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        <title>Ursachen der Amerikanischen Concurrenz</title>
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&amp;lt;K
        <pb n="3" />
        Ursachen
der
Amerikanischen  Coneurrenz.
        <pb n="4" />
        Alle  Rechte,  auch  das  Uebersetzungsrecht,  Vorbehalten.
        <pb n="5" />
        •'  J  -i

Ursachen
der
ÂmiinlaQiscliGii  I^Giciffeiz.

Ergebnisse  einer  Studienreise
der  Herren:
Grafen  Géza  Andrassy,  Géza  und  Imre  Széehényi,
Ernst  Hoyos,  Baron  Gabriel  Gudenus  und
Dr.  Rudolph  Meyer
durch  die  Vereinigten  Staaten.

Herausgegeben
von

f  D"  R.  MEYER.

Mit  einer  Yerkehrskarte  der  Union.

BERLIN.
Verlag  von  Hermann  Bahr.
1883.
        <pb n="6" />
        O’  \

-iS.'»

'&amp;lt;L:

'5.äHi.v»

y.iv
        <pb n="7" />
        Dem
friedfertigen,  fleissigen,  unterrichteten,  wohlhabenden
Volk  von  Amerika
und  seinem  Gesandten  in  Wien,
M£  TAFT
mit  Hochachtung  gewidmet
vom  Verfasser

Rudolph  Meyer.

Paris,
August  1883.
        <pb n="8" />
        ^  H:

r

III!:

ir  ti

fc.r'l
        <pb n="9" />
        Vorwort.

^it  dem  Studium  der  amerikanischen  Production  und  des
amerikanischen  Handels,  sowie  der  noth  wendigen  Rückwirkungen ­
  beider  auf  die  wirthschaftliche  Dekadenz  Europas  habe
ich  mich  bereits  seit  Ende  der  sechziger  Jahre  beschäftigt
und  schon  Anfangs  der  siebenziger  Jahre  den  Dr.  Rodbertus
daraut  aufmerksam  gemacht,  dass  seine  Grundrenten-Verschuldungs-Theorie ­
  den  von  ihr  erwarteten  Dienst  —  den  Grundbesitz ­
  bei  der  Grundbesitzerfamilie  und  also  bei  der  Nation
zu  erhalten  versagen  werde,  wenn  die  landwirthschaftlichen
Producte,  durch  die  Concurrenz  Amerikas,  im  Preise  fallen,
^^S^gen  die  Arbeitslöhne  in  Europa,  wegen  der  Auswanderung
europäischer  Arbeiter  nach  Amerika,  steigen  würden,  und
dass  die  Verminderung  der  Grundrente  in  Europa  um  so
schneller  sich  vollziehen  werde,  je  mehr  Antheil  am  nationalen
Arbeitsproduct  der  Staat  von  Jahr  zu  Jahr  in  Form  von
Steuern  sich  aneigne.
Dem  setzte  Rodbertus  entgegen,  dass  ich  nur  dann  Recht
haben  würde,  wenn  in  Amerika  eine  friedliche  und  rein  ökonomischen ­
  Zwecken  hingegebene  Gemeinschaft  entstehen  sollte.
Eine  solche  habe  es,  selbst  in  viel  kleinerem  Umfange,  nie  gegeben
und  würde  es  noch  viel  weniger  eine  solche  vom  Umfange  eines
Continents  geben.  Vielmehr  werde  die  Union  sich  spalten  und
wir  würden  in  Nordamerika  ein  ähnliches  Schauspiel  erleben,
Wie  in  Süd-  und  Mittelamerika,  dessen  Republiken  sich  fortwährend ­
  bekämpfen  und  dadurch  ihre  Concurrenzkraft  so  ge-
        <pb n="10" />
        II

schwächt  haben,  dass  sie  thatsächlich  noch  jetzt  wirthschaftlich
abhängig  von  Europa  sind.
Dies  klang  sehr  plausibel,  hat  sich  aber  nicht  bewährt.
Amerika  ist  bis  jetzt  eine  friedfertige,  ökonomische  Gemeinschaft ­
  geblieben  und  wird  es  vorläufig  wohl  noch  lange
sein.  Seine  Concurrenz  wird  uns  von  Tag  zu  Tag  gefährlicher ­
  und  hat  zwei  grosse  Reiche  Mitteleuropas  bereits  veranlasst, ­
  eine,  meiner  Ansicht  nach,  ganz  falsche  Schutzmassregel
in  Form  von  Agrarzöllen  einzuführen.
Unter  solchen  Umständen  hielt  ich  es  für  nützlich,  eine
Studienreise  nach  Amerika  zu  machen.  Ich  verliess  am
31.  Januar  1881  Wien  und  kam  am  16.  März  1882  dort  wieder
an,  nachdem  ich  in  dieser  Zeit  27.300  englische  Meilen  gereist
war.  Amerika  verliess  ich  schon  Ende  December  1881  und
fuhr  langsam  über  England,  Frankreich  und  Italien  nach  Wien
zurück.  Den  grössten  Theil  der  Reise  machte  ich  in  Gesellschaft ­
  von  fünf  Herren  aus  Oesterreich-Ungarn.
In  der  Folge  gebe  ich  eine  Schilderung  der  Reise  in  Amerika ­
  von  Station  zu  Station  und  füge  an  geeigneter  Stelle  Abhandlungen ­
  über  besondere  Studienobjecte  bei.  Die  Schlusszusammenstellung ­
  ist  erst  Sommer  1883  erfolgt  und  dabei
vieles  neueste  statistische  Material,  namentlich  solches,  welches
der  Census  von  1880  ergab,  benutzt  worden.  Diese  letzten
Zahlen  sind  zuweilen  etwas  anders  als  entsprechende  ältere
im  Text,  die  den  vorläufigen  Censusbulletins  entnommen  sind.
Die  meisten  Zahlen  über  Productionskosten,  Handels-  und
Transportspesen  sind  den  Geschäftsbüchern  der  amerikanischen
Unternehmer  entnommen.  Besonderen  und  grossen  Dank
schulde  ich  den  österreichisch  -  ungarischen  Gesandtschaftsund ­
  Consularbeamten  in  Amerika,  welche  uns  nicht  nur  persönlich ­
  bei  all  jenen  Behörden  und  Geschäftsleuten  einführten,
deren  Bekanntschaft  werthvoll  für  uns  war,  sondern  die  uns  auch
nach  unserer  Abreise  fortlaufend  bis  jetzt  statistische  Daten
und  Texte  von  Gesetzen  zusandten,  den  Herren  Baron  Meyer,
        <pb n="11" />
        Ill

Gesandter  in  Washington,  Graf  zur  Lippe-Weissenfeld,  Gesandtschaftsrath ­
  in  Washington,  Generalconsul  Baron  Havemeyer,
  Consul  und  Vicecónsul  von  Fritsch  und  Meyer  in  New-York,
  den  Consuln  Claussenius  in  Chicago,  Baron  von  Meysenbug
  in  New-Orleans,  Hochkoffler  in  San  Francisco  und
Schulz  in  Montreal.  Von  grösster  Zuvorkommenheit  haben
sich  die  Amerikaner  uns  gegenüber  bewiesen  und  uns  vollen
Hinblick  in  ihre  Geschäfte  gestattet,  weil  sie  keine  Concurrenten
  in  uns  zu  fürchten  hatten.
Das  Material  an  solchen  Gesetzen,  welches  ich  in  den  Vereinigten ­
  Staaten  sammelte,  die  viel  zu  dem  raschen  Aufschwung
und  zur  Befestigung  des  Wohlstandes  daselbst  gethan  haben
und  noch  thun,  publicire  ich  gleichzeitig  in  einem  anderen
Werke,  das  im  selben  Verlage  mit  diesem  erscheint.
Der  Leser  wird  in  diesem  Buche  einer  anderen  Auffassung
^^K^gnen,  als  in  den  meisten  andern  Büchern  über  Amerika.
Hr  wird  weder  auf  eine  Schwärmerei  über  angeblich  mustergültige ­
  Institutionen  stossen  wie  in  Tocqueville’s  Démocratie
en  Amérique,  noch  auf  eine  absprechende  Verurtheilung  alles
Amerikanischen,  der  in  viele  Institutionen  daselbst  unleugbar
eingedrungenen  Corruption  wegen.
Aber  den  Hindruck  möchte  ich  hervorbringen,  dass  die
Union  dem  Menschen  seinen  gottgewollten  Zweck  hienieden
innerhalb  ihrer  weiten  Grenzen  besser  erreichen  lässt,  als
irgend  ein  europäischer  Grossstaat.  Der  Leser  wird  nur,  wenn
er  mein  gleichzeitiges  Werk  über  die  socialen  Gesetze  Amerikas
liest,  mich  ganz  verstehen.  Die  Union  ist  der  existente  Protest
der  Menschlichkeit,  Menschheit,  Christlichkeit  gegen  den  europäischen ­
  Bureaukraten-  und  Militärstaat.  Dritthalb  Millionen
Menschen  sind  in  Huropa  dem  Frieden  der  Arbeit,  während  der
Blüthe  ihrer  Jahre,  entzogen.  Anstatt  Ackerbaumaschinen  baut
Torpedos,  Krupp  sche  Geschütze,  Grüson’sche  Panzerstände
und  die  leidende  Arbeiterschaft  antwortet  mit  Dynamit.  Beides
ist  gleich  unchristlich  und  die  friedfertige  Union  steht  Himmel-
        <pb n="12" />
        IV

hoch  über  dem  in  Barbarei  versinkenden  Europa.  Die  Union
ist  gleichfalls  der  Protest  der  Menschheit  gegen  den  Centralismus,
  den  bureaukratischen  Polizei-  oder  sogenannten  Rechtsstaat, ­
  gegen  eine  antik  -  heidnische  Staatsomnipotenz.  Die  persönliche ­
  und  politische  Freiheit,  die  Pressfreiheit,  die  Versammlungs-
  und  Vereinsfreiheit,  die  Religionsfreiheit,  die  Freiheit ­
  der  Eltern,  ihre  Kinder  erziehen  zu  lassen,  wie  sie  wollen  und
daneben  die  kostenlose  öffentliche  Schule,  die  freie  Selbstverwaltung, ­
  der  Beamte  als  Diener  und  nicht  als  Vormund  und  Tyrann
des  Volkes—  das  sind  ja  lauter  entschwundene  europäischeideale,
die  drüben  verwirklicht  sind,  freilich  von  Menschen,  die  sündig
und  unvollkommen  sind,  wie  alle  Erdgeborene.  Darum  giebts
auch  dort  Missbrauche  innerhalb  der  Institutionen.  Allein  dort
sind  die  Institutionen  gut  und  bei  uns  sind  die  meisten
schlecht.
Aus  diesen  Gründen  verehre  ich  das  friedfertige,  grosse,
intelligente  und  freie  Volk  von  Amerika.  Mögen  die  Völker
Europas  ihm  in  allem  Guten,  das  es  vor  uns  voraus  hat,
ähnlich  werden!
        <pb n="13" />
        Inhal  ts-Uebersicht.

Vorwort
Capitel
1.  Hinüber
2.  Persönliche  Ueberlegenheit  der  Amerikaner  .
3.  Unsere  Auswanderer  in  Amerika
4.  Die  Ackerbau  -  Production  der  nordamerikanischen ­
  Union  seit  zehn  Jahren
5.  Getreide-Transportanstalten  in  den  Hafenstädten
am  Atlantischen  Meere
6.  Kosten  des  Getreide-Transports  von  Amerika
nach  Europa
7.  Der  Export  frischen  Fleisches  von  New-York
8.  Im  Hafen  von  Philadelphia  und  dem  Kohlenbecken ­
  von  Pennsylvanien
9  Mineralische  Schätze  der  nordamerikanischen
Union.  .  .  •
10.  Washington
11.  Ein  Audienztag  in  Washington
12.  Das  Ende  Garfield’s
13.  Von  Washington  bis  Florida
14.  Florida
15.  Der  Süden
16.  New-Orleans
17"  Texas
18.  Der  Handel  mit  texanischem  Rindvieh  .  .
19.  Der  Panama-Canal  und  die  amerikanische  Politik
20.  Reise  von  New-Orleans  bis  Kansas-City  .
21.  Die  Gründung  des  deutschen  Adelsvereins  in
Texas

Seite
I—IV.

1—8
9—14
ï  5—45
46—4^
49—67
68—125
126—135
136—144
H5—H9
150—152
153—160
161—165
166—172
173—186
187—203
204—217
218—234
235—252
253—291
292—302
303—322
        <pb n="14" />
        VI

Capitel
22.  Reise  durch  Kansas
23.  Cimarron,  ein  Grossgrundbesitz  in  Amerika
24.  Verwaltung  eines  Territoriums  der  Union
25.  In  Colorado,  Neu-Mexico  und  Arizona  .
26.  Das  Landsystem  und  Agrarrecht  der  Union
27.  Von  Neu-Mexico  nach  Californien  ....
Landwirthschaftliche  Behörden  und  Vereine
Californien
Das  Communicationswesen  der  Un
Die  Mormonen
Von  San  Francisco  nach  Chicago
Amerikanischer  Schweinehandel.
34.  Von  Chicago  nach  Manitoba
35.  Unterrichtswesen  der  Union  .  .
36.  Landwirthschaftliches  aus  Illinois
37.  Molkerei  industrie  der  Union.
38.  Durch  Michigan  nach  Ostcanada
39.  Staats-,  County-  und  Township-Verfassung
Michigan  (von  Graf  Geza  Andrassy)  .
Canada
Rindvieh-Export  von  Canada  ....
Summarische  Uebersicht  der  wirthschaftlichen
Situation  der  Union  .  .  .

28.
29.
30
31-32

33

on

on

40
41,
42

Seite
323—366
367—399
400  408
409  42I
422—432
433—447
448—454
455—484
485—511
512—548
549—576
577—606
607—647
648—653
654—672
673—680
681—691
692—699
700—714
715—7:9
720—815

Anhang.
a)  Münz,  Maass-  und  Gewichts-Tabelle
b)  Verkehrskarte  der  Vereinigten  Staaten  nach  der  neuesten
Aufnahme  von  Rand,  Mc  Nally  &amp;amp;  Co.,  Chicago,  U.  S.  A.
        <pb n="15" />
        I.  Capitel.
Hinüber!

^  In  der  Luftlinie  liegen  die  beiden  Hauptstädte  Wien  und
engere  geistige  Verbindung  zu  setzen
jm  egnffe  bin,  wohl  nicht  5000  englische  Meilen  von  einander
Weg  zwischen  beiden  betrug  jedoch  4914  Meilen.
■  ^  einen  directeren  Weg  zwischen  ihnen,  der  kürzer
ist;  aber  unter  Umständen  ist  der  gerade  Weg,  wenn  auch
'urzeste  zwischen  zwei  Orten,  doch  nicht  der  angezeigteste
und  ich  fand  mich  in  der  Lage,  die  Ausfallspforte  der  neuen
e  t  auf  einem  reizenden  —  Umwege  zu  suchen.  Die  person ­
  ichen  Gründe  dafür  will  ich  Niemand  aufdrängen.  Indess
wird  Jedermann  es  verstehen,  dass  ich  mir  den  Abschied  von
Luropa  so  einzurichten  suchte,  wie  man  ihn  wünschen  muss,
P?  neuen  Welt  gerne  an  die  Rückkehr  zu  denken,
^^inen  schöneren  Umweg,  der  direkt  zu  diesem  Ziele  führt,
...  ^  ^nn  Wien  aus,  glaube  ich,  nicht  wählen,  als  den
u  er  enedig,  Mailand,  Genua,  Nizza,  Marseille,  Paris,  London,
Liverpool;  und  wenn  man  nun  das  Glück  hat,  die  Strecke  bis
i  izza  in  lieber  Gesellschaft  geistvoller  und  unterrichteter
1  ^U’Zu  noch  die  Riviera  in  offenem  Wagen  und  bei
lerr  ic  em  Wetter,  wie  ich  es  dort  vom  6.  bis  10.  Februar  1881
un  ,  zw  ischen  blühenden  Rosen  und  goldene  Früchte  tragen-(
  en  Orangen-  und  Mandarinenbäumen  zu  durchfahren,  so  ist
Wirklich  eine  Reise  nach  Amerika  nicht  mit  mehr  Raffinement
einzurichten.  Freilich  bringt  man  es  dabei  auf  fast  5000  englische ­
  Meilen!
Ueberdies  hatte  ich  die  Absicht,  noch  einmal  das  so  wundervoll ­
  künstlich  bewässerte  Nord-Italien,  die  mit  Frucht-  und
        <pb n="16" />
        2

Olivenbäumen  so  sorgfältig  angebaute  Riviera  und  jenes  Süd-Frankreich
  zu  sehen,  in  dem  der  Kleinbesitz  und  die  Métayage
die  sorgfältigste  Ausnützung  des  Bodens,  durch  eine  dichte  Bevölkerung ­
  und  mittelst  Handarbeit,  bis  jetzt  vor  den  verderblichen ­
  Folgen  der  überseeischen  Concurren/  noch  geschützt ­
  hat,  bevor  ich  nach  England  käme,  wo  die  sogenannte ­
  intensive  Wirthschaft,  mit  viel  Kapital  und  Maschinen,
seit  meinem  letzten  Aufenthalte  daselbst  im  Verfall  weitere
Fortschritte  gemacht  hat.  Mit  dem  frischen  Eindrücke  des
italienisch-französischen  Wirthschaftssystems  einer-,  des  englischen ­
  andererseits,  wollte  ich  an  das  Studium  jener  amerikanischen ­
  Landwirthschaft  treten,  über  welche  die  Urtheile  in
Europa  so  weit  auseinander  gehen,  deren  Einfluss  sich  aber
fast  kein  Land  mehr  entziehen  kann.  Nichts  ist,  um  neue  Erscheinungen ­
  richtig  zu  beurtheilen,  so  nützlich,  als  sie  mit  bekannten ­
  zu  vergleichen.  Ohne  allzuviel  Sophistik  komme  ich
also  zu  dem  Schlüsse,  dass  der  von  mir  gemachte  Umweg
nicht  nur  mir,  sondern  auch  den  Lesern  dieses  Buches  zugute
kommen  wird.
In  Paris  fand  ich  die  herzlichste  Aufnahme  in  den  Kreisen
conservativer  Socialpolitiker,  worin  man  sich  für  die  projectirte
Reise  lebhaft  interessirte.  Herr  Le  Play,  der  von  seiner
schweren  Krankheit  vollständig  wiederhergestellt  war  und  soeben ­
  den  letzten  Druckbogen  seiner  ,,Constitution“  vollendete,
hatte  die  Güte,  mir  seinen  Rath  für  meine  Studien  nicht  vorzuenthalten, ­
  doch  bitte  ich,  von  diesen  keine  Resultate  zu  erwarten, ­
  die  sich  mit  jenen  dieses  europäischen  Altmeisters  im
Reisen,  Beobachten  und  Schildern  messen  oder  auch  nur  annähernd ­
  vergleichen  könnten.  Man  kann  von  Le  Play  viel
lernen,  vor  Allem,  was  ich  stets  in  seiner  Gesellschaft  empfand
—  Bescheidenheit!
Sehr  wesentliche  Belehrung  über  die  Art,  wie  ich  mit
Nutzen  in  Amerika  zu  reisen  hätte,  verdanke  ich  dem  genialen
Schüler  Le  Play’s,  Herrn  Claudio  Jannet,  dessen  Werk:  „Les
Etats-Unis  contemporains  ou  les  moeurs,  les  institutions  et  les
idées  depuis  la  guerre  de  la  sécession,  ouvrage  précédé  d  une
lettre  de  M.  Le  Play.  Paris.  Plon  &amp;amp;  Cie.  1876“  ich  neben  jenem,
das  ich  gleichzeitig  über  amerikanische  sociale  und  Heimstätten-
        <pb n="17" />
        3

