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        <title>Das Unternehmen und der Unternehmergewinn vom historischen, theoretischen und praktischen Standpunkte</title>
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            <forname>Eduard August</forname>
            <surname>Schroeder</surname>
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        </author>
      </titleStmt>
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            <idno>829740287</idno>
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DAS  UNTERNEHMEN
UND  DER
IJNTERNEHMERGEWINN
VOM
HISTORISCHEN,  THEORETISCHEN  UND  PRAKTISCHEN
STANDPUNKTE.

EDUARD  AUGUST  SCHROEDER.

WIEN,
DRUCK  UND  VERLAG  VON  CARL  QEROLD’S  SOHN.
1884.
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VOM

HISTORISCHEN,  THEORETISCHEN  UND  PRAKTISCHEN
STANDPUNKTE.-VON



EDUARD  AUGUSTjJCHROEDER.

WIEN,
DRUCK  UND  VERLAG  VON  CARL  GEROLD’S  SOHN,
1884.
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V-r.  4

Alle  Rechte  Vorbehalten

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        VIRIS  DE  OECONOMIAE  PUBLICAE  DOCTRINA  EGREGIE
MERITIS,  PRAECEPTORIBUS  ACADEMICIS,

DD.
HEIDELBERGENSI
ET
ÜÆEISrC3-Eït
.  VTNDOBUNENSI
HUNC  LIBRUM  GRATI  ANIMI  DOCUMENTEM  EXTARE
VOLÜIT
VINDOBONAE,  MDCCCEXXXIIII.

EDÜARD11S  AUGUSTOS  SCHROKIIER.
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        BT.

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        Vorwort.

nl)ie  erkeiiDtriis-theoretischen  üutersuchungeu  auf  dem  Gebiete
  (1er  politischen  Ökonomie  sind,  zumal  in  Deutschland,  bisher
noch  keineswegs  zu  einer  eigentlichen  Methodik  dieser  Wissenschaft
vorgedrungen.«  So  Menger  '),  und  wie,  um  diesen  Satz  fortzusetzen,
schreibt  Knies®):  «Gewiss  steht  die  Methode  der-Untersuchung,
Beweisführung  und  Schlussfolgerung,  welche  in  einer  wissenschaftlichen ­
  Disziplin  zur  Anwendung  gelangt,  im  engsten  Zusammenhänge ­
  mit  dem  gesamten  Charakter  derselben.  Darum  wirkt  der
Fortschritt  einer  Wissenschaft  im  großen  und  allgemeinen  ganz
besonders  auch  auf  die  in  ihr  gültige  Methode  ein,  und  umgekehrt
hat  jede  bedeutendere  Besserung  in  der  Methode  der  Untersuchung
den  erheblichsten  Einfluss  auf  die  Wissenschaft  im  ganzen  ausgeübt. ­
  Offenbar  hängt  es  von  dem  Wege,  den  man  einschlägt,  ab,
ob  man  ein  erstrebtes  Ziel  erreicht  oder  verfehlt.«
In  keiner  Frage  der  theoretischen  Nationalökonomie  hat  die
Wahrheit  der  Aussprüche  dieser  bedeutenden  Volkswirtschaftslehror.
welche,  obgleich  sie  selbst  der  theoretischen  Forschung  hingeneigt
sind  und  auf  diesem  Gebiete  Großes  erreichten,  in  selbständigen
Werken  die  Methodik  der  politischen  (Ökonomie  untersucht  haben,
mehr  herausgestellt,,  als  in  der  Frage  nach  dem  Wesen  und  Inhalte
des  Unternehmens  und  des  Unternehmergewinnes.  Zahlreiche  Gelehrte
haben  auf  diesen  Gegenstand  ihre  Untersuchungen  konzentriert,
')  Untersuchungen  über  die  Methode  der  Sozmlwissenschaftcn  (Leipzig
1H8.3).  S.  V.
*)  Die  politisclie  Ökonomie  vom  gesciiichtliciien  Standpunkte  (Diaunscliweig
  188.8).  S.  453.
        <pb n="10" />
        VI

aber  sonderbarer  Weise  sind  sie  dabei  nicht  von  dem  Begriffe
des  iJnteriiehmens  ausgegangen,  obgleich  einige  ihn  zu  definieren
getrachtet  haben,  sondern,  ohne  einen  logischen  Faden  vom
Unternehmen  zum  Unternehmergewinne  zu  spinnen,  an
die  Forschung  des  letzteren  geschritten;  sie  haben  das
Dach  aufgeführt,  ehe  der  Unterbau  fest  und  sicher  dagestanden
hat.  Kann  ein  Zweifel  obwalten,  dass  diese  Verirrung  durch  den
Mangel  einer  gesunden  Methodik  entstanden  ist?  Wenn  z.  B.
Koscher  in  den  Momenten  des  Verkehrs  und  der  Gefahr  die  bezeichnenden ­
  Merkmale  des  Unternehmens  findet,  so  müsste  folgerichtig
sein  flUnternehmerlohn«  ein  Lohn  für  Gefahr  und  Verkehr  sein,  er
entdeckt  aber  an  ihm  nur  eine  praktische  Eigenschaft,  die,  dass
er  nicht  wie  der  Lohn  ausbedungen  werden  kann.  Wenn  Rau  die
Verbindung  der  Güterquellen  zum  Zwecke  der  Produktion  Unternehmen ­
  nennt,  so  hätte  er  den  Unternehmergewinn  als  ein  Resultat
aus  dieser  Verbindung  und  der  Produktion  entwickeln  müssen,
wozu  auch  er  nicht  gelangt,  und  über  den  Unternehmergewinn
praktische  Betrachtungen  anstellt.
Das  Studium  der  methodischen  Werke  meines  verehrten  Lehrers
Menger  und  des  hochverdienten  Knies  in  Heidelberg,  welcher  in
dieser  Richtung,  wenn  er  auch  nicht  vom  Katheder  aus  zu  mir
gesprochen  hat,  mein  zweiter  Lehrer  geworden  ist,  hat  mich  veranlasst, ­
  das  Unternehmen  und  den  Unternehmergewinn  auf  Grund
der  methodischen  Untersuchungen  der  beiden  Gelehrten  zum  Gegenstände ­
  meiner  theoretischen  Erwägungen  zu  machen,  welcher  wohl
allen  mit  unserer  Wissenschaft  Vertrauten  das  Gefühl  aufdrängt,
dass  er  bisher  noch  keineswegs  einer  befriedigenden  Lösung  entgegengeführt
  worden  ist.  Hat  sich  mit  ihm  doch  so  oft  schon  und
immer  neuerdings  der  forschende  Geist  beschäftigt:  und  während
ich  dieses  Vorwort  schreibe,  gelangen  zwei  neue  Schriften  '),  welche
«Die  Lehre  vom  Unternehmergewinn«,  nicht  aber  auch  die  Lehre
des  Unternehmens  behandeln,  in  meine  Hände.
Nicht  allein  der  Umstand,  dass  man  das  Wesen  des  Unternehmergewinnes ­
  ohne  methodischen  Zusammenhang  mit  dem  Begriffe,  dem

')  Mataja,  Die  Lehre  vom  Untornehmergewinn  (Wien  1884),  und  Groß,
Die  Ijchre  vom  Unternehmergewinn  (Leipzig  1884).
        <pb n="11" />
        VII

und  Inhalte  des  Unternehmens  als  generelle  Menschheitserscheinung ­
  zu  erforschen  suchte,  sondern  auch,  dass  man  stets
bemüht  war,  den  Unternehmergewinn  durch  das  zu  erklären,  als
was  er  empirisch  erscheint,  und  nicht  als  das  hinzustellen,  was
das  Wesen  seines  Seins  ausmacht:  entsprang  aus  dem  Mangel  jeder
klaren  wissenschaftlichen  Methode.
Indem  ich  nun  in  der  vorliegenden  Schrift  mich  bestrebt
habe,  die  methodischen  Untersuchungen  Knies  und  Mongers  zu
verwerten  und  die  historisch-empirischen  Postulate  des  Ersteren
und  die  exakten  des  Letzteren  in  Verbindung  zu  bringen;  so
unternahm  ich  dies  aus  dem  Grunde,  weil,  wie  ich  mit  dem
Hechte  des  eingehenden  Studiums  der  betreffenden  Werke,  welche
dem  oberflächlichen  Leser  ihre  Verfasser  als  methodische  Gegner
erscheinen  lassen  dürften,  behaupten  kann,  sich  die  Resultate  der
beiden  Reformatoren  unserer  Wissenschaft  in  der  Wahrheit  begegnen,
welche  ebensoweit  von  der  reinen  Geschichtsforschung  und  ihrer
empirischen  Folgerungen,  als  von  der  Einengung  der  Geistesarbeit
auf  ein  rein  exaktes  Gebiet  unserer  Wissenschaft  entfernt  ist;  der
scheinbare  Gegensatz  der  Anschauungen  beider  Autoren  entsteht
dadurch,  dass  Knies  die  letztere  und  Menger  die  erstere  bekämpft.
Durchaus  jedoch  ist  Knies  kein  engherziger  und  abges^ter  Feind
&amp;lt;ier  exakten  Richtung  in  der  Forschungsweise  der  politischen  Ökonomie. ­
  nUm  die  Gesetzmäßigkeit  der  Analogie  herauszustellen«,
schreibt  er'),  »hat  man  nicht  nur  die  Übereinstimmung  in  dem
Gattungsmäßigen  der  thatsächlichen  Erscheinungen  und  beziehungsweise ­
  der  Reihe  aufeinander  folgender  Thatsachen  vorzuführen,
sondern  auch  die  Übereinstimmung  und  beziehungsweise  die  Analogie ­
  der  ursächlichen  Kräfte.«  Und  gebührt  doch  Knies  für
alle  Zeiten  die  Anerkennung  der  Entdeckung  einer  der  exaktesten
Wahrheiten  unserer  Wissenschaft,  der  Lehre  nämlich  von  der
Verschiedenheit  der-  Werte  nach  Stoff,  Form,  Ort  oder  Zeit®).
Einer  empirischen  Betrachtung  wäre  die  Erkenntnis  dieser  elementaren ­
  Teile  des  Wertes  niemals  möglich  geworden,  weil  sich  ja
*)  Polititische  Ökonomie  vom  geschichtlichen  Standpunkte  (Leipziir
1883).  S.  480.  V  F  b
*)  Tübinger  Zeitschrift  für  die  gesamte  Staatswissenschaft  1856.  Die
nationalökonomische  Lehre  vom  Wert.
        <pb n="12" />
        ■  "7

VIII

nirgend  in  der  realen  Welt  Güter  vorfinden,  welche  nur  einen
dieser  Werte  besitzen,  sondern  in  jedem  konkreten  Falle  alle  drei
Wertelemente  in  sich  vereinigen.  Menger  nun  ist  allerdings  ein
Gegner  jener  Meinung,  «welche  die  Erscheinungen  der  Volkswirtschaft ­
  nur  in  unzertrennbarem  Zusammenhänge  mit  der  sozialen
und  staatlichen  Entwickelung  der  Völker«  ')  zu  verstehen  trachtet,
aber  er  kann  sich  der  Ansicht  nicht  entgegenstellen,  ja  er  geht
mit  ihr,  dass  die  exakte  Richtung  der  Forschung  im  Gebiete  der
politischen  Ökonomie  zu  verwerfen  sei,  «sobald  von  jenem  Standpunkte ­
  aus  die  volle  Wahrheit  des  wirklichen  Lebens  durch  die
Wissenschaft  reproduziert  werden  solle«  “)  ;  denn  diese  zu  finden,
ist  die  Aufgabe  empirischer  Untersuchungen.  Aber  er  tritt  dafür
ein,  dass  nicht  die  volle  Wahrheit  des  wirklichen  Lebens  allein
zu  erforschen,  Aufgabe  der  theoretischen  Forschung  sei,  sondern  auch
die  selbständigen  Kräfte  und  Gesetze,  aus  welchen  das  reale  Leben
entsteht.  Wie  sich  der  reine  Sauerstoff  nirgend  in  der  Natur  vorfinJet,
  so  gehört  auch  z.  B.  der  reine  Ortswert  der  realen  Welt
nicht  an,  sie  existieren  darum  doch  beide,  das  erstere  als  natürliches, ­
  das  letztere  als  ökonomisches  Element,  uud  sind  menschlicher ­
  Erkenntnis  zugänglich.  Und  Menger  verkennt  keineswegs
die  große  Bedeutung,  welche  die  Erkenntnis  der  wirtschaftlichen
Erscheinungen  auf  historischer  Grundlage  für  die  theoretische  Forschung ­
  hat.  «Die  exakten  Wissenschaften«,  sagt  er“),  «ignorieren
demnach  ebensowenig  die  Thatsache  der  Entwickelung  der  Phänomene, ­
  als  das  Postulat  einer  jeden  Theorie,  dem  Wechsel  der
Erscheinungen,  welche  sie  uns  zum  Verständnisse  bringen  soll,  in
allen  Phasen  zu  folgen«.  Die  großen  Resultate,  welche  ein  unbestrittenes ­
  Verdienst  Mongers  sind,  wie  z.  B.  seine  exakte  Theorie
über  den  Ursprung  des  Geldes■‘),  den  Ursprung  des  Rechtes^)
')  Dietzel,  Die  Volkswirtschaft  und  ihr  Verhältnis  zu  Gesellschaft  und
Staat  (Frankfurt  a.  M.  1864).  S.  52.
')  Knies,  Die  politische  Ökonomie  vom  Standpunkte  der  geschichtlichen
Methode  (Braunschweig  1853).  S.  29.
®)  Untersuchungen  über  die  Methode  der  Sozial  Wissenschaften  (Leipzig
1883).  S.  116.
Untersuchungen.  S.  172  u.  ff.
*)  Untersuchungen.  S.  271  u.  ff.
        <pb n="13" />
        IX

und  auch  seine  Güterlehre  ')  sind  auf  historischer  Grundlage  entstanden. ­

Was  Beiden  gemeinschaftlich  ist,  drückt  sich  darin  aus,  dass
sie  den  Kampf  gegen  die  Unklarheit,  gegen  die  Verquickung  der
nationalökonomischen  Litteraturgeschichte  mit  der  Wirtschaftsgeschichte ­
  einerseits  und  der  theoretischen  Nationalökonomie  mit
der  Wirtschaftspolitik  andererseits,  mit  rücksichtsloser  Wahrheitsliebe ­
  und  Überzeugungstreue  führen.
Meine  grolle  Verehrung  für  die  beiden  Volkswirtschaftslehrer
habe  ich,  ihrem  Beispiele  getreu,  nicht  darin  zu  dokumentieren
gesucht,  dass  ich  in  sklavischer  Nachahmung  eine  Reproduktion
ihrer  wissenschaftlichen  Resultate  vornahm.  Ich  habe  meinen  eigenen
Weg  eingeschlagen  und  verfolgt,  nachdem  ich  einmal  den  Ausgangspunkt ­
  desselben  gefunden  hatte,  aber  ich  habe  die  methodischen ­
  Fortschritte  des  Heidelberger  und  des  Wiener  Gelehrten  zu
meinem  Wegweiser  gemacht.  Und  was  das  Sachliche  anbelangt,  so
war  es  mir  durchaus  nicht  schwer,  auch  Meinungen  auszusprechen
und  zu  begründen,  welche  den  Ansichten  eines  der  beiden  Gelehrten
nicht  entsprechen;  denn  es  würde  ja  gewiss  weniger  Verehrung
darin  liegen,  Meinungsdifferenzeu  zu  verschweigen,  als  sie  auszusprechen. ­
  Nicht  darin  wurzelt  ja  der  Dank  gegen  einen  verehrten
Lehrer,  dass  man  dessen  Geistesergebnisse  um  knetet  und  vervielfältigt, ­
  sondern  auf  der  empfangenen  Grundlage  auf  dem  Wege
der  Forschung  vorwärtsstrebt.
Die  Erkenntnis  des  Wesens  und  Inhaltes  und  des
generellen  Zusammenhanges  der  Erscheinungen  des
Unternehmens  und  des  Unternehmergewinnes,  die
Unterscheidung  der  Menschheits-Phänomene:  Unternehmen, ­
  Wirtschaft  und  Volkswirtschaft,  und  die  Entdeckung ­
  der  natürlichen  und  wirtschaftlichen  Elemente ­
  in  der  Natur  einerseits  und  im  Menschen
andererseits,  welche  von  mir  Trinitas  der  Kräfte
genannt  sind:  stellen  neue,  nirgend  ausgesprochene
Theorien  dar;  diese  sind  es,  welche  ich  durch  die  Widmung ­
  dieses  Buches  auf  den  Altar  der  Verehrung  gegen
Knies  und  Menger  niederlegen  zu  dürfen  glaube.
')  Grundsätze  der  Volkswirtschaftslehre  (Wien  1871).  S.  36  u.  flF.
        <pb n="14" />
        Ich  bin  mir  bewusst,  dass  meine  neuen  Lehren  Widerspruch
wachrufen  werden,  und  deren  Wert  erst  dereinst,  wenn  die  Forschung ­
  auf  ihren  Grundlagen  weiter  gedeiht,  anerkannt  werden
wird;  denn  so  war  es  immer:  während  Arbeiten,  die  auf  ausgetretenen ­
  Wegen  unter  der  Last  alter  Doktrinen  weiterkeuchen,
die  Anerkennung  der  Gelehrsamkeit  und  des  Fleißes  nicht  versagt
wird,  findet  die  Forschung,  welche  unentwegt  einen  neuen,  ungebahnten ­
  Steig  einschlägt  und  aufwärts  strebt  den  lichtvollen  Höhen
der  Wahrheit  entgegen,  nur  selten  und  dann  von  verwandten
Geistern  den  um  so  wertvolleren  Lohn  ihrer  Zustimmung.
Wien,  im  Februar  1884.

Der  Verfasser.
        <pb n="15" />
        %

1  Illlillf.

Vorwort
I.  Litteraturgescliiohtliohes
Xenophon.  —  Aristoteles.  —  Die  Schriftsteller  des  Mittelalters.  —
Merkantilisten  und  Physiokraten.  —  Sozialisten  und  Kommunisten.
—  Geschichte  der  Theorie:  Bau,  Mangoldt.  —  Adam  Smith.  —
Malthus.  —  Ricardo.  —  M.  Culloch.  —  Kraus.  —  Schlözer.  —  Nebenius.
  —  Samuel  Read.  -  Quarterly  Review.  —  Senior.  —  Stuart
Mill.  —  Say.  —  Dunoyer  und  Garnier.  —  Hufeland.  —  Sismoiidi
und  Rossi.  —  Courcelle-Seneuil.  —  Storch.  —  Schön.  —  Riedel.  —
Lotz.  —  Jacobs.  —  Prittwitz.  -  Schüz.  —  Hildebrand.  -  Thönen.
—  Roscher.  —  Eisein.  —  Rau.  —  Mangoldt.  —  Carey.  —  Wirth.  —
Mikszewicz.  —  Stein.  —  Sch  äff  le.
II.  Wirtsohaftsgesohlohtliohes
Der  Mensch  im  Kampfe  gegen  die  Natur.  -  Das  Naturalunteriiehmen.
  —  Die  persönlichen  Kapitalien.  —  Manu  und  Weib.  —  Der
Sklave.  —  Die  Naturalwirtschaft.  —  Die  Familie.  —  Der  Staat.  —
Je  größer  die  Bevölkerung,  desto  kleiner  der  Raum  ihrer  wirtschaftlichen ­
  Thätigkeit.  —  Jugendliche  Staaten  entfalten  das  Waffenhandwerk, ­
  gereifte  Kunst  und  Wissenschaft,  alternde  Handel,  und  Gewerbe.
—  Die  Inder.  —  Die  Hebräer.  —  Die  Ägypter.  —  Die  Phönizier.  —
Die  Griechen.  —  Das  Sklaventum.  —  Die  Verachtung  der  gewerblichen ­
  Thätigkeit.  —  Die  erste  Münze.  —  Geldunternehmen  und
Geldwirtschaft.  —  Die  Römer.  —  Der  Ackerbau.  —  Missachtung  von
Handel  und  Gewerbe.  —  Die  Hauswirtschaft.  —  Der  römische  Handel.
—  Die  Germanen.  —  Die  Klöster  in  Deutschland.  —  Die  italienischen ­
  Städte.  —  Das  Kreditunternehmeu  und  die  Kreditwirtschaft.
—  Die  deutschen.  Reichsstädte.  —  Die  Feuerversicherung.  —  Die
Kreuzzüge.  —  Hansa  —  Die  Erfindung  des  Schießpulvers.  —  Venedig.
—  Die  Erfindung  des  Wechsels.  —  Die  Entdeckung  Amerikas.  —
Die  erste  Münzverschlechterung.  —  Die  Reformation.  —  Die  Kolonialpolitik. ­
  --  Die  privilegierten  Handelsgesellschaften.  —  Die  erste
Handelskrise.  —  Das  Merkantilsystem.  —  Die  erste  Postverbindung.
Die  Buchdruckerkunst.  —  Börsen.  —  Großbritannien.  —  Frankreich ­
  und  der  Physiokratismus.  —  Das  Industriesystem.  —  Eisenbahnen ­
  und  Dampfschiffahrt.  —  Der  Telegraph.  —  Die  Unternehmungsarten. ­
        <pb n="16" />
        XII

III.  Theorie.  Seite
Empirische  Untersuchungen  39
der  Unterschied  zwischen  Unternehmen  und  Wirtschaft.  —  Jedes
Unternehmen  ist  zugleich  Wirtschaft,  aber  nicht  jede  Wirtschaft
zugleich  Unternehmen.  —  Das  Unternehmen  ist  die  junge  Wirtschaft.
—  Die  Gefahren  des  Unternehmens.  —  Der  Unternehmergewinn  ist
neugehildetes  Kapital.  —  Grund  und  Boden  ist  auch  Kapital.  —  Die
persönlichen  und  außerpersönlichen  Kapitalien.  —  Arbeit  und  Unternehmen. ­
  —  Der  Unternehmergeist.  —  Angebot  ’und  Nachfrage.  —
Der  Organismus  des  wirtschaftlichen  Lebens.  —  Statistik  der  Unternehmungen. ­
  —  Die  Unternehmerthätigkeit.
Ji.  Exakte  Untersuchungen  48
Der  Weg  des  Menschengeschlechtes.  —  Die  Natur  und  ihre  Elemente. ­
  —  Der  Mensch  und  seine  Elemente.  —  Die  drei  Arten  der
menschlichen  Bedürfnisse.  —  Der  Kampf  des  Menschen  gegen  die
Natur  ist  der  Grundtypus  des  Unternehmens.  —  Die  drei  Richtungen
der  Arbeit.  —  Güter  erster  Ordnung.  —  Die  persönlichen  Kapitalien.
—  Kombinationen  aus  der  Trinitas  der  Elemente.  —  Güter  höherer
Ordnung.  —  Die  Wehrthatigkeit  drückt  der  Zeit  den  Charakter  auf.
—  Die  Nützlichkeit  der  Güter.  —  Der  Wert  der  (Uiter.  —  Stoff-,
Form-  und  Ortswert.  —  Der  Preis  und  das  Geld.  —  Der  Preis  der
Kapitalien  und  der  Arbeit.  —  Zins  und  Arbeitslohn.  —  Unternehmen, ­
  Wirtschaft  und  Volkswirtschaft  im  Kampfe  gegen  Population, ­
  Recht  und  Staat.  —  Kapitalbildung,  Kapitalerhaltung  und
Kapitalverteilung.  —  Die  Qualität  der  Produktionsmitteln.  —  Das
Gelingen  und  das  Misslingen  des  Unternehmens.  —  Die  Unternehmerthätigkeit.
  —  Die  Typen  der  Wirtschaft.  —  Der  reine  Typus  der
Volkswirtschaft.  —  Das  Unternehmen,  die  Wirtschaft  und  die  Volkswirtschaft ­
  und  die  Befriedigung  der  drei  Arten  der  Bedürfnisse.  —
Der  Unternehmergewinn  ist  die  Kapitalbildung  des  Unternehmens.
—  Die  Beschaffungskosten.  —  Rohprodukte.  —  Kapitalzins.  —  Werterneuerung. ­
  —  Kapitalmiete.  —  Wertversicherung.  —  Arbeitslöhne.
—  Lebensunterhalt.  —  Regiekosten.  —  Steuern.  —  Gefahren  und
Vorteile.  —  Der  Gewinn  im  einzelnen  Falle.  —  Gesamteinnahmen.  -
Gesamtgewinn.  —  Verluste.  '—  Der  Kredit.  —  Die  Kapitalbildung
im  Unternehmen.  —  Die  Kapitalerhaltung  im  Unternehmen.  -  Die
Kapital  Verteilung  im  Unternehmen.
IV.  Wlrtschaftspolltisohes  80
Der  Trieb  zum  Unternehmen.  —  Die  Fähigkeiten  des  Unternehmers. ­
  —  Eine  Statistik  der  Unternehmungen.  —  Handels-  und
Gewerbeschulen.  —  Beschaffungskosten.  —  Vorteile  der  Unternehmung.
—  Konjunkturen,  —  Einkauf  und  Verkauf.  —  Der  Absatz.  —  Das
Gelingen  der  Produktion  und  die  Bewahrung  der  Produkte  vor  dem
Verderben.  —  Der  Kredit.  —  Soll  und  Haben.  —  Der  aktive  Kredit.
—  Der  passive  Kredit.  —  Die  Gefahren  des  Kredits.  —  Handelskrisen. ­
  —  Lassalle  und  der  ökonomische  Fatalismus.  —  Die  ökonomische ­
  und  die  juridische  Selbstverautwortlichkeit.  —  Das  Eigentum. ­
  —  Das  Erbrecht.  —  Aussichten  des  sozialistischen  Staates.
        <pb n="17" />
        I.
Litteratiirgescliichtlidies.

Die  ältesten  Schriftsteller  schon  haben  die  hohe  Bedeutung
geahnt,  welche  das  Unternehmen  und  der  Unternehmergewinn  in
jener  Wissenschaft  haben,  welche  die  Lehre  von  den  Erscheinungen
iin  wirtschaftlichen  Leben  der  Menschen  und  den  Gesetzen  derselben
sein  soll.  Schon  Xenophon  lässt  in  seinem  Oixovo(uxòg  den  Sokrates
eine  Betrachtung  über  die  Unternehmerthätigkeit  anstellen.  r{Ouoloyä
iiB^sh]xtvaL  (loi  oitiusg  fxaata  ¿martjfiopefftatoí  eiai  xùv  iu
x7¡  nóksLU.  schreibt  er  Kap.  II,  IG  vxara^ad^òi/  yáç  tcoxs  ánò  xùv
ccvxúv  tQyav  xovg  (itv  Tcávv  ájióçovg  Òvxccg,  xovg  ôè  nàvv  Jtlovõíovg,
(cTiid-ccvfiaaa,  xa.1  sôo^t  ^ol  ã^iov  tlvai  t:ti(5x¿t¡}é(og  v,  xi  eir¡  xovxo.
xuijvQov  tniaxoïtùv  náw  oíxstag  zavxa  yiyvo^uva.  xovg  ílív  yÚQ
xavxa  jt()dxxoi&amp;gt;xccg  ^¡¡fuovfiévovg  tópav,  xovg  Ô£  yváyixi  ffvvxêxa-¿xuiielovfiBvovg
  xaï  »áxxov  xui  p«oj/  xal  WrQÓalèúxtQov
yMxtyviov  JiQÚxxovtag.  úv  dv  xul  úh  ol¡uu,  si  ßovloto,  fia&amp;amp;óvxa,
(fot  O  &amp;amp;eòg  ¿vavxLoíxo,  zavv  dv  ôeivòv  %(it¡^uxiatt}v  yavtõ&amp;amp;cu.u
'jr  schreibt  also  den  Erfolg  des  Unternehmens  ganz  und  gar  der
lüchtigkeit  und  der  Energie  der  unternehmenden  Person  zu.  Aristoteles ­
  sagt  in  seiner  Politik  I.  Buch,  Kap.  III.,  10:  •nêoxt,  dh  yévog
o  XTtjxixijg,  ¡¡1/  ^akiOxa  xakovúc^  xai  Öixcuov  avxb  xu7.tîv^
iítoTíi/,  di  ¡¡i/un^div  òoxei  Jtéçag  sÍvat  nXovxov  xal  xxr¡ó£agu.
un  lerin  meint  er  das  Unternehmen  und  zwar  in  seinem
Unterschiede  zur  Wirtschaft.
.  ^ber  seit  den  ältesten  Zeiten  die  Unternehmer-,,
  wie  dieselbe  lange  genannt  wurde,  der  Erwerb  von
veic  tum,  eine  der  wichtigsten  Bollen  in  unserer  Wissenschaft  spielt,
ja  gerade  aus  dem  Gedanken,  dieses  wichtige  Organ  im  wirtschaftichen
  Leben  in  der  Wirtschaftspolitik  richtig  anzuwenden,  wissen-ScLroeder,
  Das  Unternehmen  u.  der  Unternehmergewinn.  1
        <pb n="18" />
        2

schaftliclie  Systeme  entstanden  sind:  so  wurde  sein  Wesen  lauge
nur  geahnt  und  nicht  einmal  der  Versuch  gemacht  es  zu  erkennen.
Ganz  im  Geiste  des  Aristoteles  behandelte  Thomas  von  Aquino
und  die  anderen  Vertreter  unserer  Wissenschaft  im  Mittelalter:
Vincenz  Belovacensis,  Franciscos  Patricios,  Albertus  Magnus,  Wilhelm
Occam,  Kaymimdus  Lullus,  der  überstrenge  Johannes  Gerson  etc.  etc.
den  Gegenstand.  Auch  die  Nationalökonomen  des  Merkantilismus,
wie  Niccolo  Machiavelli  (1469—1527),  Antonio  Serra  (1613)  unter
den  Italienern,  Fromeuteau  (1581),  Jean  Bodin  (1576),  Jean
François  Melon  (1731),  Graslin  (1767)  in  Frankreich,  der  Kaufmann
Thomas  Mun  (1609—1621),  Culpeper  (1623),  Fortray  (1663),  William
Temple  (1672)  in  England,  Ch.  Besold  (1615),  Bornitz  (1608),
Caspar  Klock  (1651),  der  Österreicher  Johann  Horneck  (1654),
W.  von  Schröder  (1686),  Gottlob  von  Justi  (1755)  in  Deutschland
Damian  de  Olivares  (1621)  ')  in  Spanien,  und  viele  andere;  dann
die  Vertreter  des  Physiokratismus,  wie  Jean  Vine.  Gournay  (1766)
welcher  der  Erfinder  des  „Laissez  faire,  laissez  passer“  ist.  Dupont
de  Nemours  (1767),  Condillac  (1776),  Anne  Kobert  Jaques  Turgot
(1766)  unter  den  Franzosen,  Fürstenau  (1778),  Johann  Heinrich
Jung  (1789)  in  Deutschland,  der  Italiener  Corniani  (1777),  der
Schweizer  Herrenschwand  (1786)  etc.  etc.  :  sie  alle  konnten  die  Unternehmerthätigkeit
  nicht  außer  acht  lassen  und  kannten  den  Unternehmergewinn ­
  als  wirtschaftliche  Erscheinung,  aber  sie  gingen  ihr
nicht  in  erkenntnisforschender  Weise  nach,  obgleich  sich  die  fundamentalen ­
  Sätze  ihrer  wissenschaftlichen  Systeme  im  Grunde  auf
nichts  anderes  stützen,  als  auf  das  Bestreben  den  nationalen  Unternehmergewinn ­
  zu  erhöhen,  wobei  sie  sich  das  Kapital  als  das  eigentliche ­
  unternehmende  Element  dachten.  Eine  Theorie  des  Unternehmens ­
  oder  des  Unternehmergewinnes,  oder  auch  nur  einen
nennenswerten  Versuch  zu  einer  solchen  haben  wir  von  ihnen  nicht.
Selbstredend  haben  uns  eine  solche  auch  nicht  die  Kommunisten ­
  und  Sozialisten  jener  älteren  Bichtung  gegeben,  welche  einen
paradiesischen  Staatszustand  malten,  teils  um  ihrer  üppigen  Phantasie
Rechnung  zu  tragen,  teils  um  durch  Ironie  und  Satyre  zu  wirken.
Die  Phantasien  eines  Thomas  Morus  in  seiner  «Utopia«  (1516),
Tomasina  Campanella  in  seinem  «Sonnenstaat«  (1623),  Ch.  Fourier’s
«Phalanstère«  (1772),  Hugo  Cabet’s  «Ikarien«  (1840)  etc.  sind  nicht
*)  Die  hier  angeführten  Zahlen  sind  die  Jahreszahlen  des  Erscheinens  von
Werken  der  betreffenden  Schriftsteller.
        <pb n="19" />
        3

einmal  für  die  Sozialisten  der  neueren  Zeit,  welche  ihren  aller
natürlichen  gesellschaftlichen  Ordnung  mehr  oder  weniger  verderblichen ­
  Bestrebungen  eine  wissenschaftliche  Färbung  zu  geben  bemüht
sind,  und  oft  einen  großen  kritischen  Scharfsinn  bethätigen,  wie  die
Kommunisten:  Babeuf,  Owen,  Proudhon,  die  Sozialisten:  Henri  von
St.  Simon,  Louis  Blanc,  Ferd.  Lassalle,  Marx  etc.  von  Bedeutung,  weil
ja  jene  gar  keine  ünternehmerthätigkeit  des  Einzelnen  zu  kennen,
sich  zu  ihrer  Aufgabe  gestellt  haben,  während  diese  gerade  die  Unternehmerthätigkeit
  und  den  Unternehmergewinn  und  das  Recht  ihres
Daseins  zu  bekämpfen  gezwungen  sind,  um  zu  nichts  anderem  als
jenen  märchenhaften  Wünschen  ihrer  gleichgesinnten  oder  besser
gleichträumenden  Vorgänger  gelangen  zu  können.
Mit  Adam  Smith,  dem  eigentlichen  Begründer  unserer  Wissenschaft ­
  (geb.  1723,  gest.  1790)  beginnt,  wie  in  so  manche  wirtschaftliche ­
  Erscheinung,  auch  in  die  des  Unternehmergewinnes  die
wissenschaftliche  Forschung  zu  dringen,  und  von  da  ab  gibt  es  nur
sehr  wenige  Nationalökonomen,  welche  über  diese  Materie  gar  nicht
nachdenken;  eine  solche  Ausnahme  bildet  noch  Chevalier*).  Aber
sonderbar!  Während  der  Unternehmergewinn  der  Gegenstand  der  weitschweifigsten ­
  Erörterungen  wurde,  hat  das  Unternehmen  selbst
noch  lange  niemanden  zur  eingehenden  Untersuchung  seines  Wesens
veranlasst.  Wir  werden  deshalb  auch  gezwungen  sein  in  diesem
Teil  unserei  Arbeit  vorzüglich  dem  Unternehmergewinne  unsere
Aufmerksamkeit  zu  widmen.
Seit  Adam  Smith  nun  gewinnt  die  Ausarbeitung  der  Theorie
über  denUuternehmergewinn  immer  schärfere  Formen,  und  sie  strebt
der  Wahrheit  in  dem  Maße  entgegen,  als  die  Wirkungen  des  Unternehmens ­
  durch  ihre  historische  Entwickelung  sich  aus  den  Faktoren
der  Güterverteilung  hervorheben,  und  in  dem  Maße  als  die  theoretische ­
  Forschung  sich  des  Gegenstandes  bemächtiget.
Kau“)  bespricht  die  Geschichte  der  Theorie  über  den  Unternehmergewinn ­
  kurz  folgendermaßen:  «Frühere  Schriftsteller  rechnen
^  Unternehmergewinn  —  Rau  nennt  ihn  «Gewerbsgewinn«)
wirk  ich  zu  der  Kapitalrente  und  zwar  entweder  mit  gänzlicher  Vermischung ­
  beider  (Adam  Smith.  —  Ricardo,  Grundgesetz  S.  92  —  von
Schlözer,  Staatswirtsch.  L,  53.  -  M.  Culloch,  Grunds.  S.  81.  —  Senior
(vermutlich  zugleich  Verfasser  des  Aufsatzes  im  Quarterly  Rev.  Jan.
1831)  fasst  Zinsrente  und  Gewerbsgewiiin  unter  der  Benennung  Profit
‘)  Cours  d^écouomie  politique  (Paris  1842).
Grundsätze  der  Volkswirtschaftslehre  (Heidelberg  1868).  §.  238.
1*
        <pb n="20" />
        4

zusammea,  nimmt  jedoch  (Outline  S.  214)  zwei  Teile  desselben  an,
welche  jenen  beiden  Einkünften  entsprechen,  ebenso  St.  Mill  I.,  4l5,
bei  welchem  der  über  die  Zinsrente  hinausgehende  Teil  des  Kapitalgewinnes ­
  keinen  besonderen  Namen  hat)  oder  so,  dass  man  ihn  zwar
von  der  Zinsrente  trennt,  jedoch  beide  unter  der  Benennung  Kapitalgewinn ­
  zusammenfasst  (Sismondi,  N.  princ.  I.,  359.  —  Jacob,  Grunds.
§.  277  bis  282,  doch  wird  von  demselben  in  §.  292  bemerkt  «der
Profit  des  Unternehmers  ist  nichts  als  eine  Art  von  Lohn  für  die
Arbeit,  Mühe,  Geschicklichkeit,  Gefahr,  welche  mit  der  Unternehmung ­
  verbunden  sind«).  Einige  betrachten  ihn  als  eine  Art  des
Lohnes  (Canard,  übers,  von  Volk,  S.  8,  9,  68.  —  Lotz  L,  471.  —
Say  nimmt  drei  Zweige  des  Einkommens  an,  nämlich  Grundrente,
Kapitalrente  und  Industriegewinn,  und  in  diesem  wieder  drei
Abteilungen,  nämlich  die  Einkünfte  der  Unternehmer,  Gelehrten
und  Lohnarbeiter.  (Handb.  IV.,  49,  97).  Ebenso  Prittwitz  Volkswirtsch.
  §.  464  und  Roscher  I.,  §.  195,  der  den  Ausdruck  Unternehmerlohn ­
  braucht.  Del.  Valle.  Corso  de  Ec.  p.  89,  stellt  fünf
Zweige  des  Einkommens  (bajo)  auf,  indem  er  den  Industriegewinn
Says  sogleich  in  drei  Teile  auflöst).  Es  ist  dem  Wesen  der  Sache
am  meisten  angemessen,  den  Gewerbsverdienst  als  ein  eigentümliches
Einkommen  anzusehen,  welches  aus  der  Verbindung  der  Arbeit  und
des  Kapitals  entspringt  und  in  welchem  der  Anteil  nicht  auszuscheiden ­
  ist,  den  jede  dieser  beiden  Ursachen  an  ihrer  gemeinschaftlichen ­
  Wirkung  hat.  (Storch  I.,  180.  —  Ganilh.  Dictionn.
analyt.  S.  358.  —  Hermann,  S.  148.  —  Courcelles-Seneuil  im  Diet,
d'écon.  pol.  II.  und  andere).«
Mangoldt  ')  fasst  nach  einer  ausführlichen  Darstellung  der
Geschichte  der  wissenschaftlichen  Abhandlungen  über  den  Unternehmergewinn ­
  dieselbe  in  ungefähr  dieser  Rekapitulation  zusammen  :
Die  älteren  Schriftsteller  waren  der  Ansicht,  dass  in  dem  Besitze
von  Produktionsmitteln  (Kapital)  auch  die  Veranlassung,  ja  die
Pflicht  des  Unternehmens  läge.  Smith  und  seine  Nachfolger:  Malthus,
Ricardo,  Culloch  sagen  :  alles,  was  nach  Ersatz  der  aufgewendeten
Kosten  übrigbleibt,  ist  Kapitalgewinn.  Bald  jedoch  fanden  einige
neuere  Engländer  :  Read,  Senior,  Stuart  Mill,  dass  im  Kapitalgewinne
ein  Gefahrersatz  und  ein  Ersatz  für  die  persönliche  Thätigkeit  des
Unternehmers  enthalten  sei.  Die  Franzosen  :  Say,  Dunoy  er.  Garnier,
Droz  dagegen  fassten  den  Unternehmergewinn  als  Arbeitslohn  auf.

