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        <title>Die Sonneberger Spielwaaren-Hausindustrie und ihr Handel</title>
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            <forname>Adolf</forname>
            <surname>Fleischmann</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
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            <idno>829746765</idno>
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  <text>
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        Bibliothek
des  Instituts  für  Weltwirtschaft
an  der  Universität  Kiel
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und  ihr  Handel.

Zur  Abwehr
gegen  die
fahrenden  Schüler  des  Katheder-Sozialismus
in  der  National  -  Gekonomie.

Von

A.  ŞfCeifcŞmcmn.

B  c  V  U  it.
Verlag  von  Leonhard  Simian.
1883.

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Die  Sonneberger
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Zur  Abwehr
gegen  die
fahrenden  Schüler  des  Katheder-Sozialismus
in  der  National  -Gckonomie.

Von

A.  ^Ateifek,nc&amp;gt;nn
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Berlin.
Verlag  von  Leonhard  Simion.
1883.
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Inhalt

Sozial  -  Politik  und  -Wissenschaften  gegen  Industrie  und  Handel  ....  5
Die  deutsche  Spielwaaren-Kunst-  und  kunstverwandte  Industrie  im  Welthandel ­
  und  daheim  13

Die  Sonneberger  Spielwaaren  -  Hausindustrie  und  ihr  Handel
Gegen  die  fahrenden  Schüler  des  Kathedersvzialisnlus  .  .

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        Sozial-Vâk  mit  -Wissenschaften  gegen  Industrie  und
Handel.

3n  ben  miturftaaten,  me#  %e  normiegenb  ber  Snbustrie
unb  bem  Hanbel  verdanken,  erkennt  man  bie  von  göttlicher  Weisheit  zeugende
SM)##  an,  baß  bie  Bolf§mirtb#ft  außerhalb  alter  absoluten  ®e#e
fteßt,  unb  baß  meber  ißre  Beßre  not  ißre  (ßfleße  in  matemati#  begrenze
Creile  ber  abstraften  38###%%  ßt  einhängen  lassen.  3n#behcit
ßnb  eë  bie  beiben  Ģauptfaftoren  —  Snbuftrie  unb  ^anbel  —  mel^e
bon  ßaat#lttt#n  Maßregeln  ni^t  ßt  bemeißern  unb  beüormunben
lassen,  meil  ße,  mit  bem  frisen  Beben  unb  ber  materiellen  %iften&amp;amp;  ber
Golfer  in  engster,  ununterbrotener  Begießung  ßeßenb,  lebiglit  unter  ber
freien  Initiative  des  selbstständig  schassenden  Arbeitsgeistes  gedeihen
sönnen,  ber  ben  fortmaßtenb  #  oer#ebenben  Behältnissen,  mettlnben
^l^^^^auungen  unb  Beburfniffen  aller  BolMlaßen  non  selbst  #  an&amp;amp;u=Passen
  hat.
Nur  in  Deutschland»,  bem  Laube,  das  seiner  geographischen  Lage,
seiner  klimatischen  und  Bodenverhältnisse  wegen  mehr  denn  sedes  andere
auf  Weltiudustrie  unb  Aktivhaudel  angewiesen  ist,  will  die  in  Regieruugsunb
  ®eleßrtenfreiie^^au§gebilbete  teorie  ber  28ißen#ften  ben  ntatur^
gesehen  des  freien  praktischen  Erwerbslebens  sich  nicht  fügen,  „sie  will  vielmehr, ­
  in  kurzsichtiger  Vermessenheit,  einseitig  Verhältnisse  heben,  um  andere
unterdrücken  zn  können,  Lehre  und  Pflege  der  Volkswirthschaft  nach  den
Grundsätzen  ihrer  eigenen  juridischen  unb  politischen  Anschauungen  modeln
unb  üben"*),  bie  n#ö  meniger  alë  auf  prafti#n  (Srfaßrungen  baßren.
Jedem  inmitten  der  gewerblichen  und  industriellen  Erwerbthätigkeit
der  auf  Selbsthülfe  angewiesenen  Volksgruppen  stehenden  unbefangenen
unb  an  diesem  Leben  beteiligten  unb  unparteiischen  Beobachter  entrollt

*)  @0  unb  ausführlicher  sprechen  sich  hierüber  eine  Reihe  von  volkswirthschaftlichen
  Leitartikeln  des  Berliner  Tageblattes,  1882,  I,  aus.
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        *)  Siehe  Anmerkung  Seite  54.
        <pb n="11" />
        7

ist  beim  anet,  bie(DiiT(%Mntttäbilbitiiß,  wel#  in  Berits#
lemb  biird)  bie  Bolts-  imb  #%eren  Spulen  angestrebt  wirb,  Mt  (m&amp;amp;f#e&amp;amp;=UámiMení4oÍtii(í)eT
  Matur  nnb  geMie^t  aus  kosten  fast  ieber
Elementarpflege  der  bildenden  Künste,  vornehmlich  in  all  den  höheren
Bürger',  Meal-  %c.  Stilen,  me^e  nebenbei  &amp;amp;uin  einj^ä^rigen
Militärdienst  vorbereiten  sollen.
Äber  gemi^  (amt  bie  bnr#  bie  beut#e(scWbilbnng  erstrebte  Gl  e  trarti ­
  gleit  beS  ^iffenS  allein  ni(t)t  geeignet  fein,  alle  bie  Jünglinge
an  bcglücten,  wel(t)e  i^em  späteren  Berufe  na(^,  ben  bewerben  unb  ber
Snbnftrie,  aumal  beS  ßnnftgebteteö  &amp;amp;nfaiien,  wenn  unter  einer  Jnfbnrbnng
  non  gel)rftoffen,  bie  sie  im  prattifci)en  geben,  niemals  brau^^en  nin
anni  graten  ^eile  geistig  nnb  forcem  ni^t  vertragen  sonnen,  ui#  einmal ­
  bag  %n  Mein  Erwerbsleben  so  notliweubige  3ei^^nen  genngenb
il)neu  gelehrt  wird?)

Ant  bo^^  Cutter  Matur  %e  geistigen  Gaben  aUegeit  nad)  amci
Richtungen  hin  ausgetheilt:  zu  Gunsten  der  Wissenschaften  und
der  Künste,  und  zwar  in  wunderbar  fachlicher  Abstufung,  wie  sie  uc
%ol)lfal)rt  eines  miturbolíeS  nnb  feine  Bebiirfniffe  ^#¡#11:  feien  es  bie
geistigen,  we^e  bie  reine  Geistesarbeit  befriebigt,  ober  bie  materiellen,  Don
ber  1)1)^1^011  Arbeit  oerforgten.  3n  Englanb  nnb  in  Morbamerita  a»
weift  barmn  ber  BolfSgeift  ber  Gele^famteit  bie  gebi^renhe  Mangfteíliing
¿il,  ol)iie  bie  ^errfcfiaft  über  baS  freie  Dielgeftaltige  Erwerbs-  nnb  Ber-(erleben
  anSf^^lie^li^^  il)r  einanränmen.  SBenn  bann  ans  bereu  Wern
bie  (Saaten  bnrd)  bie  Spulen  oollenbet  finb,  überlä#  man  ber  Selbstftänbigteit
  %er  Bebauer,  bie  Ber(el)rSwege  selbst  au  ri#n,  5"  bahnen
und  zu  ebnen,  nach  eigner  Initiative,  die  doit  man  allezeit  unter
ftü#,  weil  lie  am  auoerlaffigften  aur  geheU^en  Entwictelimg  ber  Joltü-Wohlfahrt
  führt.
In  jenen  Ländern  ist  man  klar  darüber,  daß  Kraft  und  Ac  acht  eineu
^nltnr^^aateS  in  ben  geiftnngen  reiner  Geists  arbeit  allem  ni#
gipfeln  weder  in  den  Wissenschaften  noch  in  den  Künsten,  daß  sie  vielmehr
'in  berEigenartigfeit  berMópferifd)  ^afienben  Elemente

")  Ober  Qlmibt  mmi  mullid),  t#  bind)  gürtbilbimobunterrid)t  mibciDnlb  ber
%rbeitöacit  lörpcrlid)  imb  ßeiftig  ermübctcii  gcbrļimgen  bnö  ibnen  fcblenbe  Siffen  imb
Können  noch  beizubringen  fei  v
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        wf  æ Ü If f  TT!"  lmb  par  mnei &amp;gt; mUd &amp;gt;  in  der  individuellen  Arbeits-Mid
  Schlamm  aufhaust,  darunter  er  viel  schöpferische  Lebenskraft  begräbt,
erscheint  uns  der  deutsche  Bildungsgang,  der  von  den  Volks-  und  Bürgerlchnlen
  durch  die  Lehrzimmer  der  höheren  Anstalten  unsere  Jugend  den
a Ì ,f T!î ä  «-chi'«-»  Mühlwerks  zutreibt,  wo  ohne  Rücksicht  auf  die
S  f  »«Wetten  kr  Einzelnen  sogar  die  künstlerischen  Richtungen  derslben
  „I  wissenschaftliche  umgewandelt  weà  Dies  geschieht
nach  eriiem  System  deutscher  Schulweisheit,  dessen  Ursprung  in  den  auf
1»%”  H°ŗsâ'e«  der  Katheder-Philosophie  gesammelten  theoret,scheu
  Anschauungen  und  staatssozialistifchen  Ideen  zu  suchen  ist,  die

vSCDcm  aufmerksamen  Beobachter  der  Zustände  des  öffentlichen  Lebens
begegnen  auf  unseren  scholastischen  Irrwegen  Schaaren  verschulter  und  verbUdeter
  Ķglrnge,  auf  deren  fahlen  Gesichtszügen  die  Dressur  des  Lernens
tief  eingefnrcht  steht,  aus  deren  blödsichtigen  Augen  kein  individuelles  Licht
mehr  spricht,  womit  die  Natur  sie  beliehen  haben  mochte.
Sie  sind  die  leibhaftigen  Opfer  überstrenger,  widernatürlicher  Scholastik, ­
  an  denen  der  Staat  sich  versündigte,  indem  er  durch  die  Schulen  fremde
" l  t'™  geistigen  Organismus  von  Individuen  legen  ließ  für  die
kein  Boden  vorhanden  war.  Ein  Chaos  von  wissenschaftlichen  Lehrstoffen,
die  sie  obligatorisch  haben  verschlucken  müssen,  aber  geistig  nicht  verdauen
konnten,  mag  bei  der  Mehrzahl  als  Präservativ  ausreichend  sein  heiler
Haut  das  Spießruthen  -  Examen  zu  durchlaufen,  welches  der  Militari«-mus
  befiehlt.

Ein  verhältnißmäßig  sehr  kleines  Häuflein  ist  es,  das  mit  wahrer
Befriedigung  der  Alma  mater  überantwortet  werden  kann;  der  weitaus
größte  Theil  der  Jünglinge  miiß  ein  selbstständiges  Erwerbsfeld  suchen  oder
dem  subalternen  Beamtcustande  sich  zuwenden.
Was  nun  wählen?  Auf  der  Mehrzahl  der  Wegzeiger  steht  groß  Uiid
deutlich  angeschrieben:  „Zum  Rährstande",  d.  h.  zu  Gewerbe,  Kunstgewerbe,
  Industrie,  Handel  -c.  Jnng-Deutschland  aber  rümpft  die  Rase  uiid
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wendet  stolz  sich  ab  mit  dem  Losungsworte  „zum  Staatsdienst",  belagert ­
  dessen  Pforten  nub  harrt  davor,  bis  eine,  wenn  auch  nur  zu  knapper
aber  sicherer  Existenz  führende,  sich  aufthut.
So  nimmt  der  Nährstand  zum  Erschrecken  ab,  und  alle  übrigen  Stände
wachsen  zum  Erdrücken  desselben.  Deutschland  ist  jetzt  schon  außer  Stand,
alle  in  seinen  wissenschaftlichen  Lehranstalten  Erzogenen  gebührend  zu
versorgen.  —  Der  Aspiranten  nach  Beamtenstellen  werden  immer  mehr,  welche
mit  vollem  Recht  vom  Staate  verlangen  können,  daß  er,  ihrer  Schulbildung
entsprechend,  auch  irgendwie  für  sie  sorge,  nachdem  sie  vorschriftsmäßig
nach  seinen  Programmen  sich  haben  schulen  lassen.  Selbst  die  Mittelklassen
der  landwirthschaftlichen  und  gewerblichen  Bevölkerung  lassen,  wenn  irgend
ihre  pekuniären  Mittel  es  gestatten,  die  Söhne  eine  solche  höhere,  wissenschaftliche ­
  Bildung  genießen.  —  Es  mag  dies  zumeist  aus  moralischer,
edler  Ueberzeugung  geschehen,  leider  aber  auch,  —  und  nur  zu  häufig  —
ans  blindem  Ehrgeiz  und  um  des  Vortheils  willen,  durch  den  Erfolg
einer  fünf-  bis  sechsjährigen  höheren  Schulbildung  die  Vergünstigung
des  einjährigen  Militärdienstes  zu  erlangen.
Die  Geistesbildung  solcher  Schulen  aber,  nach  dieser  Richtung  hin,
wurzelt  nicht  in  der  Gegenwart,  sondern  in  der  Vergangenheit;  daher  lehren
sie  nicht  das  Verständniß  für  das  Neue,  das  aus  dem  Leben  der  Gegenwart ­
  Hervorgehende.  Nahezu  verbannt  aus  ihren  Lehrplänen  ist  die  elementare ­
  Volkswirthschaftslehre.  An  ihrer  Statt  prangen  den  Geist  einschnürende ­
  und  ertödtende  Syllogismen,  mathematische  Schemata,  diophantische
Lehrsätze  und  andere.  Nicht  berücksichtigt  man,  wie  sehr  durch  solche  Bestimmungen ­
  der  Nährstand  geschwächt  wird,  nicht  ahnt  man,  daß  damit
in  zahllosen  Fällen  geistige  Anlagen  erstickt  und  ausgetrieben  werden,
welche  die  Vorsehung  Jünglingen  eingegeben  hatte:  S  i  n  n,  V  e  r  st  ä  n  d  n  i  ß,
Talent  für  die  bildenden  Künste  und  Liebe  zum  Schaffen  darin
—  Eigenschaften,  die  für  den  Nachwuchs  zahlreicher,  großartiger  deutscher
Weltindustriezweige,  namentlich  der  Kunstindustrie  und  mit  ihr
verwandter  Gewerbe  von  außerordentlichem  Werth  sein  würden,  wären
sie  der  Jugend  erhalten  und  in  ihr  nur  einigermaßen  genährt  worden.
Sogar  die  solchen  Zwecken  dienenden  Kunst  in  du  strie-  und  Gewerbeschulen ­
  lassen  die  Jugend  völlig  im  Dunkeln  über  die  außerordentlich ­
  große  Mannigfaltigkeit  unserer  weltberühmten  Jndustriefelder,  namentlich
        <pb n="14" />
        die  der  Hausindustrie  und  über  die  Vortheile,  welche  letztere  den  gering
Bemittelten  bietet*),  über¿(#eid)e  feibftftdiibigeermerbèfelber,  me^c  fast
ade  nur  des  geistigen  Zuwachses  harren,  um  durch  den  Handel  zu  dem
Aufschwung  zu  gelangen,  den  das  Ausland  von  ihnen  verlangt  und  erwartet.
Ueberhaupt  ist  Lehrmethode  und  Erziehung  in  Deutschlands  Gewerbe-,
polytechnischen  und  Kunstgewerbe-Schulen  vielmehr  der  Art,  daß  wohl
2#cr  imb  Şrofeffomi  borona  ^erüoroe^e^,  ober  teine  diäten,  bie
das  Erlernte  in  das  praktische,  selbstständige  Erwerbsleben  mit  Befriedigung
zu  übertragen  verstehen.**)
Legt  der  Staat  dem  Volke  Schulzwang  aus,  so  hat  er  auch  die  Pflicht
für  Lehranstalten  zu  sorgen,  die  den  geistigen  Naturanlagen  der  Jugend
wenigstens  nach  deren  Hauptrichtnng  hin  elementar  entsprechend  organisirt
|inb,  feineafalië  aber  #  er  boa  Med)t,  3imgliii(1e  anberö  nnb  ^cr
erziehen,  als  ihre  geistigen  Fähigkeiten  reichen  und  als  die  Erwerbsselder
liegen,  ans  bie  frii^eitig  %e  iiotiirlid)eii  äniogen  nnb  i#e  Bentfamo#
hinweisen.
Das  deutsche  Volk  mag  eine  Menge  Gewerbtreibender  auszählen,  die
etmaä  Rotein,  ^angöfifet),  9^011)0110#!  Bersteten,  bie  ba  missen,  non  melden
Industrie-  und  Handelszweigen  die  Phönizier  gelebt,  oder  mit  welchen
111011)01101^(1)60  (Spielereien  bie  Bobgloiitcr  fid)  befo#  #60.  %bcr  in  i#er
Werkstatt  können  sie  die  einfachsten  Figuren  nicht  zeichnen,  weshalb  sie
beim  and)  in  i^cit  06)96?%%#  Beifiimgen  ^1?!!^  ft  61)60..  ^oa  boltf^^e
Volk  mag  ja  belehrter  und  gelehrter  sein  als  andere,  es  ist  darum  aber
nicht  praktischer  und  nicht  gescheidter.
Es  gilt  hier  nicht  weiter  zu  erörtern,  in  wie  weit  wegen  des  Erstrebens
einer  mittleren  Durchschnittsbildnng  und  Gleichartigkeit  des
Wissens  auch  in  den  Volksschulen  durd)  übermäßig  aufgehäuften,  fruchtlasen
  Lehrstoff  das  Volk  in  der  Entwickelung  seines  praktischen  gewerblichen ­
  und  kunstgewerblichen  Lebens  schon  gehemmt,  obendrein  gesundheitlich
geschädigt  worden  ist.  Gewichtige  Stimmen  genug  verlauten  darüber  ans
allen  Ständen  und  aus  dem  Lehrstande  selbst,  von  Männern,  die  über  die

")  Siehe  Seite  23,  31,  32,  33,  39,  40.
")  Vergleiche:  „Fr.  Pecht:  Ueber  den  technischen  Unterricht"  in  Nr.  150  der
„Täglichen  Rundschau".  Berlin,  7.  Okt.  1882.
        <pb n="15" />
        direkten  Leistungen  der  deutschen  Volks-  und  höheren  Schulen  hinweg
unbefangen  auf  deren  Wirkung  im  praktischen  Leben  schauen.
Geklagt  sei  hier  nur,  welcher  Schaden  dem  deutschen  Reiche  erwächst
ans  dem  Mangel  an  Kenntniß  seiner  Weltindustriezweige,  welche
den  bildenden  Künsten  und  nicht  den  Wissenschaften  Unterthan
sind,  in  deren  Früchte,  einzig  ihrer  Art,  alle  Länder  der  Welt  sich  theilen
und  für  welche  sie  Millionen  an  Deutschland  zahlen,  obschon  sie  mehr  dem
Luxus  als  zum  Gebrauche  dienen.
Nur  falschen  Anschauungen  konnten  jene  staatssozialistischen  und  staatspolitischen ­
  Prinzipien  entspringen,  die,  in  den  Organismus  des  praktischen
Erwerbs-  und  Verkehrslebens  eingeführt,  geeignet  sind,  nicht  blos  die  weltberühmte ­
  deutsche  Arbeitskraft  und  Energie  zu  schwächen,  sondern  die
natürlichen  Existenzbedingungen  ganzer  Arbeitergruppen  zu  zerstören,  welche
statt  Schutz  der  nationalen,  individuellen,  vorwiegend
geistigen  Arbeit  zu  gewähren  und  den  Aktivhandel  zu  heben,
beide  schädigen  durch  den  Schutz  —  der  neuen  Zollpolitik  —  der,  wie
zu  erwarten  war,  Interessen-Koalitionen  hervorrufen  mußte,  sobald
Deutschland  sich  anschickte,  auf  Kosten  anderer  Nationen  sich  zu  bereichern.
„Dieses  naturgesetzwidrige  Eingreifen  des  Staates  in  den  alle  Völkerinteressen ­
  ausgleichenden  Handelsverkehr,  die  Vermessenheit,  die  göttliche
Gerechtigkeit  nachahmen  zu  dürfen,  einer  Nation  geben,  der  anderen  nehmen
zu  können,"*)  büßen  jetzt  die  Kerntruppen  des  deutschen  Arbeitervolkes,  welche
keinen  Schutzzollbrauchen,  und  durch  die  Originalität  ihrer  individuellen
Produkte  überwiegend  geistiger  Art  alle  Völker  sich  tributpflichtig
gemacht  haben,  ohne  Schutzzoll  bedurft  zu  haben.  So  muß  z.  B.
die  deutsche  Spielwaaren-Jndustrie  zuschauen,  wie  als  Abnehmer
ihrer  Früchte  ein  Land  nach  dem  anderen  abfällt:  Oesterreich,  Rußland, ­
  Schweden,  Dänemark,  Frankreich.  Diese  Länder  haben  als
Retorsion  ihre  Eingangszölle  so  bedeutend  erhöht,  daß  demnächst ­
  nur  noch  geringste  Quantitäten  Spielwaaren  dahin
ausgeführt  werden  können.
Wir  müssen  dahin  gestellt  sein  lassen,  ob  Deutschland  als  Culturmacht
vom  Ausland  höher  angesehen  ist  wegen  der  Productivität  in  den  Wissenschaften ­
  und  Künsten  und  der  Art  und  Weise  ihrer  Pflege  oder  wegen  der
physisch  und  geistig  schaffenden  Urkraft  seines  erwerbthätigen  Volkes.  Aber

*)  Siehe  die  Anmerkung  auf  Seite  5.
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foöiei  steht  fest,  daß  Deutschland  auf  dem  Gebiete  der  bildenden,  besonders ­
  der  plastischen  Künste  eine  Menge  Industriezweige  besitzt,  die,
dem  immergrünen,  uralten  Nürnberger  Kunst  -  Jndustriestamm  entsprossen,
einteilt  Ba^e^en  beutf^^et0enen  @noerbfieißea  finí),  31tfammeli  eine
Cultmmacht  bilden,  dergleichen  kein  anderes  Land  der  Welt  sich
rühmen  kann.  Diese  Macht  der  Arbeit  ist  es,  um  welche  das
deutsche  Reich  vom  praktischen  Auslande  mehr  beneidet
iDirb,  ai8  um  gar  Diele  anbete  feinet  üo(fëmirt^f^^üfm^^cn,
nationalen  Habseligkeiten,  welche  in  Deutschland,  aber  nur
1^6111^^0  selbst,  man  am  .^ften  preist.
        <pb n="17" />
        II.

