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        <title>Die Theerfarben-Fabriken der Herren Meister, Lucius &amp; Brüning zu Höchst a. Main, in sanitärer und socialer Beziehung</title>
        <author>
          <persName>Grandhomme</persName>
        </author>
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            <idno>829067299</idno>
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Bibliothek

des  Instituts  für  Weltwirtschaft

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  Universität  Kiel

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Die  Thcerfurbeii-Kubríkeii  ,
der
Herren  Meister,  Lucius  &amp;amp;  Brüning
ZU  Höchst  a.  Main'

in  sanitärer  und  socialer  Beziehung.

Von

Dr.^ürand  homme,
Arit  und  KreiRwundarit  lu  Hofhpim  m.  Taunu*.

Separal  AWrnck  aia  Ealeokere'i  Vierteljahríwhriít  í.  içerichtl.  Medid:  :  (ITeitl.  Saiil

Berlin,  1880.
Gedruckt  bei  L.  Sciiumacher.

tgweteo.  N.  f.  Hlil.

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V

Vor  w  or  t.

Die  Darstellung  von  Farben  aus  Bestandtheilen  des  Steinkohlentheers  hat  in
den  letzten  Jahren  eine  Ausdehnung  und  Bedeutung  gewonnen,  wie  kein  zweites
Gebiet  unserer  Industrie.  Stoffe,  welche  noch  vor  wenigen  Jahren  kaum  der
Beachtung  werth  gehalten  wurden,  dienen  jetzt  als  Basis  einer  Fabrikation,
welche  Tausende  von  Arbeitern  beschäftigt  und  für  Millionen  Mark  I’roducte  in
den  Handel  bringt.
Diese  Thatsache  an  und  für  sich^  besonders  aber  die  Neuheit  dieser  ganzen
Industrie  und  die  geringen  Erfahrungen,  welche  auf  dein  Gebiete  der  öffentlichen
Gesundheitspflege  sowohl  über  einen  grossen  Theil  der  Rohmaterialien,  als  auch
der  fertigen  Producte  gesammelt  werden  konnten,  rechtfertigen  hinreichend,  diesem ­
  Zweige  der  Industrie  unsere  Aufmerksamkeit  zu  sclienken.  und  als  Beitrag
zu  diesem  Zwecke  möge  nachstehende  Arbeit,  welche  die  Theerfarben-Fabriken
der  Herren  Meister,  Lucius  &amp;amp;  Brüning  zu  Höchst  a.  Main  zum  Gegenstände
hat,  betrachtet  werden.
Solche  Arbeiten  von  Aerzten  über  Fabriken  haben  jedoch  nur  einen  geringen
Werth,  wenn  sie  sich  auf  die  Aufzählung  und  Zusammenstellung  der  bei  den  betreffenden ­
  Arbeitern  beobachteten  Krankheiten  beschränken;  der  Hauptwerth  solcher ­
  Arbeiten  liegt  neben  der  sanitären  Würdigung  der  verwendeten  Rohstoffe  und
dem  Verfolg  aller  mit  diesen  bis  zur  Fertigstellung  der  angestrebten  Fabrikate
vorgenommenen  Proceduren  —  im  engeren  Sinne:  in  einer  Besprechung  der  zur
^  erhütung  von  Krankheiten  in  und  ausser  den  Fabriken  getroffenen  prophylaktischen ­
  Massregeln,  im  weiteren  Sinne  :  in  der  ärztlichen  Begutachtung  aller  Einrichtungen, ­
  welche  als  ihr  Endziel  das  körperliche  Wohlbefinden  der  Arbeiter
an  streben.
Nach  meiner  Auffassung  gehören  somit  vor  das  Forum  des  Arztes  nicht
allein  die  sanitären,  sondern  auch  ein  grosser  Theil  der  socialen  Verhältnisse  der
Arbeiter,  und  ich  betrachte  die  Zusammenstellung  der  Erkrankungen  auf  den
Fabriken  nicht  als  das  Ziel  meiner  Arbeit,  sondern  als  die  Probe  auf  das  Rechen-Exempel,
  in  welchem  Masse  die  von  Seilen  der  Fabrikbesitzer  zum  Wolde  ihrer
Arbeiter  getroffenen  Einrichtungen  ihrem  Zwecke  entsprechen.
Die  Grenzen  meiner  Arbeit  stecke  ich  dem  entsprechend  ziemlich  weit;
allein  nur  auf  diesem  Wege  löst  der  Arzt  seine  höhere  Aufgabe,  die  mehr  in  dem
Schutze  vor  Krankheiten,  als  in  dem  Curiren  der  ausgebrochenen  bestehen  muss.
Theilen  wir  uns  nun  meine  Arbeit  nach  diesen  Grundsätzen  ein,  so  müssen
wir  —  nach  einem  kurzen  Ueberblick  über  die  Entstehung  und  die  Ausdehnung
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        4

clor  bctrcíTenden  Fabriken  und  die  Ziele  der  Fabrikation  —  uns  zuerst  mit  der
Fra);e,  wo  gearbeitet  wird,  beschäftigen.  Hierbei  kommt  die  Bauart  der  Fabrikräume, ­
  deren  Ventilation  und  Beleuchtung  in  Betracht.  Dann  werden  wir  uns
mit  den  Rohmaterialien,  welche  zur  Verwendung  kommen,  beschäftigen.  Diese
sowohl,  wie  die  Zwischenglieder  zwischen  ihnen  und  den  Endproducten  der
Fabrikation,  sowie  die  Abfallstoffe  haben  wir  während  des  Ganges  der  Fabrikation ­
  in  den  einzelnen  Räumen  zu  verfolgen  und  sie  in  physiologischer  und  klinischer ­
  Richtung  zu  prüfen,  um  ihren  Einfluss  auf  die  Gesundheit  der  Arbeiter  und
der  Umgebung  bemessen  zu  können.
Hieran  schliessen  sich  die  Einrichtungen,  welche  zu  Gunsten  der  Arbeiter,
sowohl  der  gesunden,  wie  der  erkrankten  und  invaliden,  getroffen  wurden.  îsach
einem  Ueberblick  über  die  Bewegung  und  die  socialen  Verhältnisse  der  Arbeiter
im  Allgemeinen  gehört  hierher  der  Modus  der  Aufnahme  neuer  Arbeiter,  die
Fabrik-Ordnung  u.  s.  w.  Bezüglich  der  gesunden  Arbeiter  müssen  wir  die  Arbeitszeit ­
  und  den  Arbeitslohn,  die  Wohnung  und  Verköstigung  derselben  betrachten. ­
  Bei  den  erkrankten  Arbeitern  kommt  die  Unterstützungs-Kasse,  der
Wirkungskreis  der  Fabrik-Aerzte.  die  Führung  der  Kr.anken-.Journale,  die  Beachtung ­
  der  Fabrik-Krankheiten  in  Betracht.  Zum  Schlüsse  dieses  Kapitels  müssen
die  zu  Gunsten  der  invalid  gewordenen  Arbeiter  getroffenen  Einrichtungen  eine
Stelle  finden.
Nunmehr  kommt  als  Abschluss  des  Ganzen  eine  Zusammenstellung  und  Bes])rechung
  der  in  den  letzten  5  Jahren  in  den  verschiedenen  Räumen  der  Fabriken
beobachteten  Erkrankungen  und  im  Anschluss  hieran  die  von  mir  benutzte  Theerfarben-Literatur.

Selbstverständlich  ist,  dass  bei  einer  solchen  Arbeit  wissenschaftlich  viel
Neues  nicht  geboten  werden  kann.  Die  Resultate  der  Erforschungen  auf  dem
Gebiete  der  Physiologie,  der  Toxikologie  u.  s.  w.  werden  hier  in  Connex  mit  dem
beben  gebracht  und  hierdurch  eine  gegenseitige  Controle  zwischen  theoretischem
Studium  und  den  praktischen  Erfahrungen  geübt,  welche  sowohl  der  Wissenschaft, ­
  als  insbesondere  den  Bestrebungen  für  das  Wohl  der  arbeitenden  Klasse
zu  Gute  kommt.
Ebenso  selbstverständlich  ist  es.  dass  nicht  alle  Stoffe,  welche  auf  den  betreffenden ­
  Fabriken  zur  Verwendung  kommen,  sondern  nur  diejenigen,  welche
das  Wesen  der  Fabrikation  ausmachen,  des  Näheren  besprochen  werden.
Auch  beschränkten  sich  die  von  mir  angestellten  Thierversuche  auf  solche
Stoffe,  über  welche  entweder  noch  keine  oder  solche  mit  streitigen  Resultaten
Vorlagen.  Dass  dieselben  zur  Entscheidung  der  Frage,  ob  und  wie  weit  mehrere
derselben  als  Gifte  zu  betrachten  sind,  nicht  ausreichen,  ist  klar;  fielen  dieselben
nicht  vielseitiger  und  ausreichender  aus,  so  muss  dies  meine  Stellung  als  praktischer ­
  Arzt  auf  dem  Lande,  dem  nur  wenig  Musse  zu  solchen,  wenn  sie  gewissenhaft ­
  angestellt  werden,  zeitraubenden  Arbeiten  bleibt,  entschuldigen.
Dass  ich  die  ganze  Arbeit  nur  im  Einverständniss  mit  den  Besitzern  der
Fabriken  schreiben  konnte,  ist  selbstverständlich.  Dieselben  erstrebten  von  Beginn
der  Fabrikation  an  eine  möglichst  genaue  Beobachtung  und  Verfolgung  aller
Erkrankungen,  einmal,  um  die  Berechtigung  oder  Nichtberechtigung  der  vielfach
gegen  die  Reschäftigung  in  solchen  Fabriken  herrschenden  Vorurtheile  zu  prüfen,
und  dann,  um  die  wirklichen  sanitären  Verhältnisse  ihrer  Arbeiter  genau  kennen
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        zu  lernen,  und  letztere  {fegen  nachtheilige  Kiinvirkungen  auf  ihre  Gesundheit
zu  schützen.
Ein  solches  für  alle  Fabriken  anerkennenswerlhes  Bestreben  der  Fabrikbesitzer ­
  ist  für  chemische  Fabriken  geradezu  eine  l’Hicht  und  Noihwendigkeit,
weil  in  diesen  die  Arbeiter  mit  ihnen  vollständig  unbekannten  Materialien  arbeiten ­
  und  somit  bei  ihrer  ünkenntniss  von  dem  Einfluss  derselben  auf  ihre  Gesundheit ­
  selbst  sich  nicht  schützen  können.

A.  Einleitung.
Im  Jahre  1862  wurde  in  bescheidenen  Verhältnissen  eine  Fabrik
zur  Herstellung  von  Anilinfarben  in  der  unmittelbaren  Nähe  von
Höchst  erbaut,  welche  rasch  an  Ausdehnung  gewann.  Bei  dem  zu
Ende  der  60er  Jahre  immer  lebhafteren  Aufblühen  dieser  Industrie,
die  als  Ausgangspunkt  für  die  verschiedenen  Farbstoffe  stets  das  vermittels ­
  Arsensäure  erzeugte  Fuchsin  benutzte,  führte  das  Bestreben,
die  giftige  Arsensäure  zu  umgehen  und  auf  eine  gefahrlose  Weise
durch  Itinwirkung  von  Nitrobenzol  auf  Anilin  Fuchsin  darzustellen,  zu
dem  Projecte,  das  Anilinöl  selbst  zu  machen,  und  so  wurde  1860
ca.  800  Meter  westlich  von  Höchst  und  600  Meter  von  der  bestehenden
habrik  eine  Anilinöl-Fabrik  erbaut,  mit  der  1870  eine  Anlage  verbunden ­
  wurde,  welche  der  Erzeugung  des  Fuchsins  ohne  Arsensäure
dienen  sollte  und  seit  Ende  1872  auch  in  jeder  Hinsicht  gedient  hat.
Seit  dieser  Zeit  wurde  überhaupt  gar  keine  Arsensäure  mehr  verwendet.
Im  Jahre  1869  wurde  die  Entdeckung  von  Graebe  und  Liebermann ­
  zur  Herstellung  des  Alizarins  aus  Anthracen  industriell
ausgeführt,  im  Jahre  1870  eine  Fabrik  zur  umfangreichen  Herstellung
dieses  wichtigsten  Farbstoffs  nordwestlich  von  der  Anilinöl-Fabrik  errichtet ­
  und  in  den  Jahren  1872—1879  bedeutend  erweitert.
Die  maschinellen  Bedürfnisse  des  nun  schon  sehr  umfangreich
gewordenen  Unternehmens  führten  1871  zur  Erbauung  einer  sehr  vollständig ­
  eingerichteten  mechanischen  Werkstätte.
Nachdem  in  den  neuen  Anlagen  der  Schwerpunkt  des  Geschäfts
sich  immer  mehr  concentrirt  hatte,  beschloss  man  1872,  sich  in  unmittelbarer ­
  Verbindung  mit  der  Anilinöl-  und  Fuchsin-Fabrik  für
Anilinfarben  einzurichten  und  die  alte  Fabrik  abzubrechen.  Im  Sommer ­
  1874  ward  die  Uebersiedlung  in  die  neuen  Werkstätten  vollendet,
und  auch  das  Comptoir  hatte  seinen  Platz  zwischen  der  Anilin-  und
Alizarin-Fabrik  gefunden.
Im  Jahre  1874  wurde  eine  allen  Fabriken  dienende  Wasser-
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        6

station  ill  (1er  Nähe  des  Alains  erbaut,  welche  ein  Röhrennetz  von
ca.  8000  Meter  Länge,  armirt  mit  90  Feuerkrahnen,  durch  alle  Höfe
der  Fabrik  speist.
Tin  Jahre  1875  traten  die  Resorcin-Farben  (das  Eosin  und  die
ihm  verwandten  Körper)  in  den  Kreis  der  Erzeugnisse  der  Fabrik.
Im  gleichen  Jahre  wurde  auf  einem  nordöstlich  von  den  Fabriken,
zwischen  der  Eisenbahn  und  dem  Zeilsheimer  Weg  gelegenen  Terrain
von  ca.  4  Hektaren  die  Erbauung  von  Arbeiterwohnungen  —  vorerst
für  40  Familien  —  begonnen,  und  sind  ungefähr  100  Familienwohnungen ­
  mit  Garten  für  dieses  Terrain  in  Aussicht  genommen.  Die  Schwierigkeit, ­
  für  die  zahlreichen  Beamten  in  Höchst  Wohnungen  zu  finden,
veranlasste  1876,  4  Familienwohnungen  für  Beamte  auf  der  nordwestlichen ­
  Seite  von  Höchst  zu  errichten,  denen  noch  2  weitere  1879
gefolgt  sind.
Die  Entdeckung  der  Naphtolfarben  im  Winter  1877/78  gab  zu
einer  weiteren,  sehr  erheblichen  Ausdehnung  des  Etablissements  in
den  Jahren  1878  und  1879  Anlass,  ln  diese  Jahre  lallt  auch  die
Verbindung  der  Alizarin-Fabrik  mit  den  Geleisen  der  hess.  Ludwigsbahn ­
  durch  einen  Schienenstrang  und  der  Anschluss  der  Anilin-  und
Farben-Fabrik  hieran  durch  eine  mit  Pferden  betriebene,  schmalspurige ­
  Rollbahn.
Dies  in  kürzesten  Worten  die  geschäftliche  Entwickelung  des
Unternehmens,  welches  gegenwärtig  eine  Grundfläche  von  86  Hektaren,
davon  ca.  32000  Qu.-Meter  unter  Dach  befindliche  Fläche  besitzt,
über  1000  Arbeiter,  ausserdem  40  Aufseher  und  technische  Beamte,
25  Chemiker,  1  Ingenieur  und  ein  Comptoir-Personal  von  30  Personen ­
  beschäftigt  und  den  Dampf  von  28  grossen  Dampfkesseln  in
seinen  Fabrikräumen  consumirt.

Nach  diesem  kurzen  historischen  üeberblick  der  Entstehung  der
Fabriken  wird  ein  schematischer  Verfolg  der  verschiedenen  Fabrikationen ­
  uns  die  Rohmaterialien,  die  Zwischeiiproducte  der  Fabrikation
und  die  fertigen  Waaren  kennen  lehren.  Wir  beginnen  1)  mit  der
A  nil  in  brauche,  gehen  2)  auf  das  Resorcin  und  seine  Farbstolfo
über,  behandeln  dann  3)  die  Naphtolfarben  und  schliessen  4)  mit
dem  Alizarin.
Die  meist  von  England  bezogenen  Benzole  werden  soi^fältig  durch  Destillation ­
  getrennt  und  dann  durch  ein  Gemisch  von  Salpetersäure  und  Schwefelsäure ­
  in  Nitrokörper  verwandelt;  diese  werden  der  grössten  Menge  nach  durch
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        7

Reduction  mit  Eisen  und  Salzsäure  in  die  Amidoverbindung  —  Anilin  und
Toluidin  —  übergeführt,  in  kleiner  Menge  direct  zur  Fuchsinschmelze  verwandt.
Die  hierbei  auftretenden  Abwässer  sind  Kühlwässer,  die  zum  Theil  direct  abfliessen,
  zum  Theil  das  Badehaus  speisen.
Die  Fuchsin-Fabrikation  basirt  auf  der  Erhitzung  von  Anilin  und
Nitrobenzol  bei  Gegenwart  von  Eisen  und  Salzsäure.  Die  erhaltene  Fuchsinschmelze ­
  wird  mit  Wasser  ausgekocht;  aus  der  Lösung  krystallisirt  das  Fuchsin
in  den  bekannten  Krystallen.  Der  Mutterlauge  werden  noch  gelbe  und  braune
Farbstoffe  (Cerise,  Grenadin,  Marron)  entzogen,  ehe  sie  als  kaum  gefärbte,
kochsalzhaltige  Flüssigkeit  abläuft.  ,
Das  Fuchsin  mit  Anilinöl  erhitzt  liefert  die  spritlöslichen  Anilinblaus,
welche  in  Sulfosäuren  übergeführt  die  wasserlösliche  Form  annehmen.
Anilin  mit  Holzgeist  erhitzt  geht  in  Methylanilin  über,  welch  letzteres
durch  Oxydation  mit  chlorsaurem  Kali  und  Kupfervitriol  das  Methylviolett  bildet,
aus  welchem  durch  Anlagerung  von  Chlorihethyl  das  Methylgrün  abgeleitet  wird.
Das  Resorcin  entsteht  aus  dem  disulfobenzolsauren  Natron  durch  Schmelzen ­
  mit  Natron  und  erzeugt,  mit  Phtalsäure  verbunden,  das  Fluorescein,  welches ­
  durch  Aufnahme  von  Brom  in  Eos  in  übergeht.
Das  Naphtol  (entstanden  durch  Schmelzen  der  Naphtalinsulfosäure  mit
Aetznatron)  verbindet  sich,  in  seine  Sulfosäure  übergeführt,  mit  den  Diazo-Yerbindungen
  der  Benzole,  des  Naphtalins  und  der  Phenoläther  zu  gelben,  rothen  und
braunen  Farbstoffen,  welche  sich  durch  grosse  Aechtheit  auszeichnen.  Obwohl
erst  seit  1878  technisch  dargestellt,  haben  sie  schon  eine  weitgehende  Verwendung ­
  gefunden.
Die  Alizarin-Fabrikation  beschäftigt  sich  mit  der  Reinigung  des  Anthracens
  durch  Umkrystallisiren  aus  Naphta  und  verwandelt  das  Anthracen  durch
Oxydation  mit  saurem  chromsaurem  Kali  und  Schwefelsäure  in  Anthrachinon.
Die  hierbei  erhaltene  Chromoxydlösung  wird  mit  überschüssigem  Kalk  gefällt;
die  abfiltrirte  Mischung  von  Chromoxyd  und  Kalk  oxydirt  sich  im  Flammofen  erhitzt ­
  zu  chromsaurem  Kalk,  dessen  Chromsäure  wieder  in  der  Oxydation  verwendet ­
  wird.  Die  Abwässer  aus  der  Chromsäureregeneration  enthalten  das  Kali
des  verwendeten  sauren  cliromsauren  Kalis  als  schwefelsaures  Salz.  Aus  dem
Anthrachinon  erzeugt  man  die  Sulfosäuren,  welche  durch  Schmelzen  mit  Natron
in  Alizarin  übergehen.  Das  Alizarin  wird  aus  der  in  Wasser  gelösten  Natronschmelze ­
  durch  Schwefelsäure  oder  Salzsäure  gefällt,  abfiltrirt  und  als  Teig  von
10—20  pCt.  Gehalt  an  Farbstoff  in  den  Handel  gebracht.

Was  den  Export  und  Lnport  des  Geschäfts  anbelangt,  so  giebt  uns  hierüber
der  Jahresbericht  der  Handelskammer  zu  Wiesbaden  pro  1878  Aufschluss.  Nach
diesem  l&amp;gt;etriig  der  Consuni  pro  1878  an

Kohlen  .  .  .
Anthracen  .  .
Naphta  (
Benzol  /  ’  '
Chrom-Kali  .  .
Caustischor  Soda

17,000,000  kg
825,000  -
950,000  -
280,000  -
1,245  000  -

Schwefelsäure  .  .  2,250.000  kg
Salzsäure  .  .  .  4,050,000  -
Salpetersäure  .  .  825,000  -
Spiritus  ....  91,500  -
DiverseChemikalien  3,560,000  -
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        8

An  fertigen  Producten  wurden  erzeugt:
Alizarin  ....  2,000.000  kg  Anilinfarben  .  .  300,000  kg
Anilinöl  ....  640,000  -
Von  den  Anilinfarben  wurden  70—80  pCt.  exportirt,  20—30  pCt.  im
Inlande  verkauft.  Von  Alizarin  wurden  80—90  pCt.  hauptsächlich  nach  England
exportirt;  nicht  unwesentliche  Mengen  wurden  jedoch  auch  nach  Amerika,  Russland, ­
  Frankreich,  Holland,  Spanien  und  Italien  verkauft.

Was  die  Leitung  des  Geschäfts  anbelangt,  so  befindet  sich  dieselbe  in  erster
Linie  in  den  Händen  der  Besitzer.  Unter  diesen,  fungiren  für  das  kaufmännische
Bureau  ein  Bureau-Chef  und  für  die  Fabrikation  ein  technischer  Director.  An
der  Spitze  der  Alizarin-Fabrik  steht  ein  Chemiker  als  Leiter  der  ganzen  Fabrik,
während  auf  der  Anilin-Fabrik  jeder  einzelne  Chemiker  in  seiner  Branche  selbstständig ­
  arbeitet  und  direct  unter  dem  technischen  Director  ressortir!.  Die  Leitung ­
  der  mechanischen  Werkstätte  und  deren  Verbindung  mit  den  Fabriken  besorgt ­
  ein  Ingenieur.
Jede  Fabrik  hat  einen  Oberaufseher,  welcher  die  Personalien  der  Arbeiter
hat,  die  Löhne  ausbezahlt,  die  Krankenbücher  führt  u.  s.  w.
In  jedem  Raum  ist  ein  Aufseher;  unter  diesem  stehen  die  Vorarbeiter  und
die  Arbeiter.
Der  durchschnittliche  Jahresgehalt  eines  Aufsehers,  welche  monatlich  bezahlt ­
  werden,  beträgt  1200  Mark;  dieselben  sind  Mitglieder  der  Pensions-,  jedoch ­
  nicht  der  Krankenkasse.

B.  Die  Fabrikrämne.
Das  System  der  für  die  ganze  Fabrik-Anlage  am  meisten  zur  Verwendung
gekommenen  Bau-Conslruction  ist  der  sogenannte  Shedbau  oder  das  Sägedach
(siehe  Anlage  B.  1.),  welcher  erlaubt,  jede  Grundüäche  zu  überdachen  und  durch
die  Beleuchtung  von  oben  die  vollkommenste  Ausnützung  der  Räume  ermöglicht.
Die  Stockhöhe  beträgt  bis  zur  Dach-Construclion  ca.  5  Meter:,  die  nach  Bedürfniss
auf  den  Dachfirsten  angebrachten  Dachreiter  erlauben  eine  ausreichende  Ventilation. ­
  Ausserdem  durchzieht  ein  System  von  unterirdischen  Kanälen  die  Fabrik-Anlagen,
  welche  die  Feuergase  den  30—50  .M.  hohen  Kaminen  zuführen  und
alle  sich  local  entwickelnden  Gase  aufnehmen.  Reactionen,  bei  welchen  sich  belästigende ­
  Gase  entwickeln,  werden  in  geschlossenen  Gefässen  vorgenommen,  die
in  die  unterirdischen  Kanäle  ihren  Abzug  haben.
Der  Boden  sämmtlicher  Fabrikräume  ist  durch  eine  Doppellage  in
Gement  gelegter  Backsteine  gegen  das  Eindiingen  von  Flüssigkeiten  geschützt ­
  und  mit  einer  grossen  Anzahl  cementirtor  Rinnen  durchfurcht,  welche  das
Stagniron  von  Flüssigkeiten  verhindern.  Die  Seitenwäude  sind  mit  Kalk  verputzt
und  werden  in  allen  Räumen  mit  starker  Gas-  und  Staubentwicklung  zweimal
jährlich  geweisst.  Nach  einer,  gewöhnlich  nach  zwei  Richtungen  besitzen  die
Seitenwände  grosse  Thore,  welche  in  Verbindung  mit  den  Dachreitern  einen
wesentlichen  Bestandiheil  der  Ventilation  bilden.
Bei  der  Höhe  der  Räume  reicht  diese  Vorkehrung  in  den  meisten  Fällen  aus;
sind  die  sich  entwickelnden  Gase  an  und  für  sich  oder  durch  ihre  Concentration
        <pb n="11" />
        9

der  Gesundheit  der  Arbeiter  schädlich,  so  werden  dieselben  durch  Aspiration  der
hohen  Fabrikschornsleine  dadurch  abgeleitet,  dass  die  betreffenden  Apparate  entweder ­
  einzeln  oder  in  eine  gemeinsame  Kammer  eingeschlossen  durch  eine  Köhrenleitung ­
  mit  den  Schornsteinen  in  Verbindung  stehen  und  gegen  die  Fabrikräume
derart  abgeschlossen  sind,  dass  ein  Entweichen  von  Gasen  in  dieselben  nicht
möglich  ist.
Dass  der  angestrebte  Zweck  durch  diese  Einrichtungen  erreicht  wird,  beweisen ­
  die  Tabellen  über  die  Krankenbewegung,  aus  welchen  hervorgeht,  dass
Gas-  und  Staub-Inhalationskrankheiten  in  keinem  Raume  sich  bcmerklich  machten.
Die  Beleuchtung  der  Fabriken  geschieht  fast  durchweg  mittelst  Gas,  weiches ­
  früher  auf  der  Fabrik  selbst  bereitet,  in  den  letzten  Jahren  von  der  städtischen ­
  Gas-Anstalt  geliefert  wird.  Einzelne  Räume,  in  welchen  feuergefährliche
Materialien  verarbeitet  werden,  sind  durch  elektrisches  Licht  nach  Siemens  &amp;amp;
llalske  erhellt,  und  zwar  bestehen  zur  Zeit  8  Maschinen,  von  welchen  jede  eine
Lichtstärke  von  700  Normalkerzen  hat.  Oefters  werden  mehrere  Räume  durch
eine  elektrische  Lampe  erleuchtet;  sämmtliche  Lampen  sind  luftdicht  gegen  die
Räume  durch  dicke  Spiegelscheiben  abgeschlossen.  Die  Qualität  des  Lichtes  lässt
Jedenfalls  Nichts  zu  wünschen  übrig:  einer  allgemeinen  Einführung  für  Fabrikzwecke ­
  wird  sich  der  Preis  entgegenstellen,  welcher  überall  da,  wo  nicht  Dampfkräfte ­
  zum  Betriebe  der  Maschinen  billig  zur  Verfügung  stehen,  ein  verhältnissmässig
  hoher  ist.
Die  Wasserversorgung  der  Fabriken,  ist  eine  doppelte.  Zu  Fabrikzwecken ­
  besteht  in  der  Nähe  des  Mains  ein  Wasserwerk,  welches  aus  vier  Brunnen ­
  mittelst  einer  starken,  Dampfmaschine  Wasser  auf  einen  ca.  30  M.  hohen
Thurm  hebt.  Auf  diesem  Thurme  finden  sich  zwei  Bassins  von  einem  Gehalte
von  je  40000  I.  Wasser.  Von  diesen  Bassins  werdén  alle  Theile  der  Fabriken
durch  eine  Köhrenleitung  mit  Wasser  versorgt.  An  dieser  Röhrenleitung  finden
sich  zahlreiche  Hydranten  zgr  Benutzung  gegen  Brände.  Auch  befinden  sich  in
den  meisten  Fabrikräumen  grosse  Reservoirs,  welche  stets  mit  Wasser  gefüllt  sind
und  mit  zahlreichen  Pumpen  in  Verbindung  stehen.  Zur  Versorgung  der  Fabriken ­
  mit  Trinkwasser  besteht  im  Norden  derselben  nach  dem  Gebirge  zu,  ca.
500  Schritte  von  den  äussersten  Fabrikgebäuden  entfernt,  ein  Brunnen,  welcher
mittelst  einer  Dampfmaschine  das  Trinkwasser  in  ein  Reservoir  auf  der  Alizarinhabrik
  liefert,  von  wo  aus  es  durch  eine  Leitung  von  Zinnrohren  mit  Bleimantel
dem  einzelnen,  zahlreich  vertheillen  Brunnen  zugeleitet  wird.  Das  Reservoir  ist
niit  schlechten  Wärmeleitern  umgeben,  so  dass  die  Temperatur  des  Wassers  eine
möglichst  gleichmässige  ist;  das  Wasser  selbst  hat  sich  bei  wiederholten  Untersuchungen ­
  als  ein  gutes  Trinkwasser  bewährt.
Die  Feuergefährlichkeit  einzelner  Materialien  und  vieler  chemischer  Processe
bedingte  entsprechende  Vorkehrungen  durch  die  Gründung  einer  vollständig
orgjinisirten  Fabrik-Feuerwehr,  welche  die  Bedienungsmannschaften  der
Spritzen  aus  den  Arbeitern  der  mechanischen  Werkstätte,  die  Druckmannschaften
aus  den  Holärbeiiern  und  leichter  entbehrlichen  Raum-Arbeitern  entnimmt.
Bei  Ausbruch  eines  Brandes  innerhalb  der  Fabrik  darf  eine  grössere  Alarmirung
  mit  den  speciell  hierzu  dienenden  Signal-Hörnern  nur  auf  speciellen  Befehl
stattfinden;  für  gewöhnlich  gilt  §.  10.  der  später  folgenden  Fabrik-Ordnung.
Alle  Brände  werden  ihrer  Zeitdauer  und  Ausdehnung  nach  in  ein  eigens
        <pb n="12" />
        10

dazu  angelegtes  Buch  eingetragen  und  dieses  am  Schlüsse  des  Jahres  dem
Comptoir  eingereicht.
Bei  Bränden  und  Feuerwehr-Uebungen  innerhalb  der  ordnungsmässigen
Arbeitszeit  erhalten  die  Mannschaften  keine  Vergütung;  für  jede  sie  in  Anspruch
nehmende  Leistung  über  die  gewöhnliche  Arbeitszeit  erhalten  dieselben  pro  Stunde
einen  Zuschlag  von  10  pCt.  ihres  Tagelohnes.
Die  Ableitungen  der  Abwässer  aus  den  Fabrikräumen  geschehen  durch
die  oben  erwähnten  cementirten  Rinnen  ;  von  da  gelangen  dieselben  in  weite  Thonleitungen, ­
  welche  alle  in  einen  Hauptabzugskanal  führen.  Letzterer  beginnt  auf
der  Alizarin-Fabrik  mit  Röhren  aus  Thon;  auf  der  Anilin-Fabrik  besteht  derselbe
aus  einer  Sohle  von  ausgehauenem  und  getheertem  Sandstein  mit  cementirter
Wölbung  aus  Backsteinen.  Dieser  Hauptkanal  mündet  an  dem  südlichen  Ende
der  Fabriken  in  einen  grossen  Klär-Schacht,  welcher  seinen  Inhalt  durch  ein
gusseisernes  Rohr  mitten  in  den  Main  entleert.  Die  Ausmündung  dieses  Rohres
in  den  Main  kennzeichnet  sich  niemals  durch  eine  Verfärbung  des  Wassers  an
dieser  Stelle,  was  seinen  Grund  in  der  grossen  Verdünnung  der  Abwässer  hat;
durch  den  Hauptkanal  fliessen  nämlich  sämmtliche  Tagwässer  und  von  der
Wasserstation  —  excl.  des  nicht  sehr  hohen  Procentsatzes,  welcher  verdampft
wird  pro  Stunde  250,000  Liter  reines  Wasser.

C.  Die  Fabrikation.
Gehen  wir  nunmehr  zu  der  Fabrikation  über,  so  müssen  wir,  ehe
wir  die  einzelnen  Räume  mit  ihren  speciellen  Aufgaben  betrachten,
vorerst  eine  Anzahl  von  Körpern  nach  ihrer  chemisclien  Zusammensetzung ­
  und  ihrem  Einflüsse  auf  die  Gesundheit  des  Näheren  besprechen, ­
  welche  die  Grundlage  sämmtlicher  Fabrikationszweige  bilden.
Es  sind  dies  die  Benzole,  das  Naphtalin  und  das  Anthraccn.
I.  Die  Rohstoffe.
1)  Die  Benzole.
Die  Benzole,  welche  zur  Fabrikation  von  Anilinöl  Verwendung
finden,  sind  von  1—1  pGt.  im  Steinkohlentheer  enthalten  und  werden ­
  daraus  durch  fractionirte  Destillation  und  Behandlung  der  Destillate
mit  Natron  und  Schwefelsäure  gewonnen.
Die  Benzole  bilden  eine  farblose,  stark  lichtbrechende,  aromatisch  riechende
Flüssigkeit,  deren  Siedepunkte  nach  den  Qualitäten  zwischen  80  und  150*^0.
liegen,  und  bestehen  der  Hauptmasse  nach  aus  Benzol  und  Toluol,  in  zurücktretender ­
  Menge  aus  Xylol  und  höheren  Homologen  des  Benzols.
In  reinem  Zustande  siedet
das  Benzol  bei  .  .  .  81®C.,
das  Toluol  bei  .  .  .  111®C.,
das  Xylol  bei  .  .  .  13G—139®C.,
        <pb n="13" />
        11

und  auf  der  Verschiedenheit  der  Siedepunkte  beruht  die  Reindarstellung  dieser
Kohlenwasserstoffe,  welche  jedoch  bezüglich  ihrer  Wirkung  auf  den  menschlichen
Organismus  fast  identisch  sind  und  deshalb  gemeinschaftlich  betrachtet  werden
können.
Ueber  die  physiologischen  Wirkungen  derselben  liegt  eine  Reihe  von  Versuchen ­
  an  Thieren  vor,  deren  Resultat  folgendes  ist  :
Die  Dämpfe  von  Benzol  wirken  anästhesirend.  ln  erster  Linie
entstehen  Symptome  von  Aufregung:  die  Thiere  werden  unruhig,  die
Respiration  wird  beschleunigt  und  der  Puls  frequenter.  Wird  eine
grössere  Quantität  verdunstet,  z.  ß.  bei  Versuchen  mit  Katzen  und
jungen  Hunden  ‘20—‘25  g,  so  folgt  auf  die  Zeichen  der  Aufregung
sehr  rasch  Betäubung.  Eingeleitet  von  einem  Schüttelfröste  steigert
sich  rasch  die  Frequenz  der  Respiration,  der  Puls  wird  klein,  das
Athmen  oberflächlich  und  unregelmässig,  und  mit  oder  ohne  vorausgegangene ­
  klonische  Krämpfe,  tctanischem  Strecken  der  Hinterbeine,
Zittern  oder  allgemeinen  Convulsionen  fallen  die  Thiere  betäubt  nieder.
Unter  Zuführuhg  von  frischer  Luft  erholen  sich  dieselben  rasch  wieder,
taumeln  jedoch  noch  eine  Zeitlang  beim  Gehen  und  sind  schlafsüchtig.
Noch  grössere  Mengen  werden  tödtlich,  so  z.  B.  für  Katzen  die  Verdunstung ­
  von  ca.  50  g,  upd  zwar  tritt  der  Tod  unter  epileptiformen
Krämpfen  ein.
Sectionen  ergeben  Dünnflüssigkeit  des  Blutes,  Blutreichthum  der  Gefasse
der  Gehirnhäute,  seröse  Durchtränkung  der  Gehirnsubstanz,  Blutextravasate  in
den  Pleurasäcken;  Herz  und  Lungen  sind  blutleer.  (Felix.)
Untersuchungen  des  Blutes,  welche  Star  ko  w  anstellte,  ergaben,  dass  bei
directein  Contacte  sich  rasch  Hämoglobin-Krystalle  aus  scheiden  und  dass  die
Blutkörperchen  aufgelöst  werden.
Eine  ähnliche  Einwirkung  haben  Benzoldämpfe  auf  den  Menschen.
Bei  der  Einathmung  von  ca.  10  g  entsteht  durch  Reizung  der  Nervencentren
  Eingenommensein  des  Kopfes,  Schwindel,  Ohrensausen,  Brechreiz, ­
  Hustenreiz  und  Schläfrigkeit.  Der  anfangs  beschleunigte  Puls
wird  bei  fortgesetzter  Einathmung  langsam.  Grössere  Gaben  von
40—50  g  bringen  bei  längerer  Einathmung  neben  reichlicher  Schweisssecretion
  einen  höchst  unbehaglichen  Zustand  und  grosse  Hinfälligkeit
und  später  Schlaf  und  eine  der  Chloroformwirkung  ähnliche  Anästhesie
hervor,  auf  welche  nach  dem  Erwachen  noch  längere  Zeit  Uebelkeit,
Schläfrigkeit  und  allgemeines  Unbehagen  fortbesteht.
Klinische  Beobachtungen  über  die  Wirkung  der  Benzoldämpfe  liegen
wenige  vor.  Zur  Zeit,  als  noch  Handschuhe  mittels  Benzol’s  als  sog.
Fleckenwasser  gewaschen  wurden,  beobachtete  man  bei  den  Wäsche-
        <pb n="14" />
        12

rinnen  den  liysterischen  Zuckungen  und  Krämpfen  ähnliche  Zufälle,
ln  Färbereien,  in  welchen  Stoffe  durch  Benzol  entfettet  werden,  bedingen ­
  die  Benzoldämpfe  bei  den  Arbeitern  einen  Zustand  förmlicher
Trunkenheit.  Auch  lokal  wirken  dieselben  auf  Hände  und  Arme.  Diese
Theile  zittern,  die  Haut  schrumpft  zusammen  und  die  Kranken  klagen
über  ein  lästiges  Gefühl  von  Ameisenkriechen  und  Trockenheit  in  der
Haut.  Als  Grund  hierfür  führt  Perrin  die  durch  den  Contact  mit
Benzol  bedingte  Wärmeentziehung  und  Auflösung  des  die  Haut  bedeckenden ­
  Fetttalgüberzugs  an.
Innerlich  genommen  wird  Benzol  in  ziemlich  grossen  Gaben  vertragen, ­
  wie  dies  die  Versuche  von  Mosler,  welcher  8  g  pro  die  gab,
beweisen.  Auch  ist  bis  jetzt  nur  ein  Fall  von  Benzolvergiftung  in
der  Literatur  bekannt,  welcher  nach  Genuss  von  einer  grösseren
Benzolmenge  unter  den  Frscheinungen  einer  tiefen  Narkose  verlief
und  mit  Genesung  endete.  Auch  bezeugen  die  Beobachtungen  von
Hirt,  dass  ziemlich  grosse  Mengen  von  Benzoldämpfen  vertragen
werden,  indem  derselbe  bei  Arbeitern  in  Gummifabriken,  trotzdem
dieselben  sich  stets  in  einer  mit  Benzoldämpfen  sehr  stark  geschwängerten ­
  Luft  aufhielten,  weder  eine  Verminderung  an  der  Respiration,
noch  an  dem  Pulse  wahrnehmen  konnte.  Bei  Allen  war  der  Appetit
gut  und  in  keinem  Falle  wurde  irgend  eine  Störung  der  geistigen
Thätigkeit  beobachtet.
2)  Das  Xaplitallii.
Das  Naphtalin,  ein  Product  der  trocknen  Destillation  vieler  organischer ­
  Körper,  findet  sich  zu  2—4  pCt.  im  Steinkohlenfheer.  Bei
der  Destillation  des  letzteren  geht  die  Hauptmasse  des  Naphtalins
zwischen  180  und  220®C.  mit  anderen  Körpern  über.
Aus  dem  Destillate  wird  Naphtalin  durch  Krystallisirenlassen  und  Fressen
bis  zu  einem  gewissen  Grade  der  Reinheit  erhallen  und  durch  mehrmaliges  Umkrystallisiren
  aus  Naphta  oder  Alkohol  oder  durch  Sublimation  weiter  gereinigt.
Es  schmilzt  bei  70®  und  siedet  bei  218®,  sublimirt  aber  schon  bei  niederer  Temperatur. ­
  Es  bildet  wohl  ausgebildete,  glänzende,  blättrige  Krystalle,  die  nach
Styrax  riechen  und  einen  eigenthümlichen,  scharf  aromatischen  Geschmack  besitzen. ­
  In  Wasser  unlöslich,  sind  dieselben  in  Benzol.  Alkohol,  Aether  etc.  leicht
löslich.  Sie  sind  leicht  entzündbar  und  brennen  mit  rossender  Flamme.
Auch  über  Naphtalin  liegen  einige  Thierversuche  (Eulenberg)  und  einige
klinische  Beobachtungen  vor.
Die  Thierversuche  lehren,  dass  die  Naphtalindämpfe  reizend  auf  die  Schleimhaut ­
  der  Nase,  des  Mundes  und  der  Augen  wirken  ;  dass  sie  jedoch,  so  lange  sie
kalt  sind,  ziemlich  ^  lange  ohne  Nachtheil  vertragen  werden.  Die  betreffenden
Thiere  bekamen  vermehrte  Speichel-  und  Thränen  Secretion,  die  Fresslust  blieb
        <pb n="15" />
        .ie&amp;lt;locli  unveriindert,  und  die  Thiere  erholten  sich  vollständig.  Dagegen  wirkt  bei
innerlichor  Anwendung  das  Naphtalin  reizend  auf  den  Magen;  die  Thiere  bekommen ­
  Erbrechen,  so  z.  B.  eine  Taube  nach  0.5  g.  Aber  auch  hier  trat  Er-Iiolung
  ein.  ohne  dass  irgend  eine  Gesundheitsstörung  zurückblieb.
Klinische  Beobachtungen  lehren,  dass  nur  die  Einwirkung  sehr  heisser
Dämpfe  schädlich  ist.  Bei  der  Destillation  resp.  Ilectification  der  Pressrückstände
sind  die  Arbeiter  oft  Tage  lang  Dämpfen  von  ziemlich  hoher  Temperatur  ausgesetzt ­
  ohne  dass  Gesundheitsstörungen  auftreten.  Nur  einzelne  klagen  zeitweise
über  Schmerzen  und  Eingenommensein  des  Kopfes;  es  entsteht  wohl  auch  eine
Conjui.ctivitis  oder  durch  Reizung  der  Schleimhaut  des  Kehlkopfes  leichter
Husten,  allein  die  Erscheinungen  verlieren  sich  bald  wieder.
Innerlich  kann  man  Naphtalin  bis  zu  4  g  nehmen;  Dosen  von  0,02—0,2
werden  selbst  bei  längerem  Gebrauche  gut  vertragen  und  neuerdings  gegen  Gicht
und  chronischen  Katarrh  der  Luftwege  empfohlen.
Auch  äusserlich  in  Salbenform  (1  auf  20)  wird  Naphtalin  nicht  selten  gebraucht. ­
  ohne  dass  schädliche  Nebenwirkungen  beobachtet  werden.
Es  geht  hieraus  hervor,  dass  Naphtalin  im  Allgemeinen  sanitär  nicht  zu
fürchten  und  nur  in  Form  heisser  Dämpfe  zu  meiden  ist.
3)  Dam  Authraceii.
Bei  (Jer  Destillation  des  Steinkolilentlioers  geht  nach  den  Oelen,
welche  die  Hauptmasse  des  Naphtalins  enthalten,  das  sog.  Grünöl
iiher.  aus  dem  sich  beim  Erkalten  und  längeren  Stehen  Anthracen
mit  einer  Reihe  anderer  Körper  ausscheidet.
Durc;i  Abpresson  als  Rolianlhracen  gewonnen,  wird  es  für  die  Fabrikation
diucli  L'mkryslallisiren  aus  Naphta  und  Sublimation  weiter  gereinigt.  In  reinem
Zustande  krystallisirt  es  in  kleinen  monoklinen  Tafeln  mit  blauvioletterFluoresconz.
Leber  diesem  Körper  besitzen  wir  so  gut  wie  keine  physiologischen  Versuche.
Nur  Eulen  be  rg  erwähnt  denselben  und  sagt,  dass  die  unangenehm  riechenden
Dämpfe  desselben  ähnlieb  wie  die  von  Naphtalin  reizend  auf  die  Schleimhaut  der
Respirations-Organe  wirkten.
Klinische  Beobachtungen  liegen  gar  keine  vor;  es  steht  jedoch  fest,  dass
das  Rohanthracon  Kör(*er  enthält,  welche  die  Haut  reizen  und  Anlass  zu  Eczemen
geben.  Dass  dasselbe  im  Uebrigen  mit  keinen  Nachtheilen  für  die  Gesundheit
der  Arbeiter  verbunden  ist,  geht  aus  den  nachfolgenden  Tabellen  hervor,  nach
welchen  unter  484  Erkrankungen,  welche  in  den  letzten  5  Jahren  auf  der  Alizarinhabrik
  beobachtet  wurden,  nicht  eine  einzige  ist.  welche  in  Zusammenhang  mit
der  Einwirkung  von  Anthracen  steht.

