himmel  gefallener  Sack
Weizen  ist  nickt  weniger  wertli,  als  ein  imiksam  gesäetei,
geernteter  und  gedroscliener  ;  warum  folgert  C.  nickt,  dass
aiioli  der  Preis  des  Weizens  von  den  Pi-oductionskosteu  niiakkängig
  sei?  Allerdings,  wenn  es  so  viel  Hold  vom  Himmel
regnete,  als  die  i\lenscken  gekraueken  wollten,  und  man  daher
keines  produciren  müsste,  dann  allerdings  kesUsse  Hold  ekensowenig
  Tansckwertk  als  Lntt  und  messendes  \\asser;  akei
ganz  das  Nämlicke  gälte  anck  für  Weizen,  Korn,  für  jedes
Hut,  welckes  Tansckwertk  kat,  weil  es  Trodnctionskosten  vernrsackt
  und  von  der  (jesellsckait  gekrauckt  wird.
Das  zweite  Argument  für  die  Mackt  des  (4e§etzgekers,

die  Wertkrelation  keliekig  zu  üxiren,  ündet  H.  dann,  dass
das  Hesetz  den  Wertk  der  Münzen  des  einen  Edelmetalls
anck  in  den  Ländern  mit  einkeitlicker  Wäkrnng  kestimme.
Das  ist  eken  einfack  nnricktig.  Die  Hitate  ans  Aristoteles, ­
  Locke  und  Newton,  die  der  Verfasser  zum  Belege  seiner
Bekanptnng  citirt,  keweisen  entweder  das  stricte  Hegentkeil
oder  etwas  ganz  Anderes.  Wohl  kaken  die  gelekrtesten  Männer
liäntig  den  Irrtknm  kegangen,  zu  glanken,  dass  das  Hesetz,
die  ansdrücklicke  Hekereinknnft,  der  Hrnnd  sei,  dass  die
Edelmetalle  zu  Ci  renia  ti  on  sz  weck  en  verwendet  wurden.  \\  le
gross  aller  ikr  Wertk  sein  solle,  das  zu  kestimnien  kat  noch
Niemand  der  Hesetzgeknrig  zngemntket.  In  Wakrkeit  kes&amp;lt;4irankt
sick  die  Ennction  des  Staates  in  den  Ländern  mit  eiiikeitlielier
Wäkrnng  lediglick  darauf,  das  He  wirkt  und  den  Peingelialt
der  Edelmetalle  zu  iieglankigeii  und  die  derart  in  ikreiii  Hekalte
  kegkinkigten  Stücke  zu  gesetzlielien  Werthmessern  zn
erklären.  Tier  Staat  sagt  keispielsweise  in  (  )esterreirk  :  „Dieses
Stück  Sillier  entkält  den  Tfi.  Tkell  eines  Münzpfniides;  ich
verseile  es  mit  meinem  Stempel  und  nenne  es  Hnldeii.  Wer
Hnlden  zn  zaklen  oder  zn  empfangen  hat,  hat  sieh  in  solekeii
Stücken  zu  lösen  und  sich  dnreh  den  Empfang  soleker  Stücke
für  kefriedigt  zn  erklären.“  V  &amp;lt;i  ist  hier  die  Bestimmung
eines  WerthesV  Um.-(1er  Voranssetzniig  zn  entsjiivehen,
müsste  der  Staat  etwa  noch  liiiiznfügen  :  „Dieses  Stück  Sillier
'ist  im  Wertke  gleick  20  Bfniid  Prod,  einer  Elle  Tneh  oder
2  Arkeitstagen.“  Tkäte  der  Staat  das  letztere,  dann  wäre  es
1  allerdings  anck  ganz  dasselbe,  wenn  er  hinznfügen  würde:
        <pb n="285" />
        275

18*

„lind  ferner  ist  dieses  Stück  Silber  gleich  x  Grammen  Gold.“
da  auch  in  den  Doppelwälirungsstaaten  bestimmt  das  Gesetz
den  W'^ei'th  dei-  ]\rnn%en  im  Allgemeinen  nicht;  es  gibt  auch
dort  kein  bestimmtes  Wertbverbältniss  des  Geldes  zu  irgend
eineni^  Gute,  nur  ganz  ausnahmsweise  ein  Wertbverbältniss
dei-  Kdelmetalle  zu  einander.  Wer  also  die  Zulässigkeit  dieses
letzteren  beweisen  will,  der  darf  sich  mit  nickten  auf  das  berufen, ­
  was  in  den  Staaten  der  einheitlichen  Währung  geschieht; ­
  denn  wenn  in  Wahrheit  in  den  Doppelwährnngs-1
  ändern  mit  (-iold  und  Silber  zugleich  nur  dasselbe  geschähe,
was  in  den  Silherländern  mit  dem  Silber  und  in  den  Goldländern ­
  mit  dem  Golde  geschieht,  so  müsste  man  sich  eben
(laranf  beschränken,  Feingehalt  und  Gewicht  von  Gold-  und
Silherstüeken  zugleich  zu  beglaubigen,  d.  h.  zwei  AWrthmesser
neben  einander,  aber  unabhängig  von  einander
in  Umlauf  zu  setzen.
Die  bisher  behandelten  groben  Urtliümer  werden  nun
von  Vielen  als  solche  erkannt,  die  trotzdem  dem  „Himetallismns“
  anhängen.  Diesen  haben  es  eben  die  kosmopolitischen,/
Weltfrieden  yerheissenden  Versprechungen  des  Systems  ange-ji
than.  Um  die  Alles  bezwingende  IMacht  eines  universellen

Münzhnndes  zu  beweisen,  argnmentirt  G.  folgendermassen  :  '
Trotzdem  auf  den  Fdelmetallmärkten  des  Auslandes  die  Werthrelation
  auf  1  zu  1‘)  stieg,  gehe  man  in  Frankreich  doch
willig  und  gern  1  Pfund  (told  für  Ih'/a  Pfund  Silber,  lediglich ­
  weil  das  (tesetz  es  so  verlangt;  allerdings  aber  sei  hier
Gefahr  vorhanden,  dass  das  Ausland  alles  Gold  an  sich  ziehen,
d.  h.  gegen  Silber  anstanschen  künnte.  Wie  aber,  wenn  es  kein
Ausland  gäbe,  wenn  alle  Staaten  der  Welt  demselben  Gesetze
thlgen  würden;  wohin  sollte  man  da  das  Gold  senden,  woher
das  Silber  beziehen?  Wer  sollte  überhaupt  das  (told  höher
bewerthen,  das  Silber  im  Preise  diücken?  Fs  gäbe  dann  kein
Ausland,  keine  Fdelmetallarbitrage,  das  (tleicbgewicht  müsste
si&amp;lt;‘b  erhalten,  weil  Niemand  da  wäre,  um  es  zu  stören.  Man
könnte  dann  immerhin  auch  1  Pfund  (told  für  1  Pfund  Silber
geben,  denn  Niemand  hätte  Verwendung  für  sein  (told  zu
Iniheren  Preisen.
In  einer  Beziehung  hat  nun  hier  C.  allerdings  Recht.  |(
\NTnn  man  die  Werthrelation  von  1  zu  löVj  für  ewige  Zeiten
        <pb n="286" />
        —  2  i  6  —

feststellen  kann,  so  muss  es  auch  möglich  sein,  eine  solche
von  I  ku  1  festzuhalten,  denn  daraus,  dass  die  erste  den
reellen  IMarktverhältnissen  der  (legenwart  näher  liegt  als  die
letztere,  folgt  noch  keineswegs,  dass  dies  für  ewige  /eiten  so
hleihen  müsse.  Dass  "aber  beide  Behaujdungen  nicht  gleich
richtig,  sondern  gleich  unrichtig  sin-d,  wird  seihst  einem  Manne
gegenüber,  der  die  (Irundprincipien  der  nationalitkonomischeii
Wissenschaft  beinahe  sännntlich  in’  Drage  stellt,  zu  beweisen
nicht  schwer  sein.
0.  leugnet  zwar,  dass  die  Productionskosteu  der  Edelmetalle ­
  deren  Preis  bestimmten,  aber  er  wird  hoffentlich  zugeheu, ­

  dass  die  Production  der  Edelmetalle  mit  Kosten  verbunden ­
  sei,  und  dass  die  Production  des  Goldes  höher  zu
stehen  komme  als  die  des  Silbers;  letzteren  Umstand  hat
er  in  seiner  Publication  ^Michel  Chevalier  et  le  Bimétallisme'^
sogar  als  eine  ganz  besonders  weise  Fügung  der  ^  Natur
liervorgehohen.  Oh  nun  C.  nicht  etwa  glaubt,  dass  die  krodnetion
  von  Gold  genau  löVainal  so  theuer  sei,  und  für
alle  Zeiten  um  so  viel  theurer  hleihen  müsse  als  die  des
Silbers,  lässt  siOi  mit  Bestimmtheit  nicht  angehen  ;  aber
gleichviel  —  er  weiss,  dass  man  für  die  Productionskosteu
eines  Ihundes  Gold  sehr  viele  Pfunde  Silber  produciren  kann.
Was  geschieht  nun,  wenn  ein  Gesetz  erklärt,  dass  Gold  und
Silber  Pfund  gegen  Pfund  auszutauschen  seien?  Davon,  dass
die  Kaufkraft  der  Oircnlationsmittel  vom  Verkehrshedürfnisse
einerseits  und  vom  Umfange  des  vorhandenen  \orrathes  andeiseits^ahhänge,
  hat  C.  merkwürdigerweise  ganz  klare  Vorstellungen; ­
  er  weiss  also  und  verwertliet  dieses  sogar  im  Sinne
seines  „Electrnm“,  dass  bei  sonst  gleichbleibenden  Verkehrsverhältnissen ­
  die  Gesammtkauf  kraft  des  Circulât  ionsmitt  elvorraths
  eines  Landes  sowohl,  als  der  gesammten  civilisirten
Welt  die  gleiche  bleiben  müsse.  Er  weiss  demnach,  dass
die  00  Milliarden  des  ahendländischen  ]\I  etallgeldvorraths
insgesammt  dieselbe  Kaufkraft  besitzen  müssten,  die  ihnen
jetzt  inne  wohnt,  wenn  die  Werthrelation  geändert  würde.
Nun  bestehen  aber  diese  bP  Milliarden  zu  einem  Drittel  aus
180  Millionen  Pfund  Silber  und  zu  zwei  Dritteln  aus  17  Millionen ­
  Pfund  Gold;  hinkünftig  müssten  folgerichtig  107  Millionen ­
  Pfund  Electron  die  nämliche  Kaut  kraft  erlangen,  woraus
        <pb n="287" />
        277

sich  ergäbe,  dass  jedes  einzelne  Pfund  rund  250  Francs  Tausch,
werth  haben  müsste.  Die  Gleic])stellung  des  Tauschwerthes
hätte  also  für  Silber  eine  Erhöhung  um  mehr  als  das  Doppelte, ­
  tür  (toM  eine  Ermässigung  um  ungefähr  das  Siebenfache
zu  bedeuten.  Was  wären  die  Folgen  für  die  Production?  Die
Silberminenbesitzer  sähen  ihren  Nutzen  um  das  Doppelte  gesteigert; ­
  ]\iinen,  die  früher  nicht  lohnend  waren,  würden  es  in
ganz  ausserordentlicher  Weise.  Neue  (’apitalien  müssten  diesem
Industriezweige  Zuströmen,  der  so  ausserordentliche  Rente
abwirft,  und  es  würde  eben  von  den  verfügbaren  Capitalien,
sowie  von  dem  Umfange  jener  IMinen  abhängen,  die  bei  dem
Steigen  de^  Silbers  um's  J  doppelte  rentabel  werden,  ob  die
Silberproduction  von  2ÍK)  IMillionen  blos  auf  400  bis  .5(V)  oder
aut  2rMM)  bis  öOO()  Millionen  Gulden  im  Jahre  steigen  soll.
T^mgekehrt  wird  es  sich  bei  der  Goldj)roduction  verhalten.  Da
es  nicht  möglich  ist,  mit  demselben  Ertrage,  den  gegenwärtig
ein  Arbeiter  aus  der  Mine  zieht,  7  Arbeiter  zu  einähren,  so
wird  man  die  (xoldminen  verlassen;  eine  Ausnahme  werden
vielleicht  vorübergehend  einzelne  besonders  reiche  Gänge
machen,  die  vielleicht  auch  nach  Devalvirung  des  Goldwerthes
um  das  Siebenfache  ihre  Besitzer  mtch  ernähren  können.  Man
wird  also  gegenüber  den  Hunderten  vielleicht  Tausenden  Millionen ­
  der  Silberproduction  einige  Tausend  und,  wenn  es  hoch
kommt,  einige  Hunderttausend  Gulden  Gold  erzeugen.
Desto  schlimmer  für  die  Goldproducenten  und  desto
besser  für  die  Silberminenbesitzer  wird  vielleicht,  kurz  entschlossen, ­
  U.  entgegnen,  obwohl  man  ihm  vielleicht  auch  hier
schon  die  Frage  entgegenhalten  könnte,  mit  welchem  Rechte
er  denn  die  Einen  ruiniren,  die  Andern  bereichern  darf.  Indessen ­
  die  Bimetallisten  nehmen  dieses  Recht  im  Namen  einer
angeblich  weltbeglückenden  Theorie  in  Anspruch  ;  sie  werden
möglicherweise  darauf  verweisen,  dass  jede  grosse  Idee  Opfer
verlange,  und  so  wollen  wir  uns  denn  besehen,  wie  sich  die
liage  auf  dem  Markte  gestalten  wird.
Da  auch  gegenwärtig  auf  ISO  Millionen  Pfund  Silber  blos
17  Millionen  Pfnnd  Gold  existiren,  da  Gold  also  thatsächlich
seltener  ist  als  Silber,  so  ist  nicht  anzunehmen,  dass  die  Mensch-
        <pb n="288" />
        27H

heit  so  urplötzlich  das  seltenere  Gold  dem  häutigeren  Silber  in
jeder  Beziehung  gleich  schätzen  werde,  wenn  ein  bimetallisches
  Gesetz  es  fordert.  Es  wird  wahrscheinlich  in  alle
Zukunft  ^Menschen  geben,  die  goldene  Binge,  Armspangen,
ührketten  und  Gefässe  den  silbernen  vorziehen.  ie  die  Dinge
heute  liegen,  behilft  man  sich  mit  dem  Silber,  weil  das  Gold
um  so  viel  theurer  ist.  Wenn  der  Bimetallismus  die  Barität
im  Preise  herstellt,  so  werden  wahrscheinlich  nicht  Wenige
ihre  silbernen  Geschirre  in  die  iVfünze  tragen  und  alle  die
tausenderlei  Luxusartikel,  die  heutzutage  jeder  Wohlhabende
aus  Silber  verfertigen  lässt,  gegen  goldene  umsetzen.  Ls  ist
zu  bezweifeln,  ob  die  17  ^Millionen  l'fund  (xold,  die  im  Abendlande ­
  vorhanden  sind,  hinreichen  werden,  um  einen  scdchen
Tausch  zu  ermöglichen.  Aller  AVahrscheinlichkeit  nach  existiren
hier  mindestens  50  Alillionen  Pfund  Silber  in  horm  von  (toräthen
  und  es  müsste  daher  eine  sehr  grosse  Zahl  von  Alenschen
  durch  den  Bimetallismus  zu  einer  ganz  neuen  (ieschmacksrichtung
  bekehrt  werden,  um  nicht  sofort  zu  Zwecken
der  verschiedenen  industrien  eine  Goldnachfrage  hervorzurufen, ­
  welcher  das  Angebot  selbst  bei  vollständiger  Lrschöpfung
  des  Aliinzvorraths  schon  im  ersten  Augenblicke  nicht
genügen  könnte.  Diese  Gefahr  ist  um  so  augenscheinlicher,
als  die  ostasiatischen  Barbaren,  die  verhälfnissmässig  noch
viel  mehr  Silber  und  viel  weniger  Gold  besitzen  als  das
Abendland,  durch  die  AVerthrelation  von  1  zu  1  gereizt
werden  könnten,  ihre  silbernen  Spangen,  Halsketten  und  Beschläge ­
  gegen  goldene  zu  vertauschen.  Diesen  A\'ilden  würdet’,
sicherlich  ganz  vergebens  erklären,  dass  das  Gold  nicht  mehr
werth  sei  als  das  Silber;  sie  werden  eben  finden,  dass  es
ihnen  besser  gefällt  und  werden  tauschen,  so  lange  es  etwas
zu  tauschen  gibt,  da  es  ist  sogar  zu  vermuthen,  dass  die
Nachfrage  nach  Gold  einen  einigermassen  ängstlichen  und
dringenden  Charakter  annehmen  dürfte,  wenn  man  in  Erfahrung ­
  bringen  wird,  dass  alle  Goldminen  feiern,  die  Silberminen
  dagegen  in  geometrischer  Progression  wachsende  (Quantitäten ­
  ihres  IToductes  auf  den  Alarkt  schicken.  Das  Gold  ist
ein  Ding,  das  sich  langsam  zwar,  aber  allmälig  abnützt;
zudem  gibt  es  Productionsarten,  die  das  Gold  nicht  nui
gebrauchen,  sondern  verbrauchen.  Ls  wird  also  .ledermanii
        <pb n="289" />
        270

besorgen  müssen,  dass  nach  einer  Reihe  von  Jahren  das  Giold
überhaupt  von  der  Erdoberfläche  verschwunden  sein  könnte
und  sich  daher  beeilen,  dasselbe  gegen  Silber  so  rasch  als
möglich  auszutauschen.  Nicht  einen  Tag,  nicht  eine  Stunde,
nicht  eine  Secunde  lang  könnte  sich  das  derart  auf  die  Spitze
getriebene  bimetallische  Weltmünzsystem  in  Kraft  erhalten.
Der  Gesetzgeber  hätte  gut  sagen,  dass  ein  Pfund  Gold  so  viel
werth  sei  als  ein  Pfund  Silber.  Die  Gläubiger  müssten  sich
den  Raub,  der  an  ihnen  begangen  wird,  allerdings  gefallen
lassen,  und  die  Schuldner  würden  von  demselben  profitiren;
aber  Niemand  würde  eine  Goldstück,  das  er  in  Händen  hat,
anders  als  zu  seinem  vollen  Werthe  hergeben.  Die  Goldproducenten ­
  würden  daher  ihre  Production  gar  nicht  einstellen,
denn  sie  wüssten  sehr  gut,  dass  man  ihnen  ihr  Gold  zu  einem
Preise  abkaufen  wird,  der  ihren  Productionskosten  entspricht, ­
  aus  dem  einfachen  Grunde,  weil  man  des  Goldes  auch
zu  diesem  Preise  bedarf.  Es  ist  möglich,  dass  der  Weltmünzbund, ­
  wenn  er  mit  Galgen  und  Rad  die  Befolgung  seiner
Thorheit  überwachen  würde,  es  erzwingen  könnte,  dass  das
Gold  als  Zahlmittel  überhaupt  nicht  mehr  benützt  wird,  und
in  diesem  Falle  würde  der  Preis  des  Goldes  allerdings  sinken,
insolange  bis  die  Nachfrage  zu  rein  industriellen  und  decorativen
  Zwecken  mit  dem  Angebote  in  Finklang  gelangte;  aber
wenn  die  Grausamkeit  mit  der  Thorheit  nicht  im  Bunde  stände,
liesse  sich  dem  Verkehr  das  Gold  nicht  einmal  zu  (ürculationazwecken
  entziehen.  Der  Staat  würde  keine  Goldmünzen
prägen?  Man  würde  in  Barren  handeln.  Die  Konsequenz  des
bimetallischen  Weltmünzhundes  wäre  also  gesetzliche  Silberwährung ­
  zu  Zwecken  des  kleinen  Verkehrs  und  goldenes
Wägegidd  im  grossen  Verkehr.
Wenn  sich  aber  (%  anf  die  Analogie  mit  dem  Papiergelde ­
  beruft  und  meint,  dass  in  ähnlicher  \\  eise  wie  dieses
auch  ^Metallgeld  ohne  Bücksicht  auf  seinen  Productivnswerth
in  Umlauf  erhalten  werden  müsse,  so  ist  dem  Folgendes  entgegenziihaltiui
  :
Der  Staat  hat  allerdings  die  Macht,  dem  Verkehre  ein
Tauschmittel  aufzudrängen,  dessen  innerer  Werth  der  Function ­
  nicht  entspricht,  die  ilim  aufgebürdet  wird,  ln  diesem
        <pb n="290" />
        gso  —

Falle  wird  sieh  der  Werth  dieses  Tausehmittels  lediglich  nach
seinem  (-lehrauehswerthe  zu  Geldzweckeu  richten.  Die  Note
mit  Zwangscours  wird  als  das  Aeq  ui  valent  jenes  Kdelmetallquantums
  angenommen,  welches  erforderlich  ist,  um  jenen
Dienst  in  der  Circulation  zu  verrichten,  der  von  ihr  nach  der
jeweiligen  Lage  der  Verhehrsverhältnisse  eben  gefordert  wird.
Ilehersteigt  die  Illenge  der  ausgegehenen  Noten  das  Verkehrshedürfniss
  nicht,  so  werden  diese  zum  vollen  Werthe  angenommen. ­
  Das  Edelmetall,  dessen  Repräsentanten  sie  sind,  wird
ungestört  nehen  ihnen  circuíiren.
Wenn  man  nun  auf  die  (hrculation  der  Edelmetalle  dasselbe ­
  Zwangsrecht  ausiihen  will,  welches  für  die  unbedeckte
Note  so  oft  mit  Erfolg  gehandhaht  worden  ist,  so  wird  man  allerdings ­
  dasselbe,  aber  mit  Nichten  ein  weitergehendes  Resultat
erlangen.  i\Ian  wird  es  zu  Wege  bringen,  dass  das  höherwerthigeAIetall
  nehen  dem  minderwerthigeu  circulirt,  solange  eben
das  minderwerthige  dem  Verkehrshedürfnisse  nicht  voll  entspricht. ­
  Man  könnte  also  allerdings  die  Werthrelation  von  1
zu  1  zwischen  (fohl  und  Silber  fcststellen  und  (fohl  doch
noch  im  Verkehre  erhalten,  wenn  es  eben  möglich  wäre,  dies
zu  bewerkstelligen,  ohne  dass  die  Silhercirculation  alle  Verkehrscanäle ­
  ausfüllt.  Aber  das  ist  eben  unmöglich.  Denn  der
TTnterscliied  zwischen  Papiergeld  und  Metallgeld  besteht  unter
Anderem  auch  darin,  dass  Pajiiergeld  nur  von  Demjenigen  erzeugt ­
  werden  darf,  der  dazu  ein  specie  lies  Privilegium  besitzt,
während  Metallgeld  von  Jedermann  erzeugt  werden  kann,  der
das  betretfende  Metall  besitzt  oder  producirt.  In  dem  Alómente
nun,  wo  durch  eine  DopjielWährung  iler  Werth  des  einen  der
Edelmetalle  überschätzt  wird,  werden  alle  vorhandenen  Bestände ­
  des  anderen  Edelmetalls  auf  den  (feldmarkt  gezogen,
es  wird  überdies  die  Production  zu  vermehrten  Anstrengungen
gereizt,  und  endlich  wird  mit  Naturr.othwendigkeit  der  l\Ioment
  eintreten,  wo  die  Circulation  des  einen  im  Werthe  überschätzten ­
  Metalls  den  ganzen  Verkehr  erfüllt.  Von  dem  .Alasse
der  Ueherschätzung  und  von  dem  Umfange  des  Verkehrs-lfebietes
  wird  es  ahhängen,  oh  dieser  Zustand  früher  oder  später
eintritt,  und  angesichts  einer  Ueherschätzung,  wie  sie  C.  für
möglich  hält,  wird  eben  die  Verdrängung  des  höherwerthigen
Metalles  aus  dem  (ieldverkehre  und  die  Zurückführung  des
        <pb n="291" />
        281

minderwerthigen  auf  den  normalen  Tausehwerfh  augenblicklich
ei  nt  reten.
Das  teleologische  Argument,  dass  die  Dop]»elWährung
schon  deshalb  die  beste  Währung  sei,  weil  die  Natur,  indem
sie  (xold  und  Silber  zugleich  schuf,  die  Menschen  auch  auf
den  (gebrauch  beider  Metalle  angewiesen  habe,  ist  vollends
merkwürdig.  Als  ob  die  Natur  nicht  auch  Eisen  ,  Blei  und
Zinn  geschaffen  hätte,  und  als  ob  man  nicht  kraft  derselben
Argumentation  schliesslich  auch  dahin  gelangen  müsste  ,  alle
Naturproducte  als  Geldstoffe  zu  empfehlen  !  Oder  soll  sich
etwa  diese  teleidogische  Schlussfolgerung  blos  auf  Edelmetalle
beziehen?  Ja,  was  sind  eigentlich  nach  C.’s  Auffassung  Edelmetalle? ­
  J)er  hohe  Werth  des  Goldes  und  Silbers,  das  ent.
scheidende  Kriterium  in  den  Augen  anderer  Leute,  kann  von
ihm  nicht  benützt  werden,  denn  nach  seiner  Ansicht  ist  ja
dieser  Werth  erst  nachträglic  h  durch  den  Gesetzgeber  geschaffen.
M  ill  er  blos  die  grössere  Unzerstörbarkeit  und  Schwere  wie
den  höheren  Glanz  als  das  Entscheidende  ansehen  ,  so  müsste
er  wieder  a'  priori  dem  (irolde  grössere  Eignung  zu  Geldzwecken ­
  beilegen,  was  seinem  System  schnurstracks  zuwiderläuft. ­
  I  nd  tür  alle  källe  kann  das  Platina  aus  der  Reihe
der  Edelmetalle  nicht  gestrichen  werden.  Aluminium  wird
auch  demselben  zuzuzählen  sein,  und  möglicherweise  bescheert
uns  die  Chemie  demnächst  ein  viertes  und  fünftes  Edelmetall.
Um  also  im  Sinne  (Vs  den  (geboten  der  Natur  zu  folgen,
müssten  wir  keine  Doppelwährung,  sondern  jedenfalls  eine
dreifache  ,  unter  Umständen  eine  vierfache  oder  fünffache
Währung  empfehlen.  :\lan  sieht,  zu  wehdien  Absurditäten  es
führt,  wenn  man  eine  widersinnige  Künstelei  durih  die  Berufung ­
  auf  Naturgesetze  stützen  will.  Die  Natur  mai  ht  durchaus ­
  keinen  essentiellen  1  nterschied  zwisi  hen  den  Edelmetallen
und  beli(d)ig  anderen  durch  Arbeit  zu  erzeugenden  Gütern,
und  in  der  1  hat  hat  die  menschliche  tdesellschaft  nach  einander ­
  sehr  verschiedene  Naturproducte  zu  Geldzwecken  verwendet. ­
  Das  Electron  Cern  lisch  is  aber  ist  kein  Natur-.
Sondern  ein  Kunstproduct,  ja  in  ahrheit  das  Product  einer
irregeleiteten  Phantasie.
Ein  weiterer  Vorwurf,  den  nicht  blos  (’.,  sondern  auch
andere  Doppelwährungsmänner  den  von  ihnen  sogenannten
        <pb n="292" />
        —  2H2  —
,.l[onometallÍ3ten“  maclieii,  ist  der,  class  diese  in  '''«n  An-  .
schauungen  vom  Zufall  geleitet  seien.  Gestern  sei  es  das  hillier
gewesen,  heute  das  Gold,  morgen  werde  es  vielleicht  wiecler
das  Silber  sein,  welehes  zum  alleinigen  Geldstoffe  gewählt
wird,  denn  die  Prodnetionsverhältnisse  kdnnten  wechseln,  wie
sie  gewechselt  haben,  und  da  man  immer  jenes  Metall  in
Acht  erkläre,  dessen  Ausbeute  zufällig  über  das  norma  e
Mass  gestiegen  sei,  so  würde  die  monmnetalliache  Doctrin
die  gebildete  AVelt  steten  Störungen  des  Geldwesens  aussetzen.
Dieser  Vorwurf  zeugt  von  einer  merkwürdigen  Verkennung
geschichtlicher  ïhatsachen  und  Verhältnisse.  Man
(Icdd  als  Währungsmetall  nicht  deshalb  vor,  weil  diebilbeiausbeute
  steigt,  sondern  aus  ganz  anderen  Gründen  ,  die  theils
im  vorigen  Capitel  bereits  angedeutet  wurden,  theils  in  den
folgenden  noch  ausführlich  besprochen  werden  sollen.  Insbesondere ­
  aber  sind  Kngland  sowohl  als  Deutschland  zur  Goldmachte,
  oder  auch  nur  vorhergesehen  werden  ¡'"»"G-  •
sneciell  in  Deutschland  hat  Soetheer  seine  schliesslich  von
so  grossem  Krfolge  gekrönte  Agitation  für  die  Goldwährung
in  einem  Momente  eingeleitet,  wo  das  Silber  im  Preise  ges  iegen
war  und  die  pacitischen  Goldländer  die  unge  heuersten  Guauhervorragende
  Nationalökonoinen  seinerzeit  den  Uebeiga  g
SFSSHSSEr
        <pb n="293" />
        2H3

europäische  Staaten  mit  Ausnahme  Englands  dieses  Münzsystem,
und  es  ist,  wie  später  nachgewiesen  werden  soll,  unter  allen
Umständen  ein  ungeheurer  Vortheil,  mit  seinen  Nachbarn
dieselbe  Basis  der  AVährung  zu  besitzen  ;  andererseits  bestand
die  thatsächliche  Circulation  Frankreichs  beinahe  ausschliesslich
aus  Silbermünzen  und  nur  ziim  geringen  Theile  aus  Najmleond’ors.
  Der  Uebergang  zur  Silberwähmng  war  also  leicht,  der
zur  (Goldwährung  überaus  schwierig.  Aehnliche  (Gründe  waren
auch  in  Holland  massgebend;  nur  war  dort  dieCireulation  zu
einem  grösseren  Theile  mit  (Gold  gesättigt,  der  Uebergang  zur
(Goldwährung  wäre  daher  leichter  gewesen,  und  dies  erklärt
zur  (Genüge  ,  dass  damals  schon  in  Holland  eine  sehr  starke
(Goldpartei  bestand,  die  in  der  Kammer  nur  mit  zwei  Stimmen
der  Silberpartei  unterlag.  Seit  jener  Zeit  aber  haben  sich
die  factischen  iMünzverhältnisse  Europa’s  radical  zu  (Gunsten
des  Goldes  verändert  ;  es  hat  sich  überdies  eine  so  allgemeine
und  ausgiebige  Preissteigerung  aller  Waaren  vollzogen,  dass
das  Hcipiemlichkeitsmoment,  welches  für  die  Goldwährung
spricht,  mehr  und  mehr  in  den  Vordergrund  tritt.  Alles  dies
erklärt  zur  (Genüge,  dass  heute  keine  ernst  zu  nehmenden
Vertheidiger  der  Silberwährung  mehr  den  ausschliesslichen
Vertheidigefn  der  (Goldwährung  gegenüberstehen.  (Die  österreichische ­
  Silberpartei  ist  eben  nicht  ernst  zu  nehmen.)
Schliesslich  erklärt  C.,  dass  die  Monometallisten  das
(Gold,  dessen  sie  zur  Durchführung  ihrer  Pläne  bedürften,
gar  nicht  erhalten  könnten,  und  dass  es  ihnen  ebensowenig
möglich  wäre,  ihr  Silber  zu  verkaufen.  Letzteres,  nämlich
der  Verkauf  des  Silbers,  wird  allerdings  mit  grossem  Verlu.ste
verbunden  sein;  aber  die  davon  betroffenen  Staaten  thun  wohl
daran,  sich  diesen  Verlusten  zu  unterziehen,  denn  die  handelspolitischen ­
  und  tiananziellen  Vortheile,  die  sie  damit  erlangen, ­
  sind  so  gross  und  allumfassend,  dass  selbst  die
schwersten  Opfer  dagegen  kaum  in’s  (Gewicht  fallen.  Dass  es
aber  unmöglich  sei,  das  zur  Durchführung  der  Goldwährung
noth  wendige  gelbe  Edelmetall  zu  beschaffen,  ist  wieder  eine
jener  Behauptungen,  die  auf  gänzlicher  Verkennung  aller
Verkehrsprincipien  beruhen.  Selbst  wenn  die  (Goldausbeute  der
Erde  völlig  autbören  würde,  wäre  es  immer  noch  möglich,
—  wenn  auch  aus  mancherlei  Gründen  nicht  vernünftig  die
        <pb n="294" />
        Goldwährung  überall  einzuführen.  Die  HO  Milliarden  Franken,
die  gegenwärtig  den  Circulationsbediirfnissen  der  alten  Goldwährnngmländer
  dienen,  müssten  eben  auch  für  die  Bedürfnisse
der  neuen  herhalten.  Das  Gold  würde  dadurch  allerdings
theurer,  seine  Kaufkraft  würde  steigen;  aber  eben  dies  hätte
zur  Folge,  dass  beispielsweise  Grossbritannien,  welches  heute
20.000  Centner  Gold  zu  seinen  Circulationszwecken  braucht,
mit  10-  oder  12,000  Centnern  demselben  Bedürfnisse  in  ganz
ähnlicher  Weise  genügen  könnte,  gleichwie  umgekehrt  bei
einem  Steigen  des  relativen  (ürculation.smittelvorrathes  sich
auch  das  Bedürfniss  jedes  einzelnen  Landes  extensiv  vergiösseit.
Aber  so  steht  die  Sache  gar  nicht.  Die  Goldminen  der  Erde
liefern  im  l\Iinimnm  HOO.(MM)  Pfund  Gold  im  Jahre,  sie  werden,
wenn  in  der  That  der  Vorrath  der  alten  Goldländer  auch  nur
im  (xeringsten  angegriileu  und  dadurch  eine  Steigei  ung  dei
Kaufkraft  des  Goldes  hervorgerufen  werden  sollte,  wahrscheinlich

in  der  Zukunft  noch  mehr  liefern.  Und  es  ist  dies  ein  Quantum, ­
  aus  welchem  immerhin  ganz  bedeutende  neue  Bedürfnisse
befriedigt  werden  können.  Thatsächlich  macht  der  deutschen
Reichsregierung  die  Beschaffung  des  zu  völligem  Abschlüsse
der  Münzreform  noch  nothwendigen  geringen  Goldquantums
durchaus  keine  Sorge,  und  da  auch  die  Münzreforüi  in  anderen
Staaten,  die  sich  zum  Uebergange  zur  (xoldwährung  entschlossen ­
  haben,  nicht  in  einem  Jahre  diirchgefiihrt  werden
dürfte,  so  ist  nicht  einmal  eine  wesentliche  Preissteigerung
des  Goldes  zu  besorgen,  wie  denn  auch  bisher  Alles  dafür
spricht,  dass  die  Verrilckiuig  der  Werthrelation  zwischen
Gold  und  Silber  weniger  in  einer  Wertherhöhung  des  Goldes,
als  in  einer  Werth  Verminderung  des  Silbers  ihren  Drund
habe.  Sollte  es  aber  auch  anders  kommen  ,  sollten  thatsächlich
die  Münzmassregeln  Hollands,  Xordamerika’s-,  Desferreichs
und  in  nicht  gar  weiter  Ferne  auch  der  Staaten  der  lateinischen
Münzconvention  einen  Sturm  auf  dem  Goldmarkte  hervorrufcn,
so  wäre  dies  allerdings  ein  Uebel  ,  sogar  ein  sehr  grosses,
dessen  Consequenzen  unter  Umständen  verhängnissvoll  waren.
Aber  dann  würde  der  Kehler  nicht  in  der  Goldwährung,  sondern
im  mangelnden  Zusammenwirken,  in  der  gegenseitigen  Concurrenz
  der  einzelnen  Staaten  zu  midien  sein.  Den  Lowenantheil
  des  Schadens  wird  aber  jedenfalls  derjenige  haben,  der
        <pb n="295" />
        2S5

sich  am  längsten  besinnt,  dasjenige  in  Angriff  zu  nehmen,  was
dauernd  zu  vermeiden  nicht  mehr  in  der  ^iacht  eines  europäischen ­
  Staates  liegt.
Was  nun  die  Wolowsky'sche  Alternativwährung  anlangt,
so  geht  zwar  auch  diese  von  irrigen  Voraussetzungen  aus,
aber  sie  schildert  doch  Zustände,  wie  sie  unter  einem  Zusammenwirken ­
  günstiger  Verhältnisse  sich  eine  Zeit  lang  erhalten
können,  und  that  sächlich  auch  durch  JJecennien  erhalten  haben  ;
sie  stellt  die  Natur  nicht  auf  den  Kopf,  und  ihre  Conseipienzen
sind  in  keinem  Punkte  absurd,
Wolowsky  anerkennt,  dass  der  Preis  der  Edelmetalle
durch  das  Verhältniss  von  Angebot  und  Nachfrage  bestimmt
sei;  er  bestreitet  nicht,  dass  es  unmöglich  sei,  die  Werthrelation ­
  beider  unabänderlich  zu  fixiren;  er  gibt  zu,  dass  bei
einer  Differenz  zwischen  der  Alarktrelation  und  dem  gesetzlichen
  Werthverhältnisse  das  im  Preise  gestiegene  ]\Ietall  sich
allnuilig  aus  dem  (leidverkehre  zurückziehen  müsse.  Er  beugt
sich  also  vor  allen  wirthschaftlich  festgestellten  ('onsecjuenzen
einer  solchen  Eixirung  der  Werthrelation  ,  und  be.streitet  nur
Zweierlei:  erstens,  dass  diese  (  onseipienzen  zu  einer  vollständigen ­
  und  da  u  e  r  n  d  e  u  Dcmonetisirung  des  einen  Metalls
führen  können,  und  zweitens,  dass  die  von  ihm  vorausgesetzte
Alternirung  in  der  (leldfünction  beider  Metalle  irgendwie
schädlich  oder  ungerecht  sei.  ,1a  er  sucht  sogar  zu  bewei.seii,
dass  seine  Alternativwälnung  in  do])j)elter  Richtung  sehr
bedeutenden  Nutzen  brächte.
Ein  Staat,  der  die  Alternativ  Währung  einfühlt,  muss
ihm  zufolge  auf  Gimnd  sorgfältiger  Erhebungen  das  durch
eine  längere  Periode  tliatsächlicli  bestehende  Werth  verb  ältniss
  der  Edelmetalle  zu  ergründen  suchen  und  dieses  dann  zur
Hasis  seiner  Gesetzgebung  machen.  Die  lateinische  Relation
von  I  zu  10Va  entspreche  nun,  wie  die  Erfahi  ung  gezeigt
habe,  iliesen  Anforderungen  im  hohen  Grade,  denn  die  Werthrelation ­
  habe  sich  bis  in  die  jüngste  Zeit  ihr  ziemlich  genau
angepasst;  sic  könne  daher  füglich  weiters  in  Kraft  erhalten
werden.  Dies  würde  nun,  selbst  wenn  alle  civilisirten  Staaten
dem  französischen  ^lünzbunde  beitreten  wollten,  keineswegs
verhindern,  dass  bei  einem  Sinken  der  Goldproduction  oder
        <pb n="296" />
        —  286  —
Steigen  der  Silherproduetion  der  Goldpreis,  bei  einem  ^  Sinken
der  Silberproduction  nnd  Steigen  der  (joldprodnction  der
Silberpreis  über  die  gesetxliebe  Relation  binans  steigen  müsste,
was  dann  notbweiidigerweise  eine  Veriindernng  im  (ürculationsstande
  zur  Folge  batte.  Man  würde  die  .Münzen  des  tbener
gewordenen  Metalls  einscbmelzen  und  dnre.b  die  des  billiger  gewordenen ­
  ersetzen.  Aber  wie  Wolowsky  u.  zw.  dies  mit
vollem  Rechte  deducirt,  wäre  diese  Umwechslung
eben  das  ausgiebigste  Hinderniss  erheblicher
Pr  eis  Verrückung.  Schon  die  Möglichkeit,  in  trankreich
allein  Silber  gegen  Gold  anszntauschen,  habe  trotz  der  ^  riesigen ­
  ITeberhandnahme  der  (toldprodnction  in  den  Sechziger-Jahren
  die  Preisschwankungen  aut*  einen  Betrag  reducirt,  der
im  Wesen  niemals  grösser  war  als  der  Betrag  der  Frachtund
  Münzspesen;  um  wie  viel  nachhaltiger  müsse  sich  diese
Wirkung  äussern  ,  wenn  eine  derartige  Timwechslung  an  allen
Münzstätten  der  Welt  möglich  wäre.  Vor  Allem  könnte  die
Differenz  nur  mehr  die  Prägekosten  umfassen,  da  ja  Frachtkosten ­
  niidit  zu  bezahlen  wären  ;  sodann  aber  wäre  der  Vorratb,
  aus  welchem  geschöpft  werden  könnte,  unendlich  grösser,
so  dass  jene  Gefahr  der  Rrschöjifung,  die  den  französischen
Kdelmetallsbeständen  in  vorigen  Decennien  drohte,  kaum  zu
besorgen  wäre.  Denn  wenn  die  Vertheuernng  des  einen  Edelmetalls ­
  durch  genügend  lange  Zeit  angehalten,  müsse  eben
wieder  ein  Umscblag  eintreten,  es  werde  sich  dann  das  andere ­
  Edelmetall  vertheuern  und  die  umgekehrte  Umwechslung
stattünden.  Dadurch  werde  der  Verkehr  abwechseld  aus  Gold
und  Silber  bestehen.  Allerdings  wäre  es  immer  das  relativ
wohlfeilere  Metall,  welches  den  (ärcnlationszwecken  dient,
aber  dies  sei  niidit  hlos  kein  Uebel,  sondern  mit  Rücksicht
darauf,  dass  es  billig  und  nützlich  sei,  die  Schuldner  vor  den
(Däiibigern  zu  begünstigen,  sogar  ein  Vortheil  für  die  Gesammtheit.
  Der  Austausch  des  billigen  gegen  das  tbeiiere
Edelmetall  gehe  ohne  Verlust  vor  sicli,  denn  s])äterhin,  wenn
sich  die  Verhältnisse  wieder  ändern,  erhalte  man  dasselbe
Metall,  das  man  ursprünglich  besessen,  wieder  kostenlos
zurück.  Der  Vortheil  der  Alternativwährung  sei  also  eine
Entlastung  der  Schuldner  und  grössere  Stabilität  des  Geldwerthes.
        <pb n="297" />
        Sellen  wir  nun  zu,  wie  es  sieh'  mit  allen  diesen  Vortheilen, ­
  ja  mit  der  Durchführbarkeit  der  Alternativwährung
überhaupt  verhält.
Vor  Allem  muss  der  Alternativwährung  entgegengehalten
weiden,  dass  seihst  tür  den  Fall,  als  sie  dauernd  durchgeführt
weiden  könnte  und  alle  sonstigen  Vorzüge  vorhanden  wären,
dieselbe  doch  das  denkbar  unbequemste  Währungssy.stem
genannt  werden  müsste.  Sie  will  dem  Verkehre  (icdd  und
Silber  zugleich  als  legales  Zahlungsmittel  verschaffen  und
gelangt  schliesslich  stets  dahin,  ihn  auf  eines  dieser  beiden
zu  beschränken,  was  dann  um  so  störender  und  gefährlicher
ist,  da  die  Bevölkerung  zuvor  an  den  entgegengesetzten  Zu
.stand  gewöhnt  worden  war.  Sie  verleitet  den  Verkehr,  sich
auf  (xold  und  Silberstücke  zugleich  eiiizurichten,  und  entzieht
ihm  dann  abwechselnd  eines  von  beiden,  ja  sie  bietet  ihm
1111  raschen  Uebergange  plötzlich  das  eine  statt  des  anderen.
In  der  ersten  Hälfte  dieses  .Jahrhunderts  musste  .sich  so  der
französische  Verkehr  mit  den  unbehildichen  Fünffrankenstücken
genügen  lassen,  was  um  so  härter  empfunden  wurde,  da  die
bequemen  (Goldstücke  den  Franzosen  stets  von  ferne  vorschwebten,
  ihnen  aber  praktisch  nicht  erreichbar  waren.  An  den
zienilicb  jäh  und  unvermittelt  erfolgten  Uebergang  zur  (Goldciiculation
  nach  1  S:)l  gewöhnten  sich  die  Franzosen  rasch,  da
es  das  (Goldgeld  eigentlich  ist,  welches  läng.st  schon  ihren/Bedürfnisse ­
  entsprochen  hätte.  Man  kann  aber  wohl  behaupten,
(la.ss  •nunmehr  ein  abermaliger  Uebergang  zur  groben  Silbermünze, ­
  wie  er  unvermeidlich  wäre,  wenn  die  Länder  des  lateini.schen
  Münzbundes  gegenwärtig  mit  der  IhqipelWährung  Ernst
machen  wollten  ,  vom  französischen  Volke  .schlechterdings
nicht  vertragen  werden  könnte.
Bcijuem  wäre  also  diese  Alterniriing  nicht.  Ist  sie  aber
in  Wahrheit  vorhanden?  Kann  man  mit  Sicherheit  darauf
rechnen,  dass  das  aus  der  (b'rciilatton  eines  Landes  oder  der
gesammten  Welt  verschwundene,  im  Preise  gestiegene  Edelmetall ­
  demnächst  oder  überhaupt  jemals  wieder  in  den  Verkehr ­
  gelangen  würde,  so  lange  die  (Gesetzgebung  auf  der  einmal ­
  angenommenen  Werthrelation  beim  nt?  Es  ist  dies  möglich,
aber  durchaus  nicdit  .sicher,  ja  wenn  man  die  ge.schichtlichen
Erfahrungen  zu  Käthe  zieht,  nicht  einmal  waluscheinlich.
        <pb n="298" />
        —  288  —

Die  Preisvelation  zwischen  Gold  und  Silber  ist  im  geschichtlichen ­
  Verlaute  nicht  hlos  den  grössten  Schwankungen
unterwürfen  gewesen,  sondern  sie  hat  sicli  im  Allgemeinen
auch  dauernd  verrückt.  Unter  steten  Schwankungen  alleidings,
  aber  im  grossen  (ranzen  doch  nnauthaltsam  ^  voi  \\  äi  ts
schreitend,  ist  diese  \\  erthrelation  im  letzten  duhrtuusend
von  1  zu  11  auf  }  zu  15  als  Minimum  gestiegen  und  es  liegt
durchaus  keine  Gewähr  dagegen  vor,  dass  sie  —  ganz  abgesehen ­
  von  der  gegenwärtig  vielleicht  nur  vorübergehenden
Verrückung  ■  im  nächsten  &amp;lt;J  ahrtansende  ant  I  zn  2(.)  odei
a  nt  1  zu  öO  steigen  wird.
\\  enn  man  zwischen  Weizen  und  Korn,  zwischen  Korn
und  Gerste  eine  feste  Werthrelation  bestimmen  wollte,  so
könnte  ein  solches  Beginnen  innerhalb  gewisser  Schranken
nicht  als  unmöglich  bezeichnet  werden;  denn  der  Gehrauchswerth ­
  dieser  beiden  Cerealiengattungen  lässt  sich  durch
chemische  und  physiologische  Feststellung  ihres  Nährwerthes
annähernd  genau  taxiren;  ihre  Prodnctionskosten  stehen  ebenso
aus  physikalischen  (-iründen  in  annähernd  derselben  Proportion
wie  ihr  Nährwerth;  und  ihr  Verbrauch  endlich  ist  ein  ganz  willkürlicher ­
  und  daher  folgerichtig  ant  die  Dauer  lediglich  durch
die  Preisverhältnisse  bedingt.  Man  kann  es  ans  diesem  (irnnde
für  absolut  unmöglich  erklären,  dass  Korn  jemals  ant  die
Dauer  theurer  sein  sollte  als  V  eizeu,  oder  dass  Weizen  jemals
ant  die  Dauer  um  etwa  das  Doppelte  im  Preise  über  Korn
steigen  sollte.  Bei  Gold  und  Silber  aber  kann  Aehnliches
nicht  ^  behauptet  werden.  A\  ohl  mag  die  Nutzbarkeit  des
(ioldes  wegen  seiner  grösseren  Unzerstörbarkeit  höher  sein
als  die  des  Silbers;  aber  dass  dies  allein  nicht  ausschlaggebend ­
  ist,  sondern  gerade  bei  den  Edelmetallen  die  Seltenheit ­
  und  die  Pi-oductionskosten  allein  das  Bestimmende  sind,
bedart  wohl  keines  Beweises,  sonst  müsste  jedentälls  Eisen
theurer  sein  als  Gold  und  Silber.  Die  Productionskosten  der
Edelmetalle  aber  lassen  sich  blos  auf  empirischem  Wege  und
da  nur  annähernd  in  ein  Verliältniss  zu  einander  bringen.
Ein  Pfund  Gold  zu  erzeugen,  mag  heute  lOmal  so  kostspielig
sein  als  die  Erzeugung  eines  Pfund  Silber.  Es  ist  aber  in
thesi  möglich.  dass  demnächst  einmal  die  G(ddj)roduction
billiger  sein  wird  als  die  Production  von  Silber  odei  uni-
        <pb n="299" />
        —  28Í)

gekehrt  õOnial  und  l(M)inal  so  theuer.  Es  sollte  daher  auch
Niemand  beifallen,  die  3Iöglichkeit  zu  bestreiten,  dass  nach
Verlauf  eines  genügend  langen  Zeitraumes  Gold  lOOfach  so
hoch  oder  vielleicht  auch  nur  halb  so  hoch  im  l^reise  stehen
kann  als  Silber.  Man  ist  derart  bei  Eeststellung  einer  Werthlelation,
  man  mag  es  dabei  wie  immer  anstellen,  lediglich  auf
die  nackte  Willkür  gewiesen.
Die  Alternativwährung  würde  also  voraussichtlich  zur
factischeii  Silberwährung  werden,  sie  würde,  auch  wenn  sie
von  allen  Staaten  der  Erde  acce¡,tirt  wurde,  allgemach  das
Gold  aus  der  Circulation  verdrängen  und  dasselbe  niemals
wieder  in  dieselbe  zurückkehren  lassen.  Im  Principe  ist  allerdings ­
  auch  das  Umgekehrte  möglich,  nämlich  die  vollständige
Verdrängung  des  Silbers;  aber  wahrscheinlich  ist  nur  das
Erstere  und  Wolowsky  wird  zugeben,  dass  dies  von  der
grössten  Unbequemlichkeit  für  den  modernen  Verkehr  begleitet
.sein  müsste.  ^Möglicher-,  ja  wahrscheinlicherweise  könnte  sieh
in  einem  solchen  Falle  die  Gesellschaft  dazu  gezwungen  sehen,
sieh  des  Goldes,  welches  im  gemünzten  Zustande  nicht  mehr
existireu  würde,  in  Barrenform  zu  bedienen  und  dasselbe,  ganz
unbekümmert  um  die  gesetzliche  Tarifirung,  den  reellen  Marktverhältnissen
  entsprechend,  zu  bewerthen.  Per  Effect  wäre
also'  lediglich  ein  Zurückgreifen  auf  den  Zustand  des  reinen
Wagegeldes  für  den  grossen  Verkehr.
Was  hat  es  nun  mit  der  Entlastung  der  Schuldner  durch
die  Alternativwährung  .für  ein  Bewandtniss?
Vor  Allem  muss  bestritten  werden,  dass  die  Entlastung,
auch  wenn  sie  auf  anderem  Wege,  als  durch  eine  Schädigung
der  Gesammtheit  vor  sich  ginge,  so  durchaus  billig  und  human
sei,  wie  Wolowsky  glaubt.  So  macht  z.  B.  Knies  mit  Recht
darauf  aufmerksam,  dass  es  auch  reiche  Schuldner  und  arme
(7laubiger  gebe,  dass  es  insbesondere  angesichts  des  modernen
Actienwesens  nicht  eben  human  und  billig  genannt  werden
könnte,  den  kleinen  Rentner,  die  arme  Waise,  die  sich  im  Besitze ­
  einiger  Prioritäten  oder  Pfandbriefe  befinden,  zu  Gunsten
der  grossen  Actionäre  oder  der  (7  rossgrundbesitzer  zu  verkürzen. ­
  Aber  allerdings  hat  in  diesem  Punkte  Eaveley  insofern ­
  Recht,  als  er  geltend  maeht,  dass  der  Schuldner  denn
doch  im  grossen  Ganzen  der  Ihoducent,  der  active  Erzeuger
l)r.  Th.  Hertzka,  Währung  und  Handel,  19
        <pb n="300" />
        von  Gütern  wäre,  während  der  Gläubiger,  er  mag  noch  so
arm  und  hilflos  sein,  denn  doch  als  lientner  anfznfassen  sei,
und  dass  es  demnach  eine  Begünstigung  der  i)roducirenden
auf  Kosten  der  passiv  verzehrenden  Classen  sei,  wenn  man
die  Schuldner  begünstige.  Laveley  legt  also  im  Gegensätze  zu
\\Olowsky  nicht  auf  das  ])olitische  und  humanitäre,  sondei’ii
auf  das  rein  ökonomische  ]\Iornent  das  Hauptgewicht,  und  wie
uns  scheinen  will,  in  grösserer  Uehereinstimmung  mit  den
Thatsachen.