Die  deutsche  Spirlrimaven-Kunst-  und  kunstvermundte
Industrie  im  Welthandel  und  daheim.
Soweit  die  Erzeugnisse  deutscher  Manufaktur-Kurzwaaren,  meist  Kunstund
  kunstverwaudteu  Industriezweigen  angehörig,  in  regelmäßigem  Begehr  des
Welthandels  stehen  und  soweit  dieser  sie  in  eineKategoriezusammenfaßt*),

*)  Toys  and  Fancy-Goods;  —  Jouets  et  Bimbeloterie;  —
Spielwaaren;  Lehrmittel;  kleine  Luxus-,  Gebrauchs-  und  Decorations-Gegenstände;
  Galanterie-  und  Nippsachen;  —  aus  Holz,  Papiermasse,  Papier, ­
  Pappe,  Leder,  Textilstoffen,  Flechtmaterialien;  Gummi,  Guttapercha,  Wachs,
Horn,  Bein;  aus  Glas  (Gaslampen-Gebläsearbeiten)  ;  aus  Porzellan;  aus  Thon  gebrannt ­
  ;  aus  Metallen:  Blei,  Zinn,  Blech,  Messing,  Eisen  rc.
I.  Spielsachen  zur  Unterhaltung  und  Belustigung:
Puppen,  Figuren,  Thiere,  Reiter,  Wagen,  Schiffe,  Kähne,  Spielzeug  zum  Aufstellen,
Möbel,  Ställe,  Theater,  Gewehre,  musikalische  Instrumente,  Drehorgeln,  musikalische
Spielsachen,  mechanische  Spielwaaren  mit  Musikwerken,  Wiegenpferde  rc.
II.  Spielsachen  zur  geistigen  Unterhaltung  und  als  Lehrmittel:
Spiele  aller  Art,  musikalische  Instrumente,  Baukästen,  Menagerien,  Farbkästen,
Schiefertafeln  und  Stifte  rc.
LH.  Kinder-Gebrauchs  -  und  Luxussachen:
Schul  -  Requisiten,  Bücher  -  und  Noten  -  Tornister,  Chatullen,  Weiden  -  und  andere
Körbchen,  desgl.  Kinderwagen,  Draisinen.  —  Christbaum-Ornamente  und  Verzierungen,
Nippsachen  rc.
IV.  Luxus-  und  Gebrauchs  -  Gegenstände,  Nippsachen  und  Galanteriewaaren ­
  sur  Erwachsene:
Attrapen,  Cartonnagen,  Masken,  Cotillon  -  Decorationen,  Schreibtafeln,  Chatullen,
Toiletten,  Spiele,  Schreib-Requisiten  rc.
Zimmerdecorations  -  Gegenstände  :
Figuren,  Statuetten,  Büsten,  Thiere,  Thierköpfe,  Carricaturen,  Vasen  rc.
NB.  Bei  der  ungeheuren  Mannigfaltigkeit  in  diesen  Waaren  muß  hier  auf  deren  Aufzähl ­
  ung  verzichtet  und  auf  die  Verzeichniffe  des  Groß-  und  Exporthandelsstandes  demie  en
werden.
        <pb n="18" />
        14

kann  neuererzeit  deren  Werth  auf  mindestens  150  Millionen  Mark  jährlich
8efd#t  loerben,  loooon  allein  bie  (sļilelmami  imb  eiitfd)lä0lid)en  Slrtifel
circa  100  Millionen  betragen,  davon  gegen  70  Millionen  durch  den  Activhandel
  bisher  dem  deutschen  Reich  aus  fremden  Ländern  zuflössen.
@ri#eit)06tf6  unb  f^orabtf(^,  ^anailtbll^^rteíí  nub  fabrtfiitößio
bert  Dörfern  imb  (Stabten  betrieben,  erftredt  fid)  fold)e  @meTWtl)áti0reit
liber  I)alb  3)6(0^)101^,  bom  Sd)ioarg)uatb  bia  gum  9%i6fen06bir06.
Am  bedeutendsten  und  mannigfaltigsten  wird  die  Spielwaaren-^abrihition
  in  beiiiDberlanbe  b6§^6r$O0t^n^slSa^^fe1l  =  ^ei=Hingen
  betrieben,*)  wo  sie,  namentlich  im  Kreis  Sonneberg,  in  allen  Formen
  auftritt,  ala  #aua=,  ^eiu-  ullbgabrifinbu^^ri6  unb  burd)  bie
Şorgellaii:**)  imb  ^iaafabrifen^)  and)  aia  ^roBinbuftrie.
3)ie  36r^^reut^6^t  ber  ^01)061^611  .ßeerbe  solfea  auß6rûrb6nt^(d)  oielaitigeu
  Gewerbfleisies  mag  llrsad)e  sein,  basi  von  dessen  Bedeutung  im
Welthandel  das  deutsche  Volk  im  Allgemeinen  keine  Ahnung  hat.  Daß  aber
trotz  des  ungeheueren  statistischen  Apparates  und  der  staatswissen-*)
  Im  Gesammtwerth  von  jährlich  ca.  15  Millionen  Mark.
")  Äon  ben  60  Äorgcilonfobrifen  m  Sbnringcn  fobrigiren  bie  meisten
Spielsachen:  Puppen,  Thiere,  Figuren,  Service,  Nippsachen  u.  s.  w.  ;  für  Erma#ne:
  Soffen,  serbice,  %obaföpfcifcnfö^fe,  ^üdiengerötbe;  @ufu8.,  @ebroud)g.  »nb
Decorations-Gegenstände:  Vasen,  Schreibzeuge  u.  f.  w.,  Lithophanien,  Thiere,  Büsten,
^0»ren,  borunter  ^  u  n  ft  io  e  r  i  e  ber  %  í  o  ft  i  r  unb  ber  Dì  a  I  e  r  e  t.  %uf  ben  ^retë
Sonneberg  entfalten  4  ^oraeMonfobrden  :  ^üttenfteino^  (2),  Äouenfteln  unb  ßimbod,,
lettere  die  älteste,  von  dem  selbstständigen  Erfinder  des  Thüringer  Porzellans,  Gotthelf ­
  Greiner a)  im  Jahre  1772  gegründet,  die  Mutter  aller  Thüringer  Porzellanfabriken. ­

a)  Siche  „kulturhistorische  Bilder  aus  dem  Oberlande  des  Herzogthums  Sachsen-Mermngen."
  Hildburghausen,  Kesselring'sche  Hofbuchhandlung.  1876.
)  Die  Glasfabriken  in  Lauscha  (3),  Steinach,  Ernstthal  (2),  Piesau
(Meininger  Oberland)  und  andere  benachbarte,  stellen  zwar  nur  einen  Spielwaaren-Wrtifel,
  b(e  @10814)#^  für  ben^onbeiŞer,  ober  ße  besassen  ein^orbfobrt(ot:
weiß  e  und  farbige  Glasrohre,  aus  denen  die  Haus-,  Klein-  und
5obrifinbuftrie  in  6oi#o,  So^icb,  ernftt#,  ©teinbeib  (grciö  ©onneberg),
^îesau  (Mein.  Oberland),  Geiersthal  und  Neuhaus  (Schwarzb.-Rud.)  die  verschiedenartigsten, ­
  weltberühmten  Gaslampen  -  Gebläsearbeiten  alle  manuell  herstellt,  namentlich
alle  hohlen,  farbigen  imb  Fischschuppen-,  sogenannten  W  achs  -  Perlen,  Christ  b  aum  -
Decorationen,  Nippfachen,  Früchte,  Thiere,  Figuren,  Thermometer,
physikalische  und  medizinische  Instrumente  rc.
        <pb n="19" />
        15

schaftlichen  Lehrstätten,  welche  das  Deutsche  Reich  unterhält,  das
Gebiet  dieser  deutschen  Weltindustrie,  und  ihres  Activhandels,  der  Millioneii
  ®etbe§  ooin  Mlmib  gid)t,  ffir  n^^ere  9%ei#  =  itnb  @tooWrcgiernngen
noch  eine  Art  terra  incognita  ist,  das  zeigen  die  Untiefen,  in  welchen  unser
deutsches,  schwerfälliges,  mit  Lootsen  und  Matrosen  überfülltes  Staatsschiff
„die  Statistik"  sich  befindet  und  die  Art,  wie  es  dem  Volke  vorleuchtet.
So  hat  es  das  Kaiserliche  statistische  Amt  in  Berlin,  in  einem  Bericht  an
ben  @too#cretár  beö  innern,  oom  1.  Suit  1881  olë  eme  er  01111^(1  =
ßiuiß"  begegnet,  baß  im  3#e  1880  bei  gntommenpodong  oel^^^^iebener
Artikel  aus  der  Spielwaarenbranche  219512  kg  Spielwaaren  zum  Gesammt-^^'^6
  bon  344470  ^ort  miiitid)  „oW  0ßie1maaren"  beîlorirt  werben  bnrften,
eine  bie  imgef#  bem  10^11(^60  e^ort  eine§  einigen  ®roß^01lbeM)anìe§
in  Nürnberg,  Waltershausen  oder  Sonneberg  entspricht!  —Dies  geschieht  in
^011(100^11110  einer  ^en#rtft,  reiche  bie  ßanbel3=  nnb  ©emerbefomincr  in
©oitneberg,  bot.  31.  mini  1881  01t  bo3  9ftei^^ëfongIeTomt  mit  bem  erimiien
gerichtet  hat,  „in  dem  amtlichen  Waaren-Verzeichniß  den  Artikel  Spielio
  nor  en  nutet  einer  etl^^ettíi^^en,  ftntt  nod)  bem  ®efe$  born  20.  3nit
1879,  unter  neun  verschiedenen  Rubriken  aufführen  losten  zu  wollen,  zur
SBereinMitng  ßonbeiaoerfeßrea",  imb  um  -  wie  mir  1)in&amp;amp;nfn0en  —  ben
Handel  von  einer  ihn  schädigenden  bureaukratischen  Einrichtung  zu  befreien,
welche  nur  geeignet  ist,  die  Vermehrung  niederer  Beamtenstellen  nothwendig
gn  moißen,  iiberbteë  bn#  nnpTü!tif^^c  Reitling  beë  SSegr#,  einen  %8tW'
Handelsartikel  w  i  e  Spielwaaren  i  n  s  e  i  n  e  r  B  e  d  e  u  t  n  n  g  h  e  r  a  b  z  u  s  e  tz  en.
3m  SlnMoiib  ist  mon  fiber  bic  bent^e  ^bnftne  be^^er  iinterrid)tet.
Die  Importeure  aller  Weltgegenden  kennen  genau  die  Ursprungsorte,  die
Städte  und  Dörfer  in  Deutschland,  deren  Haus-,  Klein-  oder  Fabrikindustrie
die  deutschen,  hunderttausendfältigen  Fabrikate  entstammen.  Jährlich  besuchen ­
  Hunderte  von  Käufern  die  Produktionsorte  und  Tausende  die  Leipziger ­
  Messen,  ihren  Waarenbedarf  selbst  auszuwählen  und  neue  Handelsartikel ­
  aufzufinden.
Die  Mehrzahl  dieser  Käufer  kommt  von  Amerika  und  von  England
über  Paris  nach  Deutschland*)  und  macht  Sonneberg  zu  einer  Haupt-*)
  Nürnberg-Fürth,  Lichtenfels  rc.  (Korbwaaren),  Sonneberg-Nenstadt.
  Die  Thüringer  (Spielwaaren-,  Puppen-rc.)  -Fabriksorte,  Porzellan-Fabriken ­
  und  Gl  a  sin  du  strie  orte;  die  Spielwaaren  -  Fabriksorte  des
Sächsischen  Erzgebirgs  rc.;  Berlin  rc.
        <pb n="20" />
        16

station*)  als  Vorort  der  Spielwaaren-  und  verwandten  Industrie
und  weil  es  den  meisten  Porzellanfabriken,  Glas-  und  Korbwaaren-Jndustrie-Orten
  m%e  liegt,  gnm  %er  ®ef^^ä^^a  =  ^nnbre^^en  Regelt  ¡eite
Kaufleute  auf  den  Leipziger  Ostermessen  mit  den  Fabrikanten  zusammenzutreffen, ­
  die  sie  in  ihren  Orten  nicht  aufsuchten  und  die  aus  den  Messen
Musterlager  halten.
Häufig,  und  zwar  aus  eommerziellen  Interessen,  haben  fremde  Kaufleute
oerMt,  bte  ^01)16^0^2  =  €^1611000^11  ^0^1^1011  in  %e
Ģegend  zu  verpflanzen.  Aber  auch  auswärtige  Staatsregierungen  in
Wennnng  bea  001^1^1)^0^110)611  ^ertGea  ber  @^¡6110000611=Hausindustrie
  haben  ihre  Aufmerksamkeit  auf  sie  gerichtet,  indem  sie  für
SBerpfkwawig  0011  giDetgen  berfelben  in  tGre  üönber  bei  gñn^^tge^  Erfolg
Prämien  aussetzten.  Selbst  deutsche  Regierungen  haben  sichs  angelegen
sein  lassen,  die  Papiermasse-Spielwaaren-Fabrikation  in  bestimmten  Orten
einzuführen,  aber  nirgends  mit  anderem  Erfolg  als  dem  der  Begründung
von  Fabriken,  die,  sie  mögen  noch  so  sehr  sich  vergrößern,  doch  nicht  anget^Olt^^nb,
  an  einer  feststen,  ¡61^011^611  ^onatltbn^^rte
den  Grund  zu  legen.
Während  so  die  deutsche  Hausindustrie,  insonderheit  die  Sonn  e  ber  g  er,
Dom  Änaianb  Mge^ü#  unb  otelgepricfeit,  ola  ein  mi)re8  æoí(a=^íetnob
gilt,  betrachtet  man  sie  in  der  Heimath  vielmehr  als  ein  altüberkommenes
Erbe,  gleich  einem  von  selbst  angeflogenen,  festgewurzelten  Wald,  der  keiner
sonderlichen  Pflege  bedürfe,  um  fernerhin  ins  Geld  zu  wachsen.
3mor  %atte  (sonneberg  #on  int  atoeiten  Viertel  btcfeë  3a#nnberta
ber  Fürsorge  ¡etnea  BanbeaGemt@r.^oGett  bea  Go(G|eltgen  ^eraoga  BernGorb
zu  Sachsen-Meiningen  das  Glück  zu  verdanken,  in  der  Person  des  Kunstmalers
Bandorf  einen  Zeichen-  und  Modellirlehrer  zu  besitzen,  dessen  schöpferischer,
kunstindustrieller  Sinn  und  praktische  Lehrmethode  der  Sonneberger  Industrie
außerordentlichen  Vorschub  leistete,  indem  er  sie  nach  allen  Richtungen  hin
veredelte,  überdies  die  Terraco  tta-Kunstindu  stri  e  einführte  und  der
Erfinder  einer  e  l  a  st  i  s  ch  e  n  M  a  s  s  e  (zu  figürlichen  Zwecken  )  war.
Freilich  damals  vergönnte  die  Bürgerschule  den  Jünglingen  min-*)

  Dadurch,  daß  Sonneberg  der  Mehrzahl  von  Import-Großhändlern  zum  längeren
Aufenthalte  dient,  bietet  es  den  dortigen  Industriellen  und  Kaufleuten  den  Vortheil
eines  längeren  persönlichen  Geschäftsverkehrs  und  Zdeen-Austausches  mit  jenen.
        <pb n="21" />
        17

2

bestens  zwei  volle  halbe  Tage  in  der  Woche  zur  Freiheit  oder  zum  Zeichen-Unterricht
  —  und  mit  Freude,  weil  mit  Muße,  genossen  sie  auch  letzteren.
Anders  schon  gestalteten  sich  die  Verhältnisse  der  Pflege  des  Zeichenund
  Modellir-Unterrichts  in  Sonneberg,  als  Se.  Hoheit  der  regierende  Herzog
Georg  zu  Sachsen-Meiningen  mit  bekanntem  lebhaften  Interesse  für  Kunst
und  Kunstindustrie  und  fürstlicher  Munifizenz  zugleich,  schon  als  Erbprinz
bedeutende  Summen  nach  Sonneberg  verwendete  für  Gründung  eines  kleinen,
aber  werthvollen  Museums  gediegener  plastischer  Modelle  und  kostbarer  Bildwerke, ­
  für  jahrelange  Unterhaltung  einer  Modellir-Kunstschule*)  und  zur
Errichtung  einer  Holzbildhauerschule.**)  Aber  die  niederen  und  mittleren
Klassen  der  Oberländer  Industrie,  denen  jene  Bildungsstätten  und  Mittel
zu  Statten  kommen  sollten,  schlugen  die  Gelegenheit  aus,  ihren  Jünglingen
eine  technisch  -  künstlerische  Ausbildung  geben  zu  lassen,  trotzdem  sie  äußerst
billig  und  für  Arme  kostenlos  war.
Wie  damals,  so  heute  noch  und  zwar  nicht  allein  hier,  sondern  überall
rechnen  die  selbstständigen  Gewerbetreibenden  die  Geschäftszeit  als
Geld  es  werth.  Als  Eltern  verlangen  sie,  daß  ihre  Söhne  alsbald  nach
der  Entlassung  aus  der  Volks-  oder  Bürgerschule  in  praktische  Lehre  treten
oder  in  Fabriken  ihren  Lebensunterhalt  verdienen,  und  als  Arbeitgeber
weigern  sie  sich,  von  der  Geschäftszeit  ihren  Zöglingen  die  Stunden  zu  opfern,
welche  man  zu  deren  weiteren  theoretischen  Ausbildung  beansprucht.  Sie
verlangen  nicht  unbillig  einen  Abschnitt  zwischen  obligatorischem  theoretischen ­
  Unterricht  und  praktischer  Lehre.  Denn  mit  demselben  Rechte,  wie
der  Theoretiker  dem  Gewerbsmann  sagt:  „Dein  Junge  hat  in  der  Schule
noch  nicht  genügend  gelernt,  er  muß  weiter  lernen,"  kann  auch  der  Praktiker
fragen:  „Warum  hat  die  Schule  im  Laufe  von  acht  Jahren  dem  Jungen
nicht  genügend  gelehrt  und  warum  hat  sie  ihm  Lehrstoffe  geboten,  die  er
zum  praktischen  Leben  nicht  braucht,  um  derenwillen  er  jetzt  nachholen  soll,
was  an  ihm  versäumt  worden  ist?"  —  Bewahrheitet  sich  doch  das  pädagogische ­
  Wort:  „was  Hänschen  in  der  Schule  nicht  lernt,  Hans  nimmermehr
lernt,"  wenn  er  als  Lehrling  tagsüber  praktisch  arbeiten  mußte,  ermüdet
des  Abends  der  Ruhe  bedarf.
Und  in  der  That,  weil  die  Fortbildungsschulen  obligatorisch  sind
*)  Aus  der  die  bekannten  Terracotta  Götter-  und  Heldenfiguren  aus  der  Odyssee
und  antike  Gefäße  (von  Prof.  A.  Schmidt)  hervorgingen.
**)  Durch  den  tyroler  Holzbildhauer  Klotz.
        <pb n="22" />
        für  geistarme  wie  für  talentvolle  Jünglinge  —  ohne  Unterschied  —  so  befimbet
dies,  daß  auch  letztere  als  ungenügend  geschult  zu  erachten  sind,  um  mit  bem
14.  Lebensjahr  der  Praxis  überantwortet  werden  zu  können.  Dann  dürfte  es
gerathen  erscheinen,  den  Volks-  und  Bürgerschulenunterricht  um  ein  Jahr  zu
verlängern,  dann  aber  die  Jünglinge  der  Praxis  unbehelligt  zu  überlassen.
Die  bemittelten  und  höheren  Gesellschastsclassen  machten  für  ihren
Nachwuchs  gar  keinen  Gebrauch  von  den  dargebotenen  kunstgewerblichen
und  kunstindustriellen  P  riv  a  t-L  ehr  an  sta  l-ten,  weil  sie  vom  Staat  nicht
organisirt,  sanktionirt  und  protegirt  waren.  Aber  auch  die  staatlichen
Lehr  statt  en  jener  Richtung  übten  eine  Anziehungskraft  selbst  in  den  Kreisen
nicht  aus,  welchen  die  beste  Gelegenheit  geboten  war,  von  den  in  kunstindustriellen ­
  Berufszweigen  erreichbaren  günstigen  Erfolgen  sich  zu  überzeugen.
War  dem  allezeit  und  überall  in  Deutschland  so,  daß  man  die  Jugend
vorzugsweise  die  vom  Staate  vorgezeichneten  höheren  Schulbildungswege
durchwandeln  hieß,  neuererzeit  namentlich  alle  diejenigen,  welche  zur  Berechtigung ­
  des  einjährigen  Militär-Dienstes  führen,  so  war  schon  daraufhin
den  Bemittelten  aus  allen  Ständen  die  Losung  gegeben,  ihre  Söhne  vorzugsweise ­
  dem  Beamtenstand  zuzuführen,  der,  wie  in  Deutschland,  so  in  keinem
anderen  Lande  eine  Menge  ruhiger  und  sicherer  Stellungen  verheißt.
So  trugen  denn  auch  seit  dem  politischen  Umschwung  der  letzten  Jahre
die  anti-liberalen  Regierungen  eifrig  das  Ihrige  bei,  möglichst  viel  Jünglinge ­
  in  jener  Richtung  schulen  und  den  Glauben  an  die  Autorität  und  die
Gefügigkeit  des  Willens  ihnen  anerziehen  zu  lassen.  Und  in  der  That  ist  der
Staat  nicht  nur  bestrebt,  das  Heer  der  Beamten  zu  vermehren,  sondern  er
geht  auch  daraus  aus,  die  Stellung  derselben  durch  die  verschiedensten  Bevorzugungen ­
  zur  Befestigung  seiner  eigenen  Autorität  zu  verbessern,  in  Folge
dessen  die  Beamtenstettungen  in  immer  weiteren  Kreisen  begehrenswerth
erscheinen,  *)  zur  Schädigung  und  Beeinträchtigung  und  nicht  zu  Nutz  und
Frommen  der  heiligsten  Rechte  des  Volkes:  —  seiner  politischen  Freiheit ­
  und  Unabhängigkeit.
In  den  irregeleiteten  Volkskreisen,  wo  es  gilt,  der  Jugend  zur  Berufswahl ­
  mit  Rath  an  die  Hand  zu  gehen,  braucht  man  keine  Besorgniß  zu
hegen,  daß  es  in  Deutschland  an  ehrbaren,  ertragfähigen  und  ergiebigen
Erwerbszweigen  mangele.  In  gewissen  Gegenden  Deutschlands  giebt  es

