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        <title>Die Deutschen im Auslande</title>
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            <forname>Johannes</forname>
            <surname>Rethwisch</surname>
          </persName>
        </author>
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            <idno>829310452</idno>
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        Dkiitschkii  im  Äuslnnîis.

Weitrâge
zur
kolonial-  und  Auswauderungspolitik
von
I.  Rethrrriscii.

Iweile  Auflage.

Merlin  1889.
Berlag  von  Karl  Siegismund
Mauerstr.  G8.
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        îl

V
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        <pb n="5" />
        Mormori.

Die  vorliegende  Arbeit,  welche  den  Zweck  verfolgt,  eine
gedrängte  und  möglichst  übersichtliche  Darstellung  zu  geben  von
der  Ausbreitung  des  Deutschthums  über  die  Erdoberfläche,  von
dem  Einflüsse,  den  es  in  allen  Welttheilen,  hier  in  höherem,
dort  in  geringerem  Maße  sich  zu  erwerben  wußte,  von  seinem
Verhältnisse  zu  anderen,  in  den  verschiedensten  Gegenden  und
Ländern  der  Erde  in  mehr  oder  weniger  friedlichem  Wettkampfe
mit  ihm  ringenden  Völkerschaften,  welche  ferner  die  Bestrebungen
derjenigen,  die  in  wirthschaftlichem  und  nationalem  Interesse
die  überall  verstreuten  Theile  und  Bruchstücke  unseres  Volksthums ­
  durch  ein  starkes  geistiges  Band  zu  einen  und  mit  dem
heimathlichen  Boden  in  möglichst  enger  Verbindung  zu  erhalten
wünschen,  in  das  rechte  Licht  zu  stellen  versuchen  soll,  scheint
insofern  einem  Bedürfnisse  entgegenzukommen,  als  sie,  soweit
der  Verfasser  dies  zu  beurtheilen  vermag,  in  'ihrer  Art  einzig
dastehen  dürfte.  Von  Arbeiten  ähnlicher  Art  erscheint  nur  das
vortreffliche  Werk  von  Karl  Emil  Jung  „Die  deutschen  Kolonien", ­
  welches  das  Leben  und  Treiben  unserer  Landsleute  in
den  hervorragendsten  ihrer  Niederlassungen  in  anregender  und
zum  Theil  ausführlicher  Weise  schildert,  erwähnenswerth;  der
Unterschied  der  genannten  von  vorliegender  Arbeit  in  Anlage
sowohl  wie  in  Tendenz  ist  jedoch  in  die  Augen  springend.
1*
        <pb n="6" />
        Um  etwaigen  ungerechten  Beurtheilungen  zuvorzukommen,
sei  gleich  von  vorne  herein  darauf  hingewiesen,  daß  es  dem
Nerfasser  weniger  auf  absolute  Genauigkeit  als  auf  Uebersichtlich
  kett  ankam;  eine  allen  Anforderungen  entsprechende
Genauigkeit  zu  erzielen  war  bei  dem  allenthalben  sich  fühlbar
machenden  Mangel  an  zuverlässigen  statistischen  Angaben  durchaus
  unmöglich.
Die  benutzten  Quellen  habe«  zum  größten  Theile  innerhalb
des  Textes  Erwähnung  gefunden;  von  Quellen  allgemeiner  Art
seien  außer  der  genannten  Jung'schen  Arbeit  noch  drei  in  Berlin
erscheinende  Zeitungen  hervorgehoben,  die  „Deutsche  Kolonialzeitung".
  der  „Export"  und  schließlich  die  eigenartige,
vortrefflich  redigirte  „Deutsche  Post",  illustrirte  Wochenschrift
für  die  Deutschen  aller  Länder,  welche  es  im  hohen  Maße  verdiente,
  ein  Zentral-Organ  zu  werden  für  sämmtliche  Vereine
und  Gesellschaften  deutsch-nationaler  Richtung.  Aus  der  besten
Quelle,  der  eigenen  Anschauung,  zu  schöpfen,  war  dem  Verfaffer
nur  in  Beziehung  auf  wenige  der  in  Betracht  gezogenen  Länder
Europas  vergönnt.
Berlin,  den  l.  August  1888.

I.  Rethwisch.
        <pb n="7" />
        Der  Kampf  um  das  Dasein  unier  den
Aölkern.
Jeder  gesunden  und  kräftigen  Nation  wohnt  das  Bestreben
inne,  sich  zu  vermehren  und  ihre  Nachkommenschaft  der  nationalen
  Sitte,  dem  nationalen  Charakter  gemäß  zu  erziehen.  Diese
Vermehrung  würde  in  das  Unbegrenzte  fortgehen,  und  ein  Volk
würde  sich  bald  über  die  ganze  bewohnbare  Erdoberfläche  ausbreiten, ­
  wenn  nicht  andere  Völker  ihm  im  Wege  ständen  und
den  zu  weiterer  Vermehrung  erforderlichen  Raum  und  die
nöthige  Nahrung  streitig  machten.  Der  hieraus  sich  ergebende
Kampf  unter  den  Völkern  ist  ein  ewiger  und  unabänderlicher,
da  er  in  Gesetzen  der  menschlichen  Natur,  ja  in  Gesehen  der
gesammten  organischen  Welt  tief  begründet  ist.  Die  einzige
Möglichkeit,  diesen  Kampf  zum  Stillstand  zu  bringen,  würde
darin  bestehen,  daß  sämmtliche  Elationen  der  Erde  übereinkam,
men,  durch  gewisse  Maßregeln  einer  weiteren  Vermehrung  des
Menschengeschlechtes  Einhalt  zu  thun  oder  vielmehr  diese  Ver-Mehrung
  gesetzlich  zu  beschränken;  dadurch  würde  der  Kampf  um
das  Dasein  unter  den  Menschen,  von  welchem  der  in  Rede
stehende  Kampf  der  Nationen  nur  eine  besondere  Form  bildet,
in  der  That  zum  Stillstand  gelangen.  Aber  abgesehen  von
allen  Hindernisien,  welche  ein  derartiges  Uebereinkommen  durchaus ­
  unausführbar  machen,  würde  dasselbe  einem  Selbstmordversuch ­
  der  ganzen  Menschheit  gleichzuachten  sein.  Der  englische
Nationalökonom  Malthus,  welcher  zuerst  eine  absichtliche  Be-
        <pb n="8" />
        6

schränkung  der  natürlichen  Volksvermehrung  in  Vorschlag  brachte,
hat  recht  wohl  erkannt,  daß  der  Kampf  um  das  Dasein,  der
auf  das  innigste  mit  dem  von  ihm  gefundenen  Bevölkerungsgesetze
  zusammenhängt,  den  weitaus  größten  Theil  alles  Elends
und  aller  Armuth  verschuldet;  er  hat  jedoch  nicht  bedacht,  daß
eben  derselbe  unerbittliche  Kampf  andererseits  auch  eine  unentbehrliche
  Quelle  des  Fortschrittes  der  Menschheit  ist,  sowohl  nach
der  körperlichen  wie  nach  der  geistigen  Seite  hin.  Er  bedachte
nicht,  daß  die  Menschheit  des  Kampfes  um  das  Dasein  nothwendiger
  Weise  bedarf.  Der  ganze  menschliche  Organismus,
der  körperliche  sowohl  wie  der  geistige,  ist  von  der  Statur  für
diesen  Kampf  eingerichtet;  nur  in  ihm  findet  der  Mensch  Befriedigung. ­
  ohne  ihn  muß  er  verkümmern  und  verderben.
Der  beständige  Kampf  unter  den  Nationen  ist  im  Wcsentlichen
  ein  Kampf  um  den  Grund  und  Boden;  denn  alle
menschliche  Nahrung,  die  animalische  sowohl  wie  die  vegetabilische,
entquillt  dem  Grund  und  Boden.  Sobald  eine  Nation  lech  in
dem  Maße  vermehrt  hat.  daß  der  von  ihr  bewohnte  und  beherrschte
  Theil  der  Erdoberfläche  die  für  sie  nothwendigen  Lebensmittel
  nicht  ferner  zu  erzeugen  vermag,  sieht  sie  sich  gezwungen,
entweder  durch  Erweiterung  ihres  eigenen  Landbesitzes  oder  durch
Zufuhr  von  Bodenprodukten  aus  fremden  Ländern  dem  bestehenden
  Nahrungsmangel  abzuhelfen.  Die  Vergrößerung  des  nationalen
  Grundeigenthums  geschieht  entweder  durch  friedliche
Besitznahme  bis  dahin  herrenloser  Ländereien  oder  durch  Verdrängung
  fremder  Volksstämme  aus  ihren  Sitzen,  sei  es  mit
Gewalt,  sei  es  mit  List.  Die  Zufuhr  ausländischer  Bodenerzeugniffe
  kann  ebenfalls  sowohl  auf  friedlichem  als  auch  auf  gewaltthätigem
  Wege  vor  sich  gehen;  auf  gewaltthatigem  Wege
durch  Unterjochung  fremder  Völker,  durch  Ausnutzung  ihrer
        <pb n="9" />
        7

Arbeitskraft,  durch  Auferlegung  von  Tributen;  aus  friedlichem
Wege  durch  den  Handel,  sofern  derselbe  Erzeugnisse  der  nationalen ­
  Arbeit  gegen  diejenigen  zur  Ernährung  des  Volkes  nothwendigen ­
  Lebensmittel  eintauscht,  welche  der  heimische  Boden
nicht  in  erforderlichem  Maße  hervorzubringen  vermag.
Der  Hauptwerth  des  Geldes  liegt  darin,  daß  es  ein
Aequivalent  bildet  für  zur  menschlichen  Nahrung  geeignete
Bodenerzeugnisse;  denn  von  allen  menschlichen  Bedürfnissen  ist
dasjenige  das  wichtigste,  von  dessen  Befriedigung  sein  Dasein
unbedingt  abhängig  ist:  das  Bedürfniß  nach  Nahrung.  Je  mehr
Geld  oder  Geldeswerth  also  einer  Nation  von  außen  her  zuströmt, ­
  mit  anderen  Worten  je  reicher  sie  wird,  desto  reichlichere
Nahrungsquellen  werden  ihr  eröffnet,  desto  stärker  kann  sie  sich
vermehren,  ohne  daß  sie  nöthig  hätte,  ihren  unmittelbaren  Grundbesitz ­
  auf  Kosten  der  Nachbaren  zu  vergrößern.
Letzten  Endes  wird  einer  Nation  nur  dadurch,  daß  ihre
Arbeit,  soweit  sie  über  das  zur  Befriedigung  der  eigenen  Bedürfniffe
  erforderliche  Maß  hinausgeht,  ihr  von  Seiten  des
Auslandes  in  Lebensmitteln  bezahlt  wird.  die  Möglichkeit  gewährt,
  in  größerer  Anzahl  ein  Land  zu  bewohnen,  als  der  Grund
und  Boden  innerhalb  der  Landesgrenzen  zu  ernähren  vermag.
Das  Ltreben  der  Völker,  ihr  Nationalvermögen  zu  vermehren,
welches  im  Großen  und  Ganzen  sich  deckt  mit  dem  Streben,
Absatzmärkte  für  die  Erzeugnisse  des  nationalen  Fleißes  zu  gewinncn,
  bedeutet  also  im  Grunde  nichts  anderes  als  das  Bemühen,
  sich  einen  Antheil  zu  verschaffen  an  den  Erträgnissen
fremden  Grundes  und  Bodens.  In  demselben  Maße,  in  welchem
  eine  Nation  sich  vermehrt,  wächst  auch  ihr  Bedürfniß,  die
Absatzgebiete  für  die  Erzeugnisse  ihrer  Arbeit  zu  vergrößern  oder
zu  vermehren;  eine  Nation  gleicht  in  dieser  Beziehung  nicht
        <pb n="10" />
        8

einem  Menschen  oder  einem  Thiere,  dessen  Hunger  durch  ein
bestimmtes  Speisemaß  für  eine  längere  Zeit  gestillt  bleibt,  sondern ­
  eher  einem  Ungethüm,  welches  mit  jeder  augenblicklichen
Befriedigung  seines  Heißhungers  nur  desto  unersättlicher  wird.
Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  die  verschiedenen  Nationen  in
dem  unablässigen  Streben  nach  Erweiterung  ihrer  Absatzmärkte
bald  mit  einander  in  Kollision  gerathen  muffen  und  sich  so  ein
fortwährender  Kampf  unter  ihnen  entspinnt,  welcher  im  Grunde
ebenfalls  nichts  anderes  ist  als  ein  Kampf  um  den  Grund  und
Boden.  Dieser  Kampf  um  die  Absatzmärkte  für  die  nationale
Arbeit  ist  in  gegenwärtiger  Periode  der  geschichtlichen  Ent-Wickelung
  eine  der  wichtigsten  Formen  des  allgemeinen  Kampfes
um  den  Grund  und  Boden.  Wenngleich  eine  Nation,  welche
der  Gewalt  der  Waffen  entbehrt,  auch  in  dieser  indirekten  Form
des  bezeichneten  Kampfes  auf  die  Dauer  schwerlich  zu  bestehen
  vermag,  so  giebt  hier  jedoch  keineswegs  das  Schwert  allein
den  Ausschlag,  sondern  vorzugsweise  der  Fleiß,  die  Geschicklichkeit
  und  die  Intelligenz  der  mit  einander  ringenden  Völker.
Offenbar  kann  jedoch  die  Vermehrung  eines  Volkes  innerhalb
desselben  Gebietes  nur  bis  zu  einer  gewissen  Grenze  fortschreiten,
so  daß  der  direkte  Kampf  der  Nationen  um  den  Grund  und
Boden  durch  den  indirekten  niemals  ganz  aufgehoben  wird.
Die  Größe  einer  Nation  ist  nicht  nur  ein  Zeichen,  daß  sie
sich  lange  Zeit  hindurch  anderen  Nationen  gegenüber  siegreich
zu  behaupten  wußte,  sofern  diese  letzteren  nicht  im  Stande
waren,  ihrer  Vermehrung  und  Entwickelung  Einhalt  zu  thun.
ihre  Größe  ist  außerdem  auch  ein  mächtiges  Hülfsmittel  für  sie
in  dem  großen  Völkerkampfe,  denn  von  zwei  feindlichen  Heeren
gleicher  Qualität  ist  das  zahlreichere  stets  auch  das  mächtigere.
Je  größer  eine  Nation  ist,  desto  mächtiger  ist  sie.  Keineswegs
        <pb n="11" />
        9

ist  jedoch  die  Größe  allein  ausschlaggebend;  zahlreich  sind  die
Fälle  in  der  Geschichte,  daß  große  Stationen  von  weit  kleineren
niedergeworfen  mkd  endlich  ganz  und  gar  überflügelt  wurden.
Neben  der  Zahl  der  Volksangehörigen  kommt  vor  allen  Dingen
deren  körperliche  und  geistige  Befähigung  in  Betracht.  Mag
ferner  ein  Volk  noch  so  groß  und  tüchtig  sein,  es  wird  schließlich ­
  doch  untergehen,  wenn  ihm  die  Einheit  fehlt,  wenn  es  seine
Kräfte,  statt  sie  nach  außen  zu  richten,  in  nutzlosen  inneren
Kämpfen  vergeudet,  wenn  dem  Einzelnen  die  Gelegenheit  mangelt, ­
  seine  Fähigkeiten  im  Dienste  der  Gesammtheit  zur  Geltung
zu  bringen.  Die  höchste  nationale  Einheit  ist  der  Staat;  daher
muß  jede  Station  bestrebt  sein,  ihre  sämmtlichen  Glieder  zu
einem  oder,  wenn  zu  mehreren,  so  doch  möglichst  eng  mit  einander ­
  verbundenen  Staaten  zusammenzuschließen.  Große  und
intelligente  Nationen,  wie  die  Griechen  und  Kelten  zum  Beispiel,
gingen  zu  Grunde  oder  wurden  bis  auf  einen  verhältnißmäßig
unbedeutenden  Rest  vernichtet,  weil  sie  nicht  die  Fähigkeit  besaßen,
  sich  zu  machtvollen  nationalen  Staaten  zu  vereinigen.
Von  der  allergrößten  Bedeutung  für  die  Stellung  einer
Nation  in  dem  direkt  oder  indirekt  geführten  Kampfe  um  den
Grund  und  Boden  ist  häusig  die  Beschaffenheit  und  Lage  des
von  ihr  bewohnten  und  beherrschten  Landes.  Je  fruchtbarer
das  Land  ist,  desto  mehr  Menschen  kann  es  ernähren,  desto  bedeutender
  ist  demnach  die  Macht,  welche  die  Nation  zu  entwickeln ­
  und  ihren  Feinden  entgegenzustellen  vermag.  Einen
ungeheuren  Vorsprung  hat  offenbar  dasjenige  Volk  gewonnen,
welchem  weite,  noch  gar  nicht  oder  wenig  besiedelte  Landstrecken
zu  Gebote  stehen,  über  welche  es  sich  ungehindert  ausbreiten
kann.  Es  kommt  dabei  wenig  in  Betracht,  ob  diese  Ländereien
in  seinem  eigenen  Besitze  sind  oder  ob  sie  von  schwachen  Nach-
        <pb n="12" />
        10

baren  in  Anspruch  genommen  werden,  welche  früher  oder  später
doch  der  Ucbermacht  weichen  müssen.  Uebrigens  gereicht  die
Schwäche  der  Nachbaren  einer  Nation  keineswegs  immer  zu
besonderem  Vortheil,  denn  die  nationalen  Kräfte  bedürfen  steter
Uebung  und-Anspannung,  und  wo  diese  mangelt,  tritt  lucht
Verweichlichung  und  Zerfall  ein.  Im  Kampfe  gegen  starke
Feinde  sind  solche  Grenzen,  welche  eine  natürliche  Vertheidigungs-Unie
  bilden,  oft  von  ausschlaggebender  Bedeutung.  Wie  wir
gesehen  haben,  führt  der  Handel  dem  Volke  Reichthum  zu  und
ist  der  Reichthum  auf  das  innigste  mit  der  Macht  und  Größe
einer  Nation  verknüpft;  daher  ist  die  dem  Weltverkehr  mehr
oder  weniger  günstige  Lage  seines  Landes  von  der  größten
Wichtigkeit  für  ein  Volk.  Der  Eifer,  mit  welcher  Nationen
des  Binnenlandes  bestrebt  sind,  sich  bis  an  die  See  auszudehnen
  und  gute  Handelshäfen  zu  gewinnen,  ist  also  wohl  erklärlich.
  Mehr  als  alle  äußeren  Umstände  ist  jedoch  der  tüchtige
innere  Kern  eines  Volkes  und  seine  gut  nationale  Gesinnung
maßgebend  für  die  endliche  Entscheidung  in  dem  großen  allgemeinen
  Völkerkampfe.
Der  geschilderte  Kampf  der  Nationen  um  den  Grund  und
Boden  ist  ein  Kampf  um  das  Dasein,  welcher  im  Laufe  der
Zeit  sich  nothwendiger  Weise  zu  einem  Kampfe  um  die
Weltherrschaft  fortentwickeln  muß;  denn  es  ist  eine  ganz
natürliche  Folge  dieses  unaufhörlichen  Streites,  daß  einzelne,
kräftigere  Nationen  sich  immer  weiter  ausbreiten,  während
andere,  schwächere  zurückgedrängt  werden  und  schließlich  ganz
verschwinden,  daß  ferner  mit  den  Völkern  auch  die  Gebiete,
um  deren  Besitz  gestritten  wird,  immer  größere  werden,  bi»
schließlich  einige  wenige  große  Nationen  den  Kampf  um  die
ganze  bewohnbare  Erde  mit  einander  aufnehmen.  Die  Geschichte
        <pb n="13" />
        11

bestätigt  dies  vollauf.  Im  Anfang  drehte  sich  der  Kampf  zwischeu
  den  weltgeschichtlich  in  Betracht  kommenden  europäischen
und  asiatischen  Nationen  im  Wesentlichen  um  die  Ländergebiete
am  Mittelländischen  Meere;  die  europäischen  Nationen  blieben
Sieger  und  der  Schauplatz  des  Kampfes  dehnte  sich  bald  über
ganz  Europa  aus.  Doch  auch  diese  Gebiete  genügten  den  siegreichen, ­
  sich  in  gewaltigem  Maßstabe  vermehrenden  europäischen
Nationen  bald  nicht  mehr:  immer  weiter  suchten  sie  ihre  Machtsphärcn
  auszudehnen  und,  nachdem  Vasco  de  Gama  den
Seeweg  nach  Indien  aufgefunden,  und  so  einen  nun  nicht  mehr
zu  unterbrechenben  Verkehr  mit  den  großen  Kulturzentren  des
äußersten  Ostens  angebahnt.  Kolumbus  den  Atlantischen
Ozean  durchquert  hatte,  erstreckte  sich  sehr  bald  ihr  Einfluß  über
den  ganzen  Erdball.  Die  gegenwärtige  Periode  in  der  Entwickelungsgeschichte ­
  der  Menschheit  unterscheidet  sich  dadurch  von
allen  vorhergehenden,  daß  in  ihr  wenige  große  Nationen  anfangen, ­
  um  die  Herrschaft  der  Welt  im  eigentlichsten  Sinne  des
Wortes  zu  streiten  nicht  etwa  in  dem  Sinne,  wie  man  von
einer  Weltherrschaft  der  Mazedonier,  der  Römer  spricht,  bei  der
es  sich  doch  immer  nur  um  einen,  wenn  auch  an  Bedeutung
großen,  i'o  doch  an  Ausdehnung  verhältuißmäßig  geringfügigen
Theil  der  alten  Welt  handelte.
        <pb n="14" />
        12

Die  wirtschaftliche  und  nationale  ZZedeutung
  der  Auswanderung  nnd  Kolonisation.
Unser  großer  Nationalökonom  Friedrich  List  hat  den  unwiderleglichen
  Beweis  erbracht,  daß  der  Industriestaat  auf  gleicher
  Fläche  weit  mehr  Menschen  zu  ernähren  vermag  als  der
reine  Agrikulturstaat,  nicht  allein  in  Folge  des  nur  in  einem
entwickelteren  Jndustriestaate  möglichen  Austausches  nationaler
Industrie-  gegen  ausländische  Bodenerzeugniffe.  sondern  vor
allen  Dingen  auch,  weil  die  Industrie  auf  die  heimische  Landwirthschaft
  selbst  belebend  zurückwirkt,  eine  rege  Jndustriethätigkeit
  unweigerlich  zu  einer  intensiveren  und  sorgfältigeren  Bebauung
  des  Bodens  führt.
Industrielle  und  landwirthschaftliche  Thätigkeit  steigern
einander  nach  List  fortwährend.  Die  Nähe  größerer  Industrie-Zentren
  verschafft  dem  Landmanne  die  beste  Gelegenheit,  seine
Waaren  mit  Vortheil  auf  den  Markt  zu  bringen,  und  es  ist
ganz  natürlich,  daß  er  in  Folge  deffen  seinem  Grundstück  eine
sorgfältigere  Pflege  angedeihen  lassen  und  eifrigst  beimüht  sein
wird,  eine  höhere  Ertragsfähigkeit  desselben  zu  erzielen.  Andererseits
  ist  ein  wohlhabender  einheimischer  Gutsbesitzer-  und
Bauernstand  der  beste  und  sicherste  Abnehmer  für  die  nationale
Industrie,  und  je  rationeller  die  Landwirthschaft  betrieben  wird,
desto  mehr  wächst  ihr  Bedarf  an  Maschinen.  Geräthschaften  und
,  allen  für  den  landwirthschaftlichen  Betrieb  erforderlichen  Gegenständen.
  Die  gegenseitige  Steigerung  von  Industrie  und  Landwirthschaft
  ist  jedoch  keineswegs  eine  unbegrenzte;  schon  weil  die
Ertragsfähigkeit  des  Bodens  eine  natürliche  Grenze  besitzt,  welche
        <pb n="15" />
        13

nie  überschritten  werden  kann,  ist  dieses  nicht  der  Fall.  Ein
aUzustarkes  ttebcrwiegen  der  industriellen  über  die  landwirth»
schastliche  Thätigkeit  würde  ferner  die  Bevölkerung  im  höchsten
Grade  vom  Auslande  abhängig  machen;  ein  Theil  des  Auslandes
  brauchte  nur  seine  Märkte  den  Jndustrieerzeugnifsen  des
betreffenden  Staates  zu  verschließen,  und  Tausende  von  Arbe^
tern  und  Arbeitgebern  würden  auf  der  Stelle  brotlos.  Es
hängt  ganz  von  dem  Charakter  der  Bevölkerung,  von  der  geographischen ­
  Lage,  von  der  Bodenbeschaffenheit  und  von  sämmtlichen ­
  natürlichen  Hülfsquellen  eines  Staates  ab,  welches  Verhältniß
  zwischen  landwirthschaftlicher  und  industrieller  Thätigkeit
für  ihn  das  günstigste  ist;  vor  allen  Dingen  jedoch  ist  die  B»
schaffenheit  des  in-  und  ausländischen  Marktes  hier  maßgebend.
Je  lohnender  und  je  sicherer  die  Absatzmärkte  für  die  nationalen
Jndustrieerzeugnisse  sind,  desto  weiter  darf  sich  dieses  Verhältniß
zu  Gunsten  der  industriellen  Thätigkeit  verschieben  und  eine
desto  zahlreichere  Bevölkerung  vermag  der  Staat  zu  ernähren,
ohne  daß  gefährliche  Krisen  und  Störungen  ;u  besorgen  wären.
$ic  sichersten  unter  den  auswärtigen  Absatzgebieten  für  die  Industric
  eines  Staates  sind  offenbar  diejenigen,  welche  in  seinen
politischen  Machtbereich  fallen;  daher  ist  das  eifrige  Bestreben
der  europäischen  Industriestaaten.  Kolonien  und  Schutz-Herrschaften
  zu  erwerben,  durchaus  verständlich  und  gerechtfertigt.


Durch  den  jeweiligen  Zustand  der  Landwirthschast,  ja  mc'
im  "eiteren  Sinne  auch  Jagd  und  Fischfang  zu  zählen
lnd,  und  der  Industrie,  sowie  in  zweiter  Linie  durch  die  Art
der  Vertheilung  des  vorhandenen  Grundbesitzes  und  Kapitales
wlrd  die  Bevölkerungsziffer  eines  Staates  bestimmt.  Die  jähriche
  Zunahme  der  Bevölkerung  bietet  also  gewissermaßen  einen
        <pb n="16" />
        Maßstab  dar  für  die  fortschreitende  Entwickelung  der  Landwirthschaft
  und  Industrie  in  dem  betreffenden  Staate.  Tie
Fortschritte  in  der  landwirthschaftlichen  und  industriellen  Produktion
  vermögen  jedoch  keineswegs  mit  dem  fortlanfenden  natürlichen
  Zuwachs  der  Bevölkerung  gleichen  Schritt  zu  halten.
Da  nun  unmöglich  mehr  Menschen  in  einem  Staate  leben
können,  als  der  augenblickliche  Zustand  von  dessen  Nahrungsquellen
  bedingt,  so  müssen  offenbar  Ursachen  wirksam  sem.
welche  der  Tendenz  der  Bevölkerung,  sich  in  rasch  steigender
Progression  zu  vermehren,  stetig  entgegenwirken.  Solche  Ursachen
finb  bi,  Wrmutb,  baS  Gienb  unb  bas  Cast«,  bu,*  mel*e  sowohl
  bie  Geburtsziffer  unter  ihr  natürliches  Niveau  heruntergedrückt
  als  auch  die  Sterblichkeit,  insbesondere  die  Kindersterblichkeit
  erhöht  wird;  eine  solche  Ursache  ist  auch  die  Aus-Wanderung.
  Sofern  die  Auswanderung  den  überschüssigen
Theil  der  Bevölkerung  entführt,  verstopft  sie  jene  Quelle,  welcher
  Armuth.  Elend  und  Laster  mit  ihren  traurigen  Gefolgschäften
  entströmen,  und  wirkt  somit  überaus  segensreich;  auf
falsche  Bahnen  geleitet,  vermag  sie  jedoch  sowohl  m  nationaler
wie  in  wirtschaftlicher  Hinsicht  außerordentlichen  Schaden  anzurichten.
  Die  Auswanderung  wirkt  durchaus  unheilvoll,  wenn
sie  die  Zahl  der  waffenfähigen  Mannschaft  in  gefahrdrohendem
oerminbert,  seiner  wenn  bie  Wusmanberer  but*  masse»,
baste  GntfnWng  non  Wrbeitsköften  unb  Capitalien  in  bas
BuSlanb  bas  eißene  Baterlanb  rniitbfWm  fd)mö*en,  feinen
Betnben  bagegcn  minarne  llntetWnng  *nmenben.  Ss  ßiebt
wobt  (anm  eine  &amp;amp;age,  bercn  praWWe  Mnng  so  innig  mit
bem  Bob!  nnb  SBebe  eines  BolkS  „ertnnpft  mare  als  b.efe:
Wie  und  wohin  ist  die  Auswanderung  zu  lenken,  damit  die
Kräfte,  welche  sie  dem  heimathlichen  Boden  entzieht,  der  Nation
        <pb n="17" />
        15

nicht  verloren  gehen  oder  sie  gar  schädigen,  sondern  vielmehr
eine  Erweiterung  des  von  ihr  eingenommenen  Theiles  der  Erdoberfläche ­
  anbahnen  helfen'?  Ohne  Zweifel  sind  vor  allen
Dingen  diejenigen  Elemente  von  der  Auswanderung  zurückzuhalten, ­
  welche  in  der  Heimath  der  Nation  mehr  zu  nützen
vermögen  als  in  der  Fremde.  Mit  Recht  fordert  Ernst  von
Weber,  daß  die  ungeheure  Mehrzahl  der  Auswanderer  aus
dem  Proletariat  zu  entnehmen  ist.  Die  Verwirklichung  dieser
Forderung  würde  nicht  allein  den  Auswanderern  selbst,  sondern
auch  den  Zurückgebliebenen  zum  größten  Segen  gereichen.  Vor
allen  Dingen  müßte  der  Strom  der  Auswanderer  in  solche
Gegenden  geleitet  werden,  wo  die  Gefahr  des  Aufgehens  in
fremde  Völkerschaften  und  der  Vermischung  mit  niedriger  siehenden
  Rassen  eine  möglichst  geringe  ist.  Die  Ausgewanderten,
welche  dem  Heimathlande  national  erhalten  bleiben,  bleiben  ihm,
wie  die  Erfahrung  lehrt,  im  Allgemeinen  auch  wirthschastlich
erhalten,  das  heißt  sie  bleiben  Abnehmer  der  heimathlichen  Industrie, ­
  so  lange  bei  ihnen  die  landwirthschaftliche  Produktion
die  industrielle  noch  in  dem  Grade  überwiegt,  daß  sie  genöthigt
sind,  ihren  Bedarf  an  Jndustrieerzcugnissen  von  außen  her  zu
beziehen.
Die  Ausgewanderten  —  vorausgesetzt  natürlich,  daß  sie
nicht  zum  Vaterlande  zurückkehren  —  können  nur  in  dem  Falle
ihrer  Nation  erhalten  bleiben,  wenn  sie  Acke-r  bo  u  ko  l  o  nie  n
gründen,  das  heißt,  wenn  sie  in  ihrer  neuen  Heimath  sich  dauernd
niederlassen,  für  sich  und  ihre  Nachkommen  dort  Grund  und
Boden  erwerben  und  denselben  mit  ihrer  eigenen  Hände  Arbeit
bewirthschaften.  Nur  aus  Ackerbaukolonien  gehen  neue  kräftige
nationale  Gemeinwesen  hervor.  Nicht  ackerbautreibende  Volksstämme ­
  können  recht  wohl  eine  Zeitlang  seßhaft  bleiben  in
        <pb n="18" />
        16

einem  Lande,  aber  ein  wirkliches  nationales  Gemeinwesen  zu
gründen  sind  sie  unfähig.  Sie  besitzen  nur  scheinbar  eine
Heimath;  der  natürliche  Gegensatz,  in  welchem  sie  zu  der  landbebauenden
  einheimischen  Bevölkerung  stehen,  lockert  die  losen
Bande,  die  sie  an  ihren  zeitweiligen  Wohnsitz  fesseln,  nur  noch
mehr.  Es  ist  klar.  daß  Ackerbaukolonien  niemals  da  sich  zu
neuen  nationalen  Staatsgebilden  fortzuentwickeln  im  Stande
sind,  wo  die  Kolonisten  inmitten  einer  intelligenten,  Industrie
und  Ackerbau  treibende«  Bevölkerung  die  verschwindende  Minderheit
  bilden.  Es  ist  ferner  offenbar,  daß  Ackerbaukolonien
nur  gedeihen  können,  wenn  Klima  und  Bodenbeschaffenheit  der
neuen  Heimath  dem  Kolonisten  eine  dauernde  Niederlassung  et*
möglichen,  seiner  körperlichen  und  geistigen  Gesundheit  keinen
Eintrag  thun  und  dem  Heranwachsen  einer  Nachkommenschaft
von  gleicher  Kraft  nnd  Frische  nicht  hinderlich  sind.
Jede  Ackerbaukolonie,  sofern  sie  Aussicht  hat,  sich  zu  einem
größeren  nationalen  Gemeinwesen  zu  entwickeln,  bedeutet  einen
Zuwachs  der  Nation  an  Macht  und  Größe.  Da  die  nationale
Macht  mit  der  nationalen  Einheit  auf  das  engste  verbunden  isi.
so  sind  diejenigen  Ackerbaukolonieu  am  werthvollsten  für  die
Nation,  welche  sich  dem  Organismus  des  bestehenden  nationalen
Zentralstaates  am  leichtesten  einfügen,  nämlich  die  in  nächster
Nähe  der  Grenzen  dieses  Staates  gelegenen  Kolonien.  Auch  in
Bezug  auf  Ackerbaukolonien,  welche  durch  weite  Entfernungen,
durch  Meere  von  dem  Zemralstaat  getrennt  sind,  erscheint  es
wünschenswerth,  daß  sie  durch  staatsrechtliche  Bande  mit  ihm
verbunden  bleiben,  sowohl  im  Interesse  der  Kolonisten  als  auch
in  dem  der  Zurückgebliebenen;  jedoch  dürfen  diese  Bande  nur
äußerst  lockere  fein.  Eine  Verbindung  zwischen  einer  entfernten
Ackerbankolonie  und  dem  Zentralstaat  in  der  engen  Form,  wie
        <pb n="19" />
        17

sie  zwischen  Provinzen  des  letzteren  besteht,  würde  bei  der  gewältigen
  Verschiedenheit  der  Sonderinteressen  lediglich  als  Feffel
empfunden  werden  und  nur  dazu  dienen,  die  gemeinschaftlichen
nationalen  Interessen  in  den  Hintergrund  zu  drängen.  Vor
allen  Dingen  müßte  der  Mutterstaat  sich  hüten,  die  Kolonie
lediglich  als  Ausbeutungsobjekt  zu  betrachten.  Der  freien  Ent-Wickelung
  der  kolonialen  Industrie  dürsten  keine  Schranken  gesetzt ­
  werden  und  nur  so  lange  diese  noch  nicht  weit  genug  vorgeschritten ­
  ist,  den  Bedarf  der  Kolonisten  selbst  decken  zu  können,
müßten  die  letzteren  veranlaßt  werden,  die  nöthigen  Industriewaaren
  aus  dem  Mutterlande  zu  beziehe».  Selbst  da,  wo  eine
politische  Einheit  in  keinerlei  Form  vorhanden  ist,  sind  tüchtige,
levenskrästige  Kolonien  immer  von  großem  Vortheil  für  den
Mutterstaat,  nicht  allein  weil  die  gemeinsame  Sprache  und
^ltte,  sowie  die  tausend  Bande  der  Verwandtschaft  und  Frcund-Miaft,
  welche  die  Kolonisten  mit  den  Zurückgebliebenen  verknüpfen, ­
  erstere  schon  von  selbst  veranlassen,  ihren  Waarenbedarf
  aus  der  Heimath  zu  beziehen,  sondern  vor  allen  Dingen,
weil,  wie  schon  bemerkt  wurde,  eine  entwickelungsfähige  Kolonie
einen  unmittelbaren  Zuwachs  der  Nation  an  Macht  und  Größe
bedeutet.  Stets  sollten  Zurückgebliebene  sowohl  wie  Kolonisten
dessen  gedenken,  daß  sie  Kinder  eines  Stammes  sind,  welche  in
dem  großen  Völkerkampfe,  der  immer  heftiger  zu  entbrennen
droht,  die  Pflicht  haben,  fest  zu  einander  zu  halten.
Von  den  Ackerbaukolonien  sind  —  was  häufig  verkannt
"&amp;gt;lrd  —  die  Handelskolonien  durch  und  durch  verschieden.
Handelskolonien  sind  Gebiete,  welche  unter  staatliche  Oberhoheit
Gestellt  sind,  um  die  in  ihnen  befindlichen  Märkte  dem  heimischen
Handel  und  der  heimischen  Industrie  zu  sichern.  Man  nennt
auch  wohl  einfache  Handelsniederlassungen  Handelskolonien;
        <pb n="20" />
        18

besser  jedoch  werden  die  beiden  von  einander  verschiedenen  Begriffe
  auch  durch  zwei  verschiedene  Namen  bezeichnet.  Eine
Handelsniederlassung  erfordert  durchaus  keine  staatliche  Oberhoheit, ­
  jedoch  ist  von  der  einfachen  Handelsniederlassung  zur
eigentlichen  Handelskolonie  ein  allmählicher  Uebergang  möglich;
der  Begriff  der  ersteren  steht  dem  der  letzteren  näher  oder  ferner,
je  nachdem  die  völkerrechtlichen  Verträge,  durch  welche  die
Handelsniederlassung  geschützt  ist,  in  ihren  Wirkungen  einer
politischen  Oberherrschaft  mehr  oder  weniger  gleichkommen.  In
Handelskolonien  halten  sich  die  Kolonisten,  meist  Handelsagenten,
im  Allgemeinen  nur  vorübergehend  auf.  während  in  Ackerbaukolonien
  sie  sich  dauernd  niedergelassen  haben.  Der  große  Unterschied
  zwischen  Ackerbau-  und  Handelskolonie  springt  am  meisten
in  die  Augen,  wenn  man  in  der  einen  sowohl  wie  in  der  andern ­
  das  Verhalten  der  Kolonisten  gegenüber  der  eingeborenen
Bevölkerung  in  Betracht  zieht.  Die  Ackcrbaukolonisten  suchen
die  Eingeborenen  möglichst  zu  verdrängen,  um  sich  deren  Grund
und  Boden  erb-  und  eigenthümlich  anzueignen,  während  in
Handelskolonien  eine  zahlreiche  und  wohlhabende  eingeborene
Bevölkerung  gerade  von  dem  allergrößten  Nutzen  ist  für  die
Koloniegründer,  denn  nur  bei  Vorhandensein  einer  solchen  dürfen
sie  ans  schnellen  und  sicheren  Absatz  ihrer  Waaren  rechnen.  Zu
Handelskolonien  eignen  sich  am  besten  solche  Gebiete,  in  welchen
die  Ueppigkeit  der  Natur  und  die  Fruchtbarkeit  des  Bodens
zwar  einer  zahlreichen  Bevölkerung  die  Lebensbedingungen  gewährt, ­
  wo  jedoch  eine  ausgedehntere  eigene  Industrie  nicht  aufkommen
  konnte,  mag  dieses  nun  auf  Rasseneigenthümlichkcitcn
oder  ans  klimatische  Gründe  zurückzuführen  sein.  Derartige  Gebiete
  finden  sich  vorzugsweise  in  den  Tropen.
Mit  den  Handelskolonien  verbinden  sich  gewöhnlich  Pflan-
        <pb n="21" />
        19

zungskolonien  (Plantagenkolonien),  welche  fast  ausschließlich
auf  die  tropischen  Gegenden  beschränkt  sind.  Die  Pflanzungskolonien
  bezwecken  den  Anbau  von  Gewächsen,  die  der  heimische
Boden  nicht  zu  erzeugen  vermag,  welche  jedoch  dem  Volke  unentbehrliche ­
  Artikel  liefern,  seien  diese  nun  Nahrungs-,  Heilund
  Genußmittel  oder  Rohprodukte  für  die  Industrie.  Tie
Pflanzungskolonicn  unterscheiden  sich  von  den  Ackerbaukolonien
wesentlich  dadurch,  daß  in  ihnen  lediglich  die  Grundbesitzer  und
die  Leiter  der  landwirthschaftlichen  Arbeiten  der  Mutternation
angehören,  während  aus  klimatischen  Gründen  die  ungeheure
Mehrzahl  der  Arbeiter  fremden,  gewöhnlich  eingeborenen  Völkerschaften ­

  entnommen  werden  muß.  Die  Pflanzungskolonien
erscheinen  demnach  unfähig,  sich  zu  neuen  rein  nationalen  Gemeinwesen ­
  zu  entwickeln.  Nichtsdestoweniger  sind  sie  von  großer
wirthschaftlicher  und  demnach  auch  nationaler  Bedeutung,  indem
sie  sowohl  verhindern,  daß  das  für  tropische  Erzeugnisse  vom
Volke  verausgabte  Geld  allein  dem  Auslande  zu  Gute  kommt,
als  auch  einer  oft  sehr  bedeutenden  Zahl  von  Angehörigen  der
Nation  Gelegenheit  zu  lohnender  Beschäftigung  verschaffen.  Von
welchem  gewaltigen  Nutzen  Handels-  und  Pflanzungskolonien  für
ein  Volk  werden  können,  zeigt  hinlänglich  das  Beispiel  der  Engländer
und  Holländer,  welche  den  größten  Theil  ihres  sprüchwörtlich  gewordenen
  großen  Reichthums  allein  den  indischen  Besitzungen  verdanken.
Von  sonstigen  Arten  von  Kolonien  seien  noch  die  Bergbau,
k  o  l  o  n  i  e  n  genannt,  welche  die  Unterirdischen  mineralischen  Schätze
eines  Landes  zu  heben  bezwecken.  Ihre  Bedeutung  richtet  sich  offendar
  nach  dem  Werthe  und  der  Art  der  Verwerthung  dieser  mineralischen ­
  Schätze,  sowie  nach  der  Reichhaltigkeit  derselben.  Siegehen
dàttfig  in  Ackerbau-  oder  Pflanzungskolonien  über,  je  nach  dem
Charakter  des  Bodens  und  Klimas  in  der  betreffenden  Gegend.

2*
        <pb n="22" />
        20

Aie  Wellmachtstessung  des  deutschen  Kolkes.
Werfen  wir  einen  Blick  auf  die  nunmehr  2v00.jährige  Geschichte
derDeutschen,  so  finden  wir,  daß  seitdem  im  Jahre  113  v.  Chr.  G.
die  Cimbern  und  Teutonen  nach  Gallien  und  Italien  vordrangen ­
  und  zum  ersten  Male  der  furor  teutónicas  die  Welschen
erbeben  machte,  unsere  Nation  mehrfach  in  der  Lage  war,  sich
die  Oberherrschaft  über  die  anderen  Völker  Europa's  dauernd
zu  sichern,  daß  aber  leider  stets  die  günstige  Gelegenheit  verscherzt ­
  wurde.  Statt  mit  vereinten  Kräften  sich  gegen  das  feindliche
  Ausland  zu  wenden,  zerfleischten  die  deutschen  Stämme
einander  gegenseitig  in  rasender  Wuth,  statt  auf  die  Einigung
und  Vergrößerung  der  Nation  bedacht  zu  sein,  jagte  man  eitlen
kosmopolitischen  Träumen  nach.  Aon  jeher  war  die  Zwietracht
der  böse  Engel  der  Deutschen.  Selbst  der  Kriegskunst  eines
Marius  würden  die  Cimbern  und  Teutonen  schwerlich  unterlegen ­
  sein,  wenn  sie  nicht  zur  unrechten  Zeit  sich  getrennt,  sondern
  vereint  das  Römerheer  zum  Kampfe  gezwungen  hätten.
Die  Niederlage  der  Cimbern  und  Teutonen,  sowie  der  an  dem
edlen  Suevenkönige  A  rio  vi  st  geübte  tückische  Verrath  Julius
Cäsars  wurde  jedoch  bald  gerächt.  In  zahllosen  Schaaren  überflutheten
  die  deutschen  Völker  das  römische  Weltreich,  Alles  vor
sich  niederwerfend,  überall  den  Grund  zu  neuen  Staaten  legend;
selbst  bis  nach  Spanien  drangen  die  Westgothen,  bis  in  Afrika
hinein  die  tapferen  Vandalen  vor.  Sie  verfuhren  jedoch  dabei
so  wenig  zielbewußt,  daß  sie,  um  sich  in  der  ganzen  Welt  zu
zerstreuen  und  zu  verzetteln,  einen  großen  Theil  ihrer  Urheimath,
in  welcher  sie  doch  stets  die  eigentlichen  Wurzeln  ihrer  Kraft
        <pb n="23" />
        b«»™  luchen  muffen,  nachrückenden  slavischen  Slamine»  überließen.
  Von  den  während  der  sogenannten  Völkerwanderung
«Us  den  Trümmern  des  römischen  Reiches  ausgebauten  germa.
Mschen  Staaten  wurde  trotz  alledem  einer  bald  stark  genug,  das
^  der  weströmischen  Casaren  übernehmen  und  ein  neues
Weltreich  gründen,n  köunen.  Dieser  Staat  war  bezeichnender
Weise  der  em„ge  jener  germanischen  Staaten,  welcher  stets  mit
tet  5«„( tn  in  Westdeutschland  und  Gallien,  Keineswegs
sedoch  benutzten  die  Franken  ihre  bedeutende  Mach.  in  deutsch,
nationalem  Sinne;  statt  wenigstens  der  nördlichen  Halste  Ga,.
U-ns  sur  atte  Ewigkeit  den  deutschen  Stempel  auszuprägen,  ver.
w-lsch'-ii  sie  zum  großer;  Theile  selbst.  In  dem  ans  dem
tsm
Hl  .  ,™";  ""  "  bt "  M°ch'°°-h°,tnissen  nach  nicht
,o  n-  &amp;lt;mntt '  l " !f  b,e  des  eigentlichen  Deutsch,
onds  Uber;  der  Papst  galt  im  Mittelalter  als  dar  geistliche,
er  cuts  che  Kaiser  als  das  weltliche  Haupt  der  Christenheit,
n  er  That  überragte  trotz  aller  inneren  Zwistigkeiten  das
uni!  «I 0 *-  """sehe  Reich  deutscher  Nation  an  Macht
"sehn  seine  sämmtlichen  Nachbaren  um  ein  Bedeutendes.
&amp;gt;e  er  war  die  günstigste  Gelegenheit  vorhanden,  die  deutsche
gemonie  in  Europa  zu  einer  dauernden  zu  gestalten  und
        <pb n="24" />
        22

wiederum  wurde  dieselbe  verpaßt.  Der  Grund  der  fortwährenden
inneren  Streitigkeiten  hätte  gehoben,  dem  Entstehen  mächtiger
Nachbarreiche  im  Osten  und  Westen  hätte  vorgebeugt  werden
müssen.  Hätten  doch  die  deutschen  Kaiser,  statt  ihre  Kräfte  in
zwecklosen  Kämpfen  gegen  die  Italiener  zu  vergeuden,  ihr  Augenmerk
  darauf  gerichtet,  den  fruchtbaren  Osten  Europas,  insbesondere
  das  Donaugebiet,  dem  deutschen  Reiche  einzuverleiben
und  mit  Deutschen  zu  besiedeln  I  Es  bedurfte  nur  thatkräftiger
Unterstützung  der  vielversprechenden  Anfänge,  welche  bereits  gemacht
  waren  und  von  denen  noch  heute  die  Ucberbleibsel  deutscher ­
  Ansiedelungen  in  Osteuropa  Zeugniß  ablegen.  Bald  jedoch
war  es  zu  spät.  Gefördert  durch  die  beklagenswerthe  Kirchenspaltung.
  hob  das  alte  Gespenst  der  deutschen  Uneinigkeit  bald
gewaltiger  sein  Haupt  empor,  als  es  je  zuvor  geschehen  war-  Das
heilige  römische  Reich  deutscher  Nation  zerfiel  in  zahllose  so  gut  wie
selbständige  kleine  Staaten,  seine  früher  so  gewaltige  Macht
sank  in  den  Staub.  Im  Osten  wie  im  Westen  bröckelten  wichtige
Landestheile  ab  und  halfen  die  Macht  der  schlimmsten  Feinde
unserer  Nation  verstärken.  Sogar  die  Schmach  der  Fremdherrschaft
  sollte  dem  deutschen  Volke  nicht  erspart  bleiben;  doch  gab
diese  Zeit  der  tiefsten  Erniedrigung  mächtigen  Anstoß  zu  einem
herrlichen  Wiedererwachen  des  Nationalbewußtseins,  dem  bald
die  Einigung  auf  neuer,  besserer  Grundlage  und  damit  ein  gewaltiger ­
  Aufschwung  der  nationalen  Macht  folgte.  Wiederum
steht  ein  mächtiges  Deutsches  Reich  da,  von  welchem  der
große  Staatsmann,  ohne  selbst  von  seinen  schlimmsten  Widerfächern
  der  Ueberhebung  geziehen  zu  werden,  sagen  durfte,  daß
es  nur  Gott  zu  fürchten  brauche,  sonst  nichts  in  dieser  Welt.
Mit  dem  Niedergang  der  politischen  Macht  unseres  Volkes
war,  wie  es  nicht  anders  sein  konnte,  ein  Niedergang  des
        <pb n="25" />
        23

nationalen  Wohlstandes  verbunden.  Gegen  Ende  des  Mittelalters
  war  Deutschland  das  reichste  Land  der  Welt,  sein  Handel,
seine  Schiffahrt,  seine  Gewerbe  standen  in  höchster  Blüthe,  die
deutsche  Hansa  beherrschte  die  Meere,  die  Kaufherren  der  mächtigen ­
  süddeutschen  Ltädte  sandten  ihre  Waaren  bis  zum  fernen
Fabellandc  Indien.  Gerade  zur  unrechten  Jeit  verschwanden
diese  Herrlichkeiten.  Als  Portugiesen.  Spanier.  Holländer,
Franzosen,  Engländer  die  neu  entdeckten  überseeischen  Länder
und  Handelsstraßen  in  vollem  Maße  ausnutzten,  verzehrten  die
Deutschen  ihre  Kräfte  in  inneren  verheerenden  Kriegen.  Teutschland.
  früher  weltberühmt  durch  den  Reichthum  seiner  Städte,
den  Kunst-  und  Gewerbefleiß  seiner  Bürger,  verarmte  und  sank
bald  herab  zu  einem  wirthschaftlichen  Schleppträger  Großbntanniens;
  es  wurde  für  England,  was  vordem  England  für
die  Hansa  gewesen  war:  ein  Ausbeutungsgegcnstand.  Doch  auch
aus  dieser  Erniedrigung  auf  wirthschaftlichcm  Gebiete  raffte  das
deutsche  Volk  sich  empor.  Seit  den  zwanziger  Jahren  dieses
Jahrhunderts,  seitdem  die  K  ö  n  i  g  l  i  ch  p  r  e  u  ß  i  f  ch  e  R  e  g  i  e  r  u  n  g
die  wirthschaftliche  Einigung  Deutschlands  —  außer  Oesterreich  —
mit  Erfolg  anbahnte,  ist  die  deutsche  Industrie,  der  deutsche
Handel  in  stetem  Aufschwünge  begriffen,  und  dieser  Aufschwung
nahm  eine  staunenerregende  Ausdehnung  an,  als  der  wirthschaftlichen
  Einigung  die  politische  folgte  und  nunmehr  die
deutsche  Nation  mit  Hülfe  der  stärksten  Kriegsmacht  der  Welt
und  einer  Achtung  gebietenden  Marine  ihren  Angehörigen  in
Europa  sowohl  wie  in  den  fernsten  Ländern  und  Meeren  den
wirksamsten  Schutz  zu  gewähren  vermochte.  Jetzt  ist  die  deutsche
Exportindustrie  nächst  der  englischen  die  größte  der  Welt  und
an  allen  Ecken  und  Enden  wird  die  wirtschaftliche  Weltherrschaft ­
  Englands,  dank  dem  Unternehmungsgeiste  und  der  Rührig-
        <pb n="26" />
        24

keit  des  deutschen  Industriellen  und  des  deutschen  Kaufmannes,
in  Frage  gestellt.  Die  Erwerbung  ausgedehnter  Kolonialgebiete ­
  in  Afrika  und  in  der  Südsee  wird  ohne  Zweifel
Deutschland  neue,  sichere  Absatzmärkte  für  seine  Jndustrieerzeug-*
  nisse  verschaffen  und  es  endlich  in  den  Stand  setzen,  sich  von
dem  englisch-holländischen  Zwischenhandel  in  Kolonialwaaren  unabhängig ­
  zu  machen.
Es  liegt  in  der  Natur  der  Sache,  daß  der  Kampf  unter
den  europäischen  Nationen  am  heftigsten  da  wüthet,  wo  sie  einander ­
  am  engsten  und  am  mannigfaltigsten  berühren,  und  dieses ­
  ist  im  Allgemeinen  in  Europa  selbst  der  Fall.  Die  Lage
des  Wohngebiets  der  Deutschen,  in  der  Mitte  des  europäischen
Kontinents,  ist  insofern  eine  unglückliche  zu  nennen,  als  es  von
zwei  Seiten,  von  Osten  und  von  Westen,  den  Angriffen  mächtiger ­
  Nachbaren  ziemlich  offen  ausgesetzt  ist.  Andererseits  haben
wir  jedoch,  nach  den  Worten  unseres  großen  Reichskanzlers, ­
  in  diesem  Umstande  eine  göttliche  Fügung  zu  erblicken,
nach  welcher  die  deutsche  Nation  verhindert  werden  soll,  sich
dem  erschlaffenden  Gefühl  behaglicher  Sicherheit  hinzugeben  und
in  Trägheit  und  Versumpfung  zu  gerathen.
Unsere  westlichen  Nachbaren,  die  Franzosen,  ursprünglich ­
  den  Deutschen  an  Macht  und  Ansehen  bedeutend  nachstehend, ­
  haben  stets  mit  nachahmenswerther  Schlauheit  und  Rücksichtslosigkeit ­
  Zeiten  der  Uneinigkeit,  also  auch  der  Schwäche
Deutschlands  auszunutzen  gewußt,  um  auf  seine  Kosten  ihr  Gebiet ­
  zu  erweitern  und  demgemäß  ihre  politische  Bedeutung  zu
vergrößern.  Niemals  jedoch  vermochten  die  Franzosen  dem  geeinten ­
  Deutschland  zu  widerstehen.  Wirklich  gefährlich  können
sie  uns  jetzt  und,  wie  es  scheint,  für  alle  Zukunft  um  so  weniger ­
  werden,  als  ihre  jährliche  Bcvölkerungszunahme  sowohl
        <pb n="27" />
        25

absolutem  als  auch  iu  relativem  Sinne  von  derjenigen  des
deutschen  Reiches  weit  übertroffen  wird.  welches  schon  jetzt  ein
Mehr  von  ungefähr  8'/,  Millionen  Einwohnern  aufweist.  Als
Bundesgenosse  unseres  mächtigen  Nachbarn  im  Osten,  des
istigo*  Gallier  RM*  hin  ,u  „radRenber
ñernd.
®m  Bolk  breitet  sich  naturgemäß  nach  derjenigen  Seite  hin
wo  ihm  be,  germas*,  2Bioe,Ranb  en*ge8engefeb*  mirb  unb
mo  es  am  menigRen  Gefahr  lauf,  feiner  9fa*iona[i*ä*  neriuRig
* U x Ö x en ' ra aIi0  h0tWn '  m  ba8  ^nd  am  bünnften  bevölkert
m,b  b,,  ^ôlkrung  am  menißRcn  miberRanbafähig  unb  ,ini.
mrt  Ist.  Daher  sehen  wir.  wie  das  deutsche  Volksthum,  das
Slaventhum  verdrängend,  allmählich  nach  Osten  vorrückte,
uu  wie  noch  heutigen  Tages  der  ganze  außerhalb  des  deutschen
Sprachgebietes  gelegene  Often  Europas,  insbesondere  das  ausgedehnte
  russische  Reich,  van  deutschen  Siede,ungen  durch.
*  "  Diele  Ausbreitung  des  Den.sch.hnms  nach
=z;:z:"Z
und'7b'"","""  bm  9iUff ™'  '"«en  an  Bildung
daraller  sa  grundverschiedenen  Rationen,  schwerlich  ganz
M  vermeiden,  Eine  entschieden  seindselige  Stimmung  jedoch
"  7  M  »ft,  als  di.  Russen  an,  gewaltsamem  Wege  bi.
lttnationaliftrun,  der  unter  ihnen  wohnenden  Deutschen  heruus
  bren  suchten,  Berschärst  wurde  diese  seindselige  Slim,
ung  durch  das  Bestreben  Rußlands,  sein  gewaltiges  Länder,
d  °  °ur,nd.hnen,  theils  um  seine  Lag.  in  Ham
u,,b  "lrthlchastsvolitischer  Beziehung  zu  verbessern,  lheil.
        <pb n="28" />
        26

mit  der  offenen  oder  versteckten  Absicht,  sämmtliche  slavische
Stämme  unter  dem  Szepter  feines  Zaren  zn  vereinigen.  Offenbar ­
  würde  die  geplante  Machtvergrößernng  Rußlands  die  Selbst,
ständigkeit  der  sämmtlichen  hoher  zivilisirten  Staaten  Europas
in  bedeutendem  Grade  gefährden.  Es  ist  möglich,  daß  auch
ohne  blutigen  Entscheidnngskampf  die  Russen  ihre  herrschsüchtigen
  Pläne  fallen  lassen  werden  oder  fallen  lassen  müssen;  die
deutsche  Nation  jedoch  würde  sich  eines  sträflichen  Leichtsinnes
schuldig  machen,  wenn  sie  nicht  stets  für  einen  solchen  Kampf
bis  an  die  Zähne  gewappnet  dastände.  Glücklicher  Weise  würde
das  Deutsche  Reich  nicht  allein  stehen  in  diesem  Kampfe,  es
würde  einen  starken  Bundesgenossen  haben  in  der  zweiten  europäischen
  Großmacht,  welche  ans  den  Trümmern  des  heiligen
römischen  Reiches  deutscher  Nation  hervorgegangen  ist,  in
Oesterreich-Ungarn.  Nur  so  lange  jedoch  darf  dieser
Bundesgenosse  als  zuverlässig  gelten,  so  lange  in  Oesterreich  die
Deutschen,  in  den  Ländern  der  ungarischen  Krone  die  Magy
  aren  die  Herren  sind;  nichts  würde  der  deutschen  Nation
verderblicher  sein,  als  slavische  Vorherrschaft  in  Oesterreich-Ungarn.
  Die  Erhaltung  der  habsbnrgischen  Monarchie  als
dentsch-magyarischen  Staatsgebildes  ist  auch  insofern  eine  poli.
tische  Nothwendigkeit  für  die  Deutschen,  als  ihnen  Oesterreich,
das  Ostreich,  gleichsam  eine  Pforte  öffnet  in  die  weiten,  der
Knltivation  durch  eine  höhere  Rasse  harrenden  Gebiete  des
'  Orients.
Von  den  übrigen,  hier  nicht  genannten  europäischen  Na-.
  tienen  können  nur  noch  zwei  als  bemerkenSwerth  gelten:  die
Italiener  und  die  Angelsachsen,  zu  welchen  letzteren  selbstverständlich
  neben  den  Engländern  auch  die  Yankees  in
Nordamerika  zu  zählen  sind.
        <pb n="29" />
        27

Italiener,  wohl  das  begabteste  und  lebenskräftigste
unter  den  sogenannten  romanischen  Völkern,  sind  von  den  Deutschen ­
  durch  eine  gewaltige  natürliche  Mauer  geschieden,  durch
die  Alpen.  Ein  direkter  Kampf  zwischen  den  Deutschen  und
Italienern  um  die  Erweiterung  ihres  Sprachgebietes  und  somit
ihrer  Nationalität  findet  daher  nur  in  beschränktem,  wenig  beachtenswerthem
  Maße  statt-  namentlich  in  der  Schweiz,  in
Sudtirol  und  in  den  österreichischen  Küstenländern  am  adriatischeu
  Meere.  Heftiger  vielleicht  droht  in  nicht  allzuserner  Zuunft
  der  Kampf  auszubrechen  jenseits  des  Atlantischen  Weltmcmg,mb,n
  außertTopifüen  üönbetu  Gübamenfa*
3ņ  Europa  merben  auf  abobare  mcmofknS  bie  Jnt,.
re " en  Deutschland  und  Italiens  schwerlich  in  ernsthafter  Weise
einander  kreuzen,  ein  Krieg  zwischen  beiden  Nationen  würde  da-,er
  nur  unnützes  Blutvergießen  bedeuten.  Die  natürlichen  Au«.
bepöiWm  Mb
«mb«,  wohl  ober  in  Wem  Grad,  mit  benfenigen  bet  ebenfalls
ans  di-  3Ji,tte(meetIänbet  hingewieseuen  Fran,°s-n,  Da  bie
®' UtWtn  U'»  Italiener  also  in  Stanti,i*  einen  gemeinsamen
tsnet  betampfen.  erscheint  ein  engere«  Bin,buch  unter  ihnen
wie  e«  auch  in  bet  That  besteht,  als  hurchans  in  beiberseitigern
Interesse  liegend.