')  Die  Lehre  vom  üiiternehinergewiun  (Leipzig  1855).
        <pb n="21" />
        5

Später  trat  die  IJnterscheidiing  zwischen  Arbeitslohn  und  Unternehmerlohn
  auf,  und  zugleich  wurde  die  Wirkung  untersucht,  welche
das  Kapital  auf  diesen  ausübt.  So  gelangten  insbesondere  deutsche
Nationalökonomen  zu  vermittelnden  Anschauungen  zwischen  den
englischen  und  französischen  Schriftstellern,  wobei  sich  dieselben
jedoch  entweder  da-  oder  dorthin  mehr  neigten,  bis  endlich  das
Geschäft  des  Unternehmers  ganz  von  der  Thätigkeit  der  einzelnen
Produktionsfaktoren  getrennt  wurde.
.  Peide  Zusammenstellungen  haben  den  Fehler,  dass  sie  bloß
die  historischen  Ansichten  über  den  Unternehmergewinn  systematisiert ­
  haben,  ohne  darauf  hinzuweisen,  wie  dieselben  teils  aus  der
historischen  Entwickelung  des  Unternehmens  selbst,  teils  aus  den
wirtschafts-politischen  Tendenzen  der  betreffenden  Schriftsteller  entstanden ­
  sind.
Smith  nun  und  die  Anhänger  seiner  Schule  konnten  sich  den
Unternehmer  nur  als  Kapitalisten  denken,  weil  sie  ja  in  den  Händen
der  Unternehmenden  stets  Kapital  sahen,  weil  wohl  auch  wirklich
zumeist  Kapitalisten  Unternehmer  waren.  Es  war  dies  also  eine  aus
der  Wahrnehmung  gefolgerte  empirische  Auffassung,  aus  welcher
die  Vermischung  von  Kapitalzins  und  dem  eigentlichen  Unteriiehmergewinn
  resultierte,  und  später  doch  wenigstens  die  Annahme,
dass  der  Kapitalzins  ein  integrierender  Teil  des  nKapitalgewinnesu
sei.  Ein  anderes  Merkmal  dieser  Schule  ist,  dass  man  unter  diesen
Kapitalen  (nach  Smith  «gesammelte  Arbeit«)  nur  das  außerhalb
der  Person  liegende  Vermögen,  also  nicht  auch  persönliche  Kraft
und  Fähigkeiten,  und  in  diesem  außerpersönlichen  Vermögen  nur
das  bewegliche  Kapital,  die  zu  Geld  gewordene  Arbeit  oder  die  zu
Tauschgütern  gewordene  Natur  und  Arbeit,  dagegen  nicht  Grund
und  Boden  verstand.  Endlich  dachte  man  sich  den  Unternehmer
nicht  als  thätige  Person,  weil  ja  der  Kapitalist,  wenigstens  der
große  Kapitalist  nicht  physische  Arbeit  verrichtete,  damals  nicht
und  heute  nicht;  es  hängt  also  diese  Anschauung  mit  der  erstgenannten ­
  zusammen.  Man  nahm  also  an,  dass  der  Unternehmer
stets  fremde  Arbeit  verwerte.  Aus  diesen  drei  fundamentalen  Gesichtspunkten ­
  resultiert  von  selbst,  dass  man  das  Wesen  der  reinen
Unternehmerthütigkeit  ganz  und  gar  verkannte.
Was  nun  den  Gewinn  aus  dem  Unternehmen  anbelangt  so
kennzeichnet  Adam  Smith  *)  selbst  seine  Theorie  über  denselben  vor

tn  o  Natur  und  die  Ursachen  des  Nationalreichtumes.
  3  Bande.  Aus  dem  Engl,  von  Dörrien  und  Garve.  (Wien  1814.)
        <pb n="22" />
        6

allem  darin,  dass  er  nur  einen  »Gewinn«  annimmt,  und  dieser
Gewinn  stets  aus  dem  Kapital  entstehe,  dass  nämlich  das  Kapital,
sobald  es  sich  in  'den  Händen  Einzelner  angesammelt  hat,  von  Einigen
derselben  dazu  verwendet  werde,  Arbeiter,  die  sie  mit  Material  und
Unterhalt  versehen,  arbeiten  zu  lassen,  um  durch  den  Verkauf  der
Produkte  dieser  Arbeiter  oder  durch  das,  was  deren  Arbeit  dem
Werte  des  Materials  hinzufügt,  einen  Gewinn  zu  machen.  Dem  entsprechend ­
  leitet  er  schon  sein  Werk  mit  folgenden  Worten  ein  :  »Von
den  Ursachen,  durch  welche  die  hervorbringenden  Kräfte  der  Arbeit
vermehrt  werden,  und  von  den  Regeln,  nach  welchen  sich  die
Erzeugnisse  derselben  unter  die  verschiedenen  Klassen  der  Gesellschaft ­
  natürlicherweise  verteilen«  und  bei  ihm  ist,  wie  wir  das
schon  oben  als  Merkmal  seiner  Schule  angegeben,  Kapitalzins  und
Unternehmergewinn  vollständig  verschmolzen,  so  zwar,  dass  er  den
exakten  Satz  aussprechen  konnte:  »die  Zunahme  von  Kapitalien
erhöht  den  Arbeitslohn,  aber  den  Gewinst  von  diesen  Kapitalien
macht  sie  geringer«.  Wie  deutlich  ist  es  hier,  dass  Zins  und  Unternehmergewinn ­
  mit  gänzlicher  Verkennung  beider  vermischt  sind;
denn  die  Zunahme  von  Kapitalien,  wird  wohl,  wenn  nicht  neue  Unternehmungen ­
  in  gleichem  Verhältnis  entstehen,  den  Kapitalzins  verringern, ­
  aber  den  Unternehmergewinn  des  Einzelnen  gewiss  nicht.
Smith  gebraucht  dort,  wo  wir  »Unternehmen«  sagen  würden,  das
Wort  »Kapital«  :  »Die  Handelsleute  klagen,  wenn  der  Gewinn
geringer  wird,  dass  der  Handel  abnehme,  und  gerade  das  ist  ein
Zeichen  seines  Steigens,  weil  mehr  Kapital  angewendet  worden  ist«  ;
würden  wir  hier  nicht  gerne  sagen  »weil  mehr  Unternehmungen  entstanden ­
  sind«  ?  Was  freilich  nach  der  Anschauungsweise  Smiths  vollständig ­
  gleichbedeutend  ist.
An  Smith  reiht  sich  zunächst  Malthus  ')  an.  Er  teilt  (S.  233)
den  Ertrag  der  Produkte  in  Lohn,  Rente  und  Kapitalgewinn,  und  der
letztere  besteht  nach  ihm  seinem  ganzen  Umfange  nach,  den  Kapitalzins ­
  inbegriffen,  in  der  Differenz  zwischen  dem  Gestehungswerte  des
Produktes  und  dem  Tauschwerte  desselben  und  wechselt  daher,  je
nachdem  sich  das  Verhältnis  zwischen  diesen  beiden  Werten  ändert.
Ricardokennt  auch  nur  einen  Kapitalgewinn  im  Gegensätze
zu  dem  Einkommen  der  Grundrente  und  des  Arbeitslohnes.  Auch
M.  Culloch®)  spricht  nur  von  drei  Teilhabern  an  den  Produkten:
*)  Principes  d’économie  politique,  trad,  par  Maurice  Monjeau  (Paris  1846).
.  ’)  Principles  of  political  economy  and  taxation  (1817)  ch.  6,  21.
®)  Principles  of  political  economy  (London  1830)  S.  364.
        <pb n="23" />
        Arbeiter,  Kapitalisten,  die  er  stets  als  Unternehmer  ansieht,  und  Grundbesitzer. ­
  Unter  den  deutschen  Nationalökonomen  gehen  ganz  mit
Smith:  Kraus’)  der  als  Einkommenszweige  die  Bodenrente,  den
Arbeitslohn  und  den  Verlagsprofit  aufstellt,  dann  Schlözer’),  welcher
den  über  den  gehabten  Aufwand  erzielten  Überschuss  kurz  als
Kapitalgewinn  bezeichnet,  und  Nebenius»).
Samuel  Read^)  war  unter  den  Engländern  der  Erste,  welcher
in  dieser  Schule,  auch  eine  eigene  Thätigkeit,  eine  eigene  nArbeit«
des  Unternehmers  erkannte.  Er  sagt:  «Es  scheint  klar,  dass  als
Gewinn  des  Vermögens  (Profit  of  stock)  nichts  angesehen  werden
kann,  als  was  dafür  ohne  die  Arbeit  erlangt  werden  kann,  dasselbe ­
  persönlich  anzuwenden,  oder  seine  Anwendung  zu  produktiven
Zwecken  zu  überwachen,  weil  alles,  was  vermittelst  solcher  Arbeit
erlangt  wird,  Lohn  ist  und  auf  diese  Bezeichnung  eben  so  gerechten ­
  Anspruch  hat,  als  das,  was  durch  irgend  eine  beliebige
andere  Art  der  Arbeit  erworben  wird.«
Damit  war  der  erste  beziehungsweise  der  dritte  Punkt  der
Smithschen  Theorie  vom  Kapitalgewinn  gefallen,  zugleich  aber  auch
die  Richtung  angegeben,  in  welcher  die  Freunde  des  Kapitals  vorwärts ­
  schreitend,  die  Unternehmerthätigkeit  zur  Arbeit  herabdrückten.
Ein  Schritt  der  Wahrheit  entgegen,  wurde  in  einem  Aufsatze
der  nQuarteily  Review«  Bd.  XLIV,  S.  1—52  gemacht,  welchen  Rau,
wie  wir  gesehen  haben,  Senior  zuzuschreiben  geneigt  ist.  Dort  wird
neben  dem  Gewichte,  welches  auf  die  eigene  nArbeit«  des  Unternehmers ­
  gelegt  wird,  auch  zum  erstenmal  die  Gefahr  hervorgehoben,
welcher  sich  derselbe  aussetzt,  immer  aber  noch  der  Unternehmer
als  Kapitalist  gedacht,  und  unter  Kapital  nur  das  außerpersönliche
Kapital  einerseits  und  nur  das  nicht  im  Grund  und  Boden  befindic
  le  andererseits  verstanden.  Im  Kapitalgewinne  unterscheidet  dieser
Au  or  vier  Bestandteile:  1.  Kapitalzins,  oder  was  man  ohne  persöidiche
  Arbeit  oder  Gefahr  erlangen  kann;  2.  Assekuranz  für  die
^etahr  des  besonderen  Geschäftes,  auf  welches  das  Kapital  veril ­
  T  wird,  3.  Arbeitslohn  für  die  persönliche  Leitung,  das  Talent
1  Kapitalisten  ;  4.  Monopolgewinn,  wie  er  aus
em  esi  ze  ausschließlicher  Vorteile,  als  geheimer  oder  patentierter

Öffentlichen  Kredits  (Karlsruhe  1829)
or  Wealth  """  ""  Vendible  l’ropertj
        <pb n="24" />
        8

Verfahningsreisen  oder  Instrumente,  vorteilhafterer  Verbindungen
günstigerer  Lage  u.  s.  w.  hervorgeht.  Wir  sehen,  dass  er  in  dein
ersten  Teile  des  Unternehmergewinnes  den  Kapitalzins  (Interest  of
capital)  als  einen  Bestandteil  des  von  den  früheren  Schriftstellern
"  genannten  Kapitalgewinn  ansieht,  und  nur  noch
neue  Bestandteile  hinzufügt.
Nicht  wesentlich  unterschieden,  oder  wenigstens  durchaus  nicht
widersprechend,  ist  die  von  Senior  in  seinem  Werke  «Outline  of  the
Science  of  Politikal  Economy«  (London  1836)')  ausgesprochene
heorie  welche  unter  »Profit«  Zinsrente  und  Gewerbsgewinn  zusammenfasst, ­
  jedoch  in  zwei  diesen  beiden  Einkommensarten  entspiechende
  Teile  teilt.  Ähnlich  äußert  sich  John  Stuart  Mill  ''),  nach
welchem  der  Kapitalgewinn  in  drei  Teile  zerfällt:  Zinsen,  Versicherungsprämie ­
  und  Lohn  der  Beaufsichtigung.  Er  unterscheidet  wohl
Arbeiter  und  Kapitalisten,  und  erkennt  sowohl  die  eigene  Thätigkeit
  als  anmh  die  (Gefahr  des  Unternehmers,  aber  er  denkt  sich  ihn
docliials  EuipihaBsten,  und  fasst  den  Zm«  als  integrierenden  TeB
des  Kapitalgewinnes  auf,  ohne  sich  von  der  Anschauung  dieser
freimachen  zu  können,  und  auch  die  persönliche  Kraft  und
Fähigkeit  einerseits  und  Grund  und  Boden  andererseits  zum  Kapitale ­
  zu  rechnen,  was  übrigens  noch  lange  nicht  zur  herrschenden
Meinung  wird.
Die  Franzosen  sind  es,  die  mit  Sayi)  beginnen,  das  Einonamen
  aus  dem  eigentlichen  Unternehmen,  sie  sagen  aus  der
^Industrie«,  und  aus  dem  Kapitale  zu  trennen,  indem  sie  erkennen
dass  der  Unternehmer  nicht  zugleich  auch  Kapitalist  sein  müsse!
Es  wird  also  ein  neuer  Stein  aus  dem  Gebäude  der  Smithscheii
1  heorie  gebrochen  u.  zw.  der  wichtigste;  aber  auch  auf  die  moralische, ­
  auf  die  eigentliche  Unternehmerthätigkeit  wird  zum  erstenmal^e
  hingewiesen,  und  so  bleibt  von  dem  Smithschen  Lehrgebäude
nichts  mehr  übrig,  als  dass  man  zu  dem  Uiiternehnierkapital  noch
immer  nicht  den  Besitz  von  Grund  und  Boden  zählt.
Say  kennt  drei  Einkommensarten:  Das  Industrie-Einkommen
(Kap.  VIL,  2.  Buch),  das  Einkommen  aus  Kapitalien  (Kaj*.  VIIL,
2.  Buch)  und  das  Einkommen  aus  Grundstücken  (Kap.  IX.,  2.  Buch),
')  Neueste  Ausgabe  1858.
’)  Grundsätze  der  politischen  Ökonomie.  Aus  dem  Kngl.  von  A  Soetbeer
(Hamburg  1852).
2  Darstellung  der  Nationalökonomie.  Aus  dem  Franzos,  von  Mörstadt ­
  (Stuttgart  1833).
        <pb n="25" />
        9

und  teilt  das  erstere  wiederum  in  die  Gewinste  1.  der  Unternehmer,
2.  der  Lohnarbeiter,  3.  der  Gelehrten  (de  la  classe  savante).  Den
prinzipiellen  Unterschied  zwischen  der  englischen  Schule  spricht  Say
auf  Seite  202  aus:  «Für  jetzt  ist  es  unsere  Aufgabe,  denjenigen
Einkommensteil  zu  erfassen,  welchen  der  Unternehmer  als  Unternehmer ­
  bezieht.  Späterhin  werden  wir  dann  untersuchen,  was  derselbe ­
  oder  ein  anderer  durch  ihn  —  als  Kapitalist  bezieht.  Ihrer
Feinheit  ungeachtet,  ist  diese  Unterscheidung  doch  sehr  wesentlich  ;
(enn  in  denjenigen  Unternehmungen,  wobei  mehrere  Personen  beigt
  sind.  —  die  einen  vermöge  ihrer  Arbeit,  die  anderen  aber
vermöge  ihrer  Kapitale  macht  jeder  diejenigen  Vorteile  geltend,
welche  sein  Beitrag  der  Unternehmung  zuführt.«  Er  findet,  dass
der  Unternehmer  eine  ganz  eigenartige  Thätigkeit,  die  «Gewerbsthätigkeit«,
  entwickelt:  «Die  Kapitalien  haben  durchaus  keinen
Grund,  sich  gewissen  Produktionen  eher  als  anderen  zuzuwenden,
sie  haben  weder  Neigung  noch  Willen.  Das  Wahre  ist,  dass  man
en  Unternehmungen,  welche  einen  größeren  Gewinn  ab  werfen,  mehr
api  a  zuwendet,  dass  aber  der  größere  oder  geringere  Gewinn,
en  man  aus  diesen  Unternehmungen  zieht,  derjenige  ist,  der  aus
er  Gewerbsthätigkeit  der  Unternehmer  hervorgeht«  ’).  Während
tMnith  der  Ansicht  ist,  dass  die  Zunahme  von  Kapitalien  den  Gewins
  geringer  mache,  sagt  Say:  »Am  teuersten  wird  die  Industrie
bezahlt,  wo  die  meisten  Grundstöcke  und  Kapitalien  liegen«.  Dieser
idersprucli  ist  in  dem  Unterschiede  ihrer  fundamentalen  Anschauheglündet.
  Nach  Say  werden  die  Industriedienste  um  so
s  r  er  ezahlt  »1.  je  gefährlicher  oder  widerwärtiger  die  Arbeiten
Wnor  ^"/";'g\=tetig  die  Beschäftigung  ist,  3.  je  mehr  angerener
  lalente  und  erworbene  Geschicklichkeit»)  sie  voraussetzen«
und  zwar  deshalb,  weil:  »«)  entweder  die  Arbeiten  dieser  Industrie
init  Gefahren  oder  auch  bloß  mit  Widerwärtigkeiten  verknüpft  sind,
;  oder  sie  gewahren  keine  stetige  anhaltende  Beschäftigung,  c)  oder
M  Geschicklichkeit,  ein  Talent  von  ungewöhnlicher
Sehrift  Í  ortschritt  von  höchster  Bedeutung  macht  dieser
)  Vergleiche  Xenophon,  Oixovofnxòç.  Cap.  II.  18.
Kapital^’'’'  Naturgeschenk,  teils  ein  angehäuftes
        <pb n="26" />
        10

Funktionen  erheischen,  und  3.  durch  die  von  ihm  zu  tragende  Gefahr.« ­
  /u  Punkt  1.  gehöre  Kapital  oder  Kredit,  zu  2.  Beurteilungskraft, ­
  Beharrlichkeit,  Menschen-  und  Sachkenntnis,  zu  3.  die  Gefahr ­
  des  Unternehmers  nicht  nur  sein  Vermögen,  sondern  auch
seine  Ehre*)  zu  verlieren.  —  Sav  ist  übrigens  der  erste,  welcher
dem  Unternehmer  unter  den  produzierenden  Personen  die  erste
Stelle  einräumt,  er  stellt  ihn,  wie  später  Koscher  und  Schäffle,  über
den  Kapitalisten  und  Arbeiter.  ^Gerade  in  dieser  Klasse  (der  Unternehmer) ­
  wird  fast  alles  große  Vermögen  erworben«,  weil  der  Unternehmer ­
  der  Vermittler  «zwischen  Grundeigentümer  und  Kapitalisten, ­
  zwischen  dem  Gelehrten  und  Handarbeiter,  zwischen  allen
Klassen  von  Produzenten  und  zwischen  letzteren  und  den  Konsumenten« ­
  ist;  «er  profitiert  von  dem,  was  andere  wissen  und  nicht
wissen,  und  von  jedem  zufälligen  Vorteile  der  Produktion.«
Says  Nachfolger  wurden  wie  in  manch  anderer  Kichtung  auch
in  der  Lehre  vom  Unternehmergewinne  unter  den  Franzosen:  Dunoyer
  in  seinem  Buche  «De  la  liberté  du  travail«  (1845,  3  Teile)
und  Joseph  Garnier  in  seinen  «Elements  de  l’économie  politioue«
Weit  voraus  der  historischen  Schule  deutscher  Nationalökonomen ­
  eilt  Hufeland®).  Die  Ergebnisse  seiner  Erwägungen  sind  in
Bezug  auf  die  Theorie  über  den  Unternehmergewinn  dieselben,  welche
die  deutschen  Gelehrten  erst  vierzig  Jahre  später  erreicht  haben.
Er  ist  ein  durchaus  origineller  Denker  und  hat  Smith  und  Say  in
unserem  Thema  überflügelt.  «Ganz  genau  betrachtet«,  sagt  er,  «ist
der  Gewinn  des  Unternehmers,  wenn  man  abzieht  1.  den  Arbeitslohn ­
  mit  Gewinn,  2.  den  Ersatz  des  Kapitals,  3.  den  Ersatz  für  die
Gefahr,  den  möglichen  Schaden,  eigentlich  außer  dem  Gewinne,
den  jeder  Kapitalist,  der  auch  sein  Kapital  nicht  selbst  verwendet,
zieht,  teils  Gewinn,  den  er  wegen  der  größeren  Gefahr  zieht,  die  er
als  eigener  Anwender  des  Kapitals  trägt,  teils  eine  Rente  seiner
Talente  und  sonstigen  Eigenschaften.«
Ganz  auf  dem  Standpunkte  Says  und  nicht  wie  Mangoldt  aunimmt,
  sich  der  Smithschen  Schule  nähernd,  weil  diese  Schriftsteller
gerade  so  wie  Say  die  geistige  Kraft  und  Fähigkeit  des  Unternehmers ­
  als  Kapital  ansehen,  nur  eine  andere  aus  sozialistischer
*)  Siehe  Koscher.
*)  Eine  Ausgabe  von  1860  unter  dem  Titel:  „Traité  de  l’économie
politique.«
*)  Neue  Grundlage  der  Staatswirtschaftskunst.  Kd.  I  (Gießen  1807).
        <pb n="27" />
        arbeiterfreundlichen  Tendenz  entsprungene  Nutzanwendung  machen,
befinden  sich  Sismondi  und  Rossi  ;  sie  legen  eben  nicht  wie  Say,
sondern  wie  Smith  in  ihren  Theorien  über  den  ünternehmergewinn
den  Hanptnachdruck  auf  das  Kapital  als  güterbildenden  Faktor.  Sie
erkennen  sehr  gut  die  moralische  Thätigkeit  des  Unteruehmers,
trennen  sie  zuerst  durch  empirische,  erkenntnisforschende  Erwägung
vom  Kapital,  fügen  sie  jedoch  daun  wieder  in  gewaltsamer  Weise
zusammen.  Sismondi')  sagt:  «Der  Wille,  der  Entschluss,  ein  Gut
anzuwenden,  gehören  notwendig  zum  Begriffe  des  Kapitals,  ebenso
wie  der  Entschluss,  seine  Glieder  zu  rühren  und  ihnen  eine  bestimmte ­
  Richtung  zu  geben,  zum  Begriffe  der  Arbeit,  und  ebensowenig ­
  wie  man  vom  Arbeiter  sagen  kann,  er  bekomme  eine  Entschädigung ­
  für  seine  Arme  und  eine  andere  für  den  Willen,  sie  zu
gebrauchen,  und  für  die  Intelligenz,  welche  er  bei  diesem  Gebrauche
aufwendet,  ebensowenig  kann  man  in  Bezug  auf  den  Kapitalisten
sagen,  ein  Gewinn  sei  für  das  materielle  Gut  und  ein  anderer  für
die  Aufsicht  und  Leitung.«  Auch  Rossi’)  sieht  die  persönlichen
Kräfte  und  Fähigkeiten  in  diesem  Sinne  als  Kapital  an,  beziehungsweise ­
  die  ünternehmerthätigkeit  als  einen  integrierenden  Teil  des
Kapitals.  Sie  Beide  hätten  recht,  wenn  ünternehmerthätigkeit  und
Kapital  ebenso  einer  Person  angehören  müssten,  wie  der  Arbeitswille
und  der  Arm  des  Arbeiters.
Der  letzte  Punkt  der  Smithschen  Theorie  über  den  Unternehmergewinn ­
  fällt  mit  den  auf  merklich  historischer  Grundlage  aufgeführten ­
  Erwägungen  Courcelle-Seneuils®),  welcher  den  Unternehmergewinn ­
  streng  vom  Lohne  und  Kapitalgewinne  sondert  und
ihn  auf  eine  Entschädigung  für  die  gelaufene  Gefahr  zurückführt.
Obgleich  er  sich  vor  allem  dadurch  von  Say  und  dessen  Schule
unterscheidet,  dass  er  der  erste  ist,  der  den  Besitz  von  Grund  und
Boden,  auch  als  Kapital  betrachtet,  wie  wir  ja  sehen,  dass  er  keinen
Gewinn  aus  Grundeigentum  speziell  aufstellt:  so  steht  doch  seine
endenz  zu  der  Says  in  enger  Verwandtschaft,  weil  er  den  Unterne
  mer  nicht  als  eine  vom  Kapital  dirigierte  Person  betrachtet,
sondern  die  Wahrheit  erfasst,  dass  die  Produktionsfaktoren,  also
auc  d^s  Kapital  umgekehrt,  vom  Unternehmer  dirigiert  werden.
Aber  nicht  wie  Say  legt  er  den  Hauptnachdruck  auf  diese  ünter-’)

  Nouveaux  principes.  I.  (Paris  1822).
*)  De  la  Distribution  de  la  richesse  (Bruxelles  1861).
*)  »Profit«  in  :  Coquelin  et  Couillaumin,  Dictionnaire  d’économie  politique.
        <pb n="28" />
        12

nehmerthätigkeit,  sondern  begnügt  sich  mit  einer  strengen  Teilung
der  Einkommensarten.  ”
Ihm  gingen  Storch  ’)  und  einige  deutsche  Schriftsteller  voraus, ­
  welche  die  strenge  Trennung  in  der  Güterverteilung  und  den
historischen  Standpunkt  gemeinsam  haben,  ohne  unter  den  Faktoren,
welche  zum  Unteruehmergewinn  beitragen,  auf  die  eigentliche  ünternehmerthätigkeit
  ein  besonderes  Gewicht  zu  legen.
Schön  )  sagt,  dass  der  ünternehmergewinn  jene  Quote  des
Unternehmers  sei,  welche  der  Überschuss  des  Produktionspreises
über  die  Preise  der  Arbeit,  Grund-  und  Kapitalnutzung  nach  Ersatz
des  umlaufenden  Kapitales  ist.  Er  trennt  den  Unternehmergewinn
von  Grundrente,  Arbeitslohn  und  Kapitalzins,  seine  Theorie  hat  also
mit  der  Courcelle-Seneuil’s  viel  Verwandtschaft  mit  dem  Unterschiede, ­
  dass  er  eben  die  Grundrente  als  eine  eigene  Einkommensart ­
  auffasst.
IliedeF)  führt  aus,  dass  der  ursprüngliche  Erwerb  lediglich
von  der  Klasse  der  Unternehmer  gemacht  wurde.  Im  Gewinne  des
Unternehmers  erschienen  alle  anderen  für  Benützung  ihrer  Produktionsmitteln ­
  zu  machenden  Ausgaben  als  Kosten  ;  er  sei  jener  Gewinn, ­
  welcher  dem  Unternehmer  lediglich  in  der  besonderen  Eigenschaft ­
  zufällt,  durch  welche  er  sich  eben  als  Unternehmer  auszeichnet. ­
  Riedel  hat  die  volle  Wahrheit  gefunden.  Seine  Theorie  ist
als  empirische  Schlussfolgerung  doch  ein  Satz  von  exakter  Wahrheit ­
  und  zwar  darum,  weil  er  nicht  durch  das  Bemühen  zu  atomisieren
  von  der  Hauptsache  abgelenkt  worden  ist.
Eine  Reihe  deutscher  Schriftsteller  folgen  dieser  Theorie,  nur
dass  sie  einen  ganz  besonderen,  einen  tendenziösen  Nachdruck  auf
die  »Unternehmerarbeita  legen,  jene  moralische  Thätigkeit,  welche
im  Begriffe  des  Unternehmens  enthalten  ist.
LotzÜ  kennt  neben  dem  Lohne  für  die  Leitung  eines  Unternehmens ­
  noch  den  eigentlichen  Unternehmergewinn.  Er  führt  aus,
dass  sich  ein  Teil  der  Arbeitslöhne,  oder  das,  was  der  Unternehmer
weniger  an  Arbeitslöhnen  ausgezahlt  hat,  als  der  Wert  der  Arbeit
ist,  im  Unternehmergewinne  befände;  obgleich  er  also  seine  Theorie
*)  Handbuch  der  Nationalwirtschaftslehre,  aus  dein  Französ.  von  Rau
(Hamburg  1819).
')  Neue  Untersuchungen  der  Nationalökonomie  und  der  natürlichen  Wirtschaftsordnung ­
  (Stuttgart  1815).
®)  Nationalökomie  (1839).
b  Handbuch  der  Staatswirtschaftslehre  (Erlangen  1837).
        <pb n="29" />
        13

auf  die  wirkliche  Unternehmerthätigkeit  aufgebaut  hat,  so  ist  seine
Tendenz  dem  Unternehmer  keineswegs  freundlich.  Schon  die  Theorie
und  Tendenz  Jacobs  ')  gehört  aber  ganz  in  diese  auf  die  Unternehmerarbeit ­
  das  Hauptgewicht  legende  Richtung.  Er  sagt,  der
Profit  des  Unternehmers  sei  der  Lohn  für  die  Arbeit,  Mühe,  Geschicklichkeit, ­
  Gefahr  etc.,  also  Arbeitslohn,  persönlicher  Lohn.  Auch
Prittwitz'•*)  spricht  in  der  Lehre  von  der  Güterverteilung  in  derselben
Weise  überden  Unternehmergewinn.  Schüz*)  rechnet  den  Unternehmergewinn
  zum  Lohne,  indem  er  ihn  aus  zwei  Teilen  zusammensetzt:
1.  aus  dem  Lohne  für  die  Thätigkeit  des  Unternehmers,  2.  aus  der
Prämie  für  seine  Gefahr.  Hildebrand  folgt  in  Theorie  und  Tendenz ­
  dieser  Richtung,  und  Thünen  bezeichnet  gleich  mehreren
seiner  Vorgänger,  insbesondere  Schön  und  Riedel,  jenen  Ueberschuss,
welcher  dem  Unternehmer  zu  bleiben  pflegt,  nachdem  er  von  dem
Gesamtgewinne  die  Kapitalzinsen,  eine  Assekuranzprämie  und  die
Besoldung  eines  Geschäftsführers  in  Abzug  gebracht  hat,  als  Unternehmergewinn. ­
  Wir  begegnen  hier  das  erstemal  dem  neuen  Ge-S'D
  en,  dass  die  Gefahrsprämie  kein  integrierender  Teil  des  Unterue
  meigewinnes  ist,  sondern  nur  das  Uuternehmergewinn  sei,  was
nach  Abzug  der  Gefahrsprämie  bleibt.
Noch  Roscher,  der  zwar  seine  Methode  in  seiner  «Einleitung«
eine  «philosophische«  nennt,  gehört  in  diese  historische  Schule
eutscher  Nationalökonomen,  welche  den  Unternehmergewinn  von
allen  anderen  Einkommensarten  streng  trennen  und  ihn  als  den
ohn  einer  ganz  eigenen,  der  Unternehmerthätigkeit  ansehen.
Bei  Roscher®)  tritt  uns  eine  Theorie  des  Unternehmens  selbst
entgegen.
»Das  Wesentliche  einer  Unternehmung  im  nationalökonomischen
j^inne  des  Wortes«,  schreibt  er,  «besteht  darin,  dass  für  den  Vere
  r  auf  eigene  Gefahr  produziert  wird.«  Was  dieser  eklatanteste
er  reter  der  historischen  Methode  damit  als  Unternehmen  nicht
okkupatorische,  das  Natural-Unternehmen,  welches
i^c  ür  den  Verkehr'produziert.  Doch  darauf  kommen  wir  in  den
)  Gjundsätze  der  Nationalökonomie  (Halle  1826).
)  Volkswirthschaftslehro  (Mannheim  1846).
)  Giundzüge  der  Nationalökonomie  (Tübingen  1843).
)  Nationalökonomie  der  Gegenwart  und  Zukunft  (Frankfurt  a.  M.  1848).
)  Der  naturgemäße  Arbeitslohn  (Rostock  1860).
uehmerlow”'^*^^^"  Nationalökonomie  (Cotta  1873).  Kapitel;  »Unter-
        <pb n="30" />
        empirischen  Untersuchungen  des  dritten  Teiles  unseres  Buches
zurück.
nlm  Antange  jeder  Volkswirtschaft«,  führt  Koscher  aus,  nist
natürlich  die  Selbstproduktiou  der  Konsumenten  überwiegend,  späterhin, ­
  bei  etwas  mehr  entwickelter  Arbeitsteilung,  die  erst  gelegentliche, ­
  dann  berutsmäßige  fixierte  Übernahme  von  Bestellungen;
höherer  Kulturstufe,  zumal  auch  bei  der  hier  immer
größeren  Freiheit  der  Arbeiter,  der  Kapitalien  und  des  Verkehres,
die  Unternehmungen  eine  immer  wachsende  Bolle  zu  spielen  und
immer  mehr  auf  eigene  Gefahr  gestellt  zu  werden  pflegen.«  Den
Unternehmergewinn  nennt  er  nUnternehmerlohn«  und  sagt  von  ihm:
»Dieser  Unternehmerlohn  gehorcht  nun  weséntlich  denselben  Naturgesetzen, ­
  wie  der  Arbeitslohn  überhaupt.  Nur  insofern  unterscheidet
er  sich  von  allen  übrigen  Eiukommenszweigeu,  als  er  nie  ausbedungen ­
  werden  kann,  vielmehr  in  dem  Überschüsse  besteht,  welchen
der  Ertrag  der  Unternehmung  über  alle  ausbedungenen  oder  landesüblich ­
  berechneten  Grundrenten,  Kapitalzinseu  und  niederen  Arbeitslöhne ­
  darbietet.«  Wie  innig  er  sich  an  Say  anlehnt,  erhellt  daraus,
dass  er  die  Höhe  des  Unternehmergewinnes  a)  von  den  persönlichen
Eigenschaften,  h)  von  der  Gefahr  des  Vermögens  und  der  Ehre,
c)  von  den  Unannehmlichkeiten  abhängig  macht,  dass  er  sagt:
»Wenn  das  Geschäft  übel  geht,  so  kann  sich  der  besoldete  Direktor
in  ein  anderes  berufen  lassen;  die  kummervoll  durchwachten  Nächte
hat  der  Unternehmer  und  —  wie  oft  sind  dergleichen  Nächte  produktiv!« ­
  Weiters  beweisen  dies  Sätze  wie:  »Der  Unteruehmerlohu
ist  derjenige  Zweig  des  Volkseinkommens,  worin  die  meisten  neuen
Keichtümer  gebildet  werden«  und:  »Man  darf  nicht  vergessen,
dass  die  in  wirtschaftlichen  Dingen  sachkundigsten,  scharfsichtigsten
und  rühiigsten  Menschen  eben  der  Unteruehmerklasse  angehören.«
Einen  ähnlichen  Standpunkt  nehmen  die  vor  Koschers  Auftreten ­
  bekannt  gewordenen  Schriftsteller  Eisein  und  Kau  ein,  und
ich  nenne  sie  nur  deshalb  nicht  unter  den  vorigen,  weil  sie  die
notwendige  und  charakteristische  Eigenschaft  der  Gefahr,  welche
Koscher  im  Unternehmen  findet,  mit  dem  Unternehmergewinn  nicht
in  Verbindung  bringen  und  Unternehmungen  voraussetzten,  welche
ohne  die  Eigenschaft  der  Gefahr  gedacht  werden  können.
Eisein  ')  kommt  durch  die  Erwägung,  dass  im  Unternehmergewinne ­
  einerseits  eine  Art  Arbeitslohn  als  Vergeltung  für  die

*)  Die  Lehre  von  der  Volkswirtschaft  (Halle  1843).
        <pb n="31" />
        15

Mühewaltung,  andererseits  eine  Entschädigung  für  die  etwa  mit  dem
Unternehmen  verknüpfte  Gefahr  eines  Verlustes  enthalten,  dass  diese
Entschädigung  aber  ganz  anderer  Natur  und  keineswegs  mit  einer
Versicherungsquote  zu  verwechseln  sei,  welche  der  Kapitalist  in  der
Miets-  oder  Zinsrente  dafür  bezieht,  dass  das  betreffende  Geschäft
ganz  oder  teilweise  missglücken  könne:  zu  dem  Schlüsse,  dass  der
Unter  nehmergewinn,  insofern  er  mit  dieser  Gefahr  in  Verbindung
steht,  oft  ein  wirklicher  Gewinn  ist,  welcher  dem  Mute,  sich  der
gedachten  Gefahr  ausgesetzt  zu  haben,  zu  teil  wird.  Diese  Schlussfolgerung ­
  ist  charakteristisch  und  bedeutend  deshalb,  weil  sie  so
klar  kein  anderer  Schriftsteller  ausspricht.  Eisein  kann  sich,  und
auch  das  ist  wichtig,  nicht  von  dem  Vorurteile  emanzipieren,  dass
es  auch  Unternehmungen  geben  könne,  die  mit  keiner  Gefahr  verbunden ­
  sind.  Hätte  er  das  gethan,  so  würde  er  in  der  Lage  gewesen ­
  sein,  seine  Theorie  auf  festeren  Boden  hinzustellen  und  bestimmter ­
  auszusprechen.
Auch  Kau  ')  kann  sich  in  diesem  Sinne  nicht  zu  einem  beimmten
  Gesetze  aufschwingen,  indem  er  eben  auch  der  Ansicht
sein  scheint,  dass  es  Unternehmungen  gäbe,  die  mit  keiner  Gefahr
verbunden  seien.  Seine  Theorie  gehört  dadurch,  dass  er  in  denselben ­
  keinen  Reinertrag  sieht,  einer  weit  älteren  Epoche  an,
obgleich  er  sehr  wohl  Arbeitslohn  und  Kapitalzins  von  dem  Unteruehmergewinne
  zu  unterscheiden  weiß.  Seine  Ansicht  über  das
Unternehmen  selbst  dagegen  ist  bestimmter  als  die  Roschers.  Es
ist  auffallend,  dass  Rau  trotz  des  sichtbaren  Ringens  nach  Wahr-^1
  1  tiotz  des  vielen  Trefflichen,  das  er  über  diese  Materie  unserer
ssenschaft  bringt,  nicht  dazu  kam,  den  Unternehmergewinn  im
einen  .rtrage  eines  Unternehmens  zu  suchen,  ln  §.  136  schreibt
wiiiü  T  ^^^^^Grnehmer:  »Derjenige,  welcher  seines  Gewinnes
len  die  Guterquellen  zum  Behufe  einer  gütereizeugenden  Wirkung
Verbindung  setzt,  ist  der  Unternehmer  eines  Pro-Gewerbes,
  der  Gewerbsmann.«  §.  137;  »Zu
der  gehört  Folgendes  :  1.  das  Zusammenbringen
1  ,  !■  er  IC  eu  Güterquellen,  wozu,  wenn  diese  überhaupt  vor-Art
  z
u^nehmer  eines  Gewerbes  empfängt  den  gesamten  (rohen]
Grundsätze  der  Volkswirtschaftslehre  (Heidelberg  1868).
        <pb n="32" />
        16

Ertrag  desselben,  welcher  aus  den  für  die  eigene  Verzehrung  bestimmten ­
  Erzeugnissen  und  aus  dem  Erlöse  des  verkauften  Teiles
derselben  besteht.  Hievon  hat  der  Unternehmer  denjenigen  Personen ­
  ,  die  ihm  bei  dem  Gewerbe  beistanden,  die  ausbeduugenen
Anteile  an  Grund-  und  Kapitalrente  und  Arbeitslohn  zu  entrichten,
ferner  die  Anschaffung  der  zum  Gewerbebetriebe  erforderlichen
Güter  zu  bestreiten,  insoferne  nicht  der  eine  oder  der  andere  dieser
Anteile  ihm  selbst  gebührt.  Was  ihm  nach  Abzug  dieser  Ausgaben ­
  (Gewerbskosten)  als  Vergütung  für  die  Beschwerden,  Mühen
und  Gefahren  seiner  Unternehmung  übrig  bleibt,  ist  der  Gewerbsverdienst,
  profit  de  Tentrepreteur,  nicht  ganz  angemessen  Gewerbsoder
  Unternehmergewinn  genannt.«  Wir  sehen,  dass  er  den  Kapitalzins ­
  für  eigene  Kapitale  und  den  Lohn  für  eigene  technische  Arbeit
in  den  Unternehmergewinn  einbezieht.  Gleich  weiter  schreibt  er:
«Ein  vertragsmäßiges  Ausbedingen,  wie  bei  den  drei  anderen  Zweigen
der  Einkünfte,  kann  bei  diesem  Einkommen  nicht  stattfinden,  weil
es  unmittelbar  von  dem  Erfolge  der  Unternehmungen  bestimmt
wird,  weshalb  auch  seine  Größe  anderen  Personen  am  wenigsten
bekannt  ist  und  nur  aus  verschiedenen  Kennzeichen  annähernd  vermutet ­
  werden  kann.  Wenn  aber  der  Gewerbsverdienst  ganz  wegfiele, ­
  so  würden  die  Unternehmungen  aufhören,  nur  etwa  solche
einfache  ausgenommen,  zu  denen  sich  einzelne  Arbeiter  entschließen,
um  fortwährend  in  ihrer  Beschäftigung  bleiben  zu  können,  oder
einzelne  Grund  -  und  Kapitalbesitzer,  um  sich  den  Bezug  einer
gewissen  líente  zu  sichern.«  —  »Dies  Einkommen«,  führt  er  weiter
aus,  «unterscheidet  sich  wesentlich  von  der  Kapitalrente,  welche  in
sehr  vielen  Fällen  vertragsmäßig  festgesetzt  wird  und  größtenteils
reines  Einkommen  ist,  aber  auch  von  dem  Lohne,  weil  es  ebenfalls
nicht  wie  dieser  ausbedungen  werden  kann  und  nicht  bloß  von  der
Thätigkeit  des  Unternehmers,  sondern  zugleich  von  der  Größe  des
angewandten  Kapitals  abhängt.  Es  kann  betrachtet  werden  :  1.  nach
seinem  ganzen  Jahresbetrage,  im  Vergleiche  mit  dem  Unterhaltsbedarfe
  des  Unternehmers;  2.  im  Verhältnis  zu  dem  Kapitale  als
ein  gewisser  Teil  (Prozentsatz)  desselben.«  Und  in  der  Anmerkung
lesen  wir:  «Wegen  des  genauen  Zusammenhanges  des  Gewerbeverdienstes ­
  mit  dem  Kapitale  ist  es  gewöhnlich,  jenen  in  Prozenten
des  Letzteren  auszudrücken.«  So  wirft  Rau  theoretische  Betrachtungen ­
  mit  praktischen  Erfahrungen  zusammen.  Um  die  Quote
des  Unternehmergewinnes  groß  zu  gestalten,  gibt  Rau  eine  Menge
wirtschaftspolitischer  Fingerzeige.
        <pb n="33" />
        17

Die  ausgedehnteste  Theorie  über  den  Unternehmergewinn  gibt
Mangoldt').  Das  Unternehmen  selbst  definiert  er:  «Eine  Unternehmung ­
  ist  ein  Verkehrsgeschäft,  bei  welchem  die  Unsicherheit
des  Erfolges  auf  den  Produzenten  fällt;  ein  Unternehmer  der  Inhaber
eines  solchen  Geschäftes.«  Es  ist  dies  die  reinste  Umschreibung  der
Koscher  sehen  Theorie,  nichts  mehr  und  nichts  weniger.  Den  Unternehmergewinn ­
  setzt  er  aus  folgenden  Atomen  zusammen:
I-  «Entschädigung  für  die  Last  der  Gefahr  (Gefahrsprämie)«,
iese  Gefahr  bestehe  a)  in  den  Unregelmäßigkeiten  des  Erfolges,
in  wirklichen  Gefahren  (Geldverluste,  Missglücken  der  Produktion).
II.  «Entschädigung  für  die  dargebrachte  Kapitalnutzung  und
Arbeitsleistung  (Unternehmerzins  und  Lohn)«.  «Lohn  des  Unternehmers ­
  ist  die  Entschädigung  für  die  Anwendung  solcher  Fähigkeiten, ­
  die  verdungen  werden  können,  Unternehmerlohn  die  Entschädigung ­
  für  die  Anwendung  solcher  Fähigkeiten,  die  nicht  verdungen ­
  werden  können,  bezüglich  für  den  Teil  derselben,  bei  denen
dies  nicht  der  Fall  ist«.  „Was  der  Unternehmer  für  die  eigene
bezieht  oder  mehr  bezieht,  bildet  einen
M  Unternehmergewinnes,  seinen  Unternehmerzins  im
genteil  zum  Zinse  des  Unternehmers,  welcher  nur  die  durch  Vermietung ­
  zu  erlangende  Entschädigung  repräsentiert.«
III.  Vorteile,  die  aus  der  relativen  Seltenheit  der  unterue
  mungsfahigen  Subjekte  fließen  (Unternehmerrente).  Diese  Fähigei ­
  eilt  er  ein,  in  A)  «Fähigkeiten  zu  irgend  welchen  bestimmten
.eistungen«,  die  Vorteile  derselben  ergeben  die  «Unternehmerlohn-(IfirliM.l
  Ö  «Fähigkeiten,  über  die  zu  einer  Unternehmung  erfornehmpr^
  ^^PKalien  zu  disponieren«,  deren  Vorteile:  1.  «Die  Unterneizinsrente«,
  wenn  sie  sich  durch  die  «Seltenheit  der  Art«-heitlsümf
  durch  die  „Selten-Arteo
  Vereinigung,  dieser  beiden
SinueV.  w  ^  ''"'«be  »die  Unternehmerrente  im  engeren
einbuße«^'  i&amp;gt;\  ^  Mangoldt  entgegen  »die  ünternehmerlohn-“ber^Ceinh^

