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        <title>Die Deutschen im Auslande</title>
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            <forname>Johannes</forname>
            <surname>Rethwisch</surname>
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        Dkiitschkii im Äuslnnîis. 
Weitrâge 
zur 
kolonial- und Auswauderungspolitik 
von 
I. Rethrrriscii. 
Iweile Auflage. 
Merlin 1889. 
Berlag von Karl Siegismund 
Mauerstr. G8.
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&lt;
        <pb n="7" />
        Mormori. 
Die vorliegende Arbeit, welche den Zweck verfolgt, eine 
gedrängte und möglichst übersichtliche Darstellung zu geben von 
der Ausbreitung des Deutschthums über die Erdoberfläche, von 
dem Einflüsse, den es in allen Welttheilen, hier in höherem, 
dort in geringerem Maße sich zu erwerben wußte, von seinem 
Verhältnisse zu anderen, in den verschiedensten Gegenden und 
Ländern der Erde in mehr oder weniger friedlichem Wettkampfe 
mit ihm ringenden Völkerschaften, welche ferner die Bestrebungen 
derjenigen, die in wirthschaftlichem und nationalem Interesse 
die überall verstreuten Theile und Bruchstücke unseres Volks 
thums durch ein starkes geistiges Band zu einen und mit dem 
heimathlichen Boden in möglichst enger Verbindung zu erhalten 
wünschen, in das rechte Licht zu stellen versuchen soll, scheint 
insofern einem Bedürfnisse entgegenzukommen, als sie, soweit 
der Verfasser dies zu beurtheilen vermag, in 'ihrer Art einzig 
dastehen dürfte. Von Arbeiten ähnlicher Art erscheint nur das 
vortreffliche Werk von Karl Emil Jung „Die deutschen Ko 
lonien", welches das Leben und Treiben unserer Landsleute in 
den hervorragendsten ihrer Niederlassungen in anregender und 
zum Theil ausführlicher Weise schildert, erwähnenswerth; der 
Unterschied der genannten von vorliegender Arbeit in Anlage 
sowohl wie in Tendenz ist jedoch in die Augen springend. 
1*
        <pb n="8" />
        Um etwaigen ungerechten Beurtheilungen zuvorzukommen, 
sei gleich von vorne herein darauf hingewiesen, daß es dem 
Nerfasser weniger auf absolute Genauigkeit als auf Ueber- 
sichtlich kett ankam; eine allen Anforderungen entsprechende 
Genauigkeit zu erzielen war bei dem allenthalben sich fühlbar 
machenden Mangel an zuverlässigen statistischen Angaben durch- 
aus unmöglich. 
Die benutzten Quellen habe« zum größten Theile innerhalb 
des Textes Erwähnung gefunden; von Quellen allgemeiner Art 
seien außer der genannten Jung'schen Arbeit noch drei in Berlin 
erscheinende Zeitungen hervorgehoben, die „Deutsche Kolo- 
nialzeitung". der „Export" und schließlich die eigenartige, 
vortrefflich redigirte „Deutsche Post", illustrirte Wochenschrift 
für die Deutschen aller Länder, welche es im hohen Maße ver- 
diente, ein Zentral-Organ zu werden für sämmtliche Vereine 
und Gesellschaften deutsch-nationaler Richtung. Aus der besten 
Quelle, der eigenen Anschauung, zu schöpfen, war dem Verfaffer 
nur in Beziehung auf wenige der in Betracht gezogenen Länder 
Europas vergönnt. 
Berlin, den l. August 1888. 
I. Rethwisch.
        <pb n="9" />
        Der Kampf um das Dasein unier den 
Aölkern. 
Jeder gesunden und kräftigen Nation wohnt das Bestreben 
inne, sich zu vermehren und ihre Nachkommenschaft der natio- 
nalen Sitte, dem nationalen Charakter gemäß zu erziehen. Diese 
Vermehrung würde in das Unbegrenzte fortgehen, und ein Volk 
würde sich bald über die ganze bewohnbare Erdoberfläche aus 
breiten, wenn nicht andere Völker ihm im Wege ständen und 
den zu weiterer Vermehrung erforderlichen Raum und die 
nöthige Nahrung streitig machten. Der hieraus sich ergebende 
Kampf unter den Völkern ist ein ewiger und unabänderlicher, 
da er in Gesetzen der menschlichen Natur, ja in Gesehen der 
gesammten organischen Welt tief begründet ist. Die einzige 
Möglichkeit, diesen Kampf zum Stillstand zu bringen, würde 
darin bestehen, daß sämmtliche Elationen der Erde übereinkam, 
men, durch gewisse Maßregeln einer weiteren Vermehrung des 
Menschengeschlechtes Einhalt zu thun oder vielmehr diese Ver- 
Mehrung gesetzlich zu beschränken; dadurch würde der Kampf um 
das Dasein unter den Menschen, von welchem der in Rede 
stehende Kampf der Nationen nur eine besondere Form bildet, 
in der That zum Stillstand gelangen. Aber abgesehen von 
allen Hindernisien, welche ein derartiges Uebereinkommen durch 
aus unausführbar machen, würde dasselbe einem Selbstmord 
versuch der ganzen Menschheit gleichzuachten sein. Der englische 
Nationalökonom Malthus, welcher zuerst eine absichtliche Be-
        <pb n="10" />
        6 
schränkung der natürlichen Volksvermehrung in Vorschlag brachte, 
hat recht wohl erkannt, daß der Kampf um das Dasein, der 
auf das innigste mit dem von ihm gefundenen Bevölkerungs- 
gesetze zusammenhängt, den weitaus größten Theil alles Elends 
und aller Armuth verschuldet; er hat jedoch nicht bedacht, daß 
eben derselbe unerbittliche Kampf andererseits auch eine unent- 
behrliche Quelle des Fortschrittes der Menschheit ist, sowohl nach 
der körperlichen wie nach der geistigen Seite hin. Er bedachte 
nicht, daß die Menschheit des Kampfes um das Dasein noth- 
wendiger Weise bedarf. Der ganze menschliche Organismus, 
der körperliche sowohl wie der geistige, ist von der Statur für 
diesen Kampf eingerichtet; nur in ihm findet der Mensch Be 
friedigung. ohne ihn muß er verkümmern und verderben. 
Der beständige Kampf unter den Nationen ist im Wcsent- 
lichen ein Kampf um den Grund und Boden; denn alle 
menschliche Nahrung, die animalische sowohl wie die vegetabilische, 
entquillt dem Grund und Boden. Sobald eine Nation lech in 
dem Maße vermehrt hat. daß der von ihr bewohnte und be- 
herrschte Theil der Erdoberfläche die für sie nothwendigen Lebens- 
mittel nicht ferner zu erzeugen vermag, sieht sie sich gezwungen, 
entweder durch Erweiterung ihres eigenen Landbesitzes oder durch 
Zufuhr von Bodenprodukten aus fremden Ländern dem bestehen- 
den Nahrungsmangel abzuhelfen. Die Vergrößerung des na- 
tionalen Grundeigenthums geschieht entweder durch friedliche 
Besitznahme bis dahin herrenloser Ländereien oder durch Ver- 
drängung fremder Volksstämme aus ihren Sitzen, sei es mit 
Gewalt, sei es mit List. Die Zufuhr ausländischer Bodener- 
zeugniffe kann ebenfalls sowohl auf friedlichem als auch auf ge- 
waltthätigem Wege vor sich gehen; auf gewaltthatigem Wege 
durch Unterjochung fremder Völker, durch Ausnutzung ihrer
        <pb n="11" />
        7 
Arbeitskraft, durch Auferlegung von Tributen; aus friedlichem 
Wege durch den Handel, sofern derselbe Erzeugnisse der natio 
nalen Arbeit gegen diejenigen zur Ernährung des Volkes noth 
wendigen Lebensmittel eintauscht, welche der heimische Boden 
nicht in erforderlichem Maße hervorzubringen vermag. 
Der Hauptwerth des Geldes liegt darin, daß es ein 
Aequivalent bildet für zur menschlichen Nahrung geeignete 
Bodenerzeugnisse; denn von allen menschlichen Bedürfnissen ist 
dasjenige das wichtigste, von dessen Befriedigung sein Dasein 
unbedingt abhängig ist: das Bedürfniß nach Nahrung. Je mehr 
Geld oder Geldeswerth also einer Nation von außen her zu 
strömt, mit anderen Worten je reicher sie wird, desto reichlichere 
Nahrungsquellen werden ihr eröffnet, desto stärker kann sie sich 
vermehren, ohne daß sie nöthig hätte, ihren unmittelbaren Grund 
besitz auf Kosten der Nachbaren zu vergrößern. 
Letzten Endes wird einer Nation nur dadurch, daß ihre 
Arbeit, soweit sie über das zur Befriedigung der eigenen Be- 
dürfniffe erforderliche Maß hinausgeht, ihr von Seiten des 
Auslandes in Lebensmitteln bezahlt wird. die Möglichkeit ge- 
währt, in größerer Anzahl ein Land zu bewohnen, als der Grund 
und Boden innerhalb der Landesgrenzen zu ernähren vermag. 
Das Ltreben der Völker, ihr Nationalvermögen zu vermehren, 
welches im Großen und Ganzen sich deckt mit dem Streben, 
Absatzmärkte für die Erzeugnisse des nationalen Fleißes zu ge- 
winncn, bedeutet also im Grunde nichts anderes als das Be- 
mühen, sich einen Antheil zu verschaffen an den Erträgnissen 
fremden Grundes und Bodens. In demselben Maße, in wel- 
chem eine Nation sich vermehrt, wächst auch ihr Bedürfniß, die 
Absatzgebiete für die Erzeugnisse ihrer Arbeit zu vergrößern oder 
zu vermehren; eine Nation gleicht in dieser Beziehung nicht
        <pb n="12" />
        8 
einem Menschen oder einem Thiere, dessen Hunger durch ein 
bestimmtes Speisemaß für eine längere Zeit gestillt bleibt, son 
dern eher einem Ungethüm, welches mit jeder augenblicklichen 
Befriedigung seines Heißhungers nur desto unersättlicher wird. 
Es liegt auf der Hand, daß die verschiedenen Nationen in 
dem unablässigen Streben nach Erweiterung ihrer Absatzmärkte 
bald mit einander in Kollision gerathen muffen und sich so ein 
fortwährender Kampf unter ihnen entspinnt, welcher im Grunde 
ebenfalls nichts anderes ist als ein Kampf um den Grund und 
Boden. Dieser Kampf um die Absatzmärkte für die nationale 
Arbeit ist in gegenwärtiger Periode der geschichtlichen Ent- 
Wickelung eine der wichtigsten Formen des allgemeinen Kampfes 
um den Grund und Boden. Wenngleich eine Nation, welche 
der Gewalt der Waffen entbehrt, auch in dieser indirekten Form 
des bezeichneten Kampfes auf die Dauer schwerlich zu be- 
stehen vermag, so giebt hier jedoch keineswegs das Schwert allein 
den Ausschlag, sondern vorzugsweise der Fleiß, die Geschicklich- 
keit und die Intelligenz der mit einander ringenden Völker. 
Offenbar kann jedoch die Vermehrung eines Volkes innerhalb 
desselben Gebietes nur bis zu einer gewissen Grenze fortschreiten, 
so daß der direkte Kampf der Nationen um den Grund und 
Boden durch den indirekten niemals ganz aufgehoben wird. 
Die Größe einer Nation ist nicht nur ein Zeichen, daß sie 
sich lange Zeit hindurch anderen Nationen gegenüber siegreich 
zu behaupten wußte, sofern diese letzteren nicht im Stande 
waren, ihrer Vermehrung und Entwickelung Einhalt zu thun. 
ihre Größe ist außerdem auch ein mächtiges Hülfsmittel für sie 
in dem großen Völkerkampfe, denn von zwei feindlichen Heeren 
gleicher Qualität ist das zahlreichere stets auch das mächtigere. 
Je größer eine Nation ist, desto mächtiger ist sie. Keineswegs
        <pb n="13" />
        9 
ist jedoch die Größe allein ausschlaggebend; zahlreich sind die 
Fälle in der Geschichte, daß große Stationen von weit kleineren 
niedergeworfen mkd endlich ganz und gar überflügelt wurden. 
Neben der Zahl der Volksangehörigen kommt vor allen Dingen 
deren körperliche und geistige Befähigung in Betracht. Mag 
ferner ein Volk noch so groß und tüchtig sein, es wird schließ 
lich doch untergehen, wenn ihm die Einheit fehlt, wenn es seine 
Kräfte, statt sie nach außen zu richten, in nutzlosen inneren 
Kämpfen vergeudet, wenn dem Einzelnen die Gelegenheit man 
gelt, seine Fähigkeiten im Dienste der Gesammtheit zur Geltung 
zu bringen. Die höchste nationale Einheit ist der Staat; daher 
muß jede Station bestrebt sein, ihre sämmtlichen Glieder zu 
einem oder, wenn zu mehreren, so doch möglichst eng mit ein 
ander verbundenen Staaten zusammenzuschließen. Große und 
intelligente Nationen, wie die Griechen und Kelten zum Beispiel, 
gingen zu Grunde oder wurden bis auf einen verhältnißmäßig 
unbedeutenden Rest vernichtet, weil sie nicht die Fähigkeit be- 
saßen, sich zu machtvollen nationalen Staaten zu vereinigen. 
Von der allergrößten Bedeutung für die Stellung einer 
Nation in dem direkt oder indirekt geführten Kampfe um den 
Grund und Boden ist häusig die Beschaffenheit und Lage des 
von ihr bewohnten und beherrschten Landes. Je fruchtbarer 
das Land ist, desto mehr Menschen kann es ernähren, desto be- 
deutender ist demnach die Macht, welche die Nation zu ent 
wickeln und ihren Feinden entgegenzustellen vermag. Einen 
ungeheuren Vorsprung hat offenbar dasjenige Volk gewonnen, 
welchem weite, noch gar nicht oder wenig besiedelte Landstrecken 
zu Gebote stehen, über welche es sich ungehindert ausbreiten 
kann. Es kommt dabei wenig in Betracht, ob diese Ländereien 
in seinem eigenen Besitze sind oder ob sie von schwachen Nach-
        <pb n="14" />
        10 
baren in Anspruch genommen werden, welche früher oder später 
doch der Ucbermacht weichen müssen. Uebrigens gereicht die 
Schwäche der Nachbaren einer Nation keineswegs immer zu 
besonderem Vortheil, denn die nationalen Kräfte bedürfen steter 
Uebung und-Anspannung, und wo diese mangelt, tritt lucht 
Verweichlichung und Zerfall ein. Im Kampfe gegen starke 
Feinde sind solche Grenzen, welche eine natürliche Vertheidigungs- 
Unie bilden, oft von ausschlaggebender Bedeutung. Wie wir 
gesehen haben, führt der Handel dem Volke Reichthum zu und 
ist der Reichthum auf das innigste mit der Macht und Größe 
einer Nation verknüpft; daher ist die dem Weltverkehr mehr 
oder weniger günstige Lage seines Landes von der größten 
Wichtigkeit für ein Volk. Der Eifer, mit welcher Nationen 
des Binnenlandes bestrebt sind, sich bis an die See auszu- 
dehnen und gute Handelshäfen zu gewinnen, ist also wohl er- 
klärlich. Mehr als alle äußeren Umstände ist jedoch der tüchtige 
innere Kern eines Volkes und seine gut nationale Gesinnung 
maßgebend für die endliche Entscheidung in dem großen allge- 
meinen Völkerkampfe. 
Der geschilderte Kampf der Nationen um den Grund und 
Boden ist ein Kampf um das Dasein, welcher im Laufe der 
Zeit sich nothwendiger Weise zu einem Kampfe um die 
Weltherrschaft fortentwickeln muß; denn es ist eine ganz 
natürliche Folge dieses unaufhörlichen Streites, daß einzelne, 
kräftigere Nationen sich immer weiter ausbreiten, während 
andere, schwächere zurückgedrängt werden und schließlich ganz 
verschwinden, daß ferner mit den Völkern auch die Gebiete, 
um deren Besitz gestritten wird, immer größere werden, bi» 
schließlich einige wenige große Nationen den Kampf um die 
ganze bewohnbare Erde mit einander aufnehmen. Die Geschichte
        <pb n="15" />
        11 
bestätigt dies vollauf. Im Anfang drehte sich der Kampf zwi- 
scheu den weltgeschichtlich in Betracht kommenden europäischen 
und asiatischen Nationen im Wesentlichen um die Ländergebiete 
am Mittelländischen Meere; die europäischen Nationen blieben 
Sieger und der Schauplatz des Kampfes dehnte sich bald über 
ganz Europa aus. Doch auch diese Gebiete genügten den sieg 
reichen, sich in gewaltigem Maßstabe vermehrenden europäischen 
Nationen bald nicht mehr: immer weiter suchten sie ihre Macht- 
sphärcn auszudehnen und, nachdem Vasco de Gama den 
Seeweg nach Indien aufgefunden, und so einen nun nicht mehr 
zu unterbrechenben Verkehr mit den großen Kulturzentren des 
äußersten Ostens angebahnt. Kolumbus den Atlantischen 
Ozean durchquert hatte, erstreckte sich sehr bald ihr Einfluß über 
den ganzen Erdball. Die gegenwärtige Periode in der Ent 
wickelungsgeschichte der Menschheit unterscheidet sich dadurch von 
allen vorhergehenden, daß in ihr wenige große Nationen an 
fangen, um die Herrschaft der Welt im eigentlichsten Sinne des 
Wortes zu streiten nicht etwa in dem Sinne, wie man von 
einer Weltherrschaft der Mazedonier, der Römer spricht, bei der 
es sich doch immer nur um einen, wenn auch an Bedeutung 
großen, i'o doch an Ausdehnung verhältuißmäßig geringfügigen 
Theil der alten Welt handelte.
        <pb n="16" />
        12 
Die wirtschaftliche und nationale ZZedeu- 
tung der Auswanderung nnd Kolonisation. 
Unser großer Nationalökonom Friedrich List hat den un- 
widerleglichen Beweis erbracht, daß der Industriestaat auf glei- 
cher Fläche weit mehr Menschen zu ernähren vermag als der 
reine Agrikulturstaat, nicht allein in Folge des nur in einem 
entwickelteren Jndustriestaate möglichen Austausches nationaler 
Industrie- gegen ausländische Bodenerzeugniffe. sondern vor 
allen Dingen auch, weil die Industrie auf die heimische Land- 
wirthschaft selbst belebend zurückwirkt, eine rege Jndustriethätig- 
keit unweigerlich zu einer intensiveren und sorgfältigeren Be- 
bauung des Bodens führt. 
Industrielle und landwirthschaftliche Thätigkeit steigern 
einander nach List fortwährend. Die Nähe größerer Industrie- 
Zentren verschafft dem Landmanne die beste Gelegenheit, seine 
Waaren mit Vortheil auf den Markt zu bringen, und es ist 
ganz natürlich, daß er in Folge deffen seinem Grundstück eine 
sorgfältigere Pflege angedeihen lassen und eifrigst beimüht sein 
wird, eine höhere Ertragsfähigkeit desselben zu erzielen. Ande- 
rerseits ist ein wohlhabender einheimischer Gutsbesitzer- und 
Bauernstand der beste und sicherste Abnehmer für die nationale 
Industrie, und je rationeller die Landwirthschaft betrieben wird, 
desto mehr wächst ihr Bedarf an Maschinen. Geräthschaften und 
, allen für den landwirthschaftlichen Betrieb erforderlichen Gegen- 
ständen. Die gegenseitige Steigerung von Industrie und Land- 
wirthschaft ist jedoch keineswegs eine unbegrenzte; schon weil die 
Ertragsfähigkeit des Bodens eine natürliche Grenze besitzt, welche
        <pb n="17" />
        13 
nie überschritten werden kann, ist dieses nicht der Fall. Ein 
aUzustarkes ttebcrwiegen der industriellen über die landwirth» 
schastliche Thätigkeit würde ferner die Bevölkerung im höchsten 
Grade vom Auslande abhängig machen; ein Theil des Aus- 
landes brauchte nur seine Märkte den Jndustrieerzeugnifsen des 
betreffenden Staates zu verschließen, und Tausende von Arbe^ 
tern und Arbeitgebern würden auf der Stelle brotlos. Es 
hängt ganz von dem Charakter der Bevölkerung, von der geo 
graphischen Lage, von der Bodenbeschaffenheit und von sämmt 
lichen natürlichen Hülfsquellen eines Staates ab, welches Ver- 
hältniß zwischen landwirthschaftlicher und industrieller Thätigkeit 
für ihn das günstigste ist; vor allen Dingen jedoch ist die B» 
schaffenheit des in- und ausländischen Marktes hier maßgebend. 
Je lohnender und je sicherer die Absatzmärkte für die nationalen 
Jndustrieerzeugnisse sind, desto weiter darf sich dieses Verhältniß 
zu Gunsten der industriellen Thätigkeit verschieben und eine 
desto zahlreichere Bevölkerung vermag der Staat zu ernähren, 
ohne daß gefährliche Krisen und Störungen ;u besorgen wären. 
$ic sichersten unter den auswärtigen Absatzgebieten für die In- 
dustric eines Staates sind offenbar diejenigen, welche in seinen 
politischen Machtbereich fallen; daher ist das eifrige Bestreben 
der europäischen Industriestaaten. Kolonien und Schutz- 
Herrschaften zu erwerben, durchaus verständlich und ge- 
rechtfertigt. 
Durch den jeweiligen Zustand der Landwirthschast, ja mc' 
im "eiteren Sinne auch Jagd und Fischfang zu zählen 
lnd, und der Industrie, sowie in zweiter Linie durch die Art 
der Vertheilung des vorhandenen Grundbesitzes und Kapitales 
wlrd die Bevölkerungsziffer eines Staates bestimmt. Die jähr- 
iche Zunahme der Bevölkerung bietet also gewissermaßen einen
        <pb n="18" />
        Maßstab dar für die fortschreitende Entwickelung der Land- 
wirthschaft und Industrie in dem betreffenden Staate. Tie 
Fortschritte in der landwirthschaftlichen und industriellen Pro- 
duktion vermögen jedoch keineswegs mit dem fortlanfenden na- 
türlichen Zuwachs der Bevölkerung gleichen Schritt zu halten. 
Da nun unmöglich mehr Menschen in einem Staate leben 
können, als der augenblickliche Zustand von dessen Nahrungs- 
quellen bedingt, so müssen offenbar Ursachen wirksam sem. 
welche der Tendenz der Bevölkerung, sich in rasch steigender 
Progression zu vermehren, stetig entgegenwirken. Solche Ursachen 
finb bi, Wrmutb, baS Gienb unb bas Cast«, bu,* mel*e so- 
wohl bie Geburtsziffer unter ihr natürliches Niveau herunter- 
gedrückt als auch die Sterblichkeit, insbesondere die Kindersterb- 
lichkeit erhöht wird; eine solche Ursache ist auch die Aus- 
Wanderung. Sofern die Auswanderung den überschüssigen 
Theil der Bevölkerung entführt, verstopft sie jene Quelle, wel- 
cher Armuth. Elend und Laster mit ihren traurigen Gefolg- 
schäften entströmen, und wirkt somit überaus segensreich; auf 
falsche Bahnen geleitet, vermag sie jedoch sowohl m nationaler 
wie in wirtschaftlicher Hinsicht außerordentlichen Schaden anzu- 
richten. Die Auswanderung wirkt durchaus unheilvoll, wenn 
sie die Zahl der waffenfähigen Mannschaft in gefahrdrohendem 
oerminbert, seiner wenn bie Wusmanberer but* masse», 
baste GntfnWng non Wrbeitsköften unb Capitalien in bas 
BuSlanb bas eißene Baterlanb rniitbfWm fd)mö*en, feinen 
Betnben bagegcn minarne llntetWnng *nmenben. Ss ßiebt 
wobt (anm eine &amp;age, bercn praWWe Mnng so innig mit 
bem Bob! nnb SBebe eines BolkS „ertnnpft mare als b.efe: 
Wie und wohin ist die Auswanderung zu lenken, damit die 
Kräfte, welche sie dem heimathlichen Boden entzieht, der Nation
        <pb n="19" />
        15 
nicht verloren gehen oder sie gar schädigen, sondern vielmehr 
eine Erweiterung des von ihr eingenommenen Theiles der Erd 
oberfläche anbahnen helfen'? Ohne Zweifel sind vor allen 
Dingen diejenigen Elemente von der Auswanderung zurück 
zuhalten, welche in der Heimath der Nation mehr zu nützen 
vermögen als in der Fremde. Mit Recht fordert Ernst von 
Weber, daß die ungeheure Mehrzahl der Auswanderer aus 
dem Proletariat zu entnehmen ist. Die Verwirklichung dieser 
Forderung würde nicht allein den Auswanderern selbst, sondern 
auch den Zurückgebliebenen zum größten Segen gereichen. Vor 
allen Dingen müßte der Strom der Auswanderer in solche 
Gegenden geleitet werden, wo die Gefahr des Aufgehens in 
fremde Völkerschaften und der Vermischung mit niedriger sie- 
henden Rassen eine möglichst geringe ist. Die Ausgewanderten, 
welche dem Heimathlande national erhalten bleiben, bleiben ihm, 
wie die Erfahrung lehrt, im Allgemeinen auch wirthschastlich 
erhalten, das heißt sie bleiben Abnehmer der heimathlichen In 
dustrie, so lange bei ihnen die landwirthschaftliche Produktion 
die industrielle noch in dem Grade überwiegt, daß sie genöthigt 
sind, ihren Bedarf an Jndustrieerzcugnissen von außen her zu 
beziehen. 
Die Ausgewanderten — vorausgesetzt natürlich, daß sie 
nicht zum Vaterlande zurückkehren — können nur in dem Falle 
ihrer Nation erhalten bleiben, wenn sie Acke-r bo u ko l o nie n 
gründen, das heißt, wenn sie in ihrer neuen Heimath sich dauernd 
niederlassen, für sich und ihre Nachkommen dort Grund und 
Boden erwerben und denselben mit ihrer eigenen Hände Arbeit 
bewirthschaften. Nur aus Ackerbaukolonien gehen neue kräftige 
nationale Gemeinwesen hervor. Nicht ackerbautreibende Volks 
stämme können recht wohl eine Zeitlang seßhaft bleiben in
        <pb n="20" />
        16 
einem Lande, aber ein wirkliches nationales Gemeinwesen zu 
gründen sind sie unfähig. Sie besitzen nur scheinbar eine 
Heimath; der natürliche Gegensatz, in welchem sie zu der land- 
bebauenden einheimischen Bevölkerung stehen, lockert die losen 
Bande, die sie an ihren zeitweiligen Wohnsitz fesseln, nur noch 
mehr. Es ist klar. daß Ackerbaukolonien niemals da sich zu 
neuen nationalen Staatsgebilden fortzuentwickeln im Stande 
sind, wo die Kolonisten inmitten einer intelligenten, Industrie 
und Ackerbau treibende« Bevölkerung die verschwindende Min- 
derheit bilden. Es ist ferner offenbar, daß Ackerbaukolonien 
nur gedeihen können, wenn Klima und Bodenbeschaffenheit der 
neuen Heimath dem Kolonisten eine dauernde Niederlassung et* 
möglichen, seiner körperlichen und geistigen Gesundheit keinen 
Eintrag thun und dem Heranwachsen einer Nachkommenschaft 
von gleicher Kraft nnd Frische nicht hinderlich sind. 
Jede Ackerbaukolonie, sofern sie Aussicht hat, sich zu einem 
größeren nationalen Gemeinwesen zu entwickeln, bedeutet einen 
Zuwachs der Nation an Macht und Größe. Da die nationale 
Macht mit der nationalen Einheit auf das engste verbunden isi. 
so sind diejenigen Ackerbaukolonieu am werthvollsten für die 
Nation, welche sich dem Organismus des bestehenden nationalen 
Zentralstaates am leichtesten einfügen, nämlich die in nächster 
Nähe der Grenzen dieses Staates gelegenen Kolonien. Auch in 
Bezug auf Ackerbaukolonien, welche durch weite Entfernungen, 
durch Meere von dem Zemralstaat getrennt sind, erscheint es 
wünschenswerth, daß sie durch staatsrechtliche Bande mit ihm 
verbunden bleiben, sowohl im Interesse der Kolonisten als auch 
in dem der Zurückgebliebenen; jedoch dürfen diese Bande nur 
äußerst lockere fein. Eine Verbindung zwischen einer entfernten 
Ackerbankolonie und dem Zentralstaat in der engen Form, wie
        <pb n="21" />
        17 
sie zwischen Provinzen des letzteren besteht, würde bei der ge- 
wältigen Verschiedenheit der Sonderinteressen lediglich als Feffel 
empfunden werden und nur dazu dienen, die gemeinschaftlichen 
nationalen Interessen in den Hintergrund zu drängen. Vor 
allen Dingen müßte der Mutterstaat sich hüten, die Kolonie 
lediglich als Ausbeutungsobjekt zu betrachten. Der freien Ent- 
Wickelung der kolonialen Industrie dürsten keine Schranken ge 
setzt werden und nur so lange diese noch nicht weit genug vor 
geschritten ist, den Bedarf der Kolonisten selbst decken zu können, 
müßten die letzteren veranlaßt werden, die nöthigen Industrie- 
waaren aus dem Mutterlande zu beziehe». Selbst da, wo eine 
politische Einheit in keinerlei Form vorhanden ist, sind tüchtige, 
levenskrästige Kolonien immer von großem Vortheil für den 
Mutterstaat, nicht allein weil die gemeinsame Sprache und 
^ltte, sowie die tausend Bande der Verwandtschaft und Frcund- 
Miaft, welche die Kolonisten mit den Zurückgebliebenen ver 
knüpfen, erstere schon von selbst veranlassen, ihren Waaren- 
bedarf aus der Heimath zu beziehen, sondern vor allen Dingen, 
weil, wie schon bemerkt wurde, eine entwickelungsfähige Kolonie 
einen unmittelbaren Zuwachs der Nation an Macht und Größe 
bedeutet. Stets sollten Zurückgebliebene sowohl wie Kolonisten 
dessen gedenken, daß sie Kinder eines Stammes sind, welche in 
dem großen Völkerkampfe, der immer heftiger zu entbrennen 
droht, die Pflicht haben, fest zu einander zu halten. 
Von den Ackerbaukolonien sind — was häufig verkannt 
"&gt;lrd — die Handelskolonien durch und durch verschieden. 
Handelskolonien sind Gebiete, welche unter staatliche Oberhoheit 
Gestellt sind, um die in ihnen befindlichen Märkte dem heimischen 
Handel und der heimischen Industrie zu sichern. Man nennt 
auch wohl einfache Handelsniederlassungen Handelskolonien;
        <pb n="22" />
        18 
besser jedoch werden die beiden von einander verschiedenen Be- 
griffe auch durch zwei verschiedene Namen bezeichnet. Eine 
Handelsniederlassung erfordert durchaus keine staatliche Ober 
hoheit, jedoch ist von der einfachen Handelsniederlassung zur 
eigentlichen Handelskolonie ein allmählicher Uebergang möglich; 
der Begriff der ersteren steht dem der letzteren näher oder ferner, 
je nachdem die völkerrechtlichen Verträge, durch welche die 
Handelsniederlassung geschützt ist, in ihren Wirkungen einer 
politischen Oberherrschaft mehr oder weniger gleichkommen. In 
Handelskolonien halten sich die Kolonisten, meist Handelsagenten, 
im Allgemeinen nur vorübergehend auf. während in Ackerbau- 
kolonien sie sich dauernd niedergelassen haben. Der große Unter- 
schied zwischen Ackerbau- und Handelskolonie springt am meisten 
in die Augen, wenn man in der einen sowohl wie in der an 
dern das Verhalten der Kolonisten gegenüber der eingeborenen 
Bevölkerung in Betracht zieht. Die Ackcrbaukolonisten suchen 
die Eingeborenen möglichst zu verdrängen, um sich deren Grund 
und Boden erb- und eigenthümlich anzueignen, während in 
Handelskolonien eine zahlreiche und wohlhabende eingeborene 
Bevölkerung gerade von dem allergrößten Nutzen ist für die 
Koloniegründer, denn nur bei Vorhandensein einer solchen dürfen 
sie ans schnellen und sicheren Absatz ihrer Waaren rechnen. Zu 
Handelskolonien eignen sich am besten solche Gebiete, in welchen 
die Ueppigkeit der Natur und die Fruchtbarkeit des Bodens 
zwar einer zahlreichen Bevölkerung die Lebensbedingungen ge 
währt, wo jedoch eine ausgedehntere eigene Industrie nicht auf- 
kommen konnte, mag dieses nun auf Rasseneigenthümlichkcitcn 
oder ans klimatische Gründe zurückzuführen sein. Derartige Ge- 
biete finden sich vorzugsweise in den Tropen. 
Mit den Handelskolonien verbinden sich gewöhnlich Pflan-
        <pb n="23" />
        19 
zungskolonien (Plantagenkolonien), welche fast ausschließlich 
auf die tropischen Gegenden beschränkt sind. Die Pflanzungs- 
kolonien bezwecken den Anbau von Gewächsen, die der heimische 
Boden nicht zu erzeugen vermag, welche jedoch dem Volke un 
entbehrliche Artikel liefern, seien diese nun Nahrungs-, Heil- 
und Genußmittel oder Rohprodukte für die Industrie. Tie 
Pflanzungskolonicn unterscheiden sich von den Ackerbaukolonien 
wesentlich dadurch, daß in ihnen lediglich die Grundbesitzer und 
die Leiter der landwirthschaftlichen Arbeiten der Mutternation 
angehören, während aus klimatischen Gründen die ungeheure 
Mehrzahl der Arbeiter fremden, gewöhnlich eingeborenen Völker 
schaften entnommen werden muß. Die Pflanzungskolonien 
erscheinen demnach unfähig, sich zu neuen rein nationalen Ge 
meinwesen zu entwickeln. Nichtsdestoweniger sind sie von großer 
wirthschaftlicher und demnach auch nationaler Bedeutung, indem 
sie sowohl verhindern, daß das für tropische Erzeugnisse vom 
Volke verausgabte Geld allein dem Auslande zu Gute kommt, 
als auch einer oft sehr bedeutenden Zahl von Angehörigen der 
Nation Gelegenheit zu lohnender Beschäftigung verschaffen. Von 
welchem gewaltigen Nutzen Handels- und Pflanzungskolonien für 
ein Volk werden können, zeigt hinlänglich das Beispiel der Engländer 
und Holländer, welche den größten Theil ihres sprüchwörtlich gewor- 
denen großen Reichthums allein den indischen Besitzungen verdanken. 
Von sonstigen Arten von Kolonien seien noch die Bergbau, 
k o l o n i e n genannt, welche die Unterirdischen mineralischen Schätze 
eines Landes zu heben bezwecken. Ihre Bedeutung richtet sich offen- 
dar nach dem Werthe und der Art der Verwerthung dieser minerali 
schen Schätze, sowie nach der Reichhaltigkeit derselben. Siegehen 
dàttfig in Ackerbau- oder Pflanzungskolonien über, je nach dem 
Charakter des Bodens und Klimas in der betreffenden Gegend. 
2*
        <pb n="24" />
        20 
Aie Wellmachtstessung des deutschen Kolkes. 
Werfen wir einen Blick auf die nunmehr 2v00.jährige Geschichte 
derDeutschen, so finden wir, daß seitdem im Jahre 113 v. Chr. G. 
die Cimbern und Teutonen nach Gallien und Italien vor 
drangen und zum ersten Male der furor teutónicas die Welschen 
erbeben machte, unsere Nation mehrfach in der Lage war, sich 
die Oberherrschaft über die anderen Völker Europa's dauernd 
zu sichern, daß aber leider stets die günstige Gelegenheit ver 
scherzt wurde. Statt mit vereinten Kräften sich gegen das feind- 
liche Ausland zu wenden, zerfleischten die deutschen Stämme 
einander gegenseitig in rasender Wuth, statt auf die Einigung 
und Vergrößerung der Nation bedacht zu sein, jagte man eitlen 
kosmopolitischen Träumen nach. Aon jeher war die Zwietracht 
der böse Engel der Deutschen. Selbst der Kriegskunst eines 
Marius würden die Cimbern und Teutonen schwerlich unter 
legen sein, wenn sie nicht zur unrechten Zeit sich getrennt, son- 
dern vereint das Römerheer zum Kampfe gezwungen hätten. 
Die Niederlage der Cimbern und Teutonen, sowie der an dem 
edlen Suevenkönige A rio vi st geübte tückische Verrath Julius 
Cäsars wurde jedoch bald gerächt. In zahllosen Schaaren über- 
flutheten die deutschen Völker das römische Weltreich, Alles vor 
sich niederwerfend, überall den Grund zu neuen Staaten legend; 
selbst bis nach Spanien drangen die Westgothen, bis in Afrika 
hinein die tapferen Vandalen vor. Sie verfuhren jedoch dabei 
so wenig zielbewußt, daß sie, um sich in der ganzen Welt zu 
zerstreuen und zu verzetteln, einen großen Theil ihrer Urheimath, 
in welcher sie doch stets die eigentlichen Wurzeln ihrer Kraft
        <pb n="25" />
        b«»™ luchen muffen, nachrückenden slavischen Slamine» über- 
ließen. Von den während der sogenannten Völkerwanderung 
«Us den Trümmern des römischen Reiches ausgebauten germa. 
Mschen Staaten wurde trotz alledem einer bald stark genug, das 
^ der weströmischen Casaren übernehmen und ein neues 
Weltreich gründen,n köunen. Dieser Staat war bezeichnender 
Weise der em„ge jener germanischen Staaten, welcher stets mit 
tet 5«„( tn in Westdeutschland und Gallien, Keineswegs 
sedoch benutzten die Franken ihre bedeutende Mach. in deutsch, 
nationalem Sinne; statt wenigstens der nördlichen Halste Ga,. 
U-ns sur atte Ewigkeit den deutschen Stempel auszuprägen, ver. 
w-lsch'-ii sie zum großer; Theile selbst. In dem ans dem 
tsm 
Hl . ,™"; "" " bt " M°ch'°°-h°,tnissen nach nicht 
,o n- &lt;mntt ' l " !f b,e des eigentlichen Deutsch, 
onds Uber; der Papst galt im Mittelalter als dar geistliche, 
er cuts che Kaiser als das weltliche Haupt der Christenheit, 
n er That überragte trotz aller inneren Zwistigkeiten das 
uni! «I 0 *- """sehe Reich deutscher Nation an Macht 
"sehn seine sämmtlichen Nachbaren um ein Bedeutendes. 
&gt;e er war die günstigste Gelegenheit vorhanden, die deutsche 
gemonie in Europa zu einer dauernden zu gestalten und
        <pb n="26" />
        22 
wiederum wurde dieselbe verpaßt. Der Grund der fortwährenden 
inneren Streitigkeiten hätte gehoben, dem Entstehen mächtiger 
Nachbarreiche im Osten und Westen hätte vorgebeugt werden 
müssen. Hätten doch die deutschen Kaiser, statt ihre Kräfte in 
zwecklosen Kämpfen gegen die Italiener zu vergeuden, ihr Augen- 
merk darauf gerichtet, den fruchtbaren Osten Europas, insbe- 
sondere das Donaugebiet, dem deutschen Reiche einzuverleiben 
und mit Deutschen zu besiedeln I Es bedurfte nur thatkräftiger 
Unterstützung der vielversprechenden Anfänge, welche bereits ge- 
macht waren und von denen noch heute die Ucberbleibsel deut 
scher Ansiedelungen in Osteuropa Zeugniß ablegen. Bald jedoch 
war es zu spät. Gefördert durch die beklagenswerthe Kirchen- 
spaltung. hob das alte Gespenst der deutschen Uneinigkeit bald 
gewaltiger sein Haupt empor, als es je zuvor geschehen war- Das 
heilige römische Reich deutscher Nation zerfiel in zahllose so gut wie 
selbständige kleine Staaten, seine früher so gewaltige Macht 
sank in den Staub. Im Osten wie im Westen bröckelten wichtige 
Landestheile ab und halfen die Macht der schlimmsten Feinde 
unserer Nation verstärken. Sogar die Schmach der Fremdherr- 
schaft sollte dem deutschen Volke nicht erspart bleiben; doch gab 
diese Zeit der tiefsten Erniedrigung mächtigen Anstoß zu einem 
herrlichen Wiedererwachen des Nationalbewußtseins, dem bald 
die Einigung auf neuer, besserer Grundlage und damit ein ge 
waltiger Aufschwung der nationalen Macht folgte. Wiederum 
steht ein mächtiges Deutsches Reich da, von welchem der 
große Staatsmann, ohne selbst von seinen schlimmsten Wider- 
fächern der Ueberhebung geziehen zu werden, sagen durfte, daß 
es nur Gott zu fürchten brauche, sonst nichts in dieser Welt. 
Mit dem Niedergang der politischen Macht unseres Volkes 
war, wie es nicht anders sein konnte, ein Niedergang des
        <pb n="27" />
        23 
nationalen Wohlstandes verbunden. Gegen Ende des Mittel- 
alters war Deutschland das reichste Land der Welt, sein Handel, 
seine Schiffahrt, seine Gewerbe standen in höchster Blüthe, die 
deutsche Hansa beherrschte die Meere, die Kaufherren der mäch 
tigen süddeutschen Ltädte sandten ihre Waaren bis zum fernen 
Fabellandc Indien. Gerade zur unrechten Jeit verschwanden 
diese Herrlichkeiten. Als Portugiesen. Spanier. Holländer, 
Franzosen, Engländer die neu entdeckten überseeischen Länder 
und Handelsstraßen in vollem Maße ausnutzten, verzehrten die 
Deutschen ihre Kräfte in inneren verheerenden Kriegen. Teutsch- 
land. früher weltberühmt durch den Reichthum seiner Städte, 
den Kunst- und Gewerbefleiß seiner Bürger, verarmte und sank 
bald herab zu einem wirthschaftlichen Schleppträger Groß- 
bntanniens; es wurde für England, was vordem England für 
die Hansa gewesen war: ein Ausbeutungsgegcnstand. Doch auch 
aus dieser Erniedrigung auf wirthschaftlichcm Gebiete raffte das 
deutsche Volk sich empor. Seit den zwanziger Jahren dieses 
Jahrhunderts, seitdem die K ö n i g l i ch p r e u ß i f ch e R e g i e r u n g 
die wirthschaftliche Einigung Deutschlands — außer Oesterreich — 
mit Erfolg anbahnte, ist die deutsche Industrie, der deutsche 
Handel in stetem Aufschwünge begriffen, und dieser Aufschwung 
nahm eine staunenerregende Ausdehnung an, als der wirth- 
schaftlichen Einigung die politische folgte und nunmehr die 
deutsche Nation mit Hülfe der stärksten Kriegsmacht der Welt 
und einer Achtung gebietenden Marine ihren Angehörigen in 
Europa sowohl wie in den fernsten Ländern und Meeren den 
wirksamsten Schutz zu gewähren vermochte. Jetzt ist die deutsche 
Exportindustrie nächst der englischen die größte der Welt und 
an allen Ecken und Enden wird die wirtschaftliche Weltherr 
schaft Englands, dank dem Unternehmungsgeiste und der Rührig-
        <pb n="28" />
        24 
keit des deutschen Industriellen und des deutschen Kaufmannes, 
in Frage gestellt. Die Erwerbung ausgedehnter Kolonial 
gebiete in Afrika und in der Südsee wird ohne Zweifel 
Deutschland neue, sichere Absatzmärkte für seine Jndustrieerzeug- 
* nisse verschaffen und es endlich in den Stand setzen, sich von 
dem englisch-holländischen Zwischenhandel in Kolonialwaaren un 
abhängig zu machen. 
Es liegt in der Natur der Sache, daß der Kampf unter 
den europäischen Nationen am heftigsten da wüthet, wo sie ein 
ander am engsten und am mannigfaltigsten berühren, und die 
ses ist im Allgemeinen in Europa selbst der Fall. Die Lage 
des Wohngebiets der Deutschen, in der Mitte des europäischen 
Kontinents, ist insofern eine unglückliche zu nennen, als es von 
zwei Seiten, von Osten und von Westen, den Angriffen mäch 
tiger Nachbaren ziemlich offen ausgesetzt ist. Andererseits haben 
wir jedoch, nach den Worten unseres großen Reichskanz 
lers, in diesem Umstande eine göttliche Fügung zu erblicken, 
nach welcher die deutsche Nation verhindert werden soll, sich 
dem erschlaffenden Gefühl behaglicher Sicherheit hinzugeben und 
in Trägheit und Versumpfung zu gerathen. 
Unsere westlichen Nachbaren, die Franzosen, ursprüng 
lich den Deutschen an Macht und Ansehen bedeutend nachste 
hend, haben stets mit nachahmenswerther Schlauheit und Rück 
sichtslosigkeit Zeiten der Uneinigkeit, also auch der Schwäche 
Deutschlands auszunutzen gewußt, um auf seine Kosten ihr Ge 
biet zu erweitern und demgemäß ihre politische Bedeutung zu 
vergrößern. Niemals jedoch vermochten die Franzosen dem ge 
einten Deutschland zu widerstehen. Wirklich gefährlich können 
sie uns jetzt und, wie es scheint, für alle Zukunft um so we 
niger werden, als ihre jährliche Bcvölkerungszunahme sowohl
        <pb n="29" />
        25 
absolutem als auch iu relativem Sinne von derjenigen des 
deutschen Reiches weit übertroffen wird. welches schon jetzt ein 
Mehr von ungefähr 8'/, Millionen Einwohnern aufweist. Als 
Bundesgenosse unseres mächtigen Nachbarn im Osten, des 
istigo* Gallier RM* hin ,u „radRenber 
ñernd. 
®m Bolk breitet sich naturgemäß nach derjenigen Seite hin 
wo ihm be, germas*, 2Bioe,Ranb en*ge8engefeb* mirb unb 
mo es am menigRen Gefahr lauf, feiner 9fa*iona[i*ä* neriuRig 
* U x Ö x en ' ra aIi0 h0tWn ' m ba8 ^nd am bünnften bevölkert 
m,b b,, ^ôlkrung am menißRcn miberRanbafähig unb ,ini. 
mrt Ist. Daher sehen wir. wie das deutsche Volksthum, das 
Slaventhum verdrängend, allmählich nach Osten vorrückte, 
uu wie noch heutigen Tages der ganze außerhalb des deutschen 
Sprachgebietes gelegene Often Europas, insbesondere das aus- 
gedehnte russische Reich, van deutschen Siede,ungen durch. 
* " Diele Ausbreitung des Den.sch.hnms nach 
=z;:z:"Z 
und'7b'"",""" bm 9iUff ™' '"«en an Bildung 
daraller sa grundverschiedenen Rationen, schwerlich ganz 
M vermeiden, Eine entschieden seindselige Stimmung jedoch 
" 7 M »ft, als di. Russen an, gewaltsamem Wege bi. 
lttnationaliftrun, der unter ihnen wohnenden Deutschen her- 
uus bren suchten, Berschärst wurde diese seindselige Slim, 
ung durch das Bestreben Rußlands, sein gewaltiges Länder, 
d ° °ur,nd.hnen, theils um seine Lag. in Ham 
u,,b "lrthlchastsvolitischer Beziehung zu verbessern, lheil.
        <pb n="30" />
        26 
mit der offenen oder versteckten Absicht, sämmtliche slavische 
Stämme unter dem Szepter feines Zaren zn vereinigen. Offen 
bar würde die geplante Machtvergrößernng Rußlands die Selbst, 
ständigkeit der sämmtlichen hoher zivilisirten Staaten Europas 
in bedeutendem Grade gefährden. Es ist möglich, daß auch 
ohne blutigen Entscheidnngskampf die Russen ihre herrschsüch- 
tigen Pläne fallen lassen werden oder fallen lassen müssen; die 
deutsche Nation jedoch würde sich eines sträflichen Leichtsinnes 
schuldig machen, wenn sie nicht stets für einen solchen Kampf 
bis an die Zähne gewappnet dastände. Glücklicher Weise würde 
das Deutsche Reich nicht allein stehen in diesem Kampfe, es 
würde einen starken Bundesgenossen haben in der zweiten euro- 
päischen Großmacht, welche ans den Trümmern des heiligen 
römischen Reiches deutscher Nation hervorgegangen ist, in 
Oesterreich-Ungarn. Nur so lange jedoch darf dieser 
Bundesgenosse als zuverlässig gelten, so lange in Oesterreich die 
Deutschen, in den Ländern der ungarischen Krone die Mag- 
y aren die Herren sind; nichts würde der deutschen Nation 
verderblicher sein, als slavische Vorherrschaft in Oesterreich- 
Ungarn. Die Erhaltung der habsbnrgischen Monarchie als 
dentsch-magyarischen Staatsgebildes ist auch insofern eine poli. 
tische Nothwendigkeit für die Deutschen, als ihnen Oesterreich, 
das Ostreich, gleichsam eine Pforte öffnet in die weiten, der 
Knltivation durch eine höhere Rasse harrenden Gebiete des 
' Orients. 