Noch  weniger  als  Deutsche  und  Italiener  sind  Deutsche
'uuerhalb  Europas  einander  unmittelbar  gef
  Mich;  ein  nochmaliges  dauerndes  Festsetzen  der  Deutschen  im
"  ermäßig  bevölkerten  Britannien  steht  für  die  Engländer  eben
°  ""mg  zu  befürchten,  wie  die  Deutschen  zu  besorgen  brauchen»
        <pb n="30" />
        28

bat  bie  sogenannte  ,,  Waning  bes  @rbbaUs"  M  ,emalsau*
aWbaSbents4eepta4gebietinWitteIentopame,be  enreden
können  Das.  was  Englänber  unb  Deutsche  am  meisten  mit
ematibei  netfeinbet,  ist  bie  WbelSpoIitifüe  unb  mirtbí4afti,4e
Nebenbuhlerschaft,  bas.  was  beibe  Nationen  einanber  nähert,  ist
bie  gemeinsame  Gegnerschaft  gegen  Rußlanb,  besten  Herrschaftsgelüste
  bie  wichtigen  englischen  Kolonialbesitzungen  in  Indien
bebrohen.  Erstgenannter  Punkt  fällt  allerbings  für  Englanb
weit  schwerer  ins  Gewicht  als  für  irgenb  eine  anbere  Nation,
ba  keine  in  bem  Maße,  wie  die  englische,  auf  die  Einfuhr  frember
  Bodenerzengnisse  und  demgemäß  auf  die  Erhaltung  der  destehenden
  und  die  Erwerbung  neuer  Absatzmärkte  für  die  heimische
  Industrie  angewiesen  ist;  in  England  ist  der  Prozentsatz
der  nur  durch  die  Industrie  lebenden  Bewohner  ein  höherer  als
irgendwo  sonst  auf  der  Welt.
Nicht  in  Europa,  wohl  aber  in  überseeischen  Ländern  leben
reit  Angelsachsen  unb  Deutsche  in  unmittelbarer  Berührung
mit  einander  ringen  um  die  Erhaltung  und  Erweiterung  ihrer
Nationalität,  so  in  Amerika.  Australien  und  Südafrika.
Wenn  wir  hier  überall  die  traurige  Wahrnehmung  machen,  daß
die  Angelsachsen  einen  gewaltigen,  sehr  schwer  wieder  emholbaren
  Vorsprung  vor  den  Deutschen  voraus  haben/  so  sind  d,e
Winbebafüt  mitWtigfeit  ;n  ßnben.  DieMebelungbc
in  Rede  stehenden  Länder  begann  zu  bet  Zeit,  als  bet  Stern
Englands  im  Aufgehen,  derjenige  Deutschlands  stark  im  Niedergänge ­
  begriffen  war.  Als  das  durch  den  verheerenden  dreißigjährigen
  Krieg  gräßlich  herabgekommene  und  entvölkerte  Deutschland
  ohnmächtig  am  Boden  lag.  begründeten  die  Engländer
ihre  bis  auf  den  heutigen  Tag  behauptete  Oberherrschaft  zur
See,  bot  sich  ihnen  die  Gelegenheit  dar.  nicht  allem  die  sur  den
        <pb n="31" />
        29

europäischen  Ackerbauer  günstigst  gelegenen  überseeischen  Länder
* u  siedeln,  sondern  auch  dieselben  ihrer  politischen  Gewalt  zn
unterstellen  und  somit  dem  Aufkommen  jeder  anderen  Nationalität ­
  daselbst  einen  Riegel  vorzuschieben.  Diese  beklagcnswerthen
  Verhältnisse  brachten  es  mit  sich,  daß  die  später,  wenn
auch  in  bedeutendem  Maßstabe  erfolgende  deutsche  Auswanderung
  nicht  den  Grund  zu  überseeischen  deutschen  Staaten  zu
legen  vermochte,  sondern  größten  Theils  nur  dazu  diente,  die
Reihen  des  Angelsachsenthums  zu  verstärken.  Leider  wandte
sich  von  jeher  fast  der  gesammte  Strom  der  deutschen  Auswanderung
  nach  Nordamerika,  wo  die  Anglisirung  des  Landes  bereito
  auf  das  erfolgreichste  eingeleitet  war  und  auch  nach  Losrerßung
  der  Kolonien  von  England  durch  die  Yankees.  die
nunmehrigen  Herren  des  Landes,  in  thatkräftigster  Weise  ge-Wertmutbe.
  Ber  bei  Beitem  9,0%,  2W  ber  beu#e,t
Auswanderer  mußte  somit  dem  Vaterlande  und  der  Nation
verloren  gehen,  und  dieses  um  so  mehr,  als  ihnen  der  Rückhalt
miemcm  polit#  unb  mirtbfWt#  möWgen  etaotsmefen
!"  Lut0pa  Unb  dŞit  auch  wohl  meistens  ein  kräftiges  Bewußtsein
  der  nationalen  Zusammengehörigkeit  fehlte.  Hätte  nur
ber  "(erte,  ¡a  nur  ber  „We  berbeu#eu%uëmauberer
tsttt  nach  Nordamerika  nach  dem  außertropischen  Südamerika
sich  gewandt,  so  wären  blühende  deutsche  Gemeinwesen  dort  ent-'tanden.
  so  würde  die  deutsche  Nation  auch  in  der  neuen  Welt
erne  unerschütterlich  feste  Stellung  sich  errungen  haben.
Ter  Schauplatz  des  Kampfes  unter  den  maßgebenden  europäischen
  Nationen  erstreckt  sich  gegenwärtig,  wie  bereits  angedeutet
  wurde,  über  die  ganze  bewohnte  Erdoberfläche.  Wenn
wi  folgenden  eine  Schilderung  der  gegenwärtigen  Verbreitung
des  deutschen  Elementes  über  die  Oberfläche  unseres  Planeten
        <pb n="32" />
        30

unternommen  wird,  um  die  dermaligen  Stellungen  unserer
Heeressäulen  auf  dem  Weltkriegsschauplatze  und  ihre  strategische
Bedeutung  zu  beleuchten,  so  kann  das  bei  der  außerordentlichen
Fülle  und  Mannigfaltigkeit  des  Stoffes,  sowie  bei  dem  fast
überall  sich  bemerkbar  machenden  Fehlen  zuverlässiger  Quellen
selbstverständlich  nur  eine  dürftige,  mangelhafte  Skizze  werden.
Dieselbe  hat  jedoch  ihren  Zweck  vollkommen  erfüllt,  wenn  sie
hier  und  da  die  Anregung  geben  sollte  zu  einem  eingehenderen
Studium  des  Gegenstandes,  zu  einem  Studium,  dessen  Pflege
unbedingt  erforderlich  zu  sein  scheint,  wenn  die  Deutschen  mit
Erfolg  den  Kampf  um  die  Weltherrschaft  zu  Ende  zu  führen
gesonnen  sind,  denn  nur  der  Feldherr  darf  auf  den  endlichen
Sieg  hoffell,  der  die  Zahl  und  die  Eigenschaften  seiner  Truppen
auf  das  genaueste  kennt.
        <pb n="33" />
        31

Die  Deutschen  in  Kuropa.
Werfen  wir  einen  Blick  auf  die  Völkerkarte  von  Europa,
so  gewahren  wir  im  Herzen  dieses  Erdtheils  ein  ausgedehntes,
zusammenhängendes  Gebiet,  welches  so  gut  wie  ausschließlich
von  Deutschen  bewohnt  und  beherrscht  wird.  Den  Ñern  und
Hauptbestandtheil  dieses  Gebietes  bildet  das  Deutsche  Reich,
welchem  die  deutschen  Provinzen  der  habsburgischen  Monarchie.
  die  deutschen  Kantone  der  Schweiz  und  das  Groß.
herzogthum  Luxemburg  sich  unmittelbar  anschließen.  Diesem
Gebiete  könnte  man  auch  Holland  und  die  flämischen
Provinzen  Belgiens  hinzurechnen,  da  die  Holländer  und
Flamländer  weder  durch  Abkunft  noch  durch  Sprache  von  den
Deutschen,  insbesondere  den  Niederdeutschen.  wesentlich  unterschieden ­
  sind.  Allerdings  hat  eine  gesonderte  geschichtliche  Entwickelung ­
  bei  diesen  Völkern  das  Gefühl  der  Zusammengehörigkeit
  mit  den  übrigen  deutschen  Stämmen  ziemlich  verwischt,
und  dieses  mußte  um  so  mehr  der  Fall  sein.  als  sie  seiner  Zeit
nicht  die  hochdeutsche  Sprache  als  Schriftsprache  angenommen,
sondern  ihren  eigenen  Dialekt  zu  einer  solchen  ausgebildet
haben.
Von  dem  großen,  stark  bevölkerten  deutschen  Urgcbiete  aus
verbreitete  und  verbreitet  sich  noch  immer  das  deutsche  Element
über  ganz  Europa,  über  die  ganze  Welt.  In  Europa  dehnte
sich  in  den  letzten  Jahrhunderten  das  Deutschthum  mehr  nach
dem  weniger  dicht  bevölkerten  Osten  als  nach  dem  Süden,
Westen  und  Norden  hinaus.  Während  in  den  westlich,  nördlich
und  südlich  der  Urheimath  gelegenen  Staaten  Europas  die
        <pb n="34" />
        Deutschen  fast  einzig  die  größeren  Städte  zu  einem  in  der  Regel
nur  zeitweiligen  Aufenthalt  erkoren  haben,  leben  sie  im  Osten
außerdem  in  zahlreichen  festen  Ansiedelungen,  welche  oft  ein
ausgedehntes  Gebiet  umfassen,  zerstreut.  Solche  deutsche  An»
siedelungen  finden  sich  im  ganzen  Osten  Europas,  sie  reichen
einerseits  bis  an  den  Ural,  andererseits  bis  an  die  Ufer  des
Schwarzen  Meeres,  ja  jenseits  des  Kaukasusgebirges  bis  in
Asien  hinein  setzen  sie  sich  fort.
Da  es  unsere  Aufgabe  ist,  die  Ausbreitung  der  deutschen
Nation  über  ihre  ursprünglichen  Grenzen  und  ihr  dadurch  bedingtes ­
  Ringen  mit  fremden  Völkerschaften  zu  schildern,  so
können  wir  bei  Betrachtung  der  verschiedenen,  uns  interessirenden
  Staatengebilde  Europas  von  dem  Deutschen  Reiche,
welches  so  gut  wie  vollständig  innerhalb  dieser  ursprünglichen
Grenzen  fällt,  gänzlich  abgesehen.  Die  zusammen  ungefähr
3  206  000  Seelen  ausmachenden  Polen,  Tschechen,  Litthauer,
  Wenden,  Dänen,  Franzosen  und  Wallonen
kommen  den  47  Millionen  Bewohnern  des  Deutschen  Reiches
gegenüber  um  so  weniger  in  Betracht,  als  sie  in  absehbarer
Zeit  der  Germanisirung  anheimzufallen  scheinen.  Zu  den  genannten ­
  fremden  Völkerschaften  kommen  nur  noch  ungefähr
600  000  über  das  ganze  Reich  verstreute  Juden,  Angehörige
des  semitischen  Stammes.  Von  größter  Wichtigkeit  dagegen
sind  für  unseren  Zweck  diejenigen  Staaten,  deren  Grenzen  nur
einen  Theil  jener  von  uns  als  Ausgangsgebiet  des  Deutschthums
  bezeichneten  Landfläche  einschließen.  Dahin  gehört  namentlich
  die  O  e  st  e  r  r  e  i  ch  i  s  ch  -  U  n  g  a  r  i  s  ch  e  Monarchie,
wo  der  Kampf  zwischen  dem  Deutschthum  und  seinem  gefährlichsten ­
  Gegner,  dem  Slaventhum,  am  heftigsten  tobt;
ferner  gehören  dahin  die  beiden  kleinen  Staatswesen:  Schweiz
        <pb n="35" />
        33

unb  Luxemburg,  welche  noch  immer,  wenngleich  vergeblich,
seitens  der  Kelto-Nomanen  dem  Deutschthum  streitig  gemacht
werden.  Auch  Belgien,  wo  die  germanischen  Flamländer
den  keltisch-romanischen  Wallonen  gegenüberstehen,  und  die  Rjede ­
  rl  an  de  sind  hierherzurechnen.  Holland  ist  freilich  ein  rein
germanisches  Land;  es  darf  jedoch  nicht  unberücksichtigt  bleiben,
da  hier  mächtige  deutsch-feindliche  mit  deutsch-freundlichen  Strömungen
  um  die  Oberherrschaft  ringen.  Außer  diesen  zum  Theil
innerhalb  des  deutschen  Urgebietes  gelegenen  Staaten  interessiren
unS  "»s  bereits  mehrfach  angedeuteten  Gründen  namentlich
die  beiden  Ost  st  a  a  ten  Rußland  und  Rumänien.  Von
den  westeuropäischen  Staaten  scheint  allein  England  einer
näheren  Betrachtung  werth,  da  unter  allen  westlich,  südlich  und
nördlich  unseres  Sprachgebietes  gelegenen  Ländern  keines  eine  so
große  Anzahl  Deutscher  beherbergt  wie  das  britische  Jnselreich.
Außer  den  genannten  Staaten  wäre  höchstens  noch  Dänemark
m  Betracht  zu  ziehen,  wo  bis  vor  nicht  langer  Zeit  die  deutsche
Sprache  die  Sprache  des  Hofes  und  der  Regierung  war.  Wir
werden  uns  jedoch  nicht  mit  den  Dänen,  unseren  Erzfeinden,
welche  nur  ihre  lächerliche  Kleinheit  und  Schwäche  von  Ausschreitungen ­
  gegen  den  mächtigen  deutschen  Nachbarn  zurückhält,
weiter  beschäftigen  und  können  dieselben  um  so  eher  vernach.
lässigen,  als  die  in  Dänemark  lebenden  36000  Personen,  welche
tm  Deutschen  Reiche  geboren  sind,  wohl  zum  größten  Theile
solche  Rordschleswiger  sein  werden,  deren  Muttersprache  die
dänische  Sprache  ist.  Die  von  uns  im  Folgenden  zu  berücksichtigenden
  Gebiete  Europas  wären  demnach:  die  habsburgische
Monarchie,  Rußland,  Rumänien,  die  Schweiz,  Luxemburg,  Belgien,
  Holland  und  England.
Die  Gesammtzahl  sämmtlicher  Deutschen  in  Europa  kann
3
        <pb n="36" />
        WWWÑÑMWMWWWMM

34

man  ganz  gut  auf  56  Millionen  schätzen.  Rechnet  man  dazu
die  Holländer  und  Vlämen.  so  ergiebt  sich  eine  Zahl  von  ungefähr
  63  Millionen  Menschen  deutschen  Stammes,  allein  in
Europa.  Rach  Hübner's  geographisch.  statistischen  Tabellen
(Jahrgang  1888)  leben  63  205  000  Deutsche  incl.  Holländer  und
Vlämen  in  Europa  bei  einer  Gesammtbevölkerungszahl  von
329  876  000  Seelen;  der  deutsche  Stamm  würde  also  nahe  an
20  Prozent  der  gesammten  Bevölkerung  unseres  Erdtheils  ausmachen. ­
        <pb n="37" />
        35

1)  Die  Deutschen  in  Qesterreich-Ungarn.
Bevor  wir  dazu  übergehen,  die  Zahl  der  Deutschen  und
ihr  Verhältniß  zu  anderen  Völkerschaften  in  den  einzelnen
Landestheilen  Ocsterreich-Ungarns  darzulegen,  müssen  wir
bemerken,  daß  die  statistischen  Angaben  insofern  ungenau  sind,
als  die  Zählungen  nicht  nach  der  Nationalität  sondern  nach
der  Sprache  vorgenommen  werden.  Im  Allgemeinen  freilich
deckt  sich  die  Nationalität  so  ziemlich  mit  der  Sprache;  in
Oesterreich-Ungarn  ist  dieses  jedoch  keineswegs  der  Fall,  da  hier
in  einzelnen  Landestheilen  der  asiatische  Volksstamm  der  Juden,
welcher  neben  Resten  der  eigenen  gewöhnlich  die  Sprache  derjenigen ­
  Völker  spricht,  unter  denen  er  sich  gerade  befindet,  so  stark
vertreten  ist,  daß  seine  Zahl  unmöglich  vernachlässigt  werden
darf.  Man  zählt  weit  über  anderthalb  Millionen  Juden  in
der  Habsburgischen  Monarchie,  mindestens  vier  Prozent  der
Gesammtbevölkerung.  Die  Juden  find  jedoch  keineswegs  gleichmäßig
  über  die  Monarchie  vertheilt,  sondern  in  einigen  Ländern
kommen  sie  fast  gar  nicht  vor,  während  sie  in  anderen  wieder
außerordentlich  zahlreich  sind,  ja  in  gewissen  Gegenden,  besonders
  innerhalb  der  früher  polnischen  Landestheile,  die  Mehrzahl
der  Bevölkerung  ausmachen.  Abgesehen  von  der  Hauptstadt
Wien  ist  das  Judenthum  am  stärksten  in  der  Bukowina,  Galizien ­
  und  Ungarn,  sodann  in  Böhmen  und  Mähren  vertreten,
^lm  geringsten  ist  die  Zahl  der  Juden  in  den  österreichischen
Alpenländern.  Ganz  Oesterreich-Ungarn  wird  nach  der  letzten
Zählung,  derjenigen  im  Jahre  1880,  bei  einer  Gesammtbevölkerung
von  37  533  606  Seelen  von  9962775  Deutschen  bewohnt;  letztere
machen  also  etwa  26,5  Prozent  aus.

3'
        <pb n="38" />
        36

a)  Cisleithanien.
Von  unseren  Betrachtungen  sind  selbstverständlich  die  Provinzen ­
  mit  reindeutscher  Bevölkerung  ausgeschlossen,  da  diese
nicht  in  nationaler,  sondern  nur  in  staatlicher  Beziehung  zum
Auslande  gehören.  Als  solche  Provinzen  sind  anzusehen:
Beide  Oesterreich.  Salzburg  und  die  gefürstete  Grafschaft
Vorarlberg.  Nach  der  letzten  Volkszählung,  vom  31.  Dezember
1880,  befanden  sich  unter  den  21.794,231  Bewohnern  Cisleit
  Hani  ens  8,008,864  Deutsche,  36,75  Prozent  der  Gesammtbevölkerung.
  Die  übrigen  Bewohner  des  Landes  sind  zum  weitaus ­
  größten  Theile  Slaven  (Tschechen,  Slowenen,  Serben-Kroaten,
  Polen,  Ruthencn),  zum  kleinen  Theile  Romanen
(Italiener,  Friauler,  Lodiner,  Walachen).
Böhmen.  Nach  der  letzten  Zählung  wohnen  in  Böhmen
2,054,174  Deutsche  und  3,470,252  Tschechen;  erstere  machen
also  ungefähr  37,2  Prozent  der  Gcsammtbevölkerung  aus.  Die
Deutschen  wohnen  in  geschlossenen  Massen  in  einem  Gürtel  an
der  baierischen,  sächsischen  und  schlesischen  Grenze
und  im  Innern  verstreut  in  den  Städten,  namentlich  in  Prag
und  Pilsen.  Nennenswerthe  deutsche  Sprachinseln  im  Innern
des  Landes  hefinden  sich  außerdem  um  Dentschbrod,  Budweis
  und  Neuhaus.  Leider  ist  das  Tschechenthum  überall
in  siegreichem  Vorrücken  gegen  das  Deutschthum  begriffen.  Nach
Professor  Dr.  Rainer  sind  allein  seit  dem  Jahre  1850  28
rein  deutsche  und  75  überwiegend  deutsche  Ortschaften  vollständig
tschechisirt;  besonders  große  Verluste  erlitten  die  Deutschen  in
den  Bezirken  Budweis,  Prachatitz,  Pilsen,  Bischof,
teint  &amp;amp;  und  Deutschbrod.  Die  noch  immer  fortdauernden
erbitterten  Kümpfe  zwischen  Deutschen  und  Tschechen  sind  allbekannt; ­
  es  würde  zu  weit  führen,  hier  näher  auf  dieselbeu  ein-
        <pb n="39" />
        37

zugehen.  Eine  wahrhaft  verächtliche  Nolle  in  diesen  Kämpfen
şpielen  die  vielen  Ueberläufer  aus  dem  deutschen  in  das  tschechische
^-'ager,  deren  Handlungsweise  meistens  auf  die  unlautersten  Beweggründe ­
  zurückzuführen  ist.  Es  hindert  nichts,  einen  Renegaten ­
  seiner  Religion  für  durchaus  ehrenwerth  zu  halten,  da
der  Glaubenswrchsel  aus  innerster  Ueberzeugung  hervorgegangen
sein  kann;  ein  Renegat  seiner  Nation  ist  immer  verächtlich,  mag
er  den  Fürstenmantel  tragen  oder  den  Bettelsack,  denn  die  Nalionalität
  haftet  der  Person  an  und  die  Verleugnung  derselben
beweist  daher  einen  erbärmlichen  Mangel  an  Selbstachtung.
Einer  der  schlimmsten  Feinde  unseres  Volksthumes  in  Böhmen
ist  der  durch  seinen  gewaltig  ausgedehnten  Grundbesitz  außerordentlich
  cinsiußreiche  Fürst  Swarczemberc.  Zu  den
mächtigsten  Stützen  des  Deutschthums  zählt  ohne  Zweifel  der
„Deutsche  Schulverein";  außerdem  ist  das  segensreiche  Wirken
einiger  lokaler  Vereine  hervorzuheben,  die  in  kleinerem  Kreise
für  die  Erhaltung  deutscher  Sprache  und  Art  thätig  sind,  so
vor  allen  Dingen  des  „Deutschen  Böhmcrwaldbundes"  mit
semen  mehr  als  140  Ortsgruppen.  In  Prag  bestehen  mehrere
derartige  Vereine,  unter  anderen  der  „Deutsche  Handwerkerbund",
  welcher  seit  der  kurzen  Zeit  seines  Bestehens  bereits  bedeutende
  Leistungen  aufzuweisen  hat.
Mähren.  In  Mähren  zählt  man  neben  1,507,328
Slaven  628.907  Teutsche,  also  gegen  29,6  Prozent.  Die
^"Ischen  Mährens  wohnen  außer  an  der  s  ch  l  e  s  i  s  ch  e  n  und
niederösterreichischen  Grenze  in  einigen  größeren
Sprachinseln,  von  denen  diejenigen  um  Jglau  und  Zwittau
hervorzuheben  sind.  Erstere,  die  sich  bis  nach  Deutschbrod  in
Böhmen  hinein  erstreckt,  zählt  allein  in  Mähren  25.372  deutsche
Bewohner.  Leider  ist  in  Mähren  so  gut  wie  in  Böhmen  das
        <pb n="40" />
        38

Tschechenthum  in  einem  durch  künstliche  Mittel  hervorgerufenen
Fortschreiten  begriffen.
Österreichisch  -  Schlesien.  Die  Bevölkerung  Lesterreichisch-Schlesiens
  beträgt  650,662  Seelen,  von  denen  269,338,
also  fast  49  Prozent,  Deutsche  sind.  Die  Deutschen  wohnen
untermischt  mit  Polen  und  Wasserpolacken  im  östlichen,  Tschechen
und  Goralen  im  westlichen  Theil.  Die  Städte  sind  vorwiegend
deutsch.
Steiermark.  Von  den  1,183,260  Bewohnern  Steier
marks  sind  794,841  Deutsche,  etwa  67,2  Prozent;  die
übrigen  sind  Sl^owenen,  auch  Winden  genannt;  sie  haben
in  Untersteiermark  ihre  Sitze.  Die  ungefähre  Sprachscheide  bildetnach
  Kiepert's  Uebersichtskarte  der  Verbrei.
tun  g  des  Deutschthums  in  Europa  von  der  Körnte,
ner  Grenze  nach  der  Stadt  Mahrenburg  zu  die  Drau;  von
Mahrenburg  zieht  sich  die  Sprachgrenze  in  einer  mehrfach  gekrümmten
  Linie  nach  Ehrenhausen,  von  wo  sie  bis  zur  ungarischen
  Grenze  durch  die  Mur  gebildet  wird.  Nach  der  Andre ­
  e  's  ch  e  n  V  ö  l  k  e  r  k  a  r  t  e  von  O  e  st  e  r  r  e  i  ch  &amp;gt;  U  n  g  a  ru
ist  schon  ein  größeres  Gebiet  nördlich  der  Drau  slowenisch.
Sämmtliche  Städte  Untersteiermarks  sind  überwiegend  deutsch.
Das  Verhältniß  zwischen  den  Deutschen  und  der  windischen
Landbevölkerung  war  ursprünglich  ein  gutes,  bis  es  durch  fanatische
  Apostel  des  Slaventhums,  zu  denen  namentlich  die
slowenischen  Geistlichen  und  Lehrer  zählen,  von  Grund  aus  getrübt
  wurde.
Kärnten.  Tie  Deutschen  Kärntens  machen  ungefähr
70,4  Prozent  der  Gesammtbevölkerung  dieser  Provinz  aus;  man
zählt  hier  241,585  Deutsche  und  102,252  Slowenen.
Die  Sprachgrenze  folgt  nach  der  Kiepcrt'schen  Karte  so  ziemlich
        <pb n="41" />
        39

der  Drau  von  ihrem  Zusammenfluß  mit  der  Gail  stromabwärts;
jedoch  schiebt  sich  bei  Völkermarkt  ein  slowenischer  Keil
in  das  deutsche  Gebiet  hinein.
Krain.  In  K  r  a  i  n  bilden  die  Slowenen  den  Deutschen ­
  gegenüber  bei  Weitem  die  Mehrzahl;  man  zählt  neben
447,366  Slowenen  nur  29,392  Deutsche,  also  nur  6,1  Prozent.
Zwischen  25,060  und  26,000  unserer  Stammesgenoffen  wohnen
allein  in  dem  etwa  15  Quadratmeilen  fassenden  rein  deutschen
Herzogthum  Gottschee  im  Süden  des  Landes.  Sonst
findet  man  Deutsche  fast  einzig  in  den  Städten,  wie  Laibach,
Rudolfswerth,  Adelsberg.  Krainburg  u.  s.  w.  Auch  die  Großgrundbesitzer ­
  sind  zum  größten  Theile  Deutsche  und  gut  national
gesinnt.  Tie  Deutschen  Krains  befinden  sich  in  einer  an  Böhmen ­
  erinnernden  höchst  bedrängten  Lage.  Tie  Schikanen  und
Kränkungen,  welche  ihnen  seitens  der  die  Uebermacht  besitzenden
Slaven  fortwährend  zugefügt  werden,  bleiben  meist  ungeahndet.
Der  derzeitige  Landespräsident  selbst  ist  trotz  seines  deutsch
klingenden  Namens  ein  äußerst  eifriger  Förderer  des  Slaventhums.

Tirol.  In  Tirol  zählt  man  432.062  D  e  u  t  s  che  und
360,975  Italiener;  das  Deutschthum  macht  also  uur  54,5
Prozent  der  Bevölkerung  aus.  Abgesehen  von  einzelnen  Sprachinseln,
  die  selbst  bis  nach  Italien  hinüberreichen,  hat  sich  die
deutsche  Bevölkerung  in  der  Richtung  nach  Süden  am  weitesten
das  Etschthal  entlang  vorgeschoben,  wo  sich  das  deutsche  wie
ein  Keil  in  das  welsche  oder  richtiger  vcrwelschte  Gebiet  hineindrängt. ­
  Leider  ist  in  Tirol,  wie  säst  überall  in  Oesterreich,
das  Deutschthum  in  offenbarem  Rückschritte  begriffen;  jedoch
datirt  hier  dieser  Riickschritt  nicht,  wie  es  anderwärts  der  Fall
ist,  wenige  Jahre  oder  Jahrzehnte,  sondern  Jahrhunderte  zurück:
        <pb n="42" />
        noch  im  fünfzehnten  Jahrhundert  war  ganz  Tirol  deutsch.  Gegenwärtig
  macht  das  Jtalienerthum  reißendere  Fortschritte  denn
je,  und  dieser  beängstigende  Zustand  wird  ohne  Zweifel  anhalten,
  so  lange  man  nicht  dem  unablässigen  Wühlen  der  italienischen ­
  Irredenta  mit  Energie  entgegentritt.  Einer  der  am
weitesten  vorgeschobenen  Vorposten  des  Deutschthums  in  Tirol
ist  die  große  Gemeinde  L  n  s  a  r  n  oder  L  u  s  e  r  n  a  ,  am  äußersten ­
  Ende  des  Landes;  doch  auch  hier  droht  in  Folge  schamloser ­
  Intriguen  das  Welschthum  schließlich  die  Oberhand  zu
gewinnen.
Küstenland.  Auch  im  österreichischen  Küstenland  ist
das  Jtalienerthum  im  Fortschreiten  begriffen,  jedoch  weniger ­
  auf  Kosten  der  Deutschen  als  der  Slaven.  Man  zählt
übrigens  hier  neben  876,603  Italienern  und  320,806
Slaven  nur  12,579  Deutsche.  Letztere  vertheile»  sich  so,
daß  in  Triest  und  Umgebung  5,141,  in  Istrien  4,779,  m
Görz  und  G  r  adiska  2,659  Einwohner  deutscher  Nationalität
vorhanden  sind.
Dalmatien.  Die  geringste  Anzahl  Deutscher,  sowohl  in
absolutem  wie  in  relativem  Sinne,  beherbergt  unter  den  cisleithanischen
  Ländern  das  wirthschaftlich  wichtige  Dalmatien.
Neben  440,279  Serbo  -Kroaten  und  114,291  Italienern
finden  sich  hier  nur  3,382  Deutsche.
Galizien.  Während  der  letzten  Jahrhunderte  sind  zahlreiche ­
  Deutsche  in  Galizien  eingewandert;  dieselben  sind  jedoch ­
  zum  größten  Theile  mit  den  eingesessenen  Slaven  verschmolzen. ­
  Im  Jahre  1880  zählte  man  unter  einer  Gesammtbevölkerung
  von  5,937,984  Seelen  324,336  Deutsche,  also
5,5  Prozent.  Diese  Zahl  ist  aber  offenbar  eine  zu  hohe  wegen
der  vielen  deutschsprcchenden  Juden  welche  darin  einbegriffen
        <pb n="43" />
        41

lind.  Man  schätzt  die  Gesammtzahl  der  Juden  in  Galizien  auf
nahe  an  450,000.  Nach  Andrer  sind  in  Ostgalizien  2  Prozent
Deutsche  und  11  Prozent  Juden,  in  Westgalizien  3  Prozent
Deutsche  und  7  Prozent  Juden.  In  Westgalizien  finden  wir
Deutsche  mit  Polen  gemischt  in  den  Gegenden  von  B  o  ch  n  i  a  ,
Wicliczka  und  Candor.  Fünf  deutsche  Dörfer  bestehen
bei  M  i  e  l  c  e,  acht  in  der  Gegend  von  L  e  z  i  e  s  k.
Außerdem  befinden  sich  im  westlichen  Galizien  noch  ungefähr
14  Städte  und  größere  Ortschaften,  in  denen  Deutsche  und
Polen  neben  einander  wohnen.  In  Ostgalizien  zählt  man  un--gefähr
  75  überwiegend  deutsche  Ortschaften.  Die  Deutschen
Lemberg's  machen  etwa  'h  der  Einwohnerschaft  aus,  die
übrigen  */?  bestehen  nach  Jung  zu  gleichen  Theilen  aus  Polen
And  Juden.
Bukowina.  Die  Bukowina  soll  unter  einer  Gesammtbevölkerung
  von  658.504  Personen  108,820  Deutsche  be-Herbergen,
  also  17,7  Prozent.  Diese  Zahl  wird  jedoch  bedeutend,
  vielleicht  um  mehr  als  die  Hälfte  kleiner,  wenn  man  die
deutschsprechenden  Juden  in  Abrechnung  bringt.  Andrer
schützt  unter  Zugrundelegung  älterer  Zählungen  die  Deutschen
auf  8,  die  Juden  auf  0,6  Prozent.  Aller  Wahrscheinlichkeit  nach
haben  sich  inzwischen  die  Deutschen  nicht  vermehrt  und  die
Juden  nicht  vermindert.  Nennenswerthe  deutsche  Sprachinseln
iw  der  Bukowina  sind:  Czernowitz,  Moldauisch-Kim-Polung
  und  S  U  c  z  a  w  a  ;  letztere  beiden  in  rumänischem
Gebiet.
b)  Länder  der  ungarischen  Krone.
Bei  Besprechung  der  vielen  und  zum  Theil  bedeutenden
deutschen  Siedelungen  in  den  Ländern  der  Stefanskrone
fOlsten  wir  vorzüglich  der  kleinen,  hochinteressanten  Schrift  von
        <pb n="44" />
        42

Rudolf  Bergner  „Die  deutschen  Kolonien  in  Ungarn",  dem
betreffenden  Abschnittein  K.  E.  Jung's  „Teutsche  Kolonien",
sowie  den  einschlägigen  Artikeln  der  „Deutschen  Post".
Nach  der  Zählung  vom  31.  Dezember  1880  befinden  sich
in  ganz  Transleithanien  unter  einer  Bevölkerung  von  15,642,102
Seelen  1,963,911  Deutsche,  ungefähr  12,5  Prozent.  Die
Deutschen  nehmen  unter  den  verschiedenen  Nationalitäten,  welche
diese  Länder  bewohnen,  der  Zahl  nach  die  vierte  Stelle  ein;
übertroffen  werden  sie  nur  von  den  Magyaren  (41,2Prozent),
Rumänen  (16,4Prozent)  und  Kroato-Serben  (15Prozent)
während  die  Slowaken  (11,9  Prozent)  ihnen  beinahe  gleichkommen. ­
  Zu  den  Zahlenaugaben  sei  ein  für  alle  Mal  bemerkt,
daß  des  Sprechens  noch  unfähige  Kinder  nicht  mitgezählt  wurden.
  In  Ungarn  werden  die  Hochdeutschen  im  Allgemeinen
Schwaben,  die  Niederdeutschen  Sachsen  genannt.
1  Die  Deutschen  in  Westungarn.  In  den  Komitaten
  Preßburg,  Wieselburg,  Sedeubürg  und  Eisenbürg,
  an  der  österreichischen  Grenze,  in  unmittelbarem  Zusammenhang
  mit  dem  großen  deutschen  Sprachgebiet,  wohnen  iiber
330.000  Deutsche,  welche  etwa  40  Prozent  der  Gesammtbevölkerung
  dieser  Komitate,  in  Wicselburg  sogar  nahe  an  70  Prozent
ausmachen.  In  der  Stadt  Preßburg  wohnen  nach  Jung  gegen
30.000  Deutsche  neben  9000  Slaven  und  7000  Magyaren. ­
  Die  westungarischen  Teutschen  scheiden  sich  in  drei
Gruppen:  Die  HLenzen,  welche  ihren  Namen  von  Kaiser-Heinrich
  III.  dem  Schwarzen  herleiten,  die  Deutschen
von  Ei  se  nstadt  und  Rust  und  die  Hcidebauern.  Sie
sind  sämmtlich  Hochdeutsche.
2.  Die  Deutschen  in  Mittelungarn.  Nördlich  vom
Plattensee,  östlich  von  der  Raab  bis  an  die  Donau  befinden
        <pb n="45" />
        43

sich  zahlreiche  gröbere  und  kleinere  Niederlassungen  Hochdeutscher.
Besonders  dicht  wohnen  die  Deutschen  zwischen  den  Städten
Papa  und  Veszpriem,  sowie  um  Budapest  herum  auf  der
rechten  Donauseite.  In  der  Hauptstadt  selbst  zählte  man
118,607  Deutsche,  gegen  45  Prozent.
3.  Die  Deutschen  im  Donau-Drau-Winkel.  von
Es  sek  bis  Földvar,  an  der  rechten  Seite  der  Donau  entlang.
Nach  ihren  Bewohnern  heißt  diese  Gegend  die  „schwäbische
Türkei".  Im  Komitate  To  ln  a  sind  32.2  Prozent,  im  Komitate
  Baranya  gegen  34,5  Prozent  der  Bevölkerung
Deutsche.  In  letztgenanntem  Komitate  zählt  man  278  deutsche
Ortschaften.  Die  Stadt  F  ü  n  s  k  i  r  ch  e  n,  in  welcher  eine  deutsche
Zeitung  erscheint,  wird  zum  großen  Theile,  die  innere  Stadt
vorwiegend  von  Deutschen  bewohnt.  In  dieser  ganzen  Gegend
wohnen  mindestens  177,000  Deutsche.
4.  Die  Schwaben  in  der  Bacska,  dem  fruchtbaren
Landstrich,  der  südlich  und  westlich  von  der  Donau,  östlich  von
der  Theiß  begrenzt  wird.  Diese  Ansiedelungen  ziehen  sich  etwa
von  Neusatz  bis  nahe  an  Kalocsa  hin.  Sie  dürften  gegen
180,000  deutsche  Bewohner  zählen.
5.  Die  Deutschen  in  Kroatien.  Slavonien  und
der  Militärgrenze.  Von  der  Bacska  aus  erstreckt  sich
eine  Reihe  deutscher  Niederlassungen  über  fast  ganz  Slavonien ­
  bis  nach  Kroatien  hinein  und  über  die  Komitate  der
Militärgrenze,  namentlich  die  Komitate  V  e  r  ö  s  z  e  (14.7
Prozent  Deutsche),  Syrmien  (17,3  Prozent)  und  Peterw
  a  r  d  e  i  u  (14,3  Prozent).  In  Kroatien,  Slavonien  und  der
Militärgrenze  zählt  man  84,034  Deutsche.  Von  den  Städten ­
  des  Landes  bewohnen  sie  namentlich  Agram,  Cszek  und
V  arasdin.
        <pb n="46" />
        44

6.  Die  Schwaben  in  Banat.  Die  Gesammtzahl
der  Banaler  Schwaben  schätzt  man  ans  400,000.  Für
die  drei  Komitate  K  r  a  s  s  o,  Temes  und  T  o  r  o  n  t  a  l,  in
denen  sie  am  dichtesten  sitzen,  giebt  der  letzte  Zensus  333,149
Deutsche  an.  Im  Komitate  Torontal  befinden  sich  60  rein
deutsche  Ortschaften.  Die  Stadt  T  e  m  e  s  v  a  r  ist  trotz  einer
oberflächlichen  magyarischen  Tünche  eine  deutsche  Stadt  geblieben.
  Sämmtliche  Magyarisirungsversuche  scheitern  an  dem
zähen  Sinn  der  schwäbischen  Bauern.  Sie  bleiben  deutsch,
trotzdem  keine  einzige  deutsche  höhere  Schule  in  der  Gegend  geduldet
  wird.  Das  rege  deutsche  Nationalbewußtsein  der  Siebenbürger ­
  Sachsen  freilich  geht  ihnen  leider  vollständig  ab.  Die
Schwaben  wohnen  theils  in  reindeutschen  Ortschaften,  theils  mit
andern  Nationalitäten  gemischt,  weniger  in  Städten  als  in
Dörfern  und  Marktflecken.  Im  Schwabenlande  erscheinen  gegen
20  deutsche  Zeitschriften.  Die  Banater  Schwaben  sind  in  erfreulichem
  Fortschreiten  begriffen;  die  Serben,  Ruthenen  und
Walachen  werden  sichtlich  von  ihnen  zurückgedrängt.
7.  Die  Siebe  nbürger  Sachsen  wohnen  zu  drei
großen  Gruppen  vereint:  1)  d  i  e  Gruppe  um  die  Stadt
B  i  st  r  i  tz  herum,  welche  ungefähr  30  Ortschaften  umfaßt  und
südlich  bei  Tekendorf,  der  ältesten  Niederlassung  der  Sachsen ­
  in  Siebenbürgen,  endet;  2)  das  alte  Land  oder  der
K  ö  n  i  g  s  b  o  d  e  n  mit  den  Städten  H  e  r  m  a  n  n  st  a  d  t,
Schönau,  Medias  ch,  Sch  äßburg,  Reps  und  Dr  aas;
3)  das  B  u  r  z  e  n  l  a  n  d,  in  dessen  Mitte  K  r  o  n  st  a  d  t  liegt.
Der  zweiten  der  genannten  Gruppen  sind  die  durch  rumänisches
Sprachgebiet  von  ihr  getrennten  Niederlassungen  um  B  r  o  o  s
und  Mühlbach  herum  zuzuzählen.  Nach  der  Zählung  von
1880  leben  201,713  Sachsen  in  Siebenbürgen.  Sie  wohnen
        <pb n="47" />
        45

theils  in  Städten  zum  größeren  Teil  auf  dem  Lande.  Die
sächsischen  Dörfer  machen  zusammen  253  selbständige  Pfarrgemeinden
  aus;  viele  derselben  haben  eine  sehr  starke  Einwohnerschaft, ­
  nicht  selten  zwischen  3000  und  8000  Seelen.  Die  Bevölkerungsverhältnisse ­
  in  den  wichtigsten  Städten  des  Sachsenlandes ­

  gestalten  sich  wie  folgt:
Civilbewohner  Teutsche
Hermanustadt  19,285  12,010
Kronstadt  29,716  9,998
Cchäßburg  8,789  5,235
Bistritz  8,030  5,085
Mediasch  6.499  3,410
Mühlbach  6,140  2,000

2&amp;gt;ie  Sachsen  besitzen  durchweg  einen  ancrkennenswerthen
Rationalstolz,  an  dem  alle  Magyarisirungsversuche  scheitern.
Dieser  Rationalstolz  findet  seinen  Grund  vor  allen  Dingen  in
der  höheren  Bildung,  welche  dem  Sachsenvolke  im  Vergleich
mit  den  Magyaren  und  Walachen  eigen  ist.  Den  festesten  Hort
des  Deutschthums  in  Siebenbürgen  bilden  daher  die  vortrefslichen
  deutschen  Erziehungsanstalten  und  öffentlichen  Bibliotheken;
  von  letzteren  sind  allein  in  Hermannstadt  vier  vorhanden.
Der  Erhaltung  deutscher  Bildung  dient  auch  die  Presse  und
der  im  Jahre  1842  gegründete  „Verein  für  siebenbürgische
Landeskunde  .  Von  letzterem  sagt  Jung:  „Außer  seinem  jetzt
zwanzig  Bände  umfassenden  Vereinsarchiv  und  einem  Korrespondenzblatt
  hat  derselbe  die  Herausgabe  einer  langen  Reihe  von
Werken  veranlaßt  und  unterstützt,  welche  für  die  Geschichte,  wie
die  Kenntniß  der  natürlichen  Verhältniffe  des  Landes  die  werthvollsten ­
  Beiträge  geliefert  haben".  Den  auf  dem  Lande  wohnenden ­
  Sachsen  gewährt  ihre  eigenthümliche  Organisation  einen
        <pb n="48" />
        46

festen  Zusammenhalt.  Sämmtliche  junge  Burschen  und  Mädchen ­
  gehören  von  der  Konfirmation  bis  zur  Ehe  gewissen  Verbänden ­
  an,  der  B  r  u  d  e  r  s  ch  a  f  t  und  Schwesterschaft.
Mit  der  Heirath  treten  sie  in  eine  der  vier  Nachbarschaften ­
  ein,  in  die  gewöhnlich  jedes  Dorf  getheilt  ist.
Wenn  Jung  trotz  alledem  einen  Rückgang  des  Sachsenvolkes
  gegenüber  den  Magyaren  und  Rumänen  feststellt,  so
kann  dieser  nur  in  der  geringeren  natürlichen  Vermehrung  der
Sachsen  seinen  Grund  haben.  Die  ursprünglich  deutschen
Städte  Klausenburg,  Thoreuburg,  Straßburg,  Dees  und  andere
haben  nach  Jung  vollständig  ein  magyarisches  Gepräge  angenommen; ­
  in  Hermannstadt  haben  während  des  Zeitraums  von
1870  bis  1880  die  Deutschen  nur  um  136,  die  Rumänen  aber
um  285,  die  Magyaren  um  237,  die  Juden  um  142  Köpfe  zugenommen.
  Fast  noch  schlimmer  steht  es  nach  demselben  Gewährsmann
  in  anderen  Städten;  in  Mühlbach  sind  die  Deutschen ­
  von  den  Rumänen  bereits  aus  der  Stadtverwaltung  herausgedrängt ­
  worden.  Weit  tröstlicher  und  hoffnungsvoller  für
die  Zukunft  des  edlen  Sachsenvolkes  klingt  die  Ansicht  Rudolf
B  e  r  g  n  e  r  s.  eines  ausgezeichneten  Landeskenners.  Er  sagt  :
„Eine  Verringerung  der  sächsischen  Elemente  hat  nur  hinsichtlich ­
  der  Bezirke  als  Ganzes  stattgefunden,  indem  dank  der
schlauen  Politik  der  Magyaren  die  Zertrümmerung  des  Königsbodens ­
  und  die  Zuweisung  der  einzelnen  Stücke  desselben  an
neugebildete  Komitate  erfolgte.  Besaß  früher  das  Deutschthum
in  jedem  der  Sachsenstllhle  und  im  Bistritzer  und  Kronstädter
Distrikt  die  absolute  Ueberlegenheit,  so  befindet  es  sich  jetzt  in
sämmtlichen  Komitaten  in  der  Minorität".
8.  D  i  e  G  r  ü  n  d  n  e  r.  So  nennt  man  die  in  den  oberungarischen
  Bergstädten  angesessenen  Mitteldeutschen.  Ihr  Ge-
        <pb n="49" />
        47

biet  umfaßt  die  Orte  Schmöllnitz,  Göllnitz,  Stooß,  Schwedler,
Einsiedel  und  Wagendrüsiel.
9.  D  i  e  Zipfer.  Die  Einwanderung  der  Deutschen
(Nieder-  und  Mitteldeutsche)  in  das  sogenannte  Zipser-Land
fand  ungefähr  um  dieselbe  Zeit  statt  wie  diejenige  der  Sachsen
in  Siebenbürgen.  Die  Glanzzeit  der  Zipser  war  die  Zeit  vom
14.  bis  zum  16.  Jahrhundert;  damals  blühte  hier  ein  reiches
und  mächtiges  Bürgerthum  und  Städtewesen.  Jetzt  sind  von
den  175,000  Bewohnern  der  Zips  kaum  noch  61,000  deutsch.
Von  den  früher  so  blühenden  Städten  haben  ihr  deutsches  Gepräge ­
  noch  einiger  Maßen  bewahrt  die  Orte  L  e  u  t  s  ch  a  u  ,
Käsmark,  Schmöks  und  Deutschendorf.  Bergner
  stellt  dem  Nationalgefühl  des  Zipfers  kein  gutes  Zeugniß
aus,  wenn  er  sagt:  „Der  Zipser  ist  außerhalb  seiner  Hcimath
stets  bereit,  sich  als  Magyar  zu  erklären,  innerhalb  derselben
spricht  er  dem  slowakischen  Dienstmädchen  zu  Liebe  das  fremde
Idiom  und  vergißt  darüber  sein  Deutschthum".  In  der  letzten
Zeit  soll  sich  übrigens  eine  Wendung  zum  Bessern  geltend  gemacht
  haben.  Nach  Jung  ist  das  Schulwesen  verbessert  worden, ­
  suchen  gesellige  Vereine  deutsches  Wesen  zu  erhalten,  zu
wecken  und  zu  pflegen.
10.  T  i  e  K  r  i  ck  e  r  h  ä  u  e  r.  In  den  beiden  bedeutendsten
der  niederungarischen  Bergstädte,  K  r  e  m  n  i  tz  und  S  ch  e  m  n  i  tz,
hat  sich  bis  auf  den  heutigen  Tag  ein  Rest  des  einst  hier  allmächtigen ­
  Deutschthums  erhalten.  Von  diesen  dereinst  reichen
llnd  mächtigen  Bergstädteu  aus  wurden,  namentlich  im  14.
Jahrhundert,  neue  Zweigkolonien  gegründet,  welche,  da  sie  in
wilder  Waldgegend  angelegt  wurden,  die  Bezeichnung  „hau"
(Nushau)  erhielten,  wie  z.  B.  Glaserhäu,  Koneschhäu  u.  s.  w.
^ie  so  entstandenen  Ortschaften  wurden  „Haudörfer"  genannt,
        <pb n="50" />
        48

ihre  Bewohner  nach  dem  zu  ihnen  gehörenden  Marktflecken
Krickerhän  „  K  r  i  ck  e  r  h  ä  u  e  r  ".  Die  Krickerhäuer  wohnen  in
einer  äußerst  unwirthlichcn,  unfruchtbaren  Gegend  und  befinden
sich  in  bitterster  Armuth.
11.  Kleinere  Ansiedelungen.  Außer  den  besprochenen ­
  Niederlassungen  bestehen  noch  eine  Menge  kleinerer,
zum  Theil  Trümmer  früher  blühender  Kolonien,  welche  jedoch
meist  zu  unbedeutend  sind,  um  sie  einzeln  hervorzuheben.  Zu
erwähnen  ist  die  Niederlassung  von  Schwaben  auf  den  Besitzungen ­
  des  Grafen  Schönborn  bei  M  u  n  k  a  c  S,  ganz  im
Nordosten  Ungarns.  Diese  Schwaben  sind  gute  Deutsche,  sie
halten  sich  in  edlem  Stolze  streng  abgeschlossen  von  Magyaren,
Slowaken  und  Juden.  Die  Kolonie  scheint  in  erfreulichem  Fortschreiten ­
  begriffen  zu  sein.  Auch  bei  Nagy-Karoly  befinden
sich  lebensfähige  Ansiedelungen  von  Schwaben.