11.  Die  A  nil  in-Fabrik.
\erloig(!ii  wir  nunmehr  die  weitere  Verarbeitung  dieser  Stoffe,  so
beginnen  wir  am  besten  mit  der  Anilin-Fabrik  und  halten  uns  auf
derselben  an  deren  einzelne  Räume.
        <pb n="16" />
        14

1)  Der  Nitrobenzol  -  Ilaiiin.
Die  Trennung  der  im  Handel  vorkommenden  Benzole  in  die  Kohlen  Wasserstoffe ­
  Benzol,  Toluol  und  Xylol  geschieht  in  grossen  eisernen  Apparaten  mit
kupferner  Colonne,  wie  sie  zur  Rectification  von  Spiritus  angewendet  werden.
Sämmtliche  Bewegungen  dieser  leichtflüchtigen  Körper  geschehen  unter  sorgfältigem ­
  Luftabschluss,  und  hat  das  Benzol  und  seine  Dämpfe  niemals  Anlass  zur
Erkrankung  von  Arbeitern  gegeben.
Der  grossen  Feuersgefahr  halber  ist  in  der  Benzol-Keclifikation-  und  dem
Xitro-Raum  Beleuchtung  durch  elektrische  Lampen  eingeführt.
Die  Kohlenwasserstoffe  Benzol,  Toluol  und  Xylol  werden  in  geschlossenen,
gusseisernen  Rührapparaten  durch  Einfliessen  einer  Mischung  von  concentrirter
Salpetersäure  und  Schwefelsäure  nitrirt,  die  Nitroverbindungen  werden  von  der
verdünnten  Schwefelsäure  durch  Absitzen  getrennt  und  mehrmals  mit  Wasser
gewaschen.  Die  nicht  nitrirten  Kohlenwasserstoffe  entfernt  man  durch  Abtreiben
mit  directem  Dampf.  Die  so  gereinigten  N  i  tro  prod  ucte:  Nitrobenzol.  Nitrotoluol,
oder  Nitroxylol  sind  zur  weiteren  Verarbeitung  fertig.
Es  sind  gelb  gefärbte  Flüssigkeiten  von  bittermändel  -  ähnlichem  Geruch
und  süssem  Geschmack,  schwerer  wie  Wasser  und  darin  unlöslich  und  destilliren
bei  205—24O0C.
Nitrobenzol.
Die  Aufnahme  des  Nitrobenzols  in  den  Körper  kann  sowohl  in  flüssiger^
Form  per  os,  als  in  Dampfform  durch  Resorption  vermittelst  der  Schleimhäute
stattfinden.  Ob,  wie  Olli  vier  und  Bergeron  behaupten,  flüssiges  Nitrobenzol
in’s  Blut  Übertritt,  ist  eine  Frage,  die  nach  den  neueren  Untersuchungen  verneint
werden  muss;  viel  wahrscheinlicher  ist  es,  dass  auch  vom  Magen  aus  das  Gift  in
Dampfform  seine  Wirkung  entfaltet.  Wenigstens  ist  bis  jetzt  von  Niemand
Nitrobenzol  in  den  Ausscheidungen  mit  Sicherheit  nachgewiesen  worden;  dagegen
hat  Eulenberg  die  von  Letheby  aufgestellte,  vielfach  negirte  Behauptung,
Nitrobenzol  werde  innerhalb  des  Organismus  in  Anilin  umgewandelt,  bestätigt
und  bei  einem  Thierexperimont  von  längerer  Dauer  im  Urin,  in  der  Leber  und
in  der  Lunge  Anilin  nachgewiesen.
Ueber  die  Wirkung  des  Nitrobenzols  liegen  viele  Thierversuche  und  44  klinische ­
  Beobachtungen  vor.
Charakteristisch  nach  beiden  Richtungen  ist  das  oft  sehr  späte  Auftreten
der  Intoxicationserscheinungen  :  G  —  24  Stunden  nach  der  Aufnahme  des  Giftes.
Diese  Thatsacho  steht  in  Einklang  mit  einem  Versuche  von  Bergmann,  welcher ­
  nach  Einverleibung  des  Giftes  per  os  noch  3  Tage  später  Tropfen  von
Nitrobenzol  in  dem  Magen  des  damit  vergifteten  Hundes  fand.  Eine  viel  schnellere
Wirkung  entfalten  die  Dämpfe,  sowie  bei  Einverleibung  per  os  das  Vorhandensein
oder  die  Zufuhr  von  Alkohol  in  den  Magen.
Die  Symptome,  welche  bei  den  Tliiorversuchen  auftraten,  bestanden  in
starkem  Speicheln,  Thränen  der  Augen.  Dyspnoe.  Taumel.  Schlalsucht  ohne
Anästhesie,  Zuckungen  einzelner  Muskeln,  sowmo  allgemeinen  tonischen  und  klonischen ­
  Convulsionen.  Der  Tod  trat  jedoch  auch  oft  unter  dem  Bilde  einer  allgemeinen ­
  Uaralyse  ohne  Convulsionen  auf.
Die  Section  en  ergaben  übereinstimmend  einen  sehr  starken  Geruch  aller
Organe  nach  Bittermandelöl,  welcher  immer  sehr  lange,  in  einem  Falle  (Casper)
        <pb n="17" />
        15

14  Tage,  anhielt.  Die  Leichenstarre  ist  stark,  die  Muskeln  behalten  lange  ihr
frisches  Aussehen,  das  Blut  ist  dunkel,  das  Herz  ist  blutreich,  die  Gehirnhäute,
Plexus  und  Sinus  sind  stark  mit  Blut  gefüllt;  an  den  Lungen  zeigen  sich  in
vielen  Fällen  als  Symptom  der  Suffocation  subpleurale  Ecchymosen;  in  dem
Magen  fand  man  oft  ölige  Tropfen  von  Nitrobenzol.  Anilin  wurde  nie  in  dem
Blute,  von  Bergeron  und  Ollivier  jedoch  angeblich  in  der  Leber  und  der  Milz
gefunden.  Versuche  von  Ewald  ergaben  bei  tödtlichen  Gaben  von  Nitrobenzol
2—3  pCt  Zucker  in  dem  Urin.
Bei  den  klinischen  Fällen  muss  man  schwere  und  leichte  unterscheiden;
alle  bis  jetzt  beobachteten  Fälle  verdanken  ihre  Entstehung  einer  acuten  Intoxication, ­
  ohne  dass  man  deshalb  jedoch  die  Möglichkeit  weder  einer  kumulativen
Wirkung  dieses  Giftes,  noch  die  einer  chronischen  Nitrobenzolvergiftung  von  der
Hand  weisen  darf.
In  den  leichten  Fällen  klagen  die  Kranken  über  allgemeines  Unbehagen,
Brennen  in  dem  Munde,  Prickeln  auf  der  Zunge,  Ueblichkeit  und  Schwindelgefühl. ­
  Dabei  besteht  eine  leichte  Cyanose  der  Lippen  und  des  Gesichtes.
Die  schweren  Fälle  zeigen  ausser  diesen  Symptomen  :  Depressionsersoheinungen,
  als  Coma,  Schläfrigkeit,  Angst,  perverse  Empfindungen  in
verschiedenen  Organen  als  Ameisenkriechen  unter  der  Kopfhaut,  Ohrensausen,  Kopfschmerz, ­
  Coordinationsstörungen  als  taumelnder  Gang,  lallende  Sprache,
Reflexkrämpfe  und  Convulsionen  (Trismus,  Opisthotonus,  tetanische
Krämpfe  und  allgemeine  Convulsionen);  erweiterte  Pupillen;  bisweilen  Rotationskrumpfe
  des  Augapfels  und  hierdurch  Bewegung  des  Bulbus  von  rechts  nach  links;
keuchende,  irreguläre  Respiration  ;  anfangs  vermehrte,  später  verminderte  Herzaction; ­
  livide  Färbung  der  Haut,  beginnend  im  Gesichte  und  oft  persistirend  nach
Ablauf  aller  übrigen  Symptome;  starker  specifischer  Geruch  des  Athems  und  der
erbrochenen  Massen  nach  bittern  Mandeln.  Spontanes  Erbrechen  ist  jedoch  im
Allgemeinen  selten.  Die  Temperaturangaben  sind  mangelhaft  und  nicht  übereinstimmend. ­
  A  priori  darf  man  jedoch  für  die  schweren  Fälle  eine  Erniedrigung
der  Temperatur  eher  als  eine  Erhöhung  annehmen.
Der  Verlauf  ist  verschieden.  In  einzelnen  Fällen  traten  Intermissionen
ein,  auf  welche  unter  Exacerbation  der  Erscheinungen  der  Tod  folgte;  in  vielen
Fällen  steigerten  sich  die  Intoxicationserscheinungen  bis  zu  einem  vollständig
comatösen  Zustande,  in  welchem  entweder  der  Tod  erfolgte,  oder  aus  welchem
die  Kranken  mit  einem  auffallendem  Nachlasse  aller  gefahrdrohenden  Erscheinungen ­
  erwachten.  Von  den  44  in  der  Literatur  verzeichneten  Fällen  endeten
14,  also  ca.  32  pCt.,  tödtlich.
Ml  as  den  Weg  der  Aufnahme  des  Giftes  anbelangt,  so  wurde  von  41  Fällen
dasselbe  in  einem  Falle  per  os  und  Inhalation,  in  vier  Fällen  ausschliesslich
durch  Inhalation  und  in  36  Fällen  per  os  aufgenommen.
Von  diesen  36  Fällen  ist  bei  31  die  Zeit  des  Eintritts  der  Intoxicationserscheinungen ­
  angegeben,  und  diese  traten  auf:

unmittelbar  io  2  Fällen,
nach  15  Minuten  in  1  Fall,
15—20  Minuten  in  18  Fällen,
30—60  Minuten  in  4
•  -  1—2  Stunden  in  4
        <pb n="18" />
        16

nach  3  Stunden  •  1  Fall.
5’  2  Stunden  1  -
Die  Dosis  des  eingenommenen  Giftes  ist  nur  in  wenigen  (5)  Fällen  angegeben, ­
  Dieselbe  schwankt  zwischen  einigen  Tropfen  und  einem  grossen  Branntweinglas ­
  voll;  es  lässt  sich  jedoch  weder  die  Schwere  des  einzelnen  Falles,  noch
der  Zeitpunkt  des  Auftretens  der  ersten  Vergiftungserscheinungen  mit  der  Grösse
der  eingenommenen  Dosis  in  Einklang  bringen.  Wesentlich  hierbei  ist  jedenfalls
der  wirkliche  Gehalt  der  getrunkenen  Flüssigkeiten  an  reinem  Nitrobenzol;  ohne
eine  grosse  Verschiedenheit  in  dieser  Richtung  Hessen  sich  sonst  nicht  scheinbare
Widersprüche  in  der  Literatur  erklären,  nach  welcher  z.  B.  in  dem  einen  Falle
(Bahrdt)  nach  6—7  Tropfen  der  Tod  eintrat,  während  in  einem  anderen  Falle
(Braglocher)  der  Genuss  von  400  g  bei  einem  40jährigen  Manne  mit  Genesung ­
  endete.  Bezüglich  der  Applicationswege  im  Verhältniss  zu  dem  Ausgang
scheint  ein  wesentlicher  Unterschied  zu  sein,  indem  in  den  4  Intoxicationen  per
Inhalation  eine  tödtlich  und  3  in  Genesung,  von  den  36  per  os  13  tödtlich  und
23  in  Genesung  endigten.  Es  ist  dies  insofern  wesentlich,  als  hieraus  die  geringe ­
  Gefährlichkeit  (ähnlich  wie  bei  Carbol)  der  Manipulationen  mit  Nitrobenzol
in  Fabriken,  bei  welchen  ausschliesslich  das  Verschütten  resp.  Verdunsten  des
Nitrobenzols  die  Ursache  der  Vergiftungen  abgiebt,  hervorgeht.  Auch  befinden
sich  unter  den  erwähnten  44  Fällen  von  Nitrobenzolvergiftungen  nur  4,  welche
durch  Fabrikbeschäftigung  entstanden  sind;  von  den  andern  40  waren  33  durch
Zufall,  3  durch  den  Versuch  zum  Selbstmord  und  4  aus  nicht  angegebenen  Ursachen ­
  entstanden.  Auch  steht  fest,  dass  die  Nitrobenzol-Vergiftungen  in  den
letzten  Jahren  wesentlich  geringer  wurden.  Wenigstens  war  es  nicht  möglich,
in  der  mir  zu  gängigen  Literatur  aus  den  Jahren  1877  und  1878  mehr  wie
einen  Fall  zu  den  aus  dem  Jahre  1876  stammenden  Statistiken  von  Böhm  und
Jfldell  hinzuzufügen.
In  Betreff  der  pathologischen  Anatomie  stimmen  die  Angaben  nicht  immer
überein,  und  es  ist  deshalb  um  so  schwieriger  ein  genaues  Bild  zu  geben,  als  die
Anzahl  der  Sectionen  eine  sehr  geringe  (7)  ist.  Soviel  steht  jedoch  auf  der  einen
Seite  fest,  dass  niemals  Veränderungen  in  den  Organen  des  Körpers  gefunden
werden,  welche  für  Nitrobenzol-Vergiftung  characteristisch  wären,  während  auf
der  anderen  Seite  Hyperämie  in  dem  venösen  Kreisläufe,  Ecchymosen  der  Schleimhaut ­
  des  Magens  und  der  sie  zunächst  begränzenden  Mucosa  der  Speiseröhre  und
des  Dünndarms  neben  dunkelbraunem,  schwer  gerinnbarem  Blute  und  der  Persistenz ­
  des  specifisclien  Bittermandelöls-Geruchs  sich  übereinstimmend  in  allen
Sectionsprotocollen  finden.
Was  die  Behandlung  der  Nitrobenzol-Vergiftungen  anbelangt,  so  gibt  es  kein
speciflsches  antidotorisches  Verfahren.  Entfernung  des  Kranken  aus  der  Nitrobenzolathmosphäre,
  event.  Entleerung  des  Magens  durch  Brechmittel  oder  Magenpumpe, ­
  was  bei  Vergiftungen  per  os  bei  der  langsamen  Resorbirbarkeit  des  Nitrobenzols ­
  auch  in  vorgerücktem  Stadium  noch  indicirt  ist  ;  Excitantien,  künstliche
Respiration  sind  wohl  die  wichtigsten  therapeutischen  Maassregeln.
Was  unsere  Erfahrungen  in  dem  Nitrobenzol-Raume  anbelangt,
so  sind  dieselben  äusserst  günstig.  Ein  Fall  von  Nitrobenzol-Vergiftung ­
  kam  überhaupt  nicht  vor  und  dann  nimmt  der  betreffende
        <pb n="19" />
        2

it

Raum  in  der  Reihenfolge  aller  zur  Anilinfabrik  gehörenden  Räume
unter  12  den  4.  ersten  Platz  ein.  Bei  einem  durchschnittlichen  Bestand ­
  von  8  Arbeitern  erkrankten  pro  Jahr  deren  4,  ohne  dass  Erkrankungen ­
  irgend  eines  Organes  prävalirteti.  E.  Tab.  9  u.  12.  —
Von  diesen  8  Arbeitern  waren  2  durch  9  Jahre  und  je  einer  durch
ß  resp.  8  resp.  10  Jahre  in  diesem  Raume  beschäftigt.
2)  Der  Uediictioiis-Kaiiin.
Wir  gehen  jetzt  über  zu  der  Darstellung  des  Anilins  aus  dem
hiitrobenzol.  Es  geschieht  dies  in  dem  Reductionsraume,  in  welchen
das  Nitrobenzol  durch  Luftdruck  übergeleitet  wird.
Die  Aufgabe  dieses  Raumes  ist  es,  durch  Einwirkung  von  metallischem
Eisen  und  Salzsäure  die  Nitro-Körper  in  die  betreffenden  Basen  überzuführen.
Es  geschieht  dies  in  grossen'gusseisernen  Apparaten  mit  Rührwerken,  in  welche
unter  vollständigem  Luftibschlhss  das  Nitrobenzol  einläuft,  während  Eisen  und
Säure  durch  auf  dem  Deckel  dieser  Gefässe  angebrachte  Füllöffnungen  von  Hand
eingebracht  wird.  Die  durch  die  nunmehr  statifindonde  Reaction  überdestillirenden
  Producto  passiren  den  Kühler,  um  wieder  in  die  Apparate  zurückzulaufen. ­
  Nach  beendeter  Reaction  wird  das  gebildete  Anilin  dimch  Dampf  in  Reservoire ­
  überdestillirt.  Diese  Reservoire  sind  mit  Deckel  und  Abzügen  versehen,
um  jede  Ausdünstung  von  Anilin  in  den  Raum  möglichst  zu  vermeiden.  Eine
uun  noch  folgende  Rectification  in  schmiedeeisernen  Retorten  bildet  den  Schluss
der  Darstellung  von  Anilin.
Der  in  den  Apparaten  verbleibende  Rückstand  von  Eisenoxyd,  Chlorcalcium, ­
  Wasser  und  einigen  organischen  Verbindungen  wird  mit  gespannter  Luft
in  zu  diesem  Zwecke  construirte  Sturzkarren  übergeführt,  um  auf  einem  .entfernt
liegenden  Felde  ausgeleert  zu  werden.  Hier  wird  derselbe  durch  die  Luft  getrocknet ­
  und  dann  an  Hochöfen  zur  Wiedergewinnung  des  in  ihm  enthaltenen
Eisens  verkauft.  Ein  Theil  desselben  geht  auch  an  Gasfabriken,  für  welche  das
Gemenge  ein  brauchbarer  Stoff  zum  Reinigen  des  Gases  ist.
Anilin.
Unter  Anilin  im  gewöhnlichen  Sinne  versteht  man  ein  zur  Farbenbereitung ­
  verwendbares,  in  seiner  Zusammensetzung  wechselndes  Ge-Hiisch
  von  Anilin,  Toluidin  und  wohl  auch  Xylidin.  Mit  den  Fortschritten ­
  in  der  Farbentechnik  beanspruchte  mau  die  Isolirung  und
Reindarstellung  dieser  8  Bfestahdtheile,  die  sich  sowohl  in  ihrem
chemischen,  als  auch  in  ihrem  Verhalten  bei  der  Bildung  von  Farbstoffen ­
  sehr  VN'cscutlich  von  einander  untci'scheiden.
Das  Anilin,  als  chemisches  Individuum  und  Abkömmling  des  Benzols
resp.  Nitrobenzols  betrachtet,  ist  ein  farblose«  Gel,  das  sich  aber  bald  an  Luft
und  Licht  färbt,  von  einem  spec.  Gewicht  von  1.086  bei  0®;  sein  Siedepunkt
liegt  bei  184,5  C.  Bei  —&amp;lt;-8®  krystallisirt  es,  jedoch  nur,  wenn  es  von  jeder  Ver-
        <pb n="20" />
        18

unreinigung  frei  ist.  In  Wasser  ist  es  zu  3  pCt.  löslich  und  zeigt  diese  wässerige
Lösung  mit  Chlorhalhlösung  eine  charakteristisch  purpurrothe  Färbung.  Mit  der
nöthigen  Vorsicht  ausgeführt,  lässt  sich  durch  diese  Reaction  noch  Vtoooo  Anilin
nachweisen.  Durch  Anwendung  von  Chlorkalklösung  und  1  g  Schwefelammonium ­
  wird  diese  Empfindlichkeit  noch  bedeutend  gesteigert.  Das  Anilin  ist  eine
starke  Base.  Seine  Salze  krystallisiren  leicht  und  sind  sehr  beständig.  Mit  vielen ­
  Metallsalzen  bilden  dieselben  Doppelverbindungen.
Das  aus  dem  Toluol  resp.  Ni  tro  toluol  dargestellte  Toi  ui  din  ist  eine  Flüssigkeit ­
  wie  Anilin,  hat  aber  0,998  spec.  Gewicht  bei  15®  C.  und  ist  ein  Gemenge ­
  von  3  Isomeren.
Xylidin  ist  eine  bei  216®  siedende  Flüssigkeit,  die  die  grösste  Aehnlichkeit
mit  gewöhnlichem  Anilin  und  Toluidin  hat.  Seine  Salze  sind  gut  krystallisirbar.
  —
Auch  über  das  Anilin  liegen  zahlreiche  physiologische  Versuche  und  klinische ­
  Beobachtungen  vor.
Erstere  von  Schuchardt,  Sonnenkalb,  Ollivier  und  Bergeron,
Gmelin,  Letheby,  Gerhardt  und  Turnball,  Bergmann,  Starkow,
Eulenberg,  Hirt  u.  s.  w.  angestellt,  ergaben  im  grossen  Ganzen  nach  Hirt
folgende  Resultate.  Bald  nach  Einführung  des  Giftes  durchläuft  ein  convulsivisches
  Zittern  den  ganzen  Körper  des  Thieres;  das  Athmen  wird  rascher;  die  Bewegungen ­
  werden  heftig,  unregelmässig;  das  immer  unruhiger  werdende  Thier
beginnt  zu  taumeln,  fällt  auf  die  Seite,  kann  die  hinteren  Extremitäten  nicht
mehr  bewegen,  während  es  mit  den  vorderen  noch  Versuche  zum  Aufrichten
macht;  es  treten  fibrilläre  Zuckungen  neben  Convulsionen  ganzer  Muskelgruppen
auf.  Dieser  Zustand  kann  V.¿—2  Stunden  andauern.  Die  Pupille,  vorher  verengert, ­
  erweitert  sich,  die  Cornea  wird  anästhetisch,  Athem  und  Herzschlag  werden ­
  langsamer  und  der  Tod  tritt  mit  —  bisweilen  auch  ohne  Convulsionen  ein.
Bei  Einwirkung  geringerer  Mengen  beobachtet  man  veränderte  Fresslust,
Würgen,  Erbrechen  und  vermehrte  Speichelabsonderung.
Aus  allen  Versuchen  scheint  hervorzugehen,  dass  das  Anilin  in  erster  Reihe
auf  das  Centralorgan  der  Alhmung  wirkt,  und  zwar,  anfangs  erregend,  später
lähmend  ;  in  zweiter  Reihe  scheint  gleichzeitig  eine  Einwirkung  auf  die  peripheren
Vagusendigungen  in  der  Lunge  vorhanden  zu  sein.
Die  Einwirkung  auf  die  Circulation  besteht  in  einer  sehr  kuiz  andauernden
Verlangsamung  und  hierauf  folgenden  starken  Beschleunigung  der  Herzthäligkeit,
mithin  in  einer  primären  Erregung  des  regulatorischen  Centrums  für  die  Herzbowegungen
  mit  secundärer  Lähmung  des  Herzmuskels.
Trächtige  Thiere,  welchen  verhältnissmässig  grosse  Mengen  subcutan  beigebracht ­
  wurden,  abortirten  sehr  rasch.  Im  Fruchtwasser  Hessen  sich  Spuren
von  Anilin  nachweisen,  während  solche  im  Foetus  nicht  aufzufinden  waren.
In  pathologisch-anatomischer  Beziehung  ergeben  die  Sectionon
nach  Thierversuchen,  dass  die  Todesstarre  rasch  auftritt  und  rasch  wieder  verschwindet. ­
  Das  Blut  ist  dunkel  und  dünnflüssig;  die  Gelasse  der  harten  Hirnhaut
sind  meist  stark  injicirt;  die  Hirnsubstanz  ist  normal;  die  Lungen  sind  blassroth,
blutleer;  das  Herz  ist  mit  dunklem  Blute  reichlich  gefüllt;  die  Leber  blutreich;
Magen  und  Därme  durch  Gase  aufgetrieben;  die  Blase  mehr  oder  weniger  mit  Urin
gefüllt,  in  welchem  sich  Anilin  nachweisen  lässt.  Ebenso  ergaben  Lunge  und
        <pb n="21" />
        2*

19

Leber  (Eulenberg)  in  einzelnen  Fällen  in  ihren  Destillaten  mittelst  Chlorkalk
und  Chromsäure  eine  starke  Reaction  auf  Anilin.
Bezüglich  der  Wege  der  Einverleibung  im  Verhältniss  zu  der  Gefährlichkeit
der  Wirkung  ergeben  die  Thierversuche,  dass  Einathmungen  der  Dämpfe  am
spätesten  und  relativ  geringsten  wirken,  während  die  directe  Einführung  in  das
Blut  die  schnellsten  und  schwersten  Folgen  hatte.
Bei  den  klinischen  Beobachtungen  müssen  die  acuten  Vergiftungen  von
den  chronischen  getrennt  werden.
Viele  der  bis  jetzt  in  der  Literatur  verzeichneten  Fälle  sind  mit  grosser  Vorsicht ­
  aufzunehmen,  weil  nicht  überall  die  nothwendige  Trennung  der  Wirkung
des  Anilins  von  dessen  Derivaten  im  Auge  behalten  wurde.  Dieser  Punkt  ist  um
so  wesentlicher,  als  zu  der  Darstellung  der  Anilin-Derivate  d.  h.  der  Anilinfarben,
noch  vielfach  neben  anderen  unschädlichen  Stoffen  grosse  Mengen  von  Quecksilber
und  Arsenik  verwendet  werden,  und  hierdurch  die  Möglichkeit  einer  combinirten
Wirkung  von  Anilin  mit  Quecksilber  resp.  Arsenik  gegeben  wird.
Auf  der  anderen  Seite  liegt  jedoch  auch  eine  Reihe  von  Beobachtungen  vor,
die  sich  auf  die  Einwirkung  von  reinem  Anilin  beziehen,  so  dass  das  klinische
Bild  des  Anilismus  in  deutlichen  tfmrissen  gezeichnet  werden  kann.
Was  die  Entstehung  der  Anilin  Vergiftungen  anbelangt,  so  sind
weitaus  die  meisten  Folge  der  Einathmung  von  Anilindämpfen.  Eine  Resorption
durch  die  unverletzte  äussere  Haut  ist,  wenn  auch  möglich  und  in  einzelnen
Fällen  wahrscheinlich,  bis  jetzt  nicht  erwiesen  und  die  Einführung  des  Anilins
per  OS  dürfte  sich  auf  die  wenigen  Fälle  beschränken,  in  welchen  durch  Zufall
Anilin  geschluckt  wurde  ;  denn  zur  medicamontösen  Anwendung  wird  nie  Anilin,
sondern  nur  ein  oder  das  andere  Anilin-Salz  genommen.  Die  Möglichkeit  der
Einverleibung  von  Anilin  in  den  Magen  durch  den  Genuss  von  Nahrungsmitteln,
welche  mit  Anilinfarben  gefärbt  sind,  ist  zwar  nicht  von  der  Hand  zu  weisen,
weil  es  vorkommt,  dass  einige  Anilinfarben  noch  überschüssiges  freies'  Anilin
enthalten  :  wenn  man  aber  bedenkt,  welche  geringe  Quantitäten  von  Anilinfarben
genügen,  um  den  betreffenden  Nahrungsmitteln  die  gewünschte  Farbe  zu  geben,
und  weiter  in  Anschlag  bringt,  dass  die  diesen  Farben  anhaftenden  Mengen  von
nilin  immer  höchst  minimal  sind,  und  dass  es  eben  nur  einzelne  Anilinfarben
Sind,  bei  welchen  ein  Ueberschuss  von  freiem  Anilin  möglich  ist,  so  muss  man
le  Möglichkeit  der  Entstehung  von  Anilinvergiftung  auf  diesem  Wege  theoretisch
wohl  zugeben,  in  Wirklichkeit  wird  jedoch  eine  solche  wohl  nie  verkommen.
Was  die  Ausscheidung  des  Giftes  aus  dem  Körper  an  belangt,  so  sind  hier
Resultate  der  Thierversuche  von  den  klinischen  Beobachtungen  verschieden,
ährend  bei  den  Thierversuchen  der  Nachweis  von  Anilin  in  dem  Urin  erwiesen
ist,  liegen  für  die  klinischen  Fälle  keine  Beweise  eines  Gehaltes  des  Urins  an
Anilin  vor;  in  specie  war  uns  trotz  der  sehr  scharfen,  oben  angegebenen  Reactionen
in  keinem  Falle  von  Anilismus  trotz  massenhafter  Untersuchungen  in  den  verschiedensten ­
  Stadien  des  Anfalls  der  Nachweis  von  Anilin  in  dem  Urin  möglich.
Eine  Zersetzung  des  Anilins  im  Körper  derart,  dass  das  Anilin  zu  einem
violetten  Farbstoff  oxydire,  und  so  die  cyanotische  Hautfärbung  bei  Anilismus  be-&amp;lt;linge,
  wie  es  Turn  bull  annimmt,  wird  von  Bergmann  und  zwar  mit  Recht
bestritten,  während  die  Ausscheidung  des  Giftes  durch  die  Lungen  in  dem  starken
Gerüche  des  Athems  der  Vergifteten  nach  Anilin  eine  Stütze  hat.
        <pb n="22" />
        20

Gehen  wir  zu  den  klinischen  Symptomen  der  acuten  Anilinvergiftungen
über,  so  müssen  wir  in  erster  Linie  die  lokalen  und  die  allgemeinen,  durch  das
lilut  vermiltelten  Wirkungen  unterscheiden.  Die  lokale  Wirkung  auf  den  Ort  der
Application  ist  gering  und  ist  begründet  in  der  Eigenschaft  des  Anilins,  Eiweisslösungen ­
  zum  Gerinnen  zu  bringen.  Sonnen  kalb  fand,  dass  1  g  Anilin  4  g
Eiweiss  coagulirten  und  dass  diese  Eigenschaft  weder  dem  Kitrobenzol  noch  dem
Benzol  zukomme.  Trotzdem  sind  die  localen  Erscheinungen  gering  und  wenn
auch  die  Einverleibung  grösserer  Mengen  per  os  gastroenteritische  Erscheinungen
veranlassen  kann,  so  ist  dies  doch,  wie  die  Versuche  von  Bergmann  bei  Thieren
beweisen,  höchst  selten.
Ungleich  wichtiger  sind  die  Symptome  der  allgemeinen  Wirkung  des  Anilins. ­
  Diese  bieten  eine  Kette  graduell  verschiedener  Erscheinungen  dar.  welche
zwischen  einer  in  wenigen  Stunden  vorübergehenden,  leichten  Gesundheitsstörung
und  den  schwersten,  mit  dem  Tode  endigenden  Symptomen  variiren.
ln  den  leichtesten  Fällen,  wie  man  solche  an  heissen  Tagen  in
den  Reductionsräumen  nicht  selten  zu  beobachten  bekommt,  überfällt
den  in  einer  mit  Anilindämpfen  geschwängerten  Atmosphäre  beschäftigten ­
  Arbeiter  ein  Gefühl  von  Müdigkeit  und  Schwäche;  der
Kopf  ist  eingenommen;  die  Augen  sind  matt;  der  Gang  ist  taumelnd,
unsicher;  die  Bewegungen  haben  ihre  Elasticität  verloren;  die  Sprache
ist  langsam,  schwerfällig;  der  Zustand  gleicht  dem  einci  leichten
Trunkenheit;  die  Gesichtsfarbe  ist  fahl,  blass;  der  Lippensaum  ist
bläidich;  der  Appetit  fehlt  vollständig,  ln  einzelnen  Fällen  klagen
die  Kranken  über  Flimmern  vor  den  Augen,  in  anderen  ist  der  Drang
zum  Urinlassen  vermehrt;  der  Urin  selbst  erscheint  dunkel,  ohne
jedoch  Anilin  zu  enthalten.  Symptome  einer  Reizung  der  Schleimhäute ­
  der  Athmungswerkzeuge  boten  unsere  Beobachtungen  in  keinem
Fall  und  stimmen  dieselben  somit  mit  der  Ansicht  von  Hirt  überein,
welcher  die  von  Friedrich,  Rörig  u.  A.  beobachteten  Bronchialcatarrhe
  und  deren  Folgezustände  nicht  auf  Rechnung  des  Anilins,
sondern  auf  die  anderer  Schädlichkeiten  in  spec,  von  Säuredämpfen,
wie  solche  bei  dem  Darstellen  von  Anilinfarben  verkommen,  schreibt.
ln  anderen  Fällen  ist  der  Verlauf  ein  anderer.  Die  Arbeiter
empfinden  von  ihrer  Intoxication  mit  Anilin  gar  nichts  und  nur  die
Umgebung,  in  spec,  die  Aufseher,  welche  in  dieser  Richtung  instruirt
sind,  sehen  die  Lippen  blau  werden.  Fragt  man  dann  einen  solchen
Arbeiter,  ob  er  sich  unwohl  fühle,  so  verneint  er  diese  Frage;  es
fehlen  somit  in  diesen  leichtesten  fällen  alle  subject!ven  Störungen,
und  die  Anfälle  gehen,  sowie  die  vorher  beschriebenen,  in  wenigen
Stunden  vorüber,  wenn  der  Erkrankte  die  anilinhaltige  Atmosphäre
        <pb n="23" />
        $1

rechtzeitig  verlässt.  Irgend  welche  Gesundheitsstörungen  bleiben  nie
zurück.
Günstig  auf  den  Verlauf  wirkt  der  Gebrauch  eines  salinischen
Laxans,  und  zwar  wird  in  Höchst  Bittersalz  oder  Karlsbadersalz  gegeben. ­
  Ungünstig  dagegen  und  stets  mit  entschiedener  Verschlimmerung ­
  der  bestehenden  Symptome  verbunden  ist  der  Genuss  von
Alkohol,  zu  welchem  die  Arbeiter  in  Form  eines  Schnapses  gegen
ihr  Gefühl  von  Mattigkeit  und  Schwäche  gern  ihre  Zuflucht  nehmen.
War  die  Einwirkung  der  Anilindämpfe  eine  längere,  oder  waren
die  Dämpfe  concentrirter,  wie  dies  durch  Verschütten  von  Anilin  in
spec,  bei  Durchtränkung  der  Kleider  mit  Anilin  vorkommt,  so  sind
die  Symptome  schon  schwerer.  In  diesen  Fällen  ist  der  Beginn  der
Krankheit  wie  bei  den  leichten:  Schläfrigkeit,  Schwindel,  Gefühl  von
Hinfälligkeit  u.  s.  w.  Diese  Symptome  steigern  sich  jedoch  in  mehr
oder  weniger  kurzer  Zeit.  Die  anfangs  livide  Farbe  der  Lippen  wird
dunkelblau,  selbst  schwarz.  Der  Gang  wird  so  unsicher  und  der
Schwindel  so  stark,  dass  der  Kranke  zu  Boden  stürzt;  der  Puls  ist
verlangsamt,  die  Temperatur  jedoch  wenig  alterirt;  die  Pupillen  sind
verengert;  die  Sensibilität  ist  vermindert;  die  ausgeathmete  Luft  hat
einen  deutlichen  Anilingoruch.  Kommen  die  Kranken  wieder  zu  sich,
was  sehr  oft  unter  Erbrechen  geschieht,  so  klagen  sie  über  heftigen
Kopfschmerz;  gegen  Nahrungsmittel  haben  sie  einen  förmlichen  Widerwillen. ­
  ln  einigen  Fällen  tritt  Strangurie  mit  dunklem,  dickem  Urin
auf  —  alle  diese  Fälle  gehen  jedoch  nach  wenigen  Tagen  in  Genesung
über,  wobei  es  vorkommt,  diiss  nach  Ablauf  aller  anderen  Symptome
der  vermehrte  Drang  zum  Urinlassen  noch  durch  mehrere  Tage  fortbcsteht.