1*

gesetze  herausgebe,  zur  Lecture  wärmstens  empfehle.  Es  hat
mich  fortwährend  geleitet,  und  wenn  ich  eine  wesentlich  optimistischere ­
  Ansicht  von  Amerika  mitgebracht  habe  als  Herr
Jannet,  so  nimmt  dies  dem  Werth  seines  Buches  nichts.  Er
hatte  den  Westen  nicht  so  gründlich  gesehen  als  ich.  Das
würde  er  gefunden  haben,  was  er  in  den  reichen  und  alten
Nordoststaaten  vermisst,  dort  würde  ihm  jene  Corruption  weniger ­
  begegnet  sein,  die  er  hier  fand.  Abgesehen  davon  ist
sein  Werk  das  beste  der  mir  bekannten  über  die  socialen
Verhältnisse  in  der  Union.
Ein  actives  Interesse  nahmen  die  Herren  des  „Oeuvre
ouvrière  catholique“  an  einer  Expedition,  die  leider  nicht,
wie  ursprünglich  gehofft,  durch  ein  Mitglied  aus  dem  Faubourg
St.  Germain  verstärkt  wurde.  Sehr  begreiflich,  denn  der
amerikanische  Einfluss  auf  Europa  ist  ein  eminent  socialer,
weil  er  die  materielle  Grundlage  der  europäischen  socialen
rdnung  atomweise  zermürbt  und  wegwäscht.  In  diesem
p  euvre“  haben  die  socialen  Studien  seit  1878  sehr  erfreuliche
ortschritte  gemacht,  nachdem  die  Ideen  des  Löwener  Professor
enn,  an  die  er  selbst,  seinen  neuesten  Arbeiten  nach,  kaum
mehr  im  früheren  Grade  glaubt,  darin  überwunden  wurden,
und  man  zu  der  Einsicht  kam,  dass  gegen  allgemeine
eb  e  1  nicht  individuelle  Mittel,  wie  es  die  Charite  immer  sein
tVn*^'  ausreichende  Abhilfe  gewähren  können.  So  brauchfranzösischen
  conservativen  Socialreformer  nicht  erst
des  R  geistvollen  Schwiegersohn  des  Dr.  Karl  Marx,
*  h  jenes  Communismus,  der  nunmehr  auch  in  Franknoch
  in  Frage  kommt,  Herrn  Lafargue,  darauf  aufmer
  'sam  gemacht  zu  werden,  dass  die  amerikanische  Con-^•^jî^^-^^^^^’^^^^^^sf^communistischeAgitatorist,
  weil
sie  le  endenzhat,  den  altgesessenen  europäischen  Grundbesitzerstan
  zu  proletarisiren  und  an  seine  Stelle  die,  bei  uns  vorwiegend ­
  semitische  Plutokratie  zu  setzen,  eine  sociale  Ordnung,
welche  von  indo-germanischen  Völkern  keinesfalls  lange  er-^agen
  werden  wird.  Ich  fand  die  Herren  des  „Oeuvre“  voll
ewusstsein  der  in  dieser  neuen  Wechselwirkung  der  beiden  Erdt
  eile  liegenden  socialen  Gefahr,  ganz  durchdrungen  von  derUeberzeugung,
  dass  wir  bereits  mitten  in  der  gewaltigsten
        <pb n="18" />
        4

socialen  Revolution  leben,  welche  die  Weltgeschichte
kennt,  weil  sie  den  Grundbesitzerstand  von  Invernes  bis  Warschau,
von  Christiania  bis  Messina  kleinweise  —  auf  durchaus  legalem
Wege  —  beseitigt.  Auch  ist  man  hier  viel  weiter  als  in
England,  wo  man  —  unglaublich,  aber  leider  wahr  —  noch
vom  ,,freien  Grundbesitz“  Abhilfe  erwartet.  Nachdem
Ee  Play  gegen  einige  Grundsätze  des  Code  Napoleon  so
viele  Jahre  in  unermüdlicher  und  meisterhafter  Weise  gekämpft
hat,  wird  dieses  Gesetz  und  seine  sociale  Wirkung  mehr  und
mehr  im  Ganzen  ein  Object  der  Kritik  in  Frankreich.  Selbst
Herr  Claudio  Jannet,  der  im  Ganzen  noch  der  alten,  liberalökonomistischen
  Schule  angehört,  obschon  er  religiös  auf
einem  ganz  anderen  Standpunkte  steht,  hat  in  jenem  verdienstvollen ­
  Werk  über  Amerika  die  Wichtigkeit  der  amerikanischen ­
  Agrargesetze  anerkannt,  welche  mit  dem  Code  Napoleon
durchaus  unvereinbar  sind.
Alle  Herren  versicherten  mich,  dass  die  Noth  der  grösseren ­
  Grundbesitzer  in  Frankreich  eine  steigende  sei.  Wer  seine
Aecker  gegen  fixe  Geldleistung  verpachtet  hatte,  erhielt  entweder ­
  keinen,  oder  doch  einen  geringen  Pacht,  oder  er  musste
den  Pächter  ruiniren,  was  nicht  nur  hart,  sondern  auch  unzweckmässig ­
  ist,  denn  ein  neuer  Pächter  findet  sich  höchst
selten.  Das  reine  Metayagesystem  bewährt  sich  noch  am
besten,  indem  der  Grundbesitzer  doch  Etwas  erhält.  Mir
scheint,  dass  die  reine  Geldwirthschatt,  die  nur  zu  bald  auch  zui
Creditwirthschaft  wird,  in  Europa,  soweit  Kleinbetrieb  in  Rede
steht,  bald  aufgegeben  werden  muss,  und  zwar  wird  der  ,,niedrige ­
  Preis“  dies  bewirken.  Die  ganz  kleinen  Grundbesitzer
leiden  in  P'rankreich  noch  nicht  unter  der  Concurrenz,  da  sie
eben  den  grössten  Theil  ihrer  Produkte  consumiren,  wenig
oder  gar  nicht  verschuldet,  sehr  sparsam  und  frugal  sind  und
der  Preis  ihrer  Markterzeugnisse,  die  ja  nicht  in  \\  eizen  und
Fettvieh  bestehen,  noch  fast  gar  nicht  afficirt  ist.  In  solchen
Weingegenden,  die  von  der  Reblaus  heimgesucht  sind,  ist  es
freilich  etwas  Anderes.  Auch  das  russisch-communistische  Mir-Agrarsystem
  mit  wegen  Schulden  der  Besitzer  unverkäuflichem
Boden,  widersteht  an  sich  dem  Einfluss  der  Concurrenz,  da  es,
seinem  Begriffe  nach,  nicht  auf  Geld  gestellt  ist.  Möge  man
        <pb n="19" />
        5

das  in  den  slavischen  Ländern  Oesterreichs  bedenken  und  durch
,,Schuldentlastung“  und  „Homstead-Exemption“  dem  russischen
Systeme  das  Praevenire  spielen.  Was  können  Bontoux’sche
Agiobanken  in  dieser  Richtung  nützen?  Die  „Union  générale“
desselben  ist  zwar  schon  verkracht,  allein  Leute,  denen  nicht
zu  helfen  ist,  hoffen  dennoch  das  Heil  Oesterreichs  von  deren
Tochter,  der  berufenen  „Länderbank“.
Die  Auswanderung  englischer  Farmer  ist  nicht  so  bedeutend, ­
  wie  man  noch  vor  Jahr  und  Tag  erwarten  durfte,  jedoch
nicht  desshalb,  weil  sich  etwa  die  Lage  der  englischen  Landwirthe
  gebessert  hätte.  Dieselbe  verschlimmert  sich  vielmehr
zusehends.  Allein,  die  Grundbesitzer  suchen  die  Farmer  im
Lande  zu  behalten,  indem  sie  die  Pacht  ermässigen,  auch  die
schon  fällige  zum  Theile  nachlassen,  wenn  auch  nicht  durchschnittlich ­
  um  50  Percent,  wie  der  Herzog  von  Bedford,  jedoch
nur  unter  der  Bedingung,  dass  der  Pächter  weiter  auf  der
Farm  bleibe!  Zieht  derselbe  ab,  so  muss  er  die  rückständige
f  acht  zahlen,  löst  aber  aus  dem  Verkaufe  des  lebenden  und
todten  Wirthschaftsinventariums,  wovon  das  Angebot  weit  die
Nachfrage  übersteigt,  wenig  Geld  und  behält  somit  in  den
seltensten  Fällen  Mittel  genug,  um  in  Amerika  unter  günstigen
Verhältnissen  ein  selbstständiges  Wirthschaftsleben  zu  beginnen.
N  ichtsdestoweniger  wandern  manche  aus  und  sehr  viele  Grundbesitzer ­
  verfügen  über  verlasfene  Farmhöfe.  Manche  schränken
ihren  Haushalt  ein.  Andere  kaufen  in  Amerika  Grundbesitz.
Auf  demselben  Schiffe,  das  uns  nach  New-York  führte,  fuhr
der  älteste  Sohn  des  Lord  Airley  hinüber,  der  schon  seit  mehr
als  Jahresfrist  in  Colorado  ansässig  ist  und  sich  jetzt  von
Europa  allerhand  Finrichtungsgegenstände,  worunter  drei
wundervolle,  starke  Jagdhunde  und  —  einen  Kampfhahn  nebst
drei  dazu  gehörigen  Hennen  geholt  hatte.  Ferner  reiste  ein
junges  Ehepaar  mit  uns  hinüber,  das  nach  dem  „fernen  Westen“
ging.  Der  Gatte  war  Beamter  in  der  Wirthschaftskanzlei  eines
Lords  gewesen,  aber  entlassen  worden,  weil  sein  Brodherr  die
Administration  der  Güter  vereinfachte.  Er  war  vor  i  V2  Jahren
nach  Jowa  ausgewandert,  hatte  dort  eine  schon  im  Betriebe
befindliche  Farm  von  300  Acres  gekauft,  ein  angemessenes
Wohnhaus  gebaut,  war  dann  nach  England  zurückgekehrt,  um
        <pb n="20" />
        t

6

sich  zu  verehelichen  und  brachte  nun  seine  junge  Frau,  eine
schöne,  sehr  wohlerzogene  Dame,  welche  uns  wiederholt  durch
ihr  meisterhaftes  Clavierspiel  erfreute,  mit  herüber.  —  Der
Capitán  erzählte  uns,  dass  solche  wohlerzogenen  Leute,  die
nicht  unbedeutende  Mittel  mitnähmen,  unter  den  Cajütenpassagieren
  fast  auf  jeder  Reise  zu  finden  seien.  Englische
Farmer,  die  vielleicht  mehr  Geld  besässen  als  diese,  zögen
Deckplätze  —  der  Billigkeit  wegen  —  vor.
In  London  versammelte  sich  unsere  kleine  Expedition  von
sechs  Mitgliedern,  bestehend  aus  den  Herren  Graf  Ernst  Hoyos,
Baron  Gabriel  Gudenus,  beide  aus  Oesterreich,  und  den  drei
ungarischen  Grafen  Imre  und  Geza  Szechenyi  und  Geza  Andrassy.
Wie  sie  zu  Stande  kam,  ist  von  rein  privatem  Inreresse.  Der
Plan  meiner  Reise  wurde  schon  1879  gefasst,  als  ich  in  England
war.  Seither  habe  ich  an  demselben  gearbeitet  und  dabei  die
thatsächliche  Unterstützung  des  Herrn  Professors  Dr.  L.  v.  Stein
gefunden.  Wenn  sie  einigen  Erfolg  haben  sollte,  werde  ich
den  zum  guten  Theile  —  nebst  manchem  Anderen  —  diesem
geistvollsten  der  lebenden  deutschen  Nationalökonomen  verdanken. ­
  Die  Herren,  mit  welchen  ich  die  Reise  machte,  billigten ­
  meine  Ideen,  hatten  jedoch  einige  Absichten  bei  der  Reise,
die  den  meinigen  ferner  lagen,  und  so  haben  wir  uns  während
der  Reise  wiederholt  in  Gruppen  getheilt;  während  einer
längeren  Jagdexpedition  der  anderen  Herren  bin  ich  —  von  Salt-Lake
  -  City  bis  Chicago  —  auch  allein  gereist,  schliesslich
kamen  wir  wieder  zusammen,  verliessen  jedoch  getrennt,  in
zwei  Gruppen,  Amerika.  Graf  Andrassy  und  ich  Ende  December, ­
  die  andern  vier  Herren  schon  im  October  1881.  Staatswissenschaft, ­
  Forstwissenschaft,  Nationalökonomie  fanden  in
der  Gruppe  je  ihre  Vertreter,  dazu  kam  der  Wunsch  Einiger,
auch  die  Jagd  in  Amerika  kennen  zu  lernen,  die  für  mich  wenig
Interesse  hat.
Am  23.  Februar  1881  fuhren  wir  von  London,  am  24.
Nachmittags  5  Uhr  von  Liverpool  bei  schönem,  stillen  Wetter
ab  und  erreichten  anderen  Tages  früh  Queenstown  in  Irland,
wo  die  letzten  Passagiere  und  die  Postsachen  an  Bord  kamen.
Um  4  Uhr  45  Minuten  Nachmittags  lichteten  wir  hier  die  Anker
und  erreichten  am  5.  März  um  9  Uhr  die  Höhe  des  Leucht-
        <pb n="21" />
        7

thurmes  von  New-York,  Sandy-Hook.  Die  Schiffe  rechnen  die
Reisedauer  stets  von  Queenstown  bis  hier.  Wir  hatten  den
Ocean  also  in  sieben  Tagen  und  i6  Stunden  durchschnitten,
eine  sehr  kurze  Zeit.  Freilich  ist  die  „Britannic“,  der  „White
Star  Line“  gehörig,  eines  der  grössten  und  schönsten  Schiffe,
die  je  gebaut  wurden,  von  4800  Tonnen  Raumgehalt.  Einige
Tage  begünstigte  uns  ein  Nordostwind,  so  dass  die  Segel  gebraucht ­
  werden  konnten,  am  letzten  Tage  aber  blies  der  Wind
stark  von  vorne  und  hemmte  den  Lauf  des  Schiffes  erheblich.
—  Es  giebt  drei  Routen  von  Queenstown  nach  New-York.
Die  nördlichste  ist  die  kürzeste,  2783  Knoten,  die  mittlere  ist
2855  Knoten  und  die  südliche  2889  Knoten  lang.  Je  nach
Jahreszeit  und  Windrichtung  wählen  die  Schiffe  eine  derselben. ­
  Wir  fuhren  bis  zum  i.  März  auf  der  mittleren  und
gingen  dann  auf  die  nördliche  über.  Die  schnellste  Fahrt
machten  wir  von  12  Uhr  Mittags  am  2.  bis  dahin  am  3.  März,
nämlich  398  Knoten,  à  1.85  Kilometer  (die  englische  Meile
misst  1.61  Kilometer).  Die  schnellste  Fahrt,  welche  je  ein
Schiff  gemacht,  war  die  eines  Segelschiffes  vor  dem
Sturme  in  der  Gegend  des  Cap  der  guten  Hoffnung.  Sie  betrug
  428  Knoten  in  24  Stunden.  —  Die  See  war  in  der  Mitte
unserer  Fahrt  sehr  hoch,  rauh;  das  grosse,  fast  400  Fuss  lange
Schiff  rollte  doch  sehr  empfindlich.  Am  26.  Februar  überfiel
die  Seekrankheit  Graf  Ancjrassy  und  mich,  und  einige  Tage
später  hatte  auch  Graf  Imre  Szechenyi  einen  kleinen  Anfall.
Die  anderen  drei  Herren  blieben  ganz  von  ihr  verschont.  Am
4-  März  waren  wir  Alle  gesund  und  sehr  munter,  obschon  die
See  sehr  hoch  ging  und  wir  den  Wind  halb  von  vorne  hatten,
mithin  das  Schiff  sehr  schwankte.  Im  Ganzen  ist  die  Fahrt
weit  Weniger  lästig,  als  man  sich  das  vorzustellen  pflegt,  obschon ­
  Seekrankheit  gewiss  eine  Unannehmlichkeit  ist.  Ueber
das  Schiff,  die  Bedienung,  die  Kost  und  Reinlichkeit  war  kein
Tadel  möglich.  Die  Kost  sagte  uns,  die  wir  aus  Oesterreich
kamen  und  weniger  compacte  Nahrung  gewöhnt  waren,  freilich
nicht  zu,  ist  aber  in  verschwenderischer  Fülle  und,  was  Fleisch
anbelangt,  in  ausgezeichneter  Qualität  für  die  Cajütenpassagiere
vorhanden.  Auch  die  Deckpassagiere  werden  auf  den  Schiffen
dieser  Linie  so  verpflegt,  wie  es  wahrscheinlich  nur  wenigen
        <pb n="22" />
        8

von  ihnen  früher  geboten  war.  Die  Speisekarte  dieser  Klasse  enthielt ­
  am  3.  März;  zum  Frühstück  i.  Irish  Stew,  2.  frisches  Brod
und  Butter,  3.  Kaffee;  zum  Diner  i.  Gerstengraupensuppe,
2.  frisches  Rindfleisch,  3.  gekochte  Kartoffeln,  4.  Reispudding;
zum  Abendessen  i.  Brod  und  Butter,  2.  Thee,  3.  Gruel  —  eine
Art  Suppe.  Von  allen  Speisen  dürfen  die  Deckpassagiere  nach
Belieben  viel  oder  wenig  nehmen.  Ich  erfülle  noch  die  angenehme ­
  Pflicht,  die  ausgezeichnete  Liebenswürdigkeit  des
Capitän  Hamilton  Perry  zu  erwähnen,  die  sich  bis  auf  unseren
Aufenthalt  in  New-York  erstreckte.
Ich  gebe  diese  Details  nicht,  weil  ich  die  Anmasslichkeit  hätte,
dem  Publicum  Antheilnahme  an  meinen  persönlichen  Erlebnissen
zuzumuthen,  sondern  um  unter  den  besitzenden  Classen  des  Continents ­
  jene  Scheu  zerstören  zu  helfen,  welche  sie  noch  immer
vor  einer  langen  Seereise  haben.  Und  dies  zu  wünschen,  gibt
es  sehr  sachliche  Gründe,  die  ich  gelegentlich  weiterhin  zu  erwähnen ­
  nicht  unterlassen  will.  Es  ist  nur  zu  wünschen,  dass
die  besitzenden  Classen  Amerika  sehr  genau  kennen  lernen,
was  nur  durch  eigene  Anschauung  möglich  ist.  Nun  ist  freilich ­
  die  Seereise  ja  nicht  ohne  Gefahr,  allein  wie  selten  geht
auf  den  Schiffen  der  grossen  Dampferlinien  nach  Amerika  ein
Leben  verloren!  Der  Mangel  an  Ventilation  in  den  Cabinen,
wenn  die  See  tagelang  hochgeht  und  der  Geruch  von  der
Küche  auf  der  unter  Wind  liegenden  Seite  des  Schiffes,  sind
Unannehmlichkeiten;  die  grösste  ist  die  Seekrankheit.  Graf
Andrassy  erklärte,  als  er  am  stärksten  unter  ihr  litt,  ganz
ernsthaft,  er  werde  diesen  abscheulichen  Weg  nie  wieder
machen,  sondern  —  über  das  asiatische  Russland  heimreisen!
Allein,  kaum  war  das  Leiden  überwunden,  so  änderte  sich  auch,
und  zwar  mit  einem  Schlage,  die  Stimmung,  und  man  empfindet
die  Seereise  als  ein  herrliches,  entzückendes,  fast  schauriges
Vergnügen.  Die  grossen  Dampfercompagnien  aber  thun  in
der  That  Alles,  um  dieses  Vergnügen  auf  den  Gipfel  zu
bringen,  die  Unbequemlichkeit  der  Krankheit  zu  mildern.
        <pb n="23" />
        II.  Capitel.
Persönliche  Ueberlegenheit  der  Amerikaner.

Ueber  New  -York  als  Stadt  ist  soviel  geschrieben  worden,
ass  es  überflüssig  ist,  meinen  Eindruck  von  dieser  zweitgrossten
  Hafenstadt  der  Welt  mitzutheilen.
f  rl  J^ufnahme,  welche  wir  in  New-York  und  Philadelphia
an  en,  übertrifft  Alles,  was  Europa  an  liebenswürdiger  Höflich-'^^nt.
  Die  Herren:  General-Consul  Havemeyer  und  Fary
  ^*isul  V.  Pritsch,  Mr.  Armshous,  Gowen,  Keim,  Lorenz,
Ute  mson,  Robinson  —  ein  Freund  Le  Play’s  und  Claudio
Jannets,  durch  die  ich  bei  ihm  eingeführt  war  —  Frank  Thom-^ns
  und  viele  Andere  haben  uns  in  wirklich  unvergesslicher
eise  die  Honneurs  ihrer  reichen  Heimatstädte  gemacht,  uns
^•e  prachtvoll  eingerichteten  Clubs  und  ihre  Familienkreise  geçj
  Hiners  gegeben  und*  durch  die  sehenswerthesten  in-Anlagen
  persönlich  oder  durch  die  sachverständigd
  "  ^*^uer  geleiten  lassen.  Geschäftsmänner  haben  gestattet,
SS  \\ir  Einsicht  in  die  Bücher  nahmen  und  uns  die  authentischüber
  den  Handel  verschafften.
^  knüpfe  an  einen  in  amerikanischen  Reisebeschreibungen ­
  oft  ausgesprochenen  Gedanken  an,  dass  die  Ameriüberlegen
  seien.  Fast  Jedermann  aus  der
...^  enden  Gesellschaft  hier  kennt,  nebst  seiner  ganzen
ami  le,  Europa  genauer  als  ich,  der  ich  doch  viel  darin
fdazu  kennen  Alle  Amerika,  viele  die
^an  er  Asiens,  welche  am  Stillen  Ocean  liegen.  Junge
amen  sprechen,  wie  von  der  natürlichsten  Sache  von  der  Welt,
^  ^on,  dass  sie  ein  Dutzend  Mal  den  Atlantischen  Ocean  durchren
  haben,  eine  junge  Frau  hatte  es  26  Mal  gethan,  obschon
        <pb n="24" />
        IO

iie  kaum  21  Sommer  gesehen  haben  mochte.  Dabei  haben  sie
;ine  grosse  Kenntniss  fremder  Sprachen  und  gleichen,  gerade
wie  in  der  ausgesuchtesten  Eleganz,  den  Französinnen  darin,
dass  sie  die  Herren  an  Sprachkenntniss  übertreflfen.  Englisch,
Französisch  und  eine  romanische  Sprache,  Italienisch  oder
Spanisch,  sprechen  fast  alle  und  viele  sehr  gut  Deutsch.  Dies
Reisen  und  Studiren  erweitert  nun  den  Blick  der  Amerikaner
beider  Geschlechter  und  macht  sie,  soweit  sie  der  Classe  der
Reichen  angehören,  uns  überlegen.  Die  Armen  haben  fur  ihre
Kinder  volle  Freischule.  Sogar  die  Gymnasien  sind  frei  und
werden  fleissig  benützt.  Die  ganz  ungebildet  herüber  kommenden ­
  Irländer  fühlen  tief  den  Mangel  an  Schulkenntniss  in  diesem
Lande,  wo  sie  so  verbreitet  ist,  und  senden  ihre  Kieder  vorzugsweise
  regelmässig  in  die  Schulen.  Die  Bildung  wird  hier
so  allgemein,  wie  sie  es  in  der  Schweiz  und  im  scandinavischen
Norden  ist.  Die  geschäftliche  Erziehung  der  gebildeten
Stände  aber  ist  die  beste  von  der  Welt,  weil  erstens  technische
ï^:hnm^alum  von  gr^is^  Vonmghd^^it  vm^amkn  smd,
talentvolle  Techniker  aus  allen  Ländern  jährlich  einwandern,
da  sie  hier  höhere  Bezahlung  erhalten,  als  in  Europa  und  nun
ihrerseits  Lehrer  der  Amerikaner  werden,  endlich  junge  amerikanische ­
  Techniker  ihre  Erziehung  nicht  für  abgeschlossen  halten
und  keine  Aussicht  auf  gut  bezahlte  Anstellungen  haben  werden ­
  wenn  sie  sich  nicht  über  Studien  an  europäischen  Anstalten ­
  und  Studienreisen  in  Europa  ausweisen  können.  Angestellte ­
  höhere  technische  Beamte  reisen  oft  nach  Europa,
auf  Kosten  der  Anstalten,  denen  sie  dienen,  um  Specialstudien
zu  machen  oder  Ausstellungen  zu  besuchen.
Selbst  die  ungebildeten  Einwanderer  kamen  hier  gescheidter
an,  aK  sieeswanm,  da  ^eiW^PEñmat
fâcher  Landarbeiter,  der  nie  sein  —  sagen  wir  böhmisches
Dorf  -  verlassen,  bevor  er  sich  zur  Auswanderung  nach  Amerika
entschloss,  muss  eine  lange  Eisenbahnfahrt  durch  Deutschland
machen,  die  doch  Neues  für  ihn  bietet.  Er  sieht  die  Stadt
Hamburg,  den  Hafen,  Seeschiffe,  macht  eine  achttägige  Seereise, ­
  muss  Geld  wechseln,  sich  in  Ländern  durchsch  agen,
deren  Sprache  er  nicht,  oder  doch  nur  unvollkommen  kennt,
kommt  in  einer  der  grossen  amerikanischen  Hafenstädte  an.
        <pb n="25" />
        die  selbst  iür  uns,  die  wir  so  manche  Stadt  gesehen,  so  viel
Interessantes  und  Neues  bieten,  wie  viel  mehr  jenem  schlichten
Bauer!  Nun  reist  er  vielleicht  looo  englische  Meilen  in  Amerika,
bevor  er  einen  Arbeitsplatz  erreicht.  Die  Arbeit  ist  hier  eine
andere  als  daheim,  weil  überall  mehr  oder  minder  Maschinenarbeit. ­
  Er  muss  seine  Arbeitsgewohnheit  ändern  —  oder  verhungern. ­
  Thut  er  ersteres,  so  erntet  er  einen  Lohn,  der  ihm
fabelhaft  hoch  erscheint  und  in  der  That  die  nothwendigen
Ausgaben  für  den  Lebensunterhalt  —  wie  ich  detaillirt  berichten ­
  werde  —  um  ein  Drittel  mindestens  übersteigt.  Dies
reizt  den  Sparsinn.  Der  führt  hin  zum  Besitz,  zunächst  von
Geld.  Letzteres  wird  in  Sparcassen  angelegt,  dann  zum  Ankauf ­
  eines  Hauses  oder  Ackergrundstückes  verwendet.  Hierbei ­
  wird  er  nicht  selten  betrogen  und  dadurch  gewitzigt.  Oder
^  folgt  dem  Rath  wohlwollender  Arbeitgeber  oder  erfahrener
ollegen  und  placirt  seine  Ersparnisse  sicher,  lernt  also  mit
e  d  geschäfts-  und  fast  bankmässig  umzugehen  ....  Dies  ist
eine  ausgezeichnete  Schule  für  einen  Menschen,  der  ohnehin
einen  gewissen  Grad  von  Energie  besass  —  weil  er  sonst
nicht  ausgewandert  wäre.  Freilich  kommen  viele  in  der  ersten
Zeit  ihres  Hierseins  geradezu  um,  ehe  sie  irgendwo  festen  Fuss
gefasst  haben,  denn  mehr  als  anderwärts  ist  es  hier  le  premier
pas  qui  coute  —  allein  über  ihre  Leichen  hinweg  strömt  ein
an^hwellender  Strom  neuei  Zuzüglinge  und  die  meisten  beste ­
  en  die  harte,  aber  lehrreiche  Prüfung  ....  Nach  einigen
J  ren  ist  ein  ganz  ungebildeter  Eingewanderter  umsomehr
ein  Viel  tüchtigerer  Mensch  geworden,  als  er  sich  hier  so  ausseror
  entlieh  gut  nährt,  beköstigt.  Er  gleicht  einer  Pflanze,  die
man  aus  magerem  in  besseren  Boden  verpflanzt  hat  —  heute
Í10C  und  solange,  als  die  Arbeit  hier  besser  entlohnt  wird
als  in  Europa.