Wie  bereits  ausgeführt  worden  ist,  würde  die  Weltlage
des  Deutschen  Reiches  ohne  Zweifel  eine  weit  gcführdetcre,  wenn
in  Oesterreich-Ungarn  die  Oberherrschaft  von  den  Deiltschen  und
Magyaren  auf  die  Slaven  übergehen  sollte.  Ein  solches  Ereigniß ­
  zu  verhüten  liegt  jedoch  keineswegs  allein  im  Interesse
Deutschlands,  welches  durch  dasselbe  eines  außerordentlich
schätzenswerthen  Bundesgenossen  verlustig  gehen  würde,  sondern
in  weit  höherem  Maße  im  Interesse  der  Habsburgischen  Monarchie ­
  selbst;  denn  die  Slaven  sehen  ihren  natürlichen  Schwerpunkt ­
  in  Rußland,  und  Rußland  wünscht  bekanntlich  nichts
sehnlicher  als  sämmtliche  Slavcnstämme  unter  seinem  Scepter
zu  vereinigen.  Von  dem  Deutschen  Reiche  droht  Oesterreich-
        <pb n="51" />
        49

Ungarn  keine  Gefabr,  denn  die  Deutschen  verabscheuen  den
starren  Zentralismus,  welchem  die  geistig  und  kulturell  weit
unter  ihnen  stehenden  slavischen  Völker  offenbar  zustreben;  ihren
Bedürfnissen  entspricht  weit  mehr  ein  Bundesstaat,  dessen  einzelne ­
  Glieder  möglichst  wenig  in  ihrer  freien  Beweglichkeit  gehemmt ­
  erscheinen,  welcher  aber  trotzdem  einer  kräftigen  Oberleitung ­
  nicht  entbehrt,  denn  nur  eine  solche  ist  im  Stande,  feindliche ­
  Angriffe  mit  Erfolg  abzuwehren  und  die  Nation  dauernd
vor  dem  Zerfall  zu  schützen.  Für  Oesterreich-Ungarn  ist  es
demnach  geradezu  eine  Lebensfrage  und  für  das  Deutsche  Reich
ist  es  von  äußerster  Wichtigkeit,  daß  in  den  Ländern  diesseits
der  Leitha  die  Deutschen,  jenseits  derselben  die  Magyaren  die
Herrschaft  in  Händen  behalten.  Nun  machen  freilich,  wie  wir
gesehen  haben,  weder  die  Deutschen  hüben  noch  die  Magyaren
drüben  auch  nur  die  Hälfte  der  Einwohnerschaft  aus,  dennoch
ist  jedes  dieser  beiden  Völker  in  seiner  Reichshälfte  nach  immer
das  tonangebende.  Am  wenigsten  ist  es  leider  in  Cisleithanicn
das  deutsche  Volk.  Wenn  übrigens  die  Deutschen  Oesterreichs
gegenwärtig  an  allen  Ecken  und  Enden  vor  dem  slavischen  Ansturm
zurückzuweichen  gezwungen  sind,  so  tragen  sie  an  dieser  bedauerns
werthen  Schwäche  ohne  Zweifel  selber  den  größten  Theil  der
Schuld.  Bcthört  durch  hohle  Schlagworte,  durch  internationale
Mächte  beeinflußt,  ordneten  sie  verschiedenen,  oft  einander  schnürstracks
  entgegengesetzten  Parteibestrebungen  das  nationale  Wohl
unter  und  bewilligten  den  Slaven,  welche  die  Parteiströmungen
zu  benutzen  wußten,  aber  nie  in  wahlberechtigtem  Egoismus
ihr  nationales  Interesse  aus  dem  Auge  verloren,  eine  Forderung
nach  der  andern,  bis  ihnen  schließlich  die  Bäume  über  den  Kopf
zu  wachsen  drohten.  Trotz  alledem  besitzen  die  Deutschen  über
die  anderen  Völkerschaften  der  cisleithanischen  Kronländer  noch
4
        <pb n="52" />
        50

immer  ein  gewisses  Uebergewicht,  welches  ihnen  theils  die  g--schichtliche
  Entwickelung  des  österreichischen  Staatswesens  verliehen ­
  hat,  das  sie  zum  andern  Theile  ihrer  überlegenen  Kultur,
sowie  der  unvergleichlich  höheren  Bedeutung  ihrer  Sprache  verdanken. ­
  „Das  Deutsche  ist",  mit  Andree  zu  sprechen,  „d  e
Sprache  des  Kaiserhauses,  der  Zentralregierung  für  die  im
Reichsrathe  vertretenen  Länder,  des  stehenden  Heeres,  der  Kriegsmarine, ­
  die  vorzüglichste  Vermittlerin  des  Verkehrs  und  Handels, ­
  die  von  den  Gebildeten  fast  aller  Nationalitäten  verstandenen
Sprache."  Man  darf  ferner  nicht  außer  Acht  lassen,  daß  die
gegenwärtig  im  Vergleich  mit  früheren  Zeiten  gedrückt  erscheinende ­
  Lage  des  Deutschthums  zum  größten  Theile  durch  e  .e
unbegreifliche  Regierungspolitik  künstlich  hervorgerufen  wurde.
Diese  Regierungspolitik  erscheint  um  so  unbegreiflicher,  als  sie  —
auch  von  gewichtigen  Gründen  der  äußeren  Politik  ganz  abg«-sehen
  —  nothwendiger  Weise,  wie  auch  das  blödeste  Auge  einsehen ­
  muß,  zum  Zerfall  des  Reiches  führt,  denn  welche  der
vielen  Landessprachen  wäre  geeignet  die  deutsche  Sprache  zu
ersetzen  und  als  Bindemittel  zu  dienen  zwischen  allen  den  verschiedenen
  Nationen  und  Natiönchen  des  Kaiserstaats'?  Wie  ist
ferner  ein  einheitliches  und  schlagfertiges  Heer  denkbar,  wenn
die  Vorgesetzten  nicht  im  Stande  sind,  sich  unter  einander  und
mit  ihren  Untergebenen  geläufig  und  schnell  zu  verständigen?
Es  wäre  wahrlich  an  der  höchsten  Zeit  für  die  österreichische
Regierung,  den  betretenen  abschüssigen  Pfad  zu  verlassen.
In  ganz  anderer  Weise,  als  die  Deutschen  im  eigentlichen
Oesterreich,  besitzen  die  llngarn  in  den  Ländern  der  Stefanskrone ­
  das  Uebergewicht.  Erfreulicher  Weise  verfolgen  sie  eine
durchaus  nationale  Politik  und  führen  mit  zielbewußter  Energie
die  Herrschaft.  Dringend  zu  wünschen,  ja  zu  verlangen  wäre
        <pb n="53" />
        51

es  jedoch,  daß  sie  nicht  durch  übereifrige  Magyarisirungsversuche
l)ie  Deutschen  Ungarns,  welche  ihre  Treue  so  oft  und  so  glänzend ­
  bewährten,  und  in  Folge  dessen  die  Deutschen  überhaupt
sich  zu  Feinden  machten.  Dadurch  könnte  beiden  Theilen  ein
unberechenbarer  Schaden  entstehen.  Beide,  die  Deutschen  sowohl
wie  die  Ungarn,  haben  im  Osten  Platz  sich  auszudehnen  die
Hülle  und  Fülle,  ohne  mit  einander  in  Widerstreit  gerathen  zu
müssen;  wie  diese  Ausdehnung  stattzufinden  hätte,  darüber
würde  bei  geringer  Nachgiebigkeit  von  beiden  Seiten  leicht  ein
Einvernehmen  zu  erzielen  sein.  Selbstverständlich  dürfen  sich
die  Deutschen  von  den  Magyaren  eben  so  wenig  wie  von  den
Russen  den  Zugang  zu  den  vielversprechenden,  dünn  bevölkerten
Ländern  des  Orients  versperren  lassen.  Die  Magyaren  sind
zudem  nicht  im  Stande,  diese  weiten  Länverstrecken  zu  bevölkern,
ihre  Bodenschätze  zu  heben,  sie  politisch  und  wirthschaftlich  zu
beherrschen;  das  kann  nur  eine  so  große  und  so  stark  sich  vermehrende
  Station  wie  die  deutsche.  Im  wohlverstandenen  eigenen
Interesse  der  Ungarn  würde  es  liegen,  die  auf  den  Orient  gerichteten
  Bestrebungen  der  Deutschen  nach  Kräften  zu  fördern
und  zu  unterstützen,  denn  dann  würde  ihnen  dereinst  ein  überreichlicher
  Antheil  zufallen  an  den  Schätzen,  welche  im  Osten
der  habenden  Hände  harren.
Die  Erweiterung  des  deutschen  Wirthschaftsgebietes  in  der
Richtung  nach  Osten  wird  schwerlich  anders  gelingen  als  durch
eine  dauernde  politische  und  wirthschaftliche  Einigung
Mischen  dem  Deutschen  Reiche  ünd  der  Habsburgischen  Monarchie.
Eine  politische  Vereinbarung  ist  durch  das  Bündniß  vom  7.
Oktober  1879  bereits  erfolgt,  ein  enger  wirthschaftlicher  Verband
zwischen  beiden  Reichen,  welcher  unzweifelhaft  eine  Erweiterung
"nd  Befestigung  der  bestehenden  politischen  Freundsckaft  im
4
        <pb n="54" />
        52

Gefolge  haben  wird,  ist  nur  noch  eine  Frage  der  Zeit;  die
Vortheile,  welche  er  beiden  Theilen  verspricht,  sind  zu  außerordentliche, ­
  als  daß  man  nicht  alle  Kräfte  daran  setzen  sollte,
die  ihm  entgegenstehenden  Hindernisse  hinwegzuräumen.  Man
darf  sich  freilich  nicht  verhehlen,  daß  diese  Hindernisse  noch  immer
große  sind;  die  Verschiedenheiten  der  Finanzlage,  des  Münzwesens,
  der  Währung,  das  in  Oesterreich  bestehende  Taback-  und
Salzmonopol,  sowie  manche  andere  Dinge  machen  die  Frage,
wie  eine  engere  wirthschaftliche  Einigung,  die  sich  im  Wesentlichen
  als  ein  Zollverein  darstellen  würde,  durchzuführen  wäre,
zu  einer  äußerst  schwierigen.  Die  Vereinigung  Deutschlands
und  Oesterreichs  zu  einem  einzigen  großen  Wirthschaftsgebiete,
zu  einem  Wirthschaftsgebiete,  welches  die  Wellen  der  Nord-  und
Ostsee  einerseits,  diejenigen  des  Schwarzen  Meeres  und  der
Adria  andererseits  bespülten,  welches  gewaltige,  durch  Kanäle
mit  einander  verbundenen  Wasserstraßen,  wie  der  Rhein,  die
Weser,  die  Elbe,  die  Oder  und  die  Donau,  sowie  Eisenbahnlinien
  sonder  Zahl  durchzögen,  würde  den  Bewohnern  beider
Länder  eine  nie  dagewesene  Aera  des  Wohlstandes  und  des
Gedeihens  bringen,  vorausgesetzt,  daß  eine  weise,  den  Grundsätzen
Friedrich  List's  folgende  Wirthschaftspolitik  sie  vor  den
raffinirten  Ausbeutungen  feindlicher  und  internationaler  Kapitalmächte ­
  hinreichend  zu  schützen  vermöchte.  In  diesem  großen
Wirthschaftsgebiete  würden  die  Deutschen  ein  gewaltiges  Uebergewicht
  besitzen  über  alle  anderen  Völker,  und  bald  würde  das
Slaventhum  wieder  in  die  ihm  gebührenden  Schranken  zurückgewiesen
  sein.  Für  deutsches  Kapital  und  deutsche  Arbeitskraft
würde  sich  ein  Gebiet  eröffnen,  wie  es  schöner  und  lohnender
nicht  gedacht  werden  kann.  Schmucke  deutsche  Bauerhäuser
würden  sich  erheben,  wo  früher  der  schweinestallartige  Kraal  des
        <pb n="55" />
        53

Südslaven  und  Walachen  stand,  frische  deutsche  Lieder  ertönen
an  Stelle  der  theils  krankhaft  schwermüthigen  theils  unnatürlich
leidenschaftlichen  Weisen  des  Slaven  und  Zigeuners.  Immer
weiter  nach  Osten  würde  das  deutsche  Volksthum  vorrücken  und
endlich  die  weiten,  von  der  Natur  so  sehr  begünstigten,  jedoch
dank  der  Schlaffheit  und  Verkommenheit  ihrer  unwürdigen  Bewohner ­
  fast  gänzlich  verödeten  Länder  des  Orients  in  blühende
Gefilde  verwandeln.  Ohne  an  den  traurigen  Erscheinungen  der
Uebervölkerung  zu  leiden,  würde  die  deutsche  Nation  sich  leicht
bis  auf  200  Millionen  Seelen  vermehren  und  in  weit  bedeutenderem ­
  Umfange,  als  die  Römer  es  je  vermochten,  der  Welt
den  Frieden  aufzuerlegen  im  Stande  sein.
Welcher  Gegensatz  aber  zwischen  diesen  rosigen  Zuknnftsträumen
  und  der  rauhen  Gegenwartl  In  Oesterreich  geht  vom
alten  deutschen  Sprachboden  ein  Stück  nach  dem  andern  an
Tschechen  und  Slowenen  verloren,  die  Deutschen  Ungarns,  insbesondere ­
  die  edlen  Sachsen,  stehen  in  Gefahr,  den  zudringlichen
MagyarisirungSvcrsuchen  zum  Opser  zu  fallen,  selbst  der  Slowak
ist  in  stetem  Fortschreiten  begriffen  auf  Kosten  des  Magyaren
sowohl  wie  des  Deutschen,  der  Ruffe  endlich  steht  drohend  vor
den  Thoren  Koustantinopels.  Zweierlei  aber  laßt  uns  nicht
verzagen  in  dieser  trüben  Zeit:  das  herzliche  Einvernehmen
zwischen  dem  Teutschen  Reiche  und  der  Habsburgischen  Monarchie,
  sowie  das  herrliche  Erwachen  des  Nationalbewußtseins
unter  den  Deutschen  Oesterreichs.  Ein  kräftiges  Nationalbewußtsein ­
  führt  zur  Einigkeit,  und  Einigkeit  ist  dasjenige,  was
allein  den  Teutschen  noth  thut,  um  alle  Gefahren,  mögen  sie
ollch  noch  so  drohend  erscheinen,  siegreich  zu  bestehen.  Möchte
daher  in  Oesterreich  sowohl  wie  im  Reiche  der  Mahnruf  recht
beherzigt  werden,  welchen  eine  gottbegnadete  Dichterin,  eine
        <pb n="56" />
        edle  deutsche  Frau  aus  vornehmem  österreichischem  Hause,  an
alle  deutsch  fühlenden  Herzen  ergehen  läßt.  Wahrlich,  nicht
besser  können  wir  unsere  Betrachtungen  schließen  als  mit  den
prächtigen,  halb  wehmüthig  klagenden  halb  hossnungsfreudig  erregten ­
  Strophen  dieses  wunderbar  ergreifenden  Mahnrufes.
M  a  h  n  r  uf.*)

Durch  die  Lüfte  rauscht  ein  Mahnen,
Einer  Sturmesahnung  gleich,
Reicht  die  Hände  euch,  Germanen,
In  dem  schönen  Oesterreich!
Bildet  eine  heil'ge  Gilde
Nicht  allein  durch  Stahl  und  Erz,
Wahrt  die  besten  eurer  Schilde:
Deutsche  Zunge,  deutsches  Herz!
Seht  aus  deutscher  Erde  quellen
Eurer  Donau  blaue  Fluth:
Deutsche  Tropfen  ihre  Wellen,
Deutsche  Tropfen  ener  Blut!
Nicht  nur  in  des  Rheines  Gauen
Sucht  das  deutsche  Vaterland  —
Lebt's  nicht  in  den  grünen  Auen
Auch  am  alten  Donaustrand'?
Singt  das  Lied  der  Nibelungen
Nicht  von  beiden  im  Verein?
Sprecht  mit  kindlich  frommen  Zungen
*)  Das  Gedicht  ist  verfaßt  von  Frau  Gräfin  Wilhelmine
Wickenburg'Almasi,  in  Musik  gesetzt  von  Neinhold  Becker.
        <pb n="57" />
        00

Mutter  Donau,  Vater  Rhein  I
Hebt  die  Stirn  mit  edlem  Stolze
Euren  nord'schen  Brüdern  gleich,
Ja,  aus  deutschem  Eichenholze
Lind  auch  wir  in  Oesterreich.
Betend  falten  wir  die  Hände
In  demselben  Heiligthum,
Eins  ist  unser  Ziel  und  Ende:
Deutschen  Volkes  Ehr'  und  Ruhm!
Durch  die  Lüfte  rauscht  ein  Mahnen,
Immer  lauter  dringt's  herein:
Reicht  die  Hände  euch,  Germanen,
An  der  Donau  und  am  Rhein.
        <pb n="58" />
        56

2)  Die  Deutschen  in  Rußland.
Ueberall  im  weiten  Zarenreiche  finden  sich  Deutsche,  von
der  preußischen  und  österreichischen  Grenze  bis  zum  Uralgebirge
und  zum  Kaspischen  See,  vom  Weißen  bis  zum  Schwarzen
Meer,  von  der  Ostsee  bis  zum  Kaukasus.  Schwerlich  ist  ein
Gouvernement  vorbanden,  das  nicht  mindestens  einige  Hundert
Deutsche  unter  seinen  Bewohnern  zählte.  Eine  nur  einigermaßen ­
  erschöpfende  Darstellung  der  Verbreitung  des  Deutschthums ­
  über  das  russische  Kaiserreich  und  der  mannigfachen
Wirksamkeit  unserer  Landsleute  daselbst  würde  Bände  füllen;
wir  können  unsere  ohnehin  kurzen  Erörterungen  selbstverständlich ­
  nur  auf  diejenigen  Gegenden  beschränken,  in  welchem  das
Deutschthum  in  besonders  hervorragendem  Maße  vertreten  ist.
Solche  Gegenden  sind:  die  deutschen  Ostseeprovinzen,
das  Königreich  Polen,  die  Gouvernements  St.  Petersburg, ­
  Kowno  und  Wolhynien,  Südrußland,  das
deutsche  Kolonicngebiet  an  der  Wolga  in  den  Gouvernements
Saratow  und  Samara.
Die  Stellung  des  deutschen  Elementes  in  den  Ostseeprovinzen
  Kurland,  Livland  und  Esthland  unterscheidet
sich  wesentlich  von  derjenigen  des  Deutschthums  im  übrigen
Rußland,  was  in  der  eigenartigen  Geschichte  des  Baltenlandcs
seine  vollkommene  Erklärung  findet.  Schon  über  700  Jahre,
seitdem  die  Hanseaten  und  der  deutsche  Orden  der  Schwertritt
  er  die  Eroberung  des  Landes  theils  auf  friedlichem  theils
auf  kriegerischem  Wege  vollzogen,  sitzen  die  Teutschen  als  Herren
  in  den  Ostseeprovinzen  und  ihnen  verdanken  dieselben  ihre
im  Vergleich  zum  übrigen  Rußland  so  hohe  Kultur.  Zeitweilig,
        <pb n="59" />
        57

und  zwar  während  ihrer  höchsten  Blüthezeit,  waren  die  Ostsee-Provinzen
  auch  politisch  mit  Deutschland  verbunden,  indem  sie
den  Hochmeister  des  deutschen  Ordens  zu  Maricnburg  als  ihren
Oberherrn  anerkannten.  Nichts  als  die  beklagenswerthe  deutsche
Uneinigkeit,  welche  bekanntlich  nach  der  Reformation  und  durch
dieselbe  ihren  höchsten  Grad  erreichte,  ist  Schuld  daran,  daß
nicht  noch  jetzt  das  ganze  baltische  Küstenland  von  Memel  bis
nach  St.  Petersburg  in  deutschem  Besitze  ist.  Die  baltischen
Deutschen  theilen  sich  in  zwei  große  Zweige  oder  vielmehr
Stände,  in  den  grundbesitzenden  Adel  und  in  die  in  den  Städten ­
  ansässige  Bürgerschaft.  Sowohl  in  den  Städten  als  auch
auf  dem  platten  Lande  sind  sie  die  besitzende,  die  herrschende
Klasse,  welcher  die  anderen  Völkerschaften,  die  Esthen,  Letten,
Liven.  Russen  und  Juden  untergeordnet  sind,  obwohl  sie
selbst  nur  ungefähr  16  Prozent  der  Gesammtbevölkerung  ausmachen. ­
  Im  Ganzen  wohnen  gegen  120.000  Deutsche  in  den
drei  Provinzen,  von  denen  etwas  über  14,000  Adelige,  die
übrigen  Kaufleute,  Ehrenbürger  und  Bürger  sind.  Das  stolze
Stammesbewußtsein  der  baltischen  Deutschen,  ihr  mannhaftes
Eintreten  für  heimische  Sitte  und  Sprache  allen  barbarischen
ÄiussificirungSversuchen  gegenüber  muß  um  so  rühmender  anerkannt ­
  werden,  als  ihr  Kampf  gegen  eine  wahrhaft  erdrückende
Uebermacht  geführt  wird  und  beinahe  aussichtslos  erscheint;  nur
das  unvermuthete  Dazwischentreten  von  Ereignissen,  welche  auf
die  ganze  politische  Stellung  Rußlands  umgestaltend  einwirkten,
könnte  einen  günstigen  Ausgang  des  muthvollen  Ringens  unserer ­
  baltischen  Stammesgenossen  erhoffen  lassen.  Leider  scheint
eines  der  festesten  Bollwerke  des  Deutschthums  in  den  Oftseeprovinzen, ­
  die  Universität  Dorpat,  dem  russischen  Andrängen
bald  nicht  länger  widerstehen  zu  können.
        <pb n="60" />
        58

I»  den  zehn  Gouvernements,  welche  das  Königreich
Polen  ausmachen,  wohnen  gegen  400,000  Deutsche,  zum  grüßten
  Theil  als  Gewerbetreibende  und  Kaufleute  in  den  Städten,
zum  Theil  auch,  namentlich  in  der  Weichselniederung,  als  Ackerbauer
  auf  dem  Lande.  Am  zahlreichsten  sind  die  Deutschen
vertreten  in  den  Gouvernements  Piotrkow,  Warschau,  Kalisch,
Plock  und  Suwalki
Das  Gouvernement  St.  Petersburg  beherbergt  e..va
330.000  Deutsche,  von  denen  allein  gegen  60,000  in  der  Hauptstadt
  leben.  Die  übrigen  Deutschen  des  Gouvernements,  deren
Vorfahren  zum  größten  Theile  von  Peter  dem  Großen,  Katharma
  H.  und  Alexander  I.  ins  Land  gezogen  wurden,  betreiben
namentlich  Ackerbau  und  andere  ländliche  Gewerbe;  sie  haben
sich  um  die  Kultivation  und  Verbesserung  des  Bodens,  besonders
  in  der  Umgebung  der  Hauptstadt,  außerordentlich  verdient
gemacht.
In  Westrußland  sind  es  —  abgesehen  von  dem  Königreiche
  Polen  —  vorzugsweise  die  Gouvernements  Kowno  und
Wolhynien,  welche  eine  stärkere  deutsche  Bevölkerung  aufweisen.
  In  Kowno  leben  nahe  an  16,000,  in  Wolhynien  über
26.000  Deutsche.  Die  Deutschen  Wolhyniens,  zum  größten
Theile  in  der  Gegend  von  Schi  to  mir  ansässig,  sind  fast
sämmtlich  Ackerbauer.  Sie  rodeten  Urwälder  ans,  sie  legten
Sümpfe  trocken,  sie  verwandelten  Einöden  in  blühende  Gefilde;
aber  man  dankte  ihnen  schlecht.  Die  Verfolgungen,  welchen  sie
ihrer  Nationalität  und  ihres  protestantischen  Glaubens  wegen
von  Seiten  der  Russen  ausgesetzt  sind,  haben  bereits  eine  große
Zahl  von  ihnen  zur  Auswanderung  getrieben  und  viele  Andere
sind  im  Begriff,  den  vorangegangenen  Brüdern  zu  folgen.
In  Südrußland,  den  Gouvernements  Bessarabien
        <pb n="61" />
        59

Cherson,  Jekaterinoslaw  und  Taurien,  bestehen  zahlreiche ­
  deutsche  Ackcrbaukolonien  und  auch  in  den  Städten,  n.
mentlich  in  Odessa,  ist  vas  deutsche  Element  stark  vertreten.
Erwähnenswerth  sind  die  vielen  deutschen  Mennonitengemeinden,
  welche  sich  in  diesen  Gebieten,  namentlich  im  Gouvernement ­
  Jckaterinoslaw,  angesiedelt  haben.  Die  Mennoniten
verließen  ihr  Vaterland  meist,  um  sich  der  ihren  religiösen  Arschauungen
  widersprechenden  Wehrpflicht  zu  entziehen.  Die  Gesammtzahl
  aller  Deutschen  in  Südrußland  beträgt  gegen  157,(00.
Sehr  bedeutend  sind  die  deutschen  Niederlassungen  an  der
Wolga,  in  den  Gouvernements  Saratow  und  Samara,
wo  gegen  252.000  deutsche  Kolonisten  in  mehr  als  170  re..r
deutschen  Ortschaften  ein  ziemlich  zusammenhängendes  Gebiet
bewohnen,  welches,  an  beiden  Ufern  der  Wolga  belegen,  von
Norden  nach  Süden  sich  ungefähr  von  der  Stadt  Wolsk  bis
zur  Stadt  Kamyschin  erstreckt.  Südlich  von  diesem  ausgedehnten ­
  Koloniengebiet,  an  der  Stelle  ungefähr,  an  welcher  die  Wolga
sich  plötzlich  nach  Südwesten  wendet,  liegt  die  eigenartige  deutsche
Herrenhuterniederlassung  Sarepta.
Tie  Zahl  sämmtlicher  Deutschen  im  europäischen  Rußland  -
kann  man  mit  ziemlicher  Sicherheit  auf  rund  eine  Million
Seelen  voranschlagen.  Die  Frage  nach  der  Zukunft  des  Deutschthums ­
  in  Rußland  und  nach  der  Bedeutung  desselben  für  die
Gesammtnation,  die  Frage,  ob  die  deutschen  Kolonien  in  Südrußland ­
  die  ersten  Ansätze  bilden  zu  einer  Ausdehnung  unseres
Volksthumes  nach  Osten,  oder  ob  sie  in  der  sie  umgebenden
slavischen  Welt  unterzugehen  bestimmt  sind,  diese  Frage  läßt
sich  gegenwärtig  schwerer  denn  je  beantworten,  da  sie  auf  das
innigste  mit  einer  anderen  Frage  zusammenhängt,  mit  derjenigen ­
  nach  der  Zukunft  des  großen  Zarenreiches  überhaupt.  Der
        <pb n="62" />
        russische  Koloß  scheint  in  einer  gewaltigen  Krisis  begriffen  zu
'sein:  in  seinem  Innern  gährt  es  auf  das  bedenklichste,  sein
Verhältniß  zu  sämmtlichen  benachbarten  Staaten  ist  ein  gespanntes; ­
  was  schon  die  nächste  Zukunft  in  ihrem  Schoße  birgt,
wer  vermöchte  es  zu  wissen?  Wer  weiß  es,  ob  nicht  bald  Ereignisse ­
  eintreten  werden,  welche  die  Zukunft  in  einem  helleren
Lichte  erscheinen  lassen,  als  dieses  gegenwärtig  der  Fall  ist?
Gelingt  es  den  Deutsch-Russen  nicht,  ihre  Nationalität  zu  erhalten ­
  und  ihren  Einfluß  zu  Gunsten  des  gcsammten  Dcutschthums
in  erheblichem  Maße  zu  vermehren,  so  dienen  sie  offenbar  zu
nichts  anderem  als  zu  erneuter  Bestätigung  der  alten  traurigen
Wahrheit:  der  Deutsche  ist  der  schlimmste  Feind  des  Deutschen.
Deutsche  Fabrikanten  und  Werkführer  schädigen  durch  Förderung
-der  russischen  die  deutsche  Industrie,  deutsch-russische  Bauern
haben  nicht  unwesentlich  dazu  beigetragen,  daß  von  Seiten
Rußlands  unserer  Landwirthschaft  die  empfindlichste  Konkurrenz
bereitet  wird,  der  baltische  Adel  versorgte  von  jeher  die  Russen
mit  Generalen  und  Staatsmännern  Man  sollte  denken,  daß
diese  Verdienste  der  Deutschen  um  die  Hebung  der  Wohlfahrt
im  russischen  Reiche  von  den  Russen  gern  und  willig  anerkannt
würden.  Das  ist  jedoch  keineswegs  der  Fall;  der  Russe  haßt
den  Deutschen  im  Allgemeinen.  Das  mag  zum  Theil  auf  nationale ­
  Antipathie,  zum  Theil  auf  Neid  und  Mißgunst  zurückzuführen
  sein,  ein  Hauptgrund  für  den  Deutschenhaß  der  Russen ­
  liegt  offenbar  in  einer  wie  bei  ihnen  so  auch  anderswo
leider  häufig  vorkommenden  Begriffsverwirrung,  indem  die
durchaus  von  einander  verschiedenen  Begriffe  „Nationalität"
und  „Sprache"  mit  einander  verwechselt  werden.  Die  „Kölnische
.Zeitung"  äußert  sich  darüber  wie  folgt:  „Im  westlichen  und
südlichen  Rußland  ist  der  kleine  Mann  völlig  in  den  Händen
        <pb n="63" />
        61

der  Juden.  Da  aber  die  Juden  meistens  den  Rüsten  fremdklingende ­
  Namen  tragen  und  sich  oft  der  deutschen  Sprache,
allerdings  mit  einer  schrecklichen  Verunstaltung  derselben  bedienen, ­
  so  hält  sie  der  gemeine  Mann  für  Deutsche  oder  wenigstens ­
  für  den  Deutschen  verwandt  und  scheert  Juden  und
Deutsche  über  einen  Kamm.  Selbst  einigermaßen  gebildete
Russen  verrathen  dieses  dürftige  Unterscheidungsvermögen.  Es
braucht  wohl  kaum  erwähnt  zu  werden,  daß  jene  Umstände  von
den  Panslawisten  zur  Schürung  des  Deutschenhasses  ausgenutzt
werden."
        <pb n="64" />
        62

3)  Die  Deutschen  in  Rumänien.
Von  den  deutschen  Kolonien  Rumäniens  ist  vor  allen  derjenigen ­
  in  Bukarest  Erwähnung  zu  thun,  welche  —  die
Deutsch  -  Oesterreicher  selbstverständlich  einbegriffen  —  gegen
20,000  Seelen  zählt.  Die  Bukarester  deutsche  Gemeinde  besitzt
eine  Elementarschule,  einen  Fröbel'schen  Kindergarten,  eine  gute
Realschule.  In  dem  gewerblichen  und  industriellen  Leben  der
rumänischen  Hauptstadt  nehmen  die  Deutschen  einen  sehr  hervorragenden, ­
  wenn  nicht  den  ersten  Platz  ein.  Auch  in  anderen
Städten  Rumäniens,  namentlich  in  der  Walachei,  leben
zahlreiche  Deutsche,  welche  überall  ihre  heimische  Sprache  und
Sitte  treu  zu  bewahren  bedacht  sind.
Eigentliche  deutsche  Ackerbaukolonien  sind  wohl  nur  in  der
Dobrudscha  vorhanden,  wo  sie  schon  unter  der  türkischen
Herrschaft  existirten,  doch  scheinen  sie  gegenwärtig  leider  in
Auflösung  begriffen  zu  sein.  Von  den  deutschen  Kolonisier
dörfern  in  der  Dobrudscha  seien  genannt:  Atmadscha,  Tschuckorowa,
  Tarrewerde,  Koscholack  und  Anadolkoi;  die  drei  zuletzt  genannten ­
  liegen  in  der  Nähe  von  Küste  nd  sche,  wo  sich  ebenfalls ­
  einige  deutsche  Familien  niedergelassen  haben.  Unerträgliche ­
  Belästigungen  seitens  der  rumänischen  Behörden  veránlaßten
  eine  große  Zahl  dieser  deutschen  Kolonisten  sich  zur  Aus-Wanderung
  zu  entschließen,  und  einige  Familien  haben  diesen
Entschluß  auch  bereits  zur  Ausführung  gebracht.  Das  Benehmen ­
  der  Rumänen  diesen  Kolonisten  gegenüber  muß  Befremden
erregen,  da  sie  doch  vor  allen  Dingen  daraus  bedacht  sein
sollten,  die  noch  unbenutzten  reichen  Bodenschätze  ihres  fruchtbaren ­
  Landes  zu  heben  und  zu  verwerthen  und  demnach  alle
        <pb n="65" />
        63

diejenigen,  welche  ihnen  darin  behülflich  sein  können,  im  Lande
zu  halten  und  möglichst  zu  unterstützen.  Wer  wäre  aber  wohl
mehr  dazu  geeignet,  als  der  fleißige,  intelligente  deutsche  Bauer?
Freilich,  ihre  Verfassung  verbietet  den  Rumänen,  ihr  Land  durch
ein  anderes  als  durch  ein  Volk  lateinischer  Rafle  koloniflren
zu  lassen?  Sind  aber  etwa  die  Juden  lateinischer  Abkunft,
die  doch  einen  großen  wenn  nicht  den  größten  Theil  des  Grundbesitzes ­
  sowohl  wie  des  mobilen  Kapitals  schon  längst  in  ihren
Händen  haben?
Der  deutsche  Handel  nimmt  in  Rumänien  die  zweite  Stelle
ein,  er  folgt  unmittelbar  auf  den  englischen.  Er  ist  wesentlich
Einfuhrhandel  und  hob  sich  allein  im  Jahre  1886  um  80
Prozent.
Jedenfalls  ist  Rumänien  —  und  zwar  nicht  allein  seines
fruchtbaren  Bodens  wegen  —  ein  wirtschaftlich  außerordentlich
wichtiges  Land;  namentlich  ist  es  für  Deutschland  und  Oesterreich-Ungarn
  von  der  allergrößten  Bedeutung,  da  es  die  Mündung
des  wichtigen  Donaustromes  beherrscht.
        <pb n="66" />
        4)  Die  germanischen  Staaten  im  Westen
des  deutschen  Sprachgebietes.
Die  Schweiz.  Von  den  22  Kantonen  der  Schweiz  sind
folgende  15  von  einer  deutschsprechenden  Bevölkerung  bewohnt:
Zürich,  Bern  (ca  84  Prozent  deutsch,  16  Prozent  französisch),
Luzern,  Uri,  Schwyz,  Unterwalden,  Glarus,  Zug,
Solothurn,  Basel,  Schaffhausen,  Appenzell,
St.  Gallen,  Aargau,  Thurgau.  Ueberwiegend  französisch
sind  die  Kantone:  Freiburg,  Waadt,  Wallis,  Neuenburg,  Gens.
Jedoch  macht  auch  in  diesen  Kantonen,  der  sogenannten  französischen ­
  Schweiz,  das  deutsche  Element  einen  bedeutenden  Bruchtheil
  der  Bevölkerung  aus  und  ist  in  erfreulichem  Fortschreiten
begriffen;  besonders  in  den  Kantonen  Neuenburg  und  Genf
weicht  die  französische  Sprache  vor  der  deutschen  immer  mehr
zurück.  In  Waadt  ist  beinahe  ein  Zehntel,  in  Genf  überein
Zehntel,  in  Neuen  bürg  ungefähr  ein  Viertel  der  Bevölkerung
deutscher  Nationalität.  In  Freiburg  waren  im  Jahre  1880
neben  70.316  französisch  sprechenden  Personen  35,705  deutschsprechende,
  also  beinahe  die  Hälfte;  in  Wallis  waren  31,962
Deutsche  und  67,214  Franzosen.  Der  Kanton  Tessin  ist  so
gut  wie  vollständig  italienisch.  Nur  eine  Gemeinde  mit  ungegefähr
  80  Haushaltungen  ist  hier  vorhanden,  in  welcher  deutsch
gesprochen  wird;  es  ist  dieses:  die  nahe  an  der  italienischen
Grenze  gelegene  Gemeinde  Bosco.  Die  Deutschen  von  Bosco
wanderten  vor  ungefähr  600  Jahren  hier  ein  und  haben  in
dieser  langen  Zeit,  mitten  unter  den  Welschen,  ihre  Mutterspräche
  treu  bewahrt.  In  Graubünden  zählte  man  1880
neben  43,664  Deutschen  37,794  Romanen  und  12,976  Italiener.
        <pb n="67" />
        65

Die  eigenartigen,  nur  in  diesem  Kanton  gesprochenen  romanischen ­
  Mundarten  sind  stark  mit  deutschen  Worten  gemischt
und  werden  von  der  deutschen  Sprache  immer  weiter  zurückgedrängt. ­
  Die  gebildeten  „Romanschcn"  sprechen  nach  der  „Deutschen ­
  Post"  (1887  Heft  2)  ein  sehr  schönes  Deutschs  was  sich
von  den  eigentlich  deutschen  Schweizern  leider  nicht  sagen  läßt.
Rach  der  Zählung  von  1880  betrug  die  deutsche  Bevölkerung
  der  Schweiz  2,030,702,  die  französische  608,000,  die  italic-Nische
  161,023  und  die  romanische  38,705  Seelen;  über  70
Prozent  der  Gesammtbevölkerung  sind  also  deutsch.  Bon  sammtlichen
  in  der  Schweiz  gesprochenen  Sprachen  ist  nur  die  deutsche
im  Fortschreiten  begriffen.
Die  gesonderte  polische  Entwickelung  des  Schweizervolkes
hat  das  Gefühl  der  Zusammengehörigkeit  mit  den  Deutschen
im  Reiche  und  Oesterreich  vielfach  verwischt,  das  deutsche
Rationalbewußtsein  fast  vollständig  erstickt.  Ein  großer,  wenn
nicht  der  größte  Theil  der  deutschen  Schweizer  scheint  eher  von
allen  anderen  als  von  freundschaftlichen  Gefühlen  beseelt  auf
den  mächtigen  deutschen  Rachbarn  im  Norden  hinzublicken.
Trotzalledem  muß  anerkannt  werden,  daß  sie  stets  mit  großer
Zähigkeit  an  ihrer  deutschen  Muttersprache  festgehalten  haben
und  noch  festhalten.
Jeder  Deutsche  aus  dem  Reiche  pflegt  in  der  deutschen
Schweiz  mit  einer  gewissen  feindseligen  Geringschätzung  „Schwab"
genannt  zu  werden.  Die  guten  Leute  vergessen  dabei,  daß  in
ihren  eigenen  Adern  ein  gut  Theil  schwäbischen  Blutes  fließt.
Diejenigen  unter  ihnen  allerdings,  welche  dem  Franzosenthum
anhängen,  und  leider  scheint  deren  Zahl,  wenn  sie  auch  im  Abnehmen ­
  begriffen  sein  dürfte,  keine  geringe  zu  sein,  sind  entartete
verkommene  Söhne  des  edlen,  ruhmreichen  Schwabenstammes.
        <pb n="68" />
        66

Luxemburg.  Nach  der  Zählung  im  Jahre  1885  betrug
die  Bevölkerung  des  bekanntlich  durch  Personalunion  mit  Holland ­
  verbundenen  Großherzogthums  Luxemburg  213,283  Personen, ­
  von  denen  nach  Hübner's  geographisch-statistischen  Tabellen ­
  (Jahrg.  1888)  ungefähr  209.600  Deutsche  sind.  Trotzdem
also  die  Einwohner  des  Großherzogthums  durchweg  deutsch
reden,  ist  die  französische  Sprache  zur  Amtssprache  erhoben;  es
ist  traurig,  um  keinen  schlimmeren  Ausdruck  zu  gebrauchen,
daß  man  sich  derartiges  gefallen  läßt.  Nach  dem  Tode  des
gegenwärtigen  Großherzogs.  Königs  Wilhelm  III  der
Niederlande,  ist  Herzog  Adolf  von  Nassau  von  Rechts
wegen  zur  Thronfolge  berufen;  dann  wird  die  sogenannte
„luxemburgische  Frage"  ohne  Zweifel  wieder  auf  der  Bildfläche
erscheinen.  Die  Luxemburger  wollen  gern  auch  ferner  dem
deutschen  Zollverein  angehören,  sie  verabscheuen  jedoch  eine
Einverleibung  in  das  Deutsche  Reich.  Das  heißt  mit  andern
Worten:  sie  wollen  die  wirthschaftlichen  Vortheile  einer  engeren
Verbindung  mit  dem  großen  und  mächtigen  Deutschen  Reiche
behalten,  verschmähen  es  aber,  die  mit  denselben  verbundenen
Lasten  und  Pflichten  auf  sich  zu  nehmen  Derartige  Verhältnisse ­
  können  unmöglich  auf  die  Dauer  geduldet  werden.
Belgien.  Die  Bevölkerung  des  Königreiches  Belgien
scheidet  sich,  abgesehen  von  einer  verhältnißmäßig  geringen  Zahl
Deutscher  in  Flamländer  oder  Vlämen  und  Wallonen,
erstere  dem  germanischen,  letztere  dem  keltisch-romanischen  Stamm
angehörend.  Die  Abstammung  spiegelt  sich  auch  in  der  Sprache
wieder:  die  Wallonen  sprechen  einen  französischen  Dialekt,  während ­
  das  Vlämische  nur  in  unbedeutendem  Maße  von  dem
Holländischen  abweicht;  das  Vlämische  soll  für  einen  Norddeut
schen  noch  leichter  verständlich  sein  als  das  Holländische.
        <pb n="69" />
        67

Es  ist  übrigens  anzunehmen,  daß  den  Wallonen  mehr  germanisches ­
  Blut  beigemischt  ist  als  den  eigentlichen  Franzosen,  da
schon  seit  den  ältesten  Zeiten  in  Belgien  deutsche  Stämme  seßhaft ­
  waren.  Von  den  zu  seiner  Zeit  im  südlichen  Theile  des
heutigen  Belgiens  ansässigen  Nerviern  berichtet  Cäsar:
circa  affectationem  Gerraanicae  originis  ultro  ambitiös!  sunt,
tamquam  per  haue  gloriam  sanguinis  a  similitudine  et  inertia ­
  Gallorum  separentur,  d.  h.  sie  pochen  äußerst  eifrig  auf
ihre  deutsche  Herkunft,  als  ob  sie  durch  diesen  Ruhm  des
Blutes  von  der  Aehnlichkeit  und  Schlaffheit  der  Gallier  abgesondert ­
  würden.  Die  heutigen  Tages  im  südlichen  Belgien
wohnenden  Wallonen  jedoch  erkennen  gerne  die  Nachkommen
jener  Gallier  als  ihre  Stammesgenosien  an  und  hegen  die
freundschaftlichsten  Gefühle  für  sie.  Glücklicher  Weise  ist  kaum
V»  der  Bevölkerung  Belgiens  wallonisch;  die  übrigen  Bewohner
des  Landes  sind  Flamländer  und  Deutsche.  Von  den  5,910,000
Bewohnern  Belgiens  sprechen  ungefähr  59,100  keine  andere
Sprache  außer  der  deutschen;  verstanden  wird  dieselbe  jedoch
von  über  400,000  Personen.
Deutschsprechende  Belgier  bewohnen  vorzugsweise  die
Provinzen  Limburg  und  Luxemburg.  Die  deutsche  Sprachgrenze ­
  im  nordöstlichen  Belgien  folgt  nach  Andree's  Handatlas ­
  ungefähr  einer  Linie,  welche  von  Aachen  um  Tienen
herum  sich  in  der  Richtung  nach  Venloo  bewegt.  Die  Deutschen ­
  Belgiens  fühlten  sich  bereits  stark  genug,  um  der  Abgeordnetenkammer
  eine  Vorstellung  zugehen  zu  lassen,  in  welcher
die  facultative  Anwendung  der  deutschen  Sprache  im  Unterrichtswesen,
  sowie  vor  den  Gerichten  verlangt  wurde.  Die
Petition  ging  von  Bewohnern  der  Stadt  Arlon  in  der  Provinz ­
  Luxemburg  aus.
        <pb n="70" />
        68

Nach  dem  6.  Jahrgang  des  „Statistischen  Jahrbuches  für  das
Deutsche  Reich"  lebten  1885  in  Belgien  36,196  in  Deutschland
geborene  Personen;  jedoch  wird  die  wirkliche  Zahl  wohl  eine
größere  sein.  Eine  nennenswerthe  Anzahl  Deutscher  wohnt  in
Antwerpen;  die  Zahlenangaben  schwanken  zwischen  5000  und
16000.  Unter  den  Deutschen  Antwerpens,  wie  überhaupt  unter
den  dortigen  Fremden,  sollen  sich  recht  viele  zweifelhafte  Elemente ­
  befinden;  doch  ist  auch  ein  großer  Theil  der  angesehensten
Firmen  dieser  hochwichtigen  Handelsstadt  in  deutschen  Händen.
Fast  rein  vlämisch  sind  die  Provinzen  Ostflandern,
Antwerpen,  Westflandern  und  Limburg;  auch  in
Brabant  überwiegt  das  vlämische  Element  bedeutend.  Selbst
über  die  belgische  Grenze  hinaus,  bis  nahe  an  Calais  wird
die  vlamische  Sprache  verstanden.  Ein  Bericht  des  französischen
Generals  Faidherbe  vom  Frühjahr  1871  erwähnt  die  deutschfreundliche
  Gesinnung  der  „population  basse-allemande“  im
französischen  Departement  du  Nord.
An  dem  blutigen  Aufstand  gegen  die  Herrschaft  der  ihnen
so  nahe  verwandten  Holländer  im  Jahre  1830  nahmen  in  echt
germanisch'partikularistischer  Verblendung  auch  die  Flamländer
Antheil  und  zwar  mit  derselben  Begeisterung,  mit  derselben  Wuth
wie  die  Wallonen.  Als  dieser  Aufstand  dann  schließlich  zur
Gründung  des  neuen  Königreichs  Belgien  geführt  hatte,  maßten
sich  natürlicher  Weise  die  Wallonen  die  Oberherrschaft  in  demselben ­
  an,  welche  doch  nach  Bevölkerungsziffer  und  geschichtlicher
Vergangenheit  ohne  Zweifel  den  Flamländern  zugekommen  wäre.
Das  Französische  wurde  Hof-,  Amts-  und  Staatssprache,  die
urwüchsige  schöne  vlämische  Sprache  wurde  in  unverantwortlicher ­
  Weise  zurückgedrängt.  Selbstverständlich  ließen  sich  die
Flamländer  eine  solche  Zurücksetzung  nicht  gefallen;  es  entstand
        <pb n="71" />
        69

in  den  vlämischen  Provinzen  eine  mächtige  nationale  Bewegung
zum  Schutze  heimischer  Sprache  und  Art.  Von  den  Führern
dieser  Bewegung  seien  vor  Allen  genannt:  I.  F-  Willems
aus  Gent,  Hendrik  Conscience  und  der  Lyriker  Emanuel
Hiel.  Die  Bewegung  führte  im  Jahre  1868  zur  Gründung
eines  sich  bald  über  den  vlämischen  Theil  Belgiens  ausbreitenden
  Vereins,  welcher  sich  die  Pflege  und  Erhaltung  der  Muttersprache ­
  zur  Aufgabe  stellte,  des  dem  erwähnten  I.  F.  Willems
zu  Ehren  benannten  „Willems-Fonds."  Erst  als  nach  den
deutschen  Siegen  in  Frankreich  die  Wallonen  ihren  Rückhalt  an
dem  mächtigen  Kaiserreiche  Napoleons  III.  verloren  hatten,
konnten  die  Flamländer  einige  wenige  ihrer  wahlberechtigten
Forderungen  durchsetzen.  Die  vlämische  Sprache  nimmt  jedoch
noch  lange  nicht  die  ihr  in  Belgien  gebührende  Stelle  ein.
Es  darf  uns  Deutschen  keineswegs  gleichgültig  sein,  ob  in
dem  Nachbarstaate  Belgien,  welcher  sowohl  in  wirthschaftlicher
wie  in  militärischer  Beziehung  für  uns  von  der  größten  Bedeutung
  ist,  die  uns  durchaus  feindlich  gesinnten  Franzosen
oder  die  schon  durch  den  Gegensatz  zu  diesen  auf  uns  angewiesenen
  Flamländer  die  Oberhand  haben.  Ganz  abgesehen
davon,  daß  schon  das  natürliche  Gefühl  in  dem  Kampfe  zwischen
Flamländern  und  Wallonen  uns  die  Partei  ersterer  ergreifen
heißt,  würden  sehr  nahe  liegende  politische  Gründe  es  empfehlen,
dem  Willems-Fonds  auch  in  Deutschland  die  kräftigste  Unterstützung
  angcdeihen  zu  lasien.  Mögen  auch  manche  Vlämcn
eine  gewisie  Abneigung  gegen  das  Teutschthum  empfinden,  zu
welcher  jedenfalls  der  unglückselige  religiöse  Zwiespalt  —  der
Flamländer  ist  im  Allgemeinen  streng  katholisch  —  und  der
leidige  „Kulturkampf"  ihr  Theil  beigetragen  haben,  so  besitzen
wir  doch  ohne  Zweifel  sehr  viele  und  sehr  einflußreiche  Freunde
        <pb n="72" />
        70

unter  ihnen.  Der  vielgefeierte  Hendrik  Conscience  war  ein
warmer  Verehrer  unseres  Volkes  und  von  den  Gesinnungen
des  berühmten  vlämischen  Dichters  Emanuel  Hiel  geben  dessen
„Lieder  an  Deutschland"  hinreichend  Zeugniß.  Von  einem
dieser  Lieder,  einem  Dankeslied  für  die  Siege  der  Deutschen  in
den  Jahren  1870/71,  seien  hier  einige  Verse  hergesetzt,  da  sie
für  die  Auffassung  des  vlämischen  Dichters  und  mancher  seiner
Stammesgenossen  charakteristisch  sind:
Hoe 1  zullen  wij  u 2  *  danken,  o  Duitsche  Broederschaar
Gij  '  die  door  moedig  kanipen  ons  reddet  van’t  gevaar
Der  Fran  sehe  rooverbenden,  die  van  Germaniens  Rijn
En 4  ook  der  Maas,  der  Schelde  de  Meesters  wilden  zijn?
Ach,  gij  die  werdt  gebroken,  verscheurd, 5  ter  dood
gewond
Ach,  gij  die  ligt  hegraven  in  vreemden  Franschen  grond
Hoe  zullen  wij  u  danken?  —  wan’t 0  door  uw  heldendood
Verlostet 2  gij  ook  Viaandren  uit  dwang,  gevaar  en  nod.
1)  wie,  2)  euch,  3)  ihr,  4)  und,  5)  zerrissen.  6)  denn,  7)
erlöstet.
(Das  Gedicht  ist  einem  in  der  „Teutschen  Post"  (1887,
Heft  11/12)  erschienenen  Aufsatze  des  Dr.  Vormeng  über  die
vlämische  Bewegung  entnommen).
Holland.  Die  Holländer  sind  Abkömmlinge  von  drei  urdeutschen
  Stämmen,  den  Sachsen,  Friesen  und  Franken.
Wie  es  von  echten  Germanen  nicht  anders  zu  erwarten  ist,
stehen  sie  ihren  deutschen  Stammesgenossen  feindlicher  gegenüber
als  irgend  einer  fremden  Nation.  „Leelijke  Mos"  ist  die  gewöhnliche ­
  Bezeichnung  für  den  Deutschen,  während  dieser  wieder
den  Holländer  mit  „Kaaskop"  zu  rcgaliren  pflegt.  Ter  noch
        <pb n="73" />
        71

vor  Kurzem  in  Holland  sehr  rege  Argwohn  gegen  den  mächtigen
deutschen  Nachbarn  soll  übrigens  in  letzter  Zeit  dem  rückhaltlosen
  Vertrauen  aus  dessen  Gerechtigkeitssinn  so  gut  wie  vollständig ­
  Platz  gemacht  haben;  ja,  es  werden  drüben  bereits
Stimmen  laut,  welche  einen  näheren  Anschluß  an  Deutschland
als  in  beiderseitigem  Interesse  liegend  erachten.  Man  weiß
recht  wohl,  daß,  wenn  der  offenkundige  Herzenswunsch  der
Franzosen,  die  Erwerbung  des  linken  Rheinufers,  in  Erfüllung
gehen  sollte,  nicht  allein  Deutschland  und  Belgien,  sondern  auch
Holland  darunter  zu  leiden  haben  würde.  Indeß  nicht  nur  rein
politische,  sondern  vor  allen  Dingen  auch  wirthschaftliche  Gründe
lassen  einen  solchen  Anschluß  beiderseits  als  wünschenswerth
erscheinen,  worauf  bereits  der  unvergeßliche  Justus  Möser
in  seinen  „Patriotischen  Phantasien"  mit  Nachdruck  hingewiesen
hat.  Friedrich  List  nennt  Holland  bezeichnender  Weise  einen
der  „großen  Brückenköpfe"  des  deutschen  Zollvereins.
Das  „Statistische  Jahrbuch  für  das  Deutsche  Reich"  (Sechster
Jahrgang  1885)  giebt  42,026  im  Deutschen  Reiche  geborene
Personen  für  die  Niederlande  an;  doch  wird  die  wirkliche  Zahl
sicherlich  eine  beträchtlich  höhere  sein.  Besonders  in  Rotterdam
leben  zahlreiche  Landsleute.  Der  dortige  ..Deutsche  Bürgerverein"
giebt  seit  Kurzem  ein  eigenes  Blatt,  die  „Deutsche  Bürgerzeitung",
heraus.  Derselbe  Verein  beabsichtigt  nach  der  „Deutschen  Post
die  Einrichtung  einer  deutschen  Schule;  ferner  ist  die  Begründung
einer  Bibliothek,  einer  Abend-  und  Sonntagsschule  für  Handwerkcc
  und  Arbeiter  und  die  regelmäßige  Abhaltung  von  deutschen ­
  Vorlesungen  beschlossen  worden.
        <pb n="74" />
        72

5)  Die  Deutschen  in  England.
Für  die  Erhaltung  des  Deutschthums  in  England  brauchen ­
  wir  uns  eben  nickt  sonderlich  zu  erwärmen;  im  Gegentheil
dürfen  wir  wohl  wünschen,  daß  ein  großer  Theil  der  in  diesem
Lande  ansässigen  Deutschen  so  schnell  wie  möglich  seine  Nationalität
  ablegt  und  zum  Britenthume  übergeht.  Dennoch  ist
dem  Deutschthume  in  England,  welches  uns  schon  der  Zahl
seiner  Repräsentanten  wegen  Interesse  abnöthigt.  eine  gewisse
politische  Bedeutung  nicht  abzusprechen,  da  es  ohne  Zweifel  aus
die  Verkehrsverhältnisse  und  die  Wechselbeziehungen  zwischen
zweien  der  größten  Nationen  der  Welt  in  mannichfacher  Weise
gestaltend  einwirkt.
Die  Zahl  sämmtlicher  Deutscher  in  Großbritannien  wird
auf  200,000  veranschlagt,  wenngleich  das  „Statistische  Jahrbuch
für  das  Deutsche  Reich"  (6.  Jahrgang  1885)  für  das  ganze
vereinigte  Königreich  nur  40,371  im  Deutschen  Reiche  geborene
Personen  angiebt.  Der  große  Sammelpunkt  der  Deutschen  in
England  ist  London,  und  wenn  von  dem  Deutschthum  in
Großbritannien  die  Rede  ist,  so  ist  vorzugsweise  das  Deutschthum
  in  London  darunter  zu  verstehen.  Die  Zahl  der  Deutscheu
  in  London  wird  ganz  verschieden  angegeben:  von  40,000
bis  zu  120,000.  Wer  auch  nur  in  oberflächlicher  Weise  das
Londoner  Leben  kennen  gelernt  hat,  wer  da  gesehen  hat,  wie
die  Deutschen  in  der  Riesenstadt  keineswegs  verschwinden  sondern
  überall  anzutreffen  sind,  ja  einigen  Stadttheilen  sogar  ein
gewisses  Gepräge  verleihen,  der  wird  entschieden  die  letztgenannte
größere  Zahl  als  der  Wahrheit  näher  kommend  erachten.
Die  deutsche  Kolonie  in  London  zählt  freilich  recht  viele
        <pb n="75" />
        73

reiche  Kaufleute  und  wohlhabende  Gewerbetreibende  zu  den  ihrigen; ­
  die  bei  Weitem  überwiegende  Mehrzahl  unserer  dortigen
Landsleute  gehört  jedoch  leider  der  ärmeren  Klaffe  der  Bevölkerung ­
  an.  Der  Berufsart  nach  sind  die  Deutschen  Londons
vorwiegend  Kellner  und  Hotelbedienstete,  Bäcker,  Handlungsbeflissene. ­
  Musiker,  Sprachlehrer,  Uhrmacher,  Friseure,  Kürschner,
Schneider,  sonstige  Arbeiter  und  schließlich  —  leider  nicht  in
allzu  geringer  Anzahl  —  unverbefferliche  Bummler.  Groß  ist
die  Anzahl  der  deutschen  Restaurants,  welche  jedoch  durchaus
nicht  allein  von  Deutschen  besucht  werden;  die  deutschen  Restaurants ­
  zeichnen  sich  im  Allgemeinen  durch  größeren  Comfort,
sowie  durch  die  Mannigfaltigkeit  und  Vorzüglichkeit  der  verabreichten ­
  Speisen  und  Getränke  vor  den  englischen  aas.  Deutsche
Kellner  sind  keineswegs  allein  in  den  deutschen  Restaurants  zu
finden;  nicht  minder  trifft  man  sie  in  fast  allen  größeren  und
defieren  englischen  Hotels  und  Restaurants  an.  Wegen  ihrer
Gewandtheit,  Sauberkeit  und  Anstelligkeit  werden  sie  überall
ihren  englischen  Kellegen  vorgezogen.  Das  deutsche  Lagerbier
erfreut  sich  trotz  seiner  meistens  schlechten  Qualität  auch  bei  dem
englischen  Publikum  einer  steigenden  Beliebtheit;  sogar  in  vielen
  echt  englischen  „publie  bouses"  gelangt  es  bereits  zum  Ausschaut.
  Die  große  Tottenham  Lagerbier-Brauerei  wird  von
Deutschen  geleitet  und  verwendet  ausschließlich  deutsche  Arbeiter.
Nächst  dem  Gewerbe  der  Kellner  ist  wohl  dasjenige  der  Bäcker
am  zahlreichsten  vertreten  unter  den  Deutschen  Londons.  Ungefähr ­
  die  Hälfte  sämmtlicher  in  London  vorhandener  Bäcker-Meister
  sind  Deutsche,  und  diese  beschäftigen  wiederum  fast  ausnahmslos
  deutsche  Gesellen.  Was  die  deutschen  Kaufleute  in
London  anbetrifft,  so  beschäftigen  nach  der  „Times  Prozent
der  bedeutenderen  Firmen  der  City  als  Korrespondenten  Aus-
        <pb n="76" />
        74

länder,  die  fast  sämmtlich  Deutsche  sind,  und  stehen  die  übngen
  65  Prozent  im  Begriff,  diesem  Beispiele  zu  folgen.  Natürlicher
  Weise  sind  die  englischen  „clerks"  nicht  besonders  gut
zu  sprechen  auf  ihre  deutschen  Kollegen,  welche  ihrer  bessern
Sprachkenntnisse  wegen  ihnen  vorgezogen  werden.  Tie  Pflege
der  Musik  ist  fast  gänzlich  den  Deutschen  überlassen:  auch  die
Musiklehrer  sind  zum  überwiegenden  Theile  unsere  Landsleute.
Keine  besondere  Ehre  machen  indeß  der  deutschen  Musik  die  sogenannten
  „German  bands",  deren  Erscheinen  nach  dem  Volksmunde
  Regen  erwarten  läßt;  es  sind  Banden  vagabuudirender
Spielleute,  welche  die  ganze  britische  Insel  durchpilgern,  mit
Vorliebe  sich  jedoch  in  der  Hauptstadt  aufhalten.  Auch  in  der
englischen  Malerei  macht  sich  deutscher  Einfluß  in  hervorragendem
  Maße  geltend,  wie  überhaupt  in  vielen  Dingen,  zu  deren
Pflege  künstlerischer  Geschmack  und  Schönheitssinn  erforderlich
sind,  deutsche  Hülfe  in  Anspruch  genommen  wird.  So  werden
die  bei  Hoffestlichkeiten,  insbesondere  bei  den  sogenannten  „Drawing ­
  rooms",  von  den  vornehmen  englischen  Damen  getragenen
prachtvollen  Blumensträuße  ausschließlich  von  deutschen  Händen
gewunden.
Zur  Ehre  gereichen  den  Deutschen  Londons  die  wählt  häti
  gen  Anstalten,  in  welchen  hülfsbedürftige  und  kranke
Landsleute  flute  Aufnahme  finden;  besonders  erwähnenswerth
ist  unter  diesen  das  „Deutsche  Hospital"  in  Dalston.
Deutsche  Kirchen  giebt  es  zehn,  neun  protestantische  und  eine
katholische;  außerdem  noch  einige  deutsche  Methodisten-Kapcllen.
Zwei  oder  drei  deutsche  Zeitungen  erscheinen  in  London;  sie
sind  jedoch  sämmtlich  ohne  Belang.  Als  die  bedeutendste  gilt  die  von
Kinkel  gegründete  „LondonerZcitungHermann",  welche  einen  veralteten, ­
  nunmehr  fast  kindisch  zu  nennenden  Radikalismus  vertritt.
        <pb n="77" />
        Sehr  zahlreich  sind  die  deutschen  Klubs  und  Vereine.
Ter  vornehmste  deutsche  Klub  ist  der  „Teutsche  Verein  sür  Kunst
und  Wissenschaft"  in  Mortimer  Street,  auch  „German  Athenaeum“ ­
  genannt.  Zu  den  besten  deutschen  Vereinen  zählt  un»
streitig  der  „Deutsche  Turnverein",  von  dessen  1000  Mitgliedern
jedoch  nur  ungefähr  300  Deutsche  sind.  Von  der  Vaterlandsliebe
  dieser  deutschen  Mitglieder  des  Turnvereins  zeugt  die  Thatsache, ­
  daß  aus  seiner  Mitte  eine  Abtheilung  London  der  früheren
  „Gesellschaft  für  deutsche  Kolonisation"  gegründet  wurde,
welche  als  Abtheilung  der  nunmehrigen  „Deutschen  Kolonialgesellschaft" ­
  noch  jetzt  besteht.  Die  meisten  der  von  den  weniger ­
  gebildeten  Elementen  besuchten  deutschen  Klubs  —  und  diese
machen  leider  die  ungeheure  Mehrzahl  aus  —  gereichen  dem
deutschen  Namen  wenig  zur  Ehre.  Statt  Stätten  zu  sein,  in
denen  das  deutsche  Nationalbewußtsein  eine  Stütze  und  Pflege
findet,  tragen  sie  fast  ausnahmslos  das  Gepräge  eines  schwächlichen,
  verächtlichen  Kosmopolitismus.  Dafür  zeugt  schon  die
auf  den  ersten  Blick  eigenartig  erscheinende  Thatsache,  daß  vielen
  dieser  Klubs  auch  Franzosen  angehören  und,  was  das  allertraurigste
  ist.  trotz  ihrer  Minderzahl  oft  eine  tonangebende  Rolle
in  denselben  spielen.  Wahrlich,  man  möchte  geneigt  sein,  anzunehmen,
  daß  in  den  Adern  der  entarteten  Deutschen,  die  fich
derartiges  gefallen  lafien  —  auch  ihr  Acußeres  scheint  übrigens
darauf  hinzudeuten  -  kein  Tropfen  edlen  germanischen  Blutes
fließt,  daß  sie  vielmehr  eines  Stammes  sind  mit  jenen  ihnen  so
sympathischen  sansculottes.  Hasardspiele  und  wüste  Vergnügungen
  sind  in  zahlreichen  der  niedrigen  deutschen  Klubs  an
der  Tagesordnung.  Will  man  diese  beklagenswerthen  Erscheinungen
  richtig  beurtheilen,  so  darf  man  nicht  außer  Acht  lassen,
daß  ein  leider  nicht  kleiner  Theil  der  Teutschen  Londons  aus
        <pb n="78" />
        76

notorischen  Verbrechern  und  zweifelhaften  Subjekten  besteht,
denen  in  der  Heimath  der  Boden  zu  heiß  unter  den  Füßen
ward.  Deutsche  Prostituirte  durchschwärmen  die  großen  Verkchrsstraßen
  des  Westens,  namentlich  Regent  Street,  Oxford
Street  und  Strand;  deren  Zuhälter,  die  meistens  aus  Berlin
stammen  sollen,  besitzen  ihre  eigenen  Klubs.  Die  gefährlichsten
und  verdammenswerthesten  der  in  London  weilenden  Verbrecher
deutscher  Herkunft  sind  jedoch  ohne  Zweifel  die  Anarchisten,
denn  diese  sind  nicht  allein  Verbrecher  aus  Leidenschaft,  sondern
zugleich  Verbrecher  aus  Prinzip.  Ihre  Klubs,  in  welchen  die
unsagbarsten  Verbrechen  geplant  wurden,  wie  das  Reinsdorf'sche
Attentat,  der  Mord  des  Polizeiraths  Rumpf  u.  s.  w.,  sind  am
richtigsten  als  Mördergruben  zu  bezeichnen.  Es  kann  übrigens
für  jeden  unparteiisch  Urtheilenden  wohl  kein  Zweifel  darüber
bestehen,  daß  solche  Zustände  der  deutschen  Nation,  welche  derartige ­
  Elemente  ausgeschieden  hat,  weit  weniger  zur  Schande
gereichen,  als  der  englischen,  welche  sie  duldet.  Die  führenden
anarchistischen  Klubs  scheinen  folgende  drei  zu  sein:  der  Whitfteldklnb,
  von  dem  die  erwähnten  scheußlichen  Verbrechen  ausgingen,
  der  Klub  Antonomie  mit  beni  schändlichen  Peukert  an
der  Spitze  und  der  City-Klub  in  Finsbury,  dessen  ,.manager"'
der  berüchtigte  Daubenspcck  ist.  Letztgenannter  Klub  soll  zugleich ­
  eine  Spielhölle  schlimmster  Art  sein.  Auch  die  Sozialdemokraten, ­
  deren  es  unter  den  Deutschen  Londons  eine
traurig  große  Zahl  giebt,  scheinen  hier  den  wahnwitzigen  Lehren
des  Anarchismus  mehr  als  anderswo  zugethan  zu  sein;  wie
überall  so  war  auch  hier  die  Sozialdemokratie  die  Mutter
des  Anarchismus.  Rach  der  im  Jahre  1887  bei  Neufeld  &amp;amp;
Mehring  in  Berlin  erschienenen  Broschüre  „Der  Anarchismus
und  seine  Träger"  unterscheidet  sich  der  sozialdemokratische
        <pb n="79" />
        77