Von den übrigen, hier nicht genannten europäischen Na- 
. tienen können nur noch zwei als bemerkenSwerth gelten: die 
Italiener und die Angelsachsen, zu welchen letzteren selbst- 
verständlich neben den Engländern auch die Yankees in 
Nordamerika zu zählen sind.
        <pb n="31" />
        27 
Italiener, wohl das begabteste und lebenskräftigste 
unter den sogenannten romanischen Völkern, sind von den Deut 
schen durch eine gewaltige natürliche Mauer geschieden, durch 
die Alpen. Ein direkter Kampf zwischen den Deutschen und 
Italienern um die Erweiterung ihres Sprachgebietes und somit 
ihrer Nationalität findet daher nur in beschränktem, wenig be- 
achtenswerthem Maße statt- namentlich in der Schweiz, in 
Sudtirol und in den österreichischen Küstenländern am adriati- 
scheu Meere. Heftiger vielleicht droht in nicht allzuserner Zu- 
unft der Kampf auszubrechen jenseits des Atlantischen Welt- 
mcmg,mb,n außertTopifüen üönbetu Gübamenfa* 
3ņ Europa merben auf abobare mcmofknS bie Jnt,. 
re " en Deutschland und Italiens schwerlich in ernsthafter Weise 
einander kreuzen, ein Krieg zwischen beiden Nationen würde da- 
,er nur unnützes Blutvergießen bedeuten. Die natürlichen Au«. 
bepöiWm Mb 
«mb«, wohl ober in Wem Grad, mit benfenigen bet ebenfalls 
ans di- 3Ji,tte(meetIänbet hingewieseuen Fran,°s-n, Da bie 
®' UtWtn U'» Italiener also in Stanti,i* einen gemeinsamen 
tsnet betampfen. erscheint ein engere« Bin,buch unter ihnen 
wie e« auch in bet That besteht, als hurchans in beiberseitigern 
Interesse liegend. 
Noch weniger als Deutsche und Italiener sind Deutsche 
'uuerhalb Europas einander unmittelbar ge- 
f Mich; ein nochmaliges dauerndes Festsetzen der Deutschen im 
" ermäßig bevölkerten Britannien steht für die Engländer eben 
° ""mg zu befürchten, wie die Deutschen zu besorgen brauchen»
        <pb n="32" />
        28 
bat bie sogenannte ,, Waning bes @rbbaUs" M ,emalsau* 
aWbaSbents4eepta4gebietinWitteIentopame,be enreden 
können Das. was Englänber unb Deutsche am meisten mit 
ematibei netfeinbet, ist bie WbelSpoIitifüe unb mirtbí4afti,4e 
Nebenbuhlerschaft, bas. was beibe Nationen einanber nähert, ist 
bie gemeinsame Gegnerschaft gegen Rußlanb, besten Herrschafts- 
gelüste bie wichtigen englischen Kolonialbesitzungen in Indien 
bebrohen. Erstgenannter Punkt fällt allerbings für Englanb 
weit schwerer ins Gewicht als für irgenb eine anbere Nation, 
ba keine in bem Maße, wie die englische, auf die Einfuhr frem- 
ber Bodenerzengnisse und demgemäß auf die Erhaltung der de- 
stehenden und die Erwerbung neuer Absatzmärkte für die hei- 
mische Industrie angewiesen ist; in England ist der Prozentsatz 
der nur durch die Industrie lebenden Bewohner ein höherer als 
irgendwo sonst auf der Welt. 
Nicht in Europa, wohl aber in überseeischen Ländern leben 
reit Angelsachsen unb Deutsche in unmittelbarer Berührung 
mit einander ringen um die Erhaltung und Erweiterung ihrer 
Nationalität, so in Amerika. Australien und Südafrika. 
Wenn wir hier überall die traurige Wahrnehmung machen, daß 
die Angelsachsen einen gewaltigen, sehr schwer wieder emholba- 
ren Vorsprung vor den Deutschen voraus haben/ so sind d,e 
Winbebafüt mitWtigfeit ;n ßnben. DieMebelungbc 
in Rede stehenden Länder begann zu bet Zeit, als bet Stern 
Englands im Aufgehen, derjenige Deutschlands stark im Nieder 
gänge begriffen war. Als das durch den verheerenden dreißig- 
jährigen Krieg gräßlich herabgekommene und entvölkerte Deutsch- 
land ohnmächtig am Boden lag. begründeten die Engländer 
ihre bis auf den heutigen Tag behauptete Oberherrschaft zur 
See, bot sich ihnen die Gelegenheit dar. nicht allem die sur den
        <pb n="33" />
        29 
europäischen Ackerbauer günstigst gelegenen überseeischen Länder 
* u siedeln, sondern auch dieselben ihrer politischen Gewalt zn 
unterstellen und somit dem Aufkommen jeder anderen Natio 
nalität daselbst einen Riegel vorzuschieben. Diese beklagcns- 
werthen Verhältnisse brachten es mit sich, daß die später, wenn 
auch in bedeutendem Maßstabe erfolgende deutsche Auswande- 
rung nicht den Grund zu überseeischen deutschen Staaten zu 
legen vermochte, sondern größten Theils nur dazu diente, die 
Reihen des Angelsachsenthums zu verstärken. Leider wandte 
sich von jeher fast der gesammte Strom der deutschen Auswan- 
derung nach Nordamerika, wo die Anglisirung des Landes be- 
reito auf das erfolgreichste eingeleitet war und auch nach Los- 
rerßung der Kolonien von England durch die Yankees. die 
nunmehrigen Herren des Landes, in thatkräftigster Weise ge- 
Wertmutbe. Ber bei Beitem 9,0%, 2W ber beu#e,t 
Auswanderer mußte somit dem Vaterlande und der Nation 
verloren gehen, und dieses um so mehr, als ihnen der Rückhalt 
miemcm polit# unb mirtbfWt# möWgen etaotsmefen 
!" Lut0pa Unb dŞit auch wohl meistens ein kräftiges Bewußt- 
sein der nationalen Zusammengehörigkeit fehlte. Hätte nur 
ber "(erte, ¡a nur ber „We berbeu#eu%uëmauberer 
tsttt nach Nordamerika nach dem außertropischen Südamerika 
sich gewandt, so wären blühende deutsche Gemeinwesen dort ent- 
'tanden. so würde die deutsche Nation auch in der neuen Welt 
erne unerschütterlich feste Stellung sich errungen haben. 
Ter Schauplatz des Kampfes unter den maßgebenden euro- 
päischen Nationen erstreckt sich gegenwärtig, wie bereits ange- 
deutet wurde, über die ganze bewohnte Erdoberfläche. Wenn 
wi folgenden eine Schilderung der gegenwärtigen Verbreitung 
des deutschen Elementes über die Oberfläche unseres Planeten
        <pb n="34" />
        30 
unternommen wird, um die dermaligen Stellungen unserer 
Heeressäulen auf dem Weltkriegsschauplatze und ihre strategische 
Bedeutung zu beleuchten, so kann das bei der außerordentlichen 
Fülle und Mannigfaltigkeit des Stoffes, sowie bei dem fast 
überall sich bemerkbar machenden Fehlen zuverlässiger Quellen 
selbstverständlich nur eine dürftige, mangelhafte Skizze werden. 
Dieselbe hat jedoch ihren Zweck vollkommen erfüllt, wenn sie 
hier und da die Anregung geben sollte zu einem eingehenderen 
Studium des Gegenstandes, zu einem Studium, dessen Pflege 
unbedingt erforderlich zu sein scheint, wenn die Deutschen mit 
Erfolg den Kampf um die Weltherrschaft zu Ende zu führen 
gesonnen sind, denn nur der Feldherr darf auf den endlichen 
Sieg hoffell, der die Zahl und die Eigenschaften seiner Truppen 
auf das genaueste kennt.
        <pb n="35" />
        31 
Die Deutschen in Kuropa. 
Werfen wir einen Blick auf die Völkerkarte von Europa, 
so gewahren wir im Herzen dieses Erdtheils ein ausgedehntes, 
zusammenhängendes Gebiet, welches so gut wie ausschließlich 
von Deutschen bewohnt und beherrscht wird. Den Ñern und 
Hauptbestandtheil dieses Gebietes bildet das Deutsche Reich, 
welchem die deutschen Provinzen der habsburgischen Mo- 
narchie. die deutschen Kantone der Schweiz und das Groß. 
herzogthum Luxemburg sich unmittelbar anschließen. Diesem 
Gebiete könnte man auch Holland und die flämischen 
Provinzen Belgiens hinzurechnen, da die Holländer und 
Flamländer weder durch Abkunft noch durch Sprache von den 
Deutschen, insbesondere den Niederdeutschen. wesentlich unter 
schieden sind. Allerdings hat eine gesonderte geschichtliche Ent 
wickelung bei diesen Völkern das Gefühl der Zusammengehörig- 
keit mit den übrigen deutschen Stämmen ziemlich verwischt, 
und dieses mußte um so mehr der Fall sein. als sie seiner Zeit 
nicht die hochdeutsche Sprache als Schriftsprache angenommen, 
sondern ihren eigenen Dialekt zu einer solchen ausgebildet 
haben. 
Von dem großen, stark bevölkerten deutschen Urgcbiete aus 
verbreitete und verbreitet sich noch immer das deutsche Element 
über ganz Europa, über die ganze Welt. In Europa dehnte 
sich in den letzten Jahrhunderten das Deutschthum mehr nach 
dem weniger dicht bevölkerten Osten als nach dem Süden, 
Westen und Norden hinaus. Während in den westlich, nördlich 
und südlich der Urheimath gelegenen Staaten Europas die
        <pb n="36" />
        Deutschen fast einzig die größeren Städte zu einem in der Regel 
nur zeitweiligen Aufenthalt erkoren haben, leben sie im Osten 
außerdem in zahlreichen festen Ansiedelungen, welche oft ein 
ausgedehntes Gebiet umfassen, zerstreut. Solche deutsche An» 
siedelungen finden sich im ganzen Osten Europas, sie reichen 
einerseits bis an den Ural, andererseits bis an die Ufer des 
Schwarzen Meeres, ja jenseits des Kaukasusgebirges bis in 
Asien hinein setzen sie sich fort. 
Da es unsere Aufgabe ist, die Ausbreitung der deutschen 
Nation über ihre ursprünglichen Grenzen und ihr dadurch be 
dingtes Ringen mit fremden Völkerschaften zu schildern, so 
können wir bei Betrachtung der verschiedenen, uns interessiren- 
den Staatengebilde Europas von dem Deutschen Reiche, 
welches so gut wie vollständig innerhalb dieser ursprünglichen 
Grenzen fällt, gänzlich abgesehen. Die zusammen ungefähr 
3 206 000 Seelen ausmachenden Polen, Tschechen, Lit- 
thauer, Wenden, Dänen, Franzosen und Wallonen 
kommen den 47 Millionen Bewohnern des Deutschen Reiches 
gegenüber um so weniger in Betracht, als sie in absehbarer 
Zeit der Germanisirung anheimzufallen scheinen. Zu den ge 
nannten fremden Völkerschaften kommen nur noch ungefähr 
600 000 über das ganze Reich verstreute Juden, Angehörige 
des semitischen Stammes. Von größter Wichtigkeit dagegen 
sind für unseren Zweck diejenigen Staaten, deren Grenzen nur 
einen Theil jener von uns als Ausgangsgebiet des Deutsch- 
thums bezeichneten Landfläche einschließen. Dahin gehört na- 
mentlich die O e st e r r e i ch i s ch - U n g a r i s ch e Monarchie, 
wo der Kampf zwischen dem Deutschthum und seinem gefähr 
lichsten Gegner, dem Slaventhum, am heftigsten tobt; 
ferner gehören dahin die beiden kleinen Staatswesen: Schweiz
        <pb n="37" />
        33 
unb Luxemburg, welche noch immer, wenngleich vergeblich, 
seitens der Kelto-Nomanen dem Deutschthum streitig gemacht 
werden. Auch Belgien, wo die germanischen Flamländer 
den keltisch-romanischen Wallonen gegenüberstehen, und die Rje 
de rl an de sind hierherzurechnen. Holland ist freilich ein rein 
germanisches Land; es darf jedoch nicht unberücksichtigt bleiben, 
da hier mächtige deutsch-feindliche mit deutsch-freundlichen Strö- 
mungen um die Oberherrschaft ringen. Außer diesen zum Theil 
innerhalb des deutschen Urgebietes gelegenen Staaten interessiren 
unS "»s bereits mehrfach angedeuteten Gründen namentlich 
die beiden Ost st a a ten Rußland und Rumänien. Von 
den westeuropäischen Staaten scheint allein England einer 
näheren Betrachtung werth, da unter allen westlich, südlich und 
nördlich unseres Sprachgebietes gelegenen Ländern keines eine so 
große Anzahl Deutscher beherbergt wie das britische Jnselreich. 
Außer den genannten Staaten wäre höchstens noch Dänemark 
m Betracht zu ziehen, wo bis vor nicht langer Zeit die deutsche 
Sprache die Sprache des Hofes und der Regierung war. Wir 
werden uns jedoch nicht mit den Dänen, unseren Erzfeinden, 
welche nur ihre lächerliche Kleinheit und Schwäche von Aus 
schreitungen gegen den mächtigen deutschen Nachbarn zurückhält, 
weiter beschäftigen und können dieselben um so eher vernach. 
lässigen, als die in Dänemark lebenden 36000 Personen, welche 
tm Deutschen Reiche geboren sind, wohl zum größten Theile 
solche Rordschleswiger sein werden, deren Muttersprache die 
dänische Sprache ist. Die von uns im Folgenden zu berück- 
sichtigenden Gebiete Europas wären demnach: die habsburgische 
Monarchie, Rußland, Rumänien, die Schweiz, Luxemburg, Bel- 
gien, Holland und England. 
Die Gesammtzahl sämmtlicher Deutschen in Europa kann 
3
        <pb n="38" />
        WWWÑÑMWMWWWMM 
34 
man ganz gut auf 56 Millionen schätzen. Rechnet man dazu 
die Holländer und Vlämen. so ergiebt sich eine Zahl von un- 
gefähr 63 Millionen Menschen deutschen Stammes, allein in 
Europa. Rach Hübner's geographisch. statistischen Tabellen 
(Jahrgang 1888) leben 63 205 000 Deutsche incl. Holländer und 
Vlämen in Europa bei einer Gesammtbevölkerungszahl von 
329 876 000 Seelen; der deutsche Stamm würde also nahe an 
20 Prozent der gesammten Bevölkerung unseres Erdtheils aus 
machen.
        <pb n="39" />
        35 
1) Die Deutschen in Qesterreich-Ungarn. 
Bevor wir dazu übergehen, die Zahl der Deutschen und 
ihr Verhältniß zu anderen Völkerschaften in den einzelnen 
Landestheilen Ocsterreich-Ungarns darzulegen, müssen wir 
bemerken, daß die statistischen Angaben insofern ungenau sind, 
als die Zählungen nicht nach der Nationalität sondern nach 
der Sprache vorgenommen werden. Im Allgemeinen freilich 
deckt sich die Nationalität so ziemlich mit der Sprache; in 
Oesterreich-Ungarn ist dieses jedoch keineswegs der Fall, da hier 
in einzelnen Landestheilen der asiatische Volksstamm der Juden, 
welcher neben Resten der eigenen gewöhnlich die Sprache der 
jenigen Völker spricht, unter denen er sich gerade befindet, so stark 
vertreten ist, daß seine Zahl unmöglich vernachlässigt werden 
darf. Man zählt weit über anderthalb Millionen Juden in 
der Habsburgischen Monarchie, mindestens vier Prozent der 
Gesammtbevölkerung. Die Juden find jedoch keineswegs gleich- 
mäßig über die Monarchie vertheilt, sondern in einigen Ländern 
kommen sie fast gar nicht vor, während sie in anderen wieder 
außerordentlich zahlreich sind, ja in gewissen Gegenden, beson- 
ders innerhalb der früher polnischen Landestheile, die Mehrzahl 
der Bevölkerung ausmachen. Abgesehen von der Hauptstadt 
Wien ist das Judenthum am stärksten in der Bukowina, Ga 
lizien und Ungarn, sodann in Böhmen und Mähren vertreten, 
^lm geringsten ist die Zahl der Juden in den österreichischen 
Alpenländern. Ganz Oesterreich-Ungarn wird nach der letzten 
Zählung, derjenigen im Jahre 1880, bei einer Gesammtbevölkerung 
von 37 533 606 Seelen von 9962775 Deutschen bewohnt; letztere 
machen also etwa 26,5 Prozent aus. 
3'
        <pb n="40" />
        36 
a) Cisleithanien. 
Von unseren Betrachtungen sind selbstverständlich die Pro 
vinzen mit reindeutscher Bevölkerung ausgeschlossen, da diese 
nicht in nationaler, sondern nur in staatlicher Beziehung zum 
Auslande gehören. Als solche Provinzen sind anzusehen: 
Beide Oesterreich. Salzburg und die gefürstete Grafschaft 
Vorarlberg. Nach der letzten Volkszählung, vom 31. Dezember 
1880, befanden sich unter den 21.794,231 Bewohnern Cislei- 
t Hani ens 8,008,864 Deutsche, 36,75 Prozent der Gesammtbe- 
völkerung. Die übrigen Bewohner des Landes sind zum weit 
aus größten Theile Slaven (Tschechen, Slowenen, Serben- 
Kroaten, Polen, Ruthencn), zum kleinen Theile Romanen 
(Italiener, Friauler, Lodiner, Walachen). 
Böhmen. Nach der letzten Zählung wohnen in Böhmen 
2,054,174 Deutsche und 3,470,252 Tschechen; erstere machen 
also ungefähr 37,2 Prozent der Gcsammtbevölkerung aus. Die 
Deutschen wohnen in geschlossenen Massen in einem Gürtel an 
der baierischen, sächsischen und schlesischen Grenze 
und im Innern verstreut in den Städten, namentlich in Prag 
und Pilsen. Nennenswerthe deutsche Sprachinseln im Innern 
des Landes hefinden sich außerdem um Dentschbrod, Bud- 
weis und Neuhaus. Leider ist das Tschechenthum überall 
in siegreichem Vorrücken gegen das Deutschthum begriffen. Nach 
Professor Dr. Rainer sind allein seit dem Jahre 1850 28 
rein deutsche und 75 überwiegend deutsche Ortschaften vollständig 
tschechisirt; besonders große Verluste erlitten die Deutschen in 
den Bezirken Budweis, Prachatitz, Pilsen, Bischof, 
teint &amp; und Deutschbrod. Die noch immer fortdauernden 
erbitterten Kümpfe zwischen Deutschen und Tschechen sind all 
bekannt; es würde zu weit führen, hier näher auf dieselbeu ein-
        <pb n="41" />
        37 
zugehen. Eine wahrhaft verächtliche Nolle in diesen Kämpfen 
şpielen die vielen Ueberläufer aus dem deutschen in das tschechische 
^-'ager, deren Handlungsweise meistens auf die unlautersten Be 
weggründe zurückzuführen ist. Es hindert nichts, einen Rene 
gaten seiner Religion für durchaus ehrenwerth zu halten, da 
der Glaubenswrchsel aus innerster Ueberzeugung hervorgegangen 
sein kann; ein Renegat seiner Nation ist immer verächtlich, mag 
er den Fürstenmantel tragen oder den Bettelsack, denn die Na- 
lionalität haftet der Person an und die Verleugnung derselben 
beweist daher einen erbärmlichen Mangel an Selbstachtung. 
Einer der schlimmsten Feinde unseres Volksthumes in Böhmen 
ist der durch seinen gewaltig ausgedehnten Grundbesitz außer- 
ordentlich cinsiußreiche Fürst Swarczemberc. Zu den 
mächtigsten Stützen des Deutschthums zählt ohne Zweifel der 
„Deutsche Schulverein"; außerdem ist das segensreiche Wirken 
einiger lokaler Vereine hervorzuheben, die in kleinerem Kreise 
für die Erhaltung deutscher Sprache und Art thätig sind, so 
vor allen Dingen des „Deutschen Böhmcrwaldbundes" mit 
semen mehr als 140 Ortsgruppen. In Prag bestehen mehrere 
derartige Vereine, unter anderen der „Deutsche Handwerker- 
bund", welcher seit der kurzen Zeit seines Bestehens bereits be- 
deutende Leistungen aufzuweisen hat. 
Mähren. In Mähren zählt man neben 1,507,328 
Slaven 628.907 Teutsche, also gegen 29,6 Prozent. Die 
^"Ischen Mährens wohnen außer an der s ch l e s i s ch e n und 
niederösterreichischen Grenze in einigen größeren 
Sprachinseln, von denen diejenigen um Jglau und Zwittau 
hervorzuheben sind. Erstere, die sich bis nach Deutschbrod in 
Böhmen hinein erstreckt, zählt allein in Mähren 25.372 deutsche 
Bewohner. Leider ist in Mähren so gut wie in Böhmen das
        <pb n="42" />
        38 
Tschechenthum in einem durch künstliche Mittel hervorgerufenen 
Fortschreiten begriffen. 
Österreichisch - Schlesien. Die Bevölkerung Lester- 
reichisch-Schlesiens beträgt 650,662 Seelen, von denen 269,338, 
also fast 49 Prozent, Deutsche sind. Die Deutschen wohnen 
untermischt mit Polen und Wasserpolacken im östlichen, Tschechen 
und Goralen im westlichen Theil. Die Städte sind vorwiegend 
deutsch. 
Steiermark. Von den 1,183,260 Bewohnern Steier 
marks sind 794,841 Deutsche, etwa 67,2 Prozent; die 
übrigen sind Sl^owenen, auch Winden genannt; sie haben 
in Untersteiermark ihre Sitze. Die ungefähre Sprachscheide bil- 
detnach Kiepert's Uebersichtskarte der Verbrei. 
tun g des Deutschthums in Europa von der Körnte, 
ner Grenze nach der Stadt Mahrenburg zu die Drau; von 
Mahrenburg zieht sich die Sprachgrenze in einer mehrfach ge- 
krümmten Linie nach Ehrenhausen, von wo sie bis zur ungari- 
schen Grenze durch die Mur gebildet wird. Nach der An 
dre e 's ch e n V ö l k e r k a r t e von O e st e r r e i ch &gt; U n g a ru 
ist schon ein größeres Gebiet nördlich der Drau slowenisch. 
Sämmtliche Städte Untersteiermarks sind überwiegend deutsch. 
Das Verhältniß zwischen den Deutschen und der windischen 
Landbevölkerung war ursprünglich ein gutes, bis es durch fa- 
natische Apostel des Slaventhums, zu denen namentlich die 
slowenischen Geistlichen und Lehrer zählen, von Grund aus ge- 
trübt wurde. 
Kärnten. Tie Deutschen Kärntens machen ungefähr 
70,4 Prozent der Gesammtbevölkerung dieser Provinz aus; man 
zählt hier 241,585 Deutsche und 102,252 Slowenen. 
Die Sprachgrenze folgt nach der Kiepcrt'schen Karte so ziemlich
        <pb n="43" />
        39 
der Drau von ihrem Zusammenfluß mit der Gail stromabwärts; 
jedoch schiebt sich bei Völkermarkt ein slowenischer Keil 
in das deutsche Gebiet hinein. 
Krain. In K r a i n bilden die Slowenen den Deut 
schen gegenüber bei Weitem die Mehrzahl; man zählt neben 
447,366 Slowenen nur 29,392 Deutsche, also nur 6,1 Prozent. 
Zwischen 25,060 und 26,000 unserer Stammesgenoffen wohnen 
allein in dem etwa 15 Quadratmeilen fassenden rein deutschen 
Herzogthum Gottschee im Süden des Landes. Sonst 
findet man Deutsche fast einzig in den Städten, wie Laibach, 
Rudolfswerth, Adelsberg. Krainburg u. s. w. Auch die Groß 
grundbesitzer sind zum größten Theile Deutsche und gut national 
gesinnt. Tie Deutschen Krains befinden sich in einer an Böh 
men erinnernden höchst bedrängten Lage. Tie Schikanen und 
Kränkungen, welche ihnen seitens der die Uebermacht besitzenden 
Slaven fortwährend zugefügt werden, bleiben meist ungeahndet. 
Der derzeitige Landespräsident selbst ist trotz seines deutsch 
klingenden Namens ein äußerst eifriger Förderer des Slaven- 
thums. 
Tirol. In Tirol zählt man 432.062 D e u t s che und 
360,975 Italiener; das Deutschthum macht also uur 54,5 
Prozent der Bevölkerung aus. Abgesehen von einzelnen Sprach- 
inseln, die selbst bis nach Italien hinüberreichen, hat sich die 
deutsche Bevölkerung in der Richtung nach Süden am weitesten 
das Etschthal entlang vorgeschoben, wo sich das deutsche wie 
ein Keil in das welsche oder richtiger vcrwelschte Gebiet hinein 
drängt. Leider ist in Tirol, wie säst überall in Oesterreich, 
das Deutschthum in offenbarem Rückschritte begriffen; jedoch 
datirt hier dieser Riickschritt nicht, wie es anderwärts der Fall 
ist, wenige Jahre oder Jahrzehnte, sondern Jahrhunderte zurück:
        <pb n="44" />
        noch im fünfzehnten Jahrhundert war ganz Tirol deutsch. Ge- 
genwärtig macht das Jtalienerthum reißendere Fortschritte denn 
je, und dieser beängstigende Zustand wird ohne Zweifel an- 
halten, so lange man nicht dem unablässigen Wühlen der italie 
nischen Irredenta mit Energie entgegentritt. Einer der am 
weitesten vorgeschobenen Vorposten des Deutschthums in Tirol 
ist die große Gemeinde L n s a r n oder L u s e r n a , am äußer 
sten Ende des Landes; doch auch hier droht in Folge scham 
loser Intriguen das Welschthum schließlich die Oberhand zu 
gewinnen. 
Küstenland. Auch im österreichischen Küstenland ist 
das Jtalienerthum im Fortschreiten begriffen, jedoch we 
niger auf Kosten der Deutschen als der Slaven. Man zählt 
übrigens hier neben 876,603 Italienern und 320,806 
Slaven nur 12,579 Deutsche. Letztere vertheile» sich so, 
daß in Triest und Umgebung 5,141, in Istrien 4,779, m 
Görz und G r adiska 2,659 Einwohner deutscher Nationalität 
vorhanden sind. 
Dalmatien. Die geringste Anzahl Deutscher, sowohl in 
absolutem wie in relativem Sinne, beherbergt unter den cislei- 
thanischen Ländern das wirthschaftlich wichtige Dalmatien. 
Neben 440,279 Serbo -Kroaten und 114,291 Italienern 
finden sich hier nur 3,382 Deutsche. 
Galizien. Während der letzten Jahrhunderte sind zahl 
reiche Deutsche in Galizien eingewandert; dieselben sind je 
doch zum größten Theile mit den eingesessenen Slaven ver 
schmolzen. Im Jahre 1880 zählte man unter einer Gesammt- 
bevölkerung von 5,937,984 Seelen 324,336 Deutsche, also 
5,5 Prozent. Diese Zahl ist aber offenbar eine zu hohe wegen 
der vielen deutschsprcchenden Juden welche darin einbegriffen
        <pb n="45" />
        41 
lind. Man schätzt die Gesammtzahl der Juden in Galizien auf 
nahe an 450,000. Nach Andrer sind in Ostgalizien 2 Prozent 
Deutsche und 11 Prozent Juden, in Westgalizien 3 Prozent 
Deutsche und 7 Prozent Juden. In Westgalizien finden wir 
Deutsche mit Polen gemischt in den Gegenden von B o ch n i a , 
Wicliczka und Candor. Fünf deutsche Dörfer bestehen 
bei M i e l c e, acht in der Gegend von L e z i e s k. 
Außerdem befinden sich im westlichen Galizien noch ungefähr 
14 Städte und größere Ortschaften, in denen Deutsche und 
Polen neben einander wohnen. In Ostgalizien zählt man un- 
-gefähr 75 überwiegend deutsche Ortschaften. Die Deutschen 
Lemberg's machen etwa 'h der Einwohnerschaft aus, die 
übrigen */? bestehen nach Jung zu gleichen Theilen aus Polen 
And Juden. 
Bukowina. Die Bukowina soll unter einer Ge- 
sammtbevölkerung von 658.504 Personen 108,820 Deutsche be- 
Herbergen, also 17,7 Prozent. Diese Zahl wird jedoch bedeu- 
tend, vielleicht um mehr als die Hälfte kleiner, wenn man die 
deutschsprechenden Juden in Abrechnung bringt. Andrer 
schützt unter Zugrundelegung älterer Zählungen die Deutschen 
auf 8, die Juden auf 0,6 Prozent. Aller Wahrscheinlichkeit nach 
haben sich inzwischen die Deutschen nicht vermehrt und die 
Juden nicht vermindert. Nennenswerthe deutsche Sprachinseln 
iw der Bukowina sind: Czernowitz, Moldauisch-Kim- 
Polung und S U c z a w a ; letztere beiden in rumänischem 
Gebiet. 
b) Länder der ungarischen Krone. 
Bei Besprechung der vielen und zum Theil bedeutenden 
deutschen Siedelungen in den Ländern der Stefanskrone 
fOlsten wir vorzüglich der kleinen, hochinteressanten Schrift von
        <pb n="46" />
        42 
Rudolf Bergner „Die deutschen Kolonien in Ungarn", dem 
betreffenden Abschnittein K. E. Jung's „Teutsche Kolonien", 
sowie den einschlägigen Artikeln der „Deutschen Post". 
Nach der Zählung vom 31. Dezember 1880 befinden sich 
in ganz Transleithanien unter einer Bevölkerung von 15,642,102 
Seelen 1,963,911 Deutsche, ungefähr 12,5 Prozent. Die 
Deutschen nehmen unter den verschiedenen Nationalitäten, welche 
diese Länder bewohnen, der Zahl nach die vierte Stelle ein; 
übertroffen werden sie nur von den Magyaren (41,2Prozent), 
Rumänen (16,4Prozent) und Kroato-Serben (15Prozent) 
während die Slowaken (11,9 Prozent) ihnen beinahe gleich 
kommen. Zu den Zahlenaugaben sei ein für alle Mal bemerkt, 
daß des Sprechens noch unfähige Kinder nicht mitgezählt wur- 
den. In Ungarn werden die Hochdeutschen im Allgemeinen 
Schwaben, die Niederdeutschen Sachsen genannt. 
1 Die Deutschen in Westungarn. In den Komita- 
ten Preßburg, Wieselburg, Sedeubürg und Eisen- 
bürg, an der österreichischen Grenze, in unmittelbarem Zusam- 
menhang mit dem großen deutschen Sprachgebiet, wohnen iiber 
330.000 Deutsche, welche etwa 40 Prozent der Gesammtbevölke- 
rung dieser Komitate, in Wicselburg sogar nahe an 70 Prozent 
ausmachen. In der Stadt Preßburg wohnen nach Jung gegen 
30.000 Deutsche neben 9000 Slaven und 7000 Magya 
ren. Die westungarischen Teutschen scheiden sich in drei 
Gruppen: Die HLenzen, welche ihren Namen von Kaiser- 
Heinrich III. dem Schwarzen herleiten, die Deutschen 
von Ei se nstadt und Rust und die Hcidebauern. Sie 
sind sämmtlich Hochdeutsche. 
2. Die Deutschen in Mittelungarn. Nördlich vom 
Plattensee, östlich von der Raab bis an die Donau befinden
        <pb n="47" />
        43 
sich zahlreiche gröbere und kleinere Niederlassungen Hochdeutscher. 
Besonders dicht wohnen die Deutschen zwischen den Städten 
Papa und Veszpriem, sowie um Budapest herum auf der 
rechten Donauseite. In der Hauptstadt selbst zählte man 
118,607 Deutsche, gegen 45 Prozent. 
3. Die Deutschen im Donau-Drau-Winkel. von 
Es sek bis Földvar, an der rechten Seite der Donau entlang. 
Nach ihren Bewohnern heißt diese Gegend die „schwäbische 
Türkei". Im Komitate To ln a sind 32.2 Prozent, im Ko- 
mitate Baranya gegen 34,5 Prozent der Bevölkerung 
Deutsche. In letztgenanntem Komitate zählt man 278 deutsche 
Ortschaften. Die Stadt F ü n s k i r ch e n, in welcher eine deutsche 
Zeitung erscheint, wird zum großen Theile, die innere Stadt 
vorwiegend von Deutschen bewohnt. In dieser ganzen Gegend 
wohnen mindestens 177,000 Deutsche. 
4. Die Schwaben in der Bacska, dem fruchtbaren 
Landstrich, der südlich und westlich von der Donau, östlich von 
der Theiß begrenzt wird. Diese Ansiedelungen ziehen sich etwa 
von Neusatz bis nahe an Kalocsa hin. Sie dürften gegen 
180,000 deutsche Bewohner zählen. 
5. Die Deutschen in Kroatien. Slavonien und 
der Militärgrenze. Von der Bacska aus erstreckt sich 
eine Reihe deutscher Niederlassungen über fast ganz Slavo 
nien bis nach Kroatien hinein und über die Komitate der 
Militärgrenze, namentlich die Komitate V e r ö s z e (14.7 
Prozent Deutsche), Syrmien (17,3 Prozent) und Peter- 
w a r d e i u (14,3 Prozent). In Kroatien, Slavonien und der 
Militärgrenze zählt man 84,034 Deutsche. Von den Städ 
ten des Landes bewohnen sie namentlich Agram, Cszek und 
V arasdin.
        <pb n="48" />
        44 
6. Die Schwaben in Banat. Die Gesammtzahl 
der Banaler Schwaben schätzt man ans 400,000. Für 
die drei Komitate K r a s s o, Temes und T o r o n t a l, in 
denen sie am dichtesten sitzen, giebt der letzte Zensus 333,149 
Deutsche an. Im Komitate Torontal befinden sich 60 rein 
deutsche Ortschaften. Die Stadt T e m e s v a r ist trotz einer 
oberflächlichen magyarischen Tünche eine deutsche Stadt geblie- 
ben. Sämmtliche Magyarisirungsversuche scheitern an dem 
zähen Sinn der schwäbischen Bauern. Sie bleiben deutsch, 
trotzdem keine einzige deutsche höhere Schule in der Gegend ge- 
duldet wird. Das rege deutsche Nationalbewußtsein der Sieben 
bürger Sachsen freilich geht ihnen leider vollständig ab. Die 
Schwaben wohnen theils in reindeutschen Ortschaften, theils mit 
andern Nationalitäten gemischt, weniger in Städten als in 
Dörfern und Marktflecken. Im Schwabenlande erscheinen gegen 
20 deutsche Zeitschriften. Die Banater Schwaben sind in er- 
freulichem Fortschreiten begriffen; die Serben, Ruthenen und 
Walachen werden sichtlich von ihnen zurückgedrängt. 
7. Die Siebe nbürger Sachsen wohnen zu drei 
großen Gruppen vereint: 1) d i e Gruppe um die Stadt 
B i st r i tz herum, welche ungefähr 30 Ortschaften umfaßt und 
südlich bei Tekendorf, der ältesten Niederlassung der Sach 
sen in Siebenbürgen, endet; 2) das alte Land oder der 
K ö n i g s b o d e n mit den Städten H e r m a n n st a d t, 
Schönau, Medias ch, Sch äßburg, Reps und Dr aas; 
3) das B u r z e n l a n d, in dessen Mitte K r o n st a d t liegt. 
Der zweiten der genannten Gruppen sind die durch rumänisches 
Sprachgebiet von ihr getrennten Niederlassungen um B r o o s 
und Mühlbach herum zuzuzählen. Nach der Zählung von 
1880 leben 201,713 Sachsen in Siebenbürgen. Sie wohnen
        <pb n="49" />
        45 
theils in Städten zum größeren Teil auf dem Lande. Die 
sächsischen Dörfer machen zusammen 253 selbständige Pfarrge- 
meinden aus; viele derselben haben eine sehr starke Einwohner 
schaft, nicht selten zwischen 3000 und 8000 Seelen. Die Be 
völkerungsverhältnisse in den wichtigsten Städten des Sachsen 
landes gestalten sich wie folgt: 
Civilbewohner Teutsche 
Hermanustadt 19,285 12,010 
Kronstadt 29,716 9,998 
Cchäßburg 8,789 5,235 
Bistritz 8,030 5,085 
Mediasch 6.499 3,410 
Mühlbach 6,140 2,000 
2&gt;ie Sachsen besitzen durchweg einen ancrkennenswerthen 
Rationalstolz, an dem alle Magyarisirungsversuche scheitern. 
Dieser Rationalstolz findet seinen Grund vor allen Dingen in 
der höheren Bildung, welche dem Sachsenvolke im Vergleich 
mit den Magyaren und Walachen eigen ist. Den festesten Hort 
des Deutschthums in Siebenbürgen bilden daher die vortrefs- 
lichen deutschen Erziehungsanstalten und öffentlichen Bibliothe- 
ken; von letzteren sind allein in Hermannstadt vier vorhanden. 
Der Erhaltung deutscher Bildung dient auch die Presse und 
der im Jahre 1842 gegründete „Verein für siebenbürgische 
Landeskunde . Von letzterem sagt Jung: „Außer seinem jetzt 
zwanzig Bände umfassenden Vereinsarchiv und einem Korrespon- 
denzblatt hat derselbe die Herausgabe einer langen Reihe von 
Werken veranlaßt und unterstützt, welche für die Geschichte, wie 
die Kenntniß der natürlichen Verhältniffe des Landes die werth 
vollsten Beiträge geliefert haben". Den auf dem Lande woh 
nenden Sachsen gewährt ihre eigenthümliche Organisation einen
        <pb n="50" />
        46 
festen Zusammenhalt. Sämmtliche junge Burschen und Mäd 
chen gehören von der Konfirmation bis zur Ehe gewissen Ver 
bänden an, der B r u d e r s ch a f t und Schwesterschaft. 
Mit der Heirath treten sie in eine der vier Nachbarschaf 
ten ein, in die gewöhnlich jedes Dorf getheilt ist. 
Wenn Jung trotz alledem einen Rückgang des Sachsen- 
volkes gegenüber den Magyaren und Rumänen feststellt, so 
kann dieser nur in der geringeren natürlichen Vermehrung der 
Sachsen seinen Grund haben. Die ursprünglich deutschen 
Städte Klausenburg, Thoreuburg, Straßburg, Dees und andere 
haben nach Jung vollständig ein magyarisches Gepräge ange 
nommen; in Hermannstadt haben während des Zeitraums von 
1870 bis 1880 die Deutschen nur um 136, die Rumänen aber 
um 285, die Magyaren um 237, die Juden um 142 Köpfe zu- 
genommen. Fast noch schlimmer steht es nach demselben Ge- 
währsmann in anderen Städten; in Mühlbach sind die Deut 
schen von den Rumänen bereits aus der Stadtverwaltung her 
ausgedrängt worden. Weit tröstlicher und hoffnungsvoller für 
die Zukunft des edlen Sachsenvolkes klingt die Ansicht Rudolf 
B e r g n e r s. eines ausgezeichneten Landeskenners. Er sagt : 
„Eine Verringerung der sächsischen Elemente hat nur hinsicht 
lich der Bezirke als Ganzes stattgefunden, indem dank der 
schlauen Politik der Magyaren die Zertrümmerung des Königs 
bodens und die Zuweisung der einzelnen Stücke desselben an 
neugebildete Komitate erfolgte. Besaß früher das Deutschthum 
in jedem der Sachsenstllhle und im Bistritzer und Kronstädter 
Distrikt die absolute Ueberlegenheit, so befindet es sich jetzt in 
sämmtlichen Komitaten in der Minorität". 
8. D i e G r ü n d n e r. So nennt man die in den ober- 
ungarischen Bergstädten angesessenen Mitteldeutschen. Ihr Ge-
        <pb n="51" />
        47 
biet umfaßt die Orte Schmöllnitz, Göllnitz, Stooß, Schwedler, 
Einsiedel und Wagendrüsiel. 
9. D i e Zipfer. Die Einwanderung der Deutschen 
(Nieder- und Mitteldeutsche) in das sogenannte Zipser-Land 
fand ungefähr um dieselbe Zeit statt wie diejenige der Sachsen 
in Siebenbürgen. Die Glanzzeit der Zipser war die Zeit vom 
14. bis zum 16. Jahrhundert; damals blühte hier ein reiches 
und mächtiges Bürgerthum und Städtewesen. Jetzt sind von 
den 175,000 Bewohnern der Zips kaum noch 61,000 deutsch. 
Von den früher so blühenden Städten haben ihr deutsches Ge 
präge noch einiger Maßen bewahrt die Orte L e u t s ch a u , 
Käsmark, Schmöks und Deutschendorf. Berg- 
ner stellt dem Nationalgefühl des Zipfers kein gutes Zeugniß 
aus, wenn er sagt: „Der Zipser ist außerhalb seiner Hcimath 
stets bereit, sich als Magyar zu erklären, innerhalb derselben 
spricht er dem slowakischen Dienstmädchen zu Liebe das fremde 
Idiom und vergißt darüber sein Deutschthum". In der letzten 
Zeit soll sich übrigens eine Wendung zum Bessern geltend ge- 
macht haben. Nach Jung ist das Schulwesen verbessert wor 
den, suchen gesellige Vereine deutsches Wesen zu erhalten, zu 
wecken und zu pflegen. 
10. T i e K r i ck e r h ä u e r. In den beiden bedeutendsten 
der niederungarischen Bergstädte, K r e m n i tz und S ch e m n i tz, 
hat sich bis auf den heutigen Tag ein Rest des einst hier all 
mächtigen Deutschthums erhalten. Von diesen dereinst reichen 
llnd mächtigen Bergstädteu aus wurden, namentlich im 14. 
Jahrhundert, neue Zweigkolonien gegründet, welche, da sie in 
wilder Waldgegend angelegt wurden, die Bezeichnung „hau" 
(Nushau) erhielten, wie z. B. Glaserhäu, Koneschhäu u. s. w. 
^ie so entstandenen Ortschaften wurden „Haudörfer" genannt,
        <pb n="52" />
        48 
ihre Bewohner nach dem zu ihnen gehörenden Marktflecken 
Krickerhän „ K r i ck e r h ä u e r ". Die Krickerhäuer wohnen in 
einer äußerst unwirthlichcn, unfruchtbaren Gegend und befinden 
sich in bitterster Armuth. 
11. Kleinere Ansiedelungen. Außer den be 
sprochenen Niederlassungen bestehen noch eine Menge kleinerer, 
zum Theil Trümmer früher blühender Kolonien, welche jedoch 
meist zu unbedeutend sind, um sie einzeln hervorzuheben. Zu 
erwähnen ist die Niederlassung von Schwaben auf den Besitzun 
gen des Grafen Schönborn bei M u n k a c S, ganz im 
Nordosten Ungarns. Diese Schwaben sind gute Deutsche, sie 
halten sich in edlem Stolze streng abgeschlossen von Magyaren, 
Slowaken und Juden. Die Kolonie scheint in erfreulichem Fort 
schreiten begriffen zu sein. Auch bei Nagy-Karoly befinden 
sich lebensfähige Ansiedelungen von Schwaben. 
Wie bereits ausgeführt worden ist, würde die Weltlage 
des Deutschen Reiches ohne Zweifel eine weit gcführdetcre, wenn 
in Oesterreich-Ungarn die Oberherrschaft von den Deiltschen und 
Magyaren auf die Slaven übergehen sollte. Ein solches Er 
eigniß zu verhüten liegt jedoch keineswegs allein im Interesse 
Deutschlands, welches durch dasselbe eines außerordentlich 
schätzenswerthen Bundesgenossen verlustig gehen würde, sondern 
in weit höherem Maße im Interesse der Habsburgischen Mo 
narchie selbst; denn die Slaven sehen ihren natürlichen Schwer 
punkt in Rußland, und Rußland wünscht bekanntlich nichts 
sehnlicher als sämmtliche Slavcnstämme unter seinem Scepter 
zu vereinigen. Von dem Deutschen Reiche droht Oesterreich-
        <pb n="53" />
        49 
Ungarn keine Gefabr, denn die Deutschen verabscheuen den 
starren Zentralismus, welchem die geistig und kulturell weit 
unter ihnen stehenden slavischen Völker offenbar zustreben; ihren 
Bedürfnissen entspricht weit mehr ein Bundesstaat, dessen ein 
zelne Glieder möglichst wenig in ihrer freien Beweglichkeit ge 
hemmt erscheinen, welcher aber trotzdem einer kräftigen Ober 
leitung nicht entbehrt, denn nur eine solche ist im Stande, feind 
liche Angriffe mit Erfolg abzuwehren und die Nation dauernd 
vor dem Zerfall zu schützen. Für Oesterreich-Ungarn ist es 
demnach geradezu eine Lebensfrage und für das Deutsche Reich 
ist es von äußerster Wichtigkeit, daß in den Ländern diesseits 
der Leitha die Deutschen, jenseits derselben die Magyaren die 
Herrschaft in Händen behalten. Nun machen freilich, wie wir 
gesehen haben, weder die Deutschen hüben noch die Magyaren 
drüben auch nur die Hälfte der Einwohnerschaft aus, dennoch 
ist jedes dieser beiden Völker in seiner Reichshälfte nach immer 
das tonangebende. Am wenigsten ist es leider in Cisleithanicn 
das deutsche Volk. Wenn übrigens die Deutschen Oesterreichs 
gegenwärtig an allen Ecken und Enden vor dem slavischen Ansturm 
zurückzuweichen gezwungen sind, so tragen sie an dieser bedauerns 
werthen Schwäche ohne Zweifel selber den größten Theil der 
Schuld. Bcthört durch hohle Schlagworte, durch internationale 
Mächte beeinflußt, ordneten sie verschiedenen, oft einander schnür- 
stracks entgegengesetzten Parteibestrebungen das nationale Wohl 
unter und bewilligten den Slaven, welche die Parteiströmungen 
zu benutzen wußten, aber nie in wahlberechtigtem Egoismus 
ihr nationales Interesse aus dem Auge verloren, eine Forderung 
nach der andern, bis ihnen schließlich die Bäume über den Kopf 
zu wachsen drohten. Trotz alledem besitzen die Deutschen über 
die anderen Völkerschaften der cisleithanischen Kronländer noch 
4
        <pb n="54" />
        50 
immer ein gewisses Uebergewicht, welches ihnen theils die g-- 
schichtliche Entwickelung des österreichischen Staatswesens ver 
liehen hat, das sie zum andern Theile ihrer überlegenen Kultur, 
sowie der unvergleichlich höheren Bedeutung ihrer Sprache ver 
danken. „Das Deutsche ist", mit Andree zu sprechen, „d e 
Sprache des Kaiserhauses, der Zentralregierung für die im 
Reichsrathe vertretenen Länder, des stehenden Heeres, der Kriegs 
marine, die vorzüglichste Vermittlerin des Verkehrs und Han 
dels, die von den Gebildeten fast aller Nationalitäten verstandenen 
Sprache." Man darf ferner nicht außer Acht lassen, daß die 
gegenwärtig im Vergleich mit früheren Zeiten gedrückt erschei 
nende Lage des Deutschthums zum größten Theile durch e .e 
unbegreifliche Regierungspolitik künstlich hervorgerufen wurde. 