Oh  aber  dieser  Standpunkt  auch  sittlich  berechtigt  ist,
erscheint  denn  doch  fraglich,  umsomehr,  da  ja  alle  Jene,  die
Darlehen  auf  längere  Zeit  contrahirt  haben,  auch  ohne  das
Dazwischentreten  der  Alternativwährnng  schon  durch  die

Natur  begünstigt  werden.  Denn  angesichts  der  stets  wachsende
Dimensionen  annehmenden  Edelmetallausbeute  ,  wie  nicht
minder  der  steten  Entwicklung  der  (!reditwirthschaft  ist  eine
continuirliehe  säeulare  Abnahme  des  Geldwerthes  heute  noch
mit  grösserer  Sicherheit  vorherzusagen,  als  in  der  Vergangenheit ­
  zu  constatiren.  Es  ist  also  eine  doppelte  Ungerechtigkeit,
die  schon  von  Natur  aus  Begünstigten  noch  künstlich  zu  bevorzugen. ­

Im  Uebrigen  erscheint  auch  die  wirthschaftliche  Berechtigung ­
  einer  solchen  einseitigen  Begünstigung  sehr  fraglich,
denn  die  Gläubicrer,  die  Darlehen  auf  längere  Zeit  bewilligen.

sind  durch  Nichts  verhindert,  sich  schon  im  Vorhinein  für  die
Gefahren  der  Alternation  schadlos  zu  halten.  Ob  eine  derartige
Versicl^erungsprämie  in  den  Doppelwährungshindern  tür  längere ­
  Darlehen  bisher  schon  vorhanden  war,  lässt  sich  für  die
Vergangenheit  unmöglich  nachweisen,  ja  es  ist  dies  sogar  unwahrscheinlich, ­
  denn  die  Gefahren  der  Alternation  waren
bisher  der  Capitalistenwelt  kaum  bewusst.  Für  die  Zukunft
aber,  nachdem  einmal  die  ungeheuerlichen  Werthschwankungen
der  Gegenwaid  dem  Geldmärkte  die  Augen  geöffnet  haben,  ist
mit  der  grössten  Sicherheit  anzunehmen,  dass  die  Alternativwährung ­

  den  Zinsfuss  auf  längere  Darlehen  steigern  müsste.
Laveley  glaubt  allerdings,  dass  eine  Steigerung  des  Zinsfüsses
gerade  durch  den  Monometallismus  eintreten  müsste,  indem
durch  denselben,  wenn  er  allgemein  durchgeführt  wird,  der
Circulationsmittelvorrath  des  Abendlandes  verringert  würde.
        <pb n="301" />
        19*

291

Dieser  gelehrte  Dekonoiiiist  übersieht  in  der  Hitze  des  Streites
dass  eine  extensive  Verringerung  des  Circulationsniittelvor
ratJies  bei  gleichbleibendein  intensivem'Wertlie  der  einzelner
zeldstiicke  allerdings  die  Circulation  beengen  und  folglich  den
Zinsfuss  erhöhen  muss;  insoweit  dagegen  mit  der  extensiver
Einschränkung  des  Circiilationsmittelstandes  eine  intensive
W'ertlisteigerung  der  Circiilationsmittel  Hand  in  Hand  geht
kann  eine  Beengung  des  (ieldstandes  höchstens  vorübergehend
Platz  greifen,  insolange  nämlich,  bis  die  Preise  sich  den  veränderten
  Verhältnissen  angeiiasst  haben.  Durch  den  .Jlonometallismus“
  könnte  wohl  die  Anzahl  der  Centner  Edelmetalle
ans  denen  die  abeiidländrsche  Circulation  besteht,  nicht  aber
die  psaininte  Kaufkraft  der  abendländischen  Circiilationsmittel
verringert  werden,  und  jener  Zinsfiisssteigerung  für  längere
Darlehen,  wie  sie  als  wahrscheinliche,  ja  notbwendige  Folge
der  Alternativwährung  behauptet  wurde,  steht  zum  mindesten
keine  dauernde  Zinsfusserhöhiing  in  Folge  desMonometallisiniis
  gegenüber.
Von  ausschlaggebender  Bedeutung  aber  erscheint  uns,
I  ass  die  angebliche  Begünstigung  der  Schuldner  durch  die
A  ternativwahrung  mit  einem  positiven  Verluste  für  die  Gesammtheit
  verbunden  ist,  dass  in  Wahrheit  gar  nicht  die
.  c  luldner  es  sind,  denen  man  dasjenige  gibt,  was  den  Gläubigern ­
  entzogen  wird,  sondern  dass  den  Gewinn  ans  der  Alternation ­
  lediglich  das  Ausland  oder  im  Falle  eines  kosmopolitischen ­
  Jliinzbiindes  jener  Theil  der  Geselhschaft  zieht  der
das  löherwerthige  Metall  rechtzeitig  und  kostenlos  gegen  das
111  Entwerthiiiig  begritfene  austaiisclit.  Diese  Uuiwechslung
geht  iiamlieh  keineswegs  so  kostenlos  von  Statten,  wie
«olowsky  meint,  sie  ist  vielmehr  mit  ganz  unerme.sslicheu
Veiliisten  für  das  davon  betrotfene  Verkehrsgebiet  verbunden.
Zur  Vereinfachung  der  Untersuchung  sehen  wir  einstweilen
von  dein  iitopisehen  Weltmünzbunde  ab  und  untersuchen  wir
den  EinÜmss  der  Alternation  auf  ein  einzelnes  Land,  etwa  auf
Fi’aiikreich.
Zwar  die  Jlegiening  Fraiikreiclis  iiatte  in  der  ersten
Hälfte  des  Jahrhunderts  keine  Kosten  daran  gewendet,  um
die  Circulation  des  Landes  mehr  und  mehr  mit  Silherthalern
zu  sättigen,  gleichwie  sie  in  den  Fünfziger-  und  zu  Anfang
        <pb n="302" />
        202

Emme
Auf  den  ersten  Blick  erscheint  es  zwar  nicht  recht  klat,
was  der  Franzose  dabei  verlor,  wenn  er  heispielswe.se  iin
wemligen  Edelmetallmenge  hervortritt.  JJie  1  anschkratt  de»
gesainmten  Circulationsiiuantums  hleiht  nach  erfolgter  /utiihi
wie  nach  erfolgter  Ahfuhr  die  nämliche;  während  aber  in  dem
einen  Falle  für  die  Zufuhr  Güter  anderer  Art  ahgegehen
werden  müssen,  erhalten  die  Länder  im  zweiten  hale  Inr
ihren  Ueherschims  an  Edelmetallen  Werthgegenstämle,  die  sie
sonst  nicht  erhalten  hätten.  Neliiiien  wir  hei»inel»weise  an,
(lass  das  Cii’culationsLedürlniss  Viiiglaiids  untei  iionu.i  tu
        <pb n="303" />
        —  2t&amp;gt;a  —
hältnissen  durcli  2(),(XW&amp;gt;  Ctr.  Gold  befriedigt  werde.  Fällt  nun
der  (ioldwertli  um  5  Percent,  so  wird  England  unter  sonst
gleiehbleibenden  VeTliältnissen  lOOD  Ctr.  neuen  Goldes  zur
Sättigung  seines  Circnlationsbedürfnisses  einfüliren,  und  fíir
diese  Goldquantität  beispielsweise  1  Million  Ctr.  Banmwollwaaren
  abgeben  müssen.  Es  wird  also,  da  nunmehr  die
21.(KK)  Ctr.  Gold  nicht  mehr  werth  sind  und  ihren  Zweck
nicht  besser  befriedigen  als  die  früheren  20.(X)0,  die  Million
(vtr.  Banmwollwaaren  rein  verloren  haben.  Wäre  dagegen  umgekehrt ­
  der  Goldwerth  um  5  Percent  gestiegen,  so  hätte
Kngland  1ÍKX)  Ctr.  Gold  aus  seinem  Circnlationsbedürfnisse  abgeben ­
  können,  dafür  beispielsweise  20  Millionen  Ctr.  an  verschiedenen ­
  Körnerfrüchten  eingehandelt,  und  da  es  dem  Wesen
nach  an  Gold  nicht  ärmer  würde  als  zuvor,  diese  20  Millionen
Ctr.  rein  gewonnen.  Im  ersteren  Falle  wäre  der  Verlust  auf
Kosten  aller  Geldbesitzer  und  Gläubiger  in  England  gegangen
und  die  Schuldner  hätten  nichts  verloren,  aber  im  grossen
Ganzen  auch  nichts  gewonnen;  die  einzigen  Gewinnenden  in
einem  solchen  Falle  wären  jene  Länder,  die  das  England  fehlende ­
  Metall  abzugeben  vermöchten.  Im  anderen  Falle  würden
die  Gläubiger  und  die  Geldbesitzer  gewinnen,  die  Schuldner
aber  in  Wahrheit  nichts  vei’lieren,  da  der  Gewinn  diesmal  auf
Kosten  jener  Länder  ginge,  die  das  in  England  überschüssige
]\retall  kaufen  müssten.  Zu  bemerken  ist  dabei,  dass  wenn
hier  Schuldner  und  (Bäubiger  einander  gegenübergestellt
werden,  unter  den  ersteren  jene  Personen  zu  verstehen  sind,
die  eine  Geldsumme  entliehen,  aber  noch  nicht  verwendet
haben.  In  dem  Falle,  wo  diese  Verwendung  'ijereits  vor  erfolgter ­
  Preisverändernng  des  Zablmittels  vor  sich  gegangen  ist,
werden  allerdings^  die  Schuldner  aus  einem  Sinken  des  Geldwerthes
  Vortheil  ziehen,  aus  einem  Steigen  des  Geldwerthes
Verluste  erleiden,  da  sie  im  ersteren  Falle  für  die  noch  wohlfeil ­
  gekaufte  Waarc  einen  höheren  Erlös  erlangen  und  doch
nur  dieselbe  Summe  an  ihre  Gläubiger  entrichten  müssen,  zu
der  sie  verpflichtet  gewesen  wären,  auch  wenn  die  Preisverbältnisse
  sich  nicht  verändert  hätten;  und  im  zweiten  Falle
werden  sie  wegen  der  inzwischen  gesunkenen  Preise  geringeren
Erlös  erzielen  und  doch  den  unveränderten  Schuldbetrag  entrichten ­
  müssen.  Aber  wenn  dies  geschieht,  compensirt  sich
        <pb n="304" />
        204

e&amp;gt;)eii  Verlust  und  Gewinn  des  Schuldners  durch  die  Gewinne
und  Verluste  desjenigen,  von  welchem  das  betreffende  (but  gekauft ­
  wurde,  denn  dieser  hat  nun  einen  Geldbetrag  in  Händen,
dessen  Kaufkraft  sieb  verringert  oder  vermehrt  bat.  (-Jewinn
oder  Verlust  der  Gläubiger  steht  jedenfalls  den  sich  compensirenden
  Verlusten  und  Gewinnsten  auf  der  anderen  Seite  i^egenüber.
  Ist  dagegen  die  Verwendung  des  Schuldbetrages  von
Seite  des  Schuldners  noch  nicht  erfolgt,  so  tritt  ganz  klar  zu
Tage,  dass  auf  dieser  Seite  Gewinnste  oder  Verluste  überhaupt ­
  nicht  Vorkommen  können.  Die  Kaufkraft  des  entliehenen
Geldes  hat  sich  zwar  verändert,  es  ist  für  dasselbe  mehr  oder
weniger  zu  erlangen  als  zuvor,  aber  es  muss  eben  auch  im
selben  Gehle  gezahlt  werden,  also  mit  Edelmetallquantitäten,
deren  Kaufkraft  grösser  oder  geringer  geworden  ist,  als  sie
cs  zur  Zeit  der  Schuldcontrahirung  war.  Diese  Auseinandersetzung ­
  ist  nicht  überflüssig,  da  sie  zeigt,  durch  wie  verschiedenartige ­
  Uehergänge  sich  Gewinne  und  Verluste  aus
einer  Preisveränderung  des  IMünzmetalls  in  allen  Verkehrsschichten ­
  vertheilen;  wie  aber  stets  bei  einer  Wertherhöhung
des  den  Münzheatand  eines  Landes  bildenden  Edelmetalls  der
Summe  aller  möglichen  einzelnen  Verluste  Einzelgewinne
gegenüherstehen,  die  genau  um  den  Betrag  des  Bilanzgewinnes
der  ganzen  Nation  grösser  sein  müssen  als  jene,  und  umgekehrt ­
  stehen  hei  einer  AVerthVerminderung  des  Alünzmetalles  der
Summe  der  einzelnen  Gewinne  Einzelverluste  gegenüber,  die
^  insgesammt  nm  den  Verlust  der  Nation  wieder  jene  üheitß
  ragen.
AWe  vefliält  sich  die  Sache  unter  der  Herrschaft  der
I  1  Alternativwährung?  Hier  wird  stets  das  im  Preise  gestiegene
\  Aletall  von  der  Arbitrage  aufgekauft,  die  Wirkung  der  Preis-Steigerung
  für  die  Gesammtheit  also  unwirksam  gemacht.  Er-I
  weitert  sich  nnn  die  Differenz  in  der  Werthrelation  der  beiden
f  Edelmetalle  in  Folge  einer  Preissteigerung  des  einen,  so
ist  der  Effect  für  das  Doppelwährungsland  derselbe  ,  als  ob
|.  eine  Preisveränderung  überhaupt  nicht  stattgefundeu  hätte.
Es  wird  sich  kein  Ueberschuss  an  Edelmetall  herausstell  en,  es
.  wird  folglich  gegen  Waaren  Nichts  an  das  Ausland  abgegeben
werden  können,  die  Schuldner  werden  Nichts  verlieren,  aber
die  Gläubiger  und  Geldbesitzer  auch  Nichts  gewinnen,  viel-
        <pb n="305" />
        295

mehr  wird  der  vom  Aii.sJande  einzuheimsende  Nutzen  von  den
Arlutrageuren,  ii.  z.  sovvol.I  von  den  inländisdien  als  von  den
ansland,sehen  eingesaekt  weiden.  A\'ährend  also  England  im
Falle  der  Goldsteigerung  um  5  Percent  20  Mill.  Centner
\\eizen  kostenfrei  erhalten  hat,  würde  Frankreich  in  einem
ähnlichen  Falle  den  Werth  dieser  20  3Iillionen  Centner  den
Arbitrageuren  der  ganzen  M'elt  als  gute  Beute  überlassen.
enn  sich  aber  umgekehrt  die  Preisdifferenz  der  beiden  Edelnietalle
  dadurch  erweitert  haben  sollte,  dass  das  eine  im
Preise  gesunken  wäre,  so  wird  vorerst  die  Arbitrage  die
C,oursdifFerenz  zwischen  Gold  und  Silber  eineassiren,  dann
abei  wird  das  Boppelwährungsland  ,  wenn  erst  einmal  seine
Ciidilation  vollständig  aus  dem  minderwerthigen  Metalle
besteht,  neue  Edelmetallzufuhren  benöthigen  und  die  Kosten
derselben  aus  Eigenem  bezahlen  müssen.  Seine  Gläubiger  und
Geldbesitzer  werden  nunmehr  verlieren,  die  Schuldner  aber
nichts  gewinnen,  denn  der  Nutzen  wird,  ähnlich  wie  im  früheren ­
  Falle  bei  England  gezeigt  wurde,  an’s  Ausland  bezahlt
werden  müssen.
Die  Sache  stellt  sich  also  in  Wahrheit  folgen,lermassen:
i)as  Land  mit  einheitlicher  A\^ährung  gewinnt  durch  das  Medium ­
  seiner  Gläubiger  und  Geldbesitzer,  wenn  der  Preis  seines
Edelmetalls  steigt,  es  verliert  durch  das  .Medium  derselben
Individuen,  wenn  der  Preis  seines  )lünzmetalls  fällt.  Die
Preisfluctuationen  des  anderen  Edelmetalls  berühren  es  direct
gar  nicht.  Das  Dojipelwälirimgsland  gewinnt  niemals,  es  sei
denn  durch  das  .Aledium  seiner  Arbitrageure,  die  aber  ihren
Gewinn  mit  dem  ganzen  Weltmärkte  theilen  müssen.  Es  verliert ­
  dagegen  genau  denselben  Betrag,  wie  die  Länder  mit
einheitlicher  Währung,  wenn  der  Preis  eines  der  Edelmetalle
fallt.  ^  Dass  der  Verlust  der  nämliche  ist,  wie  in  den  Ländern
mit  einheitlicher  Währung,  trotzdem  die  Münzen  im  Doppelwährungslande ­
  a  jiriori  nur  zu  einem  Theile  aus  dem  entwertheten
  ,  zum  anderen  aus  dem  im  Werthe  gleichbleibenden
oder  vollends  steigenden  Aietalle  bestehen  ,  hat  seinen  Grund
darin,  dass  die  Arbitrage  für  ihre  Rechnung  und  zu  ihrem
Nutzen  die  Umwechslung  des  höherwerthigen  gegen  das  minderwerthige
  besorgt  und  nach  Ablauf  einer  gewissen  Zeit  der
^lünzvorrath  des  Doppelwährungslandes  stets  zur  Gänze  aus
        <pb n="306" />
        20()

dom  entwertheten  ^feWle  besteht.  Ks  liât  also  das  T)oppelwäliruTigsland
  absolut  keine  Gewinnstcbance  und  genau  die
doppelte  Verlustcbance  wie  das  T.and  mit  einbeitlieber  Währung ­
  ,  und  wenn  man  etwa  annehmen  wollte,  dass  die  Chancen
des  Steigens  und  Fallens  für  jedes  Edelmetall  und  auch  unter
beiden  gleich  seien,  so  befände  sich  das  Doppelwährungsland
diesbezüglich  genau  vierfach  schlechte  r  als  jedes  Land
mit  einheitlicher  Währung.
(xanz  das  nämliche  gilt  mutatis  mutandis  auch  für  den
kosmopolitischen  IVRinzbund  mit  Alternativwährung.  Nur  ist
es  hier  nicht  das  Ausland,  welches  aus  der  Künstelei  des
Gesetzge^s  zum  Schaden  der  Gesammtheit  Vortheil  ^eht;
sondeim  jener  Theil  der  Bevölkerung  der  —  gleichviel,  zu
welchen  Zwecken  der  Industrie  —  das  theuere,  Metall  dem
Verkehre  entnimmt.
Es  bleibt  also  als  alleiniger  Vortheil  der  Alternativwährung ­
  all’  diesen  Nachtheilen  gegenüber  deren  ausgleichende
Wirkung  auf  die  Schwankungen  der  Werthrelation.  Dass  diese
•  Wirkung  nur  insolange  vorhanden  sein  kann  ,  als  dem  Verkehre
das  vertheuerte  ISletall  noch  nicht  vollständig  entzogen  ist,
darf  als  selbstverständlich  gelten.  Aber  auch  von  dieser  temporären ­
  Ausgleichung  haben  lediglich  die  Staaten  mit  einheitlicher ­
  Währung,  nicht  aber  das  betreffende  Verkehrsgebiet  mit
Alternativwährung  den  Vortheil,  denn  die  Schwankungen  des
Geldwerthes  werden  zwar  durch  die  Wirksamkeit  der  Alternation ­
  minder  intensiv  sein,  dagegen  aber  häuüger  eintrcten,
als  in  den  Ländern  einheitlicher  Währung.  Eine  I’reisveränderung
  des  Silbers  wird  von  den  Goldländcrn  ,  und  ebenso
eine  Breisverändcrung  des  Goldes  von  den  orientallseben
Silberländern  nicht  als  Verrückung  des  Werth  messers
empfunden  ;  die  Alternativwährung  dagegen  macht  das  Gebiet
ihrer  Geltung  gleich  empündlich  für  jede  wie  immer  geartete
Ih’eisrtuctuation  auf  dem  Edelmetallmarkte.  Sie  hat  überdies
die.  Tendenz,  jede  Verschiebung  der  Prodiictionsverhältnisse
dauernd  zu  erhalten  und  zu  steigern.  Wenn  sie  das  eine  der
Edelmetalle  aus  dem  Verkehre  verdrängt,  so  bewirkt  sie  dadurch
einerseits  eine  Steigerung  der  Nachfrage  gerade  nach  jenem
Edelmetalle,  dessen  Preisabschlag  die  Umwälzung  hervorgerufen, ­
  und  reizt  dadurch  zu  fernerer  Steigerung  der  lioduction
        <pb n="307" />
        —  207  —

A

gerade  dieses  F^delmetalIes  ;  andererseits  verringert  sie  die  Nachfrage ­
  nach  dem  im  Preise  gestiegenen  Metalle  und  hindert  dadurch  *
die  Ausdehnung  der  TVoduction  desselben  ¡  sie  steigert  also
&amp;lt;lie  Production  dort,  wo  sie  früher  schon  zu  gross  war,  und
veiiingert  sie  dort,  wo  sie  früher  zu  gering  war  |  sie  ist
dadurch,  so  lange  ihre  AVirksamkeit  währt,  selbst  das  Hinderniss ­
  einer  naturgemässen  Ausgleichung  der  Preise.
        <pb n="308" />
        TV.  Gap  i  tel.
Yorllicile  der  Uoldwälining  in  den  Staaten  abendländisclier
  Ciiltiir.

Da  die  Doppel-  oder  Alteriiativwillirniig  sieh  als  praht\s(di
  unhalthar  mal  als  logischer  Widersinn  erwiesen  hat,  kann
es  sich  bei  der  Frage  nach  dem  zukiinttigen  IMänxsystem  der
europäischen  Staaten  eigentlich  nur  mehr  um  die  Wahl  zwischen
der  (johl-  oder  Silherwährung  handeln.  Es  wurde  bereits  hervm-gehohen
  und  wird  auch  von  Niemandem  bestritten,  dass
sich  hier  die  Waagschale  mehr  und  mehr  zu  Dunsten  des  Döhles
neigt,  u.  z.  in  dem  blasse  stärker,  als  ein  Land  in  seiner
wirthschaftlichen  Entwicklung  und  der  damit  Hand  in  Han(l
gehenden  Steigerung  des  Verkehrs  vorwärts  schreitet.  Dabei
darf  beinahe  als  Axiom  festgehalten  werden  ,  dass  die  Zukunft,
wenn  nicht  etwa  eine  radicale  Umwälzung  in  den  Werthverhältnissen ­
  beider  Edelmetalle  eintritt,  d.  i.  also  unter  der
Voraussetzung,  dass  das  Dold  stets  um  ein  vieltaches  kostbarer ­
  hleihen  wird  als  das  Silber,  ganz  unstreitig  aller  Orten
dem  Dolde  gehört,  indem  hei  stetem  Anschwellen  der  Edelmetallvorräthe
  und  hei  gleichzeitiger  Entwicklung  des  Culturstandes
  das  Silber  endlich  im  Verkehre  aller  Nationen  zu
schwerfällig  werden  muss.  Abgesehen  von  diesem  allgemeinen
Vorzüge  des  (joldes,  wird  es  aber  auch  von  den  besonderen
Verhältnissen  jedes  einzelnen  Landes  abhängen,  für  welches
Währungsmetall  es  sich  entscheiden  muss.
Hat  man  speciell  die  Frage  vor  Augen,  zu  welchem
Währungssysteme  Oesterreich  bei  Herstellung  seiner  Valuta
übergehen  soll,  so  kann  schon  aus  rein  praktischen  Dründen
        <pb n="309" />
        yon  der  Dopiiel-  odor  AItcrnativwiilii-ung  keine  Rede  sein
•lese,  das  wird  von  ihren  Verteclitern  liehanptet,  ist  dann
'hirchtülirliar,  wenn  an  ihrer  Rerstelinng  ein  kosmonolitiaehcr
  Jliinzhnnd  Rcsehlossen  wird,  ln  (lesterreieh  hat  man
also  mir  die  Wahl,  entweder  mit  der  Vahitaherstelinng  iiherhanpt
  an  warten,  hi.s  ein  solelier  Jliinahnnd  an  Stande  kommt
oder  aller  sich  für  eines  der  einlieitlichen  Währungssysteme  an
entyeheiden.  Stünde  die  Werthreiation  awisclie'n  Gold  nhd
Silher  im  Angenblieke  anfiillig  auf  löV,  an  1,  oder  doch
annähernd  auf  dieser  Stufe,  so  wäre  es  allerdings  noch  immer
horicht,  ,m  Vertrauen  auf  die  Beständigkeit  einer  derartigen
Relation  dem  lateini-sclien  JJausse-  nnd  Baisseconsortium  für
Rilelmetali  heianiretaTTher  dieser  Beitíítt  ^ie'ilien'TÄt
nnmogltcli  hei  einer  Werthreiation,  die  awisclien  17  und
’  schwankt,  und  die  im  Angenhlicke,  wo  man  den
\\  ahrungawecli.sel  durchführen  will,  vielleicht  auf  25  au  1  stehen
wird.  ^  Man  kann  es  angesichts  der  argen  Begrifftverwirriing
die  hier  au  Lande,  genährt  durch  die  nalieau  il  Decennien
lange  Zettelwirthscliaft,  in  den  Jlünafragen  herrscht,  vielleicht  als
eine  hesondere  Gunst  des  Schicksals  betrachten,  dass  dem  so
ist  und  dass  damit  ein  unübersteigliches  Hinderniss  etwaigen
Idiilantropiselien  Gelüsten;  au  Gunsten  alter  Völker  des  Erdballs
die  Edelmetallpreise  gegen  alle  Schwankungen  au  assecuriren
eiitgegemstelit.  Benn  so  viel  Einsicht  wird  man  hier  für  alle
falle  besitaen,  um  au  begreifen,  dass  die  Priigestätten  für
»lold  1111(1  Silber  aiigleich  nicht  geüfiiiet  werden  dürfen  wenn
nmn  von  vornherein  gesonnen  ist,  für  jedes  neu  ausgeprägte
.  i  berstuck  um  15—2ii  Percent  mehr  Gold  au  geben,  als  es
au  dem  Weltmärkte  Werth  ist.  Man  könnte  also  schlimmsten
falls  die  Doppelwäliriing  im  „Principe“  annehmen,  dabei  aber
aeüscli  nur  Munaeii  in  Einem  Metalle  ausprügen,  und  das
Ware  fur’s  erste  die  factische  Durchführung  einer  einheitlichen
üliriing,  hei  der  die  Verhältnisse  schon  von  selbst  dafür
sorgen  würden,  dass  sie  auch  in  Zukunft  niemals  anr  Doppel-Wahrung
  würde.  Sollte  also  in  Oesterreich  auch  die  Geneigtheit
lesteheii,  aut  die  lateinische  Lcim.s|üiidel  der  Doppelwährung
yufaiisitaen,  so  hat  man  sieh  damit  praktisch  nicht  weiter  au
beschäftigen,  sondern  lediglich  die  Frage  zwischen  Silber  nnd
’7ol(l  nntprsiiolipii.
        <pb n="310" />
        —  nod

Die  GesichtHimukte,  niicli  denen  dal.ei  verge-angen  werden
mnsH,  Sind  dreitaclier  Art.  Zuvîirderst  ist  zu  nntersuehen,
welches  ]\lilnzmetall  den  inneren  Verkelirshediirfnissen  entspnc  i  ,
d.  h.  oh  die  Preise  hier  im  Allp:emeinen  jene  Höhe  erreie  it
haben,  dass  das  Silber  zu  schwerfällig  geworden,  oder  oh  nicht
umgekehrt  die  Preise  noch  so  niedrig  sind,  dass  Gold  als  zu
kostbares  Matei-ial  zur  Vermittlung  der  Zahlungen  im
verkehre  angesehen  werden  muss.  In  zweit  3  Linie  lallt  die
Rücksicht  auf  den  internationalen  Verkehr,  namlicli  darau  ,
welches  das  Währungsmetall.jener  Nachbarstaaten  ist,  mit
denen  der  lebhafteste  Verkehr  unterhalten  wird.  Schliesslich
sind  noch  die  Schwierigkeiten  in  Erwägung  zu  ziehen,  ^  die
für  den  Fall,  als  der  innere  und  äussere  Verkehr  einen
Wechsel  des  Währungsmetalls  erfordern  sollte,  der  praktischen
  Durchführung  dieses  Wechsels  entgegensWien  Es
kann  möglich  sein,  dass  ein  bestimmtes  Land  die  ñnanziellcn
Opfer,  die  mit  einem  Währungswechsel  verknüpft  sind,  einstweilen ­
  nicht  zu  ertragen  vermöchte;  es  könnte  schliesslich  die
HugonblickUclie  läge  des  Edelmetellmarktes  dafür  massgebend
sein  den  Uebergang  zu  verzögern.  Es  muss  jednch  hier  snfnrt.
bemerkt  werden,  dass  Erwägungen  dieser  letzten  Art  mit
grosser  Vorsicht  zu  handhaben  sind,  da  \vir  es  hiei  ung  eu  i
den  ersteren  Wesiebtspnnkten  nielit  mit  positiv  vorliegenden
Tbatsacben  nnd  Verhältnissen,  sondern  stets  mit  (.oiiibinationen
  der  unsichersten  Art  zu  tlinn  haben,  mit  laetoren,  die
sieh  im  Vorhinein  kaum  berechnen  lassen.
.  Was  nun  die  Innern  Verkehrsverhiiltnissc  ^  anbeiiingt,  so
fordern  diese  in  Oesterreich  gebieterisch  nnd  in  nicht  mi.ssziiverstelicnder
  Weise  die  Goldwährung.  Die  Dölme  stehen  hier
annähernd  auf  derselben  Höhe,  wie  in  den  west.liehen  europäischen ­
  Staaten  mit  alleiniger  Ausnahme  Englands;  die  I  reise
der  meisten  Dehcnsiiiittel  höher  als  in  Deutschland,  aiiiiaheriid
so  hoch  wie  in  Erankrcicli  und  allerdings  niedriger  als  abermais
  in  England.  Die  im  übrigen  Europa  cnrsirenden  Goldmünzen
  sind  für  die  österreichischen  Verhältnisse  nicht  zu
gross  und  zu  kostbar.  .  ,  n  •.  v
Umgekehrt  würde  gerade  die  österreichische,  an  das  1  apn  i'
gehl  gewöhnte  Bevölkerung  die  Riickkel.r  zur  groben  Silbermünze
  als  eine  Belästigung  empfinden  und  es  bcstiinde  dalu
        <pb n="311" />
        —  301

hier  mehr  als  anderwärts  die  (jefahr,  dass  die  Silberwälirung
  eine  unmässige  Ausdehnung  des  Banknotenunilaufs
  ini  Gefolge  hätte.  Man  hört  allerdings  hie  und  da
flie  Behauptung,  dass  in  Folge  des  durch  ein  Vierteljahr-Iiundert
  geinihrten  Idisstrauens  in  die  Beständigkeit  der
Baarzahlungen  das  österreichische  Publicum  Banknoten  ungern
annehmen  und  jedes  ]\retallgeld  mit  Vorliebe  gebrauchen  würde.
Aber  diese  Behauptung  beruht  auf  einer  vollständigen  Verkennung ­
  des  Wesens  des  Geldumlaufes.  Derlei  Erwägungen
sind  nur  für  denjenigen  massgebend,  der  thesaurirt,  nicht  aber
für  den,  in  dessen  Händen  das  Geld  ein  Instrument  des  Verkehrs ­
  ist,  der  es  empfängt,  um  es  wenige  Tage,  in  der  Regel
sogar  wenige  Stunden  später,  wieder  auszugeben.  Hier  kommt
das  Moment  des  Vertrauens  ganz  und  gar  nicht  in  Betracht.
Vorausgesetzt,  dass  der  Courswerth  der  nämliche  ist,  wird
liier  lediglich  die  Beipiemlichkeit  massgebend  sein,  man  wird
die  Banknote  dem  Silber  vorziehen,  selbst  wenn  Zweifel  in
die  Beständigkeit  der  Baarzahlungen  noch  so  intensiv  und
allgemein  verbreitet  sind.  Die  Circulation  an  Fünf-  und  Zehngnldennoten
  beträgt  in  Oesterreich  durchschnittlich  zwischen
200  und  2i)0  Millionen  Gulden  und  man  wird  nicht  weit  von
dei*  Wahrheit  abweichen,  wenn  man  annimmt,  dass  unge  ta  Indie ­
  Hälfte  dieser  Bestandtheile  des  Zettelumlaufs  unter  der
Herrschaft  der  Goldwährung  verschwinden,  unter  der  Hej-rscbaft
  der  Silberwälirung  dagegen  erhalten  bleiben  müsste.
Es  ist  aber  gerade  für  Oesterreich  und  Ungarn  von
ausschlaggebender  Hedeutung,  dass  die  Notencirculation,  und
«ei  sie  metallisch  noch  so  gut  bedeckt,  auf  ein  gei  inges  Mass
i'edncirt  werde.  Die  Verkehrsverhältnisse  sind  hier  minder
«tabil  als  in  den  höher  entwickelten  Culturstaaten  ;  insbesondere ­
  die  Ackerbaudistricte  der  Monarchie  sind  in  ihrem  Geldliedarfe
  sehr  grossen  Schwankungen  unterworfen.  Sind  es  nun
der  Mehrzahl  nach  metallische  Circulationsmittid,  deren  man
«ich  bedient,  so  regulirt  sich  der  Umlauf  ganz  von  selbst
durch  das  Medium  der  Handels-  und  Zahlungsbilanz  in  Form
des  Zu-  und  Abströmens  der  Edelmetalle.  Ungarn  z.  B.  braucht
•a-i  i-eieber  Ernte  und  im  Palle  lebhaften  Expoi-tes  grosse
V'iantitäten  an  Zahlmitteln;  es  liegt  auf  der  Hand,  dass  es
dieselben  in  einem  sidclien  Palle  auch  erhält,  wenn  die  Zahl-
        <pb n="312" />
        802

mittel  eben  derart  bescbalfen  sind,  dass  sie  vom  Auslande  bei-(restent
  werden  können;  und  ebenso  kann  in  diesem  Falle  der
Geldbedarf  rasch  sinken,  ohne  eine  lästige  Wetliora  mit  allen
ihren  scliädliclien  Conse(pienzen  zu  erzeugen,  da  dann  der
ITelierscbuss  der  Circiilationsmittel  in’s  Ausland  abstronit.
Bestellt  hingegen  die  Geldcirciilation  zu  einem  grossen  Tlieile
aus  Banknoten,  so  werden  im  Falle  lebhaften  Bedarfes  die
Bankkassen  unmässig  nach  Noten  bestürmt,  und  wenn  ^  der
Bedarf  wieder  sinkt,  wird  durch  die  zurückströmenden  Noten
(1er  Metallschatz  ebenso  heftig  angegriffen  werden.  Umfangreiche ­
  Schwankungen  im  Baarschatze  und  im  Notenumläufe
der  Bank  sind  unter  so  bewandten  Verhältnissen  unvermeidlich. ­
  Und  je  grösser  derartige  Schwankungen  sind,  desto
mehr  ist  die  '  Stellung  des  Kmissionsinstitutes  gefährdet,
desto  minder  ist  dieses  in  der  Lage,  das  jeweilige  Circulations,
bedürfniss  vorher  zu  berechnen,  desto  häufiger  ^  werden
seine  Irrthümer  in  dieser  Beziehung,  desto  intensiver  die
Folgen  derselben  sein.  Die  Bank  wird  das  eine  Mal  dem
Verkehre  ganz  unnöthigerweise  die  Circulationsmittel,  deren  er
wirklich  bedarf,  vorenthalten  und  dadurch  ein  auf  gesunder
Basis  sich  entwickelndes  Geschäft  hemmen,  ein  anderes  Mal
die  Verkehrsbedürfnisse  überschätzen  und  dann  durch  das  allzu ­
  heftige  und  unerwartete  Zurückströmen  der  Noten  zu
llestrictionen  genöthigt  werden,  die  eine  Krisis  im  Gefolge
haben  können.  Auch  gegenwäi-fig  schon  waren  derartige  Irrungen
*  häutig  nicht  zu  vermeiden  ,  aber  ihre  Conseiiuenzen  wurden
(lure'll  die  Suspension  der  Baarzahlung  abgeschwächt.  Die  Bank
war  niemals  in  Gefahr  insolvent  zu  werden,  weil  sie  es  eben  von
Anfang  an  war.  Für  ihre  Manipulationen  waren  in  erstei
Tiinie  nicht  die  schwer  zu  übersehenden  Marktconstellationen,
sondern  die  Paragraphe  des  Bankstatuts  massgebend,  und
wenn  demzufolge  diese  Manipulationen  mit  den  realen  Verhältnissen ­
  in  Widerspruch  traten,  so  war  die  Folge  davon
nicht  ein  Sturm  auf  ihre  Cassen,  nicht  das  Zu-  und  Abströmen
der  edlen  Metalle,  sondern  eine  Krhöhung  oder  Verringerung
des  inneren  Werthes  der  Geldzeichen.  Dass  eine  solche  Wertb-Veränderung
  auf  die  Dauer  weitaus  verderblicher  wird,  aD
selbst  die  intensivste  Edelmetallströmung,  ist  allerdings  richtig,
aber  im  Momente  empfindet  der  Verkehr  dieselbe  nur  m
        <pb n="313" />
        •  —  303  —
#####
l.alt.np  fonlern  in  (»esterreicl,-Ungarn  ,lie  Jliieksicht^nTuf
infei  nationalen  Beziehungen  die  Moldwährung.  Von  Län
i
        <pb n="314" />
        ein  ganz  imberaclienbarcr  Vortheil,  dasselbe  il  ii  z  iii  e  t  a  11  zu
besitzen.  Denn  das  eigentliclie,  jetzt  scliun  praktisch  erieichbaie
universelle  Zahlmittel  ist  das  edle  Metall  in  Barrenform,  und
der  Aussenhandel  jedes  Landes  wird  dann  mit  den  geiingsten
Schwierigkeiten  zu  kampien  haben  und  am  vortheilhattesten
betrieben  werden  lionnen,  wenn  die  Landesmünze,  das  gesetzliche ­
  innere  Zahlmittel,  diesem  internationalen  Zahlmittel  so
nahe  als  möglich  kommt,  wenn  sie  mit  den  denkbar  geringsten
S(diwierigkeiten  und  Kosten  in  dasselbe  verwandelt  und  aus
demselben  hergestellt  werden  kann.  Nun  wird  dies  in  ^  der
einfachsten  zweckentsprechendsten  eise  dann  nur  erreicht,
wenn  das  ]\Lünzmetall  der  durch  den  Handel  verbundenen
Länder  das  nämliche  ist.  In  diesem  Falle  braucht  die  Münze
des  einen  Landes,  um  coursfähig  im  anderen  zu  werden,  blos
in  den  Schmelztiegel  und  aus  diesem  wieder  in  die  Alünzstätte
zu  wandern  und  der  Zweck  ist  mit  verhältnissmässig  geringen ­
  Kosten  vollkommen  erreicht;  die  beiden  ^lünzen  sind
in  ein  festes  unabänderliches  Verhältniss  zu  einander  gebracht.
Man  weiss  jederzeit  genau,  wie  viel  inneren  Werth  die  eigenen
]\lünzen  im  Nachbarlande  repräsentiren,  denn  um  dies  zu  linden.
Il  muss  man  vom  Werthe  im  eigenen  Lande  blos  die  Kosten  des
ilsehmelzens,  Prägens  und  des  Transportes  abziehen.  Ls  ist
dabei  von  geringem  Belange,  wenn  die  hier  und  dort  ausgeprägten ­
  IMünzstücke  verschiedenes  Gewicht  haben,  denn
;  dies  complicirt  blos  um  Einiges  die  Arbeit  der  Umiechnung,
j  was  gerade  für  jene  Kreise,  die  sich  mit  der  Vermittlung  des
Iinternationalen  Hai)dels  befassen,  keine  besonders  lülilbaie
I  Belästigung  ist.  Wichtiger  als  das  gleiche  Gewicht  ist  schon
die  Gleichartigkeit  der  Legirung,  denn  diese  erhöht  die
directe  Umwandlungstähigkeit,  sie  ist  eine  Gleichartigkeit  im
\\h‘sen,  während  das  gleiche  Prägegewicht  blos  eine  (kleichaiHgkeit
  der  Form  ist,  auf  die  es  weniger  ankommt,  da  ja
bei  wirklich  erfolgender  Zahlung  von  Land  zu  Land  die  Form
olinehin  im  Schiaelztiegel  verschwinden  muss.
Ist  dagegen  das  IVIünzmetall  zweier  Länder  nicht  das
nämliche,  so  hört  diese  Umwandlungsfähigkeit  vollständig  auf.
Ls  ist  damit  factisch  unmöglich  geinaclit,  von  einem  Land)*
zum  anderen  im  eigenen  (relde  zu  zahlen  ;  die  Zahlung  muss
vielmehl'  hierhin  und  dorthin  in  einer  W  a  a  re  eilolgen,  deien
        <pb n="315" />
        —  .305  —

Vorzug  vor  anderen  Waaren,  die  zn  demselben  Zwecke  gebranclit
  werden  könnten,  nur  darin  besteht,  dass  ihr  Werth
denn  doch  in  der  Regel  stabiler  ist.  Damit  ist  in  den  internationalen ­
  Handel  ein  nenes  Zwischenglied  hineingebracht,
der  Zwischenhandel  mit  Edelmetallen,  der  wie  jeder  andere
Mühe  und  Kosten  verursacht,  überdies  auch  einen  Zwischengewinn ­
  vorwegnimmt,  und  folglich  den  Güteraustausch  ganz
nnnöthigerweise  vertheuert.  Ob  nun  die  Reibung,  welche  dieses
ganz  überflüssigerweise  in  das  Getriebe  des  internationalen
Handels  eingefiigte  Zahnrad  verursacht,  durch  die  Anstrengungen ­
  beider  handeltreibenden  Theile  zugleich  bewältigt
werden  muss,  oder  ob  es  unmittelbar  nur  der  eine  Theil  ist,
der  den  Zwischenhändler  zu  bezahlen  hat,  bleibt  sich  dem
schliesslichen  Effecte  nach  in  der  Regel  ganz  gleich.
Ein  Unterschied  kann  höchstens  darin  bestehen,  dass
jenes  Verkehrsgebiet,  dessen  Angehörige  den  Edelmetallzwischenhandel ­
  betreiben,  jenen  Theil  der  Kosten,  der  den
Gewinn  des  Händlers  repräsentirt,  bewahren  kann;  aber  die
reinen  Kosten  werden  jedenfalls  verloren  seui,  und  auch  der
Verth  des  erwähnten  Oommissionsgewinnes  erscheint  sehr
problematisch,  da  er  durch  eine  unpioductive  Arbeit  erzielt
wird,  durch  eine  Arbeit,  die  bei  vernünftiger  Gestaltung  des
Geldwesens  auf  j)roductivere  Gebiete  hätte  gewendet  werden
können.
So  stellt  sich  die  Sache,  so  lange  die  Werth  relation  der
zwei  verschiedenen  Edelmetalle,  aus  denen  die  Zahlmittel  der
zwei  Ränder  bestehen,  keiner  merklichen  Schwankung  unterworfen ­
  ist.  Sowie  aber  diese  Werthrelation  namhaft  zu
oscilliren  beginnt,  tritt  zu  dem  obenerwähnten  Kostenpunkte
auch  noch  ein  anderes  Id  ornent  hinzu,  welches  für  den  internationalen ­
  Handel  unter  Umständen  noch  weitaus  beschwerlicher
ist  als  jener.  Wenn  früher  der  Verkäufer  sich  vom  Käufer  in
jenem  Jjande,  dessen  Währungsmetall  ein  verschiedenes  ist,
einen  Aufschlag  zur  sonst  nothwendigen  Zahlung  ausbedingen
musste,  um  die  Kosten  der  Umwechslung  des  Silbers  in  Gold
oder  umgekehrt  des  Goldes  in  Silber  zu  bestreiten,  so  wird  er
jetzt  überdies  noch  eine  Versicherungsprämie  verlangen  müssen
um  gegen  die  allfälligen  (Gefahren  eines  Preisabschlages  jener
Waare  gesichert  zu  sein,  in  der  er  bezahlt  wird.  Derartige
l)r.  Tli.  llertzka,  Wäliniiig  und  Uandftl.
        <pb n="316" />
        —  806  —
Versicherungsprämien  sind  zwischen  Ländern  mit  gleicliem
^Vährmig^mmtane  ganz  üherflüss^^  und  ihr  Hmzutrd:en  Wu
den  Täindern  verschiedener  AVähi-ung  wird  —  verknüpft  mit
den'  unter  allen  Umständen  zu  zahlenden  Kosten  der  Ldelmetallumwechslung
  -  den  Verkehr  mehr  und  mehr  ersehweren,
  ja  unter  Umständen  dahin  führen,  den  Austausch
gewisser  Güter  in  ganz  neue  Bahnen  zu  drängen,  die  ohne
das  störende  Hinzutreten  der  Valutaversehiedenheit  niemals
betreten  worden  wären.  Es  ist  recht  gut  möglich  und  praktisch ­
  in  vielen  Eällen  sicherlich  vorgekommen,  dass  ein  Land
gewisse  (Liter,  die  es  unter  sonst  gleichen  Verhältnissen  jedenfalls ­
  vom  Nachbarlande  A  bezogen  hätte,  da  sie  am  billigsten
dort  producirt  werden  können,  nun  vom  Nachbarlande  B  beziehen ­
  muss,  lediglich  deshalb,  weil  es  im  Handel  mit  diesem
letzteren  an  seiner  Münze  ausser  den  Transportkosten  blos
die  (Gebühren  für  Unisehnielzung  und  Umpragiing  verliert,
während  es  im  Handel  mit  dem  ersteren  ausserdem  noch  die
Gommissionskosten  für  den  Edelmetallniakler  und  eine  Versicherungsprämie ­
  daran  wenden  müsste.
Betrachtet  man  die  Sache  in  abstracto,  so  verlieren  auch
bei  einem  solchen  Verhältnisse  beide  Tlieile  in  gleicher  Weise;
das  eine  Land,  weil  es  ni,dits  vevUanft,  «dev,  nin  tvotn  dieser
Stiirnngen  eoncurvenüfiiiiig  /.n  Ideilien,  sonst  dnirl,  nnd.ts
yereelitfertigte  Nael.lUsse  ini  Lreise  bewilligen  nniss;  das
ändere  Iniinl,  indeiii  es  tl,eurer  kauft.  Aber  in  W  iiLIn  likeit
vertbeilt  sieb  der  Si  liaden  dni  li  niebt  in  gleielier  AV  eis,,  mit
laiinler.mit  verseliic,lener  Wiilirnng,  vieinwbr  bängt  ,lie  (,rosse
,les  Verlustes  zimiiclist  davon  ab,  ob  die  Isolirnng  in  böige
der  Val  uta  Verschiedenheit  für  das  eine  oder  das  andere  erkelinsgebiet
  einpfindliclier  ist,  ,1.  b.  ub  das  eine  oiler  das  andere
  mit  seinem  AVälirungsmetalle  unter  den  Han,  el  tieiben  t
Nationen  mehr  oder  minder  vereinzelt  ilastelit,  oder  mit  einem
mehr  oder  minder  grossen  Tlieile  derselben  die  naniliehc  (,e  ,1-basis
  besitzt.  Es  ist  nicht  gar  lange  her,  da  hatten  unter  ,  er
Erschwerung  der  11  iinzversehiclenheit  in  Europa  die  (loldländer
  mehr  zu  leiileii  als  die  Silberliinder,  ikiiii  sie  waren  in
der  IMinorität,  und  mussten  daher  den  grosseren  ^  lei  (  •.
Verlustes  auf  sich  iieliinen;  heute  wäre  ganz  initsehieilen  das
Uingehebrte  ,1er  Fall.  Behielte  z.  B.  Oesterreieh  die  hilber-
        <pb n="317" />
        l.f»IVI»  .U.U

—  n07  —

Währung,  so  würde  es  sich  liei  seinen  Handelsbeziehungen  mit
Deutschland  zunächst  darum  handeln,  ob  die  Nothwendigkeit
im  anderen  Lande  zu  verkaufen  oder  zu  kaufen,  für  das  eine
oder  das  andere  grösser  ist,  um  zu  beurtheilen,  ob  das  eiue
oder  das  andere  den  bedeutenderen  Th  eil  der  ]\Iünzverluste  auf
seine  Schultern  nehmen  muss.  Diese  Frage  ist  jedoch  im
grossen  Ganzen  a  ])riori  schon  entschieden.  Denn  Deutschland,
das  mit  seinem  Golde  in  Scandinavien.  den  Niederlanden;
England,  Holland,  Belgien,  Frankreich,  Italien  und  der
Schweiz  ohne  solche  Verluste  kaufen  kann,  wird  leichter  des
österreichischen  Verkäufers  entbehren  können  ,  als  dieser
des  deutschen  Käufers,  der  ihm  ja  keine  grösseren  Verluste
dictiren  will,  als  es  noth  wendigerweise  auch  der  Käufer  aus
all’  den  früher  erwähnten  Ländern  thun  müsste.  Es  wiederholt
sich  hier  die  alte  Erfahrung,  dass  der  Schwache  vom  Stärkeren ­
  ausgebeutet  wird,  und  der  Schwache  ist  in  diesem  Falle
derjenige,  dessen  iMünzmetall  die  geringere  Verbreitung  hat.
Die  Nachtheile  einer  Münzverschiedenheit  sind  also  unter  den
heutigen  Verhältnissen,  in  Europa  der  Hauj)tsache  nach  von
den  Ländern  der  Silber  Währung  zu  tragen.  Dass  trotzdem  der
Handel  auch  nach  Ländern  mit  verschiedenem  i\Iünzmetall
vortheilhaft  betrieben  werden  kann,  dass  es  unter  sonst  günstigen ­
  Verhältnissen  möglich  ist,  trotz  der  zu  zahlenden  Versicherungsprämie, ­
  Münz-  und  Commissionsgebühr,  die  Conenrrenz
  der  Verkehrsgebiete  mit  dem  nämlichen  IMünzmetalle
siegreich  zu  bekämpfen,  ist  ebenso  richtig  als  irrelevant  bei
Untersuchung  der  vorliegenden  Frage.  Erschwert  wird
diese  Concurrenz  jedenfalls,  der  Nutzen  unter  allen  Bedingungen ­
  verringert,  gleichviel  ob  davon  nach  Abzug  dieser
Verringerung  noch  etwas  übrig  bleiben  mag  oder  nicht.
Trotzdem  es  sich  bei  den  oben  beschriebenen  Verlusten
stets  nur  um  sehr  wenige  Percente  oder  auch  nui\um  Bruchtheile
  von  Percenten  handelt,  ist  die  Gesammtsumme  derselben
doch  überaus  gross.  Der  Verkehr  mit  den  europäischen  Ländern ­
  der  Gold-  und  Doppelwährung  dürfte  für  Oesterreich,
wenn  man  den  V  aarenhandel,  den  Austausch  von  Dienstleistungen ­
  und  den  Ejfecteidiandel  mit  in  Jiechnung  zieht,
wohl  auf  rund  1000  ^Millionen  Gulden  im  .Jahre  zu  veranschlagen ­
  sein.  Wird  nun  dieser  Handel  in  Folge  der  Valuta-WO*
        <pb n="318" />
        —  íi08  —
verscliiedenlieit  aucli  nur  um  ’/a  I’ercent  minder  gewinnreicli
betrieben,  so  würde  die  Siîberwàbrung  sclion  aus  diesem
Titel  allein  5  Millionen  Gulden  im  Jalire  kosten.
Ganz  eigenthüinlicli  und  in  weit  höherem  liasse  geíáhrlicher
  gestalten  sich  die  Credit-  und  SchuldverhUltnisse
zwischen  zwei  Ländern,  deren  Münzmetall  verschieden  ist.
Während  nämlich  im  Handel  Käufer  und  Verkäufer  einandei
gleichberechtigt  gegenüberstehen,  und  falls  nicht  die  Concuirenz
  anderer  Verkehrsgebiete  hinzntritt,  den  ans  der  i\rünzverschiedenheit
  resnltireiulen  Schaden  untereinander  auftheilen
müssen,  liegt  bei  internationalen  Schuldverhältnissen  der  Verlust ­
  schon  im  Vorhinein  zur  Gänze  auf  den  Schultern  des
Landes  mit  Silberwährung.  Hei  gewöhnlichen  Kaufs-  und  Verkaufsgeschäften ­
  ist  die  Frage  darnach,  welches  der  beiden
Edelmetalle  eigentlich  im  Schwanken  hegriffen  sei,  ganz
irrelevant.  Zwischen  dem  Abschlüsse  des  Geschäftes  und  dei
vollständigen  Realisirung  desselben  verstreicht  ein  zu  kurzer
Zeitraum,  als  dass  der  Einfluss  der  Valutaschwankungen  auf
‘  die  Preise  hervortreten  könnte.  Wenn  der  Verkäufer  aus  dem
Goldlande  Zahlung  in  Silber  zu  leisten  hat,  so  wird  er  nur
die  Gefahr  vor  Augen  haben,  dass  der  in  seiner  Imndesvaluta
ausgedrückte  Werth  des  zu  empfangenden  Silberquantums  in
der  Zwischenzeit  fallen  kann;  dem  wird  aber  die  Hofthung
gegenüberstehen,  dass  dieser  Werth  inzwischen  steigen  könnte.
Gewinn-  und  Verlustchancen  werden  sich  also  ausgleichen,  und
dass  trotzdem  die  früher  erwähnte  Versicherungsprämie  bezahlt ­
  werden  muss,  hat  seinen  Grund  lediglich  in  der  Unlust
des  soliden  Kaufmannes,  sich  derartigen  Spielchancen  überhaupt ­
  auszusetzen.  Jedenfalls  ist  es  aber  dabei  durchaus
bedeutungslos,  ob  das  Fallen  oder  Steigen  der  Werthrelation
dadurch  entstanden  ist,  dass  sich  das  Gold,  oder  dadurch,
dass  sich  das  Silber  in  seiner  Kaufkraft  veränderte.  Denn
weim  der  Verkäufer  aus  dem  Goldlande  für  das  empfangene
Silberquantum  einen  geringeren  Erlös  in  Gold  erzielt,  so  wird
er  damit  auf  dem  Markte  seines  Landes  im  grossen  (Ganzen
doch  weniger  kaufen  können  als  zuvor,  auch  wenn  die  Kaufkraft ­
  des  Goldes  inzwischen  gestiegen  sein  sollte,  da  die
Preise  der  meisten  V  aaren  dieser  Veränderung  nicht  augenblicklich ­
  folgen.  Und  umgekehrt  wird  er,  wenn  der  in  Gold-
        <pb n="319" />
        309

geld  ausgedrückte  Erlös  aus  dem  Verkaufe  des  an  Zahlung-Statt
  gegebenen  Silbers  grösser  sein  sollte,  auf  dem  heimischen
^larkte  mehr  zu  kaufen  vermögen  ,  gleichviel  ob  er  den  Mehrerlös ­
  in  Crold^eld  dadurch  erhält,  weil  das  Silber  im  Werthe
gestiegen,  oder  weil  das  Gold  im  V  erthe  gefallen  ist.  Bei
Schuldgeschäften  aber,  die  sich  auf  längere  Zeit  erstrecken,
tritt  dieser  Unterschied  hochbedeutsam  hervor.  Niemand  ist
sich  desselben  klar  bewusst,  aber  Jedermann  handelt  darnach,
als  ob  er  durch  die  subtilste  volkswirthschaftliche  Untersuchung
in  seinem  Thun  und  Lassen  geleitet  würde.  Wenn  Jemand
auf  eine  Reihe  von  Jahren  ein  Darleihen  in  ein  Land  mit  anderer ­
  Währung  abgibt,  so  kann  es  ihm  weder  für  die  inzwischen
auflaufenden  Zinsen  noch  weniger  für  die  schliessliche  Rückzahlung ­
  des  Darleihens  gleichgiltig  sein,  aus  welchem  Grunde  '
sich  die  AVerthrelation  seines  Münzmetalles  zum  Münzmetalle
seines  Schuldners  inzwischen  verändert.  Tritt  nämlich  diese
Veränderung  dadurch  ein,  dass  die  Kaufkraft  seines  eigenen
Münzmetalles  gewechselt  hat,  während  die  des  sehuldnerischen
dieselbe  geblieben  ist,  so  wird  für  den  Gläubiger  der  Werth
der  Zahlung  der  nämliche  bleiben  wie  zur  Zeit,  wo  er  das
Darleihen  gegeben  ;  er  wird  sich  gerade  dadurch,  dass  er  Geld
in  das  Land  mit  dem  fremden  IMünzmetalle  geliehen,  vor  den
Schwankungen  des  eigenen  Münzmetalles  bewahrt  haben.  Er
hätte  im  eigenen  Lande  gewonnen,  wenn  die  Kaufkraft  des
eigenen  IMünzmetalles  gestiegen  wäre,  verloren  bei  einem
Sinken  dieser  Kaufkraft.  Denn  der  nominell  gleiche  Betrag
eigenen  Landesgeldes,  den  er  erhalten  hätte,  würde  nicht  mehr
die  nämliche  Kaufkraft  repräsentiren  wie  zuvor,  während  das
fremde  unverändert  gebliebene  Münzmetall  ihm  bei  einem
inzwischen  eingetretenen  Sinken  des  eigenen  Münzmetalles
einen  entsprechend  höheren  Nominalbetrag,  umgekehrt  bei
inzwischen  eingetretenem  Steigen  der  Tauschkraft  des  eigenen
Münzmetalles  einen  entsprechend  geringeren  Nominalbetrag
sichert.  Wenn  dagegen  das  eigene  )Iünzmetall  unveränderlich
bleibt  und  das  fremde  in  seiner  Kaufkraft  schwankt,  so
ergeben  sich  dadurch  für  den  Gläubiger  Verlust-  und  Gewinnchancen ­
  ,  denen  er  entgangen  wäre,  wenn  er  mit  seinem  Capitale
im  Lande  geblieben  wäre.
Nun  ist  aber  bei  allen  Veränderungen  der  Werthrelation
        <pb n="320" />
        310

zwiscliPn  Gold  und  Silber  der  Goldwertli  im  Glossen  und
Ganzen  mehr  das  Stationäre,  der  Silberwerth  mehr  das
Schwankende.  J3ic  Untersuchungen,  die  im  vorigen  Capitel
zu  diesem  Schlüsse  geführt  haben,  mögen  in  ihrer  Berechtigung ­
  noch  so  sehr  bestritten  werden  —  die  Thatsache,  dass
der  europäische  Geldmarkt  die  dort  gefundenen  Resultate
acceptirt  und  demgemäss  handelt,  unterliegt  durchaus  keinem
Zweifel.  Die  Goldländer  weigern  sich,  seitdem  die  AVerthrelation
  in  so  hohem  Grade  schwankend  geworden,  ganz  entschieden, ­
  auf  Silber  lautende  Darleihen  zu  contrahiren  oder
zu  gewähren,  während  umgekehrt  die  Silberländer  eine  Abneigung ­
  gegen  Golddarleihen  mit  Nichten  bekunden.  Die
'  H(dländer  z.  R.  legten  auch,  so  lange  sie  die  Silberwährung
bcsassen,  gegen  französische,  englische  und  neuerlich  auch
gegen  deutsche  und  scandinavische  Darleihen  keine  Abneigung
i  an  den  Tag.  Nunmehr  sie  zur  Goldwährung  iiberziigehen
1  sich  anschicken,  wollen  sie  von  Silbcranleihcn  nichts  wissen  ;  _
\  ebensowenig  wollen  dies  jetzt  die  deutschen,'  die  früher
gleich  den  Holländern,  solange  sie  Silberwährung  besassen,
auch  gegen  Golddarleihen  nichts  einzuwenden  hatten.  Ks  ist
11  kein  Beispiel  bekannt,  dass  ein  Land  mit  Goldvaluta  eine
\  in  Silber  verzinsliche  Anleihe  aufgelegt  hätte,  u.  z.  geschah
'  dies  weder  von  Seite  der  betreifenden  Staaten  noch  von  Seite
|ll  ihrer  einzelnen  Bewohner.  Umgekehrt  aber  haben  die  Staaten
|ll  mit  Silberwährung  ohneweitejs  Goldaideihen  contrahirt.
W  (Min  man  dem  gegenüber  eiiiwenden  wollte,  dass  dies  erklärlich
sei,  (U  ja  jene  Staaten,  die  Anleihen  überhaupt  gewähren
können,  alle  die  Goldwährung  besitzen'und  demnach  ein  Land
mit  dieser  selben  A\  ährung  nicht  so  leicht  in  Versuchung
kommen  konnte,  eine  andere  Währung  als  Grundlage  der
Contrahirten  Darleihen  zu  wählen,  so  wäre  dies  nicht  ganz
richtig.  Denn  es  gab  noch  kürzlich  sehr  reiche  Staaten  mit
Silberwährung,  die  auch  thatsächlich  ärmeren  Staaten  mit
Goldwährung  nicht  unbeträchtliche  Beträge  borgten,  es  aber
trotzdem  für  ganz  übertlüssig  hielten,  sich  Zahlung  im  eigenen
Aliinzmetalle  auszubedingen.
Oesterreich  gehört  nun  zu  den  relativ  arnuMi  Ländern  ;  es
^  ist  der  Schuldner  der  westlichen  Staaten,  insbesondere  seiner
deutlichen  Nachbarn,  und  diese  sind  zur  G&amp;lt;ddwährung  über-
        <pb n="321" />
        gegangen.  Solange  nun  die  Verschiedenheit  des  Währiingsmetalles
  zwischen  Oesterreich  und  Deutschland  (das  hier  als
Repräsentant  aller  Glänhiger  Oesterreichs  gelten  mag)  besteht,
d.  h.  solange  Oesterreich  auf  der  Silberwährnng  verharrt,
ergehen  sich  ans  den  internatioiuilen  Contractverhältnissen  die
fwlgenden  Resultate  :  Bei  den  alten  Contmcten  fallen  die  ||
Verluste  ans  der  Währnngsverschiedenheit  den  Gläubigern  zur  j|
Last,  welche  den  Verlust  vom  Capitalwerthe  ihrer  Forderung
ahschreihen.  Ein  Vorgmil  aber  erwächst  daraus  für  den
Schuldner  nicht;  denn  hier  gilt  dasselbe,  was  im  vorigen
Capïïéî  überHen  Einfluss  jeder  Werth  Veränderung  des  Münzmetalles
  für  die  binnenländischen  Zahlungsverhältnisse  auseinandergesetzt ­
  wurde.  Der  österreichische  Staat  z.  B.,  der
wichtigste  Schuldner  im  Verkehre  mit  dem  Aúllan  de,  hat
allerdings  mit  entwerthetem  Metalle  zu  zahlen,  aber  er  erhält
auch  Zahlungen  in  demselben  entwertheten  Metalle  und  seine
liage  gestaltete  sich  nicht  anders,  als  wenn  er  gleichzeitig  mit  ,
Deutschlaiid  zur  old  Währung  übergangen  wäre,  nunmehr  |
in  Gold  zu  zahlen  hätte,  dafür  aber  auch  seine  Steuern  in  ^
(fold  einnehmen  würde.  Für  den  Privatschuldner  gilt  ganz  i
dasselbe.  Der  Hypothekenschuldner  z.  B.  hat  seine  Zinsen
allerdings  im  geringer  werthigen  (fehle  zu  zahlen,  aber  er  hat
selbst  eine  dem  entsprechende  Werthverminderung  des  empfangenen ­
  Capitales  erfahren,  oder  aber  —  was  für  die  (fesamm'theit
das  Nämliche  ist  —  diese  Werthverminderung  ganz  oder  theilweise
  auf  die  Schulteren  eines  Dritten  überwälzt.  Falls  er
wirklich  gewonnen  haben  sollte,  wird  sich  allemal  ein  Inländer
finden  müssen,  dessen  Verlust  seinem  Gewinne  genau  entspricht,
so  dass  also  die  österreichische  Volkswirthschaft,  wenn  man
sie  in  ihrer  (fcsammtheit  aufiässt,  aus  dem  Verluste  ihrer
auswärtigen  (fläubiger  keinen  Gewinn  ziehen  kann.  Der  Vortheil ­
  bei  den  im  Auslande  contrahirteii  alten  Schulden  wird
lediglich  darin  bestehen,  dass  hier  der  Verlustüberschuss,  der
sich  bei  der  \\  erthminderung  des  ^lünzmetalles  nothwendiger
Wei.se  ergibt,  keinen  inländischeu,  sondern  einen  ausländischen
(fläubiger  trifft.
Ihd  neuen  Contracten  aber  wird  sich  die  Sache  umgekehrt
verhalten.  Während  nämlich  bei  inländischen  Contracten  im
Falle  einer  neuerlichen  Werthminderung  des  Münzmetalles  die
        <pb n="322" />
        —  312  —

vom  Lande  zu  tragende  Verlustquote  den  Gläubiger  trifft  und
von  schuldnerischer  Seite  zwar  kein  Gewinn,  aber  auch  kein
Verlust  zu  verzeichnen  ist,  wird  hier,  wo  es  in  der  IMacht
des  Gläubigers  steht,  Zahlung  in  einem  anderen  Metalle  auszubedingen, ­
  der  Verlust  vom  Schuldner  zu  tragen  sein.  Dieser
wird  ein  CapitaMn  Händen  haben,  dessen  Werth  sich  nachträglich ­
  vermindert,  und  wird  doch  nachträglich  die  Zinsen
in  unverminderter  Höhe  bezahlen  müssen.
Dies  gilt  für  jene  Schuldner,  die  Zahlung  in  jenem  Metalle
versprechen  und  leisten  müssen,  welches  der  auswärtige  Gläubiger
haben  will.  Zwar  tritt  auch  hier  schon  das  IMomcnt  hinzu,  dass
die  Beschaffung  des  gewünschten  IMünzmetalles  von  Fall  zu  Fall
mit  Kosten  verbunden  sein  wird,  und  es  ergibt  sich  daher
schon  daraus,  dass  die  österreichischen  Schuldner  mehr  verlieren ­
  werden  ,  als  die  Coursdifferenz  zwischen  Gold  und  Silber,
nämlich  überdies  noch  Fracht-,  Präge-  und  Commissionskosten  für
die  Umwandlung  ihres  Silbers  in  deutsches  Gold  (gleichwie
bei  den  alten  Schulden  die  auswärtigen  Gläubiger  um  den
Betrag  dieser  Kosten  mehr  als  die  Coursdifferenz  verlieren).
In  Wahrheit  aber  ist  es  den  meisten  Schuldnern,  die  neue
Contracte  mit  dem  Auslande  eingehen  wollen,  gar  nicht
möglich,  Zahlung  in  einem  anderen  als  in  ihrem  eigenen  Währungsgelde
  zu  leisten  oder  auch  nur  zu  versprechen.  Sie
müssen  vom  Gläubiger  das  Zugeständniss  fordern  ,  dass  dieser
auch  bei  neuen  Contracten  Zinsen  nnd  Capital  in  Silber  zurückempfange. ­
  Ob  ihnen  nun  dieses  Zugeständniss  vom  Gläubiger
direct  oder  durch  Vermittlung  in-  oder  ausländischer  Banipiiers
gewährt  wird,  ist  im  Effecte  ganz  gleich,  ln  allen  diesen
Fällen  wird  ausser  der  thatsächlich  bestehenden  Coursdiflerenz
zwischen  Gold  und  Silber  und  ausser  dem  Aufschläge  für
Umwandlung  des  Silbers  in  Gold  auch  noch  ein  neuerlicher  Aufschlag ­
  gefordert,  der  die  Versicherungsprämie  für  alle  hinkünftig ­
  möglichen  Schwankungen  der  Edelmetallpreise  darstellt.
Alle  diese  Kosten  und  Sporteln  werden  zum  Zinsfusse  dazugeschlagen ­
  und  die  Folge  davon  ist,  dass  nunmehr  alle
Schuldner  des  Landes  ihr  Geld  entsprechend  vertheuert  in
Händen  haben.  Dass  diese  Erhöhung  des  Zinssatzes  aller  vom
Auslande  erforderlichen  Capitalien  auch  auf  den  inländischen
Zinsfuss  zurückwirken  muss,  und  daher  implicite  eine  Mehr-
        <pb n="323" />
        —  313  —

belastung  aller  inländischen  Schuldner  nicht  nur  zum  Vortheile
der  ausländischen,  sondern  auch  der  inländischen  Gläubiger
hervorruft,  soll  vorläufig  nicht  berücksichtigt  werden.  Hier
handelt  es  sich  zunächst  darum,  den  Einfiuss  der  Münzverhältnisse ­
  für  die  Gesammtheit  des  Landes*  festzuhalten,  und
diesbezüglich  braucht  blos  constatirt  zu  werden  ,  dass  die
Erhöhung  der  Zinsenlast  an’s  Ausland  einen  continuirlich  zu
entrichtenden  Tribut  an  dasselbe  darstellt.
^lan  nehme  den  Fall,  dass  ein  österreichischer  Landwirth
lU.(KX)  fl.  ö.  W.  im  Auslande  aufnehme,  und  dass  der  ausländische ­
  Capitalist  geneigt  wäre,  ihm  dies  Darleihen  zu
o  Percent  vorzustrecken.  Hestände  nun  in  Oesterreich  und
in  dem  betreffenden  Lande  dieselbe  Währung,  so  erhielte  der
Schuldner  ganz  einfach  seine  1().(KX)  fl.  ,  gleichviel  ob  in
österreichischer  oder  fremder  Iflünze  gezahlt,  könnte  dabei  je
nach  den  Wechselcoursen  eine  Kleinigkeit  gewinnen  oder
verlieren,  müsste  dann  fortlaufend  von  Jahr  zu  Jahr  oOt)  fl.
Zinsen  zahlen,  bei  denen  abermals  der  Wechselcours  je  nach
den  Umständen  einen  kleinen  Gewinn  oder  Verlust  bedingen
würde,  und  hätte  schliesslich  —  etwa  nach  30  Jahren
—  seine  10.000  fl.  ganz  in  derselben  Weise  abzuzahlen.
Oh  inzwischen  der  Werth  des  iflünzmetalls  gestiegen  oder
gefallen  wäre,  bliebe  ganz  gleicligiltig;  der  Gläubiger  hätte
die  Chancen  des  Verlustes  oder  Gewinnes  aus  einer  Veränderung ­
  des  Vünzwerthes  zu  tragen  und  würde  auch
durchaus  keinen  Versuch  machen,  diese  Chancen  von  sich_
ahzuwälzen.  Anders  unter  der  gegenwärtig  herrschenden  Münzverschiedenheit.
  Nehmen  wir  an,  dass  zur  Zeit  des  Contraet-  j
abschlusses  die  M'crthrelation  zwischen  Gold  und  Silber  1:17
wäre,  so  betrügen  in  diesem  Falle  l(t(KK)  fl.  österr.  Währung  |
Silber  rund  IH.OOO  deutsche  Reichsmark.  Bekäme  nun  der
österreichische  Landwirth  diese  IH.IMKJ  Reichsmark  unter  der  i
Bedingung,  Zinsen  und  Rückzahlung  in  österreichischem  Gel  de
leisten  zu  dürfen,  so  hätte  sich  für  ihn  nichts  verändert.
Dies  ist  aber  nicht  der  Fall.  Er  muss  sich  entweder  ver-  '
pflichten,  Zinsen  und  Capital  in  deutscher  Reichsmark  zu  \
zahlen,  dann  aber  von  Jahr  zu  Jahr  als  Käufer  für  OOO
deutsche  Reichsmark  auf  dem  Edelmetallmarkte  oder,  was  1
auf  dasselbe  hinausläuft,  auf  dem  Devisenmärkte  erscheinen,
        <pb n="324" />
        314