„Kommunistische  Arbeiter-Bildungsverein"  in  Tottenhamstreet
in  seinen  Bestrebungen  fast  gar  nicht  von  den  anarchistischen
Klubs.  „Ja,  er  steht  zu  einem  jeden  derselben,  die  sich  unter
einander  bitter  befehden,  in  freundschaftlichem  Verhältniß,  bezeichnet
  sich  auch  als  11.  Sektion  des  Kommunistischen  Arbeiter-Bildungsvereins,
  während  der  anarchistische  Klub  in  Whitfieldstreet
  (der  erwähnte  Whitsieldklub)  als  1.  Sektion  und  die
„Morgenröthe"  als  111.  Sektion  bekannt  sind.  Sie  sind  eben
alle  drei  aus  dem  von  Karl  Marx.  Scherzer  und  Engels  im
Jahre  1848  gegründeten  „Kommunistischen  Arbeiter-Bildungsverein"
  hervorgegangen."  Arbeiter-Bildungsverein  l  Welcher
Hohn  l  Es  mag  hier  festgenagelt  werden,  daß  ein  Herr  Leopold
Kätscher  in  seinem  bei  Reclam  erschienenen  Büchlein  „Aus  England", ­
  nachdem  er  mit  Recht  hervorgehoben  hat.  daß  traurig
viele  der  Deutschen  Londons  durch  Mangel  an  Arbeit  und  Brot
getrieben  in  das  Verbrecherthum  versinken  und  so  das  Ansehen
des  deutschen  Namens  empfindlich  schädigen,  wörtlich  fortfährt:
„Der  gut  organisirte  und  groß  angelegte  kommunistische  Arbeitcr-Bildungsverein
  zieht  viele  eingewanderte  Deutsche  an  sich;,
allein  kann  er  indeß  auch  nicht  helfen."  Wenn  die  Engländer
den  Deutschen  vorwerfen,  die  englischen  Arbeiter  mit  den  sozialrevolutionären
  Ideen,  welche  ihnen  vordem  gänzlich  fremd  waren,
  bekannt  gemacht  zu  haben,  so  kann  man  ihnen  mit  vollem
Recht  entgegenhalten:  Warum  gewährt  ihr  den  schurkischen
Verfechtern  jener  gefährlichen  Ideen  ein  Asyl?
Unleugbar  herrscht  in  weiten  Kreisen  der  englischen  Gesellschaft,
  besonders  in  den  mittleren  und  unteren  Schichten,  Haß
und  Erbitterung  gegen  Alles,  was  deutsch  heißt.  Zum  Theil
mag  dieses  von  der  steigenden  Konkurrenz  herrühren,  welche
Deutschland  dem  englichen  Welthandel  macht,  zum  Theil  -  so-
        <pb n="80" />
        78

weit  es  den  Arbeiterstand  betrifft  ausschließlich  -  hat  es  seinen
Grund  im  Brodneid  gegen  die  in  London  eingewanderten
Deutschen.  Dazu  kommt  das  deutsche  Verbrecherthnm  und  die
wohlbekannte  Thatsache,  daß  viele  Führer  der  aufrührerischen
englischen  Sozialistenpartei  deutscher  Herkunft  sind  oder  wenig-Itens
  aus  Deutschland  herstammen.  Ilm  den  Deutschen  Londons
vollkommen  gerecht  zu  werden,  dürfen  wir  jedoch  nicht  verschweigen,
  daß  der  englische  Pöbel  sämmtliche  Ausländer,  die
nicht  Franzosen  und  Italiener  sind,  mit  dem  Sammelnamen
„Germans“  zu  bezeichnen  pflegt.  Insbesondere  findet  diese  Be-Zeichnung
  auch  Anwendung  aus  die  vielen,  in  den  letzten  Fahren
zugewanderten  russischen  und  polnischen  Juden;  so  wird  die
meistens  berechtigte  Abneigung  gegen  jenes  Gesindel  unberechtigter ­
  Weise  auf  unsere  Landsleute  übertragen.  Das  kam  so
recht  gelegentlich  des  bekannten  Prozesses  Lipski  zum  Vorschein.
Diese  allerdings  durchaus  unentschuldbare,  eine  gehörige  Portion
Dummheit  verrathende  Verwechselung  erklärt  sich  offenbar  daraus,
  daß  die  russisch-polnischen  Juden  ein  mit  zahlreichen  deutschen
  Brocken  gemischtes  Kauderwelsch  reden  und  häufig  aus
deutschen  Worten  zusammengesetzte  Namen  führen,  wie  ja  Jedermann
  bekannt  ist.  Eine  gewisse  Geringschätzung  bei  Fremden
muß  offenbar  auch  der  auffallende  Mangel  an  Geistes-  und
Herzensbildung  hervorrufen,  den  viele  Deutsche  Londons,  namentlich
  deutsche  Emporkömmlinge,  dadurch  an  den  Tag  legen,
daß  sie,  wie  unser  Reichskanzler  sich  so  treffend  ausdrückte,
ihre  Nationalität  wechseln  wie  einen  alten  Nock,  daß  sie  in
ebenso  dummer  wie  verächtlicher  Weise  ihr  Vaterland  verleugnen
und  nun,  wie  es  bei  Renegaten  üblich  ist,  weidlich  auf  die  heimischen
  Zustände  schimpfen,  vielleicht  um  dadurch  sich  das  Geşiihl
  der  eigenen  Erbärmlichkeit  auszureden.  Dr.  Karl  Peters
        <pb n="81" />
        hat  in  einem  seiner  unter  dem  Titel  „Deutsch-national  erschienenen ­
  kolonialpolitischen  Aufsätze  solche  Karrikaturen  mit
vortrefflichen  Strichen  gezeichnet.  Keineswegs  soll  jedoch  diejenigen ­
  achtungswerthen  Männer  ein  Tadel  treffen,  welche,  durch
seltsame  Fügung  des  Schicksals  geleitet,  sich  in  England  ein
neues  Heim  gründeten  und  nunmehr  ihrem  Adoptiv-Vaterlande,
in  dem  sie  ihr  Glück  fanden,  eine  aufrichtige  Liebe  entgegenbringen.

Alles  in  Allem  genommen,  ist  es  nicht  zu  leugnen,  daß
das  Deutschthum  in  London  manche  sehr  häßliche  Seiten  darbietet.
  Es  berührt  uns  freilich  wenig,  wie  die  Engländer  über
uns  denken,  doch  ist  es  immerhin  erfreulich  zu  sehen,  daß  es
auch  unter  ihnen  Leute  giebt,  welche  hinreichende  Bildung  besitzen,
  um  das  Deutschthum  überhaupt  nicht  nach  dem  Deutschthum
  in  London  zu  beurtheilen.
        <pb n="82" />
        80

Aie  Deutschen  in  Nordamerika,  Wittelamerika ­
  und  Westindien.
Vereinigte  Staaten  von  Nordamerika.  Die  wich.
tigsten  aller  überseeischen  deutschen  Ackerbaukolonien  sind  die
nordamerikanischen,  denn  Nordamerika  ist  das  Land,
in  welches  der  Strom  der  deutschen  Auswanderung  sich  von
jeher  vorzugsweise  —  in  den  letzten  15  Jahren  gingen  ungefähr
Ä6,5  %  aller  deutschen  Auswanderern  dorthin  —  ergossen  hat.
Die  Verbreitung  des  Deutschthums  in  der  großen  Nordamerika»
nischen  Republik  ziffermäßig  genau  festzustellen  ist  unmöglich.
Der  letzte  Zensus,  derjenige  von  1880,  giebt  nur  diejenigen
Angehörigen  unserer  Nation  an.  welche  im  Gebiete  des  Deutschen
  Reiches  geboren  sind  und  das  amerikanische  Bürgerrecht
erworben  haben.  Es  fehlen  also  nicht  allein  die  in  Oesterreich
und  der  Schweiz  geborenen  Deutsch-Amerikaner,  sondern  auch
die  zahlreichen  in  Amerika  wohnenden  Bürger  des  Deutschen
Reiches,  sowie  die  noch  weit  zahlreicheren  Nachkommen  früherer
Einwanderer,  welche  ihrer  angestammten  Nationalität  treu  geblieben
  sind.  Nichtsdestoweniger  sind  wir  gezwungen,  unseren
Ausführungen  den  Zensus  von  1880  zu  Grunde  zu  legen  und
im  Uebrigen  uns  auf  die  ungefähren  Schätzungen  landeskundiger
Männer  zu  verlassen.
Die  ältesten  Sitze  des  Deutschthums  in  Amerika  sind  die
Staaten  New-Uork  und  Pensylvanien.  Der  Staat  New-Uork
  beherbergt  auch  jetzt  noch  von  allen  Staaten  der  Union
die  größte  Anzahl  im  Deutschen  Reiche  geborener  Personen
nach  dem  letzten  Zensus  335,913,  von  denen  allein  auf  die
        <pb n="83" />
        81

Stabt  New-  Aork  mit  Brooklyn  218,821  kommen.  Tie
Zahl  sämmtlicher  Angehöriger  der  deutschen  Nation  ist  jedoch
auf  mehr  als  das  Doppelte  zu  schätzen.  Der  prozentuale  Antheil
  der  Deut  chen  an  der  Bevölkerung  der  Stadt  New-Aork
würde  demnach  etwa  28  "/o  betragen.  Bon  sonstigen  Zentren
deutschen  Lebens  im  Staate  New-Aork  ist  zu  nennen  Buffalo
mit  25,543  eingewanderten  Deutschen,  ferner  Rochester,  Albany,
Syracuse  u.  s.  m.  Auch  in  dem  benachbarten  Staate  New-Jersey
  macht  das  Deutschthum  einen  nicht  unbedeutenden
Bruchtheil  der  Bevölkerung  aus,  besonders  in  den  Städten
Newark  und  Jersey-City.
In  Pennsylvanien  lebt  freilich  eine  geringere  Anzahl
ein  gewanderter  Deutscher,  als  in  New-Hork,  Illinois,  Ohio
und  Wisconsin;  an  Zahl  der  Deutschen  überhaupt  überragt
jedoch  Pennsylvanien  noch  immer  sämmtliche  übrigen  Staaten
der  Union.  Die  pennsylvanischen  Deutschen,  deren  Gesammtzahl
  auf  über  lV*  Millionen  angeschlagen  wird,  bilden  den
Haupttheil  der  Bevölkerung  der  schönsten  Gegenden  des  Staates,
wie  der  Thäler  des  Schuylkill,  des  Lehigh,  des  Swatara,  des
Conestoga,  des  Codorus,  des  Susquehanna,  und  der  Lebanon-
  und  Cumberlaudthäler.  Die  Nachkommen  der  älteren
deutschen  Kolonisten  sprechen  einen  eigenartigen,  aus  schwäbischdeutschen ­
  und  englischen  Bestandtheilen  gemischten  Dialekt,  das
sogenannte  „Pennsylvania  dutch.“  Auch  durch  eine  besondere
Tracht  unterscheidet  sich  ein  Theil  der  pennsylvanischen  Deutschen ­
  noch  immer  von  den  Aankees.  Doch  scheint  leider  die
jüngere  Generation  sich  diesen  immer  mehr  zu  assimiliren  und
die  von  den  Bätern  bewahrten  deutschen  Sitten  und  Gewöhnheilen
  mit  der  deutschen  Sprache  über  Bord  zu  werfen.  In
Philadelphia  besinden  sich  über  100,000.  zum  großen
        <pb n="84" />
        82

Theile  ben  ersten  Ständen  angehörige  Deutsche,  nach  dem  letzten
Zensus  allein  55,679  im  Deutschen  Reiche  Geborene.  Die
Philadelpbier  „Deutsche  Gesellschaft  von  Pennsylvanien  zum
Schutze  deutscher  Einwanderer",  gegründet  am  25.  Dezember
1764,  ist  die  älteste  der  zahlreichen,  in  den  Vereinigten  Staaten
bestehenden  Gesellschaften  derselben  Tendenz  und  wurde  das
Vorbild  der  übrigen.  Außer  Philadelphia  sind  Pitts  bürg
und  Alleghany-City  als  Städte  zu  nennen,  in  welchen
das  deutsche  Element  zu  bedeutendem  Einflüsse  gelangte.
Auch  nach  dem  nahen  M  a  r  y  l  a  n  d  wandten  sich  früh
deutsche  Einwanderer,  was  sehr  erklärlich  ist.  da  vor  dem  Aufblühen ­
  New  -Vorks  Baltimore  nächst  Philadelphia  der
wichtigste  Einwanderungshafen  Amerikas  war.  Der  letzte  Zensus
giebt  in  Baltimore  34,051  in  Deutschland  geborene  Personen
an.  Einige  in  dieser  Stadt  blühende  Industriezweige,  wie  namentlich ­
  die  Pianofortefabrikation,  liegen  ganz  in  den  Händen
der  Deutschen.
Von  New-Pork  und  Pennsylvanien  breitete  sich  die  deutsche
Ansiedelung  über  die  ganze  Union  aus,  so  daß  jetzt  kein  Staat
derselben  da  ist,  in  welchem  nicht  wenigstens  einige  deutsche
Niederlassungen  vorhanden  wären.  Am  meisten  wurden  jedoch
von  den  deutschen  Einwanderern  die  westlich  und  nordwestlich
von  Pennsylvanien  gelegenen  Staaten  aufgesucht,  während  sie
Neuengland  —  eine  Ausnahme  bildet  Boston,  wo  eine
ansehnliche  deutsche  Kolonie  besteht  —  fast  unberührt  ließen.
Die  Staaten  Ohio,  Indiana,  Kentucky.  Illinois,
Missonri,  Kansas.  Nebraska,  Iowa,  Michigan,
Wisconsin.  Minnesota  bilden  ein  großes,  zusammenhängendes ­
  Wirthschaftsgebiet,  in  welchem  das  Deutschthnm  durch
die  Zahl  seiner  Angehörigen  und  durch  die  Ausdehnung  des
        <pb n="85" />
        83

von  denselben  erworbenen  Grundbelches  eine  äußerst  hervorragende ­
  Stellung  einnimmt.  In  Wisconsin  und  Minnesota ­
  hatte  das  deutsche  Element  Mitte  dieses  Jahrhunderts  sogar
  ein  entschiedenes  Uebergewicht  über  das  angelsächsische  erlangt; ­
  durch  die  Zuwanderung  zahlreicher  Yankees  aus  den
östlichen  Staaten  und  besonders  durch  beklagenswerthen  Mangel
an  nationalem  Sinn  büßten  unsere  Landsleute  leider  ihre  dominirende
  Stellung  wieder  ein.  Noch  immer  aber  ist  Wisconfin
  derjenige  Staat,  in  welchem  der  prozentuale  Antheil
des  Deutschthums  an  der  Gesammtheit  der  Bevölkerung  der
größte  ist,  und  Milwaukee  die  deutscheste  aller  namhaften
Städte  Amerikas.  In  dieser  am  Michigansee  anmuthigst  gelegenen ­
  Stadt  spielen  die  Deutschen,  welche  mehr  als  die  Hälfte
der  Bevölkerung  ausmachen,  die  weitaus  hervorragendste  Rolle;
hier  giebt  es  deutsche  Theater,  deutsche  Konzerte,  deutsche  Biergärten,
  deutsche  Vereine  der  verschiedensten  Art,  hier  halten  die
Deutschen  fester  zusammen,  als  in  irgend  einer  anderen  amerikonischen
  Stadt  von  gleicher  Größe.  Von  den  sonstigen  großen
Zentren  deutschen  Lebens  in  der  genannten  westlichen  Staatengruppe
  dürfen  nicht  unerwähnt  bleiben:  Tintinnati  in
Ohio.  Chicago  in  Illinois.  St.  Louis  in  Mis.
souri.  In  jeder  dieser  drei  Städte  sind  etwa  '/»  der  Bewohner
deutschen  Stammes.  Unter  den  214  Kirchen  Cincinnatis  sind
41  deutsche;  die  deutschen  Bewohner  der  Stadt  haben  zwei
Waisen-  und  zwei  Krankenhäuser  errichtet;  es  besteht  ein  deutsches
  Theater;  große  Industrien,  wie  das  Brauergewerbe,  sind
fast  ganz  in  deutschen  Händen.  Der  Umfang  des  deutschen  industriellen
  und  kommerziellen  Geschäftes  ist  in  Cincinnati  jedoch
nicht  so  bedeutend,  wie  in  Chicago  und  St.  Louis.  In  Chicago
betheiligen  unsere  Landsleute  sich  in  hervorragendem  Maße  an
        <pb n="86" />
        84

demjenigen  Geschäftszweige,  welcher  dieser  Stadt  die  Bedeutung
eines  Weltmarktes  verliehen  hat,  an  dem  Handel  mit  Rindfleische
Schweinefleisch,  Speck  und  Schmalz.
In  den  weiter  westlich  gelegenen,  noch  schwach  bevölkerten
Gebieten  von  Dakota,  Colorado,  Oregon  und  Was.
h  i  n  g  t  o  n  ist  das  deutsche  Element  zur  Zeit  freilich  uicht  annähernd
  in  gleichem  Maße  vertreten  wie  in  dem  eben  besprochenen ­
  Staatenkomplex,  jedoch  ist  das  Wachsthum  desselben  nirgends
  größer  als  gerade  hier.  In  Dakota  z.  B.  hat  in  dem
Zeitraum  von  1870  bis  1880  die  Anzahl  der  im  Deutschen
Reiche  geborenen  Bewohner  sich  beinahe  verzehnfacht.
Eine  schon  jetzt  sehr  ansehnliche  Zahl  Deutscher  beherbergt
der  Staat  Kalifornien,  insbesondere  bie  Weltstavt  San
Francisco.  Deutsche  Kolonisten  waren  unter  den  ersten,
welche  von  Osten  her  Kalifornien  bevölkerten;  ihnen  nicht  zum
wenigsten  verdankt  dieser  Staat  sein  beispiellos  schnelles  Aufblühen.
  Wenige  Jahre  nach  der  Vereinigung  Kaliforniens  mit
der  Union  gründeten  Rheinländer  in  der  paradiesischen  Los
Angeles  County  die  durch  ihren  Obst-  und  Weinbau  be.
rühmte,  jetzt  noch  blühende  Kolonie  Anaheim,  welche  ein
Vorbild  wurde  für  verschiedene  ähnliche  Niederlassungen.  In
San  Franzisco  waren  nach  dem  Zensus  von  1880  ungefähr
20,000  im  Deutschen  Reiche  geborene  Bewohner;  die  Zahl  der
sämmtlichen  Deutschen  daselbst  darf  wohl  auf  30,000  veranschlagt
werden.  Sie  sind  meist  Handwerker  und  Detailhändler,  doch
sind  auch  deutsche  Firmen  vorhanden,  welche  sich  in  hervorragender ­
  Weise  an  dem  Welthandel  San  Franciscos  betheiligen.
In  schwächerem  Maße  als  nach  Westen  und  Nordwesten
von  New-Iork  und  Pennsylvanien  ergoß  sich  der  Strom  deutscher
  Einwanderung  nach  den  südlich  von  diesen  Ursitzen  amen-
        <pb n="87" />
        85

konischen  Deutschthums  gelegenen  Staaten.  In  Virginia»
Tenessee.  Louisiana  bestehen  allerdings  schon  lange
deutsche  Niederlassungen,  doch  ist  das  Deutschthum  hier  im
Allgemeinen  in  entschiedenem  Rückgänge  begriffen.  Einen
Brennpunkt  deutschen  Lebens  im  Süden  bildet  New-Orleans,
wo  ungefähr  14,000  aus  Deutschland  eingewanderte  Bürger
wohnen,  während  die  Zahl  aller  Deutschsprechenden  daselbst  auf
mindestens  25,000  zu  schätzen  ist.  Die  Deutschen  in  New-Orleans
  unterhalten  namentlich  mit  Bremen  geschäftliche  Beziehungen. ­

Am  meisten  unter  den  Südstaaten  hat  das  Deutschthum  in
Texas  Boden  gewinnen  können.  In  San  Antonio,  wo
etwa  10,000  Deutsche  wohuen.  V»  der  Gesammtbevölkerung.
und  in  Austin,  den  beiden  wichtigsten  Binnenstädten  des
Landes,  ist  der  Einfluß  des  Deutschthums  ein  bedeutender.  Als
ein  durch  und  durch  deutsches  Städtchen  ist  N  e  u-Braun  fel  s
zu  nennen.  In  Westtexas  wohnen  nahe  an  100.000  Angehörige
unserer  Nation.
Zur  befferen  Veranschaulichung  der  Verbreitung  des  dentscheu
  Elementes  über  die  Staaten  und  Städte  der  großen  Republik
mögen  folgende  Zusammenstellungen  dienen.
Ueber  100,000  eingewanderte  Deutsche  besinden  sich  nach
dem  Zensus  von  1880  in  folgenden  Staaten:  New-Aork  (335,913),
Illinois  (235.786).  Ohio  (192,597).  Wisconsin  (184.328).  Pennsylvanien
  (168.426).  Missouri  (106.800);  über  50.000  sind  außer
in  den  genannten  Staaten  in  Michigan  (89.085).  Iowa  (88.268).
Indiana  (80.756),  Minnesota  (66,392),  New-Jersey  (64  935);
zwischen  50,000  und  25  000  Deutsche  wohnen  in  Maryland,
Kalifornien.  Texas,  Nebraska.  Kentucky  und  Kansas.  Weniger
als  1000  innerhalb  des  Deutschen  Reiches  geborene  Bürger
        <pb n="88" />
        86

beherbergen  Maine,  New-Hampshire,  Vermont,  Nord-Karolina,
Florida,  Idaho,  Wyoming,  Utah  und  Neu-Mexiko.
Die  Zunahme  der  Zahl  der  eingewanderten  Deutschen
während  der  Periode  1870  bis  1880  war  am  größten  in  Dakota
(954,4  Vo),  Colorado  (381,6  "/o)  und  Washington  (240,8  %);
über  100  %  betrug  sie  außerdem  in  Arizona  Nebraska,  Oregon,
Utah,  Arkansas  und  Kansas.  Eine  absolute  Abnahme  ist  während
  dieser  Periode  nur  zu  konstatiren  in  Mississippi  (um  13.7  •/&amp;lt;&amp;gt;),.
Tennessee  (12,2  °/o),Louisiana,  Virginien,  Missouri  und  Maryland.
Ueber  20,000  eingewanderte  Deutsche  wohnen  in  folgenden
Städten:  New-York  (163,600),  Chicago  (75.200),  Philadelphia
(55,800),  Brooklyn  (66,400),  St.  Louis  (54,800),  Cincinnati
(46,200),  Baltimore  (34,000),  Milwaukee  (31,500),  Buffalo
(25,600),  Cleveland  (23,200),  San  Francisco  (ca.  20,000).
Im  Jahre  1870  bildeten  die  innerhalb  der  Grenzen  des
jetzigen  Deutschen  Reiches  geborenen  Personen  ca.  4,4  %  der
Gesammtbevölkerung,  im  Jahre  1880  dagegen  nur  3,9  '/0;
im  Jahre  1880  waren  jedoch  unter  den  amerikanischen
  Bürgern  1,966,742  eingcwanderte  Deutsche  gegen
1,690,533  im  Jahre  1870.  Die  Zahl  sämmtlicher  Angehöriger
der  deutschen  Nation  in  den  Vereinigten  Staaten,  d.  h.  derjenigcn
  Personen  deutschen  Blutes,  welche  der  heimischen  Sprache
und  Sitte  treu  geblieben  sind,  schätzt  nach  Jung  unser  seit
langer  Zeit  im  statistischen  Bureau  zu  Washington  thätiger
Landsmann  Pösche  auf  über  sieben  Millionen  —  das
würde  ungefähr  14  Prozent  der  Gesammtbevölkerung  bedeuten  l
Von  den  in  Amerika  ansässigen  Teutschen  beschäftigen  sich
den  vorliegenden  statistischen  Angaben  zu  Folge  35,63  %  mit
Fabrikwesen  und  Bergbau.  28  43  %  mit  Landwirthschaft,  14,76°/°-mit
  Handel  und  Verkehr,  21,18  %  sind  Handwerker  und  Dienende
        <pb n="89" />
        87

Daß  unsere  amerikanischen  Stammesgenossen  bei  einer
solchen  Anzahl  in  einem  Lande,  in  welchem  das  allgemeine  und
gleiche  Wahlrecht  herrscht,  einen  wichtigen  politischen  Faktor
bilden  könnten  und  bilden  müßten,  liegt  auf  der  Hand.  Trotzdem
besitzen  sie  in  den  gesetzgebenden  Körperschaften  des  Landes
keineswegs  eine  ihrer  Zahl  irgendwie  angemessene  Vertretung.
Man  hat  diese  Thatsache  unseren  Landsleuten  zum  Vorwurf
gemacht  und  auf  einen  Mangel  an  geistiger  Regsamkeit  zuriickzuführen
  versucht;  das  mag  der  Fall  sein,  vielleicht  verdienen
sie  jedoch  gelobt  zu  werden,  daß  sie  sich  im  Allgemeinen  fern
halten  von  jener  beispiellosen  Verderbtheit,  welche  das  politische
Leben  der  Vereinigten  Staaten  bekannter  Maßen  beherrscht.
Es  darf  nicht  vergesien  werden,  rühmend  hervorzuheben,  daß
die  amerikanischen  Deutschen  sich  dem  widerwärtigen,  heuchlerischcn
  Treiben  der  sogenannten  Prohibitionisten  stets  einmüth.g
entgegengestellt  haben.
Unter  den  vielen  Momenten,  welche  der  Erhaltung  unseres
Volksthums  in  der  Fremde  überhaupt  und  so  auch  besonders
in  den  Vereinigten  Staaten  Nordamerikas  dienen,  nehmen  solgende
  drei  unzweifelhaft  einen  hervorragenden  Rang  ein:  die
WA,  bk  beutle  Steife  unb  ba*  bwtfüe  Be:-einswe

  sen.
Nach  einem  Bericht  des  Herrn  Prof.  Wolffradt  übet
die  Statistik  der  deutsch-amerikanischen  Schulanstalten  am  17.
deutsch-amerikanischen  Lchrertage  im  Jahre  188«'.  beträgt  die
Ge,°mm.,°b&amp;gt;  bet  dê»  Schule»  2,«,  bie  bet  MH»
Scbtítãfte  6,772  und  biejenige  bet  beullche»  -tbulet  ,
Er  »Nb  ootbanben  301  öffentliche  Schule»  '■ 4 ' 7  be»li*en
Sebtkäfte*  unb  160,485  beulsche»  Schalet»,  NO  PttMlichulen
mit  388  fiebtitäften  »nb  15,812  Tchillee»,  825  &amp;gt;°tb°UIche
        <pb n="90" />
        88

chenschulen  mit  3,082  Lehrkräften  und  164,847  Schülern.  1,119
evangelische  Kirchenschulen  mit  1,825  Lehrkräften  und  99,321
Schülern.  Dieser  Bestand  weist  dem  Jahre  vorher  gegenüber
eine  Zunahme  auf  von  1,065  Schulen.  1,863  Lehrkräften  und
113,354  Schülern.  Die  größte  Schülerzahl  hat  der  Staat  Ohio,
nämlich  76,723,  dann  folgt  Illinois  mit  64.028.  Missouri  mit
45,291,  Wisconsin  mit  40.654.  Pennsylvanien  mit  35,975,
New-fjork  mit  35,806,  Jndiania  mit  30,038,  Minnesota  mit
16.499.  Michigan  mit  12.888,  Maryland  mit  12,851,  Kentucky
mit  11,917,  New-Jersey  mit  8,656,  Iowa  mit  8,507.  Texas  mit
i,412  Lchülern  u.  s.  w.  In  Erie,  Pennsylvanien,  nahmen  97
Prozent  aller  Schulkinder  der  öffentlichen  Schulen  am  deutschen
Unterricht  Theil.  Trotz  dieses  erfreulichen  Berichtes  scheinen
dennoch  dem  deutschen  Schulwesen  in  Amerika  —  Nichts  auf
dieser  Welt  ist  übrigens  vollkommen  —  manche  Schäden  anzuhaften,
  auf  deren  Beseitigung  vor  allen  Dingen  die  Fürsorge
derjenigen  gerichtet  sein  müßte,  welchen  die  Erhaltung  des
Deutschthnms  in  den  Vereinigten  Staaten  am  Herzen  liegt;
man  vergleiche  darüber  die  äußerst  lesenswerthe  Broschüre  „Zur
deutschen  Frage  in  Amerika"  von  Dr.  Julius  Goebel,  Professor
der  deutschen  Sprache  und  Literatur  an  der  Johns  Hopkins
Universität  zu  Baltimore.
In  den  Vereinigten  Staaten  erscheinen  gegenwärtig  gegen
600  deutsche  Zeitschriften,  welche  selbstverständlich  sämmtlich  für
die  Erhaltung  deutscher  Sprache  und  Art  wirksam  sind,  so  verschieden
  ihre  sonstigen  Tendenzen  auch  sein  mögen.  Unter  den
deutschen  politischen  Tagesblättern  giebt  es  solche  ersten  Ranges; ­
  cs  braucht  nur  an  die  „New-Porkcr  Staatszeitung"  erinnert
  zu  werden,  welche  in  einer  Auflage  von  annähernd  60,000
«Exemplaren  erscheint  und  eines  der  verbreitetsten  Blätter  der
        <pb n="91" />
        89

ganzen  Union  i|t.  Deutsche  Zeitungen  sind  selbst  im  äußersten
Westen  vorhanden,  in  Colorado  und  Dakota,  wo  die  zu  Yankton ­
  erscheinende  „Dakota  Freie  Presse"  die  Interessen  der  amerikanischen ­
  Deutschen  in  würdigster  Weise  vertritt.  Leider  giebt
es  noch  einen,  wenn  auch  täglich  mehr  zusammenschrumpfenden
Theil  der  deutsch-amerikanischen  Presse,  welcher  den  Verhältnissen
der  alten  Heimath  wenig  Verständniß  entgegenbringt,  indem  er
dieselben  von  einem  durchaus  veralteten  politischen  Standpunkt
aus  beurtheilt,  welcher  in  Deutschland  kaum  noch  ernst  genommen
  wird.  Der  Grund  davon  ist  hauptsächlich  darin  zu  suchen,
daß  eine  große  Zahl  der  in  Rede  stehenden  Blätter  von  Männern
  gegründet  wurde,  welche  im  Fahre  1848  dem  Vaterlande,
in  welchem  sie  vergeblich  die  Verwirklichung  ihrer  Ideale  anstrebten,
  grollend  den  Rücken  kehrten  und  auch  später  von  ihren
alten  und  bald  veralteten  Anschauungen  sich  nicht  frei  zu  machen
  vermochten.  Der  andere,  erfreulicher  Weise  sich  stets  vergrößcrnde
  Theil  der  deutsch-amerikanischen  Presse  jedoch,  zu
welchem  namentlich  die  vortrefflich  redigirte  Chicagoer  ..Reue
Freie  Presse"  gehört,  erörtern  die  vaterländischen  Angelegenheilen
  in  einem  so  sachlichen,  vorurtheilssreien  Sinne,  wie  man
ihn  selbst  —  um  einen  in  Amerika  üblichen  Ausdruck  zu  gebrauchen
  —  in  „deutschländischen"  Blättern  nicht  häusig  antrifft,
  sie  erkennen  die  Vortrefflichkeit  der  Leitung  des  Deutschen
Reiches  und  die  unersetzlichen  Vorzüge  mancher  Einrichtungen
derselben  ganz  rückhallslos  an.
Das  Vereinswesen  ist  in  den  Vereinigten  Staaten  im  Allgemeinen
  und  besonders  auch  unter  den  Deutschen  daselbst  ein
büchst  ausgebildetes.  Deutsche  Vereine  sür  Kunst  und  Wissenschaft. ­
  Turnvereine.  Gesangvereine,  Vereine  zur  Pflege  der  Geselligkcit
  blühen  jenseits  des  Weltmeeres  in  Hülle  und  Fülle.
        <pb n="92" />
        90

Eine  wegen  ihres  segensreichen  Wirkens  besonders  bemerkens'
werthe  Stellung  nehmen  die  deutschen  Wohlthätigkeitsvereine  in
Anspruch,  deren  es  in  jeder  hervorragenden  Stadt  giebt.  Leider
hat  in  manchen  deutschen  Verein  die  englische  Sprache  bereite
Eingang  gefunden.  Möge  der  oben  erwähnte  Herr  Dr.  Goebel
für  sein  Beginnen,  einen  über  die  ganze  Union  sich  erstreckenden ­
  allgemeinen  Verein  zur  Erhaltung  der  deutschen  Sprache
zu  Stande  zu  bringen,  die  gebührende  Unterstützung  finden!
Die  Frage,  ob  das  Deutschthum  in  den  Vereinigten  Staaten
  Aussicht  auf  dauernde  Erhaltung  hat,  oder  ob  es  früher
oder  später  in  das  Yankeethum  aufzugehen  und  besten  Falles
dieses  lediglich  umzugestalten  bestimmt  ist,  wird  von  dem  Einen
so,  von  dem  Anderen  anders  beantwortet.  Trotz  des  zum  Theil
bedauerlichen,  zum  Theil  verächtlichen  Entnationalisirungsprozesses,
  dem  noch  immer  eine  große  Zahl  unserer  Stammesgenossen
  jenseits  des  Weltmeeres  verfällt,  hat  es  doch  von  jeher
nicht  an  Zeichen  gefehlt,  daß  die  amerikanischen  Deutschen  im
Großen  und  Ganzen  keineswegs  gesonnen  sind,  sich  zu  Gunsten
des  ihnen  oft  feindlich  gesinnten  Yankeethumes  ihrer  angestammten
  Nationalität  zu  entäußern.  Gerade  in  der  letzten  Zeit
scheint  sich  ein  kräftigerer  nationaler  Geist  unter  den  Deutschen
Amerikas  bemerkbar  zu  machen;  sehr  beachtenswerth  ist  es,  daß
zu  dem  im  Jahre  1886  zu  Berlin  abgehaltenen  „Allgemeinen
deutschen  Kongreß  zur  Förderung  überseeischer  Interessen"  auch
die  „Deutsche  Gesellschaft  der  Stadt  New-Aork"  in  der  Person
ihres  bisherigen  Präsidenten  einen  Vertreter  entsandte.  Friedrich
  von  Boden  st  e  dt,  welcher  Gelegenheit  hatte,  mit  gebildeten
  und  vorurtheilsfreien  Deutsch-Amerikanern  aus  allen
Theilen  der  Union  in  persönlichen  Verkehr  zu  treten,  urtheilt
in  seinem  Werke  „Vom  Atlantischen  zum  Stillen  Ozean"'
        <pb n="93" />
        91

(Seite  341)  folgendermaßen:  „Das  deutsche  Element  greift  in
Amerika  in  einer  Weise  um  sich,  die  ihm  große  Zukunft  verheißt.
  Es  wächst  nicht  blos  durch  die  Einwanderung,  sondern
auch  durch  die  Fortpflanzung  in  demselben  Maße  wie  das  amerikanische
  abnimmt  bei  seinen  vielen  kinderarmen  und  kinderlosen
  Ehen.  Auch  lernen  die  Deutschen  täglich  mehr  einsehen,
daß  Einheit  stark  macht;  das  Streben  danach  äußert  sich  überall
  und  jeder  Schritt,  der  sie  dem  Ziele  näher  führt,  wird  auch
ihren  politischen  Einfluß  mehren".  Wie  manche,  vielleicht  nicht
wenige.  Amerikaner  englischer  Zunge  über  die  deutsche  Frage
in  den  Vereinigten  Staaten  denken,  zeigt  ein  Artikel  des  bekannten
  Me.  Glynn  in  der  „North  American  Review",  in  welchem
  die  Besorgniß  ausgesprochen  wird,  daß  Amerika  betetnft
gänzlich  germanisirt  werde.  Namentlich  scheint  dem  Verfasser
diese  „Gefahr"  groß  zu  sein  im  Nordwesten,  wo  auch  die  Germanisirung
  der  dortigen  Katholiken  in  ausgedehntem  Maße
„beharrlich  und  offen"  betrieben  werde.
Canada.  Ueber  die  numerischen  Verhältnisse  der  deutschen
Bevölkerung  in  Canada,  besonders  was  die  westlichen  Provinzen ­
  dieser  ausgedehnten  englischen  Herrschaft  anbetrifft,  liest
man  häusig  lügenhafte  Berichte,  welche  den  unsauberen  Zweck
verfolgen.  Deutsche  in  gewinnsüchtiger  Absicht  zur  Auswanderung
  dahin,  insbesondere  in  die  Provinzen  Manitoba  und  Assiniboia,
  ja  sogar  in  den  durchaus  unwirthlichen  Nordwesten  zu
verleiten.
Nach  dem  „Census  of  Canada  1880—81"  (3  Bde.  Ottawa.
Maclean  Roger  &amp;amp;  Co.)  wohnen  in  ganz  Canada  254.319  Perfönen
  deutscher  Herkunft,  das  heißt  solche  Personen,  welche  in
Deutschland  und  Holland  geboren  sind.  Die  Zahl  sämmtlicher
deutschsprcchender  Bewohner  Canadas  ist  natürlich  höher  anzu-
        <pb n="94" />
        92

Magen.  Die  meisten  Deutschen  befinden  sich  nach  dem  Zensus
in  den  Provinzen  Ontario  (188,394),  Neuschottland  (40,065),
Quebec  (8,943).  In  den  Städten  Montreal.  Quebec.
Torouto  bestebeu  schon  seit  einem  halben  Jahrhundert  Gesellschaften,
  welche  sich  die  Aufgabe  gestellt  haben,  einwandernde
Landsleute  mit  Rath  und  That  zu  unterstützen.
Uebrigens  haben  nach  dem  „Census  os  Manitoba  1885/86"
die  Deutschen  von  Manitoba  ihre  Landsleute  in  der  Provinz
Quebec  an  Zahl  bereits  überflügelt,  vorausgesetzt  daß  letztere
nicht  eine  ähnlich  schnelle  Zunahme  aufzuweisen  haben.  Genanntem ­
  Werke  zufolge  befinden  sich  11,082  Deutsche  in  Manitoba,
  gegen  8,631  im  Jahre  1881.  In  Kanada  bestehen,  nach
einem  in  der  „Deutschen  Kolonialzeitung"  erschienenen  Artikel
von  Dr.  Hahn,  jetzt  22  nahezu  geschlossene  deutsche  Ansiedelungen. ­
  Die  größte  Ansiedelung  der  Deutschen  ist  in  der  (alten)
Provinz  Ontario,  wo  die  Stadtnamen:  Berlin,  Breslau,  Hamburg, ­
  Magdeburg,  Heidelberg  u.  s.  w  die  Abstammung  ihrer
Gründer  genugsam  andeuten.  Hier  hört  man  auf  der  Straße,
wie  aus  dem  Markte  nur  deutsch  reden.  In  Manitoba  waren
die  Deutschen  die  eigentlichen  Gründer  der  Provinz  in  ihrer
neuen  Gestalt.  Dort  finden  wir  die  Namen  Bismarck,  Hohenlohe-Langenburg,
  Neu-Elsaß.  Die  deutschen  Mennoniten  aus
Südrußlaud  (Tiflis)  ließen  sich  in  der  Zahl  von  ca.  8000
Köpfen  am  Red  River  in  geschlossenem  Besitze  nieder,  welchen
sie  von  der  Regierung  unentgeltlich  empfingen.  Jetzt  haben  sie
32  Dorfschaften  und  sollen  zum  Theil  zu  großem  Wohlstände
gelangt  sein.
Die  Lage  des  Deutschthums  in  den  südwestlichen  Provinzen
  Canadas  dürfte  im  Allgemeinen  derjenigen  in  den  Bereinigten ­
  Staaten  ähnlich  sein.
        <pb n="95" />
        Mexiko.  Einen  ganz  anderen  Charakter  als  in  den  Vereinigten
  Staaten  und  in  Canada  zeigen  die  deutschen  Niederlassungen
  in  dem  zum  größten  Theil  innerhalb  der  heißen  Zone
gelegenen  Mexiko.  Hier  finden  wir  keine  irgendwie  nennenswerthe
  deutsche  Ackerbaukolonie,  wohl  aber  spielen  hier
unsere  Landsleute  auf  dem  Gebiete  des  Handels  eine  sehr
hervorragende  Rolle.  Die  deutsche  Kolonie  in  Mexiko  ist  an
Zahl  ihrer  Angehörigen  freilich  klein,  an  Bedeutung  aber  groß.
Es  mögen  im  Ganzen  zwischen  fünf-  und  achttausend  Angehörige
  der  deutschen  Nation  in  Mexiko  wohnen,  von  denen  ungefähr
  die  Hälfte  auf  die  Hauptstadt,  die  nächst  größte  Zahl
auf  die  Städte  Veracruz  und  Colima  kommt.  Die  großen
deutschen  Geschäftshäuser  in  der  Hauptstadt  und  Veracruz  haben
so  ziemlich  den  ganzen  Großhandel  des  Landes  in  ihren  Händen
und  verfügen  über  höchst  bedeutende  Kapitalien.  Sie  sind  die
Träger  des  deutschen  Einflusses  in  Mexiko  und  stehen  mit  anderen
  deutschen  Häusern,  wie  sie  in  fast  jeder  größeren  Ltadt
der  Republik  bestehen,  in  enger  Verbindung.  Die  meisten  dieser
  deutsch-mexikanischen  Großsirmen  wurden  in  den  Jahren
1826  bis  1835  gegründet,  worauf  die  Deutschen  bald  im  ganzen ­
  Lande  den  Groß-  und  Kleinhandel  an  sich  zogen,  überall
die  Engländer  verdrängend.  Die  reichen  Deutschen  der  Hauptstabt
  bilden  eine  äußerst  exklusive  Kaste.  Ihr  Vereinsgebäude
.bas  deutsche  Haus"  ist  eins  der  stattlichsten  Gebäude  der
Stadt.  Die  Deutschen  Mexikos  bleiben  Deutsche,  sie  lassen  ihre
Kinder  in  der  Heimath  erziehen  und  dort  ihre  Militärpflicht
erfüllen.  In  der  letzten  Zeit  hat  allerdings  auf  dem  mexikamscheu
  Markt  sich  einige  fremdländische  Konkurrenz  geltend  gemacht
  —  die  Engländer  gründeten  eine  englische  Bank,  die
Franzosen  verdrängten  die  Deutschen  zum  Theil  aus  dem  De-
        <pb n="96" />
        94

lailhandel,  besonders  aus  dem  Manufakturwaarengeschäft,  die
Nankees  trieben  Bergbau,  gründeten  Fabriken  und  bauten
Eisenbahnen  —  aber  immer  noch  bewahrt  der  deutsche  Großhandel ­
  seine  herrschende  Stellung.
Zextralamerika  und  Westiudien.  Der  Handel  Deutschlands
  mit  den  kleinen  zentralamerikanischen  Republiken  und  den
westindischen  Inseln  steht  demjenigen  mit  Mexico  freilich  bedeutend ­
  nach,  doch  ist  auch  er  in  einem  erfreulichen  Aufschwünge
begriffen.  In  Guatemala  nimmt  Deutschland  mit  seinem
Handel  die  dritte  Stelle  ein,  der  Umsatz  bezifferte  sich  im  Jahre
1882  auf  ungefähr  4,950,000  Mark.  In  Havanna  sowie
an  verschiedenen  Küstenplätzen  der  Inseln  Cuba,  Portorico
und  Jamaica  bestehen  deutsche  Handelshäuser  und  Agenturen.
Einen  bedeutenderen,  sich  stets  mehrenden  Einfluß  hat  das
deutsche  Element  in  Hay  ti  gewonnen,  wo  es  namentlich  durch
die  großen  Handelshäuser  in  Port  au  Prince  vertreten
wird.  Hier  werden  die  Franzosen  von  den  Deutschen  immer
mehr  verdrängt.  Die  Bank  von  Hayti,  welche  von  Franzosen
gegründet  wurde,  steht  jetzt  unter  der  Leitung  Deutscher.  Auf
der  zu  den  kleinen  Antillen  gehörigen  Insel  St.  Vincent
hat  kürzlich  eine  deutsche  Firma  eine  Niederlage  westfälischer
Steinkohlen  errichtet.  In  Port  of  Spain,  dem  Haupthafen
der  Insel  Trinidad,  leben  etwa  60  Deutsche,  welche  einen
beträchtlichen  Theil  des  Handels  der  Insel  in  ihren  Händen  haben. ­
  Von  den  12  größeren  deutschen  Firmen,  die  in  Port  of
Spain  ansässig  sind,  importiren  einige  Bier,  Eisenwaaren  und
Kohlen,  stehen  andere  mit  Ciudad  Bolivar  in  Venezuela  in
lebhafter  Handelsverbindung.
        <pb n="97" />
        95

Aie  Deutschen  in  Südamerika.
Venezuela.  In  V  e  n  e  z  u  e  l  a  .  wo  im  16.  Jahrhundert
das  reiche  Augsburger  Handelshaus  der  W  e  l  s  e  r  ein  Gebiet
von  etwa  1600  Quadratmeilen  als  Lehen  der  spanischen  Krone
besaß,  machen  die  Deutschen  gegenwärtig  ungefähr  '/«  der  ausländischen
  Bevölkerung  aus.  Man  findet  sie  an  allen  Küsten-Plätzen,
  meist  als  Kaufleute,  Apotheker  und  Handwerker.  Die
stärksten  deutschen  Kolonien  sind  außer  in  Caracas,  wo
etwa  1700  deutschsprechende  Personen  leben  sollen,  in  La
Guaira.  Puerto  Cabello.  Maracaibo  und  Ciudad
Bolivar.  Der  Zensus  von  1881  weist  allerdings  für  ganz
Venezuela  nur  1171  in  Deutschland  geborene  Personen  nach.
In  Ciudad  Bolivar  am  Orinoco  sind  gegen  100  Deutsche  ansässig,
  welche  die  Arbeiter  in-  den  in  der  Nähe  befindlichen
Goldminen  mit  allem  zum  Lebensunterhalt  Nöthigem  versorgen.

Columbien.  Die  beiden  dicht  neben  einander  liegenden,
durch  eine  Eisenbahn  verbundenen  Küstenstädte  Sabanilla
und  Barranquilla  unterhielten  früher  einen  sehr  regen
Handelsverkehr  nach  Bremen,  Hamburg  und  Altona.  Hauptsächlich
in  Folge  der  hier  wie  anderwärts  in  den  spanischen  Republiken
Südamerikas  ewig  wiederkehrenden  Revolutionen  wurde  jedoch
der  Handel  gelähmt,  und  der  Verkehr  der  Hansestädte  mit  Kolumbien ­
  ist  mit  dem  ehemaligen  verglichen  gegenwärtig  ein  unbedeutender
  zu  nennen.
Peru.  Die  Anzahl  der  in  Peru  ansässigen  Deutschen
ist  in  Folge  des  chilenischen  Krieges  sowie  der  unaufhörlichen
        <pb n="98" />
        96

inneren  Wirren  sehr  zurückgegangen,  doch  soll  es  in  Lima.
Callao  und  Umgegend  noch  1500  Deutsche  geben,  von  denen
manche  sich  zu  bedeutendem  Wohlstände  aufgeschwungen  haben.
Der  reichste  Mann  Perus,  derPlantagenbesitzer  G.  L.  Albrecht
in  T  r  u  x  i  l  l  o,  ist  ein  geborener  Bamberger.  Die  von  Herrn
Albrecht  ausgegebenen  Guttaperchamarken,  Chees,  mit  welchen
er  seine  vielen  Arbeiter  bezahlt,  werden  überall  weit  lieber  in
Zahlung  genommen,  als  das  schlechte  peruanische  Papiergeld;
vor  dem  Kriege  mit  Chile  sollen  die  in  Umlauf  gesetzten  Marken
  zeitweilig  einen  Werth  von  4  Millionen  Mark  repräsentirt
haben.
Peru  beansprucht  noch  insofern  ein  besonderes  Interesse,  als
hier  inmitten  der  Wendekreise,  schon  seit  fast  30  Jahren  eine
deutsche  Ackerbaukolonie  besteht  -  eine  Thatsache,  welche  sich
selten  wiederholen  dürfte.  Merkwürdiger  Weise  hat  es  den
Anschein,  als  ob  diese  Ansiedelung,  die  im  Jahre  1859  durch
den  muthigeu  Reisenden  Freiherrn  Damian  von  Schütz-H
  o  l  tz  h  a  n  f  e  n  gegründete,  etwa  unter  dem  10  Grad  südlicher
33reitc  gelegene  Kolonie  a  m  Pozuzo,  bei  einiger  Unterstützung ­
  seitens  des  Heimathlandes  sich  als  entwickelungsfähig
gezeigt  haben  würde.  Die  Kolonie  soll  noch  immer  gegen  400
Angehörige  zählen,  von  denen  ein  nur  geringer  Bruchtheil  nicht
deutschen  Ursprungs  ist.  Zur  näheren  Orientirung  über  diese
in  mancher  Beziehung  interessante  Kolonie  sei  die  kleine  von
Dr.  R.  Abendroth  verfaßte  Schrift  über  dieselbe  einpfohlen.