*)  Siehe  den  Artikel:  „Der  Rückgang  der  höheren  Bürgerschulen"  in  Nr.  227
der  Volkszeitung.  Berlin  1882.
        <pb n="23" />
        eine  Menge  Industriezweige,  die  unter  günstigen  Verhältnissen  auf  freiem
Felde  selbstständig  erwachsen,  unabhängig  wie  sie  sind,  ebendeshalb  keiner
besonderen  Gunst  und  Pflege  seitens  conservativer  Regierungen  sich  erfreuen,
weil  sie  zu  dem  Gedeihen  bürgerlicher  Selbstständigkeit  der  Atmosphäre
des  politischen  Liberalismus  bedürfen,  die  jenen  nicht  behagt,  —
nichtsdestoweniger  aber  Erwerbszweige  sind,  welche  je  nach  dem  Grad
der  in  ihnen  entwickelten  persönlichen  Thatkraft  und  Energie  rascher  zu
sicheren  Existenzen  führen,  als  die,  welche  der  Staat  auf  seinen  überfüllten,
erschöpften  Berufsfeldern  zumeist  nach  langjährigem  Harren  unter  höchst
bescheidenen  Verhältnissen  dem  Volk  zu  bieten  vermag.
So  ist  das  Oberland*)  des  Herzogthums  Sachsen-Meiningen  (Vorort
Sonneberg),  kaum  9  ^Meilen  umfassend,  eine  für  verschiedenartigste  Industriezweige ­
  von  Natur  gesegnete  Gegend  wie  keine  zweite  in  Europa,  bewohnt
von  einer  Bevölkerung,  deren  Fleiß,  Rührigkeit  und  schöpferischer  Arbeitsgeist ­
  unter  selbstgestellter  Organisation  ihres  Schaffens  weltbekannt  ist,  wie
nicht  minder  wegen  des  dort  herrschenden  gerechten  Verhältnisses  zwischen
der  selbstständigen  Haus-  und  Kleinindustrie  und  dem  lokalen  Großhandel.
Gerade  die  Sonneberger  Spielwaaren-Manufaktur  bietet  für  alles
selbstständige  plastische  Schaffen,  das  vom  mechanischen  bis  hinauf  zum  rein
künstlerischen  reicht,  eine  Stufenleiter,  wie  keine  zweite  Industrie,  weil
sie  in  einer  selbstständigen  Hausindustrie,  dergleichen  keine  zweite  existirt,
ihren  Stützpunkt  hat.  Eben  dadurch,  daß  die  Sonneberger  Industrie  zur
untersten  Staffel  die  Hausindustrie,  zur  nächsten  die  Kleinindustrie,
zur  folgenden  die  Fabrikin  du  stri  e  hat,  bietet  sie  jedem  sie  betretenden  Zögling, ­
  sobald  er  als  selbstständiger  Fabrikant  in  das  praktische  Leben  eintritt,  auf
jeder  ihrer  Staffeln,  darauf  er  stehen  geblieben,  genau  nach
dem  Erfolg  seines  materiellen  oder  nach  dem  Grad  seines  künstlerischen,  durchgeistigten ­
  Schaffens,  den  gerechten  Lohn  durch  den  lokalen  Großhandel.
Hier  ist  der  Ort,  wo  man  arbeiten  sieht  und  wo  arbeiten  gelehrt
wird,  physisch  und  geistig,  wo  Jeder,  der  ein  weltoffenes  Auge  hat,  wahre
National-Oekonomie  praktisch  studiren  kann,  faßlich  und  leicht.  Was  hier  geschaffen ­
  wird,  geht  über  alle  Meere,  weiter,  viel  weiter,  als  gar  manches
*)  Die  Schätze  daselbst  sind:  seltener  Holzreichthnm;  bester  Schiefer
zur  Dachdeckung  und  zu  Schiefertafeln;  weicher  Schieferstein,  einzig  seiner
Art  zu  Griffeln  und  zu  Wetzsteinen,  Kalksteine  (Marmor)  zu  Kinderschussern; ­
  Erdfarben,  darunter  der  berühmte  Goldoker;  Kaolin  und  Eisenerze; ­
  Steinkohlen;  feuerfester  Thon  in  der  Nähe.

2*
        <pb n="24" />
        20

deutsche  assert,  das  wohl  bou  „Stempel  der  Wissenschaft"  trägt,  aber  darum
nod)  feine  m%e  9Biffmfd)aft  enti#.
^eerb  einer  Ärbeitergn#e  oon  STanfenben  felbftftanbiger  ^,auannb
  meininbnftrielien,  bie  für  ben  2Bcl%nbcI  Raffen,  inmitten  einer
In  bu  strie,  deren  Idealismus  in  den  bildenden  Künsten  und  in  ben  Wissenschaften ­
  nur  so  weit  wurzelt,  als  sie  dienen  sollen,  Männer  von  bescheidener
Bildung  und  von  festem  Charakter  zu  erziehen,  wäre  Sonneberg  einer
ber  Geeignetsten  Orte  gnr  (Brnnbung  einer  ^nu^^inbu^^ricfd)uIe.
ßreitid),  nenn  ^11^11^61^611  in  4)okular  werben
nnb  praktisch  wirken  sollen,  den  Nührstand  zu  vermehren  und  den  deutschen
Aktivhandel  zu  heben,  so  müßte  vorerst  der  Staat  solche  Schulen  auf
gleiche  Rangstufe  stellen,  wie  die  wisfenschaftlichen,  welche  zur  Berechtigung
  bea  einjährigen  ^1110^611^  führen.
.  ^ußer  dem  staats-  nnb  volkswirthschaftlichen  Interesse  fordert  die  Hn-'
  man * töt '  öaß  in  den  Schulen  die  geistigen  Leistungen  und  Erfolge  künstlerisch ­
  begabter,  phantasiereicher  Jünglinge  gleiche  Geltung  nnb  Würbignng
  erlangen,  wie  jene  in  ben  Bd^eru  ber  mffcnf^^aften,'aulucift  ben
abstrakten,  auf  welche  hin  ber  Staat  jene  Begünstigung  gewährt,  die
weti  sie  nur  bemittelte  Glossen  trifft,  feine  gere#  fein  sann  nnb
beai#  aur  ßoige  %at,  baß  bag  ^íei^^gewi^^t  in  ben  Beruföarten  ein
ali  g  emein  gestörtes  ist.

Um  so  mehr  aber  wäre  Gouneberg  ber  geeignetste  ^iaß  für  eine  must;
indnstiieschnle,  weil  hier  den  unbemittelten,  mehr  oder  weniger  talentüoKen
  Soglingen  fritijaeitig  (Belegenheit  geboten  wäre,  bureß  beit  Berfauf
Ujier  plastischen,  figürlichen  Modelle,  die  sie  während  des  Unterrichtes  herzustellen ­
  haben,  bei  den  Fabrikanten  der  Sonneberger  Industrie  und  den
f  oraeüanfabrifen  *)  einen  Serbiens!  #  gn  oerfeßaffen.
Wöge  bienaüfolgenbe,  0^0^06  0(1,^6^  ber^auaiubnftric
nW  001^#^^#  wütigsten  pastora  ber  @onneberger  0^ict  =
waaren  =  9Ranufaftur  nnb  bea  non  iljr  111136^611^1(^011  (BroßhanbeM
ben  Swecf  erregen,  ihnen  bie  geblt^rcnbe^nerfennnng  gn  oerfchaffeit  auutai
beibe,  namentlich  aber  ber  an  bela  staub,  uon  ber  Beber  etnea  fa^rcuben
emitiera  ber  mobernen  %atiouaí=Oefonoutiennb  @taatawiffenf^^aftcu  arg  oernnglimpft
  worden  sind,  in  Bezug  worauf  wir  auf  unser  Schlnßkapitel  verweisen.

*)  Sie  zusammen  gebrauchen  jährlich  viele  Tausende  von  Modellen
Art,  die  zumeist  rein  künstlerischen  Anforderungen  entsprechen  sollen.

verschiedenster
        <pb n="25" />
        III.

Die  Soimetrerger  Kpielmaarerr  -  Hausindustrie  und  ihr
Handel.
Ņenn  jemals  eine  Volksgruppe  glänzend  bewiesen  hat,  was  Selbsthülfe
  nm  der  Existenz  willen  vermag,  so  waren  es  die  Oberländer  des
Herzogthums  Sachsen-Meiningen,  die  Begründer  der  Spielwaareu-H
  a  n  s  i  n  d  u  st  r  i  e  t  m  Oberland  e  des  Herzogthums  Sachsen-M
  e  i  n  i  n  g  e  n.
Als  echtes  „Kind  der  Noth"  nach  den  Drangsalen  des  dreißigjährigen
Krieges  im  Dorfe  Judenbach*)  bei  Sonneberg  auf  reich  bewaldeten,  aber
gering  ergiebigen  Bergrücken  ersprossen  und  lange  Zeit  vom  Handel  der
Spielwaaren-Mntterstadt  Nürnberg  genährt  und  groß  gezogen,  ließ  sie  die
armen,  von  Kriegsnöthen  oftmals  heimgesuchten  Urheber  jenes  Hausgewerbes ­
  nicht  ahnen,  welch'  unschätzbares,  unvergängliches  Erbe  sie  geschaffen,
das  in  Form  einer  seßhaften  Hausindustrie  sie  ihren  spätesten  Nachkommen
hinterließen.
Nachdem  im  Lause  eines  Jahrhunderts  unter  den  fleißigsten,  sparsamen ­
  Arbeitern  ein  genügender  Grad  von  Schulbildung,  Geschästskenntniß
und  von  Wohlhabenheit  erreicht  war,  schickten  sie  ihre  Söhne  ins  Ausland,
in  kaufmännische  Lehre  und  auf  Reisen,  um  direkte  Handelsverbindungen
einzuleiten.
So  wuchs  seit  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  in  Sonneberg,
dem  Vororte  jener  Production,  ein  Handels-  und  sprachenknndiger  Großhandels ­
  sta  nd  empor,  dessen  Fleiß  und  Unternehmungsgeist  es  nach  und
nach  gelang,  die  Sonneberger  Spielwaaren-Haus-Jndnstrie**)
zu  welthand  el  sgeschichtlich  er  Bedeutung  zu  erheben.

*)  An  der  alten  Heerstraße  zwischen  Nürnberg-Leipzig  gelegen.
**)  Bis  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  erstreckte  sich  die  Svnneberger  Spielwaaren ­
  -  Fabrikation  blos  auf  Holz.  von  dort  ab  wandte  man  auch  Teigmasse  an,  in
Verbindung  mit  Holz.
        <pb n="26" />
        Das  jeder  selbstständigen,  von  einem  lokalen  Exporthandelsstand  gestützten ­
  Hausindustrie  zu  Grunde  liegende  sozialhumane  Moment  liegt  in
her  @e#oftigfeit  ber  ßwmlten,  in  ber  Boppeiergiehnng  %ea  9tad)üm#a
bi#  Weit  gnr  Weit  im  eiterten  ^nl^^e  für  bie  lonfenben  ^e^nfte
ber  ^abrifAtimt  nnb  ber  angíeicb.  3n  ihr  werben  (Söhne
imb  3:ö#er,  nnbe#nbet  #er  geî^^nf^i^^en  ^iterwerbthntig(ett,  gn  ihrem
Röteren  l^ebenabernfe  hernngegogen  imb  bemfelben  nicht  entfrenibet,  wie
biea  bei  gnbrifnrbeitern  beiberíei  ®eî^^ïe^^ta  nnbermeiblicher  Beife  ber
W  ist.
Forterblich  in  der  Familie,  Wie  die  Hausindustrie  an  und  für  sich,  ist
auch  Litte  und  Arbeitsweise  in  derselben,  welche  letztere  unter  einem  aus
freier  Initiative  des  Arbeiterstandes  selbst  hervorgegangenen  Systeme  der
Weitatheilnng*)  betrieben  wirb,  wie  ea  (111#^  rotioneüer  ni#  hotte
erbn#,  prämier  ni#  finite  orgnnifirt  werben  sönnen,  ßeine  ^nbnftrie
gCtgt  uns  so  wie  die  Hausindustrie,  bis  zu  welchem  Grad  der  Sicherheit
imb  ßertigfeit,  jn  gum  Shell  erftnllní^^^er  mln^^fertig!eit,  eine  bon  ßinbea«
^àaden  an  datirende  Uebung  gleichförmiger  Arbeitsverrichtung  führen  kann.
%on  ^ef^íediit  gu  ©e^lecht  bercrbt  #  bie  SinfteRigfeit  gu  frühgeitiger  Ertnngimg
  ninniieüer  ^irtiiofitot  in  ber  ^er^^eIlnng,  welche  ben  Ergebnissen
bie  niebrigften  greife  berleiht,  bie,  bor  frember  Eoncnrreng  sie  f#ihenb,
in  ben  Welthandel  sie  einführen.
Änf  bem  coíoffníen,  forinenrei^en  mifterfeibe  ber  pínftifchen  Spiel,
wnnrcn  tonn  ¡eber  feíbftftnnbige  ^niiainbiiftrieae  ein  einförmigea  @6^0^
selb  gnw  %ebniien  sich  Wählen,  bngn  er  petimiär  nt#  mehr  Mittel  gebi
  on#,  als  zum  Betrieb  eines  einfachen  Handwerkes  erforderlich  sind.
Daraus  schaffend,  kann  er  seine  Fähigkeiten  frei  entfalten,  wobei  schon
solide  Arbeit  und  Fleiß  genügen,  um  seinen  Fabrikaten  im  Handel  Geltung
zu  verschaffen.
In  soweit  wäre,  im  politisch-sozialen  Staatsleben,  die  Hausindustrie
ber  (üro&amp;amp;inbnftrie  gegenüber  ungefähr  boa,  woa  ber  freie  0niiernftniib  ist
gegenüber  beni  @rohgrnnbbe|ihc.  —  Äber  -  weil  boa  Schaffen  onf
beni  plastischen,  industriellen  Spielwnnren-Gebiete  für
jeden,  der  da  will  und  kann,  auch  ein  geistiges  ist,  so  ist

*)  Namentlich  in  der  Spielwaarenindustrie  im  Meininger  Oberlande  und  im
Sächsischen  Erzgebirge.
        <pb n="27" />
        23

jedem  Fabrikanten,  auch  dem  unbemittelten,  die  Möglichkeit
  geboten,  im  Concurrenzkampfe  mit  seinen  Fachgenossen ­
  ein  „unbegrenztes"  Erwerbsfeld  sich  zu  erringen,  darauf  er
nach  Maßgabe  seiner  Strebsamkeit,  seiner  Fachbildung  und  seiner  künstlerischen ­
  Fähigkeit  des  Erfolges  feiner  materiellen  und  geistigen  Productivität
völlig  theilhaftig  werden  kann.
Än  3#  selbst  stan  bi  g  er  ^abrif  anten,  Me  Me  bents  d,e  @pielmaaren
  =  3nbuftrie  belästigt,  steht  iie  nur  gewissen  Steigen  Mr  2eytil=Industrie
  nach,  an  volkswirthschaftlichem  Werthe  aber  wird  sie  von  keiner
anbeten  Snbnftrie  übertroffen,  soweit  beren  %abriiation
hausindustriell  betrieben  wird.  Die  Hausindustrie  stellt  auch  den
kleinen  Mann  in  seinem  Schaffen  und  Handeln  so  selbstständig  und
frei  wie  den  großen  Fabrikanten  und  setzt  ihn  mit  dem  Welthandel  in
bireften  %erfebr,  menngleid,  er  %mn  m#e  feiner  ^igniffe  ber
Vermittelung  eines  lokalen  Großhandelsstandes  sich  bedient,
welcher  der  Sorge  um  den  Verschleiß  seiner  Fabrikate  nach  Außen  auf
Credit  ihn  enthebt,  indem  er  sie  ausschließlich  gegen  Baarzahlung
ihm  abkauft,  um  verpackt,  auf  eigene  Rechnung  und  Gefahr  sie  zu  versenden.
Erst  durch  das  Bündniß  dieser  beiden  Faktoren,  der  Produktion ­
  mittelloser,  handelsunkundiger  Fabrikanten  mit  dem
Kapital  (aufmännifd,  gesamter,  nnternebmenber  m-ofi'
und  Exporthändler,  empfängt  der  Organismus  der  Ha  usin  dust  ri  e
seine  Lebenskraft  und  wächst  an  wirthschastlichem  Werthe,  in  je  weiteren
Kreisen  der  Exporthandel  den  Erzeugnissen  Absatz  verschafft.
3n  oer^iebenen  (Begenben  3)ent#lanbS,  in  Springen,  im  ^ra,  m
der  Röhn  re.  vegetiren  wie  von  Alters  her  so  heute  noch  armselige  Arbertergruppen,
  we^e  ihre  meist  groben  ^olawaareneraellgniffe  gnm  persans  ans
barite  nnb  Reffen  selbst  Raffen  müssen,  weil  (ein  ^0%#^#^  in
ihren  ^robl^^tionëorten  oorbanben  ist,  ber  mit  bem  Gim  nnb  ^erlauf  ihrer
Maaren  ¡id)  Ms#  nnb  ihre  Ärbcit  ans  bessere,  üWenbere  m^nen  len(  .
6ol(heS  MoinabenleMn,  baS  einen  iiniiberminbii(hen  Alicia  fnr  bie  Leute  bat,
lä^t  es  an  (einer  Ge#aftigfeit  in  ber  ^auSinbuftrie  (ominen  aerjtort  ben
Arbeitssinn  mb  schadet  moralisch  und  auch  pekuniär,  weil  handelsuntundige
Arbeiter,  beionberS  auf  mffen,  a^meift  @dhminblern  in  Me  Wbe  faüen.
Slnbcrcr^eits  ļìnb  ami,  bie  %&amp;amp;Ke  im  ^cininger  Dberlanbe  nnb  auSmarts
  a#reid),  basi  ^auSinbuftrieKe,  bie  meber  hanbelStmibig  noth  mo#,
habend  genug  waren,  um  mit  ihren  Erzeugnissen  direkte  Geschäfte  auf
        <pb n="28" />
        ^rebtt  machen  zu  können,  dennoch  das  Verlangen  trugen,  von  dem  lokalen
0^ort%aiibeIäftanb  #  &amp;amp;n  entangif)iren  in  ber  SKeinnng,  beffen
ßdb  ^neignen  git  sönnen,  menu  fie  %e  ^abrüate  ans  Greblt
selbst  exportrrten.  Auch  sie  fielen,  zumeist  auf  Messen,  Schwindlern  in
bie  #ibe,  an  me%  sie  einen  guten  ^eiï  %eS  %ennögenä  nerioren.

^e  ^leunaaren^erfertiger  in  ber  #në  =  ,  ^iein=  nnb
f  roßrndustrie  theilen  sich  in  zwei  Haup  tgrnppe  n,  in  Fadrif
  an  ten,  me%  bie  Baaren  fertig  fñr  ben  ßanbel  liefern,  nnb  in  bereu
^nl  sä  arbeiten*)  0cibe  @n#en  ^0^  in  meiere  mttnnqcn  nnb
bicfe  ibernin  in  eine  anßcrDrbentíi^^  große  911#%  oon  ärten.  ^ebtcrc
(  nitppe,  bte  Hülssarbeiter,  in  Siedelnng  nnb  Sitte  den  ländlichen  Handwerkern
  gleichend,  besassen  sich  mit  der  Verfertigung  von  Bestandtheilen
zu  den  Spielwaaren.  Ein  anderer  Theil  dieser  Hansindustriellen  beschäftigt
#  mit  ber  Ņrobnftion  arbinärer,  eorrenter  ^anbeWarti!eI,  befonberä  im
Quitei',  mcnn  bie  Gnitnrarbcit  nnb  baö  ^oí¿fäiten  in  ben  Balbnngen  non
r?  'ß'  ""b  mcnn  sie  i%e  eigenen  [anbmirt#aftltd)en
  Geschäfte  besorgt  haben.

