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        <title>Die Social-Demokratie</title>
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            <forname>Richard</forname>
            <surname>Schuster</surname>
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        </author>
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            <idno>826719449</idno>
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S«lili1-Dciilokri&amp;gt;tir.

Nñch  ihrem  Wese»  »nd  ihrer  A.qilntion

quellenmäßig  dargestellt

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Stuttgarts  187Y.
Druck  und  Berlag  von  I.  F.  St  ein  köpf

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Zocial-Demokratit.

Nach  ihrem  Wesen  und  ihrer  Agitation

quelU^iwäfeiß  dargestellt
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iWujiM^ļlcr.

Stuttgart,  1875.
Druck  und  Verlag  von  I.  F.  St  ein  köpf.
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HI.

Vorwort.

îie  Geschichte  der  Entstehung  einer  Schrift  ist  ihre  beste
Nechkfertignng  Ich  will  daher  statt  alles  Weiteren  einfach  mittheilen,
  wie  ich  dazu  gekommen,  ja  wie  ich  von  der  Social.
Demokratie  selbst  genöthigt  worden  bin,  ihr  ihre  eigene  Presse
als  einen  Spiegel  vor  die  Augen  zu  halten.
Ende  L  kt  ober  v  I  wohnte  ich  einer  vom  Vertrauensmann
des  „Allg.  deutsch.  Arb  Vereins«  berufenen  össentlichen  Versammlung
  im  Parteilokal  der  Lassalleaner  in  Stuttgart  an.  in  welcher
der  Agitator  Dreesbach  einen  Vortrag  über  das  Thema  „Christenthum ­
  und  Socialismus"  hielt.  Meine  alsbaldige  Entgegnung
veraiilastte  eine  längere  Diskussion,  welche  um  Mitternacht  abgeb'.ochen
  werden  mußte,  aber  unter  beiderseitigem  Einverständniß
vier  Wochen  später  in  demselben  Lokal  fortgesetzt  wurde.  Gegen
das  Ende  derselben  wollte  der  Social-Demokrat  Ant.  Hirsch  einen
Hauptschlag  gegen  mich  führen.  Er  zog  ein  von  mir  verfaßtes
^chriştchen:  „Was  versprechen  die  Social-Demokraten'?"  aus  der
Tasche  und  rief  in  die  Versammlung  hinein:  „Diese  Schrift  des
Herrn  Pfarrer  Schuster  enthält  Zeile  für  Zeile  lauter  Lügen!"
Das  ist  überhaupt  die  Kampfesart  der  Social-Demokraten;  wenn
sie  einem  Gegner  sachlich  nicht  beikommen  können,  wird  versucht.
        <pb n="9" />
        IV

Vorwort.

denselben  moralisch  zu  diskreditiren.  Ich  parirte  aber  diesen
Angriff  auf  meine  persönliche  Ehre  mit  der  unmittelbaren  Er-Nönrng,
  daß  ich  bereit  sei,  die  Wahrheit  meines  Schriftchens
Zeile  für  Zeile  ans  den  Schriften  der  deutschen  Social-Demokratie
zu  beweisen.  Die  wenige  Tage  später  Seitens  des  Vertrauens,
manns  der  Lassalleaner,  I.  Hafner,  an  mich  gerichtete  briefliche
Anfrage,  ob  ich  bereit  sei,  mein  Schriftchen  in  öffentlicher  Persammlung
  zu  vertreten,  wurde  von  mir  bejaht,  unter  der  eigentlich
selbstverständlichen  Bedingung,  daß  mir  zu  meiner  Bertheidigung
unbeschränkte  Redefreiheit  gewährt  werde.  Am  22.  Dezember
v.  I.  sollten  die  Verhandlungen  im  Parteilokal  der  Lassalleancr
stattfinden.  Im  Widerspruch  mit  der  vorausgegangenen  brieflichen
Vereinbarung  sollte  aber  nun  die  von  mir  geforderte  unbeschränkte
Redefreiheit  auf  eine  einstündige  Redezeit  für  mich  beschränkt
werden,  und  selbst,  als  ich  erklärte,  in  diesem  Fall  den  Saal
verlassen  zu  müssen,  beharrteu  meine  Gegner  bei  ihrer  Weigerung,
mich  unbeschränkt  reden  zu  lassen.  Mein  Weggang  machte  der
einstündigen  fruchtlosen  Geschäftsordnungsdedatte  ein  Ende.  Zu
einer  Diskussion  meines  Schriftchens  kam  es  in  meiner  Anwesenheit ­
  nicht.  Dieser  Vorgang  ist  für  unsere  Social-Demokraten,
welche  mit  dem  gewiß  nicht  knapp  zugeschnittenen  Maß  der  thuen
gewährten  Rede-  und  Preßfreiheit  immer  noch  nicht  zufrieden,
einem  herausgeforderten  Gegner  nicht  einmal  das  Recht  unverkürzter
  Vertheidigung  in  freier  Rede  einräumen  wollen,  höchst
charakteristisch.  Er  bestätigt  die  alte  Erfahrung,  daß  Diejenigen,
welche  die  Freiheit  mit  den  größesten  Buchstaben  auf  ihre  Fahne
schreiben,  und  in  der  schrankenlosesten  Form  für  sich  in  Anspruch
nehmen,  in  der  Gewährung  der  Freiheit  für  Andere  sehr  sparsam
sind.  Die  zur  Schau  getragene  Freiheitsmaske  bedeckt  nicht
selten  das  häßliche  Gesicht  eines  Despoten.
Die  Ursache  des  eigenthümlichen  Verhaltens  meiner  Gegner
ist  nicht  weit  zu  suchen.  Meine  Beweismittel  waren  zur  Stelle.
        <pb n="10" />
        Borwort.

V

eint  stattliche  Zahl  von  Zeugen  aus  dem  gegnerischen  Lager
selbst,  aus  der  socialistischen  Parteiliteratur  hatte  ich  citirt.  ES
lag  im  Interesse  meiner  Gegner,  meine  Entlastungszeugen  möglichst ­
  wenig  zum  Wort  kommen  zu  lasten.
-Wit  dem  AuSgang  der  Versammlung  am  22.  Dezember
konnte  ich  aber  natürlich  nicht  zufrieden  gestellt  sein.  Ich  propoiurte
  meinem  Gegner.  Herrn  Ant.  Hirsch,  eine  öffentliche  Diskussion
meines  Schriftcheus  auf  neutralem  Boden  und  bewilligte  ihm
hierbei  dieselbe  Redefreiheit,  die  mau  mir  verweigert  hatte,  mithin
das  Recht,  einem  jeden  Redner,  der  gegen  ihn  spreche,  alsbald
erwidern  zu  dürfen;  jedoch  unter  dem  ausdrücklichen  Vorbehalt,
daß  ausschließlich  über  den  Inhalt  meines  Schriftcheus  diSkutirt
werde.  Derselbe  gieng  darauf  ein.  und  so  kam  es  zur  öffentlichen
Disputation  am  1st.  Januar  d.  I.  im  großen  Saale  der  Stuttgarter
  Liederhalle,  welche  bei  einer  Anwesenheit  von  2—3000
Personen  die  Zeit  von  Abends  7'/,  bis  Nachts  l‘/ t  Uhr  in  Ansprilch
  nahm.
Es  steht  mir  als  Partei  ein  Urtheil  über  diesen  Redekampf
nicht  zu.  Nein  sachlich  darf  ich  aber  bemerken,  daß  ein  nur  sehr
bescheidener  und  keineswegs  der  gravirendste  Theil  meines  Schriftchens
  von  meinem  Gegner,  Herrn  Anton  Hirsch,  angegriffen
wurde.  Er  bestritt  die  Richtigkeit  des  Titels:  „Was  versprechen
die  social  -  Demokraten  V"  denn  die  Social  -  Demokraten  versprächen
überhaupt  nichts;  er  suchte  die  Beschuldigung  einer  Uebertreibung
der  Nothstände  zu  entkräften;  er  bestritt  nicht,  sondern  suchte
vielmehr  Beweise  dafür  beizubringen,  daß  die  Ursache  aller
Uebel,  auch  der  sittlichen  Gebrechen,  weniger  im  Menschen  als
vielmehr  ausschließlich  in  den  socialen  Verhältniffen  liege  und
endlich  beschuldigte  er  mich  der  Schmähung  Ferdinand  Lastalle'S.
Die  Hauptpunkte  meines  Schriftcheus,  welche  vom  Kommunismus, ­
  von  der  geplanten  Revolution,  von  der  Bemühung  der
        <pb n="11" />
        VI

Vorwort.

Social-Demokratie,  jede  wirkliche  Abhilfe  irgend  eines  Nothstandes
zu  hintertreiben,  u.  s.  w.  handeln,  blieben  gänzlich  unberührt  und
unangefochten.  Dagegen  bemühten  sich  die  Secundanten  des
Herrn  A.  Hirsch,  voran  Dr.  Dull,  den  Kampf  von  dem  vorher
genau  und  klar  abgesteckten  Gefechtsfeld  auf  ein  anderes  Gebiet
überzuführen.  Dr.  Dulk  richtete  seine  Waffen  vorzugsweise  gegen
das  Christenthum.  Der  Agitator  Dreesbach  wollte  die  Versammlung ­
  glauben  machen,  daß  nicht  meine  Schrift,  sondern  das
Thema  „Christenthum  und  Socialismus"  auf  der  Tagesordnung
stünde,  ein  Thema,  bei  welchem  die  Social-Demokraten  in  Lästerreden
  wider  das  Christenthum  gur  eingeübt  sind.  Auch  die  übrigen
Secundanten  nahmen  fast  ausnahmslos  von  dem  Inhalt  meiner
Schrift  Umgang  und  zielten  mit  ihren  Pfeilen  gegen  das  Christenthum,
  gegen  die  Religion  überhaupt,  um  schließlich  meine  Bekämpfung ­
  der  Social-Demokratie  als  einen  Kampf  pro  domo
darzustellen  und  anzuschwärzen.  Nehme  ich  noch  hinzu,  daß  meine
Gegner,  so  oft  ein  ihnen  unbequemer  Zeuge  aus  ihren  Schriften
meinerseits  ihnen  vorgeführt  wurde,  die  Taktik  befolgten,  denselben
entweder  ganz  zu  unterdrücken,  oder  doch  seine  Aussagen  durch
allerhand  Mittel  unverständlich  und  dadurch  wirkungslos  zu
machen,  so  ist  mein  Unternehmen,  meine  sämmtlichen  Zeugen  in
einer  besonderen  Schrift  unbehindert  und  ungeschmälert  zum  Wort
kommen  zu  lassen,  hinreichend  erklärt,  und  meine  Arbeit,  welche
die  Social-Demokratie  somit  im  Spiegel  ihrer  eigenen  Presse
darstellt,  ausreichend  gerechtfertigt.  Ich  gebe  diese  Schrift  als
ein  Nachwort  zur  Disputation  in  der  Stuttgarter  i!iederhalle  in
die  Oeffcntlichkeit.  Ihre  Entstehung  hat  die  Social  -Demotratie
selbst  provocirt.  Denn  ohne  den  Angriff  des  Social  Demokraten
Ant.  Hirsch  wäre  es  mir  wohl  schwerlich  je  in  den  Sinn  gekommen,
dieser  an  sich  wenig  erquicklichen  Arbeit  einige  Wochen  meiner
Zeit  zu  opfern.
Aber  handele  ich  mit  der  Art  und  Weise,  wie  ich  mündlich
        <pb n="12" />
        Vorwort.

VII

unb  schriftlich  die  Social-Demokratie  bekämpfe,  nicht  lieblos?
Herr  Dr.  Dult  glaubte  bei  der  öffentlichen  Disputation  diesen
Vorwurf  gegen  mich  erheben  zu  müssen.  Er  sagte,  es  sei  weniger
der  Inhalt  meines  Schriftchens,  als  vielmehr  die  Gesinnung,
ut  welcher  ich  geschrieben  habe,  anzugreifen.  Ein  Prediger  der
^'tkbe  dürfe  am  allerwenigsten  gegen  die  Liebe  verstoßen.  Aber
ich  darf  wohl  fragen,  ist  meine  Bereitwilligkeit,  das  was  ich  gegen
die  Social-Demokratie  geschrieben,  auch  mündlich  und  öffentlich
dem  Gegner  gegenüber  zu  vertreten,  nicht  ein  genügender  Beweis
für  die  Lauterkeit  meiner  Gesinnung?  Freilich,  ich  schreibe  gegen
die  Social-Demokratie;  ich  bemühe  mich,  ihre  Irrthümer  und
Verkehrtheiten  aufzudecken,  ihre  wahren  Ziele  und  deren  Gefahren
klar  zu  zeigen,  und  die  Arbeiter  zu  warnen,  im  Socialismus
das  Heil  zu  suchen.  Aber  ist  das  ein  Verstoß  gegen  die  Liebe?
Ist  es  lieblos,  einen  Menschen,  der  blindlings  einem  jäben  Abgründ
  entgegenstürmt.  noch  rechtzeitig  aufzuhalten?  oder  einem
Jüngling,  der  feine  Hand  nach  einem  Giftbecher  ausstreckt,  weil
er  den  Inhalt  für  kräftigenden  Wein  ansieht,  noch  bei  Zeiten
ein  Halt!  zuzurufen?  Oder  handele  ich  lieblos,  wenn  ich  jeden
Kranken  vor  der  nur  Schaden  anrichtenden  Quacksalberei  warne,
wenn  ich  einen  Menschen,  der  sich  als  Arzt  aufwirst,  der  aber
seinen  Patienten  tödtliches  Gift  darreicht,  rücksichtslos  entlarve?
'_&amp;gt;!ach  meiner  innersten  und  redlichsten  Ueberzeugung  muß  ich  das
wahre  Wohlergehen  des  Arbeiterstandes,  wie  der  ganzen  Gesellschaft ­
  durch  den  Socialismus  bedroht  sehen.  Für  mich  ist  es
daher  geradezu  eln  Gebot  der  Liebe,  ihm  entgegenzutreten.  Ich
würde  mich  einer  Versänmniß  schuldig  machen,  wollte  ich,  so  oft
sich  mir  hierzu  Gelegenheit  darbietet,  den  Arbeitern  die  im  Socialismus ­
  liegende  Gefährdung  ihres  wahren  Wohlergehens  nicht
deutlich  vor  Augen  stellen.  Wer  gegen  die  Social-Demokratie
ankämpft,  der  handelt  als  ein  wahrer  Arbeiterfreund.
Vielleicht  sind  aber  toie  Punkte,  welche  ich  in  meiner  kleinen
        <pb n="13" />
        vin

Vorwort.

Flugschrift  berührt,  und  in  der  vorliegenden  Apologie  derselben
näher  erörtert  habe,  nur  einzelne  Auswüchse  der  socialistischen
Bewegung,  welche  mit  dem  eigentlichen  Wesen  des  Socialismus
nichts  zu  schaffen  haben?  Herr  Dr.  Dulk  vertrat  diese  Ansicht
bei  der  öffentlichen  Disputation.  Er  versuchte  auch  darum  gar
nicht,  den  Inhalt  meines  Schristchens  zu  entkräften,  weil  er  das
Thatsächliche  desselben  nicht  bestreiten  konnte.  Zugegeben,  es
seien  nur  Auswüchse!  Muß  aber  ein  menschlicher  Körper,  welcher
von  Unten  bis  Oben  hin  von  lauter  Auswüchsen  überwuchert  ist,
nicht  bis  in  seilt  innerstes  Mark  hinein  verderbt  sein,  und  aller
gesunden  Säfte  entbehren,  wenn  von  der  Fußsohle  bis  zum
Scheitel  lauter  häßliche  Geschwüre  hervorbrechen?  DaS,  was
auf  der  Oberfläche  zum  Vorschein  kommt,  läßt  wenigstens  symptomatisch
  auf  die  Beschaffenheit  innerer  Organe  schließen.  Man
mache  jedoch  einmal  den  Versuch,  alles,  was  in  dieser  Schrift
vom  Socialismus  geschrieben  steht,  als  das  eigentliche  Wesen
desselben  nicht  berührende  Auswüchse  abzuschneiden.  Es  würde
vom  Socialismus  nichts  übrig  bleiben,  nicht  einmal  ein  dürres
Gerippe.  Wollte  die  Social  -  Demokratie  für  die  Zukunst  alles
das  preisgeben,  was  wir  nur  als  Auswüchse  anzusehen  genöthigt
werden  sollen,  dann  würde  sie  sich  selber  aufgeben;  der  Socialismus ­
  würde  aufhören  zu  sein.  Was  Herr  Dr.  Dulk  nur  als
Auswüchse  will  gelten  lassen,  das  bildet  die  wahre  Natur  des
Socialismus,  die  mit  jenen  besteht,  oder  vergeht.  Wie  eng  alle
diese  „Auswüchse"  mit  dem  Socialismus  verwachsen  sind,  und
wie  wenig  die  socialistischen  Führer  geneigt  sein  werden,  die  zur
Beseitigung  derselben  nöthige  Operation  mit  eigener  Hand  vorzunehmen, ­
  das  könnten  zumal  die  Herren  Lehmann  und  Wank-Müller
  in  Pforzheim  erfahren,  wenn  sie  den  auf  die  gleiche  wie
von  Dr.  Dulk  vorgebrachte  Behauptung  hin  ihnen  ertheilten
Rath  befolgen  und  sich  nach  Berlin  und  Leipzig  wenden  wollten,
um  an  maßgebender  Stelle  für  die  Zukunft  es  sich  ernstlichst  zu
        <pb n="14" />
        Vorwort.

IX

verbitten,  daß  die  socialistische  Presse  selbst  zu  dem  Bilde  die
Farben  liefert,  das  ich  mündlich  und  schriftlich  von  der  deutschen
Social'Demokratie  habe  zeichnen  müssen.  Sollte  aber  das  Unmögliche ­
  möglich  werden,  und  die  Social-Demokratie  jemals
eine  Gestalt  gewinnen  können,  die  von  alledem  gereinigt  ist,
was  man  jetzt  nur  als  Auswüchse  will  gellen  lassen,  dann
würde  für  mich  auch  die  Ursache  und  zwingende  Nölhigung  weggefallen ­
  sein,  der  Social-Demokrarie  entgegenzutreten.
Als  mein  Manuscript  schon  zur  Druckerei  gegeben  war,
kam  mir  noch  eine  kleine  Broschüre  von  sieben  Seilen  Umfang  zu
Gesicht,  in  welcher  Herr  Jul.  Scheck  eine  Entgegnung  auf  meine
Flugschrift  versucht.  Sie  verdient  keine  weitere  Beachtung,  da
ihr  Inhalt  über  längst  verbrauchte  Phrasen  sich  nicht  erhebt,
und  das  wenige  Sachliche,  was  sie  bringt,  schon  in  dem  Programm ­
  der  „social-demokratischen  Arbeiterpartei"  zu  lesen  ist.
Uebrigens  hätte  der  Mann  am  allerwenigsten  Ursache,  sich  zum
Anwalt  der  Social-Demokratie  auszuwerfen,  der  vor  nicht  allzu
langer  Zeit  eine  ganze  Fraktion  derselben,  den  „Allg.  deutschen
Arb.-Berein"  als  verbestialisirtes  Lumpenproletariat
rc.  zu  beschimpfen  keinen  Anstand  nahm.  (Siche  BolkSstaat  1873,
26.  Beilage.)  Dieser  Umstand  reicht  schon  für  sich  allein  hin,
um  über  eine  Entgegnung  von  dieser  Seite  her  stillschweigend
hinweggehen  zu  können.
Der  Zweck  meiner  Schrift  bringt  es  mit  sich,  daß  ich  die
socialistische  Presse  möglichst  viel  zum  Wort  kommen  lasten  und
meine  eigenen  Auslassungen  auf  ein  geringes  Maß  beschränken
mußte.  Der  geneigte  Leser  wird  aber  meine  Stellung  zur
socialen  Frage  überall  leicht  herausfinden,  wenngleich  ich  über
kurze  Andeutungen  nicht  hinausgehen  durfte.  Sie  werden  aber
ausreichend  sein,  um  die  bei  der  Social-Demokratie  beliebte
Behauptung  zu  entkräften,  daß  alle  ihre  Gegner  blind  seien
        <pb n="15" />
        X

Borwort.

gegen  die  Schäden  unserer  Zeit  und  den  berechtigten  Forderungen
der  Arbeiter  widerstrebten.
Trägt  meine  Arbeit  zur  Klärung  des  Urtheils  über  die
socialistischen  Bestrebungen  ein  klein  wenig  bei,  und  hilft  sie
Freunde  für  die  Arbeiter  werben,  dann  hat  sie  ihren  Zweck  vollständig
  erreicht.
Stuttgart,  Ende  März  1875.

N.  Schuster.
        <pb n="16" />
        Jnhalts-Nebersicht.

Vorwort
1.  Einleitung.
Agitatoren.  Presse.  Lokalblätter.  Zweck  der  Presse.  Parteiprogramm. ­
  Offizieller  Charakter  der  Prefie.  Unfehl,
barkeit  der  Lehre  Lafialle'S
2.  DasDrutschr  Vrich  und  dir  Social-DemoKratir.
Staatshilfe.  Reichsfeindlichkeit.  Deutsch.französischrrKrieg.
Siegestaumel.  Plünderungen.  Kriegsursache.  Deutscher
  Reichstag.  Deutscher  Kaiser.  Fürst  Bismarck.
Deutsches  Volk
3.  Umsturz  der  bestehenden  grsrUschostlichrn  Drdnung
  durch  dir  Sorial-Dkmokratir.
Sociale  Reform.  Sociale  Ordnung.  Produktionsweise.
O.uelle  alles  Elends.  Das  eherne  Lohngesetz.  Privat»
eigenthum.  Kommunismus.  Erbrecht
4.  Dir  sorialni  Nothltändr  und  die  Social-Dkmokratir.

Unkenutniß  der  socialistischen  Ziele.  Egoismus.  Mißbrauch
der  Statistik.  Nahrungslose  Lohnarbeit.  Schwelgerei.
Hungertyphus.  Massenmord  durch  Hunger.  Massenmord ­
  an  Kindern  des  Proletariats.  Kindersterblichkeit
in  Württemberg.  Staatliche  Gesetzgebung.  Kathedersocialisten.
  Humanität  der  Fabrikanten.  Thätigkeit
freier  Vereine.  Innere  Mission
        <pb n="17" />
        XII  Inhalts  Uebersicht
5.  D  cr  Klasfcnhaß  und  die  Social-Demokratie.
Ursachen  der  Unzufriedenheit.  Steigerung  der  Bedürfnisse.
Arbeitsertrag.  Die  üiebc.  Predigten  des  Hasses.
Keine  Versöhnung.  Klassenkampf,  à  la  Marat.  .  .
6.  Die  Revolution  der  Social-Demokratie.
Revolutionsbegrifs.  Gesellschaftshllfe.  Parlamentarismus.
Gewaltsame  Revolution.  Revolutionsliedcr.  Rothe
Fahne
7.  Die  Religion  und  die  Social-Demokratie.
Sociale  Bedeutung  der  Religion.  Religiöse  Heuchelei.
Christenthum  und  Socialismus.  Diskreditirung  des
Christenthums.  Atheismus.  Folgen  des  Atheismus.
Atheistische  Wissenschaft.
8  Socialistische  Zukunftsbilder.
Beseitigung  alles  Elendes.  Höchste  Kultur.  Gleiches  Glück.
Höchste  sittliche  Entwicklung.  Ebe.  Familie.  Gleicher
Genuß.  Welterlösung
Anhang.
Einiges  aus  dem  t!eben  Ferdinand  Lastalle's.  .  .  .  .
Beilage.
Verzeichniß  der  deutschen  social  demokratischen  Preste.  .  .

Seite.
113
HG
169
197
220

233
        <pb n="18" />
        I.

1*

Einleitung.
3 n  Ça  It:  Agitatoren.  Presse.  Lokalblätter.  Zweck  der  Presse
Parte,Programm.  Officieller  Charakter  der  Presse.
Unfehlbarkeit  der  Lehre  Lasialle'S.
«eit  Beendigung  des  d-u„ch.fr°nzüsi,chen  Krieges  ha,
dl-  -Locial-Dcmoļrakie  in  D-Ulschland  -inen  uich,  uub-d-ut-n.
den  Aufschwung  genommen  und  in  den  Reihen  der  deutschen
Arbeiter  zahlreiche  Anhänger  gewonnen.  Die  Ursachen  dieser
Erscheinung  sind  mannigfach.  Neben  der  n,angelnden  Energie
in  der  Beseitigung  der  im  Gefolge  der  modernen  industriellen
Entwickelung  hervorgetretenen  Nothstände  und  neben  der  verkehrten, ­
  heute  noch  nicht  überwundenen  Zögerung  in  der
Ancrkennung  und  Unterstützung  der  in  den  Gewerkvereinen
angebahnten  Bestrebungen  der  Arbeiter,  bei  der  Fest,
stellung  der  Arbeitsbedingungen  neben  dem  Kapital  auch
er  Arbeit  die  Mitwirkung  zu  sichern,  haben  die  schwindethasten
  Unternehmungen,  welche  seit  dem  Kriege  unsere  Industrie
zum  Tummelplatz  der  maßlosesten  Speculation  gemacht
haben,  der  sociallstischen  Kritik  der  modernen  Kapitalwirthschaft
überhaupt  den  Schein  einer  Berechtigung  verliehen.  Außerdem
  hat  die  niaterialistisch-atheistische  Lebens-  und  Weltanschauung,
  die  von  unserer  modernen  Zeit  in  den  oberen,
wie  in  den  niederen  Schichten  unseres  Volkes  mit  sichtlicher
Vorliebe  gepflegt  wird,  beni  Socialismus  eine  Unterlage
gegeben,  auf  der  sich  auch  seine  weitgehendsten  Forderungen
und  letzten  Ziele  keineswegs  als  ein  träumerischer.  Irrwahn
sondern  als  ganz  natürliche  und  darum  auch  wahlberechtigt!
        <pb n="19" />
        4

I.  Einleitung.

Folgerungen  darstellen.  Diese  kurzen  Andeutungen  mögen
genügen,  um  auf  die  innersten  Ursachen  des  rapiden  Anschwellens
  der  socialistischen  Bewegung  innerhalb  der  letzten
vier  Jahre  hinzuweisen.
Zu  diesen,  für  die  Aufnahme  socialistischer  Ideen  so
günstigen  Verhältnissen  gesellte  sich  eine  äußerst  rührige,  für
die  weniger  urtheilsfähige,  als  mehr  nur  von  ihren  Leidenschaften ­
  beherrschte  Niasse  höchst  verführerische  Agitation.
Bestimmt  abgegrenzte  Agitationsbezirke  umspannten  Deutschland ­
  wie  ein  Netz.  Berufsmäßige  Agitatoren  wurden  nach
allen  Richtungen  der  Windrose  ausgesendet.*)  Im  Dienste
*)  „Auf  der  Vorstandssitzung  des  Allg  deutsch.  Arbeitervereins
am  8.  Januar  1873  in  Hamburg  ist  beschlossen  worden,  drei
ständige  Agitatoren  mit  einem  Gehalt  von  500  Thlr.  pro  Mann
und  Jahr  anzustellen  und  wurden  dazu  bestimmt  die  Herren
Richter-Wandsbeck  früher  in  Dresden,  F  roh  me  und  Dreesdach.
  Letzterem  wurde  als  Agitationsbczirk  die  Rheinproviuz  und
Westphalen,  Herrn  Frohme  Hessen  und  Süddentschland,  namentlich ­
  die  Pfalz,  Baden  und  Württemberg,  Herrn  Richler-Wandsbeck
Sachsen  und  Schlesien  angewiesen."  (Volksstaat  1873,  16.)
Has  en  clever,  der  Präsident  des  Allg.  veutsch.  Arbeitervereins, ­
  gibt  zur  Widerlegung  der  von  den  Hamburger  Social-Demokraten
  der  Bräuer'schen  Fraction  gegen  ihn  erhobenen
Anklage,  er  habe  sich  für  seine  Person  neben  seinem  Gehalt  aus
der  Vereinskasse  monatlich  noch  150—200  Thaler  für  seine
agitatorische  Thätigkeit  auszahlen  lassen,  im  „N.  Soc.-Demokrat"
(1875,  19)  folgende  Erklärung  ab:  „Es  werden  allerdings,  und
besonders  bei  lebhafter  Agitation,  an  welcher  der  Präsident  des
Allg.  deutsch.  Arbeiter-Vereins  sich  bethciligt,  au  diesen  aufseine
Anweisung  von  der  Vereinskasse  oftmals  größere  Summen  gezahlt,
von  welchen  er  einestheils  andere  Agitatoren  für  die  Zeit  ihrer
Thätigkeit  besoldet,  anderentheils  seine  eigenen  Ausgaben  bestreitet.
In  dem  Zeitraum  vom  1:  April  1873  bis  1  April  1874  hatte
ich  allerdings  gegen  1700  Thlr.  aus  der  Vereiuskasse  bezogen,
von  welchen  ich  aber,  laut  den  der  Generalversammlung  zu
        <pb n="20" />
        Agitatoren

5

einer  sogenannten  „fliegenden  Agitation"  durchstreiften  sie
ihre  Bezirke  und  suchten  in  masienweise  in  Stadt  und  Land
veranstalteten  „Volksversammlungen"  „das  arbeitende  Volk"
für  den  Socialismus  zu  gewinnen.  Sie  ließen  es  sich
weniger  angelegen  sein,  durch  Aufklärung  und  Belehrung
über  die  eigentlichen  Ziele  des  Socialismus  für  denselben
Serben,  sondern  sie  betrachteten  es  vielmehr  als  ihre
Aufgabe,  unter  möglichster  Verhüllung  derselben,  durch  eine
alles  Maß  überschreitende  abfällige  Kritik  der  herrschenden
Zustände  und  der  Grundlagen  der  bestehenden  socialen  Ordnung ­
  der  Unzufriedenheit  neue  Nahrung  zuzuführen  und
durch  dieses  Mittel  neue  Anhänger  für  die  „rothe  Fahne"
zu  gewinnen.  In  den  einzelnen  Ländern  bildeten  sich  besondere
Landes-Agitations-Comil6s,  welche  dafür  zu  sorgen  hatten,
durch  eine  planmäßig  betriebene  Agitation  die  Arbeiterwelt
ihres  Landes  allinälig  für  den  Socialismus  zu  erobern.
Für  Württemberg  hatte  ein  solches  domite  anfangs  seinen
Ş'tz  in  Eßlingen,  ist  aber  nach  mehrfachen  Wanderungen
neuestens  nach  Stuttgart  verlegt  worden,  wo  auch  der  früher
in  Rheinland  und  Westphalen  thätige,  jetzt  für  Württemberg
und  Baden  bestellte  berufsmäßige  Agitator  Dreesbach  gegenwärtig ­
  stationirt  ist.  Ta  die  „fliegende  Agitation"  nichts
auszurichten  vermag,  wenn  ihr  nicht  wohlgcschulte  Rednerkrattc
  zur  Verfügung  stehen,  so  suchten  biefem  Bedürfniß
besondere  „  Agitatoren-  oder  Rhetorenschulen"  abzuhelfen.
Eine  solche  bestand  seiner  Zeit  in  Mannheim  zur  Versorgung
des  Südens  unseres  Vaterlandes,  und  gegenwärtig  wird
Hannover  vorgelegten  und  geprüften  Quittungen  und  Postscheinen
şeldsi  nur  gegen  500  Thlr.  zur  Agitation  für  136  Tage  nebst
Fahrgeld  zur  Reise  fast  durch  ganz  Deutschland  verbraucht  hatte.
Die  übrigen  1200  Thaler  vertheilten  sich  auf  verschiedene
Agitatoren."
        <pb n="21" />
        6

I.  Einleitung.

eine  gleiche  in  Stuttgart  unterhalten,  Neben  den  rein
rhetorischen  Uebungen  werden  in  solchen  Schulen  die  Agitations-Schüler ­
  durch  das  fleißige  Studium  der  socialistischen
Agitations-Literatur,  namentlich  der  Lassalle'schen  Schriften,
nicht  nur  mit  dem  nöthigen  Material  und  Gedankenvorrath,
sondern  auch  mit  den  unentbehrlichen  Schlagworten  und  mit
dem  beliebten  Phrasenreichthum  gehörig  ausgerüstet.  Die
Abrichtung  erstreckt  sich  bis  auf  das  Detail  der  zu  behandelnden ­
  Gegenstände.  Mag  man  auch  noch  so  viele  verschiedene ­
  Redner  zu  verschiedenen  Zeiten  in  verschiedenen
Bersammlungen  über  ein  gleiches  Thema  reden  hören,  immer
wird  man  einer  sich  stets  gleich  bleibenden  Abwickelung  derselben ­
  Gedanken  begegnen.  Neue  Gedanken  mögen  wohl  die
Hauptleiter  der  socialistischen  Bewegung  produciren.  Die
berufsmäßigen  Agitatoren  bewegen  sich  in  gleichen  Geleisen
und  zehren  von  dem  ihnen  wohl  zubereiteten  Material.
Diedurch  Agitation  in  öffentlichen  Bersammlungen  bewirkte
Ausbreitung  des  Socialismus  wurde  durch  die  noch  zu  Recht
bestehenden  Gesetze  über  das  Vereins-  und  Versammlungsrecht
  wesentlich  erleichtert.  Während  in  Preußen  die  Veranstaltung ­
  einer  Volksversainmlung  im  geschlossenen  Raume
wenigstens  der  24  Stunden  vorher  zu  erfolgenden  Anmeldung
bei  der  Ortspolizeibehörde  noch  bedarf,  genügt  in  Württemberg ­
  die  einfache  öffentliche  Einladung  in  einem  Lokalblatt.
Dieser  llnistand  wird  gewöhnlich  von  Denjenigen  übersehen,
welche  es  nicht  begreifen  können,  daß  den  social-demokrakischen
Wühlereien  in  öffentlichen  Bersaininlungen  Seitens  der
Behörden  so  freier  Spielraum  gelassen  wird.  Die  Polizelbehörden
  vermögen  es  in  den  meisten  Fällen  nicht  zu  hindern, ­
  weil  ihnen  hierzu  die  gesetzliche  llnterlage  fehlt.
Die  kurz  gezeichnete  Agitations-Methode  ist  sich  bis  heute
völlig  gleich  geblieben.  Die  Blüthezeit  der  „großen  Volks-
        <pb n="22" />
        Agitatoren.

Versammlungen"  scheint  zwar  vorüber  zu  sein.  Die  bekannten
rothen  Plakate  kommen  an  den  Straßenecken  viel  seltener
zum  Borschein,  und  da  die  Sache  für  Viele  doch  bereits  den
Reiz  der  'Neuheit  verloren  hat,  so  müssen  künstliche  Reizmittel ­
  angewandt  werden,  um  ein  größeres  Publikum  herbeizuziehen, ­
  wie  z.  B.  die  in  Karlsruhe,  Stuttgart  und  Pforzheini
  kurz  hintereinander  erfolgte  Ankündigung  von  Referenten
aus  der  Reihe  der  social-demokratischen  Reichstagsmitglieder,
deren  Namen  wohl  auf  den  Plakaten  paradirten,  die  aber  in
den  Versammlungen  selbst  zu  erscheinen  jedesmal  verhindert
waren  und  sich  durch  Agitatoren  niederen  Ranges  entschuldigen ­
  und  vertreten  ließen.  Wenn  auch  in  dem  Anschwellen  der
socialistischen  Bewegung  offenbar  ein  Stillstand  eingetreten  ist,  so
sind  die  Agitatoren  doch  nach  wie  vor  auf  dem  Plan.  Auch
die  polizeiliche  Schließung  des  „Allgemeinen  deutschen  Arbeiter-Vereins"
  in  Berlin,  sowie  einzelner  Mitgliedschaften  der
„social-demokratischen  Arbeiterpartei"  in  Preußen  und  Bayern
haben  hierin  nichts  zu  ändern  vermocht.  Die  Agitation  in
öffentlicher  Versammlung  ist  hierdurch  wenig  oder  gar  nicht
berührt  worden  und  an  die  Stelle  der  aufgelösten  alten
Verbindungen  treten  die  neuen  „social-demokratischen  Wahlvereine," ­
  die  wie  die  gleichnamigen  Vereine  der  anderen
politischen  Parteien  mit  dem  Gesetz  in  formellem  Einklang
stehen,  aber  unter  der  neuen  Forni  das  alte  Wesen  weiter
treiben.
Ev  mag  nicht  unerwähnt  bleiben,  daß  die  socialistische
Agitation  bei  ihren  Eroberungszügen  auch  ihre  Eclaireurs
hat.  Wenn  eine  Gegend,  ein  industrieller  Bezirk  für  den
Socialismus  neu  erschlossen  werden  soll,  so  wird  für  gewöhnlich ­
  nicht  mit  einer  „großen  Volksversammlung"  der  Anfang
gemacht,  sondern  in  aller  Stille  wandern  einzelne  Parteigenossen ­
  ein,  die  in  Arbeit  treten  und  bei  der  Arbeit  in
        <pb n="23" />
        8

I.  Einleitung.

Werkstätten  und  Fabriken  nnd  bei  sonstiger  Berührung  mit
ihren  Arbeitsgenossen  den  socialistischen  Samen  ausstreuen
und  für  die  „rothe  Fahne"  werben.  Ist  auf  diesem  Wege
eine  kleine  Anzahl  gewonnen,  und  für  das  öffentliche  Hervortreten ­
  eines  Agitators  ein  kleiner  Stab  gebildet  und  eingeschult, ­
  dann  erst  wird  der  Versuch  gemacht,  auch  in  üffentlicher
  Bersanimlung  das  Netz  auszuwerfen.  Der  Agitator
unternimmt  keine  öffentlichen  Versammlungen,  so  lange  er
sich  nicht  von  einer  zuverlässigen  Leibgarde  umgeben  weiß.
Eine  wirksame  Bundesgenossin  hat  die  persönliche  Agitation ­
  in  der  social-demokratischen  Presse.  Die  niomentane
Begeisterung,  welche  dem  „referirenden"  Agitator  zu  entzünden
gelungen  ist,  soll  die  regelmäßige  Thätigkeit  der  Preste  in
den  Gemüthern  festhalten  und  vertiefen,  und  da  cs  doch
immerhin  nur  ein  kleiner  Bruchtheil  der  Arbeiterbevölkerung
ist,  welcher  unter  den  Einfluß  der  persönlichen  Agitation
gebracht  werden  kann,  so  soll  die  Preste  als  stummer  Agitator
  überall  hin  vordringen  und  das  Feiler  der  Begeisterung
für  die  socialistische  Idee  in  jede  Arbeiterwohnung  tragen.
Tie  stille  Arbeit  der  social-demokratischen  Parteipresse  verdient
daher  in  viel  höheren:  Grad  unsere  Beachtung,  als  die
gewöhnlich  mit  viel  Lärm  auftretende  „fliegende"  Agitation,
deren  Reden,  auch  wenn  sie  von  noch  so  viel  Begeisterung
getragen  sind,  doch  rasch  verfliegen,  während  das  geschriebene
Wort  die  Eigenschaft  und  die  Fähigkeit  hat,  sich  tiefer  in
die  Seele  des  Lesers  einzugrabcn.  Zur  Förderung  der
Agitation  durch  die  Preste  wird  daher  von  der  Social-Demokratie
  kein  Opfer  und  keine  Mühe  gescheut.  Welche
Bedeutung  diesem  Agitationsniittel  beigelegt  wird,  können  wir
ans  dem  „Unsere  Parteipresse"  überschriebenen  Leitartikel  des
„N.  Soc.-Demokr."  (1873,  111)  ersehen,  worin  es  heißt:
'  "Ein  einmaliges  Wort  verhallt,  immer  und  minier  wieder
        <pb n="24" />
        Pressk.

9

"ļ)àtte  die  neue  und  daher  befremdende  Idee  des  Socialismus ­
  dem  deutschen  Volke  zugerufen  werden  müssen,  aber
„es  fehlte  das  Sprachrohr,  eine  große  Arbeiterzeitung.
"^a,  wäre  dieses  gewaltige  Agitationsmittel  in  Laffalle's
"Hand  gewesen  in  jener  stürmischen,  politisch  aufgeregten
„Zeit  der  Verfassungskänipfe  —  es  wäre  wohl  möglich
„gewesen,  daß  sein  Ruf  die  Massen  ergriffen,  sie  dem  Leit-„seil
  der  Fortschrittler  entzogen,  sie  uni  die  rothe  Fahne
„vereint  hätte.  —
"Nach  zehnjähriger  mühsamer  Arbeit  hat  sich  der  Allg.
„deutsch.  Arb.-Berein  die  Waffe  geschmiedet,  die  Lassalle  so
„sehr  gefehlt;  die  Parteipresse  ist  vorhanden,  ja  sie  ist
„mächtig.
„Vorbei  ist's  mit  dem  Todtschweigen,  vorbei  ist's  mit
„fcem  Lügen,  denn  mit  zwölftausendfacher  Stimme  schallt  die
„Wahrheit  alsbald  hinein  in  die  Arbeiterklasie,  um  jeden
„unsauberen  Kniff  der  Ausbeuter  unschädlich  zu  machen.
„Daher  die  Wuth  unserer  Feinde  und  ihr  ohnmächtiger  Haß!
„Daher  aber  auch  die  rasche  Rekrutirung  unserer  Partei
„aus  ben  Reihen  der  zuvor  unschlüssigen  Arbeiter.
__  "Şohlan  denn,  Parteigenossen,  schmieden  wir  dieses  unser
„^chwert  noch  fcļtcr,  daß  der  Siegeslauf  der  socialistischen
„Free  immer  rascher  werde.  Die  Verfolgungen  durch  die
„  -Polizei,  die  drohende  Ansnahmegesetzgebung  und  die  sonstige
„Gewalt  wachsen  täglich;  setzen  wir  ihnen  unsere  vcrviel-„sachte
  Kraft  entgegen.  Unser  Parteiorgan  hat  seine  Auflage
„in  den  letzten  beiden  Jahren  fast  vervierfacht,  es
„würde  ein  Zeichen  von  Schwäche  sein,  sollte  es  nicht
„im  selben  Aufschwünge  fortgehen.  Alljährlich  einen
„neuen  Parteigenoffen  muß  jeder  Lafsalleaner  erwerben.
„Daher  dies  unser  Schwert  gewetzt,  unsere  Presse
        <pb n="25" />
        IO

1.  .Einleitung.

„mächtig  gemacht!  Dann  soll  es  wie  ein  Donnerkeil
„herunterfahren  ans  die  Ausbeuterschädel!"
Siegestrunken  triumphirt  in  diesen  Sätzen  der  Lassalleauer
über  den  raschen  Aufschwung  seiner  Parteipreffe.  Und  nicht
ohne  Grund.  Bis  zum  Jahre  1870  konnte  das  nur  wenig
bekannte  und  noch  weniger  gelesene  Organ  des  Allg.  deutsch.
Arbeiter-Vereins  „der  Social-Demokrat"  zu  keiner  Bedeutung
gelangen.  Als  mit  dem  Rücktritt  von  Schweitzer's  von  der
Präsidentschaft  dieses  Vereins  an  die  Stelle  des  seitherigen
„Social-Demokrat"  1871  der  in  Berlin  verlegte  „Neue
Social-Demokrat"  trat,  brachte  es  dieser  in  seinem  ersten
Jahrgang  zu  ungefähr  3000  Abonnenten,  die  sich  in  den
nächsten  drei  Jahren  in  rascher  Folge  von  Quartal  zu
Quartal  bis  zu  18000  vermehrten.  Auf  diesem  Höhepunkt
angelangt,  ist  ein  Stillstand  eingetreten,  was  schon  daraus
gefolgert  werden  kann,  daß  die  früher  gewohnte  prahlerische
Veröffentlichung  des  Abounentcu-Verzeichnisses  nunmehr  unterbleibt. ­
  Als  Hauptorgan  der  „social-demokratischen  Arbeiter
Partei"  dient  der  in  Leipzig  erscheinende  „Volksstaat",  der,
nicht  ganz  zwei  Jahre  älter  wie  der  „Neue  Social-Demokrat",
in  nicht  so  raschein  Tempo  wie  dieser  seinen  Abonuentenstand
vermehrte,  es  aber  doch  bis  zu  ungefähr  10,000  Abnehmern
gebracht  hat.
Neben  den  genannten  beiden  Hanptorganen  hat  die
Lokalpresse  einen  wesentlichen  Antheil  an  der  Ausbreitung
des  Socialismus.  Sie  ist  mehr  wie  jene  im  Stande,  ihre
Agitation  den  lokalen  Verhältnissen  und  Vorgängen  anzupassen,
  und  wird  in  neuerer  Zeit  auch  ini  südlichen  Deutschland, ­
  in  Nürnberg-Fürth,  in  Mainz,  Stuttgart  und  Offenbach ­
  mit  besonderer  Aufmerksamkeit  gepflegt.  Da,  wo  zur
Unterhaltung  eines  Lokalblattes  die  Kräfte  der  Partei  nicht
ausreichen,  weiß  nian  die  Unterstützung  weiterer,  auch  nicht
        <pb n="26" />
        Lokalblätter.

11

socialistisch  gerichteter  Kreise  heranzuziehen.  In  solchem  Falle
begnügt  man  sich,  wie  z.  B.  die  in  Stuttgart  erscheinende
„süddeutsche  Volks-Zeitung",  mit  dem  allgemeinen  Titel:
„Organ  für  das  arbeitende  Volk",  und  colportirt  unter
bleser  Firma,  welche  die  Parteifärbung  absichtlich  nicht  erkennen
läßt,  die  Weisheit  des  Socialismus.  So  weiß  man  es  zu
ermöglichen,  daß  bei  der  durch  den  Stuttgarter  Preßverein
erfolgten  Herausgabe  der  „Süddeutschen  Volks-Zeitung"
außer  Mitgliedern  der  beiden  socialistischen  Fractioneu  auch
keiner  Parteistellung  angehörende  Arbeiter  sich  betheiligen
können,  und  daß  sowohl  der  liberale  Stuttgarter  Arbeiterbildungsverein,
  wie  die  social-demokratische  Partei  jenes
„Organ  für  das  arbeitende  Volk"  für  ihre  Vereinsanzeigen
  benutzen.  Ein  solches  principloses  Vermischen
und  Zusammenwirken  schlägt  natürlich  allemal  zum  Vortheil
  der  radicalen  Elemente  aus,  wie  ja  die  „Süddeutsche ­
  Volks-Zeitung"  thatsächlich  ausschließlich  den  Socialisnius
  predigt.  Die  Social-Demokratie  läßt  es  sich  gefallen,
daß  Glieder  der  von  ihr  bekämpften  Partei  mit  ihr  an
eincnl  Strange  ziehen,  desicn  rothe  Farbe  sie  nur  leicht  verhüllt ­
  hat,  und  beweist  damit  ihre  Geschicklichkeit,  Andere  zu
üpiren,  wenn  sie  für  sich  neue  Waffen  schmieden  will,  hierzu
a  r  im  eigenen  Lager  nicht  genug  Eisen  vorfindet.  Die
heilnahnic  von  Nichi.Socialisten  an  der  Herausgabe  eines
socialistischen  Blattes  läßt  uns  erkennen,  ein  wie  starkes  Bedürfniß ­
  vorhanden  ist,  den  Interessen  der  Arbeiterwelt  auch
in  der  Presse  eine  ausreichende  Vertretung  zu  schaffen,  was
g^wiß  die  Förderung  und  Unterstützung  eines  jeden  Arbeiterfreundes
  verdient;  sodann  aber  auch,  wie  wenig  ein  großer
^Heilder  Arbeiterwelt  im  Stande  ist,  die  Geister  zu  prüfen,  die  ihm
eine  Wahrungnnd  Förderung  derJntereffen  der  Arbeiter  in  Aussicht ­
  stellen  und  welche  Begriffsverwirrung  bei  der  Beurtheilung
        <pb n="27" />
        12

I  Einleitung.

der  socialistischen  Bestrebungen  noch  vorherrschend  ist.  Sämmtliche ­
  Verkaufsläden  des  nach  den  Principien  von  Schultze-Delitzsch
  organisirten  Stuttgarter  Consumvereins  haben  den
Vertrieb  der  „Süddeutschen  Volks-Zeitung"  übernommen  und
setzen  ihn  bis  auf  den  heutigen  Tag  fort,  nachdem  Jedem,
der  nur  lesen  kann,  völlig  klar  gelvorden  sein  muß,  daß  das
Aushängeschild  „Organ  für  das  arbeitende  Volk"  den  in
diesen!  Organ  gepredigten  Socialismus  nur  maskiren  soll.
Gewiß  eine  alles  Maß  überschreitende  Toleranz  des  Stuttgarter ­
  Consumvereins,  wenn  man  erwägt,  in  welch  principiellem ­
  Gegensatz  Schultze-Delitzsch  zu  Lassalle  steht.  Eine
gleiche  Verleugnung  des  Princips  wird  die  social-demokratische
Partei  sich  niemals  zu  Schulden  kommen  lassen.
Auf  die  Vermehrung  der  Lokalzeitungen  legt  die  Social-Deniokratie
  großen  Werth.*)  Sie  geht  jedoch  hierbei  mit
*)  Nach  dem  Organisations-Entwurf  der  „deutschen  Arbeiterpartei," ­
  welche  durch  Bereinigung  der  seitherigen  socialistischen
Fractionen  „deö  Allg.  deutsch.  Arb  -BcreinS"  und  der  „socialdemokratischen ­
  Arbeiterpartei"  auf  dem  auf  23  —25  Mai  d.  I.
ausgeschriebenen  Kongreß  der  Social-Demokraten  Deutschlands
gebildet  werden  soll,  ist  die  Gründung  von  Lokalblättern  für  die
Zukunft  von  der  Zustimmung  der  obersten  Parteileitung  abhängig
gemacht.  #.  18  sagt  hierüber:  „Zur  Begründung  von  lokalen
Parteiblättern  ist  die  Zustimmung  des  Vorstandes,  der  Kontrolkommission
  und  des  Ausschusses,  welchem  über  die  bezüglichen
örtlichen  Verhältnisse  rechtzeitig  und  ausführlich  berichtet  werden
muß,  erforderlich.  Nur  solche  Blätter,  welche  mit  Zustimmung
genannter  Parteibehörden  in  S  Leben  treten,  sind  als  Parteiorgane
zu  betrachten,  und  können  die  moralische  und  materielle  Unterstützung
  der  Partei  beanspruchen.  Die  lokalen  Partei-Blätter
haben  sich  in  principiellen  Fragen  an  das  Parteiprogramm  zu
halten,  und  sind  gleich  den  beiden  in  §.  14  genannten  Organen
in  taktischen  Parteifragen  dem  Vorstand  unterstellt."  Volksstaat
  1875,  27
        <pb n="28" />
        Lokalblätter.

13

großer  Vorsicht  zu  Werke  und  unternimmt  nur  da  die
Gründung  eines  eigenen  Drgans,  wo  sie  einen  bereits  zubereiteten ­
  Boden  sindet.  Sehr  beachtenswerth  ist  in  dieser
Beziehung  ein  die  Parteipresie  besprechender  Artikel  des
„Volksstaat"  (1874,  81)  worin  es  heißt:
„Selbstverständlich  wird  man  lein  Parteiblatt  da
"gründen,  wo  noch  gar  kein  anderes  Blatt  erscheint,  oder
„verbreitet  ist.  Die  Parteien,  die  wir  bekänipfen,  sind  unsere
„Vorgänger;  das  Volk  muß  durch  ihre  Schule  hindurch-„gegangen
  sein,  auf  ihrem  Niveau  stehen,  bevor  cs  sie
„durchschauen  und  den  Gegensatz  zwischen  ihren  und  seinen
"Interessen  begreifen  lernen  kann.  Je  iliehr  Zeitungen  in
„einer  Gegend  gelesen  werden,  und  je  mehr  die  dort  ver-„tretene
  Presse  nach  links  hinneigt,  desto  günstiger  ist
'»also  das  Terrain  für  uns.  Beispielsweise  wäre  es
»nicht  rathsam,  da  ein  social-deniokratisches  Blatt  zu  gründen,
„wo  nicht  schon  seit  längerer  Zeit  mindestens  ein,  der
„Fortschrittspartei  oder  der  bürgerlichen  Demokratie  dienendes
„Blatt  verbreitet  ist.  Viele  von  uns,  die  vor  zehn  oder
»sünfzchu  Jahren  die  politische  Kost  der  letzteren  Art  genossen
»haben,  können  aus  Erfahrung  sagen,  wie  der  Reiz  der
"Acuheit  dieselbe  schmackhaft  macht;  die  Arbeiter  müssen  also
„diese  Nahrung  bereits  kennen,  um  sich  von  ihr  ab,  und
„einer  besseren  zuzuwenden."
Diese  li'Oitc  bedürfen  keines  Kommentars.  Sie  zeigen
deutlich  genug,  auf  wessen  Schultern  die  Social-Demokratie
steht  und  wie  verkehrt  es  ist,  den  Erklärnngsgrund  für  die
Existenz  des  Socialismus  ausschließlich  in  den  socialen  Nothständen ­
  zu  finden.*)
Versuchen  wir  die  Haltung  der  social-demokratischen  Presse
*)  Ein  Verzeichnis;  der  deutschen  social  demokratischen  Presse
stehe  in  der  Beilage
        <pb n="29" />
        14

I.  Einleitung.

int  Allgemeinen  zu  charakterisiert,  so  drängt  sich  schon  bei
nur  kurzer  Bekanntschaft  mit  ihr  die  Wahrnehmung  auf
daß  sie  es  keineswegs  als  ihre  Aufgabe  zu  betrachten  scheint,
ihre  Leser  über  das  eigentliche  Wesen  des  Socialismus  zu
belehren.  Ab  und  zu  bringt  wohl  der  „Duette  Social-Demokrat"
  einen  Artikel,  der  sich  über  die  Ziele  des  Socialismus ­
  etwas  näher  ansläßt,  und  dann  und  wann  läßt
wohl  einmal  der  „Volksstaat"  die  wahre  Gestalt  des  Socialismus
seine  Leser  schauen.  Aber  solch  offene  und  unverblümte  Bekenntnisse ­
  werden  von  dent  übrigen  und  vorherrschenden
Inhalt  stark  in  den  Hintergrund  gedrängt.  Daher  erklärt
sich  auch  die  Wahrnehmung,  daß  trotz  des  großen  Leserkreises,
den  die  socialistische  Preffe  erobert  hat,  die  Zahl  der  ihrer
Ziele  sich  klar  bewußten  Social-Demokraten  eine  so  geringe
ist.  Die  Parteiführer  wisseit  gewiß  ganz  genau,  was
sie  wollen;  die  Mehrzahl  der  Parteigenossen  läßt  sich  führen,
ohne  sich  klar  bewußt  zu  sein,  welchem  Ziel  sie  entgegengeführt
  wird.  Die  Mehrzahl  bewegt  sich  in  einem  unklaren
und  verschwommenen  Gefühl,  daß  der  Socialismus  für  sie
bessere  und  glücklichere  Zustände  schaffen  werde,  ohne  die  ihm
eigenthümlichen  und  ihn  charakterisirendcn  Mittel  hierzu  genau
zu  kennen,  geschweige  denn  ernstlich  zu  prüfen.  Die  Führer
streben  auch  keineswegs  darnach,  dies  unklare  Gefühl  in  ein
llares  Bewußtsein  zu  verwandeln.  Sie  begnügen  sich,  wenn
ihnen  nur  geglaubt  wird,  daß  der  Socialismus  aus  aller
Noth  helfen  werde,  und  lassen  ihre  Gläubigen  hinsichtlich
der  Mittel  wohl  absichtlich  im  Dunkeln.  Wir  haben  schon
manchen  Agitator  in  öffentlicher  Versammlung  dabei  ertappt,
wie  er  z.  V.  die  Religionslosigkeit,  oder  den  vom  Socialismus ­
  erstrebten  Kommunismus  in  Abrede  zn  stellen  sich
erdreistete,  wenn  von  anderer  Seite  zur  Aufklärung  und
Belehrung  der  Zuhörer  die  wahre  Gestalt  des  Socialismus
        <pb n="30" />
        Zweck  der  Presse.

15

in  seinen  letzten  Zielen  und  Konsequenzen  der  Versammlung
vor  Augen  gemalt  wurde.  Die  Social-Demokratie  hat  alle
Ursache,  mit  ihren  letzten  Zielen  etwas  hinter  dem  Berge  zu
yalten.  Denn  die  nackte,  aller  Schminke  entkleidete  Gestalt
des  Socialismus  hat  so  wenig  Anziehendes,  daß  durch  deren
Schaustellung  die  Massen  nicht  leicht  begeistert  und  gewonnen
werden.  Der  Zweck  der  social-demokratischen  Presse  ist
i^aher  gleichwie  bei  der  persönlichen  Agitation  nicht  die  offene
""d  rückhaltslose  Belehrung  über  den  Socialismus,  sondern,
wie  wir  im  Verlauf  unserer  Darstellung  noch  weiter  zeigen
werden,  die  schwindelhafteste  Reklame  für  den  von  der  Masse
nur  oberflächlich  gekannten  und  noch  viel  weniger  verstandenen
Socialismus.
Der  „Volksstaat"  bringt  zwar  aus  Beschluß  des  Dresdner
Kongreffes  (Volksstaat  1871,  68)  an  der  Spitze  einer  jeden
"Nen  Quartalsnummer  das  Programm  der  ..social-demokraîlschen
  Arbeiterpartei"  zum  Abdruck  und  von  Zeit  zu  Zeit
wird  daffelbe  auch  in  einer  besonderen  Agitationsnummcr
besprochen.  Es  kann  jedoch  nur  eine  kurzsichtige  Leichtgläubigkeit ­
  in  jenem  Programm  einen  vollständigen  und  unverblümten
Ausdruck  der  socialistischen  Bestrebungen  und  Ziele  finden,
^ir  wagen  zu  behaupten,  daß  das  Programm  nur  das
aufspricht,  was  es  nach  kage  der  Tinge  heute  sagen  kann
und  darf,  und  womit  es  die  Arbeiter  gewinnen  zu  können
hofft,  und  daß  noch  gar  manches  zwischen  den  Zeilen  gelesen
werden  muß,  wenn  man  vom  Socialismus  ein  vollständiges
Bild  erhalten  will.  Der  von  dem  „Volksstaat"  als  ein
»euer  Kommunist  begrüßte  Privatdocent  der  Nationalökonomie
Dr.  E.  Dühring  in  Berlin  betont  in  seiner  Schrift:  „Kursus
ber  National-  und  Socialökonomie"  gleichfalls  den  Mangel
eines  vollständig  klaren  Systems  des  vorgeschrittensten  Socialismus. ­
  Der  Recensent  dieses  Buches  legt  im  „Volksstaat"
        <pb n="31" />
        16

I.  Einleitung.

(1874,  33)  mit  anerkennenswerther  Offenheit  das  Geständniß
  ab:
„Der  Mangel  eines  solchen  Systems,  respective
„radicalen  Programmes,  ist  kein  Mangel  an  Ein-„sicht,
  wie  Herr  Dühring  glaubt,  sondern  nur  eine  Frage
„der  Praxis.  Eine  Agitations-  und  Kampsespartei  wird
„Seitens  der  Staatsgewalt  anders  behandelt,  wie  ein  wissen-„schaftliches
  Buch.  Das  Programm  der  social-demokratischen
„Arbeiterpartei  ist  anerkannternlaßen  sehr  lückenhaft,  hat  aber
„doch  zum  Leipziger  Hochverrathsprozeß  und  zahlreichen
„anderen  Verfolgungen  geführt.  Man  kann  nicht  immer
„den  besten,  man  muß  oft  nur  den  niöglichen  Weg  wählen."
Nach  einem  solchen  Geständniß  wäre  es  in  der  That
eine  starke  Zumnthung,  sich  bei  einer  Beurtheilung  der  socialistischen ­
  Bestrebungen  ausschließlich  an  den  Wortlallt  jenes
Programmes  zu  halten.  Auch  die  officielle  Interpretation
desselben,  wie  sie  die  neueste  Agitationsnummer  (Bolksstaat
1874,  151)  bringt,  schafft  nicht  größere  Klarheit,  sondern
gefällt  sich  in  Allgemeinheiten,  wenn  sie  als  Résumé  einer
langen  Auseinandersetzung  mit  großer  Emphase  ausruft:
„Wir  wollen  Gerechtigkeit  und  bekämpfen  das  Unrecht."
„Wir  wollen  die  freie  Arbeit  und  bekämpfen  die  Lohnsklaverei." ­

„Wir  wollen  das  Wohlergehen  Aller  und  bekämpfen  das
Elend."
„Wir  wollen  die  Bildung  Aller  und  bekämpfen  die  Unwissenheit ­
  und  Barbarei."
„Wir  wollet,  Friede  und  Ordnung  und  bekämpfen  den
Völkermord,  den  Klassenlrieg,  die  gesellschaftliche  Anarchie."
„Wir  wollen  den  socialistischen  Bolksstaat  und  bekämpfen
den  despotischen  Klassenstaat."
        <pb n="32" />
        Parteiprogramm.

17

"Wer  das  Gleiche  will,  wer  das  Gleiche  bekämpft,  der
schließe  sich  uns  an!"
Wir  fragen  erstaunt,  sind  das  die  unterscheidenden  Merkmale ­
  des  Socialismus?  Gibt  es  irgend  eine  Partei,  der
wir  nachzusagen  das  Recht  hätten,  daß  sie,  wenn  wir  vom
socialistischen  Polksstaat  absehen,  von  alledem  das  Gegentheil
wolle,  daß  sie  Unrecht,  Lohnsklaverei,  Elend,  Barbarei  und
Anarchie  absichtlich  erstrebe,  wenn  uns  auch  die  Erfahrung
lehrt,  daß  die  Principien  der  einen  oder  der  anderen  Partei
dieses  oder  jenes  Uebel,  ohne  daß  sie  es  will,  als  gewiß
nicht  vorausgesehene  nothwendige  Folge  erzeugt?  Alle  diese
schonen  Dinge  für  sich  allein  in  Anspruch  zu  nehmen  und
Nlit  ihnen  sein  Parteiprogramm  zum  Unterschied  von  andereil
Parteien  zu  schmücken,  ist  eine  unverschämte  Anmaßung,  der
wir  nicht  nur  iu  der  socialistischen  Presse,  sondern  auch  bei
der  persönlichen  Agitation  begegnen.  In  einer  Bersammlung
zu  Stuttgart  am  25.  November  v.  I.  schloß  der  Redacteur
der  „Süddeutschen  Bolks-Zeitung"  C.  Hillmann,  seine  Rede
mit  den  Worten:  „Wir  Social-Demokraten  wollen  Bildung,
»wir  wollen  Wohlstand,  wir  wollen  Gesittung!"  Ja  wir
wollen  es  glauben,  daß  die  Social-Demokratie  dieses  will.
Aber  alle  Andere«  wollen  dies  auch.  Daher  sollte  man
erwarten,  daß,  so  oft  man  von  diesen  Zielen  spricht,  neben
und  vor  diesen  schönen  Dingen  doch  auch  die  Mittel  genannt
werden,  durch  welche  der  Socialismus  alle  diese  Herrlichkeiten
herbeiführen  will.  Dann  wird  das  Wesen  des  Socialismus
gekennzeichnet  sein,  dann  werden  vielleicht  auch  Manchem  die
Augen  aufgehen,  welche  mit  solch  phrasenhaften  Allgemeinheiten
zuzukleistern  die  Absicht  und  die  ftunft  der  socialistischen
Agitation  ist.
Also  nicht  Aufklärung  und  Belehrung  in  ruhiger,  leidenschaftsloser, ­
  sachgemäßer  Weise  über  das  eigentliche  Wesen
Schuster.  Die  Social-Demokratie.  2
        <pb n="33" />
        18

I.  Einleitung

des  Socialismus  ist  der  Zweck,  den  die  socialistische  Presse
vornämlich  verfolgt.  Andere  Aufgaben  stehen  bei  ihr  im
Bordergrund.  In  Nr.  111,  1873  des  „Neuen  Social-Demokrat"
  wird  die  Presse  ein  Schwert  genannt,  das  wie
ein  Donnerkeil  heruuterfahren  soll  auf  die  Ausbeuterschädel. ­
  In  Nr.  151,  1873  destelben  B'attes
lesen  wir:  „Der  „Neue  Social-Demokrat"  ist  einerseits  die
„Brandfackel,  welche  in  die  Pulvertonne  des  socialen  Elends
„geschleudert  wird,  um  den  Zündstoff  in  der  Arbeiterklasie  zu
„entflammen;  andererseits  ist  er  geistig  wie  materiell  Eigen-„thum
  der  Arbeiterklasse,  repräsentirt  durch  ihre  aufgeklärten
„Mitglieder,  durch  den  Allgemeinen  deutschen  Arbeiterverein."
Die  beiden  Worte  „Schwert  auf  die  Ausbeuterschädel"
und  „Brandfackel  in  die  Pulvertonne  des  socialen  Elends"
verbreiten  hinreichendes  Licht  über  die  Tendenz  der  socialdemokratischen ­
  Presse.  Sie  ist  das  Mittel,  den  Klassenhaß
und  Klassenkampf  mit  allem  Bedacht  zu  schüren,  und  die
„Pulvertonne  des  socialen  Elends"  zur  Explosion  zu  bringen;
kurz,  die  socialdemokratische  Presse  betrachtet  es  als  ihren
Beruf,  dem  schließlich  in  eine  sociale  Revolution  auslaufenden
socialen  Krieg  stets  neue  Nahrung  zuzuführen.
Um  die  Mittel  hierzu  ist  sie  nicht  in  Verlegenheit,  bei
ihrer  Wahl  verfährt  sie  nicht  scrupulös.  „Wenn  für  unsere
„Bestrebungen  Nutzen  daraus  entstünde,  würden  wir  getrost
„die  Hand  des  Teu  fe  ls  annehmen"  bekennt  mit  cyuischcr
Offenheit  Hasenclever  nicht  lange  nach  seiner  Erwählung  zum
Präsidenten  des  Allgemeinen  deutschen  Arbeitervereins,  (N.
Soc.-Demokrat  1871,  65)  und  proklamirt  hiermit  sich  selbst
und  seine  Genossen  als  die  socialen  Jesuiten,  deren  Gebühren
in  der  Presse,  wie  im  öffentlichen  Hervortreten  überhaupt
jenem  Bekenntniß  alle  Ehre  macht.
Es  bleibt  uns  noch  die  Erwägung  übrig,  ob  und  wie
        <pb n="34" />
        Officieller  Charakter  der  Prefie.  19
weit  die  Auslassungen  der  socialistischen  Presse  der  Socialdemokratie ­
  überhaupt  zur  Last  gelegt  werden  dürfen.  Wir
müssen  uns  hierüber  klar  werden,  da  es  eine  beliebte  Taktik
der  social-demokratischen  Führer  und  Agitatoren  ist,  sobald
ihnen  unbequeme  Zengniste  aus  ihren  eigenen  Blättern  vorfiehaltcn
  werden,  die  Mitverantwortlichkeit  von  stch  zu  weisen,
"ņd  in  Betreff  des  Inhalts  der  socialistischen  Preste  die
Solidarität  der  ganzen  Partei  nicht  anzuerkennen.  In  der
&amp;gt;nl  Parteilokal  der  Stuttgarter  Lastalleaner  am  22.  Decbr.
ü '  3.  stattgefundenen  öffentlichen  Versammlung  glaubte  der
Agitator  Drccsbach  über  einzelne  ihn,  unbequeme  Citate
auv  dem  „Neuen  Social-Demokrat"  dadurch  leicht  hinweg
zu  kommen,  daß  er  deren  Inhalt  für  die  Privatmeinung
Einzelner  ausgab,  mit  der  die  Partei  nichts  zu  schaffen
habe.  Ebenso  wußten  in  der  öffentlichen  Versammlung  in
Pforzheim  am  24.  Januar  d.  I.  die  dortigen  socialistischen
Parteiführer  Wankmüller  und  Lehmann  gegenüber  der  reichen
Anzahl  von  aus  ihrer  eigenen  Parteipreste  citirten  Belastungszeugen ­
  keinen  anderen  Ausweg,  als  kurzer  Hand  die  Anerkenntniß
  ihrer  Preßorgane  als  einer  zuverlässigen  und  glaubürdigen
  Ouielle  für  die  Erkenntniß  des  Socialismus  zu
verweigern.  Wir  wollen  es  zwar  glauben,  daß  es  recht
a  a  scm  mag,  o«g  seinen  eigenen  Parteiorganen  in  öffentlcher
  ersammlttng  Tinge  vorlesen  zu  hören,  welche  die
Parteimitglieder  vor  jedem  unbefangenen  Urtheil  stark  compromittiren;
  Tinge,  über  die  nian  unter  sich  wohl  längst  einig
lşi,  zu  deneu  in  öffentlicher  Versammlung  sich  zu  bekennen
u&amp;gt;an  aber  doch  noch  Anstand  nehmen  muß.  Aber  trotzdem,
aßdie  Kinder  ihre  eigene  Mutter,  die  Parteimitglieder  ihre
Parteipreste  verleugne«,  wird  an  der  solidarischen  Haftbarkeit
lener  für  die  Preßproducte  ihrer  Partei  nichts  geändert.
Wir  haben  es  bei  den  Hauptorganen  der  socialistischen  Preste
2*
        <pb n="35" />
        20

I.  Einleitung.

nicht  mit  Privatunternehmungcn,  sondern  mit  officiel  len
Parteiorganen  zu  thun.  Der  „Volksstaat"  nennt  sich
„Organ  der  social-demokratischen  Arbeiterpartei"  und  der
„Neue  Social-Demokrat"  „Organ  des  Allgeni.  deutschen
Arbeiter-Vereins";  nach  der  polizeilichen  Schließung  dieses
Vereins  „Eigenthum  der  Lassalleaner."  Die  Redaction  des
„Vollsstaat"  wird  von  einer  eigens  zu  diesem  Zweck  niedergesetzten ­
  Kontrolkommission  überwacht,  bantit  kein  Artikel  sich
einschleichl,  der  mit  den  Parteiprincipien  nicht  im  Einklang
steht;  und  der  „Neue  Social-Demokrat"  nennt  sich  selbst
(1873,  151)  einen  „Spiegel  der  Agitation  des  Allgem.
deutschen  Arbeiter-Vereins."  Es  wird  also  wohl  trotz  der
gegentheiligen  Anstrengungen  einzelner  Parteigenossen  daran
nichts  geändert  werden  können,  daß  die,  genannten  Blätter
als  officielle  Parteiorgane  auch  als  zuverlässige  Quellen  für
die  Darstellung  der  socialistischen  Bestrebungen  und  Agitation
zu  gelten  haben.  Was  in  dem  „Volksstaat"  wie  in  dem
„Neuen  Social-Demokrat"  unter  ausdrücklicher  oder  stillschweigender ­
  Billigung  der  Redaction,  respective  des  beaufsichtigenden ­
  Ausschusses  gesagt  wird,  ist  demnach  als  der
wahre  und  richtige  Ausdruck  der  Bestrebungen  der  Partei
anzusehen.*)  Wir  zeichnen  also  ein  quellenmäßiges  Bild
*)  Eine  Korrespondenz  in  Nr.  6  der  Concordia  Hane  darauf
hingewiesen,  daß  der  „Volksstaat",  durch  die  ihm  widerfahrene
Aufmerksamkeit  veranlaßt,  neuerdings  eine  gegen  früher  etwas
gemäßigtere  Haltung  beobachte  Hieraus  gibt  der  Volksstaat  in
Nr.  20  die  Erklärung  ab:  „Wir  geben  Ihnen  hiermit  die  feierliche ­
  Versicherung  (die  wir  auch  jeden  Moment  vor  Gericht
abzugeben  bereit  sind),  daß  wir  heute  genau  ebenso  denken,  genau
dieselben  Ziele  verfolgen  wie  in  den  früheren  Jahrgängen."  Wir
wollen  nicht  versäumen  von  der  officielle«  Anerkenntniß  des  Inhalts ­
  der  von  uns  benützten  früheren  Jahrgänge  des  „Volksstaat" ­
  (1871—1875)  hiermit  Notiz  zu  nehmen.
        <pb n="36" />
        Unfehlbarkeit  der  Lehre  Lastalle  s.

21

mit  Photographischer  Treue,  wenn  wir  in  den  nachfolgenden
Abschnitten  zur  Charakterisirung  der  Social-Demokratie  die
Farben  aus  dem  Lager  der  Parteipreste  selbst  uns  holen.
Die  Aechtheit  dieser  Farben  wird  noch  ausdrücklich  bestätigt
îinen  „die  Unfehlbarkeit"  besprechenden  Leitartikel  des
,'N.  Soc.»Demokrat"  (1872,  66),  worin  cs  heißt:
„Alan  hat  auch  so  gerne  uns,  die  Lassalleaner,  weil  wir
"N'lt  so  entschiedener  Hartnäckigkeit  kein  Titelchen  der  Lastalle'-"schen
  Ļehre  aufgeben,  ja  mit  Entschiedenheit  dieselbe  als
" ein  unfehlbares  Dogma  vertheidigen  und  anpreisen,  spöttischer
„S3?ctfe  die  „Un  fehl  baren"  genannt,  ebenso  wie  man  gerne
"«"s  die  Unfehlbarkeit  Lastalle's  anspielte."
„Ä&amp;gt;ir  freuen  uns  über  diese  Anerkennung."
„Der  Socialismus,  der  in  der  Lehre  und  in  der  Organisation ­
  Lastalle's  seinen  besten  Ausdruck  gefunden,  gilt  als
"die  Religion,  welche  die  Menschheit  wieder  einen  gewaltigen
„Schritt  weiter  auf  den,  Wege  der  Civilisation,  der  Knltur-..entwickelung
  und  des  Glücks  bringen  wird.  Für  diese  Lehre
"setzen  wir  unser  Alles  ein;  wir  vertheidigen  sie,  wenn  es
's  şoà'  şiļbst  mit  dem  Blute.  Weshalb  aber  sind  wir
"  äst  C9 (T Clstnt '  ş°  ^êrgisch.  ja  weshalb  sind  die  Lastalleaner
s.,  o  f  DOn  e * ncm  gehenden  Fanatismus  beseelt?  Weil
t  ?'*"  e°II°U.  .  eine  nnsehlbn.e  ist.  und  weil
„d&amp;gt;°  .  as,Meaner,  wen»  sie  diese  verkündigen,  in  dieser  Hin.
"WMMtß  f«t  nnsehlbar  hallen  müssen."
"  ^ehre  lastalle's  ist  die  einzig  wahre;  sie  ist  unfehl-"bar,
  und  der  Glaube  daran  versetzt  Berge."
Man  könnte  glauben,  daß  die  Lastalleaner  durch  die
Zeilverhältnisse,  durch  die  Bewegungen  innerhalb  der  römisch,
katholischen  Kirche  gereizt  und  veranlaßt  worden  seien,  auch
auf  ihrem  Territorium  die  Uufehlbarkeitsfahne  aufzupflanzen.
In  deni  angezogenen  Leitartikel  wird  auch  Lastalle's  Nnfehl-
        <pb n="37" />
        ¿2

I.  Einleitung.

barkeit  mit  der  päpstlichen  in  Parallele  gestellt.  Unsere
socialen  Jesuiten  haben  jedoch  mit  jenen  Sätzen  eine  Anschauung
nur  bestimmt  formulirt,  die  schon  längst  vorhanden  war  und
stets  geflissentlich  gepflegt  wurde.  Es  fehlte  der  Sache  nur
noch  der  sie  bezeichnende  Name.  Der  Personenkultus,  welcher
mit  Lassalle  getrieben  wird,  datirt  von  dessen  Todestag
(31.  August  1864).  Wir  lesen  im  „Volksstaat"  :  (1872,  83)
„Der  Ncgierungsagent  Herr  Dr.  v.  Schweitzer  brauchte  den
„ehrlichenNamen  Lassalle's  um  sich  im  Vertrauen  der  Arbeiter
„festzusetzen,  indem  er  den  Personenkultus  auf's  äußerste
„begünstigte  und  aus  Lassalle  einen  unfehlbaren  Papst
„machte.  Seine  Schüler  und  Nachfolger  die  Hasselmann-„Hasenclever
  thun  dasselbe."  Es  ist  somit  die  Darlegung
und  Zusammenstellung  des  wesentlichen  Inhalts  der  socialistischen ­
  Preste  wohl  der  richtige  und  zuverlässige  Weg,  den
Socialismus  kennen  zu  lernen.  Wenn  auch  das  Bild,  das
wir  darnach  zeichnen  müssen,  von  den  Stimmführern  der
Social-Demokratie  nicht  anerkannt  werden  wird,  so  ist  das
für  uns  nur  ein  neuer  Beleg,  daß  der  Socialismus  Ursache
hat,  seine  wahre  Gestalt  zu  verbergen  und  seine  wahren
Ziele  zu  verleugnen.
        <pb n="38" />
        Staat  shilfe

23

IL
î'frô  Deutsche  Reich  und  die  Social-Demokratie.
Inhalt  Staatshilfe.  Reichsfeindlichkeit.  Deutsch.franzôsischer
nrg.  ^iegestaumel.  Plünderungen,  àiegsursache.  Teutscher
Reichstag.  Deutscher  Äaiser.  Fürst  Bismarck.
Deutsches  Volk.
-^ie  von  ^assalle  proklamirte  „Staatshilfe"  als  Mittel
Lösung  der  socialen  Frage  konnte  dem  äußern  Wortlaut
nach  den  Glauben  erwecken,  als  läge  eine  Kräftigung  der
deutschen  Staatsgewalt  auch  im  Interesse  der  deutschen
^ocial-Demokratie,  als  sei  ein  mächtiger  Staat  für  den  die
"^taatshilfe"  fordernden  Socialismus  auch  die  für  seinen
Ş'eg  nothwendige  Borbedingung,  so  daß  also  die  neue  Machtstellung, ­
  welche  der  deutsche  Staat  mit  der  Wiedererstehung
de»  Deutschen  Reichs  eingenommen  hat.  auch  von  der  Socialemokratieganz
  besonders  freudig  hätte  begrüßt  werden  müssen,
so  .Ģ""de  das  Gegentheil  ist  der  Fall.  Richt  die  Stärkung,
^  '.die  Schwächung  der  bestehenden  Staatsgewalt  führt
eine»  Demokratie  der  Berwirklichung  ihrer  „Staatshilfe"
1  chritļ  näher.  Denn  die  Staatshilfe  in  socialistischem
T  llC  1  *  weiter  nichts,  als  die  Selbsthilfe  des  Proletariats
urch  as  Mittel  der  in  seine  Hände  gelegten  Staatsgewalt.
,[ C  geforderte  „Staatshilfe"  ist  kein  Appell  an  den  gegen»
wärtigen  Etaat,  einerlei  ob  er  monarchischer  oder  republikanischer ­
  Berfassung  ist,  sondern  nur  ein  verblümter  Ausdruck
stir  die  Forderung,  daß  das  Proletariat  vor  allen  Dingen
"âch  dem  Besitz  der  Staatsgewalt  trachten,  vorerst  die
Herrschaft  im  Staat  erobert  haben  müsse,  bevor  an  die
Möglichkeit  einer  Berwirklichung  seiner  socialen  Ideen  nur
gedacht  werden  könne.  Den  Herrschaftsgelüsten  des  Prole»
        <pb n="39" />
        24  H.  Das  Teutsche  Reich  u.  die  Social-Demokratie.
tariats  ist  aber  nicht  ein  erstarkender,  sondern  nnr  ein  in
seiner  Macht  gebrochener  Staat  günstig.
In  Frankreich,  das  länger  als  Deutschland  durch  socialistische ­
  Bestrebungen  beunruhigt  ist,  und  als  das  eigentliche
Vaterland  des  Socialismus  angesehen  werden  darf,  sind
darum  auch  die  Krisen,  in  welche  die  innere  oder  die
äußere  Politik  den  Staat  hineingeführt  hat,  stets  von  socialistischen ­
  Erhebungen,  von  Proletarierschlachten  behnfs  Eroberung ­
  der  Staatsgewalt  für  das  Proletariat,  begleitet
gewesen.  Eine  Pariser  Kommune  war  nur  möglich  auf  den
Trümmern  des  französischen  Kaiserreichs.  So  wird's  auch
wohl  für  die  Zukunft  in  Frankreich  bleiben  und  für  Deutschland ­
  werden,  daß  politische  Verwickelungen  für  die  socialdemokratische ­
  Partei  das  Signal  sind,  das  Proletariat,  die
Arbeiterbataillone  zum  Kampf  um  die  Staatsgewalt  aufzurufen, ­
  um  durch  deren  Besitz  die  nothwendige  Vorbedingung
für  eine  socialistische  Gesellschaftsorganisation  zu  erfüllen.
Schon  Lassaste  trug  sich  mit  der  Hoffnung,  anläßlich
einer  politischen  Verwickelung  seiner  Sache  rasch  zum  Siege
verhelfen  zu  können.  Im  Frühjahr  1864  gibt  er  in  einem
Briefe  an  seinen  General-Bevollmächtigten  seiner  schmerzlichen
Enttäuschung  einen  Ausdruck  und  schreibt:  „Gleichwohl
„werde  ich  die  Fahne  nicht  fallen  lassen,  so  lange  noch  irgend
„ein  Hoffnungsflämmchen  an  dem  politischen  Horizonte  blinkt.
„.  .  .  Wer  hätte  diese  Mattheit  und  Theilnahmlosigkeit  für
„möglich  halten  sollen!  Das  wird  sich  erst  wirklich  ändern,
„wenn  gewisse  politische  Ereignisse  eintreten  und  die  Massen
„in  Bewegung  bringen.  Und  solche  Ereignisse  können  aller-„dings
  in  einiger  Zeit  kommen."*)
Lassalle  hatte  recht  gesehen,  die  ersehnten  und  prophezeiten

*)  I)r.  Eugen  Jäger,  Der  moderne  Socialismus  S.ñIL  n  313.
        <pb n="40" />
        Reichsfeindlichkeit.

