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        <title>Die Social-Demokratie</title>
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            <surname>Schuster</surname>
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Nñch ihrem Wese» »nd ihrer A.qilntion 
quellenmäßig dargestellt 
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Stuttgarts 187Y. 
Druck und Berlag von I. F. St ein köpf 
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Zocial-Demokratit. 
Nach ihrem Wesen und ihrer Agitation 
quelU^iwäfeiß dargestellt 
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iWujiM^ļlcr. 
Stuttgart, 1875. 
Druck und Verlag von I. F. St ein köpf.
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        a 
HI. 
Vorwort. 
îie Geschichte der Entstehung einer Schrift ist ihre beste 
Nechkfertignng Ich will daher statt alles Weiteren einfach mit- 
theilen, wie ich dazu gekommen, ja wie ich von der Social. 
Demokratie selbst genöthigt worden bin, ihr ihre eigene Presse 
als einen Spiegel vor die Augen zu halten. 
Ende L kt ober v I wohnte ich einer vom Vertrauensmann 
des „Allg. deutsch. Arb Vereins« berufenen össentlichen Versamm- 
lung im Parteilokal der Lassalleaner in Stuttgart an. in welcher 
der Agitator Dreesbach einen Vortrag über das Thema „Christen 
thum und Socialismus" hielt. Meine alsbaldige Entgegnung 
veraiilastte eine längere Diskussion, welche um Mitternacht abge- 
b'.ochen werden mußte, aber unter beiderseitigem Einverständniß 
vier Wochen später in demselben Lokal fortgesetzt wurde. Gegen 
das Ende derselben wollte der Social-Demokrat Ant. Hirsch einen 
Hauptschlag gegen mich führen. Er zog ein von mir verfaßtes 
^chriştchen: „Was versprechen die Social-Demokraten'?" aus der 
Tasche und rief in die Versammlung hinein: „Diese Schrift des 
Herrn Pfarrer Schuster enthält Zeile für Zeile lauter Lügen!" 
Das ist überhaupt die Kampfesart der Social-Demokraten; wenn 
sie einem Gegner sachlich nicht beikommen können, wird versucht.
        <pb n="10" />
        IV 
Vorwort. 
denselben moralisch zu diskreditiren. Ich parirte aber diesen 
Angriff auf meine persönliche Ehre mit der unmittelbaren Er- 
Nönrng, daß ich bereit sei, die Wahrheit meines Schriftchens 
Zeile für Zeile ans den Schriften der deutschen Social-Demokratie 
zu beweisen. Die wenige Tage später Seitens des Vertrauens, 
manns der Lassalleaner, I. Hafner, an mich gerichtete briefliche 
Anfrage, ob ich bereit sei, mein Schriftchen in öffentlicher Per- 
sammlung zu vertreten, wurde von mir bejaht, unter der eigentlich 
selbstverständlichen Bedingung, daß mir zu meiner Bertheidigung 
unbeschränkte Redefreiheit gewährt werde. Am 22. Dezember 
v. I. sollten die Verhandlungen im Parteilokal der Lassalleancr 
stattfinden. Im Widerspruch mit der vorausgegangenen brieflichen 
Vereinbarung sollte aber nun die von mir geforderte unbeschränkte 
Redefreiheit auf eine einstündige Redezeit für mich beschränkt 
werden, und selbst, als ich erklärte, in diesem Fall den Saal 
verlassen zu müssen, beharrteu meine Gegner bei ihrer Weigerung, 
mich unbeschränkt reden zu lassen. Mein Weggang machte der 
einstündigen fruchtlosen Geschäftsordnungsdedatte ein Ende. Zu 
einer Diskussion meines Schriftchens kam es in meiner Anwesen 
heit nicht. Dieser Vorgang ist für unsere Social-Demokraten, 
welche mit dem gewiß nicht knapp zugeschnittenen Maß der thuen 
gewährten Rede- und Preßfreiheit immer noch nicht zufrieden, 
einem herausgeforderten Gegner nicht einmal das Recht unver- 
kürzter Vertheidigung in freier Rede einräumen wollen, höchst 
charakteristisch. Er bestätigt die alte Erfahrung, daß Diejenigen, 
welche die Freiheit mit den größesten Buchstaben auf ihre Fahne 
schreiben, und in der schrankenlosesten Form für sich in Anspruch 
nehmen, in der Gewährung der Freiheit für Andere sehr sparsam 
sind. Die zur Schau getragene Freiheitsmaske bedeckt nicht 
selten das häßliche Gesicht eines Despoten. 
Die Ursache des eigenthümlichen Verhaltens meiner Gegner 
ist nicht weit zu suchen. Meine Beweismittel waren zur Stelle.
        <pb n="11" />
        Borwort. 
V 
eint stattliche Zahl von Zeugen aus dem gegnerischen Lager 
selbst, aus der socialistischen Parteiliteratur hatte ich citirt. ES 
lag im Interesse meiner Gegner, meine Entlastungszeugen mög 
lichst wenig zum Wort kommen zu lasten. 
-Wit dem AuSgang der Versammlung am 22. Dezember 
konnte ich aber natürlich nicht zufrieden gestellt sein. Ich propo- 
iurte meinem Gegner. Herrn Ant. Hirsch, eine öffentliche Diskussion 
meines Schriftcheus auf neutralem Boden und bewilligte ihm 
hierbei dieselbe Redefreiheit, die mau mir verweigert hatte, mithin 
das Recht, einem jeden Redner, der gegen ihn spreche, alsbald 
erwidern zu dürfen; jedoch unter dem ausdrücklichen Vorbehalt, 
daß ausschließlich über den Inhalt meines Schriftcheus diSkutirt 
werde. Derselbe gieng darauf ein. und so kam es zur öffentlichen 
Disputation am 1st. Januar d. I. im großen Saale der Stutt- 
garter Liederhalle, welche bei einer Anwesenheit von 2—3000 
Personen die Zeit von Abends 7'/, bis Nachts l‘/ t Uhr in An- 
sprilch nahm. 
Es steht mir als Partei ein Urtheil über diesen Redekampf 
nicht zu. Nein sachlich darf ich aber bemerken, daß ein nur sehr 
bescheidener und keineswegs der gravirendste Theil meines Schrift- 
chens von meinem Gegner, Herrn Anton Hirsch, angegriffen 
wurde. Er bestritt die Richtigkeit des Titels: „Was versprechen 
die social - Demokraten V" denn die Social - Demokraten versprächen 
überhaupt nichts; er suchte die Beschuldigung einer Uebertreibung 
der Nothstände zu entkräften; er bestritt nicht, sondern suchte 
vielmehr Beweise dafür beizubringen, daß die Ursache aller 
Uebel, auch der sittlichen Gebrechen, weniger im Menschen als 
vielmehr ausschließlich in den socialen Verhältniffen liege und 
endlich beschuldigte er mich der Schmähung Ferdinand Lastalle'S. 
Die Hauptpunkte meines Schriftcheus, welche vom Kommunis 
mus, von der geplanten Revolution, von der Bemühung der
        <pb n="12" />
        VI 
Vorwort. 
Social-Demokratie, jede wirkliche Abhilfe irgend eines Nothstandes 
zu hintertreiben, u. s. w. handeln, blieben gänzlich unberührt und 
unangefochten. Dagegen bemühten sich die Secundanten des 
Herrn A. Hirsch, voran Dr. Dull, den Kampf von dem vorher 
genau und klar abgesteckten Gefechtsfeld auf ein anderes Gebiet 
überzuführen. Dr. Dulk richtete seine Waffen vorzugsweise gegen 
das Christenthum. Der Agitator Dreesbach wollte die Versamm 
lung glauben machen, daß nicht meine Schrift, sondern das 
Thema „Christenthum und Socialismus" auf der Tagesordnung 
stünde, ein Thema, bei welchem die Social-Demokraten in Läster- 
reden wider das Christenthum gur eingeübt sind. Auch die übrigen 
Secundanten nahmen fast ausnahmslos von dem Inhalt meiner 
Schrift Umgang und zielten mit ihren Pfeilen gegen das Christen- 
thum, gegen die Religion überhaupt, um schließlich meine Be 
kämpfung der Social-Demokratie als einen Kampf pro domo 
darzustellen und anzuschwärzen. Nehme ich noch hinzu, daß meine 
Gegner, so oft ein ihnen unbequemer Zeuge aus ihren Schriften 
meinerseits ihnen vorgeführt wurde, die Taktik befolgten, denselben 
entweder ganz zu unterdrücken, oder doch seine Aussagen durch 
allerhand Mittel unverständlich und dadurch wirkungslos zu 
machen, so ist mein Unternehmen, meine sämmtlichen Zeugen in 
einer besonderen Schrift unbehindert und ungeschmälert zum Wort 
kommen zu lassen, hinreichend erklärt, und meine Arbeit, welche 
die Social-Demokratie somit im Spiegel ihrer eigenen Presse 
darstellt, ausreichend gerechtfertigt. Ich gebe diese Schrift als 
ein Nachwort zur Disputation in der Stuttgarter i!iederhalle in 
die Oeffcntlichkeit. Ihre Entstehung hat die Social -Demotratie 
selbst provocirt. Denn ohne den Angriff des Social Demokraten 
Ant. Hirsch wäre es mir wohl schwerlich je in den Sinn gekommen, 
dieser an sich wenig erquicklichen Arbeit einige Wochen meiner 
Zeit zu opfern. 
Aber handele ich mit der Art und Weise, wie ich mündlich
        <pb n="13" />
        Vorwort. 
VII 
unb schriftlich die Social-Demokratie bekämpfe, nicht lieblos? 
Herr Dr. Dult glaubte bei der öffentlichen Disputation diesen 
Vorwurf gegen mich erheben zu müssen. Er sagte, es sei weniger 
der Inhalt meines Schriftchens, als vielmehr die Gesinnung, 
ut welcher ich geschrieben habe, anzugreifen. Ein Prediger der 
^'tkbe dürfe am allerwenigsten gegen die Liebe verstoßen. Aber 
ich darf wohl fragen, ist meine Bereitwilligkeit, das was ich gegen 
die Social-Demokratie geschrieben, auch mündlich und öffentlich 
dem Gegner gegenüber zu vertreten, nicht ein genügender Beweis 
für die Lauterkeit meiner Gesinnung? Freilich, ich schreibe gegen 
die Social-Demokratie; ich bemühe mich, ihre Irrthümer und 
Verkehrtheiten aufzudecken, ihre wahren Ziele und deren Gefahren 
klar zu zeigen, und die Arbeiter zu warnen, im Socialismus 
das Heil zu suchen. Aber ist das ein Verstoß gegen die Liebe? 
Ist es lieblos, einen Menschen, der blindlings einem jäben Ab- 
gründ entgegenstürmt. noch rechtzeitig aufzuhalten? oder einem 
Jüngling, der feine Hand nach einem Giftbecher ausstreckt, weil 
er den Inhalt für kräftigenden Wein ansieht, noch bei Zeiten 
ein Halt! zuzurufen? Oder handele ich lieblos, wenn ich jeden 
Kranken vor der nur Schaden anrichtenden Quacksalberei warne, 
wenn ich einen Menschen, der sich als Arzt aufwirst, der aber 
seinen Patienten tödtliches Gift darreicht, rücksichtslos entlarve? 
'_&gt;!ach meiner innersten und redlichsten Ueberzeugung muß ich das 
wahre Wohlergehen des Arbeiterstandes, wie der ganzen Gesell 
schaft durch den Socialismus bedroht sehen. Für mich ist es 
daher geradezu eln Gebot der Liebe, ihm entgegenzutreten. Ich 
würde mich einer Versänmniß schuldig machen, wollte ich, so oft 
sich mir hierzu Gelegenheit darbietet, den Arbeitern die im Socia 
lismus liegende Gefährdung ihres wahren Wohlergehens nicht 
deutlich vor Augen stellen. Wer gegen die Social-Demokratie 
ankämpft, der handelt als ein wahrer Arbeiterfreund. 
Vielleicht sind aber toie Punkte, welche ich in meiner kleinen
        <pb n="14" />
        vin 
Vorwort. 
Flugschrift berührt, und in der vorliegenden Apologie derselben 
näher erörtert habe, nur einzelne Auswüchse der socialistischen 
Bewegung, welche mit dem eigentlichen Wesen des Socialismus 
nichts zu schaffen haben? Herr Dr. Dulk vertrat diese Ansicht 
bei der öffentlichen Disputation. Er versuchte auch darum gar 
nicht, den Inhalt meines Schristchens zu entkräften, weil er das 
Thatsächliche desselben nicht bestreiten konnte. Zugegeben, es 
seien nur Auswüchse! Muß aber ein menschlicher Körper, welcher 
von Unten bis Oben hin von lauter Auswüchsen überwuchert ist, 
nicht bis in seilt innerstes Mark hinein verderbt sein, und aller 
gesunden Säfte entbehren, wenn von der Fußsohle bis zum 
Scheitel lauter häßliche Geschwüre hervorbrechen? DaS, was 
auf der Oberfläche zum Vorschein kommt, läßt wenigstens sympto- 
matisch auf die Beschaffenheit innerer Organe schließen. Man 
mache jedoch einmal den Versuch, alles, was in dieser Schrift 
vom Socialismus geschrieben steht, als das eigentliche Wesen 
desselben nicht berührende Auswüchse abzuschneiden. Es würde 
vom Socialismus nichts übrig bleiben, nicht einmal ein dürres 
Gerippe. Wollte die Social - Demokratie für die Zukunst alles 
das preisgeben, was wir nur als Auswüchse anzusehen genöthigt 
werden sollen, dann würde sie sich selber aufgeben; der Socia 
lismus würde aufhören zu sein. Was Herr Dr. Dulk nur als 
Auswüchse will gelten lassen, das bildet die wahre Natur des 
Socialismus, die mit jenen besteht, oder vergeht. Wie eng alle 
diese „Auswüchse" mit dem Socialismus verwachsen sind, und 
wie wenig die socialistischen Führer geneigt sein werden, die zur 
Beseitigung derselben nöthige Operation mit eigener Hand vor 
zunehmen, das könnten zumal die Herren Lehmann und Wank- 
Müller in Pforzheim erfahren, wenn sie den auf die gleiche wie 
von Dr. Dulk vorgebrachte Behauptung hin ihnen ertheilten 
Rath befolgen und sich nach Berlin und Leipzig wenden wollten, 
um an maßgebender Stelle für die Zukunft es sich ernstlichst zu
        <pb n="15" />
        Vorwort. 
IX 
verbitten, daß die socialistische Presse selbst zu dem Bilde die 
Farben liefert, das ich mündlich und schriftlich von der deutschen 
Social'Demokratie habe zeichnen müssen. Sollte aber das Un 
mögliche möglich werden, und die Social-Demokratie jemals 
eine Gestalt gewinnen können, die von alledem gereinigt ist, 
was man jetzt nur als Auswüchse will gellen lassen, dann 
würde für mich auch die Ursache und zwingende Nölhigung weg 
gefallen sein, der Social-Demokrarie entgegenzutreten. 
Als mein Manuscript schon zur Druckerei gegeben war, 
kam mir noch eine kleine Broschüre von sieben Seilen Umfang zu 
Gesicht, in welcher Herr Jul. Scheck eine Entgegnung auf meine 
Flugschrift versucht. Sie verdient keine weitere Beachtung, da 
ihr Inhalt über längst verbrauchte Phrasen sich nicht erhebt, 
und das wenige Sachliche, was sie bringt, schon in dem Pro 
gramm der „social-demokratischen Arbeiterpartei" zu lesen ist. 
Uebrigens hätte der Mann am allerwenigsten Ursache, sich zum 
Anwalt der Social-Demokratie auszuwerfen, der vor nicht allzu 
langer Zeit eine ganze Fraktion derselben, den „Allg. deutschen 
Arb.-Berein" als verbestialisirtes Lumpenproletariat 
rc. zu beschimpfen keinen Anstand nahm. (Siche BolkSstaat 1873, 
26. Beilage.) Dieser Umstand reicht schon für sich allein hin, 
um über eine Entgegnung von dieser Seite her stillschweigend 
hinweggehen zu können. 
Der Zweck meiner Schrift bringt es mit sich, daß ich die 
socialistische Presse möglichst viel zum Wort kommen lasten und 
meine eigenen Auslassungen auf ein geringes Maß beschränken 
mußte. Der geneigte Leser wird aber meine Stellung zur 
socialen Frage überall leicht herausfinden, wenngleich ich über 
kurze Andeutungen nicht hinausgehen durfte. Sie werden aber 
ausreichend sein, um die bei der Social-Demokratie beliebte 
Behauptung zu entkräften, daß alle ihre Gegner blind seien
        <pb n="16" />
        X 
Borwort. 
gegen die Schäden unserer Zeit und den berechtigten Forderungen 
der Arbeiter widerstrebten. 
Trägt meine Arbeit zur Klärung des Urtheils über die 
socialistischen Bestrebungen ein klein wenig bei, und hilft sie 
Freunde für die Arbeiter werben, dann hat sie ihren Zweck voll- 
ständig erreicht. 
Stuttgart, Ende März 1875. 
N. Schuster.
        <pb n="17" />
        Jnhalts-Nebersicht. 
Vorwort 
1. Einleitung. 
Agitatoren. Presse. Lokalblätter. Zweck der Presse. Partei 
programm. Offizieller Charakter der Prefie. Unfehl, 
barkeit der Lehre Lafialle'S 
2. DasDrutschr Vrich und dir Social-DemoKratir. 
Staatshilfe. Reichsfeindlichkeit. Deutsch.französischrrKrieg. 
Siegestaumel. Plünderungen. Kriegsursache. Deut- 
scher Reichstag. Deutscher Kaiser. Fürst Bismarck. 
Deutsches Volk 
3. Umsturz der bestehenden grsrUschostlichrn Drd- 
nung durch dir Sorial-Dkmokratir. 
Sociale Reform. Sociale Ordnung. Produktionsweise. 
O.uelle alles Elends. Das eherne Lohngesetz. Privat» 
eigenthum. Kommunismus. Erbrecht 
4. Dir sorialni Nothltändr und die Social- 
Dkmokratir. 
Unkenutniß der socialistischen Ziele. Egoismus. Mißbrauch 
der Statistik. Nahrungslose Lohnarbeit. Schwelgerei. 
Hungertyphus. Massenmord durch Hunger. Massen 
mord an Kindern des Proletariats. Kindersterblichkeit 
in Württemberg. Staatliche Gesetzgebung. Katheder- 
socialisten. Humanität der Fabrikanten. Thätigkeit 
freier Vereine. Innere Mission
        <pb n="18" />
        XII Inhalts Uebersicht 
5. D cr Klasfcnhaß und die Social-Demokratie. 
Ursachen der Unzufriedenheit. Steigerung der Bedürfnisse. 
Arbeitsertrag. Die üiebc. Predigten des Hasses. 
Keine Versöhnung. Klassenkampf, à la Marat. . . 
6. Die Revolution der Social-Demokratie. 
Revolutionsbegrifs. Gesellschaftshllfe. Parlamentarismus. 
Gewaltsame Revolution. Revolutionsliedcr. Rothe 
Fahne 
7. Die Religion und die Social-Demokratie. 
Sociale Bedeutung der Religion. Religiöse Heuchelei. 
Christenthum und Socialismus. Diskreditirung des 
Christenthums. Atheismus. Folgen des Atheismus. 
Atheistische Wissenschaft. 
8 Socialistische Zukunftsbilder. 
Beseitigung alles Elendes. Höchste Kultur. Gleiches Glück. 
Höchste sittliche Entwicklung. Ebe. Familie. Gleicher 
Genuß. Welterlösung 
Anhang. 
Einiges aus dem t!eben Ferdinand Lastalle's. . . . . 
Beilage. 
Verzeichniß der deutschen social demokratischen Preste. . . 
Seite. 
113 
HG 
169 
197 
220 
233
        <pb n="19" />
        I. 
1* 
Einleitung. 
3 n Ça It: Agitatoren. Presse. Lokalblätter. Zweck der Presse 
Parte,Programm. Officieller Charakter der Presse. 
Unfehlbarkeit der Lehre Lasialle'S. 
«eit Beendigung des d-u„ch.fr°nzüsi,chen Krieges ha, 
dl- -Locial-Dcmoļrakie in D-Ulschland -inen uich, uub-d-ut-n. 
den Aufschwung genommen und in den Reihen der deutschen 
Arbeiter zahlreiche Anhänger gewonnen. Die Ursachen dieser 
Erscheinung sind mannigfach. Neben der n,angelnden Energie 
in der Beseitigung der im Gefolge der modernen industriellen 
Entwickelung hervorgetretenen Nothstände und neben der ver 
kehrten, heute noch nicht überwundenen Zögerung in der 
Ancrkennung und Unterstützung der in den Gewerkvereinen 
angebahnten Bestrebungen der Arbeiter, bei der Fest, 
stellung der Arbeitsbedingungen neben dem Kapital auch 
er Arbeit die Mitwirkung zu sichern, haben die schwindet- 
hasten Unternehmungen, welche seit dem Kriege unsere Industrie 
zum Tummelplatz der maßlosesten Speculation gemacht 
haben, der sociallstischen Kritik der modernen Kapitalwirthschaft 
überhaupt den Schein einer Berechtigung verliehen. Außer- 
dem hat die niaterialistisch-atheistische Lebens- und Welt- 
anschauung, die von unserer modernen Zeit in den oberen, 
wie in den niederen Schichten unseres Volkes mit sichtlicher 
Vorliebe gepflegt wird, beni Socialismus eine Unterlage 
gegeben, auf der sich auch seine weitgehendsten Forderungen 
und letzten Ziele keineswegs als ein träumerischer. Irrwahn 
sondern als ganz natürliche und darum auch wahlberechtigt!
        <pb n="20" />
        4 
I. Einleitung. 
Folgerungen darstellen. Diese kurzen Andeutungen mögen 
genügen, um auf die innersten Ursachen des rapiden An- 
schwellens der socialistischen Bewegung innerhalb der letzten 
vier Jahre hinzuweisen. 
Zu diesen, für die Aufnahme socialistischer Ideen so 
günstigen Verhältnissen gesellte sich eine äußerst rührige, für 
die weniger urtheilsfähige, als mehr nur von ihren Leiden 
schaften beherrschte Niasse höchst verführerische Agitation. 
Bestimmt abgegrenzte Agitationsbezirke umspannten Deutsch 
land wie ein Netz. Berufsmäßige Agitatoren wurden nach 
allen Richtungen der Windrose ausgesendet.*) Im Dienste 
*) „Auf der Vorstandssitzung des Allg deutsch. Arbeitervereins 
am 8. Januar 1873 in Hamburg ist beschlossen worden, drei 
ständige Agitatoren mit einem Gehalt von 500 Thlr. pro Mann 
und Jahr anzustellen und wurden dazu bestimmt die Herren 
Richter-Wandsbeck früher in Dresden, F roh me und Drees- 
dach. Letzterem wurde als Agitationsbczirk die Rheinproviuz und 
Westphalen, Herrn Frohme Hessen und Süddentschland, nament 
lich die Pfalz, Baden und Württemberg, Herrn Richler-Wandsbeck 
Sachsen und Schlesien angewiesen." (Volksstaat 1873, 16.) 
Has en clever, der Präsident des Allg. veutsch. Arbeiter 
vereins, gibt zur Widerlegung der von den Hamburger Social- 
Demokraten der Bräuer'schen Fraction gegen ihn erhobenen 
Anklage, er habe sich für seine Person neben seinem Gehalt aus 
der Vereinskasse monatlich noch 150—200 Thaler für seine 
agitatorische Thätigkeit auszahlen lassen, im „N. Soc.-Demokrat" 
(1875, 19) folgende Erklärung ab: „Es werden allerdings, und 
besonders bei lebhafter Agitation, an welcher der Präsident des 
Allg. deutsch. Arbeiter-Vereins sich bethciligt, au diesen aufseine 
Anweisung von der Vereinskasse oftmals größere Summen gezahlt, 
von welchen er einestheils andere Agitatoren für die Zeit ihrer 
Thätigkeit besoldet, anderentheils seine eigenen Ausgaben bestreitet. 
In dem Zeitraum vom 1: April 1873 bis 1 April 1874 hatte 
ich allerdings gegen 1700 Thlr. aus der Vereiuskasse bezogen, 
von welchen ich aber, laut den der Generalversammlung zu
        <pb n="21" />
        Agitatoren 
5 
einer sogenannten „fliegenden Agitation" durchstreiften sie 
ihre Bezirke und suchten in masienweise in Stadt und Land 
veranstalteten „Volksversammlungen" „das arbeitende Volk" 
für den Socialismus zu gewinnen. Sie ließen es sich 
weniger angelegen sein, durch Aufklärung und Belehrung 
über die eigentlichen Ziele des Socialismus für denselben 
Serben, sondern sie betrachteten es vielmehr als ihre 
Aufgabe, unter möglichster Verhüllung derselben, durch eine 
alles Maß überschreitende abfällige Kritik der herrschenden 
Zustände und der Grundlagen der bestehenden socialen Ord 
nung der Unzufriedenheit neue Nahrung zuzuführen und 
durch dieses Mittel neue Anhänger für die „rothe Fahne" 
zu gewinnen. In den einzelnen Ländern bildeten sich besondere 
Landes-Agitations-Comil6s, welche dafür zu sorgen hatten, 
durch eine planmäßig betriebene Agitation die Arbeiterwelt 
ihres Landes allinälig für den Socialismus zu erobern. 
Für Württemberg hatte ein solches domite anfangs seinen 
Ş'tz in Eßlingen, ist aber nach mehrfachen Wanderungen 
neuestens nach Stuttgart verlegt worden, wo auch der früher 
in Rheinland und Westphalen thätige, jetzt für Württemberg 
und Baden bestellte berufsmäßige Agitator Dreesbach gegen 
wärtig stationirt ist. Ta die „fliegende Agitation" nichts 
auszurichten vermag, wenn ihr nicht wohlgcschulte Redner- 
krattc zur Verfügung stehen, so suchten biefem Bedürfniß 
besondere „ Agitatoren- oder Rhetorenschulen" abzuhelfen. 
Eine solche bestand seiner Zeit in Mannheim zur Versorgung 
des Südens unseres Vaterlandes, und gegenwärtig wird 
Hannover vorgelegten und geprüften Quittungen und Postscheinen 
şeldsi nur gegen 500 Thlr. zur Agitation für 136 Tage nebst 
Fahrgeld zur Reise fast durch ganz Deutschland verbraucht hatte. 
Die übrigen 1200 Thaler vertheilten sich auf verschiedene 
Agitatoren."
        <pb n="22" />
        6 
I. Einleitung. 
eine gleiche in Stuttgart unterhalten, Neben den rein 
rhetorischen Uebungen werden in solchen Schulen die Agi 
tations-Schüler durch das fleißige Studium der socialistischen 
Agitations-Literatur, namentlich der Lassalle'schen Schriften, 
nicht nur mit dem nöthigen Material und Gedankenvorrath, 
sondern auch mit den unentbehrlichen Schlagworten und mit 
dem beliebten Phrasenreichthum gehörig ausgerüstet. Die 
Abrichtung erstreckt sich bis auf das Detail der zu behan 
delnden Gegenstände. Mag man auch noch so viele ver 
schiedene Redner zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen 
Bersammlungen über ein gleiches Thema reden hören, immer 
wird man einer sich stets gleich bleibenden Abwickelung der 
selben Gedanken begegnen. Neue Gedanken mögen wohl die 
Hauptleiter der socialistischen Bewegung produciren. Die 
berufsmäßigen Agitatoren bewegen sich in gleichen Geleisen 
und zehren von dem ihnen wohl zubereiteten Material. 
Diedurch Agitation in öffentlichen Bersammlungen bewirkte 
Ausbreitung des Socialismus wurde durch die noch zu Recht 
bestehenden Gesetze über das Vereins- und Versammlungs- 
recht wesentlich erleichtert. Während in Preußen die Ver 
anstaltung einer Volksversainmlung im geschlossenen Raume 
wenigstens der 24 Stunden vorher zu erfolgenden Anmeldung 
bei der Ortspolizeibehörde noch bedarf, genügt in Württem 
berg die einfache öffentliche Einladung in einem Lokalblatt. 
Dieser llnistand wird gewöhnlich von Denjenigen übersehen, 
welche es nicht begreifen können, daß den social-demokrakischen 
Wühlereien in öffentlichen Bersaininlungen Seitens der 
Behörden so freier Spielraum gelassen wird. Die Polizel- 
behörden vermögen es in den meisten Fällen nicht zu hin 
dern, weil ihnen hierzu die gesetzliche llnterlage fehlt. 
Die kurz gezeichnete Agitations-Methode ist sich bis heute 
völlig gleich geblieben. Die Blüthezeit der „großen Volks-
        <pb n="23" />
        Agitatoren. 
Versammlungen" scheint zwar vorüber zu sein. Die bekannten 
rothen Plakate kommen an den Straßenecken viel seltener 
zum Borschein, und da die Sache für Viele doch bereits den 
Reiz der 'Neuheit verloren hat, so müssen künstliche Reiz 
mittel angewandt werden, um ein größeres Publikum herbei 
zuziehen, wie z. B. die in Karlsruhe, Stuttgart und Pforz- 
heini kurz hintereinander erfolgte Ankündigung von Referenten 
aus der Reihe der social-demokratischen Reichstagsmitglieder, 
deren Namen wohl auf den Plakaten paradirten, die aber in 
den Versammlungen selbst zu erscheinen jedesmal verhindert 
waren und sich durch Agitatoren niederen Ranges entschul 
digen und vertreten ließen. Wenn auch in dem Anschwellen der 
socialistischen Bewegung offenbar ein Stillstand eingetreten ist, so 
sind die Agitatoren doch nach wie vor auf dem Plan. Auch 
die polizeiliche Schließung des „Allgemeinen deutschen Arbeiter- 
Vereins" in Berlin, sowie einzelner Mitgliedschaften der 
„social-demokratischen Arbeiterpartei" in Preußen und Bayern 
haben hierin nichts zu ändern vermocht. Die Agitation in 
öffentlicher Versammlung ist hierdurch wenig oder gar nicht 
berührt worden und an die Stelle der aufgelösten alten 
Verbindungen treten die neuen „social-demokratischen Wahl 
vereine," die wie die gleichnamigen Vereine der anderen 
politischen Parteien mit dem Gesetz in formellem Einklang 
stehen, aber unter der neuen Forni das alte Wesen weiter 
treiben. 
Ev mag nicht unerwähnt bleiben, daß die socialistische 
Agitation bei ihren Eroberungszügen auch ihre Eclaireurs 
hat. Wenn eine Gegend, ein industrieller Bezirk für den 
Socialismus neu erschlossen werden soll, so wird für gewöhn 
lich nicht mit einer „großen Volksversammlung" der Anfang 
gemacht, sondern in aller Stille wandern einzelne Partei 
genossen ein, die in Arbeit treten und bei der Arbeit in
        <pb n="24" />
        8 
I. Einleitung. 
Werkstätten und Fabriken nnd bei sonstiger Berührung mit 
ihren Arbeitsgenossen den socialistischen Samen ausstreuen 
und für die „rothe Fahne" werben. Ist auf diesem Wege 
eine kleine Anzahl gewonnen, und für das öffentliche Hervor 
treten eines Agitators ein kleiner Stab gebildet und einge 
schult, dann erst wird der Versuch gemacht, auch in üffent- 
licher Bersanimlung das Netz auszuwerfen. Der Agitator 
unternimmt keine öffentlichen Versammlungen, so lange er 
sich nicht von einer zuverlässigen Leibgarde umgeben weiß. 
Eine wirksame Bundesgenossin hat die persönliche Agita 
tion in der social-demokratischen Presse. Die niomentane 
Begeisterung, welche dem „referirenden" Agitator zu entzünden 
gelungen ist, soll die regelmäßige Thätigkeit der Preste in 
den Gemüthern festhalten und vertiefen, und da cs doch 
immerhin nur ein kleiner Bruchtheil der Arbeiterbevölkerung 
ist, welcher unter den Einfluß der persönlichen Agitation 
gebracht werden kann, so soll die Preste als stummer Agita- 
tor überall hin vordringen und das Feiler der Begeisterung 
für die socialistische Idee in jede Arbeiterwohnung tragen. 
Tie stille Arbeit der social-demokratischen Parteipresse verdient 
daher in viel höheren: Grad unsere Beachtung, als die 
gewöhnlich mit viel Lärm auftretende „fliegende" Agitation, 
deren Reden, auch wenn sie von noch so viel Begeisterung 
getragen sind, doch rasch verfliegen, während das geschriebene 
Wort die Eigenschaft und die Fähigkeit hat, sich tiefer in 
die Seele des Lesers einzugrabcn. Zur Förderung der 
Agitation durch die Preste wird daher von der Social- 
Demokratie kein Opfer und keine Mühe gescheut. Welche 
Bedeutung diesem Agitationsniittel beigelegt wird, können wir 
ans dem „Unsere Parteipresse" überschriebenen Leitartikel des 
„N. Soc.-Demokr." (1873, 111) ersehen, worin es heißt: 
' "Ein einmaliges Wort verhallt, immer und minier wieder
        <pb n="25" />
        Pressk. 
9 
"ļ)àtte die neue und daher befremdende Idee des Socia 
lismus dem deutschen Volke zugerufen werden müssen, aber 
„es fehlte das Sprachrohr, eine große Arbeiterzeitung. 
"^a, wäre dieses gewaltige Agitationsmittel in Laffalle's 
"Hand gewesen in jener stürmischen, politisch aufgeregten 
„Zeit der Verfassungskänipfe — es wäre wohl möglich 
„gewesen, daß sein Ruf die Massen ergriffen, sie dem Leit- 
„seil der Fortschrittler entzogen, sie uni die rothe Fahne 
„vereint hätte. — 
"Nach zehnjähriger mühsamer Arbeit hat sich der Allg. 
„deutsch. Arb.-Berein die Waffe geschmiedet, die Lassalle so 
„sehr gefehlt; die Parteipresse ist vorhanden, ja sie ist 
„mächtig. 
„Vorbei ist's mit dem Todtschweigen, vorbei ist's mit 
„fcem Lügen, denn mit zwölftausendfacher Stimme schallt die 
„Wahrheit alsbald hinein in die Arbeiterklasie, um jeden 
„unsauberen Kniff der Ausbeuter unschädlich zu machen. 
„Daher die Wuth unserer Feinde und ihr ohnmächtiger Haß! 
„Daher aber auch die rasche Rekrutirung unserer Partei 
„aus ben Reihen der zuvor unschlüssigen Arbeiter. 
__ "Şohlan denn, Parteigenossen, schmieden wir dieses unser 
„^chwert noch fcļtcr, daß der Siegeslauf der socialistischen 
„Free immer rascher werde. Die Verfolgungen durch die 
„ -Polizei, die drohende Ansnahmegesetzgebung und die sonstige 
„Gewalt wachsen täglich; setzen wir ihnen unsere vcrviel- 
„sachte Kraft entgegen. Unser Parteiorgan hat seine Auflage 
„in den letzten beiden Jahren fast vervierfacht, es 
„würde ein Zeichen von Schwäche sein, sollte es nicht 
„im selben Aufschwünge fortgehen. Alljährlich einen 
„neuen Parteigenoffen muß jeder Lafsalleaner erwerben. 
„Daher dies unser Schwert gewetzt, unsere Presse
        <pb n="26" />
        IO 
1. .Einleitung. 
„mächtig gemacht! Dann soll es wie ein Donnerkeil 
„herunterfahren ans die Ausbeuterschädel!" 
Siegestrunken triumphirt in diesen Sätzen der Lassalleauer 
über den raschen Aufschwung seiner Parteipreffe. Und nicht 
ohne Grund. Bis zum Jahre 1870 konnte das nur wenig 
bekannte und noch weniger gelesene Organ des Allg. deutsch. 
Arbeiter-Vereins „der Social-Demokrat" zu keiner Bedeutung 
gelangen. Als mit dem Rücktritt von Schweitzer's von der 
Präsidentschaft dieses Vereins an die Stelle des seitherigen 
„Social-Demokrat" 1871 der in Berlin verlegte „Neue 
Social-Demokrat" trat, brachte es dieser in seinem ersten 
Jahrgang zu ungefähr 3000 Abonnenten, die sich in den 
nächsten drei Jahren in rascher Folge von Quartal zu 
Quartal bis zu 18000 vermehrten. Auf diesem Höhepunkt 
angelangt, ist ein Stillstand eingetreten, was schon daraus 
gefolgert werden kann, daß die früher gewohnte prahlerische 
Veröffentlichung des Abounentcu-Verzeichnisses nunmehr unter 
bleibt. Als Hauptorgan der „social-demokratischen Arbeiter 
Partei" dient der in Leipzig erscheinende „Volksstaat", der, 
nicht ganz zwei Jahre älter wie der „Neue Social-Demokrat", 
in nicht so raschein Tempo wie dieser seinen Abonuentenstand 
vermehrte, es aber doch bis zu ungefähr 10,000 Abnehmern 
gebracht hat. 
Neben den genannten beiden Hanptorganen hat die 
Lokalpresse einen wesentlichen Antheil an der Ausbreitung 
des Socialismus. Sie ist mehr wie jene im Stande, ihre 
Agitation den lokalen Verhältnissen und Vorgängen anzu- 
passen, und wird in neuerer Zeit auch ini südlichen Deutsch 
land, in Nürnberg-Fürth, in Mainz, Stuttgart und Offen 
bach mit besonderer Aufmerksamkeit gepflegt. Da, wo zur 
Unterhaltung eines Lokalblattes die Kräfte der Partei nicht 
ausreichen, weiß nian die Unterstützung weiterer, auch nicht
        <pb n="27" />
        Lokalblätter. 
11 
socialistisch gerichteter Kreise heranzuziehen. In solchem Falle 
begnügt man sich, wie z. B. die in Stuttgart erscheinende 
„süddeutsche Volks-Zeitung", mit dem allgemeinen Titel: 
„Organ für das arbeitende Volk", und colportirt unter 
bleser Firma, welche die Parteifärbung absichtlich nicht erkennen 
läßt, die Weisheit des Socialismus. So weiß man es zu 
ermöglichen, daß bei der durch den Stuttgarter Preßverein 
erfolgten Herausgabe der „Süddeutschen Volks-Zeitung" 
außer Mitgliedern der beiden socialistischen Fractioneu auch 
keiner Parteistellung angehörende Arbeiter sich betheiligen 
können, und daß sowohl der liberale Stuttgarter Arbeiter- 
bildungsverein, wie die social-demokratische Partei jenes 
„Organ für das arbeitende Volk" für ihre Vereins- 
anzeigen benutzen. Ein solches principloses Vermischen 
und Zusammenwirken schlägt natürlich allemal zum Vor- 
theil der radicalen Elemente aus, wie ja die „Süd 
deutsche Volks-Zeitung" thatsächlich ausschließlich den Socialis- 
nius predigt. Die Social-Demokratie läßt es sich gefallen, 
daß Glieder der von ihr bekämpften Partei mit ihr an 
eincnl Strange ziehen, desicn rothe Farbe sie nur leicht ver 
hüllt hat, und beweist damit ihre Geschicklichkeit, Andere zu 
üpiren, wenn sie für sich neue Waffen schmieden will, hierzu 
a r im eigenen Lager nicht genug Eisen vorfindet. Die 
heilnahnic von Nichi.Socialisten an der Herausgabe eines 
socialistischen Blattes läßt uns erkennen, ein wie starkes Be 
dürfniß vorhanden ist, den Interessen der Arbeiterwelt auch 
in der Presse eine ausreichende Vertretung zu schaffen, was 
g^wiß die Förderung und Unterstützung eines jeden Arbeiter- 
freundes verdient; sodann aber auch, wie wenig ein großer 
^Heilder Arbeiterwelt im Stande ist, die Geister zu prüfen, die ihm 
eine Wahrungnnd Förderung derJntereffen der Arbeiter in Aus 
sicht stellen und welche Begriffsverwirrung bei der Beurtheilung
        <pb n="28" />
        12 
I Einleitung. 
der socialistischen Bestrebungen noch vorherrschend ist. Sämmt 
liche Verkaufsläden des nach den Principien von Schultze- 
Delitzsch organisirten Stuttgarter Consumvereins haben den 
Vertrieb der „Süddeutschen Volks-Zeitung" übernommen und 
setzen ihn bis auf den heutigen Tag fort, nachdem Jedem, 
der nur lesen kann, völlig klar gelvorden sein muß, daß das 
Aushängeschild „Organ für das arbeitende Volk" den in 
diesen! Organ gepredigten Socialismus nur maskiren soll. 
Gewiß eine alles Maß überschreitende Toleranz des Stutt 
garter Consumvereins, wenn man erwägt, in welch princi 
piellem Gegensatz Schultze-Delitzsch zu Lassalle steht. Eine 
gleiche Verleugnung des Princips wird die social-demokratische 
Partei sich niemals zu Schulden kommen lassen. 
Auf die Vermehrung der Lokalzeitungen legt die Social- 
Deniokratie großen Werth.*) Sie geht jedoch hierbei mit 
*) Nach dem Organisations-Entwurf der „deutschen Arbeiter 
partei," welche durch Bereinigung der seitherigen socialistischen 
Fractionen „deö Allg. deutsch. Arb -BcreinS" und der „social 
demokratischen Arbeiterpartei" auf dem auf 23 —25 Mai d. I. 
ausgeschriebenen Kongreß der Social-Demokraten Deutschlands 
gebildet werden soll, ist die Gründung von Lokalblättern für die 
Zukunft von der Zustimmung der obersten Parteileitung abhängig 
gemacht. #. 18 sagt hierüber: „Zur Begründung von lokalen 
Parteiblättern ist die Zustimmung des Vorstandes, der Kontrol- 
kommission und des Ausschusses, welchem über die bezüglichen 
örtlichen Verhältnisse rechtzeitig und ausführlich berichtet werden 
muß, erforderlich. Nur solche Blätter, welche mit Zustimmung 
genannter Parteibehörden in S Leben treten, sind als Parteiorgane 
zu betrachten, und können die moralische und materielle Unter- 
stützung der Partei beanspruchen. Die lokalen Partei-Blätter 
haben sich in principiellen Fragen an das Parteiprogramm zu 
halten, und sind gleich den beiden in §. 14 genannten Organen 
in taktischen Parteifragen dem Vorstand unterstellt." Volks- 
staat 1875, 27
        <pb n="29" />
        Lokalblätter. 
13 
großer Vorsicht zu Werke und unternimmt nur da die 
Gründung eines eigenen Drgans, wo sie einen bereits zube 
reiteten Boden sindet. Sehr beachtenswerth ist in dieser 
Beziehung ein die Parteipresie besprechender Artikel des 
„Volksstaat" (1874, 81) worin es heißt: 
„Selbstverständlich wird man lein Parteiblatt da 
"gründen, wo noch gar kein anderes Blatt erscheint, oder 
„verbreitet ist. Die Parteien, die wir bekänipfen, sind unsere 
„Vorgänger; das Volk muß durch ihre Schule hindurch- 
„gegangen sein, auf ihrem Niveau stehen, bevor cs sie 
„durchschauen und den Gegensatz zwischen ihren und seinen 
"Interessen begreifen lernen kann. Je iliehr Zeitungen in 
„einer Gegend gelesen werden, und je mehr die dort ver- 
„tretene Presse nach links hinneigt, desto günstiger ist 
'»also das Terrain für uns. Beispielsweise wäre es 
»nicht rathsam, da ein social-deniokratisches Blatt zu gründen, 
„wo nicht schon seit längerer Zeit mindestens ein, der 
„Fortschrittspartei oder der bürgerlichen Demokratie dienendes 
„Blatt verbreitet ist. Viele von uns, die vor zehn oder 
»sünfzchu Jahren die politische Kost der letzteren Art genossen 
»haben, können aus Erfahrung sagen, wie der Reiz der 
"Acuheit dieselbe schmackhaft macht; die Arbeiter müssen also 
„diese Nahrung bereits kennen, um sich von ihr ab, und 
„einer besseren zuzuwenden." 
Diese li'Oitc bedürfen keines Kommentars. Sie zeigen 
deutlich genug, auf wessen Schultern die Social-Demokratie 
steht und wie verkehrt es ist, den Erklärnngsgrund für die 
Existenz des Socialismus ausschließlich in den socialen Noth 
ständen zu finden.*) 
Versuchen wir die Haltung der social-demokratischen Presse 
*) Ein Verzeichnis; der deutschen social demokratischen Presse 
stehe in der Beilage
        <pb n="30" />
        14 
I. Einleitung. 
int Allgemeinen zu charakterisiert, so drängt sich schon bei 
nur kurzer Bekanntschaft mit ihr die Wahrnehmung auf 
daß sie es keineswegs als ihre Aufgabe zu betrachten scheint, 
ihre Leser über das eigentliche Wesen des Socialismus zu 
belehren. Ab und zu bringt wohl der „Duette Social- 
Demokrat" einen Artikel, der sich über die Ziele des Socia 
lismus etwas näher ansläßt, und dann und wann läßt 
wohl einmal der „Volksstaat" die wahre Gestalt des Socialismus 
seine Leser schauen. Aber solch offene und unverblümte Be 
kenntnisse werden von dent übrigen und vorherrschenden 
Inhalt stark in den Hintergrund gedrängt. Daher erklärt 
sich auch die Wahrnehmung, daß trotz des großen Leserkreises, 
den die socialistische Preffe erobert hat, die Zahl der ihrer 
Ziele sich klar bewußten Social-Demokraten eine so geringe 
ist. Die Parteiführer wisseit gewiß ganz genau, was 
sie wollen; die Mehrzahl der Parteigenossen läßt sich führen, 
ohne sich klar bewußt zu sein, welchem Ziel sie entgegen- 
geführt wird. Die Mehrzahl bewegt sich in einem unklaren 
und verschwommenen Gefühl, daß der Socialismus für sie 
bessere und glücklichere Zustände schaffen werde, ohne die ihm 
eigenthümlichen und ihn charakterisirendcn Mittel hierzu genau 
zu kennen, geschweige denn ernstlich zu prüfen. Die Führer 
streben auch keineswegs darnach, dies unklare Gefühl in ein 
llares Bewußtsein zu verwandeln. Sie begnügen sich, wenn 
ihnen nur geglaubt wird, daß der Socialismus aus aller 
Noth helfen werde, und lassen ihre Gläubigen hinsichtlich 
der Mittel wohl absichtlich im Dunkeln. Wir haben schon 
manchen Agitator in öffentlicher Versammlung dabei ertappt, 
wie er z. V. die Religionslosigkeit, oder den vom Socialis 
mus erstrebten Kommunismus in Abrede zn stellen sich 
erdreistete, wenn von anderer Seite zur Aufklärung und 
Belehrung der Zuhörer die wahre Gestalt des Socialismus
        <pb n="31" />
        Zweck der Presse. 
15 
in seinen letzten Zielen und Konsequenzen der Versammlung 
vor Augen gemalt wurde. Die Social-Demokratie hat alle 
Ursache, mit ihren letzten Zielen etwas hinter dem Berge zu 
yalten. Denn die nackte, aller Schminke entkleidete Gestalt 
des Socialismus hat so wenig Anziehendes, daß durch deren 
Schaustellung die Massen nicht leicht begeistert und gewonnen 
werden. Der Zweck der social-demokratischen Presse ist 
i^aher gleichwie bei der persönlichen Agitation nicht die offene 
""d rückhaltslose Belehrung über den Socialismus, sondern, 
wie wir im Verlauf unserer Darstellung noch weiter zeigen 
werden, die schwindelhafteste Reklame für den von der Masse 
nur oberflächlich gekannten und noch viel weniger verstandenen 
Socialismus. 
Der „Volksstaat" bringt zwar aus Beschluß des Dresdner 
Kongreffes (Volksstaat 1871, 68) an der Spitze einer jeden 
"Nen Quartalsnummer das Programm der ..social-demokra- 
îlschen Arbeiterpartei" zum Abdruck und von Zeit zu Zeit 
wird daffelbe auch in einer besonderen Agitationsnummcr 
besprochen. Es kann jedoch nur eine kurzsichtige Leichtgläubig 
keit in jenem Programm einen vollständigen und unverblümten 
Ausdruck der socialistischen Bestrebungen und Ziele finden, 
^ir wagen zu behaupten, daß das Programm nur das 
aufspricht, was es nach kage der Tinge heute sagen kann 
und darf, und womit es die Arbeiter gewinnen zu können 
hofft, und daß noch gar manches zwischen den Zeilen gelesen 
werden muß, wenn man vom Socialismus ein vollständiges 
Bild erhalten will. Der von dem „Volksstaat" als ein 
»euer Kommunist begrüßte Privatdocent der Nationalökonomie 
Dr. E. Dühring in Berlin betont in seiner Schrift: „Kursus 
ber National- und Socialökonomie" gleichfalls den Mangel 
eines vollständig klaren Systems des vorgeschrittensten Socia 
lismus. Der Recensent dieses Buches legt im „Volksstaat"
        <pb n="32" />
        16 
I. Einleitung. 
(1874, 33) mit anerkennenswerther Offenheit das Geständ- 
niß ab: 
„Der Mangel eines solchen Systems, respective 
„radicalen Programmes, ist kein Mangel an Ein- 
„sicht, wie Herr Dühring glaubt, sondern nur eine Frage 
„der Praxis. Eine Agitations- und Kampsespartei wird 
„Seitens der Staatsgewalt anders behandelt, wie ein wissen- 
„schaftliches Buch. Das Programm der social-demokratischen 
„Arbeiterpartei ist anerkannternlaßen sehr lückenhaft, hat aber 
„doch zum Leipziger Hochverrathsprozeß und zahlreichen 
„anderen Verfolgungen geführt. Man kann nicht immer 
„den besten, man muß oft nur den niöglichen Weg wählen." 
Nach einem solchen Geständniß wäre es in der That 
eine starke Zumnthung, sich bei einer Beurtheilung der socia 
listischen Bestrebungen ausschließlich an den Wortlallt jenes 
Programmes zu halten. Auch die officielle Interpretation 
desselben, wie sie die neueste Agitationsnummer (Bolksstaat 
1874, 151) bringt, schafft nicht größere Klarheit, sondern 
gefällt sich in Allgemeinheiten, wenn sie als Résumé einer 
langen Auseinandersetzung mit großer Emphase ausruft: 
„Wir wollen Gerechtigkeit und bekämpfen das Unrecht." 
„Wir wollen die freie Arbeit und bekämpfen die Lohn 
sklaverei." 
„Wir wollen das Wohlergehen Aller und bekämpfen das 
Elend." 
„Wir wollen die Bildung Aller und bekämpfen die Un 
wissenheit und Barbarei." 
„Wir wollet, Friede und Ordnung und bekämpfen den 
Völkermord, den Klassenlrieg, die gesellschaftliche Anarchie." 
„Wir wollen den socialistischen Bolksstaat und bekämpfen 
den despotischen Klassenstaat."
        <pb n="33" />
        Parteiprogramm. 
17 
"Wer das Gleiche will, wer das Gleiche bekämpft, der 
schließe sich uns an!" 
Wir fragen erstaunt, sind das die unterscheidenden Merk 
male des Socialismus? Gibt es irgend eine Partei, der 
wir nachzusagen das Recht hätten, daß sie, wenn wir vom 
socialistischen Polksstaat absehen, von alledem das Gegentheil 
wolle, daß sie Unrecht, Lohnsklaverei, Elend, Barbarei und 
Anarchie absichtlich erstrebe, wenn uns auch die Erfahrung 
lehrt, daß die Principien der einen oder der anderen Partei 
dieses oder jenes Uebel, ohne daß sie es will, als gewiß 
nicht vorausgesehene nothwendige Folge erzeugt? Alle diese 
schonen Dinge für sich allein in Anspruch zu nehmen und 
Nlit ihnen sein Parteiprogramm zum Unterschied von andereil 
Parteien zu schmücken, ist eine unverschämte Anmaßung, der 
wir nicht nur iu der socialistischen Presse, sondern auch bei 
der persönlichen Agitation begegnen. In einer Bersammlung 
zu Stuttgart am 25. November v. I. schloß der Redacteur 
der „Süddeutschen Bolks-Zeitung" C. Hillmann, seine Rede 
mit den Worten: „Wir Social-Demokraten wollen Bildung, 
»wir wollen Wohlstand, wir wollen Gesittung!" Ja wir 
wollen es glauben, daß die Social-Demokratie dieses will. 
Aber alle Andere« wollen dies auch. Daher sollte man 
erwarten, daß, so oft man von diesen Zielen spricht, neben 
und vor diesen schönen Dingen doch auch die Mittel genannt 
werden, durch welche der Socialismus alle diese Herrlichkeiten 
herbeiführen will. Dann wird das Wesen des Socialismus 
gekennzeichnet sein, dann werden vielleicht auch Manchem die 
Augen aufgehen, welche mit solch phrasenhaften Allgemeinheiten 
zuzukleistern die Absicht und die ftunft der socialistischen 
Agitation ist. 
Also nicht Aufklärung und Belehrung in ruhiger, leiden 
schaftsloser, sachgemäßer Weise über das eigentliche Wesen 
Schuster. Die Social-Demokratie. 2
        <pb n="34" />
        18 
I. Einleitung 
des Socialismus ist der Zweck, den die socialistische Presse 
vornämlich verfolgt. Andere Aufgaben stehen bei ihr im 
Bordergrund. In Nr. 111, 1873 des „Neuen Social- 
Demokrat" wird die Presse ein Schwert genannt, das wie 
ein Donnerkeil heruuterfahren soll auf die Aus 
beuterschädel. In Nr. 151, 1873 destelben B'attes 
lesen wir: „Der „Neue Social-Demokrat" ist einerseits die 
„Brandfackel, welche in die Pulvertonne des socialen Elends 
„geschleudert wird, um den Zündstoff in der Arbeiterklasie zu 
„entflammen; andererseits ist er geistig wie materiell Eigen- 
„thum der Arbeiterklasse, repräsentirt durch ihre aufgeklärten 
„Mitglieder, durch den Allgemeinen deutschen Arbeiterverein." 
Die beiden Worte „Schwert auf die Ausbeuterschädel" 
und „Brandfackel in die Pulvertonne des socialen Elends" 
verbreiten hinreichendes Licht über die Tendenz der social 
demokratischen Presse. Sie ist das Mittel, den Klassenhaß 
und Klassenkampf mit allem Bedacht zu schüren, und die 
„Pulvertonne des socialen Elends" zur Explosion zu bringen; 
kurz, die socialdemokratische Presse betrachtet es als ihren 
Beruf, dem schließlich in eine sociale Revolution auslaufenden 
socialen Krieg stets neue Nahrung zuzuführen. 
Um die Mittel hierzu ist sie nicht in Verlegenheit, bei 
ihrer Wahl verfährt sie nicht scrupulös. „Wenn für unsere 
„Bestrebungen Nutzen daraus entstünde, würden wir getrost 
„die Hand des Teu fe ls annehmen" bekennt mit cyuischcr 
Offenheit Hasenclever nicht lange nach seiner Erwählung zum 
Präsidenten des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins, (N. 
Soc.-Demokrat 1871, 65) und proklamirt hiermit sich selbst 
und seine Genossen als die socialen Jesuiten, deren Gebühren 
in der Presse, wie im öffentlichen Hervortreten überhaupt 
jenem Bekenntniß alle Ehre macht. 
Es bleibt uns noch die Erwägung übrig, ob und wie
        <pb n="35" />
        Officieller Charakter der Prefie. 19 
weit die Auslassungen der socialistischen Presse der Social 
demokratie überhaupt zur Last gelegt werden dürfen. Wir 
müssen uns hierüber klar werden, da es eine beliebte Taktik 
der social-demokratischen Führer und Agitatoren ist, sobald 
ihnen unbequeme Zengniste aus ihren eigenen Blättern vor- 
fiehaltcn werden, die Mitverantwortlichkeit von stch zu weisen, 
"ņd in Betreff des Inhalts der socialistischen Preste die 
Solidarität der ganzen Partei nicht anzuerkennen. In der 
&gt;nl Parteilokal der Stuttgarter Lastalleaner am 22. Decbr. 
ü ' 3. stattgefundenen öffentlichen Versammlung glaubte der 
Agitator Drccsbach über einzelne ihn, unbequeme Citate 
auv dem „Neuen Social-Demokrat" dadurch leicht hinweg 
zu kommen, daß er deren Inhalt für die Privatmeinung 
Einzelner ausgab, mit der die Partei nichts zu schaffen 
habe. Ebenso wußten in der öffentlichen Versammlung in 
Pforzheim am 24. Januar d. I. die dortigen socialistischen 
Parteiführer Wankmüller und Lehmann gegenüber der reichen 
Anzahl von aus ihrer eigenen Parteipreste citirten Belastungs 
zeugen keinen anderen Ausweg, als kurzer Hand die Aner- 
kenntniß ihrer Preßorgane als einer zuverlässigen und glaub- 
ürdigen Ouielle für die Erkenntniß des Socialismus zu 
verweigern. Wir wollen es zwar glauben, daß es recht 
a a scm mag, o«g seinen eigenen Parteiorganen in öffent- 
lcher ersammlttng Tinge vorlesen zu hören, welche die 
Parteimitglieder vor jedem unbefangenen Urtheil stark compro- 
mittiren; Tinge, über die nian unter sich wohl längst einig 
lşi, zu deneu in öffentlicher Versammlung sich zu bekennen 
u&gt;an aber doch noch Anstand nehmen muß. Aber trotzdem, 
aßdie Kinder ihre eigene Mutter, die Parteimitglieder ihre 
Parteipreste verleugne«, wird an der solidarischen Haftbarkeit 
lener für die Preßproducte ihrer Partei nichts geändert. 
Wir haben es bei den Hauptorganen der socialistischen Preste 
2*
        <pb n="36" />
        20 
I. Einleitung. 
nicht mit Privatunternehmungcn, sondern mit officiel len 
Parteiorganen zu thun. Der „Volksstaat" nennt sich 
„Organ der social-demokratischen Arbeiterpartei" und der 
„Neue Social-Demokrat" „Organ des Allgeni. deutschen 
Arbeiter-Vereins"; nach der polizeilichen Schließung dieses 
Vereins „Eigenthum der Lassalleaner." Die Redaction des 
„Vollsstaat" wird von einer eigens zu diesem Zweck nieder 
gesetzten Kontrolkommission überwacht, bantit kein Artikel sich 
einschleichl, der mit den Parteiprincipien nicht im Einklang 
steht; und der „Neue Social-Demokrat" nennt sich selbst 
(1873, 151) einen „Spiegel der Agitation des Allgem. 
deutschen Arbeiter-Vereins." Es wird also wohl trotz der 
gegentheiligen Anstrengungen einzelner Parteigenossen daran 
nichts geändert werden können, daß die, genannten Blätter 
als officielle Parteiorgane auch als zuverlässige Quellen für 
die Darstellung der socialistischen Bestrebungen und Agitation 
zu gelten haben. Was in dem „Volksstaat" wie in dem 
„Neuen Social-Demokrat" unter ausdrücklicher oder still 
schweigender Billigung der Redaction, respective des beauf 
sichtigenden Ausschusses gesagt wird, ist demnach als der 
wahre und richtige Ausdruck der Bestrebungen der Partei 
anzusehen.*) Wir zeichnen also ein quellenmäßiges Bild 
*) Eine Korrespondenz in Nr. 6 der Concordia Hane darauf 
hingewiesen, daß der „Volksstaat", durch die ihm widerfahrene 
Aufmerksamkeit veranlaßt, neuerdings eine gegen früher etwas 
gemäßigtere Haltung beobachte Hieraus gibt der Volksstaat in 
Nr. 20 die Erklärung ab: „Wir geben Ihnen hiermit die feier 
liche Versicherung (die wir auch jeden Moment vor Gericht 
abzugeben bereit sind), daß wir heute genau ebenso denken, genau 
dieselben Ziele verfolgen wie in den früheren Jahrgängen." Wir 
wollen nicht versäumen von der officielle« Anerkenntniß des In 
halts der von uns benützten früheren Jahrgänge des „Volks 
staat" (1871—1875) hiermit Notiz zu nehmen.
        <pb n="37" />
        Unfehlbarkeit der Lehre Lastalle s. 
21 
mit Photographischer Treue, wenn wir in den nachfolgenden 
Abschnitten zur Charakterisirung der Social-Demokratie die 
Farben aus dem Lager der Parteipreste selbst uns holen. 
Die Aechtheit dieser Farben wird noch ausdrücklich bestätigt 
îinen „die Unfehlbarkeit" besprechenden Leitartikel des 
,'N. Soc.»Demokrat" (1872, 66), worin cs heißt: 
„Alan hat auch so gerne uns, die Lassalleaner, weil wir 
"N'lt so entschiedener Hartnäckigkeit kein Titelchen der Lastalle'- 
"schen Ļehre aufgeben, ja mit Entschiedenheit dieselbe als 
" ein unfehlbares Dogma vertheidigen und anpreisen, spöttischer 
„S3?ctfe die „Un fehl baren" genannt, ebenso wie man gerne 
"«"s die Unfehlbarkeit Lastalle's anspielte." 
„Ä&gt;ir freuen uns über diese Anerkennung." 
„Der Socialismus, der in der Lehre und in der Orga 
nisation Lastalle's seinen besten Ausdruck gefunden, gilt als 
"die Religion, welche die Menschheit wieder einen gewaltigen 
„Schritt weiter auf den, Wege der Civilisation, der Knltur- 
..entwickelung und des Glücks bringen wird. Für diese Lehre 
"setzen wir unser Alles ein; wir vertheidigen sie, wenn es 
's şoà' şiļbst mit dem Blute. Weshalb aber sind wir 
" äst C9 (T Clstnt ' ş° ^êrgisch. ja weshalb sind die Lastalleaner 
s., o f DOn e * ncm gehenden Fanatismus beseelt? Weil 
t ?'*" e°II°U. . eine nnsehlbn.e ist. und weil 
„d&gt;° . as,Meaner, wen» sie diese verkündigen, in dieser Hin. 
"WMMtß f«t nnsehlbar hallen müssen." 
" ^ehre lastalle's ist die einzig wahre; sie ist unfehl- 
"bar, und der Glaube daran versetzt Berge." 
Man könnte glauben, daß die Lastalleaner durch die 
Zeilverhältnisse, durch die Bewegungen innerhalb der römisch, 
katholischen Kirche gereizt und veranlaßt worden seien, auch 
auf ihrem Territorium die Uufehlbarkeitsfahne aufzupflanzen. 
In deni angezogenen Leitartikel wird auch Lastalle's Nnfehl-
        <pb n="38" />
        ¿2 
I. Einleitung. 
barkeit mit der päpstlichen in Parallele gestellt. Unsere 
socialen Jesuiten haben jedoch mit jenen Sätzen eine Anschauung 
nur bestimmt formulirt, die schon längst vorhanden war und 
stets geflissentlich gepflegt wurde. Es fehlte der Sache nur 
noch der sie bezeichnende Name. Der Personenkultus, welcher 
mit Lassalle getrieben wird, datirt von dessen Todestag 
(31. August 1864). Wir lesen im „Volksstaat" : (1872, 83) 
„Der Ncgierungsagent Herr Dr. v. Schweitzer brauchte den 
„ehrlichenNamen Lassalle's um sich im Vertrauen der Arbeiter 
„festzusetzen, indem er den Personenkultus auf's äußerste 
„begünstigte und aus Lassalle einen unfehlbaren Papst 
„machte. Seine Schüler und Nachfolger die Hasselmann- 
„Hasenclever thun dasselbe." Es ist somit die Darlegung 
und Zusammenstellung des wesentlichen Inhalts der socia 
listischen Preste wohl der richtige und zuverlässige Weg, den 
Socialismus kennen zu lernen. Wenn auch das Bild, das 
wir darnach zeichnen müssen, von den Stimmführern der 
Social-Demokratie nicht anerkannt werden wird, so ist das 
für uns nur ein neuer Beleg, daß der Socialismus Ursache 
hat, seine wahre Gestalt zu verbergen und seine wahren 
Ziele zu verleugnen.
        <pb n="39" />
        Staat shilfe 
23 
IL 
î'frô Deutsche Reich und die Social-Demokratie. 
Inhalt Staatshilfe. Reichsfeindlichkeit. Deutsch.franzôsischer 
nrg. ^iegestaumel. Plünderungen, àiegsursache. Teutscher 
Reichstag. Deutscher Äaiser. Fürst Bismarck. 
Deutsches Volk. 
-^ie von ^assalle proklamirte „Staatshilfe" als Mittel 
Lösung der socialen Frage konnte dem äußern Wortlaut 
nach den Glauben erwecken, als läge eine Kräftigung der 
deutschen Staatsgewalt auch im Interesse der deutschen 
^ocial-Demokratie, als sei ein mächtiger Staat für den die 
"^taatshilfe" fordernden Socialismus auch die für seinen 
Ş'eg nothwendige Borbedingung, so daß also die neue Macht 
stellung, welche der deutsche Staat mit der Wiedererstehung 
de» Deutschen Reichs eingenommen hat. auch von der Social- 
emokratieganz besonders freudig hätte begrüßt werden müssen, 
so .Ģ""de das Gegentheil ist der Fall. Richt die Stärkung, 
^ '.die Schwächung der bestehenden Staatsgewalt führt 
eine» Demokratie der Berwirklichung ihrer „Staatshilfe" 
1 chritļ näher. Denn die Staatshilfe in socialistischem 
T llC 1 * weiter nichts, als die Selbsthilfe des Proletariats 
urch as Mittel der in seine Hände gelegten Staatsgewalt. 
,[ C geforderte „Staatshilfe" ist kein Appell an den gegen» 
wärtigen Etaat, einerlei ob er monarchischer oder republika 
nischer Berfassung ist, sondern nur ein verblümter Ausdruck 
stir die Forderung, daß das Proletariat vor allen Dingen 
"âch dem Besitz der Staatsgewalt trachten, vorerst die 
Herrschaft im Staat erobert haben müsse, bevor an die 
Möglichkeit einer Berwirklichung seiner socialen Ideen nur 
gedacht werden könne. Den Herrschaftsgelüsten des Prole»
        <pb n="40" />
        24 H. Das Teutsche Reich u. die Social-Demokratie. 
tariats ist aber nicht ein erstarkender, sondern nnr ein in 
seiner Macht gebrochener Staat günstig. 