1  ..f  .  geborenen  Arbeiter  erhalten  von  Hause  aus  eine
ra  tigere  Kost  und  meist  bessere  Schulbildung  als  in  den
meisten  europäischen  Ländern.  Den  deutschen  und  schweizensc
  en  Arbeitern,  welche  etwa  ebenso  guten  Unterricht  genossen, ­
  sind  sie  durch  ersteren,  den  englischen  Arbeitern,  die
meist  noch  ohne  Schulbildung  sind,  aber  gut  leben,  durch
Gtzteren  Umstand  überlegen.
        <pb n="26" />
        12

Sie  erreichen  das  zwanzigste  Jahr  und  haben  ihre  Facherziehung
  in  der  Arbeit,  der  sie  sich  für  das  Leben  widmen,
erhalten,  doch  jetzt  entwickeln  sich  erst  ihre  körperlichen  Kräfte
voll  und  ganz  und  sie  werden  in  3  —5  Jahren  perfekte,  kräftige
und  geschickte  Arbeiter,  Auf  dem  ganzen  Continent  aber
müssen  sie  nun  —  körperliche  Tüchtigkeit  vorausgesetzt  —
auf  durchnittlich  drei  Jahre  Soldaten  werden  und  verlieren  in
dieser  Zeit  so  manchen  technischen  Handgriff,  verlieren  auch
nicht  selten  die  Lust  zur  angestrengten,  den  ganzen  Tag
währenden  Arbeit,  gehen  mit  Unlust  wieder  in  die  Fabrik
oder  auf  den  Acker  und  müssen  in  ersterem  Falle  wieder  von
Neuem  zu  lernen  anfangen.  Natürlich  können  sie  weder  mit
dem  englischen  noch  mit  dem  amerikanischen  Arbeiter  in
Leistung  concurriren,  deren  technische  Ausbildung  und  Arbeitsgewohnheit ­
  —  was  sehr  zu  beachten  ist  —  nicht  unterbrochen
wurde,  umsomehr,  als  die  Arbeiter  dieser  beiden  Nationen
ohne  allgemeine  Wehrpflicht  besser  genährt  werden  als  sie.
Dem  englischen  Arbeiter  aber  ist  der  amerikanische  noch  durch
seine  grössere  Durchschnittsbildung  überlegen.
Wenn  wir  alle  diese  Umstände  berücksichtigen,  so  erklärt
sich  die  bessere  Durchschnittsqualität  der  amerikanischen  Techniker ­
  und  Industriechefs,  wie  jene  der  amerikanischen  Industrie-Arbeiter
  auf  die  einfachste  Weise  von  der  \\  eit,  und  wenn
wir  ferner  berücksichtigen,  dass  ein  sehr  hoher  Schutzzoll  der
Industrie  den  heimischen  Markt  sichert,  die  schnelle  Bereicherung ­
  der  Farmer  denselben  mit  lohnender  und  reichlicher
Nachfrage  versieht,  so  ist  auch  der  rasche  Aufschwung  der
amerikanischen  Industrie  erklärt,  die  schon  zu  exportiren  beginnt ­
  und  dies  sehr  bald  in  für  uns  erschreckendem  Masse
thun  wird.
Meiner  Ansicht  nach  werden  europäische  Staatsmänner  sich
mehr  mit  Nationalökonomie  beschäftigen  und  alle  diese  Umstände ­
  berücksichtigen  müssen,  welche  ich  hier  nur  skizziren
kann,  soll  nicht  der  Verarmungsprocess  Europa  s  ein  für  dessen
sociale  Ordnung  —  die  auf  Besitz  und  dessen  Vertheilung  beruht ­
  —  vernichtender  und  die  Auswanderung  der  Arbeiter
und  bald  auch  des  Capitals  nach  überseeischen  Ländern  eine
enorme  werden.  Sie  mögen  bedenken,  dass  der  Reichthum
        <pb n="27" />
        »3

Amerikas  an  unoccupirtem  Lande,  welcher  ihm  eine  natürliche
Ueberlegenheit  über  das  durchaus  occupirte  Europa  gibt,  von
mir  nicht  erwähnt  worden  ist  und  eine  Aenderung  des  politischen, ­
  militärischen  und  Erziehungssystems  sehr  wohl  auch  in
Europa  stattfinden  kann  —  und  wird,  entweder  unter  Leitung
dieser  Staatsmänner,  oder  gegen  ihren  Willen,  mit  elementarer
Gewalt.
Freilich  würde  Alles  sich  ändern,  wenn  Amerika  auch  in  sich
bekriegende  Militärstaaten  zerfiele,  was  man  auf  dem  europäischen
Continente  nach  Beendigung  des  Secessionskrieges  glaubte.  Allein
diese  Annahme  —  auf  der  z.  B.  das  ganze  System  der  von
Rodbertus  geplanten  Reformen  beruhte,  die  aufsteigende  Productivität
  der  Arbeit  und  Steigen  der  Grundrente  in  Europa
zur  \  oraussetzung  hatten  —  hat  uns  schon  einmal  getäuscht
und  ich  möchte  mich  hierauf  doch  nicht  mehr  verlassen,  wie
&amp;gt;ch  es,  nebenbei  bemerkt,  niemals  vollkommen  gethan  habe.
Schon  im  Jahre  1873  habe  ich  in  der  „Berliner  Revue“  das
Herannahen  der  amerikanischen  Concurrenz  signalisirt,  ohne
dafür  Glauben  zu  finden.
Es  bleibt  noch  zu  erklären,  wesshalb  die  Amerikaner  so  oft
nach  Europa  reisen  und  also  soviel,  meist  wohlbenutzte  Gelegenheit ­
  haben,  von  uns  zu  lernen.  Die  grosse  Ausdehnung  ihres
Landes  macht  ausgedehnte  Reisen  der  Geschäftsleute  zu  einer
Eothwendigkeit  und  erzieht  ♦  gewissermassen  Reisende.  Für
Leute,  die  Geld  genug  haben,  ist  das  Reisen  hier  auch  bequem.
Die  Hotels  sind  practisch  eingerichtet,  ebenso  sind  es  die
Eisenbahnsalonwagen.  Bedienung  giebt  es  in  den  meisten
Hotels  freilich  so  gut  wie  keine,  auch  lässt  die  Kost  und
niehr  noch  die  Art,  wie  sie  servirt  wird,  ausserordentlich  viel
zu  wünschen  übrig.  Um  so  bequemer  und  angenehmer  findet
der  reiche  Amerikaner  das  Reisen  in  Europa.  Geld  aber  haben
die  Amerikaner  jetzt  sehr  viel  und  der  Reichthum  mehrt  sich
ausserordentlich.  Wenn  man  sieht,  wie  luxuriös  die  Menschen
aller  Classen,  sofern  sie  nur  arbeiten,  hier  leben,  so  gewinnt
nian  die  Bestätigung  meiner  alten  Ansicht  über  den  Werth
einer  günstigen  Handelsbilanz  für  ein  Volk.  Wir  armen  Reisenden ­
  erhalten  hier  für  10  fl.  ö.  W.  nur  2.90  D.,  und  i  Dollar
reicht  hier  kaum  soweit,  als  bei  uns  i  fl.,  soweit  es  sich  um
        <pb n="28" />
        14

Beclürfnissbefriedigung  der  gebildeten  Classen  handelt,  während
die  Arbeiter  hier  für  i  D.  mehr  Lebensmittel  erster  Natur,
Fleisch,  Mehl,  Kohle  etc.  kaufen  können,  als  bei  uns  für  3  fl.,
wo  wir  dergleichen  importiren,  wie  in  Deutschland  und  zum
1  heil  —  Schmalz  und  Speck  —  auch  in  Cisleithanien,  da  wir
sie  mit  Verzehrungssteuer  oder  Korn-  und  Fleischzoll  belasten,
l^erner  hat  der  amerikanische  Dollar  zuweilen  ein  Agio,  sogar
dem  europäischen  Goldgeld  gegenüber.
Dies  ist  eine  ganz  neue  Erscheinung  und  hat  folgenden
Grund:  Die  Farmer  im  Westen  haben  in  den  letzten  drei  Jahren
so  hohe  Einnahmen  gehabt,  dass  sie  die  Zahlung  für  ihre  Produkte ­
  zum  Theil  nicht  mehr  zur  Schuldenabzahlung  oder  Investirung
  verwenden,  sondern  bankmässig  anlegen.  Die  amerikanischen ­
  Banken  erhalten  also  hier*  aus  Hunderttausenden  von
kleinen  Canälen  Goldzuflüsse,  aus  jenem  Gelde,  das  von  Europa
als  Zahlung  für  Lebensmittel  hierher  in  die  Küstenstädte  und
früher  von  da  grösstentheils  in  den  Westen  abfloss.  Jetzt
fliesst  ein  Theil  dieses  noch  monatlich  voller  fliessenden  europäischen ­
  Stromes  schon  wieder  aus  dem  Westen  in  die  Bankreservoirs ­
  der  atlantischen  Städte  zurück  und  entwerthet  hier
das  zuströmende  europäische  Goldgeld.  Desshalb  steht  der
Napoleon  und  Souvereign  niedriger  als  er  nach  seinem  Goldgehalte ­
  stehen  sollte.  Der  Souvereign  ist  an  Goldgehalt  gleich
4  86^/,0  Dollars  und  stand  im  Sommer  1881  nur  4.80  bis  4.82  Dollars.
Amerikaner,  welche  in  Europa  reisen,  gewinnen  also  in
jedem  Lande  bei  uns  ein  —  je  nach  der  Valuta  desselben
grösseres  oder  kleineres  —  Agio  und  zudem  sind  die  Hotels
und  auch  meist  die  Eisenbahnen  viel  billiger  in  Europa  als  in
Amerika,  soweit  die  Passagierfracht  I.  Classe  bei  uns  und  Saloncar ­
  in  Amerika  in  Rede  kommen.  Im  Hôtel  hat  man  hier  den
lag  Wohnung  und  „trockenen  Tisch“  nirgends  —  ausser  in
ganz  kleinen  Häusern  —  unter  3  Dollars,  also  10  fl.  ö.  W.
täglich,  zahlt  aber  meist  4  und  nicht  selten  5  bis  7  Dollars!
Amerikaner,  welche  eine  längere  Tour  nach  und  in  Europa
machen,  sparen  also,  weil  sie,  bei  gleicher  Lebenshaltung,  in
Amerika  in  derselben  Zeit  mehr  Geld  ausgeben  würden.  Darum
reisen  sie  so  oft  nach  Europa.
        <pb n="29" />
        III.  Capitel.
Unsere  Auswanderer  in  Amerika.

^ew-\  Ork  ist  bis  heute  noch  jenes  Thor,  durch  das  Amerika
mit  Uropa  in  Verkehr  steht.  Andere  Häfen  verschwinden
’  diesen,  die  Grösse  des  gegenseitigen  Verkehrs
s  uge  gefasst.  Der  Süden  wird  in  nicht  ferner  Zeit  in  Newreans
  und  Galveston  seinen  Antheil  an  diesem  Verkehr
men,  allein  noch  ist  New-York  in  dieser  Hinsicht  nicht
entthront.
H  Yerkehr  ist  ein  zweiseitiger,  wie  es  jeder  dauerhafte
an  el  sein  muss,  und  so  ist  New-York  sowohl  das  grosse
US  allsthor  Amerikas  im  Concurrenzkampfe  gegen  Europa,
unsere  Einbruchsstation  in  dieses  Land.  Allein  was  einesst ­
  und  ausfliesst  ist  nicht  von  demselben  Charakter  —  leider!
list'  i?  nimmt  man  noch  immer,  mit  der  mercantiden^K
  Colbert'schen  Schule,  die  durch  Fürst  Bismarck  und
^^Grsocialismus  auf  dem  Continente  von  Europa  neuerla
  erstaunlich  schneller  Weise  zu  praktischer  Geltung  geland^'cT”'
  was  aus  einem  Hafen  hinausgeht,  das  Hinteres
  Hafens  bereichert;  was  in  ihm  hineinkommt,  dem
inter  ande  Zahlung  abzwingt.  Die  Idee  der  einfältigen  Nachreter
  und  Fälscher  des  grossen  Schotten  Adam  Smith,  beides
müsse  sich  jedenfalls  die  Waage  halten,  ist  durch  Thatsachen,
le  SIC  in  Europa  nur  allzu  fühlbar  machen,  ad  absurdum  geführt ­
  worden.
,p,  auch  der  mercantilistische  Lehrsatz  wird  an  der
atsache,  die  wir  in  New-York  beobachten  können,  zu
Schanden.
        <pb n="30" />
        i6

Wenn  wir  zugeben  wollen  —  was  wir  zur  Zeit,  wo  das
Pfund  Sterling  in  New-York  ein  Disagio  von  4  bis  6  Pence
hat,  nicht  gut  wegsophistiren  können  —  dass  eine  Ausgleichung
des  Handels  unter  Umständen  nicht  durch  Waaren,  sondern
von  dem  Lande  mit  der  ungünstigen  Handelsbilanz  aus  in
Baarem  erfolgt,  wie  es  die  Geldsendungen  aus  Europa  nach
Amerika  lehren,  und  dass  Goldeinfuhr,  wenn  sie  als  Zahlung
für  Producte  heimischer  Arbeit,  nicht  aber  als  Contribution  —
wie  die  französischen  Milliarden  in  Deutschland,  oder  als  Anleihe, ­
  wie  die  neuerlich  in  Oesterreich  importirten  französischen
Millionen  des  Herrn  Bontoux  —  erfolgt,  die  Einwohner  des
Hinterlandes  des  Importhafens  bereichert  —  wie  wir  dies  an
den  Fabrikanten  der  Neu-England-Staaten  und  an  den  Farmern
des  Westens  von  Amerika  zu  beobachten  Gelegenheit  haben;
wenn  dies  also  wahr  ist,  so  müssen  wir  zugeben,  dass  der
Export  Amerikas  diese  bereichernde  Wirkung  für  Amerika  hat.
Es  wird  reich  durch  das,  was  es  uns  verkauft.
Natürlich  haben  wir  uns  dies  so  weit  angesehen,  als  es
für  uns  ein  Interesse  hat.  Wir  haben  den  Export  von  Getreide ­
  und  Fleisch  an  dieser  Quelle  studirt  und  werde  ich
das  Resultat  dieser  Studien  weiterhin  mittheilen.  Der  Export
von  Baumwolle  interessirt  Oesterreich  wenig,  dessen  Baumwollspinnerei ­
  klein  und  ohne  Zukunft  ist.  Die  Ausfuhr  von  Industrieproducten
  beginnt  erst  und  hat  für  das  Agriculturland
  Oesterreich-Ungarn  nur  ein  geringes  Interesse.  Wir  haben
die  wenigen  Tage  unseres  ersten  Aufenthaltes  in  New-York
also  nicht  mit  dem  Studium  dieser  Seite  des  New-Yorker
Geschäftes  uns  schmälern  lassen.
Fest  steht  aber,  dass  der  Export  Amerikas  an  Baumwolle,
Industriewaaren,  Lebensmitteln  Amerika  bereichert.  Soweit
findet  die  mercantilistische  Lehre  ihre  Bestätigung.
Wenn  ich  bei  Schilderung  von  Erfahrungen,  die  wir  in
Amerika  machten,  immer  wieder  auf  sogenannte  „ewige
Wahrheiten“,  solche  „Resultate  der  Wissenschaft“,  wie  die
Manchesterpresse  zu  sagen  liebt,  auf  Schultheorien  zurückkomme, ­
  so  wolle  man  dies  nicht  für  Pedanterie  halten.  Ich
will  den  Aberglauben  jener  Liberalen,  welche  den  Glauben
für  lächerlich  erklären,  ihren  Aberglauben  an  sogenannte
        <pb n="31" />
        nationalökonomische  Naturgesetze  oder  Dogmen,  den  will
ich  in  handgreiflicher  Weise  widerlegen,  will  nachweisen,  dass
älle  jene  nationalökonomischen  „Gesetze“  nur  eine  Bedeutung
an  jenem  Orte  und  in  jener  Zeit  hatten,  wo  und  wann
sie  entstanden.  So  unzweifelhaft  das  von  Lassalle  popularisirte
Vort  von  Carl  Marx  in  seiner  Broschüre  „La  misère  de  la
p  ilosophie“  wahr  ist,  dass  das  Eigenthum  eine  historische
ategorie  ist,  dass  es  sich  nach  Anzahl  der  Objecte,  die  es
in  sich  begreift  und  nach  der  Intensität  der  Herrschaftsbeugniss
  des  Eigenthümers  über  das  besessene  Object  vielfach
geändert  hat  und  noch  fortwährend  ändert  —  eine  der  beeutendsten
  Aenderungen  ist  ja  die  Aufhebung  des  Eigenthumsrec
  tes  am  Menschen  in  Amerika  1865  und  in  Russland  1862
steh^^^”*  tifies  Rechtes,  dass  in  Brasilien  und  Cuba  noch  be-Gesetz
  ist  es  auch  wahr,  dass  nationalökonomische
Naturgesetze  von  ewiger  Dauer  und  von
räre^K"^^  sondern  dass  sie  als  local-tempou
  ^^^gorien  aufgefasst  werden  müssen,  wenn  man  sie  ver-'vie
  alle  Gesetze  —  cfr.  Jhering’s  „Zweck
p.  .^2  ^  .  gehören  in  die  „Anthropokratie  und  nicht  in  die
d  ^  W  "  Rodbertus  classisch  ausdrückte.  Sie  sind
^  unterworfen;  das  Naturgesetz  der  Schwere  aber  nicht,
und  D  über  versucht,  den  durch  die  Kathedersocialisten
j  Cueist  wieder  zu  Ehfen  gebrachten  mercantilistischen
York  Import  Amerikas,  den  wir  am  besten  in  Newachten,
  anzuwenden,  so  finden  wir,  dass  er  nur  zur
j  ^^'ue  Allgemeingiltigkeit  also  hier  Schiffbruch  leidet,
allerd’  Industriewaaren  aus  Europa  in  Amerika  muss
Imnort^^^  diesem  Lande  bezahlt  werden,  und  durch  diesen
de  ^Gwinnt  Europa  etwas  von  dem  wieder,  was  es  für
Eu  anischen  Export  zahlen  muss.  Dieser  Import  aus
ropa  wird,  ausser  was  Luxusartikel  anbetrifft,  indess  bald
'P  ^  uehmen,  namentlich  nach  Erstarkung  der  Eisen-  und
exti  in  ustrie  in  Amerika,  die  einen  w  irklich  wunderbar  schnellen
^  sc  wung  nimmt.  Allein  dieser  Import,  gross  oder  klein,
noch  im  Sinne  jenes  wiederholt  erwähnten  meres ­
  «Naturgesetzes“,  denn  zur  Zeit  Colbert’s  war
eines  in  1  aris  und  zur  Zeit  Bismarck’s  ist  es  eines  in  Berlin.
        <pb n="32" />
        i8