ln  diesen  Fällen  sind  Reizmittel  in  Form  von  Ucl)crgieSsungen
oder  der  innerlichen  Anwendung  von  Aether,  Ti  net.  Mosch  i  etc.  indicirt.
In  noch  schwereren  Fällen,  deren  wir  noch  keinen  zu  beobachten  Gelegenheit ­
  hatten,  soll  nach  Hirt  der  Arbeiter,  nachdem  grosse  Mengen  Anilins  auf
einmal  inhalirt  resp.  verschluckt  wurden,  plötzlich  zu  Boden  stürzen;  die  Haut
ist  kalt  und  blass;  Lippen  und  Nasenschleimhaut  sind  blau;  der  Athem  riecht  stark
nach  Anilin;  der  Puls  ist  klein,  beschleunigt;  die  Itespiration  verlangsamt;  die
von  vornherein  herabgesetzte  Sensibilität  erlischt  allmälig  ganz  und  in  den
meisten  Fällen  erfolgt,  bisweilen  nachdem  Convulsionen  vorausgegangen  waren,
der  Tod  in  einem  comatösen  Zustande.
Auch  in  Bezug  auf  die  chronischen  Anilinvergiftungen  müssen  wir
uns  an  die  Schilderungen  von  Hirt  halten,  indem  wir  bis  Jetzt  eine  solche  nicht
beobachtet  haben,  lieber  dieselben  liegen  überhaupt  ausser  den  von  Hirt  in  Hyde
bei  Manchester,  wo  Anilin  im  Grossen  dargestellt  wird  und  die  Einwirkung  aller
        <pb n="24" />
        22

weiteren  Stoffe  ausgeschlossen  ist,  gemachten  Beobachtungen  nur  die  Berichte
von  Charvet  vor.  Bei  dessen  Beobachtungen  ist  jedoch  die  Möglichkeit  der  Mitwirkung ­
  von  Arsenik  nicht  ausgeschlossen  und  wir  halten  uns  deshalb  ausschliesslich ­
  an  die  Beschreibung  von  Hirt.  Nach  diesem  prävaliren  bei  dem  chronischen
Anilismus  die  nervösen  Erscheinungen;  allgemeineAbgeschlagenheit,Kopfschmerz,
Ohrensausen,  Sensibilitätsstörungen  und  oft  hochgradige  Mobilitätsstörungen  sind
die  wesentlichsten  Symptome.  In  zweiter  Linie  stehen  Störungen  der  Verdauung,
Aufstossen,  Ekelgefühl,  Erbrechen,  Diarrhöen  u.  s.  w.  und  Hauterkrankungen:
eczematöse,  pustulöse  Anschläge,  welche  an  verschiedenen  Körperstellen,  in  spec,
an  dem  Scrotum  auftreten.
Bezüglich  der  pathologischen  Anatomie  der  Anilinvergiftung  sind
unsere  Kenntnisse  sehr  dürftig;  von  der  chronischen  Form  liegen  gar  keine  und
von  der  acuten  nur  sehr  wenige  Sectionen  vor.  Aus  den  letzteren  ist  hervorzuheben: ­
  starke  Füllung  der  Gefässe  der  Dura;  die  Pia  ödematös  getrübt;  die
Ventrikel  erweitert,  mit  Serum  gefüllt;  die  Hirnsubstanz  blutreich,  in  der  Umgebung ­
  der  Ventrikel  massig  erweicht;  in  dem  Sack  der  harten  Rückenmarkshaut
vermehrtes  Serum;  die  Substanz  des  Rückenmarks  blutreich;  die  Lungen  auf  der
Schnittfläche  Zinnober-  bis  Itellkirschroth,  leicht  ödematös,  sehr  blutreich;  im
linken  Herzen  hellrothes,  dünnflüssiges  Blut;  der  Darinkanal  durch  Gase  stark
ausgedehnt;  das  Nierenparenchym  sehr  blutreich;  die  Rindensubstanz  unbedeutend ­
  getrübt.
Dass  Anilin  in  irgend  einer  Form,  wie  dies  Galezowski  in  3  Fällen  beobachtet ­
  haben  will,  schädigend  auf  die  Augen  einwirkt,  konnten  wir  nicht  beobachten ­
  ,  indem  in  keinem  der  Räume,  in  welchem  Anilin  verarbeitet  wird,  jemals
Klagen  über  Sehstörungen  etc.  zu  unserer  Kenntniss  kamen.
Was  die  Erkrankungen  in  dem  Reductionsraume  an  belangt,  so
kamen  bei  einem  durchschnittlichen  Bestände  von  13  Arbeitern  neun
also  74  pCt.  Erkrankungen  pro  Jahr  vor.  (E.  Tab.  13).  Unter  diesen
Erkrankungen  sind  3  Fälle  von  Anilismus,  welche  in  einem  späteren
Abschnitte  des  Näheren  besprochen  werden.  Unter  den  anderen
Krankheiten  stehen  unter  einer  Gesammtzahl  von  48  Erkrankungen
innerhalb  der  letzten  5  Jahre  die  Krankheiten  der  Respirations-Organe
mit  14  und  die  Verletzungen  mit  8  Fällen  voran  (Tab,  E.  9.)  Von
den  Arbeitern  waren
4  durch  1  Jahr
2  .  2  n
2  ,  3  ,
1  «  4  „
1  „  ^  "
2  „  7  „
1  .  8  .
in  dem  Raume  beschäftigt.
        <pb n="25" />
        3)  Der  Fuchnln-Rauin.
Zur  Fuchsindarstellung  erhitzt  man  in  gusseisernen  Kesseln  mit
Rührwerk  ein  Gemenge  von  Anilin,  salzsaurem  Anilin,  Nitrobenzol
und  Eisenchlorür,  bis  der  dickflüssige  Zustand  der  dunkelbroncegrünen
Schmelze  die  Vollendung  der  Reaction  anzeigt.  Das  während  des
Processes  übergehende  Destillat,  ein  Gemenge  von  Anilin  und  Nitrobenzol, ­
  wird  vollständig  reducirt  und  als  eine  geringere  Sorte  Anilinöl
oder  in  der  Form  von  salzsaurem  Anilin  an  Kattundruckereien  verkauft.
Das  erhaltene  Rohfuchsin  wird  durch  Umkrystallisiren  gereinigt  und  kommt
dann  in  grünen,  metallisch  glänzenden  Krystallen  vom  Aeussern  der  Cantharidenflügel
  unter  verschiedenen  Namen  —  Diamantfuchsin,  Rosein,  Magenta  u.  a.
in  den  Handel.  Es  ist  das  salzsaure  Salz  der  Rosanilinbase,  welche  letztere  bei
Versetzung  einer  heissen  Fuchsinlösung  mittelst  Kalkmilch  aus  der  heiss  filtrirten
Lösung  in  schwach  röthlichen  Krystallen  sich  ausscheidet.
'  Das  Fuchsin  und  die  Base  desselben,  das  Rosanilin,  sind  wenig  löslich
in  Wasser,  leichter  in  Alkohol,  nicht  in  Aether.  Mit  einem  Theil  Fuchsin  können
etwa  300—400  Theile  Wolle  in  mittlerer  Stärke  gefärbt  werden.
Die  von  den  Fuchsinkrystallen  ablaufenden  Mutterlaugen  werden  auf  gelbe
und  braune  Farbstoffe  verarbeitet,  die  im  Handel  den  Namen  Grenadin,  Coris,
Marron,  Phosphin  führen.
Rowmlllm.
Das  sanitär  Wichtigste  dieses  chemischen  Processes  ist  die  Thatsache,
  dass  das  Fuchsin  nicht  das  Salz  von  Anilin,  sondern  von  Rosanilin ­
  ist,  und  da  die  Gefährlichkeit  der  Base  mehr  oder  minder  zu
einem  Schlüsse  auf  die  Gefährlichkeit  deren  Salze  berechtigt,  so
kommt  hier  dié  Giftigkeit  oder  Nichtgiftigkeit  des  Rosanilins  in  erster
Linie  in  Betracht.
Sonnenkalb  äussert  sich  über  dasselbe  dahin,  dass  es  für
«indifferent“  gehalten  werde.  Eulenberg  sagt,  dass  es  nicht  giftig
wirke  und  dass  dies  durch  zahlreiche  eigene  und  fremde  Erfahrungen
bestätigt  sei.
Sowohl  die  Erfahrungen  auf  den  uns  beschäftigenden  Fabriken
als  auch  meine  Versuche  an  Thieren  bestätigen  diese  Ansichten  vollkommen. ­

Erkrankungen  in  den  entsprechenden  1  abrik-Räumen,  welche  in
Zusammenhang  mit  Rosanilin  zu  bringen  wären,  kamen  nicht  vor.
Wochenlang  fortgesetzte  Fütterungen  von  Lapin  s  mit  Rosanilin,
derart,  dass  in  5  g  haltende  spirituöse  Lösungen  500  g  Gerste
getränkt  und  binnen  8  Tagen  verfüttert  wurden,  ergaben  ebensowenig,
wie  durch  mehrere  Tage  fortgesetzte  subcutane  Injectionen  einer
        <pb n="26" />
        U

1  pCügcn  Lösung  irgend,,  welche  Gesundlipiisstörungen.  Der  Urin
war  dünnflüssig,  röthlich.  Die  chemische  Untersuchung  ergab  Rosanilin, ­
  aber  kein  I^iweiss.
Auch  Inhalationen  einer  ,1  pCtigen  Ijösung,  so  lange  forlgesetzt,
dass  die  Schnauze  und  die  Brust  der  Tliiere,  roth  gefärbt  waren,  ,  ergaben ­
  nicht  die  geringste  Aenderung  in  deren  Befinden.
Wir  sind  somit  zu  dem  für  die  Anilinfarben  im  Allgemeinen
sehr  wichtigem  Schlüsse  berechtigt,  dass  Rosanilin  nicht
gesundheitsschädigend  wirkt.
Fuchsin.
Unter  allen  Theerfarben  spielt  zur  Zeit  das  Fuchsin  in  sanitärer
Beziehung  die  grösste  Rolio^  und  über  alle  anderen  Theerfarben  zusammen ­
  ist  nicht  so  viel  geschrieben  und  gestritten  worden,  wie  über
das  Fuchsin  allein.  Der  Grund  hierfür  ist  ein  doppelter.  Einmal
schloss  man,  dass  das  Fuchsin  sowohl  an  und  für  sich  als  auch  als
Grundlage  vieler  anderer  Anilinfarben,  weil  es  aus  dem  Anilin  dargestellt ­
  werde,  gerade  deshalb  wie  Anilin  ein  Gift  sein  müsse  und
übersah,  dass  das  Fuchsin  ein  Salz  des  Rosanilin’s,  nicht  des  Anilin's
ist,  und  dann  trennte  man  bei  dçn  bekannt  gewordenen,  nachtheiligen
Wirkungen  des  Fuchsins  niemals  scharf  die  Wirkung  des  Fuchsins
von  der  des  zu  seiner  Darstellung  früher  stets  gebrauchten  Arseniks
resp.  des  Arsengehaltes  des  fertigen  Fuchsins.
So  sagt  in  ersterer  Richtung  Sonnenkalb,  dass  man  a  priori
eine  gewisse  Berechtigung  habe,  die  Anilinfarben  als  Salze  des  Anilins
unter  die  Gifte  zu  zählen,  —  giebt  aber  wenige  Zeilen  später  selbst
zu,  dass  das  Anilin  zur  Herstellung  seiner  Farben  in  einen  ganz
anderen  Körper,  das  Rosanilin,  umgcwandplt  sei.
In  zweiter  Richtung  liegen  inehreie  Fälle  aus,  der  Literatur  vor.  Ein  überall
citirter  ist  der  von  Friedrich  in  der  Deutschen  Klinik  186.‘{,  No.  49  erzählte.
Ein  junger  Mann,  welcher  G  .fahre  vorher  an  Morh.  bright,  gelitten  hatte,  erkrankte ­
  in  einem  Drogiiengeschäft,  wo  er  die  Verpackung  der  Anilinfarben  zu  besorgen ­
  hatte,  nach  voransgégangenem  L'nngencatnrrh  an  Müdigkeit.  Ohnmachtsgefühlen, ­
  Kopfschmerzen,  trockener  Zunge,  Schmerzen  in  der  Nierengegond,
saurem  Geschmacke,  Stumpfsein  der  ZäJine,  ge.schwoilenem  Zahulloisoh  und  litt
später  beim  Einschlafen  und  während  des  Schlafes  an  klonischen  Krämpfen  in  den
Extremitäten  und  den  Gesichtsmuskeln  bei  erweiterter,  trüge  reagirender  Pupille.
Der  Fall  endete  in  Genesting,  und  Friedrich  erklärt  denselben  dahin,  dass  die
Nierenschmerzen  als  Folge  des  früheren  Morb.  Bright.,  die  Geschwulst  des  Zahnfleisches ­
  als  Folge  des  in  den  Anilin-ihäparaten  vorkommenden  Quecksilbers  und
die  klonischen  Krämpfe  als  Folge  der  Anilin-Wirkung  zu  betrachten  seien.  Ohne
        <pb n="27" />
        25

mich  auf  eine  nicht  schwer  fallende,  anderweitige  Erklärung  des  ganzen  Symptom-Complexes
  einzulassen,  bemerke  ich  einmal,  dass  in  den  Farbstoffen,  welche  als
Lyoner-Blau,  als  Fuclisiu  und  Violet  de  fuclisine  bezeichnet  sind,  wohl  schwerlich
Anilin  enthalten  war,  und  dann,  dass  in  den  Fabriken  der  Herren  Meister,  Lucius
und  Brüning,  in  welchen  jedenfalls  viel  grössere  Quantitäten  von  Anilin-Farben
als  in  dem  genannten  Droguen-GeSchäfte  verpackt  werden,  noch  niemals  die
geringsten  Gesundheitsstörungen  bei  den  Arbeitern  in  den  Lager-  und  den  Pack-Bäumen
  vorgekommen  sind,  welche  mit  der  Einwirkung  von  Anilin  hätten  in  Verbindung ­
  gebracht  werden  können.
Auf  gleicher  Stufe  wie  der  Friedrich’sche  Fall  stehen  alle
anderen  mir  aus  der  Literatur  zugänglichen  Fälle,  d.  h.  bei  allen  ist
die  Materia  peccans  nicht  das  Fuchsin  an  und  für  sich,  sondern  das
zu  seiner  Darstellung  benutzte  und  den  fertigen  Präparaten  noch  anhängende ­
  Arsen.
So  erzählt  Dahl  von  einem  Mädchen,  welches  innerlich  1,25  g  Diamant-Fuchsin
  genommen  habe,  dass  dasselbe  unter  Schmerzen  im  Magen  und  Kopfe
ohnmächtig  und  bewusstlos  geworden  sei,  kirschrothe  Lippen-  und  Rachen-Schleimhaut
  gehabt  und  rothe  Massen  erbrochen  habe;  4  Tage  gefiebert,  am
4.  Tage  klonische  Krämpfe  bekommen  habe  und  erst  nach  20  Tagen  wieder  genesen ­
  sei,  —  setzt  aber  zum  Schlüsse  dieser  Fuchsin-Vergiftung  hinzu,  dass  das
bestehende  Fuchsin  8,1  pCt.  arsenige  Säure  enthalten  habe.
Einen  anderen  Fall  tlieilt  Jäderholm  in  den  Jahrbüchern  für  Pharmacie
mit.  Eine  Familie  von  5  Köpfen  erkrankte  nach  dem  Genüsse  von  Kartoffeln,
welche  in  einem  Kessel  gekocht  waren,  welcher  vorher  zum  Färben  von  Wollengarn ­
  mit  Anilinroth  war  gebraucht  worden.  Es  traten  Erscheinungen  einer  toxischen ­
  Magen-Darm-Entzündung  auf;  die  3  Kinder  starben  ;  die  Eltern  genasen.
Die  Untersuchung  der  Kartoffeln  ergab,  dass  dieselben  Arsenik  enthielten';  auch
das  Wollengarn  erwies  sich  arsenhaltig.
Weitor  finden  sich  in  der  Literatur  verschiedene  Fälle  angeführt,
in  welchen  nach  mit  Fuchsin  geRirbten,  auf  blosser  Haut  getragenen
Jacken,  Strümpfen  u.  s  w.  Lezeme  und  Erytheme  sich  sollen  entwickelt ­
  haben.  Wenn  auch  in  diesen  Fällen  der  directe  Nachweis,
dass  das  betreffende  Fuchsin  arsenhaltig  war,  nicht  erbracht  ist,  so
liegt  eine  solche  Annahme  doch  sehr  nahe  und  ist  um  so  berechtigter, ­
  einmal  weil  die  Fuchsinfarben  den  Fasern  der  Wolle,  Baumwolle, ­
  Seide  etc.  so  fest  anhaften,  dass  durch  sie  ein  Reiz  der  Haut
kaum  möglich  ist,  und  dann,  weil  Eczemc  und  Erytheme  bei  Arbeitern
in  Anilinfarben-Eabriken  nicht  vorzukommen  pflegen,  in  specie  kamen
auf  den  Höchster  Fabriken  in  dem  Fuchsin-Hanme  (E.  Tab.  0)  innerhalb ­
  5  Jahren  hei  einem  durchschnittlichen  Bestände  von  *28  Arbeitern
nur  5  Fälle  von  Hautkrankheiten  und  unter  diesen  kein  Fall  von
Eczem  und  nur  ein  Fall  von  Erythem  vor.  Diese  Thatsache  ist  um
        <pb n="28" />
        26

so  beweisender,  als  viele  der  betreffenden  Arbeiter  8  und  mehr  Jahre
stets  in  demselben  Raume  arbeiteten,  und  die  Hautoberfläche  sämmtlicher
  Arbeiter  täglich  von  dem  Farbstoffe  durchaus  geröthet  wird.
Während  so  die  klinischen  und  gewerblichen  Beobachtungen  als
übereinstimmend  zu  betrachten  sind,  mir  wenigstens  aus  der  Literatur
und  meiner  Erfahrung  kein  Fall  bekannt  ist,  in  welchem  durch  erwiesenermassen
  arsenfreies  Fuchsin  Nachtheile  für  die  Gesundheit
eines  Menschen  entstanden  sind,  stehen  die  Resultate  der  physiologischen ­
  Experimente  zur  Zeit  noch  sich  gegenüber.
Die  ersten  Versuche  stellte  1863  Sonnenkalb  und  zwar  mit  „giftfreiem“
Fuchsin  an.  Er  benutzte  Frösche  und  Hunde  und  fand,  „dass  diesem  Farbstoffe
eine  irgend  wie  giftige  Einwirkung  auf  den  thierischen  Organismus  nicht  beizumessen ­
  sei.“  Später  erschienen  Versuche  von  Bergeron  und  Clouet,  welche
ebenfalls  die  Unschädlichkeit  des  reinen  Fuchsin’s  erwiesen.
Auf  diese  folgten  die  auch  in  No.  36  des  Jahrganges  1877  der  Veröffentlichungen ­
  des  deutschen  Gesundheits-Amtes  übergegangenen  Untersuchungen  von
Ritter  und  Feltz,  nach  welchen  —  Moniteur  scientifique,  tom.  VI,  pag,  856  —
Fuchsin  der  Gesundheit  schädlich  ist  und  der  fortgesetzte  Genuss  von  mit  Fuchsin
gefärbtem  Weine  Koliken,  Diarrhoen  und  eiweisshaltigen  Urin  hervorruft.
Auffallend  bei  diesen  Untersuchungen  ist  der  Titel:  recherches  experimentales ­
  sur  l’action  de  l’aniline.  Die  bestehenden  Weine  waren  mit  „fuchsine  pure“
gefärbt,  und  es  dürfte  doch  schwerlich  zu  rechtfertigen  sein,  die  Wirkungen  von
Fuchsin  und  Anilin  zu  identificiren.
Auf  diese  Untersuchungen  folgten  von  denselben  Verfassern  zwei  Reihen
von  Thier-Versuchen,  deren  Resultate  in  dem  Moniteur  scient,  tom.  VII.  pag.  77
enthalten  sind.
Die  erste  Reibe  enthält  Versuche  über  Einverleibung  von  Fuchsin  in  den
Magen.  „Verhältnissmässig  geringe  Dosen“  erzeugten  bei  Hunden  Eiweissgehalt
des  Urins.  Die  zweite  Reihe  umfasst  Versuche  über  Einspritzungen  von  „fuchsine
pure“  in  das  Blut.  Auf  diese  zeigte  sich  Fuchsin  und  Eiweiss  sowie  granulirto
Cylinder  in  dem  Urin,  in  einem  Falle  auch  allgemeine  Wassersucht.  Mit  diesen
Beobachtungen  im  Leben  standen  die  Befunde  zahlreicher  Sectionen  im  Einklang.
Bei  diesen  Versuchen  wird  speciell  hervorgehoben,  dass  dieselben  mit
arsenfreiem  Fuchsin  angestellt  wurden.
In  directem  Widerspruch  mit  denselben  steht  eine  weitere  grosse  Versuchsreihe ­
  von  Bergeron  und  Clouet,  deren  Resultate  ebenfalls  in  torn.  VII  des
Moniteur  scientifique  enthalten  sind.
Einer  dieser  Forscher  nahm  durch  16  Tage  jeden  Morgen  eine  Quantität
Fuchsin,  im  Ganzen  8  g  ohne  irgend  welche  Verdauungsstörung  zu  spüren,  in
specie  ohne  Eiweiss  in  dem  Urin  zu  zeigen.
ln  einer  anderen  Versuchsreihe  wurde  durch  9  Monate  theils  nüchtern,
theils  nach  dem  Essen  Fuchsin  genommen,  ohne  dass  Diarrhoen  oder  Koliken
auftraten.  Auch  hierbei  war  kein  Eiweiss  in  dem  Urin  nachzuweisen.
Gleiche  Resultate  hatten  Versuche  mit  Fröschen  und  Lapins,  welche  durch
        <pb n="29" />
        27

sieben  Wochen  fortgesetzt  wurden.  Niemals  konnte  Eiweiss  in  dem  Urin  der  oft
mit  starken  Dosen  gefütterten  Thiere  nachgewiesen  werden.
Das  Fuchsin,  womit  Bergeron  und  Clouet  experimentirten,  kam  aus  dem
Hause  Lazard-Godchaux  in  Brüssel  und  war  dargestellt  durch  Oxydation  von
Anilin  mittelst  Nitrobenzol  in  Gegenwart  von  Eisen  und  Salzsäure.
Auch  von  Husson  in  Nancy  liegen  mehrere  Thier-Versuche  mit  Fuchsin
vor,  welche  dessen  Ungefährlichkeit  documentirén.
So  gab  iiusson  einem  Lapin  innerhalb  8  Stunden  8  g  Fuchsin,  ohne  jede
weitere  Wirkung  als  die  Zeichen  einer  beschleunigten  Athmung.
Die  Section  des  später  getpdteten  Thieres  ergab  ausser  einer  Blutstauung
in  den  Lungen  nirgends  eine  Erkrankung  irgend  eines  Organs.
Das  Interessanteste  in  dieser  Richtung  ist  eine  von  Dr.  Périquet  in  Benzeville
  mitgetheilte  Krankengeschichte  eines  9  jährigen,  an  Morbus  Brightii  leidenden
Mädchens,  bei  welchem  sich  von  0,1  bis  0,4  pro  die  /steigende  Dosen  von
Fuchsin  gegen  die  Krankheit  derart  heilsam  erwiesen,  dass  anfangs  nach  dem
Aussetzen  von  Fuchsin  der  Eiweissgehalt  des  Urins  stets  wuchs.  Im  Ganzen  hatte
das  Mädchen,  welches  geheilt  wurde,  circa  20  g  Fuchsin  genommen.
Bei  diesen  Widersprüchen  der  verschiedenen  Experimentatoren
sind  jedenfalls  unsere  Beobachtungen  auf  der  Höchster  Fabrik  von
grosser  Bedeutung,  für  welche  wir  aus  dem  Vorhergegangenen  recapituliren
  wollen,  dass  die  Darstellung  des  Fuchsins  auf  dieser  dieselbe ­
  ist,  wie  die  des  Hauses  Lazard-Godchaux.
Tab.  D.  6.  b.  zeigt  uns,  dass  von  41  in  dem  Fabrik-Raume
beschäftigten  Arbeitern
6  durch  3—4  Jahre,
10  n  b—6  n
4  „  8—10  „
1  ,  14
in  diesem  Raume  beschäftigt  waren.  Bei  keinem  dieser  Arbeiter
konnte  man  jedoch  eine  Abnahme  des  Körpergewichtes  oder
Neigung  zu  Diarrhöe  oder  Koliken,  oder  Störungen  in  der  Urinsecretion
  nachweisen,  trotzdem  der  feinvertheilte  Farbstoff  selbst  das
Innere  der  Mundhöhle  täglich  röthet  und  so  das  Verschlucken  nicht
unbeträchtlicher  Mengen  von  Fuchsin  mit  dem  Speichel  nicht  zu  vermeiden ­
  ist.  Auch  ergaben  Urin  -  Untersuchungen  vieler  Arbeiter,
welche  Samstag  Abends,  also  nachdem  die  Arbeiter  die  ganze  Woche
hindurch  in  dem  Fuchsin-Raume  beschäftigt  waren,  vorgenommon
wurden,  niemals  eine  Sjiur  von  Eiweiss.  Gleiche  Resultate  liefert  die
Zusammenstellung  der  Erkrankungen  in  den  Lager-  und  Expeditionsräumen, ­
  wie  dies  die  einschlägigen  Tabellen  des  Capitols  E.  zeigen.
Zur  Controle  der  erwähnten  Thier-Versuche  fütterte  ich  durch  mehrere
Wochen  2  Lapins  mit  Hafer  und  Gerste,  welche  mit  Fuchsin  gefärbt  war.  Es
        <pb n="30" />
        28

wurden  pro  die  50  g  Gerste  resp.  Hafer,  gefärbt  mit  0,5  Fuchsin  gegeben.
Die  Thiere  frassen  langsam,  blieben  aber  vollständig  munter.  Der  Urin  war  dick,
gelblich,  zeigte  aber  keine  Spur  von  Eiweiss.  Nach  einigen  Tagen  Panse  wurden
15  g  Fuchsin  zur  Färbung  von  1500  g  Gerste  verwendet  und  binnen
14  Tagen  verfüttert.  Auch  hierauf  trat  irgend  welche  Störung  in  dem  Befinden
der  Thiere  nicht  ein.  Eine  gleich  negative  Wirkung  hatten  •ßubcutane  Injectionen
—  täglich  1  —  2  Spritzen  einer  1  pCt.  Lösung.  Auch  ist  ein  Huhn,  welches  durch
3  Wochen  mit  Fuchsin  gefärbten  Hafer  frass,  heute  noch,  nach  mehreren  Wochen,
gesund.
Marron  Phosphin  Grenadin.  Ceris.
An  dieser  Stelle  müssen  noch  einige  weitere  Farbstoffe  erwähnt
werden,  welche  aus  den  Rückständen  der  Fuchsin-Schmelze  gewonnen
und  unter  obigen  Namen  in  den  Handel  gebracht  werden.
Auch  mit  diesen  stellte  ich  Fütterungsversuche  an,  indem  ich  je  5  g  zum
Färben  von  1  kg  Gerste  benutzte  und  innerhalb  10  Tagen  an  je  3  Lapins  verfütterte. ­
  Sämmtliche  Thiere  zeigten  nie  irgend  eine  Störung  ihrer  Gesundheit.
Bemerken  will  ich  hierzu,  dass  Jousset  de  Bellesme  —  recherches  sur
l’action  physiologique  du  grenat  ou  résidu  de  fabrication  de  la  fuchsine  —■  behauptet, ­
  dass  zum  Färben  der  Weine  weniger  Fuchsin  als  Grenat  benutzt  werde.
Die  Lösungen  des  Fuchsin  seien  zu  frischroth  und  in  ihren  Verdünnungen  zu
rosa,  während  die  Lösungen  von  Grenat  der  wirklichen  Kothweinfarbe  mehr  entsprächen. ­

Nach  Thier-Versuchen  hält  Jousset  das  Grenadin  für  gesundheitsschädlich,
indem  seine  Hunde,  Katzen  und  Lapins  nach  4  —  6  Wochen  starben,  und  er  bei
der  Section  einen  Ueberschuss  von  HarnstolT  in  dem  Blute  und  Urämie  als  Ursache
des  Todes  fand.
Meine  Versuche  in  dieser  Richtung  sind  zur  Zeit  noch  nicht  abgeschlossen
und  werde  ich  dieselben  demnächst  im  Detail  im  Anschluss  an  eine  specielle
Arbeit  über  Fuchsin  verölTentlichen  :  soviel  dürfte  jedoch  schon  jetzt  feststehen,
dass  bei  dem  Mangel  jeglicher  weiteren  Angaben  Jousset’s  über  das  von  ihm
verwendete  Grenadin  die  Annahme  berechtigt  ist,  dass  das  entsprechende  Fuchsin
mittelst  Arsen  gewonnen  wurde,  und  dass  somit  die  Rückstände,  aus  welchen  das
Grenat  dargestellt  wurde,  ebenso  wie  das  Grenat  selbst  nicht  frei  von  Arsen  waren.
4)  Der  IHan-Kanin.
Durch  Erhitzen  des  Fuchsin’s  oder  besser  des  Rosanilins  mit
reinem  Anilin  bei  Gegenwart  einer  organischen  Säure  (am  besten
Benzoesäure)  entsteht  ein  spritlöslicher,  blauer  Farbstoff,  das  Triphenylrosanilin,
  welcher  durch  Fällen  der  Schmelze  mit  Salzsäure  und
Wasser  als  krystallinisches  Pulver  erhalten  wird.
Der  spritlösliche  Farbstoff  wird  selten  in  der  Färberei  verwandt,  wohl  aber
das  in  Wasser  lösliche  sulfosaure  Salz  des  Triphenylrosanilins,  welches  durch
Einträgen  des  spritlöslichen  Körpers  in  erwärmte  englische  Schwefelsäure  entsteht;
die  hierbei  auftretenden  salzsauren  Gase  werden  in  den  Kamin  abgeführt.
        <pb n="31" />
        29

Die  sanitären  Verhältnisse  des  Blauraumes  waren  die  Rüstigsten
der  ganzen  Anilin-Fabrik.  Bei  einem  durchschnittlichen  Bestände  von
14  Arbeitern  kamen  in  den  letzten  5  Jahren  nur  durchschnittlich  pro
Jahr  5  Erkrankungen  in  demselben  vor,  von  welchen  die  meisten  auf
Uheumatisnien  und  Bronchial-Catarrhe  entfallen.  Es  wurde  jedoch  auch
1  Fall  von  Anilismus  in  diesem  Raume  beobachtet.
Mit  dem  im  Wasser  löslichen  Farbstoffe  wurden  durch  längere
Zeit  Thier-Versuche  an  gestellt,  welche  dessen  Ungefährlichkeit  ergaben.
An  3  Lapin’s  wurden  in  einem  Zeiträume  von  4  Wochen  15  g  des
Farbstoffes,  benutzt  zum  Färben  von  1500  g  Gerste,  verfüttert,  ohne
dass  eine  Aenderung  in  dem  Betragen,  der  Fresslust,  dem  Aussehen
u.  s.  w.  der  Thiere  eintrat.
5)  Der  Dahlia-Kaum.
Der  Ausgangspunkt  für  den  Dahliafarbstoff  oder  das  Methylviolett
  ist  das  Methylanilin,  welches  durch  Erhitzen  von  salzsaurem
Anilin  mit  Methylalkohol  in  emaillirten  Autoklaven  hergestellt  wird.
Das  Methylanilin  liefert  durch  Oxydation  mittelst  chlorsauren  Kali’s  und
Kupfervitriol  die  Violettschmelze,  aus  welcher  der  in  Wasser  lösliche  Farbstoff
durch  wiederholtes  Unilösen  und  Fällen  mit  Kochsalz  als  harzige,  tief  goldgrüne
Masse  erhalten  wird,  welche  nach  dem  Trocknen  und  Mahlen  als  Pulver  oder  in
groben  Stücken  in  den  Handel  kommt.  Die  Chlorzinkverbindung  des  Methylvioletts ­
  bildet  kleine  Krystalle.
Das  gewöhnliche  Violett  geht  bei  Einwirkung  von  Chlorbenzyl  in  alkoholischer, ­
  alkalischer  Lösung  in  blaue  Nuancen  über.
Sowohl  über  diesen  Raum  als  auch  über  den  entsprechenden
Farbstoff  lässt  sich  in  sanitärer  Beziehung  dasselbe  sagen,  wie  ad  4.
Auf  einen  durchschnittlichen  Bestand  von  18  Arbeitern  kamen
auf  das  Jahr  7  Erkrankungen,  unter  welchen  Verletzungen  in  erster
und  Bronchial-Catarrhe  in  zweiter  Linie  stehen.
Fabrik-Erkrankungen  kamen  in  diesem  Raume  nicht  vor.
Mit  dem  fertigen  Farbstoffe  wurden  Lapins  wochenlang  wie  ad  4
gefüttert,  ohne  dass  eine  schädigende  Wirkung  auch  dieses  Farbstoffes
eingetreten  ist.
(&amp;gt;)  Der  Drilii-Kauni.
Durch  Anlagerung  der  Haloidverbindungen  der  Alkoholradicale
(%.  B.  Jodmethyl,  Chloräthyl)  entsteht  aus  dem  Methylviolett  das
Methylgrön  in  gelbem  und  blauem  Nuancen;  es  wird  sowohl  als
Pulver  und  in  Krystal  len,  wie  auch  als  spritlösliche  Paste  den  Consumen ­
  ten  geliefert;  letztere  ist  das  pikrinsaure  Salz  der  Grünbase.
        <pb n="32" />
        30

Das  Methylgrün  ist  dadurch  characterisirt,  dass  es  beim  Erwärmen  (z.  B.
beim  heissen  Bügeln  gefärbter  Waaren)  in  Violett  übergeht.
Eine  bedeutende  Cjoncurrenz  ist  dem  Methylgrün  in  dem  Malachitgrün  erwachsen, ­
  dem  Product  der  Einwirkung  von  Benzotrichlorid  auf  Methylanilin.
Wenn  auch  als  Farbe  etwas  weniger  fein,  wie  das  Methylgrün,  hat  dies  neue  Product ­
  bei  gleichem  Preise  eine  fast  dreifache  Ergiebigkeit:  es  genügt  ein  Theil
davon,  um  500  Theile  Wolle  in  mittlerer  Stärke  zu  färben.
Betrachten  vnv  die  Krankenbewegung  in  diesem  Raume,  so  finden
wir  bei  einem  durchschnittlichen  Arbeiterbestande  von  8  Mann  pro
Jahr  zwischen  4  und  5,  im  Durchschnitt  55  pCt.  Erkrankungen.  Von
denselben  —  25  in  den  letzten  5  Jahren  —  entfallen  11  auf  Verletzungen, ­
  6  auf  die  Athmungsorgane  u.  s.  w.  —  Tab.  E.  9;  Erkrankungen, ­
  welche  mit  der  Fabrikation  in  Verbindung  stehen,  kamen
keine  vor.  Von  den  Arbeitern  waren  3  zwischen  3  und  6  Jahre  und
2  durch  11  Jahre  in  dem  Raume  beschäftigt.
Fütterungsversuche  in  der  Dauer  und  Dose  der  vorhererwähnten
mit  Methylgrün,  Malachitgrün  und  pikrinsäurehaltigem  Grün  hatten
keinen  nachtheiligen  Einfluss  auf  die  betreffenden  Thiere;  ebensowenig
Injectionen  von  Methyl-  und  Malachit-Grün.  Dagegen  verendete  ein
Lapin  zwei  Stunden  nach  einer  Injection  von  2  Spritzen  einer  1  pCtigcn
Lösung  von  pikrinsäurehaltigem  Grün  unter  Lähmungserscheinungen,
nachdem  derselbe  durch  mehrere  Tage  die  Injection  einer  Spritze  gut
vertragen  hatte.  In  den  Eingeweiden  konnte  der  grüne  Farbstoff,
nicht  aber  Pikrinsäure  nachgewiesen  werden.
7)  Der  Eosiii-Raiiiii.
Das  ResorCin  —  ein  hydroxylirtes  Phenol  oder  Diphenol  —
welches  aus  dem  disulfobenzolsauren  Natron  durch  Schmelzen  mit
Aetznatron  entsteht  und  der  in  Wasser  gelösten,  mit  Salzsäure  zersetzten ­
  Schmelze  durch  Schütteln  mit  Aether  entzogen  wird,  ist  ein
in  Wasser,  Alkohol  und  Aether  leicht  löslicher  Körper  von  unangenehmem, ­
  kratzend  süssen  Geschmack;  es  krystallisirt  in  farblosen
Tafeln,  die  sich  an  der  Luft  bald  bräunen.
Bei  der  Kuppelung  des  Resorcin’s  mit  Phtalsäuro  (einem  Oxydationsproduct
des  Naphtalin’s)  entsteht  das  Flnoi'escfe'in,  welches  in  alkalischen  ^Flüssigkeiten
auch  bei  sehr  grosser  Verdünnung  eine  prachtvoll  grüne  Fluoroscenz  zeigt.  Das
Eosin  (von  Eos,  Morgenröthe)  ist  das  Kaliumsalz  des  Totrabromfluoresceins;  seine
wässrige  Lösung  ist  im  durchfallenden  Licht  schön  gelbroth  und  zeigt  eine  grüngelbe ­
  Fluorescenz.  Ein  brillanter  FarbstoiT  auf  Seide,  Wolle  und  Baumwolle  bildet
das  Eosin  mit  Metalloxyden  schön  gefärbte  Lacke,  und  haben  namentlich  die  Zinkverbindungen
  eine  grosse  Wichtigkeit  erlangt.
        <pb n="33" />
        31

Eine  blauere  Nuance  wie  das  Eosin  zeigt  das  Erythrosin  —  das  Kaliumsalz
des  Tetrajodfluorescëins.
Die  Resorcinfarben,  wie  auch  die  noch  zu  besprechenden  Naphtolfarben,
haben  nur  ungefähr  den  zehnten  Theil  des  Färbevermögens  wie  die  Anilinfarbstoffe. ­


EoiiN.
Das  Eosin  ist  demnach  keine  Anilin-,  sondern  eine  Resorcin-Farbe.
  lieber  das  Resorcin  besitzen  wir  physiologische  Versuche  nicht;
nur  Eulenberg  erwähnt,  dass  ein  Nitroproduct  desselben,  das  Trinitroresorcin
  unschädlich  sei,  indem  Tauben  1  g  pro  die  vertrügen.
Die  Erkrankungen  der  Arbeiter  in  dem  Eosin-Raume  sind  in  Tab.
E.  9  und  E.  18  enthalten.  Aus  letzterer  ist  ersichtlich,  dass  im
Durchschnitt  17  Arbeiter  beschäftigt  wurden,  und  dass  auf  diese  pro
Jahr  16  Erkrankungen,  also  fast  100  pCt.  kamen.  Unter  diesen
nehmen  die  erste  Stelle  die  17  Fälle  von  Hyperidrosis  localis  ein,
welche  des  Näheren  in  Abschnitt  E.  gewürdigt  werden.  An  sie
schliessen  sich  die  Verletzungen,  ebenfalls  in  einer  Anzahl  von  15
Fällen  und  11  Fälle  von  Erkrankungen  der  Verdauungswerkzeuge.
Mit  Eosin  machte  ich  durch  2  Monate  Fütterungsversuche.  Zuerst  erhielten
2  Lapins  innerhalb  10  Tagen  2  g  Eosin,  benutzt  zum  Färben  von  Gerste.  Dann
erhielten  dieselben  Thiere  innerhalb  8  Tagen  5  g  und  dann  3  andere  Thiere  in
gleicher  Zeit  ebenfalls  5  g  Irgend  eine  Aenderung  in  dem  Befinden  der  Thiere
konnte  nicht  nachgewiesen  werden.  i
Auch  mit  Erythrosin  machte  ich  Versuche,  indem  ich  an  3  Lapins  5  g  desselben, ­
  auch  zum  Färben  von  Gerste  benutzt,  verfütterte.  Irgend  welche  G.çsundheitbstörungen
  traten  nicht  zu  Tage.
,&amp;lt;l  .
M)  Der  Naplitol-  und  Orange  -  Kaiiiii.
Am  Schlüsse  der  Anilinfarbenbranche  bringen  wir  das  Naphtol
und  seine  als  Farbstoffe  werthvollen  Abkömmlinge;  letztere  sind  entweder ­
  Diazoverbindungen  der  Sulfosäuren  der  Amide  (Anilin  und  seine
Homologe,  Naphtylamin)  in  Verbindung  mit  Phenolen  (Phenole  der
Penzolreihe,  Naphtol)  oder  Kupplungen  der  Sulfosäuren  des  Naphtols
mit  den  Diazoverbindungen  des  Benzol’s  und  seiner  Homologe,  des
Naphtalin’s,  der  Aether  der  Phenole.
Die  Farbstoffe,  welche  entstehen,  sind  gelb,  orange,  braun,  roth  bis  violett,
und  zeichnen  sich  durch  grosse  Aechtheit  aus;  sie  sind  bestimmt,  die  Kurkumawurzel, ­
  das  Flavin,  die  Cochenille,  die  Orseille  zu  verdrängen.
Das  Naphtol  ist  das  Phenol  des  Naphtalins  und  wird  erhalten  aus  der
Naphtalinsulfosäure  durch  Schmelzen  mit  Natron  und  Zersetzen  der  in  Wasser
gelösten  Schmelze  mit  einer  Säure;  es  scheidet  sich  hierbei  als  blättrig  krystalli-
        <pb n="34" />
        32

nische  Masse  aus.  Das  Naphtol  ist  fast  geruchlos  uud  schmeckt  brennend;  als
Dampf  und  Staub  reizt  es  zum  Husten  und  Niesen.
Die  Sulfosäuren  der  Amide,  wie  auch  die  des  Naphtols  entstehen  durch  Erwärmen ­
  der  betreffenden  Körper  mit  englischer  Schwefelsäure.  Die  Diazoverbindungen ­
  bilden  sich  bei  Einwirkung  von  salpetrig-saurem  Natron  auf  eine  Lösung ­
  des  sulfosäuren  Salzes  der  betreffenden  Amidoverbindung  unter  Abkühlen.
Die  Bildung  der  Farbstoffe  erfolgt  leicht  durch  Vermischen  der  wässrigen
alkalischen  Lösungen  der  bezeichneten  Körper;  sie  werden  durch  Umlösen  und
Fällen  mit  Kochsalz  rein  erhalten  und  getrocknet  als  Kalium-  oder  Natrium-Salz
  in  den  Handel  gebracht.
Aus  den  einleitenden  Bemerkungen  über  Naphtalin  ad  1.  2  geht
hervor,  dass  dasselbe  nur  in  Form  heisser  Dämpfe  zu  furchten,  im
Uebrigen  sanitär  nicht  schädlich  sei.  Die  Erfahrungen,  die  wir  bei
der  Darstellung  der  betreffenden  Farben  machen  konnten,  sind  noch
sehr  gering,  weil  dieser  Zweig  der  Fabrikation  erst  seit  einem  Jahre
besteht.  Im  Jahre  1878  waren  in  den  beiden  Räumen  zusammen  49
Arbeiter  beschäftigt,  welclie  42  Erkrankungen  aufweisen.  Mit  Ausnahme ­
  von  je  zwei  Fällen  von  Ilyperidrosis  localis  in  Jedem  Raume,
kamen  Fabrikerkrankungen  nicht  vor,  und  der  verhältnissmässig  hohe
Procentsatz  der  Erkrankungen  in  dem  Naphtol-Raume  (94  pCt.)  hat
seinen  Grund  in  einer  grossen  Anzahl  von  leichten  Verletzungen  —
10  Fälle  —  welche  bei  dem  grösseren  Vertrautwerden  mit  den  Hantirungen
  für  die  Zukunft  wohl  wegfallen  werden,  ln  dem  Orange-Raume
  vertheilen  sich  die  Erkrankungen  —  75  pCt.  —  fast  gl  eichmässig
  in  die  verschiedenen  Rubriken.
Mit  Orange  fütterte  ich  durch  10  Tage  drei  Lapins,  indem  dieselben ­
  1  kg  Gerste,  gefärbt  mit  5  g  Orange  erhielten.  Die  Tiñere
blieben  gesund  und  sind  es  auch  jetzt,  10  Tage  später,  noch.
111.  Die  Alizarin-Fabrik.
Die  Alizarinfabrik  beschäftigt  sich  zuerst  mit  der  Reinigung  des
von  den  Theersiedereien  kommenden  Rohanthracens,  welches  einen
Gehalt  von  20  bis  40  Procent  an  reinem  Anthracen  liât.
Durch,  wenn  nöthig  wiederholtes,  Waschen  mit  warmer  Naphta,  hydraulisches ­
  Pressen  und  durch  Sublimation  erzielt  man  ein  Product  von  50  pCt.  und
darüber,  welches  der  weiteren  Fabrication  genügt.
Die  A  nth  racen  reinig  ung  ist  mit  Feuersgefahr  verbunden,  weil  man  das
zu  sublimirende  Anthracen  mit  freiem  Feuer  erhitzt  und  weil  die  verunreinigte
Naphta  durch  Destillation  über  freiem  Feuer  wiedergewonnen  wird.  Diese  Manipulationen ­
  sind  deshalb  in  vielen  kleineren  Bäumen  vertheilt.  (KaumVl,Vll  und
YHl.)
        <pb n="35" />
        3