25

politischen  Ereignisse  samen  bald,  wenn  er  selbst  sie  anch
nicht  erleben  sollte.  Aber  anstatt  Deutschland  zn  schwächen,
ist  unser  Vaterland  nur  mit  bedeutend  vermehrter  Macht
aus  ihnen  hervorgegangen.  Und  dieser  Umstand,  über  den
sich  jeder  wahre  Patriot  von  Herzen  freut,  ist  unseres  Erachtens
  die  Hauptursache  des  tiefen  Grolls,  den  die  deutsche
^ocial-Demoļratie,  am  meisten  die  Eisenacher  Fraction,  die
„social-demokratische  Arbeiterpartei"  gegen  das  Deutsche  Reich
im  Herzen  trägt.  Die  Aussicht  auf  einen  endlichen  Sieg
des  deutschen  Socialismus  ist  dadurch  in  weite  Ferne  gerückt
worden.  Die  bald  zugestandene,  bald  auch  in  Abreve  gestellte
„Reichsfeindlichkeit"  hat  darin  ihre  Ursache,  daß  beim  Wieder»
aufbau  des  Teutschen  Reichs  die  Social-Temokratie  keine
Gelegenheit  fand,  ihre  socialistischen  Principien  dem  Neubau
zur  Basis  zu  geben,  und  weil  dem  neuen  Staatsgebäude
eine  solche  Macht  inne  wohnt,  daß  die  Errichtung  des  socialistischen ­
  „Volksstaats",  wenn  je  ein  solcher,  was  wir  bestreiten,
nur  irgendwelche  Aussicht  haben  sollte,  in  weite,  ferne  Zukunft
gerückt  erscheinen  muß,  was  freilich  nicht  ausschließt,  daß  die
Ungeduld  und  Verblendung  der  socialistischen  Führer  über
kurz  oder  lang  einen  Versuch  wagen  können.  Gewiß  nicht
Zufällig  ergriff  gerade  bei  Berathung  des  Militärgesetzes  am
20.  April  1874  das  socialistische  Reichstagsmitglied  Julius
Molteler  die  Gelegenheit,  die  „Reichsfeindlichkeit"  der  Social-Temokratie
  dahin  zu  definiren:  „Wir  sind  Gegner  des
„Reichs,  insofern  das  Reich  bestimmte  Einrichtungen  repräsentirt,
„unter  denen  wir  uns  gedrückt  fühlen,  unter  denen  wir  leiden;
„wir  sind  aber  nicht  Gegner  des  Reichs  als  eines  solchen,
„als  eines  nationalen,  als  eines  staatlichen  Ganzen,  sondern
„wir  sind  Gegner  jener  Einrichtungen  im  Reich,  die  uns  am
„meisten  beschweren,  die  uns  am  gewaltigsten  drücken.  Nun,
„meine  Herren,  eine  solche  Jnstitulion  ist  obenan  der  Milita-
        <pb n="41" />
        2lì  II-  Das  Deutsche  Reich  u.  die  Social-Demokratie.

rismus."  (Volksstaat  1874,  49.)  Motteler  hätte  sich  kürzer
fassen  und  einfach  sagen  können,  wir  sind  Gegner  des  Reichs,
weil  es  kein  socialistischer  „Volksstaat"  ist,  und  weil  seine
Macht  die  Aussicht  zur  Gründung  eines  solchen  auch  auf
lange  Zeit  hinaus  benimmt.  Die  Bekämpfung  einzelner
Einrichtungen  begründet  allerdings  noch  nicht  den  Vorwurf
der  „Reichsfeindlichkeit."  Dann  wären  alle  Reichsbürger
auch  Reichsfeinde;  denn  wir  kennen  keinen,  der  i,icht  mehr
oder  weniger  zu  irgend  einer  Einrichtung  des  Reichs  in
Opposition  stünde.  Diese  Opposition  tastet  den  Bestand  des
Reiches  selbst  nicht  an;  sondern  will  nur  eine  Weiterentwickelung ­
  desselben  durch  Besserung  seiner  Institutionen  bewirken. ­
  Wir  erklären  es  für  eine  politische  Heuchelei,  wenn
die  Social-Demokratie  ihre  „Reichsfeindlichkeit"  auf  diese
Weise  zu  definire»  und  zu  begründen  sich  bemüht.  Richt
eine  Weiterentwickelung  seiner  Institutionen  innerhalb  des
gezogenen  Rahmens  liegt  im  Interesse  der  Social-Demokratie,
sondern  die  Vernichtung  desselben,  um  aus  seinen  Trümmern
den  socialistischen  „Volksstaat"  erstehen  zll  lassen.  Oder  sind
etwa  nur  einzelne  Einrichtungen  und  nicht  das  Reich  selbst
gemeint,  wenn  die  Social-Demokratie  für  dasselbe,  so  oft
sie  in  ihren  Blättern  von  demselben  redet,  nur  Hohn  und
Spott  hat?  Wenn  bei  ihr  „das  Reich  der  Gottesfurcht  und
frommen  Sitte"»)  der  stereotype  hämische  Ausdruck  ist?
Wenn  sie  das  in  der  Brust  eines  jeden  guten  Deutschen
endlich  erwachte  Selbstgefühl  und  die  Freude  an  der  Ruhmesund
  Ehrengeschichte  des  theuren  deutschen  Vaterlandes  durchweg ­
  als  „Procentpatriotismus"»»)  und  die  Männer,  welche
aus  Vaterlandsliebe  Gut  lind  Blut  geopfert  haben,  und

*)  Bolksstaat  1871:  72;  1872:  11,  16,  48,  50  u.  v.  a.
'*)  Bolksstaat  1871:  74,  79;  1875:  18  u.  v.  a.
        <pb n="42" />
        Reichsfeindlichkeit.

27

diejenigen,  welche  die  gefallenen  Opfer  hoch  in  Ehren  halten,
der  durch  sie  erkauften  Siege  sich  freuen  und  die  Vaterlandsliebe ­
  als  erste  Bürgertugend  gelten  lasten,  als  „Mords-Patrioten"
  *)  höhnt?  Wir  fragen,  sind  nur  einzelne  Einrichtungen ­
  gemeint,  oder  gilt  es  dem  Deutschen  Reich  als
solchem,  wenn  der  „Volksstaat"  (187%,  36)  seiner  Hoffnung,
ev  würde  mit  dem  Deutschen  Reich  nicht  lange  dauern,  in
den  frivolen  Worten  einen  Ausdruck  gibt:  „Fiducit,  Ihr
«Herren!  Die  Internationale  hat  das  Französische  Empire
«überlebt;  fie  wird  auch  der  Preußischen  Kopie  die  verdiente
«Grabschriftschreiben."  Die  Social-Temokratie  kann  sich  mit
dem,  wenn  auch  noch  so  gut  verfaßten,  Deutschen  Reich,
nimmermehr  befreunden;  denn  „Lafsalle's  Staat  der  Zukunft
«und  das  gegenwärtige  Teutsche  Reich  sind  himmelweit  ver-«schiedene
  Dinge."  (N.  Soc.-Demokrat  1871,  59.)  Das
Teutsche  Reich  kann  wohl  die  Social-Demokratie  toleriren;
kie  Social-Demokratie  kennt  aber  keine  Toleranz  gegen  das
Teutsche  Reich.  Diese  kurzen  Fingerzeige  lasten  wohl  schon
Zur  Genüge  erkennen,  wie  es  mit  der  socialistischen  „Reichsfeindlichkeit"
  als  einer  Bekämpfung  einzelner  Einrichtungen
estriben,  unter  denen  die  Social-Demokraten  zu  leiden  glauben,
gemeint  ist;  und  im  Nachfolgenden  werden  wir  in  einzelnen
o  límente»  das  aller  Vaterlandsliebe  Hohn  sprechende  Geuhien
  der  deutschen  Social-Demokraten  gegenüber  dem
eutschen  Reich  nach  den  einzelnen  Seiten  hin  noch  näher
darlegen.
ist  wahrlich  keine  erquickliche  Arbeit,  die  Zeugnisse
der  „Reichsseindlichkeit"  der  deutschen  Social-Temokratie  zu
sammeln.  Angesichts  der  Beschimpfungen  und  Schmähungen
unseres  Volks  durch  Social-Demokraten,  die  seinen  Namen

*)  Bolksstaat  1871:  57,  58  u  v.  a.
        <pb n="43" />
        28  II.  Tas  Deutsche  Reich  u.  die  Social-Demokratie.
tragen  und  seine  Sprache  reden,  tritt  einem,  sein  Volk  und
sein  Vaterland  liebenden  Deutschen,  die  Schaniröthe  in's
Angesicht.  Wir  kennen  keinen  Fall  ähnlicher,  schmählicher
Herabwürdigung,  die  ein  Volk  durch  einen  Theil  seiner  eigenen
Volksgenossen,  die  Mutter  durch  ihre  eigenen  Kinder  erfährt.
Der  französische  Socialist  steht  in  dieser  Beziehung  weit  über
dem  deutschen  Social-Demokratcn.  Nur  die  erfahrene  Enttänschnng
  in  der  verdienten  Niederlage  der  Gesinnungsgenosien
in  der  Pariser  Kommune  unter  mittelbarer  Assistenz  der
deutschen  bewaffneten  Macht,  sowie  der  für  eine  Verwirklichung
der  socialistischen  Ideen  hoffnungslose  Ausblick  in  die  nächste
Zukunft  machen  es  einigermaßen  erklärlich,  daß  sich  im  Lager
der  deutschen  Social-Deinokratie  so  viel  Gift  und  Galle  anqesamnielt
  hat,  welche  bei  jeder  Gelegenheit  über  den  deutschen
Namen  ansgegossen  werden.  Hervorragend  sind  hierin  ganz
besonders  die  Leistlingen  des  „Volksstaat",  der  fast  ausschließlich ­
  von  der  „Preußenfeindlichkeit"  lebt.  Wollte  man
alle  seine  Artikel,  die  Feindschaft  wider  Preußeli  und  dessen
verdienstvolle  Staatsmänner  athmen,  —  denn  in  Preußen,
dem  hervorragendsten  Bnndesglied  bekämpft  besonders  die
Eisenacher  Fraction  das  Deutsche  Reich  —  mit  Druckerschwärze
überziehen,  dann  würde  dieses  Blatt  das  Aussehen  eines
Leichentuchs  erhalten,  das  nur  von  wenigen  weißen  Streifen
durchzogen  ist.
Noch  während  die  deutschen  Heere  in  Feindesland  sich
befanden,  begann  die  antideutsche  Politik  der  Social-Demokratie
  offen  hervorzutreten.  Bekannt  ist  die  Lötzener  Affaire,
die  wegen  Vergehen  gegen  die  öffentliche  Ordnung  zuni
Braunschweiger  Prozeß  wider  den  Ausschuß  der  „socialdemokratischen ­
  Arbeiterpartei"  geführt  hat.*)  Nach  der

: )  Bolksstaat  1871:  96  ff.
        <pb n="44" />
        Deutsch-französischer  Mrieg.  29
Schlacht  bei  Sedan  erließ  der  damals  in  Braunschweig
domicilirte  Ausschuß  jener  Partei  ein  Manifest  (5.  Septbr.),
um  Telnonstrationen  der  Arbeiterwelt  gegen  eine  Fortsetzung
bes  Kriegs  hervorzurufen.  Durch  Jnterniruug  aus  der
Festung  Lützen  mußte  dem  antideutschen  Treiben  jenes  Ausschusses ­
  ein  Halt  gesetzt  werden.  Nicht  Humanitätstücksichten,
welche  die  von  dem  Kriege  geforderten  Opfer  beschränken
wollten,  hatten  das  Manifest  dictirt,  sondern  die  Sympathie
mit  dem  republilanischen  Frankreich,  das  aln  4.  September
an  die  Stelle  des  kaiserlichen  getreten  war.
Als  der  Krieg  beendigt  war,  und  das  deutsche  Volk  der
herrlichen  Siege  und  der  glorreichen  Heldenthaten  seiner
Söhne  sich  freute,  bemühte  sich  der  „Volksstaat",  diese  wohlberechtigte ­
  Freude  möglichst  zu  dämpfen  durch  die  Veröffentlichung ­
  einer  langen  Reihe  wahrscheinlich  von  Karl  Marx
verfaßter  Artikel:*)  „Zur  Erinnerung  für  die  deutschen
Mordspatrioten,"  welche  dem  deutschen  Volt  die  Geschichte  der
Niederlagen  aus  den  Jahren  1806—1807  mit  schwarzen
Farben  vor  die  Augen  malten.  An  sich  läßt  sich  gegen
eine  einfache  Mahnung,  in  den  Tagen  des  Glücks  auch  der
vergangenen  Tage  des  Unglücks  eingedenk  zu  bleiben,  gewiß
nichts  sagen.  Aber  daß  es  bei  dieser  Veröffentlichung  auf
eine  Demüthigung  der  Deutschen  und  auf  eine  Verherrlichung
der  Franzosen  abgesehen  war,  beweisen  die  Schlußworte  des
letzten  Artikels  (76),  welche  lauten:
„Stellt  man  einen  Vergleich  zwischen  dem  hier  Erzählten
„und  den  Ereignissen  des  letzten  deutsch-französischen  Krieges
„an,  so  kann  man  sich  leicht  sagen,  ob  überhaupt  das  Ge-„schwätz
  von  den  „noch  nie  dagewesenen  Leistungen"  der
„beutschen  Armee  auch  nur  einen  Schein  von  Berechtigung
*)  Volksstaat  1871:  57-59,  61,  62,  66-76
        <pb n="45" />
        30  H.  Das  Deutsche  Reich  n.  die  Social-Demokratie.
„hat.  Jni  Eröffnungskampfe  wurde  damals  die  preußische
„Armee  weggewischt  —  etwa  150,000  durch  etwa  200,000
„Mann  wie  jetzt  die  französische  —  etwa  350,000  Mann  durch
„500,000.  Die  preußischen  Festungen  fielen  damals  fast
„alle  in  schmählicher  Weise,  nicht  so  jetzt  die  französischen.
„Die  Franzosen  führten  einen  Volkskampf  auch  nach  dem
„Untergang  des  Hauptbestandtheils  des  stehenden  Heeres
„fort,  nicht  so  damals  die  Preußen.  Die  Preußen  lehnten
„sich  damals  an  die  Russen  an,  wie  auch  neuerdings  die
„Deutschen  thaten  —  die  Franzosen  mußten  den  letzten
„Kampf  allein  ausfechten.  Die  Preußen  hatten  damals
„unsägliche  Mühe,  die  Kriegskontribution  aufzutreiben,  von
„den  Franzosen  erwartet  man,  daß  sie  die  Milliarden  aus
„dem  Aermel  schütteln  sollen.  Die  Kontributionen  verhalten
„sich  zu  einander  wie  1'/,:  50  oder  etwa  1:  34.  Wirft
»man  Napoleon  I.  vor,  die  Preußen  int  Tilsiter  Frieden  zu
„dumm  und  schlecht  behandelt  zu  haben,  so  darf  wohl  gefragt
„werden,  um  wie  viel  gescheuter  die  Franzosen  von  Wilhelni
„und  seinem  Bismarck  im  Versailler  Frieden  behandelt
„worden  sind.

„Wenn,  was  wir  in  diesen  Blättern  geschrieben,  der
„grassirenden,  einfältigen  Ueberhebung  steuert,  so  haben  wir
„unseren  Zweck  erreicht.  Als  Hauptsache  haben  wir  nur
„Altes  besungen.  Daß  die  Masie  am  liebsten  der  billigen
„Ableierung  der  neuesten  Begebenheiten  zuhorcht,  ist  eine
„alte  bekannte  Geschichte."
Die  Tendenz  der  Artikel:  „Zur  Erinnerung  für  die
deutschen  Mordspatrioten"  verräth  sich  in  diesen  Schlußsätzen ­
  nur  allzu  deutlich.  Der  Verfaffer  kann  sich  nicht
mit  freuen,  und  darum  muß  er  versuchen,  eine  Dissonanz
        <pb n="46" />
        Siegestaumkl.

31

zu  erzeugen,  und  die  „noch  nie  dagewesenen  Leistungen"
der  deutschen  Heere  als  ein  „Geschwätz"  hinzustellen.
Durch  alle  Jahrgänge  des  „Polksstaat"  zieht  sich  bis
ans  den  heutigen  Tag  das  Streben  hindurch,  die  deutsche
Waffenehre  möglichst  zu  schmälern.  So  frohlockt  derselbe
(1872,  58):
„Dem  Siegestaumel  ist  ein  Eimer  kalten  Wassers
„über  den  Kopf  gegosten  worden  und  —  was  das  amüsanteste, ­
  —  von  einer  Seite,  von  der  man  am  allerwenigsten
„es  erwartet  hätte,  nämlich  durch  den  Großen  Preußischen
„Generalstab,  der  doch  am  besten  weiß,  wie  die  „Siege"
„zu  Stande  gekommen  sind.  Aus  beni  soeben  veröffentlichten
„Werk  besagten  Generalstabs  ersehen  wir  zwei  Thatsachen,
»die  auch  mit  dürren  Worten  ausgesprochen  sind,  1.,  daß
„Preußen  schon  1869  zum  Krieg  mit  Frankreich  vorbereitet
"war,  und  2.,  daß  Frankreich  bei  Ausbruch  des  „heiligen
„Kriegs"  nicht  zum  Krieg  mit  Preußen  vorbereitet  war.
„Eine  vorbereitete,  numerisch  stärkere  Armee  hat  also  eine
„unvorbereitete,  numerisch  schwächere  Armee  geschlagen,  —
"Ein  Kunststück,  zu  desien  Vollbringung  weder  besondere
„„Genialität"  noch  Tapferkeit  gehört,  und  das  wahrhaftig
„nicht  zu  be»  paukbackigen  Ruhmesfanfaren  der
ismarck'sche  n  Grrrrroß  -  Nationaltr  ompeter
„berechtigt."
Der  Bazaine'sche  Prozeß  bietet  dem  „Bolksstaat"  die
erwünschte  Gelegenheit,  sich  ganz  auf  die  Seite  der  Franzosen
zu  stellen  und  in  deren  Litanei  von  „Verrath"  mit  einzustimmen, ­
  um  für  die  Unfähigkeit  der  deutschen  Heerführer
einen  Beweis  sich  zu  fabriciren.  Man  glandi  kein  deutsches,
sondern  ein  französisches  Blatt  in  der  Hand  zu  haben,  wenn
wan  liest  (1874,  49):
„Zuvörderst  ist  für  das  lesende  Publikum  der  Erde
        <pb n="47" />
        32  H.  Das  Deutsche  Reich  u.  die  SociallDemokratie
„unwiderleglich  festgestellt  worden,  daß  Metz  und  die  Ba-„zaine'sche
  Armee  nicht  durch  die  Waffen  der  Deutschen
„genommen  wurden,  sondern  durch  ganz  plumpe,  politische
„Intrigue,  wie  sie  eben  einem  Bazaine  und  seinen  soulou-„quischcn
  Generälen  gegenüber  zureicht."
Oder  drei  Nummern  später  (52):
„Aber  sämmtliche  Oberbonzen  des  bewaffneten  deutschen
„Muckerthunls  —  die  Armee  nämlich  —  sollen  cs  weder
„durch  Reden  noch  durch  Schweigen  wagen,  uns  den  Beweis
„aufhängen  zu  wollen,  daß  die  Sedan-  und  Metz-Armee
„abgefangen  werden  mußten  —  daß  es  gar  nicht  anders
„kommen  konnte.  Dreimalhunderttausend  der  besten  französischen ­
  Soldaten  —  konnten  500,000  Deutsche
„—  und  mehr  hätte  man  ihnen  nie  im  freien  Felde  gegen-„übcr
  stellen  können  —  zu  solchen  Tänzen  zwingen,  daß
„an  die  verrückte  Belagerung  von  Paris  gar  nicht  zu  denken
„war."  (vergl.  1873,  101).
Männer  wie  Moltkc,  dessen  Name  der  gefeiertste  der
deutschen  Heerführer  ist,  und  der  nebst  vielen  anderen  fürewige
  Zeiten  auf  den  Dank  der  deutschen  Nation  einen  gerechten ­
  Anspruch  hat,  muß  sich  vom  „Bolksstaat"  (1874,  35)
also  tractiren  lassen:
„Der  heilige  Moltke,  ob  er  dicke  Bände  schreibt,  wie
„er  gethan,  oder  noch  „dickere  Bände  schweigt"  wie  ihm
„angedichtet  wird,  Moltke,  dessen  Werth  in  der  Schnelligkeit
„der  Abschlachtnng,  Quantität  und  Qualität  der  Abgeschlach-„teten
  zu  suchen,  der  „heilige  Moltke",  die  9-Ccntimeter-„Kanone
  auf  den  Schädel  geschnallt,  das  Mausergewehr  quer
„im  Munde,  die  Shrapnelzündcr  in  den  Nasenlöchern,  das
„„kräftige"  Sabrebajonette  und  die  „elegante"  Uhlanenlanze
„in  der  einen,  den  aus  Beutegeldern  gefüllten  Dotationssäckel
        <pb n="48" />
        Siegestaumel.

33

„in  der  anderen  Hand,  dieser  „heilige"  Moltke  ist  die
„schnurrige  Aufklärungssigur  des  19.  Jahrhunderts."
Nicht  besier  ergeht  es  dem  besonders  im  Süden  hochgefeierten ­
  General  von  Werder,  über  welchen  der
„Volksstaat"  (1874,  46)  schreibt:
„Unter  den  vielen  Helden,  die  der  „heilige  Krieg"  zu
„Tage  gefördert,  nimmt  in  der  nationalen  Geschichtslegende
«einen  der  obersten  Plätze  —  wohl  den  obersten  nach  Moltke,
„dem  verunglückten  „Schweiger",  —  der  preußische  General
„von  Werder  ein.  .  .  .  Ueber  den  Thaten  des  Herrn  von
„Werder  vor  und  in  Straßburg  liegt  kein  Schleier;  die
„Wahrheit  ist  in  den  wesentlichen  Punkten  festgestellt,  und  sie
„spricht  nicht  für  die  militärischen  Talente  des  Herrn  Generals,
„wohl  aber  auf's  Entschiedenste  gegen  seine  Menschlichkeit.
Wir  können  nicht  umhin,  die  allerdings  hochkcyerische
„Meinung  auszusprechen,  daß  jeder  Mensch,  der  nicht  geradezu
..Idiot  ist,  binnen  sechs  Monaten  zu  ähnlichen  Leistungen
„abgerichtet  werden  könnte."
Geuug  der  Beispiele,  wie  der  „Volksstaat"  die  Männer
behandelt,  welche  jeder  sein  Vaterland  liebender  Deutsche  mit
Stolz  und  mit  der  größten  Hochachtung  nennt,  Männer,
bie  um  das  Vaterland  sich  die  höchsten  Verdienste  erworben,
die  das  Deutsche  Reich  aus  feindlichem  Boden  uns  wieder
erkämpft  haben,  die  gerade  deshalb,  wegen  ihres  hervorragenden
Antheils  an  der  nationalen  Wiedergeburt  des  deutschen  Volkes
den  giftigen  Pfeilen  und  höhnenden  Schmähungen  der  „Reichsseinde"
  ausgesetzt  sind.
Wo  der  „Volksstaat"  nur  etwas  aufgreifen  kann,  das
'hm  zur  Verherrlichung  der  Frclnzosen  auf  Kosten  der  Deutschen
brauchbar  erscheint,  beutet  er  cs  zum  Nachtheil  der  Deutschen
reichlich  aus.  Ein  einfacher  französischer  Brief  an  einen  in
die  Heimath  zurückgekehrten  verwundeten  deutschen  Soldaten
Schuster,  Die  Social-Demokratie.  3
        <pb n="49" />
        34  I  Das  Deutsche  Reich  u.  die  Social-Drmokraiie.
genügt  ihm,  um  gegenüber  den  Mittheilungen  des  Preuß.
Kriegsministers  allgemein  zu  behaupten,  die  Deutschen  haben
von  den  Franzosen  „eine  äußerst  humane,  ja  häufig  geradezu
„herzliche  und  liebenswürdige  Behandlung"  erfahren,  während
die  Deutschen  sich  durch  Mißhandlung  der  französischen  Gefangenen ­
  ausgezeichnet  haben.  (1872:  4,5,9.)  Erschreckt
selbst  vor  den  gröbsten  Insulten  des  deutschen  Heeres  nicht
zurück,  und  behandelt  mit  Vorliebe  das  Kapitel  der  Plünderungen, ­
  deren  die  deutschen  Soldaten  von  den  Franzosen
öfters  angeklagt  werden.  (1871:  60,  91;  1872:  19,  97.)
Bei  Gelegenheit  der  Bestrafung  zweier  bayerischer  Offiziere
wegen  Aneignung  eines  Hundes  bei  Sedan,  macht  sich  der
„Volksstaat"  (1873,  35)  folgender  öffentlichen  Beschimpfung
des  ganzen  deutschen  Heeres,  das  in  Frankreich  sür's  Vaterland ­
  gekämpft  hat,  schuldig.  Er  schreibt:
„Wenn  alle  militärischen  Plünderer  und  Demolirer  so
„zur  Berantwortung  gezogen  würden,  dann  würde  sich  auch
„bald  herausstellen,  wie  es  kam,  daß  während  des  Kriegs
„so  wenig  Eigknthumsverbrechen  in  Deutschland  verübt
„worden  sind.  Die  Thäter  waren  dermalen  in  Frank-„reich
  und  haben  dort  ihr  Operationsfeld  gefunden.  Alle
„Gefängnisse  Deutschlands  zusammen  würden  nicht  ausreichen,
„wenn  nur  der  zehnte  Theil  der  von  deutschen  Militärs  in
„Frankreich  verübten  Eigenthumsverbrechen  gerichtlich  verfolgt
„und  geahndet  werden  sollte.  Es  brauchten  blos  einmal
„ein  paar  hundert  so  bestimnit  lautende  Strafanträge,
„wie  der  Sedaner  war  —  eingereicht  zu  werden,  und  dem
„furor  teutonicus  wäre  ein  Exempel  statuirt,  an  das  ganze
„Generationen  zu  denken  haben  würden."
Eine  solche  gemeine  Beschimpfung  der  deutschen  Soldaten
—  die  der  „Volksstaat"  anderwärts  (1873,  71)  „zweibeinige ­
  Thiere"  nennt,  „welche  Uniform  tragen,  (denn
        <pb n="50" />
        Plünderungen.  ñriegSursache.

35

»Mens  ch  en  kennt  der  Militärstaat  nicht)",  —  ist  doch  nur
möglich  bei  einer  keine  Grenzen  kennenden  Erbitterung  gegen
das  durch  sie  zu  Stande  gekommene  Werk,  gegen  das
Deutsche  Reich.  An  obige  Injurien  reiht  stch  die  Verhöhnung ­
  des  höchsten  militärischen  Ehrenzeichens,  des  „eisernen
Kreuzes",  würdig  an,  desien  materiellen  Werth  der
..Volksstaat"  (187k,  103)  auf  7  Groschen  3  Pfennige
tapiri.  Ein  wegen  des  eisernen  Kreuzes  entstandener  Streit,
bet  zu  schweren  Thätlichkeiten,  die  den  Tod  des  Dekorirten
Zur  Folge  hatten,  führte,  gibt  dem  „Volksstaat"  (1871,  63)
willkommene  Veranlassung,  zu  schreiben:
..Die  Moral  der  Geschichte  ist:  seid  vorsichtig,  Ihr  mit
»Ruhm  und  dem  eisernen  Kreuz  Beladenen!  Und  wenn
..Ihr  ganz  sicher  sein  wollt,  so  ahmt  die  unter  sächsischen
..Soldaten  aufkommende  Sitte  nach,  und  tragt  das  gefähr-"liche
  Ding  in  der  Hosentasche."
Die  Ursachen  des  Kriegs  sucht  der  „Volksstaat"  natürlich
  ausschließlich  auf  Seiten  Bismarcks.  „Der  Krieg  wurde
nothwendig  durch  die  Eroberungspolitik  Bismarcks"(1871,84).
"Bismarck  hat  den  Krieg  mit  langer  Hand  vorbereitet;  die
"spanische  Thronkandidatur  spielte  er  in  dem  Moment  aus,
«in  welchem  ihm  der  Erfolg  am  sichersten  schien."  (1873,  74).
Ķurz,  bei  jeder  Gelegenheit  ergreift  der  „Volksstaat"  offene
Partei  für  Frankreich,  und  kein  Franzose  kann  fanatischer
gegen  Deutschland  gesinnt  sein,  als  es  der  deutsche  in  Leipzig
erscheinende  „Volksstaat"  ist.
Die  jedes  deutsche  Gemüth  im  tiefsten  Grund  verletzende
Stellung,  welche  das  „Organ  der  social-deniokratischen  Arbeiter-Partei"
  zu  den  Kriegsereignisien  und  zu  ihren  für  das
Deutsche  Vaterland  so  ersprießlichen  Wirkungen  einnimmt.
W  ihren  guten  Grund.  Eine  Gefahr  des  Vaterlandes
erkennt  der  „Volksstaat"  nicht  an,  ihm  ist  der  Krieg  ein
3*
        <pb n="51" />
        30  II.  Das  Deutsche  Reich  u.  die  Social-Deuiokratie.
„Duell  zwischen  dein  deutschen  und  französischen  Cäsarismus"
(1872,  69).  Das  treibende  Element  in  diesem  ganzen
Kriege  bildet  ihm  aber  „der  sociale  Gegensatz."  Für
ihn  war  der  Krieg  seinem  innersten  Princip  nach  „der
„Kam  pf  der  Revolution  mit  der  Reaktion."  „Diese
„Wahrheit,  schreibt  er  (1871,  81),  birgt  in  ihren  Falten
„die  ganze  Geschichte  des  Kriegs,  seinen  Grund,  seinen
„Ausbruch,  seine  Entwickelung  und  sein  Ende,  wenn  sie
„auch  erst  nach  diesem  Ende  in  nackter,  unverhüllter  Gestalt
„auch  dem  blödesten  Auge  sichtbar,  in  der  unsterblichen  That
„der  Kommune  von  Paris  zu  Tage  tritt."
Diese  Sätze  sagen  und  erklären  uns  Alles.  Sie  erklären
den  bitteren  Grimm  der  Social-Demokratie  über  den  für
Deutschland  so  ruhmvollen  Ausgang  des  Kriegs,  die  Schmähungen ­
  der  eigenen  Bolksgenossen,  und  die  offene  Parteinahule
für  den  Erbfeind  unseres  Baterlandes.  Sie  erklären,  warum
die  Social-Demokratie  alljährlich,  so  oft  das  deutsche  Volk
sich  anschickt,  seinen  nationalen  Gedenktag  zu  begehen,  am
2.  Septenlber,  auf's  Reue  ihre  Zornesschale  über  die  deutschen
Patrioten  ansgießt,  und  von  einem  „scheußlichen  Gebühren"
(Bolksst.  1873,  73)  redet,  und  von  dem  „Geschlecht  der  Schweifwedelci"
  spricht,  das  „in  fieberhafter  Aufregung"  sei,  und
„sich  zu  den  extravagantesten  Kaudal-Leistungen  aufzuschwingen
„versuche"  (1872,  59.)  Tie  Social-Demokratie  sah  in  dem
Krieg  zwischen  zwei  mächtigen  Rationen  die  socialen  Gegensätze ­
  im  Kampf,  die  Revolution  mit  der  Reaktion  ringen,
fie  betrauert  in  den  deutschen  Siegen  die  Niederlage  des
revolutionären  Princips,  somit  ihre  eigene  Niederlage,  die
allerdings  in  dem  Fall  der  Pariser  Kommune  auch  thatsächlich ­
  zur  Wahrheit  geworden  ist.  Sie  betrauert  ihre  eigene
Niederlage  auch  auf  deutschem  Boden,  denken  wir  an  das
bekannte  Braunschweiger  Manifest  vom  5.  September,  das
        <pb n="52" />
        Teutscher  Reichstag.

37

wirkungslos  gemacht  wurde,  und  wer  weiß  was  für  Hintergedanken ­
  hinter  diesem  Appell  an  die  deutschen  Arbeiter  gestanden ­
  haben.  Darum  zerreißt  der  deutsche  Siegesjubel  ihr
das  Herz  lmb  macht  ihren  Mund  ron  Gist  und  Galle  überfließen. ­

Wir  haben  bis  dahin  das  Verhalten  der  Social-Temokratie
  zu  den  Vorgängen  geprüft,  welche  die  Wiedergeburt
des  Deutschen  Reichs  herbeigeführt  haben.  Es  ist  selbstverständlich, ­
  daß  das  Werk,  das  fie  geschaffen,  und  besten
hervorragende  Vertreter  keine  rücksichtsvollere  Behandlung
erwarten  können.  Bebel  beschuldigt  das  Reich,  sich  eine
Reichövcrfassung  gegeben  zu  haben,  „wie  sie  reaktionärer  gar
„nicht  gedacht  werden  kann"  (1871,  92.)  Ueber  den  Reichstag, ­
  der  ihm  nur  als  eine  „Jasagemaschine"  gilt,  ist  der
„Volksstaat"  voller  Hohn.  Eine  Zeitungsnotiz  über  Bismarck's ­
  Hund  veranlaßt  ihn  zu  folgender  Schmähung:
„Die  Herren  Nationalliberalen  könnten  ja  den  genialen
„Hund  des  genialen  Bismarck  zum  Ehrenmitglied  des  Neichs-„tags
  ernennen,  denn  „Hunde  find  wir  ja  doch,  sagte  der
„Affenpinscher  Bamberger  —  und  auf  einen  mehr  oder
„weniger  kommt's  nicht  an.  Oder,  was  vielleicht  noch  bester
„wäre,  sie  könnten  den  mit  so  „hoher  Intelligenz  beseelten
„Vierfüßler  von  dein  Vicepapst  Schulte  heilig  sprechen,  chm
„in  dem  Reichstagsgebäude  eine  Kapelle  errichten  lasten,  und
„jedesmal,  ehe  sie  in  die  Sitzung  gehen,  ihre  Andacht  vor
„dem  neuen  Heiligen  verrichten,  damit  er  ihnen  seinen  hün-„dischen
  Segen  gebe  zu  der,  selbst  dem  redlichsten  Pudel  und
„Hühnerhund  unter  Umständen  lästigen  Arbeit  des  „Appor-„tirens."
  Die  römischen  Senatoren  haben  einst  dem  Pferd
..Caligula's  einen  Tempel  errichtet  und  ihm  göttliche  Ehren
„erzeigt.  Was  aber  dem  Pferde  Caligula's  recht  war,  ist
„bem  Hunde  Bismarck's  billig."  (Volksstaat  1874,  26.)
        <pb n="53" />
        38  H.  Das  Deutsche  Reich  u.  die  Social-Demokratie.
Selbst  die  erhabene  Person  des  Deutschen  Kaisers,  dem
die  Herzen  des  deutschen  Volkes  in  warmer  Liebe  entgegenschlagen,
  den  der  „Volksstaat"  daher  den  „Nationalgott"
(1872,  53)  nennt,  bleibt  nicht  unangetastet.  Als  es  sich
um  den  Einschluß  des  Kaisers  in  das  Sonntagsgebet  in  den
Kirchen  des  Königreichs  Sachsen  handelte,  schrieb  der  „Volksstaat"
  (1871,  80):
„Wir  schlagen  als  Muster  das  nachfolgende  Kirchengebet
„vor,  welches  der  Württembergische  Prälat  Osiander  zu  Ende
„des  17.  Jahrhunderts  zu  halten  pflegte  (?):  „Lieber
„himmlischer  Vater!  Unser  theuerster  Landesvater  (müßte
„natürlich  in  Kaiser  umgewandelt  werden)  ist  auch  ein  Mensch
„wie  wir,  und  könnte  es  daher  manchmal  vergcsien;  uns
„aber  ist  sehr  daran  gelegen,  daß  er  cs  nie  vergeste,  darum
„erinnere  ihn  durch  Deinen  heiligen  Geist  oft  an  Tod  und
„Sterben.  Sag'  ihm  oft  selbst,  daß  es  ihm  zuletzt  um
„kein  Haar  besser  gehe  als  uns,  seinen  Unter-„thanen,
  und  daß  an  seinem  Schädel  einmal
„eben  so  viel  Insekten  nagen  werden,  als  an
„dem  uns  rigen.  Sag'  ihm  aber  auch,  daß  er,  wenn  er
„gleich  alsdann  nicht  mehr  Fürst  sein  wird,  dennoch  fortleben
„und  den  Lohn  empfangen  werde,  dessen  seine
„Fürstenthaten  werth  sind.  So  wird  er  über  uns
„gewiß  weise  und  gütig  regieren,  uns  hören,  wenn  wir  leiden,
„uns  nicht  mit  unerschwinglichen  Abgaben
„drücken,  und  unsere  Söhne  nicht  ohne  Noth
„auf's  Schlachtfeld  führen,  sondern  uns  überall  so
„behandeln,  wie  Du  lieber  himmlischer  Vater  willst,  daß  er
„uns  behandeln  soll.  Wir  möchten  gar  zu  gern,  daß  wir
„ihn  nicht  blos  hier,  und  zwar  aus  Furcht  nur,  ehren
„müßten,  sondern  daß  wir  ihn  auch  dort  noch  einmal  aus
„freiem  Herzenstrieb  ehren  und  lieben  könnten,  wo  er  uns
        <pb n="54" />
        Deutscher  Kaiser.

39

„nichts  zu  befehlen  haben  wird.  Darum  erhöre  uns
„um  Deiner  Liebe  Willen.  Amen."
In  diesem  Gebetsvorschlag  spiegelt  sich  der  ganze  und
volle  Revolutionär,  der  mehr  zwischen  den  Zeilen  lesen  läßt,
als  offen  ausspricht,  wie  nur  die  Gewalt  ihn  in  den  Schranken
der  Ordnung  hält  und  an  offener  Empörung  hindert.
Es  sträubt  sich  uns  freilich  die  Feder  gegen  die  Mittheilung
solcher  Auslasiungen;  aber  sie  sind  zur  Bervollständigung
unseres  Bildes  nothwendig,  und  darum  entschließen  wir  uns,
auch  noch  aus  „Boltsstaat"  1873,  27  ein  Gedicht  zu  citiren,
das  dem  Volksstaats  -  Redakteur  bei  einem  Bericht  über
die  Geburtstagsfeier  des  Kaisers  „durch  den  Kopf  summt.
Es  lautet:
„Schlaf'  mein  Kind,  schlaf  leis',
„Da  draußen  geht  der  Preuß',
„Deinen  Bruder  hat  er  umgebracht,
„Deine  Schwester  hat  er  zur  Hur'  gemacht,
„Deinen  Vater  trieb  er  in's  fremde  Land,
„Das  Haus  hat  er  uns  niedergebrannt,
„Schlaf,  mein  Kind,  schlaf  leis',
„Da  draußen  geht  der  Preuß'."
Und  dieses  Schandgedicht,  das  sich  auf  die  48er  badische
Revolution  bezieht,  begleitet  der  „Volksstaat"  mit  der  Anmerkung: ­
  „Der  „Preuß'"  dieses  Wiegenliedchens  stand  unter
„dem  Oberbefehl  des  Prinzen  von  Preußen,  des  heutigen
„Kaisers  von  Deutschland!  Es  hat  sich  Alles  so  herrlich
„erfüllt!"  Das  war  doch  selbst  Parteigenosieu  zu  viel.  Sie
protestirten  gegen  eine  solche  tendenziöse  schandbare  Reimerei.
Aber  der  „Volksstaat"  hatte  in  seiner  folgenden  Nummer
keine  andere  Antwort  als:  „Zartfühlenden  Seelen  mißfiel
„die  Poesie  des  „Volksstaat"  ron  letzter  Nummer.  Wir
„können  den  Leuten  nicht  helfen.  Nicht  wir  sind  an  dem
        <pb n="55" />
        40  II  Das  Deulsche  Reich  u.  die  Social-Demokraiic
„Preuß'-Gedicht"  schuld,  sondern  Diejenigen,  denen  der  In-„halt
  desselben  zur  Last  fällt."
Es  gibt  für  den  „Voltsstaat"  nichts  Erhabenes  und
nichts  Heiliges,  das  vor  seinen  giftigen  Berunglimpfungen
sicher  wäre.  Alles  was  mit  dem  Deutschen  Reich  nur  in
irgend  welchem  Zusamnienhang  steht,  wird  gelegentlich  von
seinen  Zorneswellen  überfluthet.  Am  häufigsten  gießt  er
seine  Zornesschale  aus  über  den  deutschen  Reichskanzler,  den
Fürsten  Bismarck,  der  ihm  als  Schöpfer  der  deutschen  Einheit ­
  und  als  Hauptträger  des  Deutschen  Reichs  der  größte
Stein  des  Anstoßes  ist.  Wir  müßten  ein  ganzes  Buch
füllen,  wollten  wir  all  die  von  giftigem  Haß  getränkten  Pfeile
sammeln,  welche  der  „Bolksstaat"  gegen  den  Mann  schleudert,
mit  dessen  Name  die  Erhebung  des  deutschen  Bolkes  unzertrennlich ­
  verknüpft  ist,  zu  dessen  Ruhm,  gerade  wegen  seiner
Verdienste  um  das  Deutsche  Reich  der  bestgehaßte  Mann  zu
sein,  der  „Bolksstaat"  sein  gut  Theil  beigetragen  hat  und
noch  fortwährend  beiträgt.  Fast  von  Nummer  zu  Nummer
begegnen  wir  den  gehässigsten  Schmähartikeln.  Die  Gelegenheit ­
  hierzu  wird  an  den  Haaren  herbeigezogen,  und  bei  den
fortwährenden  Kämpfen,  welche  Fürst  Bisniarck  durchzufechteu
hat,  dürfen  wir  den  „Voltsstaat"  selbstverständlich  stets  auf
der  Seite  seiner  Gegner  und  Feinde  suchen.  Sogenannte
Enthüllungen  (Lamarmora,  1874,  20)  bieten  dem  „Voltsstaat" ­
  eine  erwünschte  Gelegenheit,  die  Verunglimpfungen
der  Bismarck'schen  Politik  als  Rechtfertigung  für  seine
Reichsfeindlichkeit  auszubeuten.  So  schreibt  er  (1874,  20):
„Hoffentlich  wird  es  sich  nicht  bestätigen,  daß  Bismarck
„und  Lamarmora  sich  fordern  und  so  das  politische  Duell
„in  ein  studentisches  —  der  Corpsbursch  Bismarck  wird  uns
„hier  zustimmen  —  Duell  auf  drei  Schritt  Barrière  verhandeln ­
  wollen.  Es  wäre  jammerschade,  wenn  sich  die
        <pb n="56" />
        Fürst  Bismarck.

41

„Beiden  den  Garaus  machen  wollten,  denn  im  Verlauf  ihrer
„Katzbalgereien  treten  so  hübsche  Dinge  zu  Tage,  daß  auch
„der  bornirtcste  „Reichssreund"  endlich  stutzig  werden  muß,
„über  die  Art  und  Weise,  wie  heutzutage  in  „den  Kabinetten
„Kulturgeschichte  gemacht"  wird  Lamarmora
„hat  kürzlich  den  Bericht  des  Generals  Govone  vervollstän-„digt,
  wodurch  Bismarck  überführt  ist,  den  Franzosen
„einen  Theil  der  Schweiz  und  Belgien  angeboten
„zu  haben.  Also  hat  Benedetti  in  seinen  ..Enthüllungen,"
„wo  dasielbe  behauptet  war,  ganz  Recht  gehabt."
Wie  wegwerfend  urtheilen  die  Politiker  des  „Bolksstaat"
über  Bismarck's  politische  Befähigung:  „Diplomatische  Kunst-„stückchen
  à  l;i  Emser  Depesche  und  als  letzte  Instanz  Blut
„und  Eisen  —  das  ist  das  ganze  politische  Rezept  des
„Fürsten  Bismarck"  (1872,  66.)  In  einem  anderen  Artikel
(1872,  16)  bemängelt  der  „Volksstaat"  Bismarck's  Bildung:
„Deutsche  Reichsschweifwedelei.  Bekanntlich
„rühmte  sich  Bismarck  einst,  daß  er  höchstens  dreimal  in
„seinem  Leben  ein  Kolleg  besucht  habe.  Es  ist  kein  Grund,
„an  der  Wahrheit  dieses  trockenen  Selbstgeständniffes  zu
„zweifeln,  —  um  so  weniger,  als  noch  nicht  ein  einziger
„der  Reichsspcichellecker  an  dem  „genialen  Staatsmann"
„außergewöhnliche  Bildung  zu  rühmen  versucht  hat.  Wie
„sollte  es  auch  möglich  sein,  daß  ein  Mann,  dcsien  Lebens-„princip
  „Blut  und  Eisen"  ist;  der  nicht  blos  den  Jesuiten
„seine  Sympathiecn  zeitweise  kund  gab,  sondern  auch  bis
„zuletzt  ein  Anhänger  des  Mühler'schen  Systems  war  —
„—  —  wie  sollte  es  auch  möglich  sein,  daß  ein  solcher
„Mann  Sinn  für  höhere  Bildung  hätte?  Daß  er  zum
„„Ehrendoktor"  der  Philosophie  ernannt  wurde,  wird
„Niemanden  Wunder  nehmen,  der  die  Hundedemuth  gewiffer
„deutscher  Profesioren  kennt  und  weiß,  daß  nian  den  Doktor-
        <pb n="57" />
        42  li.  Das  Deutsche  Reich  u.  die  Social-Demokratie.
„titel  nicht  blos  für  etliche  Mandel  Thaler  kaufen  kann,
„sondern  auch,  wenn  man  Ministerialrath  wird,  geschenkt
„und  frei  in's  Haus  geliefert  bekommt."
Freilich,  Bekenntnisse,  wie  das  nachfolgende,  mögen  der
Social-Demokratie  wenig  behagen.  Bismarck  erklärte  im
Preußischen  Abgeordnetenhause  (Bolksstaat  1672,  15):
„Was  in  jenen  meinen  Aeußerungen  im  lebendigen  christ  -
„lichen  Glauben  liegt,  dazu  bekenne  ich  mich  noch  heute  ganz
„offen,  und  scheue  dieses  Bekenntniß  weder  vor  der  Oesfent-„lichkeit,
  noch  in  meineni  Hause  an  irgend  einem  Tage;  aber
„gerade  dieser  mein  lebendiger,  evangelischer,  christlicher  Glaube
„legt  mir  die  Verpflichtung  auf,  für  das  Land,  wo  ich  ge-„boren
  bin,  und  zu  dessen  Dienst  mich  Gott  geschaffen  hat,
„und  wo  ein  hohes  Amt  mir  übertragen  ist,  dieses  Amt
„nach  allen  Seiten  hin  zu  wahren,  und  wenn  Fundamente
„des  Staats  von  den  Barrikaden  und  der  republi-„kanischen
  Seite  angegriffen  werden,  so  habe
„ich  es  für  meine  Pflicht  gehalten,  auf  der  Bresche
„zu  stehen,  und  werden  sie  von  Seiten  angegriffen,  die  eher
„berufen  waren  und  noch  immer  sind,  die  Fundamente  des
„Staats  zu  befestigen  und  nicht  zu  erschüttern,  so  werden
„sie  mich  auch  da  zu  jeder  Zeit  aus  der  Bresche  finden.
„Das  gebietet  mir  das  Christenthum."
Ein  solch  offenes  und  freies  Wort  zeigt  der  Social-Demokratie
  den  Mann,  der  auch  der  geplanten  socialen  Revolution ­
  gegenüber  auf  der  Wacht  steht,  der  schon  um  deßwillen ­
  auf  die  Gunst  oder  auch  nur  Schonung  einer
revolutionären  Partei  nicht  rechnen  darf.  Es  ist  gewiß  kein
Scherz,  sondern  ernstlich  gemeint,  wenn  der  „Volksstaat"
(1873,  84)  an  die  Mittheilung,  daß  nach  Verfügung  des
Kaisers  Wilhelm  die  einzelnen  Forts  in  Straßburg  und
Metz  „FortBismarck",  „FortRoon",  „FortMoltkc"  u.  s.  w.
        <pb n="58" />
        Deutsches  Volk.

43

heißen  sollen,  die  Frage  knüpft:  „Wann  wird  es  wohl  in
„ganz  Deutschland  auf  gut  Deutsch  heißen:  Fort  Bismarck,
„Fort  Roon  !"  und  so  weiter.  In  der  fortwährenden,  erbitterten
Befehdung  des  deutschen  Reichskanzlers  koncentrirt  sich  bei
der  Social-Demokratie  die  Feindschaft  wider  das  Deutsche  Reich.
Die  kleinen  Trabanten  des  „Voltsstaat"  sind  von  gleichem
reichsfeindlichem  Geist  beseelt.  Wir  heben  nur  ein  Beispiel
hervor  aus  dem  „Dresdener  Volksboten",  der  (1872,  291)
mit  folgender  höhnischer  Travestie  seine  Leser  unterhält:
„Rationalliber  ales  B  at  er  un  ser.
„Fürst  Bismarck,  der  Du  bist  in  Barzin,
„Geheiligt  werde  Dein  Name,
„Zu  uns  komme  in  die  Sitzung,
„Dein  Wille  geschehe  im  Abgeordnetenhaus  wie  im  Reichstage!
„Unsere  tägliche  Lektion  gib  uns  heute,
„Und  verzeih'  uns  unsere  Reden,
„Wie  wir  sie  vergeben  dem  Herrenhause;
„Führe  uns  nicht  in  Versuchung  mit  der  Gesetzgebern,
„Sondern  erlöse  uns  von  allem  ernstgemeinten  Fortschritt,
„Denn  Dein  ist  das  Reich  u.  s.  w."
Für  die  Deutschen,  die  treu  zum  Deutschen  Reich  stehen
und  die  um  das  Vaterland  verdienten  Männer  hoch  in
Ehren  halten,  hat  der  „Volksstaat"  nur  die  erniedrigendsten
Bezeichnungen.  Er  redetvon  einer.,Reichsschweifwedelei"
(1872,  16),  von  „Kn  echt  seligen"  (1872,  58.)  Er
schreibt  (1872,  70):  „Ihr  Begriff  des  Höchsten  ist  die
„Freiheit.  Wessen?  Die  Deutschen  sind  natürlich  nicht  ge-„meint,
  denn  ihr  „Begriff  des  Höchsten"  trägt  abwechselnd
„einen  Kavalleriehelm,  oder  eine  tief  in  die  Augen  fallende
„Militärmütze  und  heißt  Bismarck."  Und  1872,  58  lesen
wir:  „Am  28.  Juli  feiert  der  Herr  Reichskanzler  seine
„silberne  Hochzeit.  Welch'  treffliche  Gelegenheit,  um  von
        <pb n="59" />
        44  II.  Das  Deutsche  Reich  u.  die  Social  Demokratie.
„Neuem  den  Beweis  zu  führen,  daß  die  Deutschen  in  der
„That  „das  erste  Volk  in  der  Welt"  sind  —  im
„Kriechen  und  im  Speichellecken."  Das  Höchste  aber
in  der  Beschimpfung  des  deutschen  Volkes  leistet  ein  Gedicht,
auf  das  wir  in  einem  späteren  Abschnitt  nochmals  zurückkommen ­
  werden,  in  welchem  es  vom  deutschen  Volte  heißt:
„Das  war  das  alte,  dumme  Gesicht,
„Die  Augen  blau  und  glotzend,
„Von  Hundetreue  und  Hundevflicht
„Die  ganze  Haltung  strotzend."
(Gesang  IV.  S.  5.)
Sein  Urtheil  über  die  Deutschen  faßt  der  „Vollsstaat"
(1873,  127)  in  folgendes  Citat  aus  deniselben  Gedicht:
„Das  war  der  Bedienten  alte  Schaar,
„Mit  dem  Rücken  bestimmt  zum  Gerben,
„Die  nach  dem  gröbsten  Fußtritt  sogar
„Tiefehrfurchtsvollst  ersterben,
„Ersterben?  Das  Wort,  es  paßt  nicht  recht
„Zu  solchem  Speichellecken.
„Ich  weiß  ein  and'res,  das  klingt  nicht  schlecht:
„Es  heißt:  Gehorsamst  verrecken!"
(Gesang  IV.  S.  5.)
An  einer  anderen  Stelle  (Gesang  V.  S.  7)  redet  dieses
Gedicht  die  Franzosen  mit  den  Worten  an:
„Sie  (die  Teutschen)  haben  die  Kaiserschurkerei
„Don  Eurem  Nacken  gewunden,
„Und  unbarmherzig  das  Joch,  von  dem  Ihr  frei,
„Auf  das  eig'ne  Genick  gebunden.
»Jetzt  schwören  sie  zum  Kaiser.  .  .*),
„Wie  zu  ihrer  Götter  Dreiheit."

»)  Wir  nehmen  Anstand,  den  vom  Original  gebrauchten  gemeinen ­
  Ausdruck  wiederzugeben.
        <pb n="60" />
        Deutsches  Wulf.

45

Wir  I)stlteu  ein  und  legen  das  elende  Machwerk  bei
Seite,  das  unter  dein  Titel:  „Ein  neues  Wintermärchen,
„Besuch  int  neuen  Deutschen  Reiche  der  Gottesfurcht  und
„frommen  Sitte,  von  Heinrich  Heine,  dem  wiedererstandenen
„Höllenbewohner.  Gedruckt  und  verlegt  in  der  Hölle"  von
dem  social-demokratischen  Blatt  „das  Felleisen"  in  Zürich
empfohlen,  von  desien  Expedition  zu  beziehen  ist  und  in
deutschen  social-demokratischen  Arbeiterkreisen  verbreitet  wird.
Der  „Volksstaat"  sowohl,  wie  kleinere  gleichgesinnte  Blätter
schöpfen  aus  dieser  Quelle,  (vcrgl.  Volksstaat  1875,  20)
wenn  sie  ihrem  Deutschenhaß  und  ihrer  Reichsseindschaft,
die  wir  nunmehr  wohl  begreifen  können,  einen  recht'  scharfen
Ausdruck  geben  wollen.
        <pb n="61" />
        46

HI.
Umsturz  der  bestehenden  gesellschaftlichen  Ordnung
durch  die  Social-Demokratie.
Inhalt:  Sociale  Reform.  Sociale  Ordnung.  Produktionsweise. ­
  Quelle  alles  Elends.  Das  eherne  Lohngesetz.  Privat
eigenthum.  Kommunismus.  Erbrecht.
Die  Social-Demokratie  nennt  sich  eine  politische  Partei.
Die  von  ihr  erstrebten  Endziele  liegen  jedoch  nicht  im  Bereich
der  Politik,  des  Staatslebens,  sondern  auf  dem  Boden  der
Gesellschaft.  Für  sie  ist  die  Theilnahme  am  politischen  Leben
nur  Mittel  zum  Zweck.  Seitdem  L.  Blanc  den  Grundsatz
zur  Geltung  gebracht  hat,  daß  die  sociale  Reform  im  ^inne
des  Socialismus  nur  durch  eine  Reform  des  Staats  zu
erreichen  sei,  ist  in  Frankreich  die  Social-Demokratie  als  eine
politische  Partei  entstanden.  Ebenso  hat  Lassalle  in  Deutschland ­
  die  sociale  Bewegung  auf  das  politische  Gebiet  hinübergeführt, ­
  und  dadurch  zur  Gründung  der  deutschen  socialdemokratischen ­
  Partei  den  Anstoß  gegeben,  seitdem  er  in
seinem  bekannten  „Offenen  Antwortschreiben"  (S.  32)  den
Arbeitern  zugerufen  hat:  „Blicken  Sie  nicht  nach  rechts
„noch  links,  seien  Sie  taub  für  Alles,  was  nicht  allgemeines
„und  direktes  Wahlrecht  heißt,  oder  damit  im  Zusammenhang
„steht  und  dazu  führen  kann!  Dies  ist  das  Zeichen,  das  Sie
„aufpflanzen  müssen.  Dies  ist  das  Zeichen,  in  dem  Sie  siegen
„werden!  Es  gibt  kein  anderes  für  Sie!"
        <pb n="62" />
        Sociale  Reform.

47

Bon  da  an  beschäftigt  sich  die  Social-Demokratie  vorwiegend ­
  und  in  erster  Linie  mit  politischen  Fragen.  Fragen
von  rein  socialem  Charakter  schließt  sie  zwar  nicht  aus,  aber
sie  bleiben  für  sie  so  lange  von  untergeordneter  Bedeutung,
bis  die  in  der  Politik  ihr  gestellten  Aufgaben  gelöst  sind.
Die  Social-Demokratie  hat  sich  ja  nicht  eine  sociale  Reform,
eine  Besierung  der  socialen  Schäden  auf  der  Grundlage  der
heutigen  gesellschaftlichen  Ordnung  mit  Beibehaltung  unserer
heutigen  Gesellschaftsform  vorgesetzt,  sondern  sie  erstrebt  eine
sociale  Revolution,  d.  h.  sie  will,  um  nach  ihrer  Meinung
die  socialen  Schäden  zu  beseitigen,  den  Gesellschaftsbau  nach
ganz  neuen  Principien  konstruiren,  der  Gesellschaft  eine  ganz
neue  Grundlage,  die  Basis  der  völlig  durchgeführten  socialen
Gleichheit  geben.  Um  den  von  ihr  projektirten  gesellschaftlichen ­
  Neubau  errichten  zu  können,  muß  sie  natürlich  vorher
an  die  völlige  Wegränmung  des  alten  Hauses  die  Hand
anlegen,  da  kein  neuer  Bauplatz  vorhanden  ist,  das  geplante
neue  Haus  genau  an  die  Stelle  des  alten  treten  muß.  Sie  muß
vorerst  und  vor  allen  Dingen  die  bestehende  Gesellschaftsform
zerschlagen  und  zertrümmern,  alles  Bestehende  umstürzen,  um
auf  der  (abula  rasa  nach  ihren  Plänen  und  Principien  eine
neue  Gesellschaftsordnung  errichten  zu  können.  Das  ist  ihr
Ziel,  und  uni  die  Mittel  dazu  in  die  Hände  zu  bekommen,
betritt  die  Social-Demokratie  den  politischen  Weg.  Auf
diesem  Weg  strebt  sie  nach  dem  Besitz  der  Staatsgewalt,
ohne  den  ihr  weder  das  Wegräumen  der  alten,  noch  das
Aufrichten  der  neuen  Gesellschaftsordnung  gelingen  kann.
Dies  ist  auch  das  eigentlich  unterscheidende  Merkmal
zwischen  der  Social-Demokratie  und  allen  übrigen  socialen
Parteien.  Diese  arbeiten  an  einer  socialen  Reform,  an  einer
Besserung  der  Zustände  innerhalb  der  bestehenden  Gesellschaftsform ­
  ;  jene  arbeitet  an  einem  völligen  socialen  Umsturz,  an
        <pb n="63" />
        48  HI.  Umsturz  d.  Ordnung  durch  die  Soc.  Demokratie.
einer  Zerstörung  der  gesammten  Gesellschaftsordnung.  Es
ist  wichtig,  diesen  unterscheidenden  Punkt  scharf  in's  Auge
zu  fassen;  denn  bei  einer  Beurtheilung  der  Social-Demokratic
ist  er  von  wesentlicher  Bedeutung.  Die  Entschiedenheit,  mit
der  wir  die  Social-Deinokratie  bekämpfen,  will  Manchem,
obwohl  er  nicht  in  ihren  Reihen  steht,  doch  nicht  recht  einleuchten. ­
  Man  hört,  wie  die  Social-Demokratcn  mit  Vorliebe ­
  von  den  Schäden  der  Zeit  und  deren  Beseitigung  reden,
und  meint  alsdann,  Angesichts  der  herrschenden  Korruption
hätten  sie  doch  nicht  so  ganz  Unrecht.  Man  ist  alsdann
rasch  mit  der  Folgerung  bei  der  Hand,  daß  eine  Bekämpfung
der  Social-Demokratie  mit  einer  Läugnung  der  doch  klar
vorliegenden  Nothstände  gleichbedeutend  sei.  Mit  demselben!
Trugschluß  suchen  die  Social-Dcmokraten  die  gegen  sie  geführten ­
  Streiche  zn  pariré».  Während  aber  bei  jenen  ein
solch  falsches  Urtheil  in  der  Unwissenheit  seinen  Grund  hat
und  allenfalls  auch  seine  Entschuldigung  findet,  entspringt
es  bei  diesen  der  fanatischen  Eingenommenheit  und  wird  zur
bewußten  Lüge,  wenn  sie  alle,  die  wider  sie  sind,  einer  Verherrlichung ­
  der  herrschenden  Zustände  beschuldigen,  um  sie
in  den  Augen  der  Arbeiter  zu  diskreditiren.  Die  Social-Demokratic
  wird  diese  Taktik  wohl  niemals  aufgebe».  Diejenigen ­
  aber,  die  nicht  mit  ihr  sind,  sollten  doch  endlich  einnial
  klar  schauen  lernen.  All  das  Berechtigte,  was  an  den
Auslassungen  und  Forderungen  der  Social-Demokratie  gefunden ­
  wird,  darf  keineswegs  als  etwas  ihr  Eigenthümliches,
als  etwas  specifisch  Social-Demokratisches  angesehen  werden,
sondern  es  ist  mit  größerer  oder  geringerer  Abstufung  Gemeingut ­
  aller  socialen  Parteien.  Und  Alles,  was  der  Social-Demokratie
  eigenthümlich  ist,  und  sie  von  den  übrigen  Parteiell
unterscheidet,  das  ist  vom  Uebel  und  nöthigt  uns  zu  bcm
entschiedensten  Kampf  gegen  sie.  Eigenthüinlich  ist  ihr  nun
        <pb n="64" />
        Sociale  Lrdnung

41*
nicht  im  Eritfcrntesten  das  Streben,  die  korrumpirteu  Zustände ­
  zu  beseitigen  und  bessere  sociale  Verhältnisse  herbeizusühren.
  An  dieser  Aufgabe  arbeiten  alle  mit,  welche  die
Bedeutung  der  socialen  Frage  für  die  Gegenwart  und  Zukunft
erkannt  haben.  Dagegen  eigenthümlich  ist  der  Social-Demolratie
  der  principielle  Gegensatz  Zur  bestehenden  Gesellschaftsform ­
  und  Ordnung  und  der  feste  Vorsatz,  mit  allem  Bestehenden ­
  in  Staat,  Gesellschaft,  Kirche  und  Familie  gründlich
aufzuräumen  und  auf  der  Basis  völliger  Gleichl)cit  eine  neue
Gesellschaftsform  zu  schaffen.  Der  Kampf  wider  die  Social-Temolratie
  ist  somit  nicht  eine  Auflehnung  wider  eine  Heilung
vorhandener  socialer  Nothstände  und  Gebrechen,  sondern  ein  Eintreten ­
  für  den  Bestand  der  von  ihr  angefeindeten  bestehenden
socialen  Ordnung.  Und  wer  noch  nicht  weiß,  ob  er  die
Social-Demolratie  betämpsen  oder  toleriren  soll,  ob  er  es
mit  ihr  halten,  oder  wider  sie  auftreten  will,  der  frage  sich
nicht,  ob  er  für  oder  wider  eine  Heilung  der  eingerissenen
Korruption  ist,  sondern  ob  er  es  mit  der  bestehenden  Grundlage ­
  der  socialen  Ordnung  halten  will  oder  nicht.  Die  Beantwortung ­
  dieser  Frage  kann  für  unsere  Stellung  zur
Social-Demokratie  allein  maßgebend  sein.
Die  bestehende  gesellschaftliche  Ordnung  hat  allerdings
wenig  Aehnlichkcit  mit  dem  socialistischen  Gcsellschaftsideal,
mit  dem  geplanten  socialistischen  Volksstaat.  Ihr  Charakter
ist  die  Mannigfaltigkeit,  das  Vorhandensein  verschiedener
Abstufungen  der  Gesellschaftsglieder,  die  Verschiedenheit  in
Lebensstellung  und  Besitz.  Sie  vereinigt  Hohe  und  Niedere,
Herren  und  Diener,  Reiche  und  Arme  zu  einem  gesellschaftlichen ­
  Organismus.  Nicht  werden  die  Einen  zum  Herrschen
und  die  Anderen  zum  Dienen  geboren,  nicht  wird  ein  Jeder
auf  seiner  Stufe  zeitlebens  festgehalten,  das  wäre  die  Kaste,
die  wir  nicht  kennen,  sondern  es  findet  ein  ständiger  Ueber-Schuster.
  Die  Locial-Temokratie.  4
        <pb n="65" />
        s)0  HI  Umsturz  b.  Ordnung  durch  die  Soc.'Demokraiie.
gang  von  Unten  nach  Oben  und  von  Oben  nach  Unten
statt.  In  Allen  aber,  mögen  sie  Oben  oder  Unten  ihre
Stellung  gefunden  haben,  mögen  sie  zu  den  Reichen  oder
zu  den  Armen  zählen,  wird  der  Mensch  gleich  geachtet.  Diese
Verschiedenheit  der  Gesellschaftsglieder  bezweckt  nicht  ein  verschiedenes ­
  Maß  des  Lebensgenusses,  sondern  die  Nothwendigkeit ­
  des  sich  gegenseitig  Dienens.  Wie  unser  Körper  nicht
bestehen  könnte,  wenn  alles  an  ihni  Hand  oder  Fuß  wäre,
sein  Wohlergehen  aber  gefördert  wird,  wenn  die  Hand  dem
Fuß,  und  der  Fuß  der  Hand  dient,  so  wird  und  muß  auch
der  sociale  Körper  zerfallen  und  untergehen,  wenn  man  eine
Gleichheit  seiner  Glieder  herstellen  will,  anstatt  durch  ihre
Verschiedenheit  sie  an  einander  zn  binden,  sie  auf  einander
anzuweisen  zu  gegenseitigen  Dienstleistungen,  die  nicht  nur
den  Einzelnen  nützen,  sondern  den  Bestand  der  ganzen  Gesellschaft ­
  erhalten,  die  Lebensfähigkeit  des  gesellschaftlichen
Organismus  erst  ermöglichen.  Eine  solche  gesellschaftliche
Ordnung  ist  nicht  von  Menschen  erfunden,  sondern  von  Gott
uns  gegeben,  und  das  Zusammenwirken,der  ungleichen  Theile
und  Glieder  des  Gesellschaftskörpers  auf  den  verschiedenen
Lebcnsgebieten  ist  die  ewige  Gottesordnung,  für  die  wir
eintreten,  die  anzutasten  ein  Frevel  an  den  Einzelnen,  wie
an  der  Gesellschaft  ist.
Dabei  geben  wir  gerne  zu,  daß  die  Verschiedenheiten ­
  und  Ungleichheiten  sich  zeitweise  allzu  schroff  herausbilden, ­
  ja  sogar  bis  zur  Unnatur  sich  ausgestalten  und
dadurch  der  ursprünglichen  Ordnung  ihre  Harmonie  nnd
ihren  Segen  rauben  können,  daß  z.  B.  übergroßer  Reichthuni
in  den  Händen  Weniger  sich  ansammelt  und  die  Masse  in
um  so  tiefere  Armuth  versinkt;  oder  daß  das  Herrschen  zur
Despotie  und  das  Dienen  zur  Sklaverei  ausartet.  Wir
sind  weit  davon  entfernt,  der  gegenwärtigen  Eigenthums-
        <pb n="66" />
        Sociale  Ordnung.
Verkeilung  das  Wort  zu  reden.  Wir  treten  aber  auch
denen  entgegen,  die  überhaupt  die  Verschiedenheit  und  Ungleichheit ­
  des  Besitzes  für  die  Wurzel  alles  Uebels  erklären,
und  darum  die  Mischung  von  Reichthum  und  Armuth  in
der  Gesellschaft  beseitigen  wollen.  Wir  haben  uns  noch
niemals  auf  die  Seite  Derer  gestellt,  die  vergessen  haben,
daß  sie  auch  einen  Herrn  im  Himmel  haben,  und  die  verlernt ­
  haben,  in  ihren  Untergebenen  den  Menschen  zu  sehen
und  zu  achten.  Wir  widerstreben  aber  auch  Denjenigen
welche  überhaupt  das  Verhältniß  von  Herr  und  Diener  aus
der  menschlichen  Gesellschaft  schaffen  wollen.  Nur  absichtliche ­
  Bosheit  kann  uns  beschuldigen,  solch  schroffen  Ausgestaltungen, ­
  wie  die  genannten  und  ähnliche,  den  Stempel
der  Gottesordnllng  ausdrücken  zu  wollen.  Eine  Verschiebung
des  von  Gott  geordneten  Verhältnisses  der  Gesellschaftsglieder
wird  aber  dann  eingetreten  sein,  wenn  zwischen  den  vorderen
und  hinteren  Ringen  der  socialen  Kette  die  Mittelringe  herausgefallen ­
  sind,  wenn  die  von  der  socialen  Ordnung  bedingten
Abstufungen  die  Bindeglieder  und  damit  auch  die  gegenseitige
Berührung  und  den  Zusammenhang  verloren  haben.  In
eineul  solchen  Falle  die  Lücken  mit  den  Mittelgliedern  wieder
auszufüllen,  ist  die  für  den  Bestand,  wie  für  die  Gesundheit
des  socialen  Körpers  unerläßliche  Arbeit.
Anders  denkt  die  Social-Demokratie.  Das  Egalitätsprincip ­
  der  Freiheit,  Gleichheit  und  Brüderlichkeit  nach  seinerrein
  äußerlichen  Auffassung  hat  sie  aus  ihre  Fahne  geschrieben.
Wie  ihre  Freiheit  das  Gehorchen  ausschließt,  so  fordert
ihre  Gleichheit  die  Verwischung  aller  Abstufungen  im  socialen
Leben.  Cie  will  einen  gesellschaftlichen  Zustand  schaffen,  der
keine  Hohen  und  Niederen,  keine  Herren  und  Diener,  keine
Reiche  und  Arme  mehr  kennt  und  duldet,  eine  Gesellschaftsform, ­
  die  Gleichheit  des  Besitzes,  richtiger  Gemeinheit  des
4  *
        <pb n="67" />
        52  HI  Umsturz  d.  Ordnung  durch  die  Soc.'Demokratie.
Besitzes,  den  Kommunismus,  zur  Grundlage  und  Gleichheit
des  Genusses  zum  Ziel  hat.  Sie  bekämpft  daher  vor  allen
Dingen  und  mit  aller  Erbitterung  die  Produktionsweise  unserer
heutigen  Gesellschaft,  deren  Wesen  das  Zusammenwirken  von
Arbeitgebern  und  Arbeitnehmern,  von  Kapital  und  Arbeit
bildet,  welche  die  verschiedenen  Abstufungen  der  Gcsellschaftsglieder,
  wie  die  Ungleichheit  des  Besitzes  zur  Voraussetzung
hat  und  auch  hieran  im  Princip  nichts  ändert,  wenngleich
auf  ihrem  Boden  ein  ständiger  Wechsel  stattfindet,  der  die
Einen  auf  der  socialen  Leiter  um  einige  Sprossen  höher
hinauf,  Andere  tiefer  herunter  führt,  in  der  Regel  je  nach
der  individuellen  Beschaffenheit  und  Leistungsfähigkeit  der
Einzelnen.  Geschicklichkeit,  Fleiß  und  Sparsamkeit  führen
aufwärts,  Trägheit  und  Mangel  an  wirthschaftlichem  Sinn
dagegen  abwärts.  Es  ist  wohl  zu  beachten,  daß  die  Social-Demokratie
  die  nivderne  Produktionsweise  in  ihrem  Princip
bekämpft,  und  nicht  um  der  Auswüchse  und  Ausschreitungen
willen,  die  zu  verschiedenen  Zeiten  in  verschiedener  Stärke
hervorgetreten  sind.  Solche  Erscheinungen  haben  nicht  im
Princip,  sondern  in  der  sittlichen  Qualität  des  Menschen
ihre  Ursache,  und  sie  werden  zu-  oder  abnehmen,  je  nachdem ­
  jene  Qualität  sich  verschlechtert  oder  bessert.  Sie  werden
von  Niemandem  gut  geheißen,  wohl  aber  von  Jedermann
bekämpft,  der  das  Zusammenwirken  der  einzelnen  Faktoren
der  modernen  Produktion,  der  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer,
an  gegenseitige  sittliche  Verpflichtungen  gebunden  weiß.  Die
Social-Demokratie  meint  also  nicht  die  Ausschreitungen,  die
wir  von  Innen  durch  die  Kraft  einer  moralischen  Einwirkung
und  von  Außen  durch  das  Mittel  der  staatlichen  Gesetzgebung
bekämpfen,  sondern  das  Princip  der  modernen  Produktion,
somit  die  Basis  unserer  helltigen  Gesellschaftsform,  wenn
mir  im  „N.  Soc.-Demokrat"  (1872,  55  Beilage)  lesen:
        <pb n="68" />
        Produktionsweise.

5.3
»Der  Socialismus  stellt  die  Forderung,  daß  die  Idee
„des  vierten  Standes  zum  herrschenden  Prinzip,  daß  das
„eherne  ^'ohugesetz  abgeschafft  und  der  Arbeit  der  volle  Ertrag
„werde.  Der  Socialismus  hat  es  mit  einer  Frage  des
„Raturrechts  zu  thun,  die  sich  nothwendig  geltend  macht.
„Und  eben  so  gut,  wie  die  Sklaverei  fortgefallen  ist,  trotz-„dem
  es  menschliche  und  grausame  Sklavenherren  gab,  eben
„so  gut  wird  die  heutige  Produktionsweise  einst  beseitigt
„werden,  mögen  die  Kapitalisten  human  oder  unmenschlich
„sein.  Unbarmherzigen  Ausbeutern  niag  es  freilich  einst
„übel  ergehen."
Das  Prinzip  der  von  der  Social-Demokratie  erstrebten
neueli  Gesellschaft  soll  also  die  auch  im  Besitz  und  Genuß
verwirklichte  sociale  Gleichheit  sein.  Einen  vollständigen  Bauplan ­
  für  die  auf  dieser  Grundlage  zu  errichtende  neue  Gesellschaft ­
  besitzt  die  Social-Demokratie  nicht.  Sie  überläßt
es  einfach  der  Zukunft,  einen  solchen  zu  schaffen,  wenn  erst
einnial  der  neue  Grund  gelegt  sein  wird  und  beschränkt  sich
daraus,  einzelne  Theile  uns  jetzt  schon  in  einem  ziemlich
detaillirten  Riß  vorzulegen.  Einen  solchen  finden  wir  z.  B.
im  „N.  Soc.-Demokrat"  1H72,  39.  Dort  heißt  es:
„Der  sociale  Staat  hat  im  großen  Ganzen  die  Produktion
„in  folgender  Weise  einzutheilen:  Erstens  wird  statistisch
M  festgestellt,  wie  viel  an  allen  Gebrauchsgegenständen  noth-„wendig
  ist,  Lebensmittel,  Wohnungen,  Belehrungs-  und
„Bergnügungsinstitute,  wie  z.  B.  —  Museen  und  Theater
„eingerechnet  —  und  die  Produktion  wird  so  bemessen,  daß
»nur  eine  geringe  Ueberproduktion  erfolgt,  soweit  dies  nämlich
„nöthig  ist,  damit  durch  Mißernten  und  Unfälle  kein  Mangel
„eintritt.  Diese  statistische  Berechnung  wird  um  so  leichter
„auszuführen  sein,  als  die  einzelnen  Staatsbürger  mittelst
„der  Gemeinden  den  Konsum  regeln  können,  so  daß  durch
        <pb n="69" />
        ¿34  HC.  Umsturz  b.  Ordnung  durch  die  Soc.-Demokratie.
„die  Letzteren  bei  der  die  Gesammtproduktion  leitenden  Be-„
  Hörde  der  Bedarf  im  Boraus  regelmäßig  bestellt  werden
„kann.  Sodann  haben  die  Leiter  der  Gesammtprodnktion
„festzustellen,  was  an  neuen  Etablissements,  Kulturarbeiten
„und  Verkehrsmitteln  geschaffen  werden  soll.  Alles  dies
„macht  zusammen  die  Arbeitsmenge  ans,  welche  vom  Bolk
„geleistet  werden  muß,  ulid  welche  Arbeit  nun  unter  die
„einzelnen  Prodnktivassociationen  nach  Maßgabe  ihres  Ge-„werbes
  und  ihrer  Leistungsfähigkeit  vertheilt  werden  muß."
„Selbstverständlich  denken  wir  hierbei  nicht  an  eine  des-„potische
  Regelung  der  Arbeit,  wie  man  sie  fälschlicherweise
„uns  vorwirst.  Vielmehr  wird  die  leitende  Centralbehörde
„für  die  Produktion  entweder  das  freigewählte  Bolksparlament
„selbst  oder  eine  specielle  Behörde  sein,  die  aber  auch  ans
„dem  allgemeinen  Wahlrecht  hervorgehen  muß.  Solche
„Volksvertretungen  aber  werden  sich  ebensogut,  oder  vielmehr
„noch  besser  über  die  Organisation  der  nationalen  Arbeit
„einigen  können,  als  es  die  heutigen  Volksvertretungen  über
„Stellerfragen,  Anleihen,  Eisenbahnbauten  u.  dgl.  schon  thun.
„Die  speciellere  Zutheilnng  der  Arbeit  an  die  einzelnen  Asso-„ciationen
  kann  innerhalb  der  nationalen  Verbände  der  Asso-„ciationen
  der  einzelnen  Gcwerbszwcige  vor  sich  gehen.  Ist
„z.  B.  statistisch  festgestellt,  daß  hundert  Millionen  Schuhe
„und  Stiefeln  aller  Art  für  das  nächste  Jahr  erforderlich
„sind  und  hergestellt  werden  können,  so  wird  augenscheinlich
„eine  Generalversammlung  der  Delegirtcn  aller  Schuhmacher»
„Associationen  die  Lieferungen  am  zweckmäßigsten  unter  diese
„einzelnen  Associationen  vertheilen  können.  Derart  läßt  sich
„leicht  die  gesammte  Produktion  eines  socialistischen  Staats
„regeln
„Die  fertigen  Gebrauchsgcgenstände  komnsen  endlich  in
„Staatsinagazine,  von  wosiedieKonsumcnten  beziehen  können."
        <pb n="70" />
        Produktionsweise.