Allein  Amerika  importirt  etwas  aus  Europa,  das  jene
Wirkung:  Amerika  Capital  zu  kosten,  Europa  zu  bereichern,
nicht  hat,  sondern  gerade  die  umgekehrte:  es  importirt
Menschen  daher.  Nicht,  wie  es  ehemals  Sklaven  aus  Afrika
importirte,  für  die  es  den  Ankaufspreis  und  die  Reisekosten
zahlen  musste,  sondern  es  importirt  bessere  Arbeiter,  als
es  die  Schwarzen  waren  und  je  sein  werden,  ohne
dafür  einen  Cent  auszugeben.  Diese  Arbeiter  bezahlen  nicht  nur
ihre  Reise  bis  Amerika,  sondern  meist  auch  eine  sehr  weite
Landreise  i  n  Amerika  und  viele  Einkäufe  in  New-York  und
Chicago,  sowie  ihren  Lebensunterhalt  daselbst  und  auf  der
Reise  in  Amerika  bis  zu  ihrem  Bestimmungsorte  in  diesem
Lande  der  grössten  Distanzen.  Sie  bringen  zudem  oft  noch
Capital  mit,  und  man  beobachtet,  dass  diese  Classe  von  Einwanderern, ­
  die  Capital  besitzen  und  nicht  mehr  Lohnarbeiter
sind,  neuerlich  sehr  zunimmt.
Zur  Zeit,  als  man  noch  Neger  importirte,  kostete  ein  solcher ­
  zwangsweise  „einwandernder“  Arbeiter  eine  bestimmte
Summe,  die  man  leicht  berechnen  konnte.  Danach  bemass
sich  der  „Geldwerth“  eines  Arbeiters  in  Amerika  auf  sehr
natürliche  Weise.  Was  man  damals  rechnungsmässig  als  die
Kosten  eines  eingewanderten  Arbeiters  feststellte,  legten  amerikanische ­
  Statistiker  bei  jener  Wahrscheinlichkeitsrechnung  zu
Grunde,  die  sie  über  den  Nutzen  anstellten,  den  Amerika  aus
der  Einwanderung  eines  „freien“  weissen  Arbeiters  zieht,  und
so  kamen  sie  zu  dem  Resultate,  dass  im  grossen  Durchschnitte
Amerika  durch  jeden  Einwanderer,  sei  er  Arbeiter  oder  nicht,
sei  er  alt  oder  jung,  männlichen  oder  weiblichen  Geschlechts,
nicht  weniger  als  looo  Dollars  gewinne.  Wenn  man  in  Geld
berechnet,  was  der  Unterhalt  und  die  Erziehung  eines  Menschen
von  bestimmtem  Alter,  Geschlechte  und  bestimmter  technischer
Ausbildung  in  Amerika  kostet,  und  wenn  man  diese  für  die
verschiedenen  Einwandererkategorien  festgestellten  Zahlen  auf
die  wirklich  Einwandernden  anwendet,  so  kann  man  auch  heute
noch  den  Geldwerth  der  Gesammteinwanderung  ziemlich  sicher
feststellen.
Da  nun  neuerlich  viele  Einwanderer  Capital  mitbringen;
da  ferner  manche  derselben  nicht  als  Deckpassagiere,  sondern
        <pb n="33" />
        2*

in  der  ersten  oder  zweiten  Cajüte  ankommen  und  somit  meist
nicht  als  Einwanderer  registrirt  werden;  da  endlich  jetzt  verhältnissmässig
  mehr  technisch  in  diesem  oder  jenem  Gewerbe
ausgebildete  Arbeiter  herüber  kommen  als  früher,  wo  man
meist]  „unskilled“,  gemeine  Hand-  und  Landarbeiter  hier  landen
sah,  so  versteht  es  sich  von  selbst,  dass  die  Rechnung,  jeder
Einwanderer  bereichere  Amerika  um  looo  Dollars,  wenn  man
diesen  aus  der  Zeit  der  Sklaverei  stammenden  Calcul  in  unserer
„humanen“  Zeit  überhaupt  noch  statuiren  will,  bereits  veraltet
ist  und  dass  jeder  Einwanderer  —  im  grossen  Durchschnitte  —
dem  Nationalreichthume  Amerikas  mehr  als  looo  Dollars  zu-^"1
  die  entsprechende  Summe  aber  ärmer  macht.
lese  Einfuhr  bereichert  also  Amerika,  schwächt
Europa.

le  Amerikaner  leisten  sehr  viel,  ich  anerkenne,  dass  es
uns  a  e  überrascht,  wie  viel  sie  auf  allen  möglichen  Gebieten
sîe  1  -Ausnahme  der  schönen  Künste,  schon  leisten;  allein
Sie  eisten  ausser  gegen  den  Gastfreund,  gegen  den  sie  unu
  ertroffen  an  Hospitalität  sind  —  nichts  umsonst!  Wenn
rotz  em  ihre,  namentlich  die  New-Yorker,  Zeitungen  immer
Welt  „die  Opfer“  aufzählen,  welche  New-York  für
i  '"w&amp;amp;nderer  bringt,  so  ist  das  —  Humbug!  Wenn  sich
Uropa  „talentvolle  Federn“  finden,  welche  diese  plumpe
c  nme  nachschreiben,  so  ist  das  ebenso  einfältig.
-Yorker  haben  die  Einwanderungsbehörde,  welche
ta  tverwaltung  untersteht,  1847  geschaffen  und  1873  reg
  nisirt,  sie  haben  ein  Depot  für  Einwanderer  in  Castle
^  Hospital  für  sie  in  Ward’s  Island  eingerichtet.
8  ^j^^^bung  von  New-York  hat  für  die  Zeit  vom  i.  Mai
ï  79  IS  dahin  1880  einen  Zuschuss  von  170,000  Dollars  zur
ntena  tung  dieser  Institutionen  bewilligt  nnd  bei  steigender
-inwan  erung  wird  man  wohl  noch  mehr  bewilligen;  allein
^  Stadt  New-York  ein  schlechtes  Geschäft  hierbei
niac  te,  so  würden  ihre  Behörden  wahrlich  nicht  so  thöricht
Jahr  eine  neue,  doch  nicht  unbeträchtliche  Summe
1er  ür  à  fonds  perdus  auszugeben.  Es  wird  auch  hier  mit  Wasser
ge  ocht  und  die  Wurst  nach  der  Speckseite  geworfen.  Trotz-^
  ist  Castle  Garden  eine  sehr  gute  Einrichtung;  es  ist  nur
        <pb n="34" />
        20

nicht  eitel  Humanität.  Es  ist  eine  —  durchaus  humane  —
Speculation.  Seit  Sommer  1882  muss  die  Schiffscompagnie,
auf  deren  Schiff  ein  Einwanderer  nach  Amerika  kommt,  fur
jeden  solchen  50  Cents  an  die  Kasse  von  Castle  Garden  zahlen,
dieser  Menschenzoll  wird  von  den  Dampfercompagnien  natürlich ­
  auf  die  Fracht  der  Einwanderer  geschlagen.
Castle  Garden  liegt  brillant  am  Hafen,  dort,  wo  Broad-Street,
  die  Hauptstrasse  New-Yorks,  anfängt.  Man  hat  einen
geräumigen  Park  dabei  und  eine  herrliche  Aussicht  über  den
Hafen.  Das  Dépôt  besteht  in  der  Hauptsache  aus  einem
früheren  Theater,  dessen  Bühne  und  Zuschauerraum  die  Auswanderer ­
  aufnimmt  und  ihnen  ein  erstes  Obdach,  Schutz  gegen
Unwetter  und  luftigen  Schatten  gegen  die  glühende  Sommersonne ­
  gewährt.  Sie  werden  hier  in  Hürden,  wie  die  Schafe
bei  uns  nach  Geschlecht  und  Jahrgängen,  so  hier  nach  Nationalitäten ­
  abgetheilt,  können  aber  frei  miteinander  communiciren.
  Jede  Nationalhürde  bildet  einen  Kreisausschnitt,  der
jedoch  nicht  bis  zum  Mittelpunkt  reicht.  Um  diesen  läuft  ein
Binnenkreis  mit  kleinerem  Radius,  innerhalb  dessen  die  Behörden
des  Einwandereramtes  ihren  Sitz  haben  und  von  wo  aus  sie
leicht  mit  jeder  Gruppe  verkehren  können.
In  der  Arena  von  Castle  Garden  kommt  die  Nationalität
der  Einwanderer  zum  letzten  Male  zur  praktischen  Geltung*
Später  erscheint  sie  nur  noch  alle  zehn  Jahre  ein  Mal  als  Zahl
im  Census.  Verlässt  der  Einwanderer  Castle  Garden,  so  gibt
er  seine  Nationalität  auf  und  wird  „Amerikaner“  und  seine
Kinder  sprechen  oft  die  heimische  Sprache  nicht  mehr,  verstehen ­
  sie  aber  noch.  Dies  haben  wir  wiederholt  gesehen,
zuletzt  in  Pilatka,  wo  wir  die  Familie  eines  Mannes  trafen,
dessen  Name  in  der  deutschen  Gelehrtenwelt  einen  sehr  guten
Klang  hat,  Petermann,  der  selbst  eine  gute  Erziehung  genossen ­
  hatte,  aus  jener  Gelehrtenfamilie  stammte,  mit  seiner
Frau  1849  politischen  Gründen  ausgewandert  war,  diese
aber  früh  verloren  hatte.  Seine  wohlerzogenen  Töchter  verstanden ­
  noch  Deutsch,  sprachen  es  aber  nicht  mehr;  der  einzige
Enkel  des  noch  lebenden  und  sehr  wohlsituirten  Einwanderers
verstand  auch  kein  Deutsch  mehr.
Ich  führe  dies  Beispiel  an,  um  zu  zeigen,  dass  auch  Ein-
        <pb n="35" />
        '  die  den  gebildeten  Ständen  angehören,  die  alte
Nationalität  in  der  Familie  nicht  vor  dem  Untergange  bewahren
können.  Die  Metalle  verschiedener  Art,  welche  aus  Europa
in  den  amerikanischen  Völker-Schmelzkessel  kommen,  schmelzen,
mischen  sich  und  es  entsteht  ein  neues,  hartes  und  glänzendes
letall,  das  Amerika-Metall!  Diese  Entnationalisirung  und  Bildung ­
  einer  neuen  Nationalität,  welche  die  Fähigkeiten,  wohl
auch  die  Laster,  jedenfalls  aber  die  Aspirationen  aller  europäischen ­
  Nationen  in  sich  vereinigt  und  ein  sehr  ausgeprägtes
rossmachtsgefühl  hat,  steht  im  schreienden  Widerspruche  zu
en  nationalen  Zwistigkeiten,  welche  Europa  so  sehr  schwächen,
zu  Kriegen  führen,  es*  arm  und  immer  unfähiger  machen,  mit
Amerika  zu  concurriren.
.  Aufgabe  des  Einwandereramtes  der  Stadt  New-York
sste  t  darin,  Sorge  für  das  Weiterkommen  der  Einwanderer
tragen,  ihnen  Rath  und  im  Nothfalle  Hilfe  zu  gewähren,  sie
S  ^gen  Betrügereien  zu  schützen  und  die  Einwanderung  von
Gitsunfähigen  Armen,  unheilbar  Kranken  und  Verbrechern
l^rhindern.  ln  ersterer  Beziehung  wirkt  das  Amt  sehr
ttutz  ich  und  anerkennenswerth,  in  letzterer  kann  es  zur  Zeit
Wenig  thun
Die  auf  den  Schiffen  anlangenden  Deckpassagiere  werden
ufen  und  bevor  diese  Schiffe  landen  mittelst  kleinerer
B^mp  er  nach  Castle  Garden^gebracht  und  hier  gelandet.  Ihre*
ihre^^r  von  Zollbeamten  revidirt,  ein  Arzt  untersucht
^  ,  '^^tindheitszustand,  und  werden  Kranke  nach  dem  Einund
  hilh^^°^^'^^^  ^tif  Ward’s  Island  gebracht.  Verbrecher
..  ^  Arme  werden,  wenn  entdeckt,  abgesondert  und
in^'d'^^Europa  zurückgesendet.  Die  Uebrigen  treten
le  nationalen  Abtheilungen  der  Rotunde  des  ehemaligen
1  heatergebäudes.
Hier  wird  ihr  Nationale  aufgenommen,  man  notirt,  wohin
Sie  zu  gehen  beabsichtigen.  Sie  finden  Anstalten,  wo  sie
'oc  en  und  sich  reinigen  können,  ferner  Restaurants,  in  denen
f  ^  Uebertheuerung,  gespeist  werden.  Bankiers,  die  hier
^este  tände  haben,  wechseln  ihnen  ihr  Geld  um  gegen  ameanische
  Münze  zu  einem  dem  Tagescourse  entsprechenden
ourse,  den  das  Amt  täglich  controlirt.  Als  wir  das  Amt
        <pb n="36" />
        22

besuchten,  erhielten  Einwanderer  für  lo  fl.  ö.  W.  3.90  Dollars.
Es  ist  ein  Post-  und  Telegraphenbureau  daselbst  zu  finden.
Die  Bagage  findet  in  einem  sicheren  Depot  gegen  Checks  Platz.
Eine  besondere  Compagnie  hat  Einrichtung  getroffen,  die
Bagage  von  hier  zu  Bahnhöfen  oder  irgend  einem  Theile  der
Stadt  für  eine  Vergütung  zu  transportiren,  die  geringer  ist,
als  man  sie  von  Hotels  aus  zahlen  muss,  doch  kann  jeder  Einwanderer ­
  seine  Bagage  auch  auf  andere  Weise  fortschaffen.
Ein  Auskunftsbureau  vermittelt  den  Einwanderern  Arbeit  und
weist  Arbeitgebern,  die  darum  nachsuchen,  Arbeiter  nach.
Eine  Anzahl  von  Boardinghouse-Keepers,  d.  h.  von  Leuten,
die  Einwanderern  Wohnung  und  Kost  geben,  bis  sie  New-\ork
verlassen,  steht  unter  Controle  des  Amtes.  Sie  nur  haben  Zutritt ­
  zu  Castle  Garden  und  sind  verantwortlich  für  das  Eigenthum ­
  und  gute  Wohnung  und  Nahrung  der  bei  ihnen  Wohnenden. ­
  Der  Pensionspreis  ist  kein  hoher,  4  bis  5  Dollars  per  Woche.
Drei  Eisenbahncompagnien  haben  Agenten  in  Castle  Garden
und  verkaufen  den  Einwanderern  Billets  nach  jeder  beliebigen
Station  in  Amerika,  sie  so  vor  Ankauf  gefälschter  Billets  und
vor  Uebertheuerung  behütend.  Im  Hospital  finden  Kranke
ganz  gute  Pflege  und  Unbemittelte  erhalten  im  Castle  Garden
unentgeltlich  Kost  und  Unterkunft,  man  leiht  ihnen  auch  im
Nothfalle  Reisegeld  zu  einer  Arbeitsstation;  für  letzteren  Zweck
wurden  im  Jahre  1879  12.454  Dollars  ausgeliehen.
Die  Staatengesetzgebung  von  New-York  hatte  1874  ein
Gesetz  erlassen,  wonach  der  Capitán  oder  Rheder  eines
Schiffes  für  jeden  Einwanderer,  den  sein  Schiff  herüberbrachte,
eine  Caution  von  300  Dollars  zu  stellen  hatte,  die  dafür  haftete, ­
  dass  dem  Staate  New-York  in  den  nächsten  fünf  Jahren
keine  Ausgaben  durch  den  betreffenden  Einwanderer  erwachsen.
Durch  eine  fixe  Zahlung,  die  vom  Amte  festgesetzt  wurde
und  je  nach  den  Ausgaben,  die  durch  mittellose  Einwanderer
erwuchsen,  von  1V2  his  2  Dollars  pro  Kopf  betragen  hat,
konnten  sich  die  Rheder  von  dieser  Cautionsstellung  loskaufen
und  "  thaten  es  meistentheils.  Sie  klagten  jedoch  gegen  dies
Gesetz  und  der  oberste  Gerichtshof  der  Union  cassirte  es  im
März  1876  als  unconstitutionell.  Seither  zahlen  die  Rheder
nichts  mehr.
        <pb n="37" />
        23

Das  Einwandereramt  petitionirte  nun  beim  Congresse  in
Washington  um  Abhilfe.  Im  Sommer  1882  wurde  diese  gewährt. ­
  Besondere,  und  gerechte  Beschwerde  erhebt  es  darüber, ­
  dass  gewisse  Gemeinden  und  Regierungen  in  Europa
schlechte  Subjecte,  Krüppel,  Kinder,  Hilflose  auf  ihre  Unkosten ­
  nach  New-York  senden,  wo  sie  nun  der  Stadt  zur  Last
fallen.  Der  letzte  Bericht  des  Amtes  klagt  die  Schweiz  desshalb
  an  und  kürzlich  constatirten  die  Zeitungen,  dass  der
Schweizer  Canton  Aargau  auf  Cantonskosten  zwei  liederliche
Frauenzimmer  hierher  unterwegs  habe.  In  der  Republik  Aargau ­
  steht  nämlich  Criminalstrafe  für  beide  Theile  auf  jedem
ausserehelichen  geschlechtlichen  Umgang,  und  Frauenspersonen,
die  sich  hierbei  wiederholt  ertappen  lassen  —  versendet  diese
väterliche  Regierung  nach  Amerika,  wie  eine  russisch-communistische
  Bauerngemeinde  einen  schlecht  wirthschaftenden  und
mit  Steuern  im  Rückst^de  bleibenden  Bauer  nach  Sibirien
transportiren  lässt.  Das  Einwandereramt  ist  hiegegen  eigentlich ­
  hilflos.  In  der  Praxis  stellt  sich  die  Sache  jedoch  meist
anders.  Die  Dampfercompagnien  wissen,  dass,  wenn  sie  den
Bogen  zu  straff  spannen  sollten,  er  brechen,  eine  Specialgesetzgebung ­
  gegen  sie  stattfinden  würde.  Deshalb  nehmen  sie  ohne
Anstand  ein  solches  Individuum,  das  sie  herübergebracht  haben
und  das  man  mit  Recht  wieder  los  zu  werden  wünscht,  nach
Europa  unentgeltlich  zurück.  Im  Ganzen  kommt  dies  aber
selten  vor.  Von  den  175.589  Einwanderern,  die  im  Jahre  1879
m  Castle  Garden  landeten,  waren  nur  2468  Kranke,  die  für
ihre  Verpflegung  zahlen  konnten,  und  nur  1121  mittellose  und
unterstützungsbedürftige  Kranke.  Der  Bestand  ultimo  1879
war  im  Hospitale:  238  Kranke,  84  Geisteskranke,  200  Unterstandslose. ­

Wenn  nun  Castle  Garden  ein  ganz  zweckmässig  und  im
Interesse  der  Einwanderer  gut  verwaltetes  Institut  ist,  so  ist
es  andererseits  doch  auch  für  die  Union  und  für  die  Stadt
New-York  speciell  sehr  nützlich,  so  dass  der  Zuschuss,  den
es  aus  der  Stadtcasse  erhält,  als  geschäftlich  wohlinvestirt  erscheint, ­
  und  zwar  aus  folgenden  Gründen:
Ein  Blick  auf  die  Einwanderer  lehrt,  dass  sie  dem  Lande
einen  sehr  nützlichen  Arbeiterzuwachs  zuführen.  Von  den
        <pb n="38" />
        24

134*278  Einwanderern  im  Jahre  1879  waren  1034  höhere  männliche ­
  Professionisten,  darunter  847  Ingenieure,  149  Lehrer,  28
Architecten,  30  Chemiker,  41  Aerzte,  7  Thierärzte;  dazu  kamen
eine  Lehrerin,  dann  21,707  männliche,  127  weibliche  gelernte
Handwerker,  worunter  738  Bäcker,  951  Schmiede,  422  Brauer,
998  Fleischer,  1536  Zimmerleute,  236  Cigarrenmacher,  458
Maschinenbauer,  295  Tischler,  141  Juweliere,  303  Schlosser,
805  Maschinisten,  633  Maurer,  5070  Bergleute,  370  Former,
313  Müller,  381  Maler  und  Anstreicher,  196  Drucker,  117
Puddler,  1079  Schneider,  949  Weber,  189  Uhrmacher;  endlich
stossen  wir  auf  13.170  Farmer  (!!),  337  Gärtner,  450  Matrosen,
24.920  Arbeiter,  meist  Landarbeiter.  Im  Ganzen  wanderten
69.366  erwachsene  Männer,  wovon  23.341  Professionisten  und
gelernte  (skilled)  Handwerker,  35.325  Frauen,  wovon  17.052
verheirathet  und  128  gelernte  Arbeiterinnen  und  nur  29.587
Kinder  ein.  #
Von  dieser  werthvollen  Arbeiterzahl  wurden  durch  das
Arbeitsnachweisebureau  16.533  untergebracht,  davon  11.920
in  New-York  und  3.231  in  New-Jersey.  Da  diese  Arbeiter
niedrigere  Löhne  erhalten,  als  andere  derselben  Qualität,
so  lange  sie  sich  noch  nicht  auskennen,  so  zieht  New-York
und  Umgegend  hieraus  schon  einen  grossen  Nutzen.
Diese  Einwanderer  verzehren  in  den  Boardinghäusern  doch
erhebliche  Summen  und  lassen  Geld  für  Einkäufe  in  New-York.