Ips^s
mssm
§ä§‘SS=5
SSSÈžm
        <pb n="29" />
        25

Selten  anders  als  unter  zäher  Bewahrung  seines  angestammten  Zweigberufs, ­
  des  Ackerbaues,  befaßt  sich  der  Dorfarbeiter  mit  der  Fabrikation.
Der  entscheidende  Grund  dazu  liegt  in  der  Sittentreue  und  in  der  Tradition ­
  gediegener  Volksweisheit,  daß  einer  Familie  Existenz  nicht  ausschließlich ­
  aus  die  Gunst  des  wandelbaren  Handels,  vielmehr  auf  den  Ertrag  von
fooiel  eigener  1^61010^^#^^  gebaut  fein  foli,  ala  ber  IMe^ali  ber  Samilic
mâ^eiib  beë  2BMer8  ober  monatelang  bauernber  ungünstiger  ^anbeIa=(Sonjuncturen
  erheischt.
%  Materialien,  melice  §u  #ielmaareu  oerarbeitet  werben,  finb
zumeist  Naturerzeugnisse  billigster  Art,  daher  die  Preise  der  Fabrikate
daraus  vornehmlich  nach  dem  Grad  und  dem  Maaß  der  von  Menschenhand
auf  sie  verwandten  Mühe  und  des  damit  erreichten  Erfolges  ihre  Werthbestimmung ­
  empfangen.
Zunächst  ist  es  das  bildsame  Holz,  welches  man  als  billigstes,  zugleich ­
  dauerhaftestes  Material  in  der  Spielwaaren-Fabrikation  benutzt, ­
  zu  einfachen,  einförmigen  Drechslerwaaren,  zu  flüchtig  geschnitzten
figürlichen  Sachen  und  zu  Bestandtheilen  von  Papiermasse-Spielwaaren,  zu
Kästchen  Schachteln  k.  als  Zubehör  zu  jenen.
Zu  besser,  oft  künstlerisch  geformten  Spielwaaren  verwendet  die  Sonneberger ­
  Industrie  das  nächstbilligste  Material,  die  Papiermasse  (xapior

wnaren  -  Großhandelsstand  und  zwar  unverpackt,  gegen  baar,  nicht  an
auswär  t  i  g  e  Kun  d  s  ch  a  f  t  auf  Eredit.
Klein-  wie  Hausindustrie  sind  daher  mit  ihrem  Siß  auf  unmittelbare  Nähe
eines  Groß-  und  Exporthandelsstandes  angewiesen,  der  speziell  mit  dem  Verschleiß
ihrer  Fabrikate  sich  befaßt  und  sie  gegen  Baarzahlung  kauft.
Die  Fabrikindustrie  wird  wie  die  Kleinindustrie,  nur  umfangreicher  betrieben,
unter  technischer  und  kaufmännischer  Leitung,  weil  sie  auf  den  Selbst-Export
  ihrer  Erzeugnisse  eingerichtet  ist,  daher  sie  außer  H  an  d  e  ls  w  i  s  se  nschaft
  auch  H  andelsbetriebs-Capital  erfordert.
Die  Großindustrie  der  Porzellan-  und  Glasfabrikation  bedingt  zur  Produktion ­
  spezielle  Bauanlagen  und  Maschinen,  durch  elementare
Kräfte  betrieben,  und  Apparate  zur  Vorbereitung  der  Rohmaterialien,  Forni  en
und  Brennöfen  zur  Herstellung  der  Fabrikate  lind  Halbfabrikate,  uub  zu  Bearbeitung ­
  ,  Bemalen  und  Dekoriren  derselben,  geistige  Arbeitskräfte,  unter
technischer  und  kaufmännischer  Leitung  und  Selbst-Export  ihrer
Erzeugnisse.  ;
        <pb n="30" />
        mâché),  welche  im  ersten  Jahrzehnt  dieses  Jahrhunderts  von  dem  Kaufmann ­
  Friedrich  Müller  in  Sonneberg  eingeführt  wurde.
Während  bei  massiv  hölzernen  Waaren  jedes  einzelne  Stück  aus  freier
Wb  ge^n^t  werben  muß,  bebáis  eg  bei  bei  Sß&amp;amp;pieimaffe  mir  eineg
Modelles  aus  Thon  zu  einer  Form  aus  Schwefel  oder  Gyps,  aus
welcher  Tausende  von  Abdrücken  manuell  gewonnen  werden  können.
Den  Eigenschaften  der  Papiermasse,  daß  sie  knetbar-plastisch  in
die  Formen  eingedrückt,  nicht  gegossen  wird  und  nicht  gebrannt  zu  werden
braucht,  daß  sie  in  warmer  Zimmertemperatur  rasch  genug  erhärtet,  um
aus  ein  er  Form  ununterbrochen  Abdrücke  nehmen  zu  können,  sowie,  daß  sie
an  Billigkeit  von  keiner  anderen  Masse  übertroffen  wird,  verdankt  die
plastische  Spielwaaren-Jndnstrie  allein  den  großartigen  Aufschwung, ­
  den  sie  zumeist  im  Kreis  Sonnzeberg,  dann  in  Thüringen
und  darüber  hinaus  genommen  hat.
Während  in  der  Herstellungsweise  verschiedenartiger  Industrie-Erzeugnisse ­
  eine  wahre  Umwälzung  sich  vollzog  und  fortwährend  stattfindet,  indem
die  Großindustrie  vermöge  ihres  Capitals,  vermöge  der  Ausnützung  wissenschaftlicher ­
  Erfindungen  und  Anwendung  großartiger  maschineller  Einrichtungen ­
  den  Gewerben  einen  Handelsartikel  nach  dem  andern  abringt,
bestehen  die  Hauptgruppen  der  deutschen  Spielwaaren-Hausund
  Kleinindustrie  im  Meininger  Oberlaude  und  im  Sächsischen ­
  Erzgebirge  nicht  nur  ungeschmälert  fort,  sondern  sie  haben  alle  bedeutend ­
  sich  erweitert.  Weil  ihre  Fabrikate  nur  manuell  herzustellen
sind,  weil  jeder  Artikel  eine  verschiedenartige,  mehr  oder  weniger  geistige,
inbioibneKe  Bebanblnng  e^ei^t,  so  #en  med)ani#e  mtfel  gn  ^wnn^
hafterem  Fabrikationsbetrieb  hier  keine  Nutzanwendung,  zumal  die  Mehrzahl ­
  der  hunderttausendfältigen  Spielwaarengebilde,  um  den  wechselnden
Geschmacksrichtungen  der  verschiedenen  Völker  und  ihrer  Classen  zu  entsprechen, ­
  häufigen  Veränderungen  in  der  Gestaltung  unterzogen  werden
müssen  und  überdies  in  verhältnißmäßig  nur  kleinen  Quantitäten,  aber  in
um  so  größerer  Varietät  vom  Handel  begehrt  werden.  Deshalb  eignet  sich
nächst  dem  Holze  die  bildsame  Papiermasse  so  vortrefflich  zur  Herstellung
billigster,  figürlicher  Spielwaaren  für  die  einfachen  Verhältnisse  der  Spielwaaren-Hansindustrie, ­
  wie  sie  in  Sonneberg  und  Umgegend  betrieben  wird.
Während  bei  Fabriken  das  Wohl  und  Wehe  der  Arbeiter  häufig  nur
von  einer  Person,  dem  dirigirenden  Arbeitgeber,  abhängig  ist,  —  sind
        <pb n="31" />
        27

die  selbstständigen  Haus  -  und  Kleinindustriellen  auf  ihre  eigene  Kraft,  im
Uebrigen  lediglich  auf  die  Geschicke  des  Handels  direkt  angewiesen,  wie
Große  ^abrifantcn  au#.  S)te  (trfolge  alíer  ^aWgcWfte  baßer
ausschließlich  von  dem  beseelenden  Geiste  ihrer  Leiter  und  zwar  von  der
Stellung  ab,  die  diese  gegenüber  ihrer  Con  eu  rrenz  behaupten,  welche  das
Perpetuum  mobile  des  Fortschrittes  ist  und  ein  ewiges  Auf-  und  Niederwallen ­
  unter  den  Produktionsstätten  verursacht.  Neue  erstehen,  kräftige
proëpertren,  f#ma#e  begettren,  ein  Sßeü  rapt  ß#  auf,  ein  anderer  berf#minbet
  gang  nnb  gar  oom  9JWte.  %a,  gange  Siebelungen  bon  felbßßänbigen
  ^au8arbeitern  sonnen  bon  ißrem  Sßoben  fôrmíi#  ßinmeggearbettet
merben,  menu  ißre  3lrbeit8leißungen  anberömo  bnr#  ^af#inen  nbertropen
werden,  wie  z.  B.  bei  den  Webern.
Nicht  so  bezwingbar  find  im  Großen  und  Ganzen  die  Gruppen  der
^au8;  unb  ßleininbuftrie  in  ber  plaftif#en  6pielmaaren  =  %Ranufaftu
  r,  welche  durch  rationelle  Arbeitstheilung  unter  sich  Conglomerate
bon  na#  Saufenben  gaßlenben,  felbftftänbigen  ^abriíanten  hüben,  bcren
Schaffen  biel  zu  verschiedenartige  Manipulationen  persönlicher,  meist  geistiger,
¡a  fñnftíerif#er  Matur  erßeißßt,  ai8  baß  fokße  bnr#  3Raf#inen  geleitet
und  verdrängt  werden  könnten  —  als  daß  überhaupt  eine  fremde  Concnrren&amp;amp;
  bie  palans  ¡euer  Gruppen  auf  irgenb  einer  (Seite  ber  materiellen
oder  geistigen  Arbeit  durchbrechen  und  ihnen  corrente  Handelsartikel  abringen
  sonnte,  na#bem  ein  ^eil  ¡euer  Gruppen,  ber  materieííen  nieberßen
Produktion  ergeben,  dem  Druck  der  Concurrenz  sich  gefügt  hat  und  in  der
^crßeIIung  orbinärer  Waffen  =  %rtüeí  ans  ber  nieberßen  ^rei8ßufe  bereite
angekommen  ist.
@oI#e  Gruppen  ber  ^61^^^0118=  unb  ^Ieininbußrie,  míe  pe
im  ^etë  Sonneberg,  im  Sä#fif#en  ßrggebirgc,  in  Mürn^
berg-Fürth  und  anderen  Orten,  von  Fabriken  untermischt,  existiren,  sind
bon  ißrerS#oile  ni#t  ßinmcgguarbeiten,  -  sie  f^b  nur  an8  =
g  uß  ungern.  ^eä  gu  bemerfßeüigen  bermö#te  nur  ein  äußerer
Feind,  im  Krieg  mit  Deutschland  —  mittelst  einer  Kontinentalsperre,  —
ober  aber  die  neue  deutsche  Zollpolitik  kann  es  zu  Stande  bringen,
wenn  in  Folge  von  ihr  fremde  Länder  als  Repressalien  gegen  Deutschland ­
  ihre  Eingangszölle  auf  deutsche  Spielwaaren  bis  zu
Prohibitiv-Zöllen  erhöhen,  wie  dies  schon  länger  mit  Rußland  und
Oesterreich,  jetzt  auch  mit  Frankreich,  Schweden  und  Dänemark  thatsächlich
der  Fall  und  allem  Anschein  nach  mit  anderen  Ländern  im  Werke  ist.
        <pb n="32" />
        28

Jeder  wesentliche  Fortschritt  in  der  Herstellung  neuer,  origineller
wie  auch  jede  bedeutende  Preisermäßigung  alter,  aber  corre  nt  er
^anbeí3arttfcI  omirMteme  ÄerMiebung  ber  ^robuítiona  =
statten*)  und  somit  der  Bezugsquellen  des  Handels,  dessen
wichtigste  Aufgabe  es  ist,  unter  den  letzteren  die  besten  und
billigsten  zu  erspähen  und  zu  benutzen.

Lo  sind  auch  unter  den  in  der  Spielwaaren-,  Haus-  und  Kleinindustrie
verwandten  Gruppen  häufig  solche  Verschiebungen  in  der  Produktion  wahraunebincn,
  Wd)e  Me  %oige  einseitiger  #ertbcucrung  bei:  MobiiiatcraKen,
besonders  des  Holzes  sind,  wo  nicht  die  eine  der  anderen  gewisse  Artikel,  die
sie  vormals  unter  gegenseitiger  Concnrrenz  sabrizirten,  durch  billigere  Erzeugung ­
  abrang.  So  hat  das  Meininger  Oberland  aufhören  müssen,**)
enic  Menge  0^111^6^013^16111^^11***)  au  Verfertigen,  ineil
Me  mi  @&amp;lt;i(Wissen  (Sragebirge  bimgcrf,crgcfMtücrbc,i,  obgíeid)
bort  baa  ,#3  aua  ^ôblncn  bezogen  loerbcn  inu&amp;amp;  baa  Meininger  Oberianb
über  solches  massenhaft  exportirt.  Außer  dieser  Concnrrenz  in  Holz-Spielmaami
  unterlag  Ne  @onnebcrger3nbu^^ric  ber  freier  Eoucurrena  (soeben)
m  orbutdren  bölaernen  Eiicberboden,  ama  guten  %bcil  ber  ^ö^^if^^en  in
roben  Holzwaaren  unb  Schachteln  unb  der  auf  dem  Bayerischen  Wald  in
Holzdraht,  Zündhölzern  k.

ber  Einführung  ber  ^  a  p  i  e  r  in  a  f  f  e  in  @  o  n  n  c  b  e  r  g  ersero#  ber
fabrikmäßige  Betrieb  in  der  bis  dahin  rein  als  Hausindustrie  betriebenen ­
  Sp  ietwa  aren-Manufaktur,  indem  Friedrich  Müller  zuerst
die  Fabrikation  von  Puppenköpfen  derartig  betrieb.
Aber  so  viel  Nachahmung  diese  Fabrikationsweise  auch  fand,  so  konnte
üe  bia  beute  bod)  nur  auf  bie  forrenteften  Gpielmaarcn,  uwucutm  auf
Rispen,  ^u^penfDbfe  unb  möfen  fid)  erftreden,  beim  foincit  baa  uiige=)

  tu  Folge  künstlichen  Hinaufschraubens  der  Holzpreise,
mente  @ficlfa(bcn,  Ißu^en,  @cn,cbic;  3nftm
        <pb n="33" />
        29

heure  Prodnctionsfeld  zwischen  „Arbeit  daheim"  und  „Arbeit  in
der  Fabrik"  sich  irgendwie  theilen  ließ,  zog  stets  mit  Erfolg  die  Hausindustrie ­
  den  Theil  an  sich,  der  ihren  räumlichen  und  pekuniären  Verhältnissen ­
  sich  anpassen  ließ.  Schließt  dieser  Theil  auch  nicht  die  correntesten
Handelsartikel  in  sich,  so  umfaßt  er  doch  den  an  Mannigfaltigkeit  plastischer
Gebilde  reichsten  Theil,  die  von  der  Gestaltung  niederster  Art  bis  hinauf
zur  Kunst  an  einander  sich  reihen.
Zudem  bildet  hier  die  Handelsindustrie  die  Grundpfeiler
der  Klein-  und  der  Fabrikindustrie  im  Spielwaarenfach,  auf  welche
beide  sich  stützen,  indem  sie  die  Mehrzahl  der  Bestandtheile  ihrer  Fabrikate
von  der  Hausindustrie  verfertigen  lassen,  welche  sie  so  billig  wie  jene
nicht  produziren  können.
Unabhängigkeit  und  Freiheit  in  der  Bewegung  des  selbstständigen
Schaffens,  Arbeit  für  eigene  Rechnung  im  Kreis  der  Familie,  die  Mithülfe
derselben  im  Ringen  um  die  Existenz  und  im  Streben  nach  Verbesserung
derselben,  sind  die  Faktoren,  welche  der  selbstständige  n  Hausindustrie
im  Spielwaarengebiet  die  mächtige  Anziehungskraft  verleihen,  zugleich
d#  01^0^0^  leisten,  bd^  bon  beb  nnb  beT  @elb^^^^dnbtg=Mt
  ber  Metter  ###  nnb  geistig  nte^  nnb  größere  Erfolge  an  erwarten
  stehen,  als  von  der  Lohnarbeit  in  Fabriken,  zumal  jene  unter  dem
Drucke  der  freien  Concurrenz,  der  altbewährten  Geißel  alles  Stillstandes
zu  arbeiten  haben,  —  letztere  nicht.  Weil  jene  Geißel  direkt  immer  nur
den  Arbeitgeber,  nicht  seine  Arbeiter  trifft,  so  kommt  es,  daß  Fabrikarbeiter ­
  wie  alle  in  das  Wesen  der  Industrie  und  des  Handels  nicht  Eingeweihte ­
  den  Druck  der  äußeren  Concurrenz  als  einen  willkürlichen,
von  des  Arbeitgebers  Eigennutz  ausgehenden  zu  betrachten  nur  zu  gerne
geneigt  sind.  Denn  außerhalb  des  Concurrenz  -  Wettkampfplatzes  stehend,
entfernt  von  dem  Getriebe  von  Industrie  und  Handel  und  dem  Mechanismus ­
  derselben,  werden  sie  durch  äußerliche  Erscheinungen  nur  zu  leicht  geblendet ­
  und  irre  geführt.
Klein-  und  Fabrikindnstrie,  die  neuerer  Zeit  zur  Puppenfabrikation ­
  massenhaft  erstand,  erfordern  eine  noch  ausgeprägtere  Arbeitstheilung
als  die  Hausindustrie  und  auch  größeres  Anlage-  und  Betriebscapital,
annidi  die  Fabrikindustrie,  welche  ihre  Erzeugnisse  selbst  in  den  Handel
einführt,  weshalb  handelswissenschaftliche  und  technische  Kenntnisse  bei  ihr
gepaart  sein  müssen.
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3)er  #nbcl3ftmib  $imã(^ft  ist  eë,  bem  bie  üûden  in  feiner  Snbnftrie
fid)  geigen,  nnb  mcil  fcincriei  intelligente  ^(ifte,  gefoult  für  bic  Şlaftif
ber  Spielwaaren-Jnbustrie,  ans  anbeten  Kreisen,  als  aus  denen  ber  Spielwaaren
  =  3nbnftrie  selbst,  beren  Gebiet  betreten,  ber  ĢanbeWstanb  aber  mie
in  allen  Fächern  so  auch  im  Spielwaarenfache  überfüllt  worben  ist,  so  ist
die  natürliche  Folge,  daß  kaufmännisch  erzogene  junge  Kräfte  einen  Theil
%e3  ^apital8  ber  Snbnftrie  gumenben,  um  selbst  auf  %en  gelbem  grumte
gu  bnnen,  mie  jie  ber  ^anbeí  verlangt,  erregt  bie  mein=  unb  gabrif=Snbuftrle
  au^er  i^em  materieüen  Mcminn  and)  geistige  Erfolge  be§  gortfchrittes,
  feijafft  sie  Neues,  Besseres,  Originelleres,  wouad)  der  Welthandel
allezeit  sud)t  —  so  wirkt  ihr  Schaffen  befruchtend  auf  die  Hausindustrie  und
übt  günstigen  Einfluß  zugleich  auf  ben  Handel  aus.  Denn  bei  der  int
Sonneberger  Spielwaareufach  ziemlich  allgemeinen  Erflndungsarmuth  lauert
die  raubgierige  Coueurrenz  der  niederen  Production  auf  das  Erscheinen
jeder,  auch  der  geringfügigsten  Novität  und  ihre  Schaaren  stürzen  sich  auf
bereit  ^ad)a^mung,  nm  frifd)e  %a^rungëguedeu  fid)  gn  er^l^en,  inbent
sie  die  Fabrikate  geistärmer  und  zu  billigeren  Preisen  für  niedere  Volksclaffen
  ^er^^eüen.  ^ibigt  Mein:  nnb  gabri^gnbuftrie  bent  gort^ritte
nid)t,  arbeitet  sie  blos  nach  Gewinn,  so  wird  sie  nicht  nur  nicht  gedeihen,
vielmehr  bald  der  Coueurrenz  unterliegen,  weil  sie  theuerer  arbeitet  als
die  Haus-  und  Kleiu-Judustrie.
So  hoch  auch  die  Stufen  der  plastischen  Spielwaaren-Judustrie  in  das
reine  ^nftgebiet  i)tneinragen,  so  fe^  ber  3Beít^anbeí  an  gelegenen,
tünftlerifd)en  Spiels  a^^en  Mangel  leibet,  —  tro$bem  er  für  fo^e  fe^-  gute
Preise  bietet,  —  zur  weltberühmten  Souueberger  Spielwaaren-Judustrie
und  zu  ihren  kunstverwandten  Nebeuzweigen  ist  noch  kein  Knustschüler,
kein  Polytechniker  herabgestiegen,  viel  weniger  einer  derjenigen
Akademiker,  die  nicht  bis  zur  Höhe  der  reinen  Kunst  emporgekommen
sind.  In  Fr  au  kr  e  id)  ist  das  anders.  Dort  empfängt  die  Kuustindustrie
bis  herab  zu  der  int  Spielwaarenfache  ihre  Befruchtung  direkt  von  den
bildenden  Künsten,  daher  die  Ueberlegeuheit  der  Pariser  in  fast  allen  Kunstiudustriezweigeu.
  In  Deutschland  empfängt  die  Spielwaareuiudustrie
ihre  Befrud)tung  von  einzelnen  talentvollen  Autodidakten,  die  Mutter-Natur
  der  heimischen  Industrie  geboren  und  erhalten  hat,  und  —  von  jungen
Kaufleuten,  welche  eine  der  Fabrikation  entsprechende  ted)uische  nnb
künstlerische  Bildung  nicht  genossen  haben.  Ihren  Zuwad)s  an  ausführenden
Arbeitskräften  aber  empfängt  diese  Industrie  zumeist  aus  den  niedrigsten

vr.
        <pb n="35" />
        31

Classen  der  weiten  Umgegend,  aus  einer  Jugend,  die  jegliches  Zeichenunterrichtes ­
  entbehrt  hat.
So  zehrt  jetzt  die  Sonneberger  Industrie  vornehmlich  vom  materiellen ­
  Theil  der  Erbschaft  ihrer  Urväter.  Geistig  sind  die  Schatze  derselben
zum  allergeringsten  Theil  gehoben.  Der  Welthandel  zeigt  die  Richtung,  wo  sie
liegen,  aber  zum  Heben  derselben  ist  die  Wünschelruthe:  „Bildung"  nöthig,
die  als  idealer  Schutz,  weit  über  alle  Monopole  und  Schutzzölle  gehend,
nur  von  den  bildenden  Künsten*)  ihr  wie  der  gesummten  Spielwaarenindustrie
  verliehen  werden  kann.

Spielwaaren,  so  weit  der  Handel  sie  trägt,  in  allen  Ländern,  in
allen  Volksschichten,  in  den  Palästen  der  Reichen  und  in  den  Hütten  der
Armen,  sind  sie  willkommene  Gaben,  angethan,  das  Auge  zu  erfreuen,  das
Gemüth  zu  erheitern,  den  Geist  zu  unterhalten  und  zu  belehren.  Sie  haben
den  hohen  künstlerischen  Anforderungen  der  gebildeten  Classen  zu  entsprechen, ­
  durch  naturalistische  Formentreue  ihrer  Gebilde,  die  als  Alphabet
der  Kunst  sie  gelten  läßt,  den  jugendlichen  Formensinn  zu  schärfen  und
zu  bilden.  Aber  nicht  minder  auch  hat  die  Fabrikation  den  Anforderungen
der  zahlreichsten  Menschen,  welche  die  mittleren  und  niederen  Volkscla
  ss  en  ausmachen,  gerecht  zu  werden,  und  zwar  unter  Berücksichtigung  ihrer
pekuniären  Verhältnisse,  zumal  der  untersten  Volksschichten,  deren  consumirender
  Theil  mit  den  geistärmsten,  billigsten  Produkten  des  Materialismus ­
  völlig  sich  begnügt.
Darum  ist  der  goldene  Boden  des  unabsehbar  ausgedehnten  Spielwaarenfeldes
  ein  unerschöpflich  ergiebiger  wie  für  alles
materielle,  so  auch  für  alles  geistige  Schaffen  —  vornehmlich  in
der  Plastik  der  Sonneberger  Waaren.