33

Die  Oxydation  des  so  gereinigten  Anthracens  geschieht  in  Raum  I
und  II  in  grossen  verbleiten  Cylindern  mit  Hülfe  von  saurem  chromsauren  Kali
und  Schwefelsäure.  Da  ein  grosser  Theil  der  Chromsäure  wiedergewonnen  wird,
so  ist  nur  ein  Bruchtlieil  des  Oxydationsmittels  als  saures  chromsaures  Kali  zuzukaufen. ­
  Das  erzeugte  Rohchinon  wird  abfiltrirt;  die  davon  abfliessende  Chromoxydlösung ­
  wird  im  Raum  V  mit  einem  Ueberschuss  von  Kalkmilch  gefällt.  Der
Niederschlag,  bestehend  aus  schwefelsaurem  Kalk,  Chromoxydhydrat  und  Kalkhydrat ­
  unterliegt  in  rotirenden  Oefen  einer  Trocknung  und  Röstung,  wobei  der
•Sauerstoff  der  Luft  die  Chromsäure  regenerirt,  die  dann  wieder  in  der  Oxydation
Verwendung  findet.  •
Aus  dem  rohen  Anthrachinon  erhält  man  den  reinen  Körper  durch  Sublimation. ­
  In  reinem  Zustande  krystallisirt  das  Anthrachinon  aus  Lösungsmitteln,
wie  Naphta  oder  Eisessig,  oder  beim  Sublimiren  in  langen  gelben  Nadeln,  schmilzt
bei  273  ®  0.  und  zeichnet  sich  durch  seine  grosse  Widerstandsfähigkeit  gegenüber ­
  chemischen  Agentien  aus.  Es  ist  das  einzige,  in  reiner  Form  hergestellte
Zwischenproduct  der  Alizarinbranche.  Das  Anthrachinon  wird  durch  Erhitzen
mit  rauchender  Schwefelsäure,  die  20—60  pCt.  freies  Anhydrid  enthält,  sulfirt,
und  die  erzeugten  anthrachinonsulfosauren  Salze  gehen  durch  Schmelzen  mit
Aetznatron  in  Alizarin  über.  (Kaum  III.)  Die  Manipulationen  mit  der  rauchenden
Schwefelsäure  geschehen  in  gusseisernen  Kesseln  unter  Luftabschluss.
Die  Alizarinnatronschmelze  wird  in  Wasser  gelöst  und  mit  Salzsäure
oder  Schwefelsäure  zersetzt,  wodurch  der  Alizarinfarbstoff  in  gelbrothen  Flocken
sich  ausscheidet.  (Raum  IV.)  Nach  dem  Abfiltriren  und  sorgfältigen  Auswaschen
mit  Wasser  werden  die  Filterpiesskuohen  uochmals  zerrührt,  und  der  erhaltene
orangefarbige  Teig  ist  das  Alizarin  des  Handels.
Wird  dieser  Teig  getrocknet  und  vorsichtig  sublimirt,  so  erhält  man  das
reine  Alizarin  in  schönen,  orangerothen  Nadeln,  gruppirt  wie  die  Fahne  einer
Feder.  In  Wasser  ist  das  Alizarin  nur  wenig  löslich,  wohl  aber  in  Alkohol,  Aether,
Eisessig.
An  und  für  sich  kein  Farbstoff  hat  das  Alizarin  die  Eigenschaft,  mit  Metalloxyden ­
  imprägnirte  Baumwolle  unter  Lackbildung  zu  färben,  und  zwar  erzeugt
es  auf  der  Baumwolle  mit  Thonerde  Roth  und  Rosa,  mit  Eisenoxyd  Violett  und
Schwarz,  mit  einer  Mischung  von  Eisenoxyd  und  Thonerde  oder  mit  Chromoxyd
Braun.  Auf  mit  Oel  und  schwefelsaurer  Thonerde  gebeizter  Baumwolle  erzeugt
Alizarin  das  Türkischroth.  Die  grosse  Schönheit  und  Aechtheit  der  mit  Alizarin
erzeugten  Farben  hat  schon  längst  die  Krappwurzel  zum  wichtigsten  Farbstoff
gemacht,  und  seit  der  künstlichen  Erzeugung  des  Alizarins  hat  sich  der  Gonsum
dieses  Farbstoffs  vervielfacht.
Anschliessend  an  das  Eingangs  dieses  Abschnittes  über  das  Anthracen
  Gesagte,  kann  ich  mich  über  die  Darstellung  des  Alizarins,
d.  h.  über  die  hierbei  beobachteten  Erkrankungen  der  Arbeiter  kurz
fassen,  weil  in  den  letzten  5  Jahren  Fabrik  -  Erkrankungen  auf  der
Alizarin-Fabrik  nicht  beobachtet  wurden.  Tab.  E.  1  zeigt,  dass  im
Durchschnitt  210  Arbeiter  auf  derselben  beschäftigt  waren,  und  dass
        <pb n="36" />
        34

von  diesen  pro  Jahr  46  pCt,  erkrankten.  Weitaus  die  meisten  Erkrankungen, ­
  115  von  436,  also  26  pCt.,  kommen  auf  die  Verletzungen. ­
  Auf  diese  folgen  Erkrankungen  der  Verdauungs-  und
Athmungswerkzeuge,  ohne  dass  jedoch  irgend  ein  Zusammenhang
zwischen  denselben  und  der  Fabrikation  besteht.  Dieselben  waren
nämlich  bei  den  Hof-Arbeitern  mindestens  ebenso  zahlreich,  wie  in
den  Räumen.
Im  Allgemeinen  prävaliren  etwas  die  Hauterkrankungen.  Es
kamen  deren  nämlich  bei  einem  durchschnittlichen  Arbeiter-Bestände
von  190  Mann  auf  der  Anilinfabrik  von  1874—1879  im  Ganzen  18
Fälle  vor,  während  die  Anzahl  derselben  auf  der  Alizarin-Fabrik  bei
210  Arbeitern  42  betrug.  Besonders  ist  es  eine  grosse  Anzahl  von
Eczemen  —  13  —  welche  in  den  Räumen  1,  2,  3,  4  und  5  beobachtet ­
  wurden.  In  sämmtlichen  Räumen  der  Anilin-Fabrik  wurden
deren  nur  3  beobachtet.  Weitere  Beobachtungen  müssen  ergeben,  ob
auch  das  gereinigte  Anthracen  reizend  auf  die  Haut  einwirkt,  oder  ob
das  bis  jetzt  constatirte  Prävaliren  der  Hauterkrankungen  auf  der
Alizarin-Fabrik  nur  vorübergehend  ist.

D.  Die  Arbeiter.
I.  Allgemeine  Bemerkungen.
Die  Arbeiterbewegung  ist  stets  eine  ziemlich  grosse.  Man  kann
p.  p.  annehmen,  dass  50  pCt.  sämmtlicher  Arbeiter  stationär,  die
anderen  50  pCt.  in  steter  Fluctuation  begriffen  sind.  Nach  der  Fabrikordnung ­
  —  vid.  Dl  —  kann  an  Stelle  der  gesetzmässigen  14  tägigen
Kündigung  die  letztere  gegenseitig  jederzeit  geschehen;  hat  jedoch  ein
Arbeiter  ohne  triftigen  Grund  die  Fabrik  verlassen,  so  wird  er  binnen
Jahresfrist  nicht  wieder  angenommen.  Die  Firma  ist  der  Ansicht,  nur
in  denjenigen  Leuten  tüchtige  Arbeiter  zu  besitzen,  die  ein  lebhaftes
materielles  und  moralisches  Interesse  an  die  Fabrik  fesselt.  Auf  eine
humane  und  gerechte  Behandlung  der  Arbeiter  durch  Vorgesetzte  jeder
Art  wird  deshalb  das  grösste  Gewicht  gelegt.  Von  vorgesehenen  Geldstrafen ­
  wird  fast  nie  Gebrauch  gemacht,  und  als  einzig  wirksames
Disciplinarmittel  die  in  Aussicht  gestellte  Entlassung  betrachtet.  Die
Durchführung  der  angeführten  Grundsätze  hat  bis  jetzt  die  erfreuliche
Folge  gehabt,  dass  noch  kein  Arbeiter  den  Rechtsweg  gegen  die
Fabrik  betreten  hat.
        <pb n="37" />
        3*

Arbeiter,  welche  Materialien  oder  fertige  Fabrikate  mitnehmen,
werden  entlassen  und  nie  mehr  angenommen.  Strenge  muss  darauf
geachtet  werden,  dass  innerhalb  der  ¡Fabrik  und  deren  Höfen  nicht
geraucht  wird;  es  ist  dies  durch  die  grosse  Feuergefährlichkeit  verschiedener ­
  Materialien  geboten.  Dagegen  ist  das  Rauchen  in  den
Speisesälen  während  der  Ruhepausen  gestattet.  Ebenso  streng  muss
darauf  geachtet  werden,  dass  die  Arbeiter  nicht  dem  Trünke  ergeben
sind;  denn  es  ist  eine  erwiesene  Thatsache,  dass  der  Genuss  von
Spirituosen  die  Aufnahme  einzelner  Stoffe,  wie  besonders  des  Nitrobenzols ­
  und  des  Anilins,  in  den  Körper  erleichtert  und  so  zu  Intoxicationen
  führen  kann,  welche  ohne  den  Genuss  der  Alkoholica  hätten
vermieden  werden  können.

Fabrik-Ordnung
von  Meister,  Lucius  und  Brüning  in  Höchst  a.  M.

D  1.

§.  1.  Jeder  Arbeiter  empfangt  bei  seinem  Eintritt  ein  Exemplar  dieser  Fabrik-Ordnung.

§.  2.  Die  Kündigung  kann  gegenseitig  jederzeit  stattfinden.
§.  3.  Die  Arbeiter  stehen  unmittelbar  unter  einem  Aufseher,  dessen  Anordnungen ­
  sie  willig  Folge  zu  leisten  haben.
§.  4.  Die  Glocke  verkündet  den  Arbeitern  des  Morgens  und  des  Abends  den
Anfang  und  das  Ende  der  Arbeitszeit.
§.  5,  Bei  verspätetem  Erscheinen  meldet  sich  der  Arbeiter  bei  seinem  Aufseher, ­
  welcher  die  Zeit  des  Arbeitsantritts  bestimmt.
§.  6.  Wer  die  Arlieit  vor  oder  nach  dem  regelmässigen  Schichtwechsel  verlässt, ­
  hat  sich  beim  Portier  (Nachtwächter)  abzumelden.
§.  7.  Es  darf  kein  Arbeiter  ohne  Anzbige  und  Erlaubniss  seines  Aufsehers
Ausbleiben.  Io  unvorhergesehenen  Fällen  hat  er  sioh  über  den  Grund  seines  Ausbleibens ­
  genügend  zu  rechtfertigen.  -
§.  8.  Ruhiges,  anständiges  Benehmen  wird  jedem  Arbeiter  zur  Pflicht  gemacht. ­
  Er  hat  auf  Reinlichkeit  an  sich  selbst,  wie  in  seinem  Arbeitsraum  streng
zu  achten  und  den  für  die  einzelnen  Arbeitsräume  getroffenen  Anordnungen  pünktlich ­
  Folge  zu  geben.  ,
§•  9.  Kein  Arbeiter  darf  einen  anderen  Theil  der  Fabrik  betreten,  als  denjenigen, ­
  wo  ihm  seine  Beschäftigung  angewiesen.
§.  10.  Kein  Arbeiter  darf  ohne  Erlaubniss  des  Aufsehers  seine  Arbeit  verlassen; ­
  insbesondere  muss  derselbe  an  seinem  Platze  bleiben,  wenn  in  einer  der
Fabriken  der  Unterzeichneten  durch  Brand  oder  andere  Ereignisse  aussergewöhnliche
  Störungen  eintroteu.
§.  11.  Jeder  Arbeiter  ist  für  den  Schaden  verantwortlich,  den  er  der  Fabrik
durch  Nachlässigkeit,  Unachteamkeit/  oder  Bosheit  izufügt;  er  ist  ferner  für  den
Bestand  der  ihm  anvertrauten  Werktage,  Geräthschaften  uud  Maschinen  haftbar.
        <pb n="38" />
        36

§.  12.  Kommt  Etwas  an  Maschinen  oder  Geräthen  in  Unordnung,  so  muss
der  Arbeiter  sogleich  seinem  Aufseher  Anzeige  machen,  der  allein  bezüglich  der
Reparaturen  das  Erforderliche  zu  veranlassen  hat.
§.  13.  Angetrunkene  Arbeiter  werden  in  der  Fabrik  nicht  geduldet.  Neigung ­
  zur  Trunksucht  hat  Entlassung  zur  Folge.
§.  14.  Es  ist  untersagt,  geistige  Getränke  in  die  Arbeitsräume  mitzubringen.
§.  15.  Das  Tabakrauchen  ist  innerhalb  der  Fabrik  und  deren  Höfen,  wie
auch  bei  dem  geschäftlichen  Verkehr  zwischen  den  einzelnen  Fabriken  und  der
Eisenbahn  verboten.  Tabakspfeifen  und  Zündhölzer  dürfen  nicht  mit  in  die  Fabrikräume ­
  gebracht  werden.  Im  Speisesaal  ist  das  Rauchen  während  der  bestimmten ­
  Ruhezeit  erlaubt.
§.  16.  Bei  Nichtbeachtung  der  gegebenen  Verordnungen  können  Strafen  bis
zu  drei  Mark  zuerkannt  werden.
§,  17.  Die  Arbeiter  haben  sich  aller  Miltheilungen,  die  Fabrikation  betreffend,
an  Dritte,  wie  auch  unter  sich,  zu  enthalten.
§.  18.  Das  Mitnehmen  von  Materialien  und  fertigen  Fabrikaten  wird  streng
untersagt  und  jede  Entwendung  der  Art,  auch  der  kleinsten  Probe,  als  Diebstahl
verfolgt  werden.
§.  19.  Die  Unterzeichneten  werden  an  bewährte  tüchtige  Arbeiter  jährliche
Gratificationen  austheilen.
Von  den  Arbeitern  sind  die  meisten  aus  Höchst  und  dessen  Umgebung;  eine
nicht  geringe  Anzahl  ist  jedoch  aus  entfernten  Orten,  hat  in  Höchst  ein  Logis  gemiethot
  oder  nimmt  daselbst  nur  eine  Schlafstelle  und  geht  wöchentlich  oder  monatlich ­
  einmal  oder  mehrmals  nach  Hause.  Ueber  die  Vertheilung  der  Arbeiter
nach  ihrem  Wohnorte  und  dessen  Entfernung  von  Höchst  gibt  Tabelle  D  2
Aufschluss.

Wohn-Orte.

Tab.  D  2.

Entfernung ­
  von
Höchst
in  km.

Wohnort.

Maurer.

Mech.  Werkstätte. ­


Fuhrwesen,

Hofarbeiter.

Alizarin.

Anilin.

Summa.

1.5
4.5
3,0
2.25
3,0
6,0
6.75
8.25
9.75
11,25
7.5
6,0

Höchst
Nied
Griesheim
Schwanheira
Unterliederbach
Sossenheim
Sulzbach
Niederhofheim
Münster
Kelkheim
Hornau
Neuenhain  und
Altenhain
Eschborn

11
11
3
3
4
2

39
7
1
5
3
2
2

8
1
1

44
7
2
2
5
1
2
2
3

97
13
3
11
6
9
1
1
10
1
7

121
28
3
12
19
25
3
2
3
8
4
2
3

320
66
12
31
33
40
10
3
6
20
5
14
3
        <pb n="39" />
        37

Entfernung ­
  von
Höchst
in  km.

Wohnort.

Maurer.

Mech.  Werkstätte. ­


Fuhrwesen.

Hofarbeiter.

Alizarin.

Anilin.

Summa.

4.5
3.75
6,0
7.5
6.75
9.75
14,25
14.25
11.25
14.25
11.25
9.75
6.75
8,25
13.5
13.5

Zeilsheim
Sindlingen
Kelsterbach
Okriftel
Hattersheim
Eddersheim
Flörsheim
Wicker
Weilbach
Wallau
Diedenbergen
Marxheim
Kriftel
Hofheim
Lorsbach
Langenhain
Diversa

4
3
1
2
1
2
1
1
2
1
1

2
5
3
3
1
2
2
1

3
1
1

1
9
6
5
4
2
2
3
4
2

8
6
11
3
6
1
4
5
7
1
5
2
7

7
23
19
15
14
18
11
1
9
1
4
5
11
10
4
1
15

22
49
41
23
30
23
19
7
20
1
4
9
14
21
5
3
24

53

78

15

106

225

401

878

Nach  ihr  entfallen  auf  Höchst  selbst  320  oder  36  pCt.  der  Arbeiter;  in
einer  Entfernung  von  bis  zu  5  km  wohnen  253  d.  h.  circa  30  pCt.  der  Arbeiter.
Hie  übrigen  Arbeiter  sind  aus  entfernteren  Ortschaften,  gehen  jedoch  theilweise
bis  zu  einer  Entfernung  von  10  km  jeden  Abend  nach  Hause.
Ein  sehr  buntes  Bild  bilden  die  Antecedentien  der  Fabrik-Arbeiter  im  engeren
Sinne  des  Wortes  d.  h.  der  in  den  eigentlichen  Fabrikations-Räumen  beschäftigten
Arbeiter.  Fabriken  gab  es  früher  in  hiesiger  Gegend  nicht;  die  in  den  letzten
Hecennien  angelegten  mussten  sich  somit  aus  den  verschiedensten  Berufsarten
rokrutiren.  Dass  hierbei  die  sog.  Tagelöhner  d.  h.  solche  Arbeiter,  welche  in
ihrer  Jugend  ein  specielles  Gewerbe  nicht  erlernten,  das  grösste  Contingent  stellten,
ist  selbstverständlich.
Unter  503  eigentlichen  Fabrik-Arbeitern  finden  wir  deren  205  oder  40pCL;
unter  den  Gewerben  sind,  wie  dies  aus  Tab.  D3  ersichtlich,  am  meisten  vertreten:
Die  Schuhmacher  mit  45  Mann  oder  5,2  pCt.
-  Maurer  -  43  -  -  5,0  -
-  Weber  -  25  -  -  3,1  -
-  Schreiner  -  23  -  •  2,6  -
-  Bergleute  -  20  -  -  2,2  -
-  Zimmerleute  -  18  -  -  2,0  -
Die  anderen  Arbeiter  zerstreuen  sich  auf  28  weitere  verschiedene  Gewerbe.
        <pb n="40" />
        38

Tab.  D  3.
Ihrer  früheren  Beschäftigung  nach  waren  die  eigentlichen  Fabrik-Arbeiter
(excl.  Mech.  Werkstätte,  Heizer,  Schlosser  u.  s.  w.)

Zahl.

Gewerbe.

5
6
6
4
5
6
5
4
3
2
4
2

Steindrucker

Bierbrauer

Kutscher

Kellner

Sattler

Bildhauer

Schriftgiesser
Bürstenbinder
Buchbinder

Glaser

Tapezierer

Gewerbe.

Zahl.

Gewerbe.

Zahl.

Taglöhner...
Schuhmacher
Maurer
Weber
Bergleute  ...
Ziramerleute  .
Schreiner....
Schlosser  ....
Bäcker
Metzger
Gerber
Korbmacher..

205
45
43
25
20
18
23
13
13
11
7
6

Schiffer
Cigarrenmacher....
Gärtner
Weissbinder
Schneider
Landwirthe  .......
Bader
Müller
Häfner
Wagner
Küfer
Lackirer

Summa  |  503
Da  die  Arbeiter  in  der  mechanischen  Werkstätte,  die  Schlosser  und  die  Fuhrleute, ­
  in  ihrer  früheren  Beschäftigung  weiter  arbeiten,  so  kamen  bei  Tab.  D  3
nur  die  eigentlichen  Fabrik-Räume  in  Betracht.  In  diesen  waren  528  Arbeiter
beschäftigt,  von  welchen  bei  503  die  frühere  Beschäftigung  wie  Tab.  D  3  angegeben ­
  ist.

Ihrem  Familienstande  nach  waren  von  869  Arbeitern:
ledig  297  oder  34  pCt.
verheirathet  563  -  65  -
Wittwer  9  -  1  -

Die  Vertheilung  den  einzelnen  Beschäftigungen  nach  giebt  Tab.  D  4  und
zeigt  diese,  dass  weder  auf  das  Abschliessen  der  Ehen,  noch  auf  die  Anzahl  der
Kinder  ein  wesentlicher  Unterschied  zwischen  den  Maurern,  den  Arbeitern  in  der
mechanischen  Werkstätte,  den  Ilofarbeitern  u.  s.  w.  einerseits  und  den  eigentlichen ­
  Fabrik-Arbeitern  andererseits  besteht.

Familien-Verhältnisse.  Tab.  D  4.

Ledig.

Wittwer.

Verheirathet. ­


0

1

2  1  3  j  4
K  i

5
n  d

6
e

7
r.

8

9

10

Maurer
Mechan.  Werkstätte
Fuhrwesen
Hofarbeiter
Schlosser  u.  Heizer
Expedition,  Lager
u.  Färberei  ....
Anilinfabrik
Alizarjnfabrik  ....

21
30
3
38
13
24
98
70

1
1
3
4

31
47
12
58
33
30
202
150

2
6
7
6
2
21
15

9
8
2
17
10
8
56
32

5
12
2
5
5
6
48
33

5
11
3
11
6
6
41
28

2
5
1
12
3
14
22

4
4
2
5
3
3
14
14

4
1
2
2
6
4

1
1
1
2
1
3
3

1
1
2

1

1

I297

9

563

59

142

116

111

59

49

19  1  12

4

1

1
        <pb n="41" />
        Was  die  Stärke  der  einzelnen  Familien  anbelangt,  so  hatten  von  572  verheiratheten

  Arbeitern  :  59  Arbeiter  keine  Kinder
142  -  1  Kind
116  -  2  Kinder
111  -  3  -
59  -  4  .
49  -  5  .
19  -  6  -
12  -  7  -
4  8
1  -  9  -
.1  -  10  -
Das  Alter  ist  von  869  Arbeitern  angegeben,  und  giebt  über  dasselbe  Tab.
D  5  Aufschluss.  Aus  ihr  sieht  man,  dass,  von  5  zu  5  Jahren  gerechnet,  die
meisten  Arbeiter  zwischen  dem  26.  und  30.  Lebensjahre  stehen,  und  dass  im
Ganzen  von  869  Arbeitern  747  oder  86  pCt.  das  40.  Lebensjahr  noch  nicht  erreicht ­
  haben.  Aelter  als  50  Jahre  sind  32  Arbeiter,  und  unter  diesen  einer  mit
63  Jahren.

Alters-Verhältnisse.

Tab.  D  5.

Maurer
Mechan.  Werkstätte.
Fuhrwesen
Hofarbeiter
Schlosser  und  Heizer.
Expedition,  Lager  u.
Färberei
Anilin-Fabrik
Alizarin-Fabrik

15
7
1
18
2
15
26
17

5
21
14
12
12
51
32

11
19
5
26
11
9
HO
74

12
16
2
9
6
6
51
37

7
6
3
8
10
4
30
27

1
5
4
1
4
16
21

1
1
3
13
1
4
10
6

101  147  265  139  95  52  38  21  9  2
Was  die  Dauer  der  Beschäftigung  auf  der  Fabrik  anbelangt,  so  giebt  hierüber ­

  Tab.  D  6.  Aufschluss.

Wie  lange  auf  der  Fabrik?  Tab.  T)  6a.

1

ï

1

CO
1

1
CO

.
I
-4"

a
1
o

h
7

r
00

i.
1
CO

o
T
(Ti

11

13

14

15

Maurer
Mechanische  Werkstätte
Fuhrwesen
Hofarbeiter
Schlosser  und  Heizer
Expedition,  Färberei  und  Lager  .
Anilin-Fabrik
Alizarin-Fabrik

14
8
2
23
9
9
112
37

17
29
1
30
10
11
63
49

6
9
1
5
4
7
28
•23

3
10
8
1
7
22
23

12
5
1
6
9
2
14
29

1
4
5
6
3
6
15
23

2
2
11
4
4
11
21

4
1
3
1
2
6
12

3
1
4
7

1
8
3
1
6

3
1
2
4

4

3

1

1
1

1

214

210

83

74

78

63

55

29

15

19

10

4

3

1

2

1
        <pb n="42" />
        40

Tab.  D  6b.

Raum.

Anili  n-Fabrik.
Wie  lange  auf  der  Fabrik?
‘,1  |i|2|3|4|5|g|7|8|9  Iio|i  i!i2|i3|'i4|i5
Jahre.

1  i

beide

4U

28

Raume  erst

(  seit  1877

3  3

;  im  Betriebe.

Nitrobenzol.
21  Arbeiter
Reduction.
28  Arbeiter
Fuchsin
41  Arbeiter
Blau.
21  Arbeiter
Violett.
23  Arbeiter
Grün
18  Arbeiter
Eosin.
18  Arbeiter
Orange.
72  Arbeiter
Naphtol
59  Arbeiter
120|63|28|22|14|14|11|  6|
Von  Jahr  zu  Jahr  gerechnet  sind  demnach  die  meisten  von  den  862  Arbeitern, ­
  von  welchen  desfallsige  Angaben  vorliegen,  weniger  als  1  Jahr  auf  den
Fabriken  beschäftigt.  Die  Anzahl  derselben  beträgt  424  oder  fast  50pCt.  sämmtlicher
  Arbeiter.  Der  Grund  hiervon  liegt  zum  kleineren  Theil  in  der  Eingangs
erwähnten  Fluctuation  der  Arbeiter-Bevölkerung,  zum  grösseren  Theil  in  der  "seit
circa  einem  Jahre  stattgefundenen,  wesentlichen  Vergrösserung  der  Fabrik.  Während ­
  die  Anzahl  sämmtlicher  Arbeiter  am  ersten  Januar  1878  nur  490  betrug,
wuchs  dieselbe  bis  zum  1.  Januar  1879  auf  730  und  betrug  am  15.  August
1879,  dem  Tage,  dessen  Bestand  allen  diesen  meinen  Tabellen  zu  Grunde  liegt,
878.  Nehmen  wir  für  das  Jahr  1878  einen  mittleren  Bestand  von  610  Arbeitern
an,  so  hat  also  in  Jahresfrist  die  Zahl  der  Arbeiter  um  268,  also  um  60  pCt.  der
vorher  erwähnten  424,  zugenommen.  Rechnen  wir  diesen  Zuwachs  ab,  so  stellt
sich  bezüglich  der  Arbeiter-Bewegung  im  grossen  Ganzen  das  Verhältniss  so,  dass
von  sämmtlichen  Arbeitern  auf  der  Fabrik  beschäftigt  waren  ;
0—1  Jahr  156  Arbeiter  d.  h.  26  p0t.

1—2
2—  3
3—  4
4—  5
5—  6
6  —  7
7—15

83
74
78
63
55
29
56

14.5  -
12,0  -
13,0  -
10.5  -
10,0  -
5,0  -
10,0  -
        <pb n="43" />
        41

Weil  für  die  Beurtheilung  der  später  folgenden  Zusammenstellung  der
Kranken-Bewegung  in  den  letzten  5  Jahren  die  Räume  der  Anilin-Fabrik  am  wesentlichsten ­
  sind  und  bei  Beurtheilung  der  Gesundheitsverhältnisse  der  Arbeiter
die  Dauer  von  deren  Aufenthalt  in  den  einzelnen  Räumen  nicht  ausser  Betracht  zu
lassen  ist,  so  habe  ich  für  die  Anilin-Fabrik  eine  getrennte  Tabelle  aufgestellt,  und
ergiebt  diese,  mit  Weglassung  der  erst  seit  einem  Jahre  in  Betrieb  befindlichen
Orange-  und  Naphtol-Räume,  einen  durchschnittlichen  Aufenthalt  der  Arbeiter  in
den  einzelnen  Räumen  wie  folgt:
1.  In  dem  Blau  -Raume  von  Jahren  5,5.
2.  -  -  Violett  -  -  -  -  4,0.
3.  -  -  Fuchsin  -  -  -  -  3,4.
4.  -  -  Nitrobenzol-  -  -  -  3,0.
5.  -  -  Grün  -  -  -  -  2,7.
6.  -  -  Reductions-  -  2,2.
Was  die  socialen  Verhältnisse  der  Arbeiter,  im  engeren  Sinne  des  Wortes,
anbelangt,  so  wäre  neben  den  unten  folgenden  Lohnverhältnissen  eine  Statistik
darüber  sehr  erwünscht  gewesen,  in  wie  weit  die  einzelnen  Arbeiter  ausser  ihrem
Lohn  noch  anderweitige  Einnahmequellen  haben.  Es  war  jedoch  nicht  möglich,
eine  zuverlässige  derartige  Zusammenstellung  zu  Stande  zu  bringen  und  kann
deshalb  nur  soviel  bemerkt  werden,  dass  eine  nicht  geringe  Anzahl  von  Arbeitern
durch  eine  kleine  Oeconomie,  durch  Arbeitslöhne  der  Frau  und  erwachsener  Kinder
und  auch  durch  eigene  Nebengeschäfte  auf  ihren  Fabriklohn  nicht  ausschliesslich
angewiesen  ist.  Einen  Beitrag  nach  dieser  Richtung  liefern  die  Wohnungsverhältnisse ­
  der  einzelnen  Arbeiter.  Eine  Angabe  hierüber  liegt  von  864  Arbeitern
vor  und  ist  in  Tab.  D  7  enthalten.
Tab.  D  7.

Wohnungsverhältnisse.

0  Maurer
2)  Mech.  Werkstätte
3)  Fuhrwesen
4)  Hofarbeiter
5)  Schlosser  und  Heizer  ...
6)  Expedition,  Lager  und
Färberei
Anilinfabrik
2¿,A|izarinfabrik
Summa
Nach  dieser  besitzen:
159  Arbeiter  d.  h.
408
249
48

Anzahl.

Eigene
Wohnung.

Miethe.

53  12
78  14
15  8

20
33
7
2  haben

99
46

21
6

48
27

Schlaf-  Bei  den
stelle.  Eltern.

21
31
3

freie  Wohnung.
23  6
13  —

54
298
223
864

6
64
33
159

31
150
92

408

4
74
81

249

13
10
17

48

ca.  18  pCt.  eine  eigene  Wohnung.
-  47  -  wohnen  zu  Miethe.
-  29  -  haben  nur  eine  Schlafstelle.
6  -  wohnen  bei  ihren  Eltern.
        <pb n="44" />
        42

Die  Betheiligung  der  Arbeiter  an  Kranken-,  ünterstützungs-  und  Sterbe-Kassen
  in  ihren  Wohnorten  ist  eine  verhältnissmässig  geringe,  indem  von  864  nur
341,  also  nur  40  pCt.  Mitglied  einer  solchen  sind.  Es  ist  dies  um  so  auffallender,
als  in  allen  Orten  hiesiger  Gegend  solche  Kassen  bestehen,  welche  bei  einer  geringen ­
  wöchentlichen  Einlage  einen  verhältnissmässig  hohen  Satz  an  Unterstützungen ­
  bei  Erkrankungen,  einzelne  auch  bei  eingetretener  Invalidität  und  bei
Sterbefällen  zahlen.  Im  Anschluss  an  die  Tabelle  D  8,  welche  eine  Vertheilung
der  Mitglieder  von  Krankenkassen  auf  die  einzelnen  Räume  und  Beschäftigungen
enthält,  füge  ich  aus  den  vor  mir  liegenden  Statuten  von  20  Ortschaften  ein
Schema  bei,  welches  zeigt,  wie  die  einzelnen  Vereine  ihren  Zweck  zu  erreichen
suchen.

Ünterstützungs-Ge-





Ort  u.  Name.

stiftet. ­


Zweck.

Alter
Ver-  der
mögen.  Aufnahme. ­


Eintrittsgeld.

1.  Höchst.
Arbeiter-Verein.


1872.

Unterstützung ­

erkrankter
Arbeiter
in
Fabriken.

M.  2000.

Mitglieder ­

140.

17—50

17—25  J....  M.  2.—
25—30  J.  ...  M.  4.—
30—35.1.  ...  M.  8.—
35—40J....  M.  12.—
40—45  J  ...  M.  24.—
45—50  J....  M  48.—

2.

Nied.
Männer-Kranken-



1846.

Unterstützung ­

erkrankter
Mitglieder. ­


M.  3400.
Mitglieder ­

141.

18—45

18—25J.  ...
25—30  J....
30—35  J....
35—40  J....
40—45  J....

M.  5.15.
M.  8.54.
M.  17.14.
M.  34.29.
M.  68.57.

3.

Langenhain. ­


Kranken-  und
Sterbe-Verein.


1878.

vid.  No.  2.

M.  1300.
Mitglieder ­

90.

17—40

17—20J  M.  2.60.
20—25  J.  ...  M.  3.45.
25—30.1  M.  4  30.
30—35  J  M.  5.15.
35—40  J.  ...  M.  6.—.

Tab.  D  8.

Anzahl
der
Arbeiter.

Anzahl
.  der
Mitglieder
einer  Kra

pCt.-Satz
der
Mitglieder
akenkasse.

Maurer

53
78
15
99
46
54
298
223

23
29
7
19
21
18
127
97

43
37
47
20
45
33
42
43

Fuhrwft.sftn

Hofarheitftr

Schlosser  lind  Heizer

Expedition  Lager  und  Färberei

Anilin  -  Fabrik

Alizarin-Fabrik

Summa

864

341

40

Kassen.  Tab.  D  9.

Wöchent ­
 ­

Beitrag. ­


20  Pf.

12  Pf.

9  Pf.

Beginn
der
Unterstütz ­
 ­


''4  Jahr
nach
Eintritt. ­


1  Jahr
nach
Eintritt. ­


ViJahr
nach
Eintritt. ­


Höhe  der  Unterstützung

bei  Erkrankungen.

Wöchentlich  M.  8.—.

I.Qrtl.pr.WocheM.7.
II.  -  -  -  -  5.50.
III.  -  -  -  -  4.—
IV.  -  -  -  -  2.50
Jede  weitere  Woche
M.  1.50.

pr.  Arbeitstag  86  Pf.
durch  */,  Jahr.

Invalidi ­
 ­


M.  1.50
pr.
Woche.

Vom
Verein
in  jedem
einzelnen ­
  Fall
zu  bestim ­
 ­


Tod
des
Mannes.

M.42.86

Sarg
und
M.24.—

Tod
der
Frau.

Bemerkungen.

Ausser  dieser
Kasse  besteht
in  Höchst
noch  ein  Männer-Kranken-

  mit
128  Mitgliedern ­
  und
2000  M.  Vermögen. ­


Krankheiten
unter  4  Tagen
werden  nicht
bezahlt.
Die  Mitgliederbeiträge ­
  ruhen
während  der
Dauer  der
Erkrankung.
        <pb n="45" />
        44

Ge-No.



Ort  U.  Name.

stiftet. ­


Zweck.

Alter
Ver-  der
mögen.  Auf-Eintrittsgeld.



nähme.

4.

Eschborn.

Männer-Kranken-



1848
rev.

vid.  No.  2.

M.  1600.
Mit-20-45



20—22
22—25
25—30

1858.

glieder
66.

30—35
35—40
40—45

j!  '.  '.  !
j'.'.W
J....

M.  1.70.
M.  2.60.
M.  3.40.
M.  5.10.
M.  6.80,
M.  10.20.

5.  Hattersheim. ­

Kranken-Verein.


1862
rev.
1867.

vid.  No.  2.

M.  2700.
Mitglieder ­

82.

20-50

20—25
25-30
30—35

J.
J.
•T.

35-40  J.
40—45  .1.
45—50  J.

.  M.  1.70.
.  M.  3.40.
.  M.  6.80.
.  M.  10.20.
.  M.  13.70.
.  M.  17.10.

6.

II  reck  enhcim.

Krankenund
  Sterbe-Verein.


1865.

Gegenseitige ­
  Unterstützung ­

in  Krankheits-
  und
Sterbe-Fällen.


M.  1400.
Mitglieder ­

82.

17—50

17—20  J....  M.  2  .50
20-25  J.  ...  M.  3.40
25—30.1  M.4  20
30—35  .T  M.  5.10
35—40  J....  M.  6.—
40—45  J.  ...  M.  6.80
45—50  J  M.  7.60

7.  Griesheim.

Männer-Kranken-Unter-



„Eintracht“.

1870.

Unterstützung ­
  erkrankter ­

Mitglieder
und  deren
Hinterbliebenen. ­


M.1700.
Mitglieder ­

146.

16-40

16-30.1.  .
31—35  J..
36—40  J.  .

M.  1.70.
M.  3.40.
M.5.10.

45

Wöchent ­
 ­


Beginn
der
Unter-Boi

 ­



  der  Unterstützung

bei  Erkrankungen,

Invalidi-



des

Tod
der

Bemerkungen.

trag.

ung.

tät

11  Pf.

1  Jahr
nach
Eintritt. ­


I.Qrtl.  pr.Woche  M  3.40.
II.  -  -  -  -  2.60.
HI.  ...  -  1,70.
IV.  -  -  -  -  1.70.

per
Woche
85  Pf.
nach  Beschluss ­

der
General-Ver
 ­
 ­


Mannes,

Frau.

M.  18.80.

Die  Mitglieder
erhalten  ihre
Medicamente
aus  der  Kasse
bezahlt.

Das
1.  Halbjahr ­

17  Pf.,
später
11  Pf.

7,Jahr
nach
Eintritt. ­


I.Qrtl.  pr.  Woche  M.5.70.

II.  -  -  -  -  4.—.
III.  ...  -  2.30.
IV.  -  -  -  -  1.70.
Bei  theilweiser  Arbeitsfähigkeit: ­

I.Qrtl,  pr.Woche  M.2.85.
H.  -  -  2.30
III.  ...  -  1.70.

M.21.50.
12  halbpfün-

  u.
1  pfündige

Kerze.

Die  Unterstützung ­

beginnt  erst
am  7tenKrankheitstage.

Die  Mitglieder
haben  freie
ärztliche  Behandlung. ­


8  Pf.
und
ausserdem ­
  bei
jedem
Sterbefall ­

34  Pf.

*4  Jahr
nach
Eintritt. ­


Täglich  68  Pf.  durch
7t  -liihr.
Später  muss  General-Versammlung
  deren
Fortsetzung  speciell
besohl  lessen.

M.17.14
und  soviel ­
  Mal
74  Pf.
als  der
Verein
z.Z.  Mit-M

  17.14

glieder
hat.

Die  Beiträge
(wöchentliche) ­
  ruhen
wähn-nd  der
Krankheit

17  Pf.
und
ausserdem ­

werden
die
Sterbe-Renten

auf  die
einzeU
uen  Mitglieder ­

ausgeschla
 ­


1  Jahr
nach
Eintritt. ­


I.  Qrtl.  pr.  Woche  M.5.10.
II.  -  -  -  -  4.20.
III.  -  -  -  -  3.40.
Für  den  Rest  des
Jahres  pr.  Woche
M.  1.70.

M.27.40.

M.20.50.