In Frankreich, das länger als Deutschland durch socia 
listische Bestrebungen beunruhigt ist, und als das eigentliche 
Vaterland des Socialismus angesehen werden darf, sind 
darum auch die Krisen, in welche die innere oder die 
äußere Politik den Staat hineingeführt hat, stets von socia 
listischen Erhebungen, von Proletarierschlachten behnfs Er 
oberung der Staatsgewalt für das Proletariat, begleitet 
gewesen. Eine Pariser Kommune war nur möglich auf den 
Trümmern des französischen Kaiserreichs. So wird's auch 
wohl für die Zukunft in Frankreich bleiben und für Deutsch 
land werden, daß politische Verwickelungen für die social 
demokratische Partei das Signal sind, das Proletariat, die 
Arbeiterbataillone zum Kampf um die Staatsgewalt aufzu 
rufen, um durch deren Besitz die nothwendige Vorbedingung 
für eine socialistische Gesellschaftsorganisation zu erfüllen. 
Schon Lassaste trug sich mit der Hoffnung, anläßlich 
einer politischen Verwickelung seiner Sache rasch zum Siege 
verhelfen zu können. Im Frühjahr 1864 gibt er in einem 
Briefe an seinen General-Bevollmächtigten seiner schmerzlichen 
Enttäuschung einen Ausdruck und schreibt: „Gleichwohl 
„werde ich die Fahne nicht fallen lassen, so lange noch irgend 
„ein Hoffnungsflämmchen an dem politischen Horizonte blinkt. 
„. . . Wer hätte diese Mattheit und Theilnahmlosigkeit für 
„möglich halten sollen! Das wird sich erst wirklich ändern, 
„wenn gewisse politische Ereignisse eintreten und die Massen 
„in Bewegung bringen. Und solche Ereignisse können aller- 
„dings in einiger Zeit kommen."*) 
Lassalle hatte recht gesehen, die ersehnten und prophezeiten 
*) I)r. Eugen Jäger, Der moderne Socialismus S.ñIL n 313.
        <pb n="41" />
        Reichsfeindlichkeit. 
25 
politischen Ereignisse samen bald, wenn er selbst sie anch 
nicht erleben sollte. Aber anstatt Deutschland zn schwächen, 
ist unser Vaterland nur mit bedeutend vermehrter Macht 
aus ihnen hervorgegangen. Und dieser Umstand, über den 
sich jeder wahre Patriot von Herzen freut, ist unseres Er- 
achtens die Hauptursache des tiefen Grolls, den die deutsche 
^ocial-Demoļratie, am meisten die Eisenacher Fraction, die 
„social-demokratische Arbeiterpartei" gegen das Deutsche Reich 
im Herzen trägt. Die Aussicht auf einen endlichen Sieg 
des deutschen Socialismus ist dadurch in weite Ferne gerückt 
worden. Die bald zugestandene, bald auch in Abreve gestellte 
„Reichsfeindlichkeit" hat darin ihre Ursache, daß beim Wieder» 
aufbau des Teutschen Reichs die Social-Temokratie keine 
Gelegenheit fand, ihre socialistischen Principien dem Neubau 
zur Basis zu geben, und weil dem neuen Staatsgebäude 
eine solche Macht inne wohnt, daß die Errichtung des socia 
listischen „Volksstaats", wenn je ein solcher, was wir bestreiten, 
nur irgendwelche Aussicht haben sollte, in weite, ferne Zukunft 
gerückt erscheinen muß, was freilich nicht ausschließt, daß die 
Ungeduld und Verblendung der socialistischen Führer über 
kurz oder lang einen Versuch wagen können. Gewiß nicht 
Zufällig ergriff gerade bei Berathung des Militärgesetzes am 
20. April 1874 das socialistische Reichstagsmitglied Julius 
Molteler die Gelegenheit, die „Reichsfeindlichkeit" der Social- 
Temokratie dahin zu definiren: „Wir sind Gegner des 
„Reichs, insofern das Reich bestimmte Einrichtungen repräsentirt, 
„unter denen wir uns gedrückt fühlen, unter denen wir leiden; 
„wir sind aber nicht Gegner des Reichs als eines solchen, 
„als eines nationalen, als eines staatlichen Ganzen, sondern 
„wir sind Gegner jener Einrichtungen im Reich, die uns am 
„meisten beschweren, die uns am gewaltigsten drücken. Nun, 
„meine Herren, eine solche Jnstitulion ist obenan der Milita-
        <pb n="42" />
        2lì II- Das Deutsche Reich u. die Social-Demokratie. 
rismus." (Volksstaat 1874, 49.) Motteler hätte sich kürzer 
fassen und einfach sagen können, wir sind Gegner des Reichs, 
weil es kein socialistischer „Volksstaat" ist, und weil seine 
Macht die Aussicht zur Gründung eines solchen auch auf 
lange Zeit hinaus benimmt. Die Bekämpfung einzelner 
Einrichtungen begründet allerdings noch nicht den Vorwurf 
der „Reichsfeindlichkeit." Dann wären alle Reichsbürger 
auch Reichsfeinde; denn wir kennen keinen, der i,icht mehr 
oder weniger zu irgend einer Einrichtung des Reichs in 
Opposition stünde. Diese Opposition tastet den Bestand des 
Reiches selbst nicht an; sondern will nur eine Weiterent 
wickelung desselben durch Besserung seiner Institutionen be 
wirken. Wir erklären es für eine politische Heuchelei, wenn 
die Social-Demokratie ihre „Reichsfeindlichkeit" auf diese 
Weise zu definire» und zu begründen sich bemüht. Richt 
eine Weiterentwickelung seiner Institutionen innerhalb des 
gezogenen Rahmens liegt im Interesse der Social-Demokratie, 
sondern die Vernichtung desselben, um aus seinen Trümmern 
den socialistischen „Volksstaat" erstehen zll lassen. Oder sind 
etwa nur einzelne Einrichtungen und nicht das Reich selbst 
gemeint, wenn die Social-Demokratie für dasselbe, so oft 
sie in ihren Blättern von demselben redet, nur Hohn und 
Spott hat? Wenn bei ihr „das Reich der Gottesfurcht und 
frommen Sitte"») der stereotype hämische Ausdruck ist? 
Wenn sie das in der Brust eines jeden guten Deutschen 
endlich erwachte Selbstgefühl und die Freude an der Ruhmes- 
und Ehrengeschichte des theuren deutschen Vaterlandes durch 
weg als „Procentpatriotismus"»») und die Männer, welche 
aus Vaterlandsliebe Gut lind Blut geopfert haben, und 
*) Bolksstaat 1871: 72; 1872: 11, 16, 48, 50 u. v. a. 
'*) Bolksstaat 1871: 74, 79; 1875: 18 u. v. a.
        <pb n="43" />
        Reichsfeindlichkeit. 
27 
diejenigen, welche die gefallenen Opfer hoch in Ehren halten, 
der durch sie erkauften Siege sich freuen und die Vaterlands 
liebe als erste Bürgertugend gelten lasten, als „Mords- 
Patrioten" *) höhnt? Wir fragen, sind nur einzelne Ein 
richtungen gemeint, oder gilt es dem Deutschen Reich als 
solchem, wenn der „Volksstaat" (187%, 36) seiner Hoffnung, 
ev würde mit dem Deutschen Reich nicht lange dauern, in 
den frivolen Worten einen Ausdruck gibt: „Fiducit, Ihr 
«Herren! Die Internationale hat das Französische Empire 
«überlebt; fie wird auch der Preußischen Kopie die verdiente 
«Grabschriftschreiben." Die Social-Temokratie kann sich mit 
dem, wenn auch noch so gut verfaßten, Deutschen Reich, 
nimmermehr befreunden; denn „Lafsalle's Staat der Zukunft 
«und das gegenwärtige Teutsche Reich sind himmelweit ver- 
«schiedene Dinge." (N. Soc.-Demokrat 1871, 59.) Das 
Teutsche Reich kann wohl die Social-Demokratie toleriren; 
kie Social-Demokratie kennt aber keine Toleranz gegen das 
Teutsche Reich. Diese kurzen Fingerzeige lasten wohl schon 
Zur Genüge erkennen, wie es mit der socialistischen „Reichs- 
feindlichkeit" als einer Bekämpfung einzelner Einrichtungen 
estriben, unter denen die Social-Demokraten zu leiden glauben, 
gemeint ist; und im Nachfolgenden werden wir in einzelnen 
o límente» das aller Vaterlandsliebe Hohn sprechende Ge- 
uhien der deutschen Social-Demokraten gegenüber dem 
eutschen Reich nach den einzelnen Seiten hin noch näher 
darlegen. 
ist wahrlich keine erquickliche Arbeit, die Zeugnisse 
der „Reichsseindlichkeit" der deutschen Social-Temokratie zu 
sammeln. Angesichts der Beschimpfungen und Schmähungen 
unseres Volks durch Social-Demokraten, die seinen Namen 
*) Bolksstaat 1871: 57, 58 u v. a.
        <pb n="44" />
        28 II. Tas Deutsche Reich u. die Social-Demokratie. 
tragen und seine Sprache reden, tritt einem, sein Volk und 
sein Vaterland liebenden Deutschen, die Schaniröthe in's 
Angesicht. Wir kennen keinen Fall ähnlicher, schmählicher 
Herabwürdigung, die ein Volk durch einen Theil seiner eigenen 
Volksgenossen, die Mutter durch ihre eigenen Kinder erfährt. 
Der französische Socialist steht in dieser Beziehung weit über 
dem deutschen Social-Demokratcn. Nur die erfahrene Ent- 
tänschnng in der verdienten Niederlage der Gesinnungsgenosien 
in der Pariser Kommune unter mittelbarer Assistenz der 
deutschen bewaffneten Macht, sowie der für eine Verwirklichung 
der socialistischen Ideen hoffnungslose Ausblick in die nächste 
Zukunft machen es einigermaßen erklärlich, daß sich im Lager 
der deutschen Social-Deinokratie so viel Gift und Galle an- 
qesamnielt hat, welche bei jeder Gelegenheit über den deutschen 
Namen ansgegossen werden. Hervorragend sind hierin ganz 
besonders die Leistlingen des „Volksstaat", der fast aus 
schließlich von der „Preußenfeindlichkeit" lebt. Wollte man 
alle seine Artikel, die Feindschaft wider Preußeli und dessen 
verdienstvolle Staatsmänner athmen, — denn in Preußen, 
dem hervorragendsten Bnndesglied bekämpft besonders die 
Eisenacher Fraction das Deutsche Reich — mit Druckerschwärze 
überziehen, dann würde dieses Blatt das Aussehen eines 
Leichentuchs erhalten, das nur von wenigen weißen Streifen 
durchzogen ist. 
Noch während die deutschen Heere in Feindesland sich 
befanden, begann die antideutsche Politik der Social-Demo- 
kratie offen hervorzutreten. Bekannt ist die Lötzener Affaire, 
die wegen Vergehen gegen die öffentliche Ordnung zuni 
Braunschweiger Prozeß wider den Ausschuß der „social 
demokratischen Arbeiterpartei" geführt hat.*) Nach der 
: ) Bolksstaat 1871: 96 ff.
        <pb n="45" />
        Deutsch-französischer Mrieg. 29 
Schlacht bei Sedan erließ der damals in Braunschweig 
domicilirte Ausschuß jener Partei ein Manifest (5. Septbr.), 
um Telnonstrationen der Arbeiterwelt gegen eine Fortsetzung 
bes Kriegs hervorzurufen. Durch Jnterniruug aus der 
Festung Lützen mußte dem antideutschen Treiben jenes Aus 
schusses ein Halt gesetzt werden. Nicht Humanitätstücksichten, 
welche die von dem Kriege geforderten Opfer beschränken 
wollten, hatten das Manifest dictirt, sondern die Sympathie 
mit dem republilanischen Frankreich, das aln 4. September 
an die Stelle des kaiserlichen getreten war. 
Als der Krieg beendigt war, und das deutsche Volk der 
herrlichen Siege und der glorreichen Heldenthaten seiner 
Söhne sich freute, bemühte sich der „Volksstaat", diese wohl 
berechtigte Freude möglichst zu dämpfen durch die Veröffent 
lichung einer langen Reihe wahrscheinlich von Karl Marx 
verfaßter Artikel:*) „Zur Erinnerung für die deutschen 
Mordspatrioten," welche dem deutschen Volt die Geschichte der 
Niederlagen aus den Jahren 1806—1807 mit schwarzen 
Farben vor die Augen malten. An sich läßt sich gegen 
eine einfache Mahnung, in den Tagen des Glücks auch der 
vergangenen Tage des Unglücks eingedenk zu bleiben, gewiß 
nichts sagen. Aber daß es bei dieser Veröffentlichung auf 
eine Demüthigung der Deutschen und auf eine Verherrlichung 
der Franzosen abgesehen war, beweisen die Schlußworte des 
letzten Artikels (76), welche lauten: 
„Stellt man einen Vergleich zwischen dem hier Erzählten 
„und den Ereignissen des letzten deutsch-französischen Krieges 
„an, so kann man sich leicht sagen, ob überhaupt das Ge- 
„schwätz von den „noch nie dagewesenen Leistungen" der 
„beutschen Armee auch nur einen Schein von Berechtigung 
*) Volksstaat 1871: 57-59, 61, 62, 66-76
        <pb n="46" />
        30 H. Das Deutsche Reich n. die Social-Demokratie. 
„hat. Jni Eröffnungskampfe wurde damals die preußische 
„Armee weggewischt — etwa 150,000 durch etwa 200,000 
„Mann wie jetzt die französische — etwa 350,000 Mann durch 
„500,000. Die preußischen Festungen fielen damals fast 
„alle in schmählicher Weise, nicht so jetzt die französischen. 
„Die Franzosen führten einen Volkskampf auch nach dem 
„Untergang des Hauptbestandtheils des stehenden Heeres 
„fort, nicht so damals die Preußen. Die Preußen lehnten 
„sich damals an die Russen an, wie auch neuerdings die 
„Deutschen thaten — die Franzosen mußten den letzten 
„Kampf allein ausfechten. Die Preußen hatten damals 
„unsägliche Mühe, die Kriegskontribution aufzutreiben, von 
„den Franzosen erwartet man, daß sie die Milliarden aus 
„dem Aermel schütteln sollen. Die Kontributionen verhalten 
„sich zu einander wie 1'/,: 50 oder etwa 1: 34. Wirft 
»man Napoleon I. vor, die Preußen int Tilsiter Frieden zu 
„dumm und schlecht behandelt zu haben, so darf wohl gefragt 
„werden, um wie viel gescheuter die Franzosen von Wilhelni 
„und seinem Bismarck im Versailler Frieden behandelt 
„worden sind. 
„Wenn, was wir in diesen Blättern geschrieben, der 
„grassirenden, einfältigen Ueberhebung steuert, so haben wir 
„unseren Zweck erreicht. Als Hauptsache haben wir nur 
„Altes besungen. Daß die Masie am liebsten der billigen 
„Ableierung der neuesten Begebenheiten zuhorcht, ist eine 
„alte bekannte Geschichte." 
Die Tendenz der Artikel: „Zur Erinnerung für die 
deutschen Mordspatrioten" verräth sich in diesen Schluß 
sätzen nur allzu deutlich. Der Verfaffer kann sich nicht 
mit freuen, und darum muß er versuchen, eine Dissonanz
        <pb n="47" />
        Siegestaumkl. 
31 
zu erzeugen, und die „noch nie dagewesenen Leistungen" 
der deutschen Heere als ein „Geschwätz" hinzustellen. 
Durch alle Jahrgänge des „Polksstaat" zieht sich bis 
ans den heutigen Tag das Streben hindurch, die deutsche 
Waffenehre möglichst zu schmälern. So frohlockt derselbe 
(1872, 58): 
„Dem Siegestaumel ist ein Eimer kalten Wassers 
„über den Kopf gegosten worden und — was das amüsan 
teste, — von einer Seite, von der man am allerwenigsten 
„es erwartet hätte, nämlich durch den Großen Preußischen 
„Generalstab, der doch am besten weiß, wie die „Siege" 
„zu Stande gekommen sind. Aus beni soeben veröffentlichten 
„Werk besagten Generalstabs ersehen wir zwei Thatsachen, 
»die auch mit dürren Worten ausgesprochen sind, 1., daß 
„Preußen schon 1869 zum Krieg mit Frankreich vorbereitet 
"war, und 2., daß Frankreich bei Ausbruch des „heiligen 
„Kriegs" nicht zum Krieg mit Preußen vorbereitet war. 
„Eine vorbereitete, numerisch stärkere Armee hat also eine 
„unvorbereitete, numerisch schwächere Armee geschlagen, — 
"Ein Kunststück, zu desien Vollbringung weder besondere 
„„Genialität" noch Tapferkeit gehört, und das wahrhaftig 
„nicht zu be» paukbackigen Ruhmesfanfaren der 
ismarck'sche n Grrrrroß - Nationaltr ompeter 
„berechtigt." 
Der Bazaine'sche Prozeß bietet dem „Bolksstaat" die 
erwünschte Gelegenheit, sich ganz auf die Seite der Franzosen 
zu stellen und in deren Litanei von „Verrath" mit einzu 
stimmen, um für die Unfähigkeit der deutschen Heerführer 
einen Beweis sich zu fabriciren. Man glandi kein deutsches, 
sondern ein französisches Blatt in der Hand zu haben, wenn 
wan liest (1874, 49): 
„Zuvörderst ist für das lesende Publikum der Erde
        <pb n="48" />
        32 H. Das Deutsche Reich u. die SociallDemokratie 
„unwiderleglich festgestellt worden, daß Metz und die Ba- 
„zaine'sche Armee nicht durch die Waffen der Deutschen 
„genommen wurden, sondern durch ganz plumpe, politische 
„Intrigue, wie sie eben einem Bazaine und seinen soulou- 
„quischcn Generälen gegenüber zureicht." 
Oder drei Nummern später (52): 
„Aber sämmtliche Oberbonzen des bewaffneten deutschen 
„Muckerthunls — die Armee nämlich — sollen cs weder 
„durch Reden noch durch Schweigen wagen, uns den Beweis 
„aufhängen zu wollen, daß die Sedan- und Metz-Armee 
„abgefangen werden mußten — daß es gar nicht anders 
„kommen konnte. Dreimalhunderttausend der besten fran 
zösischen Soldaten — konnten 500,000 Deutsche 
„— und mehr hätte man ihnen nie im freien Felde gegen- 
„übcr stellen können — zu solchen Tänzen zwingen, daß 
„an die verrückte Belagerung von Paris gar nicht zu denken 
„war." (vergl. 1873, 101). 
Männer wie Moltkc, dessen Name der gefeiertste der 
deutschen Heerführer ist, und der nebst vielen anderen für- 
ewige Zeiten auf den Dank der deutschen Nation einen ge 
rechten Anspruch hat, muß sich vom „Bolksstaat" (1874, 35) 
also tractiren lassen: 
„Der heilige Moltke, ob er dicke Bände schreibt, wie 
„er gethan, oder noch „dickere Bände schweigt" wie ihm 
„angedichtet wird, Moltke, dessen Werth in der Schnelligkeit 
„der Abschlachtnng, Quantität und Qualität der Abgeschlach- 
„teten zu suchen, der „heilige Moltke", die 9-Ccntimeter- 
„Kanone auf den Schädel geschnallt, das Mausergewehr quer 
„im Munde, die Shrapnelzündcr in den Nasenlöchern, das 
„„kräftige" Sabrebajonette und die „elegante" Uhlanenlanze 
„in der einen, den aus Beutegeldern gefüllten Dotationssäckel
        <pb n="49" />
        Siegestaumel. 
33 
„in der anderen Hand, dieser „heilige" Moltke ist die 
„schnurrige Aufklärungssigur des 19. Jahrhunderts." 
Nicht besier ergeht es dem besonders im Süden hoch 
gefeierten General von Werder, über welchen der 
„Volksstaat" (1874, 46) schreibt: 
„Unter den vielen Helden, die der „heilige Krieg" zu 
„Tage gefördert, nimmt in der nationalen Geschichtslegende 
«einen der obersten Plätze — wohl den obersten nach Moltke, 
„dem verunglückten „Schweiger", — der preußische General 
„von Werder ein. . . . Ueber den Thaten des Herrn von 
„Werder vor und in Straßburg liegt kein Schleier; die 
„Wahrheit ist in den wesentlichen Punkten festgestellt, und sie 
„spricht nicht für die militärischen Talente des Herrn Generals, 
„wohl aber auf's Entschiedenste gegen seine Menschlichkeit. 
Wir können nicht umhin, die allerdings hochkcyerische 
„Meinung auszusprechen, daß jeder Mensch, der nicht geradezu 
..Idiot ist, binnen sechs Monaten zu ähnlichen Leistungen 
„abgerichtet werden könnte." 
Geuug der Beispiele, wie der „Volksstaat" die Männer 
behandelt, welche jeder sein Vaterland liebender Deutsche mit 
Stolz und mit der größten Hochachtung nennt, Männer, 
bie um das Vaterland sich die höchsten Verdienste erworben, 
die das Deutsche Reich aus feindlichem Boden uns wieder 
erkämpft haben, die gerade deshalb, wegen ihres hervorragenden 
Antheils an der nationalen Wiedergeburt des deutschen Volkes 
den giftigen Pfeilen und höhnenden Schmähungen der „Reichs- 
seinde" ausgesetzt sind. 
Wo der „Volksstaat" nur etwas aufgreifen kann, das 
'hm zur Verherrlichung der Frclnzosen auf Kosten der Deutschen 
brauchbar erscheint, beutet er cs zum Nachtheil der Deutschen 
reichlich aus. Ein einfacher französischer Brief an einen in 
die Heimath zurückgekehrten verwundeten deutschen Soldaten 
Schuster, Die Social-Demokratie. 3
        <pb n="50" />
        34 I Das Deutsche Reich u. die Social-Drmokraiie. 
genügt ihm, um gegenüber den Mittheilungen des Preuß. 
Kriegsministers allgemein zu behaupten, die Deutschen haben 
von den Franzosen „eine äußerst humane, ja häufig geradezu 
„herzliche und liebenswürdige Behandlung" erfahren, während 
die Deutschen sich durch Mißhandlung der französischen Ge 
fangenen ausgezeichnet haben. (1872: 4,5,9.) Erschreckt 
selbst vor den gröbsten Insulten des deutschen Heeres nicht 
zurück, und behandelt mit Vorliebe das Kapitel der Plünde 
rungen, deren die deutschen Soldaten von den Franzosen 
öfters angeklagt werden. (1871: 60, 91; 1872: 19, 97.) 
Bei Gelegenheit der Bestrafung zweier bayerischer Offiziere 
wegen Aneignung eines Hundes bei Sedan, macht sich der 
„Volksstaat" (1873, 35) folgender öffentlichen Beschimpfung 
des ganzen deutschen Heeres, das in Frankreich sür's Vater 
land gekämpft hat, schuldig. Er schreibt: 
„Wenn alle militärischen Plünderer und Demolirer so 
„zur Berantwortung gezogen würden, dann würde sich auch 
„bald herausstellen, wie es kam, daß während des Kriegs 
„so wenig Eigknthumsverbrechen in Deutschland verübt 
„worden sind. Die Thäter waren dermalen in Frank- 
„reich und haben dort ihr Operationsfeld gefunden. Alle 
„Gefängnisse Deutschlands zusammen würden nicht ausreichen, 
„wenn nur der zehnte Theil der von deutschen Militärs in 
„Frankreich verübten Eigenthumsverbrechen gerichtlich verfolgt 
„und geahndet werden sollte. Es brauchten blos einmal 
„ein paar hundert so bestimnit lautende Strafanträge, 
„wie der Sedaner war — eingereicht zu werden, und dem 
„furor teutonicus wäre ein Exempel statuirt, an das ganze 
„Generationen zu denken haben würden." 
Eine solche gemeine Beschimpfung der deutschen Soldaten 
— die der „Volksstaat" anderwärts (1873, 71) „zwei 
beinige Thiere" nennt, „welche Uniform tragen, (denn
        <pb n="51" />
        Plünderungen. ñriegSursache. 
35 
»Mens ch en kennt der Militärstaat nicht)", — ist doch nur 
möglich bei einer keine Grenzen kennenden Erbitterung gegen 
das durch sie zu Stande gekommene Werk, gegen das 
Deutsche Reich. An obige Injurien reiht stch die Verhöh 
nung des höchsten militärischen Ehrenzeichens, des „eisernen 
Kreuzes", würdig an, desien materiellen Werth der 
..Volksstaat" (187k, 103) auf 7 Groschen 3 Pfennige 
tapiri. Ein wegen des eisernen Kreuzes entstandener Streit, 
bet zu schweren Thätlichkeiten, die den Tod des Dekorirten 
Zur Folge hatten, führte, gibt dem „Volksstaat" (1871, 63) 
willkommene Veranlassung, zu schreiben: 
..Die Moral der Geschichte ist: seid vorsichtig, Ihr mit 
»Ruhm und dem eisernen Kreuz Beladenen! Und wenn 
..Ihr ganz sicher sein wollt, so ahmt die unter sächsischen 
..Soldaten aufkommende Sitte nach, und tragt das gefähr- 
"liche Ding in der Hosentasche." 
Die Ursachen des Kriegs sucht der „Volksstaat" natür- 
lich ausschließlich auf Seiten Bismarcks. „Der Krieg wurde 
nothwendig durch die Eroberungspolitik Bismarcks"(1871,84). 
"Bismarck hat den Krieg mit langer Hand vorbereitet; die 
"spanische Thronkandidatur spielte er in dem Moment aus, 
«in welchem ihm der Erfolg am sichersten schien." (1873, 74). 
Ķurz, bei jeder Gelegenheit ergreift der „Volksstaat" offene 
Partei für Frankreich, und kein Franzose kann fanatischer 
gegen Deutschland gesinnt sein, als es der deutsche in Leipzig 
erscheinende „Volksstaat" ist. 
Die jedes deutsche Gemüth im tiefsten Grund verletzende 
Stellung, welche das „Organ der social-deniokratischen Arbeiter- 
Partei" zu den Kriegsereignisien und zu ihren für das 
Deutsche Vaterland so ersprießlichen Wirkungen einnimmt. 
W ihren guten Grund. Eine Gefahr des Vaterlandes 
erkennt der „Volksstaat" nicht an, ihm ist der Krieg ein 
3*
        <pb n="52" />
        30 II. Das Deutsche Reich u. die Social-Deuiokratie. 
„Duell zwischen dein deutschen und französischen Cäsarismus" 
(1872, 69). Das treibende Element in diesem ganzen 
Kriege bildet ihm aber „der sociale Gegensatz." Für 
ihn war der Krieg seinem innersten Princip nach „der 
„Kam pf der Revolution mit der Reaktion." „Diese 
„Wahrheit, schreibt er (1871, 81), birgt in ihren Falten 
„die ganze Geschichte des Kriegs, seinen Grund, seinen 
„Ausbruch, seine Entwickelung und sein Ende, wenn sie 
„auch erst nach diesem Ende in nackter, unverhüllter Gestalt 
„auch dem blödesten Auge sichtbar, in der unsterblichen That 
„der Kommune von Paris zu Tage tritt." 
Diese Sätze sagen und erklären uns Alles. Sie erklären 
den bitteren Grimm der Social-Demokratie über den für 
Deutschland so ruhmvollen Ausgang des Kriegs, die Schmähun 
gen der eigenen Bolksgenossen, und die offene Parteinahule 
für den Erbfeind unseres Baterlandes. Sie erklären, warum 
die Social-Demokratie alljährlich, so oft das deutsche Volk 
sich anschickt, seinen nationalen Gedenktag zu begehen, am 
2. Septenlber, auf's Reue ihre Zornesschale über die deutschen 
Patrioten ansgießt, und von einem „scheußlichen Gebühren" 
(Bolksst. 1873, 73) redet, und von dem „Geschlecht der Schweif- 
wedelci" spricht, das „in fieberhafter Aufregung" sei, und 
„sich zu den extravagantesten Kaudal-Leistungen aufzuschwingen 
„versuche" (1872, 59.) Tie Social-Demokratie sah in dem 
Krieg zwischen zwei mächtigen Rationen die socialen Gegen 
sätze im Kampf, die Revolution mit der Reaktion ringen, 
fie betrauert in den deutschen Siegen die Niederlage des 
revolutionären Princips, somit ihre eigene Niederlage, die 
allerdings in dem Fall der Pariser Kommune auch thatsäch 
lich zur Wahrheit geworden ist. Sie betrauert ihre eigene 
Niederlage auch auf deutschem Boden, denken wir an das 
bekannte Braunschweiger Manifest vom 5. September, das
        <pb n="53" />
        Teutscher Reichstag. 
37 
wirkungslos gemacht wurde, und wer weiß was für Hinter 
gedanken hinter diesem Appell an die deutschen Arbeiter ge 
standen haben. Darum zerreißt der deutsche Siegesjubel ihr 
das Herz lmb macht ihren Mund ron Gist und Galle über 
fließen. 
Wir haben bis dahin das Verhalten der Social-Temo- 
kratie zu den Vorgängen geprüft, welche die Wiedergeburt 
des Deutschen Reichs herbeigeführt haben. Es ist selbst 
verständlich, daß das Werk, das fie geschaffen, und besten 
hervorragende Vertreter keine rücksichtsvollere Behandlung 
erwarten können. Bebel beschuldigt das Reich, sich eine 
Reichövcrfassung gegeben zu haben, „wie sie reaktionärer gar 
„nicht gedacht werden kann" (1871, 92.) Ueber den Reichs 
tag, der ihm nur als eine „Jasagemaschine" gilt, ist der 
„Volksstaat" voller Hohn. Eine Zeitungsnotiz über Bis 
marck's Hund veranlaßt ihn zu folgender Schmähung: 
„Die Herren Nationalliberalen könnten ja den genialen 
„Hund des genialen Bismarck zum Ehrenmitglied des Neichs- 
„tags ernennen, denn „Hunde find wir ja doch, sagte der 
„Affenpinscher Bamberger — und auf einen mehr oder 
„weniger kommt's nicht an. Oder, was vielleicht noch bester 
„wäre, sie könnten den mit so „hoher Intelligenz beseelten 
„Vierfüßler von dein Vicepapst Schulte heilig sprechen, chm 
„in dem Reichstagsgebäude eine Kapelle errichten lasten, und 
„jedesmal, ehe sie in die Sitzung gehen, ihre Andacht vor 
„dem neuen Heiligen verrichten, damit er ihnen seinen hün- 
„dischen Segen gebe zu der, selbst dem redlichsten Pudel und 
„Hühnerhund unter Umständen lästigen Arbeit des „Appor- 
„tirens." Die römischen Senatoren haben einst dem Pferd 
..Caligula's einen Tempel errichtet und ihm göttliche Ehren 
„erzeigt. Was aber dem Pferde Caligula's recht war, ist 
„bem Hunde Bismarck's billig." (Volksstaat 1874, 26.)
        <pb n="54" />
        38 H. Das Deutsche Reich u. die Social-Demokratie. 
Selbst die erhabene Person des Deutschen Kaisers, dem 
die Herzen des deutschen Volkes in warmer Liebe entgegen- 
schlagen, den der „Volksstaat" daher den „Nationalgott" 
(1872, 53) nennt, bleibt nicht unangetastet. Als es sich 
um den Einschluß des Kaisers in das Sonntagsgebet in den 
Kirchen des Königreichs Sachsen handelte, schrieb der „Volks- 
staat" (1871, 80): 
„Wir schlagen als Muster das nachfolgende Kirchengebet 
„vor, welches der Württembergische Prälat Osiander zu Ende 
„des 17. Jahrhunderts zu halten pflegte (?): „Lieber 
„himmlischer Vater! Unser theuerster Landesvater (müßte 
„natürlich in Kaiser umgewandelt werden) ist auch ein Mensch 
„wie wir, und könnte es daher manchmal vergcsien; uns 
„aber ist sehr daran gelegen, daß er cs nie vergeste, darum 
„erinnere ihn durch Deinen heiligen Geist oft an Tod und 
„Sterben. Sag' ihm oft selbst, daß es ihm zuletzt um 
„kein Haar besser gehe als uns, seinen Unter- 
„thanen, und daß an seinem Schädel einmal 
„eben so viel Insekten nagen werden, als an 
„dem uns rigen. Sag' ihm aber auch, daß er, wenn er 
„gleich alsdann nicht mehr Fürst sein wird, dennoch fortleben 
„und den Lohn empfangen werde, dessen seine 
„Fürstenthaten werth sind. So wird er über uns 
„gewiß weise und gütig regieren, uns hören, wenn wir leiden, 
„uns nicht mit unerschwinglichen Abgaben 
„drücken, und unsere Söhne nicht ohne Noth 
„auf's Schlachtfeld führen, sondern uns überall so 
„behandeln, wie Du lieber himmlischer Vater willst, daß er 
„uns behandeln soll. Wir möchten gar zu gern, daß wir 
„ihn nicht blos hier, und zwar aus Furcht nur, ehren 
„müßten, sondern daß wir ihn auch dort noch einmal aus 
„freiem Herzenstrieb ehren und lieben könnten, wo er uns
        <pb n="55" />
        Deutscher Kaiser. 
39 
„nichts zu befehlen haben wird. Darum erhöre uns 
„um Deiner Liebe Willen. Amen." 
In diesem Gebetsvorschlag spiegelt sich der ganze und 
volle Revolutionär, der mehr zwischen den Zeilen lesen läßt, 
als offen ausspricht, wie nur die Gewalt ihn in den Schranken 
der Ordnung hält und an offener Empörung hindert. 
Es sträubt sich uns freilich die Feder gegen die Mittheilung 
solcher Auslasiungen; aber sie sind zur Bervollständigung 
unseres Bildes nothwendig, und darum entschließen wir uns, 
auch noch aus „Boltsstaat" 1873, 27 ein Gedicht zu citiren, 
das dem Volksstaats - Redakteur bei einem Bericht über 
die Geburtstagsfeier des Kaisers „durch den Kopf summt. 
Es lautet: 
„Schlaf' mein Kind, schlaf leis', 
„Da draußen geht der Preuß', 
„Deinen Bruder hat er umgebracht, 
„Deine Schwester hat er zur Hur' gemacht, 
„Deinen Vater trieb er in's fremde Land, 
„Das Haus hat er uns niedergebrannt, 
„Schlaf, mein Kind, schlaf leis', 
„Da draußen geht der Preuß'." 
Und dieses Schandgedicht, das sich auf die 48er badische 
Revolution bezieht, begleitet der „Volksstaat" mit der An 
merkung: „Der „Preuß'" dieses Wiegenliedchens stand unter 
„dem Oberbefehl des Prinzen von Preußen, des heutigen 
„Kaisers von Deutschland! Es hat sich Alles so herrlich 
„erfüllt!" Das war doch selbst Parteigenosieu zu viel. Sie 
protestirten gegen eine solche tendenziöse schandbare Reimerei. 
Aber der „Volksstaat" hatte in seiner folgenden Nummer 
keine andere Antwort als: „Zartfühlenden Seelen mißfiel 
„die Poesie des „Volksstaat" ron letzter Nummer. Wir 
„können den Leuten nicht helfen. Nicht wir sind an dem
        <pb n="56" />
        40 II Das Deulsche Reich u. die Social-Demokraiic 
„Preuß'-Gedicht" schuld, sondern Diejenigen, denen der In- 
„halt desselben zur Last fällt." 
Es gibt für den „Voltsstaat" nichts Erhabenes und 
nichts Heiliges, das vor seinen giftigen Berunglimpfungen 
sicher wäre. Alles was mit dem Deutschen Reich nur in 
irgend welchem Zusamnienhang steht, wird gelegentlich von 
seinen Zorneswellen überfluthet. Am häufigsten gießt er 
seine Zornesschale aus über den deutschen Reichskanzler, den 
Fürsten Bismarck, der ihm als Schöpfer der deutschen Ein 
heit und als Hauptträger des Deutschen Reichs der größte 
Stein des Anstoßes ist. Wir müßten ein ganzes Buch 
füllen, wollten wir all die von giftigem Haß getränkten Pfeile 
sammeln, welche der „Bolksstaat" gegen den Mann schleudert, 
mit dessen Name die Erhebung des deutschen Bolkes unzer 
trennlich verknüpft ist, zu dessen Ruhm, gerade wegen seiner 
Verdienste um das Deutsche Reich der bestgehaßte Mann zu 
sein, der „Bolksstaat" sein gut Theil beigetragen hat und 
noch fortwährend beiträgt. Fast von Nummer zu Nummer 
begegnen wir den gehässigsten Schmähartikeln. Die Gelegen 
heit hierzu wird an den Haaren herbeigezogen, und bei den 
fortwährenden Kämpfen, welche Fürst Bisniarck durchzufechteu 
hat, dürfen wir den „Voltsstaat" selbstverständlich stets auf 
der Seite seiner Gegner und Feinde suchen. Sogenannte 
Enthüllungen (Lamarmora, 1874, 20) bieten dem „Volts 
staat" eine erwünschte Gelegenheit, die Verunglimpfungen 
der Bismarck'schen Politik als Rechtfertigung für seine 
Reichsfeindlichkeit auszubeuten. So schreibt er (1874, 20): 
„Hoffentlich wird es sich nicht bestätigen, daß Bismarck 
„und Lamarmora sich fordern und so das politische Duell 
„in ein studentisches — der Corpsbursch Bismarck wird uns 
„hier zustimmen — Duell auf drei Schritt Barrière ver 
handeln wollen. Es wäre jammerschade, wenn sich die
        <pb n="57" />
        Fürst Bismarck. 
41 
„Beiden den Garaus machen wollten, denn im Verlauf ihrer 
„Katzbalgereien treten so hübsche Dinge zu Tage, daß auch 
„der bornirtcste „Reichssreund" endlich stutzig werden muß, 
„über die Art und Weise, wie heutzutage in „den Kabinetten 
„Kulturgeschichte gemacht" wird Lamarmora 
„hat kürzlich den Bericht des Generals Govone vervollstän- 
„digt, wodurch Bismarck überführt ist, den Franzosen 
„einen Theil der Schweiz und Belgien angeboten 
„zu haben. Also hat Benedetti in seinen ..Enthüllungen," 
„wo dasielbe behauptet war, ganz Recht gehabt." 
Wie wegwerfend urtheilen die Politiker des „Bolksstaat" 
über Bismarck's politische Befähigung: „Diplomatische Kunst- 
„stückchen à l;i Emser Depesche und als letzte Instanz Blut 
„und Eisen — das ist das ganze politische Rezept des 
„Fürsten Bismarck" (1872, 66.) In einem anderen Artikel 
(1872, 16) bemängelt der „Volksstaat" Bismarck's Bildung: 
„Deutsche Reichsschweifwedelei. Bekanntlich 
„rühmte sich Bismarck einst, daß er höchstens dreimal in 
„seinem Leben ein Kolleg besucht habe. Es ist kein Grund, 
„an der Wahrheit dieses trockenen Selbstgeständniffes zu 
„zweifeln, — um so weniger, als noch nicht ein einziger 
„der Reichsspcichellecker an dem „genialen Staatsmann" 
„außergewöhnliche Bildung zu rühmen versucht hat. Wie 
„sollte es auch möglich sein, daß ein Mann, dcsien Lebens- 
„princip „Blut und Eisen" ist; der nicht blos den Jesuiten 
„seine Sympathiecn zeitweise kund gab, sondern auch bis 
„zuletzt ein Anhänger des Mühler'schen Systems war — 
„— — wie sollte es auch möglich sein, daß ein solcher 
„Mann Sinn für höhere Bildung hätte? Daß er zum 
„„Ehrendoktor" der Philosophie ernannt wurde, wird 
„Niemanden Wunder nehmen, der die Hundedemuth gewiffer 
„deutscher Profesioren kennt und weiß, daß nian den Doktor-
        <pb n="58" />
        42 li. Das Deutsche Reich u. die Social-Demokratie. 
„titel nicht blos für etliche Mandel Thaler kaufen kann, 
„sondern auch, wenn man Ministerialrath wird, geschenkt 
„und frei in's Haus geliefert bekommt." 
Freilich, Bekenntnisse, wie das nachfolgende, mögen der 
Social-Demokratie wenig behagen. Bismarck erklärte im 
Preußischen Abgeordnetenhause (Bolksstaat 1672, 15): 
„Was in jenen meinen Aeußerungen im lebendigen christ - 
„lichen Glauben liegt, dazu bekenne ich mich noch heute ganz 
„offen, und scheue dieses Bekenntniß weder vor der Oesfent- 
„lichkeit, noch in meineni Hause an irgend einem Tage; aber 
„gerade dieser mein lebendiger, evangelischer, christlicher Glaube 
„legt mir die Verpflichtung auf, für das Land, wo ich ge- 
„boren bin, und zu dessen Dienst mich Gott geschaffen hat, 
„und wo ein hohes Amt mir übertragen ist, dieses Amt 
„nach allen Seiten hin zu wahren, und wenn Fundamente 
„des Staats von den Barrikaden und der republi- 
„kanischen Seite angegriffen werden, so habe 
„ich es für meine Pflicht gehalten, auf der Bresche 
„zu stehen, und werden sie von Seiten angegriffen, die eher 
„berufen waren und noch immer sind, die Fundamente des 
„Staats zu befestigen und nicht zu erschüttern, so werden 
„sie mich auch da zu jeder Zeit aus der Bresche finden. 
„Das gebietet mir das Christenthum." 
Ein solch offenes und freies Wort zeigt der Social- 
Demokratie den Mann, der auch der geplanten socialen Re 
volution gegenüber auf der Wacht steht, der schon um deß 
willen auf die Gunst oder auch nur Schonung einer 
revolutionären Partei nicht rechnen darf. Es ist gewiß kein 
Scherz, sondern ernstlich gemeint, wenn der „Volksstaat" 
(1873, 84) an die Mittheilung, daß nach Verfügung des 
Kaisers Wilhelm die einzelnen Forts in Straßburg und 
Metz „FortBismarck", „FortRoon", „FortMoltkc" u. s. w.
        <pb n="59" />
        Deutsches Volk. 
43 
heißen sollen, die Frage knüpft: „Wann wird es wohl in 
„ganz Deutschland auf gut Deutsch heißen: Fort Bismarck, 
„Fort Roon !" und so weiter. In der fortwährenden, erbitterten 
Befehdung des deutschen Reichskanzlers koncentrirt sich bei 
der Social-Demokratie die Feindschaft wider das Deutsche Reich. 
Die kleinen Trabanten des „Voltsstaat" sind von gleichem 
reichsfeindlichem Geist beseelt. Wir heben nur ein Beispiel 
hervor aus dem „Dresdener Volksboten", der (1872, 291) 
mit folgender höhnischer Travestie seine Leser unterhält: 
„Rationalliber ales B at er un ser. 
„Fürst Bismarck, der Du bist in Barzin, 
„Geheiligt werde Dein Name, 
„Zu uns komme in die Sitzung, 
„Dein Wille geschehe im Abgeordnetenhaus wie im Reichstage! 
„Unsere tägliche Lektion gib uns heute, 
„Und verzeih' uns unsere Reden, 
„Wie wir sie vergeben dem Herrenhause; 
„Führe uns nicht in Versuchung mit der Gesetzgebern, 
„Sondern erlöse uns von allem ernstgemeinten Fortschritt, 
„Denn Dein ist das Reich u. s. w." 
Für die Deutschen, die treu zum Deutschen Reich stehen 
und die um das Vaterland verdienten Männer hoch in 
Ehren halten, hat der „Volksstaat" nur die erniedrigendsten 
Bezeichnungen. Er redetvon einer.,Reichsschweifwedelei" 
(1872, 16), von „Kn echt seligen" (1872, 58.) Er 
schreibt (1872, 70): „Ihr Begriff des Höchsten ist die 
„Freiheit. Wessen? Die Deutschen sind natürlich nicht ge- 
„meint, denn ihr „Begriff des Höchsten" trägt abwechselnd 
„einen Kavalleriehelm, oder eine tief in die Augen fallende 
„Militärmütze und heißt Bismarck." Und 1872, 58 lesen 
wir: „Am 28. Juli feiert der Herr Reichskanzler seine 
„silberne Hochzeit. Welch' treffliche Gelegenheit, um von
        <pb n="60" />
        44 II. Das Deutsche Reich u. die Social Demokratie. 
„Neuem den Beweis zu führen, daß die Deutschen in der 
„That „das erste Volk in der Welt" sind — im 
„Kriechen und im Speichellecken." Das Höchste aber 
in der Beschimpfung des deutschen Volkes leistet ein Gedicht, 
auf das wir in einem späteren Abschnitt nochmals zurück 
kommen werden, in welchem es vom deutschen Volte heißt: 
„Das war das alte, dumme Gesicht, 
„Die Augen blau und glotzend, 
„Von Hundetreue und Hundevflicht 
„Die ganze Haltung strotzend." 
(Gesang IV. S. 5.) 
Sein Urtheil über die Deutschen faßt der „Vollsstaat" 
(1873, 127) in folgendes Citat aus deniselben Gedicht: 
„Das war der Bedienten alte Schaar, 
„Mit dem Rücken bestimmt zum Gerben, 
„Die nach dem gröbsten Fußtritt sogar 
„Tiefehrfurchtsvollst ersterben, 
„Ersterben? Das Wort, es paßt nicht recht 
„Zu solchem Speichellecken. 
„Ich weiß ein and'res, das klingt nicht schlecht: 
„Es heißt: Gehorsamst verrecken!" 
(Gesang IV. S. 5.) 
An einer anderen Stelle (Gesang V. S. 7) redet dieses 
Gedicht die Franzosen mit den Worten an: 
„Sie (die Teutschen) haben die Kaiserschurkerei 
„Don Eurem Nacken gewunden, 
„Und unbarmherzig das Joch, von dem Ihr frei, 
„Auf das eig'ne Genick gebunden. 
»Jetzt schwören sie zum Kaiser. . .*), 
„Wie zu ihrer Götter Dreiheit." 
») Wir nehmen Anstand, den vom Original gebrauchten ge 
meinen Ausdruck wiederzugeben.
        <pb n="61" />
        Deutsches Wulf. 
45 
Wir I)stlteu ein und legen das elende Machwerk bei 
Seite, das unter dein Titel: „Ein neues Wintermärchen, 
„Besuch int neuen Deutschen Reiche der Gottesfurcht und 
„frommen Sitte, von Heinrich Heine, dem wiedererstandenen 
„Höllenbewohner. Gedruckt und verlegt in der Hölle" von 
dem social-demokratischen Blatt „das Felleisen" in Zürich 
empfohlen, von desien Expedition zu beziehen ist und in 
deutschen social-demokratischen Arbeiterkreisen verbreitet wird. 
Der „Volksstaat" sowohl, wie kleinere gleichgesinnte Blätter 
schöpfen aus dieser Quelle, (vcrgl. Volksstaat 1875, 20) 
wenn sie ihrem Deutschenhaß und ihrer Reichsseindschaft, 
die wir nunmehr wohl begreifen können, einen recht' scharfen 
Ausdruck geben wollen.
        <pb n="62" />
        46 
HI. 
Umsturz der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung 
durch die Social-Demokratie. 
Inhalt: Sociale Reform. Sociale Ordnung. Produktions 
weise. Quelle alles Elends. Das eherne Lohngesetz. Privat 
eigenthum. Kommunismus. Erbrecht. 
Die Social-Demokratie nennt sich eine politische Partei. 
Die von ihr erstrebten Endziele liegen jedoch nicht im Bereich 
der Politik, des Staatslebens, sondern auf dem Boden der 
Gesellschaft. Für sie ist die Theilnahme am politischen Leben 
nur Mittel zum Zweck. Seitdem L. Blanc den Grundsatz 
zur Geltung gebracht hat, daß die sociale Reform im ^inne 
des Socialismus nur durch eine Reform des Staats zu 
erreichen sei, ist in Frankreich die Social-Demokratie als eine 
politische Partei entstanden. Ebenso hat Lassalle in Deutsch 
land die sociale Bewegung auf das politische Gebiet hinüber 
geführt, und dadurch zur Gründung der deutschen social 
demokratischen Partei den Anstoß gegeben, seitdem er in 
seinem bekannten „Offenen Antwortschreiben" (S. 32) den 
Arbeitern zugerufen hat: „Blicken Sie nicht nach rechts 
„noch links, seien Sie taub für Alles, was nicht allgemeines 
„und direktes Wahlrecht heißt, oder damit im Zusammenhang 
„steht und dazu führen kann! Dies ist das Zeichen, das Sie 
„aufpflanzen müssen. Dies ist das Zeichen, in dem Sie siegen 
„werden! Es gibt kein anderes für Sie!"
        <pb n="63" />
        Sociale Reform. 
47 
Bon da an beschäftigt sich die Social-Demokratie vor 
wiegend und in erster Linie mit politischen Fragen. Fragen 
von rein socialem Charakter schließt sie zwar nicht aus, aber 
sie bleiben für sie so lange von untergeordneter Bedeutung, 
bis die in der Politik ihr gestellten Aufgaben gelöst sind. 
Die Social-Demokratie hat sich ja nicht eine sociale Reform, 
eine Besierung der socialen Schäden auf der Grundlage der 
heutigen gesellschaftlichen Ordnung mit Beibehaltung unserer 
heutigen Gesellschaftsform vorgesetzt, sondern sie erstrebt eine 
sociale Revolution, d. h. sie will, um nach ihrer Meinung 
die socialen Schäden zu beseitigen, den Gesellschaftsbau nach 
ganz neuen Principien konstruiren, der Gesellschaft eine ganz 
neue Grundlage, die Basis der völlig durchgeführten socialen 
Gleichheit geben. Um den von ihr projektirten gesellschaft 
lichen Neubau errichten zu können, muß sie natürlich vorher 
an die völlige Wegränmung des alten Hauses die Hand 
anlegen, da kein neuer Bauplatz vorhanden ist, das geplante 
neue Haus genau an die Stelle des alten treten muß. Sie muß 
vorerst und vor allen Dingen die bestehende Gesellschaftsform 
zerschlagen und zertrümmern, alles Bestehende umstürzen, um 
auf der (abula rasa nach ihren Plänen und Principien eine 
neue Gesellschaftsordnung errichten zu können. Das ist ihr 
Ziel, und uni die Mittel dazu in die Hände zu bekommen, 
betritt die Social-Demokratie den politischen Weg. Auf 
diesem Weg strebt sie nach dem Besitz der Staatsgewalt, 
ohne den ihr weder das Wegräumen der alten, noch das 
Aufrichten der neuen Gesellschaftsordnung gelingen kann. 
Dies ist auch das eigentlich unterscheidende Merkmal 
zwischen der Social-Demokratie und allen übrigen socialen 
Parteien. Diese arbeiten an einer socialen Reform, an einer 
Besserung der Zustände innerhalb der bestehenden Gesellschafts 
form ; jene arbeitet an einem völligen socialen Umsturz, an
        <pb n="64" />
        48 HI. Umsturz d. Ordnung durch die Soc. Demokratie. 
einer Zerstörung der gesammten Gesellschaftsordnung. Es 
ist wichtig, diesen unterscheidenden Punkt scharf in's Auge 
zu fassen; denn bei einer Beurtheilung der Social-Demokratic 
ist er von wesentlicher Bedeutung. Die Entschiedenheit, mit 
der wir die Social-Deinokratie bekämpfen, will Manchem, 
obwohl er nicht in ihren Reihen steht, doch nicht recht ein 
leuchten. Man hört, wie die Social-Demokratcn mit Vor 
liebe von den Schäden der Zeit und deren Beseitigung reden, 
und meint alsdann, Angesichts der herrschenden Korruption 
hätten sie doch nicht so ganz Unrecht. Man ist alsdann 
rasch mit der Folgerung bei der Hand, daß eine Bekämpfung 
der Social-Demokratie mit einer Läugnung der doch klar 
vorliegenden Nothstände gleichbedeutend sei. Mit demselben! 
Trugschluß suchen die Social-Dcmokraten die gegen sie ge 
führten Streiche zn pariré». Während aber bei jenen ein 
solch falsches Urtheil in der Unwissenheit seinen Grund hat 
und allenfalls auch seine Entschuldigung findet, entspringt 
es bei diesen der fanatischen Eingenommenheit und wird zur 
bewußten Lüge, wenn sie alle, die wider sie sind, einer Ver 
herrlichung der herrschenden Zustände beschuldigen, um sie 
in den Augen der Arbeiter zu diskreditiren. Die Social- 
Demokratic wird diese Taktik wohl niemals aufgebe». Die 
jenigen aber, die nicht mit ihr sind, sollten doch endlich ein- 
nial klar schauen lernen. All das Berechtigte, was an den 
Auslassungen und Forderungen der Social-Demokratie ge 
funden wird, darf keineswegs als etwas ihr Eigenthümliches, 
als etwas specifisch Social-Demokratisches angesehen werden, 
sondern es ist mit größerer oder geringerer Abstufung Ge 
meingut aller socialen Parteien. Und Alles, was der Social- 
Demokratie eigenthümlich ist, und sie von den übrigen Parteiell 
unterscheidet, das ist vom Uebel und nöthigt uns zu bcm 
entschiedensten Kampf gegen sie. Eigenthüinlich ist ihr nun
        <pb n="65" />
        Sociale Lrdnung 
41* 
nicht im Eritfcrntesten das Streben, die korrumpirteu Zu 
stände zu beseitigen und bessere sociale Verhältnisse herbeizu- 
sühren. An dieser Aufgabe arbeiten alle mit, welche die 
Bedeutung der socialen Frage für die Gegenwart und Zukunft 
erkannt haben. Dagegen eigenthümlich ist der Social-Demo- 
lratie der principielle Gegensatz Zur bestehenden Gesellschafts 
form und Ordnung und der feste Vorsatz, mit allem Bestehen 
den in Staat, Gesellschaft, Kirche und Familie gründlich 
aufzuräumen und auf der Basis völliger Gleichl)cit eine neue 
Gesellschaftsform zu schaffen. Der Kampf wider die Social- 
Temolratie ist somit nicht eine Auflehnung wider eine Heilung 
vorhandener socialer Nothstände und Gebrechen, sondern ein Ein 
treten für den Bestand der von ihr angefeindeten bestehenden 
socialen Ordnung. Und wer noch nicht weiß, ob er die 
Social-Demolratie betämpsen oder toleriren soll, ob er es 
mit ihr halten, oder wider sie auftreten will, der frage sich 
nicht, ob er für oder wider eine Heilung der eingerissenen 
Korruption ist, sondern ob er es mit der bestehenden Grund 
lage der socialen Ordnung halten will oder nicht. Die Be 
antwortung dieser Frage kann für unsere Stellung zur 
Social-Demokratie allein maßgebend sein. 
Die bestehende gesellschaftliche Ordnung hat allerdings 
wenig Aehnlichkcit mit dem socialistischen Gcsellschaftsideal, 
mit dem geplanten socialistischen Volksstaat. Ihr Charakter 
ist die Mannigfaltigkeit, das Vorhandensein verschiedener 
Abstufungen der Gesellschaftsglieder, die Verschiedenheit in 
Lebensstellung und Besitz. Sie vereinigt Hohe und Niedere, 
Herren und Diener, Reiche und Arme zu einem gesellschaft 
lichen Organismus. Nicht werden die Einen zum Herrschen 
und die Anderen zum Dienen geboren, nicht wird ein Jeder 
auf seiner Stufe zeitlebens festgehalten, das wäre die Kaste, 
die wir nicht kennen, sondern es findet ein ständiger Ueber- 
Schuster. Die Locial-Temokratie. 4
        <pb n="66" />
        s)0 HI Umsturz b. Ordnung durch die Soc.'Demokraiie. 
gang von Unten nach Oben und von Oben nach Unten 
statt. In Allen aber, mögen sie Oben oder Unten ihre 
Stellung gefunden haben, mögen sie zu den Reichen oder 
zu den Armen zählen, wird der Mensch gleich geachtet. Diese 
Verschiedenheit der Gesellschaftsglieder bezweckt nicht ein ver 
schiedenes Maß des Lebensgenusses, sondern die Nothwendig 
keit des sich gegenseitig Dienens. Wie unser Körper nicht 
bestehen könnte, wenn alles an ihni Hand oder Fuß wäre, 
sein Wohlergehen aber gefördert wird, wenn die Hand dem 
Fuß, und der Fuß der Hand dient, so wird und muß auch 
der sociale Körper zerfallen und untergehen, wenn man eine 
Gleichheit seiner Glieder herstellen will, anstatt durch ihre 
Verschiedenheit sie an einander zn binden, sie auf einander 
anzuweisen zu gegenseitigen Dienstleistungen, die nicht nur 
den Einzelnen nützen, sondern den Bestand der ganzen Ge 
sellschaft erhalten, die Lebensfähigkeit des gesellschaftlichen 
Organismus erst ermöglichen. Eine solche gesellschaftliche 
Ordnung ist nicht von Menschen erfunden, sondern von Gott 
uns gegeben, und das Zusammenwirken,der ungleichen Theile 
und Glieder des Gesellschaftskörpers auf den verschiedenen 
Lebcnsgebieten ist die ewige Gottesordnung, für die wir 
eintreten, die anzutasten ein Frevel an den Einzelnen, wie 
an der Gesellschaft ist. 
Dabei geben wir gerne zu, daß die Verschieden 
heiten und Ungleichheiten sich zeitweise allzu schroff heraus 
bilden, ja sogar bis zur Unnatur sich ausgestalten und 
dadurch der ursprünglichen Ordnung ihre Harmonie nnd 
ihren Segen rauben können, daß z. B. übergroßer Reichthuni 
in den Händen Weniger sich ansammelt und die Masse in 
um so tiefere Armuth versinkt; oder daß das Herrschen zur 
Despotie und das Dienen zur Sklaverei ausartet. Wir 
sind weit davon entfernt, der gegenwärtigen Eigenthums-
        <pb n="67" />
        Sociale Ordnung. 
Verkeilung das Wort zu reden. Wir treten aber auch 
denen entgegen, die überhaupt die Verschiedenheit und Un 
gleichheit des Besitzes für die Wurzel alles Uebels erklären, 
und darum die Mischung von Reichthum und Armuth in 
der Gesellschaft beseitigen wollen. Wir haben uns noch 
niemals auf die Seite Derer gestellt, die vergessen haben, 
daß sie auch einen Herrn im Himmel haben, und die ver 
lernt haben, in ihren Untergebenen den Menschen zu sehen 
und zu achten. Wir widerstreben aber auch Denjenigen 
welche überhaupt das Verhältniß von Herr und Diener aus 
der menschlichen Gesellschaft schaffen wollen. Nur absicht 
liche Bosheit kann uns beschuldigen, solch schroffen Aus 
gestaltungen, wie die genannten und ähnliche, den Stempel 
der Gottesordnllng ausdrücken zu wollen. Eine Verschiebung 
des von Gott geordneten Verhältnisses der Gesellschaftsglieder 
wird aber dann eingetreten sein, wenn zwischen den vorderen 
und hinteren Ringen der socialen Kette die Mittelringe heraus 
gefallen sind, wenn die von der socialen Ordnung bedingten 
Abstufungen die Bindeglieder und damit auch die gegenseitige 
Berührung und den Zusammenhang verloren haben. In 
eineul solchen Falle die Lücken mit den Mittelgliedern wieder 
auszufüllen, ist die für den Bestand, wie für die Gesundheit 
des socialen Körpers unerläßliche Arbeit. 
Anders denkt die Social-Demokratie. Das Egalitäts 
princip der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nach seiner- 
rein äußerlichen Auffassung hat sie aus ihre Fahne geschrieben. 
Wie ihre Freiheit das Gehorchen ausschließt, so fordert 
ihre Gleichheit die Verwischung aller Abstufungen im socialen 
Leben. Cie will einen gesellschaftlichen Zustand schaffen, der 
keine Hohen und Niederen, keine Herren und Diener, keine 
Reiche und Arme mehr kennt und duldet, eine Gesellschafts 
form, die Gleichheit des Besitzes, richtiger Gemeinheit des 
4 *
        <pb n="68" />
        52 HI Umsturz d. Ordnung durch die Soc.'Demokratie. 
Besitzes, den Kommunismus, zur Grundlage und Gleichheit 
des Genusses zum Ziel hat. Sie bekämpft daher vor allen 
Dingen und mit aller Erbitterung die Produktionsweise unserer 
heutigen Gesellschaft, deren Wesen das Zusammenwirken von 
Arbeitgebern und Arbeitnehmern, von Kapital und Arbeit 
bildet, welche die verschiedenen Abstufungen der Gcsellschafts- 
glieder, wie die Ungleichheit des Besitzes zur Voraussetzung 
hat und auch hieran im Princip nichts ändert, wenngleich 
auf ihrem Boden ein ständiger Wechsel stattfindet, der die 
Einen auf der socialen Leiter um einige Sprossen höher 
hinauf, Andere tiefer herunter führt, in der Regel je nach 
der individuellen Beschaffenheit und Leistungsfähigkeit der 
Einzelnen. Geschicklichkeit, Fleiß und Sparsamkeit führen 
aufwärts, Trägheit und Mangel an wirthschaftlichem Sinn 
dagegen abwärts. Es ist wohl zu beachten, daß die Social- 
Demokratie die nivderne Produktionsweise in ihrem Princip 
bekämpft, und nicht um der Auswüchse und Ausschreitungen 
willen, die zu verschiedenen Zeiten in verschiedener Stärke 
hervorgetreten sind. Solche Erscheinungen haben nicht im 
Princip, sondern in der sittlichen Qualität des Menschen 
ihre Ursache, und sie werden zu- oder abnehmen, je nach 
dem jene Qualität sich verschlechtert oder bessert. Sie werden 
von Niemandem gut geheißen, wohl aber von Jedermann 
bekämpft, der das Zusammenwirken der einzelnen Faktoren 
der modernen Produktion, der Arbeitgeber und Arbeitnehmer, 
an gegenseitige sittliche Verpflichtungen gebunden weiß. Die 
Social-Demokratie meint also nicht die Ausschreitungen, die 
wir von Innen durch die Kraft einer moralischen Einwirkung 
und von Außen durch das Mittel der staatlichen Gesetzgebung 
bekämpfen, sondern das Princip der modernen Produktion, 
somit die Basis unserer helltigen Gesellschaftsform, wenn 
mir im „N. Soc.-Demokrat" (1872, 55 Beilage) lesen:
        <pb n="69" />
        Produktionsweise. 
5.3 
»Der Socialismus stellt die Forderung, daß die Idee 
„des vierten Standes zum herrschenden Prinzip, daß das 
„eherne ^'ohugesetz abgeschafft und der Arbeit der volle Ertrag 
„werde. Der Socialismus hat es mit einer Frage des 
„Raturrechts zu thun, die sich nothwendig geltend macht. 
„Und eben so gut, wie die Sklaverei fortgefallen ist, trotz- 
„dem es menschliche und grausame Sklavenherren gab, eben 
„so gut wird die heutige Produktionsweise einst beseitigt 
„werden, mögen die Kapitalisten human oder unmenschlich 
„sein. Unbarmherzigen Ausbeutern niag es freilich einst 
„übel ergehen." 
Das Prinzip der von der Social-Demokratie erstrebten 
neueli Gesellschaft soll also die auch im Besitz und Genuß 
verwirklichte sociale Gleichheit sein. Einen vollständigen Bau 
plan für die auf dieser Grundlage zu errichtende neue Ge 
sellschaft besitzt die Social-Demokratie nicht. Sie überläßt 
es einfach der Zukunft, einen solchen zu schaffen, wenn erst 
einnial der neue Grund gelegt sein wird und beschränkt sich 
daraus, einzelne Theile uns jetzt schon in einem ziemlich 
detaillirten Riß vorzulegen. Einen solchen finden wir z. B. 
im „N. Soc.-Demokrat" 1H72, 39. Dort heißt es: 
„Der sociale Staat hat im großen Ganzen die Produktion 
„in folgender Weise einzutheilen: Erstens wird statistisch 
M festgestellt, wie viel an allen Gebrauchsgegenständen noth- 
„wendig ist, Lebensmittel, Wohnungen, Belehrungs- und 
„Bergnügungsinstitute, wie z. B. — Museen und Theater 
„eingerechnet — und die Produktion wird so bemessen, daß 
»nur eine geringe Ueberproduktion erfolgt, soweit dies nämlich 
„nöthig ist, damit durch Mißernten und Unfälle kein Mangel 
„eintritt. Diese statistische Berechnung wird um so leichter 
„auszuführen sein, als die einzelnen Staatsbürger mittelst 
„der Gemeinden den Konsum regeln können, so daß durch
        <pb n="70" />
        ¿34 HC. Umsturz b. Ordnung durch die Soc.-Demokratie. 
„die Letzteren bei der die Gesammtproduktion leitenden Be- 
„ Hörde der Bedarf im Boraus regelmäßig bestellt werden 
„kann. Sodann haben die Leiter der Gesammtprodnktion 
„festzustellen, was an neuen Etablissements, Kulturarbeiten 
„und Verkehrsmitteln geschaffen werden soll. Alles dies 
„macht zusammen die Arbeitsmenge ans, welche vom Bolk 
„geleistet werden muß, ulid welche Arbeit nun unter die 
„einzelnen Prodnktivassociationen nach Maßgabe ihres Ge- 
„werbes und ihrer Leistungsfähigkeit vertheilt werden muß." 
„Selbstverständlich denken wir hierbei nicht an eine des- 
„potische Regelung der Arbeit, wie man sie fälschlicherweise 
„uns vorwirst. Vielmehr wird die leitende Centralbehörde 
„für die Produktion entweder das freigewählte Bolksparlament 
„selbst oder eine specielle Behörde sein, die aber auch ans 
„dem allgemeinen Wahlrecht hervorgehen muß. Solche 
„Volksvertretungen aber werden sich ebensogut, oder vielmehr 
„noch besser über die Organisation der nationalen Arbeit 
„einigen können, als es die heutigen Volksvertretungen über 
„Stellerfragen, Anleihen, Eisenbahnbauten u. dgl. schon thun. 