•)  Die  Lehre  vom  Dntemehmergewien  (Leipzig  1866).
.  )  Preußische  Jahrbücher.  Bd.  XIX.  S.  269.
«  hr  06  der.  Das  Unternehmen  n.  der  Unternehmergewinn.  2
        <pb n="34" />
        18

Schaft  keine  Ahnung«,  wir  meinen  den  Amerikaner  Carey‘),  in  ein
ganz  neues  Stadium  der  Theorie  über  den  Unternehmergewinn.  Carey
befindet  sich  auf  den  ersten  Blick  und  oberflächlicher  Beurteilung
zum  Teile  auf  dem  Standpunkte  Sisraondis  und  Rossis,  zum  Teile
auf  dem  Seueuils.  Diese  sonderbare  Erscheinung  entsteht  aus  der
Erkenntnis  Careys,  dass  der  Besitz  von  Grund  und  Boden  ebenso  wie
jedes  andere  Kapital,  Kapital  ist;  diese  Erkenntnis  ist  weit  bestimmter ­
  als  bei  Seueuil.  Carey  kennt  nur  drei  Einkommensarten:  Lohn,
Gewinn  und  Zins.  Der  Gewinn  ist  möglich  aus  der  Anwendung  von
beweglichem  Kapital  und  aus  der  Ausnützung  von  Grund  und  Boden.
Er  kennt  demnach  auch  eine  Grundrente;  aber  erst  nach  Bewältigung ­
  der  Natur,  nach  Aufwand  von  Thätigkeit,  wird  die  Grundrente ­
  möglich,  und  ist  dann  der  Gewinn  aus  einem  durch  Arbeit
und  Natur  entstandenen  Kapital,  dem  nutzbargemachten  Grund  und
Boden.  So  bringt  er,  wie  Seneuil,  bewegliches  Kapital  und  Bodenbesitz ­
  zusammen.  Thätigkeit  und  Kapital  hat  er  aber  streng  getrennt, ­
  um  beide,  pseudoähnlich  wie  Sismoudi  und  Rossi,  im  Unternehmergewinne ­
  zu  vereinigen.  »Das  ganze  Einkommen  einer  Nation
oder  die  Summen  der  bergebracbten  tausclibartm  Werte  rührt  von
gegenwärtiger  Arbeit  unterstützt  von  Kapital,  dem  Resultate  trüiierer
Arbeit  her,  und  ist  zwischen  beiden  geteilt.  Die  Vergütung  für
die  crstere  ist  der  Arbeitslohn;  der  Anteil  des  letzteren  ist  der
Gewinn.  Beide  vereinigt  bilden  den  sogenannten  Unternehmergewinn.«
Wie  leicht  zu  erkennen,  umfasst  Careys  Forschung  ein  größeres
Wirtschaftsgebiet,  als  die  anderer  Scbrittsteller.  Was  er  unter
Unternehmergewinn  versteht,  ist  die  Summe  der  individuellen  Unternehmergewinne, ­
  der  Unternehmergewinn  des  Volkes,  der  aus  tausend
ünternehmerthätigkeiten  entspringt.  Diesen  Standpunkt  verkennen
seine  Nachfolger,  machen  das  zum  persönlichen  Unternehmergewinn,
was  Carey  als  den  Unternehmergewinn  einer  Nation  dachte,  und
kehren  so  thatsächlich  zu  den  Theorien  Sismondis  und  Rossis  zurück.
Wenn  unsere  Auffassung  schon  in  dem  oben  angeführten  Ausspruche
Careys  ihre  Bestätigung  findet,  so  erhellt  sie  noch  viel  klarer  aus
dem,  was  er  über  die  Güterverteilung  überhaupt  sagt’):  »Der  Grund
und  Boden  und  die  Arbeit  nehmen  stets  an  Spielraum  zu,  wenn
’)  «Die  Grundlagen  der  Sozialwissenschaft.«  Herausg.  von  Dr.  C.  Adler
mit  einem  Vorworte  von  Max  Wirth.  3  Bände  (München  1863),  und  „Lehrbuch ­
  der  Volkswirtschaft  und  Sozialwissenschaft«,  deutsch  von  Dr.  C.  Adler
(München  1866).  —  «Principies  of  Political  Economy«.  3  Bände  (1838—1840)«
*)  Lehrbuch  in  einem  Bande.  1866.  S.  531.
        <pb n="35" />
        19

die  dem  Handelsmanne«  (Gewinn)  ndem  Geldhändler«  (Zins)  nund
dem  Mietherrn«  (Grundrente)  »zustehende  Quote  abnimmt,  indem
sich  dann  die  Preise  der  Rohmaterialien  und  der  Fabrikate  immer
nähern  und  der  Mensch  freier  wird,  während  die  Zirkulation  sich
beschleunigt«.  Zum  richtigen  Verständnis  dieses  Satzes  citieren  wir
den  korrespondierenden  Ausspruch  auf  Seite  534:  »Je  mehr  die
Preise  der  Arbeit  und  der  Rohprodukte  des  Bodens  steigen  und  je
mehr  die  Preise  der  Fabrikate  fallen,  je  mehr  sich  also  beide
nähern,  desto  kleiner  wird  der  Spielraum  sein,  in  welchem  sich
der  Gewinn,  der  Zinsfuß  und  die  Grundrente  bewegen,  und  desto
größer  die  Quote  des  Menschen  und  des  von  ihm  bebauten  Grund
und  Bodens«.  Auf  Seite  531  sagt  er  ferner:  »Das  Kapital  ist
das  Werkzeug,  dessen  sich  der  Mensch  bei  seinen  Bestrebungen,
Macht  über  die  Natur  zu  erlangen,  bedient,  und  folglich  hat  alles,
was  die  Tendenz  hat,  seine  Macht  über  dieses  Werkzeug  zu  vermehren, ­
  auch  die  Tendenz  zur  Gleichheit  und  Freiheit  und  zur
Erhebung  der  Arbeit  der  Gegenwart  auf  Kosten  der  Ansammlungen
der  Vergangenheit.  Alles  dagegen,  was  die  Macht  des  Werkzeuges
über  den  Menschen  vergrößert,  hat  die  Tendenz,  diese  Ansammlungen ­
  aut  seine  Kosten  zu  erheben,  die  Ungleichheit  zu  fördern
und  die  Sklaverei  wieder  herzustellen.  Da  nun  die  Macht  des  Menschen
Über  das  Werkzeug  mit  dem  Zuwachs  der  Association  und  diese
niit  dem  Zuwachs  der  Mannigfaltigkeit  der  Beschäftigung  wächst,
so  folgt  hieraus  notwendigerweise,  dass  der  Weg  zur  Freiheit  des
Menschen  in  der  Richtung  liegt,  die  zur  Entwickelung  der  verschiedenen ­
  Fähigkeiten  der  Individuen  führt,  aus  welchen  die  Gesellschaft ­
  sich  zusammeusetzt«.
Oline  die  weiten  Gesichtspunkte  Careys  erfasst  zu  haben,  ist
Max  Wirth  ')  der  exakten  Forschungsrichtung  des  großen  Amerikaners ­
  gefolgt,  und  das  Resultat  ist  eine  sonderbare  Verquickung
exakt  angelegter  Fragen  und  empirischer  Folgerungen.  Wir  haben
schon  weiter  oben  erwähnt,  wie  Careys  Epigonen  seine  Theorie  über
en  Unternehmergewinn  in  ganz  falscher  Auffassung  zu  der  ihrigen
gemacht  haben.  Wirth  schreibt  im  I.  Bande,  S.  289:  »Der  Gewinn«
eine  rein  Careysche  Ausdrucksweise  —  »ist  der  Ertrag,  welcher
von  einem  ueugeschañenen  Produkte  übrigbleibt,  nachdem  der
Arbeitslohn  und  das  Umlaufskapital  abgezogen  sind.  Als  Kunz  sich
selbst  Ochsen  und  Pflug  anschaflfte,  war  er  Unternehmer,  und  sein
1  Urundzüge  der  Nationalökonomie.  2  Bände  (Köln  1861—69).
2*
        <pb n="36" />
        20

Gewinn  als  Unternehmer,  der  sogenannte  Unternehmergewinn,  teilte
sich  in  Arbeitslohn  und  Kapitalgewinn«.  Auf  Seite  290:  «Gewinn  an
und  für  sich  möchten  wir  den  Bruttoertrag  des  Kapitals,  Zins  den
Nettoertrag  nennen;  Zins  nämlich  den  Gewinn  desjenigen  Kapitals,
welches  gar  keine  Gefahr  läuft;  Gewinn  aber  den  Ertrag  eines
solchen  Kapitals,  welches  größerem  oder  geringerem  Risiko  ausgesetzt ­
  ist  und  also  in  seiner  produktiven  Anwendung  eine  Versicherungsprämie ­
  ab  werfen  muss.«  Wir  sehen,  dass  er  die  Careyscheii  Gedanken ­
  mit  der  Rauschen  Theorie  in  Verbindung  bringt,  welch  letzterer
in  dem  »Gewerbsverdienst«  ebenfalls  einen  Bruttoertrag  sieht,  wie
Wirth  im  «Gewinn«,  unter  welchem  dieser  (in  ganz  anderem  Sinne
wie  Carey)  hier  wirklich  den  Unternehmergewinn  meint.  Er  ist
ganz  aus  der  exakten  Forschungsrichtung  seines  großen  Vorbildes
in  die  empirischen  Erwägungen  der  deutschen  Schule  gedrängt.
Nachdem  durch  Carey  die  Theorie  über  den  «Gewinn«  eine  so
weise,  so  geniale  Beschränkung  erfahren  hat,  sehen  wir  den  Hang  zu
einer  übermächtigen  Erbreiterung  schon  in  der  Lehre  Mangoldts,  und
reihen  hier  noch  die  Theorie  des  Prof.  Mikszewicz')  an,  welcher
den  Kredit,  nicht  etwa  in  der  bedingungsweisen  Art  wie  Say,  der
nur  durch  die  Notwendigkeit  ein  Unternehmerkapital  zu  finden  auf
denselben  hindeutet,  sondern  neben  Natur,  Arbeit  und  Kapital  als
vierten  Produktionsfaktor  nennt!;  «der  Kredit«,  meint  er,  «sei  ebenso
aus  den  drei  älteren  hervorgegangen,  wie  das  Kapital  aus  den  beiden
ältesten«.  «Den  Unternebmergewinn  fasst  er  dann  als  den  Ertrag
dieses  vierten  Produktionsfaktors,  entsprechend  Grundrente,  Arbeitslohn ­
  und  Kapitalzins.«
Das,  was  Roscherwollte:  «ein  System  von  Begriffen  und
Urteilen  möglichst  abstrakt,  d.  h.  möglichst  entkleidet  von  allen
Zufälligkeiten  des  Raumes  und  der  Zeit«  schaffen,  und  was  ihm
jedoch  weder  im  ganzen  und  großen  noch  in  Bezug  auf  unser
Thema  gelungen  ist,  das  hat  Stein  gethan.  Er  ist  der  Philosoph
par  excellence  unter  den  Natioualökonomen  —  durch  die  That,
praktisch,  durch  Darlegung  seiner  Volkswirtschaftslehre  —  und
zwar  in  gutem  und  schlimmen  Sinne.
Stein  schreibt  über  das  Unternehmen  in  dem  Kapitel  »Güterund ­
  Wertbildung«  (§.  296):  «Seinem  allgemeinen  Begriffe  nach  ist
*)  Siehe:  Roscher,  »Grundlagen  der  Nationalökonomie“.  Kapitel:  »Unternehmerlohn.“ ­

’)  Siehe:  Grundlagen  der  Nationalökonomie.  Einleitung.
*)  Volkswirtschaftslehre  (Wien  1878).
        <pb n="37" />
        21

demnach  das  Unternehmen  die  wirtschaftliche,  auf  den  Kapitalgewinn ­
  berechnete  Thätigkeit  der  wirtschaftlichen  Persönlichkeit  und
ihres  Handlungskapitals«.  Er  sagt  über  das  Unternehmen  weiter:
jiDie  Aufgabe  und  damit  der  Inhalt  dieser  Thätigkeit  wird  sonach'
zum  wissenschaftlichen  System  der  Lehre  von  der  Unternehmung,
indem  man  dieselbe  in  ihre  einzelnen  Momente  auflöst,  und  ihren
formellen  inneren  Zusammenhang  auf  das  Gesetz  des  Wertes  zurückffihrt.
  —  Darnach  ist  der  erste  Teil  des  Unternehmens  die  Erzeugung ­
  von  Gütern  aus  den  beiden  elementaren  Faktoren  aller  Gutsbildung, ­
  dem  Kapitale  und  der  Arbeit.  Der  zweite  Teil  dagegen  hat
die  Aufgabe,  vermöge  dieser  Güterbildung  aus  der  Produktion  der
Unternehmung  den  Wert  dieser  Produkte  in  der  Weise  herzustellen,
dass  die  Grundlage  aller  Kapitalbildung,  die  Differenz  zwischen  den
Gestehungskosten  und  dem  Verkehrspreise,  in  jedem  einzelnen  Verkehrsakte ­
  der  Unternehmung  und  dadurch  auch  in  der  Unternehmung
als  Ganzes  erreicht  werde,  um  aus  dieser  Differenz  dann  den  Unternehmungsgewinn ­
  zu  bilden  und  in  seiner  Verteilung  zu  der  Urquelle
derselben,  der  Einzelpersönlichkeit  und  ihrer  wirtschaftlichen  Entwickelung ­
  zurückzukehren.  Betrachtet  man  daher  das  Unternehmen
zunächst  für  sich,  so  zerfällt  es  in  zwei  Teile,  die  wir  jetzt  als  den
Betrieb  und  das  Geschäft  der  Unternehmung  bezeichnen.  Der  Betrieb ­
  erzeugt  das  Produkt,  das  Geschäft  seinen  Wert«.  Über  den
Unternehmergewinn  schreibt  er  (S.  312):  «Der  Unternehmergewinn
ist  der  Reinertrag  des  Handlungskapitals,  erzeugt  durch  die  Differenz ­
  zwischen  Ausgaben  und  Einnahmen,  und  bestimmt  dazu,  das
Ergebnis  der  kapitalbildenden  Kraft  der  Unternehmung  selbständig
vom  Handlungskapitale  abzulösen  und  es  wieder  zum  Einzelnkapitale
zurückzuführen,  aus  welchem  jenes  selbst  entstanden  ist.  Er  entsteht ­
  daher  in  seinen  Elementen  wie  jeder  Reinertrag,  und  seine
Bestimmung  ist  in  dem  allgemeinen  Wesen  des  letzteren  gegeben,
lillein  die  Faktoren,  die  ihn  erzeugen,  sind  keine  einfachen  mehr,
wie  im  Begriffe  des  Gutes  und  selbst  in  dem  der  Wirtschaft;  das
ganze  wirtschaftliche  Leben  der  Unternehmung  ist  tausendfach  mit
dem  aller  anderen  verflochten;  sie  produziert  für  Dritte,  konsumiert
nur  duich  sie,  und  schon  ihr  Ertrag,  geschweige  denn  ihr  Reinertrag,
wird  bedingt  nicht  mehr  bloß  durch  jene  abstrakte  Wert-  und  Preisbildung, ­
  sondern  durch  die  Zahlungs-  ja  sogar  durch  die  Kreditfähigkeit ­
  Dritter,  die  wieder  ihrerseits  von  derjenigen  des  Vierten
und  sofort  abhängen.  Die  eigenen  Verpflichtungen  ändern  damit
auch  die  Natur  der  Eingänge;  sie  sind  selbst  nicht  mehr  immer
        <pb n="38" />
        22

Erträgnisse,  sondern  oft  bloß  durch  Geld-  und  Kreditoperationen
geschaffen  ;  der  wirklich  erreichte  Überschuss  wird  zweifelhaft  ;  der
Wert  der  Produkte  sinkt  und  steigt  durch  Faktoren,  welche  durch-‘aus
  nicht  in  der  Hand  der  Unternehmung  liegen,  und  während
daher  im  Begriffe  an  sich,  und  in  den  meisten  Fällen  auch  in  der
Einzelwirtschaft,  dieser  Reinertrag  eine  einfache  Resultante  einfacher
Faktoren  ist,  erscheint  der  Gewinn  der  Unternehmung  durch  beständig ­
  wechselnde,  ihn  beständig  beherrschende  Faktoren  bedingt;
in  ihm  resümiert  sich  nicht  mehr  das  Ergebnis  einer  einzelnen
Arbeit,  sondern  das  Ergebnis  einer  tausend  Störungen  and  Strömungen ­
  unterworfenen  organischen  Gesamtthätigkeit,  auf  deren
Resultat  nur  zu  oft  nicht  bloß  die  einzelnen  Angehörigen  des  Unternehmens ­
  selbst,  sondern  oft  ganz  unberechenbare  Dinge  Einffuss
haben.«
Nicht  wegen  der  formellen  Bezeichnung  nKapitalgewinn«,
sondern  wegen  der  selbstthätigen  Rolle,  welche  Stein  dem  Kapital
—  philosophisch,  teleologisch  —  zu  weist,  erscheint  er  uns  als  ein
Baumeister,  welcher  auf  Smiths  Grundstein  baut,  und  im  Grunde
zu  nichts  anderem  als  zu  den  Theorien  Sismondis  und  Rossis  gelangt ­
  ist.  Sehr  auffallend  ist  es,  dass  der  Philosoph  nur  die  historisch ­
  entwickeltere  Unternehmungserscheinung,  das  Kreditunternehmen ­
  als  Unternehmen  und  alles  andere  als  Wirtschaft  aufzufassen ­
  scheint.  Den  historischen  Standpunkt  hat  Stein  hier  ganz
vernachlässigt,  ein  Umstand,  welchem  mit  Knies  garsehr  entgegengetreten ­
  werden  muss;  aber  sonderbar  —  trotzdessen  sind  seine
Ausführungen  durchaus  nicht  exakter  Natur.
Steins  Theorie  muss  einfach  genannt  werden.  Einfacher  noch
ist  die  Schäffles  ‘),  obgleich  er  der  Thätigkeit  des  Unternehmers
einen  viel  weiteren  Spielraum  lässt.  Wenn  sich  Steins  Ausführungen
auf  Smiths  Vorbild  anzulehnen  scheinen,  folgen  Schäffles  Grundgedanken ­
  der  Schule  Says.
Sch  äff  le  schreibt:  »Er  (der  Unternehmer)  ist  der  Mittelpunkt,
an  welchen  Arbeitseffekte  und  Kapitalnutzungen  sich  herandrängen.
Er  ist  der  Krystallisationspunkt  der  wirtschaftlichen  Elementarkräfte. ­
  Er  zieht  sie  durch  hohen  Lohn  und  Zins  an  und  stoßt  sie
durch  niederen  Lohn  und  Zins  an  andere  Unternehmer  ab.  Er
berechnet  den  Kurs  der  gesellschaftlichen  Bedürfnisse,  weil  von
’)  Das  gesellschaftliche  System  der  menschlichen  Wirtschaft  (Tübingen
1867),  §.  107.
        <pb n="39" />
        23

dieser  Berechnung  Gewinn  und  Verlust  für  ihn  abhängen.  Er  muss
in  wirtschaftlicher  Weise  diesen  Kurs  nehmen,  weil  ihn  dazu  die
Konkurrenz  nötigt.  Er  kauft  durch  Lohn  und  Zins,  welche  er  mit
dem  Arbeiter  und  dem  Vermögensdarleiher  voraus  debattiert  und
festsetzt  und  zum  Teile  vorausbezahlt,  die  Güterelemente  auf  späteren ­
  Ersatz  aus  dem  Erlöse  im  voraus  an,  wozu  ihn  sein  Unternehmervermögen ­
  befähigt.«  Weiters:  «Außerdem,  dass  hierdurch
Arbeiter  und  Kapitalisten  in  den  Stand  gesetzt  werden,  ihre  produktiven ­
  Nutzeffekte  der  Verwertung  zu  jedweder  und  auch  zur
langwierigsten  arbeitsthätigen  Güterformung,  ohne  Gefährdung  eines
geregelten  Unterhaltes  in  der  Zwischenzeit  abzutreten,  wird  der
Unternehmer  zugleich  der  Mittelpunkt  der  Verteilung  des  Nationaleinkommens ­
  unter  den  drei  Formen,  des  Unternehmergewinnes,
des  Lohnes  und  des  Zinses.«  Dann  §.  158:  «Das  Eigentümliche
der  Stellung  des  Unternehmers  ist  es,  dass  bei  ihm  Gütervermögen ­
  und  Arbeitsvermögen,  der  sachliche  und  der  persönliche  Pol
der  wirtschaftlichen  Persönlichkeit,  untrennbar,  verschmolzen  auftreten.«
  «Auch  dem  Unternehmergewinne«,  sagt  er  aber  weiter,
«sind  teilweise  fremdartige  Elemente:  Lohn,  Rente  (Gewinnrente),
Risiko  beigemischt«,  und  spricht  im  §.160  sich  bestimmt  dahin
aus:  «Der  Unternehmergewinn  ist  Vergütung  der  Uuternehmerthätigkeit.
  Er  ist  gleichwohl  nicht  Lohn.  Der  Unternehmergewinn
ist  also  ein  Produkt  untrennbaren,  aus  dem  Begriffe  der  Unternehmung ­
  selbst  folgenden  Zusammenwirkens  des  Arbeits-  und  des
Kapitalvermögens.  Wissenschaftlich  betrachtet  ist  der  Unternehmergewinn ­
  weder  Zins  noch  Lohn,  noch  Risiko  Vergütung.  Er  ist  Vergeltung ­
  jener  unteilbaren  Kombination  von  Kapital-  und  Arbeitsvermögen ­
  für  den  volkswirtschaftlichen  Beruf  des  Unternehmers.
Der  Unternehmergewinn  ist  nach  alledem  der  Wertüberschuss,
welcher  dem  Unternehmer,  als  dem  Kombinator  der  produktiven
privatwirtschaftlichen  Kräfte,  zukommt.«
Mit  Schäft'les  Theorie,  welche  sich,  allerdings  nur  auf  dem
Gebiete  der  empirischen  Erwägungen,  den  Resultaten  unserer  eigenen
Forschung  nähert,  schließen  wir  die  Betrachtung  der  geschichtlichen ­
  Entwickelung  der  wissenschaftlichen  Darstellungen  über  das
Unternehmen  und  den  Unternehmergewinn.
        <pb n="40" />
        II.

Wirtscliaftsgescliiclitliches.

Als  der  Mensch  einzeln  und  allein  der  Natur  gegenüber  stand,
da  schon  trat  die  Erscheinung  des  Unternehmens  auf.  Der  Mensch
kämpfte  ohne  andere  Waffen  als  die,  welche  ihm  die  Natur  selbst  verliehen ­
  hatte,  gegen  sie.  Er  kämpfte  mit  seiner  physischen  Kraft,
mit  dem  ihm  eingeborenen  Intellekt  und  vor  allem  mit  seinem
Willen  zuerst  gegen  die  leblose  Natur.  Er  nahm  ein  gewisses  Territorium ­
  in  seinen  Besitz,  indem  er  sich  gleich  den  Tieren  Wege
bahnte  zum  Wasser  oder  dort  hin,  wo  ihm  sein  Intellekt  Nahrungsmitteln ­
  verriet,  er  nahm  einen  hohlen  Baum  zu  seiner  Wohnung
und  schützte  sie  gegen  die  Einflüsse  der  Witterung.  Dann  wandte
er  sich  gegen  die  lebende  Natur:  er  nahm  das  Holz  vom  Baume
ziim  Werkzeuge,  die  Frucht  zur  Nahrung  und  entdeckte  die  nützliche ­
  Macht  des  Feuers.  Endlich  grilf  er  die  Tierwelt  an  mit  Stock
und  Stein,  seiner  Kraft,  seiner  List  und  seinem  ]\Iut;  das  Fleisch
war  ihm  Nahrung,  das  Fell  Kleidung,  und  das  lebende  Tier
Arbeiter.
Nicht  zu  gleicher  Zeit  hat  sich  der  Mensch  die  notwendigen
Lebensmitteln  aus  der  Pflanzen-  und  Tierwelt  geholt,  sondern  zuerst ­
  aus  jener  und  dann  erst  aus  dieser;  war  es  doch  leichter,  sich
einer  Pflanzenfrucht  als  eines  Tieres  zu  bemächtigen,  zudem  war
an  der  Wiege  des  Menschengeschlechtes  für  eine  üppige  Vegetation
gesorgt,  während  die  Fauna  in  ihren  mächtigen  Vertretern  den
waffenlosen  Menschen  abschrecken  musste;  er  lebte  in  den  Ästen
und  Kronen  der  Bäume,  was  seine  verkümmerten  Hinterhände  bezeugen, ­
  und  nährte  sich  von  Früchten  —  auf  dem  Erdboden  war
es  gefährlich  für  ihn,  nicht  allein  wegen  der  Kaubtiere,  auch  wegen
der  Reptilien,  die  in  der  feuchtwarmen  üppigen  Pflanzendecke
wucherten  und  vor  allem  wegen  der  schädlichen  Ausdünstungen  der
        <pb n="41" />
        2õ

tropischen  Eide.  Überdies,  und  dies  ist  das  wichtigste  Argument
für  diese  Annahme,  weist  das  affenähnliche  Gebiss  des  Menschen
haarscharf  darauf  hin,  dass  die  Kost  der  Kindheit  des  Menschengeschlechtes ­
  Pflanzenkost  war.  Erst  als  der  Mensch  seine  warme
asiatische  Heimat  verließ,  als  er  in  kälteren  Klimaten  ein  Kleid
brauchte,  nahm  er  es  vom  Tiere  und  aß  dann  dessen  Fleisch,  wie
ja  auch  AflFen,  wenn  man  es  ihnen  reicht,  z.  B.  in  der  Gefangenschaft, ­
  Fleisch  nicht  verschmähen  *).
Der  Mensch  in  seiner  Isoliertheit  arbeitete  wohl,  aber  er  war
nicht  Arbeiter,  er  war  Unternehmer  und  seine  Thätigkeit  hatte  alle
Merkmale  des  Unternehmens,  und  da  er  nur  mit  der  Natur  zu
thun  hatte,  war  es  ein  Natural  unternehmen.
Denn  die  von  ihm  gegen  die  Natur  gewandte  Thätigkeit  war
die  Thätigkeit  aller  seiner  Kräfte,  und  die  Waffe  in  diesem  Kampfe
war  sein  ganzes  persönliches  Kapital,  die  Kraft  seines  Körpers,  sein
Intellekt  und  sein  Wille.  Das  Resultat  dieses  Unternehmens  waren
w  allerdings  nur  Güter,  die  lediglich  für  ihn  einen
.  ^  ^  durch  seinen  eigenen  Gebrauch  wieder  vermchtete;
  dafür  aber  entstanden  in  ihm  selbst  Produkte,  welche
mächtige  Waffen  gegen  die  Natur  wurden,  es  waren  diese:  die  körperiche
  Geschicklichkeit  in  den  ersten  Arbeiten,  die  Kenntnisse  der
um  Ihn  thätigen  Natur  und  das  wachsende  Vertrauen  in  sein  eigenes
können,  die  Sittlichkeit.  Und  jetzt  begann  seine  Thätigkeit  sich
^1  weiteres  Ziel  zu  setzen.  Er  sammelte  Vorräte,  er  erfand
Waffen  und  Werkzeuge,  er  schützte  sein  Heim  gegen  Tiere,  und
wenn  ihm  ein  Mensch  nahte,  auch  gegen  diesen.
Er  siegte  und  war  Herr,  er  unterlag  und  wurde  getötet  oder

Der  erste  Sklave  war  das  Weib;  den  männlichen  Feind  vernichtete ­
  der  isolierte  Mensch.  Es  war  der  Prozess  jener  natürlichen
kennen  welche  wir  im  Kampfe  der  Hirsche  in  der  Brunstzeit

.  männliche  Sklave  ist  eine  spätere  sittliche  und  ökonomische ­
  Erscheinung.  .In  der  historischen  Zeit  noch  wurden  Kriegsgefangene ­
  hiugerichtet.  Alle  jungen  Völker  hatten  die  Einrichtung
üer  Menschenopfer,  erst  das  mildere  Gemüt  ließ  Gnade  walten  und
sc  en  te  dem  totgeweihten  Feinde  das  Leben,  wozu  die  Erkenntnis
rüg,  dass  es  vorteilhafter  sei,  den  Besiegten  lebend  zur  Arbeit

382).

‘)  Anderer  Ansicht  ist  Knies  (Polit.  Ökonomie  1883.  S.
        <pb n="42" />
        26

zu  benützen,  als  ihn  zu  töten.  Der  männliche  Sklave  ist  ein  sittlicher ­
  und  ökonomischer  Fortschritt  in  der  historischen  Entwickelung
des  Menschen.
War  das  Weib  als  isolierter  Mensch  auch  selbst  Unternehmer,
so  wurde  es  in  der  geschlechtlichen  Gemeinschaft  Arbeiter,  es  verrichtete ­
  im  Dienste  des  Mannes  die  ihm  zugewiesene  Teilarbeit.
Ihr  Heim  wesen  wurde  aber  jetzt  zur  Wirtschaft,  zu  jener  Erscheinung, ­
  die  wir  die  isolierte  Wirtschaft  nennen;  es  war  die  erste
Naturalwirtschaft,  und  in  ihr  rangen  die  Menschen  der  Natur
nur  so  viel  ab,  als  sie  für  ihre  Bedürfnisse  brauchten.
Die  Familie  vermehrte  sich,  und  es  entstand  auf  dem  Gebiete,
welches  sie  innehatte,  eine  Bevölkerung.  Der  Familienvater
war  das  Oberhaupt  der  Familie,  er  war  ja  der  Stärkste,  der  geistig
und  sittlich  Überlegenste;  seine  Stellvertreterin  war  die  Mutter.  Das
war  das  erste  Rechtsverhältnis,  und  in  der  Anerkennung  dieses
Rechtes  wurden  die  Kinder  größer  und  stärker,  sie  wurden  stärker
und  mutiger  als  die  Eltern  und  blieben  ihnen  kraft  dieses
Rechtes  unter  than,  aber  sie  waren  nicht  Sklaven  —  das  war  der
erste  Staat.
Und  es  teilte  der  Vater  die  Arbeiten  zwischen  seinen  Kindern
so  lange,  bis  das  Gebiet  zu  klein  für  die  ganze  Familie  wurde,  und
neue  Unternehmungen  entstehen  mussten.  Ein  Sohn  zog  an  den
Fluss  und  wurde  Fischer,  der  andere  in  den  Wald  und  wurde  Jäger,
der  dritte  wurde  Hirt  und  der  vierte  Schmied;  der  alte  Vater  aber
lehrte  die  Kleinen.  Wenn  eine  Gefahr  dem  jungen  Staate  drohte,
so  verteidigten  seine  Bürger  ihr  Hab  und  Gut,  ihr  Eigentum,
die  Gräber  ihrer  Väter  und  die  Heine  ihrer  Götter,  ihre  Religion,
sie  verteidigten  ihre  Freiheit,  ihre  Zusammengehörigkeit,  ihre
Rechtsordnung,  Weib  und  Kind,  die  Ehe;  und  nach  dem  Siege
besangen  sie  in  Liedern  ihre  Thaten,  das  waren  die  Kinderlaute  der
Kunst,  sie  gruben  das  Geschehene  ihrem  Gedächtnisse  ein  und
erzählten  es  ihren  Kindern  und  Kindeskindern,  und  das  war  die  erste
Wissenschaft.
So  entstand  die  noklg  der  Griechen,  so  die  civitas  der  Römer,
so  der  padus  der  Germanen  und  das  Dorf  der  Neger  und  Indianer.
Der  wirtschaftliche  Charakter  dieser  ersten  Gemeinden  war  gerade ­
  so,  wie  die  erste  Thätigkeit  des  einzelnen  Menschen  ein  Unternehmen ­
  war,  eben  das  Unternehmen.
Die  kleine  Gemeinde  unternahm  es,  ihren  Bestand  zu  sichern
und  auszudehnen  ;  sie  strebte  darnach  eine  Staatswirtschaft  zu
        <pb n="43" />
        27

gründen,  und  in  diesem  Bestreben  spielten  die  Waffen  bei  allen
Völkern  die  erste  Rolle.
Zwei  große  Erscheinungsketten  lassen  sich  in  dem  Leben  eines
jeden  Volkes  nachweisen.
Der  einzelne  Mensch  und  die  isolierte  Familie,  die  noch  nicht
an  ein  festes  Heim  gebunden  waren,  bedurften  für  ihre  wirtschaftliche ­
  Thätigkeit  des  größten  Territoriums;  denn  ein  weites  Gebiet
gab  ihnen  den  Lebensunterhalt,  zuerst  die  wildwachsenden  Pflanzen
und  dann  die  Jagd.  Ein  lebendiges  Bild  dieser  Kindheitsepoche
bieten  uns  die  Stämme  der  amerikanischen  Rothäute,  und  nicht
ohne  Bedeutung  ist  es,  dass  jener  merkwürdige  Stamm  der  scheuen
und  furchtsamen  nWurzelgräber«,  welche  sich  nur  von  Vegetabilien
nähren,  der  jüngste  der  kupferroten  Rasse  zu  sein  scheint.  Später,
als  die  Geschlechter  zahlreicher  wurden  und  Viehzucht  zu  treiben
begannen,  war  das  Gebiet,  auf  dem  sie  lebten,  schon  kleiner;  die
biblischen  Hirtenvölker  geben  uns  ein  Beispiel  dieses  wirtschaftlichen ­
  Lebensstadiums.  Und  als  die  Gemeinde  größer  und  sesshaft
wurde  und  Ackerbau  zu  treiben  anfing,  da  war  der  Raum,  auf
dem  sie  lebte,  abermals  ein  kleinerer;  die  Städte  der  Griechen,  die
Marken  der  Römer  waren  solche  Typen  der  Zeit  des  Ackerbaues  im
Leben  dieser  Völker.  Noch  kleiner  war  der  Raum,  als  die  Bevölkerung ­
  noch  mehr  anwuchs  und  neben  dem  Ackerbau,  Handel  und
Gewerbe  ins  wirtschaftliche  Leben  eintraten:  da  sehen  wir  auf  dem
kleinen  Gebiete  einer  Stadt  den  Reichtum  eines  ganzen  Landes,  ja
eines  halben  Erdteiles  zusammengetragen.  Je  höher  also  die  wirtschaftliche ­
  Entwickelung  eines  Volkes  stieg,  desto  kleiner  war  der
Raum,  auf  dem  der  Einzelne  lebte.
Gas  ist  die  eine  Erscheinungskette.
Und  die  zweite,  auf  welche  schon  Bacon  von  Verulam  ’)  hinwies, ­
  ist  die,  dass  jugendliche  Staaten  das  Waffenhandwerk,  gereifte
die  Künste  und  Wissenschaften  und  im  Niedergange  begriffene
Handel  und  Gewerbe  besonders  pflegen  und  entfalten.  Ein  Blick
äuf  die  wilden  Völker  Afrikas  und  Amerikas,  auf  die  Germanen
zur  Zeit  eines  Hermann  des  Cheruskers,  eines  Walter  von  Aquitanien, ­
  eines  Dietrich  von  Bern,  auf  die  Griechen  zur  Zeit  der
Helden  Homers,  zeigt  uns  diese  jungen  Völker  geübt  in  den
Waffen  und  alles  verachtend,  was  über  das  Waffenband  werk  hinausging; ­
  dem  Weibe  war  andere  Arbeit  überlassen.  Die  Deutschen

')  Sermones  fideles.  Cap.  66.
        <pb n="44" />
        28

der  Gegenwart,  die  Römer  zur  Zeit  eines  Seneca  und  Pliuius,  eines
Tacitus,  Virgil,  Horaz,  Ovid,  luvenalis,  die  Griechen  zur  Zeit  des
Sokrates,  Platons  und  Aristoteles,  die  Inder  zur  Zeit  eines  Kalidasa, ­
  zeigen  uns  Völker  auf  dem  Gipfel  ihrer  Entwickelung  iu
ihrer  vollsten  geistigen  Entfaltung.  Und  das  niedergegangene  Volk
der  Semiten,  wie  es  zerstreut  unter  uns  lebt,  handeltreibend  und
nach  materiellen  Gütern  jagend;  die  bezöpften  Söhne  des  Reiches
der  Mitte  in  der  Gegenwart,  wie  sie  nicht  nur  daheim  im  mauerumgürteten
  China,  aber  auch  im  erblühenden  Amerika  Handel  und
Gewerbe  zu  ihrem  fast  ausschließlichen  Lebenserwerbe  gemacht
haben,  die  Mauren  des  Mittelalters  auf  der  pyrenäischen  Halbinsel,
die  alten  Ägypter  und  Phönizier  in  ihrer  Berührung  mit  den
klassischen  Völkern  sind  alternde,  sinkende  Nationen.
Nach  diesen  geschichtsphilosophischen  Betrachtungen  werden
wir  die  Unternehmungen  der  verschiedenen  Völker  in  ihren  geschichtlichen ­
  Entwickelungen  und  in  jenen  Zeiten  ins  Auge  fassen,
in  welchen  ihre  nationalen  Charaktere  in  ihren  ökonomischen  Thätigkeiten
  zur  Erscheinung  kamen.
Dort,  wo  die  Wiege  des  Menschengeschlechtes  durch  die
Wissenschaft  entdeckt  worden  ist,  fallen  uns  im  Kreise  der  arischen
Völker  die  Inder  auf.  Auch  bei  ihnen  gab  es  eine  Zeit,  da  Handel
und  Verkehr  verachtet  waren,  eine  Zeit,  in  welcher  das  ökonomische ­
  Leben  und  der  Marktverkehr  insbesondere  von  der  Obrigkeit ­
  bis  in  die  tiefsten  Einzelheiten  bevormundet  wurden,  und  den
Indern  eine  eigentümliche  Scheu  und  Furcht  vor  dem  Meere  und
der  Schiifahrt  innewohuten.  Aber  schon  die  alten  Gesetzbücher
scheinen  hierin  viel  vorurteilsloser  zu  sein,  und  Bohlen  ')  spricht
davon,  dass  sich  selbst  die  für  heilig  gehaltenen  Brahmauen  an
dem  Handel  beteiligt  hätten.  Die  epischen  Dichtungen  der  Völker
des  Sanskrits  selbst  weisen  darauf  hin,  dass  bei  denselben  zunft-IInd
  innuugsähnliche  Einrichtungen  vorhanden  gewesen  sind.
Bei  den  Hebräern  des  Altertums  waren  die  Gewerbe  wohl
zumeist  Angelegenheiten  der  Hausindustrie.
Dagegen  finden  wir  im  Lande  der  Pharaonen  schon  eine  eigentliche ­
  Kaste  der  Handwerker  und  seit  den  ältesten  Zeiten  eine
gewisse  Industrie,  welche  größere  Ausdehnung  genommen  hat,  so
die  Präparierung  falscher  Haare  und  die  Fabrikation  von  Perücken,
welche  schon  den  Baumeistern  der  Pyramiden  bekannt  waren.
')  Das  alte  Indien.  II.  S.  125.
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        29