Endlich  gehen  die  Meisten  nach  kurzem  Aufenthalt  ins
Innere  und  kaufen  in  New-York  t  heil  weise  die  Billets.  Die
Central-,  Pennsylvania-  und  die  Erie-Bahn  haben  concessionirte
Agenten  in  Castle  Garden,  welche  von  jedem  Billet,  das  sie
an  Auswanderer  verkaufen,  eine  Provision  beziehen.  Die  Halter ­
  von  Boardinghäusern  beschäftigen  sich  auch  mit  dieser
einträglichen  Vermittlung.  Den  Rest  des  Passagiergeldes  ins
Innere  beziehen  jene  drei  Bahngesellschaften,  welche  jede  eine
nach  Chicago  führende  Linie  haben.  Die  meisten  Actionäre
und  die  Directionen  derselben  wohnen  in  New-York  und  verdienen ­
  natürlich  viel  mehr  an  dem  Fahrgelde,  als  die  Stadt
New-York  für  Castle  Garden  zuschiesst.
Emigrantenzüge  werden  von  allen  dreien  nach  Chicago
        <pb n="39" />
        25

äbgelassen,  die  circa  zehn  Stunden  mehr  gebrauchen  als  Postzüge ­
  und  schlechte,  ausrangirte  Waggons  besitzen  Dieser
1  assagiertransport  stellt  sich  also  sehr  billig  her.  Im  Jahre
î88i  nahmen  alle  drei  Gesellschaften  für  die  976  englische
Meilen  lange  Strecke  13  Dollars  per  Kopf,  wobei  100  Ibs.
Gepäck  frei  sind.  Natürlich  geht  die  Provision  der  Agenten
'on  diesen  13  Dollars  ab,  trotzdem  ist  das  Geschäft  lohnend
obschon  die  Meile  nur  1.33  Cents  per  Kopf  bringt.  Fünfund
siebzig  Percent  der  Einwanderer  gehen  direct  nach  dem  Westen
dies  macht  immerhin  über  eine  Million  Dollars  für  den  Trans
port  der  1879  i"  New-York  Eingewanderten,  die  so  nebenbei
mit  Ausnutzung  schlechten  und  ausrangirten  Eisenbahnmateri'ils
verdient  werden.  Die  Restaurateure  an  der  Strecke,  auf  den
a  nhöfen,  zahlen  Pacht,  Ueberfracht  bringt  auch  Geld,  und
denn  ein  lohnendes  Geschäft  für  die  New-Yorker
Actionäre  heraus.
d'  liT  m  Europa  darüber  geklagt,  dass  Agenten
^se  st  Leute  zur  Auswanderung  verführen,  und  man  geht
eit,  einen  Ponds  vorauszusetzen,  der  irgendwo  existiren  soll,
^*^•5  em  die  Agenten  bezahlt  werden,
l^em  ist  nicht  so.
.  europäischen  Agenten  beziehen,  gerade  wie  die  Eisens
  ^11  New-York,  nur  eine  Provision  von  jenen  Gedenen
  sie  Passagiere  oder  Landkäufer  zuweisen,
be^'t  über  New-York  hinausgehenden  Einwanderer
.  ^^^cits  „Durchfahrtsbillets“  vom  europäischen  Hafen
j.  J^ner  Eisenbahnstation  im  Innern,  zu  der  sie  reisen
w  j”’  "oraus  hervorgeht,  dass  etwa  die  Hälfte  aller  Ein-H^k
  Jahre  1879  sogar  83.492,  hier  Angehörige  oder
sollen  die  ihnen  schreiben,  wohin  sie  sich  wenden
en.  einige  von  diesen  nur  erhalten  ihre  Bestimmung  von
genten  in  Europa,  die  von  Landbesitzern  in  Amerika  eine
rovision  bekommen,  wenn  sie  diesen  Arbeiter  oder  Landau ­
  er  zuführen.  Die  meisten  aber  erhalten  die  Directive  von
ansässigen  Bekannten,  die  ihnen  sehr  oft  aus  ihren  Er-^parnissen
  das  Billet  hier  ankaufen  und  hinübersenden.  Die
P'uropa  von  dortigen  Agenten  das  ,,Durchet
  bis  zu  einem  Orte  im  Innern.  Thun  sie  es  aber,  so
        <pb n="40" />
        20

verdient  der  europäische  Agent  am  Schiffs-  und  am  amerikanischen ­
  Eisenbahnbillet.
Das  meiste  Geld  verdienen  die  europäischen  Agenten  am
Schiffsbillet.  Wie  viel  Percent  vom  Betrage  desselben  der
Generalagent  und  von  diesem  der  Unteragent  erhält,  ist  unbekannt ­
  und  auch  verschieden,  da  die  Schifffahrtsgesellschaften
sich  Concurrenz  machen  und  eine  mehr,  die  andere  weniger
Provison  giebt.
Der  Preis  eines  Oceanbillets  ist  ebenfalls  verschieden.
Englische  Compagnien  sind  am  theuersten.  Sie  nahmen  aut
Verabredung  im  Jahre  1881  alle  den  gleichen  Satz  von  120
Mark  für  die  Tour  Liverpool-New-York.  Von  Antwerpen
kostete  die  Ueberfahrt  nur  80  Mark,  von  Havre  ebensoviel.
Von  Bremen  und  Hamburg  aber  damals  sogar  nur  12  Dollars
60  Mark!  Im  Sommer  1882  kostete  die  Deckpassage  von
Bremen  nach  Galveston  160  Mark,  doch  hofft  man  sie  1883
auf  i4o  Mark  zu  ermässigen.  Von  Galveston  fahren  die  Einwandererer
  nicht  nur  nach  Texas,  sondern  auch  nach  Californien. ­
  Da  nun  Agenten  an  grössere  Partien,  die  zusammen
auswandern,  die  Billets  noch  billiger  abgeben,  so  muss  \  on
diesem  winzigen  Betrage  noch  eine  starke  Provision  für  die
Agenten  abfallen.  In  keinem  Palle  ist  sie  per  Kopf  gross,
aber  die  Masse  bringt  es.
Da  ein  grosses  Schiff  800  bis  1200  und  mehr  Deckpassagiere ­
  und  dazu  noch  einige  hundert  Cajütenpassagiere  in  einer
Fahrt  herüber  bringt,  die  Leute  auf  der  Reise  aber  meist
krank  sind  und  wenig  essen,  die  Provisionen  sehr  billig  in
Amerika,  die  Kohlen  ebenso  in  England,  eingekauft  werden,
das  Schiff  unter  Deck  noch  Waaren  mitnimmt,  so  zahlt  sich
die  Sache  umsomehr  aus,  als  die  Schiffe  für  Beförderung  der
Post  Entschädigung  bekommen  und  sie  nur  auf  der  Rückreise ­
  volle  Waarenladung  erhalten,  auf  der  Hinreise  also  stets
einen  Theil  ihres  Raumes  leer  haben  würden,  den  jetzt  die
Deckpassagiere  einnehmen.  Cajütenpassagiere  zahlen  von  England ­
  bis  Amerika  12  bis  21  Guineen  à  21  Mark,  von  deutschen
Häfen  etwas  weniger.  Der  Bremer  Dampfer  „Salier“  brachte
in  der  letzten  März-Woche  des  Jahres  1880  1280  Deckpassagiere ­
  in  einer  Eahrt  nach  New-York!  Macht  76.800  Mark  !
        <pb n="41" />
        27

Im  Jahre  1879  landeten  690  Dampfer  in  New-York,  von
denen  107  aus  Bremen  und  Hamburg  kamen  und  30.886  Einwanderer ­
  daher  brachten.
Die  Einwanderung  ist  seit  1877,  wo  sie,  immer  im  Hafen
von  New-York  —  nur  54.536  Personen  betrug,  im  Steigen.
Es  kamen  hier  an  im  Jahre  1878  75.347,  1879  134.278,  1880
327.37H  dazu  kommen  26.944,  die  in  Philadelphia,  26.000,  die
in  Boston  landeten,  und  407  in  New-Orleans.  Jedoch  kommen
zahlreiche  Einwanderer  aus  England  und  Skandinavien  —
weniger  Deutsche  —  auch  mit  Dampfern  in  canadischen  Häfen
an  und  werden  von  da  per  Bahn  ins  Innere  Canadas  und  der
der  Union  weiterbefördert.
Im  Jahre  1881  wuchs  die  Einwanderung.  Im  Januar  1880
landeten  in  New-York  5677,  im  Januar  1881  8082;  im  Februar
1880  7904,  1881  9753  Passagiere,  und  im  März  1881
kamen  wöchentlich  doppelt  so  viele  Einwanderer  an,  als  in  den
entsprechenden  Wochen  des  vorhergehenden  Jahres.  Imhebruar
des  Jahres  1881  kamen  in  den  Häfen  Baltimore,  Boston,  Detroit,
Eastport,  New-Bedford,  New-Orleans,  New-York,  Philadelphia,
Port  Huron  und  San  Francisco  15.075  Einwanderer  an,  worunter
5292  Deutsche.  In  den  acht  Monaten,  endend  28.  Februar
1881,  wanderten  ein  aus  Deutschland  82.699.
Man  kennt  hier  den  Verkauf  von  Billets  fur  die  nächsten
Honate  in  Europa  und  die  Zahl  der  bestellten  Schiffsplätze,
und  danach  trifft  man  jährlich  in  Castle  Garden  Vorbereitungen
Unterkommen  und  die  Weiterbeförderung.  Der  Vorste
  er  des  Amtes  in  Castle  Garden  sagte  uns,  dass  er  nach
lesen  Indicien  Vorbereitungen  für  den  Empfang  von  500.000
Einwanderern  in  New-York  treffe,  und  die  Dampfschifffahrtsgesellschaften ­
  vermehren  ihre  Schiffe.
Der  norddeutsche  Lloyd  in  Bremen  landete  1880  56.000
usw  anderer  in  New-York  und  suchte  Schiffe  zu  kaufen.  Die
unard-Linie  landete  15.900  Passagiere  und  hat  5  grosse  Schiffe
uuf  dem  Kiel,  wovon  zwei  im  Juni  1881  ihre  erste  Reise
machten.  Die  Inman-Linie  beginnt  die  Saison  mit  zwei  neuen
arnpfern  mehr.  Sie  landete  1880  hier  37.901  Passagiere.  Die
hite  Star-Linie  besass  bisher  die  zwei  grössten  Dampfer,  in
eren  einem  wir  die  Uebcrfahrt  machten.  Sie  brachte
        <pb n="42" />
        28

i88o  17.314  Seelen  herüber.  Die  Nationallinie  brachte  33.692
Passagiere,  die  Anchor-Linie  27.016,  die  Guyon-Linie  brachte
15.974,  die  Red  Star-Linie  12.343,  die  Hamburger  Linie
44.030  Passagiere.  Die  Anchor-Linie  hat  einen  neuen  Dampfer
in  Gang  und  acht  solche  auf  dem  Kiel.  Alle  diese  neuen
Dampfer  sind  sehr  gross,  von  4000  bis  5500  Tonnen  Tragfähigkeit ­
  und  im  Stande,  1000  bis  1500  Passagiere  auf  einmal
zu  transportiren.  Neuerlich  werden  Schiffe,  die  Baumwolle  aus
Savannah,  Charlestown,  New-Orleans  und  Galveston  nach
Europa  befördern,  zur  Aufnahme  von  Emigranten  eingerichtet.
Neue  Linien  entstehen  oder  entstanden  in  Stettin,  Gothenburg,
Kopenhagen,  Bordeaux,  Marseille  und  in  Süditalien  und  eine
zweite  in  Hamburg.  Franzosen  wandern  fast  gar  nicht  ein,
Italiener  kommen  seit  1880  auch  zahlreicher  an;  meist  gehen
sie  nach  den  Südstaaten  der  Union  und  nach  Californien.

Oesterreicher  werden  auch  zahlreicher.
Im  Hafen  von  New-York  landeten  seit  Wiederbeginn  der
grossen  Einwanderung  :

Aus  1877  1878  1879  1880  Totale  seit  1847
Deutschland  17-753  23.051  33-574  104.264  2,299-662
Irl.-ind  8.221  13.013  22.624  66.399  2,108.445
England,  Schottland  u.  Wales  8.400  11.847  30-54*  43-393  *,004.707
Schweiz  1.323  2.033  4-683  8.223  98.050
Norwegen  *  485  2.800  4-993  9-973  63.987
Schweden  3  7*0  4  *62  *2.394  35-2*7  *72.*37
Italien  2.831  4.208  7.220  11.190  68.218
Russland  2.391  3.346  3.103  7-693  49-86o
Böhmen  2.325  2.006  2.801  7.606  24.845
Ungarn  366  613  1989  6.672  ii.oio
Oesterreich  642  1.001  *-727  4-46*  *7-93*
Dänemark  1.601  2  249  2.891  5-577  45-3o5
Frankreich  1.221  1.648  2.33*  4-087  *  *6.997

Im  Censusjahre  1880,  Juni,  gab  es  1.966.742  in  Deutschland ­
  geborene  Individuen  in  Amerika.  Es  wänderten  aus
Deutschland  —  ohne  Oesterreich  —  dahin:

von  1830  —  40
1840—50
1850  60
1860—70
187  o—80
1881

152.454  Personen
434  626
951.667
822.007
758.698
249.572

1882  (bis  1.  Juli  ca.)  279.000

Summa  3.648.024  Personen
        <pb n="43" />
        29

In  Deutschland  Geborene  gab  es  Juni  1880  im  Staat  New-355.913,
  Illinois  235.786,  Ohio  192.597,  Wiskonsin  184.328,
Pennsylvanien  168.426,  Michigan  89.085,  Jovva  88.268,  Indiana
80.756,  Minnesota  66.592,  New-Jersey  64.935,  Californien  42.532,
Texas  35.487,  Nebraska  31.126,  Kansas  28.034  Personen.  Dazu
kommen  Deutsche  aus  der  Schweiz  und  Oesterreich  und  endlich ­
  die  Nachkommen  aller  dieser  Eingewanderten.
Diese  Statistik  ist  für  Deutschland  nicht  schmeichelhaft.
Auffallend  ist  die  grosse  Auswanderung  aus  den  drei  skandinavischen ­
  Reichen  und  aus  der  Schweiz,  die  doch  alle  nicht
übervölkert  sind.  Gerade  sie  beweist  aber,  dass  Agenten  die
Auswanderung  nicht  verschulden,  sondern  reale  Ursachen,
denn  die  schweizer  und  skandinavische  Bevölkerung  ist  zu
gebildet,  als  dass  sie  gerade  leichtsinnig  Agenten  ins  Garn
aufen  sollte.  Verursachten  Agenten  die  Auswanderung,  so
wurden  die  östlichen  Länder,  in  denen  die  Bevölkerung
unwissend,  also  leicht  von  Agenten  zu  beschwindeln  ist,
grösseres  Contingent  von  Auswanderern  stellen,  als  sie
GS  thun.

Die  deutsche  Auswanderung,  soweit  sie  über  New-\ork
geht,  zeigt  eine  merkwürdige  Bewegung.  Sie  steigt  von  1848
54  fortwährend  und  beträgt  in  den  einzelnen  Jahren,  in  je
1000  Seelen,  respective  51,  55,  45,  69,  118,  119,  176.  Dies
^ar  wohl  eine  Folge  der  du^ch  die  Umwälzung  im  Jahre  1848
gGsc  aflfenen  grösseren  Freizügigkeit  der  Bevölkerung  in
eutschland  und  der  schlechten  Zeiten  daselbst,  besonders
ur  ^andleute.  Seit  Mitte  des  Krimkrieges  hatte  Deutschland
einen  grossen  Aufschwung,  der  nur  1857,  ersten  Krachjahre,
eine  deine  Unterbrechung  erfuhr,  sonst  aber  bis  zum  Kriege
von  1866  dauerte.  Dieser  Aufschwung,  d.  h.  die  Zeit,  in  der
IG  rbeit  capitalbildend  ist  und  das  Capital  gute  Interessen
ringt,  markirt  sich  durch  verminderte  Auswanderung.  Sie
eträgt  (immer  in  je  1000)  1855  nur  52,  1856  56,  steigt  im
rac  jahre  1857  ^uf  80  und  Pillt  dann  auf  31,  28,  37,  27,  27,
35»  hebt  sich  um  die  Zeit,  als  Bismarck’s  Grossmachtpolitik
Gutschland  in  den  ersten  (dänischen)  Krieg  verwickelt,  im
,*  ^^^4  auf  57,  1865  auf  83  und  nimmt  nun,  unter  Ein-^ir
  ung  des  preussisch-österreichischen  Krieges,  einen  grossen
        <pb n="44" />
        Umfang  an,  indem  sie  1866  106,  1867  117  beträgt.  Nun  beruhigt ­
  man  sich  wieder  und  hält  die  Aera  der  Kriege  für  abgeschlossen. ­
  Die  Auswanderung  vermindert  sich  auf  loi  in
1868  und  99  in  1869,  72  in  1870,  wo  Militärpflichtige  nicht  auswandern ­
  konnten.  Sowie  sie  entlassen  werden,  kehren  viele
derselben  dem  kriegerischen  Vaterlande  den  Rücken,  und  so
steigt  die  Auswanderung  1871  auf  88  und  1872  auf  132,  beträgt ­
  1873  noch  140,  fällt  nun  in  Folge  des  Kraches  in  Amerika
auf  40  in  1874,  25  in  1875,  21  in  1876,  17  in  1877.  Sowie
in  Amerika  die  Krisis  jenem  Aufschwünge  Platz  macht,  den
wir  jetzt  noch  haben,  andererseits  die  wirthschaftlichen  Zustände ­
  in  Deutschland  sich  verschlechtern,  steigt  die  Auswanderung ­
  auf  23  in  1878  und  33  in  1879.
Nun  kommt  die  Aussicht  auf  einen  neuen  und  sehr  grossen
Krieg,  welcher  alle  Oemüther  in  Deutschland  dermalen  erschreckt, ­
  und  die  Auswanderung  verdreifacht  sich  1880;  sie
erreicht  104,  eine  Höhe,  die  sie  nur  nach  dem  französischen
und  preussisch-österreichischen  Kriege,  sowie  zu  Beginn  des
Krimkrieges  erklommen,  als  man  fürchtete,  auch  Deutschland
werde  in  ihn  verwickelt  werden.  Umgekehrt  hatte  der  Krieg
in  Amerika  eine  Verminderung  der  Gesammteinwanderung  daselbst ­
  zur  Folge.  Im  Jahre  1859  landeten  in  New-York  noch
1  tjo.ooo,  i860  nur  65.000  und  1861  76.000  Als  der  li-rfolg
des  Nordens  gesichert  erschien,  stieg  die  länwanderung  auf
180.000  in  1864,  196.000,  233.000,  242.000,  213.000,  258.000
in  1869,  sank  unter  Finfluss  der  Finberufung  Militärpflichtiger
auf  dem  Continent  1870  auf  212.000,  hob  sich  1871  auf  229.000,
1872  auf  294.000,  1873  auf  266.000  und  sank,  in  Polge  des
amerikanischen  Kraches  auf  140.000  in  1874,  84.000  in  1875,
68.000  in  1876,  54.000  in  1877.  Nun  heben  sich  die  wirthschaftlichen ­
  Verhältnisse  in  Amerika,  sie  verschlechtern  sich
in  Europa  und  endlich  ergreift  den  alten  Continent  die  \  orahnung
  eines  allgemeinen  Krieges,  die  Pänwanderung  in  New-York
  steigt  also  1878  auf  75.000,  1879  auf  134.000  und  1880
auf  327.000,  eine  Zahl,  welche  noch  niemals  vorher  erreicht
worden  ist!  Im  Jahre  1881,  endend  30.  Juni,  sollen  circa
370.000  Deutsche  cingewandert  sein.
Aufschwung,  wirthschaftlicher  Niedergang,  Krieg,  Kriegs-
        <pb n="45" />
        31

furcht  bestimmen  also  die  Grösse  der  Auswanderung  und  sie,
nicht  Agenten,  sind  die  Ursache,  wie  sie  und  nicht  Agitatoren ­
  das  Wachsen  und  Sinken  der  socialistisch-communistischen
  Bewegung  veranlassen.  Trotzdem  thun  europäische
Staatsmänner,  die  unfähig  sind,  Europa  Frieden  und  eine
steigende  wirthschaftliche  Entwickelung  zu  sichern,  die  den
alten  Continent  vielmehr  zu  einem  waffenstarrenden  Exercirplatz
  gemacht  haben  und  deren  Wirthschaftspolitik  eine  durchaus ­
  verkehrte  ist,  als  seien  nicht  sie,  sondern  einige  böswillige
Auswanderungsagenten  und  communistische  Wühler  die  Ursache ­
  jener  beiden  Krebsleiden,  durch  die  Europa  langsam
herunterkommt.  Es  ist  durchaus  unconservativ,  diese  bittere
Wahrheit  zu  verschweigen  oder  zu  beschönigen.  Wird  sie
offen  ausgesprochen,  so  ist  vielleicht  noch  Abhilfe  möglich.
Sogar  Frankreich,  dessen  Bevölkerung  keinen  Auswanerungstrieb
  hat,  unterliegt  diesem  Gesetze.  Seine  wirthschaftic
  en  \  erhältnisse  sind  stets  gute  gewesen,  daher  fällt  dieser
in  Deutschland  so  schwer  wiegende  Auswanderungsgrund  dort
'veg.  Man  kennt  den  Hungertyphus,  der  in  Deutschland  nicht
*^ehr  ausstirbt,  dort  noch  nicht.  Aber  Krieg  und  Kriegsahnung ­
  bewirken  selbst  in  Frankreich  eine  grössere  Aus-Sie
  beträgt  1849  2000,  1850  3000,  1851  5000,
*  52  8000,  1853  7000,  1854  7000.  Diese  hohe  Zahlen  sind
nrch  Staatsstreich  und  Kriçnkrieg  verursacht.  Nun  fallt  die
^  uswanderung  auf  4000  in  1855,  2000  in  1856,  beträgt  dann
3000,  1000,  1000,  1000,  1000,  1000,  1000,  1000
*  4*  Nun  erwacht  die  Kriegsfurcht,  die  Auswanderung
^868*^  f  2000  in  1865,  3000  in  1866,  3000  in  1867,  3000  in
’  ^  ^uf  2000  in  1869,  auf  1000  in  1870,  weil  junge
laicht  hinaus  können,  steigt  auf  4000  in  1871,  erreicht
f‘U  in  1872  von  10.000,  hat  1873  noch  6000  und
t  nun,  da  die  Gemüther  sich  beruhigen,  auf  3000  in  1874,
2000  in  1875,  2000  in  1876,  1000  in  1877,  1000  1878;  nun
ntt  Wieder  Kriegsbefürchtung  ein,  und  sie  steigt  auf  2000  in
79  und  erreicht  4000  im  Jahre  1880.
le  deutsche  Auswanderung  nimmt  seit  1880  eine  er-^^‘^^nde
  Gestalt  an.  Die  Londoner  „Times“  sagten  1881
leselbe:  „Der  jetzt  so  lebhaft  fliessende  Strom  deutscher
        <pb n="46" />
        32