„Die speciellere Zutheilnng der Arbeit an die einzelnen Asso- 
„ciationen kann innerhalb der nationalen Verbände der Asso- 
„ciationen der einzelnen Gcwerbszwcige vor sich gehen. Ist 
„z. B. statistisch festgestellt, daß hundert Millionen Schuhe 
„und Stiefeln aller Art für das nächste Jahr erforderlich 
„sind und hergestellt werden können, so wird augenscheinlich 
„eine Generalversammlung der Delegirtcn aller Schuhmacher» 
„Associationen die Lieferungen am zweckmäßigsten unter diese 
„einzelnen Associationen vertheilen können. Derart läßt sich 
„leicht die gesammte Produktion eines socialistischen Staats 
„regeln 
„Die fertigen Gebrauchsgcgenstände komnsen endlich in 
„Staatsinagazine, von wosiedieKonsumcnten beziehen können."
        <pb n="71" />
        Produktionsweise. 
55 
Es wäre zu wünschen, daß die Social-Demokratie aus 
ihrer uns wohl begreiflichen Reserve öfters heraustreten und 
uns detaitlirte Pläne aller einzelnen Zweige des gesellschaft 
lichen Lebens vorlegen würde. Wir bezweifeln, ob derartige 
Baupläne wohl irgend Jemanden für die socialistische Gesell 
schaft zu begeistern vermöchten. Die Social-Demokratie würde 
aber auch auf diesem Wege den Beweis ihrer Unfähigkeit, 
etwas Neues zu bauen, eine neue Gesellschaft zu konstruiren, 
selbst erbringen, und sich selbst ad absurdum führen. 
Ihr Vornehmen, durch einen gesellschaftlichen Neubau die 
sociale Gleichheit zu verwirklichen, rechtfertigt sie durch den 
Hinweis auf den wohl von Bielen geglaubten, aber noch von 
.steinen, bewiesenen Satz: „Alle Menschen werden gleich ge 
boren." Eine angenommene natürliche Gleichheit macht sie 
zur Unterlage der socialen Gleichheit. Die erstere wird von 
ihr soweit ausgedehnt, daß Liebknecht in seiner Rede „Zu 
Trutz und Schutz (S. 29) sagen kann: „Die Talente sind 
„gleichmäßig unter die Menschen ausgestreut — es ist dies 
„eine Wahrheit, die durch die Wissenschaft über jeden Zweifel 
„erhoben wird, und an der wir festhalten müssen, weil sie die 
„Basis der socialistischen und demokratischen Weltanschauung 
„bildet." 
Ui» eines solchen Gesellschaftsidcals willen hat die So- 
cial-Dcmokratie den Kampf wider die bestehende Gesellschafts 
ordnung begonnen. Der „Neue Social-Demokrat" erklärt 
mit dürren Worten: (1872, 47) „Das Dcmagogenthum 
„erklärt, wie die sogenannte öffentliche Meinung immer be- 
„hauptet, den bestehenden Verhältnissen den Krieg „bis aufs 
„Messer" und will nur niederreißen und nicht aufbauen. Mit 
..der ersten Hälfte dieser Behauptung, soweit sie uns betreffen 
„soll, sind wir vollständig einverstanden; ja, wir haben den 
«bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen den Krieg erklärt
        <pb n="72" />
        56 III. Umsturz d. Ordnung durch die Soc.-Drmokratie. 
„und werden so lange kämpfen, bis dieselben zertrümmert 
„sind." 
Diese Zertrümmerung soll durch das Proletariat voll 
zogen werden. Dazu wird es gegenwärtig organisirt und 
instruirt. Denn „endlich werden Noth, Elend und Ausbeu- 
„tung und die Erkenntniß der Klafsenlage des arbeitenden 
„Volkes die Verbrüderung der gesammten ländlichen mit den 
„städtischen Arbeitern bewirken, und dem Massendrnck des 
„gesammten Proletariats wird dann die heutige Gesell- 
„schaft weichen müssen" (R. Loc.- Demokrat ISTI, 57). 
Oder: „Die Masse des Elends ist viel zu groß, »m durch 
„Palliativmittel beseitigt zu werden. Nur eine völlige Um- 
„Wälzung der heutigen Gesellschaft kann und wird ein für 
„allemal durch den Socialismus das Masseuelend besiegen" 
„(R. Soc.-Demokrat 1872, 100). 
Dies führt uns auf eine andere Ursache der socialistischen 
Zerstörungstendenz unserer heutigen Gesellschaftsform. 
Alles Elend, das in der Welt ist, leitet der Socialismus 
ausschließlich und ausnahmslos ans den vorhandenen socialen 
Zuständen ab. Nirgends bringt er die jeweilige sittliche Be 
schaffenheit des Menschen mit in Anrechnung. Eine nüch 
terne, vorurlheitsfreie und tendenziose Beobachtung verschließt 
sich nicht der Wahrnehmung, daß gar manche Nothstände 
zumal in der niederen Volkstlasse in krankhaft entwickelten 
socialen Verhältnissen ihre Ursache haben. Sie verkennt aber 
auch nicht, welch bedeutende Widerstandskraft in der sittlichen 
Energie liegt, und wie dieselbe vor gänzlichem Versinken und 
Versumpfen bewahren kann, wenn auch die socialen Verhält 
nisse mancherlei Nöthen herbeigeführt haben. Am allerwe 
nigsten übersieht ein durch kein Vorurtheil getrübter Blick, was 
für eine reiche Quelle zahlreicher Nöthen und namenlosen 
Elends die sittliche Verkümmerung des Menschen ist, ohne
        <pb n="73" />
        Quelle alles Elends. 
57 
daß sociale Zustande hierbei mitwirken. Die Social-Demo- 
kratie kann und darf um keinen Preis diesen Faktor mit in 
Rechnung bringen, einmal, weil sie alsdann ihre ganze so 
ciale Theorie selbst über den Hausen werfen würde, dann 
aber auch, weil ihre kraß materialistische Anthropologie einen 
sittlichen Faktor im Menschen überhaupt nicht gelten läßt. 
Wie weit die anthropologischen Lehren der Social-Dcmokratie 
zur Entwürdigung, ja Perthiernng des Menschen führen, 
mögen folgende Stellen beweisen. Der „Polksstaat" schreibt 
in Nr. llO, 1874: „In der Wissenschaft ist das winzige 
„Stäubchen ein ebenso würdiges Sbjekt, wie der kosmische 
„Sternenhimmel. So wenig da die Eintheilung in Wnr- 
„diges und Unwürdiges statthaft, so wenig dnldet wisscn- 
„schaftliche Lebensweisheit die Eintheilung in Gutes und 
„Böses." 
Das „Fürther demokratische Wochenblatt" gießt denselben 
Gedanken in eine andere Form tuib führt ihn etwas weiter 
ans in Nr. 51, 1872: 
„Der Socialismus hat zur Grundlage die Erkenntniß, 
„daß es keine äußerliche, resp. überhalb der Naturgesetze 
„stehende Wesen gibt. Der Mensch selbst ist ein Indivi 
duum. nicht eine Person. Seine Willensänderungen sind 
„bestimmt durch die ihr: utngebenden gleichzeitigen und ver- 
„gaugenen Umstände, es gibt für ihn keine person- 
„liche Berantwortlichkeit. Die Gesammtheit der Individuen, 
„die von ihr getroffenen Einrichtungen und Gesetze bestim- 
„men Über das Schicksal, über Wohl und Wehe des Ein- 
„zelnen. Die sogenannte Strafe wird hiemit als Act 
„thierischer Rache erkannt. Der Socialismus wendet 
„sich enthusiastisch aus die Beseitigung schlechter, schädlicher 
„Institutionen, völlig fremd ist ihm aber der „Fanatis- 
„mus," der Haß gegen menschliche Individuen."
        <pb n="74" />
        58 Hl Umsturz b. Ordnung durch die Soc.-Demokratie. 
Die naturgemäße Folgerung aus solch hirnverbrannten 
Sätzen zieht ein Leitartikel des „N. Soc.-Demokrat", worin 
es heißt (1874, 81): 
„Dr. Monfang sagt, die sociale Frage sei mehr eine 
„Herzens- und Seelcnfrage, als eine Magenfrage, was die 
„Rothen nun entschieden bestreiten, da sie wissen, daß der 
„Gesammtzustand, auch der sogenannte seelische Zustand des 
„Menschen, wesentlich durch den Magen und die Befriedi- 
„gung der äußeren Bedürfnisse des Menschen bedingt ist; 
„leidet der Magen durch geringe und schlechte Zufuhr, so 
„leidet das Gehirn, so leidet die Seele, mit einem Wort, es 
„leidet der ganze Mensch. 
„Gebe man dem Menschen hinreichende Mittel, seine 
„Bedürfnisse befriedigen zu können, dann kann man ihm auch 
„mit Erfolg das Samenkorn der Bildung, der Menschen- 
„ liebe, der Nächstenliebe, also des wahren Ehristenthnms, 
„einsenken." 
Diese Stelle gibt uns genügenden Aufschluß, wie die 
Social -Deuiokratie es meint, wenn sie mit großer Vorliebe 
nach dem Vorbild Lassalle's die sociale Frage eine „Magen- 
frage" nennt. Sie denkt dabei weniger an einzelne materielle 
Nothstände, deren Beseitigung anzustreben ist, als vielmehr 
an das grob materialistische Grundgesetz: „Was der Mensch 
ißt, das ist er." Nach ihr sind Bildung und Liebe von 
dem Maß der Befriedigung des menschlichen Magens ab 
hängig, und sie trachtet daruin solche Zustände herbeizuführen, 
in denen durch eine gleiche Magen-Zufuhr auch die gleich- 
nläßige Entwickelung der einzelnen Menschen, ein gleiches 
Maß von Bildung und Liebe erzeugt wird. Nur bei diesen 
Voraussetzungen wird es erklärlich, warum die Social-De- 
mokratcn für die Forderung: „Wir müssen besiere Menschen 
werden, wenn bessere Zeiten komnien sollen," absolut lein
        <pb n="75" />
        Quelle alles Elends. 
59 
Verständniß besitzen, eine solche vielmehr nur mit einem „ho 
merischen Gelächter" (Bolksstaat 1875, 17) aufzunehmen 
pflegen. Nach socialistischer Logik muß dieser Satz umgestellt 
werden, da alles, was an dem Menschen schlecht ist, aus 
schließlich als das Produkt schlechter socialer Zustände gilt. 
Mit offenem Hohne weist der „N. Soc.-Demokrat" (1873, 
9) die Aufforderung, den Arbeitern ins Gewissen zu reden, 
als eine grenzenlose Unverschämtheit znrück. Er schreibt: 
„Es geht die grenzenlose Unverschämtheit so weit, daß 
„kürzlich ein Bourgeoisblatt sich wüthend darüber stellte, daß 
„der „N. Soc.-Demokrat" niemals den Arbeitern ins Ge 
wissen redete, das „Schnapstrinken," „Blaumachen," 
„das „Tanzen" und sonstige „Ueppigkeiten" zu lassen, und 
„statt dessen hübsch fleißig und genügsam zu sein." — — 
„Die Moralpredigten in der heutigen Gesellschaft sollen 
„die Arbeiterklasse nur bewegen, sich selbst zu kasteien, um 
„der Kapitalmacht um so größeren Nalib zu gewähren. Nim- 
„mermehr soll es uns darum einfallen, das Bolk zu bereden, 
„einen einzigen Genuß fahren zu lassen." 
Bei solchen Lehren über die Beschaffenheit des Menschen 
begreift es sich völlig, warum die Social-Demokratie alle 
9ļoth, alles Elend, alle Berbrechen mtb Laster, ja sogar die 
Krankheiten ans den socialen Zuständen ableitet. Sie thut 
dies mit einer Konsequenz und Beharrlichkeit, die nur in der 
grundlegenden Bedeutung der grob materialistisch-anthropolo 
gischen Lehren für den Socialismus ihre Erklärung finden. 
Die Belege für dieses socialistische Dogma sind so zahlreich 
— so oft von Noth, von physischem und moralischem Elend 
in der socialistischen Presse die Ncde ist, wird auch dieses 
Dogma gepredigt — daß wir nur einige, die lins gerade 
zur Hand sind, herausgreifen wollen.
        <pb n="76" />
        60 III Umsturz d Ordnung durch die Soc.-Temokratie. 
Der „Bolksstaat" schreibt (1875, 14): 
„Armuth, Verbrechen, Unwissenheit, Krankheit — dies 
»haben wir so oft hervorgehoben — sind nothwendige Früchte 
„der herrschenden Gesellschaftsordnung, nicht nothwendig 
„an sich, aber nothwendig, so lange diese Gesellschaftsord- 
»nung dauert. Die ungleiche Verthcilung der Güter, der 
„Arbeitsprodukte, das ist die Quelle des Uebels, die Pan- 
„dorabüchsc, der diese Viereinigkeit des Elends entfliegt." 
Der „N. Soc.-Demokrat" (1874, 21) philosophât über 
die Ursache der Verbrechen: 
Das Verbrechertum hat seinen Ursprung in der so- 
„cialen Unordnung, welche bislang bestanden hat und noch 
„immer besteht." 
»Diesen Satz halten wir trotz aller gegentheiligen Be- 
„hauptungen, welche das Verbrechen in den individuellen 
„Anlagen der Menschen vorzugsweise zu finden glauben, 
„vollständig aufrecht, um so mehr, da die fortwährenden 
„Vorkoinninisse int bürgerlichen Veben unsere Ansicht be* 
„stätigen." 
»Die Herren Staatsanwälte haben die Ansicht, daß man 
„die einzelnen Individuen durch Strafen verbessern müsse, 
»um dadurch die Gesellschaft zu bessern, während wir 
„meinen, daß durch die Verbesserung der gesellschaftlichen Zu- 
„stände das einzelne Individuum mit gebessert würde." 
Die Apologie der Verbrechen ans Kosten unserer heutigen 
Gesellschaftsordnung kehrt immer und immer wieder. Auch 
für die Zunahme der Laster wird die Gesellschaft ausschließ 
lich verantwortlich gemacht. Der „N. Social-Demokrat" 
(1873, 128) beginnt seinen Leitartikel mit den Worten: 
„Wir haben schon oft warnend darauf hingewiesen, daß 
„in der heutigen Gesellschaft das Volksleben von Grund ans 
„zu verderben droht. Während die ungeheure Ansammlung
        <pb n="77" />
        CueÜe allrs Elends. 
(il 
"von Reichthümern in den Händen einer Heilten Klaffe und 
"die Enterbung der großen Masse des Bolks in immer 
„rascherem Maße fortschreiten, häufen sich in gleicher Weise 
..die Laster, in der herrschenden Klasse jene, welche aus der 
„Ueppigkeit erwachsen, in der ausgebeuteten, die aus dem 
„Elend entstehen. Hub bald hier, bald dort fällt ein er- 
„schreckendes Schlaglicht ans die Zustände unserer Gesell- 
„ schast." 
Ter Artikel fährt dann fort, die Bestimmung des deutschen 
Reichsstrasgesetzbnchs, wornach Kinder unter 12 Jahren straf 
los bleiben und die traurige Erscheinung der Zunahme von 
Verbrechen bei der noch nicht zwölfjährigen Jugend zu be 
sprechen und schließt mit den Sätzen: 
„Für jeden Unbefangenen liegt es auf der Hand, daß nur 
„das schmerzlichste Eiend, die äußerste Roth Eltern dafür 
„abstumpfen, daß sie ihre jungen Kinder zu Verbrechern anf- 
wachsen lasten. Es ist in der That ein lauter verzweifelter 
„Schrei der Roth. Aber für solche Empfindungen ist ja 
„kein Raum in der Brust der Bourgeoisie; sie klagt nicht 
„sich an; sie sieht nur das Eigenthum gefährdet und schreit 
„daher nach neuen strengen Strafgesetzen, welche die Prole- 
„tarierjugend nur noch leichter zu Znchthauskandidaten machen 
„werden." 
„ s Jiun wohl, diesem herzlosen und gleichzeitig hofsnnngs- 
„ losen Jdeengang können wir Socialisten glücklicherweise an- 
„dere Betrachtungen zur Seite stellen. Allerdings schmerz- 
„lich ergreift uns dies tiefgehende physische und moralische 
„Elend, dies Verhängniß der traurigen Gcsellschaftszustände, 
„welches einen Theil der Proletarierjugcnd rettungslos dem 
„Verderben weiht. Aber dann sind wir auch zugleich erfüllt 
„vom Bewußtsein, daß eine Gesellschaft, die so angefressen 
„ist von Fäulniß, den Keim baldigen Todes in sich trägt.
        <pb n="78" />
        62 IH. Umsturz d. Ordnung durch die Loe.-Demokralie. 
„Daun aber, dann bricht nach finsterer Nacht der Morgen 
„an; dann schwinden mit der Ausbeutung für das arbei- 
„tende Volk das Elend und auch das Verbrechen." 
Endlich soll auch die Cholera die Nothwendigkeit des 
von der Social-Demokratie geplanten Unlstnrzes der bestehen 
den Gesellschaftsordnung beweisen, wenn der „N. Soc.-De- 
mokrat" (1873, 81) schreibt: 
„Die Cholera kommt! Ein Angstschrei ertönt wieder 
„auf den Bierbänken und läuft durch die Spalten der Zei- 
„tungen, welcher den Bourgeois aus seiner behaglichen Ruhe 
„stört, in der er den Arbeitsertrag Anderer genießt; es ist 
„der Ruf: „Die Cholera kommt!" So lange das sociale 
„Elend auf die Klasse der Arbeiter beschränkt bleibt, so lange 
„schließt die besitzende Klasse ihm gegenüber die Augen, so 
„lange ist es ihr gleichgültig, ob die Arbeiterfamilien in 
„dumpfen, ungesunden Wohnllngcn eingepfercht sind, welche 
„man richtiger Pesthöhlen nennen müßte, so lange kümmert 
„es sie nicht, wenn unzureichende, halbverdorbenc Nahrung 
„dem Arbeitervolke geboten wird. Da erscheint nun auf ein- 
„mal der Nacheengel; er nistet sich ein in die Hütten der 
„Armuth, mag er Pocken, Hungertyphus oder Cholera heißen, 
„er vollzieht des ehernen Lohngesetzes fürchterliche Konsequenzen. 
„Aber damit ist das Werk des Verderbens nicht abgethan. 
„Tie moderne, herrschende Gesellschaftsklasse hat sich selbst 
„eine Ruthe gebunden, auch sie wird von der verheerenden 
„Krankheit ergriffen und decimirt." 
„Wir denunciren die heutige Produktions- 
„weise, die Ausbeutungder Arbeit durch dasKapi- 
„tat als die Grundursache jener Seuchen. Wir ver- 
„werfen daher auch alle kleinen Palliativmittelchcn, welche die 
„Regierungen ergreifen, wenn das Feuer auf den Nägeln
        <pb n="79" />
        Tas eherne Lohngesetz. 
63 
„brennt. Wir fordern ein radikales Mittel, und das ist: 
„ein menschenwürdiges Dasein für das Bolk." 
„Nicht die von den Aerzten Cholera genannte 
„Krankheit ist es, gegen welche wir den Hebel anzustemmen 
»haben. Es ist vielmehr die sociale Cholera, das 
„eherne Lohngesetz. Bricht dieses zusammen, erhebt 
„sich die neue socialistische Gesellschaft aus den Trümmern 
„der alten, dann hat die den Zweck des allgemeinen Wohles 
„verfolgende Menschheit Mittel genug, um mit Hilfe der 
„Wissenschaft auch die verheerenden Krankheiten zu 
„bändigen, wie sie schon jetzt sich die Natnrkräfte zur Pro- 
„dnktion dienstbar gemacht hat." 
Hätte der Leitartikel sich darauf beschränkt, zu sagen: 
wir denunciren die schlechten Wohnungen, in welchen das 
Proletariat bei empfindlichem Mangel an Luft und Licht dicht 
zusammengedrängt lebt, als mitwirkende Ursache der 
raschen Ausbreitung der Cholera, so würde er damit 
freilich nichts Neues, aber auch nichts Unsinniges gesagt 
haben. Aber die Denunciation der heutigen Produktionsweise 
als Grundursache jener Seuchen, also nicht ihrer 
Ausbreitung, sondern ihrer Entstehung, zeigt, wie weit sich 
eine tendenziöse Voreingenommenheit verirren kann; sie ist 
nur möglich bei einem völligen Verranntsein in das socialistische 
Dogma von der ausschließlichen Schuld der kapitalistischen 
Produktionsweise, auch der nicht ausgearteten, also des be 
stehenden Lohnverhältnisses schlechtweg an allem Uebel in 
der Welt. Das Auftreten der Cholera wird mißbraucht, 
um das sogenannte „eherne Lohngesetz" der Arbeiterwelt als 
ein rechtes Schreckgespenst, als die alle Seuchen erzeugende 
„sociale Cholera" vor die Augen zu malen. Die Social- 
Demokratie versteht unter dem „ehernen Lohngrsetz" das 
Gesetz, welches die Höhe des Arbeitslohnes bestimmt. Sie
        <pb n="80" />
        &lt;» l lu. Umsturz d. Ordnung durch die Soc.-Demokratie. 
behauptet, daß auf Gruud dieses Gesetzes „der durchschnittliche 
„Arbeitslohn immer auf deu liothweudigen Lebensunterhalt 
„reducirt bleibt, der in einem Bolle gewohnheitsmäßig zur 
„Fristung der Existenz und zur Fortpflanzung erforderlich ist."*) 
Gewiß ist, daß die FeststeUuug des Arbeitslohnes weder nach 
der Willkür des Fabrikanten, noch nach bem Belieben der 
Arbeiter erfolgt, fonderli von einem bestimmten Gesetz ab 
hängig ist, nach bem Verhältniß von Nachfrage und Angebot 
sich regulirt. Gewiß ist auch, daß der nur auf seinen Lohn 
beschränkte Arbeiter zu keinem großen Besitz gelangen kann. 
Aber eben so falsch ist auch die socialistische Folgerung, daß 
das Lohngesctz dem Arbeiter nur die Mittel zur Befriedigung 
der nothwendigsten Lebcusnothdurft gewähre, und ihn voll 
allem, was darüber hinausgehe, ausschließe. Falsch ist die 
Behaliptung, daß mit dem ehernen Lohngesctz and) das sociale 
Elend unzertrennlich verbundcri sei. Freiltch der ungelernte 
Arbeiter, den zu der von ihm geleisteten Arbeit seine einfache 
physische Kraft schon tüchtig macht, wird mit einer Lohnhöhe 
zufrieden sein müssen, die ihm den liothweildigcn Lebensunter 
halt verschafft. Dagegen diejenigen Arbeiterklassen, welche bei 
ihren Arbeitsleistungen mit der eiufachen physischen Kraft nicht 
ausreichen, sondern ihre Befähigung hiezu mit größerem oder 
geringerem Zeitaufwand haben erlernen müssen, werden vom 
Lohngesetz, wie ja die Erfahrung hinreichend bestätigt, in nor- 
lualeri Geschäftszeiten nicht auf das Niveau der nothwendig 
sten Lebensnothdurst niedergedrückt, sondern je nach den 
Leistungen in verschiedenen Abstufuligen darüber hinausgehoben. 
Allgemein ist also die Regelung des Lohnes durch das öko- 
noulische Gesetz, das den Preis jeder Waare nach dem Ver 
hältniß von Angebot und Nachfrage regelt. Allgelnein ist aber 
') F. Lafsalle, Offenes Antwortschreiben. S. 13.
        <pb n="81" />
        Das eherne L'ohngesetz. 05 
rucht das durch dieses Gesetz bewirkte Festhalten aller Arbeiter 
au der Greuze der nothwendigen Lebensnothdur ft, wie die 
Cocial-Demokratie behauptet und behaupten muß, wenn ihre 
Theorie von der Ursache alles Elends, von der Schuld der 
kapitallstlschen Produktionsweise an allen dļorhständen nicht in 
der Luft schweben soll. 
So ist bei allen Betrachtungen über die Noth und das 
Elend in der Arbeiterklasse, über die Laster und Schäden 
unserer Zeit der einzige und ständige Refrain: Die Gesell 
schaft trägt die Schuld! Die heutige Gesellschaft als Quelle 
aller Uebel ist das größte Uebel! Darum weg mit ihr! Ihre 
Zertrümmerung ist eine unbedingte Nothwendigkeit! 
An Schamlosigkeit der rassinirtesten Art und in höchster 
Potenz überbietet aber alle mitgetheilte Prosa ein Gedicht, 
das seine Begeisterung aus einer schauerlichen Mordgeschichte 
schöpft und die alte Melodie anstimmt: Der Mörder ist 
unschuldig, die Gesellschaft trägt die Schuld! Es ist dieses 
Poem für die socialistische Denkweise, sowie für dle in den 
Reihen der Social-Deniokratie bereits eingerissenc Verwirrung 
der elnfachsten sittlichen Begriffe so charakteristisch, daß wir 
es unsern Lesern vollständig mittheilen wollen. Wir finden es 
mi „N. Soc.-Demokrat" 1*76 Nr. 9—li. 
Johann Hiller. 
I. 
"à braver Mann war's, doch ein armer Mann — 
„Je nun. ihr wißt, das trifft sich allemalen. 
„„Bestimmung ist es, Fügung" — predigt man — 
„„Der Himmel lohnet einst der Erde Qualen." 
„Ein armer Mann war's, doch ein braver Mann. 
„Der Johann Hiller aus dem Schwabenlande, 
„Und klug dabei; doch was er auch ersann. 
„Es schlug ihm ans in Elend und in Schande. 
-chufter. Die Locial-Temolratie. r
        <pb n="82" />
        f»6 III. Umsturz b. Ordnung durch die Soc.-Demokratie. 
„Fatal! Nicht seine Schuld war's, daß er nur 
„Als Kind des Bolks, des niedern, trat in's Leben; — 
„Fatal! Und daß ihm dennoch die Natur 
„Ein stolzes, unbeugsames Herz gegeben. 
„Du Gottes-Gnaden-Vokk begreifst es nicht, 
„Wie schlimm es ist, als Lump die Welt zu grüßen. 
„Man wird s me los — als habe das Gericht 
„Es ausgesprochen, bis zum Tod zu büßen; 
„Als war's vergiftet, das „gemeine" Blut, 
„So selten glückt es Einem, sich die Fetzen, 
„Die in der Wiege schon sein einzig Gut, 
„Vom Hals zu schaffen. — O, 's ist zum Entsetzen! 
„Das brennt von Tag zu Tag sich tiefer ein 
„Und weiß die stärksten Nacken krumm zu beugen, 
„Solch Brandmark, wie Verachtung — diese Pein 
„Des Paris's, die von Ewigkeit sein eigen. 
„Was hilft es, ob in schmerzlich wildem Zorn 
„Sein roher Geist die Bande sucht zu sprengen, 
„Nicht ohne Gold löst man des Wissens Born, 
„Wie leicht ist's da, den Armen zu verdrängen. 
„Was hilft es, ob die Faust sich krampfhaft ballt: 
„Nie ringt der Sklave einzeln sich vom Staube, 
„So lang der Freiheit Ruf im Wind verhallt, 
„Weil seine Brüder Blinde sind und Taube. 
„Vergebens Alles — Armer Leute Kind, 
„Aus Dornen wandelt er mit nackten Füßen 
„Sein Lebenlang — nur für den Reichen sind 
„Die Rosen, die den Dornen doch entsprießen. 
* * 
* 
„Dem Hiller ward kein bess'res, schön'res Loos. 
«Er hatte ewiglang umsonst gerungen, 
„Er rang sich nimmer aus des Elends Schooß, 
„Und hatte nie des TageS Plack bezwungen.
        <pb n="83" />
        Quelle alles Elends. 
"Wie eine Perle durch das nächt'ge Meer, 
„So leuchtete zwar einmal auch die Liebe 
„Durch seines Lebens Dunkel, aber schwer 
„Zu büßen hatt' er für die süßen Triebe. 
„Denn schmerzlich ist es, im Gemach der Noth 
„Ein strahlend Kleinod müssen aufbewahren, — 
"Şo macht s denn Hiller traurig bis zum Tod, 
„Daß seine Lieben mit ihm elend waren. 
„Das Weib, das er zur Gattin sich erkor, 
„Fünf thenre Kinder hatt' es ihm geboren, 
„Die wuchsen alle frisch und froh empor — 
„Doch besier war's, hätt' er sie all' verloren. 
„Mit jedem Jahr, das trag vorüberzog, 
„Warb selbst die Hoffnung bleicher ihm und trüber, 
„Bor seine Thür des Hunger« Geier flog, 
„Und bald auch flatterte das Thier hinüber. 
„Er dachte längst, daß es für sie ein Glück, 
„Wenn Weib und Kinder er gen Himmel sende, 
„Doch den Gedanken drängt er stet- zurück 
„Und bat, daß der Versucher ab sich wende. 
„Allein die Armuth stieg von Tag zu Tag — 
„Lein Herz zerbrach ihm, sah er, wie den Kleinen 
„Des Hungers Blässe auf den Wänglein lag, 
„Und wie sein Weib nicht müde ward zu weinen. — 
II. 
"Ein trüber Abend war's, im letzten März, 
„Der Frost noch starrte in der Hütte Wänden, — 
„Da traf eS sich, daß zu dem alten Schmerz 
„Ein neuer kam, man drohte, ihn zu pfänden. 
„Die letzten Kreuzer nahm er, und ging aus. 
„Und kaufte Brot und Branntwein in der Schänke, 
«Denn seine Kinder hungerten zu Haus, 
«Und ihm war schwach, als ob er niedersänke. 
9*
        <pb n="84" />
        G8 III Umsturz d. Ordnung durch die Soc -Demokratie. 
„„Pfui, Branntwein?" hör ich rufen sic voll Hohn, 
„Die Fröhlichen auf Kanzeln und auf Thronen. 
„Sie wissen's nicht, daß für des Elends Sohn 
„Im Feuerwasser Himmelsfreuden wohnen. 
„Der Lethestrom ist's ans der alten Zeit, 
„Der Alles fortschwemmt auf den sel'gen Wogen, 
„Den bittern Gram, das herbe kalte Leid, 
„Und die Erinnrnng, wie man uns betrogen. 
„Dem armen Hiller würd' es Wohlgemuth, 
„Als er getrunken seines Schmerzes wegen, 
„Und glüh nder in den Adern rollt sein Blut, 
„Und neue Lebenskraft fühlt er sich regen. 
„Und auch den Kindern gab er, daß sie all' 
„Im süßen Taumel purzelten und sprangen 
„Bunt durcheinander, und mit lautem Schall 
„Schalkhafte Lieder jodelten und sangen. 
„So lustig hatte sie noch nie erblickt 
„Der arme Bater, und den heitern Scherzen 
„Und Spielen folgt er, ob auch ungeschickt. 
„Wofür sie ihn dann unaufhörlich Herzen. 
„O, welche fei ge Stunde! — Doch sie nahm 
„Ein schnelles Ende, als der Schlaf nun leise 
„Hin zu den müden, trunk'nen Kindern kam 
„Und sie einlullte mit der eig'nen Weise. 
„Sie waren schön, die Kinder, ja fürwahr! 
„Wer sie dort schlummern sah nach so viel Freuden, 
„Die ros'gen Köpfchen mit dem gold'nen Haar, 
„Der mochte wohl den Bater d'rnm beneiden. 
„Der aber wurde traurig wiederum -r 
„Der Rausch verflog, das alte Leid erwachte — 
„Und als die Kindlein vor ihm still und stumm, 
„Da starrt er wild auf sie herab und dachte:
        <pb n="85" />
        Cuflle alles Elends. 
69 
„„Wenn ihr erblickt des nächsten Tages ?icht, 
„Dann jagt man uns hinaus, uns Bettelleute; 
„Dann kümmert's Niemand, ob das Herz uns bricht, 
„Dann sind wir stets des bösen Zufalls Beute. 
„„Die Äugen schlagt zu Boden dann vor Scham, 
„Die Hände faltet stets, ibr Vagabunden, 
„Die Nucken krümmt, ans Ehrfurcht, nicht aus Gram, 
„lind neigt euch vor des reichen Nachbars Hunden. 
„„Er hetzt sie sonst euch Bettelkindern nach. 
„Ja, ja, ich sah es schon, — um Gottes willen 
„Seid nur demüthig. Kinder, kriechend! - ach, 
„Wer wird euch sonst den krausen Hunger stillen? 
„„Dann Kinder! wen» nun gar der Vater todt, 
«Der Bettelmann liegt an der Kirchhofmauer, 
„Dann erst kommt ihr in rechte, tiefe Noth, 
„Kein Christenmknsch schiert sich um eure Trauer. 
„„Euch Buben dort verwildert das Gemüth, 
„^hŗ kriegt dann ì'ust, das Elend dran;ugeben, 
«Und da euch jeder Ehrenmann scheu flieht, 
„So führt ihr bald getrost ein Räuberleben! 
„„Und ach, ihr Mädel, wie wirds euch ergeh'n? 
«Die ihr dort lieblich ruht und unbefangen. 
„Wenn ihr so arm seid und dabei so schön, 
„Dann handelt ihr mi, euren Rosenwangen — 
„„Und werdet Dirnen? —— Nein, das sollt ihr nicht — 
„Nein, nein, bei Gott! — rch muß, ich will euch schützen!" — 
"T'rauf hielt die Hand er lange vor's Gesicht, 
„Und als er aufblickt sah er etwas blitzen. — 
war's -- das Messer dort — er nahm es schnell 
„Und kniete — und durchschnitt der Kinder Kehlen — 
„Das Blut entströmt im Bogen hoch und hell, 
„Zum Himmel zogen fünf unschuld'ge Seelen.'
        <pb n="86" />
        70 HI Umsturz d. Ordnung durch die Soc.-Demokratie. 
III. 
„Weh', wehe dir, du arge, böse Welt, 
„Wo solch Entsetzliches sich mag begeben! 
„Fluch, ew'ger Fluch dir! Du verdammtes Geld! 
„Weil du verpestet alles Menschenleben. 
„Nicht ohne dich wär dieser Mord geschehn, 
„Nicht ohne euch, ihr reichen Ungeheuer! 
„D'rum müßt ihr einst auch am Gerichte steh'n, 
„Und wahrlich, ihr bezahlt den Frevel theuer. 
„Der Kinder Blut kommt über euch allein! 
„Die Wahrheit spricht aus meinem Dichtermunde; 
„Ich schleud're sie euch in's Gesicht hinein, 
„Und harre auf den Schlag der Rachestunde. 
„Ihr lächelt ruhlg — seid barmherzig gar? — 
„Barmherzig! — O, vom Bösen kommt die Gnade 
«In's Zuchthaus sperrt ihr ihn nur achtzehn Jahr, 
„Den Mörder — Vater. — Himmel, das ist fade! 
„Den armen, den unsäglich armen Mann, 
„Den hättet ihr auch mögen schlachten lassen, 
„Wie tausend sonst, wenn aber nicht, o dann 
„Versöhnen mußtet ihr, doch nimmer hassen. 
„Den weichsten Flaum aus Erden unter'- Haupt 
„Des Mörders mußtet ihr sorgfältig legen, 
„Damit er, was ibr Liebes ihm geraubt, 
„Im festen Schlaf vergesse, — euch zum Segen. 
„lind wenn er wachte mußten um ihn her 
„Zweihundert Harfen schwirren süße Klänge, 
„Damit der Kinder Röcheln nimmermehr 
„Sein Ohr zerreiße und sein Herz zersprenge. 
„Und And'res noch zur Sühne, — was es sei, 
„Das Lieblichste, was Liebe kann ersinnen — 
„Vielleicht dann wurdet ihr der Unthat frei, 
„Und konntet euch Gewissensruh' gewinnen,
        <pb n="87" />
        Quelle alles Elends. 
71 
«Şo aber kommt nur über euch allein 
„Der Kinder Blut! - Die Wahrheit gibt mir Kunde: 
„Ich schleudre sie euch in's Gesicht hinein, 
„Und harre auf den Schlag der Rachestunde!" 
Isit wahrem Fanatismus wird das Dogma von der 
schuld der Gesellschaft an allen Nöthen immer und immer 
gepredigt. Bon überall her werden Illustrationen hierzu ge 
sammelt. Auch wenn die nackte Thatsache das Gegentheil be 
weist, so hindert dies nicht, dieselbe doch als Beleg für jenen 
Satz zu verwenden. Lehrreich ist in dieser Beziehung die 
Geschichte des Tischlergesellen Nordtmann aus Hamburg, Her 
wegen vierfacher Brandstiftung vom Schwurgericht zu Altona 
Zn zehn Jahren Zuchthaus verurtheilt wurde (N. Soc.- 
Demokrat 1873, 10). „Ter Angeklagte führte für seine 
..Handlungsweise an, daß er voll Zorn über die Ausbeutung 
„der dortigen Großbauern gewesen sei, und daß auf Grund 
..semer social-dcniolratischen Ideen, welche er nach und nach 
„in den Arbeiter-Versammlungen, denen er im Süden beige- 
„ wohnt, gewonnen habe, der Entschluß in ihm gereift sei, den 
„Uebermuth der Wedeler Bauern zu demüthigen." Dies 
Bekenntniß hindert den „N. Soc.-Demokrat" nicht, zu be 
haupten: „Aus dieser Gerichtsverhandlung ergibt sich, wie 
„die heutigen Berhältnisse den Arbeiter zur Desperation treiben 
„und bewirken, daß er Rohheit und Lynchjustiz irländischer 
" Pächter oder verzweifelter Sklaven zum Muster seiner Hand- 
"lungen macht." Der Schlußsatz: „Die socialen Verhältnisse 
„der Gegenwart sind ja derart, daß sie leicht solche Berzweife- 
„lungsakte erzeugen können", würde nach dem Bekenntniß des 
Nordtmann jedenfalls richtiger lauten: Die Agitation der 
Social - Demokratie ist in der Gegenwart ja derart, daß sie 
leicht solche Unthaten erzeugen kann.*) 
*) Ais Kuriosum geben wir folgenden Auszug aus dem
        <pb n="88" />
        72 HI. Umsturz d. Ordnung durch die Soc. Demokratie. 
Hinter allen Dcklaniationen lind Variationen über die 
Schuld der Gesellschaft an allen Verbrechen und an allem 
Elend steht die Generalanklage gegen den eigentlichen Nerv 
unserer gesellschaftlichen Ordnung, gegen das Eigenthum. 
Der „Volksstaat" (1874, 81) spricht es mit wünschens- 
werther Offenheit aus: 
„Die Gesellschaft wird nicntals von Verbrechen frei 
„sein, so lange das Priva tei ge nth um herrscht, und zwar 
„wie wir es hier verstanden haben wollen, das Privateigen- 
„thum, welches e in er Klasse die gesamntte Produktion in die 
„Hand gibt und damit die arbeitenden Klassen dienstbar 
„macht, also das Privateigenthum an Grund und Boden, 
„Arbeitsinstrunlenten :c. Das Privateigenthum ist in letzter 
„Linie der Urquell fast aller Verbrechen, die in unserer 
„Gesellschaft vorkommen. Den Diebstahl provocirt es ganz 
„direkt. So lange es Privateigenthum gibt, wird cs auch 
„Diebe geben. Eines verschwindet erst mit deni andern, die 
„Wirkung erst mit der Ursache." 
In diesen Sätzen haben wir die Motivirung der socia 
listischen Kriegserklärung gegen das Privateigenthum, welche 
der „Volksstaat" anderwärts (1872, 59) in die dürren Worte 
„N.Soc.-Demokrat" (1871,76. Beilage): „(Selbstmord aus Noth.) 
„Der bekannte Pariser Stahlstecher I. C. Régnault hat sich das 
„Leben genommen. Derselbe lebte schon seit längerer Zeit in schlech- 
„ten Verhältnissen, als sein Hund, den er schon lange Jahre 
„hatte und der ihm nie von der Seite wich, mit plötzlichem Tod 
„abging. Diesen Verlust konnte er nicht ertragen und vergiftete 
„sich. Man fand ihn auf seinem Bette mit dem Hunde in den 
»Armen. Er hatte eine Brieftasche hinterlassen, worin er schrieb, 
„daß er den Verlust des Einzigen, der ihn nie betrogen habe, nicht 
„ertragen könne." So wird ein Selbstmord aus Hunde lie be 
kurzer Hand zum Selbstmord aus Noth gestempelt.
        <pb n="89" />
        Privateigemhum. 
73 
iJ Bt: »Es ist der socialistische oder kommunistische Kampf 
»der unerbittliche Krieg gegen daS Besitztum." 
Wegen seiner Anfeindung des „Besitzthums", des Eigen 
thumes wird der Socialismus am meisten gehaßt und bekämpft, 
^ucht wenige seiner Gegner würden alles Andere sich recht 
gerne von ihm gefallen lassen und anstatt nur in einzelnen 
Ştûcken ihre Sympathie kund zu geben, ganz auf feine Seite 
treten, wenn er nur seine Angriffe aus das Eigenthum auf 
geben wollte. Mit dem Aufgeben des „Kriegs gegen das 
Besitzthum" müßte der Socialismus sich selbst aufgeben. 
Sein ihm eigenthümlicher Eigenthumsbegrisf ist bei ihin nichts 
Accidenzielles, nichts Nebensächliches, sondern er ist das Cen 
trum seines ganzen Systemes, zu dem der eine Theil seiner 
Ideen als grundlegende Prämissen wegbahnend und vorbe 
reitend hinüberleitet, und aus dem der andere Theil als 
ganz natürliche Konklusionen, als von selbst sich ergebende 
Folgerungen ausstrahlt. Wer sich auf den Boden seiner 
Prämissen stellt, z. B. die atheisiisch-niatrrialistische Weltan 
schauung mir ihm theilt, kommt, wenn er anders logisch zu 
denken vermag, um seine die Aufhebung des Privateigenthums 
fordernde Konklusionen nicht herum. Es wäre unendlich viel 
gewonnen, wenn die Gegner des Socialisuius sich hierüber 
klar werden wollten. Wir würden dann nicht mehr so oft 
das eigenthümliche Schauspiel erleben, daß der Socialismus 
durch gewisse, namentlich gegen das Christenthum sich rich 
tende ì!ieblingsideen seiner Gegner, von denen sie nicht laffen 
niögen, die |ie als Zeitideen zu pflegen beflissen sind, die 
allernachdrücklichste Forderung erfährt. 
Bom Kanipf der Social-Demokratie gegen das Eigen 
thum redet wohl Jedermann, aber nicht alle haben es zu 
klaren Vorstellungen hinsichtlich dieses Punktes gebracht. Der 
landläufige Vorwurf des „Thcilcns" ist absurd und bringt
        <pb n="90" />
        14 HI. Umsturz b. L ibnung burch bit Soc.-Demokratlt. 
die Social-Deniokratie nicht in Verlegenheit, reizt sie vieltnehr 
zu höhnischer Gegenrede. In der That liegt auch in der Absicht 
des Socialisnius gerade das Gegentheil des „Theilens." Nicht 
ein in gleiche Theile zerstückelter Privatbesitz, sondern ein un. 
getheilter und unzerstückelter Gemeinbesitz ist sein Ziel. Tie 
Spitze des Socialismus ist der Kommunismus. Er ver 
sieht darunter die Umwandlung alles Privatbesitzes an Grund 
und Boden und an allen Arbeitsinstrumenten in gemein 
schaftlichen Besitz. Unter Arbeitsinstrumenten sind nicht die 
bei der Arbeit erforderlichen Werkzeuge im engeren Sinne 
nur verstanden, sondern die Summe aller der Gegenstände, 
ohne welche eine Arbeit, die Herstellung von Gebrauchsgegen 
ständen unmöglich ist. Dazu gehören außer den Maschinen 
und Werkzeugen im engeren Sinne die Rohstoffe, Fabrik 
gebäude rc., kurz das ganze zur Produktion, zu einem indu 
striellen Betrieb erforderliche Anlage- und Betriebskapital. 
Denken wir bei dem Wort „Capital" nicht ausschließlich an 
eine Geldsunlme, sondern an Alles, was die Arbeit als noth 
wendige Unterlage braucht, uni produktiv z,l werden und 
Gebrauchsgegenstände zu schassen, so können wir sagen: der 
socialistische Kommunismus ist der gemeinschaftliche Grund- 
und Kapitalbesitz an Stelle des Privatelgenthumes an Grund 
Boden und au Kapital im weitesten Sinne. 
sieben der kommunistischen Eigenthumsform läßt der 
Socialismus auch noch in gewissenl Sinne ein Privateigen 
thum bestehen. Was der Einzelne sich mit dem ihm zufallen 
den Antheil an deni gesanimten Arbeitsertrag an Konsum- 
gegenständen erwirbt, bildet sein Privateigenthum. Die Kleider, 
die einer aus dem ì!eibe trägt, die tägliche Nahrung, der 
Hausrath, die Bilder, die an seinen Wänden hängen, die 
Bücher, welcher einer ansamnielt rc. bilden sein Privateigen 
thum. Der Socialismus läßt nur die zum persönlichen Ber-
        <pb n="91" />
        Kommunismus. 
75 
brauch bestnnmten Güter in den Privatbesitz übergehen (N. 
Soc.-Temolrat 1875, 7). 
Wir dürfen also sagen: Der Socialismus for 
dert Kommunismus im Bereich der Produktlon 
und duldet Privateigenthum im Bereich der 
Konsumtion. Wir sagen, er duldet Privateigenthnul 
im Bereiche der Konsumtion; denn die socialistische Tendenz, 
auch diese Art von Privateigenthum allmätig zu beseitigen 
und neben den gemeinsamen Besitz auch den gemeinsamen 
Genuß zu stellen, leuchtet doch schon hie und da hervor. So 
schreibt der „N. Social-Demokrat" (1875, 9): 
»Aon nicht minder großer Bedeutung, als die gemein- 
„same Arbeit u u d P r o d u t t i o n ist für die socialistische 
"Lehre ferner der gemeinsame Gebrauch zuKonsumzweckcn, 
„dessen Borzeichen wir ebenfalls schon in den mannigfachen 
„Verhältnissen der Gegenwart erblicken. Und zwar ist es sehr 
„bedeutungsvoll, daß es die höheren geistigen Genüsse 
„sind, welche naturgemäß bei fortschreitender Kultur vor allen 
„anderen wachsen müssen, deren Befriedigung schon jetzt nicht 
„Privatsache sein kann. Wir weisen nur auf die Befriedigung 
„des Bildnngs- und Schon he itst riebes hin; schon 
„jetzt müssen Schulen und Bildungsstätten aller Art, ì!eih- 
„bibliotheten und Museen, Ausstellungen und Theater öffent- 
„lich sein, so gerne die herrschenden Klassen auch sie für sich 
„monopolisiren möchten. Allein die sociale Nothwendigkeit 
„schlummert in der heutigen Gesellschaft unter einer gar 
„leichten Decke; bald hier bald dort zeigt sich das Wesen des 
„Privateigenlhnmes als unfähig zur Wcilerentwickelung und 
„die Menschheit wird dann unwillkürlich auf die socialistische 
„Bahn zum Gemeineigenthum getrieben." 
Einige Nummern später (1875, 15) wird derselbe Ge 
danke etwas näher spécialisât:
        <pb n="92" />
        76 HI. Umsturz d. Ordnung durch die Soc -Demokratie. 
„Um Mißverständnisse zu vermeiden, wollen wir übrigens 
„noch kurz darauf hinweisen, daß, wenn somit auch der 
„Arbeitsertrag das Pr iva tei ge nt hu in des Einzelnen ge- 
„worden ist, daraus durchaus noch nicht hervorgeht, daß 
„derselbe nun als Einzelner zu konsumiren und zu wirth- 
„ schäften har. Vielmehr wird hier die freie Association und 
„die engere Gemeindeassociation gerade den Genuß weit 
„angenehmer und größer machen. Beispielsweise muß es 
„das Häusl ich eLeben im höchsten Grad genußreicher machen, 
„wenn die engere Gemeinde eine Association darstellt 
„und das Wohnungswesen, die Lustbarkeiten, die 
„ L e r s chönerungen auf gemeinsame Kosten in's Werk setzt, 
„deßgleichen wenn das Familien leben sich durch Freund- 
„schastsbund in solcher Weise ausgedehnt, daß dieKinder- 
„erziehung und Pflege, das ganze häusliche Leben 
„in größerem Umfange, gleichsam in einer großen Fami- 
„lic sich vollziehen. Es ist dies eine iiu Bortheil aller Be- 
„theiligten liegende Frage, die also ihre Lösung von selbst in 
„den: Augenblick finden muß, wo Neid und Egoisnius, die 
„tückischen Kinder der heutigen Gesellschaft verschwinden." 
Es ist klar, vom gemeinschaftlichen Besitz gelangt der 
Socialismus bald zum gemeinschaftlichen Genuß. Mit deut 
gemeinschaftlichen Genuß schwindet die Einzelfaniilie und bil 
det sich die Gesammtfaniilie mit gemeinschaftlichem häuslichem 
Leben, gemeinsamer Kindererziehung und -Pflege und noch 
anderen kommunistischen Lebensäußerungcn. Hierüber das Nähere 
in einem späteren Abschnitt. An dieser Stelle genüge der ein 
fache Hinweis auf die nothwendige Zersetzung des Familien 
lebens durch den Kommunismus. 
Der Socialismus in seiner völligen Ausgestaltung wird 
also zum Kommunismus des Besitzes, des Genusses 
und des Familienlebens.
        <pb n="93" />
        Erbrecht. 
77 
£aš für den Ansang noch toierirte Privaleigenthuln an 
Gegenständen für den persönlichen Gebrauch hat jedoch eine 
wesentliche Einschränkung. Es kann von dein Besitzer nur 
konsumirt, aber nicht durch Erbschaft auf die Nachkommen 
übertragen werden. Denn mit „der Aufhebung der jetzigen 
„Gestalt des Eigenthums fällt selbstverständlich auch das 
„Erbrecht" („Votksstaat" 1874, 30). Schon in einer 
früheren Nummer (1873, 38) hat sich der „Bolksstaat" des 
Weiteren über diesen Punkt ausgesprochen: Er schreibt: 
„Es ist überflüssig, des Näheren auseinanderzusetzen, wie 
„so die Frage des Erbrechts mit der des socialistischen Rechts 
„auf Arbeit u. s. w. fällt und steht. Sobald Jeder weiß, 
„daß seine wohlerzogenen Kinder nicht dem Elend preisgc- 
„gcbcu sind, auch wenn die Eltern verstorben, braucht er 
„nicht seine Fähigkeiten zeitlebens in den Dienst der Erwerbs- 
„sucht zu stellen, und kann er leichten Herzens anl kebens- 
„abend ausruhen, anstatt sich abzurackern und zu knausern 
„für die „Erben." Atiderntheils erhält durch den Wegfall 
„des Erbrechts das Verhältniß der Kinder zu den Eltern 
„einen reineren Eharakter. Es ist nicht mehr das schmutzige 
„Geldinteresse, das winkende Erbtheil, welches die Kinder 
„an die Eltern bindet, sondern die ungetrübte Pietät. „Wenn 
„mein Vater stirbt, so bekomme ich's Haus" — diese echt 
„bürgerliche Rohheit, die man heutzutage fortwährend anzu- 
„hören hat, verschwindet im Zukunftsstaat. Man speculirt 
„dann nicht mehr auf den Zob der Eltern, sondern freut 
„sich ihres Gebens. — Vollends maßloße Heuchelei ist es 
„sodann, das Erbrecht als untrennbar von der Forteristenz 
„der Familie, oder gar der Grundlage derselben — der 
„Sittlichkeit" — zu erklären. Man müßte denn erst nach- 
„weisen, daß Kinder, die von ihren Eltern nichts zu erben 
„haben, diese weniger schätzen, als die im Gold geborenen. 
„Das Erbrecht hat mit der „Sittlichkeit" gerade so viel zu
        <pb n="94" />
        78 IH Umsturz d. Ordnung durch die Soc.-Demokratie. 
„schaffen, wie jedes andere Recht, nicht mehr und nicht 
„weniger. — Weil durch das Erbrecht — das nur 
„ Wenigen vergönnt ist — die Meisten zu kurz kommen, in 
„ihrer Zukunft beeinträchtigt sind, darum soll es abgeschafft 
„werden, damit Alle etwas haben." 
Wie weiß doch die Socialdemokratie die Nothwendigkeit der 
Abschaffung des Erbrechts mit schönen Worten darzustellen. Sie 
verfällt freilich dabei in den ihr in hohem Grade eigenthümlichen 
Fehler, einzelne Auswüchse mit dem Wesen einer Sache zu 
verwechseln, die Verirrungen Einzelner als das Prinzip der 
Gesammtheit zu erklären; sie generalisirt, wo specialisirt werden 
sollte. Uebrigens ist die etwas schwärmerische Ausmalung der 
Annehmlichkeit einer Beseitigung des Erbrechts ein Beweis, 
wie die richtige Kenntniß der wahren Menschennatur die 
schwächste Seite der Social-Demokratie ist. Für manchen, 
der mehr Genußsinn als Erwerbssinn und Liebe zu seinen 
Kindern hat, mag die Aufhebung des Erbrechts etwas Ver 
lockendes haben. Dies führt uns zu einem anderen Grund, 
welcher einen Wegfall des Erbrechts in der socialistischen 
Gesellschaft selbstverständlich machen wird, ohne daß es dekre- 
tirt zu werden brauchte. Sobald das Privateigeuthum nur 
aus Gegenständen für den persönlichen Gebrauch bestehen darf 
und hiermit die vom Socialismus vertretene materialistische 
Lebcnsanschauung sich verbindet, die den Genuß als Lebens 
zweck setzt, so wird auch alles Privateigenthum verbraucht 
werden und das Erbrecht von selbst wegfallen, weil zum 
Vererben nichts mehr vorhanden, das Erbrecht also gegen 
standslos geworden ist. Mag die Social-Demokratie in ihrenl 
auf der Basis des Kommunismus zu errichtenden Znkunfts- 
staat die Garantie eines allgemeinen Wohlstandes und Wohl 
lebens erblicken, wir sehen in derselben eine Gesellschaft, die 
von der Hand in den Mund lebt und statt des Reichthums 
die Armuth allgemein gemacht hat.
        <pb n="95" />
        Kommunismus. 
71» 
erübrigt uns noch, für den vom Socialismus ge 
wollten Kommunismus einige Belegstellen beizubringen. Es 
ware dies überflüssig, wenn nicht die socialistischen Sendlinge 
-n öffentlicher Versammlung die kommunistischen Pläne viel 
fach in Abrede zu stellen pflegten. Sie fühlen gar wohl, 
daß der völlig enthüllte Kommunismus die Propaganda für 
den Socialismus wenig fördert; darum beobachten sie stets 
bei diesem Punkt die nöthige Zurückhaltung und sind auch 
&gt;ni Stande, den Kommunismus rundweg abzuleugnen. 
Der „Bolksstaat" schreibt (187t, 80 Beilage) : 
„DerSocialismus ist die Frage, auf welche der Kommu- 
„nismus die Antwort gibt. Jener fragt „Wie?" Dieser 
, »antwortet „So!" Jener ist die Theorie, dieser die Praxis. 
"Wer wahrhafter Socialist sein will, muß Kommunist 
„sein. Das Eine ist die zwingende Folge des Andern." 
Oder (1873, 25): 
»Der heutige Socialismus ist kommunistisch. Socialismus 
«und Kommunismus haben sich so weit genähert, daß ihre 
„Unterschiede beinahe verschwlmden sind. In der Bergangen- 
„heit unterschieden sich diese beiden Tendenzen ungefähr wie 
„Liberalismus und Demokratie; insofern das letztere jedesmal 
„die entschiedene Konsegucnz des Erstereit ist." 
Oder: (1871, 73): 
„Der Kommunismus ist nichts anderes, als die letzte 
„Konsequenz des Socialismus, oder mit andern Worten: 
„Der Komlnunisttlus ist der durchgeführte Socialismus." 
Ein kleiner Haufe Fanatiker oder Schwärmer mag sich 
wohl für den Konimunismus begeistern. Die Masse des 
Volks, auf deren Gewinnung der Socialismus speculin, wird 
durch kommunistische Plane nie in Fluß gebracht und für 
die socialen Umstilrzgedanken gewonnen werden können.
        <pb n="96" />
        80 
IV. 
Die socialen Nothstände und die Soc.-Demokratie. 
Inhalt: Unkenlitniß der socialistischen Ziele. Egoismus. 
Mißbrauch der Statistik. Nahrungslose Lohnarbeit Schwelgerei. 
Hungertyphus. Massenmord durch Hunger. Massenmord an 
Kindern des Proletariats. Kindersterblichkeit in Württemberg. 
Staatliche Gesetzgebung, Kathedersocialisten. Humanität der 
Fabrikanten. Thätigkeit freier Vereine. Innere Mission. 
Wir haben gesagt, daß die kommunistischen Plane nie 
mals die Masse des Arbeiterstandes für den Socialismus 
werden zu begeistern vermögen. Die Gegenwart bestätigt 
dies vollständig. Die Anhänger des Socialisnius haben 
sich in den letzten Jahren zwar nicht unbedeutend vermehrt. Wer 
aber die Social-Demokraten nicht nur vom Hörensagen, oder 
nicht nur alis ihrer Literatur kennt, sondern mit ihnen 
in ihren ösfciltlichen Versammlungen öfter in unmittelbare 
Berührung gekommen ist, der wird auch erfahren haben, daß 
es mit einer klaren socialistischen Erkenntniß bei dem größten 
Theil der Parteimitglieder äußerst schlecht bestellt ist. Die 
Wortführer ernten zwar reichlichen Beifall und laute Zu- 
stimmllng; aber die zahlreichen und, wir wagen es zu be 
haupten, auch gut einexercirten „Bravos" gelten nicht der 
positiven Seite, — denn nur selten imb dann auch nur 
höchst oberflächlich läßt der Agitator sich auf eine 
Erörterung derselben ein, nur selten und mit der 
äußersten Vorsicht wird der Schleier etwas gelüftet, 
die Menge wird in den Vorhösen festgehalten und bekömmt 
das „Allerheiligste" des Socialisnius nicht zu schauen — 
sondern sie strömen der negativen Seite des Socialismus
        <pb n="97" />
        Unkenatniß der socialistischen Ziele. 
81 
zu, sie werden durch die Kritik der socialen Zustände und 
"Nothstände, worin der „Agitator" seine Force hat, den 
kippen entrissen, sie ertönen am lautesten, wenn das Rai 
sonnement am ezcessivsten war, wenn die Kritik dem Faß 
den Boden eingeschlagen hat. Sehr oft kommen uns Aeuße 
rungen einzelner Parteigenossen zu Ohren, welche eine totale 
Unlenntniß der wahren socialistischen Ziele verrathen, und 
Zeugniß davon ablegen, in was für kindlich naiven Vor 
stellungen über den Socialismus viele seiner Anhänger noch 
besangen sind. Der Eine verwahrt sich alles Ernstes gegen 
die kominttnistische Tendenz der Social-Demokratie; der 
Andere hält seinen christlichen Glauben durch die Social- 
Demokratie keineswegs für gefährdet, und lebt noch in dem 
Wahn, als Ehrist auch ein Socialist sein zu können.*) 
Diese Beispiele beweisen, wie wenig die einzelnen Parteige 
nossen sich liber das Ziel, dem ihre Partei sie entgegenführt, 
klare Rechenschaft zu geben vermögen; würden Alle von 
lhrenl Denkvermögen den richtigen Gebrauch machen, dann 
müßten die Reihen der Social-Demokraten sich sehr lichten. 
Der Socialismus hat, um nur auf einen untergeordneten 
Punkt hinzuweisen, „die Brüderlichkeit" auf seine Fahne 
geschrieben. Im socialistischen Zukunftsstaat soll im Gegen 
satz zum „jetzigen egoistischen Klassenstaat" die Brüderlichkeit 
das Regiment führen. Die Basis der Brüderlichkeit ist das 
*) Der Social-Demokrat Wankmüller in Pforzheim machte 
sich sogar der Ketzerei schuldig, in öffentlicher Bersaiinnlung seine 
Hoffnung, „es auch noch einmal für seine Person bis zu einem 
reichen Fabrikanten zu bringen", ehrlich zu bekennen. Wir wollen 
diesem Social-Demokraten eine baldige Erfüllung seiner Hoffnung 
von ganzem Herzen wünschen. Wie er aber eine solche Hoffnung 
mit seinem socialistischen Glaubensbekenntniß zusammen reimen 
will, das geht über unser Verstehen. 
Schuster. Tie Locial-Dcmokratie. tz
        <pb n="98" />
        82 IV. Die socialen Nothstände u die Soc.'Demokratie. 
Bertrauen. Ein brüderliches Zusammenwirken ist ohne 
gegenseitiges Vertrauen unmöglich. Nun schreibt aber der 
„Volksstaat" (1872, 19) : „Mißtrauen ist eine demokratische 
Tugend!" Was heißt das anders als: Halte Jeden von 
vornherein für einen Schuft und traue ihm nicht weiter als 
Du sehen kannst. Wenn dies im „demokratischen Volksstaat" 
dereinst die Regel sein soll, dann wird für die „Brüderlichkeit" 
kein Raum übrig bleiben. So wird von der Social-Demo- 
kratie der Mensch auf der einen Seite als ein Geschöpf 
hingestellt, desten Lebenselement, dessen unveräußerliche Natur 
gabe die Brüderlichkeit ist, und der von Brüderlichkeit über 
fließen wird, sobald er nur von den socialen Fesseln der 
Gegenwart befreit ist, und auf der anderen Seite wieder 
als eine ausschließlich vom Egoismus beherrschte Kreatur, 
welcher auch im Zukunftsstaat stets mit Mißtrauen zu be 
gegnen eine demokratische Tugend ist. Nun denke, wer denken 
kann. Auf keinen Fall wird es von 'Nachtheil sein, wenn 
Diejenigen, von welchen das Mißtrauen als demokratische 
Tugend gefordert wird, auch jetzt schon diese Tugend gegen 
die Lobredner des Mißtrauens selbst in erster Vinie fleißig 
üben wollten. 
Das Denken, auf das sich eine feste Ueberzeugung gründet, 
wird von der Social-Demokratie oft genug hoch gepriesen, 
aber selten genug bei den Anhängern in Anspruch genommen. 
Sehr lehrreich ist in dieser Beziehung das Geständniß des 
„Neuen Social-Demokrat" (1872, 66): „Will man ledig- 
„lich durch die Kritik, durch den nackten Verstand eine Idee 
„zum Durchbruch bei der Menschheit bringen, so wird man 
„sehr leicht verzweifelnd von der Arbeit Abstand nehmen, 
„weil man in erster Linie durch das ewige Grübeln 
„selbst zum Ungläubige« an der Idee wird." 
Und der „Volksstaat" (1872, 48) greift dieses Bekenntniß
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        Unkenntniß der socialistischen Ziele. 
auf und erhebt gegen den „N. Social-Demokrat" den Vor 
wurf: „Das Denken wird ofsiciell in die Acht erklärt." 
Nicht auf dem Wege verstandesmäßiger Ucberzellgung wirbt 
die Social-Demokratie um Bundesgenossen, sondern durch 
die ihr in reichen, Maße zu Gebote stehende und meisterhaft 
geübte Kunst, die Augen der Leute zu blenden. 
Ein wiUkonnnenes Mittel hiezu sind ihr die socialen 
Nothstände. Dieses Terrain ist für sie der Tummelplatz 
ihrer ausschweifendsten Kritik, wie die unerschöpfliche Fund 
grube für die Anfertigung ihrer lichtlosen, mit den schwärzesten 
Farben gezeichneten Nachtgemälde, durch deren Schaustellung 
es ihr gelingt, auch manches Auge zu blenden, das sonst 
gerade nicht mit Wohlgefallen auf den Bestrebungen der 
Social-Demokratie ruht. Das Verdienst, die Nothstände 
und Schattenseiten des socialen Lebens bloszulegen, nimmt 
sie ausschließlich für sich allein in Anspruch. Jeden Wider 
spruch und jede Bekämpfung, die sie erfährt, weiß sie sehr- 
rasch und nicht ungeschickt als eine Leugnung der vorhandenen 
Uebelstände zu deuten. Nicht weil wir die Welt im rosigsten 
Lichte vor uns liegen sehen, nicht weil wir für die Schalten 
seiten unserer industriellen Entwickelung keine Augen haben, 
nicht weil wir dem Ringen des Arbeiterstandes nach einer 
Hebung seiner socialen Stellung Widerstand leisten wollen, 
bekämpfen wir die Social-Demokratie. Nicht daß die 
Social-Demokratie helfen'will, sondern die Art und Weise 
wie sie helfen will, weckt unsern Widerspruch. Die Mittel, 
womit sie helfen und heilen will, werden von uns verworfen, 
weil wir in ihnen keine Hilfe, sondern nur eine Quelle neuen 
und größeren Verderbens für die ganze Gesellschaft erblicken. 
Die Krankheit, an der unsere Gesellschaft leidet, wird nicht 
in Abrede gestellt, und wenn wir über die sociale Frage 
reden oder schreiben, legen wir die Krankheitsursachen und 
6*
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        84 IV. Die socialen Nothstände u. die Soc.-Dcuiolratie. 
Erscheinungen offen blos. Aber die sociale Krankheit zu 
heilen müssen wir der Social-Demokratie jedwede Fähigkeit 
absprechen, von allem Anderen abgesehen schon aus dem 
einfachen Grund, weil sie anstatt von Innen heraus, durch 
Mittel, welche neues Blut und gesunde Säfte erzeugen, den 
socialen Schaden zu turircn, aus rein mechanischem Weg 
durch Aenderuug der bloßen Gesellschaftsform des Uebels 
Herr werden zn können glaubt. Wenn die Social-Demokratie 
den Egoismus an den Pranger stellt und ihn die Haupt 
ursache der socialen Krankheit nennt, so ist dies einer der 
seltenen Fälle, da wir uns mit ihr in Uebereinstimmung 
wissen. Sie Übersicht aber dabei, Laß ganz derselbe Feind, 
der einem Aller Wohlergehen fördernden friedlichen Zusammen 
wirken der GeseUschaftsgliedcr im Wege steht, zllm Mindesten 
in gleicher Stärke in ihren eigenen Gebeinen wühlt, und 
auch unter ihrem Dache seinen Thron aufgeschlagen hat. 