I  und  ebenso  nach  Ablauf  der  30  .labre  dort  18.000  Reichsmark
besebafien.  Da  er  dabei  neben  der  iMübe  und  den  Kosten
dieser  Goldbesebaffunp^  aueli  alle  Gefahren  des  Schwankens
der  AV^erthreJation  zu  tragen  hätte,  so  wird  ihm  dies  scliwerlieh
I  conveniren  und  er  dürfte  es  in  der  Hegel  vurziehen,  vom
Gläubiger  oder  von  einer  beliebigen  AIittelperson  zu  verlangen,
statt  der  jährlichen  OOO  und  schliesslichen  18,(100  Heichsmark
Zahlung  in  österreichischem  Silbergelde  zu  nehmen.  Dann
werden  es  aber  nicht  äOt)  und  10.000  Silberguldcn  sein,  deren
Zahlung  er  anbieten  muss,  sondern  beisj  dels  weise  550  und
11  .(Mio  oder  aber,  was  etwa  auf  dasselbe  hinausläuft,  jährlich
000  und  schliesslich  10.000  11.'  Er  wird  mit  einem  Worte
schon  von  Anfang  an  um  1  Percent  mehr  Zinsen  zu  zahlen
haben,  dafür  allerdings  aller  Kebensjtescn,  wie  aller  Gctahren
aus  der  Valutaschwankung  enthoben  sein  und  unter  Timstiinden
dabei  vielleicht  besser  fahren,  als  der  Gläubiger  und  die  Alittelperson,
  die  gegen  die  Aufzahlung  von  ein  Percent  es  übernimmt, ­
  ihn  gegen  diese  Gefahren  zu  versichern.  Die  bedungene
jährliche  Alehrleistung  an  Zinsen  aber  wird  durch  keine  wie
immer  gearteten  ])ositivon  Vortheil  für  ihn  aufgewogen.  Dass
auch  der  (Gläubiger  von  der  Alehrleistung  keinen  Vortheil
zieht,  kann  ihm  wahrlich  geringen  Trost  gewähren.
V^enn  man  nun  berechnet,  wie  gross  die  jährlichen
Zinsenzahlungen  Oesterreichs  an  s  Ausland  aus  neuen  Contracten
  ungefähr  sind  —  die  Zinsenzahlungen  aus  den  alten
Contracten  sind  gering  gerechnet  mit  130  AI  il  Honen  Gulden
im  dahr^zu  veranschlagen,  —  und  wenn  man  annimmt,  dass
sich  diese  neuen  licistungen*  in  Folge  der  ATünzvcuschiedenheit
im  Durchschnitte  um  den  zehnten  Theil  etwa  von  5  aut  .O'/a
Percent  erhöhen  sollten,  so  wird  mau  unmöglich  verkennen,  dass
die  Verluste  aus  diesem  Titel,  die  überdies  die  leidige  Eigenschaft
haben,  sich  von  .fahr  zu  -Tahr  zu  cumuliren,  sehr  rasch  denselben ­
  Umfang  erreichen  dürften,  wie  die  Verluste  aus  der
Behinderung  des  internationalen  Handels  durch  dieselbe  Ursache. ­
  Die  Frage  nach  dem  von  Oesterreich  zu  wählenden
[Alünzmetalle  mag  daher,  solange  cs  sich  blos  um  die  inneren
j  Verkehrsverhältnisse  handelt,  immerhin  als  contro\ers  bej
  trachtet  werden  ;  sowie  die  internationalen  Heziehungen  &amp;lt;  (ester-!
  reiehs  mit  in  Rechnung  gezogen  werden,  ist  sie  von  vorn-
        <pb n="325" />
        315

herein  als  entschieden  anzusehen.  Selbst  wenn  für  den  inneren
österreichischen  Verkehr  die  Silbermünze  um  Einiges  bequemer
wäre  als  die  (xoldmUnze,  würde  wühl  schwerlich  Jemand
behaupten  wollen,  dass  diese  Bequemlichkeit  durch  die  enormen
Verluste  aus  den  internationalen  Beziehungen  nicht  allzu
theuer  bezahlt  würde.
ln  Wahrheit  aber  verhält  sich  die  Sache  so,  dass  (lesterreich
  bei  dem  Beharren  auf  der  Silberwährung  die  Unbequemlichkeit ­
  der  inneren  Silbercirculation  sich  durch
V'erluste  erkauft  hätte,  die  im  Jahre  durchschnittlich  mindestens
10  Millionen  Gulden,  wahrscheinlich  aber  das  Doppelte  und
noch  mehr  betragen.  Ein  Verkehrsgebiet,  welches  mit  den
Ländern  der  Goldwährung  jährlieh  für  ungefähr  KKlO  Millionen ­
  Gulden  Waaren  austauscht  und  diesen  selben  Ländern
viele  Milliarden  schuldet;  ein  Verkehrsgebiet  überdies,  dessen
Beziehungen  zu  den  Ländern  der  Silberwährung  verhältnissmässig
  gering  sind  und  dessen  innerer  Verkehr  gebieterisch
nach  einer  Goldmünze  verlangt,  hat  wohl  die  Wahl  zwischen
Gold  und  Silber  nicht  mehr  frei.  Es  fragt  sich  nur  mehr  das
Line,  ob  dieses  Land  die  Kraft,  die  Fähigkeit  besitzt,  den  so
gebieterisch  geforderten  Uebergang  zur  Goldwährung  auch
wirklich  durchzuführen,  oder  ob  nicht  Himbynisse  unterschiedlicher ­
  Art  es  zwingen,  trotz  aller  Verluste,  die  damit  verbunden ­
  sind,  die  Silberwährung  zu  behalten.
        <pb n="326" />
        V.  Capite].
Schwierigkeiten  des  Wäliningsweclisels.

Jedem  WähningsWechsel  stehen  Schwierigkeiten  zweifacher ­
  Art  entgegen:  erstens  die  Kosten  der  Bescliatfiing  des
nenen  und  der  Veränsserimg  des  alten  Münzmetalls  ;  zweitens
die  Noth  Wendigkeit,  alle  Contracte  auf  neue  Basis  zu  stellen,
d.  h.  allen  Schuldnern  wie  Gläuhigern  die  Verpflichtung  aufzuerlegen, ­
  Zahlungen  statt  in  dem  Metalle,  auf  welches  contrahirt
  wurde,  iu  einem  anderen,  welches  nicht  ausbedungen
worden  ist,  zu  leisten  und  zu  ein})fangen.
In  Betreff  des  ersten  Punktes  besteht  ein  sehr  tiefgreifender ­
  Unterschied  zwischen  den  Ihindern  der  einheitlichen
Währung,  der  Doppelwährung  und  der  Papierwährung.  Die
ersteren,«-im  vorliegenden  Falle  also,  wo  es  sich  praktisch  nur
um  den  Uebergang  zur  (Goldwährung  handelt,  die  Länder  der
Silberwährnng,  haben  allen  anderen  gegenüber  den  grossen
Nachtheil,  dass  sie  für  das  gesammte  Circulatioiisbedürfniss
als  Käufer  auf  dem  (xoldmarkte  und  mit  ihrem  gesainmten
Circulationsvorrathe  als  Verkäufer  auf  dem  Silbermarkte  erscheinen ­
  müssen.  Dies  ist  insbesondere  bei  grossen  Verkehrsgebieten, ­
  wo  es  sich  um  die  Anschaffung  und  Abstossung  von
illiarden  handelt,  eine  sehr  kostspielige  Operation;  denn  da
es  nicht  angeht,  die  Durchführung  des  Währungswechsels  auf
einen  allzu  langen  Zeitraum  zu  vertheilen,  so  muss  nothwendigerweise
  die  concentrirte  plötzliche  Nachfrage  die  Goldpreise ­
  bedeutend  in  die  Höhe  treiben,  umgekehrt  das  neu  hin-
        <pb n="327" />
        zutretende  stärkere  Angebot  auf  dem  Silbermarkte  die  Preise
drücken.  Dadurch  wird  der  Abstand  der  Werthrelation  beider
Edelmetalle  nothwendigerweise  vergrössert,  um  dann  nachträglich, ­
  wenn  die  Operation  vollzogen  ist,  bei  sonst  gleichbleibenden
Verhältnissen  wieder  auf  sein  früheres  mittleres  Niveau  zurückzugehen. ­
  Deutschland  hat  bei  seinem  Währungswechsel  auf  diese
Weise  ungefähr  DU  Millionen  Gulden  verloren.  Dass  übrigens
dieser  Verlust  so  gross  wurde,  hat  neben  den  in  Deutschland ­
  begangenen  Fehlern,  auf  die  noch  zurückgekommen
werden  soll,  vornehmlich  darin  seinen  Grund,  dass  mit
den  Wirkungen  der  deutschen  Münzmassregeln  mannigfache
andere  Ursachen  zusammentrafen,  die  alle  auf  die  Silberpreise
drückten,  die  Goldpreise  in  die  Höhe  trieben.  Dahin
gehört  vor  Allem  der  gleichzeitige  Uebergang  zahlreicher
anderer  Staaten  zur  Goldwährung,  die  im  Wesen  auf  dasselbe
hinauslaufende  ausserordei^tliche  Einschränkung  der  Silberausprägung ­
  durch  die  Staaten  des  lateinischen  Münzbundes,  die
Steigerungen  der  Silberproduction  und  die  Abnahme  der  Silber.-verschifFungen
  nach  Ostasien.  Die  deutsche  Münzmassregel  hätte
niemals  allein  jene  ausserordentliche  Verschiebung  der  Werthrelation ­
  hervorgerufen,  die  von  1871  bis  zur  Gegenwart  ungefähr ­
  20  Percent  beträgt  und  möglicherweise  noch  weiter
fortschreiten  wird.
Die  Staaten  der  Doppelwährung  haben  vor  denen  der
Silberwährung  bei  einer  Münz  Veränderung  den  einen  Vortheil,
dass  ihr  Münzbestand  schon  a  priori  zum  Theil  aus  Gold  besteht, ­
  daher  ihre  neuen  Goldanschaffungen  sowohl  als  die  Verkäufe ­
  an  Silbergeld  verhältnissmässig  nicht  so  bedeutend  sind
wie  bei  den  Silberstaaten.  Aber  dem  steht  unter  Umständen
das  ausschlaggebende  Moment  gegenüber,  dass  die  Dop])elwährungstaaten
  beim  Uebergange  zur  Goldwährung  verpflichtet
sind,  die  Umwechslung  der  in  ihrem  Verkehrsgebiete  vorhandenen ­
  Silbermünzen  gegen  neue  Giddmünzen  nach  der  von
ihnen  gesetzlich  festgehaltenen  Werthrelation  vorzunehmen.  Es
hängt  lediglich  von  den  Verhältnissen  des  Edelmetallmarktes
ab,  ob  der  hieraus  entstehende  Nachtheil  mehr  oder  minder
schwer  in’s  Gewicht  fällt.  Vor  5  .fahren  wäre  es  den
Staaten  der  lateinischen  lMünz(;onvention  weitaus  leichter
und  minder  kostspielig  gewesen,  zur  Goldwährung  zu
        <pb n="328" />
        318  -

sclireiten  als  ^  Deutschland  ;  denn  damals  war  die  tliatsiicliliche
  IVrarktrelation  der  in  den  lateinischen  Staaten  gesetzlich ­
  geltenden  his  auf  einen  geringen  Brnchtheil  gleich.
Die  Letzteren  hätten  also  für  ihren  Silhermnnzvorrath  keinen
höheren  Preis  in  (lold  zn  hieteii  gehabt,  als  ihn  auch  die
Silberländer  bieten  mussten.  A\'äre  dann  Silber  wohlfeiler
und  Gold  thenrer  geworden,  so  hätten  doch  die  lateinischen
Staaten  weniger  vom  thenren  Material  zn  kaufen,  weniger  vom
billigeren  zn  verkaufen  gehabt.  Anders  aber  steht  die  Sache
heute.  Ein  Land  mit  Silberwährnng,  welches  gegenwärtig  zum
Goldgelde  greifen  will,  braucht  den  Besitzern  seiner  Silber;
bestände  wieder  nur  den  gegenwärtig  geltenden  ^larktwerth
zn  bieten,  also  beisj)ielsweise  ein  Plniid  Gold  für  je  10  Pt.  Silber.
Die  Doppelwährungsländer  aber  müssten  auch  heute,  und  selbst
wenn  die  Werthrelation  auf  1  zu  Ikö  oder  auf  1  zu  steigt,
immer  noch  1  Pf.  Gold  für  je  1  TP/,  Pf.  Silber  geben.  Sie  sind
also  schon  a  priori  mit  mehreren  Pfund  Silber  im  Nachtheile  bei
jedem  Pfund  Gold,  das  sie  einzuhandeln  und  gegen  Silber  nmzuwecbseln
  haben.  Und  wenn  es  dann  auch  weniger  Pfunde  sind,
an  denen  derart  verloren  wird,  so  dürfte  schliesslich  doch  die
Summe  des  Verlustes  in  den  Doppelwährungsländern  weitaus
grösser  sein,  als  in  den  Ländern  der  Silberwährung.  Dies
.Moment  von  sehr  schwerwiegender  Bedeutung  muss  tbatsächlich
  von  den  französischen  Staatsmännern  beachtet
werden  und  ist  wohl  auch  der  hauptsächliche  Grund,  weshalb
sie  den  Uebergang  zur  Goldwährung  nicht  wagen.  Ls  handelt
sich  für  .  Frankreich  um  enorme  V  erluste,  denn  Niemand  kann
vorher  bestimmen,  wie  tief  der  Silberpreis  tallen  wird,  wenn
dieses  Land  mit  seinen  Milliarden  an  Silber  als  \  erkäuter  und
mit  seinem  ebenso  nach  Milliarden  bezitferten  Goldbedarfe  als
Käufer  auf  dem  Edelmetallmarkte  erscheint.  Nur  so  viel  ist
gewiss,  dass  jedes  fernere  Sinken  des  Silberpreises  zu  den
15_20  Percenten,  die  Frankreich  heute  schon  an  seinem  gesammten
  Silbervorratbe  verlieren  muss,  hinzuzuschlagen  ist  und
dass  es  sich  daher  bei  einer  derartigen  Münzmassregel  um  das
Vielfache  der  von  Deutschland  erlittenen  Verluste  handelt.
Mieder  ganz  anders  gestaltet  sich  bei  einem  Währungswechsel ­
  die  Lage  jener  Länder,  die  gesetzliche  Metallwährung,
factisch  aber  Papierwährung  besitzen.  Ihre  (iuldkäufe
        <pb n="329" />
        werden  zwar  die  Goldpreise  steigern,  aber  ebenso  müssten  andernfalls ­
  ihre  Silberkänfe  die  Silberpreise  steigern.  Dagegen  besteht
allerdings  liier  wieder  ein  sehr  bedeutender  Unterschied  zwischen
den  Doppel-  nnd  den  Silberwährungsländern  mit  factischer
Papiervaluta.  Die  ersteren  müssen,  wenn  sie  ‘  anders  ihrer
Valutamassregel  keinen  partiellen  Staatsbankerott  vorhergehen
lassen,  ihr  Papiergeld  gegen  Gold  nach  der  Werthrelation  Ifrö
zu  1  einlüsen,  kämen  also  jedenfalls  finanziell  besser  heraus,
wenn  siß  dasselbe  mit  Silber  zur  nämlichen  Werthrelation
thiiten.  Die  Silberwährungsländer  aber,  durch  nichts  an
eine  bestimmte  Werthrelation  gebunden,  haben  blos  die
Marktrelation  vor  Augen  zu  halten,  also  wenn  diese  auf  1  zu
19  steht,  je  1  Pfund  Gold  für  Noten  zu  geben,  die  19  Pf.  Silber
repräsentiren,  das  wäre  also  beispielsweise  in  Oesterreich  ein
Pfund  Gold  für  je  Sböfl.  ö.  W.  Es  mag  dann  immerhin  geschehen,
dass  die  Goldkäufe  der  osterr.  Regierung  den  Goldpreis  noch
etwas  über  diese  Relation  hinaustreiben,  ebenso  aber  müssten  '
auch  ihre  Silberkäufe,  wenn  sie  sich  zu  diesen  entschlossen
hätte,  die  Silberpreise  zum  Steigen  bringen,  nnd  es  wird  sich
schwerlich  im  Vorhinein  entscheiden  lassen,  ob  das  Eine  oder
das  Andere  im  stärkeren  Grade  stattgefünden  hätte.
Während  es  sich  daher  sowohl  bei  den  Ländern  mit
factischer  Silberwährung,  als  auch  bei  denen  mit  fact  i  sc  her
Doppelwährung,  als  auch  schliesslich  bei  denen  mit  ])rinci])ieller
Do])pelwährung  und  factischer  Papierwähi’ung  beim  üebergange
  zum  Golde  um  mehr  oder  minder  sichere  Verluste  handelt,
ist  der  Wäh  rungs  Wechsel  für  das  Silberland  mit  factischer
Papierwährung  ans  dem  Titel  der  Münzanschaffung  mit  wesentlichen ­
  Kosten  nicht  verbunden,  wohlverstanden  mit  keinen
grösseren  Kosten,  als  der  Uebergang  zur  factischen  Silberwährung. ­
  Dabei  ist  selbstverständlich  wieder  nur  die  Wirkung
der  eigenen  IMünzmassregeln  des  betreffenden  liundes  auf  die
Edelmetall  preise  und  auf  die  uns  aus  diesen  resultirenden
Verluste  berücksi(;htigt.  Wenn  aus  anderweitigen  Ursachen
die  Preise  des  einen  oder  anderen  Edelmetalls  vorübergehend
verändert  werden,  so  muss  dies  noth  wendiger  weise  auch  auf
die  Verluste  des  betreffenden  Landes  seine  Wirkung  äussern;
aber  derlei  anderweitige  Einflüsse  lassen  sich  ebensowenig
berechnen,  als  ihnen  bei  der  Münz])olitik  ein  bestimmender
        <pb n="330" />
        —  320

Einfluss  pingeräumt  werde-u  darf.  Der  Staat  liât  die  gegebenen
Verhältnisse  und  die  Conse&amp;lt;^uen%eu  seiner  eigenen  Münzmassregeln
  in  seinen  Calcul  zu  ziehen  und  muss  es  im  Uehrigen  dem
Zuialle  überlassen,  ob  die  Concurrenz  anderer  Ursachen,  wie
etwa  eine  Veränderung  der  Productionsbedingungen  oder  der
Kachfrageverhältnisse,  seine  Verluste  steigern  oder  auch  umgekehrt ­
  unter  Umständen  wohl  gar  in  Gewinnste  verwandeln  wird.
Es  ist  sehr  wohl  möglich  ,  dass  auch  andere  Staaten  ebenso
wie  Deutschland,  während  sie  in  der  Durchführung  ihrer  Münzreform ­
  begriifen  sind,  durch  ein  neuerliches  Steigen  der  Silberproduction
  oder  Sinken  der  Silbernachfrage  nach  Ostasien,  vielleicht ­
  auch  wohl  durch  ähnliche  Münzm  assrege  In  anderer
Staaten  überrascht  und  dadurch  grösseren  Verlusten  ausgesetzt
werden,  als  ursprünglich  vorhergesehen  werden  konnte;  umgekehrt ­
  ist  es  aber  ebenso  möglich,  dass  ein  Sinken  der  Silberproduction
  und  eine  Steigerung  der  Verschilf  ungen  nach  Ostasien ­
  die  Silberpreise  relativ  in  die  Höhe  treiben  trotz  der
Goldkäufe,  die  etwa  Oesterreich  iu  Loudon  vornehmen  müsste.
Und  dann  hätte  dieses  die  übrigens  nicht  nach  jeder  Richtung
angenehme  Ueberraschung,  statt  der  erwarteten  Verluste
Gewinne  zu  erzielen.
Ein  sehr  bedeutender  Vortheil  der  Rapierländer  im  Falle
eines  Wechsels  des  Münzmetalls  liegt  auch  darin,  dass  diese
ihre  Dispositionen  bei  Durchführung  der  Reform  mit  weit
grösserer  Ruhe  und  Sicherheit  anzuordnen  in  der  Lage  sind.
Sie  kennen  genau  den  Umfang  des  Circulationsmittels,  welches
sie  aus.  dem  Verkehre  zu  ziehen  haben  und  folglich  ebenso
genau  die  Menge  des  neuen  Circulationsmittels,  welches  an
dessen  Stelle  zu  setzen  ist.  Ihr  Vorrath  an  Silbermünze  ist
gering,  dient  überdies  nicht  den  Zwecken  des  internen  Verkehrs
und  kann  daher,  ganz  unabhängig  von  den  eigentlichen  zur
factischen  Umwandlung  der  Landeswährung  bestimmten  Massregeln,
  vorher  schon  demonetisirt,  eingeschmolzen  und  beliebig
verwendet  werden.  Anders  iu  den  Staaten  mit  factischer  Metallwährung. ­
  Diese  lernen  den  Umfang  ihres  Circulationsmittel-Vorrathes
  erst  durch  die  Reform  selbst  und  auch  durch
diese  nur  annähernd  und  schätzungsweise  kennen.  Sie  wissen
im  Vorhinein  durchaus  nicht,  wie  viel  sie  an  Silbtrgeld  einzuziehen, ­
  an  Goldgeld  zu  schlagen  haben.  Sie  sind  dabei  den
        <pb n="331" />
        H21

folgenschwersten  Irrthüinern  ansgesetzt,  wie  denn  tliatsächlicli
die  deutsche  l\rünzreibrm  durch  die  auf  diesem  Gebiete  begangenen ­
  Fehler  beinahe  zu  einer  verhängnissvollen  Krisis
geführt  hätte.  *)  Die  Münzaiisprägung  eines  Landes  ist  lange
nicht  gleichbedeutend  mit  dem  noch  vorhandenen  Vorrathe  der
von  ihm  geprägten  ALinzen,  denn  ein  grosser  Theil  dieser
letzteren  ist  jedenfalls  eingeschmolzen  worden.  Niemand  aber
kann  wissen,  in  welchem  Betrage  dies  geschah  und  welcher
lîetrag  noch  in  Münzform  vorhanden  ist.  Aber  auch  dieser
noch  vorhandene  Münzbetrag  ist  wieder  nicht  identisch  mit
dem  Vorrathe  an  Circuíationsmitteln  im  betreffenden  Jjande
selbst,  denn  Idetallmünzen  besitzen  eine  je  nach  ihrer  kosmopolitischen ­
  J^eliebtheit  mehr  oder  minder  grosse  Freizügigkeit.
Die  (Gesetzgebung  eines  Landes,  welches  vom  Silber  zur  (Goldwährung ­
  übergehen  will,  weiss  daher  weder,  wie  viel  sie  an
Silbermünzen  einzulösen  und  folglich  an  (Goldmünzen  zu  prägen
haben  wird,  noch  weiss  sie,  wie  viel  von  diesen  einzulösenden
Silbermünzen  der  (ürculation  des  eigenen  Ijandes  entnommen
sind,  und  wie  viel  etwa  aus  fremden  Verkehrsgebieten  herbeiströmen ­
  können,  und  sie  weiss  daher  auch  umgekehrt  nicht,
wie  viel  von  den  neu  geprägten  (Goldstücken  wieder  im  Austausche ­
  gegen  diese  aus  der  Fremde  einberufenen  Silberstücke
ins  Ausland  strömen  können.
Nun  haben  allerdings  aucli  die  vom  Bapiergeldlande
ge])riigten  Silberstücke  dieselbe  Freizügigkeit;  aber  ihre  Zahl
ist  gering  und  worauf  es  vornehmlich  ankommt,  man  kann  sie
genau  sondern  vom  innern  AVährungsgelde;  man  kann  sich
ihrer  vollständig  bemächtigen,  ohne  die  innere  Circulation  im
geringsten  zu  beengen,  und  das  ist  von  unschätzbarem  volkswirthschaftlichem
  Voiiheile.
Wasspeciell  das  österr.  Silbergeld  anbelangt,  so  schwimmt
dieses  in  Folge  seiner  Verdrängung  aus  Deutschland  so  sehr
au  der  Oberfläche  und  ist  so  sehr  im  Umfange  reducirt,  dass
seine  vollständige  Einberufung,  sei  es  zum  Zwecke  des  Verkaufes ­
  auf  dem  Silbermarkte,  sei  es  zum  Zwecke  der  Aus-])rägung
  vou  neuer  Scheidemünze,  in  jedem  beliebigen  Augen-*)
  Siehe:  „Die  Fehler  der  deutschen  Miinzreform  von  Max  Wirth.“
Ur.  Th.  llertzka,  Währung  und  Handel.  21
        <pb n="332" />
        322

blicke  durcligeführt  sein  kann.  Eine  Ansnabme  macken  blos
die  österr.  Mariatlieresientlialer,  von  denen  allerdings  bedeutende
Quantitäten  im  fernen  Afrika  die  Wälirungsmünze  weitverbreiteter ­
  Volksstämme  bilden.  Von  diesem  Gelde  wurden  insbesondere ­
  von  1858  bis  1858  bedeutende  Mengen,  namlicli
für  melir  als  39  Millionen  Gulden  geprägt;  aber  es  ist  gerade
bei  dieser  Münze  nickt  zu  besorgen,  dass  sie  jemals  wieder  in
irgendwie  bedeutender  Masse  nach  Oesterreich  zurückkehren
könnte.
Was  aber  die  in  Folge  eines  Währungswechsels  nothwendigen
  Aenderungen  der  Contracte  anlangt,  so  ist  dies  allerdings ­
  eine  Schwierigkeit,  deren  Bedeutung  in  den  Papiergeldländern
  ebenso  gross  ist  als  in  den  Silbergeldländern  und  bezuglieh
  deren  nur  die  Länder  mit  Doppelwährung  einen  prmcipiell
verschiedenen  Standpunkt  einnehmen.  Aber  es  ist  dies  e  leii
eine  Schwierigkeit,  die  nicht  umgangen  werden  kann,  und  die  im
gr^^m  Garnen  nur  di^^iLmSBirm^renimmmnWn  km  -
vorruft,  die  ohne  den  Währungswechsel  continiiirlich  vorhanden ­
  wären.

In  den  Doppelwährungsländern  erfahren  die  Contracte
durch  den  Uehevgang  zur  Goldwährung  keine  formelle  Verändernng.
  Es  war  früher  möglich,  nach  Wahl  i"/,
anderen  Jletalle  zu  zahlen  ;  es  wird  nun  die  W  ahl  heschfdii  ,
es  hleiht  nur  das  eine  Metall;  der  Schuldner  muss  zu  demseihen
  greifen.  Wie  viel  er  von  demselben  zu  zahlen  verpflichtet
ist  das  hat  ihm  sein  Gesetz  schon  zur  Zeit  gesagt,  wo  er  den
Contract  schloss.  Der  Unterschied  besteht  nur  darin,  dass  das
eine  der  Metalle,  welches  er  auch  wählen  könnte,  .fetzt
nicht  mehr  ausgeprägt  wird.  Die  Erage  nach  der  W  erthrelation
  nach  welcher  im  neuen  Miinzmetulle  die  Verhindlichkeiteii
  ahzutrageii  sind,  ist  iin  Doppelwährungslande
ganz  gegenstandlos,  und  wenn  auch  iin  Wesen  die  Aenderung
  noch  tiefer  eingreift,  als  in  den  Ländern  mit  einheitlicher
Währung,  so  entzieht  sich  dieselbe  doch  dem  öffentlichen  Bewusstseiii.

In  den  I/äudern  der  Silberwährung  aber  lauten  die  Contracte ­
  auf  Silber,  und  wenn  nunmehr  das  Gold  die  Basis  des
•ilidivliii-  nmniio'lieh.  die  alten  t/t'"

i-ipl  (1  wDi*fbp.&amp;lt;4

sei-
        <pb n="333" />
        —  323  —

21*

tracte  vollständig  und  ihren  Buchstaben  nach  zu  erfüllen.
JJenii  es  wurde  nicht  blos  auf  Silber,  sondern  auf  Silber,  welches ­
  zu  Münzen  des  betreffenden  Landes  geprägt  ist,  welche
Münzen  überdies  noch  das  Währungsgeld  des  betreffenden
Landes  sein  müssen,  contrahirt.  Nun  soll  es  aber  hinkünftig
solche  Münzen  nicht  mehr  geben,  in  ihnen  kann  also  unmöglich
gezahlt  werden  und  die  Staatsgewalt  steht  daher  vor  dei*
Alternative,  entweder  den  Stoff,  auf  welchem  contrahirt  wurde,
durch  einen  andern  vertreten  zu  lassen,  oder  aber  die  Bedingung ­
  preiszugeben,  dass  in  Landesgeld  gezahlt  werde,  und
sich  blos  daran  zu  halten,  dass  der  Stoff,  aus  welchem  nach
dem  Contracte  das  Währungsgeld  hätte  geprägt  sein  sollen,
geliefert  werde.  Die  österreichische  Gresetzgebung  könnte  also
die  Schuldner  und  (xliinbiger  verpflichten,  statt  des  bedungenen ­
  Silberijuantums  das  Werth  ä&amp;lt;  pii  val  ent  in  Gold  zu  nehmen,
welches  nunmehr  das  ^letall  sein  wird,  aus  welchem  österreichis(dies
  ährungsgeld  geprägt  wird,  oder  aber  sie  müsste
darauf  beharren,  dass  für  je  45  bedungene  Gulden  1  Pf.  Feinsilber ­
  geliefert  werde.  Ob  dieses  Feinsilber  dann  überhaujd
nur  in  Barrenform  geliefert  zu  werden  brauchte  ,  oder  ob  die
Staatsgewalt  fernerhin  Stücke,  die  den  45.  Theil  eines  Münzpfundes ­
  haben,  mit  ihrem  Stempel  versehen  wollte,  bliebe  im
Wesen  ganz  gleichgiltig,  wenn  diese  gestempelten  Stücke  nicht
mehr  das  allgemeine  Zahlmittel  sind,  und  um  verwerthet  zu
werden,  doch  nachträglich  wieder  in  den  Schmelzofen  wandern
müssten.
Vor  diese  Alternative  gestellt,  haben  sich  in  ähnlichen
Fällen  bisher  noch  die  Gesetzgebungen  aller  Staaten  dafür
entschieden,  die  Leistung  im  Währungsgelde  ihres  l^andes  als
das  Entscheidende,  das  Münzmetall  dagegen  als  das-  Untergeordnete ­
  ,  Zufällige  und  daher  bei  einem  Währungswechsel
durch  ein  anderes  Metall  Vertretbare  zu  betrachten,  u.  z.  mit
gutem  runde.  Denn  in  der  That  ist  die  Bedingung,  dass
in  (xeld  gezahlt  wird,  der  Grundgedanke  jedes  Geldvei*trages.
Es  wurde  zwar  die  Leistung  in  der  Materie  stipulirt,  die  den
Werthmesser  bildet,  aber  lediglich  aus  dem  Grunde,  weil  sie
ihn  eben  bildet.  Niemand  wird  bezweifeln,  dass  bei  allen  Geldcontracten
  —  es  sei  denn,  dass  es  sich  aus  ganz  speciellen
Gründen  um  eine  genau  bestimmte,  dann  aber  auch  ganz
        <pb n="334" />
        324  —

speciell  stipnlirte  Münze  handelt  —  der  Contract  immer  nur
auf  AVährnngsgeld  geschlossen  worden  war,  gleichviel  ans
welchem  Metalle  dieses  geprägt  war.  Das  Gesetz  erfüllt  also
nur  die  von  beiden  Paciscenten  ganz  unzweifelhaft  gehegte
Absicht,  wenn  es  ihnen  nicht  das  bestimmte  (Quantum
des  aushediingenen  Münzmetalls,  sondern  das  Werth  ■uj  uivalent
  an  neuem  Währiiugsgelde  ziisjiricht.  Denn  hätten
die  Paciscenten  zur  Zeit  des  (  :ontractsahschl  usses  gewusst,
dass  zur  Zeit  der  Erfüllung  das  Münzmetall  gewechselt
sein  würde,  so  hätten  sie  ohne  Frage  auf  die  neue  Münze
contrahirt.
Die  Gesetzgebung  liât  also  heim  AVähriingswechsel  Schuldner ­
  und  Gläubiger  zu  verpflichten,  nach  einer  genau  und  sorgfältig ­
  zu  ermittelnden  Werthrelation  im  neuen  ]\Iünznietall
Zahlung  zu  leisten  und  zu  empfangen,  und  diese  Verpflichtung
gilt  dann  auch  selhstverstäudlich  für  alle  Contractsverhältnisse
des  Staates.  Auch  besteht  über  dieses  Recht  und  diese  Pfliclit
der  Staatsgewalt  kaum  ein  Zweifel;  bestritten  wird  aber  merkwürdigerweise ­
  gerade  dasjenige,  was  als  das  am  wenigsten
Zweifelhafte  gelten  sollte,  nämlieh  dass  die  Werth  relation
nach  den  zur  Zeit  des  Währungswechsels  herr.schmiden
Marktverhältnissen  festgestellt  werden  müsse.  Wenn  blos
darüber  eine  Controverse  bestände,  in  welcher  Weise  diese  zur
Zeit  geltende  Marktrelation  festzustellen  sei,  so  wäre  dies  erklärlich, ­
  denn  in  der  That  steht  man  hier  vor  einer  Frage  so
schwieriger  Natur,  dass  dieselbe  vollkommen  befriedig&amp;lt;md  gar
nicht  gelöst  werden  kann.  Offenbar  kann  als  Werthrelation
zur  Zeit  des  Währungswechsels  nicht  der  (amrs  am  läge  dei
Publication  des  betreffenden  (Gesetzes  betrachtet  werden,  es
wird  vielmehr  der  Durehsebnitt  aus  einem  längeren  Zeiträume
gezogen  werden  müssen.  Aber  was  für  ein  Zeitraum  soll  das
sein?  Genügt  dazu  ein  Jahr,  oder  müssen  mehrere  .labre  in
Betracht  gezogen  werden,  und  wenn  das  Letztere  der  Fall  ist,
blos  die  .Jahre  vor  Jhibliciriing  des  Gesetzes  oder,  vielhuebt
auch  ein  gewisser  Zeitraum  nachher  ?  Die  Bedeutung  all’dieser
Rragen  soll  später  untersucht  werden.  Die  Controverse  beziebf
sieb  aber  gar  nicht  auf  diese.  Es  wird  vielmehr  bestritten,
dass  man  überhaupt  derart  vorgeheu  darf,  und  die  Werthrelation,
  nach  welcher  die  Umreebnung  aller  Zahlungi  n  eifol
        <pb n="335" />
        325

gen  müsste,  als  etwas  a  priori  Gegebenes,  gar  nicht  erst  zu
Suchendes  hingestellt.  Und  als  dieses  a  priori  Gegebene  wird
insbesojidere  in  Oesterreich  vielseitig  gerade  die  Werthrelation
des  lateinischen  ]\[ünzbundes  angesehen.  Gründe  dafür  sind
bisher  allerdings  nicht  angegeben  worden,  und  sofern  dies  versucht ­
  wurde,  beruhten  die  Gründe  auf  so  falschen  Voraussetzungen, ­
  die  Prämissen,  auf  denen  weitergebaut  wurde,  waren
in  Wahrheit  so  gegenstandslos,  dass  man  glauben  sollte,  es
bedürfe  nur  der  einfachen  Constatirung  der  thatsächlichen
Verhältnisse,  nm  diese  Ansicht  zu  widerlegen.  Trotzdem  hält
^  sich  dieselbe  mit  merkwürdiger  Zähigkeit  fest,  und  es  ist
daher  noth  wendig,  sie  eingehend  zu  widerlegen.
]\lit  Jenen  zu  rechten,  welche  die  Werthrelation  von  •
lõVí  %u  1  gleichsam  als  etwas  von  der  Natur  Gegebenes,
ewig  1  Ja  gewesenes  ansehen,  das  anders  gar  nicht  sein  könne
—  wird  wohl  nicht  nöthig  sein.  Um  dies  zu  widerlegen,  wird
es  genügen,  auf  das  erste  Capitel  hinzuweisen,  wo  nachgewiesen ­
  wurde,  welch’  colossalen  Schwankungen  die  Werthrelation ­
  zwischen  Gold  und  Silber  im  historischen  Verlaufe  ausgesetzt
  war,  wie  nicht  nur  der  Geldmarkt,  sondern  auch  die
Gesetzgebungen  verschiedener  Staaten  alter  und  neuerer  Zeit
wiederholt  alle  erdenklichen  Werthrelationen  acceptirten  und
wie  überhaupt  die  sogenannte  lateinische  Werth  relation  durchaus ­
  keinen  Vorzug  vor  jeder  beliebigen  anderen  besitzt,  es  sei
denn  den,  dass  sie  von  einem  sehr  grossen  Verkehrsgebiete  durch
verhiiltnissmässig  lange  Zeit  festgehalten  wurde.  Aber  diese
lateinische  Werthrelation  ist  dadurch  selbstverständlich  für
jene  Staaten,  die  dem  lateinischen  Münzbunde  nicht  ausdrücklich ­
  beigetreten  sind,  ebensoVvenig  rechtsverbindlich,
als  es  irgend  eine  andere  von  einem  anderen  Staate
anfgestellte  Werthrelation  für  den  lateinischen  Münzbund
sein  kann.
Wichtiger  erscheint  schon  das  Argument,  dass  Deutschland, ­
  als  es  zur  Goldwährung  überging,  diese  lateinische  Werth-  j
relation  factisch  acceptirte  und  dass  darin  gleichsam  ein  Präjudiz ­
  für  alle  anderen  Staaten  geschaffen  sei,  die  Deutschlands
Beispiele  im  Währungswechsel  folgen.  Doch  ganz  abgesehen
davon,  dass  ein  solches  Präjudiz  für  die  anderen  Staaten  im
        <pb n="336" />
        326

Vorgehen  T'íeutschlands  selbst  dann  nicht  läge,  wenn  dieses
thatsächlich  die  Werthrelation  von  15Va  zu  1  aus  dem  Grunde
acceptirt  hatte,  weil  dieselbe  im  lateinischen  jMiinzbundc  gesetzlich ­
  angenommen  ist,  indem  die  Gründe,  die  dabei  für
Deutschland  massgebend  sein  konnten,  durchaus  nicht  für  jeden
anderen  Staat  massgebend  zu  sein  brauchen  —  ganz  abgesehen
davon,  erfolgte  die  Annahme  dieser  Werth  relation  in  Deutschland ­
  gar  nicht  aus  dem  angegebenen  Grunde,  sondern  lediglich
deshalb,  weil  dieselbe  zur  Zeit  als  Deutschland  zum  Goldgelde
überging,  den  wirklichen  Marktverhältnissen  entsprach.  Als
die  deutsche  Gesetzgebung  daran  ging,  diese  Werthrelation  zu
tixiren,  ignorirte  sie  nicht  blos  die  lateinische  ]\[ünzrelation
vollständig,  sondern  sogar  jene  Werthrelation  von  15  67  zu  1,
nach  welcher  die  alten  preussischen  Friedrichsd’or  ausgeprägt
waren,  und  suchte  lediglich  nach  dem  wirklichen  Marktverhältnisse
  ;  sie  konnte  und  musste  dies  thun,  weil  in  Deutschland ­
  die  Doppelwährung  nicht  existirt  hat,  eine  AVerthrelation
daher  a  priori  nicht  gegeben  war,  sondern  nur  auf  dem  Alarkte
gesucht  werden  konnte.  Wäre  die  AVerthrelation  im  Jahre
1871  1  zu  14  gewesen,  so  hätte  Deutschland  diese  für  seine
Gontracte  acceptirt,  wäre  sie  auf  1  zu  20  gestanden,  so  hätte
man  ein  Pf.  Gold  für  je  20  Pf.  Silber  gegeben.  Es  ergab  sich
aber  nach  den  von  der  deutschen  Gesetzgebung  veranstalteten
Erhebungen,  dass  die  damalige  Marktrelation  bis  auf  einen
verschwindend  kleinen  Bruchtheil  auf  1  zu  15Va  stände,  und
blos  deshalb  wurde  sie  als  Grundlage  der  Contractsumrechnungen
  ^angenommen.  Das  Beispiel  Deutschlands  ist  also,  weit
entfernt  ein  Präjudiz  für  eine  a  priori  feststehende  AVerthrelation ­
  zu  sein,  wenn  es  überhaupt  in  dieser  Frage  dessen  bedürfte, ­
  ein  Präjudiz  für  die  Berechnung  der  Relation  nach  den
Alarktyerhältnissen.  Wer  anders  urtheilt,  der  hält  nicht  das
Wesen  dessen,  was  gesucht  wurde,  sondern  das  zufällig  gefundene ­
  Resultat  für  massgebend.
AVieder  ein  anderes  Argument  wird  darin  gesucht,  dass
in  Oesterreich  seit  dem  Jahre  1870  Goldstücke  geprägt  werden,
die  den  Namen  von  Achtguldenstücken  führen  und  von  denen
daher  behauptet  wird,  dass  sie  beim  Uebergange  zur  Goldwährung ­
  für  8  Silbergulden  Oe.  AV.  gegeben  und  genommen
        <pb n="337" />
        327

werden  müssen.  Dieses  Argument  beruht  aber  auch  auf  zwei
ganz  falschen  Voraussetzungen.  Diese  Achtguldenstücke  sind
eine  Handelsmünze  und  das  betreffende  Gesetz  verwahrt  sich
ausdrücklich  dagegen,  dass  dieselben  irgendwie  als  Währungsmünze ­
  angesehen  werden  dürften,  bestimmt  vielmehr,  dass  der
Werth  dieses  Goldstückes  lediglich  von  den  l^farktverhältnissen
abhängig  bleiben  solle.  Die  betreffende  Gesetzesstelle  lautet  :
„Bis  zu  Einführung  der  im  Artikel  XII  des  Gesetzes  vom
24.  December  1867  in  Aussicht  genommenen  Goldwährung  bleibt
der  Annahmewerth  dieser  Goldmünzen  dem  freien  Uebereinkommen
überlassen.“  Man  braucht  also  die  Achtguldenstücke  im  Verkehr
überhaupt  nicht  zu  nehmen  und  zu  geben,  wenn  österreichisches
Geld  stipulirt  wurde.  Sollten  sie  aber  angenommen  werden,
so  setzt  das  Gesetz  voraus,  dass  dies  nach  der  im  Augenblicke
der  Zahlung  auf  dem  Geldmärkte  vorhandenen  Werthrelation ­
  geschehen  wird.  Und  wenn  daher  dieses  Gesetz  vom
0.  März  1870  überhaupt  als  Präjudiz  in  der  Währungsfrage
angesehen  werden  soll,  so  kann  dies  doch  offenbar  wieder  nur
in  dem  Sinne  geschehen,  dass  die  Achtguldenstücke  bei
einem  Währungswechsel  nicht  8  österreichische  Silbergulden,
sondern  so  viel  gelten  sollen,  als  auf  dem  Edelmetalhnarkte
in  Silber  für  sie  zu  erhalten  wäre.  Ueberdies  aber  sind  diese
sogenannten  Achtguldenstücke  gar  nicht  nach  der  lateinischen
Werth  relation,  sondern  nach  der  von  1  zu  153086  zum  Silber
ausgeprägt  ;  nach  dem  Gesetze  vom  7.  Germinal  wären  sie
nicht  8  silbernen  Gulden,  sondern  20  silbernen  Francs,  d.  i.
8  fl.  10  kr.  ö.  W.  Silber  gleich.  Wenn  also  überhaupt  die
Prägung  goldener  Handelsmünzen  für  irgend  eine  Werthrelation ­
  präjudicirlich  sein  könnte,  so  wäre  diese  sicherlich
nicht  die  des  lateinischen  Münzbundes.  Die  Berufung  auf  diese
Handelsmünze  klammert  sich  also  lediglich  an  den  zufällig
gewählten  Namen  „Achtguldenstück“.  Es  wäre  ebenso  gut
möglich  gewesen,  dass  der  Gesetzgeber  diese  Goldstücke  „Goldgulden“ ­
  genannt  hätte,  und  dann  könnte  man  mit  genau  demselben ­
  Rechte,  wie  gegenwärtig  die  Gleichstellung  mit
8  Gulden  Oe.  W.,  fordern,  dass  bei  einem  Währungswechsel
je  ein  solcher  „Goldgulden“  für  den  Gulden  ö.  W.  gegeben
werden  müsse.
Schliesslich  aber  wird  noch  zur  Unterstützung  der  An-
        <pb n="338" />
        328

sicht,  dass  die  lateinische  Werthrelation  für  Oesterreich  a  priori
verbindlich  sei,  auf  das  österr.  bgl.  Oesetzbuch  hingewiesen,
dessen  §.  988  lautet  :  „Gesetzliche  Münzveränderungen  ohne
Veränderung  des  inneren  (iehalts  gehen  auf  Rechnung  des
Darleihers.  Er  empfängt  die  Zahlung  in  der  bestimmten  gegebenen ­
  Münzsorte  z,  B.  von  l(X)0  Stück  kais.  Ducaten,  oder
3000  Zwanzigkreuzerstücken  ohne  Rücksicht,  ob  deren  äusserer
Werth  in  der  Zwischenzeit  erhöht  oder  vermindert  worden  ist.
Wird  aber  der  innere  Werth  geändert,  so  ist  die  Zahlung  im
Verhältnisse  zu  dem  inneren  Werthe,  den  die  gegebene  Münzsorte ­
  zur  Zeit  des  Darleihens  hatte,  zu  leisten.“  Das  wird
nun  so  verstanden,  dass  so  viel  Gold  für  das  stipulirte  Silber
gegeben  werden  müsse,  als  zur  Zeit  des  Darleihens  dafür  zu
erhalten  gewesen  wäre  —  folglich  je  1  Pf.  für  15  Va  sti  pul  irte
Pf.  Silber.
Dass  letztere  Conclusion,  auf  die  es  jenen,  die  dieses
Argument  verbringen,  hauptsächlich  ankommt,  für  alle  Fälle
unrichtig  ist,  leuchtet  jedem  Unbefangenem  ganz  von  selbst
ein  ;  denn  eine  Gewichtseinheit  Gold  war  eben  auch  zur  Zeit
des  Darleihensabschlusses  nicht  ohne  Ausnahme,  ja  sogar  nur
höchst  selten  für  15  Va  Gewichtseinheiten  Silber  zu  erhalten,
sondern  je  nach  Umständen  in  den  letzten  Decennien  für  je
IÕV4  bis  20  Pf.  Silber.  Wenn  also  wirklich  das  österr.  bgl.
Gesetzbuch  vom  Schuldner  und  Gläubiger  fordern  würde,  bei
einem  Währungswechsel  so  viel  neues  Metall  zu  zahlen  und  zu
empfangen,  als  zur  Zeit  des  Geschäftsabschlusses  für  das
stipulirte  Quantum  alten  Währungsmetalls  zu  erhalten  war,
so  müsste  man  mit  dem  Courszettel  in  der  Hand  von  Fall  zu
Fall  erforschen,  wie  viel  dieses  in  Wirklichkeit  gewesen.  Darnach ­
  hätten  die  Schuldner  aus  dem  -Jahre  1859  im  Durchschnitte ­
  für  je  15  21  Pf.  Silber,  die  Schuldner  aus  dem  Jahre
1870  für  je  15  0  Pf.  Silber,  die  Schuldner  aus  dem  -Jahre
1874  für  je  IO-15  Pf.  Silber,  die  aus  dem  Jahre  1870  vielleicht
im  Durchschnitte  für  je  20  Pf.  Silber  1  Pf.  Gold  zu  zahlen,
unbeschadet  dessen,  wie  viel  Gold  bei  Abwicklung  des  Geschäftes ­
  für  ein  Gewichts([uantum  Silbers  zu  erhalten  wäre.
Dass  auch  dies  nicht  die  ^Meinung  des  österreichischen  Gesetzgebers ­
  war,  ist  nicht  schwer  zu  erweisen  ;  wie  man  aber  aus
        <pb n="339" />
        329

seinen  Worten  wieder  auf  die  leidige  lateinische  Werthrelation
kommen  konnte,  erscheint  ganz  und  gar  unbegreidich.  Offenbar
hat  der  unrichtige  Sprachgebrauch,  von  einem  Paristande  zwischen ­
  (Told  und  Silber  und  von  einem  Silberagio  zu  sprechen.
Vielen  vollständig  die  richtige  Auffassung  getrübt  ;  einen
Paristand  und  ein  Agio  können  (íold  und  Silber  nur  in  den
Doppelwährungsländerii  haben;  überall  sonst  haben  sie  nur
einen  Preis,  u.  z.  hat  diesen  immer  nur  jenes  Münzinetall.
welches  nicht  die  Währung  des  Landes  bildet.  Den  Silberpreis ­
  von  rund  (JOVs  Pences  per  Unce  als  Pari  zu  bezeichnen,
ist  in  den  Ländern  mit  einheitlichem  Münzmetall  gerade  so
richtig,  als  wenn  man  beispielsweise  den  Weizenpreis  von  5  11.
per  Metzen  für  Pari  ansehen  und  bei  einem  Preise  von  0  11.
von  einem  zwanzigpercentigen  Weizenagio  sprechen  wollte,
ln  der  That  ist  auch  die  Absicht  des  österreichischen  Gesetzgebers
im  988  genau  die  nämliche,  wie  bei  allen  anderen  vertretbaren
Leistungen.  Den  Fall  einer  Aenderung  des  IMünzmetalls  hat
der  Paragraph  direct  nicht  im  Auge;  er  bezieht  sich  zunächst
auf  eine  Aenderung  des  Miinzfusses  für  dasselbe  ^lünzmetall
ln  diesem  Falle,  so  verlangt  der  Gesetzgeber,  soll  untersucht
werden,  wie  viel  die  gegebene,  d.  h.  die  vom  Gläubiger  dem
Schuldner  gegebene  ]\iünzsorte  zur  Zeit,  als  sie  gegeben  wurde,
werth  war,  d.  h.  also  v^e  viel  sie  Feinsilber  enthielt,  und  im
Verhältnisse  zu  diesem  inneren  Werthe  sollen  neue  Münzen
gezahlt  und  empfangen  werden.  Dem  Sinne  dieser  Bestimmung
entsprechend,  mussten,  als  Oesterreich  vom  Conventionsmünzfusse
  zum  4Õ-G  uldenfiisse  überging,  d.  h.  als  der  Gulden  um
Õ  Percent  leichter  ausgeprägt  wurde,  bei  Erfüllung  jedes  Contractes ­
  um  f)  Percent  mehr  Guldenstücke  gegeben  werden,  als
stipulirt  worden  waren.  Wendet  man  aber  diese  Bestimmung
auf  den  Fall  einer  Veränderung  des  Münzmetalls  an,
so  heisst  dieselbe  abermals  :  im  Verhältnisse  zu  dem  inneren
Werthe,  d.  h.  zum  Silbercpiantum,  welches  die  seinerzeit
vom  Gläubiger  dem  Schuldner  zugezählte  Münzsorte  werth
war,  also  im  vorliegenden  Falle  im  Verhältnisse  von
1  Pf.  Silber  für  je  45  bedungene  (julden,  ist  die  Zahlung
in  der  neuen  Glänze  zu  leisten.  Dies  Verhältniss  der  neuen
^lünze  zur  stipulirten  bezeichnet  aber  der  Gesetzgeber  hier
überhaupt  nicht.
        <pb n="340" />
        830