Die  Phönizier  waren  unstreitig  das  wirtschaftlichste  Volk  der
terra  antiqua,  sie  trieben  einen  großen  Handel  mit  der  ganzen
bekannten  Welt,  und  ihre  Industrie  muss  auf  einer  hohen  Stufe
der  Entwickelung  gewesen  sein,  da  Färberei,  Weberei,  Bronzeguss,
Töpferei,  Purpur  und  Glas  phönizische  Erfindungen  sind.
Während  es  so  bei  den  Phöniziern  ein  ausgebildetes  Industriesystem ­
  gab,  welches  auf  freier  Arbeit  beruhte,  und  damit  im
innigsten  Zusammenhänge  steht,  dass  sie  das  Handwerk  und  das
Verdienst  aus  den  Gewerben  nicht  für  schimpflich  hielten,  galt  bei
den  Griechen  eine  ganz  andere  Anschauung.  Handel  und  Gewerbe
waren  der  Verachtung  preisgegeben,  weil  dieselben  ausschließlich
fast  von  Sklaven  besorgt  wurden.  Wir  finden  diese  Anschauung
überall  dort,  wo  die  Gesellschaft  einen  Unterschied  machte  zwischen
vollberechtigten  Staatsbürgern  und  Sklaven,  Leibeigenen,  Juden  etc.
Und  wie  lange  ist  es  her,  dass  es  selbst  in  Deutschland  für  schimpflich ­
  galt,  wenn  Feudalherren  Handel  und  Industrie  trieben?
Die  Griechen  nun  hatten  ihr  Kapital  so  recht  eigentlich  in
Sklaven  angelegt.  Zur  Zeit  der  höchsten  Blüte  Griechenlands,  im
fünften  bis  dritten  Jahrhunderte  vor  Christo,  besaßen  die  Hellenen
zwölf  Millionen  Sklaven;  der  Preis  eines  Sklaven  wurde  damals
auf  ungefähr  170  Franks  bewertet,  was  ein  Nationalkapital  von
2140  Millionen  in  Sklaven  ergab,  eine  Summe,  welche  bei  dem
großen  Werte  des  Geldes  um  so  höher  erscheinen  muss.  Freilich
war  der  griechische  Sklave  Arbeiter  in  jeder  Beziehung,  nicht  nur
die  ganze  Nährthätigkeit  besorgte  er,  auch  die  Lehrthätigkeit  versah ­
  er;  haben  wir  doch  Beispiele  von  Sklaven,  die-  eine  hervorragende ­
  Stellung  in  hellenischer  Kunst  und  Wissenschaft  ein-Dahmen;
  nur  die  Wehrthätigkeit  war  das  Gebiet  des  griechischen
Bürgers.  Ein  tiefer  Unterschied  besteht  deshalb  zwischen  dem
Sklaven  des  klassischen  Altertums  und  dem  modernen  Sklaven.
Knies’)  schreibt  darüber:  rUnd  wenn  man  die  geistige  Natur  des
Menschen  damals  (im  Altertume)  und  jetzt  in  Vergleichung  zieht,
so  War  es  im  Altertume  die  stolze  Natur  des  Herrn,  dem  oft  der
geistig  überlegene  Sklave  den  Jugendunterricht  erteilt  hatte,  heutzutage ­
  ist  es  der  tiefe  Stand  der  wilden,  der  Leitung  und  Aufsicht
bedürftigen  Natur  des  Negersklaven,  auf  welche  die  Ursachen  einer
solchen  Institution  zurückgeführt  werden  müssen.«
Wie  groß  die  Verachtung  der  gewerblichen  Thätigkeit  bei  den
Griechen  zur  Zeit  ihrer  geistigen  Blüte  war,  wie  sie  aber  auch
’)  Polit.  Ökonomie  (1853).  S.  273  und  (1883).  S.  390.
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        30

andererseits  zusammenhing  mit  der  Stellung  des  Bürgers  im  Staate,
zeigen  uns  zahlreiche  Stellen  griechischer  Schriftsteller;  so  z.  B.
lässt  Xenophon  in  seinem  nOíxovofuxòg')^  den  Sokrates  zum  Kritobolus
  sagen  :  vAXXcc  xaXäg,  sq^rj,  Xéysig,  a  KQLtoßovXe.  xcd  yccQ
ài  ys  ßttvavoixal  xaXov^svai  xal  ¿TCÍQQtjroí  xal  síxóvcog
liévtoi  Ttúvv  ádo^ovvrca  JCQÒg  rcõv  tcóXscov.  xaraXv^aívovtat  yàQ
tà  õáuara  tãv  rs  èçya^oyiévav  xccl  rCov  èTiifieXofiávcov.  ávayxál&amp;gt;)VOKi
  xa&amp;amp;fjõd-UL  xaí  õxtazQacpEtõd-ca,  iviat  ôè  xai  nçbg  TtvQ
'fjfisQe^SLv.  tæv  dè  ôa^iàtœv  d'qXvvo^évav  xai  aí  ilfvxal  jtoXv
àçQaõTÓtSQai  yíyvovtai.  xal  dè  ^áXiõza  s%ovgl  xal  g)CXcov
xal  TtóXecog  övvETUfieXslöO'aL  aí  ßavavöixal  xaXovfiévai.  cóõxs  oí
TOLOvTOi  òoxovOi  xaxol  xal  rpiXoLg  XQÍ\Gd'ai  xal  talg  naxQÍGiv
áXs^7]x^çsg  EÍvat.  xal  èv  èvíaig  (lèv  xãv  nóXeav,  yiáXiúxa  dè  èv
xalg  s'd'JtoXéyiOíg  doxovGaig  slvai,  ovd’  b^eõxl  xãv  jtoXitãv  ovdsvl
ßavavGixag  xé^vag  éQyá^eGd^aiu.
Bis  ungefähr  1000  vor  Christo  war  der  wirtschaftliche  Verkehr ­
  auf  den  Tauschhandel  beschränkt  ;  langsam  entstand  der  Kauf,
welcher  um  750  vor  Christo  zur  allgemeinen  Erscheinung  gelangt
ist.  Der  Tyrann  Pheidon,  welcher  um  diese  Zeit  über  den  nördlichen ­
  Peloponnes,  Ägina  und  Korinth  geherrscht  hat,  brachte  zuerst ­
  in  die  aus  dem  unreflektierten  Gemeinwillen  entstandene  Einrichtung ­
  des  Geldes“)  und  zugleich  des  Maßes  und  des  Gewichtes
ein  auf  einer  allgemein  gültigen  Einheit  beruhendes  System.  Die
in  Ägina  geprägten  Münzen  und  der  äginatische  Münzfuß  verbreitete ­
  sich  außerordentlich  rasch  über  die  ganze  bekannte  Welt.
Den  Wert  des  Geldes  können  wir  aus  dem  großen  Zinsfuß  entnehmen, ­
  welcher  z.  B.  zur  Zeit  des  pelopennesischen  Krieges  18%,
zur  Zeit  des  Demosthenes  10%,  zur  Zeit  des  Aristoteles  12%  betrug
und  in  einzelnen  Fällen  bis  auf  38%  gestiegen  ist.  Schon  also
gab  es  Geldunternehmungen,  welche  zur  Geldwirtschaft ­
  geführt  haben.  Seit  den  Perserkriegen  finden  wir  in
Griechenland  auch  schon  Bankiers.
Und  auch  in  Griechenland  wuchs  der  so  lange  verachtete
Handel  und  das  Gewerbe  mächtig  empor,  so  dass  die  Hellenen  gegenüber ­
  dem  jungen  Volke  ider  Römer  als  Handelsvolk  erschienen,
während  die  Lateiner  Krieger  und  Ackerbauer  waren.
')  Cap.  IV.  2.  3.
*)  über  den  Ursprung  des  Geldes  vergleiche:  Aristoteles,  Política  A.
Cap.  III.  12—17;  Menger,  Grundsätze  der  Volkswirtschaftslehre  (Wien  1871).
S.  250  u.  if.
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        31

Nach  der  Servianischen  Verfassung  waren  Acker  und  Weide,
wie  in  der  germanischen  Dreifelderwirtschaft  gemeinschaftliches
Eigentum,  die  wirtschaftliche  Thätigkeit  war  im  ganzen  eine
Familienthätigkeit,  und  nur  Sklaven  und  Vieh  waren  getrennter
persönlicher  Besitz.  Rom  war,  wie  früher  Griechenland,  ein  Ackerbaustaat ­
  und  seine  ganze  Kriegs-  und  Eroberungspolitik  hing  mit
seiner  Agrarverfassung  zusammen.  Der  Ackerbau  wurde  aber  hier
der  Ausgangspunkt  mannigfaltiger  Unternehmungen:  Die  Römer
kannten  die  Einrichtungen  der  Berieselung  und  der  Drainage.  Mit
der  theoretischen  Behandlung  des  Ackerbaues  durch  die  Scriptures
de  Re  Agraria  und  Re  Rustica  aus  der  Zeit  der  sinkenden  Republik
entstand  auch  die  erste  physiokratische  Schule  der  Nationalökonomie,
welche  sich  mit  dem  18.  Jahrhundert  in  Frankreich  im  modernen
Geiste  wiederholen  sollte.
Wie  in  Griechenland  zur  Zeit  der  höchsten  Blüte,  so  waren
auch  in  Rom  Handel,  Gewerbe  und  Industrie  verachtet.  Alle  Arbeit
besorgten  Sklaven,  und  insbesondere  waren  es  griechische  Sklaven,
welche  die  Träger  der  Künste  und  Wissenschaften  und  die  Erzieher
der  Kinder  römischer  Bürger  wurden.  Cicero*)  ruft  aus:  nSordidi
etiam  putandi,  qui  mercantur  a  mercatoribus,  quod  statim  vendant  5
nihil  enim  proficiant,  nisi  admodum  mentiantur,  nec  vero  est
quicquam  turpius  vanitate.  Opificesque  omnes  in  sórdida  arte  versaiitur;
  nec  enim  quicquam  ingenum  habere  potest  officina«.  —  So
weit  ging  die  Verachtung  eines  jeden  Geldgeschäftes,  dass  man  in
Rom,  wo  man  ja  bereits  alle  Steuerarten  kannte,  welche  die  moderne
f'inanzverwaltung  einzuheben  pflegt,  die  Einhebung  der  Steuern  an
I’rivatunternehmer  verpachtete,  eine  Einrichtung,  die  zur  Zeit  des
l'hysiokratismus  in  Frankreich  ebenfalls  zur  Erscheinung  gelangt
ist.  Die  Industrie  war  aber  für  Staatsmänner  Roms  geradezu  ein
Verbrechen:  Augustus  verurteilte  den  Senator  Avienus  zum  Tode,
weil  er  die  Leitung  einer  Manufaktur  übernommen  hatte.  Und  die
geschäftliche  Arbeit  war  eine  Schande:  Ladenmädchen  wurden  den
Freudendirnen  gleich  gehalten.
Die  Gewerbe  nahmen  eine  untergeordnete  Stellung  ein,  und  die
Handwerker,  deren  es  nur  wenige  Arten  gab,  als:  Goldschmiede,
Kupferschmiede,  Zimmerleute,  Walker,  Färber,  Töpfer,  Schuster  und
Flötenspieler,  waren  vom  Waffenrechte  ausgeschlossen,  und  nur
durch  die  Notwendigkeit  gezwungen,  wurden  Zimmerleute  und

*)  De  offlciis.  Lib.  1.  Cap.  XLII,  160.
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        32

Kupferschmiede,  sowie  Musikanten  im  Heere  verwendet.  Brot  und
Kleidung  besorgten  die  Frauen.  Die  Hauswirtschaft  der  von  den
gewerbefleißigen  und  Handelsuatiönen  der  Babylonier,  Griechen,
Aegypter  und  Phönizier  umgebenen  Römer  war  auf  demselben
Stadium  einer  nicht  mehr  ganz  isolierten  Wirtschaft,  wie  wir  sie
heute  bei  Gebirgsvölkern  finden,  welche,  umflutet  von  einem  unternehmungsreichen ­
  Strom  des  gewerblichen  Lebens,  ihren  ganzen
kleinen  Haus-  und  Lebensbedarf  durch  eigene  Arbeit  decken  und
zur  Zeit  des  Winters,  der  die  Pfade  unwegbar  macht,  höchstens  mit
den  Nachbarn  tauschen.  Ein  deutliches  Bild  dieser  Wirtschaftsstufe ­
  im  engeren  Rahmen  liefert  uns  das  kleine  Völklein  der  Goralen
in  den  Beskiden,  welches  seine  Leinwand,  seine  sonstige  Bekleidung
und  Beschuhung,  den  Fichtenspan  zur  Beleuchtung  selbst  verfertigt,
Heide,  Flachs,  Kraut  und  Erdäpfel  selbst  baut,  Schafe  züchtet,
Käse  und  Wolle  selbst  bereitet.
Trotz  dieser  Eingenommenheit  gegen  alles  geschäftliche  Leben
trugen  aber  die  Römer  den  öffentlichen  Bedürfnissen  in  hohem
Grade  Rechnung;  davon  zeugen  die  Wasserleitungen  und  Bäder
und  das  große  Netz  der  Kunststraßen.  Und  wiewohl  von  einem
Aktivhandel  der  italischen  Halbinsel  damals  noch  kaum  die  Rede
sein  konnte,  so  wurde  dagegen  der  Passivhandel  ziemlich  schwunghaft ­
  betrieben:  Metall  waren  mit  wahrscheinlich  babylonischem  Fabrikszeichen ­
  (dem  geflügelten  Löwen  auf  Goldplatten)  wurden  aus
Osten  importiert,  Thonwareu,  Glas-  und  Bernsteiuarbeiten  kamen  aus
Griechenland  und  Schmucksachen  aus  Aegypten.  Im  Lande  selbst
wurde  nur  wenig  erzeugt,  das  Wenige  jedoch  überdies  zum  kleinsten
Teile  von  freien  Handwerkern;  der  Besitz  von  Sklaven  erleichterte
die  häusliche  Produktion.
Das  Christentum  brach  im  Vereine  mit  der  aus  Norden  daherflutenden ­
  Welle  der  freien  germanischen  Arbeitskraft  die  Sklaverei.
Und  doch  war  das  wirtschaftliche  Bild  des  germanischen
Lebens  um  die  Zeit  des  Sturzes  des  weströmischen  Reiches  durch
die  Ostgoten  in  seinen  Grundzügen  nicht  viel  verschieden  von  der
römischen  Wirtschaftsthätigkeit:  hier  wie  dort  finden  wir  den  Typus
der  Dreifelderwirtschaft  und  große  Sorgfalt  dem  Ackerbau  gewidmet.
Viel  früher  schon  (310  vor  Christo)  erzählt  Pytheas  aus  Massilia  von
Dreschtennen  an  der  Ostsee,  und  Tacitus  beschreibt  später  des  Längeren ­
  den  germanischen  Ackerbau.  Die  meisten  Dinge  waren  Frauenarbeit ­
  :  Brot,  Bier,  Essig,  Seife  u.  dgl.  Mit  Ausnahme  des  urdeutschen
Handwerkes  der  Waffenschmiede,  deren  einzelne  Erzeugnisse,  wie
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        die  berühmten  Schwerter  des  Nibelungenliedes  und  .des  Epos  Waltharius,
  fast  wie  Heiligtümer  verehrt  wurden,  sind  kriegsgefangene
Sklaven  als  Handwerker  verwendet  worden.  Den  Sklavenhandel
kannten  die  Germanen  nicht,  und  ihr  Warenhandel  vollzog  sich  im
Tausche.  Geld  lernten  sie  von  den  Römern  kennen.
Bis  zum  12.  Jahrhundert  waren  in  Deutschland  die  Klöster
der  Sitz  des  wissenschaftlichen  wie  des  gewerblichen  Lebens.  In
der  sogenannten  lateinischen  Zeit  waren  es  besonders  die  Benediktiner, ­
  welche  die  Wissenschaften  und  Künste  in  Deutschland  pflegten,
und  manches  Denkmal  der  deutschen  Nationallitteratur  z.  ß.  verdankt ­
  die  Wissenschaft  dein  Fleiße  dieser  Ordensmönche.
Und  während  in  Italien  sich  jetzt  der  überseeische  Handel
immer  mehr  und  mehr  entfaltete,  während  Genua,  Pisa  und  Venedig
blühende  Handels-Emporien  wurden;  als  Italien  sich  zu  mächtigen
Handelsstaaten  umgestaltete  :  da  ward  von  den  Deutschen  die  große
Kultursendung  der  wissenschaftlichen  Pflege  übernommen.
So  war  es  auch  Venedig,  wo  im  Jahre  1157  ein  ganz  neues,
bisher,  noch  unbekanntes  Unternehmen  ins  Leben  gerufen  wurde,
es  war  dies  die  erste  Bank,  das  erste  Kreditunternehmen. ­
  Und  damit  ist  der  Zeitpunkt  in  der  Wirtschaftsgeschichte
aller  Völker  gekennzeichnet,  mit  welchem  die  Geldwirtschaft
durch  die  Vermittelung  des  Kreditunternehmens  ihre
große  Mission  an  die  Kreditwirtschaft  übergeben  hat.
Was  Sokrates  und  Aristoteles  schon  erkannt  hatten,  indem
sie  den  Mittelstand  den  besten  nannten,  das  entwickelte  sich  nun
aus  der  freien  Arbeit;  denn  erst  die  hat  den  Mittelstand  geschaffen.
Durch  die  Wissenschaft,  durch  Entdeckungen  und  Erfindungen  ist
der  Wert  des  Menschen  gestiegen  und  der  Arme  vom  Reichen  und
der  Schwache  vom  Starken  unabhängig  geworden.
Auch  in  Deutschland  wurden  die  Städte  Sammelpunkte  des
Handels  und  der  Gewerbe.  Nicht  allein  ihre  Unabhängigkeit,  sondern ­
  auch  bisweilen  neben  großem  Reichtume  eine  große  Macht
wussten  sie  sich  zu  erringen  und  zu  bewahren,  und  wurden  später
zur  Zeit  des  Interregnums  (1256—  1273)  die  Stützen  des  Kaiserreiches. ­
  Freilich  ist  auch  darin  die  Ursache  zu  suchen,  dass  in
Deutschland  eine  große  Münzverwirrung  im  Mittelalter  geherrscht
hat;  es  gab  so  viele  Münzarten,  als  unabhängige  Städte  und  mit
Hoheitsrechten  ausgestattete  Grundherren.  Die  kölnische  Mark  war
es,  die  diesem  Zustande  ein  Ende  machte  und  gar  rasch  in  den
europäischen  Verkehr  trat.
Schroeder,  Uas  Unternehmen  u.  der  Uuternehmergewion,

3
        <pb n="50" />
        34

Eine  spezifisch  deutsche  soziale  Erscheinung  sind  die  im  frühen
Mittelalter  entstandenen  Genossenschaften  und  Innungen  der  Handwerker, ­
  welche  bis  in  dieses  Jahrhundert  hinein  dem  gewerblichen
Charakter  der  deutschen  Städte  ihr  Merkmal  aufgedrückt  haben.
Zur  Zeit  der  Karolinger  schon  tauchte  in  Deutschland  eine
neue  Unternehmung  auf,  es  war  dies  die  Feuerversicherung,  und
zwar  gleich  damals  in  der  Form,  wie  sie  noch  heute  besteht,  in  der
Form  von  Vereinen  zu  diesem  Zwecke.  In  den  deutschen  Städten
des  Mittelalters  gelangte  diese  Institution  zu  einer  nicht  zu  unterschätzenden ­
  Bedeutung.
Einen  großen  Einfluss  auf  die  deutsche  Industrie  und  den
deutschen  Handel  übten  das  12.  und  13.  Jahrhundert  durch  die
Kreuzzüge  aus.  Neue  Wege  und  Absatzgebiete  erzeugten  im  Vereine ­
  mit  mancher  Anregung  zu  neuen  gewerblichen  Unternehmungen
ein  lebhaftes,  weite  Kreise  umfassendes  Handels-  und  ludustrieleben  ;
Augsburg,  Nürnberg,  Straßburg,  Köln  wurden  nicht  minder  mächtige ­
  Handelsplätze  wie  die  nordischen  Hansastädte,  welche  sich
durch  ihre  Flotte  geradezu  zu  einer  Weltmacht  aufgeschwungen
haben.  Auch  die  zu  Ende  des  13.  Jahrhunderts  gemachte  Erfindung
des  Schießpulvers,  die  Herstellung  von  Schießwaifen  aller  Arten
trugen  zu  diesen  Erscheinungen  mit  bei.  Schon  im  Jahre  1372
verteidigte  sich  Straßburg  mit  gegossenen  Kanonen  gegen  das  Belagerungsheer ­
  des  Herzogs  Johannes  von  Bayern.  Der  Schiffsbau
machte,  gestützt  auf  diese  günstigen  Bedingungen,  gewaltige  Fortschritte, ­
  andere  neue  Industrien  und  Gewerbe  entstanden  und  blühten
auf,  und  im  Zusammenhänge  mit  der  Entfaltung  eines  regen  Gewerbelebens ­
  und  einer  freiheitlichen  lebhaften  Handelsbewegung
begannen  seit  der  Mitte  des  13.  Jahrhundertes  langsam  Hörigkeit,
Leibeigenschaft,  Fronden  und  Robot  zu  schwinden:  freie  Arbeiter
waren  die  Handlanger  dieses  mächtigen  wirtschaftlichen  Aufschwunges,
welcher  der  Zeit  den  Charakter  gab.  Allerdings  machten  sich  einschränkende, ­
  der  freien  Entfaltung  des  wirtschaftlichen  Lebens
hinderliche  Einrichtungen,  auch  geltend,  wie  z.  B.  die  Löhne  der
Bauhandwerker  durch  gesetzliche  Bestimmungen  in  den  Reichsstädten
festgesetzt  wurden  ;  das  brachte  aber  der  große  Bedarf  an  Baulichkeiten ­
  mit  sich,  und  Bauherren  und  Arbeiter  fuhren  dabei  nicht
schlecht,  indem  die  ersteren  sichere  Arbeitskräfte,  die  letzteren  aber
eine  sichere  Beschäftigung  hatten.
Im  Süden  wuchsen  die  italienischen  und  lombardischen  Freistaaten ­
  gerade  so  wie  im  Norden  die  Hansa  durch  das  Prinzip  der
        <pb n="51" />
        35

vollen  Freiheit  mächtig  empor.  Genua,  Florenz,  Mailand  und  besonders ­
  Venedig,  welches  z.  B.  im  15.  Jahrhunderte  300  Kriegsund ­
  3000  Handelsschiffe  mit  einer  Bemannung  von  17.000  Matrosen
besaß,  gelangten  zu  kolossalem  Reichtum  und  einer  großen  Seeüberlegenheit ­
  gegenüber  größeren  ausgebreiteten  Staaten.  Der  Handel
war  eine  Weltmacht.  Schon  zur  Zeit  der  Gründung  der  ersten  Bank
in  Venedig  begann  eine  neue  wichtige  Erscheinung  für  das  wirtschaftliche ­
  Leben  der  ganzen  Welt  für  die  folgenden  Jahrhunderte  bis
auf  unsere  Zeit.  Es  war  dies  die  erste  Benützung  des  Wechsels,
welche  im  Warenaustausche  der  handeltreibenden  Völker  zuerst
zwischen  Italien  und  Deutschland,  dann  Flandern,  England  und  der
übrigen  Welt  Platz  griff.  In  Barcelona  wurde  im  Jahre  1349  und
in  Hamburg  im  Jahre  1619  eine  Bank  gegründet,  und  im  Jahre
1664  entstand  die  Bank  von  England.
Nach  der  Entdeckung  Amerikas  durch  den  Nürnberger  Kaufmann ­
  Martin  Behaim  im  Jahre  1484  erwuchs  dem  weltbeherrschenden ­
  Handel  der  deutschen  Hansa  und  der  italienischen  Staaten
eine  große  Konkurrenz  durch  Engländer,  Spanier,  Holländer  und
Portugiesen.  Aber  die  Entdeckung  des  neuen  Weltteiles  hatte  auf
den  europäischen  Handel  in  der  ersten  Zeit  keineswegs  jenen  fördernden ­
  Einfluss,  welchen  man  vermuten  sollte.  Die  neue  Welt
mit  ihren  fabelhaften  Reichtümern,  von  welchen  die  Seefahrer  erzählten, ­
  erzeugte  einerseits  eine  große  Anzahl  solcher  Unternehmungen ­
  in  allen  Ländern  Europas,  welche  auf  Erwerbung  neuer
transozeanischer  Länderstriche  gerichtet  waren,  dagegen  ein  Zurückgehen ­
  reeller,  schlichter  Unternehmungen.  Der  Gewinn  der  neuen,
mit  großen  Gefahren  und  oft  unüberwindlichen  Schwierigkeiten  verbundenen ­
  Unternehmungen,  blieb  weit  zurück  hinter  dem  gewaltigen
Reichtume,  welchen  die  europäischen  Handelsstaaten  früher  zu  erwerben ­
  in  der  Lage  waren.  Die  gewagten  See-Unternehmungen
zeigten  bald  ihre  Früchte;  obgleich  Spanien  aus  der  neuen  Welt
Gold  und  Silber  holen  und  sich  bereichern  wollte,  so  ist  gerade
dort  die  erste  Münzverschlechterung  entstanden.  Karl  V.  ließ
schlechtes  Geld  prägen.  Er  war  es  auch,  der  in  Amerika  die  Sklaverei ­
  einführte,  die  in  der  alten  Welt  eben  die  letzten  Atemzüge
gemacht  hatte.
Und  während  so  auf  der  einen  Seite  ein  Jagen  nach  Reichtümern ­
  entstand,  wozu  alle  Mitteln  gut  waren,  während  die  Sklaverei
und  der  Sklavenhandel  über  dem  Ozeane  wieder  aufblühen  sollten:
drang  mit  der  Reformation  mitten  aus  dem  Volke  heraus  der  Ruf
3*
        <pb n="52" />
        36

nach  Freiheit  auf  der  alten  Erde.  Im  Jahre  1525  traten  in  Franken
und  in  Schwaben  die  Bauern  auf  den  Schauplatz  der  Geschichte:
in  ihren  12  Artikeln  verlangten  sie  Beschränkung  der  Zehnten,  Aufhebung ­
  der  Leibeigenschaft,  freies  Holz  etc.  Schon  also  machten
sich  kommunistische  Wünsche  geltend,  welche  um  diese  Zeit  mit
dem  Wachstum  der  Kolonialpolitik  und  dem  Beginne  des  Merkantilsystems ­
  sich  auch  in  der  Litteratur  ausdrücken  sollten.
Hand  in  Hand  mit  der  Kolonialpolitik  griff  in  der  alten  Welt
die  Auswanderung  so  um  sich,  dass  verschiedene  Staaten  gezwungen
waren,  Gesetze  gegen  die  Auswanderung  zu  erlassen  '),  damit  die
Arbeitskräfte  nicht  allzusehr  den  Gewerben  und  dem  Landbaue  entzogen ­
  werden  sollten.  Das  Merkantilsystem,  welches  in  Verbindung
mit  der  Kolonialpolitik  die  privilegierten  Handelsgesellschaften  erzeugt
hat,  noch  mehr  die  Navigationsakte  der  Engländer,  die  ihre  grolie
Seemacht  dazu  benutzten,  um  durch  Verbote  und  starke  Auflagen
den  Seehandel  ganz  an  sich  zu  reißen,  waren  die  Ursachen  des
Niederganges  der  deutschen  Hansa.  Und  schon  in  den  Jahren  1608
und  1620  sehen  wir  abermals  eine  ganz  neue,  aber  traurige  Erscheinung ­
  auf  dem  Felde  des  wirtschaftlichen  Kampfes,  die  ersten  Handelskrisen ­
  in  Lübeck.
England  ging  aus  dem  Merkantilsystem,  welches  es  ja  geboren
hatte,  in  diesem  riesigen  Wettstreit  um  die  maritime  und  kommerzielle ­
  Weltherrschaft  als  Sieger  hervor.
Der  Verkehr  der  Völker  wurde  immer  enger  und  lebhafter.
Nachdem  schon  im  Jahre  1516  die  erste  Postverbindung  für  den
öffentlichen  Handelsverkehr,  und  zwar  damals  nur  von  Wien  nach
Brüssel,  gegründet  war,  breitete  sich  bald  ein  großes  Postnetz  über
ganz  Europa  aus.  Um  diese  Zeit  machte  auch  schon  die  Biichdfuckerkunst,
  welche  im  Jahre  1456  der  deutsche  Geist  erfunden
hatte,  ihren  mächtigen  Einfluss  geltend;  was  sich  später  durch
Eisenbahnen  und  Telegraph  physisch  vollzog,  das  bahnte  schon
damals  auf  geistigem  Gebiete  die  Kunst  Guttenbergs  an,  die  Verbindung ­
  der  Völker!  —  Mit  diesen  Momenten  waren  dem  Aufschwünge ­
  des  Kontinentalhandels  neue  gewaltige  Lebensbedingungen
gegeben,  welche  durch  die  Gründung  von  Börsen  (die  erste  in  den
Niederlanden  im  17.  Jahrhunderte)  abermals  um  eine  vermehrt  wurde.
Der  erste  Anstoß  gegen  die  drückende  Weltherrschaft  Großbritanniens ­
  gegenüber  den  anderen  Handelsstaaten  ging  von  Frankreich ­
  aus,  und  zwar  einerseits  in  ganz  passiver  Weise  durch  das
*)  VergL:  Stein,  Handbuch  der  Verwaltungslehre  (Stuttgart  1870).  S.  80.
        <pb n="53" />
        37

wirtschaftspolitische  System  des  Physiokratismus,  und  andererseits
direkt  zuerst  durch  See-  und  Handelsverträge  mit  anderen  Mächten
zum  Zwecke  der  Emanzipierung  von  dem  maritimen  Drucke  Englands,
und  dann  durch  den  neuen  Seekodex  der  Ordonnanz  vom  Jahre  1681,
deren  Grundsätze  auch  bei  anderen  Staaten  Beifall  fanden.
Der  Physiokratismus  hatte  dort,  wo  er  entstand,  in  Frankreich, ­
  die  Aufhebung  der  Fronden  und  Zünfte  unter  Ludwig  XVI.,
und  in  Österreich  die  Ausdehnung  der  Grundsteuer  auf  alle,  auch
die  privilegierten  Klassen,  durch  Josef  H.  zur  Folge,  welche  ja  bekanntlich ­
  auch  hier  die  Aufhebung  der  Leibeigenschaft  begleitete.
Von  Frankreich  aus  ging  der  große  wirtschaftliche  Zug  nach
freier  Bewegung.  Englands  Seetyrannis  musste  langsam  dem  freien
Seeverkehre  weichen.
Auf  dem  Kontinente  entstanden  neue  Verkehrsadern,  Reichsund ­
  Kaiserstraßen;  die  Flussschiffahrt  machte  Fortschritte.  Staatsund ­
  Privatunternehmungen  wetteiferten  auf  gewerblichem  und  kommerziellem ­
  Gebiete.
Was  Kaiser  Josef  praktisch  mit  der  Anerkennung  der  freien
Arbeit  vollzog,  hat  Adam  Smith  wissenschaftlich  gethan.  Der  reine
Handel  des  Merkantilsystems,  das  große  Gewicht,  welches  der
Physiokratismus  auf  die  Bodenkultur  legte,  sanken  zurück  vor  den
neuen  Kultur-  und  Wirtschaftsbestrebungen  des  Industriesystems
mit  seinen  freien  Arbeits-  und  Betriebsformen.  Das  Verkehrswesen
in  allen  Gestalten,  die  Technik  auf  allen  Gebieten  drangen  in  das
wirtschaftliche  Leben,  um  gleichmäßig  und  harmonisch  Handel,
Gewerbe  und  Industrie,  Geld  und  Kreditwesen  zu  entfalten.
Und  als  im  Jahre  1814  in  England  die  erste  Dampfeisenbahn
zwischen  der  Stadt  Leeds  und  den  benachbarten  Kohlenwerken  gebaut ­
  wurde,  welche  schon  zum  Personentransporte  geeignet  war;
als  darauf  im  Jahre  1827  durch  Perkins,  Timotheus  Burstall  und
John  Hill  die  allgemeine  Aufmerksamkeit  auf  die  verbesserten
Dampfwagenapparate  gelenkt  wurde:  da  wurde  der  Grund  gelegt  zu
einer  ganz  ungeahnten.Veränderung  in  allen  nationalökonomischen
Verhältnissen.  Eisenbahnen  und  Dampfschiffahrt,  welch  letztere  sich
schon  seit  dem  Jahre  1807,  da  der  Nordamerikaner  Robert  Fulton
auf  dem  Hudsonflusse  von  New-York  nach  Albany  die  erste  Dampffahrt ­
  gemacht,  rasch  alle  Wasserwege  erobert  hatte,  haben  die  entferntesten ­
  Weltwiukel  mit  einander  verbunden,  so  zwar,  dass  durch
das  Hinzutreten  des  elektromagnetischen  Telegraphs,  dessen  erste
Anwendung  im  großen  im  Jahre  1839  an  der  Great-Wester-
        <pb n="54" />
        38

Eisenbahn  geschah,  dann  durch  die  Verbindung  der  Weltteile  durch
Kabelleitungen,  deren  erster  Versuch  die  Kabelleitung  zwischen
Dover  und  Calais  im  Jahre  1850  war:  die  Schranken  des  Raumes
zwischen  den  wirtschaftlichen  Nationen  der  Erde  gefallen  sind,  und
nun  die  ganze  Menschheit  nicht  allein  im  ganzen  wirtschaftlichen,
aber  auch  im  gesamten  Kulturleben  ein  großes  Volk  geworden  ist.
Welch  großartigen  Aufschwung  die  Unternehmungen  in  diesem
Kulturleben  genommen  haben,  das  sehen  wir  an  den  mannigfaltigen
Gestalten,  in  welchen  sie  als  Einzelnunteruehmungen  und  als  Gesellschaftsuuternehmen,
  und  zwar  wieder  als  offene  Gesellschaft,  als
stille  Gesellschaft  und  der  aus  ihr  hervorgegangenen  Kommanditgesellschaft, ­
  als  Aktiengesellschaft,  als  Gewerkschaft  und  als  Erwerbs- ­
  und  Wirtschaftsgenossenschaften  in  ihren  Formen,  der  Produktivgenossenschaft, ­
  der  Partnerschaft  und  der  Konsumvereine,
auftreten,  in  einander  greifen,  sich  verbinden  und  ein  Leben  entfalten, ­
  welches  geradezu  unentwirrbar  erscheint,  wie  die  Bahnen  der
Planeten  im  Weltenraume,  und  doch  durch  Gesetze  geregelt  ist
wie  diese.
        <pb n="55" />
        III.
Theorie.

A,  Empirische  Untersuchungen.
Was  wir  nach  Aristoteles  in  der  wissenschaftlichen  Litteratur
nicht  finden,  und  was  doch  in  erster  Linie  dazu  berufen  ist,  das
Wesen  des  Unternehmens  und  des  ünternehinergewinnes  wissenschaftlich ­
  erkennen  zu  lassen,  das  ist  die  Forschung  nach  einem
Unterschiede  zwischen  Unternehmen  und  Wirtschaft,
welchen  sonderbarer  Weise  noch  kein  nationalökonomischer  Schriftsteller ­
  darzulegen  sich  veranlasst  sah,  und  so  auch  dort,  wo  vielleicht ­
  ein  Unterschied  wohl  geahnt  aber  nicht  erfasst  wurde,  nur
Irrtüuier  entstanden  sind.
In  unseren  exakten  Untersuchungen  wird  sich  der  Unterschied
zwischen  Unternehmen  und  Wirtschaft  als  Resultat  wirtschaftlicher
Faktoren  eben  aus  dem  Unterschiede  dieser  Faktoren  ergeben.
ln  empirischer  Weise  müssen  wir  zuerst  die  Wahrheit  jener
Unterscheidungen  prüfen,  welche  ohne  darauf  bezügliche  Absicht
in  den  Lehren  der  nationalökonomischen  Schriftsteller  andeutungsweise ­
  entstanden  sind.
Wir  fragen  also,  sind  im  Unternehmen  alle  Produktionsfaktoren
und  in  der  Wirtschaft  nur  eine  oder  die  andere  thätig?  Kann
das,  was  Stein  zum  Unterschiede  zwischen  Unternehmen  und  Wirtschaft ­
  erhoben  zu  wissen  zu  wollen  scheint,  jeder  Untersuchung  stichhalten? ­
  Ist  das  Unternehmen  die  historisch  entwickeltere,  die  Wirtschaft ­
  die  historisch  einfachere  Erscheinung?  Die  Unwahrheit  dieser
Unterscheidung  ist  in  die  Augen  springend,  weil  ja  auch  in  der
Wirtschaft  alle  Produktionsfaktoren  verwendet  werden  können  und
müssen.  Selbst  die  Wirtschaft  des  reinen  Kapitalisten  erfordert
die  Arbeit  der  Kapitalanlage,  der  Zinsenverrechnung  etc.  ;  also  auch
        <pb n="56" />
        40

hier,  in  dera  denkbar  einfachsten  Typus  der  Wirtschaft,  vereinigen
sich  Kapital  und  Arbeit.  Aber  das  hat  Stein  wahrscheinlich  nicht
einmal  gemeint,  es  scheint,  dass  er  das  Hinzutreten  des  Kredits
als  charakteristisches  Merkmal  des  Unternehmens  ansieht  und  der
Ansicht  ist,  dass  dieses  der  Wirtschaft  fehle.  Wir  können  uns  aber
ganz  gut  ein  Unternehmen,  ein  Natural-  und  selbst  ein  Geldunternehmen ­
  ohne  Kredit  denken,  dagegen  aber  auch  eine  Wirtschaft  —
wir  brauchen  nur  im  realen  Leben  Umschau  zu  halten  —  mit
Kredit.
Wollte  die  Unterscheidung,  welche  z.  15.  Schober’)  anzudeuten
scheint,  dass  nämlich  in  der  Wirtschaft  eigene,  im  Unternehmen
fremde  Produktionsmitteln  thätig  seien,  Anspruch  auf  Wahrheit
erheben  können:  dann  müsste  es  wirklich  wahr  sein,  dass  jede  Wirtschaft ­
  fremdes  Kapital  und  fremde  Arbeit  entbehren,  und  kein  Unternehmer ­
  alle  Produktionsfaktoren  sein  eigen  nennen  könnte.
Auch  jene  Auffassung,  die  sich  aus  Keschers  Lehre  deduzieren
lässt,  dass  die  Wirtschaft  die  Produktion  für  sich  selbst,  das  Unternehmen
  die  Produktion  für  den  Verkehr,  also  für  andere  sei,  hat
darum  als  Unterscheidung  zwischen  beiden  Menschheitserscheinungen
keine  Berechtigung,  weil  ja  auch  die  Wirtschaft  vielfach  für  andere
produzieren  muss,  um  sich  erhalten  zu  können,  und  die  Art  des
Unternehmens  auch  so  beschallen  sein  kann,  dass  es  nur  für  den
Bedarf  des  Unternehmers  produziert,  z.  B.  eine  Ziegelbrennerei  auf
einem  Großgrundbesitze,  deren  Erzeugnisse  nicht  verkauft,  sondern
zu  Wirtschaftsbaulichkeiten  verwendet  werden.
Noch  eine  Unterscheidung  könnte  man  aus  Keschers  Theorie
des  Unternehmens  zwischen  diesem  und  der  Wirtschaft  ableiten,
nämlich  die,  dass  das  Unternehmen  auf  eigene  Gefahr,  die  Wirtschaft ­
  ohne  oder  auf  fremde  Gefahr  produziere.  Die  Unrichtigkeit
dieser  Annahme  ist  auffällig,  da  ja,  obgleich  das  Unternehmen
allerdings  stets  mit  Gefahr  verbunden  ist,  es  dies  nicht  allein  mit
eigener,  sondern  auch  gar  oft  mit  fremder,  und  auch  die  Wirtschaft,
wenn  auch  relativ  weniger  gefahrvoll,  so  doch  nicht  gerade  gefahrlos
ist,  und  jeder  Schade  doch,  wie  das  Unternehmen,  zuerst  sie  trellen
muss  und  dann  andere  berühren  kann.  Die  Gefahr  ist  ein
notwendiges,  aber  kein  charakteristisches  Attribut
des  Unternehmens®).

’)  Die  Volkswirtschaftslehre  (Leipzig  1882).  S.  140.
')  Wiis  von  Koscher  gesagt  ist,  gilt  auch  vou  Maiigoldt.
        <pb n="57" />
        41

Der  einzige  Schriftsteller,  welcher  einen  Unterschied  zwischen
Unternehmen  und  Wirtschaft  wirklich  machen  wollte,  ist  Aristoteles.
»'Ort  ovv  ovx  'h  àvTïi  Tr¡  oíaovouLXt¡  r¡  iQr¡yLazi0TLXí]u.  schreibt
der  hellenische,Weltweise,  und  damit  meint  er,  wie  er  auch  weiter  ausführt, ­
  dass  sich  die  Wirtschaft  durch  ihren  Erwerb  an  Naturalien  von
dem  Unternehmen,  welches  den  Erwerb  von  Geld  (Reichtum)  anstrebt,
unterscheidet.  Nach  den  Betrachtungen  in  dem  vorigen  Teile  unserer
Arbeit  ist  es  zweifellos,  dass  der  griechische  Philosoph  zu  diesem
Irrtum  durch  die  augenblickliche  Entwickelung  der  wirtschaftlichen
Zustände  seiner  Zeit,  welche  sich  eben  in  dem  Übergänge  ’der  Naturalwirtschaft ­
  zum  Geldunternehmen  befand,  geführt  wurde.
Dass  es  aber  nach  Aristoteles  niemand  unternommen  hat,  den
Unterschied  zwischen  Unternehmen  und  Wirtschaft  wissenschaftlich
festzustellen,  hat  seine  Ursache  in  der  allgemein  anerkannten ­
  Voraussetzung,  dass  jedes  Unternehmen  zugleich ­
  Wirtschaft  ist.  Aber  es  bedarf  bloß  der  Frage,
ob  auch  jede  Wirtschaft  zugleich  Unternehmen  sei,  was
gewiss  verneint  werden  muss,  um  dazu  gezwungen  zu
sein,  eine  Unterscheidung  zwischen  Unternehmen  und
Wirtschaft  zu  machen.
Jedes  Unternehmen  ist  zugleich  Wirtschaft,  aber  nicht  jede
Wirtschaft  zugleich  Unternehmen.  Es  ist  nämlich  in  dem  Streben
jedes  Unternehmens  auch  die  Thätigkeit  der  Wirtschaft  eingeschlossen,
während  die  Wirtschaft  nicht  immer  das  Streben  des  Unternehmens
aufweist.  Das  Unternehmen  birgt  etwas  in  sich,  was  über  die
Wirtschaft  hinausgeht.  Es  entsteht  nun  die  Frage,  ist  dieses  Etwas,
dieses  charakteristische  Merkmal  des  Unternehmens  ein  Fertiges,
ein  Gewordenes,  oder  ist  es  erst  ein  Unfertiges,  ein  Werdendes?
Entsteht  das  Unternehmen  früher  als  die  Wirtschaft,  oder  entsteht
es  später?
Die  Antwort  ist  leicht.  Das  Unternehmen  entsteht  sowohl
historisch  als  auch  organisch  ehe  noch  eine  Wirtschaft  gedacht
werden  kann,  es  entsteht  in  dem  Streben  nach  Wirtschaft.
Das  Unternehmen  sucht  die  Güterelemente  zu  vereinigen,  es
ist  das  wirtschaftliche  Beginnen.
Das  Unternehmen  ist  die  junge  Wirtschaft.
Sein  Ziel  ist  ein  sichererer,  gefahrloserer  Bestand,  die  Wirtschaft; ­
  das  Ziel  der  Wirtschaft  ist  die  Selbsterhaltung.