Nach  Ablauf
eines  Jahre.s
der  Erkrankung ­
  hört  der
Betretende
auf,  Mitglied
des  Vereins
zu  sein.
Die  Unterstützung ­

beginnt  erst
nach  dem
6ten  Krankheitstage. ­
        <pb n="46" />
        Ein  grosser  Unterschied  besteht  zwischen  diesen  Vereinen  nicht.  Interessant
sind  jedoch  einige  Gegensätze.  So  unterstützt  der  Griesheimer  Verein  seine  Mitglieder
nur  durch  1  Jahr.  Dauert  eine  Krankheit  länger,  so  wird  der  Betreffende  als  aus
dem  Verein  ausgetreten  betrachtet  und  verliert  seine  Anrechte  an  denselben.  Dem
gegenüber  stehen  andere  Vereine,  welche  ihre  Mitglieder  bei  eingetretener  Invalidität ­
  durch  das  ganze  Leben  unterstützen.  So  wird  z.  B.  nach  den  Nieder  Statuten ­
  jedes  Mitglied,  welches  länger  als  1  Jahr  krank  ist,  als  invalide  betrachtet
und  erhält  eine  wöchentliche  Unterstützung  von  1  M.  50  Pf.  Aehnliche  Bestimmungen ­
  finden  sich  bei  den  meisten  Vereinen.  Neben  diesen  Unterstützungen  bei
Erkrankungen  und  Invalidität  zahlen  die  meisten  Vereine  bei  dem  Tode  des  Mitgliedes ­
  und  einzelne  Vereine  auch  bei  dem  Tode  der  Frau  eines  Mitgliedes  neben
oder  ohne  die  Kosten  der  Beerdigung  einen  einmaligen  Betrag  von  zwischen  10  und
30  M.  und  entnehmen  denselben  entweder  ihrer  Kasse,  oder  die  Mitglieder  müssen
für  jeden  einzelnen  Sterbefall  einen  Extra-Beitrag  liefern.  Nur  2  Vereine  gehen
in  ihrer  Fürsorge  für  ihre  Mitglieder  weiter,  indem  einer  derselben  (Eschborn)
den  Erkrankten  die  Medicamente,  der  andere  (Hattersheim)  den  Arzt  aus  der
Vereinskasse  bezahlt.
Im  Allgemeinen  haben  sich  diese  Unterstützungs-  und  Sterbekassen  in  hiesiger ­
  Gegend  lebensfähig  gezeigt;  die  Betheiligung  ist  meistens  eine  gute  und  die
Verwaltung  eine  geregelte;  es  steht  indessen  zu  befürchten,  dass  bei  dem  längeren
Bestände  derselben,  d.  h.  bei  dem  vorrückenden  Alter  der  Mitglieder  die  Ansprüche ­
  an  die  Kasse  grösser  als  in  den  ersten  Jahren  werden,  und  es  lässt  sich
deshalb  noch  nicht  absehen,  ob  diese  mit  den  verhältnissmässiggeringen  wöchentlichen ­
  Einlagen  auf  die  Dauer  zu  halten  sind.
Zu  bedauern  ist,  dass  die  Arbeiter  so  wenig  Gebrauch  von  den  jetzt  so  zahlreichen ­
  und  verhältnissmässig  billigen  Lebensversicherungen  machen.  Zumal
auf  einer  Fabrik,  auf  welcher  die  Arbeiter  gar  keinen  Beitrag  zu  der  Kranken-Unterstützungskasse
  zahlen,  und  die  Löhne  verhältnissmässig  hoch  sind,  hätte  man  ein
grösseres  Interesse  für  diese  segensreichen  Einrichtungen  erwarten  sollen.  Eine
wöchentliche  Einlage  von  50  Pf.  eines  25jährigen  Arbeiters  entspricht  bei  dem
Tode  desselben  einem  Capital  von  1500  M.,  und  es  sollte  doch  wahrlich  dem
grösseren  Theil  der  in  Rede  stehenden  Arbeiter  nicht  schwer  werden,  von  ihrem
Lohne  per  Woche  50  Pf.  zu  erübrigen.
So  viel  festzustellen  möglich  war,  sind  jedoch  von  sämmtlichen  Arbeitern
nur  5  in  einer  Lebens-Versicherung.
Die  Aufnahme  der  Arbeiter  geschieht  derart,  dass  die  Arbeitsuchenden
sich  auf  dem  Fabrik-Comptoir  melden  und  von  da,  sobald  eine  Stelle  frei  ist,  Nachricht ­
  erhalten.  Gewöhnlich  ist  eine  grosse  Anzahl  Arbeitsuchender  daselbst  vorgemerkt. ­
  Zur  Aufnahme  ist  in  erster  Linie  nothwendig,  dass  der  Arbeitsuchende
nicht  unter  16  Jahren  und  —-  für  gewöhnlich  —  nicht  über  30  Jahre  (in  Ausnahmefällen ­
  bis  zu  35  Jahren)  alt  ist;  in  zweiter  Linie  muss  derselbe  sich  einer
ärztlichen  Untersuchung  unterziehen,  ob  durch  die  Fabrikation  kein  Nachtheil  für
seine  Gesundheit  zu  befürchten  ist.  Ehe  diese  Frage  erledigt  ist,  wird  kein  Arbeiter ­
  in  einen  Fabrikraum  aufgenommen.  Solche  Untersuchungen  von  Arbeitsuchenden ­
  geschehen  wöchentlich  2  —  3  mal;  werden  Arbeiter  in  den  Zwischen-
        <pb n="47" />
        47

Tagen  angenommen,  so  werden  dieselben  bis  nach  stattgehabter  Untersuchung
in  dem  Hofe  beschäftigt.
Ueber  die  Untersuchung  wird  ein  Buch  geführt  nach  Formular  D  10.

Arbeiterliste.

Tab.  D  10.

No.

Namen
und
lleimath.

Tagd.Untersuchung.


Alter.  1

Gewerbe.

Familie.  |

Erkrankungen. ­


Militärpflicht. ­


Grösse.  |

-4-»
1

Bru
Umf,
1

sting. ­

1

Innere  Organe. ­


Aeussere
Organe.

Bemerkungen. ­


Die  ersten  5  Colonnen  werden  von  dem  Aufseher,  die  anderen  vom  Arzte
ausgefüllt.  Dass  bei  diesen  Untersuchungen  auf  kleine  körperliche  Gebrechen
weniger  Werth,  als  auf  intacte  Brustorgane  gelegt  wird,  ist  selbstverständlich.
Von  der  Aufnahme  ausgeschlossen  sind  alle,  bei  welchen  Verdachtsgründe  oder
Zeichen  der  Trunksucht  vorliegen;  leidet  der  Arbeitsuchende  an  Erkrankungen
der  Augen,  der  Lider  oder  der  Haut,  so  gebieten  die  in  den  einzelnen  Fabrik-Bäumen
  nicht  zu  vermeidenden  Ausdünstungen,  denselben  nicht  anzunehmen.
Eine  Unterscheidung  zwischen  Fähigkeit  zu  Hofarbeiten  oder  Beschäftigung  in
den  Räumen  kann  nicht  gemacht  werden,  indem  es  täglich  verkommen  kann,  dass
die  Fabrikräume  sich  aus  den  Hofarbeitern  recrutiren,  und  letztere  deshalb  hinreichende ­
  Gesundheitsverhältnisse  besitzen  müssen.  Im  Uebrigen  finden  die  Untersuchungen ­
  nach  den  Prinzipien  statt,  nach  welchen  man  im  gewöhnlichen
Leben  Atteste  zur  Aufnahme  in  eine  Krankenkasse  ausstellt.  Ergiebt  die  erste
Untersuchung  kein  bestimmtes  Resultat,  so  wird  der  Untersuchte  3  Wochen  auf
der  Fabrik  beschäftigt  und  dann  zum  zweiten  Male  untersucht.  Ebendasselbe  geschieht, ­
  wenn  ein  Arbeitsuchender  mit  irgend  einem  leichten  Ausschlage  oder
Sons),  einer  leichten  Erkrankung,  deren  vollständige  Heilung  in  kurzer  Zeit  zu  erwarten ­
  ist,  behaftet  ist.  Unrichtige  Angaben  über  hereditäre  Verhältnisse,Militärpflichl,
  frühere  Erkrankungen  etc.  haben  die  Entlassung  zur  Folge.  Als  Uebersicht
  dieser  Untersuchungen  dient  Tab.  Dil,  welche  die  Aufnahme  des  Jahres
1878  darstellt.

Tab.  D  11.
der  im  Jahre  1878  neu  eingetretenen  Arbeiter  bezüglich  deren  Gesundheits-Verhältnisse.


Zahl  der
eingetrete ­
 ­
  Arbeiter. ­


Tauglich. ­


Untaug ­
 ­


Zweifelhaft. ­


Bei  d
Unters
tauglich. ­


er  II.
Lichung
untaug ­
 ­


Im  G
tauglich. ­


anzen
untaug ­
 ­


Alizarinfabrik  ...
Anilin  fabrik  .
Mech.  Werkstätte

141
26U
52

118
233
48

6
8

17
28
4

11
18
2

6
10
2

129
251
50

12
18
2

462

399

14

49

31

18

430

32
        <pb n="48" />
        4

48

Sämmtliche  Arbeiter  sind  bei  der  Magdeburger  allgemeinen  Versicherungs-Actien-Gesellschaft
  gegen  alle  Verletzungen  versichert  und  zwar  in  3  Gruppen:
1.  Gruppe  für  Arbeiter  mit  einem  Wochen  lohn  bis  zu  M.  12.  mit  M.  3000
pro  Kopf.
2.  Gruppe  für  Arbeiter  mit  einem  Wochenlohn  zwischen  12  und  18  M.  mit
M.  4500  pro  Kopf.
3.  Gruppe  für  Arbeiter  mit  einem  Wochenlohn  über  18  M.  mit  M.  6750  pro  Kopf.
Ausser  den  Arbeitern  sind  von  Seiten  der  Fabrik  auch  sämmtliche  Aufseher
und  Beamten  mit  entsprechend  höheren  Summen  versichert.
An  Prämien  wurden  hierfür  im  Jahre  1879  von  der  Fabrik  bezahlt  M.  11179,
während  die  Versicherungsgesellschaft  an  Verpflegungskosten  nur  ca.  M.  5000  zu
vergüten  hatte.
Gehen  wir  nunmehr  nach  diesen  mehr  allgemeinen  Betrachtungen  zu  unsern
speciellen  Fragen  über,  so  kommen  wir  zuerst  zu  der

II.  Fürsorge  für  den  gesunden  Arbeiter.
Hier  hätten  wir,  —  da  über  die  Einrichtungen  der  Fabrik-Räume,
deren  Ventilation  etc.  bereits  das  Nöthige  gesagt  ist,  —  die  Arbeitszeit ­
  und  den  Arbeitslohn,  die  Arbeiter-Wohnungen,  die  Menage  und
die  Bäder  in  Betracht  zu  ziehen.
1)  Die  Arbeitszeit.
Was  die  Arbeitszeit  betrifft,  so  beginnt  dieselbe  stets  Morgens  um  6  Uhr
und  endet  Nachmittags  um  5  Uhr.  Pausen  sind  zum  Frühstücke  eine  halbe  Stunde,

Lohn-Ver-Unter


2  M.

2.00.

2.10.

2.20.

2.30.

2.40.

2.50.

2.60.

2.70.

2.80.

2.90.

3.

3.10.

Maurer
Mechan.  Werkstätte ­

Fuhrwesen...
llofarbeiter  ..
Schlosser  und
Heizer
Expedition,
Färberei  und
Lager
Anilinfabrik  .
Alizarinfabrik

9
2
1
9
1
9

3
1
2
7
4

1
3
1

4
8
1
7
23

2
2
14
3
3

1
2
G
1
8
149
7

2
26
2
9
46
49

6
4
4
25
13

1
5
8
4
19
38

5
4
2
5
14
49

2
1
5
1
4
5
13

14
14
6
9
3
8
12

4
3
1
7
1

31

t

5

43  1  31

174

134

52

75

79

31

66

16

49

und  zwar  für  die  eine  Hälfte  der  Arbeiter  von  8  —  und  für  die  andere  von
^29—9  Uhr,  und  Nachmittags  eine  ganze  Stunde  von  12  —  1  resp.  1—2  Uhr
zum  Mittagessen.  Es  wird  somit  im  Ganzen  9*  j  Stunden  gearbeitet.  Eine  Pause
für  den  Nachmittagskaffee  gibt  es  nicht  ;  dafür  wird  bereits  um  5  Uhr  geschlossen.
Wo  Tag  und  Nacht  gearbeitet  werden  muss,  geht  die  Arbeitsschichte  von  6—6
Uhr,  und  wird  die  Ueberstunde  mit  lOpCt.  Lohn-Zuschlag  vergütet.  Ausserdem
geniesst  die  Nachtschichte  einen  weiteren  Zuschlag  von  10  pCt.  des  Lohnes.  Accord-Arbeit
  ist  sehr  selten  ,  weil  die  Eigenthümlichkeit  der  Fabrikationen  nur  in
Ausnahmefallen  eine  solche  gestattet.
Die  Arbeitszeit  ist  demnach  den  meisten  andern  Fabriken  gegenüber  eine
kurze.  Die  Herren  Meister.  Lucius  &amp;amp;  Brüning  gingen  hierbei  von  der  Ansicht
fius,  dass  eine  solche  etwas  verkürzte  Arbeitszeit  die  Leistungsfähigkeit  der  Arbeiter ­
  erhöhe,  und  dass  somit  an  Arbeitskraft  gewonnen  werde,  was  an  Arbeitszeit
verloren  gehe.  Ausserdem  gebietet  auch  die  bei  vielen  Arbeitern  nicht  unbeträchtliche ­
  Entfernung  ihres  Wohnortes  von  der  Fabrik  eine  auf  das  Möglichste
beschränkte  Arbeitszeit.  Ausser  an  Sonntagen  ruht  die  Arbeit  an:  Neujahr.
Charfreitag,  Ostern,  Himmelfahrtstag,  Pfingsten,  Frohnleichnamstag,  Weihnachten. ­
  sowie  an  dem  Sedanstag.  An  Wahltagen  erhalten  die  Arbeiter  auf  ihr  Verlangen ­
  den  für  Ausübung  ihres  Wahlrechtes  nöthigen  Urlaub.
2)  Die  Arbeitslöhne.
Der  Arbeitslohn  variirt  pro  Tag  zwischen  1  M.  und  5  M.  20  Pf.  Eine  genaue ­
  Löhnung  von  876  Arbeitern  enthält  Tab.  D.  12.  An  dem  Sedanstage  erhalten ­
  die  Arbeiter  ihren  vollen  Lohn;  bei  den  Reichstagswahlen  dürfen  dieselben
die  Fabrik  eine  Stunde  früher  verlassen,  ohne  dass  der  Lohn  dadurch  verkürzt
wird.  Bei  den  Landtags-  und  Gemeinde  wählen  hängt  die  Beurlaubung,
Welche  speciell  nachgesucht  werden  muss,  von  dem  Stande  der  Arbeit  ab.

•  •  Tab.  I)  Î2.
1‘ältn  isse.

3.20.

3.30.3,40.
!

3..50.

3.60.

3.70.

3,80.

4.90.

4.

4.10.4.20.

4,30.

4  40.

4.50.

5.

5  20.

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Ill  1  III  1

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  I  3

1-1
        <pb n="49" />
        50

Aus  dieser  Tabelle  ist  ersichtlich,  dass  nur  31  Arbeiter  einen  Lohn  unter
2  M.  erhalten.  Es  sind  dies  jugendliche  Arbeiter  zwischen  16  und  20  Jahren,
welche  meistens  bei  den  Maurern,  im  Hofe,  in  der  Expedition  u.  s.  w.  mit  leichteren ­
  vVrbeiten  beschäftigt  sind.  Weitaus  die  meisten  Arbeiter  und  zwar  743,
also  85  j»Ct.  von  obigen  876  Arbeitern,  erhalten  einen  Lohn  von  2  M.  20  Pf.  bis
3  M.  20  Pf.  Berechnet  man  den  Durchschnitt  der  Löhne  nach  den  einzelnen  Beschäftigungen, ­
  so  erhält
1.  ein  Arbeiter  in  der  mechanischen  Werksstätte  täglich  M.  3.  20  Pf.

2.  ein  Schlosser  oder  Heizer  in  den  Fabrikräumen  „  „  3.  15  „
3.  ein  Arbeiter  bei  den  Maurern  „  3.  —  „
4.  „  „  bei  dem  Fuhrwesen  „  3.  —  „
5.  r  r&amp;gt;  der  Alizarinfabrik  „  2.  60  „
6.  „  r  der  Anilinfabrik  „  2.  50  „
7.  „  r  in  der  Färberei,  Expedition  u.  s.  w.  „  2.  50  „
8.  „  „  in  dem  Hofe  «  2.50,

ISach  diesen  Zahlen  könnte  es  scheinen,  als  seien  die  Arbeiter  auf  der  Alizarin-Fabrik
  besser  bezahlt,  als  auf  der  Anilinfabrik.  In  Wirklichkeit  ist  dem
nicht  so,  indem  die  LohndilTerenz  zur  Zeit  ihren  Grund  ansschliessllich  in  dem
Umstande  hat,  dass  in  dem  letzten  Jahre  auf  der  Anilinfabrik  verhältnissmässig
mehr  Arbeiter  aufgenommen  wurden,  wie  auf  der  Alizarinfabrik:  auf  letzterer  somit ­
  mehr  ältere  Arbeiter  mit  höherem  Lohne  waren,  während  die  vielen  frisch
eingetretenen  Arbeiter  auf  der  Anilinfabrik  einen  niederen  Lohn  beziehen  und
dadurch  den  Durchschnittslohn  etwas  herabsetzen.  Im  grossen  Ganzen  sind  die
Löhne  für  die  entsprechende  Altersklasse  in  beiden  Fabriken  vollkommen  gleich.
Zu  diesem  Lohne  treten  nun  noch  monatliche  und  Jahres-Prämien  hinzu,  welche
sich  bei  tüchtigen,  zuverlässigen  Leuten  bis  zu  M.  100  und  darüljer  per  Jahr
erhöhen  können.  Solcher  Prämien  wurden  im  Jahre  1879  im  Gesammtbetnig  von
13600  M.  ertheilt,  und  zwar  erhielten:
5  Arbeiter  Gralificationen  von  M.  100  und  darüber.
69  r  ^  „  50—100
81  n  »•  Í?  «  25—50
825  „  „  „  w  2—25
Rechnet  man  solche  Prämien  in  die  Lohnverhältnisse  mit  ein,  so  stellt  sich
im  Durchschnitt  das  directe  jährliche  Einkommen  eines  tüchtigen  Arbeiters,  welcher ­
  einige  Jahre  auf  der  Fabrik  beschäftigt  ist,  auf  ca.  1000  Mk.,  eine  Bezahlung, ­
  wie  dieselbe  im  Verhältniss  zu  der  Kürze  der  Arbeitszeit  und  der  Ungelahrlichkeit
  der  Beschäftigung  in  wenigen  Fabriken  den  Arbeitern  geboten  wird.
Nimmt  man  hinzu,  dass  denselben  keine  Beiträge  für  die  Krankenkasse  abgezogen ­
  und  für  das  Mittagsessen  nur  pro  Tag  20  Pf.  angerechnet  werden,  so  muss
obige  Summe  den  Verhältnissen  hiesiger  Gegend  entsprechend  als  vollständig
ausreichend  für  die  Ernährung  einer  Familie  bezeichnet  werden.
3)  Die  Woliiuiiigsverhiiltnisse  der  Arbeiter.
Was  die  Wohnungsvcrhältuisse  der  Arbeiter  betrifft,  so  giebt  liicrüber  die
schon  früher  erwähnj^e  Tabelle  D  7.  Aufschluss.
Nach  ihr  besitzen  159  Arbeiter  eigne  Wohnungen,  408  wohnen  in  Miethe,
        <pb n="50" />
        4*

51

249  haben  bios  eine  Schlafstelle  und  48  wohnen  bei  ihren  Eltern.  Die  Fabrik
selbst  besitzt  50  Wohnungen  und  51  Schlafstellen,  letztere  in  8  getrennten
Zimmern.  Von  den  ersteren  befinden  sich  10  iin  directen  Anschluss  an  die  Fabrik; ­
  die  anderen  stehen  auf  einem  abgerundeten  Terrain  nördlich  und  etwa
5  Minuten  von  der  Fabrik  entfernt  an  dem  Wege  von  Höchst  nach  Zeilsheim,  auf
dem  sogenannten  See-Acker.  Die  Anlage  D  13.  gibt  einen  Situationsplan  dieser
Wohnungen,  während  die  Anlagen  D  14.  und  D  15.  Pläne  der  Bauart  der
Wohnungen  darstellen.  Die  Wohnungen  unter  sich  sind  in  so  fern  verschieden,
als  ausser  den  entsprechenden  Nebenräumen  eine  Parterre-Wohnung  (D  14)  zwei
Zimmer  und  1  Küche,  eine  Wohnung  (D  14)  über  eine  Stiege  2  Zimmer,  2  Dachkammern ­
  und  1  Küche  und  jede  Wohnung  (D  15)  zwei  Zimmer.  3  Dachkammern
and  1  Küche  enthält.  Bei  diesen  Wohnungen  war  man  bestrebt,  eine  möglichste
Trennung  der  Familien  durchzuführen,  derart,  dass  jede  Familie  ihren  eigenen
Eingang  und  vollständig  abgeschlossene  Wohn-,  Keller-  und  Speichorräume  hat.
Am  bessten  hat  sich  in  dieser  Richtung  das  sogenannte  Mühlhausener  System  des
einstöckigen  mit  ausgebautem  Kniestock  versehenen  Hauses  (D  15),  welches  sich
la  4  vollständige  Wohnungen  theilt,  bewährt.  Sämmtliche  Häuser  liegen  in
einem  Garten  von  250  qm  Fläche,  derart,  dass  zu  jeder  Wohnung  ein  kleines
Gärtchen  gehört.  In  diesem  steht,  zu  jeder  Wohnung  gehörend,  eine  kleine  Stallung. ­
  Die  Aborte  befinden  sich  bei  D  15  neben  dem  Stalle  im  Garten,  bei
II  14  sind  dieselben  an  die  Häuser  angebaut;  bei  allen  befinden  sich  die  cementirten
  Gruben  im  Freien.  Die  wöchentliche  Mietho  dieser  Wohnungen  ist  verschieden. ­
  Dieselbe  beträgt  für  eine  Wohnung  in  D  1  5  per  Woche  3  Mk.,  für
eine  solche  in  D  14  in  dem  unteren  Stock  2,  in  dem  oberen  Stock  Mk.  2.50,
also  im  Durchschnitt  pro  Jahr  incl.  Stallung  und  Garten  ca.  Mk.  150.
Ein  .Mieth-Vertrag  über  eine  solche  Wohnung  zwischen  der  Fabrik  und  den
Arbeitern  liegt  als  Anlage  D  16.  bei.

M  ieths-V  ertrag.

D.  1  fi.

Zwischen  der  Handelsgesellschaft  Meister  Lucius  und  Brüning  einerseits ­
  und  anderseits  ist  am  heutigen  Tage  folgender  Miethsvertrag  abfiieschlossen
  worden  :
§•  1.  Die  genannte  Handelsgesellschaft  vermiethet  vom  18..
^^an  die  Wohnung  No.  .  .  .  bestehend  aus
sowie  den  zu  diesem  Hause  gehörigen  Garten  für  die  vereinbarte  Summe  von
*  Mark  per  Jahr  oder  per  Woche  gegen  eine  beiden  Theilen
joder  Zeit  freistehende  14  tägige  Kündigung.
§.  2.  Der  wöchentliche  Miclhbetrag  wird  am  Ende  jeder  Woche  bei  der
Ablöhnung  in  Abzug  gebracht.
§•  3.  Mietber  bekennt,  die  Wohnung  in  gutem,  baulichem  Zustande  erhallon
  zu  haben,  versjtricht  dieselbe  reinlich  zu  halten  und  kommt  für  alle  Beschädigungen ­
  auf,  ausser  für  den  gewöhnlichen  Verschleiss.

§•  4.  Der  Miether  hat  kleine  Reparaturen,  z.  B.  das  nöthige  Ausweisen
wod  Tapezieren,  Versetzen  und  Putzen  derOefen,  die  Wiederherstellung  verdoroner
  Schlösser  und  Beschläge,  zerbrochener  Fensterscheiben  und  dergl.  auf  seine,
        <pb n="51" />
        52

(les  Miethers.  Kosten  vornehmen  zu  lassen.  Für  die  Reinigung  der  Schornsteine
und  Abtrittgruben  hat  der  Miether  aufzukommen.
§.  5.  Die  Handelsgesellschaft  bezeichnet  einen  Beamten,  welchem  die  Aufsicht ­
  über  die  Reinlichkeit  und  den  baulichen  Zustand  der  Wohnung  zusteht.
Derselbe  hat  jeder  Zeit  freien  Zutritt  zu  allen  Räumen  und  kann  unterlassene
Reparaturen  auf  Kosten  des  Miethers  anordnen,  welche  Kosten  bei  der  Auslöhnung ­
  in  Abzug  gebracht  werden.  Sämmtliche  Bewohner  haben  diesem  Beamten
mit  Achtung  zu  begegnen  und  sich  seinen  Anordnungen  zu  fügen.
§.  6.  Als  Sicherheit  für  die  §§.  4.  und  5.  entsprechende  Erhaltung  der
Wohnung  werden  dem  Miether  Jede  Woche  50  Pfennige  eingehalten,  bis  dieser
Einhalt  15  Mark  beträgt,  und  wird  dieser  Betrag  erst  nach  Lösung  der  Miethe  und
vorschriftsmässiger  Rückgabe  von  Wohnung  und  Garten  zurückbezahlt.
§.  7.  Kündigung  der  Arbeit  durch  den  Miether  oder  Vermiether  schliesst
jeder  Zeit  Kündigung  der  Wohnung  ein.
§.  8.  Für  den  etwa  in  Aussicht  stehenden  Ertrag  des  Gartens  kann  im
Falle  der  Kündigung  der  Wohnung  keine  Entschädigung  verlangt  werden  und
verzichtet  der  Miether  ausdrücklich  auf  Geltendmachung  einer  solchen.
§.  9.  Der  Miether  darf  die  Wohnung  nur  für  sich  und  seine  engere  Familie
benutzen  und  kann  dieselbe  ohne  Genehmigung  der  Vermietherin  weder  ganz
noch  theilweise,  weder  unentgeltlich  noch  gegen  Miethe  an  Andere  überlassen.
§.  10.  Die  Aufnahme  von  Aftermiethern,  die  stets  Arbeiter  der  Vermietherin ­
  sein  sollen,  bedarf  für  jede  aufzunehmende  Persönlichkeit  die  ausdrückliche
Genehmigung  der  Handelsgesellschaft,  welche  durch  den  zur  Aufsicht  bestellten
Beamten  nachgesucht  wird  und  jeder  Zeit  widerrufen  werden  kann.
Die  Zahl  der  Arbeiterwohnungen  soll  mit  der  Zeit  noch  vermehrt  werden,
daneben  soll  jedoch,  wie  später  des  Näheren  besprochen  werden  wird,  das  zur
Pension  von  erwerbsunfähigen  Arbeitern  stipulirte  Capital  einen  Theil  seiner  Anlage ­
  darin  linden,  dass  aus  demselben  den  Arbeitern  zum  Bau  einer  Wohnung,
sei  es  in  Höchst  oder  ausserhalb,  Geld  zu  massigem  Zinsfusse  gegeben  und  hierdurch ­
  denselben  die  Gründung  eines  eigenen  Herdes  ermöglicht  werde.
im  Anschluss  an  diese  Arbeiterwohnungen  füge  ich  D  17.  den  Plan  einer
Beamtenwohnung  hei:  ein  Doppelhaus  mit  verticaler  Theilung,  so  dass  vom  Keller
bis  zum  Speicher  nur  eine  Familie  verkehrt.  Eine  solche  Wohnung  enthält  im
Kellergeschoss  ausser  den  Kellerräumen  eine  Waschküche,  im  unteren  Stocke  8
Zimmer  und  eine  Küche  und  im  oberen  Stock  4  Zimmer.
4)  Die  Dado-Kinrichtuiigeii.
Einen  sehr  wesentlichen  Punkt  in  der  Fürsorge  für  die  Gesundheit  der  Arbeiter ­
  bildet  deren  Hautpflege.  Hierzu  reichen,  besonders  auf  einer  Farb-Fabrik
einfache  Waschungen  nicht  aus,  und  es  wurde  deshalb  gleich  mit  der  Verlegung
der  Fabrik  auf  ihr  jetziges  Terrain  ein  grosses  Badehaus  mit  1  8  Badezollen  erbaut. ­
  1  1  dieser  Zellen  enthalten  je  4  verbleite,  zwei  je  1  emaillirte  gusseiserne
Wanne;  in  allen  können  kalte  und  warme  Bäder  genoniinon  werden.  Um  den
Arbeitern  die  Benutzung  derselben  möglichst  leicht  zu  machen,  wurde  die  sehr
bewälirte  Bestimmung  getro(Ten,  dass  die  auf  das  Baden  verwendete  Zeit
als  Arbeitszeit  angerechnet  wird.  Die  Badenden  dürfen  nämlich  ',4
        <pb n="52" />
        53

Stunde  früher  Feierabend  machen  und  da  jeder  Arbeiter  ausserdem  10  Minuten
seiner  Arbeitszeit  zur  Reinigung  und  zum  Umkleiden  hat,  so  erhält  auf  diese
Weise  der  Arbeiter  25  Minuten  zu  seinem  Bade.  Die  einzelnen  Badezellen  sind
vertheilt  auf  die  einzelnen  Räume,  so  dass  die  Arbeiter  aus  gleichen  Bäumen
auch  dieselben  Baderäume  benutzen.  Den  Plan  des  Badehauses  enthält  Tab.
D  18.,  zu  welchem  noch  zu  bemerken  ist,  dass  in  den  letzten  Wochen  auf  demselben, ­
  mit  Aufgang  von  dem  Hofe  aus,  ein  Speisesaal  für  400  Arbeiter  erbaut ­
  wurde.
Was  die  Benutzung  der  Bäder  in  dem  Badehause  anbelangt,  so  werden  im
Durchschnitt  täglich  im  Sommer  50,  im  Winter  30  warme  Bäder  genommen.
Ausser  diesen  Bädern  befinden  sich  in  dem  Fuchsin-,  dem  Violett-  und  dem
Orün-Raume  noch  weitere,  in  speciell  diesem  Zweck  dienenden,  von  der  Fabrikation ­
  getrennten  Räumen,  54  in  Holz  ausgeführte  und  verbleite  Badewannen,
welche  täglich  von  sämmtlichen  Arbeitern  benutzt  werden.
Als  Beförderungsmittel  der  Reinlichkeit  erhalten  ausserdem  diejenigen  Arbeiter, ­
  welche  in  der  Farbenbranche  beschäftigt  sind,  wöchentlich  einen  reinen
Anzug,  bestehend  aus  Jacke  und  Hose,  sowie  ferner  2  Handtücher  und  0,5  kg
Seife.  Die  nicht  mit  Farben  in  Berührung  kommenden  Arbeiter  erhalten  ein
Handtuch  und  0  25  kg  Seife  per  Woche.
Õ)  Die  Menage.
Von  nicht  geringerer  Bedeutung,  wie  die  Pflege  der  Haut,  ist  die  Fürsorge
für  eine  zweckentsprechende  gute  Ernährung  des  Körpers.  Für  diese  dienen  2
in  ihrer  Verwaltung  vollständig  getrennte  Menagen;  die  eine  für  die  Alizarinfabrik,
  die  mechanische  Werkstätte  und  das  Fuhi-wesen  .  die  andere  für  die  .\nilinfabrik.
  Im  Ganzen  werden  dieselben  zur  Zeit  von  ca.  730  Arbeitern  benutzt
und  ergaben  die  wiederholt  vorgenommonen  Untersuchungen  der  Suppe  und  des
^^alTee,  dass  die  Bereitung,  was  Nährkraft  und  Schmackhaftigkeit  anbelangt,  nichts
wünschen  übrig  lässt.
Die  Menage-Ordnung  ist  in  Anlage  D  19.  enthalten.
1)  19.
Menage-Ordnung.
§•  1.  Die  Unterzeichneten  errichten  in  ihren  Fabriken  gemeinschaftliche
Küchen,  damit  den  Arbeitern  eine  kräftige  und  billige  Nahrung  geboten  ist.
§.  2.  Die  Verwaltung  dieser  Küchen  geschieht  durch  die  Arbeiter  selbst.
§.  6.  Die  Arbeiter  wählen  zu  diesem  Zwecke  alljährlich  einen  Ausschuss
6  Mitgliedern  durch  absolute  Majorität.
§.  4.  In  diesem  Ausschuss  sind  die  Unterzeichneten  durch  eines  ihrer  Mitglieder
  oder  einen  Bevollmächtigten  vertreten.
§.  5.  Jeden  Monat  wählt  der  Ausschuss  aus  seiner  Mitte  einen  Obmann,
üeni  die  Leitung  und  Ueberwachung  der  Küche  übertragen  ist.
§•  6.  Der  Ausschuss  ernennt  die  Person,  welche  die  Küche  besorgt  und
stellt  deren  Lohn  fest.  Er  beschliesst  über  die  Bezugsquellen  von  Fleisch  und
loderen  Bedürfnissen  der  Menage.
§•  7.  Die  Einlage  eines  jeden  Arbeiters  beträgt  zwanzig  Pfennige  pro  Tag.
§•  8.  Die  Unterzeichneten  zahlen  für  jeden  beiheiligten  Arbeiter  zehn
        <pb n="53" />
        54

Pfennige  jtro  Tag  und  den  Lohn  für  den  angeslellten  Koch  oder  Köchin.  Sie
stellen  die  nöthigen  Räume  nebst  Inventar  und  tragen  die  Heizungskosten.
§.  9.  Die  Ausgaben  und  Einnahmen  der  Menage  werden  in  einer  besonderen ­
  Kasse  mit  Einsichtnahme  des  Ausschusses  verrechnet.
§.  10.  Die  Theilnehmer  haben  den  Anordnungen  des  Obmanns,  die  Menageverhältnisse ­
  betreffend,  Folge  zu  leisten.
Höchst  a.  M.,  1.  Januar  1878.
Meister,  Lucius  &amp;amp;  Brüning.
Aus  derselben  ist  ersichtlich,  dass  die  Fabrik  das  Local,  das  Inventar  und
die  Heizung  stellt,  den  Lohn  des  Koches  bezahlt  und  für  jeden  betheiligten  Arbeiter ­
  10  Pf.  täglich  an  Geld  zuschiesst,  im  Uebrigen  jedoch  die  Verwaltung
vollständig  den  Arbeitern  überlässt.  Diese  wählen  aus  ihrer  Mitte  jährlich  einen
Ausschuss  und  dieser  aus  sich  auf  die  Dauer  eines  Monates  einen  Obmann.  Der
Ausschuss  bestimmt  d'e  Bezugsquellen,  aus  welchen  das  Fleisch  und  die  sonstigen
Bedürfnisse  der  Küche  bezogen  werden  sollen,  stellt  den  Koch  an  und  normirt
dessen  Gehalt;  der  Obmann  leitet  und  überwacht  die  Küche.  An  Zahlung  hat
jeder  Arbeiter  pro  Tag  20  Pf.  in  die  Menage  zu  zahlen  und  erhält  dafür  2  mal
täglich  ',  2  Biter  Kaffee  und  1  mal  Mittags  1  Liter  Suppe.  Brod  und  event.  Milch
bringen  die  Arbeiter  sich  mit.
Was  den  Mechanismus  der  Verwaltung  an  belangt,  so  werden  Kartoffeln,
Bohnen,  Linsen  etc.  im  Grossen  bezogen  und  in  einem  Magazin  aufbewahrt.  Der
Schlüssel  zu  diesem  Magazin  ist  in  Händen  des  Ober-Aufsehers  der  betreffenden
Fabrik.  Jeden  Vormittag  wird  derselbe  von  dem  Obmann  der  Menagen  abgeholt,
und  Obmann  und  Koch  holen  gemeinschaftlich  aus  dem  Magazin  die  für  den  Tag
nöthigen  Nahrungsmittel.  Hierauf  wird  das  Magazin  wieder  verschlossen  und  der
Schlüssel  an  den  Aufseher  der  Fabrik  zurückgegeben.  Auf  diese  einfache  Weise
besteht  eine  Controle  zwischen  Küche  und  Magazin,  die  sich  vollständig  bewährt
und  früher  vorgekommene  Unzuträglichkeiten  beseitigt  hat.
Das  Fleisch  wird  täglich  von  dem  betreffenden  Metzger  in  Gegenwart  des
Obmanns  und  des  Koches  abgeliefert  und  gewogen.  Nach  den  getroffenen  Vereinbarungen ­
  muss  sämmtliches  Fleisch  ausgobeint  sein;  auf  100  kg  Fleisch
dürfen  jedoch  nicht  mehr  als  12  kg  Knochen  geliefert  werden.  Der  Gehalt  an
Fett  wechselt  und  hängt  von  dem  Geschmack  der  Arbeiter  ab;  im  Allgemeinen
lieben  dieselben  kein  fettreiches  Fleisch,  so  dass  auf  100  kg  Fleisch  nur  10
bis  20  kg  Fett  gewünscht  werden.
Die  Beiträge  der  Arbeiter  für  die  Menage  werden  diesen  an  ihrem  Lohne
abgehalten;  diese  Beträge  in  Verbindung  milden  von  der  Fabrik  zu  leistenden  Zuschüssen ­
  von  10  Pf.  pro  Tag  und  Kopf  werden  in  einer  für  beide  Menagen  getrennten ­
  Kasse  verwaltet.  Die  Menagen  haben  mehrere  um  die  Fabrik  gelegene
und  dieser  gehörende  Aecker  in  Benutzung,  für  welche  dieselben  ausser  der  Bestellung ­
  mit  Kartoffeln  etc.  keine  Ausgaben  haben.
Auf  diese  Weise,  hauptsächlich  aber  durch  die  vermehrte  Frequenz,  ist  es
in  der  letzten  Zeit  dahin  gekommen,  dass  die  Menagen,  entgegen  dem  früheren
jährlichen  Deficit,  jetzt  finanziell  so  gut  stehen,  dass  die  eine  Kasse  am  1.October
1879  einen  Baarbostand  von  1345,  die  andere  von  1859  Mark  hatte.  Diese
        <pb n="54" />
        55

Summen  werden  verwendet,  um  günstige  Conjuncturen  für  Einkäufe  von  Kartoffeln, ­
  Hülsenfrüchte  u.  s.  w.  zu  benutzen.
Die  Zubereitung  der  Speisen  geschieht  in  grossen  Kesseln  mit  Dampfheizung.
Das  Küchenpersonal  besteht  je  aus  einem  Koch  resp.  einer  Köchin,  zwei  Küchenjungen ­
  zum  Schälen  der  Kartoffeln  etc.  und  1  Küchendiener  zum  Reinigen  des
Locals  und  der  Geschirre.  Die  Vertheilung  und  das  Ausschneiden  des  Fleisches
geschieht  durch  den  Obmann.
Als  Nahrungsmittel  dienen  neben  dem  Kaffee  :  Ochsen  fleisch,  Hülsenfrüchte,
Deis,  Kartoffeln  und  Mehl.
Das  Quantum  Fleisch  ist  in  beiden  Menagen  fast  gleich,  indem  dasselbe  auf
der  Alizarinfabrik  172,  auf  der  Anilinfabrik  164  g  pro  Tag  und  Kopf  beträgt.
Der  Kartoffel-Verbrauch  ist  auf  der  Alizarinfabrik  grösser  als  auf  der  Anilinfabrik; ­
  dagegen  wird  auf  der  Alizarinfabrik  gar  kein  Mehl  bei  der  Zubereitung
^6r  Speisen  verwende!,  während  die  Anilinfabrik  täglich  je  nach  den  Speisen  J
4  kg  verbraucht.  Auch  ist  der  Verbrauch  von  Hülsenfrüchten  auf  der
Anilinfabrik  grösser,  als  auf  der  Alizarinfabrik.
Zu  allen  Suppen  kommt,  neben  Gewürzen,  reichlich  Grünes  in  Form  von
Sellerieblättern,  Weisskraut  u.  s.  w.
Geliefert  wird  dasselbe  von  dem  Koch,  welcher  als  Entgeld  hierfür  die
Düchen-Abfälle  erhält.  Letztere  werden  pro  Jahr  und  Menage  auf  circa  50  M.  an
^Verth  geschätzt.  '
Reis  resp.  (îerste  wird  nur  ahf  der  Anilinfabrik  und  auch  hier  nur  1  Mal
in  der  Woche  gelacht.  Gewöhnlioh  wird  zwischen  Kartoffel-,  Linsen-,  Bohnenond
  Erbsen-Suppe  abgewechselt.
An  Kaffee  verbraucht  die  Alizarinfabrik  mehr  als  die  Anilinfabrik.  Bei  den
oun  folgenden  Zahlen  ist  gebrannter  Kaffee  zu  verstehen,  welcher  sich  aus  rohem
so  berechnet,  däs6“36  kg  Roh-Kaffee  circa  30  kg  gebrannten  geben.
Verbrauch  in  den  Menagen
pr.  Tag  auf  100  Arbeiter  in  Kilogramm.

Speisen.

Alizarin.

Anilin.

kg

kg

Kaffee.
hartó  fl'el-Suppc.

Hülsenfrüchte  -  Suppe.
i
Reis-Suppe.

I
I
I
I

Kaffee
Cichorien
Fleisch,
Kartoffeln
Mehl
Fleisch
Bohnen,  Linsen  od.  Erbsen
Kartoffeln
Mehl
Fleisch
Reis.  Gerste  od.  Nudeln.
Kartoffeln
Mehl

1,04
0,28
17,2
34,7
17,2
6,6
28,0

0,70
0,:48
16,4
28,0
1,0
16,4
9,2
24,0
1
16,4
5,5
24,0
1
        <pb n="55" />
        56

Das  Brod,  welches  die  Arbeiter  mitbringen,  beträgt  pro  Tag  und  Kopf
zwischen  V2  »"d  1  hg;  ausserdem  bringen  einige  Milch,  andere  Wurst  oder
Käse,  ziemlich  viele  etwas  Butter  mit.
Das  Nachtessen  zu  Hause  besteht  bei  den  Meisten  aus  Kaffee  und  Brod,
Suppe  oder  Dickmilch  und  Kartoffeln.
Betrachten  wir  die  Art  der  Verköstigung  der  Arbeiter  etwas  näher  und
spec,  die  der  beiden  Menagen,  so  kommt  einerseits  der  Kostenpunkt  und  anderseits ­
  der  Nährwerth  in  Betracht.
Die  Durchschnittspreise  der  Nahrungsmittel  enthält  Tab.  D  19.  b.

Tab.  D  19.  1).

.lährlicher  Durchschnittspreis  für  1  kg

Alizarinfabrik.

Anilinfabrik.

Kaffe  (roh)

1,68
0,56
1,20
0,06
0,26
0,30
0,40

2,40
0,56
1,28
0,40
1,08
0,05
0,25
0,33
0,35

Cichorien

Ochsenfleisch

Reis

Mehl

Kartoffeln

Bohnen

Erbsen

Linsen

Hiernach  berechnen  sich  die  einzelnen  Nahrungsmittel  und  Nahrungen  pro
100  Mann  wie  folgt:

Nahrungsmittel.

_  Alizarin.

Anilin.