*)  Mit  den  Wissenschaften,  selbst  den  Naturwissenschaften  steht  die  plastische  Industrie,
darunter  die  der  Spielwaaren-Manufaktur,  in  keinerlei  direkter  Beziehung.  Außer  der
Galvanoplastik  hat  sie  nur  der  Chemie  eine  Anzahl  Farben  zu  verdanken,  von  denen
jedoch  ein  guter  Theil  von  einer  anderen  Wissenschaft  (der  Hygiene)  zur  Anwendung
ihnen  verboten  worden  ist.  Weil  international  noch  nicht  festgestellt  ist,  welche
Farben  an  Spielwaaren  schädlich  oder  unschädlich  sind,  so  ist  das  Urtheil  darüber ­
  der  Willkür  der  Sanitätspolizei  eines  jeden  fremden  Zollgrenzortes  anheim
gegeben,  wodurch  dem  deutschen  Aktivhandel,  namentlich  im  Spielwaarenfache,  eine
höchst  empfindliche  Schädigung  erwächst.
        <pb n="36" />
        Jedem  Fabrikanten,  zumal  dem  Städter,  und  sei  er  auch  der  kleinste
Hausindustrielle,  der  selbstständig  und  direkt  für  den  Welthandel  arbeitet,
liegen  Me  Segnungen  Mffelben  aüegett  bor  Singen.  @r  braud)t  nur  au9
feiner  @nge  auf  Me  @trn^e  gn  fd)auen.  3n  Mm  Meigeftaltigften  treiben
M§  wtrt^f(^astlt^^en  nnb  ^anbel9gef^^âft9Derte^r9  um  i^t  ^erunt  offenbaren
sich  ihm  die  äußeren  Merkmale  des  Segens  des  Handels  durch  die  Erfolge
der  Strebsamkeit  seiner  Mitmenschen  in  allen  Gewerben.  Deutlichst  erkennt
er  sie  unter  seinen  Fachgenossen.
^^#6  ^nfer  geigen  i^n  Me  Më  ##9,  Mr
Gparfamfett,  be9  geistigen  gortf^^rttte9.  Gie  finì)  erbaut  Don  ®emcrbetretbeuben
  unb  %abnfanteu,  Me  er  al9  arme  Se^jungen  gesaunt,  Me  burd)
itérer  ^äuM  Weit  wo^í^abeub,  ja  re^  geworben  finb.  Slber  er  fiel)t  guaiettí)
  au^^  ba9  ®egent^etl.  3n  ben  ^a^^^^ñb^^en  wol)uen  ebenfaM  Wri'
kanten;  auch  sie  sind  ihm  von  Jugend  an  bekannt,  aber  als  leichtsinnig
ober  faul.  Gte  i)aben  ntd)t9  gelernt,  waren  íet^^tIebtg  unb  sonnen  ¡e¿t
tnt  Alter  sich  und  ihre  Familien  nur  nothdürftig  ernähren.
^o^e  etttbrüde,  Me  jeber,  ber  ein  offeneë  Singe  #t,  auf  ben  Straßen
und  in  den  Häusern  VON  Sonneberg  in  kurzer  Zeit  gewinnen  kann,  sind  die
eflatantefte  üe^e  für  ben,  ber  oou  betn  Gegen  ber  SnMiftrie,  nic^t  blo9  Don
betn  M9  ^anbel9  #  üMrgeugen  will,  obfd)on  selbst  unter  Mm  ßaufmann9=staube,
  ttieilê  burd)  eigene  %erf^^ulbung,  ^cilê  bui^  gefd)âftít^^e%er  =
lüfte  es  allezeit  auch  Unbemittelte,  ja  Arme  giebt.
Solche  Eindrücke  sind  es  eben,  die  unter  einer  freien  selbstständigen
Strbeiterbeoõíferuitg  eine  un^a^are,  au^erûrbeutít^^e  ^^11^9%*%  auf
diejenigen  ausüben,  bereit  Thatkraft  durch  die  Concurrenz  erst  angespornt
werben  muß,  um  fid)  me^  unb  besser  ^erDorgut^un,  ube^au^t  an  #0^#%
gu  benfen  unb  Har  gu  fe^en,  wie  gered)t  unb  strenge  ber  ^anbeí  Me
Arbeit  lohnt,  die  materielle,  geistlose  schlecht,  diesolide,  durchdachte ­
  Arbeit  gut,  die  erfinberifd)e  und  künstlerische  glänzend. ­
  Gar  Mancher,  wenn  er  Andere  durch  bessere  oder  vermehrte  Arbeitsleistungen ­
  vorwärts  kommen  sieht,  schickt  zum  Wettkamps  der  Arbeit  nach
besserem  Gewinne  und  höherem  Erfolge  mit  seinen  Fachgenossen  sich  an,
wenigstens  greift  er  fr#  gur  Slrbeit,  feine  ^e^ttlfen  gu  ücrme^rtem  #let&amp;amp;
anspornend,  mit  der  Mahnung  „Zeit  ist  Geld!"
So  pulsirt  der  Welthandel  auch  in  den  Adern  des  kleinsten  Heimarbeiters, ­
  dem  in  seiner  entlegenen  Waldhütte  der  Landpostbote  einen
        <pb n="37" />
        83

Antheil  von  der  Bestellung  überbringst  welche  dem  Kaufmann  aus  dem  Lande
der  Antipoden  zugekommen  ist.
Das  Arb  ei  1s  leb  en  der  selbstständigen  Hausindustriellen  ist  ein  gesellschaftliches. ­
  Meister  und  Gehülfen  haben  einander  in  die  Hände  zu
arbeiten.  Eine  Unterhaltung  und  ein  Ideenaustausch  kann  zwischen  ihnen  stattfinden, ­
  unbeschadet  der  nöthigen  Flinkheit  und  Aufmerksamkeit  bei  der  Arbeitsverrichtung. ­
  Daher  verbannt  auch  der  Meister  den  Humor  und  Mutterwitz  und
auch  den  Gesang  eines  Liedes  nicht  vom  Arbeitstische,  vielmehr  begrüßt  er  sie
als  willkommene  Gäste,  zur  Arbeit  anzufrischen.  Ja,  er  zieht  dazu  noch  andere
liebe  Gäste  bei.  Vögel,  die  er  im  Herbst  auf  dem  nahen  bewaldeten  Bergrücken ­
  selbst  gefangen,  sollen  durch  ihren  Gesang  bei  der  Arbeit  ihn  ergötzen.
Er  macht  so  die  Thierchen  zu  Schicksalsgefährten  seiner  und  der  Seinigen,
die  Jahr  aus  Jahr  ein  an  den  Werktagen  von  frühem  Morgen  bis  spät  in
die  Nacht  in  die  Werkstube  gebannt,  die  allbelebende  Frische  der  freien
Waldesluft  entbehren  müssen.
Solche  „Poesie  in  der  Arbeitsstube"  des  Hausindnstriellen  herrscht
schon  weniger  in  der  des  kleinen  städtischen  Fabrikanten  und  sie  ist  gänzlich
verpönt  in  den  Fabriken,  wo  die  Arbeit  in  strenger  Ordnung  geschäftsmäßig ­
  betrieben  wird.
Die  Segnungen  des  Welthandels  bestehen  für  die  Sonneberger
Industrie  in  dem  fast  ununterbrochenen,  gleichmäßigen  Bedarf  von  Waaren,
wie  solcher  nur  durch  einen  über  alle  Länder  der  Erde  verbreiteten  Consum
herbeigeführt  werden  kann.  Während  Bestellungen  auf  Waaren,  etwa  für
Weihnachten,  aus  entferntesten  Gegenden  wie  Indien  und  Australien,  schon
zu  Anfang  des  Jahres  am  Produetionsorte  eintreffen  und  ausgeführt  werden
müssen,  sind  für  minder  entfernte  Länder  wie  Amerika,  die  Aufträge  erst
gegen  Mitte  des  Jahres  auszuführen,  für  nähere  Gegenden  noch  später,  für
den  Bedarf  des  Heimathlandes  zuletzt.
Durch  die  Transportzeit,  bedingt  durch  die  verschiedenen  Entfernungen
der  consumirenden  Länder  vom  Orte  der  Production,  vertheilt  sich  der  Weltmarkts-Waarenbedarf
  fast  auf  alle  Monate  des  Jahres,  somit  auch  die  Beschäftigung ­
  und  der  Verdienst  der  Fabrikanten.
Weiter  führt  der  Welthandel  für  die  Industrie  den  Vortheil  mit  sich,
daß  er  die  für  neue  Handelsartikel  gezahlten  höheren  Preise  auf
längere  Zeit  hinaus  stabil  erhält.  Denn,  ist  ein  deutsches  Fabrikat  neu
in  Deutschland  in  den  ersten  Monaten  des  Jahres,  so  kommt  es  in  Amerika
3
        <pb n="38" />
        34

erst  gegen  Mitte  des  Jahres  als  Novität  zu  Markt,  in  Australien  erst  zu
Ende  des  Jahres,  —  in  Folge  der  längeren  Transportzeit.
Weil  die  Bevölkerung  der  Erde  zum  weitaus  größten  Theil  arme,
gering  bemittelte  und  uncivilisirte  Menschen  in  sich  schließt,  so  erfordert  der
Welthandel  zu  deren  Versorgung  eine  entsprechende  große  Mehrzahl
von  Waaren  billigster  Herstellung,  die,  flüchtig  gearbeitet,  selbstverständlich ­
  nur  von  geringer  und  geringster  Qualität  sein  können?)
Industrie  und  Handel,  der  Menschheit  bereitwillige  Diener,  haben
allezeit  genau  nach  den  Bedürfnissen  der  Consumenten  und  ihren
Ansprüchen  sich  zu  richten,  und  je  gründlicher  sie  dies  thun,  desto  mehr
fördern  sie  ihr  eigenes  und  gemeinschaftliches  Interesse.
Besonders  leicht  fällt  es  der  Production,  den  Welthandel  mit  ordinären
Erzeugnissen  zu  versorgen,  und  zwar  um  so  leichter,  je  ordinärer,  geistloser  der
Handel  sie  verlangt,  denn  um  so  rascher  kann  sich  der  Fabrikant  billige
Hülsskräste  dazu  heranziehen.  Um  so  früher  und  zahlreicher  erwächst  freilich
auch  die  Concurreuz  den  Produzenten  ans  jenen  Lehr-  und  Hülfskräften,
die  ganz  in  dem  Verhältnisse  sich  vermehrt,  wie  die  Nachfrage  nach  ihren
Erzeugnissen  im  Handel  steigt.  Der  massenhafte  Bedarf  und  der  regelmäßige ­
  Absatz  solcher  Waaren  für  die  untersten  Volksclassen  veranlaßt  wohl
einen  Theil  des  Handelsstandes,  Geschäfte  damit  zu  treiben,  ein  anderer
Theil  jedoch  befaßt  sich  nur  mit  besseren  Waareu  und  soweit  er  solche  von
seiner  heimathlichen  Industrie  nicht  geliefert  erhält,  bezieht  er  sie  von
auswärtigen  Fabriken.
Jede  Handelsstockung  bewirkt  alsbald  das  Angebot  der  niederen
Arbeiterclassen,  weil  deren  Existenz  ununterbrochene  Arbeit  und  regelmäßigen
Absatz  erheischt.  Durch  diese  Angebote  werden  ausschließlich  die  Kaufleute
in  den  Stand  gesetzt,  die  Fabrikate  nach  ihrem  Werthe  zu  prüfen,  nach  den
Preisen  sie  zu  vergleichen,  qualitativ  gegenseitig  sie  abzuwägen  und  die
Preise  zu  nor  mir  en.  Indem  so  der  Kaufmann  die  erforderlichen
Waarenkenntnisse  sich  aneignet,  die  bei  seinen  Bestellungen  überhaupt
*)  Privatstatistische  Ermittelungen  des  Consums  Sonneberger  Spielwaaren  in
Deutschland  und  in  England  ergaben,  daß  von  hundert  Stück  Spielsachen  70  auf  ordinäre, ­
  25  auf  mittlere  und  5  auf  feine  Sorten  entfallen.  Andere  Länder,  welche  der,
Eingangszoll  auf  Spielwaaren  nach  dem  Gewicht  derselben  erheben,  können  nicht  in
Vergleich  gezogen  werden,  da  sie  die  Einfuhr  ordinärer  Spielwaaren  meist  fast  unmöglich ­
  machen.
        <pb n="39" />
        35

ihn  zu  leiten  haben,  muß  er  das  Resultat  seiner  gewonnenen  Ueberzeugung
gestreng  zu  seiner  Richtung  nehmen,  denn  bei  massenhaft  begehrten  Handelsartikeln ­
  handelt  es  sich  häufig  um  wenige  Pfennige  Preisdifferenz  sür's
Dutzend,  ob  das  eine  oder  das  andere  Großhandlungshaus  den  Auftrag
empfängt.  Kauft  das  eine  um  diese  Differenz  zu  theuer  von  der  Production,
so  geht  es  dafür  der  Bestellung  verlustig,  wo  nicht  gar  der  Kundschaft  selbst.
Denn  auch  diese,  die  Imp  or  teure  und  Detail  li  st  en  arbeiten  unter
C  o  neurrenz.  Um  sich  ihr  Absatzgebiet  nicht  schmälern  zu  lassen,  müssen  auch
sie  allezeit  auf  der  Luge  sein,  für  ihren  Waarenbedars  die  billigsten  Bezugsquellen ­
  zu  erspähen.  Sie  verlangen  und  erwarten  von  ihren  Vertretern,  den
Kaufleuten  am  Orte  der  Production,  daß  sie  der  letzteren  gegenüber  ihr  Interesse ­
  wahrnehmen,  sowohl  in  Bezug  auf  die  Qualität  der  zu  vereinbarten
Preisen  zu  besorgenden  Waaren,  wie  namentlich  auf  die  Preisreductionen
correnter  Sorten,  wie  solche,  durch  die  Concurrenz  herbeigeführt,  in  der  Production ­
  oft  unvermuthet  vorkommen,  auf  daß  auch  sie  ihren  Abnehmern,
den  Konsumenten  solche  sofort  theilhaftig  werden  lassen,  sobald  ihre
Concurrenz  es  thut.
Daß  dies  gewissenhaft  geschieht,  dafür  sorgt  am  sichersten  der  gefürchtete
strenge  Popanz,  die  Concurrenz  unter  den  Kaufleuten.
Jedes  industrielle  Geschäft,  auch  das  des  kleinsten  Hausindustriellen,
ist  auf  Massenproduktion  und  folglich  auch  auf  Massenabsatz  angewiesen. ­
  Letzteren  möglichst  ohne  Unterbrechung  herbeizuführen,  ist  die  Aufgabe ­
  und  das  Interesse  eines  den  Sitz  der  Produktion  theilenden  Exporttz
  and  eisstand  es.  Dieser  sammelt  die  von  verschiedenen  Fabrikanten  gekauften ­
  Waaren,  bis  alle  zur  Completirung  der  Aufträge  eingegangen  sind.  Um
solche  schneller  ausführen  zu  können,  kauft  die  Mehrzahl  der  Sonneberger
Handelshäuser  Waaren  auf  Lager,  die  nicht  jederzeit  in  genügender  Menge
von  den  Fabrikanten  zu  beschaffen  sind,  oder  solche,  die  man  allein  vom
Fabrikanten  beziehen  will,  um  sie  im  Handel  der  Concurrenz  zu  entziehen.
Oder  auch  die  Kaufleute  alle  benützen  den  Tiefgang  der
Preise  correnter  Waaren,  indem  sie  auf  Lager  kaufen.  Dies
zu  thun,  fordert  das  Interesse  eines  jeden  Großhändlers,  der  unter  Concurrenz ­
  arbeitet,  sowohl  dem  Fabrikantenstand  gegenüber,  welcher  beschäftigt
sein  will,  und  den  an  sich  zu  fesseln  in  seinem  Interesse  liegt,  als  auch  seiner
Kundschaft  gegenüber,  welche  nur  so  lange  ihm  treu  bleibt,  als  er  sie  gleich
3  *
        <pb n="40" />
        36

1

Vortheilhaft,  ebenso  schnell  und  ebenso  billig  wie  jedes  andere  Geschäftshaus
bedient.  So  ist  das  Verhältniß  zwischen  Großhandel  und  der
Produktion  selbstständiger  Fabrikanten  überall  und  kann  übrigens
im  Interesse  des  Consumè  auch  nicht  anders  sein.*)
In  allen  Fällen,  wenn  der  Großhandelsstand  Waaren  au  f  La  g  er  gegen
baar  einkauft,  selbst  wenn  er  einen  Vortheil  dabei  hat,  erweist  er  sich  dem
Arbeiterstand  gegenüber  als  wahrer  Bundesgenosse,  und  dies  mit  so  mehr,
je  stärker  das  Angebot  ist.  Für  die  Humanität  aber,  die  dabei  der  Kaufmann ­
  an  den  Fabrikanten  übt,  und  wenn  er  in  Zeiten  der  Noth  als  Rathgeber ­
  und  Belehrer  an  ihnen  sich  bethätigt,  lohnt  ihn  bei  Wiederkehr  geschäftsreger ­
  Zeit,  da  es  an  schaffenden  Händen  fehlt,  —  die  Anhänglichkeit
und  Dankbarkeit  jener.
So  unentbehrlich  wie  für  Haus-  und  Kleinindnstrie  am  Orte  der
Produktion  ein  ansässiger  Export-Großhandels  st  a  nd,  so  unumgänglich
ist  auch  für  den  auswärtigen  Großhandel  des  Importes  ein  solcher,
zumal  im  Spielwaarensache,  weil  darin  die  Muster-Auswahl  eine  außerordentlich ­
  große,  vielfältige  und  die  Zahl  der  Fabrikanten  eine  nicht  viel  geringere  ist.
Deshalb  können,  außer  von  correnten  Sorten  Puppen  und  wenigen  anderen
Artikeln  auswärtige  Käufer  ihren  Waarenbedarf  von  den  einzelnen  Fabrikanten
direkt  nicht  beziehen,  abgesehen  davon,  daß  die  Mehrzahl  dieser  keine  Geschäfte
ans  Credit  hin  machen  kann  ,  wozu  Betriebskapital,  Haudelswissenschaft  und
Sprachkenntniß  nöthig  ist,  und  daß  viele  Fabrikanten  überhaupt  keinen
Exporthandel  mit  ihren  Fabrikaten  treiben  mögen,  vielmehr  nur  gegen
baar  an  den  lokalen  Großhandel  sie  zu  verkaufen  vorziehen.
Je  massenhafter  fremde  Großhändler  Waaren  importiren,  um  so
eifriger  in  der  Regel  suchen  Exporthändler  und  Fabrikanten  sie  als  Abnehmer
zu  gewinnen,  weil  Massen-Produktion  und  Massen-Absatz,  selbst  wenn  sie  zu
erniedrigten  Preisen  geschehen,  mancherlei  Vortheile  bieten.  Deshalb  kaufen
auch  Großhändler  Waaren  in  bedeutenden  Quantitäten  billiger  als
Kleinhändler  und  Detaillisten;  besonders  wenn  diese  ihre  Waaren-Einkäuse
  auf  Messen  rc.  persönlich  machen  und  durch  unverhültnißmäßige
hohe  Spesen  den  Consumenten  die  Waaren  vertheuern.  So  kommt  es  denn,
daß  in  England,  Dank  der  Vermittelung  eines  Großhandels  dort,

*)  Siehe  Seite  23,  38,  42,  43.
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        37

deutsche  Spielwaaren  ebenso  billig,  zum  Theil  billiger  zu  kaufen
sind  als  wie  in  Deutschland  selbst*).

Je  erfindungsärmer  der  überwiegende  Theil  einer  plastischen  Industrie-Gruppe
  ist,  desto  geistärmer  wird  deren  individuelle  Handarbeit  und  um  so
gieriger  zieht  sie  die  Geistesarbeit  ihres  Faches  in  den  Sumpf  des  Materialismus, ­
  darin  er  seine  Nahrung  findet.
Und  in  der  That,  noch  ehe  der  Erdenker  eines  originellen  Handelsartikels ­
  einen  entsprechenden  pekuniären  Nutzen  vom  Erfolge  seines  geistigen
Schaffens  hat,  indem  er  ihn  für  die  besseren  Classen  solid  fabrizirt,  weil
diese  für  geschmackvolle  Arbeit  gute  Preise  zahlen,  stürzen  sich  Dutzende  von
Fabrikanten  auf  dessen  Nachahmung,  um  ihn  in  ordinärer  Qualität
billiger  für  die  zahlreicheren  Mittelclassen  herzustellen  und
Hunderte  gehen  nach  und  nach  auf  dessen  nochmalige  Verschlechterung  der
Qualität  aus,  um  ihn  zu  allerniedrigsten  Preisen  den  untersten  Volksschichten ­
  zugänglich  zu  machen.