Die  großen  Reichthümer  des  alten  Goldlandes  der  Inkas,
welches  einerseits  von  den  Wogen  des  Stillen  Ozeans  bespült
wird,  andererseits  durch  den  Ucayali  und  Amazonenstrom
  mit  dem  Atlantischen  Weltmeere  in  Verbindung  steht.
        <pb n="99" />
        97

harren  noch  der  Ausbeutung.  Mögen  die  Teutschen  rechtzeitig
zugreifen  und  nicht  abermals  zu  spät  aus  der  Bildşiäche  erscheinen! ­

Brasilien.  In  dem  gewaltig  ausgedehnten  brasilianischen ­
  Kaiserreiche  stoßen  wir  zum  ersten  Male  auf  unserer
  Wanderung  durch  Südamerika  ans  deutsche  Ackerbaukolo
nien  von  hervorragender  Bedeutung  und  zwar,  wie  sich  voraus
setzen  ließ,  in  dem  südlichsten,  der  gemäßigten  Zone  angehörigen
Theile.  Wenn  irgendwo  in  der  überseeischen  Welt  dem  Teutschthum
  eine  große  Zukunft  winkt,  so  ist  es  in  Lüdbrasilien  und
den  benachbarten  Laplata  Staaten,  Paraguay.  Argentinien  und
Uruguay.  Die  Thatsache,  daß  dauernde  Niederlassungen  Deutscher
  am  besten  in  einem  gemäßigten  Klima  gedeihen,  tritt
deutlich  zu  Tage  in  der  Geschichte  der  deutschen  Kolonisation
Brasiliens.  Die  Kolonisationsversuche  mit  Deutschen  innerhalb
des  tropischen  Brasiliens  mißglückten  zum  größten  Theile  vollständig,
  trotz  der  vielen  Vergünstigungen,  welche  den  Kolonisten
häusig  geboten  wurden,  während  diejenigen  in  den  beiden  südlichsten ­
  Provinzen  Santa  Catharina  und  Rio  Grande  do  Sul
die  herrlichsten  Früchte  zeitigten.
Die  älteste  deutsche  Kolonie  Brasiliens  ist  die  im  südlichen
Theile  der  tropischen  Provinz  Bahia,  am  Flusse  Peruhype
gelegene,  bereits  im  Jahre  1818  gegründete  Kolonie  Leopol'
dina.  Heutzutage  ist  diese  Kolonie  kaum  mehr  eine  deutsche
Kolonie  zu  nennen;  die  dort  wohnenden  Deutschen,  Schmelzer.
Franzosen  und  Brasilianer  treiben  Plantagenbau  und  bewirthschäften
  ihre  Fazendas  mit  Sklaven.
Traurig  war  da«  Echickial  d-r  «isi-n  d-r  nach  der  Amfall«
  gauilich  innerhalb  d-r  W-nd-kr-is-  g«i°g-n-n  Provin,
Mi  na«  Geraes  anrg-wand-iien  T-Ul'ch-N.  Hier  b-iond-i«
        <pb n="100" />
        98

roaven  und  sind  noch  die  berüchtigten  sogenannten  „  Parc  e  rie-Berträge"
  üblich.  Diese  Parcerie-Verträge  sind  gewisse  unbedenklich ­
  aussehende  Kontrakte  großer  Plantagenbesitzer  mit
unerfahrenen  Kolonisten,  durch  welche  diese  in  eine  Lage  ge.
bracht  werden,  die  derjenigen  eines  Sklaven  ähnelt  und  aus
welcher  sie  nur  in  den  seltensten  Fällen  sich  zu  befreien  vermögen.
  Glücklicher  Weise  befinden  sich  unter  den  Opfern  der
Parcerie-Verträge  weit  mehr  Italiener  und  Azorianer  als
Deutsche.  Außer  in  Minas  Geraes  herrschen  die  Parcerie-Verträge
  namentlich  in  den  Provinzen  Rio  de  Janeiro  und  Sao
Paulo.  Die  Gesammtzahl  der  Deutschen  in  Minas  Geraes
schützt  Karl  Bolle,  ein  ausgezeichneter  Kenner  der  brasilianischen ­
  Verhältnisse,  aus  etwa  3000,  von  denen  viele  als  Handwerker ­
  in  den  Städten  leben.
Die  Zahl  der  Deutschredenden  in  der  Provinz  Espirito
Santo  schätzt  Bolle  auf  5000-8000  Seelen.  Sellin  sogar
auf  10.000.  Dieselben  leben  zum  Theil  als  Handwerker  und
Kaufleute  in  den  Städten,  zum  Theil  in  Kolonien,  wo  sie  sich
vorzugsweise  mit  dem  Anbau  des  Kaffees  beschäftigen.  Fast
in  allen  diesen  Kolonien  überwiegt  übrigens  das  italienische
Element  das  deutsche;  jedoch  sind  mehrere  deutsche  Schulen  und
Pfarrgemeinden  vorhanden.  Das  Deutschthum  von  Espirito
Lauto,  dem  es  an  Zuzug  von  der  Heimath  mangelt,  scheint
allmählich  in  das  Lusobrasilianerthum  aufgehen  zu  wollen.
„Von  den  15,000  Deutschredenden,  die  in  der  Provinz
Rio  de  Janeiro  existiren  sollen",  sagt  Bolle  (Deutsche
Kolonialzeitung  IV.  Jahrgang,  2.  Heft),  „wird  ohne  Nachzug  in
wenig  Jahrzehnten  wenig  mehr  übrig  sein  als  eine  dunkle  Sage
und  portugiesisch  sprechende  Träger  deutscher  Namen."  „Selbst
da",  fährt  er  fort,  „wo  ursprünglich  zahlreiche  Deutsche  zusam-
        <pb n="101" />
        99

inenwohnten,  wie  in  Petropolis,  der  kaiserlichen  Sommerresidenz,
treten  sie  immer  mehr  in  den  Hintergrund."  Ziemlich  der
ganze  Grund  und  Boden  von  Rio  ist  in  den  Händen  großer
Besitzer,  welche  parzellenweise  kein  Land  zu  verkaufen  pflegen;
der  kleine  deutsche  Landwirth  findet  also  schwer  Gelegenheit
zum  Fortkommen.
In  der  Ha  up  stadi  Rio  de  Janeiro  leben  etwa
vier-  bis  fünftausend  Deutsche,  welche,  wenn  sie  auch  an  Zahl
.anderen  Fremden,  insbesondere  den  Portugiesen  und  Franzosen
nachstehen,  so  doch  von  bedeutendem  Einflusie  sind;  der  Großhandel ­
  und  das  Kunstgewerbe  sind  zum  großen  Theile  in  ihren
Händen.  Ihnen  ist  es  besonders  zu  verdanken,  daß  auch  in
vornehmen  brasilianischen  Kreisen  deutsches  Wesen,  deutsche
Kunst  und  Wissenschaft  eine  hervorragende  Rolle  spielen.  Es
giebt  in  Rio  eine  stark  besuchte  mehrklassige  deutsche  Schule,
sowie  eine  Anzahl  deutscher  geselliger  Vereine,  unter  denen
der  Klub  „Germania",  welchem  die  meisten  deutschen  Großkaufleute ­
  angehören,  hervorzuheben  ist.  Drei  deutsche  Zeitungen
erscheinen  hier:  die  ..Deutsch-Brasilianische  Warte",  die  „Allgemeine
  Deutsche  Zeitung"  und  die  von  Herrn  Karl  Bolle
redigirte  vortreffliche  „Rio-Post".  Hoch  erfreulich  ist  es,  daß
die  Berliner  Diskonto-Gesellschaft  und  die  Norddeutsche  Bank
beschlossen  haben,  mit  einem  Grundkapital  von  10,000,000  Mk.
in  Rio  de  Janeiro  eine  deutsche  Bank  ins  Leben  zu  rufen.
Die  Provinz  Sao  Paulo  zählt  unter  ihren  Bewohnern
17,000  bis  18,000  Deutsche,  welche  leider  überall  verstreut  woh.
nen.  Der  Handelsstand  in  der  Haupstadt  Sao  Paulo  und
der  Hafenstadt  Santos  ist  zum  großen  Theile  deutsch  und
steht  in  hohem  Ansehn.  Deutsche  Kirchengemeinden,  deutsche
Schulen,  deutsche  Vereine  aller  Art  sind  zahlreich  vorhanden.
7*
        <pb n="102" />
        100

Die  Stadt  Sao  Paulo  zählt  unter  etwa  50,000  Einwohnern
ungefähr  3000  Deutsche.  Eine  deutsche  Zeitung,  die  „Germania",
erscheint  hier.
In  der  Provinz  Parana  macht  das  Deutschthum  einen
recht  bedeutenden  Bruchtheil  der  Bevölkerung  aus;  unter  einer
Gesammtbevölkerung  von  150,000  Seelen  sind  etwa  20,000
Deutsche.  Eine  besonders  hervorragende  Rolle  spielen  die  Deut.
scheu  in  Curityba.  wo  sogar  zwei  Zeitungen  in  deutscher
Sprache  erscheinen.  Die  großen  Naturschätze  der  Provinz  sind
noch  wenig  gehoben.  Reindeutsche  Koloniebezirke  größeren  Umfanges
  finden  sich  bis  jetzt  in  Parana  so  wenig  wie  in  Sao
Paulo,  wohl  aber  in  den  beiden  südlichsten  Provinzen  des  Kaiserreichs,
  Santa  Catharina  und  Rio  Grande  do  Sul,  welche
wir  nunmehr  unserer  Betrachtung  unterziehen  werden.
Die  Provinz  Santa  Catharina  wird  von  etwa  200,000
Einwohnern  bewohnt;  davon  sind  60—70,000,  also  ungefähr
ein  Drittheil,  deutschen  Ursprunges.  Die  Kolonien  Dona
Francisca,  Blumenau  und  Brusque  bilden  ein  beinahe
rein  deutsches  Gebiet,  welches  von  ungefähr  40,000  unserer
Stammesgenoffen  bewohnt  wird.  Die  1849  durch  den  „Kololonisationsverein
  von  1849"  in  Hamburg  gegründete  Kolonie
Dona  Francisca  besteht  aus  den  Distrikten  Joinville  und
Sao  Bento  mit  den  gleichnamigen  Städten  und  mehreren
Dörfern  und  Flecken,  wie  An  na  bürg  u.  s.  w.  Die  Kolonie
beherbergt  gegen  20,000  deutschsprechende  Einwohner.  Ein
Dampfer  vermittelt  den  Verkehr  zwischen  Joinville,  der  wich.
tigsten  Stadt  der  Kolonie,  und  dem  Hafen  Sao  Francisco,
dem  besten  Ankergrund  der  ganzen  Küste,  von  Santos  bis  zur
Barre  von  Rio  Grande  do  Sul.  In  Joinville  erscheinen  zwei
deutsche  Zeitungen.  Südlich  von  Dona  Francisca,  an  den
        <pb n="103" />
        101

Ufern  des  Jtajahy,  liegt  die  gleichfalls  in  herrlichem  Aufblühen ­
  begriffene  Kolonie  Blumenau,  so  benannt  nach  ihrem
Gründer,  dem  Dr.  Blumenau  aus  Braunschweig,  welcher  im
September  1850  sich  hier  mit  17  Personen  niederließ.  Gegenwärtig
  hat  die  Kolonie,  deren  Mittelpunkt  die  Stadt  Blumenau
bildet,  20,000-21,000  Einwohner,  von  denen  über  16,000  die
deutsche  Sprache  reden.  Ein  Flußdampfer  verbindet  Blumenau
mit  dem  Hafen  Jtajahy,  welcher  einen  recht  lebhaften  Schiffsverkehr ­
  unterhält  mit  Rio  de  Janeiro,  Montevideo  und  Buenos
Aires.  Auch  in  Blumenau  erscheinen,  wie  in  Joinville,  zwei
deutsche  Zeitungen.  Das  südlich  von  Blumenau  gelegene

Brusgue  wird  von  nahe  an  3000  Deutschen  bewohnt.
Die  eines  herrlichen  Klimas  sich  erfreuende  Provinz  Rio
Grande  do  Sul  zählt  nach  von  Koseritz  und  Selli«
ca  560,000  Einwohner,  unter  denen  sich  ungefähr  80,000  Deutsche
befinden,  nach  Lange  sogar  102.000.  Nach  Karl  Bolle
leben  in  Rio  Grande  do  Sul  unter  6—700,000  Bewohnern
90  100,000  Personen  deutscher  Abstammung.  Jedensalls  machen
also  die  Deutschen  an  Zahl  V,  der  Gesammtbevölkerung  aus.
Der  in  deutschen  Händen  besindliche  Grundbesitz  verhält  sich
nach  Sellin  zu  dem  gesammtcn  angebauten  Grund  und  Boden
der  Provinz  an  Ausdehnung  wie  1  :  5,  an  Werth  wie  1:3;
von  den  Staats-  und  Communallasten  tragen  die  deutschen
Bewohner  der  Provinz  die  Hälfte.  Diese  Zahlen  schildern  die
Stellung  des  Deutschthums  in  Rio  Grande  do  Tul  beredter,
als  Worte  es  zu  thun  vermöchten.  Auch  politisch  haben  sich
die  Riograndenser  Deutschen  einen  nicht  zu  unterschätzenden
Einfluß  errungen;  ihr  hervorragendster  politischer  Führer  ist  Herr
Karl  von  Koseritz.  Herausgeber  einer  vielgelesenen  deutschen
Zeitung  in  Porto  Alegre.  In  der  ebengenannten  Haupt-
        <pb n="104" />
        stabt  der  Provinz  wohnen  unter  einer  Gesammtbevölkerung  voir
ungefähr  35,000  Seelen  gegen  4000  Deutsche.  Diese  beherr
scheu  den  ganzen  Großhandel  und  nehmen  eine  in  jeder  Be-Ziehung
  hervorragende  und  geachtete  Stellung  ein.  Die  oben
erwähnte,  in  Gründung  begriffene  deutsche  Bank  von  Rio  de
Janeiro  wird  in  Rio  Grande  do  Sul,  wahrscheinlich  in  der
Stadt  Rio  Grande,  wo  der  deutsche  Großhandel  ebenfalls  do
minirt,  eine  Filiale  erhalten.  Nördlich  und  nordwestlich  von
Porto  Alegre  erstreckt  sich  ein  großes,  fast  ausschließlich  von,
Deutschen  bewohntes,  zusammenhängendes  Koloniengebiet.  Bon
den  zahlreichen  hier  gelegenen  deutschen  Kolonien  sind  zu  nennen: ­
  Sao  2  e  o  p  o  I  b  o,  Hamburger  Berg,  Mundo
Novo,  Nova  Petropolis,  Santa  Cruz,  Germania, ­
  Estrella,  Teutonia,  Sao  Angelo,  Santcr
Maria  da  Boca  u.  s.  w.  Auch  südlich  von  Porto  Alegre,
in  der  Nähe  der  Lagoa  dos  Patos,  befinden  sich  einige  rein
deutsche  Kolonien,  unter  denen  Sao  Louren-o  hervorzuheben
ist.  Wer  über  die  deutschen  Kolonien  in  Rio  Grande  do  Sul
sich  eingehender  zu  unterrichten  bestrebt  ist,  dem  kann  neben
dem  Werke  über  Südbrasilien  von  Dr.  Henry  Lange  die
Lektüre  der  gründlichen,  vom  „Centralverein  für  Handelsgeographie
  und  Förderung  deutscher  Interessen  im  Auslande"  herausgegebenen ­
  Berichte  („Die  deutschen  Kolonien  der  Provinz.
Rio  Grande  do  Sul  [Sübbrafilien]."  Berlin  1881)  nicht  genug
empfohlen  werden.  Es  wäre  außerordentlich  wünschenswerth,
daß  diese  Berichte  in  demselben  Sinne  unter  Berücksichtigung
der  inzwischen  eingetretenen  Beränderungen  fortgeführt  und  auf
eine  größere  Zahl  von  Kolonien  ausgedehnt  würden.
Was  die  Zukunft  des  Deutschthums  in  den  drei  Südpro
vinzen  Parana,  Santa  Catharina  und  Rio  Grande  do  Sul,.
        <pb n="105" />
        103

vorzüglich  in  letztgenannter  Provinz,  anbetrifft,  so  urtheilt  darüber ­
  der  bekannte  Geograph  Andre  e  folgender  Maßen:  „Während ­
  die  romanische  Bevölkerung  gar  keine  oder  nur  eine  geringe ­
  natürliche  Vermehrung  aufzuweisen  hat,  kommt  in  vielen
deutschen  Kolonien  erst  auf  vier  Geburten  ein  Todesfall:  ein
Beweis  für  die  Zuträglichkeit  des  Klimas  und  das  physische
und  wirtschaftliche  Wohlbefinden  der  dortigen  Teutschen.
Würde  nur  zehn  Jahre  lang  die  Hälfte  der  deutschen  Auswanderer ­
  nach  der  Provinz  Rio  Grande  do  Sul  geleitet  werden
können,  so  würden  die  Deutschen  auch  dort  numerisch  die  Majorität ­
  besitzen,  und  in  weiteren  zehn  Jahren  könnte  dies  mit
allen  drei  Provinzen  geschehen,  so  daß  in  einem  verhältnißmäßig
kurzen  Zeitraum  ein  Land  von  der  Größe  des  Deutschen  Reiches ­
  der  Nationalität  nach  faktisch  zü  einem  deutschen  werden
könnte."  Herr  Soy  aux  sagt  in  seinen  „Berichten  über  meine
Reise  in  Süd-Brasilien"  (Berlin  1887)  von  der  Bevölkerung
im  deutschen  Koloniengebiet  von  Rio  Grande  do  Sul:  „Sie
hat  sich  so  deutsch  erhalten,  daß,  wie  mir  von  Kennern  mehrfach
  versichert  wurde,  wohl  nur  ein  Prozent  der  Gesammtheit
portugiesisch  spricht.  Leider  scheinen  sich  die  numerischen  Verhältnisse ­
  in  bedrohlichster  Weise  bedeutend  zum  Nachtheile  der
deutschsprechenden  Menge  verschieben  zu  wollen,  und  niemals
lag  die  Befürchtung  näher  als  gerade  jetzt,  daß  dort  ein  versprengter ­
  deutscher  Völkerbruchtheil  dem  llntergang  in  dem  Ansturm ­
  romanischer  Völkerwellen  geweiht  ist,  falls  ihm  nicht
neues  Blut,  neue  Kraft  in  wirksamer  Menge  zugeführt  wird.
Und  wahrlich,  dieser  deutsche  Bauernstamm  ist  es  werth,  daß  man
ihm  mindestens  Gerechtigkeit  widerfahren  lasse;  der  Zufluß  an
neuen,  auffrischenden  und  die  Heimathserinnerungen  wach  haltenden ­
  Elementen  ist  seit  langen  Jahren  fast  versiegt  und  doch
        <pb n="106" />
        104

blieb  das  Volk  noch  deutsch  bis  heute,  hielt  in  seinen  Kolonien
und  im  Verkehr  unter  sich  zähe  fest  an  deutscher  Sprache  und
Sitte,  geduldig  harrend  des  Tages,  da  man  in  der  alten
Heimath  die  Schranken  forträume,  welche  auf  die  Dauer  das
brasilianische  Deutschthnm  verkümmern  lassen.  Während  in
einem  Zeitraum  von  1824  bis  heute  die  deutsch  redende  Bevölkerung ­
  es  nur  auf  eine  Zahl  gebracht  hat,  die  schwankend
von  80  bis  100,000  angegeben  wird  und  die  sich  seit  der  Ende
der  fünfziger  Jahre  eingetretenen  Erschwerung  der  Einwanderung
doch  fast  ausschließlich  schon  aus  im  Lande  geborenen  Nachkommen
  der  ersten  Immigranten  zusammensetzt,  besteht  der
italienische  Theil  der  Bevölkerung,  welcher  erst  seit  Mitte
der  siebenziger  Jahre  als  kolonisirender  Faktor  in  der  Provinz
Rio  Grande  auftaucht,  jetzt  schon  aus  mehr  als  40.000  Köpfen,
vermehrt  sich  alljährlich  durch  regen  Zuzug,  umspannt
  die  deutschen  Koloniezentren  und  rückt  ihnen  beängstigend
immer  näher."  Darin  sind  sämmtliche  Reisende,  sämmtliche
Kenner  der  Verhältnisse  Südbrasiliens  einig,  daß  wenn  irgendwo, ­
  so  hier  die  Keime  vorhanden  sind,  aus  welchen  sich  ein
herrliches  Nendeutschland  jenseits  der  Meere  zu  entwickeln  vermöchte, ­
  daß  diese  Keime  jedoch  der  Nachhülfe  und  der  sorgfältigsten ­
  Pflege  dringend  bedürftig  sind.  wenn  sie  nicht  vorzeitig ­
  der  Zerstörung  preisgegeben  werden  sollen.  Tie  beiden
hauptsächlichsten  Gefahren,  welche  das  Deutschthnm  in  Südbrasilien ­
  bedrohen,  sind  erstens  die  von  Herrn  S  o  y  a  u  x  erwähnte ­
  Ueberhandnahme  des  italienischen  Elements,  zweitens
eine  immer  mehr  sich  breit  machende  nativistische,  deutschfeindliche ­
  Strömung  unter  den  Lusobrasilianern,  welche  an  das
Knownothingthum  in  Nordamerika  erinnert.  Erfreulicher  Weise
bringt  das  Verständniß  für  die  ungeheure  nationale  und  wirth-
        <pb n="107" />
        105

şchaftliche  Bedeutung  Südbrasiliens  in  immer  weitere  Kreise,
und  kapitalkräftige  Gesellschaften,  welche  die  Besiedelung  Südbrasiliens ­
  mit  Teutschen  bezwecken,  haben  sich  theils  gebildet,
sind  theils  in  Bildung  begriffen.  Dahin  gehört  die  Gesellschaft
„Union",  die  vom  Deutschen  Kolonialverein  angeregte  Gesellschaft ­
  „Herman",  deren  erste  Siedelung  Vom  Retiro,  unweit
Porto  Alegre's,  unter  Leitung  des  oben  erwähnten  Herrn  Soyaux
steht,  die  im  Entstehen  begriffene  Stuttgarter  „Gesellschaft  für
deutsche  Kolonisation  in  Südbrasilien"  und  andere  mehr.  Möge
es  diesen  Gesellschaften  gelingen,  einen  Theil  des  in  die  Vereinigten
  Staaten  alljährlich  aus  Deutschland  sich  ergießenden
AuSwandererftromes  nach  Südbrasilien  zu  leuken,  danu  wird
sicherlich  die  deutsche  Bevölkerung  dieses  zukunftsreichen  Landes
unserer  Nation  erhalten  bleiben.  Eine  wie  günstige  Kapitalsanlage ­
  derartige  Unternehmungen  zu  bieten  vermögen,  das  zeigt
in  glänzender  Weise  das  Beispiel  des  „Hamburger  Kolonisationsvereins ­
  von  1849",  des  Gründers  der  großen  Kolonie  Dona
Jrancisca.
Teutsche  Einwanderung  in  Tüdbrasilieu  und  die
Plata-Staaten.  Schon  lange  haben  weitblickende  Männer ­
  darauf  hingewiesen,  wie  wünschenswerth  es  sei,  die  deutsche
Auswanderung  von  Nordamerika  nach  Lüd  brasi  lien
und  den  ähnlicher  Boden-  und  klimatischer  Verhältnisse  sich  erfreuenden ­
  LaPlata-Staaten  ablenken  zu  können.  Als
Gründe  dafür  werden  theils  nationale  theils  rein  wirthschaftliche
  angegeben.  Die  Deutschen  entäußern  sich  unter  Völkern
lateinischer  Zunge  bei  Weitem  nicht  so  leicht  ihrer  Nationalität
wie  unter  den  stammverwandten  Uankees,  sie  bleiben  daher
wehr  in  Berührung  mit  dem  Mutterlande  und  sind  ganz  naturgemäß ­
  Abnehmer  von  dessen  Judustrieprodukten.  Während
        <pb n="108" />
        die  Deutschen  Nordamerikas  verhältnißmäßig  wenig  an  deutschen
  Waaren  verbrauchen,  dagegen  durch  ihre  Arbeit  nur  dazu
beitragen,  die  hochentwickelte  nordamerikanische  Industrie  auf
dem  Weltmärkte  noch  konkurrenzfähiger  zu  machen,  verschaffen
die  deutschen  Ansiedler  des  außertropischen  Südamerika,  welche
noch  viele  Jahre  lang  auf  die  Ausbeutung  der  natürlichen
Reichthümer  des  Bodens  angewiesen  sind,  der  Industrie  des
Mutterlandes  neue  lohnende  Absatzgebiete.  Diese  Bestrebungen,
die  deutsche  Auswanderung  Südamerika  zuzuführen,  sind  in  der
letzten  Zeit  besonders  durch  den  „Centralverein  für  Handels
geographic  und  Förderung  deutscher  Interessen  im  Auslande"
und  sodann  durch  den  „Deutschen  Kolonialverein"  geltend  gemacht ­
  und  gefördert  worden.  Lange  jedoch  vor  der  Gründung
genannter  beiden  Vereine,  schon  im  Jahre  1843,  betonte  der
vr.  Freiherr  von  Reden  die  Vortheile,  welche  eine  durch
die  Einwanderung  zu  erzielende  wirthschaftliche  Verbindung
Deutschlands  mit  Südbrasilien  und  den  La  Plata-Ländern  im
Gefolge  haben  würde;  im  Jahre  1846  entwarf  er  die  Grundzüge
der  Satzlmgen  eines  Vereins  für  deutsche  Auswanderung.
Freiherr  von  Reden  sagt  in  „Petermanns  Mittheilungen"  (Jahrgang
  1856,  S.  15):  „Eine  friedliche  Ansiedelung  sollte  durch
die  Leitung  der  deutschen  Auswanderung  nach  dem  La  Plata-Gebiete
  bewirkt  werden.  Ihre  unendliche  Wichtigkeit  ist  seither
nur  von  Wenigen  hervorgehoben;  fast  Niemand  hat  daran  erinnert,
  daß  dadurch  Sammelplätze  für  die  scheidenden  Zweige
unseres  Stammes  gebildet  werden  können,  wo  jede  Knospe  zu
einer  Frucht  für  das  deutsche  Vaterland  reift,  wo  jeder  Pulsschlag
  der  alten  Heimath  seinen  Wiederhall  findet.  Die  friedliche ­
  Kolonisation  verpflanzt  deutsche  Sprache,  deutsche  Sitte,
überhaupt  deutsches  Leben  in  die  neue  Heimath;  das  hierdurch
        <pb n="109" />
        |ê  »»à

107

bleibende  geistige  Band  ist  unzerreißbar,  wie
beweisen.  Es  wirkt  zugleich  kräftig  belebend  ....

Verkehr,  und  die  Fabriken  der  alten  Heimath  liefern  den  Land
bauenden  Kolonisten  ihren  Bedarf  ohne  eines  Monopols  oder
eines  Schutzes  zu  bedürfen."
Leider  sind  Anzeichen  dafür  vorhanden,  daß  die  Italiener
uns  Deutschen  den  Rang  ablaufen  werden  in  Südamerika.
Im  Jahre  1886  wanderten  11,582  Italiener  in  Brasilien  ein
gegen  2400  Deutsche,  für  das  Jahr  1887  wird  die  italienische
Einwanderung  gar  auf  40,000  Köpfe  geschätzt,  während  die
deutsche  sich  schwerlich  gegen  das  Vorjahr  vermehrt  haben  dürfte-In
  Argentinien,  wo  bereits  Hunderttausende  von  Italienern
ansässig  sind,  wurde  allein  im  Jahre  1887  das  italienische  Element ­
  durch  67,130  Neuhinzugekommene  verstärkt,  während  in
demselben  Jahre  nur  1333  Deutsche  und  2408  Oesterreicher,
von  denen  wahrscheinlich  ein  großer  Theil  deutschen  Stammes
ist,  dort  einwanderten.  Auch  in  Uruguay  überwiegt  die  Einwanderung ­
  aus  Italien  diejenige  aus  allen  anderen  Staaten
bedeutend,  ganze  Stadttheile  von  Montevideo  sollen  bereits  ein
vollständig  italienisches  Gepräge  besitzen.  Wenngleich  ein  weit
größerer  Prozentsatz  der  italienischen  als  der  deutschen  Einwanderer ­
  nach  einiger  Zeit  wieder  in  die  alte  Heimath  zurückkehrt, ­
  so  ist  die  Gefahr  der  Jtalienisirung  Südamerikas  trotzdem ­
  eine  große,  und  dieses  ist  um  so  mehr  der  Fall,  als  die
italienische  Regierung  auf  das  eifrigste  bemüht  ist,  die  Auswanderer ­
  ihrer  Nationalität  zu  erhalten.  Ende  des  Jahres
1887  erließ  der  Ministerpräsident  Crispi  ein  Rundschreiben
an  die  Vertreter  Italiens  im  Auslande,  worin  er  zur  Förderung
des  nationalen  Zuständigkeitsgefühles  aufforderte,  und  zwar
zunächst  durch  die  Pflege  des  friedlichen  Verkehrs  zwischen  den
        <pb n="110" />
        108

Mitgliedern  italienischer  Ansiedelungen.  Die  Italiener  im  Auslande
  sollen  das  Gefühl  haben,  daß  die  italienische  Regierung
mit  ihren  Vertretern  über  sie  sorgsam  und  freundlich  wacht
und  zur  Unterstützung  in  Rath  und  That  bereit  ist.  Um  die
Mitglieder  der  italienischen  Ansiedelungen  im  Auslande  einander
zu  nähern  und  in  ihnen  das  Gefühl  der  Zusammengehörigkeit  zu
beleben,  sollen  nationale  Feste,  wie  die  Geburtstage  des  Königs,  der
Königin,  das  Berfassungsfest  u.  s.  w.,  gemeinsam  gefeiert  werden.
Behufs  Errichtung,  Erhaltung  und  llnterstützung  italienischer
Schulen  im  Ausland  hat  die  Regierung  45,OOO  Lire  ausgeworfen.
Paraguay.  In  Paraguay  ist  die  Zahl  unserer  Landsleute ­
  freilich  eine  sehr  geringe;  jedoch  läßt  sich  schon  für  die
allernächste  Zeit  eine  beträchtliche  Zunahme  mit  Bestimmtheit
erwarten.  Abgesehen  von  den  Indianern  wohnen  nach  der  am
1.  März  1886  vorgenommenen  Volkszählung  in  Paraguay
231,878  Menschen,  darunter  4895  Argentinier,  825  Italiener,
530  Brasilier  und  nur  478  Teutsche  nebst  130  wohl
meistens  deutschsprechenden  Schweizern.  Eine  ältere  deutsche
Niederlassung  ist  die  Kolonie  San  Bernardino,  welche
jetzt  wieder  in  erfreulichem  Aufschwung  begriffen  zu  sein  scheint.
Das  Klima  und  die  Bodenbcschaffenheit  des  Landes  werden
von  allen  Seiten  als  höchst  günstig  für  deutsche  Kolonisation
bezeichnet.  In  der  jüngsten  Zeit  haben  sich  mehrfach  Bestrebungen ­
  geltend  gemacht,  auch  dieses  schöne,  nach  einem  schrecklichen ­
  Kriege  von  Neuem  aufblühende  Land  deutschem  Kapital
und  deutscher  Arbeit  nutzbar  zu  machen,  so  namentlich  von
Seiten  der  Leipziger  „Südamerikanischen  Kolonisation ­
  sgesellschaft"  und  des  D  r.  Bernhard  Förster. ­
  Die  hochinteressante  Schrift  des  letzteren  „Teutsche  Kolonien ­
  in  dem  oberen  La  Plata-Gebiet,  mit  besonderer  Berück-
        <pb n="111" />
        109

sichtigulig  von  Paraguay"  wird  als  das  gründlichste  in  deutscher ­
  Sprache  über  Paraguay  erschienene  Werk  gerühmt.  Die
„Südamerikanische  Kolonisationsgesellschaft"  beabsichtigt  ein  von
ihr  erworbenes  Gebiet  am  C  a  p  i  b  a  r  i  mit  einem  Areal  von
12  Quadrat-Leguas  (ca.  87=  Quadratmeilen)  an  deutsche  Kolonisten
  zu  überlassen.  Die  Kolonie  des  Herrn  Dr.  Förster,
welche  ebenfalls  allein  von  Deutschen  besiedelt  werden  soll,
führt  den  Namen  Neu-Germania;  sie  besindet  sich  m
Distrikt  San  Pedro,  am  Aguaray-guazu,  einem
schiffbaren  Nebenfluß  des  Paraguay.  Es  sind  bereits  über  ivo
Köpfe  Deutscher  hier  angesiedelt,  die  sich  Ende  1888  durch  Zuzug
auf  mindestens  200  vermehrt  haben  dürften.
Eine  Korrespondenz  der  „Deutschen  Kolonialzeitung  aus
Asuncion  vom  Dezember  1887  macht  über  den  steigenden  Einfluß
  der  Deutschen  in  Paruguay  folgende  Angaben:
„Die  Zahl  der  in  Paraguay  als  Großgrundbesitzer.  Bauern.
Pflanzer.  Viehzüchter,  Handwerker,  Kaufleute  u.  s.  w.  sich  ansiedelnden
  Deutschen  ist  in  bemerkbarer  Zunahme  begriffen.
So  haben  sich  erst  kürzlich  wieder  zwei  ehemalige  Mecklenburgische
  Landwirthe  Grundbesitz  mit  todtem  und  lebendem  Inventar
  käuflich  erworben  (zu  2'/,  Quadratlegua  mit  800  Stück
Bieh  und  3 1 /*  Quadratlegua  mit  1000  Stück  Vieh)  ;  andere
sind  im  Begriff,  größere  oder  kleinere  Ankäufe  zu  bewirken.
Neue  deutsche  Geschäfte,  welche  direkt  Beziehungen  mit  Deutschland ­
  unterhalten,  eröffnen  sich  in  der  Landeshauptstadt,  und
deutsche  Werkstätten  etablieren  sich  auch  schon  in  den  wohlhabenden
  Marktflecken.  Auffallend  stark  ist  der  Import  deutscher
Jndustrieprodukte;  es  giebt  hier  schon  Geschäfte,  welche  vorwiegend
  ihren  Bedarf  in  Deutschland  direkt  decken,  während  es
noch  vor  einigen  Jahren  Sitte  war.  bei  den  großen  Impor-
        <pb n="112" />
        teuren  in  Buenos  Aires  zu  kaufen.  Eisenwaaren  aller  Art,
Pianinos,  Lampen,  Geschirr,  Möbel.  Bier  rc.  kommen  zum
größten  Theil  direkt  aus  Deutschland;  auch  das  jetzt  anlangende
Material  für  die  neue  Bahn  trägt  den  jedes  Deutschen  Herz
mit  Stolz  erfüllenden  Namen  „Friedrich  Krupp.  Essen".  Die
Textilindustrie  steht  noch  sehr  zurück,  nur  Strumpfwaaren  aus
Limbach  fangen  an,  sich  einzuführen.  Es  bedarf  meines  Erachtens
  nur  einer  lebhaften  Agitation,  um  auch  deutschen  Geweben,
  namentlich  den  Elsässer  Kattunen,  hier  Eingang  zu  verschaffen. ­
  Die  äußere  Stellung  der  Deutschen  und  das  Ansehen,
welches  sie  genießen,  hat  sich  in  den  letzten  Jahren  wesentlich
gehoben,  wozu  die  tüchtige  und  hier  allgemein  anerkannte  Amtsführung
  des  deutschen  Kousulats  nicht  wenig  beigetragen  hat.
Ob  die  deutsche  Regierung  einen  Berufskonsul  hier  hersenden
wird,  ist  eine  viel  erörterte  Frage.  Die  beiden  europäischen
Nationen,  welche  jetzt  in  Paraguay  Berufskonsulate  unterhalten,
Frankreich  nnd  Spanien,  haben  hier  nicht  die  Bedeutung,  wie
die  Deutschen."
Uruguay.  In  dem  fruchtbaren  Graslande  llruguay  standen ­
  bis  jetzt  leider  die  ewig  dort  herrschenden,  beklagenswerthen
politischen  Wirren  einer  erfolgreichen  europäischen  Kolonisation
hindernd  im  Wege.  Es  sind  demnach  auch  keine  deutschen
Ackerbaukolonien  von  irgend  welcher  Bedeutung  vorhanden;
erwähnen  wollen  wir  nur  die  von  deutschen  Schweizern  besiedelte ­
  Kolonie  Nueva  Helvecia.  Das  Unternehmen  des
Herrn  Ed.  Grauert,  in  der  Nähe  des  Forts  Santa  Teresa
eine  größere  deutsche  Kolonie  in's  Leben  zu  rufen,  ist  kläglich
gescheitert,  indem  die  Regierung  des  Präsidenten  Tajos  den
.Kolonisationsvertrag,  welchen  Herr  Grauert  mit  der  früheren
Regierung  mit  Zustimmung  der  Kammern  geschlossen  hatte,  in
        <pb n="113" />
        \

Ill

unerhört  willkürlicher  Weise  aufhob.  Herr  Grau  ert,  der  bereits ­
  bedeutende  Opfer  für  die  Kolonie  Santa  Teresa  gebracht
hatte,  ist  inzwischen  gestorben,  wie  man  sagt,  in  Folge  der  Aufregung, ­
  in  welche  ihn  das  Verfahren  der  Regierung  begreiflicher
Weise  versetzen  mußte.  Daß  derartige  Vorkommnisse  der  Kolonisation, ­
  also  auch  dem  wirthschaftlichen  Fortschritte  des  Landes
nicht  eben  förderlich  sein  können,  liegt  auf  flacher  Hand.  Trotz
alledem  scheinen  wieder  Unternehmungen  großartigen  Stiles,
welche  die  Anlegung  deutscher  Kolonien  in  Uruguay  bezwecken,
im  Werke  zu  sein.  In  der  Hauptstadt  Montevideo  wohnen
neben  den  zahlreichen  Spaniern,  Italienern  und  Franzosen  freilich ­
  nur  wenige  Deutsche,  doch  haben  diese  mit  den  Engländern
den  gesammten  Großhandel  des  Landes  inne.
Argentinien.  In  der  in  mächtigem  Aufschwünge  begriffenen ­
  argentinischen  Republik  gewinnt  das  Deutschthum
mehr  und  mehr  an  Einfluß,  wenn  sich  auch  noch  nicht  solche
Zentren  deutschen  Lebens  gebildet  haben,  wie  das  Koloniengebiet ­
  von  Rio  Grande  do  Sul  eins  ist.  Ueber  ganz  Argentinien ­
  verstreut  sollen  ungefähr  30.000  Deutsche  leben;  am  dichtesten
  sitzen  sie  in  den  Provinzen  Buenos  Aires  mit  der
Hauptstadt  des  Landes,  Entre  Rios  und  Santa
F6.  Unter  sämmtlichen  Ausländern  sind  in  Argentinien  die
Italiener  am  zahlreichsten  vertreten,  man  schätzt  sie  auf  über
160,000  Köpfe.
In  der  Hauptstadt  Buenos  Aires  mögen  etwa  4000
Deutsche  leben,  was  unter  einer  Bevölkerung  von  über  430,000
Seelen  gerade  nicht  viel  ausmacht.  Jedoch  spielen  dieselben
hier  eine  sehr  bedeutende  Rolle,  da  der  Großhandel  zum  großen
Theil  in  den  Händen  deutscher  Kaufleute  liegt,  der  Ausfuhrhandel ­
  nahezu  vollständig.  Ganz  im  Süden  der  Provinz  Bue-
        <pb n="114" />
        112

nos  Aires  scheint  ein  wichtiges  Zentrum  deutschen  Lebens  im
Entstehen  begriffen  zu  sein,  indem  das  Welthaus  E.  Tornqui
  st  &amp;amp;  Co.  seine  int  Distrikt  Bahia  Blanca  gelegenen  Ländereien ­
  mit  einem  Areal  von  einer  halben  Million  preußischer
Morgen  nur  durch  Deutsche  zu  besiedeln  gedenkt.  Die  Kolonie
Tornquist  soll  bereits  rüstig  im  Vorwärtsschreiten  begriffen
sein.
In  E  n  t  r  e  Rios  haben  sich  freilich  schon  seit  mehreren
Jahren  deutsche  Laudleute  in  größerer  Zahl  niedergelassen;  umfangreiche ­
  rein  deutsche  Kolonien  sind^dort  jedoch  noch  nicht  vorhanden ­
  sondern  erst  im  Entstehen  begriffen.  Eine  solche  wird  die
von  Herrn  Hermann  Tjarks  in  Buenos  Aires  geplante
am  Arroyo  Villaguay-Chico  gelegene  Kolonie  Nueva  Alemania ­
  (NeU'Deutschland),  deren  Absatzverhältnisse  außerordentlich ­
  günstig  sein  sollen.  Als  reindeutsch  ist  auch  die  Niederlassung ­
  der  Deutschrusseu  bei  O  l  e  v  a  r  r  i  a  zu  bezeichnen.
Mittelpunkte  des  Deutschthums  in  der  Provinz  Santa  F  6
bilden  die  Städte  Esperanza  und  das  schnell  aufblühende
Rosario.  Auch  in  dieser  Provinz  wie  in  Entrerios  wohnen  zahl
reiche  deutsche  Ackerbauer.  Eine  ganz  deutsche  Kolouie  ist  S  a  n  t  a
E  l  e  u  a,  unfern  der  Stadt  Santa  Fe  gelegen.  Dieselbe  umfaßt
ein  Gebiet  von  drei  Quadratmeilen  und  ist  Eigenthum  der  Gesellschaft ­
  Kemmerich,  welche  dort  das  bekannte  Fleischextrakt
Herstellen  läßt.
Von  den  übrigen  Provinzen  Argentiniens  wohnen  verstreut
Deutsche  namentlich  in  T  u  c  u  m  a  n,  C  a  t  a  m  a  r  c  a,  Mendoza ­
  und  Cordova.  Die  Universität  Cordova,  die
hervorragendste  in  Südamerika,  zählt  unter  ihren  Professoren
zur  Hälfte  Deutsche.
Chile.  Die  geordnetste  und  bestorganisirte  unter  den
        <pb n="115" />
        113

südamerikanischen  Republiken,  Chile,  beherbergt  über  10,000
Personen  deutscher  Abkunft.  Die  meisten  derselben  wohnen  als
Ackerbauer,  Viehzüchter,  Handwerker  u.  s.  w.  in  den  Provinzen
Arauco,  Valdivia  und  Llanquihue.  Das  Departement
Oforno,  südlich  der  Stadt  Valdivia,  hat  ein  vollkommen
deutsches  Gepräge.  Deutsche  Schulen  sind  vorhanden  in  Valdivia, ­
  Osorno,  La  Union,  Puerto  Monti,  Rio-Bueno
  und  Los  Ulmos;  dieselben  werden  von  der  chilenischen
  Regierung  in  freigebigster  Weise  unterstützt.  In  Valdivia ­
  erscheint  eine  „Deutsche  Zeitung  für  Südchile";  in
Puerto  Monti  besteht  eine  Ortsgruppe  des  Deutschen  Schulvereins ­
  mit  gegen  60  Mitgliedern.  Wohl  die  südlichste  deutsche
Niederlassung  befindet  sich  in  der  chilenischen  Hafenstadt  Punta
Arenas  an  der  Magalhaens-Straße.  wo  bereits  im  Jahre
1863  sich  150  Deutsche  niederließen.  Unsere  Stammesgenossen
in  Südchile  halten  fest  zusammen  und  bewahren  treu  ihre
deutsche  Sprache  und  Sitte.  Ihr  Handelsverkehr  mit  dem  Mutterlande ­
  ist  ein  recht  bedeutender.
Auch  in  Santiago  und  Valparaiso  leben  zahlreiche
Deutsche,  meist  als  Großkaufleute,  Gelehrte,  Gewerbetreibende
und  Handwerker.  Für  das  rege  geistige  Leben  unserer  dortigen
Landsleute  zeugen  die  gediegenen  „Verhandlungen  des  deutschen
wissenschaftlichen  Vereins  zu  Santiago",  sowie  die  in  Valparaiso
  erscheinenden,  vortrefflich  redigirten  „Deutschen  Nachrichten." ­

Als  Kuriosum  sei  erwähnt,  daß  der  tapfere  Jndianerstamm
der  Araukaner  sowohl,  wieder  diesem  nahe  verwandte,
jenseits  der  Cordilleren  wohnende,  ebenso  tapfere  Stamm  der
Pechnenchen  sich  deutscher  Abkunft  rühmt.  Von  letztgenanntem
  Volke  werden  nach  Ochsenius  die  Deutschen  nie
        <pb n="116" />
        anders  denn  als  „Parientes",  d.  h.  Verwandte,  bezeichnet.
Mag  genannter  Herr  für  diesen  Bericht  die  Verantwortung
übernehmen.
        <pb n="117" />
        115

Die  Deutschen  in  Afrika.
Nachdem  der  dunkle  Erdtheil,  außer  in  seinem  nördlichsten
und  südlichsten  Theile,  von  den  europäischen  Nationen  lange
Zeit  über  Gebühr  vernachlässigt  und  fast  nur  des  Sklavenhandels ­
  wegen  aufgesucht  worden  war,  streben  jetzt  Deutsche,  Engländer, ­
  Belgier,  Franzosen,  Italiener  in  regem  Wettbewerb  einander ­
  zuvorzukommen  in  der  Gewinnnng  der  afrikanischen
Märkte  für  ihre  heimische  Industrie.  Die  Stellung  der  Deutschen ­
  in  diesem  Kampfe  ist  keine  ungünstige.  Schon  weht  die
schwarz-weiß-rothe  Flagge  über  ausgedehnten  Gebieten;  vier  feste
Stützpunkte  sind  bereits  gewonnen,  von  denen  die  Erschließung
des  noch  immer  geheimuißvollen  Innern  Afrikas  für  den  deutschen ­
  Handel,  für  die  deutsche  Arbeit,  ihren  Ausgang  nehmen
könnte:  Deutsch'Ostafrika  nebst  Zanzibar,  Kamerun,
Togo,  Deutsch-Südwestafrika.  Deutsche  Ackerbaukolonien
  von  nennenswerther  Bedeutung  befinden  sich  leider  noch
in  keinem  der  Schutzgebiete,  sondern  lediglich  in  der  Kapkolonie,  in
Natal  und  in  den  Boerenrepubliken;  unbedeutende  Niederlassungen
von  Personen  deutscher  Herkunft  sind  auch  in  Algerien  vorhanden.
Nordafrika.  In  Marokko,  insbesondere  an  der  Westküste ­
  dieses  Reiches,  gewinnt  der  deutsche  Handel  von  Tag  zu
Tag  an  Bedeutung.  Bon  Tanger  bis  Mogador  findet  man  an
allen  Plätzen  deutsche  Handelsagenten,  in  der  Stadt  Casablanca
soll  der  deutsche  Kaufmann  den  französischen  fast  ganz  verdrängt
haben.  Der  politische  Einfluß  Deutschlands  in  Marokko  ist  ein
bedeutender,  trotz  der  Eifersucht  der  konkurrirenden  Mächte,  der
Engländer,  Franzosen,  Spanier  und  Italiener.
        <pb n="118" />
        116

In  Algerien  leben  über  6000  innerhalb  des  Deutschem
Reiches  geborene  Personen  als  Ackerbauer;  diese  sind  jedoch  fast
ausschließlich  Elsässer,  also  jedenfalls  Renegaten,  können  uns  daher ­
  nicht  interessiren.
Der  Handel  Deutschlands  mit  Egypten  ist,  wenn  auch
noch  unbedeutend,  so  doch  in  fortwährendem  Steigen  begriffen.
Die  deutschen  Kolonien  in  Kairo  und  Alexandrien  sind  recht
ansehnlich.  Es  mögen  ungefähr  1000  Personen  deutscher  Ab«
kunft,  deren  Eintracht  sehr  gerühmt  wird,  dort  wohnen.
Westafrika.  Der  schon  jetzt  einen  bedeutenden  Werth
darstellende  westafrikanische  Handel  verdankt  seine  Blüthe  zum
großen  Theile  der  Umsicht  und  der  Thatkraft  hanseatischer  Kaufleute, ­
  insbesondere  des  Hamburgischen  Welthauses  C.  Wo  ermann. ­
  Es  ist  offenbar,  daß  dieser  Handel  noch  einer  gewaltigen, ­
  ja  einer  fast  unbegrenzten  Ausdehnung  fähig  ist;  denn  je
mehr  das  stark  bevölkerte  Hinterland  der  Kultur  erschlossen
wird,  desto  größere  Erträge  wird  der  Boden  liefern,  desto  reichlicheren
  Absatz  werden  die  Erzeugnisse  der  europäischen  Industrie
auf  den  Märkten  der  Eingeborenen  finden.  Es  ist  daher  ganz
natürlich,  daß  diejenigen  europäischen  Völker,  deren  Industrie
auf  den  Absatz  im  Auslande  angewiesen  ist,  diese  wichtigen
Gebiete  sich  dadurch  zu  sichern  suchten,  daß  sie  dieselben  ihrem
Machtbereiche  einverleibten.  So  setzten  sich  die  Franzosen  am
Senegal  und  Kongo,  die  Engländer  an  der  Sierra  Leone-Küste,
an  der  Goldküste  und  am  Niger,  die  Portugiesen  in  Angola
fest.  Endlich,  in  letzter  Stunde,  rafften  sich  auch  die  Deutschen
auf:  im  Juli  1884  hißte  der  unvergeßliche  Dr.  Nachtigal
an  der  S  l  a  v  e  n  k  ü  st  e  und  an  der  B  i  a  f  r  a  -  B  u  ch  t  die
schwarzweißrothe  Flagge  zum  Zeichen  der  Besitzergreifung  des
Landes  durch  das  Deutsche  Reich.  Der  deutsche  Kaufmann  war
        <pb n="119" />
        117

es  endlich  müde  geworden,  von  der  Willkür  eingeborener  Häuptlinge ­
  und  der  Gnade  der  Engländer  abzuhängen,  welche  die
lästigen  Konkurrenten  natürlich  nur  mit  scheelen  Augen  anzublicken ­
  vermochten.
Die  größte  deutsche  Kolonie  an  der  äquatorialen  Westküste,
die  Kolonie  Kamerun,  erstreckt  sich  vom  Rio  del  Rey  bis  zum
Campofluß.  An  der  Spitze  der  Verwaltung  steht  ein  kaiserlicher
«Gouverneur,  welchem  eine  eigens  für  das  seichte  Fahrwasser  der
Kamerunflüsse  gebaute  Dampfbarkasse  zur  Verfügung  steht.  Der
Handel  des  Kamerungebietes  befindet  sich  zum  weitaus  größten
Theile  in  den  Händen  der  Hamburger  Häuser  C.  Woermann
und  Jantzen  &amp;amp;  Thormählen.  Zur  Ausnutzung  des,
wie  es  scheint,  außerordentlich  fruchtbaren  Bodens  der  Kolonie
bildete  sich  im  Frühjahr  1885  zu  Hamburg  eine  Kommanditgesellschaftunter ­
  der  Firma  „K  ameruner  Land-und  Plantagengesellschaft ­
  Woermann,  Thormählen  &amp;amp;  ßo.".
Die  Pflanzungen  der  Gesellschaft  versprechen  einen  guten  Erfolg. ­
  Hauptausfuhrartikel  aus  dem  Gebiete  siud  zur  Zeit:
Palmöl,  Palmkerne,  Gummi,  Elfenbein.  Die  deutsche  Reichs-Währung
  ist  durch  einen  Erlaß  des  Gouverneurs  bereits  eingeführt. ­
  Zur  ferneren  Orientirung  über  die  Kolonie  seien  die
Schriften  von  H.  Zöller,  Dr.  Max  Buchner,  Dr.  B.
Schwarz,  sowie  die  einschlägigen  Artikel  der  „Deutschen
Kolonialzeitung"  und  der  amtlichen  „Mittheilungen
von  Forschungsreisenden  und  Gelehrten  aus  den
teutschen  Schutzgebieten"  empfohlen.
Das  Togogebiet,  an  der  Slavenküste,  umfaßt  die  Küstenstädte ­
  Lome,Bageida,  Porto  Seguro  und  Klein
P  o  p  o  (Aneho).  Tie  Verwaltung  leitet  ein  kaiserlicher  Kommissar. ­
  Das  Hinterland  der  Togoküste  wird  von  den  gutartigen
        <pb n="120" />
        118

und  ziemlich  zivilisirten  Ew  e-Ne  gern  bewohnt.  Unter  deutschen ­
  Schutz  haben  sich  bis  heute  folgende  Landschaften  des
Hinterlandes  begeben:  Togo,  Tome,  Kewe,  das  wichtige
Agotime,  Tuwi,  Agome,  Liati,  Gbele,  Agu  und
O  b  e  r  -  T  o  w  e.  Tome,  Kewe  und  Agotime  wurden  durch  die
Expedition  der  Herren  Konsul  Ra  nd  ad  und  Assessor  F  allen ­
  st  ein,  die  letztgenannten  sechs  Landschaften  durch  diejenige
der  Herren  Grade  und  Dr.  Henrici  für  das  Deutsche  Reich
erworben.  Die  Literatur  über  das  Togoland,  insbesondere  über
das  Innere  desselben,  ist,  verglichen  mit  derjenigen  über  Kamerun, ­
  noch  eine  dürftige;  außer  dem  Zöller'schen  Werke  über
die  Sklavenküste  sei  vor  allen  Dingen  das  außerordentlich  interessante ­
  Buch  „Das  deutsche  Togogebiet"  von  Dr.  Henrici
(Leipzig  1888)  hier  erwähnt.
Deutsche  Handelsfaktoreien  befinden  sich  übrigens
  längs  der  ganzen  Westküste,  von  Senegambien  bis
zum  Kongo  und  darüber  hinaus,  mögen  die  betreffenden  Plätze
unter  französischer,  englischer,  portugiesischer  oder  deutscher  Schutz-Herrlichkeit
  stehen.  Der  hanseatische  Handel  hat  hier  den  französischen ­
  längst  überflügelt  und  macht  dem  englischen  die  wirksamste
Konkurrenz.  Selbst  in  dem  englischen  Lagos,  dem  Haupthandelsplatze
  der  Guincaküste,  befindet  sich  der  Handel  vorwiegend ­
  in  den  Händen  der  Deutschen.  Als  wichtigste  unter
den  vielen  Plätzen,  in  denen  sich  deutsche  Handelsniederlassungen
und  Faktoreien  befinden,  seien  erwähnt:  Freetown,  Cape  Mount,
Monrovia,  Klein-Bassa,  Groß-Bassa,  Greenville,  Cavalla.  Tabu,
Cape  Coastcastle,  Akkra,  Adda,  Quitta,  Danoe,  die  bereits  genannten
  4  deutschen  Togostädte,  von  denen  Klein-Popo  (Ancho)  die
wichtigste  ist,  Groß-Popo,  Porto  Novo,  Lagos,  Braß,  die  zur
Kamerunkolonie  gehörigen  Plätze:  Viktoria.  Bimbia,  Kamerun,
        <pb n="121" />
        119

Malimba,  Klein-Batanga,  Groß-Batanga;  ferner  südlich  davon:
Kap  Balta,  Batta  Bai,  Benito,  Klein-Eloby,  Gabun,  Libreville,
Ogowe,  Rudolfstadt  am  Ausflusse  des  Kwilu;  schließlich  südlich
von  der  Kongomündung,  im  portugiesischen  Gebiete,  Kiffembo.
Die  hervorragendste  der  am  westafrikanischen  Geschäft  betheiligten ­
  Firmen  ist  ohne  Zweifel  die  schon  mehrfach  erwähnte  Hamburgische ­
  Firma  C.  Woermann,  welche  allein  gegen  80
Faktoreien  und  Agenturen  besitzt.
Richt  genug  ist  es  zu  beklagen,  daß  das  bei  Weitem
günstigste  Handels-  und  Wirthschaftsgebiet  in  ganz  Westafrika,
das  Niger-Benue-Gebiet,  dem  Deutschen  Reiche  verloren ­
  gehen  mußte.  Der  Niger  mit  seinem  Nebenfluß  Benue
gewährt  eine  selbst  für  größere  Schiffe  fahrbare,  breite  Wasserstraße. ­
  welche  tief  in  das  Herz  des  dunklen  Kontinents  hineinführt, ­
  in  die  produktenreichsten,  bevölkertsten  und  zivilisirtesten
Gegenden  des  ganzen  Innern  von  Afrika,  in  den  Sudan,
eines  der  wichtigsten  Handelsgebiete  der  Zukunft,  wie  Dr.
Jannasch  in  seiner  im  Jahre  1886  gelegentlich  des  „Allgemeinen ­
  deutschen  Kongresses  zur  Förderung  überseeischer  Interessen" ­
  gehaltenen  Rede  über  die  Hebung  des  deutschen  Außenhandels ­
  ihn  nannte.  Trotz  der  aufopfernden  Thätigkeit  eines
Robert  Flegel,  trotz  der  eifrigen  Bemühungen  patriotischer
Männer  gelang  es  den  Engländern  uns  zuvorzukommen,  und
nunmehr  weht  an  beiden  Ufern  des  unteren  Niger  der  Union
Jack,  und  immer  tiefer  in  das  Innere  hinein  sucht  die  mächtige
lloyal  Niger  Company  ihren  Einfluß  auszudehnen;  ja,  nach
der  Vereinbarung  zwischen  dem  Deutschen  Reiche  und  Großbritannien ­
  über  die  gegenseitigen  Jnteresiensphären  in  Westafrika
  würde  selbst  der  wichtige  Ort  Jola  am  Benue,  im  Lande
A  d  a  m  a  u  a,  noch  innerhalb  des  britischen  Machtbereiches  fallen.
        <pb n="122" />
        120

Dennoch  ist  keineswegs  Alles  verloren.  Nicht  Alles,  was  man
auf  englischen  Karten  roth  angestrichen  findet,  ist  auch  in  Wirklichkeit
  britischer  Besitz;  die  Rechte,  auf  Grund  deren  die  englische ­
  Gesellschaft  den  Handel  in  diesen  Gebieten  zu  monopoli,
siren  trachtet,  sind  nach  den  Berichten  des  Herrn  P.  Staudinger,
  des  Begleiters  von  R  o  b  e  r  t  F  l  e  g  el  auf  seiner
letzten  Expedition,  welche  diesem  kühnen  Reisenden  den  Tod
bringen  sollte,  sowie  anderer  zuverlässiger  Gewährsmänner,
äußerst  zweifelhafter  Natur.  Nach  S  t  a  u  d  i  n  g  e  r  beschränken
sich  die  rechtmäßigen  Besitzungen  der  Royal  Niger  Company
nur  auf  die  von  einer  Anzahl  heidnischer  Häuptlinge  erworbenen
Ländereien.  „Dazwischen  liegt  noch  so  mancher  Platz  am  unteren ­
  Niger,  der  noch  nicht  okkupirt  ist,  und  die  für  Deutschland
gerade  so  wichtigen  ungeheuren  Strecken  der  mohamcdanischen
Reiche  sind  vollständig  dem  Handel  und  Verkehr  geöffnet."
(Deutsche  Kolonialzeitung,  Jahrgang  IV.  Heft  7).  Bekanntlich
diente  die  letzte  Expedition  Flegels  nicht  allein  wissenschaftlichen,
sondern  auch  handelspolitischen  Zwecken.  In  L  o  k  o  am  Benne
wurden  die  deutschen  Reisenden  vom  Könige  von  An  as  samara
auf  das  freundlichste  begrüßt,  und  gern  gewährte  derselbe  ihnen
alle  begehrten  Rechte.  Die  englische  Gesellschaft  (damals  National ­
  African  Company)  hatte  vorgegeben,  den  Grund  und
Boden  daselbst  käuflich  erworben  zu  haben;  der  König  aber
schwor  bei  Allah,  daß  alle  diese  Behauptungen  unwahr  seien.
Der  mächtige  Sultan  von  S  o  k  o  t  o,  dem  Hartert  und  Staudinger
  Briefe  und  Geschenke  Sr.  Majestät  des  hochseligen  Kaisers ­
  Wilhelm  I.  überreichten,  hieß  die  Deutschen  in  seinem
Reiche  willkommen  und  erklärte  ausdrücklich,  daß  er  nicht  einen
Zoll  breit  seines  Landes  an  die  englische  Gesellschaft  verkauft,
noch  derselben  irgendwie  ein  Monopolrecht  gewährt  habe.  Der
        <pb n="123" />
        Sultan  von  Sofoto  hat  in  den  unter  seiner  Oberhoheit  stehenden ­
  Gebieten  allein  das  Recht,  gültige  Abmachungen  zu  schließen.
Sein  Reich&amp;gt;rstreckt  sich,  nach  Staudinger,  vom  mittleren  Niger
bis  zur  Grenze  von  Bornu  einerseits,  sowie  vom  Südrande
der  Sahara  über  den  Benue  bis  tief  nach  A  d  a  m  a  u  a
hinein  andererseits.  Auch  der  mächtige  König  von  Nupe  hat
feierlich  erklärt,  daß  er  niemals  ein  Stück  seines  Landes  an
die  Engländer  abgetreten  habe  noch  abtreten  werde,  daß  in
Nupe  der  Handel  frei  sein  solle  für  sämmtliche  Nationen.
Selbst  die  Könige  von  O  n  i  t  s  ch  a  und  A  b  a  d  j  e.  deren
Reiche  am  Niger  unterhalb  seines  Zusammenflusses  mit  dem
Benne  gelegen  sind,  haben  sich  dagegen  verwahrt,  an  die  englische ­
  Gesellschaft  Land  oder  Hoheitsrechte  abgetreten  zu  haben.
Wie  unter  solchen  Umständen  diese  Gesellschaft  es  wagen  darf,
ungeheure  Abgaben  und  Zölle,  selbst  Durchgangszölle  zu  erheben,
  Häfen  zu  schließen,  die  Einfuhr  gewisser  Handelsartikel
^anz  und  gar  zu  verbieten,  bleibt  unerfindlich,  zumal  das  ihr
verliehene  Royal  Charter  den  Passus  enthält:  „Die  Bestimmungen ­
  der  K  o  n  g  o  k  o  n  f  e  r  e  n  z  werden  anerkannt".  Nach  diesen
Bestimmungen  jedoch  müßte  der  Flußverkehr  ein  freier  sein
für  sämmtliche  Nationen.
Schließlich  sei  noch  kurz  des  K  o  n  g  o  st  a  a  t  e  S  gedacht,
-welcher  seine  Entstehung  dem  Zusammenwirken  aller  europäischen ­
  Mächte,  nicht  zum  wenigsten  der  weisen  Politik  der  deutschen ­
  Regierung  verdankt.  Das  ausgedehnte  und  in  nicht  allzuferner ­
  Zukunft  vielleicht  sehr  wichtige  Kongogebiet  ist  durch
-einen  europäischen  Areopag  eroberungssüchtigen  Plänen  entrückt; ­
  Angehörigen  aller  Nationen  sollen  die  vom  Staate,  an
dessen  Spitze  der  König  der  Belgier  steht,  zu  vergebenden  Stellen
And  Aemter  offen  stehen,  der  Handel  und  der  Verkehr  wird
        <pb n="124" />
        122

durch  keine  Schranken  gehemmt,  das  Recht.  Grundbesitz  zu  erwerben, ­
  kann  Niemand  verkümmert  werden.  Daß  der  deutsche
Handel  und  die  durchaus  konkurrenzfähige  deutsche  Industrie
bei  diesem  internationalen  Wettbewerb  nicht  zu  kurz  kommen
werden,  läßt  sich  von  vornherein  annehmen.
Deutsch-Südwcftafrika.  Die  deutsche  Interessensphäre
in  Südwestafrika  wird,  Abmachungen  mit  Portugal  und
Großbritannien  zu  Folge,  folgender  Maßen  begrenzt.  Im  Norden ­
  bildet  von  Westen  nach  Osten  der  K  une  ne  die  Grenze
von  seiner  Mündung  bis  zur  zweiten  Stromschnelle  im  Kemmageb ­
  i  rge,  von  da  eine  dem  Breitengrad  folgende  Linie,  bis
diese  den  Kubango  trifft,  sodann  der  Lauf  dieses  Flusses  bis
zum  Orte  Andara,  und  schließlich  eine  gerade  Linie,  welche
genannten  Ort  mit  den  Mololofällen  des  Sambesi  verbindet. ­
  Im  Süden  wird  bekanntlich  das  deutsche  Gebiet  von
der  englischen  Kapkolonie  durch  den  Oranje  fluß  geschieden. ­
  Die  Ojtgrenze  gegen  Britisch-Betschuanaland
folgt  von  Süden  nach  Norden  dem  20.  Längengrad  östlich  von
Greenwich,  vom  Oranjefluß  bis  zu  der  Stelle,  wo  er  den  22.
Grad  südlicher  Breite  schneidet.  Von  diesem  Punkte  bis  zur
Nordgrenze  hat  das  deutsche  Interessengebiet  keine  Abgrenzung
erfahren,  jedoch  haben  die  Engländer  wohlweislich  dafür  gesorgt,
daß  keine  unmittelbare  Berührung  mit  den  Boerenrepubliken ­
  stattfinden  kann,  indem  sie  sich  das  ausgedehnte  Betschuana-Land,
  welches,  soweit  es  südlich  vom  22.  Breitengrade  ge
legen  ist,  genannte  Republiken  von  Dcutsch-Südwestafrika  trennt,
vorbehielten;  die  Südafrikanische  Republik  nämlich  liegt
südlich  von  diesem  Breitengrad,  ohne  ihn  zu  berühren.  Außer
dem  haben  sie  mit  dem  Häuptling  des  großen  und  mächtigen,
nördlich  von  Transvaal  gelegenen  Ma  te  be  le-Reiches,  Loben-
        <pb n="125" />
        123

guIu,  einen  Vertrag  geschlossen,  wonach  dieser  ftch  verpflichtet^
keinen  Schriftwechsel  mit  irgend  einer  auswärtigen  Macht  zu
führen,  noch  Verträge  zu  schließen  ohne  Billigung  Englands.
Wohlgemerkt  handelt  es  sich  bei  den  erwähnten,  von  den
drei  europäischen  Staaten  getroffenen  Grenzbestimmungen  nur
um  die  von  den  betheiligten  Mächten  anerkannte  Interessensphäre
  Deutschlands,  nicht  um  das  eigentliche  Schutzgebiet,
welches  sich  zur  Zeit  noch  minder  weit  erstreckt.  Ausdrücklich
unter  den  Schutz  des  Deutschen  Kaisers  gestellt  sind,  außer  den
Besitzungen  der  „Deutschen  Kolonialgesellschaft  für
Südwestafrika",  die  Ñamas  von  Bethanien  undBerseba,
  die  „Rothe  Nation"  auf  Hoachanas,  die  Bastards ­
  von  R  e  h  o  b  o  t  h.  das  Reich  Kamahereros,
des  Königs  von  Hereroland,  die  Boeren  von  Grootf
  o  n  t  e  i  n.  welche  vordem  die  Republik  „Upingtonia"  bildeten.
  Leider  befindet  sich  einer  der  besten  Häfen  der  ganzen
Südwestküste,  die  W  a  l  l  f  i  s  ch  b  a  i,  sammt  einem  Areal  von
1761  Quadratkilometern,  noch  immer  in  britischem  Besitz,  obwohl ­
  seitens  der  englischen  Regierung  die  Abtretung  dieser  kleinen ­
  Besitzung  in  Aussicht  gestellt  wurde.
Die  wirthschaftliche  Ausbeutung  des  südwestafrikanischen
Schutzgebietes  hat,  abgesehen  von  einigen  Privaten,  die  mit
Hoheitsrechten  ausgestattete  „Deutsche  KolonialgesellschaftfürSüdwestafrik
  a",  die  Nachfolgerin  des  Hauses ­
  F.  A.  E.  Lüderitz  in  Bremen,  sowie  neuerdings  die
„D  e  u  t  s  ch  -W  e  st  a  fr  i  k  a  n  i  s  ch  e  Kompagnie"  in  die
Hand  genommen.  Deutsch  Südwestafrika  besitzt  in  klimatischer
Beziehung  zweifelsohne  manche  Vorzüge  vor  den  anderen  Lchutzgebietcn;
  einzelne  Theile  des  Landes  scheinen  erfreulicher  Weise
zur  Aufnahme  deutscher  Ackerbauer  nicht  ungeeignet  zu  sein.
        <pb n="126" />
        124

'Eine  in  größerem  Maßstabe  betriebene  Aufforstung,  auf  welche
auch  die  Reichsregierung  bereits  ihr  Augenmerk  gerichtet  hat,
würde  ohne  Zweifel  für  die  Verbesserung  der  klimatischen  und
Bodenverhältnisse  von  außerordentlicher  Bedeutung  sein.  Eine
große  Zukunft  versprechen  der  Kolonie  die  vor  einiger  Zeit  gemachten ­
  G  o  l  d  f  u  n  d  e  daselbst.  Zur  Gewinnung  des  Goldes
haben  sich  zwei  Gesellschaften  gebildet,  welche  beide  ihren  Sitz
in  Berlin  haben:  das  S  ü  d  w  e  st  -  A  f  r  i  k  a  n  i  s  ch  e  Golds
  y  n  d  i  k  a  t  und  die  D  e  u  t  s  ch  -  A  f  r  i  k  a  n  i  s  ch  e  Minengesellschaft.