55

Es  wäre  zu  wünschen,  daß  die  Social-Demokratie  aus
ihrer  uns  wohl  begreiflichen  Reserve  öfters  heraustreten  und
uns  detaitlirte  Pläne  aller  einzelnen  Zweige  des  gesellschaftlichen ­
  Lebens  vorlegen  würde.  Wir  bezweifeln,  ob  derartige
Baupläne  wohl  irgend  Jemanden  für  die  socialistische  Gesellschaft ­
  zu  begeistern  vermöchten.  Die  Social-Demokratie  würde
aber  auch  auf  diesem  Wege  den  Beweis  ihrer  Unfähigkeit,
etwas  Neues  zu  bauen,  eine  neue  Gesellschaft  zu  konstruiren,
selbst  erbringen,  und  sich  selbst  ad  absurdum  führen.
Ihr  Vornehmen,  durch  einen  gesellschaftlichen  Neubau  die
sociale  Gleichheit  zu  verwirklichen,  rechtfertigt  sie  durch  den
Hinweis  auf  den  wohl  von  Bielen  geglaubten,  aber  noch  von
.steinen,  bewiesenen  Satz:  „Alle  Menschen  werden  gleich  geboren." ­
  Eine  angenommene  natürliche  Gleichheit  macht  sie
zur  Unterlage  der  socialen  Gleichheit.  Die  erstere  wird  von
ihr  soweit  ausgedehnt,  daß  Liebknecht  in  seiner  Rede  „Zu
Trutz  und  Schutz  (S.  29)  sagen  kann:  „Die  Talente  sind
„gleichmäßig  unter  die  Menschen  ausgestreut  —  es  ist  dies
„eine  Wahrheit,  die  durch  die  Wissenschaft  über  jeden  Zweifel
„erhoben  wird,  und  an  der  wir  festhalten  müssen,  weil  sie  die
„Basis  der  socialistischen  und  demokratischen  Weltanschauung
„bildet."
Ui»  eines  solchen  Gesellschaftsidcals  willen  hat  die  Social-Dcmokratie
  den  Kampf  wider  die  bestehende  Gesellschaftsordnung ­
  begonnen.  Der  „Neue  Social-Demokrat"  erklärt
mit  dürren  Worten:  (1872,  47)  „Das  Dcmagogenthum
„erklärt,  wie  die  sogenannte  öffentliche  Meinung  immer  be-„hauptet,
  den  bestehenden  Verhältnissen  den  Krieg  „bis  aufs
„Messer"  und  will  nur  niederreißen  und  nicht  aufbauen.  Mit
..der  ersten  Hälfte  dieser  Behauptung,  soweit  sie  uns  betreffen
„soll,  sind  wir  vollständig  einverstanden;  ja,  wir  haben  den
«bestehenden  gesellschaftlichen  Verhältnissen  den  Krieg  erklärt
        <pb n="71" />
        56  III.  Umsturz  d.  Ordnung  durch  die  Soc.-Drmokratie.
„und  werden  so  lange  kämpfen,  bis  dieselben  zertrümmert
„sind."
Diese  Zertrümmerung  soll  durch  das  Proletariat  vollzogen ­
  werden.  Dazu  wird  es  gegenwärtig  organisirt  und
instruirt.  Denn  „endlich  werden  Noth,  Elend  und  Ausbeu-„tung
  und  die  Erkenntniß  der  Klafsenlage  des  arbeitenden
„Volkes  die  Verbrüderung  der  gesammten  ländlichen  mit  den
„städtischen  Arbeitern  bewirken,  und  dem  Massendrnck  des
„gesammten  Proletariats  wird  dann  die  heutige  Gesell-„schaft
  weichen  müssen"  (R.  Loc.-  Demokrat  ISTI,  57).
Oder:  „Die  Masse  des  Elends  ist  viel  zu  groß,  »m  durch
„Palliativmittel  beseitigt  zu  werden.  Nur  eine  völlige  Um-„Wälzung
  der  heutigen  Gesellschaft  kann  und  wird  ein  für
„allemal  durch  den  Socialismus  das  Masseuelend  besiegen"
„(R.  Soc.-Demokrat  1872,  100).
Dies  führt  uns  auf  eine  andere  Ursache  der  socialistischen
Zerstörungstendenz  unserer  heutigen  Gesellschaftsform.
Alles  Elend,  das  in  der  Welt  ist,  leitet  der  Socialismus
ausschließlich  und  ausnahmslos  ans  den  vorhandenen  socialen
Zuständen  ab.  Nirgends  bringt  er  die  jeweilige  sittliche  Beschaffenheit ­
  des  Menschen  mit  in  Anrechnung.  Eine  nüchterne, ­
  vorurlheitsfreie  und  tendenziose  Beobachtung  verschließt
sich  nicht  der  Wahrnehmung,  daß  gar  manche  Nothstände
zumal  in  der  niederen  Volkstlasse  in  krankhaft  entwickelten
socialen  Verhältnissen  ihre  Ursache  haben.  Sie  verkennt  aber
auch  nicht,  welch  bedeutende  Widerstandskraft  in  der  sittlichen
Energie  liegt,  und  wie  dieselbe  vor  gänzlichem  Versinken  und
Versumpfen  bewahren  kann,  wenn  auch  die  socialen  Verhältnisse ­
  mancherlei  Nöthen  herbeigeführt  haben.  Am  allerwenigsten ­
  übersieht  ein  durch  kein  Vorurtheil  getrübter  Blick,  was
für  eine  reiche  Quelle  zahlreicher  Nöthen  und  namenlosen
Elends  die  sittliche  Verkümmerung  des  Menschen  ist,  ohne
        <pb n="72" />
        Quelle  alles  Elends.

57
daß  sociale  Zustande  hierbei  mitwirken.  Die  Social-Demokratie
  kann  und  darf  um  keinen  Preis  diesen  Faktor  mit  in
Rechnung  bringen,  einmal,  weil  sie  alsdann  ihre  ganze  sociale ­
  Theorie  selbst  über  den  Hausen  werfen  würde,  dann
aber  auch,  weil  ihre  kraß  materialistische  Anthropologie  einen
sittlichen  Faktor  im  Menschen  überhaupt  nicht  gelten  läßt.
Wie  weit  die  anthropologischen  Lehren  der  Social-Dcmokratie
zur  Entwürdigung,  ja  Perthiernng  des  Menschen  führen,
mögen  folgende  Stellen  beweisen.  Der  „Polksstaat"  schreibt
in  Nr.  llO,  1874:  „In  der  Wissenschaft  ist  das  winzige
„Stäubchen  ein  ebenso  würdiges  Sbjekt,  wie  der  kosmische
„Sternenhimmel.  So  wenig  da  die  Eintheilung  in  Wnr-„diges
  und  Unwürdiges  statthaft,  so  wenig  dnldet  wisscn-„schaftliche
  Lebensweisheit  die  Eintheilung  in  Gutes  und
„Böses."
Das  „Fürther  demokratische  Wochenblatt"  gießt  denselben
Gedanken  in  eine  andere  Form  tuib  führt  ihn  etwas  weiter
ans  in  Nr.  51,  1872:
„Der  Socialismus  hat  zur  Grundlage  die  Erkenntniß,
„daß  es  keine  äußerliche,  resp.  überhalb  der  Naturgesetze
„stehende  Wesen  gibt.  Der  Mensch  selbst  ist  ein  Individuum. ­
  nicht  eine  Person.  Seine  Willensänderungen  sind
„bestimmt  durch  die  ihr:  utngebenden  gleichzeitigen  und  ver-„gaugenen
  Umstände,  es  gibt  für  ihn  keine  person-„liche
  Berantwortlichkeit.  Die  Gesammtheit  der  Individuen,
„die  von  ihr  getroffenen  Einrichtungen  und  Gesetze  bestim-„men
  Über  das  Schicksal,  über  Wohl  und  Wehe  des  Ein-„zelnen.
  Die  sogenannte  Strafe  wird  hiemit  als  Act
„thierischer  Rache  erkannt.  Der  Socialismus  wendet
„sich  enthusiastisch  aus  die  Beseitigung  schlechter,  schädlicher
„Institutionen,  völlig  fremd  ist  ihm  aber  der  „Fanatis-„mus,"
  der  Haß  gegen  menschliche  Individuen."
        <pb n="73" />
        58  Hl  Umsturz  b.  Ordnung  durch  die  Soc.-Demokratie.
Die  naturgemäße  Folgerung  aus  solch  hirnverbrannten
Sätzen  zieht  ein  Leitartikel  des  „N.  Soc.-Demokrat",  worin
es  heißt  (1874,  81):
„Dr.  Monfang  sagt,  die  sociale  Frage  sei  mehr  eine
„Herzens-  und  Seelcnfrage,  als  eine  Magenfrage,  was  die
„Rothen  nun  entschieden  bestreiten,  da  sie  wissen,  daß  der
„Gesammtzustand,  auch  der  sogenannte  seelische  Zustand  des
„Menschen,  wesentlich  durch  den  Magen  und  die  Befriedi-„gung
  der  äußeren  Bedürfnisse  des  Menschen  bedingt  ist;
„leidet  der  Magen  durch  geringe  und  schlechte  Zufuhr,  so
„leidet  das  Gehirn,  so  leidet  die  Seele,  mit  einem  Wort,  es
„leidet  der  ganze  Mensch.
„Gebe  man  dem  Menschen  hinreichende  Mittel,  seine
„Bedürfnisse  befriedigen  zu  können,  dann  kann  man  ihm  auch
„mit  Erfolg  das  Samenkorn  der  Bildung,  der  Menschen-„
  liebe,  der  Nächstenliebe,  also  des  wahren  Ehristenthnms,
„einsenken."
Diese  Stelle  gibt  uns  genügenden  Aufschluß,  wie  die
Social  -Deuiokratie  es  meint,  wenn  sie  mit  großer  Vorliebe
nach  dem  Vorbild  Lassalle's  die  sociale  Frage  eine  „Magenfrage"
  nennt.  Sie  denkt  dabei  weniger  an  einzelne  materielle
Nothstände,  deren  Beseitigung  anzustreben  ist,  als  vielmehr
an  das  grob  materialistische  Grundgesetz:  „Was  der  Mensch
ißt,  das  ist  er."  Nach  ihr  sind  Bildung  und  Liebe  von
dem  Maß  der  Befriedigung  des  menschlichen  Magens  abhängig, ­
  und  sie  trachtet  daruin  solche  Zustände  herbeizuführen,
in  denen  durch  eine  gleiche  Magen-Zufuhr  auch  die  gleichnläßige
  Entwickelung  der  einzelnen  Menschen,  ein  gleiches
Maß  von  Bildung  und  Liebe  erzeugt  wird.  Nur  bei  diesen
Voraussetzungen  wird  es  erklärlich,  warum  die  Social-Demokratcn
  für  die  Forderung:  „Wir  müssen  besiere  Menschen
werden,  wenn  bessere  Zeiten  komnien  sollen,"  absolut  lein
        <pb n="74" />
        Quelle  alles  Elends.

59

Verständniß  besitzen,  eine  solche  vielmehr  nur  mit  einem  „homerischen ­
  Gelächter"  (Bolksstaat  1875,  17)  aufzunehmen
pflegen.  Nach  socialistischer  Logik  muß  dieser  Satz  umgestellt
werden,  da  alles,  was  an  dem  Menschen  schlecht  ist,  ausschließlich ­
  als  das  Produkt  schlechter  socialer  Zustände  gilt.
Mit  offenem  Hohne  weist  der  „N.  Soc.-Demokrat"  (1873,
9)  die  Aufforderung,  den  Arbeitern  ins  Gewissen  zu  reden,
als  eine  grenzenlose  Unverschämtheit  znrück.  Er  schreibt:
„Es  geht  die  grenzenlose  Unverschämtheit  so  weit,  daß
„kürzlich  ein  Bourgeoisblatt  sich  wüthend  darüber  stellte,  daß
„der  „N.  Soc.-Demokrat"  niemals  den  Arbeitern  ins  Gewissen ­
  redete,  das  „Schnapstrinken,"  „Blaumachen,"
„das  „Tanzen"  und  sonstige  „Ueppigkeiten"  zu  lassen,  und
„statt  dessen  hübsch  fleißig  und  genügsam  zu  sein."  —  —

„Die  Moralpredigten  in  der  heutigen  Gesellschaft  sollen
„die  Arbeiterklasse  nur  bewegen,  sich  selbst  zu  kasteien,  um
„der  Kapitalmacht  um  so  größeren  Nalib  zu  gewähren.  Nim-„mermehr
  soll  es  uns  darum  einfallen,  das  Bolk  zu  bereden,
„einen  einzigen  Genuß  fahren  zu  lassen."
Bei  solchen  Lehren  über  die  Beschaffenheit  des  Menschen
begreift  es  sich  völlig,  warum  die  Social-Demokratie  alle
9ļoth,  alles  Elend,  alle  Berbrechen  mtb  Laster,  ja  sogar  die
Krankheiten  ans  den  socialen  Zuständen  ableitet.  Sie  thut
dies  mit  einer  Konsequenz  und  Beharrlichkeit,  die  nur  in  der
grundlegenden  Bedeutung  der  grob  materialistisch-anthropologischen ­
  Lehren  für  den  Socialismus  ihre  Erklärung  finden.
Die  Belege  für  dieses  socialistische  Dogma  sind  so  zahlreich
—  so  oft  von  Noth,  von  physischem  und  moralischem  Elend
in  der  socialistischen  Presse  die  Ncde  ist,  wird  auch  dieses
Dogma  gepredigt  —  daß  wir  nur  einige,  die  lins  gerade
zur  Hand  sind,  herausgreifen  wollen.
        <pb n="75" />
        60  III  Umsturz  d  Ordnung  durch  die  Soc.-Temokratie.
Der  „Bolksstaat"  schreibt  (1875,  14):
„Armuth,  Verbrechen,  Unwissenheit,  Krankheit  —  dies
»haben  wir  so  oft  hervorgehoben  —  sind  nothwendige  Früchte
„der  herrschenden  Gesellschaftsordnung,  nicht  nothwendig
„an  sich,  aber  nothwendig,  so  lange  diese  Gesellschaftsord-»nung
  dauert.  Die  ungleiche  Verthcilung  der  Güter,  der
„Arbeitsprodukte,  das  ist  die  Quelle  des  Uebels,  die  Pan-„dorabüchsc,
  der  diese  Viereinigkeit  des  Elends  entfliegt."
Der  „N.  Soc.-Demokrat"  (1874,  21)  philosophât  über
die  Ursache  der  Verbrechen:
Das  Verbrechertum  hat  seinen  Ursprung  in  der  so-„cialen
  Unordnung,  welche  bislang  bestanden  hat  und  noch
„immer  besteht."
»Diesen  Satz  halten  wir  trotz  aller  gegentheiligen  Be-„hauptungen,
  welche  das  Verbrechen  in  den  individuellen
„Anlagen  der  Menschen  vorzugsweise  zu  finden  glauben,
„vollständig  aufrecht,  um  so  mehr,  da  die  fortwährenden
„Vorkoinninisse  int  bürgerlichen  Veben  unsere  Ansicht  be*
„stätigen."
»Die  Herren  Staatsanwälte  haben  die  Ansicht,  daß  man
„die  einzelnen  Individuen  durch  Strafen  verbessern  müsse,
»um  dadurch  die  Gesellschaft  zu  bessern,  während  wir
„meinen,  daß  durch  die  Verbesserung  der  gesellschaftlichen  Zu-„stände
  das  einzelne  Individuum  mit  gebessert  würde."
Die  Apologie  der  Verbrechen  ans  Kosten  unserer  heutigen
Gesellschaftsordnung  kehrt  immer  und  immer  wieder.  Auch
für  die  Zunahme  der  Laster  wird  die  Gesellschaft  ausschließlich ­
  verantwortlich  gemacht.  Der  „N.  Social-Demokrat"
(1873,  128)  beginnt  seinen  Leitartikel  mit  den  Worten:
„Wir  haben  schon  oft  warnend  darauf  hingewiesen,  daß
„in  der  heutigen  Gesellschaft  das  Volksleben  von  Grund  ans
„zu  verderben  droht.  Während  die  ungeheure  Ansammlung
        <pb n="76" />
        CueÜe  allrs  Elends.

(il

"von  Reichthümern  in  den  Händen  einer  Heilten  Klaffe  und
"die  Enterbung  der  großen  Masse  des  Bolks  in  immer
„rascherem  Maße  fortschreiten,  häufen  sich  in  gleicher  Weise
..die  Laster,  in  der  herrschenden  Klasse  jene,  welche  aus  der
„Ueppigkeit  erwachsen,  in  der  ausgebeuteten,  die  aus  dem
„Elend  entstehen.  Hub  bald  hier,  bald  dort  fällt  ein  er-„schreckendes
  Schlaglicht  ans  die  Zustände  unserer  Gesell-„
  schast."
Ter  Artikel  fährt  dann  fort,  die  Bestimmung  des  deutschen
Reichsstrasgesetzbnchs,  wornach  Kinder  unter  12  Jahren  straflos ­
  bleiben  und  die  traurige  Erscheinung  der  Zunahme  von
Verbrechen  bei  der  noch  nicht  zwölfjährigen  Jugend  zu  besprechen ­
  und  schließt  mit  den  Sätzen:
„Für  jeden  Unbefangenen  liegt  es  auf  der  Hand,  daß  nur
„das  schmerzlichste  Eiend,  die  äußerste  Roth  Eltern  dafür
„abstumpfen,  daß  sie  ihre  jungen  Kinder  zu  Verbrechern  anfwachsen
  lasten.  Es  ist  in  der  That  ein  lauter  verzweifelter
„Schrei  der  Roth.  Aber  für  solche  Empfindungen  ist  ja
„kein  Raum  in  der  Brust  der  Bourgeoisie;  sie  klagt  nicht
„sich  an;  sie  sieht  nur  das  Eigenthum  gefährdet  und  schreit
„daher  nach  neuen  strengen  Strafgesetzen,  welche  die  Prole-„tarierjugend
  nur  noch  leichter  zu  Znchthauskandidaten  machen
„werden."
„ s Jiun  wohl,  diesem  herzlosen  und  gleichzeitig  hofsnnngs-„
  losen  Jdeengang  können  wir  Socialisten  glücklicherweise  an-„dere
  Betrachtungen  zur  Seite  stellen.  Allerdings  schmerz-„lich
  ergreift  uns  dies  tiefgehende  physische  und  moralische
„Elend,  dies  Verhängniß  der  traurigen  Gcsellschaftszustände,
„welches  einen  Theil  der  Proletarierjugcnd  rettungslos  dem
„Verderben  weiht.  Aber  dann  sind  wir  auch  zugleich  erfüllt
„vom  Bewußtsein,  daß  eine  Gesellschaft,  die  so  angefressen
„ist  von  Fäulniß,  den  Keim  baldigen  Todes  in  sich  trägt.
        <pb n="77" />
        62  IH.  Umsturz  d.  Ordnung  durch  die  Loe.-Demokralie.
„Daun  aber,  dann  bricht  nach  finsterer  Nacht  der  Morgen
„an;  dann  schwinden  mit  der  Ausbeutung  für  das  arbei-„tende
  Volk  das  Elend  und  auch  das  Verbrechen."
Endlich  soll  auch  die  Cholera  die  Nothwendigkeit  des
von  der  Social-Demokratie  geplanten  Unlstnrzes  der  bestehenden ­
  Gesellschaftsordnung  beweisen,  wenn  der  „N.  Soc.-Demokrat"
  (1873,  81)  schreibt:
„Die  Cholera  kommt!  Ein  Angstschrei  ertönt  wieder
„auf  den  Bierbänken  und  läuft  durch  die  Spalten  der  Zei-„tungen,
  welcher  den  Bourgeois  aus  seiner  behaglichen  Ruhe
„stört,  in  der  er  den  Arbeitsertrag  Anderer  genießt;  es  ist
„der  Ruf:  „Die  Cholera  kommt!"  So  lange  das  sociale
„Elend  auf  die  Klasse  der  Arbeiter  beschränkt  bleibt,  so  lange
„schließt  die  besitzende  Klasse  ihm  gegenüber  die  Augen,  so
„lange  ist  es  ihr  gleichgültig,  ob  die  Arbeiterfamilien  in
„dumpfen,  ungesunden  Wohnllngcn  eingepfercht  sind,  welche
„man  richtiger  Pesthöhlen  nennen  müßte,  so  lange  kümmert
„es  sie  nicht,  wenn  unzureichende,  halbverdorbenc  Nahrung
„dem  Arbeitervolke  geboten  wird.  Da  erscheint  nun  auf  ein-„mal
  der  Nacheengel;  er  nistet  sich  ein  in  die  Hütten  der
„Armuth,  mag  er  Pocken,  Hungertyphus  oder  Cholera  heißen,
„er  vollzieht  des  ehernen  Lohngesetzes  fürchterliche  Konsequenzen.
„Aber  damit  ist  das  Werk  des  Verderbens  nicht  abgethan.
„Tie  moderne,  herrschende  Gesellschaftsklasse  hat  sich  selbst
„eine  Ruthe  gebunden,  auch  sie  wird  von  der  verheerenden
„Krankheit  ergriffen  und  decimirt."

„Wir  denunciren  die  heutige  Produktions-„weise,
  die  Ausbeutungder  Arbeit  durch  dasKapi-„tat
  als  die  Grundursache  jener  Seuchen.  Wir  ver-„werfen
  daher  auch  alle  kleinen  Palliativmittelchcn,  welche  die
„Regierungen  ergreifen,  wenn  das  Feuer  auf  den  Nägeln
        <pb n="78" />
        Tas  eherne  Lohngesetz.

63
„brennt.  Wir  fordern  ein  radikales  Mittel,  und  das  ist:
„ein  menschenwürdiges  Dasein  für  das  Bolk."
„Nicht  die  von  den  Aerzten  Cholera  genannte
„Krankheit  ist  es,  gegen  welche  wir  den  Hebel  anzustemmen
»haben.  Es  ist  vielmehr  die  sociale  Cholera,  das
„eherne  Lohngesetz.  Bricht  dieses  zusammen,  erhebt
„sich  die  neue  socialistische  Gesellschaft  aus  den  Trümmern
„der  alten,  dann  hat  die  den  Zweck  des  allgemeinen  Wohles
„verfolgende  Menschheit  Mittel  genug,  um  mit  Hilfe  der
„Wissenschaft  auch  die  verheerenden  Krankheiten  zu
„bändigen,  wie  sie  schon  jetzt  sich  die  Natnrkräfte  zur  Pro-„dnktion
  dienstbar  gemacht  hat."
Hätte  der  Leitartikel  sich  darauf  beschränkt,  zu  sagen:
wir  denunciren  die  schlechten  Wohnungen,  in  welchen  das
Proletariat  bei  empfindlichem  Mangel  an  Luft  und  Licht  dicht
zusammengedrängt  lebt,  als  mitwirkende  Ursache  der
raschen  Ausbreitung  der  Cholera,  so  würde  er  damit
freilich  nichts  Neues,  aber  auch  nichts  Unsinniges  gesagt
haben.  Aber  die  Denunciation  der  heutigen  Produktionsweise
als  Grundursache  jener  Seuchen,  also  nicht  ihrer
Ausbreitung,  sondern  ihrer  Entstehung,  zeigt,  wie  weit  sich
eine  tendenziöse  Voreingenommenheit  verirren  kann;  sie  ist
nur  möglich  bei  einem  völligen  Verranntsein  in  das  socialistische
Dogma  von  der  ausschließlichen  Schuld  der  kapitalistischen
Produktionsweise,  auch  der  nicht  ausgearteten,  also  des  bestehenden ­
  Lohnverhältnisses  schlechtweg  an  allem  Uebel  in
der  Welt.  Das  Auftreten  der  Cholera  wird  mißbraucht,
um  das  sogenannte  „eherne  Lohngesetz"  der  Arbeiterwelt  als
ein  rechtes  Schreckgespenst,  als  die  alle  Seuchen  erzeugende
„sociale  Cholera"  vor  die  Augen  zu  malen.  Die  Social-Demokratie
  versteht  unter  dem  „ehernen  Lohngrsetz"  das
Gesetz,  welches  die  Höhe  des  Arbeitslohnes  bestimmt.  Sie
        <pb n="79" />
        &amp;lt;»  l  lu.  Umsturz  d.  Ordnung  durch  die  Soc.-Demokratie.
behauptet,  daß  auf  Gruud  dieses  Gesetzes  „der  durchschnittliche
„Arbeitslohn  immer  auf  deu  liothweudigen  Lebensunterhalt
„reducirt  bleibt,  der  in  einem  Bolle  gewohnheitsmäßig  zur
„Fristung  der  Existenz  und  zur  Fortpflanzung  erforderlich  ist."*)
Gewiß  ist,  daß  die  FeststeUuug  des  Arbeitslohnes  weder  nach
der  Willkür  des  Fabrikanten,  noch  nach  bem  Belieben  der
Arbeiter  erfolgt,  fonderli  von  einem  bestimmten  Gesetz  abhängig ­
  ist,  nach  bem  Verhältniß  von  Nachfrage  und  Angebot
sich  regulirt.  Gewiß  ist  auch,  daß  der  nur  auf  seinen  Lohn
beschränkte  Arbeiter  zu  keinem  großen  Besitz  gelangen  kann.
Aber  eben  so  falsch  ist  auch  die  socialistische  Folgerung,  daß
das  Lohngesctz  dem  Arbeiter  nur  die  Mittel  zur  Befriedigung
der  nothwendigsten  Lebcusnothdurft  gewähre,  und  ihn  voll
allem,  was  darüber  hinausgehe,  ausschließe.  Falsch  ist  die
Behaliptung,  daß  mit  dem  ehernen  Lohngesctz  and)  das  sociale
Elend  unzertrennlich  verbundcri  sei.  Freiltch  der  ungelernte
Arbeiter,  den  zu  der  von  ihm  geleisteten  Arbeit  seine  einfache
physische  Kraft  schon  tüchtig  macht,  wird  mit  einer  Lohnhöhe
zufrieden  sein  müssen,  die  ihm  den  liothweildigcn  Lebensunterhalt ­
  verschafft.  Dagegen  diejenigen  Arbeiterklassen,  welche  bei
ihren  Arbeitsleistungen  mit  der  eiufachen  physischen  Kraft  nicht
ausreichen,  sondern  ihre  Befähigung  hiezu  mit  größerem  oder
geringerem  Zeitaufwand  haben  erlernen  müssen,  werden  vom
Lohngesetz,  wie  ja  die  Erfahrung  hinreichend  bestätigt,  in  norlualeri
  Geschäftszeiten  nicht  auf  das  Niveau  der  nothwendigsten ­
  Lebensnothdurst  niedergedrückt,  sondern  je  nach  den
Leistungen  in  verschiedenen  Abstufuligen  darüber  hinausgehoben.
Allgemein  ist  also  die  Regelung  des  Lohnes  durch  das  ökonoulische
  Gesetz,  das  den  Preis  jeder  Waare  nach  dem  Verhältniß ­
  von  Angebot  und  Nachfrage  regelt.  Allgelnein  ist  aber

')  F.  Lafsalle,  Offenes  Antwortschreiben.  S.  13.
        <pb n="80" />
        Das  eherne  L'ohngesetz.  05
rucht  das  durch  dieses  Gesetz  bewirkte  Festhalten  aller  Arbeiter
au  der  Greuze  der  nothwendigen  Lebensnothdur  ft,  wie  die
Cocial-Demokratie  behauptet  und  behaupten  muß,  wenn  ihre
Theorie  von  der  Ursache  alles  Elends,  von  der  Schuld  der
kapitallstlschen  Produktionsweise  an  allen  dļorhständen  nicht  in
der  Luft  schweben  soll.
So  ist  bei  allen  Betrachtungen  über  die  Noth  und  das
Elend  in  der  Arbeiterklasse,  über  die  Laster  und  Schäden
unserer  Zeit  der  einzige  und  ständige  Refrain:  Die  Gesellschaft ­
  trägt  die  Schuld!  Die  heutige  Gesellschaft  als  Quelle
aller  Uebel  ist  das  größte  Uebel!  Darum  weg  mit  ihr!  Ihre
Zertrümmerung  ist  eine  unbedingte  Nothwendigkeit!
An  Schamlosigkeit  der  rassinirtesten  Art  und  in  höchster
Potenz  überbietet  aber  alle  mitgetheilte  Prosa  ein  Gedicht,
das  seine  Begeisterung  aus  einer  schauerlichen  Mordgeschichte
schöpft  und  die  alte  Melodie  anstimmt:  Der  Mörder  ist
unschuldig,  die  Gesellschaft  trägt  die  Schuld!  Es  ist  dieses
Poem  für  die  socialistische  Denkweise,  sowie  für  dle  in  den
Reihen  der  Social-Deniokratie  bereits  eingerissenc  Verwirrung
der  elnfachsten  sittlichen  Begriffe  so  charakteristisch,  daß  wir
es  unsern  Lesern  vollständig  mittheilen  wollen.  Wir  finden  es
mi  „N.  Soc.-Demokrat"  1*76  Nr.  9—li.
Johann  Hiller.
I.
"à  braver  Mann  war's,  doch  ein  armer  Mann  —
„Je  nun.  ihr  wißt,  das  trifft  sich  allemalen.
„„Bestimmung  ist  es,  Fügung"  —  predigt  man  —
„„Der  Himmel  lohnet  einst  der  Erde  Qualen."
„Ein  armer  Mann  war's,  doch  ein  braver  Mann.
„Der  Johann  Hiller  aus  dem  Schwabenlande,
„Und  klug  dabei;  doch  was  er  auch  ersann.
„Es  schlug  ihm  ans  in  Elend  und  in  Schande.
-chufter.  Die  Locial-Temolratie.  r
        <pb n="81" />
        f»6  III.  Umsturz  b.  Ordnung  durch  die  Soc.-Demokratie.
„Fatal!  Nicht  seine  Schuld  war's,  daß  er  nur
„Als  Kind  des  Bolks,  des  niedern,  trat  in's  Leben;  —
„Fatal!  Und  daß  ihm  dennoch  die  Natur
„Ein  stolzes,  unbeugsames  Herz  gegeben.
„Du  Gottes-Gnaden-Vokk  begreifst  es  nicht,
„Wie  schlimm  es  ist,  als  Lump  die  Welt  zu  grüßen.
„Man  wird  s  me  los  —  als  habe  das  Gericht
„Es  ausgesprochen,  bis  zum  Tod  zu  büßen;
„Als  war's  vergiftet,  das  „gemeine"  Blut,
„So  selten  glückt  es  Einem,  sich  die  Fetzen,
„Die  in  der  Wiege  schon  sein  einzig  Gut,
„Vom  Hals  zu  schaffen.  —  O,  's  ist  zum  Entsetzen!
„Das  brennt  von  Tag  zu  Tag  sich  tiefer  ein
„Und  weiß  die  stärksten  Nacken  krumm  zu  beugen,
„Solch  Brandmark,  wie  Verachtung  —  diese  Pein
„Des  Paris's,  die  von  Ewigkeit  sein  eigen.
„Was  hilft  es,  ob  in  schmerzlich  wildem  Zorn
„Sein  roher  Geist  die  Bande  sucht  zu  sprengen,
„Nicht  ohne  Gold  löst  man  des  Wissens  Born,
„Wie  leicht  ist's  da,  den  Armen  zu  verdrängen.
„Was  hilft  es,  ob  die  Faust  sich  krampfhaft  ballt:
„Nie  ringt  der  Sklave  einzeln  sich  vom  Staube,
„So  lang  der  Freiheit  Ruf  im  Wind  verhallt,
„Weil  seine  Brüder  Blinde  sind  und  Taube.
„Vergebens  Alles  —  Armer  Leute  Kind,
„Aus  Dornen  wandelt  er  mit  nackten  Füßen
„Sein  Lebenlang  —  nur  für  den  Reichen  sind
„Die  Rosen,  die  den  Dornen  doch  entsprießen.
*  *
*
„Dem  Hiller  ward  kein  bess'res,  schön'res  Loos.
«Er  hatte  ewiglang  umsonst  gerungen,
„Er  rang  sich  nimmer  aus  des  Elends  Schooß,
„Und  hatte  nie  des  TageS  Plack  bezwungen.
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        Quelle  alles  Elends.

"Wie  eine  Perle  durch  das  nächt'ge  Meer,
„So  leuchtete  zwar  einmal  auch  die  Liebe
„Durch  seines  Lebens  Dunkel,  aber  schwer
„Zu  büßen  hatt'  er  für  die  süßen  Triebe.
„Denn  schmerzlich  ist  es,  im  Gemach  der  Noth
„Ein  strahlend  Kleinod  müssen  aufbewahren,  —
"Şo  macht  s  denn  Hiller  traurig  bis  zum  Tod,
„Daß  seine  Lieben  mit  ihm  elend  waren.
„Das  Weib,  das  er  zur  Gattin  sich  erkor,
„Fünf  thenre  Kinder  hatt'  es  ihm  geboren,
„Die  wuchsen  alle  frisch  und  froh  empor  —
„Doch  besier  war's,  hätt'  er  sie  all'  verloren.
„Mit  jedem  Jahr,  das  trag  vorüberzog,
„Warb  selbst  die  Hoffnung  bleicher  ihm  und  trüber,
„Bor  seine  Thür  des  Hunger«  Geier  flog,
„Und  bald  auch  flatterte  das  Thier  hinüber.
„Er  dachte  längst,  daß  es  für  sie  ein  Glück,
„Wenn  Weib  und  Kinder  er  gen  Himmel  sende,
„Doch  den  Gedanken  drängt  er  stet-  zurück
„Und  bat,  daß  der  Versucher  ab  sich  wende.
„Allein  die  Armuth  stieg  von  Tag  zu  Tag  —
„Lein  Herz  zerbrach  ihm,  sah  er,  wie  den  Kleinen
„Des  Hungers  Blässe  auf  den  Wänglein  lag,
„Und  wie  sein  Weib  nicht  müde  ward  zu  weinen.  —

II.
"Ein  trüber  Abend  war's,  im  letzten  März,
„Der  Frost  noch  starrte  in  der  Hütte  Wänden,  —
„Da  traf  eS  sich,  daß  zu  dem  alten  Schmerz
„Ein  neuer  kam,  man  drohte,  ihn  zu  pfänden.
„Die  letzten  Kreuzer  nahm  er,  und  ging  aus.
„Und  kaufte  Brot  und  Branntwein  in  der  Schänke,
«Denn  seine  Kinder  hungerten  zu  Haus,
«Und  ihm  war  schwach,  als  ob  er  niedersänke.
9*
        <pb n="83" />
        G8  III  Umsturz  d.  Ordnung  durch  die  Soc  -Demokratie.
„„Pfui,  Branntwein?"  hör  ich  rufen  sic  voll  Hohn,
„Die  Fröhlichen  auf  Kanzeln  und  auf  Thronen.
„Sie  wissen's  nicht,  daß  für  des  Elends  Sohn
„Im  Feuerwasser  Himmelsfreuden  wohnen.
„Der  Lethestrom  ist's  ans  der  alten  Zeit,
„Der  Alles  fortschwemmt  auf  den  sel'gen  Wogen,
„Den  bittern  Gram,  das  herbe  kalte  Leid,
„Und  die  Erinnrnng,  wie  man  uns  betrogen.
„Dem  armen  Hiller  würd'  es  Wohlgemuth,
„Als  er  getrunken  seines  Schmerzes  wegen,
„Und  glüh  nder  in  den  Adern  rollt  sein  Blut,
„Und  neue  Lebenskraft  fühlt  er  sich  regen.
„Und  auch  den  Kindern  gab  er,  daß  sie  all'
„Im  süßen  Taumel  purzelten  und  sprangen
„Bunt  durcheinander,  und  mit  lautem  Schall
„Schalkhafte  Lieder  jodelten  und  sangen.
„So  lustig  hatte  sie  noch  nie  erblickt
„Der  arme  Bater,  und  den  heitern  Scherzen
„Und  Spielen  folgt  er,  ob  auch  ungeschickt.
„Wofür  sie  ihn  dann  unaufhörlich  Herzen.
„O,  welche  fei  ge  Stunde!  —  Doch  sie  nahm
„Ein  schnelles  Ende,  als  der  Schlaf  nun  leise
„Hin  zu  den  müden,  trunk'nen  Kindern  kam
„Und  sie  einlullte  mit  der  eig'nen  Weise.
„Sie  waren  schön,  die  Kinder,  ja  fürwahr!
„Wer  sie  dort  schlummern  sah  nach  so  viel  Freuden,
„Die  ros'gen  Köpfchen  mit  dem  gold'nen  Haar,
„Der  mochte  wohl  den  Bater  d'rnm  beneiden.
„Der  aber  wurde  traurig  wiederum  -r
„Der  Rausch  verflog,  das  alte  Leid  erwachte  —
„Und  als  die  Kindlein  vor  ihm  still  und  stumm,
„Da  starrt  er  wild  auf  sie  herab  und  dachte:
        <pb n="84" />
        Cuflle  alles  Elends.

69

„„Wenn  ihr  erblickt  des  nächsten  Tages  ?icht,
„Dann  jagt  man  uns  hinaus,  uns  Bettelleute;
„Dann  kümmert's  Niemand,  ob  das  Herz  uns  bricht,
„Dann  sind  wir  stets  des  bösen  Zufalls  Beute.
„„Die  Äugen  schlagt  zu  Boden  dann  vor  Scham,
„Die  Hände  faltet  stets,  ibr  Vagabunden,
„Die  Nucken  krümmt,  ans  Ehrfurcht,  nicht  aus  Gram,
„lind  neigt  euch  vor  des  reichen  Nachbars  Hunden.
„„Er  hetzt  sie  sonst  euch  Bettelkindern  nach.
„Ja,  ja,  ich  sah  es  schon,  —  um  Gottes  willen
„Seid  nur  demüthig.  Kinder,  kriechend!  -  ach,
„Wer  wird  euch  sonst  den  krausen  Hunger  stillen?
„„Dann  Kinder!  wen»  nun  gar  der  Vater  todt,
«Der  Bettelmann  liegt  an  der  Kirchhofmauer,
„Dann  erst  kommt  ihr  in  rechte,  tiefe  Noth,
„Kein  Christenmknsch  schiert  sich  um  eure  Trauer.
„„Euch  Buben  dort  verwildert  das  Gemüth,
„^hŗ  kriegt  dann  ì'ust,  das  Elend  dran;ugeben,
«Und  da  euch  jeder  Ehrenmann  scheu  flieht,
„So  führt  ihr  bald  getrost  ein  Räuberleben!
„„Und  ach,  ihr  Mädel,  wie  wirds  euch  ergeh'n?
«Die  ihr  dort  lieblich  ruht  und  unbefangen.
„Wenn  ihr  so  arm  seid  und  dabei  so  schön,
„Dann  handelt  ihr  mi,  euren  Rosenwangen  —
„„Und  werdet  Dirnen?  ——  Nein,  das  sollt  ihr  nicht  —
„Nein,  nein,  bei  Gott!  —  rch  muß,  ich  will  euch  schützen!"  —
"T'rauf  hielt  die  Hand  er  lange  vor's  Gesicht,
„Und  als  er  aufblickt  sah  er  etwas  blitzen.  —
war's  --  das  Messer  dort  —  er  nahm  es  schnell
„Und  kniete  —  und  durchschnitt  der  Kinder  Kehlen  —
„Das  Blut  entströmt  im  Bogen  hoch  und  hell,
„Zum  Himmel  zogen  fünf  unschuld'ge  Seelen.'
        <pb n="85" />
        70  HI  Umsturz  d.  Ordnung  durch  die  Soc.-Demokratie.
III.
„Weh',  wehe  dir,  du  arge,  böse  Welt,
„Wo  solch  Entsetzliches  sich  mag  begeben!
„Fluch,  ew'ger  Fluch  dir!  Du  verdammtes  Geld!
„Weil  du  verpestet  alles  Menschenleben.
„Nicht  ohne  dich  wär  dieser  Mord  geschehn,
„Nicht  ohne  euch,  ihr  reichen  Ungeheuer!
„D'rum  müßt  ihr  einst  auch  am  Gerichte  steh'n,
„Und  wahrlich,  ihr  bezahlt  den  Frevel  theuer.
„Der  Kinder  Blut  kommt  über  euch  allein!
„Die  Wahrheit  spricht  aus  meinem  Dichtermunde;
„Ich  schleud're  sie  euch  in's  Gesicht  hinein,
„Und  harre  auf  den  Schlag  der  Rachestunde.
„Ihr  lächelt  ruhlg  —  seid  barmherzig  gar?  —
„Barmherzig!  —  O,  vom  Bösen  kommt  die  Gnade
«In's  Zuchthaus  sperrt  ihr  ihn  nur  achtzehn  Jahr,
„Den  Mörder  —  Vater.  —  Himmel,  das  ist  fade!
„Den  armen,  den  unsäglich  armen  Mann,
„Den  hättet  ihr  auch  mögen  schlachten  lassen,
„Wie  tausend  sonst,  wenn  aber  nicht,  o  dann
„Versöhnen  mußtet  ihr,  doch  nimmer  hassen.
„Den  weichsten  Flaum  aus  Erden  unter'-  Haupt
„Des  Mörders  mußtet  ihr  sorgfältig  legen,
„Damit  er,  was  ibr  Liebes  ihm  geraubt,
„Im  festen  Schlaf  vergesse,  —  euch  zum  Segen.
„lind  wenn  er  wachte  mußten  um  ihn  her
„Zweihundert  Harfen  schwirren  süße  Klänge,
„Damit  der  Kinder  Röcheln  nimmermehr
„Sein  Ohr  zerreiße  und  sein  Herz  zersprenge.
„Und  And'res  noch  zur  Sühne,  —  was  es  sei,
„Das  Lieblichste,  was  Liebe  kann  ersinnen  —
„Vielleicht  dann  wurdet  ihr  der  Unthat  frei,
„Und  konntet  euch  Gewissensruh'  gewinnen,
        <pb n="86" />
        Quelle  alles  Elends.

71

«Şo  aber  kommt  nur  über  euch  allein
„Der  Kinder  Blut!  -  Die  Wahrheit  gibt  mir  Kunde:
„Ich  schleudre  sie  euch  in's  Gesicht  hinein,
„Und  harre  auf  den  Schlag  der  Rachestunde!"
Isit  wahrem  Fanatismus  wird  das  Dogma  von  der
schuld  der  Gesellschaft  an  allen  Nöthen  immer  und  immer
gepredigt.  Bon  überall  her  werden  Illustrationen  hierzu  gesammelt. ­
  Auch  wenn  die  nackte  Thatsache  das  Gegentheil  beweist, ­
  so  hindert  dies  nicht,  dieselbe  doch  als  Beleg  für  jenen
Satz  zu  verwenden.  Lehrreich  ist  in  dieser  Beziehung  die
Geschichte  des  Tischlergesellen  Nordtmann  aus  Hamburg,  Herwegen ­
  vierfacher  Brandstiftung  vom  Schwurgericht  zu  Altona
Zn  zehn  Jahren  Zuchthaus  verurtheilt  wurde  (N.  Soc.-Demokrat
  1873,  10).  „Ter  Angeklagte  führte  für  seine
..Handlungsweise  an,  daß  er  voll  Zorn  über  die  Ausbeutung
„der  dortigen  Großbauern  gewesen  sei,  und  daß  auf  Grund
..semer  social-dcniolratischen  Ideen,  welche  er  nach  und  nach
„in  den  Arbeiter-Versammlungen,  denen  er  im  Süden  beige-„
  wohnt,  gewonnen  habe,  der  Entschluß  in  ihm  gereift  sei,  den
„Uebermuth  der  Wedeler  Bauern  zu  demüthigen."  Dies
Bekenntniß  hindert  den  „N.  Soc.-Demokrat"  nicht,  zu  behaupten: ­
  „Aus  dieser  Gerichtsverhandlung  ergibt  sich,  wie
„die  heutigen  Berhältnisse  den  Arbeiter  zur  Desperation  treiben
„und  bewirken,  daß  er  Rohheit  und  Lynchjustiz  irländischer
"  Pächter  oder  verzweifelter  Sklaven  zum  Muster  seiner  Hand-"lungen
  macht."  Der  Schlußsatz:  „Die  socialen  Verhältnisse
„der  Gegenwart  sind  ja  derart,  daß  sie  leicht  solche  Berzweife-„lungsakte
  erzeugen  können",  würde  nach  dem  Bekenntniß  des
Nordtmann  jedenfalls  richtiger  lauten:  Die  Agitation  der
Social  -  Demokratie  ist  in  der  Gegenwart  ja  derart,  daß  sie
leicht  solche  Unthaten  erzeugen  kann.*)
*)  Ais  Kuriosum  geben  wir  folgenden  Auszug  aus  dem
        <pb n="87" />
        72  HI.  Umsturz  d.  Ordnung  durch  die  Soc.  Demokratie.
Hinter  allen  Dcklaniationen  lind  Variationen  über  die
Schuld  der  Gesellschaft  an  allen  Verbrechen  und  an  allem
Elend  steht  die  Generalanklage  gegen  den  eigentlichen  Nerv
unserer  gesellschaftlichen  Ordnung,  gegen  das  Eigenthum.
Der  „Volksstaat"  (1874,  81)  spricht  es  mit  wünschenswerther
  Offenheit  aus:
„Die  Gesellschaft  wird  nicntals  von  Verbrechen  frei
„sein,  so  lange  das  Priva  tei  ge  nth  um  herrscht,  und  zwar
„wie  wir  es  hier  verstanden  haben  wollen,  das  Privateigen-„thum,
  welches  e  in  er  Klasse  die  gesamntte  Produktion  in  die
„Hand  gibt  und  damit  die  arbeitenden  Klassen  dienstbar
„macht,  also  das  Privateigenthum  an  Grund  und  Boden,
„Arbeitsinstrunlenten  :c.  Das  Privateigenthum  ist  in  letzter
„Linie  der  Urquell  fast  aller  Verbrechen,  die  in  unserer
„Gesellschaft  vorkommen.  Den  Diebstahl  provocirt  es  ganz
„direkt.  So  lange  es  Privateigenthum  gibt,  wird  cs  auch
„Diebe  geben.  Eines  verschwindet  erst  mit  deni  andern,  die
„Wirkung  erst  mit  der  Ursache."
In  diesen  Sätzen  haben  wir  die  Motivirung  der  socialistischen ­
  Kriegserklärung  gegen  das  Privateigenthum,  welche
der  „Volksstaat"  anderwärts  (1872,  59)  in  die  dürren  Worte

„N.Soc.-Demokrat"  (1871,76.  Beilage):  „(Selbstmord  aus  Noth.)
„Der  bekannte  Pariser  Stahlstecher  I.  C.  Régnault  hat  sich  das
„Leben  genommen.  Derselbe  lebte  schon  seit  längerer  Zeit  in  schlech-„ten
  Verhältnissen,  als  sein  Hund,  den  er  schon  lange  Jahre
„hatte  und  der  ihm  nie  von  der  Seite  wich,  mit  plötzlichem  Tod
„abging.  Diesen  Verlust  konnte  er  nicht  ertragen  und  vergiftete
„sich.  Man  fand  ihn  auf  seinem  Bette  mit  dem  Hunde  in  den
»Armen.  Er  hatte  eine  Brieftasche  hinterlassen,  worin  er  schrieb,
„daß  er  den  Verlust  des  Einzigen,  der  ihn  nie  betrogen  habe,  nicht
„ertragen  könne."  So  wird  ein  Selbstmord  aus  Hunde  lie  be
kurzer  Hand  zum  Selbstmord  aus  Noth  gestempelt.
        <pb n="88" />
        Privateigemhum.

73

iJ Bt:  »Es  ist  der  socialistische  oder  kommunistische  Kampf
»der  unerbittliche  Krieg  gegen  daS  Besitztum."
Wegen  seiner  Anfeindung  des  „Besitzthums",  des  Eigenthumes ­
  wird  der  Socialismus  am  meisten  gehaßt  und  bekämpft,
^ucht  wenige  seiner  Gegner  würden  alles  Andere  sich  recht
gerne  von  ihm  gefallen  lassen  und  anstatt  nur  in  einzelnen
Ştûcken  ihre  Sympathie  kund  zu  geben,  ganz  auf  feine  Seite
treten,  wenn  er  nur  seine  Angriffe  aus  das  Eigenthum  aufgeben ­
  wollte.  Mit  dem  Aufgeben  des  „Kriegs  gegen  das
Besitzthum"  müßte  der  Socialismus  sich  selbst  aufgeben.
Sein  ihm  eigenthümlicher  Eigenthumsbegrisf  ist  bei  ihin  nichts
Accidenzielles,  nichts  Nebensächliches,  sondern  er  ist  das  Centrum ­
  seines  ganzen  Systemes,  zu  dem  der  eine  Theil  seiner
Ideen  als  grundlegende  Prämissen  wegbahnend  und  vorbereitend ­
  hinüberleitet,  und  aus  dem  der  andere  Theil  als
ganz  natürliche  Konklusionen,  als  von  selbst  sich  ergebende
Folgerungen  ausstrahlt.  Wer  sich  auf  den  Boden  seiner
Prämissen  stellt,  z.  B.  die  atheisiisch-niatrrialistische  Weltanschauung ­
  mir  ihm  theilt,  kommt,  wenn  er  anders  logisch  zu
denken  vermag,  um  seine  die  Aufhebung  des  Privateigenthums
fordernde  Konklusionen  nicht  herum.  Es  wäre  unendlich  viel
gewonnen,  wenn  die  Gegner  des  Socialisuius  sich  hierüber
klar  werden  wollten.  Wir  würden  dann  nicht  mehr  so  oft
das  eigenthümliche  Schauspiel  erleben,  daß  der  Socialismus
durch  gewisse,  namentlich  gegen  das  Christenthum  sich  richtende ­
  ì!ieblingsideen  seiner  Gegner,  von  denen  sie  nicht  laffen
niögen,  die  |ie  als  Zeitideen  zu  pflegen  beflissen  sind,  die
allernachdrücklichste  Forderung  erfährt.
Bom  Kanipf  der  Social-Demokratie  gegen  das  Eigenthum ­
  redet  wohl  Jedermann,  aber  nicht  alle  haben  es  zu
klaren  Vorstellungen  hinsichtlich  dieses  Punktes  gebracht.  Der
landläufige  Vorwurf  des  „Thcilcns"  ist  absurd  und  bringt
        <pb n="89" />
        14  HI.  Umsturz  b.  L  ibnung  burch  bit  Soc.-Demokratlt.
die  Social-Deniokratie  nicht  in  Verlegenheit,  reizt  sie  vieltnehr
zu  höhnischer  Gegenrede.  In  der  That  liegt  auch  in  der  Absicht
des  Socialisnius  gerade  das  Gegentheil  des  „Theilens."  Nicht
ein  in  gleiche  Theile  zerstückelter  Privatbesitz,  sondern  ein  un.
getheilter  und  unzerstückelter  Gemeinbesitz  ist  sein  Ziel.  Tie
Spitze  des  Socialismus  ist  der  Kommunismus.  Er  versieht ­
  darunter  die  Umwandlung  alles  Privatbesitzes  an  Grund
und  Boden  und  an  allen  Arbeitsinstrumenten  in  gemeinschaftlichen ­
  Besitz.  Unter  Arbeitsinstrumenten  sind  nicht  die
bei  der  Arbeit  erforderlichen  Werkzeuge  im  engeren  Sinne
nur  verstanden,  sondern  die  Summe  aller  der  Gegenstände,
ohne  welche  eine  Arbeit,  die  Herstellung  von  Gebrauchsgegenständen ­
  unmöglich  ist.  Dazu  gehören  außer  den  Maschinen
und  Werkzeugen  im  engeren  Sinne  die  Rohstoffe,  Fabrikgebäude ­
  rc.,  kurz  das  ganze  zur  Produktion,  zu  einem  industriellen ­
  Betrieb  erforderliche  Anlage-  und  Betriebskapital.
Denken  wir  bei  dem  Wort  „Capital"  nicht  ausschließlich  an
eine  Geldsunlme,  sondern  an  Alles,  was  die  Arbeit  als  nothwendige ­
  Unterlage  braucht,  uni  produktiv  z,l  werden  und
Gebrauchsgegenstände  zu  schassen,  so  können  wir  sagen:  der
socialistische  Kommunismus  ist  der  gemeinschaftliche  Grundund
  Kapitalbesitz  an  Stelle  des  Privatelgenthumes  an  Grund
Boden  und  au  Kapital  im  weitesten  Sinne.
sieben  der  kommunistischen  Eigenthumsform  läßt  der
Socialismus  auch  noch  in  gewissenl  Sinne  ein  Privateigenthum ­
  bestehen.  Was  der  Einzelne  sich  mit  dem  ihm  zufallenden ­
  Antheil  an  deni  gesanimten  Arbeitsertrag  an  Konsumgegenständen
  erwirbt,  bildet  sein  Privateigenthum.  Die  Kleider,
die  einer  aus  dem  ì!eibe  trägt,  die  tägliche  Nahrung,  der
Hausrath,  die  Bilder,  die  an  seinen  Wänden  hängen,  die
Bücher,  welcher  einer  ansamnielt  rc.  bilden  sein  Privateigenthum. ­
  Der  Socialismus  läßt  nur  die  zum  persönlichen  Ber-
        <pb n="90" />
        Kommunismus.

75

brauch  bestnnmten  Güter  in  den  Privatbesitz  übergehen  (N.
Soc.-Temolrat  1875,  7).
Wir  dürfen  also  sagen:  Der  Socialismus  fordert ­
  Kommunismus  im  Bereich  der  Produktlon
und  duldet  Privateigenthum  im  Bereich  der
Konsumtion.  Wir  sagen,  er  duldet  Privateigenthnul
im  Bereiche  der  Konsumtion;  denn  die  socialistische  Tendenz,
auch  diese  Art  von  Privateigenthum  allmätig  zu  beseitigen
und  neben  den  gemeinsamen  Besitz  auch  den  gemeinsamen
Genuß  zu  stellen,  leuchtet  doch  schon  hie  und  da  hervor.  So
schreibt  der  „N.  Social-Demokrat"  (1875,  9):
»Aon  nicht  minder  großer  Bedeutung,  als  die  gemein-„same
  Arbeit  u  u  d  P  r  o  d  u  t  t  i  o  n  ist  für  die  socialistische
"Lehre  ferner  der  gemeinsame  Gebrauch  zuKonsumzweckcn,
„dessen  Borzeichen  wir  ebenfalls  schon  in  den  mannigfachen
„Verhältnissen  der  Gegenwart  erblicken.  Und  zwar  ist  es  sehr
„bedeutungsvoll,  daß  es  die  höheren  geistigen  Genüsse
„sind,  welche  naturgemäß  bei  fortschreitender  Kultur  vor  allen
„anderen  wachsen  müssen,  deren  Befriedigung  schon  jetzt  nicht
„Privatsache  sein  kann.  Wir  weisen  nur  auf  die  Befriedigung
„des  Bildnngs-  und  Schon  he  itst  riebes  hin;  schon
„jetzt  müssen  Schulen  und  Bildungsstätten  aller  Art,  ì!eih-„bibliotheten
  und  Museen,  Ausstellungen  und  Theater  öffent-„lich
  sein,  so  gerne  die  herrschenden  Klassen  auch  sie  für  sich
„monopolisiren  möchten.  Allein  die  sociale  Nothwendigkeit
„schlummert  in  der  heutigen  Gesellschaft  unter  einer  gar
„leichten  Decke;  bald  hier  bald  dort  zeigt  sich  das  Wesen  des
„Privateigenlhnmes  als  unfähig  zur  Wcilerentwickelung  und
„die  Menschheit  wird  dann  unwillkürlich  auf  die  socialistische
„Bahn  zum  Gemeineigenthum  getrieben."
Einige  Nummern  später  (1875,  15)  wird  derselbe  Gedanke ­
  etwas  näher  spécialisât:
        <pb n="91" />
        76  HI.  Umsturz  d.  Ordnung  durch  die  Soc  -Demokratie.

„Um  Mißverständnisse  zu  vermeiden,  wollen  wir  übrigens
„noch  kurz  darauf  hinweisen,  daß,  wenn  somit  auch  der
„Arbeitsertrag  das  Pr  iva  tei  ge  nt  hu  in  des  Einzelnen  ge-„worden
  ist,  daraus  durchaus  noch  nicht  hervorgeht,  daß
„derselbe  nun  als  Einzelner  zu  konsumiren  und  zu  wirth-„
  schäften  har.  Vielmehr  wird  hier  die  freie  Association  und
„die  engere  Gemeindeassociation  gerade  den  Genuß  weit
„angenehmer  und  größer  machen.  Beispielsweise  muß  es
„das  Häusl  ich  eLeben  im  höchsten  Grad  genußreicher  machen,
„wenn  die  engere  Gemeinde  eine  Association  darstellt
„und  das  Wohnungswesen,  die  Lustbarkeiten,  die
„  L  e  r  s  chönerungen  auf  gemeinsame  Kosten  in's  Werk  setzt,
„deßgleichen  wenn  das  Familien  leben  sich  durch  Freund-„schastsbund
  in  solcher  Weise  ausgedehnt,  daß  dieKinder-„erziehung
  und  Pflege,  das  ganze  häusliche  Leben
„in  größerem  Umfange,  gleichsam  in  einer  großen  Fami-„lic
  sich  vollziehen.  Es  ist  dies  eine  iiu  Bortheil  aller  Be-„theiligten
  liegende  Frage,  die  also  ihre  Lösung  von  selbst  in
„den:  Augenblick  finden  muß,  wo  Neid  und  Egoisnius,  die
„tückischen  Kinder  der  heutigen  Gesellschaft  verschwinden."
Es  ist  klar,  vom  gemeinschaftlichen  Besitz  gelangt  der
Socialismus  bald  zum  gemeinschaftlichen  Genuß.  Mit  deut
gemeinschaftlichen  Genuß  schwindet  die  Einzelfaniilie  und  bildet ­
  sich  die  Gesammtfaniilie  mit  gemeinschaftlichem  häuslichem
Leben,  gemeinsamer  Kindererziehung  und  -Pflege  und  noch
anderen  kommunistischen  Lebensäußerungcn.  Hierüber  das  Nähere
in  einem  späteren  Abschnitt.  An  dieser  Stelle  genüge  der  einfache ­
  Hinweis  auf  die  nothwendige  Zersetzung  des  Familienlebens ­
  durch  den  Kommunismus.
Der  Socialismus  in  seiner  völligen  Ausgestaltung  wird
also  zum  Kommunismus  des  Besitzes,  des  Genusses
und  des  Familienlebens.
        <pb n="92" />
        Erbrecht.

77

£aš  für  den  Ansang  noch  toierirte  Privaleigenthuln  an
Gegenständen  für  den  persönlichen  Gebrauch  hat  jedoch  eine
wesentliche  Einschränkung.  Es  kann  von  dein  Besitzer  nur
konsumirt,  aber  nicht  durch  Erbschaft  auf  die  Nachkommen
übertragen  werden.  Denn  mit  „der  Aufhebung  der  jetzigen
„Gestalt  des  Eigenthums  fällt  selbstverständlich  auch  das
„Erbrecht"  („Votksstaat"  1874,  30).  Schon  in  einer
früheren  Nummer  (1873,  38)  hat  sich  der  „Bolksstaat"  des
Weiteren  über  diesen  Punkt  ausgesprochen:  Er  schreibt:
„Es  ist  überflüssig,  des  Näheren  auseinanderzusetzen,  wie
„so  die  Frage  des  Erbrechts  mit  der  des  socialistischen  Rechts
„auf  Arbeit  u.  s.  w.  fällt  und  steht.  Sobald  Jeder  weiß,
„daß  seine  wohlerzogenen  Kinder  nicht  dem  Elend  preisgc-„gcbcu
  sind,  auch  wenn  die  Eltern  verstorben,  braucht  er
„nicht  seine  Fähigkeiten  zeitlebens  in  den  Dienst  der  Erwerbs-„sucht
  zu  stellen,  und  kann  er  leichten  Herzens  anl  kebens-„abend
  ausruhen,  anstatt  sich  abzurackern  und  zu  knausern
„für  die  „Erben."  Atiderntheils  erhält  durch  den  Wegfall
„des  Erbrechts  das  Verhältniß  der  Kinder  zu  den  Eltern
„einen  reineren  Eharakter.  Es  ist  nicht  mehr  das  schmutzige
„Geldinteresse,  das  winkende  Erbtheil,  welches  die  Kinder
„an  die  Eltern  bindet,  sondern  die  ungetrübte  Pietät.  „Wenn
„mein  Vater  stirbt,  so  bekomme  ich's  Haus"  —  diese  echt
„bürgerliche  Rohheit,  die  man  heutzutage  fortwährend  anzu-„hören
  hat,  verschwindet  im  Zukunftsstaat.  Man  speculirt
„dann  nicht  mehr  auf  den  Zob  der  Eltern,  sondern  freut
„sich  ihres  Gebens.  —  Vollends  maßloße  Heuchelei  ist  es
„sodann,  das  Erbrecht  als  untrennbar  von  der  Forteristenz
„der  Familie,  oder  gar  der  Grundlage  derselben  —  der
„Sittlichkeit"  —  zu  erklären.  Man  müßte  denn  erst  nach-„weisen,
  daß  Kinder,  die  von  ihren  Eltern  nichts  zu  erben
„haben,  diese  weniger  schätzen,  als  die  im  Gold  geborenen.
„Das  Erbrecht  hat  mit  der  „Sittlichkeit"  gerade  so  viel  zu
        <pb n="93" />
        78  IH  Umsturz  d.  Ordnung  durch  die  Soc.-Demokratie.
„schaffen,  wie  jedes  andere  Recht,  nicht  mehr  und  nicht
„weniger.  —  Weil  durch  das  Erbrecht  —  das  nur
„  Wenigen  vergönnt  ist  —  die  Meisten  zu  kurz  kommen,  in
„ihrer  Zukunft  beeinträchtigt  sind,  darum  soll  es  abgeschafft
„werden,  damit  Alle  etwas  haben."
Wie  weiß  doch  die  Socialdemokratie  die  Nothwendigkeit  der
Abschaffung  des  Erbrechts  mit  schönen  Worten  darzustellen.  Sie
verfällt  freilich  dabei  in  den  ihr  in  hohem  Grade  eigenthümlichen
Fehler,  einzelne  Auswüchse  mit  dem  Wesen  einer  Sache  zu
verwechseln,  die  Verirrungen  Einzelner  als  das  Prinzip  der
Gesammtheit  zu  erklären;  sie  generalisirt,  wo  specialisirt  werden
sollte.  Uebrigens  ist  die  etwas  schwärmerische  Ausmalung  der
Annehmlichkeit  einer  Beseitigung  des  Erbrechts  ein  Beweis,
wie  die  richtige  Kenntniß  der  wahren  Menschennatur  die
schwächste  Seite  der  Social-Demokratie  ist.  Für  manchen,
der  mehr  Genußsinn  als  Erwerbssinn  und  Liebe  zu  seinen
Kindern  hat,  mag  die  Aufhebung  des  Erbrechts  etwas  Verlockendes ­
  haben.  Dies  führt  uns  zu  einem  anderen  Grund,
welcher  einen  Wegfall  des  Erbrechts  in  der  socialistischen
Gesellschaft  selbstverständlich  machen  wird,  ohne  daß  es  dekretirt
  zu  werden  brauchte.  Sobald  das  Privateigeuthum  nur
aus  Gegenständen  für  den  persönlichen  Gebrauch  bestehen  darf
und  hiermit  die  vom  Socialismus  vertretene  materialistische
Lebcnsanschauung  sich  verbindet,  die  den  Genuß  als  Lebenszweck ­
  setzt,  so  wird  auch  alles  Privateigenthum  verbraucht
werden  und  das  Erbrecht  von  selbst  wegfallen,  weil  zum
Vererben  nichts  mehr  vorhanden,  das  Erbrecht  also  gegenstandslos ­
  geworden  ist.  Mag  die  Social-Demokratie  in  ihrenl
auf  der  Basis  des  Kommunismus  zu  errichtenden  Znkunftsstaat
  die  Garantie  eines  allgemeinen  Wohlstandes  und  Wohllebens ­
  erblicken,  wir  sehen  in  derselben  eine  Gesellschaft,  die
von  der  Hand  in  den  Mund  lebt  und  statt  des  Reichthums
die  Armuth  allgemein  gemacht  hat.
        <pb n="94" />
        Kommunismus.

71»

erübrigt  uns  noch,  für  den  vom  Socialismus  gewollten ­
  Kommunismus  einige  Belegstellen  beizubringen.  Es
ware  dies  überflüssig,  wenn  nicht  die  socialistischen  Sendlinge
-n  öffentlicher  Versammlung  die  kommunistischen  Pläne  vielfach ­
  in  Abrede  zu  stellen  pflegten.  Sie  fühlen  gar  wohl,
daß  der  völlig  enthüllte  Kommunismus  die  Propaganda  für
den  Socialismus  wenig  fördert;  darum  beobachten  sie  stets
bei  diesem  Punkt  die  nöthige  Zurückhaltung  und  sind  auch
&amp;gt;ni  Stande,  den  Kommunismus  rundweg  abzuleugnen.
Der  „Bolksstaat"  schreibt  (187t,  80  Beilage)  :
„DerSocialismus  ist  die  Frage,  auf  welche  der  Kommu-„nismus
  die  Antwort  gibt.  Jener  fragt  „Wie?"  Dieser
,  »antwortet  „So!"  Jener  ist  die  Theorie,  dieser  die  Praxis.
"Wer  wahrhafter  Socialist  sein  will,  muß  Kommunist
„sein.  Das  Eine  ist  die  zwingende  Folge  des  Andern."
Oder  (1873,  25):
»Der  heutige  Socialismus  ist  kommunistisch.  Socialismus
«und  Kommunismus  haben  sich  so  weit  genähert,  daß  ihre
„Unterschiede  beinahe  verschwlmden  sind.  In  der  Bergangen-„heit
  unterschieden  sich  diese  beiden  Tendenzen  ungefähr  wie
„Liberalismus  und  Demokratie;  insofern  das  letztere  jedesmal
„die  entschiedene  Konsegucnz  des  Erstereit  ist."
Oder:  (1871,  73):
„Der  Kommunismus  ist  nichts  anderes,  als  die  letzte
„Konsequenz  des  Socialismus,  oder  mit  andern  Worten:
„Der  Komlnunisttlus  ist  der  durchgeführte  Socialismus."
Ein  kleiner  Haufe  Fanatiker  oder  Schwärmer  mag  sich
wohl  für  den  Konimunismus  begeistern.  Die  Masse  des
Volks,  auf  deren  Gewinnung  der  Socialismus  speculin,  wird
durch  kommunistische  Plane  nie  in  Fluß  gebracht  und  für
die  socialen  Umstilrzgedanken  gewonnen  werden  können.
        <pb n="95" />
        80

IV.
Die  socialen  Nothstände  und  die  Soc.-Demokratie.
Inhalt:  Unkenlitniß  der  socialistischen  Ziele.  Egoismus.
Mißbrauch  der  Statistik.  Nahrungslose  Lohnarbeit  Schwelgerei.
Hungertyphus.  Massenmord  durch  Hunger.  Massenmord  an
Kindern  des  Proletariats.  Kindersterblichkeit  in  Württemberg.
Staatliche  Gesetzgebung,  Kathedersocialisten.  Humanität  der
Fabrikanten.  Thätigkeit  freier  Vereine.  Innere  Mission.
Wir  haben  gesagt,  daß  die  kommunistischen  Plane  niemals ­
  die  Masse  des  Arbeiterstandes  für  den  Socialismus
werden  zu  begeistern  vermögen.  Die  Gegenwart  bestätigt
dies  vollständig.  Die  Anhänger  des  Socialisnius  haben
sich  in  den  letzten  Jahren  zwar  nicht  unbedeutend  vermehrt.  Wer
aber  die  Social-Demokraten  nicht  nur  vom  Hörensagen,  oder
nicht  nur  alis  ihrer  Literatur  kennt,  sondern  mit  ihnen
in  ihren  ösfciltlichen  Versammlungen  öfter  in  unmittelbare
Berührung  gekommen  ist,  der  wird  auch  erfahren  haben,  daß
es  mit  einer  klaren  socialistischen  Erkenntniß  bei  dem  größten
Theil  der  Parteimitglieder  äußerst  schlecht  bestellt  ist.  Die
Wortführer  ernten  zwar  reichlichen  Beifall  und  laute  Zustimmllng;
  aber  die  zahlreichen  und,  wir  wagen  es  zu  behaupten, ­
  auch  gut  einexercirten  „Bravos"  gelten  nicht  der
positiven  Seite,  —  denn  nur  selten  imb  dann  auch  nur
höchst  oberflächlich  läßt  der  Agitator  sich  auf  eine
Erörterung  derselben  ein,  nur  selten  und  mit  der
äußersten  Vorsicht  wird  der  Schleier  etwas  gelüftet,
die  Menge  wird  in  den  Vorhösen  festgehalten  und  bekömmt
das  „Allerheiligste"  des  Socialisnius  nicht  zu  schauen  —
sondern  sie  strömen  der  negativen  Seite  des  Socialismus
        <pb n="96" />
        Unkenatniß  der  socialistischen  Ziele.

81

zu,  sie  werden  durch  die  Kritik  der  socialen  Zustände  und
"Nothstände,  worin  der  „Agitator"  seine  Force  hat,  den
kippen  entrissen,  sie  ertönen  am  lautesten,  wenn  das  Raisonnement ­
  am  ezcessivsten  war,  wenn  die  Kritik  dem  Faß
den  Boden  eingeschlagen  hat.  Sehr  oft  kommen  uns  Aeußerungen ­
  einzelner  Parteigenossen  zu  Ohren,  welche  eine  totale
Unlenntniß  der  wahren  socialistischen  Ziele  verrathen,  und
Zeugniß  davon  ablegen,  in  was  für  kindlich  naiven  Vorstellungen ­
  über  den  Socialismus  viele  seiner  Anhänger  noch
besangen  sind.  Der  Eine  verwahrt  sich  alles  Ernstes  gegen
die  kominttnistische  Tendenz  der  Social-Demokratie;  der
Andere  hält  seinen  christlichen  Glauben  durch  die  Social-Demokratie
  keineswegs  für  gefährdet,  und  lebt  noch  in  dem
Wahn,  als  Ehrist  auch  ein  Socialist  sein  zu  können.*)
Diese  Beispiele  beweisen,  wie  wenig  die  einzelnen  Parteigenossen ­
  sich  liber  das  Ziel,  dem  ihre  Partei  sie  entgegenführt,
klare  Rechenschaft  zu  geben  vermögen;  würden  Alle  von
lhrenl  Denkvermögen  den  richtigen  Gebrauch  machen,  dann
müßten  die  Reihen  der  Social-Demokraten  sich  sehr  lichten.
Der  Socialismus  hat,  um  nur  auf  einen  untergeordneten
Punkt  hinzuweisen,  „die  Brüderlichkeit"  auf  seine  Fahne
geschrieben.  Im  socialistischen  Zukunftsstaat  soll  im  Gegensatz ­
  zum  „jetzigen  egoistischen  Klassenstaat"  die  Brüderlichkeit
das  Regiment  führen.  Die  Basis  der  Brüderlichkeit  ist  das

*)  Der  Social-Demokrat  Wankmüller  in  Pforzheim  machte
sich  sogar  der  Ketzerei  schuldig,  in  öffentlicher  Bersaiinnlung  seine
Hoffnung,  „es  auch  noch  einmal  für  seine  Person  bis  zu  einem
reichen  Fabrikanten  zu  bringen",  ehrlich  zu  bekennen.  Wir  wollen
diesem  Social-Demokraten  eine  baldige  Erfüllung  seiner  Hoffnung
von  ganzem  Herzen  wünschen.  Wie  er  aber  eine  solche  Hoffnung
mit  seinem  socialistischen  Glaubensbekenntniß  zusammen  reimen
will,  das  geht  über  unser  Verstehen.
Schuster.  Tie  Locial-Dcmokratie.  tz
        <pb n="97" />
        82  IV.  Die  socialen  Nothstände  u  die  Soc.'Demokratie.
Bertrauen.  Ein  brüderliches  Zusammenwirken  ist  ohne
gegenseitiges  Vertrauen  unmöglich.  Nun  schreibt  aber  der
„Volksstaat"  (1872,  19)  :  „Mißtrauen  ist  eine  demokratische
Tugend!"  Was  heißt  das  anders  als:  Halte  Jeden  von
vornherein  für  einen  Schuft  und  traue  ihm  nicht  weiter  als
Du  sehen  kannst.  Wenn  dies  im  „demokratischen  Volksstaat"
dereinst  die  Regel  sein  soll,  dann  wird  für  die  „Brüderlichkeit"
kein  Raum  übrig  bleiben.  So  wird  von  der  Social-Demokratie
  der  Mensch  auf  der  einen  Seite  als  ein  Geschöpf
hingestellt,  desten  Lebenselement,  dessen  unveräußerliche  Naturgabe ­
  die  Brüderlichkeit  ist,  und  der  von  Brüderlichkeit  überfließen ­
  wird,  sobald  er  nur  von  den  socialen  Fesseln  der
Gegenwart  befreit  ist,  und  auf  der  anderen  Seite  wieder
als  eine  ausschließlich  vom  Egoismus  beherrschte  Kreatur,
welcher  auch  im  Zukunftsstaat  stets  mit  Mißtrauen  zu  begegnen ­
  eine  demokratische  Tugend  ist.  Nun  denke,  wer  denken
kann.  Auf  keinen  Fall  wird  es  von  'Nachtheil  sein,  wenn
Diejenigen,  von  welchen  das  Mißtrauen  als  demokratische
Tugend  gefordert  wird,  auch  jetzt  schon  diese  Tugend  gegen
die  Lobredner  des  Mißtrauens  selbst  in  erster  Vinie  fleißig
üben  wollten.
Das  Denken,  auf  das  sich  eine  feste  Ueberzeugung  gründet,
wird  von  der  Social-Demokratie  oft  genug  hoch  gepriesen,
aber  selten  genug  bei  den  Anhängern  in  Anspruch  genommen.
Sehr  lehrreich  ist  in  dieser  Beziehung  das  Geständniß  des
„Neuen  Social-Demokrat"  (1872,  66):  „Will  man  ledig-„lich
  durch  die  Kritik,  durch  den  nackten  Verstand  eine  Idee
„zum  Durchbruch  bei  der  Menschheit  bringen,  so  wird  man
„sehr  leicht  verzweifelnd  von  der  Arbeit  Abstand  nehmen,
„weil  man  in  erster  Linie  durch  das  ewige  Grübeln
„selbst  zum  Ungläubige«  an  der  Idee  wird."
Und  der  „Volksstaat"  (1872,  48)  greift  dieses  Bekenntniß
        <pb n="98" />
        Unkenntniß  der  socialistischen  Ziele.
auf  und  erhebt  gegen  den  „N.  Social-Demokrat"  den  Vorwurf: ­
  „Das  Denken  wird  ofsiciell  in  die  Acht  erklärt."
Nicht  auf  dem  Wege  verstandesmäßiger  Ucberzellgung  wirbt
die  Social-Demokratie  um  Bundesgenossen,  sondern  durch
die  ihr  in  reichen,  Maße  zu  Gebote  stehende  und  meisterhaft
geübte  Kunst,  die  Augen  der  Leute  zu  blenden.
Ein  wiUkonnnenes  Mittel  hiezu  sind  ihr  die  socialen
Nothstände.  Dieses  Terrain  ist  für  sie  der  Tummelplatz
ihrer  ausschweifendsten  Kritik,  wie  die  unerschöpfliche  Fundgrube ­
  für  die  Anfertigung  ihrer  lichtlosen,  mit  den  schwärzesten
Farben  gezeichneten  Nachtgemälde,  durch  deren  Schaustellung
es  ihr  gelingt,  auch  manches  Auge  zu  blenden,  das  sonst
gerade  nicht  mit  Wohlgefallen  auf  den  Bestrebungen  der
Social-Demokratie  ruht.  Das  Verdienst,  die  Nothstände
und  Schattenseiten  des  socialen  Lebens  bloszulegen,  nimmt
sie  ausschließlich  für  sich  allein  in  Anspruch.  Jeden  Widerspruch ­
  und  jede  Bekämpfung,  die  sie  erfährt,  weiß  sie  sehrrasch
  und  nicht  ungeschickt  als  eine  Leugnung  der  vorhandenen
Uebelstände  zu  deuten.  Nicht  weil  wir  die  Welt  im  rosigsten
Lichte  vor  uns  liegen  sehen,  nicht  weil  wir  für  die  Schalten
seiten  unserer  industriellen  Entwickelung  keine  Augen  haben,
nicht  weil  wir  dem  Ringen  des  Arbeiterstandes  nach  einer
Hebung  seiner  socialen  Stellung  Widerstand  leisten  wollen,
bekämpfen  wir  die  Social-Demokratie.  Nicht  daß  die
Social-Demokratie  helfen'will,  sondern  die  Art  und  Weise
wie  sie  helfen  will,  weckt  unsern  Widerspruch.  Die  Mittel,
womit  sie  helfen  und  heilen  will,  werden  von  uns  verworfen,
weil  wir  in  ihnen  keine  Hilfe,  sondern  nur  eine  Quelle  neuen
und  größeren  Verderbens  für  die  ganze  Gesellschaft  erblicken.
Die  Krankheit,  an  der  unsere  Gesellschaft  leidet,  wird  nicht
in  Abrede  gestellt,  und  wenn  wir  über  die  sociale  Frage
reden  oder  schreiben,  legen  wir  die  Krankheitsursachen  und
6*
        <pb n="99" />
        84  IV.  Die  socialen  Nothstände  u.  die  Soc.-Dcuiolratie.
Erscheinungen  offen  blos.  Aber  die  sociale  Krankheit  zu
heilen  müssen  wir  der  Social-Demokratie  jedwede  Fähigkeit
absprechen,  von  allem  Anderen  abgesehen  schon  aus  dem
einfachen  Grund,  weil  sie  anstatt  von  Innen  heraus,  durch
Mittel,  welche  neues  Blut  und  gesunde  Säfte  erzeugen,  den
socialen  Schaden  zu  turircn,  aus  rein  mechanischem  Weg
durch  Aenderuug  der  bloßen  Gesellschaftsform  des  Uebels
Herr  werden  zn  können  glaubt.  Wenn  die  Social-Demokratie
den  Egoismus  an  den  Pranger  stellt  und  ihn  die  Hauptursache ­
  der  socialen  Krankheit  nennt,  so  ist  dies  einer  der
seltenen  Fälle,  da  wir  uns  mit  ihr  in  Uebereinstimmung
wissen.  Sie  Übersicht  aber  dabei,  Laß  ganz  derselbe  Feind,
der  einem  Aller  Wohlergehen  fördernden  friedlichen  Zusammenwirken ­
  der  GeseUschaftsgliedcr  im  Wege  steht,  zllm  Mindesten
in  gleicher  Stärke  in  ihren  eigenen  Gebeinen  wühlt,  und
auch  unter  ihrem  Dache  seinen  Thron  aufgeschlagen  hat.
Noch  mehr  aber  übersieht  sic,  daß  der  Egoisnlus  im  Menschen
nicht  in  den  Kleidern  sitzt,  die  man  blos  zu  wechseln  brauchte,
um  seiner  los  zu  werden,  sondern  daß  er  mitten  in  der
Werkstätte  des  menschlichen  Begehrens,  Wollens  und  Handelns ­
  seinen  Sitz  hat,  und  von  dort  ans  den  Menschen
dirigirt.  Wird  er  nicht  aus  dem  Inwendigen  des  Mcnschell
ausgetrieben,  dann  wandert  er  aus  dem  alteil  zertrümmerten
Hans  in  das  neu  erbaute,  aus  der  alten  zerschlagenen  Gesellschaftsform ­
  in  die  neu  geschaffene  ganz  sicherlich  mit  ein,
und  wird  hier  wie  dort,  nachher  wie  vorher  dieselben  Zerstörungen ­
  anrichten.  Bergißt  man  das  neue  Hans  auch
mit  neuen  Menschen  zu  bevölkern,  dann  wird  es  dem  socialistischen ­
  Zukunftsstaat  ergehen  wie  einer  Republik,  welcher
die  Republikaner  fehlen.
Wir  haben  angenommen,  daß  die  Social-Tcillokratie  die
sociale  Krankheit  heilen  will.  Für  die  Gegenwart  haben
        <pb n="100" />
        Egoismus.