Noch mehr aber übersieht sic, daß der Egoisnlus im Menschen 
nicht in den Kleidern sitzt, die man blos zu wechseln brauchte, 
um seiner los zu werden, sondern daß er mitten in der 
Werkstätte des menschlichen Begehrens, Wollens und Han 
delns seinen Sitz hat, und von dort ans den Menschen 
dirigirt. Wird er nicht aus dem Inwendigen des Mcnschell 
ausgetrieben, dann wandert er aus dem alteil zertrümmerten 
Hans in das neu erbaute, aus der alten zerschlagenen Ge 
sellschaftsform in die neu geschaffene ganz sicherlich mit ein, 
und wird hier wie dort, nachher wie vorher dieselben Zer 
störungen anrichten. Bergißt man das neue Hans auch 
mit neuen Menschen zu bevölkern, dann wird es dem socia 
listischen Zukunftsstaat ergehen wie einer Republik, welcher 
die Republikaner fehlen. 
Wir haben angenommen, daß die Social-Tcillokratie die 
sociale Krankheit heilen will. Für die Gegenwart haben
        <pb n="101" />
        Egoismus. 
85 
wir hiermit zu viel gesagt. Ihr Wollen liegt noch in der 
Zukunft. Der Heilungsprozeß soll erst mit dem Anbruch 
der socialistischen Aera beginnen. Bis dahin fördert sie mit 
Borliebe und mit Borbedacht den Zerstörungsprozeß. Um 
diesen zu beschleunigen, gefällt sie sich einerseits in einer 
frevelhaften Uebertreibung der Krankheitserscheinungen, der 
socialen Nothstände, und andererseits ist sie stets geschäftig, 
alle Heilversuche, die nicht von ihr ausgehen, gesiissentlich zu 
hintertreiben, oder wirkungslos zu machen. 
Wir fasten zuerst die socialistische Kunst, die Nothstände 
zu übertreiben, in's Auge. Bei der Ergründung und Be» 
Messung des Elends in der Arbeiterklaste wird niit der 
Statistik fleißig operirt, was ganz in der Ordnung ist. Es 
wird uns niemals gelingen, ein nur einigermaßen richtiges 
und sicheres Urtheil über unsere socialen Berhältniste zu ge 
winnen, wenn wir uns nicht durch die Statistik, als dem 
unparteiischsten Zeugen, die Alkgen öffnen lasten. Dennoch 
ist sie kein Schutzmittel gegen ungeheuerliche Uebertreibungen. 
Schon bastaste hat an ihrer Hand die Kunst der Schwarz- 
n,alerei gut verstanden. Er citirt in seinem „Antwortschreiben" 
(S. 24 il. 25) aus Dieterici*) die Tabelle über das Ein 
kommen der Bevölkerung des preußischen Staats. Hiernach 
besitzen ein Einkommen 
über 1000 Thlr. '/, Procent der Bevölkerung, 
von 400 bis 1000 „ 3'/. 
.. 200 „ 400 „ 7''/. 
„ 100 „ 200 „ 16'/, 
von unter 100 „ 72'/. » „ 
Diese statistische Zusammenstellung hat ihre volle Richtig- 
*) rieterici, Mittheilungen des statistischen Bureaus, 
Jahr 1851, Band IV. p. 226.
        <pb n="102" />
        88 IV. Die socialen Nothstände u. die Soc.-Demokratie. 
leit. Aber er fährt dann fort: „Und dieses Einkom- 
„ nt eil fällt auf den klassensteuerpslichtigen Kopf der Bevölke 
rung, welcher nach Dieterici's Annahme durchschnittlich eine 
„Familie von fünf Personen repräscntirt, fällt also durch- 
„schnittlich auf eine Familie von fünf oder mindestens 
„über drei Personen." 
Sieht man nun der Sache nicht genau auf den Grund, 
dann müssen einem bei einer solchen Größe und Ausdehnung 
des Elends die Haare zu Berge steigen. Die Uebertreibung 
steckt aber in der so einfach lautenden Folgerung: „Dieses 
Einkommen fällt also durchschnittlich aus eine Familie." 
Es wird also von Lassalle gefolgert und behauptet, daß 
72'/* Proceut aller Familien von je einem Einkommen unter 
100 Thalern leben müßten, daß überhaupt alle in die ver 
schiedenen Stenerstufen Eingeschätzten lauter Familienvorstände 
seien. Dieser, die Armuth vergrößernde Trugschluß, findet 
in einer auf derselben Seite behufs Berechnung der durch 
schnittlich ans eine Familie kommenden Personen gegebenen 
Note seine Widerlegung. Dort heißt es: „In Preußen 
„gab es 1850 bei 16,331,187 Seelen 3,181,968 Familien. 
„Steuerpflichtige gab es danials 4,950,454 Personen." 
Lassalle unterläßt es, die Zahl der Familien mit der Zahl 
der Steuerpstichtigen näher zu vergleichen. Ein solcher Ver 
gleich gibt aber der Nothlage in Preußen ein ganz anderes 
Gepräge. Denn der Ueberschuß von 1,768,486 Steuer 
pflichtigen weist uns eben so viel Einzelsteuernde auf, die 
keine Familienvorstände sind, deren Einkommen also nicht 
zur Subsistenz einer Familie dienen und ausreichen muß. 
Mit verhältnißmäßig wenigen Ausnahmen sind die Einzel- 
steuernden in der untersten Steucrstufe veranlagt, stecken also 
in den 72'/* Procent der Bevölkerung mit einem Einkommen 
unter 100 Thlr. Auf der untersten Stenerstufe hatte die
        <pb n="103" />
        Mißbrauch der Statistik. 
87 
Klaffensteuer in Preußen bis vor Kurzem den Charakter 
einer Kopfsteuer beibehalten. Denn es wurden auf dieser 
Stufe, sobald in einer und derselben Haushaltung mehr als 
eine Person im Alter von 16 —60 Jahren sich befand, zwei 
Personen, z. B. Mann und Frau, oder Vater und Sohn, 
auch wenn eine derselben durchaus kein selbstständiges Ein- 
kommen hatte, mit dem niedrigsten Steuersatz veranlagt. 
Weiler gehören zu den in die unterste Steuerstufe eingeschätzten 
Einzelsteuerndeu alle gewöhnlich gelohnten Dienstboten, das 
männliche und weibliche Gesinde, sowie alle unselbst 
ständigen Personen über 16 Jahren, welche theils um zu 
erwerben, theils um zu lernen sich außerhalb des elterlichen 
Hauses aufhalten. 
Wie groß die Zahl der in der untersten Steuerstufe ein* 
geschätzten Cinzelnsteueruden ist, ersehen wir deutlich aus den 
preußischen Steuerlisten vom Jahr 1872.*) Bei einer 
tlassensteuerpflichtigen Bevölkerung von 21,405,916 Seelen 
waren zur Klassensteuer veranlagt 7,810,119 Personen. 
Davon kommen auf die unterste Stufe 5,055,067 Personen. 
Zu diesen gehören an Einzelstcuernden: 
1. Familien mit zwei steuerpflichtigen Personen 1,592,150 
2. gewöhnlich gelohntes Gesinde 1,198,193 
3. unselbstständige Personen 127,094 
mithin Einzelsteuernde 2,917,437 
Mithin sinkt die Zahl der auf der lmtersten Stufe 
eingeschätzten Familien von 5,055,067 auf 2,137,630 herab. 
Vaffalle hat also durch die Annahme, daß lauter Familien 
auf der untersten Stufe veranlagt seien, die Zahl der zur 
ärmsten Bolksklasse gehörigen Familien mehr als verdoppelt. 
Wir wollen ganz außer Betracht kaffen, daß eine Ein- 
*) Concordia 1873, 35.
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        88 IV. Die socialen Nothstände u. die Soc.-Demokratie. 
schätzung aus der untersten Stufe das Vorhandensein eines 
Einkommens über 100 Thalern keineswegs ausschließt. Aber 
die ganze Zahl der zu dieser Stufe gehörenden Einzelstenern, 
den, namentlich die über eine Million zählenden Dienstboten 
und die Hunderttausend unselbständigen Personen zum Prole 
tariat zu zählen, ist gänzlich unstatthaft, da die besitzende 
Klasse in Stadt und fanb ein nicht unbedeutendes Konti,,, 
gent zu der Dienftboten-Armee stellt, und die unselbständigen 
Personen, die Lehrlinge und Schüler über 16 Jahren ver. 
schiedcnen Volksklassen angehören. 
Es ist also eine Uebertreibung um mehr als das Doppelte, 
wenn Lassalle die Stärke der niedersten Volksklasse und ihr 
Verhältniß zu den übrigen Klassen auf 72'/* Procent be. 
rechnet. Tie ans Dieterici ausgezogene Tabelle gibt uns 
über die Stärke des Proletariats, über die Zahl der niedrigsten 
und ärmsten Vollsklasse keinen Aufschluß, da die 72'/. Procent 
der untersten Steuerstufe durch die Zusammensetzung ver- 
schiedener in ihrem Besitzstand keineswegs gleichen, sondern 
höchst ungleichen Elemente gewonnen werden. 
Reduciren wir auch die Zahl der nach Lassalles An 
nahme in die unterste Steuerstufe aufgenommenen Fainilien 
um mehr als die Hälfte, so bleibt die unterste Volksschicht 
doch immer noch breit genug, um dringende Veranlassung 
zu haben, auf Mittel und Wege zu deren materiellen Hebung 
zu sinnen. Wir wollten ja auch nicht das Vorhandensein 
eines Proletariats und die Berechtigung einer socialen Frage 
bestreiten, sondern nur den Nachweis liefern, wie schon 
Lassalle die Stärke und Ausdehnung des Proletariats zu 
übertreiben verstanden hat. 
Es wird die Socialdemokratie den Lassalle'schen Fehler- 
wohl niemals korrigiren. Sie hat ein Interesse daran, die 
Ausdehnung des Proletariats nicht möglichst gering, sondern
        <pb n="105" />
        Nahrnngslose Lohnarbeit. 
89 
möglichst groß erscheinen zu lassen. Das Eine wie das 
Andere ist eine höchst bedenkliche Operation. Wir müssen 
den Muth haben, unsere socialen Schäden an der Hand der 
Statistik in ihrer ganzen Stärke rücksichtslos blos zu legen; 
mir müssen uns aber alich vor dem Frevel der Uebertrei 
bung hüten, dessen sich die Socialdemokratie schuldig macht. 
Welche Rolle spielen die 72'/* und mit Zuzählung aller 
derer, die mit einem Einkommen bis zu 400 Thalern ein 
geschätzt sind, die 96'/* Procent bei der persönlichen, bei 
der fliegenden Agitation! Wie vielfach wird dieses Thema 
variirt und zu den krassesten Elendschildernngen verwendet! 
..Das Volk hungert" ist zu einem Axiome im Lehrbuch der 
Social-Demokratie geworden. Zu einer Zeit, da die Arbeits 
löhne noch nicht im Fallen, sondern im Steigen begriffen 
waren, unter dem 11. April 1873 schreibt der „N. So 
cialdemokrat" (1873, 43) anläßlich einer Osterbctrachtung: 
„In der langsamen Erweiterung deS menschlichen Geschlechts 
„zu immer höherer Vollkommenheit, einer Entwickelung, vor 
„welcher bereits trotz alles Sträubens der Machthaber Skla- 
„verci und Leibeigenschaft fielen, liegt die Bürgschaft dafür, 
„daß endlich auch die letzte der Fesseln, die nahrungslose 
„Lohnarbeit, zerbrochen wird." Zu einer Zeit reichen Ber- 
dicnstes für jede Arbeit entblödet sich die socialistische Presse 
nicht, von einer nahrungslosen Lohnarbeit zu reden! 
Einige Monate später, unter dem 25. Juni schreibt das- 
selbe Blatt (1873, 71) „Zum Gedächtniß der Juni- 
kämpfer" : 
„Brod oder Blei" — so riefen die Arbeiterschaaren 
„zu Paris, als sie in der Nacht zum 23. Juni durch die 
„Straßen auf ihre Posten zogen, um am folgenden Morgen 
„Blei zu empfangen und auszusenden, da die verrätherische 
„Bourgeoisie ihnen das Brod verweigerte.
        <pb n="106" />
        90 IV. Die socialen Nothstände u. die Soc.-Demokratie. 
„Brod oder Blei" — diese inhaltsschweren Worte, wie 
„oft werden sic noch ertönen? — Wer könnte das voraus- 
„ verkünden? — 
„Aber wie ein Alp liegt es jetzt nach fünfundzwanzig 
„Jahren auf der Menschheit. — Ja, noch immer kein 
„Brod! Noch immer kein Brod! 
„Noch immer lastet das eherne Lohngesetz auf dem 
„arbeitenden Bolle, welches trotz alles krampfhaften Ringens 
„chm nur die kärgste Lebensnothdurft läßt und von Zeit zu 
„Zeit die Geißel des Hungertyphus mit wuchtigen! Schwünge 
„auf den Rücken des gefesselten Riesen fallen läßt." 
Also noch immer kein Brod! für ..das arbeitende Boll" 
zu einer Zeit, da die Geschäfte noch nicht stockten, reichliche 
Arbeit vorhanden und der Lohn reichlich bemessen war! Es 
gehört die ganze Schamlosigkeit einer social-demokratischen 
Agitation dazu, von „nahrungsloser Lohnarbeit" zu reden, 
zu Zeiten eines flotten Geschäftsgangs über Brodmangel 
beim arbeitenden Volk ein Jammerlied anzustimmen. Oder 
faßt vielleicht die Social-Demokratie den Begriff „Brod" 
weiter als wir? Wir sind der Meinung, wenn der Mensch 
alles das hat, oder durch seine Arbeit erwerben kann, 
„was zur Leibes-Nahrung und Nothdurft gehört", dann 
fehlt es ihm auch nicht an „Brod". Gehören aber nach social 
demokratischen Anschauungen etwa „Austern und Champag 
ner" auch noch zum Begriff „Brod", dann ist die Klage 
„sein Brod für das arbeitende Bolt" freilich keine Ueber 
treibung; dann verwandelt sich die Beschuldigung einer 
Uebertreibung in die Anklage einer unverantwortlichen Ver 
sündigung am „arbeitenden Bolt" welche diesem Tantalus 
qualen bereitet durch die Forderung und Heranziehung von 
„Genüssen" in das Bereich der „Lebensnothdurft", oder 
eines „menschenwürdigen Daseins", welche die Begierden
        <pb n="107" />
        Nahrungslose Lohnarbeit. 
91 
wohl wecken, aber nie, nie Befriedigung finden können. Wir 
scheinen die social-deniokratische Definition von „Brod" nicht 
unrichtig angedeutet zu haben, wenn wir die Losung hören, 
welche der Voltsstaat (1873, 61) ausgibt: „Unsere Losung 
„ ist — und wir sagen es frisch, fröhlich und frei: Cham, 
„pagner, Klavier und Kinderwagen und die son- 
„stigen schönen Dinge dieser Welt für das arbci« 
„tende Volk, und dem Volk der Nichtsthuer das Zusehen! 
„Wer von Ihnen Vergnügen daran hat, mag unsere Kinder- 
„wagen schieben!" 
Wir sind weit davon entfernt, irgend einen „Genuß" 
zu einem Privilegium einer Klaffe erheben zu wollen. Aber 
wir vertreten auch die Ansicht, daß der Mensch recht gut 
eine ganze Summe von „Genüssen" missen kann, ohne da. 
durch nur irgendwelche Einbuße an seinem „menschenwürdigen 
Dasein" zu erleiden. Wenn wir den Begriff „Brod" enger 
fassen und nur das, was zu des „Leibes Nahrung und Noth. 
durft" gehört, ihm zuzählen, so soll damit nur die Grenze ange- 
geben sein, an welcher die Berechtigung zur Klage über „Hunger" 
aufhört. Nicht wollen wir aber damit auch zugleich die 
Linie ziehen, die der Arbeiterstand in seiner Lebenshaltung 
nie überschreiten dürfe, unterhalb welcher er stets gebannt 
bleiben müsse. Wir finden es ganz in der Ordnung, wenn 
die Arbeiterklasse nach einem solchen Maß von Wohlergehen 
strebt, das über jene Grenze hinausgeht, und auch Dinge 
in den Bereich ihres Bedürfnißkreises zieht, welche mit einer 
Befriedigung der Lebeusnothdurft nichts zu schaffen haben, 
vielmehr dazu dienen, das Leben nicht nur zu erhalten, 
sondern auch in vernünftiger und sittiger Weise zu verschö 
nern. Aber dem Arbeitcrstand „Hunger" andichten, so 
lange ihm noch Genüsse versagt bleiben, welche anderen zu 
gänglich sind, das charakterisirt das frevelhafte Spiel, wel-
        <pb n="108" />
        ,92 IV. Die socialen Nothstände n. die Soc .Demokratie. 
ches die Social-Demokratie mit den Nothständen der Arbei 
terwelt treibt. 
Der „N. Social-Demokrat" erzählt in Nr. 13, 1874 
feie Geschichte einer 75jährigen Frau, die 27 Jahre lang in 
einem guten Hause und später 6 Jahre lang in einem an 
dern Hause Dresdens gedient hat und nun an ihrem Le 
bensabend in einer elenden Bodenkammer wohnen nnd äußer- 
einigen geringen Unterstützungen durch Handel mit Streich 
hölzchen ihren Unterhalt erwerben muß. 
Es ist recht so, wenn die einzelnen Fälle socialen Elends 
dem Publikum in ihrer nackten Wahrheit vor die Augen 
geführt werden. Wie weit die Geschichte jener alten Frau 
auf Wahrheit beruht, lassen wir dahin gestellt sein. Auf 
fallend ist uns, daß der „N. Social-Demokrat" seiner son 
stigen löblichen Gewohnheit gemäß nicht auch zugleich den 
Nanien jener grausamen Herrschaft publicirt, welche ihre alte 
Magd im Stich gelassen. Wir geben zu, daß solche Fälle 
von Pflichtvergessenheit und Lieblosigkeit vorkommen. Aber 
was macht die Social-Demokratic ans dem erwähnten Fall? 
Sie stempelt ihn rasch zur Regel und schreibt: 
»Dieser Fall der Noth, er ist nur ein Symptom deS 
„gesammtcn socialen Elends. Es ist nicht die Ausnahme, 
„sondern die Regel, welche von ihm bezeichnet wird. In 
„einer Gesellschaft, wo die Fabrikanten stolz sind ans ihre 
„wohlgenährten Kutschpferde, aber sich den Teufel scheeren 
„um ihre halbverhungerten Arbeiter, wo der Reiche eines 
„kranken Hundes halber nach dem Thierarzt schickt, dem 
„kranken Bettler aber die Thüre weist, in einer Gesellschaft, 
„wo solches eine naturgeniäße Folge ihrer Grundsätze ist, da 
„sind Einzelfälle des Elends, wie der erwähnte, das Spiegel- 
„bild der ganzen Gesellschaft." 
So wird der einzelne Fall einfach generalisirt, um zu
        <pb n="109" />
        Schwelgerei. 
'J.'i 
einer Berurtheilung der Grundsätze der ganzen Ge 
sellschaft die Unterlage zu gewinnen. 
Eine Zeichnung unserer heutigen Gesellschaft bringt der 
„N. Social-Demokrat" (1873, 1) mit den zwei Strichen 
fertig: „Wenige Prassende, viele Nothleidende, das ist 
das Bild, welches sie darbietet." Eine mittlere Schicht von 
solchen, welche nicht prassen, aber auch nicht Noth leiden, ist 
für den „N. Social-Demokrat" demnach gar nicht vorhanden. Er 
theilt die Gesellschaft in zwei an Ausdehnung sehr ungleiche 
Lager; in dem kleineren herrscht der Uebersluß, während im 
anderen das „Bolk" am Hungertuche nagt; „Champagner 
und Austern schlürfen die „Volksvertreter" während das 
Bolk hungert und im Elende darbt", schreibt der „N. So 
cial-Demokrat" (1874, 10) mit einer Schamlosigkeit, die 
ihres Gleichen sucht und auch nicht ihre Entschuldigung 
findet in der höhnenden Zeitungsnotiz „daß der Inhaber 
des Reichstagsbusfets Angesichts des Ausfalls der Wahlen 
einer bisher stark vernachlässigten Kategorie von Flüssigkeiten 
gesteigerte Aufmerksamkeit zugewandt haben soll." 
Auch in der Poesie spielt der Hunger in gewohn 
ter Uebertreibung eine Rolle. Wir finden z. B. in dem 
Liede: „Frisch ans Kameraden" folgende Strophe: 
„WaS nützet uns Bildung. Gesittung und Kunst? 
„Wir können uns dessen nicht freuen! 
„Für uns ist daS Alles nur eitler Dunst, 
„Und die Neichen nur die sind die Freien. 
„Für uns wird die Freiheit erstickt durch den Fluch, 
„Der uns Arbeiter fesselt am Hungertuch."*) 
Wie der „N. Social-Demokrat" den Hunger mtb seine 
Folgen dem „arbeitenden Bolk" vor Augen malt, um es 
um das Banner Lassalle's zu schaaren, beweist uns ein den 
*) Neuestes Proletarier.l'iederbuch von Joh. Most. p. 14.
        <pb n="110" />
        IV Die socialen Nothstände u. die Soc.-Demokratie. 
Hungertyphus in Berlin besprechender Leitartikel (1873, 28). 
Dort heißt es: 
„In den letzten zwei Wochen sind in der Berliner Cha- 
„ rite achtzehn — sage achtzehn Fälle von Hungertyphus nachgc- 
„ wiesen worden, von welchen fünf bereits einen tödtlichen 
„Ausgang hatten." 
„Die Sachlage ist bitter ernst, denn diese zunächst ver- 
„einzeltcn Fälle der verhängnißvollen Krankheit im gegen- 
„wärtigen Augenblick sind nichts weiter, als die Borposten 
„der großen Scuchenarmee, welche sofort sich über die Arbci- 
„terklasse ergießen muß, wo die schwindelhaften Untcrnehmun- 
„gen des heutigen Tages zusammenbrechen und eine Krise 
„und Arbeitsstockung erzeugen, welche ihres Gleichen suchen wird." 
„Arbeitendes Boll, es gilt darum, daß Du Dich zu- 
„sammenschaarst, daß Du das Banner Lassalle's erhebst! Er- 
„mannst Du Dich nicht bei Zeiten, dann schaue dort die 
„drohende Geißel, die dich züchtigen wird, den Hunger- 
„typhus." 
Selbst dem „Volksstaat" geht diese Uebertreibung und 
Ausbeutung des Elends zu Parteizwecken zu weit. Er 
nennt (1873,21) diesen Leitartikel „einen wuthschnaubenden 
Erguß über Hungertyphus inc bekannten nicht fuselsreien 
Rinaldo-Rinaldini-Styl, welcher Erguß jeden Spießbürger 
vom Kops bis zu den Füßen mit einer Ganshaut bedecken 
muß." 
Das rechte Licht über den Hungertyphus - Erguß ver 
breitet uns eine Vergleichung mit dem Annoncentheil der 
selben Nummer, welche jenen Leitartikel enthält. Dort fin 
den wir nicht weniger als fünf Einladungen an die Arbeiter 
zu Ball, Concert und anderen Belustigungen in verschiedenen
        <pb n="111" />
        Hungertyphus. ; 
í»:&gt; 
Städten, was zu dem Schreckbild des Hungertyphus wenig 
stimmen will. Gerade ein Jahr später (1874, 28 gibt 
der Hungertyphus in Berlin abermals Stoff zu einem 
Leitartikel, der mit den die Absicht verrathenden Sätzen 
schließt: 
„Aber Ihr Arbeiter, die Ihr direkt leidet mit Euren 
„Angehörigen, wollt Ihr, daß solche Zustände ewig währen? 
„Ist Eure Geistesträgheit so groß, daß sie Euch in noch 
„schlimmere Banden schlägt, als die Ausbeutungssucht des 
„gewalthabenden Kapitals? Arbeiter, wohlan, beherzigt die 
„bittere Lehre; bleibt nicht beim Anblick des Hungertyphus 
„matt und lau! Schließt Euch den Männern an, welche 
„das eherne Lohngesetz mitsammt Hunger, Pest und Elend 
„aus der Welt schaffen wollen! Folgt der Fahne von 
„Ferdinand Zaffaste !" 
Dieser Appell an die vom Hungertyphus angeblich bedroh 
ten Arbeiter hindert aber nicht, daß die in säst jeder 
Nummer des „N. Social-Dcmokrat" zu findende Annonce: 
„Porst'- Salon Rüdersdorferstraße 45, am Ostbahn- 
„hofe. Den Herren Parteigenossen zur Kenntniß: 
„Jeden Sonntag Ball. Jeden Montag und Donnerstag 
„Theatervorstellung, nachher Kränzchen. Meine gut einge- 
„ richteten Salons sind noch an gewiffen Tagen in der 
„Woche zu Bällen und sonstigen Festlichkeiten unentgeltlich 
„zu vergeben. C. Porst" nach wie vor sich an die 
Adresse der Arbeiter wendet. 
Der „N. Social-Demokrat" nennt selbst seinen Annon- 
centheil „einen Spiegel der Agitation des AUgem. deutschen 
«Arbeitervereins." Und in der That, das Bild, das er uns 
erblicken läßt, zeigt uns, zusamniengehalten mit dem Inhalt 
der an der Spitze des Blattes stehenden Leitartikel den höch 
sten Grad von Frivolität. Jst's mit dem Hungertyphus
        <pb n="112" />
        íiG IV. Die socialen Nothstände u. die Şoc.-Demokratie. 
nicht weit her, dann ist die übertreibende Schilderung der 
den Arbeitern drohenden Gefahr frivol. Hat's aber 
mit dem Hungertyphus seine Richtigkeit, dann ist die Ein 
ladung zu: „Jeden Sonntag Ball" nicht welliger frivol. 
Der durch alle Nummern des „N. Social-Demokrat" hin 
durch gehende Kontrast zwischen dem Inhalt des redaktionel 
len Theils und deut Annoncentheil stellt für jeden Denken 
den die Agitation der Social-Demokratie, wie sie in der 
Presse getrieben wird, in das rechte Licht. Dort die über 
treibende Schilderung des Arbeiterelendes und hier die sorg 
fältige Pflege der Genußsucht. Beide Wege, von denen der 
eine den anderen naturgemäß ausschließen sollte, wandelt die 
social-demokratische Agitation zit gleicher Zeit, um desto 
sicherer ihren Zweck zu erreichen, die Arbeiter ill Masse unl 
die Fahne F. Lassalle's zu schaaren. 
Auch einzelne Nothstände des Auslandes werden zu 
übertreibenden Schilderungen des Elendck verwerthet. So 
berichtet der „N. Social-Demokrat" (1874, 103) über „gräß 
liches Arbeiterelend" in London, und erzählt: „Der Parla - 
„mentsbericht über Verhungerungsfälle sammelt die officiellen 
„Mittheilungen der Leichenbeschauer. Nicht weniger als 106 
„Menschen sind danach im vorigen Jahre in London vor 
„Hunger gestorben." Gewiß eine hohe Zahl und ein trau 
riges Faktum, das uns einen Einblick in die Verhältnisse 
der englischen Riesenstadt gibt. Aber die 106 Verhungerten 
bem Arbeiterstand zuzuzählen, und sie kurzweg unter „gräß 
liches Arbeiterelend" zu rubriciren, das erlaubt sich der „N. 
Social-Demokrat" lediglich, um seinen Satz von der „nah 
rungslosen Lohnarbeit" zu illustriren, ohne hierzu auch nur 
den geringsten Anhaltspunkt zu haben. Es ist eine rem 
willkürliche Annahme, die Verhungerten als Arbeiter gelten 
zu lasten, während es höchst wahrscheinlich ist, daß nicht
        <pb n="113" />
        HuugerļyphuS. 
‘J 7 
wenige durch eigene Schuld verkomnicue Subjekte aus ver 
schiedenen Gesellschaftsklassen sich darunter befinden. Sen 
timental wird der „N. Social-Demokrat", wenn er in dem 
selben Artikel fortfährt: „Noch schrecklicher ist es, daß 14 
„Personen im Armenhause selbst vor Hunger gestorben sind! 
„Wer kann sich darüber wundern, wenn man sich daran erin- 
„nert, daß von 8 Uhr Abends bis 8 Uhr Morgens gar 
„keine Nahrung verabreicht wird und alte, schwächliche Män- 
„ner, welche die grobe, kärgliche Kost des Armenhauses nber- 
„haupt nicht verdauen können, während dieser Stunden ohne 
„alle Erfrischung bleiben." Der Zweck, woraus der ganze 
„Artikel hinausläuft, wird in den Schlußsätzen erreicht: .Die 
„Zahl derer kommt hinzu, welche durch Selbstmord aus Noth 
„endeten, und die jener Opfer der heurigen Produktionsweise, 
„die durch den Mangel eine tödtliche Krankheit erlitten, ist 
„ganz unberechenbar groß. Es ist ein Massenmord uns 
„enthüllt, ein Mafienmord durch Hunger." 
Einen weiteren Massenmord an Kindern des Proletariats 
entdeckt der „N. Social-Demokrat" in Frankreich. Er be 
ginnt einen Leitartikel (1874, 151) mit den schauerlich 
klingenden Worten: „Die Kinder des Proletariats." „Für 
„Euch ist kein Platz in der Welt" — wahrlich ein gräßliches 
„Wort ist dies, welches die moderne Gesellschaft durch den 
„Mund des Oekonomen Malthus den Proletarier!indern 
„zuruft, welche hilflos und elend das Licht der Welt erblicken." 
Es wird sodann mitgetheilt: „Schon im Jahre 1868 wies 
„der Dr. Brochard in einer voir der Akadeniie der Wissen - 
„schäften preisgekrönten Broschüre nach, daß jährlich mehr als 
„100,000 Säuglinge vor Hunger und Elend zu Grunde 
„gingen. Das Uebel hat seitdem nur noch größere Dimen- 
„sionen angenonlnien. Bon den circa 55,000 alljährlich in 
„Paris geborenen Kindern stirbt die Hälfte vor volleitdetem 
Schulter, Die bociat-Demotratir. 7
        <pb n="114" />
        98 IV. Die socialen Nothstände u. die Soc.-Demokratie. 
„vierten Lebensjahr; in ganz Frankreich stirbt ein volles Füm- 
„tel aller neugeborenen Kinder vor Vollendung des ersten Le 
bensjahres." Als Ursachen dieser erschrecklichen Kindersterb- 
lichkeit werden angegeben „das Streben der jungen Mädchen 
„im Arrondissement Chinon, möglichst schnell in die Lage zu 
„kommen, um als Ammen fungiren zu können. Haben sie 
„einen Dienst absolvirt, so kehren sie in ihr Dorf zurück und 
„dieselbe Procedur beginnt von Neuem." Ihre Kinder über 
geben sie Wärterinnen, „bei denen die Hälfte ihrct Pfleg- 
„linge binnen kürzester Frist dahinstirbt. Noch schlimmer aber 
„sind die „nourrices sèches“ (trockene Ammen) genannten 
„Weiber, die ihr mörderisches Handwerk bei den ihnen von 
„den ärmeren Frauen der Pariser Arbeiterbevölkerung über- 
„gebenen Kleinen, den sogenannten pctits-Paris — Jung- 
„Paris —, ausüben. Dank ihrer rafsinirten Methode beför 
dern sie mehr denn 70 Procent ihrer „Pfleglinge" aus bev 
„Welt, ohne daß man ihnen den direkten Mord nachzuweisen 
„vermöchte." Bei diesem schauerlichen Nachtgemälde haben 
wir nur das Eine zu korrigiren, daß das sogenannte „Jung- 
Paris" nicht wie der „N. Social-Demokrat" in tendenziöser 
Absicht angibt, aus Kindern „ärmerer Frauen der Pariser 
Arbeiterbevölkerung" besteht, sondern vorzugsweise aus den 
in Paris so zahlreichen „Kindern der Liebe" gebildet wird, 
deren unnatürliche Mütter allen Ständen angehören und 
sich angelegen sein lassen, die unwillkommene Frucht der Liebe 
durch den furchtbaren Dienst der sogenannten „Engelmache 
rinnen" möglichst rasch verschwinden zu lasten. Natürlich 
durfte von diesem Umstand, von dieser tiefsten moralischen 
Korruption unser Blatt keine Notiz nehmen, es wäre sonst 
der Zweck, sociales Elend zu zeichnen, vereitelt worden und 
der erste Satz des Leitartikels: „Die Kinder des Proleta 
riats." „Für Euch ist kein Platz in der Welt!" hätte An-
        <pb n="115" />
        Massenmord an Kindern des Proletariats. 99 
gesichts der wahren Sachlage um der frevelhaften Ueber 
treibung willen dein Verfasier jenes Artikels doch die Scham- 
röthe ins Gesicht treiben müssen. Die geschilderten Zustände 
enthüllen uns eine grauenhafte moralische Korruption 
der Pariser Bevölkerung. Der „N. Social-Demokrat" gibt 
diesem Nachtgemälde die Unterschrift „sociales Elend". 
Er kann und darf nicht anders, da er ja die sittliche Hal 
tung des Menschen als Quelle zahlreichen Elends, wie wir 
oben gesehen haben, kurzwegleugnet. Die Noth und nur die 
Noth trägt nach ihm an Allem die Schuld, an der Züchtungvon 
Ammen im Arrondissement von Chinon nicht weniger, wie 
an dem grausamen Handwert der Pariser „Engelmacherinnen." 
Daher lauten die Schlußsätze: „Solange die äußerste Noth 
„noch Mütter (die Mädchen von Chinon!) zwingt, die Ge- 
„fühle der Natur hintenan zu setzen und den Kindern der 
„Reichen die Pflege zuzuwenden, welche den eigenen Kindern 
„gebührt, solange ist nicht durch Zwangsmaßregeln irgend 
„etwas dagegen zu machen. Und nicht blos in Frankreich, 
„auch in England, in Deutschland, in allen sogenannten 
„Kulturländern springt uns derselbe Abscheu und Mitleid er- 
„regende Zustand in die Augen — ein Massenmord, vcr- 
„übt an unseligen Kindern des Proletariats!" 
Also in Deutschland ebenso, wie in Frankreich! Auch 
bei uns Ammenfabriken und gewerbsmäßige Engelmacherin 
nen! Warum holt sich dann der Verfasser des Leitartikels 
die Farben zu seinem Nachtgemälde aus weiter Ferne und 
nicht aus unmittelbarer Nähe, wenn in allen Kulturländern 
dieselben verpesteten Zustände vorhanden sind? Der Luft- 
sprung nach Deutschland durste nicht unterbleiben, sonst wäre 
der Schlußsatz, der die Pointe des Ganzen bildet, für die 
deutschen Arbeiter effektlos geblieben: „Wen so herzzer- 
„reißende Gräuel nicht bekehren von den Lehren der modernen 
7»
        <pb n="116" />
        100 IV. Die socialen Nothstände u. die Soc..Demokratie. 
„Nationalökonomie, wer nicht da begreift, daß der Staat und 
„die Gesellschaft höhere Pflichten haben, als dein Kapital den 
»Weg zu freien, Schalten und Walten zu öffnen, wen da 
„das nlenschliche Mitgefühl nicht zum Socialismus führt, der 
»muß einen Kieselstein im Busen tragen." Ergo, die Noth 
stände werden in frevelhafter Uebertreibung ausgebeutet, um 
Propaganda für den Socialismus zu machen. 
In gleicher Weise werden von der socialistischen Vokal- 
presse die Nothstände traktirt. Die „Süddeutsche Botts- 
Zeitung" bespricht (1875, 2) „die Kindersterblichkeit in 
Württemberg resp. in Stuttgart" auf Grund einer Schrift 
des praktischen Arztes Dr. Burkart „die Sterblichkeitsver 
hältnisse Stuttgarts im neunzehnten Jahrhundert." Es ist 
Thatsache, daß Württemberg den traurigen Ruhm hat, die 
größte Kindersterblichkeit in Europa zu haben. In einzelnen 
Bezirken, z. B. am südlichen Albabhang stirbt die 
Hälfte der Neugeborenen im ersten Lebensjahr, in den übri 
gen Bezirken ein Drittel mit Ausnahme von Hohenlohe, 
welches mit ein Viertel der Kindersterblichkeit am Besten 
situirt ist. Mit Hinzurechnung der Todtgeborenen erreicht 
die Kindersterblichkeit im ersten Lebensjahr in Stuttgart die 
Höhe von 19,7 Procent. Es ist gewiß der Mühe werth, 
den Ursachen einer solchen Abnormität nachzuforschen. Dr. 
à-kart thut dies in sachgemäßer tendenziöser Weise. Er 
übersieht nicht die socialen Verhältnisse, und weist aus die 
ungünstigen Lebcnsverhältttissc der Frauen als mitwirkend 
Ursache hin, welche den Frauen es unmöglich niachen, wäh 
rend der Schwangerschaft sich die nöthige Pflege und Ruhe 
zu verschaffen und auch den neugeborenen Kindern die nöthige 
Pflege angedeihen zu lassen. Das Auge des Arztes sicht 
aber weiter. Es entdeckt noch andere Ursachen, die nicht 
den socialen Verhältnissen entspringen. Aber mag auch der
        <pb n="117" />
        Lindersterblichkeit in Württemberg soi 
Arzt auf die constitutionelle» Anomalien dec Müt 
ter, aus Krankheiten derselben wie Slphilis, Skrophu- 
lose und Schwindsucht Hinweisen; mag er die Roh 
heit der Männer betonen, welche den Frauen bis zu den 
letzten Stunden der Niederkunft Zwangsarbeit auferlegt; 
mag er ausdrücklich betonen: „die Hauptursache liegt in dem 
immer Seltenerwerden des Säugens", das beiden 
höheren, wie bei den niederen Ständen immer weiter ein 
reißt; mag er auch erwähnen: „Andere säugen zwar ihre 
„Kinder, wenn sie gerade nach Hause kommen, für die übrige 
„Zeit steckt mau den Kindern einen Schlozer in den Mund, 
„gleichgültig, ob derselbe sauer ist, oder ob er mit anderen 
„schädlichen Stoffen getränkt ist. Tie Frauen selbst gehen in 
„die Fabriken oder an ihre sonstigen Geschäfte, und denken 
„nicht im Entferntesten daran, irgend welche diä- 
„tetische Vorschriften zu beobachten, welche wäh- 
„rend des Stillens nothwendig sind"; mag der Um 
stand, daß bei der reichen Bauernbevölkerung am südliche» 
Albabhang die größte Kindersterblichkeit anzutreffen ist, ganz 
besondere Beachtung bei der Beurtheilung verdienen; mag 
endlich auch für Württemberg es noch unerforscht sein, in 
welchem Verhältniß die Kindersterblichkeit der niederen Klaffen 
zu derjenigen der höheren Stände steht — alles, alles dies 
fällt bei den Gelehrten der „Süddtsch. Volks-Ztg." nicht 
in's Gewicht. Für alle nicht in den socialen Verhältniffen 
liegenden Ursachen haben sie kein Auge. Die ausgezählten 
Ursachen hindern sie nicht an dem Urtheil: „Die Noth und 
„Armuth, die Ueberanstrengung, die dadurch entstehende Roh- 
„heit der Männer, die schlechten und theuren Wohnungen, 
„(Burkart spricht von den sehr hoch gelegenen Wohnungen) 
„die mangelhafte Pflege der Kinder sind die Ursache der hohen 
„Stcrblichkeilsziffer." So ist denn der beabsichtigte Zweck
        <pb n="118" />
        102 IV. Die socialen Nothstände u. die Soc.-Demokratie 
erreicht, das von der „Süddtsch. Volks-Ztg." gegebene Re 
sumé bürdet die große Kindersterblichkeit Württembergs aus 
schließlich den Schultern des Proletariats auf und stellt sie 
dar als eine Folge unserer socialen Verhältnisse, als eine 
Folge der Roth. Somit hat die Social - Demokratie auf 
diese Weise einen neuen Beleg gewonnen resp. fabricirt für ihr 
Axiom: Die Gesellschaft trägt die Schuld an allem vor 
handenen Elend. 
So springt die Social-Deniokratie mit den Nothständen 
um, damit sie, und darauf kommt es ihr hiebei ausschließlich 
an, reichliches Kapital für den Socialismus aus denselben 
schlagen kann. 
Wir haben die planmäßige Uebertreibung an genug Bei 
spielen illustrirt. Das Bild wird aber erst vollständig, wenn 
wir auch das Verhalten der Social-Demokratie gegenüber der 
für die Nothstände sich darbietenden Abhülfe prüfen. 
Die sociale Frage stellt an alle Gesellschaftsklassen die 
Anforderung, an der Heilung socialer Schäden in sclbstver- 
leugnender und aufopfernden Weise mitzuarbeiten. Wir 
sind wohl vom Ziele, von einer Lösung der socialen Frage, 
um diesen landläufigen Ansdruck zu gebrauchen, noch weit 
entfernt, und stehen noch vor niancher schweren Aufgabe, 
deren Bewältigung in dem Maße mehr Zeit und Ge 
duld in Anspruch nimmt, als sie weniger ans dem mate- 
teriellen, sondern mehr auf bent geistigen Gebiet liegt, 
daher ihr auch weniger durch äußere Einrichtungen und 
Gesetze, als vielmehr durch Regeneration der sittlichen Be 
griffe und durch Erzeugung eines neuen geistigen Kapitals 
gedient ist. Doch darf nicht übersehen werden, daß die 
sociale Frage sich in letzter Zeit gegen früher mehr in den 
Vordergrund gestellt hat, und daß manche der von ihr 
geforderten Arbeiten theils in Angriff genommen, -theils auch
        <pb n="119" />
        Staatliche Gesetzgebung. 
103 
schon mit gutem Erfolg durchgefühlt sind. Es mutz aner 
kannt werden, daß man die sociale Frage heute doch richtiger 
würdigen gelernt hat und auch an ihre Aufgaben mit mehr 
Berständniß, Eifer und Liebe herantritt. 
Bon besonderer Bedeutung ist die Stellung, welche die 
staatliche Gesetzgebung zur socialen Frage eingenommen hat. 
Das Princip der Nichtintervention des Staates ist glücklich 
überwunden; die Anhänger des „laissez faire et passer“ 
auf dem Gebiete des gewerblichen Lebens sind unter den 
Oekonomen heute bedeutend in der Minorität, und der Staat 
hat bereits angefangen, in seiner Gewcrbegesetzgebung der 
Industrie eine Ordnung zu geben, welche die Jntereffen aller 
bei ihr Betheiligten gleichmäßig zu wahren bestimmt ist. 
Der Staat stellt amtliche Erhebungen an über die faktischen 
Zustände, uni zur Fortsetzung der begonnenen Gesetzgebungs- 
arbeiten das nöthige Material zu erhalten. Verstehen die 
Gesetzgeber bei ihrer Arbeit die nöthige Objektivität sich zu 
wahren und das Jnteresie der Gesammtheit maßgebend sein 
zu lasten, und wird der Arbeiterwelt, namentlich den von 
keiner Parteileidenschaft eingenommenen, und von keinem 
Parteiinteresse geleiteten Arbeitern Gelegenheit geboten, über 
die sie so nahe berührenden Fragen auch ihren Anschauungen 
einen Ausdruck zu geben, dann dürfen wir uns einen er 
sprießlichen Erfolg von der staatlichen Intervention ver 
sprechen. 
Während allseitig die Betheiligung deS Staats bei der 
Regelung des industriellen Lebens willkommen geheißen und 
gefordert wird, ist die Social-Demokratie verdrießlich darüber. 
Ihr Princip duldet es nicht, die Allianz des jetzigen Staates 
im socialen Kampf anzunehmen. Sie proklamirt zwar die 
„Staatshilfe", meint aber damit die Hilfe des socialistischen 
Zukunftsstaats, in welchem die Gesetzgebung ausschließlich von
        <pb n="120" />
        104 IV. Die socialen Nothstände u. die Soc.-Demokratie. 
ihren Vertretern beherrscht sein wird. Anläßlich einer von 
Fritz Mende an die deutsche Regierung gestellten Aufforde 
rung, „aus den vorhandenen Kriegsentschädigungsgeldern eine 
Nationalbank zu gründen, zum Zweck der Gründung von 
Produktivarbcitergenossenschaftcn nach de» Principien Ferdinand 
Lassalle's" spricht sich der „N. Soc.-Demokrat" (1671, 59) 
über seine Stellung zum gegenwärtigen Staat mit voller 
Deutlichkeit und Offenheit miß. Er schreibt: 
»Gs kann gar kein Zweifel darüber obwalten, daß Vassalle's 
„Staat der Zukunft und das gegenwärtige „Deutsche 
„Reich" himmelweit verschiedene Dinge sind, trotz des allge- 
„ meinen Wahlrechts für den Reichstag. 
«Vassalle will eben, daß das Volk erst zur Erkenntniß 
»kommen soll; er will, daß erst die Mehrheit des Parlaments 
„aus Ar be it er Vertretern bestehen soll, und daß dann 
„dieses Parlament an der Spitze der Mehrheit des Volks 
«eine solche Machtentfaltung zeigen soll, daß die reaktionäre 
„Regierung sich vor ihm beugt. Erst dann, wenn der 
„Sieg der Volks fach e gewiß ist, erst dann soll die 
„Staatshilfe gefordert und bewilligt werden; nimmer- 
„mehr aber so lange eine reaktionäre Negierung noch exiftirt." 
In einer durch mehrere Nummern hindurchgehenden 
Polemik gegen die „Provinzialkorrespondenz" unterzieht der 
„Volksslaat ' (1672, 87) die staatlichen Maßregeln zur 
Ordnung des gewerblichen Lebens einer äußerst gehässigen 
Kritik. Er zählt zuerst die einzelnen Maßregeln auf: 
„1. die Bestimmungen der Deutschen Gewerbeordnung 
..zum Schutz der Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter; 
„2. die Beschränkungen der Sonntagsarbeit durch die 
„Gewerbeordnung; 
.,3. die Sicherung der Arbeiter gegen Gefahr für Leben 
„und t^esiindheit durch das Haftpflichtgesetz;
        <pb n="121" />
        Staatliche Gesetzgebung. 
105 
„4. die gesetzliche Beipflichtung der Baarzahlung des 
„Lohnes; 
„5. die Einrichtung von Arbeitertaffen (Knappschasts- 
„Kaffen); 
„6. die Förderung des Sparļaffenwcjens; 
„7. die Förderung von Konsumvereinen und von Ge- 
„noffenschaften für die Erleichterung des Kredit's, für die 
„Borsorge gegen Alter, Krankheit und Sterbefälle/' 
Und die Kritik lautet: 
„Und daü find die Maßregeln, die nach der Behauptung 
„der „Provinzialkorrespondenz" die „fürsorgliche Aufmerk- 
„sauìļeit" der Deutschen, speciell der Preußischen Regierung 
„für die „Arbeiterverhältniffe" beweisen sollen, und in denen 
„der „leitende (und allein richtige) Grundsatz" aus dem 
„Gebiet der ökonomischen Gesetzgebung „zum vollen Ausdruck" 
„gelangt ist! In der That, an Dreistigkeit sehlt es dem 
„„Gewissenhaften" nicht. Beredte „Zeugnisse" sind diese 
„Maßregeln freilich, und auch für die „Fürsorge" unserer 
„Regierungen, aber nicht für die „Fürsorge", welche sie dem 
„„Wohl der arbeitenden 5tlassen", sondern für die, 
„welche sie den privilegirten Klassen zuwenden! Sieben» 
„dige Beweise dafür, daß der heutige Staat sich zwar seiner 
„Berpslichtungen gegen die arbeitenden Klaffen bewußt 
„ist, daß er, präciser ausgedrückt, sich seiner Pflicht bewußt 
„ist, die Quellen, aus denen die sociale Misere entspringt, 
„zu „verstopfen"; daß aber die Regierungen der Erfüllung 
„dieser Pflicht systematisch aus dem Wege gegangen 
„sind, ulld das Wenige, was sie, durch bic Umstände ge- 
„drängt, oder aus berechnender Staatsllugheil, für die 
„Arbeiter thun mußten, nicht mit dem ernsten Willen gethan 
„haben, den arbeilenden Klaffen zu helfen, und mittelst durch- 
..greifender ökonomischer Reformen dem herrschenden Nothstand
        <pb n="122" />
        1 OG IV. Tie socialen Nothstände u. die Soc.-Demokralie. 
„ein Ziel zu setzen und Staat und Gesellschaft vor den 
„„Schrecknissen einer socialen Revolution" zu bewahren." 
Bei einer anderen Gelegenheit schreibt der „Volksstaat" 
(1872, 49): 
„Ausbeutung und Unterdrückung — etwas Anderes 
„haben die Arbeiter vorn heutigen Staat nicht zu erwarten; 
„und nur politische Kinder konnten glauben, Herr von Bis- 
„marck werde den Arbeitern etwas à la „englische Fabrik- 
Inspektoren" als Präsent überreichen; denn für eine Junker- 
legierung ist nicht einmal dieses Kraut gewachsen." 
Nur tver die principielle Stellung der Social-Demokratie 
zum heutigen Staat kennt, vermag diese Schmähungen und 
Verdächtigungen der von Seiten des Staats den Arbeitern 
sich darbietenden Hilfe zn begreifen. So sehr auch der Socia 
lismus daS antiquirte Prinzip des »laissez aller et passer“ 
bekämpft, so wäre es ihm dennoch höchst erwünscht, wenn der 
Staat der socialen Frage gegenüber sich vollständig passiv ver 
halten würde, und Alles gehen ließe, wie es geht. Denn je größer 
die Desorganisation, die Unordnung im gewerblichen Leben, 
desto günstigere Chancen sind für den Socialismus vor- 
Handen. Wo die Social-Demokratie sich dennoch an der ge 
werblichen Gesetzgebung betheiligt, da geschieht es „ausschließ 
lich zu agitatorischen Zwecken." (Volksstaat 1874, 50.) 
Aus gleichen: Grunde wird auch die seit Herbst 1872 
hcrvorgetretcne Partei der sogenannten „Äathedersocialisten" 
höchst wegwerfend behandelt. Zu ihr gehören diejenigen 
Männer, welche das Princip der staatlichen Intervention 
auch wiffcnschaftlich vertreten, und wiederum betonen, daß 
das Verhältniß der Arbeitgeber zu ihren Arbeitern und um 
gekehrt nicht durch die Bestimmungen des rechtlichen Vertrags 
erschöpft wird, sondern auch an gegenseitige sittliche Verpflich. 
tnngen gebunden ist. Durch die Arbeiten und Kongresie
        <pb n="123" />
        Kathedersocialisten. 
107 
des „Vereins für Socialpolitik" liefern die Kathedersocialisten 
der ökonomischen Gesetzgebung schätzenswerthe Vorarbeiten. 
Die Social-Demokratie hat für diese Männer nur Hohn 
und Spott. Der „N. Soc.-Demokrat" (1872, 119) nennt 
ihre Principien „heillosen Blödsinn", und urtheilt von ihrer 
Thätigkeit: „die Berge kreisen und ein Mäuschen wird ge 
boren." Der „Volksstaat" (1872, 82) schreibt über sie: 
„In kleinbürgerlichen Vorstellungen sich bewegend sind 
„diese Kathedcrsocialisten mit ihrer bornirten Philantrople 
„und vor den Folgen zurückbebenden Sintis eine schwächliche, 
„verzwergte, und obendrein sehr verspätete Ausgabe der 
„Sisinonde Sismondi, John Stuart Mill u. s. w., in 
„deren Schriften jeder Gedanke der Herrn Kathedersocialisten, 
[nur ungleich kräftiger, schärfer und entwickelter zu finden 
„ist. Der ..Kathedersocialismus" hat eben eine Brille und 
„Hämorrhoiden, wie alles deutsche „Gelehrten"»Werk. 
Neben den gesetzlichen Verpflichtungen, welche die gewerb 
liche Gesetzgebung auferlegt, bleibt den Arbeitgebern noch ein 
weiter Spielraum für die Bethätigung ihrer freiwilligen Für 
sorge für das materielle und sittliche Wohl ihrer Arbeiter. 
Eine einfache Beschränkung auf die Befolgung der gesetzlichen 
Vorschriften halten wir noch nicht für ausreichend, um den 
socialen Frieden wieder herzustellen und zu erhalten. Die 
Gesetze können unmöglich alles für die Arbeiter Nützliche und 
Ersprießliche in ihren Bereich ziehen. In der Regelung des 
absolut Nothwendigen haben sie ihre Grenze, die sie nicht 
überschreiten können. Wollte die Gesetzgebung mehr thun, 
dann würde sie zum Hemmschuh werden. Das ganze weite 
Gebiet der sittlichen Verpflichtungen bleibt von ihr unberührt. 
Hier muß sie der freiwilligen Initiative des einzelnen Arbeit 
gebers es anheimstellen, das zu thun, was je nach der 
Eigenart semes industriellen Betriebs und je nach den lokalen
        <pb n="124" />
        108 IV. Die socialen Nothstände u. die Soc -Demokratie. 
Verhältnissen im Interesse seiner Arbeiter liegt, und wozu 
selli Gewissen ihn treibt. Wir dürfen diesen Punkt hier 
nicht weiter verfolgen und nicht näher specialisiren. An 
rühmlichen Vorbildern dieser freiwilligen Thätigkeit für das 
Wohl der eigenen Arbeiter, wie der Arbeiterklaffe überhaupt, 
fehlt es uns nicht. Mit Befriedigung dürfen wir auch 
konstatiren, daß der Eifer der Nachahmung in neuerer 
Zeit in der Zunahme begriffen ist. Wir betrachten es 
allemal als einen weiteren schätzenswerthen Beitrag zur 
Lösung der socialen Frage, wenn sich die Fürsorge eines 
Arbeitgebers für seine Arbeiter durch irgend eine mit seinen 
Arbeitern vereinbarte und von ihnl getroffene Einrichtung 
neu bethätigt. 
Anders die Social-Demokraten. Zu Allein, was von 
einem Fabrikanten mehr geschieht, als gerade der Bllchstabe 
des Gesetzes ihm auferlegt, sehen sie scheel drein. Ueber 
dle Humanität eines Fabrikanten sind sie voller Spott, und 
unermüdlich in Verdächtigungen aller Art. Selbst wenn 
der Nutzen für die Arbeiter auf den ersten Blick in die 
Augen springt, versuchen sie das Unternehmen zu hinter 
treiben und die Arbeiter durch allerlei Vorspiegelungen miß 
trauisch zu niachen. Selbst die die Jahreseinnahme des 
Arbeiters wesentlich erhöhende „Gewinnbetheilignng", die in 
einzelnen Etablissements eingeführt ist, und immer weitere 
Verbreitung finden sollte, um dent Arbeiter die Ersparniß 
eines kleinen Kapitals zu erleichtern, bleibt nicht unangefochten. 
Bebel nennt sie schlechtweg einen „Schwindel" (Unsere Ziele 
S. 28.) Der „N. Soc.-Demokrat" (1872, 49) raunt 
ben Arbeitern in die Ohren: „Mit der sogenannten „Theil- 
„Haberschaft aut Geschäftsgewinn" wollen die Fabrikanten die 
„Arbeiter kirren." Der Grund solcher schnöden Verdäch 
tigungen liegt auf der Hand. Der besitzende Arbeiter ist für
        <pb n="125" />
        Humanität der Fabrikanten. 
I Oí) 
radikale Ideen nicht mehr empfänglich. Lo wird jeder einzelne 
Fall humaner Fürsorge von der Social-Demokratie begeifert 
und wirkungslos zu machen versucht. Man lese nur, was 
der „N. Soc.-Demokrat" (1873, 41) schreibt: 
„Da sind die Konsumvereine, Fabrikkrankenkasien, Arbeiter 
„Wohnungen und alle die tausenderlei Mittelchen, wodurch 
„die Fabrikanten vorgeben, die Lage ihrer Arbeiter besten: 
„zu wollen. Sehen wir sie uns genauer an, dann finde»! 
„wir wiederuin, daß alle diese Gnadenbrocken nur darauf 
„abzielen, die Arbeiter in Abhängigkeit zu bringen, sie au 
„die Scholle zu fcsielu wie Hörige, um, ohne durch Strikes 
„gefährdet zu sein, die Löhne drücken zu können. Mit einem 
„Worte, verrathen und verkauft sind alle Arbeiter, welche 
„von anderen Klasien etwas erwarten, als von ihrer eigenen." 
So verdächtigt Hasielmann mit frecher Stirne Alles, 
was für die Arbeiter geschieht. Dieser Erguß läßt nur allzu 
deutlich erkennen, wie sehr den Social-Demokraten daran 
gelegen ist, ein friedliches Verhältniß zwischen den Fabrikantetl 
rind ihren Arbeitern nicht alifkommen zu lasien. Darum die 
maßloseste Verdächtigung alles desien, was für die Arbeiter 
geschieht, nicht nur in jedem einzelnen Fall, sondern ganz 
allgemein von vornherein. Die Verurtheilung ist schon eine 
beschlosienc Sache, noch ehe das einzelne Werk existirt uno 
eine Prüfung möglich ist. 
Auch die Thätigkeit freier Vereine, die sich nicht speciell 
dem Arbeitcrstand zuwendet, sondern eine Minderung der 
Armuth und Noth im Allgemeinen bezweckt, wird vcrurtheilt. 
So schreibt der „N. Soc.-Dcmokrat" (1871, 72) über die 
Elbersclder freiwillige Armenpflege: „Wie weit die Lacher- 
„lichkeit und Verblendung geht, zeigt der Umstand, daß die 
„englische Negierung jetzt einen Abgeordneten nach Elberfeld 
„sendet, um die dortige Armenpflege zu studiren und nöthigen-
        <pb n="126" />
        HO IV. Die socialen Nothstände U. die Soc.-Demokratie. 
„falls in England einzuführen. Mit Elberselder Muckerthum 
„glaubt man das sociale Elend Englands bessern zu können! 
„Etwas Tolleres gibt es schwerlich." An diesem Urtheil 
ändert natürlich auch die Thatsache nichts, daß seit Organi 
sation der freiwilligen Armenpflege in Elberfeld im Jahre 
1853 der Aufwand der städtischen Armenpflege von 47,149 
Thaler im Jahre 1852 bei 50,364 Einwohnern im 
Jahre 1867 bis auf 21,182 Thlr. bei 64,732 Einwohnern 
sich vermindert hatte,*) dadurch also eine wesentliche Per- 
Minderung der Armuth durch die Thätigkeit der freiwilligen 
Armenpsteger konstatirt ist. 
Endlich finden auch die Arbeiten der „Inneren Mission," 
soweit dieselben den Arbeiterstand berühren, keine Gnade in 
den Augen der Social-Demokratie. Die Innere Mission 
hat schon seit Jahrzehnten ihre „Herbergen zur Heimath" 
für die Haudwerksburscheu. In über 100 Städten Deutsch 
lands werden diese Herbergen von den wandernden Hand 
werksgesellen äußerst zahlreich besucht, da sie gute und billige 
Kost, reinliches Nachtquartier, überhaupt Alles, was den» 
Handwerksburschcn auf der Wanderschaft nach Leib und 
Seele Noth thut, darbieten. Die Innere Mission nimmt 
sich in großen Städten der Lehrlinge an, denen ein Anschluß 
an die Familie fehlt, und baut Herbergen für Fabrikmädchen. 
Sie bezweckt damit Bewahrung vor den Gefahren des 
Wanderlebens, und Schutz vor den zahlreichen Versuchungen, 
denen die in einer Großstadt alleinstehenden Jünglinge und Mäd 
chen ausgesetzt sind. Aber weder an Jenem noch an Diesem 
scheint der Social-Demokratie etwas gelegen zu sein. Sie 
verdächtigt alle diese Anstalten als „gewinnreiche Spekulationen 
*) Bausteine, Jlluftrirtes Monatsblatr für innere Mission 
1874, 67.
        <pb n="127" />
        Innere Mission. 
Ill 
zum Nutzen der Unternehmer."*) Sie hat natürlich kein 
Wohlgefallen an solch bewahrender Fürsorge für die Arbeiter; 
denn „Herbergen zur Heimath" sind keine Brutstätten für 
socialistische Umtriebe, und Lehrlinge, die sich der schützenden 
Pflege der „Inneren Mission" anvertrauen, bieten wenig 
Hoffnung, sich als Rekruten sür den Socialismus anwerben 
zu laffen. 
Wir erhalten einen eigenthümlichen Eindruck von 
der gezeichneten Stellung der Social-Demokratie zu den 
herrschenden socialen Nothständen. Sie verheißt aller Noth 
ein Ende machen zu wollen, steht aber nicht an, wirklich 
vorhandene Noth freventlich zu übertreiben, und scheut sich 
nicht, jegliche Abhilfe von wirtlicher Noth geflissentlich zu 
hintertreiben. Sie versucht zwar ihr Verhalten gegenüber 
Allem, was für die Arbeiter geschieht, durch die Behauptung 
zu rechtfertigen, es seien doch alles nur „Palliativmittel", 
die nicht durchgreifend zu helfen vermöchten. Zugegeben, es 
wäre so. Dürfte man dann nicht in solchem Falle von 
Jedem, der an der Beibehaltung der Nothstände kein Interesse 
*) In öffentlicher Versammlung in Stuttgart im Oktober v.J 
versuchte der Agitator Dreesbach auch das Stuttgarter Vereins- 
Haus mit seiner Herberge zur Heimath und mit seiner Lehrlings. 
Herberge als eine gewinnreiche Spekulation zu verdächtigen. Wir 
haben in der nächsten öffentlichen Versammlung im November, 
der Dreesbach nicht anwohnte, da er sich in Untersuchungshaft 
befand, demselben durch seinen Parteigenossen K. Hillmann, Re 
dakteur der „Süddeutschà Volks Ztg." anbieten lassen, für jeden 
Pfennig hundert Gulden zu zahlen, von dem Dreesbach den 
Nachweis liefere, daß er als Gewinn in die Tasche eines Mit- 
glikdes des Vereinshaus-Comitè's geflossen sei. Es sind uns 
bis jetzt noch keine hundert Gulden abgefordert worden. Die 
Zurücknahme der Verdächtigung hat der Agitator bis jetzt noch 
nicht als eine Ehrensache betrachtet.
        <pb n="128" />
        112 lV. Die socialen Nothstände u die Loc Demokratie. 
hat, erwarten, daß er auch über den geringsten Beitrag zur 
Abhilfe, und solite derselbe auch nur für den Augenblick eine 
Wirkung haben, sich von Herzen freut, nnd sich die Palliativ 
mittel so lange gefallen läßt, bis es ibm gelungen ist, gründ 
lich zu helfen? Vergebens erwarten wir von der Social- 
Demokratie ein solches Verhalten, weil sie nicht an der 
Linderung sondern an der Verschärfung der 
Nothstände ein Interesse hat. Diese Behauptung, 
schon einfach durch das Verhalten der Social-Demokraten 
gerechtfertigt, stützt sich auf eine Aeußerung des Präsidenten 
des „Allg. deutschen Arbeitervereins" Hasenclever, der in 
einer Berliner Mitgliederversammlung in einem Vortrag über 
die Stellung der Social-Demokratie zur konservativen Partei 
sich dahin ausließ: „Wir bekämpfen auf der auderen Seite 
„jedoch nicht, wie der Grundbesitz, die Entwickelung des 
„Kapitals, nnd zwar, wie einmal Schweitzer im Reichstage 
»betonte, aus Bosheit nicht. Je mehr das Kapital sich 
„entwickelt, desto korrumpirter werden alle Verhältnisse, so daß 
„das Volk endlich zur Erkenntniß kommen, und das ganze 
„faule Gebäude zusammenstürzen muß." (N. Soc.-Demokrat 
1871, 65.) Das war doch etwas stark aus der Schule 
geplaudert! Die Social-Demokratie kämpft nicht gegen eine 
Steigerung der Korruption, eine solche fördert nur den von 
ihr geplanten Umsturz der bestehenden Gesellschaftsordnung, 
liegt also in ihrem Interesse. Sie bekänipft aber Alles, 
was die Korruption eindämmen kann; denn eine Abnahme 
derselben macht auch das Gelingen des socialen Umsturzes 
aussichtsloser.
        <pb n="129" />
        Y. 
Der Klaffenhaß und die Social-Dcmokratie. 
Inhalt: Ursachen der Unzufriedenheit. Steigerung der Bedürf. 
nisie. Arbeitsertrag. Die Liebe. Predigten des Haffes. 
Keine Versöhnung. Klassenkampf, à la Marat. 
Es ist eine nicht zu bestreitende Thatsache, daß unsere 
Zeit einen ungetrübten Frieden zwischen den verschiedenen 
Gesellschaftsklassen nicht kennt. Die sociale Frage weist uns 
auf ein gestörtes Verhältniß zwischen den oberen und den 
niederen Schichten unseres Volkes hin; sie hat die Gestalt 
eines auf deutschem Boden bis jetzt noch in unblutiger Weise 
geführten socialen Krieges, in welchem sich die zahlreiche Klaffe 
der Besitzlosen und die minder große Zahl der Besitzenden 
als streitende Parteien gegenüberstehen. Es wäre kurzsichtig 
und ungerecht, die Ursache dieses socialen Zerwürfniffes aus 
schließlich in der social -demokratischen Agitation zu suchen. 
Wären keine Verhältnisse vorhanden, welche bei der niederen 
Klaffe Unzufriedenheit und ein gewisses Maß von Erbitterung 
nothwendig erzeugen müssen, dann würde es der Social- 
Demolratie ein gut Theil schwerer fallen, die Aufmerksamkeit 
der Massen auf sich zu ziehen. So aber gelingt es ihr, die 
große Maffe der Unzufriedenen, die von der socialen Lage 
irgendwie gedrückt, oder wohl gar in ihrer Existenz bedroht 
werden, bei denen zu deni allgemeinen Gefühl, daß es so 
nicht weiter gehen könne, das specielle Bedürfniß einer Ab 
hilfe von dem einen oder dem anderen Uebelstande sich gc- 
E chuster, Die Social-Trmokratie. 8
        <pb n="130" />
        114 V. Der Älassenhaß und die Soc.-Demokratie. 
selli, um ihr Banner zu schaaren. Die bei den letzten Reichs 
tagswahlen für die socialistischen Reichstags-Candidaten ab 
gegebenen nahe an 400,000 Stimmen zeigen uns immer erst 
einen Theil des großen Heers der Unzufriedenen. Ihr Botum 
ist nichts weniger als eine Sanktion des socialistischen Pro 
grammes, so gerne uns auch die Social-Demokratie glanben 
machen will, daß es ein zustimmendes Urtheil für den 
Socialismus sei, sondern es ist durch das rief empfundene 
Bedürfniß erzeugt, daß auch durch das Mittel der Gesetz 
gebung den socialen Ausschreitungen ein Damm gezogen 
werden müsse, ohne daß die Mehrzahl jener Abstimmenden 
danlit auch zugleich die Abhilfe schaffende Gesetzgebung in 
die socialistische Schablone hätten zwangen oder aussprechen 
wollen, daß sic nur vorn Socialismus ihr Heil erwarte. 