Hfirk

Kaffee.

Kaffee

Cichorien

1,75

}  1,90

0,15

Kartoffeli-Suppc.

Fleisch..,
Kartoffeln
Mehl

22,001
2,25)24,25

19,681
1,40  ¡22,18
l,08j

Hülsenfrüchte-Suppe.

Fleisch
Kartoffeln
Mehl
Hülsenfrüchte  ...

22,00)
^^&amp;gt;25,61
2,13)

19,68
1,22
1,08
2,85

24,83

Gerste-  (Nudeln,  Reis)
Suppe.

Fleisch...
Kartoffeln
Mehl
Reis

19,68)
l,20f
1,061
2,20)

24,16

Es  kostet  somit  im  Durchschnitt  die  Suppe  von  100  Arbeitern  pro  Tag:
auf  der  Alizarinfabrik  .  .  .  M.  24,90.
auf  der  Anilinfabrik  ....  M.  23,70.
        <pb n="56" />
        Hierzu  kommt  noch  der  lägliche  Kaffee,  welcher  mit  1,90  angegeben  ist,
jedoch  in  Wirklichkeit  durch  die  Preisdifferenz  zwischen  rohem  und  gebranntem
Kaffee  (circa  20  pCt.)  sich  auf  M.  2.28  stellt.
Rechnet  man  ferner  auf  jede  Suppe  noch  für  circa  25  Pf.  Gewürze,  so  berechnet ­
  sich  die  aus  der  Menage  gelieferte  Tages-Kost  für  100  Arbeiter:
auf  der  Alizarinfabrik  zu  .  .  M.  27,43.
auf  der  Anilinfabrik  zu  .  .  .  M.  26.23.
Da  nun  100  Arbeiter  pro  Tag  20  Pf.  und  die  Fabrik  für  jeden  Arbeiter
^’eitere  10  Pf.  zahlt,  so  beträgt  die  Einnahme  pro  100  Arbeiter  täglich  M.  30,—.
Diese  Summe  überschreitet  nicht  unwesentlich  die  Ausgaben,  so  dass  diese
Differenz  zur  Zeit  wohl  ausreichen  würde,  die  Ausgaben  für  Küche,  Heizung  und
Personal  zu  bestreiten,  und  ist  hierdurch  der  Beweis  geliefert,  dass  die  Menagen
finanziell  auf  einer  richtigen  Grundlage  beruhen.  Wir  wollen  jedoch  nicht  unterlassen ­
  zu  bemerken,  dass  zur  Zeit  die  Preise  für  Fleisch,  Kartoffeln  und  Hülsenfrüchte ­
  niedrig  sind.
An  fügen  will  ich  hier,  dass  die  Hamburger  Volksküche,  die  einzige  der  mir
bekannten  Volksküchen,  welche  sich  mit  unseren  Menagen  vergleichen  lässt,  ebenfalls ­
  ihr  Miltagsessen  mit  30  Pf.  berechnet  und  hierfür  dieselbe  Nahrung  liefert,
welche  etwas,  jedoch  nicht  viel  hinter  den  unsrigen  an  Nahrungsstoffen  zurückstellt ­
  (Eiweiss  50,  Fett  20,  Kohlenhydr.  135).
Wir  kommen  nunmehr  zu  der  Frage  des  Nährwerthes  der  gelieferten  Nahrungen. ­

Um  Namensverwechslungen  zu  vermeiden,  schicke  ich  voraus,  dass  ich  nach
dem  Vorgänge  Voit’s  Stoffe,  welche  den  Verlust  eines  zur  Zusammensetzung
des  Körpers  nothwendigen  Stoffes  verhüten  oder  die  Anbildung,  das  Wachsthum,
ermöglichen  (Fette,  Stärkemehl  etc.)  Nahrungsstoffe  nenne;  unter  Nahrungsmittel
  verstehe  ich  ein  Gemenge  von  mehreren  Nahrungsstoffen  und  unter  Nahrung ­
  die  Summe  von  Nahrungsmitteln  und  Nahrungsstoffen  mit  den  nothwendigen ­
  Genussmitteln,  welche  den  Körper  in  seiner  Zusammensetzung  erhält  oder
denselben  auf  eine  gewünschte  Zusammensetzung  bringt.
Bekanntlich  liegt  die  Lehre  der  Ernährung  des  menschlichen  Körpers  noch
sehr  im  Argen,  und  geradezu  beschämend  ist  es,  eingestehen  zu  müssen,  dass
wir  über  eine  rationelle  Ernährung  unserer  Hausthiere  wissenschaftlich  und  praktisch ­
  mehr  wissen,  als  über  unsre  eigne.
Und  doch  ist  die  Frage  einer  rationellen  Ernährung  wenn  für  alle  Menschen,
so  speciell  für  den  Arbeiter  eine  so  wichtige,  dass  dieselbe  in  Arbeiten,  wie  die
Vorliegende,  nicht  übergangen  werden  darf.  Auch  ist  dieselbe  nunmehr,  nachdem
die  bahnbrechenden  Arbeiten  von  Pettenkofer  und  Voit  viele  Fundamental-^ätze
  zum  Abschluss  gebracht  haben,  nicht  mehr  so  arg  schwer  zu  lösen.
Diese  beiden  Forscher  weisen  bekanntlich  die  Liebig-Moleschott'sche
scharfe  Trennung  der  Nahrungsmittel  in  plastische  und  respiratorische  zurück  und
haben  durch  fortgesetzte  Untersuchungen  einerseits  der  Bestandtheile  der  täglichen
ahrungseinnahnien  und  anderseits  der  von  dem  Körper  durch  Lungen,  Haut,
leren  und  Darm  abgegebenen  Zersetzungsproducte  eine  Reihe  von  Lehrsätzen
^ber  die  Ernährung  des  menschlichen  Körpers  aufgestellt,  welche  sowohl  durch
ontrol-Versuche  an  Thieren,  als  auch  durch  Beobachtungen  an  Menschen  und
urch  eine  grosse  Reihe  von  Erfahrungen  sich  als  richtig  erwiesen  haben.
        <pb n="57" />
        58

Nach  diesen  Lehrsätzen  muss  eine  richtige  Nahrung
1)  genügende  Mengen  von  Nahrungsstoffen  enthalten.
2)  diese  Nahrungsstoffe  müssen  in  einem  richtigen  Verhältniss  zu  einander
stehen,
3)  es  muss  die  Möglichkeit  einer  Resorption  der  Nahrungsstoffe  vom  Darme
aus  ohne  zu  grosse  Belästigung  der  entsprechenden  Organe  vorhanden
sein  und
4)  müssen  mit  den  Nahrungsmitteln  eine  Anzahl  s.  g.  Genussmittel  (Thee.
Kaffee,  Alcohol,  Gewürze  etc.)  verbunden  sein,  welche  durch  Anregung
des  Nervensystems  und  durch  Erregung  der  Secretion  der  Drüsen  sowohl
auf  die  Verdauung,  als  auch  anf  die  Resorption  von  wesentlichem  Einflüsse ­
  sind.
Während  die  drei  letzten  Punkte  dieser  Arbeit  etwas  fern  liegen,  es  d  esshalb
nur  nöthig  ist,  dieselben  im  Vorübergehen  zu  berühren,  bedarf  Pos.  1  einer  eingehenden ­
  Würdigung.
Nach  ihr  muss  also  eine  ausreichende  Nahrung  eine  gewisse  Menge  von
Nahrungsstoffen  enthalten,  und  diese  Menge  ist  für  einen  Arbeiter  von  Voit  pro
Tag  nach  den  oben  angegebenen  Untersuchungen  berechnet  worden  auf
118g  Eiweiss,
56  g  Fett  und
500  g  Kohlenhydraten.
Es  ist  weiter  von  Voit  angegeben  worden,  dass  eine  richtige  Vertheilung
dieser  Nahrungsstoffe  auf  die  verschiedenen  Tageszeiten  nicht  ohne  Einfluss  auf
die  Leistungsfähigkeit  des  Arbeiters  ist,  und  fordert  dom  entsprechend  Voit,  dass
von  diesen  Nahrungsstoffen
59  g  Eiweiss,
34  g  Fett  und
160  g  Kohlenhydrate
in  dem  Mittagsessen  enthalten  sein  sollen,  und  zwar  soll  das  Eiweiss  und  ein  'l'heil
des  Fettes  in  178  g  fetthaltigem  Fleische  gegeben  werden.
Die  übrigen  Nahrungsstoffe  können  zu  fast  gleichen  Theilen  auf  das  Frühstück ­
  und  das  Abendessen  entfallen.
Legen  wir  diese  wissenschaftlich  berechtigten  Ansprüche  Voit’s  an  eine
für  einen  Arbeiter  genügende  und  ausreichende  Nahrung  den  Berechnungen  der
Nahrungsstoffe  und  der  Nahrungsmittel  unserer  Menagen  zu  Grunde,  so  finden  wir
folgende  Zahlen.
Nach  obiger  Tabelle  erhält  ein  Arbeiter  auf  der  Alizarinfabrik  172,  auf  der
Anilinfabrik  164  g  Fleisch  in  seinem  Mittagessen.
Um  die  Nahrungsstoffe  dieser  Fleischquantitäten  zu  bestimmen,  müssen  wir
zuerst  die  Bestandlheile  des  Fleisches  im  Allgemeinen  in  das  Auge  fassen.  Nach
den  Durchschnittsberechnungen,  welche  in  Kasernen,  Krankenhäusern,  Volksküchen ­
  u.  s.  w.  angestellt  werden,  sind  in  100  Theilen  Fleisch  enthalten  :
reines  Fleisch  75  Theile,
Knochen  15  „
Fettgewebe  10  „
Wir  haben  nun  oben  gesehen,  dass  nach  den  von  den  Menagen  mit  den
Metzgern  abgeschlossenen  Verträgen  auf  100  kg  Fleisch  nicht  mehr  als  12  kg
        <pb n="58" />
        59

Knochen  geliefert  werden  dürfen,  und  dass  im  Durchschnitt  auf  dasselbe  Quantum ­
  Fleisch  15  kg  Fettgewebe  kommen.
Für  un«  stellt  sich-«omit  das  Verbal  Iniss  so,  dass  in  100  Theilen  Ochsenbeisch
  enthalten  sind:
reines  Fleisch  .  .  .  j.  .  .  73  Theile,
Knochen  “¡T  .  .  1  ~  .  12  „
Fettgewebe!  .  .  .  i.  .  .  15  „
Es  geniosst  somit  pro  Jl’ag  ein  Arbeiter
i  aof  der  Alizarinfabrik  151,4  g
I  auf  der  Anilinfaibrik  145,0  g

knochenfreies  Fleisch.  I
Da  nun  100  Theile  Fleisch  73  Theile  fett  frei  es  Fleisch  und  15  Theile  Fettgewebe ­
  enthalten,  so  kommen  auf  jeden  Arbeiter  täglich  in  runden  Zahlen  auf  der
Alaarinfabrik:  Fettgewebe  26  ''g,  reines  Fleiách  125  g,
Anilinfabrik:  „  25  „  „  „  120  „
Nehmen  wir  nunmehr  die  von  Voit  aufgestellte  Tabelle  über  die  in  den  verschiedenen ­
  Nahrungsmitteln  enthaltenen  Nahrungsstoffe  zu  Hülfe,  so  finden

wir  in  derselben  für  unseren  Zweck  folgende  Zahlen:

Kohlen-Nahrungsmittel.



Wasser;

““KiweßST"

Fett.

hydrate.

Ochsenfleisch  rein
Fettgewebe  ...,
Mehl....  '
Reis

75,9
3,7
14,0
13,5

21,9
1,7
11,0
7,5

0,9
94,5

.71,9
78.1
21,8
44.2
58.2
55,6
55,0

Kartoffeln
Brod
Erbsen
Bohnen  .  ^
Binsen  ..

75,0
46.3  .
14.3
14,5
14,5

'

2,0
8,3
22.5
24.5
26,0

—

Rechnen  wir  zu  den  von  uns  angeführten  auf  100  Arbeiter  pro  Tag  kom-*T!6nden

  Nahrungsmitteln  noch  das  entsprechende  Quantum  Brod  hinzu  und  berechnen ­
  dieses  nach  dem  Verhältniss,  dass  ein  Arbeiter  pro  Tag  im  Durchschnitt
0,75  kg  Brod  geniesst,  dep  Mittagstisch  auf  250  g,  so  erhalten  wir  in  den
verschiedenen  Mittag-Mahlzeiten  folgende  Nahrungstoffet

1.  Alizarinfabrik:  Kartoffelsuppe.

Nahrungsmittel.

Quantum.

Kiweiss.

Fett.

Kohlenhydrate. ­


1*  letsch..
Fettgewebe
Kartoffeln  :
Brod..

125
26
347
250

'27.40
0,59
1  7,00
21.00

1,12
24,60

76
110

Summa...

55,90

25,72

186
        <pb n="59" />
        60

2.  A  lizar  ill  fabrik:  H  ¡j  Isen  fr  iicb  te-Suppe.

Nahrungsmittel.

Quantum.

Kiweiss.

Fett.

Kohlenhydrate. ­


Fleisch

12.5
26
280
66
250

27,40
0,50
5,60
15,80
21,IX)

1,12
24,60

61
37
110

Fettgewebe

Kartoffeln

Hülsen  fruchte

Hrod

Summa...

70,30

25,72

208

3.  Anilinfabrik:  Kartoffel-Suppe.

Nahrungsmittel.

Quantum.

FelL

Kohlenhydrate.



Fleisch

120
25
280
1
250

26,30
0,40
5,60
0,10
21,00

1,08
23,60

61.00
0,70
110,00

Fettgewebe

Kartoffeln

Mehl

Hrod

Summa...

53,40

24,68

171,7

4.  Anilinfabrik:  Hulsenfrüchte-Suppe.

Nahrungsmittel.

Quantum.

Kiweiss.

Fett.

Kohlenhydrate. ­


Fleisch
Fettgewebe
Kartoffeln

120
25
240

26,30
0,40
4,80

1,00
23,60

1  1  &amp;amp;

Hülsenfrüchte
Mehl
Hrod

92
1
250

22,10
0,10
21,00

—

51,10
0,70
110,00

Summa...

74,70  1  24,60

214,10
        <pb n="60" />
        Gl

5.  Aiiilinfabrik:  Reissiippe.

Nahrungsmittel.

Quantum.

Eiweiss.

Fett

Kohlenhydiatc.


Fleisch

120
25
240
55
1
250

2G.30
0.40
4,80
4,00
0,10
21,00

1,08
23,GO

52,30
42,90
0,70
110,(M»

F'.'ttgcwclK}

Kartoffeln

Ibns

Mhl

Drod  .  .

Summa...

5G,G0

24,68

205,90

•Stellen  wir  das  KesulUit  dieser  5  Tabellen  zusammen  so  ergibt  sich:

Nahrung.

Fabrik.

Eiweiss.

Fett.

Kohlenhydrate. ­


Kartiiffclsuppe.
D  ü  Isen  iVüch  le.Suppe.
Ileissilppc.

Alizarin,
ui  lin.
.Mizarin.
Anilin.
.Anilin.

5(:
53
70
75
57

2G
25
26
25
25

186
172
208
214
206

Im  Durclisclinilt  erhält  somit  jede  Suppe  G2  Kiweiss.  25  Fett  und  200
Kohlcnhydnile  und  wir  sehen  also,  dass  von  den  von  Voit  für  das  Mittagessen
Verlangten  50  Kiweiss.  34  Fett  und  IGO  Kohlenhydraten  das  Eiweiss  und  die
Kohlenhydrate  ein  Plus,  das  Fett  ein  Minus  zeigt.
Ini  Allgemeinen  entspricht  Jedoch  die  Miltagsknst  vollständig  den  von  der
\\  issenschall  an  sie  zu  stellenden  Ansprüchen,  weil  die  geringe  Differenz  zu  Uu-Rdnsten
  des  Fettes  mehr  wie  genügend  durch  das  Plus  bei  dem  Eiweiss,  dessen
^ersetzting  bekanntlich  eine  nicht  unwesentliche  Menge  Fett  liefert,  ersetzt  wird.
Nehmen  wir  noch  hinzu,  dass  auf  der  Anilinfabrik  die  Kartoffelsuppe  so  wenig
l'cliebt  ist.  dass  dieselbe  in  den  letzten  Monaten  ganz  in  Wegfall  kam.  so  dass  in
Woche  5  mal  llülsenfrüchtesuppe  und  1  mal  Reis-  oder  (jorstensup[&amp;gt;e  gekocht
"Urde,  iiiii)  (i;,ss  auf  der  Alizarinfabrik  auf  3  llülsenfrüchtesuppen  1  Kartoffel-^"Ppe
  kommt,  so  stellt  sich  das  Verhältniss  des  Nährwerthes  der  Mittagskost  noch
{günstiger.  Wir  haben  nämlich  dann  im  Durchschnitt  pro  Tag:
1-  für  die  Alizarinfabrik  Eiweiss  G3.5,  Fett  2G  und  Kohlenhydrate  202
für  die  Anilinfabrik  .  72  „  25  „  212
Dctiachten  wir  nunmehr  die  Tageskost,  so  nahmen  wir  pro  Tag  und  Aröiter
  750  g  Drod  an  und  haben  von  diesem  noch  500  g  zu  verrechnen.  Die-^ölben
  enthalten  42  Eiweiss  und  220  Kohlenhydrate.
        <pb n="61" />
        Rechnen  wir  diese  NahrungsstolTe  zu  denen  der  Suppen  in  deren  Durchschniltswerthe
  hinzu,  so  erhalten  wir  für  die
Alizarinfahrik:  Eiweiss  108,  Fett  25,  Kohlenhydrate  422.
Anilinfabrik;  „  114  „  20  „  430.
Nehmen  wir  nun,  wie  oben  angegeben,  die  Tagesnahrung  auf  118  Eiweiss,
56  Fett  und  400  Kohlenhydrate  an,  so  blieben  bei  ihr  noch  10  (4)  Eiweiss,  30
(31)  Fett  und  78  (70)  Kohlenhydrate  zu  decken,  welche  der  Abendmahlzeit  zufielen. ­
  Dass  das  fehlende  Eiweiss  und  die  Kohlenhydrate  durch  dieselbe  mehr  als
gedeckt  werden,  ist  ausser  Zweifel;  bezüglich  des  Fettes  ist  dies  sicherlich  nicht
der  Fall.
Da  jedoch  die  meisten  Arbeiter  Butter,  Käse,  Wurst  etc..  also  Nahrungsmittel, ­
  welche  Fett  enthalten,  mit  zur  Fabrik  bringen,  so  dürfen  wir  die  erste
Bedingung,  welche  wir  oben  an  eine  richtige  Kost  der  Arbeiter  stellten,  nämlich
dass  dieselbe  eine  genügende  Menge  von  Nahrungsstoffen  enthalte,  als  erfüllt
betrachten.
Die  zweite  Bedingung  bestand  in  dem  richtigen  Verhältnisse  der  einzelnen
Nahrungsstoffe  zu  einander.
Bekanntlich  ist  keins  unserer  Nahrungsmittel  für  sich  allein  geeignet,  allen
Anforderungen  an  eine  gute  Kost  zu  genügen.  Wollte  man  durch  Fleisch  allein
die  zum  Leben  und  Arbeiten  nothwendige  Kohlenstoffmenge  dem  Körper  zuführen,
so  müsste  man  täglich  2,5  kg  Fleisch  essen  und  würde  hierdurch  eine  unverhältnissmässig
  grosse  Quantität  Eiweiss  imnöthigerweise  mit  geniessen.  Umgekehrt ­
  müsste  man,  um  den  Eiweissbedarf  des  Körpers  mit  ausschliesslicher  Kartoffelnahrung ­
  zu  decken  etwa  4,5  kg  essen  und  würde  hierdurch  eine  Ueberbürdung
  der  Verdauungsorgane  mit  Kohlenhydraten  bedingen.  Es  müssen  somit  zu
einer  richtigen  Ernährung  die  stickstoffhaltigen  und  die  stickstofffreien  Stoffe  in
einem  richtigen  Verhältniss  zu  einander  stehen  und  dieses  Verhältniss  wurde  durch
Berechnung  des  Stoffverbrauches  für  einen  Arbeiter  auf  1:4,5  bestimmt:  ein  Verhältniss, ­
  welches  wenn  auch  nicht  vollkommen,  so  doch  annähernd  in  den  oben  berechneten ­
  Nahrungsstoffen  unserer  Menagen  enthalten  ist.
Das  dritte  Erfordern  iss  an  eine  richtige  Kost  besteht  in  der  Möglichkeit  und
Leichtigkeit  der  Resorption  von  dem  Darme  aus.  Die  Erfahrung  und  das  Experiment ­
  haben  gelehrt,  dass  in  dieser  Hinsicht  ein  wesentlicher  Unterschied  zwischen
pflanzlichem  und  thierischem  Eiweiss  besteht.  Präevaliren  die  pflanzlichen  Nahrungsmittel. ­
  so  findet  man  im  Koth  viel  unverdautes  Eiweiss  während  das  Eiweiss
ans  thierischen  Nahrungsmitteln  leicht  und  fast  vollständig  verdaut  wird.  Hieraus
folgt,  dass  die  dem  Körper  pro  Tag  zuzuführenden  118  g  Eiweiss  sich  am
Besten  aus  diesen  zwei  Klassen  von  Nahrungsmitteln  zusammensetzen,  und  dürfte
das  oben  angegebene  Verhältniss.  nach  welchem  von  100  Theilen  Eiweiss,  24
thierischen,  76  ])flanzlichen  Nahrungsmitteln  ihren  Ui-sprung  verdanken,  als  richtig
zu  bezeichnen  sein.
Dem  4.  Postulat,  dass  mit  den  Nahrungsmitteln  eine  gewisse  Masse  an  s.  g.
Genussmitteln  verbunden  sei,  wird  durch  die  täglich  verabreichten  2  Portionen
Kaffee  Genüge  gothan,  so  dass  wir  die  Ernährung  der  Arbeiter  auf  den  Fabriken
der  Herren  Meister.  Lucius  &amp;amp;  Brüning  als  eine  ausreichende  und  den  wissenschaftlichen ­
  Ansprüchen  vollständig  genügende  bezeichnen  dürfen.  Dem  ent-
        <pb n="62" />
        r,3

sjireclieiid  ist  das  Aussehen  und  das  Befinden  der  Arbeiter  im  Allgemeinen  sehr
Ifut  und  die  Zahl  der  Erkrankungen  eine  geringe.
Höchst  interessant  ist  hierbei  die  Thatsache.  dass  die  jetzige  Ernährung
&amp;lt;îer  Arbeiter  aus  deren  eigener  Initiative  hervorging,  indem  dieselben,  selbstständig ­
  in  der  Auswahl  ihrer  Nahrungsmittel,  nach  anfänglichem  längerem
Schwanken  und  Experimentiren  durch  ihre  praktischen  Erfahrungen  zu  den  jelziisCn
  Zusammensetzungen  ihrer  Suppen  kamen.
HI.  Fürsorge  für  den  erkrankten  Arbeiter.
Zur  Unterstützung  und  Pflege  der  erkrankten  Arbeiter  besteht
eine  Krankenkasse,  welche  ausschliesslich  von  der  Fabrik  errichtet
"urde  und  unterhalten  wird.
Ihre  Statuten  enthält  die  Anlage  D  ‘20.
Kranken-Unterstützung.  ^
§.  1.  Jeder  Arbeiter,  der  mindestens  6  Wochen  hier  in  Arbeit  steht,  wird
"II  Falle  der  Erkrankung  während  C  Wochen  nach  folgender  Scala  unterstützt:
*be  2  ersten  .Arbeitstage  während  der  Erkrankungszeit  werden  nicht  bezahlt,  die
•f  folgenden  werden  mit  üOpCt.,  die  weiteren  bis  zu  6  Wochen  mit  60]»Ct,  des
U'iglolins  vergütet.
§.  2.  Der  Erkrankte  hat  sofort  am  1.  Tage  unter  Einholung  seines  Krankenbuches ­
  den  für  ihn  vorgeschiiebenen  Fabrik.sarzt  zuzuzieheu  und  über  den  Grund
lind  die  Zeit  der  Arbeitsunfähigkeit  eine  ärztlicl'.e  Bescheinigung  beizubringen,
bii  halle  der  Unterlassung  dieser  Vorschrift  geht  der  Anspruch  auf  Unterstützung
'■‘‘lloren.
§.  3.  Wer  ohne  sein  Verschulden  bei  der  Fabrikarbeit  beschädigt  wird,
i^ihält  auf  ärztliches  Zeiigniss  hin  für  eine  durch  die  Unterzeichneten  näher  zu  be-•‘‘Dnuiicnde
  Zeit  drei  Viertel  do»  'l'agelohns.  In  .Ausnahmsfällen  kann  der  ganze
bohn  bewilligt  werden.  Der  Beschädigte  hat  sofort  genaue  Meldung  des  Unfalls
bei  seinem  Vorgesetzten  zu  machen  und  sein  Krankenbuch  einzuziehen,  in
"elches  die  Ursache  der  Beschädigung  eingetragen  wird.  Bezüglich  der  weiteren
biiflpllicht  ist  auf  die  bestehenden  Gesetze  verwiesen.
§•  4.  Ausgeschlossen  von  jedem  Anspruch  auf  Unserstützung  sind  Kranke
oder  Verwundete,  die  in  Folge  von  Ausschweifungen  Völlerei,  Rauferei,  Unreinl'chkeit,
  sowie  anderen  groben  Selbstverschuldungen  es  geworden  sind,  oder  ihre
Krankheit  durch  Ungehorsam  gegen  die  Anordnungen  des  Arztes  verlängert  haben.
§•  5.  Während  der  Dauer  der  Krankheit  ist  der  Wirthshausbesuch  verboten;
Arbeit  in  Haus  und  Feld  bedarf  der  ausdrücklichen  Erlaubniss  des  Arztes.
b.  Für  die  kostenfreie  Behandlung  der  Arbeiter  werden  bestimmte  Aerzte
^xpichuet  und  nur  deren  Recepte  durch  die  Fabiik-Kasse  bezahlt.
Hie  Veitheilung  der  Arbeiter  unter  die  Fabrikärzte  wird  alljährlich  bekannt
gegeben.
§•  7.  Bei  einem  Sterbefall  werden  30  M.  zu  den  Kosten  der  Beerdigung
beigetiagen.
        <pb n="63" />
        r.4

Aus  diesen  Statuten  ist  ersichtlich,  dass  kein  Arbeiter  einen  Beitrag  zur
Kasse  bezahlt,  ferner,  dass  das  Anrecht  auf  eine  Unterstützung  0  Wochen  nach
der  Aufnahme  des  Arbeiters  beginnt  und  die  Unterstützung  im  Falle  einer  nicht
durch  Völlerei,  Rauferei  oder  Ausschweifungen  entstandenen  Erkrankung  nach
folgender  Scala  stattfindet  :
die  ersten  zwei  Erkrankungstage  werden  nicht  bezahlt,
die  vier  folgenden  werden  bezahlt  mit  öOpCt..
die  weiteren  bis  zu  6  Wochen  mit  GOpCt,  des  Tagelohns.
War  die  Erkrankung  Folge  einer  ohne  Verschulden  des  Arbeiters  beim  Betrieb ­
  entstandenen  Verletzung,  so  erhält  der  Arbeiter  seine  Unterstützung  stets,
auch  wenn  derselbe  noch  keine  6  Wochen  auf  der  Fabrik  beschäftigt  war.
Dauert  eine  Erkrankung  länger  als  b  Wochen,  so  hängt  es  von  dem  Ermessen ­
  der  Fabrik  ab,  ob  und  in  welcher  Höhe  eine  weitere  Unterstützung  gewährt ­
  werden  soll.  Massgebend  hierbei  sind  die  Vermögens-  und  Familienverhältnisse ­
  des  Erkrankten,  sowie  die  Dauer  seiner  Beschäftigung  auf  der  Fabrik.
Im  Allgemeinen  wurden  verheirathete  Arbeiter,  auf  deren  Lohn  die  Familie  angewiesen ­
  ist,  stets  weiter  unterstützt.  Auch  wird  den  Frauen  solcher  Arbeiter
Beschäftigung  mit  Nähen  von  Filtern,  Handtüchern  etc.  flir  die  Fabrik  gegen
entsprechende  Vergütung  gegeben.  Ausser  diesen  Unterstützungen  werden  bei
einem  Sterbe  fall  30  Mk.  als  Beitrag  zu  den  Beerdigungskosten  von  der  Fabrikbezahlt.

Für  die  kostenfreie  Behandlung  der  erkrankten  Arbeiter  sind  mehrere  Aerzte,
zur  Zeit  3,  engagirt.  welche  von  der  Fabrik  nach  der  Anzahl  der  in  ihrem  Bezirk ­
  vorhandenen  Arbeiter  honorirt  werden.  Für  dieselben  bestehen  Salzungen,
welche  in  Anlage  D  21  enthalten  sind.
T)  '21
Satzungen
für  die  Fabrikärzte  der  Herren  Meister,  Lucius  &amp;amp;  Brüning.  Höchst  a  M.
1.  Die  von  Seiten  der  Fabrik  am  Ende  eines  jeden  Jahres  auf  die  Dauer
des  folgenden  Jahres  engagirten  Aerzte  haben  gegen  eine  auf  gegenseitigem  Uebereinkommen
  beruhende  Aversional-Summe  die  ihnen  von  der  Fabrik  bezeichneten
Arbeiter  kostenfrei  ärztlich  zu  behandeln.
Der  Verkehr  der  Aerzte  mit  der  Fabrik  geschieht  stets  unter  der  Adresse
der  Firma  der  Fabrik,  niemals  direct  mit  den  einzelnen  Abtheilungen  derselben.
§.  2.  Jeder  Arbeiter  hat  sich  seinem  Arzte  gegenüber  bei  jeder  Erkrankung ­
  durch  Vorlage  seines  Krankenbüchelchens.  in  welchem  der  Tag  der  Anzeige
der  Erkrankung,  so  wie  event,  die  Ursache  einer  bei  der  Arbeit  erlittenen  Beschädigung ­
  von  Seilen  seines  Aufsehers  bescheinigt  sein  muss,  zu  legitimiren.
§.  3.  In  das  Krankenbüchelchen  hat  der  Arzt  die  Diagnose  der  Erkrankung. ­
  seine  Ansicht  über  deren  Entstehung,  sowie  nach  Ablauf  der  Krankheit  die
Dauer  der  mit  derselben  verbundenen  Arbeitsunfähigkeit  einzutragen.  War  der
Arbeiter  überhaupt  nicht  arbeitsunfähig,  so  ist  dies  specie!I  zu  bemerken  und
die  Dauer  der  betreffenden  Erkrankung  zuzufügen.
§.  4.  Diejenigen  Arbeiter,  welche  sich  nach  §.  2.  event.  §.  3.  dem  Arzte
gegenüber  legitimirt  haben  —  vd.  §.  8.  —.  bekommen  ihre  Recepte  durch  die
Fabrik  in  der  Apotheke  bezahlt,  und  ist  deshalb  von  den  Aerzten  auf  den  Recepten
ausser  dem  Namen  der  Erkrankten  die  Firma  der  Fabrik  zu  bemerken.
        <pb n="64" />
        5

05

§.  5.  Ist  bei  einem  Kranken  die  Hülfe  eines  Baders  notliwendifç,  so  geschieht ­
  diese  auf  Requisition  des  behandelnden  Arztes,  und  muss  von  letzterem
die  betreffende  Rechnung  des  Baders  vor  deren  Einreichung  auf  der  Fabrik  nach
der  Nothwendigkeit  der  einzelnen  Verricîitungen  und  der  Bich'.igkeit  der  beanspruchten ­
  Gebühren  atteslirt  sein.
§.  6.  Ausser  dem  Eintrag  in  die  Krankenbüchelchen  haben  die  Acrzte  über
jede  Erkrankung  eine  der  ihnen  durch  die  Fabrik  zugestellten  Postkarten  sofort
nach  Inanspruchnahme  ihrer  Hülfe  auszufüllen  und  der  nächsten  Poststation  zu
übergeben.  Steht  die  Erkrankung  mit  der  Fabrikation  sicher  oder  niuthmasslich
in  Verbindung,  so  ist  eine  zweite  Karte  auszufüllen  und  diese  unter  kurzer  Angabe ­
  der  wesentlichsten  Krankheitserscheinungen  an  den  revidirenden  Fabrikarzt
(§•  10.)  einzusenden.
§.  7.  Nach  Ablauf  einer  jeden  mit  der  Fabrikation  in  Verbindung  stehenüen
  Krankheit  ist  der  für  diesen  Falle  vorgedruckte  Fragebogen  von  dem  betreffenden ­
  Arzte  auszufüllen  und  dem  revidirenden  Fabrikarzte  bald  thunlichst  einznsenden.
  Fehlen  bei  einzelnen  Fragen  die  entsprechenden  Notizen  über  das
Personale  des  Erkrankten  oder  über  die  ersten  Krankheits-Symptome,  so  ist  von
Seiten  des  behandelnden  Arztes  der  Nachtrag  der  fehlenden  Angaben  sofort  bei
der  Fabrik  zu  erbitten.  Solche  Fragebogen  sind  immer  auszufüllen,  auch  wenn
die  betreffende  Erkrankung  keine  Arbeitsunfähigkeit  des  Erkrankten  zur  Folge  liatte.
8.  Ist  ein  Arbeiter  von  seiner  Erkrankung  theilweise  hergesiellt.  so  dass
noch  nicht  wieder  vollständig  arbeitsfähig,  jedoch  im  Stande  ist.  leichte  Arl^iten
  zu  verrichten,  so  ist  dies  durch  den  Arzt  der  Fabrik  unter  Angabe  der  zulässigen ­
  und  event,  za  vermeidenden  Verrichtungen  schriftlich,  event,  durch  das
Krankenbüchelchen  mitzutheilen.
§.  9.  Von  der  kostenfreien  Behandlung  durch  Arzt  und  Apotheker  sind
Ausgeschlossen  alle  in  §.  4.  der  Kranken-Unterstiitzung“  vorgesehenen  Fälle.
10.  Aus  den  behandelnden  Aerzten  wird  von  Seiten  der  Fabrik  ein  Arzt
bestimmt,  welcher  als  revidirender  Fabrikarzt  eineslheils  als  technischer  Bekath
Fabrik  überall  zur  Verfügung  steht,  wo  es  sich  um  mcdicinal-polizciliche  oder
G&amp;amp;nitäre  Fragen  handelt,  und  welchem  anderntheils  die  Führung  der  Krankendournale,
  die  Erstattung  eines  jährlichen  Berichtes  über  die  Gesammt-Krankenliewegung
  auf  der  Fabrik,  die  Untersucliung  der  neu  eintretenden  Arbeiter,  sowie
speciello  Beobachtung  aller  mit  der  Fabrikation  in  Verbindung  stehender
Krankheiten  obliegt.
§•  11.  Im  Laufe  eines  jeden  Quartals  findet  eine  Zusammenkunft  sämmt-'cher
  Aerzte  statt,  zu  welcher  von  Seiten  der  Fabrik  die  Einladung  geschieht,
ßrhinderungsgründe  an  der  Theilnahme  eines  Arztes  sind  so  frühzeitig  der  Fa-‘‘•k
  mitzutheilen,  dass  ein  anderer  Termin  angesetzt  und  hiervon  den  anderen
^®rzten  Kerintniss  gegeben  worden  kann.

Hie  Vertheilung  der  Arbeiter  unter  die  Aerzte  geschieht  jährlich  und  wird
orselben  dte  Ausdehnung  der  sonstigen  Praxis  dieser  Aerzte  zu  Grunde  gelegt,
'f'ßr  der  Aerzte  fungirt  als  revidirender  Fabrikarzt.  Derselbe  steht  als  technischer ­
  Beirath  der  Fabrik  überall  zur  Verfügung,  wo  es  sich  um  sanitäre  oder
niedicinal-polizeiliche  Fragen  handelt.  Ausserdem  liegen  demselben  die  Aufna
  ime-Untersuchungen,  die  Führung  des  Kranken-Journals,  die  Abhaltung  der
        <pb n="65" />
        Sprechslunden,  dio  specielle  Beobachtung  aller  mit  der  Fabrikation  in  Verbindung
stehenden  Erkrankungen  sowie  die  jährliche  Erstattung  eines  Krankenberichtes
ob.  Am  Ende  eines  jeden  Vierteljahres  findet  unter  dem  Vorsitze  eines  von  der
Fabrik  commitirlcn  Herrn  eine  Zusammenkunft  aller  Aerzto  statt,  in  welcher  die
Vorkommnisse  des  abgelaufenen  Quartals  besprochen,  sanitäre  Vorschläge  gemacht
und  entgegengenommen,  sowie  nicht  bewährte  Einrichtungen  geregelt  werden.
Der  Modus  der  Krankenmoldung  ist  ein  streng  geordneter.  Es  ist  dies  sowohl
im  Interesse  der  Fabrik,  als  auch  der  erkrankten  Arbeiter  durchaus  nothwendig.
Jeder  Arbeiter,  welcher  erkrankt,  hat  sofort  vom  ersten  Tage  seiner  Erkrankung ­
  den  für  ihn  bestimmten,  also  in  den  meisten  Fällen  den  ihm  zunächst  wohnenden ­
  Fabrikarzt  zuzuziehen  und  auf  der  Fabrik  bei  seinem  Aufseher  Meldung
seiner  Erkrankung  zu  machen.  Auf  seine  Meldung  erhält  der  Arbeiter  einmal
als  Legitimation  dem  Arzte  gegenüber  und  dann  als  Basis  der  Eintragungen  in
das  Kranken-Journal  ein  Kranken-Büchelchen  —  vd.  Anlage  D  22.  —  dessen
linke  Seite  der  Fabrik,  dessen  rechte  Seite  dem  Arzte  zur  Verfügung  steht.
~  “  D  22.
Meldete  sich  den  187  Litt  an;
krank.
Ursache  der  Erkrankung:  Ursache  der  Erkrankung:

Arbeitete  zuletzt  in;  War  arbeitsunfähig  vom  187
bis  187
Höchst  a  M.,  den  187  den  187
Der  Aufseher:  Der  behandelnde  Arzt:

Auf  die  linke  Seite  wird  von  dem  zuständigen  Aufseher  auf  der  Fabrik  der
Tag  der  Krankmeldung,  wenn  möglich  die  Ursache  der  Erkrankung  und  der
llaum,  in  welchem  der  Erkrankte  zuletzt  arbeitete,  eingetragen,  während  rechts
von  dem  Arzte  die  Diagnose  der  Erkrankung  und  nach  deren  Ablauf  die  Dauer
der  Arbeitsunfähigkeit  niedergeschrioben  wird.  Die  Krankenbüchelchen  behält
der  Arzt  bis  zur  Genesung  des  Arbeiters.  In  Verbindung  mit  den  Krankenbüchelchen ­
  stehen  zwei  weitere  Scheine,  welche  von  dem  Arzte  auszufüllen  sind.
Der  erste  dient  zur  Erhebung  des  Krankengeldes.  Derselbe  hat  den  Zweck,  dass
der  Arbeiter  bei  längeren  Erkrankungen  nicht  erst  am  Ende  derselben,  sondern
wöchentlich  schon  im  Laufe  derselben  sein  Krankengeld  erhält.  Dieselben  lauten
wie  Form.  D  23.  und  müssen  Freitags  zur  Fabrik  geschickt  werden,  damit  Samstags ­
  die  Auszahlung  des  Krankengeldes  erfolgt.

No.  .  .  .
Krankengeld-Anweisung
für  den  Arbeiter
in  der  -Fabrik

D  23.

Die  Arbeitsunfähigkeit  für  die  Dauer  vom
187  .  .  bescheinigt
der  behandelnde  Arzt;

187  .

bis
        <pb n="66" />
        Der  zweite  Schein  ist  die  Anmeldung  des  Kranken  bei  der  Fabrik  durch
den  Arzt,  und  dies  geschieht  in  Form  von  Postkarten  mit  vergedruckter  Adresse
der  Firma  der  Fabrik.  Hierdurch  wird  der  Fabrik  Kenntniss  gegeben,  dass  der
Arbeiter  sofort  einen  Arzt  zu  Rathe  gezogen  hat,  und  woran  derselbe  leidet  —
vd.  Form.  D.  24.  —
1)  24.
Postkarten  zur  Krankon-Anmcldung.
aus
beschäftigt  :
leidet  an:  ■’....
in  Folge  von:
ist  arbeits  .  .  fähig;
meldete  sich  krank:
Bemerkungen:

Der  Arzt:
Diese  Karten  sind  nicht  ohne  Werth.  Einmal  geben  sie  der  Fabrik  für  den
Pall  der  plötzlichen  Erkrankung  eines  Arbeiters,  wenn  derselbe  nicht  selbst  sofort ­
  der  Fabrik  Meldung  zugehen  lassen  konnte,  Kenntniss  über  den  Grund  des
I'ehlens  des  Arbeiters,  und  dann  erhält  durch  diese  Karte  die  Fabrik  schon  am
ersten  Tage  der  Erkrankung  Mittheilung  über  deren  Entstehungsursache.  Ist
dies  ein  Unfall,  eine  Verletzung,  welche  der  Erkrankte  im  Momente  der  Entstehung ­
  gering  achtete  und  deshalb  seinem  Aufseher  nicht  anzeigte,  so  giebt  die
Karte  die  Veranlassung  zur  Anmeldung  bei  der  Rückversicherungs-Gesellschaft,
fiing  die  Ursache  der  Erkrankung  mit  der  Fabrikation  zusammen,  so  kann  sofort
o&amp;gt;ne  Untersuchung  des  betretenden  Raumes  event.  Abstellung  eines  gefundenen
Missstandes  erfolgen.
Stand  die  Erkrankung  mit  der  Fabrikation  in  Verbindung,  so  muss  der  behandelnde ­
  Arzt  eine  zweite  Karte  ausfüllen  und  diese  dem  revidirenden  Arzte
^■usenden.  Ausserdem  muss  der  behandelnde  Arzt  über  jede  solche  Erkrankung
oine  Krankengeschichte  an  fertigen  und  diese  durch  Ausfullen  eines  Fragebogens
^■0  Ende  der  Erkrankung  dem  revidirenden  Arzte  einsenden.  Solche  Fragebogen ­
  lauten  wie  Anlage  D  25.  Besitzt  der  behandelnde  Arzt  nicht  hinrei-&amp;lt;^hende
  Kenntniss  über  das  Personale  des  erkrankten  Arbeiters,  über  die  Entstehung ­
  der  Erkrankung  oder  die  ersten  Symptome  derselben,  so  sendet  derselbe
^on  Fragebogen  zuerst  an  die  Fabrik,  um  die  oiTnen  Fragen  daselbst  ausfüllen
*0  lassen.  Diese  Fragebogen  haben  in  erster  Linie  Erkrankungen  durch  Anilin
®der  Nitrobenzol  im  Auge  und  sind  demgemäss  angelegt;  dieselben  lassen  sich
jodoch  leicht  auch  zu  Jeder  anderen  Fabrik-Erkrankung  benutzen.