85
wir  hiermit  zu  viel  gesagt.  Ihr  Wollen  liegt  noch  in  der
Zukunft.  Der  Heilungsprozeß  soll  erst  mit  dem  Anbruch
der  socialistischen  Aera  beginnen.  Bis  dahin  fördert  sie  mit
Borliebe  und  mit  Borbedacht  den  Zerstörungsprozeß.  Um
diesen  zu  beschleunigen,  gefällt  sie  sich  einerseits  in  einer
frevelhaften  Uebertreibung  der  Krankheitserscheinungen,  der
socialen  Nothstände,  und  andererseits  ist  sie  stets  geschäftig,
alle  Heilversuche,  die  nicht  von  ihr  ausgehen,  gesiissentlich  zu
hintertreiben,  oder  wirkungslos  zu  machen.
Wir  fasten  zuerst  die  socialistische  Kunst,  die  Nothstände
zu  übertreiben,  in's  Auge.  Bei  der  Ergründung  und  Be»
Messung  des  Elends  in  der  Arbeiterklaste  wird  niit  der
Statistik  fleißig  operirt,  was  ganz  in  der  Ordnung  ist.  Es
wird  uns  niemals  gelingen,  ein  nur  einigermaßen  richtiges
und  sicheres  Urtheil  über  unsere  socialen  Berhältniste  zu  gewinnen, ­
  wenn  wir  uns  nicht  durch  die  Statistik,  als  dem
unparteiischsten  Zeugen,  die  Alkgen  öffnen  lasten.  Dennoch
ist  sie  kein  Schutzmittel  gegen  ungeheuerliche  Uebertreibungen.
Schon  bastaste  hat  an  ihrer  Hand  die  Kunst  der  Schwarzn,alerei
  gut  verstanden.  Er  citirt  in  seinem  „Antwortschreiben"
(S.  24  il.  25)  aus  Dieterici*)  die  Tabelle  über  das  Einkommen ­
  der  Bevölkerung  des  preußischen  Staats.  Hiernach
besitzen  ein  Einkommen
über  1000  Thlr.  '/,  Procent  der  Bevölkerung,
von  400  bis  1000  „  3'/.
..  200  „  400  „  7''/.
„  100  „  200  „  16'/,
von  unter  100  „  72'/.  »  „
Diese  statistische  Zusammenstellung  hat  ihre  volle  Richtig-*)

  rieterici,  Mittheilungen  des  statistischen  Bureaus,
Jahr  1851,  Band  IV.  p.  226.
        <pb n="101" />
        88  IV.  Die  socialen  Nothstände  u.  die  Soc.-Demokratie.
leit.  Aber  er  fährt  dann  fort:  „Und  dieses  Einkom-„
  nt  eil  fällt  auf  den  klassensteuerpslichtigen  Kopf  der  Bevölkerung, ­
  welcher  nach  Dieterici's  Annahme  durchschnittlich  eine
„Familie  von  fünf  Personen  repräscntirt,  fällt  also  durch-„schnittlich
  auf  eine  Familie  von  fünf  oder  mindestens
„über  drei  Personen."
Sieht  man  nun  der  Sache  nicht  genau  auf  den  Grund,
dann  müssen  einem  bei  einer  solchen  Größe  und  Ausdehnung
des  Elends  die  Haare  zu  Berge  steigen.  Die  Uebertreibung
steckt  aber  in  der  so  einfach  lautenden  Folgerung:  „Dieses
Einkommen  fällt  also  durchschnittlich  aus  eine  Familie."
Es  wird  also  von  Lassalle  gefolgert  und  behauptet,  daß
72'/*  Proceut  aller  Familien  von  je  einem  Einkommen  unter
100  Thalern  leben  müßten,  daß  überhaupt  alle  in  die  verschiedenen ­
  Stenerstufen  Eingeschätzten  lauter  Familienvorstände
seien.  Dieser,  die  Armuth  vergrößernde  Trugschluß,  findet
in  einer  auf  derselben  Seite  behufs  Berechnung  der  durchschnittlich ­
  ans  eine  Familie  kommenden  Personen  gegebenen
Note  seine  Widerlegung.  Dort  heißt  es:  „In  Preußen
„gab  es  1850  bei  16,331,187  Seelen  3,181,968  Familien.
„Steuerpflichtige  gab  es  danials  4,950,454  Personen."
Lassalle  unterläßt  es,  die  Zahl  der  Familien  mit  der  Zahl
der  Steuerpstichtigen  näher  zu  vergleichen.  Ein  solcher  Vergleich ­
  gibt  aber  der  Nothlage  in  Preußen  ein  ganz  anderes
Gepräge.  Denn  der  Ueberschuß  von  1,768,486  Steuerpflichtigen ­
  weist  uns  eben  so  viel  Einzelsteuernde  auf,  die
keine  Familienvorstände  sind,  deren  Einkommen  also  nicht
zur  Subsistenz  einer  Familie  dienen  und  ausreichen  muß.
Mit  verhältnißmäßig  wenigen  Ausnahmen  sind  die  Einzelsteuernden
  in  der  untersten  Steucrstufe  veranlagt,  stecken  also
in  den  72'/*  Procent  der  Bevölkerung  mit  einem  Einkommen
unter  100  Thlr.  Auf  der  untersten  Stenerstufe  hatte  die
        <pb n="102" />
        Mißbrauch  der  Statistik.

87

Klaffensteuer  in  Preußen  bis  vor  Kurzem  den  Charakter
einer  Kopfsteuer  beibehalten.  Denn  es  wurden  auf  dieser
Stufe,  sobald  in  einer  und  derselben  Haushaltung  mehr  als
eine  Person  im  Alter  von  16  —60  Jahren  sich  befand,  zwei
Personen,  z.  B.  Mann  und  Frau,  oder  Vater  und  Sohn,
auch  wenn  eine  derselben  durchaus  kein  selbstständiges  Einkommen
  hatte,  mit  dem  niedrigsten  Steuersatz  veranlagt.
Weiler  gehören  zu  den  in  die  unterste  Steuerstufe  eingeschätzten
Einzelsteuerndeu  alle  gewöhnlich  gelohnten  Dienstboten,  das
männliche  und  weibliche  Gesinde,  sowie  alle  unselbstständigen ­
  Personen  über  16  Jahren,  welche  theils  um  zu
erwerben,  theils  um  zu  lernen  sich  außerhalb  des  elterlichen
Hauses  aufhalten.
Wie  groß  die  Zahl  der  in  der  untersten  Steuerstufe  ein*
geschätzten  Cinzelnsteueruden  ist,  ersehen  wir  deutlich  aus  den
preußischen  Steuerlisten  vom  Jahr  1872.*)  Bei  einer
tlassensteuerpflichtigen  Bevölkerung  von  21,405,916  Seelen
waren  zur  Klassensteuer  veranlagt  7,810,119  Personen.
Davon  kommen  auf  die  unterste  Stufe  5,055,067  Personen.
Zu  diesen  gehören  an  Einzelstcuernden:
1.  Familien  mit  zwei  steuerpflichtigen  Personen  1,592,150
2.  gewöhnlich  gelohntes  Gesinde  1,198,193
3.  unselbstständige  Personen  127,094
mithin  Einzelsteuernde  2,917,437
Mithin  sinkt  die  Zahl  der  auf  der  lmtersten  Stufe
eingeschätzten  Familien  von  5,055,067  auf  2,137,630  herab.
Vaffalle  hat  also  durch  die  Annahme,  daß  lauter  Familien
auf  der  untersten  Stufe  veranlagt  seien,  die  Zahl  der  zur
ärmsten  Bolksklasse  gehörigen  Familien  mehr  als  verdoppelt.
Wir  wollen  ganz  außer  Betracht  kaffen,  daß  eine  Ein-*)
  Concordia  1873,  35.
        <pb n="103" />
        88  IV.  Die  socialen  Nothstände  u.  die  Soc.-Demokratie.
schätzung  aus  der  untersten  Stufe  das  Vorhandensein  eines
Einkommens  über  100  Thalern  keineswegs  ausschließt.  Aber
die  ganze  Zahl  der  zu  dieser  Stufe  gehörenden  Einzelstenern,
den,  namentlich  die  über  eine  Million  zählenden  Dienstboten
und  die  Hunderttausend  unselbständigen  Personen  zum  Proletariat ­
  zu  zählen,  ist  gänzlich  unstatthaft,  da  die  besitzende
Klasse  in  Stadt  und  fanb  ein  nicht  unbedeutendes  Konti,,,
gent  zu  der  Dienftboten-Armee  stellt,  und  die  unselbständigen
Personen,  die  Lehrlinge  und  Schüler  über  16  Jahren  ver.
schiedcnen  Volksklassen  angehören.
Es  ist  also  eine  Uebertreibung  um  mehr  als  das  Doppelte,
wenn  Lassalle  die  Stärke  der  niedersten  Volksklasse  und  ihr
Verhältniß  zu  den  übrigen  Klassen  auf  72'/*  Procent  be.
rechnet.  Tie  ans  Dieterici  ausgezogene  Tabelle  gibt  uns
über  die  Stärke  des  Proletariats,  über  die  Zahl  der  niedrigsten
und  ärmsten  Vollsklasse  keinen  Aufschluß,  da  die  72'/.  Procent
der  untersten  Steuerstufe  durch  die  Zusammensetzung  verschiedener
  in  ihrem  Besitzstand  keineswegs  gleichen,  sondern
höchst  ungleichen  Elemente  gewonnen  werden.
Reduciren  wir  auch  die  Zahl  der  nach  Lassalles  Annahme ­
  in  die  unterste  Steuerstufe  aufgenommenen  Fainilien
um  mehr  als  die  Hälfte,  so  bleibt  die  unterste  Volksschicht
doch  immer  noch  breit  genug,  um  dringende  Veranlassung
zu  haben,  auf  Mittel  und  Wege  zu  deren  materiellen  Hebung
zu  sinnen.  Wir  wollten  ja  auch  nicht  das  Vorhandensein
eines  Proletariats  und  die  Berechtigung  einer  socialen  Frage
bestreiten,  sondern  nur  den  Nachweis  liefern,  wie  schon
Lassalle  die  Stärke  und  Ausdehnung  des  Proletariats  zu
übertreiben  verstanden  hat.
Es  wird  die  Socialdemokratie  den  Lassalle'schen  Fehlerwohl
  niemals  korrigiren.  Sie  hat  ein  Interesse  daran,  die
Ausdehnung  des  Proletariats  nicht  möglichst  gering,  sondern
        <pb n="104" />
        Nahrnngslose  Lohnarbeit.

89

möglichst  groß  erscheinen  zu  lassen.  Das  Eine  wie  das
Andere  ist  eine  höchst  bedenkliche  Operation.  Wir  müssen
den  Muth  haben,  unsere  socialen  Schäden  an  der  Hand  der
Statistik  in  ihrer  ganzen  Stärke  rücksichtslos  blos  zu  legen;
mir  müssen  uns  aber  alich  vor  dem  Frevel  der  Uebertreibung ­
  hüten,  dessen  sich  die  Socialdemokratie  schuldig  macht.
Welche  Rolle  spielen  die  72'/*  und  mit  Zuzählung  aller
derer,  die  mit  einem  Einkommen  bis  zu  400  Thalern  eingeschätzt ­
  sind,  die  96'/*  Procent  bei  der  persönlichen,  bei
der  fliegenden  Agitation!  Wie  vielfach  wird  dieses  Thema
variirt  und  zu  den  krassesten  Elendschildernngen  verwendet!
..Das  Volk  hungert"  ist  zu  einem  Axiome  im  Lehrbuch  der
Social-Demokratie  geworden.  Zu  einer  Zeit,  da  die  Arbeitslöhne ­
  noch  nicht  im  Fallen,  sondern  im  Steigen  begriffen
waren,  unter  dem  11.  April  1873  schreibt  der  „N.  Socialdemokrat" ­
  (1873,  43)  anläßlich  einer  Osterbctrachtung:
„In  der  langsamen  Erweiterung  deS  menschlichen  Geschlechts
„zu  immer  höherer  Vollkommenheit,  einer  Entwickelung,  vor
„welcher  bereits  trotz  alles  Sträubens  der  Machthaber  Skla-„verci
  und  Leibeigenschaft  fielen,  liegt  die  Bürgschaft  dafür,
„daß  endlich  auch  die  letzte  der  Fesseln,  die  nahrungslose
„Lohnarbeit,  zerbrochen  wird."  Zu  einer  Zeit  reichen  Berdicnstes
  für  jede  Arbeit  entblödet  sich  die  socialistische  Presse
nicht,  von  einer  nahrungslosen  Lohnarbeit  zu  reden!
Einige  Monate  später,  unter  dem  25.  Juni  schreibt  dasselbe
  Blatt  (1873,  71)  „Zum  Gedächtniß  der  Junikämpfer"
  :
„Brod  oder  Blei"  —  so  riefen  die  Arbeiterschaaren
„zu  Paris,  als  sie  in  der  Nacht  zum  23.  Juni  durch  die
„Straßen  auf  ihre  Posten  zogen,  um  am  folgenden  Morgen
„Blei  zu  empfangen  und  auszusenden,  da  die  verrätherische
„Bourgeoisie  ihnen  das  Brod  verweigerte.
        <pb n="105" />
        90  IV.  Die  socialen  Nothstände  u.  die  Soc.-Demokratie.
„Brod  oder  Blei"  —  diese  inhaltsschweren  Worte,  wie
„oft  werden  sic  noch  ertönen?  —  Wer  könnte  das  voraus-„
  verkünden?  —
„Aber  wie  ein  Alp  liegt  es  jetzt  nach  fünfundzwanzig
„Jahren  auf  der  Menschheit.  —  Ja,  noch  immer  kein
„Brod!  Noch  immer  kein  Brod!
„Noch  immer  lastet  das  eherne  Lohngesetz  auf  dem
„arbeitenden  Bolle,  welches  trotz  alles  krampfhaften  Ringens
„chm  nur  die  kärgste  Lebensnothdurft  läßt  und  von  Zeit  zu
„Zeit  die  Geißel  des  Hungertyphus  mit  wuchtigen!  Schwünge
„auf  den  Rücken  des  gefesselten  Riesen  fallen  läßt."
Also  noch  immer  kein  Brod!  für  ..das  arbeitende  Boll"
zu  einer  Zeit,  da  die  Geschäfte  noch  nicht  stockten,  reichliche
Arbeit  vorhanden  und  der  Lohn  reichlich  bemessen  war!  Es
gehört  die  ganze  Schamlosigkeit  einer  social-demokratischen
Agitation  dazu,  von  „nahrungsloser  Lohnarbeit"  zu  reden,
zu  Zeiten  eines  flotten  Geschäftsgangs  über  Brodmangel
beim  arbeitenden  Volk  ein  Jammerlied  anzustimmen.  Oder
faßt  vielleicht  die  Social-Demokratie  den  Begriff  „Brod"
weiter  als  wir?  Wir  sind  der  Meinung,  wenn  der  Mensch
alles  das  hat,  oder  durch  seine  Arbeit  erwerben  kann,
„was  zur  Leibes-Nahrung  und  Nothdurft  gehört",  dann
fehlt  es  ihm  auch  nicht  an  „Brod".  Gehören  aber  nach  socialdemokratischen ­
  Anschauungen  etwa  „Austern  und  Champagner" ­
  auch  noch  zum  Begriff  „Brod",  dann  ist  die  Klage
„sein  Brod  für  das  arbeitende  Bolt"  freilich  keine  Uebertreibung; ­
  dann  verwandelt  sich  die  Beschuldigung  einer
Uebertreibung  in  die  Anklage  einer  unverantwortlichen  Versündigung ­
  am  „arbeitenden  Bolt"  welche  diesem  Tantalusqualen ­
  bereitet  durch  die  Forderung  und  Heranziehung  von
„Genüssen"  in  das  Bereich  der  „Lebensnothdurft",  oder
eines  „menschenwürdigen  Daseins",  welche  die  Begierden
        <pb n="106" />
        Nahrungslose  Lohnarbeit.

91

wohl  wecken,  aber  nie,  nie  Befriedigung  finden  können.  Wir
scheinen  die  social-deniokratische  Definition  von  „Brod"  nicht
unrichtig  angedeutet  zu  haben,  wenn  wir  die  Losung  hören,
welche  der  Voltsstaat  (1873,  61)  ausgibt:  „Unsere  Losung
„  ist  —  und  wir  sagen  es  frisch,  fröhlich  und  frei:  Cham,
„pagner,  Klavier  und  Kinderwagen  und  die  son-„stigen
  schönen  Dinge  dieser  Welt  für  das  arbci«
„tende  Volk,  und  dem  Volk  der  Nichtsthuer  das  Zusehen!
„Wer  von  Ihnen  Vergnügen  daran  hat,  mag  unsere  Kinder-„wagen
  schieben!"
Wir  sind  weit  davon  entfernt,  irgend  einen  „Genuß"
zu  einem  Privilegium  einer  Klaffe  erheben  zu  wollen.  Aber
wir  vertreten  auch  die  Ansicht,  daß  der  Mensch  recht  gut
eine  ganze  Summe  von  „Genüssen"  missen  kann,  ohne  da.
durch  nur  irgendwelche  Einbuße  an  seinem  „menschenwürdigen
Dasein"  zu  erleiden.  Wenn  wir  den  Begriff  „Brod"  enger
fassen  und  nur  das,  was  zu  des  „Leibes  Nahrung  und  Noth.
durft"  gehört,  ihm  zuzählen,  so  soll  damit  nur  die  Grenze  angegeben
  sein,  an  welcher  die  Berechtigung  zur  Klage  über  „Hunger"
aufhört.  Nicht  wollen  wir  aber  damit  auch  zugleich  die
Linie  ziehen,  die  der  Arbeiterstand  in  seiner  Lebenshaltung
nie  überschreiten  dürfe,  unterhalb  welcher  er  stets  gebannt
bleiben  müsse.  Wir  finden  es  ganz  in  der  Ordnung,  wenn
die  Arbeiterklasse  nach  einem  solchen  Maß  von  Wohlergehen
strebt,  das  über  jene  Grenze  hinausgeht,  und  auch  Dinge
in  den  Bereich  ihres  Bedürfnißkreises  zieht,  welche  mit  einer
Befriedigung  der  Lebeusnothdurft  nichts  zu  schaffen  haben,
vielmehr  dazu  dienen,  das  Leben  nicht  nur  zu  erhalten,
sondern  auch  in  vernünftiger  und  sittiger  Weise  zu  verschönern. ­
  Aber  dem  Arbeitcrstand  „Hunger"  andichten,  so
lange  ihm  noch  Genüsse  versagt  bleiben,  welche  anderen  zugänglich ­
  sind,  das  charakterisirt  das  frevelhafte  Spiel,  wel-
        <pb n="107" />
        ,92  IV.  Die  socialen  Nothstände  n.  die  Soc  .Demokratie.

ches  die  Social-Demokratie  mit  den  Nothständen  der  Arbeiterwelt ­
  treibt.
Der  „N.  Social-Demokrat"  erzählt  in  Nr.  13,  1874
feie  Geschichte  einer  75jährigen  Frau,  die  27  Jahre  lang  in
einem  guten  Hause  und  später  6  Jahre  lang  in  einem  andern ­
  Hause  Dresdens  gedient  hat  und  nun  an  ihrem  Lebensabend ­
  in  einer  elenden  Bodenkammer  wohnen  nnd  äußereinigen
  geringen  Unterstützungen  durch  Handel  mit  Streichhölzchen ­
  ihren  Unterhalt  erwerben  muß.
Es  ist  recht  so,  wenn  die  einzelnen  Fälle  socialen  Elends
dem  Publikum  in  ihrer  nackten  Wahrheit  vor  die  Augen
geführt  werden.  Wie  weit  die  Geschichte  jener  alten  Frau
auf  Wahrheit  beruht,  lassen  wir  dahin  gestellt  sein.  Auffallend ­
  ist  uns,  daß  der  „N.  Social-Demokrat"  seiner  sonstigen ­
  löblichen  Gewohnheit  gemäß  nicht  auch  zugleich  den
Nanien  jener  grausamen  Herrschaft  publicirt,  welche  ihre  alte
Magd  im  Stich  gelassen.  Wir  geben  zu,  daß  solche  Fälle
von  Pflichtvergessenheit  und  Lieblosigkeit  vorkommen.  Aber
was  macht  die  Social-Demokratic  ans  dem  erwähnten  Fall?
Sie  stempelt  ihn  rasch  zur  Regel  und  schreibt:
»Dieser  Fall  der  Noth,  er  ist  nur  ein  Symptom  deS
„gesammtcn  socialen  Elends.  Es  ist  nicht  die  Ausnahme,
„sondern  die  Regel,  welche  von  ihm  bezeichnet  wird.  In
„einer  Gesellschaft,  wo  die  Fabrikanten  stolz  sind  ans  ihre
„wohlgenährten  Kutschpferde,  aber  sich  den  Teufel  scheeren
„um  ihre  halbverhungerten  Arbeiter,  wo  der  Reiche  eines
„kranken  Hundes  halber  nach  dem  Thierarzt  schickt,  dem
„kranken  Bettler  aber  die  Thüre  weist,  in  einer  Gesellschaft,
„wo  solches  eine  naturgeniäße  Folge  ihrer  Grundsätze  ist,  da
„sind  Einzelfälle  des  Elends,  wie  der  erwähnte,  das  Spiegel-„bild
  der  ganzen  Gesellschaft."
So  wird  der  einzelne  Fall  einfach  generalisirt,  um  zu
        <pb n="108" />
        Schwelgerei.

'J.'i
einer  Berurtheilung  der  Grundsätze  der  ganzen  Gesellschaft ­
  die  Unterlage  zu  gewinnen.
Eine  Zeichnung  unserer  heutigen  Gesellschaft  bringt  der
„N.  Social-Demokrat"  (1873,  1)  mit  den  zwei  Strichen
fertig:  „Wenige  Prassende,  viele  Nothleidende,  das  ist
das  Bild,  welches  sie  darbietet."  Eine  mittlere  Schicht  von
solchen,  welche  nicht  prassen,  aber  auch  nicht  Noth  leiden,  ist
für  den  „N.  Social-Demokrat"  demnach  gar  nicht  vorhanden.  Er
theilt  die  Gesellschaft  in  zwei  an  Ausdehnung  sehr  ungleiche
Lager;  in  dem  kleineren  herrscht  der  Uebersluß,  während  im
anderen  das  „Bolk"  am  Hungertuche  nagt;  „Champagner
und  Austern  schlürfen  die  „Volksvertreter"  während  das
Bolk  hungert  und  im  Elende  darbt",  schreibt  der  „N.  Social-Demokrat" ­
  (1874,  10)  mit  einer  Schamlosigkeit,  die
ihres  Gleichen  sucht  und  auch  nicht  ihre  Entschuldigung
findet  in  der  höhnenden  Zeitungsnotiz  „daß  der  Inhaber
des  Reichstagsbusfets  Angesichts  des  Ausfalls  der  Wahlen
einer  bisher  stark  vernachlässigten  Kategorie  von  Flüssigkeiten
gesteigerte  Aufmerksamkeit  zugewandt  haben  soll."
Auch  in  der  Poesie  spielt  der  Hunger  in  gewohnter ­
  Uebertreibung  eine  Rolle.  Wir  finden  z.  B.  in  dem
Liede:  „Frisch  ans  Kameraden"  folgende  Strophe:
„WaS  nützet  uns  Bildung.  Gesittung  und  Kunst?
„Wir  können  uns  dessen  nicht  freuen!
„Für  uns  ist  daS  Alles  nur  eitler  Dunst,
„Und  die  Neichen  nur  die  sind  die  Freien.
„Für  uns  wird  die  Freiheit  erstickt  durch  den  Fluch,
„Der  uns  Arbeiter  fesselt  am  Hungertuch."*)
Wie  der  „N.  Social-Demokrat"  den  Hunger  mtb  seine
Folgen  dem  „arbeitenden  Bolk"  vor  Augen  malt,  um  es
um  das  Banner  Lassalle's  zu  schaaren,  beweist  uns  ein  den
*)  Neuestes  Proletarier.l'iederbuch  von  Joh.  Most.  p.  14.
        <pb n="109" />
        IV  Die  socialen  Nothstände  u.  die  Soc.-Demokratie.

Hungertyphus  in  Berlin  besprechender  Leitartikel  (1873,  28).
Dort  heißt  es:
„In  den  letzten  zwei  Wochen  sind  in  der  Berliner  Cha-„
  rite  achtzehn  —  sage  achtzehn  Fälle  von  Hungertyphus  nachgc-„
  wiesen  worden,  von  welchen  fünf  bereits  einen  tödtlichen
„Ausgang  hatten."
„Die  Sachlage  ist  bitter  ernst,  denn  diese  zunächst  ver-„einzeltcn
  Fälle  der  verhängnißvollen  Krankheit  im  gegen-„wärtigen
  Augenblick  sind  nichts  weiter,  als  die  Borposten
„der  großen  Scuchenarmee,  welche  sofort  sich  über  die  Arbci-„terklasse
  ergießen  muß,  wo  die  schwindelhaften  Untcrnehmun-„gen
  des  heutigen  Tages  zusammenbrechen  und  eine  Krise
„und  Arbeitsstockung  erzeugen,  welche  ihres  Gleichen  suchen  wird."

„Arbeitendes  Boll,  es  gilt  darum,  daß  Du  Dich  zu-„sammenschaarst,
  daß  Du  das  Banner  Lassalle's  erhebst!  Er-„mannst
  Du  Dich  nicht  bei  Zeiten,  dann  schaue  dort  die
„drohende  Geißel,  die  dich  züchtigen  wird,  den  Hunger-„typhus."

Selbst  dem  „Volksstaat"  geht  diese  Uebertreibung  und
Ausbeutung  des  Elends  zu  Parteizwecken  zu  weit.  Ernennt ­
  (1873,21)  diesen  Leitartikel  „einen  wuthschnaubenden
Erguß  über  Hungertyphus  inc  bekannten  nicht  fuselsreien
Rinaldo-Rinaldini-Styl,  welcher  Erguß  jeden  Spießbürger
vom  Kops  bis  zu  den  Füßen  mit  einer  Ganshaut  bedecken
muß."
Das  rechte  Licht  über  den  Hungertyphus  -  Erguß  verbreitet ­
  uns  eine  Vergleichung  mit  dem  Annoncentheil  derselben ­
  Nummer,  welche  jenen  Leitartikel  enthält.  Dort  finden ­
  wir  nicht  weniger  als  fünf  Einladungen  an  die  Arbeiter
zu  Ball,  Concert  und  anderen  Belustigungen  in  verschiedenen
        <pb n="110" />
        Hungertyphus.  ;

í»:&amp;gt;
Städten,  was  zu  dem  Schreckbild  des  Hungertyphus  wenig
stimmen  will.  Gerade  ein  Jahr  später  (1874,  28  gibt
der  Hungertyphus  in  Berlin  abermals  Stoff  zu  einem
Leitartikel,  der  mit  den  die  Absicht  verrathenden  Sätzen
schließt:
„Aber  Ihr  Arbeiter,  die  Ihr  direkt  leidet  mit  Euren
„Angehörigen,  wollt  Ihr,  daß  solche  Zustände  ewig  währen?
„Ist  Eure  Geistesträgheit  so  groß,  daß  sie  Euch  in  noch
„schlimmere  Banden  schlägt,  als  die  Ausbeutungssucht  des
„gewalthabenden  Kapitals?  Arbeiter,  wohlan,  beherzigt  die
„bittere  Lehre;  bleibt  nicht  beim  Anblick  des  Hungertyphus
„matt  und  lau!  Schließt  Euch  den  Männern  an,  welche
„das  eherne  Lohngesetz  mitsammt  Hunger,  Pest  und  Elend
„aus  der  Welt  schaffen  wollen!  Folgt  der  Fahne  von
„Ferdinand  Zaffaste  !"
Dieser  Appell  an  die  vom  Hungertyphus  angeblich  bedrohten ­
  Arbeiter  hindert  aber  nicht,  daß  die  in  säst  jeder
Nummer  des  „N.  Social-Dcmokrat"  zu  findende  Annonce:
„Porst'-  Salon  Rüdersdorferstraße  45,  am  Ostbahn-„hofe.
  Den  Herren  Parteigenossen  zur  Kenntniß:
„Jeden  Sonntag  Ball.  Jeden  Montag  und  Donnerstag
„Theatervorstellung,  nachher  Kränzchen.  Meine  gut  einge-„
  richteten  Salons  sind  noch  an  gewiffen  Tagen  in  der
„Woche  zu  Bällen  und  sonstigen  Festlichkeiten  unentgeltlich
„zu  vergeben.  C.  Porst"  nach  wie  vor  sich  an  die
Adresse  der  Arbeiter  wendet.
Der  „N.  Social-Demokrat"  nennt  selbst  seinen  Annoncentheil
  „einen  Spiegel  der  Agitation  des  AUgem.  deutschen
«Arbeitervereins."  Und  in  der  That,  das  Bild,  das  er  uns
erblicken  läßt,  zeigt  uns,  zusamniengehalten  mit  dem  Inhalt
der  an  der  Spitze  des  Blattes  stehenden  Leitartikel  den  höchsten ­
  Grad  von  Frivolität.  Jst's  mit  dem  Hungertyphus
        <pb n="111" />
        íiG  IV.  Die  socialen  Nothstände  u.  die  Şoc.-Demokratie.
nicht  weit  her,  dann  ist  die  übertreibende  Schilderung  der
den  Arbeitern  drohenden  Gefahr  frivol.  Hat's  aber
mit  dem  Hungertyphus  seine  Richtigkeit,  dann  ist  die  Einladung ­
  zu:  „Jeden  Sonntag  Ball"  nicht  welliger  frivol.
Der  durch  alle  Nummern  des  „N.  Social-Demokrat"  hindurch ­
  gehende  Kontrast  zwischen  dem  Inhalt  des  redaktionellen ­
  Theils  und  deut  Annoncentheil  stellt  für  jeden  Denkenden ­
  die  Agitation  der  Social-Demokratie,  wie  sie  in  der
Presse  getrieben  wird,  in  das  rechte  Licht.  Dort  die  übertreibende ­
  Schilderung  des  Arbeiterelendes  und  hier  die  sorgfältige ­
  Pflege  der  Genußsucht.  Beide  Wege,  von  denen  der
eine  den  anderen  naturgemäß  ausschließen  sollte,  wandelt  die
social-demokratische  Agitation  zit  gleicher  Zeit,  um  desto
sicherer  ihren  Zweck  zu  erreichen,  die  Arbeiter  ill  Masse  unl
die  Fahne  F.  Lassalle's  zu  schaaren.
Auch  einzelne  Nothstände  des  Auslandes  werden  zu
übertreibenden  Schilderungen  des  Elendck  verwerthet.  So
berichtet  der  „N.  Social-Demokrat"  (1874,  103)  über  „gräß
liches  Arbeiterelend"  in  London,  und  erzählt:  „Der  Parla  -
„mentsbericht  über  Verhungerungsfälle  sammelt  die  officiellen
„Mittheilungen  der  Leichenbeschauer.  Nicht  weniger  als  106
„Menschen  sind  danach  im  vorigen  Jahre  in  London  vor
„Hunger  gestorben."  Gewiß  eine  hohe  Zahl  und  ein  trauriges ­
  Faktum,  das  uns  einen  Einblick  in  die  Verhältnisse
der  englischen  Riesenstadt  gibt.  Aber  die  106  Verhungerten
bem  Arbeiterstand  zuzuzählen,  und  sie  kurzweg  unter  „gräßliches ­
  Arbeiterelend"  zu  rubriciren,  das  erlaubt  sich  der  „N.
Social-Demokrat"  lediglich,  um  seinen  Satz  von  der  „nahrungslosen ­
  Lohnarbeit"  zu  illustriren,  ohne  hierzu  auch  nur
den  geringsten  Anhaltspunkt  zu  haben.  Es  ist  eine  rem
willkürliche  Annahme,  die  Verhungerten  als  Arbeiter  gelten
zu  lasten,  während  es  höchst  wahrscheinlich  ist,  daß  nicht
        <pb n="112" />
        HuugerļyphuS.

‘J  7

wenige  durch  eigene  Schuld  verkomnicue  Subjekte  aus  verschiedenen ­
  Gesellschaftsklassen  sich  darunter  befinden.  Sentimental ­
  wird  der  „N.  Social-Demokrat",  wenn  er  in  demselben ­
  Artikel  fortfährt:  „Noch  schrecklicher  ist  es,  daß  14
„Personen  im  Armenhause  selbst  vor  Hunger  gestorben  sind!
„Wer  kann  sich  darüber  wundern,  wenn  man  sich  daran  erin-„nert,
  daß  von  8  Uhr  Abends  bis  8  Uhr  Morgens  gar
„keine  Nahrung  verabreicht  wird  und  alte,  schwächliche  Män-„ner,
  welche  die  grobe,  kärgliche  Kost  des  Armenhauses  nber-„haupt
  nicht  verdauen  können,  während  dieser  Stunden  ohne
„alle  Erfrischung  bleiben."  Der  Zweck,  woraus  der  ganze
„Artikel  hinausläuft,  wird  in  den  Schlußsätzen  erreicht:  .Die
„Zahl  derer  kommt  hinzu,  welche  durch  Selbstmord  aus  Noth
„endeten,  und  die  jener  Opfer  der  heurigen  Produktionsweise,
„die  durch  den  Mangel  eine  tödtliche  Krankheit  erlitten,  ist
„ganz  unberechenbar  groß.  Es  ist  ein  Massenmord  uns
„enthüllt,  ein  Mafienmord  durch  Hunger."
Einen  weiteren  Massenmord  an  Kindern  des  Proletariats
entdeckt  der  „N.  Social-Demokrat"  in  Frankreich.  Er  beginnt ­
  einen  Leitartikel  (1874,  151)  mit  den  schauerlich
klingenden  Worten:  „Die  Kinder  des  Proletariats."  „Für
„Euch  ist  kein  Platz  in  der  Welt"  —  wahrlich  ein  gräßliches
„Wort  ist  dies,  welches  die  moderne  Gesellschaft  durch  den
„Mund  des  Oekonomen  Malthus  den  Proletarier!indern
„zuruft,  welche  hilflos  und  elend  das  Licht  der  Welt  erblicken."
Es  wird  sodann  mitgetheilt:  „Schon  im  Jahre  1868  wies
„der  Dr.  Brochard  in  einer  voir  der  Akadeniie  der  Wissen  -
„schäften  preisgekrönten  Broschüre  nach,  daß  jährlich  mehr  als
„100,000  Säuglinge  vor  Hunger  und  Elend  zu  Grunde
„gingen.  Das  Uebel  hat  seitdem  nur  noch  größere  Dimen-„sionen
  angenonlnien.  Bon  den  circa  55,000  alljährlich  in
„Paris  geborenen  Kindern  stirbt  die  Hälfte  vor  volleitdetem
Schulter,  Die  bociat-Demotratir.  7
        <pb n="113" />
        98  IV.  Die  socialen  Nothstände  u.  die  Soc.-Demokratie.

„vierten  Lebensjahr;  in  ganz  Frankreich  stirbt  ein  volles  Füm-„tel
  aller  neugeborenen  Kinder  vor  Vollendung  des  ersten  Lebensjahres." ­
  Als  Ursachen  dieser  erschrecklichen  Kindersterblichkeit
  werden  angegeben  „das  Streben  der  jungen  Mädchen
„im  Arrondissement  Chinon,  möglichst  schnell  in  die  Lage  zu
„kommen,  um  als  Ammen  fungiren  zu  können.  Haben  sie
„einen  Dienst  absolvirt,  so  kehren  sie  in  ihr  Dorf  zurück  und
„dieselbe  Procedur  beginnt  von  Neuem."  Ihre  Kinder  übergeben ­
  sie  Wärterinnen,  „bei  denen  die  Hälfte  ihrct  Pfleg-„linge
  binnen  kürzester  Frist  dahinstirbt.  Noch  schlimmer  aber
„sind  die  „nourrices  sèches“  (trockene  Ammen)  genannten
„Weiber,  die  ihr  mörderisches  Handwerk  bei  den  ihnen  von
„den  ärmeren  Frauen  der  Pariser  Arbeiterbevölkerung  über-„gebenen
  Kleinen,  den  sogenannten  pctits-Paris  —  Jung-„Paris
  —,  ausüben.  Dank  ihrer  rafsinirten  Methode  befördern ­
  sie  mehr  denn  70  Procent  ihrer  „Pfleglinge"  aus  bev
„Welt,  ohne  daß  man  ihnen  den  direkten  Mord  nachzuweisen
„vermöchte."  Bei  diesem  schauerlichen  Nachtgemälde  haben
wir  nur  das  Eine  zu  korrigiren,  daß  das  sogenannte  „Jung-Paris"
  nicht  wie  der  „N.  Social-Demokrat"  in  tendenziöser
Absicht  angibt,  aus  Kindern  „ärmerer  Frauen  der  Pariser
Arbeiterbevölkerung"  besteht,  sondern  vorzugsweise  aus  den
in  Paris  so  zahlreichen  „Kindern  der  Liebe"  gebildet  wird,
deren  unnatürliche  Mütter  allen  Ständen  angehören  und
sich  angelegen  sein  lassen,  die  unwillkommene  Frucht  der  Liebe
durch  den  furchtbaren  Dienst  der  sogenannten  „Engelmacherinnen" ­
  möglichst  rasch  verschwinden  zu  lasten.  Natürlich
durfte  von  diesem  Umstand,  von  dieser  tiefsten  moralischen
Korruption  unser  Blatt  keine  Notiz  nehmen,  es  wäre  sonst
der  Zweck,  sociales  Elend  zu  zeichnen,  vereitelt  worden  und
der  erste  Satz  des  Leitartikels:  „Die  Kinder  des  Proletariats." ­
  „Für  Euch  ist  kein  Platz  in  der  Welt!"  hätte  An-
        <pb n="114" />
        Massenmord  an  Kindern  des  Proletariats.  99
gesichts  der  wahren  Sachlage  um  der  frevelhaften  Uebertreibung ­
  willen  dein  Verfasier  jenes  Artikels  doch  die  Schamröthe
  ins  Gesicht  treiben  müssen.  Die  geschilderten  Zustände
enthüllen  uns  eine  grauenhafte  moralische  Korruption
der  Pariser  Bevölkerung.  Der  „N.  Social-Demokrat"  gibt
diesem  Nachtgemälde  die  Unterschrift  „sociales  Elend".
Er  kann  und  darf  nicht  anders,  da  er  ja  die  sittliche  Haltung ­
  des  Menschen  als  Quelle  zahlreichen  Elends,  wie  wir
oben  gesehen  haben,  kurzwegleugnet.  Die  Noth  und  nur  die
Noth  trägt  nach  ihm  an  Allem  die  Schuld,  an  der  Züchtungvon
Ammen  im  Arrondissement  von  Chinon  nicht  weniger,  wie
an  dem  grausamen  Handwert  der  Pariser  „Engelmacherinnen."
Daher  lauten  die  Schlußsätze:  „Solange  die  äußerste  Noth
„noch  Mütter  (die  Mädchen  von  Chinon!)  zwingt,  die  Ge-„fühle
  der  Natur  hintenan  zu  setzen  und  den  Kindern  der
„Reichen  die  Pflege  zuzuwenden,  welche  den  eigenen  Kindern
„gebührt,  solange  ist  nicht  durch  Zwangsmaßregeln  irgend
„etwas  dagegen  zu  machen.  Und  nicht  blos  in  Frankreich,
„auch  in  England,  in  Deutschland,  in  allen  sogenannten
„Kulturländern  springt  uns  derselbe  Abscheu  und  Mitleid  er-„regende
  Zustand  in  die  Augen  —  ein  Massenmord,  vcr-„übt
  an  unseligen  Kindern  des  Proletariats!"
Also  in  Deutschland  ebenso,  wie  in  Frankreich!  Auch
bei  uns  Ammenfabriken  und  gewerbsmäßige  Engelmacherinnen! ­
  Warum  holt  sich  dann  der  Verfasser  des  Leitartikels
die  Farben  zu  seinem  Nachtgemälde  aus  weiter  Ferne  und
nicht  aus  unmittelbarer  Nähe,  wenn  in  allen  Kulturländern
dieselben  verpesteten  Zustände  vorhanden  sind?  Der  Luftsprung
  nach  Deutschland  durste  nicht  unterbleiben,  sonst  wäre
der  Schlußsatz,  der  die  Pointe  des  Ganzen  bildet,  für  die
deutschen  Arbeiter  effektlos  geblieben:  „Wen  so  herzzer-„reißende
  Gräuel  nicht  bekehren  von  den  Lehren  der  modernen
7»
        <pb n="115" />
        100  IV.  Die  socialen  Nothstände  u.  die  Soc..Demokratie.
„Nationalökonomie,  wer  nicht  da  begreift,  daß  der  Staat  und
„die  Gesellschaft  höhere  Pflichten  haben,  als  dein  Kapital  den
»Weg  zu  freien,  Schalten  und  Walten  zu  öffnen,  wen  da
„das  nlenschliche  Mitgefühl  nicht  zum  Socialismus  führt,  der
»muß  einen  Kieselstein  im  Busen  tragen."  Ergo,  die  Nothstände ­
  werden  in  frevelhafter  Uebertreibung  ausgebeutet,  um
Propaganda  für  den  Socialismus  zu  machen.
In  gleicher  Weise  werden  von  der  socialistischen  Vokalpresse
  die  Nothstände  traktirt.  Die  „Süddeutsche  Botts-Zeitung"
  bespricht  (1875,  2)  „die  Kindersterblichkeit  in
Württemberg  resp.  in  Stuttgart"  auf  Grund  einer  Schrift
des  praktischen  Arztes  Dr.  Burkart  „die  Sterblichkeitsverhältnisse ­
  Stuttgarts  im  neunzehnten  Jahrhundert."  Es  ist
Thatsache,  daß  Württemberg  den  traurigen  Ruhm  hat,  die
größte  Kindersterblichkeit  in  Europa  zu  haben.  In  einzelnen
Bezirken,  z.  B.  am  südlichen  Albabhang  stirbt  die
Hälfte  der  Neugeborenen  im  ersten  Lebensjahr,  in  den  übrigen ­
  Bezirken  ein  Drittel  mit  Ausnahme  von  Hohenlohe,
welches  mit  ein  Viertel  der  Kindersterblichkeit  am  Besten
situirt  ist.  Mit  Hinzurechnung  der  Todtgeborenen  erreicht
die  Kindersterblichkeit  im  ersten  Lebensjahr  in  Stuttgart  die
Höhe  von  19,7  Procent.  Es  ist  gewiß  der  Mühe  werth,
den  Ursachen  einer  solchen  Abnormität  nachzuforschen.  Dr.
à-kart  thut  dies  in  sachgemäßer  tendenziöser  Weise.  Er
übersieht  nicht  die  socialen  Verhältnisse,  und  weist  aus  die
ungünstigen  Lebcnsverhältttissc  der  Frauen  als  mitwirkend
Ursache  hin,  welche  den  Frauen  es  unmöglich  niachen,  während ­
  der  Schwangerschaft  sich  die  nöthige  Pflege  und  Ruhe
zu  verschaffen  und  auch  den  neugeborenen  Kindern  die  nöthige
Pflege  angedeihen  zu  lassen.  Das  Auge  des  Arztes  sicht
aber  weiter.  Es  entdeckt  noch  andere  Ursachen,  die  nicht
den  socialen  Verhältnissen  entspringen.  Aber  mag  auch  der
        <pb n="116" />
        Lindersterblichkeit  in  Württemberg  soi
Arzt  auf  die  constitutionelle»  Anomalien  dec  Mütter, ­
  aus  Krankheiten  derselben  wie  Slphilis,  Skrophulose
  und  Schwindsucht  Hinweisen;  mag  er  die  Rohheit ­
  der  Männer  betonen,  welche  den  Frauen  bis  zu  den
letzten  Stunden  der  Niederkunft  Zwangsarbeit  auferlegt;
mag  er  ausdrücklich  betonen:  „die  Hauptursache  liegt  in  dem
immer  Seltenerwerden  des  Säugens",  das  beiden
höheren,  wie  bei  den  niederen  Ständen  immer  weiter  einreißt; ­
  mag  er  auch  erwähnen:  „Andere  säugen  zwar  ihre
„Kinder,  wenn  sie  gerade  nach  Hause  kommen,  für  die  übrige
„Zeit  steckt  mau  den  Kindern  einen  Schlozer  in  den  Mund,
„gleichgültig,  ob  derselbe  sauer  ist,  oder  ob  er  mit  anderen
„schädlichen  Stoffen  getränkt  ist.  Tie  Frauen  selbst  gehen  in
„die  Fabriken  oder  an  ihre  sonstigen  Geschäfte,  und  denken
„nicht  im  Entferntesten  daran,  irgend  welche  diä-„tetische
  Vorschriften  zu  beobachten,  welche  wäh-„rend
  des  Stillens  nothwendig  sind";  mag  der  Umstand, ­
  daß  bei  der  reichen  Bauernbevölkerung  am  südliche»
Albabhang  die  größte  Kindersterblichkeit  anzutreffen  ist,  ganz
besondere  Beachtung  bei  der  Beurtheilung  verdienen;  mag
endlich  auch  für  Württemberg  es  noch  unerforscht  sein,  in
welchem  Verhältniß  die  Kindersterblichkeit  der  niederen  Klaffen
zu  derjenigen  der  höheren  Stände  steht  —  alles,  alles  dies
fällt  bei  den  Gelehrten  der  „Süddtsch.  Volks-Ztg."  nicht
in's  Gewicht.  Für  alle  nicht  in  den  socialen  Verhältniffen
liegenden  Ursachen  haben  sie  kein  Auge.  Die  ausgezählten
Ursachen  hindern  sie  nicht  an  dem  Urtheil:  „Die  Noth  und
„Armuth,  die  Ueberanstrengung,  die  dadurch  entstehende  Roh-„heit
  der  Männer,  die  schlechten  und  theuren  Wohnungen,
„(Burkart  spricht  von  den  sehr  hoch  gelegenen  Wohnungen)
„die  mangelhafte  Pflege  der  Kinder  sind  die  Ursache  der  hohen
„Stcrblichkeilsziffer."  So  ist  denn  der  beabsichtigte  Zweck
        <pb n="117" />
        102  IV.  Die  socialen  Nothstände  u.  die  Soc.-Demokratie
erreicht,  das  von  der  „Süddtsch.  Volks-Ztg."  gegebene  Resumé ­
  bürdet  die  große  Kindersterblichkeit  Württembergs  aus
schließlich  den  Schultern  des  Proletariats  auf  und  stellt  sie
dar  als  eine  Folge  unserer  socialen  Verhältnisse,  als  eine
Folge  der  Roth.  Somit  hat  die  Social  -  Demokratie  auf
diese  Weise  einen  neuen  Beleg  gewonnen  resp.  fabricirt  für  ihr
Axiom:  Die  Gesellschaft  trägt  die  Schuld  an  allem  vorhandenen ­
  Elend.
So  springt  die  Social-Deniokratie  mit  den  Nothständen
um,  damit  sie,  und  darauf  kommt  es  ihr  hiebei  ausschließlich
an,  reichliches  Kapital  für  den  Socialismus  aus  denselben
schlagen  kann.
Wir  haben  die  planmäßige  Uebertreibung  an  genug  Beispielen ­
  illustrirt.  Das  Bild  wird  aber  erst  vollständig,  wenn
wir  auch  das  Verhalten  der  Social-Demokratie  gegenüber  der
für  die  Nothstände  sich  darbietenden  Abhülfe  prüfen.
Die  sociale  Frage  stellt  an  alle  Gesellschaftsklassen  die
Anforderung,  an  der  Heilung  socialer  Schäden  in  sclbstverleugnender
  und  aufopfernden  Weise  mitzuarbeiten.  Wir
sind  wohl  vom  Ziele,  von  einer  Lösung  der  socialen  Frage,
um  diesen  landläufigen  Ansdruck  zu  gebrauchen,  noch  weit
entfernt,  und  stehen  noch  vor  niancher  schweren  Aufgabe,
deren  Bewältigung  in  dem  Maße  mehr  Zeit  und  Geduld ­
  in  Anspruch  nimmt,  als  sie  weniger  ans  dem  mateteriellen,
  sondern  mehr  auf  bent  geistigen  Gebiet  liegt,
daher  ihr  auch  weniger  durch  äußere  Einrichtungen  und
Gesetze,  als  vielmehr  durch  Regeneration  der  sittlichen  Begriffe ­
  und  durch  Erzeugung  eines  neuen  geistigen  Kapitals
gedient  ist.  Doch  darf  nicht  übersehen  werden,  daß  die
sociale  Frage  sich  in  letzter  Zeit  gegen  früher  mehr  in  den
Vordergrund  gestellt  hat,  und  daß  manche  der  von  ihr
geforderten  Arbeiten  theils  in  Angriff  genommen,  -theils  auch
        <pb n="118" />
        Staatliche  Gesetzgebung.

103

schon  mit  gutem  Erfolg  durchgefühlt  sind.  Es  mutz  anerkannt ­
  werden,  daß  man  die  sociale  Frage  heute  doch  richtiger
würdigen  gelernt  hat  und  auch  an  ihre  Aufgaben  mit  mehr
Berständniß,  Eifer  und  Liebe  herantritt.
Bon  besonderer  Bedeutung  ist  die  Stellung,  welche  die
staatliche  Gesetzgebung  zur  socialen  Frage  eingenommen  hat.
Das  Princip  der  Nichtintervention  des  Staates  ist  glücklich
überwunden;  die  Anhänger  des  „laissez  faire  et  passer“
auf  dem  Gebiete  des  gewerblichen  Lebens  sind  unter  den
Oekonomen  heute  bedeutend  in  der  Minorität,  und  der  Staat
hat  bereits  angefangen,  in  seiner  Gewcrbegesetzgebung  der
Industrie  eine  Ordnung  zu  geben,  welche  die  Jntereffen  aller
bei  ihr  Betheiligten  gleichmäßig  zu  wahren  bestimmt  ist.
Der  Staat  stellt  amtliche  Erhebungen  an  über  die  faktischen
Zustände,  uni  zur  Fortsetzung  der  begonnenen  Gesetzgebungsarbeiten
  das  nöthige  Material  zu  erhalten.  Verstehen  die
Gesetzgeber  bei  ihrer  Arbeit  die  nöthige  Objektivität  sich  zu
wahren  und  das  Jnteresie  der  Gesammtheit  maßgebend  sein
zu  lasten,  und  wird  der  Arbeiterwelt,  namentlich  den  von
keiner  Parteileidenschaft  eingenommenen,  und  von  keinem
Parteiinteresse  geleiteten  Arbeitern  Gelegenheit  geboten,  über
die  sie  so  nahe  berührenden  Fragen  auch  ihren  Anschauungen
einen  Ausdruck  zu  geben,  dann  dürfen  wir  uns  einen  ersprießlichen ­
  Erfolg  von  der  staatlichen  Intervention  versprechen. ­

Während  allseitig  die  Betheiligung  deS  Staats  bei  der
Regelung  des  industriellen  Lebens  willkommen  geheißen  und
gefordert  wird,  ist  die  Social-Demokratie  verdrießlich  darüber.
Ihr  Princip  duldet  es  nicht,  die  Allianz  des  jetzigen  Staates
im  socialen  Kampf  anzunehmen.  Sie  proklamirt  zwar  die
„Staatshilfe",  meint  aber  damit  die  Hilfe  des  socialistischen
Zukunftsstaats,  in  welchem  die  Gesetzgebung  ausschließlich  von
        <pb n="119" />
        104  IV.  Die  socialen  Nothstände  u.  die  Soc.-Demokratie.

ihren  Vertretern  beherrscht  sein  wird.  Anläßlich  einer  von
Fritz  Mende  an  die  deutsche  Regierung  gestellten  Aufforderung, ­
  „aus  den  vorhandenen  Kriegsentschädigungsgeldern  eine
Nationalbank  zu  gründen,  zum  Zweck  der  Gründung  von
Produktivarbcitergenossenschaftcn  nach  de»  Principien  Ferdinand
Lassalle's"  spricht  sich  der  „N.  Soc.-Demokrat"  (1671,  59)
über  seine  Stellung  zum  gegenwärtigen  Staat  mit  voller
Deutlichkeit  und  Offenheit  miß.  Er  schreibt:
»Gs  kann  gar  kein  Zweifel  darüber  obwalten,  daß  Vassalle's
„Staat  der  Zukunft  und  das  gegenwärtige  „Deutsche
„Reich"  himmelweit  verschiedene  Dinge  sind,  trotz  des  allge-„
  meinen  Wahlrechts  für  den  Reichstag.
«Vassalle  will  eben,  daß  das  Volk  erst  zur  Erkenntniß
»kommen  soll;  er  will,  daß  erst  die  Mehrheit  des  Parlaments
„aus  Ar  be  it  er  Vertretern  bestehen  soll,  und  daß  dann
„dieses  Parlament  an  der  Spitze  der  Mehrheit  des  Volks
«eine  solche  Machtentfaltung  zeigen  soll,  daß  die  reaktionäre
„Regierung  sich  vor  ihm  beugt.  Erst  dann,  wenn  der
„Sieg  der  Volks  fach  e  gewiß  ist,  erst  dann  soll  die
„Staatshilfe  gefordert  und  bewilligt  werden;  nimmer-„mehr
  aber  so  lange  eine  reaktionäre  Negierung  noch  exiftirt."
In  einer  durch  mehrere  Nummern  hindurchgehenden
Polemik  gegen  die  „Provinzialkorrespondenz"  unterzieht  der
„Volksslaat  '  (1672,  87)  die  staatlichen  Maßregeln  zur
Ordnung  des  gewerblichen  Lebens  einer  äußerst  gehässigen
Kritik.  Er  zählt  zuerst  die  einzelnen  Maßregeln  auf:
„1.  die  Bestimmungen  der  Deutschen  Gewerbeordnung
..zum  Schutz  der  Lehrlinge  und  jugendlichen  Arbeiter;
„2.  die  Beschränkungen  der  Sonntagsarbeit  durch  die
„Gewerbeordnung;
.,3.  die  Sicherung  der  Arbeiter  gegen  Gefahr  für  Leben
„und  t^esiindheit  durch  das  Haftpflichtgesetz;
        <pb n="120" />
        Staatliche  Gesetzgebung.

105

„4.  die  gesetzliche  Beipflichtung  der  Baarzahlung  des
„Lohnes;
„5.  die  Einrichtung  von  Arbeitertaffen  (Knappschasts-„Kaffen);

„6.  die  Förderung  des  Sparļaffenwcjens;
„7.  die  Förderung  von  Konsumvereinen  und  von  Ge-„noffenschaften
  für  die  Erleichterung  des  Kredit's,  für  die
„Borsorge  gegen  Alter,  Krankheit  und  Sterbefälle/'
Und  die  Kritik  lautet:
„Und  daü  find  die  Maßregeln,  die  nach  der  Behauptung
„der  „Provinzialkorrespondenz"  die  „fürsorgliche  Aufmerk-„sauìļeit"
  der  Deutschen,  speciell  der  Preußischen  Regierung
„für  die  „Arbeiterverhältniffe"  beweisen  sollen,  und  in  denen
„der  „leitende  (und  allein  richtige)  Grundsatz"  aus  dem
„Gebiet  der  ökonomischen  Gesetzgebung  „zum  vollen  Ausdruck"
„gelangt  ist!  In  der  That,  an  Dreistigkeit  sehlt  es  dem
„„Gewissenhaften"  nicht.  Beredte  „Zeugnisse"  sind  diese
„Maßregeln  freilich,  und  auch  für  die  „Fürsorge"  unserer
„Regierungen,  aber  nicht  für  die  „Fürsorge",  welche  sie  dem
„„Wohl  der  arbeitenden  5tlassen",  sondern  für  die,
„welche  sie  den  privilegirten  Klassen  zuwenden!  Sieben»
„dige  Beweise  dafür,  daß  der  heutige  Staat  sich  zwar  seiner
„Berpslichtungen  gegen  die  arbeitenden  Klaffen  bewußt
„ist,  daß  er,  präciser  ausgedrückt,  sich  seiner  Pflicht  bewußt
„ist,  die  Quellen,  aus  denen  die  sociale  Misere  entspringt,
„zu  „verstopfen";  daß  aber  die  Regierungen  der  Erfüllung
„dieser  Pflicht  systematisch  aus  dem  Wege  gegangen
„sind,  ulld  das  Wenige,  was  sie,  durch  bic  Umstände  ge-„drängt,
  oder  aus  berechnender  Staatsllugheil,  für  die
„Arbeiter  thun  mußten,  nicht  mit  dem  ernsten  Willen  gethan
„haben,  den  arbeilenden  Klaffen  zu  helfen,  und  mittelst  durch-..greifender
  ökonomischer  Reformen  dem  herrschenden  Nothstand
        <pb n="121" />
        1  OG  IV.  Tie  socialen  Nothstände  u.  die  Soc.-Demokralie.
„ein  Ziel  zu  setzen  und  Staat  und  Gesellschaft  vor  den
„„Schrecknissen  einer  socialen  Revolution"  zu  bewahren."
Bei  einer  anderen  Gelegenheit  schreibt  der  „Volksstaat"
(1872,  49):
„Ausbeutung  und  Unterdrückung  —  etwas  Anderes
„haben  die  Arbeiter  vorn  heutigen  Staat  nicht  zu  erwarten;
„und  nur  politische  Kinder  konnten  glauben,  Herr  von  Bis-„marck
  werde  den  Arbeitern  etwas  à  la  „englische  Fabrik-Inspektoren"
  als  Präsent  überreichen;  denn  für  eine  Junkerlegierung
  ist  nicht  einmal  dieses  Kraut  gewachsen."
Nur  tver  die  principielle  Stellung  der  Social-Demokratie
zum  heutigen  Staat  kennt,  vermag  diese  Schmähungen  und
Verdächtigungen  der  von  Seiten  des  Staats  den  Arbeitern
sich  darbietenden  Hilfe  zn  begreifen.  So  sehr  auch  der  Socia
lismus  daS  antiquirte  Prinzip  des  »laissez  aller  et  passer“
bekämpft,  so  wäre  es  ihm  dennoch  höchst  erwünscht,  wenn  der
Staat  der  socialen  Frage  gegenüber  sich  vollständig  passiv  verhalten ­
  würde,  und  Alles  gehen  ließe,  wie  es  geht.  Denn  je  größer
die  Desorganisation,  die  Unordnung  im  gewerblichen  Leben,
desto  günstigere  Chancen  sind  für  den  Socialismus  vor-Handen.
  Wo  die  Social-Demokratie  sich  dennoch  an  der  gewerblichen ­
  Gesetzgebung  betheiligt,  da  geschieht  es  „ausschließlich ­
  zu  agitatorischen  Zwecken."  (Volksstaat  1874,  50.)
Aus  gleichen:  Grunde  wird  auch  die  seit  Herbst  1872
hcrvorgetretcne  Partei  der  sogenannten  „Äathedersocialisten"
höchst  wegwerfend  behandelt.  Zu  ihr  gehören  diejenigen
Männer,  welche  das  Princip  der  staatlichen  Intervention
auch  wiffcnschaftlich  vertreten,  und  wiederum  betonen,  daß
das  Verhältniß  der  Arbeitgeber  zu  ihren  Arbeitern  und  umgekehrt ­
  nicht  durch  die  Bestimmungen  des  rechtlichen  Vertrags
erschöpft  wird,  sondern  auch  an  gegenseitige  sittliche  Verpflich.
tnngen  gebunden  ist.  Durch  die  Arbeiten  und  Kongresie
        <pb n="122" />
        Kathedersocialisten.

107

des  „Vereins  für  Socialpolitik"  liefern  die  Kathedersocialisten
der  ökonomischen  Gesetzgebung  schätzenswerthe  Vorarbeiten.
Die  Social-Demokratie  hat  für  diese  Männer  nur  Hohn
und  Spott.  Der  „N.  Soc.-Demokrat"  (1872,  119)  nennt
ihre  Principien  „heillosen  Blödsinn",  und  urtheilt  von  ihrer
Thätigkeit:  „die  Berge  kreisen  und  ein  Mäuschen  wird  geboren." ­
  Der  „Volksstaat"  (1872,  82)  schreibt  über  sie:
„In  kleinbürgerlichen  Vorstellungen  sich  bewegend  sind
„diese  Kathedcrsocialisten  mit  ihrer  bornirten  Philantrople
„und  vor  den  Folgen  zurückbebenden  Sintis  eine  schwächliche,
„verzwergte,  und  obendrein  sehr  verspätete  Ausgabe  der
„Sisinonde  Sismondi,  John  Stuart  Mill  u.  s.  w.,  in
„deren  Schriften  jeder  Gedanke  der  Herrn  Kathedersocialisten,
[nur  ungleich  kräftiger,  schärfer  und  entwickelter  zu  finden
„ist.  Der  ..Kathedersocialismus"  hat  eben  eine  Brille  und
„Hämorrhoiden,  wie  alles  deutsche  „Gelehrten"»Werk.
Neben  den  gesetzlichen  Verpflichtungen,  welche  die  gewerbliche ­
  Gesetzgebung  auferlegt,  bleibt  den  Arbeitgebern  noch  ein
weiter  Spielraum  für  die  Bethätigung  ihrer  freiwilligen  Fürsorge ­
  für  das  materielle  und  sittliche  Wohl  ihrer  Arbeiter.
Eine  einfache  Beschränkung  auf  die  Befolgung  der  gesetzlichen
Vorschriften  halten  wir  noch  nicht  für  ausreichend,  um  den
socialen  Frieden  wieder  herzustellen  und  zu  erhalten.  Die
Gesetze  können  unmöglich  alles  für  die  Arbeiter  Nützliche  und
Ersprießliche  in  ihren  Bereich  ziehen.  In  der  Regelung  des
absolut  Nothwendigen  haben  sie  ihre  Grenze,  die  sie  nicht
überschreiten  können.  Wollte  die  Gesetzgebung  mehr  thun,
dann  würde  sie  zum  Hemmschuh  werden.  Das  ganze  weite
Gebiet  der  sittlichen  Verpflichtungen  bleibt  von  ihr  unberührt.
Hier  muß  sie  der  freiwilligen  Initiative  des  einzelnen  Arbeitgebers ­
  es  anheimstellen,  das  zu  thun,  was  je  nach  der
Eigenart  semes  industriellen  Betriebs  und  je  nach  den  lokalen
        <pb n="123" />
        108  IV.  Die  socialen  Nothstände  u.  die  Soc  -Demokratie.
Verhältnissen  im  Interesse  seiner  Arbeiter  liegt,  und  wozu
selli  Gewissen  ihn  treibt.  Wir  dürfen  diesen  Punkt  hier
nicht  weiter  verfolgen  und  nicht  näher  specialisiren.  An
rühmlichen  Vorbildern  dieser  freiwilligen  Thätigkeit  für  das
Wohl  der  eigenen  Arbeiter,  wie  der  Arbeiterklaffe  überhaupt,
fehlt  es  uns  nicht.  Mit  Befriedigung  dürfen  wir  auch
konstatiren,  daß  der  Eifer  der  Nachahmung  in  neuerer
Zeit  in  der  Zunahme  begriffen  ist.  Wir  betrachten  es
allemal  als  einen  weiteren  schätzenswerthen  Beitrag  zur
Lösung  der  socialen  Frage,  wenn  sich  die  Fürsorge  eines
Arbeitgebers  für  seine  Arbeiter  durch  irgend  eine  mit  seinen
Arbeitern  vereinbarte  und  von  ihnl  getroffene  Einrichtung
neu  bethätigt.
Anders  die  Social-Demokraten.  Zu  Allein,  was  von
einem  Fabrikanten  mehr  geschieht,  als  gerade  der  Bllchstabe
des  Gesetzes  ihm  auferlegt,  sehen  sie  scheel  drein.  Ueber
dle  Humanität  eines  Fabrikanten  sind  sie  voller  Spott,  und
unermüdlich  in  Verdächtigungen  aller  Art.  Selbst  wenn
der  Nutzen  für  die  Arbeiter  auf  den  ersten  Blick  in  die
Augen  springt,  versuchen  sie  das  Unternehmen  zu  hintertreiben ­
  und  die  Arbeiter  durch  allerlei  Vorspiegelungen  mißtrauisch ­
  zu  niachen.  Selbst  die  die  Jahreseinnahme  des
Arbeiters  wesentlich  erhöhende  „Gewinnbetheilignng",  die  in
einzelnen  Etablissements  eingeführt  ist,  und  immer  weitere
Verbreitung  finden  sollte,  um  dent  Arbeiter  die  Ersparniß
eines  kleinen  Kapitals  zu  erleichtern,  bleibt  nicht  unangefochten.
Bebel  nennt  sie  schlechtweg  einen  „Schwindel"  (Unsere  Ziele
S.  28.)  Der  „N.  Soc.-Demokrat"  (1872,  49)  raunt
ben  Arbeitern  in  die  Ohren:  „Mit  der  sogenannten  „Theil-„Haberschaft
  aut  Geschäftsgewinn"  wollen  die  Fabrikanten  die
„Arbeiter  kirren."  Der  Grund  solcher  schnöden  Verdächtigungen ­
  liegt  auf  der  Hand.  Der  besitzende  Arbeiter  ist  für
        <pb n="124" />
        Humanität  der  Fabrikanten.

I  Oí)
radikale  Ideen  nicht  mehr  empfänglich.  Lo  wird  jeder  einzelne
Fall  humaner  Fürsorge  von  der  Social-Demokratie  begeifert
und  wirkungslos  zu  machen  versucht.  Man  lese  nur,  was
der  „N.  Soc.-Demokrat"  (1873,  41)  schreibt:
„Da  sind  die  Konsumvereine,  Fabrikkrankenkasien,  Arbeiter
„Wohnungen  und  alle  die  tausenderlei  Mittelchen,  wodurch
„die  Fabrikanten  vorgeben,  die  Lage  ihrer  Arbeiter  besten:
„zu  wollen.  Sehen  wir  sie  uns  genauer  an,  dann  finde»!
„wir  wiederuin,  daß  alle  diese  Gnadenbrocken  nur  darauf
„abzielen,  die  Arbeiter  in  Abhängigkeit  zu  bringen,  sie  au
„die  Scholle  zu  fcsielu  wie  Hörige,  um,  ohne  durch  Strikes
„gefährdet  zu  sein,  die  Löhne  drücken  zu  können.  Mit  einem
„Worte,  verrathen  und  verkauft  sind  alle  Arbeiter,  welche
„von  anderen  Klasien  etwas  erwarten,  als  von  ihrer  eigenen."
So  verdächtigt  Hasielmann  mit  frecher  Stirne  Alles,
was  für  die  Arbeiter  geschieht.  Dieser  Erguß  läßt  nur  allzu
deutlich  erkennen,  wie  sehr  den  Social-Demokraten  daran
gelegen  ist,  ein  friedliches  Verhältniß  zwischen  den  Fabrikantetl
rind  ihren  Arbeitern  nicht  alifkommen  zu  lasien.  Darum  die
maßloseste  Verdächtigung  alles  desien,  was  für  die  Arbeiter
geschieht,  nicht  nur  in  jedem  einzelnen  Fall,  sondern  ganz
allgemein  von  vornherein.  Die  Verurtheilung  ist  schon  eine
beschlosienc  Sache,  noch  ehe  das  einzelne  Werk  existirt  uno
eine  Prüfung  möglich  ist.
Auch  die  Thätigkeit  freier  Vereine,  die  sich  nicht  speciell
dem  Arbeitcrstand  zuwendet,  sondern  eine  Minderung  der
Armuth  und  Noth  im  Allgemeinen  bezweckt,  wird  vcrurtheilt.
So  schreibt  der  „N.  Soc.-Dcmokrat"  (1871,  72)  über  die
Elbersclder  freiwillige  Armenpflege:  „Wie  weit  die  Lacher-„lichkeit
  und  Verblendung  geht,  zeigt  der  Umstand,  daß  die
„englische  Negierung  jetzt  einen  Abgeordneten  nach  Elberfeld
„sendet,  um  die  dortige  Armenpflege  zu  studiren  und  nöthigen-
        <pb n="125" />
        HO  IV.  Die  socialen  Nothstände  U.  die  Soc.-Demokratie.
„falls  in  England  einzuführen.  Mit  Elberselder  Muckerthum
„glaubt  man  das  sociale  Elend  Englands  bessern  zu  können!
„Etwas  Tolleres  gibt  es  schwerlich."  An  diesem  Urtheil
ändert  natürlich  auch  die  Thatsache  nichts,  daß  seit  Organisation ­
  der  freiwilligen  Armenpflege  in  Elberfeld  im  Jahre
1853  der  Aufwand  der  städtischen  Armenpflege  von  47,149
Thaler  im  Jahre  1852  bei  50,364  Einwohnern  im
Jahre  1867  bis  auf  21,182  Thlr.  bei  64,732  Einwohnern
sich  vermindert  hatte,*)  dadurch  also  eine  wesentliche  Per-Minderung
  der  Armuth  durch  die  Thätigkeit  der  freiwilligen
Armenpsteger  konstatirt  ist.
Endlich  finden  auch  die  Arbeiten  der  „Inneren  Mission,"
soweit  dieselben  den  Arbeiterstand  berühren,  keine  Gnade  in
den  Augen  der  Social-Demokratie.  Die  Innere  Mission
hat  schon  seit  Jahrzehnten  ihre  „Herbergen  zur  Heimath"
für  die  Haudwerksburscheu.  In  über  100  Städten  Deutschlands ­
  werden  diese  Herbergen  von  den  wandernden  Handwerksgesellen ­
  äußerst  zahlreich  besucht,  da  sie  gute  und  billige
Kost,  reinliches  Nachtquartier,  überhaupt  Alles,  was  den»
Handwerksburschcn  auf  der  Wanderschaft  nach  Leib  und
Seele  Noth  thut,  darbieten.  Die  Innere  Mission  nimmt
sich  in  großen  Städten  der  Lehrlinge  an,  denen  ein  Anschluß
an  die  Familie  fehlt,  und  baut  Herbergen  für  Fabrikmädchen.
Sie  bezweckt  damit  Bewahrung  vor  den  Gefahren  des
Wanderlebens,  und  Schutz  vor  den  zahlreichen  Versuchungen,
denen  die  in  einer  Großstadt  alleinstehenden  Jünglinge  und  Mädchen ­
  ausgesetzt  sind.  Aber  weder  an  Jenem  noch  an  Diesem
scheint  der  Social-Demokratie  etwas  gelegen  zu  sein.  Sie
verdächtigt  alle  diese  Anstalten  als  „gewinnreiche  Spekulationen
*)  Bausteine,  Jlluftrirtes  Monatsblatr  für  innere  Mission
1874,  67.
        <pb n="126" />
        Innere  Mission.

Ill

zum  Nutzen  der  Unternehmer."*)  Sie  hat  natürlich  kein
Wohlgefallen  an  solch  bewahrender  Fürsorge  für  die  Arbeiter;
denn  „Herbergen  zur  Heimath"  sind  keine  Brutstätten  für
socialistische  Umtriebe,  und  Lehrlinge,  die  sich  der  schützenden
Pflege  der  „Inneren  Mission"  anvertrauen,  bieten  wenig
Hoffnung,  sich  als  Rekruten  sür  den  Socialismus  anwerben
zu  laffen.
Wir  erhalten  einen  eigenthümlichen  Eindruck  von
der  gezeichneten  Stellung  der  Social-Demokratie  zu  den
herrschenden  socialen  Nothständen.  Sie  verheißt  aller  Noth
ein  Ende  machen  zu  wollen,  steht  aber  nicht  an,  wirklich
vorhandene  Noth  freventlich  zu  übertreiben,  und  scheut  sich
nicht,  jegliche  Abhilfe  von  wirtlicher  Noth  geflissentlich  zu
hintertreiben.  Sie  versucht  zwar  ihr  Verhalten  gegenüber
Allem,  was  für  die  Arbeiter  geschieht,  durch  die  Behauptung
zu  rechtfertigen,  es  seien  doch  alles  nur  „Palliativmittel",
die  nicht  durchgreifend  zu  helfen  vermöchten.  Zugegeben,  es
wäre  so.  Dürfte  man  dann  nicht  in  solchem  Falle  von
Jedem,  der  an  der  Beibehaltung  der  Nothstände  kein  Interesse
*)  In  öffentlicher  Versammlung  in  Stuttgart  im  Oktober  v.J
versuchte  der  Agitator  Dreesbach  auch  das  Stuttgarter  Vereins-Haus
  mit  seiner  Herberge  zur  Heimath  und  mit  seiner  Lehrlings.
Herberge  als  eine  gewinnreiche  Spekulation  zu  verdächtigen.  Wir
haben  in  der  nächsten  öffentlichen  Versammlung  im  November,
der  Dreesbach  nicht  anwohnte,  da  er  sich  in  Untersuchungshaft
befand,  demselben  durch  seinen  Parteigenossen  K.  Hillmann,  Redakteur ­
  der  „Süddeutschà  Volks  Ztg."  anbieten  lassen,  für  jeden
Pfennig  hundert  Gulden  zu  zahlen,  von  dem  Dreesbach  den
Nachweis  liefere,  daß  er  als  Gewinn  in  die  Tasche  eines  Mitglikdes
  des  Vereinshaus-Comitè's  geflossen  sei.  Es  sind  uns
bis  jetzt  noch  keine  hundert  Gulden  abgefordert  worden.  Die
Zurücknahme  der  Verdächtigung  hat  der  Agitator  bis  jetzt  noch
nicht  als  eine  Ehrensache  betrachtet.
        <pb n="127" />
        112  lV.  Die  socialen  Nothstände  u  die  Loc  Demokratie.
hat,  erwarten,  daß  er  auch  über  den  geringsten  Beitrag  zur
Abhilfe,  und  solite  derselbe  auch  nur  für  den  Augenblick  eine
Wirkung  haben,  sich  von  Herzen  freut,  nnd  sich  die  Palliativmittel ­
  so  lange  gefallen  läßt,  bis  es  ibm  gelungen  ist,  gründlich ­
  zu  helfen?  Vergebens  erwarten  wir  von  der  Social-Demokratie
  ein  solches  Verhalten,  weil  sie  nicht  an  der
Linderung  sondern  an  der  Verschärfung  der
Nothstände  ein  Interesse  hat.  Diese  Behauptung,
schon  einfach  durch  das  Verhalten  der  Social-Demokraten
gerechtfertigt,  stützt  sich  auf  eine  Aeußerung  des  Präsidenten
des  „Allg.  deutschen  Arbeitervereins"  Hasenclever,  der  in
einer  Berliner  Mitgliederversammlung  in  einem  Vortrag  über
die  Stellung  der  Social-Demokratie  zur  konservativen  Partei
sich  dahin  ausließ:  „Wir  bekämpfen  auf  der  auderen  Seite
„jedoch  nicht,  wie  der  Grundbesitz,  die  Entwickelung  des
„Kapitals,  nnd  zwar,  wie  einmal  Schweitzer  im  Reichstage
»betonte,  aus  Bosheit  nicht.  Je  mehr  das  Kapital  sich
„entwickelt,  desto  korrumpirter  werden  alle  Verhältnisse,  so  daß
„das  Volk  endlich  zur  Erkenntniß  kommen,  und  das  ganze
„faule  Gebäude  zusammenstürzen  muß."  (N.  Soc.-Demokrat
1871,  65.)  Das  war  doch  etwas  stark  aus  der  Schule
geplaudert!  Die  Social-Demokratie  kämpft  nicht  gegen  eine
Steigerung  der  Korruption,  eine  solche  fördert  nur  den  von
ihr  geplanten  Umsturz  der  bestehenden  Gesellschaftsordnung,
liegt  also  in  ihrem  Interesse.  Sie  bekänipft  aber  Alles,
was  die  Korruption  eindämmen  kann;  denn  eine  Abnahme
derselben  macht  auch  das  Gelingen  des  socialen  Umsturzes
aussichtsloser.
        <pb n="128" />
        Y.
Der  Klaffenhaß  und  die  Social-Dcmokratie.
Inhalt:  Ursachen  der  Unzufriedenheit.  Steigerung  der  Bedürf.
nisie.  Arbeitsertrag.  Die  Liebe.  Predigten  des  Haffes.
Keine  Versöhnung.  Klassenkampf,  à  la  Marat.
Es  ist  eine  nicht  zu  bestreitende  Thatsache,  daß  unsere
Zeit  einen  ungetrübten  Frieden  zwischen  den  verschiedenen
Gesellschaftsklassen  nicht  kennt.  Die  sociale  Frage  weist  uns
auf  ein  gestörtes  Verhältniß  zwischen  den  oberen  und  den
niederen  Schichten  unseres  Volkes  hin;  sie  hat  die  Gestalt
eines  auf  deutschem  Boden  bis  jetzt  noch  in  unblutiger  Weise
geführten  socialen  Krieges,  in  welchem  sich  die  zahlreiche  Klaffe
der  Besitzlosen  und  die  minder  große  Zahl  der  Besitzenden
als  streitende  Parteien  gegenüberstehen.  Es  wäre  kurzsichtig
und  ungerecht,  die  Ursache  dieses  socialen  Zerwürfniffes  ausschließlich ­
  in  der  social  -demokratischen  Agitation  zu  suchen.
Wären  keine  Verhältnisse  vorhanden,  welche  bei  der  niederen
Klaffe  Unzufriedenheit  und  ein  gewisses  Maß  von  Erbitterung
nothwendig  erzeugen  müssen,  dann  würde  es  der  Social-Demolratie
  ein  gut  Theil  schwerer  fallen,  die  Aufmerksamkeit
der  Massen  auf  sich  zu  ziehen.  So  aber  gelingt  es  ihr,  die
große  Maffe  der  Unzufriedenen,  die  von  der  socialen  Lage
irgendwie  gedrückt,  oder  wohl  gar  in  ihrer  Existenz  bedroht
werden,  bei  denen  zu  deni  allgemeinen  Gefühl,  daß  es  so
nicht  weiter  gehen  könne,  das  specielle  Bedürfniß  einer  Abhilfe ­
  von  dem  einen  oder  dem  anderen  Uebelstande  sich  gc-E
  chuster,  Die  Social-Trmokratie.  8
        <pb n="129" />
        114  V.  Der  Älassenhaß  und  die  Soc.-Demokratie.
selli,  um  ihr  Banner  zu  schaaren.  Die  bei  den  letzten  Reichstagswahlen ­
  für  die  socialistischen  Reichstags-Candidaten  abgegebenen ­
  nahe  an  400,000  Stimmen  zeigen  uns  immer  erst
einen  Theil  des  großen  Heers  der  Unzufriedenen.  Ihr  Botum
ist  nichts  weniger  als  eine  Sanktion  des  socialistischen  Programmes, ­
  so  gerne  uns  auch  die  Social-Demokratie  glanben
machen  will,  daß  es  ein  zustimmendes  Urtheil  für  den
Socialismus  sei,  sondern  es  ist  durch  das  rief  empfundene
Bedürfniß  erzeugt,  daß  auch  durch  das  Mittel  der  Gesetzgebung ­
  den  socialen  Ausschreitungen  ein  Damm  gezogen
werden  müsse,  ohne  daß  die  Mehrzahl  jener  Abstimmenden
danlit  auch  zugleich  die  Abhilfe  schaffende  Gesetzgebung  in
die  socialistische  Schablone  hätten  zwangen  oder  aussprechen
wollen,  daß  sic  nur  vorn  Socialismus  ihr  Heil  erwarte.
Die  vorhandene  und  aus  natürlichem  Boden  herauswachsende
Unzufriedenheit  lst  der  Faden,  an  welchen  die  social-demvtratische
  Agitation  geschickt  anknüpft,  und  den  sie  künstlich
weiter  zu  spinnen  weiß.  Die  llnznfriedenheit  in  den  niederen
Regionen  der  Gesellschaft  zum  Klassenhaß  zu  steigern  und
den  sorgfältig  genährten  Klassenhaß  zum  unversöhnlichen
Klassenkampf  weiter  zu  führen,  das  ist  die  Kunst  und  das
traurige  Verdienst  der  Social-Demokratie.
Es  ist  überflüssig  und  cs  liegt  auch  nicht  in  unserer
Aufgabe,  die  begründeten  Ursachen  der  Unzufriedenheit  hier
des  Näheren  zu  erörtern.  Die  Geschichte  der  letzten  Tage  hat
sie  ja  zum  Theil  der  Art  enthüllt  uud  blos  gelegt,  daß  ein
Jeder,  der  sehen  will,  sie  auch  klar  erkennen  kann.  Das
Verhältniß  zwischen  den  Besitzenden  und  den  Besitzlosen  muß
nothwendig  gestört  werden,  wenn  weniger  die  redliche  Arbeit,
als  vielmehr  die  schwindelhafte  Spekulation  als  Mittel  zur
raschen  Vermehrung  des  Besitzes  in  Uebung  kommt.  Nur
durch  die  Arbeit,  und  nicht  durch  die  arbeitslose  Spekulation
        <pb n="130" />
        8*

Ursachen  der  Unzufriedenheit

116

werden  neue  Werthe  geschaffen,  wird  der  Nationalreichthnm
vermehrt.  Mit  einer  nur.  durch  Spekulation  gewonnenen
Vermehrung  des  Besitzes  muß  also  stets  eine  entsprechende
Bernlinderuug  des  Besitzstandes  Anderer  parallel  gehen.  Die
durch  schwindelhafte  „Gründungen"  angehäuften  kolosialen
Reichthümer  in  den  Händen  Einzelner  repräsentiren  nicht
eine  neu  geschaffene  Gütermasse,  sondern  sie  sind  nur  eine
Ansammlung  eines  Theils  der  vorher  über  die  Gesanuntheit
zerstreuten  und  vertheilten  Güter  au  wenigen  Punkten.  Die
mit  vollem  Recht  jetzt  an  den  Pranger  gestellten  „Gründungen" ­
  gleichenden  künstlich  angelegten  und  dem  Auge  verborgenen ­
  Drainröhren,  welche  die  vorher  über  den  ganzen
Ackerboden  ungleich  vertheilte  Wassermenge  an  sich  ziehen  und
in  einen  oder  wenige  Behälter  zur  Ausanunlung  leiten.  Eine
solche  Entwässerung  des  Ackers  steigert  deffen  Fruchtbarkeit.
Die  Entwässerung  des  wirthschaftlichen  Bodens  aber,  die
einer  Verminderung  des  Besitzstandes  Bieter  zu  Gunsten
Weniger  gleichkommt,  ist  vom  Uebel,  lind  muß  Unzufriedenheit ­
  und  Erbitterung  bei  denen  erzeugen,  die  direkt  oder  indirekt
  schuldig  oder  unschuldig  von  ihr  berührt  werden.
Eilte  allzuschrvsfe  Bermvgensungleichheit,  die  neben  eine  weitverzweigte ­
  Armuth  einen  kolossalen  Reichthum  Weniger  stellt,
hat  an  sich  schon  ihre  großen  socialen  Gefahren;  aber  ungleich ­
  mehr  noch,  wenn  Ungerechtigkeit  den  großen  Besitz  angehäuft ­
  hat.
Richt  nur  die  schwindelhafte  Art  der  Aneigtlung,  sondern
ailch  der  sündhafte  Gebratich  des  großen  Besitzes  hat  bei
dem  vorhandenen  socialen  Zerwürfniß  wesentlich  mitgewirkt.
In  dem  Nebeneinanderstehen  von  Reichthum  rind  Armlith
liegt  an  sich  keine  sociale  Gefahr.  Bei  rcchtenl  Gebrauch  des
Reichthun,s  ist  die  Ungleichheit  des  Besitzes  sogar  ein  sociales ­
  Bindemittel.  Das  Gegentheil  tritt  aber  ein,  wenn  der
        <pb n="131" />
        1  u;  V.  Der  Klassenhaß  mid  die  Soc.-Deinokralie.

vermehrte  Besitz  ausschließlich  der  Befriedigung  einer  in  gleichem
Maße  gesteigerten  Genußsucht  und  wie  oft  in  der  übermüthigsten ­
  und  frivolsten  Weise  dient.  Was  unsere  Zeit  in  diesem
Punkte  leistet,  brauchen  wir  nicht  zu  sagen.  Nicht  nur,  daß
der  schnöde  Mißbrauch  des  Besitzes  Erbitterung  hervorruft,  er
weckt  auch  in  den  Herzen  der  Unbemittelten,  die  sich  täglich
von  einem  verschwenderischen  Luxus  umgeben  sehen,  neben
dem  Gefühl  des  ungeheuren  Abstandes  die  Begierde  nach  ähnlichen ­
  Genüssen,  deren  Nichtbefriedigung  Mangels  der  hierzu
erforderlichen  Mittel  die  Armuth  schwerer  und  die  Unzufriedenheit ­
  wie  die  Erbitterung  größer  macht.
Wir  haben  mit  den  vorstehenden  Andeutungen  nur  den
Boden  bezeichnen  wollen,  auf  welchen  die  Social-Demokratie
sich  stellt,  nicht  in  der  Absicht,  die  angegebenen  Ursachen  der  Unzufriedenheit ­
  zu  beseitigen,  sondern  uni  dieselben  in  ihrem
eigenen  Interesse  zum  Klassenhaß  und  zum  Klassenkampf  zu
schüren  und  zu  steigern.  Sie  weiß  die  schrankenlose  Erwerbssucht ­
  und  Genußsucht  scharf  zu  geißeln.  Es  bildet  dies  aber
nicht  die  Grenze,  welche  von  der  Social-Demokratie  mchl
überschritten  wird,  sondern,  wo  sie  Arbeiter  findet,  die  noch
zufrieden  sind,  weil  sie  von  jenen  die  Unzufriedenheit  erzeugenden ­
  Ursachen  weniger  berührt  werden,  da  versucht  sie  es,
dieselben  unzufrieden  zu  machen,  bainit  die  Unzufriedenheit
nicht  auf  einen  Bruchtheil  der  Arbeiterwelt  beschränkt  bleibt,
sondern  die  ganze  Klasse  ergreift  und  somit  zum  Klassenhaß
sich  erweitert.
Als  Mittel  hiezu  dient  ihr  die  planmäßige  und
künstliche  Erweiterung  der  Bedürfnisse  der  Arbeiter.  Die
Wirkung  eines  solchen  Mittels  liegt  auf  der  Hand,  wenn
nicht  zugleich  mit  der  Erweiterung  des  Bedürsnißkreises  auch
eine  reichere  Einnahme  dargeboten  wird.  Auf  diese  Weise
wird  die  Lage  des  Arbeiters  nicht  gebessert,  wohl  aber  ver-
        <pb n="132" />
        Ursachen  der  Unzufriedenheit

117

schlimmer!  und  gar  leicht  der  völlige  wirthschaftliche  Ruin  des
einzelnen  Arbeiters,  schließlich  der  ganzen  Klaffe  herbeigeführt.
Anstatt  die  Steigerung  der  Bedürfnisse  an  die  Bedingung
einer  vorausgegangenen  Vermehrung  der  Mittel  zu  knüpfen,
verfährt  die  Social-Demokratie  geradezu  umgekehrt  und  lehrt
ben  Arbeiter,  sich  recht  viel  Bedürfnisse  anzugewöhnen,  weil
möglichst  viel  Bedürfnisie  haben  „die  Tugend  der  heutigen,
der  nationalökonomischen  Zeit"  sei.  Eine  Zunahme  der  Mittel
in  einer  Steigerung  des  Arbeitslohnes  werde  dann  schon  von
selbst  sich  einstellen.
Diesen  verlockenden  und  für  den  Menschen,  der  von  einer
Selbstbeherrschung  und  Selbstbeschränkung  nichts  weiß,  gar
leicht  verführerischen  Weg  hat  schon  Laffalle  den  Arbeitern
anzupreisen  versucht.  In  seinem  Arbciterlesebuch  finden  wir
ans  Seite  31  und  32  die  Stelle:
„Ihr  deutschen  Arbeiter  seid  merkwürdige  Leute!  Vor
„sranzösischeu  und  englischen  Arbeitern,  da  müßte  man  piai-„diren,
  wie  man  ihrer  traurigen  Lage  abhelfen  könne.  Euch
„aber  muß  man  vorher  erst  noch  beweisen,  daß  Ihr  in  einer
„traurigen  Lage  seid.  So  lange  Ihr  nur  ein  Stück  schlechte
„Wurst  habt  und  ein  Glas  Bier,  merkt  ihr  das  gar  nicht
„und  mißt  gar  nicht,  daß  Euch  etwas  fehlt!  Das  kommt
„aber  von  Eurer  verdammten  Bedürfnißlosigkeit!  Wie,
„werdet  Ihr  sagen,  ist  die  Bedürfnißlosigkeit  denn  nicht  eine
„Tugend?  Ja,  vor  dem  christlichen  Moralprediger,  da  ist
„die  Bedürfnißlosigkeit  allerdings  eine  Tugend!  Die  Bedürf-„nißlosigkeit
  ist  die  Tugend  des  indischen  Säulenheiligen  und
„des  christlichen  Mönches;  aber  vor  dem  Geschichtsforscher
„nnd  vor  dem  Nationalökonomen  da  gilt  eine  andere
„Tugend.  Fragen  Sie  alle  Nationalökonoinen:  welches  ist
„das  größte  Unglück  für  ein  Volk?  Wenn  es  keine  Be-„bürfniffe
  hat.  Denn  diese  sind  der  Stachel  seiner
        <pb n="133" />
        118  V.  Der  Klassenhaß  und  die  Loc.-Demokratie.
„Entwicklung  und  Kultur.  Darum  ist  der  neapolita-„nische
  Lazarone  so  weit  zurück  in  der  Kultur,  weil  er  keine
„Bedürfnisse  hat,  weil  er  zufrieden  sich  ausstreckt  und  in  der
„Sonne  sich  wärmt,  wenn  er  eine  Hand  voll  Maccaroni
„erworben.  Warum  ist  der  russische  Kosak  so  weit  zurück
„in  der  Kultur?  Weil  er  Talglichte  frißt  und  froh  ist,  wenn
„er  sich  in  schlechten,  Fusel  berauscht.  Möglichst  viel
„Bedürfnisse  ha  ben,  aber  sie  ans  e  hrlichc,  anstän-„dige
  Weise  befriedigen  —  das  ist  die  Tugend  der
„  heutigen,  der  nationalökonomischen  Zeit!  Und  so  lange  Ihr
„das  nicht  begreift  und  befolgt,  predige  ich  ganz  vergeblich!"
In  diesen  Sätzen  ist  wieder  ein  Körnlein  Wahrheit  unter
einer  dicken  Hülle  von  Verkehrtheiten  zu  finden.  Es  ist  allerdings ­
  wahr,  daß  die  Kunst  betteln  gehen  müßte,  wenn  der
reiche  Herr  nicht  das  Bedürfniß  hätte,  seine  Wände  mit
guten  Oelgemälden  zu  schmücken;  oder  daß  die  Seidenindu
strie  ihren  Betrieb  einschränken  rnüßte,  wenn  nicht  die  reiche
Dame  das  Bedürfniß  hätte,  statt  baumwollener  seidene  Kleider ­
  zu  tragen.  Ja,  die  äußere  Kultur,  die  Lebensverfeinerung,
—  an  eine  solche  scheint  Lassalle  ausschließlich  zu  denken  —
könnte  keine  Fortschritte  ruachen,  wenn  der  Besitzer  seine
Geldschätze  vergraben  würde  und  derselbe  keine  Bedürfnisse
hätte,  zu  deren  Befriedigung  jene  Schätze  in  Umlauf  gesetzt
werden  müssen.  Dabei  wollen  wir  nicht  übersehen,  daß  das
Volkswohl  nicht  gefördert,  sondern  geschädigt  werden  müßte,
wenn  die  reichen  Leute  ihr  Geld  ausschließlich  in  den  Dienst
einer  solchen  Kulturentwickelung  stellen  würden,  welche  durch
die  Steigerung  und  Befriedigung  eigener  Bedürfnisse  und
Lebensgenüsse  hervorgerufen  werden  soll.  Aber  zu  einer  Be
theiligung  an  dieser  Art  von  Kulturentwicklung  auch  diejenigen ­
  anzuspornen,  denen  es  noch  an  den  Mitteln  hierzu  fehlt.
        <pb n="134" />
        Steigerung  der  Bedürfnisse.