Auswanderung  ist  in  Havre  ebenso  sichtbar  als  in  Bremen  und
Hamburg,  wo  die  Concurrenz  zweier  Dampfercompagnien  die
Frachtgebühr  erheblich  reducirt  hat.  Aber  manche  Auswanderer ­
  gehen  über  Hull  oder  Liverpool  (auch  über  Antwerpen  und
Havre),  wahrscheinlich  um  die  Wachsamkeit  der  deutschen  Beamten
zu  Schanden  zu  machen,  welche  das  Entkommen  junger  Männer,
die  demnächst  militärpflichtig  werden,  zu  verhindern  suchen.
Die  Auswanderer  aus  Posen  sind  zahlreich,  meist  Polen,  doch
auch  deutsche  Bauern.  In  Schleswig  dauert  die  Bewegung
schon  den  ganzen  Winter  an  und  lässt  nicht  nach.  Localblätter ­
  melden,  dass  ganze  Dorfschaften  aus  Posen,  Provinz
Preussen  und  Schleswig  auswandern.  Illinois  und  Nebraska
sind  jene  Gegenden,  wohin  Deutsche  am  liebsten  ziehen,  doch
wird  eine  deutsche  socialistische  Colonie  in  Texas  gegründet,
welche  von  Deutschen  aus  St.  Louis,  Chicago  und  New-^ork
verstärkt  wird.“
Diese  Auswanderung  und  das  Wachsen  und  Radicalwerden
der  deutschen  Socialdemokratie  sind  die  Quittung  des  deutschen
Volkes  auf  die  Blut-  und  Eisenpolitik,  die  den  Wohlstand
Amerikas  und  den  Nihilismus  in  Deutschland  schaffen  hilft.
Auch  die  österreichische  Auswanderung  giebt  zu  denken!
Sie  hat  sich,  wenn  wir  Böhmen,  Ungarn  und  „Oesterreicher“,
die  in  der  New-Yorker  Statistik  getrennt  aufgeführt  werden,
zusammenzählen,  seit  drei  Jahren  fast  versechsfacht.  Es  wanderten
  in  New-York  ein  1876  3333,  1871  3620,  1878  6507  und
1880  schon  18.739.  Wie  wir  sehen,  stellen  Böhmen  und  Ungarn ­
  die  überwiegende  Zahl.  Allein  mit  den  Ungarn  hat  es
seine  eigene  Bewandtniss.
Die  ungarischen  Herren  unserer  Gesellschaft  interessirten
sich  mit  lebhaftem  Patriotismus  für  ihre  ausgewanderten  Landsleute ­
  und  zogen  ganz  specielle  Erkundigungen  über  sie  ein.
Als  wir  in  Castle  Garden  waren,  wurde  uns  eine  ganze  Anzahl ­
  sogenannter  Ungarn  vorgestellt,  mit  denen  die  Grafen  S.
kein  Wort  sprechen  konnten,  wohl  aber  Baron  G.,  der  aus
Mähren  ist,  und  Graf  A.,  der  Besitzungen  im  slowakischen
Gebirge  hat.  Es  fand  sich  nur  ein  einziger  Magyar  darunter!
In  der  That  sind  es  Slaven,  welche  aus  Ungarn  auswandern.
Dieselben  haben  hier  den  Unwillen  der  New-Yorker  er-
        <pb n="47" />
        33

3

*’cgt.  Als  wir  in  dieser  Stadt  waren,  fand  ein  Meeting  angesehener ­
  Bürger  statt,  die  eine  Resolution  dahin  gehend  fassten,
€s  solle  von  Obrigkeitswegen  etwas  gegen  die  Einwanderung
&amp;lt;ier  Ungarn  gethan  werden,  die  sie  als  überaus  schmutzig,
durchaus  arm  und,  weil  sie  eine  Sprache  sprächen,  die  hier
Niemand  versteht,  unfähig,  sich  ihr  Brod  zu  erwerben,
schilderten.
In  der  That  kann  man  diese  Beschwerde  nicht  für  unbegründet ­
  halten  ;  von  rund  135.000  Einwanderern  im  Jahre
1879  waren  6520  aus  Oesterreich,  noch  nicht  fünf  Percent;
^^gGgen  wurden  auf  dem  Refugium  für  Unbemittelte  in  Ward’s
Island  3148  Personen  aufgenommen,  von  denen  117  aus  Oesterreich-Ungarn ­
  waren.  Dazu  wurden  2202  Personen  im  Hospital
aufgenommen,  wovon  68  aus  Oesterreich-Ungarn.  Dies  Verhaltniss
  hat  sich  im  vorigen  Jahre  bedeutend  verschlechtert,
r^as  Einwandereramt  schaffte  1879  für  164  Ungarn  und  Böhmen
Beschäftigung.
Unser  Hôtel  war  an  den  Tagen  nach  unserem  Besuch  in
Castle  Garden  ein  Stelldichein  von  Slowaken  in  ihren  Schafpelzen,
Welche  unsere  ungarischen  Mitglieder  erheblich  brandschatzten
und  im  Hôtel  nicht  gerade  gerne  gesehen  wurden.  Man  wies
ihnen  einen  besonderen  Raum  im  Flur  an.  Sie  wären  alle
gern  zurückgekehrt,  wenn  sie  das  Reisegeld  gehabt  hätten.
Is  wir  die  Rundfahrt  durch  die  Eisen-  und  Kohlenregion  von
ennsylvanien  machten,  sahen  wir  truppweise  solche  arme
eute  die  Bahn  entlang  wandern.  Man  erzählte  uns,  dass  13
Grselben  in  nicht  langer  Zeit  von  Eisenbahnzügen  überfahren,
^^^1"  verstümmelt  wurden,  weil  sie  die  Warnungs-P
  1  e  der  Locomotive  nicht  beachten.  Sie  sind  gänzlich  mittelgehen
  bettelnd  in  die  Häuser  und  erschrecken  die  Frauen,
c  c  le  diese  ihnen  wildvorkommenden  Männer  nicht  verstehen
un  Gewaltthat  von  ihnen  fürchten.  Solche  Leute,  die  weder
die^  noch  Deutsch  verstehen,  kein  Geld  haben,  um  bis  in
16  Ackerbau-  und  Bergwerksdistricte  gelangen  zu  können,
schreiben  noch  lesen  können,  hier  keine  Angehörigen
vollkommen  hilflos  sind,  zur  Auswanderung  zu
ühren,  ist  sehr  gewissenlos.
        <pb n="48" />
        34

Haben  sie  dagegen  eine  Arbeitsstelle  gefunden,  so  ändert
sich  ihre  Lage  mit  einem  Schlage.  Wir  fanden  eine  Anzahl
auf  dem  grossen  Stahlwerke  in  Bethlehem.  Der  Besitzer  führte
sie  uns  vor.  Sie  verdienten  i  Dollar  täglich,  gaben  4  Dollars
wöchentlich  für  Pension  und  sahen  sehr  wohlgenährt  aus.
Alle  waren  äusserst  glücklich  und  erklärten,  nicht  wieder  zurückkehren ­
  zu  wollen,  was  sich  begreift,  da  sie  2  Dollars  =
5  fl.  ö  W.  Ueberschuss  per  Woche  haben,  zu  Hause  aber
täglich  nur  25  bis  40  kr.  Taglohn  erhielten.  Der  Besitzer  des
Werkes  war  seinerseits  mit  ihnen  vollkommen  zufrieden.  Zuerst ­
  habe  es  Schwierigkeiten  gemacht,  sie  anzulernen.  Allein
sie  kennen  sich  jetzt  schon  ganz  gut  aus,  seien  fleissig  und
bescheiden.  Er  könne  recht  zufrieden  mit  ihnen  sein,  nehme
auch  neu  Ankommende  in  Arbeit,  welche  nun  von  den  älteren
Arbeitern  ihrer  Sprache  leicht  in  die  einfachen  Pflichten  eingeweiht ­
  würden.
Aus  den  ungarischen  Karpathen  sind  in  den  Jahren  1881/82
sehr  zahlreiche  slowakische  Arbeiter  ausgewandert,  allein
diese  werden,  wie  ihre  Vorgänger,  meist  zurückkehren.
Sie  bleiben  nur  einige  Jahre  dort,  sparen  sich  800—1000
Gulden  und  kehren  dann  zurück.  Sie  besitzen  meist  kleine
Häuslerstellen,  die  verschuldet  sind,  zahlen  von  Amerika
aus  die  Schulden  ab  und  bringen  noch  etwas  Capital
mit  heim.  In  ein  und  demselben  Comitat  hat  die  Post
im  ersten  Quartale  1882  121  000  fl.  ausgezahlt,  die  von
Amerika  an  zurückgebliebene  Angehörige  gesandt  waren.  Für
Manche  dieser  ist  dies  freilich  Reisegeld.  Ersparnisse  in
obigem  Betrage  machen  diese  Slowaken  dcsshalb  in  2  3  Jahren,
weil  sie  meist  dort  gemeinsam  leben;  10  —  12  Männer  nehmen
ein  Weib  mit,  das  für  sie  Alle  kocht  und  wäscht.  Auf
diese  Weise  kommt  es,  dass  ein  solcher  Club  Arbeiter  aus
dem  Zempliner  Comitat  in  den  Kohlenwerken  von  Pennsylvanien
  per  Kopf  und  Monat  nur  5  Dollar  für  Kost,  Wohnung
und  Wäsche  ausgab.  Ihr  Monatsverdienst  betrug  dagegen
24  Dollar.  Amerikanische  Arbeiter  würden  nicht  unter  36  1).
dieselbe  Arbeit  thun,  aber  mindestens  16  Dollar  für  Kost  und
Wohnung  allein  zahlen.  Man  betrachtet  diese  Aus-  und  Rückwanderung ­
  in  Ungarn  jetzt  schon  mit  günstigeren  Augen,
        <pb n="49" />
        35

3*

allein  sie  hat  daselbst  die  Löhne  schon  erheblich  erhöht,  da
die  Zurückgekehrten  nicht  mehr  um  Lohn,  nur  noch  um  die
Halbscheit  bei  Kukuruz,  arbeiten  wollen.  Beim  Dampfdrusch
erhielt  der  Mann  im  Sommer  1882  daselbst  80  Kreuzer,  anstatt
40  sonst.
Es  unterliegt  keinem  Zweifel,  dass  die  Amerikaner  auch
dies  willige  und  fleissige  Arbeitermaterial  sich  dienstbar  machen
werden.  Die  Böhmen,  welche  zum  grossen  Theile  Deutsch
verstehen,  kommen  sehr  gut  fort  und  sind  in  New-York  sogar
zur  Bedeutung  gelangt,  indem  sie  die  Cigarrenfabrikation  fast
allein  betreiben.  Sie  nehmen  den  Tabak  nach  Hause  und  hier
helfen  Frau  und  Kinder  Cigarren  machen.  So  gelangen  sie
schnell  zu  Wohlstand  und  werden  Grundbesitzer.  Da  es  in
allen  Theilen  der  Union  viele  deutsche  Arbeitgeber  giebt,  so
kommt  jeder  gesunde  und  fleissige  Arbeiter,  der  Deutsch  versteht, ­
  hier  sehr  gut  fort,  am  besten  deutsche  und  slavische
Dienstmädchen,  die  Deutsch  verstehen,  welche  sehr  gesucht
sind.
Da  die  Reise  von  einem  europäischen  Hafen  nach  einem
amerikanischen  und  von  dort  an  eine  Arbeitsstelle  nun  schon
Sehr  billig  ist,  aber  in  den  nächsten  Jahren  noch  billiger  werden
'vird,  so  ist  die  Auswanderung  nur  durch  Gewaltmassregeln
der  europäischen  Regierungen  zu  beschränken,  wenn  es  nicht
gelingt,  die  Lage  der  productiven  Bevölkerung  in
Kuropa  annähernd  so  gut  zu  machen,  wie  sie  es  hier
'St.  Dazu  gehört,  dass  man  dort  die  Kriegsgefahr  beseitigt
''nd  dass  man  die  Arbeit  wieder  productiv  macht.  Thut  man
beides  nicht,  verhindert  aber  die  Auswanderung  oder  erschwert
sie,  so  führt  man  die  wider  ihren  Willen  in  Europa  Zurückgehaltenen ­
  sicher  der  Socialdemokratie  in  die
Arme.
Ls  fragt  sich  nun,  ob  denn  die  Arbeit  in  Amerika  wirklich
productiver  ist  als  in  Europa  und  ob  sie  es  noch  eine  Zeit
'^r*g,  sage  zehn  oder  fünfzehn  Jahre,  bleiben  wird.  Sollte  dies
er  Fall  sein,  so  würden  Warnungen  vor  Auswanderung  auf
''Wahrheit  beruhen  und  um  so  weniger  nützen,  als  bereits
^us  den  uns  näher  angehenden  Ländern  zahlreiche  Leute  hier
^'''d,  die  in  Privatbriefen  die  Unwahrheit  solcher  Warnungen
        <pb n="50" />
        36

enthüllen  würden.  Ein  Privatbrief  von  einem  Verwandten  oder
Bekannten  hat  aber  eine  weit  grössere  Wirkung,  als  eine
officielle  Warnung,  und  man  kann  wohl  die  officiellen  Auswanderungsagenturen ­
  unterdrücken,  aber  nicht  die  Correspondenz
  mit  Amerika.
Nun  ist  es  unzweifelhaft,  dass  Ackerbau  und  Gewerbe
in  Amerika  mehr  eintragen  als  in  Europa.  Es  ist  ebenso  unzweifelhaft, ­
  dass  noch  bis  Ende  des  Jahrhunderts  unoccupirtes
Land,  das  in  Europa  für  anbaufähig  gilt,  genügend  vorhanden
ist,  wenn  auch  nicht  umsonst.  Die  Union  verfügte  am
30.  Juni  1879  nur  noch  über  251^  Million  Acres  anbaufähigen ­
  Landes.  Aber  dazu  kommt  das  Land  der  Eisenbahn ­
  -  Gesellschaften.  Der  v,New-York-Herald*‘  vom  28.  März
1881  veröffentlichte  eine  Karte  von  der  Union,  in  welche
Europa  eingezeichnet  ist.  Neufundland  ist  als  Irland,  Neu-Schottland
  als  Schottland,  Neu-Braunschweig  als  England,
New-York,  Ohio,  Neu  -  England,  Pennsylvanien,  zusammen
201.002  Quadratmeilen,  gleich  Frankreich,  das  auch  201.000
Quadratmeilen  Oberfläche  hat  ;  Delaware,  Virginien,  Maryland,
Kentucky,  Tennessee  und  Nordcarolina  mit  201.672  Quadratmeilen ­
  als  Deutschland,  das  208.000  Quadratmeilen  hat  ;  Wisconsin, ­
  Michigan,  Illinois,  Indiana  mit  222.595  Quadratmeilen
als  Oesterreich,  das  237.000  Quadratmeilen  hat,  und  Südcarolina, ­
  Georgia,  Florida,  Alabama,  Missisippi,  Louisiana  mit
290.502  Quadratmeilen  als  Spanien  und  Italien,  mit  299.000
Quadratmeilen,  auf  dieser  Karte  verzeichnet  Der  ganze  Rest
von  Amerika,  d.  h.  fast  alles  Land  westlich  vom  Missisippi
und  dann  ganz  Canada  bilden  den  Ueberschuss  Amerikas  an
Land  über  Europa.  Der  auf  dieser  Karte  für  jene  europäischen ­
  Länder  in  Anspruch  genommene  Theil  ist  beiweitem
nicht  so  gebirgig  und  wahrscheinlich  fähig,  mehr  Menschen  zu
ernähren,  als  es  jene  Länder  Europas  thun.
Trotzdem  haben  sie  heute  noch  kaum  40  Millionen  Einwohner, ­
  Europa  hat  in  jenen  Ländern  deren  etwa  sieben  Mal
so  viele.  Dass  Raubbau  diese  ungeheure  Ackerfläche  in  Zeit
der  nächsten  beiden  Generationen  erschöpfen  könnte,  ist  undenkbar, ­
  selbst  wenn  er  überall  getrieben  würde.  Allein  da
künstlicher  Dünger  in  Chicago  theurer  ist  als  in  London  ;  da
        <pb n="51" />
        37

überall,  wo  Abfalle  oder  Dungsalzlager  sich  finden,  hier  die
Düngerfabrikation  mindestens  so  intensiv  getrieben  wird  wie
in  Europa;  da  ich  selbst  in  Florida  sah,  dass  die  Leute  die
Orangenbäume  düngen,  so  ist  der  Trost,  Amerika  werde  sich
durch  Raubbau  erschöpfen,  bevor  Europa  ruinirt  ist,  wirklich
nicht  der  Rede  werth.
Wenn  nun  ein  lohnender  Ackerbau  da  ist,  so  giebt  der
allein  schon  der  heimischen  Industrie  einen  guten  Markt,  wenn
sie,  wie  geschieht,  durch  hohen  Zoll  geschützt  Ist.  lieber
den  Reichthum  Amerikas  an  Kohlen-und  Eisenlagern  in  verschiedenen ­
  Theilen  der  Union  werde  ich  noch  besonders
schreiben  und  so  nachweisen,  dass  diese  Bedingungen  einer
selbstständigen  Industrie,  auch  im  Westen  reichlich  vorhanden
sind.  Allein  noch  genügt  im  Süden  und  Westen  die  Wasserkraft. ­
  Im  Süden  baut  man  jetzt  zahlreiche  Baumwollspinnereien,
die  mit  Wasserkraft  getrieben  werden  und  die  nicht  enthülste,
„ungeginnte“,  Baumwolle  direct  und  nahe  am  Productionsorte
verspinnen,  wodurch  nicht  nur  die  Transportkosten  der  Baumwollballen
  nach  England,  sondern  auch  jene  des  „Ginnens“
der  Baumwolle  erspart  werden  und  ein  Verlust  von  sechs  bis
zehn  Percent  an  Baumwollfaser,  der  beim  Ginnen  und  Emballiren
  entsteht,  vermieden  wird.  Die  Erfindung  dieses  neuen
Spinnverfahrens  ist  eine  natürliche  Protection  der  Baumwollspinnerei ­
  am  Productionsorte  der  Baumwolle  gegenüber  England, ­
  dem  Continent  und  sbgar  den  grossen  Spinnereien  in  den
Neu-England-Staaten.  Die  Industrie  wird  sich  also  entwickeln
und  ist  lohnend.
In  Amerika  ziehen  noch  nicht  grosse  Unternehmer  den
ganzen  Profit  aus  Ackerbau  und  Industrie,  sondern  die  Arbeit
in  beiden  verdient  noch  mehr,  als  der  durchschnittliche,  landesübliche ­
  Consum  der  Arbeiter  —  obschon  er  viel  höher  per
Kopf  ist  als  irgendwo  in  Europa,  selbst  als  in  England  —
beträgt;  die  Arbeit  ist  also  noch  capitalbildend  und
wird  es  voraussichtlich  bis  Ende  des  Jahrhunderts  bleiben.
Der  amerikanische  Schutzzoll  ist  also  factisch  ein  socialer
Schutzzoll.  In  den  Städten  New-York,  Philadelphia,  Richmond,
Savannah,  Jacksonville  haben  wir  uns  ebenso  erkundigt,  wie
in  den  Kohlen-  und  Eisenwerken  von  Pennsy  1  vanien,  was  die
        <pb n="52" />
        38

Arbeiter  verdienen  und  verbrauchen.  Ueberall  kamen  wir
darauf,  dass  der  ungelernte,  gemeine  Handarbeiter  als  Tagelohn ­
  I  Dollar  per  Tag  verdient,  in  Accord  mehr;  der  gelernte
1V4  bis  1V2  Dollar  in  Taglohn,  in  Accord  25—33V3  Percent
mehr;  der  Vormann  2—5  Dollars  per  Tag,  Board  und  Lodging, ­
  d,  h.  volle  Pension,  aber  14—16  Dollars  per  Monat
kosten.
Der  Bericht  des  Ackerbauministers  für  1880  giebt  den
Taglohn  ohne  Kost  im  Jahresdurchschnitte  folgendermassen
an:  Für  Zimmerleute  in  Massachusetts  2.10  Dollars,  New-York
  2,  Pennsylvanien  1.96,  Nordcarolina  1.66,  Südcarolina  1.54,
Georgia  1.86,  Florida  2.08,  Texas  2.25,  Kentucky  1.96,  Wisconsin ­
  2.05,  California  3.36,  Dakota  2.42  Dollars;  für  Schuhmacher ­
  in  Nevv-York  1.70  Dollars,  Pennsylvanien  1.47,  Nordcarolina ­
  1.20,  Missisippi  1.82,  Texas  2.05,  Kentucky  1.52,
Wisconsin  1.73,  California  2.74,  Dakota  2.39  Dollars.  Für
Landarbeiter,  die  auf  ein  volles  Jahr  engagirt  sind  und  Wohnung
und  Beköstigung  erhalten,  baar  per  Monat  (wenn  sie  nur  vorübergehend ­
  beschäftigt  sind,  in  der  Ernte  die  eingeklammerte
Summe  per  Tag,  ausser  Erntezeit  die  dritte  Summe,  stets  Kost
und  Wohnung  dazu):  Maine  12.78  (1.12)  0.75  Dollars,  New-Hampshire
  13.31  (1.06)  0.94,  Vermont  12.62  (i.io)  0.69,  Massachusetts ­
  15.40  (1.22)  0.90,  Rhode  Island  ?  (0.75)  0.50,  Connecticut
14.00  (1.34)  0.71,  New-York  13.98  (1.20)  0.74,  Neu-Jersey  12.75
(1.43)  0.76,  Pennsylvanien  12.60  (i.ii)  0.68,  Delaware  10.00
(0.75)  0.33,  Maryland  9.23  (1.06)  0.53,  Virginien  8.25  (0.93)
0.45,  Nordcarolina  8.10  (0.84)  0.45,  Südcarolina  7.32  (0.88)
0.43,  Georgia  8.21  (0.82)  0.46,  Florida  10.68  (0.73)  0.62
Alabama  8.87  (0.86)  0.51,  Mississippi  9.80  (0.84)  0.54,
Louisiana  12.26  (0.74)  0.65,  Texas  12.09  (o-95)
kansas  11.73(1.04)0.65,  Tennessee  9.13(1.08)0.52,  Westvirginien
  11.77  (0.80)  059,  Kentucky  10.75  (1.14)  0.53,
Ohio  13.95  (1.30)  0.75,  Michigan  15.68  (1.63)  0.86,  Indiana
14.15  (1.39)  0.73,  Illinois  14.97  (i-37)  082,  Wisconsin  14.76
(1.57)  0.83,  Minnesota  16.33  (2.24)  1.03,  Jowa  13.74  (1.57)  0.86,
Missouri  13.00(1.22)  0.66,  Kansas  13  43  (^  27)  0.76,  Nebraska
14.52  (1.56)  0.86,  California  27.12  (1.71)  1.27,  Oregon  23.43
(1.61)  1.00,  Nevada  30.00  (1.67)  1.32,  Colorado  24.71  (1.50)
        <pb n="53" />
        39