Diese Regierungspolitik erscheint um so unbegreiflicher, als sie — 
auch von gewichtigen Gründen der äußeren Politik ganz abg«- 
sehen — nothwendiger Weise, wie auch das blödeste Auge ein 
sehen muß, zum Zerfall des Reiches führt, denn welche der 
vielen Landessprachen wäre geeignet die deutsche Sprache zu 
ersetzen und als Bindemittel zu dienen zwischen allen den ver- 
schiedenen Nationen und Natiönchen des Kaiserstaats'? Wie ist 
ferner ein einheitliches und schlagfertiges Heer denkbar, wenn 
die Vorgesetzten nicht im Stande sind, sich unter einander und 
mit ihren Untergebenen geläufig und schnell zu verständigen? 
Es wäre wahrlich an der höchsten Zeit für die österreichische 
Regierung, den betretenen abschüssigen Pfad zu verlassen. 
In ganz anderer Weise, als die Deutschen im eigentlichen 
Oesterreich, besitzen die llngarn in den Ländern der Stefans 
krone das Uebergewicht. Erfreulicher Weise verfolgen sie eine 
durchaus nationale Politik und führen mit zielbewußter Energie 
die Herrschaft. Dringend zu wünschen, ja zu verlangen wäre
        <pb n="55" />
        51 
es jedoch, daß sie nicht durch übereifrige Magyarisirungsversuche 
l)ie Deutschen Ungarns, welche ihre Treue so oft und so glän 
zend bewährten, und in Folge dessen die Deutschen überhaupt 
sich zu Feinden machten. Dadurch könnte beiden Theilen ein 
unberechenbarer Schaden entstehen. Beide, die Deutschen sowohl 
wie die Ungarn, haben im Osten Platz sich auszudehnen die 
Hülle und Fülle, ohne mit einander in Widerstreit gerathen zu 
müssen; wie diese Ausdehnung stattzufinden hätte, darüber 
würde bei geringer Nachgiebigkeit von beiden Seiten leicht ein 
Einvernehmen zu erzielen sein. Selbstverständlich dürfen sich 
die Deutschen von den Magyaren eben so wenig wie von den 
Russen den Zugang zu den vielversprechenden, dünn bevölkerten 
Ländern des Orients versperren lassen. Die Magyaren sind 
zudem nicht im Stande, diese weiten Länverstrecken zu bevölkern, 
ihre Bodenschätze zu heben, sie politisch und wirthschaftlich zu 
beherrschen; das kann nur eine so große und so stark sich ver- 
mehrende Station wie die deutsche. Im wohlverstandenen eigenen 
Interesse der Ungarn würde es liegen, die auf den Orient ge- 
richteten Bestrebungen der Deutschen nach Kräften zu fördern 
und zu unterstützen, denn dann würde ihnen dereinst ein über- 
reichlicher Antheil zufallen an den Schätzen, welche im Osten 
der habenden Hände harren. 
Die Erweiterung des deutschen Wirthschaftsgebietes in der 
Richtung nach Osten wird schwerlich anders gelingen als durch 
eine dauernde politische und wirthschaftliche Einigung 
Mischen dem Deutschen Reiche ünd der Habsburgischen Monarchie. 
Eine politische Vereinbarung ist durch das Bündniß vom 7. 
Oktober 1879 bereits erfolgt, ein enger wirthschaftlicher Verband 
zwischen beiden Reichen, welcher unzweifelhaft eine Erweiterung 
"nd Befestigung der bestehenden politischen Freundsckaft im 
4
        <pb n="56" />
        52 
Gefolge haben wird, ist nur noch eine Frage der Zeit; die 
Vortheile, welche er beiden Theilen verspricht, sind zu außer 
ordentliche, als daß man nicht alle Kräfte daran setzen sollte, 
die ihm entgegenstehenden Hindernisse hinwegzuräumen. Man 
darf sich freilich nicht verhehlen, daß diese Hindernisse noch immer 
große sind; die Verschiedenheiten der Finanzlage, des Münz- 
wesens, der Währung, das in Oesterreich bestehende Taback- und 
Salzmonopol, sowie manche andere Dinge machen die Frage, 
wie eine engere wirthschaftliche Einigung, die sich im Wesent- 
lichen als ein Zollverein darstellen würde, durchzuführen wäre, 
zu einer äußerst schwierigen. Die Vereinigung Deutschlands 
und Oesterreichs zu einem einzigen großen Wirthschaftsgebiete, 
zu einem Wirthschaftsgebiete, welches die Wellen der Nord- und 
Ostsee einerseits, diejenigen des Schwarzen Meeres und der 
Adria andererseits bespülten, welches gewaltige, durch Kanäle 
mit einander verbundenen Wasserstraßen, wie der Rhein, die 
Weser, die Elbe, die Oder und die Donau, sowie Eisenbahn- 
linien sonder Zahl durchzögen, würde den Bewohnern beider 
Länder eine nie dagewesene Aera des Wohlstandes und des 
Gedeihens bringen, vorausgesetzt, daß eine weise, den Grundsätzen 
Friedrich List's folgende Wirthschaftspolitik sie vor den 
raffinirten Ausbeutungen feindlicher und internationaler Kapi 
talmächte hinreichend zu schützen vermöchte. In diesem großen 
Wirthschaftsgebiete würden die Deutschen ein gewaltiges Ueber- 
gewicht besitzen über alle anderen Völker, und bald würde das 
Slaventhum wieder in die ihm gebührenden Schranken zurück- 
gewiesen sein. Für deutsches Kapital und deutsche Arbeitskraft 
würde sich ein Gebiet eröffnen, wie es schöner und lohnender 
nicht gedacht werden kann. Schmucke deutsche Bauerhäuser 
würden sich erheben, wo früher der schweinestallartige Kraal des
        <pb n="57" />
        53 
Südslaven und Walachen stand, frische deutsche Lieder ertönen 
an Stelle der theils krankhaft schwermüthigen theils unnatürlich 
leidenschaftlichen Weisen des Slaven und Zigeuners. Immer 
weiter nach Osten würde das deutsche Volksthum vorrücken und 
endlich die weiten, von der Natur so sehr begünstigten, jedoch 
dank der Schlaffheit und Verkommenheit ihrer unwürdigen Be 
wohner fast gänzlich verödeten Länder des Orients in blühende 
Gefilde verwandeln. Ohne an den traurigen Erscheinungen der 
Uebervölkerung zu leiden, würde die deutsche Nation sich leicht 
bis auf 200 Millionen Seelen vermehren und in weit bedeu 
tenderem Umfange, als die Römer es je vermochten, der Welt 
den Frieden aufzuerlegen im Stande sein. 
Welcher Gegensatz aber zwischen diesen rosigen Zuknnfts- 
träumen und der rauhen Gegenwartl In Oesterreich geht vom 
alten deutschen Sprachboden ein Stück nach dem andern an 
Tschechen und Slowenen verloren, die Deutschen Ungarns, ins 
besondere die edlen Sachsen, stehen in Gefahr, den zudringlichen 
MagyarisirungSvcrsuchen zum Opser zu fallen, selbst der Slowak 
ist in stetem Fortschreiten begriffen auf Kosten des Magyaren 
sowohl wie des Deutschen, der Ruffe endlich steht drohend vor 
den Thoren Koustantinopels. Zweierlei aber laßt uns nicht 
verzagen in dieser trüben Zeit: das herzliche Einvernehmen 
zwischen dem Teutschen Reiche und der Habsburgischen Mo- 
narchie, sowie das herrliche Erwachen des Nationalbewußtseins 
unter den Deutschen Oesterreichs. Ein kräftiges Nationalbe 
wußtsein führt zur Einigkeit, und Einigkeit ist dasjenige, was 
allein den Teutschen noth thut, um alle Gefahren, mögen sie 
ollch noch so drohend erscheinen, siegreich zu bestehen. Möchte 
daher in Oesterreich sowohl wie im Reiche der Mahnruf recht 
beherzigt werden, welchen eine gottbegnadete Dichterin, eine
        <pb n="58" />
        edle deutsche Frau aus vornehmem österreichischem Hause, an 
alle deutsch fühlenden Herzen ergehen läßt. Wahrlich, nicht 
besser können wir unsere Betrachtungen schließen als mit den 
prächtigen, halb wehmüthig klagenden halb hossnungsfreudig er 
regten Strophen dieses wunderbar ergreifenden Mahnrufes. 
M a h n r uf.*) 
Durch die Lüfte rauscht ein Mahnen, 
Einer Sturmesahnung gleich, 
Reicht die Hände euch, Germanen, 
In dem schönen Oesterreich! 
Bildet eine heil'ge Gilde 
Nicht allein durch Stahl und Erz, 
Wahrt die besten eurer Schilde: 
Deutsche Zunge, deutsches Herz! 
Seht aus deutscher Erde quellen 
Eurer Donau blaue Fluth: 
Deutsche Tropfen ihre Wellen, 
Deutsche Tropfen ener Blut! 
Nicht nur in des Rheines Gauen 
Sucht das deutsche Vaterland — 
Lebt's nicht in den grünen Auen 
Auch am alten Donaustrand'? 
Singt das Lied der Nibelungen 
Nicht von beiden im Verein? 
Sprecht mit kindlich frommen Zungen 
*) Das Gedicht ist verfaßt von Frau Gräfin Wilhelmine 
Wickenburg'Almasi, in Musik gesetzt von Neinhold Becker.
        <pb n="59" />
        00 
Mutter Donau, Vater Rhein I 
Hebt die Stirn mit edlem Stolze 
Euren nord'schen Brüdern gleich, 
Ja, aus deutschem Eichenholze 
Lind auch wir in Oesterreich. 
Betend falten wir die Hände 
In demselben Heiligthum, 
Eins ist unser Ziel und Ende: 
Deutschen Volkes Ehr' und Ruhm! 
Durch die Lüfte rauscht ein Mahnen, 
Immer lauter dringt's herein: 
Reicht die Hände euch, Germanen, 
An der Donau und am Rhein.
        <pb n="60" />
        56 
2) Die Deutschen in Rußland. 
Ueberall im weiten Zarenreiche finden sich Deutsche, von 
der preußischen und österreichischen Grenze bis zum Uralgebirge 
und zum Kaspischen See, vom Weißen bis zum Schwarzen 
Meer, von der Ostsee bis zum Kaukasus. Schwerlich ist ein 
Gouvernement vorbanden, das nicht mindestens einige Hundert 
Deutsche unter seinen Bewohnern zählte. Eine nur einiger 
maßen erschöpfende Darstellung der Verbreitung des Deutsch 
thums über das russische Kaiserreich und der mannigfachen 
Wirksamkeit unserer Landsleute daselbst würde Bände füllen; 
wir können unsere ohnehin kurzen Erörterungen selbstverständ 
lich nur auf diejenigen Gegenden beschränken, in welchem das 
Deutschthum in besonders hervorragendem Maße vertreten ist. 
Solche Gegenden sind: die deutschen Ostseeprovinzen, 
das Königreich Polen, die Gouvernements St. Peters 
burg, Kowno und Wolhynien, Südrußland, das 
deutsche Kolonicngebiet an der Wolga in den Gouvernements 
Saratow und Samara. 
Die Stellung des deutschen Elementes in den Ostseepro- 
vinzen Kurland, Livland und Esthland unterscheidet 
sich wesentlich von derjenigen des Deutschthums im übrigen 
Rußland, was in der eigenartigen Geschichte des Baltenlandcs 
seine vollkommene Erklärung findet. Schon über 700 Jahre, 
seitdem die Hanseaten und der deutsche Orden der Schwert- 
ritt er die Eroberung des Landes theils auf friedlichem theils 
auf kriegerischem Wege vollzogen, sitzen die Teutschen als Her- 
ren in den Ostseeprovinzen und ihnen verdanken dieselben ihre 
im Vergleich zum übrigen Rußland so hohe Kultur. Zeitweilig,
        <pb n="61" />
        57 
und zwar während ihrer höchsten Blüthezeit, waren die Ostsee- 
Provinzen auch politisch mit Deutschland verbunden, indem sie 
den Hochmeister des deutschen Ordens zu Maricnburg als ihren 
Oberherrn anerkannten. Nichts als die beklagenswerthe deutsche 
Uneinigkeit, welche bekanntlich nach der Reformation und durch 
dieselbe ihren höchsten Grad erreichte, ist Schuld daran, daß 
nicht noch jetzt das ganze baltische Küstenland von Memel bis 
nach St. Petersburg in deutschem Besitze ist. Die baltischen 
Deutschen theilen sich in zwei große Zweige oder vielmehr 
Stände, in den grundbesitzenden Adel und in die in den Städ 
ten ansässige Bürgerschaft. Sowohl in den Städten als auch 
auf dem platten Lande sind sie die besitzende, die herrschende 
Klasse, welcher die anderen Völkerschaften, die Esthen, Letten, 
Liven. Russen und Juden untergeordnet sind, obwohl sie 
selbst nur ungefähr 16 Prozent der Gesammtbevölkerung aus 
machen. Im Ganzen wohnen gegen 120.000 Deutsche in den 
drei Provinzen, von denen etwas über 14,000 Adelige, die 
übrigen Kaufleute, Ehrenbürger und Bürger sind. Das stolze 
Stammesbewußtsein der baltischen Deutschen, ihr mannhaftes 
Eintreten für heimische Sitte und Sprache allen barbarischen 
ÄiussificirungSversuchen gegenüber muß um so rühmender aner 
kannt werden, als ihr Kampf gegen eine wahrhaft erdrückende 
Uebermacht geführt wird und beinahe aussichtslos erscheint; nur 
das unvermuthete Dazwischentreten von Ereignissen, welche auf 
die ganze politische Stellung Rußlands umgestaltend einwirkten, 
könnte einen günstigen Ausgang des muthvollen Ringens unse 
rer baltischen Stammesgenossen erhoffen lassen. Leider scheint 
eines der festesten Bollwerke des Deutschthums in den Oftsee 
provinzen, die Universität Dorpat, dem russischen Andrängen 
bald nicht länger widerstehen zu können.
        <pb n="62" />
        58 
I» den zehn Gouvernements, welche das Königreich 
Polen ausmachen, wohnen gegen 400,000 Deutsche, zum grüß- 
ten Theil als Gewerbetreibende und Kaufleute in den Städten, 
zum Theil auch, namentlich in der Weichselniederung, als Acker- 
bauer auf dem Lande. Am zahlreichsten sind die Deutschen 
vertreten in den Gouvernements Piotrkow, Warschau, Kalisch, 
Plock und Suwalki 
Das Gouvernement St. Petersburg beherbergt e..va 
330.000 Deutsche, von denen allein gegen 60,000 in der Haupt- 
stadt leben. Die übrigen Deutschen des Gouvernements, deren 
Vorfahren zum größten Theile von Peter dem Großen, Katha- 
rma H. und Alexander I. ins Land gezogen wurden, betreiben 
namentlich Ackerbau und andere ländliche Gewerbe; sie haben 
sich um die Kultivation und Verbesserung des Bodens, beson- 
ders in der Umgebung der Hauptstadt, außerordentlich verdient 
gemacht. 
In Westrußland sind es — abgesehen von dem König- 
reiche Polen — vorzugsweise die Gouvernements Kowno und 
Wolhynien, welche eine stärkere deutsche Bevölkerung auf- 
weisen. In Kowno leben nahe an 16,000, in Wolhynien über 
26.000 Deutsche. Die Deutschen Wolhyniens, zum größten 
Theile in der Gegend von Schi to mir ansässig, sind fast 
sämmtlich Ackerbauer. Sie rodeten Urwälder ans, sie legten 
Sümpfe trocken, sie verwandelten Einöden in blühende Gefilde; 
aber man dankte ihnen schlecht. Die Verfolgungen, welchen sie 
ihrer Nationalität und ihres protestantischen Glaubens wegen 
von Seiten der Russen ausgesetzt sind, haben bereits eine große 
Zahl von ihnen zur Auswanderung getrieben und viele Andere 
sind im Begriff, den vorangegangenen Brüdern zu folgen. 
In Südrußland, den Gouvernements Bessarabien
        <pb n="63" />
        59 
Cherson, Jekaterinoslaw und Taurien, bestehen zahl 
reiche deutsche Ackcrbaukolonien und auch in den Städten, n. 
mentlich in Odessa, ist vas deutsche Element stark vertreten. 
Erwähnenswerth sind die vielen deutschen Mennonitenge- 
meinden, welche sich in diesen Gebieten, namentlich im Gou 
vernement Jckaterinoslaw, angesiedelt haben. Die Mennoniten 
verließen ihr Vaterland meist, um sich der ihren religiösen Ar- 
schauungen widersprechenden Wehrpflicht zu entziehen. Die Ge- 
sammtzahl aller Deutschen in Südrußland beträgt gegen 157,(00. 
Sehr bedeutend sind die deutschen Niederlassungen an der 
Wolga, in den Gouvernements Saratow und Samara, 
wo gegen 252.000 deutsche Kolonisten in mehr als 170 re..r 
deutschen Ortschaften ein ziemlich zusammenhängendes Gebiet 
bewohnen, welches, an beiden Ufern der Wolga belegen, von 
Norden nach Süden sich ungefähr von der Stadt Wolsk bis 
zur Stadt Kamyschin erstreckt. Südlich von diesem ausgedehn 
ten Koloniengebiet, an der Stelle ungefähr, an welcher die Wolga 
sich plötzlich nach Südwesten wendet, liegt die eigenartige deutsche 
Herrenhuterniederlassung Sarepta. 
Tie Zahl sämmtlicher Deutschen im europäischen Rußland - 
kann man mit ziemlicher Sicherheit auf rund eine Million 
Seelen voranschlagen. Die Frage nach der Zukunft des Deutsch 
thums in Rußland und nach der Bedeutung desselben für die 
Gesammtnation, die Frage, ob die deutschen Kolonien in Süd 
rußland die ersten Ansätze bilden zu einer Ausdehnung unseres 
Volksthumes nach Osten, oder ob sie in der sie umgebenden 
slavischen Welt unterzugehen bestimmt sind, diese Frage läßt 
sich gegenwärtig schwerer denn je beantworten, da sie auf das 
innigste mit einer anderen Frage zusammenhängt, mit derjeni 
gen nach der Zukunft des großen Zarenreiches überhaupt. Der
        <pb n="64" />
        russische Koloß scheint in einer gewaltigen Krisis begriffen zu 
'sein: in seinem Innern gährt es auf das bedenklichste, sein 
Verhältniß zu sämmtlichen benachbarten Staaten ist ein ge 
spanntes; was schon die nächste Zukunft in ihrem Schoße birgt, 
wer vermöchte es zu wissen? Wer weiß es, ob nicht bald Er 
eignisse eintreten werden, welche die Zukunft in einem helleren 
Lichte erscheinen lassen, als dieses gegenwärtig der Fall ist? 
Gelingt es den Deutsch-Russen nicht, ihre Nationalität zu erhal 
ten und ihren Einfluß zu Gunsten des gcsammten Dcutschthums 
in erheblichem Maße zu vermehren, so dienen sie offenbar zu 
nichts anderem als zu erneuter Bestätigung der alten traurigen 
Wahrheit: der Deutsche ist der schlimmste Feind des Deutschen. 
Deutsche Fabrikanten und Werkführer schädigen durch Förderung 
-der russischen die deutsche Industrie, deutsch-russische Bauern 
haben nicht unwesentlich dazu beigetragen, daß von Seiten 
Rußlands unserer Landwirthschaft die empfindlichste Konkurrenz 
bereitet wird, der baltische Adel versorgte von jeher die Russen 
mit Generalen und Staatsmännern Man sollte denken, daß 
diese Verdienste der Deutschen um die Hebung der Wohlfahrt 
im russischen Reiche von den Russen gern und willig anerkannt 
würden. Das ist jedoch keineswegs der Fall; der Russe haßt 
den Deutschen im Allgemeinen. Das mag zum Theil auf na 
tionale Antipathie, zum Theil auf Neid und Mißgunst zurück- 
zuführen sein, ein Hauptgrund für den Deutschenhaß der Rus 
sen liegt offenbar in einer wie bei ihnen so auch anderswo 
leider häufig vorkommenden Begriffsverwirrung, indem die 
durchaus von einander verschiedenen Begriffe „Nationalität" 
und „Sprache" mit einander verwechselt werden. Die „Kölnische 
.Zeitung" äußert sich darüber wie folgt: „Im westlichen und 
südlichen Rußland ist der kleine Mann völlig in den Händen
        <pb n="65" />
        61 
der Juden. Da aber die Juden meistens den Rüsten fremd 
klingende Namen tragen und sich oft der deutschen Sprache, 
allerdings mit einer schrecklichen Verunstaltung derselben bedie 
nen, so hält sie der gemeine Mann für Deutsche oder wenig 
stens für den Deutschen verwandt und scheert Juden und 
Deutsche über einen Kamm. Selbst einigermaßen gebildete 
Russen verrathen dieses dürftige Unterscheidungsvermögen. Es 
braucht wohl kaum erwähnt zu werden, daß jene Umstände von 
den Panslawisten zur Schürung des Deutschenhasses ausgenutzt 
werden."
        <pb n="66" />
        62 
3) Die Deutschen in Rumänien. 
Von den deutschen Kolonien Rumäniens ist vor allen der 
jenigen in Bukarest Erwähnung zu thun, welche — die 
Deutsch - Oesterreicher selbstverständlich einbegriffen — gegen 
20,000 Seelen zählt. Die Bukarester deutsche Gemeinde besitzt 
eine Elementarschule, einen Fröbel'schen Kindergarten, eine gute 
Realschule. In dem gewerblichen und industriellen Leben der 
rumänischen Hauptstadt nehmen die Deutschen einen sehr her 
vorragenden, wenn nicht den ersten Platz ein. Auch in anderen 
Städten Rumäniens, namentlich in der Walachei, leben 
zahlreiche Deutsche, welche überall ihre heimische Sprache und 
Sitte treu zu bewahren bedacht sind. 
Eigentliche deutsche Ackerbaukolonien sind wohl nur in der 
Dobrudscha vorhanden, wo sie schon unter der türkischen 
Herrschaft existirten, doch scheinen sie gegenwärtig leider in 
Auflösung begriffen zu sein. Von den deutschen Kolonisier 
dörfern in der Dobrudscha seien genannt: Atmadscha, Tschucko- 
rowa, Tarrewerde, Koscholack und Anadolkoi; die drei zuletzt ge 
nannten liegen in der Nähe von Küste nd sche, wo sich eben 
falls einige deutsche Familien niedergelassen haben. Unerträg 
liche Belästigungen seitens der rumänischen Behörden verán- 
laßten eine große Zahl dieser deutschen Kolonisten sich zur Aus- 
Wanderung zu entschließen, und einige Familien haben diesen 
Entschluß auch bereits zur Ausführung gebracht. Das Beneh 
men der Rumänen diesen Kolonisten gegenüber muß Befremden 
erregen, da sie doch vor allen Dingen daraus bedacht sein 
sollten, die noch unbenutzten reichen Bodenschätze ihres frucht 
baren Landes zu heben und zu verwerthen und demnach alle
        <pb n="67" />
        63 
diejenigen, welche ihnen darin behülflich sein können, im Lande 
zu halten und möglichst zu unterstützen. Wer wäre aber wohl 
mehr dazu geeignet, als der fleißige, intelligente deutsche Bauer? 
Freilich, ihre Verfassung verbietet den Rumänen, ihr Land durch 
ein anderes als durch ein Volk lateinischer Rafle koloniflren 
zu lassen? Sind aber etwa die Juden lateinischer Abkunft, 
die doch einen großen wenn nicht den größten Theil des Grund 
besitzes sowohl wie des mobilen Kapitals schon längst in ihren 
Händen haben? 
Der deutsche Handel nimmt in Rumänien die zweite Stelle 
ein, er folgt unmittelbar auf den englischen. Er ist wesentlich 
Einfuhrhandel und hob sich allein im Jahre 1886 um 80 
Prozent. 
Jedenfalls ist Rumänien — und zwar nicht allein seines 
fruchtbaren Bodens wegen — ein wirtschaftlich außerordentlich 
wichtiges Land; namentlich ist es für Deutschland und Oester- 
reich-Ungarn von der allergrößten Bedeutung, da es die Mündung 
des wichtigen Donaustromes beherrscht.
        <pb n="68" />
        4) Die germanischen Staaten im Westen 
des deutschen Sprachgebietes. 
Die Schweiz. Von den 22 Kantonen der Schweiz sind 
folgende 15 von einer deutschsprechenden Bevölkerung bewohnt: 
Zürich, Bern (ca 84 Prozent deutsch, 16 Prozent französisch), 
Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Glarus, Zug, 
Solothurn, Basel, Schaffhausen, Appenzell, 
St. Gallen, Aargau, Thurgau. Ueberwiegend französisch 
sind die Kantone: Freiburg, Waadt, Wallis, Neuenburg, Gens. 
Jedoch macht auch in diesen Kantonen, der sogenannten französi 
schen Schweiz, das deutsche Element einen bedeutenden Bruch- 
theil der Bevölkerung aus und ist in erfreulichem Fortschreiten 
begriffen; besonders in den Kantonen Neuenburg und Genf 
weicht die französische Sprache vor der deutschen immer mehr 
zurück. In Waadt ist beinahe ein Zehntel, in Genf überein 
Zehntel, in Neuen bürg ungefähr ein Viertel der Bevölkerung 
deutscher Nationalität. In Freiburg waren im Jahre 1880 
neben 70.316 französisch sprechenden Personen 35,705 deutsch- 
sprechende, also beinahe die Hälfte; in Wallis waren 31,962 
Deutsche und 67,214 Franzosen. Der Kanton Tessin ist so 
gut wie vollständig italienisch. Nur eine Gemeinde mit unge- 
gefähr 80 Haushaltungen ist hier vorhanden, in welcher deutsch 
gesprochen wird; es ist dieses: die nahe an der italienischen 
Grenze gelegene Gemeinde Bosco. Die Deutschen von Bosco 
wanderten vor ungefähr 600 Jahren hier ein und haben in 
dieser langen Zeit, mitten unter den Welschen, ihre Mutter- 
spräche treu bewahrt. In Graubünden zählte man 1880 
neben 43,664 Deutschen 37,794 Romanen und 12,976 Italiener.
        <pb n="69" />
        65 
Die eigenartigen, nur in diesem Kanton gesprochenen ro 
manischen Mundarten sind stark mit deutschen Worten gemischt 
und werden von der deutschen Sprache immer weiter zurückge 
drängt. Die gebildeten „Romanschcn" sprechen nach der „Deut 
schen Post" (1887 Heft 2) ein sehr schönes Deutschs was sich 
von den eigentlich deutschen Schweizern leider nicht sagen läßt. 
Rach der Zählung von 1880 betrug die deutsche Bevölke- 
rung der Schweiz 2,030,702, die französische 608,000, die italic- 
Nische 161,023 und die romanische 38,705 Seelen; über 70 
Prozent der Gesammtbevölkerung sind also deutsch. Bon sammt- 
lichen in der Schweiz gesprochenen Sprachen ist nur die deutsche 
im Fortschreiten begriffen. 
Die gesonderte polische Entwickelung des Schweizervolkes 
hat das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit den Deutschen 
im Reiche und Oesterreich vielfach verwischt, das deutsche 
Rationalbewußtsein fast vollständig erstickt. Ein großer, wenn 
nicht der größte Theil der deutschen Schweizer scheint eher von 
allen anderen als von freundschaftlichen Gefühlen beseelt auf 
den mächtigen deutschen Rachbarn im Norden hinzublicken. 
Trotzalledem muß anerkannt werden, daß sie stets mit großer 
Zähigkeit an ihrer deutschen Muttersprache festgehalten haben 
und noch festhalten. 
Jeder Deutsche aus dem Reiche pflegt in der deutschen 
Schweiz mit einer gewissen feindseligen Geringschätzung „Schwab" 
genannt zu werden. Die guten Leute vergessen dabei, daß in 
ihren eigenen Adern ein gut Theil schwäbischen Blutes fließt. 
Diejenigen unter ihnen allerdings, welche dem Franzosenthum 
anhängen, und leider scheint deren Zahl, wenn sie auch im Ab 
nehmen begriffen sein dürfte, keine geringe zu sein, sind entartete 
verkommene Söhne des edlen, ruhmreichen Schwabenstammes.
        <pb n="70" />
        66 
Luxemburg. Nach der Zählung im Jahre 1885 betrug 
die Bevölkerung des bekanntlich durch Personalunion mit Hol 
land verbundenen Großherzogthums Luxemburg 213,283 Per 
sonen, von denen nach Hübner's geographisch-statistischen Ta 
bellen (Jahrg. 1888) ungefähr 209.600 Deutsche sind. Trotzdem 
also die Einwohner des Großherzogthums durchweg deutsch 
reden, ist die französische Sprache zur Amtssprache erhoben; es 
ist traurig, um keinen schlimmeren Ausdruck zu gebrauchen, 
daß man sich derartiges gefallen läßt. Nach dem Tode des 
gegenwärtigen Großherzogs. Königs Wilhelm III der 
Niederlande, ist Herzog Adolf von Nassau von Rechts 
wegen zur Thronfolge berufen; dann wird die sogenannte 
„luxemburgische Frage" ohne Zweifel wieder auf der Bildfläche 
erscheinen. Die Luxemburger wollen gern auch ferner dem 
deutschen Zollverein angehören, sie verabscheuen jedoch eine 
Einverleibung in das Deutsche Reich. Das heißt mit andern 
Worten: sie wollen die wirthschaftlichen Vortheile einer engeren 
Verbindung mit dem großen und mächtigen Deutschen Reiche 
behalten, verschmähen es aber, die mit denselben verbundenen 
Lasten und Pflichten auf sich zu nehmen Derartige Verhält 
nisse können unmöglich auf die Dauer geduldet werden. 
Belgien. Die Bevölkerung des Königreiches Belgien 
scheidet sich, abgesehen von einer verhältnißmäßig geringen Zahl 
Deutscher in Flamländer oder Vlämen und Wallonen, 
erstere dem germanischen, letztere dem keltisch-romanischen Stamm 
angehörend. Die Abstammung spiegelt sich auch in der Sprache 
wieder: die Wallonen sprechen einen französischen Dialekt, wäh 
rend das Vlämische nur in unbedeutendem Maße von dem 
Holländischen abweicht; das Vlämische soll für einen Norddeut 
schen noch leichter verständlich sein als das Holländische.
        <pb n="71" />
        67 
Es ist übrigens anzunehmen, daß den Wallonen mehr germani 
sches Blut beigemischt ist als den eigentlichen Franzosen, da 
schon seit den ältesten Zeiten in Belgien deutsche Stämme seß 
haft waren. Von den zu seiner Zeit im südlichen Theile des 
heutigen Belgiens ansässigen Nerviern berichtet Cäsar: 
circa affectationem Gerraanicae originis ultro ambitiös! sunt, 
tamquam per haue gloriam sanguinis a similitudine et iner 
tia Gallorum separentur, d. h. sie pochen äußerst eifrig auf 
ihre deutsche Herkunft, als ob sie durch diesen Ruhm des 
Blutes von der Aehnlichkeit und Schlaffheit der Gallier abge 
sondert würden. Die heutigen Tages im südlichen Belgien 
wohnenden Wallonen jedoch erkennen gerne die Nachkommen 
jener Gallier als ihre Stammesgenosien an und hegen die 
freundschaftlichsten Gefühle für sie. Glücklicher Weise ist kaum 
V» der Bevölkerung Belgiens wallonisch; die übrigen Bewohner 
des Landes sind Flamländer und Deutsche. Von den 5,910,000 
Bewohnern Belgiens sprechen ungefähr 59,100 keine andere 
Sprache außer der deutschen; verstanden wird dieselbe jedoch 
von über 400,000 Personen. 
Deutschsprechende Belgier bewohnen vorzugsweise die 
Provinzen Limburg und Luxemburg. Die deutsche Sprach 
grenze im nordöstlichen Belgien folgt nach Andree's Hand 
atlas ungefähr einer Linie, welche von Aachen um Tienen 
herum sich in der Richtung nach Venloo bewegt. Die Deut 
schen Belgiens fühlten sich bereits stark genug, um der Abge- 
ordnetenkammer eine Vorstellung zugehen zu lassen, in welcher 
die facultative Anwendung der deutschen Sprache im Unter- 
richtswesen, sowie vor den Gerichten verlangt wurde. Die 
Petition ging von Bewohnern der Stadt Arlon in der Pro 
vinz Luxemburg aus.
        <pb n="72" />
        68 
Nach dem 6. Jahrgang des „Statistischen Jahrbuches für das 
Deutsche Reich" lebten 1885 in Belgien 36,196 in Deutschland 
geborene Personen; jedoch wird die wirkliche Zahl wohl eine 
größere sein. Eine nennenswerthe Anzahl Deutscher wohnt in 
Antwerpen; die Zahlenangaben schwanken zwischen 5000 und 
16000. Unter den Deutschen Antwerpens, wie überhaupt unter 
den dortigen Fremden, sollen sich recht viele zweifelhafte Ele 
mente befinden; doch ist auch ein großer Theil der angesehensten 
Firmen dieser hochwichtigen Handelsstadt in deutschen Händen. 
Fast rein vlämisch sind die Provinzen Ostflandern, 
Antwerpen, Westflandern und Limburg; auch in 
Brabant überwiegt das vlämische Element bedeutend. Selbst 
über die belgische Grenze hinaus, bis nahe an Calais wird 
die vlamische Sprache verstanden. Ein Bericht des französischen 
Generals Faidherbe vom Frühjahr 1871 erwähnt die deutsch- 
freundliche Gesinnung der „population basse-allemande“ im 
französischen Departement du Nord. 
An dem blutigen Aufstand gegen die Herrschaft der ihnen 
so nahe verwandten Holländer im Jahre 1830 nahmen in echt 
germanisch'partikularistischer Verblendung auch die Flamländer 
Antheil und zwar mit derselben Begeisterung, mit derselben Wuth 
wie die Wallonen. Als dieser Aufstand dann schließlich zur 
Gründung des neuen Königreichs Belgien geführt hatte, maßten 
sich natürlicher Weise die Wallonen die Oberherrschaft in dem 
selben an, welche doch nach Bevölkerungsziffer und geschichtlicher 
Vergangenheit ohne Zweifel den Flamländern zugekommen wäre. 
Das Französische wurde Hof-, Amts- und Staatssprache, die 
urwüchsige schöne vlämische Sprache wurde in unverantwort 
licher Weise zurückgedrängt. Selbstverständlich ließen sich die 
Flamländer eine solche Zurücksetzung nicht gefallen; es entstand
        <pb n="73" />
        69 
in den vlämischen Provinzen eine mächtige nationale Bewegung 
zum Schutze heimischer Sprache und Art. Von den Führern 
dieser Bewegung seien vor Allen genannt: I. F- Willems 
aus Gent, Hendrik Conscience und der Lyriker Emanuel 
Hiel. Die Bewegung führte im Jahre 1868 zur Gründung 
eines sich bald über den vlämischen Theil Belgiens ausbreiten- 
den Vereins, welcher sich die Pflege und Erhaltung der Mut 
tersprache zur Aufgabe stellte, des dem erwähnten I. F. Willems 
zu Ehren benannten „Willems-Fonds." Erst als nach den 
deutschen Siegen in Frankreich die Wallonen ihren Rückhalt an 
dem mächtigen Kaiserreiche Napoleons III. verloren hatten, 
konnten die Flamländer einige wenige ihrer wahlberechtigten 
Forderungen durchsetzen. Die vlämische Sprache nimmt jedoch 
noch lange nicht die ihr in Belgien gebührende Stelle ein. 
Es darf uns Deutschen keineswegs gleichgültig sein, ob in 
dem Nachbarstaate Belgien, welcher sowohl in wirthschaftlicher 
wie in militärischer Beziehung für uns von der größten Be- 
deutung ist, die uns durchaus feindlich gesinnten Franzosen 
oder die schon durch den Gegensatz zu diesen auf uns ange- 
wiesenen Flamländer die Oberhand haben. Ganz abgesehen 
davon, daß schon das natürliche Gefühl in dem Kampfe zwischen 
Flamländern und Wallonen uns die Partei ersterer ergreifen 
heißt, würden sehr nahe liegende politische Gründe es empfehlen, 
dem Willems-Fonds auch in Deutschland die kräftigste Unter- 
stützung angcdeihen zu lasien. Mögen auch manche Vlämcn 
eine gewisie Abneigung gegen das Teutschthum empfinden, zu 
welcher jedenfalls der unglückselige religiöse Zwiespalt — der 
Flamländer ist im Allgemeinen streng katholisch — und der 
leidige „Kulturkampf" ihr Theil beigetragen haben, so besitzen 
wir doch ohne Zweifel sehr viele und sehr einflußreiche Freunde
        <pb n="74" />
        70 
unter ihnen. Der vielgefeierte Hendrik Conscience war ein 
warmer Verehrer unseres Volkes und von den Gesinnungen 
des berühmten vlämischen Dichters Emanuel Hiel geben dessen 
„Lieder an Deutschland" hinreichend Zeugniß. Von einem 
dieser Lieder, einem Dankeslied für die Siege der Deutschen in 
den Jahren 1870/71, seien hier einige Verse hergesetzt, da sie 
für die Auffassung des vlämischen Dichters und mancher seiner 
Stammesgenossen charakteristisch sind: 
Hoe 1 zullen wij u 2 * danken, o Duitsche Broederschaar 
Gij ' die door moedig kanipen ons reddet van’t gevaar 
Der Fran sehe rooverbenden, die van Germaniens Rijn 
En 4 ook der Maas, der Schelde de Meesters wilden zijn? 
Ach, gij die werdt gebroken, verscheurd, 5 ter dood 
gewond 
Ach, gij die ligt hegraven in vreemden Franschen grond 
Hoe zullen wij u danken? — wan’t 0 door uw heldendood 
Verlostet 2 gij ook Viaandren uit dwang, gevaar en nod. 
1) wie, 2) euch, 3) ihr, 4) und, 5) zerrissen. 6) denn, 7) 
erlöstet. 
(Das Gedicht ist einem in der „Teutschen Post" (1887, 
Heft 11/12) erschienenen Aufsatze des Dr. Vormeng über die 
vlämische Bewegung entnommen). 
Holland. Die Holländer sind Abkömmlinge von drei ur- 
deutschen Stämmen, den Sachsen, Friesen und Franken. 
Wie es von echten Germanen nicht anders zu erwarten ist, 
stehen sie ihren deutschen Stammesgenossen feindlicher gegenüber 
als irgend einer fremden Nation. „Leelijke Mos" ist die ge 
wöhnliche Bezeichnung für den Deutschen, während dieser wieder 
den Holländer mit „Kaaskop" zu rcgaliren pflegt. Ter noch
        <pb n="75" />
        71 
vor Kurzem in Holland sehr rege Argwohn gegen den mächtigen 
deutschen Nachbarn soll übrigens in letzter Zeit dem rückhalt- 
losen Vertrauen aus dessen Gerechtigkeitssinn so gut wie voll 
ständig Platz gemacht haben; ja, es werden drüben bereits 
Stimmen laut, welche einen näheren Anschluß an Deutschland 
als in beiderseitigem Interesse liegend erachten. Man weiß 
recht wohl, daß, wenn der offenkundige Herzenswunsch der 
Franzosen, die Erwerbung des linken Rheinufers, in Erfüllung 
gehen sollte, nicht allein Deutschland und Belgien, sondern auch 
Holland darunter zu leiden haben würde. Indeß nicht nur rein 
politische, sondern vor allen Dingen auch wirthschaftliche Gründe 
lassen einen solchen Anschluß beiderseits als wünschenswerth 
erscheinen, worauf bereits der unvergeßliche Justus Möser 
in seinen „Patriotischen Phantasien" mit Nachdruck hingewiesen 
hat. Friedrich List nennt Holland bezeichnender Weise einen 
der „großen Brückenköpfe" des deutschen Zollvereins. 
Das „Statistische Jahrbuch für das Deutsche Reich" (Sechster 
Jahrgang 1885) giebt 42,026 im Deutschen Reiche geborene 
Personen für die Niederlande an; doch wird die wirkliche Zahl 
sicherlich eine beträchtlich höhere sein. Besonders in Rotterdam 
leben zahlreiche Landsleute. Der dortige ..Deutsche Bürgerverein" 
giebt seit Kurzem ein eigenes Blatt, die „Deutsche Bürgerzeitung", 
heraus. Derselbe Verein beabsichtigt nach der „Deutschen Post 
die Einrichtung einer deutschen Schule; ferner ist die Begründung 
einer Bibliothek, einer Abend- und Sonntagsschule für Hand- 
werkcc und Arbeiter und die regelmäßige Abhaltung von deut 
schen Vorlesungen beschlossen worden.
        <pb n="76" />
        72 
5) Die Deutschen in England. 
Für die Erhaltung des Deutschthums in England brau 
chen wir uns eben nickt sonderlich zu erwärmen; im Gegentheil 
dürfen wir wohl wünschen, daß ein großer Theil der in diesem 
Lande ansässigen Deutschen so schnell wie möglich seine Natio- 
nalität ablegt und zum Britenthume übergeht. Dennoch ist 
dem Deutschthume in England, welches uns schon der Zahl 
seiner Repräsentanten wegen Interesse abnöthigt. eine gewisse 
politische Bedeutung nicht abzusprechen, da es ohne Zweifel aus 
die Verkehrsverhältnisse und die Wechselbeziehungen zwischen 
zweien der größten Nationen der Welt in mannichfacher Weise 
gestaltend einwirkt. 
Die Zahl sämmtlicher Deutscher in Großbritannien wird 
auf 200,000 veranschlagt, wenngleich das „Statistische Jahrbuch 
für das Deutsche Reich" (6. Jahrgang 1885) für das ganze 
vereinigte Königreich nur 40,371 im Deutschen Reiche geborene 
Personen angiebt. Der große Sammelpunkt der Deutschen in 
England ist London, und wenn von dem Deutschthum in 
Großbritannien die Rede ist, so ist vorzugsweise das Deutsch- 
thum in London darunter zu verstehen. Die Zahl der Deut- 
scheu in London wird ganz verschieden angegeben: von 40,000 
bis zu 120,000. Wer auch nur in oberflächlicher Weise das 
Londoner Leben kennen gelernt hat, wer da gesehen hat, wie 
die Deutschen in der Riesenstadt keineswegs verschwinden son- 
dern überall anzutreffen sind, ja einigen Stadttheilen sogar ein 
gewisses Gepräge verleihen, der wird entschieden die letztgenannte 
größere Zahl als der Wahrheit näher kommend erachten. 
Die deutsche Kolonie in London zählt freilich recht viele
        <pb n="77" />
        73 
reiche Kaufleute und wohlhabende Gewerbetreibende zu den ihri 
gen; die bei Weitem überwiegende Mehrzahl unserer dortigen 
Landsleute gehört jedoch leider der ärmeren Klaffe der Bevöl 
kerung an. Der Berufsart nach sind die Deutschen Londons 
vorwiegend Kellner und Hotelbedienstete, Bäcker, Handlungsbe 
flissene. Musiker, Sprachlehrer, Uhrmacher, Friseure, Kürschner, 
Schneider, sonstige Arbeiter und schließlich — leider nicht in 
allzu geringer Anzahl — unverbefferliche Bummler. Groß ist 
die Anzahl der deutschen Restaurants, welche jedoch durchaus 
nicht allein von Deutschen besucht werden; die deutschen Re 
staurants zeichnen sich im Allgemeinen durch größeren Comfort, 
sowie durch die Mannigfaltigkeit und Vorzüglichkeit der verab 
reichten Speisen und Getränke vor den englischen aas. Deutsche 
Kellner sind keineswegs allein in den deutschen Restaurants zu 
finden; nicht minder trifft man sie in fast allen größeren und 
defieren englischen Hotels und Restaurants an. Wegen ihrer 
Gewandtheit, Sauberkeit und Anstelligkeit werden sie überall 
ihren englischen Kellegen vorgezogen. Das deutsche Lagerbier 
erfreut sich trotz seiner meistens schlechten Qualität auch bei dem 
englischen Publikum einer steigenden Beliebtheit; sogar in vie- 
len echt englischen „publie bouses" gelangt es bereits zum Aus- 
schaut. Die große Tottenham Lagerbier-Brauerei wird von 
Deutschen geleitet und verwendet ausschließlich deutsche Arbeiter. 
Nächst dem Gewerbe der Kellner ist wohl dasjenige der Bäcker 
am zahlreichsten vertreten unter den Deutschen Londons. Un 
gefähr die Hälfte sämmtlicher in London vorhandener Bäcker- 
Meister sind Deutsche, und diese beschäftigen wiederum fast aus- 
nahmslos deutsche Gesellen. Was die deutschen Kaufleute in 
London anbetrifft, so beschäftigen nach der „Times Prozent 
der bedeutenderen Firmen der City als Korrespondenten Aus-
        <pb n="78" />
        74 
länder, die fast sämmtlich Deutsche sind, und stehen die übn- 
gen 65 Prozent im Begriff, diesem Beispiele zu folgen. Na- 
türlicher Weise sind die englischen „clerks" nicht besonders gut 
zu sprechen auf ihre deutschen Kollegen, welche ihrer bessern 
Sprachkenntnisse wegen ihnen vorgezogen werden. Tie Pflege 
der Musik ist fast gänzlich den Deutschen überlassen: auch die 
Musiklehrer sind zum überwiegenden Theile unsere Landsleute. 
Keine besondere Ehre machen indeß der deutschen Musik die so- 
genannten „German bands", deren Erscheinen nach dem Volks- 
munde Regen erwarten läßt; es sind Banden vagabuudirender 
Spielleute, welche die ganze britische Insel durchpilgern, mit 
Vorliebe sich jedoch in der Hauptstadt aufhalten. Auch in der 
englischen Malerei macht sich deutscher Einfluß in hervorragen- 
dem Maße geltend, wie überhaupt in vielen Dingen, zu deren 
Pflege künstlerischer Geschmack und Schönheitssinn erforderlich 
sind, deutsche Hülfe in Anspruch genommen wird. So werden 
die bei Hoffestlichkeiten, insbesondere bei den sogenannten „Dra 
wing rooms", von den vornehmen englischen Damen getragenen 
prachtvollen Blumensträuße ausschließlich von deutschen Händen 
gewunden. 
Zur Ehre gereichen den Deutschen Londons die wählt hä- 
ti gen Anstalten, in welchen hülfsbedürftige und kranke 
Landsleute flute Aufnahme finden; besonders erwähnenswerth 
ist unter diesen das „Deutsche Hospital" in Dalston. 
Deutsche Kirchen giebt es zehn, neun protestantische und eine 
katholische; außerdem noch einige deutsche Methodisten-Kapcllen. 
Zwei oder drei deutsche Zeitungen erscheinen in London; sie 
sind jedoch sämmtlich ohne Belang. Als die bedeutendste gilt die von 
Kinkel gegründete „LondonerZcitungHermann", welche einen ver 
alteten, nunmehr fast kindisch zu nennenden Radikalismus vertritt.
        <pb n="79" />
        Sehr zahlreich sind die deutschen Klubs und Vereine. 