*)  Politik  A.  III.  2.
        <pb n="58" />
        42

Das  Unternehmen  ist  das  fortschrittliche,  die
Wirtschaft  das  konservative  ökonomische  Prinzip,
darum  schreitet  sie  in  gewohnten  Bahnen,  während  das  Unternehmen
neue  Wege  einschlägt.  Der  Unternehmer  strebt  über  seine  Bedürfnisse ­
  zu  produzieren,  um  den  Überschuss  zu  Kapital  machen  zu
können,  so  lange,  bis  das  gesammelte  Kapital  durch  seine  Erträgnisse ­
  die  Bedürfnisse  der  früher  unternehmenden,  jetzt  wirtschaftenden ­
  Person  zu  decken  im  stände  ist,  also  die  Wirtschaft  ermöglicht. ­

Dás  Unternehmen  ist  jene  Thätigkeit,  welche  erstens  auf  die
Deckung  des  Bedarfes  und  zweitens  auf  die  Erwerbung  neuen  Vermögens ­
  gerichtet  ist,  während  die  Wirtschaft  nur,  erstens  die  auf
die  Deckung  des  Bedarfes  und  zweitens  auf  die  Erhaltung  ihres
Vermögens  bedachte  Thätigkeit  darstellt.  Der  Ertrag  des  Unternehmens ­
  daher  ist  unbekannt,  der  Ertrag  der  Wirtschaft  unschwer
zu  berechnen;  er  ist  beim  Unternehmen  der  Unternehmergewinn,  bei
der  Wirtschaft  die  Rente.
Es  ist  klar,  dass  eine  Wirtschaft,  also  die  konservative  ökonomische ­
  Thätigkeit,  zum  Unternehmen  werden  kann,  wenn  sie  neue
fortschrittliche  Elemente  in  sich  aufnimmt,  wenn  sie  es  unternimmt,
neue  Kapitale  zu  bilden;  dann  wird  sie  auch  neue  Bahnen  einschlagen
  und  ihr  Ertrag  wird  unbestimmter  werden,  er  wird  in
jener  Quote,  welche  den  gewohnten  Wirtschaftsertrag  übersteigt,
Unternehmergewinn  sein.  So  können  in  die  Wirtschaft  als  integrierende ­
  Bestandteile  derselben,  die  eben  wieder  die  Fähigkeit  und
das  Streben  in  sich  tragen,  zu  Wirtschaften  zu  werden,  Unternehmungen ­
  fallen.  Das  thut  die  alte  Wirtschaft  zur  Selbsterhaltung
gegenüber  dem  Fortschritte;  denn  die  reine  Wirtschaft,  eine  Wirtschaft, ­
  die  stille  steht,  wird  von  den  rings  um  sie  her  entstehenden
Unternehmungen  überflügelt.  Unternehmung  und  Wirtschaft  kämpfen
den  Kampf  ums  Dasein.  Wiewohl  in  diesem  Kampfe  beiderseitig
eine  Gefahr  liegt,  ist  dieselbe  in  Bezug  auf  die  Wirtschaft  doch
weit  geringer;  denn  naturgemäß  ist  das  ältere  Dasein  widerstandsfähiger, ­
  und  in  wirtschaftlich  sicheren  Zeiten  und  Verhältnissen
erscheint  auch  der  Bestand  der  Wirtschaft  fast  ganz  gesichert,
dagegen  ist  jedes  und  auch  das  kleinste,  das  einfachste  Unternehmen
mit  mannigfachen  Gefahren  verbunden,  und  es  wird  sich  auch  nicht
eines  nachweisen  lassen,  welches  ganz  gefahrlos  wäre.  Es  gilt  dies
von  allen  Arten  des  Unternehmens,  welche  wir  nach  historischer  Betrachtung ­
  und  empirischer  Auffassung  unterscheiden,  von  den  Natural-,
        <pb n="59" />
        43

Geld-  und  Kredituuternehmungen  und  ihren  Verbindungen.  Selbstredend ­
  ist  es,  dass  sich  die  Gefahren  einer  Unternehmung,  welche
einer  entwickelteren  Stufe  angehört,  häufen  und  intensiver  werden,
so  dass  die  Gefahren  einer  Kredituuternehmung  größer  sind,  als  die
eines  Naturalunternehmeus.  Durch  eine  etwa  mögliche  Versicherung
gegen  die  Gefahr  aber  wird  dieselbe  nicht  aufgehoben,  ihr  Dasein
gerade  anerkannt  und  höchstens  auf  eine  andere  Unternehmung  oder
Wirtschaft  überwälzt.
Wenn  der  Unternehmergewinn  oft  eine  Gefahrsprämie  genannt
worden  ist,  so  hat  das  eine  ebensolche  Berechtigung,  wie  die  Bezeichnung ­
  desselben  als  Lohn  des  Unternehmermutes,  welcher  sich
der  wirtschaftlicheu  und  moralischen  Gefahr  des  Unternehmens  entgegenstellt; ­
  und  wenn  wir  Gefahr  und  Mut  küustlerisch  erfassen
und  personifizieren,  dann  sind  jene  Bezeichnungen  nichts
als  Bilder  von  gewisser  Wahrheit,  aber  sie  sind  durchaus ­
  keine  wissenschaftlichen  Bestimmungen,  denn  sie
drücken  bloß  aus,  als  was  der  Unternehmergewinn  erscheint, ­
  nicht  aber  was  er  ist.
Aus  den  Güterelementen,  dem  Kapital  und  der  Arbeit  entstehen ­
  neue  Produkte.  In  soweit  nun  diese  Produkte  oder  ihre  Werte
die  Bedürfnisse  des  Unternehmers  decken,  werden  sie  vernichtet.
Da  nun  das  Unternehmen  nach  mehr  als  der  bloßen  Deckung  der
Bedürfnisse  strebt,  so  ist  jene  Menge  von  Produkten  oder  ihrer
Werte,  welche  durch  den  Bedarf  nicht  aufgezehrt  wird,  der  Gewinn
der  Unternehmung.
Der  Unteruehmergewinn  ist  demnach  der  Überschuss  der  Produktion ­
  der  Unternehmung,  welcher  durch  den  Bedarf  oder  andere
Ursachen  nicht  vernichtet  worden  ist.
Er  ist  neu  gebildetes  Kapital.
Nach  diesem  Unterschiede,  welcher  zwischen  Unternehmen  und
Wirtschaft  thatsächlich  besteht,  und  insbesondere  durch  die  Erkenntnis ­
  des  Wesens  und  Inhaltes  des  Unternehmergewinnes,  ergibt
sich  von  selbst  die  Wahrheit,  dass  die  Elemente  der  Güterbildung
überall  dieselben  sind:  Kapital  und  Arbeit,  und  dass  nur  die
Thätigkeit  des  Unternehmers  eine  andere  ist,  als  die  des  reinen
Wirtschafters.  Es  ist  ein  Irrtum  vieler  Nationalökonomen,  dass  der
Unternehmergewinn  zusammengesetzt  sei  aus  Grundrente,  Arbeitslohn ­
  und  Kapitalzins;  denn  jene  Quoten,  welche  auf  die  Benützung
der  Produktionsfaktoren  entfallen,  müssen  bereits  bezahlt  sein,  und
        <pb n="60" />
        44

'/war,  da  sie  stets  durch  das  Verhältnis  von  Angebot  und  Nachfrage
in  ihren  Werten  streng  bestimmt  werden,  voll  bezahlt  sein,  ehe
Kapitalbilduug,  also  der  Uiiternehmergewinn,  entstehen  kann.  Überdies ­
  ist  Grund  und  Boden  auch  Kapital,  durch  die  Macht  des
Menschen,  duich  Arbeit  und  Kapital  der  Natur  abgerungen,  und
seine  Benützungsquote  kann  nur  zum  Unterschiede  von'der  des  beweglichen ­
  Kapitals,  vom  Kapitalzinse,  Kapitalmiete  genannt  werden.
Wollte  man  Grund  und  Boden  als  etwas  Eigentümliches  betrachten,
dann  müsste  man  folgerichtig  alle  anderen  produktionsfähigen  Güter
als  ebenso  viele  eigenartige  Güterelemente  ansehen.  Der  Besitz  von
Grund  und  Boden  ist  ebenso  ein  außerpersönliches  Kapital,  wie
der  Besitz  von  Baulichkeiten,  Maschinen,  Vieh  und  Geld.
Arbeit  und  Kapital  also  sind  die  Elemente  der  Güterbildung,
jene  Faktoren,  welche  der  Unternehmer  vereinigen  muss,  um  neues
Kapital  zu  bilden,  und  das  ist  seine  Aufgabe,  dadurch  unterscheidet
er  sich  vom  Wirtschafter.  Gleichwohl  ist  es  gewiss  nicht  notwendig,
dass  die  Güterelemente  auch  Eigentum  der  Person  des  Unternehmers
sind.  Es  kann  sowohl  das  Kapital  einer  dritten  Person  gehören,  der
Unternehmer  muss  demnach  keineswegs  Kapitalist  sein,  als  auch  im
Unternehmen  fremde  Arbeit  benützt  werden,  wie  es  thatsächlich
stets  benützt  worden  ist.
Wenn  wir  nun  die  beiden  Güterelemente  jedes  für  sich  betrachten, ­
  so  werden  wir  zuerst  finden,  dass  sich  uns  ein  großer
Unterschied  im  Wesen  des  Kapitals  zeigt.
Jene  Güter,  welche  gewöhnlich  als  Kapital  bezeichnet  werden,
liegen  außerhalb  des  Menschen,  sie  sind  ein  ufittelbares  oder  unmittelbares ­
  Werkzeug  zur  Befriedigung  seiner  Bedürfnisse.  Sind
aber  genau  solche  Werkzeuge  nicht  auch  im  Menschen  eingeschlossen? ­
  Und  wenn  sie  es  sind,  sind  dieselben  nicht  auch  Kapitalien,
ist  die  physische  Kraft  nicht  ein  Werkzeug  um  Güter  zu  bilden,
sind  Kenntnisse  nicht  ein  Werkzeug  dazu,  sind  vor  allem  der  Wille
und  der  Mut  nicht  geradezu  notwendig,  um  der  Natur  oder  der
Gesellschaft  die  Befriedigung  der  Bedürfnisse  abzuringen  ?
Es  gibt  also  zweierlei  in  ihrem  Wesen  grundverschiedene  Kapitalien, ­
  die  persönlich  en,  welche  teilweise  angeboren  und  von  den
Eltern  ererbt  und  teilweise,  und  zwar  wieder  durch  Arbeit  und
Kapital  erworben  sind,  und  dann  die  außerpersönlichen,  welche
die  außerhalb  des  Menschen  befindliche  Güterwelt  darstellt.
Die  Arbeit  nun  ist  die  gegen  die  Natur  oder  die  Gesellschaft
gewandte  Thätigkeit  einer  im  Menschen  eingeschlossenen  Kraft,
        <pb n="61" />
        45

eines  persönlichen  Kapitales  zum  Zwecke  der  Güterbildung  zunächst
gerichtet  auf  die  Deckung  der  Bedürfnisse.
Hier  stellt  sich  uns  der  tiefe  Unterschied  zwischen  Arbeit  und
Unternehmerthätigkeit  dar;  denn  auch  die  Arbeit  vereinigt  persönliches ­
  mit  außerpersönlichem  Kapitale,  aber  sie  thut  es  nur  mit
einem  Teile,  nur  mit  einer  Art  dieses  im  Menschen  selbst  ein  geschlossenen ­
  Kapitals,  entweder  mit  der  physischen  Kraft,  oder  mit
dem  Intellekt,  oder  aber  endlich  mit  dem  Temperament.  Jene  Ansicht, ­
  dass  das  Unternehmen  für  den  Verkehr  und  auf  eigene  Gefahr ­
  produziere,  während  die  Arbeit  dies  nach  beiden  Richtungen
nicht  thue,  ist  falsch,  es  liegt  nicht  im  Urwesen  des  Unternehmens,
für  den  Verkehr  zu  produzieren,  wenn  dies  auch  nicht  ausgeschlossen ­
  ist,  und  es  gibt  Unternehmer,  die  zum  Teil  auf  fremde
Gefahr  produzieren,  z.  B.  der  Sous-Unternehmer  einer  Bahnstrecke;
die  Arbeit  produziert  aber  zumeist  gerade  für  den  Verkehr,  und  zum
Beispiel  der  Stückarbeiter  auch  auf  eigene  Gefahr.
Nur  wo  das  ganze  persönliche  Kapital  in  Aktion  tritt  und
sich  im  wirtschaftlichen  Kampfe  gegen  die  Natur  oder  die  Gesellschaft ­
  wendet,  da  erscheint  nicht  mehr  die  Arbeit,  da  erscheint  das
Unternehmen  in  seiner  Thätigkeit.  Und  während  die  Arbeit  nur
im  Stande  ist,  Güter  zu  produzieren,  welche  wohl  einen  Wert  für
den  Arbeiter  besitzen  können,^  so  muss,  um  solchen  Gütern  einen
allgemeinen  Wert  zu  verleihen,  um  sie  zum  Kapital  zu  erheben,
das  Unternehmen  seinen  ökonomischen  Einfluss  auf  dieselben  aus-Oben.
  Das  Unternehmen  schafft  durch  die  Verbindung  von  außerpersönlichem ­
  Kapital  und  Arbeit  und  dem  ganzen  ungeteilten  persönlichen ­
  Kapital  des  Unternehmers  nicht  mehr  Güter,  sondern
Kapitalien,  ln  der  Hand  des  Unternehmers  ist  alles,  was  irgend
welchen  Einfluss  auf  das  Entstehen,  die  Gestaltung  und  vor  allem
die  Werterhöhung  des  Kapitals  hat,  Werkzeug  zu  diesem  Zwecke;
und  sein  Streben  muss  darauf  gerichtet  sein,  sich  die  kapitalbildenden ­
  Faktoren  dienstbar  zu  machen.
Was  ist  es  aber,  das  ihn  dazu  bewegt?
Es  muss  doch  ein  von  uns  unerörtertes  Etwas  sein,  das  jene
Werkzeuge  gebraucht,  und  da  es  im  Unternehmen  die  Arbeit  und
ihre  Kräfte  nicht  thun,  so  müssen  wir  in  der  Person  des  Unternehmers ­
  ein  Prinzip  suchen,  welches  es  vermag.
Es  ist  keineswegs  genügend,  wenn  dem  Unternehmer  persönliches
und  außerpersönliches  Kapital  und  physische,  geistige  und  sittliche
Arbeit  zur  Verfügung  stehen.  Es  dürfen  seiner  Benützung  wirt-
        <pb n="62" />
        46

«chaftliche  Faktoren  nicht  entzogen  sein,  welche  aus  der  Thätigkeit
  der  Gesellschaft  entstanden  sind,  so  das  Eigentum,  die  Rechtsordnung, ­
  die  Land-  und  Wasserwege,  die  Errungenschaften  der
Künste  und  der  Wissenschaften,  Das  alles  muss  sich  aber  nicht  in
seinem  ausschließlichen,  persönlichen  und  eigentümlichen  Besitze
befinden,  es  kann  und  sollte  immer  der  Gesellschaft  Vermögen  sein,
von  welcher  er  ein  Teil  ist.  Und  da  nun  auch  Kapital  und  Arbeit
nicht  Eigentum  des  Unternehmers  sein  müssen,  so  ist  es  doch  Eines,
was  eine  von  der  Person  des  Unternehmers  untrennbare  Eigenschaft
darstellt.  Wenn  auch  alle  Faktoren,  die  im  Unternehmen  irgend  eine
Rolle  spielen,  fremdes  Eigentum  sein  dürfen,  so  kann  es  nicht  der
Mut,  seine  wirtschaftliche  Existenz  allen  den  mannigfaltigen  Gefahren ­
  auszusetzen,  welche  die  Verbindung  und  Benützung  der
kapitalbildenden  Elemente  für  den  Unternehmer  haben.  Wie  entsteht ­
  aber  dieser  Unternehmermut,  was  sind  seine  Bedingungen?
Das  Bewusstsein  der  Kraft  ist  er,  das  Bewusstsein  alle  persönlichen
Kapitalien  zu  besitzen,  und  seine  Bedingungen  sind  die  physische,
geistige  und  sittliche  Gesundheit;  nur  aus  ihr  kann  der  Mut  entspringen. ­
  Er  erscheint  als  eine  höhere  Potenz  des  Temperamentes,
deren  Bethätigung  sich  mit  der  ganzen,  vollen  und  ungeteilten  Summe
des  persönliches  Kapitals  den  Gefahren  des  Unternehmens  entgegenstellt; ­
  und  während  selbst  der  leitende  Beamte  eines  solchen  nur  als
Arbeiter  seine  verschiedenen  Thätigkeiten  gegen  bestimmten  oder
unbestimmten  Lohn  der  Unternehmung  widmet,  so  ist  der  Unternehmer ­
  selbst,  wenn  er  auch  nicht  eigene  Arbeit  an  das  Unternehmen ­
  setzt,  von  vornherein  gezwungen,  demselben  unter  allen
Umständen  seinen  Mut,  und  zwar  jenen  sittlichen  Mut,  der  aus
dem  Vollbesitze  des  ganzen  dreieinigen  persönlichen  Kapitals  entspringt, ­
  zu  weihen.
Die  Verbindung  aller  menschlichen  Kräfte  also  und  eine  höhere
Potenz  des  Temperaments  ergeben  das  Produkt  des  Unternehmergeistes, ­
  das  charakteristische  Merkmal  des  Unternehmers  und  seine
bewegende  Kraft.
Ein  Irrtum  aber  würde  es  sein,  wenn  wir  diesen  Eigenschaften
des  Unternehmers  allein  die  kapitalbildende  Macht  zuerkennen
wollten,  aber  ohne  diese  Eigenschaften  ist  die  Kapitalbildung  ebensowenig ­
  denkbar,  wie  ohne  die  Arbeit  die  Güterbildung.
Güter  bilden  sich  unter  dem  Einflüsse  von  Angebot  und  Nachfrage
zu  Kapitalien.  Und  alle  jene  Faktoren,  welche  der  Unternehmer
durch  seine  Thätigkeit  verbindet,  sie  sind  dem  Einflüsse  des  großen
        <pb n="63" />
        47

Gesetzes  unterworfen,  durch  welches  alles,  das  dem  Menschen  irgendwie ­
  nützlich  sein  kann,  erst  seinen  Wert  erhält,  sie  sind  abhängig
von  Angebot  und  Nachfrage.
Wir  behalten  uns  vor,  in  der  exakten  Richtung  unserer  Untersuchungen ­
  auf  diesen  Gegenstand  zurückzukommen.  Der  Einfluss,
welchen  Angebot  und  Nachfrage  auf  alle  wirtschaftliche  Thätigkeit
ausüben,  lässt  sich  aber  auch  vom  theoretisch  empirischen  Standpunkte ­
  aus  nicht  verkennen;  wir  sehen  ihn  insbesondere  in  seiner
Wirkung  auf  die  Preisbildung,  und  erstellt  sich  uns  in  jenen  Verhältnissen, ­
  die  man  gemeinhin  «Konjunktur«  zu  nennen  pflegt,  als
das  Ergebnis  einer  großen  Anzahl  von  Prozessen  dar,  welche  von
dem  Gesetze  des  Angebotes  und  der  Nachfrage  zum  Werden  und
Wachsen  geführt  werden.  Es  ist  nun  nicht  zu  leugnen,  dass,
obgleich  der  Unternehmer  und  sein  Geschäft  den  Konjunkturen ­
  unterworfen  sind,  er  selbst  andererseits  auf
die  Höhe  sowohl,  als  auf  die  Richtung  von  Angebot  und
Nachfrage  einen  entschiedenen  Einfluss  nimmt  und
den  Blutumlauf  des  Kapitals  regelt.
Der  Organismus  des  wirtschaftlichen  Lebens  ist  wie  der  Organismus ­
  des  Menschen  selbst.  Das  Knochengerüste  bildet  die  Natur
oder  die  Mehrheit  der  Menschen,  die  Gesellschaft;  die  Muskeln  sind
die  Arbeit,  das  Blut  das  Kapital;  und  was  alle  Organe  ernährt,  ihre
Thätigkeit  anspornt  oder  verlangsamt,  was  den  Pulsschlag  des  wirtschaftlichen ­
  Lebens,  was  das  Wohlbefinden  seines  ganzen  Organis-*mus
  regelt,  es  sind  die  Nerven,  der  Unternehmergeist.  Und  wie
jene  die  Fülle  der  Lebenskraft  selbstthätig  auf  den  Gesamtkörper
und  seine  Organe  verteilen,  so  verteilt  auch  das  Unternehmen,  als
Gattungsbegriif,  das  Nationalvermögen  in  vollkommener  Zweckmäßigkeit ­
  auf  alle  Glieder  des  Volkes.
Gerade  aber  in  der  organischen  Kraft  des  Unternehmens,  in
seinem  großen  Einflüsse  auf  den  Gesamtorganismus  des  wirtschaftlichen ­
  Lebens,  liegt  auch  die  große  Gefahr  zunächst  für  dasselbe ­
  selbst  und  dann  für  die  Gesellschaft.  Wie  der  Überreiz  der
Nerven  zuerst  sie  selbst  und  nach  und  nach  alle  Organe  erkranken
macht,  ebenso  verderblich  ist  das  Unternehmen,  wenn  der  Unternehmergeist, ­
  der  die  Rolle  der  Nerven  hat,  nicht  aus  der  Gesundheit ­
  des  ganzen  persönlichen  Kapitals  entsprungen  ist.
Nervenkrankheiten  und  ein  krankhafter  Zustand  der  Unternehmerthätigkeit
  sind  Wahrzeichen  unserer  Zeit  von  merkwürdigem
natürlichen  und  ökonomischen  Einklang,  und  darum  ist  es  schwer
        <pb n="64" />
        48

zu  unterscheiden,  was  da  das  Natürliche  und  Gesunde  und  was  das
Krankhafte  ist.
wEin  erfahrener  Franzose,  Godard«,  so  berichten  Roscher  und
Rau,  «rechnet  im  Allgemeinen,  dass  von  hundert  versuchten  oder
angefangenen  gewerblichen  Unternehmungen  zwanzig  zu  Grunde
gehen,  bevor  sie  irgend  Wurzel  gefasst  haben:  fünfzig  bis  sechzig
vegetieren  kürzere  oder  längere  Zeit  in  beständiger  Gefahr  des
Unterganges,  und  höchstens  zehn  kommen  zu  bedeutender  oft  nicht
einmal  dauernder  Blüte.«  Obgleich  wir  bedauerlicher  Weise  keine
zuverlässige  Statistik  über  die  Lebensbewegungen  der  verschiedenartigen
Unternehmungen  besitzen,  was  wohl  eine  Aufgabe  der  Staatsverwaltung ­
  wäre,  so  muss  uns  die  Angabe  Godards  nach  dem  sinnlichen ­
  Eindrücke  des  geschäftlichen  Lebens  richtig  erscheinen,  und
wir  sehen,  dass  es  keineswegs  eine  lohnende  Aufgabe  ist,  an  ein
Unternehmen  sein  ganzes  Können,  seine  ganze  Persönlichkeit  zu
setzen,  Unternehmer  zu  werden.  Wir  werden  dies  in  dem  wirtschaftspolitischen ­
  Teile  unseres  Buches  näher  zu  untersuchen  bestrebt
sein.  Aber  schon  der  Umstand,  dass  ja  der  Unternehmer  durch  seine
Thätigkeit  den  gechäftlichen  Konjunkturen  nicht  nur  die  Deckung
seiner  Bedürfnisse,  aber  ein  Mehr,  einen  Überschuss  über  dieselben
abringen  muss,  lässt  es  uns  klar  erscheinen,  wie  schwer  das  Ziel
eines  Unternehmens  zu  erreichen  ist.  Wenn  die  Wirtschaft  nur  jene
Menge  an  Gütern  zu  erwerben  hat,  welche  die  Bedürfnisse  des
Wirtschafters  zu  decken  gerade  hinreicht,  so  ist  ja  die  Aufgabe  des
Unternehmers  noch  immer  nicht  erfüllt  bei  diesem  Ziele;  und  selbst
wenn  ein  Überschuss  an  Gütern  sich  ergibt,  so  müssen  dieselben
erst  einen  Wert  erhalten  und  zu  Kapitalien  werden,  und  welch
mächtiger  Feind  entsteht  oft  mit  dem  Überschüsse  zugleich  gegen
dieses  Ziel  —  durch  die  Überproduktion  !
B.  Exakte  Untersuchungen.
Der  Weg,  den  die  Menschheit  zu  durchschreiten
hat,  ist  streng  determiniert:  er  beginnt  da,  wo  die
Lebensbedingungen  für  das  Menschengeschlecht  beginnen, ­
  er  endigt  dort,  wo  sie  auf  hören.  Der  Mensch
ist  ein  Produkt  dieser  Lebensbedingungen,  er  ist  ein
Kapital  der  Natur.
Die  Lebensbedingungen  des  Menschengeschlechtes  werden  einerseits ­
  von  der  Natur  selbst  verbessert,  und  andererseits  strebt  der
        <pb n="65" />
        49

Mensch  die  Herrschaft  über  die  Natur  zu  erringen,  um  sich  und
seine  Lebensbedingungen  rascher  der  höchsten  Vollkommenheit  eatgegenzuführen.
  Das  ist  die  große  wirtschaftliche  Thätigkeit  des
Menschengeschlechtes,  das  ist  der  kulturelle  Fortschritt  der  Menschheit.
Wenn  die  Menschheit  und  ihre  Lebensbedinguugen  den  Gipfel
ihrer  Entwickelung  erreicht  haben  werden,  dann  wird  das  Menschengeschlecht ­
  den  Weg  seines  Verfalles  aufzuhalteu  bestrebt  sein,  es
wird  das  Schwinden  seiner  Lebensbedingungen  mit  der  Macht,
welche  es  über  die  Natur  gewonnen  hat,  zu  verlangsamen  suchen,
seinen  eigenen  Niedergang  bekämpfen.
Die  ganze  Natur,  in  welcher  nun  der  Mensch  als  ein  Produkt,
ein  Kapital  dasteht,  lässt  sich  in  drei  Elemente  auflösen:
1.  Die  Materie,  die  tote  Natur  (a)
2.  Die  Kräfte,  die  lebendige  Natur  (b)
3.  Die  Gesetze,  die  wollende  Natur  (c).
Ihre  Produkte  sind  dann:  1.  Das  Mineralreich  (a),  2.  Das
Pflanzenreich  (a  -f  b)  und  3.  das  Tierreich  (a  -f  b  -f-  c).
Der  Mensch  als  Subjekt  ist  ein  Säugetier,  in  ihm  sind  alle
drei  Naturelemente  vertreten:
1.  die  Materie  (a)  im  Körper,  als  Körperlichkeit,
2.  n  Kräfte  (b)  v  Geiste,  «  Intellekt,
3.  n  Gesetze  (c)  n  Willen,  n  Temperament.
Der  große  Denker  Schopenhauer’)  sagt,  der  Intellekt  sei,  bedingt ­
  durch  die  Gehirnanlage,  von  der  Mutter,  das  Temperament,
bedingt  durch  die  Herzthätigkeit,  vom  Vater  ererbt.
Aus  den  im  Menschen  eingeschlossenen  natürlichen ­
  Elementen  Körperlichkeit,  Intellekt  und  Temperament ­
  ergeben  sich  die  drei  Arten  der  Bedürfnisse,
die  körperlichen,  geistigen  und  sittlichen  Bedürfnisse.
Die  Natur  steht  dem  Menschen,  der  von  ihr  mehr  verlangt,
als  sie  ihm  freiwillig  gibt,  als  etwas  Feindliches  gegenüber.  Er  muss
der  Natur  die  Befriedigung  seiner  Bedürfnisse  abringen.  Seine
Naturanlagen  werden  in  dem  Augenblicke,  da  er  dieselben  bethätigt,
zu  Werkzeugen,  zu  Waffen  im  Kampfe  gegen  die  Natur,  also  zu
Produktionsmitteln,  zu  Kapital;  es  sind  dies  die  fundamentalsten,
die  wichtigsten  Kapitalien,  die  persönlichen  Kapitalien  erster  Ordnung,
welche  einer  Vernichtung  durch  den  Gebrauch  nicht  ausgesetzt  sind,
')  Welt  als  Wille  und  Vorstellung  (Leipzig  1873).  Bd.  II.
Schroeder  ,  bas  Unternehmen  u.  der  Unternebinergewinn,

4
        <pb n="66" />
        \

50

srwelche

  im  Gegenteile  durch  die  Übung  wachsen  und  sich  zu  persönlichen ­
  Kapitalien  höherer  Ordnung  ausbilden.
Dieser  Kampf  gegen  die  Natur  ist  der  Grundtypus
des  Unternehmens,  und  sein  Inhalt  ist  die  menschliche ­
  ganze,  ungeteilte  Thätigkeit  mit  den  Werkzeugen
des  gesamten  persönlichen  Kapitals  zunächst  erster
Ordnung.  ,  ,  .
Hier  offenhart  sich  der  Unterschied  zwischen  Arbeit  und
Unternehmen,  ein  ebenso  bedeutendes  Moment  für  die  exakte
Wissenschaft,  wie  der  Unterschied  zwischen  Unternehmen  und  Wirtschaft, ­
  zu  dessen  Feststellung  uns  bald  die  Elemente  aller  Menschheitserscheinungen ­
  führen  werden.
Der  Mensch  kämpft  gegen  die  Natur  zunächst  mit  seiner
Körperlichkeit,  seinem  Intellekt  und  seinem  Temperament  (a  4-  &amp;amp;  +  c)
um  die  Befriedigung  aller  drei  Arten  seiner  Bedürfnisse,  und  dieser
Kampf  ist  das  Unternehmen.
Der  Mensch"  kämpft  aber  auch  nur  mit  einer  seiner  Kräfte
gegen  die  Natur:
1.  mit  seiner  Körperlichkeit  gegen  die  Materie,
2.  n  seinem  Intellekt  r&amp;gt;  n  Kräfte  und
3  „  n  Temperament  »  n  Gesetze,  und
es  ergibt  die  Materie:  Körperlichkeit  =  die  Nährthätigkeit,
V  Kräfte:  Intellekt  =  die  Lehrthätigkeit,
7)  Gesetze:  Temperament  =  die  Wehrthätigkeit;
und  so  entsteht  die  je  einer  Bedürfnisart  entsprechende  Arbeit  und
so  teilt  sie  sich  zugleich  in  drei  große  Richtungen,  deren  jede  eine
eigenartige  Qualität  in  der  Menschheitsgeschichte  behauptet.
Solange,  oder  wenn  der  Mensch,  seine  Einheit,  allein  der  Natur
gegenübersteht,  so  müssen  diese  Thätigkeiten  vereinigt  bleiben  in
seiner,  in  einer  Person,  sie  können  nicht  geteilt  werden,,  und  er  ist
gezwungen  Unternehmer  zu  sein.
Wenn  sich  die  Arbeit  gegen  die  Natur  wendet,  entstehen
Güter,  welche  geeignet  sind,  den  Bedürfnissen  des  Menschen  zu
dienen.  ,
Es  entstehen:
aus  der  Materie  X  Nährthätigkeit  =  1.  Grund  und  Boden,
„  n  «  X  Lehrthätigkeit  =  2.  Wege,
„  „  n  X  Wehrthätigkeit  =  3.  Bauten,
        <pb n="67" />
        4

51

aus  den  Kräften  X  Nährthätigkeit  =  4.  Werkzeuge,
71  n  77  X  Lehrthätigkeit  =  5.  Pflanzennahrung,
71  77  77  X  Wehrthätigkeit=  6.  Maschinen,
77  77  Gesetzen  X  Nährthätigkeit  =  7.  Fleischnahrung,
77  77  77  X  Lehrthätigkeit  =  8.  Pelze,
77  77  77  X  Wehrthätigkeit  =  9.  Haustiere  (Sklaven);
es  sind,  um  den  Mengerschen  Ausdruck')  mit  viel  Berechtigung-zu
gebrauchen,  Güter  »erster  Ordnung«  :  Grund  und  Boden  ist  bloß  die
Besitzergreifung  desselben,  Wege  sind  die  Pfade  nach  den  Quellen
der  Genussmitteln,  Bauten  sind  die  einfachsten  Schutzwaffen  gegen
die  feindliche  Natur,  z.  B.  ein  hohler  Baum,  Werkzeuge  sind  die
ersten  Trutzwaffen,  wie  Stock  und  Stein,  die  Pflanzennahrung  geben
ohne  Zuthun  des  Menschen  gewachsene  Pflanzen,  die  Maschinen
sind  die  dienstbargemachten  Kräfte  der  Natur,  z.  B.  das  Feuer,  die
Fleischnahrung  erkämpft  der  Mensch  im  tierischen  Kampfe  mit  der
Kraft  des  Körpers,  Pelze  lehrt  ihn  sein  Intellekt  vom  Tiere  zu
nehmen,  Haustiere  sind  die  besiegten,  zur  Arbeit  oder  Nahrung  verwendeten, ­
  wollenden  Naturprodukte  (a  h  c).
Diese  Güter  erster  Ordnung  haben  einzeln  und  an  sich  noch
weder  die  Fähigkeit  der  Aufbewahrung,  also  der  Kapitalisierung,
noch  die  des  Tausches,  sie  sind  nur  geeignet  den  Bedürfnissen  des
Menschen  zu  dienen  und  dadurch  vernichtet  zu  werden.
Der  vom  Baume  genommene  Apfel  ist  das  bloße  Ergebnis  der
lebendigen  Natur  und  meiner  Lehrthätigkeit,  der  Arbeit  des  Intellekts ­
  in  mir,  der  mir  sagte,  dass  der  Apfel  essbar  und  durch  meine
Macht  erreichbar  sei.  Ich  kann  den  Apfel  nur  essen,  also  seinen
Wert,  den  er  für  mich  hat,  vernichten.  Verarbeiten  könnte  ich  ihn,
wenn  ich  ein  anderes  Gut  hätte,  z.  B.  die  dienstbargemachte  Kraft
des  Feuers  zum  Braten.  Eintauschen  könnte  ich  ihn  nur  dann,
wenn  ich  1.  mit  etwas  anderem  meinen  Hunger  stillen  könnte,
2.  einem  anderen  Menschen  begegnen  würde,  3.  dieser  Mensch  das
Bedürfnis  nach  dem  Apfel  hätte,  4.  derselbe]  etwas  besäße,  womit
der  Apfel  einzutauschen  wäre,  und  5.  wenn  dieses  Etwas  den  Tausch
für  mich  und  ihn  ökonomisch  erscheinen  ließe.
Zum  Produktionsmittel  werden  ^diese  Güter  erster  Ordnung
also  sehr  bald  durch  Hinzutreten  eines  geeigneten  anderen  Gutes
dieser  Ordnung.  Dem  Tausche  aber  stellen  sich  noch  viele  feind-*)
  Grundsätze  der  Volkswirtschaftslehre.  S.  4.  Dort  in  etwas  anderer
Auffassung.
        <pb n="68" />
        52

liehe  Momente  entgegen.  Sie  sind  also  keine  Kapitalien,  tragen  aber
schon  die  Fähigkeit  in  sich,  es  zu  werden,  wenn  sie  die  Thätigkeit
des  Menschen  mit  anderen  Gütern  in  Verbindung  bringt.
Diese  Thätigkeit  ist  die  Unternehmerthätigkeit.
Das  Unternehmen  schafft  Kapitalien,  und  auch  die  Güter  erster
Ordnung  sind  dann  Kapitalien,  wenn  sie  nicht  durch  Arbeit,
sondern  in  gemeinsamer  Thätigkeit  des  ganzen  persönlichen  Kapitals
entstanden  sind;  denn  dann  sind  sie  in  einer  Mehrheit  geschaffen,
welche  ihre  Entstehung  der  Eignung  verdankt,  dass  sich  ihre  Teile
gegenseitig  zu  Produktionsmitteln,  zu  außerpersönlichen  Kapitalien,
erheben.
Das  Unternehmen  ist  die  Thätigkeit  mit  allen
drei  Elementen  des  persönlichen  Kapitals  in  einer
Person  vereinigt,  die  Arbeit  ist  die  Thätigkeit  mit
einem  oder  dem  anderen  elementaren  Teile  des  persönlichen ­
  Kapitals.
Die  persönlichen  Kapitalien  einer  höheren  Ordnung  entstehen
durch  die  dreieinige  Thätigkeit  aller  persönlichen  Kapitalien  erster
Ordnung  im  Menschen  selbst:
Aus  der  Nährthätigkeit  -f  Lehrthätigkeit  4-  Wehrthätigkeit  multipliziert ­
  mit  der  Natur  des  Körperlichen  im  Menschen  entsteht
=  1.  die  Geschicklichkeit;
Nährthätigkeit  -f  Lehrthätigkeit  +  Wehrthätigkeit  X  Intellekt
=  2.  die  Kenntnisse;
Nährthätigkeit  -f  Lehrthätigkeit  +  Wehrthätigkeit  X  Temperament
=  3.  die  Sittlichkeit.
Diese  Produkte  sind  wirkliche  Kapitalien  und  sie  könnten  nur
persönliche  Güter  genannt  werden,  wenn  sie  nicht  untrennbar  im
Menschen  vereinigt  und  nicht  produktionsfähig,  wenn  sie  aus  Arbeit
und  nicht  aus  der  Unternehmerthätigkeit  entstanden  wären.  Sie
entstehen  aber  durch  das  Zusammenwirken  aller  drei  Elemente  des
persönlichen  Kapitals  erster  Ordnung,  so  dass  immer  ein  Element
potenziert  erscheint:  in  der  Geschicklichkeit  die  Körperlichkeit,  in
den  Kenntnissen  der  Intellekt,  in  der  Sittlichkeit  das  Temperament.
Durch  die  Deckung  der  Bedürfnisse  werden  diese  Kapitalien  auch
nicht  vernichtet,  und  sind  stets  geeignet,  in  Verbindung  mit  Arbeit
der  Natur  neue  Güter  abzuringen.  Und  ihr  eigentümliches  Wesen
besteht  darin,  dass  sie  durch  den  Gebrauch  vermehrt,  dagegen
        <pb n="69" />
        53

durch  Unthätigkeit  vermindert  werden.  Das  ist  das  charakteristische
Merkmal  der  persönlichen  Kapitalien  und  unterscheidet  sie  von  den
außerpersönlichen  Kapitalien,  welche  durch  die  Deckung  des  Bedarfes
vermindert  werden.

Körperlichkeit  ;  Geschicklichkeit  =  Ruhe
Intellekt  :  Kenntnisse  =  n
Temperament  :  Sittlichkeit  =  n

Thätigkeit
n
n

Ehe  wir  zu  weiteren  Combinationen  im  Gebiete  der  nPolitischen
  Ökonomie«  aus  der  Trinitas  der  Elemente  der  Natur  und
der  im  Menschen  eingeschlossenen  Prinzipe  schreiten,  wollen  wir
deren  Wahrheit  an  Menschheitserscheinungen  erweisen,  welche  dem
großen  Kreise  der  Sozialwissenschaften  angehören.
Es  ist  klar,  dass  eine  Teilung  der  Arbeit,  das  ist  der
reinen  Arbeit,  erst  dann  möglich  wird,  wenn  mindestens  drei
Menschen  sich  in  die  drei  Richtungen  aller  Arbeit  zu  teilen  in  der
Lage  sind,  und  dann  entstehen:

1.  Aus  der  Körperlichkeit  X  Nãhrthâtigkeit  =  Nährstand,
Lehrstand,
Wehrstand,
Eigentum,
Religion,
Rechtsordnung,

2.
3.  n  n  V
4.  n  dem  Intellekt
Ò.  n  V  n
'6.  n  fl  fl

X  Lehrthätigkeit
X  Wehrthätigkeit
X  Nãhrthâtigkeit
X  Lehrthätigkeit
X  Wehrthätigkeit

oder  die  auf  die  Wehrthätigkeit  gerichtete  That  des  Intellekts,  eine
moralische  Schranke  aufzurichten,  welche  die  beiden  Schwächeren
gegen  den  dritten  Stärkeren  schützt'),  oder  das  objektive  Recht,

7.  aus  dem  Temperament  X  Nãhrthâtigkeit  =  Ehe,
8.  fl  fl  fl  X  Lehrthätigkeit  =  Kunst,
9.  fl  fl  fl  X  Wehrthätigkeit  =  Wissenschaft.

Bisher  haben  wir  den  Menschen  in  seiner  Isoliertheit  betrachtet. ­
  Fassen  wir  ihn  als  Gattung  ins  Auge:

Der  Mensch,  als  Subjekt  A  X  mit  der  Natur  =  Population
fl  fl  Ä  X  M  .4  (a-j-h-j-c)  =  Recht
fl  ”  ((t  h  -p  c)  X  ^  A  A  -j-  .4  (ö  -p  6  c)  etc.
=  Staat;
•)  Vergl,  Menger:  Untersuchungen  über  die  Methode  der  Sozial  Wissenschaften ­
  (Leipzig  1883).  S.  271  u.  If.
*)  Ein  Verhältnis,  das  erste  Vertrags-  oder  Machtverhältnis,  das  erste
subjektive  Recht.  Vergl.  «Rechtsordnung“.  ^
        <pb n="70" />
        54

aus  dem  Einflüsse  des  rein  Natürlichen  vermehrt  sich  die  Gattung,
und  entsteht  die  Population,  in  der  Berührung  mit  einem  anderen
Individuum,  welchem  die  elementaren  Eigenschaften  der  Körperlichkeit, ­
  des  Intellekts  und  des  Temperamentes  (a  -f  &amp;amp;  +  c)  mnewohnen,
  entsteht  das  Recht,  und  unter  dem  Einflüsse  der  Mehrheit
solcher  Individuen  die  Gemeinde,  der  Staat,  (nóXig^  ci  vitas,  padus),
so  klein  er  auch  sein  mag,  auch  wenn  er  erst  die  Familie  ist.
Wir  wollen  unsere  Theorie  der  Trinitas  der  Kräfte  weiter
versuchen:

aus
n
r&amp;gt;
»
V
n
n
n
n

der  Körperlichkeit  X  niit  Population
dem  Intellekt  X  ”  »
n  Temperament  X  ”  ”
der  Körperlichkeit  X  ”  Recht
dem  Intellekt  X  ”  ”
n  Temperament  X  ”  ”
der  Körperlichkeit  X  ”  Staat
dem  Intellekt  X  ”  ”
n  Temperament  X  ”  ”

=  Geschlechterordnung,
=  ständische  Ordnung,
=  Staatsbürgerschaft,
=  Familienvater
(Patriarch)
=  Richter,
==  Geschworene,
=  Absolutismus,
=  Staatsrat.
=  Verfassung.