Die vorhandene und aus natürlichem Boden herauswachsende 
Unzufriedenheit lst der Faden, an welchen die social-demv- 
tratische Agitation geschickt anknüpft, und den sie künstlich 
weiter zu spinnen weiß. Die llnznfriedenheit in den niederen 
Regionen der Gesellschaft zum Klassenhaß zu steigern und 
den sorgfältig genährten Klassenhaß zum unversöhnlichen 
Klassenkampf weiter zu führen, das ist die Kunst und das 
traurige Verdienst der Social-Demokratie. 
Es ist überflüssig und cs liegt auch nicht in unserer 
Aufgabe, die begründeten Ursachen der Unzufriedenheit hier 
des Näheren zu erörtern. Die Geschichte der letzten Tage hat 
sie ja zum Theil der Art enthüllt uud blos gelegt, daß ein 
Jeder, der sehen will, sie auch klar erkennen kann. Das 
Verhältniß zwischen den Besitzenden und den Besitzlosen muß 
nothwendig gestört werden, wenn weniger die redliche Arbeit, 
als vielmehr die schwindelhafte Spekulation als Mittel zur 
raschen Vermehrung des Besitzes in Uebung kommt. Nur 
durch die Arbeit, und nicht durch die arbeitslose Spekulation
        <pb n="131" />
        8* 
Ursachen der Unzufriedenheit 
116 
werden neue Werthe geschaffen, wird der Nationalreichthnm 
vermehrt. Mit einer nur. durch Spekulation gewonnenen 
Vermehrung des Besitzes muß also stets eine entsprechende 
Bernlinderuug des Besitzstandes Anderer parallel gehen. Die 
durch schwindelhafte „Gründungen" angehäuften kolosialen 
Reichthümer in den Händen Einzelner repräsentiren nicht 
eine neu geschaffene Gütermasse, sondern sie sind nur eine 
Ansammlung eines Theils der vorher über die Gesanuntheit 
zerstreuten und vertheilten Güter au wenigen Punkten. Die 
mit vollem Recht jetzt an den Pranger gestellten „Grün 
dungen" gleichenden künstlich angelegten und dem Auge ver 
borgenen Drainröhren, welche die vorher über den ganzen 
Ackerboden ungleich vertheilte Wassermenge an sich ziehen und 
in einen oder wenige Behälter zur Ausanunlung leiten. Eine 
solche Entwässerung des Ackers steigert deffen Fruchtbarkeit. 
Die Entwässerung des wirthschaftlichen Bodens aber, die 
einer Verminderung des Besitzstandes Bieter zu Gunsten 
Weniger gleichkommt, ist vom Uebel, lind muß Unzufrieden 
heit und Erbitterung bei denen erzeugen, die direkt oder in- 
direkt schuldig oder unschuldig von ihr berührt werden. 
Eilte allzuschrvsfe Bermvgensungleichheit, die neben eine weit 
verzweigte Armuth einen kolossalen Reichthum Weniger stellt, 
hat an sich schon ihre großen socialen Gefahren; aber un 
gleich mehr noch, wenn Ungerechtigkeit den großen Besitz an 
gehäuft hat. 
Richt nur die schwindelhafte Art der Aneigtlung, sondern 
ailch der sündhafte Gebratich des großen Besitzes hat bei 
dem vorhandenen socialen Zerwürfniß wesentlich mitgewirkt. 
In dem Nebeneinanderstehen von Reichthum rind Armlith 
liegt an sich keine sociale Gefahr. Bei rcchtenl Gebrauch des 
Reichthun,s ist die Ungleichheit des Besitzes sogar ein so 
ciales Bindemittel. Das Gegentheil tritt aber ein, wenn der
        <pb n="132" />
        1 u; V. Der Klassenhaß mid die Soc.-Deinokralie. 
vermehrte Besitz ausschließlich der Befriedigung einer in gleichem 
Maße gesteigerten Genußsucht und wie oft in der übermüthig 
sten und frivolsten Weise dient. Was unsere Zeit in diesem 
Punkte leistet, brauchen wir nicht zu sagen. Nicht nur, daß 
der schnöde Mißbrauch des Besitzes Erbitterung hervorruft, er 
weckt auch in den Herzen der Unbemittelten, die sich täglich 
von einem verschwenderischen Luxus umgeben sehen, neben 
dem Gefühl des ungeheuren Abstandes die Begierde nach ähn 
lichen Genüssen, deren Nichtbefriedigung Mangels der hierzu 
erforderlichen Mittel die Armuth schwerer und die Unzu 
friedenheit wie die Erbitterung größer macht. 
Wir haben mit den vorstehenden Andeutungen nur den 
Boden bezeichnen wollen, auf welchen die Social-Demokratie 
sich stellt, nicht in der Absicht, die angegebenen Ursachen der Un 
zufriedenheit zu beseitigen, sondern uni dieselben in ihrem 
eigenen Interesse zum Klassenhaß und zum Klassenkampf zu 
schüren und zu steigern. Sie weiß die schrankenlose Erwerbs 
sucht und Genußsucht scharf zu geißeln. Es bildet dies aber 
nicht die Grenze, welche von der Social-Demokratie mchl 
überschritten wird, sondern, wo sie Arbeiter findet, die noch 
zufrieden sind, weil sie von jenen die Unzufriedenheit erzeu 
genden Ursachen weniger berührt werden, da versucht sie es, 
dieselben unzufrieden zu machen, bainit die Unzufriedenheit 
nicht auf einen Bruchtheil der Arbeiterwelt beschränkt bleibt, 
sondern die ganze Klasse ergreift und somit zum Klassenhaß 
sich erweitert. 
Als Mittel hiezu dient ihr die planmäßige und 
künstliche Erweiterung der Bedürfnisse der Arbeiter. Die 
Wirkung eines solchen Mittels liegt auf der Hand, wenn 
nicht zugleich mit der Erweiterung des Bedürsnißkreises auch 
eine reichere Einnahme dargeboten wird. Auf diese Weise 
wird die Lage des Arbeiters nicht gebessert, wohl aber ver-
        <pb n="133" />
        Ursachen der Unzufriedenheit 
117 
schlimmer! und gar leicht der völlige wirthschaftliche Ruin des 
einzelnen Arbeiters, schließlich der ganzen Klaffe herbeigeführt. 
Anstatt die Steigerung der Bedürfnisse an die Bedingung 
einer vorausgegangenen Vermehrung der Mittel zu knüpfen, 
verfährt die Social-Demokratie geradezu umgekehrt und lehrt 
ben Arbeiter, sich recht viel Bedürfnisse anzugewöhnen, weil 
möglichst viel Bedürfnisie haben „die Tugend der heutigen, 
der nationalökonomischen Zeit" sei. Eine Zunahme der Mittel 
in einer Steigerung des Arbeitslohnes werde dann schon von 
selbst sich einstellen. 
Diesen verlockenden und für den Menschen, der von einer 
Selbstbeherrschung und Selbstbeschränkung nichts weiß, gar 
leicht verführerischen Weg hat schon Laffalle den Arbeitern 
anzupreisen versucht. In seinem Arbciterlesebuch finden wir 
ans Seite 31 und 32 die Stelle: 
„Ihr deutschen Arbeiter seid merkwürdige Leute! Vor 
„sranzösischeu und englischen Arbeitern, da müßte man piai- 
„diren, wie man ihrer traurigen Lage abhelfen könne. Euch 
„aber muß man vorher erst noch beweisen, daß Ihr in einer 
„traurigen Lage seid. So lange Ihr nur ein Stück schlechte 
„Wurst habt und ein Glas Bier, merkt ihr das gar nicht 
„und mißt gar nicht, daß Euch etwas fehlt! Das kommt 
„aber von Eurer verdammten Bedürfnißlosigkeit! Wie, 
„werdet Ihr sagen, ist die Bedürfnißlosigkeit denn nicht eine 
„Tugend? Ja, vor dem christlichen Moralprediger, da ist 
„die Bedürfnißlosigkeit allerdings eine Tugend! Die Bedürf- 
„nißlosigkeit ist die Tugend des indischen Säulenheiligen und 
„des christlichen Mönches; aber vor dem Geschichtsforscher 
„nnd vor dem Nationalökonomen da gilt eine andere 
„Tugend. Fragen Sie alle Nationalökonoinen: welches ist 
„das größte Unglück für ein Volk? Wenn es keine Be- 
„bürfniffe hat. Denn diese sind der Stachel seiner
        <pb n="134" />
        118 V. Der Klassenhaß und die Loc.-Demokratie. 
„Entwicklung und Kultur. Darum ist der neapolita- 
„nische Lazarone so weit zurück in der Kultur, weil er keine 
„Bedürfnisse hat, weil er zufrieden sich ausstreckt und in der 
„Sonne sich wärmt, wenn er eine Hand voll Maccaroni 
„erworben. Warum ist der russische Kosak so weit zurück 
„in der Kultur? Weil er Talglichte frißt und froh ist, wenn 
„er sich in schlechten, Fusel berauscht. Möglichst viel 
„Bedürfnisse ha ben, aber sie ans e hrlichc, anstän- 
„dige Weise befriedigen — das ist die Tugend der 
„ heutigen, der nationalökonomischen Zeit! Und so lange Ihr 
„das nicht begreift und befolgt, predige ich ganz vergeblich!" 
In diesen Sätzen ist wieder ein Körnlein Wahrheit unter 
einer dicken Hülle von Verkehrtheiten zu finden. Es ist aller 
dings wahr, daß die Kunst betteln gehen müßte, wenn der 
reiche Herr nicht das Bedürfniß hätte, seine Wände mit 
guten Oelgemälden zu schmücken; oder daß die Seidenindu 
strie ihren Betrieb einschränken rnüßte, wenn nicht die reiche 
Dame das Bedürfniß hätte, statt baumwollener seidene Klei 
der zu tragen. Ja, die äußere Kultur, die Lebensverfeinerung, 
— an eine solche scheint Lassalle ausschließlich zu denken — 
könnte keine Fortschritte ruachen, wenn der Besitzer seine 
Geldschätze vergraben würde und derselbe keine Bedürfnisse 
hätte, zu deren Befriedigung jene Schätze in Umlauf gesetzt 
werden müssen. Dabei wollen wir nicht übersehen, daß das 
Volkswohl nicht gefördert, sondern geschädigt werden müßte, 
wenn die reichen Leute ihr Geld ausschließlich in den Dienst 
einer solchen Kulturentwickelung stellen würden, welche durch 
die Steigerung und Befriedigung eigener Bedürfnisse und 
Lebensgenüsse hervorgerufen werden soll. Aber zu einer Be 
theiligung an dieser Art von Kulturentwicklung auch diejeni 
gen anzuspornen, denen es noch an den Mitteln hierzu fehlt.
        <pb n="135" />
        Steigerung der Bedürfnisse. 
119 
das ist der verführerische Weg, Unzufriedenheit und wirth- 
schaftlichen Ruin zu erzeugen. 
Laffalle rühmt einen selbst bis zum rasfinirtestcn Luxus 
gesteigerten sinnlichen Lebensgenuß, wenn er nur auf eine 
ehrliche und anständige Weise befriedigt wird, als eine Tugend. 
Darum konnte er auch in seiner am 17. und 19. Mai 186:1 
in Frankfurt am Main gehaltenen Rede Christi Parabel 
Boni reichen Mann und armen Lazarus umdrehen und sagen, 
daß der reiche Prasser Abrahams Schoß verdiene.*) Es mag 
für Lassalle ein Bedürfniß gewesen sein, den reichen Prasser 
als einen Tugcndheldcn hinzustellen, da Lassalle selbst mit seiner 
Iahresrente von mehr als 5000 Thaler nicht auskommen 
konnte.**) Aber mit solchen Anschauungen vor die Arbeiter- 
welt hintreten und unter dem schöuklingeuden Namen der 
&gt;tnlturentwicklung die Arbeiter nach einem die Mittel über 
steigenden Maß von sinnlichen Genüssen reizen, das ist ein 
Frevel am Wohlergehen des Arbeiterstandes. Und wiederum 
auf der einen Seite an dem Prasser der Gegenwart eine beißende 
Kritik üben, ans der andern Seite aber Schwelgen und Prassen 
für eine Tugend erklären, das ist ein Widerspruch, der nur 
in den verschiedenen Interessen der socialistischen Agitation 
seine Lösung findet. 
Die Jünger Laffalle's haben seine Verdammung der Be- 
dürfnißlosigkeit nicht überhört und nicht vergeffen. Hier und 
da kehrt derselbe Ausspruch wieder. („9?. Soc.-Demokrat", 
1872, 20. 72). Bebel hat gerade dadurch im Süden viel 
von sich reden gemacht, weil er bei seinen Agitationsreden 
in den Industriestädten Württembergs ganz der Lassalle'schen 
*) I E. Jörg, Geschichte der social-politischen Parteien in 
Deutschland. S. 108. 
**) B Becker, Enthüllungen über das tragische Lebensende 
von F. Laffalle. Ş. 5.
        <pb n="136" />
        120 V. Der Klassenhaß und die Soc.-Demokratie. 
Bedürfniß - Theorie gemäß das ABC aller ökonomischen 
Weisheit, die Ausgaben mit den Einnahmen in der Balance 
zu erhalten, gänzlich ignorirte und die Nothwendigkeit der 
Bedürfnißvermehrnng zu begründen versuchte. Die Art und 
Weise der Ausführung hat er drastisch illustrirt, wenn er 
seinem Publikum als Beispiele vorgeführt haben soll: „der 
Arbeiter müsse statt 2 Glas Bier deren täglich 4 trinken,- 
dadurch werde das Bierbrauergewerbe gefördert, oder, statt 
der Kreuzer-Cigarre müsse er eine solche für einen Groschen 
ranchen, dadurch werde der Cigarren-Jndustrie Borschub ge 
leistet u. s. w. So gestaltet sich in der Praxis die nicht 
bloß dem Socialisnlus eigenthümliche Lehre, daß die mög 
lichste Steigerung der Konsumtion die Hauptaufgabe der 
Bolkswirthschaft und die Vermehrung der Bedürfnisse das 
Glück der Einzelnen, wie der Bölker sei. Der Socialismus 
weiß aber diese Lehre trefflich für seine Zwecke zn verwerthen 
und durch deren Predigt der Unzufriedenheit neue Nahrung 
zuzuführen. 
Ein weiteres Mittel, den Klassenhaß zu entflammen, ist 
die socialistische Lehre vom Arbeitsertrag. Wir gebenden 
Satz unbedenklich zu, daß nur die Arbeit einen neuen Werth 
erzeugt. Unter Arbeit verstehen wir aber nicht nur die Leistungen 
des sogenannten Lohnarbeiters, sondern gleicher Weise auch 
die Thätigkeit des Fabrikanten, auch wenn derselbe nicht mit 
seinen Arbeitern an der Maschine, oder an der Arbcitsbank 
in einer Reihe steht, sondern nur auf die Leitung des Ge 
schäfts seine Zeit und Kraft verwendet. Der durch die ver- 
einigteArbeit des Arbeitgebers und der Arbeitnehmer neu erzeugte 
Werth ist der Arbeitsertrag, der unter Alle bei der Produktion 
Betheiligten vertheilt werden muß. Bei der Einzel-Produk 
tion fällt natürlich der ganze Arbeitsertrag dem Einzelnen 
zu. Der kleine Handwerker, welcher sein Geschäft ohne Mit-
        <pb n="137" />
        Arbeitsertrag 
121 
Wirkung von Gehülfen betreibt, hat mit Niemanden den 
Arbeitsertrag zu theilen. Die durch die Arbeitstheilung wieder 
bedingte Arbeitsvereinigung gibt auch allen bei der Produkt 
lion Mitwirkenden einen Ansprnch auf einen Theil des ge 
meinschaftlichen Arbeitsertrags. Die Formel aber, nach der 
sich genau berechnen ließe, wie viel ein Jeder durch seine 
Arbeit zu dem neu geschaffenen Werth beigetragen hat, die 
also auch als ein sicherer Maßstab bei der Bertheilung des 
gemeinschaftlichen Arbeitsertrags dienen könnte, ist noch nicht 
gefunden, wird wohl auch nie gefunden werden. Die Ver- 
theilung vollzieht sich nach Maßgabe der vorher getroffenen 
freien Vereinbarung, und der dem Arbeiter hienach zuge 
sprochene Antheil kommt in desien Arbeitslohn zum Vorschein. 
Der Arbeitslohn ist also der volle Arbeitsertrag des Arbeiters, 
auf den allein dieser einen rechtlichen Anspruch hat. 
Nach sozialistischen Begriffen ist nur die Thätigkeit deS 
Lohnarbeiters eine Arbeit, welche einen neuen Werth erzeugt. 
Die Arbeit des Fabrikanten wird gleich Null tapiri. So oft 
daher auch die Social-Dentokratie vom arbeitenden Volk redet, 
denkt sie ausschließlich an die städtischen und ländlichen Lohn 
arbeiter und an die Kleinbauern und Kleingewerbetreibenden, 
die entweder ohne Gehülfen oder doch in gleicher Weise wie 
die Gehülfen arbeiten (Bolksstaat 1674 , 151). Bei 
einer solchen Voraussetzung hat der Fabrikant an dem ge 
meinschaftlichen Arbeitsertrag keinen Anspruch und kein Recht 
auf einen Unternehmerlohn, da seiner Arbeit die Produktivi 
tät abgesprochen wird. Er muß sich mit der üblichen Ver 
zinsung des auf das Unternehmen verwendeten Anlage- und 
Betriebskapitals zufrieden geben. Und nicht einmal dies kommt 
bent Unternehmer nach socialistischer Vorstellung zu, wenn der 
,.N. Soc.-Demokrat" (1872, 81) schreibt: „Wir sehen, daß 
..in der heutigen Gesellschaft an das wirklich werkthätige Volk
        <pb n="138" />
        122 V. Der Klassenhaß und die Loc »Demokratie. 
„nur der Vo%n fällt, daß dagegen ohne Arbeit die Kapi- 
„talistenklasse den Zins und Unternehmergewinn an sich zieht 
. Wir fordern nur, daß nicht bloß der Lohn, sondern 
„auch jener Theil des durch Arbeit erzeugten Werthes, den 
„jetzt die Kapitalistenklasse für sich in Beschlag nimmt, den Arbeitern 
„zufalle. Und diese und keine andere Forderung versteht Jeder' 
„mann unter der Formel: den vollen Arbeitsertrag 
„für den Arbeiter." Die Vertheilung des gemeinschaftlichen 
Arbeitsertrags muß also lediglich unter die Arbeiter mit 
Ausschluß des Unternehmers erfolgen. Eitier solchen Forde 
rung entspricht die bei der heutigen Produltionsweise herr 
schende Vertheilung des Arbeitsertrags allerdings keineswegs, 
da sie auch dem Unternehmer einen Theil des durch die 
gemeinschaftliche Arbeit erzeugten Werths zuweist. Es be 
schuldigt darum die Social-Demokratie die heutige kapitalistische 
Produktionsweise einer Beraubung der Arbeiter, da ihnen 
von dem Arbeitsertrag soviel entzogen werde, als der Ueber- 
schuß des durch die Arbeit erzeugten Werthes über den ge 
zahlten Arbeitslohn betragt, folglich eine Beraubung in Höhe 
des bem Fabrikanten zugefallenen Unternehmcrlohns, und cs 
wird das ganze Lohnverhältniß kurzweg als Ausbeutung ge 
brandmarkt. Wohlverstanden, das Lohnverhältniß an sich, 
nicht eine mißbräuchliche Ausnutzung desselben gilt dem Socia 
lismus als Ausbeutung, auch wenn ein noch so hoher Arbeits 
lohn bezahlt wird, sobald nur etwas, und sei es auch ein 
noch so fletiier Theil des Arbeitsertrags dem Unternehmer 
zufällt. 
Das Thema von der Ausbeutung wird bei der socia 
listischen Agitation fleißig lraktirt und vielfach variirt.*) Aber 
*) Als Kuriosum theilen wir folgende Leistung der „Süd 
deutschen Bolkszeituug" mit, deren sich der Redakteur derselben, 
C. Hillmann, als Beleg seiner Wissenschaftlichkeit und sorgfältigen
        <pb n="139" />
        Arbeitsertrag. 
123 
wie gestaltet sich bei der Agitation die Lehre vonr Arbeits- 
ertrag? Es erfordert schon etwas Nachdenken, wenn man 
zwischen dem Produkt und dem durch die Arbeit dem Roh 
stoff hinzugefügten Mehrwerth unterscheiden will. Mit dieser 
genauen Unterscheidung, daß nicht das Produkt, das der 
Arbeiter in das Magazin des Fabrikanten abliefert, den 
Arbeitsertrag darstellt, sondern nur soviel seines Werthes, 
als durch die Bearbeitung zu dem vorherigen Werth des 
Rohstoffs hinzugekomnien ist, werden die Arbeiter nicht viel 
geplagt. Die Sache macht sich ja viel leichter, und das 
Rechcnexcmpcl wird bedeutend vereinfacht, sowie die durch 
schlagende Wirkung verdoppelt, wenn man kurzer Hand das 
ganze Produkt als den Arbeitsertrag hinstellt, das ganz und 
voll den, Arbeiter gebührt, welches der Fabrikant aber sich 
aneignet. Es ist ja auch viel anschaulicher, den Arbei- 
und gewesscnhaften Benützung der stalistischen Resultate in öfseut- 
sicher Versammlung uns gegenüber noch berühmte. Sie schreibt 
iu Nr. 67, 1874: „Die landwirthschaftlichen Arbeit« 
„geber gehören zu Jenen, welche über die Ansprüche der Arbeiter 
„am Meisten klagen und über deren Ansprüche in Bezug auf Kost. 
„Getränke und Lohn Zeter und Mordio schreien. Dem gegenüber 
„dürfte wohl folgendes Exempel beweisen, wie diese Herren durch 
«die Rindviehzucht ohne alle und jede Mühe in den letzten 
„Jahren wohlhabend geworden sind. In einem Marstalle (?), berichtet 
„man uns aus Heidcnheim, in welchem Ochsen von gleichem 
„Gewicht seit Jahren gemästet werden, kosteteten dieselben 
„1862 beim Einkauf 141 fl; im Jahre 1872 und 1873 aber 242 
„dis 260 st , ja die bei weitem größere Anzahl trug 270 biLLOO st. 
„beim Ber kauf e ein: das ergibt mithin eine Berthenrung des 
"ViehpreiseS von 80-170 Prozent, und wer steckt diesen hohen 
..Verdienst in die Tasche? Der Arbeiter oder der Gutsbesitzer? 
Desgleichen ist der Preis der Schweine und der Pferde in 
„die Höhe gegangen, daß es wahrhaft nicht mehr schön ist, wenn 
„dieLandwirtbe überdie AnsprüchelerArbeiter raisonniren wollen."
        <pb n="140" />
        124 V. Der Klasseuhaß und die Soc.-Temokratie 
tern zu predigen: die Maschinen, die aus der Maschinen 
fabrik hervorgehen, sind euer, denn sie sind die Frucht eurer 
Arbeit, aber ihr bekommt nur einen kleinen Theil ihres 
Werthes u. s. w. Und in der That, der „N. Social- 
Demokrat" leistet in dieser Verwechselung des Produkts mit 
dem durch die Arbeit erzeugten Mehrwerth das Unglaub 
lichste. Man lese nur folgenden Leitartikel des „N. Social- 
Demokrat (1874, 105), den wir vollständig mittheilen 
wollen: 
„Proletarier, wollt Ihr ewig Proletarier sein?" 
„Männer der Arbeit! Im Sonnenschein schimmert das 
„Erntefeld; es neigt sich der Halm unter der Wucht der 
„Aehre; die Natur spendet reichlich ihre Gaben der Mensch- 
„heit, denn sie sind wohl erworben durch Arbeit, Mühe und 
„Sorgen. Das ist Euer Schweiß, Männer der Arbeit, 
„Ihr habt den Pflug geführt, mit kräftigem Arm habt Ihr 
„das Brachfeld gebrochen; Ihr habt die Saat gestreut, sorg 
„sän, und mühevoll; Ihr schwingt die Sense, unverdrossen, 
„ob auch sengende Glut Euch ermattet; Ihr speichert die 
„goldeuen Früchte auf und füllt mächtige Scheuern, daß jedes 
„Herz frohlockt beim Anblick der köstlichen Spenden der 
„allbeglückenden Natur, der redlich erworbenen Frucht der 
„Arbeit. 
„Ja, das ist die Frucht Eurer Arbeit, Eueres 
„Schweißes, der von Euch geopferten Lebenskraft. Doch ist 
„sie Euer? — Sprecht, Männer der Arbeit, für wen habt 
„Ihr Euch abgemüht, für wen gepflügt, geeggt, gesäet, ge- 
„mäht, gedroschen, wessen Scheuern sind gefüllt? Des 
„Gutsherren Scheuern. 
„Der Gutsherr ist es; sein eigen ist das Land, sein 
„eigen ist das Korn, sein eigen ist Alles, wohin Ihr auch 
„blickt. Auch Eure Kraft, die Eures Weibes, Eures Soh-
        <pb n="141" />
        Arbeitsertrag. 
125 
«nés und Eurer Tochter, sie ist sein eigen, denn Ihr ver- 
,, kauft sie ihm für den Lohn; thut Ihr das nicht, nun, dann 
"Müßt Ihr verhungern, denn nichts ist sonst Euer eigen. 
„Da sitzt Ihr in der ärmlichen Hütte beim trockenen Brode 
„und blickt neidisch auf den prunkenden Edelsitz hin. Sorget, 
„daß Euer Herr nicht merkt, daß der Knecht nicht 
„Knecht sein will; denn auch die Hütte ist sein eigen, 
„und es bedarf nur eines Winkes, und mit Weib und 
„Kind steht Ihr hungernd, frierend und obdachlos auf der 
Bandstraße! 
„Es sauset die Maschine, es klappert der Webstuhl; 
„Tausende von Spindeln drehen sich summend, Faden reiht 
„sich an Faden; unter Eurer Hand, Männer der Arbeit, 
„entstehen prachtvolle Teppiche, glänzende Gewänder. Vom 
„frühen Morgen bis zum späten Abend dauert rastlos der 
„Gang der Maschinen, rastlos Eure Arbeit; doch Ihr er- 
"Müdet nicht, Ihr Spinner und Weber, und Euer Knnst- 
"fleiß, Eure Sorgfalt, Euer Mühen trägt Frucht; nnzäh- 
"lige treffliche, warme und kleidsame Gewebe zeugen davon. 
„Doch sind sie Euer, die Ihr sie geschaffen? 
„O nein, Ihr geht in Lumpen mit Weib und Kind, 
"Ihr Fleißigen, Geschickten; Eurer dumpfen Behausung 
"bleibt das Werk Eurer Hände fern. Der prächtige Tep- 
"Pich, den Eure Hand geschaffen, er ziert des Fabrikherrn 
"Haus; in Sammet und Seide stolzirt die gnädige Frau 
„oder die Maitresse daher. Und vermesset Ihr Euch, das zu 
"Meistern, dann öffnet sich Euch das Thor der düstern Fa- 
"brik und Euch, Arbeitslose, erwartet draußen die freie Na- 
..tur, doch nicht minder der Hunger. 
„Von der Wiege bis zum Grabe, ruhlos schaffst Du, 
„Arbeitervolk; Du häufest Nahrung, Du häufest Schätze an 
»und machest die Welt zum großen Bienenkörbe. Wie fleißig
        <pb n="142" />
        126 V Der Älassenhaß und die Soc Demokratie. 
„sorgst Du für Deine Herren und wie schlecht für Dich 
„selbst! Männer des Volkes, haltet Ihr Euch nicht für 
„würdig, den Ertrag Eurer Arbeit ungetheilt zu genießen? 
„Meint Ihr als fromme Christen zu handeln, wenn Ihr 
„selbst mit Weib und Kind im Schlamme des Elends nn- 
„tergeht, wenn Ihr Pest und Hunger, Unwissenheit nnd 
„Verbrechen über Euch und Eure Nachkommen heraufbeschwört? 
„Wollt Ihr, Sclavenseelen gleich, statt mannhaft Stand zu 
„halten. Euch zerknirscht in den Staub werfen unter der 
„Neberlast des Ungemachs? 
„Männer der Arbeit, in der Gluth des Flammofens, 
„im Feuer der Schmiede streckt Ihr das Eisen, schmiedet 
„Ihr Schwerter und Ketten. Das Werk Eurer Hände sind 
„die Millionen von Gewehren, die Zehntausende von Kano- 
„nen, von denen die Welt starrt. Und wer ist es, der 
„unter Schwertstreichen erliegt, den die Ringel dahinrafft, den 
„die Granate zerreißt, wenn die Kriegsfurie dahinraset durch 
„Europa? Daö seid Ihr, das sind Eure Brüder und 
„Söhne. Wahnsinnigen Selbstmord begehen die Völker, 
„wenn sie sich ans den Schlachtfeldern zerfleischen. 
„So arbeitet Ihr, so plagt Ihr Euch, und was ist 
„Euer Theil? — Habt Ihr Freude, Wohlstand, Frieden? 
„— Habt Ihr Obdach, Nahrung, Kleidung? — Oder was 
„für Herrlichkeiten sind es, die mit Angst und Qual Ihr 
„Euch erwerbt? 
„Die Saat, die Ihr säet — ein Anderer erntet sie! - 
„Die Schätze, die Ihr schafft, — ein Anderer sammelt sic! 
„— Die Kleider, die ihr webt — ein Anderer trägt sie! 
„— Die Waffen, die Ihr schmiedet — Ihr stoßt sie Euch 
„selbst durch die Brust! 
„So säet — doch esset selbst Euer Brod!—Schaffet 
„Schätze — doch für das eigene Heim! — Webt Kleider,
        <pb n="143" />
        Arbeitsertrag. 
127 
„— doch laßt nicht Faule sie tragen! — Schmiedet Eisen 
„doch tränkt es nicht mit Bruderblut! 
„Proletarier, wollt Ihr ewig Proletarier sein? Män- 
„ner der Arbeit, wollt Ihr immerdar fernstehen, wo Ihr 
„selbst den Tisch gedeckt habt? Die Morgenröthe der Zu- 
„kunft leuchtet schon; es gibt einen Weg ans dem Elende, 
„es gibt einen Weg aus dem Wirrsal von Jammer und 
„Verbrechen — das ist der Socialismus. 
„Der Socialismus kennt keine Herren und Knechte, er 
„kennt nur Arbeiter und Brüder; der Socialismus schafft 
„kein Elend und Verbrechen; er will nur das Glück der 
„Menschheit und den Triumph der Sittlichkeit. Drum Pro- 
„letarier. Enterbte und Hungernde, seht, in ihm ist Euer 
„Heil, er bedeutet für Euch Brod, er bedeutet Freiheit, 
„er bedeutet Errettung ans öder Geistesnacht. Folgt 
„seinem Banner; der Socialismus wird die Menschheit 
„erlösen und in Liebe vereinen." 
Sagten wir zuviel, wenn wir behaupteten, daß die so 
cialistische Lehre vom Arbeitsertrag dazu dienen müffe, den 
Klaffenhaß zu schüren? Muß nicht in der Brust eines jeden 
Arbeiters, der solche Schilderungen und Darstellungen, wie 
die in obigem Leitartikel mitgetheilten, kritiklos in sich auf 
nimmt, die tiefste Erbitterung erzeugt werden, weil 
er, so oft er Abends die Werkstätte verläßt, die fertig ge 
stellten Produkte, auf welche er ein ausschließliches Recht zu 
besitzen glaubt, abliefern, und alle 14 Tage sich mit einem 
dem Werth der Produkte nicht gleichkommenden Arbeitslohn 
abfinden lassen muß! Und zwar geht cs hier einem Arbeiter 
wie dem anderen. Es ist nach socialistischer Fiktion eine Un- 
ñerechligkeit, unter welcher die ganze Arbeiterklasse leidet. Die 
Arbeiterllaffe wird von der llnternehmerklaffe ausgebeutet 
und um einen wesentlichen Theil der Frucht ihrer Arbeit
        <pb n="144" />
        128 V. Ter Ktafsenhaß und die Soc.-Demokratie. 
verkürzt. Wahrlich ein treffliches Mittel, Klassenhaß zu 
säen, zwischen den Arbeitgebern und ihren Arbeitern eine tiefe 
Kluft zu ziehen. 
Auch in der Poesie werden dieselben irreführenden und 
aufreizenden Gedanken verarbeitet, damit sie um so leichter 
zum Herzen der Arbeiter den Weg finden. So beginnt 
Joh. Most sein Gedicht: „Die Macht der Basonete "*) 
mit der Strophe: 
„Von früh bis spät die Arbeitskraft 
„Tes Volkes sich bewähret, 
„Doch Alles, was sie zeugt und schafft 
„Ist Andern nur bescheeret. 
„Der Hunger ist des Volkes Lohn, 
„Die Noth sein hartes Bette; 
„Und murrt es — zeigt sich wie zum Hohn 
„Die Macht der Bajonete." 
Wie cs mit dem Arbeitsertrag und dessen Vertheilung 
im socialistischen Znkunftsstaat gehalten werden wird, darüber 
ist sich die Social-Demokratie selbst noch nicht hinreichend 
klar. Der sechste Kongreß (Koburg 1874) der social-demo 
kratischen Arbeiterpartei erkannte an, „daß die Worte, voller 
Arbeitsertrag für jeden Arbeiter, wissenschaftlich richtiger 
formulirt werden müßten" (Bolksstaat 1874, 86). Hier 
mit wird wohl zugegeben, daß der einfache Wortlaut 
leicht Vorstellungen erwecken kann, die man heute gegenüber 
der kapitalistischen Produktionsweise wohl geflissentlich nährt, 
die aber doch auch bei der socialistischen Produktion keine 
Verwirklichung werden finden können. Da die socialistische 
Produktion die Arbeitstheilung wie die Arbeitsvereinigung 
beibehalten wird, so kann so wenig hier wie dort der volle 
*) Sechs Proletarier-Lieder, gewidmet den Arbeitern Oester 
reichs von Joh. Most.
        <pb n="145" />
        Arbeitsertrag. 
1'2'J 
Arbeitsertrag eines jeden einzelnen Arbeiters genau berech 
net und von demjenigen eines anderen bei derselben Pro 
duktion betheiligten Arbeiters ausgeschieden werden. Da die 
Arbeit keine Einzel-Arbeit, sondern eine gemeinschaftliche ist, 
und bet der Herstellung eines Produkts die Thätigkeit ver 
schiedener Arbeiter in einander greift, so kann es auch keinen 
Einzel-Arbeitsertrag geben, sondern nur einen gemeinschaft 
lichen. Ter „Äwlksstaat" rügt es auch als durchaus in 
korrekt, von einem „vollen Arbeitsertrag" zu reden, den der 
Arbeiter im socialistischen Staat erhalten solle. Er schreibt 
(1874, 120): 
„Der Socialismus kennt keinen rein individtlellen „Ar- 
„beitsertrag", weil es keine rein individuelle Arbeit gibt, son- 
„dern nur eine Arbeit in der Gesellschaft »nid durch die 
„Gesellschaft. Der „Arbeitsertrag" gehört der Gesellschaft, und 
„von einem „vollen Arbeitsertrag", den der Arbeiter im 
„socialistischen Staat empfangen solle, zu reden, ist daher 
„durchaus inkorrekt. Wie und wieweit das Produkt der 
„Arbeit unter die Individuen vertheilt werden wird, ist 
„Lache der socialistischen Organisation." 
Also auch in der socialistischen Gesellschaft kann eine Ber 
theilung des Arbeitsertrags nicht umgangen werden. Ein 
allgemein anerkanntes Vertheilungs-Princip hat der Socia 
lismus heute noch nicht aufzustellen vermocht. Er überläßt 
dies einfach der Zukunft. An Andeutungen, wie es dereinst 
mit der Vertheilung der Produkte soll gehalten werden, fehlt 
es nicht. So schreibt der „N. Social-Deniokrat" (1872 
41): 
„Ueber das Princip der gerechten Bertheilung der Ar- 
„bcitserzeugnisse ist in früheren Zeiten unter den verschiedenen 
«socialistischen und kommunistischen Schulen viel Streit ge- 
„wesen, und es haben bald von überspannter Phantasie ein- 
Tchustrr, Tie Locial-Tkinokratie. g
        <pb n="146" />
        130 V. Der Klassenhaß und die Soc -Demotralie 
„gegebene, bald auf roher Gleichmacherei beruhende Erklä 
„Hingen stattgefunden. 
„Gegenwärtig sind nur zwei Richtungen crwähnenswerth, 
„welche für dieses Princip eine bestimmte Formel angeben, 
„nämlich der neuere Socialismus im engeren Sinne des 
„Wortes, und der neuere Kommunismus, welcher für ge- 
„wöhnlich von uns unter dem allgemeinen Ausdruck Socia- 
..lismus mit begriffen wird. 
„Der engere Socialismus stellt nun für den Antheil des 
„einzelnen Arbeiters an der Produktion den Grundsatz auf: 
„„Jeder genieße gemäß seiner Leistung." Der neuere Kom 
„munismus sagt dagegen: „Jeder genieße gemäß seiner A n- 
„strenguug." 
„Die beiden Formeln, so neben einander gestellt, schei- 
„neu sich schroff auszuschließen, und gehen auch von zwei 
„verschiedenen philosophischen Anschauungen aus. Denn die 
„erstere sagt, daß der größere oder geringere Nutzen, wel- 
„chen die Arbeit eines Menschen der Gesammtheit gewährt, 
„der Maßstab sür seinen Genuß sein soll, während die zweite 
„Formel, die Größe der Anstrengung seiner körperlichen 
„und geistigen Kräfte, welche der Einzelne der Gesammtheit 
„weiht, das Maß sein soll. 
„Das letzte dieser Principien, das kommunistische, kommt 
„dem der Gleichheit und Brüderlichkeit am nächsten, da ein 
„Arbeiter, welcher in Folge geringerer Begabung selbst bei 
„größerer persönlicher Anstrengung, doch weniger leistet als 
„ein Anderer, jedenfalls ohne sein persönliches Verschulden 
„hinter diesem letzteren zurückstehen würde, wenn nur die 
„Leistung maßgebend wäre. Das socialistische Princip hat 
„aber seinerseits wieder den Vorzug, ein Sporn für jeden 
„zu sein, die persönliche Leistungsfähigkeit zu steigern. Hier" 
„ans ergibt sich, daß als Uebergang von den heutigen, ans
        <pb n="147" />
        9 * 
Arbeitsertrag. 
131 
„Egoismus beruhenden Gesellschaftszuständen zu den neuen, 
„das socialistische zu hohen Leistungen anspornende Princip 
„das passendste sein mag, während in späteren Zeiten, wo 
„Generationen der nenen Gesellschaft herangewachsen sind und 
„der Sporn des persönlichen Vortheils durch den Sporn 
„des Eifers für das Gemeinwohl ersetzt wird, das der vol- 
„len Gleichheit am nächsten kominende konnnunistische Prin- 
„cip allmälig sich geltend machen kann." Vgl. Jl So- 
cial-Temokrat" 1875, 10. 
Wir bezweifeln, ob mit diesem Bertheilungsprincip: „Jeder 
genieße gemäß seiner Anstrengung", den Arbeitern eine sehr ver 
lockende Perspektive eröffnet sein wird, denn es setzt auf die 
Unfähigkeit eine Präniie. Der Socialismus beschuldigt die 
heutige Produktion der Ausbeutung der Schwachen durch die 
Starken. Die socialistische Produktion erhebt die Ausbeu 
tung der Fähigen durch die Ilnfähigen, der Starken durch 
die Schwachen zum Gesetz. Dadurch ist erst recht ein Zu- 
stand geschaffen, in welchem Einer von der Arbeit des An- 
dern lebt, der Unfähige von der Arbeit des Fähigen. Diese 
Art der Ausbeutung als Brüderlichkeit zu bezeichnen, ist völ 
lig unzulässig, da die Brüderlichkeit da aufhört, wo die Frei 
willigkeit aufhört, und das Gesetz anfängt, mich zu Opfern 
für den geringeren Bruder zu zwingen. Mit demselben Recht 
wüßte die Social-Demokratie das heutige Steuerzahlen eine 
Bethätigung der Brüderlichkeit nennen, da die Steuern ja 
auch vom Gesetz geforderte und erzwungene Beiträge für das 
Ģemeinwohl sind. 
Ein anderes Princip will der „Volksstaat" der Verthei- 
lung des Arbeitsertrags zu Grunde legen. Er schreibt 
(1874, 90): 
»Die Arbeit des Einzelnen und die der Familie, die 
"Arbeit der Fabrik und die Arbeit der Gesellschaft ist ein
        <pb n="148" />
        132 V. Der Klassenhaß und die Soc-Demokratie. 
„Organismus, wo jeder Theil zum Gesammtprodukt beiträgt. 
„Der organische Beitrag läßt sich nicht mechanisch abwägen. 
„Der Socialismus versteht, daß die Arbeiter Glieder des 
„Arbeitsprocesses sind. Er trägt sich nicht mit der kopf- 
„losen Idee, ein gemeinschaftliches Produkt nngc- 
„meinschaftlich vertheilen, Jeden nach Verdienst 
„anslohnen zu wollen. Das Auge übermäßig pflegen, 
„und dem untergeordneten Fuß das Nothwendige versagen, 
„so ungefähr oder gar noch unverständiger handelt unsere 
„barocke Gerechtigkeit mit ihrem mißverstandenen suum caique. 
„Wie der Maschinist den kleinen Nagel sorgfältiger aufhebt 
„als das große Rad, so verlangen wir, daß daS Produkt 
„unserer Arbeit nach Bedürfniß vertheilt werde, 
„daß der Starke mit dem Schwachen, der Flinke mit dem 
'„Schwerfälligen, die intelligente und die physische Kraft, so- 
„weit sie menschlich sind, auch in humaner Gemeinschaft den 
„Erwerb betreiben und genießen." 
Das Kapitel „vom vollen Arbeitsertrag für jeden Ar 
beiter", welcher Ausdruck in das Programm der social 
demokratischen Arbeiterpartei Anfnahnie gefunden hat, bietet 
der socialistischen Agitation reiche Gelegenheit für die Gegen 
wart, ben Klaffenhaß zu fördern und für die Zukunft dein 
Arbeiter goldene Berge vor die Augen zu malen. Der N" 
uuß des vollen Arbeitsertrags für jeden Einzelnen sott ja 
das Mittel sein, das Wohlergehen und den Reichthum all 
gemein zu machen. Der Arbeiter, der sich durch volltönende 
Worte nicht täuschen lasse,! will, sondern etwas nachzudenken 
gelernt hat, wird sich wohl schwerlich sehr rasch für einen 
Zustand begeistern, der die mittelmäßigen Elemente mit den 
vorzüglichen gleichwägt, im Allgemeinen die Ausbentnug der 
Starken durch die Schwachen zum Gesetz erhebt. 
Wir haben nicht nöthig, für den von der Social-Demo-
        <pb n="149" />
        Die Liebe. 
lZZ 
kratie gepflegten Klassenhaß noch weiter den Jndicienbeweis 
zu führen, da uns ihre Presse ja mit offenen Geständnissen 
entgegenkommt. Die Social-Demokratie läßt es zwar an 
Betheuerungen nicht fehlen, daß die Liebe ihr Element sei, 
und sie weiß die Brüderlichkeit eben so sehr wie die Freiheit 
und die Gleichheit zu rühmen. Wenn man aber lernen will, 
was eine Phrase ist, dann muß man bei der Social-Demo 
kratie in die Schule gehen, und ihre Deklaniationen über die 
Liebe anhören. Wie es mit der Liebe in ihrem Zukuufts- 
staat beschaffen sein wird, das wollen wir nicht näher unter 
suchen. Darüber kann man sich doch nur in Folgerungen 
und Vermuthungen ergehen. Aber für die Gegenwart ist 
bei der Social-Demokratie die Liebe noch in Fesseln gelegt. 
„Die Liebe zur gesammten Menschheit aber ist unser höchstes 
„„Ideal", schreibt der „N. Social-Demokrat" (1872, 40) 
„und dieses soll und wird verwirklicht durch den Socialis- 
„mus. Aber ihr predigt ja immer den Haß, den Klas- 
„senhaß — so wird man uns entgegenrufen — ja wohl, 
„und das thun wir, indem wir uns voll und ganz auf den 
„Boden der Menschenliebe stellen. So lange es noch 
„Klassen in der Menschheit gibt, so lange wird 
„nimmermehr die Menschenliebe auferstehen." 
Menschenliebe hält der Socialismus nur für möglich auf dem 
Boden völliger Gleichheit. So lange es noch höhere und 
niedere Klassen gibt, dünkt ihm der Haß nothwendig und na 
türlich zu sein. Reiche nnd Arme, Hohe und Niedere kön 
nen sich nach socialistischer Lehre nicht lieben, sie müssen sich 
hassen. Wir verzichten darauf, die Narrheit einer solchen 
Anschauung an der Hand von Thatsachen darzuthun. Wir 
niüßten sonst dicke Bücher schreiben, wollten wir die Werke 
der Liebe, die innerhalb der heutigen Gesellschaftsform aller 
dings neben einer großen Masse von Aeußerungen der lieb-
        <pb n="150" />
        13t V. Der Alassenhaß und die Soc.-Demokratie. 
losen Selbstsucht recht gut gedeihen, jener Behauptung ge- 
genüber stellen. Die Quelle des Hasses liegt nicht in der 
Klaffe, sondern im Individuum. 
Nicht selten begegnen wir dem socialistischen Versprechen, 
das Christenthum der Liebe zur Wahrheit machen zu wollen. 
Was davon zu halten ist, mag folgendes im „Volksstaat" 
(1874, 38) niedergelegte Bekenntniß darthun: 
„Wo der Christ sagt: Du sollst den Nächsten lieben 
„wie dich selbst, da bohrt er sich mit solch fanatischem Eifer 
„in das Gebot hinein, daß diesem Sinn und Verstand schier 
„ausgeht. Wenn er auf das rechte Ohr geschlagen ist, hält 
„er auch das linke noch dar.*) Wenn er Liebe predigt, 
„schließt er das Gegentheil aus, verdammt er den Haß. So 
„wird die christliche Liebe zum „Lämmerschwänzchen". Dagegen 
„der Socialismus predigt nicht nur, er fußt ans der Brü- 
„derlichkeit. Aber die antireligiöse, die vernünftige Nächsten- 
„liebe weiß sich zu beschränken, sie schießt nicht über daS 
„Ziel hinaus, perhorrescirt nicht ihren Gegensatz, den Haß. 
„sondern schließt ihn ein, als ein stellenweise nothwendiges 
„und also heiliges Mittel. Auch wir wollen den Feind 
„lieben, Gutes thun dem, der uns hastet; — aber doch erst, 
„wenn er unschädlich gemacht am Boden liegt. Unterdeffen 
„deklamiren wir mit Herwegh: 
„Die Liebe kann erlösen nicht 
„Die Liebe nicht erretten, 
„Halt' du. o Haß' dein jüngst Gericht. 
„Brich du. o Haß. die Ketten 
*) Wenn der Agitator Dreesbach über „Christenthum und 
Socialismus" „referirt", betont er ausdrücklich: Das Christen- 
ihnm lehrt: „So dir Jemand einen Streich gibt auf deinen 
rechten Backen, dem biete den anderen auch dar" Wir aber 
sagen: „Wenn dir Jemand auf den rechten Backen schlägt, so 
haue ihm zwei ans den linken "
        <pb n="151" />
        Predigten des Hasses. 
135 
„Bis unsre Hand in Asche stiebt 
„Soll sie vom Schwert nicht taffen, 
„Wir haben lang genug geliebt 
„Und wollen endlich Haffen." 
Das ist deutlich geredet und ein offenes Bekenntniß, dem 
auch das Berhalten der Social-Demokratie, was den Haß 
anbelangt, vollständig entspricht. 
Aufreizende „Predigten" des Klassenhaffes sind im „N. 
Social-Demokrat" nicht selten. Eine Unzahl von Leitartikeln 
„predigt" den Haß. Man lese nur folgenden Leitartikel 
(1874, 7) mit der Überschrift: 
„Mordbrenner." 
„In ihrer ganzen Glorie stehen sie jetzt da. die deutschen 
„Ausbeuter. Sie sind die echten Nachfolger ihrer Versailler 
„Kumpane geworden. Die Lorbeeren der Letzteren ließen sie 
„nicht schlafen, der Flamnienschein des brennenden Paris 
„erweckte bestialische Leidenschaften in Deutschland; 
„und jetzt sind bei uns die „Freunde der Ordnung" Mord- 
„brenner geworden. 
„Schulze-Delitz sch, Dein Wort ist wahr geworden; 
„die Bestie ist entfesselt! — Aber es ist nicht das arbeitende 
„Volk, welches Gräuel begeht; es sind die Ausbeuter; es 
„sind deine Freunde, Schulze-Delitzsch, die Liberalen, 
„welche zu Bestien geworden sind. 
„Wie ein Blitz durchzuckt die Arbeiterkreise aller Gauen 
„Deutschlands die Nachricht von der unerhörten Schandthat 
„zu Bargteheide in Holstein, welche die letzte Nummer 
„unseres Blattes brachte. 
„Zwanzigtaufend derbe Arbeiterfäuste ballten sich ini 
„Wuppe riha le in gerechtem Zorn, als di^Kunde kam, 
„und wahrlich die Uebelthäter konnten sich Glück wünschen, 
,,daß sie „weit vom Schuß" sich befinden.
        <pb n="152" />
        13ti V. Der Klafsenhaß und die Soc.-Demokrane 
„Also das ist die vielgerühmte „Civilisation" des neun« 
„zehnten Jahrhunderts,ßd a s ist die gepriesene sociale „Ord- 
„nung", das ist das bürgerliche „Rechtsgefühl" — daß bei 
„Nacht und Nebel die liberalen Helden Arbeiterhütten 
„niederbrennen wie einst die Raubritter! Die Las. 
„kergarde scheint zu feige zu sein zum Knüppelschwingen; 
„sie zieht cs vor, zum Petroleum zu greifen und läßt 
„trotz einem Schinderhannes den rothen Hahn krähen. 
„Arbeiter Deutschlands erkennet die ganze Unbän- 
„digkeit des Ansbeuterhaffes, erkennet die moralische Bcr- 
„derbtheit Eurer Feinde. Der Brand der Arbeiter- 
„hritte zu Bargteheide in Holstein sei Euch das 
Feuerzeichen, daß Ihr nimmerdar Gnade von ihnen zu 
„erwarten habt, wenn Ihr die Schwächeren seid! Darum 
„einigt Euch — Ihr seid die Massen — einigt Euch, 
„dann steht die Macht hinter dem Recht! Laßt die 
„Schandthaten der Ausbeuter in dem scharfen Licht der 
„Wahrheit sich spiegeln, welches eine friedliche, aber unge- 
„heure Massenbewegung des arbeitenden Volkes erzeugt! 
„Wenn in alten Zeiten Raubritter den Landfrieden 
„brachen und eine friedliche Stätte verheerten, dann sandte» 
„die geplünderten Bürger die Zeichen der Verheerung, die 
„Trümmer und Leichen, durch alle Gaue und boten den 
„Heerbann auf. 
„Wohlan La sfalle an er, frevelhaft ist gegen Euch der 
„Landfrieden gebrochen, bietet auch Ihr den Heerbann 
„auf! vereinigt Euch im Allgemeinen deutschen 
„Arbeiter-Verein. 
„Die rauchenden Trümmer der holsteinischen Arbeiter- 
„Hütte sollten Euch das Wahrzeichen sein! 
„In allen Orten, wo Lassalleaner wohnen, da müßte
        <pb n="153" />
        Predigten des Hasses 
137 
„ein verkohlter Splitter jener Hütte angeheftet werden, nul 
„der Unterschrift: „Arbeiter! denkt an die Mordbrenner! 
„Arbetter vereinigt Euch als Heerbann Lastalle's!" 
Der Vorfall, auf welchen sich dieser Leitartikel stützt, ist 
folgender. In Bargtheide brannte ein Privathaus nieder, 
in welchem die Lastalleaner kurz vorher eine Wahlversamm 
lung gehalten hatten. Bei der Untersuchung wurde amtlich 
festgestellt, daß das Feuer böswillig angelegt worden sei, 
der Thäter wurde nicht ermittelt. ( s Ji. Soc.-Tcmokrat 1875,4.) 
Dies das einzige Faktuni, das zu obiger „Predigt" des 
Hastes den Text abgeben muß, auf Grund desten die „Freunde 
der Ordnung", die Liberalen, als „Mordbrenner und Bestien" 
den Arbeitern denuncirt werden. 
Es begnügt sich die Social-Temokratie nicht damit, die 
Must zwischen Arbeitgebern und ihren Arbeitern zu erwei 
tern. Mit ihren „Predigten" des Hasses sucht sie auf die 
niedere Bolksklaste überhaupt gegenüber den übrigen Gesell- 
schaftsklasten zu wirken. Bezeichnend ist hierfür der Leitartikel 
&gt;n Nr. 151, 1872 des „N. Social-Demokrat," welcher lautet: 
„Die Canaille." 
„Wer sind die Männer mit eisenfesten Muskeln und 
„doch mit abgemagertem Gesicht, die bei der Gluth der 
„Schmelzöfen ausharren und das Eisen schweißen? Wer 
„find die Männer, die im Staub und Lärm dunstiger 
„Fabriken mit tosenden Maschinen diese lenken und unter 
„deren Händen sich die wundersamsten Gebilde des Kunst- 
„stcißes erzeugen? Wer sind die Männer, die in Hitze und 
„Kälte, bei Sonnenschein und Regen unter freiem Himmel 
„an Palästen bauen? Wer sind die Männer, die mühsam 
„ben Pftug über die Aecker lenken und der Erde ihre Gaben 
„abringen?
        <pb n="154" />
        138 V. Der Klasse,chah und die Soc. Demokratie. 
„Fraget den tändelnden Stutzer, fraget den übermüthigen 
„Krautjunker, fraget den zusammenscharrenden Wucherer, 
„fraget alle jene, die in den Palästen wohnen und schmausen, 
„welche die Arbeit Anderer verpraßen: sie werden es Euch 
„sagen. 
„Sie werden sprechen: „Das ist die Canaille!" 
„Wer ist jenes Weib, das in elender Hütte sich abhärint 
„neben der Leiche ihres Gatten, den man ihr todt, zer- 
„ schmettert im Dienst der Kapitalmacht, in's Haus trug? 
„Wer sind die Kinder, welche hungernd und frierend schon 
„früh morgens in die Zwingburg mit rauchenden Schloten 
„wandern müssen? Wer sind die Mädchen, die obdachlos 
„und verzweifelt, ein Kind an der Brust, ausgestoßcn von 
„der menschlichen Gesellschaft, umherirren, oder die bereits 
„die Scham von sich warfen und in Sammt und Seide, 
„aber mit leerem Herzen und krankem Leibe, gehetzt von der 
„Polizei, in den Straßen der Städte dahineilen? 
„Fraget die Ausbeuter der Weiber und Kinder, fraget 
„die Verführer; sie werden Euch die Antwort nicht schuldig 
„bleiben. 
„Sie werden sprechen: „Das ist die Canaille!" 
„Verächtlich — sich Götter dieser Welt dünkend — 
„wenden sich jene modernen Pharisäer von dem Volke ab, 
„das Alles durch seine Arbeit schafft. Mit verdoppeltem 
„Hohn und mit Selbstgerechtigkeit blicken sie ans jene hin, 
„welche unterliegen in deut ttngleichen Kampf um's Dasein 
„und das Letzte verlieren — die Ehre. Für sie ist Alles, 
„was unter ihnen steht, nur eine stumpfsinnige Maffe, die 
„nur gut dazu ist, zu arbeiten, sich für Andere zu plagen, 
„und somit eine ewig traurige Rolle zu spielen. 
„Für diese Masse haben sie nur ein Wort: „Das 
„ist die Canaille!"
        <pb n="155" />
        Predigten des Hasses 
13S 
„Selbst, wenn mit süßlichem Lächeln der bequeme Praffer 
„und der nervöse Blaustrumpf mit Humanität und Christ 
lichkeit prunken wollen, wenn sie ihren leidenden „Mit- 
„brüdern" und „Mitschwestern" ein karges Almosen oder 
„eine dünne Wasiersuppe „aus Barmherzigkeit" oder, „um 
„die sociale Frage zu löseil", zu Theil werden lasten, selbst 
„dann noch rümpfen sie die Nase und zittern vor der Be- 
„rührung niit dem „Lumpenpack." 
„Denn sie denken: „Das ist die Canaille!" 
„Ja, „das Bolk ist eine Canaille", so lange die 
„Bourgeoisgesellschaft dauert. Las salle meinte einst mit 
„seiner bitteren Ironie, wenn die liberale Preste den Befehl 
„erhielte, an die Spitze einer jeden Zeitung mit fingerlangen 
„Buchstaben diesen Satz zu drucken, sie würde in ihrer 
„Feigheit nicht verabsäumen, dem Befehl zu gehorchen. Schade 
„ist es, bitter schade, daß der Zwang nicht da ist; lesen 
„müßte das Volk tagtäglich, daß, so lange es nicht selbst 
„Hand an's Werk legt, um die neue socialistische Gesellschaft 
„anzubahnen, es unter dem Druck des ehernen Lohngesetzes 
„nichts Andres ist, nichts Anderes sein kann, als die noth- 
„leidendc, verachtete „Canaille." 
„Volk, begreife Dein Elend; Volk, denke daran, daß es 
„Deine Trägheit, Deine Flatterhaftigkeit allein sind, welche 
„Schuld daran tragen, wenn Du Dich nicht empor- 
„raffst, wenn Du nicht die Menschenrechte zur Geltung 
„bringst im Staatsleben. 
„Auf Schritt und Tritt tönt Dir, o Volk, der höhnische 
„Ruf „Canaille" nach. Willst Du Deine entwürdigende 
„Lage bester«, forderst Du die Verwirklichung der Menschen- 
„rechte, stets nennt man Dich die rohe Pöbelrotte, die nur 
„auf Gewaltthat, Plünderung und Befriedigung ihrer 
„Laster sinnt.
        <pb n="156" />
        140 V. Der Klassenhaß und die Soc Demokratie. 
„Derselbe Schmähruf verfolgt die in Deutschland fried- 
„lich wirksamen Socialisten, welchen den Pariser Kommune 
kämpfern der Haß der wüthenden Versailler Bourgeoisie 
„zuruft. Im Kampf durch die Aufklärung, wie im Kampf 
„auf der Barrikade, immer schrillt derselbe Rnf den Bor- 
„kämpsern der Arbeiterklasse entgegen: „Das ist die 
Canaille!" 
„Wohlan denn, wir acceptiren die Schmähung, Ihr 
„Bourgeois, wie einst die niederländischen Freiheitskämpfer, 
„die Geusen, den Hohn „Bettelvolk" zu ihrem Schlachtruf 
„wählten. 
„Nennt uns nur „Canaille", das Wort wird Euch 
„noch zu einer bitteren Erinnerung werden. 
„Wenn erst das ganze Volk, vom Socialismus begeistert, 
„mit uns gemeinsam den Ruf erhebt: „Wir sind Ca- 
„naille, wir wollen es nicht mehr sein, es muß 
„ein Ende der Qual, des Elends kommen", dann werden 
„alle faulen Bäuche mit Entsetzen daran denken, wie sie 
„einst das Volk verhöhnten: 
„Das ist die Canaille!" 
Charakteristisch für die Social-Deniokratie ist ihre prin 
cipielle Bekämpfung jeden Versuchs einer Versöhnung der 
entzweiten Parteien. Der „N. Soc.»Demokrat" schreibt 
(1871, 77): 
„Versöhnung zwischen Kapital und Arbeit, Versöhnung 
„zwischen allen Menschen, das ist der heuchlerische Ruf, den 
„die Bourgeoisie zu jeder Zeit erschallen läßt, und ganz 
„besonders dann, wenn der Kampf ani härtesten entbrannt ist. 
„Und es ziehen ihr zu Hilfe alle Diejenigen, welche die 
„wahren Lehrer des Volks sein sollten, die Träger der 
„Wissenschaft, die Träger der Religionen, die Erzieher der
        <pb n="157" />
        Arine Versöhnung. 
141 
„Kinder und vor Allen auch noch die Vertreter der Presse, 
„welche die öffentliche Meinllng beherrschen. 
„Die Wissenschaft ist durch das Geld beeinflußt, 
„und ebenso die Religion, die Schule, die Preste — 
„ja die ganze heutige Gesellschaft. 
„Versöhnung und immer wieder Versöhnung und 
„dieser Ruf ist nur eine Verhöhnung der Armen und 
„Elenden, der Enterbten und Hungernden." 
In der folgenden Nummer wird daffelbe Thema be 
sprochen : 
„Versöhnung ist Verhöhnung der Arbeiter, wenn sie aus 
„der Grundlage der jetzigen Gesellschaft angebahnt werden 
jo# — und deshalb ist die Erweckung des Klassenbewußt- 
„seins, das Absondern der Arbeiterklasse von der 
„übrigen Gesellschaft der erste Schritt zum Siege, und diese 
„Absonderllng geschieht durch das Predigen der Lehre Lassalle's 
„und durch die festgegliederte Organisation des Allgem. 
„deutschen Arb.-Vereins, in welcher der Arbeiter fühlt, daß 
„er zur geschlossenen Arbeiterklasse gehört." 
Eine Versöhnung verträgt sich also aus principiellen 
Gründen nicht mit den Plänen der Social-Dcmolratie. Sic 
will den Klassenhaß als Voraussetzung des Älassenkampfes, 
den sie für nothwendig hält, den sie fortwährend schürt und 
pflegt. Der „R. Social-Demokrat" schreibt (1871, 56): 
„Der Klasienkampf ist zwar ein gewaltiges, zerstörendes 
„Uebel, aber gerade da ist es doch vor Allem an der Zeit, 
„nicht blindlings zu rufen: Fort mit dem Klasienkampf! 
„sondern erst einmal zu untersuchen, ob sich derselbe 
„überhaupt beseitigen läßt, so lange es Kapitalisten 
„und besitzlose Lohnarbeiter gibt. Und unsere Antwort ist 
„darauf ein entschiedenes „Nein"!" 
Die Grundursache des Klasienkampses sucht also vie
        <pb n="158" />
        142 V. Der Klaffenhaß und dir Soc.-Demokratie. 
Social-Demokratie in der heutigen Gesellschastsorganisation; 
denn es ist für sie ein Axiom, daß verschiedene Klaffen der 
Gesellschaft nicht friedlich nebeneinander und miteinander 
leben können. Alles was den Klaffenkampf fördert und ver 
schärft, liegt in ihrem Interesse. Namentlich sind ihr um 
deßwillen die einzelnen Kämpfe um gewiffe Arbeitsbedingungen, 
die Strikes, hoch willkommen. Es ist ein Irrthum, hinter 
jedem Strike die Agitation der Social-Dcmokratie zu ver 
muthen. An der Strike-Epidemie der letzten Jahre trugen 
wohl Arbeiter wie Arbeitgeber eine ziemlich gleiche Schuld, 
ohne daß die Social-Demokratie allemal ihre Hände dabei 
im Spiel hatte, wenn auch nicht in Abrede gestellt werden 
soll, daß gar mancher Strike von ihr direkt provocirt worden 
sein mag. Aber die Strikes mit dem Socialismus zu 
identificiren, ist unstatthaft. Jedoch das ist unzweifelhaft, 
daß aus den durchgefochtenen Strikes, einerlei ob die Arbeiter 
oder die Arbeitgeber als Sieger daraus hervorgingen, die 
Social-Demokratie den größten Nutzen gezogen hat. Sobald 
entgegenstehende Interessen, statt sich friedlich auszugleichen, 
zuill offenen Kampf führen, muß allemal diejenige Partei 
dabei gewinnen, welche am Klaffenkampf überhaupt ein In 
teresse hat. Daher kann auch der „N. Social-Demokrat" 
(1872, 27) schreiben: 
„In den Strikes finden gerade die Socialisten keine 
„radikale Befferung für die Arbeiter, selbst wenn dieselben 
„siegreich durchgeführt werden, aber eine herrliche Schule 
„für den Soci alièni us bilden sie sowohl, als die Strike- 
„vereine im Besonderen und deshalb sind die Strikes uns 
„willkommen, obwohl wir sie niemals provociren. Ein 
„provocirter Strike wird immer zu einem Rückschlag; ein 
„durch Noth entstandener ist immer, er mag ausfallen 
„wie er will, ein Fortschritt auf der socialistischen Bahn."
        <pb n="159" />
        Klassenkampf. 
143 
So oft die Social-Demokratie in der socialen Bewegung 
für die Gewährung gewisier Erleichterungen und die Durch 
führung gewisier die Jnteresien der Arbeiterklaffe wahrender 
Gesetze eintritt, so ist ihr dies nur eine willkommene Ge 
legenheit zur Agitation für den Klaffenkampf. Dies wird 
auch offen zugestanden, wenn der „N. Social-Demokrat" 
(1872, 1) schreibt: 
„Wenn sich irgend eine politische Freiheit erringen läßt, 
„wir kämpfen dafür. Schon ist theilweise das allgemeine 
„Wahlrecht in Deutschland errungen. Wenn auf socialem 
„Gebiet der Kapitalmacht etwas zu entwinden ist — wir 
„kämsen dafür. So ist das Koalitionsrecht errungen, 
„und so erstreben wir als ein vorläufiges Ziel den Normal- 
„arbcitstag und sonstige Gesetze zum Schutz der Arbeit gegen 
„das Kapital. 
„Alles dies sind aber nur Nebenpunkte; das socialistische 
„Hauptziel wird unsere Partei darüber nie aus den Angen 
„laffen. 