Ter vornehmste deutsche Klub ist der „Teutsche Verein sür Kunst 
und Wissenschaft" in Mortimer Street, auch „German Athe 
naeum“ genannt. Zu den besten deutschen Vereinen zählt un» 
streitig der „Deutsche Turnverein", von dessen 1000 Mitgliedern 
jedoch nur ungefähr 300 Deutsche sind. Von der Vaterlands- 
liebe dieser deutschen Mitglieder des Turnvereins zeugt die That 
sache, daß aus seiner Mitte eine Abtheilung London der frühe- 
ren „Gesellschaft für deutsche Kolonisation" gegründet wurde, 
welche als Abtheilung der nunmehrigen „Deutschen Kolonial 
gesellschaft" noch jetzt besteht. Die meisten der von den weni 
ger gebildeten Elementen besuchten deutschen Klubs — und diese 
machen leider die ungeheure Mehrzahl aus — gereichen dem 
deutschen Namen wenig zur Ehre. Statt Stätten zu sein, in 
denen das deutsche Nationalbewußtsein eine Stütze und Pflege 
findet, tragen sie fast ausnahmslos das Gepräge eines schwäch- 
lichen, verächtlichen Kosmopolitismus. Dafür zeugt schon die 
auf den ersten Blick eigenartig erscheinende Thatsache, daß vie- 
len dieser Klubs auch Franzosen angehören und, was das aller- 
traurigste ist. trotz ihrer Minderzahl oft eine tonangebende Rolle 
in denselben spielen. Wahrlich, man möchte geneigt sein, an- 
zunehmen, daß in den Adern der entarteten Deutschen, die fich 
derartiges gefallen lafien — auch ihr Acußeres scheint übrigens 
darauf hinzudeuten - kein Tropfen edlen germanischen Blutes 
fließt, daß sie vielmehr eines Stammes sind mit jenen ihnen so 
sympathischen sansculottes. Hasardspiele und wüste Vergnü- 
gungen sind in zahlreichen der niedrigen deutschen Klubs an 
der Tagesordnung. Will man diese beklagenswerthen Erschei- 
nungen richtig beurtheilen, so darf man nicht außer Acht lassen, 
daß ein leider nicht kleiner Theil der Teutschen Londons aus
        <pb n="80" />
        76 
notorischen Verbrechern und zweifelhaften Subjekten besteht, 
denen in der Heimath der Boden zu heiß unter den Füßen 
ward. Deutsche Prostituirte durchschwärmen die großen Ver- 
kchrsstraßen des Westens, namentlich Regent Street, Oxford 
Street und Strand; deren Zuhälter, die meistens aus Berlin 
stammen sollen, besitzen ihre eigenen Klubs. Die gefährlichsten 
und verdammenswerthesten der in London weilenden Verbrecher 
deutscher Herkunft sind jedoch ohne Zweifel die Anarchisten, 
denn diese sind nicht allein Verbrecher aus Leidenschaft, sondern 
zugleich Verbrecher aus Prinzip. Ihre Klubs, in welchen die 
unsagbarsten Verbrechen geplant wurden, wie das Reinsdorf'sche 
Attentat, der Mord des Polizeiraths Rumpf u. s. w., sind am 
richtigsten als Mördergruben zu bezeichnen. Es kann übrigens 
für jeden unparteiisch Urtheilenden wohl kein Zweifel darüber 
bestehen, daß solche Zustände der deutschen Nation, welche der 
artige Elemente ausgeschieden hat, weit weniger zur Schande 
gereichen, als der englischen, welche sie duldet. Die führenden 
anarchistischen Klubs scheinen folgende drei zu sein: der Whit- 
fteldklnb, von dem die erwähnten scheußlichen Verbrechen aus- 
gingen, der Klub Antonomie mit beni schändlichen Peukert an 
der Spitze und der City-Klub in Finsbury, dessen ,.manager"' 
der berüchtigte Daubenspcck ist. Letztgenannter Klub soll zu 
gleich eine Spielhölle schlimmster Art sein. Auch die Sozial 
demokraten, deren es unter den Deutschen Londons eine 
traurig große Zahl giebt, scheinen hier den wahnwitzigen Lehren 
des Anarchismus mehr als anderswo zugethan zu sein; wie 
überall so war auch hier die Sozialdemokratie die Mutter 
des Anarchismus. Rach der im Jahre 1887 bei Neufeld &amp; 
Mehring in Berlin erschienenen Broschüre „Der Anarchismus 
und seine Träger" unterscheidet sich der sozialdemokratische
        <pb n="81" />
        77 
„Kommunistische Arbeiter-Bildungsverein" in Tottenhamstreet 
in seinen Bestrebungen fast gar nicht von den anarchistischen 
Klubs. „Ja, er steht zu einem jeden derselben, die sich unter 
einander bitter befehden, in freundschaftlichem Verhältniß, be- 
zeichnet sich auch als 11. Sektion des Kommunistischen Arbeiter- 
Bildungsvereins, während der anarchistische Klub in Whitfield- 
street (der erwähnte Whitsieldklub) als 1. Sektion und die 
„Morgenröthe" als 111. Sektion bekannt sind. Sie sind eben 
alle drei aus dem von Karl Marx. Scherzer und Engels im 
Jahre 1848 gegründeten „Kommunistischen Arbeiter-Bildungs- 
verein" hervorgegangen." Arbeiter-Bildungsverein l Welcher 
Hohn l Es mag hier festgenagelt werden, daß ein Herr Leopold 
Kätscher in seinem bei Reclam erschienenen Büchlein „Aus Eng 
land", nachdem er mit Recht hervorgehoben hat. daß traurig 
viele der Deutschen Londons durch Mangel an Arbeit und Brot 
getrieben in das Verbrecherthum versinken und so das Ansehen 
des deutschen Namens empfindlich schädigen, wörtlich fortfährt: 
„Der gut organisirte und groß angelegte kommunistische Ar- 
beitcr-Bildungsverein zieht viele eingewanderte Deutsche an sich;, 
allein kann er indeß auch nicht helfen." Wenn die Engländer 
den Deutschen vorwerfen, die englischen Arbeiter mit den sozial- 
revolutionären Ideen, welche ihnen vordem gänzlich fremd wa- 
ren, bekannt gemacht zu haben, so kann man ihnen mit vollem 
Recht entgegenhalten: Warum gewährt ihr den schurkischen 
Verfechtern jener gefährlichen Ideen ein Asyl? 
Unleugbar herrscht in weiten Kreisen der englischen Gesell- 
schaft, besonders in den mittleren und unteren Schichten, Haß 
und Erbitterung gegen Alles, was deutsch heißt. Zum Theil 
mag dieses von der steigenden Konkurrenz herrühren, welche 
Deutschland dem englichen Welthandel macht, zum Theil - so-
        <pb n="82" />
        78 
weit es den Arbeiterstand betrifft ausschließlich - hat es seinen 
Grund im Brodneid gegen die in London eingewanderten 
Deutschen. Dazu kommt das deutsche Verbrecherthnm und die 
wohlbekannte Thatsache, daß viele Führer der aufrührerischen 
englischen Sozialistenpartei deutscher Herkunft sind oder wenig- 
Itens aus Deutschland herstammen. Ilm den Deutschen Londons 
vollkommen gerecht zu werden, dürfen wir jedoch nicht ver- 
schweigen, daß der englische Pöbel sämmtliche Ausländer, die 
nicht Franzosen und Italiener sind, mit dem Sammelnamen 
„Germans“ zu bezeichnen pflegt. Insbesondere findet diese Be- 
Zeichnung auch Anwendung aus die vielen, in den letzten Fahren 
zugewanderten russischen und polnischen Juden; so wird die 
meistens berechtigte Abneigung gegen jenes Gesindel unberech 
tigter Weise auf unsere Landsleute übertragen. Das kam so 
recht gelegentlich des bekannten Prozesses Lipski zum Vorschein. 
Diese allerdings durchaus unentschuldbare, eine gehörige Portion 
Dummheit verrathende Verwechselung erklärt sich offenbar dar- 
aus, daß die russisch-polnischen Juden ein mit zahlreichen deut- 
schen Brocken gemischtes Kauderwelsch reden und häufig aus 
deutschen Worten zusammengesetzte Namen führen, wie ja Jeder- 
mann bekannt ist. Eine gewisse Geringschätzung bei Fremden 
muß offenbar auch der auffallende Mangel an Geistes- und 
Herzensbildung hervorrufen, den viele Deutsche Londons, na- 
mentlich deutsche Emporkömmlinge, dadurch an den Tag legen, 
daß sie, wie unser Reichskanzler sich so treffend ausdrückte, 
ihre Nationalität wechseln wie einen alten Nock, daß sie in 
ebenso dummer wie verächtlicher Weise ihr Vaterland verleugnen 
und nun, wie es bei Renegaten üblich ist, weidlich auf die hei- 
mischen Zustände schimpfen, vielleicht um dadurch sich das Ge- 
şiihl der eigenen Erbärmlichkeit auszureden. Dr. Karl Peters
        <pb n="83" />
        hat in einem seiner unter dem Titel „Deutsch-national er 
schienenen kolonialpolitischen Aufsätze solche Karrikaturen mit 
vortrefflichen Strichen gezeichnet. Keineswegs soll jedoch die 
jenigen achtungswerthen Männer ein Tadel treffen, welche, durch 
seltsame Fügung des Schicksals geleitet, sich in England ein 
neues Heim gründeten und nunmehr ihrem Adoptiv-Vaterlande, 
in dem sie ihr Glück fanden, eine aufrichtige Liebe entgegen- 
bringen. 
Alles in Allem genommen, ist es nicht zu leugnen, daß 
das Deutschthum in London manche sehr häßliche Seiten dar- 
bietet. Es berührt uns freilich wenig, wie die Engländer über 
uns denken, doch ist es immerhin erfreulich zu sehen, daß es 
auch unter ihnen Leute giebt, welche hinreichende Bildung be- 
sitzen, um das Deutschthum überhaupt nicht nach dem Deutsch- 
thum in London zu beurtheilen.
        <pb n="84" />
        80 
Aie Deutschen in Nordamerika, Wittel 
amerika und Westindien. 
Vereinigte Staaten von Nordamerika. Die wich. 
tigsten aller überseeischen deutschen Ackerbaukolonien sind die 
nordamerikanischen, denn Nordamerika ist das Land, 
in welches der Strom der deutschen Auswanderung sich von 
jeher vorzugsweise — in den letzten 15 Jahren gingen ungefähr 
Ä6,5 % aller deutschen Auswanderern dorthin — ergossen hat. 
Die Verbreitung des Deutschthums in der großen Nordamerika» 
nischen Republik ziffermäßig genau festzustellen ist unmöglich. 
Der letzte Zensus, derjenige von 1880, giebt nur diejenigen 
Angehörigen unserer Nation an. welche im Gebiete des Deut- 
schen Reiches geboren sind und das amerikanische Bürgerrecht 
erworben haben. Es fehlen also nicht allein die in Oesterreich 
und der Schweiz geborenen Deutsch-Amerikaner, sondern auch 
die zahlreichen in Amerika wohnenden Bürger des Deutschen 
Reiches, sowie die noch weit zahlreicheren Nachkommen früherer 
Einwanderer, welche ihrer angestammten Nationalität treu ge- 
blieben sind. Nichtsdestoweniger sind wir gezwungen, unseren 
Ausführungen den Zensus von 1880 zu Grunde zu legen und 
im Uebrigen uns auf die ungefähren Schätzungen landeskundiger 
Männer zu verlassen. 
Die ältesten Sitze des Deutschthums in Amerika sind die 
Staaten New-Uork und Pensylvanien. Der Staat New- 
Uork beherbergt auch jetzt noch von allen Staaten der Union 
die größte Anzahl im Deutschen Reiche geborener Personen 
nach dem letzten Zensus 335,913, von denen allein auf die
        <pb n="85" />
        81 
Stabt New- Aork mit Brooklyn 218,821 kommen. Tie 
Zahl sämmtlicher Angehöriger der deutschen Nation ist jedoch 
auf mehr als das Doppelte zu schätzen. Der prozentuale An- 
theil der Deut chen an der Bevölkerung der Stadt New-Aork 
würde demnach etwa 28 "/o betragen. Bon sonstigen Zentren 
deutschen Lebens im Staate New-Aork ist zu nennen Buffalo 
mit 25,543 eingewanderten Deutschen, ferner Rochester, Albany, 
Syracuse u. s. m. Auch in dem benachbarten Staate New- 
Jersey macht das Deutschthum einen nicht unbedeutenden 
Bruchtheil der Bevölkerung aus, besonders in den Städten 
Newark und Jersey-City. 
In Pennsylvanien lebt freilich eine geringere Anzahl 
ein gewanderter Deutscher, als in New-Hork, Illinois, Ohio 
und Wisconsin; an Zahl der Deutschen überhaupt überragt 
jedoch Pennsylvanien noch immer sämmtliche übrigen Staaten 
der Union. Die pennsylvanischen Deutschen, deren Gesammt- 
zahl auf über lV* Millionen angeschlagen wird, bilden den 
Haupttheil der Bevölkerung der schönsten Gegenden des Staates, 
wie der Thäler des Schuylkill, des Lehigh, des Swatara, des 
Conestoga, des Codorus, des Susquehanna, und der Leba- 
non- und Cumberlaudthäler. Die Nachkommen der älteren 
deutschen Kolonisten sprechen einen eigenartigen, aus schwäbisch 
deutschen und englischen Bestandtheilen gemischten Dialekt, das 
sogenannte „Pennsylvania dutch.“ Auch durch eine besondere 
Tracht unterscheidet sich ein Theil der pennsylvanischen Deut 
schen noch immer von den Aankees. Doch scheint leider die 
jüngere Generation sich diesen immer mehr zu assimiliren und 
die von den Bätern bewahrten deutschen Sitten und Gewöhn- 
heilen mit der deutschen Sprache über Bord zu werfen. In 
Philadelphia besinden sich über 100,000. zum großen
        <pb n="86" />
        82 
Theile ben ersten Ständen angehörige Deutsche, nach dem letzten 
Zensus allein 55,679 im Deutschen Reiche Geborene. Die 
Philadelpbier „Deutsche Gesellschaft von Pennsylvanien zum 
Schutze deutscher Einwanderer", gegründet am 25. Dezember 
1764, ist die älteste der zahlreichen, in den Vereinigten Staaten 
bestehenden Gesellschaften derselben Tendenz und wurde das 
Vorbild der übrigen. Außer Philadelphia sind Pitts bürg 
und Alleghany-City als Städte zu nennen, in welchen 
das deutsche Element zu bedeutendem Einflüsse gelangte. 
Auch nach dem nahen M a r y l a n d wandten sich früh 
deutsche Einwanderer, was sehr erklärlich ist. da vor dem Auf 
blühen New -Vorks Baltimore nächst Philadelphia der 
wichtigste Einwanderungshafen Amerikas war. Der letzte Zensus 
giebt in Baltimore 34,051 in Deutschland geborene Personen 
an. Einige in dieser Stadt blühende Industriezweige, wie na 
mentlich die Pianofortefabrikation, liegen ganz in den Händen 
der Deutschen. 
Von New-Pork und Pennsylvanien breitete sich die deutsche 
Ansiedelung über die ganze Union aus, so daß jetzt kein Staat 
derselben da ist, in welchem nicht wenigstens einige deutsche 
Niederlassungen vorhanden wären. Am meisten wurden jedoch 
von den deutschen Einwanderern die westlich und nordwestlich 
von Pennsylvanien gelegenen Staaten aufgesucht, während sie 
Neuengland — eine Ausnahme bildet Boston, wo eine 
ansehnliche deutsche Kolonie besteht — fast unberührt ließen. 
Die Staaten Ohio, Indiana, Kentucky. Illinois, 
Missonri, Kansas. Nebraska, Iowa, Michigan, 
Wisconsin. Minnesota bilden ein großes, zusammenhän 
gendes Wirthschaftsgebiet, in welchem das Deutschthnm durch 
die Zahl seiner Angehörigen und durch die Ausdehnung des
        <pb n="87" />
        83 
von denselben erworbenen Grundbelches eine äußerst hervor 
ragende Stellung einnimmt. In Wisconsin und Minne 
sota hatte das deutsche Element Mitte dieses Jahrhunderts so- 
gar ein entschiedenes Uebergewicht über das angelsächsische er 
langt; durch die Zuwanderung zahlreicher Yankees aus den 
östlichen Staaten und besonders durch beklagenswerthen Mangel 
an nationalem Sinn büßten unsere Landsleute leider ihre do- 
minirende Stellung wieder ein. Noch immer aber ist Wis- 
confin derjenige Staat, in welchem der prozentuale Antheil 
des Deutschthums an der Gesammtheit der Bevölkerung der 
größte ist, und Milwaukee die deutscheste aller namhaften 
Städte Amerikas. In dieser am Michigansee anmuthigst ge 
legenen Stadt spielen die Deutschen, welche mehr als die Hälfte 
der Bevölkerung ausmachen, die weitaus hervorragendste Rolle; 
hier giebt es deutsche Theater, deutsche Konzerte, deutsche Bier- 
gärten, deutsche Vereine der verschiedensten Art, hier halten die 
Deutschen fester zusammen, als in irgend einer anderen ameri- 
konischen Stadt von gleicher Größe. Von den sonstigen großen 
Zentren deutschen Lebens in der genannten westlichen Staaten- 
gruppe dürfen nicht unerwähnt bleiben: Tintinnati in 
Ohio. Chicago in Illinois. St. Louis in Mis. 
souri. In jeder dieser drei Städte sind etwa '/» der Bewohner 
deutschen Stammes. Unter den 214 Kirchen Cincinnatis sind 
41 deutsche; die deutschen Bewohner der Stadt haben zwei 
Waisen- und zwei Krankenhäuser errichtet; es besteht ein deut- 
sches Theater; große Industrien, wie das Brauergewerbe, sind 
fast ganz in deutschen Händen. Der Umfang des deutschen in- 
dustriellen und kommerziellen Geschäftes ist in Cincinnati jedoch 
nicht so bedeutend, wie in Chicago und St. Louis. In Chicago 
betheiligen unsere Landsleute sich in hervorragendem Maße an
        <pb n="88" />
        84 
demjenigen Geschäftszweige, welcher dieser Stadt die Bedeutung 
eines Weltmarktes verliehen hat, an dem Handel mit Rindfleische 
Schweinefleisch, Speck und Schmalz. 
In den weiter westlich gelegenen, noch schwach bevölkerten 
Gebieten von Dakota, Colorado, Oregon und Was. 
h i n g t o n ist das deutsche Element zur Zeit freilich uicht an- 
nähernd in gleichem Maße vertreten wie in dem eben bespro 
chenen Staatenkomplex, jedoch ist das Wachsthum desselben nir- 
gends größer als gerade hier. In Dakota z. B. hat in dem 
Zeitraum von 1870 bis 1880 die Anzahl der im Deutschen 
Reiche geborenen Bewohner sich beinahe verzehnfacht. 
Eine schon jetzt sehr ansehnliche Zahl Deutscher beherbergt 
der Staat Kalifornien, insbesondere bie Weltstavt San 
Francisco. Deutsche Kolonisten waren unter den ersten, 
welche von Osten her Kalifornien bevölkerten; ihnen nicht zum 
wenigsten verdankt dieser Staat sein beispiellos schnelles Auf- 
blühen. Wenige Jahre nach der Vereinigung Kaliforniens mit 
der Union gründeten Rheinländer in der paradiesischen Los 
Angeles County die durch ihren Obst- und Weinbau be. 
rühmte, jetzt noch blühende Kolonie Anaheim, welche ein 
Vorbild wurde für verschiedene ähnliche Niederlassungen. In 
San Franzisco waren nach dem Zensus von 1880 ungefähr 
20,000 im Deutschen Reiche geborene Bewohner; die Zahl der 
sämmtlichen Deutschen daselbst darf wohl auf 30,000 veranschlagt 
werden. Sie sind meist Handwerker und Detailhändler, doch 
sind auch deutsche Firmen vorhanden, welche sich in hervor 
ragender Weise an dem Welthandel San Franciscos betheiligen. 
In schwächerem Maße als nach Westen und Nordwesten 
von New-Iork und Pennsylvanien ergoß sich der Strom deut- 
scher Einwanderung nach den südlich von diesen Ursitzen amen-
        <pb n="89" />
        85 
konischen Deutschthums gelegenen Staaten. In Virginia» 
Tenessee. Louisiana bestehen allerdings schon lange 
deutsche Niederlassungen, doch ist das Deutschthum hier im 
Allgemeinen in entschiedenem Rückgänge begriffen. Einen 
Brennpunkt deutschen Lebens im Süden bildet New-Orleans, 
wo ungefähr 14,000 aus Deutschland eingewanderte Bürger 
wohnen, während die Zahl aller Deutschsprechenden daselbst auf 
mindestens 25,000 zu schätzen ist. Die Deutschen in New-Or- 
leans unterhalten namentlich mit Bremen geschäftliche Be 
ziehungen. 
Am meisten unter den Südstaaten hat das Deutschthum in 
Texas Boden gewinnen können. In San Antonio, wo 
etwa 10,000 Deutsche wohuen. V» der Gesammtbevölkerung. 
und in Austin, den beiden wichtigsten Binnenstädten des 
Landes, ist der Einfluß des Deutschthums ein bedeutender. Als 
ein durch und durch deutsches Städtchen ist N e u-Braun fel s 
zu nennen. In Westtexas wohnen nahe an 100.000 Angehörige 
unserer Nation. 
Zur befferen Veranschaulichung der Verbreitung des dent- 
scheu Elementes über die Staaten und Städte der großen Republik 
mögen folgende Zusammenstellungen dienen. 
Ueber 100,000 eingewanderte Deutsche besinden sich nach 
dem Zensus von 1880 in folgenden Staaten: New-Aork (335,913), 
Illinois (235.786). Ohio (192,597). Wisconsin (184.328). Penn- 
sylvanien (168.426). Missouri (106.800); über 50.000 sind außer 
in den genannten Staaten in Michigan (89.085). Iowa (88.268). 
Indiana (80.756), Minnesota (66,392), New-Jersey (64 935); 
zwischen 50,000 und 25 000 Deutsche wohnen in Maryland, 
Kalifornien. Texas, Nebraska. Kentucky und Kansas. Weniger 
als 1000 innerhalb des Deutschen Reiches geborene Bürger
        <pb n="90" />
        86 
beherbergen Maine, New-Hampshire, Vermont, Nord-Karolina, 
Florida, Idaho, Wyoming, Utah und Neu-Mexiko. 
Die Zunahme der Zahl der eingewanderten Deutschen 
während der Periode 1870 bis 1880 war am größten in Dakota 
(954,4 Vo), Colorado (381,6 "/o) und Washington (240,8 %); 
über 100 % betrug sie außerdem in Arizona Nebraska, Oregon, 
Utah, Arkansas und Kansas. Eine absolute Abnahme ist wäh- 
rend dieser Periode nur zu konstatiren in Mississippi (um 13.7 •/&lt;&gt;),. 
Tennessee (12,2 °/o),Louisiana, Virginien, Missouri und Maryland. 
Ueber 20,000 eingewanderte Deutsche wohnen in folgenden 
Städten: New-York (163,600), Chicago (75.200), Philadelphia 
(55,800), Brooklyn (66,400), St. Louis (54,800), Cincinnati 
(46,200), Baltimore (34,000), Milwaukee (31,500), Buffalo 
(25,600), Cleveland (23,200), San Francisco (ca. 20,000). 
Im Jahre 1870 bildeten die innerhalb der Grenzen des 
jetzigen Deutschen Reiches geborenen Personen ca. 4,4 % der 
Gesammtbevölkerung, im Jahre 1880 dagegen nur 3,9 '/0; 
im Jahre 1880 waren jedoch unter den amerikani- 
schen Bürgern 1,966,742 eingcwanderte Deutsche gegen 
1,690,533 im Jahre 1870. Die Zahl sämmtlicher Angehöriger 
der deutschen Nation in den Vereinigten Staaten, d. h. der- 
jenigcn Personen deutschen Blutes, welche der heimischen Sprache 
und Sitte treu geblieben sind, schätzt nach Jung unser seit 
langer Zeit im statistischen Bureau zu Washington thätiger 
Landsmann Pösche auf über sieben Millionen — das 
würde ungefähr 14 Prozent der Gesammtbevölkerung bedeuten l 
Von den in Amerika ansässigen Teutschen beschäftigen sich 
den vorliegenden statistischen Angaben zu Folge 35,63 % mit 
Fabrikwesen und Bergbau. 28 43 % mit Landwirthschaft, 14,76°/°- 
mit Handel und Verkehr, 21,18 % sind Handwerker und Dienende
        <pb n="91" />
        87 
Daß unsere amerikanischen Stammesgenossen bei einer 
solchen Anzahl in einem Lande, in welchem das allgemeine und 
gleiche Wahlrecht herrscht, einen wichtigen politischen Faktor 
bilden könnten und bilden müßten, liegt auf der Hand. Trotzdem 
besitzen sie in den gesetzgebenden Körperschaften des Landes 
keineswegs eine ihrer Zahl irgendwie angemessene Vertretung. 
Man hat diese Thatsache unseren Landsleuten zum Vorwurf 
gemacht und auf einen Mangel an geistiger Regsamkeit zuriick- 
zuführen versucht; das mag der Fall sein, vielleicht verdienen 
sie jedoch gelobt zu werden, daß sie sich im Allgemeinen fern 
halten von jener beispiellosen Verderbtheit, welche das politische 
Leben der Vereinigten Staaten bekannter Maßen beherrscht. 
Es darf nicht vergesien werden, rühmend hervorzuheben, daß 
die amerikanischen Deutschen sich dem widerwärtigen, heuchleri- 
schcn Treiben der sogenannten Prohibitionisten stets einmüth.g 
entgegengestellt haben. 
Unter den vielen Momenten, welche der Erhaltung unseres 
Volksthums in der Fremde überhaupt und so auch besonders 
in den Vereinigten Staaten Nordamerikas dienen, nehmen sol- 
gende drei unzweifelhaft einen hervorragenden Rang ein: die 
WA, bk beutle Steife unb ba* bwtfüe Be:- 
einswe sen. 
Nach einem Bericht des Herrn Prof. Wolffradt übet 
die Statistik der deutsch-amerikanischen Schulanstalten am 17. 
deutsch-amerikanischen Lchrertage im Jahre 188«'. beträgt die 
Ge,°mm.,°b&gt; bet dê» Schule» 2,«, bie bet MH» 
Scbtítãfte 6,772 und biejenige bet beullche» -tbulet , 
Er »Nb ootbanben 301 öffentliche Schule» '■ 4 ' 7 be»li*en 
Sebtkäfte* unb 160,485 beulsche» Schalet», NO PttMlichulen 
mit 388 fiebtitäften »nb 15,812 Tchillee», 825 &gt;°tb°UIche
        <pb n="92" />
        88 
chenschulen mit 3,082 Lehrkräften und 164,847 Schülern. 1,119 
evangelische Kirchenschulen mit 1,825 Lehrkräften und 99,321 
Schülern. Dieser Bestand weist dem Jahre vorher gegenüber 
eine Zunahme auf von 1,065 Schulen. 1,863 Lehrkräften und 
113,354 Schülern. Die größte Schülerzahl hat der Staat Ohio, 
nämlich 76,723, dann folgt Illinois mit 64.028. Missouri mit 
45,291, Wisconsin mit 40.654. Pennsylvanien mit 35,975, 
New-fjork mit 35,806, Jndiania mit 30,038, Minnesota mit 
16.499. Michigan mit 12.888, Maryland mit 12,851, Kentucky 
mit 11,917, New-Jersey mit 8,656, Iowa mit 8,507. Texas mit 
i,412 Lchülern u. s. w. In Erie, Pennsylvanien, nahmen 97 
Prozent aller Schulkinder der öffentlichen Schulen am deutschen 
Unterricht Theil. Trotz dieses erfreulichen Berichtes scheinen 
dennoch dem deutschen Schulwesen in Amerika — Nichts auf 
dieser Welt ist übrigens vollkommen — manche Schäden anzu- 
haften, auf deren Beseitigung vor allen Dingen die Fürsorge 
derjenigen gerichtet sein müßte, welchen die Erhaltung des 
Deutschthnms in den Vereinigten Staaten am Herzen liegt; 
man vergleiche darüber die äußerst lesenswerthe Broschüre „Zur 
deutschen Frage in Amerika" von Dr. Julius Goebel, Professor 
der deutschen Sprache und Literatur an der Johns Hopkins 
Universität zu Baltimore. 
In den Vereinigten Staaten erscheinen gegenwärtig gegen 
600 deutsche Zeitschriften, welche selbstverständlich sämmtlich für 
die Erhaltung deutscher Sprache und Art wirksam sind, so ver- 
schieden ihre sonstigen Tendenzen auch sein mögen. Unter den 
deutschen politischen Tagesblättern giebt es solche ersten Ran 
ges; cs braucht nur an die „New-Porkcr Staatszeitung" erin- 
nert zu werden, welche in einer Auflage von annähernd 60,000 
«Exemplaren erscheint und eines der verbreitetsten Blätter der
        <pb n="93" />
        89 
ganzen Union i|t. Deutsche Zeitungen sind selbst im äußersten 
Westen vorhanden, in Colorado und Dakota, wo die zu Yank 
ton erscheinende „Dakota Freie Presse" die Interessen der ame 
rikanischen Deutschen in würdigster Weise vertritt. Leider giebt 
es noch einen, wenn auch täglich mehr zusammenschrumpfenden 
Theil der deutsch-amerikanischen Presse, welcher den Verhältnissen 
der alten Heimath wenig Verständniß entgegenbringt, indem er 
dieselben von einem durchaus veralteten politischen Standpunkt 
aus beurtheilt, welcher in Deutschland kaum noch ernst genom- 
men wird. Der Grund davon ist hauptsächlich darin zu suchen, 
daß eine große Zahl der in Rede stehenden Blätter von Män- 
nern gegründet wurde, welche im Fahre 1848 dem Vaterlande, 
in welchem sie vergeblich die Verwirklichung ihrer Ideale an- 
strebten, grollend den Rücken kehrten und auch später von ihren 
alten und bald veralteten Anschauungen sich nicht frei zu ma- 
chen vermochten. Der andere, erfreulicher Weise sich stets ver- 
größcrnde Theil der deutsch-amerikanischen Presse jedoch, zu 
welchem namentlich die vortrefflich redigirte Chicagoer ..Reue 
Freie Presse" gehört, erörtern die vaterländischen Angelegenhei- 
len in einem so sachlichen, vorurtheilssreien Sinne, wie man 
ihn selbst — um einen in Amerika üblichen Ausdruck zu ge- 
brauchen — in „deutschländischen" Blättern nicht häusig an- 
trifft, sie erkennen die Vortrefflichkeit der Leitung des Deutschen 
Reiches und die unersetzlichen Vorzüge mancher Einrichtungen 
derselben ganz rückhallslos an. 
Das Vereinswesen ist in den Vereinigten Staaten im All- 
gemeinen und besonders auch unter den Deutschen daselbst ein 
büchst ausgebildetes. Deutsche Vereine sür Kunst und Wissen 
schaft. Turnvereine. Gesangvereine, Vereine zur Pflege der Ge- 
selligkcit blühen jenseits des Weltmeeres in Hülle und Fülle.
        <pb n="94" />
        90 
Eine wegen ihres segensreichen Wirkens besonders bemerkens' 
werthe Stellung nehmen die deutschen Wohlthätigkeitsvereine in 
Anspruch, deren es in jeder hervorragenden Stadt giebt. Leider 
hat in manchen deutschen Verein die englische Sprache bereite 
Eingang gefunden. Möge der oben erwähnte Herr Dr. Goebel 
für sein Beginnen, einen über die ganze Union sich erstrecken 
den allgemeinen Verein zur Erhaltung der deutschen Sprache 
zu Stande zu bringen, die gebührende Unterstützung finden! 
Die Frage, ob das Deutschthum in den Vereinigten Staa- 
ten Aussicht auf dauernde Erhaltung hat, oder ob es früher 
oder später in das Yankeethum aufzugehen und besten Falles 
dieses lediglich umzugestalten bestimmt ist, wird von dem Einen 
so, von dem Anderen anders beantwortet. Trotz des zum Theil 
bedauerlichen, zum Theil verächtlichen Entnationalisirungspro- 
zesses, dem noch immer eine große Zahl unserer Stammesge- 
nossen jenseits des Weltmeeres verfällt, hat es doch von jeher 
nicht an Zeichen gefehlt, daß die amerikanischen Deutschen im 
Großen und Ganzen keineswegs gesonnen sind, sich zu Gunsten 
des ihnen oft feindlich gesinnten Yankeethumes ihrer angestamm- 
ten Nationalität zu entäußern. Gerade in der letzten Zeit 
scheint sich ein kräftigerer nationaler Geist unter den Deutschen 
Amerikas bemerkbar zu machen; sehr beachtenswerth ist es, daß 
zu dem im Jahre 1886 zu Berlin abgehaltenen „Allgemeinen 
deutschen Kongreß zur Förderung überseeischer Interessen" auch 
die „Deutsche Gesellschaft der Stadt New-Aork" in der Person 
ihres bisherigen Präsidenten einen Vertreter entsandte. Frie- 
drich von Boden st e dt, welcher Gelegenheit hatte, mit ge- 
bildeten und vorurtheilsfreien Deutsch-Amerikanern aus allen 
Theilen der Union in persönlichen Verkehr zu treten, urtheilt 
in seinem Werke „Vom Atlantischen zum Stillen Ozean"'
        <pb n="95" />
        91 
(Seite 341) folgendermaßen: „Das deutsche Element greift in 
Amerika in einer Weise um sich, die ihm große Zukunft ver- 
heißt. Es wächst nicht blos durch die Einwanderung, sondern 
auch durch die Fortpflanzung in demselben Maße wie das ame- 
rikanische abnimmt bei seinen vielen kinderarmen und kinder- 
losen Ehen. Auch lernen die Deutschen täglich mehr einsehen, 
daß Einheit stark macht; das Streben danach äußert sich über- 
all und jeder Schritt, der sie dem Ziele näher führt, wird auch 
ihren politischen Einfluß mehren". Wie manche, vielleicht nicht 
wenige. Amerikaner englischer Zunge über die deutsche Frage 
in den Vereinigten Staaten denken, zeigt ein Artikel des be- 
kannten Me. Glynn in der „North American Review", in wel- 
chem die Besorgniß ausgesprochen wird, daß Amerika betetnft 
gänzlich germanisirt werde. Namentlich scheint dem Verfasser 
diese „Gefahr" groß zu sein im Nordwesten, wo auch die Ger- 
manisirung der dortigen Katholiken in ausgedehntem Maße 
„beharrlich und offen" betrieben werde. 
Canada. Ueber die numerischen Verhältnisse der deutschen 
Bevölkerung in Canada, besonders was die westlichen Provin 
zen dieser ausgedehnten englischen Herrschaft anbetrifft, liest 
man häusig lügenhafte Berichte, welche den unsauberen Zweck 
verfolgen. Deutsche in gewinnsüchtiger Absicht zur Auswande- 
rung dahin, insbesondere in die Provinzen Manitoba und Assi- 
niboia, ja sogar in den durchaus unwirthlichen Nordwesten zu 
verleiten. 
Nach dem „Census of Canada 1880—81" (3 Bde. Ottawa. 
Maclean Roger &amp; Co.) wohnen in ganz Canada 254.319 Per- 
fönen deutscher Herkunft, das heißt solche Personen, welche in 
Deutschland und Holland geboren sind. Die Zahl sämmtlicher 
deutschsprcchender Bewohner Canadas ist natürlich höher anzu-
        <pb n="96" />
        92 
Magen. Die meisten Deutschen befinden sich nach dem Zensus 
in den Provinzen Ontario (188,394), Neuschottland (40,065), 
Quebec (8,943). In den Städten Montreal. Quebec. 
Torouto bestebeu schon seit einem halben Jahrhundert Ge- 
sellschaften, welche sich die Aufgabe gestellt haben, einwandernde 
Landsleute mit Rath und That zu unterstützen. 
Uebrigens haben nach dem „Census os Manitoba 1885/86" 
die Deutschen von Manitoba ihre Landsleute in der Provinz 
Quebec an Zahl bereits überflügelt, vorausgesetzt daß letztere 
nicht eine ähnlich schnelle Zunahme aufzuweisen haben. Ge 
nanntem Werke zufolge befinden sich 11,082 Deutsche in Mani- 
toba, gegen 8,631 im Jahre 1881. In Kanada bestehen, nach 
einem in der „Deutschen Kolonialzeitung" erschienenen Artikel 
von Dr. Hahn, jetzt 22 nahezu geschlossene deutsche Ansiedelun 
gen. Die größte Ansiedelung der Deutschen ist in der (alten) 
Provinz Ontario, wo die Stadtnamen: Berlin, Breslau, Ham 
burg, Magdeburg, Heidelberg u. s. w die Abstammung ihrer 
Gründer genugsam andeuten. Hier hört man auf der Straße, 
wie aus dem Markte nur deutsch reden. In Manitoba waren 
die Deutschen die eigentlichen Gründer der Provinz in ihrer 
neuen Gestalt. Dort finden wir die Namen Bismarck, Hohen- 
lohe-Langenburg, Neu-Elsaß. Die deutschen Mennoniten aus 
Südrußlaud (Tiflis) ließen sich in der Zahl von ca. 8000 
Köpfen am Red River in geschlossenem Besitze nieder, welchen 
sie von der Regierung unentgeltlich empfingen. Jetzt haben sie 
32 Dorfschaften und sollen zum Theil zu großem Wohlstände 
gelangt sein. 
Die Lage des Deutschthums in den südwestlichen Provin- 
zen Canadas dürfte im Allgemeinen derjenigen in den Bereinig 
ten Staaten ähnlich sein.
        <pb n="97" />
        Mexiko. Einen ganz anderen Charakter als in den Ver- 
einigten Staaten und in Canada zeigen die deutschen Nieder- 
lassungen in dem zum größten Theil innerhalb der heißen Zone 
gelegenen Mexiko. Hier finden wir keine irgendwie nennens- 
werthe deutsche Ackerbaukolonie, wohl aber spielen hier 
unsere Landsleute auf dem Gebiete des Handels eine sehr 
hervorragende Rolle. Die deutsche Kolonie in Mexiko ist an 
Zahl ihrer Angehörigen freilich klein, an Bedeutung aber groß. 
Es mögen im Ganzen zwischen fünf- und achttausend Angehö- 
rige der deutschen Nation in Mexiko wohnen, von denen unge- 
fähr die Hälfte auf die Hauptstadt, die nächst größte Zahl 
auf die Städte Veracruz und Colima kommt. Die großen 
deutschen Geschäftshäuser in der Hauptstadt und Veracruz haben 
so ziemlich den ganzen Großhandel des Landes in ihren Händen 
und verfügen über höchst bedeutende Kapitalien. Sie sind die 
Träger des deutschen Einflusses in Mexiko und stehen mit an- 
deren deutschen Häusern, wie sie in fast jeder größeren Ltadt 
der Republik bestehen, in enger Verbindung. Die meisten die- 
ser deutsch-mexikanischen Großsirmen wurden in den Jahren 
1826 bis 1835 gegründet, worauf die Deutschen bald im gan 
zen Lande den Groß- und Kleinhandel an sich zogen, überall 
die Engländer verdrängend. Die reichen Deutschen der Haupt- 
stabt bilden eine äußerst exklusive Kaste. Ihr Vereinsgebäude 
.bas deutsche Haus" ist eins der stattlichsten Gebäude der 
Stadt. Die Deutschen Mexikos bleiben Deutsche, sie lassen ihre 
Kinder in der Heimath erziehen und dort ihre Militärpflicht 
erfüllen. In der letzten Zeit hat allerdings auf dem mexikam- 
scheu Markt sich einige fremdländische Konkurrenz geltend ge- 
macht — die Engländer gründeten eine englische Bank, die 
Franzosen verdrängten die Deutschen zum Theil aus dem De-
        <pb n="98" />
        94 
lailhandel, besonders aus dem Manufakturwaarengeschäft, die 
Nankees trieben Bergbau, gründeten Fabriken und bauten 
Eisenbahnen — aber immer noch bewahrt der deutsche Groß 
handel seine herrschende Stellung. 
Zextralamerika und Westiudien. Der Handel Deutsch- 
lands mit den kleinen zentralamerikanischen Republiken und den 
westindischen Inseln steht demjenigen mit Mexico freilich be 
deutend nach, doch ist auch er in einem erfreulichen Aufschwünge 
begriffen. In Guatemala nimmt Deutschland mit seinem 
Handel die dritte Stelle ein, der Umsatz bezifferte sich im Jahre 
1882 auf ungefähr 4,950,000 Mark. In Havanna sowie 
an verschiedenen Küstenplätzen der Inseln Cuba, Portorico 
und Jamaica bestehen deutsche Handelshäuser und Agenturen. 
Einen bedeutenderen, sich stets mehrenden Einfluß hat das 
deutsche Element in Hay ti gewonnen, wo es namentlich durch 
die großen Handelshäuser in Port au Prince vertreten 
wird. Hier werden die Franzosen von den Deutschen immer 
mehr verdrängt. Die Bank von Hayti, welche von Franzosen 
gegründet wurde, steht jetzt unter der Leitung Deutscher. Auf 
der zu den kleinen Antillen gehörigen Insel St. Vincent 
hat kürzlich eine deutsche Firma eine Niederlage westfälischer 
Steinkohlen errichtet. In Port of Spain, dem Haupthafen 
der Insel Trinidad, leben etwa 60 Deutsche, welche einen 
beträchtlichen Theil des Handels der Insel in ihren Händen ha 
ben. Von den 12 größeren deutschen Firmen, die in Port of 
Spain ansässig sind, importiren einige Bier, Eisenwaaren und 
Kohlen, stehen andere mit Ciudad Bolivar in Venezuela in 
lebhafter Handelsverbindung.
        <pb n="99" />
        95 
Aie Deutschen in Südamerika. 
Venezuela. In V e n e z u e l a . wo im 16. Jahrhundert 
das reiche Augsburger Handelshaus der W e l s e r ein Gebiet 
von etwa 1600 Quadratmeilen als Lehen der spanischen Krone 
besaß, machen die Deutschen gegenwärtig ungefähr '/« der aus- 
ländischen Bevölkerung aus. Man findet sie an allen Küsten- 
Plätzen, meist als Kaufleute, Apotheker und Handwerker. Die 
stärksten deutschen Kolonien sind außer in Caracas, wo 
etwa 1700 deutschsprechende Personen leben sollen, in La 
Guaira. Puerto Cabello. Maracaibo und Ciudad 
Bolivar. Der Zensus von 1881 weist allerdings für ganz 
Venezuela nur 1171 in Deutschland geborene Personen nach. 
In Ciudad Bolivar am Orinoco sind gegen 100 Deutsche an- 
sässig, welche die Arbeiter in- den in der Nähe befindlichen 
Goldminen mit allem zum Lebensunterhalt Nöthigem ver- 
sorgen. 
Columbien. Die beiden dicht neben einander liegenden, 
durch eine Eisenbahn verbundenen Küstenstädte Sabanilla 
und Barranquilla unterhielten früher einen sehr regen 
Handelsverkehr nach Bremen, Hamburg und Altona. Hauptsächlich 
in Folge der hier wie anderwärts in den spanischen Republiken 
Südamerikas ewig wiederkehrenden Revolutionen wurde jedoch 
der Handel gelähmt, und der Verkehr der Hansestädte mit Ko 
lumbien ist mit dem ehemaligen verglichen gegenwärtig ein un- 
bedeutender zu nennen. 
Peru. Die Anzahl der in Peru ansässigen Deutschen 
ist in Folge des chilenischen Krieges sowie der unaufhörlichen
        <pb n="100" />
        96 
inneren Wirren sehr zurückgegangen, doch soll es in Lima. 
Callao und Umgegend noch 1500 Deutsche geben, von denen 
manche sich zu bedeutendem Wohlstände aufgeschwungen haben. 
Der reichste Mann Perus, derPlantagenbesitzer G. L. Albrecht 
in T r u x i l l o, ist ein geborener Bamberger. Die von Herrn 
Albrecht ausgegebenen Guttaperchamarken, Chees, mit welchen 
er seine vielen Arbeiter bezahlt, werden überall weit lieber in 
Zahlung genommen, als das schlechte peruanische Papiergeld; 
vor dem Kriege mit Chile sollen die in Umlauf gesetzten Mar- 
ken zeitweilig einen Werth von 4 Millionen Mark repräsentirt 
haben. 
Peru beansprucht noch insofern ein besonderes Interesse, als 
hier inmitten der Wendekreise, schon seit fast 30 Jahren eine 
deutsche Ackerbaukolonie besteht - eine Thatsache, welche sich 
selten wiederholen dürfte. Merkwürdiger Weise hat es den 
Anschein, als ob diese Ansiedelung, die im Jahre 1859 durch 
den muthigeu Reisenden Freiherrn Damian von Schütz- 
H o l tz h a n f e n gegründete, etwa unter dem 10 Grad südlicher 
33reitc gelegene Kolonie a m Pozuzo, bei einiger Unter 
stützung seitens des Heimathlandes sich als entwickelungsfähig 
gezeigt haben würde. Die Kolonie soll noch immer gegen 400 
Angehörige zählen, von denen ein nur geringer Bruchtheil nicht 
deutschen Ursprungs ist. Zur näheren Orientirung über diese 
in mancher Beziehung interessante Kolonie sei die kleine von 
Dr. R. Abendroth verfaßte Schrift über dieselbe ein- 
pfohlen. 
Die großen Reichthümer des alten Goldlandes der Inkas, 
welches einerseits von den Wogen des Stillen Ozeans bespült 
wird, andererseits durch den Ucayali und Amazonen- 
strom mit dem Atlantischen Weltmeere in Verbindung steht.
        <pb n="101" />
        97 
harren noch der Ausbeutung. Mögen die Teutschen rechtzeitig 
zugreifen und nicht abermals zu spät aus der Bildşiäche er 
scheinen! 
Brasilien. In dem gewaltig ausgedehnten brasilia 
nischen Kaiserreiche stoßen wir zum ersten Male auf un- 
serer Wanderung durch Südamerika ans deutsche Ackerbaukolo 
nien von hervorragender Bedeutung und zwar, wie sich voraus 
setzen ließ, in dem südlichsten, der gemäßigten Zone angehörigen 
Theile. Wenn irgendwo in der überseeischen Welt dem Teutsch- 
thum eine große Zukunft winkt, so ist es in Lüdbrasilien und 
den benachbarten Laplata Staaten, Paraguay. Argentinien und 
Uruguay. Die Thatsache, daß dauernde Niederlassungen Deut- 
scher am besten in einem gemäßigten Klima gedeihen, tritt 
deutlich zu Tage in der Geschichte der deutschen Kolonisation 
Brasiliens. Die Kolonisationsversuche mit Deutschen innerhalb 
des tropischen Brasiliens mißglückten zum größten Theile voll- 
ständig, trotz der vielen Vergünstigungen, welche den Kolonisten 
häusig geboten wurden, während diejenigen in den beiden süd 
lichsten Provinzen Santa Catharina und Rio Grande do Sul 
die herrlichsten Früchte zeitigten. 
Die älteste deutsche Kolonie Brasiliens ist die im südlichen 
Theile der tropischen Provinz Bahia, am Flusse Peruhype 
gelegene, bereits im Jahre 1818 gegründete Kolonie Leopol' 
dina. Heutzutage ist diese Kolonie kaum mehr eine deutsche 
Kolonie zu nennen; die dort wohnenden Deutschen, Schmelzer. 
Franzosen und Brasilianer treiben Plantagenbau und bewirth- 
schäften ihre Fazendas mit Sklaven. 
Traurig war da« Echickial d-r «isi-n d-r nach der Am- 
fall« gauilich innerhalb d-r W-nd-kr-is- g«i°g-n-n Provin, 
Mi na« Geraes anrg-wand-iien T-Ul'ch-N. Hier b-iond-i«
        <pb n="102" />
        98 
roaven und sind noch die berüchtigten sogenannten „ Parc e rie- 
Berträge" üblich. Diese Parcerie-Verträge sind gewisse un 
bedenklich aussehende Kontrakte großer Plantagenbesitzer mit 
unerfahrenen Kolonisten, durch welche diese in eine Lage ge. 
bracht werden, die derjenigen eines Sklaven ähnelt und aus 
welcher sie nur in den seltensten Fällen sich zu befreien ver- 
mögen. Glücklicher Weise befinden sich unter den Opfern der 
Parcerie-Verträge weit mehr Italiener und Azorianer als 
Deutsche. Außer in Minas Geraes herrschen die Parcerie-Ver- 
träge namentlich in den Provinzen Rio de Janeiro und Sao 
Paulo. Die Gesammtzahl der Deutschen in Minas Geraes 
schützt Karl Bolle, ein ausgezeichneter Kenner der brasilia 
nischen Verhältnisse, aus etwa 3000, von denen viele als Hand 
werker in den Städten leben. 