Wollte  man  nun  auf  diese  (-tesetzesstelle  einfach  die
üblichen  Bestimmungen  über  vertretbare  Leistungen  anwenden,
so  müsste  die  Werthrelation  von  Fall  zu  Fall  nach  den  Edelinetallcoursen
  des  Zahltages  berechnet  werden.  Aber  dieses  scheinbar ­
  höchste  Recht  wäre  unter  Einem  auch  das  höchste  Unrecht,
cs  würde  dem  Gläubiger  wie  dem  Schuldner  einen  schlechten
Dienst  erweisen.  .Der  Währungswechsel  wäre  für  sie  gleichbedeutend ­
  mit  einer  zeitweiligen  Vernichtung  des  Geldwesens;
das  ]\Iass  ihrer  Leistungen  und  ihr  Recht  würde  dadurch  abhäugen
  von  den  Preisschwankungen  einer  Waare,  auf  die  sie
sich  allerdings  verpflichteten,  deren  Preis  ihnen  jedoch  von
dem  Momente,  wo  sie  nicht  mehr  das  Währungsmetall  des
]valides  ist,  ganz  gleichgiltig  geworden  ist.  Sie  Beide  können
mit  Recht  fordern,  dass  der  Staat  dafür  Sorge  trage,  dass
ihr  Contract  niemals  aufhöre  ein  Geldcontract  zu  sein,  und
gerade  die  Rücksicht  darauf  ist  es,  die  den  Staat  veranlasst,
von  der  stipulirten  GewichtsiQuantität  Silber  abzusehen  und
an  ihre  Stelle  ein  gewisses  Gewichts([uantum  Gold  zu  setzen.
Sagt  er  aber  nicht  sofort,  wie  gross  dieses  Goldquantum
im  Momente  der  Zahlung  sein  müsse,  überlässt  er  es  dem
Zufalle,  darüber  zu  entscheiden,  so  wäre  es  dem  Wesen
nach  gleichgiltig,  wenn  er  überhaupt  von  der  Leistung
in  seinem  eigenen  Währungsgelde  absehen  und  die  Iveistung
in  dem  stipulirten  Gewichtsquantum  des  anderen  Metalls
zur  Pflicht  machen  würde.  Schuldner  wie  Gläubiger  haben
ein  Interesse  zu  fordern,  dass  ihnen  der  Staat  nicht  blos
das  Werthäquivalent  der  contrahirten  Summe  im  neuen
Währungsgelde  auferlege,  sondern  dass  er  ihnen  zugleich
im  Vorhinein  sage,  wie  gross  dieses  Werthäqnivalent  sei.
Dies  ist  nun  allerdings  eine  contradict  in  in  adjecto.  Der
Staat  kann  wissen,  wie  die  Werth  relation  in  dem  Momente,
wo  er  den  Währungswechsel  vornimmt,  beschaffen  ist;  er
kann  aber  unmöglich  vorherbestimmen,  wie  sich  die  Verhältnisse ­
  des  Edelmetallmarktes  in  jedem  gegebenen  zukünftigen
Zeitpunkte  gestalten  werden.  Ja  noch  mehr,  er  darf  bei
seinem  )lachtworte,  welches  eigentlich  im  Sinne  der  zu  erfüllenden ­
  Contracte  auf  den  Versuch  hinaus  laufen  sollte,  die
Werthrelation  der  Zukunft  zu  ergründen,  dies  gar  nicht  im
Auge  halten,  während  die  möglichst  genaue  Feststellung  der
        <pb n="341" />
        331

Werthrelation  zur  Zeit  des  AVährungswechsels  seine
wirkliche  Aufgabe  ist.
Jeder  Geldcontraot,  er  mag  auf  welches  ]\ietall  immer
gegründet  sein  ,  ist  Schwankungen  unterworfen.  AVer  sich  45  fl.
ö.  AV.  Silber  bedungen  hat,  wird  zwar  alle  Zeit,  so  lange
Silber  das  AVährungsmetall  ist,  1  Pf.  Silber  erhalten  müssen,
aber  er  weiss  durchaus  nicht,  ob  dieses  Pfund  Silber  dieselbe
Kaufkraft  behalten  wird,  die  es  zur  Zeit,  als  er  es  darlieh,
besessen.  Er  kann  also  zur  Zeit  der  Contractserfüllung  einen
Gewinn  oder  Verlust  erleiden  ,  der  zu  vermeiden  gewesen  wäre,
wenn  er,  statt  das  Pfund  Silber  darzuleihen,  dasselbe  anderweitig ­
  productiv  verwendet  hätte.  Das  Nämliche  gilt  für  den
')  Darin,  dass  in  den  Ländern  mit  einheitlicher  Währnnp,  wenn  dieselben ­
  ihr  WährnnpsmeWl  ändern,  bei  Feststellung  der  Werthrelation  auf
das  im  freien  Verkehre  geltende  Werthverhältniss  gegrift'en  werden  müsse,
und  dass  dieses  Werthverhältniss  erst  auf  Grund  sorgfältiger  Erhebungen
zu  suchen  sei,  sind  alle  Schriftsteller,  die  sich  mit  dieser  Frage  beschäftigen,
vollkommen  einig.  Auch  stimmen  sie  alle  darin  überein,  dass  es  nicht  die
Marktrdlation  zur  Zeit  des  Contractsabschliisses,  auch  nicht  die  Marktrelation
zur  Zeit  der  Zahlung,  sondern  eine  durchschnittliche  Marktrelation  sei,
was  gesucht  werden  müsse.  In  der  Begründung  aber  weichen  die  einzelnen ­
  Autoritäten  sehr  wesentlich  von  einander  ab.  L.  Goldschmidt  in  seinem
Handlmchc  des  Handelsrechtes  läs.st  sich  darüber  folgendermassen  aus;  „Hört
das  Silboi-geld  auf,  gesetzliches  Zahlungsmittel  zu  sein,  so  müssen  alle  in
Silber  bedungenen  Zahlungen  in  Gold  geschehen,  denn  der  Gläubiger  hat  ein
Recht  auf  Zahlung  in  der  Währung,  und  der  Schuldner  ist  befugt  wie  verptlichtc.t,
  in  der  Währung,  also  in  Gold  zu  zahlen;  die  Zahlung  in  Silhergeld
oder  in  Silberbarren  wäre  nicht  mehr  Zahlung  in  Währung.  Da  nun  für  Silber
zu  Gold  niemals  ein  Nenn  wert  h  bestand,  weder  zur  Zeit  der  Schuldbegründung
noch  zur  Zeit  der  Schuldbezahlung,  so  könnte  nur  der  (Jours  von  Silber  zu
Gold,  und  zwar,  sofern  die  Schuld,  wie  in  der  Regel,  in  Währung  oder  ohne
alle  Angabe  der  Münzsorte  ausgedrückt  ist,  zur  Zeit  der  Schuldentstehung
massgebend  sein.  Da  aber  dieser  Cours  ein  sehr  schwankender  ist,  so  würde
der  häutig  zufällige  Zeitpunkt  der  Schuldentstehung  über  die  Grösse  der  Schuld
entscheiden  und  so  eine  durchaus  unerwartete  Verschiedenheit  des  Werthbetrages ­
  völlig  gleichgeachtetcr  Forderungen,  damit  aber  eine  unerträgliche  Verwirrung ­
  entstehen.  Hier  müsste  nothwendig  durchgegriften  werden,  indem  der
Cours  eines  bestimmten  Zeitpunktes  oder  etwa  der  mittlere  Cours  eines  gewissen ­
  Zeitraumes  für  massgebend  erklärt  würde  ;  auch  würde  unter  Umständen
vorzeitige  Kündigung  langdauern  dër  Schuld  Verhältnisse  statthaft  sein  müssen.“
Hartmann  dagegen,  nachdem  er  ebenfalls  betont,  dass  beim  Uebergange
von  Silber-  zur  Goldwährung  auf  das  im  freien  Verkehre  bestehende  Verhältniss
  beider  Metalle  zurückzugreifen  sei,  erklärt:  „Entscheidender  Zeitpunkt
        <pb n="342" />
        I

—  832  —

Schuldner.  Aber  Beide  unterwerfen  sieh  freiwillig  und  ini
(Trnndc  genommen,  ohne  es  seihst  zu  wissen,  dieser  (Teiahr,
weil  sie  eine  ganz  eigenartige  Assecuranz  gegen  dieselbe
besitzen,  so  lange  das  Metall,  auf  das  sie  contrahirt  haben,
das  Münzinetall  ihres  Landes  ist.  Liese  Assecuranz  besteht
darin,  dass  vermöge  der  den  Preisen  innewohnenden  Tendenz,
auf  dem  nominellen  Satze  zu  beharren,  wie  im  ersten  Buche
ausführlich  nachgewiesen  wurde,  alle  wirthschaftlichen  Verhältnisse ­
  den  Preisschwankungen  jenes  Edelmetalls,  welches
die  Währung  des  Landes  bildet,  nur  sehr  langsam  nachfolgen
und  daher  der  Unterschied  zwischen  der  nunmehrigen  und
früheren  Kaufkraft  des  Geldes  erst  nach  langer  Zeit  vollständig
hervortreten  kann.  Der  Geldbesitzer  emptindet  daher  nicht
sofort  im  vollen  Umfange  die  Werthveränderung  des  Währungsmetalls. ­
  Eine  Werthveränderung  jenes  Metalls  dagegen,
welches  die  Währung  des  Landes  nicht  bildet,  muss  augenblicklich ­
  mit  ihrem  vollen  Betrage  zum  Ausdrucke  gelangen.
Um  die  Wirkung  dieses  Unterschiedes  auf  die  Contractsverhältnisse
  zu  veranschaulichen,  möge  ein  concretes  Beispiel
gewählt  werden.  Ein  Hypothekenschuldner  habe  jährlich  fiOO  11.
an  Zinsen  und  Amortisationen  zu  zahlen;  sein  Landgut,  auf
.welchem  die  Hypothek  haftet,  trage  im  Durchschnitte  1000  fl.,
(lafiir  kann  aber  tmmöglich  der  Moment  der  späteren  Solutio  jeder  einzelnen
Sehuld  sein.  Denn  eine  auf  eine  feste  Münzsunnne  einmal  abgestellte  Scbuld  kann
nicht  rücksicbtlich  der  Höhe  ihres  Betrages  für  einen  ganzen  Zeitraum  auf
das  Ungewisse  gesetzt  werden.  —  Auch  würde  damit  gar  leicht  eine  thatsächliche
  Benachtheilignng  der  Gläubiger  gegeben  sein.  —  Umgekehrt  fur  jede
einzelne  Schuld  auf  den  Cours  zur  Zeit  ihrer  Entstehung  zurückzugehen,  datui
würde  es,  abgesehen  von  dem  Verstoss  gegen  das  Uriucip  der  J’rakticabilitat
des  Hechtes,  auch  an  allem  juristischen  Grunde  fehlen.  Hiernach  bleibt  nichts
übrig,  als  auf  Grund  des  durchschnittlichen  Courses  unmittelbar  vor  der  Zeit
des  Ue'berganges  den  Werth  allgemein  zu  ñxiren;  wobei  es  Sache  der  auf
nationalükoiiomische  Untersuchung  gestützten  legislativen  Erwägung  im  einzelnen ­
  Falle  sein  muss,  eine  Zeit  relativ  dauerhaften  Courses  für  den  üebergang
  auszuwählen  und  die  Grenzen  für  den  Durchschnitt  richtig  festzustellen.“
Carl  Knies  dagegen  begründet  in  seinem  mit  so  grossem  Scharfsinne
durchgeführten  Buche  „Das  Geld“  die  rechtliche  und  wirtbschaftliehe  Noth-Wendigkeit,
  die  Relation,  wie  sie  in  der  Zeit  des  Ueberganges  vorhanden  ist,
als  allein  inassgebend  für  die  Umrechnung  zu  betrachten,  ganz  stricte  durch
den  Hinweis  auf  die  rechtliche  Function  des  Währungsgeldes  als  Träger
legaler  Wertlicoustauz.
        <pb n="343" />
        es  blieben  ihm  also  zur  Bewirthschaftung  des  Gutes  jährlich
5()0  fl.  ]\ran  sollte  meinen,  dass  es  für  den  Schuldner  wie  für
den  Gläubiger  ganz  gleichgiltig  sei,  wenn  die  Kaufkraft  des
^details,  in  welchem  die  Zahlung  bedungen  ist,  steigt  oder
fällt,  ob  dieses  Metall  AVährungsmetall  ist  oder  nicht.  Und
ohne  den  Einfluss  der  oben  erwähnten  Beharrungstendenz  wäre
dem  in  der  That  so.  Wäre  z.  B.  die  Zahlung  in  Silber
bedungen,  und  Silber  das  Währungsmetall,  so  müssten  bei
einer  Preissteigerung  des  Silbers  um  1(H&amp;gt;  Percent  die  nominellen ­
  Einkünfte  des  Schuldners  von  KXKjfl.  auf  öfK)  fl.  sinken.
Kr  hätte  statt  des  halben  den  vollen  Betrag  der  Einkünfte  an
den  Gläubiger  zu  entrichten  und  dieser  würde  damit  genau
zweimal  so  viel  an  Kaufkraft  in  Händen  haben  als  zuvor.
Und  wäre  Silber  nicht  das  Währungsmetall,  so  blieben  die  in
Gold  berechneten  Einkünfte  des  Schuldners  allerdings  unverändert, ­
  er  müsste  aber  die  vollen  UMM)  fl.  daran  wenden,  um
Silber  zu  kaufen,  welches  zur  Zeit  des  (ImWractsabschlusses
fl.  in  (lold  werth  war,  hätte  somit  abermals  nichts  in
Händen  und  der  Gläubiger  hätte  ebenso  den  doppelten  IWrag
empfangen.  Aber  in  AVirklichkeit  spielt  sich  die  Sache  im
ersteien  Ealle  nicht  so  streng  nach  mathematischen  Gesetzen
ab.  A\  enn  auch  auf  dem  AVeltmarkte  der  Pi  eis  eines  der  Kdelmetalle
  um  1(K&amp;gt;  Percent  gestiegen  sein  sollte,  so  wird  man
doch  in  dem  Lande,  wo  dieses  Metall  die  AVährung  bildet,
nicht  sofort  für  dieselbe  Alünzeinheit  desselben  zweimal  soviel
kaufen  als  zuvor,  sondern  anfangs  vielleicht  um  10  J^ercent
mein",  wieder  nach  einiger  Zeit  um  20  Percent,  dann  um  iU)  Percent ­
  mehr,  und  erst  nach  Verlauf  eines  sehr  langen  Zeitraums
genau  dop]ielt  so  viel.  Der  Hypothekenschuldner  wird  also
für  den  Eitrag  seines  (Grundstückes  im  Durchschnitte  nicht
bOO  fl.,  sondern  vielleicht  (&amp;gt;(M)  oder  7(K)  fl.  erhalten,  es  wird
ihm  immer  noch  nach  erfolgter  Abfuhr  der  Zinsen  etwas  in
Händen  bleiben  und  der  (Gläubiger  wird  in  seinen  öiH)  fl.
nicht  die,  verdoppelte,  sondern  blos  eine  um  einen  Bruchtheil
gesteigerte  Kaufkraft  erhalten.  Und  ganz  dasselbe  gilt  selbstverständlich ­
  umgekehrt  für  den  Fall  einer  Verminderung  der
Kaufkraft  des  Edelmetalls,  in  welchem  die  Zahlung  zu  leisten
ist.  Hier  wird  wieder  der  Schuldner  nicht  so  viel  gewinnen  ;
der  Gläubiger  nicht  so  viel  verlieren,  wenn  das  im  Jb-eise
        <pb n="344" />
        334

scliwaiikpiiíl  gewordene  Edelmetall  /ngleicli  das  V  illnningsmetall
  dea  Landes  ist,  als  im  anderen  Falle  ,  wo  jedes  Schwanken
für  beide  Theile  zum  vollen  ungeschmälerten  Ausdruck  gelangen
muss.  ie  sehr  diese  Argumentation  aus  dem  Leben  gegritten
ist,  zeigen  am  deutlichsten  die  Länder  mit  Papiervaluta,  wo
bei  allen  inländischen  Contracten  beinahe  ohne  Ausnahme  aut
Papierwährung  contrahirt  wird,  obwohl  eigentlich  diese  die
schwankende,  und  das  Metallgeld,  dessen  Repräsentanten  die
Papierzettel  sind,  das  verhältnissmässig  stabile  ist.  Vermöge
der  Beharrungstendenz  der  Preise  erscheint  aber  den  Bewohnern
des  Papiergeldlandes  für  alle  (kmtracte,  die  nicht  auf  sehr
lange  Zeit  berechnet  sind,  die  Papierwährung  trotzdem  stabiler
als  die  metallische  Basis  derselben,  denn  die  Ertährung  hat
ihnen  die  Uebei’zeugung  beigebi  acht,  dass  in  kurzen  Zeiträumen
für  die  meisten  Artikel  des  gewöhnlichen  Verbrauchs  die
Kaufkraft  von  100  schwankenden  Papierguldeu  noch  immer
stabiler  ist  als  dk^  Kaufkratt  von  100  im  inneren  Werthe  noch  so
stabilen  Silbergulden.  1st  dies  eine  schon  im  Verhältnisse  von
Papier  und  Metall  der  Fall,  um  wie  viel  mehr  im  Verhältnisse
der  beiden  Edelmetalle,  bei  welchen  sich  a  jtriori  keineswegs  mit
solcher  Sicherheit  feststell  eu  lässt,  welches  eigentlich  das  schwankende, ­
  und  welches  das  stabile  sei.  Hier  kann  in  den  meisten
Fällen  ohneweiters  behauptet  weiden,  dass  für  die  (Häubiger
und  Schuldner  in  gleicher  V  eise  das  V  iihrungsmetall  das  stabile
sei,  unbeschadet  der  Verhältnisse  auf  dem  Edelmetallmarkte.
Insbesondere  für  alle  kürzeren  (Contracte  und  für  jene  (Kontrahenten ­
  ,  die  mit  ihren  Pedürfnissen  und  mit  ihren  Einkünften ­
  nicht  auf  den  V  eltmarkt  angewieseu  sind,  wird
dies  unbestritten  (Geltung  haben.  Für  all’  diese  wird  die
Zahlung  in  einem  Kdelmetalhpiantum  (oder,  was  im  W'seu
auf  dasselbe  hinausläuft,  im  \\'erthä(|uivalent  desselben)  augenblicklich ­
  zu  einer  Valutaspeculatiou  ,  sowie  dieses  Fdelmetall
nicht  mehr  das  V  ährungsmetall  des  Landes  ist;  und  der  (Gesetzgeber ­
  verrückt  alle  (Lundiagen  des  Verkehrs,  wenn  er  zu
derartigen  Valutaspeculationen  zwingt.
Die  Contracte  müssen  also  aus  diesem  (f  runde  im  Augenblicke ­
  des  Währungswechsels  und  nach  der  zu  diesem  Zeitpunkte ­
  geltenden  Werthrelation  auf  das  neue  Währungsmetall
        <pb n="345" />
        begründet  werden.  Es  i.st  walir,  dass  dadnrcli  der  Sehuldner
immer  nocli  zu  Scliaden  kommen  kann,  wenn  in  der  Zwisclienzeit
  bis  zur  (kintractserfüllung  die  Kaufkraft  des  neuen  AMU.-rungsmetalls
  gestiegen,  die  des  alten  unberührt  geblieben  sein
sollte,  zu  einem  Schaden,  dem  er  entgangen  wäre,  wenn  er
nach  der  AVerthrelation  zur  Zeit  der  EontractserlÜllung  zu
zahlen  hätte.  Aber  dem  steht  vor  allem  entgegen,  dass  dieselbe ­
  Wahrscheinlichkeit  für  das  Umgekehrte  spricht,  dass
nämlich  ebenso  der  Werth  des  alten  Währungsmetalls’  hätte
gestiegen  sein  können,  und  dass  sich  daher  Vortheile  und
Nachtheile  schon  a  priori  ausgleichen.  Ausschlaggebend  aber
ist,  dass  ganz  unzweifelhaft  der  Wille  der  Contrahenten  dahin
geht,  jeder  Verlust-  oder  (iewinnstchance  nach  Möglichkeit
enthoben  zu  sein,  und  dass  dies  nur  auf  dem  angedeuteten
Wege  möglich  ist.  Der  Staat  thut,  indem  er  derart  vorgeht,
nur  dasjenige,  was  die  (Kontrahenten  aus  eigener  freier  Wahl
gethan  hätten;  sein  (lesetz  wird  dadurch  allein  zum  Ausdrucke ­
  des  (îesammtwiliens  der  Betheiligten.  Wenn  alle
Schuldner  und  Gläubiger  eines  Landes  in  der  Lage  wären,
ihre  Contracte  in  dem  Momente  eines  Währungswechsels  zu
erneuern,  sie  würden,  von  ganz  abnormen  Fällen  abgesehen,
sicherlich  insgesammt  das  Nämliche  thun.  Es  kann  dies  bei’
einigem  Nachdenken  gar  nicht  zweifelhaft  sein.  Die  AVerthrelation
  zwischen  (iold  und  Silber  sei  heute  zu  1  ;  der
Staat  ziehe  nun  das  Silber  aus  der  Circulation  und  ersetze  es
durch  G(,ld,  fordere  aber  gleichzeitig  zur  Erneuerung  der
Contracte  auf.  Es  wird  ohne  Frage  kein  Gläubiger  so  thöricht
sein,  für  je  Io’/*  Ff.  Silber  1  Ff.  (fohl  zu  verlangen,  da  ihn
ja  in  die.sem  Falle  der  Schuldner  einfach  in  Silber  bezahlen
könnte  und  dieses  Silber,  selbst  wenn  es  dem  (Uäubiger
wirklich  auf  dessen  Leistung  in  natura  an  kommen  sollte,  zur
Relation  von  li)  zu  1  auf  dem  Markte  zu  haben  ist.  Für  den
Moment  der  (/ontractserneuerung  also  ist  diese  Relation  von
selbst  gegeben.  Für  die  Zukunft  aber  wird  Jedermann  Zahlung ­
  in  der  neuen  Landeswährung  ausbedingen,  es  wird  ihm
von  dem  Augenblicke  an  ganz  gleichgiltig,  was  mit  dem  Silber
oder  mit  dem  Golde  hin  künftig  geschieht,  er  will  bei  der  Contractserfüllung
  AVährungsgeld  bekommen  und  leisten,  u.  z
offenbar  genau  so  viel,  als  er  in  dem  Alómente  der  (Kontracts-
        <pb n="346" />
        H86  —

'
i'

eriieuerong  iii  Kan,leí,  hatte,  ,las  ist  also  je  1  Pfiiml  tïir
„rsiiriinglich  stipnUrte  l*f.  Silber.  Auf  jene  Personen,  a.e
etwa,  von  der  Ansiclit  ausgehend,  dass  (lold  hinkiin  tig
i,n  Preise  fallen  oder  Silber  im  Preise  steigen  durfte,  in
ihren  Contracten  eine  Valntaspeciilation  eiii/.ngeheii  geneigt
wären,  wird  der  Gesetzgeber  scliwerlicli  Rücksicht  zu  nelnnen
'""^  '"Anders  würde  sich  die  Saclie  allerdings  für  jene  ausländischen ­
  Contrahenten  gestalten,  deren  Währungsmetall  nach
wie,  vor  das  frühere  des  Inlandes  bliebe.  Für  diese  gälte
das  Umgekehrte,  diese  hätten  ein  Interesse  daran,  im  Momente
flor  (lontractserfüllnng  Zahlung  in  Silber  zu  empfangen  oder
zu  leisten  denn  für  sie  wären  die  Schwankungen  des  Sdbernreises
  ir^^levant,  dagegren  aber  die  (Rs  Gobles  vom  qtöreiidaten
  Eintlusse  auf  den  AVerth  der  Contracte.  Aber  tur  Oesterreich ­
  gibt  es  solche  Contrahenten,  die  durch  den  AVahrungswechsel
  derart  berührt  werden  könnten,  überhaupt  nicht.  1  Me
ausländischen  (Uäubiger  Oesterreichs  haben  daheim  die  Goblwährung,
  für  sie  gilt  das  Nämliche,  wie  für  die  inläudis(.hen
Gläubiger.  Sie  sind  durch  die  Schwankungen  der  \\
relation  bis  zu  dem  Augenblicke  des  österreichischen  Mbdirnngswechsels
  bei  allen  alten  Contracten  im  höchsten  (xrade
geschädigt  worden;  es  würde  ihnen  aber  ebenscuvenig  als  den
österreichischen  Gläubigern  beifallen,  bei  einer  alltalligen  (  untractserneueriiiig
  abermals  Zahlung  in  Silber  odei  dem  zu  \un
tigen  AVerthäfpiivalente  desselben  zu  fordern  in  der  etwaigen
Halfnung,  dadurch  die  bisher  erlittenen  Verluste  wieder  hereinziilu'ingen.
  Ganz  abgesehen  davon,  dass  nach  der  Hole'  (  er
Versicherungsprämie  zu  schliessen,  die  derzeit  in  den  (lO  «-währungsländern
  von  jedem  Schuldner  gefordert  wird,  der  nur
auf  Silber  contrahireii  will,  der  gesammte  europäische  A\eltniarkt
  der  Ansicht  zu  sein  scheint,  dass  in  Zukunft  der  Abstand ­
  der  A\'erthrelation  beider  Edelmetalle  eher  grösser  als
kleiner  werden  dürfte,  sind  gerade  diese  ausländischen  Gläubiger ­
  jeder  Valutaspeeulation  durchaus  abgeneigt  und  beknndmi
  einen  stetig  steigenden  Widerwillen  gegen  jede  Zaldung
in  anderem  als  im  eigenen  W  iihrungsmetalle.  Alit  den  Silberwährungsländern
  dagegen  unterhält  Oesterreich-Ungarn  nur
sehr  geringe  Contractsverhältuisse  und,  wo  sie  doch  Vorkommen,
        <pb n="347" />
        337

(la  ist  (Jesterreicli  der  GläuLiger  and  das  Silberwährungsland
der  Schuldner.  Für  diese  Schuldner  aber  ist  das  österreichische ­
  Währungsgesetz  gleichgiltig.  Sie  haben,  falls  nicht
etwa  ausdrücklich  anders  bedungen  worden  ist,  Zahlungen
nach  den  eigenen  Gesetzen  zu  leisten  und  ihnen  gegenüber
würde  demnach  der  österreichische  Gläubiger  in  dieselbe  Lag(^
gerathen,  in  der  sich  der  deutsche  Gläubiger  bis  zum  Währungswechsel
  Oesterreich  gegenüber  befindet.  Nur  ist  liier
glücklicherweise  der  wesentliche  Unterschied,  dass  die  Contracte ­
  Oesterreichs  mit  den  Silberländern  nicht  sehr  zahlreich
und  noch  weniger  auf  längere  Dauer  vorhanden  sind.  Wäre
es  übrigens  auch  anders,  so  wird  die  Rücksicht  hierauf ­
  wohl  von  Niemanden  gegen  die  Opportunität  des  Währungswechsels ­
  geltend  gemacht  werden,  umsoweniger  als  mit
einiger  Sicherheit  darauf  zu  rechnen  ist,  dass  unsere  südlichen
Nachbarländer,  die  heute  schon  unter  dem  Einflüsse  der  österreichischen ­
  Geldverhältnisse  stehen  —  in  Serbien  sind  österreichische ­
  Münzen  das  gewöhnliche  Zahlmittel  —  wenn  erst
einmal  die  österreichischen  Valuta  Verhältnisse  geordnet  sind,
sie  mögen  wollen  oder  nicht,  das  österreichische  Währungssystem ­
  werden  acceptiren  müssen,  ähnlich  wde  dies  trotz  allen
Sträubens  Belgien  und  die  Schweiz  Frankreich  gegenüber  thun
mussten.
Es  fragt  sich  jetzt,  ob  durch  diese  derart  nothwendig
werdende  gesetzliche  Umänderung  aller  Contracte  im  Falle
eines  Währungswechsels  nicht  etwa  die  Rechtssicherheit  so
schwer  geschädigt  und  in’s  Schwanken  gebracht  werden  könnte,
dass  dies  unter  Umständen  den  Währungswechsel  selbst  unmöglich ­
  machen  oder  doch  zum  Mindesten  in  bedenklichem
Lichte  erscheinen  lassen  könnte.
Was  die  internationalen  Con  tracts  Verhältnisse  eines  Landes
anbelangt,  so  beantwortet  sich  diesbezüglich  die  Frage  von
selbst.  V  ird  durch  den  Währungswechsel  die  Gleichartigkeit
der  Währung  mit  den  Nachbarländern  gestört,  so  tritt  dadurch ­
  an  die  Stelle  der  früher  herrschenden  Rechtssicherheit
der  Contracte  thatsächlich  eine  Rechtsunsicherheit.  Wird  aber
durch  den  Währungswechsel  die  Gleichartigkeit  erst  hergestellt
so  tritt  umgekehrt  an  die  Stelle  der  bis  dahin  herrschenden
Rechtsunsicherheit  die  volle  ungetrübte  Rechtssicherheit.
Ür.  Th.  Hertzka,  Währung  und  Handel.
        <pb n="348" />
        Nacli  Innen  aber  liängt  die  Frage,  ob  durch  die  Umrechnung
der  Contacte  eine  Erschütterung  der  liechtscoiitinuität
liervorgerufen  wird,  oder  nicht,  lediglich  davon  ab,  ob  es
dein  Gesetzgeber  gelingt,  die  Werthrelation,  nach  welcher
die  Contracte  umgerechnet  werden  sollen,  richtig,  d.  h.  deiait
festzustellen,  dass  sie  dem  im  Momente  des  Währungswechsels
herrschenden  Marktverhältnisse  möglichst  genau  entspricht.  Geschieht ­
  dieses,  so  ist  jede  Störung  absolut  ausgeschlossen.  In  dem
Momente,  wo  der  Verkehr  des  Landes  die  neuen  Goldstücke  als
Zahlmittel  erhält,  ist  der  fernere  Silberpreis  und  dessen  Verhältniss
  zum  Goldpreise  für  dessen  Contractsverhältnisse  ebenso
gleichgiltig  geworden,  als  etwa  das  Preisverhältniss  zwischen
Platina  und  Gold.  Niemand  fragt  darnach  und  hat  kein  Interesse ­
  zu  fragen,  wie  viel  Silber  für  die  neuen  Goldgulden  auf
dem  Edelmetallmarkte  hinkünftig  zu  erhalten  sein  wird.  Wenn
nur  in  dem  Momente,  wo  sie  dem  Verkehre  übergeben  werden,
die  neuen  Geldstücke  so  viel  werth  sind  als  die  alten,  d.  h.
wenn  sie  im  richtigen  Verhältnisse  ausgeprägt  worden  sind,  ist
alles  Fernere  nicht  mehr  Sache  des  Contractrechts,  sondern
die  des  Edelmetallhandels.
Aber  es  ist  allerdings  keine  leichte  Sache,  die  Werthrelation ­
  richtig  zu  treffen,  und  dem  Zufalle  wird  dabei  immer
ein  grosser  Spielraum  gelassen  werden  müssen.  Deutschland,
bei  seinem  Währungswechsel  überhaupt  von  einem  ganz  eigenthümlichen
  Missgeschicke  verfolgt,  hat  diese  Relation  nur
schlecht  getroffen  und  dadurch  in  der  That  sehr  empfindliche
Störungen  des  Contra  ctrechts  hervorgerufen.  Dass  dies  geschehen, ­
  ist  th  eil  weise  Schuld  der  deutschen  Reichsgesetzgebung,
theilweise  auch  die  der  Verhältnisse.  Dass  die  Silberproduction
  stieg,  die  Silherabfnhr  nach  Ostasien  abnahm,  ki.nnte
von  Deutschland  nicht  vorhergesehen  werden.  Dass  die  Länder
der  lateinischen  Münzconvention  ihre  Silberausprägungen  einschränkten, ­
  ist  abermals  nicht  Deutschlands  Schuld,  hätte  jedoch ­
  allerdings  vorhergesehen  werden  können.  Dass  aber  die
Werthrelation,  nach  welcher  die  deutschen  Goldmünzen  ausgeprägt ­
  werden  sollten,  schon  im  Jahre  1871,  also  volle  drei
Jahre  früher  festgestellt  wurde,  als  man  mit  der  thatsächlichen
  Durchführung  des  Währungswechsels  auch  nur  ernstlich ­
  beginnen  konnte,  das  ist  ganz  ausschliesslich  der  Fehler
        <pb n="349" />
        der  deiitsclien  Gesetzgebung.  Dieser  Felder  wird  in  Oesterreich
zu  vermeiden  sein  und  es  bleibt  der  üsterreicliisclien  Gesetzgebung
überdies  der  Trost,  dass  menschlicher  Voraussicht  nach  die
Il  rthümer,  denen  doch  auch  sie  unterworfen  ist,  nicht  so  grossaitige
  Consequenzen  haben  werden,  als  die  von  der  deutschen
Gesetzgebung  begangenen.  Jm  Verhältnisse  zu  den  Operationen
des  deutschen  Währungswechsels  sind  die  des  österreichischen
blosses  Kinderspiel.  Hier  sind  keine  Silbermünzen  aus  dem
Verkehre  zu  ziehen,  hier  wird  weiters  nicht  die  Hälfte  der  in
Deutschland  erforderlichen  Goldmünzen  zu  prägen  sein.  Während
die  deutsche  IMünzreform  allmälig  durchgetÜhrt  werden  musste,
steht  ^  der  Durchführung  des  Währungswechsel  in  Oesterreich
mit  einem  Schlage  nichts  gegenüber.  Oesterreich  braucht  die
Werthrelation  erst  festzustellen,  wenn  es  an  die  Prägung
seiner  Goldmünzen  geht,  und  damit  braucht  es  auch  keinen
Augenblick  früher  zu  beginnen,  als  bis  alle  anderen  Vorbereitungen ­
  vollständig  getroffen  sind.  Es  kann  überdies  mit
dei  Ausgabe  seiner  (ioldmünzen,  wde  später  gezeigt  werden
.soll,  weit  früher  beginnen,  weit  rascher  die  Papierwährung
in  eine  Goldwährung  verwandeln,  als  es  Deutschland  mit  seiner
Silberwährung  gelang,  so  dass  bei  nur  einiger  Geschicklichkeit
und  bei  nur  einiger  Beachtung  der  in  Deutschland  gewonnenen
Lehren  zwischen  der  Publicirung  des  neuen  Münzgesetzes  und
dem  beginnenden  (ioldumlaufe  nicht  viel  mehr  Monate  zu  verstreichen ­
  brauchen,  als  in  Deutschland  Jahre  verstrichen  sind.
Damit  aber  wäre  gerade  in  Oesterreich  die  Fehlergrenze  für
die  Legislative  auf  ein  Minimum  reducirt,  und  wenn  nicht
etwa  durch  ganz  unvorhergesehene  Ursachen  eine  jilötzliche
1  I  eisre  volution  auf  dem  Edel  metal  I  markte  dazwischen  tritt,
wird  die  Iteehtscontinuität  nahezu  vollständig  gewahrt  werden
können.
Ls  ist  nun  nur  noch  ein  Argument  zu  untersuchen,  welches
in  Verbindung  mit  der  Nothwendigkeit,  die  Contracte  zu  ändern,
gegen  die  Einführung  der  Goldwährung  geltend  gemacht  wird.
Ls  wird  nämlich  behauptet,  dass  Oesterreich  dadurch  auf  einen
(xewinn  verzichten  würde,  den  es  seinen  Gläubigern  gegenüber
aus  der  Silberwährung  zieht.  Was  nun  den  Gewinn  bis  zu  dem
Momente  der  Feststellung  der  Werth  relation  an  langt,  so  wird
dieser,  soweit  von  einem  solchen  überhaupt  die  Rede  sein  kann.
        <pb n="350" />
        —  840

(Inrcli  die  Goldwährung  nicht  preisgegeben,  sondern  ganz  im
Gegentheile  fixirt.  Es  wurde  überdies  früher  schon  besprochen,
was  es  mit  diesen  angeblichen  Gewinnsten  für  ein  Bewandtniss
hat.  Für  die  Zukunft  aber  richtet  sich  das  Mehr  oder  Weniger
der  Zahlung  lediglich  darnach,  ob  Gold  oder  Silber  hinkünftig
im  Preise  steigen  oder  fallen.  Die  Ansicht,  dass  Oesterreich
mit  der  Goldwährung  seine  Zinsenzahlungen  dem  Auslande
gegenüber  erhöhen  würde,  kann  also  nur  insofei  n  vei  ti  eten
werden,  als  man  es  für  sicher  annimmt,  dass  Silber  auch
künftig  noch  im  Preise  sinken,  Gold  im  Preise  steigen  werde.
Merkwürdigerweise  sind  aber  gerade  Diejenigen,  welche  die
(Gefahr  einer  solchen  Mehrbelastung  fürchten,  auch  zugleich
die  Verfechter  der  Ansicht,  dass  das  zu  Zwecken  des  Währungswechsels ­
  theuer  gekaufte  Gold  voraussichtlich  alsbald  wieder
auf  die  in  früheren  Decennien  bestandene  Werthrelation  sinken
werde.  Eins  von  beiden  muss  otfenbar  falsch  sein.  Die  Walirheit
  ist,  dass  die  Eventualität  der  Preissteigerung  sowohl  als
der  Preisermässigung  für  beide  Edelmetalle  sich  mit  Bestimmtheit ­
  nicht  vorausberechneu  lässt,  dass  also  hier  ein  ganz
nebulöses  Argument  vorliegt,  welches  bei  Untersuchung  der
Währungsfrage  nicht  massgehend  sein  darf.  Wollte  man  übrigens
trotz  alledem  auf  der  Silberwährung  beharren,  so  ist  nur  zu
wünschen,  dass  ein  gütiges  Schicksal  das  Land  vor  diesen
„Vortheilen“  bewahren  möge,  die  ihm  aus  einem  terneren
Sinken  der  Silberpreise  erwachsen  können.
        <pb n="351" />
        \

!

J  !

I

VI.  Capitel

Die  E(lcJmctalJströiiuiii&amp;lt;,^eii.

Ks  wird  nun  von  Vielen  zugegeben,  dass  der  Uebergang
zur  Goldwährung  allerdings  wünschenswerth  ,  dabei  nicht
wesentlich  schwieriger  und  von  vornherein  auch  gar  nicht
kostspieliger  sei  als  der  Uebergang  von  der  Papierwährung
zur  Silberwährung,  ja  dass  unter  Berücksichtigung  des  Umstandes, ­
  dass  ein  in  Gold  verzinsliches  Anlehen  auf  dem  europäischen ­
  Geldmärkte  billiger  aufzubringen  sei,  als  ein  in  Silber
verzinsliches,  die  Kosten  sogar  geringer  wären,  wenn  man  zur
Goldwährung,  als  wenn  man  zur  Silberwährung  überginge;
aber,  so  behaupten  Einige,  dies  Alles  könne  wenig  fruchten,
da  „international  arme“  Länder,  wie  z.  ß,  Oesterreich,  nicht
im  Stande  wären,  die  Goldwährung  zu  behalten,  indem
nothwendigerweise  die  in  Umlauf  gebrachten  Goldmünzen  sehr
rasch  ausser  Landes  strömen  würden.  Fragt  man  nach  den
Ursachen  dieser  sonderbaren  ßesorgniss,  so  hört  man  Berufungen ­
  auf  die  passive  Handels-  und  Zahlungsbilanz  und  auf  die
Armuth  Oesterreichs  in  internationaler  Beziehung.’  Diejenigen, ­
  die  derartige  Gespensterfurcht  hegen,  glauben  also
offenbar,  dass  Oesterreichs  Zahlungsbilanz  ungünstiger,  sein
Wohlstand  geringer  sei,  als  in  irgend  einem  anderen  Lande,
welches  bisher  die  Goldwährung  besass;  und  sie  glauben  ferner,
dass  Beides  ein  Grund  dafür  wäre,  das  Gold  ausser  Landes
zu  drängen.
        <pb n="352" />
        Es  verhält  sich  aber  mit  dieser  Argumentation  genau  so,
wie  mit  den  anderen  Gründen,  die  gegen  die  Goldwährung
vorgebracht  wurden.  Die  Prämisse  ist  unwahr  und  überdies
ist  die  Schlussfolgerung  eine  logisch  unrichtige.  Weder  ist  die
Zahlungsbilanz  Oesterreichs  so  ungünstig,  oder  seine  Armuth
so  gross,  als  von  dieser  Seite  geglaubt  wird,  noch  würde
daraus,  wenn  dem  wirklich  so  wäre,  folgen,  dass  es  das
zu  seinen  Circulationszwecken  nöthige  Gold  nicht  im  Lande
behalten  könnte.  Mehr  als  bei  allen  anderen  Fehlschlüssen,  die
bisher  widerlegt  wurden,  handelt  es  sich  hier  um  Missverständnisse ­
  der  eigenthümlichsten  Art,  die  einen  Theil  des
Publicums  mit  geradezu  abergläubischer  Angst  vor  dem  Golde
erfüllen,  welches  damit  gleichsam  als  das  Zauberelixir  hingestellt ­
  wird,  durch  dessen  Anwendung  die  Ausbeutung  Oesterreichs ­
  durch  die  Uebermacht  ausländischer  Capitalisten  erst
recht  erleichtert  würde.  Es  wird  daher  nötliig  sein,  gerade
diese  letzteren  Bedenken  am  sorgfältigsten,  zu  widerlegen.  1st
doch  selbst  das  an  wirthschaftlicher  Einsicht  um  so  Vieles
höher  stehende  Deutschland  von  dem  Schrecken  nicht  verschont
geblieben,  den  die  dort  sporadisch  immer  noch  vorhandenen
Anhänger  der  Silberwährung  oder  der  Doppelwährung  gegen
das  Gold  wachzurufen  verstanden,  als  dies  zeitweilig  abzuströmen ­
  begann.  Um  wie  viel  mehr  ist  die  Angst  vor  dem
GoldabÜusse  in  Oesterreich  zu  beachten,  wo  die  leere  Phrase
auch  in  wirthscliaftlichen  Dingen  die  öffentliche  Meinung  gar
leicht  beherrscht,  wo  Jedermann,  der  ein  paar  nationalökonomische ­
  Schlagworte  zu  gebrauchen  versteht,  das  allgemeine
Urtheil  verwirren  darf.
Es  wird  also  behauptet,  dass  Oesterreich  zu  den  international ­
  armen  Ländern  gehöre  und  dass  seine  Zahlungsbilanz
ungünstig  sei.  Beide  Behauptungen  werden  im  Uebrigen  gewöhnlich ­
  als  identisch  aufgefasst,  Reichthum  als  gleichbedeutend ­
  mit  günstiger,  Armuth  als  gleichbedeutend  mit  ungünstiger ­
  Bilanz.  Dass  diese  Identität  nicht  besteht,  zeigt  die
Erfahrung  und  nur  einigcrmassen  unbefangenes  Nachdenken
in  gleicher  Weise.  Selbst  wenn  man  aus  der  Gesammtheit
der  Zahlungsbilanz  blos  die  W^aarenbilanz  herausgreift,  ist  es
ganz  und  gar  unrichtig,  dass  die  international  armen  Länder
in  der  Regel  mehr  Waaren  vom  Auslande  beziehen,  als  dahin
        <pb n="353" />
        —  34H  —
absenden,  oder  dass  die  international  reichen  Länder  mehr
Waaren  absetzen  als  beziehen  ;  auch  dies  geschieht  nur  dann,
wenn  das  arme  Land  im  Auslande  Schulden  contrahirt  und
folglich  einen  Theil  seiner  Waarenbezüge  durch  Effectejisendungen
  deckt,  und  wenn  das  reiche  Land  dem  Auslande  Capital ­
  vorstreckt  und  folglich  für  einen  Theil  seiner  Waarensendungen
  Effecten  bezieht.  Also  auch  die  reine  Waarenbilanz  ist
nicht  günstig  oder  ungünstig  für  die  international  reichen  oder
armen  Länder,  sondern  für  die  Capital  verleihenden  oder  ausleihenden, ­
  zwei  Begriffe,  die  einander  häufig,  aber  durchaus
nicht  immer  decken.  Die  Waarenbilanz  eines  Landes  kann
vielmehr  gerade  aus  dem  Grunde  seiner  internationalen  Schuldverhältnisse ­
  günstig  sein  für  das  arme  verschuldete,  ungünstig
für  das  reiche,  nämlich  dann,  wenn  das  arme  Land  keine
neuen  Schulden  contrahirt,  sondern  die  Zinsen  der  alten
abträgt  und  wenn  das  reiche  kein  neues  Capital  verleiht,  sondern ­
  die  alten  Schuldposten  und  Zinsen  aus  irgend  welchem
Grunde  einzieht.  Schliesslich  kann  ein  Land  ausserordentlich
arm,  dem  Auslande  aber  nicht  einen  Heller  schuldig  sein,  und
umgekehrt  ein  Land  sehr  reich  sein,  ohne  sonderlich  viele
Forderungen  im  Auslande  zu  besitzen;  denn  die  Frage  der
Schuldverhältnisse  hängt  nicht  blos  vom  Keichthume,  sondern
auch  vom  ITnternehmungsgeiste  ab.  Wenn  die  Gelegenheit  zu
nutzbringenden  Unternehmungen  und  die  Unternehmungslust
der  Einwohner  gross  ist,  können  Schulden  contrahirt  werden,
selbst  bei  verhältnissmässig  hohem  Wohlstände  ;  ebenso  wie
umgekehrt  bei  mangelnder  Unternehmungslust  und  Arbeitsgelegenheit ­
  selbst  bei  relativ  geringerem  Reichthume  die  Guthaben ­
  im  Auslande  einen  relativ  bedeutenden  Umfang  erlangen ­
  können.  Die  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  sind
sicherlich  unermesslich  reicher  als  Patagonien,  sie  sind  aber
trotzdem  in  Europa  sehr  stark  verschuldet,  während  Patagonien, ­
  soweit  bisher  bekannt,  keine  VerpHiclitnngen  im  Auslande ­
  hat;  ebenso  dürfte  Oesterreich-Ungarn  um  ein  Vielfaches
reicher  sein,  als  das  ihm  benachbarte  Serbien,  seine  Schulden
an's  Ausland  aber  sind  unendlich  grösser  als  die  Serbiens.
Und  auch  in  demselben  Lande  ist  wachsende  Verschuldung
an’s  Ausland  nicht  immer,  ja  nicht  einmal  in  der  Regel,
gleichbedeutend  mit  abnehmendem  Wohlstände;  weit  eher,  wenn
        <pb n="354" />
        —  844  —

auch  nicht  immer  mit  Recht,  könnte  man  das  Gegentheil  behaupten, ­
  Inshesundere  unter  den  speciell  österreichisclien  Verhältnissen, ­
  wo  die  Gelegenheit  zu  nutzbringender  Verwertliung
des  Capitals  jedenfalls  weitaus  grösser  ist,  als  der  vorhandene
(-apitalsvorrath,  hat  im  Durchschnitte  die  zweite  Behauptung
melir  Berechtigung  als  die  erste  ;  hier  wird  die  internationale
Verschuldung  zumeist  dann  am  raschesten  steigen,  wenn  sich
das  Land  am  wohlsten  befindet,  und  gerade  in  den  Zeiten  der
ärgsten  Stagnation  wird  die  internationale  Verschuldung  eher
abnehmen  als  zunehmen.
Oesterreich  ist  nun  ein  international  verschuldetes
Land.  Daraus  aber  folgt  noch  keineswegs,  dass  es  zugleich
und  im  selben  Masse  ein  international  armes  Land  sei.  Für
alle  Fälle  kann  diese  internationale  Arniuth  blos  relativ  aufgefasst ­
  werden  ;  Oesterreich  ist  ärmer  als  England,  Frankreich,
Holland,  Belgien  und  Deutschland  ;  ob  es  im  grossen  Ganzen
nicht  reicher  als  Italien  und  Dänemark  sei,  wird  schwerlich
Jemand  mit  voller  Bestimmtheit  entscheiden  können  ;  es  ist
aber  jedenfalls  reicher,  als  alle  anderen  hier  nicht  genannten
europäischen  Staaten  und  steht  damit,  wenn  man  die  Verhältnisse ­
  des  Erdballs  vor  Augen  hat,  dem  Jlcichthume  nach
ziemlich  hoch.  Die  Frage  darnach  jedoch,  ob  ein  Land  für
die  Goldwährung  reif  sei,  richtet  sich  durchaus  nicht  nach  dem
Verhältnisse,  in  welchem  sein  lleichthum  zu  dem  höher  stehender ­
  Culturstaaten  sich  befindet,  sonst  wäre  schliesslich  doch
immer  nur  das  allerreichste  Land  vollkommen  reif  für  dieses
Münzmetall.  Sowie  der  lleichthum,  die  Vei  kehrsentwicklung,
eine  derartige  Stufe  erklommen,  dass  das  Silber  zur  Vermittlung ­
  der  geschäftlichen  Transactionen  unbequem  geworden  ist,
ist  die  Reife  aus  inneren  Gründen  erreicht.  Ob  das  Land
Schulden  macht  oder  nicht,  ob  es  daher  in  diesem  Sinne  international ­
  reich  oder  arm  sei,  kommt  nur  insofern  in  Betracht,
als  ihm  die  Wahl  einer  bestimmten  Währung  das  Heranziehen
fremden  Capitals  unter  mehr  oder  minder  drückenden  Bedin-1
  gungen  möglich  machte,  und  da  der  Credit,  dessen  Oesterreich
1  im  Auslande  bedarf,  jedenfalls  billiger  wird,  wenn  man  liier
zur  Goldwährung  übergeht,  so  kann,  aus  diesem  Gesichtspunkte
^  betrachtet,  Oesterreichs  „internationale  Armuth“  nur  ein  neues
Motiv  für  die  Goldwährung,  nicht  aber  gegen  dieselbe  sein.
        <pb n="355" />
        845

Was  dagegen  die  Zahlungsl)ilanz;  Oesterreichs  anlangt,
so  ist  diese  zuvörderst  gar  nicht  passiv  ;  sie  war  es  weder  vor
dem  .Jahre  IH4H  und  ist  es  ehensowenig  auf  die  Dauer  nachher ­
  geworden.  AVenn  die  AVechselcourse  nacli  1848  im  Durehsehnitte
  ungünstig  wurden,  so  ist  dies,  wie  im  VI.  Ca^iitel  des
l.  Duches  nachgewiesen  wurde,  die  Consequenz  der  Valutastörungen, ­
  nicht  aber  die  der  internationalen  Zahlungsverhältnisse, ­
  und  es  ist  daher  nicht  nur  die  grösste  AVahrscheinlichkeit,
  sondern  geradezu  die  Gewissheit  vorhanden,  dass
die  Wechselcourse  durchschnittlich  für  Oesterreich  wieder
günstig  werden  müssen,  sowie  die  Valuta  hergestellt  wird,
u.  z.  in  desto  höherem  Massç,  je  vollständiger  diese  Valutaherstellung ­
  erfolgt,  d.  h.  je  mehr  das  österreichische
Circulationsmedium  mit  dem  jener  Länder  in  Uebereinstimmung
  gebracht  wird,  mit  welchen  dieses  Land  die  lel)-haftesten
  Verkehrsbeziehungen  unterhält.  Im  Durchschnitte
gerade  der  letzten  Jahre  waren  übrigens,  wie  im  selben
(hipitel  ersichtlich  gemacht  wurde,  die  AVechselcourse  sogar
tiotz  dei  Valutastörung  absolut  günstig  und  die  Erwartung,
dass  sich  diese  Gunst  noch  steigern  wird  ,  erscheint  daher
do])pelt  gerechtfertigt.
Doch  selbst  wenn  die  Zahlungsbilanz  thatsächlieh  ungünstig ­
  sein  sollte,  wäre  es  doeh  durchaus  absurd,  aus  diesem
Grunde  ein  Abströmen  der  Goldmünzen  in  dem  Alasse  zu  besorgen, ­
  dass  dadurch  die  innere  Circulation  gestört  werden
könnte.  Wenn  bei  Durchführung  der  Alünzreform  mehr  Goldstücke ­
  ausgeprägt  und  dem  Verkehre  übergeben  werden  sollten,
als  dem  Dedürfnisse  desselben  entspricht,  dann  wird  allerdings
Geld  abströmen,  u.  z.  wird  dies  sicherlich  nicht  etwa  mit  den
im  Verkehre  noch  vorhandenen  Noten,  sondern  ganz  ausschliesslich ­
  mit  dem  Golde  geschehen  ;  und  wenn  man  etwa  den  Versuch ­
  machen  wollte,  mehr  oder  auch  nUr  so  viel  Goldmünzen
in  Verkehr  zu  bringen,  als  demselben  an  Noten  gleichzeitig
entzogen  wird,  so  kann  sogar  mit  grösster  Sicherheit  darauf
gerechnet  werden,  dass  ein  derartiges  partielles  Abströmen
stattfinden  muss.  Die  Auswanderung  der  deutschen  Goldmünzen ­
  in  den  Jahren  1874  und  1875  war  eben  dadurch  hervorgeruten
  ,  dass  diese  ohne  vorherige  oder  gleichzeitige
Verringerung  des  Umlaufes  von  Silber-  und  Banknoten,  ja  bei
        <pb n="356" />
        —  :J46  —
einer  gleichzeitig  sehr  namhaften  Vermehrung  dieses  letzteren
Umlaufs  in  Verkehr  gebracht  wuî’den.  Das  Circulationsbedürl  -
niss  war  für  die  dadurch  entstandene  Plethora  zu  gering,  die
Preise  mussten  folglich  steigen  ;  dies  zog  eine  Verminderung
des  Exports  und  eine  Vergrösserung  des  Imports  nach  sich,
und  der  dadurch  entstandene  Passivsaldo  wurde  zum  Theil
mit  Baargeld  beglichen.  Da  nun  durch  das  deutsche  Münzgesetz ­
  das  Grold  untertariürt  war,  mussten  es  die  Goldmünzen
sein,  die  zu  den  Zahlungen  an’s  Ausland  benützt  wurden  ;
wäre  das  Umgekehrte  der  Fall  gewesen,  hätte  das  IVFünzgesetz
die  Werth  relation  zu  hoch  gegriffen,  so  wäre  Silbergeld  abgeströmt. ­
  Wenn  es  dagegen  die  deutsche  Keichsregierung  verstanden ­
  hätte,-  die  IMünzreform  durchzuführen,  ohne  den  Geldumlauf ­
  zu  vermehren,  so  hätte  Baargeld  überhaupt  nicht  abfiiessen
  können.  Dies  war  nun  in  Deutschland,  wie  bereits
einmal  erwähnt,  ausserordentlich  scliwer.  Die  Regierung  konnte
unmöglich  wissen,  um  wie  viel  sich  die  Menge  des  cursirenden
Silbergeldes  vermehren  würde,  wenn  die  Zahlstellen  des  Reichs
beginnen  würden  ,  Thaler  gegen  Goldmarkstücke  umzuwechseln.
Dass  eine  Vermehrung  statttinden  werde,  hätte  sie  allerdings
wissen  müssen,  denn  es  war  vorherzusehen,  dass  schon  der
Beginn  dieser  Umwechslung  angesichts  der  Ueber-Taritirung
des  Silbers  alte  (’ourantmünzen  aus  den  Verstecken  hervorlocken ­
  würde,  wo  sie  bisher,  dem  Verkehre  überhaupt  oder
doch  zum  Mindesten  dem  deutschen  Verkehre  entzogen,  existirt
hatten.  Aber  wie  gross  die  l\lenge  des  nun  auttauchenden
Silbergeldes  sein  würde,  entzog  sich  in  der  That  jeder  Berechnung.*“
  Nichtsdestoweniger  hätte  es  sich  empfohlen,  nicht
sofort  mit  der  Umwechslung  des  alten  Silbercourants  gegen
Goldmünzen  zu  beginnen,  sondern  vorher  Silbermünzen  gegen
Gold  in  Barren  einzutauschen.  Damit  hätte  man  so  lange  fortfahren ­
  können,  bis  Zinsfuss  und  Wechselcourse  gezeigt  hätten,
dass  alles  überschüssige  Silbercourant  aus  dem  Verkehre
gezogen  sei.  Das  derart  ausgegebene  Gold  wäre  zwar  auch
in's  Ausland  gewandert,  u.  z.  noch  viel  rascher  und  bcipiemer
als  es  mit  den  Zwanzigmarkstücken  geschah,  aber  cs  wäre
doch  ein  doppelter  sehr  wesentlicher  Vortheil  erreicht  worden.
Man  hätte  vor  Allem  das  Angstgeschrei  Derjenigen  nicht  vernommen, ­
  in  deren  Köpfen  noch  die  alten  mercantilistischen
        <pb n="357" />
        347  —

Ideen  spuken  —  so  wenig  sie  es  selber  wissen  mögen  —  und
die  daher  jeden  Edeimetallabduss  für  ein  nationales  Unglück
ansehen;  sodann  aber  hätte  man  die  deutschen  Münzstätten
nicht  nnnöthiger  Weise  mit  dem  Schlagen  von  Goldstücken,
die  doch  für  den  Schmelztiegel  bestimmt  waren,  beschwert  und
hätte  damit  Zeit  gewonnen,  die  in  solchem  Falle  nicht  nur,
wie  Heri  v.  Camphausen  glaubt,  „Zinsen“,  sondern  unter
Umständen  auch  viel  mehr  werth  ist.
In  Oesterreich  wäre  ein  derartiger  Fehler  überaus  leicht
zu  vermeiden.  Die  österreichischen  Silbergulden  könnten  beinahe ­
  bis  aut  das  letzte  Stück  eingezogen  sein,  noch  bevor  ein
einziges  neues  Goldstück  ausgegeben  ist.  Die  einzige  Schwierigkeit ­
  besteht  in  der  Nothwendigkeit,  zur  Zahlung  der  ausdrücklich ­
  in  Silber  stipulirten  Verpflichtungen  einen  Vorrath
von  Silbermünzen  so  lange  im  Verkehre  zu  lassen,  bis  die
neuen  Goldmünzen  an  ihre  Stelle  treten  können.  Aber  nichts
kann  dem  entgegenstehen,  dass  die  Regierung  der  Silberstücke
babhatt  zu  werden  trachtet,  bevor  sie  an  die  Durchführung  der
Münzieform  schreitet.  Sie  braucht  sich  dabei,  um  eine  unnöthige
Beengung  des  Geldstandes  zu  vermeiden,  gar  nicht  auf  Wechselcourse
  und  Zinsfuss  zu  verlassen,  denn  Beides  ist,  so  lange
die  Papiervaluta  in  Oesterreich  besteht,  vom  Vorrathe  an
Silbermünzen  unabhängig.  Das  Einzige,  was  sie  zu  beachten
hat,  ist  das  Silberbedüifniss  für  die  fremden  Gläubiger,  und
dies  lässt  sieh  bis  aut  eine  verhältnissmässig  verschwindend
geringe  k  ehlergrenze  genau  berechnen.  Es  können  also  vorher
schon  die  österreichischen  Silberstücke  bis  auf  einen  zu  bestimmenden ­
  genau  controlirbaren  Theil  aus  dem  Verkehre  geschafft
werden,  womit  jede  Gefahr,  dass  durch  Silber-Courantrnünzen
(Tfdd  aus  dem  Lande  gedrängt  werden  könnte,  von  vornherein
beseitigt  wird.  Schreitet  dann  die  Regierung  oder,  '  was  jedenfalls ­
  praktis(!her  wäre,  die  von  ihr  mit  diesem  Geschäfte
betraute  österreichische  Xationalbank  zur  Umwechslung  der
Staatsnoten  gegen  Goldmünzen,  so  hat  sie  blos  nöthig,  den
Banknotenumlaut  kurz  vorher  um  so  viel  zu  verringern,  dass
dei  Zinstuss  um  ein  Geringes  steigt,  um  dann  ohneweiters
alle  Sfaalsnoten  gegen  Gold  ein  wechseln  zu  können,  ohne  um
das  Schicksal  des  in  Verkehr  gebrachten  Goldes  im  Geringsten
besorgt  sein  zu  müssen.
        <pb n="358" />
        —  348  -

Alle  diese  Versieht,smassregeln  haben  aber  in  Wahrheit
gar  nicht  den  Zweck,  einen  Goldahiiiiss  zn  verhindern,  sondern
sie  sollten  lediglich  deshalb  ergrüben  werden,  um  die  vollständige ­
  Sättigung  des  Verkehrs  mit  Gold  möglichst  rasch
durchführen  zu  können.  Je  weniger  Goldmünzen  man  für
fremde  Schmelztiegel  prägen  muss,  desto  rascher  hat  man  den
wirklichen  normalen  Goldumlauf  im  Lande  erreicht.  Eine
Gefahr  für  die  Durchführbarkeit  der  Goldwährung  kann  aber
selbst  daraus,  dass  man  diese  Vorsichtsmassregeln  nicht  ergreift
und  Gold  also  wirklich  abströmt,  nicht  im  Entferntesten  erwachsen ­
  ,  vorausgesetzt  natürlich,  dass  man  im  Besitze  genügender ­
  Baarmittel  ist,  um  die  unbedeckten  Noten  einzulösen.
Der  Verkehr  ,  dem  man  das  papierno  Umlaufsmittel  nimmt
und  dem  zum  Ersätze  desselben  kein  anderes  als  das  goldene
übrig  bleibt,  wird  sich  dieses  goldene  nicht  nehmen  lassen,
sich  keinesfalls  mehr  davon  nehmen  lassen,  als  er  wirklich
entbehren  kann.