119

das  ist  der  verführerische  Weg,  Unzufriedenheit  und  wirthschaftlichen
  Ruin  zu  erzeugen.
Laffalle  rühmt  einen  selbst  bis  zum  rasfinirtestcn  Luxus
gesteigerten  sinnlichen  Lebensgenuß,  wenn  er  nur  auf  eine
ehrliche  und  anständige  Weise  befriedigt  wird,  als  eine  Tugend.
Darum  konnte  er  auch  in  seiner  am  17.  und  19.  Mai  186:1
in  Frankfurt  am  Main  gehaltenen  Rede  Christi  Parabel
Boni  reichen  Mann  und  armen  Lazarus  umdrehen  und  sagen,
daß  der  reiche  Prasser  Abrahams  Schoß  verdiene.*)  Es  mag
für  Lassalle  ein  Bedürfniß  gewesen  sein,  den  reichen  Prasser
als  einen  Tugcndheldcn  hinzustellen,  da  Lassalle  selbst  mit  seiner
Iahresrente  von  mehr  als  5000  Thaler  nicht  auskommen
konnte.**)  Aber  mit  solchen  Anschauungen  vor  die  Arbeiterwelt
  hintreten  und  unter  dem  schöuklingeuden  Namen  der
&amp;gt;tnlturentwicklung  die  Arbeiter  nach  einem  die  Mittel  übersteigenden ­
  Maß  von  sinnlichen  Genüssen  reizen,  das  ist  ein
Frevel  am  Wohlergehen  des  Arbeiterstandes.  Und  wiederum
auf  der  einen  Seite  an  dem  Prasser  der  Gegenwart  eine  beißende
Kritik  üben,  ans  der  andern  Seite  aber  Schwelgen  und  Prassen
für  eine  Tugend  erklären,  das  ist  ein  Widerspruch,  der  nur
in  den  verschiedenen  Interessen  der  socialistischen  Agitation
seine  Lösung  findet.
Die  Jünger  Laffalle's  haben  seine  Verdammung  der  Bedürfnißlosigkeit
  nicht  überhört  und  nicht  vergeffen.  Hier  und
da  kehrt  derselbe  Ausspruch  wieder.  („9?.  Soc.-Demokrat",
1872,  20.  72).  Bebel  hat  gerade  dadurch  im  Süden  viel
von  sich  reden  gemacht,  weil  er  bei  seinen  Agitationsreden
in  den  Industriestädten  Württembergs  ganz  der  Lassalle'schen
*)  I  E.  Jörg,  Geschichte  der  social-politischen  Parteien  in
Deutschland.  S.  108.
**)  B  Becker,  Enthüllungen  über  das  tragische  Lebensende
von  F.  Laffalle.  Ş.  5.
        <pb n="135" />
        120  V.  Der  Klassenhaß  und  die  Soc.-Demokratie.
Bedürfniß  -  Theorie  gemäß  das  ABC  aller  ökonomischen
Weisheit,  die  Ausgaben  mit  den  Einnahmen  in  der  Balance
zu  erhalten,  gänzlich  ignorirte  und  die  Nothwendigkeit  der
Bedürfnißvermehrnng  zu  begründen  versuchte.  Die  Art  und
Weise  der  Ausführung  hat  er  drastisch  illustrirt,  wenn  er
seinem  Publikum  als  Beispiele  vorgeführt  haben  soll:  „der
Arbeiter  müsse  statt  2  Glas  Bier  deren  täglich  4  trinken,-dadurch
  werde  das  Bierbrauergewerbe  gefördert,  oder,  statt
der  Kreuzer-Cigarre  müsse  er  eine  solche  für  einen  Groschen
ranchen,  dadurch  werde  der  Cigarren-Jndustrie  Borschub  geleistet ­
  u.  s.  w.  So  gestaltet  sich  in  der  Praxis  die  nicht
bloß  dem  Socialisnlus  eigenthümliche  Lehre,  daß  die  möglichste ­
  Steigerung  der  Konsumtion  die  Hauptaufgabe  der
Bolkswirthschaft  und  die  Vermehrung  der  Bedürfnisse  das
Glück  der  Einzelnen,  wie  der  Bölker  sei.  Der  Socialismus
weiß  aber  diese  Lehre  trefflich  für  seine  Zwecke  zn  verwerthen
und  durch  deren  Predigt  der  Unzufriedenheit  neue  Nahrung
zuzuführen.
Ein  weiteres  Mittel,  den  Klassenhaß  zu  entflammen,  ist
die  socialistische  Lehre  vom  Arbeitsertrag.  Wir  gebenden
Satz  unbedenklich  zu,  daß  nur  die  Arbeit  einen  neuen  Werth
erzeugt.  Unter  Arbeit  verstehen  wir  aber  nicht  nur  die  Leistungen
des  sogenannten  Lohnarbeiters,  sondern  gleicher  Weise  auch
die  Thätigkeit  des  Fabrikanten,  auch  wenn  derselbe  nicht  mit
seinen  Arbeitern  an  der  Maschine,  oder  an  der  Arbcitsbank
in  einer  Reihe  steht,  sondern  nur  auf  die  Leitung  des  Geschäfts ­
  seine  Zeit  und  Kraft  verwendet.  Der  durch  die  vereinigteArbeit
  des  Arbeitgebers  und  der  Arbeitnehmer  neu  erzeugte
Werth  ist  der  Arbeitsertrag,  der  unter  Alle  bei  der  Produktion
Betheiligten  vertheilt  werden  muß.  Bei  der  Einzel-Produktion ­
  fällt  natürlich  der  ganze  Arbeitsertrag  dem  Einzelnen
zu.  Der  kleine  Handwerker,  welcher  sein  Geschäft  ohne  Mit-
        <pb n="136" />
        Arbeitsertrag

121

Wirkung  von  Gehülfen  betreibt,  hat  mit  Niemanden  den
Arbeitsertrag  zu  theilen.  Die  durch  die  Arbeitstheilung  wieder
bedingte  Arbeitsvereinigung  gibt  auch  allen  bei  der  Produkt
lion  Mitwirkenden  einen  Ansprnch  auf  einen  Theil  des  gemeinschaftlichen ­
  Arbeitsertrags.  Die  Formel  aber,  nach  der
sich  genau  berechnen  ließe,  wie  viel  ein  Jeder  durch  seine
Arbeit  zu  dem  neu  geschaffenen  Werth  beigetragen  hat,  die
also  auch  als  ein  sicherer  Maßstab  bei  der  Bertheilung  des
gemeinschaftlichen  Arbeitsertrags  dienen  könnte,  ist  noch  nicht
gefunden,  wird  wohl  auch  nie  gefunden  werden.  Die  Vertheilung
  vollzieht  sich  nach  Maßgabe  der  vorher  getroffenen
freien  Vereinbarung,  und  der  dem  Arbeiter  hienach  zugesprochene ­
  Antheil  kommt  in  desien  Arbeitslohn  zum  Vorschein.
Der  Arbeitslohn  ist  also  der  volle  Arbeitsertrag  des  Arbeiters,
auf  den  allein  dieser  einen  rechtlichen  Anspruch  hat.
Nach  sozialistischen  Begriffen  ist  nur  die  Thätigkeit  deS
Lohnarbeiters  eine  Arbeit,  welche  einen  neuen  Werth  erzeugt.
Die  Arbeit  des  Fabrikanten  wird  gleich  Null  tapiri.  So  oft
daher  auch  die  Social-Dentokratie  vom  arbeitenden  Volk  redet,
denkt  sie  ausschließlich  an  die  städtischen  und  ländlichen  Lohnarbeiter ­
  und  an  die  Kleinbauern  und  Kleingewerbetreibenden,
die  entweder  ohne  Gehülfen  oder  doch  in  gleicher  Weise  wie
die  Gehülfen  arbeiten  (Bolksstaat  1674  ,  151).  Bei
einer  solchen  Voraussetzung  hat  der  Fabrikant  an  dem  gemeinschaftlichen ­
  Arbeitsertrag  keinen  Anspruch  und  kein  Recht
auf  einen  Unternehmerlohn,  da  seiner  Arbeit  die  Produktivität ­
  abgesprochen  wird.  Er  muß  sich  mit  der  üblichen  Verzinsung ­
  des  auf  das  Unternehmen  verwendeten  Anlage-  und
Betriebskapitals  zufrieden  geben.  Und  nicht  einmal  dies  kommt
bent  Unternehmer  nach  socialistischer  Vorstellung  zu,  wenn  der
,.N.  Soc.-Demokrat"  (1872,  81)  schreibt:  „Wir  sehen,  daß
..in  der  heutigen  Gesellschaft  an  das  wirklich  werkthätige  Volk
        <pb n="137" />
        122  V.  Der  Klassenhaß  und  die  Loc  »Demokratie.

„nur  der  Vo%n  fällt,  daß  dagegen  ohne  Arbeit  die  Kapi-„talistenklasse
  den  Zins  und  Unternehmergewinn  an  sich  zieht
.  Wir  fordern  nur,  daß  nicht  bloß  der  Lohn,  sondern
„auch  jener  Theil  des  durch  Arbeit  erzeugten  Werthes,  den
„jetzt  die  Kapitalistenklasse  für  sich  in  Beschlag  nimmt,  den  Arbeitern
„zufalle.  Und  diese  und  keine  andere  Forderung  versteht  Jeder'
„mann  unter  der  Formel:  den  vollen  Arbeitsertrag
„für  den  Arbeiter."  Die  Vertheilung  des  gemeinschaftlichen
Arbeitsertrags  muß  also  lediglich  unter  die  Arbeiter  mit
Ausschluß  des  Unternehmers  erfolgen.  Eitier  solchen  Forderung ­
  entspricht  die  bei  der  heutigen  Produltionsweise  herrschende ­
  Vertheilung  des  Arbeitsertrags  allerdings  keineswegs,
da  sie  auch  dem  Unternehmer  einen  Theil  des  durch  die
gemeinschaftliche  Arbeit  erzeugten  Werths  zuweist.  Es  beschuldigt ­
  darum  die  Social-Demokratie  die  heutige  kapitalistische
Produktionsweise  einer  Beraubung  der  Arbeiter,  da  ihnen
von  dem  Arbeitsertrag  soviel  entzogen  werde,  als  der  Ueberschuß
  des  durch  die  Arbeit  erzeugten  Werthes  über  den  gezahlten ­
  Arbeitslohn  betragt,  folglich  eine  Beraubung  in  Höhe
des  bem  Fabrikanten  zugefallenen  Unternehmcrlohns,  und  cs
wird  das  ganze  Lohnverhältniß  kurzweg  als  Ausbeutung  gebrandmarkt. ­
  Wohlverstanden,  das  Lohnverhältniß  an  sich,
nicht  eine  mißbräuchliche  Ausnutzung  desselben  gilt  dem  Socialismus ­
  als  Ausbeutung,  auch  wenn  ein  noch  so  hoher  Arbeitslohn ­
  bezahlt  wird,  sobald  nur  etwas,  und  sei  es  auch  ein
noch  so  fletiier  Theil  des  Arbeitsertrags  dem  Unternehmer
zufällt.
Das  Thema  von  der  Ausbeutung  wird  bei  der  socialistischen ­
  Agitation  fleißig  lraktirt  und  vielfach  variirt.*)  Aber
*)  Als  Kuriosum  theilen  wir  folgende  Leistung  der  „Süddeutschen ­
  Bolkszeituug"  mit,  deren  sich  der  Redakteur  derselben,
C.  Hillmann,  als  Beleg  seiner  Wissenschaftlichkeit  und  sorgfältigen
        <pb n="138" />
        Arbeitsertrag.

123

wie  gestaltet  sich  bei  der  Agitation  die  Lehre  vonr  Arbeitsertrag?
  Es  erfordert  schon  etwas  Nachdenken,  wenn  man
zwischen  dem  Produkt  und  dem  durch  die  Arbeit  dem  Rohstoff ­
  hinzugefügten  Mehrwerth  unterscheiden  will.  Mit  dieser
genauen  Unterscheidung,  daß  nicht  das  Produkt,  das  der
Arbeiter  in  das  Magazin  des  Fabrikanten  abliefert,  den
Arbeitsertrag  darstellt,  sondern  nur  soviel  seines  Werthes,
als  durch  die  Bearbeitung  zu  dem  vorherigen  Werth  des
Rohstoffs  hinzugekomnien  ist,  werden  die  Arbeiter  nicht  viel
geplagt.  Die  Sache  macht  sich  ja  viel  leichter,  und  das
Rechcnexcmpcl  wird  bedeutend  vereinfacht,  sowie  die  durchschlagende ­
  Wirkung  verdoppelt,  wenn  man  kurzer  Hand  das
ganze  Produkt  als  den  Arbeitsertrag  hinstellt,  das  ganz  und
voll  den,  Arbeiter  gebührt,  welches  der  Fabrikant  aber  sich
aneignet.  Es  ist  ja  auch  viel  anschaulicher,  den  Arbeiund
  gewesscnhaften  Benützung  der  stalistischen  Resultate  in  öfseutsicher
  Versammlung  uns  gegenüber  noch  berühmte.  Sie  schreibt
iu  Nr.  67,  1874:  „Die  landwirthschaftlichen  Arbeit«
„geber  gehören  zu  Jenen,  welche  über  die  Ansprüche  der  Arbeiter
„am  Meisten  klagen  und  über  deren  Ansprüche  in  Bezug  auf  Kost.
„Getränke  und  Lohn  Zeter  und  Mordio  schreien.  Dem  gegenüber
„dürfte  wohl  folgendes  Exempel  beweisen,  wie  diese  Herren  durch
«die  Rindviehzucht  ohne  alle  und  jede  Mühe  in  den  letzten
„Jahren  wohlhabend  geworden  sind.  In  einem  Marstalle  (?),  berichtet
„man  uns  aus  Heidcnheim,  in  welchem  Ochsen  von  gleichem
„Gewicht  seit  Jahren  gemästet  werden,  kosteteten  dieselben
„1862  beim  Einkauf  141  fl;  im  Jahre  1872  und  1873  aber  242
„dis  260  st  ,  ja  die  bei  weitem  größere  Anzahl  trug  270  biLLOO  st.
„beim  Ber  kauf  e  ein:  das  ergibt  mithin  eine  Berthenrung  des
"ViehpreiseS  von  80-170  Prozent,  und  wer  steckt  diesen  hohen
..Verdienst  in  die  Tasche?  Der  Arbeiter  oder  der  Gutsbesitzer?
Desgleichen  ist  der  Preis  der  Schweine  und  der  Pferde  in
„die  Höhe  gegangen,  daß  es  wahrhaft  nicht  mehr  schön  ist,  wenn
„dieLandwirtbe  überdie  AnsprüchelerArbeiter  raisonniren  wollen."
        <pb n="139" />
        124  V.  Der  Klasseuhaß  und  die  Soc.-Temokratie
tern  zu  predigen:  die  Maschinen,  die  aus  der  Maschinenfabrik ­
  hervorgehen,  sind  euer,  denn  sie  sind  die  Frucht  eurer
Arbeit,  aber  ihr  bekommt  nur  einen  kleinen  Theil  ihres
Werthes  u.  s.  w.  Und  in  der  That,  der  „N.  Social-Demokrat"
  leistet  in  dieser  Verwechselung  des  Produkts  mit
dem  durch  die  Arbeit  erzeugten  Mehrwerth  das  Unglaublichste. ­
  Man  lese  nur  folgenden  Leitartikel  des  „N.  Social-Demokrat
  (1874,  105),  den  wir  vollständig  mittheilen
wollen:
„Proletarier,  wollt  Ihr  ewig  Proletarier  sein?"
„Männer  der  Arbeit!  Im  Sonnenschein  schimmert  das
„Erntefeld;  es  neigt  sich  der  Halm  unter  der  Wucht  der
„Aehre;  die  Natur  spendet  reichlich  ihre  Gaben  der  Mensch-„heit,
  denn  sie  sind  wohl  erworben  durch  Arbeit,  Mühe  und
„Sorgen.  Das  ist  Euer  Schweiß,  Männer  der  Arbeit,
„Ihr  habt  den  Pflug  geführt,  mit  kräftigem  Arm  habt  Ihr
„das  Brachfeld  gebrochen;  Ihr  habt  die  Saat  gestreut,  sorg
„sän,  und  mühevoll;  Ihr  schwingt  die  Sense,  unverdrossen,
„ob  auch  sengende  Glut  Euch  ermattet;  Ihr  speichert  die
„goldeuen  Früchte  auf  und  füllt  mächtige  Scheuern,  daß  jedes
„Herz  frohlockt  beim  Anblick  der  köstlichen  Spenden  der
„allbeglückenden  Natur,  der  redlich  erworbenen  Frucht  der
„Arbeit.
„Ja,  das  ist  die  Frucht  Eurer  Arbeit,  Eueres
„Schweißes,  der  von  Euch  geopferten  Lebenskraft.  Doch  ist
„sie  Euer?  —  Sprecht,  Männer  der  Arbeit,  für  wen  habt
„Ihr  Euch  abgemüht,  für  wen  gepflügt,  geeggt,  gesäet,  ge-„mäht,
  gedroschen,  wessen  Scheuern  sind  gefüllt?  Des
„Gutsherren  Scheuern.
„Der  Gutsherr  ist  es;  sein  eigen  ist  das  Land,  sein
„eigen  ist  das  Korn,  sein  eigen  ist  Alles,  wohin  Ihr  auch
„blickt.  Auch  Eure  Kraft,  die  Eures  Weibes,  Eures  Soh-
        <pb n="140" />
        Arbeitsertrag.

125

«nés  und  Eurer  Tochter,  sie  ist  sein  eigen,  denn  Ihr  ver-,,
  kauft  sie  ihm  für  den  Lohn;  thut  Ihr  das  nicht,  nun,  dann
"Müßt  Ihr  verhungern,  denn  nichts  ist  sonst  Euer  eigen.
„Da  sitzt  Ihr  in  der  ärmlichen  Hütte  beim  trockenen  Brode
„und  blickt  neidisch  auf  den  prunkenden  Edelsitz  hin.  Sorget,
„daß  Euer  Herr  nicht  merkt,  daß  der  Knecht  nicht
„Knecht  sein  will;  denn  auch  die  Hütte  ist  sein  eigen,
„und  es  bedarf  nur  eines  Winkes,  und  mit  Weib  und
„Kind  steht  Ihr  hungernd,  frierend  und  obdachlos  auf  der
Bandstraße!
„Es  sauset  die  Maschine,  es  klappert  der  Webstuhl;
„Tausende  von  Spindeln  drehen  sich  summend,  Faden  reiht
„sich  an  Faden;  unter  Eurer  Hand,  Männer  der  Arbeit,
„entstehen  prachtvolle  Teppiche,  glänzende  Gewänder.  Vom
„frühen  Morgen  bis  zum  späten  Abend  dauert  rastlos  der
„Gang  der  Maschinen,  rastlos  Eure  Arbeit;  doch  Ihr  er-"Müdet
  nicht,  Ihr  Spinner  und  Weber,  und  Euer  Knnst-"fleiß,
  Eure  Sorgfalt,  Euer  Mühen  trägt  Frucht;  nnzäh-"lige
  treffliche,  warme  und  kleidsame  Gewebe  zeugen  davon.
„Doch  sind  sie  Euer,  die  Ihr  sie  geschaffen?
„O  nein,  Ihr  geht  in  Lumpen  mit  Weib  und  Kind,
"Ihr  Fleißigen,  Geschickten;  Eurer  dumpfen  Behausung
"bleibt  das  Werk  Eurer  Hände  fern.  Der  prächtige  Tep-"Pich,
  den  Eure  Hand  geschaffen,  er  ziert  des  Fabrikherrn
"Haus;  in  Sammet  und  Seide  stolzirt  die  gnädige  Frau
„oder  die  Maitresse  daher.  Und  vermesset  Ihr  Euch,  das  zu
"Meistern,  dann  öffnet  sich  Euch  das  Thor  der  düstern  Fa-"brik
  und  Euch,  Arbeitslose,  erwartet  draußen  die  freie  Na-..tur,
  doch  nicht  minder  der  Hunger.
„Von  der  Wiege  bis  zum  Grabe,  ruhlos  schaffst  Du,
„Arbeitervolk;  Du  häufest  Nahrung,  Du  häufest  Schätze  an
»und  machest  die  Welt  zum  großen  Bienenkörbe.  Wie  fleißig
        <pb n="141" />
        126  V  Der  Älassenhaß  und  die  Soc  Demokratie.
„sorgst  Du  für  Deine  Herren  und  wie  schlecht  für  Dich
„selbst!  Männer  des  Volkes,  haltet  Ihr  Euch  nicht  für
„würdig,  den  Ertrag  Eurer  Arbeit  ungetheilt  zu  genießen?
„Meint  Ihr  als  fromme  Christen  zu  handeln,  wenn  Ihr
„selbst  mit  Weib  und  Kind  im  Schlamme  des  Elends  nn-„tergeht,
  wenn  Ihr  Pest  und  Hunger,  Unwissenheit  nnd
„Verbrechen  über  Euch  und  Eure  Nachkommen  heraufbeschwört?
„Wollt  Ihr,  Sclavenseelen  gleich,  statt  mannhaft  Stand  zu
„halten.  Euch  zerknirscht  in  den  Staub  werfen  unter  der
„Neberlast  des  Ungemachs?
„Männer  der  Arbeit,  in  der  Gluth  des  Flammofens,
„im  Feuer  der  Schmiede  streckt  Ihr  das  Eisen,  schmiedet
„Ihr  Schwerter  und  Ketten.  Das  Werk  Eurer  Hände  sind
„die  Millionen  von  Gewehren,  die  Zehntausende  von  Kano-„nen,
  von  denen  die  Welt  starrt.  Und  wer  ist  es,  der
„unter  Schwertstreichen  erliegt,  den  die  Ringel  dahinrafft,  den
„die  Granate  zerreißt,  wenn  die  Kriegsfurie  dahinraset  durch
„Europa?  Daö  seid  Ihr,  das  sind  Eure  Brüder  und
„Söhne.  Wahnsinnigen  Selbstmord  begehen  die  Völker,
„wenn  sie  sich  ans  den  Schlachtfeldern  zerfleischen.
„So  arbeitet  Ihr,  so  plagt  Ihr  Euch,  und  was  ist
„Euer  Theil?  —  Habt  Ihr  Freude,  Wohlstand,  Frieden?
„—  Habt  Ihr  Obdach,  Nahrung,  Kleidung?  —  Oder  was
„für  Herrlichkeiten  sind  es,  die  mit  Angst  und  Qual  Ihr
„Euch  erwerbt?
„Die  Saat,  die  Ihr  säet  —  ein  Anderer  erntet  sie!  -
„Die  Schätze,  die  Ihr  schafft,  —  ein  Anderer  sammelt  sic!
„—  Die  Kleider,  die  ihr  webt  —  ein  Anderer  trägt  sie!
„—  Die  Waffen,  die  Ihr  schmiedet  —  Ihr  stoßt  sie  Euch
„selbst  durch  die  Brust!
„So  säet  —  doch  esset  selbst  Euer  Brod!—Schaffet
„Schätze  —  doch  für  das  eigene  Heim!  —  Webt  Kleider,
        <pb n="142" />
        Arbeitsertrag.

127

„—  doch  laßt  nicht  Faule  sie  tragen!  —  Schmiedet  Eisen
„doch  tränkt  es  nicht  mit  Bruderblut!
„Proletarier,  wollt  Ihr  ewig  Proletarier  sein?  Män-„ner
  der  Arbeit,  wollt  Ihr  immerdar  fernstehen,  wo  Ihr
„selbst  den  Tisch  gedeckt  habt?  Die  Morgenröthe  der  Zu-„kunft
  leuchtet  schon;  es  gibt  einen  Weg  ans  dem  Elende,
„es  gibt  einen  Weg  aus  dem  Wirrsal  von  Jammer  und
„Verbrechen  —  das  ist  der  Socialismus.
„Der  Socialismus  kennt  keine  Herren  und  Knechte,  er
„kennt  nur  Arbeiter  und  Brüder;  der  Socialismus  schafft
„kein  Elend  und  Verbrechen;  er  will  nur  das  Glück  der
„Menschheit  und  den  Triumph  der  Sittlichkeit.  Drum  Pro-„letarier.
  Enterbte  und  Hungernde,  seht,  in  ihm  ist  Euer
„Heil,  er  bedeutet  für  Euch  Brod,  er  bedeutet  Freiheit,
„er  bedeutet  Errettung  ans  öder  Geistesnacht.  Folgt
„seinem  Banner;  der  Socialismus  wird  die  Menschheit
„erlösen  und  in  Liebe  vereinen."
Sagten  wir  zuviel,  wenn  wir  behaupteten,  daß  die  socialistische ­
  Lehre  vom  Arbeitsertrag  dazu  dienen  müffe,  den
Klaffenhaß  zu  schüren?  Muß  nicht  in  der  Brust  eines  jeden
Arbeiters,  der  solche  Schilderungen  und  Darstellungen,  wie
die  in  obigem  Leitartikel  mitgetheilten,  kritiklos  in  sich  aufnimmt, ­
  die  tiefste  Erbitterung  erzeugt  werden,  weil
er,  so  oft  er  Abends  die  Werkstätte  verläßt,  die  fertig  gestellten ­
  Produkte,  auf  welche  er  ein  ausschließliches  Recht  zu
besitzen  glaubt,  abliefern,  und  alle  14  Tage  sich  mit  einem
dem  Werth  der  Produkte  nicht  gleichkommenden  Arbeitslohn
abfinden  lassen  muß!  Und  zwar  geht  cs  hier  einem  Arbeiter
wie  dem  anderen.  Es  ist  nach  socialistischer  Fiktion  eine  Unñerechligkeit,
  unter  welcher  die  ganze  Arbeiterklasse  leidet.  Die
Arbeiterllaffe  wird  von  der  llnternehmerklaffe  ausgebeutet
und  um  einen  wesentlichen  Theil  der  Frucht  ihrer  Arbeit
        <pb n="143" />
        128  V.  Ter  Ktafsenhaß  und  die  Soc.-Demokratie.
verkürzt.  Wahrlich  ein  treffliches  Mittel,  Klassenhaß  zu
säen,  zwischen  den  Arbeitgebern  und  ihren  Arbeitern  eine  tiefe
Kluft  zu  ziehen.
Auch  in  der  Poesie  werden  dieselben  irreführenden  und
aufreizenden  Gedanken  verarbeitet,  damit  sie  um  so  leichter
zum  Herzen  der  Arbeiter  den  Weg  finden.  So  beginnt
Joh.  Most  sein  Gedicht:  „Die  Macht  der  Basonete  "*)
mit  der  Strophe:
„Von  früh  bis  spät  die  Arbeitskraft
„Tes  Volkes  sich  bewähret,
„Doch  Alles,  was  sie  zeugt  und  schafft
„Ist  Andern  nur  bescheeret.
„Der  Hunger  ist  des  Volkes  Lohn,
„Die  Noth  sein  hartes  Bette;
„Und  murrt  es  —  zeigt  sich  wie  zum  Hohn
„Die  Macht  der  Bajonete."
Wie  cs  mit  dem  Arbeitsertrag  und  dessen  Vertheilung
im  socialistischen  Znkunftsstaat  gehalten  werden  wird,  darüber
ist  sich  die  Social-Demokratie  selbst  noch  nicht  hinreichend
klar.  Der  sechste  Kongreß  (Koburg  1874)  der  social-demokratischen ­
  Arbeiterpartei  erkannte  an,  „daß  die  Worte,  voller
Arbeitsertrag  für  jeden  Arbeiter,  wissenschaftlich  richtiger
formulirt  werden  müßten"  (Bolksstaat  1874,  86).  Hiermit ­
  wird  wohl  zugegeben,  daß  der  einfache  Wortlaut
leicht  Vorstellungen  erwecken  kann,  die  man  heute  gegenüber
der  kapitalistischen  Produktionsweise  wohl  geflissentlich  nährt,
die  aber  doch  auch  bei  der  socialistischen  Produktion  keine
Verwirklichung  werden  finden  können.  Da  die  socialistische
Produktion  die  Arbeitstheilung  wie  die  Arbeitsvereinigung
beibehalten  wird,  so  kann  so  wenig  hier  wie  dort  der  volle

*)  Sechs  Proletarier-Lieder,  gewidmet  den  Arbeitern  Oesterreichs ­
  von  Joh.  Most.
        <pb n="144" />
        Arbeitsertrag.

1'2'J

Arbeitsertrag  eines  jeden  einzelnen  Arbeiters  genau  berechnet ­
  und  von  demjenigen  eines  anderen  bei  derselben  Produktion ­
  betheiligten  Arbeiters  ausgeschieden  werden.  Da  die
Arbeit  keine  Einzel-Arbeit,  sondern  eine  gemeinschaftliche  ist,
und  bet  der  Herstellung  eines  Produkts  die  Thätigkeit  verschiedener ­
  Arbeiter  in  einander  greift,  so  kann  es  auch  keinen
Einzel-Arbeitsertrag  geben,  sondern  nur  einen  gemeinschaft
lichen.  Ter  „Äwlksstaat"  rügt  es  auch  als  durchaus  inkorrekt, ­
  von  einem  „vollen  Arbeitsertrag"  zu  reden,  den  der
Arbeiter  im  socialistischen  Staat  erhalten  solle.  Er  schreibt
(1874,  120):
„Der  Socialismus  kennt  keinen  rein  individtlellen  „Ar-„beitsertrag",
  weil  es  keine  rein  individuelle  Arbeit  gibt,  son-„dern
  nur  eine  Arbeit  in  der  Gesellschaft  »nid  durch  die
„Gesellschaft.  Der  „Arbeitsertrag"  gehört  der  Gesellschaft,  und
„von  einem  „vollen  Arbeitsertrag",  den  der  Arbeiter  im
„socialistischen  Staat  empfangen  solle,  zu  reden,  ist  daher
„durchaus  inkorrekt.  Wie  und  wieweit  das  Produkt  der
„Arbeit  unter  die  Individuen  vertheilt  werden  wird,  ist
„Lache  der  socialistischen  Organisation."
Also  auch  in  der  socialistischen  Gesellschaft  kann  eine  Ber
theilung  des  Arbeitsertrags  nicht  umgangen  werden.  Ein
allgemein  anerkanntes  Vertheilungs-Princip  hat  der  Socialismus ­
  heute  noch  nicht  aufzustellen  vermocht.  Er  überläßt
dies  einfach  der  Zukunft.  An  Andeutungen,  wie  es  dereinst
mit  der  Vertheilung  der  Produkte  soll  gehalten  werden,  fehlt
es  nicht.  So  schreibt  der  „N.  Social-Deniokrat"  (1872
41):
„Ueber  das  Princip  der  gerechten  Bertheilung  der  Ar-„bcitserzeugnisse
  ist  in  früheren  Zeiten  unter  den  verschiedenen
«socialistischen  und  kommunistischen  Schulen  viel  Streit  ge-„wesen,
  und  es  haben  bald  von  überspannter  Phantasie  ein-Tchustrr,
  Tie  Locial-Tkinokratie.  g
        <pb n="145" />
        130  V.  Der  Klassenhaß  und  die  Soc  -Demotralie
„gegebene,  bald  auf  roher  Gleichmacherei  beruhende  Erklä
„Hingen  stattgefunden.
„Gegenwärtig  sind  nur  zwei  Richtungen  crwähnenswerth,
„welche  für  dieses  Princip  eine  bestimmte  Formel  angeben,
„nämlich  der  neuere  Socialismus  im  engeren  Sinne  des
„Wortes,  und  der  neuere  Kommunismus,  welcher  für  ge-„wöhnlich
  von  uns  unter  dem  allgemeinen  Ausdruck  Socia-..lismus
  mit  begriffen  wird.
„Der  engere  Socialismus  stellt  nun  für  den  Antheil  des
„einzelnen  Arbeiters  an  der  Produktion  den  Grundsatz  auf:
„„Jeder  genieße  gemäß  seiner  Leistung."  Der  neuere  Kom
„munismus  sagt  dagegen:  „Jeder  genieße  gemäß  seiner  A  n-„strenguug."

„Die  beiden  Formeln,  so  neben  einander  gestellt,  schei-„neu
  sich  schroff  auszuschließen,  und  gehen  auch  von  zwei
„verschiedenen  philosophischen  Anschauungen  aus.  Denn  die
„erstere  sagt,  daß  der  größere  oder  geringere  Nutzen,  wel-„chen
  die  Arbeit  eines  Menschen  der  Gesammtheit  gewährt,
„der  Maßstab  sür  seinen  Genuß  sein  soll,  während  die  zweite
„Formel,  die  Größe  der  Anstrengung  seiner  körperlichen
„und  geistigen  Kräfte,  welche  der  Einzelne  der  Gesammtheit
„weiht,  das  Maß  sein  soll.
„Das  letzte  dieser  Principien,  das  kommunistische,  kommt
„dem  der  Gleichheit  und  Brüderlichkeit  am  nächsten,  da  ein
„Arbeiter,  welcher  in  Folge  geringerer  Begabung  selbst  bei
„größerer  persönlicher  Anstrengung,  doch  weniger  leistet  als
„ein  Anderer,  jedenfalls  ohne  sein  persönliches  Verschulden
„hinter  diesem  letzteren  zurückstehen  würde,  wenn  nur  die
„Leistung  maßgebend  wäre.  Das  socialistische  Princip  hat
„aber  seinerseits  wieder  den  Vorzug,  ein  Sporn  für  jeden
„zu  sein,  die  persönliche  Leistungsfähigkeit  zu  steigern.  Hier"
„ans  ergibt  sich,  daß  als  Uebergang  von  den  heutigen,  ans
        <pb n="146" />
        9  *

Arbeitsertrag.

131

„Egoismus  beruhenden  Gesellschaftszuständen  zu  den  neuen,
„das  socialistische  zu  hohen  Leistungen  anspornende  Princip
„das  passendste  sein  mag,  während  in  späteren  Zeiten,  wo
„Generationen  der  nenen  Gesellschaft  herangewachsen  sind  und
„der  Sporn  des  persönlichen  Vortheils  durch  den  Sporn
„des  Eifers  für  das  Gemeinwohl  ersetzt  wird,  das  der  vol-„len
  Gleichheit  am  nächsten  kominende  konnnunistische  Prin-„cip
  allmälig  sich  geltend  machen  kann."  Vgl.  Jl  Social-Temokrat"
  1875,  10.
Wir  bezweifeln,  ob  mit  diesem  Bertheilungsprincip:  „Jeder
genieße  gemäß  seiner  Anstrengung",  den  Arbeitern  eine  sehr  verlockende ­
  Perspektive  eröffnet  sein  wird,  denn  es  setzt  auf  die
Unfähigkeit  eine  Präniie.  Der  Socialismus  beschuldigt  die
heutige  Produktion  der  Ausbeutung  der  Schwachen  durch  die
Starken.  Die  socialistische  Produktion  erhebt  die  Ausbeutung ­
  der  Fähigen  durch  die  Ilnfähigen,  der  Starken  durch
die  Schwachen  zum  Gesetz.  Dadurch  ist  erst  recht  ein  Zustand
  geschaffen,  in  welchem  Einer  von  der  Arbeit  des  Andern
  lebt,  der  Unfähige  von  der  Arbeit  des  Fähigen.  Diese
Art  der  Ausbeutung  als  Brüderlichkeit  zu  bezeichnen,  ist  völlig ­
  unzulässig,  da  die  Brüderlichkeit  da  aufhört,  wo  die  Freiwilligkeit ­
  aufhört,  und  das  Gesetz  anfängt,  mich  zu  Opfern
für  den  geringeren  Bruder  zu  zwingen.  Mit  demselben  Recht
wüßte  die  Social-Demokratie  das  heutige  Steuerzahlen  eine
Bethätigung  der  Brüderlichkeit  nennen,  da  die  Steuern  ja
auch  vom  Gesetz  geforderte  und  erzwungene  Beiträge  für  das
Ģemeinwohl  sind.
Ein  anderes  Princip  will  der  „Volksstaat"  der  Vertheilung
  des  Arbeitsertrags  zu  Grunde  legen.  Er  schreibt
(1874,  90):
»Die  Arbeit  des  Einzelnen  und  die  der  Familie,  die
"Arbeit  der  Fabrik  und  die  Arbeit  der  Gesellschaft  ist  ein
        <pb n="147" />
        132  V.  Der  Klassenhaß  und  die  Soc-Demokratie.
„Organismus,  wo  jeder  Theil  zum  Gesammtprodukt  beiträgt.
„Der  organische  Beitrag  läßt  sich  nicht  mechanisch  abwägen.
„Der  Socialismus  versteht,  daß  die  Arbeiter  Glieder  des
„Arbeitsprocesses  sind.  Er  trägt  sich  nicht  mit  der  kopf-„losen
  Idee,  ein  gemeinschaftliches  Produkt  nngc-„meinschaftlich
  vertheilen,  Jeden  nach  Verdienst
„anslohnen  zu  wollen.  Das  Auge  übermäßig  pflegen,
„und  dem  untergeordneten  Fuß  das  Nothwendige  versagen,
„so  ungefähr  oder  gar  noch  unverständiger  handelt  unsere
„barocke  Gerechtigkeit  mit  ihrem  mißverstandenen  suum  caique.
„Wie  der  Maschinist  den  kleinen  Nagel  sorgfältiger  aufhebt
„als  das  große  Rad,  so  verlangen  wir,  daß  daS  Produkt
„unserer  Arbeit  nach  Bedürfniß  vertheilt  werde,
„daß  der  Starke  mit  dem  Schwachen,  der  Flinke  mit  dem
'„Schwerfälligen,  die  intelligente  und  die  physische  Kraft,  so-„weit
  sie  menschlich  sind,  auch  in  humaner  Gemeinschaft  den
„Erwerb  betreiben  und  genießen."
Das  Kapitel  „vom  vollen  Arbeitsertrag  für  jeden  Arbeiter", ­
  welcher  Ausdruck  in  das  Programm  der  socialdemokratischen ­
  Arbeiterpartei  Anfnahnie  gefunden  hat,  bietet
der  socialistischen  Agitation  reiche  Gelegenheit  für  die  Gegenwart, ­
  ben  Klaffenhaß  zu  fördern  und  für  die  Zukunft  dein
Arbeiter  goldene  Berge  vor  die  Augen  zu  malen.  Der  N"
uuß  des  vollen  Arbeitsertrags  für  jeden  Einzelnen  sott  ja
das  Mittel  sein,  das  Wohlergehen  und  den  Reichthum  all
gemein  zu  machen.  Der  Arbeiter,  der  sich  durch  volltönende
Worte  nicht  täuschen  lasse,!  will,  sondern  etwas  nachzudenken
gelernt  hat,  wird  sich  wohl  schwerlich  sehr  rasch  für  einen
Zustand  begeistern,  der  die  mittelmäßigen  Elemente  mit  den
vorzüglichen  gleichwägt,  im  Allgemeinen  die  Ausbentnug  der
Starken  durch  die  Schwachen  zum  Gesetz  erhebt.
Wir  haben  nicht  nöthig,  für  den  von  der  Social-Demo-
        <pb n="148" />
        Die  Liebe.

lZZ
kratie  gepflegten  Klassenhaß  noch  weiter  den  Jndicienbeweis
zu  führen,  da  uns  ihre  Presse  ja  mit  offenen  Geständnissen
entgegenkommt.  Die  Social-Demokratie  läßt  es  zwar  an
Betheuerungen  nicht  fehlen,  daß  die  Liebe  ihr  Element  sei,
und  sie  weiß  die  Brüderlichkeit  eben  so  sehr  wie  die  Freiheit
und  die  Gleichheit  zu  rühmen.  Wenn  man  aber  lernen  will,
was  eine  Phrase  ist,  dann  muß  man  bei  der  Social-Demokratie ­
  in  die  Schule  gehen,  und  ihre  Deklaniationen  über  die
Liebe  anhören.  Wie  es  mit  der  Liebe  in  ihrem  Zukuuftsstaat
  beschaffen  sein  wird,  das  wollen  wir  nicht  näher  untersuchen. ­
  Darüber  kann  man  sich  doch  nur  in  Folgerungen
und  Vermuthungen  ergehen.  Aber  für  die  Gegenwart  ist
bei  der  Social-Demokratie  die  Liebe  noch  in  Fesseln  gelegt.
„Die  Liebe  zur  gesammten  Menschheit  aber  ist  unser  höchstes
„„Ideal",  schreibt  der  „N.  Social-Demokrat"  (1872,  40)
„und  dieses  soll  und  wird  verwirklicht  durch  den  Socialis-„mus.
  Aber  ihr  predigt  ja  immer  den  Haß,  den  Klas-„senhaß
  —  so  wird  man  uns  entgegenrufen  —  ja  wohl,
„und  das  thun  wir,  indem  wir  uns  voll  und  ganz  auf  den
„Boden  der  Menschenliebe  stellen.  So  lange  es  noch
„Klassen  in  der  Menschheit  gibt,  so  lange  wird
„nimmermehr  die  Menschenliebe  auferstehen."
Menschenliebe  hält  der  Socialismus  nur  für  möglich  auf  dem
Boden  völliger  Gleichheit.  So  lange  es  noch  höhere  und
niedere  Klassen  gibt,  dünkt  ihm  der  Haß  nothwendig  und  natürlich ­
  zu  sein.  Reiche  nnd  Arme,  Hohe  und  Niedere  können ­
  sich  nach  socialistischer  Lehre  nicht  lieben,  sie  müssen  sich
hassen.  Wir  verzichten  darauf,  die  Narrheit  einer  solchen
Anschauung  an  der  Hand  von  Thatsachen  darzuthun.  Wir
niüßten  sonst  dicke  Bücher  schreiben,  wollten  wir  die  Werke
der  Liebe,  die  innerhalb  der  heutigen  Gesellschaftsform  allerdings ­
  neben  einer  großen  Masse  von  Aeußerungen  der  lieb-
        <pb n="149" />
        13t  V.  Der  Alassenhaß  und  die  Soc.-Demokratie.
losen  Selbstsucht  recht  gut  gedeihen,  jener  Behauptung  gegenüber
  stellen.  Die  Quelle  des  Hasses  liegt  nicht  in  der
Klaffe,  sondern  im  Individuum.
Nicht  selten  begegnen  wir  dem  socialistischen  Versprechen,
das  Christenthum  der  Liebe  zur  Wahrheit  machen  zu  wollen.
Was  davon  zu  halten  ist,  mag  folgendes  im  „Volksstaat"
(1874,  38)  niedergelegte  Bekenntniß  darthun:
„Wo  der  Christ  sagt:  Du  sollst  den  Nächsten  lieben
„wie  dich  selbst,  da  bohrt  er  sich  mit  solch  fanatischem  Eifer
„in  das  Gebot  hinein,  daß  diesem  Sinn  und  Verstand  schier
„ausgeht.  Wenn  er  auf  das  rechte  Ohr  geschlagen  ist,  hält
„er  auch  das  linke  noch  dar.*)  Wenn  er  Liebe  predigt,
„schließt  er  das  Gegentheil  aus,  verdammt  er  den  Haß.  So
„wird  die  christliche  Liebe  zum  „Lämmerschwänzchen".  Dagegen
„der  Socialismus  predigt  nicht  nur,  er  fußt  ans  der  Brü-„derlichkeit.
  Aber  die  antireligiöse,  die  vernünftige  Nächsten-„liebe
  weiß  sich  zu  beschränken,  sie  schießt  nicht  über  daS
„Ziel  hinaus,  perhorrescirt  nicht  ihren  Gegensatz,  den  Haß.
„sondern  schließt  ihn  ein,  als  ein  stellenweise  nothwendiges
„und  also  heiliges  Mittel.  Auch  wir  wollen  den  Feind
„lieben,  Gutes  thun  dem,  der  uns  hastet;  —  aber  doch  erst,
„wenn  er  unschädlich  gemacht  am  Boden  liegt.  Unterdeffen
„deklamiren  wir  mit  Herwegh:
„Die  Liebe  kann  erlösen  nicht
„Die  Liebe  nicht  erretten,
„Halt'  du.  o  Haß'  dein  jüngst  Gericht.
„Brich  du.  o  Haß.  die  Ketten
*)  Wenn  der  Agitator  Dreesbach  über  „Christenthum  und
Socialismus"  „referirt",  betont  er  ausdrücklich:  Das  Christenihnm
  lehrt:  „So  dir  Jemand  einen  Streich  gibt  auf  deinen
rechten  Backen,  dem  biete  den  anderen  auch  dar"  Wir  aber
sagen:  „Wenn  dir  Jemand  auf  den  rechten  Backen  schlägt,  so
haue  ihm  zwei  ans  den  linken  "
        <pb n="150" />
        Predigten  des  Hasses.

135

„Bis  unsre  Hand  in  Asche  stiebt
„Soll  sie  vom  Schwert  nicht  taffen,
„Wir  haben  lang  genug  geliebt
„Und  wollen  endlich  Haffen."
Das  ist  deutlich  geredet  und  ein  offenes  Bekenntniß,  dem
auch  das  Berhalten  der  Social-Demokratie,  was  den  Haß
anbelangt,  vollständig  entspricht.
Aufreizende  „Predigten"  des  Klassenhaffes  sind  im  „N.
Social-Demokrat"  nicht  selten.  Eine  Unzahl  von  Leitartikeln
„predigt"  den  Haß.  Man  lese  nur  folgenden  Leitartikel
(1874,  7)  mit  der  Überschrift:
„Mordbrenner."
„In  ihrer  ganzen  Glorie  stehen  sie  jetzt  da.  die  deutschen
„Ausbeuter.  Sie  sind  die  echten  Nachfolger  ihrer  Versailler
„Kumpane  geworden.  Die  Lorbeeren  der  Letzteren  ließen  sie
„nicht  schlafen,  der  Flamnienschein  des  brennenden  Paris
„erweckte  bestialische  Leidenschaften  in  Deutschland;
„und  jetzt  sind  bei  uns  die  „Freunde  der  Ordnung"  Mord-„brenner
  geworden.
„Schulze-Delitz  sch,  Dein  Wort  ist  wahr  geworden;
„die  Bestie  ist  entfesselt!  —  Aber  es  ist  nicht  das  arbeitende
„Volk,  welches  Gräuel  begeht;  es  sind  die  Ausbeuter;  es
„sind  deine  Freunde,  Schulze-Delitzsch,  die  Liberalen,
„welche  zu  Bestien  geworden  sind.
„Wie  ein  Blitz  durchzuckt  die  Arbeiterkreise  aller  Gauen
„Deutschlands  die  Nachricht  von  der  unerhörten  Schandthat
„zu  Bargteheide  in  Holstein,  welche  die  letzte  Nummer
„unseres  Blattes  brachte.
„Zwanzigtaufend  derbe  Arbeiterfäuste  ballten  sich  ini
„Wuppe  riha  le  in  gerechtem  Zorn,  als  di^Kunde  kam,
„und  wahrlich  die  Uebelthäter  konnten  sich  Glück  wünschen,
,,daß  sie  „weit  vom  Schuß"  sich  befinden.
        <pb n="151" />
        13ti  V.  Der  Klafsenhaß  und  die  Soc.-Demokrane
„Also  das  ist  die  vielgerühmte  „Civilisation"  des  neun«
„zehnten  Jahrhunderts,ßd  a  s  ist  die  gepriesene  sociale  „Ord-„nung",
  das  ist  das  bürgerliche  „Rechtsgefühl"  —  daß  bei
„Nacht  und  Nebel  die  liberalen  Helden  Arbeiterhütten
„niederbrennen  wie  einst  die  Raubritter!  Die  Las.
„kergarde  scheint  zu  feige  zu  sein  zum  Knüppelschwingen;
„sie  zieht  cs  vor,  zum  Petroleum  zu  greifen  und  läßt
„trotz  einem  Schinderhannes  den  rothen  Hahn  krähen.

„Arbeiter  Deutschlands  erkennet  die  ganze  Unbän-„digkeit
  des  Ansbeuterhaffes,  erkennet  die  moralische  Bcr-„derbtheit
  Eurer  Feinde.  Der  Brand  der  Arbeiter-„hritte
  zu  Bargteheide  in  Holstein  sei  Euch  das
Feuerzeichen,  daß  Ihr  nimmerdar  Gnade  von  ihnen  zu
„erwarten  habt,  wenn  Ihr  die  Schwächeren  seid!  Darum
„einigt  Euch  —  Ihr  seid  die  Massen  —  einigt  Euch,
„dann  steht  die  Macht  hinter  dem  Recht!  Laßt  die
„Schandthaten  der  Ausbeuter  in  dem  scharfen  Licht  der
„Wahrheit  sich  spiegeln,  welches  eine  friedliche,  aber  unge-„heure
  Massenbewegung  des  arbeitenden  Volkes  erzeugt!
„Wenn  in  alten  Zeiten  Raubritter  den  Landfrieden
„brachen  und  eine  friedliche  Stätte  verheerten,  dann  sandte»
„die  geplünderten  Bürger  die  Zeichen  der  Verheerung,  die
„Trümmer  und  Leichen,  durch  alle  Gaue  und  boten  den
„Heerbann  auf.
„Wohlan  La  sfalle  an  er,  frevelhaft  ist  gegen  Euch  der
„Landfrieden  gebrochen,  bietet  auch  Ihr  den  Heerbann
„auf!  vereinigt  Euch  im  Allgemeinen  deutschen
„Arbeiter-Verein.
„Die  rauchenden  Trümmer  der  holsteinischen  Arbeiter-„Hütte
  sollten  Euch  das  Wahrzeichen  sein!
„In  allen  Orten,  wo  Lassalleaner  wohnen,  da  müßte
        <pb n="152" />
        Predigten  des  Hasses

137

„ein  verkohlter  Splitter  jener  Hütte  angeheftet  werden,  nul
„der  Unterschrift:  „Arbeiter!  denkt  an  die  Mordbrenner!
„Arbetter  vereinigt  Euch  als  Heerbann  Lastalle's!"
Der  Vorfall,  auf  welchen  sich  dieser  Leitartikel  stützt,  ist
folgender.  In  Bargtheide  brannte  ein  Privathaus  nieder,
in  welchem  die  Lastalleaner  kurz  vorher  eine  Wahlversammlung ­
  gehalten  hatten.  Bei  der  Untersuchung  wurde  amtlich
festgestellt,  daß  das  Feuer  böswillig  angelegt  worden  sei,
der  Thäter  wurde  nicht  ermittelt.  ( s Ji.  Soc.-Tcmokrat  1875,4.)
Dies  das  einzige  Faktuni,  das  zu  obiger  „Predigt"  des
Hastes  den  Text  abgeben  muß,  auf  Grund  desten  die  „Freunde
der  Ordnung",  die  Liberalen,  als  „Mordbrenner  und  Bestien"
den  Arbeitern  denuncirt  werden.
Es  begnügt  sich  die  Social-Temokratie  nicht  damit,  die
Must  zwischen  Arbeitgebern  und  ihren  Arbeitern  zu  erweitern. ­
  Mit  ihren  „Predigten"  des  Hasses  sucht  sie  auf  die
niedere  Bolksklaste  überhaupt  gegenüber  den  übrigen  Gesellschaftsklasten
  zu  wirken.  Bezeichnend  ist  hierfür  der  Leitartikel
&amp;gt;n  Nr.  151,  1872  des  „N.  Social-Demokrat,"  welcher  lautet:
„Die  Canaille."
„Wer  sind  die  Männer  mit  eisenfesten  Muskeln  und
„doch  mit  abgemagertem  Gesicht,  die  bei  der  Gluth  der
„Schmelzöfen  ausharren  und  das  Eisen  schweißen?  Wer
„find  die  Männer,  die  im  Staub  und  Lärm  dunstiger
„Fabriken  mit  tosenden  Maschinen  diese  lenken  und  unter
„deren  Händen  sich  die  wundersamsten  Gebilde  des  Kunst-„stcißes
  erzeugen?  Wer  sind  die  Männer,  die  in  Hitze  und
„Kälte,  bei  Sonnenschein  und  Regen  unter  freiem  Himmel
„an  Palästen  bauen?  Wer  sind  die  Männer,  die  mühsam
„ben  Pftug  über  die  Aecker  lenken  und  der  Erde  ihre  Gaben
„abringen?
        <pb n="153" />
        138  V.  Der  Klasse,chah  und  die  Soc.  Demokratie.

„Fraget  den  tändelnden  Stutzer,  fraget  den  übermüthigen
„Krautjunker,  fraget  den  zusammenscharrenden  Wucherer,
„fraget  alle  jene,  die  in  den  Palästen  wohnen  und  schmausen,
„welche  die  Arbeit  Anderer  verpraßen:  sie  werden  es  Euch
„sagen.
„Sie  werden  sprechen:  „Das  ist  die  Canaille!"
„Wer  ist  jenes  Weib,  das  in  elender  Hütte  sich  abhärint
„neben  der  Leiche  ihres  Gatten,  den  man  ihr  todt,  zer-„
  schmettert  im  Dienst  der  Kapitalmacht,  in's  Haus  trug?
„Wer  sind  die  Kinder,  welche  hungernd  und  frierend  schon
„früh  morgens  in  die  Zwingburg  mit  rauchenden  Schloten
„wandern  müssen?  Wer  sind  die  Mädchen,  die  obdachlos
„und  verzweifelt,  ein  Kind  an  der  Brust,  ausgestoßcn  von
„der  menschlichen  Gesellschaft,  umherirren,  oder  die  bereits
„die  Scham  von  sich  warfen  und  in  Sammt  und  Seide,
„aber  mit  leerem  Herzen  und  krankem  Leibe,  gehetzt  von  der
„Polizei,  in  den  Straßen  der  Städte  dahineilen?
„Fraget  die  Ausbeuter  der  Weiber  und  Kinder,  fraget
„die  Verführer;  sie  werden  Euch  die  Antwort  nicht  schuldig
„bleiben.
„Sie  werden  sprechen:  „Das  ist  die  Canaille!"
„Verächtlich  —  sich  Götter  dieser  Welt  dünkend  —
„wenden  sich  jene  modernen  Pharisäer  von  dem  Volke  ab,
„das  Alles  durch  seine  Arbeit  schafft.  Mit  verdoppeltem
„Hohn  und  mit  Selbstgerechtigkeit  blicken  sie  ans  jene  hin,
„welche  unterliegen  in  deut  ttngleichen  Kampf  um's  Dasein
„und  das  Letzte  verlieren  —  die  Ehre.  Für  sie  ist  Alles,
„was  unter  ihnen  steht,  nur  eine  stumpfsinnige  Maffe,  die
„nur  gut  dazu  ist,  zu  arbeiten,  sich  für  Andere  zu  plagen,
„und  somit  eine  ewig  traurige  Rolle  zu  spielen.
„Für  diese  Masse  haben  sie  nur  ein  Wort:  „Das
„ist  die  Canaille!"
        <pb n="154" />
        Predigten  des  Hasses

13S

„Selbst,  wenn  mit  süßlichem  Lächeln  der  bequeme  Praffer
„und  der  nervöse  Blaustrumpf  mit  Humanität  und  Christlichkeit ­
  prunken  wollen,  wenn  sie  ihren  leidenden  „Mit-„brüdern"
  und  „Mitschwestern"  ein  karges  Almosen  oder
„eine  dünne  Wasiersuppe  „aus  Barmherzigkeit"  oder,  „um
„die  sociale  Frage  zu  löseil",  zu  Theil  werden  lasten,  selbst
„dann  noch  rümpfen  sie  die  Nase  und  zittern  vor  der  Be-„rührung
  niit  dem  „Lumpenpack."
„Denn  sie  denken:  „Das  ist  die  Canaille!"
„Ja,  „das  Bolk  ist  eine  Canaille",  so  lange  die
„Bourgeoisgesellschaft  dauert.  Las  salle  meinte  einst  mit
„seiner  bitteren  Ironie,  wenn  die  liberale  Preste  den  Befehl
„erhielte,  an  die  Spitze  einer  jeden  Zeitung  mit  fingerlangen
„Buchstaben  diesen  Satz  zu  drucken,  sie  würde  in  ihrer
„Feigheit  nicht  verabsäumen,  dem  Befehl  zu  gehorchen.  Schade
„ist  es,  bitter  schade,  daß  der  Zwang  nicht  da  ist;  lesen
„müßte  das  Volk  tagtäglich,  daß,  so  lange  es  nicht  selbst
„Hand  an's  Werk  legt,  um  die  neue  socialistische  Gesellschaft
„anzubahnen,  es  unter  dem  Druck  des  ehernen  Lohngesetzes
„nichts  Andres  ist,  nichts  Anderes  sein  kann,  als  die  noth-„leidendc,
  verachtete  „Canaille."
„Volk,  begreife  Dein  Elend;  Volk,  denke  daran,  daß  es
„Deine  Trägheit,  Deine  Flatterhaftigkeit  allein  sind,  welche
„Schuld  daran  tragen,  wenn  Du  Dich  nicht  empor-„raffst,
  wenn  Du  nicht  die  Menschenrechte  zur  Geltung
„bringst  im  Staatsleben.
„Auf  Schritt  und  Tritt  tönt  Dir,  o  Volk,  der  höhnische
„Ruf  „Canaille"  nach.  Willst  Du  Deine  entwürdigende
„Lage  bester«,  forderst  Du  die  Verwirklichung  der  Menschen-„rechte,
  stets  nennt  man  Dich  die  rohe  Pöbelrotte,  die  nur
„auf  Gewaltthat,  Plünderung  und  Befriedigung  ihrer
„Laster  sinnt.
        <pb n="155" />
        140  V.  Der  Klassenhaß  und  die  Soc  Demokratie.
„Derselbe  Schmähruf  verfolgt  die  in  Deutschland  fried-„lich
  wirksamen  Socialisten,  welchen  den  Pariser  Kommunekämpfern ­
  der  Haß  der  wüthenden  Versailler  Bourgeoisie
„zuruft.  Im  Kampf  durch  die  Aufklärung,  wie  im  Kampf
„auf  der  Barrikade,  immer  schrillt  derselbe  Rnf  den  Bor-„kämpsern
  der  Arbeiterklasse  entgegen:  „Das  ist  die
Canaille!"
„Wohlan  denn,  wir  acceptiren  die  Schmähung,  Ihr
„Bourgeois,  wie  einst  die  niederländischen  Freiheitskämpfer,
„die  Geusen,  den  Hohn  „Bettelvolk"  zu  ihrem  Schlachtruf
„wählten.
„Nennt  uns  nur  „Canaille",  das  Wort  wird  Euch
„noch  zu  einer  bitteren  Erinnerung  werden.
„Wenn  erst  das  ganze  Volk,  vom  Socialismus  begeistert,
„mit  uns  gemeinsam  den  Ruf  erhebt:  „Wir  sind  Ca-„naille,
  wir  wollen  es  nicht  mehr  sein,  es  muß
„ein  Ende  der  Qual,  des  Elends  kommen",  dann  werden
„alle  faulen  Bäuche  mit  Entsetzen  daran  denken,  wie  sie
„einst  das  Volk  verhöhnten:
„Das  ist  die  Canaille!"
Charakteristisch  für  die  Social-Deniokratie  ist  ihre  principielle ­
  Bekämpfung  jeden  Versuchs  einer  Versöhnung  der
entzweiten  Parteien.  Der  „N.  Soc.»Demokrat"  schreibt
(1871,  77):
„Versöhnung  zwischen  Kapital  und  Arbeit,  Versöhnung
„zwischen  allen  Menschen,  das  ist  der  heuchlerische  Ruf,  den
„die  Bourgeoisie  zu  jeder  Zeit  erschallen  läßt,  und  ganz
„besonders  dann,  wenn  der  Kampf  ani  härtesten  entbrannt  ist.
„Und  es  ziehen  ihr  zu  Hilfe  alle  Diejenigen,  welche  die
„wahren  Lehrer  des  Volks  sein  sollten,  die  Träger  der
„Wissenschaft,  die  Träger  der  Religionen,  die  Erzieher  der
        <pb n="156" />
        Arine  Versöhnung.

141

„Kinder  und  vor  Allen  auch  noch  die  Vertreter  der  Presse,
„welche  die  öffentliche  Meinllng  beherrschen.
„Die  Wissenschaft  ist  durch  das  Geld  beeinflußt,
„und  ebenso  die  Religion,  die  Schule,  die  Preste  —
„ja  die  ganze  heutige  Gesellschaft.
„Versöhnung  und  immer  wieder  Versöhnung  und
„dieser  Ruf  ist  nur  eine  Verhöhnung  der  Armen  und
„Elenden,  der  Enterbten  und  Hungernden."
In  der  folgenden  Nummer  wird  daffelbe  Thema  besprochen ­
  :
„Versöhnung  ist  Verhöhnung  der  Arbeiter,  wenn  sie  aus
„der  Grundlage  der  jetzigen  Gesellschaft  angebahnt  werden
jo#  —  und  deshalb  ist  die  Erweckung  des  Klassenbewußt-„seins,
  das  Absondern  der  Arbeiterklasse  von  der
„übrigen  Gesellschaft  der  erste  Schritt  zum  Siege,  und  diese
„Absonderllng  geschieht  durch  das  Predigen  der  Lehre  Lassalle's
„und  durch  die  festgegliederte  Organisation  des  Allgem.
„deutschen  Arb.-Vereins,  in  welcher  der  Arbeiter  fühlt,  daß
„er  zur  geschlossenen  Arbeiterklasse  gehört."
Eine  Versöhnung  verträgt  sich  also  aus  principiellen
Gründen  nicht  mit  den  Plänen  der  Social-Dcmolratie.  Sic
will  den  Klassenhaß  als  Voraussetzung  des  Älassenkampfes,
den  sie  für  nothwendig  hält,  den  sie  fortwährend  schürt  und
pflegt.  Der  „R.  Social-Demokrat"  schreibt  (1871,  56):
„Der  Klasienkampf  ist  zwar  ein  gewaltiges,  zerstörendes
„Uebel,  aber  gerade  da  ist  es  doch  vor  Allem  an  der  Zeit,
„nicht  blindlings  zu  rufen:  Fort  mit  dem  Klasienkampf!
„sondern  erst  einmal  zu  untersuchen,  ob  sich  derselbe
„überhaupt  beseitigen  läßt,  so  lange  es  Kapitalisten
„und  besitzlose  Lohnarbeiter  gibt.  Und  unsere  Antwort  ist
„darauf  ein  entschiedenes  „Nein"!"
Die  Grundursache  des  Klasienkampses  sucht  also  vie
        <pb n="157" />
        142  V.  Der  Klaffenhaß  und  dir  Soc.-Demokratie.
Social-Demokratie  in  der  heutigen  Gesellschastsorganisation;
denn  es  ist  für  sie  ein  Axiom,  daß  verschiedene  Klaffen  der
Gesellschaft  nicht  friedlich  nebeneinander  und  miteinander
leben  können.  Alles  was  den  Klaffenkampf  fördert  und  verschärft, ­
  liegt  in  ihrem  Interesse.  Namentlich  sind  ihr  um
deßwillen  die  einzelnen  Kämpfe  um  gewiffe  Arbeitsbedingungen,
die  Strikes,  hoch  willkommen.  Es  ist  ein  Irrthum,  hinter
jedem  Strike  die  Agitation  der  Social-Dcmokratie  zu  vermuthen. ­
  An  der  Strike-Epidemie  der  letzten  Jahre  trugen
wohl  Arbeiter  wie  Arbeitgeber  eine  ziemlich  gleiche  Schuld,
ohne  daß  die  Social-Demokratie  allemal  ihre  Hände  dabei
im  Spiel  hatte,  wenn  auch  nicht  in  Abrede  gestellt  werden
soll,  daß  gar  mancher  Strike  von  ihr  direkt  provocirt  worden
sein  mag.  Aber  die  Strikes  mit  dem  Socialismus  zu
identificiren,  ist  unstatthaft.  Jedoch  das  ist  unzweifelhaft,
daß  aus  den  durchgefochtenen  Strikes,  einerlei  ob  die  Arbeiter
oder  die  Arbeitgeber  als  Sieger  daraus  hervorgingen,  die
Social-Demokratie  den  größten  Nutzen  gezogen  hat.  Sobald
entgegenstehende  Interessen,  statt  sich  friedlich  auszugleichen,
zuill  offenen  Kampf  führen,  muß  allemal  diejenige  Partei
dabei  gewinnen,  welche  am  Klaffenkampf  überhaupt  ein  Interesse ­
  hat.  Daher  kann  auch  der  „N.  Social-Demokrat"
(1872,  27)  schreiben:
„In  den  Strikes  finden  gerade  die  Socialisten  keine
„radikale  Befferung  für  die  Arbeiter,  selbst  wenn  dieselben
„siegreich  durchgeführt  werden,  aber  eine  herrliche  Schule
„für  den  Soci  alièni  us  bilden  sie  sowohl,  als  die  Strike-„vereine
  im  Besonderen  und  deshalb  sind  die  Strikes  uns
„willkommen,  obwohl  wir  sie  niemals  provociren.  Ein
„provocirter  Strike  wird  immer  zu  einem  Rückschlag;  ein
„durch  Noth  entstandener  ist  immer,  er  mag  ausfallen
„wie  er  will,  ein  Fortschritt  auf  der  socialistischen  Bahn."
        <pb n="158" />
        Klassenkampf.

143

So  oft  die  Social-Demokratie  in  der  socialen  Bewegung
für  die  Gewährung  gewisier  Erleichterungen  und  die  Durchführung ­
  gewisier  die  Jnteresien  der  Arbeiterklaffe  wahrender
Gesetze  eintritt,  so  ist  ihr  dies  nur  eine  willkommene  Gelegenheit ­
  zur  Agitation  für  den  Klaffenkampf.  Dies  wird
auch  offen  zugestanden,  wenn  der  „N.  Social-Demokrat"
(1872,  1)  schreibt:
„Wenn  sich  irgend  eine  politische  Freiheit  erringen  läßt,
„wir  kämpfen  dafür.  Schon  ist  theilweise  das  allgemeine
„Wahlrecht  in  Deutschland  errungen.  Wenn  auf  socialem
„Gebiet  der  Kapitalmacht  etwas  zu  entwinden  ist  —  wir
„kämsen  dafür.  So  ist  das  Koalitionsrecht  errungen,
„und  so  erstreben  wir  als  ein  vorläufiges  Ziel  den  Normal-„arbcitstag
  und  sonstige  Gesetze  zum  Schutz  der  Arbeit  gegen
„das  Kapital.
„Alles  dies  sind  aber  nur  Nebenpunkte;  das  socialistische
„Hauptziel  wird  unsere  Partei  darüber  nie  aus  den  Angen
„laffen.
„Aber  in  diesen  Kämpfen  sammelt  sich  die  Arbeiter-„klaffe
  um  das  rothe  Banner,  in  ihnen  stählt  sich  unsere
„Partei.  Es  ist  der  Guerillakrieg,  der  dem  Klassenkamps
„mit  den  große,»  Armeen  vorangeht.
„Ja,  dieser  Klaffenkampf  und  dieser  kleine  Krieg,  das  ist
„es,  »vas  vornämlich  unsere  Partei  charakterisirt,  das  ist  es,
„»vas  alle  anderen  so  sehr  gegen  uns  in  Harnisch  bringt,
„das  ist  es,  was  uns  den  endlichen  Sieg  gewährleistet."
Was  wir  uns  unter  de»n  die  Social-Demokratie  charakterifirenden
  Klassenlämpf  zu  denken  haben,  und  in  welchem  Sinne
dieselbe  ihn  zu  führen  beabsichtigt,  das  wollen  »vir  ans  einer
Aeußerung  ersehen,  von  der  man  annehmen  möchte,  daß  sie
dem  Redakteur  des  „N.  Social-Demokrat",  Hassellnann,
durch  das  rasche  Anschwellen  der  socialistischen  Bewegung
        <pb n="159" />
        144  V.  Der  Älassenhaß  und  bic  Soc  -Demokratie
«twas  übermüthig  geworden,  tu  einem  unbewachten  Augenblick
  entschlüpft  sei.  Sie  wird  aber  in  großen  Zwischenräumen
(1872,  100;  1873,  107  und  151)  mehrmals  und  mit
Nachdruck  wiederholt,  so  daß  an  eine  Uebereilnng  nicht  zil
denlen  ist.  Hasselmann  schreibt  (1872,  100):
„Des  großen  Mar  a  t  Wochenblättchen  „L’amidu  peuple“
„—  „Der  Bolksfreund"  —  hat  mehr  Einfluß  auf  die  Gestaltung ­
  der  französischen  Revolution  gehabt,  als  die
„feinsten  Intriguen  der  Staatslenker  und  die  pomphaftesten
„Phrasen  der  Abgeordneten.  Als  1790  und  1791  die
„Volksbewegung  in's  Stocken  kam  und  die  Reaktion  die
„Früchte  der  Volkserhebung  von  1789  bedrohte,  da  schleu-„dertc
  Marat  aus  einem  abgelegenen  Geller,  wo  er  versteckt
„hauste,  ohne  Unterlaß  seine  Braitdfackel  in's  Volk,  bis  sie
„endlich  zündete.  Und  zu  jeder  neuen  Erhebung  gab  er
„von  da  ab  zuvor  durch  die  Presse  das  Allarmsignal."
Am  Schluß  dieses  „Was  soll  die  Presse  leisten?"  überschriebenen
  Leitartikels  heißt  es  sodann:
„Mit  einem  Wort:  „Die  Arbeiterpresse  soll  ihre  Auf-„gabe
  erfüllen,  so  gut  wie  irgend  je  die  Preste  es  gethan!
„Und  wenn  alle  Welt  vor  Wuth  bersten  möchte  —
„wir  schreiben  à  la  Marat!"
Später  wird  diese  Versicherung  mit  den  Worten  wiederholt ­
  :  „wir  appel  li  rett  à  la  Marat  an  das  Volk"
„(1873,  107)  und  wir  lasten  uns  nicht  abhalten,  „mit
„der  größten  Rücksichtslosigkeit  à  la  Marat
„unsere  Sache  zu  verfechten."
Mit  cynischer  Offenheit  stellt  uns  Hastelmanu  in  diesen
Bekenntnisten  in  Marat  den  Mann  vor  Augen,  den  er  sich
zum  Vorbild  erwählt  hat,  dem  nachzuahmen  er  bestrebt  ist,
Marat,  das  Ungeheuer  der  französischen  Revolution,  der  ein
Schandmal  für  den  National-Convent,  für  Frankreich,  für
        <pb n="160" />
        à  la  Marat.