Die Zahl der Deutschredenden in der Provinz Espirito 
Santo schätzt Bolle auf 5000-8000 Seelen. Sellin sogar 
auf 10.000. Dieselben leben zum Theil als Handwerker und 
Kaufleute in den Städten, zum Theil in Kolonien, wo sie sich 
vorzugsweise mit dem Anbau des Kaffees beschäftigen. Fast 
in allen diesen Kolonien überwiegt übrigens das italienische 
Element das deutsche; jedoch sind mehrere deutsche Schulen und 
Pfarrgemeinden vorhanden. Das Deutschthum von Espirito 
Lauto, dem es an Zuzug von der Heimath mangelt, scheint 
allmählich in das Lusobrasilianerthum aufgehen zu wollen. 
„Von den 15,000 Deutschredenden, die in der Provinz 
Rio de Janeiro existiren sollen", sagt Bolle (Deutsche 
Kolonialzeitung IV. Jahrgang, 2. Heft), „wird ohne Nachzug in 
wenig Jahrzehnten wenig mehr übrig sein als eine dunkle Sage 
und portugiesisch sprechende Träger deutscher Namen." „Selbst 
da", fährt er fort, „wo ursprünglich zahlreiche Deutsche zusam-
        <pb n="103" />
        99 
inenwohnten, wie in Petropolis, der kaiserlichen Sommerresidenz, 
treten sie immer mehr in den Hintergrund." Ziemlich der 
ganze Grund und Boden von Rio ist in den Händen großer 
Besitzer, welche parzellenweise kein Land zu verkaufen pflegen; 
der kleine deutsche Landwirth findet also schwer Gelegenheit 
zum Fortkommen. 
In der Ha up stadi Rio de Janeiro leben etwa 
vier- bis fünftausend Deutsche, welche, wenn sie auch an Zahl 
.anderen Fremden, insbesondere den Portugiesen und Franzosen 
nachstehen, so doch von bedeutendem Einflusie sind; der Groß 
handel und das Kunstgewerbe sind zum großen Theile in ihren 
Händen. Ihnen ist es besonders zu verdanken, daß auch in 
vornehmen brasilianischen Kreisen deutsches Wesen, deutsche 
Kunst und Wissenschaft eine hervorragende Rolle spielen. Es 
giebt in Rio eine stark besuchte mehrklassige deutsche Schule, 
sowie eine Anzahl deutscher geselliger Vereine, unter denen 
der Klub „Germania", welchem die meisten deutschen Groß 
kaufleute angehören, hervorzuheben ist. Drei deutsche Zeitungen 
erscheinen hier: die ..Deutsch-Brasilianische Warte", die „Allge- 
meine Deutsche Zeitung" und die von Herrn Karl Bolle 
redigirte vortreffliche „Rio-Post". Hoch erfreulich ist es, daß 
die Berliner Diskonto-Gesellschaft und die Norddeutsche Bank 
beschlossen haben, mit einem Grundkapital von 10,000,000 Mk. 
in Rio de Janeiro eine deutsche Bank ins Leben zu rufen. 
Die Provinz Sao Paulo zählt unter ihren Bewohnern 
17,000 bis 18,000 Deutsche, welche leider überall verstreut woh. 
nen. Der Handelsstand in der Haupstadt Sao Paulo und 
der Hafenstadt Santos ist zum großen Theile deutsch und 
steht in hohem Ansehn. Deutsche Kirchengemeinden, deutsche 
Schulen, deutsche Vereine aller Art sind zahlreich vorhanden. 
7*
        <pb n="104" />
        100 
Die Stadt Sao Paulo zählt unter etwa 50,000 Einwohnern 
ungefähr 3000 Deutsche. Eine deutsche Zeitung, die „Germania", 
erscheint hier. 
In der Provinz Parana macht das Deutschthum einen 
recht bedeutenden Bruchtheil der Bevölkerung aus; unter einer 
Gesammtbevölkerung von 150,000 Seelen sind etwa 20,000 
Deutsche. Eine besonders hervorragende Rolle spielen die Deut. 
scheu in Curityba. wo sogar zwei Zeitungen in deutscher 
Sprache erscheinen. Die großen Naturschätze der Provinz sind 
noch wenig gehoben. Reindeutsche Koloniebezirke größeren Um- 
fanges finden sich bis jetzt in Parana so wenig wie in Sao 
Paulo, wohl aber in den beiden südlichsten Provinzen des Kai- 
serreichs, Santa Catharina und Rio Grande do Sul, welche 
wir nunmehr unserer Betrachtung unterziehen werden. 
Die Provinz Santa Catharina wird von etwa 200,000 
Einwohnern bewohnt; davon sind 60—70,000, also ungefähr 
ein Drittheil, deutschen Ursprunges. Die Kolonien Dona 
Francisca, Blumenau und Brusque bilden ein beinahe 
rein deutsches Gebiet, welches von ungefähr 40,000 unserer 
Stammesgenoffen bewohnt wird. Die 1849 durch den „Kolo- 
lonisationsverein von 1849" in Hamburg gegründete Kolonie 
Dona Francisca besteht aus den Distrikten Joinville und 
Sao Bento mit den gleichnamigen Städten und mehreren 
Dörfern und Flecken, wie An na bürg u. s. w. Die Kolonie 
beherbergt gegen 20,000 deutschsprechende Einwohner. Ein 
Dampfer vermittelt den Verkehr zwischen Joinville, der wich. 
tigsten Stadt der Kolonie, und dem Hafen Sao Francisco, 
dem besten Ankergrund der ganzen Küste, von Santos bis zur 
Barre von Rio Grande do Sul. In Joinville erscheinen zwei 
deutsche Zeitungen. Südlich von Dona Francisca, an den
        <pb n="105" />
        101 
Ufern des Jtajahy, liegt die gleichfalls in herrlichem Auf 
blühen begriffene Kolonie Blumenau, so benannt nach ihrem 
Gründer, dem Dr. Blumenau aus Braunschweig, welcher im 
September 1850 sich hier mit 17 Personen niederließ. Gegen- 
wärtig hat die Kolonie, deren Mittelpunkt die Stadt Blumenau 
bildet, 20,000-21,000 Einwohner, von denen über 16,000 die 
deutsche Sprache reden. Ein Flußdampfer verbindet Blumenau 
mit dem Hafen Jtajahy, welcher einen recht lebhaften Schiffs 
verkehr unterhält mit Rio de Janeiro, Montevideo und Buenos 
Aires. Auch in Blumenau erscheinen, wie in Joinville, zwei 
deutsche Zeitungen. Das südlich von Blumenau gelegene 
Brusgue wird von nahe an 3000 Deutschen bewohnt. 
Die eines herrlichen Klimas sich erfreuende Provinz Rio 
Grande do Sul zählt nach von Koseritz und Selli« 
ca 560,000 Einwohner, unter denen sich ungefähr 80,000 Deutsche 
befinden, nach Lange sogar 102.000. Nach Karl Bolle 
leben in Rio Grande do Sul unter 6—700,000 Bewohnern 
90 100,000 Personen deutscher Abstammung. Jedensalls machen 
also die Deutschen an Zahl V, der Gesammtbevölkerung aus. 
Der in deutschen Händen besindliche Grundbesitz verhält sich 
nach Sellin zu dem gesammtcn angebauten Grund und Boden 
der Provinz an Ausdehnung wie 1 : 5, an Werth wie 1:3; 
von den Staats- und Communallasten tragen die deutschen 
Bewohner der Provinz die Hälfte. Diese Zahlen schildern die 
Stellung des Deutschthums in Rio Grande do Tul beredter, 
als Worte es zu thun vermöchten. Auch politisch haben sich 
die Riograndenser Deutschen einen nicht zu unterschätzenden 
Einfluß errungen; ihr hervorragendster politischer Führer ist Herr 
Karl von Koseritz. Herausgeber einer vielgelesenen deutschen 
Zeitung in Porto Alegre. In der ebengenannten Haupt-
        <pb n="106" />
        stabt der Provinz wohnen unter einer Gesammtbevölkerung voir 
ungefähr 35,000 Seelen gegen 4000 Deutsche. Diese beherr 
scheu den ganzen Großhandel und nehmen eine in jeder Be- 
Ziehung hervorragende und geachtete Stellung ein. Die oben 
erwähnte, in Gründung begriffene deutsche Bank von Rio de 
Janeiro wird in Rio Grande do Sul, wahrscheinlich in der 
Stadt Rio Grande, wo der deutsche Großhandel ebenfalls do 
minirt, eine Filiale erhalten. Nördlich und nordwestlich von 
Porto Alegre erstreckt sich ein großes, fast ausschließlich von, 
Deutschen bewohntes, zusammenhängendes Koloniengebiet. Bon 
den zahlreichen hier gelegenen deutschen Kolonien sind zu nen 
nen: Sao 2 e o p o I b o, Hamburger Berg, Mundo 
Novo, Nova Petropolis, Santa Cruz, Ger 
mania, Estrella, Teutonia, Sao Angelo, Santcr 
Maria da Boca u. s. w. Auch südlich von Porto Alegre, 
in der Nähe der Lagoa dos Patos, befinden sich einige rein 
deutsche Kolonien, unter denen Sao Louren-o hervorzuheben 
ist. Wer über die deutschen Kolonien in Rio Grande do Sul 
sich eingehender zu unterrichten bestrebt ist, dem kann neben 
dem Werke über Südbrasilien von Dr. Henry Lange die 
Lektüre der gründlichen, vom „Centralverein für Handelsgeo- 
graphie und Förderung deutscher Interessen im Auslande" her 
ausgegebenen Berichte („Die deutschen Kolonien der Provinz. 
Rio Grande do Sul [Sübbrafilien]." Berlin 1881) nicht genug 
empfohlen werden. Es wäre außerordentlich wünschenswerth, 
daß diese Berichte in demselben Sinne unter Berücksichtigung 
der inzwischen eingetretenen Beränderungen fortgeführt und auf 
eine größere Zahl von Kolonien ausgedehnt würden. 
Was die Zukunft des Deutschthums in den drei Südpro 
vinzen Parana, Santa Catharina und Rio Grande do Sul,.
        <pb n="107" />
        103 
vorzüglich in letztgenannter Provinz, anbetrifft, so urtheilt dar 
über der bekannte Geograph Andre e folgender Maßen: „Wäh 
rend die romanische Bevölkerung gar keine oder nur eine ge 
ringe natürliche Vermehrung aufzuweisen hat, kommt in vielen 
deutschen Kolonien erst auf vier Geburten ein Todesfall: ein 
Beweis für die Zuträglichkeit des Klimas und das physische 
und wirtschaftliche Wohlbefinden der dortigen Teutschen. 
Würde nur zehn Jahre lang die Hälfte der deutschen Aus 
wanderer nach der Provinz Rio Grande do Sul geleitet werden 
können, so würden die Deutschen auch dort numerisch die Ma 
jorität besitzen, und in weiteren zehn Jahren könnte dies mit 
allen drei Provinzen geschehen, so daß in einem verhältnißmäßig 
kurzen Zeitraum ein Land von der Größe des Deutschen Rei 
ches der Nationalität nach faktisch zü einem deutschen werden 
könnte." Herr Soy aux sagt in seinen „Berichten über meine 
Reise in Süd-Brasilien" (Berlin 1887) von der Bevölkerung 
im deutschen Koloniengebiet von Rio Grande do Sul: „Sie 
hat sich so deutsch erhalten, daß, wie mir von Kennern mehr- 
fach versichert wurde, wohl nur ein Prozent der Gesammtheit 
portugiesisch spricht. Leider scheinen sich die numerischen Ver 
hältnisse in bedrohlichster Weise bedeutend zum Nachtheile der 
deutschsprechenden Menge verschieben zu wollen, und niemals 
lag die Befürchtung näher als gerade jetzt, daß dort ein ver 
sprengter deutscher Völkerbruchtheil dem llntergang in dem An 
sturm romanischer Völkerwellen geweiht ist, falls ihm nicht 
neues Blut, neue Kraft in wirksamer Menge zugeführt wird. 
Und wahrlich, dieser deutsche Bauernstamm ist es werth, daß man 
ihm mindestens Gerechtigkeit widerfahren lasse; der Zufluß an 
neuen, auffrischenden und die Heimathserinnerungen wach hal 
tenden Elementen ist seit langen Jahren fast versiegt und doch
        <pb n="108" />
        104 
blieb das Volk noch deutsch bis heute, hielt in seinen Kolonien 
und im Verkehr unter sich zähe fest an deutscher Sprache und 
Sitte, geduldig harrend des Tages, da man in der alten 
Heimath die Schranken forträume, welche auf die Dauer das 
brasilianische Deutschthnm verkümmern lassen. Während in 
einem Zeitraum von 1824 bis heute die deutsch redende Be 
völkerung es nur auf eine Zahl gebracht hat, die schwankend 
von 80 bis 100,000 angegeben wird und die sich seit der Ende 
der fünfziger Jahre eingetretenen Erschwerung der Einwanderung 
doch fast ausschließlich schon aus im Lande geborenen Nach- 
kommen der ersten Immigranten zusammensetzt, besteht der 
italienische Theil der Bevölkerung, welcher erst seit Mitte 
der siebenziger Jahre als kolonisirender Faktor in der Provinz 
Rio Grande auftaucht, jetzt schon aus mehr als 40.000 Köpfen, 
vermehrt sich alljährlich durch regen Zuzug, um- 
spannt die deutschen Koloniezentren und rückt ihnen beängstigend 
immer näher." Darin sind sämmtliche Reisende, sämmtliche 
Kenner der Verhältnisse Südbrasiliens einig, daß wenn ir 
gendwo, so hier die Keime vorhanden sind, aus welchen sich ein 
herrliches Nendeutschland jenseits der Meere zu entwickeln ver 
möchte, daß diese Keime jedoch der Nachhülfe und der sorg 
fältigsten Pflege dringend bedürftig sind. wenn sie nicht vor 
zeitig der Zerstörung preisgegeben werden sollen. Tie beiden 
hauptsächlichsten Gefahren, welche das Deutschthnm in Süd 
brasilien bedrohen, sind erstens die von Herrn S o y a u x er 
wähnte Ueberhandnahme des italienischen Elements, zweitens 
eine immer mehr sich breit machende nativistische, deutschfeind 
liche Strömung unter den Lusobrasilianern, welche an das 
Knownothingthum in Nordamerika erinnert. Erfreulicher Weise 
bringt das Verständniß für die ungeheure nationale und wirth-
        <pb n="109" />
        105 
şchaftliche Bedeutung Südbrasiliens in immer weitere Kreise, 
und kapitalkräftige Gesellschaften, welche die Besiedelung Süd 
brasiliens mit Teutschen bezwecken, haben sich theils gebildet, 
sind theils in Bildung begriffen. Dahin gehört die Gesellschaft 
„Union", die vom Deutschen Kolonialverein angeregte Gesell 
schaft „Herman", deren erste Siedelung Vom Retiro, unweit 
Porto Alegre's, unter Leitung des oben erwähnten Herrn Soyaux 
steht, die im Entstehen begriffene Stuttgarter „Gesellschaft für 
deutsche Kolonisation in Südbrasilien" und andere mehr. Möge 
es diesen Gesellschaften gelingen, einen Theil des in die Ver- 
einigten Staaten alljährlich aus Deutschland sich ergießenden 
AuSwandererftromes nach Südbrasilien zu leuken, danu wird 
sicherlich die deutsche Bevölkerung dieses zukunftsreichen Landes 
unserer Nation erhalten bleiben. Eine wie günstige Kapitals 
anlage derartige Unternehmungen zu bieten vermögen, das zeigt 
in glänzender Weise das Beispiel des „Hamburger Kolonisati 
onsvereins von 1849", des Gründers der großen Kolonie Dona 
Jrancisca. 
Teutsche Einwanderung in Tüdbrasilieu und die 
Plata-Staaten. Schon lange haben weitblickende Män 
ner darauf hingewiesen, wie wünschenswerth es sei, die deutsche 
Auswanderung von Nordamerika nach Lüd brasi lien 
und den ähnlicher Boden- und klimatischer Verhältnisse sich er 
freuenden LaPlata-Staaten ablenken zu können. Als 
Gründe dafür werden theils nationale theils rein wirthschaft- 
liche angegeben. Die Deutschen entäußern sich unter Völkern 
lateinischer Zunge bei Weitem nicht so leicht ihrer Nationalität 
wie unter den stammverwandten Uankees, sie bleiben daher 
wehr in Berührung mit dem Mutterlande und sind ganz na 
turgemäß Abnehmer von dessen Judustrieprodukten. Während
        <pb n="110" />
        die Deutschen Nordamerikas verhältnißmäßig wenig an deut- 
schen Waaren verbrauchen, dagegen durch ihre Arbeit nur dazu 
beitragen, die hochentwickelte nordamerikanische Industrie auf 
dem Weltmärkte noch konkurrenzfähiger zu machen, verschaffen 
die deutschen Ansiedler des außertropischen Südamerika, welche 
noch viele Jahre lang auf die Ausbeutung der natürlichen 
Reichthümer des Bodens angewiesen sind, der Industrie des 
Mutterlandes neue lohnende Absatzgebiete. Diese Bestrebungen, 
die deutsche Auswanderung Südamerika zuzuführen, sind in der 
letzten Zeit besonders durch den „Centralverein für Handels 
geographic und Förderung deutscher Interessen im Auslande" 
und sodann durch den „Deutschen Kolonialverein" geltend ge 
macht und gefördert worden. Lange jedoch vor der Gründung 
genannter beiden Vereine, schon im Jahre 1843, betonte der 
vr. Freiherr von Reden die Vortheile, welche eine durch 
die Einwanderung zu erzielende wirthschaftliche Verbindung 
Deutschlands mit Südbrasilien und den La Plata-Ländern im 
Gefolge haben würde; im Jahre 1846 entwarf er die Grundzüge 
der Satzlmgen eines Vereins für deutsche Auswanderung. 
Freiherr von Reden sagt in „Petermanns Mittheilungen" (Jahr- 
gang 1856, S. 15): „Eine friedliche Ansiedelung sollte durch 
die Leitung der deutschen Auswanderung nach dem La Plata- 
Gebiete bewirkt werden. Ihre unendliche Wichtigkeit ist seither 
nur von Wenigen hervorgehoben; fast Niemand hat daran er- 
innert, daß dadurch Sammelplätze für die scheidenden Zweige 
unseres Stammes gebildet werden können, wo jede Knospe zu 
einer Frucht für das deutsche Vaterland reift, wo jeder Puls- 
schlag der alten Heimath seinen Wiederhall findet. Die fried 
liche Kolonisation verpflanzt deutsche Sprache, deutsche Sitte, 
überhaupt deutsches Leben in die neue Heimath; das hierdurch
        <pb n="111" />
        |ê »»à 
107 
bleibende geistige Band ist unzerreißbar, wie 
beweisen. Es wirkt zugleich kräftig belebend .... 
Verkehr, und die Fabriken der alten Heimath liefern den Land 
bauenden Kolonisten ihren Bedarf ohne eines Monopols oder 
eines Schutzes zu bedürfen." 
Leider sind Anzeichen dafür vorhanden, daß die Italiener 
uns Deutschen den Rang ablaufen werden in Südamerika. 
Im Jahre 1886 wanderten 11,582 Italiener in Brasilien ein 
gegen 2400 Deutsche, für das Jahr 1887 wird die italienische 
Einwanderung gar auf 40,000 Köpfe geschätzt, während die 
deutsche sich schwerlich gegen das Vorjahr vermehrt haben dürfte- 
In Argentinien, wo bereits Hunderttausende von Italienern 
ansässig sind, wurde allein im Jahre 1887 das italienische Ele 
ment durch 67,130 Neuhinzugekommene verstärkt, während in 
demselben Jahre nur 1333 Deutsche und 2408 Oesterreicher, 
von denen wahrscheinlich ein großer Theil deutschen Stammes 
ist, dort einwanderten. Auch in Uruguay überwiegt die Ein 
wanderung aus Italien diejenige aus allen anderen Staaten 
bedeutend, ganze Stadttheile von Montevideo sollen bereits ein 
vollständig italienisches Gepräge besitzen. Wenngleich ein weit 
größerer Prozentsatz der italienischen als der deutschen Ein 
wanderer nach einiger Zeit wieder in die alte Heimath zurück 
kehrt, so ist die Gefahr der Jtalienisirung Südamerikas trotz 
dem eine große, und dieses ist um so mehr der Fall, als die 
italienische Regierung auf das eifrigste bemüht ist, die Aus 
wanderer ihrer Nationalität zu erhalten. Ende des Jahres 
1887 erließ der Ministerpräsident Crispi ein Rundschreiben 
an die Vertreter Italiens im Auslande, worin er zur Förderung 
des nationalen Zuständigkeitsgefühles aufforderte, und zwar 
zunächst durch die Pflege des friedlichen Verkehrs zwischen den
        <pb n="112" />
        108 
Mitgliedern italienischer Ansiedelungen. Die Italiener im Aus- 
lande sollen das Gefühl haben, daß die italienische Regierung 
mit ihren Vertretern über sie sorgsam und freundlich wacht 
und zur Unterstützung in Rath und That bereit ist. Um die 
Mitglieder der italienischen Ansiedelungen im Auslande einander 
zu nähern und in ihnen das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu 
beleben, sollen nationale Feste, wie die Geburtstage des Königs, der 
Königin, das Berfassungsfest u. s. w., gemeinsam gefeiert werden. 
Behufs Errichtung, Erhaltung und llnterstützung italienischer 
Schulen im Ausland hat die Regierung 45,OOO Lire ausgeworfen. 
Paraguay. In Paraguay ist die Zahl unserer Lands 
leute freilich eine sehr geringe; jedoch läßt sich schon für die 
allernächste Zeit eine beträchtliche Zunahme mit Bestimmtheit 
erwarten. Abgesehen von den Indianern wohnen nach der am 
1. März 1886 vorgenommenen Volkszählung in Paraguay 
231,878 Menschen, darunter 4895 Argentinier, 825 Italiener, 
530 Brasilier und nur 478 Teutsche nebst 130 wohl 
meistens deutschsprechenden Schweizern. Eine ältere deutsche 
Niederlassung ist die Kolonie San Bernardino, welche 
jetzt wieder in erfreulichem Aufschwung begriffen zu sein scheint. 
Das Klima und die Bodenbcschaffenheit des Landes werden 
von allen Seiten als höchst günstig für deutsche Kolonisation 
bezeichnet. In der jüngsten Zeit haben sich mehrfach Bestre 
bungen geltend gemacht, auch dieses schöne, nach einem schreck 
lichen Kriege von Neuem aufblühende Land deutschem Kapital 
und deutscher Arbeit nutzbar zu machen, so namentlich von 
Seiten der Leipziger „Südamerikanischen Koloni 
sation sgesellschaft" und des D r. Bernhard För 
ster. Die hochinteressante Schrift des letzteren „Teutsche Kolo 
nien in dem oberen La Plata-Gebiet, mit besonderer Berück-
        <pb n="113" />
        109 
sichtigulig von Paraguay" wird als das gründlichste in deut 
scher Sprache über Paraguay erschienene Werk gerühmt. Die 
„Südamerikanische Kolonisationsgesellschaft" beabsichtigt ein von 
ihr erworbenes Gebiet am C a p i b a r i mit einem Areal von 
12 Quadrat-Leguas (ca. 87= Quadratmeilen) an deutsche Kolo- 
nisten zu überlassen. Die Kolonie des Herrn Dr. Förster, 
welche ebenfalls allein von Deutschen besiedelt werden soll, 
führt den Namen Neu-Germania; sie besindet sich m 
Distrikt San Pedro, am Aguaray-guazu, einem 
schiffbaren Nebenfluß des Paraguay. Es sind bereits über ivo 
Köpfe Deutscher hier angesiedelt, die sich Ende 1888 durch Zuzug 
auf mindestens 200 vermehrt haben dürften. 
Eine Korrespondenz der „Deutschen Kolonialzeitung aus 
Asuncion vom Dezember 1887 macht über den steigenden Ein- 
fluß der Deutschen in Paruguay folgende Angaben: 
„Die Zahl der in Paraguay als Großgrundbesitzer. Bauern. 
Pflanzer. Viehzüchter, Handwerker, Kaufleute u. s. w. sich an- 
siedelnden Deutschen ist in bemerkbarer Zunahme begriffen. 
So haben sich erst kürzlich wieder zwei ehemalige Mecklenbur- 
gische Landwirthe Grundbesitz mit todtem und lebendem In- 
ventar käuflich erworben (zu 2'/, Quadratlegua mit 800 Stück 
Bieh und 3 1 /* Quadratlegua mit 1000 Stück Vieh) ; andere 
sind im Begriff, größere oder kleinere Ankäufe zu bewirken. 
Neue deutsche Geschäfte, welche direkt Beziehungen mit Deutsch 
land unterhalten, eröffnen sich in der Landeshauptstadt, und 
deutsche Werkstätten etablieren sich auch schon in den wohlha- 
benden Marktflecken. Auffallend stark ist der Import deutscher 
Jndustrieprodukte; es giebt hier schon Geschäfte, welche vor- 
wiegend ihren Bedarf in Deutschland direkt decken, während es 
noch vor einigen Jahren Sitte war. bei den großen Impor-
        <pb n="114" />
        teuren in Buenos Aires zu kaufen. Eisenwaaren aller Art, 
Pianinos, Lampen, Geschirr, Möbel. Bier rc. kommen zum 
größten Theil direkt aus Deutschland; auch das jetzt anlangende 
Material für die neue Bahn trägt den jedes Deutschen Herz 
mit Stolz erfüllenden Namen „Friedrich Krupp. Essen". Die 
Textilindustrie steht noch sehr zurück, nur Strumpfwaaren aus 
Limbach fangen an, sich einzuführen. Es bedarf meines Er- 
achtens nur einer lebhaften Agitation, um auch deutschen Ge- 
weben, namentlich den Elsässer Kattunen, hier Eingang zu ver 
schaffen. Die äußere Stellung der Deutschen und das Ansehen, 
welches sie genießen, hat sich in den letzten Jahren wesentlich 
gehoben, wozu die tüchtige und hier allgemein anerkannte Amts- 
führung des deutschen Kousulats nicht wenig beigetragen hat. 
Ob die deutsche Regierung einen Berufskonsul hier hersenden 
wird, ist eine viel erörterte Frage. Die beiden europäischen 
Nationen, welche jetzt in Paraguay Berufskonsulate unterhalten, 
Frankreich nnd Spanien, haben hier nicht die Bedeutung, wie 
die Deutschen." 
Uruguay. In dem fruchtbaren Graslande llruguay stan 
den bis jetzt leider die ewig dort herrschenden, beklagenswerthen 
politischen Wirren einer erfolgreichen europäischen Kolonisation 
hindernd im Wege. Es sind demnach auch keine deutschen 
Ackerbaukolonien von irgend welcher Bedeutung vorhanden; 
erwähnen wollen wir nur die von deutschen Schweizern besie 
delte Kolonie Nueva Helvecia. Das Unternehmen des 
Herrn Ed. Grauert, in der Nähe des Forts Santa Teresa 
eine größere deutsche Kolonie in's Leben zu rufen, ist kläglich 
gescheitert, indem die Regierung des Präsidenten Tajos den 
.Kolonisationsvertrag, welchen Herr Grauert mit der früheren 
Regierung mit Zustimmung der Kammern geschlossen hatte, in
        <pb n="115" />
        \ 
Ill 
unerhört willkürlicher Weise aufhob. Herr Grau ert, der be 
reits bedeutende Opfer für die Kolonie Santa Teresa gebracht 
hatte, ist inzwischen gestorben, wie man sagt, in Folge der Auf 
regung, in welche ihn das Verfahren der Regierung begreiflicher 
Weise versetzen mußte. Daß derartige Vorkommnisse der Kolo 
nisation, also auch dem wirthschaftlichen Fortschritte des Landes 
nicht eben förderlich sein können, liegt auf flacher Hand. Trotz 
alledem scheinen wieder Unternehmungen großartigen Stiles, 
welche die Anlegung deutscher Kolonien in Uruguay bezwecken, 
im Werke zu sein. In der Hauptstadt Montevideo wohnen 
neben den zahlreichen Spaniern, Italienern und Franzosen frei 
lich nur wenige Deutsche, doch haben diese mit den Engländern 
den gesammten Großhandel des Landes inne. 
Argentinien. In der in mächtigem Aufschwünge be 
griffenen argentinischen Republik gewinnt das Deutschthum 
mehr und mehr an Einfluß, wenn sich auch noch nicht solche 
Zentren deutschen Lebens gebildet haben, wie das Kolonien 
gebiet von Rio Grande do Sul eins ist. Ueber ganz Argen 
tinien verstreut sollen ungefähr 30.000 Deutsche leben; am dich- 
testen sitzen sie in den Provinzen Buenos Aires mit der 
Hauptstadt des Landes, Entre Rios und Santa 
F6. Unter sämmtlichen Ausländern sind in Argentinien die 
Italiener am zahlreichsten vertreten, man schätzt sie auf über 
160,000 Köpfe. 
In der Hauptstadt Buenos Aires mögen etwa 4000 
Deutsche leben, was unter einer Bevölkerung von über 430,000 
Seelen gerade nicht viel ausmacht. Jedoch spielen dieselben 
hier eine sehr bedeutende Rolle, da der Großhandel zum großen 
Theil in den Händen deutscher Kaufleute liegt, der Ausfuhr 
handel nahezu vollständig. Ganz im Süden der Provinz Bue-
        <pb n="116" />
        112 
nos Aires scheint ein wichtiges Zentrum deutschen Lebens im 
Entstehen begriffen zu sein, indem das Welthaus E. Torn- 
qui st &amp; Co. seine int Distrikt Bahia Blanca gelegenen Län 
dereien mit einem Areal von einer halben Million preußischer 
Morgen nur durch Deutsche zu besiedeln gedenkt. Die Kolonie 
Tornquist soll bereits rüstig im Vorwärtsschreiten begriffen 
sein. 
In E n t r e Rios haben sich freilich schon seit mehreren 
Jahren deutsche Laudleute in größerer Zahl niedergelassen; um 
fangreiche rein deutsche Kolonien sind^dort jedoch noch nicht vor 
handen sondern erst im Entstehen begriffen. Eine solche wird die 
von Herrn Hermann Tjarks in Buenos Aires geplante 
am Arroyo Villaguay-Chico gelegene Kolonie Nueva Ale 
mania (NeU'Deutschland), deren Absatzverhältnisse außeror 
dentlich günstig sein sollen. Als reindeutsch ist auch die Nieder 
lassung der Deutschrusseu bei O l e v a r r i a zu bezeichnen. 
Mittelpunkte des Deutschthums in der Provinz Santa F 6 
bilden die Städte Esperanza und das schnell aufblühende 
Rosario. Auch in dieser Provinz wie in Entrerios wohnen zahl 
reiche deutsche Ackerbauer. Eine ganz deutsche Kolouie ist S a n t a 
E l e u a, unfern der Stadt Santa Fe gelegen. Dieselbe umfaßt 
ein Gebiet von drei Quadratmeilen und ist Eigenthum der Ge 
sellschaft Kemmerich, welche dort das bekannte Fleischextrakt 
Herstellen läßt. 
Von den übrigen Provinzen Argentiniens wohnen verstreut 
Deutsche namentlich in T u c u m a n, C a t a m a r c a, Men 
doza und Cordova. Die Universität Cordova, die 
hervorragendste in Südamerika, zählt unter ihren Professoren 
zur Hälfte Deutsche. 
Chile. Die geordnetste und bestorganisirte unter den
        <pb n="117" />
        113 
südamerikanischen Republiken, Chile, beherbergt über 10,000 
Personen deutscher Abkunft. Die meisten derselben wohnen als 
Ackerbauer, Viehzüchter, Handwerker u. s. w. in den Provinzen 
Arauco, Valdivia und Llanquihue. Das Departement 
Oforno, südlich der Stadt Valdivia, hat ein vollkommen 
deutsches Gepräge. Deutsche Schulen sind vorhanden in Val 
divia, Osorno, La Union, Puerto Monti, Rio- 
Bueno und Los Ulmos; dieselben werden von der chileni- 
schen Regierung in freigebigster Weise unterstützt. In Val 
divia erscheint eine „Deutsche Zeitung für Südchile"; in 
Puerto Monti besteht eine Ortsgruppe des Deutschen Schul 
vereins mit gegen 60 Mitgliedern. Wohl die südlichste deutsche 
Niederlassung befindet sich in der chilenischen Hafenstadt Punta 
Arenas an der Magalhaens-Straße. wo bereits im Jahre 
1863 sich 150 Deutsche niederließen. Unsere Stammesgenossen 
in Südchile halten fest zusammen und bewahren treu ihre 
deutsche Sprache und Sitte. Ihr Handelsverkehr mit dem Mut 
terlande ist ein recht bedeutender. 
Auch in Santiago und Valparaiso leben zahlreiche 
Deutsche, meist als Großkaufleute, Gelehrte, Gewerbetreibende 
und Handwerker. Für das rege geistige Leben unserer dortigen 
Landsleute zeugen die gediegenen „Verhandlungen des deutschen 
wissenschaftlichen Vereins zu Santiago", sowie die in Val- 
paraiso erscheinenden, vortrefflich redigirten „Deutschen Nach 
richten." 
Als Kuriosum sei erwähnt, daß der tapfere Jndianerstamm 
der Araukaner sowohl, wieder diesem nahe verwandte, 
jenseits der Cordilleren wohnende, ebenso tapfere Stamm der 
Pechnenchen sich deutscher Abkunft rühmt. Von letztge- 
nanntem Volke werden nach Ochsenius die Deutschen nie
        <pb n="118" />
        anders denn als „Parientes", d. h. Verwandte, bezeichnet. 
Mag genannter Herr für diesen Bericht die Verantwortung 
übernehmen.
        <pb n="119" />
        115 
Die Deutschen in Afrika. 
Nachdem der dunkle Erdtheil, außer in seinem nördlichsten 
und südlichsten Theile, von den europäischen Nationen lange 
Zeit über Gebühr vernachlässigt und fast nur des Sklavenhan 
dels wegen aufgesucht worden war, streben jetzt Deutsche, Eng 
länder, Belgier, Franzosen, Italiener in regem Wettbewerb ein 
ander zuvorzukommen in der Gewinnnng der afrikanischen 
Märkte für ihre heimische Industrie. Die Stellung der Deut 
schen in diesem Kampfe ist keine ungünstige. Schon weht die 
schwarz-weiß-rothe Flagge über ausgedehnten Gebieten; vier feste 
Stützpunkte sind bereits gewonnen, von denen die Erschließung 
des noch immer geheimuißvollen Innern Afrikas für den deut 
schen Handel, für die deutsche Arbeit, ihren Ausgang nehmen 
könnte: Deutsch'Ostafrika nebst Zanzibar, Kamerun, 
Togo, Deutsch-Südwestafrika. Deutsche Ackerbaukolo- 
nien von nennenswerther Bedeutung befinden sich leider noch 
in keinem der Schutzgebiete, sondern lediglich in der Kapkolonie, in 
Natal und in den Boerenrepubliken; unbedeutende Niederlassungen 
von Personen deutscher Herkunft sind auch in Algerien vorhanden. 
Nordafrika. In Marokko, insbesondere an der West 
küste dieses Reiches, gewinnt der deutsche Handel von Tag zu 
Tag an Bedeutung. Bon Tanger bis Mogador findet man an 
allen Plätzen deutsche Handelsagenten, in der Stadt Casablanca 
soll der deutsche Kaufmann den französischen fast ganz verdrängt 
haben. Der politische Einfluß Deutschlands in Marokko ist ein 
bedeutender, trotz der Eifersucht der konkurrirenden Mächte, der 
Engländer, Franzosen, Spanier und Italiener.
        <pb n="120" />
        116 
In Algerien leben über 6000 innerhalb des Deutschem 
Reiches geborene Personen als Ackerbauer; diese sind jedoch fast 
ausschließlich Elsässer, also jedenfalls Renegaten, können uns da 
her nicht interessiren. 
Der Handel Deutschlands mit Egypten ist, wenn auch 
noch unbedeutend, so doch in fortwährendem Steigen begriffen. 
Die deutschen Kolonien in Kairo und Alexandrien sind recht 
ansehnlich. Es mögen ungefähr 1000 Personen deutscher Ab« 
kunft, deren Eintracht sehr gerühmt wird, dort wohnen. 
Westafrika. Der schon jetzt einen bedeutenden Werth 
darstellende westafrikanische Handel verdankt seine Blüthe zum 
großen Theile der Umsicht und der Thatkraft hanseatischer Kauf 
leute, insbesondere des Hamburgischen Welthauses C. Wo er 
mann. Es ist offenbar, daß dieser Handel noch einer gewal 
tigen, ja einer fast unbegrenzten Ausdehnung fähig ist; denn je 
mehr das stark bevölkerte Hinterland der Kultur erschlossen 
wird, desto größere Erträge wird der Boden liefern, desto reich- 
licheren Absatz werden die Erzeugnisse der europäischen Industrie 
auf den Märkten der Eingeborenen finden. Es ist daher ganz 
natürlich, daß diejenigen europäischen Völker, deren Industrie 
auf den Absatz im Auslande angewiesen ist, diese wichtigen 
Gebiete sich dadurch zu sichern suchten, daß sie dieselben ihrem 
Machtbereiche einverleibten. So setzten sich die Franzosen am 
Senegal und Kongo, die Engländer an der Sierra Leone-Küste, 
an der Goldküste und am Niger, die Portugiesen in Angola 
fest. Endlich, in letzter Stunde, rafften sich auch die Deutschen 
auf: im Juli 1884 hißte der unvergeßliche Dr. Nachtigal 
an der S l a v e n k ü st e und an der B i a f r a - B u ch t die 
schwarzweißrothe Flagge zum Zeichen der Besitzergreifung des 
Landes durch das Deutsche Reich. Der deutsche Kaufmann war
        <pb n="121" />
        117 
es endlich müde geworden, von der Willkür eingeborener Häupt 
linge und der Gnade der Engländer abzuhängen, welche die 
lästigen Konkurrenten natürlich nur mit scheelen Augen anzu 
blicken vermochten. 
Die größte deutsche Kolonie an der äquatorialen Westküste, 
die Kolonie Kamerun, erstreckt sich vom Rio del Rey bis zum 
Campofluß. An der Spitze der Verwaltung steht ein kaiserlicher 
«Gouverneur, welchem eine eigens für das seichte Fahrwasser der 
Kamerunflüsse gebaute Dampfbarkasse zur Verfügung steht. Der 
Handel des Kamerungebietes befindet sich zum weitaus größten 
Theile in den Händen der Hamburger Häuser C. Woermann 
und Jantzen &amp; Thormählen. Zur Ausnutzung des, 
wie es scheint, außerordentlich fruchtbaren Bodens der Kolonie 
bildete sich im Frühjahr 1885 zu Hamburg eine Kommandit 
gesellschaftunter der Firma „K ameruner Land-und Plan 
tagengesellschaft Woermann, Thormählen &amp; ßo.". 
Die Pflanzungen der Gesellschaft versprechen einen guten Er 
folg. Hauptausfuhrartikel aus dem Gebiete siud zur Zeit: 
Palmöl, Palmkerne, Gummi, Elfenbein. Die deutsche Reichs- 
Währung ist durch einen Erlaß des Gouverneurs bereits einge 
führt. Zur ferneren Orientirung über die Kolonie seien die 
Schriften von H. Zöller, Dr. Max Buchner, Dr. B. 
Schwarz, sowie die einschlägigen Artikel der „Deutschen 
Kolonialzeitung" und der amtlichen „Mittheilungen 
von Forschungsreisenden und Gelehrten aus den 
teutschen Schutzgebieten" empfohlen. 
Das Togogebiet, an der Slavenküste, umfaßt die Küsten 
städte Lome,Bageida, Porto Seguro und Klein 
P o p o (Aneho). Tie Verwaltung leitet ein kaiserlicher Kom 
missar. Das Hinterland der Togoküste wird von den gutartigen
        <pb n="122" />
        118 
und ziemlich zivilisirten Ew e-Ne gern bewohnt. Unter deut 
schen Schutz haben sich bis heute folgende Landschaften des 
Hinterlandes begeben: Togo, Tome, Kewe, das wichtige 
Agotime, Tuwi, Agome, Liati, Gbele, Agu und 
O b e r - T o w e. Tome, Kewe und Agotime wurden durch die 
Expedition der Herren Konsul Ra nd ad und Assessor F al 
len st ein, die letztgenannten sechs Landschaften durch diejenige 
der Herren Grade und Dr. Henrici für das Deutsche Reich 
erworben. Die Literatur über das Togoland, insbesondere über 
das Innere desselben, ist, verglichen mit derjenigen über Kame 
run, noch eine dürftige; außer dem Zöller'schen Werke über 
die Sklavenküste sei vor allen Dingen das außerordentlich in 
teressante Buch „Das deutsche Togogebiet" von Dr. Henrici 
(Leipzig 1888) hier erwähnt. 
Deutsche Handelsfaktoreien befinden sich übri- 
gens längs der ganzen Westküste, von Senegambien bis 
zum Kongo und darüber hinaus, mögen die betreffenden Plätze 
unter französischer, englischer, portugiesischer oder deutscher Schutz- 
Herrlichkeit stehen. Der hanseatische Handel hat hier den französi 
schen längst überflügelt und macht dem englischen die wirksamste 
Konkurrenz. Selbst in dem englischen Lagos, dem Haupt- 
handelsplatze der Guincaküste, befindet sich der Handel vor 
wiegend in den Händen der Deutschen. Als wichtigste unter 
den vielen Plätzen, in denen sich deutsche Handelsniederlassungen 
und Faktoreien befinden, seien erwähnt: Freetown, Cape Mount, 
Monrovia, Klein-Bassa, Groß-Bassa, Greenville, Cavalla. Tabu, 
Cape Coastcastle, Akkra, Adda, Quitta, Danoe, die bereits ge- 
nannten 4 deutschen Togostädte, von denen Klein-Popo (Ancho) die 
wichtigste ist, Groß-Popo, Porto Novo, Lagos, Braß, die zur 
Kamerunkolonie gehörigen Plätze: Viktoria. Bimbia, Kamerun,
        <pb n="123" />
        119 
Malimba, Klein-Batanga, Groß-Batanga; ferner südlich davon: 
Kap Balta, Batta Bai, Benito, Klein-Eloby, Gabun, Libreville, 
Ogowe, Rudolfstadt am Ausflusse des Kwilu; schließlich südlich 
von der Kongomündung, im portugiesischen Gebiete, Kiffembo. 
Die hervorragendste der am westafrikanischen Geschäft betheilig 
ten Firmen ist ohne Zweifel die schon mehrfach erwähnte Ham 
burgische Firma C. Woermann, welche allein gegen 80 
Faktoreien und Agenturen besitzt. 
Richt genug ist es zu beklagen, daß das bei Weitem 
günstigste Handels- und Wirthschaftsgebiet in ganz Westafrika, 
das Niger-Benue-Gebiet, dem Deutschen Reiche ver 
loren gehen mußte. Der Niger mit seinem Nebenfluß Benue 
gewährt eine selbst für größere Schiffe fahrbare, breite Wasser 
straße. welche tief in das Herz des dunklen Kontinents hinein 
führt, in die produktenreichsten, bevölkertsten und zivilisirtesten 
Gegenden des ganzen Innern von Afrika, in den Sudan, 
eines der wichtigsten Handelsgebiete der Zukunft, wie Dr. 
Jannasch in seiner im Jahre 1886 gelegentlich des „Allge 
meinen deutschen Kongresses zur Förderung überseeischer In 
teressen" gehaltenen Rede über die Hebung des deutschen Außen 
handels ihn nannte. Trotz der aufopfernden Thätigkeit eines 
Robert Flegel, trotz der eifrigen Bemühungen patriotischer 
Männer gelang es den Engländern uns zuvorzukommen, und 
nunmehr weht an beiden Ufern des unteren Niger der Union 
Jack, und immer tiefer in das Innere hinein sucht die mächtige 
lloyal Niger Company ihren Einfluß auszudehnen; ja, nach 
der Vereinbarung zwischen dem Deutschen Reiche und Groß 
britannien über die gegenseitigen Jnteresiensphären in West- 
afrika würde selbst der wichtige Ort Jola am Benue, im Lande 
A d a m a u a, noch innerhalb des britischen Machtbereiches fallen.
        <pb n="124" />
        120 
Dennoch ist keineswegs Alles verloren. Nicht Alles, was man 
auf englischen Karten roth angestrichen findet, ist auch in Wirk- 
lichkeit britischer Besitz; die Rechte, auf Grund deren die eng 
lische Gesellschaft den Handel in diesen Gebieten zu monopoli, 
siren trachtet, sind nach den Berichten des Herrn P. Stau- 
dinger, des Begleiters von R o b e r t F l e g el auf seiner 
letzten Expedition, welche diesem kühnen Reisenden den Tod 
bringen sollte, sowie anderer zuverlässiger Gewährsmänner, 
äußerst zweifelhafter Natur. Nach S t a u d i n g e r beschränken 
sich die rechtmäßigen Besitzungen der Royal Niger Company 
nur auf die von einer Anzahl heidnischer Häuptlinge erworbenen 
Ländereien. „Dazwischen liegt noch so mancher Platz am un 
teren Niger, der noch nicht okkupirt ist, und die für Deutschland 
gerade so wichtigen ungeheuren Strecken der mohamcdanischen 
Reiche sind vollständig dem Handel und Verkehr geöffnet." 
(Deutsche Kolonialzeitung, Jahrgang IV. Heft 7). Bekanntlich 
diente die letzte Expedition Flegels nicht allein wissenschaftlichen, 
sondern auch handelspolitischen Zwecken. In L o k o am Benne 
wurden die deutschen Reisenden vom Könige von An as samara 
auf das freundlichste begrüßt, und gern gewährte derselbe ihnen 
alle begehrten Rechte. Die englische Gesellschaft (damals Na 
tional African Company) hatte vorgegeben, den Grund und 
Boden daselbst käuflich erworben zu haben; der König aber 
schwor bei Allah, daß alle diese Behauptungen unwahr seien. 
Der mächtige Sultan von S o k o t o, dem Hartert und Stau- 
dinger Briefe und Geschenke Sr. Majestät des hochseligen Kai 
sers Wilhelm I. überreichten, hieß die Deutschen in seinem 
Reiche willkommen und erklärte ausdrücklich, daß er nicht einen 
Zoll breit seines Landes an die englische Gesellschaft verkauft, 
noch derselben irgendwie ein Monopolrecht gewährt habe. Der
        <pb n="125" />
        Sultan von Sofoto hat in den unter seiner Oberhoheit stehen 
den Gebieten allein das Recht, gültige Abmachungen zu schließen. 
Sein Reich&gt;rstreckt sich, nach Staudinger, vom mittleren Niger 
bis zur Grenze von Bornu einerseits, sowie vom Südrande 
der Sahara über den Benue bis tief nach A d a m a u a 
hinein andererseits. Auch der mächtige König von Nupe hat 
feierlich erklärt, daß er niemals ein Stück seines Landes an 
die Engländer abgetreten habe noch abtreten werde, daß in 
Nupe der Handel frei sein solle für sämmtliche Nationen. 
Selbst die Könige von O n i t s ch a und A b a d j e. deren 
Reiche am Niger unterhalb seines Zusammenflusses mit dem 
Benne gelegen sind, haben sich dagegen verwahrt, an die eng 
lische Gesellschaft Land oder Hoheitsrechte abgetreten zu haben. 
Wie unter solchen Umständen diese Gesellschaft es wagen darf, 
ungeheure Abgaben und Zölle, selbst Durchgangszölle zu er- 
heben, Häfen zu schließen, die Einfuhr gewisser Handelsartikel 
^anz und gar zu verbieten, bleibt unerfindlich, zumal das ihr 
verliehene Royal Charter den Passus enthält: „Die Bestimmun 
gen der K o n g o k o n f e r e n z werden anerkannt". Nach diesen 
Bestimmungen jedoch müßte der Flußverkehr ein freier sein 
für sämmtliche Nationen. 