’)  In  Seyd’s  sonst  von  genauer  Faclikenntniss  zeugender  Darstellung
der  Gesetze  des  Geldverkehrs  obwaltet  eine  bedauerlielic  Regriffsverw'irrung
  zwischen  Geld  und  Capital.  Ini  internationalen  Verkehre  ist  ihm
Armiith  und  Reichthuni,  Bedürfniss  oder  Ueherfluss  an  Geld  gleichbedentend
mit  Armuth  oder  Reichthum  überhaupt.  Und  aus  diesem  grundsätzlichen
Fehler  erklären  sich  zahlreiche  Widerspruche  in  den  sonst  so  schätzbaren ­
  Auslührungen  dieses  Verfassers.  So  behauptet  er  z.  B.  knapp  hinter
einander,  dass  die  international  armen  Nationen  im  Gegensätze  zu  den
international  reichen  fortwährend  geldbedürftig  seien,  dass  das  Geld  von  ihnen
immer  abstrome  und  dass  das  Geld  dort  hi  A  ströme,  wo  der  Zinsfuss  am
höchsten  ^sei.  Es  sind  das  ebensoviel  logische  Widersprüche.  Wenn  Geld
dorthin  strömen  würde,  wo  der  Zinsfuss  am  höchsten  ist,  so  müsste  es  nicht,
wie  Seyd  meint,  von  den  international  armen  nach  den  international  reichen,
sondern  umgekehrt  stets  von  den  reichen  zu  den  armen  Ländern  in  Bewegung
sein.  Und  ebenso  ist  es  nicht  recht  erklärlich,  dass  das  Geld  regelmässig  von
dort  abHiessen  soll,  wenn  man  dessen  gerade  am  dringendsten  bedarf.  Die
Wahrheit  ist,  dass  die  internationalen  Geldströmungen  weder  mit  der  Frage
des  Reichthums  noch  direct  mit  der  Frage  des  Zinsfusses  etwas  zu  thun
haben.  Um  hier  wohl  zu  unterscheiden,  muss  man  sich  vor  Augen  halten:
erstlich,  dass  ein  geldreiches  oder  ein  geldarmes  Land  deshalb  allein  noch
durchaus  nicht  reich  oder  arm  im  Allgemeinen  zu  sein  braucht,  ja  dass,  wie
im  V.  Capitel  des  I.  Buches  einmal  bereits  nachgewiesen  wurde,  in  der  Regel
die  reicheren  Länder  verhältnissmässig  geldärmer  sind  als  die  ärmeren.  Das
Geld  allein  ist  ebensowenig  der  Repräsentant  des  Capitals  oder  auch  des  Vermögens ­
  des  Einzelnen  wie  eines  gesammten  Landes,  als  dies  beispielsweise
        <pb n="359" />
        840

%

Ein  Körnchen  Wahrheit  ist  aber  allerdings  auch  in  dieser
Befürchtung  vor  dem  Abströmen  der  Goldmünzen.  Gold  ist
in  der  That  beweglicher  als  Silber  ;  es  wandert,  wenn  die
Korn  oder  Wolle  ist.  Ebenso  wie  ein  Land  oder  eine  einzelne  Person  sehr
rcdch  an  A\  olle  und  Korn,  deswegen  aber  noch  immer  sehr  arm  sein  kann,
ebenso  können  Privatpersonen  oder  ganze  I^inder  verhältnissmässig  reich  an
Geld  und  doch  in  tiefe  Armnth  versunken  sein.  Man  betrachte  einmal  die
l’rodnctionsdistricte  der  Edelmetalle;  dieselben  sind  sicherlich  geldreich  im
höchsten  Grade,  gehören  aber  zum  Theil  ebenso  unzweifelhaft  zu  den  ärmsten
von  den  Menschen  überhaupt  bewohnten  Gerieten  der  Erde.  Sie  sind  so
arm,  dass  sie  nicht  einmal  das  nothwendige  Capital  auftreiben  können,  um
die  einzige  Production,  die  bei  ihnen  im  Schwünge  ist,  gehörig  zu  invcstiren
und  auch  nur  halbwegs  rationell  zu  betreiben;  sie  sind  beinahe  durchwegs
von  Proletariern  bewohnt,  die  kümmerlich  von  der  Hand  in  den  Mund  leben.
Geld  aber  haben  sie  in  Fülle  so  viel,  dass  sie  es  fort  und  fort  abgeben  müssen,
lediglich  um  die  nackte  Existenz  kümmerlich  zu  fristen.  Diese  Länder  sind
also  arm,  aber  Geld  ist  das  letzte,  dessen  sie  bedürfen  ;  was  ihnen  fehlt,  das
ist  Capital,  u.  zw.  zufällig  Capital  in  anderer  als  Geldform.  Um  diese  Länder
reich  zu  machen,  müsste  ihnen  das  Capital  in  Form  von  Maschinen,  Nahrungsmitteln ­
  und  Kleidung  für  die  Arbeiter,  welche  die  Bergwerke  investiren  und
Fabriken  errichten  sollen,  zugeführt  werden.  Dagegen  bedürfen  gerade  die
reichsten  Länder,  England  an  der  Spitze,  ununterbrochen  neuen  Geldzuflusses  ;
sie  geben  Capital  ab,  führen  aber  Geld  ein,  dessen  sie  zu  Completirung
und  Erweiterung  ihres  Circulationsmittelvorrathes  bedürfen.  Das  Bedürfniss
nach  Geld  hat  also,  wie  man  schon  aus  diesen  zwei  Beispielen  ersehen  wird,
mit  der  Frage  des  Reichthums  nichts  zu  scliaflen,  ebensowenig  wie  das  Bedürfniss ­
  nach  Wolle  oder  Getreide.
Aber  auch  die  thatsächliche  Strömung  der  Edelmetalle  ist  nicht  durch
Reichthum  und  Armuth,  sondern  durch  ganz  andere  Verhältnisse  bedingt.  Im
Verhältnisse  zwischen  England  und  den  Goldproductionsländern  sind  es  allerdings ­
  die  ärmeren  Gebiete,  von  denen  das  Gold  nach  dem  reichen  abfliesst,
aber  nicht  aus  dem  Grunde,  weil  jene  arm  sind  und  dieses  reich  ist,  sondern  lediglich ­
  deshalb,  weil  jene  produciren,  wessen  dieses  bedarf.  Im  Verkehre  zwischen
Norwegen  und  England  ist  es  umgekehrt  das  arme  Land,  welches  Geld  vom
reichen  bezieht,  aber  wieder  nicht  aus  dem  Grunde,  weil  das  eine  reich  und  das
andere  arm  ist,  sondern  lediglich  deshalb,  weil  das  eine  des  Geldes  bedarf  und
das  andere  dasselbe  aus  erster  Hand  von  den  Minendistricten  bezieht  und
daher  weiter  abzngeben  in  der  Lage  ist.
Und  schliesslich  strömt  das  Geld  auch  dorthin  nicht,  wo  der  Zinsfuss
am  höchsten  ist;  der  hohe  Zinsfuss  zieht  Capital  heran,  und  nur  dann,
wenn  der  Zinsfuss  für  Geld  höher  wird,  als  der  für  andere  ('apitalion,
äussert  er  auch  seine  magnetische  Wirkung  auf  das  Capital  in  Form
von  Geld.  Der  Zinsfuss  in  Australien  und  Californien  ist  im  Durchschnitte ­
  der  Jahre  wohl  dreimal  so  hoch  als  in  England;  nichtsdestoweniger ­
  fliesst  Geld  von  Californien  und  Australien  nach  England.  Von
        <pb n="360" />
        —  350  —

Zahlungsbilanz  eines  Landes  wirklich  schlecht  ist,  rascher  und
leichter  aus,  als  das  schwerfälligere  weisse  Edelmetall  ;  aber
es  wandert  umgekehrt  auch  rascher  wieder  ein,  wenn  die
England  aus  Hiesst  dagegen  allerdings  das  Geld  auch  nach  Ländern,  die  zugleich ­
  einen  höheren  Zinsfuss  als  England  haben,  aber  dies  ist  durchaus  nicht
ausnahmslos  der  Fall.  Angebot  und  Nachfrage  von  Geld  sind  nur  eine  Unterabtheilunç
  des  grossen  allgemeinen  Capitalnachfrageverhältnisses.  Da  gerade
auf  diesem  Gebiete  die  meisten  Irrthümer  begangen  werden,  so  wird  es  gut
sein,  die  Sache  zitfermässig  zu  verdeutlichen.  Der  durchschnittliche  Zinsfuss
in  Deutschland  beträgt  5,  in  England  4  Percent  ;  ist  nun  in  England  wie  in
Deutschland  der  Geldumlauf  auf  normaler  Höhe,  so  wird  zwar  das  englische
Capital  durch  das  eine  Percent  Differenz  der  beiderseitigen  Zinssätze  veranlasst ­
  werden,  in  Deutschland  Verwendung  zu  suchen,  es  wird  aber  durchaus ­
  kein  Grund  vorhanden  sein,  dieses  ('apital  gerade  in  der  Form  von  Geld
nach  Deutschland  zu  senden.  Tritt  dagegen  durch  irgend  ein  Ereigniss,  z.  B.
durch  die  Ungunst  der  deutschen  Zahlungsbilanz,  ein  Sinken  des  deutschen
Circulâtionsmittelvorrathes  unter  das  normale  Niveau  ein,  so  wird  der  Zinsfuss
für  Geld  in  Deutschland  über  den  Durchschnitt  von  5  Percent  steigen,  und
wenn  nunmehr  die  Circulât  ions  Verhältnisse  in  England  normal  geblieben  sind,
so  wird  allerdings  das  englische  Capital  vorwiegend  in  der  Form  von  Geld
Verwendung  in  Deutschland  suchen,  es  wird  also  Geld  nach  Deutschland
strömen.  -Umgekehrt  aber  kann  bei  einer  vorübergehenden  Beengung  des
(b’rculationsmittelstandes  in  England  oder  bei  einer  vorübergehenden  Erweiterung ­
  des  deutschen  Circulatiomsmittelvorrathes  der  Zinsfuss  für  Geld  in
England  über  das  Niveau  deg  dortigen  Diirchschnittsatzes  steigen  ,  und
nunmehr  kann  gleichzeitig  eine  Wanderung  von  Capitalien  in  anderweitiger
Form  von  England  nach  Deutschland  und  eine  Wanderung  von  Geld  aus
Deutschland  nach  England  ei  nt  reten.  Das  Ueberwiegen  des  Geldzinsfusses  lür
sich  betrachtet,  kann  also  eine  Edelmetallströmnng  von  einem  Lande  zum
andern  noch  nicht  herbeiführen,  und  zwar  kann  dies  in  jenen  Fällen  nicht
geschehen  ,  wo  die  Ditl'erenz  des  allgemeinen  Zinsfnsses  noch  grösser  ist  als
die  Dilferenz  des  Geldzinsfnsses.  Um  dies  zu  veranschaulichen,  kann  man
wieder  auf  das  Beispiel  Englands  und  der  Minendistiicte  hinweisen.  Der  Zinsfuss ­
  für  Geld  ist  in  San  Francisco  fast  ausnahmslos  wesentlich  höher  als  in
London  ;  nichtsdestoweniger  Hiesst  Geld  bekanntlich  nicht  von  London  nach
.San  Francisco,  sondern  umgekehrt  von  San  Francisco  nach  London.  Der
Grund  ist,  dass  der  allgemeine  Zinsfuss  in  San  Francisco  im  Durchschnitte
noch  um  ein  Betiächtliches  höher  ist  als  der  allgemeine  Zinsfuss  in  London,
dass  also  das  Gapital  aus  England  nach  Californien  ganz  ausschliesslich  in
anderer  als  Geld  form  strömen  muss  und  dass  nunmehr  Californien  als  Entgelt
für  diese  anderweitigen  Sendungen  jene  Waare  nach  England  remittirt,  bei
welcher  die  Ditterenz  der  licihgebühr  hier  nnd  dort  die  geringste  ist,  also
Edelmetall.
Aus  all’  dem  dürfte  zur  Genüge  hervorgehen,  dass  die  internationalen
Geld  Strömungen  durchaus  von  denselben  Gesetzen  bedingt  sind,  wie  der  inter-
        <pb n="361" />
        351

Zahlungsbilanz  wieder  günstig  wird  —  Beides  selbstverständlich
immer  nur  mit  jenem  Theile.,  der  für  die  innere  Circulation
überflüssig  oder  erforderlich  geworden.  Darin  liegt  aber  kein
Nachtheil,  sondern  einer  der  schätzbarsten  Vortheile  der  Goldwährung. ­
  Diese  Zu-  und  Abflüsse  werden  durch  die  Zahlungsbilanz ­
  und  die  mit  ihr  in  Verbindung  stehenden  Wechselcourse
regulirt  ;  die  Zahlungsbilanz  eines  Landes  aber,  wenn  ihr
Activ-  oder  Passivsaldo  durch  Edelmetalle  beglichen  werden
soll,  kann  aut  die  Dauer  ebenso  wenig  continuirlich
activ  als  passiv  sein.  Denn  es  ist  ebenso  unmöglich,  dass  ein
Verkehrsgebiet  auf  Kosten  der  anderen  stetig  seinen  Edelmetallvorrath
  vermehrt,  als  es  unmöglich  ist,  dass  es  auf  Kosten
seines  eigenen  Vorrathes  an  die  anderen  Verkehrsgebiete
abgibt.  Tritt  das  Erstere  auch  nur  durch  einige  Zeit  ein,  so
müssen  dadurch  die  Preise  im  betreflenden  Lande  endlich  eine
solche  Höhe  erreichen,  dass  es  an’s  Ausland  nichts  mehr  zu
verkaufen,  folglich  für  das  Edelmetall  nichts  mehr  zu  bieten
vermag,  gleichwie  im  umgekehrten  Falle  die  Preise  endlich
so  tief  sinken  müssten,  dass  es  vom  Auslande  nichts  mehr  zu
kaufen  und  folglich  tür  sein  Edelmetall  dort  nichts  mehr  zu
holen  im  Stande  wäre.
Dass  Zahlungsbilanz  und  Wechselcourse  die  Edelmetallströmungen
  in  dieser  Weise  reguliren  (selbstverständlich  immer
vorausgesetzt,  dass  der  Edelmetallstand  eines  Landes  nicht
durch  papierne  (Mnmlationsmittel  verdrängt  wird),  ist  so  einleuchtend, ­
  dass  es  von  keinem  Fachmanne  ernstlich  bestritten
werden  kann.  Wenn  man  jedoch  den  Welthandel  überblickt,
so  flndet  man  doch  Erscheinungen,  die  dieser  Behauptung,
insoferne  sie  in  dem  Satze  gipfelt,  dass  der  Activ-  und  Passivsaldo ­
  eines  Landes  nicht  durch  continnirliidie  Edelmetallsendnngen
  beglichen  werden  könne,  .scheinbar  widersprechen.  Es
gibt  eben  wirklich  Länder  die  ununterbrochen  Edelmetall  vom
Auslande  beziehen,  gleicdiwie  es  umgekehrt  Länder  gibt,  die
nationale  Austausch  irgend  eines  beliebigen  anderen  Gutes.  Sie  strömen
dorthin,  wo  man  ihrer  dringender  bedarf  als  anderer  Waarcn,  und  sie  Hiesseu
von  dort  ab,  wo  man  anderer  Waaren  dringender  bedarf.  Ueicbtbum  nnd
Armutb  haben  damit  schlechterdings  gar  nichts,  die  Höhe  des  Zinsfusses  nur
insofern  etwas  zu  thuii,  als  sich  darin  das  Mass  des  relativen  Bedarfs  nach
Circulationsmitteln  ausdrückt.
        <pb n="362" />
        —  352  —

ebenso  nimnterbroclien  Edelmetall  aids  Ausland  abgeben.
Aber  darin  liegt  nur  scheinbar  ein  "W’^iderspruch,  nnd  wenn
man  die  Sache  näher  auf  ihr  Wesen  untersucht,  dient  dies
erst  recht  dazu  ,  den  wundervollen  selbstthätigen  Mechanismus,
kraft  dessen  Circulationsbedürfniss  und  Aussenhandel  eines
jeden  Landes  sich  selbst  reguliren  und  controliren  ,  vollkommen
klar  zu  legen.  Diese  Regulirung  besteht  nämlich  nicht  darin,
dass  ein  Land  überhaupt  nicht  dauernd  Edelmetall  aufnehmen ­
  oder  abgehen  könne  ;  vielmehr  ist  diese  continuirliche
Aufnahme  oder  Abgabe  nur  dann  unmöglich,  wenn  durch  selbe
das  Grieicligewicht  der  Circulation  gestört  wird.  Dieses
(xleichgewicht  ist  aber  ein  durchaus  relatives.  Es  richtet
sich  nicht  blos  nach  dem  Circulationsbedürfnisse  des  betreffenden ­
  Landes  selbst,  sondern  zugleich  nach  dem  Circulationsbedürfnisse ­
  der  Gresammtheit  aller  Verkehrsgebiete,
d.  h.  also  das  Edelmetall  strömt  nicht  in  jenes  Land,  wo  man
dessen  bedarf,  sondern  wo  man  dessen  mehr  bedarf  als  im
Auslande,  und  es  strömt  nicht  von  dort  ab,  wo  man  dessen
nicht  bedarf  (denn  ein  absolutes  Nichtbedürfen  kommt  überhaupt ­
  nicht  vor),  sondern  von  dort,  wo  man  dessen  weniger
bedarf  als  im  Auslande.  Es  ist  dabei  sehr  wohl  möglich,  ja  oft
schon  a  priori  anzunehmen,  dass  ein  Verkehrsgebiet  fortwährend
ein  stärkeres  oder  geringeres  Bedürfniss  nach  Circulationsmitteln
  besitzen  mag,  als  die  (iiesammtheit  der  anderen  Verkehrsgebiete, ­
  und  der  (%rund  biefür  kann  entweder  in  dem
betretfenden  Circulationsgebiete  selbst  oder  ausserhalb  desselben ­
  zu  suchen  sein.
Es  gibt  eine  Menge  von  Gründen,  die  für  kürzere  oder
längere  Dauer  dahin  wirken  können,  das  Gleichgewicht  in  der
Circulation  derart  zu  stören  ,  dass  ununterbrochen  mehr  oder
minder  rasch  Zuflüsse  und  Abflüsse  von  Edelmetallen  nothwendig
  werden.  Der  Verkehr  eines  Landes  kann  im  stetigen
Aufschwünge  begriffen  sein,  und  dadurch  stets  neue  Edelmetallquantitäten ­
  erfordern;  ebenso  wie  umgekehrt  ein  continuirliches
  Sinken  des  Verkehrs,  oder  hei  sonst  gleichbleibenden
Verkehrsverhältnissen,  continuirliche  Fortschritte  in  der  Creditwirthschaft,
  Cürculationsmittel  überflüssig  machen  und  zum
Abflüsse  bringen  können.  Weitaus  die  wichtigste  und  im  säcularen
  Verlaufe  die  ausschlaggebende  Ursache  für  die  im
        <pb n="363" />
        —  H53  —

V  elflinndel  zn  beachtenden  continnirlichen  Edelmetallströmungen ­
  liegt  aber  in  den  Productionsverliältnissen  der  Edelmetalle.
Die  Productionsländer  für  Gold  und  Silber,  d.  h.  jene  unter
ilinen,  deren  1  reduction  den  allgemeinen  Durclisclinitt  namhait
übersteigt,  müssen  naturgemäss  dauernd  Edelmetall  abgeben  ;
ihr  Vorrath  davon  ist  eben  verhältnissmässig  immerwährend
giösser  als  der  aller,  anderen  Verkehrsgebiete,  und  hier  ist  also
auf  den  ersten  Blick  klar,  dass  die  von  ihnen  ausgehende
Strömung  dazu  dient,  das  Gleichgewicht  im  Circuíationsstande
zw  ischen  ihnen  und  anderen  Verkehrsgebieten  herzustellen.
Und  kraft  derselben  Ursache,  wtü  nämlich  das  Gleichgewicht
hergestellt  werden  muss,  nehmen  die  anderen  Verkehrsgebiete
diese  Edelmetallströme  ebenso  continuirlich  auf.  Mit  jedem
Gold-  und  Silberquantum,  welches  irgendwo  in  einem  Theile
der  Erde  neu  zu  Tage  gefördert  wird,  vermehrt  sich  der  Circulationsmittelvorrath
  der  ganzen  Welt  und  folglich  der  Antheil,
der  jedem  Lande  an  diesem  Vorrathe  kraft  seines  Circulations'
bedürfnisses  gebührt.  Und  diesen  ihm  gebührenden  Theil  am
Edelmetall  vorrathe  muss  jedes  Land  aufnehmen,  es  mag  sich
dagegen  durch  welche  Zwangsmittel  immer  wehren;  denn  so
lange  es  diese  seine  Portion  nicht  in  seinem  inneren  Verkehre
vertheilt  hat,  werden  die  Preise  in  jenen  Verkehrsgebieten,  die
den  neuen  Vorrath  bereits  anfgenommen,  höher  sein,  als  in  ihm,
es  wird  also  vortheilhafter  und  mehr  aids  Ausland  verkaufen^
weniger  von  diesem  kaufen  als  zuvor,  und  dadurch  im  Wege  der
Zahlungsbilanz  seinen  Edelmetallantheil  aufgenöthigt  erhalten.
Auf  diese  Weise  haben  die  europäischen  Länder  seit  der
Entdeckung  Amerika’s,  insbesondere  seit  Auffindung  der  Goldfelder ­
  in  (Kalifornien  und  Australien  unnnterbrochen  die  EdelmetallüberschÜHse
  zweier  neuer  Continente  in  sich  aufnehmen
müssen.  Diese  waren  damit  gleichsam  der  Bergmann,  der  für
die  andere  Welt  (told  und  Silber  aus  den  Tiefen  der  Erde
hervorholte,  und  Europa  war  der  Industrielle,  der  für  sie
ebenso  uuunteiblochen  arbeiten  musste.  Gleichwie  ein  einzelnes
Hüttenwerk  seine  geförderten  Erze  in  die  Welt  hinaussendet
und  dafür  seine  Arbeiter  von  Aussen  nähren  und  kleiden  lassen
muss;  so  versenden  auch  die  Edelmetalldistricte  der  Welt
ihre  Producte  im  Austausche  gegen  andere  nach  allen  Richtungen ­
  der  Windrose.
Ur.  Th.  Hertzka,  Währung  und  Handel.

23
        <pb n="364" />
        T)iea  würde  nun  allerdings  vollkommen  erklären  ,  warnin
Europa  von  Amerika  und  Australien  oline  Unterkrecliung
Edelmetallzufuhren  erhält,  und  in  der  That  ist  es,  da  die
Sache  hier  ganz  klar  zu  Tage  liegt,  keinem  Volkswirthe  noch
heigefallen,  darin  etwas  Merkwürdiges  oder  gar  eine  Einschränkung ­
  der  Lehre  über  die  Wirkung  der  Wechselcourse
und  der  Zahlungsbilanz  auf  die  Edelmetallströmungen  zu  erblicken. ­
  Es  gibt  aber  noch  einen  zweiten,  kaum  minder
I  grossartigen  und  ebenso  continiiirlichen  intercontinentalen
1  Edelmetallstrom,  nämlich  den  von  Europa  nach  Asien,  und
\  dieser  hat  in  der  That  selbst  Nationalökonomen  allerersten
(Ranges  bedenklich  gemacht,  ja  sie  hie  und  da  zu  dem  Glauben
verleitet,  dass  diese  Strömung  sich  nur  unter  der  Annahme
ganz  aiissergewöhnlicher  nationalökononiisch  nur  schwer  zu
motivirender  Ursachen  erklären  lasse.  Die  grossartigen  Silbejverschiifungen
  nach  O.stasien,  insbesondere  in  den  Jahren  ISol
bis  1865,  schienen  allen  Theorien  über  Geldw^esen  und  Wechselcourse ­
  Hohn  zu  sprechen  ;  man  glaubte  hier  etwas  vor  sich
zu  haben,  was  ganz  offenbar  aller  Gesetzmässigkeit  der  internationalen ­
  Handelsbeziehungen  widerspreche,  nämlich  ein  Verkehrsgebiet, ­
  dessen  Edelmetallbedarf  unersättlich  sei,  dessen
Edelmetallvorrath  in’s  Unendliche  vermehrt  werden  könne,
ohne  den  Activsaldo  der  Zahlungsbilanz  zum  Sclnvinden  zu
bringen.
In  der  That  hat  Ostasien  seit  Auffindung  des  Seeweges
bis  zur  Gegenwart  nahe  an  8  Milliarden  Gulden  Silber  verschlungen ­
  und  seine  Aufnahmsfähigkeit  für  dieses  Metall,  obwohl ­
  für  den  Moment  geschwächt,  war  gerade  im  vorigen
Decenniiim  kolossaler  denn  jemals  zuvor  ,  ja  der  Heisshunger
Ostasiens  nach  Silber  w  ar  fortwährend  im  W  achsen  begrirten,
je  mehr  ihm  davon  zugeführt  wurde.  In  den  ersten  50  Jahren
von  1550  bis  1600  bezogen  diese  Gebiete  nach  den  Schätzungen
Humboldt’s  durchschnittlich  im  Jahre  6V4  Millionen  Gulden  von
Europa.  Bis  zum  Jahre  1700  hatte  sich  die  Silberverschiffung  bereits ­
  vervierfacht,  um  dann  von  1701  bis  I8OO  vollends  aut  durchschnittlich ­
  6302  Millionen  Gulden  im  Jahre  zu  steigen.  Von
da  bis  um  die  Mitte  dieses  Jahrhunderts  zeigte  sich  wieder
eine  Abnahme  auf  jährlich  30  Millionen  Gulden;  von  18i)l
bis  1865  wurde  das  Vaximum  von  durchschnittlich  131  Mil-
        <pb n="365" />
        —  .‘$55  —

lioiiPii  Gulden  evreiclit  und  im  Mittel  des  letzten  Deeenninms
gingen  immer  imcli  jälirlich  zwischen  47  und  48  Millionen
Gulden  in  jene  Jjänder.  Um  dies  zu  erklären,  hat  Soetbeer  in
höchst  eingehender  und  geistreicher  MVise  die  Eigenaidigkeiten
  des  indischen  Volks  zu  ergründen  sich  bemüht  und
gelangte  anfangs  zu  dem  Schlüsse,  dass  die  Gstasiaten  den
grössten  oder  doch  einen  sehr  grossen  Theil  des  Silbers,  wie
alle  Zeiten,  so  auch  in  der  (iegenwart  thesauriren  müssten,
folglich  dem  Verkehre  wieder  entzögen,  und  dass  dies  der
Erklärungsgrund  für  die  stetig  ungeschwächt  erhaltene  Aufnahmsfähigkeit ­
  jener  Länder  für  Edelmetalle  sei.  Diese  von
Soetbeer  im  Jahre  1863  abgegebene  Erklärung  fand  allgemeinen
Anklang.  Dem  unbefangenen  Urtheile  dieses  hervorragenden
Forschers  selbst  scheint  sie  aber  offenbar  nicht  genügt  zu
haben  und  ein  Jahr  darauf  publicirte  er,  angeregt  durch
das  Werk  eines  in  Calcutta  lebenden  Engländers,  Herrn
Lees,  eine  neue  Arbeit  über  diesen  Gegenstand,  in  welcher
er  sich  zur  Ansicht  hinneigte,  dass  der  steigende  Silberbedarf ­
  Indiens  —  zum  Theile  mindestens  —  durch  die  Fortschritte ­
  erklärt  werden  müsse,  die  unter  der  englischen
Herrschaft  der  Verkehr  des  Landes  genommen.  Indien  sei
früher  ein  sehr  münzarmes  Land  gewesen  und  noch  gegenwärtig ­
  sei  der  Umlauf  von  Silbermünzen  als  Tauschmittel
in  den  Eingeborenen-Staaten  sehr  beschränkt.  Derselbe  fände
sich  nur  in  den  grossen  Städten  und  Ortschaften.  Seit
undenklichen  Zeiten  habe  im  Oriente  der  Herrscher  Anspruch
auf  einen  Theil  der  Producte  und  seien  die  Abgaben  hauptsächlich ­
  in  natura  geleistet  worden.  Die  grossen  läinderbesitzer
folgen  bei  Einhebung  der  ihnen  zufallenden  Einkünfte  derselben ­
  Regel  und  auch  die  Umsätze  der  Bevölkerung  unter
sich  geschehen  durch  Tauschhandel.  Silbergeld  wurde  hauptsächlich ­
  nur  im  (irenzverkehre  und  für  den  auswärtigen  Handel
gebraucht.  Sobald  aber  eine  Provinz  unter  britische  Verwaltung ­
  käme,  ändere  sich  dies.  Die  öffentlichen  Abgaben  seien  dann
in  Silberrupien  zu  entrichten,  so  dass  auf  jede  neue  Einverleibung ­
  eines  Landstriches  in  das  britische  Territorium  sicher
ein  gesteigerter  Silberbegehr  in  solcher  Provinz  unmittelbar
folge.  Die  Statistik  dei*  Silberabflüsse  nach  Ostasien  entspricht
ziemlich  genau  diesem  Erklärungsgimnde  und  Soetbeer  räumte
        <pb n="366" />
        35G

demselben  daher  ohneweiters  und  ohne  jede  einseitige  Vorliebe
für  die  von  ihm  zuerst  aufgestellte  Hypothese  volle  Berechtigung ­
  ein.  Aber  er  bezweifelte,  dass  dies  allein  genüge,  um
die  Silberströninng  zu  erklären  ;  er  bewies,  dass  dieselbe  stattgefnnden
  habe,  noch  bevor  die  ostindische  Compagnie  bedeutendere ­
  Eroberungen  gemacht  habe,  und  kam  daher  zum
Schlüsse,  dass  die  Ausdehnung  der  britischen  Herrschaft  allein
nicht  genüge,  um  die  Erscheinungen  der  Silberflnctuation
zu  erklären.
Und  in  der  That  genügt  der  Erklärnngsgrnnd  des  Herrn
Lees  wohl,  um  einzelne  grosse  Schwankungen  im  Silberbedarfe
Ostindiens  zu  erklären,  nicht  aber  zur  vollständigen  Aufhellung ­
  der  seit  mehr  als  drei  Jahrhunderten  ununterbrochen  fortwährenden ­
  Erscheinung.  Ja,  um  diese  Erscheinung  im  grossen
Ganzen  zu  erklären,  ist  Lees’  Auseinandersetzung  sogar  überñüssig,
  denn  hier  genügt  ganz  ausschliesslich  der  Hinweis
darauf,  dass  Indien  seinen  Antheil  am  Edel  meta  livorrat ­
  he  der  AVeit  über  Europa  erhält  und  dahei
kraft  desselben  Gesetzes,  welches  den  amerikanischen ­
  und  australischen  Edelmetallstrom
nach  Europa  lenkte,  ein  Silberstrom  von  Europa
nach  Ostasien  fliessen  musste.
Da  der  Edelmetallvorrath  der  Welt  seit  der  Entdeckung
Amerika’s  um  nahezu  HO  Alilliarden  Gulden  vermehrt  wurde,
so  sollte  man  sich  vielmehr  wundern,  dass  die  ostasiatischen  Länder, ­
  deren  Ausdehnung  und  Einwohnerzahl  diejenige  Europa’s
und  Amerika’s  zusammengenommen  um  das  Doppelte  übersteigt,
von  diesem  Gesammtcpiantum  b  1  o  s  nahe  an  8  Milliarden  beanspruchten. ­
  Man  hat  die  Thatsache  vor  sich,  dass  zwei  Drittheile
der  Bewohner  der  civilisirten  Hrde  von  der  gesammten  Edelmetallprodnction
  blos  ungefähr  ein  Viertel  und  das  andere
Drittheil  der  Bewohner  von  dieser  Edelmetallproduction  drei
Viertel  beanspruchen.  Europa  hat  also  im  Verhältnisse  zu
seiner  Bewohnerzahl  sechsmal  mehr  Edelmetall  consnmirt  als
Ostasien  und  man  sollte  daher  von  rechtswegen  untersuchen,
nicht,  warum  Ostasien  so  viel,  sondern  warum  es  so  wonig
Silber  anfgenommen  hat.
Die  Erklärnngsgrüiide  tür  diesen  letzteren  Umstand
liegen  ziemlich  offen  zu  Tage.  Der  Verkehi’  Ostasiens  ist
        <pb n="367" />
        eben  in  einer  vielfach  langsameren  Bewegung  begriffen  als
der  des  Abendlandes.  Trotz  aller  Fortschritte,  die  das  Creditwesen
  im  letzteren  machte,  stieg  sein  Bedürfniss  nach  Circulationsmitteln
  noch  immer  viel  rascher  als  das  Ostasiens,
und  zwar,  wie  die  historische  Erfahrung  zeigt,  ungefähr
sechsmal  so  rasch  als  jenes.  Und  nunmehr  stimmt  auch  der
von  vSoetbeer  adoptirte  Erklärungsgrund  Lees’  vollkommen  mit
den  Thatsachen,  denn  wenn  durch  äussere  Einflüsse  der  Verkehr ­
  in  irgend  einem  grösseren  Theile  Ostasiens  zu  rascherem
Aufschwünge  getrieben  wurde,  stellte  sich  sofort  eine  mit
den  europäischen  Verhältnissen  Schritt  haltende  Vermehrung
des  CirculationsbedUrfnisses,  ja,  da  es  galt,  Jahrhunderte  lang
Versäumtes  nachzuholen,  zeitweilig  sogar  eine  grössere  Steigerung ­
  des  CirculationsbedUrfnisses  heraus,  als  in  Europa.
Anderweitige  Ursachen,  wie  z.  B.  die  Unterbindung  der
amerikanischen  Baumwollausfuhren  durch  den  Secessionskrieg
und  der  dadurch  gesteigerte  Bedarf  an  indischer  Baumwolle
thaten  noch  ein  Uebriges,  um  die  Schwankungen  in's  Ungeheuerliche ­
  zu  steigern.  Aber  die  Thatsache  des  stetigen
Silberbedarfes  Ostasiens  ist  nur  aus  dem  Zusammenhänge
aller  Erscheinungen  des  Edelmetall  Verkehrs  der  ganzen  Welt
vollkommen  zu  erklären.
Ostasien  wird  daher,  das  lässt  sich  mit  Bestimmtheit
Vorhersagen,  stets  Edelmetalle  absorbiren  und  zwar  Silber,  f
solange  es  auf  der  Silberwährung  beharrt  —  falls  nicht  etwa
in  jenen  Ländern  selbst  grossartige  und  ausgiebige  Edelmetallminen ­
  entdeckt  und  ausgebeutet  werden  sollten.  Ob
dieser  Bedarf  auch  zukünftig,  wie  bisher,  hauptsächlich  durch
Vermittlung  Europa  s,  oder  direct  aus  den  australischen  und
amerikanischen  Productionsländern  gedeckt  werden,  ob  er  in
gewissen  Perioden  geringeren  oder  grösseren  Umfang  erreichen
wird,  das  hängt  von  dem  Laufe  der  Verkehrsentwicklung  in
jenen  Ländern  ab.  Ihre  Aufnahmsfähigkeit  für  Edelmetall
kann  aber  nur  zugleich  mit  ihrer  Cultur  oder  zugleich  mit
dem  Ueberwiegen  der  Silber-  und  Gold])roduction  im  Abendlande ­
  verschwinden.
Sehen  wir  nun  zu,  wie  sich  das  österreichisch-ungarische
Verkehrsgebiet  unter  einem  derartigen  kosmopolitischen  Gesichtspunkte ­
  in  der  Edelmetallbewegung  verhält,  so  unterliegt
        <pb n="368" />
        es  Wühl  kaum  einem  Zweitel,  dass  unter  sonst  gleichbleibenden ­
  Verhältnissen  Edelmetall  in  dieses  Land  strömen  muss,
dass  also  seine  Zahlungsbilanz  nothwendigerweise  im  grossen
Ganzen  günstig  bleiben  wird.  Die  eigene  Production  an  Gold
und  Silber  beträgt  im  Jahresdurchschnitte  ungefähr  5  Millionen ­
  Gulden.  Es  wurden  nämlich  im  Jahre  1872  2  Millionen
Gulden  Gold  in  Ungarn  und  etwas  über  1  V/'a  Millionen  (-rulden
Silber  je  in  Ungarn  und  Oesterreich  erzeugt.  Die  Gesammtf
  production  der  Erde  ist  aber  auf  ungefähr  400  Millionen  im
Jahresdurchschnitte  zu  veranschlagen  und  es  ist  kaum  anzu-:
  nehmen,  dass  der  Antheil  Oesterreich-Ungarns  an  dieser
Gesammtförderung  nicht  grösser  sein  sollte  als  Percent.
Seine  eigene  Production  dürfte  schwerlich  dem  Consume  zu
industriellen  Zwecken  genügen,  und  um  den  vorhandenen  Circulationsvorrath
  zu  ergänzen,  respective  von  Fall  zu  Fall  auf
I  die  der  Steigerung  des  Weltmünzvorrathes  entsprechende  Höhe
'  zu  bringen,  werden  stets  ausländische  Zufuhren  nothwendig
sein.*)  Und  dass  diese  dann  auch  eintreten,  dafür  lasse  man
den  Verkehr  selber  sorgen.  Je  geringere  Schranken  man  diesem
in  den  Weg  legt,  desto  rascher  und  vollständiger  wird  er  seine
Functionen  erfüllen.
')  Am  Edelmetallhedarfe  der  Staaten  abendländischer  Civilisation  durfte
Oesterreich-Cngarn  wohl  im  Verhältnisse  seiner  Bevölkerungszahl  zu  derjenigen
Europa’s  und  Amerika’s  participiren,  also  mit  ungefähr  10  l’crcent.  Das  Abendland ­
  aber  hat,  wie  die  Erfahrungen  der  letzten  Jahrhunderte,  zeigen,  im
grossen  Ganzen  zwischen  7U  und  75  Percent  der  Gesammtproduction  tur  sich
in  Anspruch  genommen.  Unter  der  Annahme  also,  dass  sich  diese  Verhältnisse ­
  nicht  ändern,  dürfte  Oesterreich-Ungarn,  wenn  es  zur  Metallwährung
ühergegangen  ist,  im  Jahresdurchschnitte  zwischen  25  und  3U  Millionen  Gulden
an  Edelmetallen  beanspruchen  ;  es  wird  also  auf  Zufuhren  in  der  Höhe  von
20  bis  25  Millionen  Gulden  angewiesen  sein.  Es  sind  dies  alles  nur  Schätzungszahlen ­
  von  sicherlich  höchst  zweifelhaftem  Wert  he,  aber  so  gross  dürfte  die
Unge»auigkeit  derselben  keineswegs  sein,  dass  sich  aus  denselben  nicht  mit
einiger  Sicherheit  auf  die  Gestaltung  der  österreichisch-ungarischen  Zahlungsbilanz ­
  im  säeularen  Verlaufe  zuriickschliessen  liesse.
        <pb n="369" />
        VIT.  Capitel
Die  wirthschaftlichen  Naclitlieile  isolirter  Währung.
Es  wurde  in  den  vorigen  Capiteln  wiederholt  auf  die
holie  Wichtigheit  einer  richtigen  Wahl  des  Münzsystems  für
die  verschiedenen  Zweige  des  Wirthschaftslehens  jedes  Landes
hingewiesen.  Nunmehr  soll  dieser  Einfluss  des  Währungsmetalls ­
  auf  Production,  (TÜtervertheilung,  Preisverhältnisse,
Zinsfuss,  Wechselcourse  und  schliesslich  auf  die  Staatsflnanzen
etwas  näher  untersucht  werden  und  es  wird  sich  dabei  zeigen,
dass  in  vieler  Beziehung  überraschende  Analogien  mit  den  im
ersten  Buche  untersuchten  Erscheinungen  vorhanden  sind;  die
meisten  jener  schädlichen  Conseí^uenzen  der  Papierwährung,
die  dort  nachgewiesen  sind,  werden  sich,  wenn  auch  nicht  im
selben  (irade,  so  doch  in  ziemlich  verwandter  Weise  als  die
unvermeidlichen  Wirkungen  einer  falschen  Wahl  des  Währungsmetalls ­
  ergeben.
'  Iler  unheilvolle  Einfluss  der  Zettelwirthschaft  wurde
hauptsächlich  darauf  zurückgeführt,  dass  der  Werthmesser
eines  damit  behafteten  Landes  schwankend  geworden  ist.  Dieser
Begriff  des  Schwankens  ist  aber,  wie  sich  nunmehr  gezeigt  hat,
ein  durchaus  relativer,  da  absolute  Stabilität  keinem,  wie
immer  gearteten  Werth  messer,  er  mag  nun  aus  Gold  oder
Silber,  oder  aus  beiden  zugleich,  oder  aus  unbedeckten  Noten
bestehen,  zugesproehen  werden  kann.  Beim  Papiergelde  war
die  Betrachtung  allerdings  dadurch  erleichtert,  dass  dieses
im  Verhältnisse  zu  den  Metallen  unter  allen  Umständen  das
        <pb n="370" />
        360

scliwankende  ist,  indem  sich  ja  sein  Werth  vor  allem  auf  den
Edelmetallwerth  bezieht,  daher  an  die  Schwankungen  dieses
letzteren  a  priori  gebunden  ist,  dann  aber  unabhängig  von
diesen  noch  seine  eigenen  Schwankungen  durchmacht.  I)ei‘
hauptsächliche  Unterschied  aber,  derjenige,  auf  den  der  grösste
Nachdruck  zu  legen  ist,  wurde  darin  erkannt,  dass  die
Schwankungen  des  Ueldwerths  in  den  l’apierländern  unabhängig ­
  sind  von  den  für  die  Gesammtheit  der  anderen  Verkehrsgebiete ­
  massgebenden  Edelmetallschwankungen,  dass  daher
Preissteigerung  und  Preisermässigung  dort  ohne  Zusammenhang ­
  mit  den  Preisverhältnissen  aller  Nachbarländer  vor
sich  gehen.
Dasselbe  gilt  aber,  wenn  auch  nicht  im  gleichen  Masse,
auch  in  einem  Verkehrsgebiete,  dessen  Währungsmetall  ein
anderes  ist  als  das  jener  Nachbarländer,  mit  denen  es  Beziehungen ­
  unterhält.  Die  Schwankungen  des  (xeldwerths  verfolgen ­
  auch  hier  ihre  isolirten  Bahnen  ,  und  die  nämliche  Ursache ­
  muss  folgerichtig  dem  Wesen  nach  dieselben  Wirkungen
herbeiführen.
Wenn  beisj)ielsweise  Oesterreich  zur  Goldwährung  übergeht ­
  und  damit  das  nämliche  Währungsmetall  wie  die  westeuropäische ­
  Staatenfamilie  erlangt,  so  wird  jede  Werthverringerung ­
  des  Goldes  die  Preise  innerhalb  seiner  Grenzen
in  der  nämlichen  Weise  steigern,  jede  Werthsteigerung  des
Goldes  dieselben  in  der  nämlichen  Weise  ermässigen,  wie  im
westlichen  Europa.  Es  wird  also  dadurch  weder  seine  Concurrenzfähigkeit
  auf  den  tonangebenden  europäischen  ^Märkten,
noch  die  -Concurrenzfähigkeit  des  Auslandes  auf  seinen  eigenen
Märkten  eine  Aenderung  erfahren.  Wenn  dagegen  Oesterreich
auf  der  Silberwährung  beharrt,  so  muss  die  Werthveränderung
seines  eigenen  Zahlungsmittels  keineswegs  Hand  in  Hand
gehen  mit  einer  analogen  des  (xoldes.  Es  kann  also  geschehen,
dass  die  Preise  innerhalb  seiner  Grenzen  steigen  und  fallen,
während  die  ausländischen  Preise  unverändert  bleiben,  oder
es  können  sich  umgekehrt  diese  ausländischen  Preise  bei  unveränderten ­
  inländischen  Preisen  modiliciren.  Würden  nun  alle
Waarenpreise  und  zugleich  die  Löhne  jeder  Veränderung  des
(xeldwerths  augenblicklich  und  in  gleicher  Weise  folgen,  so
wäre  dies  ohne  Bedeutung  für  die  österreichische  Production
        <pb n="371" />
        361

und  Conaumtion.  Denn  man  würde  z.  B.  bei  einer  Werth  Verminderung ­
  des  Silbers  allerdings  mehr  Silbergulden  an  die
Erzeugung  einer  Waarc  wenden  müssen  und  das  Ausland  hätte
keine  Veranlassung,  mehr  (4old  für  diese  Waare  zu  bieten
als  zuvor;  aber  das  gleiehbleibende  (iuldquantum  würde  eine
entsprechend*  grössere  Menge  Silbers  rej»rasentiren,  und  der
Producent  hätte,  im  eigenen  Landesgelde  berechnet,  so  viel  erhalten ­
  als  zuvor,  seine  Concurrenzfahigkeit  wäre  im  Auslande
weder  geschwächt  noch  gesteigert.  .Und  ebenso  würde  der
Jmi»orteur  ausländischer  Waare  zwar  ein  vergrössertes  Silberquantum ­
  aut  den  inländischen  Märkten  erhalten,  aber  er  müsste
ein  ebenso  vergrössertes  Silberquantnm  zu  Beschaffung  der
(Toldzahlmittel  tür  seine  ausländischen  J^ieferanten  verwenden
und  auch  er  könnte  daher  nicht  mit  grösserem  (Gewinne  im  Auslande ­
  kaufen  als  zuvor.  Da  sich  aber  Productionskosten  und
Lebensmittel  preise  den  Schwankungen  der  Tauschkraft  des
Zahlmittels  lange  nicht  so  rasch  accommodiren  als  die  im  Welt--
  handel  bewegten  Waaren,  so  wird  sich  das  Verhältniss  wesentlich ­
  anders  gestalten.  Der  Producent  wird  noch  längere  Zeit
hindurch  zu  den  nämlichen  oder  doch  annähernd  zu  denselben
Preisen  erzeugen  können  wie  zuvor,  für  den  Golderlös  seiner
Waare  im  Auslande  aber  mehr  Silber  einhandeln  können,  daher
concnrrenzfähiger  geworden  sein.  Der  Importeur  dagegen  wird
*auf  den  inländischen  Märkten  zwar  um  etwas  mehr  Silber  erhalten ­
  als  zuvor,  aber  nicht  genug,  um  dafür  angesichts  der
gesunkenen  Silberpreise  das  nämliche  Goldquantnm  einzuhandeln; ­
  seine  importfähigkeit  wird  also  geschwächt  sein.  Dies
wird  so  lange  währen,  bis  nicht  allmälig  auch  die  Preise  im
kleinen  Verkehr  den  (irosshandelspreisen  nachgehinkt  kommen
und  sich  dadurch  das  Gleichgewicht  wieder  het-stellt.  Wenn
umgekehrt  die  Silberpreise  steigen,  wird  ganz  aus  dem  nämlichen ­
  Grunde  das  Entgegengesetzte  eintreten.  Nun  wird  der
Producent  annähernd  die  nämlichen  Erzeugnngskosten  haben,
tür  das  im  Auslande  erhältliche  Gohhpiantum  dagegen  einen
geringeren  Erlös  an  heimischen  Silbermünzen  Umtauschen
können  als  zuvor,  er  wird  sich  also  in  seiner  Conçurrenzfähigkeit
  geschädigt  sehen;  und  der  Importeur  wird  tÜr  den
Erlös  seiner  Waare,  wenn  sich  derselbe  auch  nominell  einigernassen
  verringert  haben  mag,  doch  einen  grösseren  Geldbetrag
        <pb n="372" />
        362  —

erhalten  und  dadurch  leichter  zu  importiren  vermögen,  als  vor
eingetretener  Veränderung.
Man  sieht,  es  ist  das  genau  das  Nämliche,  was  im  dritten
und  vierten  Capitel  als  Wirkung  der  Papiervaluta  nachgewiesen ­
  wurde.  Die  Production  wird  zu  übermässiger  Tliätigkeit
aufgestachelt  werden  bei  sinkenden,  sie  wird  unter  verhängnissvollen
  Rückschlägen  zu  leiden  haben  bei  steigenden  Silbeipreisen,
  und  da  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  —  gleichwie  dies
für  die  Vergangenheit  nachgewiesen  wurde  die  kleinen
Preise  den  nach  aufwärts  führenden  Wellenbewegungen  auch
in  Zukunft  viel  rascher  folgen  dürften  als  den  nach  abwärts ­
  führenden,  so  wird  der  schliessliche  Effect  genau  wie
bei  der  Papierwährung  eine  empfindliche  Schädigung  der  Production ­
  sein.  Dass  nichtsdestoweniger  die  Silberwährung
gerade  unter  Jenen,  welche  die  Production,  insbesondere  die
industrielle  Production,  mit  allen  ]\Iitteln  schützen  wollen,  so
lebhafte  Freunde  hat,  ist  auf  denselben  Grund  zurückzuführen,
der  auch  für  die  Begünstigung  der  Zettelwirthschaft  seitens
derselben  Kreise  massgebend  war.  Es  ist  die  nämliche  Kurzsichtigkeit, ­
  die  um  augenblicklicher  Vortheile  willen  die  Zukunft
preisgibt.  Da  in  den  letzten  .labren  der  Silberpreis  conthmirlich
  fiel,  so  war  in  der  That  die  Wirkung  für  die  österreichische
Production  genau  die  soeben  beschriebene,  günstige.  Den  lediglich ­
  aus  der  zeitweiligen  Bewegungsrichtung  des  Silber-Preises
  hervorgebenden  Effect  setzten  aber  die  Industriellen  obneweiters
  auf  Rechnung  der  Beweglichkeit  selbst.  Sie  glauben,
wie  sie  dies  so  lange  Zeit  bei  der  Papiervaluta  geglaubt  batten,
dass  es  das  Schwanken  des  inländischen  im  Verhältnisse  zu
dem  ausländischen  Geldwerthe  sei,  das  Vorhandensein  einer
sogenannten  Agioditferenz  zwischen  inländischer  und  ausländischer ­
  Valuta,  was  ihnen  Vortheil  bringe.  Und  ihre  unwissenden ­
  Wortführer  bestärkten  sie  in  diesem  Glauben.  Sie
werden  seinerzeit  mit  Erstaunen  inne  werden,  dass  die  bequemen
Consequenzen  des  Goldagios  ebenso  wie  die  des  Silberagios
aufhören  müssen,  sowie  dieses  Agio  aufhört,  sich  von  Woche
zu  Woche,  von  Monat  zu  Monat  zu  vergrössern,  und  es  wird
ihnen  endlich  auch  die  Erfahrung  nicht  erspart  bleiben  können,
dass  ihrer  Concurrenzfähigkeit  die  empfindlichsten  Wunden  geschlagen ­
  werden,  wenn  das  Goldagio  wieder  in  abwärts  gleitender
        <pb n="373" />
        363  —