145
die  Revolution  war.  „In  Marat  hatte  nicht  nur  der  blutdürftige
  Fanatismus  einen  Herold  rasenden  Mcrdrufs,  er
war  auch  Repräsentant  des  Sansculottismus  mit  widerlichem
Schmutz  in  Haut,  Haar  und  Tracht,  frecher  Gemeinheit  der
Rede  und  brutalem  Pochen  auf  pöbelmäßige  Gleichheit;  nach
seinem  Muster  bildete  dieser  sich  zur  Parteiuniform  aus."  *)
Dies  das  Portrait  des  Hasielmann'schen  Vorbilds.  In
seinem  „T/ami  du  peuple“,  den  wahrscheinlich  der  Redasteur
  des  „N.  Social-Demokrat"  als  willkommene  Fundgrube
für  seine  zum  Klastenkampf  aufreizende  Preßprodukte  benutzt,
schreibt  Marat:  „Eine  allgemeine  Insurrektion  ist  eine
„heilige  Pflicht  für  alle  Franzosen"  (Nr.  312);  oder  in
Nr.  314:  „Vor  si  Monaten  würden  5—604»  Köpfe  hin-„gcreicht
  haben,  um  Euch  vor  dem  Abgrund  zurückzuziehen;
„heute  muß  man  vielleicht  5—6000  Köpfe,  vielleicht  20,000
„abschlagen.  Man  darf  keinen  Augenblick  unschlüssig  sein."
An  einer  anderen  Stelle  forderte  er  200  mit  Dolchen  bewaffnete ­
  Neapolitaner.  Mit  diesen  werde  er  Fraitkreich
durchziehen  und  Revolution  machen.  Er  suchte  zu  beweisen,
daß  260,000  Köpfe  fallen  müßten.  Dagegen  rühmte  er
sich  noch  seiner  Menschenliebe,  seiner  Gerechtigkeitsliebe;  der
Anblick  einer  Grausamkeit  habe  Unwillen  in  ihm  hervorgerufen.  **)
Wir  lasten  die  mitgetheilten  Thatsachen  für  sich  selbst
reden.  Klastenkämpfe  haben  schon  manchnial  furchtbare  Katastrophen ­
  herbeigeführt.  Durch  ähnliche  Kämpfe  die  deutsche
Gesellschaft  zu  erschüttern,  und  die  sociale  Ordnung  zu  zertrümmern, ­
  ist  die  ausgesprochene  Absicht  der  Social-Demokratie.
*)  Wachsmuth,  Geschichte  Frankreichs  im  Revolutionszeitalter
  II,  5
**)  Wachsmuth  II,  21.

£  chustkr.  Dir  Locial-DrmvkraUr

10
        <pb n="161" />
        346

Die  Revolution  der  Social-Demokratie.
Inhalt:  Revolutionsbegrifs.  Gesellschastshilfe.  Parlamentari«,
mus  Gewaltsame  Revolution.  Revolutionslieder.  Rothe  Fahne
Neben  einzelnen  friedlichen,  aber  auch  allemal  mißlungenen
Versuchen,  an  kleinen  Beispielen  der  Welt  zu  zeigen,  daß
die  socialistische  Gesellschaftsform  «ber  die  Menschheit  das
Füllhorn  des  Glückes  ausschütten  müsse,  hat  die  socialistische
Bewegung  schon  in  blutigen  Katastrophen  zu  ernsten  Störungen
des  gesellschaftlichen  Friedens  geführt.  Die  Geschichte  des
Socialismus  weiß  uns  von  furchtbaren  Kämpfen,  von  Proletarierschlachten ­
  zu  erzählen,  in  welchen  mit  Gewalt  der
Waffen  die  alte  sociale  Ordnung  zerstört  und  zum  Neubau
der  Gesellschaft  nach  socialistischen  Principien  die  Herrschaft
für  das  Proletariat  errungen  werden  sollte.  Die  Pariser
Kommune  des  Jahres  1871  ist  der  neueste,  aber  schwerlich ­
  der  letzte  Versllch.  auf  dem  Wege  einer  gewaltsamen
Revolution  dem  Socialismus  in  der  französischen  Gesellschaft
freie  Bahn  zn  schaffen.  So  oft  auch  bis  jetzt  der  Socialismus ­
  an  die  Gewalt  appellirt  hat,  ist  ihm  jedesmal  eine  starke
Niederlage  zu  Theil  geworden.
Wiewohl  die  deutsche  Social-Temokratle  ihre  lebhaftesten
Sympathien  mit  den  französischen  Proletarierkämpfen,  namentlich ­
  mit  der  Pariser  Kommune  offen  kundgibt,  so  unterläßt
sie  es  doch  nicht,  uns  wiederholt  zu  versichern,  daß  sie  nur
        <pb n="162" />
        i

Revolutionsbegriff.

147

„auf  friedlichem  und  gesetzlichem  Wege"  ihre  Ziele  zu  erreichen
strebe.  Wir  wiffen  nicht,  wie  weit  diese  Bcrsicherung  der
Parteiführer  von  den  eigenen  Parieigenoffen  geglaubt  wird
und  wie  weit  sie  außerhalb  der  eigenen  Partei  Glauben
findet.  Die  Verherrlichung  der  Pariser  Kommune,  die  nicht
nur  dem  von  derselben  verfochtenen  Princip,  sondern  auch
den  „unsterblichen  Thaten"  der  Kommunards  gilt,  steht  jedenfalls ­
  einem  zuversichtlichen  Glauben  an  die  friedlichen  Absichten
der  deutschen  Social-Temokratie  einigermaßen  im  Wege.  Der
Werth  jener  Versicherung  wird  aber  schon  dadurch  ein  etwas
zweifelhafter,  daß  die  social-demokratische  Partei  nicht  anders
sagen  kann,  weil  sie  es  einfach  nicht  darf,  wenn  sie  von  vornherein ­
  sich  nicht  unmöglich  niachen,  und  das  Gesetz  nicht
zwingen  will,  ihrer  Agitation  ein  entschiedenes  Halt  zu  gebieten.
  Also  auch  für  den  Fall,  daß  die  socialistische  Partei
mit  allem  Vorbedacht  auf  eine  gewaltsame  Revolution  hinarbeitet, ­
  ist  sie  doch  genöthigt,  diese  Absicht  sorgfältig  zu  verhüllen,
und  durch  ausdrückliche  Versicherungen  des  friedlichen  Charakters ­
  ihrer  Bestrebungen  sich  die  nöthige  Freiheit  der  Bewegung ­
  zu  wahren.  Unter  allen  Uniständen  aber  haben  wir
das  Recht  und  die  Pflicht,  den  blinden  Glauben  zu  verweigern ­
  und  an  der  Hand  eines  Vergleichs  mit  den  übrigen  Kmidgebungcn
  in  der  socialistischen  Preste  zu  untersuchen,  ob  nicht
etwa  die  friedliche  Tendenz  nur  zur  Schau  getragen  wird,
und  ob  nicht  hinter  dieser  Maske  sich  doch  das  Gesicht  eines
Revolutionärs  verbirgt.
Die  Social-Dcmokratie  niacht  kein  Hehl  daraus,  daß  ihre
Partei  einen  revolutionären  Charakter  trägt.  Wenn  sie  dies
offen  ausspricht,  dann  stützt  sie  sich  zu  ihrer  Rechtfertigung
und  um  den  Verdacht  eines  geplanten,  gewaltsamen  Umsturzes
nicht  aufkommen  zu  lassen,  auf  die  Desinitiou,  welche  Lassatile
in  seiner  Vcrtheidigungsrede  vor  den,  Berliner  Kriminalgericht
10*
        <pb n="163" />
        148

VI.  Die  Revolution  der  Soc.-Dcmokratie.

von  dem  Begriff  „Revolution"  gegeben  hat.  Er  sagt  dort:
„Revolution  heißt  Umwälzung,  und  eine  Revolution  ist  so-„mit
  stets  eingetreten,  wenn,  gleichviel  ob  mit  oder  ohne  Gewalt ­
  —  auf  das  Mittel  konlmt  es  dabei  gar  nicht  an  —
„ein  ganz  neues  Princip  an  die  Stelle  des  bestehenden
„Zustandes  gesetzt  wird."  *)  Die  Geltendmachung  eines
neuen  Princips  setzt  allerdings  nicht  unter  allen  Umständen
auch  schon  den  Gebrauch  von  gewaltsamen  Mitteln  voraus.
Im  Lauf  der  Kulturentwicklung  hat  sich  schon  gar  manche
in  alle  Berhältnisie  tief  einschneidende  Umwälzung  auf  dem
friedlichsten  Wege  vollzogen.  Der  Dampf  in  Verbindung  mit
der  Erfindung  der  Maschine  hat  die  ganze  Industrie  revo
lutionirt,  von  Grund  aus  umgestaltet.  Die  ganze  Arbeit  der
Wissenschaft  mit  ihren  Erfindungen  und  Entdeckungen  führt
zu  einer  ständigen  Revolution.  Ohne  Revolution,  ohne  Durchführung ­
  neuer  Principien  gäbe  es  keinen  Fortschritt,  herrschte
ein  dem  Tode  ähnlicher  Stillstand  aus  allen  Gebieten  mensch
licher  Kultur.  Die  Social-Demokratie  darf  sich  also  eine  revo
lutionäre  Partei  neunen,  ohne  alsbald  mit  den  Strafgesetzen  um
dieses  Namens  willen  in  Konflikt  zu  gerathen.  Sie  ist  in  ihrem
innerstenGrunde  eine  revolutionärePartei,dadie  Geltendmachung
eines  neuen  Princips,  des  Princips  der  Gleichheit  auch  für
das  sociale  Leben,  ihr  ausgesprochenes  Ziel  ist.  Es  kommt
also  bei  der  Beurtheilung,  ob  eine  sträfliche  revolutionäre
Tendenz  vorliegt,  auf  die  Prüfung  der  Mittel  an,  durch
welche  dem  neuen  Princip  zum  Durchbruch  verholfen  werden ­
  soll.
Die  Social-Demokratie  versichert,  wie  schon  erwähnt,
nur  durch  friedliche  Mittel  die  neue  Organisation  der  Gesellschaft ­
  durchführen  zu  wollen.  Für  einen  friedlichen  Sieg  des
»)  F.  LassaUe,  btt  Wissenschaft  und  die  Arbeiter.  S.  41.
        <pb n="164" />
        GeskllschastShilfr.

149

Socialismus  stehen  aber  nur  zwei  Wege  offen.  Entweder
es  entschließt  stch  die  besitzende  Klaffe  freiwillig,  die  von  der
Social-Temokratie  geforderte  sociale  Gleichheit  zu  realisiren,
und  dann  werden  nicht  von  unten,  sondern  von  oben  die
socialistischen  Plane  verwirklicht  lvcrden.  Oder  es  gelingt
dem  Socialismus,  auf  die  Gesetzgebung  einen  solchen  Einstuß ­
  auszuüben,  daß  diese  nach  Adoption  des  neuen  Princips ­
  durch  dem  entsprechende  Gesetze  die  bestehende  Gesellschaftsordnung ­
  allmählig  in  die  socialistische  Gesellschaftsform
überleitet  und  durch  die  Kraft  der  Gesetze  alle  widerstrebenden ­
  Elemente  zwingt,  sich  zu  fügen.  Weder  der  eine  noch
der  andere  Weg  hat  irgend  welche  Aussicht  auf  Erfolg.  Lassaüe
hat  zwar  auf  den  ersten  Weg  hingewiesen,  ohne  daß  wir
behaupten  können,  er  habe  sich  auch  mit  der  Hoffnung  getragen, ­
  auf  demselben  zum  Ziele  zu  gelangen.  Er  sagt  in
seiner  Frankfurter  Rede:  „Es  wäre  das  großartigste  Kultur-„faktum,
  es  wäre  ein  Triumph  des  deutschen  Namens  und
„der  deutschen  Nation,  wenn  in  Deutschland  die  Initiative  in
„der  socialen  Frage  gerade  von  den  Besitzenden  ausginge,  wenn
„sie  aufträte  als  ein  Produkt  der  Wissenschaft  und  der  Liebe,
„nicht  als  eine  Gährung  des  Haffes  und  der  wilden,  sans-„culottischen
  Wuth."*)  Auch  wir  legen  in  der  socialen  Frage
auf  die  Gesellschaftshilfe  ein  großes  Gewicht  und  betrachten
es  als  eine  sittliche  Pflicht  der  besitzenden  Klaffe,  durch
Opferwllligkeit,  durch  Werke  der  Liebe,  der  niederen  Klaffe
helfend  entgegenzukommen  und  versöhnend  zu  wirken.  Aber
eine  solche  Initiative  in  der  socialen  Frage  ist  himmelweit
verschieden  von  einer  Anerkennung  und  Unterstützung  der
socialistischen  Ideen.  Diese  wollen  ein  neues  Gesellschafts-Princip,
  das  Princip  der  Gleichheit  zur  Geltung  bringen,
*)  F  Lassallk,  Arbeiterlesebuch.  S.  55.
        <pb n="165" />
        150

VI.  Die  Revolution  der  Soc.'Dcmokratie

während  jene  Hilfe  auf  dein  Boden  der  bestehenden  Gesellschaftsordnung ­
  sich  hält  und  dieselbe  nicht  verläßt.  Ein  solches
Eingreifen  der  oberen  Gesellschaftsschichten  in  die  sociale  Bewegung ­
  wird  anstatt  dem  Socialismus  irgend  welchen  Vorschub ­
  zu  leisten,  vielmehr  das  wirksamste  Mittel  sein,  dessen
Einfluß  auf  die  Mafle  des  Proletariats  zu  schmälern.  Es
fehlt  noch  viel  daran,  bis  die  Erkenntniß  jener  mit  dem  Besitz ­
  verbundenen  sittlichen  Verpflichtung  sich  überall  Bahn  gebrochen ­
  hat  und  die  Gesellschaftshilse  überall,  wo's  Noth
thut,  eingreift.  Bei  alledem  dürfen  und  müssen  wir  doch  auch
konstatiren,  daß  die  frühere  Gleichgiltigkeit  gegenüber  der  socialen ­
  Frage  einem  lebendigen  Interesse  Platz  zu  machen  beginnt. ­
  Die  Hoffnung  jedoch,  es  werde  die  Gesellschaft  jemals
freiwillig  und  mit  eigener  Hand  sich  den  Todesschein  ausstellen ­
  und  ihre  Hilfe  in  den  socialen  Uebelständen  durch  eine
Bekehrung  vom  Privateigenthum  zum  Kommunismus  darbieten, ­
  es  werde  somit  dem  Socialismus  auch  von  der  besitzenden ­
  Klasse  die  Hand  geboten  werden,  ist  und  bleibt  allezeit
  eine  schwärmerische  Utopie,  die  wohl  auch  von  keinem
einzigen  Social-Demokraten  gehegt  wird.
Es  bleibt  also  nur  noch  eine  Möglichkeit  übrig,  den
Socialismus  auf  friedlichem  Wege  zum  Siege  zu  führen,
das  ist  die  Hilfe  der  Gesetzgebung.  Bei  nur  äußerlicher  Betrachtung ­
  und  oberflächlicher  Beobachtung  der  socialistischen
Agitation  scheint  die  Social-Demokratie  auf  die  Wirkung
dieses  Mittels  ihre  ganze  Hoffnung  zu  setzen.  Lassalle  hat
auf  die  Wichtigkeit  dieser  friedlichen  Waffe  für  den  Sieg  des
Socialismus  aufmerksam  gemacht,  indem  er  unter  Hinweis  auf
das  damals  noch  nicht  gewährte  allgemeine  und  dirette  Wahlrecht ­
  zu  den  gesetzgebenden  Körperschaften  sein  „Antwortschreiben" ­
  mit  den  Worten  schloß:  „Dies  ist  das  Zeichen,
„das  Sie  aufpflanzen  müssen.  Dies  ist  das  Zeichen,  in  dem
        <pb n="166" />
        Parlamentarismus

151

„Lie  siegen  werden!  Es  giebt  kein  anderes  für  Sie!"  Für
den  deutschen  Reichstag  bildet  bereits  das  allgemeine  und
direkte  Wahlrecht  den  gesetzlichen  Wahlmodus.  Bei  der  wichtigsten
  gesetzgebenden  Körperschaft  hat  somit  die  Social-Demokratie
  die  von  Laffalle  empfohlene  Waffe  in  der  Hand.  Bei
jeder  Reichstags  wähl  entfaltet  sie  auch  die  rührigste  und  ausgedehnteste ­
  agitatorische  Thätigkeit,  um  möglichst  vielen  ihrer
Genoffen  ein  Reichstagsmandat  zu  verschaffen.  Gegen  eine
Theilnahme  von  Vertretern  des  Socialismas  an  der  deutschen
Gesetzgebung  haben  wir  nicht  das  geringste  Bedenken.  Wir
wünschen  vielmehr,  daß  die  social-demokratische  Partei,  so
lange  sie  existirt,  stets  Gelegenheit  hat,  auch  auf  der  Tribüne
des  Reichstags  sich  öffentlich  zu  zeigen.  Ihr  offenes
Hervortreten  halten  wir  für  weniger  gefährlich,  als  die  ge-Heime
  Agitation.  Das  Auftreten  der  Social-Demokraten  im
deutschen  Reichstag  kann  nur  die  zu  einer  Bekämpfung  der
socialistischen  Ideen  nöthige  allgemeine  Kenntniß  derselben  fördern. ­
  Je  gründlicher  und  je  allgemeiner  man  einen  Feind
kennt,  desto  mehr  wird  man  auf  seiner  Hut  sein  und  sich
nicht  in  Sorglosigkeit  einwiegen,  desto  leichter  wird  man  auch
im  Stande  sein,  die  rechten  Maßnahmen  gegen  ihn  zu  treffen.
Sogar  bei  Berathung  der  die  sociale  Frage  betreffenden  Gesetze ­
  scheint  uns  die  Anwesenheit  und  Theilnahme  von  socialistischen ­
  Abgeordneten  eher  nützlich  als  hemmend  zu  sein.
An  einen  Sieg  für  den  Socialismus  ist  hierbei  absolut  nicht
zu  denken.  Hierzu  würde  vor  allen  Dingen  gehören,  daß
die  social-demokratische  Partei  im  gesetzgebenden  Körper  die
Majorität  besitzt.  Seitdem  dieser  Partei  die  Waffe  des  allgemeinen ­
  und  direkten  Wahlrechts  in  die  Hand  gegeben  ist,
ist  es  ihr  in  Frankreich  wie  in  Deutschland  wohl  gelungen,
beim  Wahlkampf  einige  Siege  zu  erfechten;  zur  Majorität
wird  sie  es  nie  bringen  können,  selbst  wenn  die  gesammte
        <pb n="167" />
        152  VI.  Die  Revolution  der  Soc.-Demokratie
industrielle  und  landwirthschaftiiche  Arbeiterwelt  sich  aus  ihre
Seite  stellen  sollte,  da  nach  der  Volkszählung  von  1867  in
Preußen  die  Gesanimtheit  der  rnännlichen  Arbeitnehmer  doch
nur  53'/,  Procent  aller  männlichen  Selbstthätigen*)  ausmacht. ­
  Dabei  ist  zu  berücksichtigen,  daß  die  Arbeiterbevölkerung
sich  nicht  gleichinäßig  über  alle  Wahlkreise  vertheilt,  sondern  daß
sie  sich  in  einzelnen  dicht  bevölkerten  Jndustriebezirken  start
zusammenhäuft,  und  schon  dadurch  in  den  übrigen  Theilen
des  Landes  in  der  Minderheit  bleibt.  Auf  dem  friedlichen
parlamentarischen  Weg  eine  socialistische  Gesellschaftsordnung
zil  ermöglichen,  muß  daher  völlig  aussichtslos  erscheinen.
Die  Social-Demokratie  mag  den  gesetzlichen  Weg,  den
sie  einhalten  zu  wollen  vorgibt,  oft  und  laut  betonen;  an
einen  auf  diesem  Weg  zu  erringenden  schließlichen  Sieg  ihrer
Principien  glaubt  sie  aber  selbst  nicht.  Es  ist  dies  nicht  eine
willkürliche  Annahme  unsererseits,  sondern  das  offene  Bekenntniß ­
  der  socialistischen  Preste.  Bei  der  letzten  Reichstags
wähl  hatte  die  Social-Demokratie  in  Folge  eifrigster  Agilation
  in  Stadt  und  Land  eine  kleine  Anzahl  ihrer  Kandidaten
  als  Sieger  aus  der  Wahlurne  hervorgehen  sehen.  Anstatt ­
  nun  diese  Triunlphe  als  einen  verheißungsvollen  Anfang
des  endlichen  Sieges  ihrer  Principien  auf  beni  friedlichen
und  gesetzlichen  Boden  des  Parlamentarismus  zu  betrachten,
wie  man  Angesichts  ihrer  wiederholten  Versicherungen,  nur
durch  die  Macht  der  Gesetzgebung  dem  Socialismus  Geltung
verschaffen  zu  wollen,  hätte  erwarten  sollen,  schreibt  der
„Volksstaat"  (1874,  21)  wenige  Wochen  nach  vollzogener
Wahl  bei  einer  Besprechung  der  Mandatsablehnung  Johann
Jacobys:  „Die  social-demokratische  Arbeiterpartei  hat
„nie  den  Glauben  gehabt,  daß  schließlich  auf  parlamentarischem

*)  Concordia  1871,  Nr.  5.
        <pb n="168" />
        Parlamentarismus.

153

„Wege  sich  ihr  Programm  endgültig  verwirklichen  laste."
Noch  deutlicher  sprach  sich  Liebknecht  in  einem  in  öffentlicher
Persammlung  zu  Mainz  über  „die  politische  Stellung  der
social-demokratischen  Arbeiterpartei"  gehaltenen  Vortrag  aus:
„Es  ist  ein  Irrthum,  wenn  man  glaubt,  die  Social-Demo-„kratie
  könnte  eine  Umgestaltung  vermittelst  des  Reichstages
„erwirken  und  die  social-demokratischen  Reichstagsabgeordneten
„könnten  durch  Reden  etwas  dazu  beitragen,  den  Forderungen
„des  arbeitenden  Volkes  im  Reichstag  Geltung  zu  verschaffen.
„Der  Reichstag  ist  machtlos  und  dient  der  Regierung  nur  zur
„Verhüllung  des  Absolutismus."  (Volksstaat  1874,  112).
Wir  fragen  billig,  wozu  aber  all  dieser  Aufwand  an  Geld,
Zeit  und  Kraft,  wozu  diese  Aufregung  der  Gemüther  durch
die  agitatorische  Thätigkeit,  die  allemal  den  höchsten  Grad
erreicht,  so  oft  eine  Reichstagswahl  vor  der  Thüre  steht,  wenn
vom  ganzen  Parlamentarismus  für  den  Socialismus  doch
nichts  zu  hoffen  ist!  Auch  darüber  sollen  wir  vom  „Volksstaat" ­
  genügenden  Aufschluß  erhalten.  Derselbe  schließt  einen
Artikel:  „Zur  Aufgabe  unserer  Vertreter  im  Reichstage"
(1874,  50)  mit  den  Worten:
„Die  social-demokratische  Partei  ist  eine  revolutionäre
„Partei;  läßt  sie  sich  auf  den  Boden  des  Parlamentaris-„mus
  locken,  so  hört  sie  auf  eine  revolutionäre  Partei  zu
„sein,  so  hört  sie  überhaupt  auf  zu  sein.  Wir  be-„theiligen
  uns  an  den  Reichstagswahlen  und  schicken  Vertreter
„in  den  Reichstag,  ausschließlich  zu  agitatorischen
„Zwecken.  Die  Stärke  unserer  Partei  liegt  im  Volk;  im
„Volk  unser  Wirkungskreis;  nur  um  zum  Volk  zu  reden
„dürfen  wir  die  Tribüne  des  Reichstags  besteigen.  Entfer-„neu
  wir  uns  von  dem  revolutionären  Ursprung
„und  Wesen  unserer  Partei,  verlieren  wir  nur
„einen  Augenblick  bte  Fühlung  mit  dem  revo-
        <pb n="169" />
        154  VI  Die  Revolution  der  Soc.-Demokratie
„lutionären  Volk,  so  stehen  wir  in  der  Luft  und
„werden  gleich  jenen  Riesen  des  Alterthum  s  ohne
„Gnade  erdrückt."
Solche  Bekenntnisse  lasten  über  den  Zweck  der  Betheiligung ­
  der  Social-Demokratie  an  den  Wahlkämpfen  wie  an
den  parlamentarischen  Verhandlungen  nicht  den  geringsten
Zweifel.  Der  Parlamentarismus  ist  ihr  nicht  das  Mittel,  eine
gesetzliche  und  friedliche  Anerkennung  und  Durchführung  des
Socialismus  zu  erreichen,  sondern  er  bietet  ihr  nur  cine
willkommene  Gelegenheit  zu  rein  agitatorischer  Thätigkeit,  um
für  die  Partei  neue  Anhänger  zu  gewinnen.  „Richt  im
„Reichstag  können  sie  (die  social-demokratischen  Abgeordneten)
„wirken,  aber  aus  dem  Reichstag;  nicht  legislatorisch,  aber
„agitatorisch.  Der  Reichstag  soll  ihnen  nicht  Zw  eck  sein,
„sondern  bloß  Mittel,  nicht  Feld  der  Thätigkeit,  sondern
„ein  erhöhtes  Podium,  um  zu  dem  „Volk  draußen"
„zu  reden,  und  es  aus  den»  Mittelpunkt  der  Klassenherrschaft
„aufzuklären  über  das  wahre  Wesen  der  Klassenherrschaft."
(Volksstaat  1874,  50).  Dieser  Anschauung  entspricht  auch
vollständig  das  Verhalten  der  socialistischen  Reichstagsmitglieder. ­
  Ihre  Reden  sind  weiter  nichts  als  Agitationsreden.
Bei  jeder  Debatte  über  irgend  eine  Gesetzcsvorlage  kommt
es  ihnen  weniger  darauf  an,  zur  Sache  zu  reden,  als  vielmehr ­
  die  Gelegenheit  zu  ergreifen,  immer  und  immer  Wiederaus ­
  der  Tribüne  des  Reichstags,  um  deren  willen,  die  draußen
sind,  den  Socialismus  zu  predigen.
Es  ist  von  hohem  Werth,  die  mitgetheilten  Bekenntnisse  über
die  Stellung  der  Social-Demokratie  zur  parlamentarischen  Thätigkeit
  nicht  zu  übersehen.  Denn  sie  reichen  allein  schon  hin,  um
die  Behauptung,  daß  die  Social-Demokratie  an  eine  friedliche
und  gesetzliche  Durchführung  ihrer  neuen  Gesellschaftsorganisation ­
  nicht  denkt,  zu  begründen.  Es  gibt  für  die  Social-
        <pb n="170" />
        Gewaltsame  Revolution.

155

Demokratie  keine  Möglichkeit,  auf  friedlichem  Wege  ihr  Ziel
zu  erreichen,  da  die  freiwillige  Unterwerfung  der  Gesellschaft
undenkbar  ist,  und  die  Mitwirkung  der  gesetzgebenden  Faktoren
bei  der  Durchführung  des  Socialismus  nicht  nur  nicht  zu  erwarten ­
  ist,  sondern  sogar  von  der  Social-Demokratie  selbst,  als
ihrem  revolutionären  Charakter  widersprechend,  abgelehnt  wird.
Es  bleibt  somit  kein  anderer  Weg  übrig,  als  der  der  Gewalt;
und  die  social-demokratische  Partei  muß  in  doppeltem  Sinne
als  eine  revolutionäre  Partei  angesehen  werden,  als  eine
Partei,  die  ihr  revolutionäres  Princip  durch  nichts  anderes,
als  durch  revolutionäre  Mittel  zur  Geltung  bringen  kann
und  auch  will.
Es  fällt  nicht  schwer,  für  die  an  die  Gewalt  appellirende
revolutionäre  Tendenz  der  Social-Demokratie  die  nöthigen
Belege  beizubringen.  Die  Berhandlungen  des  allgemeinen
deutschen  social-demokratischen  Arbeiterkongreffes  zu  Eisenach
(1669),  auf  welchem  die  social-demokratische  Arbeiterpartei
sich  constituirte,  schloß  Gcib  mit  den  Worten:
„Es  gibt  einen  Baum,  der  goldene  Früchte  trägt,  wenn
„aber  diejenigen,  die  ihn  gepsianzt  haben,  die  Hand  nach  den
„Früchten  ausstrecken,  so  ziehen  sie  sich  zurück.  Es  liegt  auch
„um  den  Baum  geschlungen  eine  Schlange,  die  Jeden  davon
„abhält.  Dieser  Baum  ist  die  heutige  Gesellschaft;  die  Schlange,
„das  sind  die  heutigen  Zustände,  die  uns  den  Genuß  der  gol-„denen
  Früchte  verwehren.  Meine  Herren!  Wir  sind  ent-„schloffen,
  die  goldenen  Früchte  zu  genießen  und  die  Schlange
„zu  verscheuchen:  —  sollte  daü  nicht  auf  gütlichem  Wege
„gelingen,  wohlan,  dann  sind  wir  als  Männer,  die  vor  der
„That  nicht  zurückbeben,  bereit,  den  alten  Baum  zu  fällen
„und  an  seiner  Stelle  einen  neuen  kräftigen  Baum  erstehen
„zu  lasten.  Wie  können  wir  ain  ehesten  unser  Ziel  erreichen?
„Indem  wir  den  Geist  der  Brüderlichkeit  und  Freiheit  in
        <pb n="171" />
        156  VI.  Dir  Revolution  der  Şoc.-Demokrcm:.
„die  Herzen  der  Arbeiter  verpstanzen  und  unsern  Brüdern
„in  allen  Theilen  der  Erde  die  Hand  reichen."  (Protokoll
S.  76.)
So  wurde  also  schon  bei  der  Gründung  der  „socialdemokratischen
  Arbeiterpartei"  der  doppelt  revolutionäre  Charakter ­
  der  Social-Demokratie  in  unzweideutige  Worte  gefaßt.
Die  in  Eisenach  zusammengekonunencn  Parteigenossen  nahmen
als  Abschiedswort  die  Erinnerung  mit  nach  heim,  daß,  falls
der  Socialismus  auf  gütlichem  Wege  nicht  zum  Siege  gelangen ­
  könne,  sie  auch  bereit  sein  müßten,  von  der  Gewalt
Gebrauch  zu  machen.  In  gleichem  Ton  schreibt  der  „R.
Soc.-Demokrat"  (1871,  54):  „Hat  die  machthabende  Klaffe
„so  lange  die  friedliche,  gesetzliche,  sociale  Revolution
„verzögert,  dann  wird  —  wie  Laffalle  ankündigte  —  die
„sociale  Revolution  gewaltsam  hereinbrechen
„mit  wild  wehendem  Lockenhaar,  eherne  Sandalen  an  den
„Füßen."  Die  Eventualität  einer  gewaltsamen  Revolution
wird  hier  noch  von  dem  Entgegenkommen  oder  Widerstreben
der  übrigen  Gesellschaftsklassen  abhängig  gemacht.  Dadurch
sucht  die  Social-Demokratie  die  Verantwortlichkeit  für  jeden
revolutionären  Ausbruch  von  sich  abzuwälzen  und  den
Parteien  zuzuschieben,  die  im  Socialismus  nicht  das  Heil
der  Welt  erblicken  können,  und  darum  nicht  daran  denken,
gutwillig  dem  Socialismus  freie  Hand  zu  lassen.  Es  ist
dies  eine  ganz  ordinäre  Straßenräuber-Logik,  die  dem  An»
gegriffenen  wegen  des  von  ihnl  geleisteten  Widerstandes  die
Schuld  an  dem  ihm  widerfahrenen  Leid  zuschiebt.  In  dieser
Logik  gefällt  sich  der  „Bolksstaat",  wenn  er  seine  Gegner
auffordert,  zwischen  der  friedlichen  und  der  gewaltsanien  Revolution ­
  zu  wählen.  Er  schreibt  (1871,  86):
„Denkt  was  Ihr  Lust  habt  —  thut  was  Ihr  Lust  habt,
„Ihr  Herren;  aber  Eins  laßt  Euch  gesagt  sein,  und  das
        <pb n="172" />
        Gewaltsame  Revolution  157
«gilt  für  Deutschland  wie  für  Spanien  :  Um  die  „Revolution" ­
  kommt  Ihr  nicht  herum.  Ihr  habt  nur
„die  Wahl  zwischen  „der  leichteren  Revolution  mittelst  geeig.
,’ncter  Kammerbeschlüsse",  und  der  „Revolution  auf  dem
„gefährlicheren  Wege  der  Gewalt."  Gefällt  Euch  die  letztere
„besser  -  gut.  Ihr  habt  zu  entscheiden."
Wir  wissen  aus  dem  Munde  der  über  den  Werth  des
Parlamentarismus  für  die  socialistischen  Plane  oben  abgehörten
Zeugen,  wie  die  Social-Demokratie  selbst  von  der  „leichteren
Revolution  mittelst  geeigneter  Kammerbeschlüsse"  sich  lossagt.
Die  den  Gegnern  gelasiene  Wahl  ist  nur  ein  Scheinmanöver,
das  den  feststehenden  Entschluß,  auf  denl  Wege  gewaltsamer
Revolution  zum  Ziele  zu  gelangen,  verhüllen  soll.  Ein
Sieg  durch  friedliche  Mittel  ist  für  den  Socialismus  undenkbar.
  Er  selbst  widerstrebt  nicht  nur  einer  jeden  friedlichen ­
  Arbeit  zur  Hebung  der  Arbeiterklasse,  sondern  er  spricht
es  auch  offen  aus,  daß  eine  ruhige  Entwickelung  niit  dein
revolutionären  Charakter  seiner  Partei  im  Widerspruch  steht.
Als  österreichische  Arbeiter  das  Blatt  „Bottsstimme"  gründeten,
  sagren  stc  in  ihrem  Programm:  „  Gerechte  Forderungen
„der  Arbeiter,  mögen  sie  nun  Handarbeiter,  geistige  Arbeiter
„oder  Ackerbauer  sein.  werden  bei  uns  Unterstützung  finden,
„unberechtigten  Forderungen  aber,  wie  Ausschreitungen  roher
„Elemente,  werden  wir,  die  wir  für  die  ruhige  Fort-„entwickelung
  des  Staatslebcns  wirken,  entschie-„den
  entgegentreten."  Das  war  wenig  nach  dem  Geschmack
der  deutschen  Social-Demokratie,  weshalb  der  „Bottsstaat"
alsbald  protestirtc  (187.3,  48):
„Das  Blatt  „Volksstimme",  das  wegen  eingetretener
„Hindernisie  erst  vom  1.  Juli  ab  erscheinen  soll,  wird  also
„„für  die  ruhige  Entwickelung  des  Staatslebens"  wirken.
„So  kündigt  Herr  Oberwinder  der  Bourgeoisie  an,  um
        <pb n="173" />
        158

VI.  Die  Revolution  der  Soc.-Demokratie.

„Abonnenten  und  Inserate  zu  erhalten!  Das  ist,  —  fassen
„wir  uns  kurz,  —  offener  Verrath  an  der  Sache  der
„Arbeiter.  Die  österreichischen  Arbeiter  haben  nicht  für  ein
„reaktionäres  Blatt,  das  „für  die  ruhige  Entwickelung
„des  Staatslebens"  wirken  will,  beigesteuert,  sondern  für
„ein  internationales  revolutionäres  Arbeiter-„organ."

Ruhige  Entwickelung  des  Staatslebens  offener  Verrath
an  der  Sache  der  Arbeiter!  Wir  brauchen  kein  weiteres
Zeugniß  für  die  principielle  Abneigung  der  Social-Demokratie
gegen  jedes  friedliche  Mittel  und  für  ihre  revolutionäre
Tendenz,  die  nur  den  rechten  Zeitpunkt  abwartet,  um  mit
Gewalt  die  sociale  Revolution  herbeizuführen,  welche  die  bestehende ­
  Gesellschaftsordnung  zertrümmern  und  die  socialistische
an  die  Slelle  derselben  setzen  soll.
Wie  die  Social-Demokraten  unter  sich,  nicht  in  ihrer
Preste  vor  der  Oesfentlichkeit,  sondern  im  Geheimen  in  ihrer
Korrespondenz  den  revolutionären  Charakter  ihrer  Partei
auffassen  und  debattiren,  mögen  zwei  Briefe  beweisen,  welche
der  Braunschweiger  Prozeß  zum  Vorschein  gebracht  hat.
Kaufmann  Wilhelm  Bracke  aus  Braunschweig,  Mitglied  des
Ausschusses  der  „social-demokratischen  Arbeiterpartei"  schreibt
an  den  Techniker  Leonhard  von  Bonhorst  aus  Caub,  ebenfalls ­
  Ausschußmitglied:
„Unserer  Partei  liegt  die  Erkenntniß  zu  Grunde,  daß
„nur  durch  die  Intervention  des  Staates  im  Großen,  nölhigen-„
  falls  erzwungen  durch  eine  Revolution,  die  socialistische
„Gesellschaft  eingeführt  werden  könne  (was  nur  in  einem
„Volksstaate  möglich  ist.)  Deshalb  das  Streben,  die  staat-„lichen
  Zustände  zu  ändern,  und,  da  wir  wenig  Hoffnung
„haben  können,  dies  auf  friedlichem  Wege  zu  thun,  die
„Vorbereitung  auf  die  Gewalt."
        <pb n="174" />
        »

Gewaltsame  Revolution.

159

In  seiner  Erwiderung  sagt  von  Bonhorst:
„Ich  bin,  was  meine  Anschauung  anlangt,  so  gut  und
„principiell  Socialist  und  Revolutionär,  daß  ich  vor
„keiner  Konsequenz  zurückschrecke.  —  —  Die  Zeit  wird
„hoffentlich  nicht  mehr  so  arg  fern  sein,  wo  wir  aus
„diesem  doktrinären,  allein  seligmachenden  Revolutionarismus
„heraustreten  in  den  praktischen."  (Volksstaat  1871,  97.
Beilage.)
Die  Aussprüche  der  bis  dahin  vorgeführten  Zeugen
ermöglichen  die  rechte  Interpretation  aller  der  Stellen  der
socialistischen  Preste,  welche  von  einer  socialen  Revolution
handeln.  Namentlich  lasten  sie  keinen  Zweifel  darüber,  wie
die  deutsche  Social-Demokratie  ihre  Synipathie  mit  der
Pariser  Kommune  meint.  Der  18.  März,  der  Jahrestag
der  Erhebung  der  Pariser  Kommune,  ist  für  die  deutsche
Social-Demokratie  ein  Festtag,  den  sie  dem  2.  September,
dem  nationalen  Gedenktag  für  das  deutsche  Bolk,  gerne
gegenüber  stellt.  Alljährlich  wird  am  18.  März  eine  Erinnerungsfeier
  zu  Ehren  der  Pariser  Kommune  in  allen
social-demokratischen  Vereinen  auf  Anordnung  der  obersten
Parteileitung  veranstaltet.  Diese  Feier  gilt  nicht  nur  der
Erinnerung  an  die  blutige  Vergangenheit,  sondern  sie  bezweckt
auch,  eine  Begeisterung  für  zukünftige  ähnliche  Thaten  des
Proletariats  hervorzurufen.  Das  Bevorstehen  gleicher  revolutionärer ­
  Erhebungen  wird  gewcistagt,  wenn  der  „N.  Social-Demokrat"
  (1872.  98)  schreibt:  „Auf  die  mächtige  Prole-„tariererhebnng.
  die  Junischlacht,  folgte  die  noch  mächtigere,
„die  Pariser  Kommune,  und  auf  diese  wird  dereinst
„der  mächtigste  Vollsaufschwung  folgen  zur  socialen  Be-„freiung
  des  vierten  Standes."
Oder  (1873,  34):  „Wir  deutschen  Socialisten  haben
„nicht  minder  zu  ringen,  als  unsere  Brüder,  die  Proletarier
        <pb n="175" />
        160

VI.  Die  Revolution  und  die  Soc.-Demokratie.

„der  übrigen  Kulturländer.  Und  wenn  auch  noch  unerreicht
..sind  der  Heldenkampf  der  Pariser  Kommune,  ihr  glorreicher
„Fall,  als  sie  sich  unter  den  rauchenden  Trümmern  von
„Paris  begrub,  und  die  scheußlichen  Mordthaten  der  Ber-„sailler
  Henker,  so  zuckt  doch  eine  Bewegung  durch  das
„Proletariat  der  ganzen  Welt,  welche  neue  Schlachten  mit
„denselben  furchtbaren  Erscheinungen  bringen  wird,  bis  dieser
„Klasienkampf  endet,  mit  dem  Siege  des  vierten  Standes,
„mit  dem  Triumph  des  Socialismus."
Auch  ohne  direkte  Beziehung  auf  die  Pariser  Kominune
wird  die  gewaltsame  sociale  Revolution  in  bestimmte  Aussicht
  gestellt.  „Einst  wird  der  nackte  Riese  den  gepanzerten
„Zwerg  mit  seiner  Faust  zerdrücke«",  orakelt  der  „N.  Soc.-Demokrat"
  (1871,  62.)  Dasselbe  Blatt  (1872,  101)  sieht
schon  im  Geiste  die  Proletarierbataillone  sich  kampfbereit
machen  zum  Straßenkampf,  wenn  es  schreibt:
„Die  Lawine  ist  im  Rollen;  möge  sie  immer  mehr  an-„
  schwellen!
„Den  dumpfen  Massenschritt  der  Arbeiterbataillone  ver'
„nahm  schon  Lassalle;  er  sah  seine  Rächer  schon  im  Geiste.
„Und  näher  und  näher  kommt  diese  geahnte  Stunde.
„Schon  zittern  uns're  Feinde  beim  bloßen  Klange  des
„Namens  Lasialle!
„Sie  zittern,  wenn  der  Fabriksklave  dumpf  aufseufzend
„ihn  murmelt!
„Sie  zittern,  wenn  das  Volk  auf  den  Straßen  funkeln-„den
  Auges,  von  Begeisterung  trunken,  im  Massengesang
„ihn  erschallen  läßt!
„Sie  zittern,  denn  sie  fürchten  eine  große  Abrechnung,
„sie  fürchten,  daß  dereinst  der  Generalmarsch  durch  die
„Straßen  schallt  und  der  Donnerruf  —  Lassalle  —  aus
„der  Phalanx  der  Proletarierbataillone  erdröhnt!
        <pb n="176" />
        Rtvolutionslleder.

161

„D'rum  unverzagt!  Borwarts  mit  Ferdinand
„Lassalle!"
Die  französischen  Revolutionslieder  werden  dem  deutschen
Proletariat  vorgesungen,  um  eine  gleiche  revolutionäre  Begeisterung ­
  zu  wecken,  und  ohne  Umschweife  verknüpft  hiermit
der  „N.  Social-Denlokrat"  die  Drohung,  daß  Aehnliches  sich
wiederholen  tonnte.  Er  citirt  (1873,  13)  das  Revolntionslied
  „Ca  ira",  dessen  Refrain  lautet:
„Ah  ça  ira,  ça  ira!
„Les  aristocrates  à  la  lanterne!
„Ah  ça  ira,  ça  ira!
„Les  aristocrates,  on  les  pendra!
„ES  muß  so  kommen,  muß  so  kommen!
„Die  Aristokraten  an  die  Laterne!
„ES  muß  so  kommen,  muß  so  kommen!
„Die  Aristokraten  muß  man  hängen!"
Und  an  dieses  Citat  werden  folgende  Betrachtungen  geknüpft: ­

„Und  wenn  das  Bolk  dies  grimmige  Lied  anstimmte,
„dan»«  blieb  cs  wahrlich  nicht  bei  diesen  Worten.  Die
„Männer  der  Revolution  waren  rasch  mit  Tyaten  bei  der
„Hand,  und  bald  hier,  bald  dort  schwebte  der  Wanst  eines
„Adligen  oder  Pfaffen  aut  Pfahl  einer  Laterne.
„Das  ça  ira,  es  ist  wahrlich  auch  ein  mene  tekel.
„Und  wenn  die  Bourgeoisie  im  Hinblick  alls  dies  Lied,  welches
„zur  Zeit  des  Kommunekampfes  wieder  in  Paris  gesungen
„ward,  Herzklopfen  und  einen  moralischen  Katzenjammer  bekommt,
  soll  uns  das  gar  nicht  leid  sein.
„Wir  unserseits  geben  ihr  zu  bedenken,  daß  die  grimnte
"Bolksrache  von  1793  losbrach,  weil  die  herrschenden  Klassen
«die  gesetzliche  Entwickelung  der  Revolution  durch  Gewalt
Schuster,  Die  Soci«l«Dem»kratik.  11
        <pb n="177" />
        162  VI.  Die  Revolution  und  die  Soc.-Demokratie
„und  Verschwörung  hinderten.  Nie  hätte  das  französische
„Volk  zu  Beil  und  Strick  gegriffen,  hätte  die  verrätherische
„Aristokratie  nicht  zuerst  Gewalt  gebraucht.  Erst  wenn  dem
„Volk  der  friedliche  Weg  zu  seinem  heiligen  Rechte  abge-„schnitten
  ist,  dann  singt  es  sein  ça  ira,  dann  aber  hängt
„es  und  köpft  es  auch  ohne  Gnade  alle  Volksverräther!"
Erinnern  wir  uns  des  Hasielmann'schen  Ausspruchs:
„Wir  schreiben  à  la  Marat!",  der  ohne  Unterlaß  seine  Brandfackel ­
  in's  Volk  schleuderte  und  zu  jeder  neuen  Erhebung
durch  die  Presse  das  Allarmsignal  gab,  so  kann  man  es  mit
den  Händen  greifen,  was  die  Absicht  und  der  Zweck  solcher
Artikel  ist,  welche  unsern  Arbeitern  die  französischen  Revolutionslieder ­
  vor  die  Augen  führen.
Wir  wollen  gerne  zugeben,  daß  nur  die  Parteiführer
sich  ihrer  Absicht,  auf  dem  Wege  einer  gewaltsamen  Revolution ­
  dem  Socialismus  zur  Herrschaft  zu  verhelfen,  sich
klar  und  bestimmt  bewußt  sind,  und  daß  eine  große  Zahl
von  Parteigenossen  vielleicht  nicht  einmal  eine  Ahnung  davon
hat,  welchem  Ziel  man  sie  entgegenführt.  Aber  wie  geflissentlich
  man  das  revolutionäre  Feuer  in  den  Herzen  der  Proletarier ­
  zu  schüren  sich  bemüht,  das  beweist  die  social-demokratische
Poesie,  welche  revolutionäre  Begeisterung  zu  wecken  versucht.
Das  von  Joh.  Most  gesammelte  „Proletarier-Liederbuch"  ist
reich  an  feurigen  Revolutionsliedern.  Auf  Seite  19  finden
wir  ein  „Proletarier-Lied",  dessen  beiden  ersten  Strophen
allo  lauten:
„Es  tönt  ein  Ruf  von  Land  zu  Land:
„Ihr  Armen  reichet  Euch  die  Hand!
„Und  ruft  ein  „Halt"  der  Tyrannei,
„Und  brecht  das  Sklavenjoch  entzwei!
„Es  wirbelt  dumpf  das  Aufgebot,
„Es  flattert  hoch  die  Fahne  roth:
Arbeitend  leben,  oder  kämpfend  den  Tod!  :,:
        <pb n="178" />
        Revolntionslieder.

163

„Wir  haben  lang  genug  geharrt,
„Man  hat  uns  lang  genug  genarrt,
«Jetzt  greisen  wir  zu  unsrem  Recht,
„Jetzt  stellen  wir  uns  zum  Gefecht
„Es  wirbelt  dumpf  das  Ausgebot,
„Es  flattert  Koch  die  Fahne  roth:
Arbeitend  leben,  oder  kämpfend  den  Tod!
Die  „Arbeitermarseillaise",  welche  die  Locial-Demokraten
am  Schltlß  ihrer  „Volksversammlungen"  anzustimmen  pflegen,
beginnt  (S.  46)  mit  den  Worten:
„Wohlan,  wer  Recht  und  Freiheit  achtet,
„Zu  uns'rer  Fahne  steht  zu  Haus,
„Wenn  auch  die  Lüg'  uns  noch  umnachtet,
Bald  steigt  der  Morgen  hell  heraus!
„Ein  schwerer  Kampf  ift's,  den  wir  wagen,
„Zahllos  ist  uns  rer  Feinde  Schaar,
„Doch  ob  wie  Flammen  die  Gefahr
„Mög'  über  uns  zusammenschlagen,
Die  neue  Rebellion
„Die  ganze  Rebellion,
„Marsch,  marsch!
„Marsch,  marsch!
„Marsch,  wär's  zum  Tod
„Denn  uns're  Fahn'  ist  roth!
Endlich  verdient  auch  noch  eine  Travestie  des  Liedes
..Ein'  feste  Burg  ist  unser  Gott"  mitgetheilt  zu  werden,
welche  unter  der  Ueberschrist:  „Der  Menschheit  Kriegs-Gesang"
  folgende  zwei  Strophen  enthält:
„Heil  unS!  Der  Zunder  ist  gehäuft  —
„Der  Weltbrand  loht  zum  Himmel!
„Das  Schlachtschwert  saust!  Die  Kugel  pfeift!
„Rings  wildeS  Kampfgetümmel!
„Einstürzt  der  Knechtschaft  Kartenhaus!
„Zum  Licht  durch  Wetters  Sturm  und  Graus!
        <pb n="179" />
        1(14  VI.  Die  Revolution  und  die  Soc.--Demokratie.

„Laßt  fahren  dahin
„Des  Lebens  Gewinn!
„Das  Reich  muß  uns  doch  bleiben!
„Hei!  —  Seht!  die  Throne  fallen  ein,
„Die  heil'gen  Stühle  zittern!
„Nun,  brave  Männer,  drauf  und  drein!
„Neu  lächelt  nach  Gewittern
„Die  dunstbefreite  klare  Welt!
„Und  was  auch  jetzt  der  Blitz  zerfchellt  —
„Laßt'S  fahren  dahin!
„'s  bringt  keinen  Gewinn!
„Das  Reich  muß  uns  doch  bleiben!  —"
Bis  zum  rohesten  Fanatismus  steigert  sich  die  revolutionäre
Leidenschaft,  wenn  der  Verfasser  des  oben  schon  erwähnten
„Wintermärchens*  (Gesang  XX.  Seite  25)  schreibt:
„Dort  (in  der  Hölle)  will  ich  liegen  und  warten  und  ruh'n
„Bis  andere  Zeiten  gekommen,
„Bis  die  Deutschen  ihr  Schicksal  mit  kräft'gem  Thun
„Selbsteigen  zur  Hand  genommen!
„Bis  sie  mit  heiliger  Zornesgluth
„jti  Fetzen  die  Throne  geschlagen
„Und  sie  die  ganze  Tyraunenbrut
„Zur  Guillotine  getragen
„Bis  der  verpestete  deutsche  Sumpf
„Bon  Henkern  und  Heuchlern  und  Strolchen
„Ist  ausgerodet  zum  letzten  Stumpf
„Mit  Knüppeln  und  Meffern  und  Dolchen."
Ein  solches  Produkt,  das  die  Expedition  des  socialistischen
Blattes  „Felleisen"  in  Zürich  zur  Verbreitung  in  Deutschland
  auf  Lager  hat,  bedarf  keines  weiteren  Kommentars.
Ohne  alle  Verhüllung  wird  die  blutige  Revolution  gepredigt.
Von  Interesse  ist  noch  ein  Passus  in  der  Anklageschrift
des  Braunschweiger  Prozesses  (Volksstaat  1871,  97.  Beilage),
welcher  hervorhebt,  daß  der  Ausschuß  der  social-demokratischen
        <pb n="180" />
        Revolutionslieder

165

Arbeiterpartei  sich  schon  mit  der  Frage  beschäftigt  haben  muß,
was  beim  Ausbruche  einer  Revolution  zunächst  geschehen
müsse.  Er  lautet:
„Endlich  sei  hier  noch  erwähnt,  daß  sich  der  Ausschuß
„schon  (vielleicht  im  Geheimen)  mit  dem  Gedanken  beschäftigt
„haben  muß,  was  im  Augenblicke  des  Allsbruchs  einer  Re-„volution
  geschehen  müsse,  denn  unter  den  beim  Ausschüsse
„beschlagnahmten  Papieren  hat  sich  ein  gedrucktes  Flug-„blatt
  vorgefunden  mit  der  Ueberschrift:
„„Forderungen  des  Voltes  im  Augenblicke  der
„Revolution,"
„welches  den  beabsichtigten  allgemeinen  Umsturz  der  bestehen-„den
  Ordnung  vollständig  charakterisirt.  Es  wird  darin
„u.  A.  gefordert:  Beseitigung  aller  bestehenden  Regierungs-„gewalten,
  Aushebung  aller  Steuern,  Konfiskation  des  Eigen-„thuins
  der  Fürsten  unto  Bolksverräther,  der  Banken  und
„Staatskassen,  Zwangsanleihen  auf  alle  Kapitalisten,  alle
„Staatsschulden  sind  aufgehoben,  das  alte  Papiergeld  werth-„los,
  der  Staat  übernimmt  alle  Hypotheken,  keine  Hypothek
„darf  gekündigt  werden,  alle  Eisenbahnen,  Dampfschiffe,  alle
„Fabriken  nimmt  der  Staat  in  Besitz,  die  Paläste  und
„Schlösser  der  Fürsten  und  Reichen  werden  zu  Schulen  und
„anderen  gemeinnützigen  Zwecken  eingerichtet  u.  s.  w."*)
Wenn  auch  dieses  Dokliment,  wie  der  „Bolksstaat"  be-*)
  Ter  „Volksstaat"  hält  es  für  nöthig,  hierzu  folgende  Anmerkung ­
  zn  niachen:  „Erschrick  nicht,  lieber  peser!  Da-:  fragliche ­
  Mordsñugblatt  danrt  aus  dem  Jahre  18—48,  und  wurde
in  1  (Einem)  ganzen  und  unversehrten  Exemplar  vorgefunden.
Wir  können  auf  Wunsch  —  wenn  man  unS  einige  Zeii  läßt,
da  wir  diese  Waare  natürlich  nicht  auf  Pager  halten  —  mit  etlichen
Centnern  solchen  Hochverrath'S  aufwarten."  Red.  d.  „Bolks,last."
Wer's  glauben  will,  mag'S  glauben!
        <pb n="181" />
        VI.  Die  Revolution  und  die  Soc.-Demokratie.

Itili
hauptet,  einer  vergangenen  revolutionären  Epoche  angehören
sollte,  so  zählt  es  doch  immerhin  die  Maßnahmen  auf,  welche
eine  jede  sociale  Revolution,  sobald  sie  nur  auf  kurze  Zeit
die  Oberhand  gewinnt,  in  erster  Linie  treffen  würde.  Wenn
es  nicht  zweifelhaft  ist,  daß  unsere  deutsche  Social-Demokratie
einer  gewaltsamen  Revolution  entgegeneilt,  dann  ist  es  auch
nicht  unwahrscheinlich,  daß  die  maßgebenden  Persönlichkeiten,
wie  das  bei  allen  planmäßig  vorbereiteten  socialen  Revolutionen
der  Fall  war,  sich  bei  Zeiten  über  die  alsbald  nach  Ansbruch
der  Revolution  in  der  erschütterten  Gesellschaft  zir  beseitigenden
alten  Ordnungen  verständigen.
Bei  einer  jeden  socialen  Revolution  ist  die  rothe  Fahne
als  deren  Banner  entfaltet  worden.  Auch  die  deutsche
Social-Temokratie  hat  die  rothe  Fahne  zu  ihrem  Feldzeichen
erwählt.  Sie  bemüht  sich  zwar,  dieselbe  nicht  als  Zeichen
des  socialen  Kampfes,  sondern  als  Symbol  der  Liebe  zn
deuten.  Leichtgläubige  Gemüther  mögen  es  wohl  glauben
und  sich  irre  führen  lassen.  Wir  finden  die  rechte  Deutung
in  einem  vom  „Volksstaat"  (1X7%,  ü4)  veröffentlichten
Beschluß  der  englischen  Internationale,  der  folgenden  Wortlaut ­
  hat:
„In  Erwägung,  daß  die  Internationale  Arbeiterassociation
„eine  militante  (propagandistisch  kämpfende  —  der  Ausdruck
„wurde  ursprünglich  von  der  Kirche,  speciell  den  propagan-„distischen
  Organisationen  derselben  gebraucht)  Gesellschaft
„ist,  und  daß  ihre  Mitglieder,  obgleich  für  allgemeinen  Frieden
„illld  Menschenverbrüderlttlg  solidarisch  geeint,  doch  nicht
„davor  zurückbeben  dürfen,  wenn  Pflicht  oder  'Roth-„wendigkeit
  es  erheischen,  die  Waffen  für  die
„Vertheidigung  ihrer  Rechte  zu  ergreifen:  daß
„demgeinäß  unsere  Association  als  die  internationale
„Armee  des  Proletariats  zn  betrachten  ist,  und  daß
        <pb n="182" />
        Rothe  Fahne.

167

jede  Armee  eine  Fahne  haben  muß,  um  welche  die  Kämpfer
„sich  zu  schaaren  haben;  und  in  fernerer  Erwägung,  daß
„die  rothe  Fahne  die  einzige  ist,  welche  den  Principien
„und  Zwecken  der  Internationalen  entspricht,  insofern  die
„rothe  Farbe  das  Symbol  des  von  dem  Volk  für  die  Frei-„heit
  und  den  Fortschritt  vergossenen  Bluts  ist,  und  die
„Einheit  der  Farbe,  die  Einheit  des  Menschengeschlechts  und
„die  Abschaffung  der  Klassen  bedeutet  —  während  alle  anderen ­
  Fahnen,  was  auch  ihr  Ursprung  sein  möge,  durch  die
„reaktionären  Parteien  beschmutzt  worden  sind,
„beschließt  der  Kongreß:
„1.  Die  rothe  Fahne  ist  als  Fahne  der  beili*
„schen  Föderation  proklamirt."
Wir  wollen  nicht  bestreiten,  daß  bas  über  die  Revolution
der  Social-Demolratie  von  uns  Mitgetheilte  zu  einem  juridischen ­
  Beweis  nicht  ausreichen  mag.  Wir  haben  auch  einen
solchen  zu  führen  nicht  unternommen.  Die  Parteiführer
vergessen  nicht,  daß  es  bei  ihren  die  Revolution  berührenden
Publikationen  in  der  Presse  eine  Linie  gibt,  die  um  kein
Haar  breit  ungestraft  überschritten  werden  darf,  daß  in  diesem
Punkt  mehr  wie  bei  irgend  einem  anderen  die  größte  Vorsicht ­
  geboten  ist.  Sie  reden  daher  meist  nur  im  Prophetentou
  von  der  unvermeidlich  herannahenden  socialen  Revolution,
und  hüten  sich  wohl,  jetzt  schon  die  wahren  Urheber  derselben
hinter  den  Coulissen  blicken  zu  lassen.  Aber  zur  Begründung
der  moralischen  Ueberzeugung,  daß  die  Social-Demokratie
nicht  auf  friedlichem,  sondern  nur  auf  gewaltsam  revolutionärem ­
  Wege  an  ihr  Ziel  zu  gelangen  sucht,  haben  wir  hinreichendes ­
  Material  beigebracht.  Für  eine  Partei,  welche
alle  bestehende  Ordnung  in  Staat  und  Gesellschaft  über  den
Haufen  zu  werfen  sich  vorgesetzt  hat,  gibt  es  kein  anderes
Mittel  außer  der  gewaltsamen  Revolution.  Unter  dem  Schutz
        <pb n="183" />
        1&amp;lt;*,8  VI.  Die  Revolution  und  die  Soc.-Temokratie.
-er  Redefreiheit  hat  Hasselmann  es  gewagt,  sogar  auf  der
Tribüne  des  deutschen  Reichstags  die  Revolutionsfahne  aufzupflanzen. ­
  Es  konnte  wohl  schwerlich  mißverstanden  werden,
als  Haffelmann  bei  Berathung  des  Kontraktbruchgesetzes
sich  also  vernehmen  ließ:  „Mit  diesem  Gesetze  werden  die
„Arbeiter  beleidigt,  die  Arbeiter,  welche  die  Gewehre  tragen
„müssen,  die  Arbeiter,  welche  die  Schlachten  schlagen,  und
„welche  mit  den  Gewehren  umzugehen  wissen  Die
„Stunde  ist  gekommen,  wo  wir  Ernst  machen  müssen,  und
„wo  die  Knechtschaft  aufhören  muß,  wenn  wir  auch  selbst
„in  den  Tod  gehen  müsien,  denn  Brod  ist  Freiheit,  Freiheit
„ist  Brod!"*)

’)  Schwäbischer  Merkur  1874,  45.
        <pb n="184" />
        VIL

Tie  Religion  und  die  Social-Temokratie.
Inhalt:  Sociale  Bedeutung  der  Religion.  Religiöse
Heuchelei.  Christenthum  und  Socialismus  Diskreditirung  des
Christenthums  Atheismus  Folgen  des  Atheismus.  Atheistische
Wissenschaft.
Nirgends  herrscht  noch  so  viel  Unklarheit,  als  in  den  Anschauungen ­
  über  die  Bedeutung  der  Religion  für  den  Socialismus, ­
  für  die  Gestaltling  des  socialen  Gebens  überhaupt.
Man  hört  wohl  mitunter  etwas  von  der  Mißhandlung,
welche  das  Christenthum  Seitens  der  Social-Demokratie  er
fährt,  oder  auch  von  den  völlig  atheistischen  Bekenntnissen
der  socialistischen  Presse,  und  wundert  sich,  daß  der  Socio
lisnius  dieses  Gebiet  überhaupt  betritt  und  nicht  völlig  igne
rirt.  Der  Widerspruch  gegen  die  destruktiven  Tendenzen  dc;
Socialisntus  in  Staat  und  Gesellschaft  regt  sich  in  bürgerlichen ­
  Kreisen  gewaltig;  von  seiner  religiösen  Eigenart  glaubt
man  keine  Notiz  nehmen  zu  müssen.  Ja,  auf  religiösem
Gebiet  fühlen  viele  seiner  Gegner  ganz  sympathisch  mit  ihm.
und  der  Widerspruch  gegen  die  von  ihm  geübte  Kritik  der
heutigen  Eigenthumsform  verwandelt  sich  bei  seiner  Lästerung
und  Verhöhnung  der  Religion  bei  Bielen  in  Zustimmung
und  Beifall.  Die  Sympathie  ans  dem  religiösen  Gebiet  hält
man  recht  gut  für  vereinbar  mit  der  Antipathie  auf  den:
socialen  und  politischen  Boden.  Biele  haben  keine  Ahnung
davon,  daß  mit  der  Entwerthnng  der  Religion  der  Socialismus ­
  mit  innerer  Naturnothwendigkeit  und  nach  deni  Ge-
        <pb n="185" />
        170  VII.  Die  Religion  und  die  Zoc.-Demokratie.
setz  des  rein  logischen  Denkens  im  Kurs  steigen  muß.  Lo
erleben  wir  das  eigenthümliche,  unsere  Zeit  charakterisirende
Schauspiel,  daß  viele  von  denen  an  der  Ausbreitung  des
Socialismus,  freilich  unwissentlich,  arbeiten,  die  denselben  am
liebsten  lieber  heute  als  morgen  mit  Stumpf  und  Stiel
ausrotten  möchten.  Die  am  lautesten  die  öffentliche  Gewalt
gegen  ihn  anrufen,  daß  sie  den  groß  gewordenen  Baum  mit
einem  Schlag  fällen  möge,  wollen  nicht  zugeben,  daß  die  Kanäle ­
  zugeworfen  werden,  welche  den  Baumwurzeln  die  beste
Nahrung  zuführen.  Müll  weist  beim  Versuch,  das  Auftreten ­
  und  Anwachsen  des  Socialismus  zu  erklären,  zuerst
itnd  zumeist  auf  die  wirthschaftlichen  Nothstände  hin.  Ganz
gut.  Aber  das  Streben,  die  llebelstände  im  Gefolge  unserer ­
  modernen  Industrie  zu  beseitigen,  hätte  sich  nimmermehr
auf  socialistische  Bahnen  verirren  können,  wenn  nicht  unsere
Zeit  zu  jenen  Nothständen  wirthschaftticher  Natur  den  tiefen
religiösen  Schaden  gesellte,  daß  Bielen  die  Gottesleugnung
menschenwürdiger  zu  sein  scheint,  wie  der  Gotlesglaube.  Bor
dem  Forum  und  nach  den  natürlichen  Konsequenzen  des
Atheismus  ist  unsere  ganze  heutige  Jndustriesorm  ein  Nothstand, ­
  weil  gerade  sie  die  Ungleichheit  des  Besitzes  und  Genusies
  erhält  und  immer  wieder  neu  erzeugt.  An  dieser
Ungleichheit  muß  aber  der  Atheist,  der  dem  Menschen  Zweck
und  Ziel  seines  Daseins  ausschließlich  ins  Diesseits  verlegt,
Anstoß  nehmen,  solange  er  noch  Alles,  was  Menschenantlitz
trägt,  gleichwägt.  Das  was  dem  Menschen  als  höchste  Bestimmung
  gesetzt  ist,  muß  auch  allen  Menschen  erreichbar
sein.  Die  religiöse  Lebensanschauung  steckt  allen  Menschen
ein  gleiches  Lebensziel  und  läßt  auch  Jeden  ohne  Ausnahme,
der  überhaupt  nur  darnach  trachtet,  das  gleiche  Ziel  voll
und  ganz  erreichen.  Ter  Atheist,  der  nur  den  irdischen  Genuß ­
  als  menschliche  Lebensbcstimmung  kennt,  kann  und  darf
        <pb n="186" />
        Lociale  Bedeuruug  Ser  Relrgion

171

solche  Zustände  nicht  gutheißen,  die  nur  in  zahlreichen  und
bedeutenden  Abstufungen  die  einzelnen  Menschen  an  das  gemeinsame ­
  Ziel  gelangen  lassen,  die  nicht  selten  denjenigen
am  weitesten  davon  entfernt  halten,  welcher  am  eifrigsten  darnach
trachtet.
Der  innere  Zusammenhang  der  Religion  mit  der  Gestaltung ­
  des  socialen  Lebens,  daher  auch  das  Ineinandergreifen ­
  der  socialen  und  religiösen  Frage  wird  deshalb  so
häufig  übersehen,  weil  unsere  Zeit  von  einer  socialen  Beden-  ,
tung  der  Religion  nur  noch  sehr  wenig  zu  wissen  scheint.
So  weit  man  fich  gegen  Religion  überhaupt  heutigen  Tages
noch  tolerant  verhält,  ist  man  allzu  sehr  geneigt,  sie  auf  den
Lebenskreis  des  einzelnen  Individuums  zu  beschränken.  Die
Religion  wird  in  einseitiger  Weise  als  eine  Privatsache  betrachtet. ­
  Daß  aber  keine  menschliche  Gesetzgebung,  sondern
gerade  die  Religion  uns  auch  für  das  Zusammenleben  und
-Wirken  der  Menschen,  also  für  die  Gesellschaft  die  obersten
Principien  geben  muß,  das  bleibt  leider  meist  unbeachtet.
Ich  hätte  das  vollste  Recht  die  bestehende  sociale  Ordnung
als  die  größte  Unordnung  und  Ungerechtigkeit  zu  betrachten,
wenn  dieselbe  auf  keine  andere,  als  bloß  menschliche  Autorität
sich  stützen  könnte,  eine  Autorität,  die  für  mich  nicht  unter
allen  Umständen  maßgebend  sein  kann.  Eine  jede  sociale
Ordnung  muß  als  das  Produkt  der  reinsten  menschlichen
Willkür,  als  ein  Ausfluß  der  jeweiligen  Macht  erscheinen,  so
lange  sie  nicht  im  Stande  ist,  ben  Rachweis  zu  liefern,  daß
ihre  Principien  in  religiösen  iinb  daher  ewigen,  weil  göttlichen ­
  Principien  wurzeln.  Vergißt  die  sociale  Ordnung
ihren  Zusammenhang  mit  den  ewigen  Gottesordnungen,  dann
beraubt  sie  sich  selbst  der  höchsten  Autorität,  die  sie  gegen
Jeden,  der  die  Ordnung  antasten  will,  geltend  machen  kann.
Das  religiöse  Leben  ist  der  Fels,  den  das  sociale  Leben  nicht
        <pb n="187" />
        172  VII.  Die  Religion  und  die  Soc  -Demokratie.
verlassen  darf,  wenn  es  zu  gesunder  Entwickelung  und  zu
gesichertem  Bestände  gelangen  soll.  So  wenig  die  Naturgesetze ­
  von  einem  Menschen  ungestraft  übertreten  werden
können,  so  wenig  darf  das  sociale  Leben,  wenn  es  sich  nicht
selbst  untergraben  will,  die  ewigen  Gottesordnimgen  bei  Seite
schieben.  Tic  Gottesordnimgen  sind  die  Naturgesetze  für  dacsociale
  Leben.
Die  Social-Demotraue  durchschaut  den  inneren  Zusammenhang ­
  der  Religion  mit  der  von  ihr  gehaßten  und  ange
scindeteli  bestehenden  socialen  Ordnung  klarer  und  richtiger
wie  viele  ihrer  Gegner.  Ihr  Agitator  I.  Motteler  spricht
es  ja  deutlich  aus,  (Bolksstaat  1874,  58)  daß  er  als  So
cialist  „die  socialen,  religiösen  und  politischen  Fragen  als
untrennbar"  behandeln  müsse.  Die  Beachtung,  welche  die
Religion  Seitens  der  Social-Demokratie  ersährt,  ist  nicht
ans  Rechnung  der  in  religiösen  Fragen  lies  erregten  und
bewegten  Gegenwart  zu  schreiben,  sondern  es  ist  ihr  Kampf
gegen  die  Religion  eine  ganz  naturgemäße  Leben-äußerung,
die  auch  hervortreten  würde  und  iliüßte,  selbst  wenn  ini
religiösen  Leben  unseres  Voltes  die  tiefste  Windstille  herrschte.
In  den  religiösen  Kämpfen  der  Gegenwart  ergreift  die  Social-Demokratie
  keine  Partei.  Der  Sieg  der  Einen  oder  der
Anderen  ist  ihr  völlig  gleichgültig.  Der  Kampf  überhaupt
hat  nur  insofern  ein  Interesse  für  sie,  als  sie  hoffen  darf,
daß  es  recht  viele  Todte  gibt,  die,  weil  mit  der  Religion
völlig  zerfallen,  und  in  ihrem  religiösen  Leben  ganz  und  gar
bankerott,  auch  die  Widerstandskraft  verloren  haben,  und  mit
der  Zeit  ihre  Bundesgenossen  werden  müssen.  Die  Gegenwart ­
  liefert  uns  ja  Beispiele  genug,  daß  Männer,  die  ihr
ganzes  religiöses  Hab  und  Gut  über  Bord  geworfen  haben,
wiewohl  sie  riicht  zlim  eigentlichen  Proletariat  zählen,  doch
zur  Partei  der  Social  -  Demokratie  hinübcrtreten.  Wir  sin-
        <pb n="188" />
        Sociale  Bedeutung  der  Religion.

173

den  dies  ganz  in  der  Ordnung,  und  wünschen  nur,  daß  ein
Jeder  dieser  ganz  natürlichen  Konsequenz  des  Atheismus  sich
klar  bewußt  werden  möge.  An  Männern  dagegen,  die  sich
ihren  religiösen  Glauben  unversehrt  erhalten  haben,  hat  der
Socialismus  noch  keine  Eroberung  gemacht.  Diese  Erscheinung ­
  gibt  gewiß  einem  Jeden  viel  zu  denken,  der  nach  dem
zuverlässigsten  Schirm  und  Schild  gegen  die  verführerische
Propaganda  der  Social-Demokratie  sucht.
Es  ist  also  nicht  von  ungefähr,  und  ohne  alle  Bedeutung, ­
  sondern  vielmehr  die  Folge  einer  klaren  Erkenntniß  des
socialen  Werths  der  Religion,  wenn  die  Social-Demokratie
sowohl  in  öffentlichen  Versammlungen,  namentlich  in  ben
Gegenden,  wo  sic  noch  nicht  festen  Fuß  gefaßt  hat,  als  auch
in  ihrer  Presse  „die  Religion  der  Social-Demokratie"  oder
auch  das  Thema  „das  Christenthum  und  der  Socialismus"
mit  Vorliebe  behandelt.  Der  Fels,  auf  welchem  unsere  sociale ­
  Ordnung  ruht,  muß  erst  zerbröckelt  werden,  ehe  es
gelingen  kann,  diese  selbst  zu  zertrümmern.  Die  Herzen  der
Arbeiter  müssen  vorher  alles  religiösen  Guts  beraubt  werden, ­
  ehe  diese  selbst  als  brauchbare  Werkzeuge  bei  der  Durchführung ­
  der  socialistischen  Plane  etwas  tauget,.  Ja,  es  ist
in  der  feindseligen  Oppositlon  der  Social-Demokratie  gegen
jede  Erscheinung  religiösen  Lebens  ein  klares  und  bewußtes
System.
Obwohl  die  Stellung  der  Social-Demokratie  zur  Religion ­
  keine  Schattirnngen  kennt,  und  and)  gar  nicht  zulassen
kann,  und  die  beiden  Fraktionen  derselben,  der  „Allg.  deutsche
Arbeiter-Verein"  wie  „die  social-demokratische  Arbeiterpartei"
im  religiösen  Radikalismus  gewiß  gleich  weit  vorgeschritten
find,  so  unterscheiden  sich  die  beiden  Linien  doch  darin,  daß
bie  Vertreter  der  letzteren  den  Atheisnms  ohne  alle  nnd  jede
Rücksichtnahme  frank  und  frei  predigen,  sowohl  in  öffent-
        <pb n="189" />
        ļ  74  VII.  Dik  Religion  und  die  Şoc.-Dcmokratie.
lichen  Versammlungen  wie  in  ihrer  Preste,  die  Agitatoren
des  „Allg.  deutschen  Arbeiter-Vereins"  aber  sich  mitunter
der  schmählichsten  religiösen  Heuchelei  schuldig  machen.  Sie
befolgen  den  Rath,  den  ein  Arbeiter  im  „Volksstaat"  (1871,
56)  ertheilt,  „für  den  Anfang  den  Socialismus  im  Gewände
der  Religion  zu  predigen."  In  Bezirken,  wo  sie  wissen,
daß  die  Arbeiter  auf  Religion  noch  etwas  halten,  wird  darum
eine  religiöse  Maske  vorgebunden.  Es  wird  versichert,  daß
der  Socialismus  das  wahre,  aber  mit  der  Zeit  durch  die
Schuld  der  Pfaffen  „verpfuschte"  Urchristenthum  als  die
Religion  der  Liebe  wieder  herstellen  wolle.  Der  Agitator
Dreesbach  ging  mit  seiner  religiösen  Heuchelei  so  weit,  daß
er  in  einer  öffentlichen  Versammlung  in  Stuttgart  in  seinem
Vortrag  über  „das  Christenthum  und  der  Socialismus"
von  der  „herrlichen  Bergpredigt"  sprach,  welche  der  Socialismus ­
  als  das  wahre  Christenthum  zur  Wahrheit  machen
wolle  (vgl.  „R.  Social-Demokrat"  1872,  80).  Als  der
Agitator  nach  Schluß  seines  Vortrags  über  einige  Stellen
der  Bergpredigt  interpellirt  wurde,  mußte  derselbe  die  Maste
fallen  lassen  und  das  Bekenntniß  ablegen,  daß  der  Socialismus ­
  von  einem  Christenthum  nichts  wisten  wolle,  das
den  Menschen  eine  Seligkeit  verheiße.
So  weiß  man  seine  Religionslosigkeit  unter  einem  religiösen ­
  Mantel  zu  verhüllen  und  den  Arbeitern  Land  in  bic
Augen  zu  streuen.  Es  ist  dies  dem  Agitator  Dreesbach
auch  soweit  gelungen,  daß  ein  großer  Theil  seiner  Anhänger
gegen  die  in  derselben  Versammlung  von  gegnerischer  Seite
aufgestellte  Behauptung,  wer  ein  Christ  sein  wolle,  könne
kein  Socialist  sein,  entschieden  protestirt  wurde.  Diese  eine
Erfahrung  beweist  schon  zur  Genüge  die  Nothwendigkeit,  über
die  Stellung  der  Social-Demokratie  zur  Religion  und  zum  Christenthum ­
  insbesondere  den  Arbeiterstand  aufzuklaren,  die  religiöse
        <pb n="190" />
        Religiöse  Heuchelei.

175

Heuchelei  vor  den  Arbeitern  zu  entlarven,  damit  die  Elemente,
die  noch  nicht  bis  zur  völligen  Religionslosigkeit  sich  ent.
würdigt  haben,  von  denen  sich  scheiden,  die  ans  Princip
„die  Religion  abschaffen"  wollen  (Voltsstaat  1872,  51),
mit  denen  sie  darum  doch  noch  keine  innere  Verwandtschaft
haben.
Mit  dem  Namen  Christus  wird  von  den  religiösen  Heuchlern ­
  ein  großer  Unfug  getrieben.  Christus  als  Kommunisten
(N.  Social-Demokrat  1872  38)  und  ersten  Social-Demokraten
  der  Arbeiterwelt  anzupreisen,  ist  etwas  ganz
Gewöhnliches.  Mit  besonderer  Borliebe  wird  aber  „Jesus
und  Lassalle"  neben  einander  gestellt.  Als  im  Jahre  187%
die  Feier  des  Todestages  Christi,  der  Charfreitag.  mit  den.
Geburtstag  F.  Lassalle's  auf  einen  Tag,  den  11.  April,
siel,  schrieb  der  ,.N.  Social-Demokrat"  in  Nr.  4%  in  einem
„Tod  und  Auferstehung"  überschriebenen  Leitartikel:
„Der  Meister  Jesus  von  Nazareth,  welcher  in
„einer  an  raffinirter  Grausamkeit  und  erdrückender  Ausbeu-„tung
  ihres  Gleichen  nicht  findenden  Zeit  dem  seufzenden
„Sklaven  die  Freiheit,  dem  hungernden  Armen  das  Reich
„der  Gerechtigkeit,  dem  Ausgebeuteten  Gleichheit  und
„Brüderlichkeit,  den  unterjochten  Völkern  aber  die
„Verbrüderung  aller  Völker  gepredigt  hatte,  ward
„ob  dieser  „hochverrätherischen"  und  „religionsfeindlichen"
»Lehre  von  wüthenden  Wucherern,  römischen  Sklavenherren
„und  jüdischen  Pfasfen  angeklagt,  verdammt  und  grausam
„hingerichtet."
Nachdem  sodann  in  demselben  Artikel  Christus  mit  den
M  der  Ebene  Satcry  kriegsgerichtlich  erschosienen  Kömwnnards
  mit  den  Worten:  „Auf  Golgatha  und  auf
Calory  raucht  dasselbe  Märtyrerblut!"  auf  eine
Linie  gestellt  ist,  heißt  es  weiter:
        <pb n="191" />
        176  VII.  Die  Religion  und  vie  Soc  -Demokratie.