Utah  23.00  (1.55)  1.13,  Neu-Mexiko  13.80  (0.91)  0.74,
Washington  22.50  (1.50)  1.12,  Dakota  18.10  (1.97)  0.99,  Montana ­
  30.75  (2.25)  1.50  Dollars.  —  In  den  gesperrt  gedruckten
Staaten  sind  die  Landarbeiter  meist  Farbige,  daher  sind  die
Löhne  dort  erheblich  niedriger.
Wenn  nun  auch  Abzüge  für  arbeitslose  Tage,  für  Krankheit, ­
  Aufsuchen  anderer  Arbeitsplätze  zu  machen  sind,  so  ist
cs  doch  klar,  dass  weisse  Arbeiter  bei  obigen  Löhnen  sehr
gut  Ersparnisse  machen  können,  selbst  wenn  sie  Familie  haben.
Wollen  Frau  und  Kinder  arbeiten  und  Geld  verdienen,  so  finden ­
  sie  dazu  Gelegenheit,  obschon  Feldarbeit  der  Frauen  nicht
Sitte  ist.  Aber  häusliche  Dienstleistungen,  Waschen  für  Geld,
Gartenarbeit  im  eigenen  Garten  geben  Gelegenheit  für  Neben-"verdienst.
  Auch  wurde  uns  überall  gesagt,  dass  die  weissen
Arbeiter  Geld  sparen  und  sich  selbstständig  oder  doch  ansässig ­
  machen.  In  den  Kohlen-  und  Eisenwerken  Arbeitende
kaufen,  nach  circa  fünfjähriger  Arbeit,  ein  Haus  nebst  etwas
Acker,  halten  dabei  Kuh,  Schweine  und  Geflügel.  Nur  die
^cger  sparen  selten.  Da  ihr  Verdienst  von  einigen  Tagen
ausreicht,  sie  eine  Woche  zu  erhalten  —  eine  Negerfamilie  in
Carolina  und  Georgia  kann  mit  einem  Dollar  wöchentlich  sich
ernähren,  hörten  wir  —  so  thun  sie  aifch  die  übrige  Zeit  nichts,
tind  die  Pflanzungen  sind  nicht  desshalb  so  herabgekommen,
'veil  die  Löhne  zu  hoch  »wären,  sondern  weil  die  Arbeiter
i^icht  beständig  zu  haben  sind.
Die  Lage  der  weissen  Arbeiter  ist  deshalb  ferner  eine  so
gute,  weil  sie,  und  auch  nicht  einmal  in  allen  Staaten,  jährlich
nur  einen  Dollar  Kopfsteuer  zahlen.  Alle  anderen  directen
Steuern  werden  in  Percenten  vom  liegenden  Eigenthum
gezahlt  und  sie  zahlen  solche  also  nur,  wenn  sie  Grundbesitz
erworben  haben.  Die  indirecten  Steuern  und  Zölle  vertheuern
nur  Kleidungsstücke  und  Luxusartikel,  Cigarren  und  Spirituosen.
Gewöhnliche  Nahrungsmittel  ausgezeichneter  Qualität,  Fleisch
Und  Brod,  sind  hier  billiger  als  irgendwo  in  Europa.  Geniüse
  und  Kartoffeln  sind  theuer,  allein  man  isst  als  Gemüse
^ier  viel  billigere  Bohnen  und  Mais  in  verschiedener  Zubereitung. ­
  Auch  Kleidungsstücke  gröberer  Art,  dauerhaften
amerikanischen  Fabrikates,  werden  jährlich  billiger,  besonders.
        <pb n="54" />
        40

wenn  die  Frauen  Wäsche  u.  dgl.  selbst  nähen.  Der  Stoff
kostet  wenig.  Dazu  kommt,  dass  alle  Schulen,  selbst  die
höheren,  mit  Ausschluss  allein  der  Universitäten,  vollkommen ­
  frei  sind;  jeder  Arbeiter,  wofern  er  sein  Kind
nur  ernährt  und  kleidet,  es  Latein,  Deutsch,  Englisch,  Französisch ­
  lernen  lassen  kann,  wenn  er  in  oder  bei  einer  Stadt
wohnt.  Auch  die  Landschulen  sind  zahlreich  und,  wie  man
uns  sagt,  recht  gut.  Obschon  Schulzwang  nicht  existirt,  senden
die  Eltern  die  Kinder  doch  fleissig  in  die  Schule.  Die  Schulen
werden  vom  Einzelnstaate  durch  Steuern  unterhalten,  soweit
sie  keine  Dotationen  haben.  In  den  neuen  Staaten  und  Territorien ­
  besitzen  sie  solche,  da  der  sechzehnte  Theil  allen  Landes
für  Schuldotation  reservirt  wurde.  Um  den  Unterricht  in  den
Südstaaten  zu  fördern,  die  in  Folge  des  Krieges  mit  Specialschulden ­
  belastet  sind  und  wenig  Mittel  für  Schulzwecke  aufbringen ­
  konnten,  hat  die  Gesetzgebung  der  Union  im  Jahre
1880  eine  Summe  fortlaufend  bewilligt,  welche  solchen  Staaten
als  Subvention  gegeben  wird,  die  ihre  Schulen  nicht  selbst  erhalten ­
  können.  Dadurch  hofft  man  die  Neger  zu  bilden  und
dies  gelingt  auch  theilweise,  doch  nur  theilweise.  Die  Irländer
zeichnen  sich  dadurch  aus,  dass  sie  ihre  Kinder  fleissig  in  die
Schule  senden,  und  viele  Irländer  kommen  zu  Wohlstand  und
Ansehen.  Der  berühmte  Nationalökonom  Carey  stammt  aus
einer  irischen  Familie.
Indessen  lässt  sich  nicht  läugnen,  dass  sich  die  Lage  der
Arbeiter  in  Amerika  bei  der  wachsenden  Einwanderung  verschlechtert, ­
  und  dass  trotz  des  hohen  Schutzzolles,  sowie,  dass
der  Profit  des  Schutzzolles  den  Fabrikanten  zufällt,  er  eine  Anzahl ­
  kleiner  Etablissements  ruinirt  und  nur  den  ganz  grossen
Betrieben  nutzt,  endlich  auch  eine  Ueberproductionskrisis  herbeifuhren ­
  wird,  namentlich  in  der  Eisenbranche.
Im  Jahre  1880  gab  es  253.840  Manufactur-Etablissements,
mit  einem  investirten  Capital  von  2,790.223.506  D.,  2.025.279
männlichen  Arbeitern  über  16  Jahre,  531.753  weiblichen  Arbeitern
über  15  Jahre  und  181.918  Kindern.  An  Löhnen  wurden  gezahlt ­
  während  des  Jahres  947.919.674  D.,  der  Werth  des  Rohmaterials ­
  betrug  3,394.340.029  D.,  des  Products  5.369.667.706  D,,
der  Durchschnitts  -  Arbeitslohn  342  D.  per  Kopf,  Der
        <pb n="55" />
        41

Gewinn  von  1.027.408.003  D.  beträgt  37  pCt.  des  investirten
Capitals.

1  11

Zahl
der  Fabriken  j

iPferdekraft  deri
1  Dampfmascbin.
je  1000  !

Zahl  der  Arbeiter

Capital
1000  D.

Löhne
1000  D.

Material
1000  D.

Product

Í
2
PL.

Lohn  pr.  Kop(j|

Männer
über
16  Jahre

Frauen
über
16  Jahre

Kinder  j

Summa

00  00  00  00
y  y  S'a

&amp;gt;23.025
*40.433
252.148
253.840

I.215

731.137
1.040.349
1.615.598
2.025.279

225.922
270.897
323.770
531.753

?
Î
114.628
181.918

957.059
1.311.246
2.053.996
2.738.950

533.245
1.009.855
2.118.208
2.790.223

236.755
378.878
775.584
947.919

555.123
1.031.605
248.427
3.394.340

1.019.106
1.885.861
4.232.325
5.369.667

61
47
150
37

247
289
377
342

Wenn  diese  Angaben  auch  nicht  absolut  genau  sind,  so
beweisen  sie  doch  eine  Verschlechterung  der  Lage  der  Arbeiter
und  einen  sehr  hohen  Profit  der  Unternehmer.
Aus  einer  Rede  des  Abg.  Belmont  im  Jahre  1882  geht
hervor,  dass  i860  ein  Wollwäscher  85.50  die  Woche  verdiente,
und  dass  er  für  jeden  Dollar  9.18  Pfd.  Rindfleisch  kaufen
konnte.  Im  Jahre  1881  erhielt  derselbe  Mann  8  6.60,  wofür
Cf  aber  blos  5.85  Pfund  Rindfleisch  auf  den  Dollar  kaufen
konnte.  Vor  21  Jahren  bezahlte  sein  Wochenlohn  die
Wohnungsmiethe  von  37.12  Tagen,  1881  aber  blos  auf
^4-75  Tage.  Kost  konnte  er  damals  mit  einem  Wochenlohn
uuf  13.80  Tage  kaufen;  1881  nur  auf  9.70  Tage.  Als  ein
anderes  Beispiel  führt  Herr  Belmont  an,  dass  zwischen
ï  870  und  1880  bei  der  Eisenerz  Produktion  das  Kapital  sich
Vermehrte  um  247.61  Percent,  die  Anzahl  der  beschäftigten
Hände  aber  nur  um  39.48  Percent.
Der  Bericht  des  Secretärs  des  Illinoiser  Bureaus  für  Arbeitsstatistik ­
  enthält  eine  Tabelle  der  Arbeitslöhne,  welche  während
des  letzten  Jahres  in  Chicago  an  verschiedene  Handwerkerund ­
  Arbeiter-Klassen  gezahlt  worden  sind.  Die  Tabelle  beruht ­
  auf  den  Antworten,  welche  von  437  Arbeitern  auf  die
schriftlichen  Anfragen  des  Bureaus  eingelaufen  sind  und  der
Secretar  desselben  glaubt  sich  aus  seinen  Beobachtungen  über-^sugt
  zu  haben,  dass  diese  Antworten  weder  von  den  bestnoch
  von  den  geringst  bezahlten  Arbeitern  eingelaufen  sind,  dass
also  ungefähr  den  Durchschnittsverdienst  repräsentiren.
        <pb n="56" />
        42

Hier  ist  die  Tabelle:

Beschäftigung.  Burschschnittslöhne
auf's  Jahr.
Bäcker  S  665.00
Schankkellner  643.00
Grobschmiede  521.00
Ziegelmaurer  688.00
Ziegelmacher  470.00
Metzger  749.00
Strassenbahnkutscher  544.00
Zimmerleute  597.00
Cigarrenmacher  530.00
Cigarrenpacker  759.00
Kummetmacher  527.00
Kupferschmiede  669.00
Maschinisten  916.00
Expressleute  400.00
Tischler  530.00
Sattler  502.00
Mörtcltiäger  342.00
Hufschmiede  900.00
Eisengiesser  826.00
Tagelöhner  386.00
Das  ist  immer  noch  recht  auskömmlich
lange  besser  sein  als  in  Europa  —  wo  z.  B.
Weber  nur  6  —  8  Mark  wöchentlichen  Lohn  erhalten;  die

Beschäftigung.  Burchschnittslöhne
auf’s  Jahr.
Holzholarbeiter  8  493-00
Maschinenbauer  613.00
Drucker  792.00
Tapezirer  750.00
Wasserröhrenarbeiter  881.00
Gipser  885.00
Hausmaler  586.00
Walzenmühlcnarbeiter  451.00
Verkäufer  632.00
Schuhmacher  414.00
Steinhauer  625.00
Gerber  527.00
Schneider  500.00
Fuhrleute  566.00
Koffermacher  642.00
Wagenmacher  411.00
Weber  692.00
Verschiedene  530.00
Durchschnitt  608.70

und  wird  noch
die  sächsischen

mährischen  Hausweber  verdienen  nicht  einmal  so  viel.
Dass  die  Lage  der  Arbeiter  und  kleinen  Grundbesitzer  in
der  Union  also  eine  unvergleichlich  bessere  ist  als  irgendwo
in  Europa,  dass  sie  auch,  aller  Voraussicht  nach  —  bricht  kein
neuer  Bürgerkrieg  aus  —  noch  lange  eine  bessere  bleiben
wird,  steht  also  fest  und  daraus  erklärt  cs  sich,  dass  Skandinavier ­
  und  Schweizer  so  zahlreich  auswandern,  denen  es  zu
Hause  doch  im  Allgemeinen  auskömmlich  ergeht  und  die  auch
keine  gegründete  Kriegsbesorgniss  haben.
Neuerlich  wandern  viele  „kleine  Leute“  des  Mittelstandes
ein,  die  noch  Vermögen  mitbringen.  Sie  verlassen  ihr  Vaterland, ­
  weil  sie  keine  Ersparnisse  mehr  machen  können,  sondern
vom  Capitale  verlieren.  Nun  retten  sie  den  Rest  hier  herüber.
Sie  werden  auch  drüben  leicht  Socialdemokraten  und  liefern
der  Arbeiterschaft  Eührer  und  Stärke.  Rechnungsmässig
stellen  sie  fest,  dass  die  Verhältnisse  schlecht  sind,  und  ihre
        <pb n="57" />
        43

Berechnung  vereinigt  sich  mit  dem  dunklen  Instinct  der  Arbeiter. ­
  Dies  ist  stets  das  Zeichen,  dass  eine  sociale
Umwälzung  naht.  Wenn  Leute,  die  Capital  und  Arbeit
in  sich  vereinen,  mit  der  blossen  Arbeit  gemeinsame  Sache
machen,  so  geht  die  Staatsform,  die  nur  im  Capitale  ihre  Stütze
findet,  rettungslos  zu  Grunde.
Es  steht  nun  zu  befurchten,  dass  der  Aufschwung  Amerikas ­
  sich  in  den  nächsten  Jahren  noch  schneller  vollziehen  wird,
und  zwar  auf  Kosten  Europas,  sowie  nämlich  dort  ein  grosser
und  langer  Krieg  ausbrechen  sollte.  Europa  muss  dann  noch
mehr  Lebensmittel  von  Amerika  kaufen  und  noch  höhere
Ereise  dafür  bezahlen,  weil  es  selbst  dann  weniger  producirt.
Es  wird  dann  auch  Waaren  anderer  Art,  namentlich  für  das
Militär,  hier  kaufen.  Schon  jetzt  lässt  die  Türkei  hier  Patronen
machen.  Unser  baares  Geld  wird  dann  nach  Amerika  abfliessen,
  unsere  Productivfonds,  Grundbesitz,  Fabriken  werden
entwerthet  werden,  unsere  Staatspapiere  und  Industriewerthe,
Eisenbahn-,  Fabriks-  und  Bergwerksactien  werden  im  Course
Sinken,  ein  Sauve-qui-peut  der  europäischen  Bevölkerung  wird  eintreten
  und  die  Auswanderung  nach  dem  Kriege  und  in  den  vom
Kriege  noch  nicht  erfassten  Ländern  wird  eine,  ungeheure  werden.
Man  wolle  mir  den  Vergleich  nicht  übelnehmen:  es  wird
den  Europäern  neben  den  Amerikanern  ergehen,  wie  es  den
Indianern  hier  ging.  Die  Indianer  zerfielen  in  viele  Stämme,
"'eiche  alle  ebenso  gute  Gründe  hatten,  sich  alle  Augenblicke
mit  Krieg  zu  überziehen,  wie  es  die  einzelnen  Nationen  Europas
thun.  Auch  zweifle  ich  nicht,  dass  im  Kriegsrathe  der  Häuptlinge ­
  der  Huronen  und  Shipewayas  am  lodernden  Lagerfeuer,
darüber  wie  man  am  besten  den  verhassten  Stamm  der  Irokesen ­
  vertilge,  ebenso  tiefe  Staatsweisheit  zu  Tage  kam,  wie
in  mancher  heutigen  Diplomatenconferenz.  Wenigstens  erinnere
ich  mich,  in  Busch’s  Buch  über  „Bismarck  und  seine  Leute“  gelesen ­
  zu  haben,  dass  in  dem  Kreise  der  Helden,  deren  Homer
Ur.  Busch  geworden,  die  Franzosen  mit  Rothhäuten  verglichen
"'Urden,  die  ausgerottet  werden  müssten.  Der  moderne  Homer
legt  diese  W  orte  sogar  in  einen  zarten  Mund.  Wenn  ich  also
hier  diesen  Vergleich  mache,  so  bin  ich  nicht  einmal  originell,
habe  aber  wenigstens  ein  classisches  Vorbild  und  damit  eine
        <pb n="58" />
        44

genügende  Entschuldigung.  Die  Indianer  haben  sich  viel
mehr  umgebracht,  als  ihrer  von  den  Amerikanern  getödtet
wurden.  Den  Rest,  den  das  indianische  Blei  —  das  ihnen  die
Amerikaner  gern  verkauften,  weil  es  sie  schneller  vernichtete
als  der  Pfeil  —  nicht  frass,  frassen  Hungertyphus,  Pocken,
Cholera,  Syphilis  und  Branntwein.
Europa  erholte  sich  nach  jedem  Kriege  wieder,  weil  es
die  Märkte  der  vier  Welttheile  nachher  wieder  mit  theueren
Waaren  versah.  Nach  dem  nächsten  Kriege  wird  Europa  diese
Märkte  von  amerikanischen  Waaren  occupirt  sehen  und  sie
nie  wiedergewinnen,  weil  die  amerikanischen  Fabriken  dann  so
weit  erstarkt  sein  werden,  dass  die  Union  zum  Freihandel  übergehen ­
  kann.  Rechnet  man  doch,  dass,  selbst  wenn  Europa
Frieden  behielte,  Amerika  in  fünfzehn  Jahren  jeden  Schutzzoll
entbehren  kann.
Wer  Europa  liebt,  wer  die  Gefahr  kennt,  die  ihm  von
Amerika  droht,  wird  ihm  rathen,  den  Militarismus  abzulegen
und  Frieden  zu  halten;  die  Bureaukratie  einzuschränken  und
die  Verwaltung  billiger  zu  machen;  dem  Wucher  und  der
Proletarisirung  durch  Homestead-Exemptions-,  sowie  durch
Wuchergesetze,  wie  sie  hier  alle  existiren,  ein  Ende  zu  machen
und  einen  verständigen  Unterricht  des  Volkes  zu  fördern;  die
wahre,  sowie  die  technische  Bildung  so  hoch  wie  möglich  zu
treiben,  die  sogenannten  gebildeten  Stände  aber  von  dem
unfruchtbaren  juridischen  Studium  mehr  abzubringen,  das  man
in  Europa  als  die  Vorbedingung  zu  jeder  höheren  Stellung  in
der  Verwaltung  ansieht  —  durchaus  mit  Unrecht.
So  lange  Europa  ohne  weisse  Arbeitsconcurrenten  war,
konnte  es  sich  die  mörderischen  Kriege  erlauben.  Es  hätte
dies  unchristliche  Verfahren  auch  fortsetzen  können,  wenn  in
Nordamerika  kriegerische  Staaten  entstanden  wären,  wie  in
Südamerika,  wo  Chili  und  Peru  sich  eben  wieder  auf  Jahrzehnte ­
  zurückgeworfen  haben.  Allein  in  Nordamerika  hat  man
überhaupt  keinen  Krieg  geführt,  ausser  Kleinigkeiten  mit
Mexiko.  Man  hat  allerdings  einen  Aufstand  niedergeworfen;
allein  dabei  hat  man,  wie  wir  jetzt  hier  täglich  sehen,  die
unterlegene  Partei  fast  vernichtet  und  —  wie  uns  scheint  —
für  immer  ungefährlich  gemacht.  Ihre  Männer  wurden  ge-
        <pb n="59" />
        45

tödtet,  verkrüppelt,  ihre  Sclaven  ihnen  gleich  gemacht  und  sie
sind  gänzlich  verarmt.  Ihr  Besitz  geht  grossentheils  in  die
Hände  von  einwandernden  Nordländern  über.  Sie  können  an
keine  Revanche  denken  und  thun  es  auch  nicht  mehr.  Eine
andere  Partei,  die  Interesse  am  Zerfalle  der  Union  hätte,
existirt  nicht,  und  sollte  ein  Krieg  entstehen,  so  kann  er  nur
entbrennen,  wenn  eine  europäische  Macht  sich  in  amerikanische
Hinge  mischen  wollte  —  wie  es  jetzt  in  Panama  den  Anschein
hat.  Allein  die  dort  etwa  zu  engagirende  Macht  hat  in  Europa
einen  zu  gewaltigen  Feind,  als  dass  sie  das  mexikanische
Abenteuer  zu  erneuern  Lust  haben  könnte.
Nun  wird  es  sich  wirklich  nicht  bewähren,  dass  wir  in
Europa,  das  noch  nicht  den  dritten  Theil  der  natürlichen
Hilfsmittel  Amerikas,  aber  eine  sieben  Mal  so  starke  Bevölkerung ­
  zu  ernähren  hat,  zwei  Millionen  Soldaten  stehend
halten,  während  man  hier  27.000  hat;  dass  wir  alle  Augenblicke ­
  grosse  Kriege  haben,  die  Menschen  und  Capital  in  Unsummen ­
  zerstören,  während  man  hier  fort  und  fort  erfindet
und  arbeitet.  Wenn  zwei  solche  Systeme  neben  einander
existiren,  so  vernichtet  zuletzt  das  letztere  das  erstere.  Dies
geschieht  durch  Auswanderung,  Socialismus,  Verarmung,  Hungerkrankheiten. ­
  Es  ist  die  alte  Geschichte:  Friede  ernährt  —
Amerika,  Unfriede  verzehrt  —  Europa.
Man  werfe  mir  nicht  vor,  ich  male  zu  schwarz.  Schon  vor
zehn  Jahren  habe  ich  Aehnliches  in  einem  Aufsatze  der  „Berliner ­
  Revue“  drucken  lassen,  und  hier  hatte  ich  fünf  sehr  unverdächtige ­
  Zeugen,  die  bei  ihrer  Heimkehr  Alles  bestätigten,
Was  ich  jetzt  mittheile.  Auch  darf  ich  wohl  nicht  den  Vorwurf ­
  fürchten,  ich  schilderte  fremde  Zustände  besser  als  sie
sind.  Von  England  aus  habe  ich  den  Verfall  der  Landwirthschaft
  mitgetheilt,  als  das  Buch  des  Herrn  Albertus  in  Oesterreich ­
  noch  viele  Gläubige  fand,  in  dem  er  den  alten  englischen
Schimmel  ritt.  Ich  glaube  wirklich,  die  Zustände  der  von  mir
bereisten  Länder  mit  photographischer  Treue  darzustellen  und
freue  mich  doppelt,  dass  hier  fünf  Herren  mit  mir  zusammen
beobachteten,  denen  man  zu  Hause  in  einflussreichen  Kreisen
Glauben  schenken  dürfte.
        <pb n="60" />
        IV.  Capitel
Die  Ackerbauproduction  der  nordamerikanischen ­
  Union  seit  zehn  Jahren.