Wir  finden  darin  eine  historische  und  organische  Übereinstimmung, ­
  ein  Leben,  welches  nicht  allein  historisch,  aber  ohne
Grenzen  von  Zeit  und  Raum  überall  da  in  seinen  Grundtypen  auftritt,
  wo  sich  diese  Natur-  und  Thätigkeitsfaktoren  zu  Menschheitserscheinungen ­
  gestalten,  eine  Übereinstimmung,  welche  an  der
Wahrheit  unserer  neuen  Theorie  keinen  Zweifel  lässt.  Sie  haben
einen  maßgebenden,  oft  gestaltenden  Einfluss  auf  die  Güterbildung
und  Güterverteilung.  Für  unsere  Zwecke  genügt  es,  wenn  wir  späterhin ­
  die  Erscheinungen  der  Population,  des  Rechtes  (des  subjektiven
Rechtes)  und  des  Staates  in  ihren  Zusammenwirkungen  mit  Arbeit

und  Kapital  untersuchen.
Wenn  sich  die  Elemente  der  Arbeit  und  die  persönlichen
Kapitalien  höherer  Ordnung  verbinden,  entstehen  Begriffe,  welche  ins
reale  Leben  übersetzt  außerpersönliche  Kapitalien  schaffen,  welche
getauscht  werden  können,  ja  in  sich  die  Bedingung  des  Tausches

enthalten  :
Nährthätigkeit  X  Geschicklichkeit  -f  Kenntnisse  +  Sittlichkeit
=  Ackerbau,
Lehrthätigkeit  X  Geschicklichkeit  -f-  Kenntnisse  -j-  Sittlichkeit
=  Gewerbe,
        <pb n="71" />
        55

Wehrthätigkeit  X  Geschicklichkeit  Keuntnisse  Sittlichkeit
=  Handel.
Diese  Erscheinungen  gestalten  unter  dem  Einflüsse  der  persönlichen ­
  Kapitalien’)  die  Güter  erster  Ordnung  zu  vollkommeneren
Produkten,  zu:  1,  Urbarem  Lande,  2.  Straßen,  3.  Häusern,  4.  Waffen
und  Handwerkzeugen,  5.  Bodenprodukten,  6.  Maschinen,  7.  animalischen ­
  Produkten,  8.  Kleidern  und  9.  Erzeugnissen  der  Viehzucht
und  geborenen  oder  gehandelten  Sklaven.  Es  sind  Güter  zweiter
Ordnung,  die  in  ihrer  Vereinigung  mit  neuer  Arbeit,  immer  unter
der  Produktionskraft  der  persönlichen  Kapitalien,  Güter  dritter,  und
in  den  fortschreitenden  Prozessen  dieser  Produktionsfaktoren  Güter
)i  -f  U«"  Ordnung  gebären.
Es  ist  gewiss  interessant,  hier  Careys'Anspruch  bestätigt  zu
finden:  „Verkehr  ist  das  Ziel,  das  man  erreichen  will,  Handel  das
Werkzeug  dazu.  Der  Verkehr  wächst  mit  dem  Sinken  der  Macht
des  Handelsmannes.  Der  Handel  strebt  nach  Zentralisation  und  nach
Störung  des  öffentlichen  Friedens,  Krieg  und  Handel  betrachten  den
Menschen  als  ein  Werkzeug,  dessen  sie  sich  bedienen;  der  Verkehr
betrachtet  den  Handel  als  ein  Werkzeug  zum  Gebrauche  des
Menschen.«  ’)  Der  Verkehr  nun  bildet  sich  in  den  oben  ausgeführten
wirtschaftlichen  Prozessen  als  eine  Folge  jener  Güter  aus,  welche
aus  dem  einfachen  Produkte  von  Materie  und  Lehrihätigkeit,  aus
den  Wegen,  Straßen  etc.  entstehen,  während  der  Handel,  das  Produkt ­
  der  Wehrthätigkeit  und  der  persönlichen  Kapitalien  höherer
Ordnung  ist;  darum  seine  Verwandtschaft  mit  dem  Kriege.  Wenn
auf  den  Wegen  erster  Ordnung,  den  Pfaden  nach  den  Quellen  der
Genussmitteln,  zwei  Menschen  Zusammenkommen,  so  treten  sie  in
Verkehr  oder  in  Krieg,  in  Lehr-  oder  Wehrthätigkeit.  Der  Krieg  gefährdet ­
  den  Verkehr.  Und  wenn  zwischen  Beide  vermittelnd  ein
Dritter  erscheint,  so  entsteht  Handel  anstatt  des  Krieges,  und  auch
er  hindert  und  benachteiligt  den  Verkehr.
Wenn  wir  nun  die  exakte  Übereinstimmung  mit  den  Resultaten ­
  unserer  historischen  Betrachtungen  suchen,  so  müssen  wir  zugestehen, ­
  dass  es  die  Wehrthätigkeit  ist,  welche  im  einzelnen  der
That  und  der  Person,  und  im  ganzen  und  großen  der  Zeit  den
Charakter  aufdrückt.  Wir  haben  in  unserem  wirtschaftsgeschicht-*)
  Schäffle  :  nArbeitsvermögen
’)  Die  Grundlage  der  Sozial  wissenscliait.  Herausgegeben  von  G.  Adler.
(3  Bdc.  1863.)
        <pb n="72" />
        56

lichen  Teile  gesehen,  dass  bei  jungen  Völkern  das  Waifenhandwerk,
bei  gereiften  die  Wissenschaften  und  bei  alternden  der  Handel  zu
besonderem  Ausdrucke  gelangen.  Die  reine  Wehrthätigkeit,
der  einfache  Kampf  der  Körperlichkeit  gegen  die
Natur  erzeugt  die  Held  en,  dieWehrthätigkeit  in  Verbindung ­
  mit  dem  entsprechenden  persönlichen  Kapitale
erster  Ordnung  die  Wissenschaft,  und  dieWehrthätigkeit ­
  mit  den  persönlichen  Kapitalien  höherer  Ordnun  g
den  Handel.  Der  historische  Ausdruck  der  Entwickelung ­
  der  Völker  verhält  sich  demnach  geradeso  wie  die
exakte  Entwickelung  ihrer  persönlichen  Kapitalien.  —
Die  organische  Eigenschaft  aller  Güter  aller  Ordnungen  ist
die  Nützlichkeit,  weil  sie  ja  um  des  Nutzens  wegen  der  Natur
abgerungen  werden.  Die  Nützlichkeit  ist  positiv,  wenn  der  Mensch,
sie  ist  negativ,  wenn  die  Natur  im  Kampfe  siegt,  sie  hebt  sich
auf,  wenn  der  Kampf  erfolglos  bleibt.
Aus  dem  Made  der  Nützlichkeit  wächst  der  Wert  hervor.
Die  Nützlichkeit  eines  Gutes  ist  um  so  größer,  je  größer  durch
dasselbe  die  Macht  des  Menschen  über  die  Natur  ist,  der  Wert
eines  Gutes  ist  um  so  höher,  je  größer  der  Widerstand  ist,  den
die  Natur  der  Erwerbung  dieses  Gutes  entgegensetzt’).
Es  verhält  sich  ein  Gut  (/)  zu  seinem  Werte  (yy),  so  wie
sich  die  Macht  des  Menschen  (a)  zum  Widerstande  der  Natur  (ß)
verhält.  I  :  yy  —  a  :  ß.
Der  Widerstand  des  Wassers,  das  jedem  zugänglich  ist,  sei  1,
die  Macht  des  Menschen  über  dasselbe  1000.  —  /  :  yy  =  1000  :  1
yy  =  10ÕÕ’
also  sehr  gering.
Wenn  aber  irgendwo  kein  Wasser  zu  linden  und  der  Widerstand ­
  der  Natur  =  1000,  und  die  Macht  des  Menschen  nur  =  1  ist,
dann  T  :  yy  =  1  :  10(X)
yy  =  1000,
also  sehr  groß.
Die  Macht  des  Menschen  verhält  sich  ferner  zum  Widerstande
der  Natur,  so  wie  die  dienstbar  gemachte  Menge  eines  Gutes  zu
*)  Carey:  »»Nützlichkoit  ist  das  Maß  der  Macht  des  Menschen  über  die
Katur.  Wert  ist  das  Maß  der  Macht  der  Natur  über  den  Menschen.«
        <pb n="73" />
        57

dessen  Bedarf,  oder  da  sich  im  wirtschaftlichen  Leben  die  dienstbar
gemachte  Menge  eines  Gutes  durch  Angebot  (¡a)  und  sein  Bedarf
durch  die  Nachfrage  (v)  ausdrücken,  so  verhält  sich:  a  :  ß  =  (i  :  v.
Der  Widerstand  des  Steines  ist  gewöhnlich  gering,  die  Macht
des  Menschen  über  denselben  groß,  es  wird  demnach  das  Verhältnis
des  Angebotes  zur  Nachfrage  sich  in  diesem  Verhältnis  bewegen.
Sollte  aber  der  Widerstand,  den  die  Natur  dem  Menschen  dadurch
entgegensetzt,  dass  entweder  der  Stein  schwieriger  zu  gewinnen  ist,
oder  dass  der  Mensch  eine  größere  Menge  von  Steinen  im  Kampfe
gegen  die  Natur  braucht,  größer  werden,  dann  wird  das  Angebot
verhältnismäßig  sinken  und  die  Nachfrage  verhältnismäßig  steigen.
Da  sich  1  :  y  y  =.  a  :  ß  und  a  :  ß  =  (i  :  v  verhält,  so  verhält
sich  auch  I  :  y  y  =  :  v.  Ein  Gut  verhält  sich  zu  seinem  Werte,
so  wie  Angebot  zu  Nachfrage,  oder  da  die  Nachfrage  stets  der  Ausdruck ­
  des  Bedarfes  und  dieser  der  Ausdruck  der  Nützlichkeit  (o)
ist,  so  verhält  sich  auch
I  :  yy  =.fi  :  o  dann  ist  yy  =  und  o  =•  ÍLp.'.
Der  Wert  eines  Gutes  ist  gleich  dem  Produkte  des  Gutes  und
seiner  Nützlichkeit  dividiert  durch  das  Angebot,  oder  die  Nützlichkeit ­
  eines  Dinges  gleich  dem  Produkte  seines  Angebotes  und  seines
Wertes,  geteilt  durch  die  Zahl  seiner  Einheiten.
Die  Nützlichkeit  eines  Pfund  Silbers  z.  B.,  dessen  Wert
ö.  W.  fl.45,  ist  bei  Angebot  nur  1  (Pfund)  =  also  ö.  W.  fl.  45.
Wäre  das  Angebot  sehr  groß,  so  müsste  die  Nützlichkeit  des  Silbers
sehr  gering  geworden  sein,  d.  h.  es  müsste  die  Nützlichkeit  anderer
Güter  gestiegen  und  darum  die  des  Silbers  gefallen  sein,  es  müsste
demnach  sein  Wert  ein  geringerer  werden.
Die  Nützlichkeit  des  Wassers  ist  im  allgemeinen  groß,  und
doch  kann  die  Nützlichkeit  eines  bestimmten  Wassers  durch  den
Widerstand,  welchen  die  Natur  seiner  Benützung  entgegenstellt,  sehr
klein  werden.  Ein  Brunnen  außerhalb  einer  Stadt  hat  viel  und  gutes
Wasser,  aber  der  Weg  dahin  ist  zu  weit,  als  dass  sein  Wasser
benützt  werden  könnte  ;  es  hat  in  ökonomischem  Sinne  keine  Nützlichkeit. ­
  Desselben  Brunnens  Wasser  erreicht  eine  hohe  Nützlichkeit ­
  und  wird  dadurch  sehr  wertvoll,  wenn  sämtliche  Brunnen  der
Stadt  versiegen.  Wenn  aber  jemand,  so  lange  noch  in  der  Stadt
selbst  genug  und  gutes  Wasser  ist,  das  Wasser  jenes  Brunnens  zur
        <pb n="74" />
        *

58

Stadt  brächte,  so  würde  seine  Nützlichkeit  steigen,  und  die  Nachfrage ­
  nach  demselben  eine  größere  werden  als  früher,  es  würde
ebenso  nützlich  als  das  Wasser  der  Stadt,  sein  Wert  größer  als
früher  sein,  und  zwar  so  groß  wie  der  des  Stadtwassers,  dessen
Nützlichkeit  und  zugleich  dessen  Wert  durch  erhöhtes  Angebot  an
Wasser  überhaupt  jetzt  gegen  früher  fallen  müsste').  Würde  alles
Wasser  allmählich  von  der  Erde  verschwinden,  dann  müsste  seine
Nützlichkeit  zuerst  wachsen,  später  aber  der  Mangel  einer  Lebensbedingung ­
  des  Menschen  und  die  dadurch  hervorgerufene  Sterblichkeit ­
  seines  Geschlechtes,  die  Nützlichkeit  des  Wassers  eine  Zeit
lang  constant  erhalten,  bis  entweder  der  Mensch  in  der  Lage  wäre,
das"  Wasser  durch  eine  chemische  Verbindung  aus  Wasserstoff  und
Sauerstoff  zu  ersetzen,  also  der  Natur  neu  abzuriugen,  oder  aber  das
Menschengeschlecht  zu  sein  aufgehört  hat,
i  ;  yy  =  (I  :  o.  Die  Formel  bewährt  sich,  sollte  sie  auch
negative  Resultate  ergeben.  Negative  Nützlichkeit  ist  Schädlichkeit.
Ein  Gut  von  negativer  Nützlichkeit  hat  auch  einen  negativen  Wert.
Es  sei  irgendwo  eine  Überschwemmung,  also  zu  viel  Wasser,  Wasser,
welches  eine  Schädlichkeit  hat.
I  :  yy  =  ^  :  o  und  ft  =  100,  während  o  =  —  100,  so  ist
yy  —  -Æ  =  —  l;  steigt  die  Schädlichkeit  bei  gleicher  Menge
(Angebot),  so  fällt  der  Wert  unter  —  1,
ft  =  100  undo  =  —1000,  so  ist  y  y  =  loo
fällt  die  Schädlichkeit  bei  gleicher  Menge  (Angebot),  so  steigt  der
Wert  über  —  1  ;  denn  wenn  ft  =  100  und  o  =  —  1,  so  ist
J'»'  =  W  =  ~
Für  die  Werte  aller  Güter  bildet  sich  durch  den  Tauschverkehr ­
  und  den  dazwischen  tretenden  Handel  insbesondere,  durch  jene
Menschheitserscheinung  also,  die  das  Produkt  der  Wehrthätigkeit  des
Menschen  und  seiner  persönlichen  Kapitalien  höherer  Ordnung  ist,
welche  die  Expansivkraft  des  Menschen  gegenüber  der  Natur  ausdrückt, ­
  der  Preis.  Das  Mittel  dieses  Maßes  mag  selbst  den  Einflüssen ­
  von  Angebot  und  Nachfrage  unterworfen  sein,  in  seinem
Verhältnis  zum  Wert  ist  es  es  nicht.
■)  Ricardo:  «Der  Wert  richtet  sich  nicht  nacli  der  angewandten  Arbeit
des  Produzenten,  sondern  nach  der  ersparten  Arbeit  des  Konsumenten.“
        <pb n="75" />
        59

Es  verhält  sich  der  Werteines  Gutes  zum  Preise  (jr)
desselben,  wie  Angebot  zu  Nach  frage,  y  y  7C  =  a  :  v.
Was  hier  Angebot  und  Nachfrage  hervorruft,  das  ist  eben  das
Maß  der  Nützlichkeit,  welche  dreierlei  ist;  und  darum  ist  auch.der
Wert  dreierlei.  Die  Nützlichkeit  rührt  her  1.  vom  Stoffe,  2.  von
der  Form  und  3.  vom  Orte  oder  der  Zeit  des  Gutes;  so  beziehen
sich  auch  Angebot  und  Nachfrage  1.  auf  den  Stoff,  2.  auf  die  Form
und  3.  auf  den  Ort  oder  die  Zeit  des  Gutes,  und  stellen  so  den
Wert  als  Stoff,  Form  und  Orts-(Zeit-)Wert  her^.
Wenn  wir  den  Stoffwert  mit  a,  den  Formwert  mit  &amp;lt;p  und
den  Orts-  oder  Zeitwert  mit  g  bezeichnen,  so  entsteht  die  Formel:
0  Tt  =  IL  'V.
Es  ist  klar,  dass  die  Höhe  dieser  drei  Wertelemente  verschieden ­
  sein  kann,  und  oft  die  eine  oder  die  andere  den  Ausschlag ­
  gibt,  ja  dass  es  oft  vorkommt,  dass  eine  Wertgattung  ein
und  desselben  Gutes  fast  0  ist,  wie  z.  B.  der  Formwert  des  Brennholzes, ­
  ebenso  klar,  dass,  wenn  eine  Wertgattung  negativ  und  dieselbe ­
  größer  ist  als  die  Summe  der  beiden  anderen,  der  ganze
Wert  des  Gutes,  als  Wert  dieses  Gutes  negativ  sein  muss,  z.  B.
ein  Schloss  aus  Eis,  wenn  sein  Ortswert  (Klima)  oder  sein  Zeitwert ­
  (Jahreszeit)  negativ  wird,  so  dass  das  Eis  zu  schmelzen  beginnt.
Die  Verbindung  der  Güter  und  ihre  gegenseitige  Einwirkung
auf  einander  ist  die  Verbindung  und  gegenseitige  Einwirkung  ihrer
elementaren  Werte.
Der  Stein  im  Bruche  besitzt  alle  Wertelemente  (&amp;lt;J  -h  9  -p  S)
und  oft  ist  sein  Form-  und  Ortswert  größer  als  sein  Stoffwert;
besitzt  er  aber  einen  geringen  Form-  und  Ortswert,  so  kann  ihm
der  Steinmetz  einen  neuen  höheren  Form-,  der  Frächter  einen  neuen
höheren  Ortswert  geben.  Aus  Steinen  entsteht  das  Haus,  und  der
Stoff-,  Form-  und  Ortswert  des  Steines  geht  in  dem  Stoffwert  des
neuen  Produktes  auf,  sein  Form-  und  Stoffwert  entsteht  aber  neu.
Der  Wert  des  Hauses  ist  dann  gleich  =  (a  -p  f/)  -j-  g  des  Steines)  -f-(o
  -P  y  -p  ^  des  Holzes)  -P  (&amp;lt;J  -p  (/)  -p  g  des  Eisens)  -f  des  Mörtels,
des  Glases  etc.  -f  seinem  ç/
Die  Wertelemente  steigen  und  fallen  mit  und  durcheinander.
Die  Steine  (Stoffwert)  eines  fertigen  Hauses  sind  unter  Umständen ­
  wertvoller  als  andere  Steine.  Die  Leinwand  und  die  Farben
')  Vergl.  Knies:  »Die  nationalökonomische  Lehre  vom  Wert.“  Tübinger
Zeitschrift  für  die  gesamte  Staats  Wissenschaft,  1865.  S.  468  u,  ff.
        <pb n="76" />
        GO

eines  Kiinstgemäldes  sind  wertvoller,  als  die  Leinwand  und  die  Farben, ­
  ehe  sie  zu  demselben  verwendet  wurden,  aber  sie  besitzen  einen
geringeren  Wert,  wenn  sie  in  einer  Schmiererei  aufgegangen  sind.
.  Die  negative  Höhe  eines  Wertelementes  zieht  darum  die  Höhe
der  anderen  Wertelemente  bis  auf  0  herab,  oder  die  negative  Höhe
eines  Wertelementes  steigt  im  Verhältnis  der  Höhe  der  anderen
Wertelemente.
In  dem  Augenblicke,  da  der  Stoffwert  eines  Kunstgemäldes
negativ  wird,  z.  B.  durch  Einwirkung  des  Feuers,  steigt  er  zu  derselben ­
  Höhe  negativ  an,  welche  positive  Werthöhe  der  Form-  und
Ortswert  repräsentieren.  War  sein  Stoffwert  1,  sein  Formwert  100,
sein  Ortswert  50  =  151  vor  dem  Brande,  so  stellt  sich  sein  Gesamtwert ­
  im  Falle  des  Brandes  so  dar:  a  =  —  150,  y  =  100,  Ç  =  50;
—  150  4-  100  +  50  =  0;  sein  Gesamtwert  ist  vernichtet;  so  zwar,
dass  überdies  unter  Umständen  der  Gesamtwert  durch  den  Überschuss ­
  der  Schädlichkeit  des  Stoffwertes  negativ  werden  kann.  Wenn
der  Stoffwert  über  —  150  steigt,  z.  B.  auf  —  151,  dann  ist  der
ganze  Wert  negativ  =  —  1.  Da  nun  ö  (p  ^  :  tt  =  ^  :  v,  so
ist  der  Preis  des  Kunstgemäldes,  welcher  ursprünglich  den  Wert
von  151  hatte,  im  ersten  Falle  —  .u  =  0  im  zweiten  Falle  -.u.
Der  Stoffwert  entspricht  dem  persönlichen  Kapital  der
Körperlichkeit,  und  geht  in  jedem  Gute  aus  der  Nährthätigkeit
  hervor,  der  Form  wert  entspricht  dem  Intellekt
und  geht  aus  der  Lehrthätigkeit  hervor,  der  Orts-  und  Zeitwert ­
  entspricht  dem  Temperament  und  stammt  aus  der  Wehrthätigkeit.
  Nur  in  der  Verbindung  aller  drei  Wertelemente  liegt
der  Wert  des  Gutes  selbst  und  sein  Preis  bildet  sich  durch  Angebot ­
  und  Nachfrage.
Das  Maß  des  Preises  ist  das  Geld  ’)•
Der  Preis  des  Geldes  selbst  mag  nun  sein,  welcher
immer,  stets  wird  es  als  Preismaß  eines  Gutes,  das
Verhältnis  dessen  Wertes  zu  seinem  Preise  nur  imVerhältnis
  des  Angebotes  dieses  Gutes  zu  seiner  Nachra
  geausdrücken.
Sowohl  Güter  und  Kapitalien  als  auch  die  Arbeit  haben  einen
Wert  und  einen  Preis.
Nachdem  der  Wert  aller  Güter  durch  den  Einfluss  von  Angebot
und  Nachfrage  bestimmt  wird,  und  das  Angebot  der  Arbeit  das  Ergebnis

0  Vergl,  Menger:  Grundsätze  der  Volkswirtschaftslehre.  S.  250  u.  ff.
        <pb n="77" />
        61

einer  gewissen  Menge  freier  persönlicher  Kapitalien,  die  Nachfrage  das
Ergebnis  des  Mangels  dieser  Menge  von  persönlichen  Kapitalien  ist  :
so  ist  es  auch  die  Menge  und  Qualität  der  zu  der  Produktion  eines
Gutes  aufgewendeten  persönlichen  Kapitalien,  welche  den  Wert  desselben ­
  ausmachen.  Je  stärker  die  Naturanlagen,  je  größer  die  Geschicklichkeit ­
  eines  Arbeiters,  je  größer  seine  Kenntnisse  und  seine
Sittlichkeit  (Sorgfalt),  die  er  zur  Erzeugung  eines  Gutes  verwendet,
desto  wertvoller  ist  das  Produkt,  das  entstandene  neue  Gut,  und
desto  größer  ist  der  Wert  der  Arbeit,  die  in  dem  Produkte  eingeschlossen ­
  ist  —  seine  Arbeit.  «Tb  yàç  áTCorslovfisvov  ành  xùv
ßsktiovov  ßikxiov  êçyovfi  sagt  schon  Aristoteles  *).
Von  dem  Werte  des  Kapitals  ist  in  exaktem  Sin  ne
seine  Benützungsquote  unabhängig.  Nicht  alle  Kapitalien
unterliegen  dem  gemeinschaftlichen  Angebote  und  der  gemeinschaftlichen ­
  Nachfrage,  sondern  jede  Kapitalsart  für  sich  ihrem  Angebote
und  ihrer  Nachfrage.  So  entstehen  die  Artenwerte  im  Gegensätze
zu  den  oben  dargelegten  Wertarten.  Und  die  Benützungsquote
für  die  Artenwerte  ist  abermals  eine  vom  Kaufe  verschiedene,  durch
Angebot  zur  Benützung  und  Nachfrage  der  Benützung  entstandene,
und  kann  ein  anderes  Zahlenprodukt  sein,  als  das  Resultat  des
Angebotes  zum  Kaufe  und  der  Nachfrage  zum  Kaufe  eines  Gutes
derselben  Art  uud  Ordnung,  aus  der  Ursache,  weil  die  Höhen  der
Faktoren  andere  sein  können.
I  :  TT  =  ju  :  V
Kapital  :  Kapital  -f  Zins  =  p'  :  v'
Es  ist  der  Wert  jeder  außerpersönlichen  Kapitalsart  das
Ergebnis  eines  anderen  Angebotes  und  anderer  Nachfrage,  und  die
Benützungsquüte  jeder  außerpersönlichen  Kapitalsart  ebenfalls  verschieden ­
  nach  Maßgabe  des  auf  sie  bezüglichen  Angebotes  und  der
auf  sie  bezüglichen  Nachfrage.  Der  Preis  und  der  Zins  ist  also
ein  organisch  anderer  für  1.  Grund  und  Boden,  2.  Wege,  3.  Bauten,
4.  Werkzeuge,  5.  Pflanzennahrung,  6.  Maschinen,  7.  Fleischnahrung,
8.  Pelze  und  9.  Haustiere,  und  zwar  ein  anderer  für  diese  Güter
1.,  2.,  3.  und  Ordnung.
Ein  Gut  höherer  Ordnung  druckt  den  Preis  eines  Gutes  bis
zur  Wertlosigkeit  herab,  nach  Maßgabe  des  Angebotes  dieses  Gutes
höherer  Ordnung  zu  der  Nachfrage  nach  den  Gütern  dieser  Art;

*)  Política.  Lib.  I.  Cap.  II.  8.
        <pb n="78" />
        62

denn  deckt  das  Angebot  des  Gutes  höherer  Ordnung  vollständig  die
Nachfrage  nach  den  Gütern  dieser  Art,  dann  wird  das  Gut  niederer
Ordnung  vollständig  wertlos:  das  Steinmesser  ist  gegenüber  dem
Stahlmesser,  die  Schleuder  gegenüber  dem  Revolver,  der  Sturmbock
gegenüber  der  Kanone,  die  Silhouette  gegenüber  dem  Photogramm
wertlos  geworden.
Auch  die  Benützungsquote  für  ein  Gut  niederer  Ordnung
erscheint  gedrückt,  wenn  das  Angebot  eines  Gutes  höherer  Ordnung
steigt:  die  Wohnungen  in  alten  Häusern  werden  billiger,  wenn  Neubauten ­
  entstehen,  selbst  dann,  wenn  sich  kein  Wohnungsüberfluss
einstellt.
Die  Nachfrage  nach  Arbeitern  der  höchsten  Leistungsfähigkeit
ist  stets  die  größte;  die  höchste  Leistungsfähigkeit  ist  ja  die  höchste
Macht  des  Menschen  über  die  Natur.
Arbeit  :  Lohn  =  ^  :  v
und  zwar  verschieden  für  die  Arbeit:
1.  der  Nährthätigkeit  mit  der  Körperlichkeit,
2.  V  Nährthätigkeit  n  dem  Intellekt,
3.  n  Nährthätigkeit  v  n  Temperament,
4.  n  Lehrthätigkeit  n  der  Körperlichkeit,
5.  V  Lehrthätigheit  n  dem  Intellekt,
6.  n  Lehrthätigkeit  n  n  Temperament,
7.  n  Wehrthätigkeit  n  der  Körperlichkeit,
8.  fl  Wehrthätigkeit  „  dem  Intellekt,
9.  fl  Wehrthätigkeit  a  a  Temperament,
10.  fl  Nährthätigkeit  n  der  Geschicklichkeit,
11.  fl  Nährthätigkeit  a  den  Kenntnissen,
12.  fl  Nährthätigkeit  a  der  Sittlichkeit,
13.  fl  Lehrthätigkeit  a  a  Geschicklichkeit,
14.  fl  Lehrthätigkeit  a  den  Kenntnissen,
15.  fl  Lehrthätigkeit  a  der  Sittlichkeit,
16.  fl  Wehrthätigkeit  a  a  Geschicklichkeit,
17.  fl  Wehrthätigkeit  a  den  Kenntnissen,
18.  fl  Wehrthätigkeit  a  der  Sittlichkeit.
Im  Lohne  für  die  Arbeitsgattungen  wird  schon  der  Kapitalzins, ­
  der  Zins  für  die  persönlichen  Kapitalien  bezahlt,  und  zwar
seinem  vollen  aus  Angebot  und  Nachfrage  hervorgegangenen  Benützungswerte ­
  nach.
        <pb n="79" />
        63

Kapital  und  Arbeit  stehen  in  organischer  Wechselbeziehung.
Wenn  die  Nachfrage  nach  Benützung  eines  außerpersönlichen  Kapitals ­
  oder  einer  Arbeitsart  steigt,  dann  fällt  das  Angebot  zur  Benützung ­
  einer  anderen  Kapitals-  oder  Arbeitsart.  Steigt  die  Nachfrage ­
  nach  einer  Arbeitsart,  dann  fallt  das  Angebot  einer  außerpersönlichen ­
  Kapitalsart  zur  Benützung.  Nach  diesen  Gesetzen
bewegen  sich  Kapitalzins  und  Arbeitslohn.
Der  Preis  und  das  gemeinsame  Maß  desselben,  das  Geld,  hat
den  Ausdruck  dieser  Prozesse  verwischt,  und  erst  dann,  bis  die
Summe  der  Nachfrage  nach  Arbeitsarten  überhaupt  größer  ist,  als
die  Summe  des  Angebotes  von  außerpersönlichen  Kapitalsarten
oder  umgekehrt,  kommen  sie  zur  Erscheinung:  steigt  dann  die  Nachfrage ­
  nach  Arbeit,  so  fällt  das  Angebot  von  Geld;  so  steigt  der
Arbeitslohn  und  steigt  der  Kapitalzins.
Das  Geld  ist  nur  das  Maß  des  Preises  in  seiner  Benützung
als  Tauschmittel.  Als  Kapital,  als  Ware  unterliegt  es  den  Gesetzen
der  Nachfrage  und  des  Angebotes,  wie  alle  Kapitalien.
Steigt  der  Preis  des  Geldes  ;  dann  fallen  alle  dafür  einzutauschenden ­
  Arbeitsarten  und  außerpersönlichen  Kapitalswerte,  es
fallt  der  Arbeitslohn  und  der  Zins  für  alle  außerpersönlichen  Kapitalien ­
  mit  Ausnahme  des  Zinses  für  Geld.  Das  Verhältnis  bleibt
dasselbe,  nur  die  Preise  steigen  oder  fallen  nach  dem  Preise  des
Geldes.
Persönliches  Kapital  ohne  Arbeit  ist  schwach  und  geht  zurück,
in  Verbindung  mit  Arbeit  ist  es  um  so  stärker,  je  größer  es  ist,
weil  die  persönlichen  Kapitalien  und  die  Arbeit  zusammenstreben.
Das  außerpersönliche  Kapital,  aus  der  wirtschaftlichen  Feindin
Natur  entstanden,  und  die  Arbeit  streben  auseinander,  bekämpfen
sich  und  werden  erst  durch  das  persönliche  Kapital  gebunden.  Das
persönliche  Kapital  macht  somit  den  Wert  des  Menschen  aus').
Es  verbinden  sich  also  außerpersönliche  Kapitalien  nur  dann
mit  Arbeit,  wenn  persönliche  Kapitalien  auf  sie  einwirken.
Es  bestehen  die  Prinzipe:  1.  der  Population,  2.  des  Rechtes,
3.  des  Staates.  Sie  haben  ihren  gestaltenden  Einfluss  auf  die  Verbindung ­
  von  Kapital  und  Arbeit.

')  Carey:  »Der  Fortschritt  des  Menschen  steht  im  geraden  Verhältnisse
zu  dem  Sinken  des  Wertes  der  Lebensbedürfnisse  und  dem  Steigen  des  eigenen
Wertes.“
        <pb n="80" />
        64

Population  :  Nähr-  +  Lehr-  +  Welirthätigkeit  X  Kapital  =  Unternehmen, ­

Recht  ;  Nähr-  Lehrthätigkeit  X  Kapital  =  Wirtschaft,
Staat  :  Nährthätigkeit  X  Kapital  =  Volkswirtschaft.
Es  erscheinen  hier  die  aus  den  natürlichen  Faktoren ­
  entstandenen  Resultate  der  Population,  des
Rechtes  und  des  Staates  als  Feinde  der  Menschen-Thätigkeit
  und  des  Kapitales,  sie  übernehmen  die
Rolle  der  Natur.
Diese  Wahrheit  in  ihrem  Grundgedanken  hat  vor  mir  Stein
auf  teleologischem  Forschungswege  erkannt,  aber  in  nationalökonomischer
  Beziehung  nicht  verfolgt.  Stein')  schreibt;  rSo  entsteht
in  jedem  Rechtsgebiete  im  Staate  im  allgemeinen,  aber  zugleich  in
jedem  Verwaltungsgebiete  im  besonderen  ein  Leben,  in  welchem
die  Idee  des  Rechts  —  das  Gerechte,  to  díxatov  —  mit  dem  positiven, ­
  durch  die  bestehende  Gesellschaftsordnung  gesetzten  Rechte
kämpft  und  sich  gegenüber  den  gesellschaftlichen  Ordnungen  ihre
Anerkennung  und  Geltung  zu  verschaffen  sucht.  Diese  Bewegung
ist  der  größte  organische  Prozess,  den  die  Welt  kennt.  Es  ist  der
Entwickelungsprozess,  in  welchem  der  Geist  sich  durch  seine  eigene
Arbeit  zur  Herrschaft  über  das  thatsächliche  Daseiu  erhebt.  Das
ist  das  wahre  und  ewige  Leben  der  Erde,  und  die  Geschichte  dieses
gewaltigen,  alle  vergangenen  Jahrtausende  umfassenden  und  alle
kommenden  erfüllenden  Prozesses  ist  die  Weltgeschichte  !u
Dort,  wo  die  Population  die  Rolle  der  Natur  übernimmt,
kämpft  das  Unternehmen  nicht  mehr  mit  den  persönlichen  Kapitalien ­
  allein,  sondern  nimmt  die  außerpersönlichen  zu  Hilfe,  und
es  ist  besonders  das  Auftreten  der  Welirthätigkeit,  welche  diesen
Kampf  aktiv  macht.  Die  Wirtschaft  kämpft  gegen  die  Natur  bloß
mit  der  ihr  eigenen  Nähr-  und  Lehrthätigkeit,  gegen  das  Recht
aber  zugleich  mit  außerpersönlichem  Kapital;  ihr  Kampf  ist  passiv,
weil  ohne  Wehrthätigkeit.  Die  Volkswirtschaft,  welche  sich
gegen  die  Natur  nur  mit  der  Nährthätigkeit  wendet,  kämpft  gegen
den  Staat  mit  Nährthätigkeit  und  außerpersönlichem  Kapital  an;
ihr  Kampf  ist  weder  aktiv  noch  passiv,  er  verschwindet,  Staatsund ­
  Volkswirtschaft  verschmelzen.
Das  Unternehmen  kämpft  mit  der  Thätigkeit  aller
elementaren  Kräfte,  die  Wirtschaft  mit  Nähr-  und
Lehrthätigkeit,  die  Volkswirtschaft  nur  mit  der  Nähr-Handbuch
  der  Verwaltungslehre  (Stuttgart  1870).  S.  12.
        <pb n="81" />
        65

thâtigkeit.  Die  Volkswirtschaft  entfaltet  allerdings,  wie  die
Arbeit,  nur  eine  Thätigkeit,  ihr  Unterschied  von  dieser  besteht
aber  darin,  dass  ihre  Thätigkeit  erst  entsteht,  wenn  ein  Staat
entstanden  ist:  die  Arbeit  besteht  überall,  wo  der  Mensch  nur
eines  seiner  persönlichen  Kapitalelemente  der  Natur  entgegenstellt.
Die  Thätigkeit  der  Volkswirtschaft  ist  demnach  eine
von  der  Gattung  ausgegangene  Erscheinung,  die  Arbeit
ist  die  Thätigkeit  des  Individuums.  Zwischen  dem
Leiter  eines  Unternehmens  aber  und  dem  Unternehmer  selbst
besteht  der  sehr  feine  Unterschied,  dass  im  ersteren  allerdings
auch  alle  Thätigkeiten  zur  Erscheinung  zu  kommen  vermögen,  aber
sich  in  ihm  nicht  organisch  verbinden,  sie  erscheinen  einzeln  als
eine  Mehrheit  von  Thätigkeiten,  nicht  als  eine  Thätigkeit  mit
allen  Elementen  des  persönlichen  Kapitals:  die  Thätigkeiten  des
ersteren  sind  Arbeiten,  die  Thätigkeit  des  letzteren  die  Unternehmerthätigkeit.

Population
(Nähr-  +  Lehr-  +  Wehrthätigkei’t)  X  Kapital  ~  Unternehmen,
daraus  folgt,  dass
Population  =  Thätigkeiten  X  Kapital  X  Unternehmen,
Recht  =  Nähr-  -f  Lehrthätigkeit  X  Kapital  X  Wirtschaft,
Staat  =  Nährlhätigkeit  X  Kapital  X  Volkswirtschaft.
Nur  in  Verbindung  mit  den  Begriffen  des  Unternehmens,  der
Wirtschaft  und  der  Volkswirtschaft  sind  die  Thätigkeiten  der  persönlichen ­
  Kapitalien  und  die  außerpersönlichen  Kapitalien  dem  Kampfe
mit  Population,  liecht  und  Staat  gewachsen,  das  drückt  hier
das  Gleichheitszeichen  aus,  und  nur  dann  können  sie  zu  Produktionskräften ­
  werden.
Das  Unternehmen  kämpft  gegen  die  Population  und  strebt  sie
sich  dienstbar  zu  machen,  um  zur  Wirtschaft  zu  werden;  und  dieser
Prozess  wird  sichtbar  in  der  Heranziehung  von  Arbeit  und  Kapital,
in  der  Aufsuchung  von  ßinkaufsquellen  einerseits  und  der  von  Absatzquellen ­
  andererseits;  er  wird  sichtbar  in  dem  Kampfe  des
Unternehmers  gegen  alle  anderen  wirtschaftenden
Personen.
Die  Wirtschaft  kämpft  gegen  das  Hecht,  das  ist  das  subjektive
Hecht,  und  sucht  sich  es  dienstbar  zu  machen  ;  sie  strebt  nach  Volkswirtschaft. ­
  Dieser  Prozess  wird  sichtbar  in  dem  Kampfe  gegen  das
Unternehmen,  welcher  sich  dem  Hechte  des  Aufschwunges  desselben
Schroeder,  Das  Unternehmen  u.  der  Unternehmergewinn.
        <pb n="82" />
        66

durch  deu  Bestand  der  Wirtschaft  entgegenstellt.  Die  Wirtschaft
strebt  die  Arbeiter,  die  Kapitalien,  die  Einkaufs-  und  Absatzquellen
zu  behalten.  Sie  will  sich  die  wirtschaftlich  dienstbar  gemachte
Population  auch  rechtlich  dienstbar  machen.  Sie  kämpft  gegen
das  Recht  des  wirtschaftlichen  Aufschwunges  anderer.
Das  Fideikommiss  ist  ein  Typus  der  W  irtschaft  und  wir  sehen  es  in
diesem  Kampfe.
Die  Volkswirtschaft  kämpft  gegen  den  Staat,  sie  will  die
Schranken,  welche  ihr  derselbe  setzt,  durchbrechen,  ihre  Expansivkraft ­
  strebt  nach  weiteren  Grenzen,  sie  will  nähren  und  ernähren,
darum  die  Kapitalien  verteilen.  Die  Volkswirtschaft  ist  der
Kampf  des  wirtschaftlichen  Rechtes  des  Volkes  gegen
das  Recht  der  Staatsverwaltung,  und  seine  Anerkennung
sind  die  Verwaltungsgerichtshöfe.
Das  Unternehmen  ist  die  junge  nach  Fortschritt
strebende  Wirtschaft.  Und  sein  Zweck  ist  die  Kapitalbildung, ­
  wie  der  Zweck  der  Wirtschaft  die  Kapitalerhaltung ­
  und  jener  der  Volkswirtschaft  die  Kapitalverteilung: ­


Po])ulation
(Nähr-  -f-  Lehr-  -f-  Wehrthätigkeit)  X  Kapital

=  Kapitalbildung,

Recht
(Nähr-  -f-  Lehrthätigkeit)  X  Kapital

=  Kapitalerhaltung,

Staat
Nährthätigkcit  X  Kajätal

=  Kapitalverteilung.