„Aber in diesen Kämpfen sammelt sich die Arbeiter- 
„klaffe um das rothe Banner, in ihnen stählt sich unsere 
„Partei. Es ist der Guerillakrieg, der dem Klassenkamps 
„mit den große,» Armeen vorangeht. 
„Ja, dieser Klaffenkampf und dieser kleine Krieg, das ist 
„es, »vas vornämlich unsere Partei charakterisirt, das ist es, 
„»vas alle anderen so sehr gegen uns in Harnisch bringt, 
„das ist es, was uns den endlichen Sieg gewährleistet." 
Was wir uns unter de»n die Social-Demokratie charakteri- 
firenden Klassenlämpf zu denken haben, und in welchem Sinne 
dieselbe ihn zu führen beabsichtigt, das wollen »vir ans einer 
Aeußerung ersehen, von der man annehmen möchte, daß sie 
dem Redakteur des „N. Social-Demokrat", Hassellnann, 
durch das rasche Anschwellen der socialistischen Bewegung
        <pb n="160" />
        144 V. Der Älassenhaß und bic Soc -Demokratie 
«twas übermüthig geworden, tu einem unbewachten Augen- 
blick entschlüpft sei. Sie wird aber in großen Zwischenräumen 
(1872, 100; 1873, 107 und 151) mehrmals und mit 
Nachdruck wiederholt, so daß an eine Uebereilnng nicht zil 
denlen ist. Hasselmann schreibt (1872, 100): 
„Des großen Mar a t Wochenblättchen „L’amidu peuple“ 
„— „Der Bolksfreund" — hat mehr Einfluß auf die Ge 
staltung der französischen Revolution gehabt, als die 
„feinsten Intriguen der Staatslenker und die pomphaftesten 
„Phrasen der Abgeordneten. Als 1790 und 1791 die 
„Volksbewegung in's Stocken kam und die Reaktion die 
„Früchte der Volkserhebung von 1789 bedrohte, da schleu- 
„dertc Marat aus einem abgelegenen Geller, wo er versteckt 
„hauste, ohne Unterlaß seine Braitdfackel in's Volk, bis sie 
„endlich zündete. Und zu jeder neuen Erhebung gab er 
„von da ab zuvor durch die Presse das Allarmsignal." 
Am Schluß dieses „Was soll die Presse leisten?" über- 
schriebenen Leitartikels heißt es sodann: 
„Mit einem Wort: „Die Arbeiterpresse soll ihre Auf- 
„gabe erfüllen, so gut wie irgend je die Preste es gethan! 
„Und wenn alle Welt vor Wuth bersten möchte — 
„wir schreiben à la Marat!" 
Später wird diese Versicherung mit den Worten wieder 
holt : „wir appel li rett à la Marat an das Volk" 
„(1873, 107) und wir lasten uns nicht abhalten, „mit 
„der größten Rücksichtslosigkeit à la Marat 
„unsere Sache zu verfechten." 
Mit cynischer Offenheit stellt uns Hastelmanu in diesen 
Bekenntnisten in Marat den Mann vor Augen, den er sich 
zum Vorbild erwählt hat, dem nachzuahmen er bestrebt ist, 
Marat, das Ungeheuer der französischen Revolution, der ein 
Schandmal für den National-Convent, für Frankreich, für
        <pb n="161" />
        à la Marat. 
145 
die Revolution war. „In Marat hatte nicht nur der blut- 
dürftige Fanatismus einen Herold rasenden Mcrdrufs, er 
war auch Repräsentant des Sansculottismus mit widerlichem 
Schmutz in Haut, Haar und Tracht, frecher Gemeinheit der 
Rede und brutalem Pochen auf pöbelmäßige Gleichheit; nach 
seinem Muster bildete dieser sich zur Parteiuniform aus." *) 
Dies das Portrait des Hasielmann'schen Vorbilds. In 
seinem „T/ami du peuple“, den wahrscheinlich der Redas- 
teur des „N. Social-Demokrat" als willkommene Fundgrube 
für seine zum Klastenkampf aufreizende Preßprodukte benutzt, 
schreibt Marat: „Eine allgemeine Insurrektion ist eine 
„heilige Pflicht für alle Franzosen" (Nr. 312); oder in 
Nr. 314: „Vor si Monaten würden 5—604» Köpfe hin- 
„gcreicht haben, um Euch vor dem Abgrund zurückzuziehen; 
„heute muß man vielleicht 5—6000 Köpfe, vielleicht 20,000 
„abschlagen. Man darf keinen Augenblick unschlüssig sein." 
An einer anderen Stelle forderte er 200 mit Dolchen be 
waffnete Neapolitaner. Mit diesen werde er Fraitkreich 
durchziehen und Revolution machen. Er suchte zu beweisen, 
daß 260,000 Köpfe fallen müßten. Dagegen rühmte er 
sich noch seiner Menschenliebe, seiner Gerechtigkeitsliebe; der 
Anblick einer Grausamkeit habe Unwillen in ihm hervorgerufen. **) 
Wir lasten die mitgetheilten Thatsachen für sich selbst 
reden. Klastenkämpfe haben schon manchnial furchtbare Ka 
tastrophen herbeigeführt. Durch ähnliche Kämpfe die deutsche 
Gesellschaft zu erschüttern, und die sociale Ordnung zu zer 
trümmern, ist die ausgesprochene Absicht der Social-Demokratie. 
*) Wachsmuth, Geschichte Frankreichs im Revolutionszeit- 
alter II, 5 
**) Wachsmuth II, 21. 
£ chustkr. Dir Locial-DrmvkraUr 
10
        <pb n="162" />
        346 
Die Revolution der Social-Demokratie. 
Inhalt: Revolutionsbegrifs. Gesellschastshilfe. Parlamentari«, 
mus Gewaltsame Revolution. Revolutionslieder. Rothe Fahne 
Neben einzelnen friedlichen, aber auch allemal mißlungenen 
Versuchen, an kleinen Beispielen der Welt zu zeigen, daß 
die socialistische Gesellschaftsform «ber die Menschheit das 
Füllhorn des Glückes ausschütten müsse, hat die socialistische 
Bewegung schon in blutigen Katastrophen zu ernsten Störungen 
des gesellschaftlichen Friedens geführt. Die Geschichte des 
Socialismus weiß uns von furchtbaren Kämpfen, von Pro 
letarierschlachten zu erzählen, in welchen mit Gewalt der 
Waffen die alte sociale Ordnung zerstört und zum Neubau 
der Gesellschaft nach socialistischen Principien die Herrschaft 
für das Proletariat errungen werden sollte. Die Pariser 
Kommune des Jahres 1871 ist der neueste, aber schwer 
lich der letzte Versllch. auf dem Wege einer gewaltsamen 
Revolution dem Socialismus in der französischen Gesellschaft 
freie Bahn zn schaffen. So oft auch bis jetzt der Socialis 
mus an die Gewalt appellirt hat, ist ihm jedesmal eine starke 
Niederlage zu Theil geworden. 
Wiewohl die deutsche Social-Temokratle ihre lebhaftesten 
Sympathien mit den französischen Proletarierkämpfen, nament 
lich mit der Pariser Kommune offen kundgibt, so unterläßt 
sie es doch nicht, uns wiederholt zu versichern, daß sie nur
        <pb n="163" />
        i 
Revolutionsbegriff. 
147 
„auf friedlichem und gesetzlichem Wege" ihre Ziele zu erreichen 
strebe. Wir wiffen nicht, wie weit diese Bcrsicherung der 
Parteiführer von den eigenen Parieigenoffen geglaubt wird 
und wie weit sie außerhalb der eigenen Partei Glauben 
findet. Die Verherrlichung der Pariser Kommune, die nicht 
nur dem von derselben verfochtenen Princip, sondern auch 
den „unsterblichen Thaten" der Kommunards gilt, steht jeden 
falls einem zuversichtlichen Glauben an die friedlichen Absichten 
der deutschen Social-Temokratie einigermaßen im Wege. Der 
Werth jener Versicherung wird aber schon dadurch ein etwas 
zweifelhafter, daß die social-demokratische Partei nicht anders 
sagen kann, weil sie es einfach nicht darf, wenn sie von vorn 
herein sich nicht unmöglich niachen, und das Gesetz nicht 
zwingen will, ihrer Agitation ein entschiedenes Halt zu ge- 
bieten. Also auch für den Fall, daß die socialistische Partei 
mit allem Vorbedacht auf eine gewaltsame Revolution hin 
arbeitet, ist sie doch genöthigt, diese Absicht sorgfältig zu verhüllen, 
und durch ausdrückliche Versicherungen des friedlichen Charak 
ters ihrer Bestrebungen sich die nöthige Freiheit der Bewe 
gung zu wahren. Unter allen Uniständen aber haben wir 
das Recht und die Pflicht, den blinden Glauben zu ver 
weigern und an der Hand eines Vergleichs mit den übrigen Kmid- 
gebungcn in der socialistischen Preste zu untersuchen, ob nicht 
etwa die friedliche Tendenz nur zur Schau getragen wird, 
und ob nicht hinter dieser Maske sich doch das Gesicht eines 
Revolutionärs verbirgt. 
Die Social-Dcmokratie niacht kein Hehl daraus, daß ihre 
Partei einen revolutionären Charakter trägt. Wenn sie dies 
offen ausspricht, dann stützt sie sich zu ihrer Rechtfertigung 
und um den Verdacht eines geplanten, gewaltsamen Umsturzes 
nicht aufkommen zu lassen, auf die Desinitiou, welche Lassatile 
in seiner Vcrtheidigungsrede vor den, Berliner Kriminalgericht 
10*
        <pb n="164" />
        148 
VI. Die Revolution der Soc.-Dcmokratie. 
von dem Begriff „Revolution" gegeben hat. Er sagt dort: 
„Revolution heißt Umwälzung, und eine Revolution ist so- 
„mit stets eingetreten, wenn, gleichviel ob mit oder ohne Ge 
walt — auf das Mittel konlmt es dabei gar nicht an — 
„ein ganz neues Princip an die Stelle des bestehenden 
„Zustandes gesetzt wird." *) Die Geltendmachung eines 
neuen Princips setzt allerdings nicht unter allen Umständen 
auch schon den Gebrauch von gewaltsamen Mitteln voraus. 
Im Lauf der Kulturentwicklung hat sich schon gar manche 
in alle Berhältnisie tief einschneidende Umwälzung auf dem 
friedlichsten Wege vollzogen. Der Dampf in Verbindung mit 
der Erfindung der Maschine hat die ganze Industrie revo 
lutionirt, von Grund aus umgestaltet. Die ganze Arbeit der 
Wissenschaft mit ihren Erfindungen und Entdeckungen führt 
zu einer ständigen Revolution. Ohne Revolution, ohne Durch 
führung neuer Principien gäbe es keinen Fortschritt, herrschte 
ein dem Tode ähnlicher Stillstand aus allen Gebieten mensch 
licher Kultur. Die Social-Demokratie darf sich also eine revo 
lutionäre Partei neunen, ohne alsbald mit den Strafgesetzen um 
dieses Namens willen in Konflikt zu gerathen. Sie ist in ihrem 
innerstenGrunde eine revolutionärePartei,dadie Geltendmachung 
eines neuen Princips, des Princips der Gleichheit auch für 
das sociale Leben, ihr ausgesprochenes Ziel ist. Es kommt 
also bei der Beurtheilung, ob eine sträfliche revolutionäre 
Tendenz vorliegt, auf die Prüfung der Mittel an, durch 
welche dem neuen Princip zum Durchbruch verholfen wer 
den soll. 
Die Social-Demokratie versichert, wie schon erwähnt, 
nur durch friedliche Mittel die neue Organisation der Gesell 
schaft durchführen zu wollen. Für einen friedlichen Sieg des 
») F. LassaUe, btt Wissenschaft und die Arbeiter. S. 41.
        <pb n="165" />
        GeskllschastShilfr. 
149 
Socialismus stehen aber nur zwei Wege offen. Entweder 
es entschließt stch die besitzende Klaffe freiwillig, die von der 
Social-Temokratie geforderte sociale Gleichheit zu realisiren, 
und dann werden nicht von unten, sondern von oben die 
socialistischen Plane verwirklicht lvcrden. Oder es gelingt 
dem Socialismus, auf die Gesetzgebung einen solchen Ein 
stuß auszuüben, daß diese nach Adoption des neuen Prin 
cips durch dem entsprechende Gesetze die bestehende Gesell 
schaftsordnung allmählig in die socialistische Gesellschaftsform 
überleitet und durch die Kraft der Gesetze alle widerstreben 
den Elemente zwingt, sich zu fügen. Weder der eine noch 
der andere Weg hat irgend welche Aussicht auf Erfolg. Lassaüe 
hat zwar auf den ersten Weg hingewiesen, ohne daß wir 
behaupten können, er habe sich auch mit der Hoffnung ge 
tragen, auf demselben zum Ziele zu gelangen. Er sagt in 
seiner Frankfurter Rede: „Es wäre das großartigste Kultur- 
„faktum, es wäre ein Triumph des deutschen Namens und 
„der deutschen Nation, wenn in Deutschland die Initiative in 
„der socialen Frage gerade von den Besitzenden ausginge, wenn 
„sie aufträte als ein Produkt der Wissenschaft und der Liebe, 
„nicht als eine Gährung des Haffes und der wilden, sans- 
„culottischen Wuth."*) Auch wir legen in der socialen Frage 
auf die Gesellschaftshilfe ein großes Gewicht und betrachten 
es als eine sittliche Pflicht der besitzenden Klaffe, durch 
Opferwllligkeit, durch Werke der Liebe, der niederen Klaffe 
helfend entgegenzukommen und versöhnend zu wirken. Aber 
eine solche Initiative in der socialen Frage ist himmelweit 
verschieden von einer Anerkennung und Unterstützung der 
socialistischen Ideen. Diese wollen ein neues Gesellschafts- 
Princip, das Princip der Gleichheit zur Geltung bringen, 
*) F Lassallk, Arbeiterlesebuch. S. 55.
        <pb n="166" />
        150 
VI. Die Revolution der Soc.'Dcmokratie 
während jene Hilfe auf dein Boden der bestehenden Gesell 
schaftsordnung sich hält und dieselbe nicht verläßt. Ein solches 
Eingreifen der oberen Gesellschaftsschichten in die sociale Be 
wegung wird anstatt dem Socialismus irgend welchen Vor 
schub zu leisten, vielmehr das wirksamste Mittel sein, dessen 
Einfluß auf die Mafle des Proletariats zu schmälern. Es 
fehlt noch viel daran, bis die Erkenntniß jener mit dem Be 
sitz verbundenen sittlichen Verpflichtung sich überall Bahn ge 
brochen hat und die Gesellschaftshilse überall, wo's Noth 
thut, eingreift. Bei alledem dürfen und müssen wir doch auch 
konstatiren, daß die frühere Gleichgiltigkeit gegenüber der so 
cialen Frage einem lebendigen Interesse Platz zu machen be 
ginnt. Die Hoffnung jedoch, es werde die Gesellschaft jemals 
freiwillig und mit eigener Hand sich den Todesschein aus 
stellen und ihre Hilfe in den socialen Uebelständen durch eine 
Bekehrung vom Privateigenthum zum Kommunismus dar 
bieten, es werde somit dem Socialismus auch von der be 
sitzenden Klasse die Hand geboten werden, ist und bleibt alle- 
zeit eine schwärmerische Utopie, die wohl auch von keinem 
einzigen Social-Demokraten gehegt wird. 
Es bleibt also nur noch eine Möglichkeit übrig, den 
Socialismus auf friedlichem Wege zum Siege zu führen, 
das ist die Hilfe der Gesetzgebung. Bei nur äußerlicher Be 
trachtung und oberflächlicher Beobachtung der socialistischen 
Agitation scheint die Social-Demokratie auf die Wirkung 
dieses Mittels ihre ganze Hoffnung zu setzen. Lassalle hat 
auf die Wichtigkeit dieser friedlichen Waffe für den Sieg des 
Socialismus aufmerksam gemacht, indem er unter Hinweis auf 
das damals noch nicht gewährte allgemeine und dirette Wahl 
recht zu den gesetzgebenden Körperschaften sein „Antwort 
schreiben" mit den Worten schloß: „Dies ist das Zeichen, 
„das Sie aufpflanzen müssen. Dies ist das Zeichen, in dem
        <pb n="167" />
        Parlamentarismus 
151 
„Lie siegen werden! Es giebt kein anderes für Sie!" Für 
den deutschen Reichstag bildet bereits das allgemeine und 
direkte Wahlrecht den gesetzlichen Wahlmodus. Bei der wich- 
tigsten gesetzgebenden Körperschaft hat somit die Social-Demo- 
kratie die von Laffalle empfohlene Waffe in der Hand. Bei 
jeder Reichstags wähl entfaltet sie auch die rührigste und aus 
gedehnteste agitatorische Thätigkeit, um möglichst vielen ihrer 
Genoffen ein Reichstagsmandat zu verschaffen. Gegen eine 
Theilnahme von Vertretern des Socialismas an der deutschen 
Gesetzgebung haben wir nicht das geringste Bedenken. Wir 
wünschen vielmehr, daß die social-demokratische Partei, so 
lange sie existirt, stets Gelegenheit hat, auch auf der Tribüne 
des Reichstags sich öffentlich zu zeigen. Ihr offenes 
Hervortreten halten wir für weniger gefährlich, als die ge- 
Heime Agitation. Das Auftreten der Social-Demokraten im 
deutschen Reichstag kann nur die zu einer Bekämpfung der 
socialistischen Ideen nöthige allgemeine Kenntniß derselben för 
dern. Je gründlicher und je allgemeiner man einen Feind 
kennt, desto mehr wird man auf seiner Hut sein und sich 
nicht in Sorglosigkeit einwiegen, desto leichter wird man auch 
im Stande sein, die rechten Maßnahmen gegen ihn zu treffen. 
Sogar bei Berathung der die sociale Frage betreffenden Ge 
setze scheint uns die Anwesenheit und Theilnahme von socia 
listischen Abgeordneten eher nützlich als hemmend zu sein. 
An einen Sieg für den Socialismus ist hierbei absolut nicht 
zu denken. Hierzu würde vor allen Dingen gehören, daß 
die social-demokratische Partei im gesetzgebenden Körper die 
Majorität besitzt. Seitdem dieser Partei die Waffe des all 
gemeinen und direkten Wahlrechts in die Hand gegeben ist, 
ist es ihr in Frankreich wie in Deutschland wohl gelungen, 
beim Wahlkampf einige Siege zu erfechten; zur Majorität 
wird sie es nie bringen können, selbst wenn die gesammte
        <pb n="168" />
        152 VI. Die Revolution der Soc.-Demokratie 
industrielle und landwirthschaftiiche Arbeiterwelt sich aus ihre 
Seite stellen sollte, da nach der Volkszählung von 1867 in 
Preußen die Gesanimtheit der rnännlichen Arbeitnehmer doch 
nur 53'/, Procent aller männlichen Selbstthätigen*) aus 
macht. Dabei ist zu berücksichtigen, daß die Arbeiterbevölkerung 
sich nicht gleichinäßig über alle Wahlkreise vertheilt, sondern daß 
sie sich in einzelnen dicht bevölkerten Jndustriebezirken start 
zusammenhäuft, und schon dadurch in den übrigen Theilen 
des Landes in der Minderheit bleibt. Auf dem friedlichen 
parlamentarischen Weg eine socialistische Gesellschaftsordnung 
zil ermöglichen, muß daher völlig aussichtslos erscheinen. 
Die Social-Demokratie mag den gesetzlichen Weg, den 
sie einhalten zu wollen vorgibt, oft und laut betonen; an 
einen auf diesem Weg zu erringenden schließlichen Sieg ihrer 
Principien glaubt sie aber selbst nicht. Es ist dies nicht eine 
willkürliche Annahme unsererseits, sondern das offene Be 
kenntniß der socialistischen Preste. Bei der letzten Reichstags 
wähl hatte die Social-Demokratie in Folge eifrigster Agi- 
lation in Stadt und Land eine kleine Anzahl ihrer Kandi- 
daten als Sieger aus der Wahlurne hervorgehen sehen. An 
statt nun diese Triunlphe als einen verheißungsvollen Anfang 
des endlichen Sieges ihrer Principien auf beni friedlichen 
und gesetzlichen Boden des Parlamentarismus zu betrachten, 
wie man Angesichts ihrer wiederholten Versicherungen, nur 
durch die Macht der Gesetzgebung dem Socialismus Geltung 
verschaffen zu wollen, hätte erwarten sollen, schreibt der 
„Volksstaat" (1874, 21) wenige Wochen nach vollzogener 
Wahl bei einer Besprechung der Mandatsablehnung Johann 
Jacobys: „Die social-demokratische Arbeiterpartei hat 
„nie den Glauben gehabt, daß schließlich auf parlamentarischem 
*) Concordia 1871, Nr. 5.
        <pb n="169" />
        Parlamentarismus. 
153 
„Wege sich ihr Programm endgültig verwirklichen laste." 
Noch deutlicher sprach sich Liebknecht in einem in öffentlicher 
Persammlung zu Mainz über „die politische Stellung der 
social-demokratischen Arbeiterpartei" gehaltenen Vortrag aus: 
„Es ist ein Irrthum, wenn man glaubt, die Social-Demo- 
„kratie könnte eine Umgestaltung vermittelst des Reichstages 
„erwirken und die social-demokratischen Reichstagsabgeordneten 
„könnten durch Reden etwas dazu beitragen, den Forderungen 
„des arbeitenden Volkes im Reichstag Geltung zu verschaffen. 
„Der Reichstag ist machtlos und dient der Regierung nur zur 
„Verhüllung des Absolutismus." (Volksstaat 1874, 112). 
Wir fragen billig, wozu aber all dieser Aufwand an Geld, 
Zeit und Kraft, wozu diese Aufregung der Gemüther durch 
die agitatorische Thätigkeit, die allemal den höchsten Grad 
erreicht, so oft eine Reichstagswahl vor der Thüre steht, wenn 
vom ganzen Parlamentarismus für den Socialismus doch 
nichts zu hoffen ist! Auch darüber sollen wir vom „Volks 
staat" genügenden Aufschluß erhalten. Derselbe schließt einen 
Artikel: „Zur Aufgabe unserer Vertreter im Reichstage" 
(1874, 50) mit den Worten: 
„Die social-demokratische Partei ist eine revolutionäre 
„Partei; läßt sie sich auf den Boden des Parlamentaris- 
„mus locken, so hört sie auf eine revolutionäre Partei zu 
„sein, so hört sie überhaupt auf zu sein. Wir be- 
„theiligen uns an den Reichstagswahlen und schicken Vertreter 
„in den Reichstag, ausschließlich zu agitatorischen 
„Zwecken. Die Stärke unserer Partei liegt im Volk; im 
„Volk unser Wirkungskreis; nur um zum Volk zu reden 
„dürfen wir die Tribüne des Reichstags besteigen. Entfer- 
„neu wir uns von dem revolutionären Ursprung 
„und Wesen unserer Partei, verlieren wir nur 
„einen Augenblick bte Fühlung mit dem revo-
        <pb n="170" />
        154 VI Die Revolution der Soc.-Demokratie 
„lutionären Volk, so stehen wir in der Luft und 
„werden gleich jenen Riesen des Alterthum s ohne 
„Gnade erdrückt." 
Solche Bekenntnisse lasten über den Zweck der Betheili 
gung der Social-Demokratie an den Wahlkämpfen wie an 
den parlamentarischen Verhandlungen nicht den geringsten 
Zweifel. Der Parlamentarismus ist ihr nicht das Mittel, eine 
gesetzliche und friedliche Anerkennung und Durchführung des 
Socialismus zu erreichen, sondern er bietet ihr nur cine 
willkommene Gelegenheit zu rein agitatorischer Thätigkeit, um 
für die Partei neue Anhänger zu gewinnen. „Richt im 
„Reichstag können sie (die social-demokratischen Abgeordneten) 
„wirken, aber aus dem Reichstag; nicht legislatorisch, aber 
„agitatorisch. Der Reichstag soll ihnen nicht Zw eck sein, 
„sondern bloß Mittel, nicht Feld der Thätigkeit, sondern 
„ein erhöhtes Podium, um zu dem „Volk draußen" 
„zu reden, und es aus den» Mittelpunkt der Klassenherrschaft 
„aufzuklären über das wahre Wesen der Klassenherrschaft." 
(Volksstaat 1874, 50). Dieser Anschauung entspricht auch 
vollständig das Verhalten der socialistischen Reichstagsmit 
glieder. Ihre Reden sind weiter nichts als Agitationsreden. 
Bei jeder Debatte über irgend eine Gesetzcsvorlage kommt 
es ihnen weniger darauf an, zur Sache zu reden, als viel 
mehr die Gelegenheit zu ergreifen, immer und immer Wieder 
aus der Tribüne des Reichstags, um deren willen, die draußen 
sind, den Socialismus zu predigen. 
Es ist von hohem Werth, die mitgetheilten Bekenntnisse über 
die Stellung der Social-Demokratie zur parlamentarischen Thä- 
tigkeit nicht zu übersehen. Denn sie reichen allein schon hin, um 
die Behauptung, daß die Social-Demokratie an eine friedliche 
und gesetzliche Durchführung ihrer neuen Gesellschaftsorgani 
sation nicht denkt, zu begründen. Es gibt für die Social-
        <pb n="171" />
        Gewaltsame Revolution. 
155 
Demokratie keine Möglichkeit, auf friedlichem Wege ihr Ziel 
zu erreichen, da die freiwillige Unterwerfung der Gesellschaft 
undenkbar ist, und die Mitwirkung der gesetzgebenden Faktoren 
bei der Durchführung des Socialismus nicht nur nicht zu erwar 
ten ist, sondern sogar von der Social-Demokratie selbst, als 
ihrem revolutionären Charakter widersprechend, abgelehnt wird. 
Es bleibt somit kein anderer Weg übrig, als der der Gewalt; 
und die social-demokratische Partei muß in doppeltem Sinne 
als eine revolutionäre Partei angesehen werden, als eine 
Partei, die ihr revolutionäres Princip durch nichts anderes, 
als durch revolutionäre Mittel zur Geltung bringen kann 
und auch will. 
Es fällt nicht schwer, für die an die Gewalt appellirende 
revolutionäre Tendenz der Social-Demokratie die nöthigen 
Belege beizubringen. Die Berhandlungen des allgemeinen 
deutschen social-demokratischen Arbeiterkongreffes zu Eisenach 
(1669), auf welchem die social-demokratische Arbeiterpartei 
sich constituirte, schloß Gcib mit den Worten: 
„Es gibt einen Baum, der goldene Früchte trägt, wenn 
„aber diejenigen, die ihn gepsianzt haben, die Hand nach den 
„Früchten ausstrecken, so ziehen sie sich zurück. Es liegt auch 
„um den Baum geschlungen eine Schlange, die Jeden davon 
„abhält. Dieser Baum ist die heutige Gesellschaft; die Schlange, 
„das sind die heutigen Zustände, die uns den Genuß der gol- 
„denen Früchte verwehren. Meine Herren! Wir sind ent- 
„schloffen, die goldenen Früchte zu genießen und die Schlange 
„zu verscheuchen: — sollte daü nicht auf gütlichem Wege 
„gelingen, wohlan, dann sind wir als Männer, die vor der 
„That nicht zurückbeben, bereit, den alten Baum zu fällen 
„und an seiner Stelle einen neuen kräftigen Baum erstehen 
„zu lasten. Wie können wir ain ehesten unser Ziel erreichen? 
„Indem wir den Geist der Brüderlichkeit und Freiheit in
        <pb n="172" />
        156 VI. Dir Revolution der Şoc.-Demokrcm:. 
„die Herzen der Arbeiter verpstanzen und unsern Brüdern 
„in allen Theilen der Erde die Hand reichen." (Protokoll 
S. 76.) 
So wurde also schon bei der Gründung der „social- 
demokratischen Arbeiterpartei" der doppelt revolutionäre Cha 
rakter der Social-Demokratie in unzweideutige Worte gefaßt. 
Die in Eisenach zusammengekonunencn Parteigenossen nahmen 
als Abschiedswort die Erinnerung mit nach heim, daß, falls 
der Socialismus auf gütlichem Wege nicht zum Siege ge 
langen könne, sie auch bereit sein müßten, von der Gewalt 
Gebrauch zu machen. In gleichem Ton schreibt der „R. 
Soc.-Demokrat" (1871, 54): „Hat die machthabende Klaffe 
„so lange die friedliche, gesetzliche, sociale Revolution 
„verzögert, dann wird — wie Laffalle ankündigte — die 
„sociale Revolution gewaltsam hereinbrechen 
„mit wild wehendem Lockenhaar, eherne Sandalen an den 
„Füßen." Die Eventualität einer gewaltsamen Revolution 
wird hier noch von dem Entgegenkommen oder Widerstreben 
der übrigen Gesellschaftsklassen abhängig gemacht. Dadurch 
sucht die Social-Demokratie die Verantwortlichkeit für jeden 
revolutionären Ausbruch von sich abzuwälzen und den 
Parteien zuzuschieben, die im Socialismus nicht das Heil 
der Welt erblicken können, und darum nicht daran denken, 
gutwillig dem Socialismus freie Hand zu lassen. Es ist 
dies eine ganz ordinäre Straßenräuber-Logik, die dem An» 
gegriffenen wegen des von ihnl geleisteten Widerstandes die 
Schuld an dem ihm widerfahrenen Leid zuschiebt. In dieser 
Logik gefällt sich der „Bolksstaat", wenn er seine Gegner 
auffordert, zwischen der friedlichen und der gewaltsanien Re 
volution zu wählen. Er schreibt (1871, 86): 
„Denkt was Ihr Lust habt — thut was Ihr Lust habt, 
„Ihr Herren; aber Eins laßt Euch gesagt sein, und das
        <pb n="173" />
        Gewaltsame Revolution 157 
«gilt für Deutschland wie für Spanien : Um die „Revo 
lution" kommt Ihr nicht herum. Ihr habt nur 
„die Wahl zwischen „der leichteren Revolution mittelst geeig. 
,’ncter Kammerbeschlüsse", und der „Revolution auf dem 
„gefährlicheren Wege der Gewalt." Gefällt Euch die letztere 
„besser - gut. Ihr habt zu entscheiden." 
Wir wissen aus dem Munde der über den Werth des 
Parlamentarismus für die socialistischen Plane oben abgehörten 
Zeugen, wie die Social-Demokratie selbst von der „leichteren 
Revolution mittelst geeigneter Kammerbeschlüsse" sich lossagt. 
Die den Gegnern gelasiene Wahl ist nur ein Scheinmanöver, 
das den feststehenden Entschluß, auf denl Wege gewaltsamer 
Revolution zum Ziele zu gelangen, verhüllen soll. Ein 
Sieg durch friedliche Mittel ist für den Socialismus un- 
denkbar. Er selbst widerstrebt nicht nur einer jeden fried 
lichen Arbeit zur Hebung der Arbeiterklasse, sondern er spricht 
es auch offen aus, daß eine ruhige Entwickelung niit dein 
revolutionären Charakter seiner Partei im Widerspruch steht. 
Als österreichische Arbeiter das Blatt „Bottsstimme" grün- 
deten, sagren stc in ihrem Programm: „ Gerechte Forderungen 
„der Arbeiter, mögen sie nun Handarbeiter, geistige Arbeiter 
„oder Ackerbauer sein. werden bei uns Unterstützung finden, 
„unberechtigten Forderungen aber, wie Ausschreitungen roher 
„Elemente, werden wir, die wir für die ruhige Fort- 
„entwickelung des Staatslebcns wirken, entschie- 
„den entgegentreten." Das war wenig nach dem Geschmack 
der deutschen Social-Demokratie, weshalb der „Bottsstaat" 
alsbald protestirtc (187.3, 48): 
„Das Blatt „Volksstimme", das wegen eingetretener 
„Hindernisie erst vom 1. Juli ab erscheinen soll, wird also 
„„für die ruhige Entwickelung des Staatslebens" wirken. 
„So kündigt Herr Oberwinder der Bourgeoisie an, um
        <pb n="174" />
        158 
VI. Die Revolution der Soc.-Demokratie. 
„Abonnenten und Inserate zu erhalten! Das ist, — fassen 
„wir uns kurz, — offener Verrath an der Sache der 
„Arbeiter. Die österreichischen Arbeiter haben nicht für ein 
„reaktionäres Blatt, das „für die ruhige Entwickelung 
„des Staatslebens" wirken will, beigesteuert, sondern für 
„ein internationales revolutionäres Arbeiter- 
„organ." 
Ruhige Entwickelung des Staatslebens offener Verrath 
an der Sache der Arbeiter! Wir brauchen kein weiteres 
Zeugniß für die principielle Abneigung der Social-Demokratie 
gegen jedes friedliche Mittel und für ihre revolutionäre 
Tendenz, die nur den rechten Zeitpunkt abwartet, um mit 
Gewalt die sociale Revolution herbeizuführen, welche die be 
stehende Gesellschaftsordnung zertrümmern und die socialistische 
an die Slelle derselben setzen soll. 
Wie die Social-Demokraten unter sich, nicht in ihrer 
Preste vor der Oesfentlichkeit, sondern im Geheimen in ihrer 
Korrespondenz den revolutionären Charakter ihrer Partei 
auffassen und debattiren, mögen zwei Briefe beweisen, welche 
der Braunschweiger Prozeß zum Vorschein gebracht hat. 
Kaufmann Wilhelm Bracke aus Braunschweig, Mitglied des 
Ausschusses der „social-demokratischen Arbeiterpartei" schreibt 
an den Techniker Leonhard von Bonhorst aus Caub, eben 
falls Ausschußmitglied: 
„Unserer Partei liegt die Erkenntniß zu Grunde, daß 
„nur durch die Intervention des Staates im Großen, nölhigen- 
„ falls erzwungen durch eine Revolution, die socialistische 
„Gesellschaft eingeführt werden könne (was nur in einem 
„Volksstaate möglich ist.) Deshalb das Streben, die staat- 
„lichen Zustände zu ändern, und, da wir wenig Hoffnung 
„haben können, dies auf friedlichem Wege zu thun, die 
„Vorbereitung auf die Gewalt."
        <pb n="175" />
        » 
Gewaltsame Revolution. 
159 
In seiner Erwiderung sagt von Bonhorst: 
„Ich bin, was meine Anschauung anlangt, so gut und 
„principiell Socialist und Revolutionär, daß ich vor 
„keiner Konsequenz zurückschrecke. — — Die Zeit wird 
„hoffentlich nicht mehr so arg fern sein, wo wir aus 
„diesem doktrinären, allein seligmachenden Revolutionarismus 
„heraustreten in den praktischen." (Volksstaat 1871, 97. 
Beilage.) 
Die Aussprüche der bis dahin vorgeführten Zeugen 
ermöglichen die rechte Interpretation aller der Stellen der 
socialistischen Preste, welche von einer socialen Revolution 
handeln. Namentlich lasten sie keinen Zweifel darüber, wie 
die deutsche Social-Demokratie ihre Synipathie mit der 
Pariser Kommune meint. Der 18. März, der Jahrestag 
der Erhebung der Pariser Kommune, ist für die deutsche 
Social-Demokratie ein Festtag, den sie dem 2. September, 
dem nationalen Gedenktag für das deutsche Bolk, gerne 
gegenüber stellt. Alljährlich wird am 18. März eine Er- 
innerungsfeier zu Ehren der Pariser Kommune in allen 
social-demokratischen Vereinen auf Anordnung der obersten 
Parteileitung veranstaltet. Diese Feier gilt nicht nur der 
Erinnerung an die blutige Vergangenheit, sondern sie bezweckt 
auch, eine Begeisterung für zukünftige ähnliche Thaten des 
Proletariats hervorzurufen. Das Bevorstehen gleicher revo 
lutionärer Erhebungen wird gewcistagt, wenn der „N. Social- 
Demokrat" (1872. 98) schreibt: „Auf die mächtige Prole- 
„tariererhebnng. die Junischlacht, folgte die noch mächtigere, 
„die Pariser Kommune, und auf diese wird dereinst 
„der mächtigste Vollsaufschwung folgen zur socialen Be- 
„freiung des vierten Standes." 
Oder (1873, 34): „Wir deutschen Socialisten haben 
„nicht minder zu ringen, als unsere Brüder, die Proletarier
        <pb n="176" />
        160 
VI. Die Revolution und die Soc.-Demokratie. 
„der übrigen Kulturländer. Und wenn auch noch unerreicht 
..sind der Heldenkampf der Pariser Kommune, ihr glorreicher 
„Fall, als sie sich unter den rauchenden Trümmern von 
„Paris begrub, und die scheußlichen Mordthaten der Ber- 
„sailler Henker, so zuckt doch eine Bewegung durch das 
„Proletariat der ganzen Welt, welche neue Schlachten mit 
„denselben furchtbaren Erscheinungen bringen wird, bis dieser 
„Klasienkampf endet, mit dem Siege des vierten Standes, 
„mit dem Triumph des Socialismus." 
Auch ohne direkte Beziehung auf die Pariser Kominune 
wird die gewaltsame sociale Revolution in bestimmte Aus- 
sicht gestellt. „Einst wird der nackte Riese den gepanzerten 
„Zwerg mit seiner Faust zerdrücke«", orakelt der „N. Soc.- 
Demokrat" (1871, 62.) Dasselbe Blatt (1872, 101) sieht 
schon im Geiste die Proletarierbataillone sich kampfbereit 
machen zum Straßenkampf, wenn es schreibt: 
„Die Lawine ist im Rollen; möge sie immer mehr an- 
„ schwellen! 
„Den dumpfen Massenschritt der Arbeiterbataillone ver' 
„nahm schon Lassalle; er sah seine Rächer schon im Geiste. 
„Und näher und näher kommt diese geahnte Stunde. 
„Schon zittern uns're Feinde beim bloßen Klange des 
„Namens Lasialle! 
„Sie zittern, wenn der Fabriksklave dumpf aufseufzend 
„ihn murmelt! 
„Sie zittern, wenn das Volk auf den Straßen funkeln- 
„den Auges, von Begeisterung trunken, im Massengesang 
„ihn erschallen läßt! 
„Sie zittern, denn sie fürchten eine große Abrechnung, 
„sie fürchten, daß dereinst der Generalmarsch durch die 
„Straßen schallt und der Donnerruf — Lassalle — aus 
„der Phalanx der Proletarierbataillone erdröhnt!
        <pb n="177" />
        Rtvolutionslleder. 
161 
„D'rum unverzagt! Borwarts mit Ferdinand 
„Lassalle!" 
Die französischen Revolutionslieder werden dem deutschen 
Proletariat vorgesungen, um eine gleiche revolutionäre Be 
geisterung zu wecken, und ohne Umschweife verknüpft hiermit 
der „N. Social-Denlokrat" die Drohung, daß Aehnliches sich 
wiederholen tonnte. Er citirt (1873, 13) das Revolntions- 
lied „Ca ira", dessen Refrain lautet: 
„Ah ça ira, ça ira! 
„Les aristocrates à la lanterne! 
„Ah ça ira, ça ira! 
„Les aristocrates, on les pendra! 
„ES muß so kommen, muß so kommen! 
„Die Aristokraten an die Laterne! 
„ES muß so kommen, muß so kommen! 
„Die Aristokraten muß man hängen!" 
Und an dieses Citat werden folgende Betrachtungen ge 
knüpft: 
„Und wenn das Bolk dies grimmige Lied anstimmte, 
„dan»« blieb cs wahrlich nicht bei diesen Worten. Die 
„Männer der Revolution waren rasch mit Tyaten bei der 
„Hand, und bald hier, bald dort schwebte der Wanst eines 
„Adligen oder Pfaffen aut Pfahl einer Laterne. 
„Das ça ira, es ist wahrlich auch ein mene tekel. 
„Und wenn die Bourgeoisie im Hinblick alls dies Lied, welches 
„zur Zeit des Kommunekampfes wieder in Paris gesungen 
„ward, Herzklopfen und einen moralischen Katzenjammer be- 
kommt, soll uns das gar nicht leid sein. 
„Wir unserseits geben ihr zu bedenken, daß die grimnte 
"Bolksrache von 1793 losbrach, weil die herrschenden Klassen 
«die gesetzliche Entwickelung der Revolution durch Gewalt 
Schuster, Die Soci«l«Dem»kratik. 11
        <pb n="178" />
        162 VI. Die Revolution und die Soc.-Demokratie 
„und Verschwörung hinderten. Nie hätte das französische 
„Volk zu Beil und Strick gegriffen, hätte die verrätherische 
„Aristokratie nicht zuerst Gewalt gebraucht. Erst wenn dem 
„Volk der friedliche Weg zu seinem heiligen Rechte abge- 
„schnitten ist, dann singt es sein ça ira, dann aber hängt 
„es und köpft es auch ohne Gnade alle Volksverräther!" 
Erinnern wir uns des Hasielmann'schen Ausspruchs: 
„Wir schreiben à la Marat!", der ohne Unterlaß seine Brand 
fackel in's Volk schleuderte und zu jeder neuen Erhebung 
durch die Presse das Allarmsignal gab, so kann man es mit 
den Händen greifen, was die Absicht und der Zweck solcher 
Artikel ist, welche unsern Arbeitern die französischen Revo 
lutionslieder vor die Augen führen. 
Wir wollen gerne zugeben, daß nur die Parteiführer 
sich ihrer Absicht, auf dem Wege einer gewaltsamen Revo 
lution dem Socialismus zur Herrschaft zu verhelfen, sich 
klar und bestimmt bewußt sind, und daß eine große Zahl 
von Parteigenossen vielleicht nicht einmal eine Ahnung davon 
hat, welchem Ziel man sie entgegenführt. Aber wie geflissent- 
lich man das revolutionäre Feuer in den Herzen der Prole 
tarier zu schüren sich bemüht, das beweist die social-demokratische 
Poesie, welche revolutionäre Begeisterung zu wecken versucht. 
Das von Joh. Most gesammelte „Proletarier-Liederbuch" ist 
reich an feurigen Revolutionsliedern. Auf Seite 19 finden 
wir ein „Proletarier-Lied", dessen beiden ersten Strophen 
allo lauten: 
„Es tönt ein Ruf von Land zu Land: 
„Ihr Armen reichet Euch die Hand! 
„Und ruft ein „Halt" der Tyrannei, 
„Und brecht das Sklavenjoch entzwei! 
„Es wirbelt dumpf das Aufgebot, 
„Es flattert hoch die Fahne roth: 
Arbeitend leben, oder kämpfend den Tod! :,:
        <pb n="179" />
        Revolntionslieder. 
163 
„Wir haben lang genug geharrt, 
„Man hat uns lang genug genarrt, 
«Jetzt greisen wir zu unsrem Recht, 
„Jetzt stellen wir uns zum Gefecht 
„Es wirbelt dumpf das Ausgebot, 
„Es flattert Koch die Fahne roth: 
Arbeitend leben, oder kämpfend den Tod! 
Die „Arbeitermarseillaise", welche die Locial-Demokraten 
am Schltlß ihrer „Volksversammlungen" anzustimmen pflegen, 
beginnt (S. 46) mit den Worten: 
„Wohlan, wer Recht und Freiheit achtet, 
„Zu uns'rer Fahne steht zu Haus, 
„Wenn auch die Lüg' uns noch umnachtet, 
Bald steigt der Morgen hell heraus! 
„Ein schwerer Kampf ift's, den wir wagen, 
„Zahllos ist uns rer Feinde Schaar, 
„Doch ob wie Flammen die Gefahr 
„Mög' über uns zusammenschlagen, 
Die neue Rebellion 
„Die ganze Rebellion, 
„Marsch, marsch! 
„Marsch, marsch! 
„Marsch, wär's zum Tod 
„Denn uns're Fahn' ist roth! 
Endlich verdient auch noch eine Travestie des Liedes 
..Ein' feste Burg ist unser Gott" mitgetheilt zu werden, 
welche unter der Ueberschrist: „Der Menschheit Kriegs- 
Gesang" folgende zwei Strophen enthält: 
„Heil unS! Der Zunder ist gehäuft — 
„Der Weltbrand loht zum Himmel! 
„Das Schlachtschwert saust! Die Kugel pfeift! 
„Rings wildeS Kampfgetümmel! 
„Einstürzt der Knechtschaft Kartenhaus! 
„Zum Licht durch Wetters Sturm und Graus!
        <pb n="180" />
        1(14 VI. Die Revolution und die Soc.--Demokratie. 
„Laßt fahren dahin 
„Des Lebens Gewinn! 
„Das Reich muß uns doch bleiben! 
„Hei! — Seht! die Throne fallen ein, 
„Die heil'gen Stühle zittern! 
„Nun, brave Männer, drauf und drein! 
„Neu lächelt nach Gewittern 
„Die dunstbefreite klare Welt! 
„Und was auch jetzt der Blitz zerfchellt — 
„Laßt'S fahren dahin! 
„'s bringt keinen Gewinn! 
„Das Reich muß uns doch bleiben! —" 
Bis zum rohesten Fanatismus steigert sich die revolutionäre 
Leidenschaft, wenn der Verfasser des oben schon erwähnten 
„Wintermärchens* (Gesang XX. Seite 25) schreibt: 
„Dort (in der Hölle) will ich liegen und warten und ruh'n 
„Bis andere Zeiten gekommen, 
„Bis die Deutschen ihr Schicksal mit kräft'gem Thun 
„Selbsteigen zur Hand genommen! 
„Bis sie mit heiliger Zornesgluth 
„jti Fetzen die Throne geschlagen 
„Und sie die ganze Tyraunenbrut 
„Zur Guillotine getragen 
„Bis der verpestete deutsche Sumpf 
„Bon Henkern und Heuchlern und Strolchen 
„Ist ausgerodet zum letzten Stumpf 
„Mit Knüppeln und Meffern und Dolchen." 
Ein solches Produkt, das die Expedition des socialistischen 
Blattes „Felleisen" in Zürich zur Verbreitung in Deutsch- 
land auf Lager hat, bedarf keines weiteren Kommentars. 
Ohne alle Verhüllung wird die blutige Revolution gepredigt. 
Von Interesse ist noch ein Passus in der Anklageschrift 
des Braunschweiger Prozesses (Volksstaat 1871, 97. Beilage), 
welcher hervorhebt, daß der Ausschuß der social-demokratischen
        <pb n="181" />
        Revolutionslieder 
165 
Arbeiterpartei sich schon mit der Frage beschäftigt haben muß, 
was beim Ausbruche einer Revolution zunächst geschehen 
müsse. Er lautet: 
„Endlich sei hier noch erwähnt, daß sich der Ausschuß 
„schon (vielleicht im Geheimen) mit dem Gedanken beschäftigt 
„haben muß, was im Augenblicke des Allsbruchs einer Re- 
„volution geschehen müsse, denn unter den beim Ausschüsse 
„beschlagnahmten Papieren hat sich ein gedrucktes Flug- 
„blatt vorgefunden mit der Ueberschrift: 
„„Forderungen des Voltes im Augenblicke der 
„Revolution," 
„welches den beabsichtigten allgemeinen Umsturz der bestehen- 
„den Ordnung vollständig charakterisirt. Es wird darin 
„u. A. gefordert: Beseitigung aller bestehenden Regierungs- 
„gewalten, Aushebung aller Steuern, Konfiskation des Eigen- 
„thuins der Fürsten unto Bolksverräther, der Banken und 
„Staatskassen, Zwangsanleihen auf alle Kapitalisten, alle 
„Staatsschulden sind aufgehoben, das alte Papiergeld werth- 
„los, der Staat übernimmt alle Hypotheken, keine Hypothek 
„darf gekündigt werden, alle Eisenbahnen, Dampfschiffe, alle 
„Fabriken nimmt der Staat in Besitz, die Paläste und 
„Schlösser der Fürsten und Reichen werden zu Schulen und 
„anderen gemeinnützigen Zwecken eingerichtet u. s. w."*) 
Wenn auch dieses Dokliment, wie der „Bolksstaat" be- 
*) Ter „Volksstaat" hält es für nöthig, hierzu folgende An 
merkung zn niachen: „Erschrick nicht, lieber peser! Da-: frag 
liche Mordsñugblatt danrt aus dem Jahre 18—48, und wurde 
in 1 (Einem) ganzen und unversehrten Exemplar vorgefunden. 
Wir können auf Wunsch — wenn man unS einige Zeii läßt, 
da wir diese Waare natürlich nicht auf Pager halten — mit etlichen 
Centnern solchen Hochverrath'S aufwarten." Red. d. „Bolks,last." 
Wer's glauben will, mag'S glauben!
        <pb n="182" />
        VI. Die Revolution und die Soc.-Demokratie. 
Itili 
hauptet, einer vergangenen revolutionären Epoche angehören 
sollte, so zählt es doch immerhin die Maßnahmen auf, welche 
eine jede sociale Revolution, sobald sie nur auf kurze Zeit 
die Oberhand gewinnt, in erster Linie treffen würde. Wenn 
es nicht zweifelhaft ist, daß unsere deutsche Social-Demokratie 
einer gewaltsamen Revolution entgegeneilt, dann ist es auch 
nicht unwahrscheinlich, daß die maßgebenden Persönlichkeiten, 
wie das bei allen planmäßig vorbereiteten socialen Revolutionen 
der Fall war, sich bei Zeiten über die alsbald nach Ansbruch 
der Revolution in der erschütterten Gesellschaft zir beseitigenden 
alten Ordnungen verständigen. 
Bei einer jeden socialen Revolution ist die rothe Fahne 
als deren Banner entfaltet worden. Auch die deutsche 
Social-Temokratie hat die rothe Fahne zu ihrem Feldzeichen 
erwählt. Sie bemüht sich zwar, dieselbe nicht als Zeichen 
des socialen Kampfes, sondern als Symbol der Liebe zn 
deuten. Leichtgläubige Gemüther mögen es wohl glauben 
und sich irre führen lassen. Wir finden die rechte Deutung 
in einem vom „Volksstaat" (1X7%, ü4) veröffentlichten 
Beschluß der englischen Internationale, der folgenden Wort 
laut hat: 
„In Erwägung, daß die Internationale Arbeiterassociation 
„eine militante (propagandistisch kämpfende — der Ausdruck 
„wurde ursprünglich von der Kirche, speciell den propagan- 
„distischen Organisationen derselben gebraucht) Gesellschaft 
„ist, und daß ihre Mitglieder, obgleich für allgemeinen Frieden 
„illld Menschenverbrüderlttlg solidarisch geeint, doch nicht 
„davor zurückbeben dürfen, wenn Pflicht oder 'Roth- 
„wendigkeit es erheischen, die Waffen für die 
„Vertheidigung ihrer Rechte zu ergreifen: daß 
„demgeinäß unsere Association als die internationale 
„Armee des Proletariats zn betrachten ist, und daß
        <pb n="183" />
        Rothe Fahne. 
167 
jede Armee eine Fahne haben muß, um welche die Kämpfer 
„sich zu schaaren haben; und in fernerer Erwägung, daß 
„die rothe Fahne die einzige ist, welche den Principien 
„und Zwecken der Internationalen entspricht, insofern die 
„rothe Farbe das Symbol des von dem Volk für die Frei- 
„heit und den Fortschritt vergossenen Bluts ist, und die 
„Einheit der Farbe, die Einheit des Menschengeschlechts und 
„die Abschaffung der Klassen bedeutet — während alle ande 
ren Fahnen, was auch ihr Ursprung sein möge, durch die 
„reaktionären Parteien beschmutzt worden sind, 
„beschließt der Kongreß: 
„1. Die rothe Fahne ist als Fahne der beili* 
„schen Föderation proklamirt." 
Wir wollen nicht bestreiten, daß bas über die Revolution 
der Social-Demolratie von uns Mitgetheilte zu einem juri 
dischen Beweis nicht ausreichen mag. Wir haben auch einen 
solchen zu führen nicht unternommen. Die Parteiführer 
vergessen nicht, daß es bei ihren die Revolution berührenden 
Publikationen in der Presse eine Linie gibt, die um kein 
Haar breit ungestraft überschritten werden darf, daß in diesem 
Punkt mehr wie bei irgend einem anderen die größte Vor 
sicht geboten ist. Sie reden daher meist nur im Propheten- 
tou von der unvermeidlich herannahenden socialen Revolution, 
und hüten sich wohl, jetzt schon die wahren Urheber derselben 
hinter den Coulissen blicken zu lassen. Aber zur Begründung 
der moralischen Ueberzeugung, daß die Social-Demokratie 
nicht auf friedlichem, sondern nur auf gewaltsam revolutio 
närem Wege an ihr Ziel zu gelangen sucht, haben wir hin 
reichendes Material beigebracht. Für eine Partei, welche 
alle bestehende Ordnung in Staat und Gesellschaft über den 
Haufen zu werfen sich vorgesetzt hat, gibt es kein anderes 
Mittel außer der gewaltsamen Revolution. Unter dem Schutz
        <pb n="184" />
        1&lt;*,8 VI. Die Revolution und die Soc.-Temokratie. 
-er Redefreiheit hat Hasselmann es gewagt, sogar auf der 
Tribüne des deutschen Reichstags die Revolutionsfahne auf 
zupflanzen. Es konnte wohl schwerlich mißverstanden werden, 
als Haffelmann bei Berathung des Kontraktbruchgesetzes 
sich also vernehmen ließ: „Mit diesem Gesetze werden die 
„Arbeiter beleidigt, die Arbeiter, welche die Gewehre tragen 
„müssen, die Arbeiter, welche die Schlachten schlagen, und 
„welche mit den Gewehren umzugehen wissen Die 
„Stunde ist gekommen, wo wir Ernst machen müssen, und 
„wo die Knechtschaft aufhören muß, wenn wir auch selbst 
„in den Tod gehen müsien, denn Brod ist Freiheit, Freiheit 
„ist Brod!"*) 
’) Schwäbischer Merkur 1874, 45.
        <pb n="185" />
        VIL 
Tie Religion und die Social-Temokratie. 
Inhalt: Sociale Bedeutung der Religion. Religiöse 
Heuchelei. Christenthum und Socialismus Diskreditirung des 
Christenthums Atheismus Folgen des Atheismus. Atheistische 
Wissenschaft. 
Nirgends herrscht noch so viel Unklarheit, als in den An 
schauungen über die Bedeutung der Religion für den So 
cialismus, für die Gestaltling des socialen Gebens überhaupt. 
Man hört wohl mitunter etwas von der Mißhandlung, 
welche das Christenthum Seitens der Social-Demokratie er 
fährt, oder auch von den völlig atheistischen Bekenntnissen 
der socialistischen Presse, und wundert sich, daß der Socio 
lisnius dieses Gebiet überhaupt betritt und nicht völlig igne 
rirt. Der Widerspruch gegen die destruktiven Tendenzen dc; 
Socialisntus in Staat und Gesellschaft regt sich in bürger 
lichen Kreisen gewaltig; von seiner religiösen Eigenart glaubt 
man keine Notiz nehmen zu müssen. Ja, auf religiösem 
Gebiet fühlen viele seiner Gegner ganz sympathisch mit ihm. 
und der Widerspruch gegen die von ihm geübte Kritik der 
heutigen Eigenthumsform verwandelt sich bei seiner Lästerung 
und Verhöhnung der Religion bei Bielen in Zustimmung 
und Beifall. Die Sympathie ans dem religiösen Gebiet hält 
man recht gut für vereinbar mit der Antipathie auf den: 
socialen und politischen Boden. Biele haben keine Ahnung 
davon, daß mit der Entwerthnng der Religion der Socia 
lismus mit innerer Naturnothwendigkeit und nach deni Ge-
        <pb n="186" />
        170 VII. Die Religion und die Zoc.-Demokratie. 
setz des rein logischen Denkens im Kurs steigen muß. Lo 
erleben wir das eigenthümliche, unsere Zeit charakterisirende 
Schauspiel, daß viele von denen an der Ausbreitung des 
Socialismus, freilich unwissentlich, arbeiten, die denselben am 
liebsten lieber heute als morgen mit Stumpf und Stiel 
ausrotten möchten. Die am lautesten die öffentliche Gewalt 
gegen ihn anrufen, daß sie den groß gewordenen Baum mit 
einem Schlag fällen möge, wollen nicht zugeben, daß die Ka 
näle zugeworfen werden, welche den Baumwurzeln die beste 
Nahrung zuführen. Müll weist beim Versuch, das Auf 
treten und Anwachsen des Socialismus zu erklären, zuerst 
itnd zumeist auf die wirthschaftlichen Nothstände hin. Ganz 
gut. Aber das Streben, die llebelstände im Gefolge unse 
rer modernen Industrie zu beseitigen, hätte sich nimmermehr 
auf socialistische Bahnen verirren können, wenn nicht unsere 
Zeit zu jenen Nothständen wirthschaftticher Natur den tiefen 
religiösen Schaden gesellte, daß Bielen die Gottesleugnung 
menschenwürdiger zu sein scheint, wie der Gotlesglaube. Bor 
dem Forum und nach den natürlichen Konsequenzen des 
Atheismus ist unsere ganze heutige Jndustriesorm ein Noth 
stand, weil gerade sie die Ungleichheit des Besitzes und Ge- 
nusies erhält und immer wieder neu erzeugt. An dieser 
Ungleichheit muß aber der Atheist, der dem Menschen Zweck 
und Ziel seines Daseins ausschließlich ins Diesseits verlegt, 
Anstoß nehmen, solange er noch Alles, was Menschenantlitz 
trägt, gleichwägt. Das was dem Menschen als höchste Be- 
stimmung gesetzt ist, muß auch allen Menschen erreichbar 
sein. Die religiöse Lebensanschauung steckt allen Menschen 
ein gleiches Lebensziel und läßt auch Jeden ohne Ausnahme, 
der überhaupt nur darnach trachtet, das gleiche Ziel voll 
und ganz erreichen. Ter Atheist, der nur den irdischen Ge 
nuß als menschliche Lebensbcstimmung kennt, kann und darf
        <pb n="187" />
        Lociale Bedeuruug Ser Relrgion 
171 
solche Zustände nicht gutheißen, die nur in zahlreichen und 
bedeutenden Abstufungen die einzelnen Menschen an das ge 
meinsame Ziel gelangen lassen, die nicht selten denjenigen 
am weitesten davon entfernt halten, welcher am eifrigsten darnach 
trachtet. 
Der innere Zusammenhang der Religion mit der Ge 
staltung des socialen Lebens, daher auch das Ineinander 
greifen der socialen und religiösen Frage wird deshalb so 
häufig übersehen, weil unsere Zeit von einer socialen Beden- , 
tung der Religion nur noch sehr wenig zu wissen scheint. 
So weit man fich gegen Religion überhaupt heutigen Tages 
noch tolerant verhält, ist man allzu sehr geneigt, sie auf den 
Lebenskreis des einzelnen Individuums zu beschränken. Die 
Religion wird in einseitiger Weise als eine Privatsache be 
trachtet. Daß aber keine menschliche Gesetzgebung, sondern 
gerade die Religion uns auch für das Zusammenleben und 
-Wirken der Menschen, also für die Gesellschaft die obersten 
Principien geben muß, das bleibt leider meist unbeachtet. 
Ich hätte das vollste Recht die bestehende sociale Ordnung 
als die größte Unordnung und Ungerechtigkeit zu betrachten, 
wenn dieselbe auf keine andere, als bloß menschliche Autorität 
sich stützen könnte, eine Autorität, die für mich nicht unter 
allen Umständen maßgebend sein kann. Eine jede sociale 
Ordnung muß als das Produkt der reinsten menschlichen 
Willkür, als ein Ausfluß der jeweiligen Macht erscheinen, so 
lange sie nicht im Stande ist, ben Rachweis zu liefern, daß 
ihre Principien in religiösen iinb daher ewigen, weil gött 
lichen Principien wurzeln. Vergißt die sociale Ordnung 
ihren Zusammenhang mit den ewigen Gottesordnungen, dann 
beraubt sie sich selbst der höchsten Autorität, die sie gegen 
Jeden, der die Ordnung antasten will, geltend machen kann. 
Das religiöse Leben ist der Fels, den das sociale Leben nicht
        <pb n="188" />
        172 VII. Die Religion und die Soc -Demokratie. 
verlassen darf, wenn es zu gesunder Entwickelung und zu 
gesichertem Bestände gelangen soll. So wenig die Natur 
gesetze von einem Menschen ungestraft übertreten werden 
können, so wenig darf das sociale Leben, wenn es sich nicht 
selbst untergraben will, die ewigen Gottesordnimgen bei Seite 
schieben. Tic Gottesordnimgen sind die Naturgesetze für dac- 
sociale Leben. 
Die Social-Demotraue durchschaut den inneren Zusam 
menhang der Religion mit der von ihr gehaßten und ange 
scindeteli bestehenden socialen Ordnung klarer und richtiger 
wie viele ihrer Gegner. Ihr Agitator I. Motteler spricht 
es ja deutlich aus, (Bolksstaat 1874, 58) daß er als So 
cialist „die socialen, religiösen und politischen Fragen als 
untrennbar" behandeln müsse. Die Beachtung, welche die 
Religion Seitens der Social-Demokratie ersährt, ist nicht 
ans Rechnung der in religiösen Fragen lies erregten und 
bewegten Gegenwart zu schreiben, sondern es ist ihr Kampf 
gegen die Religion eine ganz naturgemäße Leben-äußerung, 
die auch hervortreten würde und iliüßte, selbst wenn ini 
religiösen Leben unseres Voltes die tiefste Windstille herrschte. 
In den religiösen Kämpfen der Gegenwart ergreift die So- 
cial-Demokratie keine Partei. Der Sieg der Einen oder der 
Anderen ist ihr völlig gleichgültig. Der Kampf überhaupt 
hat nur insofern ein Interesse für sie, als sie hoffen darf, 
daß es recht viele Todte gibt, die, weil mit der Religion 
völlig zerfallen, und in ihrem religiösen Leben ganz und gar 
bankerott, auch die Widerstandskraft verloren haben, und mit 
der Zeit ihre Bundesgenossen werden müssen. Die Gegen 
wart liefert uns ja Beispiele genug, daß Männer, die ihr 
ganzes religiöses Hab und Gut über Bord geworfen haben, 
wiewohl sie riicht zlim eigentlichen Proletariat zählen, doch 
zur Partei der Social - Demokratie hinübcrtreten. Wir sin-
        <pb n="189" />
        Sociale Bedeutung der Religion. 
173 
den dies ganz in der Ordnung, und wünschen nur, daß ein 
Jeder dieser ganz natürlichen Konsequenz des Atheismus sich 
klar bewußt werden möge. An Männern dagegen, die sich 
ihren religiösen Glauben unversehrt erhalten haben, hat der 
Socialismus noch keine Eroberung gemacht. Diese Erschei 
nung gibt gewiß einem Jeden viel zu denken, der nach dem 
zuverlässigsten Schirm und Schild gegen die verführerische 
Propaganda der Social-Demokratie sucht. 
Es ist also nicht von ungefähr, und ohne alle Bedeu 
tung, sondern vielmehr die Folge einer klaren Erkenntniß des 
socialen Werths der Religion, wenn die Social-Demokratie 
sowohl in öffentlichen Versammlungen, namentlich in ben 
Gegenden, wo sic noch nicht festen Fuß gefaßt hat, als auch 
in ihrer Presse „die Religion der Social-Demokratie" oder 
auch das Thema „das Christenthum und der Socialismus" 
mit Vorliebe behandelt. Der Fels, auf welchem unsere so 
ciale Ordnung ruht, muß erst zerbröckelt werden, ehe es 
gelingen kann, diese selbst zu zertrümmern. Die Herzen der 
Arbeiter müssen vorher alles religiösen Guts beraubt wer 
den, ehe diese selbst als brauchbare Werkzeuge bei der Durch 
führung der socialistischen Plane etwas tauget,. Ja, es ist 
in der feindseligen Oppositlon der Social-Demokratie gegen 
jede Erscheinung religiösen Lebens ein klares und bewußtes 
System. 
Obwohl die Stellung der Social-Demokratie zur Reli 
gion keine Schattirnngen kennt, und and) gar nicht zulassen 
kann, und die beiden Fraktionen derselben, der „Allg. deutsche 
Arbeiter-Verein" wie „die social-demokratische Arbeiterpartei" 
im religiösen Radikalismus gewiß gleich weit vorgeschritten 
find, so unterscheiden sich die beiden Linien doch darin, daß 
bie Vertreter der letzteren den Atheisnms ohne alle nnd jede 
Rücksichtnahme frank und frei predigen, sowohl in öffent-
        <pb n="190" />
        ļ 74 VII. Dik Religion und die Şoc.-Dcmokratie. 
lichen Versammlungen wie in ihrer Preste, die Agitatoren 
des „Allg. deutschen Arbeiter-Vereins" aber sich mitunter 
der schmählichsten religiösen Heuchelei schuldig machen. Sie 
befolgen den Rath, den ein Arbeiter im „Volksstaat" (1871, 
56) ertheilt, „für den Anfang den Socialismus im Gewände 
der Religion zu predigen." In Bezirken, wo sie wissen, 
daß die Arbeiter auf Religion noch etwas halten, wird darum 
eine religiöse Maske vorgebunden. Es wird versichert, daß 
der Socialismus das wahre, aber mit der Zeit durch die 
Schuld der Pfaffen „verpfuschte" Urchristenthum als die 
Religion der Liebe wieder herstellen wolle. Der Agitator 
Dreesbach ging mit seiner religiösen Heuchelei so weit, daß 
er in einer öffentlichen Versammlung in Stuttgart in seinem 
Vortrag über „das Christenthum und der Socialismus" 
von der „herrlichen Bergpredigt" sprach, welche der Socia 
lismus als das wahre Christenthum zur Wahrheit machen 
wolle (vgl. „R. Social-Demokrat" 1872, 80). Als der 
Agitator nach Schluß seines Vortrags über einige Stellen 
der Bergpredigt interpellirt wurde, mußte derselbe die Maste 
fallen lassen und das Bekenntniß ablegen, daß der Socia 
lismus von einem Christenthum nichts wisten wolle, das 
den Menschen eine Seligkeit verheiße. 