Bewegimgist.  Gleichwie  für  sie  ein  durch  längere  Zeit  stationäres
Silberagio  von  50  Percent  keinen  anderen  Effect  hätte,  als
ob  ein  Silbergio  überhaupt  nicht  bestände,  so  kann  auch  die
höchste  Preisdifferenz  zwischen  Gold  und  Silber  diesbezüglich
keinen  direten  Xachtheil  oder  Vortheil  bringen,  wenn  sich
dieselbe  stationär  erhält.  Die  Schwankungen  aber  schaden  oder
nützen  ihnen,  je  nachdem  sie  nach  aufwärts  oder  abwärts
gehen,  und  wenn  sie  nach  Verlauf  eines  längeren  Zeitraumes
Bilanz  ziehen  würden,  so  müssten  sie,  gerade  so  wie  dies  mit
Pücksicht  auf  das  Zetteldisagio  erkannt  wurde,  finden,  dass
im  Grossen  und  Ganzen  ihre  Verluste  grösser  waren  als  die
Gewinne.
Diese  Verschiebungen  und  Schwankungen  in  den  Preisen
und  Productionsverhältnissen.  sind  aber  naturgemäss  auch  für
die  gesammte  Vermögensverthcilung  nicht  gleichgiltig.  Vor
Allem  ist  in  Betracht  zu  ziehen,  dass  in  einem  Lande,  dessen
Währungsmetall  das  nämliche  ist,  wie  das  der  Nachbarländer,
die  Kaufkraft  des  Geldes  lediglich  von  den  Schwankungen
dieses  einen  ]\lünzmetalls  abhängig  sein  wird,  während,  wenn
das  betreffende  Land  mit  seiner  Währung  isolirt  ist,  die  Kaufkraft ­
  des  Geldes  nicht  blos  von  dessen  eigenen  AVerthschwankungen,
  sondern  von  denen  auch  des  Münzmetalls  der  Nachbarländer ­
  beeinflusst  ist  und  dass  schliesslich  unter  Umständen
die  AWrthschwankungen  des  eigenen  Münzmetalls  durch  die
in  entgrgenprfsetzfer  Richtung  erfolgenden  Werthschwankungen
des  ausländischen  in  ihrer  V'irknng  verschärft  werden  können.
A\  er  auf  ein  üxes  Einkommen  gesetzt  ist,  wird  allerdings  aneh
im  ersteren  Falle  in  seiner  (Genussfähigkeit  geschädigt  oder
begünstigt,  je  nachdem  die  Kaufkraft  der  Münze,  in  der  er
sein  Finkommen  bezieht,  sich  vermindert  oder  steigert  ;  aber
was  mit  dem  anderen  Münzmetalle  vorgeht,  ist  ihm  ganz
gleichgiltig.  Er  wird  ferner  vorübergehende  Schwankungen
in  ihref*  Wirkung  kaum  vers])üren,  da  die  Lebensmittelpreise
diesen  Schwankungen  bekanntlich  nur  sehr  langsam  folgen  und
von  auswärts  her  sich  durchaus  nichts  fühlbar  macht,  was
diese  kleinen  I’reise  zwänge,  den  Edelmetallschwankungen
rascher  zu  folgen.  Und  wenn  es  übei'dies  ein  genügend  grosses
Verkehrsgebiet  ist,  dessen  (Geldverhältnisse  derart  auf  einheitlicher ­
  Basis  stehen,  so  werden  selbst  im  Grosshandel  die  mei-
        <pb n="374" />
        m

sten  Waarenpreise  nur  sehr  langsam  den  Edelmetallschwankungen ­
  folgen  ;  denn  da  die  Produetionskosten  vorerst  sieh  nicht
verändern,  so  kann  diese  Nachgiebigkeit  zunächst  blos  durch
den  Contact  mit  jenen  Verkehrsgebieten,  die  ein  anderes  Münzmetall ­
  besitzen,  oder  durch  den  Einfluss  der  Zinsfussverhältnisse
  auf  die  Productionsbedingungen  erzwungen  werden.  Je
grösser  nun  das  durch  die  IVIünzeinlieit  verbundene  Verkehrsgebiet ­
  ist,  einen  je  bedeutenderen  Th  eil  des  Gesammtumsatzes
dasselbe  in  seinem  eigenen  Innern,  einen  je  kleineren  es  mit
dem  münzverschiedenen  Auslande  unterhält,  desto  langsamer
werden  alle  Waarenpreise  und  Löhne  der  Werthveränderung
des  Münzmetalls  auf  dem  Edelmetallmarkte  folgen,  desto  minder ­
  empfindlich  wird  diese  Werthveränderung  und  die  in  ihrem
(befolge  gehende  Vermögens  Verschiebung  sein.  1st  dagegen
ein  Land  mit  seiner  Währung  von  den  Nachbarn  isolirt,  so
werden  alle  Preise  den  Veränderungen  des  Edelmetallwerthes
viel  rascher  folgen.  Es  ist  nicht  schwer  einzusehen,  dass  es
einen  grossen  Unterschied  macht,  ob  die  Preise  aller  westeuropäischen ­
  und  amerikanischen  Staaten  durch  die  Rückwirkung ­
  der  russischen  und  ostasiatischen  Preisverhältnisse  zum
Weichen  oder  Steigen  gebracht  werden  sollen,  oder  ob  etwa
die  österreichischen  Preise  durch  den  Druck  der  Preisverhältnisse ­
  in  allen  europäischen  Ländern  beeinflusst  werden  sollten.
Der  Werth  des  Goldes  kann  beträchtlich  sinken,  bevor  man
in  Europa  aus  diesem  Grunde  allein  genöthigt  wird,  beispielsweise ­
  die  Eisenpreise  zu  steigern.  Denn  die  Produetionskosten
für  Eisen  werden  sich  zuvörderst  in  ganz  England,  Frankreich,
Deutschland,  Belgien  und,  wenn  auch  Oesterreich  zur  Goldgemeinschaft ­
  gehört,  auch  in  Oesterreich  nicht  erhöhen,  und  die
in  Folge  der  relativen  Wertherhöhung  des  Silbers  gesteigerte
Aufnahmsfähigkeit  Russlands  und  Ostasiens  für  Eisen  wird
schwerlich  von  grossem  Fin  dusse  sein.  Wenn  dagegen  Oesterreich ­
  Silberwährung  besitzt  und  es  entwerfhet  sich  das  Silber,
so  werden  allerdings  die  Produetionskosten  des  österreichischen
Eisens  noch  geraume  Zeit  die  nämlichen  bleiben  ;  aber  nunmehr ­
  wird  offenbar  die  durch  das  relative  Steigen  des  Goldwerthes
  verminderte,  Concurrenzfähigkeit  und  gesteigerte  Aufnahmsfähigkeit ­
  der  Goldländer  für  österreichisches  Eisen  trotz
der  unveränderten  Produetionskosten  sehr  rasch  eine  Preis-
        <pb n="375" />
        ê

—  365  —

erliöLung  lierbeiführen.  In  älmliclier  Weise  werden  dnrcli  den
(xegensatz  zu  den  ausländischen  Productionsbedingungen  die
Preise  zahlreicher  anderer  wichtiger  Artikel  verändert  ;  dies
wird  dann  naturgemäss  zur  Folge  haben,  dass  auch  die  vom
Aussenhandel  direct  nicht  berührten  Preise  und  Dienstleistungen ­
  sich  verändern,  dass  also  die  Veränderung  der  Kaufkratt
des  Greldes  auf  stets  weiteren  (Gebieten  zum  Ausdrucke  gelangt. ­
  Dadurch  wird  selbstverständlich  jede  Schwankung  im
Geldwerthe  für  alle  Besitzverhältnisse  viel  empfindlicher,  die
Schwankungen  in  der  Lebensstellung  jedes  Einzelnen  werden
häufiger  und  zahlreicher,  als  ohne  diese  Isolirung  der  Währung ­
  der  Fall  gewesen  wäre.
Aber  selbst  die  Schwankungen  im  Werthe  jenes  Edelmetalls, ­
  welches  nicht  die  Währung  des  Landes  bildet,  können
nicht  verfehlen,  ihren  Einfluss,  allerdings  im  entgegengesetzten
Sinne,  auf  die  Vermögensverhältnisse  jedes  Landes  zu  üben,
wenn  in  den  wichtigeren  Nachbarstaaten  jenes  andere  Edelmetall ­
  die  Grundlage  der  Währung  ist.  Denn  wenn  sich  beispielsweise ­
  das  Gold  im  Werthe  ermässigt,  so  wird  die  Kaufkraft ­
  der  Geldzeichen  des  Silberlandes  im  Auslande  steigen,
die  Concurrenz  der  billig  hereinströmend^n  fremden  Erzeugnisse ­
  wird  die  eigenen  Preise  drücken,  und  der  Effect  wird
der  nämliche  sein,  als  ob  das  Silber  im  Preise  gestiegen  wäre,
selbst  wenn  eine  solche  Preissteigerung  absolut  gar  nicht  stattfindet, ­
  sondern  nur  im  Verhältnisse  zum  Go  Id  werthe  eingetreten ­
  ist.  Dadurch  kann  es  kommen,  dass  die  Störungen  in  den
Besitzverhältnissen  in  dem  Lande  mit  isolirter  Währung  nicht
blos  dann  heftiger  sind  als  im  Auslande,  wenn  das  eigene  Währungsmetall ­
  seinen  Werth  verändert,  sondern  sogar  dann,  wenn
das  ausländische  allein  seine  Kaufkraft  verändert.  Dies  wird
desto  deutlicher  hervortreten,  je  kleiner  das  isoliide  Verkehrsgebiet ­
  im  Verhältnisse  zu  jenen  Ländern  ist,  die  das  von  iíím
verschiedene  Währungsmetall  besitzen,  und  je  lebhafter  sich
der  Güteraustausch  mit  diesen  letzteren  gestaltet.  Denn  desto
mehr  wird  dann  die  beklagenswerthe  Erscheinung  zu  Tage
treten,  dass  der  eigentliche  Werthmesser  nicht  das  eigene,
sondern  das  fremde  Währungsmetall  ist  und  dass  daher  jede
Schwankung  in  der  Werth  relation  beider  Edelmetalle,  sie  mag
von  dem  einen  oder  vom  anderen  ausgegangen  sein,  in  Form
        <pb n="376" />
        einer  veränderten  Kanikralt  des  (Jeldes  iin  isolirten  Lande
liervortritt.  Desliall)  spriidit  man  ancli  nicht  ganz  mit  TInreclit
in  solchen  Ländern  von  einem  Agio  der  eigenen  Geldzeichen
gegen  die  ausländischen,  während  die  enropäischen  Goldländer
heute  weder  ein  Silber-  noch  ein  (toldagio  mehr  kennen,  sondern ­
  lediglich  einen  Silberp  reis.
Es  bedarf  nun  nach  dem  im  ersten  Buche  Gesagten  keiner ­
  Wiederholung  des  Nachweises,  dass  derartige  stete  Schwankungen ­
  in  der  Kaufkraft  jenes  (Feldes,  auf  das  alle  Besitz-,
Gontrae.t-  und  Geschäftsverhältnisse  begründet  sind,  von  überaus ­
  schädliehen  Folgen  auf  allen  wirthschaftlichen  Gebieten
begleitet  sein  müssen.  Lie  solide  Speculation  wird  gestört,  der
Spielgeist  genährt,  die  Bedürfnissspliäre  jedes  Einzelnen  ist
ungesunden  Ausdehnungen  und  Einschränkungen  unterworfen,
da  die  Folgen  sind  unter  Umständen  noch  verheerender,  als  die
(Konsequenzen  derselben  Erscbeinungen  in  Ba]nergeldländern,
da  eben  die  Schwankungen  zwischen  Gold  und  Silber  zeitweilig ­
  sogar  intensiver  sein  können  ,  als  zwischen  l^apiergeld
und  ^Metallgeld.
Lass  die  Wechselcourse  unter  der  KMünzverschiedenheit
leiden  müssen,  wurde  bereits  angedeutet.  Gleichwie  die  Papierwirthschaft
  dadurch,  dass  sie  das  Edelmetall  überhaupt  in
Folge  seiner  Lemonetisirung  im  eigenen  Lande  entwerthet  und
dadurch  den  Paristand  des  Wechselcourses  um  den  Betrag  der
Exportkosten  des  Edelmetalls  herabdrückt,  jedem  damit  behafteten ­
  Lande  ('oursverlnste  auferlegt:  so  gilt  das  Nändiche,
u.  z.  in  ganz  unvermindertem  Masse,  auch  für  ein  Land  mit
isolirter  MetalIwährnng.  Ist  cs  ein  Silberland,  das  sich  derart ­
  der  drückenden  Gonenrrenz  der  Goldländer  allein  gegenüber ­
  befindet,  so  wird  dieses  schon  ans  dem  Grunde  hei  seinem
Wechselverkehre  ohne  Ausnahme  die  Umweclrslungskosten  des
Edelmetalls  zu  tragen  haben,  da  es  im  internationalen  Verkehre ­
  das  Gold  ist,  welches  als  Zahlmittel  von  Land  zu  Land
benützt  wird.  Las  (bold  ist  aber  im  Silbeiiande  genau  wie
im  Papierlande  um  den  Betrag  der  Transport-  und  Prägekosten ­
  weniger  werth,  als  in  den  Goldwährnngsländern  ;  das
aber  will  besagen,  dass  schon  bei  paritätischer  Zahlungsbilanz
ein  Wechsel  auf  Berlin  über  1  Pf.  Gold  ausgestellt  theurer
        <pb n="377" />
        ijp.^

—  3*17  —  '-1
bezahlt  werden  muss,  als  ein  AVeehsel  auf  AVien  über  das-  1
selbe  Pfund  Grold.  Wird  die  Zahlungsbilanz  für  das  Silberland ­
  günstig,  so  wird  allerdings  von  dieser  zu  seinen  Ungunsten ­
  vorhandenen  Differenz  ein  mehr  oder  minder  grosser
Bruclitheil  verschwinden  ;  aber  der  Paricours  wird  für  dasselbe ­
  bereits  die  mathematische  Gewinnstgrenze  sein,  die  nur
unter  ganz  ausnahmsweisen  Verhältnissen  überschritten  werden
kann  ;  und  eine  wirklich  ungünstige  Zahlungsbilanz  wird  in
Form  eines  Zuschlages  zu  der  a  priori  vorhandenen  Coursdifferenz ­
  hervortreten.  Db  Silber  im  Verhältnisse  zum  Golde  steigt  j
(xler  fällt,  muss  dabei  ganz  gleichgiltig  sein.  Gleichwie  bei  |
Berechnung  der  Wechselcourse  in  Papier  vorerst  das  Noten-  ']
disagio  einzurechnen  ist,  so  wird  man  in  den  Ländern  mit
verschiedenen  Währungsmetallen  vorerst  beide  Wechselcourse
auf  die  l’reise  im  selben  Metalle  reduciren  müssen,  und  dann
immer  noch  finden,  dass  die  Silberwechsel  weniger  werth  sind  ’
als  die  Goldwechsel.
Dies  gilt  selbstverständlich  nur  fiir  die  i  s  o  1  i  r  t  e  n
Silberländer,  d.  h.  für  jene,  die  in  ihrem  Aussenhandel  von
Goldländern  abhängig  sind.  Die  AVechsel  der  ostasiatischen
Länder  sind  unter  ganz  anderen  Gesichtspunkten  zu  beurtheilen.
  Der  ungeheure  Ländercomplex  am  indischen  und  chinesischen ­
  Ocean  hat  zwar  mit  den  abendländischen  Staaten  sehr
umfangreiche  Verkehrsbeziehungen  ;  trotzdem  aber  verschwinden ­
  dieselben  angesichts  der  weitaus  bedeutenderen  Beziehungen, ­
  welche  diese  Länder  unter  einander  selbst  haben.  Sie
stehen  also  dem  Abendlande  gleichberechtigt  und  gleichkräftig
gegenüber,  ihre  Preisverhältnisse  werden  von  denen  des  Abendlandes ­
  nicht  stärker  beeinflusst,  als  die  abendländischen  von
den  ihrigen  ;  das  abendländische  Gold  ist  für  sie  ebensowenig
der  Werthmesser,  wie  ihr  Silber  der  Werthmesser  des  Abendlandes. ­
  Die  Verluste  aus  der  Währungsverschiedenheit  werden ­
  also  nicht  von  ihnen  allein  getragen,  sondern  zwischen
ihnen  und  ihren  abendländischen  Geschäftsfreunden  getheilt.
Aber  nichtsdestoweniger  und  trotzdem  die  Zahlungsbilanz
Ostasiens  fortwährend  eine  günstige  ist,  muss  man  es  als
wahrscheinlich  ansehen,  dass  der  grössere  Theil  der  durch  die
Alünzverschiedenheit  verursachten  Wechsel  Verluste  nicht  von
den  europäischen  Staaten,  sondern  von  Indien  und  (diina  ge-
        <pb n="378" />
        —  3fi«  —
tragen  wird.  Denn  diese  Frage  entscheidet  sich  nicht  darnach,  ol)
ein  Tvand  Edelmetalle  zn  empfangen  oder  zn  zahlen  hat,  sondern ­
  hauptsächlich  darnach,  oh  seine  Preise  mehr  von  denen
des  münzverschiedenen  Cîoncurrenten,  oder  umgekehrt  die  dieses
Concurrenten  mehr  von  den  seinigen  beeinflusst  werden.  Und  im
Verkehre  zwischen  dem  Ahendlande  und  (Jstasien  werden
höchst  wahrscheinlich  die  abendländischen  Preisverhältnisse
viel  massgebender  in  Ostasien  sein,  als  die  ostasiatischen  im
Abendlande,  u.  z.  aus  dem  (trunde,  weil  im  ungeheuren  abendländischen ­
  Verkehre  die  ostasiatisehe  Quote  mehr  verschwindet,
als  die  Quote  des  Abendlandes  im  ostasiatischen  Verkehre.
Auch  der  Einfluss  der  IVIünzVerschiedenheit  auf  den  Zinsfuss
  eines  Landes  bietet  viele  Analogien  mit  dem  Einflüsse
der  Papier  wir  thschaft.  Eine  derartige  Verschiedenheit  und
die  in  ihrem  Gefolge  gehenden  Schwankungen  stören  den  Zufluss ­
  fremder  Capitalien,  vertheuern  durch  Versicherungsprämien,
die  das  ausländische  Capital  fordert,  in  erster  Linie  diese  ausländischen ­
  und  damit  rückwirkend  auch  die  inländischen  ('apital
  ien.  Wahr  ist  allerdings,  dass  der  Zinsfuss  jedes  europäischen
Landes  m  i  n  d  er  stabi  1  wird,  sowie  dasselbe  zur  (ioldwährnng
übergeht.  Dies  folgt  vor  Allem  schon  aus  der  leichteren  Zugänglichkeit ­
  desselben  für  fremde  Capitalien  ,  dem  ebenso  ein
erleichterter  Abzug  dieser  selben  Capitalien  gegenüber  steht.
Es  muss  daher  ohneweiters  zugegeben  werden  ,  wie  schon  im
ersten  Buche  bei  Gegenüberstellung  der  Papierwährung  und  Metallwährung ­
  anerkannt  wurde,  dass  insbesondere  die  Zinsfusspolitik
  ^der  österreichischen  Nationalbank  weit  intensiveren
Veränderungen  ausgesetzt  sein  wird,  wenn  das  Land  zur  Goldwährung ­
  übergeht.  Auch  ist  es  richtig,  dass  derartige  Schwankungen ­
  häutig  mit  weitgehenden  Erschütterungen  für  den
Handelsverkehr  verbunden  sind.  Es  ist  dies  eine  nothwendige
Consecpienz  der  höheren  Verkehrsstufe  ,  welche  die  Goldwährung ­
  der  isolirten  Silberwährung  gegenüber  repräsentirt,  ja
es  gilt  dies  in  der  That  nur  insofern  und  bis  zu  jenem  Umfange ­
  ,  in  welcliem  durch  die  höhere  Währung  thatsächlich
eine  höhere  Verkehrsstufe  erreidit  wird.  iirde  durch  die
Goldwährung  in  (.lesterreich  die  Creditwirthschaft  nicht  entwickelt ­
  ,  der  internationale  Handel  nicht  erleichtert,  die  Production ­
  nicht  befördert,  so  eiitflelen  auch  damit  jene  Ursachen,
        <pb n="379" />
        —  8()9  —
(lip  (len  Zinsfuss  sclnvankpTidpr  machen  könnt(^n.  Kämen
fremde  Capitalien  nicht  leichter  und  reichlicher  herein,  so
könnten  sie  nnmöglich  zu  Zeiten  leichter  und  reichlicher  abströmen ­
  ;  würden  die  internationalen  Handelsbeziehungen  nicht
erweitert,  so  könnten  fremde  Handelskrisen  keinen  vehementeren ­
  Rückschlag  ausüben  als  zuvor,  und  würde  die  Production
dui’ch  den  gesteigerten  fremdländischen  Absatz  nicht  gehoben,
so  konnte  eine  Stockung  im  fremden  Absätze  nicht  gefährlicher
werden  als  hei  der  Silberwährung.  Die  Behauptung,  dass
ein  bestimmtes  Land  derartigen  Erschütterungen  noch  nicht
gewachsen  ,  dass  es  ans  diesem  (H  unde  für  die  GroldWährung
noch  nicht  reif  sei,  krankt  daher  an  einem  inneren  Widers])ruche.
  Ein  Verkehrsgebiet  kann  allerdings  unreif  sein  für
die  (-roldwährung,  aber  nur  ans  inneren  Gründen,  wenn  nämlich
dieses  Tauschmittel  noch  zu  kostbar  zur  Vermittlung  seiner
kleineren  Transactionen  ist.  Aber  selbst  einem  solchen  Lande
könnte  die  Goldwährung  in  internationaler  Beziehung  nur
Nutzen,  aher  keinen  Schaden  bringen.  Der  Nutzen  wäre  dann
eben  wegen  des  geringen  Verkehrs  mit  dem  Auslande  verhältnissmässig
  gering,  aber  ebenso  gering  müssten  die  Erschütterungen ­
  des  (/reditsystems  in  Folge  der  Goldwährung  bleiben.
Diejenigen,  die  das  Gegentheil  glauben,  gehen  von  der
Ansicht  ans,  dass  internationale  Schulden  gekündigt  werden
können  gleich  einer  auf  kurze  Sicht  ausgestellten  Anweisung,
dass  demnach  die  international  verschuldeten  Länder  der  Gefahr ­
  einer  plötzlichen  Zurückziehung  der  vom  Auslande  bei
ihnen  investirten  (Kapitalien  ansgesetzt  seien  und  dass  diese  Gefahr
desto  drohender  werde,  je  bequemer  den  fremden  (Kapitalien ­
  durch  eine  Verbesserung  der  heimischen  Geldverhältnisse
diese  Zurückziehung  gemacht  wird.  Man  hört  sehr  häufig  die
Behauptung,  dass  England,  dem  die  übrige  Welt  viele  Milliarden ­
  schuldig  geworden  sei,  für  den  Fall,  als  sich  dort
eine  Beengung  des  Geldstandes  zeigen  sollte,  mit  leichter
Mühe  durch  Zurückziehung  auch  nur  eines  geringen  Bnichtheiles
  seiner  im  Auslande  placirten  Gelder  für  das  Fehlende
Ersatz  schaffen  könne  ,  während  die  verschuldeten  Länder  in
diesem  Falle  wehrlos  dieser  Kündigung  gegenüberstünden,  ja
der.  Gefahr  ausgesetzt  wären  ,  dass  ihnen  auf  diesem  Wege
ihre  gesammten  Baarmittel  eines  schönen  Tages  entzogen
Dr.  Til.  Hertzka,  Währung  nnd  Handel.  94
        <pb n="380" />
        370

würden.  England  aber,  so  wird  weiter  argumentirt,  würde
sich,  wenn  es  Geld  braucht,  nicht  an  jene  seiner  Schuldner
wenden,  die  zur  Zahlung  in  Silber  verpflichtet  sind,  da  ilini
ja  mit  dem  Silber,  das  in  England  blos  Waare  ist,  nicht  gedient
wäre,  sondern  an  die  zur  Zahlung  in  Gold  verpflichteten,  also
an  die  Goldwährungsländer.  Dasselbe  gälte  natürlich  auch
für  Eranhreich,  Deutschland  und  Holland.  Diese  Handel
hätten  von  Gesterreich  einige  Milliarden  zu  fordern;  was  wäre
natürlicher,  als  dass  sie,  wenn  sie  sich  einmal  in  Geldverlegenheiten ­
  befänden,  einen  Bruchtheil  dieser  Milliarden  plötzlich
kündigten,  wodann  die  österreichische  Nationalbank,  ehe  sie
sich  nur  recht  besinnen  könnte  ,  ihren  ganzen  Metällschatz  in
Berlin,  Amsterdam,  Baris  und  London  sehen  würde.
31  an  sollte  zwar  meinen,  dass  Jahrhunderte  lange  Erfah-’
  rungen  die  Grundlosigkeit  derartiger  Besorgnisse  ,  ja  die  nnfreiwillige
  Komik,  die  in  denselben  steckt,  genügend  dargelegt
haben  dürften.  England  hatte  doch  auch  schon  bisher  Forderungen ­
  von  ziemlich  grossem  Umfange  an  einzelne  Goldwährungsländer ­
  —  wir  verweisen  nur  auf  Bortugal;  warum  hat
sich  nun  die  englische  Bank  selbst  in  Zeiten  der  höchsten
Noth  ,  wenn  ihr  Zinsfuss  auf  10  Bercent  gesteigert  werden
musste,  Baarmittel  niemals  aus  Lissabon,  sondern  in  der  Regel
ans  Baris,  Amsterdam  oder  Berlin  zu  verschaffen  gewusst,
aus  Ländern  also,  die  England  keinen  Heller  schuldig  sind,
überdies  regelmässig  in  Silber  zahlten  V  \\&amp;gt;r  die  Augen  nicht
absichtlich  verschliesst,  wer  sich  nicht  selber  durchaus
„Gruseln“  machen  will,  dem  kann  es  nicht  schwer  fallen,  den
Grund  zu  erkennen.  Das,  was  man  gemeinhin  internationale
Schulden  nennt,  kann  man  eben  nicht  kündigen,  soiidein
nur  verkaufen.  Man  kann  also  einem  international  verschuldeten ­
  Lande  nicht  durch  den  Gerichtsexecutor  Geld  entziehen, ­
  sondern  ihm  höchstens  seine  eigenen  Schuldverschreibungen ­
  zum  Kaufe  anbieten;  und  man  kann  es  in  einem  sidchen
Falle  um  so  schwerer  dahin  bringen,  ein  derartiges  Kaufanbot
zu  acceptiren  ,  je  mehr  seine  internationale  Verschuldung  wirklich ­
  gleichbedeutend  ist  mit  internationaler  Armiith,  je  geringer
also  seine  Kaufkraft  ist.  Und  gesetzt  den  Fall,  dass  derartige ­
  Kaufanbote  willige  Käufer  in  dem  verschuldeten  Lande
fänden,  so  würden  diese  fürs  Erste  den  Verkäufern  noch
        <pb n="381" />
        371

24*

laiige  niolit  Clold,  sondern  dreimonatliche  Wechsel  schicken,  mit
denen  den  Engländern,  die  Gold,  u.  z.  augenblicklich  Gold
brauchen,  Gold,  welches  nicht  in  Wien  bereit  gehalten  wird,
um  später  bei  Begleichung  des  Passivsaldos  der  Zahlungsbilanz
remittirt  zu  werden,  sondern  Gold,  welches  nach  einigen  Tagen
in  den  Kellern  der  englischen  Bank  liegen  soll,  sehr  wenig
gedient  wäre.  Ferner  aber  besteht  zwischen  dem  momentanen
Bedürfnisse  eines  Landes  nach  Baarmitteln  und  zwischen  seiner
Geneigtbeit,  Schuldtitres  zu  verkaufen,  mit  nickten  jener  innige
Zusammenhang,  der  die  noth  wendige  Voraussetzung  derartiger
Verkaufsaufträge  für  fremde  Titres  wäre.  Wenn  die  Bankrate
in  London  von  2  auf  10  Percent  steigt,  brauchen  deshalb
weder  die  Consols  noch  die  fremden  Papiere  an  der  Londoner
Börse  auch  nur  um  den  hundertsten  Theil  einer  dem  entsprechenden ­
  Courseinbusse  zu  fallen  ;  und  wollte  der  englische
Rentner  seine  österreichischen  Papiere  nach  AVien  senden,  so
würde  er  schon  an  Commissionsgebühr  voraussichtlich  viel
mehr  verlieren  als  er  selbst  bei  längerer  Dauer  eines  so  hohen
Zinsfusses  auf  dem  Wechselmarkte  an  Zinsen  zu  gewinnen  Aussicht ­
  hätte.  Die  Wirkung  der  Zinsfusserhöhung  auf  die  internationalen ­
  Schuldverhältnisse  wird  sich  also  darauf  beschränken ­
  ,  dass  der  englische  Capitalist  zeitweilig  keine  neuen
fremden  Werthpapiere  kaufen  dürfte  ;  sonst  haben  die  Edelmetallfluctuationen
  der  grossen  Banken  und  ihre  Zinsfusspolitik
mit  den  dauernden  internationalen  Schuldverhältnissen  nichts
gemein.  Wohl  aber  äussern  diese  Fluctuationen  eine  Wirkung ­
  auf  den  internationalen  Wechselverkehr,  und  dies
ist  es  auch,  was  dazu  benützt  wird,  um  im  Falle  des
Bedarfes  Gold  von  Land  zu  Land  zu  befördern.  Wenn  die
englische  Bank  durch  ihre  Zinsfusserhöhung  Gold  herbeiziehen
will,  so  fällt  es  ihr  dabei  auch  nicht  im  Traume  ein,  zu  hoffen,
dass  diese  ihre  Massregel  fremde  in  England  placirte  Werthpapiere ­
  an  fremde  Börsen  bringen  werde  ;  sie  rechnet  vielmehr
darauf,  dass  der  hohe  Zinsfuss  einerseits  den  englischen  Ban-(juier
  abhalten  wird,  fremde  Wechsel  zu  escomptiren,  andererseits ­
  darauf,  dass  die  fremden  Banquiers  sich  veranlasst  sehen
werden,  englische  Wechsel  zu  escomptiren.  Beides  geschieht
nun  in  der  That  und  hat  überall  dort,  wo  englische  Wechsel
gekauft  oder  einheimische  Wechsel  von  englischen  Banquiers
        <pb n="382" />
        zurückgewiesen  werden,  die  noth  wendige  Consequenz,  dass  der
Zinsfuss  .steigt.  Aber  es  ist  klar  ,  dass  dieser  Einfluss  nicht
dort  am  fühlbarsten  sein  wird,  wo  man  aus  einem  anderen
Titel  an  England  am  meisten  schuldig  ist,  sondern  vielmehr
dort,  wo  in  der  Regel  am  meisten  eigene  echsel  nach  England ­
  gesendet  werden  und  wo  englische  A\  echsel  am  leichtesten ­
  unterzubringen  sind.  Beides  hängt  ganz  allein  und
ausschliesslich  von  der  Lebhaftigkeit  des  Verkehrs,  nicht
aber  von  irgend  einer  Art  Verschuldung  ab.  V  ohl  kommt
Wechselreiterei  auch  im  internationalen  Verkehre  zu  Zwecken
der  (Teldbeschaffnng  vor  ;  aber  sie  bildet  glücklicherweise
überall  nur  eine  Ausnahme  und  im  grossen  Ganzen  hat
kein  Land  mehr  Wechsel  im  Auslande,  als  es  von  dort
Güter  gekauft,  und  nicht  mehr  aüsländische  Wechsel,  als  es
Güter  an’s  Ausland  verkauft  hat.  Die  Goldwährung  hat
hier  allerdings  den  Effect,  dass  sie  erstens  die  Handelsbeziehungen ­
  des  Landes,  welches  dieselbe  angenommen,  vermehrt
nnd  folglich  auch  den  jederzeit  schwimmenden  Wechselvorrath
desselben  vergrössert,  sodann  aber  den  weiteren,  dass  man
fremde  Wechsel  mit  geringerem  Verluste  kaufen  kann  ,  und
dass  folglich  die  einheimischen  Ban(|uiers  im  Falle  eines  plötzlichen ­
  Geldbedarfes  in  einem  beliebigen  Goldwährungslande
leichter  mit  den  Banquiers  aller  anderen  Goldwährungsländer
bei  Erwerbung  der  Wechsel  des  goldhedürftigen  Landes  concurriren
  können.
Es  wird  nunmehr  auch  klar  sein,  warum  die  Zinsfnssschwankungen
  regelmässig  in  jenem  Lande  die  grössten  sind,  dessen
Reichthum  der  grösste,  dessen  Aussenhandel  der  lebhafteste
ist.  Dieses  ist  nämlich  am  ehesten  in  der  Lage,  zur  Deckung
des  Geldbedarfes  überall  in  der  Welt  beizutragen  ;  es  wird
an  Geldüberfluss  leiden  ,  wenn  ein  derartiger  Bedarf  zufällig
nirgend  existirt,  und  es  wird  augenblicklich  den  Einfluss  verspüren, ­
  sowie  ein  derartiger  Bedarf  itn  entlegensten  Winkel
des  Erdballs  anftritt.  Oesterreich  wird  daher  auch  mit  der
Goldwährung  bezüglich  der  Schwankungen  seines  Zinsfusses
nnd  der  Abhängigkeit  desselben  von  den  Schwankungen  in
anderen  Ländern,  weit  hinter  den  westlichen  Staaten  zurückstehen ­
  ;  aber  es  wird  allerdings  —  gerade  weil  die  Goldwährung ­
  seinen  Reichthum  und  seinen  Verkehr  heben  muss
        <pb n="383" />
        373

mehr  und  intensivere  Schwankungen  erleiden  ,  als  bei  der  Silberwährung ­
  der  Fall  wäre.
Dass  Capitalreichthum  und  Intensität  der  Zinsfussschwankungen
  eines  Landes  im  geraden  Verhältnisse  stehen
müssen,  geht  aus  Folgenden  hervor:  Mit  der  Steigerung  des
Keichthums  ist  beinahe  immer  noth  wendigerweise  eine  höhere
Ausbildung  des  Creditsystems  verbunden;  der  Vorrath  an
effectiven  haaren  Circulationsmitteln  ist  also  im  Verhältnisse
zum  vorhandenen  Capitale  in  den  reichen  Ländern  kleiner  als
in  den  ärmeren.  Im  inländischen  Verkehre  des  capitalreichen
lisndes  wird  dem  entsprechend  auch  jede  Steigerung  der
Umsätze  verhältnissmässig  geringeren  Zuwachs  an  Circulationsmitteln ­
  erfordern  als  im  ärmeren  Lande  und  daher  die
grössere  Steigerungsfähigkeit  dieses  Verkehrs  selbst  das  Circulationsmittelbedürfniss
  doch  nicht  stärker  berühren  als  hier  ;
vermöge  seiner  grösseren  Capitalskraft  aber  wird  das  reiche
Land  viel  leichter  in  die  Lage  kommen  als  das  arme,  durch
fremde  Ca¡)italbedürfnisse  in  Contribution  gesetzt  zu  werden,
und  diese  fremden  Bedürfnisse  müssen  zum  grösseren  Theile
durch  Raargeld  gedeckt  werden;  es  kann  daher  eine  Inanspruchnahme'des ­
  Credits,  die  in  Hinsicht  auf  die  Capitalskraft
des  reichen  Landes  kaum  in  Betracht  kommt,  doch  sehr  fühlbare ­
  Lücken  in  dessen  Circulationsmitlelstand  reissen.  Es  lässt
sich  dies  leicht  an  einem  Beispiele  ziffermässig  veranschaulichen. ­
  Nehmen  wir  an  ,  der  Capitalsreichthum  Fnglands  beirüge ­
  10  Milliarden  Pfund,  ebensoviel  sein  durchschnittlicher
jährlicher  Verkehr  und  1(50  Millionen  Pfund  oder  1'5  Uercent
  des  Verkehrs  sein  durchschnittlicher  (ürculationsmittelvorrath,
  V  enn  nun  mit  Hilfe  des  Capitals  der  einheimische
Verkehr  auch  um  10  Millionen  Pfund  gesteigert  wird,  so
würde  sich  damit  ceteris  paribus  kraft  der  hohen  Entwicklung
des  englischen  (heditsystems  der  Circulationsmittelbedarf  blos
um  O  l  (5  ^lillionen  Pfund  steigern.  Wenn  aber  diese  nämlichen
10  Millionen  englisches  Capital  beispielsweise  dem  portugiesischen
Verkehre  zugewiesen  werden,  so  wird  dies  kraft  der  dortigen
Credit-  und  Circulations  Verhältnisse  eine  Vermehrung  des
Baarvorrathes  in  Portugal  voraussetzen,  die  vielleicht  10  Percent ­
  der  Verkehrssteigerung  gleich  ist.  England  wird  also  bei
den  10  Millionen  Capital,  die  es  an  Portugal  abgibt,  1  Million
        <pb n="384" />
        —  874
Circulationamittei  abgeben  niüsaen.  iJie  Capitalsanswanderung
  wird  jetzt  bloa  1  pro  Mille,  die  (-leldauswanderung
b  pro  Mille  des  englisclieii  Vorratha  betragen,  es  wird  also  eine
Lücke  im  englischen  Circulationsmittelvorrath  entstehen.  Und
da  es  ganz  kolossale  Capitalssumnien  sind,  die  in  Ungland  jederzeit ­
  zur  Verwendung  im  Auslande  verfügbar  sind,  so  werden
auf  diese  Weise  sehr  häutig  gewaltige  Ijiicken  in  den  Haarmittelstand ­
  des  Landes  gerissen.  Wenn  dagegen  umgekehrt
Capitalsrückzahlungen  vom  Auslande  erfolgen,  so  vermehren  diese
den  Baarvorrath  Kiiglands  jedenfalls  in  höherem  Masse,  als
nach  englischen  Credit-  und  Circulationsverhältnissen  der  Vermehrung ­
  des  Capitals  entsprechen  würde.  Und  da  auf  diese
Weise  England  als  MitteJpunkt  des  Capital  ma  rktes  der  Welt
einem  steten  Zu-  und  Abströmen  geliehener  und  rückgezahlter
Capitalien  ausgesetzt  ist,  die  Haarmittelbezüge  und  Haarmittelsendungen ­
  sich  aber  niemals  in  entsprechendem  Verhältnisse
zur  Capitalsbewegung  betinden,  so  ist  in  Lombardstreet  die
Zinsfussschraube  in  steter  Bewegung.  Darin  und  nicht  in  der
fehlerhaften  Organisation  der  Peel’schen  Bankacte  ist  die
hauptsächliche  Ursache  der  ungeheueren  und  unvermittelten
Sprünge  des  Discontsatzes  der  englischen  Bank  zu  suchen,  da
es  kann  füglich  behauptet  werden,  dass  diese  Sprünge  nicht
wesentlich  geringer  wären,  wenn  es  in  England  blos  vollbedeckte
  Noten  oder,  was  auf  dasselbe  hinauskommt,  blos  Cold
gäbe.  So  lange  man  es  nicht  ändern  kann  —  und  das  wird
man  niemals  —  dass  jeder  englische  Capitalist  für  seine  disponiblen ­
  Mittel  dort  Verwendung  sucht,  wo  ihm  eben  die  beste
und  verhältnissmässig  sicherste  Anlage  geboten  wird,  dass
er  ferner  bei  derartiger  Verwendung  einen  grösseren  Theil
seines  Capitalbesitzes  in  Form  von  Umlaufsmitteln  auswandern
lässt,  als  seiner  Quote  an  Landescirculationsmitteln  nach  englischen ­
  Verhältnissen  entsprechen  würde;  so  lange  wird  man
es  nicht  vermeiden,  dass  die  internationalen  Beziehungen
des  Insellandes  dessen  Ooldvorräthe  fortwährend  in  der
empfindlichsten  Weise  alteriren.  Allerdings  hat  der  Umstand,
dass  nach  englischen  Verhältnissen  einer  gegebenen  Capitalsmenge
  ein  geringerer  Baarmittelvorrath  entspricht,  als  in  den
anderen  Ländern,  zugleich  die  Folge,  dass  die  englischen  Capitalisten
  stetig  die  Tendenz  verfolgen  müssen,  bei  den  Capital-
        <pb n="385" />
        375

Sendungen  an  ihre  fremdländische  ('lientel  sowohl  als  in
den  Capitalsbezügen  von  derselben  weniger  Baarmittel  zu  senden ­
  und  entgegenzunelimen,  als  diese  von  Fall  zu  Fall  beanspruchen ­
  und  abgeben  wollen.  Dass  dies  geschieht,  kann  umsoweniger ­
  bezweifelt  werden,  da  ja,  wie  soeben  nachgewiesen
wurde,  umfangreiche  Capitalsendungen  aus  England  dort  den
Circulationsmittelvorrath  beengen  und  folglich  den  Zinsfuss  für
(ield  steigern,  also  das  Gold  gesuchter  machen  und  den  Capitalexport
  in  anderer  Form  vortheilhaft  erscheinen  lassen  ;  während
ein  umfangreiches  Zurückströmen  von  Capital  kraft  derselben
Ursachen  das  Gold  abundant  macht  und  folglich  die  Empfangnahme ­
  des  Capitals  in  anderer  als  Goldform  wünschen  lässt.
Die  Baarmittelsendungen  und  Empfänge  werden  sich  also  in
der  Kegel  weder  genau  den  englischen,  noch  genau  den  Verhältnissen ­
  jenes  Landes  anpassen,  welches  von  England  Capital
nimmt  oder  dahin  sendet,  sondern  sich  in  der  Mitte  zwischen
beiden  befinden.  Aber  die  Störungen  werden  trotzdem  immer
empfindlicher  für  die  englische  als  für  die  fremdländische  Circulation ­
  sein,  denn  wenn  England  eine  Million  zu  viel  an  Circulationsmitteln
  entnommen,  gleichzeitig  aber  dem  Auslande
immer  noch  eine  Million  zu  wenig  an  Circulationsmitteln  zugeführt ­
  worden  ist,  so  wird  dadurch  in  England  ein  Verkehr
von  1(K)  Millionen,  im  Auslande  dagegen  blos  ein  solcher  von
10  Millmnen  der  Circulationsmittel  entbehren.  Dies  ist  die
Ursache,  warum  in  Zeiten  allgemein  steigenden  Unternehmungsgeistes ­
  der  Bankzinsfuss  in  England  verhältnissmässig  stärker
steigt,  in  Zeiten  abnehmenden  Unternehmungsgeistes  verhältnissmässig ­
  tiefer  sinkt  als  sonst  woauf  dem  Continente,  ohne
dass  der  landesübliche  Zinsfuss  für  anderweitige  Capitalien
dieser  Bewegung  hier  und  dort  zu  folgen  brauchte.
Und  diese  Empfindlichkeit  des  Geldmarktes  gegen  die
Ca  pitaIsver  Wendung  nimmt  naturgemäss  im  selben  Masse  ab,
wie  der  Capitalsreiehthum  und  die  Creditentwicklung  ;  sie
nimmt  ab  mit  der  Leichtigkeit,  an  den  Capitals-  undCirculationsmittelströmungen
  der  reicheren  Länder  zu  participiren.  Deshalb
aber  die  Goldwährung  zu  perhorresciren,  wäre  ziemlich  gleichbedeutend ­
  mit  der  Furcht  vor  kräftiger  Nahrung,  weil  diese  zugleich ­
  die  Begierden  und  Leidenschaften  steigert.  Der  Schaden,
den  die  im  Gefolge  der  Goldwährung  einhergehenden  grösseren
        <pb n="386" />
        Erschütterungen  im  Creditwesen  verursachen,  kann  niemals
grösser  sein  als  der  Nutzen  aus  der  Erleichterung  des  Verkehrs ­
  durch  die  Goldwährung;  denn  jene  Erschütterungen  sind
erst  möglich,  wenn  diese  Erleichterung  ihre  volle  Wirkung
äussert.  Sie  sind  gleichsam  die  Symptome,  an  denen  man  die
gesteigerte  und  daher  heftiger  schäumende  Kraft  des  Wirthschaftslebens
  erkennt.  Wie  überall,  so  ist  auch  hier  Leben
und  Gesundheit  gleichbedeutend  mit  Bewegung,  Iluhc  und  Stillstand ­
  gleichbedeutend  mit  Verfall.
Da  in  solcher  Weise  eine  isolirte  Währung  auf  allen
Gebieten  der  Volkswirthschaft  von  den  nachtheiligsten  Folgen
begleitet  ist,  so  sollte  a  priori  schon  einleuchtend  erscheinen,
dass  auch  der  Einfluss  derselben  auf  die  Staatsflnanzen  durchaus ­
  schädlich  sein  muss.  Doch  da  gerade  im  Währungsstreite
aus  den  richtigsten  Prämissen  häufig  die  irrigsten  Schlüsse
gezogen  werden  und  grösste  Klarheit  nach  jeder  Richtung
noth  tliiit,  so  wird  es  gut  sein,  wenn  man  auch  die  Rückwirkung
des  Währungssystems  auf  die  Ordnung  im  Staatshaushalte  ganz
speciell  untersucht.
Hier  gilt  nun  zuvörderst  im  grossen  Ganzen  wieder  das
Nämliche,  was  im  ersten  Buche  als  finanzielles  Ergebniss  der
schwankenden  Papiervaluta  gefunden  wurde.  Unter  den  Privateinkommen ­
  bestehen  mannigfaltige  Abstufungen  hinsichtlich  der
mehr  oder  minder  grossen  Schnelligkeit,  mit  der  sieh  diese
Einkommen  den  Schwankungen  des  Geld  wert  hs  acconiniodiren
Wälu'end  gewisse  Producenten  bei  einem  Sinken  des  (Kddwerths
  ihr  frei  verfügbares  Einkommen  nicht  blos  relativ,
sondern  sogar  absolut  gesteigert  sehen  werden,  wird  bei  anderen
die  nominelle  Steigerung  des  Einkommens  blos  mit  dem  Sinken
der  Kaufkraft  des  Geldes  Schritt  halfen  ,  wieder  bei  anderen
wird  sie  mehr  minder  hinter  der  Geldentwerthung  Zurückbleiben. ­
  Die  auf  fixe  Besoldung  Gesetzten  werden  lange  Zeit
trotz  der  verminderten  Kaufkraft  des  Geldes  doch  nojiiinell
nur  denselben  Geldbetrag  empfangen  ;  bei  diesen  kann  sich  die
Ausgleichung  nur  sehr  allmälig  vollziehen  und  zwar  lediglich
dadurch,  dass  der  Druck  aut  die  Lebensstellung  der  derart
Betroffenen  zahlreiche  Personen  davon  abhalten  muss,  einen
ähnlichen  Beruf  zu  ergreifen,  dass  sich  dem  entsprechend  auf
den  betreffenden  Gebieten  das  Angebot  an  Arbeitskraft  ver-
        <pb n="387" />
        H77

riiigert  und  dadurch  die  Arbeitgeber  genöthigt  werden,  die
Uelialte  zu  erhöhen.  Der  Staat  aber  gehört,  wie  im  1.  Buche
bereits  hervorgelioben  wurde,  gleiclisam  zu  den  tix  Besoldeten  ;
die  meisten  Steuern  liefern,  solange  der  Steuersatz  nicht
erhöht  wird,  nur  unwesentlich  höhere  Tlrträge,  auch  wenn  das
steuerpflichtige  Crut  noch  so  sehr  im  Preise  steigt.  Der  Steuersatz ­
  aber  kann  im  Falle  der  (xeldentwerthung  nur  schwer  und
allmälig  erhöht  werden,  zunächst  schon  aus  dem  1%runde,  weil  eine
grosse  Classe  von  Steuerträgern  das  Schicksal  des  Staates
theilt,  nämlich  trotz  der  allgemeinen  Preiserhöhung  unfähig
ist,  auch  nur  nominell  höhere  Lasten  zu  tragen.  Zudem  ist
jede  Verschiebung  der  Vermögens-  und  Einkommensverhä  11-nisse
  im  Volke  den  Staatsfinanzen  schädlich,  denn  die  verminderte ­
  Leistungsfähigheit  der  Benachtheiligten  wird  sich
augenblicklich  fühlbar  machen,  die  erhöhte  Leistungsfähigkeit ­
  der  Begünstigten  dagegen  kann  nur  selten  rasch  genug
ausgebeutet  werden.  Aus  demselben  Grunde  werden  auch  ganz
im  Allgemeinen  für  den  Staat  die  Folgen  einer  Geldentwerthung
weit  rascher  fühlbar  sein  als  die  einer  Geldvertheuerung.
Die  Staatsausgaben  dagegen  richten  sich  beinahe  sämmtlich
  nach  den  auf  dem  Weltmärkte  herrschenden  Preisen,  und
zwar  geschieht  dies,  wie  im  IX.  Capitel  des  I.  Buches  nachgewiesen ­
  wurde,  mehr  oder  minder  rasch,  je  nachdem  es  sich
um  die  Zinsen  im  Auslande  untergebrachter  Anlehen,  um  Waareneiiikäufe
  am  offenen  Markte  oder  um  Gehalte  handelt.  Der
Staat  mit  isolirter  Silberwährung  wird  also  bei  einem  Fallen
des  Silberpreises,  oder  was  für  ihn  auf  dasselbe  hinausläuft,
bei  einem  Steigen  des  Goldpreises,  im  grossen  (Tanzen  nominell
dieselben  Einnahmen,  aber  gesteigerte  Ausgaben,  bei  einem
Steigen  des  Silberpreises  oder  Fallen  des  Goldpreises  annäherml
dieselben  Einnahmen,  aber  verminderte  Ausgaben  haben  ;  er
wird  im  ersteren  Falle  Deficite,  im  zweiten  Falle  Ueberschüsse
in  seinem  Haushalte  entstehen  sehen,  die  nicht  vorhanden
wären,  wenn  sein  Währnngsmetall  das  der  Nachbarstaaten
wäre.  Aber  während  sich  Verlust  und  Gewinn  bei  den
Ausgaben  in  beiden  Fällen  so  ziemlich  die  Wage  halten,
wird  bei  den  Einnahmen  der  Gewinn  aus  einer  Steigerung
des  (xeldwerths  dem  Verluste  bei  der  (xeldentwerthung  niemals
gleichkommen,  es  wird  sich  auf  die  Dauer  immer  ein  lieber-
        <pb n="388" />
        B

—  378  —

.schuss  an  Vei’lusf  ergehen.  Verderblielier  noch  als  diese  eftectiven
  A'^erJuste  wird  aber  für  den  Staatshaushalt,  jedenfalls  die
stetige  Ungewissheit  über  die  zukünftige  (festaitung  desselben
sein.  Von  den  Zufälligkeiten  des  A'^erhäUnisses  von  Angebot
und  Nachfrage  für  Udelinetallç  auf  dem  A\'^eltmarkte  wird  die
jeweilige  Finanzlage  eines  solchen  Staates  abhängen,  und  dies
kann  unmöglich  der  guten  Wirtbschaft  förderlich  sein.
Die  hauptsächlicben  Verluste  für  die  Staatsünanzen  aus
der  unrichtigen  Wahl  des  AVährungsmetalls  werden  sich  aber
in  Folge  (1er  Schädigung  der  volkswirthscliaftliclien  Interessen
ergeben.  Die  Behinderung  des  Handels,  die  Verluste  aus  den
AVechselcoursen  ,  die  Frschütterung  der  Production,  die  Frschwerung
  der  an's  Ausland  zu  zahlenden  Zinsenlast,  all’  dieses
muss  sich  nothwendigerweise  auch  an  den  Staatscassen  fühlbar
machen;  denn  ein  Volk,  dessen  Arbeitskraft  durch  ein  schlecht
gewähltes  AAnkehrsinstrument  gelähmt  ist,  wii’d  auch  zu  Staatszwecken ­
  weniger  beizustenern  in  der  Lage  sein,  als  ein  solches,
das  sich  irn  Besitze  des  passtmdsten,  besten  Circulationsmittels
befindet.
        <pb n="389" />
        VIT  I.  Capitel.
Der  Sclilagscliatz.
Erribt  Seyd  hat  in  seiner  Broschüre  „Die  wahren  Grundsätze ­
  des  Banknotenwesens“  für  Deutschland  in  überzeugender
Weise  die  Nothwendigkeit  dargelegt,  die  Münzstätten  der
Privatausprägung  freizugeben  und  den  übermässig  hohen
Schlagschatz  von  Va  Percent  ausgiebig,  etwa  auf  V«  oder
V's  Percent  zu  ermässigen.  Er  ist  jedoch  dabei  in  dem  grossen
Irrthuin  befallen,  diese  Forderung  in  erster  Linie  mit  dem
Hinweise  auf  den  internationalen  Reichthum  Deutschlands  zu
begründen,  mit  welchem  dieselbe  in  Wahrheit  sehr  wenig
gemein  hat.  Die  Freigebung  des  Miinzrechts  an  Private  und
die  Ermässigung  des  Schlagschatzes,  durch  welche  beiden
Massregeln  die  Freizügigkeit  des  Goldes  erst  zu  rechter  Wirksamkeit ­
  gelangt,  sind  Postulate  der  Vervollkommnung  des
Geldwesens  für  den  internationalen  Verkehr,  und  diese  Voll-*
kommenheit  erweist  sich  gleich  heilsam  für  die  international
armen,  wie  für  die  international  reichen  Nationen.  Der  Verkehr
der  letzteren  ist  allerdings  lebhafter  und  grossartiger  als  der
der  ersteren  und  jede  Schädigung  desselben  gelangt  aus  diesem
(gründe  in  absolut  grösseren  Verlustziffern  zum  Ausdrucke;
•aber  die  absolut  geringeren  Verluste  sind  doch  für  die  ärmeren
Nationen  verhältnissmässig  ebenso  emptindlich,  und  die  Miinzvollkomnienheit
  muss  ihnen  daher  ebenso  werthvoll  sein  als
Jenen.  Und  selbst  wenn  man  die  Prägegebühr  als  eine  Einnahmsquelle ­
  des  Staatsschatzes  betrachten  wollte  und  nun  von
        <pb n="390" />
        —  aso  —
der  Ansicht  ausgiiig(í,  dass  ein  reiclier  Staat  auf  derlei  Einnahmen ­
  leichter  verzichten  könne  als  ein  armer,  so  würde
man  abermals  übersehen,  dass  es  sich  hier  beim  ersteren  um
absolut  grössere  Einnahmen  handeln  müsste  als  beim  letzteren,
da  eben  auch  die  Edelmetallbewegung  grösser  wäre.  Es  verhält ­
  sich  aber  mit  den  Einnahmen  aus  dem  Schlagschatze
gerade  so,  wie  mit  den  Zolleinnahmen  :  jede  ungebührliche
Erhöhung  des  Einheitssatzes  hat  in  der  Regel  den  Effect,
den  Ertrag  eher  zu  schmälern  als  zu  steigern,  indem  eben
der  Verkehr  reducirt  wird  und  die  bewegten  Mengen,  aus
denen  die  Einnahmen  gezogen  werden  können,  sich  verringern. ­