Schließlich sei noch kurz des K o n g o st a a t e S gedacht, 
-welcher seine Entstehung dem Zusammenwirken aller europäi 
schen Mächte, nicht zum wenigsten der weisen Politik der deut 
schen Regierung verdankt. Das ausgedehnte und in nicht all 
zuferner Zukunft vielleicht sehr wichtige Kongogebiet ist durch 
-einen europäischen Areopag eroberungssüchtigen Plänen ent 
rückt; Angehörigen aller Nationen sollen die vom Staate, an 
dessen Spitze der König der Belgier steht, zu vergebenden Stellen 
And Aemter offen stehen, der Handel und der Verkehr wird
        <pb n="126" />
        122 
durch keine Schranken gehemmt, das Recht. Grundbesitz zu er 
werben, kann Niemand verkümmert werden. Daß der deutsche 
Handel und die durchaus konkurrenzfähige deutsche Industrie 
bei diesem internationalen Wettbewerb nicht zu kurz kommen 
werden, läßt sich von vornherein annehmen. 
Deutsch-Südwcftafrika. Die deutsche Interessensphäre 
in Südwestafrika wird, Abmachungen mit Portugal und 
Großbritannien zu Folge, folgender Maßen begrenzt. Im Nor 
den bildet von Westen nach Osten der K une ne die Grenze 
von seiner Mündung bis zur zweiten Stromschnelle im Kem 
mageb i rge, von da eine dem Breitengrad folgende Linie, bis 
diese den Kubango trifft, sodann der Lauf dieses Flusses bis 
zum Orte Andara, und schließlich eine gerade Linie, welche 
genannten Ort mit den Mololofällen des Sambesi ver 
bindet. Im Süden wird bekanntlich das deutsche Gebiet von 
der englischen Kapkolonie durch den Oranje fluß geschie 
den. Die Ojtgrenze gegen Britisch-Betschuanaland 
folgt von Süden nach Norden dem 20. Längengrad östlich von 
Greenwich, vom Oranjefluß bis zu der Stelle, wo er den 22. 
Grad südlicher Breite schneidet. Von diesem Punkte bis zur 
Nordgrenze hat das deutsche Interessengebiet keine Abgrenzung 
erfahren, jedoch haben die Engländer wohlweislich dafür gesorgt, 
daß keine unmittelbare Berührung mit den Boerenrepubli 
ken stattfinden kann, indem sie sich das ausgedehnte Betschu- 
ana-Land, welches, soweit es südlich vom 22. Breitengrade ge 
legen ist, genannte Republiken von Dcutsch-Südwestafrika trennt, 
vorbehielten; die Südafrikanische Republik nämlich liegt 
südlich von diesem Breitengrad, ohne ihn zu berühren. Außer 
dem haben sie mit dem Häuptling des großen und mächtigen, 
nördlich von Transvaal gelegenen Ma te be le-Reiches, Loben-
        <pb n="127" />
        123 
guIu, einen Vertrag geschlossen, wonach dieser ftch verpflichtet^ 
keinen Schriftwechsel mit irgend einer auswärtigen Macht zu 
führen, noch Verträge zu schließen ohne Billigung Englands. 
Wohlgemerkt handelt es sich bei den erwähnten, von den 
drei europäischen Staaten getroffenen Grenzbestimmungen nur 
um die von den betheiligten Mächten anerkannte Interessen- 
sphäre Deutschlands, nicht um das eigentliche Schutzgebiet, 
welches sich zur Zeit noch minder weit erstreckt. Ausdrücklich 
unter den Schutz des Deutschen Kaisers gestellt sind, außer den 
Besitzungen der „Deutschen Kolonialgesellschaft für 
Südwestafrika", die Ñamas von Bethanien undBer- 
seba, die „Rothe Nation" auf Hoachanas, die Ba 
stards von R e h o b o t h. das Reich Kamahereros, 
des Königs von Hereroland, die Boeren von Groot- 
f o n t e i n. welche vordem die Republik „Upingtonia" bilde- 
ten. Leider befindet sich einer der besten Häfen der ganzen 
Südwestküste, die W a l l f i s ch b a i, sammt einem Areal von 
1761 Quadratkilometern, noch immer in britischem Besitz, ob 
wohl seitens der englischen Regierung die Abtretung dieser klei 
nen Besitzung in Aussicht gestellt wurde. 
Die wirthschaftliche Ausbeutung des südwestafrikanischen 
Schutzgebietes hat, abgesehen von einigen Privaten, die mit 
Hoheitsrechten ausgestattete „Deutsche Kolonialgesell- 
schaftfürSüdwestafrik a", die Nachfolgerin des Hau 
ses F. A. E. Lüderitz in Bremen, sowie neuerdings die 
„D e u t s ch -W e st a fr i k a n i s ch e Kompagnie" in die 
Hand genommen. Deutsch Südwestafrika besitzt in klimatischer 
Beziehung zweifelsohne manche Vorzüge vor den anderen Lchutz- 
gebietcn; einzelne Theile des Landes scheinen erfreulicher Weise 
zur Aufnahme deutscher Ackerbauer nicht ungeeignet zu sein.
        <pb n="128" />
        124 
'Eine in größerem Maßstabe betriebene Aufforstung, auf welche 
auch die Reichsregierung bereits ihr Augenmerk gerichtet hat, 
würde ohne Zweifel für die Verbesserung der klimatischen und 
Bodenverhältnisse von außerordentlicher Bedeutung sein. Eine 
große Zukunft versprechen der Kolonie die vor einiger Zeit ge 
machten G o l d f u n d e daselbst. Zur Gewinnung des Goldes 
haben sich zwei Gesellschaften gebildet, welche beide ihren Sitz 
in Berlin haben: das S ü d w e st - A f r i k a n i s ch e Gold- 
s y n d i k a t und die D e u t s ch - A f r i k a n i s ch e Minen- 
gesellschaft. 
Südafrika. Herr Er n st v o n W e b e r , der geistvolle 
Verfasser des überaus lesenswerthen Werkes „Vier Jahre in 
Afrika", bezeichnet neben dem außertropischen Südamerika Süd 
afrika als dasjenige Gebiet, in welchem die Grundlegung 
überseeischer deutschnationaler Staaten am ehesten zu ermöglichen 
wäre. In Südafrika wohnen etwa 500,000 Weiße, von denen 
nur ungefähr der vierte Theil englisch ist, während die übrigen 
fast sämmtlich holländischer und deutscher Abkunft sind. Man 
darf nicht glauben, daß allein in den beiden Boerenrepubliken, 
Oranje-Frei st aat und Transvaal, die holländischen 
B o e r e n die überwiegende Mehrheit der weißen Bevölkerung 
ausmachen; auch in den englischen Kolonien K a p l a n d und 
Natal ist dieses in hohem Maße der Fall. Der Gegensatz 
zwischen Engländern und holländischen Boeren durchzieht das 
ganze politische und soziale Leben Südafrikas. Welcher Seite 
wir unsere Sympathien zuzuwenden haben, darüber können wir 
wohl keinen Augenblick im Zweifel sein. Ganz abgesehen da- 
von, daß auch die Hölländer eigentlich echt niederdeutschen 
Stammes sind, fließt in den Adern der Boeren, „A f r i k a a n- 
der s", wie sie sich mit Vorlieben enncn, neben dem holländi-
        <pb n="129" />
        125 
schen noch ein gut Theil rein deutschen Blutes; der Boerendia- 
lekt soll einem Deutschen, insbesondere einem Niederdeutschen,, 
weit leichter verständlich sein als die holländische Schriftsprache. 
Daß die Boeren für die ihnen so nahe verwandten Deutschen 
lebhaftere Zuneigung empfinden, als für die Engländer, welche 
sie stets in der ungerechtesten Weise bedrückt und verdrängt 
haben, ist leicht erklärlich. Es ist wohl anzunehmen, daß eine 
theilweise Ablenkung der deutschen Auswanderung von den 
Vereinigten Staaten nach Südafrika das niederdeutsche Element 
daselbst mächtig stärken und vor der drohenden Anglisirung be 
wahren würde; dann könnte vielleicht der Traum Ernst von 
Webers zur Wahrheit werden, und in Südafrika ein mäch 
tiges und eigenartiges Staatswesen erblühen von deutsch-hol 
ländischem, also rein germanischem Gepräge. Es ist hoch er 
freulich, daß man endlich auch im Reiche den sich stetig mehren 
den Beziehungen Deutschlands zu Südafrika größere Sorgfalt 
zuwendet, insbesondere im Hinblick auf den Aufschwung, in 
welchem dieses Land nach Entdeckung der Diamanten- und Gold 
felder, der reichhaltigen Kohlenlager und anderer Mineralschätze 
entschieden begriffen ist; schon hat sich in Berlin ein eigener 
„Verein zur Fürder un g deutscher Interessen 
in Südafrika" gebildet, an dessen Spitze Männer stehen 
wie E r n st von Weber, Missionssuperintendent a. D. 
M e r e n s k y , Dr. O. Kerst en und andere genaue Kenner 
des Landes und seiner Hülfsquellen. 
Ein beredtes Zeugniß von der Anhänglichkeit der südafri 
kanischen Deutschen an ihr altes Vaterland und von den Sym 
pathien, welches dieses in jenem fernen Lande genießt, liefert 
die überaus festliche Begehung von Kaiser Wilhelms neunzig, 
stem Geburtstag in ganz Südafrika. In K a p st a d t hatten
        <pb n="130" />
        126 
alle Schiffe im Hafen, die öffentlichen Gebäude und viele Pri 
vathäuser Flaggenschmuck angelegt; die dortige deutsche Zeitung 
„Das Kap land" erschien zur Feier des Tages mit rothem 
Titeldruck und einem rothen Rande versehen. Auch in Dur 
ban, Bloemfontein, PortElizabeth, Beaufort 
We st, Mosselbay, Olival North und anderen Städ 
ten wurde der Tag auf das festlichste begangen. In Pre 
toria, der Hauptstadt der Südafrikanischen Republik, flaggten 
sämmtliche Staatsgebäude; Kanonenschüsse wurden abgefeuert, 
und an dem Abends stattfindenden Balle betheiligte sich die 
Gattin des Präsidenten Krüger mit ihren Kindern, während 
dieser selbst, welcher sich gerade auf Reisen befand, nicht unter 
ließ, seinem Bedauern über sein Nichterscheinen Ausdruck zu 
verleihen. 
Die genaue Zahl der in Südafrika lebenden Deutschen ist 
leider kaum annähernd festzustellen, da die diesbezüglichen An- 
gaben vollständig von einander abweichen. Nach Dr. med. 
A. Fick in Richmond (Kapland) beträgt die Zahl der allein 
in der K a p k o l o n i e lebenden Deutschen mindestens 100.000, 
nach der bereits erwähnten Zeitung „Das Kapland" 60—70,000. 
Dagegen wären nach M e r e n s k y in ganz Südafrika nur 
etwa 16,000 Deutsche, „welche des Zusammenhauges mit dem 
Mutterlande sich noch bewußt sind, welche deutsche Art und 
deutsche Sitte noch nicht ganz darangegeben haben". Man 
findet nach Dr. F i ck die Deutschen überall in der Kolonie, 
„unter den reichen Kaufherren der Küstenstädte und Kimberley's, 
avie unter den versoffenen Bummlern der Landstraße, unter 
den Aerzten. Ingenieuren und hohen Beamten der Kolonie, 
wie unter den Dienstboten und Handwerkern, Klein- und Groß- 
bauern." In K a p st a d t besitzen die Deutschen mehrere Schulen
        <pb n="131" />
        127 
und eine Kirche, die St. Martinikirche. Die Wynberg- 
Flats bei Kapstadt sind in einem Umkreis von 6—7 deut 
schen Quadratmeilen fast nur von Deutschen bewohnt, die in 
einzelnen Farmen zerstreut dort leben. Dieselben gehören der 
Kirchengemeinde Wynberg an, welche seit dem 1. Januar 1887 
selbständig ist. Die Gemeinde besitzt eine deutsche Schule, zu 
deren Erhaltung der „Allgemeine deutsche Schulverein" Beiträge 
leistet. Die in Kapstadt erscheinende englische Zeitung „Cape- 
Argus" schätzt die Zahl der in Kapstadt und nächster Umgebung 
wohnenden Deutschen auf 5000. In Port Elizabeth, 
dessen deutsche Kolonie unter ihren Mitgliedern mehr Kaufleute 
ersten Ranges zählt als diejenige von Kapstadt, besteht eine 
„Deutsche Liedertafel", die ein eigenes Haus und ein nicht un 
bedeutendes Vermögen besitzt. Deutsche Ackerbaukolonien finden 
sich vorzugsweise in dem Gebiete südlich vom K e i - Flusie; 
dort, um King Williamstown herum, liegt eine Menge 
rein deutscher Ortschaften, welche Namen führen wie Stutter- 
heim. Berlin, Hamburg, Potsdam u. s. w. Auch 
in Britisch-Kaffraria und Natal haben sich zahl 
reiche deutsche Landleute niedergelassen. Behufs wirthschaftlicher 
Ausnutzung des von England ziemlich unabhängigen P ondo 
la nd es, welches zwischen dem 81. und 82.° südlicher Breite 
am indischen Ozean gelegen ist und eine Fläche von über 200 
deutschen Quadratmeilen einnimmt, hat sich in Berlin eine 
eigene Gesellschaft, die „Deutsche Pondoland-Ge 
s e l l s ch a f t " gebildet. Die Gesellschaft hat im Pondolande 
einen sehr ausgedehnten Landbesitz erworben. In Durban 
sind einige der reichsten und angesehensten Handelsherren 
Deutsche. Auch in den Boerenrepubliken Oranje-Frei- 
st a a t und Transvaal (Südafrikanische Republik)
        <pb n="132" />
        128 
stub die Deutschen zahlreich vertreten. Auf E r n st v o n 
Weber machte Bloemfontein, die Hauptstadt erstge- 
nannten Freistaates, den Eindruck einer deutschen Stadt. Unter 
den dentschen Ansiedelungen in Transvaal ist namentlich der 
1869 gegründeten Kolonie Lüneburg im Distrikt Utrecht 
Erwähnung zu thun. Die innerhalb der Transvaalrepublik ge 
legene, also weitaus größte Strecke der im Bau begriffenen, 
wichtigen Eisenbahn von L o r e n c o Marquez an der 
Delagoabai nach Pretoria wird von einem deutsch-holländi 
schen Konsortium ausgeführt — eine in ihrer Bedeutung nicht 
zu unterschätzende Thatsache. 
Ostafrika. Schon früher nahmen Hamburger Kaufleute, 
insbesondere die Häuser O'Sw a ld L Co. und Ha ns in gLCo., 
einen hervorragenden Antheil an dem Handel Zanzibars, 
des weitaus wichtigsten Platzes der afrikanischen Ostküste; aber 
erst seitdem die ausgedehnten Erwerbungen der „Deut sch-Ost« 
afrikanischen Gesellschaft" dem Schutze des Reiches 
unterstellt worden sind, gewinnt O st a f r i k a eine gewaltige 
und immer steigende Bedeutung für die wirthschaftlichen und 
nationalen Interessen Deutschlands. Deutsch -Ost afri ka 
ist nicht allein das ausgedehnteste, sondern aller menschlichen 
Voraussicht nach auch das zukunftsreichste aller unserer Schutz 
gebiete. Die Geschichte seiner Erwerbung ist ohne Zweifel eine 
der interessantesten Episoden in der neuesten deutschen Geschichte, 
ünd die Namen der muthigen und patriotischen Männer, welche 
sie vollführten, insbesondere des Herrn Dr. Carl Peters 
und seiner Begleiter Dr. Iühlke, welcher leider im Dienste 
der großen Sache, der er sich widmete, sein Leben lassen mußte, 
und Joachim Graf Pfeil, werden dem Gedächtnisse der 
Nachwelt niemals verloren gehen. Zum Studium dieser Ge-
        <pb n="133" />
        129 
schichte seien folgende, für Jeden, welcher sich für deutsche Kolo- 
nialpolitik interessirt, geradezu unentbehrlichen Schriften em 
pfohlen: I. Wagner. Deutsch-Ostafrika. Geschichte der 
Gesellschaft für deutsche Kolonisation und der Deutsch-Ostafrika- 
Nischen Gesellschaft; K. Peters. Deutsch-National, kolo 
nialpolitische Aufsätze; die erschienenen drei Jahrgänge der 
„Kolonialpolitischen Korrespondenz." 
Die in Ostafrika unter deutschen Schutz gestellten Gebiete 
zerfallen in zwei durch eine englische ..Interessensphäre" von ein- 
ander geschiedene Hälften. Die südlichere Hälfte wird im Süden 
von dem portugiesischen Gebiet durch den Rovuma geschieden, 
im Westen von dem Kongo sta at durch den einen Theil des 
N passa-Sees und den Tanganjika-See, sowie durch eine 
die Nordspitze des ersteren mit der Südspitze des letzteren ver 
bindende Linie, im Norden von der englischen „Interessensphäre" 
durch eine Linie, welche von der Mündung des Flusses Wang a 
ausgehend nach dem Jipe-See läuft, von da um das Kili- 
mandjaro-Gebirge nördlich herum führt und an demjenigen 
Punkte endet, wo der l. Grad südlicher Breite das Ostufer des 
Viktoria Nyanza-Sees trifft. Allerdings ist dem Sultan 
von Zanzibar ein 10 englische Meilen breiter Küstenstrich 
zugesprochen morden, jedoch hat die Deutsch-Ostafrikanische Ge- 
sellschaft am 15. August 1888 in Folge Pachtvertrages mit dem 
Sultan auch hier die Zollverwaltung und sonstige Administra 
tion übernommen. Nördlich von der englischen „Interessen 
sphäre". also nördlich vom Osi und Tana, ist bis jetzt nur das 
Gebiet des Sultans Achmed von Witu direkt dem deut- 
schen Schutze unterstellt worden. Die wirthschaftliche Ausnutzung 
dieses -chutzlandes hat nebst mehreren Einzelpersonen eine Ge- 
sellschaft in die Hand genommen, welche das seiner Zeit von
        <pb n="134" />
        130 
dem Sultan Achmed au Herrn Clemens Den Hardt abge 
tretene, an der Tanamündung gelegene, etwa 25 Quadratmeilen 
umfassende Gebiet käuflich erworben hat. Nördlich vom Witu- 
lande liegen wiederum ausgedehnte Erwerbungen der Deutsch- 
Ostafrikanischen Gesellschaft, welche die ganze Somaliküste, 
von der W ab uschimündung um das Kap Gnard as ui 
herum bis zum 49. Grad östlich von Greenwich am Golfe von 
Aden, umfassen. Agent und Vertreter der Deutsch-Ostafrikani 
schen Gesellschaft für dieses gewaltige Gebiet ist der Somali 
MH a me d bin Said, Sohn des Said Sementer zu 
H a l u l e. 
Eine äußerst interessante Zusammenstellung von Urtheilen 
hervorragender Forscher über Ostafrika und seine Hülfsquellen 
liefert die Schrift „Der wirthschaftliche Werth von Deutsch-Ost- 
«frisa" (Berlin 1886), verfaßt von dem um die ostafrikanische 
Geschichtsforschung hochverdienten Ministerialpräsidenten a. D. 
Dr. Grimm in Karlsruhe.
        <pb n="135" />
        131 
Aie Deutschen in Asten. 
Der größte und bevölkertste Erdtheil beherbergt schwerlich 
halb so viele Deutsche wie allein das südliche Brasilien. Deutsche 
Kaufleute finden sich freilich an allen bedeutenden Küstenplätzen 
Asiens, deutsche Ackerbaukolonien kommen dagegen, mit Aus 
nahme einiger verstreuter Ansiedelungen im russischen Trans- 
kaukasien und in der asiatischen Türkei, so gut wie gar nicht vor. 
TranSkaukasicn. In den Kreisen Tiflis, Bortscha- 
linsk und Elisabethpolsk des russischen Gouvernements 
Tiflis befinden sich seit Anfang dieses Jahrhunderts deutsche 
Kolonien, welche zusammen ungefähr 5000 Mitglieder zählen 
sollen. Die deutschen Kolonisten besitzen insgesammt etwas über 
30,000 Hektar Land, sind durchweg wohlhabend und halten treu 
fest an der Sprache und den Sitten ihres schwäbischen Heimath- 
landes. Die wichtigsten dieser Kolonien sind folgende: Tiflis, 
Alexandersdorf, Marienfeld, E l i s a b e t h t h a l, 
Alexandershilf, Katharinenfeld, Annenfeld und 
Helenendorf. W. Petersen führt in seinen „Reisebriefen 
aus Transkaukasien und Armenien", aus, wie vortheilhaft sich 
die dortigen deutschen Ansiedelungen von den benachbarten sla 
vischen unterscheiden. 
Asiatische Türkei. Wenn die Ziele, welchen jetzt der 
Auswandererstrom aus dem übervölkerten Europa zustrebt, ihre 
Anziehungskraft verloren haben werden, dann werden ohne 
Zweifel die mit Menschen äußerst dünn besäten, aber in hohem 
Grade anbaufähigen Ländereien Kleinasiens. Kurdi- 
st ans, Mesopotamiens und weiterhin Persie ns eine
        <pb n="136" />
        132 
gewaltige Bedeutung gewinnen für die gesummte Weltwirth- 
schaft sowohl, als für die einander stets entgegengesetzten natio 
nalen Interessen der großen, in fortwährender Ausbreitung be 
griffenen europäischen Völker. Eine weitausschauende Politik 
wird daher diese Gebiete stets im Auge behalten. Einige Pro 
jekte zur Gründung größerer deutscher Niederlassungen in der 
asiatischen Türkei sind bereits aufgetaucht, so namentlich das 
Pressel'sche Projekt, Anatolien, das Sprenger'sche 
Projekt, Mesopotamien mit Deutschen zu besiedeln; die 
selben sind jedoch bis jetzt noch nicht aus dem Stadium des 
Projektes herausgetreten, und das wird, vorläufig wenigstens, 
auch schwerlich geschehen. 
Als der erste schwache Anfang in der Kolonisation Klein 
asiens ist die in jüngster Zeit erfolgte Uebersiedelung deut 
scher Ackerbauer aus Rumänien dahin anzusehen. In Amassi a 
waren schon vor einiger Zeit dem „Hamburgischen Korrespon 
denten" zufolge 100 Deutsche aus der Dobrudscha eingetroffen 
und weitere 300 im Begriff zu folgen, um sich dort der Müllerei, 
der Landwirthschaft und verwandten Gewerben zu widmen. 
Man darf auf den Ausgang des Unternehmens gespannt sein. 
Kleinere deutsche Kolonien finden sich in mehreren Städten 
Kleinasiens, jedoch verdient nur diejenige in Smyrna erwähnt 
zu werden. Unter den 4000 in dieser Stadt lebenden Fremden 
befinden sich nach Jung ungefähr 200 Angehörige des Deut 
schen Reiches und 600 Oesterreicher. Die vornehmste Unter- 
richtsanstalt der Stadt ist das Mädchenpensionat und die Töch 
terschule der Kaiserswerther Diakonissen. Die M echitaristen- 
A n st a l t, ebenfalls ein Unterrichtsinstitut, erhält von der 
österreichisch-ungarischen Regierung eine jährliche Unterstützung 
von 550 Gulden unter der Bedingung, daß die deutsche Sprache
        <pb n="137" />
        133 
dort gelehrt werde. Eine rein deutsche Schule mit deutscher 
Unterrichtssprache ist leider noch nicht vorhanden. In der Nähe 
von Smyrna besitzt die Berliner „Deutsche Handelsgesellschaft" 
ergiebige Weinberge. 
Die Templerkolonien in Syrien und Palästina 
verdanken religiösen Beweggründen ihre Entstehung. Die merk- 
würdige Sekte des ..Tempels" ist aus dem schwäbischen 
Pietismus hervorgegangen. Als eigentlicher Stifter der Temp- 
lergemeinde ist der unlängst verstorbene Christoph Hoff 
mann anzusehen, welcher im Jahre 1845 das noch bestehende 
Organ derselben, die zu Stuttgart erscheinende (jetzt von Dr. 
Franz Paulus redigirte) „Warte des Tempels" gründete 
und sich mit dem Lederhändler Hardegg in Verbindung 
letzte, um einer Weisiagung der heiligen Schrift gemäß das 
„Volk Gottes" nach Jerusalem zu führen. Zur näheren Orien- 
tirung über das Wesen dieser eigenartigen Sekte sei das inte 
ressante Werk Chr. Hoffmann's „Orient und Occident" 
Stuttgart 1875) empfohlen. Die älteste Niederlassung der 
Templer in Palästina ist Caifa, wo sie seit dem Jahre 1868 
angesiedelt sind; hier wohnen gegenwärtig ca. 450 Gemeinde- 
glieder. Außer in Caifa befinden sich Tcmplergemeinden in 
Jaffa, Sarona, Jerusalem (ca. 310 Seelen). Bei 
rut, Nazareth und Ramleh. im Ganzen ungefähr 1300 
Seelen. Die Templer von Beirut. Nazareth und Ramleh sind 
Gewerbetreibende, die übrigen meistens Acker- und Weinbauern. 
Die Templer sind noch immer Angehörige des Deutschen Rei 
ches und trotz ihrer religiösen Sonderstellung gut national 
gesinnt. 
In I e r u s a l e m besteht außer der Templergemeinde noch 
«ine deutsche evangelische Gemeinde, welche die ebenfalls dort
        <pb n="138" />
        134 
befindliche englische an Zahl weit übertrifft. Sie besitzt eine 
eigene Kapelle und Schule, Geistliche und Lehrer. 
Britisch- und Niederländisch Indien. In den großen 
Emporien Britisch-Ostindiens, Bombay, Madras 
und Kalkutta, befinden sich kleine deutsche Kolonien, welche 
je 20 bis 40 Mitglieder zählen, meist Angestellte englischer 
Häuser. In Ceylon leben ca. 80 Deutsche, theils Kaffee- 
pflanzer, theils Angestellte englischer und einiger weniger deut- 
scher Firmen. Der Handel Deutschlands mit Britisch - Ost 
indien ist im Aufschwung begriffen, der Wettkamps der deut 
schen Industrie mit der englischen ist sogar hier, im eigensten 
britischen Gebiet, bei zahlreichen Artikeln mit dem besten Erfolg 
aufgenommen worden. 
Auf der großen Insel Borneo hat die im Februar 1884 
gegründete Deutsche Borneo-Kompagnie von der 
englischen North Borneo-Company in der Nähe des Häsens 
S a n d a k a n bedeutenden Grundbesitz käuflich erworben. Die 
Gesellschaft bezweckt die Anlage von Plantagen, namentlich 
Tabackpflanznngen Das Unternehmen scheint günstigen Erfolg 
zu haben, und man beabsichtigt bereits, demselben gröbere Di 
mensionen zu geben. Auch die sechs auf der Insel befindlichen 
Stationen der Rheinischen M i s s i o n s g e s e l l s ch a f t 
treiben mit Erfolg tropische Landwirthschaft. 
Tie zu Deli in Sumatra arbeitende, außerordentlich 
prosperirende „Deli Maatschapij" zählt zahlreiche Deutsche unter 
ihren Actionärcn und wird von einem Teutschen geleitet. Auch 
unter den Angestellten dieser Gesellschaft befinden sich viele 
Landsleute. Neuerdings hat sich in Hamburg eine „Tanah. 
Pontih.Plantagen-Gescllschast" gebildet, welche an der Ostküste 
Sumatras Pflanzungen anlegen will.
        <pb n="139" />
        135 
Der Handel Deutschlands mit N i e d e r l ä n d i s ch . O st. 
indien ist leider ein noch wenig entwickelter, was haupt 
sächlich wohl dem Mangel einer direkten Schiffsverbindung und 
einer ausreichenden konsularischen Vertretung des Reiches aufIava 
zuzuschreiben ist. Daher hat eine Anzahl von Handelskammern 
sich dem Gesuche derjenigen von München-Gladbach um An- 
stellung eines Berufskonsuls in Batavia, sowie um Einrichtung 
einer direkten Verbindung mit Riederländisch-Ostindien durch 
die deutschen ostasiatischen Dampferlinien angeschlossen. 
Hinterindien. Tie Interessen Deutschlands in Hinter 
indien sind nicht unbedeutend. Das wichtige Emporium Sin- 
g a p o r e in der englischen Kolonie Straits Settlements 
bildet eine Hauptetappe des Verkehrs zwischen Hamburg und 
Ostasien. Die hier ansässigen Deutschen sind fast sämmtlich 
Hamburger. 
Auch in B a n g k o k, der Hauptstadt von Siam, sind 
Deutsche in recht ansehnlicher Zahl vorhanden. Es sind vor- 
wiegend deutsche Schiffe, welche den Verkehr zwischen Bangkok 
und den Küstenplätzen von Riederländisch-Ostindien und China 
vermitteln. Leider sind die Handelsbeziehungen zwischen Deutsch 
land und Siam noch höchst unbedeutend. Es wäre dringend 
zu wünschen, daß auch deutsche Firmen und deutsche Großin- 
dustrielle sich an der Erschließung dieses wirthschastlich wichtigen 
Landes betheiligten, welches mit der Halbinsel Malakka bei 
nahe doppelt so groß ist wie das Deutsche Reich; insbesondere 
sollten unternehmende deutsche Kapitalisten dem geplanten Eisen- 
bahnbau ihre Aufmerksamkeit zuwenden. Die beiden Engländer 
Mr. Colquhoun und Mr. Holt S. Hallet, welche zu 
handelspolitischen Zwecken Hinterindien und China bereisten, 
empfehlen tringend, von Siam und Birma aus durch Herstellung
        <pb n="140" />
        136 
von Bahnverbindungen die Erschließung des südlichen China 
vorzunehmen. Schon der Verkehr innerhalb der SHan-Staaten 
würde den Bau einer Bahn lohnen, da nach Mr. Hallet alle 
Reisende, welche diese zum größten Theile dem König von Siam 
untergebenen Staaten durchwandern, erstaunt sind über die 
Menge der nach allen Richtungen hin ziehenden Karawanen. 
Der norwegische Arzt Karl Bock, welcher 14 Monate lang 
im Lande und am Hofe des Königs Tschulalongkorn 
weilte, urtheilt in seinem lesenswerthen Buche „Im Reiche des 
weißen Elephanten" folgendermaßen über das Bahnprojekt 
Bangko'-Raheng: „Das Land würde sich in Folge des Baues 
einer Bahn nicht allein ungemein rasch entwickeln, sondern das 
Kapital würde sich auch meiner Ueberzeugung nach sofort hoch 
verzinsen. Hier giebt es keine Grundstücke, die theuer gekauft, 
leine, die auf dem Wege der Zwangsenteignung bezahlt werden 
müßten. Es braucht fast nichts weiter gethan zu werden, als 
die Linie abzustecken und Schienen zu legen. Kein Damm, 
kein Einschnitt, kein Tunnel ist nöthig, kaum eine Brücke. 
Chinesen würden die Arbeit für sehr geringen Lohn ausführen 
und sich auch aus möglichen Ueberstunden nicht viel machen."*) 
In den französischen Besitzungen Cochinchina, A nam 
und T o n k i n g vertreten namentlich die beiden Hamburger 
Häuser Speidel und Schröder den deutschen Handel, 
welcher an Bedeutung den französischen weit überwiegt. Auch 
*) Rach neuesten Berichten scheinen die Engländer den 
Deutschen wieder einmal zuvorgekommen zu sein, indem Sir 
Andrew Clarke mit der siamesischen Regierung ein Abkom 
men getroffen haben soll für den Bau einer Bahn von Bangkok 
durch das Mehnam'Thal nach Diahngsen, mit Zweiglinien nach 
Korat, Paklay und Zimme.
        <pb n="141" />
        137 
hier wird, wie anderswo in Ostasien, die Küstenschiffahrt zum 
großen Theile von deutschen Fahrzeugen besorgt. 
Ostasien. Die wichtigsten Absatzgebiete für europäische 
Jndustrieerzeugnisse in Asien stnd — abgesehen von dem vom 
englischen Handel fast ausschließlich beherrschten Britisch-Jndien 
— ohne Zweifel die ostasiatischkn Reiche China. Japan und 
Korea. Diese uralten Kulturländer, deren Bevölkerung un- 
gefähr ein Drittheil der gesammten Menschheit ausmacht, sind 
sind schon jetzt in hohem Grade aufnahmefähig für die Erzeug- 
nisse europäischen Kewerbfleißes, und diese Aufnahmefähigkeit 
wird Jahrzehnte, ja vielleicht Jahrhunderte noch in fortwähren- 
dem Steigen begriffen sein. Insbesondere die nächste Zukunft 
eröffnet der europäischen Industrie in Ostasien die glänzendsten 
Aussichten, indem man nunmehr, wie es scheint ernstlich, daran 
geht, das dichtbevölkerte Innere des gewaltigen chinesischen Rei 
ches dem auswärtigen Handelsverkehr, welcher sich bis dahin 
nur auf eine verhältnißmäßig geringe Anzahl von Vertrags- 
Häfen beschränkte, durch Eiseubahnbauten zu eröffnen. In Ja 
pan ist ebenfalls die Erweiterung des bereits bestehenden Eisen 
bahnnetzes in Aussicht genommen. Es ist daher kein Wunder, 
daß die einzelnen europäischen Staaten in außerordentlich regem 
Wettbewerb bestrebt sind, ihrer Industrie, ihrem Handel den 
Löwenantheil auf dem großen ostasiatischen Markte zu sichern. 
Wenn die gegenwärtige Stellung Deutschlands in diesem hei 
ßen Kampfe als eine solche zu bezeichnen ist, welche den Sieg 
erhoffen läßt, so verdanken wir das nicht zum wenigsten der 
weisen Politik unserer Regierung, die im Gegensatz zu den 
Regierungen anderer Staaten mit ängstlicher Sorgfalt Alles 
vermied, was den ostasiatischen Reichen Anlaß zum Argwohn 
geben konnte, und in den subventionirten Postd ampfer-
        <pb n="142" />
        138 
lini en des Norddeutschen Lloyd eine direkte und durch» 
aus konkurrenzfähige Schiffsverbindung zwischen Deutschland 
und den wichtigsten Häfen des äußersten Ostens herstellte. 
Von den Freihäfen Chinas sind es besonders die Plätze 
Schanghai, Kanton, Tientsin, Amoy, Futschan, 
H a n k a u und S w a t a u, in welchen der deutsche Kaufmann 
sich Einfluß zu verschaffen wußte. Den Mittelpunkt der deutschen 
Interessen in China bildet Schanghai; die dortige deutsche Ko 
lonie zählt etwa 100 Personen, Kaufleute und Gewerbetreibende, 
und nahe an 30 deutsche Häuser sind hier thätig. Die Errich 
tung einer deutschen Bank an diesem Platze, welche übrigens 
demnächst zu erwarten steht, würde der Entwickelung des deut 
schen Handels in ganz Ostaflen sicherlich ungemein förderlich 
sein. Seit dem 1. Oktober 1886 erscheint in Schanghai eine 
deutsche Zeitung, der „Ostasiatische Lloyd". Leider vertritt in 
den Vertragshäfen Nintschwang, Ningpo, Wenchow, 
Pakhoi und Kiungchow noch immer der englische Konsul 
die deutschen Interessen; daß dieses in ausreichendem Maße 
nicht geschehen kann, liegt auf der Hand. Von diesen Häfen 
ist Nintschwang besonders zu erwähnen wegen des starken Ver 
kehrs deutscher Schiffe daselbst. Aitch in Tschifu, wo die deut 
schen Interessen nur durch einen kaufmännischen Nizekonsul 
vertreten werden, ist der deutsche Schiffsverkehr recht bedeutend; 
auch hier würde ein Berufskonsulat ohne Zweifel von großen! 
Nutzen sein. Nach der „D. Kolonialzeitung" zählten im Jahre 
1887 die Deutschen in China 597 Personen und 65 Firmen. 
Deutschland nimmt in Betreff der Anzahl der Firmen den zwei- 
ten Rang unter allen ausländischen Nationen ein und steht im 
Verhältniß zu England mie 1:4. Tie stets im Wachsen be 
griffene Anzahl der deutschen Firmen liefert einen untrüglichen
        <pb n="143" />
        139 
Beweis von der Ausbreitung deutschen Handels und deutscher 
Industrie in China. 
In Japan halten sich nach der neuesten Volkszählung 
6,178 Ausländer auf, darunter 170 Deutsche. 2,471 Chine- 
sen, 616 Engländer. 187 Amerikaner, 101 Franzosen. Der 
deutsche Handel mit Japan ist freilich schon jetzt ein bedeuten- 
der — allein in Yokohama ist er mit ca. 35 Millionen Mark 
betheiligt — ist aber noch sehr der Ausdehnung fähig. Jm- 
portirt werden aus Deutschland vorwiegend Tuchstoffe, Militär 
effekten, Zucker, Droguen und Farben. Nach einem Berichte 
des englischen Konsuls in Nagasaki hat in den 6 Jahren von 
1880 bis 1886 die Tonnenzahl der deutschen, am japanesischen 
Schiffsverkehr betheiligten Schiffe sich um 16 Prozent vermehrt, 
während im gleichen Zeitraum die der englischen um 20 Pro 
zent verloren hat. Die in Japan ansässigen Deutschen bestehen 
außer aus Geschäftsleuten namentlich aus Beamten, Militärs, 
Lehrern und Handwerkern, welche von der japanischen Regie 
rung zu Jnstruktionszwecken dort hingezogen wurden. An der 
Universität zu T o ki o dominirt die deutsche Sprache, in der 
medizinischen Fakultät ist sie sogar ausschließlich im Gebrauch. 
Tie „Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ost 
asiens", welche in Yokohama ihren Sitz hat, zählt nach den von 
ihr herausgegebenen hochinteressanten „Mittheilungen" über 100 
Mitglieder, von denen ca. 80 in Japan wohnhaft sind. In Tokio 
ist ein „Verein für deutsche Wissenschaft in Japan". Auch 
eine Ortsgruppe des „Allgemeinen deutschen Schulvercins" be- 
steht in Japan, die Ortsgruppe Tokio-Mohama. welche am 
22. März 1887. am 00. Geburtstage Sr. Majestät des Kaisers 
Wilhelm!., in's Leben getreten ist. 
Mit Korea schloß das Teutsche Reich im Jahre 1884
        <pb n="144" />
        •einen überans günstigen Freundschafts- und Handelsvertrag, 
dessen Zustandekommen hauptsächlich dem damaligen koreani 
schen Minister Paul von Möllendorff zu verdanken ist. 
Es sind Anzeichen dafür vorhanden, daß auch mit diesem fast 
gänzlich unerschlosienen Lande bald ein lebhafter Handelsverkehr 
angebahnt wird. Erst kürzlich hat die koreanische Regierung 
bei dem Hamburger Hause H. C. Meyer drei eiserne Dampf 
schiffe bestellt, welche zur Hebung und Förderung des Passa- 
gier- und Frachtverkehrs von Korea mit dem Ausland dienen 
ffollen.
        <pb n="145" />
        141 
Die Deutschen in Australien und 
Neuseeland. 
Wie überall, so stoßen wir auch in Australien fast nur 
in der gemäßigten Zone auf wirkliche, lebenskräftige 
deutsche Ackerbaukolonien. Deutsche Ackerbaukolonien finden- 
wir demnach in Südaustralien, Victoria, Neusüd 
wales, in dem südlich vom Wendekreise gelegenen Theile 
Queenslands, in Tasmanien und Neuseeland. 
Im Ganzen befinden sich nach dem Zensus von 1881 in diesen 
genannten Gebieten 42,129 in Deutschland geborene Personen. 
Die wirkliche Zahl der in Australien lebenden Personen deut- 
scher Nationalität schätzt jedoch Karl Emil Jung, einer der 
besten Kenner des Landes, auf über 100,000. Am zähesten 
halten unsere Landsleute in Südaustralien und Queensland 
an der Sprache und den Sitten des Heimathlandes fest, dage 
gen soll sich in Neuseeland der Prozeß der Anglisirung in auf. 
fallend schneller Weise vollziehen. In Queensland desin- 
den sich nach dem letzten Zensus 11.638, in Südaustralien. 
8,798, in Victoria 8,571, in Neusüdwales 7,521 und in 
Tasmanien 782 aus dem Deutschen Reiche eingewanderte 
Personen. 
Tüdaustralien. Die beiden Hauptzentren deutschen Le. 
bens in Südaustralien sind die Hauptstadt Adelaide, 
wo reichlich 6000 Deutsche wohnen, und das kleine, etwa 10 
deutsche Meilen von Adelaide entfernt, am Fuße des Kaiser- 
stuhleS in der Baroffakette gelegene Städtchen Tanunda, der 
Mittelpunkt eines ganz deutschen Landdistriktes.
        <pb n="146" />
        142 
Die Deutschen Adelaide's halten gut zusammen und 
spielen im sozialen Leben der Stadt eine hervorragende Rolle. 
Sie besitzen eine eigene Kirche, eine Zeitung, die weitverbreitete 
„Australische Zeitung", und haben sich eine Reihe geselliger 
Vereine geschaffen, unter denen der „Deutsche Klub" hervorge 
hoben zu werden verdient. Ihre gut nationale Gesinnung ha- 
ben sie öfters bewiesen, insbesondere auch bei Gelegenheit der 
Ankunft des „Saliers", des ersten Dampfers der neuen sub- 
ventionirten Linie, welcher die australischen Häsen anlief; der- 
selbe wurde unter großen Feierlichkeiten empfangen, an denen 
gegen 600 Deutsche theilnahmen. Die dortigen deutschen Ge 
schäftsleute haben bei dieser Gelegenheit nach der „Deutschen 
Post" den Nachahmungswerthen Beschluß gefaßt, ihr Frachtgut 
nur noch auf deutschen Dampfern zu befördern. Seit dem 
Herbste 1886 besteht in Adelaide ein „Deutscher Kolonisations 
verein", ein Beweis, mit welchem regen Interesse die dortigen 
Deutschen die Entwickelung unserer Kolonien, insbesondere der 
in der Süd se e gelegenen, verfolgen. Die Anzahl aller 
Deutschen in Südaustralien schätzt Jung auf 80,000. 
Victoria und Ncusiidtvalcs. Auch in Victoria ha 
ben sich einige deutsche Ackerbauer angesiedelt, besonders im 
Westen der Kolonie; die meisten Deutschen jedoch leben in den 
Städten Melbourne und Ballarat. In M e l b o urne, 
der größten Stadt Australiens, bestehen freilich zahlreiche 
deutsche Vereine, indeß geht das Deutschthum daselbst offenbar 
immer mehr in dem Angelsachsenthum unter. 
In Neusüdwales bestehen außer in der Hauptstadt 
Sydney erwähnenswerthe deutsche Kolonien im Norden an 
den Ufern des Clarence, wo einige unserer Landsleute sich 
.mit der Zuckerkultur beschäftigen, und im Süden in dem am
        <pb n="147" />
        143 
Murray gelegenen Bezirk von A l b u r y. In letztgenanntem 
Bezirk, in welchem sich rein deutsche Gemeinden, wie Jindera, 
Gerodgery, Walla-Walla, Doodle Looma und einige mehr be 
finden, mögen ungefähr 210 deutsche Familien ansässig sein; 
in der Stadt Albury leben etwa 200 Deutsche. In Sydney 
besteht ein deutscher Verein für Handelsgeographie, sowie eine 
Ortsgruppe des Deutschen Schulvereins, die nahe an 100 Mit 
glieder zählt. 
Queensland. Das Zentrum des Deutschthums in 
Queensland ist die Hauptstadt Brisbane, deren deut 
sche Bewohner der Mehrzahl nach Handwerker. Gastwirthe, 
Krämer, Detaillisten und Lohnarbeiter sind; viele derselben le- 
ben in sehr guten Verhältnissen. Hier erscheint ein deutsches 
Blatt, die „Nordaustralische Zeitung". In der Nähe der Stadt 
wohnen zahlreiche deutsche Ackerbauer, welche sich namentlich mit 
dem Anbau des Zuckerrohres beschäftigen. Als ein hervorra- 
Oenb von Deutschen besiedeltes Gebiet in Queensland sind fer- 
ner die D a r l i n g D o w n s zu nennen, deren Mittelpunkt 
Toowoomba eine fast ganz deutsche Stadt ist. Nach 
Jung wohnen in Queensland über 25,000 Deutsche. 
Die Hauptstützen und den Hauptvereinigungspunkt des 
Deutschthums in Australien bilden nach Jung die deut 
schen lutherischen Kirchen, da wenigstens bei den 
Landgemeinden sich ein ziemlich reges kirchliches Leben erhallen 
hat. Es bestehen gegenwärtig drei evangelisch-lutherische Sy 
noden in Australien: die Synode von Victoria, die Immanuel- 
synode und die Synode von Australien; letztere beiden in Süd- 
australien. Die beiden erstgenannten, konfessionell geeinigten
        <pb n="148" />
        Synoden führen gemeinschaftlich den Namen „die evangelisch 
lutherische Generalsynode von Australien". 
Eine Zukunft kann das Deutschthum in Australien nur 
haben, wenn es durch stetigen Zufluß aus der alten Heimath 
fortwährend erneuert und gestärkt wird. 
Der Handelsverkehr Deutschlands mit den australischen 
Kolonien Englands ist ein reger und im Steigen begriffen. 
Dieser günstige Erfolg ist nicht zum geringsten Theile der wei 
sen Handelspolitik unserer Regierung zuzuschreiben, welche für 
würdige Betheiligung Deutschlands an den verschiedenen Aus 
stellungen in Sydney und Melbourne Sorge trug, und durch 
Subvention der australischen Linie des Norddeutschen Lloyd 
eine direkte und schnelle Schiffsverbindung zwischen den deut 
schen und australischen Häfen herstellte.
        <pb n="149" />
        Die Deutschen in der Südsee. 
Die Inseln der Südsee in ihrer Gesammtheit sind 
beinahe als eine einzige große deutsche Handels- und Plantagen 
kolonie zu betrachten, obschon die eigentliche politische Oberherr 
schaft Deutschlands sich nur auf den nördlichen Theil derselben 
erstreckt. 
Den Grund zu der deutschen Handelsherrschaft in der Südsee 
legte das bekannte Haus Godeffroy in Hamburg, 
welches von seiner Hauptstation Samoa aus bald sämmtliche 
Inselgruppen in seinen Bereich zog. Noch immer bilden die 
Samoa-Inseln, insbesondere die Stadt Ap ia auf der Insel 
U p o l u , den Mittelpunkt der deutschen HandelSintercssen in der 
Südsee. Die „Deutsche Handels- und Planta g en - 
g es e l l s ch a f t der S ü d s e e ", die Nachfolgerin des Hauses 
Godeffroy, besitzt gegenwärtig fünf Pflanzungen auf den Sa 
moa-Inseln mit einem Gesammtareal von 7000 Acres. Ter 
Betrieb der Pflanzungen auf Samoa kann wohl den Vergleich 
aushalten mit der vorzüglich geleiteten Verwaltung eines Groß 
grundbesitzes in Deutschland. Auf den Inseln leben etwa 250 
Weiße, von denen ungefähr drei Viertel Deutsche sind. Der 
Hafen S a l u a s a t a auf U v o l u befindet sich schon seit län 
gerer Zeit im Besitz des Reiches; möge bald die ganze Jnsel- 
grilppe allen englischen und amerikanischen Intriguen zum Trotz 
sein Schicksal theilen, sie ist es werth. 
Das deutsche Schutzgebiet in der Südsee erstreckt sich über 
Kaiser W i l h e l m s l a n d (179,250 Quadrat-Kilometer) auf 
Neuguinea, den Bismarck -Ar chipe! (52,200 Qua-
        <pb n="150" />
        drat-Kilometer), welcher die beiden größeren Inseln N e u p o m 
mern und Neumecklenburg, die kleinere Neuhan 
nover und die A d m i r a l i t ä t s i n s e l n umfaßt, die 
Brown- und Provide nce-Jnseln, die Marschall- 
Inseln mit dem Hauptort Jaluit und einige Salomo- 
Inseln, darunter die drei größten Bougainville, Choi 
seul und Isabella. Das gesammte Schutzgebiet der Südsee 
umfaßt eine Fläche von ungefähr 254,000 Quadrat-Kilometern, 
kommt also beinahe der Hälfte des Deutschen Reiches gleich. 
In Kaiser Wilhelmsland und dem Bismarck-Archipel besitzt die 
„Neugui nea-K ompagnie" Hoheitsrechte. 