Genau  den  Graden  der  Geschmacksbildnng  und  des  Wohlstandes,
welche  die  verschiedenen  Classen  aller  eivilisirten  Länder  von  einander  abschichten, ­
  entspricht  der  Consum  in  jedem  Lande.  Nach  ihm  richtet  sich
dessen  Im  porthandel,  indem  er  seinen  Bedarf  nach  den  Stufen  mißt,
auf  denen  seine  Kundschaft  steht,  und  seine  Bestellungen  nach  Preisen  ertheilt,
welche  inclusive  der  Transport-  und  anderer  Unkosten,  auch  inclusive  seines
und  der  Detaillisten  Nutzen,  dem  Werth  der  in  seinem  Lande  couranten

*)  Man  vergleiche  Puppen,  Pferde,  Esel  und  andere  beliebte  Spielwaaren  zu  10,
50  Pf.,  zu  1,  1^2  und  2  Mark  rc.  in  deutschen  großstädtischen  Läden  mit  solchen  zu
den  entsprechenden  Preisen  in  vornehmen  Spielwaarenläden  Englands,  namentlich  in
London,  und  man  wird  diese  Behauptung  völlig  bestätigt  finden.  Freilich  ist  hierbei
in  Betracht  zu  ziehen,  daß  der  Engländer  bei  seinen  Einkäufen  geringfügiger  Alltags-Luxus-
  und  Gebrauchssachen  wie  Spielsachen  überhaupt  praktischer  verfährt  als  der
Deutsche.  Jener  bestimmt  im  Voraus  die  Münze,  um  die  er  kaufen  will,
letzterer  fragt  nach  dem  Preise.  Darum  hat  der  Engländer  nur  mit  einem
Faktor,  der  Waaren-Qualität,  der  Deutsche  aber  mit  zwei  Faktoren,  der  Qualität  und
dem  Preise,  resp.  Werth,  zu  rechnen.  Dieser  erschwert  sich,  jener  erleichtert  sich  das
Geschäft  und  erlangt  Kenntniß  des  Werthes  der  Waaren  viel  leichter.
mit  Ausnahme  der  in  Deutschland  erst  neuerer  Zeit  sporadisch  auftretenden  10  und  50  Pfennigs-Artikel-Verkaussläden,
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        Münzen  entsprechen,')  nach  welchen  das  Publikum  seine  Einkäufe  zu
machen  pflegt.  So  kauft  es  in  Deutschland  vorzugsweise  Spielwaaren,  welche
in  die  Detailpreise  passen
äu:  10,  20,  25,  30,  40,  50  ^  1,  1,50,  2,-in
  England,  zu:  1,  2,  3,  4,  0d,  l  sh  —,  lshOd,  2  sh  —  re.,
in  Ämerifa,  an:  5,  10,  25,  50,  75  Genta,  1  ^Har  x.
imi)  zwar  lauten  die  Bestellungen  bei  zunehmenden  Preisen  in  abfallenden
Quantitäten,  etüa  mie  100  %b.,  80  ^b.,  60  %b.,  40  ^b.  x.
Seil  allenthalben  das  Publikum  die  Verkaufsstellen  ausforscht,  von  welchen
an  bestimmten  Reifen  bie  besten,  größten  unb  fünften  Sauren  an  fiaben
(mb,  so  fi#  bie  Go  neu  r  rena  ber  ben  ^etaiI^anbeI  oerforgenbenSm^on
teure  jeberaeit  eifrig  n#  ben  billigsten  VeaugSgiieden  am  Qrt  ber  &amp;lt;ßrobuction.
  Sie  benutzt  dazu  bie  Goncurrenz  unter  den  Exporthäusern,  die
ihrerseits  die  Eoncurrenz  unter  den  Prodnzente  n  anfsnchen,  um  womöglich
lenen  änforberungen  entffred,en  au  sönnen,  bie  fd,ließlid)  alle  bod)
nur  ben  Gonfumenten  au  dunsten  (ominen.
^eiMníicb  gef#en  fold)c  VreiSrebuctionen  non  einer  Şreiäftufe
aur  na#  nieberen  unb  fiaren  ¡cbcSmaí  für  bie  Sßrobuctton  unb  ben  Aanbel
ben  Vortheil  mit  sich,  daß  der  Waarenabsatz  wesentlich  gesteigert  wird
@te  merben  entmeber  auf  gegenseitige  Vereinbarung  am#en  Kaufmann  unb
Fabrikanten  getroffen,  wenn  es  gilt,  einen  nicht  mehr  neuen  Artikel  einfacher
orbinärer  unb  barmn  billiger  ßeraufteKen,  bamit  in  einer  tieferen  $reiSstufe
  ein  neues  größeres  Äbfaßgcblet  ißm  eröffnet  merbe,  -  ober  bie
Preisherabsetzungen  sind  —  in  den  meisten  Fällen  —  das  natürliche
Ergebniß  ber  Goncurrena  unter  ben  Ņrobuaenten  selbst
Senn  ein  ^ad,gcuoffe  ra^er,  fleißiger  arbeitet,  fein  Ge#äft  rationeller
organismi  ßat  aiS  ber  anbere,  menu  ber  Gine  im  Staube  ist,  eine  funere
ober  längere  (Nefd,äftSftoduug  Muniär  auSaußalten,  ber  Änbcre  nießt,  so
ist  bie  golge,  baß  leßterer  feine  Saarcu  au  billigeren  greifen  ausbietet
um  Arbeit  und  Verdienst  zu  bekommen,  woraufhin  die  anderen  Fachgenossen
nachfolgen  müssen,  bis  schließlich  die  Goncurrenz  erschöpft,  der  Artikel  auf
ber  niedersten  Herstellungs-Preisstufe  angelangt,  unvermeidlich  dem  Schicksale
        <pb n="43" />
        39

DerfäHt,  baß  alíe  ßanbelßartlfel  um  so  früher  ereilt,  ie  begetter  sie  finb
und  je  leichter  ihre  Herstellung  ist.
Ein  willkürliches  Herabdrücken  der  Preise  Seitens  der
Kaufleute  kann  überhaupt  da  nicht  stattfinden,  wo  wie  in
Sonneberg  und  in  dem  nahen  Neustadt,  über  sechszig  Großhandlungshäuser ­
  ihre  Waaren  von  unabhängigen,  selbstständigen ­
  Fabrikanten  kaufen  müssen,  um  Handel  treiben
zu  können,  wo  jeder  geschickte  Fabrikant,  der  für  die  mittleren  und
höheren  Gesellschaftselassen  originelle,  fein  oder  künstlerifcf)
  gearbeitete  Äßaaren  verfertigt,  bie  außerhalb  ber
Eoneurrenz  stehen,  allezeit  die  Preise  erhält,  die  er  vorschreibt.
Seber  ^abrifant  l)at  Wegezeit,  unter  beu  fe^ig  ®ro#aublungä=Ijänfern
  in  @onneberg  unb  %euftabt  fid)  baßfenige  außgumä^leu,  mel^eß  bie
^õ^^^^eu  ^reife  für  feine  ^aaren  i#  #lt,  eine  ^e^â^berfe#^^
lei^termig,  bie  amar  bem  .Kaufmann  abge#,  meil  feine  gibue^ner  über  aüe
Känbcr  vcrtíjeilt  stub,  bacìi)  ^at  and)  er  eelegei^ett,  unter  beu  Şrobuaenten
bicfenigeu  ¡id)  außaumä^len,  meld)e  für  einen,  bur^^  bie  Goncurrena  bestimmten
  Preis  die  besten  Waaren  liefern.
Dem  Handel  können  nur  Waaren-Preise  bienen,  um  welche  der
Fabrikant  jederzeit  lieferfähig  ist,  denn  der  Kaufmann  darf  nicht  zu  billigeren
Preisen  offerirei:,  als  die,  zu  denen  er  liefern  kann.  Er  liefe  sonst  Gefahr,
von  seiner  Kundschaft  als  leistungsunfähig  angesehen  und  für  die  Folge
von  ihr  gemieden  zu  werden.  In  diesem  Umstand,  der  Lieferbeß
  ^anbelß,  welche  bie  8ei^^ungßfa^igfeit  ber
Production  bedingt,  liegt  die  Bürgschaft,  daß  letztere  überhaupt  nicht
unter  einem  Preis  arbeitet,  der  keinen  Nutzen  ihr  gewährt.
Weil  die  Angebote  der  verschiedenen  Fabrikanten  ausschließlich  an  die
Kaufleute  ergehen,  so  sind  auch  nur  sie  ausschließlich  in  den  Stand  gesetzt,
Vergleiche  der  Leistungsfähigkeit  unter  den  Fabrikanten  anzustellen  und  nach
bem  (»rabe  ber  Dualität  ber  Maaren  bie  ^eife  au  noriniren.  Su  ben
illngen  Handelsunkundiger  mögen  solche  Preisnormirungen  a  lu  bau  Resultat
beß  Drudeß  ber  .Kaufleute  e^clueu,  in  ber  %l)at  finb  sic  aber  nur  baß  beß
S)nideß  ber  Goncurrena  in  ber  ^0^1^011  selbst,  melier  in  ben  üerfd)iebenen
Angeboten  sich  äußert.
Wie  die  Erfolge  großartiger  Erfindungen  erst  dann  allseitig  die  Menschen
beglücken,  der  Production,  dem  Handel  und  Verkehr  Millionen  eintragen,  wenn
        <pb n="44" />
        40

fte  durch  Concurren;  zu  freier  Ausbeute  gelaugt  find,  genau  s°  verhält  es
sich  mit  dem  erfolge  der  Erfindungen  auf  den,  scheinbar  geringfügigen  Gebiete
  bei-  ßinberfpteimaaren.
9U3  gegen  Witte  biefeä  3a#unberta  bie  mobernen  ^uff)en  (3:äufden
  Chinesen  nachgeahmt,  mit  durch  Wach«  überzogenen  Köpfen  und
fiebern  guerft  in  6onneberg  Derfertigt  mürben,  mars  beren  ißrobuftion
em  ersten  Mrifanten*)  bcrfeiben  giängenben  %ußen  ab  nnb  inatte  ibn
inimr#ib  15  Sauren  gum  reißen  Wanne,  ßaum  minber  begiMte  biefe
Fabrikation  feine  nächsten  Nachfolger  nnb  zahlreichere  mettere  mürben  rnohlbaoon.
  Stod;  feßt  tragen  bie  feinen  ©orten  Şuppen  ißren  %erfertigem
  guten  Nutzen  ein,  rnährenb  bie  Sorten  mittlerer  Qualität  aertng,
  bie  ber  orbinärften  %t  Mlecßt  Dom  #nbei  gelo#  merben,  beim
auf  fie,  aië  am  meisten  Dom  #anbei  begeht  nnb  am  tet^eften  ^er.
delibar,  fturgt  fid)  bie  niebere  Ambustión  in  übermiegenber  gaM  nnb
burdi^ernieíirung  berGoncurreng  unter  ißr  ben  Tiefgang  ber  greife  be»
fchleunigend,  setzt  sie  biefe  schließlich  selbst  auf  Hungerlöhne  herab.
^Dagegen  ist  gu  berl^d!^^^^tigen,  baß  biefe  Ņuppenfabrtfation,  bie  änfangä
in  eonneberg  unb  9Balter3ßaufen  säum  STaufenb  Wenden  belästigte,
+  ^  ^  3:aufenb  Wenf^en,  feßt  für  geßnrTlrf
  ^uringen  einen  %aßrungggueß  biibet,  ber  Dorant
114^1^  mit  ber  uberaíí  ßcß  Dermeßrenben  ^inberfd^aar  macßfen  mußte
64ranfen  nid)t  gefteßt,  frembe  Sänber  burá
„Schutzzölle  nicht  ihm  verftzerrt  mürben/*)
rDşşşş  BSS
Maaren  frobugirt,  um  so  meßr  sann  ber  %eítí)anbel  baä  Wbfaßgebiet  für
)  Heinrich  Stier  in  Sonneberg
mm«;
        <pb n="45" />
        sie  erweitern,  um  so  stärker  wird  deren  Consum  und  um  so  mehr  Produzenten
vermag  dann  der  Handel  zu  beschäftigen.
Wir  überlassen  den  Schülern  der  modernen  Nationalökonomie  die  Lösung
des  volkswirthschaftlichen  Rechen-Exempels:  ob  die  industrielle  Produktion
segensreicher  wirkt,  zur  Zeit,  da  ein  Welthandelsartikel  neu,  von  hundert
Fabrikanten  zu  hohen  Preisen  für  die  bemittelten  Klassen  verfertigt
wird,  oder  ob  zur  Zeit,  da  er  veraltet,  der  Coneurrenz  verfallen,  von
lausend  Fabrikanten  zu  niedrigsten  Preisen  und  zwar  zu  Gunsten
von  Millionen  armer  und  gering  bemittelter  Consumenten  hergestellt  wird.
Der  Segen,  den  eine  blühende  Weltindustrie  spendet,  erstreckt  sich  niemals ­
  auf  deren  Production  und  den  Exporthandel  allein.  Gewerbe  und
Landwirthschaft  werden  davon  in  nicht  minder  reichem  Maaße  betroffen,
besonders  die  beiden  letzteren  Faktoren  in  einer  an  selbstständigen
Fabrikanten  so  reichen,  dicht  bevölkerten  Gegend,  wie  das  Meininger
Oberland.  Namentlich  ist  die  Wirkung  großartig,  welche  die  Sonneberger
Spielwaaren-Jndustrie  auf  fremde  Industriezweige  ausübt.  Materialien ­
  und  Stoffe*),  die  sie  zur  Fabrikation  besonders  von  Puppen  gebraucht
und  von  auswärts,  zum  Theil  vom  Auslande,  beziehen  muß,  betragen  jährlich
vier  bis  fünf  Millionen  Mark.
Die  große  Mehrzahl  der  Hülfskräfte,  welche  die  ordinäre  Puppenfabrikation ­
  in  Sonneberg  massenhaft  erheischte,  um  zu  dem  jetzigen  Aufschwung ­
  zu  gelangen  und  den  Handel  zu  befriedigen,  empfing  sie  ans  weiter
Umgegend  bis  nach  Baiern  hinein,  wo  in  den  Gewerben  und  in  der  Landwirthschaft ­
  eine  Verdienstlosigkeit  und  Armuth  herrscht,  wie  man  sie  in
Sonneberg  und  nächster  Umgebung  nicht  fennt.**)

*)  Schirl  ing  rc.  für  Puppenhemdchen,  Textil  st  offe  aller  Art;  Posamenten, ­
  Spitzen  rc.  zur  Puppenbckleidnng;  Wachs,  Stearin,  Paraffin;  Leim;
Farben;  Mohair;  Tuch  schür;  Firniß,  Lacke;  Bronze;  Luxus-Papiere,
Pappe,  Papier-Borten;  Schafleder;  Wolle;  Felle,  Pelzwerk;
H  a  r  m  o  n  i  k  a  st  i  m  m  e  n  ,  Musikwerke,  Saiten;  Gummi;  Draht;  Decorations- ­
  und  Schmucksachen  für  Puppen  rc.  rc.  Außerdem  zur  Verpackung  der
Waaren:  Papier,  Pappe,  Bindfaden;  Zinkblech  zu  Kisten;  Oeltuch,
Wachspapier;  Jutesäckchen  zu  Marbeln  rc.
**)  In  den  eine  Meile  von  Sonneberg  entfernten  Steinkohlenbergwerken  verdienen
die  erwachsenen  Bergleute  durchschnittlich  Mk.  1  pr.  Tag,  in  Sonneberg  beträgt  der
Tagelvhn  Mk.  1,50  und  2,  der  Handwerksgesellen  Mk.  2  und  2,50  mindestens.
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Su  demselben  Verhältniß  wie  Industrie  und  Handel  haben  auch  die
feitf»»f»»bbreißi0  3#en  genommen.
Zahl  der  Großhandelshäuser  ist  seit  damals  von  20  auf  60  gestiegen
^1^0  bte  ®enaste  ber  ®roß=  ttitb  meiitgernerbe  »itb  beg  2)etaiibaitbelg!
.JZ#  noch  bat  fitß  ber  %obnWen=  mb  beffe»  ^ltIfgarbeiterftaltb  oermeíirt
u»b  gmor  »m  bag  Äterfacbe.  Snnerbaib  ber  ießtc»  fünf  Mrc  ist  bte  gaßl
ber  ^^11=  imb  (#(#^01#  iâbríicb  itm  10,  20  ¡a  40  nemathfc».  Sie
entstanden  nach  Bedürfniß,  angemessen  dem  Geschmack  und  der  Wohlhabeu-^eit
  ihrer  Waiter  ober  ^eßßer,  meldbe  Derbältitißmaßtß  biel  mcßr  beut
^abritante»;  imb  (Bemerbeftanb,  alg  bem  ^a»beIgfta»b  angeboren

Sebe  Snbitftrie,  meitbe  materielle  %e#e»arbeit  erbeifcbt,  mim  btcfc
beocr  lohne»,  alg  bte  ganbmirthfdhaft  imb  bte  ®emerbc  eg  th»»  mili  sie
ans  btefe»  Wore»  %efrtttirimq  ersten.  3)arttm  iibt  beim  '»»d,  bie
(5  0  »ne  b  er  0  er  S11  b  »  ft  rte  eme  mácbttqe  m»3tebtmggiraft  mis  ben  arbeit;
fame»  3betl  ber  bebrüte»  »iebcrc»  %oífgcíaffe»  in  metter  llmqeqenb
aitg  imb  ber  mindert  das  Proletariat  unter  ihnen,  indem  sie  Arbeit
fbeitW  imb  Äerbienft,  mo  ber  Segen  ber  Äatitr  aüem  nicht  aitgreichL  bte
Tuschen  zu  ernähren,  wo  es  für  die  Jugend  an  Erziehungs-  und  an  Lehr-Itatte»
  ber  Arbeit  gttr  Arbeit  gebricht.  3»  bit  stri  cor  te  imb  ßabrife»
ober  |mb  miter  alle»  Umftäiibe»  Statte»,  melcße  bte  gage  ber  Mensen
oteï  mehr  berbeffent  aW  oerfchlechteni,  imb  »»ter  jene»  stehe»  bte  Orte  ber
^anginb»#^  oben  ait,  meti  bet  %  bte  Went  bte  Arbeitgeber  ihrer  Mnber
selber  sind.
.  Eine  Industrie,  einzig  in  ihrer  Art,  wie  die  Sonueberger,  bereit  Aufgabe
Zeugnisse»  be»  Aitforberimgeii  t»  ¿C3»g  auf  Onalitat
nnb  ^erftealmqgļ)reife  alíe»  ^oifgclaffc»  tit  aile»  Säubern  herab  big  ut
be»  imctotltlirte»  mter»  3»  cntfhrccheit,  muß  be»  Material  i  gm»  g
ber  ^^^11^10»  i»  sich  bertreteii  habe»,  ¿itr  Besorgung  »nb
Befriedigung  des  Materialismus  im  Consum.  Geschähe  dies
von  Sonneberg  aus  nicht,  so  würde  es  sicherlich  anderwärts  geschehen
%td)t  im  interesse  ber  ^»36^6113116111,  bicïmehr  3»  ®  tut  ftc»  beg
E  0  il  s  u  m  s  wirkt  die  Industrie  für  das  Gebiet  des  internationalen  Güteraustausches. ­
  Fortwährend  wird  die  Industrie  vom  Handel  bestürmt  Neues
Lnqtiteiteg  3»  iMcn,  ans  ^Mittel  imb  28ege  3»  ß»»e»,  ihre  e^eitaittffe
nt  Qualität  zu  verbessern,  in  Geschmack  zu  veredeln  oder  Nachge-#mteg
  billiger  ber3itfteiie»,  ans  baß  biejenige»  tritate,  mc'%

4È
        <pb n="47" />
        43

bisher  nur  die  reichen  Classen  sich  beschaffen  konnten,  den  mittleren  Classen
zugänglich  gemacht  werden  und  daß  das,  was  bisher  für  diese  pekuniär
erreichbar  war,  jetzt  auch  den  niederen  Classen  theilhaftig  gemacht  werde.
Das  humanste  aller  Naturgesetze  ist  es,  welches  das  Interesse ­
  der  Consumen  ten  wahrt,  indem  es  in  den  Mechanismus  alles
Schaffens  die  Concurrenz  einsetzte,  als  Sporn  zum  Fortschritte,  als  Druck
auf  den  Stillstand.  Erst  durch  die  Concurrenz  empfängt  die  Industrie  die
volle  Weihe  jenes  Weltgesetzes,  wenn  sie  den  Exporthandel  in  den  Stand
setzt,  ihre  Erzeugnisse  in  alle  Länder  einzuführen  und  alle  Volksschichten
damit  zu  beglücken.  Mag  dies  auch  in  Zwischenräumen  der  Art  geschehen,
daß  vorerst  die  Reichen  und  Wohlhabenden  von  der  fortschrittlichen  Industrie
versorgt  werden,  welche  für  den  Reiz  der  Neuheit,  für  gediegene  oder  künstlerische ­
  Ausführung  ihrer  Waaren  die  höchsten  Preise  von  jenen  erhält,  so
tritt  doch  früher  oder  später  die  Concurrenz  in  ihre  Rechte  ein,  unter  deren
Druck  die  Waaren  in  geringerer  Qualität  zu  allerniedrigsten  Preisen  verfertigt ­
  werden,  um  auch  den  Aermsten,  entferntest  Wohnenden  zugeführt
werden  zu  können.
Wo  Maschinen  nicht  in  Anwendung  kommen  können,  wo  alle  Arbeiten
von  Menschenhänden  verrichtet  werden  müssen,  wie  in  der  plastischen  Spielwaaren-Fabrikation,
  da  hat  auch  die  materielle  industrielle  Arbeit  ihre  volle
humanitäre  Berechtigung  im  Verkehrsleben.  Ihre  Erzeugnisse  sind
im  internationalen  Güteraustausch  Pioniere  der  Civilisation,  wenn  auch  nur
ihrer  Billigkeit  halber.  Mit  einem  Groß  ordinärster  Spielsachen  gewinnt
der  Missionär  eine  ganze  Schaar  Heiden  für  seine  Lehre.  Dem  Negerweib
gefällt  die  allerordinärste  Puppe,  welche  in  Culturländern  für  häßlich  befunden ­
  wird,  aber  sie  ist  ihm  immer  noch  zu  theuer.  Darum  ist  auch  das
geflügelte  Wort  „billig  und  schlecht"  —  ein  von  Industrie  und  Handel
belächeltes,  weil  es  von  Unkenntnis;  des  Welthandels  zeugt,  der  alle  Menschen
ohne  Unterschied  des  Bildungsgrades  —  die  ärmsten  natürlich  billigst  —
mit  möglichst  vielerlei  Bedarfs-  und  Luxuswaaren  versorgen  soll.
Wenn  freilich  „billige  und  schlechte  Waaren",  welche  von  der
Industrie  im  Auftrage  des  Handels  „für  U  n  ci  v  i  li  si  r  t  e"  verfertigt  werden,
von  civilisirten  Menschen  gekauft  werden,  so  trägt  die  Verantwortung  weder  die
Industrie  noch  der  Handel,  vielmehr  trifft  sie  denjenigen  Culturstaat,  dem
die  Geschmacklosen,  Ungebildeten  angehören,  die  solche  Waaren  ihrer  Billigkeit ­
  wegen  kaufen.  Indem  sie  dies  thun,  vermehren  sie  den  Absatz  solcher
Waaren  und  damit  den  Materialismus  in  der  Produktion.  Bei  der  außer-
        <pb n="48" />
        ordentlich  großen  Mannigfaltigkeit  der  Spielwaaren  und  deren  Abstufungen
m  ber  Dualität,  mie  jie  ber  Raubet  begeht,  fami  tu  ber  Şrobuction  baß
materielle  Schaffen  vom  geistigen  getrennt  werden,  ohne  eine  Störung  des
t  leichgewichtes.  im  Handel  zu  verursachen,  weil  es  diesem  gleichgiltig  ist
bou  wo^er  er  Me  nöt^igen  Baaren  begie^.  #er  oolfSwirt^s^^astli^^
Mt  ber  @4aben,  —  mib  er  erwä^^st  beut  Staate,  welci)em  eiue  Snbustric
angehört,  darin  die  Mehrzahl  der  Produzenten  dem  Materialismus  fröhnt,
ben  ^^011061  Wol)l  mit  orbiiiärfteu  Baaren  gu  niebrigsten  ^reisen  oersorgt,'
aber  mcí)t  im  6tanbe  ist,  bie  besseren  Baaren  &amp;amp;u  liefern,  Welche  bie  Iteren
(Älafien  begehen  nnb  wofür  sie  sel)r  gute  greife  ^a^len.
2)^  sol(l)eS  Mis  oer^ltui^  We^eS  auf  bem  Gebiet  ber  6  0  n  n  e  b  e  r  g  e  r
@pielwaaren  =  Manufaftur,  in  Welker  bie  ^ïastif  oon  ber  festen  ^ormbtloncrei
  bis  hinaus  zu  Kunstgebilden  reicht,  sehr  fühlbar  ist,  wächst  mit  der
geistigen  Armuth  auch  die  physische,  in  der  Produktion  vermindert  sich  die
GMeu^h^  unter  ben  Snbustrteííen,  manbert  baS  Capital  beS  ^anbelS  auStosti-té,*)
  bahin,  wo  speciell  die  Gattung  seiner,  geschmackvoller  Spielsachen
verfertigt  werben,  wie  sie  ber  #anbel  begeht.
Sur  Wrifation  orbinärer  Massemärtifel,  namentlid)  im  ^uppensa^^e
ber  ^pielwaaren,  weil  sie  nur  manuell  uMani^e  Arbeitsleistungen  c^eis^t,
finb  aííe  Mens^^en^ânbe  geeignet,  we^e  bie  nötige  %irtuofitat\u  ben  Oer,
fctliebenen  ArbeitS,  Manipulationen  ^  erlangen  im  Gtanbe  finb  3)abei
sonnen  Säuglinge  unb  Wählen  fru^eitigst  %en  SebenSunterlialt  #  be=—
  w%enb  &amp;amp;iir  Sabrifation  besserer,  fa  flìnstïeris^^er  Baarcn
selbstverständlich  eine  längere  Lehr-  und  Lernzeit  erforderlich  ist,  die  häufig
obendrein  Lehrgeld  kostet.  Daher  liegt  für  unbemittelte  und  einsichtslose
A-anulienOater  bie  Äerfud)ung  nal)e,  %e  ^nber  na#  bereu  Entlassung  auS
ber  Mule  in  Sabrifen  gu  seiden,  wo  sie  alSbalb  ®elb  oerbienen.
@0%  natlìrli^^e  Strömung  ist  fünstlid)  niemals  gn  ^emmen,  benn  es
Mt  ue  Macht  des  Welthandels,  die  sie  verursacht  und  nährt.  Auch  wird
ber  .hanbel  ben  Materialismus  in  ber  ^robl^^tion,  ben  er  in  bem  Maofie
wie  er  ihn  branchi,  allezeit  getreulich  sorternähren,  vorausgesetzt
daß  durch  menschliche  Bestimmungen  keiner  der  naturgesetzlichen
  Wege  seines  internationalen  Handelsverkehrs  ihm
0  e  r  f  p  e  r  r  t  w  i  r  b.  Aber  eben  biese  111^11^1^6  Strömung  ber  materieileu