„Wir  Socialisten  können  nun  voll  Freude  über  das
„Fortschreiten  der  menschlichen  Aufklärung  auf  den  morgen  -
„den  Tag,  auf  den  11.  April  Hinblicken.  Verknüpft  er  doch
„sinnreich  den  Todestag  des  großen  Nazareners,  wel-„cher,
  der  Erste,  der  Menschenliebe  eine  Gasse  brach  und  da-„für
  den  Tod  litt,  mit  dem  Geburtstage  des  großen
„deutschen  Deukers  und  Kämpfers,  Ferdinand  La  sfalle,
„welcher  mit  dem  Rüstzeug  der  Wissenschaft  und  dem  kühn-„sten
  Schwung  der  Begeisterung  die  falschen  Propheten  des
„Egoismus  aus  dem  Tempel  der  deutschen  Wissenschaft
„hinausgeißelte  und  die  Auferstehung  des  Socialismus  in
„Deutschland  bewirkte."
Der  Artikel  schließt  sodann  mit  den  Worten:
„Jesus  von  Nazareth  ist  todt;  schlaue  Pfaffen  verstanden ­
  es,  aus  seiner  Lehre  die  Gleichheit,  die  Brüder-„lichkeit,
  die  Gütergemeinschaft  fortzulügen.  Was  hilft
„es  ihnen!  Dem  Tode  der  Lehre  folgt  ihre  Anfernst ­
  ch  N  n  g.
„Und  so  rufen  wir  Socialisten  als  echte  Christen
„am  11.  April,  daß  es  allen  Betrügern  und  Ausbeutern
„in  die  Ohren  schallt:
„Jesus  von  Nazareth  ist  todt!  Es  lebe  Fer-„dinand
  Lassalle!"
Wegen  der  Gleichstellung  Christi  mit  den  auf  Satorp
erschossenen  Kommunards  wurde  der  „N.  Social-Demokrat"
auf  Gotteslästerung  angeklagt,  aber  in  erster  und  zweiter
Instanz  freigesprochen.  Der  über  die  Freisprechung  triumphirende
  Leitartikel  (1873,  131)  erhebt  sodann  die  Drohung:
„Aber  die  Stunde  schlägt  bald,  wo  unter  dem  Feldge-„schrei:
  „Jesus  und  Lafsalle!"  Eure  Schanzen  gestürmt,
„und  Ihr  vor  der  siegenden  Macht  der  Idee,  der  Wahrheit
„zertreten  im  Staube  Euch  wälzt."
        <pb n="192" />
        Religiöse  Heuchelei

177

Man  müßte  eine  solche  Entwürdigung  des  Namens
Jesus  erbärmlich  nennen,  wenn  nicht  die  Parallele  zwischen
Christus  und  Lassalle  allzu  albern  und  kindisch  wäre.  Aber
die  Absicht  dieser  Berbindung  läßt  sich  leicht  erkennen.  Die
Lasiallcaner  vergöttern  ihren  Meister  und  machen  Jesus
znm  Postament  für  das  Götzenbild  des  „großen"  Laffalle.
Von  solchen  Albernheiten,  durch  welche  die  Begeisterung
für  den  Socialismus  bis  zu  einem  religiösen  Fanatismus
hinaufgeschraubt  werden  soll,  hält  der  „Volksstaat"  sich  frei.
Er  protestirt  gegen  die  Vergötterung  Lasialle's  und  schreibt
(1873,  32)  mit  Bezug  auf  den  mitgetheilten  Leitartikel  des
„N.  Social-Demokrat"  :
„Jesus  von  Nazareth  ist  todt!  Es  lebe  Ferdinand
„Laffalle."  —  Mit  Mühe  und  Noth  fängt  die  Welt  jetzt
„an,  von  dieser  „achtzehnhnndertjährigen  Krankheit"  des  Chri-„stenthums
  zu  genesen,  und  da  konimt  ein  Blatt,  welches
„sich  Organ  der  „Social-Demokratie"  nennt,  ja  das  einzig
„wahre  Organ  der  einzig  wahren  Social-Demokratie  —  und
„sucht  den  Arbeitern  das  alte  glücklich  ausgeschwitzte  Gift
„unter  neuem  Namen  wieder  in  den  Schädel  zu  schaffen.
„Jesus  von  Nazareth,  wenn  er  überhaupt  gecebt  hat  —
„was  sehr  zweifelhaft  —  war  ebenso  wenig  Socialist,  als
„Laffalle  Christ.  Die  Deniuth,  die  sich,  die  Feinde  segnend,
„den  Widerstand  verdammend,  ruhig  an's  Kreuz  schlagen
„läßt  —  und  der  wilde  revolutionäre  Trotz  des  Proletariers,
„der  kämpfend  gefangen,  dem  siegreichen  Feind  seine  Ver-„achtung
  in’S  Gesicht  speit,  haben  gerade  so  viel  mit  ein-„
  ander  gemein,  wie  Tölkes  Knüppel,  der  in  Eisenach  sich  so
„lammfromm  zeigte,  und  die  pulvcrgeschwärzte  Büchse  des
„Pariser  Kommunehelden.  Und  den  Gründer  des  Allge-«meinen
  deutschen  Arbeiter-Vereins  unter  die  Heiligen  ver-«
  setzen  und  anbeten,  ist  genau  eben  so  blödsinnig  oder  —
Schuster,  kie  Eociat-Demokratie.  12
        <pb n="193" />
        178  VU.  Die  Religion  und  die  Soc.-Demokratie.
..bauernfängerisch,  als  der  Kultus  der  „Jungfrau  von  Sa.
..lette"  oder  der  „Knochen  des  Heiligen  von  Pruntrut."
Das  ist  doch  ein  offenes  Bekenntniß,  das  nicht  den  Socialismus ­
  unter  dem  Namen  des  „wahren  Christenthums"
importiren  und  unter  christlicher  Etiquette  an  den  Mann
bringen  will,  sondern  unverhüllt  sich  von,  Christenthum  lossagt. ­
  Eine  solche  Offenheit,  auch  wenn  sie  das  Christenthum ­
  als  ein  „Gift",  alseine  „achtzehnhundertjährigeKrankheit" ­
  verlästert,  halten  wir  immer  noch  für  ehrenwerther,  als
das  verächtliche  heuchlerische  Gebühren  derjenigen  Social-Demokraten,
  die  sich  als  „echte  Christen"  bei  den  Arbeitern
einführen,  vom  „wahren  Christenthum"  aber  so  wenig  au
sich  haben,  wie  eine  gemalte  Sonne  von  der  Wärme.
Der  „Volksstaat"  lehnt  sich  gegen  eine  Vermengung  des
Christenthums  mit  dem  Socialismus  entschieden  auf.  „Ob
..Christenthum  und  Socialismus  noch  so  viel  Gemeinschaft-„liches
  haben,  so  verdient  doch  der,  der  Christus  zum  So-„cialisten
  macht,  den  Titel  eines  gemeinschädlichen  Konfu'
..llonsraths".  So  lautet  sein  Urtheil  (1874,  38),  dem  jeder
Vernünftige  vollständig  beistimmen  muß.  Und  ebendaselbst
ertheilt  er  den  unter  dem  rothen  Banner  lebenden  „echten
Christen"  die  wohlverdiente  Rüge:  „Nur  die  Feigheit  sollen
..wir  nicht  billigen,  die  den  Abfall  vom  Glauben  als  Wiederherstellung ­
  des  wahren  Christenthums  aufspielt  und  also
..vom  Namen  nicht  lasten  will";  eine  Rüge,  welche  der
..  Volksstaat"  auch  noch  an  die  Adresse  anderer  Leute  richtet,
die  unter  dem  Vorwand  einer  Wiederherstellung  des  Christenthums ­
  dasselbe  seines  wahren  Gehalts  berauben  und  weiter
nichts  als  den  Namen  übrig  lassen.
Wie  sich  der  Socialismus  und  das  Christenthun,,  oder
die  Religion  überhaupt  zu  einander  verhalten,  können  w,r
also  nirgends  besier  und  unzweideutiger  erfahren,  als  gerade
        <pb n="194" />
        12»

iLhnstknthuni  und  Socialismus

17«

vom  „Bolksstaat".  Er  hüllt  sich  nichl  in  einen  religiösen
Mantel  ein;  er  verschmäht  es  auch,  seine  Feindschaft  wider
das  Christenthum  in  schöne  Worte  einzukleiden;  frank  und
frei,  ohne  alle  Umschweife  breitet  er  seine  religionslosen  Bekenntnisse ­
  vor  seinen  Lesern  ans.  Sein  Kardmalsatz:  „Christenthnm
  und  Socialismus  stehen  sich  gegenüber,  wie  Feuer
und  Waffer"  (1874,  25),  drückt  eine  allgemeine  Wahrheit
aus,  die  auf  beiden  Seiten  anerkannt  werden  muß.  Ganz
dieselben  Worte  kann  der  Christ  gebrauchen,  wenn  er  seine
Stellung  znm  Socialismus  bezeichnen  will,  und  ebenso  der
Socialist,  wenn  er  über  seine  Stellung  zuui  Christenthum
Auskunft  geben  soll.  Das  Verhältniß  beider  zu  einander
kann  kein  anderes  sein.  Der  Socialist  kennt  nur  Menschen  -
ordnung  im  socialen  Leben,  der  Christ  hält  die  ewigen  Gottesordnungen
  fest;  der  Socialist  beschräntt  den  Menschen  auf
das  Diesseits,  der  Christ  läßt  den  Menschen  sein  höchstes
Ziel  erst  im  Jenseits  erreichen;  der  Socialist  sucht  seine  volle
Seligkeit  im  Leben  vor  dem  Tode,  der  Christ  im  Leben  nach
dem  Tode;  der  Sociallst  preist  den  irdischen  Genuß  als  das
höchste  Glück,  der  Christ  kann  ohne  den  Frieden  seines  Herzens ­
  nicht  wahrhaft  glücklich  sein  u.  s.  f.  So  taffen  sich
in  allen  einzelnen  Punkten  Socialismus  und  Christenthuni
einander  gegenüber  stellen.  Wir  kennen  kein  treffenderes
Gleichntß  für  das  Verhältniß  beider  zu  einander  als  das
voit  Feuer  und  Wasser.  Das  Feuer  verdanipft  das  Wasser,
und  das  Waffer  löscht  das  Feuer;  beide  können  sich  me  zuistmmc»
  vertragen.  So  verdrängt  der  siegreich  werdende
Socialismus  das  Christenthum,  und  das  Christenthum  ist
ein  fester  Wall  gegen  den  Socialismus.  Auch  da,  wo  das
Christenthum  mit  dem  Socialismus  etwas  gemein  zu  haben
scheint,  ist  es  nur  eine  Namensgemeinschaft.  Freiheit,  Gleichheit ­
  und  Brüderlichkeit,  welche  der  Socialist  auf  seine  Fahne
        <pb n="195" />
        180  VII.  Die  Religion  und  die  Soc.-Demolratie.
schreibt,  sind  auch  für  den  Christen  hohe  und  schätzenswerthe
Güter.  Während  jener  aber  sie  zu  Karrikaturen  verunstaltet,
weiß  der  Christ  mit  dem  Namen  auch  die  rechte  Sache  zu
verbinden.  Wir  dürfen  diesen  Punkt  hier  nicht  weiter  erörtern. ­
  Es  genügt  der  kurze  Hinweis  auf  die  gegensätzliche
Stellung  von  Christenthuni  und  Socialismus,  die  uns  auch
zugleich  bei  einer  Bekämpfung  des  Feindes  der  bestehenden
gesellschaftlichen  Ordnung  die  festeste  Position  aufdeckt.
Wir  haben  es  als  einen  Borzug  anerkanut,  daß  der
„Dolksstaat"  in  religiösen  Dingen  nicht  zu  täuschen  sucht,
sondern  seine  principielle  Feindschaft  gegen  das  Christenthunl
unverhüllt  seinen  Lesern  vorlegt.  Unser  Urtheil  muß  aber
ein  anderes  werden,  wenn  wir  die  Mittel  in's  Auge  fassen,
durch  welche  der  „Volksstaat"  die  Arbeiter  vom  Christenthunl ­
  ab  und  auf  seine  Seite  zu  ziehen,  kurz  den  Sieg  über
das  Christenthum  zu  gewinnen  sucht.  Er  thnt  uns  den
Gefallen,-  die  Taktik,  die  er  bei  seinen  Angriffen  auf  das
Christenthum  zu  beobachteil  für  gut  findet,  uns  zu  verrathen,
wenn  er  (1874,  38)  mit  Hinweis  auf  das  Christenthnm
schreibt:  „Die  Diskreditirung  des  Namens  ist  nöthig,  um
„der  Sache  den  Garaus  zu  machen."  Mit  anderen  Worten, ­
  man  muß  dem  Christenthum  einen  schlechten  Namen
rnachen,  wenn  mau  es  dahin  bringen  will,  daß  die  Arbeiter
ihlll  den  Rücken  kehren.  Wir  sind  für  dieses  offene  Geständniß
  sehr  dankbar;  es  zeigt  uns,  daß  cs  dem  „Dolksstaat" ­
  nicht  darauf  ankommt,  lästigen  Gegnern  die  Ehre  abzuschneiden, ­
  wenn  sie  nicht  aliders  aus  dem  Wege  geräumt
werden  können;  es  erklärt  uns  auch,  was  der  „Dolksstaat"
dabei  im  Schilde  führt,  wenn  er  in  seinen  Spalten  mit  besonderem ­
  Fleiß  eine  häßliche  Karrikatur  vom  Christenthuin
zeichnet.  Obenan  steht  selbstverständlich  die  „Kulturfeindlichfeit"
  des  Christenthums.  „Die  christliche  Religion  ist  kultur-
        <pb n="196" />
        DiSkrednirung  des  Chnstenthums.  işii
feindlich"  (1874,  25);  dieser  giftige  Pfeil  ist  heutigen  Tages ­
  die  bequemste  Waffe,  mit  welcher  ein  principieller  Gegner ­
  des  Christenthums  sich  ausrüsten  kann.  Man  schlägt
lieber  der  ganzen  Geschichte  ins  Angesicht,  ehe  man  auf  den
Gebrauch  dieser  Waffe  verzichtet,  wenn  man  auch  zur  Rechtfertigung ­
  dieses  Angriffs  nichts  anderes  als  die  Dumncheit
vorzubringen  weiß:  „Die  Rcligionsstifter  (Buddha,  Christus,
„Muhamed)  haben,  indem  sie  die  Erde  als  ein  Jammerthat
„darstellten,  die  Entbehrung  und  Enthaltsamkeit  predigten,
„und  die  Menschen  auf  ein  künftiges  sehen,  das  nicht
„epistirt,  verwiesen,  dem  menschlichen  Streben  die  schlimmsten
„Fesieln  angelegt  und  den  menschlichen  Fortschritt  gehemmt"
(1874,  25).
In  die  bitterste  Galle  taucht  der  „Bolksstaat"  seine
Feder,  wenn  er  (1874,  88)  das  Christenthum  also  beurtheilt: ­

„Reuerdings  ist  das  Christenthum  Religion  der  Knechts-„seligkeit
  genannt  worden.  Das  ist  in  der  That  seine  tref-„fendste
  Bezeichnung,  Knechtselig  ist  allerdings  alle  Religion,
„aber  das  Christenthum  ist  die  knechtsseligste  der  knechtseligen.
„.  .  .  .  Wer  seine  ganze  Hoffnung  auf  Erbarmen  baut,  ist
„doch  in  Wahrheit  eine  erbärmliche  Kreatur.  Der  Mensch,
„der  vom  Glauben  an  den  allmächtigen  Gott  ausgeht,  vor
„den  Schicksalen  und  Mächten  der  Natur  sich  in  den  Staub
..wirft,  und  nun  im  Gefühl  der  Ohnmacht  um  Erbarmen
„winselt,  ist  kein  brauchbares  Mitglied  unserer  heutigen
..Welt
„Schlechte  Gewohnheit,  welche  dem  Menschen  wie  ein
..alter  Adam  tief  im  Fleische  sitzt,  will  das,  was  einmal
„unter  Umständen  gedient  har,  für  alle  Ewigkeit  konser-..viren.
  Interessine  denkfaule  Niedertracht  will  den  Gcgen-«fay
  zwischen  christlicher  Weltvcrachtung  und  der  weltfreu-
        <pb n="197" />
        182  VU.  Die  Religion  und  die  Soc.-Demokratie.
„digen  Tendenz,  die  unsere  Gegenwart  beherrscht,  verleugnen,
„vermitteln  und  vertuschen.  Das  Christenthum  sordert
„Entsagung,  während  heute  rüstige  Arbeit  zur  Befrie-„digung
  unserer  materiellen  Bedürfnisse  gefordert  ist.  Gott-„vertrauen
  ist  die  vornehinlichste  Qualität  eines  Christen,
„Selbstvertrauen,  das  gerade  Gegentheil,  zu  einer  erfolg-„
  reichen  Arbeit  llöthig.  Wer  sich  untersteht  dem  Christen  -
„thum  die  Lehre  in  den  Mund  zu  legen:  „Du  sollst  auf
„Gott  vertrauen,  aber  deine  Talente  nicht  vergraben",  und
„damit  sagen  will,  daß  die  Arbeit  kein  nnchristlich  Ding,
„sondern  in  der  christlichen  Lehre  enthalten  sei,  der  ist  ein
„abgeschmackter  Sophist.  Die  christliche  ist  von  der  eigent-„lichen,
  von  der  helltigen  Arbeit  meilenweit  verschieden.  Der
„Christ  arbeitet  für  den  Himmel,  um  den  Leib  zu  kasteien,
„die  Lüste  zu  unterdrücken.  Und  wenn  er  für  Brod  und
„Lebensunterhalt  arbeitet,  so  darf  es  nur  ein  Lebensunterhalt
„seiu,  der  die  Qualen  dieses  irdischen  Januncrthals  ver-„längert,
  ui«  dadurch  des  wahren  ewigen  Lebens  würdig  zu
„werden.  Wer  sein  Leben  auf  dieser  Welt  hasset,  der  wird
„es  erhalten  zum  ewigen  Leben  (Johannes  12,  25).  Ber-„himmelte
  Ewigkeit  ist  der  Zweck  des  Christen,  die  alltäg-„lichc
  Welt  der  Zweck  des  verständigen  Menschen."
Wir  haben  mit  diesem  Auszug  eine  Probe  einer  „Kanzelrede" ­
  gegeben,  wie  sie  der  „Bolksstaat"  von  Zeit  zu  Zeit
durch  seinen  Parteigenossen  I.  Dietzgen  seinen  Lesern  halten
laßt.  Neben  dem  verranntesten  Fanatismus,  der  sich  in
eine  Masse  vvn  Borurtheilen  festgebohrt  hat,  die  er  um  keinen ­
  Preis  sich  durch  die  schlagendsten  Gegengründe  aufklären
läßt,  komnit  bei  einer  solchen  Zeichnung  die  unlautere  Absicht
zum  Vorschein,  durch  eine  häßliche  Karrikatur  das  Original
verächtlich  zu  machen.  Man  entsinne  sich  nur  des  schon  mitgetheilten ­
  Geständnisses,  das  derselbe  I.  Dietzgen  in  derselben
        <pb n="198" />
        Dr-ļredUirung  des  LhnstenthumS.

183

Kanzelredcablegt:  „Die  Diskreditirung  des  Namens  ist  nöthig,
„um  der  Sache  den  Garaus  zu  machen",  so  hat  man  den
rechten  Maßstab  zur  Beurtheilung  obiger  Lästerrede.
Es  ist  nicht  nöthig,  noch  an  weiteren  Beispielen  zu  zeigen,
wie  der  „Volksstaat"  die  unrühmliche  Kunst  des  Diskreditirens
  meisterhaft  versteht  und  fleißig  übt.  Nur  ganz  kurz
wollen  wir  noch  erwähnen,  daß  es  eine  beliebte  Manier  ist,
die  Religion  als  ein  bequemes  Mittel  der  Knechtung  und
Ausbeutung  zu  dennnciren.  So  schreibt  der  „Volksstaar"
1873,  114;:
„Die  Religion  ist  seit  undenklichen  Zeiten  und  bei  allen
„Völkern  das  hauptsächlichste  Nassührungs-  und  Ausbeu-„tungsmittel
  gewesen.  Einerlei  ob  die  Priesterherrschaft  selbst
„die  Staatsgewalt  in  Händen  hatte,  oder  der  Staatsgewalt
„diente,  stets  ist  sie  für  den  Rückschritt  und  die  Barbarei
„eingetreten."
Man  sieht,  der  „Volksstaat"  versteht  es,  vom  Christen--thunl
  et«  solch'  häßliches  Bild  zu  zeichnen,  daß  derjenige,
welcher  das  Original  nur  oberslächltch  kennt,  gewiß  nicht
angezogen,  sondern  sicherlich  abgestoßen  werden  wird,  zumal
da  es  in  unseren  Tagen  mit  der  Kenntniß  in  christlichen
Dingen  und  deren  richtigen,  Verständniß  mangelhast  genug
bestellt  ist,  und  somit  nur  Wenige  im  Stande  sein  werde»,
die  Fälschung  alsbald  zu  erkennen.  Mir  kluger  Berechnung
sind  die  falschen  Farben  ausgewählt.  Der  Feind  des  Christenthums ­
  darf  sicher  darauf  rechnen,  die  Arbeiter  demselben
zu  entfremden,  wenn  er  cs  zu  den  heutigen  Bestrebungen  der
Arbeiterwelt  in  direkten  Gegensatz  stellt.  Bei  dem  Streben
der  Arbeiter  nach  Besserung  ihrer  Lebenslage  ihnen  das
ChristenthllUl  als  Religion  der  Kastelung  und  bei  ihrem
Kampf  gegen  jegliche  Ausbeutung  das  Christenthum  als  das
beste  Ausbeutnngsmittel,  somit  als  den  natürlichen  Gegner
        <pb n="199" />
        184

VII.  Die  Religion  und  die  Soc.-Temàlie.

der  Arbeiterbesirebungen,  und  als  den  natürlichen  Bundesgenossen ­
  der  Arbeiterfeinde  zu  denunciren,  das  ist  satanisch ­
  klug.
Die  Social-Demokratie  begnügt  sich  nicht  mit  der  Bekämpfung ­
  des  Christenthums.  Sie  zieht  nicht  gegen  dasselbe ­
  zu  Feld,  weil  sie  anderen  Religionen  den  Vorzug  gibt,
sondern  weil  sich  keine  Religion  mit  ihr  vertragen  kann,
das  Christenthum  aber  die  herrschende  Religion  in  allen
Kulturländern  ist,  und  darum  auch  in  erster  Linie  bekämpft
werden  muß.  Dem  Socialismus  steht  jede  Religion  im
Wege,  weil  jede  Religion  einen,  wenn  auch  noch  so  sehr  verkümmerten, ­
  Gottesglauben  hat,  und  weil  jeder  Gottcsglaube
die  Glückseligkeitstheorie  des  Socialismus  durchkreuzt.  Die
Social-Demokratie  ist  sich  daher  auch  bewußt,  daß  ihr  Kampf
auf  religiösem  Gebiet  in  letzter  Linie  dem  Gottesglauben  des
Christen  wie  des  Juden,  wie  jeder  anderen  Religion  gelten
muß.  Zum  erstenmal  erhielten  wir  hierüber  volle  Klarheit,
als  wir  schon  vor  mehreren  Jahren  in  einer  öffentlichen
social-demokratischen  Parteiversammlung  Zeuge  einer  öffentlichen ­
  Kriegserklärung  gegen  Gott  waren.  Der  socialistische
Parteiführer  erklärte  öffentlich,  trocken  und  kalt:  „Wir  hal-„ten
  Gott  für  ein  Asyl  der  Dummheit,  wir  betrachten  Gott
als  das  größte  Uebel  in  der  Welt,  und  darunl  erklären  wir
„Gott  den  Krieg!"  Dian  nenne  eine  solche  Kriegserklärung
nicht  Wahnwitz  eines  Einzelnen.  Daß  jener  Parteiführer
im  Sinne  der  Partei  sprach,  beweist  uns  der  „Volksstaat",
der  nicht  weniger  deutlich  (1871,  88)  schreibt:
„Es  ist  demnach  ein  grober  Irrthum,  durch  welchen  eine
„sehr  verderbliche  Vernachlässigung  einer  durchaus  nothwen-„digen
  Agitation  verschuldet  wird,  wenn  man  sich  der  Vor-„stellung
  hingibt,  als  seien  die  bestehenden  kirchlichen  Einrich-„
  tungen,  welche  den  alten  theistischeu  Glauben  aufrecht  zu  er-
        <pb n="200" />
        AthriSmus.

185

„halten  bestimmt  sind,  für  das  Gelingen  der  socialistischen
„Revolution  gleichgültig,  oder  von  untergeordneter  Bedeutung.
„Die  Hoffnung  ans  ein  befriedigendes  Gelingen  der  socia-„listischen
  Revolution  ist  eine  schwärnlerische  Utopie,  so  lange
„man  es  verabsäumt,  durch  allgemeine  und  gründliche  Volks-„aufklärung
  den  Gottesaberglauben  auszurotten.  Da  dieses
„zu  thun  niemand  anders  als  die  Socialisten  fähig  oder
„willens  sind,  so  ist  es  unsere  Pflicht,  diese  Arbeit  mit  Eifer
„und  Hingebung  zu  erfüllen  und  niemand  anders  ist  des
„Namens  eines  Socialisten  würdig,  als  wer,  selbst  Atheist,
„der  Ausbeitung  des  Atheismus  mit  allem  Eifer  seine  An-„strengung
  widmet."
Diese  Sätze  sagen  ausdrücklich,  daß  die  Verbreitung  des
Atheismus  im  Jntereffe  des  Socialismus  liegt.  Für  bewußte ­
  Social-Demotraten  mag  dies  hinreichend  sein,  sich  von
Gott  loszusagen,  den  Begriff  Gott  ganz  zu  durchstreichen.
In  den  Augen  solcher,  die  noch  gewonnen  werden  sollen,
muß  der  Gottesglaube  vorher  diskreditirt  und  der  Atheismus ­
  als  Quelle  alles  Heils  für  die  Menschheit  gepriesen
werden.  Dies  versucht  der  „Volksstaat"  in  einem  längeren
Artikel  „Ueber  Atheismus  und  Theismus",  worin  es  heißt
(1872,  103):
„Wo  der  Gottesglaube  in  die  Brust  eines  Menschen
„gepsianzt,  da  liegt  der  Geist  in  stetem  Kampf  mit  dein
„Körper,  seinem  Träger.  Daß  der  Gottesglaube  eine
„Beruhigung  des  Gewissens  sei,  ist  eine  jesuitische  Lehre.  Diese
„Art  Beruhigung  des  Gewiffens  bedingt  völlige  Ertödtung
„seelischen  Empfindens  und  vernünftigen  Denkens;  denn  ehe
„der  Mensch  gegen  jedes  natürliche  Gefühl  abgestumpft,  ehe
„er  zur  fühllosen  Mumie  geworden  ist,  kann  von  einer  Ge-„wiffensruhe
  keine  Rede  sein.  Bis  er  zur  vollständig  wil-„len-
  und  enipsiudungslosen  Maschine  geworden  ist,  wird  er
        <pb n="201" />
        ļg(;  VII.  Die  Religion  und  die  Soc.'Demokratie.
„sich  fortwährend  mit  Vorwürfen  über  die  albernsten  Dinge
„abmartern  und  geißeln.  Und  ist  dann  das  große  Ziel  er-„
  reicht,  ist  aus  dem  empfänglichen,  genußfähigen  Menschen
„ein  gegen  Schmerz  und  Freude  kaltes,  jeden  Genuß  verab-..
  scheuendes  Wesen  gemacht,  dann  hält  auch  der  Glaube,  der
„so  viel  versprochen,  sein  Wort  nicht:  er  kann  es  nicht  hal-„ten,
  er  lügt  die  versprochenen  Freuden,  sic  bleiben  fern,
„beim  die  Sinneswerlzcugc,  die  einzigen  Empfindungsorgane,
„sind  abgestumpft,  fast  abgetödtet,  und  können  weder  für
„Schmerz  noch  für  Freude  empfänglich  sein.  Wo  Einer
„an  Gott  glaubt,  dort  ist  ein  Golgatha;  dort  wird
„Einer  gekreuzigt.  Man  macht  dem  Atheismus  den
„Borwurf,  daß  er  den  Menschen  zum  Thiere  stemple;  gut,
„wir  verzichten  aus  eure  Gottähnlichkeil;  wir  wissen,  daß
„der  Unterschied  zwischen  Mensch  und  Thier  nur  ein  gra-„dueller
  ist."
Mit  dieser  jämmerlichen  Darstellung  des  Gottesglaubeus
und  seiner  Wirkungen  verbindet  der  Schluß  dieses  Artikels
die  Verherrlichung  des  Atheismus:
„Mit  dem  letzten  Christen  wird  auch  der  letzte
„Sklave  frei  werden.  Die  Zukunft  muß  dem
„Atheismus  gehören,  nur  in  ihm  ist  das  Heil  für
„die  Menschheit,  die  ihre  guten  Rechte  so  lange
„für  einen  Wahn  verschacherte,  zu  finden."
Tie  einfache  Mittheilung  solcher  Sudeleien  genügt.  Es
h:eße  eine  ausgeprägte  Narrheit  mit  Vernunftgründen  bekämpfen, ­
  wollten  wir  ein  einziges  Wort  der  Kritik  hinzufügen. ­
  Wir  weisen  noch  auf  eine  Stelle  hin,  die  wir  in
einem  Auszug  aus  einer  französischen  „Studie  über  die  socialen ­
  Lehren  des  Christenthums"  im  „Voltsstaat"  1873,
lll)  finden.  Sie  lautet:
„Ja  die  Revolution  ist  satanisch  ihrem  Wesen  nach,
        <pb n="202" />
        LtheiSmuS

157

"wenn  Latan  das  Sinnbild  des  Geistes  der  Empörung
„der  Menschheit  gegen  die  Götter,  die  Priester,  die  Ztomge,
»gegen  alle  Vertreter  der  Autorität  und  alle  Vereinigung
„des  Rechts.  Ja  wären  unsere  Ideen  nicht  stark  genug,
„um  durch  sich  selbst  zu  leben;  wären  diese  Ideen  nicht  die
„Verneinung  jeder  Incarnation  in  eine  Mythe  oder  in  einen
„Menschen,  die  Zerstörung  alles  göttlichen  und  menschlichen
„Monarchenthums,  dann  wäre  es  Satan,  dem  wir  Altäre
„errichteten,  dann  wäre  es  Satan,  an  den  wir  unsere  Jor-„derungen
  stellten,  dann  wäre  es  Satan,  den  wir  zum
„Träger  unserer  Verwünschungen  an  Gott  machten,  dann
„wäre  Satan  unser  Gott.  Aber  wir  wollen  eben  so  wenig
„den  Cäsar  der  Unterwelt,  als  den  Cäsar  des  Himmels."
Hier  paart  sich  die  Gottesfeindschaft  mit  der  stärksten
revolutionären  Leidenschaft,  die  blindlings  gegen  jeden  Träger
der  Autorität  anstürmt.  Ueber  den  religiösen  Theil  jener
Schrift  faßt  der  „Volksstaat"  sein  Urtheil  in  die  Worte:
„Sehr  wünschenswerth  wäre  eine  deutsche  Uebersetzung;  wir
„haben  in  deutscher  Sprache  keine  Schrift,  die  so  scharf,  bün-„dig,
  überzeugend  und.  zugleich  so  populär  das  reaktionäre
„Wesen  des  Christenthums,  wie  der  Religion  überhaupt,  ent-„wickelte
  und  darlegte."
Als  Probe  frivoler  Verhöhnung  der  Religion  niag  sol
gendes  Gedicht  dienen:
„Socialisten-Gebet.  "
„Wa-  Gott  thut.  das  ist  wohlgethan!
„Nur  scheint  er  nichts  zu  thuen,
„Und  seit  dem  ersten  Sckwpfungsplan
„Gemüthltch  auszuruhen.
        <pb n="203" />
        188  VII.  Die  Religion  und  die  Soc.-Demokratie.
„Drum  beten  wir  auch  für  und  für
„Trotz  Micheln  und  trotz  Matzen:
„Den  Himmel  überlasien  wir
„Den  Engeln  nnd  den  Spatzen!"
„Das  große  Heer  der  schwarzen  Brut,
„Die  Gottesstellvertreter,
„Erheben  drum  in  grimmer  Wuth
„Ein  Höllenmordgezeter.
„Schreit  nur!  von  uns  erhaltet  thr
„Nicht  einen  rothen  Batzen:
„Den  Himmel  überlassen  wirken ­
  Engeln  und  den  Spatzen!"
„Es  hat  die  Wissenschaft  mit  Macht
„Das  Himmelreich  entgöttert,
„Und  eures  Glaubens  blinden  Schacht
„Ein  Donnerlchlag  zerschmettert.
„Wahrheit  heißt  unser  Kampspanier
„Und  nicht  ein  thöricht  Schwatzen:
„Den  Himmel  überlassen  wir
„Den  Engeln  und  den  Spatzen!"
„Wir  Armen,  die  mit  Blut  und  Schweiß
„Die  Pfaffen  einst  gefüttert,
„Ihr  macht  uns  nicht  die  Hölle  heiß,
„Bor  der  kein  Weiser  zittert.
„Komnlt  ihr,  wir  weisen  Euch  die  Thür,
„Mögt  ihr  vor  Aerger  platzen:
„Den  Himmel  überlasien  wir
„Den  Engeln  und  den  Spatzen!"
Nach  den  beigebrachten  Beweisen  kann  die  Stellung  der
Social-Demokratie  zur  Religion  nicht  mehr  unklar  sein.  Die
socialistische  Presse  läßt  es  ja  an  deutlichen  Erklärungen
nicht  fehlen.  Es  kann  auch  nicht  mehr  zweifelhaft  sein,  daß
ihr  Widerwille  gegen  jede  Religion  nicht  etwas  Nebensächliches ­
  bei  ihr  ist,  das  keine  besondere  Beachtung  verdiene.
        <pb n="204" />
        Folgen  des  Atheismus.

18‘J
das  man  vielleicht  wohl  gar  mit  ihr  theilen  könne,  ohne  auch
deßhalb  auf  dem  politischen  und  ökonomischen  Boden  mit
ihr  zusammentreffen  zu  müssen.  Die  Social-De&amp;gt;nokratle  hat
den  Kampf  gegen  jede  Religion  unternommen,  um  das  Fundament ­
  zu  beseitigen,  alls  welchem  die  ganze  sociale  Ordnung
beruht;  dieses  Fundament  ist  die  göttliche  Autorität.  Bebel
hat  es  ja  im  deutschen  Reichstag  am  17.  Juni  1872  deutlich ­
  genug  ausgesprochen,  so  daß  ein  Mißverständniß  garnicht ­
  mehr  möglich  ist.  Er  sagte:  „Ist  erst  einmal  die  hinun-„lische
  Autorität  untergraben,  dann  hört  natürlich  auch  die
„irdische  Autorität  sehr  bald  auf  und  die  Folge  wird  sein,
„daß  auf  politischem  Gebiete  der  Republikanismus,  auf  öko-„nomischem
  Gebiete  der  Socialismus  und  ans  dem  Gebiete,
„was  wir  jetzt  das  religiöse  nennen,  der  Atheismus  seine  volle
„Wirksamkeit  ausübt"  (Bolksstaat  1872,  56).  Wem  diese
Erklärung  noch  nicht  genügt,  um  den  inneren  Zusammenhang
der  atheistischen  Weltanschauung  mit  den  Zielen  des  Socialismus ­
  herauszufinden,  der  vergleiche  hiermit,  was  der  „Volkssiaat"
  (1873,  33)  in  einer  Recension  des  Jäger'schen  Buchs:
„Der  moderne  Socialismus"  schreibt,  das  als  Interpretation
des  Bebel'schen  Diktums  gelten  kann:
„Wer  hat  denn  diese  „großen  Grundsätze  des  Rechts
„und  der  Moral"  geschaffen,  wenn  nicht  jene  „Mehr-„heit"
  in  Berbindung  mit  den  „höchst  stehenden  Persönlich-„leiten"?
  Warum  nun  soll  nicht,  was  die  eine  „Mehr-„heit"
  geschaffen  hat,  die  andere  wieder  abschaffen  dürfen?
„Es  kann  doch  nur  jedes  Zeitalter  über  sich  selbst  dispo-„niren,
  und  nicht  über  die  zukünftigen  Geschlechter!  Kein
„Grundsatz  des  „Rechts"  und  der  „Moral"  der  uns  von
„den  Ahnen  überkomnien,  ist  bindend  für  uns.  Wir  können
„ihn  acceptiren  oder  auch  nicht,  je  nachdem  es  das  sociale
„Bedürfniß  erheischt.  „Unrecht  und  Unsittlichkeit  werden
        <pb n="205" />
        190  VII.  Tie  Religion  und  die  §oc.-Demokratie.

„dadurch  niemals  zu  Recht  und  Sitte,  daß  eine  Mehrheil
„von  Menschen  und  selbst  alle  Menschen  zusammen  sie  dazu
„erklären;  ste  sind  Principien  und  Kategorien  höherer  Ord
„nung."  (Jäger.)  Hier  haben  wir's  ganz  deutlich,  „daß
„der  Verfasser  an  eine  „göttiiche  Autorität"  glaubt,  welche
„ein  für  allemal  „Recht"  und  „Sitte"  unabänderlich  fest
„gesetzt  habe."  Glaubt  er  nicht  an  Gott  —  desto  schlimmer ­
  dann  für  ihn;  denn  in  diesem  Falle  gibt  es  gar
„nichts,  worauf  er  allenfalls  seine  „höhere,  sittliche  Ord-„nung"
  il.  s.  w.  begründen  könnte."
„Bon  zwei  Dingen  Eins:
„Entweder  gibt  es  keinen  Gott  und  dann  können  wir  die
„alten  Gesetze  ändern,  so  viel  wir  nur  Lust  haben.
„Oder  es  gibt  einen  Gott  —  und  dann  wären  wir  aller  -
„dings  geleimt.
„Glücklicherweise  hat  noch  Niemand  das  Dasein  Gottes
„beweisen  können;  ergo  müssen  wir  auch  annehmen,  daß
„die  „Moral"  und  daS  „Recht"  —  wie  deren  Gegensätze
„„Unsitte"  und  „Unrecht"  —  von  Menschen  gemacht
„sind  und  darum  auch  von  uns  nach  Bedürfniß  abgeändert
„werden  können.  Und  die  sogenannten  „ewigen  Grundsätze",
„auch  die  bleiben  nur  so  lange  bestehen,  als  wir  sie  für
„passabel  halten."
Gewiß  eine  sehr  klare  und  praktische  Illustration  der
socialen  Bedeutung  der  Religion.  Mit  dem  Verfall  de  -
religiösen  Glaubens  muß  auch  der  Verfall  der  socialen  Ord«
nung  Hand  in  Hand  gehen.  Im  Atheismus  findet  der
Socialismus  die  Rechtfertigung  der  von  ihm  geplanten  socialen
Revolution.  Der  Socialismus  selbst  ist  die  letzte  und  auch
logisch  richtige  Konsequenz  des  Atheismus.
Es  hat  die  social-demokratische  Agitation  im  religiösen
Leben  der  Arbeiterwelt  schon  große  Zerstörungen  angerichtet.
        <pb n="206" />
        Atheistische  Wissenschaft.

191
Wenn  es  ihr  auch  noch  nicht  gelungen  ist,  in  allen  ihren
Anhängern  den  Gottesglauben  zu  vernichten,  so  ist  der  Schaden,
den  sie  durch  planmäßige  Diskreditirung  des  Christenthums
angerichtet  hat,  immerhin  groß  genug.  Und  doch  würden
wir  der  Social-Demokratie  zu  viel  aufbürden,  wollten  wir
sie  für  alle  Arbeiter,  welche  mit  dem  Christenthum  äußerlich
oder  innerlich  zerfallen  sind,  verantwortlich  machen.  Neben
der  planmäßigen  Agitation  hat  das  Beispiel  in  den  Reihen
der  übrigen  Gesellschaftsklassen  nach  Unten  zu  verführerisch
gewirkt.  Eine  jede  Korruption  des  Botkslebens  nimmt  ihren
Weg  von  Oben  nach  Unten  und  niemals  umgekehrt.  Tle
Entfremdung  vom  religiösen  Glauben  und  Leben  hat  in  den
oberen  Regionen  angefangen  und  sich  von  da  auf  die  nieder.»
Volksschichten  fortgepflanzt.  Es  sind  die  Fälle  gerade  nicht
selten,  daß  irrreligiös  gewordene  Arbeiter  auf  das  Vorbild ­
  und  Beispiel  ihres  Arbeitgebers  sich  berufen  können.
Es  ist  eine  arge  Täuschung,  wenn  man  in  Folge  höheren
Bildungsgrads  der  Religion  entwachsen  zu  sein  glaubt,  dieselbe ­
  aber  als  ein  Bedürfniß  für  das  niedere  Volk  festhalten
zu  müssen  und  auch  zu  können  sich  einbildet.  Ein  solches
Verkennen  des  wahren  Wesens  der  Religion  ist  gerade  kein
rühmliches  Zeugniß  einer  höheren  Bildung,  wohl  aber  bewirkt
eine  solche  verwerfliche  und  durch  Nichts  zu  rechtfertigende
Beschränkung  des  religiösen  Bedürfnisses  auf  die  unteren
Volksschichten,  daß  auch  hier  die  Religion  nach  und  nach
völlig  entwcrthet  wird.  Der  unausbleibliche  Schaden  einerreligiösen
  oder  sittlichen  Entartung  kommt  aber  dann  erst
in  seiner  ganzen  Größe  und  handgreiflich  zum  Vorschein,
sobald  dieselbe  auch  die  niederen  Regionen  der  Gesellschaft
ergriffen  hat.  An  der  Frucht,  welche  die  einzelnen  Zeitideen
m  den  unteren  Volksschichten  zur  Reife  bringen,  kann  man
am  besten  deren  Werth  ermeffen.  Was  es  mit  der  Religion
        <pb n="207" />
        192  VII.  Die  Religion  und  die  Soc-Demokratie.

für  das  Leben  des  Einzelnen,  wie  der  ganzen  Gesellschaft
zu  bedeuten  hat,  das  läßt  sich  ani  klarsten  an  den  Folgen
der  Irreligiosität  der  unteren  Stände  erkennen.
Hinter  dem  religiösen  Bankerott  in  den  oberen  Gesellschaftsschichten ­
  steht  die  moderne  atheistisch  gerichtete  Wissenschaft, ­
  welche  die  unteren  Klaffen  nicht  unmittelbar  und  direkt
erreicht  und  berührt,  sondern  hier  erst  dann  Einfluß  gewinnt,
nachdem  ihre  Resultate  in  Lehre  und  Leben  der  oberen  Stände
popularisirt  und  für  die  nicberen  präparirt  worden  sind.
Die  dem  Proletariat  meist  nicht  angehörenden  Führer  der
Social-Demokratie  entlehnen  ihre  Waffen  zur  Bekämpfung
der  Religion  unmittelbar  dem  Arsenal  der  atheistischen  Wissenschaft. ­
  In  einer  Polemik  mit  einem  katholischen  Kaplan
schreibt  deffcn  Gegner  (Volksstaat  1874,  24):
„Sie  werden  auch  begreifen,  daß  ich  nicht  nur  ein
„Gegner  des  Katholicismus,  sondern  der  Religion  überhaupt
„bin;  weil,  nach  meiner  wissenschaftlichen  Ueberzeugung,  die
„Religion  nur  da  Geltung  haben  kann,  wo  Unwissenheit
„über  die  menschliche  Entwickelung,  wie  Unbekanntschaft  mit
„den  Forschungen  der  Geschichte  und  Raturwiffenschast,  mangelt,
„welch  letztere  wiederum  die  ganze  Schöpfungs-  nndMenschen-„
  entwickelungsgeschichtc,  wie  sie  die  Bibel  lehrt,  einfach  auf
„den  Kopf  stellt.  Auch  vom  wissenschaftlichen  Standpunkte
„die  Unhaltbarkeit  der  Religion  darzuthun  würde  mich  zu
„weit  führen.  Lesen  Sie  Schriften  wie  die  von  Häckel,
„Loriis  Büchner,  Radenhansen  („Die  Isis,  der  Mensch  und
„die  Welt"),  Kolb's  Kulturgeschichte,  und  bringen  diese  bei
„Ihnen  ebenfalls  nicht  fertig,  was  das  angebliche  Studium
„aller  philosophischen  Systeme  von  Pythagoras  bis  Feuer-„bach
  und  Schopenhauer  nicht  fertig  gebracht  hat,  dann
„zweifele  ich  an  Ihrer  Denkfähigkeit,  und  ich  wäre  wohl
        <pb n="208" />
        Atheistische  Wissenschaft.
„gezwungen,  Sie  unter  die  „Narren  und  Schreier"  zu
„rechnen."
Wie  in  Frankreich,  so  hat  auch  in  Deutschland  der
Socialismus  seine  Borläufer  und  Wegbereiter  in  den  Bertretern
  der  atheistisch-materialistisch  gerichteten  Wissenschaft,
deren  Resultate  aus  das  sociale  Gebiet  zu  übertrage«  und
hier  in's  Praktische  zu  übersetzen,  der  Socialismus  als  feine
Aufgabe  betrachtet.  Bei  jenen  sindet  er  die  scheinbar  wissenschaftliche ­
  Rechtfertigung  seiner  Bestrebungen,  die  auch  vor  dem
Forum  des  logischen  Denkens  als  die  natürlichen  und  praktischen ­
  Konsequenzen  der  atheistisch-materialistischen  Theorien
anerkantit  werden  müssen.
Die  Huldigung,  welche  der  Darwinismus  auch  m
Deutschland  heutigen  Tages  vielfach  erfährt,  ist  eine  unbewußte ­
  Anerkennung  des  Socialismus.  Es  würde  uns  eine
Darlegung  des  Zusammenhangs  beider  zu  weit  führen.  Wir
beschränken  uns  auf  die  Mittheilung  eines  Artikels  aus  deut
„Bolksstaat"  (1873,  31),  welcher  „dte  Darwiu'sche  Theorie
und  ihre  Beziehungen  zum  Socialismus"  bespricht.  Wenn
auch  die  Redaktion  des  „Bolksstaat"  in  einer  Note  hierzu
erklärt,  daß  sie  nicht  in  der  Vage  sei,  „sich  wie  der  Berfasser
dieses  Artikels,  für  Alles,  was  im  Namen  Darwin's  von
dessen  Anhängern  geschrieben  wird,  zu  engagiren",  so  wird
hierdurch  die  innere  Berwandtschaft  des  Darwinismus  mit
dem  Socialismus  nicht  in  Abrede  gestellt.  Der  Artikel  lautet:
„Nicht  ein  Dichtergenie  kann  ein  interessanteres  Moment
„erfinden,  alö  es  die  Thatsache  ist,  wie  Darwin  mit
„Marx,  persönlich  einander  ulibekannt,  obwohl  Zeitgenossen
„und  inl  gleichen  Lande,  durch  tiefe,  geistreiche  Forschungen
„auf  gänzlich  verschiedenen  wissenschaftlichen  Gebieten  zu  Re-„sultaten
  gelangen,  die,  für  die  Menschheit  von  größter
„Wichtigkeit,  zugleich  einander  nahe  verwandt,  sich  gegenseitig
Lchnstŗr,  Die  Gocial-DķnwUati  k.  12
        <pb n="209" />
        194  VII.  Die  Religion  und  die  Soc.-Demoļranc.
„stützen  und  ergänzen.  Zwar  ist  dies  bis  jetzt  wenig  hervor-„
  gehoben  worden  und  doch  ist  die  Darwin  s  ch  e  Theorie
„eine  wichtige  Stütze  für  den  Socialismus,
ķ.sie  ist  so  zu  sagen  unbewußt  die  Sanktion  des-„selben
  von  Seite  der  Naturwissenschaft;  denn
„was  ist  wohl  schließlich  die  Haupterrungcnschaft  oder  die
„praktische  Bedeutung  der  Darwinschen  Lehre:  neben  dem
„liefgeistigen  Einblick  in  das  Wirken  der  organischen  Natur
„überhaupt  doch  gewiß  nur  die  strikte  Anerkennung
„des  Satzes  von  der  Gleichheit  aller  Menschen.
„Auch  in  Bezug  ans  ihre  Verbreitung  haben  beide  Lehren
„ähnliches  Schicksal.  Gegen  beide  sträubt  sich  die  alte  Welt
„mit  vieler  Energie,  aus  Instinkt,  der  ihr  richtig  sagt:  dies
„sind  meine  Todtengräber;  über  beide  kann  man,  besonders
„von  sogenannten  Gebildeten,  die  albernsten  Urtheile  hören,
„und  wie  der  Philister  selbst  über  die  einfachsten  und  klarsten
„Sätze  der  Social-Demokratie  den  Kopf  schüttelt  und  sofort
Ian's  „Theilen"  denkt,  so  hat  er  für  die  Darwin'schen
„Lehren  das  stereotype  Schlagwort,  er  könne  es  nicht  glauben,
„daß  der  Mensch  vom  Affen  abstamme,  und  doch  beweist
„hier  das  Wort  „glauben"  allein  schon,  daß  der  gute  Mann
„von  der  Sache  nichts  versteht;  würde  er  sich  Einsicht  ver
„schaffen,  belehret,,  ernstlich  daruln  bekümmern,  er  würde
„begreifen,  wie  dies  könnte  zugegangen  sein,  er  würde  hier
„wie  dort  selbst  ein  Urtheil  erlangen.
„Aber  wie  kommt  es,  daß  die  Männer  der  Wissenschaft
„selbst  noch  so  sehr  uneins  sind  mib  die  Mehrzahl  derselben,
„nachdem  sie  die  biblische  und  überhaupt  jede  sogenannte
„Schöpfung  zurückweisen,  ja  sogar  die  ganze  Argumentation
„der  Verfechter  des  Darwinismus  gut  heißen,  diese  aber  doch
„für  keinen  Fall  auf  die  Entwickelung  des  Menschen  angewendet ­
  wissen  wollen?  Nach  den  Konsequenzen  dieser  Lehre
        <pb n="210" />
        Atheistische  Wissenschaft.

195

„kann  der  Mensch  nur  aus  irgend  einer  höheren  Thiergruppe
„hervorgegangen  sein,  sich  heraus  entwickelt  haben;  die  höchst
„organisirte  Thiergruppe  ist  aber  eben  die  der  Asten.  Also
„entweder  sind  wir  vom  lieben  Gotte  geschaffen,  und  dies
„ist  der  Standpunkt  der  Gläubigen,  oder  wir  stammen  von:
„Asten,  einen  dritten  Weg  gibt  es  nicht.  Den  ersten  ver-„werfen
  jene  Herren  unbedingt;  was  hält  sie  nun  ab,  ben
„zweiten  rundweg  zuzugestehen?  Warum  erwarten  sie  für
„den  Menschen  eine  Extra-Ausnahnie,  die  doch  logischer
„Weise  nie  hat  stattfinden  können?  —  Die  praktischen  Folgen
„find  es,  die  hier  mit  in  das  Spiel  kouimen,  die  Furcht
„vor  den  Konsequenzen,  welche  aus  dieser  i?ehre  gezogen
„werden  müssen,  die  Einsicht,  daß  sie  mit  einem  solchen
„Zugeständnisse  der  Social-Demoiratie  direkt  in  die  Hände
„arbeiten.  Hauptsächlich  deshalb  werden  diese  Gelehrten
„wohl  noch  lange  streiten  über  die  Anerkennung  der  Darwin'-„
  scheu  Theorie,  obwohl  dies  ihrem  Forschergeiste  gerade  keine
„große  Ehre  macht,  da  von  Seite  der  Darwinianer  mit
„großer  Schärfe  und  Geistestiefe  und  mit  einer  Unzahl  von
„Beweisen  die  Nichtigkeit  der  von  ihnen  vertheidigten  Ansichten
„bewiesen  ist.
„Gerade  deshalb  wird  aber  auch  der  Darwinismus  noch
„lange  nicht  öffentlich  als  Stütze  der  Social-Temokratie  be-„
  handelt  werden,  sowie  seine  ernste  Verbreitung  unter's
„Volk  möglichst  gehemmt  werden  wird.  Darum  wäre  es
„wohl  Sache  der  social-demokratischen  Parteien  selbst,  so
„weit  cs  geht,  etwa  durch  die  Parteiblätter,  auf  diese  Er-„keuntnisse
  in  den  Naturwistenschaften  hinzuweisen.  Es  ist
„dies  bis  heute  nicht  in  genügender  Weise  geschehen,  wohl
„nur  weil  man  die  Wichtigkeit  dieser  Hilfsquelle  unterschätzt.
„Wenn  man  aber  bedenkt,  wie  nichts  mehr  geeignet  ist,  den
„abergläubischen  Wahnideen  der  Menge  den  Boden  zu  ent-13*
        <pb n="211" />
        196  Vil.  Die  Religion  und  die  Soc.»Demokratie.

„ziehen,  als  naturwissenschaftliche  Kenntnisse,  so  dürste  diese
„Wichtigkeit  evident  erscheinen.  Würde  z.  B.  in  den  Schulen
„die  Zeit,  welche  für  sogenannten  Religionsunterricht  ver-„geudet
  wird,  darauf  verwendet,  den  Kindern  gediegene
„Kenntnisse  über  die  Natur  beizubringen,  oder  wären  unsere
„Kirchen,  Volksbibliotheken  und  öffentliche  naturwissenschaftliche
„Museen  und  Laboratorien,  gewiß,  wir  hätten  leicht  Socia-„lismus
  predigen,  weil  ja  die  Menschen  schon  wüßten,  daß
„jeder  Einzellte  ein  von  der  Natur  gezeugtes  Produkt  ist
„und  somit  die  gleichen  Ansprüche  an  die  Natur  hat."
Es  ist  unzweifelhaft,  aus  religiösem  Boden  kann  die
Social-Demokratie  keine  Wurzeln  schlagen.  Die  Verwüstung
desselben  ist  eine  für  ihren  Bestand  wie  für  ihren  endlichen
Sieg  nothwendige  Vorbedingung.  Dabei  kommt  es  ihr  sehr  zu
Statten,  daß  andere,  auch  viele  ihrer  natürlichen  Gegner  in
völliger  Verkennung  der  socialen  Bedeutung  der  Religion,
ihr  in  die  Hände  arbeiten.  Sie  darf  ernten,  wo  andere
unwissentlich  für  sie  gesäet  haben.  Die  Frucht  der  atheists
schen  Weltanschauung  fällt  schließlich  dem  Socialismus  in
den  Schooß.
        <pb n="212" />
        Socialistische  Zukunftsbilder.
Inhalt:  Beseitigung  alles  Elendes.  Höchste  Kultur.  Gleiches
Glück.  Höchste  sittliche  Entwicklung.  Ehe.  Familie.
Gleicher  Genuß.  Welterlösung.
Es  wird  von  der  Social-Deniokratie  übel  vermerkt,  daß
nian  ihre  Gedanken  von  den,  glücklichen  Zustand  der  nach
ihren  Principien  verfaßten  Gesellschaft  kurzweg  als  Utopie
zìi  bezeichnen  pflegt.  Sie  selbst  gibt  zu  diesem  Urtheil  die
reichste  Veranlassung.  Man  kann  von  einer  Prüfung  der
dem  Socialismus  eigenthümlichen  Mittel  zur  Herbeiführung
einer  glücklichen  Zukunft  ganz  absehen,  und  muß  doch  bei
einem  nur  einigermaßen  nüchternen  Urtheil  das  der  Menschheit
  verheißene  Glück  als  eine  schwärmerische  Träumerei  bczeichnen,
  wenn  man  das  grenzenlose  Maß  der  Versprechungen
in  s  Auge  saßt.  Wir  können  uns  nicht  darüber  wundern,
daß  die  Social-Demokraten  ihren  Socialismus  als  einziges
Heilmittel,  als  „Radikalmittel"  betrachten,  „die  Eiterbeulen
an,  socialen  Körper  der  Menschheit"  zu  heilen  („N.  Soc.-Demolrat"
  1K73,  29).  In  dieser  Einseitigkeit  bewegt  sich
mehr  oder  weniger  eine  jede  Partei.  Aber  wer  wie  die  Social-Demokratic
  einen  Zustand  herbeiführen  zu  wollen  verspricht
und  auch  zu  können  sich  vermißt,  aus  dem  alles,  was  dem
Menschen  nur  widerwärtig  und  dem  Glück  des  Einzelnen
wie  der  Gesammtheit  hinderlich  sein  tann,  beseitigt  sein
soll,  der  ist  entweder  ein  schwärmerischer  Phantast  oder  ein
absichtlicher  Betrüger.  Ein  gesellschaftlicher  Zustand,  der  dem
        <pb n="213" />
        198

Vili.  Socialistische  Zukunftsbilder.

wolkenlosen,  stets  heiteren  Himnlel  gleicht,  in  dem  das  Leben
aller  so  ruhig  dahinfließt,  wie  ein  von  keinem  Windhauch
berührter  Strom,  wird  uns  auf  dieser  Erde  niemals  beschieden
  sein.  So  weit  die  Geschichte  der  Menschheit  zurückreicht, ­
  weiß  sie  uns  auch  von  Elend  und  Noth  zu  erzählen,
und  so  lange  Menschen  auf  dieser  Erde  wohnen,  wird  auch
das  Elend  auf  ihr  eine  Stätte  finden,  wird  ein  gewisses,
stets  wechselndes  Maß  von  Jammer  aller  Art  dcni  Leben
der  Menschen  beigemischt  sein.  Die  Ursache  hievon  liegt
in  bem  Menschen  selbst.  Wir  müßten  die  Erde  statt
mit  Menschen  mit  Engeln  bevölkern,  wenn  die  Erde  eine
Stalte  ungestörten  und  ungetrübten  Glücks  werden  sollte.
Eine  vernünftige  Lösung  der  socialen  Frage  bescheidct  sich
daher,  nicht  alles  Elend  tilgen  zu  wollen,  sondern  nur  die
allzu  große  Differenz  zwischen  dem  Wohlstand  einer  kleinen
Minderheit  und  der  Noth  einer  großen  Mehrheit  zu  beseitigen. ­
  Sie  will  nicht  gleich  machen,  aber  doch  die  allzuschroffen ­
  Gegensätze  zwischen  Reichthum  und  Armuth  ausgleichen. ­
  Sie  will  denen,  die  auf  den  untersten  Stufen  der
socialen  Leiter  ihren  Platz  gefunden  und  mit  Nöthen  und
Entbehrungen  mancherlei  Art  zu  kämpfen  haben,  das  Leben
erleichtern.  Aber  wenn  es  ihr  auch  gelingen  sollte,  diese  ihre
Aufgabe  einigermaßen  zu  bewältigen,  so  wird  sie  daran  nichts
zu  ändern  vermögen,  daß  nicht  selten  unter  der  Hülle
äußeren  Glanzes  das  größte  Elend  verborgen  ist,  und  daß
noch  viel  häufiger  wahres  Glück  von  recht  bescheidenen
äußeren  Verhältnissen  eingerahmt  ist.  Wenn  man  in  der
socialen  Frage  nicht  auf  gefährliche  Irrwege  gerathen  will,
die  von  dem  ihr  gesteckten  Ziel  abfiihren,  so  darf  der  Punkt
nicht  übersehen  werden,  daß  nicht  ausschließlich  und  ausnahmslos
  Glück  mit  Reichthum  und  Unglück  mit  Armuth  sich  zu
paaren  pflegt.  Auch  wenn  man  den  äußeren  Wohlstand  ganz
        <pb n="214" />
        Beseitigung  alles  Elendes.

199

allgemein  und  gleich  machen  könnte,  so  wäre  damit  doch  noch
nicht  das  Wohlergehen  allgemein  geworden.  Das  wahre
Glück  des  Menschen  ist  mehr  durch  seine  individuelle  Verfassung, ­
  als  durch  die  äußeren  Verhältnisse  bedingt.  Somit
wird  das  Elend  in  der  menschlichen  Gesellschaft  immer  noch
Spielrannt  genug  behalten,  selbst  wenn  dieselbe  von  allen
socialen  Schäden  gereinigt  wäre.
In  diesen  bescheidenen  Grenzen,  die  nicht  versprechen,
allem  Elend  Thor  und  Thür  verschließen  zu  wollen,  farm
die  Social-Demokratie  sich  nicht  halten.  Sie  muß  mit  ihren
Verheißungen  und  Versprechungen  über  die  Linie,  die  inenschlichen, ­
  Können  hier  auf  Erden  gezogen  ist,  hinausschweifen. ­
  Sie  muß  ihre  Zukunftsbilder  mit  Farben  ausmalen,
welche  sie  nicht  aus  dem  wirklichen  realen  Leben,  sondern
aus  einer  bodenlosen  Phantasie  nimmt.  Ihre  irrigen  und
unvernünftigen  Vordersätze  erlauben  ihr  keinen  richtigen  und
vernünftigen  Nachsatz.  Die  Ursache  alles  Elends  und  aller
Moti)  sucht  sie  ausschließlich  in  der  bestehenden  socialen  Ordnung, ­
  darum  muß  sie  von  der  von  ihr  geplanten  neuen  Gesellschaftsorganisation, ­
  in  welcher  die  volle  Gleichheit  alle
Ungleichheit  verdrängen  soll,  die  Ueberwindung  und  Beseitigung ­
  alles  Elends  in  sichere  Aussicht  stellen.  Denn  fällt  die
Ursache  weg,  müssen  auch  die  Wirkungen  aufhören.  Ihre
phantastischen  schattenlosen  Zukunftsbilder  sind  nur  die  Pendants ­
  ihrer  falsch  komponirten  lichtlosen  Nachtgemälde  der
Gegenwart.  Die  Schaustellung  dieser  soll  die  Gesellschaftsglieder ­
  mit  der  gegenwärtigen  socialen  Ordnung,  selbst  wenn
sie  von  ihren  Auswüchsen  gereinigt  ist,  verfeinden  und  die
Ausstellung  jener  soll  die  Unzufriedenen  mit  dem  socialistischen
Gesellschaftsideal  befreunden  und  für  dasselbe  begeistern.  Beidem
liegt  ein  agitatorischer  Zweck  zu  Grund.
Von  jeher  hat  der  Socialismus  nur  mit  zwei  Farben
        <pb n="215" />
        200  Vili.  Socialistische  Zukunftsbilder
zu  malen  verstanden.  Mit  Schwarz  und  mit  Roth.  Schal,
titungen  sind  ihm  unbekannt.  Mit  Schwarz  zeichnet  er
unsere  Gegenwart,  mit  Roth  seine  Zukunft.  Wir  haben
schon  dargelegt,  wie  dick  er  in  der  Uebertreibung  unserer  Nothstände ­
  die  schwarze  Farbe  aufzutragen  versteht,  und  es  bleibt
uns  nur  noch  übrig  zu  zeigen,  wie  verschwenderisch  er  sein
Roth  gebraucht.
Beim  Versuch,  den  glücklichen  Zustand  der  neuen,  der
socialistischen  Gesellschaft  mit  glänzenden  Farben  zn  schildern,
haben  schon  einzelne  Socialisten  zn  den  abentelierlichsten,  an
Verrücktheit  grenzenden  Ueberschwänglichkeiten  sich  verleiten  lassen.
Ein  Fourier  suchte  die  Harmonie  und  das  Glück  der  Gesellschaft
in  der  Befriedigung  aller  Triebe  und  stellte  u.  A.  die  Umwandlung ­
  des  reißenden  Löwen  in  ein  elegantes  Reitpferd  und
die  Verwaudelung  des  salzigen  Meerwassers  in  wohlschmeckende
Limonade  in  Aussicht.  Von  solchen  Thorheiten  hat  die  deutsche
Social-Demokratie  sich  freigehalten.  Sie  dehnt  ihre  Hoffnungen
nicht  aus  bis  zum  Verschwinden  aller  Mißbildungen  in  der  Natur
und  bis  zur  Herstellung  der  vollkommensten  Harmonie  zwischen
Natur-  und  Menschcnlebeit,  sondern  erwartet,  daß  unter
der  neuen  Gesellschastsforin  ein  jeder  einzelne  Mensch  zur
höchsten  Entwickelung  gelangen  und  daß  es  keinem  Menschen
an  irgend  etwas  fehlen  werde,  das  er  zu  seinem  Glücke
braucht.  F.  Lassalle  hat  schon  bei  seinem  erstmaligen  Auftreten ­
  unter  den  Arbeitern  eine  verlockende  Perspektive  eröffnet, ­
  und  die  höchste  Kultur  in  Aussicht  gestellt.  Er  schreibt
in  seinem  Arbeiterprogramm  (S.  381:
„Ein  Staat  also,  welcher  unter  die  Herrschaft  der  Idee
„des  Arbeiterstandes  gesetzt  wird,  würde  nicht  mehr,  wie
„freilich  auch  alle  Staaten  bisher  schon  gethan,  durch  die
„Natur  der  Dinge  und  den  Zwang  der  Umstände  unbewußt
„und  oft  sogar  widerwillig  getrieben,  sondern  er  würde  mit
        <pb n="216" />
        Höchste  Killkur.

201

„höchster  Klarheit  und  völligem  Bewußtsein  diese  sittliche
„Natur  des  Staates  zu  seiner  Aufgabe  machen.  Er  würde
„mit  freier  Lust  und  vollkommenster  Konsequenz
„vollbringen,  was  bisher  nur  stückweise  in  den  dürftigsten
„Umrissen  deni  widerstrebenden  Willen  abgerungen  worden
„ist,  und  er  würde  somit  eben  hiedurch  nothwendig  —
„wenn  mir  die  Zeit  auch  nicht  mehr  erlaubt,  Ihnen  die
„detaillirtere  Natur  dieses  nothwendigen  Zusammenhangs  aus-„einanderzusetzen
  —  einen  Aufschwung  des  Geistes,  die  Ent-„Wicklung
  einer  Summe  von  Glück,  Bildung,  Wohlsein  und
„Freiheit  herbeiführen,  wie  sie  ohne  Beispiel  dasteht  in  der
„Weltgeschichte  und  gegen  welche  selbst  die  gerühmtesten  Zu-„
  stände  in  früheren  Zeiten  in  ein  verblassendes  Schattenbild
„zurücktreten."
Gewiß  eine  herrliche  Aussicht,  wie  sie  schöner  gar  nicht
gedacht  werden  taun,  die  jeden  für  den  socialistischen  „  Bolks  -
staat"  begeistern  müßte,  der  in  dem  Wahn  lebt,  daß  jeder
Berheißung  auch  die  Erfüllung  folgen  werde  und  der  darauf
verzichtet,  die  Möglichkeit  einer  absichtlichen  oder  auch  unabsichtlichen ­
  Täuschung  zu  prüfen.  So  hat  Lassalle  schon  für
die  socialistischen  Zukunftsbilder  die  Umrisse  gezeichnet,  und
seine  Schüler  tragen  zur  Bollendung  des  Gemäldes  noch
einzelne  Farben  hinzu.  Zunächst  malen  sie  uns  den  neuen
Zustand  in  negativer  Weise  aus,  und  stellen  uns  ein  Bild
vor  Aligeri,  das  von  jedem  Flecken  gereinigt  ist.  Natürlich
dürfen  die  mancherlei  Gebrechen  der  alten  Gesellschaft  in  die
neue  GescUschaftsorganisation  nicht  mit  hinüberwandern.  Wir
erfahren,  daß  in  der  neuen  Ordnung  weder  Reichthum  noch
Armuth  eine  Stätte  finden  werden,  aber  Alle  werden  glücklich ­
  sein:
„Ja  frei  und  gleich  und  glücklich  Alle  —
„Der  Reiche  und  der  Proletar
        <pb n="217" />
        *202  Vili.  Socialistische  Zukunftsbilder.
„Sie  soll'n  voi:  diesem  Erdenballe
„Verschwinden  einst  auf  immerdar;
„Das  ist  ein  schönes  frisches  Ringen
„'Gen  Sklaverei  und  Tyrannei  —
„Und  endlich  wird  ein  Lied  uns  singen,
„Daß  nun  die  Welt  erlöset  sei!"
So  lehrt  die  „deutsche  Marseillaise"  (N.  Soc.-Demokrat
  1874,  136)  die  Proletarier  singen  und  berauscht  ihre
Herzen  mit  einem  Glückstraum,  der  mit  dem  Erwachen  alsbald ­
  verschwindet;  Hunger,  Pest  und  Elend,  dieses  häßliche,
die  Menschheit  so  oft  plagende  Trifolium  wird  vor  der  siegenden ­
  Macht  des  Socialismus  für  immer  verwelken.  Daher
die  Aufforderung:  „Schließt  Euch  den  Männern  an,  welche
„das  eherne  Lohngesetz  mit  sammt  Hunger,  Pest  und  Elend
„aus  der  Welt  schaffen  wollen!  Folget  der  Fahne  von
„Ferdinand  Lassalle!"  (N.Soc.-Demokrat  1874,  28).  Diese
drei  Geißeln  der  Menschheit  zu  beseitigen,  darf  keine  Anstrengung, ­
  kein  Opfer  zu  groß  erscheinen.  Ja  gewiß,  wir
sollen  mit  allen  Kräften  dem  Elend  entgegentreten  und  es
zu  mindern  bestrebt  sein.  Aber  wenn  nur  nicht  die  Hoffnung, ­
  das  Elend  völlig  beseitigen  und  ausrotten  zu  können,
ein  eitler  Wahn  wäre!  Wenn  nur  nicht  diesem  Wahne  schon
allzuviel  Opfer  dargebracht  worden  wären,  Opfer,  die  anstatt ­
  das  Elend  für  alle  Zeiten  zn  bannen,  nur  neues  und
größeres  Elend  erzeugt  haben.  Zu  Opfern  für  diesen  Wahn
soll  das  Proletariat  begeistert  werden,  wenn  der  „N.  Soc.-Demokrat"
  (1873,  33)  zum  Gedächtniß  der  Erhebung  der
Pariser  Kommune  schreibt:
„Wohl  beklagen  wir  die  vielen  Opfer  der  Kapitalmacht,
„deren  Blut  in  und  um  Paris  den  Boden  netzte,  wohl  zieht  ein
„Schauer  durch  unsere  Seele,  wenn  wir  all  des  namenlosen
„Elends  in  jenen  Tagen  gedenken.  Und  dennoch  erfüllt  die
„Erinnerung  an  jene  glorreichen  Kämpfe  des  Proletariats
        <pb n="218" />
        Gleiches  Glüct.

203

„uns  mit  Freude,  da  der  Schrecken  und  der  Jammer
„kurzer  Zeiten  das  schleichende  Elend  vonJahr-„tausenden
  zu  verdrängen  berufen  sind.  Wohl
„wissen  wir,  daß  aus  der  Kugelsaat  auf  der  Ebene  von
„Satory  die  graue  Distel  der  Abrechnung,  der  Rache  hervor-„
  sproßt;  doch  wissen  wir  auch  ferner,  daß  aus  dem  Blute
„der  gefallenen  Edlen  die  Blume  der  Liebe,  die  Blume  des
„Menschenthumes  erblüht."
„Und  dieselbe  wird  prangen  und  leuchten  millionenşaltig
„über  den  weiten  Erdkreis  und  segnend  zulächeln  der  ge-„sammten
  Menschheit.  Jubelnd  werden  dann  die  Worte  ergingen: ­
  Roth,  roth,  roth!"
Schwülstig  und  phantastisch  werden  zur  Begeisterung
für  neue  Kämpfe  die  blutigen  Proletarierschlachten  besungen
als  ein  zwar  furchtbares,  aber  doch  nothwendiges  Mittel,
uni  alles  Elend  zu  beseitigen  lmd  der  Liebe  zum  Sieg  zu
verhelfen.  An  dem  endlichen  Sieg,  somit  auch  am  Aufhören
des  Elends  wird  nicht  gezweifelt.  Es  prophezeit  der  „R.
Soc.-Demokrat"  (1874,  4):
„Der  Kampf  wird  enden  mit  dem  Triumph  der  Arbeit
„über  das  Kapital;  die  große  kulturgeschichtliche  Bewegung
„wird  sich  ganz  vollziehen  und  an  Stelle  des  Lasters,
„des  Elendes  und  deS  Klassenhasses  wird,  wenn  die
„Arbeit  Königin  geworden,  Sittlichkeit,  Reichthum  und
„Brüderlichkeit  die  ganze  Menschheit  beglücken."
Mit  dem  Elend  also  wird  auch  das  Laster  verschwinden,
wird  die  Sittlichkeit  den  höchsten  Triumph  feiern.  Es  kann
nicht  anders  sein,  da  nach  socialistischen  Begriffen  Elend
und  Laster  sich  zu  einander  verhalten  wie  Ursache  und
Wirkung.  Mit  sicherer  Zuversicht  wird  das  Aufhören  aller
Berbrechen  verheißen:
„In  der  Brüderlichkeit  endlich  liegt  die  Entwickelung
        <pb n="219" />
        204

VITI.  Socialistische  Zukunftsbilder.

„  der  Menschbeit  zur  höchsten  sittlichen  Vollkommenheit,  indem
„sie  die  Verbannung  des  Egoismus  bewirkt  und  dadurch
„alle  Kämpfe,  Verbrechen  und  Unterdrückungen  verbannt,  um
„Harmonie,  Sittlichkeit  und  Gemeinsamkeit  zu  begründen.
„So  haben  wir  das  erhabenste  Ziel  vor  unsern  Augen,
„wenn  wir  für  den  Triumph  der  socialistischen  Dreieinigkeit,
„der  Freiheit  und  Gleichheit,  vollendet  durch  die  Brüderlich-"
„seit,  in  die  Schranken  treten.  In  diesem  Zeichen  wollen  und
„werden  wir  siegen!"  (1873,  103).
Gewiß  ein  richtiger  Gedanke,  dem  wir  vollständig  beistimmen, ­
  die  Liebe  zum  Ouellpunkt  der  sittlichen  Entwickelung ­
  zu  machen.  Aber  die  Hoffnung,  ans  den,  rein  äußerlichen ­
  Weg  der  Aenderung  der  gesellschaftlichen  Ordnung  der
Liebe  zur  Herrschaft  über  alle  Menschen  zu  verhelfen  und
daniit  ollen  Verbrechen  ein  Ende  setzen  zu  können,  das  ist
für  Jeden  eine  schwärmerische  Utopie,  der  die  wahre  Menschennatur
  kennt  und  nicht  mit  der  Social-Demokratie  in  beni
Wahn  befangen  ist,  daß  der  Mensch  für  nichts,  die  Verhältnisse ­
  für  Alles  verantwortlich  gemacht  werden  müßten.
Es  ist  keine  geringe  Selbstüberschätzung,  die  gerade  wieder
in  der  verkehrten  Ansicht  von  der  natürlichen  Vortrefflichkeir
des  Menschen  ihren  Grund  hat,  wenn  der  „N.  Soc.-Demokrat"
  kühn  behauptet:  „Prediger  und  Humanisten  schaffen
„beim  besten  Willen  die  Verbrechen  nicht  aus  der  Welt  —
„diesen  Augiasstall  auszuräumen,  dazu  gehört  eine  größere
„Kraft  —  die  Macht  des  Socialismus"  (1873,  54).  Einer
solchen  Vermessenheit  sind  wir  bis  jetzt  weder  bei  einem  Prediger ­
  noch  bei  einem  Hnmanisten  begegnet;  sie  bleibt  ein  ausschließliches ­
  Privilegium  der  Social-Demokratie.  Prediger  und
Hnmanisten  kämpfen  wohl  gegen  das  Verbrechen  und  kennen
auch  die  Mittel,  die  Jeden,  der  von  ihnen  Gebrauch  machen
will,  vor  der  Berbrecherlanfbahn  bewahren;  aber  alle  Ver
        <pb n="220" />
        Höchste  smlìche  Entwickelung.

205

brechen  aus  der  Welt  schaffen,  das  ist  ein  socialistischer
Traum,  der  bei  der  Utopie  der  Social  -  Demokratie  nicht
fehlen  darf.
Es  ist  gewiß  ein  löbliches  Bornehmen,  wenn  „der  Socialismus ­
  aller  Entsittlichung  des  Menschengeschlechts  ein  gebieterisches ­
  Halt  cntgegenrufen"  will  (N.  Soc.-Demokrat
1873,  63.)  Niemals  wird  die  Social-Demokratie  bei  einer
ernsten  Bekämpfung  der  sittlichen  Schäden  unserer  Zeit
bei  einem  Manne,  der  inmitten  der  zunehmenden  Entsittlichung
von  der  Korruption  noch  nicht  mitergriffen  ist,  auf  Widerspruch ­
  oder  Widerstand  stoßen,  wenn  auch  die  Ansichten  über
die  wirksamsten  Heilmittel  vielfach  aiiseinander  gehen  mögen.
Namentlich  wisien  wir  nur  zu  gut,  wie  die  socialistische  Presse
leider  allzu  berechtigte  Ursache  hat,  die  sich  mehrenden  Gräuel
der  Unzucht,  den  Schandfleck  der  Prostitution  zu  rügen.
Und  dennoch  befinden  wir  uns  gegenüber  dieser  Eiterbeule,
die  unser  ganzes  Volksleben  zu  vergiften  droht,  mit  der
Social-Demokratie  in  mannigfacher  Differenz.  Wir  wollen
davon  ganz  absehen,  daß  bie  Social-Demokratte  anders  als
wir  die  Ursache  dieses  sittlichen  Schadens  ausschließlich  in
der  vorhandenen  Mischung  von  Reichthum  und  Armuth
sindet.  Es  kommt  uns  hier  mehr  daraus  an,  zu  zeigen,
wie  die  Social-Demokratie  den  Unzuchtsbcgriff  in  eigenthümlicher
  Weise  bald  enger,  bald  weiter,  als  es  gewöhnlich  geschieht,
zu  fassen  pflegt.  Sie  läßt,  wenn  wir  uns  nicht  täuschen,
nur  die  erwerbsmäßige,  käufliche  Prostitution  als  Unzucht
gelten,  und  ist  gegen  das  außerehellchc  Zusammenleben  der
Geschlechter  äußerst  tolerant.  Dagegen  dehnt  sie  auf  der
anderen  Seite  ihren  Uuzuchtsbegriff  wieder  weiter  aus  und
stellt  sogar  unter  gcwiffeu  Voraussetzungen  das  eheliche  Zusamutenleben
  der  Prostitution  völlig  gleich.  An  Belegen  für
diese  beiden  Sätze  fehlt  es  nicht  in  der  socialistischen  Presse.
        <pb n="221" />
        206  Vili.  Socialistische  Zukunftsbilder.
So  schreibt  der  „Volksstaat"  (1873,  11)  bei  Besprechung
eines  fremdländischen  Zeitungsartikels,  der  behauptet,  daß  es
„nach  amtlicher  Statistik"  in  Berlin  25  Procent  mehr  uneheliche ­
  Kinder  gebe  als  in  Paris:
„Das  einzige  nicht  Stichhaltige  in  dem  Artikel  der
„Contemporary  Review  sind  die  Bemerkungen  über  die
„unehelichen  Geburten.  Tie  unehelichen  Geburten  gelten  nur
„noch  dem  Pfaffen  für  Barometer  der  „Sittlichkeit."  In
„den  großen  Städten,  wo  die  Prostitution  auf's  Höchste
„entwickelt,  sind  uneheliche  Geburten  notorisch  weniger  häufig,
„als  in  vielen  idyllischen  Landstrichen,  wo  die  Bevölkerung
„sich  weder  durch  die  Eheschließung  erschwerenden  Gesetze,
„noch  durch  die  Behauptung  der  Geistlichen,  ohne  den  Segen
„der  Kirche  könnten  Mann  und  Frau  keine  Familie  gründen,
„daran  hindern  läßt,  die  ewigen  Gebote  der  Natur  über
„die  beschränkten  Gebote  der  Menschen  zu  setzen."
Ein  Mißverständnis;  dieser  Sätze  ist  nicht  möglich.  Sie
legitimiren  das  die  menschlichen  Gesetze  wie  die  göttlichen
Gebote  mißachtende  außereheliche  Zusammenleben  beider  Geschlechter. ­
  Im  „N.  Soc.-Demokrat"  (1874,  62)  begegnen
wir  sogar  der  sonderbaren,  eine  gewisse  Vorliebe  für  die
illegitime  Ehe  verrathenden  Behauptung,  „daß  die  Kinder  der
Liebe  aufgeweckter  seien,  als  die  Kinder  legitimer  Ehen."
Damit  ist  unseres  Erachtens  gerade  genug  gesagt,  um  die
von  der  Social-Demokratie  beliebte  Beschränkung  des  Unzuchtsbegriffs ­
  zu  erkennen.  Dagegen  erstreckt  sich  die  Abneigung
wider  alle  bestehende  Ordnung  bis  zu  einer  Verurtheilung
unserer  modernen  Ehe,  welche  der  Socialismus  als  Prostitution ­
  zu  brandmarken  wagt.  Aus  Veranlassung  der  Verhandlungen ­
  im  deutschen  Reichstag  über  die  Einführung  der
Civilehe  schreibt  der  „N.  Soc.-Demokrat"  (1874,  38):
„Die  Schließung  der  Ehe  durch  die  Ceremonie  eines
        <pb n="222" />
        Ehe.

207

„Mitgliedes  des  Priesterstandes,  sowie  die  Führung  des
„  Civilstandsregistcrs  seitens  eines  solchen  ist  augenscheinlich
„ein  Vorrecht  des  Letzteren,  welches  aus  den  Zeiten  her
„datirt,  wo  Adel  nnd  Geistlichkeit  die  socialen  Beherrscher
„des  übrigen  Volkes,  des  dritten  Standes  waren.  Wenn
„auch  nun  gegenwärtig  dieses  Vorrecht  in  der  Bourgeois-„gesellschaft
  ein  verhältnißmäßig  unwesentliches  ist  und  eigent-„lich
  nur  dazu  dient,  durch  Empfang  der  Sporteln  das
„Einkommen  der  Priester  zu  vervollständigen,  so  ist  doch
„nicht  zu  leugnen,  das;  inan  che  Chitone  und  häufiger  religiöser
„Gewissenszwang  die  Folge  der  mißbräuchlichen  Handhabung
„des  priesterlichen  Ehezwanges  sind.  Aus  diesen  Gründen
„durften  die  Social-Demotraten  unter  keinen  Umständen
„für  die  Aufrechthaltnng  des  bisherigen,  sich  längst  über-„lebt
  habenden  Zustandes  eintreten."
„Auf  der  anderen  Seite  ist  aber  der  neue  Gesetzentwurf,
„welcher  die  Civilehe  einführt,  nichts  anderes  als  die  voll-„ständige
  Verkörperung  der  B  ourgeoisidec  über  die  Ehe.
„Vor  80  Jahren  war  eine  solche  Maßregel  revolutionär,
„jetzt  ist  sie  bereits  reaktionär  gegenüber  den  socialistischen
„Principien.  Indem  nämlich  durch  die  Civilehe  der  Geist-„lichkeit
  ihre  bisherige  Machtvollkommenheit  entzogen  wird,
„entsteht  aus  dem  Sakrament  der  Ehe  ein  einfacher  bürgcr-„licher
  Kontrakt.  Die  Eheschließendcn  verzichten  im  Princip
„auf  den  wunderthätigen  priesterlichen  Segen  und
„treffen  lediglich  die  kontraktliche  Uebereinkunft,  daß
„die  aus  der  Ehe  entspringenden  Kinder  Anspruch  auf  Er-„nährung
  und  Erziehung  durch  Eltern,  sowie  Erbberechtigung
„haben."
„Damit  werden  die  Prostitution  und  die  grausame,
„entehrende  Ausnahmestellung  der  unehelichen  Kinder  nicht
„nur  nicht  beseitigt,  sondern  sie  wuchern  fort  und  fort  schlim-
        <pb n="223" />
        208

MIL  Socialistische  Zukunftsbilder.