So weiß man seine Religionslosigkeit unter einem reli 
giösen Mantel zu verhüllen und den Arbeitern Land in bic 
Augen zu streuen. Es ist dies dem Agitator Dreesbach 
auch soweit gelungen, daß ein großer Theil seiner Anhänger 
gegen die in derselben Versammlung von gegnerischer Seite 
aufgestellte Behauptung, wer ein Christ sein wolle, könne 
kein Socialist sein, entschieden protestirt wurde. Diese eine 
Erfahrung beweist schon zur Genüge die Nothwendigkeit, über 
die Stellung der Social-Demokratie zur Religion und zum Chri 
stenthum insbesondere den Arbeiterstand aufzuklaren, die religiöse
        <pb n="191" />
        Religiöse Heuchelei. 
175 
Heuchelei vor den Arbeitern zu entlarven, damit die Elemente, 
die noch nicht bis zur völligen Religionslosigkeit sich ent. 
würdigt haben, von denen sich scheiden, die ans Princip 
„die Religion abschaffen" wollen (Voltsstaat 1872, 51), 
mit denen sie darum doch noch keine innere Verwandtschaft 
haben. 
Mit dem Namen Christus wird von den religiösen Heuch 
lern ein großer Unfug getrieben. Christus als Kommunisten 
(N. Social-Demokrat 1872 38) und ersten Social- 
Demokraten der Arbeiterwelt anzupreisen, ist etwas ganz 
Gewöhnliches. Mit besonderer Borliebe wird aber „Jesus 
und Lassalle" neben einander gestellt. Als im Jahre 187% 
die Feier des Todestages Christi, der Charfreitag. mit den. 
Geburtstag F. Lassalle's auf einen Tag, den 11. April, 
siel, schrieb der ,.N. Social-Demokrat" in Nr. 4% in einem 
„Tod und Auferstehung" überschriebenen Leitartikel: 
„Der Meister Jesus von Nazareth, welcher in 
„einer an raffinirter Grausamkeit und erdrückender Ausbeu- 
„tung ihres Gleichen nicht findenden Zeit dem seufzenden 
„Sklaven die Freiheit, dem hungernden Armen das Reich 
„der Gerechtigkeit, dem Ausgebeuteten Gleichheit und 
„Brüderlichkeit, den unterjochten Völkern aber die 
„Verbrüderung aller Völker gepredigt hatte, ward 
„ob dieser „hochverrätherischen" und „religionsfeindlichen" 
»Lehre von wüthenden Wucherern, römischen Sklavenherren 
„und jüdischen Pfasfen angeklagt, verdammt und grausam 
„hingerichtet." 
Nachdem sodann in demselben Artikel Christus mit den 
M der Ebene Satcry kriegsgerichtlich erschosienen Köm- 
wnnards mit den Worten: „Auf Golgatha und auf 
Calory raucht dasselbe Märtyrerblut!" auf eine 
Linie gestellt ist, heißt es weiter:
        <pb n="192" />
        176 VII. Die Religion und vie Soc -Demokratie. 
„Wir Socialisten können nun voll Freude über das 
„Fortschreiten der menschlichen Aufklärung auf den morgen - 
„den Tag, auf den 11. April Hinblicken. Verknüpft er doch 
„sinnreich den Todestag des großen Nazareners, wel- 
„cher, der Erste, der Menschenliebe eine Gasse brach und da- 
„für den Tod litt, mit dem Geburtstage des großen 
„deutschen Deukers und Kämpfers, Ferdinand La sfalle, 
„welcher mit dem Rüstzeug der Wissenschaft und dem kühn- 
„sten Schwung der Begeisterung die falschen Propheten des 
„Egoismus aus dem Tempel der deutschen Wissenschaft 
„hinausgeißelte und die Auferstehung des Socialismus in 
„Deutschland bewirkte." 
Der Artikel schließt sodann mit den Worten: 
„Jesus von Nazareth ist todt; schlaue Pfaffen ver 
standen es, aus seiner Lehre die Gleichheit, die Brüder- 
„lichkeit, die Gütergemeinschaft fortzulügen. Was hilft 
„es ihnen! Dem Tode der Lehre folgt ihre Anfer 
nst ch N n g. 
„Und so rufen wir Socialisten als echte Christen 
„am 11. April, daß es allen Betrügern und Ausbeutern 
„in die Ohren schallt: 
„Jesus von Nazareth ist todt! Es lebe Fer- 
„dinand Lassalle!" 
Wegen der Gleichstellung Christi mit den auf Satorp 
erschossenen Kommunards wurde der „N. Social-Demokrat" 
auf Gotteslästerung angeklagt, aber in erster und zweiter 
Instanz freigesprochen. Der über die Freisprechung trium- 
phirende Leitartikel (1873, 131) erhebt sodann die Drohung: 
„Aber die Stunde schlägt bald, wo unter dem Feldge- 
„schrei: „Jesus und Lafsalle!" Eure Schanzen gestürmt, 
„und Ihr vor der siegenden Macht der Idee, der Wahrheit 
„zertreten im Staube Euch wälzt."
        <pb n="193" />
        Religiöse Heuchelei 
177 
Man müßte eine solche Entwürdigung des Namens 
Jesus erbärmlich nennen, wenn nicht die Parallele zwischen 
Christus und Lassalle allzu albern und kindisch wäre. Aber 
die Absicht dieser Berbindung läßt sich leicht erkennen. Die 
Lasiallcaner vergöttern ihren Meister und machen Jesus 
znm Postament für das Götzenbild des „großen" Laffalle. 
Von solchen Albernheiten, durch welche die Begeisterung 
für den Socialismus bis zu einem religiösen Fanatismus 
hinaufgeschraubt werden soll, hält der „Volksstaat" sich frei. 
Er protestirt gegen die Vergötterung Lasialle's und schreibt 
(1873, 32) mit Bezug auf den mitgetheilten Leitartikel des 
„N. Social-Demokrat" : 
„Jesus von Nazareth ist todt! Es lebe Ferdinand 
„Laffalle." — Mit Mühe und Noth fängt die Welt jetzt 
„an, von dieser „achtzehnhnndertjährigen Krankheit" des Chri- 
„stenthums zu genesen, und da konimt ein Blatt, welches 
„sich Organ der „Social-Demokratie" nennt, ja das einzig 
„wahre Organ der einzig wahren Social-Demokratie — und 
„sucht den Arbeitern das alte glücklich ausgeschwitzte Gift 
„unter neuem Namen wieder in den Schädel zu schaffen. 
„Jesus von Nazareth, wenn er überhaupt gecebt hat — 
„was sehr zweifelhaft — war ebenso wenig Socialist, als 
„Laffalle Christ. Die Deniuth, die sich, die Feinde segnend, 
„den Widerstand verdammend, ruhig an's Kreuz schlagen 
„läßt — und der wilde revolutionäre Trotz des Proletariers, 
„der kämpfend gefangen, dem siegreichen Feind seine Ver- 
„achtung in’S Gesicht speit, haben gerade so viel mit ein- 
„ ander gemein, wie Tölkes Knüppel, der in Eisenach sich so 
„lammfromm zeigte, und die pulvcrgeschwärzte Büchse des 
„Pariser Kommunehelden. Und den Gründer des Allge- 
«meinen deutschen Arbeiter-Vereins unter die Heiligen ver- 
« setzen und anbeten, ist genau eben so blödsinnig oder — 
Schuster, kie Eociat-Demokratie. 12
        <pb n="194" />
        178 VU. Die Religion und die Soc.-Demokratie. 
..bauernfängerisch, als der Kultus der „Jungfrau von Sa. 
..lette" oder der „Knochen des Heiligen von Pruntrut." 
Das ist doch ein offenes Bekenntniß, das nicht den So 
cialismus unter dem Namen des „wahren Christenthums" 
importiren und unter christlicher Etiquette an den Mann 
bringen will, sondern unverhüllt sich von, Christenthum los 
sagt. Eine solche Offenheit, auch wenn sie das Christen 
thum als ein „Gift", alseine „achtzehnhundertjährigeKrank 
heit" verlästert, halten wir immer noch für ehrenwerther, als 
das verächtliche heuchlerische Gebühren derjenigen Social- 
Demokraten, die sich als „echte Christen" bei den Arbeitern 
einführen, vom „wahren Christenthum" aber so wenig au 
sich haben, wie eine gemalte Sonne von der Wärme. 
Der „Volksstaat" lehnt sich gegen eine Vermengung des 
Christenthums mit dem Socialismus entschieden auf. „Ob 
..Christenthum und Socialismus noch so viel Gemeinschaft- 
„liches haben, so verdient doch der, der Christus zum So- 
„cialisten macht, den Titel eines gemeinschädlichen Konfu' 
..llonsraths". So lautet sein Urtheil (1874, 38), dem jeder 
Vernünftige vollständig beistimmen muß. Und ebendaselbst 
ertheilt er den unter dem rothen Banner lebenden „echten 
Christen" die wohlverdiente Rüge: „Nur die Feigheit sollen 
..wir nicht billigen, die den Abfall vom Glauben als Wie 
derherstellung des wahren Christenthums aufspielt und also 
..vom Namen nicht lasten will"; eine Rüge, welche der 
.. Volksstaat" auch noch an die Adresse anderer Leute richtet, 
die unter dem Vorwand einer Wiederherstellung des Christen 
thums dasselbe seines wahren Gehalts berauben und weiter 
nichts als den Namen übrig lassen. 
Wie sich der Socialismus und das Christenthun,, oder 
die Religion überhaupt zu einander verhalten, können w,r 
also nirgends besier und unzweideutiger erfahren, als gerade
        <pb n="195" />
        12» 
iLhnstknthuni und Socialismus 
17« 
vom „Bolksstaat". Er hüllt sich nichl in einen religiösen 
Mantel ein; er verschmäht es auch, seine Feindschaft wider 
das Christenthum in schöne Worte einzukleiden; frank und 
frei, ohne alle Umschweife breitet er seine religionslosen Be 
kenntnisse vor seinen Lesern ans. Sein Kardmalsatz: „Chri- 
stenthnm und Socialismus stehen sich gegenüber, wie Feuer 
und Waffer" (1874, 25), drückt eine allgemeine Wahrheit 
aus, die auf beiden Seiten anerkannt werden muß. Ganz 
dieselben Worte kann der Christ gebrauchen, wenn er seine 
Stellung znm Socialismus bezeichnen will, und ebenso der 
Socialist, wenn er über seine Stellung zuui Christenthum 
Auskunft geben soll. Das Verhältniß beider zu einander 
kann kein anderes sein. Der Socialist kennt nur Menschen - 
ordnung im socialen Leben, der Christ hält die ewigen Got- 
tesordnungen fest; der Socialist beschräntt den Menschen auf 
das Diesseits, der Christ läßt den Menschen sein höchstes 
Ziel erst im Jenseits erreichen; der Socialist sucht seine volle 
Seligkeit im Leben vor dem Tode, der Christ im Leben nach 
dem Tode; der Sociallst preist den irdischen Genuß als das 
höchste Glück, der Christ kann ohne den Frieden seines Her 
zens nicht wahrhaft glücklich sein u. s. f. So taffen sich 
in allen einzelnen Punkten Socialismus und Christenthuni 
einander gegenüber stellen. Wir kennen kein treffenderes 
Gleichntß für das Verhältniß beider zu einander als das 
voit Feuer und Wasser. Das Feuer verdanipft das Wasser, 
und das Waffer löscht das Feuer; beide können sich me zu- 
istmmc» vertragen. So verdrängt der siegreich werdende 
Socialismus das Christenthum, und das Christenthum ist 
ein fester Wall gegen den Socialismus. Auch da, wo das 
Christenthum mit dem Socialismus etwas gemein zu haben 
scheint, ist es nur eine Namensgemeinschaft. Freiheit, Gleich 
heit und Brüderlichkeit, welche der Socialist auf seine Fahne
        <pb n="196" />
        180 VII. Die Religion und die Soc.-Demolratie. 
schreibt, sind auch für den Christen hohe und schätzenswerthe 
Güter. Während jener aber sie zu Karrikaturen verunstaltet, 
weiß der Christ mit dem Namen auch die rechte Sache zu 
verbinden. Wir dürfen diesen Punkt hier nicht weiter erör 
tern. Es genügt der kurze Hinweis auf die gegensätzliche 
Stellung von Christenthuni und Socialismus, die uns auch 
zugleich bei einer Bekämpfung des Feindes der bestehenden 
gesellschaftlichen Ordnung die festeste Position aufdeckt. 
Wir haben es als einen Borzug anerkanut, daß der 
„Dolksstaat" in religiösen Dingen nicht zu täuschen sucht, 
sondern seine principielle Feindschaft gegen das Christenthunl 
unverhüllt seinen Lesern vorlegt. Unser Urtheil muß aber 
ein anderes werden, wenn wir die Mittel in's Auge fassen, 
durch welche der „Volksstaat" die Arbeiter vom Christen 
thunl ab und auf seine Seite zu ziehen, kurz den Sieg über 
das Christenthum zu gewinnen sucht. Er thnt uns den 
Gefallen,- die Taktik, die er bei seinen Angriffen auf das 
Christenthum zu beobachteil für gut findet, uns zu verrathen, 
wenn er (1874, 38) mit Hinweis auf das Christenthnm 
schreibt: „Die Diskreditirung des Namens ist nöthig, um 
„der Sache den Garaus zu machen." Mit anderen Wor 
ten, man muß dem Christenthum einen schlechten Namen 
rnachen, wenn mau es dahin bringen will, daß die Arbeiter 
ihlll den Rücken kehren. Wir sind für dieses offene Ge- 
ständniß sehr dankbar; es zeigt uns, daß cs dem „Dolks 
staat" nicht darauf ankommt, lästigen Gegnern die Ehre ab 
zuschneiden, wenn sie nicht aliders aus dem Wege geräumt 
werden können; es erklärt uns auch, was der „Dolksstaat" 
dabei im Schilde führt, wenn er in seinen Spalten mit be 
sonderem Fleiß eine häßliche Karrikatur vom Christenthuin 
zeichnet. Obenan steht selbstverständlich die „Kulturfeindlich- 
feit" des Christenthums. „Die christliche Religion ist kultur-
        <pb n="197" />
        DiSkrednirung des Chnstenthums. işii 
feindlich" (1874, 25); dieser giftige Pfeil ist heutigen Ta 
ges die bequemste Waffe, mit welcher ein principieller Geg 
ner des Christenthums sich ausrüsten kann. Man schlägt 
lieber der ganzen Geschichte ins Angesicht, ehe man auf den 
Gebrauch dieser Waffe verzichtet, wenn man auch zur Recht 
fertigung dieses Angriffs nichts anderes als die Dumncheit 
vorzubringen weiß: „Die Rcligionsstifter (Buddha, Christus, 
„Muhamed) haben, indem sie die Erde als ein Jammerthat 
„darstellten, die Entbehrung und Enthaltsamkeit predigten, 
„und die Menschen auf ein künftiges sehen, das nicht 
„epistirt, verwiesen, dem menschlichen Streben die schlimmsten 
„Fesieln angelegt und den menschlichen Fortschritt gehemmt" 
(1874, 25). 
In die bitterste Galle taucht der „Bolksstaat" seine 
Feder, wenn er (1874, 88) das Christenthum also be 
urtheilt: 
„Reuerdings ist das Christenthum Religion der Knechts- 
„seligkeit genannt worden. Das ist in der That seine tref- 
„fendste Bezeichnung, Knechtselig ist allerdings alle Religion, 
„aber das Christenthum ist die knechtsseligste der knechtseligen. 
„. . . . Wer seine ganze Hoffnung auf Erbarmen baut, ist 
„doch in Wahrheit eine erbärmliche Kreatur. Der Mensch, 
„der vom Glauben an den allmächtigen Gott ausgeht, vor 
„den Schicksalen und Mächten der Natur sich in den Staub 
..wirft, und nun im Gefühl der Ohnmacht um Erbarmen 
„winselt, ist kein brauchbares Mitglied unserer heutigen 
..Welt 
„Schlechte Gewohnheit, welche dem Menschen wie ein 
..alter Adam tief im Fleische sitzt, will das, was einmal 
„unter Umständen gedient har, für alle Ewigkeit konser- 
..viren. Interessine denkfaule Niedertracht will den Gcgen- 
«fay zwischen christlicher Weltvcrachtung und der weltfreu-
        <pb n="198" />
        182 VU. Die Religion und die Soc.-Demokratie. 
„digen Tendenz, die unsere Gegenwart beherrscht, verleugnen, 
„vermitteln und vertuschen. Das Christenthum sordert 
„Entsagung, während heute rüstige Arbeit zur Befrie- 
„digung unserer materiellen Bedürfnisse gefordert ist. Gott- 
„vertrauen ist die vornehinlichste Qualität eines Christen, 
„Selbstvertrauen, das gerade Gegentheil, zu einer erfolg- 
„ reichen Arbeit llöthig. Wer sich untersteht dem Christen - 
„thum die Lehre in den Mund zu legen: „Du sollst auf 
„Gott vertrauen, aber deine Talente nicht vergraben", und 
„damit sagen will, daß die Arbeit kein nnchristlich Ding, 
„sondern in der christlichen Lehre enthalten sei, der ist ein 
„abgeschmackter Sophist. Die christliche ist von der eigent- 
„lichen, von der helltigen Arbeit meilenweit verschieden. Der 
„Christ arbeitet für den Himmel, um den Leib zu kasteien, 
„die Lüste zu unterdrücken. Und wenn er für Brod und 
„Lebensunterhalt arbeitet, so darf es nur ein Lebensunterhalt 
„seiu, der die Qualen dieses irdischen Januncrthals ver- 
„längert, ui« dadurch des wahren ewigen Lebens würdig zu 
„werden. Wer sein Leben auf dieser Welt hasset, der wird 
„es erhalten zum ewigen Leben (Johannes 12, 25). Ber- 
„himmelte Ewigkeit ist der Zweck des Christen, die alltäg- 
„lichc Welt der Zweck des verständigen Menschen." 
Wir haben mit diesem Auszug eine Probe einer „Kan 
zelrede" gegeben, wie sie der „Bolksstaat" von Zeit zu Zeit 
durch seinen Parteigenossen I. Dietzgen seinen Lesern halten 
laßt. Neben dem verranntesten Fanatismus, der sich in 
eine Masse vvn Borurtheilen festgebohrt hat, die er um kei 
nen Preis sich durch die schlagendsten Gegengründe aufklären 
läßt, komnit bei einer solchen Zeichnung die unlautere Absicht 
zum Vorschein, durch eine häßliche Karrikatur das Original 
verächtlich zu machen. Man entsinne sich nur des schon mit 
getheilten Geständnisses, das derselbe I. Dietzgen in derselben
        <pb n="199" />
        Dr-ļredUirung des LhnstenthumS. 
183 
Kanzelredcablegt: „Die Diskreditirung des Namens ist nöthig, 
„um der Sache den Garaus zu machen", so hat man den 
rechten Maßstab zur Beurtheilung obiger Lästerrede. 
Es ist nicht nöthig, noch an weiteren Beispielen zu zeigen, 
wie der „Volksstaat" die unrühmliche Kunst des Diskredi- 
tirens meisterhaft versteht und fleißig übt. Nur ganz kurz 
wollen wir noch erwähnen, daß es eine beliebte Manier ist, 
die Religion als ein bequemes Mittel der Knechtung und 
Ausbeutung zu dennnciren. So schreibt der „Volksstaar" 
1873, 114;: 
„Die Religion ist seit undenklichen Zeiten und bei allen 
„Völkern das hauptsächlichste Nassührungs- und Ausbeu- 
„tungsmittel gewesen. Einerlei ob die Priesterherrschaft selbst 
„die Staatsgewalt in Händen hatte, oder der Staatsgewalt 
„diente, stets ist sie für den Rückschritt und die Barbarei 
„eingetreten." 
Man sieht, der „Volksstaat" versteht es, vom Christen-- 
thunl et« solch' häßliches Bild zu zeichnen, daß derjenige, 
welcher das Original nur oberslächltch kennt, gewiß nicht 
angezogen, sondern sicherlich abgestoßen werden wird, zumal 
da es in unseren Tagen mit der Kenntniß in christlichen 
Dingen und deren richtigen, Verständniß mangelhast genug 
bestellt ist, und somit nur Wenige im Stande sein werde», 
die Fälschung alsbald zu erkennen. Mir kluger Berechnung 
sind die falschen Farben ausgewählt. Der Feind des Chri 
stenthums darf sicher darauf rechnen, die Arbeiter demselben 
zu entfremden, wenn er cs zu den heutigen Bestrebungen der 
Arbeiterwelt in direkten Gegensatz stellt. Bei dem Streben 
der Arbeiter nach Besserung ihrer Lebenslage ihnen das 
ChristenthllUl als Religion der Kastelung und bei ihrem 
Kampf gegen jegliche Ausbeutung das Christenthum als das 
beste Ausbeutnngsmittel, somit als den natürlichen Gegner
        <pb n="200" />
        184 
VII. Die Religion und die Soc.-Temàlie. 
der Arbeiterbesirebungen, und als den natürlichen Bundes 
genossen der Arbeiterfeinde zu denunciren, das ist sata 
nisch klug. 
Die Social-Demokratie begnügt sich nicht mit der Be 
kämpfung des Christenthums. Sie zieht nicht gegen das 
selbe zu Feld, weil sie anderen Religionen den Vorzug gibt, 
sondern weil sich keine Religion mit ihr vertragen kann, 
das Christenthum aber die herrschende Religion in allen 
Kulturländern ist, und darum auch in erster Linie bekämpft 
werden muß. Dem Socialismus steht jede Religion im 
Wege, weil jede Religion einen, wenn auch noch so sehr ver 
kümmerten, Gottesglauben hat, und weil jeder Gottcsglaube 
die Glückseligkeitstheorie des Socialismus durchkreuzt. Die 
Social-Demokratie ist sich daher auch bewußt, daß ihr Kampf 
auf religiösem Gebiet in letzter Linie dem Gottesglauben des 
Christen wie des Juden, wie jeder anderen Religion gelten 
muß. Zum erstenmal erhielten wir hierüber volle Klarheit, 
als wir schon vor mehreren Jahren in einer öffentlichen 
social-demokratischen Parteiversammlung Zeuge einer öffent 
lichen Kriegserklärung gegen Gott waren. Der socialistische 
Parteiführer erklärte öffentlich, trocken und kalt: „Wir hal- 
„ten Gott für ein Asyl der Dummheit, wir betrachten Gott 
als das größte Uebel in der Welt, und darunl erklären wir 
„Gott den Krieg!" Dian nenne eine solche Kriegserklärung 
nicht Wahnwitz eines Einzelnen. Daß jener Parteiführer 
im Sinne der Partei sprach, beweist uns der „Volksstaat", 
der nicht weniger deutlich (1871, 88) schreibt: 
„Es ist demnach ein grober Irrthum, durch welchen eine 
„sehr verderbliche Vernachlässigung einer durchaus nothwen- 
„digen Agitation verschuldet wird, wenn man sich der Vor- 
„stellung hingibt, als seien die bestehenden kirchlichen Einrich- 
„ tungen, welche den alten theistischeu Glauben aufrecht zu er-
        <pb n="201" />
        AthriSmus. 
185 
„halten bestimmt sind, für das Gelingen der socialistischen 
„Revolution gleichgültig, oder von untergeordneter Bedeutung. 
„Die Hoffnung ans ein befriedigendes Gelingen der socia- 
„listischen Revolution ist eine schwärnlerische Utopie, so lange 
„man es verabsäumt, durch allgemeine und gründliche Volks- 
„aufklärung den Gottesaberglauben auszurotten. Da dieses 
„zu thun niemand anders als die Socialisten fähig oder 
„willens sind, so ist es unsere Pflicht, diese Arbeit mit Eifer 
„und Hingebung zu erfüllen und niemand anders ist des 
„Namens eines Socialisten würdig, als wer, selbst Atheist, 
„der Ausbeitung des Atheismus mit allem Eifer seine An- 
„strengung widmet." 
Diese Sätze sagen ausdrücklich, daß die Verbreitung des 
Atheismus im Jntereffe des Socialismus liegt. Für be 
wußte Social-Demotraten mag dies hinreichend sein, sich von 
Gott loszusagen, den Begriff Gott ganz zu durchstreichen. 
In den Augen solcher, die noch gewonnen werden sollen, 
muß der Gottesglaube vorher diskreditirt und der Atheis 
mus als Quelle alles Heils für die Menschheit gepriesen 
werden. Dies versucht der „Volksstaat" in einem längeren 
Artikel „Ueber Atheismus und Theismus", worin es heißt 
(1872, 103): 
„Wo der Gottesglaube in die Brust eines Menschen 
„gepsianzt, da liegt der Geist in stetem Kampf mit dein 
„Körper, seinem Träger. Daß der Gottesglaube eine 
„Beruhigung des Gewissens sei, ist eine jesuitische Lehre. Diese 
„Art Beruhigung des Gewiffens bedingt völlige Ertödtung 
„seelischen Empfindens und vernünftigen Denkens; denn ehe 
„der Mensch gegen jedes natürliche Gefühl abgestumpft, ehe 
„er zur fühllosen Mumie geworden ist, kann von einer Ge- 
„wiffensruhe keine Rede sein. Bis er zur vollständig wil- 
„len- und enipsiudungslosen Maschine geworden ist, wird er
        <pb n="202" />
        ļg(; VII. Die Religion und die Soc.'Demokratie. 
„sich fortwährend mit Vorwürfen über die albernsten Dinge 
„abmartern und geißeln. Und ist dann das große Ziel er- 
„ reicht, ist aus dem empfänglichen, genußfähigen Menschen 
„ein gegen Schmerz und Freude kaltes, jeden Genuß verab- 
.. scheuendes Wesen gemacht, dann hält auch der Glaube, der 
„so viel versprochen, sein Wort nicht: er kann es nicht hal- 
„ten, er lügt die versprochenen Freuden, sic bleiben fern, 
„beim die Sinneswerlzcugc, die einzigen Empfindungsorgane, 
„sind abgestumpft, fast abgetödtet, und können weder für 
„Schmerz noch für Freude empfänglich sein. Wo Einer 
„an Gott glaubt, dort ist ein Golgatha; dort wird 
„Einer gekreuzigt. Man macht dem Atheismus den 
„Borwurf, daß er den Menschen zum Thiere stemple; gut, 
„wir verzichten aus eure Gottähnlichkeil; wir wissen, daß 
„der Unterschied zwischen Mensch und Thier nur ein gra- 
„dueller ist." 
Mit dieser jämmerlichen Darstellung des Gottesglaubeus 
und seiner Wirkungen verbindet der Schluß dieses Artikels 
die Verherrlichung des Atheismus: 
„Mit dem letzten Christen wird auch der letzte 
„Sklave frei werden. Die Zukunft muß dem 
„Atheismus gehören, nur in ihm ist das Heil für 
„die Menschheit, die ihre guten Rechte so lange 
„für einen Wahn verschacherte, zu finden." 
Tie einfache Mittheilung solcher Sudeleien genügt. Es 
h:eße eine ausgeprägte Narrheit mit Vernunftgründen be 
kämpfen, wollten wir ein einziges Wort der Kritik hinzu 
fügen. Wir weisen noch auf eine Stelle hin, die wir in 
einem Auszug aus einer französischen „Studie über die so 
cialen Lehren des Christenthums" im „Voltsstaat" 1873, 
lll) finden. Sie lautet: 
„Ja die Revolution ist satanisch ihrem Wesen nach,
        <pb n="203" />
        LtheiSmuS 
157 
"wenn Latan das Sinnbild des Geistes der Empörung 
„der Menschheit gegen die Götter, die Priester, die Ztomge, 
»gegen alle Vertreter der Autorität und alle Vereinigung 
„des Rechts. Ja wären unsere Ideen nicht stark genug, 
„um durch sich selbst zu leben; wären diese Ideen nicht die 
„Verneinung jeder Incarnation in eine Mythe oder in einen 
„Menschen, die Zerstörung alles göttlichen und menschlichen 
„Monarchenthums, dann wäre es Satan, dem wir Altäre 
„errichteten, dann wäre es Satan, an den wir unsere Jor- 
„derungen stellten, dann wäre es Satan, den wir zum 
„Träger unserer Verwünschungen an Gott machten, dann 
„wäre Satan unser Gott. Aber wir wollen eben so wenig 
„den Cäsar der Unterwelt, als den Cäsar des Himmels." 
Hier paart sich die Gottesfeindschaft mit der stärksten 
revolutionären Leidenschaft, die blindlings gegen jeden Träger 
der Autorität anstürmt. Ueber den religiösen Theil jener 
Schrift faßt der „Volksstaat" sein Urtheil in die Worte: 
„Sehr wünschenswerth wäre eine deutsche Uebersetzung; wir 
„haben in deutscher Sprache keine Schrift, die so scharf, bün- 
„dig, überzeugend und. zugleich so populär das reaktionäre 
„Wesen des Christenthums, wie der Religion überhaupt, ent- 
„wickelte und darlegte." 
Als Probe frivoler Verhöhnung der Religion niag sol 
gendes Gedicht dienen: 
„Socialisten-Gebet. " 
„Wa- Gott thut. das ist wohlgethan! 
„Nur scheint er nichts zu thuen, 
„Und seit dem ersten Sckwpfungsplan 
„Gemüthltch auszuruhen.
        <pb n="204" />
        188 VII. Die Religion und die Soc.-Demokratie. 
„Drum beten wir auch für und für 
„Trotz Micheln und trotz Matzen: 
„Den Himmel überlasien wir 
„Den Engeln nnd den Spatzen!" 
„Das große Heer der schwarzen Brut, 
„Die Gottesstellvertreter, 
„Erheben drum in grimmer Wuth 
„Ein Höllenmordgezeter. 
„Schreit nur! von uns erhaltet thr 
„Nicht einen rothen Batzen: 
„Den Himmel überlassen wir 
ken Engeln und den Spatzen!" 
„Es hat die Wissenschaft mit Macht 
„Das Himmelreich entgöttert, 
„Und eures Glaubens blinden Schacht 
„Ein Donnerlchlag zerschmettert. 
„Wahrheit heißt unser Kampspanier 
„Und nicht ein thöricht Schwatzen: 
„Den Himmel überlassen wir 
„Den Engeln und den Spatzen!" 
„Wir Armen, die mit Blut und Schweiß 
„Die Pfaffen einst gefüttert, 
„Ihr macht uns nicht die Hölle heiß, 
„Bor der kein Weiser zittert. 
„Komnlt ihr, wir weisen Euch die Thür, 
„Mögt ihr vor Aerger platzen: 
„Den Himmel überlasien wir 
„Den Engeln und den Spatzen!" 
Nach den beigebrachten Beweisen kann die Stellung der 
Social-Demokratie zur Religion nicht mehr unklar sein. Die 
socialistische Presse läßt es ja an deutlichen Erklärungen 
nicht fehlen. Es kann auch nicht mehr zweifelhaft sein, daß 
ihr Widerwille gegen jede Religion nicht etwas Nebensäch 
liches bei ihr ist, das keine besondere Beachtung verdiene.
        <pb n="205" />
        Folgen des Atheismus. 
18‘J 
das man vielleicht wohl gar mit ihr theilen könne, ohne auch 
deßhalb auf dem politischen und ökonomischen Boden mit 
ihr zusammentreffen zu müssen. Die Social-De&gt;nokratle hat 
den Kampf gegen jede Religion unternommen, um das Fun 
dament zu beseitigen, alls welchem die ganze sociale Ordnung 
beruht; dieses Fundament ist die göttliche Autorität. Bebel 
hat es ja im deutschen Reichstag am 17. Juni 1872 deut 
lich genug ausgesprochen, so daß ein Mißverständniß gar 
nicht mehr möglich ist. Er sagte: „Ist erst einmal die hinun- 
„lische Autorität untergraben, dann hört natürlich auch die 
„irdische Autorität sehr bald auf und die Folge wird sein, 
„daß auf politischem Gebiete der Republikanismus, auf öko- 
„nomischem Gebiete der Socialismus und ans dem Gebiete, 
„was wir jetzt das religiöse nennen, der Atheismus seine volle 
„Wirksamkeit ausübt" (Bolksstaat 1872, 56). Wem diese 
Erklärung noch nicht genügt, um den inneren Zusammenhang 
der atheistischen Weltanschauung mit den Zielen des Socia 
lismus herauszufinden, der vergleiche hiermit, was der „Volks- 
siaat" (1873, 33) in einer Recension des Jäger'schen Buchs: 
„Der moderne Socialismus" schreibt, das als Interpretation 
des Bebel'schen Diktums gelten kann: 
„Wer hat denn diese „großen Grundsätze des Rechts 
„und der Moral" geschaffen, wenn nicht jene „Mehr- 
„heit" in Berbindung mit den „höchst stehenden Persönlich- 
„leiten"? Warum nun soll nicht, was die eine „Mehr- 
„heit" geschaffen hat, die andere wieder abschaffen dürfen? 
„Es kann doch nur jedes Zeitalter über sich selbst dispo- 
„niren, und nicht über die zukünftigen Geschlechter! Kein 
„Grundsatz des „Rechts" und der „Moral" der uns von 
„den Ahnen überkomnien, ist bindend für uns. Wir können 
„ihn acceptiren oder auch nicht, je nachdem es das sociale 
„Bedürfniß erheischt. „Unrecht und Unsittlichkeit werden
        <pb n="206" />
        190 VII. Tie Religion und die §oc.-Demokratie. 
„dadurch niemals zu Recht und Sitte, daß eine Mehrheil 
„von Menschen und selbst alle Menschen zusammen sie dazu 
„erklären; ste sind Principien und Kategorien höherer Ord 
„nung." (Jäger.) Hier haben wir's ganz deutlich, „daß 
„der Verfasser an eine „göttiiche Autorität" glaubt, welche 
„ein für allemal „Recht" und „Sitte" unabänderlich fest 
„gesetzt habe." Glaubt er nicht an Gott — desto schlim 
mer dann für ihn; denn in diesem Falle gibt es gar 
„nichts, worauf er allenfalls seine „höhere, sittliche Ord- 
„nung" il. s. w. begründen könnte." 
„Bon zwei Dingen Eins: 
„Entweder gibt es keinen Gott und dann können wir die 
„alten Gesetze ändern, so viel wir nur Lust haben. 
„Oder es gibt einen Gott — und dann wären wir aller - 
„dings geleimt. 
„Glücklicherweise hat noch Niemand das Dasein Gottes 
„beweisen können; ergo müssen wir auch annehmen, daß 
„die „Moral" und daS „Recht" — wie deren Gegensätze 
„„Unsitte" und „Unrecht" — von Menschen gemacht 
„sind und darum auch von uns nach Bedürfniß abgeändert 
„werden können. Und die sogenannten „ewigen Grundsätze", 
„auch die bleiben nur so lange bestehen, als wir sie für 
„passabel halten." 
Gewiß eine sehr klare und praktische Illustration der 
socialen Bedeutung der Religion. Mit dem Verfall de - 
religiösen Glaubens muß auch der Verfall der socialen Ord« 
nung Hand in Hand gehen. Im Atheismus findet der 
Socialismus die Rechtfertigung der von ihm geplanten socialen 
Revolution. Der Socialismus selbst ist die letzte und auch 
logisch richtige Konsequenz des Atheismus. 
Es hat die social-demokratische Agitation im religiösen 
Leben der Arbeiterwelt schon große Zerstörungen angerichtet.
        <pb n="207" />
        Atheistische Wissenschaft. 
191 
Wenn es ihr auch noch nicht gelungen ist, in allen ihren 
Anhängern den Gottesglauben zu vernichten, so ist der Schaden, 
den sie durch planmäßige Diskreditirung des Christenthums 
angerichtet hat, immerhin groß genug. Und doch würden 
wir der Social-Demokratie zu viel aufbürden, wollten wir 
sie für alle Arbeiter, welche mit dem Christenthum äußerlich 
oder innerlich zerfallen sind, verantwortlich machen. Neben 
der planmäßigen Agitation hat das Beispiel in den Reihen 
der übrigen Gesellschaftsklassen nach Unten zu verführerisch 
gewirkt. Eine jede Korruption des Botkslebens nimmt ihren 
Weg von Oben nach Unten und niemals umgekehrt. Tle 
Entfremdung vom religiösen Glauben und Leben hat in den 
oberen Regionen angefangen und sich von da auf die nieder.» 
Volksschichten fortgepflanzt. Es sind die Fälle gerade nicht 
selten, daß irrreligiös gewordene Arbeiter auf das Vor 
bild und Beispiel ihres Arbeitgebers sich berufen können. 
Es ist eine arge Täuschung, wenn man in Folge höheren 
Bildungsgrads der Religion entwachsen zu sein glaubt, die 
selbe aber als ein Bedürfniß für das niedere Volk festhalten 
zu müssen und auch zu können sich einbildet. Ein solches 
Verkennen des wahren Wesens der Religion ist gerade kein 
rühmliches Zeugniß einer höheren Bildung, wohl aber bewirkt 
eine solche verwerfliche und durch Nichts zu rechtfertigende 
Beschränkung des religiösen Bedürfnisses auf die unteren 
Volksschichten, daß auch hier die Religion nach und nach 
völlig entwcrthet wird. Der unausbleibliche Schaden einer- 
religiösen oder sittlichen Entartung kommt aber dann erst 
in seiner ganzen Größe und handgreiflich zum Vorschein, 
sobald dieselbe auch die niederen Regionen der Gesellschaft 
ergriffen hat. An der Frucht, welche die einzelnen Zeitideen 
m den unteren Volksschichten zur Reife bringen, kann man 
am besten deren Werth ermeffen. Was es mit der Religion
        <pb n="208" />
        192 VII. Die Religion und die Soc-Demokratie. 
für das Leben des Einzelnen, wie der ganzen Gesellschaft 
zu bedeuten hat, das läßt sich ani klarsten an den Folgen 
der Irreligiosität der unteren Stände erkennen. 
Hinter dem religiösen Bankerott in den oberen Gesell 
schaftsschichten steht die moderne atheistisch gerichtete Wissen 
schaft, welche die unteren Klaffen nicht unmittelbar und direkt 
erreicht und berührt, sondern hier erst dann Einfluß gewinnt, 
nachdem ihre Resultate in Lehre und Leben der oberen Stände 
popularisirt und für die nicberen präparirt worden sind. 
Die dem Proletariat meist nicht angehörenden Führer der 
Social-Demokratie entlehnen ihre Waffen zur Bekämpfung 
der Religion unmittelbar dem Arsenal der atheistischen Wissen 
schaft. In einer Polemik mit einem katholischen Kaplan 
schreibt deffcn Gegner (Volksstaat 1874, 24): 
„Sie werden auch begreifen, daß ich nicht nur ein 
„Gegner des Katholicismus, sondern der Religion überhaupt 
„bin; weil, nach meiner wissenschaftlichen Ueberzeugung, die 
„Religion nur da Geltung haben kann, wo Unwissenheit 
„über die menschliche Entwickelung, wie Unbekanntschaft mit 
„den Forschungen der Geschichte und Raturwiffenschast, mangelt, 
„welch letztere wiederum die ganze Schöpfungs- nndMenschen- 
„ entwickelungsgeschichtc, wie sie die Bibel lehrt, einfach auf 
„den Kopf stellt. Auch vom wissenschaftlichen Standpunkte 
„die Unhaltbarkeit der Religion darzuthun würde mich zu 
„weit führen. Lesen Sie Schriften wie die von Häckel, 
„Loriis Büchner, Radenhansen („Die Isis, der Mensch und 
„die Welt"), Kolb's Kulturgeschichte, und bringen diese bei 
„Ihnen ebenfalls nicht fertig, was das angebliche Studium 
„aller philosophischen Systeme von Pythagoras bis Feuer- 
„bach und Schopenhauer nicht fertig gebracht hat, dann 
„zweifele ich an Ihrer Denkfähigkeit, und ich wäre wohl
        <pb n="209" />
        Atheistische Wissenschaft. 
„gezwungen, Sie unter die „Narren und Schreier" zu 
„rechnen." 
Wie in Frankreich, so hat auch in Deutschland der 
Socialismus seine Borläufer und Wegbereiter in den Ber- 
tretern der atheistisch-materialistisch gerichteten Wissenschaft, 
deren Resultate aus das sociale Gebiet zu übertrage« und 
hier in's Praktische zu übersetzen, der Socialismus als feine 
Aufgabe betrachtet. Bei jenen sindet er die scheinbar wissen 
schaftliche Rechtfertigung seiner Bestrebungen, die auch vor dem 
Forum des logischen Denkens als die natürlichen und prak 
tischen Konsequenzen der atheistisch-materialistischen Theorien 
anerkantit werden müssen. 
Die Huldigung, welche der Darwinismus auch m 
Deutschland heutigen Tages vielfach erfährt, ist eine unbe 
wußte Anerkennung des Socialismus. Es würde uns eine 
Darlegung des Zusammenhangs beider zu weit führen. Wir 
beschränken uns auf die Mittheilung eines Artikels aus deut 
„Bolksstaat" (1873, 31), welcher „dte Darwiu'sche Theorie 
und ihre Beziehungen zum Socialismus" bespricht. Wenn 
auch die Redaktion des „Bolksstaat" in einer Note hierzu 
erklärt, daß sie nicht in der Vage sei, „sich wie der Berfasser 
dieses Artikels, für Alles, was im Namen Darwin's von 
dessen Anhängern geschrieben wird, zu engagiren", so wird 
hierdurch die innere Berwandtschaft des Darwinismus mit 
dem Socialismus nicht in Abrede gestellt. Der Artikel lautet: 
„Nicht ein Dichtergenie kann ein interessanteres Moment 
„erfinden, alö es die Thatsache ist, wie Darwin mit 
„Marx, persönlich einander ulibekannt, obwohl Zeitgenossen 
„und inl gleichen Lande, durch tiefe, geistreiche Forschungen 
„auf gänzlich verschiedenen wissenschaftlichen Gebieten zu Re- 
„sultaten gelangen, die, für die Menschheit von größter 
„Wichtigkeit, zugleich einander nahe verwandt, sich gegenseitig 
Lchnstŗr, Die Gocial-DķnwUati k. 12
        <pb n="210" />
        194 VII. Die Religion und die Soc.-Demoļranc. 
„stützen und ergänzen. Zwar ist dies bis jetzt wenig hervor- 
„ gehoben worden und doch ist die Darwin s ch e Theorie 
„eine wichtige Stütze für den Socialismus, 
ķ.sie ist so zu sagen unbewußt die Sanktion des- 
„selben von Seite der Naturwissenschaft; denn 
„was ist wohl schließlich die Haupterrungcnschaft oder die 
„praktische Bedeutung der Darwinschen Lehre: neben dem 
„liefgeistigen Einblick in das Wirken der organischen Natur 
„überhaupt doch gewiß nur die strikte Anerkennung 
„des Satzes von der Gleichheit aller Menschen. 
„Auch in Bezug ans ihre Verbreitung haben beide Lehren 
„ähnliches Schicksal. Gegen beide sträubt sich die alte Welt 
„mit vieler Energie, aus Instinkt, der ihr richtig sagt: dies 
„sind meine Todtengräber; über beide kann man, besonders 
„von sogenannten Gebildeten, die albernsten Urtheile hören, 
„und wie der Philister selbst über die einfachsten und klarsten 
„Sätze der Social-Demokratie den Kopf schüttelt und sofort 
Ian's „Theilen" denkt, so hat er für die Darwin'schen 
„Lehren das stereotype Schlagwort, er könne es nicht glauben, 
„daß der Mensch vom Affen abstamme, und doch beweist 
„hier das Wort „glauben" allein schon, daß der gute Mann 
„von der Sache nichts versteht; würde er sich Einsicht ver 
„schaffen, belehret,, ernstlich daruln bekümmern, er würde 
„begreifen, wie dies könnte zugegangen sein, er würde hier 
„wie dort selbst ein Urtheil erlangen. 
„Aber wie kommt es, daß die Männer der Wissenschaft 
„selbst noch so sehr uneins sind mib die Mehrzahl derselben, 
„nachdem sie die biblische und überhaupt jede sogenannte 
„Schöpfung zurückweisen, ja sogar die ganze Argumentation 
„der Verfechter des Darwinismus gut heißen, diese aber doch 
„für keinen Fall auf die Entwickelung des Menschen ange 
wendet wissen wollen? Nach den Konsequenzen dieser Lehre
        <pb n="211" />
        Atheistische Wissenschaft. 
195 
„kann der Mensch nur aus irgend einer höheren Thiergruppe 
„hervorgegangen sein, sich heraus entwickelt haben; die höchst 
„organisirte Thiergruppe ist aber eben die der Asten. Also 
„entweder sind wir vom lieben Gotte geschaffen, und dies 
„ist der Standpunkt der Gläubigen, oder wir stammen von: 
„Asten, einen dritten Weg gibt es nicht. Den ersten ver- 
„werfen jene Herren unbedingt; was hält sie nun ab, ben 
„zweiten rundweg zuzugestehen? Warum erwarten sie für 
„den Menschen eine Extra-Ausnahnie, die doch logischer 
„Weise nie hat stattfinden können? — Die praktischen Folgen 
„find es, die hier mit in das Spiel kouimen, die Furcht 
„vor den Konsequenzen, welche aus dieser i?ehre gezogen 
„werden müssen, die Einsicht, daß sie mit einem solchen 
„Zugeständnisse der Social-Demoiratie direkt in die Hände 
„arbeiten. Hauptsächlich deshalb werden diese Gelehrten 
„wohl noch lange streiten über die Anerkennung der Darwin'- 
„ scheu Theorie, obwohl dies ihrem Forschergeiste gerade keine 
„große Ehre macht, da von Seite der Darwinianer mit 
„großer Schärfe und Geistestiefe und mit einer Unzahl von 
„Beweisen die Nichtigkeit der von ihnen vertheidigten Ansichten 
„bewiesen ist. 
„Gerade deshalb wird aber auch der Darwinismus noch 
„lange nicht öffentlich als Stütze der Social-Temokratie be- 
„ handelt werden, sowie seine ernste Verbreitung unter's 
„Volk möglichst gehemmt werden wird. Darum wäre es 
„wohl Sache der social-demokratischen Parteien selbst, so 
„weit cs geht, etwa durch die Parteiblätter, auf diese Er- 
„keuntnisse in den Naturwistenschaften hinzuweisen. Es ist 
„dies bis heute nicht in genügender Weise geschehen, wohl 
„nur weil man die Wichtigkeit dieser Hilfsquelle unterschätzt. 
„Wenn man aber bedenkt, wie nichts mehr geeignet ist, den 
„abergläubischen Wahnideen der Menge den Boden zu ent- 
13*
        <pb n="212" />
        196 Vil. Die Religion und die Soc.»Demokratie. 
„ziehen, als naturwissenschaftliche Kenntnisse, so dürste diese 
„Wichtigkeit evident erscheinen. Würde z. B. in den Schulen 
„die Zeit, welche für sogenannten Religionsunterricht ver- 
„geudet wird, darauf verwendet, den Kindern gediegene 
„Kenntnisse über die Natur beizubringen, oder wären unsere 
„Kirchen, Volksbibliotheken und öffentliche naturwissenschaftliche 
„Museen und Laboratorien, gewiß, wir hätten leicht Socia- 
„lismus predigen, weil ja die Menschen schon wüßten, daß 
„jeder Einzellte ein von der Natur gezeugtes Produkt ist 
„und somit die gleichen Ansprüche an die Natur hat." 
Es ist unzweifelhaft, aus religiösem Boden kann die 
Social-Demokratie keine Wurzeln schlagen. Die Verwüstung 
desselben ist eine für ihren Bestand wie für ihren endlichen 
Sieg nothwendige Vorbedingung. Dabei kommt es ihr sehr zu 
Statten, daß andere, auch viele ihrer natürlichen Gegner in 
völliger Verkennung der socialen Bedeutung der Religion, 
ihr in die Hände arbeiten. Sie darf ernten, wo andere 
unwissentlich für sie gesäet haben. Die Frucht der atheists 
schen Weltanschauung fällt schließlich dem Socialismus in 
den Schooß.
        <pb n="213" />
        Socialistische Zukunftsbilder. 
Inhalt: Beseitigung alles Elendes. Höchste Kultur. Gleiches 
Glück. Höchste sittliche Entwicklung. Ehe. Familie. 
Gleicher Genuß. Welterlösung. 
Es wird von der Social-Deniokratie übel vermerkt, daß 
nian ihre Gedanken von den, glücklichen Zustand der nach 
ihren Principien verfaßten Gesellschaft kurzweg als Utopie 
zìi bezeichnen pflegt. Sie selbst gibt zu diesem Urtheil die 
reichste Veranlassung. Man kann von einer Prüfung der 
dem Socialismus eigenthümlichen Mittel zur Herbeiführung 
einer glücklichen Zukunft ganz absehen, und muß doch bei 
einem nur einigermaßen nüchternen Urtheil das der Mensch- 
heit verheißene Glück als eine schwärmerische Träumerei bc- 
zeichnen, wenn man das grenzenlose Maß der Versprechungen 
in s Auge saßt. Wir können uns nicht darüber wundern, 
daß die Social-Demokraten ihren Socialismus als einziges 
Heilmittel, als „Radikalmittel" betrachten, „die Eiterbeulen 
an, socialen Körper der Menschheit" zu heilen („N. Soc.- 
Demolrat" 1K73, 29). In dieser Einseitigkeit bewegt sich 
mehr oder weniger eine jede Partei. Aber wer wie die Social- 
Demokratic einen Zustand herbeiführen zu wollen verspricht 
und auch zu können sich vermißt, aus dem alles, was dem 
Menschen nur widerwärtig und dem Glück des Einzelnen 
wie der Gesammtheit hinderlich sein tann, beseitigt sein 
soll, der ist entweder ein schwärmerischer Phantast oder ein 
absichtlicher Betrüger. Ein gesellschaftlicher Zustand, der dem
        <pb n="214" />
        198 
Vili. Socialistische Zukunftsbilder. 
wolkenlosen, stets heiteren Himnlel gleicht, in dem das Leben 
aller so ruhig dahinfließt, wie ein von keinem Windhauch 
berührter Strom, wird uns auf dieser Erde niemals be- 
schieden sein. So weit die Geschichte der Menschheit zurück 
reicht, weiß sie uns auch von Elend und Noth zu erzählen, 
und so lange Menschen auf dieser Erde wohnen, wird auch 
das Elend auf ihr eine Stätte finden, wird ein gewisses, 
stets wechselndes Maß von Jammer aller Art dcni Leben 
der Menschen beigemischt sein. Die Ursache hievon liegt 
in bem Menschen selbst. Wir müßten die Erde statt 
mit Menschen mit Engeln bevölkern, wenn die Erde eine 
Stalte ungestörten und ungetrübten Glücks werden sollte. 
Eine vernünftige Lösung der socialen Frage bescheidct sich 
daher, nicht alles Elend tilgen zu wollen, sondern nur die 
allzu große Differenz zwischen dem Wohlstand einer kleinen 
Minderheit und der Noth einer großen Mehrheit zu besei 
tigen. Sie will nicht gleich machen, aber doch die allzu 
schroffen Gegensätze zwischen Reichthum und Armuth aus 
gleichen. Sie will denen, die auf den untersten Stufen der 
socialen Leiter ihren Platz gefunden und mit Nöthen und 
Entbehrungen mancherlei Art zu kämpfen haben, das Leben 
erleichtern. Aber wenn es ihr auch gelingen sollte, diese ihre 
Aufgabe einigermaßen zu bewältigen, so wird sie daran nichts 
zu ändern vermögen, daß nicht selten unter der Hülle 
äußeren Glanzes das größte Elend verborgen ist, und daß 
noch viel häufiger wahres Glück von recht bescheidenen 
äußeren Verhältnissen eingerahmt ist. Wenn man in der 
socialen Frage nicht auf gefährliche Irrwege gerathen will, 
die von dem ihr gesteckten Ziel abfiihren, so darf der Punkt 
nicht übersehen werden, daß nicht ausschließlich und ausnahms- 
los Glück mit Reichthum und Unglück mit Armuth sich zu 
paaren pflegt. Auch wenn man den äußeren Wohlstand ganz
        <pb n="215" />
        Beseitigung alles Elendes. 
199 
allgemein und gleich machen könnte, so wäre damit doch noch 
nicht das Wohlergehen allgemein geworden. Das wahre 
Glück des Menschen ist mehr durch seine individuelle Ver 
fassung, als durch die äußeren Verhältnisse bedingt. Somit 
wird das Elend in der menschlichen Gesellschaft immer noch 
Spielrannt genug behalten, selbst wenn dieselbe von allen 
socialen Schäden gereinigt wäre. 
In diesen bescheidenen Grenzen, die nicht versprechen, 
allem Elend Thor und Thür verschließen zu wollen, farm 
die Social-Demokratie sich nicht halten. Sie muß mit ihren 
Verheißungen und Versprechungen über die Linie, die inensch 
lichen, Können hier auf Erden gezogen ist, hinausschwei 
fen. Sie muß ihre Zukunftsbilder mit Farben ausmalen, 
welche sie nicht aus dem wirklichen realen Leben, sondern 
aus einer bodenlosen Phantasie nimmt. Ihre irrigen und 
unvernünftigen Vordersätze erlauben ihr keinen richtigen und 
vernünftigen Nachsatz. Die Ursache alles Elends und aller 
Moti) sucht sie ausschließlich in der bestehenden socialen Ord 
nung, darum muß sie von der von ihr geplanten neuen Ge 
sellschaftsorganisation, in welcher die volle Gleichheit alle 
Ungleichheit verdrängen soll, die Ueberwindung und Beseiti 
gung alles Elends in sichere Aussicht stellen. Denn fällt die 
Ursache weg, müssen auch die Wirkungen aufhören. Ihre 
phantastischen schattenlosen Zukunftsbilder sind nur die Pen 
dants ihrer falsch komponirten lichtlosen Nachtgemälde der 
Gegenwart. Die Schaustellung dieser soll die Gesellschafts 
glieder mit der gegenwärtigen socialen Ordnung, selbst wenn 
sie von ihren Auswüchsen gereinigt ist, verfeinden und die 
Ausstellung jener soll die Unzufriedenen mit dem socialistischen 
Gesellschaftsideal befreunden und für dasselbe begeistern. Beidem 
liegt ein agitatorischer Zweck zu Grund. 
Von jeher hat der Socialismus nur mit zwei Farben
        <pb n="216" />
        200 Vili. Socialistische Zukunftsbilder 
zu malen verstanden. Mit Schwarz und mit Roth. Schal, 
titungen sind ihm unbekannt. Mit Schwarz zeichnet er 
unsere Gegenwart, mit Roth seine Zukunft. Wir haben 
schon dargelegt, wie dick er in der Uebertreibung unserer Noth 
stände die schwarze Farbe aufzutragen versteht, und es bleibt 
uns nur noch übrig zu zeigen, wie verschwenderisch er sein 
Roth gebraucht. 
Beim Versuch, den glücklichen Zustand der neuen, der 
socialistischen Gesellschaft mit glänzenden Farben zn schildern, 
haben schon einzelne Socialisten zn den abentelierlichsten, an 
Verrücktheit grenzenden Ueberschwänglichkeiten sich verleiten lassen. 
Ein Fourier suchte die Harmonie und das Glück der Gesellschaft 
in der Befriedigung aller Triebe und stellte u. A. die Um 
wandlung des reißenden Löwen in ein elegantes Reitpferd und 
die Verwaudelung des salzigen Meerwassers in wohlschmeckende 
Limonade in Aussicht. Von solchen Thorheiten hat die deutsche 
Social-Demokratie sich freigehalten. Sie dehnt ihre Hoffnungen 
nicht aus bis zum Verschwinden aller Mißbildungen in der Natur 
und bis zur Herstellung der vollkommensten Harmonie zwischen 
Natur- und Menschcnlebeit, sondern erwartet, daß unter 
der neuen Gesellschastsforin ein jeder einzelne Mensch zur 
höchsten Entwickelung gelangen und daß es keinem Menschen 
an irgend etwas fehlen werde, das er zu seinem Glücke 
braucht. F. Lassalle hat schon bei seinem erstmaligen Auf 
treten unter den Arbeitern eine verlockende Perspektive eröff 
net, und die höchste Kultur in Aussicht gestellt. Er schreibt 
in seinem Arbeiterprogramm (S. 381: 
„Ein Staat also, welcher unter die Herrschaft der Idee 
„des Arbeiterstandes gesetzt wird, würde nicht mehr, wie 
„freilich auch alle Staaten bisher schon gethan, durch die 
„Natur der Dinge und den Zwang der Umstände unbewußt 
„und oft sogar widerwillig getrieben, sondern er würde mit
        <pb n="217" />
        Höchste Killkur. 
201 
„höchster Klarheit und völligem Bewußtsein diese sittliche 
„Natur des Staates zu seiner Aufgabe machen. Er würde 
„mit freier Lust und vollkommenster Konsequenz 
„vollbringen, was bisher nur stückweise in den dürftigsten 
„Umrissen deni widerstrebenden Willen abgerungen worden 
„ist, und er würde somit eben hiedurch nothwendig — 
„wenn mir die Zeit auch nicht mehr erlaubt, Ihnen die 
„detaillirtere Natur dieses nothwendigen Zusammenhangs aus- 
„einanderzusetzen — einen Aufschwung des Geistes, die Ent- 
„Wicklung einer Summe von Glück, Bildung, Wohlsein und 
„Freiheit herbeiführen, wie sie ohne Beispiel dasteht in der 
„Weltgeschichte und gegen welche selbst die gerühmtesten Zu- 
„ stände in früheren Zeiten in ein verblassendes Schattenbild 
„zurücktreten." 
Gewiß eine herrliche Aussicht, wie sie schöner gar nicht 
gedacht werden taun, die jeden für den socialistischen „ Bolks - 
staat" begeistern müßte, der in dem Wahn lebt, daß jeder 
Berheißung auch die Erfüllung folgen werde und der darauf 
verzichtet, die Möglichkeit einer absichtlichen oder auch unab 
sichtlichen Täuschung zu prüfen. So hat Lassalle schon für 
die socialistischen Zukunftsbilder die Umrisse gezeichnet, und 
seine Schüler tragen zur Bollendung des Gemäldes noch 
einzelne Farben hinzu. Zunächst malen sie uns den neuen 
Zustand in negativer Weise aus, und stellen uns ein Bild 
vor Aligeri, das von jedem Flecken gereinigt ist. Natürlich 
dürfen die mancherlei Gebrechen der alten Gesellschaft in die 
neue GescUschaftsorganisation nicht mit hinüberwandern. Wir 
erfahren, daß in der neuen Ordnung weder Reichthum noch 
Armuth eine Stätte finden werden, aber Alle werden glück 
lich sein: 
„Ja frei und gleich und glücklich Alle — 
„Der Reiche und der Proletar
        <pb n="218" />
        *202 Vili. Socialistische Zukunftsbilder. 
„Sie soll'n voi: diesem Erdenballe 
„Verschwinden einst auf immerdar; 
„Das ist ein schönes frisches Ringen 
„'Gen Sklaverei und Tyrannei — 
„Und endlich wird ein Lied uns singen, 
„Daß nun die Welt erlöset sei!" 
So lehrt die „deutsche Marseillaise" (N. Soc.-Demo- 
krat 1874, 136) die Proletarier singen und berauscht ihre 
Herzen mit einem Glückstraum, der mit dem Erwachen als 
bald verschwindet; Hunger, Pest und Elend, dieses häßliche, 
die Menschheit so oft plagende Trifolium wird vor der siegen 
den Macht des Socialismus für immer verwelken. Daher 
die Aufforderung: „Schließt Euch den Männern an, welche 
„das eherne Lohngesetz mit sammt Hunger, Pest und Elend 
„aus der Welt schaffen wollen! Folget der Fahne von 
„Ferdinand Lassalle!" (N.Soc.-Demokrat 1874, 28). Diese 
drei Geißeln der Menschheit zu beseitigen, darf keine An 
strengung, kein Opfer zu groß erscheinen. Ja gewiß, wir 
sollen mit allen Kräften dem Elend entgegentreten und es 
zu mindern bestrebt sein. Aber wenn nur nicht die Hoff 
nung, das Elend völlig beseitigen und ausrotten zu können, 
ein eitler Wahn wäre! Wenn nur nicht diesem Wahne schon 
allzuviel Opfer dargebracht worden wären, Opfer, die an 
statt das Elend für alle Zeiten zn bannen, nur neues und 
größeres Elend erzeugt haben. Zu Opfern für diesen Wahn 
soll das Proletariat begeistert werden, wenn der „N. Soc.- 
Demokrat" (1873, 33) zum Gedächtniß der Erhebung der 
Pariser Kommune schreibt: 
„Wohl beklagen wir die vielen Opfer der Kapitalmacht, 
„deren Blut in und um Paris den Boden netzte, wohl zieht ein 
„Schauer durch unsere Seele, wenn wir all des namenlosen 
„Elends in jenen Tagen gedenken. Und dennoch erfüllt die 
„Erinnerung an jene glorreichen Kämpfe des Proletariats
        <pb n="219" />
        Gleiches Glüct. 
203 
„uns mit Freude, da der Schrecken und der Jammer 
„kurzer Zeiten das schleichende Elend vonJahr- 
„tausenden zu verdrängen berufen sind. Wohl 
„wissen wir, daß aus der Kugelsaat auf der Ebene von 
„Satory die graue Distel der Abrechnung, der Rache hervor- 
„ sproßt; doch wissen wir auch ferner, daß aus dem Blute 
„der gefallenen Edlen die Blume der Liebe, die Blume des 
„Menschenthumes erblüht." 
„Und dieselbe wird prangen und leuchten millionenşaltig 
„über den weiten Erdkreis und segnend zulächeln der ge- 
„sammten Menschheit. Jubelnd werden dann die Worte er 
gingen: Roth, roth, roth!" 
Schwülstig und phantastisch werden zur Begeisterung 
für neue Kämpfe die blutigen Proletarierschlachten besungen 
als ein zwar furchtbares, aber doch nothwendiges Mittel, 
uni alles Elend zu beseitigen lmd der Liebe zum Sieg zu 
verhelfen. An dem endlichen Sieg, somit auch am Aufhören 
des Elends wird nicht gezweifelt. Es prophezeit der „R. 
Soc.-Demokrat" (1874, 4): 
„Der Kampf wird enden mit dem Triumph der Arbeit 
„über das Kapital; die große kulturgeschichtliche Bewegung 
„wird sich ganz vollziehen und an Stelle des Lasters, 
„des Elendes und deS Klassenhasses wird, wenn die 
„Arbeit Königin geworden, Sittlichkeit, Reichthum und 
„Brüderlichkeit die ganze Menschheit beglücken." 
Mit dem Elend also wird auch das Laster verschwinden, 
wird die Sittlichkeit den höchsten Triumph feiern. Es kann 
nicht anders sein, da nach socialistischen Begriffen Elend 
und Laster sich zu einander verhalten wie Ursache und 
Wirkung. Mit sicherer Zuversicht wird das Aufhören aller 
Berbrechen verheißen: 
„In der Brüderlichkeit endlich liegt die Entwickelung
        <pb n="220" />
        204 
VITI. Socialistische Zukunftsbilder. 
„ der Menschbeit zur höchsten sittlichen Vollkommenheit, indem 
„sie die Verbannung des Egoismus bewirkt und dadurch 
„alle Kämpfe, Verbrechen und Unterdrückungen verbannt, um 
„Harmonie, Sittlichkeit und Gemeinsamkeit zu begründen. 
„So haben wir das erhabenste Ziel vor unsern Augen, 
„wenn wir für den Triumph der socialistischen Dreieinigkeit, 
„der Freiheit und Gleichheit, vollendet durch die Brüderlich-" 
„seit, in die Schranken treten. In diesem Zeichen wollen und 
„werden wir siegen!" (1873, 103). 
Gewiß ein richtiger Gedanke, dem wir vollständig bei 
stimmen, die Liebe zum Ouellpunkt der sittlichen Entwicke 
lung zu machen. Aber die Hoffnung, ans den, rein äußer 
lichen Weg der Aenderung der gesellschaftlichen Ordnung der 
Liebe zur Herrschaft über alle Menschen zu verhelfen und 
daniit ollen Verbrechen ein Ende setzen zu können, das ist 
für Jeden eine schwärmerische Utopie, der die wahre Menschen- 
natur kennt und nicht mit der Social-Demokratie in beni 
Wahn befangen ist, daß der Mensch für nichts, die Ver 
hältnisse für Alles verantwortlich gemacht werden müßten. 
Es ist keine geringe Selbstüberschätzung, die gerade wieder 
in der verkehrten Ansicht von der natürlichen Vortrefflichkeir 
des Menschen ihren Grund hat, wenn der „N. Soc.-Demo- 
krat" kühn behauptet: „Prediger und Humanisten schaffen 
„beim besten Willen die Verbrechen nicht aus der Welt — 
„diesen Augiasstall auszuräumen, dazu gehört eine größere 
„Kraft — die Macht des Socialismus" (1873, 54). Einer 
solchen Vermessenheit sind wir bis jetzt weder bei einem Pre 
diger noch bei einem Hnmanisten begegnet; sie bleibt ein aus 
schließliches Privilegium der Social-Demokratie. Prediger und 
Hnmanisten kämpfen wohl gegen das Verbrechen und kennen 
auch die Mittel, die Jeden, der von ihnen Gebrauch machen 
will, vor der Berbrecherlanfbahn bewahren; aber alle Ver
        <pb n="221" />
        Höchste smlìche Entwickelung. 
205 
brechen aus der Welt schaffen, das ist ein socialistischer 
Traum, der bei der Utopie der Social - Demokratie nicht 
fehlen darf. 
Es ist gewiß ein löbliches Bornehmen, wenn „der Socia 
lismus aller Entsittlichung des Menschengeschlechts ein ge 
bieterisches Halt cntgegenrufen" will (N. Soc.-Demokrat 
1873, 63.) Niemals wird die Social-Demokratie bei einer 
ernsten Bekämpfung der sittlichen Schäden unserer Zeit 
bei einem Manne, der inmitten der zunehmenden Entsittlichung 
von der Korruption noch nicht mitergriffen ist, auf Wider 
spruch oder Widerstand stoßen, wenn auch die Ansichten über 
die wirksamsten Heilmittel vielfach aiiseinander gehen mögen. 
Namentlich wisien wir nur zu gut, wie die socialistische Presse 
leider allzu berechtigte Ursache hat, die sich mehrenden Gräuel 
der Unzucht, den Schandfleck der Prostitution zu rügen. 