D  25.

Fabrik-Erkrankungen
^uf  den  Fabriken  der  Herren  Meister,  Lucius  &amp;amp;  Brüning  in  Höchst  a  M.
Fabrik  .

Raum

!•  Namen  dos  Erkrankten  .
•  Wie  lange  auf  der  Fabrik
        <pb n="67" />
        —  (j8  —

ii.  Wie  lange  in  rleni  Kaum
4.  Wo  früher
5.  Personale  des  Erkrankten;
a)  dessen  Alter
b)  Lebensweise
c)  frühere  Erkrankungen
6.  Worin  bestand  die  schädliche  Einwirkung  .  .  .
7.  Tag  und  Stunde  der  Einwirkung
8.  Art  der  Einwirkung
9.  Quantität  der  Schädlichkeit
10.  Temperatur  derselben
11.  In  Verbindung  mit  welchen  anderen  Stoffen
wirkte  derselbe
12.  In  welcher  Form  wirkte  dieselbe  —  flüssig,
pulverförmig  u.  s.  w
13.  Auf  welchen  Körpertheil,  durch  den  Mund,  die
Lungen,  Kleider,  Hände,  Gesicht  u.  s.  w.  .  .  .
14.  Wann  traten  die  ersten  Krankheits-Erscheinungen ­
  auf
15.  Worin  bestanden  die  subject!ven  Symptome  in
spec.  Schlafsucht,  Angst,  Schwindel,  Gefühl  von
Zusaminenschnüren  in  der  Kehle,  Trockenheit
derselben,  Ameisenkriechen,  Uebelkeit,  Druck  in
der  Magengegend,  Sinnesstörungen  spec,  des
Gehirns  und  des  Sehens  u.  s.  w
IG.  Worin  bestanden  die  object!ven  Symptome:
a)  Bewusstlosigkeit
b)  Empfindlichkeit  gegen  äussere  Reize  .  .  .
c)  psychische  Excitation
d)  taumelnder  Gang
e)  Convulsionen,  Kinnbackenkrampf,  hiervonkrampf
  u.  s.  w
f)  Sprachstörungen  —  lallende,  unarticulirte
Sprache
g)  Verhalten  der  Augen,  Keactionen  der  Pupillen,
Weite  derselben,  Rotationen  der  Augäpfel  .
h)  Erbrechen,  Leibschmerzen,  Incontinentia
ani
i)  Dyspnoe,  Oppression,  oberflächliche,  keuchende, ­
  irreguläre  Athmung,  Röcheln  .  .  .
k)  Herzklopfen,  Tempo  des  Pulses,  Regelmässigkeit ­
  desselben
l)  Blasenreiz,  Drang  zum  Uriniren,  Incontinentia ­
  der  Blase  .  .  .  .  ,
m)  Beschaffenheit  dos  Urins,  Eiweiss,  Anilin,
Zucker
        <pb n="68" />
        —  r,9  —

n)  Verhalten  der  Haut,  Farbe  derselben,  livid,
blau,  trocken,  schweissig
o)  Farbe  der  Bindehaut  des  Auges
p)  Störungen  des  Gefühls  der  Haut
q)  Wahrnehmbarer  Geruch,  wo?
r)  q'emperatur  in  der  Achselhöhle
Î7.  Verlauf  der  Erkrankung,  nene  Symptome,  Remissionen, ­
  Dauer  der  einzelnen  Symptome,  Steigerung ­
  einzelner  Symptome
18.  Therapie
19.  Dauer  der  Erkrankung  .
20.  Ausgang  derselben
21.  Weitere  Bemerkungen
22.  Name  des  Beobachters  der  Erkrankung  ....
Der  Werth  solcher  Fragebogen  ist  nicht  zu  verkennen.  Einmal  lenken  dieselben ­
  den  Beobachter  auf  die  wesentlichsten  Symptome;  dann  ermöglichen  sie,
dass  die  Fabrik-Erkrankungen,  auch  wenn  dieselben  von  mehreren  Aerzten  beobachtet
  werden,  von  einem  gemeinsamen  Gesichtspunkt  aus  betrachtet  werden,  und
erleichtern  am  Schlüsse  des  Jahres  die  Zusammenstellung  der  einzelnen  Fälle.
Mit  der  Zeit  geben  dieselben  jedenfalls  ein  sehr  scliiltzbares  Material  zur  klinischen ­
  Bearbeitung  mancher  bis  jetzt  noch  nicht  oder  nur  wenig  bekannter  Fabrik-Erkrankungen
  und  ich  glaube  nicht,  dass  es  eine  zu  grosse  Belästigung  für  die
Industrie  wäre,  wenn  die  Ausfüllung  ähnlicher  Fragebogen  für  alle  Fabriken  mit
specifischen  Erkrankungen,  obligatorisch  von  Seiten  des  Staates  gemacht  würde.
Ist  eine  Krankheit  abgelaufen,  so  werden  die  Krankenbüchelchen  von  dem  behandelnden ­
  Arzte  ausgefüllt  und  der  Fabrik  zugestellt.  In  demselben  wird  gleichzeitig
  bemerkt,  ob  und  in  welcher  Richtung  der  Arbeiter  noch  der  Schonung  be-^ärf,
  ob  derselbe  unbeschadet  seiner  Gesundheit  wieder  in  seinen  Raum  eintrelen
hann,  oder  ob  derselbe  noch  eine  Zeit  lang  im  Hofe  oder  sonst  wo  beschäftigt
^crden  soll.  Auch  kann  durch  dieselben  eine  bleibende  Versetzung  eines  Arbiters ­
  in  einen  anderen  Raum  beantragt  werden.
Auf  Grund  dieser  Kranken  bücheichen  wird  durch  den  revidirenden  Fabrik-^'zt
  das  Krankenjournal  A  vid.  Form  D  26  geführt.

N.

NK

Namen
und  Ort.

Aller.

Raum.

V
auf  der
Fabrik. ­


V
in  dem
Raum.

Diagnose. ­


Ursache.


Symptome. ­


Verlauf ­

und
Dauer.

Bemerkungen ­
        <pb n="69" />
        70

Die  3  Colonnen  über  Diagnose,  Verlauf  und  Symptome  werden  von  dem
Arzte,  die  andern  9  vorher  von  dem  betreffenden  Aufseher  ausgefüllt.
Heber  die  Art,  wie  die  entsprechenden  Colonnen  von  den  Aufsehern  ausgefüllt ­
  werden  sollen,  besteht  eine  Instruction,  welche  in  Anlage  D.  27  enthalten ­
  ist.

D  27.

Kegle  ment
über  die  Führung  der  Kranhen-Journale.
1)  In  die  erste  Colonne  ist  die  laufende  No.  der  Erkrankungen,  jedes  Jahr  mit
dem  Januar  mit  No.  1  beginnend,  einzutragen.
2)  In  der  zweiten  Colonne  steht  die  No.  des  Krankonbüchelchens  des  betreffenden ­
  Arbeiters,  welche  gleichlautend  mit  dessen  No.  in  der  Arbeiter-Liste
  sein  muss.
3)  In  der  fünften  Colonne  hat  der  Kaum,  in  welchem  der  betreffende  Arbeiter
beschäftigt  ist.  zu  stehen.
4)  In  Colonne  9  wird  die  Ursache  der  betreffenden  Erkrankung  von  Seiten  des
Aufsehers  derart  eingetragen,  dass  ersichtlich  ist,  wie  die  betreffende  Verletzung ­
  entstanden  ist.  In  denjenigen  Fällen,  in  welchen  eine  Ursache  der
Arbeitsunfähigkeit  auf  der  Fabrik  nicht  bekannt  wurde,  ist  dies  in  der
Colonne  mit  vac.  zu  bezeichnen.  Wurde  bekannt,  dass  der  betreffende  Arbeiter ­
  sich  die  Krankheit  ausserhalb  der  Fabrik  durch  eigenes  oder  fremdes
Verschulden  zugezogen  hat,  so  ist  dies  in  Colonne  14  zu  bemerken.
5)  In  Colonne  10  soll  links  oben  der  Name  desjenigen  Arztes  eingetragen
werden,  welcher  den  betreffenden  Krankheitsfall  behandelte.  War  ein  Arbeiter ­
  arbeitsunfähig,  ohne  einen  Arzt  zu  gebrauchen,  so  ist  dies  in  Colonne ­
  14  zu  bemerken.
6)  In  Colonne  12  sind  immer  nur  diejenigen  Tage  als  Ausdruck  der  Arbeitsunfähigkeit ­
  einzutragen,  an  welchen  auf  der  Fabrik  gearbeitet  wurde,  also
die  Sonn-  und  Feiertage  nicht.
7)  War  ein  Arbeiter  länger  krank  als  die  statutenmässige  Unterstützungszeit,
so  ist  in  Colonne  14  anzugeben,  wie  lange  Zeit  der  betreffende  Arbeiter
Krankengeld  erhielt.
8)  In  Colonne  14  ist  ein  Hinweis  auf  die  vorhergegangene  Erkrankung  des
betreffenden  Arbeiters  so  einzutragen,  dass  bei  wiederholten  Erkrankungen
dahin  geschrieben  wird  :  Siehe  No.  .  .  des  Jahres  187..
9)  Tritt  ein  Arbeiter,  der  krank  war,  aus  oder  wird  derselbe  aus  der  Fabrik
entlassen,  oder  stirbt  ein  Arbeiter,  so  ist  dies  in  No.  14  mit  Angabe  des
'Pages  des  Austritts  resp.  des  Todes  anzumerken.
10)  Am  Ende  eines  jeden  Jahres  ist  eine'  Zusammenstellung  der  Krankenbewegung ­
  der  Art  zu  machen,  dass  der  Krankenl&amp;gt;estcind  eines  jeden  Kauiies
für  den  Anfang  sowie  für  das  Ende  des  Jahres,  ferner  die  Anzahl  der  einzelnen ­
  Erkrankungen,  sowie  die  Gesammt-Erkrankungstage,  die  Namen  der
Verstorbenen  und  Pensionäre,  sowie  die  Zahl  der  in  das  folgende  Jahr  übertragenen ­
  Kranken  eingetragen  wird.
Diese  Journale  werden  getrennt  für  die  Alizarinfabrik,  die  Anilinfabrik  und
die  mechanische  Werkstätte  geführt.
        <pb n="70" />
        71

Ausser  diesen  hauptsächlich  für  die  mit  Arbeitsunfähigkeit  verbundenen  Eikrankungen
  bestehenden  Einrichtungen  finden  auf  der  Fabrik  wöchenlich  drei
Mal  an  bestimmten  Tagen  und  zu  bestimmter  Stunde  Sprechstunden  von  dem
revidirenden  Fabrikarzte  für  die  arbeitsfähigen  Erkrankten  statt.  Ueber  die  hier
beobachteten  Erkrankungen  werden  die  Kranken  .Journale  B,  vid.  Formular  D28.
ebenfalls  getrennt  nach  den  3  Abtheilungen  der  Fabrik  geführt  und  bilden  diese
mit  den  oben  eiwähnten  Kranken-Journalen  A  die  Grundlage  für  den  am  Ende
eines  jeden  Jahres  zu  erstattenden  Bericht  über  die  Gesammt-Krankenbewegung.

Kranken-Joumal  B.

Tab.  D  28.

N.

N.K.

Personale. ­


Raum.

Diagnose.

Theiapie

Zeit.

Bemerkungen.

I

Diese  Sprechstunden  werden  abgehaltcn  in  den  Krankenzimmern.  deren  2
bestehen,  eins  für  die  Alizarinfabrik  und  die  mechanische  Werkstätte,  das  andere
für  die  Anilinfabrik  und  das  Fuhrwesen.  In  Jedem  dieser  Ziniiner  steht  ein  Bett
Aufnahme  bei  plötzlichen  Erkrankungen  oder  Verletzungen.  Des  Weiteren
finden  sich  in  denselben  eine  Tragbahre,  eine  Wanne  aus  Zinkblech  für  Voll-,  sowie
kleinere  Wannen  für  locale  Bäder,  säinmtlicho  für  das  Anlegen  eines  ersten  Verbandes
  nothwendigen  Utensilien,  Tourniquet’s  u.  s.  w.  In  einem  Schrank  linden
sich  Carboilösungen  in  verschiedener  Concentration,  Carbol-Oel,  Brandsalbe,  llefipfiaster
  u.  s.  w.,  um  bei  kleineren  Verletzungen  sofort  Hülfe  leisten  zu  können.
An  der  Wand  sind  Blechkasten  mit  Wasser  angebracht,  welche  zu  Douchen  dienen,
jedem  Arbeiter  selbstständig  das  Ausspülen  und  Reinigen  kleiner  Wunden  zu
ermöglichen.
Ausserdem  sind  die  Loeb’schen  Respirationsapparate  vorräthig,  sowie  die
Müller-Skrzeczka’schen  Tafeln,  auf  welchen  eine  mit  Abbildungen  illustrirte
  Anweisung  für  die  ersten  Ilülfeleistung  bei  Uiiglücksfällen  enthalten  ist.
Auch  hängt  in  jedem  Krankenzimmer  eine  Tafel,  auf  welcher  die  Namen  der
arbeitsunfähigen  Arbeiter  nach  dem  Tage  ihrer  Krankmeldung,  dem  Raume  ihrer
^«schäfiigung  und  der  von  dem  Arzte  gemeldeten  Krankheitsdiagnose  verzeichnet
so  dass  stets  ein  Deberblick  über  den  Krankenstand  sowohl  nach  dem  Charakter ­
  der  Erkrankungen,  als  auch  nach  den  einzelnen  Arbeitsräumen  gegeben  ist.
Passt  man  diese  zu  Gunsten  erkrankter  Arbeiter  bestehenden  Einrichtungen
^^sammen,  so  lässt  sich  denselben,  so  human  und  praktisch  dieselben  auch  durch-Keführt
  sind,  prinzipiell  der  Vorwurf  machen,  dass  die  Arbeiter  gar  keine  Zubusse
der  Krankenkasse  leisten.  Die  Herren  Meister,  Lucius  und  Brüning  er-,
  ®”nen  dies  iu  so  fern  an,  als  es  im  Interesse  der  socialen  Stellung  der  Arbeiter
«sserwäre,  wenn  alle  Arbeiter  zu  solchen  Kassen  einen  Beitrag  lieferten;  sie  gehen
J®doch  hierbei  von  der  Vorbedingung  aus,  dass  solche  Ka.ssen  sich  über  grosse
®zirke  und  mehrere  Fabriken  erstrecken  müssten,  damit  Arbeiter,  welche
        <pb n="71" />
        7-2

aus  einer  Fabrik  austreten,  mit  dem  Eintritt  in  eine  andere  Fabrik  ihre  Rechte
und  Ansprüche  an  die  Krankenkasse  in  ihre  veränderte  Stellung  mit  hinüber
nähmen.  Ist  dies  nicht  der  Fall.  d.  h.  bestehen  solche  Kassen  nur  für  kleine
Bezirke  oder  für  eine  einzelne  Fabrik,  so  liegt  in  der  Beitragspflicht  eines  Arbeiters ­
  zu  einer  Krankenkasse  in  so  ferne  eine  Härte  gegen  den  Arbeiter,  als  derselbe ­
  bei  seinem  Austritt  oder  seiner  Entlassung  aus  der  Fabrik  der  von  ihm  gezahlten ­
  Beiträge  in  sehr  vielen  Fällen  —  d.  h.  in  allen,  falls  er  während  seines
Aufenthalts  auf  der  Fabrik  nicht  krank  war  —  ohne  jeglichen  Ersatz  verlustig
geht.  Prinzipiell  muss  daher  das  Streben  auf  grosse  Kassen,  welche  als  Bindemittel ­
  das  Gleichartige  der  Beschäftigung  der  Arbeiter,  nicht  aber  des  Geschäftes
odes  des  Ortes,  haben,  mit  combinirteu  Beiträgen  der  Arbeitgeber  und  der  Arbeiter ­
  gerichtet  sein.
JV.  Fürsorge  für  den  invaliden  Arbeitet.
Was  die  Fürsorge  für  die  invaliden  Arbeiter  anbelangt,  so
wurden  seither  solche  aus  der  Kranken-Ünterstützungs-Kasse  mit  einer
jährlichen  Pension  bedacht.  Für  die  Zukunft  besteht  hierfür  ein  specieller
  Fond,  indem  die  Herren  Meister,  Lucius  und  Brüning  zur
Feier  der  goldnen  Hochzeit  unseres  Kaiserpaares  unter  dem  Namen:
Kaiser  Wilhelm  und  Augusta-Stiftung  150000  M.  den  Arbeitern  hinwiesen, ­
  welche  selbstständig  verwaltet  und  zu  Gunsten  der  Arbeiter
verwendet  werden  sollen.  Diese  Stimme  soll  nach  einer  zweifachen
Richtung  hin  wohlthätig  wirken.  Einmal  sollen  aus  derselben  Capitalien ­
  zu  einem  niederen  Zinsfusse  an  die  Arbeiter  zum  Bauen  von
Wohnungen,  Erwerb  von  Gärten  etc.  gegen  eine  nicht  zu  rigoros  genommene ­
  Sicherheit  und  gegen  einen  niedern  Zinsfuss  ausgoliehen,  und
dann  sollen  von  den  Zinsen  des  Capitals  geregelte  Pensionen  den
invaliden  Arbeitern  gegeben  werden.  Ein  specielles  Statut,  welches
diese  Angelegenheit  ordnen  soll,  ist  in  Arbeit  begriffen,  zur  Zeit  jedoch ­
  noch  nicht  vollendet.

E  Die  Krankenbewegung  in  den  Jahren  1874—1879.
Wir  kommen  nunmehr  zur  Betrachtung  der  in  den  letzten  5  Jahren
auf  den  Fabriken  vorgekommenen  Erkrankungen.  Aufgezeichnet  wurden
dieselben  nach  dem  vorher  erörterten  Modus  und  können  dieselben
somit  auf  möglichste  Genauigkeit  Anspruch  machen.  Aus  der  ersten
Hälfte  des  Jahres  1874  sind  diese  Aufzeichnungen  jedoch  bezüglich
der  Diagnose  der  Erkrankungen  nicht  vollständig;  auch  lieferte  damals
ein  oder  der  andere  Arbeiter  bei  der  Neuheit  der  Einrichtung  sein
        <pb n="72" />
        73

Krankenbüclíclclien  niclit  ab,  so  dass  von  circa  80  Erkrankungen  wohl
deren  Dauer,  nicht  aber  deren  Diagnose  bekannt  ist.  Hieraus  erklären
Kleb  -4Üwge  klerne  Dißerenxen  in  4len  Tabellen,  tleren  k  h  mehrere  zur
Uebersicht,  sowohl  der  Krankenbewegung  iiii  Allgemeinen,  als  auch
Erkrankungen  in  den  einzelnen  Fabrikations-Käumen  folgen  lasse,
denselben  !$nd  überall,  wo  esisich  um  die  Krankenbewegung  im  Allgemeinen ­
  handelt,  sämnltliche  Erkrankungen,  in  den  anderen  Fällen
nur  diejenigen  Erkrankungen,  yon  welchen  eine  sichere  Diagnose  eingetragen ­
  istj,  zu  Grunde  gelegt*

kom

Ini  Ganzen  kainen  1163  Erkrankungen  in  diesen  5  Jahren  vor.  von  welchen
^84  j^uf  die  Alizarii^fabrik.  561  auf  die  Anilinfabrik  und  118  auf  die  mechanische ­
  Werkstitte  entfallen.  Betrachtet  man  diese  Zahlen  im  Verbaltniss  zu  den
’n  den  einzelnen  Abtheilungen  beschäftigten  Arbeitern,  so  ergibt  sich,  dass:
1.  auf  100  Arbeiter  der  Anilinfabrik  60  Erkrankungen,
2.  „  „  „  ,  Alizarinfabrik  46  „
3.  „  «  „  meph  Werkstatte  40"  „
Die  Erkrankungen  waren  somit  auf  der  Anilinfabrik  am  zahlreichsten
auf  der  mechanischen  W^ikstätte  am  geringsten.  Betrachtet  mau  dagegen
die  durchschnittliche'Dauer  jder  einzelnen  Erkrankungen  (Tab.  E.  1,  2  u.  3),  so
’st  das  Verhältnlss  ein  andkres.  Die  Gesammtzahl  der  Erkrankungstage  betrug
l'ÄDilich  11342.  Von  diesen  kommen  auf  die  Alizarin-Fabrik  5459,  auf  die  Ani-'D‘-I*abrik
  4857  und  auf  die  mechanische  Werkstätte  1036.  Vergleicht  man
mit  dieser  Anzahl  der  Erkraukuugstage  die  Anzahl  der  Erkrankungsfalle,  so  steht
"6r  die  Alizarin-Fabrik  mit  einer  Duchschnillsdauer  ihrer  Erkrankungen  von
lO  lagen  voran;  ilir  folgt  die  mechanische  Werkstätte  mit  8  Tagen,  und  am
*sten  situirt  1st  die  Anilin-Fabrik  mit  6  Tagen.  Dieser  Unterschied  in  der  durchschnittlichen ­
  Dauer  der  einzelnen  Erkrankungen  ist  so  wesentlich,  dass  hierdurch
'  ^  Plus,  welches  zu  Ungunsten  der  Anilin-Fabrik  bei  der  Anzahl  der  Erkran-^ngen
  besteht,  fast  vollständig  derart  aufgehoben  wird,  dass  ein  grosser  Unterschied ­
  bezüglich  der  Erkrankungen  in  den  einzelnen  Abtheilungen  der  Fabrik
•Hebt  besteht.

Dien.

A  lizarin-Fabrik.

•  Durchschnittlicher  Arbeiter-Bestand  ...
•  Anzahl  der  cikraaktcn  Arbeitet
■  Anzahl  der  Krkrankungsfälle  ,
•  Anzahl  der  Erkrankungsta^c  .........
ede  einzelne  Krkmnkung  dauerte  durch-Auf
  jeden  einzelnen  Arbeiter  kommen
7  j,^*^®^schnittlich  Krankentage
rocentsatz  der  erkrankten  Arbeiter  ...

1874

201
124
133
1742;
13,1  i

1875

11,G

187(j

208
86
90
804
8,8

Tab.  E.  1.

1877

9,6

1878

10,6
        <pb n="73" />
        74

1874

1875

1876

1877

1878

1.  Durchschnittlicher  Arbeiter-Bestand
2.  Anzahl  der  erkiankten  Arbeiter
3.  Anzahl  der  Erkrankungsfälle
4.  Anzahl  der  Erkrankungstage
5.  Durchschnittliche  Dauer  der  einzelnen  Er-148


71
97
813
9
5,5
65

150
85
112
1114
10
7,0
74

171
71
84
926
11
5.4
45

212
83
98
950
10
4,5
45

267
110
170
1054
62
3,i&amp;gt;
63

6.  Auf  jeden  einzelnen  Arbeiter  kommen
durchschnittlich  Kranken  tage
7.  Procentsatz  der  erkrankten  Arbeiter  ....

Tab.  E.  3.
Mechanische  Werkstiltte.

1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.

1874

1875

1876

1877

1878

Durchschnittlicher  Arbeiter-Besland  ....
Anzahl  der  erkrankten  Arbeiter
Anzahl  der  hkkrankungsfälle
Anzahl  der  Erkrankungstage
Durchschnittliche  Dauer  der  einzelnen  Erkrankungen ­

Auf  jeden  einzelnen  Arbeiter  kommen
durchschnittlich  Krankentage
Procentsatz  der  erkrankten  Arbeiter....

56
36
377
10

70
42
340

74
25
207

7,0
64

4,8
60

2,8
35

96
15
15
112
8
1,3
75

Dagegen  besteht  in  allen  Abtheilungen  der  Fabriken  ein  wesentlicher  Unterschied ­
  zwischen  den  einzelnen  Jahren  und  dieser  lässt  einen  grossen  Fortschritt
in  sanitärer  Beziehung  erkennen.
Hierüber  geben  Tab.  E.  4  und  Tab.  E.  5  Aufschluss.

Tab.  K.  4.

Jahr.

Anzahl  der
Arbeiter

Erkrankungs-Tage.


Es  kommen  somit  auf  jeden
Arbeiter

1874
1875
1876
1877
1878

849
406
450
496
610

2555
2903
2070
1786
2055

7,30  \
7,15  /
4.60  &amp;gt;  Krankheitstage.
3.60  1
3,37  )
        <pb n="74" />
        75

Tab.  E.  5.

T
Jähr.

Anzahl  der
Arbejter.
1

Erkrankungsfälle ­


!

Es  erkrankten
somit  Von
sammtiiéhen
Arbeitern

1874
1875
1876
1877
1878

349
406
4.50
496
610

•230
269
216
(198
'262

'

66  pCt.
66  -
48  -
38  -
43  -

n-  .1  '  '  ■
L»ie  erstcre.  erörtert  das  Veiimltniss  der  Anzahl  der  Arbeiter  zu  der  Anzahl
er  Erkrankungstage  und  beweist,  dass  die  auf  jeden  einzelnen  Arbeiter  fallende
«rchschnittszahl  ron  Erkrankungstagen  von  7,30  im  Jahre  1874  auf  3,37  im
ä^hre  1878,  also  fast  um  50pGt.  gefallen  ist.
Die  Tabelle  E  5  gibt  einen  ¡genauen  Ueberblick  über  das  Verhältniss  der
^nzahl  der  Arbeiter  zu  den  einzelnen  Krankheitsfällen  und  zeigt,  dass  auch  der
Anzahl  der  erkrankten  Arbeiter  von  Jahr  zu  Jahr  gefallen  ist.  Nur
Jahre  trat  eine  kleine  'Steigerung  ein,  welche  jedoch  dadurch  ausgeen
  wird,  dass  die  Dauer  der  einzelnen  Erkrankungen  abgenommen  hat.  Die
^rchschnittliche  Dauer  einer  Erkrankung  betrug  nämlich:

im  Jahre  1874  .
,,  ,,  1875  .
„  M  1876  .
»  „  1877  .
„  „  1878  .

13  Tage.
11  „
9,6  „
9,5  „

^  W  as  den  Ausgang  sämmtlicher  Erkrankungen  anbelangt,  so  trat  in  den  weit-Palien
  Genesung  ein.  Gestorben  sind  in  den  Jahren  1874  —1779
^  anzen  8  Arbeiter  und  zwar  im  Jahre  1874  bei  einem  durchschnittlichen
Jah  von  349  Arbeitern  1,  im  Jahre  1875  bei  406  Arbeitern  2,  im
j  .  1^78  bei  450  Arbeitern  2,  im  Jahre  1877  bei  496  Arbeitern  1  und  im
re  1877  bei  610  Arbeitern  1.  Es  kommen  somit  auf  1000  Arbeiter:

im  Jahre  1874  .  .  2,5  Todesfälle
,,  ,,  1875  •  .  5,0  „
,,  ,,  1876  .  .  4,4  ,,
,,  ,,  1877  ,  .  4,0  ,,
„  „  1878  .  .  1,8
den  die  'i’()desursachen,  das  Alter  und  die  Dauer  der  Beschäftigung  auf
*^^8rikon  gibt  Tab.  E.  6  Aufschluss,
        <pb n="75" />
        70)

Tab.  K.  f&amp;gt;.

No.

Namen.

Ort.

,\lter.

Wie  lange
auf  der
Fabrik.

Wo.

Todesursache.

1.
2.
3.
4.
5.
G.
7.
8.

Hochheimer
Hrcndel
Schneider
Klein
Port
Andrée
Müller
Gödecker

Wei  Ibach
Höchst
Schwanheim. ­

Höchst
Sossenheim
Höchst
Höchst
Wicker

45
32
38
38
58
18
27
25

1  .fahr  1
3  Jahr|
2  Jahr|
2  Monat  j
8  Jahr
1  Jahr  1
12  Tagej
1  Jahr  1

!
Alizarin-F.
Baum  Hl
Alizaiin-F.
Baum  1
Alizarin-F.
Hofaii)eiter
Anilin-F.
Heizer
Fuchsin-F.
Alizarin-F.
Baum  VI.
Alizarin-F.
Baum  V.
Alizarin-F.
Hofarbeiter

^Apoplexie.
^Tuberc  d.  Kehlkopf.
^Tuberc.  der  Lunge.
1  Lungenentzündung.
Marasmus,
j  Brandwunden.
^Lungenentzündung.
jTubcrc.  der  Lunge.

Es  entfallen  somit  6  Todesfälle  auf  die  Alizarin-Fabrik  und  2  auf  die  Anilin-Fabrik. ­
  Mit  der  Fabrikation  in  director  Verbindung  steht  keiner  derselben,
indirect  könnte  Andrée  dahin  bezogen  werden.  Dieser  halte  sich  mit  entzündeten
Gasen,  welche  beim  Oeffnen  einer  Kammer  aus  dieser  schlugen,  verbrannt.  Die
Brandwunden  waren  zwar  grösstentheils  oberflächlich,  dieselben  erstreckten  sich
jedoch  über  mehr  als  den  dritten  Theil  des  Körpers  und  führten  am  14.  Tage
unter  Erscheinungen  des  Starrkrampfes  zum  Tode.
Invalide  d.  h.  dauernd  arbeitsunfähig  wurden  von  1874—1879  3  Arbeiter:
der  an  Marasmus  im  Jahre  1876  veretorbene,  seit  1875  pensidTiirte  Tort  und  die
zur  Zeit  noch  pensionirten  Arbeiter  Teter  Nuss  aus  Sossenheim  und  Johann  Christmann ­
  aus  Höchst.
Schwere  Verletzungen,  welche  den  Verlust  eines  wesentlichen  Gliedes  etc.
nach  sich  gezogen  hätten,  kamen  nicht  vor.  Es  wurde  überhaupt  nur  eine  grössere
Operation  gemacht,  und  zwar  musste  dem  Vorarbeiter  Brendel,  —  dem  Bruder  des
1875  an  Tuberkulose  des  Kehlkopfes  verstorbenen  Brendel.  —  wegen  Knochen  frass
des  Handgelenkes  der  Vorderarm  amputirt  werden.  Trotz  der  hereditären  Belastung
und  deutlichsten  Anzeigen  der  Scrophulose  heilte  die  Amputalionswunde  günstig
und  rasch,  und  Brendel  versieht  heute  bei  weitem  gesunder,  als  vor  der  Amputation, ­
  den  Dienst  als  Portier  an  der  Fabrik-Eisenbahn.
Was  die  Qualität  der  einzelnen  Erkrankungen  anbelangt,  so  gibt  hierüber
Tab,  E.  7  Aufschluss:
        <pb n="76" />
        77

Ge  ncral-Tabc  11  c.

Tab.  K.  7.

No

Krkraiikungcn.

Aligarill.


Anilin

Mechan. ­

Wei  kslätle.


Summa

Procent ­
 ­


1
2.
S
4.
5.
6.
7.
8.
y.
10.
11.
12

Infections-  und  allgerpeine  Krankheiten
Krankheiten  des  Nervensystems
Krankheiten  des  Gefässsystems
Krankheiten  der  Athmungswerkzeuge  .
Krankheiten  der  Verdauungswerkzeuge
Krankheiten  der  Harn-  und  Geschlechtswerkzeuge ­

Krankheiten  der  Haut
Krankheiten  der  Augen  und  Ohren  ...
t  hirurgische  Krkraiikungen
Verletzungen
Fabrik-Krank  heilen
Diversa

53
15
4
83
87
1
42
n
2f)
115
0
1

59
20
3
109
111
3
18
14
24
137
31

10
3
1
17
22
1
10
3
3
38
1
1

122
38
8
209
220
5
70
26
53
290
32
22

10
3
1
19
20
0,5
6
2
5
27
3
0,3

Summa  436  529  110  1075
Dieselbe  erstreckt  sich  iilrer  1075  einzelne  Erkrankungen  und  lehrt,  dass
i"  Verletzungen  und  Krankheiten  der  Verdauungs-  und  der
mungswerkzeuge  bestanden,  und  dass  nur  ein  sehr  geringer  Procent-Satz  auf
'®  l'abrikkranklieilen  kommt.  ••
12  wir  kuerst  die  Pabrikerkrankungen,  so  bestanden  dieselben  in
allen  von  Vergiftungen  mit  Anilin,  von  welchen  7  im  Fuchsin-,  4  im  Rc-^*ictions-
  und  1  im  Hlau-Kaum  vorkamen,  und  in  20  Fällen  in  einer  übermässigen
'^eisssecretion  an  den  Händen,  von  welchen  15  auf  den  Eosin-,  je  2  auf  den
*^1*  &amp;gt;to|-  und  Orange-  und  1  auf  den  Fuchsin-Raum  fallen.
Näh  ‘^'®  Kntstehuug  und  das  Wesen  des  Anilismus  wurde  bereits  oben  das
K^'sagt.  Unsere  Fälle  entstanden  alle  durch  Einathmung  von  Anilinund
  beanspruchten  eine  Gesammtdauer  von  1  11  Erkrankungstagen;  es
*^®rte  somit  im  Durchschnitt  jeder  Fall  von  Anilismus  zwischen  9  und  10  Tagen.
Deber  die  Vertheilung  auf  die  einzelnen  .Jahre  gibt  Tab.  E.  8  Aufschluss.

Tab.  K.  8.

Jahr.

Anzahl
der  Fälle,

Gesamintdauor

derselben.

Durchschnittliche ­
  Dauer
eines  Falles.

1874
1875
1876
1877
1878

3
2
1
3
3

27
18
15
35
16

9
9
15
12
5
        <pb n="77" />
        78

Auch  bei  diesen  Erkrankungen  lässt  sich  eine  Wendung  zur  Besserung  der  '
sanitären  Verhältnisse  nicht  verkennen,  denn  einmal  ist  die  Zahl  der  Ajbgiter  jn
den  beiden  Räumen,  welche  überhaupt  nur  in  Betracht  kommen,  dem  Reductionsund
  dem  Fuchsin-Raum,  von  38  im  Jahre  1878  auf  55  im  Jahre  1878  gestiegen,
ferner  wurden  in  diesen  Räumen  im  Jahre  1878  mehr  als  noch  einmal  so  viel
Anilin  verarbeitet,  als  in  dem  Jahre  1874,  und  dann  betrug  die  durchsclmiiÜicUe
Dauer  einer  Erkrankung  im  Jahre  1878  zwischen  5  und  6  Tagen,  während  die
durchschnittliche  Dauer  dieser  Erkrankungen  aus  den  5  Jahren  9  —10  Tage  war.
Diese  günstigen  Verhältnisse  sind  einestheils  den  verbesserten  Ventilationseinrichtungen ­
  in  den  Räumen  und  den  vervollkommneteren  Verschlüssen  an  den  Apparaten, ­
  anderentheils  dèr  genaueren  Beobachtung  der  Arbeiter  durch  die  Aufseher,
besonders  an  heissen  Tagen,  tuzuschreiben.  Es  gibt  nämlich  Fälle  von  Anilismus.
in  welchen  sich  die  Lippen  der  Arbeiter  als  Zeichen  der  beginnenden  Intoxication
bläuen,  ohne  dass  der  betretende  Arbeiter  subjective  Empfindungen  der  ihn  ¡bedrohenden ­
  Krankheit  hat.  Wird  hierauf  von  Seiten  der  Aufseher  geachtet  und'der
Arbeiter  aufmerksam  gemacht  und  veranlasst,  den  Raum  zu  verlassen,  so  koihmt
ein  eigentlicher  Anfall  von  Anilismus  nie  zum  Ausbruch,  sondern  der  Arbeiter  ist  im
Stande,  nach  wenigen  Stunden  seine  Arbeiten  wieder  aufzunehmen.  Auch  wird  es
mit  der  Zeit  dahin  kommen,  dass  Erkrankungen  an  Anilismus  durch  die  eigentliche
Fabrikation,  d,  h.  durch  Entweichen  von  Anilin-Dämpfen  bei  derselben,  entweder
ganz  vermieden  oder  wenigstens  auf  ganz  leichte  Formen  beschränkt  werden,
während  durch  Verschütten  von  Anilin  beim  Ausleeren  von  Gefässen,  in  specie  beim
Reinigen  von  Anilin-Apparaten  oder  durch  Reparaturen  an  denselben  die  Gefahr
für  Anilismns  nicht  ganz  zu  vermeiden  sein  wird.
Fälle  von  sog.  chronischem  Anilismus,  wie  diese  von  Hirt  in  Hyde  bei  Manchester ­
  beobachtet  wurden,  kamen  bis  jetzt,  trotzdem  einzelne  Arbeiter  in  den  betreffenden ­
  Räumen  6—10.  ja  14  Jahre  beschäftigt  sind,  nicht  vor.  Die  Erscheinungen ­
  dieses  chronischen  Anilismus  sollen  neben  Sensibilitäts-  und  Motilitäts-Störungen
  in  Störungen  der  Verdauung  und  Erkrankungen  der  Haut  bestehen ­
  ,  —  von  solchen  Symptomen  konnten  wir  jedoch,  weder  bei  den  Arlæitern
in  dem  Fuchsin-,  noch  bei  denen  im  Reductionsraum,  etwas  wahrnehmen.  In  dom
Fuchsinraum  praevalirten  zwar  die  Erkrankungen  der  Verdauungswerkzeuge  derart, ­
  dass  von  88  in  denselben  vorgekommenen  Erkrankungen  21,  also  ca.  25  pGt.,  j
auf  die  Verdauungswerkzeuge  entfallen,  allein  in  keinem  einzigen  Falle  handelte
es  sich  hier  um  chronische  AITectioncn;  es  waren  dies  stets  leichte  acute  Magenund
  Pharyngeal  Catarrhe,  wie  sie  auch  in  allen  übrigen  Räumen.in  specie  auch  i
bei  den  Hofarbeitern  und  in  der  mechanischen  Werkstätte  in  gleicher  Häufigkeit  j
workommen.  So  entfallen  z.  B.  bei  dem  Fuhrwesen  von  32  Erkrankungen  23,  !
also  72  pCt.,  in  der  mechanischen  Werkstätte  von  110  Erkrankungen  22,  also
20  pOt.,  auf  die  Krankheiten  der  Verdaungswerkzeuge,  —  gewiss  kein  Unterschied, ­
  der  zu  der  Annahme  einer  schädigenden  Einwirkung  des  Anilins  auf  die
Digestions-Organe  berechtigte.  Aehnlich  liegen  die  Verhältnisse  im  Reductionsraum,
  ln  ihm  kamen  von  48  Erkrankungen  9,  also  nicht  ganz  20  jtCt.,  auf  die  i
Verdanungswerkzeuge.
Auch  einen  Einfluss  a  uff  Erkrankungen  der  Haut  ergeben  unsere  Tabellei'
nicht,  indem  unter  den  1  3(1  Erkrankungen  in  dem&amp;gt;  Fuchsin-  und  Reductions-
        <pb n="78" />
        79