)  Außer  nach  deutschen  großen  Städten,  nach  Wien  und

Paris  für  seine  Spielsachen.
        <pb n="49" />
        Arbeit  nach,  welche  Lehrlinge  und  Gehülfen  massenhaft  absorbirt,  —  reißt
unter  dem  jetzigen  Verhältniß  auch  viele  junge  Talente  mit  fort,  welche  der
Kunstsinn  bedürftigen  Sonneberger  Industrie  nützlich,  dem  Handel  förderlich
hätten  werden  können,  wenn  sie  gerettet,  rechtzeitig  in  künstlerisch  praktische
Schule  und  Lehre  gezogen  worden  wären.
Wie  bisher,  so  heute  noch  hängt  es  vom  Spiel  des  Zufalls  ab,  wie
viele  von  den  angehenden  Fabrikanten  an  den  Scheidewegen  zur  Produktivität,
der  geistarmen,  der  besseren  oder  der  künstlerischen  sich  zuwenden  und  in  wie
weit  sie  als  Zöglinge  bei  geschickten,  autodidaktisch  gebildeten  Fabrikanten
ausharren,  um  genügend  von  ihnen  zu  lernen  und  selbst  dem  Fortschritt  zu
huldigen,  zur  Herstellung  von  Waaren,  die  dem  Geschmacke  der  höheren
Classen  entsprechen.
In  allen  Ländern  schreitet  die  Cultur  vor  und  mit  ihr  steigen  die
Anforderungen  auch  an  die  Spielwaaren  -  Industrie.  Deshalb  paßt  das
national  -  ökonomische  Motto:  „laisser  aller“  wohl  allezeit  auf  das  freihändlerische
  Panier  des  Sonneberger  Welthandels,  aber  nicht  auf  das  seiner
Industrie,  welche  überwiegend  Hausindustrie  ist.
Arm  und  nur  itt  Zeiten  der  Noth  erwachsen,  festgewurzelt  auf  der
Scholle,  an  die  sie  nun  gebunden  ist,  wird  die  Sonneberger  Spielwaarenindustrie,
  wie  die  des  Sächsischen  Erzgebirges  auch,  in  den  untersten  Regionen ­
  ihres  materiellen  Schaffens  stets  den  Urtypus  der  physischen  Verkommenheit ­
  in  dem  Maaße  tragen,  in  welchem  man  ihre  geistige  Vorbildung ­
  läßt.  Sie  zu  heben  ist  Sache  des  Staates.
Ein  dankbareres,  ausdehnungsfähigeres  Arbeitsgebiet
als  dieses,  das  nur  unten  auf  den  Feldern  des  physischen  Schaffens  an
Arbeitern  zum  Erdrücken  voll,  während  es  auf  der  Höhe  an  geistigen
Bebauern  leer  ist,  giebt  es  für  ihn  nicht.
Würde  nur  ein  Theil  der  fortwährend  vom  Sonneberger  Handel  begehrten ­
  besseren,  künstlerischen  Spielwaaren  und  Decorations-,  Luxus-  und
Gebrauchsartikel  neuer  Gattung  und  feineren  Geschmacks  hier  verfertigt
werden,  so  würden  Tausende  geschickter,  geschulter  Fabrikanten  mehr
Beschäftigung  bei  reichlichem  Verdienste  erhalten  können,  als  jetzt  die
Hunderte,  welche  als  eingeborene,  nach  geistigem  Erfolg  arbeitende  Autodidakten ­
  über  dem  Materialismus  der  Produktion  schwimmend,  das  Ehrenbanner ­
  ihrer  Industrie  rettend  über  die  Wogen  halten.
        <pb n="50" />
        Şegerr  die  fahrenden  Schüler  des  Katheder-Sozialismns.

Wit  ber  #i)ereit  Wfa,  nnb  ^ur^^nittäbilbmig  im  bentfcben  %olf
ermi#  in  i^n  eine  Vorliebe  gum  aSeatntenftaub,  bergiei^en  in  feinem  an,
beren  ßnlturftaate  M  bemerfiic^  ma#,  nnb  biefe  Vorliebe  steigerte  fid)
gum  Drang,  als  mit  ber  Wenbung  ber  Regierungspolitik  betn  Volk  ein  befonòereê
  Patrimonium  in  Aussicht  gestellt  würbe,  als  bas  staatssozialistische
Prinzip,  welches  halb  auf  humanitären,  halb  aber  auf  reaktionären  Anschauungen
  basirt,  in  ber  Wissenschaft  nnb  in  bett  Regierungskreisen  zur  Berefttgnng
  i^er  ^errf^^aft  ben  ersten  ^ia^  einna#.
&amp;amp;en  ans  bie  materiede  ^efriebigung  gerichteten  ^ûnf^^en  ber  %e,
volkerung,  gegen  Versorgung  betn  Staate  bienftbar  zu  werben,  suchten  bettn
au4  btc  ^egierungen  aííegeit  na^^  Graften  gu  el#re^^en.  bereinigte  ia
bo^  bte  Sbee  etnea  fogiai^iit^en  ^efDrm^^aatea  baa  streben,  möglt#
utüe  befttgtttne  ana  ben  bef^^äftigunga=  nnb  @rmerbafreifen  ber  brinaten
anzufangen,  mit  bent,  bas  Beamtenheer  zu  vermehren,  selbst  auf  bie  batnit
uerbunbene  (^efa^  i)in,  ben  ãrbeitabrang  nnb  baa  ßingelftreben  na^^  selbst,
ļtanbtgen  unab^ängigen  Gfiftengen  in  ben  9Renfd)en  gn  ncrni^^ten/)
Şo  groß  auch  ber  von  Oben  künstlich  erzeugte  nnb  protegiste  Aubrang
gtt  bett  Hochschulen  sich  gestaltete,  immer  wußten  bie  Regierungen  zum  Absluß
  jener  Strömung  burch  Vermehrung  alter  nnb  Errichtung  neuer  (Sanàte
  für  bereit  Aufnahme  nnb  zweckeutsprecheube  Vertheiluug  zu  sorgen.

)  wiege  Den  lettarüfel:  „der  Beamtenstaat  und  der  Einzelne'
Berliner  SügeHatteë  (nom  15.  mr;  1882).  %ud)  Gelte  54.

m  ycr.  125  des
        <pb n="51" />
        47

Insonderheit  ist  es  jetzt  das  unabsehbare,  unergründliche  Gebiet  der
National-Oekonomie,  als  von  der  Theorie  der  Wissenschaften  noch
am  wenigsten  cultivirt,  aus  welches  man  Schaaren  junger  Philosophen  lenkte,
um  als  zukünftige  Docenten  der  modernen  Volkswirthschaftslehre  dem  selbstständigen ­
  und  unabhängigen  Arbeitervolk  auf  seinen  freien  Feldern  statistisch
nachzuweisen,  zu  lehren  und  zu  wissen  zu  thun,  wie,  außer  der  Pflichtarbeit,
den  Staatsanforderungen  zu  genügen,  sie  zu  handeln  und  wohl  gar  auch  zu
denken  und  zu  glauben  haben,  um  den  Staatssozialismus  im  Reformstaat
zu  kräftigen.
Ausgestattet  von  der  Alma  mater  mit  dem  unvermeidlichen  Doctorhut
der  deutschen  Universitäts-Philosophie*),  gehüllt  in  den  Mantel  der  Gelehrtheit, ­
  von  dem  das  deutsche  Volk  so  leicht  wie  kein  zweites  sich  blenden  läßt,
den  altelassischen  Folianten  in  der  Rechten,  woraus  sie  ihre  Weisheit  sogen,
zurechtgestutzt  im  Geiste  eonservativer  Regierungen  in  eigens  zu  dem  Zwecke
organisirten  stantswissenschastlichen  Seminaren,  stürmten  diese  Novizen  „der
modernen  Klöster  der  Staatswissenschaften",  wie  man  hier  im  Nährstand  sie
nennt,  in  Massen  aus  den  Volksstaat  ein.
Sie  sind  nichts  anderes,  als  was  im  Bienenstaat  die  Drohnen  sind,  —
bekannt  als  Katheder-Sozialisten  der  jüngeren  Schule  der  National-Oekono ­
  mie,  welche  unter  bereits  anrüchig  eelatanter  Art  der
Aufrührung  wirthschaftspolitischer  Verhältnisse  sich  hervorthaten,  dem  Volke
glauben  zu  machen,  daß  unter  der  Kutte  ihrer  Schulweisheit  ein  empfindsames ­
  Herz  für  die  Arbeiten  und  Leiden  des  Volkes  Pulsire,  und  daß  mit
den  bekannten,  abgedroschenen  Gebeten  aus  ihren  Schul-Brevieren  die
sozialen  Verhältnisse  gebessert  werden  könnten.  In  der  That  aber  wissen  sie
nur  ihre  Klagelieder  mechanisch  abzusingen  nach  Noten,  welche  schon  vor
tausend  Jahren  gedient  haben  und  voraussichtlich  in  aller  Zukunft  frommen
Seelen  zum  Anstimmen  dienen  werden.  Denn  sie  haben  kein  Verständniß
vom  realen  Leben,  weil  sie  selbstständig  zu  arbeiten  nicht  gelernt,  keine
eigenen  Gedanken  haben  und  deshalb  auch  ihre  Begriffe  nur  einseitig  und
leicht  sich  bilden.
Abgeschlossen  vom  frischen  freien  Erwerbsleben,  zehren  sie  in  ihren
Zellen  von  veralteten  Sätzen  veränderlicher  Glaubensweisheit  und  von  der
Kenntniß  geschichtlicher  Thatsachen,  ohne  Verständniß  von  den  Existenz-Bedingungen,
  den  Mitteln  und  Wegen  der  Gegenwart,  welche  zur  Erkennt-*)

  Siehe  Schopenhauer's  Kapitel:  „Ueber  Universitäts-Philosophie."
        <pb n="52" />
        Hiß  ber  %e#ítmffe  fiaren,  miter  benen  bie  mis  Seíbfthñífe  angetoiefenen
Menschen,  welche  ihre  Individualität  und  Unabhängigkeit  bewahrt  wissen
1^«^,  lehrhaft  mib  eWid)  arbeiten  miiffen,  mii  ben  Ä#r#cn  beö
Staates  als  solchen  gerecht  werden  zu  können.
Beil  für  bicfe  Species  oon  ^olfgbegiitcferii  batbige  (StaaWoerforgmia
Sebengfrage  ist,  so  erwärmen  |ie  sich  fc^neít  mtb  Ieid)t  für  aüe  po(itif^^ell
m\b  unpolitischen  Angelegenheiten  im  Dienste  reaktionärer  Regierungen  und
entwickeln  unter  einer  ihnen  sonst  fremden  Art  von  Thätigkeit  eine  verinehiWd)
  erfolgreiche  BBirffomfeit  (loie  0.  in  Ņren&amp;amp;en  'oor  mib  nad)
öen  Wahlen)  —  bis  der  Erfolg  derselben  in  einer  Professur  seinen  Abschluß ­
  findet.
®* e f eu  Don  öer  Gelehrsamkeit  eingeführten  Staatspensions-Aspiranten
  stehen  die  meisten  Zeitungen  offen  zur  Veröffentlichung  ihrer
^nm^^mlßell  über  Äerhüttniffe  beg  praftifd)en  %erfehr§iebeng,  nid)t  miiibcr
natürlich  auch  die  von  gelehrter  Hand,  wobei  eine  die  andere  wäscht  geschriebenen ­
  Rezensionen.
Auf  ihren  wissenschaftlichen  Geschäfts-  und  Studienreisen  wenden  sie
M)  ben  herborrageiiben  beatmen  3^11^06^1^11  unb  ^  bereu
0eoöitermig  bi#  bie  Originalität  ihreë  (Echafienê  bem  Stnglmib  gegenüber
in  1)61(6111  Sichte  steht,  baö  freilich  amt)  mioermeiblich  bmitie  fatteli  wirft,
loeí^e  ben  berf^^llíten  mtgen  biefer  (Gattung  üon  belehrten  ans  mibefaimtem
We  mn  so  besser  paffen,  aW  bann,  ini  Äothlicht  fo^ia(bemofratifd)er  Satemen,
  fie  ihre  ,,%achtbiiber  be§  ^rbeiterIebenä"  greiier  ausmalen  mib  ni,
tauter  beschreiben  können.
Mam  im  Saufe  be§  ooroorigeii3ahrcë  ein  fahrenber  Schüler  ber  ftaatëfozialistischen
  Rational-Oekonomie,  Namens  Dr.  Emanuel  Sap,  auf  längere
Seit  wieberi)olt  in  baö  Oberlanb  be§  ^6^00(^111$  Sad)fen  =  3^6(11(119611  ge=^gen,
  anëgeftattet  mit  Empfehlungsschreiben  ber  ^ergogi.  (Sachsen  ^eD
iiiiigenichen  StaatSregicrmig,  bie  aüe  ^ioe  ihm  öffneten,  ans  bereu  Stften
er  feine  3861%%  #4#,  nm  bicfe  mit  ben  Einbrüchen,  welche  bie  thatf«4Hd)en
  Wirthfchaftíichen  %erhâítnlffe  an  Ort  mib  (Steile  auf  %  gemad,!",
ņi  einem  Werk  über  die  dortige  Hausindustrie  zusammenzustellen  *)  zugleich'
loie  er  in  feinem  Vorwort  sagt  „einem  ^ebiìrfniB  gn  entsprechen,  bordi
foieijeö  Studium  zu  einem  tieferen  Verständniß  einer  kritischen  Würdigung

*)  „Die  Canginbuftrie  in  fingen;  I.  3)ag  Meininger  OWanb"'  oon
Dr.  Emanuel  Sax.
        <pb n="53" />
        49

i

der  national  -  ökonomischen  Theorien  wie  der  wirthschaftlichen  Gesetzgebung
zu  gelangen."  Solchem  Bedürfniß  zu  entsprechen,  hat  er  allerdings
das  Verdienst  sich  erworben,  auf  die  erschreckende  Versumpfung  im  Deutschen
Reich  unwillkürlich  hingewiesen  zu  haben,  welche,  die  Luft  verpestend,  eine
Unmasse  Irrlichter  produzirt,  die  das  Volk  bethören.
Wenn  je  die  Wissenschaft  aus  der  Höhe  akademischer  Selbstüberhebung
einen  plumpen  Fall  gethan,  durch  den  sie  ihre  Blößen  zeigte,  so  war  es  der,
den  sie  auf  dem  von  allen  andern  Nationen  beneideten  Gebiet  der  Sonneberger ­
  Spielwaaren-Hausindustrie  und  ihres  Handels  durch  das  Sax'sche
Werk  erlitt.  Zwar  ist  es  die  Arbeit  eines  fahrenden  Schülers  der  Universitäts-Philosophie, ­
  die  wesentlich  sich  unterscheidet  von  der  reinen  Philosophie, ­
  welche  völlige  Unabhängigkeit  voraussetzt.*)  Immerhin  ist  es  die  Arbeit
eines  Doetors  der  Philosophie,  dem  die  Herzogl.  Sachsen  -Meiningen'sche
Staatsregierung  —  indem  sie  ihn  als  Doctor  philosophiae  im  Voraus  zu
einer  wissenschaftlichen  Sektion  der  Sonneberger  Industrie  und  Handelsverhältnisse ­
  für  befähigt  halten  mußte  —  ihre  Unterstützung  angedeihen  ließ,
vielleicht  zur  Klärung  und  Bereicherung  ihrer  eigenen  Kenntniß  darüber.
Diese  Arbeit  ist  als  eines  jener  „Zeichen  der  Zeit"  zu  betrachten,
die  einzeln  als  Sternschnuppen  bald  hier,  bald  dort  sich  zeigend,  nach  und
nach  überall  den  beschränkten  Unterthanenverstand  zur  Erkenntniß  des  Firmamentes ­
  führen,  unter  dessen  Sonnen  das  deutsche  Volk  zu  arbeiten  und  zu
sorgen  hat.  Deshalb  fühlen  sich  denn  auch  die  liberalen  Industriellen
und  Kaufleute  des  Sonneberger  Kreises  der  Herzogl.  Sachsen-Meiningen'schen
Staatsregierung,  insonderheit  dem  Herrn  Geheimen  Staatsrath  Heim  zu
gleichem  Dank  verpflichtet,  wie  Herr  Dr.  Sax  seinerseits,  daß  ihnen  durch
dessen  „Versuch  auf  handelswissenschaftlichem  Gebiet"  der  derzeitige  Stand
deutscher  staatssozialistischer  National-Oekonomie  gekennzeichnet  und  überhaupt ­
  gezeigt  worden  ist,  was  die  Philosophie  der  jüngeren  deutschen  Schule
zu  leisten  vermag.**)
Wohl  erscheint  das  Sax'sche  Buch  in  gelehrtem  Gewand,  denn  es  strotzt

')  Siehe  Schopenhauer's  Kapitel:  „Ueber  Universitäts-Philosophie."
")  Namentlich  die  des  Staatswissenschaftlichen  Seminars  in  Halle,  Director  Herr
Professor  Jvh.  Conrad,  dem  Herr  Dr.  Sax  seine  dankbaren  Gesinnungen  dafür  bezeugt,
„daß  er  ihn  auf  das  Thema  dieser  Arbeit  hingewiesen  und  unermüdlich  sie  gefördert
habe"  —  und  dem  als  Herausgeber  der  „Sammlung  national-ökonomischer  und  statistischer ­
  Abhandlungen"  das  deutsche  Arbeitervolk  überhaupt  zu  besonderem  Dank  verpflichtet ­
  ist.
        <pb n="54" />
        50

von  archivEschen  Quellen  -  Angaben,  welche  eines  Autors  „Forschergeist"
um  so  besser  kennzeichnen,  je  tiefer  er  sie  aus  alten  Aktenstücken  herausschöpft.
Um  so  leerer  aber  gingen  durch  solches  Erforschen  veralteter  Thatsachen
alle  in  der  Gegenwart  Lebenden  aus,  welche  vom  Geist  der  forschenden
Gelehrsamkeit  die  Kundgebung  erwarteten,  wie  die  Verhältnisse  des
Erwerbslebens  und  der  sozialen  Zustände,  der  Jetztzeit  entsprechend, ­
  um-  und  neuzugestalten  seien,  zu  Nutz  und  Frommen ­
  d  e  r  M  e  n  s  ch  h  e  i  t.  Statt  dessen  speist  Hr.  Dr.  Sax  die  Wißbegierigen
mit  allbekannten  balsamischen  Kräutern  ab,  davon  die  Katheder-Volkswirthschaftler
  stets  einen  Vorrath  im  Sacke  haben,  die  auf  bekannte  Vorschläge,
—  wie  permanente  Muster-Ausstellungen,  Fachschulen  re.  hinauslaufen,  dergleichen ­
  schon  lange  vor  des  Messias  Erscheinen  hier  wiederholt  versucht
worden  sind,  —und  auf  bekannte  genossenschaftliche  Einrichtungen
hindeuten,  durch  welche  die  Vermittelung  und  das  Kapital  des  Großhandels
umgangen  und  eine  bureaukratische  Geschäftsführung  für  Rechnung  Dritter
zur  Heilung  des  „Arbeiter-Elendes"  herbeigeführt  werden  soll.
Durch  das  ganze  Sax'sche  Werk  ist  der  rothe  Faden  gesponnen,  dessen
sich  die  Sozial-Demokratie  für  ihre  Zwecke  in  allen  Industriestädten  bedient,
jene  Farbe,  die  in  pikanter  Schattirnng  aufgetragen,  auch  gemüthvolle  Seelen
von  oberflächlicher  Denkungsart  besticht,  die  aber  nicht  waschecht  ist  und
verblaßt,  wenn  sie  der  Atmosphäre  einer  unabhängigen,  s  e  l  b  st  st  ä  n  d  i  g  e  n
Haus-  und  Kleinindustrie  wie  der  in  Sonneberg  ausgesetzt  wird,
wo  jeder  Fabrikant,  groß  oder  klein,  völlig  selbstständig  für  eigene  Rechnung
arbeitet  und  schafft  ,  wo  auch  dem  armen  schlichten  Mann  gesunden  Verstandes ­
  das  Walten  eines  Naturgesetzes  nicht  entgeht,  welches  von  der  Wirkung ­
  auf  die  Ursache  ihn  schließen  läßt,  warum  im  Kampf  ums  Dasein  und
um  Verbesserung  desselben  der  Eine  arm,  der  Andere  wohlhabend,  ein
Dritter  reich  geworden?)
Durch  das  ganze  Werk")  wehen  die  Klagen  über  einen  „latent  perenni-*)