Südafrika.  Herr  Er  n  st  v  o  n  W  e  b  e  r  ,  der  geistvolle
Verfasser  des  überaus  lesenswerthen  Werkes  „Vier  Jahre  in
Afrika",  bezeichnet  neben  dem  außertropischen  Südamerika  Südafrika ­
  als  dasjenige  Gebiet,  in  welchem  die  Grundlegung
überseeischer  deutschnationaler  Staaten  am  ehesten  zu  ermöglichen
wäre.  In  Südafrika  wohnen  etwa  500,000  Weiße,  von  denen
nur  ungefähr  der  vierte  Theil  englisch  ist,  während  die  übrigen
fast  sämmtlich  holländischer  und  deutscher  Abkunft  sind.  Man
darf  nicht  glauben,  daß  allein  in  den  beiden  Boerenrepubliken,
Oranje-Frei  st  aat  und  Transvaal,  die  holländischen
B  o  e  r  e  n  die  überwiegende  Mehrheit  der  weißen  Bevölkerung
ausmachen;  auch  in  den  englischen  Kolonien  K  a  p  l  a  n  d  und
Natal  ist  dieses  in  hohem  Maße  der  Fall.  Der  Gegensatz
zwischen  Engländern  und  holländischen  Boeren  durchzieht  das
ganze  politische  und  soziale  Leben  Südafrikas.  Welcher  Seite
wir  unsere  Sympathien  zuzuwenden  haben,  darüber  können  wir
wohl  keinen  Augenblick  im  Zweifel  sein.  Ganz  abgesehen  davon,
  daß  auch  die  Hölländer  eigentlich  echt  niederdeutschen
Stammes  sind,  fließt  in  den  Adern  der  Boeren,  „A  f  r  i  k  a  a  nder
  s",  wie  sie  sich  mit  Vorlieben  enncn,  neben  dem  holländi-
        <pb n="127" />
        125

schen  noch  ein  gut  Theil  rein  deutschen  Blutes;  der  Boerendialekt
  soll  einem  Deutschen,  insbesondere  einem  Niederdeutschen,,
weit  leichter  verständlich  sein  als  die  holländische  Schriftsprache.
Daß  die  Boeren  für  die  ihnen  so  nahe  verwandten  Deutschen
lebhaftere  Zuneigung  empfinden,  als  für  die  Engländer,  welche
sie  stets  in  der  ungerechtesten  Weise  bedrückt  und  verdrängt
haben,  ist  leicht  erklärlich.  Es  ist  wohl  anzunehmen,  daß  eine
theilweise  Ablenkung  der  deutschen  Auswanderung  von  den
Vereinigten  Staaten  nach  Südafrika  das  niederdeutsche  Element
daselbst  mächtig  stärken  und  vor  der  drohenden  Anglisirung  bewahren ­
  würde;  dann  könnte  vielleicht  der  Traum  Ernst  von
Webers  zur  Wahrheit  werden,  und  in  Südafrika  ein  mächtiges ­
  und  eigenartiges  Staatswesen  erblühen  von  deutsch-holländischem, ­
  also  rein  germanischem  Gepräge.  Es  ist  hoch  erfreulich, ­
  daß  man  endlich  auch  im  Reiche  den  sich  stetig  mehrenden ­
  Beziehungen  Deutschlands  zu  Südafrika  größere  Sorgfalt
zuwendet,  insbesondere  im  Hinblick  auf  den  Aufschwung,  in
welchem  dieses  Land  nach  Entdeckung  der  Diamanten-  und  Goldfelder, ­
  der  reichhaltigen  Kohlenlager  und  anderer  Mineralschätze
entschieden  begriffen  ist;  schon  hat  sich  in  Berlin  ein  eigener
„Verein  zur  Fürder  un  g  deutscher  Interessen
in  Südafrika"  gebildet,  an  dessen  Spitze  Männer  stehen
wie  E  r  n  st  von  Weber,  Missionssuperintendent  a.  D.
M  e  r  e  n  s  k  y  ,  Dr.  O.  Kerst  en  und  andere  genaue  Kenner
des  Landes  und  seiner  Hülfsquellen.
Ein  beredtes  Zeugniß  von  der  Anhänglichkeit  der  südafrikanischen ­
  Deutschen  an  ihr  altes  Vaterland  und  von  den  Sympathien, ­
  welches  dieses  in  jenem  fernen  Lande  genießt,  liefert
die  überaus  festliche  Begehung  von  Kaiser  Wilhelms  neunzig,
stem  Geburtstag  in  ganz  Südafrika.  In  K  a  p  st  a  d  t  hatten
        <pb n="128" />
        126

alle  Schiffe  im  Hafen,  die  öffentlichen  Gebäude  und  viele  Privathäuser ­
  Flaggenschmuck  angelegt;  die  dortige  deutsche  Zeitung
„Das  Kap  land"  erschien  zur  Feier  des  Tages  mit  rothem
Titeldruck  und  einem  rothen  Rande  versehen.  Auch  in  Durban, ­
  Bloemfontein,  PortElizabeth,  Beaufort
We  st,  Mosselbay,  Olival  North  und  anderen  Städten ­
  wurde  der  Tag  auf  das  festlichste  begangen.  In  Pretoria, ­
  der  Hauptstadt  der  Südafrikanischen  Republik,  flaggten
sämmtliche  Staatsgebäude;  Kanonenschüsse  wurden  abgefeuert,
und  an  dem  Abends  stattfindenden  Balle  betheiligte  sich  die
Gattin  des  Präsidenten  Krüger  mit  ihren  Kindern,  während
dieser  selbst,  welcher  sich  gerade  auf  Reisen  befand,  nicht  unterließ, ­
  seinem  Bedauern  über  sein  Nichterscheinen  Ausdruck  zu
verleihen.
Die  genaue  Zahl  der  in  Südafrika  lebenden  Deutschen  ist
leider  kaum  annähernd  festzustellen,  da  die  diesbezüglichen  Angaben
  vollständig  von  einander  abweichen.  Nach  Dr.  med.
A.  Fick  in  Richmond  (Kapland)  beträgt  die  Zahl  der  allein
in  der  K  a  p  k  o  l  o  n  i  e  lebenden  Deutschen  mindestens  100.000,
nach  der  bereits  erwähnten  Zeitung  „Das  Kapland"  60—70,000.
Dagegen  wären  nach  M  e  r  e  n  s  k  y  in  ganz  Südafrika  nur
etwa  16,000  Deutsche,  „welche  des  Zusammenhauges  mit  dem
Mutterlande  sich  noch  bewußt  sind,  welche  deutsche  Art  und
deutsche  Sitte  noch  nicht  ganz  darangegeben  haben".  Man
findet  nach  Dr.  F  i  ck  die  Deutschen  überall  in  der  Kolonie,
„unter  den  reichen  Kaufherren  der  Küstenstädte  und  Kimberley's,
avie  unter  den  versoffenen  Bummlern  der  Landstraße,  unter
den  Aerzten.  Ingenieuren  und  hohen  Beamten  der  Kolonie,
wie  unter  den  Dienstboten  und  Handwerkern,  Klein-  und  Großbauern."
  In  K  a  p  st  a  d  t  besitzen  die  Deutschen  mehrere  Schulen
        <pb n="129" />
        127

und  eine  Kirche,  die  St.  Martinikirche.  Die  Wynberg-Flats
  bei  Kapstadt  sind  in  einem  Umkreis  von  6—7  deutschen ­
  Quadratmeilen  fast  nur  von  Deutschen  bewohnt,  die  in
einzelnen  Farmen  zerstreut  dort  leben.  Dieselben  gehören  der
Kirchengemeinde  Wynberg  an,  welche  seit  dem  1.  Januar  1887
selbständig  ist.  Die  Gemeinde  besitzt  eine  deutsche  Schule,  zu
deren  Erhaltung  der  „Allgemeine  deutsche  Schulverein"  Beiträge
leistet.  Die  in  Kapstadt  erscheinende  englische  Zeitung  „Cape-Argus"
  schätzt  die  Zahl  der  in  Kapstadt  und  nächster  Umgebung
wohnenden  Deutschen  auf  5000.  In  Port  Elizabeth,
dessen  deutsche  Kolonie  unter  ihren  Mitgliedern  mehr  Kaufleute
ersten  Ranges  zählt  als  diejenige  von  Kapstadt,  besteht  eine
„Deutsche  Liedertafel",  die  ein  eigenes  Haus  und  ein  nicht  unbedeutendes ­
  Vermögen  besitzt.  Deutsche  Ackerbaukolonien  finden
sich  vorzugsweise  in  dem  Gebiete  südlich  vom  K  e  i  -  Flusie;
dort,  um  King  Williamstown  herum,  liegt  eine  Menge
rein  deutscher  Ortschaften,  welche  Namen  führen  wie  Stutterheim.
  Berlin,  Hamburg,  Potsdam  u.  s.  w.  Auch
in  Britisch-Kaffraria  und  Natal  haben  sich  zahlreiche ­
  deutsche  Landleute  niedergelassen.  Behufs  wirthschaftlicher
Ausnutzung  des  von  England  ziemlich  unabhängigen  P  ondola ­
  nd  es,  welches  zwischen  dem  81.  und  82.°  südlicher  Breite
am  indischen  Ozean  gelegen  ist  und  eine  Fläche  von  über  200
deutschen  Quadratmeilen  einnimmt,  hat  sich  in  Berlin  eine
eigene  Gesellschaft,  die  „Deutsche  Pondoland-Ge
s  e  l  l  s  ch  a  f  t  "  gebildet.  Die  Gesellschaft  hat  im  Pondolande
einen  sehr  ausgedehnten  Landbesitz  erworben.  In  Durban
sind  einige  der  reichsten  und  angesehensten  Handelsherren
Deutsche.  Auch  in  den  Boerenrepubliken  Oranje-Freist
  a  a  t  und  Transvaal  (Südafrikanische  Republik)
        <pb n="130" />
        128

stub  die  Deutschen  zahlreich  vertreten.  Auf  E  r  n  st  v  o  n
Weber  machte  Bloemfontein,  die  Hauptstadt  erstgenannten
  Freistaates,  den  Eindruck  einer  deutschen  Stadt.  Unter
den  dentschen  Ansiedelungen  in  Transvaal  ist  namentlich  der
1869  gegründeten  Kolonie  Lüneburg  im  Distrikt  Utrecht
Erwähnung  zu  thun.  Die  innerhalb  der  Transvaalrepublik  gelegene, ­
  also  weitaus  größte  Strecke  der  im  Bau  begriffenen,
wichtigen  Eisenbahn  von  L  o  r  e  n  c  o  Marquez  an  der
Delagoabai  nach  Pretoria  wird  von  einem  deutsch-holländischen ­
  Konsortium  ausgeführt  —  eine  in  ihrer  Bedeutung  nicht
zu  unterschätzende  Thatsache.
Ostafrika.  Schon  früher  nahmen  Hamburger  Kaufleute,
insbesondere  die  Häuser  O'Sw  a  ld  L  Co.  und  Ha  ns  in  gLCo.,
einen  hervorragenden  Antheil  an  dem  Handel  Zanzibars,
des  weitaus  wichtigsten  Platzes  der  afrikanischen  Ostküste;  aber
erst  seitdem  die  ausgedehnten  Erwerbungen  der  „Deut  sch-Ost«
afrikanischen  Gesellschaft"  dem  Schutze  des  Reiches
unterstellt  worden  sind,  gewinnt  O  st  a  f  r  i  k  a  eine  gewaltige
und  immer  steigende  Bedeutung  für  die  wirthschaftlichen  und
nationalen  Interessen  Deutschlands.  Deutsch  -Ost  afri  ka
ist  nicht  allein  das  ausgedehnteste,  sondern  aller  menschlichen
Voraussicht  nach  auch  das  zukunftsreichste  aller  unserer  Schutzgebiete. ­
  Die  Geschichte  seiner  Erwerbung  ist  ohne  Zweifel  eine
der  interessantesten  Episoden  in  der  neuesten  deutschen  Geschichte,
ünd  die  Namen  der  muthigen  und  patriotischen  Männer,  welche
sie  vollführten,  insbesondere  des  Herrn  Dr.  Carl  Peters
und  seiner  Begleiter  Dr.  Iühlke,  welcher  leider  im  Dienste
der  großen  Sache,  der  er  sich  widmete,  sein  Leben  lassen  mußte,
und  Joachim  Graf  Pfeil,  werden  dem  Gedächtnisse  der
Nachwelt  niemals  verloren  gehen.  Zum  Studium  dieser  Ge-
        <pb n="131" />
        129

schichte  seien  folgende,  für  Jeden,  welcher  sich  für  deutsche  Kolonialpolitik
  interessirt,  geradezu  unentbehrlichen  Schriften  empfohlen: ­
  I.  Wagner.  Deutsch-Ostafrika.  Geschichte  der
Gesellschaft  für  deutsche  Kolonisation  und  der  Deutsch-Ostafrika-Nischen
  Gesellschaft;  K.  Peters.  Deutsch-National,  kolonialpolitische ­
  Aufsätze;  die  erschienenen  drei  Jahrgänge  der
„Kolonialpolitischen  Korrespondenz."
Die  in  Ostafrika  unter  deutschen  Schutz  gestellten  Gebiete
zerfallen  in  zwei  durch  eine  englische  ..Interessensphäre"  von  einander
  geschiedene  Hälften.  Die  südlichere  Hälfte  wird  im  Süden
von  dem  portugiesischen  Gebiet  durch  den  Rovuma  geschieden,
im  Westen  von  dem  Kongo  sta  at  durch  den  einen  Theil  des
N  passa-Sees  und  den  Tanganjika-See,  sowie  durch  eine
die  Nordspitze  des  ersteren  mit  der  Südspitze  des  letzteren  verbindende ­
  Linie,  im  Norden  von  der  englischen  „Interessensphäre"
durch  eine  Linie,  welche  von  der  Mündung  des  Flusses  Wang  a
ausgehend  nach  dem  Jipe-See  läuft,  von  da  um  das  Kilimandjaro-Gebirge
  nördlich  herum  führt  und  an  demjenigen
Punkte  endet,  wo  der  l.  Grad  südlicher  Breite  das  Ostufer  des
Viktoria  Nyanza-Sees  trifft.  Allerdings  ist  dem  Sultan
von  Zanzibar  ein  10  englische  Meilen  breiter  Küstenstrich
zugesprochen  morden,  jedoch  hat  die  Deutsch-Ostafrikanische  Gesellschaft
  am  15.  August  1888  in  Folge  Pachtvertrages  mit  dem
Sultan  auch  hier  die  Zollverwaltung  und  sonstige  Administration ­
  übernommen.  Nördlich  von  der  englischen  „Interessensphäre". ­
  also  nördlich  vom  Osi  und  Tana,  ist  bis  jetzt  nur  das
Gebiet  des  Sultans  Achmed  von  Witu  direkt  dem  deutschen
  Schutze  unterstellt  worden.  Die  wirthschaftliche  Ausnutzung
dieses  -chutzlandes  hat  nebst  mehreren  Einzelpersonen  eine  Gesellschaft
  in  die  Hand  genommen,  welche  das  seiner  Zeit  von
        <pb n="132" />
        130

dem  Sultan  Achmed  au  Herrn  Clemens  Den  Hardt  abgetretene, ­
  an  der  Tanamündung  gelegene,  etwa  25  Quadratmeilen
umfassende  Gebiet  käuflich  erworben  hat.  Nördlich  vom  Witulande
  liegen  wiederum  ausgedehnte  Erwerbungen  der  Deutsch-Ostafrikanischen
  Gesellschaft,  welche  die  ganze  Somaliküste,
von  der  W  ab  uschimündung  um  das  Kap  Gnard  as  ui
herum  bis  zum  49.  Grad  östlich  von  Greenwich  am  Golfe  von
Aden,  umfassen.  Agent  und  Vertreter  der  Deutsch-Ostafrikanischen ­
  Gesellschaft  für  dieses  gewaltige  Gebiet  ist  der  Somali
MH  a  me  d  bin  Said,  Sohn  des  Said  Sementer  zu
H  a  l  u  l  e.
Eine  äußerst  interessante  Zusammenstellung  von  Urtheilen
hervorragender  Forscher  über  Ostafrika  und  seine  Hülfsquellen
liefert  die  Schrift  „Der  wirthschaftliche  Werth  von  Deutsch-Ost-«frisa"
  (Berlin  1886),  verfaßt  von  dem  um  die  ostafrikanische
Geschichtsforschung  hochverdienten  Ministerialpräsidenten  a.  D.
Dr.  Grimm  in  Karlsruhe.
        <pb n="133" />
        131

Aie  Deutschen  in  Asten.
Der  größte  und  bevölkertste  Erdtheil  beherbergt  schwerlich
halb  so  viele  Deutsche  wie  allein  das  südliche  Brasilien.  Deutsche
Kaufleute  finden  sich  freilich  an  allen  bedeutenden  Küstenplätzen
Asiens,  deutsche  Ackerbaukolonien  kommen  dagegen,  mit  Ausnahme ­
  einiger  verstreuter  Ansiedelungen  im  russischen  Transkaukasien
  und  in  der  asiatischen  Türkei,  so  gut  wie  gar  nicht  vor.
TranSkaukasicn.  In  den  Kreisen  Tiflis,  Bortschalinsk
  und  Elisabethpolsk  des  russischen  Gouvernements
Tiflis  befinden  sich  seit  Anfang  dieses  Jahrhunderts  deutsche
Kolonien,  welche  zusammen  ungefähr  5000  Mitglieder  zählen
sollen.  Die  deutschen  Kolonisten  besitzen  insgesammt  etwas  über
30,000  Hektar  Land,  sind  durchweg  wohlhabend  und  halten  treu
fest  an  der  Sprache  und  den  Sitten  ihres  schwäbischen  Heimathlandes.
  Die  wichtigsten  dieser  Kolonien  sind  folgende:  Tiflis,
Alexandersdorf,  Marienfeld,  E  l  i  s  a  b  e  t  h  t  h  a  l,
Alexandershilf,  Katharinenfeld,  Annenfeld  und
Helenendorf.  W.  Petersen  führt  in  seinen  „Reisebriefen
aus  Transkaukasien  und  Armenien",  aus,  wie  vortheilhaft  sich
die  dortigen  deutschen  Ansiedelungen  von  den  benachbarten  slavischen ­
  unterscheiden.
Asiatische  Türkei.  Wenn  die  Ziele,  welchen  jetzt  der
Auswandererstrom  aus  dem  übervölkerten  Europa  zustrebt,  ihre
Anziehungskraft  verloren  haben  werden,  dann  werden  ohne
Zweifel  die  mit  Menschen  äußerst  dünn  besäten,  aber  in  hohem
Grade  anbaufähigen  Ländereien  Kleinasiens.  Kurdist
  ans,  Mesopotamiens  und  weiterhin  Persie  ns  eine
        <pb n="134" />
        132

gewaltige  Bedeutung  gewinnen  für  die  gesummte  Weltwirthschaft
  sowohl,  als  für  die  einander  stets  entgegengesetzten  nationalen ­
  Interessen  der  großen,  in  fortwährender  Ausbreitung  begriffenen ­
  europäischen  Völker.  Eine  weitausschauende  Politik
wird  daher  diese  Gebiete  stets  im  Auge  behalten.  Einige  Projekte ­
  zur  Gründung  größerer  deutscher  Niederlassungen  in  der
asiatischen  Türkei  sind  bereits  aufgetaucht,  so  namentlich  das
Pressel'sche  Projekt,  Anatolien,  das  Sprenger'sche
Projekt,  Mesopotamien  mit  Deutschen  zu  besiedeln;  dieselben ­
  sind  jedoch  bis  jetzt  noch  nicht  aus  dem  Stadium  des
Projektes  herausgetreten,  und  das  wird,  vorläufig  wenigstens,
auch  schwerlich  geschehen.
Als  der  erste  schwache  Anfang  in  der  Kolonisation  Kleinasiens ­
  ist  die  in  jüngster  Zeit  erfolgte  Uebersiedelung  deutscher ­
  Ackerbauer  aus  Rumänien  dahin  anzusehen.  In  Amassi  a
waren  schon  vor  einiger  Zeit  dem  „Hamburgischen  Korrespondenten" ­
  zufolge  100  Deutsche  aus  der  Dobrudscha  eingetroffen
und  weitere  300  im  Begriff  zu  folgen,  um  sich  dort  der  Müllerei,
der  Landwirthschaft  und  verwandten  Gewerben  zu  widmen.
Man  darf  auf  den  Ausgang  des  Unternehmens  gespannt  sein.
Kleinere  deutsche  Kolonien  finden  sich  in  mehreren  Städten
Kleinasiens,  jedoch  verdient  nur  diejenige  in  Smyrna  erwähnt
zu  werden.  Unter  den  4000  in  dieser  Stadt  lebenden  Fremden
befinden  sich  nach  Jung  ungefähr  200  Angehörige  des  Deutschen ­
  Reiches  und  600  Oesterreicher.  Die  vornehmste  Unterrichtsanstalt
  der  Stadt  ist  das  Mädchenpensionat  und  die  Töchterschule ­
  der  Kaiserswerther  Diakonissen.  Die  M  echitaristen-A
  n  st  a  l  t,  ebenfalls  ein  Unterrichtsinstitut,  erhält  von  der
österreichisch-ungarischen  Regierung  eine  jährliche  Unterstützung
von  550  Gulden  unter  der  Bedingung,  daß  die  deutsche  Sprache
        <pb n="135" />
        133

dort  gelehrt  werde.  Eine  rein  deutsche  Schule  mit  deutscher
Unterrichtssprache  ist  leider  noch  nicht  vorhanden.  In  der  Nähe
von  Smyrna  besitzt  die  Berliner  „Deutsche  Handelsgesellschaft"
ergiebige  Weinberge.
Die  Templerkolonien  in  Syrien  und  Palästina
verdanken  religiösen  Beweggründen  ihre  Entstehung.  Die  merkwürdige
  Sekte  des  ..Tempels"  ist  aus  dem  schwäbischen
Pietismus  hervorgegangen.  Als  eigentlicher  Stifter  der  Templergemeinde
  ist  der  unlängst  verstorbene  Christoph  Hoffmann ­
  anzusehen,  welcher  im  Jahre  1845  das  noch  bestehende
Organ  derselben,  die  zu  Stuttgart  erscheinende  (jetzt  von  Dr.
Franz  Paulus  redigirte)  „Warte  des  Tempels"  gründete
und  sich  mit  dem  Lederhändler  Hardegg  in  Verbindung
letzte,  um  einer  Weisiagung  der  heiligen  Schrift  gemäß  das
„Volk  Gottes"  nach  Jerusalem  zu  führen.  Zur  näheren  Orientirung
  über  das  Wesen  dieser  eigenartigen  Sekte  sei  das  interessante ­
  Werk  Chr.  Hoffmann's  „Orient  und  Occident"
Stuttgart  1875)  empfohlen.  Die  älteste  Niederlassung  der
Templer  in  Palästina  ist  Caifa,  wo  sie  seit  dem  Jahre  1868
angesiedelt  sind;  hier  wohnen  gegenwärtig  ca.  450  Gemeindeglieder.
  Außer  in  Caifa  befinden  sich  Tcmplergemeinden  in
Jaffa,  Sarona,  Jerusalem  (ca.  310  Seelen).  Beirut, ­
  Nazareth  und  Ramleh.  im  Ganzen  ungefähr  1300
Seelen.  Die  Templer  von  Beirut.  Nazareth  und  Ramleh  sind
Gewerbetreibende,  die  übrigen  meistens  Acker-  und  Weinbauern.
Die  Templer  sind  noch  immer  Angehörige  des  Deutschen  Reiches ­
  und  trotz  ihrer  religiösen  Sonderstellung  gut  national
gesinnt.
In  I  e  r  u  s  a  l  e  m  besteht  außer  der  Templergemeinde  noch
«ine  deutsche  evangelische  Gemeinde,  welche  die  ebenfalls  dort
        <pb n="136" />
        134

befindliche  englische  an  Zahl  weit  übertrifft.  Sie  besitzt  eine
eigene  Kapelle  und  Schule,  Geistliche  und  Lehrer.
Britisch-  und  Niederländisch  Indien.  In  den  großen
Emporien  Britisch-Ostindiens,  Bombay,  Madras
und  Kalkutta,  befinden  sich  kleine  deutsche  Kolonien,  welche
je  20  bis  40  Mitglieder  zählen,  meist  Angestellte  englischer
Häuser.  In  Ceylon  leben  ca.  80  Deutsche,  theils  Kaffeepflanzer,
  theils  Angestellte  englischer  und  einiger  weniger  deutscher
  Firmen.  Der  Handel  Deutschlands  mit  Britisch  -  Ostindien ­
  ist  im  Aufschwung  begriffen,  der  Wettkamps  der  deut
schen  Industrie  mit  der  englischen  ist  sogar  hier,  im  eigensten
britischen  Gebiet,  bei  zahlreichen  Artikeln  mit  dem  besten  Erfolg
aufgenommen  worden.
Auf  der  großen  Insel  Borneo  hat  die  im  Februar  1884
gegründete  Deutsche  Borneo-Kompagnie  von  der
englischen  North  Borneo-Company  in  der  Nähe  des  Häsens
S  a  n  d  a  k  a  n  bedeutenden  Grundbesitz  käuflich  erworben.  Die
Gesellschaft  bezweckt  die  Anlage  von  Plantagen,  namentlich
Tabackpflanznngen  Das  Unternehmen  scheint  günstigen  Erfolg
zu  haben,  und  man  beabsichtigt  bereits,  demselben  gröbere  Dimensionen ­
  zu  geben.  Auch  die  sechs  auf  der  Insel  befindlichen
Stationen  der  Rheinischen  M  i  s  s  i  o  n  s  g  e  s  e  l  l  s  ch  a  f  t
treiben  mit  Erfolg  tropische  Landwirthschaft.
Tie  zu  Deli  in  Sumatra  arbeitende,  außerordentlich
prosperirende  „Deli  Maatschapij"  zählt  zahlreiche  Deutsche  unter
ihren  Actionärcn  und  wird  von  einem  Teutschen  geleitet.  Auch
unter  den  Angestellten  dieser  Gesellschaft  befinden  sich  viele
Landsleute.  Neuerdings  hat  sich  in  Hamburg  eine  „Tanah.
Pontih.Plantagen-Gescllschast"  gebildet,  welche  an  der  Ostküste
Sumatras  Pflanzungen  anlegen  will.
        <pb n="137" />
        135

Der  Handel  Deutschlands  mit  N  i  e  d  e  r  l  ä  n  d  i  s  ch  .  O  st.
indien  ist  leider  ein  noch  wenig  entwickelter,  was  hauptsächlich ­
  wohl  dem  Mangel  einer  direkten  Schiffsverbindung  und
einer  ausreichenden  konsularischen  Vertretung  des  Reiches  aufIava
zuzuschreiben  ist.  Daher  hat  eine  Anzahl  von  Handelskammern
sich  dem  Gesuche  derjenigen  von  München-Gladbach  um  Anstellung
  eines  Berufskonsuls  in  Batavia,  sowie  um  Einrichtung
einer  direkten  Verbindung  mit  Riederländisch-Ostindien  durch
die  deutschen  ostasiatischen  Dampferlinien  angeschlossen.
Hinterindien.  Tie  Interessen  Deutschlands  in  Hinterindien ­
  sind  nicht  unbedeutend.  Das  wichtige  Emporium  Sing
  a  p  o  r  e  in  der  englischen  Kolonie  Straits  Settlements
bildet  eine  Hauptetappe  des  Verkehrs  zwischen  Hamburg  und
Ostasien.  Die  hier  ansässigen  Deutschen  sind  fast  sämmtlich
Hamburger.
Auch  in  B  a  n  g  k  o  k,  der  Hauptstadt  von  Siam,  sind
Deutsche  in  recht  ansehnlicher  Zahl  vorhanden.  Es  sind  vorwiegend
  deutsche  Schiffe,  welche  den  Verkehr  zwischen  Bangkok
und  den  Küstenplätzen  von  Riederländisch-Ostindien  und  China
vermitteln.  Leider  sind  die  Handelsbeziehungen  zwischen  Deutschland ­
  und  Siam  noch  höchst  unbedeutend.  Es  wäre  dringend
zu  wünschen,  daß  auch  deutsche  Firmen  und  deutsche  Großindustrielle
  sich  an  der  Erschließung  dieses  wirthschastlich  wichtigen
Landes  betheiligten,  welches  mit  der  Halbinsel  Malakka  beinahe ­
  doppelt  so  groß  ist  wie  das  Deutsche  Reich;  insbesondere
sollten  unternehmende  deutsche  Kapitalisten  dem  geplanten  Eisenbahnbau
  ihre  Aufmerksamkeit  zuwenden.  Die  beiden  Engländer
Mr.  Colquhoun  und  Mr.  Holt  S.  Hallet,  welche  zu
handelspolitischen  Zwecken  Hinterindien  und  China  bereisten,
empfehlen  tringend,  von  Siam  und  Birma  aus  durch  Herstellung
        <pb n="138" />
        136

von  Bahnverbindungen  die  Erschließung  des  südlichen  China
vorzunehmen.  Schon  der  Verkehr  innerhalb  der  SHan-Staaten
würde  den  Bau  einer  Bahn  lohnen,  da  nach  Mr.  Hallet  alle
Reisende,  welche  diese  zum  größten  Theile  dem  König  von  Siam
untergebenen  Staaten  durchwandern,  erstaunt  sind  über  die
Menge  der  nach  allen  Richtungen  hin  ziehenden  Karawanen.
Der  norwegische  Arzt  Karl  Bock,  welcher  14  Monate  lang
im  Lande  und  am  Hofe  des  Königs  Tschulalongkorn
weilte,  urtheilt  in  seinem  lesenswerthen  Buche  „Im  Reiche  des
weißen  Elephanten"  folgendermaßen  über  das  Bahnprojekt
Bangko'-Raheng:  „Das  Land  würde  sich  in  Folge  des  Baues
einer  Bahn  nicht  allein  ungemein  rasch  entwickeln,  sondern  das
Kapital  würde  sich  auch  meiner  Ueberzeugung  nach  sofort  hoch
verzinsen.  Hier  giebt  es  keine  Grundstücke,  die  theuer  gekauft,
leine,  die  auf  dem  Wege  der  Zwangsenteignung  bezahlt  werden
müßten.  Es  braucht  fast  nichts  weiter  gethan  zu  werden,  als
die  Linie  abzustecken  und  Schienen  zu  legen.  Kein  Damm,
kein  Einschnitt,  kein  Tunnel  ist  nöthig,  kaum  eine  Brücke.
Chinesen  würden  die  Arbeit  für  sehr  geringen  Lohn  ausführen
und  sich  auch  aus  möglichen  Ueberstunden  nicht  viel  machen."*)
In  den  französischen  Besitzungen  Cochinchina,  A  nam
und  T  o  n  k  i  n  g  vertreten  namentlich  die  beiden  Hamburger
Häuser  Speidel  und  Schröder  den  deutschen  Handel,
welcher  an  Bedeutung  den  französischen  weit  überwiegt.  Auch

*)  Rach  neuesten  Berichten  scheinen  die  Engländer  den
Deutschen  wieder  einmal  zuvorgekommen  zu  sein,  indem  Sir
Andrew  Clarke  mit  der  siamesischen  Regierung  ein  Abkommen ­
  getroffen  haben  soll  für  den  Bau  einer  Bahn  von  Bangkok
durch  das  Mehnam'Thal  nach  Diahngsen,  mit  Zweiglinien  nach
Korat,  Paklay  und  Zimme.
        <pb n="139" />
        137

hier  wird,  wie  anderswo  in  Ostasien,  die  Küstenschiffahrt  zum
großen  Theile  von  deutschen  Fahrzeugen  besorgt.
Ostasien.  Die  wichtigsten  Absatzgebiete  für  europäische
Jndustrieerzeugnisse  in  Asien  stnd  —  abgesehen  von  dem  vom
englischen  Handel  fast  ausschließlich  beherrschten  Britisch-Jndien
—  ohne  Zweifel  die  ostasiatischkn  Reiche  China.  Japan  und
Korea.  Diese  uralten  Kulturländer,  deren  Bevölkerung  ungefähr
  ein  Drittheil  der  gesammten  Menschheit  ausmacht,  sind
sind  schon  jetzt  in  hohem  Grade  aufnahmefähig  für  die  Erzeugnisse
  europäischen  Kewerbfleißes,  und  diese  Aufnahmefähigkeit
wird  Jahrzehnte,  ja  vielleicht  Jahrhunderte  noch  in  fortwährendem
  Steigen  begriffen  sein.  Insbesondere  die  nächste  Zukunft
eröffnet  der  europäischen  Industrie  in  Ostasien  die  glänzendsten
Aussichten,  indem  man  nunmehr,  wie  es  scheint  ernstlich,  daran
geht,  das  dichtbevölkerte  Innere  des  gewaltigen  chinesischen  Reiches ­
  dem  auswärtigen  Handelsverkehr,  welcher  sich  bis  dahin
nur  auf  eine  verhältnißmäßig  geringe  Anzahl  von  Vertrags-Häfen
  beschränkte,  durch  Eiseubahnbauten  zu  eröffnen.  In  Japan ­
  ist  ebenfalls  die  Erweiterung  des  bereits  bestehenden  Eisenbahnnetzes ­
  in  Aussicht  genommen.  Es  ist  daher  kein  Wunder,
daß  die  einzelnen  europäischen  Staaten  in  außerordentlich  regem
Wettbewerb  bestrebt  sind,  ihrer  Industrie,  ihrem  Handel  den
Löwenantheil  auf  dem  großen  ostasiatischen  Markte  zu  sichern.
Wenn  die  gegenwärtige  Stellung  Deutschlands  in  diesem  heißen ­
  Kampfe  als  eine  solche  zu  bezeichnen  ist,  welche  den  Sieg
erhoffen  läßt,  so  verdanken  wir  das  nicht  zum  wenigsten  der
weisen  Politik  unserer  Regierung,  die  im  Gegensatz  zu  den
Regierungen  anderer  Staaten  mit  ängstlicher  Sorgfalt  Alles
vermied,  was  den  ostasiatischen  Reichen  Anlaß  zum  Argwohn
geben  konnte,  und  in  den  subventionirten  Postd  ampfer-
        <pb n="140" />
        138

lini  en  des  Norddeutschen  Lloyd  eine  direkte  und  durch»
aus  konkurrenzfähige  Schiffsverbindung  zwischen  Deutschland
und  den  wichtigsten  Häfen  des  äußersten  Ostens  herstellte.
Von  den  Freihäfen  Chinas  sind  es  besonders  die  Plätze
Schanghai,  Kanton,  Tientsin,  Amoy,  Futschan,
H  a  n  k  a  u  und  S  w  a  t  a  u,  in  welchen  der  deutsche  Kaufmann
sich  Einfluß  zu  verschaffen  wußte.  Den  Mittelpunkt  der  deutschen
Interessen  in  China  bildet  Schanghai;  die  dortige  deutsche  Kolonie ­
  zählt  etwa  100  Personen,  Kaufleute  und  Gewerbetreibende,
und  nahe  an  30  deutsche  Häuser  sind  hier  thätig.  Die  Errichtung ­
  einer  deutschen  Bank  an  diesem  Platze,  welche  übrigens
demnächst  zu  erwarten  steht,  würde  der  Entwickelung  des  deutschen ­
  Handels  in  ganz  Ostaflen  sicherlich  ungemein  förderlich
sein.  Seit  dem  1.  Oktober  1886  erscheint  in  Schanghai  eine
deutsche  Zeitung,  der  „Ostasiatische  Lloyd".  Leider  vertritt  in
den  Vertragshäfen  Nintschwang,  Ningpo,  Wenchow,
Pakhoi  und  Kiungchow  noch  immer  der  englische  Konsul
die  deutschen  Interessen;  daß  dieses  in  ausreichendem  Maße
nicht  geschehen  kann,  liegt  auf  der  Hand.  Von  diesen  Häfen
ist  Nintschwang  besonders  zu  erwähnen  wegen  des  starken  Verkehrs ­
  deutscher  Schiffe  daselbst.  Aitch  in  Tschifu,  wo  die  deutschen ­
  Interessen  nur  durch  einen  kaufmännischen  Nizekonsul
vertreten  werden,  ist  der  deutsche  Schiffsverkehr  recht  bedeutend;
auch  hier  würde  ein  Berufskonsulat  ohne  Zweifel  von  großen!
Nutzen  sein.  Nach  der  „D.  Kolonialzeitung"  zählten  im  Jahre
1887  die  Deutschen  in  China  597  Personen  und  65  Firmen.
Deutschland  nimmt  in  Betreff  der  Anzahl  der  Firmen  den  zweiten
  Rang  unter  allen  ausländischen  Nationen  ein  und  steht  im
Verhältniß  zu  England  mie  1:4.  Tie  stets  im  Wachsen  begriffene ­
  Anzahl  der  deutschen  Firmen  liefert  einen  untrüglichen
        <pb n="141" />
        139

Beweis  von  der  Ausbreitung  deutschen  Handels  und  deutscher
Industrie  in  China.
In  Japan  halten  sich  nach  der  neuesten  Volkszählung
6,178  Ausländer  auf,  darunter  170  Deutsche.  2,471  Chinesen,
  616  Engländer.  187  Amerikaner,  101  Franzosen.  Der
deutsche  Handel  mit  Japan  ist  freilich  schon  jetzt  ein  bedeutender
  —  allein  in  Yokohama  ist  er  mit  ca.  35  Millionen  Mark
betheiligt  —  ist  aber  noch  sehr  der  Ausdehnung  fähig.  Jmportirt
  werden  aus  Deutschland  vorwiegend  Tuchstoffe,  Militäreffekten, ­
  Zucker,  Droguen  und  Farben.  Nach  einem  Berichte
des  englischen  Konsuls  in  Nagasaki  hat  in  den  6  Jahren  von
1880  bis  1886  die  Tonnenzahl  der  deutschen,  am  japanesischen
Schiffsverkehr  betheiligten  Schiffe  sich  um  16  Prozent  vermehrt,
während  im  gleichen  Zeitraum  die  der  englischen  um  20  Prozent ­
  verloren  hat.  Die  in  Japan  ansässigen  Deutschen  bestehen
außer  aus  Geschäftsleuten  namentlich  aus  Beamten,  Militärs,
Lehrern  und  Handwerkern,  welche  von  der  japanischen  Regierung ­
  zu  Jnstruktionszwecken  dort  hingezogen  wurden.  An  der
Universität  zu  T  o  ki  o  dominirt  die  deutsche  Sprache,  in  der
medizinischen  Fakultät  ist  sie  sogar  ausschließlich  im  Gebrauch.
Tie  „Deutsche  Gesellschaft  für  Natur-  und  Völkerkunde  Ostasiens", ­
  welche  in  Yokohama  ihren  Sitz  hat,  zählt  nach  den  von
ihr  herausgegebenen  hochinteressanten  „Mittheilungen"  über  100
Mitglieder,  von  denen  ca.  80  in  Japan  wohnhaft  sind.  In  Tokio
ist  ein  „Verein  für  deutsche  Wissenschaft  in  Japan".  Auch
eine  Ortsgruppe  des  „Allgemeinen  deutschen  Schulvercins"  besteht
  in  Japan,  die  Ortsgruppe  Tokio-Mohama.  welche  am
22.  März  1887.  am  00.  Geburtstage  Sr.  Majestät  des  Kaisers
Wilhelm!.,  in's  Leben  getreten  ist.
Mit  Korea  schloß  das  Teutsche  Reich  im  Jahre  1884
        <pb n="142" />
        •einen  überans  günstigen  Freundschafts-  und  Handelsvertrag,
dessen  Zustandekommen  hauptsächlich  dem  damaligen  koreanischen ­
  Minister  Paul  von  Möllendorff  zu  verdanken  ist.
Es  sind  Anzeichen  dafür  vorhanden,  daß  auch  mit  diesem  fast
gänzlich  unerschlosienen  Lande  bald  ein  lebhafter  Handelsverkehr
angebahnt  wird.  Erst  kürzlich  hat  die  koreanische  Regierung
bei  dem  Hamburger  Hause  H.  C.  Meyer  drei  eiserne  Dampfschiffe ­
  bestellt,  welche  zur  Hebung  und  Förderung  des  Passagier-
  und  Frachtverkehrs  von  Korea  mit  dem  Ausland  dienen
ffollen.
        <pb n="143" />
        141

Die  Deutschen  in  Australien  und
Neuseeland.
Wie  überall,  so  stoßen  wir  auch  in  Australien  fast  nur
in  der  gemäßigten  Zone  auf  wirkliche,  lebenskräftige
deutsche  Ackerbaukolonien.  Deutsche  Ackerbaukolonien  findenwir
  demnach  in  Südaustralien,  Victoria,  Neusüdwales, ­
  in  dem  südlich  vom  Wendekreise  gelegenen  Theile
Queenslands,  in  Tasmanien  und  Neuseeland.
Im  Ganzen  befinden  sich  nach  dem  Zensus  von  1881  in  diesen
genannten  Gebieten  42,129  in  Deutschland  geborene  Personen.
Die  wirkliche  Zahl  der  in  Australien  lebenden  Personen  deutscher
  Nationalität  schätzt  jedoch  Karl  Emil  Jung,  einer  der
besten  Kenner  des  Landes,  auf  über  100,000.  Am  zähesten
halten  unsere  Landsleute  in  Südaustralien  und  Queensland
an  der  Sprache  und  den  Sitten  des  Heimathlandes  fest,  dagegen ­
  soll  sich  in  Neuseeland  der  Prozeß  der  Anglisirung  in  auf.
fallend  schneller  Weise  vollziehen.  In  Queensland  desinden
  sich  nach  dem  letzten  Zensus  11.638,  in  Südaustralien.
8,798,  in  Victoria  8,571,  in  Neusüdwales  7,521  und  in
Tasmanien  782  aus  dem  Deutschen  Reiche  eingewanderte
Personen.
Tüdaustralien.  Die  beiden  Hauptzentren  deutschen  Le.
bens  in  Südaustralien  sind  die  Hauptstadt  Adelaide,
wo  reichlich  6000  Deutsche  wohnen,  und  das  kleine,  etwa  10
deutsche  Meilen  von  Adelaide  entfernt,  am  Fuße  des  KaiserstuhleS
  in  der  Baroffakette  gelegene  Städtchen  Tanunda,  der
Mittelpunkt  eines  ganz  deutschen  Landdistriktes.
        <pb n="144" />
        142

Die  Deutschen  Adelaide's  halten  gut  zusammen  und
spielen  im  sozialen  Leben  der  Stadt  eine  hervorragende  Rolle.
Sie  besitzen  eine  eigene  Kirche,  eine  Zeitung,  die  weitverbreitete
„Australische  Zeitung",  und  haben  sich  eine  Reihe  geselliger
Vereine  geschaffen,  unter  denen  der  „Deutsche  Klub"  hervorgehoben ­
  zu  werden  verdient.  Ihre  gut  nationale  Gesinnung  haben
  sie  öfters  bewiesen,  insbesondere  auch  bei  Gelegenheit  der
Ankunft  des  „Saliers",  des  ersten  Dampfers  der  neuen  subventionirten
  Linie,  welcher  die  australischen  Häsen  anlief;  derselbe
  wurde  unter  großen  Feierlichkeiten  empfangen,  an  denen
gegen  600  Deutsche  theilnahmen.  Die  dortigen  deutschen  Geschäftsleute ­
  haben  bei  dieser  Gelegenheit  nach  der  „Deutschen
Post"  den  Nachahmungswerthen  Beschluß  gefaßt,  ihr  Frachtgut
nur  noch  auf  deutschen  Dampfern  zu  befördern.  Seit  dem
Herbste  1886  besteht  in  Adelaide  ein  „Deutscher  Kolonisationsverein", ­
  ein  Beweis,  mit  welchem  regen  Interesse  die  dortigen
Deutschen  die  Entwickelung  unserer  Kolonien,  insbesondere  der
in  der  Süd  se  e  gelegenen,  verfolgen.  Die  Anzahl  aller
Deutschen  in  Südaustralien  schätzt  Jung  auf  80,000.
Victoria  und  Ncusiidtvalcs.  Auch  in  Victoria  haben ­
  sich  einige  deutsche  Ackerbauer  angesiedelt,  besonders  im
Westen  der  Kolonie;  die  meisten  Deutschen  jedoch  leben  in  den
Städten  Melbourne  und  Ballarat.  In  M  e  l  b  o  urne,
der  größten  Stadt  Australiens,  bestehen  freilich  zahlreiche
deutsche  Vereine,  indeß  geht  das  Deutschthum  daselbst  offenbar
immer  mehr  in  dem  Angelsachsenthum  unter.
In  Neusüdwales  bestehen  außer  in  der  Hauptstadt
Sydney  erwähnenswerthe  deutsche  Kolonien  im  Norden  an
den  Ufern  des  Clarence,  wo  einige  unserer  Landsleute  sich
.mit  der  Zuckerkultur  beschäftigen,  und  im  Süden  in  dem  am
        <pb n="145" />
        143

Murray  gelegenen  Bezirk  von  A  l  b  u  r  y.  In  letztgenanntem
Bezirk,  in  welchem  sich  rein  deutsche  Gemeinden,  wie  Jindera,
Gerodgery,  Walla-Walla,  Doodle  Looma  und  einige  mehr  befinden, ­
  mögen  ungefähr  210  deutsche  Familien  ansässig  sein;
in  der  Stadt  Albury  leben  etwa  200  Deutsche.  In  Sydney
besteht  ein  deutscher  Verein  für  Handelsgeographie,  sowie  eine
Ortsgruppe  des  Deutschen  Schulvereins,  die  nahe  an  100  Mitglieder ­
  zählt.
Queensland.  Das  Zentrum  des  Deutschthums  in
Queensland  ist  die  Hauptstadt  Brisbane,  deren  deutsche ­
  Bewohner  der  Mehrzahl  nach  Handwerker.  Gastwirthe,
Krämer,  Detaillisten  und  Lohnarbeiter  sind;  viele  derselben  leben
  in  sehr  guten  Verhältnissen.  Hier  erscheint  ein  deutsches
Blatt,  die  „Nordaustralische  Zeitung".  In  der  Nähe  der  Stadt
wohnen  zahlreiche  deutsche  Ackerbauer,  welche  sich  namentlich  mit
dem  Anbau  des  Zuckerrohres  beschäftigen.  Als  ein  hervorra-Oenb
  von  Deutschen  besiedeltes  Gebiet  in  Queensland  sind  ferner
  die  D  a  r  l  i  n  g  D  o  w  n  s  zu  nennen,  deren  Mittelpunkt
Toowoomba  eine  fast  ganz  deutsche  Stadt  ist.  Nach
Jung  wohnen  in  Queensland  über  25,000  Deutsche.