Unter  Festhaltung  dessen,  was  wir  oben  von  den  Merkmalen
der  Arbeit  gesagt  haben,  stoßen  wir  hier  auf  ein  anderes  sie  von
den  Thätigkeiten  des  Unternehmens,  der  Wirtschaft  und  der  Volkswirtschaft ­
  in  ihrem  innersten  Wesen  unterscheidendes  Kennzeichen.
Während  die  Resultate  dieser  drei  gewaltigsten  Menschheitserscheinungen ­
  immer  Kapital  sind,  u.  zw.  beim  Unternehmen  neues
Kapital,  bei  der  Wirtschaft  das  alte  erhaltene  Kapital,  und  bei  der
Volkswirtschaft  das  verteilte  Kapital,  hat  die  Arbeit  wohl  mit
Kapitalien  zu  thun,  aber  ihre  Resultate  sind  nicht  Kapitalien  sondern
Güter,  welche  erst  durch  das  hinzutretende  Unternehmen,  sei  es
durch  Sparen,  sei  es  durch  Tausch,  sei  es  durch  Verwendung  als
Werkzeug,  von  der  Kraft  des  größten  wirtschaftlichen  Gesetzes,  des
Angebotes  und  der  Nachfrage  erfasst,  einen  Wert  erhalten,  und  zu
Kapitalien  erhoben  werden.
        <pb n="83" />
        67

Das  Unternehmen  strebt  darnach  über  seinen  Bedarf  zu  produzieren ­
  und  zu  verwerten;  es  ist  die  Thätigkeit,  so  viel  Produkte
und  so  wertvolle  Produkte  zu  schaffen,  dass  deren  Summe  größer
ist,  als  die  Summe  der  Gesamtbedürfnisse  des  Unternehmens,  und
aus  dieser  Thätigkeit  gewinnt  die  Population,  gegen  welche  sich  der
Kampf  des  Unternehmens  gewendet.
Die  Wirtschaft  ist  die  Thätigkeit,  welche  eine  vollkommene
Deckung  aller  Bedürfnisse  und  ihre  eigene  Selbsterhaltung  anstrebt  ;
eine  Thätigkeit  ohne  das  Streben  der  Selbsterhaltung  wäre  Unwirtschaft. ­
  Das  Resultat  der  Wirtschaft,  eben  die  Selbsterhaltung,  kommt
ihrem  subjektiven  Rechte  zu  gute.
Die  Volkswirtschaft  ist  jene  Thätigkeit,  die  eine  möglichst  vollkommene ­
  Kapitalverteilung  anstrebt,  und  das  Ergebnis  dieser  Thätigkeit ­
  kommt  durch  die  Steuerkraft  des  Volkes  dem  Staate  zu  gute.
Je  besser,  je  geigneter,  je  vollkommener  nun  die  Bütteln  sind,
die  der  Mensch  hat,  um  die  Natur  zu  bekämpfen,  desto  größer  ist
seine  Macht  über  die  Natur,  desto  leichter  der  Sieg,  desto  geringer
kann  die  angewandte  Arbeit  sein,  und  desto  höher  der  Erfolg,  die
Kapitalbildung,  der  Unternehmergewinn  werden.
Die  Qualität  der  Produktionsmitteln  liegt,  die  außerpersönlichen ­
  Kapitalien  betreffend,  in  der  in  den  Gütern  Ordnung
ruhenden  Quantität  von  mit  Geschicklichkeit,  Kenntnissen  und
Sittlichkeit  multiplizierter  alten  Arbeit,  und,  die  gegenwärtige
Thätigkeit  betreffend,  in  der  Qualität  und  Quantität  der  persönlichen ­
  Kapitalien.
Ein  Jäger  mit  einer  guten  doppelläufigen  Schrotbüchse  wird
bei  sonst  gleichen  Bedingungen  gewiss  ein  viel  größeres  Jagdresultat
haben,  als  ein,  Jäger,  der  mit  einer  Schleuder  bewaffnet  ist.  Es
liegt  in  der  modernen  Büchse  ein  möglichst  großer  Aufwand  von
Geschicklichkeit,  Kenntnissen  und  Sittlichkeit  (Sorgfalt).  Der  Wilde
mit  seiner  physischen  Kraft  und  seiner  Körpergewandtheit  ist  schwach
gegenüber  dem  physisch  schwächeren  und  ungelenkigeren,  aber  gut
bewaffneten  Weißen;  denn  dieser  trägt  die  mit  persönlichen  Kapitalien ­
  multiplizierte  Arbeit  vieler  mit  sich.  —  Robinson  Crusoe  hat
es  viel  schwieriger  gehabt,  auf  seiner  Insel  ein  Feuer  zu  entzünden,
als  Vernes  Cyrus  Schmidt  auf  dem  einsamen  Eilande  im  Weltmeere
Nitro-Glycerin  zu  erzeugen  und  Felsenmassen  zu  sprengen.  Robinson
hatte  keine  Kenntnisse,  die  Qualität  seiner  persönlichen  Kapitalien
war  gering,  Cyrus  Schmidt  dagegen  eine  ausgezeichnete  technische
Geschicklichkeit  und  große  Kenntnisse.  Robinson  hätte  eine  noch  so
6*
        <pb n="84" />
        große  Menge  von  Naturprodukten  finden  können,  aus  welchen  Nitro-Glycerin
  zu  erzeugen  möglich  ist,  er  hätte  es  nicht  zustande  gebracht,
weil  er  Nitro-Glycerin  nicht  zu  bereiten  verstand,  weil  er  es  gar
nicht  kannte.  Er  musste  aber  auch  seine  ganze  Sittlichkeit  (Ausdauer, ­
  Fleiß,  Energie  und  Gottvertrauen)  gegen  die  Natur  ins  Feld
führen,  um  nicht  zu  unterliegen*).
Das  Unternehmen  vereinigt  immer  alle  Arbeitsgattungen  und
alle  persönlichen  und  außerpersönlichen  Kapitalien,  wenngleich  verschiedener ­
  Ordnung,  es  strebt  jedoch  immer  in  seinen  Produktionsmitteln ­
  die  höchste  Ordnung  zu  erreichen,  damit  seine  Produkte
gleichfalls  der  höchsten  Ordnung  angehören.
Hier  gilt,  was  von  dem  Werte  der  Güter  und  der  Arbeit  gilt.
Je  mehr  die  Arbeitsgattungen  von  geeigneten  persönlichen
Kapitalien  unterstützt  werden,  je  höher  entwickelt  die  persönlichen
Kapitalien  sind  und  einer  je  höheren  Ordnung  die  im  außerpersönlichen ­
  Kapital  enthaltenen  Güter  angehören,  über  welche  der  Unternehmer ­
  verfügt,  und  je  zweckmäßiger  alle  diese  Faktoren  zu  einer
ökonomischen  Zusammenwirksamkeit  verbunden  sind:  desto  wahrscheinlicher ­
  ist  das  Gelingen  des  Unternehmens
Das  Gelingen  eines  Unternehmens  verhält  sich  zu
seinem  Misslingen,  wie  die  Verfügbarkeit  der  Faktoren
zu  ihrem  Mangel.
Wenn  wir  alle  die  Faktoren  relativ  höchster  Ordnung  mit  f
bezeichnen  und  den  Mangel  derselben  mit  w,  so  entsteht  die  Formel  :
Gelingen:  Misslingen  —  f  :  m.
Die  absolut  vollständige  Verfügbarkeit  aller  Faktoren  relativ
höchster  Ordnung  muss  auch  das  Gelingen  im  Gefolge  haben,  der
absolut  vollständige  Mangel  aller  dieser  Faktoren  das  gewisse
Misslingen.  —  j
Die  Unteruehmerthätigkeit  ist  die  Verbindung  aller  drei  Arbeitsarten ­
  zu  einer  Thätigkeit  in  der  Person  des  Unternehmers,  das  ist
die  Dienstbarmachung  über  quantitativ  und  qualitativ  geeignete  Arbeit
•)  Darum  ist  die  Geschichte  Robinsons  eine  moralische  Erzählung  von
hohem  Werte  für  die  Jugend  und  das  Volk,  sie  ist  aber  auch  eine  bedeutende
nationalökonomische  Abhandlung  in  erzählendem  Kleide,  welche  ein  Stück
individueller  Natural-Wirtschaftsgeschichte  vom  Unternehmen  bis  zur  Volkswirtschaft ­
  enthält.  Die  Bildung  der  persönlichen  Kapitalien  höherer  Ordnung,
die  Produktions-  und  Steigerungsprozesse  der  Güter  aller  Art  und  mehrerer
Ordnungen  bis  auf  den  Sklaven,  den  Robinson  vermöge  seiner  Sittlichkeit  zum
Arbeiter  erhob,  zeigt  uns  diese  Erzählung  in  überaus  anschaulicher  Weise.
        <pb n="85" />
        69

(auch  fremde)  und  quantitativ  und  qualitativ  geeignete  außerpersönliche ­
  Kapitalien.  Ini  Unternehmer  selbst  ist  eine  Arbeitsteilung
nach  ökonomisch-exakten  Gesetzen  unmöglich.  Die  Dienstbarmachung
aller  für  das  Unternehmen  notwendigen  Faktoren  enthält  seine  eigene
Körperlichkeit,  sein  Intellekt  und  sein  Temperament,  seine  Nähr-,
Lehr-  und  Wehrthätigkeit.  Schon  darin,  dass  er  eine  zweite  Person
(Geschäftsführer)  dies  zu  thun  beauftragen  würde,  entwickelt  er
alle  Arten  von  Thätigkeit  in  dreieiniger  Weise.
Alle  anderen  Produktionsfaktoren,  außer  den  persönlichen
Kapitalien  erster  Ordnung,  müssen  nicht  sein  Eigentum,  aber  ihm
dienstbar  und  verfügbar  sein,  so  die  persönlichen  Kapitalien  höherer
Ordnung,  insoweit  sie  das  Unternehmen  noch  erheischt,  und  dieselben ­
  nicht  durch  die  eigene  Person  aufgewendet  werden,  die  darauf
bezügliche  Arbeit,  und  die  verschiedenen  außerpersönlichen  Kapitalien.
Dagegen  werden  gewisse  Produktionsmitteln  höherer  Ordnung  in
seltenen  Fällen  sein  Eigentum  sein  können,  so  die  Wege  höherer
Ordnung,  die  Verkehrsmitteln  für  Sachen  (Eisenbahnen),  für  Mitteilungen ­
  (Post  und  Telegraph),  deren  Benützungsquote  er  als  sogenannte ­
  Regiekosten  an  andere  Unternehmungen  (auch  Staatsunternehmuugen)
  wird  bezahlen  müssen.  Auch  jene  Menschheitseinrichtungen, ­
  welche  ihren  gestaltenden  Einfluss  auf  jede  ökonomische
Lebensäußerung  ausüben,  und  deren  Grundtypen  im  Nähr-,  Lehrund
  Wehrstand,  im  Eigentume,  der  Rechtsordnung,  Ehe,  Kunst
und  Wissenschaft  erscheinen,  sind  niemals  ganz  seiner  Verfügbarkeit ­
  untergeordnet;  das  Maß  an  deren  Benutzung  muss  er  gleichfalls ­
  bezahlen  —  wir  nennen  das  Steuern.
Wenn  die  Unternehmung  zur  Wirtschaft  wird,  was  darin  liegt,
dass  sie  nicht  mehr  nach  Kapitalbilduug,  sondern  nur  noch  nach
Kapitalerhaltung  strebt,  dann  wird  die  Wehrthätigkeit  entfallen.
Die  Wirtschaft  kennt  keine  Wehrthätigkeit.  Wo  dieselbe  auftritt,
da  handelt  es  sich  um  keine  Wirtschaft,  sondern  um  ein  Unternehmen. ­
  Es  ist  auch  ein  Unternehmen,  seine  Wirtschaft  zu  verteidigen, ­
  weil  aus  der  Gefahr  des  Unterganges  die  neue  Kapitalbildung ­
  hervorwächst.'  Die  Wirtschaft  verzehrt  ihr  Einkommen.
Wenn  sie  aber  Kapital  erspart,  so  ist  das  Ersparen  Kapitalbildung,
’  also  ein  Unternehmen,  es  ist  die  Vereinigung  der  Produktionsfaktoren ­
  zum  Zwecke  der  Kapitalbildung;  denn  das  Sparen  ist
Nähr-,  Lehr-  und  Wehrthätigkeit  gegen  die  Natur,  gegen  die  Bedürfnisse ­
  in  Verbindung  mit  außerpersönlichem  Kapital,  und  das
Ergebnis  sind  Produkte,  deren  Werte  der  Konsumtion  entrissen
erscheinen,  Kapital.
        <pb n="86" />
        70

Es  gibt  nur  wenig  reine  Typen  der  Wirtschaft,  weil  die
Wirtschaft  dem  Untergange  verfallen  ist,  wenn  sie  sich  nicht
durch  wenigstens  einzelne  Unternehmungsfälle  auf  dem  fortschrittlichen ­
  Niveau  ihrer  Umgebung  erhält.  Sie  müsste  im  Kampfe  gegen
die  Unternehmungen  erliegen,  wenn  sie  nicht  selbst  Unternehmungen
schaffen  würde.
Nur  die  isolierte  Wirtschaft,  die  reine  Kapitalsverwaltuug
und  das  Fideikommiss  sind  Typen  der  Wirtschaft.
Und  so  auch  ist  es  mit  der  Volkswirtschaft.  Nur  jene  Volkswirtschaft ­
  ist  ihr  reiner  Typus,  deren  Thätigkeit  nur  auf  ihre
Aufgabe  beschränkt  bleibt,  die  Nährthätigkeit.  Der  reine  Typus
der  Volkswirtschaft  ist  die  freie  Entfaltung  der  wirtschaftlichen
Prozesse,  und  er  findet  sich  nur  im  Organismus  der  Unternehmerwelt, ­
  und  gelangt  nur  noch  im  Vereinswesen  hie  und  da  zum  Ausdrucke. ­
  Die  Aufgaben  der  Volkswirtschaft  und  des  Staates  sind
verschiedene,  die  Volkswirtschaft  hat  nur  die  Aufgabe  der  Ernährung ­
  des  Volkes  und  darum  die  der  Kapitalverteilung,  der  Staat
hat  die  Aufgabe  der  Verwaltung  der  Wirtschaft  der  Gesellschaft.
Darum  liegen  Volkswirtschaft  und  Staat  im  Kampfe,  und  da  die
Volkswirtschaft  der  Gipfelpunkt  in  der  Reihe  der  wirtschaftlichen
Erscheinungen:  Unternehmen,  Wirtschaft  und  Volkswirtschaft  ist
und  keinen  höheren  Entwickelungsgrad  in  seinem  Individualleben
erreichen  kann  ;  so  wird  es  immer  so  bleiben  :  der  reine  Typus  der
Volkswirtschaft  des  Staates  wird  niemals  zur  selbständigen  exakten
Erscheinung  kommen.  Was  gewöhnlich  Volkswirtschaft  genanut  wird,
ist  Volksunternehmen  in  seiner  fortschrittlichen  und  Wirtschaft
mit  dem  Volke  in  seiner  konservativen  Bedeutung.
Das  Unternehmen  ist  das  Jünglingsalter,  die
Wirtschaft  das  Mannesalter  und  die  Volkswirtschaft
das  Greisenalter  im  wirtschaftlichen  Leben.
Die  Thätigkeit  des  Unternehmens  =  Nähr--f  Lehr-  -j-Wehrthätigkeit,
r&amp;gt;  7)  der  Wirtschaft  =  Nähr-  -j-  Lehrthätigkeit,
D  r&amp;gt;  n  Volkswirtschaft  =  Nährthätigkeit.
Die  in  der  Unternehmerthätigkeit  eingeschlossene ­
  Wehrthätigkeit  ist  ihr  unternehmendes,  kapitalbildendes, ­
  die  in  der  Unternehmerthätigkeit  eingeschlossene ­
  Lehrthätigkeit  ihr  wirtschaftliches,
kapitalerhaltendes  und  ihre  Nährthätigkeit  ihr  volkswirtschaftliches, ­
  kapitalverteilendes  Prinzip.
        <pb n="87" />
        71

Das  Unternehmen  strebt  nach  Befriedigung  aller
Bedürfnisse,  der  Bedürfnisse  der  Körperlichkeit,  des
Intellekts  und  des  Temperaments,  die  Wirtschaft
nur  nach  der  Befriedi  gung  der  Bedürfnisse  der  Körperlichkeit ­
  und  des  Intellekts,  die  Volkswirtschaft  endlich ­
  sucht  die  Befriedigung  der  körperlichen  Bedürfnisse ­
  allein.
Wir  wiederholen  es:  das  Unternehmen  ist  die  junge  Wirtschaft, ­
  welche  nach  Kapitalbildung  strebt.  Es  ist  die  Vereinigung
der  Produktionsmitteln  zum  Zwecke  der  Kapitalbildung.
In  den  Momenten  der  Vereinigung  der  Produktionsmitteln  und
der  Kapitalbildung  liegen  die  Merkmale  der  Definition,  weil  die
Wirtschaft  mit  bereits  vereinigten  Produktionsfaktoren  arbeitet  und
nur  Kapitalerhaltung  anstrebt,  und  die  Volkswirtschaft  die  Verteilung ­
  des  Kapitals  zum  Zwecke  hat.
Der  Ertrag  des  Unternehmens  ist  doppelt  :  1.  jener  Teil  desselben, ­
  welcher  der  in  ihm  eingeschlossenen  Wirtschaft  angehört,
und  zur  Deckung  der  Bedürfnisse,  also  zur  Vernichtung  bestimmt
ist,  und  2.  jener,  der  zur  Kapitalbildung  bestimmt  ist.
Der  zweite  Teil  ist  sein  eigentümlicher  Ertrag,  der  Uuternehmergewinu,
  das  neugebildete  Kapital.
Der  Unternehmergewinn  ist  die  Kapitalbildung
des  Unternehmens.
Wie  entsteht  Kapitalbildung?
Aus  dem  Produkte  der  Produktionsfaktoren,  wenn  es  1.  nicht
durch  den  Konsum  vernichtet,  und  2.  wenn  es  einen  positiven
Wert  hat.
Wann  hat  es  einen  positiven  Wert?
Wenn  seine  Nützlichkeit  positiv  ist,  wenn  wenigstens  eine
wirtschaftliche  Person  bei  noch  so  hohem  Angebote  Nachfrage
darnach  erhebt.
Kapitalbildung  ist  demnach  vor  allem  jene  Gütersumme,  welche,
nachdem  alle  Benützungsquoten  bezahlt  worden  sind,  und  zwar
alle  Arten  von  Arbeit  und  Kapitalien,  ganz  gleichgültig,  ob  dieselben ­
  der  Person  des  Unternehmers  selbst  eigentümlich  angehören,
oder  anderen,  übrigbleibt.  Daraus  ergibt  sich,  dass  auch  das  im
Unternehmen  notwendig  aufgewendete  persönliche  Kapital,  welches
in  allen  seinen  drei  Faktoren,  zum  mindesten  erster  Ordnung,  stets  in
der  physischen  oder  juristischen  Person  des  Unternehmers  vor-
        <pb n="88" />
        72

handen  sein  muss,  bezahlt  sein  müsse,  ehe  die  als  Unternehmergewinn ­
  anzusehende  Quote  entstehen  kann.
Der  Unternehmergewinn  {U)  oder  die  Kapitalbildung  des  Unternehmens ­
  ist  die  Differenz  zwischen  den  Einnahmen  und  den  Ausgaben, ­
  welche  die  Deckung  aller  im  Unternehmen  verwendeten
Arbeits-  und  Kapitalsarten  an  und  für  sich  und  die  Deckung  ihrer
Benützungsquoten,  die  Versicherungsprämie  gegen  Elementarschäden,
die  Benützungsquoten  für  fremde,  allgemeine  Einrichtungen  (Regie)
und  die  für  jene  Gesellschaftserscheinungen,  welche  zumeist  als
Staatseinrichtungen  Einfluss  auf  alle  ökonomische  Thätigkeit  üben,
die  Steuern,  umfassen.
Da  sich  das  Resultat  der  Unternehmung  aus  mehreren  Unternehmungsfällen ­
  zusammensetzen  kann,  so  ist  der  einzelne
Unternehmungsfall  zu  betrachten.
Der  Gewinn  (G)  im  einzelnen  Falle  ist  gleich  der  Differenz
zwischen  den  Einnahmen  (jK)  und  den  Gestehungskosten,  welche
wir  richtiger,  weil  allgemeiner,  Beschaffungskosten  nennen.
Die  Beschaffungskosten  summieren  sich;  1.  aus  dem  aufgewendeten ­
  Kapitale  (AT)  selbst,  mag  nun  dasselbe  in  Geld  oder  in
anderen  Werten,  %.  B.  Rohprodukten,  bestehen,  2.  dem  Kapitalzinse ­
  (%),  jener  Benützungsquote  für  das  im  Unternehmen
verwendete  Betriebskapital,  welche  auf  den  Unternehmungsfall,
als  Einheit  gedacht,  3.  der  Werterneuerung  {W)  jener  Quote,
welche  auf  die  Abnützung  von  A  n  lags  kapital  i  en  {AK),  Grund
und  Boden,  Baulichkeiten,  Maschinen,  Vieh  etc.  für  den  einzelnen
Fall  entfällt,  also  eigentlich  dem  Ersätze  des  aufgewendeten  in  das
neue  Produkt  übergegangenen  Teil  des  Anlagskapitals  selbst,  4.  der
Kapitalmiete  {M),  der  Benützungsquote  für  das  Anlagskapita  1
{AK)  in  gleichem  Sinne  wie  dem  Kapitalzinse,  welche  darum  eine
von  diesem  verschiedene  sein  kann,  weil  erstens  Angebot  und  Nachfrage ­
  sich  auf  einem  engeren  Raume  bewegen  (Ortswert),  als  das  Spiel
des  großen  Weltmarktes,  weil  aber  zweitens,  wie  wir  gesehen  haben,
stehende  Kapitalien  einen  anderen  Stoff-  und  Formwert  haben,  als  bewegliche, ­
  5.  aus  der  Wer  t  ver  siche  rung  (  U),  jener  Quote,  welche
in  ihrer  Summe  den  durch  Elementarereignisse  vernichteten  Wert
des  Unternehmungskapitals  in  seiner  augenblicklichen  Gesamtheit
zu  ersetzen  bestimmt  ist,  6.  den  Arbeitslöhnen  (yf),  der  Benützungsquote ­
  für  alle  Arten  von  Arbeiten,  welche  auf  den  Fall
berechnet  werden  müssen,  7.  aus  dem  Lebensunterhalt  (7&amp;gt;),  der
Deckung  der  durch  die  persönlichen  Kapitalien  der  Körperlichkeit,
        <pb n="89" />
        73

(les  Intellekts  und  Temperamentes  entstandenen  Thätigkeit  und  Abnützung ­
  der  Persönlichkeit  des  Unternehmers  selbst,  endlich  8.  aus
den  Regiekosten  ^R),  der  Benützungsquote  für  Einrichtungen
allgemeiner  Benützbarkeit  in  fremdem  Besitze,  und  schließlich  9.  den
auf  den  einzelnen  Unternehmungsfall  zu  repartierenden  Steuern
(St),  der  Benützungsquote  der  durch  die  Thätigkeit  der  Gesellschaft
(Staat)  entstandenen  Einrichtungen  und  Produktionsfaktoren.
Die  Beschaffungskosten  (B)  sind  demnach  gleich
AT+Z-f  TU-f  Ji-h  St
1.  Kapital  ist  hier  ein  Gut  niederer  Ordnung  vor  der  Produktion ­
  oder  ein  Gut  derselben  Ordnung  vor  dem  Verkaufe;  es
heiße  Bö  (Rohprodukt).  Das  Rohprodukt  verhält  sich  zu  seinem
Preise  (tc)  wie  sein  Angebot  (/¡i)  zu  seiner  Nachfrage  (v)  :
Bo  :  7c  ^:v  „  —
2.  Kapitalzins,  der  Zins  für  dieses  Betriebskapital,  für  das
Rohprodukt  oder  dessen  Wert.  Das  Kapital  verhält  sich  zum  Kapitale ­
  samt  seinem  Zinse,  sowie  sein  Angebot  zur  Benützung  zu
seiner  Nachfrage  der  Benützung:
K  :  AT  4-  Z  =  Z  =  ^  -  K.
3.  W  erterneueruug  des  Anlagskapitals.  Das  ursprüngliche
Anlagekapital  (A  K)  verhält  sich  zu  dem  abgenützten  (a  Ä)  wie
das  Angebot  des  letzteren  zu  der  Nachfrage  nach  demselben;  in
dem  Preise  des  abgenützten  Anlagskapitales  wird  sich  nämlich  durch
die  Wage  von  Angebot  und  Nachfrage  der  durch  die  doppelten
Einflüsse  geschaffene  neue  Wert  stets  richtig  ausdrück  en:
Ak  :  ah  =  :  v‘*  ;
Werterneuerung  ;=  Wertabnützung  =  Ak  —  ak
W=  Ak  -  ak  =  __  é!^Lll
4.  Kapitalmierte  für  das  Anlagskapital.  Das  Anlagskapital
verhält  sich  zu  sich  selbst  samt  seiner  Miete,  wie  das  Angebot
seiner  Benützung  zur  Nachfrage  nach  seiner  Benützung:
Ak  :  Ak  4-  A/  =  /u"'  :  M  =  Ak.
5.  Wertversicherung.  U  sei  hier  jener  Teil  der  Versicherungsprämie ­
  (tcq),  welcher  auf  den  Einzelfall  zu  berechnen  ist,
also  TtQ’.n.
        <pb n="90" />
        74

Die  Prämie  muss,  wenn  überhaupt  Wertversicherung  entstehen
soll,  sich  aus  der  Multiplikation  der  versicherten  Summe  also  des
Anlagskapitals  mit  der  Gefahr  (Gf),  in  ihrem  Resultat  das  Risiko,
und  der  Division  durch  die  mutmaßliche,  statistisch  wahrscheinliche ­
  Zahl  der  Prämienzahlungen  {x)  ergeben,  selbstredend  mit  Einrechnung ­
  der  Zinsen  und  Zinseszinsen  {ZZ)  der  einzuzahlenden
Prämien:

71Q

_L

zz

TCO

:  Ah  =  Gf  :  x.
V  =r

Ak  .  Of

X

6.  Arbeitslöhne.  Die  Arbeit  verhält  sich  zu  ihrem  Preise
{tc*),  wie  Angebot  zu  Nachfrage
M  =  u'"'  :  Î/"";  Tt^  —
Das  Angebot  der  Arbeit  einer  und  derselben  Art  und  Richtung
darf  nicht  über  ihre  Nachfrage  steigen,  sonst  würde  sie  in  Sklaverei
ausarten.  Wenn  fi'"'  =  2  und  —  1  ist,  so  ist  ti'  =  und
da  nun  M  jenen  Wert  der  Arbeit  ausdrückt,  welcher  gleich  ist  dem
Existenzminimum  des  Arbeiters,  so  würde  der  Preis  der  Arbeit
unter  das  Existenzminimum  fallen.  Diese  Gefahr  verhütet  das
Unternehmen,  indem  es  in  das  wirtschaftliche  Leben  mit  der  Nachfrage ­
  nach  Arbeit  eintritt.
7.  Lebensunterhalt  des  Unternehmers,  ist  die  Summe  der
Güter,  welche  die  Bedürfnisse  der  eigenen  Körperlichkeit,  des  eigenen
Intellekts  und  eigenen  Temperaments  des  Unternehmers  zu  decken
bestimmt  sind  =  w  .  L;  im  Einzelfalle  L.  L  :  jt*'  =  ft''"'  :  y'"",  der
Lebensunterhalt  verhält  sich  zu  seinem  Preise  (Kosten)  wie  Angebot ­

  zu  Nachfrage;
In  diesem  Punkte  liegt  das  Schwergewicht  aller  Faktoren,
welches  in  hervorragender  Weise  für  das  Resultat  des  Unternehmergewinnes ­
  maßgebend  ist;  denn  nicht  in  gleichem  Verhältnisse  stehen
die  Lebensbedürfnisse  zu  dem  Aufwande  von  Körperlichkeit,  Intellekt
und  Temperament.  Je  höher  der  Aufwand  dieser  persönlichen
Kapitalien  und  je  höher  ihre  Qualität,  desto  höher  gestaltet  sich  der
Ertrag  des  Unternehmens,  aber  auch  je  niedriger  der  Anspruch
an  das  Leben  und  seine  Freuden,  desto  höher  der  Unternehmergewinn. ­
        <pb n="91" />
        75

8.  Regie.  Je  größer  die  Zahl  der  Unternehmungen,  desto
kleiner  werden  die  Benützungsquoten  sein,  welche  der  Einzelne  für
fremde  Einrichtungen  zu  bezahlen  hat,  und  zwar  je  größer  die
Zahl  jener  Unternehmungen,  welche  diese  Einrichtungen  brauchen,
also  nach  ihrer  Dienstbarkeit  nachfragen,  als  auch  je  größer  die
Zahl  jener  Unternehmungen,  welche  diese  Einrichtungen  ins  Leben
rufen,  also  deren  Dienstbarkeit  anbieten.  Die  Arbeitsleistung  dieser
Einrichtungen  verhält  sich  zu  den  Regiekosten,  wie  Angebot  zu
Nachfrage.

9.  Steuern.  Je  größer  die  Anzahl  der  wirtschaftlichen
Persönlichkeiten,  desto  kleiner  ist  die  Quote,  welche  auf  den  einzelnen ­
  Steuerzahler  entfällt.  Die  Leistungen  des  Staates  (auch  A)
sollen  sich  zur  Steuerquote  (St)  verhalten  wie  Angebot  zur  Nachfrage. ­
  Das  heißt  je  höher  der  Staat  jene  öffentlichen  Einrichtungen,
welche  in  seinen  Wirkungskreis  fallen,  entwickeln,  je  mehr  persönlichen ­
  Kapitals  von  den  gesetzgebenden  und  Verwaltungskörperu
aufgewendet  wird,  desto  höher  wird  die  Leistungsfähigkeit  des
Staates,  und  je  größer  die  Nachfrage  nach  dieser  Leistungsfähigkeit
sein  kann,  desto  größer  kann  die  aufgelegte  Steuersumme  und  desto
kleiner  das  Steuerverhältnis  für  den  Einzelnen  sein.

Die  Steuer  ist  bei  demjenigen  höher,  der  die  staatlichen  Einrichtungen ­
  mehr  braucht  *).
Jedes  der  9  angeführten  Momente  birgt  die  Gefahr
von  Verlusten  durch  den  Wert  der  Faktoren  in  sich,
welche  sich  in  der  Höhe  der  einzelnen  Resultate  und
schließlich  in  der  Höhe  der  Beschaffungskosten  ausdrückt. ­
  In  unseren  praktischen  Erörterungen  werden  wir  noch
eine  neue  Gefahr  in  der  Eigenschaft  der  Fortdauer  der  meisten
Momente  über  die  Zeit  des  einzelnen  Unternehmungsfalles  finden.
Ebenso  groß  wie  die  Gefahren,  weichein  diesen  Momenten ­
  schlummern,  sind  auch  die  Gewinnchancen,  die  in
*)  Diese  Theorie  stellen  wir  nur  im  Kähmen  der  Unternehmungen  auf,
ohne  dadurch  den  allgemeinen  Prinzipien  der  Steuerfreiheit  des  Existenzminimums ­
  und  der  progressiven  Besteuerung  außerhalb  der  Unternehmungen  entgegentreten ­
  zu  wollen.

A:R  =  :  v'"'"

A  :  St  —

V
        <pb n="92" />
        76

ihnen  liegen.  Ja  die  im  Vorhinein  bestimmte  oder
erreichte  Höhe  eines  Faktors  in  jedem  der  9  Punkte
kann  dem  Unternehmer  Vorteile  in  die  Hand  geben,
welchen  Schriftsteller,  welche  auf  dem  Boden  empirischer ­
  Forschung  gestanden,  «Seltenheitswerte«  genannt ­
  haben.  So  kann  es  ein  solcher  Seltenheitswert  sein,
wenn  jemand  die  Nachfrage  nach  einem  bestimmten  Rohprodukte
auf  einem  gewissen  Gebiete  in  seiner  alleinigen  Gewalt  hat,  wenn
er  den  Ortswert  eines  Rohproduktes  allein  zu  bestimmen  in  der
Lage  ist,  so  kann  es,  um  ein  weiteres  Beispiel  anzuführen,  ein
Seltenheitswert  sein,  wenn  jemand  die  Nachfrage  nach  der  Dienstleistung ­
  einer  öffentlichen  Einrichtung  (Eisenbahn)  zu  beherrschen
in  der  Lage  ist,  etc.  So  zwar,  dass  das  günstige  Resultat  eines
der  9  Rechnungsposten  auch  mehrere  ungünstige  Resultate  anderer
Posten  aufzuheben  vermag,  und  unter  normalen  Verhältnissen  der
anderen  Posten  den  Ausschlag  in  Rücksicht  auf  die  gesamten
Beschaffungskosten  geben  wird.  So  ist  es  erklärlich,  dass,  wenn
auch  die  Preise  der  Rohprodukte  niedrige  sind,  und  die  Preise  der
Fabrikationsprodukte  hohe,  noch  immer  kein  Gewinn  erzielt  sein
muss,  weil  die  Resultate  aller  9  Posten  erst  die  Beschaffungskosten
ausmachen  ;  andererseits  erklärlich,  dass  hohe  Preise  der  Rohprodukte
durchaus  nicht  einen  viel  höheren  Preis  der  Fabrikationsprodukte
erheischen,  weil  ja  der  Wert  der  8  übrigen  Postenresultate  verschwindend ­
  klein  sein  kann,  oder  aber,  weil  es  dem  Unternehmer
möglich  war,  kraft  seiner  ausschließlichen,  oder  naliezu  ausschließlichen ­
  Herrschaft  über  einen  dieser  Posten,  ein  niedrigeres  Gesamtresultat ­
  der  gesamten  Beschaffungskosten  zu  erzielen,  als  die
Konkurrenz.

Auch  die  Produkte  aus  den  Unternehmungsfällen  müssen  sich
dem  Einflüsse  des  Angebotes  und  der  Nachfrage  aussetzen,  damit
sich  ihre  Werte  bilden  können.  Es  verhalten  sich  die  Beschaffungskosten ­
  des  Produktes  zur  Einnahme  ÇE)  für  dasselbe,  wie  Angebot  {M)
zur  Nachfrage  {N)
B  E  =  M:  N,  der  Wert  der  Einnahmen  ist  demnach  E  =

K  v‘

M
        <pb n="93" />
        77

Der  Gewinn  (6r)  im  Einzelnfalle  ist  gleich  der  Einnahme

ist  die  Kapitalbildung  des  Einzelnfalles.
Die  Gesamteinnahmen  der  Unternehmung  im  ganzen  oder

Der  Gesamtgewinn  des  Unternehmens  oder  der  Gewinn  in
einem  bestimmten  Zeitabschnitte  (  U)  ist  gleich  den  Gesamteinnahmen
weniger  der  Summe  der  Beschaffungskosten  (n.  B),  weniger  den
Verlusten,  das  sind  die  negativen  Einnahmen.

denn  sonst  ist  ein  etwa  entstandener  Verlust  in  dem
Begriffe  der  Beschaffungskosten  enthalten  und  darin
ausgedrückt.

1.  Wenn  das  Produkt  physisch  zu  Grunde  geht,  wenn  es  schon
während  der  Fabrikation  missglückt  ist*},  oder  als  fertiges  Erzeugnis, ­
  ohne  einer  Reproduktion  zugeführt  worden  zu  sein,  vernichtet ­
  würde  **),  wenn  also  im  ersteren  Falle  das  Angebot  oder  im
anderen  Falle  die  Nachfrage  nach  dem  Produkte  negativ  geworden  ist;
BN  BN  _  BN
M  ~  M~  -M  ~  M
2.  Wenn  sein  ganzer  Wert  *)  verloren  geht,  wenn  nicht  das
auf  den  Gegenstand  bezogene  Angebot  oder  diese  Nachfrage,  wohl
aber  gleich  das  ganze  Ergebnis  negativ  wird,  und  dies  geschieht
durch  den  aktiven  Kredit.
Der  aktive  Kredit  hat  die  Fähigkeit,  den  passiven  Kredit
ein  und  derselben  Person  zu  vergrößern.  Der  passive  Kredit  hat
die  Fähigkeit,  den  aktiven  Kredit  derselben  Person  zu  erzeugen.
Der  aktive  Kredit  einer  Person  ist  immer  der  passive  Kredit  einer
anderen  und  umgekehrt.  Deshalb  ist  der  Verlust  des  Kreditors
der  Gewinn  des  Debitors;  die  Reduktion  des  »Soll«  ist  das  Wachsen
des  »Haben«.
')  Wenn  der  Stoffwert,  ’)  wenn  der  Formwert,  *)  wenn  der  Ortswert
vernichtet  wird.

weniger  den  Beschaffungskosten,  G  =  E  —  B  =  B,  das

in  einem  bestimmten  Zeitabschnitt  sind  n  .E  —  n

Verluste  in  diesem  Sinne  entstehen,  wenn  negativ  wird  ;

BN  .  ,
wird  negativ:
        <pb n="94" />
        78

Verlust  :  Gewinn  =  Aktiver  Kredit  :  Passivem  Kredit.
Je  höher  der  aktive  Kredit’),  desto  höher  die  Verluste,  je
höher  der  passive  Kredit,  desto  höher  der  Gewinn.  Diese  exakte
Wahrheit  kommt  durch  die  Menschheitserscheinung  der  Rechtsordnung ­
  verhindert,  nicht  mehr  ganz  zum  Ausdrucke;  es  steigen
wohl  die  Verluste,  wenn  der  aktive  Kredit  steigt,  aber  der  Nachsatz ­
  ist  unter  der  Einwirkung  der  Rechtsordnung  unmöglich.
Bezeichnen  wir  die  Zahl  der  Verluste  mit  &amp;lt;  so  ist  ihre

Wertsumme  =  x*  ^—

'  M  '

Und  nun  wird  auch  das  Endresultat  V  zu  Kapital,  indem
Angebot  und  Nachfrage  darauf  einwirken  und  ihm  seinen  Wert
verleihen;  es  verhält  sich

U:K'  —  Ar  :  N'
und  dieses  Kapitalist  der  Unternehmergewinn,  das
durch  das  Unternehmen  neu  gebildete  Kapital.  —
In  den  Lebensfunktionen  des  Unternehmens  liegt
die  Thätigkeit  der  Wirtschaft  eingeschlossen.  Ehe  die
Kapital  bildung  aus  dem  Unternehmen  hervorgeht,
muss  die  Kapitalerhaltung  vor  sich  gegangen  sein.
Ja,  die  Kapitalerhaltung  im  Unternehmen  muss  vor  sich
gehen  selbst  auf  Kosten  der  Kapitalbildung.
Auch  die  Deckung  der  Bedürfnisse  der  wirtschaftlichen  Person
geschieht  auf  Kosten  der  Kapitalbildung  5  denn  der  Anfangspunkt
und  das  Endziel  jeder  Wirtschaft,  auch  der  im  Unternehmen  eingeschlossenen, ­
  sind  streng  determiniert:  der  Anfangspunkt  ist  die
augenblickliche  Verfügbarkeit  von  zur  Deckung  der  körperlichen
und  geistigen  Bedürfnisse  geeigneten  Mitteln,  das  Endziel  ist  diese
möglichst  vollkommene  Deckung  selbst  —  immer  und  überall.
Innerhalb  dieser  Grenzen  bewegt  sich  die  Thätigkeit  jeder  Wirtschaft, ­
  und  der  wirtschaftliche  Weg  von  jenem  Ausgangspunkte ­
  zu  diesem  Ziele  kann  nur  einer  sein,  und  das  ist  derjenige, ­
  welcher  die  Kapitalerhaltung  ermöglicht  —  jeder  andere
’)  Die  Gefahr  des  passiven  Kredits  hat  seine  Ursache  lediglich  in  dem
aktiven  Kredit.  Siehe  Kap.  IV.  dieser  Schrift.
        <pb n="95" />
        79

Weg  ist  unwirtschaftlich^).  Im  Unternehmen  ist  diese  Thätigkeit
(1er  Wirtschaft  gefährlich,  weil,  trotz  der  Bestimmtheit  des  Ausgangspunktes ­
  und  des  Endziels,  der  Ausgangspunkt,  welcher  in
diesem  Sinne  gewiss  überall  existiert,  unbekannt  ist.  Das  zur
Deckung  der  Lebensbedürfnisse  bestimmte  Maß  an  Gütern  ist  in
der  reinen  Wirtschaft  bekannt,  in  der  im  Unternehmen  eingeschlossenen ­
  unbekannt,  und  zwar  deshalb,  weil  der  Ertrag  der  reinen
Wirtschaft  bekannt  ist,  der  Ertrag  des  Unternehmens  unbekannt.
In  den  Lebensfunktionen  des  Unternehmens  liegt
auch  die  Thätigkeit  der  Volkswirtschaft,  c^ie  Verteilung ­
  der  außerpersönlichen  Kapitalien,  eingeschlossen.
Die  Kapitalverteilung  stammt  nicht  vom  Unternehmergewinn, ­
  sondern  aus  der  Thätigkeit  des  Unternehmens; ­
  denn  der  Unternehmergewinn,  die  Kapitalbildung, ­
  ist  die  Zentralisation  des  Kapitals.  Die
Thätigkeit  des  Unternehmens  ist  die  Dezentralisation
des  Kapitals  zum  Zwecke  der  späteren  Zentralisation.
Indem  der  Unternehmer  die  Produktionsfaktoren  vereinigt,
bezahlt  er  die  Werte  der  vereinigten  Faktoren,  er  bezahlt  mit
Kapital  alle  jene  Arbeite-  und  Kapitalsarten,  welcher  er  zur  Produktion ­
  bedarf,  und  dieses  Kapital  verteilt  sich  an  alle  jene,  welche
ihm  die  Arbeite-  und  Kapitalsarten  liefern,  und  von  diesen  rollt
es  weiter,  überall  wird  es  benützt  zur  Deckung  des  Lebensbedarfes, ­
  nährt  und  ernährt  so  eine  Reihe  von  Kreisen,  um
endlich  zum  Unternehmer  zurückzukehren,  von  ihm  als  zentralisiertes, ­
  neues  Kapital  verwendet  zu  werden,  und  abermals  seinen
ernährenden  Rundkreis  anzutreten.  Das  ist  die  Nährthätigkeit  des
Unternehmens,  seine  volkswirtschaftliche  Thätigkeit.
Dreieinig  verbunden  in  einer  Thätigkeit,  sind  diese  Richtungen ­
  der  Wirksamkeit  des  Unternehmens,  und  diese  Thätigkeit
bildet  Kapital,  erhält  Kapital  und  verteilt  Kapital.  Die  Kapitalverteilung ­
  ist  die  notwendige  Folge  jedes  Unternehmens,  die  Kapitalerhaltung ­
  die  nächstfblgende  und  ein  seltener  Erfolg  die  Kapitalbildung, ­
  der  Unternehmergewinn.  —
')  Vergleiche:  Mengen,  Grundsätze  der  Volkswirtschaftslehre,  S.  36  u.  ff.
        <pb n="96" />
        IV.

Wirtschaftspolitisches.