Die  ^lonopolisirung  der  Münze  für  die  Regierung  und
die  Erhöhung  des  Schlagschatzes  haben  beide  die  Wirkung,
den  Zufluss  von  Gold  in  Rarrenform  zu  erschweren,  dem
Lande  dadurch  bei  Ausbeutung  einer  günstigen  Zahlungsbilanz
in  den  Weg  zu  treten  und  folgerichtig  bei  ungünstiger  Zahlungsbilanz ­
  sofort  einen  Angriff  auf  den  Münzbestand  herbeizuführen. ­
  Nehmen  wir  an,  dass  die  österreichischen  Goldmünzen
nach  der  Werthrelation  von  1  zu  17  Va  ausgeprägt,  dass  also
787Va  Gulden  aus  dem  IMünzpfunde  Feingold  geschlagen
werden.  Es  sollte  nun,  wenn  man  von  Transportkosten  und
Schlagschatz  ganz  absieht,  ein  Münzpfund  Feingold  überall
in  der  Welt  787  Va  österreichische  Gulden  werth  sein.  Da  nun
in  Deutschland  aus  derselben"  Gewichtseinheit  lÖOö  Mark  ge-])rägt
  werden,  lt)0  neue  österreichische  Goldgulden  also  gleich
1  77T428  Reichsmark  zählen,  so  sollte,  wenn  die  Zahlungsbilanz
zwischen  Oesterreich  und  Deutschland  zu  Gunsten  Oesterreichs
steht,  jeder  deutsche  Schuldner  sich  einer  Verpflichtung  von
1  (H)  fl.  ö.  W.  durch  Sendung  dieser  177T428  Reichsmark  entledigen
können.  Wäre  dies  der  Fall,  so  müsste  augenblicklich  jedes  Ueberwiegen
  der  deutschen  Zahlungsverpflichtungen  an  Oesterreich
zu  einer  Completirung  des  österreichischen  Goldvorrathes  von
Deutschland  her  beitragen,  denn  kein  deutscher  Schuldner
würde  sich  veranlasst  sehen,  auch  nur  einen  Pfennig  Agio
für  österreichische  Wechsel  zu  zahlen,  und  da  beim  Mangel
österreichischer  Wechsel  solche  ohne  Agio  nicht  zu  bekommen
wären,  so  würden  die  Zahlungen  eben  in  Baarem  remittirt
werden.  Dem  treten  aber  für  s  Erste  die  mit  jeder  Baarsen-
        <pb n="391" />
        381

dung  unvermeidlich  verknüpften  Transport-  und  Versicherungskosten ­
  entgegen  ;  wenn  man  dieselben  blos  mit  V4  Percent
berechnen  wollte,  so  müsste  schon  dies  44V4  deutsche  Pfennige ­
  für  je  100  fl.  ö.  W.  ansmachen  und  diese  44  V4  Pfennige
würden  den  Verlust  des  deutschen  Schuldners  repräsentiren,
wenn  er,  um  sich  seiner  Verpflichtungen  zu  entledigen,  (xold
senden  müsste.  Es  ist  klar,  dass  bei  diesen  Verlusten  seines
Schuldners  auch  der  österreichische  Exporteur  nichts  gewinnt,
da  ja  dieser  Betrag  in  eftectiven  Spesen  aufgeht.  Er  kann
aber  auch  keinen  Schaden  daraus  erleiden,  denn  der  deutsche
Importeur  muss,  wenn  die  Zahlungsbilanz  Deutschlands  ungünstig ­
  ist,  ganz  denselben  Verlust  erleiden,  er  mag  seine
Waaren  von  wo  immer  beziehen,  da  ixold  ohne  Kosten  ebenso
wenig  nach  Frankreich  oder  England  als  nach  Oesterreich  zu
transport!reu  ist.  Wäre  es  möglich,  auch  diese  Kosten  durch
irgend  welche  Vervollkommnung  zu  vei’meiden,  so  müsste
Jedermann  einleuchten,  dass  jenes  l^and,  welches  im  Besitze
einer  solchen  Vervollkommnung  des  Verkehrs  wäre,  auf  den
deutschen  Märkten  allen  andern  Í'Oncurrenten  gegenüber,  die
nicht  im  Besitze  dieser  Erleichterung  sind,  mit  44Pfennigen
bei  jeder  Factura  über  100  fl.  im  Vortheil  wäre,  denn  es
könnte  um  diesen  Betrag  in  Deutschland  mehr  fordern  als  die
Exporteure  der  anderen  Länder,  und  die  deutsche  Kundschaft
hätte  doch  nicht  mehr  zu  zahlen,  da  die  Ersparniss  an  Transportkosten ­
  dieser  Erhöhung  des  Kaufpreises  die  Wage  halten
würde,  in  ganz  ähnlicher  Weise  wie  die  Transportkosten  wirkt
aber  der  Schlagschatz.  \\  enn  in  &amp;lt;  Oesterreich  auch  zukünftig  wie
bislang  an  den  Münzen  1  Percent  für  die  Prägung  gezahlt
werden  müsste,  so  bekäme  man  in  Wahrheit  für  das  Pfund  Feingold
nicht  787  V2&amp;gt;  sondern  blos  rund  770'03  fl.  und  nach  Abzug  der
Transportkosten  vollends  blos  777  67  fl.  Der  deutsche  Schuldner
müsste  bei  je  1(K)  fl.,  die  er  nach  Oesterreich  zu  senden  hat,
2  Mark  40  Pfennige  verlieren,  d.  i.  um  177  14  Pfennige  mehr,
als  durch  die  Transj)ortko8ten  allein  bedingt  wäre.  Und  dieser
Verlust  ist  allerdings  zu  vermeiden.  Er  ist  thatsächlich  bei
allen  Zahlungen  nach  Frankreich,  England,  Amerika,  wenn
auch  nicht  vollständig,  so  doch  zum  Th  eil  nicht  vorhanden,
denn  alle  diese  Staaten  verlangen  an  ihren  Münzstätten  eine
geringere  Prägegebühr,  nämlich  England  (wenn  auch  nicht
        <pb n="392" />
        gesetzlich,  so  docli  factiscli)  eine  solche  von  ho&amp;gt;  Vereinigten
Staaten  von  Nordamerika  eine  solche  von  Vö?  Frankreich  eine
solche  von  \\  Percent.  Wenn  also  beispielsweise  österreichische,
französische  nnd  englische  Exporteure  anf  den  deutschen
Märkten  mit  derselben  AXhiare  concnrriren,  deren  (lesteliungskosten
  dort  ganz  die  nämlichen  sind,  so  käme  dem  deutschen
Ennden  die  englische  V  aare  hei  gleichen  Preisen  nm  rnnd
1Õ5  Pfennige,  die  französische  nm  rund  102  Pfennige  billiger  zn
stehen  als  die  österreichiche,  lediglich  aus  dem  (irunde,  weil
der  Schlagschatz  in  England  und  Frankreich  mässiger  ist.
Und  an  dem  dadurch  bedingten  Verluste  wird  der  österreichische ­
  Exporteur  ebenso  participiren  müssen,  wie  der
deutsche  Importeur;  es  wird  lediglich  von  der  zufälligen
Marktconjunctur  abhängen,  welcher  von  beiden  Theilen  den
grösseren  Betrag  des  Verlustes  auf  sich  zu  nehmeu  hat,  denn
der  in  Deutschland  bewilligte  Preis  wird  nunmehr  das  Durchschnittsergebniss
  der  Concurrenz  englischer,  französischer  und
österreichischer  Producto  sein.  Es  kann  derart  häutig  \oikommen,
  dass  der  Oesterreicher  allein  die  durch  den  Schlagschatz ­
  bedingten  Verluste  tragen  muss,  indem  er  sich  nämlich
gezwungen  sehen  kann,  die  Percent,  um  welche  die  Beschaffung ­
  von  Zahlmitteln  nach  Oesterreich  kosts])ieliger  ist
als  die  Beschatfung  von  Zahlmitteln  nach  I  rankreich,  voll
nnd  ganz  vom  JMreise  seiner  Waare  nachzulassen.  Der  Stratzoll,
  den  die  (Gesetzgebung  auf  den  Goldimport  legt,  wirkt
auf  den  V  aarenexpoi't,  der  diesen  -  Goldimport  erst  hervorrufen
  muss,  oder  wenn  man  die  Sache  noch  von  einem  anderen
Gesichtspunkte  aus  betrachten  will,  die  künstliche  Hinauttreibung
  der  Wechselcourse  durch  den  Schlagschatz,  äussert
ganz  die  nämliche  Wirkung,  wie  die  naturgemässe  Verbesserung ­
  des  Wechselcourses,  sie  hindert  nämlich  die  Exporte
und  wirkt  dein  Goldzutlusse  entgegen.
Die  Sache  hat  nun  allerdings  ihre  zwei  Seiten,  den
geleugnet  kann  nicht  werden,  dass  der  hohe  Schlagschatz,  indem ­
  er  den  GoldzuHuss  erst  bei  einer  sehr  günstigen  Gestaltung ­
  der  Wechselcourse  ermöglicht,  dadurch  die  Gewinnstchanee
  aus  den  Wechselcoursen  für  das  betreffende  Land
erhöht.  Während  z.  B.  unter  Zugrundelegung  von  '|^  Percent
Transportkosten  und  ohne  die  Einwirkung  des  Schlagschatzes
        <pb n="393" />
        Baarsendungen  aus  Deutschland  nach  Oesterreich  schon  bei
einer  (auf  den  Vistacours  umgerechneten)  Notiz  von  177-580
Reichsmark  für  den  Wiener  Wechsel  über  KX)  fl.  lohnend
werden  müssten,  und  eine  Erhöhung  der  Wiener  Notiz  au
der  Berliner  Börse  über  diesen  Stand  nur  ausnahmsweise
möglich  wäre,  muss  ein  in  Oesterreich  erhobener  Schlagschatz
von  1  Percent  die  mathematische  Gewinnstgrenze  auf  17fl'80
Reichsmark  erhöhen,  da  erst  bei  diesem  Coursstande  die
Sendung  von  Gold  vortheilhafter  wäre,  als  die  Beschafl'nug
von  Wiener  ^Vechseln.
Ein  Land  kann  also  in  der  That  bei  höherem  Schlagschatze ­
  höheren  Coursgewinn  aus  seinem  internationalen
A\  echselverkehre  ziehen,  als  bei  massigem  Schlagschatze,  Allein
da  dies  nicht  kraft  einer  Conjunctur  geschieht,  die  für  alle
anderen  Nationen  die  nämliche  ist,  sondern  kraft  einer  künstlichen ­
  ]\Iasaregel,  an  der  die  anderen  Concurrenten  nicht
Theil  haben,  so  wirkt  hier  die  Concurrenz  der  anderen  diesem
(gewinne  entgegen.  Während  bei  normalem  Schlagschatze  die
Exportfahigkeit,  welche  die  günstige  Zaliluiigsbilanz  hervorgei
  uten  hat,  durch  Edel  metal  ly  uflüsse  und  durch  die  im  Innern
erzeugte  grössere  (îoncurrenz  der  einheimischen  Käufer  eingeschränkt ­
  und  auf  diesem  A\  ege  das  Gleichgewicht  in  der
Zahlungsbilanz  hergestellt  wird,  geschieht  dies  bei  übermässigem ­
  Schlagschatze  nicht  durch  den  Edelmetallzufluss,  sondern
durch  den  Vorsprung  der  fremden  Concurrenz.  Man  kann  in
ersterem  Falle  weniger  an's  Ausland  verkaufen,  weil  im  Tnlande
  mehr  gekauft  wird,  im  zweiten  Falle,  weil  das  Ausland
sich  fremden  (k)ncurrenten  zuwendet.
Aber  noch  nach  einer  andern  Lichtung  wird  die  Freude,
die  man  an  der  durch  den  hohen  Schlagschatz  hervorgerufenen
(Linst  der  MVchselcourse  haben  mag,  getrübt.  Auf  die  Im-])orte
  wirkt  nämlich  dieser  Schlagschatz  geradezu  im  entgegengesetzten ­
  Sinne.  Es  ist  selbstverständlich,  dass  auch  der
höchste  Schlagschatz,  er  mag  den  Wei-th  des  fremden  Goldes
auf  den  eigenen  Märkten  noch  so  sehr  drücken,  den  W  erth
des  eigenen  (ioldes  auf  den  fremden  Märkten  keineswegs»  zu
heben  im  Stande  wäre.  Wieviel  österreichische  Gohlgiilden
der  österreichische  Importeur  nach  Deutschland  zu  senden
hat,  um  damit  seine  Schuld  in  deutscher  Reichsmark  abzu-
        <pb n="394" />
        —  384  —

tragen,  das  rid  it  et  midi  nidit  nadi  dem  Sddagsdiatze,  wie  er
in  Üesterreidi,  sondern  (abgesehen  von  den  Transportkosten)
nur  nadi  dem  Sdilagsdiatze,  wie  er  in  Dentsddand  liezalilt
werden  muss.  Für  den  import  wäre  also,  an  sidi  betraditet,
der  inländisdie  Sddagsdiatz  gleidigiltig.  Aber  da  ein  bober
Sdilagsdiatz  die  Wirknng  bat,  (ioldzntlüsse  abznlialten  und
demzufolge  fremdes  Gold  in  ]\lünz-  oder  liarrenform  dem  Tmpoi'tenr
  nidit  zu  Gebote  steht,  so  muss  er,  wenn  er  im  Auslande ­
  zahlen  will,  das  erforderlidie  (told  aus  dem  Idünzumlaufe
  des  eigenen  Landes  nehmen.  ]\iünzgobl  ist  aber  im
internationalen  Handel  weniger  wertb  als  Barrengidd,  insoferne
  nämlich,  als  durch  die  Abnützung  während  der  (’irculation
  die.  Münzstücke  selten  vollwichtig  sind,  und  daher
787V2»  ime.h  der  A\^ei'threlation  von  1  zu  17’/¡j  ausgeprägte
österreidiisdie  Goldguhlen  fast  niemals  ein  volles  IMünzpfund
Feingold  wiegen  werden.  Der  Abgang  schwankt  in  der  Regel
zwischen  V4  und  Vn  l^ercent.  Der  lm])orteur  wird  also  durch
die  fehlerhafte  IVIünzteclinik  seines  imndes  schon  von  vornherein ­
  gezwungen,  sich  die  Zahlmittel  für  das  Ausland  mit
einem  Veituste  von  mindestens  \\  Percent  zu  heschatfen.  Der
Effect  wird  also  sein,  dass  kraft  derselben  Massregel  nicht  hlos
der  Exjiorteur  schwerer  verkaufen,  sondern  auch  der  Importeur ­
  schwerer  kaufen  kann.  Und  auch  diese  Differenz  wird
zum  grösseren  Theile  von  dem  betreffenden  Lande  getragen
werden,  denn  der  deutsche  Kx^auieur,  der  von  seinen  französischen ­
  und  englischen  Kunden  Zahlung  in  Barrengohl  erhält,
hat  durchaus  keinen  (trund,  dem  österreichischen  Kunden  im
Preise  A\"esentliches  nachzulassen,  weil  dieser  durch  seine  verfcliHcn
  (besetze  gehindert  wird,  Barren  zu  senden.  Dass  ganz
der  nämliche  Fehler  auch  in  Deutschland  gesetzlich  besteht,
ändert  an  der  Sache  nichts,  wo  es  sich  um  die  ('Oncurrenz
der  Engländer  und  Franzosen  auf  dem  deutschen  Idarkte
handelt.
Wie  stellt  sich  nun  unter  der  Einwirkung  dieser  dojijielten
  Behinderung  der  internationale  Verkehr  eines  mit  hohem
Schjagschatze  behafteten  Landes  im  Verhältnisse  zu  dem  der
anderen  Jjänder?  Seine  Zahlungsbilanz  wird  nicht  besser  und
nicht  schlechter,  denn  der  Erschwerung  des  Exports  steht  die
Erschwerung  des  Imports  gegenüber.  Sein  Passiv-  oder
        <pb n="395" />
        %

—  m*  —
Activsaldo  wird  nicht  steigen,  denn,  um  was  es  mehr  zu  verkanten
vermöchte,  wenn  sein  Schlagschatz  massiger  wäre,  um  dasselbe ­
  könnte  es  auch  in  solchem  Falle  inehi’  kaufen.  Aber
das  Gleichgev^dcht  wird  hier  in  Wahrheit  durch  zweiseitige
Verluste  hergestellt.  Der  Saldo  ist  der  nämliche,  aber  der
(jesammtverkehr  ist  herabgedrückt.  Es  ist  nicht  anders,  als
ob  um  ein  solches  Land  ein  Kranz  unwegsamer  Gebirge  gezogen ­
  wäre,  welche  die  Frachtkosten  für  jedes  aus-  und  eingehende ­
  Gut  gleichmässig  vertheuerten.  Wenn  nun  ein  solcher
Gebirgszug  von  der  Natur  hingeptlanzt  ist,  so  ])flegt  man  in
modernen  Culturstaaten  die  kolossalsten  Arbeiten  nicht  zu
scheuen,  um  durch  Tunnels  und  andere  Kunstbauten  das  natürliche ­
  Hinderniss  zu  überwinden.  So  unsinnig  aber  war  fürwahr
  keine  Nation  —  es  sei  denn  die  chinesische  —  um  ihrem
Verkehre  derartige  Hindernisse,  wenn  sie  von  Natur  nicht
vorhanden  waren,  künstlich  zu  schaffen.  Hit  dem  internationalen ­
  Keichthume  hat  all’  dies  nichts  zu  thun.  Ob  es  AWrtîipapiere,
  W'aai’en  oder  Dienstleistungen  sind,  die  ein  Land  an  s
andere  verkauft  oder  von  diesem  kauft,  ändert  nichts  an  der
.überall  gemeinsamen  Thatsache,  dass  Käufe  wie  Verkäufe
durch  den  Sclilagschatz  gehindert  und  folglich  dem  Umfange
nach  reducirt  werden.  1st  das  Land  auf  die  (kuitraliirung
von  Schulden  angewiesen,  exportirt  es  also  Werthpapiere  und
importirt  es  Waaren,  so  wird  es  weniger  tür  seine  Werthpapiere ­
  erhalten,  mehr  für  die  AA'aarenbeziige  zahlen  müssen.
Ist  es  ein  reiches  Land,  welches  Capitalien  ausleiht,  also  AA'erthpapiere
  importirt  und  Waaren  exportirt,  so  wird  es  die  Werthpapiere
  theurer  bezahlen,  seine  Waaren  schlechter  verkaufen.
W  o  da  der  von  Seyd  behauptete  essentielle  I  ntel  schied  liegen
soll,  ist  nicht  recht  einzusehen.  Das  zur  (xmipletirung  des
Cärculationsmittelstandes  nothwendige  Gold  werden  international ­
  arme,  wie  international  reiche  Staaten  durch  den  Schlagschatz ­
  in  derselben  Weise  vert  heuert  erhalten.  Da  jede  Gewichtseinheit ­
  Gold,  sowie  sie  an  die  Alüiizstätte  gelangt,  von
ihrem  AVerthe  verliert,  so  müssen  mehr  Gewichtseinheiten
auf  dem  A\  eltmarkte  erworben  werden,  und  da  der  A\  cltpreis
  des  Goldes  vom  Sclilagschatze  eines  Einzel  landes  nur
unwesentlich  beeinflusst  werden  kann,  so  muss  man  eben  mehr
Güter  bieten,  um  den  nämlichen  Bedarf  an  Münzgold  zu  decken.
Dr.  Tb.  Hertzka,  Wahrung  und  Handel.  25

1
'i
        <pb n="396" />
        —  386  —

Wenn  beispielsweise  ein  Pfund  Gold  in  London  100  Ctr.  W  eizen
  gilt,  so  brauchte  Oesterreich  (von  den  Transportkosten
soll  hier  abgesehen  werden),  um  seinen  Circulationsmittelvorrath
  um  787'/a  h.  zu  vermehren,  blos  KMJ  Ctr.  Weizen  in
London  zu  verkaufen.  Wenn  jedoch  ein  Schlagschatz  von
1  Percent  erhoben  wird,  so  müssen  101  Ctr.  Weizen  verkauft ­
  werden,  um  jene  1  01  Pf.  Gold  dafür  einzuhandeln,  aus
denen  nunmehr  787'5  österreichische  Goldgnlden  geprägt  werden ­
  können.  Und  ebenso  erhält  umgekehrt  ein  Land  in  Folge
hohen  Schlagschatzes,  wenn  es  Ueberschüsse  an  Edelmetallen
abzngeben  hat,  in  der  Regel  weniger  für  dieselben,  da  es  sich
nur  selten  im  Besitze  von  Barrengold  befindet  und  statt  desselben ­
  Münze  senden  muss,  an  welcher  zum  mindesten  die
etfectiven  Prägekosten  ganz  nutzlos  verloren  gehen.
Besonders  einleuchtend  wird  aber  die  schädliche  Wirkung
eines  hohen  Schlagschatzes,  wenn  man  untersucht,  in  welcher
Weise  durch  denselben  die  Productionsbedingungen  und  der
Einsfuss  beeintlusst  werden.  In  der  grossartigen,  mit  so  unfehlbarer ­
  Sicherheit  wirkenden  Mechanik  des  Verkehrs  hat  jede
Verschiehung  der  Productions-  und  Absatzbedingungen  die
Tendenz,  eine  Strömung  herbeizuführen,  die  ausgleichend  auf
die  gestörten  Verhältnisse  wirkt.  Und  diese  ansgleichende
Wirkung  ist  heilsam  nach  jeder  Richtung,  gleichviel  ob  dadurch ­
  einer  vorübergehenden  Erhöhung  oder  Verminderung
der  Concurrenzfähigkeit  auf  dem  Weltmärkte  entgegengetreten
wird.  (Siehe  Capitel  Vil  des  1.  Buches.)  Der  hohe  Schlagschatz ­
  -hat  nun,  wenn  auch  in  mässigem  Crade,  den  Ettect,
die  Rückwirkung  der  Zahlungsbilanz  auf  die  Preisverhältnisse ­
  und  dadurch  weiterschreitend  auf  die  gesammte  wirthschaftliche
  Lage  aufzuhalten  oder  do(Ji  zu  verzögern.  Eine
Steigerung  der  Production,  deren  Folge  der  vermehrte  Export
gewesen,  oder  das  Sinken  der  Kaufkraft,  welches  eine  Verringerung ­
  der  Importe  herbeiführte  —  gleichviel  welches  von
diesen  beiden  die  Ursache  einer  günstigen  Zahlungsbilanz
sein  mag  —  diese  Ursache  kann  länger  in  Kraft  bleiben,
ohne  durch  das  Hereinströmen  von  Edelmetallen  paralysirt
zu  werden,  wenn  der  Schlagschatz  dieses  Hereinströmen  erschwert. ­
  Die  Preise  steigen  im  Inlande  nicht,  und  dadurch
geht  der  Gesammtheit  der  Producenten  jener  Impuls  verloren,
        <pb n="397" />
        der  nur  auf*  dein  W'ege  einer  Verinelirnng  der  ('ironlationáluittel
  tiir  sie  liervortreten  kann.  Die  (’onr.sgewinne  ans  dem
Wechsel  verkehre  werden  allerdings  höher  sein  können,  als
beim  massigen  Schlagschatze  möglich  wäre.  Aber  ganz  abgesehen ­
  davon,  dass  diesbezüglich  das  früher  Ausgeführte  gilt,
nämlich  dass  die  fremde  (’oncnrrenz  auf  dem  Weltmärkte  eine
einseitige  Ansbentung  derartiger  Wechselconjnnctur  auf  die
Dauer  unmöglich  macht  :  so  ist  es  doch  klar,  dass  solche  (’oursgewinne
  allein,  selbst  wenn  sie  wirklich  nicht  blos  dem  Percentsatze, ­
  sondern  auch  dem  Umfange  nach  in  Folge  des
Schlagschatzes  grösser  sein  sollten,  der  Gesammtwirthschaft
die  befruchtende  Wirkung  eines,  zur  Herstellung  des  Gleichgewichtes ­
  in  allen  Productionsgebieten  dienenden,  Edelmetallzuflusses ­
  nicht  ersetzen  können.
Es  ist  ferner  zu  beachten,  dass  die,  Behinderung  des
freien  Edelmetallverkehrs  auch  auf  den  Zinsfuss  nicht  ganz
ohne  Einfluss  bleiben  kann.  Wenn  ein  Productionsgebiet  in
Folge  gesteigerter,  erleichterter  Arbeit  auf  dem  Weltmärkte
concurrenzfähiger  wird  und  dadurch  seine  Zahlungsbilanz  sich
günstig  gestaltet,  so  wird  allerdings  ein  demzufolge  eintretender ­
  Edelmetallzufluss  die  Preise  erhöhen  und  dadurch  die
Concurrenzfähigkeit  wieder  auf  das  normale  Mass  bringen.
Derselbe  Edelmetallzufluss  hat  aber  auch  die  Tendenz,  die
Leihgebühr  für  Baargeld,  d.  i.  also  den  Geldzinsfuss  vor  jeder
ausschweifenden  Erhöhung  zu  bewahren.  Die  Vermehrung  der
Production  geht  naturgemäss  mit  der  gesteigerten  Inanspruchnahme ­
  des  Capitals  Hand  in  Hand,  dieses  wieder  mit  dem
gesteigerten  Bedarfe  nach  Circulationsmitteln,  und  ohne  den
Edelmetallzufluss  würden  daher  eben  dieselben  wlrthschaftlichen
  Erscheinungen,  welche  die  günstige  Zahlungsbilanz  erzwungen ­
  haben,  auf  eine  Erhöhung  des  Zinsfüsses  hinwirken
und  dadurch  endlich  die  Production  derart  vertheuern,  dass
die  Concurrenzfahigkeit  dem  Auslande  gegenüber  aus  diesem
Grunde  wieder  auf  das  normale  Maas  herabsänke.  Wenn  also
durch  irgend  eine  künstliche  Störung,  im  vorliegenden  Beispiele ­
  also  durch  den  Schlagschatz,  der  Edelmetallzufluss  gehindert ­
  wird,  so  wirkt  die  gesteigerte  Concurrenzfähigkeit
statt  auf  die  Preise  auf  den  Zinsfuss.  Der  schliessliche
Effect  für  die  Zahlungsbilanz  ist  allerdings  in  beiden  Fällen
        <pb n="398" />
        —  388

(1er  nämliche;  in  der  Regel  aher  wird  es  für  jedes  irthschaftsgebiet
  von  nnendlicli  grösserem  Vortheile  sein,  wenn
seine  (hmcnrrenzfähigheit  dem  Anslande  gegenüber  dnreh  eine
Pi’eissteigernng  im  Innern  anfliöi’t,  als  wenn  dies  dnreh  Krliölinng
  des  inländischen  Zinsfnsses  vor  sich  geht.  Im  ersteren
Falle  1  iahen  alle  prodncirenden  Classen  in  gleicher  Weise  den
Ynrtheil,,  im  zweiten  Falle  nnr  die  ansleihenden  Capitalisten.
In  analoger  Weise  schiebt  auch  im  umgekehrten  halle,
wenn  Edelmetall  in  Folge  nngünstiger  Zahlnngsbilanz  ahtliessen
  sollte,  der  hohe  Sehlagschatz  die  irknng  von  den
Preisverliältnissen  auf  die  Zinsfnssverhältnisse.  Der  Edelmetallahduss
  würde  die  Preise  ermässigen  und  dadurch  die
Concurrenzfähigkeit  mit  dem  Auslande  wieder  auf  das  normale ­
  Mass  zurückführen,  gerade  dieser  Abfluss  aher  würde
den  Zinsfuss  vor  weitgehenden  Ermässigungen  bewahren.  Ist
dagegen  dem  Golde  der  Austritt  über  die  Landesgreiizen  erschwert, ­
  so  wird  der  Zinsfuss  bei  sinkender  Concurrenziähigkeit
  rascher  fallen,  die  Ib’eise  werden  sich  aher  langsamer
ermässigen,  als  sonst  der  Fall  wäre,.  Dies  könnte  nun  unter
Umständen  eine  sehr  vortheilhafte  Lichtseite  des  hohen  Schlagschatzes ­
  werden.  Aber  es  ist  immerhin  der  Uebelstand  damit
verbunden,  dass  schliesslich,  wenn  die  Ungunst  der  Wechselcourse
  einen  gewissen  Grad  erreicht  hat,  und  nunmehr  Edelmetall ­
  doch  abfliessen  muss,  dies  in  Ermangelung  von  Barrengold ­
  durch  unmittelbare  Inanspruchnahme  des  Münzvorrathes
  vor  sich  geht  und  jetzt  die  Ermässigung  der  Preise  und  die
Erhöhung  des  Zinsfusses  viel  rascher  und  sprunghafter  eintntt,
als  im  normalen  Verlaufe  der  Fall  gewesen  wäre,  wo  zur  Begleichung ­
  der  internationalen  Schuldigkeiten  Barrengold  vorhanden ­
  ist.  Es  bedarf  wohl  nach  all’  dem,  was  hierüber  schon  in
den  früheren  Capiteln  gesagt  wurde,  keines  detaillirten  Nachweises ­
  dafür,  dass  alles  das,  was  bezüglich  der  Concurrenz-■
  fähigkeit  auf  dem  Waarenmarkte  gilt,  ganz  in  der  nämlichen
Weise  auch  für  den  EfFectenhaiidel  Geltung  hat.  Aber  hier
tritt  die  Störung  noch  viel  augenfälliger  zu  Tage.  Denn  wenn
ein  Land  mit  seinen  Werth]iajiieren  auf  dem  Weltmärkte  voueurrenzfähig
  wird,  so  heisst  das  hier,  dass  es  diesel  heu  wegen
Capital-  und  Geldmangels  billiger  verkaufen  muss.  Unter
normalen  Verhältnissen  macht  nun  das  Hereinströnien  dei
        <pb n="399" />
        380

Edelmetalle  dieser  Billigkeit  ein  Ende  ;  ist  dagegen  der  Edek
metallzufluss  gehemmt,  so  bleiben  die  Preise  der  Werthpapiere
im  Inlande  die  nämlichen,  der  steigende  Wechselcours  aber
vertheuert  dem  Anslande  den  Bezug  und  schränkt  dadurch
die  Exporte  ein.  Ebenso  wird  umgekehrt  im  Falle  des  steigenden ­
  Effectenimports  und  der  dadurch  heraufbeschworenen  ungünstigen ­
  Zahlungsbilanz  bei  Behinderung  des  Goldabflusses
die  fernere  Effecteneinfuhr  statt  durch  eine  directe  Preisermässigung
  im  Inlande,  durch  erschwerte  Beschaffung  der  Zahlmittel
  auf  das  normale  Mass  zurückgeführt.
IMan  mag  daher  die  Sache  wie  immer  betrachten,  der
hohe  Schlagschatz  stört  in  schädlicher  Weise  die  Erhaltung  des
wirthschaftlichen  Gleichgewichts  zwischen  Productionskosten,
Circulationsmitteln  und  Zinsfuss  und  ruft  dadurch  Erschütterungen ­
  hervor,  die  blos  deshalb  nicht  so  leicht  in  ihren  üblen
Consequenzen  erkannt  werden,  weil  es  verhältnissmässig
geringe  Grössen  sind,  um  die  es  sich  dabei  handelt.  Mehr  als
I  Percent  wird  ein  civilisirter  Staat  nicht  so  leicht  an
Schlagschatz  erheben,  weniger  als  Ve  Percent  kann  andererseits
aus  Rücksicht  für  die  Leistungsfähigkeit  der  Münzstätten  nicht
gefordert  werden.  Die  Differenz  beträgt  also  im  Maximum
Percent.  Aber  auch  dieser  Bruchtheil  fällt  im  internationalen
Handel  grosser  Staaten,  wo  im  .lahresdurchschnitte  Hunderte
und  Tausende  von  Millionen  bewegt  werden,  schliesslich  doch
mit  sehr  bedeutenden  Gewinn-  oder  Verlustziffern  in’s
Gewicht,  und  auch  die  Bück  wirk  un  g  auf  die  gesammten  wirthschaftlichen ­
  Verhältnisse,  obwohl  sie  von  Fall  zu  Fall  kaum
wahrzunehmen  ist,  kann  am  Ende  doch  ihren  Effect  nicht
verfehlen.  Vortheile  aber  bietet  der  hohe  Schlagschatz  im  Allgemeinen ­
  nicht,  u.  z.  weder  in  finanzieller  noch  in  wirthschaftlieber
  Hinsicht.
Wenn  jedoch  Seyd  glaubt,  dass  die  Präponderanz  Englands
auf  dem  Geldmärkte,  insbesondere  sein  nahezii  unbestrittenes
Monopol  in  der  Vermittlung  von  Wechseltransactionen  aller
handeltreibenden  Länder  h  auptsäch  lieh  auf  die  geringe
Höhe  der  englischen  Münzgebühr  zurückzuführen  sei,  ja  wenn  er
die  Hoffnung  aussprieht,  dass  Deutschland,  wenn  es  in  dieser  Hinsicht ­
  England  nachahme,  dadurch  allein  schon  in  die  Lage
kommen  dürfte,  den  englischen  Wechselmarkt  zu  entbehren,  so  ist
        <pb n="400" />
        —  HOO  —
dies  (loch  eine  etwas  weitgehende  Erwartung.  Wahr  ist  allerdings,
dass  Deutschland,  solange  es  den  Schlagschatz  von  V2  Percent  beibehält,
  kaum  jemals  dazu  gelangen  dürfte,  sich  von  der  englischen
Vermittlung  bei  seinen  internationalen  Kauf-  und  Verkaufgeschäften ­
  zu  emancipiren,  indem  die  Differenz  von  V3  Percent,
die  im  Preise  von  Markt-Barrengold  zu  Gunsten  des  englischen
Marktes  vorhanden  ist,  stets  unter  sonst  gleichbleibenden  Umständen ­
  den  directen  Edelmetallstrom  von  Deutschland  abhalten
und  für  England  monopolisiren  müsste;  aber  mit  der  Beseitigung ­
  dieser  Differenz  ist  eben  noch  nicht  Alles  gethan.
Der  Wechsel  wird  allerdings  caeteris  paribus  mit  Vorliebe
jenen  Markt  aufsuchen,  wo  er  am  leichtesten  in  Gold  umzusetzen ­
  ist;  in  erster  Linie  aber  sucht  er  ohne  Frage  jenen
Markt  auf,  wo  er  sicher  sein  kann,  einen  Abnehmer  zu  finden,
der  ihn  gegen  einen  a  n  d  e  r  e  n  W  e  c  h  s  e  1  austauscht.  Der  Weltmarkt ­
  für  Geld  und  Credit  wird  daher  stets  jener  Platz  sein,  der
seinen  Bang  als  Weltmarkt  für  Waaren  und  Werthpapiere
behaupten  kann.  Solange  man  in  Berlin  nicht  jederzeit  Wechsel
auf  Bond)ay,.  Canton  und  Pangkong  in  beliebiger  Auswahl
vorräthig  findet,  sondern  diese  in  Jjombardstreet  suchen  muss,
wird  man  auch  die  Vermittlung  Lombardstreets  zu  Zahlungen
nach  China,  Vorder-  und  Hinterindien  in  Anspruch  nehmen
müssen.  Aber  der  hohe  Schlagschatz  verhindert,  dass  die
fremden  Importeure,  selbst  wenn  sie  Zahlungen  nach  Deutschland ­
  zu  leisten  haben,  diese  in  Deutschland  selbst,  zahlbar
machen  ,  da  sie  eben  bei  der  Zahlung  nach  London  eventuell
I/3  Percent  am  Schlagschatze  ersparen.  Die  Commission  zwischen
London*  und  Merlin  mag  dann  immerhin  dieses  Drittel
Percent  —  und  mehr  noch  —  verschlingen  ;  der  indische  und
chinesische  Bamjuier  wird  von  vornheiein,  solange  ihm  die
A\*ahl  bleibt,  doch  vorziehen,  nach  London  zu  remittiren.
Die  Concurrenz  eines  Landes  mit  England  im  internationalen
Wechselverkehre  wird  daher  durch  einen  hohen  Schlagschatz
von  vornherein  unmöglich  gemacht;  durch  die  Ermässigung
des  Schlagschatzes  ist  nun  die  Bahn  für  diese  Concurrenz  frei
geworden,  aber  sie  kann  wirklich  erst  dann  in's  Leben  treten,
wenn  der  Handel  des  betreffenden  Landes  an  Ausdehnung  und
Vielseitigkeit  dem  englischen  wenigstens  annähernd  gleich
wird.  In  Deutschland,  dessen  fortschrittliche  Handelspolitik  in
        <pb n="401" />
        301

den  letzten  Jalirzehnten  von  so  staunenswertliem  Erfolge  begleitet ­
  war,  kann  man  in  der  That,  wenn  eine  ebenso  freisinnige
Münzpolitik  binzutritt,  schon  im  nächsten  Jahrzehnte  auch
die  TTnahhängigkeit  von  Lombardstreet  anbahnen.  Und  auch  für
den  Wechsel  verkehr  minder  verkehrsreicher  Länder  ist  die
Lrmässigung  des  Schlagschatzes  nicht  belanglos  ;  sie  sichert
ihnen  zum  mindesten  die  Unabhängigkeit  im  Verkehre  mit  den
näher  gelegenen  Staaten  ,  während  eine  fehlerhafte  Technik
des  Münzwesens  sie  seihst  hei  den  Transactionen  mit  den  unmittelbarsten ­
  Nachbarn  unter  fremde  Vormundschaft  bringen
kann.  Aber  allzu  sanguinischen  Hoffnungen  darf  man  sich
diesbezüglich  nicht  hingeben.  Wenn  Seyd  darauf  hinweist,
dass  unmittelbar  nach  der  Ermässigung  des  französischen
Schlagschatzes  von  V2  auf  V4  Percent  der  Edelmetallzufluss
nach  Frankreich  sogar  den  nach  England  übertraf,  und
wenn  er  daraus  den  Schluss  zieht,  diese  vernünftige  Münzmassregel
  habe  es  zuwege  gebracht,  dass  Paris  im  Geldverkehre
  London  ebenbürtig  wurde  ,  so  verwechselt  er  da  doch
zwei  Dinge  mit  einander,  die  sehr  wenig  gemein  haben.  Die
Edelmetallzuflüsse  nach  Frankreich  in  jener  Epoche  hatten  ihren
Grund  einfach  darin,  dass  an  den  französischen  Münzen  das
billiger  gewordene  Gold  gegen  das  theure  Silber  umgetauscht
wurde.  Dieses  Gold  diente  nicht  zur  Vermittlung  irgend
welcher  Handelstransactionen,  sondern  sein  Zuströmen  war  ein
Geschäft  für  sich,  es  war  die  Ausnützung  der  Doppelwährung
durch  die  Arbitrage  der  ganzen  Welt.  Schon  der  Umstand,
dass  der  Goldzufluss  mit  einem  Schlage  zweimal  so  gross  wurde
als  der  nach  England  ,  trotzdem  der  Schlagschatz  in  Frankreich
noch  immer  um  Vn  Percent  höher  war  als  dort,  sowie  der
fernere  T^mstand,  der  Seyd  unmöglich  entgangen  sein  kann,
dass  trotz  dieses  Ueberwiegens  der  französischen  Goldimporte
die  Oberherrschaft  Ijombardstreet^s  im  Geldverkehre  der  V  eit
auch  in  jener  Zeit  denn  doch  nicht  an  Paris  übergegangen
war,  hätte  ihm  zeigen  sollen,  dass  seine  Schlussfolgerung  eine
falsche  sei.
        <pb n="402" />
        IX.  Caj)itel.
IMo  (ioldwiihrniip:  in  Oesferreich.
Nachdem  iin  \orliBi'^elieiideii  die  Xothwendigkeit  und
Nützlichkeit  der  (loldwaliruii^  tür  jedes  der  abeiidländisclien
Völker  tarn  die  angehörige  Land  uachge  wiesen  wurde,  sollen
nunmehr  die  näheren  Bedingungen  des  AVälirungswechsels
speciell  für  Oesterreich  dargelegt  werden.
Der  unerlässliche  erste  Schritt  zur  Herstellung  der  Valuta ­
  ist  hier  ohne  Frage  die  BeschafFung  der  (reldmittel  zur
Einlösung  der  unbedeckten  Banknoten.  Ob  man  zur  metallischen
Silber-  oder  (foldwährung  übergeht,  ist  diesbezüglich  gleichgütig.
  Ein  Unterschied  wäre  höchstens  insofern  zu  constatiren.
als  ein  Ooldanlelien  jedenfalls  zu  billigerem  Zinsfusse  zu
contiahiien  ist  als  ein  Silberanlehen,  umsomehr,  wenn  dasselbe ­
  zur  Durchführung  der  Ooldwähruug  bestimmt  wird.  Es
wurde  allerdings  im  IV.  Oapltel  erwähnt,  dass  die  österr.-nngar.
  Xotencircnlation  nm  KM)  bis  150  Millionen  Dulden
niedriger  zu  veranschlagen  ist,  wenn  die  Ooldstücke  die  Fünfund
  Zehnguldennoten  entbehrlich  machen.  Aus  diesem  0runde
müsste  thatsächlich  das  Valuta-Anleheu  zur  Herstellung  der
Silbercirculation  geringer  sein  ,  als  ein  zur  Durchführung  der
Goldwährung  bestiuimtes,  und  um  einen  entsju'echenden  Betrag
würden  sich  auch  die  Tvosten  der  gesammten  Oj)cration  crmässigen.
  Man  würde  statt  500  iüillionen  Staatsnoteu  etwa
blos  2(M)  IMülionen  einzulösen  haben  und  damit  immer  noch
trotz  des  unzweifelhaft  mässigeren  Zinsfnsses,  zu  welchem  das
        <pb n="403" />
        303  —

(roldanlehen  aiifzubringen  wäre  ,  an  Zinsen  nicht  Unbeträchtliches ­
  ersparen.  I  nter  der  Annahme  einer  erthrelation  von
1  zu  17  müsste  man  beispielsweise,  um  die  3()(&amp;gt;  ^Millionen  Gulden,
gleich  0^3  Trillionen  Pfund  Silber,  gegen  Gold  einzulösen,  rund
.302.000  I’iund  Gold  im  Wege  des  Anlehens  auf  bringen.  Um
dieses  Capital  mit  (i  Percent  zu  verzinsen,  wären  jährlich
23.500  Pfund  Gold  im  Werthe  von  ungefähr  4O0.iX)0  Pfund
Silber  erforderlich.  Wollte  man  dieselbe  Notenmenge  in  Silber
einlösen,  so  würde  das  dazu  erforderliche  Silberanlelien  in  der
vollen  Höhe  von  ß^/g  Millionen  Pfund,  zu  6  5  Percent  gerechnet,
einen  jährlichen  Zinsenaufwand  von  433.333  Pfund  Silber,
also  um  33.333  Pfund  Silber,  d.  i.  um  rund  1‘5  Tlillionen
Gulden  jährlich  mehr  erfordern,  als  das  oben  berechnete  Goldanlehen.
  enn  man  aber  blos  2(M)  Millionen,  d.  i.  4*/^  Millionen
Pfund  Silber  einlösen  wollte,  so  stellt  sich  der  Zinsenaufwand ­
  hiefür  selbst  bei  ß'/^percentiger  Verzinsung  blos  auf
rund  2H0.(HK&amp;gt;  Pfund  Silber  d.  i.  um  lll.lHHI  Pfund  oder  rund
b  Tlillionen  Gulden  im  .Fahre  niedriger.  Allein  es  ist  nicht
zu  vergessen,  dass  dafür  eben  100  TI  il  Honen  Staatsnoten  im
Verkehre  verbleiben  müssen,  diese  Schuld  des  Staates  an  die
(lesammtlieit  mit  all’  ihren  schädlichen  Conseipienzen  daher
nicht  vollständig  getilgt  ist.  Ks  wäre  dann  zu  untersuchen,
ob  um  den  Preis  aller  Verluste,  welche  die  isolirte  Silberwähr,mg ­
  für  die  Velkswirthschaft  wie  für  die  Staatswirthseliatt
  im  (lebdge  hat,  veihunden  mit  den  Gefahren  einei"  auch
fernerhin  bestehenden  ungedeckten  (’ireulalion  von  1(K)  Millionen ­
  Gulden,  diese  jährliche  Krsparniss  von  .5  Millionen  nicht
allzu  theuer  erkauft  wäre,  und  die  lleantwortnng  dieser  Frage
könnte  kaum  zweitelhatt  erscheinen.  Fegt  man  auf  deiartige
Krsparnisse  das  Hauptgewicht,  so  ist  es  eben  das  Fintächste,
die  \alnta  gar  nicht  herzustellen,  denn  in  diesem  Falle  können
eben  auch  die  anderen  13  Tlillionen  jährlicher  Zinsen  erspart
werden.
Ahe,’  so  wird  die  Frage  von  den  Verfechtein  der  Silberwährung ­
  gar  nicht  gestellt.  Die  Thatsaehe,  dass  beim  Hebergange
  zur  (loldwähi  ung  die  (’ireulation  vcdlständiger  auf
..Metall  gestellt  werden  kann  und  muss,  ist  von  jener  Seite
noch  gar  nicht  beleuchtet  worden,  und  zwar  aus  dem  sehr
naheliegenden  Grunde,  weil  überall  dort,  wo  diese'Krkenntniss
        <pb n="404" />
        304

sich  einmal  Bahn  gebrochen  hat,  gerade  darin  das  wirksamste
Argument  für  die  Goldwälirnng  erkannt  werden  müsste,  Ks
wird  vielmehr  von  den  (TCgnern  der  Gold  Währung  behanptef-,
dass  die  Einlösung  der  nämlichen  Notenmenge  höher  %n
stehen  käme,  wenn  man  für  die  ausser  Cours  zu  setzenden
ungedeckten  Noten  Gold  gäbe.  Und  diese  Behauptung  beruht
lediglich  auf  einer  gründlichen  Verkennung  der  Pflichten  des
Sfaatsschatzes  in  seiner  Eigenschaft  als  Notenschuldner  und
aut  der  durchaus  irrigen  Annahme,  dass  bei  diesem  Einlösungsgeschäfte ­
  die  lateinische  Werthrelation  massgebend  sein  müsse.
In  diesem  Falle  allerdings  wäre  der  Uebergaiig  zur  (Goldwährung ­
  eine  sehr  kostspielige  Sache.  Wenn  man  für  :&amp;gt;&amp;lt;M)
^Millionen  Noten,  welche  die  Repräsentanten  von  (P/j  Millionen
Pfund  Feinsilber  sind,  bei  einer  Marktrelation  von  beispielsweise ­
  1  zu  17  statt  der  oben  berechneten  302.000  Pfund  (%old
rund  430,0(K),  also  um  38.000  Pfund  mehr  geben  müsste,  als
dem  Vollwerthe  dieser  Noten  entspricht,  dann  allerdings
müsste  der  Staat  ungefähr  30  Idillionen  an  Caj)ital  verlieren.
Aber  selbst  in  diesem  Falle  wären  die  Zinsen,  die  er  für  das
(Toldanlehen  zu  zahlen  hätte,  kaum  grösser  als  die  für  das
um  10  Percent  geringere  Silberanlehen  ,  da  eben  der  Zinsfuss
mit  dem  Uebergange  zur  Goldwährung  sich  voraussichtlich  um
den  entsprechenden  zehnten  Theil  ermässigt  hätte.  Es  ist  jedoch ­
  überflüssig,  sich  mit  diesen  ganz  grundlosen  Bedenken
näher  zu  befassen.  Für  die  Einlösungspflicht  des  Staates  in
Betreff  seiner  Notenschuld  gilt  ganz  dasselbe,  was  bezüglich
aller  aus  alten  Contracten  verpflichteten  Schuldner  nachgewiesen ­
  \Amrde  ;  die  Noten  werden  daher  in  (Gold  blos  nach
jener  Werth  relation  einzulösen  sein  ,  die  beim  Währungswechsel ­
  für  alle  Gonfractverhältnisse  des  Landes  gesetzlich
festgestellt  werden  muss.
AV^as  aber  die  thatsächlich  vorhandene  Möglichkeit  anlangt, ­
  beim  Uebergange  zum  Silltergelde  eine  grössere  Ateuge
an  Noten  im  Verkehre  zu  belassen,  so  soll  hier  nur  nochmals
wiederholt  werden,  dass  insbesondere  nach  den  unangenehmen ­
  Erfahrungen  der  letzten  Jahrzehnte  es  sich  jedenfalls
empfehlen  würde,  wenn  Oesterreich  sowohl  als  Ungarn  mit
dem  Systeme  des  Staatspapiergeldes  vollständig  brechen  wollten.
Es  Hessen  sich  zwar  ungefähr  100  Millionen  Gulden  kleinerer
        <pb n="405" />
        395

Noten  selbst  mit  der  Goldwährung  ohne  Zwangscours  als
Steuergeld  im  Verkehre  erhalten.  Aber  diese  Circulation
könnte  im  Anfänge  leicht  gefährlich  werden  und  wäre  auch
später  geeignet,  dem  Staatsschätze  bei  jedem  Nachlassen
des  Circulationsbedürfnisses  Verlegenheiten  zu  bereiten.  Das
\  aluta-Anlehen  sollte  also  so  gross  bemessen  werden,  dass  mit
demselben  die  sämmtlichen  Staatsnoten  eingezogen  werden
können.  Allenfalls  kann  sich  ja  der  Staat  für  den  höheren
Zinsenaufwand  bei  vollständiger  Einziehung  seiner  Zettel
durch  die  Bank  theilweise  schadlos  halten,  denn  es  ist  klar,
dass  diese  grössere  Opfer  zu  übernehmen  sehr  wohl  in  der
liage  ist,  wenn  ihren  Noten  durch  die  des  Staates  keinerlei
Concurrenz  gemacht  wird.
Der  Staat  hat  nun  die  Pflicht,  die  ]\fnnzrefbrni  in  einer
V  eise  durchzuführen,  dass  durch  dieselbe  dem  Verkehre  keinen
Augenblick  lang  die  nöthigen  Circuíationsmittel  entzogen  werden ­
  ;  er  muss  ferner  dafür  sorgen,  dass  die  Durchführung  der
Befoi’in  nicht  unnöthigerweise  verzögert  wird,  und  schliesslich
dafür,  dass  dieselbe  möglichst  ohne  Störung  und  Verwirrung
der  Contractverhältnisse  vor  sich  geht.
Es  wird  sich  daher  empfehlen,  mit  der  Einziehung  der
circulirenden  Silbercourantmünze  zu  beginnen  und  den  auf
Noten  gegründeten  Verkehr  fürs  Erste  ganz  aus  dem  Spiele
zu  lassen.  Am  einfachsten  und  raschesten  wird  der  Staat  der
Silbermünze  habhaft  werden,  wenn  er  bei  Ausschreibung  seines
Anlehens  die  Möglichkeit  offen  lässt,  dasselbe  nicht  blos  in
Gold,  sondern  auch  in  österreichischer  Silbermünze,  und  zwar
unter  Feststellung  einer  dem  Silber  günstigen,  also  mit  einem
Rruchtheile  über  den  Marktverhältnissen  stehenden,  Werthrelation ­
  einzuzahlen.  Da  es  ferner  der  Staatsverwaltung  nicht
aut  den  Besitz  fremder  (Goldmünzen,  sondern  auf  den  Besitz
von  Barrengold  ankommt,  so  ist  es  nui’  vernünftig,  wenn  die
Einzahlung  auch  in  solchen  Barren  genommen  wird,  wobei
dem  fremden  Geldmärkte  eine  an  sich  geringfügige,  der  Arbitiage
  aber  hoch  willkommene  und  von  dieser  sicherlich  rasch
ausgebeutete  Gewinnstchance  geboten  würde,  die  dem  Staate
nicht  einen  Heller  zu  kosten  braucht  und  ihm  doch  die  Manipulation ­
  erleichtert.  Es  ist  überflüssig  zu  bemerken,  dass  die
        <pb n="406" />
        396

bei  der  Anlehensaussehreibung  festgestellte  Werthrelation
zwischen  österreichischer  Silbermünze  und  Gold  durchaus  kein
Präjudiz  für  die  zukünftige,  in  der  Münzreform  selbst  anzunehmende ­
  Werthrelation  bilden  könnte.
Um  Zinsen  zu  ersparen,  müssten  die  Einzahlungen  auf
das  Anlehen  derart  auf  längere  Zeit  erstreckt  werden,  dass
die  letzte  Anlehensrate  knapp  vor  der  wirklichen  Durchführung ­
  der  Münzreform,  also  je  nacli  der  Leistungsfähigkeit  der
mit  dem  Prägewerke  betrauten  ^Münzstätten  nach  einer  kürzeren ­
  oder  längeren  Frist  fällig  würde.  Einzahlungen  in  der
eigenen  Silbermünze  dürften  aber  blos  für  die  ersten  Raten
angenommen  werden,  und  zwar  aus  dem  Grunde,  weil  diese
Silbermünzen  —  wie  sofort  ersichtlicb  gemacht  werden  soll  —
früher  benöthigt  werden,  als  das  einzuzahlende  Gold.  Die
derart  in  den  Besitz  des  Staates  gelangende  Silbercourantmünze ­
  —  und  wenn  der  Cours,  zu  welchem  diese  angenommen
wird,  im  Verhältnisse  zum  Golde  genügend  hoch  an  gesetzt  ist,
so  kann  ohneweiters  darauf  gerechnet  werden  ,  dass  dies
ziemlich  vollständig  der  ganze  Vorrath  sein  wird  —  muss
sofort  dazu  verwendet  werden,  um  mit  der  Ausprägung  von
Silberscheidemünze  zu  beginnen.  Die  ganz  kleinen  Stücke
(10  und  20  kr.),  wie  nicht  minder  die  Kujtfermünze,  brauchten,
wie  sich  späterhin  ergehen  wird,  nicht  erneuert  zu  werden.
Wenn  jedoch  die  Notencirculation  wirklich  eingeschränkt  und
der  Verkehr  nach  ]\Iöglichkeit  auf  metallische  Grundlage  gelegt ­
  werden  soll  ,  so  müssen  auch  Stücke  zu  50  kr  und  zu
1  und  2  Ü.  geschlagen  werden.  Da  dieselben  als  Scheidemünze ­
  unterwerthig  aiisznprägen  sind,  so  kann  diese  Operation
dui'chgeführt  werden,  noch  bevor  die  Werth  relation  zwischen
der  neuen  (Lüdmünze  und  der  alten  Silhermünze  gegeben  ist.
Dabei  wird  sich  allerdings  der  Uebelstand  herausstellen,  dass
die  Werthrelation,  in  welcher  die  Goldcourantmünze  zur  Silberscheidemünze ­
  steht,  gänzlich  dem  Zufälle  überlassen  bleibt  ;
aber  es  ist  für  den  Verkehr  in  Wahrheit  auch  ganz  und  gar
gleichgiltig,  ob  dabei  eine  mehr  odei*  minder  irrationale  Grösse
herauskommt.  Zu  beachten  ist  Idos,  dass  die  grobe  Silherscheidemünze
  ihrem  vollen  Silherwerthe  weder  so  nahe  stehe,
dass  bei  einem  allfälligen  in  der  Zukunft  doch  immerhin  möglichen ­
  Steigen  des  Silberpreises  ihr  innerer  Werth  dem  der
        <pb n="407" />
        397

Goldmünze,  dessen  Repräsentant  sie  zukünftig  werden  soll,  gleich
kommen  kann,  noch  dass  sie  derart  niinderwerthig  ausgeprägt
werde,  dass  ihr  allzu  schlechter  Gehalt  gleichsam  als  empündliche
  Schädigung  des  vollen  AVerthes  im  gesammten  Münzumlaufe ­
  anzusehen  wäre.  Am  meisten  würde  es  sich  empfehlen,
das  auch  von  Deutschland  adoptirte  Verhältniss  von  1  zu  14
zwischen  Silberscheidemünze  und  Gold  festzuhalten.  Wie
viel  »Silberguldenstücke  aus  dem  Münzpfunde  Feinsilber  nach
dieser  Relation  zu  schlagen  wären,  das  hängt  dann  von  jener
Werthrelation  ab,  nach  welcher  im  Verhältnisse  zu  dem  einznlösenden
  Silberoourantgelde  die  neuen  Goldstücke  geprägt
werden  müssen.  Die  nachfolgende  Tabelle  gibt  eine  Uebersicht,
  in  welcher  Weise  die  aus  einem  Münzpfunde  Feinsilber
zu  schlagende  Stückezahl  der  Scheidemünzgulden  wachsen
muss,  um  auf  der  Werthrelation  von  1  zu  14  zu  verharren,
wenn  die  Werthrelation,  nach  welcher  die  neuen  Goldstücke
ausgeprägt  werden  sollen,  sich  zwischen  1  zu  1  b'  %  und.  I  zu
20  bewegt.

Werthrelation  zwischen
Gold  und  Silber.

Stückzahl  der  Scheidemünzgulden
aus  dem  Pfund  Feinsilber.