Außer den beiden genannten Gesellschaften, der „Deut 
schen Handels- und P l a n t a g e n g e s e l l s ch a f t der 
S ü d s e e " und der „ N e u g u i n e a - K o m p a g n i e " haben 
vorzugsweise die beiden Hamburger Firmen H. M. Rüge &amp; C o. 
und H er ns he im L Co. die wirthschaftliche Ausbeutung der 
Südsee in die Hand genommen. Zur Ausnutzung des Schutz- 
gebietes der Marschall-Jnseln hat sich neuerdings eine „Jaluit- 
Gesellschaft" gebildet. 
Den hauptsächlich von dem deutschen Handel beherrschten 
Theil der Südsee bilden nach der von den betheiligten Firmen 
angenommenen Eintheilung vier Geschüftsbezirke: der tonga- 
nische, der s a m o a n i s ch e, der m e l a n e s i s ch e (Neu 
guinea und Bismarck-Archipel) und der m i kr ones i sch e 
(Gilbert-, Marschall- und Karolinen-Jnseln). In jedem einzelnen 
dieser Bezirke haben die deutschen Geschäfte die unbedingte Ma- 
jorität den sämmtlichen übrigen Nationen gegenüber. Das 
Hauptgeschäft in der Südsee bildet das Koprageschäft; volle 
zwei Drittel des gesammten Koprageschäftes sind in deutschen 
Händen. Der ganze Geschäftsumsatz ist in den Jahren 1880
        <pb n="151" />
        147 
10' 
bis 1885 von ca. 5 auf ca. 10 Millionen Mark gestiegen, der 
deutsche Antheil von 4 auf gut 6'/r Millionen Mark. Bei der 
mit dem Sturze des Hauses Godesfroy in ursächlichem Zu 
sammenhang stehenden Ungunst der Verhältnisse, welcher gerade 
der deutsche Südseehandel im Anfange der 8Oer Jahre ausgesetzt 
war, ist dieses ein Resultar, mit welchem wir wohl zufrieden 
sein dürfen. Auch auf den unter englischer und französischer 
Oberhoheit stehenden Inseln, auf Neukaledonien, den Fidschi- 
und den Gesellschaftsinseln nebst den dazu gehörigen kleineren 
Gruppen befindet sich das Koprageschäft schon seit Jahren zum 
größten Theil in deutschen Händen; doch haben die Deutschen 
an dem theilweise hochentwickelten Plantagcnbetrieb auf diesen 
Inseln nur geringen Antheil. 
Eine größere deutsche Kolonie, zu welcher hervorragende 
Kaufleute und Großgrundbesitzer zählen, befindet sich auf Ha. 
waii. Dem ,,Hawaiian Almanac and Annual for 1886“ zu 
Folge beträgt die Bevölkerung des Königreiches nach der letzten 
Zählung, die im Jahre 1884 stattfand, 80,578 Seelen, darunter 
17,000 Chinesen und 17,300 Weiße; unter den letzteren befinden 
sich 1 600 Deutsche, 0300 Portugiesen, 1280 Engländer, 362 
Norweger, 200 Amerikaner, 192 Franzosen. Besonders in der 
Hauptstadt Honolulu leben zahlreiche Deutsche.
        <pb n="152" />
        148 
Was ist zu thun, um das Aeulschlhum 
im Auslande zu erhalten und zu fördern? 
Die hier aufgeworfene Frage findet eine ganz verschiedene 
Beantwortung je nach der Art der in Betracht kommenden 
deutschen Niederlassung, je nach dem sie eine Handels-, Pflan 
zungs-, Ackerbau- oder sonstige Kolonie ist, je nach den Ver 
hältnissen und Besonderheiten der betreffenden Gegend. Es 
kommt also vor Allem darauf an, die eingehendste Kenntniß 
sämmtlicher nennenswerthen deutschen Siedelungen zu erwerben; 
die geographische Lage jeder Kolonie, die Bodenverhältnisse, 
Produkte, das Klima, die Anzahl der deutschen sowie der übri- 
gen Bewohner des Landes, deren Charakter und Lebensgcwohn- 
heiten, die politischen, wirthschaftlichen und gesellschaftlichen 
Verhältnisse, Alles ist auf das genaueste zu erkunden, jede Ver 
änderung und Neuerung sorgfältig zu verzeichnen. 9htr der 
genaueste Kenner des Landes und seiner Bewohner vermag ein 
zuständiges Urtheil darüber abzugeben, auf welche Art das 
Deutschthum daselbst gefördert werden kann, und die Maßregeln 
zu bestimmen, welche unter gegebenen Zeitumständen zu diesem 
Endzwecke zu ergreifen sind. In denjenigen Niederlassungen, 
welche möglicher Weise den Keim bilden zu größeren rein deut 
schen Gemeinwesen, also in den Ackerbaukolonien, dienen im 
Allgemeinen folgende Maßregeln zur Erhaltung und Ver 
stärkung des Deutschthums: Lenkung der Auswanderung in die 
Kolonie, Unterhaltung regen Verkehrs zwischen Kolonie und 
Mutterland, Stiftung oder Unterstützung solcher Einrichtungen, 
welche vorzugsweise geeignet sind, das Aufgehen in ein fremdes
        <pb n="153" />
        149 
Volksthum zu verhindern, Erhaltung und Anregung des Natio 
nalbewußtseins. Letztgenannter Punkt, die Erhaltung und 
Anregung des Nationalbewußtseins, ist offenbar 
der wichtigste, denn ohne dieses würden, zumal an Orten, in 
welchen sich die deutsche Bevölkerung in der Minderheit befindet, 
alle Bemühungen, die schließliche Entnationalisirung derselben 
zu verhindern, fruchtlos bleiben. Nicht allein für den Idealisten, 
sondern auch für den Wirthschaftspolitiker, der die Dinge einzig 
nach ihrer Nützlichkeit schätzt, ist das Nationalbewußtsein von 
dem allergrößten Interesse. Ein kräftiges Nationalbewußtsein 
ist die beste Waffe eines Volkes in dem harten Kampfe um das 
Dasein, einerlei, ob dieser Kampf auf dem Schlachtfelde oder 
auf wirthschaftlichem Gebiete ausgefochten wird; die Nation, 
welcher dieses fehlt, ist ohne Gnade dem Untergange geweiht. 
Sie muß zerfallen, denn wie sollte da ein Zusammenhalt, ein 
festes Zusammenstehen gegen gemeinsame Feinde zu erwarten 
sein, wo kein Gefühl der Zusammengehörigkeit vorhanden ist? 
Um unsere Nation vor dem Zerfall zu schützen, oder doch we 
nigstens vor Schwächung zu bewahren, gilt es daher, unter allen 
Gliedern derselben, auch unter den fern der Hcimath weilenden 
Ansiedlern, ein kräftiges Nationalbewußtsein wach zu erhalten, 
und dieses geschieht bei letzteren vorzugsweise durch einen 
möglich st regen und lebhaften Verkehr mit dem 
M u t t e r l a n d e. Ein solcher Verkehr kann sich auf die man- 
nichfaltigste Weise gestalten ; er kann im Austausch der Gedanken 
durch Briefwechsel oder durch die Preste bestehen, er kann durch 
Vereine, welchem sowohl im Auslande als in der Hcimath 
lebende Deutsche angehören, vermittelt werden, er kann endlich 
geradezu ein persönlicher Verkehr sein. Der letztere ist offenbar 
von außerordentlicher Wichtigkeit. Verguügungsreisende, Jagd-
        <pb n="154" />
        150 
liebhaber, Pflanzenfreunde u. f. w. sollten daher ihre Schritte 
thunlichst dahin lenken, wo sich deutsche Niederlassungen befin 
den, und ganz besonders dahin, wo das Deutschthum in Gefahr 
steht, feindlichen Völkern im Kampfe zu erliegen. Dann könnten 
sie, während sie ihren Liebhabereien nachhängen, zugleich im 
edelsten Sinne für das Wohl der Gesammtheit des Volkes 
wirken; letzteres nicht allein durch moralische Unterstützung von 
Volksgenossen in ihrem Ringen um die Erhaltung der Natio 
nalität, sondern auch durch Erwerbung und Verbreitung ein 
gehender Kenntniß über die Lage des Deutschthums im Aus 
lande. Die Pflege eines regen Verkehrs zwischen Mutterland 
und Kolonie hat die Lenkung der Auswanderung in 
letztere zu seiner natürlichen Folge, dient also auch in dieser Be 
ziehung dazu, das deutsche Element der Niederlaffung zu stärken 
und zu heben. Dieser Verkehr kommt aber nicht minder dem 
Mutterlande als der Kolonie zu Gute, denn er veranlaßt den 
Ansiedler, seinen Bedarf an Erzeugnissen des Industrie- und 
Gewerbefleißes aus der alten Heimath zu beziehen und dadurch 
zur Erhöhung des nationalen Wohlstandes beizutragen. 
Um die deutschen Ansiedler und ihre Nachkommen unserem 
Volke zu erhalten, sollte ferner vor allen Dingen dafiir gesorgt 
werden, daß das Erziehungs- und Bildnngswesen in 
der Kolonie seinen deutschen Charakter nicht verliert. Jnsbe- 
sondere ist darauf zu achten, daß die Seelsorge allein von 
deutschen Geistlichen ausgeübt wird. Deutsche Schulen, 
sowie deutsche Zeitungen sollten, soweit sie sich dessen 
würdig erweisen, von der Heimath ans wirksam unterstützt wer- 
den. Deutsche Bibliotheken sind anzulegen und mit den 
hervorragenden Erzeugnissen der deutschen Nationalliteratur, be 
sonders mit Werken, welche den Nationalstolz zu wecken und zu
        <pb n="155" />
        151 
kräftigen geeignet sind, reichlich zu versehen. Dem Verei ns - 
wesen ist besondere Sorgfalt zu widme», da es vorzüglich ge 
eignet ist, das Gefühl der nationalen Zusammengehörigkeit zu 
kräftige» und allen dem Deutschthum feindlichen Bestrebungen 
entgegenzuwirken. Vereine in den Kolonien, welche augenschein 
lich dazu berufen sind, dem Deutschthum daselbst eine Stütze 
zu bieten, sollten vom Muttcrlande reichlich unterstützt werden. 
Derartigen Vereinen sollten, sobald sie in Gefahr sind, aus 
Mangel an tüchtigen Mitgliedern zu Grunde zu gehen oder 
verwerflichen Bestrebungen zum Opfer zu fallen, geeignete Per- 
fönen aus der Heimath, die deren übergenug besitzt, als Mit 
glieder zugeführt werden. 
Die Erhaltung des Deutschthums im Auslande ist für das 
wirthschaftliche Gedeihen der Gesammtnation von der aller 
größten Bedeutung. Das für diesen Zweck verausgabte Geld 
uud die auf ihn verwandte Arbeitskraft geht daher keineswegs 
verloren, sondern bringt tausendfältige Frucht.
        <pb n="156" />
        152 
I 
Die deutschen Schulen im Auslande. 
Unter deutschen Schulen seien solche verstanden, deren 
Unterrichtssprache ganz oder vorwiegend die deutsche ist, 
und welche von Schülern deutscher Abkunft und deut 
scher Zunge besucht werden. Die große Bedeutung, ja die 
Nothwendigkeit dieser Schulen für die Erhaltung deutschen We 
sens und deutscher Sprache iu der Fremde liegt so klar zu Tage, 
daß es kaum nöthig erscheint, darüber noch Worte zu verlieren. 
Tie richtige Erkenntniß dieser Bedeutung führte zur Gründung 
des überaus segensreich in nationalem Sinne wirkenden „All 
gemeinen deutschen SchulvereinS". 
In Gegenden oder Orten, in welchen die Verhältnisse es 
den Deutschen von vorne herein ganz unmöglich machen, meh 
rere Generationen hindurch ihre Nationalität zu bewahren und 
beachtenswcrthcn Einfluß zu erlangen, da können auch die 
deutschen Schulen sie vor der schließlichen Entnationalisirung 
auf die Dauer nicht schützen. Deutsche Schulen an solchen 
Stätten sind nur dann von nationaler Bedeutung, wenn sie 
Kindern nur vorübergehend im Auslande sich aufhaltender un- 
bemittelter Eltern Gelegenheit zur Schulbildung geben und sie 
vor der Entnationalisirung bewahren, wie es zum Beispiel die 
deutschen Armenschulen in Paris erstreben, oder wenn handels 
politische und wirthschaftliche Gründe cS münschenSwerth erschei 
nen lassen, daß die Kinder der irgendwo ansässigen Deutschen 
ihrer Nationalität erhalten bleiben, wie cs an manchen Plätzen 
des Orients der Fall sein mag. Diejenigen deutschen Schulen, 
welche national bedeutungslos sind, sollten nicht mit Geldmitteln
        <pb n="157" />
        153 
unterstützt werden, damit solche anderen, wichtigeren Lchulen 
in desto reichlicherem Maße zufließen können. 
Der folgenden kurzen Uebersicht über die deutschen Lchulen 
im Auslande ist das fleißige, den Gegenstand in möglichst er 
schöpfender Weise behandelnde Werk von Dr. Johannes 
Paul Müller, Direktor der Allgemeinen Deutschen Schule 
zu Antwerpen, (Die Deutschen Schulen im Auslande, von Dr. 
I. P. Müller, Breslau 1885 Ferd. Hirt) zu Grunde gelegt. 
Dasselbe enthält die Geschichte und Statistik fast sämmtlicher 
deutscher Schulen im Auslande und besteht zum großen Theil 
aus Originalberichten im Auslande angestellter deutscher Schul- 
dircktoren und Lehrer. 
1) Deutsche Schulen außerhalb des deutschen 
Sprachgebietes in Europa. 
In Ungarn (außer Siebenbürgen) liegt das deutsche Un* 
terrichtswesen gegenwärtig leider sehr, im Argen. Obgleich im 
Jahre 1877 noch von sämmtlichen Gymnasialschülern allein 
13,8 Prozent auf die Deutschen entfielen, giebt cs gegenwärtig 
überhaupt keine deutschen Gymnasien in Ungarn, da gesetz 
lich in sämmtlichen Gymnasien des Landes, mit Ausnahme der 
von den Kirchen errichteten, die magyarische Sprache Unterrichts, 
spräche ist. Eigene Volksschulen sind freilich in Ungarn den 
fremden Nationalitäten gestattet, jedoch werden ihnen alle mög 
lichen Hindernisse in den Weg gelegt und werden sie oft auf 
die gewaltthätigste Art unterdrückt; besonders trifft dieses 
Schicksal leider die deutschen Volksschulen. Im Jahre 1K&lt;&gt;9 
gab es noch 974, 1880 nur mehr 697 und Ende 1881 nur 
uoch 491 deutsche Volksschulen; für 1883 schätzt Müller die
        <pb n="158" />
        154 
Zahl derselben nur noch auf 390. Dabei giebt es in Ungarn 
und Siebenbürgen ungefähr 323,450 schulpflichtige deutsche 
Kinder. Es wäre wahrlich an der Zeit, hier Wandel zu 
schaffen I 
Siebenbürgen besitzt ein vortrefflich organisirtes deut 
schcs Schulwesen, welches durch die evangelische Landeskirche 
erhalten und geleitet wird. Es bestehen hier 253 Volksschulen, 
6 Lehrerseminare, 5 achtklassige Gymnasien, l vierklassiges Un 
tergymnasium, 1 Untcrrealgymnasittm; außerdem noch einige 
Realschulen. Gewerbeschulen und landwirthschaftliche Schulen. 
Wie es sich nicht anders erwarten läßt, besteht in den 
russischen Ostsee provin; en von Alters her ein wohlge 
ordnetes deutsches Schulwesen. Bereits im Jahre 1310 wurde 
in Reval eine öffentliche deutsche Schule gegründet, die Dom- 
schule bei St. Marien. Im Jahre 1883 bestanden 4io deutsche 
Schulen mit rund 33,000 Zöglingen in den Städten der Ost- 
seeprovinzen. Von der Gesammtzahl der Schulen in diesen 
Städten hatten sich bis zum Jahre 1884 nur gegen 3 Prozent 
Schulen mit russischer Ilnterrichtssprache Bahn brechen können. 
Gegenwärtig wird sich das Verhältniß zwischen russischen und 
deutschen Schulen in den Ostseeprovinzcn in Folge gewaltthä- 
tiger Maßregeln der russischen Regierung wohl leider bedeutend 
zu Gunsten der ersteren verschoben haben. — In St. Peters 
burg bestehen nach Müller 6 deutsche Schulanstalten mit zu- 
sammen 3,471 Schülern, von denen die 32klassige „Deutsche 
Hauptschule zu St. Petri" und die „St. Annenschnlen", die 
aus 29 Klassen bestehen, zu nennen sind. In Moskau sind 
4 deutsche Schulanstalten — darunter die 36klassige „St. Petri- 
Pauli-Schule" — mit etwa 1500 Schülern. Tie 6 deutschen 
Schulen zu Warschau, welche im Jahre 1883 von 829 Kindern
        <pb n="159" />
        lõõ 
besucht wurden, sind der dortigen Evangelisch-Augsburgischen 
Kirchengemeinde unterstellt. In Helsingfors in Finnland 
giebt es eine deutsche höhere Töchterschule, sowie eine deutsche 
Elementarschule. Außer den genannten erwähnt Müller kei- 
ner weiteren deutschen Schulen im europäischen Rußland, 
doch ist deren ohne Zweifel noch eine große Menge vorhanden, 
namentlich in Südrußland und in den deutschen Kolonien an 
der Wolga. 
In Rumänien sind nach Müller u deutsche Schulen 
mit 1,222 Schülern; darunter 6 organisch mit einander verbun 
dene Schulen, welche zusammen 17 Klassen besitzen.zu Bukarest. 
Je eine deutsche Schule befindet sich in Jassy — diese seit 
1844 unter dem Patronat Sr. Mas. des Königs von Preußen 
— in Roman und in Atmadscha. Die Schule in letzte- 
rem, in der Dobrudscha gelegenem Orte wird wohl inzwischen 
eingegangen sein, in Folge der bereits von uns charakterisirten 
Schikanen der rnmänischen Regierung Sämmtliche rumänisch- 
deutsche Schulen sind evangelischen Bekenntnisses. 
Auch in Serbien befindet sich eine deutsche Schule, näm- 
lich in Belgrad. Dieselbe steht unter dem Protektorat des 
Evangelischen Oberkirchenrathes zu Berlin. Sie ist zweiklassig 
und wird von 122 Schülern besucht. 
In der europäischen Türkei bestehen nach Müller vier 
deutsche Schulen. 3 in Konst a nt inope! und eine „Eisenbahn- 
Schule", für die Kinder deutscher Bahnbeamten bestimmt, in 
Karagatsch bei Adrianopel. Von den drei deutschen Schulen 
zu Konstantinopcl ist die vicrklassige, von 370 Schülern besuchte 
„Deutsche und Schweizer Schule" die bedeutendste. Die oester- 
reichisch.ungarische Schule in Pera wird von 116 und die 
„Deutsche Eisenbahnschule" in Jedi-Kulv von 70 Schülern bcfilcht.
        <pb n="160" />
        Bon ben sonstigen sübeuropäischen Staaten weist 
Italien die meisten deutschen Schulen auf. nämlich sieben, 
zwei in Florenz und je eine in Rom, Mailand. Genua, Li 
vorno und Neapel. Je zwei deutsche Schulen sind in Spanien 
und Portugal, nämlich in Madrid, Barcelona, Lissabon und 
Oporto. In Griechenland befindet sich eine deutsche 
Schule, in Athen. 
Je zwei deutsche Schulen sind auch in Holland und 
Belgien vorhanden, nämlich in Amsterdam, im Haag, in 
Antwerpen und in Loth bei Brüssel. In Frankreich beste- 
hen deren drei, sämmtlich Armenschulen: zwei in Paris und 
eine in Marseille. Eine größere Anzahl deutscher Schulen be- 
findet sich in England. Müller zählt deren elf auf. sämmt- 
lich in London. 
Zn Dänemark und zwar in Kopenhagen giebt es nach 
Müller 4 deutsche Schulen mit 772 Schülern, in Schweden 
eine einzige, die bereits im sechszehnten Jahrhundert gegründete 
vierklassige Deutsche Schule zu Stockholm. 
2) Deutsche Schulen in Amerika. 
Von dem deutschen Schulwesen in den Vereinigten 
Staaten ist bereits die Rede gewesen; es sei dem Gesagten 
hier noch Einiges hinzugefügt, welches fast wörtlich einem in 
Mü ller's Werk abgedruckten Aufsah von Dr. L. R. Klemm, 
Direktor des Lehrerseminars in Cincinnati, entnommen ist. 
Darnach sind die deutsch-amerikanischen, d. h. zweisprachigen 
Schulen,in drei Kategorien einzutheilen: l) öffentliche Volks- 
schulen, 2) Kirchen- oder P ar o ch i a ls chulen (nicht 
unentgeltliche Schulen). 3) Privatschulen, welche nicht mit
        <pb n="161" />
        157 
einer Kirchengemeinde in Verbindung stehen. Tie Einführung 
des Deutschen in die Volksschulen ist auf dreifachem Wege vor 
sich gegangen. Erstens: Man stellte für größere Schulen einen 
oder mehrere Speziallehrer des Deutschen an, welche jeder Klasse 
täglich etwa dreißig Minuten widmeten. Diese Lehrer haben 
an einem Tage oft bis zu dreihundert Schüler in zehn Klaffen 
zu unterrichten. Glücklicher Weise scheint dieses System, bei 
welchem offenbar der deuffche Unterricht sehr schlecht fahren 
mußte, bald außer Gebrauch zu kommen. Zweitens: Man 
sonderte die deutschsprechenden Kinder von denen ab, die nicht 
deutsch lernen wollten, und gab je zweien dieser deutschameri- 
kanischen Klassen eine englische und eine deutsche Lehrkraft, 
welche sich in die zur Verfügung stehende Zeit zu theilen hatten, 
räumte also dem Unterrichte im Deutschen die Hälfte oder. wo 
man drei solcher Klassen errichten mußte, ein Drittel des Schul- 
tages ein. Diese Einrichtung findet man da. wo das Deutsch 
thum die festesten Wurzeln geschlagen hat, z. B. in den größe 
ren Städten von Ohio und in Milwaukee. Drittens: Man 
reservirte für die deutschen Schüler ganze Schulhäuser. Wo sie 
bestehen, sind diese Separatschulen mit einem vorzüglichen Leh- 
rerpersonal ausgerüstet und leisten thatsächlich sowohl im Deut 
schen wie im Englischen Ausgezeichnetes. Man findet solche 
Schulen in Columbus, Ohio, in Baltimore, in San Francisco, 
in Jndianopolis und in mehreren kleineren Orten des Westens. 
Die Resultate, welche die Lehrer des Deutschen in den Volks- 
schulen erzielen, sind nach Klemm im Großen und Ganzen 
befriedigend. Viele Tausende von Kindern sind durch sie dem 
Deutschthum erhalten geblieben, welche sonst ohne Zweifel die 
Sprache ihrer Eltern niemals gelernt hätten. Unter deutschen 
Kirchenschulen versteht man konfessionelle Schulen, welche theils
        <pb n="162" />
        158 
von protestantischen Kirchengemeinden, theils von der katholi 
schen Geistlichkeit gegründet wurden und mit der betreffenden 
Kirche ihres Distrikts in engster Verbindung stehen. Sie haben 
sehr viel für die Erhaltung der deutschen Sprache in Amerika 
geleistet, indem sie weit mehr Gewicht auf die deutsche als auf 
die englische Sprache legen. Die deutsch-amerikanischen Privat 
schulen unterscheiden sich von den vorigen dadurch, daß sie von 
keiner Kirche abhängig sind. Sie wurden vor Jahrzehnten ge 
gründet, als das Volksschulwesen noch sehr im Argen lag und 
die deutsche Sprache fast noch nirgends ein Heim gefunden 
hatte. Wo der deutsche Unterricht in der Volksschule Gutes 
leistet, sind sie gänzlich verschwunden; wo sie noch bestehen, 
darf man sie als einen lebenden Vorwurf gegen die Volksschu 
len betrachten. Nach der von Müller gegebenen Statistischen 
Tabelle wirkten im Jahre 1883, soweit es vom Komitee für 
Statistik des deutsch-amerikanischen Schulwesens am 14. deutsch- 
amerikanischen Lehrertage festgestellt werden konnte, an sämmt 
lichen deutschen Schulen der Union 4,247 Lehrkräfte und wur 
den dieselben von 306,142 Schülern besucht. Im Jahre 1886 
waren es, wie wir bereits gesehen haben 6,772 Lehrkräfte und 
430,465 Schüler. Ein erfreulicher Fortschritt! 
Von den deiltschen Schulen in Brasilien konnte Müller 
Genaueres nur über diejenige in Rio de Janeiro in Er 
fahrung bringen. Dieselbe ist fünfklassig und wird von 152 
Zöglingen besucht. Gegründet wllrde sie und wird noch unter 
stützt vom „Deutschen Hülfsverein" der brasilianischen Haupt- 
stadt. Ueber die unzweifelhaft zahlreichen deutschen Schulen in 
den südlicheren Provinzen des amerikanischen Kaiserreichs, na 
mentlich in St. Catharina und Rio Grande do Sul liegt uns 
leider genügendes statistisches Material nicht vor. Nach Herrn
        <pb n="163" />
        159 
Stutzer's Angaben (G. Stutzer, das Jtajahy-Thal. Goslar 
1887, L. Koch) bestehen allein im Munizipium Blumenau 
40 deutsche Schulen, eine Regierungsschule und 39 Privat 
schulen. In Joinville befindet sich ein von ungefähr 100 
Schülern besuchtes deutsches Realgymnasium, sowie eine Exerzir- 
und Turnschule, in welcher etwa 60 Knaben nach deutschem 
Militärreglement im Exerziren und Turnen geübt werden. Eine 
ausgezeichnete, von deutschen Jesuiten geleitete höhere Lehranstalt 
mit Pensionat für Knaben besteht in Sao Leopoldo, Rio 
Grande do Sul, wo sich auch ein von Ordensschwestern ge- 
bildetes deutsches Pensionat für Mädchen befindet. Auch in 
Porto Alegre ist eine höhere deutsche Lehranstalt vor 
handen, die leider religionslose „Schule des deutschen Hilfs 
vereins". 
In der Hauptstadt U r u g u a y's, in Montevideo, befindet 
sich eine deutsche Uuterrichtsanstalt mit 105 Schülern: 72 Kna- 
ben und 33 Mädchen. Sie zerfällt in eine Knabenschule mit 4 
Lehrern und eine Mädchenschule mit 2 Lehrerinnen. 
Von den deutschen Schulen in Argentinien, deren 
doch wahrscheinlich eine größere Anzahl vorhanden ist, nennt 
Müller nur die deutsche Gemeindeschule zu Buenos-Aires mit 
10 Klassen und 350 Schülern. 
Recht ausgebreitet ist das deutsche Schulwesen in Chile; 
dasselbe wird von der dortigen Landesregierung in anerkennens- 
werther Weise unterstützt. Die deutsche Schule in Valparaiso 
besitzt 6 Klassen und wird von 236 Schülern besucht. Leider 
scheint das ebendaselbst befindliche „Deutsche Institut seinen 
deutschen Charakter so gut wie vollständig eingebüßt zu haben. 
In Santiago befindet sich eine höhere Töchterschule mit deut- 
scher Unterrichtssprache. Mit Lehrmitteln reichlich ausgestattet
        <pb n="164" />
        160 
ist die trefflich geleitete siebenklassige deutsche Schule zu Valdivia; 
sie wird von nahe au 300 Schülern besucht. Andere deutsche 
Schulen im Süden Chiles sind diejenigen in Osorno (4 Klassen), 
La Union (2 Klassen), Puerto Montt (2 Klassen). Rio-bueno 
(1 Klasse) und Los Ulmos (l Klasse). Außerdem sind von der 
Negierung am Llanguihue-See für die dortige deutsche Kolonie 
mehrere Schulen errichtet worden, so in Puerto Octai an der 
Nordspitze des Sees. Erfreulich sind die Worte, mit welchen 
Herr Hermann Balde, Direktor der deutschen Schule in 
Valdivia, seinen Bericht schließt, indem er von den deutschen 
Lehrern in Chile sagt: „Auch ohne Statuten und amtliche 
Konferenzen halten wir eng zusammen und unterstützen uns 
gegenseitig in der uns übertragenen Arbeit: der Erhaltung des 
Deutschthums im Auslande." 
#) Die deutschen Schulen in Afrika und 
Asien. 
Die deutsche Schule in Kairo verdankt ihr Bestehen der 
dortigen evangelisch-deutschen Gemeinde, sowie der Freigebigkeit 
Sr. Majestät des hochseligen Kaisers Wilhelm, welchem übrigens 
nicht allein diese, sondern eine Unzahl deutscher Schulen im 
Auslande ihre Fortexistenz zu verdanken hat. Genannte 
Schule ist eine zweiklassige und wird von 54 Schülern besucht; 
5 Lehrkräfte wirken an ihr. Die deutsche Schule in Alexan. 
drien wurde in Folge des Bombardements der Engländer im 
Jahre 1882 so schwer geschädigt, daß ihr derzeitiger Leiter sie 
eingehen ließ. Ob sie seitdem, wie es geplant war, sich wieder 
aufgethan hat, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden. 
Leider gelang es Herrn M ü l l e r nicht, über die deutschen
        <pb n="165" />
        ICI 
Schulen gerade derjenigen Lânder, welche uns am meisten in- 
teressiren, nähere Erkundigungen einzuziehen. So war es 
mit Brasilien der Fall, so ist es auch mit Südafrika. 
Ohne Zweifel befindet sich in Südafrika, wo so viele Deutsche 
leben, eine ansehnliche Zahl deutscher Schulen. Von den deut 
schen Schulen in Kapstadt und derjenigen der Gemeinde von 
Wynberg Flats ist bereits die Rede gewesen. Rach Zun g be 
steht auch in King Williamstown eine deutsche Schule. 
Die von Herrn Kristaller geleitete deutsche Missions 
schule in Kamerun liegt unseren jetzigen Erörterungen fern, 
da dieselbe lediglich von Duallakindern besucht wird. 
Von den deutschen Schulen Asiens sind vor allen Dingen 
diejenigen der deutschen Kolonien in Russisch'Trans- 
kaukasien erwähnenswerth. Dreiklassig sind die deutschen 
Schulen in Tiftis und Helenendorf, zweiklassig diejenigen in 
Elisabeththal und Katharinenfeld, einklassig die Schulen in 
Alexanderèdorf, Marienfeld, Alexandershils und Annenfeld. Alle 
diese Schulen insgesammt werden von ungefähr 1,525 Schülern 
besucht. 
Von Schulen der deutschen Tempelgemeinden in Syrien 
und Palästina ist in dem Müller'schen Werke nicht die Rede, 
eben so wenig von der deutsch-evangelischen Gemeindeschule in 
Jerusalem. Die Waisen- und Erziehungshäuser für arme 
orientalische Mädchen, welche von der Diakonissen-Anstalt zu 
Kaiserswerth a. Rh. in Jerusalem, Beirut und Smyrna unter 
halten werden, gehen uns hier selbstverständlich nichts an, ob 
gleich in diesen Instituten deutsch gesprochen wird; noch viel 
wenige» kümmern uns ferner die seitens derselben Anstalt in 
Smyrna und Beirut gegründeten Schul- und Erziehungsanstalten 
11
        <pb n="166" />
        162 
für Töchter wohlhabender Familien, denn die Unterrichtssprache 
ist hier nicht die deutsche, sondern — die französische! 
4) Die deutschen Schulen in Australien. 
Einen reindeutschen Charakter haben sich unter den deutsch- 
australischen Schulen nur noch diejenigen bewahren können, 
welche von protestantischen, meist strenglutherischen Gemeinden 
errichtet und aus eigenen Mitteln erhalten wurden. 
Deutsche Schulen mit deutscher Lehrsprache giebt es in 
größerer Zahl heute eigentlich nur noch in Südaustralien, 
wo sich das Deutschthum bekanntlich kräftig erhalten hat. Deutsche 
evangelische Gcmeindeschulen sind außer in der Hauptstadt 
Adelaide in Hahndorf, Grünthal, Lobethal, Blumberg, Lang 
meil, Klemzig, Sedan, Bismarck und in vielen anderen Orten 
Südaustraliens vorhanden. Die deutschen Katholiken haben in 
Südaustralien ein von deutschen Jesuiten vortrefflich geleitetes 
höheres Schulinstitut gegründet; sie besitzen gleich den Luthera 
nern eine Anzahl aus eigenen Mitteln der Gemeinden gegrün 
deter und unterhaltener Schulen, ohne daß aber nach unserem 
Gewährsmann das Deutschthum in ihnen eine kräftige Stütze 
fände, da die deutschen Katholiken vereinzelt zwischen englisch- 
sprechenden wohnen. Auch von den Lutheranern ist unlängst 
eine höhere Schule, eine „Luther-Stiftung", gegründet worden, 
die sich in der günstigsten Weise zu entwickeln verspricht. 
In Victoria sind es hauptsächlich die lutherischen Kirchen, 
in denen deutscher Unterricht ertheilt wird; es bestehen dort jetzt 
18 Sonntagsschulen mit 38 Lehrern und 37 Lehrerinnen, welche 
388 Knaben und 422 Mädchen unterrichteten. Die Zahl der 
deutschen Protestanten giebt der letzte Zensus als 11,149 an; 
sie besaßen 45 Gotteshäuser mit 4800 Sitzen, die im Jahres-
        <pb n="167" />
        163 
durchschnitt von 3250 Kirchgängern besucht wurden und an 
denen 10 Geistliche wirkten. Das deutsche Schulwesen ist übri 
gens in Victoria bei Weitem nicht so ausgebildet wie in Süd 
australien. 
Noch weniger ist dies in Neusüdwales und Neusee 
land der Fall, wo die deutsche Schule nach unserem Gewährs 
mann leider auf den Aussterbeetat gesetzt zu sein scheint. 
Trotz ihrer ansehnlichen numerischen Stärke haben auch die 
Deutschen Queenslands sehr wenige eigene Schulen. Recht 
blühende deutsche Schulen befinden sich jedoch in Toowoomba 
und in dem Logandistrikt genannte Stadt besitzt deren zwei, 
welche ohne alle Unterstützung durch den Staat, allein von den 
betreffenden Gemeinden erhalten werden. Auch in Queensland 
ist die lutherische Kirche die Hauptstütze des Deutschthums; es 
wirken dort 11 evangelisch-lutherische Pastoren. 
Die Leistungsfähigkeit der deutschen Schulen in Australien 
wird gerühmt. 
ir
        <pb n="168" />
        164 
Die deutsche Kresse im Zustande. 
Wo überall in der Fremde eine deutsche Zeitung er 
scheint, da sind auch Deutsche in größerer Zahl vorhanden, 
welche ihre Muttersprache pflegen und ehren, welche vaterländi- 
scher Gesittung treu zu bleiben gesonnen sind. Eine Uebersicht 
über die deutsche Presse des Auslandes ist demnach wohl ge 
eignet ein Bild zu geben von der Verbreitung des deutschen 
Elementes in der Fremde, und zwar desjenigen deutschen Ele 
mentes, welches sich sein Deutschthum voll und ganz zu bewah- 
ren gewußt hat. Die deutsche Presse des Auslandes bietet aber 
auch ihrerseits wieder ein mächtiges Hülfsmittel dar zur Stär 
kung des Gefühls der Zusammengehörigkeit unter unseren fernen 
Landsleuten, zur Hebung ihres Nationalbewußtseins. Muß doch 
schon der Selbsterhaltungstrieb die deutschen Zeitungen dazu 
zwingen, stets auf das wärmste für die Bewahrung heimischer 
Sprache und Art einzutreten. Die deutsche Presse im Aus 
lande dient nicht allein unseren Stammesgenossen daselbst, so 
fern sie ihnen Gelegenheit giebt zur Belehrung und zum Ge 
dankenaustausch über die Zustände in ihrer neuen Heimath und 
sie über die Vorgänge im alten Vaterlande auf dem Laufenden 
erhält, sie dient auch den Deutschen daheim, denen sie eine aus- 
gezeichnete Quelle ist für Kenntniß der wirthschaftlichen und 
sozialen Verhältnisse in fernen Ländern, und welchen sie unter 
Umständen zur Anknüpfung günstiger Handels- und anderer 
Verbindungen verhelfen kann. Die nationale Bedeutung dieser 
Presse darf somit keineswegs unterschätzt werden. Man ist 
daher den Männern zu Dank verpflichtet, welche oft unter den
        <pb n="169" />
        165 
schwierigsten Verhältnissen und mit der geringsten Aussicht auf 
Erfolg zur Gründung eines deutschen Blattes schreiten oder ge 
schritten haben und dasselbe am Leben zu erhalten bemüht sind, 
obgleich der erzielte Gewinn nur in den seltensten Fällen der 
Mühe und dem Risiko entspricht. Mit Recht sagt der weitge 
reiste W. Jo est in seiner unten näher bezeichneten, hochinteressanten 
kleinen Schrift: „Der deutsche Redakteur, der neben den reich, 
sten Kaufherrn oder Beamten der Kolonie im Vorstande des 
deutschen Schützen^, Kegel-, Turn-, Krieger- oder auch nur des 
einfach dem edlen Genuß deutschen Bieres sich weihenden Ver 
eins sitzt, der bei Königs-GeburtStag die Festrede hält und die 
Glückwunsch-Depesche an Se. Majestät aufsetzt, er verdient 
unsere vollste Hochachtung, er ist ein Promachos für Deutsch- 
land, dessen Einfluß sowohl auf seine eigenen Landsleute wie 
auf die Fremden nicht unterschätzt werden darf. Wäre Deutsch- 
land reicher, so würde ich finanzielle Unterstützung einer jeden 
deutschen Zeitung im Auslande, sofern dieselbe erbeten würde, 
für äußerst wünschcnSwerth halten." — Wir meinen, so gut 
wie sich ein deutscher Schulvcrein gebildet Hat, sogni könnte auch 
ein deutscher P r e ß v e r c i n ins Leben gerufen werden, ein Verein, 
der sich die Unterstützung würdiger deutscher Zeitllngen im Aus- 
lande zur Aufgabe stellte, sei es durch Geldmittel, sei es durch 
Zuwendung von Inseraten, sei cs endlich durch geeignete Korrc- 
spondenzen und literarische Beiträge. 
Von denjenigen ausländischen Zeitungen, welche in erster 
Linie für die in der Fremde angesiedelten Teutschen bestimmt 
sind und von solchen geschrieben werden, sind Blätter mehr in 
ternationalen Charakters zu unterscheiden, welche freilich eben 
falls in deutscher Sprache erscheinen, jedoch nicht aus dem 
Grunde, well sie lediglich für deutsche Leser bestimmt wären,
        <pb n="170" />
        166 
sondern weil die Kenntniß unserer Sprache in ihren Leserkreisen 
weiter verbreitet ist, als die der betreffenden Landessprache. 
Derartige Zeitungen, die uns hier naturgemäß wenig interes- 
siren, sind zum großen Theil Fachzeitschriften; aber auch po- 
litische Tagesblätter sind hierher zu rechnen, wie z. B. der Pester 
Lloyd und die St. Petersburger Zeitung. 
Betrachten wir zuerst die deutsche Presse in den außerhalb 
unseres Sprachgebietes gelegenen Ländern Europas. 
Eine große Zahl deutscher Blätter erscheint in den Län 
dern der ungarischen Krone, ja, wenn man das 
Bevölkerungsverhältniß der Nationalitäten in Betracht zieht, er 
scheinen dort mehr Zeitschriften in deutscher als in irgend einer 
anderen Sprache. Hier sollen nur die größeren Städte, in 
denen deutsche Zeitungen bestehen, genannt werden. Von den 
westungarischen Städten erscheinen deutsche Blätter unter an- 
deren in Buda-Pest. Preßburg, Oedcnburg. Tirnau, Neutra, 
von den nordungarischen in Leutschau, Kaschau, Erlau, von 
den südungarischen in Arad. Nagy-Szt.-Miklos. Gr. Becskerek, 
Mohacz, Lugos, Pancsowa, Rcschitza, Fünfkirchen, Neusatz, 
Temesvar, Werschctz. Weißkirchcn. Siebenbürger deutsche 
Zeitungen erscheinen in Bistritz, Hermannstadt. Karlsburg, 
Schäßburg. Kronstadt; die verbreitetsten derselben sind die 
„Hermannstädter Zeitung" und das „Siebenbürger Deutsche 
Tageblatt", beide in Hermannstadt. Auch in K r o a t i e n be 
stehen deutsche Zeitungen, so in Agram. Esseg und Vukovar. 
Nicht minder verbreitet ist das deutsche Zeitungswcsen in 
Rußland. Deutsche Blätter erscheinen sowohl in Archangel 
am Ufer des Weißen Meeres wie in Astrachan, wo der Wolga- 
strom sich in den Kaspi-See ergießt, und in Orenburg im 
Lande der Kirgisen, an den südlichsten Ausläufern des Ural-
        <pb n="171" />
        167 
gebirges. Von hervorragender Bedeutung ist die b a l t i s ch e 
deutsche Preffe, deren freie Entwickelung leider durch den Druck 
der russischen Zensur gehemmt wird. Von den baltischen Blät 
tern sei die ausgezeichnete „Rigasche Zeitung" namentlich er- 
wähnt. Außer in Riga erscheinen noch politische Tagesblätter 
in Reval. Dorpat. Libau und Mitau, Wochenblätter in Gol. 
dingen, Walk. Fellin. Pernau, Arensburg und Wesenberg. 
Eine interessante Abhandlung über Geschichte und Bedeutung 
der deutsch-baltischen Preffe befindet sich in Nr. 9 und 10, 
Jahrgang 1887, der zu Berlin erscheinenden empfehlenswerthen 
„Deutschen Post." Außer den bereits erwähnten seien noch 
folgende russische Städte genannt, in denen deutsche Zeitungen 
erscheinen: In den westlichen Gouvernements mit Polen in 
St. Petersburg. Kronstadt, Warschau und Lodz; in den mitt- 
leren Gouvernements in Moskau, Nischnij-Rowgorod, Penza 
und Kursk; in Südrußland in Odessa, Rikolajew, Nowot- 
scherkask, Smolensk und Rostow am Don; in den östlichen 
Gouvernements in Saratow, Samara, Kasan und Lymbirsk, 
sämmtlich an der Wolga. 
Auch in Rumänien bestehen Zeitungen in deutscher 
Sprache, von denen das „Bukarester Tagblatt" und die „Bu- 
karester Zeitung" genannt seien. In Serajewo. der Hauptstadt 
Bosniens, erscheint die „Bosnische Post." 
Weit weniger als im Osten ist natürlich im Westen Eu- 
ropa's das deutsche Preßwesen entwickelt. Deutsche Blätter er- 
scheinen in den großen Handelsplätzen London (3 oder 4 
Stück), Antwerpen und Rotterdam. 
Bezüglich der außereuropäischen deutschen Presse können 
wir uns gänzlich auf W. Joe st verlassen, welcher unter Auf- 
wand von außerordentlicher Mühe ein vollständiges Verzcichniß
        <pb n="172" />
        168 
sämmtlicher außerhalb Europas erscheinender deutscher Zeit- 
schritten angefertigt hat. Dasselbe, welches nicht allein Ort, 
Titel des Blattes und Art des Erscheinens, sondern auch Grün 
dungsjahr und Namen des Redakteurs bczw. Herausgebers ent 
hält, ist veröffentlicht in der außerordentlich lesenswerthen Bro 
schüre „Die außereuropäische deutsche Presse" 
von W. Ice st (Köln 1888, Du Mont-Schanberg). Das Joest'sche 
Verzeichniß weist 627 außereuropäische deutsche Zeitschriften aus. 
Die meisten derselben erscheinen, wie nicht anders zu er 
warten, in den Vereinigten Staaten von Nord 
amerika, nämlich 592. Rechnet man die unter anderem 
Titel erscheinenden Wochenausgaben und Sonntagsbeilagen 
hinzu, so zählen wir sogar 641 deutsche Zeitungen und Zeit 
schriften in der Union — gegen 620 im Jahre 1883 und 486 
im Jahre 1873! „Wenn sich", bemerkt Jocst, „diese Zahl 
neben der Gesammtsumme von 14,156 vielleicht verschwindend 
klein ausnimmt, so dürfen wirnie vergessen, daß sicher auch ein 
großer Theil der englisch-amerikanischen Zeitungen von deutschen 
Lesern unterhalten wird." Die erste Nummer der von Chri 
stoph Sauer unter dem Titel: „Der hochdeutsche Pennsyl- 
vanische Geschichtsschreiber, oder Sammlung wichtiger Nach 
richten ans dem Natur- und Kirchenrecht" herausgegebenen, 
jedoch während der Revolution wieder unterdrückten ältesten 
deutschen Zeitschrift Amerikas erschien zu Philadelphia 
bereits am 20. August 1739, zu einer Zeit, wo die amerikani 
schen Kolonien überhaupt erst 5 Zeitungen besaßen. Noch heute 
erscheinen in Philadelphia mehr deutsche Tagcsblätter als in 
irgend einer anderen Stadt der Union, nämlich 6, während, 
wenn man die Anzahl der deutschen Zeitungen überhaupt in 
Betracht zieht, New-Dork allen übrigen Städten, einschließlich
        <pb n="173" />
        169 
Philadelphias, weit voranstellt; New-Aork zählt deren allein 56. 
Auch der Staat New-Nork steht in Bezug auf das deutsche 
Zeitungswesen unter den Staaten und Territorien der Union 
obenan, erzählt im Ganzen 97 deutsche Zeitschriften/,Es folgen 
Pennsylvanien mit 84, Wisconsin, Illinois und Ohio mit je 
67. Iowa mit 39, Missouri mit 34, Indiana mit 25, New- 
Jersey mit 24, Michigan mit 19, Californien mit 16, Texas 
mit 15, Minnesota mit 14, Kansas und Nebraska mit je 10, 
Maryland mit 8, Massachusets mit 7, Cannecticut mit 6, Co 
lorado, Kentucky Virginia und Dakota mit je 3, Delaware, 
Tistutt Columbia, Louisiana, Georgia, Tennessee und das 
Territorium Washington mit je 2 deutschen Zeitungen; je eine 
Zeitschrift erscheint in den Staaten Alabama. Arkansas, Süd- 
Carolina, Rhode Island, West-Virginia und in dem Territorium 
Oregon. In sieben Staaten der Union : Florida, Maine, Mis 
sissippi, Nevada, New-Hampshire, North-Carolina, Vermont, und 
in sechs Territorien: Neu-Mexiko, Arizona, Utah, Idaho, Mon 
tana, Wyoming erscheint keine deutsche Zeitung. 
Canada zählt 9 deutsche Blätter, sämmtlich im Staate 
Ontario, Mexiko nur ein einziges, jedoch ein Blatt höhe- 
ren Stiles, die in der Landeshauptstadt erscheinende „Germania". 
Von den 19 deutschen Zeitschriften Südamerikas ent 
fallen allein 13 auf Brasilien. Je zwei deutsch-brasilia 
nische Blätter bestehen in den Städten Rio de Janeiro, Curi- 
tyba, Joinville, Blumenau, Porto Alegre. S. Leopoldo; eine 
deutsche Zeitung erscheint in S. Paulo, der Hauptstadt der 
gleichnamigen Provinz. 
Je 3 deutsche Zeitungen erscheinen in Argentinien und 
Chile. Von den argentinischen Blättern erscheinen zwei in 
Buenos-Aire-, von denen die vortrefflich in deutsch-patriotischem
        <pb n="174" />
        MM 
170 
Sinne redigirte „Deutsche La Plata Zeitung" mit der Wochen 
ausgabe „La Plata Post" hervorzuheben ist, und eine in Espe- 
ranza, Provinz Santa Fe. Von den drei chilenischen Zeitungen 
sind die ausgezeichneten „Deutschen Nachrichten" in Valparaiso 
besonders erwähnenswerth. Die beiden andern Blätter erschei 
nen in Valdivia und Puerto Montt. 