Die  Hauptstützen  und  den  Hauptvereinigungspunkt  des
Deutschthums  in  Australien  bilden  nach  Jung  die  deutschen ­
  lutherischen  Kirchen,  da  wenigstens  bei  den
Landgemeinden  sich  ein  ziemlich  reges  kirchliches  Leben  erhallen
hat.  Es  bestehen  gegenwärtig  drei  evangelisch-lutherische  Synoden ­
  in  Australien:  die  Synode  von  Victoria,  die  Immanuelsynode
  und  die  Synode  von  Australien;  letztere  beiden  in  Südaustralien.
  Die  beiden  erstgenannten,  konfessionell  geeinigten
        <pb n="146" />
        Synoden  führen  gemeinschaftlich  den  Namen  „die  evangelischlutherische ­
  Generalsynode  von  Australien".
Eine  Zukunft  kann  das  Deutschthum  in  Australien  nur
haben,  wenn  es  durch  stetigen  Zufluß  aus  der  alten  Heimath
fortwährend  erneuert  und  gestärkt  wird.
Der  Handelsverkehr  Deutschlands  mit  den  australischen
Kolonien  Englands  ist  ein  reger  und  im  Steigen  begriffen.
Dieser  günstige  Erfolg  ist  nicht  zum  geringsten  Theile  der  weisen ­
  Handelspolitik  unserer  Regierung  zuzuschreiben,  welche  für
würdige  Betheiligung  Deutschlands  an  den  verschiedenen  Ausstellungen ­
  in  Sydney  und  Melbourne  Sorge  trug,  und  durch
Subvention  der  australischen  Linie  des  Norddeutschen  Lloyd
eine  direkte  und  schnelle  Schiffsverbindung  zwischen  den  deutschen ­
  und  australischen  Häfen  herstellte.
        <pb n="147" />
        Die  Deutschen  in  der  Südsee.
Die  Inseln  der  Südsee  in  ihrer  Gesammtheit  sind
beinahe  als  eine  einzige  große  deutsche  Handels-  und  Plantagenkolonie ­
  zu  betrachten,  obschon  die  eigentliche  politische  Oberherrschaft ­
  Deutschlands  sich  nur  auf  den  nördlichen  Theil  derselben
erstreckt.
Den  Grund  zu  der  deutschen  Handelsherrschaft  in  der  Südsee
legte  das  bekannte  Haus  Godeffroy  in  Hamburg,
welches  von  seiner  Hauptstation  Samoa  aus  bald  sämmtliche
Inselgruppen  in  seinen  Bereich  zog.  Noch  immer  bilden  die
Samoa-Inseln,  insbesondere  die  Stadt  Ap  ia  auf  der  Insel
U  p  o  l  u  ,  den  Mittelpunkt  der  deutschen  HandelSintercssen  in  der
Südsee.  Die  „Deutsche  Handels-  und  Planta  g  en  -
g  es  e  l  l  s  ch  a  f  t  der  S  ü  d  s  e  e  ",  die  Nachfolgerin  des  Hauses
Godeffroy,  besitzt  gegenwärtig  fünf  Pflanzungen  auf  den  Samoa-Inseln ­
  mit  einem  Gesammtareal  von  7000  Acres.  Ter
Betrieb  der  Pflanzungen  auf  Samoa  kann  wohl  den  Vergleich
aushalten  mit  der  vorzüglich  geleiteten  Verwaltung  eines  Großgrundbesitzes ­
  in  Deutschland.  Auf  den  Inseln  leben  etwa  250
Weiße,  von  denen  ungefähr  drei  Viertel  Deutsche  sind.  Der
Hafen  S  a  l  u  a  s  a  t  a  auf  U  v  o  l  u  befindet  sich  schon  seit  längerer ­
  Zeit  im  Besitz  des  Reiches;  möge  bald  die  ganze  Jnselgrilppe
  allen  englischen  und  amerikanischen  Intriguen  zum  Trotz
sein  Schicksal  theilen,  sie  ist  es  werth.
Das  deutsche  Schutzgebiet  in  der  Südsee  erstreckt  sich  über
Kaiser  W  i  l  h  e  l  m  s  l  a  n  d  (179,250  Quadrat-Kilometer)  auf
Neuguinea,  den  Bismarck  -Ar  chipe!  (52,200  Qua-
        <pb n="148" />
        drat-Kilometer),  welcher  die  beiden  größeren  Inseln  N  e  u  p  o  m
mern  und  Neumecklenburg,  die  kleinere  Neuhannover ­
  und  die  A  d  m  i  r  a  l  i  t  ä  t  s  i  n  s  e  l  n  umfaßt,  die
Brown-  und  Provide  nce-Jnseln,  die  Marschall-Inseln
  mit  dem  Hauptort  Jaluit  und  einige  Salomo-Inseln,
  darunter  die  drei  größten  Bougainville,  Choiseul ­
  und  Isabella.  Das  gesammte  Schutzgebiet  der  Südsee
umfaßt  eine  Fläche  von  ungefähr  254,000  Quadrat-Kilometern,
kommt  also  beinahe  der  Hälfte  des  Deutschen  Reiches  gleich.
In  Kaiser  Wilhelmsland  und  dem  Bismarck-Archipel  besitzt  die
„Neugui  nea-K  ompagnie"  Hoheitsrechte.
Außer  den  beiden  genannten  Gesellschaften,  der  „Deutschen ­
  Handels-  und  P  l  a  n  t  a  g  e  n  g  e  s  e  l  l  s  ch  a  f  t  der
S  ü  d  s  e  e  "  und  der  „  N  e  u  g  u  i  n  e  a  -  K  o  m  p  a  g  n  i  e  "  haben
vorzugsweise  die  beiden  Hamburger  Firmen  H.  M.  Rüge  &amp;amp;  C  o.
und  H  er  ns  he  im  L  Co.  die  wirthschaftliche  Ausbeutung  der
Südsee  in  die  Hand  genommen.  Zur  Ausnutzung  des  Schutzgebietes
  der  Marschall-Jnseln  hat  sich  neuerdings  eine  „Jaluit-Gesellschaft"
  gebildet.
Den  hauptsächlich  von  dem  deutschen  Handel  beherrschten
Theil  der  Südsee  bilden  nach  der  von  den  betheiligten  Firmen
angenommenen  Eintheilung  vier  Geschüftsbezirke:  der  tonganische,
  der  s  a  m  o  a  n  i  s  ch  e,  der  m  e  l  a  n  e  s  i  s  ch  e  (Neuguinea ­
  und  Bismarck-Archipel)  und  der  m  i  kr  ones  i  sch  e
(Gilbert-,  Marschall-  und  Karolinen-Jnseln).  In  jedem  einzelnen
dieser  Bezirke  haben  die  deutschen  Geschäfte  die  unbedingte  Majorität
  den  sämmtlichen  übrigen  Nationen  gegenüber.  Das
Hauptgeschäft  in  der  Südsee  bildet  das  Koprageschäft;  volle
zwei  Drittel  des  gesammten  Koprageschäftes  sind  in  deutschen
Händen.  Der  ganze  Geschäftsumsatz  ist  in  den  Jahren  1880
        <pb n="149" />
        147

10'

bis  1885  von  ca.  5  auf  ca.  10  Millionen  Mark  gestiegen,  der
deutsche  Antheil  von  4  auf  gut  6'/r  Millionen  Mark.  Bei  der
mit  dem  Sturze  des  Hauses  Godesfroy  in  ursächlichem  Zusammenhang ­
  stehenden  Ungunst  der  Verhältnisse,  welcher  gerade
der  deutsche  Südseehandel  im  Anfange  der  8Oer  Jahre  ausgesetzt
war,  ist  dieses  ein  Resultar,  mit  welchem  wir  wohl  zufrieden
sein  dürfen.  Auch  auf  den  unter  englischer  und  französischer
Oberhoheit  stehenden  Inseln,  auf  Neukaledonien,  den  Fidschiund
  den  Gesellschaftsinseln  nebst  den  dazu  gehörigen  kleineren
Gruppen  befindet  sich  das  Koprageschäft  schon  seit  Jahren  zum
größten  Theil  in  deutschen  Händen;  doch  haben  die  Deutschen
an  dem  theilweise  hochentwickelten  Plantagcnbetrieb  auf  diesen
Inseln  nur  geringen  Antheil.
Eine  größere  deutsche  Kolonie,  zu  welcher  hervorragende
Kaufleute  und  Großgrundbesitzer  zählen,  befindet  sich  auf  Ha.
waii.  Dem  ,,Hawaiian  Almanac  and  Annual  for  1886“  zu
Folge  beträgt  die  Bevölkerung  des  Königreiches  nach  der  letzten
Zählung,  die  im  Jahre  1884  stattfand,  80,578  Seelen,  darunter
17,000  Chinesen  und  17,300  Weiße;  unter  den  letzteren  befinden
sich  1  600  Deutsche,  0300  Portugiesen,  1280  Engländer,  362
Norweger,  200  Amerikaner,  192  Franzosen.  Besonders  in  der
Hauptstadt  Honolulu  leben  zahlreiche  Deutsche.
        <pb n="150" />
        148

Was  ist  zu  thun,  um  das  Aeulschlhum
im  Auslande  zu  erhalten  und  zu  fördern?
Die  hier  aufgeworfene  Frage  findet  eine  ganz  verschiedene
Beantwortung  je  nach  der  Art  der  in  Betracht  kommenden
deutschen  Niederlassung,  je  nach  dem  sie  eine  Handels-,  Pflan
zungs-,  Ackerbau-  oder  sonstige  Kolonie  ist,  je  nach  den  Verhältnissen ­
  und  Besonderheiten  der  betreffenden  Gegend.  Es
kommt  also  vor  Allem  darauf  an,  die  eingehendste  Kenntniß
sämmtlicher  nennenswerthen  deutschen  Siedelungen  zu  erwerben;
die  geographische  Lage  jeder  Kolonie,  die  Bodenverhältnisse,
Produkte,  das  Klima,  die  Anzahl  der  deutschen  sowie  der  übrigen
  Bewohner  des  Landes,  deren  Charakter  und  Lebensgcwohnheiten,
  die  politischen,  wirthschaftlichen  und  gesellschaftlichen
Verhältnisse,  Alles  ist  auf  das  genaueste  zu  erkunden,  jede  Veränderung ­
  und  Neuerung  sorgfältig  zu  verzeichnen.  9htr  der
genaueste  Kenner  des  Landes  und  seiner  Bewohner  vermag  ein
zuständiges  Urtheil  darüber  abzugeben,  auf  welche  Art  das
Deutschthum  daselbst  gefördert  werden  kann,  und  die  Maßregeln
zu  bestimmen,  welche  unter  gegebenen  Zeitumständen  zu  diesem
Endzwecke  zu  ergreifen  sind.  In  denjenigen  Niederlassungen,
welche  möglicher  Weise  den  Keim  bilden  zu  größeren  rein  deutschen ­
  Gemeinwesen,  also  in  den  Ackerbaukolonien,  dienen  im
Allgemeinen  folgende  Maßregeln  zur  Erhaltung  und  Verstärkung ­
  des  Deutschthums:  Lenkung  der  Auswanderung  in  die
Kolonie,  Unterhaltung  regen  Verkehrs  zwischen  Kolonie  und
Mutterland,  Stiftung  oder  Unterstützung  solcher  Einrichtungen,
welche  vorzugsweise  geeignet  sind,  das  Aufgehen  in  ein  fremdes
        <pb n="151" />
        149

Volksthum  zu  verhindern,  Erhaltung  und  Anregung  des  Nationalbewußtseins. ­
  Letztgenannter  Punkt,  die  Erhaltung  und
Anregung  des  Nationalbewußtseins,  ist  offenbar
der  wichtigste,  denn  ohne  dieses  würden,  zumal  an  Orten,  in
welchen  sich  die  deutsche  Bevölkerung  in  der  Minderheit  befindet,
alle  Bemühungen,  die  schließliche  Entnationalisirung  derselben
zu  verhindern,  fruchtlos  bleiben.  Nicht  allein  für  den  Idealisten,
sondern  auch  für  den  Wirthschaftspolitiker,  der  die  Dinge  einzig
nach  ihrer  Nützlichkeit  schätzt,  ist  das  Nationalbewußtsein  von
dem  allergrößten  Interesse.  Ein  kräftiges  Nationalbewußtsein
ist  die  beste  Waffe  eines  Volkes  in  dem  harten  Kampfe  um  das
Dasein,  einerlei,  ob  dieser  Kampf  auf  dem  Schlachtfelde  oder
auf  wirthschaftlichem  Gebiete  ausgefochten  wird;  die  Nation,
welcher  dieses  fehlt,  ist  ohne  Gnade  dem  Untergange  geweiht.
Sie  muß  zerfallen,  denn  wie  sollte  da  ein  Zusammenhalt,  ein
festes  Zusammenstehen  gegen  gemeinsame  Feinde  zu  erwarten
sein,  wo  kein  Gefühl  der  Zusammengehörigkeit  vorhanden  ist?
Um  unsere  Nation  vor  dem  Zerfall  zu  schützen,  oder  doch  wenigstens ­
  vor  Schwächung  zu  bewahren,  gilt  es  daher,  unter  allen
Gliedern  derselben,  auch  unter  den  fern  der  Hcimath  weilenden
Ansiedlern,  ein  kräftiges  Nationalbewußtsein  wach  zu  erhalten,
und  dieses  geschieht  bei  letzteren  vorzugsweise  durch  einen
möglich  st  regen  und  lebhaften  Verkehr  mit  dem
M  u  t  t  e  r  l  a  n  d  e.  Ein  solcher  Verkehr  kann  sich  auf  die  mannichfaltigste
  Weise  gestalten  ;  er  kann  im  Austausch  der  Gedanken
durch  Briefwechsel  oder  durch  die  Preste  bestehen,  er  kann  durch
Vereine,  welchem  sowohl  im  Auslande  als  in  der  Hcimath
lebende  Deutsche  angehören,  vermittelt  werden,  er  kann  endlich
geradezu  ein  persönlicher  Verkehr  sein.  Der  letztere  ist  offenbar
von  außerordentlicher  Wichtigkeit.  Verguügungsreisende,  Jagd-
        <pb n="152" />
        150

liebhaber,  Pflanzenfreunde  u.  f.  w.  sollten  daher  ihre  Schritte
thunlichst  dahin  lenken,  wo  sich  deutsche  Niederlassungen  befinden, ­
  und  ganz  besonders  dahin,  wo  das  Deutschthum  in  Gefahr
steht,  feindlichen  Völkern  im  Kampfe  zu  erliegen.  Dann  könnten
sie,  während  sie  ihren  Liebhabereien  nachhängen,  zugleich  im
edelsten  Sinne  für  das  Wohl  der  Gesammtheit  des  Volkes
wirken;  letzteres  nicht  allein  durch  moralische  Unterstützung  von
Volksgenossen  in  ihrem  Ringen  um  die  Erhaltung  der  Nationalität, ­
  sondern  auch  durch  Erwerbung  und  Verbreitung  eingehender ­
  Kenntniß  über  die  Lage  des  Deutschthums  im  Auslande. ­
  Die  Pflege  eines  regen  Verkehrs  zwischen  Mutterland
und  Kolonie  hat  die  Lenkung  der  Auswanderung  in
letztere  zu  seiner  natürlichen  Folge,  dient  also  auch  in  dieser  Beziehung ­
  dazu,  das  deutsche  Element  der  Niederlaffung  zu  stärken
und  zu  heben.  Dieser  Verkehr  kommt  aber  nicht  minder  dem
Mutterlande  als  der  Kolonie  zu  Gute,  denn  er  veranlaßt  den
Ansiedler,  seinen  Bedarf  an  Erzeugnissen  des  Industrie-  und
Gewerbefleißes  aus  der  alten  Heimath  zu  beziehen  und  dadurch
zur  Erhöhung  des  nationalen  Wohlstandes  beizutragen.
Um  die  deutschen  Ansiedler  und  ihre  Nachkommen  unserem
Volke  zu  erhalten,  sollte  ferner  vor  allen  Dingen  dafiir  gesorgt
werden,  daß  das  Erziehungs-  und  Bildnngswesen  in
der  Kolonie  seinen  deutschen  Charakter  nicht  verliert.  Jnsbesondere
  ist  darauf  zu  achten,  daß  die  Seelsorge  allein  von
deutschen  Geistlichen  ausgeübt  wird.  Deutsche  Schulen,
sowie  deutsche  Zeitungen  sollten,  soweit  sie  sich  dessen
würdig  erweisen,  von  der  Heimath  ans  wirksam  unterstützt  werden.
  Deutsche  Bibliotheken  sind  anzulegen  und  mit  den
hervorragenden  Erzeugnissen  der  deutschen  Nationalliteratur,  besonders ­
  mit  Werken,  welche  den  Nationalstolz  zu  wecken  und  zu
        <pb n="153" />
        151

kräftigen  geeignet  sind,  reichlich  zu  versehen.  Dem  Verei  ns  -
wesen  ist  besondere  Sorgfalt  zu  widme»,  da  es  vorzüglich  geeignet ­
  ist,  das  Gefühl  der  nationalen  Zusammengehörigkeit  zu
kräftige»  und  allen  dem  Deutschthum  feindlichen  Bestrebungen
entgegenzuwirken.  Vereine  in  den  Kolonien,  welche  augenscheinlich ­
  dazu  berufen  sind,  dem  Deutschthum  daselbst  eine  Stütze
zu  bieten,  sollten  vom  Muttcrlande  reichlich  unterstützt  werden.
Derartigen  Vereinen  sollten,  sobald  sie  in  Gefahr  sind,  aus
Mangel  an  tüchtigen  Mitgliedern  zu  Grunde  zu  gehen  oder
verwerflichen  Bestrebungen  zum  Opfer  zu  fallen,  geeignete  Perfönen
  aus  der  Heimath,  die  deren  übergenug  besitzt,  als  Mitglieder ­
  zugeführt  werden.
Die  Erhaltung  des  Deutschthums  im  Auslande  ist  für  das
wirthschaftliche  Gedeihen  der  Gesammtnation  von  der  allergrößten ­
  Bedeutung.  Das  für  diesen  Zweck  verausgabte  Geld
uud  die  auf  ihn  verwandte  Arbeitskraft  geht  daher  keineswegs
verloren,  sondern  bringt  tausendfältige  Frucht.
        <pb n="154" />
        152

I

Die  deutschen  Schulen  im  Auslande.
Unter  deutschen  Schulen  seien  solche  verstanden,  deren
Unterrichtssprache  ganz  oder  vorwiegend  die  deutsche  ist,
und  welche  von  Schülern  deutscher  Abkunft  und  deutscher ­
  Zunge  besucht  werden.  Die  große  Bedeutung,  ja  die
Nothwendigkeit  dieser  Schulen  für  die  Erhaltung  deutschen  Wesens ­
  und  deutscher  Sprache  iu  der  Fremde  liegt  so  klar  zu  Tage,
daß  es  kaum  nöthig  erscheint,  darüber  noch  Worte  zu  verlieren.
Tie  richtige  Erkenntniß  dieser  Bedeutung  führte  zur  Gründung
des  überaus  segensreich  in  nationalem  Sinne  wirkenden  „Allgemeinen ­
  deutschen  SchulvereinS".
In  Gegenden  oder  Orten,  in  welchen  die  Verhältnisse  es
den  Deutschen  von  vorne  herein  ganz  unmöglich  machen,  mehrere ­
  Generationen  hindurch  ihre  Nationalität  zu  bewahren  und
beachtenswcrthcn  Einfluß  zu  erlangen,  da  können  auch  die
deutschen  Schulen  sie  vor  der  schließlichen  Entnationalisirung
auf  die  Dauer  nicht  schützen.  Deutsche  Schulen  an  solchen
Stätten  sind  nur  dann  von  nationaler  Bedeutung,  wenn  sie
Kindern  nur  vorübergehend  im  Auslande  sich  aufhaltender  unbemittelter
  Eltern  Gelegenheit  zur  Schulbildung  geben  und  sie
vor  der  Entnationalisirung  bewahren,  wie  es  zum  Beispiel  die
deutschen  Armenschulen  in  Paris  erstreben,  oder  wenn  handelspolitische ­
  und  wirthschaftliche  Gründe  cS  münschenSwerth  erscheinen ­
  lassen,  daß  die  Kinder  der  irgendwo  ansässigen  Deutschen
ihrer  Nationalität  erhalten  bleiben,  wie  cs  an  manchen  Plätzen
des  Orients  der  Fall  sein  mag.  Diejenigen  deutschen  Schulen,
welche  national  bedeutungslos  sind,  sollten  nicht  mit  Geldmitteln
        <pb n="155" />
        153

unterstützt  werden,  damit  solche  anderen,  wichtigeren  Lchulen
in  desto  reichlicherem  Maße  zufließen  können.
Der  folgenden  kurzen  Uebersicht  über  die  deutschen  Lchulen
im  Auslande  ist  das  fleißige,  den  Gegenstand  in  möglichst  erschöpfender ­
  Weise  behandelnde  Werk  von  Dr.  Johannes
Paul  Müller,  Direktor  der  Allgemeinen  Deutschen  Schule
zu  Antwerpen,  (Die  Deutschen  Schulen  im  Auslande,  von  Dr.
I.  P.  Müller,  Breslau  1885  Ferd.  Hirt)  zu  Grunde  gelegt.
Dasselbe  enthält  die  Geschichte  und  Statistik  fast  sämmtlicher
deutscher  Schulen  im  Auslande  und  besteht  zum  großen  Theil
aus  Originalberichten  im  Auslande  angestellter  deutscher  Schuldircktoren
  und  Lehrer.
1)  Deutsche  Schulen  außerhalb  des  deutschen
Sprachgebietes  in  Europa.
In  Ungarn  (außer  Siebenbürgen)  liegt  das  deutsche  Un*
terrichtswesen  gegenwärtig  leider  sehr,  im  Argen.  Obgleich  im
Jahre  1877  noch  von  sämmtlichen  Gymnasialschülern  allein
13,8  Prozent  auf  die  Deutschen  entfielen,  giebt  cs  gegenwärtig
überhaupt  keine  deutschen  Gymnasien  in  Ungarn,  da  gesetzlich ­
  in  sämmtlichen  Gymnasien  des  Landes,  mit  Ausnahme  der
von  den  Kirchen  errichteten,  die  magyarische  Sprache  Unterrichts,
spräche  ist.  Eigene  Volksschulen  sind  freilich  in  Ungarn  den
fremden  Nationalitäten  gestattet,  jedoch  werden  ihnen  alle  möglichen ­
  Hindernisse  in  den  Weg  gelegt  und  werden  sie  oft  auf
die  gewaltthätigste  Art  unterdrückt;  besonders  trifft  dieses
Schicksal  leider  die  deutschen  Volksschulen.  Im  Jahre  1K&amp;lt;&amp;gt;9
gab  es  noch  974,  1880  nur  mehr  697  und  Ende  1881  nur
uoch  491  deutsche  Volksschulen;  für  1883  schätzt  Müller  die
        <pb n="156" />
        154

Zahl  derselben  nur  noch  auf  390.  Dabei  giebt  es  in  Ungarn
und  Siebenbürgen  ungefähr  323,450  schulpflichtige  deutsche
Kinder.  Es  wäre  wahrlich  an  der  Zeit,  hier  Wandel  zu
schaffen  I
Siebenbürgen  besitzt  ein  vortrefflich  organisirtes  deut
schcs  Schulwesen,  welches  durch  die  evangelische  Landeskirche
erhalten  und  geleitet  wird.  Es  bestehen  hier  253  Volksschulen,
6  Lehrerseminare,  5  achtklassige  Gymnasien,  l  vierklassiges  Untergymnasium, ­
  1  Untcrrealgymnasittm;  außerdem  noch  einige
Realschulen.  Gewerbeschulen  und  landwirthschaftliche  Schulen.
Wie  es  sich  nicht  anders  erwarten  läßt,  besteht  in  den
russischen  Ostsee  provin;  en  von  Alters  her  ein  wohlgeordnetes ­
  deutsches  Schulwesen.  Bereits  im  Jahre  1310  wurde
in  Reval  eine  öffentliche  deutsche  Schule  gegründet,  die  Domschule
  bei  St.  Marien.  Im  Jahre  1883  bestanden  4io  deutsche
Schulen  mit  rund  33,000  Zöglingen  in  den  Städten  der  Ostseeprovinzen.
  Von  der  Gesammtzahl  der  Schulen  in  diesen
Städten  hatten  sich  bis  zum  Jahre  1884  nur  gegen  3  Prozent
Schulen  mit  russischer  Ilnterrichtssprache  Bahn  brechen  können.
Gegenwärtig  wird  sich  das  Verhältniß  zwischen  russischen  und
deutschen  Schulen  in  den  Ostseeprovinzcn  in  Folge  gewaltthätiger
  Maßregeln  der  russischen  Regierung  wohl  leider  bedeutend
zu  Gunsten  der  ersteren  verschoben  haben.  —  In  St.  Petersburg ­
  bestehen  nach  Müller  6  deutsche  Schulanstalten  mit  zusammen
  3,471  Schülern,  von  denen  die  32klassige  „Deutsche
Hauptschule  zu  St.  Petri"  und  die  „St.  Annenschnlen",  die
aus  29  Klassen  bestehen,  zu  nennen  sind.  In  Moskau  sind
4  deutsche  Schulanstalten  —  darunter  die  36klassige  „St.  Petri-Pauli-Schule"
  —  mit  etwa  1500  Schülern.  Tie  6  deutschen
Schulen  zu  Warschau,  welche  im  Jahre  1883  von  829  Kindern
        <pb n="157" />
        lõõ

besucht  wurden,  sind  der  dortigen  Evangelisch-Augsburgischen
Kirchengemeinde  unterstellt.  In  Helsingfors  in  Finnland
giebt  es  eine  deutsche  höhere  Töchterschule,  sowie  eine  deutsche
Elementarschule.  Außer  den  genannten  erwähnt  Müller  keiner
  weiteren  deutschen  Schulen  im  europäischen  Rußland,
doch  ist  deren  ohne  Zweifel  noch  eine  große  Menge  vorhanden,
namentlich  in  Südrußland  und  in  den  deutschen  Kolonien  an
der  Wolga.
In  Rumänien  sind  nach  Müller  u  deutsche  Schulen
mit  1,222  Schülern;  darunter  6  organisch  mit  einander  verbundene ­
  Schulen,  welche  zusammen  17  Klassen  besitzen.zu  Bukarest.
Je  eine  deutsche  Schule  befindet  sich  in  Jassy  —  diese  seit
1844  unter  dem  Patronat  Sr.  Mas.  des  Königs  von  Preußen
—  in  Roman  und  in  Atmadscha.  Die  Schule  in  letzterem,
  in  der  Dobrudscha  gelegenem  Orte  wird  wohl  inzwischen
eingegangen  sein,  in  Folge  der  bereits  von  uns  charakterisirten
Schikanen  der  rnmänischen  Regierung  Sämmtliche  rumänischdeutsche
  Schulen  sind  evangelischen  Bekenntnisses.
Auch  in  Serbien  befindet  sich  eine  deutsche  Schule,  nämlich
  in  Belgrad.  Dieselbe  steht  unter  dem  Protektorat  des
Evangelischen  Oberkirchenrathes  zu  Berlin.  Sie  ist  zweiklassig
und  wird  von  122  Schülern  besucht.
In  der  europäischen  Türkei  bestehen  nach  Müller  vier
deutsche  Schulen.  3  in  Konst  a  nt  inope!  und  eine  „Eisenbahn-Schule",
  für  die  Kinder  deutscher  Bahnbeamten  bestimmt,  in
Karagatsch  bei  Adrianopel.  Von  den  drei  deutschen  Schulen
zu  Konstantinopcl  ist  die  vicrklassige,  von  370  Schülern  besuchte
„Deutsche  und  Schweizer  Schule"  die  bedeutendste.  Die  oesterreichisch.ungarische
  Schule  in  Pera  wird  von  116  und  die
„Deutsche  Eisenbahnschule"  in  Jedi-Kulv  von  70  Schülern  bcfilcht.
        <pb n="158" />
        Bon  ben  sonstigen  sübeuropäischen  Staaten  weist
Italien  die  meisten  deutschen  Schulen  auf.  nämlich  sieben,
zwei  in  Florenz  und  je  eine  in  Rom,  Mailand.  Genua,  Livorno ­
  und  Neapel.  Je  zwei  deutsche  Schulen  sind  in  Spanien
und  Portugal,  nämlich  in  Madrid,  Barcelona,  Lissabon  und
Oporto.  In  Griechenland  befindet  sich  eine  deutsche
Schule,  in  Athen.
Je  zwei  deutsche  Schulen  sind  auch  in  Holland  und
Belgien  vorhanden,  nämlich  in  Amsterdam,  im  Haag,  in
Antwerpen  und  in  Loth  bei  Brüssel.  In  Frankreich  bestehen
  deren  drei,  sämmtlich  Armenschulen:  zwei  in  Paris  und
eine  in  Marseille.  Eine  größere  Anzahl  deutscher  Schulen  befindet
  sich  in  England.  Müller  zählt  deren  elf  auf.  sämmtlich
  in  London.
Zn  Dänemark  und  zwar  in  Kopenhagen  giebt  es  nach
Müller  4  deutsche  Schulen  mit  772  Schülern,  in  Schweden
eine  einzige,  die  bereits  im  sechszehnten  Jahrhundert  gegründete
vierklassige  Deutsche  Schule  zu  Stockholm.
2)  Deutsche  Schulen  in  Amerika.
Von  dem  deutschen  Schulwesen  in  den  Vereinigten
Staaten  ist  bereits  die  Rede  gewesen;  es  sei  dem  Gesagten
hier  noch  Einiges  hinzugefügt,  welches  fast  wörtlich  einem  in
Mü  ller's  Werk  abgedruckten  Aufsah  von  Dr.  L.  R.  Klemm,
Direktor  des  Lehrerseminars  in  Cincinnati,  entnommen  ist.
Darnach  sind  die  deutsch-amerikanischen,  d.  h.  zweisprachigen
Schulen,in  drei  Kategorien  einzutheilen:  l)  öffentliche  Volksschulen,
  2)  Kirchen-  oder  P  ar  o  ch  i  a  ls  chulen  (nicht
unentgeltliche  Schulen).  3)  Privatschulen,  welche  nicht  mit
        <pb n="159" />
        157

einer  Kirchengemeinde  in  Verbindung  stehen.  Tie  Einführung
des  Deutschen  in  die  Volksschulen  ist  auf  dreifachem  Wege  vor
sich  gegangen.  Erstens:  Man  stellte  für  größere  Schulen  einen
oder  mehrere  Speziallehrer  des  Deutschen  an,  welche  jeder  Klasse
täglich  etwa  dreißig  Minuten  widmeten.  Diese  Lehrer  haben
an  einem  Tage  oft  bis  zu  dreihundert  Schüler  in  zehn  Klaffen
zu  unterrichten.  Glücklicher  Weise  scheint  dieses  System,  bei
welchem  offenbar  der  deuffche  Unterricht  sehr  schlecht  fahren
mußte,  bald  außer  Gebrauch  zu  kommen.  Zweitens:  Man
sonderte  die  deutschsprechenden  Kinder  von  denen  ab,  die  nicht
deutsch  lernen  wollten,  und  gab  je  zweien  dieser  deutschamerikanischen
  Klassen  eine  englische  und  eine  deutsche  Lehrkraft,
welche  sich  in  die  zur  Verfügung  stehende  Zeit  zu  theilen  hatten,
räumte  also  dem  Unterrichte  im  Deutschen  die  Hälfte  oder.  wo
man  drei  solcher  Klassen  errichten  mußte,  ein  Drittel  des  Schultages
  ein.  Diese  Einrichtung  findet  man  da.  wo  das  Deutschthum ­
  die  festesten  Wurzeln  geschlagen  hat,  z.  B.  in  den  größeren ­
  Städten  von  Ohio  und  in  Milwaukee.  Drittens:  Man
reservirte  für  die  deutschen  Schüler  ganze  Schulhäuser.  Wo  sie
bestehen,  sind  diese  Separatschulen  mit  einem  vorzüglichen  Lehrerpersonal
  ausgerüstet  und  leisten  thatsächlich  sowohl  im  Deutschen ­
  wie  im  Englischen  Ausgezeichnetes.  Man  findet  solche
Schulen  in  Columbus,  Ohio,  in  Baltimore,  in  San  Francisco,
in  Jndianopolis  und  in  mehreren  kleineren  Orten  des  Westens.
Die  Resultate,  welche  die  Lehrer  des  Deutschen  in  den  Volksschulen
  erzielen,  sind  nach  Klemm  im  Großen  und  Ganzen
befriedigend.  Viele  Tausende  von  Kindern  sind  durch  sie  dem
Deutschthum  erhalten  geblieben,  welche  sonst  ohne  Zweifel  die
Sprache  ihrer  Eltern  niemals  gelernt  hätten.  Unter  deutschen
Kirchenschulen  versteht  man  konfessionelle  Schulen,  welche  theils
        <pb n="160" />
        158

von  protestantischen  Kirchengemeinden,  theils  von  der  katholischen ­
  Geistlichkeit  gegründet  wurden  und  mit  der  betreffenden
Kirche  ihres  Distrikts  in  engster  Verbindung  stehen.  Sie  haben
sehr  viel  für  die  Erhaltung  der  deutschen  Sprache  in  Amerika
geleistet,  indem  sie  weit  mehr  Gewicht  auf  die  deutsche  als  auf
die  englische  Sprache  legen.  Die  deutsch-amerikanischen  Privatschulen ­
  unterscheiden  sich  von  den  vorigen  dadurch,  daß  sie  von
keiner  Kirche  abhängig  sind.  Sie  wurden  vor  Jahrzehnten  gegründet, ­
  als  das  Volksschulwesen  noch  sehr  im  Argen  lag  und
die  deutsche  Sprache  fast  noch  nirgends  ein  Heim  gefunden
hatte.  Wo  der  deutsche  Unterricht  in  der  Volksschule  Gutes
leistet,  sind  sie  gänzlich  verschwunden;  wo  sie  noch  bestehen,
darf  man  sie  als  einen  lebenden  Vorwurf  gegen  die  Volksschulen ­
  betrachten.  Nach  der  von  Müller  gegebenen  Statistischen
Tabelle  wirkten  im  Jahre  1883,  soweit  es  vom  Komitee  für
Statistik  des  deutsch-amerikanischen  Schulwesens  am  14.  deutschamerikanischen
  Lehrertage  festgestellt  werden  konnte,  an  sämmtlichen ­
  deutschen  Schulen  der  Union  4,247  Lehrkräfte  und  wurden ­
  dieselben  von  306,142  Schülern  besucht.  Im  Jahre  1886
waren  es,  wie  wir  bereits  gesehen  haben  6,772  Lehrkräfte  und
430,465  Schüler.  Ein  erfreulicher  Fortschritt!
Von  den  deiltschen  Schulen  in  Brasilien  konnte  Müller
Genaueres  nur  über  diejenige  in  Rio  de  Janeiro  in  Erfahrung ­
  bringen.  Dieselbe  ist  fünfklassig  und  wird  von  152
Zöglingen  besucht.  Gegründet  wllrde  sie  und  wird  noch  unterstützt ­
  vom  „Deutschen  Hülfsverein"  der  brasilianischen  Hauptstadt.
  Ueber  die  unzweifelhaft  zahlreichen  deutschen  Schulen  in
den  südlicheren  Provinzen  des  amerikanischen  Kaiserreichs,  namentlich ­
  in  St.  Catharina  und  Rio  Grande  do  Sul  liegt  uns
leider  genügendes  statistisches  Material  nicht  vor.  Nach  Herrn
        <pb n="161" />
        159

Stutzer's  Angaben  (G.  Stutzer,  das  Jtajahy-Thal.  Goslar
1887,  L.  Koch)  bestehen  allein  im  Munizipium  Blumenau
40  deutsche  Schulen,  eine  Regierungsschule  und  39  Privatschulen. ­
  In  Joinville  befindet  sich  ein  von  ungefähr  100
Schülern  besuchtes  deutsches  Realgymnasium,  sowie  eine  Exerzirund
  Turnschule,  in  welcher  etwa  60  Knaben  nach  deutschem
Militärreglement  im  Exerziren  und  Turnen  geübt  werden.  Eine
ausgezeichnete,  von  deutschen  Jesuiten  geleitete  höhere  Lehranstalt
mit  Pensionat  für  Knaben  besteht  in  Sao  Leopoldo,  Rio
Grande  do  Sul,  wo  sich  auch  ein  von  Ordensschwestern  gebildetes
  deutsches  Pensionat  für  Mädchen  befindet.  Auch  in
Porto  Alegre  ist  eine  höhere  deutsche  Lehranstalt  vorhanden, ­
  die  leider  religionslose  „Schule  des  deutschen  Hilfsvereins". ­

In  der  Hauptstadt  U  r  u  g  u  a  y's,  in  Montevideo,  befindet
sich  eine  deutsche  Uuterrichtsanstalt  mit  105  Schülern:  72  Knaben
  und  33  Mädchen.  Sie  zerfällt  in  eine  Knabenschule  mit  4
Lehrern  und  eine  Mädchenschule  mit  2  Lehrerinnen.
Von  den  deutschen  Schulen  in  Argentinien,  deren
doch  wahrscheinlich  eine  größere  Anzahl  vorhanden  ist,  nennt
Müller  nur  die  deutsche  Gemeindeschule  zu  Buenos-Aires  mit
10  Klassen  und  350  Schülern.
Recht  ausgebreitet  ist  das  deutsche  Schulwesen  in  Chile;
dasselbe  wird  von  der  dortigen  Landesregierung  in  anerkennenswerther
  Weise  unterstützt.  Die  deutsche  Schule  in  Valparaiso
besitzt  6  Klassen  und  wird  von  236  Schülern  besucht.  Leider
scheint  das  ebendaselbst  befindliche  „Deutsche  Institut  seinen
deutschen  Charakter  so  gut  wie  vollständig  eingebüßt  zu  haben.
In  Santiago  befindet  sich  eine  höhere  Töchterschule  mit  deutscher
  Unterrichtssprache.  Mit  Lehrmitteln  reichlich  ausgestattet
        <pb n="162" />
        160

ist  die  trefflich  geleitete  siebenklassige  deutsche  Schule  zu  Valdivia;
sie  wird  von  nahe  au  300  Schülern  besucht.  Andere  deutsche
Schulen  im  Süden  Chiles  sind  diejenigen  in  Osorno  (4  Klassen),
La  Union  (2  Klassen),  Puerto  Montt  (2  Klassen).  Rio-bueno
(1  Klasse)  und  Los  Ulmos  (l  Klasse).  Außerdem  sind  von  der
Negierung  am  Llanguihue-See  für  die  dortige  deutsche  Kolonie
mehrere  Schulen  errichtet  worden,  so  in  Puerto  Octai  an  der
Nordspitze  des  Sees.  Erfreulich  sind  die  Worte,  mit  welchen
Herr  Hermann  Balde,  Direktor  der  deutschen  Schule  in
Valdivia,  seinen  Bericht  schließt,  indem  er  von  den  deutschen
Lehrern  in  Chile  sagt:  „Auch  ohne  Statuten  und  amtliche
Konferenzen  halten  wir  eng  zusammen  und  unterstützen  uns
gegenseitig  in  der  uns  übertragenen  Arbeit:  der  Erhaltung  des
Deutschthums  im  Auslande."
#)  Die  deutschen  Schulen  in  Afrika  und
Asien.
Die  deutsche  Schule  in  Kairo  verdankt  ihr  Bestehen  der
dortigen  evangelisch-deutschen  Gemeinde,  sowie  der  Freigebigkeit
Sr.  Majestät  des  hochseligen  Kaisers  Wilhelm,  welchem  übrigens
nicht  allein  diese,  sondern  eine  Unzahl  deutscher  Schulen  im
Auslande  ihre  Fortexistenz  zu  verdanken  hat.  Genannte
Schule  ist  eine  zweiklassige  und  wird  von  54  Schülern  besucht;
5  Lehrkräfte  wirken  an  ihr.  Die  deutsche  Schule  in  Alexan.
drien  wurde  in  Folge  des  Bombardements  der  Engländer  im
Jahre  1882  so  schwer  geschädigt,  daß  ihr  derzeitiger  Leiter  sie
eingehen  ließ.  Ob  sie  seitdem,  wie  es  geplant  war,  sich  wieder
aufgethan  hat,  konnte  nicht  in  Erfahrung  gebracht  werden.
Leider  gelang  es  Herrn  M  ü  l  l  e  r  nicht,  über  die  deutschen
        <pb n="163" />
        ICI

Schulen  gerade  derjenigen  Lânder,  welche  uns  am  meisten  interessiren,
  nähere  Erkundigungen  einzuziehen.  So  war  es
mit  Brasilien  der  Fall,  so  ist  es  auch  mit  Südafrika.
Ohne  Zweifel  befindet  sich  in  Südafrika,  wo  so  viele  Deutsche
leben,  eine  ansehnliche  Zahl  deutscher  Schulen.  Von  den  deutschen ­
  Schulen  in  Kapstadt  und  derjenigen  der  Gemeinde  von
Wynberg  Flats  ist  bereits  die  Rede  gewesen.  Rach  Zun  g  besteht ­
  auch  in  King  Williamstown  eine  deutsche  Schule.
Die  von  Herrn  Kristaller  geleitete  deutsche  Missionsschule ­
  in  Kamerun  liegt  unseren  jetzigen  Erörterungen  fern,
da  dieselbe  lediglich  von  Duallakindern  besucht  wird.
Von  den  deutschen  Schulen  Asiens  sind  vor  allen  Dingen
diejenigen  der  deutschen  Kolonien  in  Russisch'Transkaukasien
  erwähnenswerth.  Dreiklassig  sind  die  deutschen
Schulen  in  Tiftis  und  Helenendorf,  zweiklassig  diejenigen  in
Elisabeththal  und  Katharinenfeld,  einklassig  die  Schulen  in
Alexanderèdorf,  Marienfeld,  Alexandershils  und  Annenfeld.  Alle
diese  Schulen  insgesammt  werden  von  ungefähr  1,525  Schülern
besucht.
Von  Schulen  der  deutschen  Tempelgemeinden  in  Syrien
und  Palästina  ist  in  dem  Müller'schen  Werke  nicht  die  Rede,
eben  so  wenig  von  der  deutsch-evangelischen  Gemeindeschule  in
Jerusalem.  Die  Waisen-  und  Erziehungshäuser  für  arme
orientalische  Mädchen,  welche  von  der  Diakonissen-Anstalt  zu
Kaiserswerth  a.  Rh.  in  Jerusalem,  Beirut  und  Smyrna  unterhalten ­
  werden,  gehen  uns  hier  selbstverständlich  nichts  an,  obgleich ­
  in  diesen  Instituten  deutsch  gesprochen  wird;  noch  viel
wenige»  kümmern  uns  ferner  die  seitens  derselben  Anstalt  in
Smyrna  und  Beirut  gegründeten  Schul-  und  Erziehungsanstalten
11
        <pb n="164" />
        162

für  Töchter  wohlhabender  Familien,  denn  die  Unterrichtssprache
ist  hier  nicht  die  deutsche,  sondern  —  die  französische!
4)  Die  deutschen  Schulen  in  Australien.
Einen  reindeutschen  Charakter  haben  sich  unter  den  deutschaustralischen
  Schulen  nur  noch  diejenigen  bewahren  können,
welche  von  protestantischen,  meist  strenglutherischen  Gemeinden
errichtet  und  aus  eigenen  Mitteln  erhalten  wurden.
Deutsche  Schulen  mit  deutscher  Lehrsprache  giebt  es  in
größerer  Zahl  heute  eigentlich  nur  noch  in  Südaustralien,
wo  sich  das  Deutschthum  bekanntlich  kräftig  erhalten  hat.  Deutsche
evangelische  Gcmeindeschulen  sind  außer  in  der  Hauptstadt
Adelaide  in  Hahndorf,  Grünthal,  Lobethal,  Blumberg,  Langmeil, ­
  Klemzig,  Sedan,  Bismarck  und  in  vielen  anderen  Orten
Südaustraliens  vorhanden.  Die  deutschen  Katholiken  haben  in
Südaustralien  ein  von  deutschen  Jesuiten  vortrefflich  geleitetes
höheres  Schulinstitut  gegründet;  sie  besitzen  gleich  den  Lutheranern ­
  eine  Anzahl  aus  eigenen  Mitteln  der  Gemeinden  gegründeter ­
  und  unterhaltener  Schulen,  ohne  daß  aber  nach  unserem
Gewährsmann  das  Deutschthum  in  ihnen  eine  kräftige  Stütze
fände,  da  die  deutschen  Katholiken  vereinzelt  zwischen  englischsprechenden
  wohnen.  Auch  von  den  Lutheranern  ist  unlängst
eine  höhere  Schule,  eine  „Luther-Stiftung",  gegründet  worden,
die  sich  in  der  günstigsten  Weise  zu  entwickeln  verspricht.
In  Victoria  sind  es  hauptsächlich  die  lutherischen  Kirchen,
in  denen  deutscher  Unterricht  ertheilt  wird;  es  bestehen  dort  jetzt
18  Sonntagsschulen  mit  38  Lehrern  und  37  Lehrerinnen,  welche
388  Knaben  und  422  Mädchen  unterrichteten.  Die  Zahl  der
deutschen  Protestanten  giebt  der  letzte  Zensus  als  11,149  an;
sie  besaßen  45  Gotteshäuser  mit  4800  Sitzen,  die  im  Jahres-
        <pb n="165" />
        163

durchschnitt  von  3250  Kirchgängern  besucht  wurden  und  an
denen  10  Geistliche  wirkten.  Das  deutsche  Schulwesen  ist  übrigens ­
  in  Victoria  bei  Weitem  nicht  so  ausgebildet  wie  in  Südaustralien. ­

Noch  weniger  ist  dies  in  Neusüdwales  und  Neuseeland ­
  der  Fall,  wo  die  deutsche  Schule  nach  unserem  Gewährsmann ­
  leider  auf  den  Aussterbeetat  gesetzt  zu  sein  scheint.
Trotz  ihrer  ansehnlichen  numerischen  Stärke  haben  auch  die
Deutschen  Queenslands  sehr  wenige  eigene  Schulen.  Recht
blühende  deutsche  Schulen  befinden  sich  jedoch  in  Toowoomba
und  in  dem  Logandistrikt  genannte  Stadt  besitzt  deren  zwei,
welche  ohne  alle  Unterstützung  durch  den  Staat,  allein  von  den
betreffenden  Gemeinden  erhalten  werden.  Auch  in  Queensland
ist  die  lutherische  Kirche  die  Hauptstütze  des  Deutschthums;  es
wirken  dort  11  evangelisch-lutherische  Pastoren.
Die  Leistungsfähigkeit  der  deutschen  Schulen  in  Australien
wird  gerühmt.

ir
        <pb n="166" />
        164

Die  deutsche  Kresse  im  Zustande.
Wo  überall  in  der  Fremde  eine  deutsche  Zeitung  erscheint, ­
  da  sind  auch  Deutsche  in  größerer  Zahl  vorhanden,
welche  ihre  Muttersprache  pflegen  und  ehren,  welche  vaterländischer
  Gesittung  treu  zu  bleiben  gesonnen  sind.  Eine  Uebersicht
über  die  deutsche  Presse  des  Auslandes  ist  demnach  wohl  geeignet ­
  ein  Bild  zu  geben  von  der  Verbreitung  des  deutschen
Elementes  in  der  Fremde,  und  zwar  desjenigen  deutschen  Elementes, ­
  welches  sich  sein  Deutschthum  voll  und  ganz  zu  bewahren
  gewußt  hat.  Die  deutsche  Presse  des  Auslandes  bietet  aber
auch  ihrerseits  wieder  ein  mächtiges  Hülfsmittel  dar  zur  Stärkung ­
  des  Gefühls  der  Zusammengehörigkeit  unter  unseren  fernen
Landsleuten,  zur  Hebung  ihres  Nationalbewußtseins.  Muß  doch
schon  der  Selbsterhaltungstrieb  die  deutschen  Zeitungen  dazu
zwingen,  stets  auf  das  wärmste  für  die  Bewahrung  heimischer
Sprache  und  Art  einzutreten.  Die  deutsche  Presse  im  Auslande ­
  dient  nicht  allein  unseren  Stammesgenossen  daselbst,  sofern ­
  sie  ihnen  Gelegenheit  giebt  zur  Belehrung  und  zum  Gedankenaustausch ­
  über  die  Zustände  in  ihrer  neuen  Heimath  und
sie  über  die  Vorgänge  im  alten  Vaterlande  auf  dem  Laufenden
erhält,  sie  dient  auch  den  Deutschen  daheim,  denen  sie  eine  ausgezeichnete
  Quelle  ist  für  Kenntniß  der  wirthschaftlichen  und
sozialen  Verhältnisse  in  fernen  Ländern,  und  welchen  sie  unter
Umständen  zur  Anknüpfung  günstiger  Handels-  und  anderer
Verbindungen  verhelfen  kann.  Die  nationale  Bedeutung  dieser
Presse  darf  somit  keineswegs  unterschätzt  werden.  Man  ist
daher  den  Männern  zu  Dank  verpflichtet,  welche  oft  unter  den
        <pb n="167" />
        165

schwierigsten  Verhältnissen  und  mit  der  geringsten  Aussicht  auf
Erfolg  zur  Gründung  eines  deutschen  Blattes  schreiten  oder  geschritten ­
  haben  und  dasselbe  am  Leben  zu  erhalten  bemüht  sind,
obgleich  der  erzielte  Gewinn  nur  in  den  seltensten  Fällen  der
Mühe  und  dem  Risiko  entspricht.  Mit  Recht  sagt  der  weitgereiste ­
  W.  Jo  est  in  seiner  unten  näher  bezeichneten,  hochinteressanten
kleinen  Schrift:  „Der  deutsche  Redakteur,  der  neben  den  reich,
sten  Kaufherrn  oder  Beamten  der  Kolonie  im  Vorstande  des
deutschen  Schützen^,  Kegel-,  Turn-,  Krieger-  oder  auch  nur  des
einfach  dem  edlen  Genuß  deutschen  Bieres  sich  weihenden  Vereins ­
  sitzt,  der  bei  Königs-GeburtStag  die  Festrede  hält  und  die
Glückwunsch-Depesche  an  Se.  Majestät  aufsetzt,  er  verdient
unsere  vollste  Hochachtung,  er  ist  ein  Promachos  für  Deutschland,
  dessen  Einfluß  sowohl  auf  seine  eigenen  Landsleute  wie
auf  die  Fremden  nicht  unterschätzt  werden  darf.  Wäre  Deutschland
  reicher,  so  würde  ich  finanzielle  Unterstützung  einer  jeden
deutschen  Zeitung  im  Auslande,  sofern  dieselbe  erbeten  würde,
für  äußerst  wünschcnSwerth  halten."  —  Wir  meinen,  so  gut
wie  sich  ein  deutscher  Schulvcrein  gebildet  Hat,  sogni  könnte  auch
ein  deutscher  P  r  e  ß  v  e  r  c  i  n  ins  Leben  gerufen  werden,  ein  Verein,
der  sich  die  Unterstützung  würdiger  deutscher  Zeitllngen  im  Auslande
  zur  Aufgabe  stellte,  sei  es  durch  Geldmittel,  sei  es  durch
Zuwendung  von  Inseraten,  sei  cs  endlich  durch  geeignete  Korrcspondenzen
  und  literarische  Beiträge.
Von  denjenigen  ausländischen  Zeitungen,  welche  in  erster
Linie  für  die  in  der  Fremde  angesiedelten  Teutschen  bestimmt
sind  und  von  solchen  geschrieben  werden,  sind  Blätter  mehr  internationalen ­
  Charakters  zu  unterscheiden,  welche  freilich  ebenfalls ­
  in  deutscher  Sprache  erscheinen,  jedoch  nicht  aus  dem
Grunde,  well  sie  lediglich  für  deutsche  Leser  bestimmt  wären,
        <pb n="168" />
        166

sondern  weil  die  Kenntniß  unserer  Sprache  in  ihren  Leserkreisen
weiter  verbreitet  ist,  als  die  der  betreffenden  Landessprache.
Derartige  Zeitungen,  die  uns  hier  naturgemäß  wenig  interessiren,
  sind  zum  großen  Theil  Fachzeitschriften;  aber  auch  politische
  Tagesblätter  sind  hierher  zu  rechnen,  wie  z.  B.  der  Pester
Lloyd  und  die  St.  Petersburger  Zeitung.
Betrachten  wir  zuerst  die  deutsche  Presse  in  den  außerhalb
unseres  Sprachgebietes  gelegenen  Ländern  Europas.
Eine  große  Zahl  deutscher  Blätter  erscheint  in  den  Ländern ­
  der  ungarischen  Krone,  ja,  wenn  man  das
Bevölkerungsverhältniß  der  Nationalitäten  in  Betracht  zieht,  erscheinen ­
  dort  mehr  Zeitschriften  in  deutscher  als  in  irgend  einer
anderen  Sprache.  Hier  sollen  nur  die  größeren  Städte,  in
denen  deutsche  Zeitungen  bestehen,  genannt  werden.  Von  den
westungarischen  Städten  erscheinen  deutsche  Blätter  unter  anderen
  in  Buda-Pest.  Preßburg,  Oedcnburg.  Tirnau,  Neutra,
von  den  nordungarischen  in  Leutschau,  Kaschau,  Erlau,  von
den  südungarischen  in  Arad.  Nagy-Szt.-Miklos.  Gr.  Becskerek,
Mohacz,  Lugos,  Pancsowa,  Rcschitza,  Fünfkirchen,  Neusatz,
Temesvar,  Werschctz.  Weißkirchcn.  Siebenbürger  deutsche
Zeitungen  erscheinen  in  Bistritz,  Hermannstadt.  Karlsburg,
Schäßburg.  Kronstadt;  die  verbreitetsten  derselben  sind  die
„Hermannstädter  Zeitung"  und  das  „Siebenbürger  Deutsche
Tageblatt",  beide  in  Hermannstadt.  Auch  in  K  r  o  a  t  i  e  n  bestehen ­
  deutsche  Zeitungen,  so  in  Agram.  Esseg  und  Vukovar.
Nicht  minder  verbreitet  ist  das  deutsche  Zeitungswcsen  in
Rußland.  Deutsche  Blätter  erscheinen  sowohl  in  Archangel
am  Ufer  des  Weißen  Meeres  wie  in  Astrachan,  wo  der  Wolgastrom
  sich  in  den  Kaspi-See  ergießt,  und  in  Orenburg  im
Lande  der  Kirgisen,  an  den  südlichsten  Ausläufern  des  Ural-
        <pb n="169" />
        167

gebirges.  Von  hervorragender  Bedeutung  ist  die  b  a  l  t  i  s  ch  e
deutsche  Preffe,  deren  freie  Entwickelung  leider  durch  den  Druck
der  russischen  Zensur  gehemmt  wird.  Von  den  baltischen  Blättern ­
  sei  die  ausgezeichnete  „Rigasche  Zeitung"  namentlich  erwähnt.
  Außer  in  Riga  erscheinen  noch  politische  Tagesblätter
in  Reval.  Dorpat.  Libau  und  Mitau,  Wochenblätter  in  Gol.
dingen,  Walk.  Fellin.  Pernau,  Arensburg  und  Wesenberg.
Eine  interessante  Abhandlung  über  Geschichte  und  Bedeutung
der  deutsch-baltischen  Preffe  befindet  sich  in  Nr.  9  und  10,
Jahrgang  1887,  der  zu  Berlin  erscheinenden  empfehlenswerthen
„Deutschen  Post."  Außer  den  bereits  erwähnten  seien  noch
folgende  russische  Städte  genannt,  in  denen  deutsche  Zeitungen
erscheinen:  In  den  westlichen  Gouvernements  mit  Polen  in
St.  Petersburg.  Kronstadt,  Warschau  und  Lodz;  in  den  mittleren
  Gouvernements  in  Moskau,  Nischnij-Rowgorod,  Penza
und  Kursk;  in  Südrußland  in  Odessa,  Rikolajew,  Nowotscherkask,
  Smolensk  und  Rostow  am  Don;  in  den  östlichen
Gouvernements  in  Saratow,  Samara,  Kasan  und  Lymbirsk,
sämmtlich  an  der  Wolga.
Auch  in  Rumänien  bestehen  Zeitungen  in  deutscher
Sprache,  von  denen  das  „Bukarester  Tagblatt"  und  die  „Bukarester
  Zeitung"  genannt  seien.  In  Serajewo.  der  Hauptstadt
Bosniens,  erscheint  die  „Bosnische  Post."
Weit  weniger  als  im  Osten  ist  natürlich  im  Westen  Europa's
  das  deutsche  Preßwesen  entwickelt.  Deutsche  Blätter  erscheinen
  in  den  großen  Handelsplätzen  London  (3  oder  4
Stück),  Antwerpen  und  Rotterdam.
Bezüglich  der  außereuropäischen  deutschen  Presse  können
wir  uns  gänzlich  auf  W.  Joe  st  verlassen,  welcher  unter  Aufwand
  von  außerordentlicher  Mühe  ein  vollständiges  Verzcichniß
        <pb n="170" />
        168

sämmtlicher  außerhalb  Europas  erscheinender  deutscher  Zeitschritten
  angefertigt  hat.  Dasselbe,  welches  nicht  allein  Ort,
Titel  des  Blattes  und  Art  des  Erscheinens,  sondern  auch  Gründungsjahr ­
  und  Namen  des  Redakteurs  bczw.  Herausgebers  enthält, ­
  ist  veröffentlicht  in  der  außerordentlich  lesenswerthen  Broschüre ­
  „Die  außereuropäische  deutsche  Presse"
von  W.  Ice  st  (Köln  1888,  Du  Mont-Schanberg).  Das  Joest'sche
Verzeichniß  weist  627  außereuropäische  deutsche  Zeitschriften  aus.
Die  meisten  derselben  erscheinen,  wie  nicht  anders  zu  erwarten, ­
  in  den  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika, ­
  nämlich  592.  Rechnet  man  die  unter  anderem
Titel  erscheinenden  Wochenausgaben  und  Sonntagsbeilagen
hinzu,  so  zählen  wir  sogar  641  deutsche  Zeitungen  und  Zeitschriften ­
  in  der  Union  —  gegen  620  im  Jahre  1883  und  486
im  Jahre  1873!  „Wenn  sich",  bemerkt  Jocst,  „diese  Zahl
neben  der  Gesammtsumme  von  14,156  vielleicht  verschwindend
klein  ausnimmt,  so  dürfen  wirnie  vergessen,  daß  sicher  auch  ein
großer  Theil  der  englisch-amerikanischen  Zeitungen  von  deutschen
Lesern  unterhalten  wird."  Die  erste  Nummer  der  von  Christoph ­
  Sauer  unter  dem  Titel:  „Der  hochdeutsche  Pennsylvanische
  Geschichtsschreiber,  oder  Sammlung  wichtiger  Nachrichten ­
  ans  dem  Natur-  und  Kirchenrecht"  herausgegebenen,
jedoch  während  der  Revolution  wieder  unterdrückten  ältesten
deutschen  Zeitschrift  Amerikas  erschien  zu  Philadelphia
bereits  am  20.  August  1739,  zu  einer  Zeit,  wo  die  amerikanischen ­
  Kolonien  überhaupt  erst  5  Zeitungen  besaßen.  Noch  heute
erscheinen  in  Philadelphia  mehr  deutsche  Tagcsblätter  als  in
irgend  einer  anderen  Stadt  der  Union,  nämlich  6,  während,
wenn  man  die  Anzahl  der  deutschen  Zeitungen  überhaupt  in
Betracht  zieht,  New-Dork  allen  übrigen  Städten,  einschließlich
        <pb n="171" />
        169

Philadelphias,  weit  voranstellt;  New-Aork  zählt  deren  allein  56.
Auch  der  Staat  New-Nork  steht  in  Bezug  auf  das  deutsche
Zeitungswesen  unter  den  Staaten  und  Territorien  der  Union
obenan,  erzählt  im  Ganzen  97  deutsche  Zeitschriften/,Es  folgen
Pennsylvanien  mit  84,  Wisconsin,  Illinois  und  Ohio  mit  je
67.  Iowa  mit  39,  Missouri  mit  34,  Indiana  mit  25,  New-Jersey
  mit  24,  Michigan  mit  19,  Californien  mit  16,  Texas
mit  15,  Minnesota  mit  14,  Kansas  und  Nebraska  mit  je  10,
Maryland  mit  8,  Massachusets  mit  7,  Cannecticut  mit  6,  Colorado, ­
  Kentucky  Virginia  und  Dakota  mit  je  3,  Delaware,
Tistutt  Columbia,  Louisiana,  Georgia,  Tennessee  und  das
Territorium  Washington  mit  je  2  deutschen  Zeitungen;  je  eine
Zeitschrift  erscheint  in  den  Staaten  Alabama.  Arkansas,  Süd-Carolina,
  Rhode  Island,  West-Virginia  und  in  dem  Territorium
Oregon.  In  sieben  Staaten  der  Union  :  Florida,  Maine,  Mississippi, ­
  Nevada,  New-Hampshire,  North-Carolina,  Vermont,  und
in  sechs  Territorien:  Neu-Mexiko,  Arizona,  Utah,  Idaho,  Montana, ­
  Wyoming  erscheint  keine  deutsche  Zeitung.
Canada  zählt  9  deutsche  Blätter,  sämmtlich  im  Staate
Ontario,  Mexiko  nur  ein  einziges,  jedoch  ein  Blatt  höheren
  Stiles,  die  in  der  Landeshauptstadt  erscheinende  „Germania".
Von  den  19  deutschen  Zeitschriften  Südamerikas  entfallen ­
  allein  13  auf  Brasilien.  Je  zwei  deutsch-brasilianische ­
  Blätter  bestehen  in  den  Städten  Rio  de  Janeiro,  Curityba,
  Joinville,  Blumenau,  Porto  Alegre.  S.  Leopoldo;  eine
deutsche  Zeitung  erscheint  in  S.  Paulo,  der  Hauptstadt  der
gleichnamigen  Provinz.
Je  3  deutsche  Zeitungen  erscheinen  in  Argentinien  und
Chile.  Von  den  argentinischen  Blättern  erscheinen  zwei  in
Buenos-Aire-,  von  denen  die  vortrefflich  in  deutsch-patriotischem
        <pb n="172" />
        MM