Pen  Trieb  zur  Wirtschaftlichkeit  und  insbesondere  zur  Unteruehmerthätigkeit
  im  Eigennutze’)  zu  suchen,  war  Ahnung  der  Wahrheit; ­
  denn  die  bewegende  Kraft,  welche  zu  den  Erscheinungen  der
Wirtschaft  und  des  Unternehmens  führt,  muss  ja  im  Menschen
liegen;  aber  einer  einzigen  menschlichen  und  gewiss  nicht  elementaren ­
  Eigenschaft,  diesen  großen  Einfluss  auf  das  wirtschaftliche
Leben  einzuräumen,  war  ein  um  so  größerer  Irrtum,  als  ja  der
Eigennutz  ein  keineswegs  allen  wirtschaftlichen  Personen  gemeinschaftliches ­
  Attribut  ist,  und  mannigfache  Unternehmungen  zu  allen
Zeiten  entstanden  sind,  an  welchen  der  Eigennutz  auch  nicht  den
geringsten  Teil  hat.
Der  Trieb  zum  Unternehmen  liegt  unbestritten  in  der  Natur
des  Menschen,  jedoch  nicht  in  einer  halb  angeborenen  und  halb  anerzogenen ­
  Eigenschaft,  sondern  wie  wir  gesehen  haben,  im  harmonischen ­
  Einklang  aller  seiner  Kräfte  und  der  aus  dem  Bewusstsein
ihres  Besitzes  hervorgegangenen  höheren  Potenz  des  Temperamentes.
Und  nehmen  wir  auch  nur  eines  der  Natur-Elemente  im  Menschen
weg,  so  ist  jedes  Unternehmen  unmöglich.  Gerade  durch  die  Vereinigung ­
  jener  Trinitas  der  persönlichen  Menschenkapitalien  und  durch
die  gegenseitigen  Einwirkungen  ihrer  Arten  auf  einander  ist  der
Mut  zum  ersten  Unternehmen  im  Menschen,  und  der  Urtypus  des
Unternehmens  entstanden,  und  seine  Entwickelung  zu  den  mannigfaltigen ­
  Gestalten  und  Formen  ist  mit  der  Entwickelung  der  persönlichen ­
  Menschenkapitalien  Hand  in  Hand  gegangen.  Der  Gipfelpunkt ­
  in  der  Entfaltung  der  menschlichen  Kräfte  wird
*)  Vergleiche:  Knies,  Polit.  Ökonomie  (1883).  S.  236  u.  if.  und  Menger,
Untersuchungen.  S.  71  u.  ff.
        <pb n="97" />
        81

»■V  l

auch  den  Gipfelpunkt  des  wirtschaftlichen  Fortschrittes
der  Menschheit  bezeichnen!
Wie  aber  der  Dampf  wohl  im  stände  ist,  eine  Maschine  zu
bewegen,  aber  ganz  und  gar  nutzlos  erscheint,  wenn  nicht  die  Maschine ­
  da  ist,  so  ist  auch  der  Unternehmergeist,  die  organische
Trinitas  menschlicher  Kräfte,  nutzlos,  wenn  er  nicht  Arbeit  und
Kapital  in  den  Kreis  seines  Einflusses  zu  ziehen  vermag.
Was  also  zuerst  vom  praktischen  Standpunkte  für  den  Unternehmer ­
  in  betracht  kommt,  das  ist  die  Erkenntnis  seiner  eigenen
Fähigkeiten  und  die  zielbewusste  Ausbildung  derselben,  nicht  allein
in  einem  Umfange,  welcher  den  Anforderungen  des  geplanten  Unternehmens ­
  Rechnung  zu  tragen  scheint,  sondern  auch  in  einer  einheitlichen, ­
  gegenseitig  sich  ersetzenden  und  durchdringenden  Gesamtentwickelung ­
  ;  denn  sowohl  ein  kranker  Körper,  als  auch  geringe
für  die  heutige  Stufe  des  ökonomischen  Lebens  nicht  genügende
Kenntnisse,  und  vor  allem  ein  schwacher,  nicht  von  Sittlichkeit
getragener  Wille,  werden  eine  gedeihliche  Unternehmerthätigkeit
nicht  entstehen  lassen.  In  der  harmonischen  und  auf  eine  geeignete
Entwickelungsstufe  gelangten  Ausbildung  aller  Natur-Elemente  im
Menschen  entsteht  zugleich  die  Fähigkeit,  die  persönlichen  Kapitalien,
das  Arbeitsvermögen,  anderer  Menschen  zu  erkennen  und  richtig  zu
beurteilen,  also  die  Grundbedingung,  sich  geeignete  Arbeitskräfte
dienstbar  zu  machen.  Es  liegt  auch  die  Fähigkeit  darin,  sich  die
wirtschaftliche  Lage  zur  Erkenntnis  zu  bringen,  das  Bedürfnis  nach
einer  Unternehmungsart  zu  erkennen  und  Kredit  zu  erwerben,  also
Kapital  an  sich  zu  ziehen.
Es  ist  zu  bedauern,  dass  uns  eine,  zuverlässliche  Statistik  der
Unternehmungen  in  Bezug  auf  ihre  Arten,  auf  ihren  Umfang  betreffs
Arbeits-  und  Kapitalsverweudung,  auf  die  Dauer  ihres  Bestandes,
auf  ihre  Erfolge  und  endlich  auf  die  Eigenschaften  der  unternehmenden ­
  Persönlichkeiten  mangelt;  denn  es  würde  uns  dadurch  nicht
allein  der  Umstand  klar  werden,  dass  diese  letzteren  den  mächtigsten
Einfluss  auf  den  Erfolg  eines  Unternehmens  ausüben,  sondern  auch
unserer  Erkenntnis  die  Gelegenheit  geboten  werden,  sich  ein  Bild
darüber  zu  schaffen,  wie  sich  einerseits  die  mannigfaltigen  Gefahren,
welche  sich  der  Unternehmerthätigkeit  entgegenstellen,  zu  größerer
oder  geringerer  Intensivität  konzentrieren,  und  andererseits,  in  welchen
Momenten  zumeist  die  großen  Vorteile  der  prosperierenden  Unternehmungen ­
  liegen.  Bisher  lag  eine  in  dieser  Richtung  entfaltete
aber  keineswegs  qualitativ  genügende  und  alle  Momente  durch-Schroeder,
  Das  Unternehmen  u.  der  Unternehmergewinn.  6
        <pb n="98" />
        82

dringende  statistische  Thätigkeit  in  den  Händen  des  Vereinswesens,
besonders  der  zum  Zwecke  der  Kreditregelung  entstandenen  Kredit-Vereine.
  Wenn  wir  auch  nicht  dafür  plaidieren  können,  dass  die
Staatsverwaltung  an  die  Erfüllung  einer  solchen  Unternehmungsstatistik ­
  ohne  Hilfe  des  Vereinswesens  und  der  Selbstverwaltungskörper ­
  schreitet,  so  glauben  wir  doch  vorschlagen  zu  dürfen,  dass
die  Staatsverwaltung  zur  Anlegung  einer  alle  wichtigen  Momente
umfassenden  geschäftlichen  Statistik  einen  geordneten  Organismus
ins  Leben  rufen,  und  Vereinswesen  und  Selbstverwaltungskörper
mit  der  sammelnden  Thätigkeit  betrauen,  während  eine  staatliche
Zentralbehörde  die  Arbeiten  der  Resultate  besorgen  sollte.
Ist  ja  doch  bisher,  um  nur  ein  staatliches  Moment  zu  würdigen,
noch  keinerlei  Beweis  dafür  erbracht  worden,  dass  die  technische
und  pädagogische  Anlage  der  zahlreichen  Handels-  und  Gewer|)eschulen
  jenen  Hoffnungen  entspricht,  welche  man  in  Bezug  auf  ihre
wohlthätige  Wirkung  auf  das  geschäftliche  und  gewerbliche  Leben
in  sie  gesetzt  hat.
Die  empfohlene  Statistik  würde  nicht  nur  Veranlassung  zu
mancherlei  Verbesserungen  in  Bezug  auf  das  gewerbliche  Schulwesen ­
  geben,  sondern  ihren  regenerierenden  Einfluss  auf  manche
bereits  bestehende  und  einen  gestaltenden  Einfluss  auf  neue  Unternehmungen ­
  ausüben.
Urn  in  der  ersten  Richtung  ein  Wort  zu  sprechen,  so  sei  bemerkt, ­
  dass  der  Mangel  der  Aufnahme  der  Nationalökonomie  und
der  Finanzwissenschaften  in  den  Lehrplan  für  Gewerbeschulen,  und
der  Vortrag  unserer  Wissenschaft  durch  nicht  immer  geeignete  Vertreter ­
  derselben  an  den  Handelsschulen,  Übelstände  sind,  welche
durch  eine  rationelle  geschäftliche  Statistik  zur  Erkenntnis  gelangen
dürften,  um  behoben  werden  zu  können,  und  dann,  wenn  sie  in  das
Gegenteil  umgewandelt  worden  sind,  ihre  gedeihliche  Wirkung  nicht
nur  auf  das  geschäftliche  Leben  allein,  sondern  auch  auf  die  sozialen
Bestrebungen  des  Arbeiterstandes,  dessen  unheilvolle  Verblendung
in  der  Unkenntnis  der  nationalökouomischen  Wahrheiten  wurzelt,
auszuüben.  Denn  gerade  unsere  Wissenschaft  vom  Volksleben  trägt
ja  den  Beruf  in  sich,  nicht  das  ausschließliche  Eigentum  der  gelehrten
Welt  zu  bleiben,  sondern  in  das  Volk  getragen  zu  werden,  damit
es  sein  eigenes  Leben,  den  wirtschaftlichen  Organismus  desselben
und  seine  Gesetze  kennen  lerne.  Wenn  die  Naturwissenschaften  in
die  Werkstätten  und  Fabrikssäle,  in  die  Laboratorien  und  Bergwerke, ­
  in  Land-  und  Forstwirtschaft  gedrungen  sind,  warum  soll
        <pb n="99" />
        2*

83

es  nicht  auch  die  politische  Ökonomie?  Freilich  sind  die  Gefahren
einer  Popularisierung  unserer  Wissenschaft  viel  größer  als  die  anderer ­
  Wissensgebiete;  denn  das  Missverständnis  eines  naturwissenschaftlichen ­
  Lehrsatzes  kann  wohl  nur  in  seltenen  Fällen  und  hervorgegangen ­
  aus  einer  unheilvollen  Kombination  verschiedener  begleitender ­
  Umstände  verderblich  werden,  nationalökonomische  Irrlehren ­
  in  den  Händen  des  Volkes  aber  sind  von  weittragender,
unberechenbarer  Gefahr.  Und  darum  sollte  die  staatliche  Verwaltung
eine  ganz  besondere  Sorgfalt  auf  die  Auswahl  der  Lehrkräfte  für
Nationalökonomie  in  gewerblichen  und  Handelsschulen  legen,  damit
dieser  bedeutungsvolle  Zweig  des  Wissens  nicht  »unheiligen  Händen«,
wie  sich  Kautz  *)  ausdrückt,  überlassen  wird.
Der  Gedanke  einer  erschöpfenden  geschäftlichen  Statistik  hat
uns  zu  dieser  Abschweifung  verleitet;  wir  glauben,  dass  in  der
Realisierung  dieses  Gedankens  und  besonders  in  der  allgemeinen
Zugänglichkeit  eines  solchen  statistischen  Materials,  wie  wir  schon
früher  bemerkt  haben,  für  das  geschäftliche  Leben  in  direkter
Weise  sowohl,  als  auch  durch  neue  empirische  Erkenntnisse  durch
die  Wissenschaft  vielfache  Vorteile  erwachsen  würden.
Wir  wenden  uns  den  einzelnen  Seiten  des  geschäftlichen  Lebens
zu,  welche  vom  praktischen  Standpunkte  im  Unternehmen  die  sorgfältigste ­
  Berücksichtigung  herausfordern.
Die  größte  Bedeutung  im  Individual-Leben  eines  Unternehmens ­
  hat  nach  der  Person  des  Unternehmers  selbst,  welcher  wir
ja  oben  unsere  Aufmerksamkeit  geschenkt  haben,  die  Beschaffung
jener  Güter,  deren  Reproduktion  sich  das  Unternehmen  zur  Aufgabe ­
  gestellt  hat.  Es  ist  selbstverständlich,  dass  wir  hier  nicht
auf  alle  Momente  eingehen  können,  welche  den  Wert  derselben
bestimmen.  »Keine  Abhandlung  der  Nationalökonomie«,  schreibt
Say*'),  »wie  bändereich  sie  auch  sei,  vermag  alle  einzelnen  Fälle,
die  auf  den  Wert  der  Dinge  einwirken  können,  vorauszusehen;  wohl
aber  kann  sie  die  allgemeinen  und  stetig  fortwirkenden  Ursachen
nachweisen.  Jeder  kann  alsdann  je  nach  den  vorkommenden  Fällen
die  Modifikation  abwägen;  welche  aus  den  Umständen  entstanden
sind,  oder  entstehen  müssen.«  Auch  wir  haben  in  dem  vorigen
Teile  dieser  Schrift  auf  solche  Umstände  hiugewiesen.
*)  Theorie  und  Geschichte  der  Nationalökonomik  Bd.  II  (Wien  1860).  S.  X.
*)  Ausf.  Darstellung  der  Nationalökonomie.  Aus  dem  Franzos,  von  Mörstadt ­
  (Stuttgart  1833).  Bd.  II.  S.  184.
        <pb n="100" />
        84

Der  Unternehmer  wird  sein  Augenmerk  stets  in  erster  Linie
darauf  richten  müssen,  dass  sich  die  Beschaffungskosten  jener  Kapitalien, ­
  an  welchen  das  Unternehmen  seine  reproduzierende  Thätigkeit
  ansüben  soll,  möglichst  gering  stellen.  Das  ist  keineswegs
einfach.  Denn  nicht  der  Preis  jener  Kapitalien  allein  macht  schon
die  Beschaffungskosten  aus,  und  der  Unternehmer  muss  darum  seine
praktische  Beachtung  auch  auf  den  Kapitalzins,  auf  die  Werterneuerung ­
  des  Anlagekapitals,  auf  die  Kapitalmiete  desselben,  auf  die  Kosten
der  Versicherung  gegen  Elementarschäden,  auf  die  Höhe  der  Arbeitslöhne, ­
  auf  die  zur  Deckung  seiner  eigenen  Bedürfnisse  notwendige
Gütermenge,  auf  die  Höhe  der  Regiekosten  und  endlich  auf  die
Höhe  der  Steuern  lenken.  Jedes  einzelne  dieser  Momente
birgt  aber  die  Gefahr  in  sich,  dass  seine  Höhe  allein
oder  in  Verbindung  mit  anderen  dieser  Rechnungsposten ­
  die  Beschaffungskosten  so  hoch  gestaltet,  dass
sie  den  Wert  des  reproduzierten  Kapitals  übersteigen.
In  unseren  exakten  Untersuchungen  haben  wir  diese  Momente
einzeln  dargestellt  und  auf  ihre  Grundlagen  zurückgeführt.  Ein
billiger  Einkauf  der  Rohprodukte,  billiges  Geld,  die  günstige  Erwerbung ­
  von  Anlagskapital,  billige  Miete,  feuerfeste  Baulichkeiten,
welche  überdies  in  erfahrungsgemäß  anderen  elementaren  Schäden
nicht  ausgesetzten  Gegenden  liegen,  z.  B.  nicht  in  Inundationsgebieten,
dagegen  in  Landschaften,  wo  die  Lebensmittel  billig  sind  ;  die  Errichtung ­
  von  Arbeiterwohnungeu,  um  mit  niederem  Lohn  das
Existenzminimum,  ein  menschwürdiges  Dasein  der  Arbeiter,  möglich
zu  machen  (Nährthätigkeit),  die  Nähe  von  Eisenbahn-,  Post-  und
Telegraphenstationen  und  niedrige  Steuern:  sind  ebenso  geeignet,  zu
besonderen  Vorteilen  einer  Unternehmung  zu  werden,  wie  ein  großes
Absatzgebiet,  wie  ein  natürliches  oder  künstliches  Monopol,  wie  das
Eigentum  einer  geheimen  oder  patentierten  Verfahruugsweise.  Es
wird  sich  aus  einer  Reihe  der  oben  angeführten  Punkte  für  den
Unternehmer  besonders  die  Frage  ergeben,  ob  es  für  ihn  und  seine
Unternehmung  zweckmäßiger  sei,  den  Sitz  derselben  auf  das  Land,
welches  billigere  Baulichkeiten,  billigere  Miete,  billigere  Wertversicherung, ­
  niedrigere  Arbeitslöhne  und  kleinere  Steuern  ermöglicht,
oder  in  die  große  Stadt,  wo  diese  Vorteile  wegfallen,  dagegen  andere, ­
  z.  B.  der  leichtere  Absatz  und  größere  Umsatz  entstehen,  zu
verlegen,  und  die  Erwägungen,  die  hier  einen  Entschluss  zeitigen
können,  werden  Angelegenheit  des  organisatorischen  Talentes,  der
persönlichen  Kapitalien,  des  Unternehmers  sein.
        <pb n="101" />
        85

Es  ist  eben  Sache  der  geschäftlichen  Praxis,  sich  in  alle
Punkte  nach  der  augenblicklichen  wirtschaftlichen  Lage  zu  vertiefen, ­
  sie  zu  durchdringen  und  für  sich  zu  benützen;  die  Wissenschaft ­
  hat  nur  die  Aufgabe,  auf  diese  Punkte  hinzu  weisen  und  die
Gesetze  zu  finden,  welche  auf  sie  einwirken.
Es  ist  das  geschäftliche  Leben,  wenn  man  auch  die  Verkettung ­
  seiner  Verhältnisse  noch  heute  «Konjunktur«  nennt,  keineswegs ­
  die  durchaus  unverständliche,  von  Schicksalsmächten  dirigierte
conjunctio  rerum  omnium,  die  orphische  Kette  der  alten  Orphiker,
die  ivâeaig  rãv  òvtav,  der  ôee^òg  ãççrjxrog')  das  unzerreißbare
Band  des  Schicksals;  sein  Zusammenhang  ist  vielmehr  ganz  gut,
wiewohl  nicht  von  jedem  entwirrbar,  wenn  auch  nicht  immer  und
überall  die  Macht  vorhanden  ist,  den  Gang  der  Dinge  in  einen
anderen  Weg  zu  leiten.  Und  es  wird  stets  dem  Unternehmer  so
viel  Spielraum  bleiben,  um  nach  der  Erkenntnis  der  Konjunkturen
den  Stoffwert,  wenn  er  Fabrikant,  und  den  Formwert,  wenn  er
Kaufmann  ist,  in  seine  Kalkulationen  ziehen  zu  können,  und  so
sich  entweder  zu  einer  Forcierung  von  Einkäufen  zu  entschließen
oder  aber  lieber  einen  Stillstand  darin  ein  treten  zu  lassen.
Hinwiederum  wird  er  bei  dem  Verkaufe  den  Orts-,  beziehungsweise ­
  Zeitwert  seiner  intensivsten  Beachtung  unterziehen  und  in
Vergleichung  mit  allen  Momenten  der  Beschaffung  bringen  müssen.
Wenn  es  sein  Streben  sein  muss,  dass  sich  die  Beschaffungskosten
möglichst  niedrig  stellen,  so  muss  es  auch  darauf  gerichtet  sein,
dass  die  Verkaufskosten  eine  möglichst  große  Höhe  erreichen.  Er  wird
also  vor  allem  darauf  bedacht  sein  müssen,  dort  die  Nachfrage
und  hier  das  Angebot  nicht  plötzlich  und  in  größerem
Maße  ohne  gewichtigen  Grund  selbst  zu  erhöhen.
Da  nun  die  Differenzen  zwischen  Beschaffungs-  und  Verkaufskosten ­
  den  Gewinn  in  den  einzelnen  Unternehmungsfällen  darstellen,
und  insbesondere  deshalb,  weil  jene  Aufwandsummen,  welche  wir
oben  und,  wie  es  uns  scheint,  mit  viel  Berechtigung  zu  den  Beschaffungskosten ­
  gerechnet  haben,  •  in  der  Praxis  von  dem  ganzen
Unternehmen  nicht  getrennt  werden  können,  sondern  ununterbrochen ­
  fortlaufen,  auch  wenn  keine  Geschäftsvorfälle  entstehen:
so  wird  es  eine  fundamentale  Aufgabe  des  Unternehmers  sein,  die
Zahl  der  Geschäftsvorfälle  oder  —  in  ihre  Teile  zerlegt  —  die  Höhe
der  Produktion  und  die  Höhe  des  Absatzes  möglichst  groß  zu

')  Heraklit.  Th.  I.  S.  374-379.
        <pb n="102" />
        86

gestalten,  damit  zuerst  die  Summe  des  Profits  alle  laufenden  Aufwandskosten ­
  zu  decken  im  stände  sei,  und  einen  möglichst  großen
Kein-  und  Gesamtgewinn  ergebe.  Auch  die  hierin  liegende  Gefahr,
dass  nämlich  die  Höhe  des  Absatzes  nicht  die  Höhe  der  Fabrikation
erreiche,  ist  sehr  groß  und  fordert  die  ganze  kaufmännische  Tüchtigkeit ­
  des  Unternehmers  heraus.  Selbstredend  besteht  diese  Gefahr
ebensogut  für  den  Kaufmann,  wie  für  den  Gewerbetreibenden;  und
sind  die  Fälle  im  praktischen  Geschäftsleben,  in  welchen  ein  großer,
über  das  Verhältnis  zum  Absätze  gemachter  Einkauf,  die  alleinige
Ursache  des  Konkurses  wurde,  nicht  selten,  wenngleich  diese  Ursache ­
  nicht  immer  erkannt  wird.  Der  möglichst  hohe  Absatz  macht
diese  Gefahr  geringer  in  demselben  Maße,  in  welchem  er  steigt.
Was  alles  der  Erreichung  dieses  Zieles  günstig  und  ungünstig  ist,
wechselt  nach  Zeit  und  Ort  und  nach  der  Art  der  Unternehmung
so  sehr,  dass  solche  Einwirkungen  allgemein  nicht  anzugeben
sind,  aber  gewiss  ist,  dass  sie  sich  in  gegebenen  Fällen  finden
und  berücksichtigen  lassen,  und  auch  hier  die  Tüchtigkeit  des
Geschäftsmannes  oder,  in  unserer  Ausdrucksweise,  die  Quantität
und  Qualität  seiner  persönlichen  Kapitalien  die  größte  Bolle  spielen.
Wenn  man  eine  praktische,  allerdings  ganz  selbstverständliche
Seite  des  gewerblichen  und  geschäftlichen  Lebens,  das  Gelingen
der  Produktion  einerseits  und  die  Bewahrung  der  Produkte  vor
dem  physischen  Verderben  andererseits  ins  Auge  fasst,  so  muss
man,  so  groß  auch  die  Bedeutung  dessen  in  wirtschaftspolitischer
Hinsicht  ist,  ja  eigentlich  im  Gebäude  des  Unternehmens  so  recht
den  Unterbau  ausmacht:  doch  abermals  sagen,  dass  auch  diese
Seite,  die  rein  technische  Momente  umfasst,  ganz  in  den  Wirkungskreis ­
  der  persönlichen  Kapitalien  des  Unternehmers  gehört,
und  in  einer  eigenen  Wissenschaft  der  Gewerbekunde  behandelt
werden  sollte.  Wir  wollen  nur  einen  Grundsatz  citiereu,  der  alles
zusammenfasst,  was  hier  etwa  gesagt  werden  könnte:  «Nichts
Nutzfähiges  ungenützt  zu  lassen,  und  den  größten  Nutzeffekt  mit
den  geringsten  Mitteln  zu  erzielen«  ').
Eine  andere  und  offenbar  die  größte  Gefahr  für  ein  Unternehmen ­
  liegt  im  Kredit.
Die  Erscheinung  des  Kredits  ist  historisch  erst  nach  dem
Bestände  der  Geldwirtschaft  geworden,  und  in  empirischer  Weise
der  Kegelmäßigkeit  ihres  Vorkommens  nach  von  der  Ge  Id  Wirtschaft

’)  Knies,  Tübinger  Zeitschrift  für  Staatswissenschaft  1855.  S.  469.
        <pb n="103" />
        %

87

nicht  zu  trennen.  Der  exakten  Forschung  jedoch  erscheint  der
Kredit  als  ein  ganz  allgemeiner  Begriff,  dessen  Ausdruck  überall
und  zu  allen  Zeiten  möglich  ist,  da  das  Darlehen  in  Naturalien,
wenn  es  als  Rechtsforderung  einer  dritten  Person  übergeben  wird,
ganz  denselben  Inhalt,  wenngleich  nicht  denselben  Umfang  und
die  volkswirtschaftliche  Bedeutung,  und  sohin  den  geschäftlichen
Einfluss  des  Geldkredits,  richtiger  des  Preiskredits,  besitzt.
Dieser  ist  es,  der  uns  hier  beschäftigt.
Dass  der  Kredit  zweierlei  Natur  ist,  weiß  jeder,  der  wissenschaftlich ­
  oder  praktisch  sich  mit  wirtschaftlichen  Dingen  befasst.
Es  gibt  einen  aktiven  und  einen  passiven  Kredit,  und  dieser  Dualismus ­
  findet  in  der  Geschäftswelt  seinen  bezeichnenden  Ausdruck
in  »Soll«  und  «Haben«.  Die  Wechselwirkung  und  die  Umgestaltung ­
  dieser  beiden  Arten  des  Kredits  sind  im  kaufmännischen
Leben  der  Neuzeit  die  Basis  des  Verkehrs  geworden.  Jeder  aktive
Kredit  hat  die  Eigenschaft,  im  Momente  seines  Entstehens  der
passive  Kredit  einer  anderen  Person  zu  werden;  jedes  «Soll«
wird  zum  «Haben«  des  Kreditnehmers,  jedes  «Haben«  zum  «Soll«
des  Kreditgebers.
Es  ist  nicht  zu  beweifeln,  dass  der  aktive  Kredit  die  große
Fähigkeit  hat,  den  Absatz  zu  befördern,  und  die  wissenschaftliche
Begründung  dessen  ist,  dass  der  passive  Kredit  das  Streben  hat,
sich  möglichst  intensiv  auszudehnen,  weil  ja  in  ihm  die  Heranziehung ­
  des  Kapitals  für  das  Unternehmen  liegt.  Aber  die  Vorsicht
des  praktischen  Geschäftsmannes  muss  der  Expausivkraft  des  passiven
Kredits  Anderer  trotz  dessen,  dass  dadurch  der  Absatz  gar  sehr  gehoben ­
  werden  kann,  eine  die  ganzen  Verhältnisse  des  Geschäftslebens
erforschende  Schranke  durch  die  entsprechende  Einengung  desaktiven
  Kredits  entgegensetzen;  denn  aus  dem  aktiven  Kredite
entstehen  die  gefährlichsten,  das  sind  jene  Verluste,  in  welchen
schon  die  reproduzierten,  neugebildeten  Kapitalien  aus  den  einzelnen
Unternehmungsfällen,  welche  bereits  alle  Gefahren  ihrer  Zusammensetzung ­
  und  Bildung'  glücklich  überstanden  haben,  enthalten  sind.
Es  bleibt  von  Fall  zu  Fall  der  praktischen  Einsicht  des  Kaufmannes ­
  ein  wichtiges  Feld  der  Bethätigung  seiner  Tüchtigkeit,  zu
ermessen,  wann,  selbst  auf  die  Gefahr  einer  Verminderung  des
Absatzes  hin,  der  aktive  Kredit  einzuschränken  sein  wird,  um
dadurch  der  Gefahr  empfindlicherer  Verluste,  oder  aber  der  Gefahr,
dass,  wenn  auch  sichere,  so  doch  in  ihrer  Summe  zu  große  Außenstände ­
  seine  Unternehmungskraft  lahm  legen  könnten,  vorzubeugen.
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        88

Im  ganzen  und  großen  wird  sich  aber  wohl  der  Grundsatz
aufstellen  lassen,  dass  der  aktive  Kredit  so  weit  eingeschränkt
werden  soll,  als  durch  das  Gegenteil  ein  Mehr  irn  Absätze  entstehen ­
  würde,  welches  die  Kapitalmitteln'der  Unternehmung  über
das  Maß  der  Vorsicht  in  Anspruch  nehmen  würde;  das  heißt,  als
ein  passiver  Kredit  entstehen  müsste,  dessen  Deckung  voraussichtlich ­
  durch  das  Übermaß  des  aktiven  Kredits  unmöglich  werden
dürfte.  So  weit  also,  als  unter  Berücksichtigung  aller  Umstände
und  Verhältnisse,  deren  Einfluss  auf  das  geschäftliche  Leben  wir
darzulegen  versucht  haben,  es  thunlich  ist,  wird  der  Unternehmer
bestrebt  sein  müssen,  möglichst  wenig  Kredit  zu  geben.
Unter  Festhaltung  dieser  Grundsätze  wird  sich  dagegen  eine
möglichst  große  Ausnützung  des  passiven  Kredits  empfehlen.  Hier
gilt  im  allgemeinen  das,  was  wir  oben  vom  Einkäufe  gesagt  haben,
und  der  kalkulierende  kaufmännische  Geist  wird  hier  das  nichtige
in  gegebenen  Fällen  nach  der  Art  des  Unternehmens,  nach  dem
Umfange  desselben,  nach  Zeit-  und  Ortsverhältnissen,  nach  der
eigenen  Kapitalskraft  und  der  Eingangswahrscheinlichkeit  der  durch
den  aktiven  Kredit  entstandenen  Außenstände  suchen  müssen.
Das  Verhältnis  des  aktiven  zum  passiven  Kredit  wird  in  der
dargestellten  Weise  zum  wichtigsten  Momente  nicht  allein  in  dem
Leben  einer  Unternehmung.  Es  ist  der  Regulator  der  größeren  oder
geringeren  Zahlungsfähigkeit  des  Unternehmers,  ja  oft  der  Grund
der  absoluten  Zahlungsunfähigkeit  und  des  Ruins  desselben,  wenn
die  Zahlungsverbindlichkeitem  aus  dem  passiven  Kredit  größer  sind,
als  die  Summe  der  gesunden,  eingangsfähigen,  aktiven  Kreditposten
plus  dem  verwendungsfähigen  Kapitalbesitze,  wenngleieh  der  Wert
des  gesamten  *  aktiven  Vermögens  nicht  nur  die  Höhe  der  augenblicklichen ­
  Zahlungsverbindlichkeiten,  sondern  auch  alle  passiven
Kreditposten  übersteigt.  So  wird  nun  aber  das  Verhältnis  des
aktiven  zum  passiven  Kredite  die  Ursache  sogenannter  Handelskrisen ­
  in  dem  ökouömischen  Leben  ganzer  Völker,  ganzer  Erdteile.
Wenn  der  passive  Kredit  in  einem  Maße  in  Anspruch  genommen ­
  wird,  welches  durch  seine  tausend  Wechselbeziehungen
nach  seinen  wirklichen  Grundlagen  schwer  berechnet  werden  kann,
und  vornehmlich  aus  dieser  Ursache,  wiewohl  andere  Motive,  welche
sich  jedoch  nur  auf  die  in  unseren  exakten  Untersuchungen  dargestellten ­
  Momente  beziehen  können,  nicht  ausgeschlossen  sind,  zu
einer  Höhe  anwächst,  welche  entweder  in  dem  Leben  eines  Volkes
oder  in  dem  Leben  einer  Handels-  oder  Fabrikationsgruppe  das
        <pb n="105" />
        89

verweDíluDgsfahige  Vermögen,  in  welchem  der  aktive  Kredit  immer
eingeschlossen  ist,  übersteigt,  wobei  der  Grund  der  eingerechneten
Verwendungsfähigkeit  des  Aktivvermögens  in  seiner  mannigfaltigen
Entstehung  welcher  immer  sein  mag:  dann  entsteht  die  Zahlungsunfähigkeit ­
  des  Volkes,  des  Staates,  einer  bestimmten  Handelsoder ­
  Fabrikationsgruppe.
Und  auch  hier  sei  darauf  hingewiesen  und  abermals  betont,
dass  solche  Erscheinungen  keineswegs  Ergebnisse  des  blinden  Zufalles ­
  sind,  sondern  dass  deren  Konjunktur  in  allen  Zeiten  teils
von  Männern  der  Wissenschaft,  teils  von  glücklich  angelegten
praktischen  Geschäftsleuten  durchdrungen  und  erkannt  worden  ist.
Freilich  liegt  es  im  Interesse  gewisser  Tendenzen,  den  organischen
Zusammenhang  aller  Erscheinungen  im  ökonomischen  Leben  zu
leugnen,  an  dessen  Stelle  den  blinden  Zufall  zu  setzen,  und
so  lieber  auf  die  fatalistischen  Anschauungen  einer  hilflosen  und
niederdrückenden  antiken  Religiosität  zurückzugreifen,  als  sich  ehrlich ­
  zu  bemühen,  die  natürliche  und  durch  Studium  erhöhte  Kraft
des  Menschengeistes  an  die  Untersuchung  der  wirtschaftlichen
Organismen  zu  setzen.
Die  einstimmige  Verurteilung  jener  Vertreter  der  deutschen
Nationallitteratur,  welche  dem  blinden  Zufalle  eine  so  große  Rolle
im  Leben  des  Menschen  eingeräumt  haben,  ist  bekannt;  die  deutsche
Litteraturgeschichte  hat  ihnen  ein  eigenes  Kapitel  gewidmet,  und
sie  nSchicksalstragödiker«  genannt.  Solch  ein  Schicksalstragödiker  der
tendenziösen  Nationalökonomie  ist  Ferdinand  Lassalle.  Er  schreibt  ')
gegen  den  verdienstvollen  Schulze-Delitzsch:  «Der  Eine  wird  hoch
aufgeschnellt  in  diesem  Spiele,  das  unbekannte  und  umsomehr  unbeherrschte ­
  Mächte  mit  ihm  treiben,  hoch  hinauf  in'den  Schoß  des
Reichtums;  hundert  andere  werden  tief  hinabgestürzt  in  den  Abgrund ­
  der  Armut,  und  das  Rad  der  gesellschaftlichen  Zusamenhänge
geht  umprägend  und  zerquetschend  über  sie  und  ihre  Handlungen,
über  ihren  Fleiß  und  ihre  Arbeit  hinweg.  Der  Zufall  spielt  Ball
und  die  Menschen  sind  es,  die  in  diesem  Spiel  als  Bälle  dienen.
Nun  werden  Sie  vielleicht  bei  ernstlicher  Bemühung  begreifen,  dass
wo  der  Zufall  herrscht,  die  Freiheit  des  Individuums  aufgehoben  ist.
Sie  werden  begreifen,  dass  der  Zufall  nichts  anderes  ist,  als  die
Aufhebung  aller  Selbstverantwortung  und  Zurechnungsfähigkeit  und
*)  Herr  ßastiat  Schulze  von  Delitzsch,  der  ökonomische  Julian,  oder
Kapital  und  Arbeit  (Berlin  1864).  S.  26.
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        90

somit  aller  Freiheit.«  Was  dieser  selbstbewussteste  aller  Sozialisten,
welcher  in  maßloser  ekelhafter  Eitelkeit  und  Selbstverehrung  dem
ebenso  redlichen  als  anspruchslosen  Schulze-Delitzsch  in  seinem
Nachworte:  »Eine  melancholische  Meditation«  zuruft:  »Herr  Schulze
ich  habe  Sie  tot  gemacht  und  begraben«,  damit  als  aufgehoben  ausgesprochen ­
  hat,  das  ist  neben  der  ökonomischen  Selbstverantwortlichkeit ­
  des  Armen  auch  die  juridische  Selbstverantwortlichkeit  des  ;
Verbrechers.  So  wenig  aber  der  gesunde  Menschenverstand  zugeben
kann,  und  um  der  Wohlfahrt  des  gesamten  Menschengeschlechtes
willen,  dessen  Teil  ja  der  Arme  und  der  Verbrecher  auch  ist,  zu-  .
geben  darf,  dass  die  eine  aufgehoben  sei,  ebenso  wenig,  dass  es  die
andere  wäre.
Obgleich  die  Gesellschaft,  welche  in  dem  Begriffe  des  Staates
zur  selbstthätigen  und  selbstbewussten  Persönlichkeit  erhoben  *  .
erscheint,  die  Aufgabe  hat,  die  Bedingungen  der  Armut  sowohl  als
auch  des  Verbrechens,  soweit  sich  dieselben  außerhalb  der  Person
des  Armen  und  des  Verbrechers  befinden  und  dem  Einflüsse  des
Staates  zugänglich  sind,  durch  geeignete  Mitteln  aber  unter  Aufrechterhaltung
  des  unverletzlichen  Rechtes  der  Willensfreiheit  aller  j
Bürger  auch  des  Armen  und  des  Verbrechers  hinwegzuräumen:  so
kann  doch  vernünftiger  Weise  niemals  die  Rede  davon  sein,  dass  i
irgend  ein  Mensch  der  Selbstverantwortlichkeit,  sei  es  der  ökono-  :
mischen  oder  der  juridischen  enthoben  werde,  weil  sie  eben
ihren  Grund  in  der  ökonomischen  undjuridisch  en  Freiheit ­
  hat,  und  jene  erst  dann  als  aufgehoben  gedacht
werden  könnte,  wenn  diese  den  Menschen  wirklich
entzogen  wäre.
In  der  ökonomischen  Selbstverantwortlichkeit  liegt  die  Freiheit
der  Bethätigung  der  im  Menschen  eingeschlossenen  persönlichen
Kapitalien  ;  und  was  der  Hintergrund  aller  sozialistischen  und  kommunistischen ­
  Bestrebungen  ist,  das  ist  die  Ausgleichung  der  Verschiedenheiten ­
  in  Quantität  und  Qualität  dieser  persönlichen  Kapitalien ­
  bei  allen  Personen,  also  geradezu  eine  Unzucht  wider  die
Natur,  eine  Absicht,  welche  ein  Verbrechen  gegen  die  natürlichen  |
Gesetze  darstellt.
In  den  beiden  Kardinalpunkten  der  Aufhebung  des  Eigentums
und  des  Erbrechtes  liegt  das  Schwergewicht  des  sozialistischen  Programms. ­

Abgesehen  davon,  dass  die  Aufhebung  des  Eigentums  schon
deshalb  unmöglich  ist,  weil  ja  das  Streben  des  Menschen  jedes
        <pb n="107" />
        91

Sporns  dazu  entbehren  würde,  sein  persönliches  Kapital  über  das
Maß  seiner  Bedürfnisse  anzuwenden,  also  Unternehmer  zu  werden,
weil  die  Möglichkeit  des  Unternehmergewinnes  gänzlich  ausgeschlossen
wäre;  weil  auch  das  geistige  Eigentum,  Eigentum  ist  und  bleiben
müsste,  und  niemand  gezwungen  werden  kann,  es  jemandem  anderen
zuzuwenden,  da  doch  jeden  in  diesem  Punkte  die  Natur  schützt:  so
ist  noch  ein  anderer  Grund  der  Unverrückbarkoit  des  Begriffes  des
Eigentums  vorhanden.
Wenn  das  Eigentum  aufgehoben  wäre,  dann  sänken  alle  Bürger
zu  Arbeitern  herab,  der  Staat  wäre  der  Unternehmer  und  das  Gesamtvermögen ­
  der  Nation  das  Unternehmerkapital.  Und  es  entsteht
die  Frage:  wie  soll  denn  die  Arbeit  bezahlt  werden,  wenn  der
Arbeiter  kein  Eigentum  haben  darf,  wie  soll  denn  der  qualitative
und  quantitative  Wert  der  Arbeit  sich  im  Lohne  ausdrücken,  wenn
derselbe  nicht  die  Fähigkeit  haben  soll,  Eigentum  zu  werden?  —
Dem  Gewichte  dieser  Frage  wollten  St.  Simon  und  seine  Nachfolger’) ­
  durch  die  Anerkennung  des  Privateigentums  auf  Lebenszeiten ­
  ausweichen,  und  gipfelt  also  dann  das  sozialistische  Programm ­
  lediglich  in  der  Aufhebung  des  Erbrechtes.
Es  bleibt  wohl  kein  Zweifel,  dass  auch  die  Aufhebung  des
Erbrechtes  die  Produktion  in  unberechenbarer  Weise  lähmen  würde;
denn  eine  mächtige  Triebfeder  zur  Arbeit  und  zum  Erwerben  würde
ja  dann  fehlen;  was  aber  das  Wichtigste  ist,  sie  würde  nicht  nur
fehlen  zur  Erwerbung  außerpersönlicher  Kapitalien,  sie  würde  auch
fehlen  zur  Ausbildung  und  Bereicherung  der  persönlichen ­
  Kapitalien;  dies  würde  den  Wert  der  Menschheit  verringern, ­
  und  sie  müsste  viel  früher,  als  ihr  dieses  Ziel  gesetzt  ist,
im  Kampfe  gegen  die  Natur  unterliegen.  —  Sie  müsste  es,  wenn
eben  den  sozialistischen  Träumereien  zuliebe  der  streng  determinierte
Weg  der  Menschheit  abgelenkt  werden  könnte,  aber  sie  muss  es
nicht,  sie  kann  es  nicht!
Und  wenn  wirklich  die  sozialistischen  Träume  verwirklicht
werden  sollten,  so  werden  sie  das  Leben  einer  kurzen,  tollen  Nacht
haben,  aus  welcher  um  so  strahlender  das  Morgenrot  der  natürlichen ­
  Weltordnung  sich  erheben  wird!  Sind  denn  menschliche
Einrichtungen  im  stände,  es  zu  verhüten,  dass  die  wichtigsten
Produktionsmitteln,  die  persönlichen  und  natürlichen  Kapitalien  der
•)  Système  industriei  (1821—1823),  3  vol.
’)  Buzará,  Exposition  de  la  doctrine  de  St.  Simon  (1830).  2  vol.
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        Körperlichkeit,  des  Intellekts  und  des  Temperaments  vererbt  werden  ?
Sind  sie  im  stände,  zu  verhindern,  dass  sich  die  erworbene  Muskelstärke, ­
  die  angeeignete  Verstandes-  und  Willenskraft  dem  Organismus ­
  des  Menschen  bleibend  einprägen,  seine  Organe  regenerieren
oder  aber  degenerieren,  und  sich  mit  den  so  erworbenen
Merkmalen  in  den  Organen  zur  Zeit  der  Zeugung  auf
die  Leibeserben  übertragen?
Sehen  wir  aber  von  dem  Veto,  welches  die  Natur  solchen
Bestrebungen  entgegenruft,  ab,  so  finden  wir,  dass  in  einem  sozialistischen ­
  Staate  nach  den  ökonomischen  Gesetzen,  welche  wir  in
den  theoretischen  Teilen  unseres  Buches  darzulegen  bemüht  waren,
die  Kapitalbildung  unmöglich  ist,  weil  das  Unternehmen  und  sohin
auch  sein  Gewinn  unmöglich  werden  würde.  Die  wirtschaftliche ­
  Persönlichkeit  des  Staates  müsste,  um  Unternehmer ­
  zu  sein,  um  Kapital  bilden  zu  können,  nur  den
wirtschaftlichen  Krieg  anderen  Staaten  erklären.  Aber
auch  die  Wirtschaft  des  «freien  Volksstaates«,  also  die  Erhaltung
des  Vermögens,  müsste  zu  Grunde  gehen,  weil  weit  mehr  verbraucht
als  erzeugt  werden  könnte;  und  auch  eine  sozialistische  Volkswirtschaft ­
  kann  auf  die  Länge  der  Zeit  nicht  gedacht  werden,  da
ja  eine  Verteilung  des  Kapitals  durch  den  dann  rastlosen  Rückschritt ­
  der  Produktion  auf  allen  Gebieten  dem  einzelnen  Menschen
nicht  mehr  das  Existenzminimum  bieten  könnte.  Und  in  diesem
Palle  würde  der  reine  Typus  der  Volkswirtschaft  in  seiner  charakteristischen ­
  Eigenschaft,  in  der  Feindseligkeit  gegen  den  Staat,
durch  einen  Krieg  gegen  den  heute  von  der  Verblendung  herbeigewünschten ­
  sozialistischen  Staat,  seinen  Ausdruck  finden,  und  die
ersten  Bedingungen  zur  Rückkehr  der  sozialen  Ordnung  in  die
natürliche  Bahn  vorbereitet  werden.  —
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        Verlag  von  Carl  Gerold  s  Sohn  in  AVI  en.
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