  Siehe  Seite  32,  40.
**)  Der  Eine  rühmt  das  Sax'sche  Buch  als  einen  „wer  th  vollen  Beitrag
zur  Pathologie  der  sozialen  Zustande  in  Deutschland",  der  Andere  als  „eine  mirthschaftspolitische
  Studie  nach  Art  einer  privaten  Enquöte  an  Ort  und  Stelle
eines  leider  nur  erst  wenig  behandelten  Gebietes"  angestellt;  ein  Dritter  belobt  es
als  eine  Monographie  zur  Kenntniß  der  Lage  unserer  Arbeiter-Classen,  zumal  des
„  haus  industriellen  Elendes",  einen  willkommenen  Beitrag  zu  dem,  was  man
den  descriptiven  Theil  der  National-Oekonomie  nennen  könne  rc.  rc.
        <pb n="55" />
        51

renden  Nothstand  in  der  Sonneberger  Hausindustrie",  als  einer  Production,
die  jeder  höheren,  sittlichen  Organisation  ermangelt,  von  „abhängigen"  Fabrikanten ­
  und  Arbeitern,  die  ohne  innern  Zusammenhang,  ohne  gemeinsame
Institution  alle  Mittel  entbehren  zu  einem  Aufschwung  in  bessere  Verhältnisse*). ­
  Und  inmitten  seines  tiefschwarzen  Gemäldes  stellt  er  den  nackten,  kaufmännischen ­
  Egoismus  in  rother  Höllengluth  dar,  als  den  Urheber  und  Nährer
des  grausigen  Elendes  unter  einem  „Proletariat  der  schlimmsten  Sorte."**)
Der  Universitäts-Philosoph  sieht  den  Wohlstand  nicht,  der  in  Sonneberg ­
  und  Umgegend  unter  allen  Klassen  vorherrscht,  die  direct  und  indirect
von  der  Blüthe  des  Handels  leben.  Er  sieht  nur  wohlhabende  Kaufherren,
aber  keine  wohlhabenden  Fabrikanten  und  Gewerbtreibende,  aber  um  so
größere  Schaaren  eines  Arbeiter-Proletariates,  welche  unparteiische  Beobachter ­
  hier  nicht  sehen,  vielmehr  auswärts  in  einer  viel  traurigeren
Lage  finden,  da,  wo  keine  Industrie  und  kein  Handel  ihren  Segen  spenden.
Man  fragt  daher  erstaunt,  ja  empört,  w  o,  in  welchen  anderen  Regionen
zwischen  Production  und  Handel  für  erstere  günstigere,  humanere  Verhältnisse
existiren,  als  hier,  wo  jeder  einzelne  Fabrikant  dem  lokalen  Großhandelsstand ­
  so  unabhängig  und  selbstständig  gegenübersteht,  wie  der  Detaillist
und  der  Handwerker  dem  Publikum.  Genau  so  wie  dieses***)  und
nicht  anders  verfährt  die  Sonneberger  Kaufmannschaft  bei  ihren  Waareneinkäufen ­
  gegenüber  den  Fabrikanten,-^)  nur  daß  im  Großhandel,  weil
fortwährend  unter  Production  und  Consum  eine  Fluctuation  gleich  Ebbe
und  Fluth  stattfindet,  beide  Factoren  dem  Gesetz  des  Angebotes
und  der  Nachfrage  unterworfen  sind.şş)

*)  Wie  ein  Rezensent  im  Interesse  des  Sax'schen  Werks  in  der  Straßburger
W  (23.  Äug.  1882)  fWM.
**)  Wie  ein  Rezensent  in  der  Weser-Zeitung  (vom  27.  September  1882)  sich  verlauten ­
  läßt.
***)  Der  fahrende  Schüler  der  National  -  Oekonomie  kauft  seine  Brödchen  bei  dem
Bäcker,  der  die  größten  und  besten  liefert,  imb  der  Herr  Professor  erspäht  dasjenige
Geschäft,  in  welchem  er  seine  Bedürfnisse  bester  Qualität  zugleich  billigst  empfängt.
Beide  erachten  es  als  selbstverständliche  Aufgabe  der  Concnrrenz,  daß  die  Consúmente» ­
  der  Willkür  der  Produzenten  nicht  preisgegeben  werden,  daß  sie  vielmehr  die
Preise  der  Erzeugnisse  fortwährend  erniedrige  durch  wirksamen  D  r  u  ck  auf  Arbeit,  Fortschritt ­
  und  Erfindung.
t)  Glefic  Gelte  23,  29.
tt)  Gl#  Güte  34,  39.
        <pb n="56" />
        R2

Während  der  Schüler  der  „descriptive::  National-Oekonomie"  aus  alten
verstaubten  Akten  seine  Weisheit  sammelte,  entflog  ihm  der  Geist  des  Lebendigen, ­
  der  ans  den  geschästbelebten  Straßen  und  in  den  Häusern  die
schaffenden  und  schöpferischen  Elemente  bewegt,  welch'  lärmendes  Treiben
nur  eine  Störung  für  seine  philosophischen  Arbeiten  gewesen  sein  mag.
Ohne  Vorkenntniß  von  Wesen  und  Geist  in  Industrie  und  Handel,  ja
nicht  einmal  ausgestattet  mit  dem  Verständniß  des  Begriffs  „  Concurre ­
  nz",  zu  dem  jedes  Conversationslexikon  leicht  und  billig  ihn  hätte
führen  können,  hat  es  doch  dem  Herrn  Seminarist  der  Staatswissenschaften
beliebt,  unter  sozialdemokratischen  Einflüsterungen  seine  Begriffe  so  zu
bilden,  wie  zu  seinem  „Studien-Schattenbild  nach  der  Natur"  sie
ihm  und  seinen  Auftraggebern  paßten.  Er  hat  die  Zustände  an  einigen
Familienheerden  der  niedersten  Classen  studirt  und  die  Häuser  und  „Villen"
aller  vom  Handel  wohlhabend  gewordenen  Gewerbetreibenden,  Fabrikanten
und  Kaufleute  möglichst  gemieden,  -  um  als  Pathologe  der  modernen
Philosophie  keine  andere  als  seiner  Patienten  Luft  zu  athmen,  welche
übrigfna  int  ßnn&amp;amp;en  %Retniiioer  DWmib  Mnegireßö  eine  fo^MbentoWtf^^e,
sondern  vorherrschend  eine  liberale  ist.*)
Gerade  in  solchen  Häusern  der  Wohlhabenden  hätte  er  erfahren  können,
was  in  den  Hütten  der  Armen  ihm  nicht  erklärt  werden  konnte,  und  was
sein  eigner  Geist  an  Ort  und  Stelle  nicht  hat  erforschen  können,  unter
welchen  Grundbedingungen  nämlich  die  Phasen  in  Gewerbe,  Industrie
und  Handel  in  Sonneberg  und  Umgegend  vor  sich  gehen,  wie  da  durch  Fleiß
und  Energie  im  Schaffen,  mit  Sparsamkeit  gepaart,  auf  pyramidalen  Stufen
der  Aufschwung  möglich  ist.  So  stammen  nicht  nur  alle  eingeborenen
wohlhabenden  Fabrikanten,  zumeist  in  zweiter  Generation,  sondern  auch  alle
Kaufleute  in  dritter,  aus  dem  niederen  Arbeiterstande,  ja  zum  Theil  aus
dem  untersten,  demselben,  welchen  Herr  Dr.  Sax  als  „Proletariat"  zu  bezeichnen ­
  beliebt.  Die  Großväter  der  Aeltesten  der  Sonneberger  Kaufmannschaft ­
  waren:  Maler  und  Spielwaarenmacher,  Nagelschmiede,  Wetzstein-  und
Schiefergriffelmacher,  Bäcker  rc.  Solche  Stammbäume,  die  jene  Kaufleute
mit  Stolz  die  ihrigen  nennen,  zeugen  vom  „Adel  der  Arbeit",  den  die
Sippe  der  Katheder-Sozialisten  nicht  anerkennen  will,  so  lange  unter  dem

*)  Die  letzten  Reichötagöwahlen  ergaben  in  der  Stadt  Sonneberg  949  liberale,
110  conservative,  10  sozialdemokratische  Stimmen.
        <pb n="57" />
        53

(BroGWbel  i#  ^me  Slrbeitergruppen  stehen,  bereu  meli  l#en
die  Möglichkeit  zu  geistigem  Aufschwung  geboten,  ein  ungleich  günstißeteä
  ist*)  ata  baa  cur  ber  er  armer  ^rbcitcrgruppen,  ¡eaer,
die  bem  Großgrundbesitz,  Bergwerkbesitz  re.  „dem  Adel  von
Geburt",  gur  Arbeit  bienen  muffen,  biefelben,  bienotligebrangt  gei^cr
massenhaft  zur  Auswanberung  schritten.
Im  Gegentheil,  der  Forschergeist  des  fahrenden  Schülers  der  deutschen
National-Oekonomie  hat  die  Quelle  der  Armuth  und  des  Elendes  der  niedersten ­
  Arbeiterklassen  unter  dem  nackten  Egoismus  des  Kapitals
im  Handelsstand  von  Sonneberg  entdeckt,  und  er  schilt  diesen  als
verantwortlich  um  so  herber,  als  er  schon  von  Alters  her  niemals  gebührend
gefügig  den  Privilegien  und  Bestimmungen  seiner  Regierung  gegenüber  sich
Debatten  #be,  meld)e  auf  ^er^^eIlung  bea  ®lei^^gemi^^tea  #^11  Ņrobuction
mb  9861%^  „für  ben  ^eiS  (Sonneberg"  bod)  so  meife  beregnet  gemefen
stub.  Er  beweist  dies  aus  alten  Aktenstücken  vom  vorigen  Jahrhundert,
deren  Inhalt  den  Grundzügen  des  Staatssozialismus  von  heute  sehr
ähnelt  und  welche  in  ihren  Extremen  sozialdemokratische  berühren.
Sie  benutzt  Dr.  Sax  als  die  beiden  Pole  zur  Entzündung  eines  Sprengstoffes, ­
  den,  gehüllt  in  eine  „wissenschaftliche  Industrie-  und  Handels-Studie",
er  unter  eine  fleißige,  in  allen  Welttheilen  rühmlich  bekannte  Arbeitergruppe
mit  einer  Keckheit  schleudert,  welche,  die  Höhe  der  Bahn  kennzeichnend, ­
  auf  der  senes  Geschoß  gekommen,  eine  peinliche,  unverwischliche
  Spur  hinterläßt,  zugleich  von  Unkenntniß  und  von  unverzeihlicher
Nichtwürdigung  des  wahren  Kleinodes  von  Industrie  und  Handel  zeugt,
mit  welchem  die  Natur  das  Meininger  Oberland  gesegnet  hat.
Daß  das  grausige  Instrument  nicht  hier,  vielmehr  in  der  Werkstätte
explodire,  in  welcher  es  geschmiedet,  daß  damit  ein  Claffenverband  von  Jn-¿#16=
  unb  ^anbeïtrctbenben  #1  auaeinanber  gesprengt  merbe,  mie  ge  =
rade  hier  zu  G  n  n  st  e  n  unbemittelter,  aber  st  r  e  b  s  a  m  e  r  H  a  n  v  -
arbeitet  die  Natur  ihn  nicht  weiser  hätte  bilden  können,
dafür  bürgt  der  gesunde  Verstand  der  Fabrikanten**),  der  ihnen

*)  Siehe  Seite  22.
**)  Denn  was  Fabrikanten  und  Gewerbtreibende,  nicht  nur  Kaufleute  über  das
Elaborat  des  Hrn.  Dr.  Sax  urtheilen,  beweist  eine  von  der  hiesigen  Handels-  imb  Gewerbekammer ­
  in  Gemeinschaft  mit  dem  Gewerbeverein  erlassene  Entgegnung,  worin  es  u.  A.
        <pb n="58" />
        54

W,  baß  mir  bnrd)  SMbilbnng  ißnen  mifge^Ifen  merben  (mm  imb
bnßimllebrigenße  born  Biegen  in  bie  Traufe  gefi#  merben  mürben,  menu
[ie  ihren  altbewährten  Grnnbsatz:  „Vertrau  auf  Gott  und  arbeite  "  :n
mniten  beä  [081011^1^^  aufgeben  moííten,  ber  bn  sagt:  Bertrán  mis  ben
Şîuat  und  lasse  vou  ihm  deine  Arbeit  dir  vorschreiben.
(sd)hmin  genng,  baß  längst  man  in  ^eiit^Ianb  ben  BlrbeiW,  nnb
Unternehmungsgeist,  ber  in  England  und  Amerika,  dem  wirthschaftlichen  Gebiet
  zugeführt,  dort  demselben  wenigstens  erhalten  wird,  auf  Bahnen  lenkte
mo  bic  Wßeit  ber  Snitintioe  in  ber  SBebõKernng  import,  mo  ^elbfttlintin^
W  8iir  @rnnbung  eigener  %ifteii8en  be^imirt,  ber  eintrieb  ^iiin  ©cßnßen  nnb
(streben  m  ben  BRenfcßen  In#  gelegt  mirb;*)  —  #  limin  er  nod,  baß
WMM-Ş
■
issassi
.(picim  aber  hegt  ber  größte  ocrßttíi^^enbc  (Segen  ber  inbinibueHen  greift.
        <pb n="59" />
        55

in  Deutschland,  das  mehr  denn  jedes  andere  Land  auf  Industrie  und  Aktivhandel ­
  angewiesen  ist,  seitdem  ein  anderer  Factor,  die  Landwirthschaft,  zum
nationalen  Sorgenkind  geworden,  die  vorhandene  Arbeitskraft  gehemmt  und
erschwert  wird,  —  mußte  es  auch  schon  zum  Schlimmsten  kommen:  daß
durch  die  famose  wissenschaftliche  Erziehung  und  die  Ueberproduction  von
Wissenschaftlern  auf  dem  Gebiete  der  philosophischen  National-Oekonomie  dem
deutschen  Reich  ein  Proletariat  erwuchs,  das  unter  den  Fittichen  des
Staates  erzogen,  von  ihm  benützt  und  genährt,  in  wahrhaft  erschreckender
Weise  auf  Kosten  und  zur  Unterdrückung  des  Nährstandes  —  sich  vermehrt,
bis  dann:  —  Mögen  die  Vertreter  desGedankens  von  der  irdischen ­
  Staatsvorsehung  und  des  reaktionären  Staatssozialismus ­
  die  furchtb  are  Tra  zweite  der  Gefahr  solchen  Treibens ­
  s  e  l  b  st  e  r  m  e  s  s  e  n!
Weil  kein  Stand  ohne  Proletariat,  so  muß  wohl  oder  übel  auch  der
Sonneberger  Handelsstand  das  seinige  haben.  Aber  wir  finden,  daß  ein
solches  weder  für  die  Produktion,  noch  viel  weniger  für  den  Consum  gemeinschädlich ­
  sein  kann,  weil  überhaupt  mit  Sonneberger  Waaren  kein  Betrug
verborgener  Art  getrieben  werden  kann,  wie  etwa  bei  Lebensmitteln.  Jede
äußerlich  klar  liegende  Fälschung  rächt  sich  direkt  an  dem  Thäter,  während
Trägheit  und  Fahrlässigkeit  im  Geschäft  jedes  einzelnen  Kaufmanns  von
selbst  sich  strafen.  Sogar  der  Druck,  den  der  Kaufmann  auf  den  selbstständigen ­
  Arbeiter  in  Concurrenz  ausübte,  würde  dadurch  gebüßt,  daß  er
keine  Waaren  von  ihm  erhält,  sobald  er  solche  braucht.*)  Ein  Naturgesetz**) ­
  wahrt  die  Interessen  der  Consumenten  in  Industrie  und  Handel,
oenmttelft  ber  6on  cur  rena,  106%  für  Me  @6%#%%
der  menschlichen  Gesellschaft  von  um  so  segensreicherer  Wirksamkeit  ist,  als
aüeë  sie  in  9%  nnb  marni  oerfc^  nnb  baë  #6%%^%  06^#^  bagegen
  aber  dafür  sorgt,  daß  Fleiß  und  Liebe  zur  Arbeit,  alles  Edle  im  Schaffen,
vornehmlich  das  des  nutzbringenden  Fortschrittes  gebührend  belohnt  wird.***)
m^ie  nana  anberë  e8  wn  baë  geistige  Raffen  in  ben  3Biffenschäften!
  Wer  kennt  das  Naturgesetz,  das  den  Gelehrten  straft,  der  unter
Auf  der  anderen  Seite  aber  droht  vom  Staatssozialismus  eine  leicht  verunsittlichende
Massenerschlaffung."  (Aus:  „Der  Beamtenstaat  und  der  Einzelne",  in  No.  125
des  Berliner  Tageblattes  vom  15./3.  1882.)
*)  (5%  Seite  85,  39.  **)  Sie%e  ©eite  30,  42,  48.  ***)  S#e  Seite
32,  39,  40.
        <pb n="60" />
        Fürstlich  prid.  Hosbuchdruckerci  (g.  stliitzlaff),  Rudolstadt.

d"  Larve  der  Philosophie  das  Volk  irre  führt  oder  gar  anlügt?  Wer
kennt  cm  Land,  wohin  deutsches  Wissenschafts-Proletariat  auswandern
? effer  -  "Ş  es  ausgewandert  werden  sollte,  das  unter  de»,
Brustschilde  der  Germania  gebrütet,  ja  gezüchtet  und  genährt,  in  den
Aalten  des  Gewandes  sicherlich  aufwärts,  hinauf  bis  zu  Krone  und  Schwert
sich  versteigt,  wenn  es  den  Körper  mit  seinem  Gift  überzogen  haben  wird?

■  Í  Ķbert  muß  wohl  sich  gedulden,  bis  das  Rad  der
Geschichte  Uber  die  Köpfe  hinweggegangen  sein  wird,  deren  Scharfsinn
Drohnen  züchtet,  stracks  entgegen  dem  Instinkt  kluger  Thi-rchen,  deren
Arbcitsstaat  den  Menschen  zum  Vorbild  dienen  sollte.
,  î»  ^ ert  Zf af ’  ia§  Mn  "ns-itigster  Beurtheilung  und  grenzenlos ­
  leichtfertiger  Auffassung  der  Verhältnisse  in  Stadt  uiid  Kreis  Sonncberg
zeugt  von  Verdächtigungen  und  Entstellungen  strotzt,  während  es  alle
wohbeta,inten  Lichtseiten  verschweigt,*)  entbehrt  jedes  handelswissenschaftlichen ­
  Werthes  und  in  Folge  dessen  auch  des  industriellen,  indem
Handel  und  Industrie  hier  unzertrennlich  in  einander  verflochten  sind
Einen  praktisch-industriellen  Werth  aber  kann  das  Buch  empfanaen
ms  rjl  blC ,  in  bcn  Ştaatsarchiocil  aufzubewahrenden  Exemplare,'
der  Rest  derselben  den  Rückweg  so  vieler  gelehrten  Werke  gewandelt  ,-in
wird  -  den  zur  Sonneb-rg-r  Papiermüchö-Spielwaaren-F
  a  o  r  t  ï  a  11  o  n.

)  Vergleiche  unsere  Beschreibung  der  Sonneberger  Hausindustrie
Seite  16,  19,  22,  23,  26,  29,  32,  39,  42.

und  ihres  Handels
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        Fürstlich  priv.  Hofbuchdruckerej  (F.  Mitzlaft),  Rudolstadt.

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Von  demselben  Verfasser  und  im  Verlag  der  Kesselring'fchen  Hofbuchhandlung  J
in  Hildburghausen  sind  ferner  erschienen:
Geschichte  der  Gewerbe,  Industrie  und  des  Handels
des  Ueininger  Oberlandes.
Lieferung  I.  —  V.  à  Lieferung  l  JL
Gulturşistorische  Wilder
aus  dem  Meininger  Oberland.
Lieferung  I.  Aus  dem  Arbeiter-  und  Äanfmannsteben.
Lfg.  il.  u.  in.  Lebensbeschreibung  des  Gott  helf  Greiner
in  Limb  ach,  Erfinder  des  Thüringer  Porzellans.
Preis  à  Lieferung  1  JL
Mne  volksmirthfchaftliche  Mahnung.
#ei0  25
Die  Berchtesgadener  Emigranten.
#(10  25  ^
Der  dlane  Montag.
"  SßreiS  20  ^
Die  Gnlsteijnng  der  Glasindustrie  in  Lauscha.
(Auszug  aus  der  „Geschichte  der  Gewerbe"  2c.
Preis  25  ^  n
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