Und dennoch befinden wir uns gegenüber dieser Eiterbeule, 
die unser ganzes Volksleben zu vergiften droht, mit der 
Social-Demokratie in mannigfacher Differenz. Wir wollen 
davon ganz absehen, daß bie Social-Demokratte anders als 
wir die Ursache dieses sittlichen Schadens ausschließlich in 
der vorhandenen Mischung von Reichthum und Armuth 
sindet. Es kommt uns hier mehr daraus an, zu zeigen, 
wie die Social-Demokratie den Unzuchtsbcgriff in eigenthüm- 
licher Weise bald enger, bald weiter, als es gewöhnlich geschieht, 
zu fassen pflegt. Sie läßt, wenn wir uns nicht täuschen, 
nur die erwerbsmäßige, käufliche Prostitution als Unzucht 
gelten, und ist gegen das außerehellchc Zusammenleben der 
Geschlechter äußerst tolerant. Dagegen dehnt sie auf der 
anderen Seite ihren Uuzuchtsbegriff wieder weiter aus und 
stellt sogar unter gcwiffeu Voraussetzungen das eheliche Zu- 
samutenleben der Prostitution völlig gleich. An Belegen für 
diese beiden Sätze fehlt es nicht in der socialistischen Presse.
        <pb n="222" />
        206 Vili. Socialistische Zukunftsbilder. 
So schreibt der „Volksstaat" (1873, 11) bei Besprechung 
eines fremdländischen Zeitungsartikels, der behauptet, daß es 
„nach amtlicher Statistik" in Berlin 25 Procent mehr un 
eheliche Kinder gebe als in Paris: 
„Das einzige nicht Stichhaltige in dem Artikel der 
„Contemporary Review sind die Bemerkungen über die 
„unehelichen Geburten. Tie unehelichen Geburten gelten nur 
„noch dem Pfaffen für Barometer der „Sittlichkeit." In 
„den großen Städten, wo die Prostitution auf's Höchste 
„entwickelt, sind uneheliche Geburten notorisch weniger häufig, 
„als in vielen idyllischen Landstrichen, wo die Bevölkerung 
„sich weder durch die Eheschließung erschwerenden Gesetze, 
„noch durch die Behauptung der Geistlichen, ohne den Segen 
„der Kirche könnten Mann und Frau keine Familie gründen, 
„daran hindern läßt, die ewigen Gebote der Natur über 
„die beschränkten Gebote der Menschen zu setzen." 
Ein Mißverständnis; dieser Sätze ist nicht möglich. Sie 
legitimiren das die menschlichen Gesetze wie die göttlichen 
Gebote mißachtende außereheliche Zusammenleben beider Ge 
schlechter. Im „N. Soc.-Demokrat" (1874, 62) begegnen 
wir sogar der sonderbaren, eine gewisse Vorliebe für die 
illegitime Ehe verrathenden Behauptung, „daß die Kinder der 
Liebe aufgeweckter seien, als die Kinder legitimer Ehen." 
Damit ist unseres Erachtens gerade genug gesagt, um die 
von der Social-Demokratie beliebte Beschränkung des Unzuchts 
begriffs zu erkennen. Dagegen erstreckt sich die Abneigung 
wider alle bestehende Ordnung bis zu einer Verurtheilung 
unserer modernen Ehe, welche der Socialismus als Prosti 
tution zu brandmarken wagt. Aus Veranlassung der Ver 
handlungen im deutschen Reichstag über die Einführung der 
Civilehe schreibt der „N. Soc.-Demokrat" (1874, 38): 
„Die Schließung der Ehe durch die Ceremonie eines
        <pb n="223" />
        Ehe. 
207 
„Mitgliedes des Priesterstandes, sowie die Führung des 
„ Civilstandsregistcrs seitens eines solchen ist augenscheinlich 
„ein Vorrecht des Letzteren, welches aus den Zeiten her 
„datirt, wo Adel nnd Geistlichkeit die socialen Beherrscher 
„des übrigen Volkes, des dritten Standes waren. Wenn 
„auch nun gegenwärtig dieses Vorrecht in der Bourgeois- 
„gesellschaft ein verhältnißmäßig unwesentliches ist und eigent- 
„lich nur dazu dient, durch Empfang der Sporteln das 
„Einkommen der Priester zu vervollständigen, so ist doch 
„nicht zu leugnen, das; inan che Chitone und häufiger religiöser 
„Gewissenszwang die Folge der mißbräuchlichen Handhabung 
„des priesterlichen Ehezwanges sind. Aus diesen Gründen 
„durften die Social-Demotraten unter keinen Umständen 
„für die Aufrechthaltnng des bisherigen, sich längst über- 
„lebt habenden Zustandes eintreten." 
„Auf der anderen Seite ist aber der neue Gesetzentwurf, 
„welcher die Civilehe einführt, nichts anderes als die voll- 
„ständige Verkörperung der B ourgeoisidec über die Ehe. 
„Vor 80 Jahren war eine solche Maßregel revolutionär, 
„jetzt ist sie bereits reaktionär gegenüber den socialistischen 
„Principien. Indem nämlich durch die Civilehe der Geist- 
„lichkeit ihre bisherige Machtvollkommenheit entzogen wird, 
„entsteht aus dem Sakrament der Ehe ein einfacher bürgcr- 
„licher Kontrakt. Die Eheschließendcn verzichten im Princip 
„auf den wunderthätigen priesterlichen Segen und 
„treffen lediglich die kontraktliche Uebereinkunft, daß 
„die aus der Ehe entspringenden Kinder Anspruch auf Er- 
„nährung und Erziehung durch Eltern, sowie Erbberechtigung 
„haben." 
„Damit werden die Prostitution und die grausame, 
„entehrende Ausnahmestellung der unehelichen Kinder nicht 
„nur nicht beseitigt, sondern sie wuchern fort und fort schlim-
        <pb n="224" />
        208 
MIL Socialistische Zukunftsbilder. 
„mer weiler. In der Bourgeoisgesellschaft ist die Arbeiter- 
„ehe in ihrer Hauptsache, nämlich dem Familienleben und 
„der Erziehung, durch Frauen- und Kinderarbeit zerstört 
„und zur bloßen Förmlichkeit gemacht; dagegen ist die Ehe 
„der Besitzenden in Wirklichkeit zu einer kontraktlichen Ber- 
„einigung des Kapitals der beiden eheschließenden Personen 
„geworden: das Ideal tritt in den Hintergrund, und der 
„materielle Schacher ist der ausschlaggebende; zwischen der 
„modernen Ehe und der Prostitution gibt es somit keinen 
„idealen, sondern nur einen juristischen Unterschied." 
Schamloser lautet das Urtheil des „Bolksstaat." Ju 
einem Artikel „über Fralienenianzipation lind Kindererziehung" 
(1873, 20) läßt derselbe eine „Parteigenossin" also schreiben: 
„Jede Fran, die, unsähig oder unberechtigt ans die Krast 
„der eigenen Arbeit gestützt, sich eine selbstständige Existenz 
„und sociale Stellung zu schassen, deli sinnlichen Reiz ihrer 
„Erscheinung als Subsistenzmittel verwerthet, prostituirt sich; 
„denn sie verkauft ihr eigenstes Ich, die Würde ihrer Pcrsön- 
„lichkeit, das unveräußerliche Recht individueller Freiheit, 
„Alles, was des Lebens werth ist, um des Lebens Preis. 
„Wo und wie dieser Menschenhandel abgeschlossen wird, ob 
„auf Grund eitles vortheilhasten Ehekontrakts voll Pfaffen, 
„Bürgermeistern und Stadträtheli, ob in einem der „dunkeln" 
„Häuser der Vorstadt, darin Laster und Elend sich die Hand 
„reichen, um je nach Angebot uild Rachsrage den Marktpreis 
„jedes Tages zu bestiimnen, bleibt für dessen ilroralische Bc- 
„urtheilung oder besser noch Verurtheilung natürlich voll- 
„kommen gleichgültig. Ein Mädchen, das in Rücksicht einer 
„gesicherten Existeliz oder angenehmen Lebensstellung sich 
„einem reichen ungeliebten Manne vermählt, thut ganz das- 
„selbe, was jede andere beliebige Dirne, die an irgend einer 
„Straßenecke auf die Vorübergehenden lauert."
        <pb n="225" />
        209 
Ehe. 
Der Kampf der Social-Demokratie gegen das Kapital 
und Privaleigenthum wird auch zu einem Kampf gegen die 
moderne Ehe, da nach socialistischer Anschauung unsere heutige 
Ehe ausschließlich vom Kapital beherrscht ist. Eine Auf 
hebung unserer heutigen Ehe, deren rechtliche Gültigkeit an 
staatliche und kirchliche Voraussetzungen geknüpft ist, ist vonl 
Socialismus ebenso entschieden gewollt, wie die Beseitigung 
der heutigen kapitalistischen Produktionsweise. Beides hängt 
mit einander eng zusammen. Daher kann auch der „Volks- 
ftslslt" (1874, 30) der Anschauung des „neuen Kommunisten" 
Dühring nicht entgegentreten, sondern muß ihr beipflichten 
und schreiben: „Eine weitere Konsequenz der gesellschaftlichen 
„Umgestaltung ist die vollständige Gleichberechtigung der Ge- 
„schlechter und die Aufhebung der nut dem bürgerlichen 
„Eigenthum auf's engste verwachsenen Ehe in ihrer heutigen 
„Form." Hieraus schon eine Aufhebung der Ehe überhaupt 
folgern zu wollen, wäre doch etwas zu voreilig. Mit dem 
selben Recht könnte und müßte man die sich in unseren 
Tagen vollziehende Aenderung der seitherigen Forni der Ehe 
schließung als eine Aufhebung der Ehe hinstellen. Es fournit 
darauf an, zu prüfen, was für eine nelle Form die Social- 
Demokratie an Stelle der von ihr vernrtheilten heutigen Form 
der Ehe setzen will. Das socialistische Programm gibt uns 
natürlich hierüber leinen Aufschluß. Es ist dies ein Punkt, 
der sich in der neuen Gesellschaft von selbst den socialistischen 
Principien gemäß regeln wird. Es fehlt jedoch nicht an 
Andeutungen, wie es in der Zukunft werden soll, die aus 
reichend sind, um uns ein Urtheil über die socialistische Ehe 
zu bilden. Liebknecht verwahrt sich in seiner Broschüre „Zu 
Schutz und Trutz" gegen den Borwurf der Weibergelneinschaft 
und schreibt (S. 29): „Die Vertreter dieser^Gesellschaft 
„der Prostitution haben die Stirne, uns rorzuwerfen — 
Schuster, Tie Social-Tcmokralie. 14
        <pb n="226" />
        =!t;jgaaigaagg ma 
210 VIH. Socialistische Zukunftsbilder. 
„es ist das ein weiterer Trumpf, den man gegen uns aus» 
„spielt — wir wollten die Familie vernichten, die 
„Weibergemeinschaft, die „freie Liebe" einführen! Nun — 
„die freie Liebe, ja wir wollen sie; wir wollen die Liebe 
„befreien von den Festeln. welche die heutige Gesellschaft ihr 
„angelegt hat." Zwei Seilen später (31) gibt Liebknecht 
sodann eine Definition der auf die „freie Liebe" sich grün 
denden Ehe. Dort heißt es: „jede Vereinigung von Mann 
„und Weib, die Liebe geschlossen hat, auch wenn vom Priester 
„nicht gesegnet, ist eine wahrhafte Ehe." Offenbar gibt 
diese Definition dem Ehebegriff sehr weite Grenzen. Der 
Unterschied zwischen legitimer und illegitimer Ehe wird voll 
ständig verwischt. Wir wollen jedoch, ehe wir unser Urtheil 
zusammenfaffen, noch weitere Auslastungen in der socialistischen 
Preste hinzunehmen. Der „N. Soc.-Demokrat" schreibt 
(1874, 38) in seinem Leitartikel über „die Civilehe im 
deutschen Reichstage" : 
„Wir Socialisten wollen nun aber einen neuen sitt- 
„lichen Zustand an Stelle dieses einen Handel mit 
„Mensch enfle isch darstellenden Treibens schaffen; wir 
„wollen, daß die gegenseitige Zuneigung und sitt- 
„liche Achtung der Menschen allein ihre Bereinigung 
„veranlassen, und daß allen Kindern, nicht blos wie heute, 
„nur den ehelichen aus begüterten Familien das natür- 
„liche Recht auf gute Erziehung zu Theil werde." 
Das sittliche Pathos dieser Erklärung kann leicht etwas 
bestechen, denn sie tritt für eine Forderung ein, die nicht erst, 
uni in ihrer Berechtigung anerkannt zu werden, auf den 
socialistischen Zulunftsftaat zu warten braucht, eine Forderung, 
die unserer modernen Ehe nicht fremd ist, wenngleich sie nicht 
bei jedem Eheschluß erfüllt wird. Daher ist es auch eine 
reine Täuschung, wenn die Social-Demokratie „die gegenseitige
        <pb n="227" />
        211 
She 
Zuneigung und sittliche Achtung" als unterscheidendes Moment 
zwischen der heutigen Ehe und der Ehe im socialistischen 
Volksstaat geltend macht. Der Unterschied liegt ganz wo 
anders. 
In einem Bortrag über „die Frauensrage und die soge 
nannte Weibergemeinschaft" sagte Hasselmann (N. Social« 
Demokrat 1872, 18): 
„Was die Emancipation der Frauen betreffe, so sei hier- 
„für der Ausdruck „Weibergemeinschaft" von den Gegnern 
„des Kommunismus benutzt worden, um uns lächerlich zu 
„machen. Die Sache verhalte sich einfach so: daß die Ge- 
„schlechter im Zukunftsstaate nicht mehr auf solche Weise 
„zusammengefeffelt würden, wie heute. Diese Frage würde 
„durch den entwickelten socialistischen oder richtiger tornimi* 
„nistischen Staat ganz von selbst geregelt. Heute sei die 
„Ehe der Arbeiter nur ein Bündniß zur Versorgung der 
„Kinder, die Ehe der Kapitalisten eine Vereinigung von 
„Kapital für die Nachkommen; im socialistischen oder kommu- 
„ nistischen Staat, wo die Gesammtheit die Pflicht der Er- 
„ziehung und Erhaltung der Kinder trage, wo kein Privat- 
„ kapital bestehe, sondern alle Produktionsinstrumente Gemeingut 
„seien, brauche die Frau nicht mehr aus Rücksicht für ihre 
„Kinder an einen Mann juristisch gcfeffelt zu werden. 
„Der Bund der Geschlechter werde lediglich ein moralischer 
„sein, und dann könne ein solcher Bund, wenn die Charaktere 
„nicht harmonirten, gelöst werden, was jedenfalls sittlicher 
„sei, als ein gestörter Ehefrieden, wie er jetzt nur zu oft 
„vorkomme." 
Das unterscheidende Moment liegt also nicht auf dem 
sittlichen, sondern auf dem rechtlichen, oder vielmehr auf dem 
sittlichen und rechtlichen Boden, insofern die an keine gesetz 
liche Ordnung gebundene Vermischung der Geschlechter aufhört 
14*
        <pb n="228" />
        212 Vili. Socialistische Zukunftsbilder. 
sittlich zu sein. Die S ocial-Demotratie will eine vollständige 
Gesetzlosigkeit der geschlechtlichen Beziehungen. Sie stellt die 
Beseitigung jeder rechtlichen Formalität sowohl beim Eheschluß, 
wie bei der Ehescheidung in Aussicht. Sie nennt jede nicht 
erzwungene Bereinigung von Mann und Weib eine Ehe, 
die so oft wechseln kann, als die Zuneigung wechselt. Eine 
solche Form der geschlechtlichen Beziehungen Ehe zu nennen, 
ist ebenso widersinnig, wie wenn man das gleichzeitige Geschrei 
der Katzen und das Bellen der Hunde eine Symphonie 
tituliren wollte. Darnach beurtheile man, wie weit die 
Social-Deniokratie zu der sittlichen Entrüstung über die ihr 
vorgeworfene Weibergemeinschast berechtigt ist. Wenn allein 
die gegenseitige Zuneigung ohne Erfüllung irgend einer recht 
lichen Forderung die Ehe bedingen soll, so ist hiermit die 
Weibergemeinschaft nichts weniger als ausgeschlossen, sie ist 
vielmebr eme ganz natürliche Frage, sobald, was nicht un 
denkbar ist, die Zuneigung gleichzeitig sich ans mehrere erstreckt, 
oder auch. was gleichfalls nicht zu den Unmöglichkeiten gehört, 
von Tag zu Tag oder von Woche zu Woche wechselt. Die 
Einehe ist keine unbedingte Folge des socialistischen Ehebcgriffs, 
und es ist Grund genug vorhanden, zu behaupten, „daß alle 
konsequenteren Socialisten der Weibergemeinschast so nahe 
stehen, wie der Gütergemeinschaft."*) 
Die den Eltern abgenommene und der Gesammtheit zur 
Pflicht genlachte Erziehung und Erhaltung der Kinder löst 
die Familie auf. Bei der im socialistischen Staat völlig 
durchgeführten Emancipation der Frauen leben die Geschlechter 
nur um der Fortpflanzung willen zusammen, ohne hierbei 
weder vorher noch nachher an irgend eine Ordnung gebunden 
*) W. Roscher, Die Grundlagen der Nationalökonomie. 
IX. Auslage § 58.
        <pb n="229" />
        Familie. 
213 
oder durch ivgeiib eine Pflicht belästigt zu sein. Eon einem 
Familienleben taun somit gar keine Rede sein. Die Einzel- 
samilie verliert sich in der Gesammtfamilie, und wie einst 
der französische Socialist Enfantin die Gründung einer solchen 
großen Familie mit gemeinsamem Haushalt versucht hat,*) 
so hofft auch der „N. Soc.-Demotrat" (1675, 15), daß das 
Familienleben sich durch Freundschaftsbund in solcher Weise 
ausdehne, daß die Kindererziehung nnd Pflege, das ganze 
häusliche Leben in größerem Umfange, gleichsam in einer 
großen Familie sich vollstehe. 
Es ist nicht unwichtig über die Stellung der Socral- 
Demokratie zur Ehe und Familie sich klar zu werden. Wenn 
auch einzelne Social-Demokraten gegen den Vorwurf einer 
Begünstigung der Weibergemeinschast sich energisch verwahren 
mögen, so liefert uns die socialistische Presse doch genug 
Anhaltspunkte sür die Behauptung, daß der konsequent fort 
schreitende Socialismus schließlich bei der Aufhebung der 
Ehe lind Familie ankommen wird. Wir glauben gerne, daß 
nicht alle mit dieser letzten Konsequenz sympathisiren mögen; 
für Einzelne, die der socialistischen Entwickelung bereits voraus- 
gegriffen haben, mag sie gerade die Ursache ihrer Hinneigung 
zum Socialismus sein. 
Die Umwandelung der Einzelfainilie in die Gesammt- 
saniilie ist eine nothwendige Folge der kommunistischen Grund 
sätze, welche auf der Grundlage der Gemeinsamkeit des Be 
sitzes auch „gemeinsame Arbeit und gemeinsamen Geruch" 
fordern. Bei einer Erörterung der „Vorzüge des Kommu 
nismus* sucht der „N. Soc.-Demokral" (1873, 117) zu 
beweisen, „wie außerordentlich praktisch gerade das k'vmuiu- 
*) L. Stein, Der Socialismus und Kommunismus des 
heutigen Frankreich. Seite 207 u. fs.
        <pb n="230" />
        214 
Vili. Socialistische Zukunftsbilder. 
mstischc gemeinsame Genießen gegenüber beni individuellen 
persönlichen Genuß ist." Nicht nur die Gemeinsamkeit, auch 
die Gleichheit des Genusses ist eine kommunistische Forderung. 
„Wir wollen einen freien Staat, gegründet auf Gerechtigkeit, 
„ans Freiheit und Brüderlichkeit; einen Staat, der alle seine 
„Bürger gleich arbeiten und gleich genießen läßt, der ihnen 
„neben gleichen Pflichten auch gleiche Nechte sichert , lesen 
wir im „N. Soc.-Demokrat" (1875, 30.) Der Genuß 
überhaupt ist der eigentliche Angelpunkt, um welchen sich der 
ganze Socialisnius bewegt; der Genuß ist das Centrum, in 
welchem alle seine einzelnen Wege zusammenlaufen. Denn 
der Socialismus fußt auf der ächt materialistischen Lebens 
anschauung, die den Genuß als Lebenszweck setzt. „Cs 
„weiß die Social-Demokratie, daß Genuß Lebenszweck, und 
„daß gemeinschaftlicher, durch Wistenschaft gewürzter und 
„Kunst veredelter Genuß der höchste, weil allein vernünftige 
„und menschenwürdige Kultus ist." (N. Social Demokrat 
1873, 76.) An dieser Stelle springt klar in die Augen, 
in wie hohem Grad die Social-Demokratie ein .liecht hat, 
sich als ein ächtes Kind unserer Zeit zu betrachten. Den 
Genuß als Lebenszweck zu setzen, ist nicht die ausschließlich 
der Social-Deniokratie eigenthümliche Leberisphtlosophie, sondern 
sie ist Gemeingut der gesammten materialistischen Wisseirschaft, 
die mit ihrer Leugnung alles llebersinnlichen bei diesem lie 
snltat anlangen mußte, an dessen praktische Durchführung 
auch im Leben der niederen Volksklassen die Social-Demokratie 
die Hand gelegt hat. Nehmen wir noch hinzu, was für 
Lebensformen jenes Lebensprincip bereits in den höheren 
Klassen geschaffen hat, wie die oft raffinirteste Genußsucht 
das Leben Vieler beherrscht, und das Herz gegen den Be- 
dürftigen und 'Nothleidenden erkaltet, so lernen wir die beiden 
Säulen kennen, welche der Social-Demokratie alv feste ^tütz,.
        <pb n="231" />
        Gleicher Genuß 
215 
dienen. Ist die materialistische Lebensanschauung in ihrem 
Recht, dann ist es ein schreiendes Unrecht, einer Minderheit 
den höchsten Lebensgenuß einzuräumen, und die große Mehr 
heit auf ein sehr bescheidenes Maß von Lebensfreuden zu 
beschränken. Der Lebenszweck muß für alle Menschen ein 
gleicher sein. Folglich ist es auch ganz in der Ordnling, 
die Schranken zu beseitigen, welche die Einen von dem allen 
Menschen gesteckten gleichen Ziel weit weit entfernt halten, 
während die Anderen durch Nichts behindert, ohne viel Mühe 
dort anlange»». Das Loos der niederen Klassen steht in einem 
großen Mißverhältniß zu den materialistischen Anschaliungen 
vorn menschlichen Leben. Wer diese Anschauungen theilt, 
der hat nicht das »lindeste Recht, der socialistischen Forderung 
nach Gleichheit des Genusses den geringsten Widerstand ent 
gegenzusetzen. Ehe wir auf deutschen» Boden eine Social- 
Dcmokratic kannten, war für sie von anderen Händen schon das 
Fundament gelegt, auf welchem sie weiter baut und unsere 
Zeit sorgt dafür, daß dieses Funda»nent immer niehr befestigt 
wird, trotzdem daß sie int Kampfe wider den Socialismus 
sich befindet. Anstatt die Quadern des Atheismus und 
MaterialiSmns auszugraben, arbeiten täglich immer inehr 
Hände daran, sie nur noch tiefer in das aufgewühlte Erd 
reich unseres Bolkslebens zu versenken. „Atheismus und 
Matcrialismtts, cynisches Prassen und Verschwenden, Gleich 
gültigkeit gegen alle höheren sittlichen Güter sind in einem 
großen Theil unserer sogenannten höheren Klassen längst ein 
gerissen, ehe man anfing, über Aehnliches bei den Arbeitern 
zu klagen. Eine Weltauffassung aber, die nicht mehr an 
eine gerechte Weltregierung, nicht mehr an einen Ausgleich 
nach dem Tode glaubt, die es vergessen hat, daß das höchste 
menschliche Glück, ein schönes Familienleben und ein reines 
Gewissen auch in bescheidener Lebenslage sich erreichen läßt.
        <pb n="232" />
        216 Vili. socialistische Zukunftsbilder. 
— die muß, wenn sie eine Spur von Konsequenz hat, bei 
den Forderungen der Social-Demokratie, jedenfalls bei der 
Forderung einer gleichmäßigeren Vertheilung der Güter anlom- 
men. Für eine rein materialistische Denkart ist die Existenz 
der unteren Klassen z,l freudlos itrtb zu ungerecht." *) 
Es malt die Social-Demokratie die Zukunft nach der 
Seite des irdischen Geuusies mit hellen Farben aus. Ter 
Kommunismus soll die gesammte Menschheit „zum größt 
möglichen Glück" führen. (N. Soc.-Demokrat 1873, 9. 70.) 
Sie will „die größtmögliche irdische Seligkeit für alle Menschen" 
erringen. (N. Soc.-Demokrat 1873, 73.) Unter Vorspiege 
lung der irdischen Glückseligkeit weiß sie sogar zu den Reichs 
lagswahlen zu begeistern. So schrieb der „N. Soc.-Demo- 
krat" unmittelbar vor beit letzten Wahlen (1874, 3): 
..Schon der Gedanke ist für das arbeitende Volk zündend, 
„daß der einzelne Proletarier in dem Atigenblicke, wo er 
„seinen Stimmzettel in die Wahlurne legt, politisch gleich, 
„gestellt ist mit dem Millionär; aber noch zündender ist der 
„Gedanke, daß durch die einfache Abgabe des Stimmzettels 
„ein Hanimerschlag geschieht zur Errichtung der Brücke, 
„welche das Proletariat zu seinem Rechte führt, ja welche 
„die Menschheit in die irdische Glückseligkeit hinüberleitet." 
Es wiederholt sich auch die schon von Lassalle gegebene 
Versicherung, daß die socialistische Gesellschaft „die höchste 
„moralische und intellektuelle Entwickelung verbürgt" (R. 
Soc.-Demokrat 1873, 34.) In Nr. 117 desselben Jahr 
gangs werden neben allgeineiner wissenschaftlicher Ausbildung 
besondere Kunstgenüsse in Aussicht gestellt: 
„Dann werden auf den Allen zugänglichen Lehranstalten 
„die Wisienschaften zum Gemeingut werden; dann werden 
*) Schmoller, Die sociale Frage und der preußische Staat.
        <pb n="233" />
        Gleicher Genuß. 
217 
„ungeheure Museen die Kunstschätze der Böller in sich schließen, 
»und dann werden endlich, was in der Gegenwart so ganz 
„vernachlässigt ist, Einrichtungen getroffen sein, daß in seiner 
„Feierzeit das kunstsinnige Bolk durch großartige Reiseein- 
„ richt ungen in den Stand gesetzt wird, sich an den Schätzen 
„der Kunst und Wissenschaft wie der Natur zu erfreuen. 
„Also gerade der Kommunismus bedingt die wahre 
„Kultur der Menschheit." 
Alles Glück, das der Socialismus bringen soll, wird 
schließlich in das eine Wort „Erlösung der Menschheit" 
zusammengefaßt. Der „Erlöser" ist Ferdinand Lassalle. 
„Die Erlösung des Menschengeschlechts — sie verkündete 
„der große Nazarener; die Erlösung des Menschengeschlechts 
„das war die Parole Ferdinand Lassalle's." (N. Social- 
Demokrat 1*74, 100.) Für diese hohe Idee sucht man 
Begeisterung zu wecken mit Worten, wie man sie in Nr. 58, 
187.'! findet: „Die rothe Fahne wird über uns flattern; 
„der Geist Lassalle's wird uns umwehen! Fort dann 
„in den Kampf mit der ganzen Begeisterung, welche die Idee 
„der Erlösung der Menschheit allein erzeugt!" Und in 
Nr. 10/, 1873 wird die Welterlösung als Ziel hingestellt: 
„Möge auf dem Wege der Lassalle'schen Idee, der betreten 
„ist, und aus welchem man zum Ziele gelangen kann, 
„die Welterlösung erreicht werden." Die Hoffnung, 
welche die Social-Demokratie erweckt, gipfelt endlich in der 
festen Zuversicht, daß mit dem Siege des Socialismus „das 
Himmelreich auf Erden" hcrbeigetommen sein werde. Diese 
Hoffnung soll zu fleißiger Agitation anspornen. Ein Partei 
genosse wendet sich daher an seine Gesinnungsgenossen mit 
den Worten: „Ich rufe den Arbeitern der größeren Städte 
„zu, geht ebenfalls hinaus und sucht die Landbevölkerung 
„über die Lehren Lassalle's aufzuklären, wenn Jeder, der da
        <pb n="234" />
        218 Vili. Socialistische Zukunftsbilder 
„kann, seine Pflicht thut, dann wird es nicht mehr lange 
„dauern, so werden unsere Bataillone marschiren, und das 
„Himmelreich auf Erden wird nahe herbeigekommen sein." 
(N. Soc.-Demokrat 1871, 62 vgl. Volksstaat 1873, 75.) 
Wenn die Social-Demokratie ihre Zukunftsbilder zeichnet, 
dann schwingt sie sich auf zu einer Art religiöser Begeisterung 
und redet auch gerne in Ausdrücken, die sonst nur für die 
Wahrheiten und Hoffnungen des religiösen Glaubens gebraucht 
zu werden pflegen. Der Socialismus wird zur Religion, 
der seine Lehre als „Evangelium der Neuzeit" (N. Social- 
Demokrat 1871, 62) verkündigt, und von seinen Bekennern 
den Glauben an seine seligmachende Kraft fordert. In einer 
zu Hannover gehaltenen öffentlichen Versammlung rief Tölcke 
aus: „Es ist in feinem andern Heil, und in keinem andern 
„Glauben wird man selig, alS in dem Allgemeinen Deutschen 
„Arbeiter-Verein." lVolksstaat 1872, 25. Beilage.) 
Es gehören keine besonders scharfe Augen dazu, um 
hinter all den glänzenden Versprechungen, welche der Social- 
Dcmokratic eigen sind, den agitatorischen Zweck zu erkennen. 
Zu der durch allerhand Mittel gesteigerten Unzufriedenheit mit 
der Gegenwart soll sich die Sehnsucht nach der von der 
Social-Demokratie verheißenen glücklichen Zukunft gesellen, 
um durch ein doppeltes Baud die geblendeten Massen an 
die „rothe Fahne" zu fesseln. Es ist gewiß das gelindeste 
Urtheil, die socialistischen Hoffnungen, mögen sie wirklich ge 
glaubt oder nur vorgespiegelt werden, als Utopie zu bezeich 
nen. Sie sind keine gleichgültigen Träumereien, da sie zu 
Agitationszwecken verwendet, kein Glück schaffen, wohl aber 
Schaden anrichten. Der Arbeiter, welcher durch die Ueber 
treibung der Nothstände seine Erbitterung steigern und durch 
die in Aussicht gestellte „größtmögliche irdische Glückseligkeit" 
sein Herz trunken machen läßt, ist seinem wahren Wohler-
        <pb n="235" />
        Welterlösung. 
219 
gehen ferner gerückt denn je. Es nagt an seinein Herzen 
ein brennendes Verlangen nach einer irdischen Glückseligkeit, 
das nie befriedigt werden kann, da das nur im irdischen 
Genuß gesuchte Glück einfach nicht existirt. Es fehlt nicht 
an zahlreichen Beispielen, — man höre nur die Klagen vieler 
Frauen, deren Männer von der Social-Demokratie sich haben 
in's Schlepptau nehmen lassen — daß die social-demokratische, 
das größte Glück verheißende Agitation für die Gegenwart 
das gerade Gegentheil bewirkt, und die Zerrüttung wenn auch 
bescheidener, so doch immerhin in der Zufriedenheit glücklicher 
Verhältnisse im Einzelleben, wie im Familienleben verursacht 
hat. Und wenn die Social-Demokratie, wie jetzt für ihre 
Agitation, so für die Durchführung ihrer Plane ,e freie 
Hand bekommen sollte, auch dann wird der Erfolg kein an 
derer sein. Das Elend wird nicht ausziehen und das all 
gemeine Glück wird nicht einziehen. Das Elend wird in 
neuen Formen und in vermehrter nnd verschlimmerter Auf 
lage in der neuen Gesellschaft eine breite Stätte finden. Als 
Beweis hierfür dient das ganze Bild in allen seinen einzelnen 
Zügen, das wir auf Grund der social-demolratischen Presse 
haben zeichnen müssen. Für die zerstörende Kraft des So- 
cialisnitts liefert uns die Geschichte anschauliche Belege, von 
seiner Fähigteit aber. Besseres an die Stelle des Bestehen 
den zu setzen, noch keine einzige Probe. Ein Jeder, der dem 
Svcialisnms entgegentritt, wird von der Social-Demokratie 
als Arbeiterfcind denuncirt. Die aufgedeckte wahre Gestalt 
der deutschen Social-Dcmotratie macht den Beweis überflüssig, 
daß derjenige im wahren Interesse des ganzen Arbciterstandes 
handelt, der seine Waffen gegen den Socialismus richtet.
        <pb n="236" />
        Anhang 
Einiges aus dem Vebcn Ferdinand Vojiollc'?.*) 
In meiner kleinen Flugschrift: „Was versprechen die 
Social-Demokraten?" habe ich geschrieben: „Der Socialis 
mus ist nicht eine Erfindung des wegen eines Liebeshandels 
in einem Duell erschossenen Juden Lassalle." In der öffent 
lichen Disputation, welche ich zur Vertheidigung jenes Schrist- 
chens am 19. Januar d. I. mit den Stuttgarter Docial- 
Demokraten hatte, griff mein Gegner, der Social-Demokrat 
A. Hirsch, jenen Satz wiederholt an, und beschuldigte mich 
der absichtlichen Schmähung des „großen Agitators" 
F. Lassalle. Ich nehme hieraus Veranlassung, eine kurze 
Lebensskizze F. Lassalle's anznfttgen, welche nicht das Bild 
dieses Mannes nach allen Seiten hin zeichnen soll, sondern 
nur neben die dichterischen Ausschmückungen, womit diejenigen, 
welche nach Lassalle's Namen sich nennen, sein Bild unkennt 
lich machen, die einfachen geschichtlichen Thatsachen ftel' 
len will. 
Ferdinand Lassalle, geboren den 11. April 1825, 
war der Sohn eines reichen jüdischen Großhändlers zu Bres- 
*) Die hiebei benutzten Schriften sind: F. Ikafsalle's Agi 
tationsschriften. — B. Becker, Enthüllungen über da« tragische 
Lebensende Ferdinand Lassalle's. — Fr. Engen Jäger, der mo- 
derne Socialismus.
        <pb n="237" />
        Aus dem Leben Ferdinand LaffalleS. 221 
lau. Er besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt, cßeng 
aber, von seinem Vater für den Handelsstand bestimmt, 1840 
auf die Leipziger Handelsschule über. Hier machte er nur 
geringe Fortschritte, da ihm der väterliche Berns wenig zu 
sagte. Er kehrte daher in sein Elternhaus zurück und be 
reitete sich durch Privatunterricht aus die Universität vor. 
1842 begann er seine Universitätsstudien zu Breslau, setzte 
sie später in Berlin fort und widmete sich vorzugsweise der 
Philosophie und Rechtswissenschaft. Besonders zog ihn die 
Hegel'sche Philosophie an, in deren Dialektik er bald heimisch 
war. Von Natur mit glänzenden Geistesgaben ausgerüstet, 
siel es ihm leicht, in kurzer Zeit sich einen hohen Grad von 
Gelehrsamkeit anzueignen. Auch seine erbittertsten Gegner 
können ihm sein reiches Wisien in Philosophie, Geschichte, 
Rechtswisienschaft, Literatur und Nationalökonomie, ebenso auch 
in der Philologie nicht streitig machen. Schon frühe erwarb er 
sich durch die Herausgabe niehrerer gelehrten Werke, („die 
Philosophie Herakleitos des Dunkeln in Ephesus" 1857; 
„System der erworbenen Rechte" 1861 u. a.) in der Gc- 
lehrtenwelt einen geachteten Namen. Lassalle verstand es 
aber auch, mit seiner Gelehrsamkeit zu prunken und zu 
prahlen. Vor dem Berliner Ü. Kriminalgericht im Januar 
1863 der Aufreizung der Arbeiter zum Haß gegen die be 
sitzende Klasse angeklagt, würzte er seine Vertheidigungsrede 
mit dem eitelen Selbstlob: „In verschiedenen und schwierigen 
Gebieten der Wissenschaft habe ich umfangreiche Werke zu 
Tage gefördert, keine Mühen und keine Nachtwachen gescheut, 
um die Grenzen der Wissenschaft selbst zu erweitern und 
ich kann vielleicht mit Horaz sagen: militavi non sine glo 
ria!" In der literarischen Fehde mit Schulze-Delitzsch rühmte 
er sich, allerdings durch den unverdienten Borwurf des Halb 
wissens gereizt: „Ich schreibe jede Zeile, die ich schreibe,
        <pb n="238" />
        222 Anhang. 
bewaffnet mit der ganzen Bildung meines Jahrhun 
derts!" 
Nach Beendigung seiner Universitätsstudien (1845) be 
gab sich Lassalle auf kurze Zeit nach Paris und trat dort 
mit H. Heine in regen Verkehr. Er nahm sich des kranken 
Dichters in einem Erbschaftsstreite mit großer Energie an 
und gewann so sehr dessen Gunst, daß Heine in einem Briefe 
an Barnhagen von Ense (vom 3. Jan. 1846) voll Begeisterung 
von dem 20jährigen Jüngling schreibt: „Mein Freund Herr Las- 
salle,der Ihnen diesen Brief bringt, ist ein junger Manu von den 
ausgezeichnetsten Geistesgaben: mit der gründlichsten Gelehr 
samkeit, mit dem weitesten Wissen, mit dem größten Scharf, 
sinn, der mir je vorgekommen, mit der reichsten Begabniß 
der Darstellung verbindet er eine Energie des Willens und 
eine Habilité im Handeln, die mich in Erstaunen setzen, und 
wenn seine Sympathie für mich nicht erlischt, so erwarte ich 
von ihm den thätigsten Vorschlib. Jedenfalls war diese Ver 
einigung von Wiffen und Können, von Talent und Charak- 
ter, für mich eine freudige Erscheinung . . . Herr LassaUe 
ist nun einmal so ein ausgeprägter Sohn der neuen Zeit, 
die nichts von jener Entsagung und Bescheidenheit wiffen 
will, womit wir uns mehr oder niinder heuchlerisch in un- 
serer Zeit hindurchgelnngert und hindurchgefaselt. — Dies 
neue Geschlecht will genießen und sich geltend machen im 
Sichtbaren; wir, die Alten, beugten uns demüthig vor dem 
Unsichtbaren, haschten nach Schattenküssen und blauen Blu 
mengerüchen, entsagten und flennten, und waren doch vielleicht 
glücklicher, als jene harten Gladiatoren, die stolz dem Kainpfes- 
tode entgegen gehen." Aus einem anderen Briefe Heine's 
an den Vater Lassalle's können wir auf die religiöse Stel 
lung Lassalle's einen Schluß ziehen. Heine schreibt, „er 
möchte sein Gesicht sehen" wenn ihm zu Ohren kommt, daß
        <pb n="239" />
        Aut dem Leben Ferdinand Lafsalle'S. 223 
er, der todtkranke Dichter, sich zum Deismus bekehrt habe. 
Lassalle hat nirgends in seinen Schriften seine religiösen An 
schauungen klar zu erkennen gegeben. Aus der Aeußerung 
Heine's darf man aber den Schluß ziehen, daß sein jugend 
licher Freund seinen Atheismus vor ihm nicht verhehlt hak. 
Zu Lassalles ganzem Wesen und Streben gehörte nothwen 
dig auch die atheistische Weltanschauung. Erst diese macht 
ihn zu einem Mann aus einem Guß. 
Nach der Rückkehr von Paris lebte Lassalle am Rhem, 
nach dem Bericht seines Anktsnachfolgers im Präsidium des 
„Allg. deutschen Arbeiter-Vereins" B. Becker, als unab 
hängiger Privatgelehrter, nach anderen Mittheilungen am 
Gerichtshöfe zu Düsseldorf beschäftigt. Hier traf ihn die 
revolutionäre Bewegung des Jahres 1848, an der Lassatle 
thätigen Antheil i,ahnl. In Folge des vom Berliner Abge 
ordnetenhause gefaßten Steuerverweigerungsbeschlusses unter 
nahm es Lassalle, die Regierungskasien zu Düsieldorf zu 
versiegeln, und da er außerdem Vorbereitungen zu einem 
bewaffneten Widerstand gegen die Regierung getroffen hatte, 
wurde er im November 1848 verhaftet, nach sechsmonat 
licher Untersuchungshaft aber von dem Schwurgericht zu 
Düsseldorf freigesprochen. Die Aufforderung zur Widersetz 
lichkeit gegen Regierungsbeamte mußte er jedoch mit sechs 
monatlicher Gefangn isistrase büßen. 
Schon früher, wahrscheinlich auch in Düsseldorf, hatte 
Lassalle die Gemahlin des Grafen von Hatzfeldt, Sophie, 
eine geborene Fürstin von Hatzfeldt, kennen gelernt, welche 
mit ihrem Gemahl in einem langwierigen Ehescheidungspro 
ceß lebte, da der Graf die Zahlung von Subsistenzmitteln 
verweigerte. Mit glühendem Eifer nahm sich der 20jährige 
Jüngling der 40jährigen Dame an und wußte 1854 den 
Proceß durch einen für die Gräfin vortheilhaften Vergleich
        <pb n="240" />
        224 
Anhang. 
zu Ende zu führen. Als freiwilliger Anwalt der Gräfin 
zog er sich eine Anklage wegen Verleitung zu dem an der 
Baronin von Meyendorf in einem Kölner Gasthofe verübten 
Kassettendiebstahl zu, wodurch man in den Besitz eines für 
die Gräfin Hatzfeldt wichtigen Dokuments zu gelangen hoffte. 
Die Sache endigte für ihn mit einer Freisprechung. Aber 
von der Gräfin Hatzfeldt wurde Lassalle bis zu seinem Tode 
nicht mehr frei. Er blieb in den Fesseln dieser von ihrem 
Gemahl geschiedenen Dante, welche mit ihm in Düsseldorf 
ein und dasselbe Haus bewohnte, und ihn häufig auf feinen 
Reisen begleitete. Es ist natürlich, daß dieses itnklare Ver 
hältniß einen dunkeln Schatten ans das Leben Lassalle's 
wirft. 
In die Arbeiterbewegung griff Lassalle zuin erstenmal 
durch einen Vortrag ein, den er „über den besonderen Zu- 
sammenhang der gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der 
Idee des Arbeiterstandes" am 12. April 1862 in einem 
Berliner Handwerkerverein hielt. Er trat noch nicht als 
förmlicher Agitator auf; aber sein an die Arbeiter gerichtetes 
Wort: „Sie sind der Fels, auf welchen die Kirche der Ge 
genwart gebaut werden soll!" wurde nicht vergessen. Seit 
Oktober 1862 ging man mit dem Gedanken um, nach Leip 
zig einen allgemeinen deutschen Arbeiterkongreß zu berufen. 
Man wollte dort über Gcwcrbefreiheit, Freizügigkeit, Spar-, 
Invaliden- und Krankenkassen berathen und zugleich auch eine 
Organisation der Arbeiter zu Stande zu bringen versuchen. 
Zu einem Gutachten hierüber ausgefordert, schrieb Lassalle 
am 1. März 186% von Berlin ans sein „Offenes Ant 
wortschreiben an das Central -Comité zur Berufung eines 
Allgemeinen deutschen Arbeiter-Kongresses zu Leipzig." Diese 
kleine Schrift von nur 2 Bogen Umfang brach dem Socia 
lismus in Deutschland die Bahn. Sie veranlaßte am
        <pb n="241" />
        Aus dem Leben Ferdinand Lasialle's. 225 
22. Mai 1863 die Gründung des „Allgemeinen deutschen 
Arbeitervereins" und gilt heute noch als Evangelium der 
deutschen Social-Demokraten. Auf fünf Jahre zum Präsi 
denten jenes Vereins erwählt übte Lasialle in dieser Stel 
lung trotz seines demokratischen Princips eine beinahe dikta 
torische Gewalt aus. Er selbst spricht sich über seine Prä 
sidentschaft also aus: „Ihr habt mir diese Autorität zwar auf 
fünf Jahre anvertraut, allein Ihr wißt, daß ich sie von selbst 
niederlegen würde, wenn irgend eine Unzufriedenheit oder 
eine Mißstimmung ausbräche, und diese auf höchster fortge 
setzter Freiwilligkeit beruhende Autorität reicht hin, um Euch 
allemitsammt handeln zu lasten, wie geleitet durch einen 
elektrischen Funken — — Die beiden Gegensätze, die unsere 
Staatsmänner bisher für unvereinbar betrachteten, Freiheit 
und Autorität — die höchsten Gegensätze, sie sind auf das 
Innigste vereinigt in unserem Vereine, welcher so nur das 
Vorbild im Kleinen unserer nächsten Gesellschaftsform im 
Großen darstellt! Nur durch die Diktatur der Einsicht 
können die großen gewaltigen Ucbergangsarbeiten der Gesell 
schaft bewerkstelligt werden." Es hätte aber auch keine an 
dere Stellung dem Charakter Lasialle's entsprochen, der ganz 
und gar zum Herrschen angelegt war. Er wollte lieber 
alles, was sich ihm entgegen stellte, zu Staub zerreiben, als 
nachgeben und sich unterordnen; und wo sein Stolz, seine 
Eitelkeit verletzt worden waren, da konnte er rachedurstig 
aufbäumen, wie ein verwundeter Tiger. Die angeführten 
Worte Lasialle's sind aber auch die beste Interpretation der 
von den Führern des „Allg. deutschen Arbeiter-Vereins" 
stets festgehaltenen Forderung, die „Organisation" Lasialle's 
nicht zu verlasien. Man will die beinahe diktatorische Ge 
walt, welche der Präsident dieses Vereins unter dem Schein 
demokratischer Freiheit ausübt, nicht preisgeben, und darum 
Schuster, Die Social-Demokratie. 15
        <pb n="242" />
        . T~- ^r»gar agBsiagggraaKM^iigBacaiiiK^iMäi 
22«; 
Anhang 
wird das Berlassen der Organisation für einen Verrath am 
Meister erklärt. (N. Soc.-Demokrat 1872, 53). 
Für Lassalle begann mit seiner Präsidentschaft ein sehr 
bewegtes Jahr. Auf der einen Seite hatte er gegen seine zahl 
reichen Gegner in fortwährendem Kampf zn stehen, auf der 
anderen Seite nahm die Agitation für seinen Verein und 
dessen socialistisches Princip seine Zeit und Kraft in Anspruch. 
In den ersten Monaten seiner agitatorischen Thätigkeit feierte 
er nainentlich im Rheinlande viele Triumphe. Er fühlte 
sich als einen Arbeiterkönig, als einen Volkstribun, der, wie 
er selbst sagt, in die Industriestädte und Arbeiterversamm- 
lungen nicht kain, um lange Reden, sondern nm Heerschau 
zu halten. In seiner Erwartung, binnen Kurzem 100,000 
Arbeiter um seine Fahne sammeln zu können, sah er sich 
sehr getäuscht. Enttäuschungen konnte Lassalle am aller 
wenigsten ertragen. Er war nur ein Mann für raschen 
Erfolg. Im Frühjahr 1804 schrieb er an seinen General- 
Bevollmächtigten: „Ich bin todtmüde, und so stark meine 
Organisation ist, so wankt sie bis in ihr Mark hinein. 
Meine Aufregung ist so groß, daß ich keine Nacht mehr 
schlafen kann! Ich wälze mich bis 5 Uhr auf dem Lager 
und stehe mit Kopfschmerz und tief erschöpft auf! Ich bin 
überarbeitet, überangestrengt, übermüdet im furchtbarsten 
Grade Die tiefe, schmerzliche Enttäuschung, der 
fressende, innere Aerger, den mir die Gleichgültigkeit und Apathie 
des Arbeiterstandes in seiner Masse genommen, einflößt — 
beides zusammen war selbst für mich zu viel. Ich treibe 
ein melier de dupe und ärgere mich innerlich zu Tode, 
um so mehr als ich diesem Aerger nicht Luft machen kann, 
und ihn noch immer würgen, oft das Gegentheil behaupten 
muß! Und gleichwohl werde ich die Fahne nicht fallen lassen, 
so lange noch irgend ein Hoffnungsflämmchen an dem poli-
        <pb n="243" />
        îluS dem Leben Ferdinand Lafsakle'4. ggy 
tischen Horizont blinkt. Dazu der noch viel größere Aerger, 
zu wissen, wie glänzend die Dinge stehen würden, wenn 
der Arbeiterstand seine Pflicht gethan hätte! Wir dürfen 
uns nicht verhehlen, daß wir uns Alle zusammen über das 
geistige Leben im Arbeiterstande sehr getäuscht haben: der 
Allg. deutsche Arbeiter-Berein zählt erst circa 3000 Mitglieder 
und vielleicht fehlen noch mehrere Hundert zu dieser 
Zahl das sagt Alles. Wer hätte diese Mattheit und 
Theilnahmlosigkeit für möglich halten sollen? Das wird sich 
erst wirklich ändern, wenn gewisse politische Ereignisse eintreten 
und die Massen in Bewegung bringen. Und solche Ereig- 
niffe können allerdings in einiger Zeit kommen. Es handelt 
sich darum, sich bis dahin zu halten!" So schildert Lafsalle 
selbst den Erfolg seiner aufreibenden Thätigkeit im ersten und 
auch einzigen Jahre seiner Diktatur. Enttäuschung über 
Enttäuschung, die er nicht gut überwinden konnte, da hierdurch 
seine Eitelkeit wie seine Herrschsucht schwer verletzt waren. 
Selbst sein von ihm testamentarisch eingesetzter Amtsnachfolger, 
Bernhard Becker, kann nicht umhin, diese Schatten im Cha- 
rakter Lassalle's offen anzuerkennen. Er schreibt: „Lafsalle 
hatte große Schwächen und tiefgehende Leidenschaften. Seine 
mädchenhafte Eitelkeit, verknüpft mit dem Umstande, daß er 
der fadesten Schmeichelei zugänglich war; sein bis zum un 
beugsamen Eigensinn gesteigertes herrisches Wesen, welches 
sich mitunter dem klar vorliegenden Besseren verschloß; seine 
Genußsucht in Beziehung aus Frauen, die ihn Alles ver- 
gessin und ihm seine Jahresrente von mehr als 5000 Thlr. 
nicht hinreichend erscheinen ließ; endlich sein Haschen nach 
der Beistimmung von Autoritäten — — — das waren 
verwundbare Stellen an dem sonst so gut gewappneten 
Manne." 
Die Jahresrente von 5000 Thlr. reichte also für Lasialle 
15*
        <pb n="244" />
        228 
Anhang. 
zur Bestreitung seiner Bedürfnisse nicht aus. Er war das 
Leben der großen Welt gewöhnt. Auch als Arbeiterkönig 
ließ er in seiner genußsüchtigen Lebensweise keine Aenderung 
eintreten. So geschickt er gegen „Bourgeoisie" und Kapital 
zu Felde zu ziehen verstand, so behaglich war es ihm in 
den Lebensgewohnheiten der Bourgeoisie und im Genuß seines 
arbeitslosen Einkommens. Er selbst war ein ächter „ Borir- 
geois" von der Fußsohle bis zum Scheitel. Er war ein 
anderer als ökonomischer Theoretiker, ein anderer als Prak 
tiker. In der Theorie bekämpfte er die Produktivität des 
Kapitals, in der Praxis ließ er sich die Renten seines Kapi 
tals recht Wohlgefallen und führte ein genußsüchtiges Leben, 
nach seiner eigenen Beweisführung also vom Schweiße der 
Arbeiter. Die Anschuldigungen, welche die Socialisten bis 
auf den heutigen Tag gegen die Bourgeoisie, überhaupt gegen 
die genußsüchtige große Welt, und gewiß vielfach nicht ohne 
Grund erheben, die treffen nicht in letzter Linie den ehemaligen 
Arbeiterkönig Lassalle. Dies hindert aber seine Anhänger 
nicht, von chut zu rühmen: „Er, der doch ein Leben voll 
„Genuß und Zufriedenheit haben konnte, ist von der höchsten 
„Höhe der Zufriedenheit und des Wohlstandes herabgestiegen 
„in das Proletariat." 
Lasialle war gewohnt, die Sommermonate an verschiedenen 
Badeorten zuzubringen. Nachdem er die Sorgen der Bereins- 
leitung auf die Schultern des Viccpräsidenten Dämmer gelegt 
hatte, begab er sich im Sommer 1864 nach Rigi-Kaltbad. 
Dort traf er wieder mit Fräulein Helene von Dönniges 
ans Genf zusammen, welche er schon früher in Berlin kennen 
gelernt hatte. Wegen Lassalle's Haltung überhaupt den 
Frauen gegenüber mußte dieselbe ihr Verhältniß mit ihm 
abbrechen. Wiewohl Helene von Dönniges bei der zweiten 
Begegnung in Rigi bereits die Braut eines Andern, des
        <pb n="245" />
        Aus dem Leben Ferdinand Lassalle's. 229 
Herrn von Ratowitz war, so kam es trotzdem zu einer förm 
lichen Verlobung mit Lafsalle. Die Braut gewann es über 
sich, ihren Verlobten von sich zu stoßen und Lassalle ewige 
Treue zu schwören. Die Eltern versagten ihre Einwilligung. 
Nach langen Verhandlungen gab Helene Lassalle wieder auf 
und kehrte gii ihrem ersten Verlobten zurück. Tiefer konnte 
Lassalle nicht verwundet werden; eine größere Demüthigung 
hatte Lassalle in seinem ganzen Leben nicht erfahren. Er 
dürstete nach Rache. Es kam zum Pistolen-Duell mit Herrn 
von Ratowitz am 28. August in der Nähe von Genf. 
Lassalle wurde von seinem Gegner beim ersten Schuß tödtlich 
verwundet. Am 31. August 1864 starb er. 
Dies die einfache Geschichte von dem tragischen Lebens 
ende F. Lassalle's. Die wahre Ursache seines Todes wird 
von seinen Anhängern beharrlich verschwiegen. Dagegen 
schreibt der „N. Soc.-Demokrat" (1871, 59): „Lassalle, 
„der große Demokrat, den die Reaktion wie ein Wild hetzte, 
„der, zu langer Kerkerhaft verurtheilt, in die Verbannung 
„gehen mußte, wo er durch die mörderische Kugel eines 
„Adligen fiel — dieser Mann soll seinen fleckenlosen Rainen 
„hergeben als Aushängeschild für eine Bettelei bei der Re- 
„aktion, die ihn in den Tod hetzte!" So wird Lassalle's 
unrühmlicher Tod zu einem Martyrium für die Arbeitersache 
gestempelt. 
Lassalle's unerwarteter Tod rief bei seinen Freunden die 
größte Bestürzung hervor. Die Gräfin Hatzseldt eilte herbei, 
bemächtigte sich des Leichnams, ließ ihn einbalsaniiren und 
gedachte mit dem Todten einen Triumphzug in Deutschland 
zu halten. Sie beabsichtigte, ihn in Berlin begraben zu 
lassen. Auf Requisition der Lassalle'schen Familie wurde ihr 
jedoch Seitens der Polizei in Köln der Leichnam abgenom 
men. Die Polizei sorgte für den weiteren Transport nach 
Cchusļŗr, Dtk Social-Demokratie. 10
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        230 
Anhang. 
Breslau, und dort auf dem jüdischen Friedhofe wurde 
Lassalle an der Seite seines Baters begraben. 
Um den durch den Tod des „großen Agitators" zu 
befürchtenden Zerfall des noch jungen „Allg. deutschen Arb.- 
Vereins" zu verhüten, wurden in allen Städten, wo der 
Bercin Mitglieder hatte, Todtenfeiern veranstaltet. „Den 
„Todtenfeiern", schreibt B. Becker, „zu denen ich den Anstoß 
„gab, lag die vom Parteiinteresse eingegebene Absicht zu Grunde, 
Iden die sociale Demokratie mit einem großen Nachtheil be&lt; 
Idrohenden Tod Lassalle's als Parteikitt zu benutzen. Denn 
Ida die Nachricht von dem Tode des bisherigen Führers 
„leicht die zum Allgemeinen deutschen Arbeitervereine gehören 
„den Arbeiter dahin bringen konnte, daß sie, am Gelingen 
„des angestrebten Zieles verzweifelnd, die socialistische Agitation 
„aufgaben, so schien die Todtenfeier das geeignete Ruttel zu 
„sein, um dem Schmerz und der Trauer über den dahinge- 
„schiedenen Parteiführer zur Anspornung des Eifers und zum 
„erneuten Angelöbnisse des Festhaltens zu verwerthen. Leider 
„war mit der Anwendung dieses Mittels die Jnkonvenicnz 
„verknüpft, daß sowohl ein demokratischer Heiliger geschaffen 
„wurde, als auch, daß sich Sophie von Hatzfeldt als „einziger, 
Ijedenfalls bester Freund" in den Vordergrund drängen und 
„bei der Leichtgläubigkeit gewisser Schwachtöpfe einen störenden 
„Einfluß geltend machen konnte. Allein in Anbetracht des 
„Reifegrades vieler Arbeiter war jenes Mittel nun einmal 
I unvermeidlich. Viele glaubten nicht nur, daß Lassalle für 
„'sie gestorben sei, sondern es gab sogar und gibt wohl noch 
'I jetzt manche Arbeiter am Rhein, welche es sich nicht m,S&lt; 
Ireden ließen, daß Lassalle, weit davon entfernt, todt zu sein, 
„sich nur auf einige Zeit zurückgezogen habe, um in neuer 
„Glorie wieder zu kommen und dann nach Art des Menschen- 
„sohnes am jüngsten Tage die Lebendigen und die Lvdten zu
        <pb n="247" />
        Aus bfnt l’iben Ferdinand Lassalle's 231 
„richten. — — Auf der großen Todtenfeier zu Castel bel 
„Düsseldorf, an der die sälnmtlichen Socialistcngeineinden des 
„Rheinlandes Antheil nahmen, konnte man in den Reden der 
„Arbeiter Worte hören, welche sehr stark an den christlichen 
„Mythus von der Kreuzigung und Auferstehung des Heilandes 
„erinnerten." Bei solchen Todtenfeiern trat neben die Klage 
über den Dahingeschiedenen die Prophetie: 
„Es tönen die Worte, die er ruft, wie aus dem Himmelreich: 
„Mein Reich zerstöret nimmer der Tod, so lauge die Erde 
kreis't! 
„Schon schimmert des Tages Morgenroth, der ein neues 
Leben verheißt! 
„Doch wenn dereinst die Stunde schlägt, da steigt aus dem 
Grabe empor 
„Sein mächtiger Geist, und siegend trägt er das freie Banner 
uns vor." 
So nahm mit Lassalle's Tode ein förmlicher Lassalle- 
Kultus seinen Anfang, der Lastalle als einen Heiligen, als 
einen neuen Messias, seine Schriften als Evangelium, seine 
Lehre als unfehlbar darstellt. „Das Auftreten der socialisti- 
„scheu Propaganda int religiös-fanatischen Gewände schien um 
„der Rettung der Sache willen von der Klugheit geboten zu 
„sein", wie B. Beller ausdrttlllich bekennt. Der Lassalle- 
Kultus hat sich bei den Lastalleanern bis auf diesen Tag 
ungeschwächt und unverändert erhalten. Alljährlich am 31. 
August werden neue Todtenfeiern veranstaltet, bei welchen 
die Apotheose Lassalle's niemals Unterlasten wird. Lassalle 
wird neben Christus gestellt und als Erlöser der Welt ver 
herrlicht. „Jesus von Nazareth ist todt, es lebe Ferdinand 
Lassalle!" (vergi. Abschnitt VII. Die Religion und die So- 
cial-Demokratie.) 
Die Anhänger der „social-demokratischen Arbeiterpartei" 
halten sich von dieser Art Götzendienst frei, und machen
        <pb n="248" />
        232 
Anhang. 
den Lafialleanern die Vergötterung Lafialle's zum Vorwurf. 
So schreibt die „Chemnitzer Freie Presse" fl873, 88): 
„Will man einer Lehre blind folgende Anhänger sichern, so 
„nmß man dieselbe als Religion verkünden. Die große 
„Masse Derjenigen, denen das Denken zu schwer fällt, ist auf diese 
„Weise am leichtesten zu gewinnen und gegen Alle, welche nicht 
„auf die Unfehlbarkeit der angepriesenen Religion schwören, 
„zu hetzen. Die Wirksamkeit Lassalle's ist bei den Mit- 
„gliedern des „Allg. deutsch. Arb.-Vereins" bereits zur Legende 
„geworden. Lassalle ist für sie nicht mehr der sterbliche Ge- 
„lehrte, der neben großen Eigenschaften auch bedenkliche Schwächen 
„hatte, sondern er gilt als der wiedererstandene Christus, als 
„Gottes Sohn, und es fehlt blos noch, daß man die Gräfin 
„Hatzfeldt zur Magdalena sten,pelt und als fortwirkenden 
„heiligen Geist Herrn Hasselmann proklamirt." 
F. Lassalle war ein eminent begabter, mit gründlicher Gelehr 
samkeit und vielseitigem Wissen ausgerüsteter Mann, der als ein 
ächter Sohn seiner Zeit auf Grund seiner materialistischen Lebens- 
anschanung einer raffinirten Genußsucht stöhnte, und wegen 
eines Liebeshandels im Duell einen unrühmlichen Tod fand. 
Seine Anhänger, die nach seinem Namen sich nennen, niachen 
aus ihm einen Märtyrer für die Arbeitersache, einen unfehl 
baren Papst, einen Götzen, durch defien Kultus die Massen 
für den Socialismus gewonnen und fanatisirt werden sollen.
        <pb n="249" />
        16* 
233 
Beilage. 
Vrrjridmilj ber dcutschrn sociol-brmokratisdjcn Presse. 
A. Blätter des „Allg. deutsch. Arb.-Vercins." 
1. „Steuer Toeial-Demokrat." Berlin. Erscheint 3mal 
wöchentlich. Gegründet 1871. Politisches Hauptblatt der 
Lassalleaner. 
2. „Şocial-politische Blätter." Berlin. Ersch. Imal 
w. Gegr. 1873. Ein Unterhaltungsblatt, nenestens wenig 
illustrirt. 
3. („vassallesche Wcftentaschenzeitunq." Berlin. Ersch. 
Imal w. Gegr. 1874. Hört seit Mitte Febr. 1875 ans zu 
erscheinen ) 
4. Der „Agitator." Berlin. Gegr. 4. Marz 1875. Privat- 
Unternehmen deS Parteigenossen H. EckS. 
H- Blätter der „social - demokratischen Arbeiterpartei." 
5. „Der Volksstaat." Leipzig. Ersch 3mal w. Gegr. 
1869. Politisches Hauptblatt der „Eisenacher." 
6. „Nürnberg-Further Tocial-Demokrat " Ersch. 
3mal w. 
7. „(şhemnitzerFreie Presse." Ersch 6mal w. Gegr. 1870. 
8. „Dresdener Volksbote." Ersch 3mal w. Gegr 1870. 
9. „brimmitzfchauer Burger- und Dauernzeitnng." 
Ersch. 6mal w. Gegr. 1870. 
10. „Braunschweiger VolkSfreund." Trsch. 6mal w. 
Gegr. 1870. 
11. „Der Zeitgeist." München. Ersch. 6mal w. Gegr. 1873. 
12 („Neue Mainzer Zeitung" (früher „Süddeutsche 
Bolkrstimme.") Ersch. 6mal w. Gegr 1873. Seit 3. 
März 1875 eingegangen.)
        <pb n="250" />
        234 
Beilage 
C. Blätter vermittelnder Stellung 
zwischen den beiden socialistischen Fraktionen. 
13. „Social-Demokrat." Hamburg. Erscheint Imal w. 
Gegr. 1874. 
14. „Lübecker Volksfreund." Ersch. 2mal w. Gegr. 1874. 
15. „Süddeutsche Volks-Zeitung." Stuttgart. Ersch 
2mal w. Gegr. 16. Nov. 1873. 
D. Socialistische Witzblätter. 
16. „Leuchtkugeln." Wochenbeilage zum „Braunschwciger 
Volksfreund." 
17. „Chemnitzer Raketen." Wochenbeilage zur „Chem 
nitzer Freien Presse." 
E. Social-demokratische Gewerkschaftsblätter. 
18. „Der Correspondent." Leipzig. Erscheint 3mal w. 
Gcgr. 1863 Organ der Buchdrucker und Schriftgießer. 
19. „Der Botschafter." Organ für die Mitglieder der 
Deutschen Tabakarbeiter Vereins. Leipzig. Ersch. Imal w. 
Gegr. 1865. 
20. „Die Union." Wochenblatt der Union der Holzarbeiter, 
von t Aork in Hamburg gcgr. 
21. „Allgemeine Buchbinderzeitnng." Leipzig. Ersch. 
1 mat w. 
22. „Der Bote." Organ der Spengler. München. 
23. ,Blatter deutscher Blecharbeiter." 
24. „Sennefelder Bund." Organd. Lithographen. Nürnberg. 
25. „Der Wecker." Organ der Schuhmacher. Monatsblatt 
zu Gotha. 
26. „Der Pionier." Organ der Lassallelchen Gewerkschaften. 
Wochenblatt zu Berlin. 
27. „Das Cirkular." Periodisches Blatt des Weber- und 
Manufalturarbeiterbuudes. Crimmitzschau. 
28. Der „Genossenschafter." Organ der Goldarbeiter. 
Wochenblatt in Pforzheim. 
29. Der „Sprechfaal." Organ für die Porzellan-, Glas- 
und Thonwaareu-Jndustrie.
        <pb n="251" />
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Bitzer, Fr., Das System des natürlichen Rechts, gr. 8. 4 M. 
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Erzählungen für das deutsche Volk. Gesammt-Ausgabe. 
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2. Anst. gr. 8. 7 M. 
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lin t die Bebauplungen der modernen Weltanschauung w.ssen und 
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        206$05621003
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        03 
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