Raumen  8,  von  den  110  Erkrankungen  in  der  .inechauischen  WerksUitte  10  auf
die  Haut-Erkrankungen  fallen.
'on  AíTeclionen  der  Central-Organe  kamen  gar  keine  Erscheinungen  vor,
''oder  über  Motililäts-  noch  Sensibilitäts-Störungen,  weder  über  Hyperästhesien
•'ocli  Anästhesien  wurde  von  den  Arbeitern  in  den  betreffenden  Räumen  geklagt.
Ein  sehr  gutes  Yorbeugungsmittel  gegen  solche  chronische,  gewerbliche
ergiftupgen  besteht  jedenfalls  neben  einer  guten,  nicht  in  den  Arbeitsräumen
staUfindenden  Ernährung  des  Körpers,  und  einer  geregelten  Hautpflege,  in  dem
möglichst  langen  Aufenthalte  in  freier  Luft,  wie  denselben  ein  grosser  Theil  der
öchster  Arbeiter  durch  ihren  oft  stundenlangen  'Veg  m  und  von  der  Fabrik
geniesen.
Ebensowenig  wie  chronische  Anilin-Vergiftungen  konnten  wir  bei  den
Reuten  einen  Einfluss  auf  die  Respirations-Organe  beobachten.  Bekanntlich  be-^opten
  Rörig,  Friedrich.  Dupuy  u.  s.  w,.  dass  unter  dem  Einflüsse  von
nilindämpfen  sich  häufig  Bronchial-Catarrhe  und  deren  Folgezustände  entwickel-Dagegen
  macht  Hirt  darauf  aufmerksam,  dass  die  Arbeiter,  von  welchen
?  Autoren  sprechen,  in  Anilin  -  Farben  -  Fabriken  beschäftigt  waren,  und  dass
’*1  diesen  neben  dem  Anilin  noch  andere  Agen  tien  in  Betracht  kommen,  welchen
•er  als  dem  Anilin  die  Einwirkung  auf  die  Bronchial-Schleimhaut  zuzumessen
Ensere  Beobachtungen  bestätigen  die  Richtigkeit  der  Annahmen  von  Hirt.
Von  allen  Erkrankungen  in  allen  Abtheilungen  der  Fabrik  enteilen ­
  (Tab.  E.  7)  19  pCt.  auf  die  Erkrankungen  der  Athmungs-^^b‘ine;
  von  den  88  Erkrankungen  in  dem  Fuchsin-  und  den  48  in
Heduotionsrauin  kommen  8  resp.  14  auf  Erkrankungen  der  Luftalso
  bilden  letztere  in  dem  Fuchsin-Raum  10  pCt.,  in  dem
^  •^'luctions-Raum  30  pCt.  sammtlichcr  in  diesen  Räumen  beobachteten
"•"krankungen.  Nun  haben  wir  oben  gesehen,  dass  von  den  12  Fällen
Anilismus  7,  also  58  pCt,  auf  den  Fuchsin-  und  nur  4,  also
pCt.,  auf  den  Reductions-Raum  kommen.  Hieraus  dürfen  wir
^l'liessen,  dass  die  vermehrten  Erkrankungen  der  Luftwege  in  dem
^^ductions-Raum  —  30  pCt.  gegen  den  obigen  Durchschnitt  von
pCt.  -T-  nicht  dem  Anilin,  sondern  einer  anderen  Schädlichkeit
^'Uzuschreihen  sind.  Als  solche  ist  jedenfalls  der  starke  Luftzug  in
betretlenden  Raume  anzusprechen.
ln  dem  Raume  also,  in  welchem  die  meisten  Fälle  von  Anilisvorkamen,
  ist  der  Rrocentsatz  der  Erkrankungen  der  Luftwege
nin  die  Hälfte  geringer,  als  der  Durchschnitt  in  sämmHieben
‘^'•nien,  und  in  dem  Reductions-Raumc,  in  welchem  der  entsprechende
/^^entsatz  höher  ist,  liegt  eine  andere  Ursache  näher,  als  Anilin.
1  entspricht  der  Verlauf  der  einzelnen  Erkrankungen  der  Imftwege
in  Räumen  nicht  obiger  Behauptung  von  Rörig  u.  s.  w.,  denn
einem  einzigen  Falle  waren  es  chronische  Catarrhe  oder  Emphy-
        <pb n="79" />
        80

seme,  die  zu  unserer  Beobaelitung  kamen,  sondern  es  waren:  15  Fälle
von  acutem  Bronchial-Cat.,  3  Fälle  von  Lungenentzündungen,  2  Rippenfellentzündungen ­
  und  je  1  Fall  von  Tuberculose  und  Laryngeal-Catarrh.
Eine  schädigende  Einwirkung  der  Anilin-Dämpfe  auf  die  Athmungswerkzeuge
  fand  demnach  in  unseren  Fällen  nicht  statt,  dagegen
konnten  wir  neben  der  Bestätigung  der  oben  pg.  20  u  f.  beschriebenen
centralen  Erscheinungen  in  3  Fällen  eine  bisher  in  der  Literatur  nicht
verzeichnete  Einwirkung  des  Anilins  auf  die  Harnwerkzeuge  beobachten.
In  diesen  Fällen  trat  nämlich  kürzere  oder  längere  /eit  nach  Eintritt  der
anderen  Symptome  von  Anilismus  eine  heftige  Strangurie  auf,  welche  in  einem
Falle  noch  fortbestand,  nachdem  alle  anderen  Krankheitserscheinungen  verschwunden ­
  waren.
Die  ersten  derartigen  Beobachtungen  wurden  im  Jahre  1877  gemacht.
Zwei  Arbeiter  reinigten  im  Juli  d.  J.  einen  eisernen  Cylinder,  wie  dieselben  zur
Destillation  von  Anilin  benutzt  werden.  Beide  bekamen  durch  Verdunsten  von  in
dem  Cylinder  rückständigem  Anilin  Anilismus  und  beide  litten,  obgleich  früher
nie  blasenleidend,  durch  mehrere  Tage  an  vermehrtem  Drange  zum  flamen  an
Schmerzen  beim  Harnen  und  an  Blutabgang  mit  dem  Urin.  Die  Dauer  der  Erkrankung ­
  betrug  bei  dem  Einen  9.  bei  dem  Anderen  Iti  Tage  so  dass  beide
schon  zu  den  schwereren  gerechnet  werden  müssen,
Der  dritte  Fall  betraf  den  Arbeiter  K..  welcher  am  20.  December  1878
durch  Verschütten  eines  Kübels  sich  den  Rücken,  die  Arme  und  die  Kleider  mit
Anilin  übergossen  hatte.  Neben  den  gewöhnlichen  Symj)tomen  trat  am  22.  December ­
  unter  Schmerzen  in  der  Blasengegend  eine  quälende  Strangurie  mit  blutrothem
  Urin  auf,  welche  bis  zum  28.  December  anhielt.  Alle  anderen  Symptome
waren  bereits  am  25.  vollständig  verschwunden.  Auch  dieser  Fall  muss  sowohl
nach  seiner  Dauer,  als  auch  nach  seiner  Entstehung  in  specie  dem  Quantum  des
verschütteten  Anilins  zu  den  schwereren  gerechnet  werden.
In  diesen  3  Fällen  haben  wir  es  mit  einer  Cystitis  acuta  zu  thun,  welche
ihre  Entstehung  dem  Anilin  verdankt.  Dieses  muss  hier  ähnlich  wie  Cantharidin
wirken.  Die  Erklärungsweise  der  Art  der  Wirkung  ist  jedoch  bei  diesem  Stolle
leichter,  weil  derselbe  auch  nach  der  äusseren  Einwirkung  in  Form  von  Blasenpflaster, ­
  als  solcher  resorbirt  und  durch  die  Nieren  ausgeschieden  wird,  also  wohl
durch  seine  directe  Berührung  die  Blasensclileimhaut  reizt  und  entzündet.  D:is
Anilin  wird  jedoch,  wie  pag.  19  bereits  erwähnt,  nicht  durch  den  Urin  ausgeschieden, ­
  und  es  bleibt  somit  unerklärt,  in  welcher  Form  der  Zersetzung  diis
Anilin  seine  reizende  Wirkung  auf  die  Schleimhaut  der  Blase  ausübt.  Vor  der
Hand  ist  nur  zu  constatiren,  dass  in  allen  3  Fällen  die  Einwirkung  des  Anilins
eine  stärkere  und  von  den  weitaus  meisten  der  anderen  Fälle  des  Anilismus,  verschieden ­
  war.  Während  nämlich  von  den  12  beobachteten  Fällen  von  Anilismus
8  ihre  Entstehung  der  Einathmung  von  Luft  in  den  Arbeitsräumen,  welche  mit
Anilindämpfen  und  in  2  Fällen  mit  Spuren  von  Nitrobenzoldämpfeii  leicht  geschwängert ­
  war,  verdankten,  entstanden  die  4  übrigen  durch  Einwirkung  von
concentrirteren  Dämpfen,  und  bei  3  von  diesen  4  Fällen  traten  die  beschriebenen
Symptome  von  Strangurie  auf.  Auch  ist  bei  diesen  4  Fällen  die  Möglichkeit
        <pb n="80" />
        81

einer  coinMniiten  Anilin-Wirktmg:  durch  Einatlimung  der  Dampfe  und  durch  Resorption ­
  mittelst  der  Haut  nicht  von  der  Hand  zu  weisen,  indem  in  den  zwei
Italien  beim  Reinigen  von  Cylindern  die  Hände,  in  den  2  anderen  durch  Verschütten ­
  nicht  von  Kleidern  bedeckte  Theile  des  Obeikörpers  mit  dem  Anilin  in
irecte  Berührung  kamen.  Wie  bereits  pag.  19  erwähnt,  ist  diese  Frage  der
esorption  des  Anilins  durch  die  Haut  noch  eine  offene.  Greif  sagt  zwar  (Correspondenz-Blatt
  des  niederrheinischen  Vereins  für  öffentliche  Gesundheitspflege,
and  II.  pag.  98),  dass  „Anilin  oder  Nitrobenzol  durch  Athmung  oder  durch
ufsaugen  durch  die  Haut  schädlich  wirken“,  allein  Thatsachen  für  die  Richtig-®it
  dieser  Annahme  sind  nirgends  erbracht.
Wir  kommen  nunmehr  zu  deti  erwähnten  *20  Fällen  von  vermehrter
('liweissecretion,  welche  Anfangs  ausschliesslich  im  Eosin-Raum,  später
auch  im  Naphtol-,  dem  Orange-  und  dem  Fuchsin-Raum  auftraten.
^  Beobachtung  stammt  aus  der  zweiten  Hälfte  des  Jahres  1877  und
p.  Arbeiter  S.  aus  Höchst.  Bei  einer  schmerzhaften  Empfindlichkeit  der
P  'K^i'spitzen  beider  Hände  bestand  eine  solche  Vermehrung  der  Schweisssecred
  nach  erfolgter  Abtrocknung  der  Hände  der  Scliweiss  sofort  wieder  von
M  n  '^K®rn  herabträufelte.  Nach  5  Tagen  war  unter  Anwendung  adstringirender
^  ‘wel  die  Haut  wieder  normal.  Derselbe  Arbeiter  erkrankte  später  noch  2  Mal  unter
enseiben  Erscheinungen,  einmal  im  October  und  das  andere  Mal  im  November  1877.
ehnl,che  Erscheinungen  boten  die  Arbeiter  H.  aus  Schwanheiiu  und  G.  aus
diesen  5  im  Jahre  1877  beobachtelen  Fällen  kamen  im  .Jahre
2  weitere  15  hinzu  und  entfallen  von  letzteren  10  auf  den  Eosin-Raum,  je
Orange-  und  Naphtol-Raum  und  1  auf  den  Fuchsin-Raum.  Das  Krank-^ei
  sbild  ist  bei  allen  Beobachtungen  dasselbe.  Nach  kürzerem  oder  längerem
^  n  enthalte  in  dem  betreffenden  Ramne  fangen  die  Fingerspitzen  und  nicht  selten
des  Daumens  an  schmerzhaft  zu  werden,;  die  Hände  stehen  in  Coui^nnsstellung;
  in  den  meisten  Fällen  entstehen  Schrunden  an  der  Volariläche
in  '  IIi"  dem  Handteller;  in  einigen  (3)  Fällen  bildeten  sich  Abscesse;
Zu-  1'allen  ist  die  Schweissecretion  eine  so  starke,  dass  die  3'ropfen  dicht
^janimen  stehen  und  beim  Abwärtssenken  der  Hände  abtllessen.  Dabei  ist  das
Oiilf^  nach  keiner  Richtung  gestört,  und  weder  makroskopisch  noch
roskopisch  noch  dem  Gerüche  nach  an  dem  Schweisse  etwas  Abnormes  nach-^'“Weisen.

Be  Ursache  dieser  Hyperidrosis  localis  ist.  müssen  erst  noch  weitere
^^^0  JUchtungen  lehren:  für  jetzt  steht  nur  fest,  dass  das  fertige  Eosin  event.
^  aiige  u.  s.  w.  die  Materia  peccans  nicht  sind,  indem  in  dem  Lager-  und  Expewelchem
  die  Arbeiter  täglich  mit  ihren  Händen  in  Berührung
Au  J  ^^ireffenden  Stoffen  kommen,  nie  eine  .solche  Erkrankung  beobachtet  wurde,
oin^  *  die  bis  jetzt  beobachteten  Fälle  dafür,  dass  nicht  alle  Arbeiter,
"ämp^  '**’*®®*'  hohem  Grade,  zu  dieser  Affection  disponirt  Smd  ;  es  erkrankten
*  'c  I  1878  von  den  15  in  dem  Eosin-Raum  beschäftigten  Arbeitern:
7  gar  nicht  an  Hyperidrosis,
2  1  Mal  „  „
2  2...
1  4  „  „  „
r.
        <pb n="81" />
        H2

Die  Dauer  siimmllicher  Erkrankungen  war  eine  sehr  kurze,  und  zwar  betrug
die  mit  denselben  verbundene  Arbeitsunfähigkeit:
in  4  Fällen  0  Tage,
„  1  Fall  1  Tag,
„  3  Fällen  2  Tage,
-  «d  „  3  „
r  r  ^  »"
„2  ,,  ,,
,.  1  Fall  6  „
„1  „••••*  12  „
Es  kamen  somit  auf  20  Fälle  GO  Erkrankungstage.  d.  h.  auf  den  einzelnen
Fall  im  Durchschnitt  3  Tage.
Bezüglich  der  Behandlung  wurde  den  Arbeitern  prophylactisch  das  Vermeiden ­
  scharfer  Substanzen  beim  Waschen  der  Hände  und  Einreibungen  von
Talg  nach  dem  Waschen  angerathen.  Gegen  die  Hyperidrose  selbst  wurden  adstringirende
  Salben  und  mehrtägige  Entfernung  aus  dem  Kaum  verordnet.
Fassen  wir  säinmlliehe  s.  g.  Fabrik-Erkrankungen  zusaninicn,  so
machen  dieselben  (32  auf  1075)  3  pCt.  aller  Erkrankungen  aus.
Bringen  wir  ihre  Dauer  in  Anschlag,  so  gestaltet  sich  das  Verhältniss
für  sie  noch  günstiger.  Säm  int  liehe  Erkrankungen  erforderten  nämlich
11352  Krankheitstage;  von  diesen  kommen  auf  die  Fabrik-Erkrankungen ­
  171,  also  nur  1,5  pGt.  Die  durchschnittliche  Dauer  aller
Erkrankungen  betrug  10  Tage;  dieienigen  der  Fabrik-Erkrankungen
nur  5,  so  dass  somit  die  Fabrikerkrankungen,  sowohl  ihrer
Zahl,  als  auch  ihrer  Schwere  nach,  auf  den  uns  beschäftigenden ­
  Fabriken  sehr  wenig  in  die  Wagschale  fallen.
Gehen  wir  zu  den  anderen  Erkrankungen  über,  so  stehen  der
Zahl  nach  die  Verletzungen  mit  27  pCt.  oben  an.

Dieselben  bestanden  :
1)  in  117  Fällen  von  Quetschungen
2)  „  90  „  „  Verbrennungen.
3)  „  51  r  «  traumatischen  Augenentzündungen,
4)  „  14  ,  „  Brüchen,
5)  „  5  p  p  Luxationen,
G)  ,,  4  „  „  Verstauchungen.
7)  ^  4  „  p  Muskelzerrungen  und
8)  ,  4  „  r  offnen  Wunden,
im  Ganzen  also  289  Fälle.  Von  allen  diesen  Fällen  war  jedoch  kein  einziger,
trotz  der  langen  Dauer  einiger  Heilungen,  besonders  nach  Verbrennungen,  niB
einem  bleibenden  Nachtheile  für  die  Gesundheit  oder  dem  Verluste  eines  Gliedi*!^
verbunden.
An  die  Verletzungen  schliessen  sich  die  Erkrankungen  der  Respirations- ­
  und  Verdaunngs-Werkzeuge  mit  19  resp.  20  pCt.  Unter  den
ersteren,  von  welchen  im  Ganzen  209  Fälle  zur  Behandlung  kamen,  prävalire"
        <pb n="82" />
        83

die  Catarrhe  der  Laftröhren-Schleinihant  mit  1  32  Erkrnnkungeii.  Dieselben  bilden
somit  63  pCt.  aller  Erkrankungen  der  Luftwege.  An  sie  scliliessen  sich  30  Fälle
von  Pneumonie,  12  Fälle  von  Pleuritis  7  von  Hämoptoe,  einige  Fälle  an  Laryngitis, ­
  Tuberculose,  Asthma  u.  s.  w.  ohne  dass  jedoch,  wie  Tab.  E.  9.  10  und  1  1
ergeben,  in  einzelnen  Räumen  eine  oder  die  andere  Lungenerkrankung  prävalirte.
Unter  den  Erkrankungen  der  Verdauungs  werkze  uge.  deren  220  Fälle
behandelt  wurdeq.  stehen  die  Magen-  und  Darm-Catarrhe  mit  119  Fällen,  oder
pCt.  in  dem  Vordergrund.  In  zweiter  Linie  folgen  Pharyngeal-Catarrhe  und
^ndelentziuidun¿en  in  der  Anzahl  von  40.  FällenjJdaniijkoimuen  12  Fälle  von
Cardialgie,  einige  Fälle  von  Kolik  und  Cholerine  und  vereinzelte  Fälle  von  Typhlitis ­
  und  Magenblutungen.  Unter  allen  diesen  Fällen  finden  sich  jedoch  schwere
Störungen  der  Verdauung  nicht,  in  specie  sind  chronische  Catarrhe  des  Magens
*^ur  in  vei-einzeltan  Fällen  und  gunz  ausser  Zusammenhang  mit  der  Fabrikation
'orgekommen.  Beispielsweise  sei  angeführt,  dass  bei  dem  Fuhrwesen  mit  15
ann  13.  in  dem  Fuchsin-Ra  ime  mit  40  Mann  21  Erkrankungen  der  Verdauungs-Werkzeuge
  vorkamen,  und  dass  der  einzige  Fall  von  zahlreichen  Recidiven  eines
^lagen-Catarrhs  bei  dem  Fuhrwesen  sich  fand.
^on  den  übrigen  Erkrankungen  verdienen  nur  noch  die  Infections-  und  all-^cnieine
  Krankheiten  einige  Worte.  Unter  ihnen  prävaliren  die  Rheumatismen
Sehr  wesentlich,  und  zwar  machen  diese  unter  122  Fällen  mit  87  Fällen  71  pCt.
äus.  Weitaus  die  meisten  derselben  waren  Muskelrheumatismen  ;  acuter  Golenkj^ieumatismus
  kam  nur  in  einem  Falle  zur  Beobachtung.
Unter  den  übrigen  Infections-  und  allgemeinen  Krankheiten  finden  sich:

1)
2)
3)
4)
5)
6)

11  Fälle  an  intermittirondem  Fieber.

10  „  ,,  Erysipel.
7  „  „  Typhus,
4  ,,  Diphteritis,  ;
2  ,,  .,  Feb  calarrhalis,
1  tScrophulose.
^lle  andern  Erkrankungen  sliid  so  unwesentlich,  dass  dieselben  ausser  ihrer
■  W^'ihnung  und  Zusammenstellung  in  der  Generaltalielle,  einer  weiteren  Bespre-■c
  Hing  nicht  bedürfen.

I^a.s  weyentlicite  Resultat  dieser  Zusaiiimcnstellung,  wie  sie  Tab.
10  und  11  giebt,  ist  die  Tbatsacbe,  dass  weder  in  einem  einzelnen ­
  Fabrik-Raum  noch  in  den  P^abrik-Räumen  im  Allgemeinen
.^^St'nüber  den  Re.schäftigtingeii  in  der  mecbáni.sclien  Werkställe,  auf
s.  w.,  Krk  rank  ungen  irgend  eines  Organes  prävaliren.

Hofe  u.

"i'li  liefert  diese  Zn.snmmenslellung  den  Beweis,  dass  üborliaupt  P&amp;gt;-^’’•‘nkungen
  iq  den  P'abrik-Räumen  nicht  häufiger  sind,  als  ausser
^  W'^^f'lbeu,  und  dass  somit  von  einem  naclitliei  ligen  liinfluss  der
^^brikation  auf  die  Arbeiter  iiiclit  dip  Rede  sein  kamt.  In
^^Grbinduitg  mit  Tab.  D.  ß  a.  und  b.  zeigt  ^ie  ferner,  dass  auch  der
A  ufen  totale  in  doit  P'äbrikations-Räunt^n  keineswegs  erhöhte
’’‘inkheits-Brócente  mit  sielt  bringt,  wie  dw^ses  am  deutliclisten  der

C*
        <pb n="83" />
        «4

Fnchsin-Haum  /oigt.  ln  ihm  sind  im  Durchschnitt  34  Arbeiter  im
Jahre  1878  beschäftigt  gewesen;  von  denselben  sind  die  Hälfte  länger
als  3  Jahre  in  demselben,  und  gerade  auf  diese  entfallen  von  den  ‘24
Alizarin-N.V



L  lind  II

Ill

IV

3.

4.

7.

8.

9.

10.

11.
12

Infections-  und  allgemeine ­
  Krankheiten.

Krankheiten  des  Nervensystems. ­

Krankheiten  des  Gefässsystems.

Krankheiten  der  Alhmungswerk/.euge.


Krankheiten  der  Ver
daunngswerkzeuge.

Krankheiten  der  Harnlind
  GeschKchtswcrkzeuge.

Krankheiten  der  Haut.

Krankheiten  der  .\iigen
und  Ohren.
Chirurgische  Erkrankungen. ­


Verletzungen.

Fahrikkraukheiten.
Diversa.

Rheum.  4
ntermittens  2
Erysipel  2
Xcur.  supraorb.  2
\eur.  cer.  occip.  1
Congestionen  I

Bronch.  ("at.
Hämopt.
I’neumon.

Cat.  ventric.  12
('at.  pharyng.
Párulis
Cholerine
Cardialgic
.Magenblutung  1
Hodenentzündg,

Rheum.
Intermittens
Erysipel
Diphlerit.

Bronch.  ('at.
Bronchitis
Pneumonie
Pleuritis
Cat.  ventric.
Cat.  pharyng.
Cholerine
Párulis
Cardialgic
Hämorrh.

Eczern
•'arunkel
'hiegmone
Conjunct,  cat.  3

Panaritium
.\bscesso
Fiissgescbwürc
Entzdg.  Kniegelenk ­

Caries
Conjunct.traum.
Verbrennungen
(Quetschungen

Rheum.  8
Ii.termittens  1
Typhus  1
Üiphtcrit.  1
Neur.  supraorb.  1
Ncur.  occipit.  1
Ischias  1

Bronch.  Cat.
Pneu  mon.
Pleuritis
Laryngitis
10  Cat.  ventric.
4  Cat.  pharyng.
Cholerine
Cardialgic
Dyspeps'e

Eczern
Urticaria

Otitis,  ulcerosa  1

Panaritium
.\bscessQ
Ulcus
Entzündung,
Ellenbogen
Periostitis  tibiae  1
Conjunct.traum.  7
Verbrenuuugenl3
(Quetschungen  13
Muskelzerrung  2
Fracturen

Eczern
Carbunkcl
Herpes  Zoster

Panaritum
Abscess

Conjunct,  träum.  2
Verbrennungen  0
(Quetschungen
Fractur
Luxation
Wunde

90

I  ^  i  ^  r

—  85  —

Erkrankungen,  welche  1878  in  dem  Fuchsin-Raume  beobachtet  wurden,
nur  6,  während  die  übrigen  18  Erkrankungen  meistens  frisch  cingctretene
  I^eute  befielen.

Fabrik.

Tab.  E.  9.

VI

VII

Hof  und
Kesselhaus.

Suinina.

Rheum.

Neur.  trigein.  1

Rronch.  Cat.
Rneumon.

Cat.  ventric.
Cat  pharyng.
1^  nolcnnc

r

Rhuum.
Eiysipel
Ischias
Lumbago

Bronch.  Cat.
Bronchitis
Pneumonie
Pleuritis
Cat.  ventric.
llCat.  pharyng.
Párulis

Rheum.
Erj'sipel

Prosopalgie

Bronch.  Cat.
Bronchitis
Pneumonie

7  Cat.  ventric.
1  Cat.  pharjng.

'''Czem  3
("arunkel  2
yythein  2
Phlegmone  1
Otitis  ]

Panaril.

träum.  3
Verbrennungen  7
^^etsch  ungen  5
Oistorsioii  1

Farunkel  1
'htigmonc  I

Conjunct.

Panarit.  .  1
Abscess  ¡  2
Entzdg.  Kniegelenk ­
  i  1

Conj.  träum.  1
Verbrennungen  3
Quetschungen  11
Luxationen  2

Rheum.
Febr.  larvata
Diphteritis
Neur.  catarrh.
Neur.  supraorb.
Febr.  occipit.
Ischias
Apoplexie
Vit.  cord.
Bronch.  Cat.
Bronchitis
Tuberculose
Cat.  ventric.
Cat.  pharyng.
Párulis

12

Fiu'uiikel
Scabies

.Abscess

Quetschungen
Distorsion

Eczcin
Urticaria
Phlegmone
Farunkel
Conj.  cat.
Ulcus
Keratitis
Abscess
Periostitis
Luxation
Entzdg.  Kniegelenk ­
  1

Quetschungen  4
Verbrennungen  1
Distorsion  1
Muskelzerrung  1

Mania  acuta  I

47

49

21

73

53
15
3
83!
87

42

2(1

115

435
        <pb n="84" />
        87

Anilin

Mo.

Nitrobenzol. ­


lleduction.

Fuchsin.

Illau.

Dahlia.

ürün.

7.

lÜ.

11.
12.

Infections-  u
allgemeine
Krankheiten.

llhcum.  3
In  term.  1

Rheum  2
To  hyp  h  o  id

Rheum.  12
nterm.  1
ITiysipc^  I

Krankheiten  fTiUmbSg.  2
des  Nehcnsystetns.

Krankheiten
des  Gelasssystems.

Kr;  nk  hei  ton  Bronchialder
  AI  h-  Cat.  8
mungswerk-  Pneum.  2
zeuge.  Tu  here.  1

Meur.occ  Iffschias  8  I
bum  bag.  3
Neuralgi  3

Rheum.  5
Acuter  Gelenkrhcu-

  1
Typhus  1
schias  1
Neuralg.  1

Krankheiten
der  Vel'dauungsrtcrk-



Krankheiten
der  Harn-  u.
Gosch  lechtswerkzeuge.

Krankheiten
der  Haut.

Krankheiten
der  Augen  u
Ohren.
Chirurgische
Krkçvnkungen.


Verletzungen ­


Fabrik-Krankheiten.

Diversa.

Cardialg.  1
Cholcrin  1

Bronchial-Cat.
  11
Pneum.  2
Tubcrc.  1

Ijntesl.  C.  6
Phar.  C.  1
Cholerin.  1
6'ámorrh  1

Otitisexi.  1

Blutgeschwür
  1
Erfrorene
Fusse  1
Verbrennung ­


Summa

19

Eezem  1
Phlegm.  1
Oedem.  1
Otitisex.  2
Conjunct.1
Lid.  Oed.  1
Farunkcl  1
Gonitis  1
Frostwunde ­
  1

Conj.  tr.  2
Quetschg.2
Verbrennung ­

Fractur  1
Anilism.  4

Bronchial-Cat.
  ’  4
Laryng.C  1
Pneum.  1  1
Pleurit.  2

Intest.CA  8
Cardialg.  4
Phar.  C.  4
Párulis  2
Icterus  ;  1
Typhi,  st.  1
Dyspep»  1
Balano|Jostitis
  (  1

Erythem  1
Ucticarin  1
Prurigo  2
Carbunk.  1
Otorrhoe

Bronchial-Cat.
  5
Pneum.  1
Häraopt.  1

Intest.  C.  3
Phar.  C.  1

Nephritis  1

Rheum.  1
Typhus  1
fntarm.  1

Ischias  1

Brohchial-Cat.
  8
Lan  C.  1
'neum.  1

Intist.  C.  4
Phar.  C.  1
Magenblutung ­
  1

Quetschg  7
Verbrennung ­
  11
Conj.  tr.  1
Fractur  1
Anilism.
Hyperh.

Quetschg.
Verbrennung ­

Conj.  tr.  2
Anilism.  1

Rheum.  1

Bronchial
Cat.  3
Laryng.C  1
Pneum.  1
Hämopt.  1

Intest.  C.  2
Colic

Scabies
Farunkcl1

Otitis

Gonitis
Panarit.
A  b^ccss

Qudtschg.?
Verbrennung ­

Conj.  tr.  3
Verstauchung ­
  1

Gonitis
Panarit.

Quetschg.  I
Verbrennung ­

Conj.  tr.

48

88

26

36

25

Fabrik.

Tab.  E.  10.

Eosin.

Naphtpl.

Drange.

Lager.

Schlosser
u  Heizer.

Hof.

Fuhrwesen. ­


Sa.

Rheum.  1

Rheum.  3
Erysipel  2
Typhus  1
Diphther.  1
Scrophul.l
Neuralg.  2

Rheum.  1

Bronchial
Cat.  2
Pleuritis  1

Intest.  C.  7
Phar.  C.  1
*urulis  1
Colic  1
'typhlitis  1

Strangur.  1

Vit.  cord.  1

Bronchial
Cat.  3
Pleurit.  1
Tuberc.  1

Intest.C.  4
Dys  peps.  1
Cholcrin.  1

Vit,  cord  2

Bronchial-Cat.
  1
Bronchit.  1

Intest.  C.  1
Colic.  1

Eczem  1
Phlegm.  1

Eczem

Bronchial-Cat.
  6
Bronchit.  1
Pneum  3
Pleuritis  1
Asthma  1
Emphys.  2
Intest.C.  4
Phar.  C.  3
t'holorinel
Folie  1
Dyspeps.  1
Tänia

1  ¡Scabies  1
Phlegm.  1

Bronchial
CaU  3|
’neuin.  I

luteste.  6
Phar.  C.  2
Párulis  1

Keratitis  1

(jlcus  am
^agelglied

Coujunct.2

Ulcus  2
Panarit.  1

Otitis  ex.  I

Queisi
Vei’brcn

chg.a  C

niing
Conj.  tr.
r  ractur

:'onj.  tr.
Verbrennung ­


Conj.  tr.  2
Quetschg.  1

Gonitis  1
Panarit.  1
Abscess  1
Eingew
Nägel  I
j.  tr.  3
Quetschg.
Verbren-2

  Conj

nung
Luxation  1

Ulcus
Abscess
Sehnenscheiden-

  I
Conj.  tr.  2
3  Quetschg.9
Verbrennung ­


Hyperh.  15

Ilyperh.  2

Hyperh.  2

Rheum  11
Interin.  1
Typhus  1
Erysipel  2
Neur.ilg.

Rheum.  2

Bronchial
Cat.  19
Pneum.  3
Pleurit.  1
Tuberc.  1
Hämopt  I
Intest.  C.  5
Phar.  C.  5
Cholcrincl
Párulis  1
Cardialg.  1

Bronchial
Cat.  3
Pneum.  2

Intest  C.t
Phar.  C.  2
Dyspeps

Eezem  1
Oedem.  1
(]arbunk.  1

Gonitis  I
Fussgelenk-Ent-

  1
Qutschgl6
Verbrennung ­

Fraetur  I
Verstauchung ­


Otitis  ext.1

Entziindg,
Ellenbogen-Ge ­
 ­
  I
Quetschg  6
Fraelur
Luxati  n  1

59

20

109

111

18

14

24

137

31

47

27

15

52

31

83

32

529
        <pb n="85" />
        88

Mechanische  Werkstiitle.

Tab.  K.  11.

El  krankimgen.

;  i
Werkstätje.

Maurer.

Summa

Beinerkungeiij

fi.
7.
8.
9.
10.

11.
12.

Ififi.ctions-  mul  allgemeine ­
  l{  rank  hei  len
Krank  hei  len  ¡des  Nerven.syslein(s

KraTikheiten!  des  Gefäss.s\
  slem.s.
Krankheiten  der  Athnuingsweikzeuge.


Krankheiten  der  Ver
•  dauungswerkzeuge.

Krankh.  der  Harn  u.
i  Gesell  lecbtswcrkz.
Krankheitciv  d.  Haut.
Krankheiten  d.  Augen
und  Ohren.
Chirurgische  Krankheiten. ­

Verlelzungeii.

Fabrik-Kraiskheitcn.
Diversa.

Bhi.'uma  ‘  (i
Intermití.  2
Typhus  ;  1
iÿeur.  trig.  •  2
Lumbago  j  1
ficrzermüdimg  1

Summa

Bronch  Cat.:
Laryng.Cat.
pneumonic  ;
Pleuritis  ;
Asthma
Darm-  Cat.
Pharyng.Cal
Colik
Peritonitis
Darm  -  Entzündung ­
  1
Gastralgie  1
Hoden  -  Entzündung ­

Phlegmone
Farunkel
Otitis  cxt.
ponj.  cxt.
panaritium
Geschwür
Conj.  träum
Quetschungen  15
Verbrennungeid)
Fracturen  3
\V  unden  '  2
Muskelzerrung  1
Coiidyl.  ani;  1

Kheiima  1

Broijih.Cat.

Darm-Cat.  1
I’harjng.Cat.l

97

Phlegmone  2

AbsJess  1
Quetschungen ­
  2
Fraclur  1
Wunde  1
VerUrennungl
Anilismus  1

10
3
1
17
22

Zu  Tab.  I.  cj
wird  bemerkt,
ddss  aus  dem]
J‘1874  keinej
Krankenbo-1
richte  der  I
mpchanischeij
Wçrkslalte  da
sind  und  dast^
im  J.  1875
über  die  Ar-j
beiter  der
Werkstätte  u.
die  Maurer  j
eine  gemein-:
.ichafi  liehe
Lüste  geführt
wurde.

13

1
10
3
3
38

110

Zum  Schlüsse  füge  ich  eine  getrennte  Zusammenstellung  der  Erkrankungen ­
  in  den  einzelnen  Abtheilungon  der  Anilin-Fabrik  bei  als
weiteren  Beleg  für  meine  obige  Behauptung.  Der  Reihe  nach  betragen
die  Procentsätze  der  Erkrankungen:

1.  iu  dem  Eosin-Rauin  .  .
2.  Naphtol-Rauin  .
3.  „  .,  Orange-Raupi  .
4.  ,,  ,,  Heductions-Raum
5.  bei  dem  Fuhrwesen  .  .
b.  in  dem  Fuchsin-Raum  .

94  pCt.

93
75
74
71
64

}»

I
        <pb n="86" />
        80

7.
8.
■0.
10.
11.
12.

bei  den  Hilfsarbeitern  56  pCt.
in  dem  Grün-Raum  ........  55  „
;;—.;  Nttrobeníot-ltaTiTTí':  t~7  .  'iflrT,''
bei  Arbeitern  in  dem  Lager  43
in  dem  Blau-Raum  40  „

I  12.  .,  ,,  Dahlia-Raum  40  „
Belraelitet  man  diese  Zahlen  näher,  so  ergiebt  feich  ein  wesentlicher ­
  (Unterschied  zu  Ungunsten  der  Fabrikation  nicht.  Nur  in  dem
Uosin-Èaum  waren  es  mit  der  Fabrikation  in  Verbindung  stehende
l'älle  \|on  Hyperidrose,  welche  den  hohen  Procentiatz  aasmachen;
allein  diese  Fälle  waren  alle  so  leicht  und  verliefen  so  vollständig
ohne  ajle  allgemeine  Gesundheitsstörungen,  dass  denselben  ein  hoher
^^erth  nicht  beizulegen  ist.  In  dem  Orange-,  dem  Naphtol-  und  dem
11  eductions-Raum  waren  es  chirurgische  Erkrankungen,  welche  den
-  '^^oentsab:  erhöhten.  Alle  übrigen  Räume  stehen  unter  jdem  Durch-.
^hnitt  der  bei  dem  Fuhrwesen  Bediensteten.
__  _  S[)e(  iell  sei  noch  erwähnt,  dass  bei  den  in  den  Lagerräumen  beschäfl'gten
  Arbeitern,  welche  mit  dem  Verpacken  der  fertigen  Farbstofle  zu
ll‘un  halben  und  hierbei  den  ganzen  Tag  über  dem  fein  vtertheilten  Staube
derselben  ausgesetzt  sind,  fast  die  günstigsten  Gesundheitsverhältnisse
herrschten.
«i.  Raum:  Nitrobenzol.  Tab.  K  12.

•  Durchschnittlich.
9  ^^'"itcrbcstand..
-  ^"zahl  d  Erkran
o
IfocüntRatiidoroi:
K'-ankheiten....

1874.

1875.

1876.

1877.

■  1878.

Durchschnitt. ­


13
6

-

4
4

4
4

10
*3*

11
2

'S*
3,8

100

100

30

18

46

45  ,

Raum:  Reduction.

Tab.  K  13.

3
•:íSS;M
*^^ankheitcn....

1874.

6
5
83

1875.

13
12
90

1876.

13
6
46

1877.

17
7
41

1878.

21
17
81
Vcrletzun
gen.

Durchschnitt. ­


13
9,5
74
        <pb n="87" />
        ao

Raum:  Fuchsin.  Tab.  K  H.

1874.

1875.

1876.

1877.

1
1878.

Durchschnitt. ­


1.  Durchschnittlich.
Arbeiterbestand.  .
2.  Anzahl  d.  Erkran-32


20
64
Verdauungs-



22
22
100
Äthin ­
  ung.swerkzeuge.


24
11
46
Rheumatismus. ­


30
11
36
Verletzungen. ­


34
24
70
Verdauungs ­
 ­


28
18
64

3.  Procentsatz  d.  erkrankten ­
  Arbeiter
4.  Prävalirende
Krankheiten

Raum:  Blau.

Tab.  E  1.^-1874.



1.  Durchschnittlich.
Arbeiterbcstand..
2.  Anzahl  d.  Erkrankungen ­

3.  Procentsatz  d.  erkrankten ­
  Arbeiter
4.  Prävalirende
Krankheiten

15
7
47

1875.

1876.

3
3
100

15
6
40

1877.

1878.

17
6
35

18
4
22

Durchschnitt. ­


Raum:  Dahlia.

13,6
5,2
40
Tab.  K  l6-1874.



1875.

1876.

1877.

1878.

Durchschnitt. ­


1.  Durchschnittlich.
Arbeiterbestand..
2.  Anzahl  d.  Erkrankungen ­


18
4

22
16

19
4

16
6

14
6

18
7  ^

3.  Procentsatz  d.  erkrankten ­
  Arbeiter
4.  Prävalirende
Krankheiten

22
Ver-73


Ath-21



36

43
Bronehial-Catarrh,

Verletzungen ­


40

dauungswerkzeuge.


mungswerkzcuge.
        <pb n="88" />
        91

Raum:  Grün.  Tab.  E  17.

1874.

1875.

1876.

1877.

1878.

Durchschnitt. ­


Durchsdinittlich.
Arbeiterbcsfand..
•  Anzahl  d.  Erkran-Kungenl


8
3
38
Aihmungs-



9
9
100
Verletzungen. ­


9
4
44
Verletzungen. ­


9
4
44

8
4
50
Verletzungen. ­


8,6
4,8
55

Procentsatz  d.  er-.
  krankten  Arbeiter
PnivaUrknde
Krankheiten  .  .

Raum:  Kosin.  Tab.  E  18.

1874:

1875.

1876.

1877.

1878.

Durchschnitt. ­


ßurchsdhnittlich.
y  Weiterbestand..
'  Anzahl  jd.  Erkrankungen,


—

13
9
69
Verletzungen. ­


24
17
70
Ilyperidrose
  und
Verdauungs ­
 ­


14
21
150
Hyperid
  rosis.

17
16
94
1

yocentnatz  d.  er-4
  Arbeiter
Pr&amp;amp;valirende
Krankheiten

Raum:  Napbtol.  Tab.  K  19.

1874.

1875.

1876.

1877.

1878.

Durchschnitt. ­


Durchschnittlich.
2  A  ^Weiterbestand..
'  r^ahl  d.  Erkran-‘''■auk
  liciten

El

.  '
•st  seit  187

8  in  Betrie

b.

29
27
93
Verletzungen. ­


29
27
93
        <pb n="89" />
        92

Raum:  Orange.  Tab.  K  20.

1874.

1875.

1876.

1877.

j  1878.

Durchschnitt. ­


1.  Durchschnittlich.
Arbeiterbestand..
2.  Anzahl  d.  Krkrankungen[

3.  Procentsalz  d.  eikrankten
  Arbeiter
4.  Prävalirende
Krankheiten

Kr

st  seit  187

8  in  Hctrii

:b.

20
15
?..
Chirurg.
Krkrankungen.


20
15
7.

Raum:  Lager.  Tab.  K  21

1874.

1875.

1876.

1877.

1878.

Durchschnitt. ­


1.  Durchsi
Arbeite
2.  Anzahl
kungen
3.  Procent
krankte
4.  Prävalii
Krankh

shnittlich.
rbestand..
d.  Krkran-20


5
25

12
8
66

20
9
45
Athmungs-



28
11
40
Verdauungs ­
 ­


40
19
47
Alhmungs-



24
10  ;
43

satz  d.  ern
  Arbeiter
•ende
siten  ..  :..

Tab.  K  2:i.
Ilülfsarbeiler,  Heizer,  Schlos.ser,  Hofarbeitcr.

Dm  ch:^

luid*

löib.

10/  Í.

1  O  1  o.

schnitt.

-

1.  Durchschnittlich.
Arbeiterbestand..
2.  Anzahl  d.  Erkrankungen ­

3.  Procentsatz  d.  erkrankten ­
  Arbeiter
4.  Prävalirende
Krankheiten

37
24
65
Verletzungen. ­


23
33
143
Catarrhe.

45
18
40
Verletzungen. ­


46
20
43
Verletzungen. ­


53
20
38
Athniungs-


Verletzungen. ­


41  :
23
56
        <pb n="90" />
        93

Fuhrwesen.

Tab.  K  23.

1874.

•  !;)"'ch.schnill|¡ch.
Arheiterbestand.  .
d.  Krkrano
  Ju"fçcn
1  '■«cunt.salz  d.  er-Krankten
  Arbeiter
f'avalirende  ‘
Krankheiten

1875.  187r,.

13
•  11
65
Verletzungen' ­

Verdauungs-



1877.

14
14
100
Verletzungen, ­

Verdau ­
  ungswerkzeujre.


1878.

15
7
46
Athmungs-,

Verdauungs ­
 ­


Durchschnitt. ­


14
11
71

Reimer.

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seien-Be



J  ou

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fluss  der  Theer-Heft
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CharveT  ^"'eh  Magenla-Slaub.  Med.  Times  and  Gaz.  1860.  Sept,
n  .  ■'phlemie  unter  den  .Arbeitern  in  den  Fuchsin  -  Fabriken  in  Pierre-Weicke'rt
  f""'
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