170

Sinne  redigirte  „Deutsche  La  Plata  Zeitung"  mit  der  Wochenausgabe ­
  „La  Plata  Post"  hervorzuheben  ist,  und  eine  in  Esperanza,
  Provinz  Santa  Fe.  Von  den  drei  chilenischen  Zeitungen
sind  die  ausgezeichneten  „Deutschen  Nachrichten"  in  Valparaiso
besonders  erwähnenswerth.  Die  beiden  andern  Blätter  erscheinen ­
  in  Valdivia  und  Puerto  Montt.
In  ganz  Afrika  erscheint  nur  eine  einzige  politische  Zeitung ­
  in  deutscher  Sprache,  jedoch  eine  ausgezeichnete,  welche
wahrlich  eines  größeren  Leserkreises  auch  in  Deutschland  würdig
wäre,  nämlich  die  Wochenschrift  „Das  Kapland",  herausgegeben ­
  von  A.  Braun  in  Kapstadt.  Ein  von  Trappisten
herausgegebenes  religiöses  deutsches  Blättchen  besteht  in  Mariannhill,
  Natal;  weitere  deutsche  Blätter  konnten  bis  jetzt  noch
keinen  Boden  finden  im  dunklen  Kontinent.  '
Auch  in  Asien  erscheint  nur  ein  deutsches  politisches  Blatt,
und  zwar  erst  seit  dem  1.  Oktober  1886.  Es  ist  dieses  der  von
Herrn  F.  von  G  und  lach  vortrefflich  redigirte  „Osta  sia  tische ­
  Lloyd"  in  Schanghai.  „Das  Blatt,"  sagt  W.  Joe  st  in
seiner  erwähnten  Broschüre,  „ist  berufen,  das  Zentralorgan  aller
im  Osten  lebenden  Deutschen  zu  werden  und  zugleich  die  zuverlässigste
  Quelle  für  asiatische  Zustände  und  Verhältnisse  für
den  Leser  in  Deutschland."  Die  andere  deutsche  Zeitschrift
Asiens,  die  „Mittheilungen  der  deutschen  Gesellschaft  für  Natur- ­
  und  Völkerkunde  Ostasiens",  gehört  als  gelehrtes  Fachblatt
eigentlich  nicht  hierher;  die  „Mittheilungen"  erscheinen  in  unregelmäßigen ­
  Zeiträumen.
In  Australien  erscheinen  drei  deutsche  Blätter:  die
„AustralischeZeitung"  in  Adelaide,  die  „Nordaustralische  Zeitung" ­
  in  Brisbane  und  „Der  Australische  Christenbote"  in
Melbourne;  letzterer  monatlich.
        <pb n="173" />
        171

Ueber  die  deutsche  Auswanderung.
Darüber  herrscht  wohl  nur  eine  Stimme,  daß  von  allen
gegenwärtig  die  gesummte  deutsche  Nation  bewegenden  Fragen
die  Auswanderungsfrage  eine  der  wichtigsten  ist.  Insbesondere
für  das  umfassendste  deutsche  Staatswesen,  das  Deutsche  Reich,
wäre  eine  praktische  Beantwortung  dieser  brennenden  Frage  von
der  einschneidendsten  Bedeutung.  Die  Auswanderungsfrage  ist
im  Wesentlichen  folgende:  Wie  und  wohin  ist  die  Auswanderung ­
  zu  lenken,  um  der  Nation  möglichst  zum  Nutzen  oder  doch
möglichst  wenig  zum  Schaden  zu  gereichen?  Diese  Frage  schließt
wiederum  die  andere  in  sich:  Wie  müssen  die  Auswanderer  und
wie  die  der  Auswanderung  als  Ziel  dienenden  Länder  beschaffen ­
  sein,  damit  ein  solcher  Nutzen  erzielt  werden  kann?
Was  den  ersten  Theil  der  zuletzt  aufgeworfenen  Frage  betrifft, ­
  so  ist  derselbe  dahin  zu  beantworten,  daß  sowohl  politische ­
  wie  rein  menschliche  Erwägungen  es  wünschenSwerth  erscheinen ­
  lassen,  daß  die  Mehrzahl  der  Auswanderer  aus  den
ärmsten  Klassen  der  Bevölkerung,  insbesondere  aus  der  Masse
der  in  den  großen  Fabrikorten  lebenden  Besitzlosen,  hervorgeht.
Der  Arme,  der  Besitzlose,  gelangt  durch  die  Auswanderung  nicht
allein  in  die  Lage,  sein  eigenes  Loos  verbessern  zu  können,  er
verbessert  auch  dasjenige  seiner  in  der  Heimath  verbliebenen
Leidensgenossen,  nicht  allein  dadurch,  daß  er  in  seiner  Person
einen  Mitbewerber  um  die  Arbeit  entfernt,  sondern  auch  insofern, ­
  als  er,  in  der  Fremde  zu  Wohlstand  gelangt,  bald  ein
kaufkräftiger  Abnehmer  der  heimischen  Jndustrieerzcngnisse  werden ­
  kann,  was  er  vordem  nicht  war.  Leider  ergießt  sich  gegen-
        <pb n="174" />
        wärtig  ber  Strom  ber  Auswanderer  weniger  aus  ben  großen
Inbustriebezirken  des  Westens,  als  aus  ben  vorwiegenb  Ackerbau
treibenben  östlichen  Provinzen.  Die  Mehrzahl  ber  Ausmanderer
  ferner  gehört  keineswegs  bem  Staube  ber  Besitzlosen  an;
es  stub  im  Gegentheil  meistens  Lente  mit  einigem  Vermögen,
welche  jenseits  bes  Weltmeeres  sich  ein  neues  unb  vermeintlich
besseres  Heim  zu  erringen  suchen.  Daburch.  baß  bic  Auswanberer
  im  Allgemeinen  bem  Staube  ber  Lanbarbeiter  unb  Bauern ­
  angehören,  wirb  nicht  allein  bie  ohnehin  schon  Noth  leibenbe
  Lanbwirthschaft  noch  mehr  geschäbigt,  es  wirb  auch  bie
Kriegsmacht  bes  Staates  baburch  geschwächt,  benn  bie  ländlichen
Arbeiter  überragen  im  Durchschnitt  bie  stübtischen  an  körperlicher ­
  Kraft  unb  Ausbaner.  Dazu  kommt  noch,  baß  bie  Auswanberer
  aus  ben  östlichen  Provinzen  wohl  vorwiegenb  bem
besseren  Kern  ber  bortigen  Bevölkerung  angehören,  bemjenigen
Theil  berselben,  welcher  beutscher  Abkunft  ist;  benn  ber  Trieb
in  bie  Ferne,  um  sich  ein  neues,  unabhängiges  Heim  zu  gründen, ­
  ist  ein  echt  germanisches  Erbtheil.
Betrachten  mir  nunmehr  ben  zweiten  Punkt  ber  oben  aufgeworfenen ­
  Frage,  also  bie  Frage:  In  welche  Gegenben  sinb
bie  Ausmanberer  zu  leiten,  um  in  nationaler  unb  wirthschaftlicher
  Beziehung  bem  Vaterlanbe  möglichst  erhalten  zu  bleiben  '?
Die  Antwort  ist  offenbar  bie  folgenbe:  In  solche  Gegenben,
in  welchen  ber  Einzelne  sämmtliche  Bebingungen  für  gebeihlicheS
Fortkommen  vorfinbet  unb  in  welchen  bie  Gefahr  bes  Untergangs ­
  in  frembe  Nationalitäten  möglichst  gering  ist,  insbesonbere
  also  bahin,  wo  bereits  Lanbsleute  in  größerer  Zahl  ansässig ­
  sinb.  Leiber  befinbet  sich  auch  in  bieser  Beziehung  bie
deutsche  Ausmanberung  auf  falschen  Bahnen;  die  weit  überwiegende ­
  Mehrzahl  ber  Auswanderer  wendet  sich  noch  immer  den
        <pb n="175" />
        Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  zu,  wo  die  Aussichten
auf  gutes  Fortkommen  eher  schlechte  als  gute  zu  nennen  sind,
und  wo  die  Gefahr  der  Entnationalisirung  in  weit  höherem
Maße  vorhanden  ist,  als  in  manchen  anderen  Gegenden.  Bei
der  Wahl  der  Gegenden,  in  welche  die  Auswanderung  zu  leiten
ist,  wäre  die  augenblickliche  Staatsgewalt,  welcher  diese  Gegenden
unterstellt  sind,  nur  insofern  in  Betracht  zu  ziehen,  als  sie  auf
die  Erhaltung  der  Nationalität  der  Ansiedler  hemmend  oder
fördernd  einwirkt  oder  einwirken  kann.
Aus  dem  Vorgetragenen  erhellt,  daß  die  Ablenkung  der
Auswanderung  von  den  eingeschlagenen  falschen  Bahnen  durchaus ­
  nothwendig  ist.  wenn  man  nicht  ohne  Weiteres  zugeben
will,  daß  alljährlich  eine  ungeheure  Menge  von  Kapital  und
Arbeitskraft  dem  Lande  unwiederbringlich  verloren  geht.  Es
fragt  sich  nur,  auf  welche  Weise  die  verlangte  Regelung  des
Auswanderungswesens  vorzunehmen  ist.  Dem  Staate,  welcher
ohne  Zweifel  das  größte  Interesse  an  dieser  Regelung  hat,  liegt
es  freilich  ob,  die  Auswanderer  vor  gewissenlosen  Agenten,  die
sie  nur  in  das  Verderben  locken,  zu  schützen,  und  er  kommt  dieser
  Pflicht  auch  getreulich  nach,  eine  Lenkung  der  Auswanderung
  in  dem  dargelegten  Tirine  jedoch  verbieten  ihm  tausend
Rücksichten.  Wohl  vermag  das  Deutsche  Reich  seinen  mächtigen ­
  Einfluß  im  Auslande  zu  Gunsten  der  Ausgewanderten
geltend  zu  machen;  ohne  diesen  Einfluß  der  nationalen  Zentralmacht
  würde  überhaupt  die  Erhaltung  des  Deutschthums  in
fremden  Ländern  schwerlich  dem  Bereiche  der  Möglichkeit  angehören. ­
  Wohl  wäre  ferner  der  Staat  im  Stande  und  befugt,
diejenigen  privaten  Faktoren,  welche  zur  Regelung  des  Auswanderungswesens
  geeignet  erlcheinen,  auch  im  Jnlande  zu
stützen  und  zu  fördern.  An  Weiteres  ist  jedoch  vorläufig  schwer-
        <pb n="176" />
        174

lich  zu  denken.  Es  ist  denkbar,  daß  dereinst  nicht  allein  der
Staat,  sondern  auch  kleinere,  ihm  untergeordnete  Gemeinwesen,
wie  Provinzen,  Kreise,  Ortsgemeinden,  dem  Auswanderungswesen ­
  ihre  Fürsorge  werden  angedeihen  lassen;  vielleicht  ließe  sich
dasselbe  organisch  mit  der  Armenpflege  verbinden.  So  wie
augenblicklich  die  Sachen  in  Deutschland  liegen,  ist  eine  einigermaßen ­
  den  nationalen  Wünschen  entsprechende  Lenkung  des
Auswandererstromes  nur  von  privater  Thätigkeit  zu  erwarten.
Vor  allen  Dingen  kommt  eine  in  jeder  Beziehung  nutzbringende ­
  Vereinigung  zwischen  Kapital  und  Arbeitskraft  zum
Zwecke  der  Urbarmachung  und  Besiedelung  unbebauter  Ländereien ­
  der  Regelung  des  Auswanderungswesens  in  nationalem
Sinne  zu  Gute.  Durch  eine  solche  Verbindung  zwischen  Kapital ­
  und  Arbeit  wird  es  auch  dem  Besitzlosen  ermöglicht,  sein
Loos  durch  die  Auswanderung  zu  verbessern.  In  geeigneter
Gegend  angesiedelt,  wird  er  bald  im  Stande  sein,  die  ihm  vorgeschossenen ­
  Werthe  an  Land  und  Geräthschaften,  sowie  die
Reisekosten  dem  Kapitalisten  mit  Zinsen  zurückzuzahlen,  so  daß
beide  Theile  dabei  gut  ihre  Rechnung  finden.  Da  nur  in  wenig ­
  bewohnten  Ländern  der  Boden  so  billig  ist,  daß  sich  eine
derartige  Kapitalanlage  lohnt,  so  wird  durch  eine  solche  die
Auswanderung  in  Gegenden  gelenkt,  deren  Bevölkerungsverhältnifle
  die  Möglichkeit  der  Entstehung  größerer  deutscher  Gemeinwesen ­
  nicht  ausschließen.  Der  Kapitalist  hat  selbstverständlich ­
  das  größte  Interesse  an  dem  guten  Fortkommen  des  Ansiedlers. ­
  daher  wird  er  nicht  Gebiete  wählen,  in  denen  dieses
in  Frage  gestellt  ist;  die  Auswanderung  wird  auf  solche  Weise
naturgemäß  mehr  und  mehr  von  den  Vereinigten  Staaten  abgelenkt ­
  werden.  Ist  der  Kapitalist  zugleich  Industrieller,  so  erheischt ­
  sein  persönlicher  Vortheil  die  Wahl  solcher  Gegenden
        <pb n="177" />
        für  die  Ansiedelung,  in  denen  keine  einheimische  Industrie  vorhanden ­
  ist,  und  welche  die  größte  Gewähr  dafür  bieten,  daß  der
Auswanderer  deutsch  bleibt.
Ein  ferneres  Mittel,  die  Auswanderung  in  nationalem  Sinne
zu  leiten,  wäre  die  Errichtung  einer  privaten  Auskunftsstelle
für  Auswanderer.  Diese  Auskunftsstelle  hätte  die  Anfragen
Auswanderungslustiger  zu  beantworten  und,  ähnlich  dem  englischen ­
  Emigrant's  Information  Office,  kleine  und  billige  Schriften
  herauszugeben,  welche  die  gesellschaftlichen,  wirthschaftlichen
und  staatlichen  Verhältnisse  der  in  Betracht  kommenden  Länder
auf  das  eingehendste  schildern.  Selbstverständlich  müßten  einem
solchen  Büreau  für  seine  Angaben  reiche  und  durchaus  zuverlässige ­
  Quellen  zu  Gebote  stehen;  es  müßte  in  planmäßiger
Weise  fortlaufende  Erkundigungen  über  alle  irgendwie  bedeutenden ­
  Veränderungen  in  den  Verhältnissen  der  betreffenden  Länder ­
  einzuziehen  im  Stande  sein.  Die  Auskunstsstelle  würde
sich  dem  Fluche  der  Lächerlichkeit  preisgeben,  wenn  sie  ihre  Unkenntniß
  durch  ausweichende  Antworten  an  die  Fragesteller  zu
verbergen  suchte;  die  verantwortlichen  Leiter  derselben  müßten
dem  Strafgesetz  verfallen,  wenn  sie  auf  unvollständige  Erkundigungen
  hin  falschen  Ausweis  ertheilte,  wodurch  ganze  Familien
in  namenloses  Elend  gestürzt  werden  könnten.
        <pb n="178" />
        176

Vereine,  welche  die  Förderung  des  Deutsch-Ihums
  im  Auslande  bezwecken.
Der  natürliche  und  zugleich  der  thatkräftigste  und  erfolgreichste
Beschützer  des  Deutschthums  im  Auslande  ist  der  umfassendste
deutsch-nationale  Staatsoerband,  das  Deutsche  Reich;  ohne
dessen  gewaltige,  stets  kampfbereite  Land-  und  Seemacht
würde  eine  fernere  Ausbreitung  und  Kräftigung  unseres  Volksthums ­
  undenkbar  sein,  würden  unsere  Feinde  bald  über  uns
herfallen  und  ein  Stück  unseres  Gebietes  nach  dem  andern  uns
entreißen,  um  damit  ihre  eigene  Macht  zu  verstärken,  würden
wir  in  kurzer  Zeit  zu  einer  Nation  zweiten  und  dritten  Ranges
und  noch  tiefer  hinabsinken.  Die  deutsche  Reichsregierung  ist
jedoch  in  der  Bethätigung  ihres  Bestrebens,  das  Dcutschthum
rm  Auslande  zu  unterstützen,  durch  die  verschiedensten  Rücksichten, ­
  welche  eine  kluge  Politik  vorschreibt,  gebunden;  sie  ist
staatsrechtlich  ferner  nur  verpflichtet,  ihren  Schutz  den  Reichsangehörigen, ­
  welche  durchaus  nicht  die  ganze  Nation  ausmachen,
angedeihen  zu  lassen.  Daher  haben  sich  zum  Schutze  und  zur
Förderung  des  Deutschthums  im  Auslande  nach  den  verschiedensten ­
  Richtungen  hin  Vereine  gebildet,  welche  dem  Staate  in
seinen  nationalen  Bestrebungen  theils  ergänzend  theils,  helfend
zur  Seite  stehen.  Als  die  bedeutendsten  dieser  Vereine  seien
folgende  genannt:
Der  „Allgemeine  deutsche  Tchulvcrein",  dessen  Zentralsitz ­
  Berlin  ist,  hat  nach  8  1  seiner  Satzungen  den  Zweck,
„die  Deutschen  außerhalb  des  Reiches  dem  Teutschthum  zu  erhalten
  und  sie  nach  Kräften,  in  ihren  Bestrebungen,  Deutsche
        <pb n="179" />
        177

zu  bleiben  oder  wieder  zu  werden,  zu  unterstützeil."  Diesen
Zweck  sucht  der  Verein  nach  8  2  zu  erreichen  „durch  Unterstützung
und  nach  Umständen  Errichtung  deutscher  Schulen  und  Bibliotheken. ­
  Beschaffung  deutscher  Bücher.  Verbreitung  passender
Schriften,  Unterstützung  von  deutschen  Lehrern  und  durch  ähnliche ­
  Mittel".  Zweigvereinc  und  Ortsgruppen  des  „Allgemeinen
deutschen  Schulvcreins"  finden  sich  über  das  ganze  Reich  verstreut. ­
  An  Mitgliederzahl  wird  der  „Allgemeine  deutsche  Schulverein"
  zu  Berlin  bedeutend  übertroffen  von  dem  „Deutschen
Sch  ul  verein"  in  Wien,  dem  ältesten  aller  Cchuloereine.
In  Wien  besteht  außerdem  der  von  Georg  Ritter  von
Schönerer  begründete  „Schulverein  für  Deutsche."
Der  im  Jahre  1879  gegründete  „&amp;lt;!»  cntralvcrci»  für
Handclsgeographie  und  Förderung  deutscher
Interessen  im  A  u  s  l  a  n  d  e  "  in  Berlin  ist  mit  Erfolg
bemüht,  dem  deutschen  Handel  neue  Wege  zu  weisen  und  der
deutschen  Industrie  neue  und  größere  Absatzgebiete  zu  schaffen.
„Der  Verein  erkennt  es",  nach  8  2  seiner  Satzungen,  „als  seine
Ausgabe,  einen  regen  Verkehr  zwischen  den  im  Auslande  lebenden ­
  Deutschen  und  dem  Mutterlande  anzubahnen  und  zu  unterhalten, ­
  sowie  über  die  Natur-  und  die  gesellschaftlichen  Verhältnisse ­
  der  Läilder,  wo  Deutsche  angesiedelt  sind,  Aufklärung
zu  gewinnen  und  zu  verbreiten.  Der  Verein  ist  ferner  bemüht,
„die  Auswanderung  nach  den  Ländern  abzuleiten,  welche  der
Ansiedelung  Deutscher  günstig  sind  und  in  welchen  das  deutsche
Volksbewußtsein  sich  lebendig  zu  erhalten  vermag."  Als  solche
Länder  hat  er  besonders  die  außertropischen  Gebiete  Südamerikas
in's  Auge  gefaßt.  Der  Verein  unterstützt  ferner  die  auf  die
Gewinnung  und  die  volkswirthschastliche  Ausnutzung  deutscher
Kolonien  gerichteten  Bestrebungen.  Ein  ständiges  Bureau  er-12
        <pb n="180" />
        theilt  Auskunft  über  deutsche  Ansiedelungen  im  Auslande,  giebt
Auswanderern  Rathschläge  und  unterhält  zahlreiche  Verbindungen ­
  für  wissenschaftliche  wie  Handelszwecke.  Der  Verein,
welcher  unter  der  umsichtigen  Leitung  des  Herrn  Dr.  Jan  nasch
steht,  hat  sich  große  Verdienste  erworben,  indem  er  deutschen
Industriellen  mannigfach  Gelegenheiten  schuf,  ihre  Erzeugnisse
in  wirksamer  Weise  kauflustigen  Kreisen  vorzuführen  und  dadurch ­
  neue  Kunden  zu  erwerben.  Im  Verfolg  dieses  Zweckes
gründete  der  Verein  die  „Deutsche  Exportbank",  errichtete
er  ein  Handelsmuseum,  rüstete  er  Ha  nd  el  s  exp  e  d  it  ione ­
  u  aus,  unterstützte  und  veranstaltete  er  Ausstellungen,
vermittelte  und  erleichterte  er  den  deutschen  Industriellen  die
Beschickung  dieser  Ausstellungen,  suchte  er  durch  Herausgabe
gediegener  Zeit-  und  anderer  Schriften  die  Kenntniß  der  Handels- ­
  und  Verkehrsverhältnisse  fremder  Länder  zu  verbreiten  und
zu  fördern.  —  Vereine  für  Handelsgeographie  und  Förderung
deutscher  Interessen  im  Auslande,  mit  ähnlichen  Zielen  und  in
ähnlicher  Weise  wirksam  wie  der  Berliner  Centralverein  und
mit  diesem  in  mehr  oder  weniger  innigem  Zusammenhang
stehend,  finden  sich  noch  in  verschiedenen  Großstädten  Deutschlands, ­
  so  namentlich  in  Stuttgart  und  Leipzig.
Tie  „Deutsche  Kvlonialgcscllschaft"  mit  dem  Hauptsitz
  in  Berlin  und  Zwcigvereincn  in  mehr  als  hundert
deutschen  und  einigen  außerdeutschen  Städten  verfolgt  nach
ihren  Satzungen  den  Zweck:  „die  nationale  Arbeit  der  deutschen
Kolonisation  zuzuwenden  und  die  Erkenntniß  der  Nothwendigkeit
derselben  in  immer  weitere  Kreise  zu  tragen;  die  praktische
Lösung  kolonialer  Frage  zu  fördern;  deutsch-nationale  Kolonisations-Unternehmungen
  anzuregen  und  zu  unterstützen;  auf  die
geeignete  Lösung  der  mit  der  deutschen  Auswanderung  zusam-
        <pb n="181" />
        179

menhängenden  Fragen  hinzuwirken;  den  wirthschaftlichen  und
geistigen  Zusammenhang  der  Deutschen  im  Auslande  mit  dem
Vaterland  zu  erhalten  und  zu  kräftigen;  für  alle  auf  diese  Ziele
gerichteten,  in  unserem  Vaterlande  getrennt  auftretenden  Bestrebungcn
  einen  Mittelpunkt  zu  bilden."  Die  „Deutsche  Kolo«
nialgesellschaft"  ist  entstanden  durch  Verschmelzung  des  „Deutschen
  Kolonialvereins"  mit  der  „Gesellschaft  für  deutsche  Kolonisation", ­
  welche  Anfang  des  Jahres  1888  stattfand.  Der
ş,Deutsche  Kolonialverein",  der  ältere  genannter  beiden  Vereine
hat  sich  wesentliche  Verdienste  erworben,  indem  er  die  Erkenntniß
der  Nothwendigkeit  des  Besitzes  tropischer  Kolonien  und  einer
Regelung  des  Auswanderungswesens  in  nationalem  Sinne  den
weitesten  Kreisen  zugänglich  machte.  Aus  dem  „Deutschen  Kolonialverein"
  ging  die  „Deutsche  Witu  -  Gesellschaft"  und  die
Gesellschaft  „Herman",  deutsche  Siedelungsgesellschast  für  Südamerika, ­
  hervor.  Die  „Gesellschaft  für  deutsche  Kolonisation"
legte  bekanntlich  den  Grund  zu  dem  großen  deutschen  Kolonialbesitz ­
  in  Ostafrika,  aus  ihr  ging  die  „Deutsch-Ostafrikanische
Gesellschaft"  hervor.  Ihre,  sowie  ihrer  Tochtergesellschaften  kurze,
aber  außerordentlich  inhaltreiche  Geschichte  findet  eine  vollständig
erschöpfende  Darstellung  in  I.  Wagner's  trefflichem  Werke
„Deutsch-Ostafrika"  (Berlin  1888,  2.  Auflage).  Die  „Deutsche
Kolonialgesellschaft"  sollte,  seitdem  die  Regierung  und  zahlreiche
Aktiengesellschaften  die  Erforschung  und  Ausbeutung  unserer
Schutzgebiete  in  der  thatkräftigsten  Weise  in  Angriff  genommen
haben,  ihr  Augenmerk  vornehmlich  einer  praktischen  Lösung  der
Auswanderungsfrage  zuwenden;  insbesondere  sollte  fie  eine
Auskunstsbehörde  für  Auswanderer  einrichten,  welche  einigermaßen ­
  den  an  eine  solche  zu  stellenden  Ansprüchen  genügte,  womöglich ­
  in  Verbindung  mit  einem  allgemeinen  statistischen  Amt
12*
        <pb n="182" />
        180

für  das  Deutschthum  im  Auslande.  Erster  Präsident  der  Deutscheu
  Kolonialgesellschaft  ist  zur  Zeit  Se.  Durchlaucht  der  Fürst
zu  Hohenlohe-Langenburg,  zweiter  Präsident  Dr.  Carl
Peters,  Vorsitzender  der  „Deutsch-Ostafrikanischen  Gesellschaft."
Außer  den  genannten  Vereinen,  deren  Ziele,  obgleich  bei
jedem  derselben  ein  bestimmtes  Arbeitsgebiet  besonders  in  den
Vordergrund  tritt,  doch  ganz  allgemeine  sind,  besteht  im  Deut«
schen  Reich  eine  zahllose  Menge  von  größeren  oder  kleineren
Vereinen,  welche  ebenfalls  die  Förderung  des  Deutschthums  im
Auslande  ins  Auge  gefaßt  haben,  ihre  Thätigkeit  jedoch  auf  ein
enger  umgrenztes  Feld  beschränken,  das  sie  mit  um  so  größerem
Erfolge  zu  beackern  hoffen.  So  giebt  es  eine  große  Zahl  von
Vereinen,  welche  die  Ausfuhr-  und  Handelsbeziehungen  gewisser
Städte  oder  Landschaften  des  Deutschen  Reiches  auf  eine  oder
die  andere  Art  zu  fördern  suchen,  sowie  solche,  welche  ihr  Augenmerk ­
  lediglich  auf  die  Ausfuhr  bestimmter  Arten  von  Industrieerzeugnissen
  richten.  Andere  Vereine  befördern  durch  ihre  Arbeit
eine  praktische  Lösung  der  Auswanderungsfrage,  so  z.  B.  der
St.  R  a  p  h  a  e  l  s  v  e  r  e  i  n  in  Limburg  a.  d.  Lahn.  welcher
sowohl  für  das  geistige  als  auch  für  das  leibliche  Wohl  katholischer
  deutscher  Auswanderer  Sorge  trägt.  Auf  Afrika  richten
ihre  Thätigkeit  die  „  R  a  ch  ti  g  a  l  -  G  e  s  e  l  l  s  ch  a  s  t  für  vaterländische
  Afrikaforschung"  imb  der  „Verein
zur  Förderung  deutscher  Interessen  in  Südafrika." ­
  Aus  letzterem  Verein  ging  die  bereits  erwähnte
„Deutsche  Pondoland-Gesellschaft"  hervor.  Die  von  Herrn  Dr.
Henrici  begründete  Rachtigal  Gesellschaft  bezweckt  satzungsgemäß, ­
  „die  wirthschaftliche  Nutzbarmachung  der  unter  der  Hoheit ­
  des  Deutschen  Reiches  stehenden  Theile  Afrikas,  sowie  die
Vergrößerung  dieser  Gebiete  durch  Aussenduug  von  Forschungs-
        <pb n="183" />
        reisenden  zu  fördern  und  im  Mutterlande  Theilnahme  für  die
überseeischen  Besitzungen  zu  erwecken.  Die  Anlage  von  Musterpflanzungen.
  sowie  die  Förderung  von  Schule  und  deutsch-christlicher ­
  Mission  wird  gleichzeitig  in  Aussicht  genommen.  Unbedingt
  ausgeschlossen  von  der  Arbeit  der  Gesellschaft  sind  alle
Gebiete,  deren  Erwerb  für  das  Reich  nicht  mehr  möglich  ist-Der
  Sitz  der  Gesellschaft  ist  Berlin."
Es  märe  wahrlich  zu  wünschen,  daß  sich  recht  viele  derartige
Vereine  bilden  möchten,  die  durch  Beschränkung  ihrer  Thätigkeit
auf  ein  kleineres  Gebiet  ein  erfolgreiches  Wirken  erhoffen  lassen,
welche  jedoch  höherer  Gesichtspunkte  keineswegs  ermangeln,  auch
sich  nicht  zersplittern,  sondern  unter  einander  und  mit  Vereinen
allgemeiner  Tendenz  organisch  verbunden  ein  gleichmäßiges  Zusammenwirken ­
  Aller  ermöglichen  und,,  sobald  der  Augenblick  es
erfordert,  ihre  Sonderintercssen  dem  allgemeinen  Wohle  zu
opfern  mit  Freuden  bereit  sind.  Aufgaben  für  solche  Vereine
finden  sich  übergenug;  so  würde  z.  B.  allein  das  Studium  des
Deutschthums  in  den  Vereinigten  Staaten  Nordamerikas  die
Thätigkeit  eines  Vereins  vollkommen  in  Anspruch  zu  nehmen
im  Stande  sein.
        <pb n="184" />
        182

Einige  Bemerkungen  üöer  das  deutsche
Hlationalöewußtsein.
Unter  den  vielen  Momenten,  welche  den  Einzelnen  an  das
Volk  fesseln,  dem  er  entsprossen  ist,  welche  also  die  Träger  der
nationalen  Gesinnung  sind,  ist  die  Sprache  eines  der  wichtigsten.
  Man  darf  jedoch  dabei  nicht  übersehen,  daß  eine  Anzahl
  von  Menschen  keineswegs  durch  Gemeinsamkeit  der  Sprache
zu  einer  Nation  gestempelt  wird,  sondern  lediglich  durch  die  Ge.
meinsamkeit  der  Abstammung  und  der  geschichtlichen  Entwickelung.
Die  Gemeinsamkeit  der  Sprache  ist  allerdings  in  der  Regel  eine
Folge  der  Blutsverwandtschaft,  und  daher  decken  in  den  meisten
Fällen  die  beiden  Begriffe  Sprachgemeinschaft  und  Nationalität
einander.  Es  giebt  jedoch  sehr  erhebliche  Ausnahmen.  Wie
lächerlich  wäre  es  zum  Beispiel,  wenn  man  die  vielen  einzig  die
englische  Sprache  sprechenden  Neger  als  zur  englischen  Nation
gehörig  betrachten  wollte!
Wie  die  Sprachgemeinschaft  der  Menschen  ursprünglich  und
in  den  meisten  Füllen  die  Folge  einer  bereits  bestehenden,  durch
die  gemeinschaftliche  Abstammung  bedingten  Zusammengehörigkeit
  ist,  so  ist  sie  andererseits  wieder  das  wichtigste  Mittel,  diese
Zusammengehörigkeit  noch  mehr  zu  festigen  und  zum  Bcwußtseiil
zu  bringen.  Die  Gemeinsamkeit  der  Sprache  meist  die  einzelnen
Glieder  der  Nation  auf  einander  an  und  sondert  sie  ab  von
fremden,  sich  einer  anderen  Sprache  bedienenden  Völkern.  Sie
verhindert  es  auf  solche  Weise,  daß  die  Nation  durch  Blut-Mischung
  mit  anderen  Nationen  ihre  körperliche  und  geistige
Eigenart  verliert  oder  gar  in  fremde  Völker  untergeht.  Nur  in
        <pb n="185" />
        183

den  allerseltensten  Fällen,  nur  wenn  die  Glieder  der  Nation
durch  ein  stärkeres  Band  verbunden  werden,  als  die  Sprache  es
darbietet,  etwa  durch  eine  besondere  Stammesreligion,  geht  mit
der  Sprache  nicht  das  Nationalbewußtsein  und  die  Nationalität
selbst  verloren.  Unter  den  Deutschen  giebt  es  augenscheinlich
kein  stärkeres  Bindemittel  als  die  Sprache;  daher  ist  zur  Er.
Haltung  des  deutschen  Nationalbewußtseins  die  Erhaltung  der
deutschen  Sprache  unbedingt  erforderlich.
In  ganz  anderer  Weise  noch  dient  die  Sprache  dazu,  tas
natürliche  Band  zwischen  den  zu  derselben  Nation  gehörenden
Menschen  zu  stärken  und  zu  kräftigen.  In  den  Wendungen,
dem  Satzgefüge,  den  Bezeichnungen  jeder  Sprache  verbirgt  sich
ein  äußerst  reicher  Gedankeninhalt,  welchen  schon  das  Kind  unbewußt
  in  sich  aufnimmt,  und  daher  erzeugt  die  Gemeinsamkeit
der  Sprache  ganz  von  selbst  eine  gewisse  Gemeinsamkeit  der
Denkrichtung,  die  wiederum  durch  den  Gegensatz  gegen
Andersdenkende  das  Gefühl  der  Zusammengehörigkeit  unter  den
Gliedern  der  Elation  verstärkt.  In  weit  höherem  Maße  jedoch  als
durch  die  bloße  Sprache  wird  diese  Gemeinsamkeit  der  Denkrichtung
  hervorgerufen  durch  dasjenige,  was  der  Sprache  erst  den
eigentlichen  Werth  und  ihre  Würde  verleiht,  durch  die  nationale
Literatur.  Die  Literatur  eines  Volkes,  zu  welcher  selbstver.
stündlich  in  unserem  Sinne  auch  dessen  mündliche  tteberlieferungen
  zu  zählen  sind,  ist  gleichsam  die  Aufspeicherung  der  wahrend
seines  ganzen  Daseins  vollendeten  Geistesarbeit,  sein  geistiges
Kapital,  welches  gut  angelegt  ihm  die  reichsten  Zinsen  trägt.
Sie  ist  die  gemeinsame  BildungSquclle  aller  derjenigen,  welche
die  gleiche  Sprache  reden,  sie  flößt  diesen  eine  gemeinsame  Geschmacksrichtung. ­
  gemeinsame  Joeen  ein,  sie  erhält  und  veredelt
den  Nationalcharakter  und  erhöht,  was  damit  unzertrennlich  ver.
        <pb n="186" />
        bunden  ist,  das  Nationalbewußtsein.  Ein  hastiger,  nationaler
Staat  vermag  nur  da  sich  auf  die  Dauer  zu  ballen,  wo  ein
stark  ausgeprägtes  Nationalbewußtsein  vorbanden  ist.  Es  ist
daber  keine  allzukühne  Behauptung,  daß  nur  solche  Völker  im
nationalen  Kampfe  um  das  Dasein  bestehen,  welche  eine  bedeutende
  Nationalliteratur  zu  erzeugen  vermochten.  Keineswegs
ist  es  bloßer  Zufall,  daß  die  politische  Ohnmacht  Deutschlands
am  größten  war,  als  mit  dem  Eindringen  fremder  Literaturen
die  eigenen  literarischen  Schatze,  welche  die  Glanzperiode  des
Mittelalters  geschaffen  hatte,  vergessen  wurden,  daß  aber  dem
gewaltigen  Aufschwünge  der  detttschen  Nationalliteratur  seit  der
zweiten  Hälfte  des  vorigen  Jahrhunderts  auch  die  politische
Einigung  und  Kräftigung  folgte.
Die  d.ntsche  Nationalliteratur  wird,  was  Reichhaltigkeit
und  inneren  Gehalt  anbelangt,  von  keiner  anderen  übertroffen,
von  sehr  wenigen  erreicht.  Allein  die  Namen  Göthe  und
Kant  würden  hinreichen,  ihr  unter  den  Literaturen  der  Welt
für  alle  Ewigkeit  einen  der  ersten  Plätze  zu  sichern.  Sie  ist  für
das  gegenwärtige  und  für  alle  kommenden  Geschlechter  eine
unerschöpfliche  Fundgrube  für  wahre  Bildung  und  gediegenes
Wissen.  Selbstverständlich  kann  die  Nationalliteratur  ihre  hohe,
für  die  Entwickelung  der  Nation  unendlich  wichtige  Aufgabe
nur  erfüllen,  wenn  sie  von  allem  Unedlen  und  allem  Fremdartigen, ­
  das  den  Nationalcharakter  zu  verderben  geeignet  ist,  sich
möglichst  frei  erhält.  Eine  verderbte  und  oberflächliche  Literatur
kann  der  Nation  zu  namenlosem  Unglück  gereichen  und  geradezu ­
  ihren  Untergang  veranlassen.  Die  Franzosen  verdanken
ihr  politisches  Unglück  nicht  zum  mindesten  ihrer  theils  seichten
und  schlüpfrigen,  theils  sich  in  hochtrabenden  Redensarten  bewegenden ­
  Literatur.  Tie  Phrasen  eines  Lamartine,  eines  Vic-
        <pb n="187" />
        185

tor  Hugo  und  Genossen  stehen  in  engstem  Zusammenhang  mit
dem  großprahlerischen,  hohlen  und  energielosen  Wesen  der  heutigen ­
  Franzosen.  Leider  ist  auch  seit  mehreren  Jahrzehnten  in
Lie  deutsche  Literatur  ein  Geist  hineingefahren,  welcher  am  besten ­
  auf  ewig  aus  ihr  verbannt  bliebe.  Die  gegenwärtig  überhandnehmende ­
  fabrikmäßige  literarische  Produktion,  welche  Rontine
  —  sür  die  schlechte  Sache  ein  schlechtes  Wort  —  an  die
Stelle  von  Geist  und  Wissen  setzt,  den  Ideengehalt  des  Volkes
verdirbt  und  dasselbe  von  der  Vertiefung  in  die  wahrhaft  bedeutenden ­
  Erzeugnisse  seiner  Literatur  abzieht,  bildet  ohne  Zweifel ­
  eine  der  schlimmsten  Gefahren  für  die  gesunde  Fortentwickelung ­
  der  Nation,  ja  für  die  Erhaltung  des  deutschen  Staatswesens
  in  seiner  bisherigen  Kraft.  Es  ist  unglaublich,  daß  in
einer  Nation,  welche  Göthe  den  ihrigen  nennt,  ein  Heine
als  hervorragender  Geistesheld  gefeiert  werden  saun,  daß  man
sogar  damit  umgeht,  ihm  ein  Denkmal  zu  setzen.  Heine  ist
das  Urbild  jenes  leider  noch  immer  tonangebenden  Literatenthums, ­
  welches  —  um  mit  Schopenhauer  zu  reden  —  sich  durch
einen  auffallenden  Mangel  an  allem  demjenigen  auszeichnet,
was  die  Römer  verecundia  nannten,  und  in  Folge  dessen  auf
den  schönsten  uud  edelsten  Theil  des  deutschen  Nationalcharakters ­
  in  wahrhaft  erschreckender  Weise  zerstörend  einwirkt.  Um
ihre  lächerliche  Eitelkeit  zu  befriedigen,  um  „geistreich"  oder  „pikant" ­
  zu  erscheinen,  um  einen  albernen  Witz  anzubringen,  schoneu
  diese  modernen  Schriftsteller  der  heiligsten  Gefühle  nicht,
ziehen  sie  oft  sogar  das  in  den  Staub,  was  sie  selber  sonst  zu
vergöttern  pstegen.  Die  geistreichelnde  Oberflächlichkeit,  sowie
die  schwülstige  Redeweise  Heines  und  seiner  abertausend  Nachfolger, ­
  welche  sich  fast  nur  dadurch  von  ihm  unterscheiden,  daß
.sie  meistens  —  nicht  leider,  sondern  Gottlob!  —  ihm  an  Form-
        <pb n="188" />
        186

gewandtheit  weit  nachstehen,  scheint  förmlich  dazu  angethan  zu
sein,  das  Volk  des  eigenen  Denkens  zu  entwöhnen  und  dasselbe
unter  das  Joch  hohler,  aber  bestechender  Schlagworte  zu  beugen. ­
  Von  Heine  als  politischem  Schriftsteller  wird  sich  selbstverständlich ­
  jeder  nationalgesinnte  Deutsche  mit  dem  tiefsten
Ekel  abwenden;  tritt  doch  bei  ihm  jene  Vaterlandslosigkeit  unt&amp;gt;
Käuflichkeit,  welche  leider  einen  großen,  wenn  nicht  den  überwiegenden ­
  Theil  unseres  Journalistenthums  kennzeichnet,  in
widerwärtiger  Nacktheit  zu  Tage.  Menu  irgend  etwas  das
deutsche  Nationalbewußtsein  zu  zerstöre»  geeignet  ist,  so  ist  es
jener  fremde,  in  unsere  moderne  Literatur  eingedrungene  und
sie  zum  Theil  beherrschende  internationale  Geist,  welcher  alles
Ehrwürdige  in  den  Staub  zieht  und  verspottet,  die  Achtung  vor
den  Gesetzen  und  der  Obrigkeit  untergräbt,  die  heiligen  Bande
der  Liebe  und  Treue,  welche  den  Deutschen  an  Fürst  und  Vaterland ­
  fesseln,  lockert  und  löst.  Möchte  der  deutsche  über  diesen
fremden,  verderblichen  Geist  bald  den  Sieg  davontragen,  wie  er
im  vorigen  Jahrhundert  über  den  damals  sich  breit  machenden
französischen  Geist  den  Sieg  davongetragen  hat.
Wo  das  Nationalbewußtsein  gut  begründet  und  von  Dauer
ist,  da  wird  es  sich  als  National  stolz  äußern.  Der  Nationalstolz ­
  ist  allerdings  bis  zu  einem  gewissen  Grade  schon  eine
Folge  der  Selbstachtung,  welche  man  bei  jedem  Menschen,  nur
bei  einem  offenkundigen  Lumpen  nicht,  voraussetzen  darf;  zunl
eigentlichen  Bewußtsein  gelangt  er  jedoch  erst  da,  wo  eine  vergleichende ­
  Werthschätzung  zwischen  fremden  Völkern  und  dem
eigenen  stattfindet.  Um  den  Nationalstolz  eines  Volkes  zu  hegen
und  zu  fördern  ist  es  daher  vor  allen  Dingen  geboten,  den
höheren  Werth  und  die  höhere  Bedeutung  der  eigenen  im  Vergleich ­
  mit  fremden  Nationen  zum  Bewußtsein  zu  bringen.  Die«
        <pb n="189" />
        187

ses  geschieht  theils  durch  Hervorheben  der  gegenwärtig  das  Volk
auszeichnenden  Vorzüge,  theils  durch  Hinweis  auf  die  Geschichte
desselben,  sofern  diese  seine  Ueberlegenheit  über  fremde  Völker
zu  erweisen  geeignet  ist.  Wir  Deutschen  dürfen  mit  Stolz  dessen ­
  eingedenk  sein.  daß  wir  der  ersten  Nation  der  Welt  angehören. ­
  Wir  sind  das  mächtigste  Kriegsvolk  der  Erde  und  in
den  Werken  des  Friedens  werden  wir  von  keiner  anderen  Nation
  übertreffen  ;  wir  haben  ferner  die  glänzendste  Vergangenheit,
  zu  allen  Zeiten  hat  unser  Volk  Kriegshelden.  Heerführer.
Künstler,  Dichter  und  Denker  erzeugt,  welche  in  der  Geschichte
der  Menschheit  ewig  glänzen  werden,  wie  die  hellsten  Sterne
am  Himmel.  Wir  Deutschen  bilden  die  eigentliche  Aristokratie
der  Welt.  Fast  sämmtliche  Fürstenhäuser  Europas  sind  deutschen ­
  Stammes.  Die  hervorragendsten  europäischen  Völker  wären ­
  nicht  das.  was  sie  vorstellen,  ohne  den  Bestandtheil  deutschen
  Blutes,  welcher  ihnen  beigemischt  ist.  In  Frankreich  ist
der  alte  Adel,  zu  dem  auch  das  Königsgeschlccht  der  Bourbonen
gehört,  fränkischen,  also  deutschen  Ursprungs.  Noch  von  König
Franz  wurde  in  seinem  bekannten  Schreiben  an  die  deutschen
Kurfürsten  dieses  ausdrücklich  anerkannt;  die  französischen  Geschichtsschreiber ­
  Guizot  und  Thierry  erklären  die  große  Nevolution
  als  eine  Auflehnung  des  Gallierthums  gegen  die  fränkische
  Herrschaft.  Seine  Größe  verdankt  Frankreich  einzig  seinen
Königen  und  dem  fränkischen  Adel.  Letzterer  war  nicht  allein
in  der  Staatskunst  und  im  Kriegswesen  der  ausschlaggebende
Theil,  auch  unter  den  Dichtern  und  Philosophen  ist  in  Frankreich ­
  der  Adel  in  weit  stärkerem  Maße  vertreten,  als  dieses  in
Deutschland  der  Fall  ist.  Ein  mächtiges  Bürgerthum,  wie  es
in  den  Hanse-  und  freien  Reichsstädten  Deutschlands  dereinst
blühte,  hat  sich  in  Frankreich  nie  zu  entwickeln  vermocht.  Von
        <pb n="190" />
        188

der  Zeit,  wo  die  Gallier  die  fränkische  Herrschaft  abschüttelten,
datirt  der  Verfall  Frankreichs,  wenngleich  der  gewaltige  Italiener ­
  Napoleon  Bonaparte  die  Welt  eine  knrze  Zeit  darüber
hinwegzutäuschen  vermochte  In  Italien  erhoben  sich  im  Miltelalter
  allein  die  norditalischen  Städte,  deren  Bewohnern  nachweisbar ­
  ein  starker  Prozentsatz  deutschen  Blutes  beigemischt  war,
insbesondere  die  lombardischen  Städte  und  Venedig,  zu  einer
Achtung  gebietenden  Macht.  Die  alten  italienischen  Maler  versahen ­
  ihre  Heiligen  stets  mit  blauen  Augen  und  blondem  Haar,
da  diese  aus  deutsche  Abkunft  deutenden  körperlichen  Eigenschaften ­
  damals  als  Zeichen  oer  Vornehmheit  und  des  r'dels  angesehen ­
  wurden.  In  England  wurde  das  Keltenthum  durch  die
von  Norddeutschland  herübergekommcncn  deutschen  Stämme  der
Sachsen  und  Angeln  gänzlich  verdrängt,  und  bis  zum  heutigen
Tage  hat  in  Großbritannien  die  angelsächsische  Rasse  die  Ober-Hand.
  Was  wäre  Rußland,  ohne  seine  zahlreichen  Generale,
Staatsmänner  und  Gelehrten  deutscher  Abkunft?  Nichts  als
eine  barbarische,  asiatische  Despotie.  Sämmtliche  ungarische
Städte  wurden  von  deutschen  Bürgern  besiedelt,  und  die  vornehmsten ­
  ungarischen  Magnaten-Geschlechter,  wie  die  Paz  mann.
Forgach,  Batthyanyi,  Sztaray,  Palffy  und  andere,
stammen  von  deutschen  Edelleuten  ab.  welche  von  den  Königen
Geisa  und  Stefan  I.  zur  Ansiedelung  bewogen  wurden.
Trotzalledem  dürfen  wir  uns  der  betrübenden  Erkenntniß
nicht  verschließen,  daß  unter  uns  Deutschen  der  Nationalstolz
bei  Weitem  nicht  auf  derjenigen  Höhe  steht,  auf  welcher  er  stehen ­
  könnte  und  stehen  müßte;  in  breiten  Schichten  unseres  Volkes, ­
  insbesondere  beim  weiblichen  Geschlechte,  ist  leider  kaum
eine  Spur  von  ihm  vorhanden.  Das  trat  mit  erschrecklicher
Deutlichkeit  zu  Tage  während  der  traurigen  Ereignisse  des
        <pb n="191" />
        189

Jahres  1888,  das  wird  bewiesen  durch  die  leidige  Fremdwörter«
sucht  und  die  unwürdige  Modeäsferei.  Man  sollte  die  Tröpfe,
welche  ihr  Geschäft  in  französischer  Sprache  anzupreisen  belieben
und  dadurch  einen  kläglichen  Mangel  an  nationaler  Gesinnung
nicht  allein,  sondern  auch  an  der  von  jedem  Menschen  zu  verlangenden ­
  Bildung  verrathen,  einfach  ihrer  französischen  Kundschaft ­
  überlassen;  sie  würden  dann  wohl  bald  von  ihren  Narrheiten ­
  geheilt  werden  I  Was  die  Modeäfferei  anbetrifft,  so  leidet ­
  an  dieser  schon  von  Alters  her  in  Deutschland  herrschenden
Geisteskrankheit  nicht  allein  das  schwächere  Geschlecht;  auch  die
Männerwelt  scheint  neuerdings  von  ihr  ergriffen  worden  zu
sein.  Was  soll  man  dazu  sagen,  wenn  deutsche  Männer  durch
jene  in  Frankreich  üblichen,  überaus  geschmacklosen,  nach  dem
französischen  Prahlhans  Boulanger  benannten  Bärte,  ihr  Gesicht ­
  entstellen  I  Eine  der  betrübendsten  der  vielen  auf  Mangel
an  Nationalstolz  deutenden  Erscheinungen  ist  die  lächerliche  Vorliebe ­
  für  Fabrikate  französischer,  englischer,  überhaupt  ausländi-Herkunft,
  mögen  dieselben  auch  den  einheimischen  an  Güte  noch.
so  sehr  nachstehen.  Wie  bereits  Ulrich  von  Hutten  die
ausländische  Seide  verschmähte  und  es  vorzog,  ein  aus  einheimischer ­
  Wolle  gefertigtes  Wamms  zu  tragen,  so  sollte  jeder
Deutsche  es  als  seine  Pflicht  betrachten,  seinen  Aufwand  und
Verbrauch  möglichst  der  vaterländischen  Arbeit  zu  Gute  kommen
zu  lassen.  Es  ist  wahrlich  thöricht,  von  den  Deutschen  im
Auslande  Nationalbewußtsein  zu  verlangen,  solange  dasselbe
im  Jnlande,  wo  seine  Bethätigung  doch  nur  in  den  seltensten
Fällen  persönliche  Opfer  erheischt,  noch  so  wenig  ausgebildet
erscheint.
Ebenso  weit  wie  der  edle,  auf  Selbstachtung  beruhende
Stolz  von  prahlerischem  Hochmuth  und  eitler  Selbstgefälligkeit
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        entfernt  ist,  ebenso  fern  steht  das  erhebende  Bewußtsein,  einem
großen  und  tüchtigen  Volke  anzugehören,  dünkelhafter  nationaler
Ueberhebung.  Die  nationale  Ueberhebung,  welche  besonders
unter  den  Engländern  weit  um  sich  gegriffen  hat,  ist  ein  Zeichen
beginnenden  Verfalls  und  befördert  diesen  ganz  unmittelbar.
Ein  Volk,  welches  sich  weigert,  das  von  anderen  Völkern  geschaffene ­
  Gute  anzuerkennen,  welches  alles  Fremde  gering  schätzt
und  verachtet,  verzichtet  auf  eine  der  wichtigsten  Triebfedern  des
Fortschrittes  und  wird  in  dem  Wettlaufe  der  Nationen  nach
dem  Ziele  höherer  Vollkommenheit  und  damit  höherer  Macht
unweigerlich  bald  überholt  werden.  Es  ist  aber  wahrlich  nicht
an  der  Zeit,  die  Deutschen  vor  dieser  nationalen  Ueberhebung
zu  warnen.  Sie  erkennen  das  ihnen  von  anderen  Völkern  dargebotene ­
  Gute  gern  und  willig  an;  aber  leider  steht  ihr  Nationalstolz
  durchweg  lange  noch  nicht  hoch  genug,  daß  sie  nicht
über  das  Schlechte,  welches  ihnen  von  außen  zugeführt  wird,
nur  allzu  häufig  das  eigene  Gute  vernachlässigten.  Den  deutschen ­
  Nationalstolz  und  mit  ihm  die  deutsche  Einigkeit  zu  kräftigen ­
  und  zu  fördern,  wird  noch  auf  viele  Jahre  hinaus  das
edelste  und  oberste  Ziel  jedes  Vaterlandsfreundes  sein.
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        V

191

Schluß.
Aus  dem  Bilde,  welches  wir  auf  Grund  unserer  Ausführungen ­
  gewonnen  haben  von  der  Verbreitung  des  deutschen  Volksthums ­
  über  die  Erde,  von  dem  Einfluß,  den  unsere  Nation  in
den  ausländischen  Staaten  Europas  sowohl  als  auch  in  fremden
Welttheilen  sich  zu  erringen  wußte,  von  der  hier  mehr,  dort
weniger  günstigen  Stellung,  welche  sie  anderen,  fremden  Völkern
  gegenüber  zur  Zeit  einnimmt,  treten  uns  theils  erfreuliche,
glückverheißende,  theils  schmerzerweckeude  Züge  entgegen.  Mit
Stolz  und  Freude  darf  den  Deutschen  das  Bewußtsein  erfüllen,
daß  seine  Nation  eine  der  wenigen  ist,  welche  bei  dem  gewaltigen ­
  Ringen  der  Völker  um  die  Weltherrschaft  in  Frage  kommen. ­
  Die  glänzendste  Kriegsmacht,  welche  die  Welt  je  gesehen  hat,
folgt  stets  kampfbereit  Deutschlands  Fahnen,  deutsche  Schiffe
durchfurchen  alle  Meere,  alle  Länder  werden  durchzogen  von
Eisenbahnwagen  und  Karawanen,  beladen  mit  den  Früchten
deutschen  Fleißes,  wohin  wir  auch  blicken  mögen,  überall  begegegnen
  uns  Landsleute,  welche  durch  angeborenen  Muth,
durch  Thatkraft  und  Intelligenz  sich  Achtung  und  Einfluß  zu
verschaffen  wußten.  Ein  Gefühl  der  Trauer  dagegen  muß  uns
beschleichen,  wenn  wir  außerhalb  des  Deutschen  Reiches  unser
Volksthum  nirgends  eine  solche  Stellung  einnehmen  sehen,  daß
es  frohen  Blickes  der  Zukunft  entgegenschauen  könnte;  überall
finden  wir  das  deutsche  Element  hart  angegriffen  und  auf  das
äußerste  bedrängt  von  übermächtigen  feindlichen  Völkerschaften,
mögen  diese  nun  Slaven,  Romanen  oder  Angelsachsen  sein.
Fast  übermenschlische  Kräfte  scheinen  erforderlich,  um  den  end-
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        lichen  Sieg  erhoffen  zu  lassen.  Darum  aber  nicht  verzagt  l
Wir  Deutschen  fürchten  Gott  allein,  sonst  nichts  auf  dieser  Welt.
Vieles  haben  wir  bereits  erreicht,  wir  werden  auch  noch  mehr
erreichen.
Göthe  meinte,  vor  Römerpatriotismus  solle  uns  Gott
bewahren,  wie  vor  einer  Riesengestalt.  Wir  würden  keinen
Stuhl  finden,  darauf  zu  sitzen,  kein  Bett,  darinnen  zu  liegen.
Lebte  der  große  Dichter  doch  zu  unserer  ZeitI  Sähe  er  doch
den  Ruhm  und  die  Größe  unseres  und  seines  Vaterlandes  l
Wie  gerne  würde  er  seines  Irrthums  geständig  sein!  Wir,  die
wir  mit  eigenen  Augen  den  großen,  siegreichen  Heldenkaiser  erblickt
haben,  über  die  herrlichste  Kriegerschaar  der  Welt  die
Heerschau  abhaltend,  hoch  zu  Roß  dahinsprengend  an  der  Spitze
eines  glänzenden  Gefolges  von  Fürsten,  Rittern  und  Feldherren,
wir  dürfen  wohl  mit  Stolz  dessen  eingedenk  sein,  daß  in  unseren
Adern  noch  immer  das  kampfesfrohe  Blut  unserer  edlen  Ahnen
rollt,  deren  Rosse  die  römischen  Legionen  in  den  Staub  traten.
Seien  wir  nur  einig  und  treu  dem  glorreichen  Herrscherhause
der  Hohen;ollern,  dann  sind  und  bleiben  wir  stets  das  erste,
das  mächtigste  Volk  der  Erde!
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        -

H
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        176

Inhalt:

Vorwort  .
Der  Kampf  um  das  Dasein  unter  den  Völkern  .  .  .
Die  wirthschaftliche  und  nationale  Bedeutung  der  Ans-Wanderung
  und  Kolonisation  .  .  .
Die  Weltmachtstellnng  des  deutschen  Volkes  .  .
Die  Deutschen  in  Europa
1)  Die  Deutschen  in  Oesterreich-Ungarn  .
2)  „  „  „  Rußland  ....
3)  „  „  „  Rlunänien  ....
4)  Die  germanischen  Staaten  im  Westen  des
deiltschen  Sprachgebietes
5)  Die  Deutschen  in  England
Die  Deutschen  in  Nordamerika.  Mittelamerika  und  Westindien

Die  Deutschen  in  Südamerika
„  »  »  Afrika
Asien
„  Australien  und  Neuseeland  .  .  .
„  „  der  Südsee
2ßst§  ist  zu  thun,  um  das  Dentschthnm  im  Anslande
zu  erlialten  und  zu  fördern
Die  deutschen  Schulen  im  Anslande
Die  deutsche  Presse  im  Anslande
Ueber  die  deutsche  Auswanderung
Bercine,  welche  die  Förderung  des  Dcntschtbnms  im
Anslande  bezwecken
Einige  Bemerkungen  über  das  deutsche  Nationalbewnßtsein

Schluß
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        Berichtigungen
7  Z.  22  lies  Völker  statt  Völker.
10  „  4  l.  bedürfen  st.  bedürfen.
12  „  16  l.  bemüht  st.  beimüht.
40  „  30  fehlt  vor  „welche"  ein  Komma.
45  „  1  fehlt  vor  „zum"  ein  Komma.
40  „  16  l.  noch  st.  nach.
50  „  0  l.  verstandene  st.  verstandenen.
62  „  16  l.  verbundene  st.  verbundenen
58  „  7  fehlt  nach  „Suwalki"  ein  Punkt-59
  „  14  l.  gelegen  st.  belegen.
65  „  13  l.  politische  st.  polische.
89  „  25  l.  desselben  st.  derselben.
116  „  28  l.  Sklavenküste  st..  Slavcnküste.
117  „  27  l.  Sklavenküste  st.  Slavenküste.
166  „  15  l.  In  st.  Zn.
163  „  11  fehlt  nach  „Logandistrikt"  ein  Punkt.
163  „  11  l.  Genannte  st.  genannte.
178  „  28  l.  Fragen  st.  Frage.
189  „  17  l.  ausländischer  st.  ansländi'.
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