In ganz Afrika erscheint nur eine einzige politische Zei 
tung in deutscher Sprache, jedoch eine ausgezeichnete, welche 
wahrlich eines größeren Leserkreises auch in Deutschland würdig 
wäre, nämlich die Wochenschrift „Das Kapland", herausge 
geben von A. Braun in Kapstadt. Ein von Trappisten 
herausgegebenes religiöses deutsches Blättchen besteht in Ma- 
riannhill, Natal; weitere deutsche Blätter konnten bis jetzt noch 
keinen Boden finden im dunklen Kontinent. ' 
Auch in Asien erscheint nur ein deutsches politisches Blatt, 
und zwar erst seit dem 1. Oktober 1886. Es ist dieses der von 
Herrn F. von G und lach vortrefflich redigirte „Osta sia ti 
sche Lloyd" in Schanghai. „Das Blatt," sagt W. Joe st in 
seiner erwähnten Broschüre, „ist berufen, das Zentralorgan aller 
im Osten lebenden Deutschen zu werden und zugleich die zu- 
verlässigste Quelle für asiatische Zustände und Verhältnisse für 
den Leser in Deutschland." Die andere deutsche Zeitschrift 
Asiens, die „Mittheilungen der deutschen Gesellschaft für Na 
tur- und Völkerkunde Ostasiens", gehört als gelehrtes Fachblatt 
eigentlich nicht hierher; die „Mittheilungen" erscheinen in un 
regelmäßigen Zeiträumen. 
In Australien erscheinen drei deutsche Blätter: die 
„AustralischeZeitung" in Adelaide, die „Nordaustralische Zei 
tung" in Brisbane und „Der Australische Christenbote" in 
Melbourne; letzterer monatlich.
        <pb n="175" />
        171 
Ueber die deutsche Auswanderung. 
Darüber herrscht wohl nur eine Stimme, daß von allen 
gegenwärtig die gesummte deutsche Nation bewegenden Fragen 
die Auswanderungsfrage eine der wichtigsten ist. Insbesondere 
für das umfassendste deutsche Staatswesen, das Deutsche Reich, 
wäre eine praktische Beantwortung dieser brennenden Frage von 
der einschneidendsten Bedeutung. Die Auswanderungsfrage ist 
im Wesentlichen folgende: Wie und wohin ist die Auswande 
rung zu lenken, um der Nation möglichst zum Nutzen oder doch 
möglichst wenig zum Schaden zu gereichen? Diese Frage schließt 
wiederum die andere in sich: Wie müssen die Auswanderer und 
wie die der Auswanderung als Ziel dienenden Länder beschaf 
fen sein, damit ein solcher Nutzen erzielt werden kann? 
Was den ersten Theil der zuletzt aufgeworfenen Frage be 
trifft, so ist derselbe dahin zu beantworten, daß sowohl poli 
tische wie rein menschliche Erwägungen es wünschenSwerth er 
scheinen lassen, daß die Mehrzahl der Auswanderer aus den 
ärmsten Klassen der Bevölkerung, insbesondere aus der Masse 
der in den großen Fabrikorten lebenden Besitzlosen, hervorgeht. 
Der Arme, der Besitzlose, gelangt durch die Auswanderung nicht 
allein in die Lage, sein eigenes Loos verbessern zu können, er 
verbessert auch dasjenige seiner in der Heimath verbliebenen 
Leidensgenossen, nicht allein dadurch, daß er in seiner Person 
einen Mitbewerber um die Arbeit entfernt, sondern auch inso 
fern, als er, in der Fremde zu Wohlstand gelangt, bald ein 
kaufkräftiger Abnehmer der heimischen Jndustrieerzcngnisse wer 
den kann, was er vordem nicht war. Leider ergießt sich gegen-
        <pb n="176" />
        wärtig ber Strom ber Auswanderer weniger aus ben großen 
Inbustriebezirken des Westens, als aus ben vorwiegenb Ackerbau 
treibenben östlichen Provinzen. Die Mehrzahl ber Ausmande- 
rer ferner gehört keineswegs bem Staube ber Besitzlosen an; 
es stub im Gegentheil meistens Lente mit einigem Vermögen, 
welche jenseits bes Weltmeeres sich ein neues unb vermeintlich 
besseres Heim zu erringen suchen. Daburch. baß bic Auswan- 
berer im Allgemeinen bem Staube ber Lanbarbeiter unb Bau 
ern angehören, wirb nicht allein bie ohnehin schon Noth lei- 
benbe Lanbwirthschaft noch mehr geschäbigt, es wirb auch bie 
Kriegsmacht bes Staates baburch geschwächt, benn bie ländlichen 
Arbeiter überragen im Durchschnitt bie stübtischen an körper 
licher Kraft unb Ausbaner. Dazu kommt noch, baß bie Aus- 
wanberer aus ben östlichen Provinzen wohl vorwiegenb bem 
besseren Kern ber bortigen Bevölkerung angehören, bemjenigen 
Theil berselben, welcher beutscher Abkunft ist; benn ber Trieb 
in bie Ferne, um sich ein neues, unabhängiges Heim zu grün 
den, ist ein echt germanisches Erbtheil. 
Betrachten mir nunmehr ben zweiten Punkt ber oben auf 
geworfenen Frage, also bie Frage: In welche Gegenben sinb 
bie Ausmanberer zu leiten, um in nationaler unb wirthschaft- 
licher Beziehung bem Vaterlanbe möglichst erhalten zu bleiben '? 
Die Antwort ist offenbar bie folgenbe: In solche Gegenben, 
in welchen ber Einzelne sämmtliche Bebingungen für gebeihlicheS 
Fortkommen vorfinbet unb in welchen bie Gefahr bes Unter 
gangs in frembe Nationalitäten möglichst gering ist, insbeson- 
bere also bahin, wo bereits Lanbsleute in größerer Zahl an 
sässig sinb. Leiber befinbet sich auch in bieser Beziehung bie 
deutsche Ausmanberung auf falschen Bahnen; die weit überwie 
gende Mehrzahl ber Auswanderer wendet sich noch immer den
        <pb n="177" />
        Vereinigten Staaten von Nordamerika zu, wo die Aussichten 
auf gutes Fortkommen eher schlechte als gute zu nennen sind, 
und wo die Gefahr der Entnationalisirung in weit höherem 
Maße vorhanden ist, als in manchen anderen Gegenden. Bei 
der Wahl der Gegenden, in welche die Auswanderung zu leiten 
ist, wäre die augenblickliche Staatsgewalt, welcher diese Gegenden 
unterstellt sind, nur insofern in Betracht zu ziehen, als sie auf 
die Erhaltung der Nationalität der Ansiedler hemmend oder 
fördernd einwirkt oder einwirken kann. 
Aus dem Vorgetragenen erhellt, daß die Ablenkung der 
Auswanderung von den eingeschlagenen falschen Bahnen durch 
aus nothwendig ist. wenn man nicht ohne Weiteres zugeben 
will, daß alljährlich eine ungeheure Menge von Kapital und 
Arbeitskraft dem Lande unwiederbringlich verloren geht. Es 
fragt sich nur, auf welche Weise die verlangte Regelung des 
Auswanderungswesens vorzunehmen ist. Dem Staate, welcher 
ohne Zweifel das größte Interesse an dieser Regelung hat, liegt 
es freilich ob, die Auswanderer vor gewissenlosen Agenten, die 
sie nur in das Verderben locken, zu schützen, und er kommt die- 
ser Pflicht auch getreulich nach, eine Lenkung der Auswande- 
rung in dem dargelegten Tirine jedoch verbieten ihm tausend 
Rücksichten. Wohl vermag das Deutsche Reich seinen mächti 
gen Einfluß im Auslande zu Gunsten der Ausgewanderten 
geltend zu machen; ohne diesen Einfluß der nationalen Zen- 
tralmacht würde überhaupt die Erhaltung des Deutschthums in 
fremden Ländern schwerlich dem Bereiche der Möglichkeit ange 
hören. Wohl wäre ferner der Staat im Stande und befugt, 
diejenigen privaten Faktoren, welche zur Regelung des Aus- 
wanderungswesens geeignet erlcheinen, auch im Jnlande zu 
stützen und zu fördern. An Weiteres ist jedoch vorläufig schwer-
        <pb n="178" />
        174 
lich zu denken. Es ist denkbar, daß dereinst nicht allein der 
Staat, sondern auch kleinere, ihm untergeordnete Gemeinwesen, 
wie Provinzen, Kreise, Ortsgemeinden, dem Auswanderungswe 
sen ihre Fürsorge werden angedeihen lassen; vielleicht ließe sich 
dasselbe organisch mit der Armenpflege verbinden. So wie 
augenblicklich die Sachen in Deutschland liegen, ist eine einiger 
maßen den nationalen Wünschen entsprechende Lenkung des 
Auswandererstromes nur von privater Thätigkeit zu erwarten. 
Vor allen Dingen kommt eine in jeder Beziehung nutz 
bringende Vereinigung zwischen Kapital und Arbeitskraft zum 
Zwecke der Urbarmachung und Besiedelung unbebauter Lände 
reien der Regelung des Auswanderungswesens in nationalem 
Sinne zu Gute. Durch eine solche Verbindung zwischen Kapi 
tal und Arbeit wird es auch dem Besitzlosen ermöglicht, sein 
Loos durch die Auswanderung zu verbessern. In geeigneter 
Gegend angesiedelt, wird er bald im Stande sein, die ihm vor 
geschossenen Werthe an Land und Geräthschaften, sowie die 
Reisekosten dem Kapitalisten mit Zinsen zurückzuzahlen, so daß 
beide Theile dabei gut ihre Rechnung finden. Da nur in we 
nig bewohnten Ländern der Boden so billig ist, daß sich eine 
derartige Kapitalanlage lohnt, so wird durch eine solche die 
Auswanderung in Gegenden gelenkt, deren Bevölkerungsver- 
hältnifle die Möglichkeit der Entstehung größerer deutscher Ge 
meinwesen nicht ausschließen. Der Kapitalist hat selbstverständ 
lich das größte Interesse an dem guten Fortkommen des An 
siedlers. daher wird er nicht Gebiete wählen, in denen dieses 
in Frage gestellt ist; die Auswanderung wird auf solche Weise 
naturgemäß mehr und mehr von den Vereinigten Staaten ab 
gelenkt werden. Ist der Kapitalist zugleich Industrieller, so er 
heischt sein persönlicher Vortheil die Wahl solcher Gegenden
        <pb n="179" />
        für die Ansiedelung, in denen keine einheimische Industrie vor 
handen ist, und welche die größte Gewähr dafür bieten, daß der 
Auswanderer deutsch bleibt. 
Ein ferneres Mittel, die Auswanderung in nationalem Sinne 
zu leiten, wäre die Errichtung einer privaten Auskunftsstelle 
für Auswanderer. Diese Auskunftsstelle hätte die Anfragen 
Auswanderungslustiger zu beantworten und, ähnlich dem eng 
lischen Emigrant's Information Office, kleine und billige Schrif- 
ten herauszugeben, welche die gesellschaftlichen, wirthschaftlichen 
und staatlichen Verhältnisse der in Betracht kommenden Länder 
auf das eingehendste schildern. Selbstverständlich müßten einem 
solchen Büreau für seine Angaben reiche und durchaus zuver 
lässige Quellen zu Gebote stehen; es müßte in planmäßiger 
Weise fortlaufende Erkundigungen über alle irgendwie bedeuten 
den Veränderungen in den Verhältnissen der betreffenden Län 
der einzuziehen im Stande sein. Die Auskunstsstelle würde 
sich dem Fluche der Lächerlichkeit preisgeben, wenn sie ihre Un- 
kenntniß durch ausweichende Antworten an die Fragesteller zu 
verbergen suchte; die verantwortlichen Leiter derselben müßten 
dem Strafgesetz verfallen, wenn sie auf unvollständige Erkundi- 
gungen hin falschen Ausweis ertheilte, wodurch ganze Familien 
in namenloses Elend gestürzt werden könnten.
        <pb n="180" />
        176 
Vereine, welche die Förderung des Deutsch- 
Ihums im Auslande bezwecken. 
Der natürliche und zugleich der thatkräftigste und erfolgreichste 
Beschützer des Deutschthums im Auslande ist der umfassendste 
deutsch-nationale Staatsoerband, das Deutsche Reich; ohne 
dessen gewaltige, stets kampfbereite Land- und Seemacht 
würde eine fernere Ausbreitung und Kräftigung unseres Volks 
thums undenkbar sein, würden unsere Feinde bald über uns 
herfallen und ein Stück unseres Gebietes nach dem andern uns 
entreißen, um damit ihre eigene Macht zu verstärken, würden 
wir in kurzer Zeit zu einer Nation zweiten und dritten Ranges 
und noch tiefer hinabsinken. Die deutsche Reichsregierung ist 
jedoch in der Bethätigung ihres Bestrebens, das Dcutschthum 
rm Auslande zu unterstützen, durch die verschiedensten Rück 
sichten, welche eine kluge Politik vorschreibt, gebunden; sie ist 
staatsrechtlich ferner nur verpflichtet, ihren Schutz den Reichs 
angehörigen, welche durchaus nicht die ganze Nation ausmachen, 
angedeihen zu lassen. Daher haben sich zum Schutze und zur 
Förderung des Deutschthums im Auslande nach den verschie 
densten Richtungen hin Vereine gebildet, welche dem Staate in 
seinen nationalen Bestrebungen theils ergänzend theils, helfend 
zur Seite stehen. Als die bedeutendsten dieser Vereine seien 
folgende genannt: 
Der „Allgemeine deutsche Tchulvcrein", dessen Zen 
tralsitz Berlin ist, hat nach 8 1 seiner Satzungen den Zweck, 
„die Deutschen außerhalb des Reiches dem Teutschthum zu er- 
halten und sie nach Kräften, in ihren Bestrebungen, Deutsche
        <pb n="181" />
        177 
zu bleiben oder wieder zu werden, zu unterstützeil." Diesen 
Zweck sucht der Verein nach 8 2 zu erreichen „durch Unterstützung 
und nach Umständen Errichtung deutscher Schulen und Biblio 
theken. Beschaffung deutscher Bücher. Verbreitung passender 
Schriften, Unterstützung von deutschen Lehrern und durch ähn 
liche Mittel". Zweigvereinc und Ortsgruppen des „Allgemeinen 
deutschen Schulvcreins" finden sich über das ganze Reich ver 
streut. An Mitgliederzahl wird der „Allgemeine deutsche Schul- 
verein" zu Berlin bedeutend übertroffen von dem „Deutschen 
Sch ul verein" in Wien, dem ältesten aller Cchuloereine. 
In Wien besteht außerdem der von Georg Ritter von 
Schönerer begründete „Schulverein für Deutsche." 
Der im Jahre 1879 gegründete „&lt;!» cntralvcrci» für 
Handclsgeographie und Förderung deutscher 
Interessen im A u s l a n d e " in Berlin ist mit Erfolg 
bemüht, dem deutschen Handel neue Wege zu weisen und der 
deutschen Industrie neue und größere Absatzgebiete zu schaffen. 
„Der Verein erkennt es", nach 8 2 seiner Satzungen, „als seine 
Ausgabe, einen regen Verkehr zwischen den im Auslande leben 
den Deutschen und dem Mutterlande anzubahnen und zu unter 
halten, sowie über die Natur- und die gesellschaftlichen Ver 
hältnisse der Läilder, wo Deutsche angesiedelt sind, Aufklärung 
zu gewinnen und zu verbreiten. Der Verein ist ferner bemüht, 
„die Auswanderung nach den Ländern abzuleiten, welche der 
Ansiedelung Deutscher günstig sind und in welchen das deutsche 
Volksbewußtsein sich lebendig zu erhalten vermag." Als solche 
Länder hat er besonders die außertropischen Gebiete Südamerikas 
in's Auge gefaßt. Der Verein unterstützt ferner die auf die 
Gewinnung und die volkswirthschastliche Ausnutzung deutscher 
Kolonien gerichteten Bestrebungen. Ein ständiges Bureau er- 
12
        <pb n="182" />
        theilt Auskunft über deutsche Ansiedelungen im Auslande, giebt 
Auswanderern Rathschläge und unterhält zahlreiche Verbin 
dungen für wissenschaftliche wie Handelszwecke. Der Verein, 
welcher unter der umsichtigen Leitung des Herrn Dr. Jan nasch 
steht, hat sich große Verdienste erworben, indem er deutschen 
Industriellen mannigfach Gelegenheiten schuf, ihre Erzeugnisse 
in wirksamer Weise kauflustigen Kreisen vorzuführen und da 
durch neue Kunden zu erwerben. Im Verfolg dieses Zweckes 
gründete der Verein die „Deutsche Exportbank", errichtete 
er ein Handelsmuseum, rüstete er Ha nd el s exp e d it io 
ne u aus, unterstützte und veranstaltete er Ausstellungen, 
vermittelte und erleichterte er den deutschen Industriellen die 
Beschickung dieser Ausstellungen, suchte er durch Herausgabe 
gediegener Zeit- und anderer Schriften die Kenntniß der Han 
dels- und Verkehrsverhältnisse fremder Länder zu verbreiten und 
zu fördern. — Vereine für Handelsgeographie und Förderung 
deutscher Interessen im Auslande, mit ähnlichen Zielen und in 
ähnlicher Weise wirksam wie der Berliner Centralverein und 
mit diesem in mehr oder weniger innigem Zusammenhang 
stehend, finden sich noch in verschiedenen Großstädten Deutsch 
lands, so namentlich in Stuttgart und Leipzig. 
Tie „Deutsche Kvlonialgcscllschaft" mit dem Haupt- 
sitz in Berlin und Zwcigvereincn in mehr als hundert 
deutschen und einigen außerdeutschen Städten verfolgt nach 
ihren Satzungen den Zweck: „die nationale Arbeit der deutschen 
Kolonisation zuzuwenden und die Erkenntniß der Nothwendigkeit 
derselben in immer weitere Kreise zu tragen; die praktische 
Lösung kolonialer Frage zu fördern; deutsch-nationale Koloni- 
sations-Unternehmungen anzuregen und zu unterstützen; auf die 
geeignete Lösung der mit der deutschen Auswanderung zusam-
        <pb n="183" />
        179 
menhängenden Fragen hinzuwirken; den wirthschaftlichen und 
geistigen Zusammenhang der Deutschen im Auslande mit dem 
Vaterland zu erhalten und zu kräftigen; für alle auf diese Ziele 
gerichteten, in unserem Vaterlande getrennt auftretenden Be- 
strebungcn einen Mittelpunkt zu bilden." Die „Deutsche Kolo« 
nialgesellschaft" ist entstanden durch Verschmelzung des „Deut- 
schen Kolonialvereins" mit der „Gesellschaft für deutsche Koloni 
sation", welche Anfang des Jahres 1888 stattfand. Der 
ş,Deutsche Kolonialverein", der ältere genannter beiden Vereine 
hat sich wesentliche Verdienste erworben, indem er die Erkenntniß 
der Nothwendigkeit des Besitzes tropischer Kolonien und einer 
Regelung des Auswanderungswesens in nationalem Sinne den 
weitesten Kreisen zugänglich machte. Aus dem „Deutschen Ko- 
lonialverein" ging die „Deutsche Witu - Gesellschaft" und die 
Gesellschaft „Herman", deutsche Siedelungsgesellschast für Süd 
amerika, hervor. Die „Gesellschaft für deutsche Kolonisation" 
legte bekanntlich den Grund zu dem großen deutschen Kolonial 
besitz in Ostafrika, aus ihr ging die „Deutsch-Ostafrikanische 
Gesellschaft" hervor. Ihre, sowie ihrer Tochtergesellschaften kurze, 
aber außerordentlich inhaltreiche Geschichte findet eine vollständig 
erschöpfende Darstellung in I. Wagner's trefflichem Werke 
„Deutsch-Ostafrika" (Berlin 1888, 2. Auflage). Die „Deutsche 
Kolonialgesellschaft" sollte, seitdem die Regierung und zahlreiche 
Aktiengesellschaften die Erforschung und Ausbeutung unserer 
Schutzgebiete in der thatkräftigsten Weise in Angriff genommen 
haben, ihr Augenmerk vornehmlich einer praktischen Lösung der 
Auswanderungsfrage zuwenden; insbesondere sollte fie eine 
Auskunstsbehörde für Auswanderer einrichten, welche einiger 
maßen den an eine solche zu stellenden Ansprüchen genügte, wo 
möglich in Verbindung mit einem allgemeinen statistischen Amt 
12*
        <pb n="184" />
        180 
für das Deutschthum im Auslande. Erster Präsident der Deut- 
scheu Kolonialgesellschaft ist zur Zeit Se. Durchlaucht der Fürst 
zu Hohenlohe-Langenburg, zweiter Präsident Dr. Carl 
Peters, Vorsitzender der „Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft." 
Außer den genannten Vereinen, deren Ziele, obgleich bei 
jedem derselben ein bestimmtes Arbeitsgebiet besonders in den 
Vordergrund tritt, doch ganz allgemeine sind, besteht im Deut« 
schen Reich eine zahllose Menge von größeren oder kleineren 
Vereinen, welche ebenfalls die Förderung des Deutschthums im 
Auslande ins Auge gefaßt haben, ihre Thätigkeit jedoch auf ein 
enger umgrenztes Feld beschränken, das sie mit um so größerem 
Erfolge zu beackern hoffen. So giebt es eine große Zahl von 
Vereinen, welche die Ausfuhr- und Handelsbeziehungen gewisser 
Städte oder Landschaften des Deutschen Reiches auf eine oder 
die andere Art zu fördern suchen, sowie solche, welche ihr Augen 
merk lediglich auf die Ausfuhr bestimmter Arten von Industrie- 
erzeugnissen richten. Andere Vereine befördern durch ihre Arbeit 
eine praktische Lösung der Auswanderungsfrage, so z. B. der 
St. R a p h a e l s v e r e i n in Limburg a. d. Lahn. welcher 
sowohl für das geistige als auch für das leibliche Wohl katholi- 
scher deutscher Auswanderer Sorge trägt. Auf Afrika richten 
ihre Thätigkeit die „ R a ch ti g a l - G e s e l l s ch a s t für va- 
terländische Afrikaforschung" imb der „Verein 
zur Förderung deutscher Interessen in Süd 
afrika." Aus letzterem Verein ging die bereits erwähnte 
„Deutsche Pondoland-Gesellschaft" hervor. Die von Herrn Dr. 
Henrici begründete Rachtigal Gesellschaft bezweckt satzungs 
gemäß, „die wirthschaftliche Nutzbarmachung der unter der Ho 
heit des Deutschen Reiches stehenden Theile Afrikas, sowie die 
Vergrößerung dieser Gebiete durch Aussenduug von Forschungs-
        <pb n="185" />
        reisenden zu fördern und im Mutterlande Theilnahme für die 
überseeischen Besitzungen zu erwecken. Die Anlage von Muster- 
pflanzungen. sowie die Förderung von Schule und deutsch-christ 
licher Mission wird gleichzeitig in Aussicht genommen. Unbe- 
dingt ausgeschlossen von der Arbeit der Gesellschaft sind alle 
Gebiete, deren Erwerb für das Reich nicht mehr möglich ist- 
Der Sitz der Gesellschaft ist Berlin." 
Es märe wahrlich zu wünschen, daß sich recht viele derartige 
Vereine bilden möchten, die durch Beschränkung ihrer Thätigkeit 
auf ein kleineres Gebiet ein erfolgreiches Wirken erhoffen lassen, 
welche jedoch höherer Gesichtspunkte keineswegs ermangeln, auch 
sich nicht zersplittern, sondern unter einander und mit Vereinen 
allgemeiner Tendenz organisch verbunden ein gleichmäßiges Zu 
sammenwirken Aller ermöglichen und,, sobald der Augenblick es 
erfordert, ihre Sonderintercssen dem allgemeinen Wohle zu 
opfern mit Freuden bereit sind. Aufgaben für solche Vereine 
finden sich übergenug; so würde z. B. allein das Studium des 
Deutschthums in den Vereinigten Staaten Nordamerikas die 
Thätigkeit eines Vereins vollkommen in Anspruch zu nehmen 
im Stande sein.
        <pb n="186" />
        182 
Einige Bemerkungen üöer das deutsche 
Hlationalöewußtsein. 
Unter den vielen Momenten, welche den Einzelnen an das 
Volk fesseln, dem er entsprossen ist, welche also die Träger der 
nationalen Gesinnung sind, ist die Sprache eines der wich- 
tigsten. Man darf jedoch dabei nicht übersehen, daß eine An- 
zahl von Menschen keineswegs durch Gemeinsamkeit der Sprache 
zu einer Nation gestempelt wird, sondern lediglich durch die Ge. 
meinsamkeit der Abstammung und der geschichtlichen Entwickelung. 
Die Gemeinsamkeit der Sprache ist allerdings in der Regel eine 
Folge der Blutsverwandtschaft, und daher decken in den meisten 
Fällen die beiden Begriffe Sprachgemeinschaft und Nationalität 
einander. Es giebt jedoch sehr erhebliche Ausnahmen. Wie 
lächerlich wäre es zum Beispiel, wenn man die vielen einzig die 
englische Sprache sprechenden Neger als zur englischen Nation 
gehörig betrachten wollte! 
Wie die Sprachgemeinschaft der Menschen ursprünglich und 
in den meisten Füllen die Folge einer bereits bestehenden, durch 
die gemeinschaftliche Abstammung bedingten Zusammengehörig- 
keit ist, so ist sie andererseits wieder das wichtigste Mittel, diese 
Zusammengehörigkeit noch mehr zu festigen und zum Bcwußtseiil 
zu bringen. Die Gemeinsamkeit der Sprache meist die einzelnen 
Glieder der Nation auf einander an und sondert sie ab von 
fremden, sich einer anderen Sprache bedienenden Völkern. Sie 
verhindert es auf solche Weise, daß die Nation durch Blut- 
Mischung mit anderen Nationen ihre körperliche und geistige 
Eigenart verliert oder gar in fremde Völker untergeht. Nur in
        <pb n="187" />
        183 
den allerseltensten Fällen, nur wenn die Glieder der Nation 
durch ein stärkeres Band verbunden werden, als die Sprache es 
darbietet, etwa durch eine besondere Stammesreligion, geht mit 
der Sprache nicht das Nationalbewußtsein und die Nationalität 
selbst verloren. Unter den Deutschen giebt es augenscheinlich 
kein stärkeres Bindemittel als die Sprache; daher ist zur Er. 
Haltung des deutschen Nationalbewußtseins die Erhaltung der 
deutschen Sprache unbedingt erforderlich. 
In ganz anderer Weise noch dient die Sprache dazu, tas 
natürliche Band zwischen den zu derselben Nation gehörenden 
Menschen zu stärken und zu kräftigen. In den Wendungen, 
dem Satzgefüge, den Bezeichnungen jeder Sprache verbirgt sich 
ein äußerst reicher Gedankeninhalt, welchen schon das Kind un- 
bewußt in sich aufnimmt, und daher erzeugt die Gemeinsamkeit 
der Sprache ganz von selbst eine gewisse Gemeinsamkeit der 
Denkrichtung, die wiederum durch den Gegensatz gegen 
Andersdenkende das Gefühl der Zusammengehörigkeit unter den 
Gliedern der Elation verstärkt. In weit höherem Maße jedoch als 
durch die bloße Sprache wird diese Gemeinsamkeit der Denkrich- 
tung hervorgerufen durch dasjenige, was der Sprache erst den 
eigentlichen Werth und ihre Würde verleiht, durch die nationale 
Literatur. Die Literatur eines Volkes, zu welcher selbstver. 
stündlich in unserem Sinne auch dessen mündliche tteberlieferun- 
gen zu zählen sind, ist gleichsam die Aufspeicherung der wahrend 
seines ganzen Daseins vollendeten Geistesarbeit, sein geistiges 
Kapital, welches gut angelegt ihm die reichsten Zinsen trägt. 
Sie ist die gemeinsame BildungSquclle aller derjenigen, welche 
die gleiche Sprache reden, sie flößt diesen eine gemeinsame Ge 
schmacksrichtung. gemeinsame Joeen ein, sie erhält und veredelt 
den Nationalcharakter und erhöht, was damit unzertrennlich ver.
        <pb n="188" />
        bunden ist, das Nationalbewußtsein. Ein hastiger, nationaler 
Staat vermag nur da sich auf die Dauer zu ballen, wo ein 
stark ausgeprägtes Nationalbewußtsein vorbanden ist. Es ist 
daber keine allzukühne Behauptung, daß nur solche Völker im 
nationalen Kampfe um das Dasein bestehen, welche eine be- 
deutende Nationalliteratur zu erzeugen vermochten. Keineswegs 
ist es bloßer Zufall, daß die politische Ohnmacht Deutschlands 
am größten war, als mit dem Eindringen fremder Literaturen 
die eigenen literarischen Schatze, welche die Glanzperiode des 
Mittelalters geschaffen hatte, vergessen wurden, daß aber dem 
gewaltigen Aufschwünge der detttschen Nationalliteratur seit der 
zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts auch die politische 
Einigung und Kräftigung folgte. 
Die d.ntsche Nationalliteratur wird, was Reichhaltigkeit 
und inneren Gehalt anbelangt, von keiner anderen übertroffen, 
von sehr wenigen erreicht. Allein die Namen Göthe und 
Kant würden hinreichen, ihr unter den Literaturen der Welt 
für alle Ewigkeit einen der ersten Plätze zu sichern. Sie ist für 
das gegenwärtige und für alle kommenden Geschlechter eine 
unerschöpfliche Fundgrube für wahre Bildung und gediegenes 
Wissen. Selbstverständlich kann die Nationalliteratur ihre hohe, 
für die Entwickelung der Nation unendlich wichtige Aufgabe 
nur erfüllen, wenn sie von allem Unedlen und allem Fremdar 
tigen, das den Nationalcharakter zu verderben geeignet ist, sich 
möglichst frei erhält. Eine verderbte und oberflächliche Literatur 
kann der Nation zu namenlosem Unglück gereichen und gera 
dezu ihren Untergang veranlassen. Die Franzosen verdanken 
ihr politisches Unglück nicht zum mindesten ihrer theils seichten 
und schlüpfrigen, theils sich in hochtrabenden Redensarten be 
wegenden Literatur. Tie Phrasen eines Lamartine, eines Vic-
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        185 
tor Hugo und Genossen stehen in engstem Zusammenhang mit 
dem großprahlerischen, hohlen und energielosen Wesen der heu 
tigen Franzosen. Leider ist auch seit mehreren Jahrzehnten in 
Lie deutsche Literatur ein Geist hineingefahren, welcher am be 
sten auf ewig aus ihr verbannt bliebe. Die gegenwärtig über 
handnehmende fabrikmäßige literarische Produktion, welche Ron- 
tine — sür die schlechte Sache ein schlechtes Wort — an die 
Stelle von Geist und Wissen setzt, den Ideengehalt des Volkes 
verdirbt und dasselbe von der Vertiefung in die wahrhaft be 
deutenden Erzeugnisse seiner Literatur abzieht, bildet ohne Zwei 
fel eine der schlimmsten Gefahren für die gesunde Fortentwicke 
lung der Nation, ja für die Erhaltung des deutschen Staats- 
wesens in seiner bisherigen Kraft. Es ist unglaublich, daß in 
einer Nation, welche Göthe den ihrigen nennt, ein Heine 
als hervorragender Geistesheld gefeiert werden saun, daß man 
sogar damit umgeht, ihm ein Denkmal zu setzen. Heine ist 
das Urbild jenes leider noch immer tonangebenden Literaten 
thums, welches — um mit Schopenhauer zu reden — sich durch 
einen auffallenden Mangel an allem demjenigen auszeichnet, 
was die Römer verecundia nannten, und in Folge dessen auf 
den schönsten uud edelsten Theil des deutschen Nationalcharak 
ters in wahrhaft erschreckender Weise zerstörend einwirkt. Um 
ihre lächerliche Eitelkeit zu befriedigen, um „geistreich" oder „pi 
kant" zu erscheinen, um einen albernen Witz anzubringen, scho- 
neu diese modernen Schriftsteller der heiligsten Gefühle nicht, 
ziehen sie oft sogar das in den Staub, was sie selber sonst zu 
vergöttern pstegen. Die geistreichelnde Oberflächlichkeit, sowie 
die schwülstige Redeweise Heines und seiner abertausend Nach 
folger, welche sich fast nur dadurch von ihm unterscheiden, daß 
.sie meistens — nicht leider, sondern Gottlob! — ihm an Form-
        <pb n="190" />
        186 
gewandtheit weit nachstehen, scheint förmlich dazu angethan zu 
sein, das Volk des eigenen Denkens zu entwöhnen und dasselbe 
unter das Joch hohler, aber bestechender Schlagworte zu beu 
gen. Von Heine als politischem Schriftsteller wird sich selbst 
verständlich jeder nationalgesinnte Deutsche mit dem tiefsten 
Ekel abwenden; tritt doch bei ihm jene Vaterlandslosigkeit unt&gt; 
Käuflichkeit, welche leider einen großen, wenn nicht den über 
wiegenden Theil unseres Journalistenthums kennzeichnet, in 
widerwärtiger Nacktheit zu Tage. Menu irgend etwas das 
deutsche Nationalbewußtsein zu zerstöre» geeignet ist, so ist es 
jener fremde, in unsere moderne Literatur eingedrungene und 
sie zum Theil beherrschende internationale Geist, welcher alles 
Ehrwürdige in den Staub zieht und verspottet, die Achtung vor 
den Gesetzen und der Obrigkeit untergräbt, die heiligen Bande 
der Liebe und Treue, welche den Deutschen an Fürst und Va 
terland fesseln, lockert und löst. Möchte der deutsche über diesen 
fremden, verderblichen Geist bald den Sieg davontragen, wie er 
im vorigen Jahrhundert über den damals sich breit machenden 
französischen Geist den Sieg davongetragen hat. 
Wo das Nationalbewußtsein gut begründet und von Dauer 
ist, da wird es sich als National stolz äußern. Der Natio 
nalstolz ist allerdings bis zu einem gewissen Grade schon eine 
Folge der Selbstachtung, welche man bei jedem Menschen, nur 
bei einem offenkundigen Lumpen nicht, voraussetzen darf; zunl 
eigentlichen Bewußtsein gelangt er jedoch erst da, wo eine ver 
gleichende Werthschätzung zwischen fremden Völkern und dem 
eigenen stattfindet. Um den Nationalstolz eines Volkes zu hegen 
und zu fördern ist es daher vor allen Dingen geboten, den 
höheren Werth und die höhere Bedeutung der eigenen im Ver 
gleich mit fremden Nationen zum Bewußtsein zu bringen. Die«
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        187 
ses geschieht theils durch Hervorheben der gegenwärtig das Volk 
auszeichnenden Vorzüge, theils durch Hinweis auf die Geschichte 
desselben, sofern diese seine Ueberlegenheit über fremde Völker 
zu erweisen geeignet ist. Wir Deutschen dürfen mit Stolz des 
sen eingedenk sein. daß wir der ersten Nation der Welt ange 
hören. Wir sind das mächtigste Kriegsvolk der Erde und in 
den Werken des Friedens werden wir von keiner anderen Na- 
tion übertreffen ; wir haben ferner die glänzendste Vergangen- 
heit, zu allen Zeiten hat unser Volk Kriegshelden. Heerführer. 
Künstler, Dichter und Denker erzeugt, welche in der Geschichte 
der Menschheit ewig glänzen werden, wie die hellsten Sterne 
am Himmel. Wir Deutschen bilden die eigentliche Aristokratie 
der Welt. Fast sämmtliche Fürstenhäuser Europas sind deut 
schen Stammes. Die hervorragendsten europäischen Völker wä 
ren nicht das. was sie vorstellen, ohne den Bestandtheil deut- 
schen Blutes, welcher ihnen beigemischt ist. In Frankreich ist 
der alte Adel, zu dem auch das Königsgeschlccht der Bourbonen 
gehört, fränkischen, also deutschen Ursprungs. Noch von König 
Franz wurde in seinem bekannten Schreiben an die deutschen 
Kurfürsten dieses ausdrücklich anerkannt; die französischen Ge 
schichtsschreiber Guizot und Thierry erklären die große Ne- 
volution als eine Auflehnung des Gallierthums gegen die frän- 
kische Herrschaft. Seine Größe verdankt Frankreich einzig seinen 
Königen und dem fränkischen Adel. Letzterer war nicht allein 
in der Staatskunst und im Kriegswesen der ausschlaggebende 
Theil, auch unter den Dichtern und Philosophen ist in Frank 
reich der Adel in weit stärkerem Maße vertreten, als dieses in 
Deutschland der Fall ist. Ein mächtiges Bürgerthum, wie es 
in den Hanse- und freien Reichsstädten Deutschlands dereinst 
blühte, hat sich in Frankreich nie zu entwickeln vermocht. Von
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        188 
der Zeit, wo die Gallier die fränkische Herrschaft abschüttelten, 
datirt der Verfall Frankreichs, wenngleich der gewaltige Italie 
ner Napoleon Bonaparte die Welt eine knrze Zeit darüber 
hinwegzutäuschen vermochte In Italien erhoben sich im Mil- 
telalter allein die norditalischen Städte, deren Bewohnern nach 
weisbar ein starker Prozentsatz deutschen Blutes beigemischt war, 
insbesondere die lombardischen Städte und Venedig, zu einer 
Achtung gebietenden Macht. Die alten italienischen Maler ver 
sahen ihre Heiligen stets mit blauen Augen und blondem Haar, 
da diese aus deutsche Abkunft deutenden körperlichen Eigenschaf 
ten damals als Zeichen oer Vornehmheit und des r'dels ange 
sehen wurden. In England wurde das Keltenthum durch die 
von Norddeutschland herübergekommcncn deutschen Stämme der 
Sachsen und Angeln gänzlich verdrängt, und bis zum heutigen 
Tage hat in Großbritannien die angelsächsische Rasse die Ober- 
Hand. Was wäre Rußland, ohne seine zahlreichen Generale, 
Staatsmänner und Gelehrten deutscher Abkunft? Nichts als 
eine barbarische, asiatische Despotie. Sämmtliche ungarische 
Städte wurden von deutschen Bürgern besiedelt, und die vor 
nehmsten ungarischen Magnaten-Geschlechter, wie die Paz mann. 
Forgach, Batthyanyi, Sztaray, Palffy und andere, 
stammen von deutschen Edelleuten ab. welche von den Königen 
Geisa und Stefan I. zur Ansiedelung bewogen wurden. 
Trotzalledem dürfen wir uns der betrübenden Erkenntniß 
nicht verschließen, daß unter uns Deutschen der Nationalstolz 
bei Weitem nicht auf derjenigen Höhe steht, auf welcher er ste 
hen könnte und stehen müßte; in breiten Schichten unseres Vol 
kes, insbesondere beim weiblichen Geschlechte, ist leider kaum 
eine Spur von ihm vorhanden. Das trat mit erschrecklicher 
Deutlichkeit zu Tage während der traurigen Ereignisse des
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        189 
Jahres 1888, das wird bewiesen durch die leidige Fremdwörter« 
sucht und die unwürdige Modeäsferei. Man sollte die Tröpfe, 
welche ihr Geschäft in französischer Sprache anzupreisen belieben 
und dadurch einen kläglichen Mangel an nationaler Gesinnung 
nicht allein, sondern auch an der von jedem Menschen zu ver 
langenden Bildung verrathen, einfach ihrer französischen Kund 
schaft überlassen; sie würden dann wohl bald von ihren Narr 
heiten geheilt werden I Was die Modeäfferei anbetrifft, so lei 
det an dieser schon von Alters her in Deutschland herrschenden 
Geisteskrankheit nicht allein das schwächere Geschlecht; auch die 
Männerwelt scheint neuerdings von ihr ergriffen worden zu 
sein. Was soll man dazu sagen, wenn deutsche Männer durch 
jene in Frankreich üblichen, überaus geschmacklosen, nach dem 
französischen Prahlhans Boulanger benannten Bärte, ihr Ge 
sicht entstellen I Eine der betrübendsten der vielen auf Mangel 
an Nationalstolz deutenden Erscheinungen ist die lächerliche Vor 
liebe für Fabrikate französischer, englischer, überhaupt ausländi- 
Herkunft, mögen dieselben auch den einheimischen an Güte noch. 
so sehr nachstehen. Wie bereits Ulrich von Hutten die 
ausländische Seide verschmähte und es vorzog, ein aus einhei 
mischer Wolle gefertigtes Wamms zu tragen, so sollte jeder 
Deutsche es als seine Pflicht betrachten, seinen Aufwand und 
Verbrauch möglichst der vaterländischen Arbeit zu Gute kommen 
zu lassen. Es ist wahrlich thöricht, von den Deutschen im 
Auslande Nationalbewußtsein zu verlangen, solange dasselbe 
im Jnlande, wo seine Bethätigung doch nur in den seltensten 
Fällen persönliche Opfer erheischt, noch so wenig ausgebildet 
erscheint. 
Ebenso weit wie der edle, auf Selbstachtung beruhende 
Stolz von prahlerischem Hochmuth und eitler Selbstgefälligkeit
        <pb n="194" />
        entfernt ist, ebenso fern steht das erhebende Bewußtsein, einem 
großen und tüchtigen Volke anzugehören, dünkelhafter nationaler 
Ueberhebung. Die nationale Ueberhebung, welche besonders 
unter den Engländern weit um sich gegriffen hat, ist ein Zeichen 
beginnenden Verfalls und befördert diesen ganz unmittelbar. 
Ein Volk, welches sich weigert, das von anderen Völkern ge 
schaffene Gute anzuerkennen, welches alles Fremde gering schätzt 
und verachtet, verzichtet auf eine der wichtigsten Triebfedern des 
Fortschrittes und wird in dem Wettlaufe der Nationen nach 
dem Ziele höherer Vollkommenheit und damit höherer Macht 
unweigerlich bald überholt werden. Es ist aber wahrlich nicht 
an der Zeit, die Deutschen vor dieser nationalen Ueberhebung 
zu warnen. Sie erkennen das ihnen von anderen Völkern dar 
gebotene Gute gern und willig an; aber leider steht ihr Natio- 
nalstolz durchweg lange noch nicht hoch genug, daß sie nicht 
über das Schlechte, welches ihnen von außen zugeführt wird, 
nur allzu häufig das eigene Gute vernachlässigten. Den deut 
schen Nationalstolz und mit ihm die deutsche Einigkeit zu kräf 
tigen und zu fördern, wird noch auf viele Jahre hinaus das 
edelste und oberste Ziel jedes Vaterlandsfreundes sein.
        <pb n="195" />
        V 
191 
Schluß. 
Aus dem Bilde, welches wir auf Grund unserer Ausfüh 
rungen gewonnen haben von der Verbreitung des deutschen Volks 
thums über die Erde, von dem Einfluß, den unsere Nation in 
den ausländischen Staaten Europas sowohl als auch in fremden 
Welttheilen sich zu erringen wußte, von der hier mehr, dort 
weniger günstigen Stellung, welche sie anderen, fremden Völ- 
kern gegenüber zur Zeit einnimmt, treten uns theils erfreuliche, 
glückverheißende, theils schmerzerweckeude Züge entgegen. Mit 
Stolz und Freude darf den Deutschen das Bewußtsein erfüllen, 
daß seine Nation eine der wenigen ist, welche bei dem gewal 
tigen Ringen der Völker um die Weltherrschaft in Frage kom 
men. Die glänzendste Kriegsmacht, welche die Welt je gesehen hat, 
folgt stets kampfbereit Deutschlands Fahnen, deutsche Schiffe 
durchfurchen alle Meere, alle Länder werden durchzogen von 
Eisenbahnwagen und Karawanen, beladen mit den Früchten 
deutschen Fleißes, wohin wir auch blicken mögen, überall be- 
gegegnen uns Landsleute, welche durch angeborenen Muth, 
durch Thatkraft und Intelligenz sich Achtung und Einfluß zu 
verschaffen wußten. Ein Gefühl der Trauer dagegen muß uns 
beschleichen, wenn wir außerhalb des Deutschen Reiches unser 
Volksthum nirgends eine solche Stellung einnehmen sehen, daß 
es frohen Blickes der Zukunft entgegenschauen könnte; überall 
finden wir das deutsche Element hart angegriffen und auf das 
äußerste bedrängt von übermächtigen feindlichen Völkerschaften, 
mögen diese nun Slaven, Romanen oder Angelsachsen sein. 
Fast übermenschlische Kräfte scheinen erforderlich, um den end-
        <pb n="196" />
        lichen Sieg erhoffen zu lassen. Darum aber nicht verzagt l 
Wir Deutschen fürchten Gott allein, sonst nichts auf dieser Welt. 
Vieles haben wir bereits erreicht, wir werden auch noch mehr 
erreichen. 
Göthe meinte, vor Römerpatriotismus solle uns Gott 
bewahren, wie vor einer Riesengestalt. Wir würden keinen 
Stuhl finden, darauf zu sitzen, kein Bett, darinnen zu liegen. 
Lebte der große Dichter doch zu unserer ZeitI Sähe er doch 
den Ruhm und die Größe unseres und seines Vaterlandes l 
Wie gerne würde er seines Irrthums geständig sein! Wir, die 
wir mit eigenen Augen den großen, siegreichen Heldenkaiser erblickt 
haben, über die herrlichste Kriegerschaar der Welt die 
Heerschau abhaltend, hoch zu Roß dahinsprengend an der Spitze 
eines glänzenden Gefolges von Fürsten, Rittern und Feldherren, 
wir dürfen wohl mit Stolz dessen eingedenk sein, daß in unseren 
Adern noch immer das kampfesfrohe Blut unserer edlen Ahnen 
rollt, deren Rosse die römischen Legionen in den Staub traten. 
Seien wir nur einig und treu dem glorreichen Herrscherhause 
der Hohen;ollern, dann sind und bleiben wir stets das erste, 
das mächtigste Volk der Erde!
        <pb n="197" />
        - 
H
        <pb n="198" />
        176 
Inhalt: 
Vorwort . 
Der Kampf um das Dasein unter den Völkern . . . 
Die wirthschaftliche und nationale Bedeutung der Ans- 
Wanderung und Kolonisation . . . 
Die Weltmachtstellnng des deutschen Volkes . . 
Die Deutschen in Europa 
1) Die Deutschen in Oesterreich-Ungarn . 
2) „ „ „ Rußland .... 
3) „ „ „ Rlunänien .... 
4) Die germanischen Staaten im Westen des 
deiltschen Sprachgebietes 
5) Die Deutschen in England 
Die Deutschen in Nordamerika. Mittelamerika und West- 
indien 
Die Deutschen in Südamerika 
„ » » Afrika 
Asien 
„ Australien und Neuseeland . . . 
„ „ der Südsee 
2ßst§ ist zu thun, um das Dentschthnm im Anslande 
zu erlialten und zu fördern 
Die deutschen Schulen im Anslande 
Die deutsche Presse im Anslande 
Ueber die deutsche Auswanderung 
Bercine, welche die Förderung des Dcntschtbnms im 
Anslande bezwecken 
Einige Bemerkungen über das deutsche Nationalbewnßt- 
sein 
Schluß
        <pb n="199" />
        Berichtigungen 
7 Z. 22 lies Völker statt Völker. 
10 „ 4 l. bedürfen st. bedürfen. 
12 „ 16 l. bemüht st. beimüht. 
40 „ 30 fehlt vor „welche" ein Komma. 
45 „ 1 fehlt vor „zum" ein Komma. 
40 „ 16 l. noch st. nach. 
50 „ 0 l. verstandene st. verstandenen. 
62 „ 16 l. verbundene st. verbundenen 
58 „ 7 fehlt nach „Suwalki" ein Punkt- 
59 „ 14 l. gelegen st. belegen. 
65 „ 13 l. politische st. polische. 
89 „ 25 l. desselben st. derselben. 
116 „ 28 l. Sklavenküste st.. Slavcnküste. 
117 „ 27 l. Sklavenküste st. Slavenküste. 
166 „ 15 l. In st. Zn. 
163 „ 11 fehlt nach „Logandistrikt" ein Punkt. 
163 „ 11 l. Genannte st. genannte. 
178 „ 28 l. Fragen st. Frage. 
189 „ 17 l. ausländischer st. ansländi'.
        <pb n="200" />
        % tit' 
R*i 
‘ 
W
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        _
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        MM* 
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        <pb n="204" />
        2061(0 
468 
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        en 
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