„mer  weiler.  In  der  Bourgeoisgesellschaft  ist  die  Arbeiter-„ehe
  in  ihrer  Hauptsache,  nämlich  dem  Familienleben  und
„der  Erziehung,  durch  Frauen-  und  Kinderarbeit  zerstört
„und  zur  bloßen  Förmlichkeit  gemacht;  dagegen  ist  die  Ehe
„der  Besitzenden  in  Wirklichkeit  zu  einer  kontraktlichen  Ber-„einigung
  des  Kapitals  der  beiden  eheschließenden  Personen
„geworden:  das  Ideal  tritt  in  den  Hintergrund,  und  der
„materielle  Schacher  ist  der  ausschlaggebende;  zwischen  der
„modernen  Ehe  und  der  Prostitution  gibt  es  somit  keinen
„idealen,  sondern  nur  einen  juristischen  Unterschied."
Schamloser  lautet  das  Urtheil  des  „Bolksstaat."  Ju
einem  Artikel  „über  Fralienenianzipation  lind  Kindererziehung"
(1873,  20)  läßt  derselbe  eine  „Parteigenossin"  also  schreiben:
„Jede  Fran,  die,  unsähig  oder  unberechtigt  ans  die  Krast
„der  eigenen  Arbeit  gestützt,  sich  eine  selbstständige  Existenz
„und  sociale  Stellung  zu  schassen,  deli  sinnlichen  Reiz  ihrer
„Erscheinung  als  Subsistenzmittel  verwerthet,  prostituirt  sich;
„denn  sie  verkauft  ihr  eigenstes  Ich,  die  Würde  ihrer  Pcrsön-„lichkeit,
  das  unveräußerliche  Recht  individueller  Freiheit,
„Alles,  was  des  Lebens  werth  ist,  um  des  Lebens  Preis.
„Wo  und  wie  dieser  Menschenhandel  abgeschlossen  wird,  ob
„auf  Grund  eitles  vortheilhasten  Ehekontrakts  voll  Pfaffen,
„Bürgermeistern  und  Stadträtheli,  ob  in  einem  der  „dunkeln"
„Häuser  der  Vorstadt,  darin  Laster  und  Elend  sich  die  Hand
„reichen,  um  je  nach  Angebot  uild  Rachsrage  den  Marktpreis
„jedes  Tages  zu  bestiimnen,  bleibt  für  dessen  ilroralische  Bc-„urtheilung
  oder  besser  noch  Verurtheilung  natürlich  voll-„kommen
  gleichgültig.  Ein  Mädchen,  das  in  Rücksicht  einer
„gesicherten  Existeliz  oder  angenehmen  Lebensstellung  sich
„einem  reichen  ungeliebten  Manne  vermählt,  thut  ganz  das-„selbe,
  was  jede  andere  beliebige  Dirne,  die  an  irgend  einer
„Straßenecke  auf  die  Vorübergehenden  lauert."
        <pb n="224" />
        209

Ehe.

Der  Kampf  der  Social-Demokratie  gegen  das  Kapital
und  Privaleigenthum  wird  auch  zu  einem  Kampf  gegen  die
moderne  Ehe,  da  nach  socialistischer  Anschauung  unsere  heutige
Ehe  ausschließlich  vom  Kapital  beherrscht  ist.  Eine  Aufhebung ­
  unserer  heutigen  Ehe,  deren  rechtliche  Gültigkeit  an
staatliche  und  kirchliche  Voraussetzungen  geknüpft  ist,  ist  vonl
Socialismus  ebenso  entschieden  gewollt,  wie  die  Beseitigung
der  heutigen  kapitalistischen  Produktionsweise.  Beides  hängt
mit  einander  eng  zusammen.  Daher  kann  auch  der  „Volksftslslt"
  (1874,  30)  der  Anschauung  des  „neuen  Kommunisten"
Dühring  nicht  entgegentreten,  sondern  muß  ihr  beipflichten
und  schreiben:  „Eine  weitere  Konsequenz  der  gesellschaftlichen
„Umgestaltung  ist  die  vollständige  Gleichberechtigung  der  Ge-„schlechter
  und  die  Aufhebung  der  nut  dem  bürgerlichen
„Eigenthum  auf's  engste  verwachsenen  Ehe  in  ihrer  heutigen
„Form."  Hieraus  schon  eine  Aufhebung  der  Ehe  überhaupt
folgern  zu  wollen,  wäre  doch  etwas  zu  voreilig.  Mit  demselben ­
  Recht  könnte  und  müßte  man  die  sich  in  unseren
Tagen  vollziehende  Aenderung  der  seitherigen  Forni  der  Eheschließung ­
  als  eine  Aufhebung  der  Ehe  hinstellen.  Es  fournit
darauf  an,  zu  prüfen,  was  für  eine  nelle  Form  die  Social-Demokratie
  an  Stelle  der  von  ihr  vernrtheilten  heutigen  Form
der  Ehe  setzen  will.  Das  socialistische  Programm  gibt  uns
natürlich  hierüber  leinen  Aufschluß.  Es  ist  dies  ein  Punkt,
der  sich  in  der  neuen  Gesellschaft  von  selbst  den  socialistischen
Principien  gemäß  regeln  wird.  Es  fehlt  jedoch  nicht  an
Andeutungen,  wie  es  in  der  Zukunft  werden  soll,  die  ausreichend ­
  sind,  um  uns  ein  Urtheil  über  die  socialistische  Ehe
zu  bilden.  Liebknecht  verwahrt  sich  in  seiner  Broschüre  „Zu
Schutz  und  Trutz"  gegen  den  Borwurf  der  Weibergelneinschaft
und  schreibt  (S.  29):  „Die  Vertreter  dieser^Gesellschaft
„der  Prostitution  haben  die  Stirne,  uns  rorzuwerfen  —
Schuster,  Tie  Social-Tcmokralie.  14
        <pb n="225" />
        =!t;jgaaigaagg  ma

210  VIH.  Socialistische  Zukunftsbilder.
„es  ist  das  ein  weiterer  Trumpf,  den  man  gegen  uns  aus»
„spielt  —  wir  wollten  die  Familie  vernichten,  die
„Weibergemeinschaft,  die  „freie  Liebe"  einführen!  Nun  —
„die  freie  Liebe,  ja  wir  wollen  sie;  wir  wollen  die  Liebe
„befreien  von  den  Festeln.  welche  die  heutige  Gesellschaft  ihr
„angelegt  hat."  Zwei  Seilen  später  (31)  gibt  Liebknecht
sodann  eine  Definition  der  auf  die  „freie  Liebe"  sich  gründenden ­
  Ehe.  Dort  heißt  es:  „jede  Vereinigung  von  Mann
„und  Weib,  die  Liebe  geschlossen  hat,  auch  wenn  vom  Priester
„nicht  gesegnet,  ist  eine  wahrhafte  Ehe."  Offenbar  gibt
diese  Definition  dem  Ehebegriff  sehr  weite  Grenzen.  Der
Unterschied  zwischen  legitimer  und  illegitimer  Ehe  wird  vollständig ­
  verwischt.  Wir  wollen  jedoch,  ehe  wir  unser  Urtheil
zusammenfaffen,  noch  weitere  Auslastungen  in  der  socialistischen
Preste  hinzunehmen.  Der  „N.  Soc.-Demokrat"  schreibt
(1874,  38)  in  seinem  Leitartikel  über  „die  Civilehe  im
deutschen  Reichstage"  :
„Wir  Socialisten  wollen  nun  aber  einen  neuen  sitt-„lichen
  Zustand  an  Stelle  dieses  einen  Handel  mit
„Mensch  enfle  isch  darstellenden  Treibens  schaffen;  wir
„wollen,  daß  die  gegenseitige  Zuneigung  und  sitt-„liche
  Achtung  der  Menschen  allein  ihre  Bereinigung
„veranlassen,  und  daß  allen  Kindern,  nicht  blos  wie  heute,
„nur  den  ehelichen  aus  begüterten  Familien  das  natür-„liche
  Recht  auf  gute  Erziehung  zu  Theil  werde."
Das  sittliche  Pathos  dieser  Erklärung  kann  leicht  etwas
bestechen,  denn  sie  tritt  für  eine  Forderung  ein,  die  nicht  erst,
uni  in  ihrer  Berechtigung  anerkannt  zu  werden,  auf  den
socialistischen  Zulunftsftaat  zu  warten  braucht,  eine  Forderung,
die  unserer  modernen  Ehe  nicht  fremd  ist,  wenngleich  sie  nicht
bei  jedem  Eheschluß  erfüllt  wird.  Daher  ist  es  auch  eine
reine  Täuschung,  wenn  die  Social-Demokratie  „die  gegenseitige
        <pb n="226" />
        211

She
Zuneigung  und  sittliche  Achtung"  als  unterscheidendes  Moment
zwischen  der  heutigen  Ehe  und  der  Ehe  im  socialistischen
Volksstaat  geltend  macht.  Der  Unterschied  liegt  ganz  wo
anders.
In  einem  Bortrag  über  „die  Frauensrage  und  die  sogenannte ­
  Weibergemeinschaft"  sagte  Hasselmann  (N.  Social«
Demokrat  1872,  18):
„Was  die  Emancipation  der  Frauen  betreffe,  so  sei  hier-„für
  der  Ausdruck  „Weibergemeinschaft"  von  den  Gegnern
„des  Kommunismus  benutzt  worden,  um  uns  lächerlich  zu
„machen.  Die  Sache  verhalte  sich  einfach  so:  daß  die  Ge-„schlechter
  im  Zukunftsstaate  nicht  mehr  auf  solche  Weise
„zusammengefeffelt  würden,  wie  heute.  Diese  Frage  würde
„durch  den  entwickelten  socialistischen  oder  richtiger  tornimi*
„nistischen  Staat  ganz  von  selbst  geregelt.  Heute  sei  die
„Ehe  der  Arbeiter  nur  ein  Bündniß  zur  Versorgung  der
„Kinder,  die  Ehe  der  Kapitalisten  eine  Vereinigung  von
„Kapital  für  die  Nachkommen;  im  socialistischen  oder  kommu-„
  nistischen  Staat,  wo  die  Gesammtheit  die  Pflicht  der  Er-„ziehung
  und  Erhaltung  der  Kinder  trage,  wo  kein  Privat-„
  kapital  bestehe,  sondern  alle  Produktionsinstrumente  Gemeingut
„seien,  brauche  die  Frau  nicht  mehr  aus  Rücksicht  für  ihre
„Kinder  an  einen  Mann  juristisch  gcfeffelt  zu  werden.
„Der  Bund  der  Geschlechter  werde  lediglich  ein  moralischer
„sein,  und  dann  könne  ein  solcher  Bund,  wenn  die  Charaktere
„nicht  harmonirten,  gelöst  werden,  was  jedenfalls  sittlicher
„sei,  als  ein  gestörter  Ehefrieden,  wie  er  jetzt  nur  zu  oft
„vorkomme."
Das  unterscheidende  Moment  liegt  also  nicht  auf  dem
sittlichen,  sondern  auf  dem  rechtlichen,  oder  vielmehr  auf  dem
sittlichen  und  rechtlichen  Boden,  insofern  die  an  keine  gesetzliche ­
  Ordnung  gebundene  Vermischung  der  Geschlechter  aufhört
14*
        <pb n="227" />
        212  Vili.  Socialistische  Zukunftsbilder.
sittlich  zu  sein.  Die  S  ocial-Demotratie  will  eine  vollständige
Gesetzlosigkeit  der  geschlechtlichen  Beziehungen.  Sie  stellt  die
Beseitigung  jeder  rechtlichen  Formalität  sowohl  beim  Eheschluß,
wie  bei  der  Ehescheidung  in  Aussicht.  Sie  nennt  jede  nicht
erzwungene  Bereinigung  von  Mann  und  Weib  eine  Ehe,
die  so  oft  wechseln  kann,  als  die  Zuneigung  wechselt.  Eine
solche  Form  der  geschlechtlichen  Beziehungen  Ehe  zu  nennen,
ist  ebenso  widersinnig,  wie  wenn  man  das  gleichzeitige  Geschrei
der  Katzen  und  das  Bellen  der  Hunde  eine  Symphonie
tituliren  wollte.  Darnach  beurtheile  man,  wie  weit  die
Social-Deniokratie  zu  der  sittlichen  Entrüstung  über  die  ihr
vorgeworfene  Weibergemeinschast  berechtigt  ist.  Wenn  allein
die  gegenseitige  Zuneigung  ohne  Erfüllung  irgend  einer  rechtlichen ­
  Forderung  die  Ehe  bedingen  soll,  so  ist  hiermit  die
Weibergemeinschaft  nichts  weniger  als  ausgeschlossen,  sie  ist
vielmebr  eme  ganz  natürliche  Frage,  sobald,  was  nicht  undenkbar ­
  ist,  die  Zuneigung  gleichzeitig  sich  ans  mehrere  erstreckt,
oder  auch.  was  gleichfalls  nicht  zu  den  Unmöglichkeiten  gehört,
von  Tag  zu  Tag  oder  von  Woche  zu  Woche  wechselt.  Die
Einehe  ist  keine  unbedingte  Folge  des  socialistischen  Ehebcgriffs,
und  es  ist  Grund  genug  vorhanden,  zu  behaupten,  „daß  alle
konsequenteren  Socialisten  der  Weibergemeinschast  so  nahe
stehen,  wie  der  Gütergemeinschaft."*)
Die  den  Eltern  abgenommene  und  der  Gesammtheit  zur
Pflicht  genlachte  Erziehung  und  Erhaltung  der  Kinder  löst
die  Familie  auf.  Bei  der  im  socialistischen  Staat  völlig
durchgeführten  Emancipation  der  Frauen  leben  die  Geschlechter
nur  um  der  Fortpflanzung  willen  zusammen,  ohne  hierbei
weder  vorher  noch  nachher  an  irgend  eine  Ordnung  gebunden

*)  W.  Roscher,  Die  Grundlagen  der  Nationalökonomie.
IX.  Auslage  §  58.
        <pb n="228" />
        Familie.

213

oder  durch  ivgeiib  eine  Pflicht  belästigt  zu  sein.  Eon  einem
Familienleben  taun  somit  gar  keine  Rede  sein.  Die  Einzelsamilie
  verliert  sich  in  der  Gesammtfamilie,  und  wie  einst
der  französische  Socialist  Enfantin  die  Gründung  einer  solchen
großen  Familie  mit  gemeinsamem  Haushalt  versucht  hat,*)
so  hofft  auch  der  „N.  Soc.-Demotrat"  (1675,  15),  daß  das
Familienleben  sich  durch  Freundschaftsbund  in  solcher  Weise
ausdehne,  daß  die  Kindererziehung  nnd  Pflege,  das  ganze
häusliche  Leben  in  größerem  Umfange,  gleichsam  in  einer
großen  Familie  sich  vollstehe.
Es  ist  nicht  unwichtig  über  die  Stellung  der  Socral-Demokratie
  zur  Ehe  und  Familie  sich  klar  zu  werden.  Wenn
auch  einzelne  Social-Demokraten  gegen  den  Vorwurf  einer
Begünstigung  der  Weibergemeinschast  sich  energisch  verwahren
mögen,  so  liefert  uns  die  socialistische  Presse  doch  genug
Anhaltspunkte  sür  die  Behauptung,  daß  der  konsequent  fortschreitende ­
  Socialismus  schließlich  bei  der  Aufhebung  der
Ehe  lind  Familie  ankommen  wird.  Wir  glauben  gerne,  daß
nicht  alle  mit  dieser  letzten  Konsequenz  sympathisiren  mögen;
für  Einzelne,  die  der  socialistischen  Entwickelung  bereits  vorausgegriffen
  haben,  mag  sie  gerade  die  Ursache  ihrer  Hinneigung
zum  Socialismus  sein.
Die  Umwandelung  der  Einzelfainilie  in  die  Gesammtsaniilie
  ist  eine  nothwendige  Folge  der  kommunistischen  Grundsätze, ­
  welche  auf  der  Grundlage  der  Gemeinsamkeit  des  Besitzes ­
  auch  „gemeinsame  Arbeit  und  gemeinsamen  Geruch"
fordern.  Bei  einer  Erörterung  der  „Vorzüge  des  Kommunismus* ­
  sucht  der  „N.  Soc.-Demokral"  (1873,  117)  zu
beweisen,  „wie  außerordentlich  praktisch  gerade  das  k'vmuiu-*)
  L.  Stein,  Der  Socialismus  und  Kommunismus  des
heutigen  Frankreich.  Seite  207  u.  fs.
        <pb n="229" />
        214

Vili.  Socialistische  Zukunftsbilder.

mstischc  gemeinsame  Genießen  gegenüber  beni  individuellen
persönlichen  Genuß  ist."  Nicht  nur  die  Gemeinsamkeit,  auch
die  Gleichheit  des  Genusses  ist  eine  kommunistische  Forderung.
„Wir  wollen  einen  freien  Staat,  gegründet  auf  Gerechtigkeit,
„ans  Freiheit  und  Brüderlichkeit;  einen  Staat,  der  alle  seine
„Bürger  gleich  arbeiten  und  gleich  genießen  läßt,  der  ihnen
„neben  gleichen  Pflichten  auch  gleiche  Nechte  sichert  ,  lesen
wir  im  „N.  Soc.-Demokrat"  (1875,  30.)  Der  Genuß
überhaupt  ist  der  eigentliche  Angelpunkt,  um  welchen  sich  der
ganze  Socialisnius  bewegt;  der  Genuß  ist  das  Centrum,  in
welchem  alle  seine  einzelnen  Wege  zusammenlaufen.  Denn
der  Socialismus  fußt  auf  der  ächt  materialistischen  Lebensanschauung, ­
  die  den  Genuß  als  Lebenszweck  setzt.  „Cs
„weiß  die  Social-Demokratie,  daß  Genuß  Lebenszweck,  und
„daß  gemeinschaftlicher,  durch  Wistenschaft  gewürzter  und
„Kunst  veredelter  Genuß  der  höchste,  weil  allein  vernünftige
„und  menschenwürdige  Kultus  ist."  (N.  Social  Demokrat
1873,  76.)  An  dieser  Stelle  springt  klar  in  die  Augen,
in  wie  hohem  Grad  die  Social-Demokratie  ein  .liecht  hat,
sich  als  ein  ächtes  Kind  unserer  Zeit  zu  betrachten.  Den
Genuß  als  Lebenszweck  zu  setzen,  ist  nicht  die  ausschließlich
der  Social-Deniokratie  eigenthümliche  Leberisphtlosophie,  sondern
sie  ist  Gemeingut  der  gesammten  materialistischen  Wisseirschaft,
die  mit  ihrer  Leugnung  alles  llebersinnlichen  bei  diesem  lie
snltat  anlangen  mußte,  an  dessen  praktische  Durchführung
auch  im  Leben  der  niederen  Volksklassen  die  Social-Demokratie
die  Hand  gelegt  hat.  Nehmen  wir  noch  hinzu,  was  für
Lebensformen  jenes  Lebensprincip  bereits  in  den  höheren
Klassen  geschaffen  hat,  wie  die  oft  raffinirteste  Genußsucht
das  Leben  Vieler  beherrscht,  und  das  Herz  gegen  den  Bedürftigen
  und  'Nothleidenden  erkaltet,  so  lernen  wir  die  beiden
Säulen  kennen,  welche  der  Social-Demokratie  alv  feste  ^tütz,.
        <pb n="230" />
        Gleicher  Genuß

215

dienen.  Ist  die  materialistische  Lebensanschauung  in  ihrem
Recht,  dann  ist  es  ein  schreiendes  Unrecht,  einer  Minderheit
den  höchsten  Lebensgenuß  einzuräumen,  und  die  große  Mehrheit ­
  auf  ein  sehr  bescheidenes  Maß  von  Lebensfreuden  zu
beschränken.  Der  Lebenszweck  muß  für  alle  Menschen  ein
gleicher  sein.  Folglich  ist  es  auch  ganz  in  der  Ordnling,
die  Schranken  zu  beseitigen,  welche  die  Einen  von  dem  allen
Menschen  gesteckten  gleichen  Ziel  weit  weit  entfernt  halten,
während  die  Anderen  durch  Nichts  behindert,  ohne  viel  Mühe
dort  anlange»».  Das  Loos  der  niederen  Klassen  steht  in  einem
großen  Mißverhältniß  zu  den  materialistischen  Anschaliungen
vorn  menschlichen  Leben.  Wer  diese  Anschauungen  theilt,
der  hat  nicht  das  »lindeste  Recht,  der  socialistischen  Forderung
nach  Gleichheit  des  Genusses  den  geringsten  Widerstand  entgegenzusetzen. ­
  Ehe  wir  auf  deutschen»  Boden  eine  Social-Dcmokratic
  kannten,  war  für  sie  von  anderen  Händen  schon  das
Fundament  gelegt,  auf  welchem  sie  weiter  baut  und  unsere
Zeit  sorgt  dafür,  daß  dieses  Funda»nent  immer  niehr  befestigt
wird,  trotzdem  daß  sie  int  Kampfe  wider  den  Socialismus
sich  befindet.  Anstatt  die  Quadern  des  Atheismus  und
MaterialiSmns  auszugraben,  arbeiten  täglich  immer  inehr
Hände  daran,  sie  nur  noch  tiefer  in  das  aufgewühlte  Erdreich ­
  unseres  Bolkslebens  zu  versenken.  „Atheismus  und
Matcrialismtts,  cynisches  Prassen  und  Verschwenden,  Gleichgültigkeit ­
  gegen  alle  höheren  sittlichen  Güter  sind  in  einem
großen  Theil  unserer  sogenannten  höheren  Klassen  längst  eingerissen, ­
  ehe  man  anfing,  über  Aehnliches  bei  den  Arbeitern
zu  klagen.  Eine  Weltauffassung  aber,  die  nicht  mehr  an
eine  gerechte  Weltregierung,  nicht  mehr  an  einen  Ausgleich
nach  dem  Tode  glaubt,  die  es  vergessen  hat,  daß  das  höchste
menschliche  Glück,  ein  schönes  Familienleben  und  ein  reines
Gewissen  auch  in  bescheidener  Lebenslage  sich  erreichen  läßt.
        <pb n="231" />
        216  Vili.  socialistische  Zukunftsbilder.
—  die  muß,  wenn  sie  eine  Spur  von  Konsequenz  hat,  bei
den  Forderungen  der  Social-Demokratie,  jedenfalls  bei  der
Forderung  einer  gleichmäßigeren  Vertheilung  der  Güter  anlommen.
  Für  eine  rein  materialistische  Denkart  ist  die  Existenz
der  unteren  Klassen  z,l  freudlos  itrtb  zu  ungerecht."  *)
Es  malt  die  Social-Demokratie  die  Zukunft  nach  der
Seite  des  irdischen  Geuusies  mit  hellen  Farben  aus.  Ter
Kommunismus  soll  die  gesammte  Menschheit  „zum  größtmöglichen ­
  Glück"  führen.  (N.  Soc.-Demokrat  1873,  9.  70.)
Sie  will  „die  größtmögliche  irdische  Seligkeit  für  alle  Menschen"
erringen.  (N.  Soc.-Demokrat  1873,  73.)  Unter  Vorspiegelung ­
  der  irdischen  Glückseligkeit  weiß  sie  sogar  zu  den  Reichslagswahlen ­
  zu  begeistern.  So  schrieb  der  „N.  Soc.-Demokrat"
  unmittelbar  vor  beit  letzten  Wahlen  (1874,  3):
..Schon  der  Gedanke  ist  für  das  arbeitende  Volk  zündend,
„daß  der  einzelne  Proletarier  in  dem  Atigenblicke,  wo  er
„seinen  Stimmzettel  in  die  Wahlurne  legt,  politisch  gleich,
„gestellt  ist  mit  dem  Millionär;  aber  noch  zündender  ist  der
„Gedanke,  daß  durch  die  einfache  Abgabe  des  Stimmzettels
„ein  Hanimerschlag  geschieht  zur  Errichtung  der  Brücke,
„welche  das  Proletariat  zu  seinem  Rechte  führt,  ja  welche
„die  Menschheit  in  die  irdische  Glückseligkeit  hinüberleitet."
Es  wiederholt  sich  auch  die  schon  von  Lassalle  gegebene
Versicherung,  daß  die  socialistische  Gesellschaft  „die  höchste
„moralische  und  intellektuelle  Entwickelung  verbürgt"  (R.
Soc.-Demokrat  1873,  34.)  In  Nr.  117  desselben  Jahrgangs ­
  werden  neben  allgeineiner  wissenschaftlicher  Ausbildung
besondere  Kunstgenüsse  in  Aussicht  gestellt:
„Dann  werden  auf  den  Allen  zugänglichen  Lehranstalten
„die  Wisienschaften  zum  Gemeingut  werden;  dann  werden
*)  Schmoller,  Die  sociale  Frage  und  der  preußische  Staat.
        <pb n="232" />
        Gleicher  Genuß.

217

„ungeheure  Museen  die  Kunstschätze  der  Böller  in  sich  schließen,
»und  dann  werden  endlich,  was  in  der  Gegenwart  so  ganz
„vernachlässigt  ist,  Einrichtungen  getroffen  sein,  daß  in  seiner
„Feierzeit  das  kunstsinnige  Bolk  durch  großartige  Reiseein-„
  richt  ungen  in  den  Stand  gesetzt  wird,  sich  an  den  Schätzen
„der  Kunst  und  Wissenschaft  wie  der  Natur  zu  erfreuen.
„Also  gerade  der  Kommunismus  bedingt  die  wahre
„Kultur  der  Menschheit."
Alles  Glück,  das  der  Socialismus  bringen  soll,  wird
schließlich  in  das  eine  Wort  „Erlösung  der  Menschheit"
zusammengefaßt.  Der  „Erlöser"  ist  Ferdinand  Lassalle.
„Die  Erlösung  des  Menschengeschlechts  —  sie  verkündete
„der  große  Nazarener;  die  Erlösung  des  Menschengeschlechts
„das  war  die  Parole  Ferdinand  Lassalle's."  (N.  Social-Demokrat
  1*74,  100.)  Für  diese  hohe  Idee  sucht  man
Begeisterung  zu  wecken  mit  Worten,  wie  man  sie  in  Nr.  58,
187.'!  findet:  „Die  rothe  Fahne  wird  über  uns  flattern;
„der  Geist  Lassalle's  wird  uns  umwehen!  Fort  dann
„in  den  Kampf  mit  der  ganzen  Begeisterung,  welche  die  Idee
„der  Erlösung  der  Menschheit  allein  erzeugt!"  Und  in
Nr.  10/,  1873  wird  die  Welterlösung  als  Ziel  hingestellt:
„Möge  auf  dem  Wege  der  Lassalle'schen  Idee,  der  betreten
„ist,  und  aus  welchem  man  zum  Ziele  gelangen  kann,
„die  Welterlösung  erreicht  werden."  Die  Hoffnung,
welche  die  Social-Demokratie  erweckt,  gipfelt  endlich  in  der
festen  Zuversicht,  daß  mit  dem  Siege  des  Socialismus  „das
Himmelreich  auf  Erden"  hcrbeigetommen  sein  werde.  Diese
Hoffnung  soll  zu  fleißiger  Agitation  anspornen.  Ein  Parteigenosse ­
  wendet  sich  daher  an  seine  Gesinnungsgenossen  mit
den  Worten:  „Ich  rufe  den  Arbeitern  der  größeren  Städte
„zu,  geht  ebenfalls  hinaus  und  sucht  die  Landbevölkerung
„über  die  Lehren  Lassalle's  aufzuklären,  wenn  Jeder,  der  da
        <pb n="233" />
        218  Vili.  Socialistische  Zukunftsbilder
„kann,  seine  Pflicht  thut,  dann  wird  es  nicht  mehr  lange
„dauern,  so  werden  unsere  Bataillone  marschiren,  und  das
„Himmelreich  auf  Erden  wird  nahe  herbeigekommen  sein."
(N.  Soc.-Demokrat  1871,  62  vgl.  Volksstaat  1873,  75.)
Wenn  die  Social-Demokratie  ihre  Zukunftsbilder  zeichnet,
dann  schwingt  sie  sich  auf  zu  einer  Art  religiöser  Begeisterung
und  redet  auch  gerne  in  Ausdrücken,  die  sonst  nur  für  die
Wahrheiten  und  Hoffnungen  des  religiösen  Glaubens  gebraucht
zu  werden  pflegen.  Der  Socialismus  wird  zur  Religion,
der  seine  Lehre  als  „Evangelium  der  Neuzeit"  (N.  Social-Demokrat
  1871,  62)  verkündigt,  und  von  seinen  Bekennern
den  Glauben  an  seine  seligmachende  Kraft  fordert.  In  einer
zu  Hannover  gehaltenen  öffentlichen  Versammlung  rief  Tölcke
aus:  „Es  ist  in  feinem  andern  Heil,  und  in  keinem  andern
„Glauben  wird  man  selig,  alS  in  dem  Allgemeinen  Deutschen
„Arbeiter-Verein."  lVolksstaat  1872,  25.  Beilage.)
Es  gehören  keine  besonders  scharfe  Augen  dazu,  um
hinter  all  den  glänzenden  Versprechungen,  welche  der  Social-Dcmokratic
  eigen  sind,  den  agitatorischen  Zweck  zu  erkennen.
Zu  der  durch  allerhand  Mittel  gesteigerten  Unzufriedenheit  mit
der  Gegenwart  soll  sich  die  Sehnsucht  nach  der  von  der
Social-Demokratie  verheißenen  glücklichen  Zukunft  gesellen,
um  durch  ein  doppeltes  Baud  die  geblendeten  Massen  an
die  „rothe  Fahne"  zu  fesseln.  Es  ist  gewiß  das  gelindeste
Urtheil,  die  socialistischen  Hoffnungen,  mögen  sie  wirklich  geglaubt ­
  oder  nur  vorgespiegelt  werden,  als  Utopie  zu  bezeichnen. ­
  Sie  sind  keine  gleichgültigen  Träumereien,  da  sie  zu
Agitationszwecken  verwendet,  kein  Glück  schaffen,  wohl  aber
Schaden  anrichten.  Der  Arbeiter,  welcher  durch  die  Uebertreibung ­
  der  Nothstände  seine  Erbitterung  steigern  und  durch
die  in  Aussicht  gestellte  „größtmögliche  irdische  Glückseligkeit"
sein  Herz  trunken  machen  läßt,  ist  seinem  wahren  Wohler-
        <pb n="234" />
        Welterlösung.

219

gehen  ferner  gerückt  denn  je.  Es  nagt  an  seinein  Herzen
ein  brennendes  Verlangen  nach  einer  irdischen  Glückseligkeit,
das  nie  befriedigt  werden  kann,  da  das  nur  im  irdischen
Genuß  gesuchte  Glück  einfach  nicht  existirt.  Es  fehlt  nicht
an  zahlreichen  Beispielen,  —  man  höre  nur  die  Klagen  vieler
Frauen,  deren  Männer  von  der  Social-Demokratie  sich  haben
in's  Schlepptau  nehmen  lassen  —  daß  die  social-demokratische,
das  größte  Glück  verheißende  Agitation  für  die  Gegenwart
das  gerade  Gegentheil  bewirkt,  und  die  Zerrüttung  wenn  auch
bescheidener,  so  doch  immerhin  in  der  Zufriedenheit  glücklicher
Verhältnisse  im  Einzelleben,  wie  im  Familienleben  verursacht
hat.  Und  wenn  die  Social-Demokratie,  wie  jetzt  für  ihre
Agitation,  so  für  die  Durchführung  ihrer  Plane  ,e  freie
Hand  bekommen  sollte,  auch  dann  wird  der  Erfolg  kein  anderer ­
  sein.  Das  Elend  wird  nicht  ausziehen  und  das  allgemeine ­
  Glück  wird  nicht  einziehen.  Das  Elend  wird  in
neuen  Formen  und  in  vermehrter  nnd  verschlimmerter  Auflage ­
  in  der  neuen  Gesellschaft  eine  breite  Stätte  finden.  Als
Beweis  hierfür  dient  das  ganze  Bild  in  allen  seinen  einzelnen
Zügen,  das  wir  auf  Grund  der  social-demolratischen  Presse
haben  zeichnen  müssen.  Für  die  zerstörende  Kraft  des  Socialisnitts
  liefert  uns  die  Geschichte  anschauliche  Belege,  von
seiner  Fähigteit  aber.  Besseres  an  die  Stelle  des  Bestehenden ­
  zu  setzen,  noch  keine  einzige  Probe.  Ein  Jeder,  der  dem
Svcialisnms  entgegentritt,  wird  von  der  Social-Demokratie
als  Arbeiterfcind  denuncirt.  Die  aufgedeckte  wahre  Gestalt
der  deutschen  Social-Dcmotratie  macht  den  Beweis  überflüssig,
daß  derjenige  im  wahren  Interesse  des  ganzen  Arbciterstandes
handelt,  der  seine  Waffen  gegen  den  Socialismus  richtet.
        <pb n="235" />
        Anhang

Einiges  aus  dem  Vebcn  Ferdinand  Vojiollc'?.*)
In  meiner  kleinen  Flugschrift:  „Was  versprechen  die
Social-Demokraten?"  habe  ich  geschrieben:  „Der  Socialismus ­
  ist  nicht  eine  Erfindung  des  wegen  eines  Liebeshandels
in  einem  Duell  erschossenen  Juden  Lassalle."  In  der  öffentlichen ­
  Disputation,  welche  ich  zur  Vertheidigung  jenes  Schristchens
  am  19.  Januar  d.  I.  mit  den  Stuttgarter  Docial-Demokraten
  hatte,  griff  mein  Gegner,  der  Social-Demokrat
A.  Hirsch,  jenen  Satz  wiederholt  an,  und  beschuldigte  mich
der  absichtlichen  Schmähung  des  „großen  Agitators"
F.  Lassalle.  Ich  nehme  hieraus  Veranlassung,  eine  kurze
Lebensskizze  F.  Lassalle's  anznfttgen,  welche  nicht  das  Bild
dieses  Mannes  nach  allen  Seiten  hin  zeichnen  soll,  sondern
nur  neben  die  dichterischen  Ausschmückungen,  womit  diejenigen,
welche  nach  Lassalle's  Namen  sich  nennen,  sein  Bild  unkenntlich ­
  machen,  die  einfachen  geschichtlichen  Thatsachen  ftel'
len  will.
Ferdinand  Lassalle,  geboren  den  11.  April  1825,
war  der  Sohn  eines  reichen  jüdischen  Großhändlers  zu  Bres-*)
  Die  hiebei  benutzten  Schriften  sind:  F.  Ikafsalle's  Agitationsschriften. ­
  —  B.  Becker,  Enthüllungen  über  da«  tragische
Lebensende  Ferdinand  Lassalle's.  —  Fr.  Engen  Jäger,  der  moderne
  Socialismus.
        <pb n="236" />
        Aus  dem  Leben  Ferdinand  LaffalleS.  221
lau.  Er  besuchte  das  Gymnasium  seiner  Vaterstadt,  cßeng
aber,  von  seinem  Vater  für  den  Handelsstand  bestimmt,  1840
auf  die  Leipziger  Handelsschule  über.  Hier  machte  er  nur
geringe  Fortschritte,  da  ihm  der  väterliche  Berns  wenig  zusagte. ­
  Er  kehrte  daher  in  sein  Elternhaus  zurück  und  bereitete ­
  sich  durch  Privatunterricht  aus  die  Universität  vor.
1842  begann  er  seine  Universitätsstudien  zu  Breslau,  setzte
sie  später  in  Berlin  fort  und  widmete  sich  vorzugsweise  der
Philosophie  und  Rechtswissenschaft.  Besonders  zog  ihn  die
Hegel'sche  Philosophie  an,  in  deren  Dialektik  er  bald  heimisch
war.  Von  Natur  mit  glänzenden  Geistesgaben  ausgerüstet,
siel  es  ihm  leicht,  in  kurzer  Zeit  sich  einen  hohen  Grad  von
Gelehrsamkeit  anzueignen.  Auch  seine  erbittertsten  Gegner
können  ihm  sein  reiches  Wisien  in  Philosophie,  Geschichte,
Rechtswisienschaft,  Literatur  und  Nationalökonomie,  ebenso  auch
in  der  Philologie  nicht  streitig  machen.  Schon  frühe  erwarb  er
sich  durch  die  Herausgabe  niehrerer  gelehrten  Werke,  („die
Philosophie  Herakleitos  des  Dunkeln  in  Ephesus"  1857;
„System  der  erworbenen  Rechte"  1861  u.  a.)  in  der  Gclehrtenwelt
  einen  geachteten  Namen.  Lassalle  verstand  es
aber  auch,  mit  seiner  Gelehrsamkeit  zu  prunken  und  zu
prahlen.  Vor  dem  Berliner  Ü.  Kriminalgericht  im  Januar
1863  der  Aufreizung  der  Arbeiter  zum  Haß  gegen  die  besitzende ­
  Klasse  angeklagt,  würzte  er  seine  Vertheidigungsrede
mit  dem  eitelen  Selbstlob:  „In  verschiedenen  und  schwierigen
Gebieten  der  Wissenschaft  habe  ich  umfangreiche  Werke  zu
Tage  gefördert,  keine  Mühen  und  keine  Nachtwachen  gescheut,
um  die  Grenzen  der  Wissenschaft  selbst  zu  erweitern  und
ich  kann  vielleicht  mit  Horaz  sagen:  militavi  non  sine  gloria!" ­
  In  der  literarischen  Fehde  mit  Schulze-Delitzsch  rühmte
er  sich,  allerdings  durch  den  unverdienten  Borwurf  des  Halbwissens ­
  gereizt:  „Ich  schreibe  jede  Zeile,  die  ich  schreibe,
        <pb n="237" />
        222  Anhang.
bewaffnet  mit  der  ganzen  Bildung  meines  Jahrhunderts!" ­

Nach  Beendigung  seiner  Universitätsstudien  (1845)  begab ­
  sich  Lassalle  auf  kurze  Zeit  nach  Paris  und  trat  dort
mit  H.  Heine  in  regen  Verkehr.  Er  nahm  sich  des  kranken
Dichters  in  einem  Erbschaftsstreite  mit  großer  Energie  an
und  gewann  so  sehr  dessen  Gunst,  daß  Heine  in  einem  Briefe
an  Barnhagen  von  Ense  (vom  3.  Jan.  1846)  voll  Begeisterung
von  dem  20jährigen  Jüngling  schreibt:  „Mein  Freund  Herr  Lassalle,der
  Ihnen  diesen  Brief  bringt,  ist  ein  junger  Manu  von  den
ausgezeichnetsten  Geistesgaben:  mit  der  gründlichsten  Gelehrsamkeit, ­
  mit  dem  weitesten  Wissen,  mit  dem  größten  Scharf,
sinn,  der  mir  je  vorgekommen,  mit  der  reichsten  Begabniß
der  Darstellung  verbindet  er  eine  Energie  des  Willens  und
eine  Habilité  im  Handeln,  die  mich  in  Erstaunen  setzen,  und
wenn  seine  Sympathie  für  mich  nicht  erlischt,  so  erwarte  ich
von  ihm  den  thätigsten  Vorschlib.  Jedenfalls  war  diese  Vereinigung ­
  von  Wiffen  und  Können,  von  Talent  und  Charakter,
  für  mich  eine  freudige  Erscheinung  .  .  .  Herr  LassaUe
ist  nun  einmal  so  ein  ausgeprägter  Sohn  der  neuen  Zeit,
die  nichts  von  jener  Entsagung  und  Bescheidenheit  wiffen
will,  womit  wir  uns  mehr  oder  niinder  heuchlerisch  in  unserer
  Zeit  hindurchgelnngert  und  hindurchgefaselt.  —  Dies
neue  Geschlecht  will  genießen  und  sich  geltend  machen  im
Sichtbaren;  wir,  die  Alten,  beugten  uns  demüthig  vor  dem
Unsichtbaren,  haschten  nach  Schattenküssen  und  blauen  Blumengerüchen, ­
  entsagten  und  flennten,  und  waren  doch  vielleicht
glücklicher,  als  jene  harten  Gladiatoren,  die  stolz  dem  Kainpfestode
  entgegen  gehen."  Aus  einem  anderen  Briefe  Heine's
an  den  Vater  Lassalle's  können  wir  auf  die  religiöse  Stellung ­
  Lassalle's  einen  Schluß  ziehen.  Heine  schreibt,  „er
möchte  sein  Gesicht  sehen"  wenn  ihm  zu  Ohren  kommt,  daß
        <pb n="238" />
        Aut  dem  Leben  Ferdinand  Lafsalle'S.  223
er,  der  todtkranke  Dichter,  sich  zum  Deismus  bekehrt  habe.
Lassalle  hat  nirgends  in  seinen  Schriften  seine  religiösen  Anschauungen ­
  klar  zu  erkennen  gegeben.  Aus  der  Aeußerung
Heine's  darf  man  aber  den  Schluß  ziehen,  daß  sein  jugendlicher ­
  Freund  seinen  Atheismus  vor  ihm  nicht  verhehlt  hak.
Zu  Lassalles  ganzem  Wesen  und  Streben  gehörte  nothwendig ­
  auch  die  atheistische  Weltanschauung.  Erst  diese  macht
ihn  zu  einem  Mann  aus  einem  Guß.
Nach  der  Rückkehr  von  Paris  lebte  Lassalle  am  Rhem,
nach  dem  Bericht  seines  Anktsnachfolgers  im  Präsidium  des
„Allg.  deutschen  Arbeiter-Vereins"  B.  Becker,  als  unabhängiger ­
  Privatgelehrter,  nach  anderen  Mittheilungen  am
Gerichtshöfe  zu  Düsseldorf  beschäftigt.  Hier  traf  ihn  die
revolutionäre  Bewegung  des  Jahres  1848,  an  der  Lassatle
thätigen  Antheil  i,ahnl.  In  Folge  des  vom  Berliner  Abgeordnetenhause ­
  gefaßten  Steuerverweigerungsbeschlusses  unternahm ­
  es  Lassalle,  die  Regierungskasien  zu  Düsieldorf  zu
versiegeln,  und  da  er  außerdem  Vorbereitungen  zu  einem
bewaffneten  Widerstand  gegen  die  Regierung  getroffen  hatte,
wurde  er  im  November  1848  verhaftet,  nach  sechsmonatlicher ­
  Untersuchungshaft  aber  von  dem  Schwurgericht  zu
Düsseldorf  freigesprochen.  Die  Aufforderung  zur  Widersetzlichkeit ­
  gegen  Regierungsbeamte  mußte  er  jedoch  mit  sechsmonatlicher ­
  Gefangn  isistrase  büßen.
Schon  früher,  wahrscheinlich  auch  in  Düsseldorf,  hatte
Lassalle  die  Gemahlin  des  Grafen  von  Hatzfeldt,  Sophie,
eine  geborene  Fürstin  von  Hatzfeldt,  kennen  gelernt,  welche
mit  ihrem  Gemahl  in  einem  langwierigen  Ehescheidungsproceß ­
  lebte,  da  der  Graf  die  Zahlung  von  Subsistenzmitteln
verweigerte.  Mit  glühendem  Eifer  nahm  sich  der  20jährige
Jüngling  der  40jährigen  Dame  an  und  wußte  1854  den
Proceß  durch  einen  für  die  Gräfin  vortheilhaften  Vergleich
        <pb n="239" />
        224

Anhang.

zu  Ende  zu  führen.  Als  freiwilliger  Anwalt  der  Gräfin
zog  er  sich  eine  Anklage  wegen  Verleitung  zu  dem  an  der
Baronin  von  Meyendorf  in  einem  Kölner  Gasthofe  verübten
Kassettendiebstahl  zu,  wodurch  man  in  den  Besitz  eines  für
die  Gräfin  Hatzfeldt  wichtigen  Dokuments  zu  gelangen  hoffte.
Die  Sache  endigte  für  ihn  mit  einer  Freisprechung.  Aber
von  der  Gräfin  Hatzfeldt  wurde  Lassalle  bis  zu  seinem  Tode
nicht  mehr  frei.  Er  blieb  in  den  Fesseln  dieser  von  ihrem
Gemahl  geschiedenen  Dante,  welche  mit  ihm  in  Düsseldorf
ein  und  dasselbe  Haus  bewohnte,  und  ihn  häufig  auf  feinen
Reisen  begleitete.  Es  ist  natürlich,  daß  dieses  itnklare  Verhältniß ­
  einen  dunkeln  Schatten  ans  das  Leben  Lassalle's
wirft.
In  die  Arbeiterbewegung  griff  Lassalle  zuin  erstenmal
durch  einen  Vortrag  ein,  den  er  „über  den  besonderen  Zusammenhang
  der  gegenwärtigen  Geschichtsperiode  mit  der
Idee  des  Arbeiterstandes"  am  12.  April  1862  in  einem
Berliner  Handwerkerverein  hielt.  Er  trat  noch  nicht  als
förmlicher  Agitator  auf;  aber  sein  an  die  Arbeiter  gerichtetes
Wort:  „Sie  sind  der  Fels,  auf  welchen  die  Kirche  der  Gegenwart ­
  gebaut  werden  soll!"  wurde  nicht  vergessen.  Seit
Oktober  1862  ging  man  mit  dem  Gedanken  um,  nach  Leipzig ­
  einen  allgemeinen  deutschen  Arbeiterkongreß  zu  berufen.
Man  wollte  dort  über  Gcwcrbefreiheit,  Freizügigkeit,  Spar-,
Invaliden-  und  Krankenkassen  berathen  und  zugleich  auch  eine
Organisation  der  Arbeiter  zu  Stande  zu  bringen  versuchen.
Zu  einem  Gutachten  hierüber  ausgefordert,  schrieb  Lassalle
am  1.  März  186%  von  Berlin  ans  sein  „Offenes  Antwortschreiben ­
  an  das  Central  -Comité  zur  Berufung  eines
Allgemeinen  deutschen  Arbeiter-Kongresses  zu  Leipzig."  Diese
kleine  Schrift  von  nur  2  Bogen  Umfang  brach  dem  Socialismus ­
  in  Deutschland  die  Bahn.  Sie  veranlaßte  am
        <pb n="240" />
        Aus  dem  Leben  Ferdinand  Lasialle's.  225
22.  Mai  1863  die  Gründung  des  „Allgemeinen  deutschen
Arbeitervereins"  und  gilt  heute  noch  als  Evangelium  der
deutschen  Social-Demokraten.  Auf  fünf  Jahre  zum  Präsidenten ­
  jenes  Vereins  erwählt  übte  Lasialle  in  dieser  Stellung ­
  trotz  seines  demokratischen  Princips  eine  beinahe  diktatorische ­
  Gewalt  aus.  Er  selbst  spricht  sich  über  seine  Präsidentschaft ­
  also  aus:  „Ihr  habt  mir  diese  Autorität  zwar  auf
fünf  Jahre  anvertraut,  allein  Ihr  wißt,  daß  ich  sie  von  selbst
niederlegen  würde,  wenn  irgend  eine  Unzufriedenheit  oder
eine  Mißstimmung  ausbräche,  und  diese  auf  höchster  fortgesetzter ­
  Freiwilligkeit  beruhende  Autorität  reicht  hin,  um  Euch
allemitsammt  handeln  zu  lasten,  wie  geleitet  durch  einen
elektrischen  Funken  —  —  Die  beiden  Gegensätze,  die  unsere
Staatsmänner  bisher  für  unvereinbar  betrachteten,  Freiheit
und  Autorität  —  die  höchsten  Gegensätze,  sie  sind  auf  das
Innigste  vereinigt  in  unserem  Vereine,  welcher  so  nur  das
Vorbild  im  Kleinen  unserer  nächsten  Gesellschaftsform  im
Großen  darstellt!  Nur  durch  die  Diktatur  der  Einsicht
können  die  großen  gewaltigen  Ucbergangsarbeiten  der  Gesellschaft ­
  bewerkstelligt  werden."  Es  hätte  aber  auch  keine  andere ­
  Stellung  dem  Charakter  Lasialle's  entsprochen,  der  ganz
und  gar  zum  Herrschen  angelegt  war.  Er  wollte  lieber
alles,  was  sich  ihm  entgegen  stellte,  zu  Staub  zerreiben,  als
nachgeben  und  sich  unterordnen;  und  wo  sein  Stolz,  seine
Eitelkeit  verletzt  worden  waren,  da  konnte  er  rachedurstig
aufbäumen,  wie  ein  verwundeter  Tiger.  Die  angeführten
Worte  Lasialle's  sind  aber  auch  die  beste  Interpretation  der
von  den  Führern  des  „Allg.  deutschen  Arbeiter-Vereins"
stets  festgehaltenen  Forderung,  die  „Organisation"  Lasialle's
nicht  zu  verlasien.  Man  will  die  beinahe  diktatorische  Gewalt, ­
  welche  der  Präsident  dieses  Vereins  unter  dem  Schein
demokratischer  Freiheit  ausübt,  nicht  preisgeben,  und  darum
Schuster,  Die  Social-Demokratie.  15
        <pb n="241" />
        .  T~-  ^r»gar  agBsiagggraaKM^iigBacaiiiK^iMäi

22«;

Anhang

wird  das  Berlassen  der  Organisation  für  einen  Verrath  am
Meister  erklärt.  (N.  Soc.-Demokrat  1872,  53).
Für  Lassalle  begann  mit  seiner  Präsidentschaft  ein  sehr
bewegtes  Jahr.  Auf  der  einen  Seite  hatte  er  gegen  seine  zahlreichen ­
  Gegner  in  fortwährendem  Kampf  zn  stehen,  auf  der
anderen  Seite  nahm  die  Agitation  für  seinen  Verein  und
dessen  socialistisches  Princip  seine  Zeit  und  Kraft  in  Anspruch.
In  den  ersten  Monaten  seiner  agitatorischen  Thätigkeit  feierte
er  nainentlich  im  Rheinlande  viele  Triumphe.  Er  fühlte
sich  als  einen  Arbeiterkönig,  als  einen  Volkstribun,  der,  wie
er  selbst  sagt,  in  die  Industriestädte  und  Arbeiterversammlungen
  nicht  kain,  um  lange  Reden,  sondern  nm  Heerschau
zu  halten.  In  seiner  Erwartung,  binnen  Kurzem  100,000
Arbeiter  um  seine  Fahne  sammeln  zu  können,  sah  er  sich
sehr  getäuscht.  Enttäuschungen  konnte  Lassalle  am  allerwenigsten ­
  ertragen.  Er  war  nur  ein  Mann  für  raschen
Erfolg.  Im  Frühjahr  1804  schrieb  er  an  seinen  General-Bevollmächtigten:
  „Ich  bin  todtmüde,  und  so  stark  meine
Organisation  ist,  so  wankt  sie  bis  in  ihr  Mark  hinein.
Meine  Aufregung  ist  so  groß,  daß  ich  keine  Nacht  mehr
schlafen  kann!  Ich  wälze  mich  bis  5  Uhr  auf  dem  Lager
und  stehe  mit  Kopfschmerz  und  tief  erschöpft  auf!  Ich  bin
überarbeitet,  überangestrengt,  übermüdet  im  furchtbarsten
Grade  Die  tiefe,  schmerzliche  Enttäuschung,  der
fressende,  innere  Aerger,  den  mir  die  Gleichgültigkeit  und  Apathie
des  Arbeiterstandes  in  seiner  Masse  genommen,  einflößt  —
beides  zusammen  war  selbst  für  mich  zu  viel.  Ich  treibe
ein  melier  de  dupe  und  ärgere  mich  innerlich  zu  Tode,
um  so  mehr  als  ich  diesem  Aerger  nicht  Luft  machen  kann,
und  ihn  noch  immer  würgen,  oft  das  Gegentheil  behaupten
muß!  Und  gleichwohl  werde  ich  die  Fahne  nicht  fallen  lassen,
so  lange  noch  irgend  ein  Hoffnungsflämmchen  an  dem  poli-
        <pb n="242" />
        îluS  dem  Leben  Ferdinand  Lafsakle'4.  ggy
tischen  Horizont  blinkt.  Dazu  der  noch  viel  größere  Aerger,
zu  wissen,  wie  glänzend  die  Dinge  stehen  würden,  wenn
der  Arbeiterstand  seine  Pflicht  gethan  hätte!  Wir  dürfen
uns  nicht  verhehlen,  daß  wir  uns  Alle  zusammen  über  das
geistige  Leben  im  Arbeiterstande  sehr  getäuscht  haben:  der
Allg.  deutsche  Arbeiter-Berein  zählt  erst  circa  3000  Mitglieder
und  vielleicht  fehlen  noch  mehrere  Hundert  zu  dieser
Zahl  das  sagt  Alles.  Wer  hätte  diese  Mattheit  und
Theilnahmlosigkeit  für  möglich  halten  sollen?  Das  wird  sich
erst  wirklich  ändern,  wenn  gewisse  politische  Ereignisse  eintreten
und  die  Massen  in  Bewegung  bringen.  Und  solche  Ereigniffe
  können  allerdings  in  einiger  Zeit  kommen.  Es  handelt
sich  darum,  sich  bis  dahin  zu  halten!"  So  schildert  Lafsalle
selbst  den  Erfolg  seiner  aufreibenden  Thätigkeit  im  ersten  und
auch  einzigen  Jahre  seiner  Diktatur.  Enttäuschung  über
Enttäuschung,  die  er  nicht  gut  überwinden  konnte,  da  hierdurch
seine  Eitelkeit  wie  seine  Herrschsucht  schwer  verletzt  waren.
Selbst  sein  von  ihm  testamentarisch  eingesetzter  Amtsnachfolger,
Bernhard  Becker,  kann  nicht  umhin,  diese  Schatten  im  Charakter
  Lassalle's  offen  anzuerkennen.  Er  schreibt:  „Lafsalle
hatte  große  Schwächen  und  tiefgehende  Leidenschaften.  Seine
mädchenhafte  Eitelkeit,  verknüpft  mit  dem  Umstande,  daß  er
der  fadesten  Schmeichelei  zugänglich  war;  sein  bis  zum  unbeugsamen ­
  Eigensinn  gesteigertes  herrisches  Wesen,  welches
sich  mitunter  dem  klar  vorliegenden  Besseren  verschloß;  seine
Genußsucht  in  Beziehung  aus  Frauen,  die  ihn  Alles  vergessin
  und  ihm  seine  Jahresrente  von  mehr  als  5000  Thlr.
nicht  hinreichend  erscheinen  ließ;  endlich  sein  Haschen  nach
der  Beistimmung  von  Autoritäten  —  —  —  das  waren
verwundbare  Stellen  an  dem  sonst  so  gut  gewappneten
Manne."
Die  Jahresrente  von  5000  Thlr.  reichte  also  für  Lasialle
15*
        <pb n="243" />
        228

Anhang.

zur  Bestreitung  seiner  Bedürfnisse  nicht  aus.  Er  war  das
Leben  der  großen  Welt  gewöhnt.  Auch  als  Arbeiterkönig
ließ  er  in  seiner  genußsüchtigen  Lebensweise  keine  Aenderung
eintreten.  So  geschickt  er  gegen  „Bourgeoisie"  und  Kapital
zu  Felde  zu  ziehen  verstand,  so  behaglich  war  es  ihm  in
den  Lebensgewohnheiten  der  Bourgeoisie  und  im  Genuß  seines
arbeitslosen  Einkommens.  Er  selbst  war  ein  ächter  „  Borirgeois"
  von  der  Fußsohle  bis  zum  Scheitel.  Er  war  ein
anderer  als  ökonomischer  Theoretiker,  ein  anderer  als  Praktiker. ­
  In  der  Theorie  bekämpfte  er  die  Produktivität  des
Kapitals,  in  der  Praxis  ließ  er  sich  die  Renten  seines  Kapitals ­
  recht  Wohlgefallen  und  führte  ein  genußsüchtiges  Leben,
nach  seiner  eigenen  Beweisführung  also  vom  Schweiße  der
Arbeiter.  Die  Anschuldigungen,  welche  die  Socialisten  bis
auf  den  heutigen  Tag  gegen  die  Bourgeoisie,  überhaupt  gegen
die  genußsüchtige  große  Welt,  und  gewiß  vielfach  nicht  ohne
Grund  erheben,  die  treffen  nicht  in  letzter  Linie  den  ehemaligen
Arbeiterkönig  Lassalle.  Dies  hindert  aber  seine  Anhänger
nicht,  von  chut  zu  rühmen:  „Er,  der  doch  ein  Leben  voll
„Genuß  und  Zufriedenheit  haben  konnte,  ist  von  der  höchsten
„Höhe  der  Zufriedenheit  und  des  Wohlstandes  herabgestiegen
„in  das  Proletariat."
Lasialle  war  gewohnt,  die  Sommermonate  an  verschiedenen
Badeorten  zuzubringen.  Nachdem  er  die  Sorgen  der  Bereinsleitung
  auf  die  Schultern  des  Viccpräsidenten  Dämmer  gelegt
hatte,  begab  er  sich  im  Sommer  1864  nach  Rigi-Kaltbad.
Dort  traf  er  wieder  mit  Fräulein  Helene  von  Dönniges
ans  Genf  zusammen,  welche  er  schon  früher  in  Berlin  kennen
gelernt  hatte.  Wegen  Lassalle's  Haltung  überhaupt  den
Frauen  gegenüber  mußte  dieselbe  ihr  Verhältniß  mit  ihm
abbrechen.  Wiewohl  Helene  von  Dönniges  bei  der  zweiten
Begegnung  in  Rigi  bereits  die  Braut  eines  Andern,  des
        <pb n="244" />
        Aus  dem  Leben  Ferdinand  Lassalle's.  229
Herrn  von  Ratowitz  war,  so  kam  es  trotzdem  zu  einer  förmlichen ­
  Verlobung  mit  Lafsalle.  Die  Braut  gewann  es  über
sich,  ihren  Verlobten  von  sich  zu  stoßen  und  Lassalle  ewige
Treue  zu  schwören.  Die  Eltern  versagten  ihre  Einwilligung.
Nach  langen  Verhandlungen  gab  Helene  Lassalle  wieder  auf
und  kehrte  gii  ihrem  ersten  Verlobten  zurück.  Tiefer  konnte
Lassalle  nicht  verwundet  werden;  eine  größere  Demüthigung
hatte  Lassalle  in  seinem  ganzen  Leben  nicht  erfahren.  Er
dürstete  nach  Rache.  Es  kam  zum  Pistolen-Duell  mit  Herrn
von  Ratowitz  am  28.  August  in  der  Nähe  von  Genf.
Lassalle  wurde  von  seinem  Gegner  beim  ersten  Schuß  tödtlich
verwundet.  Am  31.  August  1864  starb  er.
Dies  die  einfache  Geschichte  von  dem  tragischen  Lebensende ­
  F.  Lassalle's.  Die  wahre  Ursache  seines  Todes  wird
von  seinen  Anhängern  beharrlich  verschwiegen.  Dagegen
schreibt  der  „N.  Soc.-Demokrat"  (1871,  59):  „Lassalle,
„der  große  Demokrat,  den  die  Reaktion  wie  ein  Wild  hetzte,
„der,  zu  langer  Kerkerhaft  verurtheilt,  in  die  Verbannung
„gehen  mußte,  wo  er  durch  die  mörderische  Kugel  eines
„Adligen  fiel  —  dieser  Mann  soll  seinen  fleckenlosen  Rainen
„hergeben  als  Aushängeschild  für  eine  Bettelei  bei  der  Re-„aktion,
  die  ihn  in  den  Tod  hetzte!"  So  wird  Lassalle's
unrühmlicher  Tod  zu  einem  Martyrium  für  die  Arbeitersache
gestempelt.
Lassalle's  unerwarteter  Tod  rief  bei  seinen  Freunden  die
größte  Bestürzung  hervor.  Die  Gräfin  Hatzseldt  eilte  herbei,
bemächtigte  sich  des  Leichnams,  ließ  ihn  einbalsaniiren  und
gedachte  mit  dem  Todten  einen  Triumphzug  in  Deutschland
zu  halten.  Sie  beabsichtigte,  ihn  in  Berlin  begraben  zu
lassen.  Auf  Requisition  der  Lassalle'schen  Familie  wurde  ihr
jedoch  Seitens  der  Polizei  in  Köln  der  Leichnam  abgenommen. ­
  Die  Polizei  sorgte  für  den  weiteren  Transport  nach
Cchusļŗr,  Dtk  Social-Demokratie.  10
        <pb n="245" />
        230

Anhang.

Breslau,  und  dort  auf  dem  jüdischen  Friedhofe  wurde
Lassalle  an  der  Seite  seines  Baters  begraben.
Um  den  durch  den  Tod  des  „großen  Agitators"  zu
befürchtenden  Zerfall  des  noch  jungen  „Allg.  deutschen  Arb.-Vereins"
  zu  verhüten,  wurden  in  allen  Städten,  wo  der
Bercin  Mitglieder  hatte,  Todtenfeiern  veranstaltet.  „Den
„Todtenfeiern",  schreibt  B.  Becker,  „zu  denen  ich  den  Anstoß
„gab,  lag  die  vom  Parteiinteresse  eingegebene  Absicht  zu  Grunde,
Iden  die  sociale  Demokratie  mit  einem  großen  Nachtheil  be&amp;lt;
Idrohenden  Tod  Lassalle's  als  Parteikitt  zu  benutzen.  Denn
Ida  die  Nachricht  von  dem  Tode  des  bisherigen  Führers
„leicht  die  zum  Allgemeinen  deutschen  Arbeitervereine  gehören
„den  Arbeiter  dahin  bringen  konnte,  daß  sie,  am  Gelingen
„des  angestrebten  Zieles  verzweifelnd,  die  socialistische  Agitation
„aufgaben,  so  schien  die  Todtenfeier  das  geeignete  Ruttel  zu
„sein,  um  dem  Schmerz  und  der  Trauer  über  den  dahinge-„schiedenen
  Parteiführer  zur  Anspornung  des  Eifers  und  zum
„erneuten  Angelöbnisse  des  Festhaltens  zu  verwerthen.  Leider
„war  mit  der  Anwendung  dieses  Mittels  die  Jnkonvenicnz
„verknüpft,  daß  sowohl  ein  demokratischer  Heiliger  geschaffen
„wurde,  als  auch,  daß  sich  Sophie  von  Hatzfeldt  als  „einziger,
Ijedenfalls  bester  Freund"  in  den  Vordergrund  drängen  und
„bei  der  Leichtgläubigkeit  gewisser  Schwachtöpfe  einen  störenden
„Einfluß  geltend  machen  konnte.  Allein  in  Anbetracht  des
„Reifegrades  vieler  Arbeiter  war  jenes  Mittel  nun  einmal
I  unvermeidlich.  Viele  glaubten  nicht  nur,  daß  Lassalle  für
„'sie  gestorben  sei,  sondern  es  gab  sogar  und  gibt  wohl  noch
'I  jetzt  manche  Arbeiter  am  Rhein,  welche  es  sich  nicht  m,S&amp;lt;
Ireden  ließen,  daß  Lassalle,  weit  davon  entfernt,  todt  zu  sein,
„sich  nur  auf  einige  Zeit  zurückgezogen  habe,  um  in  neuer
„Glorie  wieder  zu  kommen  und  dann  nach  Art  des  Menschen-„sohnes
  am  jüngsten  Tage  die  Lebendigen  und  die  Lvdten  zu
        <pb n="246" />
        Aus  bfnt  l’iben  Ferdinand  Lassalle's  231
„richten.  —  —  Auf  der  großen  Todtenfeier  zu  Castel  bel
„Düsseldorf,  an  der  die  sälnmtlichen  Socialistcngeineinden  des
„Rheinlandes  Antheil  nahmen,  konnte  man  in  den  Reden  der
„Arbeiter  Worte  hören,  welche  sehr  stark  an  den  christlichen
„Mythus  von  der  Kreuzigung  und  Auferstehung  des  Heilandes
„erinnerten."  Bei  solchen  Todtenfeiern  trat  neben  die  Klage
über  den  Dahingeschiedenen  die  Prophetie:
„Es  tönen  die  Worte,  die  er  ruft,  wie  aus  dem  Himmelreich:
„Mein  Reich  zerstöret  nimmer  der  Tod,  so  lauge  die  Erde
kreis't!
„Schon  schimmert  des  Tages  Morgenroth,  der  ein  neues
Leben  verheißt!
„Doch  wenn  dereinst  die  Stunde  schlägt,  da  steigt  aus  dem
Grabe  empor
„Sein  mächtiger  Geist,  und  siegend  trägt  er  das  freie  Banner
uns  vor."
So  nahm  mit  Lassalle's  Tode  ein  förmlicher  Lassalle-Kultus
  seinen  Anfang,  der  Lastalle  als  einen  Heiligen,  als
einen  neuen  Messias,  seine  Schriften  als  Evangelium,  seine
Lehre  als  unfehlbar  darstellt.  „Das  Auftreten  der  socialisti-„scheu
  Propaganda  int  religiös-fanatischen  Gewände  schien  um
„der  Rettung  der  Sache  willen  von  der  Klugheit  geboten  zu
„sein",  wie  B.  Beller  ausdrttlllich  bekennt.  Der  Lassalle-Kultus
  hat  sich  bei  den  Lastalleanern  bis  auf  diesen  Tag
ungeschwächt  und  unverändert  erhalten.  Alljährlich  am  31.
August  werden  neue  Todtenfeiern  veranstaltet,  bei  welchen
die  Apotheose  Lassalle's  niemals  Unterlasten  wird.  Lassalle
wird  neben  Christus  gestellt  und  als  Erlöser  der  Welt  verherrlicht. ­
  „Jesus  von  Nazareth  ist  todt,  es  lebe  Ferdinand
Lassalle!"  (vergi.  Abschnitt  VII.  Die  Religion  und  die  Social-Demokratie.)

Die  Anhänger  der  „social-demokratischen  Arbeiterpartei"
halten  sich  von  dieser  Art  Götzendienst  frei,  und  machen
        <pb n="247" />
        232

Anhang.

den  Lafialleanern  die  Vergötterung  Lafialle's  zum  Vorwurf.
So  schreibt  die  „Chemnitzer  Freie  Presse"  fl873,  88):
„Will  man  einer  Lehre  blind  folgende  Anhänger  sichern,  so
„nmß  man  dieselbe  als  Religion  verkünden.  Die  große
„Masse  Derjenigen,  denen  das  Denken  zu  schwer  fällt,  ist  auf  diese
„Weise  am  leichtesten  zu  gewinnen  und  gegen  Alle,  welche  nicht
„auf  die  Unfehlbarkeit  der  angepriesenen  Religion  schwören,
„zu  hetzen.  Die  Wirksamkeit  Lassalle's  ist  bei  den  Mit-„gliedern
  des  „Allg.  deutsch.  Arb.-Vereins"  bereits  zur  Legende
„geworden.  Lassalle  ist  für  sie  nicht  mehr  der  sterbliche  Ge-„lehrte,
  der  neben  großen  Eigenschaften  auch  bedenkliche  Schwächen
„hatte,  sondern  er  gilt  als  der  wiedererstandene  Christus,  als
„Gottes  Sohn,  und  es  fehlt  blos  noch,  daß  man  die  Gräfin
„Hatzfeldt  zur  Magdalena  sten,pelt  und  als  fortwirkenden
„heiligen  Geist  Herrn  Hasselmann  proklamirt."
F.  Lassalle  war  ein  eminent  begabter,  mit  gründlicher  Gelehrsamkeit ­
  und  vielseitigem  Wissen  ausgerüsteter  Mann,  der  als  ein
ächter  Sohn  seiner  Zeit  auf  Grund  seiner  materialistischen  Lebensanschanung
  einer  raffinirten  Genußsucht  stöhnte,  und  wegen
eines  Liebeshandels  im  Duell  einen  unrühmlichen  Tod  fand.
Seine  Anhänger,  die  nach  seinem  Namen  sich  nennen,  niachen
aus  ihm  einen  Märtyrer  für  die  Arbeitersache,  einen  unfehlbaren ­
  Papst,  einen  Götzen,  durch  defien  Kultus  die  Massen
für  den  Socialismus  gewonnen  und  fanatisirt  werden  sollen.
        <pb n="248" />
        16*

233

Beilage.

Vrrjridmilj  ber  dcutschrn  sociol-brmokratisdjcn  Presse.
A.  Blätter  des  „Allg.  deutsch.  Arb.-Vercins."
1.  „Steuer  Toeial-Demokrat."  Berlin.  Erscheint  3mal
wöchentlich.  Gegründet  1871.  Politisches  Hauptblatt  der
Lassalleaner.
2.  „Şocial-politische  Blätter."  Berlin.  Ersch.  Imal
w.  Gegr.  1873.  Ein  Unterhaltungsblatt,  nenestens  wenig
illustrirt.
3.  („vassallesche  Wcftentaschenzeitunq."  Berlin.  Ersch.
Imal  w.  Gegr.  1874.  Hört  seit  Mitte  Febr.  1875  ans  zu
erscheinen  )
4.  Der  „Agitator."  Berlin.  Gegr.  4.  Marz  1875.  Privat-Unternehmen
  deS  Parteigenossen  H.  EckS.
H-  Blätter  der  „social  -  demokratischen  Arbeiterpartei."
5.  „Der  Volksstaat."  Leipzig.  Ersch  3mal  w.  Gegr.
1869.  Politisches  Hauptblatt  der  „Eisenacher."
6.  „Nürnberg-Further  Tocial-Demokrat  "  Ersch.
3mal  w.
7.  „(şhemnitzerFreie  Presse."  Ersch  6mal  w.  Gegr.  1870.
8.  „Dresdener  Volksbote."  Ersch  3mal  w.  Gegr  1870.
9.  „brimmitzfchauer  Burger-  und  Dauernzeitnng."
Ersch.  6mal  w.  Gegr.  1870.
10.  „Braunschweiger  VolkSfreund."  Trsch.  6mal  w.
Gegr.  1870.
11.  „Der  Zeitgeist."  München.  Ersch.  6mal  w.  Gegr.  1873.
12  („Neue  Mainzer  Zeitung"  (früher  „Süddeutsche
Bolkrstimme.")  Ersch.  6mal  w.  Gegr  1873.  Seit  3.
März  1875  eingegangen.)
        <pb n="249" />
        234

Beilage

C.  Blätter  vermittelnder  Stellung
zwischen  den  beiden  socialistischen  Fraktionen.
13.  „Social-Demokrat."  Hamburg.  Erscheint  Imal  w.
Gegr.  1874.
14.  „Lübecker  Volksfreund."  Ersch.  2mal  w.  Gegr.  1874.
15.  „Süddeutsche  Volks-Zeitung."  Stuttgart.  Ersch
2mal  w.  Gegr.  16.  Nov.  1873.
D.  Socialistische  Witzblätter.
16.  „Leuchtkugeln."  Wochenbeilage  zum  „Braunschwciger
Volksfreund."
17.  „Chemnitzer  Raketen."  Wochenbeilage  zur  „Chemnitzer ­
  Freien  Presse."
E.  Social-demokratische  Gewerkschaftsblätter.
18.  „Der  Correspondent."  Leipzig.  Erscheint  3mal  w.
Gcgr.  1863  Organ  der  Buchdrucker  und  Schriftgießer.
19.  „Der  Botschafter."  Organ  für  die  Mitglieder  der
Deutschen  Tabakarbeiter  Vereins.  Leipzig.  Ersch.  Imal  w.
Gegr.  1865.
20.  „Die  Union."  Wochenblatt  der  Union  der  Holzarbeiter,
von  t  Aork  in  Hamburg  gcgr.
21.  „Allgemeine  Buchbinderzeitnng."  Leipzig.  Ersch.
1  mat  w.
22.  „Der  Bote."  Organ  der  Spengler.  München.
23.  ,Blatter  deutscher  Blecharbeiter."
24.  „Sennefelder  Bund."  Organd.  Lithographen.  Nürnberg.
25.  „Der  Wecker."  Organ  der  Schuhmacher.  Monatsblatt
zu  Gotha.
26.  „Der  Pionier."  Organ  der  Lassallelchen  Gewerkschaften.
Wochenblatt  zu  Berlin.
27.  „Das  Cirkular."  Periodisches  Blatt  des  Weber-  und
Manufalturarbeiterbuudes.  Crimmitzschau.
28.  Der  „Genossenschafter."  Organ  der  Goldarbeiter.
Wochenblatt  in  Pforzheim.
29.  Der  „Sprechfaal."  Organ  für  die  Porzellan-,  Glasund
  Thonwaareu-Jndustrie.
        <pb n="250" />
        Bei  I.  F.  Stcinkopf  in  Stuttgart  ist  erschienen:
Bitzer,  Fr.,  Das  System  des  natürlichen  Rechts,  gr.  8.  4  M.
ìķaspari,  Ķ.  H.,  Predigten  für  das  christliche  Volk  über  das
erste  Hanptstück  des  kleinen  Katechismus  Lutheri  (die  10  Gebote).
6.  Aufl.  geh.  90  Pf.
Erzählungen  für  das  deutsche  Volk.  Gesammt-Ausgabe.
Enthaltend:  Alle  Geschichten  aus  dem  Spessart.  Dorfsagen.
,Zu  Straschurq  aus  der  Schanz?  Der  Schulmeister  und  sein  Sohn.
Mit  Stahlstich  und  Musikbeilagen.  3.  Aust.  geh.  2  M.  70.
Culmann,  PH.  Th.,  Tie  christl.  Ethik.  (2  Theile  in  1  Band.)
2.  Anst.  gr.  8.  7  M.
iHrube,  A.  W.,  Bilder  und  Scenen  aus  dem  Natur-  nnd
Menschenleben  in  den  fünf  Haupttheilen  der  Erde.  Nach
vorzüglichen  Reisebeschreibungen  für  die  Jugend  ausgewählt.
Vier  Theile  mit  Bildern.  5.  Aufl.  I.  Asien  und  Aullralirn.
ll.  Afrika.  III.  Europa.  IV.  Amerika.  Jeder  Band  geb.
2.  M.  60.
—  —  Ratnrbilder.  Ausgewählt  ans  den  „Biographieen  aus
der  Naturkunde."
1.  Bdch.:  Geschichte  eines  Wassertropsens.  Der  Bernstein.
Die  Koralle.  Die  Fichte.  Die  Palme.  Die  Gazelle.  Der
)')ak.
2.  Bdch:  Das  Gold.  Das  Eisen.  Die  Steinkohle.  Der
Diamant.  Die  Perlen.  Die  Cochenille.  Die  Seidenraupe.
3.  Bdch.:  Das  Leben  des  LichtS.  Das  Silber.  Das  Kupfer
und  Zinn.  DaS  Roggenkorn.  Der  Weinstock.  Die  Honigbiene. ­

Jedes  Bändchen  elegant  kartonnirt  mit  Titelbild  von  Ir.
Specht  und  andern  Künstlern  à  75  Pf.
—  Biographieen  ans  der  Naturkunde  in  ästhetischer  Form
nnd  religiösem  Sinne.  Erllr  Reihe.  (19  Naturbilder.)  6.  Anst.
geh.  2  M.  70.
Zweite  Reihe.  (28Naturbilder.)  4.  Aufl.  geh.  2  M.  70.
—  Dritte  Reihe.  (27  Naturbilder.)  3.  Aufl.  Mit
vier  Lithographieen.  3  M.
—  Vierte  Reihe  (16  Naturbilder.)  Mit  4  Litho»
graphieen.  3  M.  60.
        <pb n="251" />
        236

Hoffmann,  Chr.,  Fortschritt  und  Rückschritt  in  den  zwei
letzten  Jahrhunderten  geschichtlich  nachgewiesen,  oder  Geschich  te
des  Abfalls.  Band  I.  3  M.
Band  II.  3.  M.  60.
—  —  —  —  Band  III.  (Schluß.)  5  M.  40.
Kapff,  Dr.  Ş.  C.,  Warnung  eines  Jugendfreundes  vor  dem
gefährlichsten  Jngcndscind,  oder  Belehrung  über  geheime
Sünden,  ihre  Folgen,  Heilung  und  Verhütung,  durch  Beispiele
aus  dem  Leben  erläutert  und  der  Jugend  und  ihren  Erziehern
au's  Herz  gelegt.  12.  Ausi.  geh.  40  Pf.
Dr.  Martin  Luther'ö  Hochzcitgcschenk,  oder  Handbüchlein
zur  Führung  eines  gottgefälligen  und  gesegneten  Haus-  und
Ehestandes.  Aus  Luthers  Schriften  zusammengestellt  v.  Eh
Ph.  H.  Brandt.  Neu  herausgegeben  von  Ad.  Stähl  in.
Mit  Stahlstich.  3.  Aust.  2  M.  40.  Gebd.  mit  Goldschu.  3  M
Meyer,  Dr.  F.  I.  v.,  Blätter  für  höhere  Wahrheit.  Auswähl
  in  2  Bänden,  geh.  8  M.  25.
Roth,  Dr.  K.  L.,  Ghmuasial-Pädagogik.  Zweite  v.  f  Ber.
falser  verm.  Aust.  5  M.  GO
Stöber,  K,  Kalcndrrgrschichtcn  für  alles  Boll  und  alle  Zeit
erzählt.  Ein  lehrreich  unterhaltendes  Textbüchlein  zu  sedem
Malender.  Mit  Holzschnitten.  8.  kart.  80  Pf.
Bolter,  Ludio  ,  Geschichte  und  Statistik  der  Rettungsanstaltcn
  für  arme  verwahrloste  Kinder  in  Württemberg.
SlKit  Erörterungen  und  Vorschlägen.  Ein  Beitrag  zur  Lösung
der  Frage  des  Pauperismus.  8.  3  M.
Das  heilige  Land  und  das  Land  der  israelitischen
Wanderung.  Für  Bibelfreunde  geschildert.  Mit  einer  Charte
von  Palästina,  nebst  mehreren  Cartons.  2.  verm.  Aust.  geh.
3  M.  60.
Dr.  05.  H  Zeller'S  Monatsbilder  der  Naturreiche  Für
Freunde  christlicher  Naturanschauung  gesammelt  und  geordnet
von  K.  Kübler.  Zwei  Bände.  5  M.  40.
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Bei  I.  F.  Steinkopf  in  Stuttgart  ist  erschienen  und
durch  alle  Buchhandlungen  zu  beziehen:
Aus  dem  Leben  eines  Unbekannten.  Mit  Borwort  von
Dr  Fr.  Fabri.  «.  Umwege  und  doch  gerader
Äkß.  #.  2  SK-  25.  IL  De«  %mtcß  SBüttc
und  Bürde.  geh.  1  M.  60.  '
Biel  erfinderischer  al»  die  Dichtung  erweist  srch  da»  bebe».
Den  gehaltvollsten  Biographie«,  reiht  sich  diese  spannende  und
wahre  Jngendgeschichte  eures  rheinischen  Geistlichen  an.  der  ans
der,  traurigen  LebenSverhältniffen  eines  verwahrlosten  Kindes  heraus
Gerbergeselle,  darnach  Schüler,  Student  und  Geistlicher  geworden.
Der  welsche  Nachbar.  Lebensbilder  ans  dem  großen
Kriege  1870-71.  Nach  wahrheitsgetreuen  Dokumenten ­
  geschildert  von  A.  W.  Grube.  8.  geh.
^  --à  Seite  des  hübschen  Buches  sessell  unwillkürlich  Ang  und
Sinn.  Solche  Federzeichnungen,  man  möchte  sagen,  Photograph,een
„ttb  sind  für  Alt  und  Jung  ein  Denkstem.

Wahrheit  oder  Täuschung?  Drei  populäre  apologetische
Vorträge  über  die  Auferstehung  Jesu  mit  Beziehung
ans  Renan,  Strauß  u.  A.  von  Adolf  Iauß,  cmà.
theol.  Taschenformat.  75  Pf.
Warm  und  lebensfrisch  zeigt  der  Verfasser,  was  L  -
lin t  die  Bebauplungen  der  modernen  Weltanschauung  w.ssen  und
und  -  er  erweist  mit  den  Gründen  des  gesunden  Menschenverstandes,'
  wie  die  falsche  Wissenschaft,  welche  das  Wunder  und  den
«¡.i.»  lind  werden  es  ferner  thnn.
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