1  :  1Õ.5
1  :  16
1  :  16.,
1  :  17
1  :  17.6
1  :  18
1  :  18.6
1  :  19
1  :  19.5
1  :  20

49.82
51.48
53.08
54.04
56.20
57.86
59.46
61  .07
1)2.68
64.28

Nun  ist  es  aber  zu  vermeiden,  dass  die  Gesetzgebung
die  Werthrelation,  nach  welcher  die  Goldstücke  ausge])rägt
werden  sollen,  schon  zur  Zeit,  wo  die  Silberscheidemünze  geschlagen ­
  wird,  vorher  bestimme  ;  diese  V  erthrelation  ist  daher,
da  sich  die  Marktverhältnisse  inzwischen  ändern  können,  zu
jener  Zeit  noch  nnbekannt.  Fs  wird  also  in  der  IMiat  nichts
anderes  übrig  bleiben,  als  die  Marktrelation,  \v7e  sie  iin  Augenblicke ­
  besteht,  wo  mit  der  Prägung  der  Silberstücke  begonnen

'I
I
        <pb n="408" />
        wird,  als  Basis  zu  ueliiiien,  woltei  sich  daun  allerdings  ergeben
kann,  dass  bei  einem  ferneren  Fallen  des  Silberpreises  die
Scheidemünze  im  Verhältnisse  zum  1%«ddconrantgelde  schwerer,
im  Falle  einer  inzwischen  eingetretenen  Preissteigerung  des
Silbers  leichter  ausgeprägt  sein  würde,  als  der  Relation  von
1  zu  14  entspräche.  Sollte  in  der  Zwischenzeit  die  Preis  Veränderung ­
  des  Silbers  sehr  gross  gewesen  sein,  so  ist  es
sogar  nicht  unmöglich,  dass  eine  nachträgliche  abermalige  Einziehung ­
  und  Umprägung  der  Scheidemünze  noth  wendig  werden
kann.  Aber  diese  Gefahr  ist  immerhin  weniger  bedeutsam  als
die  eines  Trrthums  in  der  Feststellung  der  Werthrelation  für
die  neuen  Goldstücke,  denn  nur  diese  werden  den  Massstab
für  den  zukünftigen  Verkehr  des  Landes  bilden,  und  bei  diesen
ist  daher  Alles,  was  in  menschlicher  Kraft  steht,  daran  zu
wenden,  dass  von  dem  Momente,  wo  die  Werthrelation  gesetzlich ­
  geregelt  wird,  bis  zu  jenem,  wo  der  Verkehr  thatsächlich
auf  Gold  gegründet  ist,  die  Gefahr  einer  Veränderung  des
Werthes  auf  ein  Minimum  reducirt  sei.
Wenn  man  annimmt,  dass  zur  Zeit  ,  wo  mit  dem
Schlagen  der  Silbermünzen  begonnen  wird,  die  Marktrelation
von  Gold  und  Silber  zwischen  17  und  18  zu  1  sich  bewegen
dürfte,  so  werden  ungefähr  55  Scheidemünzgulden  aus  einem
Pfunde  Feinsilber  zu  prägen  sein.  In  Deutschland  wurde
der  Maximalbetrag  der  Reichssilbermünze  auf  10  Mark  per
Kopf  festgestellt  ;  fixirt  man,  dem  entsprechend,  den  Bedarf ­
  Oesterreich-Ungarns  an  grober  Scheidemünze  auf  5  ti.
per  Kopf  (was  für  den  Fall,  als  der  neue  österreichische
Goldgulden  zur  Werthrelation  von  17  bis  18  zu  1  geprägt
würde,  um  10  bis  15  Percent  weniger  wäre,  als  in  Deutschland ­
  für  nothwendig  gehalten  wurde),  so  würde  sich  der
Gesammtbetrag  der  zu  .schlagenden  Silbermünze  auf  ungefähr
170  Millionen  neuer  Gulden  beziffern.  Dazu  wären,  wenn
aus  dem  Münzpfunde  55  Stück  geschlagen  werden  sollen,  nahe
an  140  Millionen  Silbergulden  alter  österreichischer  Währung ­
  erforderlich.  Dies  dürfte  nach  übereinstimmenden
Schätzungen  ungefähr  soviel  sein,  als  der  gesammte  Silbervorrath,
  den  Oesterreich  einlösen  und  verwerthen  muss.  70  Millionen ­
  Silber  sind  im  Besitze  der  Bank,  der  Vorrath,  der  sich
zeitweilig  in  den  Staatscassen  anhäuft,  schwankt  zwischen  öO
        <pb n="409" />
        —  399

und  40  Millionen,  und  da  die  österreicliisclien  Silberguldenstücke ­
  derzeit  nirgend  mehr  cursiren,  so  werden  kaum  mehr
als  20  Millionen  ausserhalb  der  Bank  und  den  Staatsoasseii
dem  Schmelztiegel  entronnen  sein.  Es  wurden  allerdings  von
1858  bis  1870  2'87  Millionen  Zweiguldenstücke,  143  77  Millionen ­
  Einguldenstücke  und  153*5  Millionen  Viertelguldenstücke,
zusammen  also  für  190  Millionen  Gulden  österreichisches  Silbercourantgeld ­
  geschlagen  ;  aber  dies  repräsentirt  auch,  mit
Ausnahme  der  geringen  .  in  den  letzten  Jahren  geschlagenen
Stücke,  die  Gesammtsumme  der  Ausprägungen  ;  denn  die  nach
dem  Conventionsmünzfusse  ausgeprägten  alten  Stücke  wurden
beim  Uebergange  zur  österreichischen  Währung  nach  1857
eingezogen.  Die  Einschmelzungen  brauchen  also  nicht  einmal
einen  bedeutenden  Umfang  erreicht  zu  haben,  wenn  die  obige
Schätzung  der  derzeit  noch  vorhandenen  Menge  Silbergeldes
richtig  sein  soll.  Sonst  circuliren  noch  Levantinerthaler,  die
jedoch,  wie  bereits  früher  erwähnt  wurde,  kaum  in  bedeutender ­
  Menge  zur  Einwechslung  präsentirt  werden  dürften.  Alles
im  Allem  wird  däher  Oesterreich  schwerlich  mit  seinem,Währungswechsel ­
  die  Silberpreise  beeinflussen,  da  es  eben  kein
Silber  zu  verkaufen  hat.  Es  wird  segar,  um  die  Einlösung
seiner  Silbeicoupens  bis  zu  durchgeführf  em  Wäh  rungs  Wechsel
zu  ermöglichen,  nicht  sofort  seinen  ganzen  Bedarf  an  Silberscheidemünze ­
  decken  können,  sondern  darin  einstweilen  eine
Lücke  lassen  müssen,  die  dann  nachträglich,  wenn  die  alten
Silbermünzen  vollständig  überflüssig  geworden  sind,  ausgefüllt
werden  kann.  Welcher  Zeit  die  österreichischen  Münzstätten
bedürfen,  um  ungefähr  2()0  Millionen  Stücke  1-,  2-  und  Va-Guldenstücke
  zu  prägen,  wird  wohl  von  der  Energie  abhängen,  mit
welcher  das  Prägewerk  in  Angriff  genommen  wird.  Im  Jahre
1859  wurden  53*955  Millionen  fl.  Silbermünzen,  ausserdem  10*2288
Millionen  fl.  Goldmünzen  und  2*780  Millionen  fl.  Kupfennünzen  geschlagen. ­
  Es  waren  das  nahe  an  100  Millionen  Gold-  und  Silbercoiirantstücke
  und  nahe  an  300  Millionen  Stück  Scheidemünze.
Mit  der  Ausprägung  der  neuen  Silberscheidemünze  wird  daher
die  österreichische  Münze,  wenn  die  Vorbereitungen  nur  einigermassen
  energisch  in  die  Hand  genommen  werden,  höchstens
b'a  Jahr  lang  beschäftigt  sein.  Es  würde  sich  empfehlen,  diese
Scheidemünze  fortlaufend,  so  wie  sie  fertig  gestellt  ist,  gegen
        <pb n="410" />
        —  4ü(»
Staatsnoten  umznwechseln  und  in  den  Verkehr  zu  setzen
Diese  Massregel  würde  voraussichtlich  niclit  hlos  das  Disagio
der  Noten  einigerinassen  drücken,  sondern  überdies  auch  den
kleinen  Verkehr  an  den  Gebrauch  des  Metallgeldes  gewöhnen  und
gleichzeitig,  was  wohl  die  Hauptsache  sein  dürfte,  der  Staatsverwaltung ­
  werthvolle  Anhaltspunkte  darüber  verschaffen,
welches  der  eigentliche  Bedarf  des  österreichischen  Circuíationsgebietes
  an  derartiger  Silberscheidemünze  wohl  sei.
Nachdem  jedoch  das  alte  Silbergeld  mit  Ausnahme  jenes
Betrages,  der  zur  Deckung  der  Silbercoupons  noch  erforderlich
ist,  in  Scheidemünze  verwandelt  sein  wird,  muss  die  Gesetzgebung ­
  unverweilt  an  die  Fixirung  der  Werthrelation  zwischen
(fold  und  Silber  schreiten,  eine  AVerthrelation,  die  dann  massgebend ­
  zu  sein  hat  für  alle  Contractverhältnisse  des  Landes.
Die  Principien,  nach  denen  diese  Werthrelation  festzustellen
ist,  müssen  vorher  schon  vollständig  klargestellt  sein.  Sie
werden  jedenfalls  gleichzeitig  mit  dem  (fesetze,  welches  die
Herstellung  der  Valuta  anordnet,  zu  erörtein  sein,  so  dass
zur  Namhaftmachung  der  Relatiouszitfer  nur  mehl'  ein  einfaches ­
  Rechenexempel,  welches  von  der  Legislative  füglich
der  Verwaltung  überlassen  werden  kann,  zu  lösen  sein  wird.
Die  Gesetzgebung  muss  früher  schon  festgestellt  haben,  nach
welchem  Durchschnitte  sie  diese  Relation  berechnet  haben  will.
Da  es  hauptsächlich  darauf  ankommt,  dass  diese  Werthrelation
möglichst  dem  Marktverhältnisse  im  Momente  der  Durchführung ­
  des  Währungswechsels  entspreche,  so  dürfte  es  gut  sein,
wenn  der  Durchschnitt  einer  dem  Momente  der  factischen  Geldzahlungen ­
  möglichst  naheliegenden  Periode  der  Ifechnung  zugrunde ­
  gelegt  wird,  unbekümmert  darum,  wie  die  Relation  in
der  Vergangenheit  war  und  wie  sie  in  der  Zukunft  sein  wird.
Beides  ist  für  die  liechtsconfinuität  der  (’ontracte  irrelevant.
Letzteres  überdies  absolut  nicht  zu  berechnen.  Es  wird  ferner
noth  wen  dig  sein,  der  Regierung  genau  umschriebene.  Vollmacht
zu  ertheilen,  in  welcher  V  eise  sie  die  Relation  nach  oben
oder  unten  abrunden  darf,  wenn  die  ihr  vorgeschriebene
Durchschnittsrechnung  eine  allzu  irrationale  Zahl  ergeben
sollte.  Da  aus  sofort  zu  erörternden  Gründen  der  neue  (Joldgulden
  nicht  nach  einem  vorher  schon  von  der  Gesetzgebung
bestimmten  Gewichte,  etwa  gleich  2  deutschen  Reichsmark,
        <pb n="411" />
        ausziiprägen  sein  wird  (in  welcliem  Falle  zu  berechnen  gewesen
wäre,  wie  viel  von  diesen  neuen  Goldgulden  auf  den  alten
►Silbergulden  gehen),  sondern  nach  einem  Gewichte  geschlagen
werden  soll,  welches  gemäss  der  zu  findenden  Werthrelation
dem  alten  Silbergulden  gleichwerthig  ist  —  so  wäre  es  iiir
das  Umwechslungsgeschäft  und  für  den  gesammten  inneren
Veikehr  ganz  gleichgiltig,  ob  die  Werthr’elation  eine  runde
/ahl  oder  einen  Bruch  mit  10  Decimalen  vorstellt.  Aber  es
ist  aus  mancherlei  (B  ünden  wünschenswerth  ,  dass  der  Goldgulden ­
  in  einem  gewissen,  leicht  ersichtlichen  Verhältnisse  zu
.  Goldmünzen,  insbesondere  zur  deutschen  Reichsmark
stehe,  und  dass  auch  sein  Verhältniss  zum  Münzpfunde
Feinsilber  sich  leicht  berechnen  lasse.  Es  muss  daher  der  Executive ­
  die  Möglichkeit  geboten  sein,  das  auf  mathematischem
AVege  gefundene  Resultat  diesen  Anforderungen  entsprechend
abziirunden.  A  jiriori  spricht  durchaus  kein  Grund  dafür,
dass  diese  Abrundung  eher  nach  oben  als  nach  unten  vorgenommen ­
  werde,  das  heisst,  dass  man  den  Goldgulden  lieber
um  einen  Briichtheil  schwerer  als  leichter  auspräge,  als  nach
dem  auf  mathematischem  AVege  gefundenen  Mittelwerthe  der
Relation  nothwendig  wäre.  Es  ist,  wie  ausführlich  nachgevdesen
  wurde,  durchaus  ein  Irrt  hum,  zu  glauben,  dass  die
Gläubiger  aus  dem  Grunde,  weil  der  Silberpreis  seit  einigen
dahren  gefallen  ist,  ein  Recht  hätten,  auch  nur  um  den  tausendsten ­
  Theil  eines  (Traiuiues  mehr  Gold  für  das  Münzpfund
Feinsilber  zu  fordern  ,  als  sie  auf  dem  Edelmetallmarkte  dafür
erhalten  können.  Insbesondere  den  ausländischen  Gläubigern
wird  durch  den  TIebergang  zur  (Goldwährung  unter  Zugrundelegung ­
  der  Marktrelation  ein  so  bedeutender  ,  von  ihnen  selbst
so  hoch  angeschlagener  A^ortheil  zugewendet,  dass  eine  derartige ­
  HegrirtsVerwirrung  nicht  die  geringste  Berücksichtigung
verdienen  ^  sollte.  Aber  sie  besteht  einmal  in  zahlreichen
KAijifen  ;  insbesondere  von  den  inländischen  Gläubigern  werden
sieb  Alele  tür  beua&amp;lt;;htheiligt  halten,  wenn  ihnen  beispielsweise
1  Bfund  G(dd  für  17'/^  Pfuml  Silber  geboten  wird,  während
umgekehrt  kein  Schuldner  sein  Interesse  für  geschädigt  halten
‘lüi-fte,  weil  ihm  eine  derartige  Zahlung  in  Gold  statt  im  stipulirten
  Silber  zur  Pflicht  gemacht  wird.  Dass  im  Falle
Ur.  Th.  Ilertzka,  Währung  und  Handel.  26
        <pb n="412" />
        —  402

eines  ferneren  Sinkens  der  Silberpreise  die  Sacke  sicli  in
ESBSS#
paribns  wohl  empfelilen,  unter  sonst  gle.ckbledieniten  U
ständen  einer  Abrundung  nach  oben,  d.  k.  .u  Gunsten  de,
Gläubiger,  vor  der  entgegengesetzten  den  Vorzug  zu  geben.
Selbstverständlick  ist,  dass  diese  Rneksickt  fur  ™
recktigten  Wakn  nickt  so  weit  geben  darf,  um  ikretm  len  ■
praktiscke  und  greifbare  Verkekrserleicktevnngen  preiszugeben.
SoUte  Sick  beispielsweise  ergeben,  dass  naob  der  matbematiscben
Relation  der  neue  österreicbiscbe  Goblgnlden  I7irl  dentscbe
Pfennige  scbwer  ansznpriigen  wäre,  so  innsste  man  ibn  eben
du,-Cb  den  bedeutenden  Gewinn  der  Gesamintbeit  ans  dem
Besitze  einer  Münze,  die  in  diesem  Falle  im  Verbaltniss^
7  yn  4  zur  dentscben  Reicksniark  stünde.  Aebnlicbe  Erwägungen ­
  könnten  nncb  bei  anderen  Zablen  massgebend  sein  ;
L  dies  aber  nickt  der  Fall  ist,  sollte,  wie  gesagt,  die  Abr;:;i%=h::tgen
  beiB,irebf«brn„g
■
        <pb n="413" />
        26*

403

werden,  da  diese  nur  um  den  Preis  von  (iefaliren  und  Scliwierigkeiten
  erkauft  werden  könnten,  die  ungleich  schwerer  in
die  Wagschale  fallen.  Es  wäre  allerdings  von  ausserordentlichem ­
  Nutzen  für  den  •  österreichisch  -  deutschen  Verkehr,
wenn  der  Österreichische  (loldgulden  als  Zweimarkstück  ungehindert
  in  Deutschland  cursiren  könnte,  und  wenn  ebenso  die
deutschen  IMarkstücke  in  Oesterreich  zum  vollen  Nennwerthe
angenommen  würden.  Damit  dies  jedoch  geschehe,  wäre  für
alle  Fälle  die  Ahschliessung  einer  Münzconvention  mit  Deutschland ­
  nothwendig,  und  wenn  dieses  gesonnen  ist,  auf  eine  solche
einzugehen,  so  ist  es,  um  die  wesentlichen  Vortheile,  auf  die
es  hier  ankommt,  zu  erlangen,  durchaus  nicht  nothwendig,  dass
die  Rechnungseinheit  in  Oesterreich  der  in  Deutschland  vollkommen ­
  adäquat  sei.  Ohnehin  wird  es  keinem  Staate  erwünscht
sein,  wenn  seine  eigene  ]\Iünze  sich  mit  der  eines  fremden
Staates  vollkommen  durchdringt,  etwa  derart,  dass  der  Verkehr ­
  diesseits  und  jenseits  der  Grenzen  mit  den  beiderseitigen
Münzen  in  beinahe  gleicher  Weise  gesättigt  ist.  Darauf  kommt
es  bei  den  Vortheilen  einer  Münzeinigung  auch  gar  nicht  an.
Zu  erreichen  ist  blos,  dass  die  eigene  Münze  im  fremden
Lande  und  die  fremde  im  eigenen  Lande  zum  vollen  Werthe
angenommen  wird  ;  erwünscht  aber  ist,  wenn  die  beiderseitigen
]\Iünzen  dabei  die  stetige  Tendenz  bewahren  ,  in  ihre  Heimat
znrückzuströmen,  d.  h.  wenn  bei  Baarmittelsendungen  in’s
Nachbarland  mit  Vorliebe  dessen  eigene  Münzen  verwendet
werden.  Dies  wird  nun  erreicht,  wenn  zwei  Staaten  eine
IMiinzconvention  abschliessen,  kraft  deren  sie  sich  gegenseitig
vej’pflichten,  im  fremden  Lande  Einlösungsstellen  für  ihre
eigenen  Münzen  zu  halten,  wogegen  dann  die  contrahirende
Regierung  das  Zugeständniss  macht,  dass  die  Münzen  des
anderen  Theils  an  ihren  eigenen  Cassen  an  Zahlungsstatt  an.
genommen  werden.  Sind  nun  in  einem  solchen  Falle  die  beiderseitigen ­
  Münzen  vollkommen  gleich,  so  pflegt  es  zu  geschehen,
dass  der  Münzumlauf  in  der  oben  beschriebenen  Weise  sich
gleichsam  vollkommen  durch  Diffusion  vermengt;  stehen  die
beiden  Münzen  überhaupt  in  keinem  leicht  übersehbaren  und
berechenbaren  Verhältnisse  zu  einander,  so  können  sie  überhaupt ­
  auch  nicht  vorübergehend,  in  den  jenseitigen  Verkehr
gelangen,  sondern  werden  von  demselben  augenblicklich  an  die
        <pb n="414" />
        404

Einlösungsstellen  abgegeben  und  können  bei  neutralem  Wechselcourse
  nur  mit  einem,  allerdings  geringen,  die  ]\Iübe  und
den  Zeitaufwand  der  Umwechslung  repräsentirenden  Disagio
Vorkommen.  Sind  jedoch  die  beiderseitigen  Münzen  nicht  gleich,
stehen  aber  in  einem  leicht  übersichtlichen  Verhältnisse  zu
einander,  z.  B.  in  dem  oben  erwähnten  von  4  zu  7,  so  werden  sie
ohne  die  geringste  Conrseinbusse  in  den  jenseitigen  Verkehr  gelangen, ­
  von  diesem  aber  doch  immer  wieder  abgestossen  werden.  Es
wird  nun  allerdings  im  Verhältnisse  des  österreichischen  Dulden
zur  deutschen  Reichsmark  vom  Zufalle  abhängen,  ob  der  eine
oder  andere  Fall  eintritt.  Aber  selbst  schlimmsten  Falls
müssten  für  Oesterreich  dieselben  Erwägungen  massgebend
sein,  die  Deutschland  dazu  bewogen  haben,  bei  seiner  Münzreform ­
  weder  das  Zwanzigfrancsstück  noch  den  Sovereign  zu
acceptiren,  sondern  eine  Münze,  die  nach  der  damaligen  W  erthrelation
  Vs  Thaler  gleich  war.  Denn  im  internationalen  Verkehre
ist  die  Schwierigkeit  der  Umrechnung  einer  Münzsorte  in  die
andere  ohne  Belang  ;  dem  Arbitrageur  kommt  es  nur  darauf
an,  zu  wissen,  wie  viel  in  dem  einen  oder  anderen  Lande  an
Goldstücken  erforderlich  ist,  um  1  Münzpfund  Feingold  zu
erhalten.  Dass  die  Anzahl  der  Stücke  hier  und  dort  gleich
sei,  fordert  er  durchaus  nicht,  und  es  ist  ihm  dieses,  wenn
die  Gleichheit  der  Stücke  nicht  Hand  in  Hand  geht  mit  der
gleichberechtigten  Zulassung  im  beiderseitigen  iVlünzverkehre,
auch  ganz  gleichgiltig.  im  internen  Verkehre  dagegen  sind
Umrechnungen  zu  vermeiden  ,  umsomehr  im  vorliegenden
Falle,  wo  die  Begriffe  über  das  Contractrecht  ohnehin  in
bedauerlicher  Weise  verwirrt  sind.  Würde  man  selbst  einen
neuen  höherwerthigen  Silber  gulden  prägen,  so  würde  es
namentlich  im  Kleinverkehre  häufig  auch  Schwierigkeiten  ergeben, ­
  die  Zahlungen  nach  altem  Gehle  in  die  nach  neuem
umzurechnen  ;  aber  es  würde  sich  zum  mindesten  Niemand  für
geschädigt  halten,  wenn  die  Umrechnung  ergäbe,  dass  er  nunmehr
eine  geringere  Anzahl  von  Guldenstücken  zu  erhalten  habe  als
bei  der  alten  Währung  der  Fall  gewesen  wäre.  Nunmehr  aber,
da  der  neue  Gulden  in  Gold  ausgeprägt  werden  muss,  würden
gar  Manche  noch  glauben,  Anspruch  auf  die  gleiche  Stückzahl
zu  haben,  auch  wenn  diese  neuen  Stücke  um  10,  15,  vielleicht
20  Percent  mehr  werth  sind  als  die  alten.  Bei  jeder  Trans-
        <pb n="415" />
        action  würde  diese  leidige  Frage  aufs  neue  auftauchen  und
stets  neue  Streitigkeiten  erregen.  Die  Hauptsache  aber  ist,
dass  in  der  That  die  Ausprägung  eines  höherwerthigen
Goldguldens  geeignet  wäre,  die  Preisverhältnisse  und  damit
rückwirkend  auch  die  Contractverhältnisse  zu  verschieben.
Die  Tendenz  des  Beharrens  auf  den  nominellen  Sätzen  ist
bei  vielen  Preisen  und  Löhnen  so  gross,  dass  mit  Bezug
auf  sie  eine  Erhöhung  des  Guldenwerthes  um  15  Percent
ziemlich  gleichbedeutend  wäre  mit  einer  Vertheuerung  um
denselben  Percentsatz.  Es  gibt  eine  Menge  Dinge,  die  lediglich ­
  deshalb  mit  ^  dem  neuen  Goldgulden  bezahlt  werden
müssten,  weil  sie  früher  einen  alten  Silbergulden  galten  ;

für  die  kleinen  Dinge  des  täglichen  Gebrauchs  würde  man
die  nämliche  Anzahl  Kreuzer  zahlen,  gleichviel  ob  diese
Kreuzer  den  hundertsten  Theil  vom  fünfundvierzigsten  Theile
oder  vom  Werthäquivalente  des  vierzigsten  Theiles  eines
Münzpfundes  Feinsilber  sind.  Diese  Preisverschiebung,  die
naturgemäss  allen  Jenen  zum  Nachtheile  gereichen  müsste,
die  aus  alten  Contracten  berechtigt  sind  und  nunmehr  doch
nur  nach  der  geltenden  Werthrelation  in  Gold  bezahlt  werden ­
  sollen,  kann  nur  vermieden  werden,  wenn  man  den  alten
Silbergulden  und  die  ihn  repräsentirende  Note  gegen  einen
ungetheilten  Goldgulden  auswechselt,  d.  h.  den  neuen  Goldgnlden
  so  ausprägt,  dass  er  nach  der  geltenden  Relation
dem  fünfundvierzigsten  Theile  eines  Münzpfundes  Feinsilber
gleichwerthig  ist,  d.  h.  also  beispielsweise
bei  einer  Werthrelation  von  1  :  15.5  müssen  697.5  Stück

n  »  »  «
n  »  T)  ri
r&amp;gt;  n  n  V
»  »  •  »  w
r  M  »  »
n  ry  w  »
yy  »  ,  yy  »
yy  yy  yy  yy
neue  Goldgulden  aus  dem

1  :  16
1  :  16.5
1  :  17
1  :  17.5
1  :  18
18.5

1
1  :  19
1  :  19.5
1  :  20

720
742.5
765
787.5
810
832.5
855
877.5
900

»  .

Münzpfunde  Feingold  geschlagen

werden.
Damit  ist  überdies  der  ausserordentliche  Vorth  eil  ver-
        <pb n="416" />
        406

blinden,  dass  die  Neuprägung  der  kleinen  Scheidemünze  überflüssig ­
  wird,  wie  denn  überhaupt  im  grossen  Bereiche  der
inneren  Cxeldverhaltnisse  nichts  geändert  zu  werden  braucht.
Das  neue  Goldgeld  tritt  ohne  weiters  und  ohne  die  geringste
Störung  zu  veranlassen  in  die  Function  des  Papiergeldes  ;
die  kupferne  und  kleine  silberne  Scheidemünze  braucht  weder
die  Form  noch  den  Werth  zu  verändern.  Und  da  die  Untertheilung
  im  österreichischen  Münzwesen  auch  heute  eine  durcbaiis
  rationelle  ist,  daher  nicht  geändert  zu  werden  braucht,
so  wird  hier  auch  die  Verwirrung,  die  im  deutschen  Kleinverkehr ­
  anfangs  durch  die  Idarkrechniing  geschaffen  wurde,
ganz  vermieden  sein.  Das  Publicum  wird  plötzlich  statt  der
Fünf-  und  Zehnguldennoten  Goldmünzen,  statt  der  Guldennoten ­
  Silbermünzen  in  den  Taschen  haben,  im  Uebrigen
aber  von  der  Veränderung  im  Münz  wesen  keinerlei  Störung
empfinden.
Nachdem  auf  diese  Weise  das  Fein-  und  Rauhgewicht  der
neuen  Goldstücke  —  die  selbstverständlich,  da  die  Congruenz
mit  den  Zwanzigfrancsstücken  a  priori  verloren  wäre,  nicht
mehr  in  der  Form  von  Acht-  oder  Vier-Guldenstücken  ,  sondern  in
der  von  5  und  10  Ü.  ausgeprägt  werden  müssten  —  festgestellt ­
  wäre,  müsste  alle  Energie  daran  gesetzt  werden,  dass
die  factische  Durchführung  des  Währungswechsels  sich  auch
keinen  Tag  länger  verzögere,  als  unerlässlich  nothwendig  ist.
Es  würde  sich  empfehlen,  die  säinmtlichen  circulirenden
Noten  augenblicklich  zu  Goldnoten  zu  erklären  und  mit  ihrer
Einlösung  gegen  Gold  auch  augenblicklich,  d.  i.  also  noch
bevor  auch  nur  ein  einziges  Goldstück  wirklich  geprägt  wäre,
zu  beginnen,  u.  z.  in  der  Art,  dass  man  die  Noten,  soweit
sie  präsentirt  werden,  bis  zu  einem  gewissen  Termine  in
Barrengold  oder  gegen  fremde  Münze  zu  einem  für  jede  Sorte
genau  festzustellenden  Course  einlöst  und  mit  der  Um  Wechslung ­
  der  Gulden  gegen  neue  österreichische  Goldmünzen  erst
später  beginnt,  wenn  das  Prägegeschäft  einigermassen  fortgeschritten ­
  ist.  Keinesfalls  dürften  die  neuen  Goldstücke  früher
in  Verkehr  gesetzt  werden,  als  bis  das  Nacblassen  der  Nachfrage ­
  nach  Barrengold  und  fremde  Goldmünze  der  Regierung
bewiese,  dass  ein  Goldexport  fernerhin  nicht  mehr  zu  besorgen
ist.  In  dem  Elemente,  wo  dies  geschieht,  könnte  auch  die
        <pb n="417" />
        —  407

1-^  &amp;gt;
Bank  ihre  Baarzahlungen  wieder  aufnehmen,  selbstWstaifSílá^
auch  sie  insoîange,  als  sie  den  erforderlichen  GoWi^inzvorrath
  von  der  Be^;ierung  nicht  gelieiert  erhalten
erst  nur  mit  der  Verpflichtung,  Barrengold  und  fremde"Gold-'
münzen  für  ihre  Noten  zu  gehen."  Von  dem  Augenblicke  aber,
wo  das  Aufhören  der  Nachfrage  nach  Barrengold  zeigen  wird,
dass  die  Wechselcourse  im  entsprechenden  Masse  günstig
gestellt  sind,  müsste  die  Regierung  ihre  noch  coursirenden
X(»ten  in  möglichst  kurzem  Termine  einberufen  ,  u.  z.  jetzt
nicht  mehr  '  facultativ,  sondern  imperativ.  Den  Noten  wäre

nach  Ablauf  dieses  Termines  der  Zwangscoiirs  zu  nehmen,  deren
Annahme  an  den  öffentlichen  Cassen  direct  zu  verweigern,  derart,
dass  Demjenigen,  der  den  Kinberuiungstermin  versäumt,  in
der  Nöthigung,  sich  nur  mehr  an  einige  wenige  Zahlstellen  zu
wenden  —  die  selbstverständlich  mit  der  Einlösung  nach  wie
vor  fortfahren  müssten  —  eine  Art  Pönale  auferlegt  würde.
Es  mag  nun  die  Besorgniss  entstehen,  dass  durch  die
soeben  besprochene  Maniitulation  der  Umwechslung  von  Noten
gegen  Barrengold  und  fremde  ]\lünze  ein  fühlbarer  Geldmangel
entstehen  könnte,  der  nachgerade  eine  Krisis  heraufzubeschwören ­
  im  Stande  wäre.  Es  könnte,  so  wird  argumentiif,  geschehen, ­
  dass  der  Regierung  der  grösste  Theil  ihrer  Noten
augenblicklich  präsentirt,  ihr  dadurch  all’  ihr  Barrengold  entzogen ­
  würde,  und  wenn  dann  der  (Teldbedarf  sich  noch  so
dringend  gestaltete,  so  würde  eben  die  Möglichkeit  fehlen,
demselhen  abzuhelfen,  es  sei  denn,  dass  die  Regierung  neuerdings ­
  die  kaum  eingezogenen  Noten  emiffirt.  Dieser  Besorgniss
lässt  sich  jedoch  leicht  die  Spitze  abbl  echen.  Zu  einem  Goldexporte ­
  kann  es  nur  dann  kommen,  wenn  relativer  Ueberfluss
an  Zahlmitteln  im  Lande  vorhanden  ist;  wenn  man  aber
glaubt,  dass  der  Regierung  —  allerdings  nicht  zu  Zwecken  des
Exports,  wohl  aber  aus  Misstrauen  in  die  vollständige  Durchführung ­
  der  Valutaregelung  —  das  zu  IMünzzwecken  erforderliche
Edelmetall  entzogen  werden  könnte  ,  und  dass  dann  dem  Verkehre ­
  mit  diesem  Münzmetalle,  auch  wenn  es  in  Barrenform
im  Lande  bliebe,  vorläufig  nicht  gedient  sein  könnte,  so  kann
immerhin  durch  die  der  Bank  auferlegfe  Verpflichtung,  Barrengold ­
  und  fremde  Goldmünzen  gegen  eine  Provision  von  höchstens ­
  V4  Percent  gegen  ihre  Noten  umzuwechseln,  eventuell
        <pb n="418" />
        408

auch  diircli  die  Taritirung  der  autígegebenen  fremden
sorten,  geholfen  werden.  Diese  Tarif)rung  liätfe  aber  jedenfalls
nur  so  lange  Deltung  %u  behalten,  bis  der  Staat  mit  seinem
Münzgeschäfte  fertig  geworden  ist.  Tn  dem  ^fomente,  wo  die
250  bis  dOO  Millionen  neuer  Goldgulden,  deren  er  zur  Einlösung ­
  seiner  Noten  und  für  den  Metallschatz  der  Bank  bedarf,  ausgeprägt ­
  sind,  müssten  die  fremden  Münzen  zu  dem  degradirt
werden,  was  sie  von  Rechtswegen  im  eigenen  Ijande  sind,
nämlich  zu  einer  Waare.  Die  erforderlichen  I\I  assregeln  hätten
einander  also  in  folgender  Weise  zu  ergänzen:
1.  Nach  Vollendung  der  Silberausprägung  und  Eeststellung
  der  Werthrelation,  in  welcher  die  neuen  Goldmünzen  zu
prägen  sind,  werden  alle  Schuldner,  gleichviel  ob  sie  auf
ö.  W.  Silber  oder  Papier  contraliirt  haben  mögen,  verpflichtet,
auf  Verlangen  des  Gläubigers  in  Gold  Zahlung  zu  leisten,  jedoch
bis  zu  einem  vorher  genau  festzustellenden  Termine  in  Barrengold
  oder  in  fremder  Goldmünze.  Die  Gläubiger  sind  bereehfigf,
bis  zu  demselben  Termine,  der  zugleich  der  Einlmrufüngsteiinin
der  Staatsnoten  ist,  Zahlung  statt  in  Gold  je  nach  ilii’em
Contracte  in  Silber  oder  in  Noten  zu  fordern.
2.  Am  gleichen  Tage  werden  die  Einlösungsstellen  für
die  Staatsnoten  eröffnet,  jedoch  wird  voi  läulig  bis  auf  weif  ere,
,  flem  Ermessen  der  Regierung  überlassene  Verfügung,  die  Einlö'sung
  blos  gegen  Barrengold  oder  je  nach  Wunsch  der  Präsentanten ­
  gegen  fremde  Goldmünze  vorgenonimcn.  Als  solche
zur  Ausgabe  gelangende  fremde  Münze  wäre  womöglich  blos
eine  Sorte,  selbstverständlich  jene,  von  der  sich  am  meislen
im  Besitze  der  Regierung  befindet,  zu  wählen  und  zugleich  der
Courswerth,  zu  welchem  diese  fremde  IMünze  bei  allen  Zahlungen ­
  zu  verwenden  ist,  anzugeben.  Die  Baidc  ist  zu  vei--pdichten,
  gegen  V4  Percent  Provision,  jedoch  ohne  Einrechnung
irgend  welcher  anderweitiger  Kosten,  für  Barrengold  und  fremde
Goldmünzen  nach  ihrem  Eeingehalte  Noten  zu  geben.
o.  Sowie  der  Vorrath  der  Regierung  an  neuen  G,ddniünzen
eine  genügende  Höhe  erreicht  hat,  erfolgt  die  imjierafive  Einberufung ­
  der  Sfaatsnoten  ;  gleichzeitig  erklärt  sich  die  Regierung
bereit,  Barrengold  und  fremde  IMünzcn  gegen  einen  Schlagschatz
von  V4  Percent  für  Privatrechnung  lunzuprägcn  respective  so
lange  der  Vorrath  reicht,  gegen  eigene  Münze  sofort  einzu-
        <pb n="419" />
        wechseln.  Tm  selben  Zeit])nnkte  hat  auch  die  Bank  die  Baarzahhingen
  aufznnehmen.
Bei  einer  derartigen  Durchführung  der  Münzreform  dürfte
es  wohl  kaum  möglich  sein,  dass  dem  Verkehre  eine  andere
Schwierigkeit,  als  schlimmstenfalls  die  erwächst,  dass  durch
einige  Tlonate  fremde  Münzen  stärker  in  Umlauf  kommen,  was
allerdings  um  so  unbequemer  wäre,  als  diese  fremden  Münzen, ­
  sie  mögen  nun  Zwanzigfrancsstücke,  Zwanzigmarkstücke
oder  Sovereigns  sein,  keinesfalls  in  einem  sehr  adäquaten  Verhältnisse ­
  zum  eigenem  Währungsgel  de  stehen  dürften.  Aber
gefährliche  Consequenzen  kann  eine  solche  Unbequemlichkeit
sicherlich  nicht  haben,  und  es  dürfte  dies  jedenfalls  der  sicherste
und  zugleich  naheliegendste  Ausweg  sein,  um  die  ]\Iünzreform
  mit  der  denkbar  grössten  Beschleunigung  und  doch  oline
jede  Erschütterung  und  Einengung  des  Credits  durchzuführen.
Dass  mit  den  eigentlichen  ^iünzmassregeln  der  Sache  entsprechende ­
  Vorkehrungen  im  Bankwesen  Hand  in  Hand,  zu
gehen  haben,  ist  selbstverständlich.  Die  österreichische  Bankacte, ­
  wie  sie  im  .Jahi’e  ISGö  geschaffen  wurde,  war  allerdings
bestimmt  für  den  Zusfand  vollständiger  Sidvenz  des  Zettelinstitutes
  ;  aber  dii^  Thatsache,  dass  man  damals  bereits  durch
1  Va  Decennien  unter  der  Herrschaft  des  Zettel  wesen  s  stand,
kennte  doch  nicht  ganz  verleugnet  werden;  zudem  wurden  die
den  Notenumlauf  regulircnden  (iesetze  unter  der  Voraussetzung ­
  erlassen,  dass  das  Silber  das  legale  Zahlmittel  sein
solle.  Wird  nun  das  tTold  zum  Währungsmctall  erhoben,  so
ändert  sich  auch  die  Basis  des  Notenumlaufs  ;  das  Bedürfniss
nach  papiernen  Umlaufsmitteln  muss  relativ  geringer  werden.
Andererseits  aber  hat  sich  seit  jener  Zeit  das  Bedürfniss  nach
Circulationsmitteln  im  Allgemeinen  in  Oesterreich  erhöht.
Währen«1  von  1858  bis  18(15  der  gesammte  Notenumlauf  zwischen ­
  Ö.50  und  nahe  an  5(H(  ^Millionen  Dulden  schwankte,  und
selbst  dieses  Quantum  sich  nur  mit  einem  beträchtlichen  Disagio ­
  im  Verkeil]e  erhalten  konnte,  stieg  in  den  letzten  .fahren
die  Desammtcirculation  an  Staats-  und  Banknoten  im  Durchschnitte ­
  auf  nahe  au  7(M)  Millionen  Dulden,  und  das  Disagio
war  doch  ein  geringeres.  Bei  Bcurtheilung  des  Notenmaximums ­
  für  die  Zukunft  würde  daher  der  Desetzgebung  selbst
jener,  auch  damals  im  Drunde  genommen  rein  willkürliche
        <pb n="420" />
        410

Massstab  fehlen,  der  sie  im  Jahre  1S68  dazu  veranlasste,  eine
Circulation  von  200  Millionen  metallisch  nicht  bedeckter  Noten
für  zulässig  zu  erklären.  Es  ist  absolut  ungewiss,  welche
(Irenze  hei  einer  derartigen  Naelialimung  der  Peelsacte  der
zukünftigen  österreicliiscli-ungarisehen  Noteneirculation  gesteckt ­
  werden  könnte.  Oh  es  überhaupt  zulässig  ist,  eine
solche  (Irenze  zu  ziehen,  soll  hier  nicht  untersucht  werden;
aber  jedenfalls  kann  dies  nur  geschehen,  wenn  die  Clesetzgehiing
  wenigstens  annähernd  das  Bedürfniss  des  Verkehrs  zu
heurtheilen  im  Stande  ist.  Ebenso  willkürlich  und  gefährlich
wäre  im  Falle  des  Währungswechsels  die  Contingentirung  de,s
Notenumlaufs  im  Verhältnisse  zum  IMetallschatze.  Gerade  in
einer  Zeit,  wo  die  innere  Diseontpolitik  nur  unter  sorgfältigster ­
  Beachtung  der  Wechselcourse  und  der  Edelmetallströmungen ­
  gehandliaht  werden  darf,  ist  jede  willkürliche  Reglementirung,
  welche  die  Einsicht  der  Bankleitung  durch  den  (lesetzesparagraphen
  ersetzen  zu  können  glaubt,  doppelt  gefährlich. ­
  ln  dem  Momente,  wo  die  Baarzahlungen  aufgenommen
werden  sollen,  fällt  dem  Zettelinstitute  eine  mit  hoher  Verantwortlichkeit ­
  verbundene,  überaus  schwierige  Aufgabe  zu,
und  es  ist  durchaus  nothwendig,  einerseits,  dass  ihm  die  volle  _
Verantwortlichkeit  für  alle  Massregeln,  die  es  im  eigenen
Wirkipigskreise  unternimmt,  ganz  ausschliesslich  überlassen
bleibe,  anderseits  auch,  dass  ihm  die  Freiheit  des  Handelns
nach  keiner  Richtung  beschränkt  werde.  Da  es  von  vornherein ­
  als  ausgemacht  angesehen  werden  kann,  dass  die  Contingentirung ­
  ganz  willkürlich  wäre  und  mit  den  realen  Anforderungen ­
  des  Verkehrs  nur  schlecht  harmoniren  könnte,  so
darf  der  Bankleitung  weder  die  Möglichkeit  geboten  werden,
ihre  eigenen  Fehler  durch  das  Gesetz  zu  bemänteln,  noch  darf
sie  der  Gefahr  ausgesetzt  sein,  durch  das  Gesetz  in  wirklich
heilsamen  Massregeln  gehindert  zu  werden.
Es  wurde  bereits  dargelegt,  wie  nothwendig  es  beim
Währungswechsel  sein  wird,  den  Notenumlauf  derart  einzuschränken, ­
  dass  ein  Ueberfluss  an  Circulationsmitteln  nicht
vorhanden  sei.  Ob  diese  Grenze  erreicht  ist  oder  nicht,  das
wird  von  Fall  zu  Fall  der  Wechselcours  und  der  Zinsfuss  auf
offenem  Markte  angeben,  und  es  kann  überdies  als  unzweifelhaft ­
  hin  gestellt  werden,  dass  diese  Grenze  selbst  während  der
        <pb n="421" />
        411

m-■I

  I««,

5CI

mm

Ueber^angsmassregeln  mannigfachen  Schwankungen,  je  nach
den  veränderten  Verkehrsbedürfnissen,  ausgesetzt  sein  muss.
Wenn  der  Notenumlauf  gesetzlich  geregelt  ist,  wenn  es  beispielsweise ­
  bei  dem  derzeit  geltenden  Gesetze  sein  Bewenden
haben  sollte,  wonach  die  Bank,  da  sie  sich  im  Besitze  eines
Metallschatzes  von  rund  15()  IMillionen  befindet,  850  Millionen
Gulden  Noten  ausgeben  dürfte  —  so  würde  sie  es  vielleicht
für  überfiüssig  halten,  die  Zinsfiissschraube  anzuziehen,  im
Discontiren  vorsichtiger  zu  werden,  auch  wenn  die  Wechselcourse
  noch  so  schlecht  wären,  so  lange  die  ihr  vom  Gesetze
zugesprochene  Reserve  nicht  erschöpft  ist.  Und  wenn  sie  es
selbst  wollte,  so  würde  ihr  dies  durch  den  Widerstand  .der
öffentlichen  Meinung,  die  gerade  hier  in  Oesterreich  in  derlei
Dingen  von  falschen  Voraussetzungen  ausgeht,  überaus  erschwert, ­
  denn  das  Publicum  würde,  so  lange  das  gesetzliche
Notenmaximum  nicht  erreicht  ist,  jede  Restriction  als  überllüssige
  Chicane  aufiässen.  .Die  Bank  aber  würde  dann  hinterdrein, ­
  wenn  ihr  durch  die  übermässig  ausgegebenen  Noten
(Told  entzogen  werden  sollte,  die  gewaltsamsten  Anstrengungen
machen  müssen,  um  ihre  Solvenz  aufrecht  zu  erhalten;  die
(Geschäftswelt  müsste  die  vorübergehende  ungehörige  Erleichterung ­
  voraussichtlich  mit  einer  Krisis  bezahlen.  Ebenso  ist
es  aber  umgekehrt  möglich,  dass  das  vom  Gesetze  angenommene
Notenmaximum  sich  den  Anforderungen  der  Praxis  gegenüber
als  zu  gering  erweist,  dass  die  Bank  ohne  Gefahr  für  den  Wechselcours
  und  ohne  unter  den  Marktdiscont  herabgehen  zu
müssen,  mehr  als  2(X)  Millionen  metallisch  nicht  bedeckter
Noten  ausgeben  kann.  Es  kann  dies  insbesondere  sehr  leicht
eintreten,  falls  das  Publikum  sich  seines  Staatsnotenbesitzes
allzu  rasch  entledigt,  das  für  dieselben  erlangte  Gold  in  grösseren ­
  Beträgen  exportirt  und  nun  in  der  Zwischenzeit  bis  zum
abermaligen  Zurückströmen  des  Goldes  ein  Geldmangel  eintritt.
Warum  soll  der  Bank  verwehrt  werden,  in  diese  Lücke  zu
treten,  warum  soll  insbesondere  die  Beengung  des  Geldstandes
dadurch  künstlich  zur  Panik  gemacht  werden,  dass  man  der  Geschäftswelt ­
  von  vornherein  die  Besorgniss  einflösst,  es  werde  bei
einer  gewissen  (Grenze  überhaupt  nicht  mehr  Geld  zu  erlangen
sein  ?  Aus  diesen  Gründen  muss  daher  mit  den  Massregeln  der
Münzreform  die  vollständige  Freigebung  des  Notenemissions-
        <pb n="422" />
        412

rechtes  an  das  Zettelinstitiit  verbunden  werden,  selbstverständlich ­
  unter  der  demselben  auferlegten  Verpflichtung,  die
einmal  begonnenen  Baarzahlungen  unter  allen  Umständen  aufrecht ­
  zu  erhalten.  Es  kann  dies  um  so  unbedenklicher  in
Oesterreich  geschehen,  als  der  Baarschatz  der  österreichischen
Nationalbank  im  Idomente  des  Währungswechsels  ein  verhältnissmässig
  ausserordentlich  grosser  sein  wird,  und  zu  allem
Ueberflusse  das  Einlösungsgeschäft  der  Begierung  die  Operationen ­
  der  Bank  wesentlich  unterstützen  muss.  So  lange  dieses
Einlösungsgeschäft  dauert,  wird  Gold  an  den  Begierungsund
  an  den  Bankcassen  in  gleicher  Weise  zu  haben  sein,
während  Noten  nur  bei  der  Bank  erliältlich  sein  werden.  Und  wenn
anders  mit  Aufnahme  der  Baarzahlungen  der  richtige  IMoment
abgewartet  wurde,  wo  das  Bediirfniss  nach  Gold  im  Allgemeinen
nicht  grösser  ist,  als  das  nach  Noten  —  was  wieder  einzig  die
Wechselcourse  anzeigen  können  —  so  hat  die  Bank  einen  Angriff ­
  auf  ihren  Meta  11  schätz  für  s  erste  überhaupt  nicht  zu
besorgen.
1st  aber  erst  einmal  die  Beform  durchgeführt,  der  Verkehr ­
  mit  Gold  gesättigt  und  die  letzte  Staatsnote  eingezogen,  so
wird  der  Zustand  des  österreichischen  Geld-  und  Creditwesens
nach  keiner  Bichtung  einer  anderen  Fürsorge  bedürfen,  keinen
anderen  Gefahren  ausgesetzt  sein,  als  in  den  Ländern,  die
früher  zur  Goldwährung  übergegangen  sind.  Das  tîcdd  wird
ab-  oder  Zuströmen,  der  Zinsfuss  wird  steigen  oder  fallen,  je
nachdem  es  die  Weehseleourse  bedingen.  Der  Verkehr  im
Allgemeinen,  insbesondere  aber  die  Leichtigkeit  der  Geld-Transaetionen
  mit  dem  Auslande,  wird  sieh  ungemein  erhöhen,
aber  dabei  werden  die  Verhältnisse  des  österreichischen  Geldmarktes ­
  immer  noch  weitaus  stabiler  bleiben  als  die  der  westeuropäischen ­
  Staaten,  da  eben  nicht  angenommen  werden  kann,
dass  die  Fortschritte  in  F'olge  des  Wäh  rungs  Wechsels  das
Land  mit  einem  Schlage  auf  jene  Verkehrsstufe  heben  könnten,
welche  jene  Länder  schon  vorlängst  erreicht'  haben.  Dass
aber  die  Fortschritte  sehr  bedeutend,  dass  die  wirthschaftliche
Energie  und  demzufolge  der  Beichthuni  in  früher  kaum
geahntem  Umfange  wachsen  müssten,  wenn  Production  und
Handel  durch  den  Uebergang  vom  Wäbrungsmetalle  des  Orients
zu  dem  der  Culturstaaten  des  Abendlandes  eine  sichere,  verhält-
        <pb n="423" />
        413

nissmässig  unverrückbare  Basis  erhielten,  das  glauben  wir  im
Bisherigen  mit  genügender  Klarheit  dargethan  zu  haben.—
Es  wäre  zum  Schluss  noch  zu  untersuchen,  ob  nicht  auch
für  (  lesterreich,  gleichwie  dies  in  Deutschland  geschah  ,  die
Einführung  der  Doldrechnung  vor  factischer  Durchfíihrnng  der
(fohlWährung  sich  empfehlen  würde.  Dieser  Gedanke  muss
um  so  näher  liegen,  als  ohne  Zweifel  der  materielle  Währungswechsel ­
  ,  der  mit  einer  (Consolidining  der  schwebenden
Schuld  verbunden  sein  müsste,  gewaltige  finanzielle  Anstrengungen ­
  erfordert,  deren  Nutzen  zwar  so  handgreiflich  und
gross  ist,  dass  sie  unter  allen  Umständen  gemacht  werden
sollten,  vor  denen  aber  trotzdem,  wie  die  Verhältnisse  nun
einmal  liegen,  die  leitenden  Staatsmänner  dieses  Reiches  zurückschrecken. ­
  Gelänge  es  aber,  ohne  so  grosse  Opfer  für’s
erste  auch  nur  die  österreichischen  Silbernoten  in  Goldnoten
zu  verwandeln,  so  wäre  damit  jedenfalls  das  Eine  gewonnen,
dass  die  österreichischen  Valutaschwankungen  hinkünftig  nur
mehr  von  der  verhältnissmässigen  Ausdehnung  oder  Einschränkung ­
  des  Notenumlaufes,  nicht  aber  auch  von  den  Schwankungen
des  Silberwerthes  abhängig  würden.  Gerade  die  Erfahrungen ­
  der  jüngsten  Monate  haben  gezeigt,  dass  diese  Letzteren ­
  weitaus  intensiver  sein  können,  als  die  einer  Papiervaluta,
deren  gesetzliche  metallische  Unterlage  relativ  unabänderlich ­
  ist.  Goldnoten  wären  nicht  nur  in  ihrer  Kaufkraft
stabiler  als  Silbernoten,  sondern  aller  Wahrscheinlichkeit  nach
nm  vieles  stabiler  als  metallisches  Silbergeld.  Die  österreichische
Währung  wäre  in  einem  solchen  Falle  zum  mindesten  unabhängig ­
  von  den  Fluctuationen  der  Edelmetallmärkte,  und  es  läge
immerhin  in  der  Macht  einer  vorsichtigen  und  geschickten  Bankleitnng,
  selbst  in  der  Zwischenzeit  bis  zur  metallischen  Goldwährung ­
  die  Valutaschwankungen  auf  ein  Minimum  zu  reduciren.
Tn  der  That  ist  eine  solche  vorläufige  Währungsreform
sehr  wohl  möglich,  ja  auf  den  ersten  Blick  die  denkbar  einfachste ­
  Operation.  Der  Staat  braucht  blos  zu  erklären,  dass
die  mit  Zwangscours  umlaufenden  (fnldennoten  nicht  die  Repräsentanten ­
  des  45ten  Th  eiles  von  einem  Münzpfunde  Feinsilber ­
  ,  sondern  etwa  des  81  Oten  Theiles  eines  Münzpfundes
Feingold  seien,  dass  sie  bei  dereinstiger  factischer  Herstellung
        <pb n="424" />
        414

(1er  Valuta  mit  diesem  Betrage  eiugelöst  werden  sollen;  die
Bank  branclite  blos  verpflicbtet  zu  werden,  in  äbnliober
Weise  bei  Aufnabme  der  Baarzabluugen  ihre  Banknoten  statt
mit  den  alten  Silbergulden  mit  den  neuen  Groldguldeu  einzulösen  ;
es  brauchen  ferner  nur  alle  laufenden  Contracte  entsprechend
umgeändert  zu  werden  —  und  Oesterreich  hat  von  dem  Tage,
wo  ein  derartiges  Gesetz  publicirt  wird,  die  Goldrechnung
statt  der  Silberrechnung.  Aber  so  ganz  ohne  Schwierigkeiten
ist  diese  Reformmassregel,  deren  heilsame  Wirkungen  nicht
bestritten  werden  sollen,  denn  doch  nicht.  Ja  es  ergeben  sich
bei  derselben  Gefahren  und  Verluste,  die  heim  sofortigen
Uebergauge  zur  factischeu  Goldwährung  nicht  zu  besorgen
sind.  Während  nämlich  im  letzteren  Falle  das  Reich,  wie  oben
gezeigt  wurde,  auch  nicht  einen  Silbeigulden  auf  dem  Edelmetallmarkte ­
  zu  verkaufen  brauchte,  müsste,  wenn  lediglich
die  Gold  rech  nun  g  belicht  wird,  der  Vorratli  circulirender
österreichischer  Silhergulden  abgestossen  werden,  da  für  denselben ­
  keine  Verwendung  vorhanden  wäre.  Es  ist  ein  Trrthum,  '
wenn  man  glaubt,  diese  Silbergulden  Hessen  sich  auch  vor
factischer  Herstellung  des  Metallumlaufes  so  ohne  weiters  als
Scheidemünze  ausprägen  und  in  Circulation  erhalten.  Möglich
wäre  dies  allerdings,  aber  gleichbedeutend  mit  einer  ganz
ausserordentlichen  Verschlechterung  des  Geldwesens,  denn
diese  unterwerthig  ausgeprägten  und  der  inneren  Circulation
übergebenen  Silberstücke  wären  in  ihrer  Wirkung  einer  Vermehrnng
  des  Papiergeldumlaufes  ganz  gleich  zu  achten.  Sie
würden  die  Kaufkraft,  d.  i.  den  Courswerth  aller  österreichischen ­
  Geldzeichen  dem  Golde  wie  dem  Silber  gegenüber
ausserordentlich,  wahrscheinlich  mit  mehr  als  10Percent  unter
den  gegenwärtigen  Stand  drücken,  derart,  dass  sie  —  was
im  Uebrigen  hier  nur  nebenbei  bemerkt  werden  soll,  —  um  sich
im  Course  zu  erhalten,  sehr  stark  unterwerthig  ausgeprägt
werden  müssten.  Eine  Ausprägung  zu  höherem  Feingehalte
wäre  in  Wahrheit  in  ihrer  Wirkung  mit  Verkauf  auf
dem  Edelmetallmarkte  gleichbedeutend;  denn  der  innere  Verkehr ­
  könnte  die  in  ihrem  Feingehalte  nicht  bis  auf  die  Entwerthung
  des  Papiergeldes  herabgehenden  Silberstücke  nichl
aufnehmen,  eine  sonstige  Verwendung  für  dieselben  wäi’e
auch  nicht  vorhanden  ,  sie  müssten  also  in  den  Schmelztiegel
        <pb n="425" />
        415

wandern,  und  es  ist  selbstverständlich  für  den  Staat  ganz
gleich,  ob  dies  von  ihm  direct  veranlasst  wird,  oder  ob  dies
erst  nachträglich  Diejenigen  thun  ,  denen  er  diese  neuen  Silberstücke ­
  unter  irgend  welchem  Titel  übergibt;  sie  würden  doch
nur  zu  jenem  Courswerthe  genommen,  der  sich  auf  dem  Silbermarkte ­
  erzielen  liesse.  Eine  andere  Verwendung  als  in  Form  von
Scheidemünze  für  den  innern  Verkehr  oder  in  irgend  welcher
Form  für  den  Edelmetallmarkt  kann  aber  das  derzeitige  österreichische ­
  Silbercourantgeld  vor  erfolgtem  Uebergange  zur
factisclien  (Goldwährung  nicht  ftnden,  da  ja  alle  Zahlungen,  die
gegenwärtig  noch  in  diesem  Silbergelde  geleistet  und  in  diesem
Silbergelde  angenommen  werden,  schon  in  Folge  der  Goldrechnung ­
  in  den  neuen  (Goldguhlen  geleistet  werden  müssten.
Damit  wäre  zugleich  die  Nöthigung  verbunden,  als  Käufer  auf
dem  (Goldmarkte  aufzutreten.  Oesterreich  müsste  mit  einem
Worte  bei  Einführung  der  Goldrechnung  sein  Silbergeld  verkaufen ­
  ,  ungefähr  für  denselben  Betrag  Gold  kaufen  und  (Goldstücke ­
  prägen.  Eine  Anlehensoperation  könnte  also  allerdings
vermieden  werden.  Aber  es  würden  dadurch  Münzverluste
entstehen,  die  zu  vermeiden  sind,  wenn  Goldrechnung  und
factische  Goldwährung  gleichzeitig  eingeführt  werden.  Diese
Münzverluste  wären  um  so  grösser,  da  Oesterreich  späterhin,
wenn  es  die  factische  (Goldwährung  einführt,  dasselbe  Silber
wieder  zui'ückkaufen  müsste,  um  dem  dann  thatsächlich
vorhandenen  Bedarfe  an  grober  Scheidemünze  zu  genügen,
liei  der  hohen  Einpündlichkeit,  die  der  Silbermarkt  in  der
jüngsten  Zeit  bewiesen  hat,  muss  man  eben  nicht  übermässig
ängstlich  sein,  um  die  derart  beim  Verkaufe  und  nachträglichen ­
  Wiederkaufe  von  ungeiähr  150  Millionen  Gulden  zu  gewärtigenden ­
  Coursverluste  auf  eine  Summe  zu  beziffern,  mit
welcher  sich  die  Interessen  eines  ausgiebigen  Valutaanlehens
für  eine  Reihe  von  Jahren  decken  lassen.  Und  da  der  Zweck
einer  solchen  Transaction  schliesslich  nur  darin  läge,  vorübergehend ­
  Zinsen  zu  ersparen,  so  ist  es  unter  allen  Umständen
vernünftiger,  diese  Zinsen  in  einer  Weise  zu  verwenden,  dass
(1er  volle  Nutzen  der  Münzrefoim  erzielt  wird,  als  sich  diesell&amp;gt;en
  (  )pfer  aufzuerlegen  nnd  doch  nur  einen  Theil  des  Erfolges
zu  erzielen.  Aber  es  gibt  denn  doch  einen  Ausweg  aus  diesem
Dilemma,  und  dieser  besteht  darin,  vorläufig  blos  ein  Anlehen
        <pb n="426" />
        —  41G  —  •

ill  jener  Höhe,  aiifziinelimeii,  die  nothwendig  ist,  um  Staatsnoten
  im  seihen  Betrage  einzuziehen,  um  welchen  durch  die
Ausprägung  unterwerthiger  Silhermünze  die  innere  (hrciilation
vermehrt  werden  soll  ;  also  um  es  in  Zittern  auszudrücken,
ein  Anlehen  von  etwa  150  Millionen  Gulden  eftectiv.  Geschähe
dieses,  so  könnten  die  neuen  Silberscheidemiinzen  iinhedenklich
dem  Verkehre  übergehen  werden;  ihr  Zu  Muss  würde  dann  die
Kaufkraft  des  österreichischen  Geldes  nicht  vermindern,  das
Disagio  der  österreichischen  Noten  ,  welches  im  Augenblicke
zwischen  1  Percent  und  ö  Percent  schwankt,  würde  sich  nicht
erhöhen  und  es  bestände  thatsächlich  bis  auf  diese  Agiodifferenz ­
  genau  jener  Zustand  ,  der  in  Deutschland  durch  die
Markrechnung  sich  établirte.  Der  Erlös  des  Anlehens  müsste
zum  Ankäufe  von  Gold  verwendet  werden  ,  welches  sofort
nach  der  genau  zu  berechnenden  und  dann  gesetzlich  zu  piiblicirenden
  Werthrelation  in  Goldgiilden  aus^uprägen  wäre.  Das
österreichische  Metallgeld  wäre  den  Schwankungen  des  Silbermarktes ­
  entrückt,  der  Papiergulden  würde,  sofern  sich  in  den
Verhältnissen  des  inneren  Verkehres  nichts  ändert,  keine
grösseren  Schwankungen  dem  Goldgulden  gegenüber  aufweisen,
als  gegenwärtig  dem  Silbergulden  gegenüber,  und  es  wäre  damit
thatsächlich  ein  Fortschritt  von  sehr  wesentlicher  Bedeutung
erzielt.  Aber  dies  wäre  doch  immer  nur  eine  halbe  Massregel,
und  es  ist  in  Wahrheit  ganz  überflüssig,  sie  zu  empfehlen.
Denn  Diejenigen,  die  da  anerkennen,  dass  es  nüfzlich  und
nothwendig  sei,  eine  Zinsenlast  von  jährlich  0—10  Millionen
zu  übernehmen,  um  die  Schwankungen  des  Silberwerthes  aus
dem  österreichischen  Geldwesen  zu  entfernen,  werden  auch
nicht  anstehen  zu  erklären,  dass  es.  um  so  nützlicher  und
noth  wendiger  sei,  das  d(»p])elie  Opfer  an  Zinsen  zu  bringen
und  jedes  schwankende  Element  aus  der  österreichischen
Währung,  zu  beseitigen.  Diejenigen  dagegen,  die  das  jletztere
nicht  zu  begreifen  vermögen,  jene  Volkswirthe  und  Staatsmänner, ­
  die  Milliarden  vergeuden,  um  Millionen  zu  ei’sparen,
sie  werden  sich  auch  zu  dem  geringeren  Opfer  nicht  verstehen.
Hier  gilt  es  ein  „Entweder  -  Oder“,  das  Aufratfen  zu  einer
ganzen  That,  oder  das  Verharren  in  der  bisherigen  fatalistischen ­
  ünthätigkeit.
        <pb n="427" />
        ...^  m  •  ^
Tsy?.  '  -

1

%i

«

ZL:^  .&amp;lt;

k,_..  ■  _

:  #mix.

..Ÿ%:

iäi;
        <pb n="428" />
        m.

i

SL  ri

ii:

n

1i

i

,  y

■«

Í

1

I

1  T-/-T

"  :A  .%  -/  /:&amp;lt;
        <pb n="429" />
        '■í
        <pb n="430" />
        I

-
        <pb n="431" />
        03

0

o

3^

Q

25

J3

Q.

(O

IT

0

CO

9

t:

&amp;amp;

25

m

U
        <pb n="432" />
        <pb n="433" />
        35 
■''“oxr: it:„ t: 
i
        <pb n="434" />
        <pb n="435" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