Hier  will  ich  den  Aufschwung  der  Ackerbauproduction  der
Union  in  den  letzten  zehn  Jahren  mit  Zahlen  darstellen,  welche
ich  der  Güte  des  Ackerbauministers  Le  Duc,  mit  dem  ich  eine
lange  und  höchst  lehrreiche  Unterhaltung  in  Washington  hatte,
verdanke.
I.  Weizen.
Der  Ertrag  war  im  Jahre  1880  13.0  Bushel  per  Acre.
Der  Ernte-Ertrag  wird  auf  459.479.000  Bushel  geschätzt  und
der  Werth,  welchen  der  Bushel  durchschnittlich  auf  der  Farm
hatte  auf  0.96  Cents,  so  dass  der  Totalwerth  am  Productionsorte
  440  Mill.  Dollars  betrug.
Folgende  Tabelle  gibt  die  Entwicklung  der  Ackerbau-Industrie
  an;

Bestellte
Acres

Ertrag  p.  Acre
in  Bushels

Totalproduct
in  Bushels

Preis
per  Bushel
in  Dollars

Totalwerth
in  Dollars

Exp.  Weizen  u.
Mehl  (reduc.
aufWeizen)iin
Fiscaljahr.end.
30.Junii.  Bush.

1871
1872
1873
1874
1875
1876
1877
1878
1879
1880

19,943893
20,838.359
22,171.676
24,967.027
26,381.512
27,627.021
26,277.546
32,108.560
32,545-899
35,430,052

II  .  5
II  .  9
12.7
12.3
11.0
IO  .  4
13.9
13  •  I
13.7
13.0

230.722.400
249.997-100
281.254.700
309.102.700
292.136.000
289.356.500
364,194.146
420.122.400
448,756.118
459,479-505

I  .25.8
I  .  24
I  -  15
0.94.  I
I  .  00
I  -  03.7
I  .08.2
0-77-7
1  .  10.8
0.95.8

290,411.820
310,180.375
323,594-805
291,107.895
294.580.990
300.259.300
394.695-779
326,346.424
497,008.803

38,995-755
52,014.715
91.510.398
72.912.817
74.750.682
57,149.949
92,141.626
150,502.506
180.304.000
177,000.000

Die  angebaute  Fläche  hat  sich  in  zehn  Jahren  um  80Percent,
der  Ertrag  per  Acre  um  1.5  Percent,  die  Totalernte  um  108  Percent, ­
  der  Werth  um  58  Percent,  das  Exportcjuantum  um  360  Percent ­
  gehoben,  der  Preis  per  Bushel  ist  um  24  Percent  gefallen.
        <pb n="61" />
        47

IL  Mai  s.

A

Bestellte  j
Acres  j

Ertrag  P  Acre
in  Bushels  ,

Tot.ilproduct
in  Bushels  !

Preis  !
per  Bushel  i
in  Dollars  ‘

Totalwerth
in  Dollars  ¡
1
1

Exp.Weizen  u.
Mehl  (reduc.
auf  Weizen)  im
Fiscaljahr.end.l
3o.Junii.  Bush.l

1871
1872
'873
1874
1875
1876
1877
1878
1879
1880

34.091.137  '  29.  I
35.526  836  1  30.7
39,197.148  23,8
41,036.918  1  20.7
44-841.371  1  29.4
49,033.364  26.  I
50,369.113  j  26.6
51,585.000  1  26.9
53,085.450  i  29.2
62.368.869  28.2

991,898.000
1092,719.000
932,274.000
850,148.500
1321,069.000
1283,827.000
1342,558.000
1388,218.750
1547,901,790
1754,861.535

48.2
39.8
48
64.7
:
35.8
31.8
37.5
40.  I

478,275.900
435,149.290
447,183.020
550,043.080
555,445.930
475,491  210
480,643.400
441,153.405
580.486.217
617.485.too

35,727.010
40,154274
35,985834
30,025.036
50,910.532
72,652.611
87,192.110
87,884.892
99.572.329
98,000.000

III.  Hafer.

t

Bestellte
Acres

'  Total-1
  product

1  Preis  per
i  Bushel

11

Bushels

Dollars

1876  ....

320,844.000
406.394.000
413.578.560
364.253.180
407.858.999

.  ...CA

&amp;gt;877

12,826.148
13,176.500
12,683.490
16,144.593

3'  A
31.4
28.7
25.3

ja  •  •
29.2
24.6
33.2
36.3

118,161.550
101,945.830
120,855  000
148,031.000

&amp;gt;878  .  .  .

&amp;gt;879

1880  .

IV.  Kartoffeln.

4

Bestellte
Acres

Ertrag  per
Acre

Preis  per
Bushel

Totalwerth ­


Bushels

Dollars

‘876  .  .

1,741  983
1,792.287
1,776.800
1,836.820
1,840929

1

65  •  5
44.8
58.8
•43.5
47.8

83,861  000
76,249.000
73,059000
79,153.000
80,636.000

'*77
'*78  ....

/  1  .  w
94.9
69.9
98.9
91+

170,092.000
124,127.000
181,626.000
168,385.900

*879  ....

1880  .
        <pb n="62" />
        48

Mit  Roggen  waren  1,842.303  Acres  bestellt  und  brachten
19,831.595  Bushels  Ertrag.
Mit  Gerste  waren  1,997.717  Acres  bestellt  und  gaben
44,113.495  Bushels  Ertrag.
Mit  Buchweizen  waren  848,389  Acres  bestellt  und
gaben  11,817.327  Bushels  Ertrag.
Mit  Tabak  waren  602.516  Acres  bestellt  und  gaben
446,296.889  Pfund  Ertrag.
Mit  Heu  waren  25.863.955  Acres  bestellt  und  gaben
31,925.233  Tonnen  Ertrag.
Mit  Baumwolle  waren  15,475-300  Acres  bestellt  und
gaben  6,343.269  Ballen  Ertrag.
In  Millionen  Bushels  resp.  Pfund,  Tonnen  und  Ballen  betrug
die  Ackerbauproduction  :

Weizen  !

Roggen

.22

Hafer

Gerste  j

i  Buchweizen

1  Kartoffeln  1

Erbsen  u.
1  Bohnen

3
Tonn.

•5
l’fd.

1
1
Pfd.

’S
H
Pfd.

Rohrzucker  1
Hogsheads  1000

Baumwolle  1
Ballen  1000  '

Bushels

1850
i860
1870
1880

100
173
287
459

14
21
16
19

592
838
760
1-754

146
172
282
407

5
15
29
44

8
17
9
II

»03
»53
164
168

9
»5
5

»3
»9
27
3»

2»S
187
73

3
10
25

»99
434
262
446

247
230
87

6.343

Die  Totalproduction  an  Weizen,  Roggen,  Hafer,  Gerste
und  Buchweizen  betrug
1850:  273  Mill.  Bushels,  dazu  Mais  592  Mill  Bushels,  Summa  865  Mill  Bushels,
i860:  398  ,,  5,  ,,  ,,  838  ,,  ,)  *  236  ,,  ,,
1870;  623  „  „  „  760  ,.  „  „  1383  „  „
1880:  949  ?)  V  11  M  *-754  V  í)  ”  2.703  ,,  V
Unter  obigen  Früchten  hatte  man  1880  in  der  Union
164  Mill.  Acres  und  der  Werth  der  Producte  dieses  Jahres
betrug  2.131  Mill.  Dollars.  England  hat  ca.  32  Mill.  Acres
unter  dem  Pflug!
        <pb n="63" />
        4

V.  Capitel.
Getreidetransport-Anstalten  in  den  Hafenstädten ­
  am  atlantischen  Meere.
Der  Getreidehandel  der  Union  ist  in  einer  fortwährenden
Entwickelung  begriffen,  nach  dem  einen  Ziele  hin  :  grosse
Massen  möglichst  billigvon  dem  Producenten
an  den  Consumenten  zu  befördern  und  abzuliefern. ­
  Das  amerikanisch-englische  oder  angelsächsische
Geschäftsprincip  ist  ja  bekanntlich,  viele  Geschäfte  und
an  jedem  Kinzelngeschäfte  nur  einen  ganz  kleinen  Profit  zu
machen.  Das  continental-jüdische  Geschäftsprincip  ist  dagegen
am  Einzelgeschäfte  möglichst  viel  zu  „verdienen“.  Dadurch
Werden  Producent  und  Consument  in  ihrer  Productions-  und
Consumkraft  geschädigt  ;  erstere  produciren  weniger,  letztere
consumiren  weniger.  So  verringert  sich  die  Zahl  der  Geschäfte
bei  uns.  ln  Amerika  und  in  England  ist  das  Gegentheil  der
Fall.  Geschieht  es  nun,  dass  Geschäftsleute  mit  dem  angelsächsischen ­
  Principe  mit  Geschäftsleuten  des  semitischen  Principes ­
  auf  demselben  Markte  concurriren,  so  schlagen  erstere
die  letzteren  und  verdrängen  sie  aus  dem  Markte.  Auf  diese
Weise  verliert  Ungarn  den  englischen  Markt  für  Weizen  und
Mehl.  Im  Westen  haben  wir  festgestellt,  wie  viel  der  Aufschlag ­
  für  den  Getreidehandel  von  der  Productionsstätte  bis
zum  Weltmärkte  Liverpool  ausmacht,  womit  man  dann  vergleichen ­
  kann,  wie  gross  der  Aufschlag  ist,  den  im  Banate  erzeugter ­
  Weizen  bis  zum  englischen  Markte  erleidet.  Alle
amerikanischen  Transport-  und  Handelseinrichtungen  haben  den
einen  Zweck  :  Massen  von  Waaren  ökonomisch
zu  Markte  zu  bringen.
        <pb n="64" />
        50

Dies  ist  bisher  ohne  Intervention  der  Gesetzgebung,  lediglich ­
  durch  die  Speculation  geschehen  und  hat  sich  bisher
die  Lehre  der  physiokratischen  Schule:  volle  Freiheit  im
Kornhandel  begünstige  Producenten  und  Consumenten,  bewährt,
wird  dies  auch  im  nächsten  Jahrzehnt  noch  thun.  Später
kann  ein  Rückschlag  kommen  durch  die  fortschreitende  Monopolisirung
  des  Handels  in  einigen  Händen.  Alsdann  erst  wird
man  in  Amerika  vielleicht  an  die  Gesetzgebung  mit  Erfolg
appelliren.  Bisher  geschah  es  von  Seiten  der  Granger  ohne
Erfolg,  weil  durch  Concurrenz  Abhilfe  geschaffen ­
  wurde.  Wie  dies  geschah,  ist  hier  kurz  darzustellen. ­

lieber  den  Getreideankauf  im  Westen  habe  ich  mich  daselbst ­
  genauer  informirt,  als  es  in  den  Hafenstädten  geschehen
konnte.  Doch  erfuhr  ich  hier,  dass  Getreide  dort  von  kleinen
Händlern,  die  daselbst  ansässig  sind,  meist  aber  von  Agenten
grosser  Firmen,  die  es  direct  nach  Europa  verkaufen,  angekauft ­
  wird.  Sie  zahlen  den  Farmern  baar  und  senden  das
Getreide  nach  Chicago  und  Milwaukee,  von  wo  die  Vertheilung
über  die  Exportplätze  Boston,  New-York,  Philadelphia,  Baltimore ­
  erfolgt.
Neuerlich  —  seit  die  Mississippi-Strasse  eröffnet  ist  —
rivalisirt  St.  Louis  mit  jenen  beiden  Städten,  doch  erwähne  ich
diese  neue  Strasse  hier  noch  nicht  weiter,  da  sie  erst  jetzt
beginnt,  sich  im  Osten  fühlbar  zu  machen  und  ich  sie  geeigneten ­
  Orts  darstellen  will.  Auch  Cincinnati  kommt  noch  als
Sammelplatz,  Collecting  place,  wie  man  hier  sagt,  für  Getreide,
das  nach  Osten  zu  gehen  bestimmt  ist,  in  Frage.
Es  gibt  auch  viele  Farmer,  welche  nicht  sofort  nach  der
Ernte  dreschen  und  verkaufen,  da  sie  in  den  letzten  Jahren
viel  Geld  gemacht  haben.  Sie  speculiren  selbst  mit  ihrem
Erzeugnisse.  Da  die  amerikanischen  Zeitungen  täglich  telegraphische ­
  Berichte  über  den  Preis  des  Getreides  in  Liverpool,
New-York,  Chicago  bringen,  der  Farmer  die  Transportunkosten
von  seiner  Farm  bis  Chicago  —  oder  einem  anderen  der
Sammelplätze  —  kennt,  so  wählt  er  selbst  den  Moment,  in
welchem  er  verkaufen  will.
        <pb n="65" />
        51

Ein  specuHrender  Farmer  muss  das  Getreide  lagern.  Hat
er  eigne  Speicherräume,  so  thut  er  es  dort.  Hat  er  sie  nicht,
und  dies  ist  die  Regel,  so  benützt  er  den  nächsten  Elevator.
Es  haben  nämlich  Capitalisten,  die  im  Westen  wohnen,  solche
Speicher,  die  Paternosterwerke  zum  billigen  Manipuliren  des
Getreides  besitzen,  an  geeigneten  Stellen  neben  Eisenbahnstationen ­
  gebaut.  Hier  lagert  der  Farmer  sein  Getreide  gegen
Entrichtung  einer  Gebühr  per  Bushel  und  je  nach  I&amp;gt;änge  der
Eagerzeit.  Es  liegt  hier  auf  Gefahr  des  Besitzers  des  Elevators,
der  Elevator  und  Inhalt  gegen  Feuerschaden  versichert.  Dieser
stellt  dem  Eigenthümer  des  Getreides  einen  Depotschein  aus,
der  negociirbar  ist,  den  er  verkaufen  oder  lombardiren  kann.
Eocalbanken  leihen  8o  bis  90  Percent  des  Locomarktwerthes
zum  jetzt  sehr  billigen  Bankzinsfusse  darauf.  Sie  sind  gleichzeitig ­
  Depositenbanken  und  verzinsen  die  Ersparnisse  der  Faruier,
  denen  sie  Cheques  geben.  So  wird  der  kleine  Bauernstand, ­
  welcher  immer  noch  fast  allen  Weizen  und  Mais  producirt,
  in  das  Bankgetriebe  hineingezogen,  zieht  aber  bis  jetzt
noch  grossen  Vortheil  daraus.
Da  die  meisten  Farmen  Amerikas  jene  Grösse  nicht  überschreiten, ­
  welche  in  den  Einzelstaaten  durch  die  Homestead-Exemptionsgesetze
  gegen  Verkauf  Schulden  halber  geschützt
&amp;gt;st,  wie  ich  das  in  dem  gleichzeitig  erscheinenden  Werke  über
Heimstättengesetze  ausfühce,  so  geniesst  der  amerikanische
Farmer  durchschnittlich  keinen  Hypothekencredit  und  giebt  es
desshalb  auch  —  was  europäischen  Lesern  auffallen  wird  —
zwar  Tausende  von  Depositenbanken,  aber  keine  Hypothekarbanken! ­
  Jene  Gesetze,  welche  dem  Farmer  das
Schuldenmachen  auf  Hypothek  erschweren,  in  einzelnen  Staaten
sogar  verbieten,  haben  eine  zur  Sparsamkeit  erziehende  Wirkung: ­
  In  guten  Erntejahren  sammelt  der  Farmer  einen  Reservefonds ­
  und  deponirt  ihn  in  der  nächsten  Bank,  in  schlechten
Jahren  zieht  er  auf  dies  Depot.  Bei  uns  investirt  und  depensirt
Ulan  den  Ueberschuss  der  guten  Jahre  über  die  Wirthschaftskosten
  und  leiht  in  schlechten  Jahren  Geld  auf  Hypothek,
kis  die  Subhastation  dieser  liederlichen  Wirthschaft  ein  Ende
uiacht.  Mit  dem  Depötsystem  ist  naturgemäss  das  Warrant-System
  für  das  zur  fungiblen  Waare  durch  Gradirung  gewor-4*
        <pb n="66" />
        52

dene  Getreide  und  das  Chequesystem  für  Zahlungen  der
Farmer  verbunden.  —
Der  Export  nach  Europa  ging  jetzt  noch  fast  ausschliesslich
über  die  genannten  Häfen,  auch  nicht  unbedeutend  über  Montreal ­
  und  Quebek.  Er  ist  hier  in  sehr  wenigen  Händen,  die
ihn  monopolisiren.  In  New-York  sollen  circa  fünf  Häuser  den
grössten  Theil  des  Exportes  beherrschen.  Es  sind  dies  nicht
die  sogenannten  Eisenbahnkönige,  obschon  jene  mit  diesen
Verbindungen  haben  mögen,  auch  wohl  Actien  gewisser,  von
ihnen  benützter  Bahnen  besitzen  und  somit  Einfluss  auf  sie
üben.  Sie  schliessen  Specialcontracte  über  Fracht  von,  sagen
wir:  Chicago  nach  New-York,  mit  Bahndirectionen  ab,  bedienen ­
  sich  aber  auch  der  kleinen  Bootsschiffer,  welche  aus
den  Seen  durch  den  Eriecanal  Getreide  nach  Osten  führen,
und  benützen  zu  ihrem  Vortheile  die  Concurrenz  der  Eisenbahnlinien ­
  untereinander  und  dieser  gemeinsam  mit  den  Canalbootbesitzern. ­
  Bis  vor  einigen  Jahren  waren  die  genannten  Binnenland-Sammelplätze ­
  der  Sitz  des  Getreide-Exportes  nach  Europa,
von  wo  dasselbe  direct  dorthin  verkauft  wurde.  Es  sind  dort
auch  die  ersten  und  grössten  Elevatoren  gebaut  worden,  denn
wo  der  Sitz  der  Getreidespeculation  ist,  müssen  auch  die
Haupt-Getreidelager  sich  befinden.  Neuerlich  ändert  sich  das.
Die  leitenden  Häuser  haben  ihren  Sitz  in  den  genannten  Hafenstädten ­
  am  Atlantischen  Meere  und  lassen  das  Getreide  vielfach
nicht  mehr  in  Chicago  und  Milwaukee  „collectiren“,  wie  man
hier  sagt,  sondern  direct  nach  den  Hafenstädten  befördern.
Viel  Getreide  wird  auch  im  Westen  vermahlen,  namentlich  in
Minneapolis,  St.  Louis,  Chicago,  sowohl  zum  Local  verbrauche
als  zum  Export  des  Mehles.  Die  Müller  machen  den  Agenten
der  Weizenexporteure  beim  Einkäufe  Concurrenz.  So  haben
die  Farmer  drei  Abnehmer:  Weizenexporteure,  Exportmüller
und  Localmüller,  welche  die  Umgegend  mit  Mehl  versorgen. ­

Soweit  Getreide  aber  noch  in  jenen  Binnenstädten  zum  Elevator ­
  geht,  wird  es  nun  per  Bahn  nach  den  Häfen  gesandt,
oder  in  grösseren  Dampfern  über  die  Seen  nach  Buffalo.  Hier
wird  es  in  kleinere  Dampfer,  die  14-  bis  40.000  Bushel  halten,
oder  in  Boote,  welche  von  Pferden  gezogen  werden  und  circa
        <pb n="67" />
        53

8ooo  Bushel  fassen,  überladen  und  auf  dem  Erie-Canal  nach
New-York  gebracht.
lieber  den  Transport  via  St.  Louis-New-Orleans  und  über
den  Weiland-Canal  und  Montreal  berichte  ich  später.  Da
man  die  atlantischen  Städte  zum  Hauptsitze  des  Getreidehandels ­
  machte,  musste  man  daselbst  Lagerräumlichkeiten
schaffen,  denn  die  Speculation  bedarf  der  Zeit.  Sie  muss  die
Waare  zurückhalten  und  auch  plötzlich  auf  den  Markt  werfen
können.  Deshalb  finden  wir  an  allen  Orten,  wo  ein  grosser
effectiver  Getreidehandel  getrieben  wird,  grosse  Speicher.
So  in  Danzig,  Stettin,  Marseille,  Havre,  Livrepool,  London.
Nur  Oesterreich  hatte  dergleichen  in  Triest  und  Fiume  nicht  in
ausreichendem  Masse,  weil  hier  nicht  Händler,  die  selbst  kaufen
und  verkaufen,  sondern  Zwischenhändler  und  Agenten  wohnen.
Erst  seit  i88i  sind  ausreichende  Magazine  in  diesen  Städten
gebaut  worden.
Man  baute  also  in  den  Hafenstädten  der  Union  Elevatoren,
welche  im  Grunde  nur  Getreidespeicher  mit  besonders  zweckmässigen ­
  Einrichtungen  zur  billigen  Manipulirung  des  Getreides
sind.  Und  zwar  bauten  nicht  etwa  die  Getreidehändler
diese  Speicher,  wie  dies  überall  in  Europa  bisher  geschah,
sondern  zuerst  die  Eisenbahngesellschaften,  welche  das
Getreide  vom  Westen  in  die  Hafenstädte  befördern.
New-York  machte  dan^it  den  Anfang.  Vanderbilt,  der
greise  Eisenbahnkönig,  der  im  Jahre  1880  mit  Hinterlassung
eines  Vermögens  von  übtr  100  Milionen  Dollars  starb,  erbaute
vor  sechs  Jahren  den  ersten  grossen  stehenden  Elevator  in
New-York.  Ein  Beispiel,  das  nun  die  mit  seiner  Bahn  concurrirenden
  Bahngesellschaften  befolgen  mussten  und  befolgten.
Die  Elevatoren  von  New-York  konnten  1881  über  23  Millionen
Bushel  Weizen  lagern,  jene  von  Chicago  22  Millionen  Bushel.
Vanderbilt  seinerseits  war  durch  die  Concurrenz  der  Erie-Boote
  dazu  gezwungen  worden.
Diese  Boote  sind  meist  im  Besitze  eines  Schiffers,  dessen
ganzes  Eigenthum  das  Boot  bildet,  und  der  mit  seiner  Familie
jahrein  jahraus  in  der  geräumigen  Cajüte  desselben  wohnt.
Ich  sah  Hunderte  derselben  im  Hafen  von  New-York  über-
        <pb n="68" />
        54

wintern,  Die  Besitzerfamilie  wohnte,  wie  die  rauchenden
Cajütenschornsteine  bewiesen,  im  Boote.
Hin  solches  Boot  befördert  das  Getreide  erstens  billig
nach  New-York,  weshalb  die  Eisenbahngesellschaften  im  Sommer
billige  Tarife  stellen  müssen,  um  Fracht  zu  erhalten.  Im
Winter  schlagen  sie  auf.
Die  Boote  aber  haben  noch  einen  anderen  Vortheil,  Sie
sind  zugleich  Transportmittel  und  Speicher.  Wird  das  Getreide ­
  nicht  sofort  zum  Exporte  nach  Europa  gebraucht,  so
liegen  sie  gegen  eine  kleine  Vergütung  wochenlang  im  Hafen
von  New-\ork.  Das  in  ihnen  ankommende  Getreide  braucht
also  nicht  aufgespeichert  zu  werden,  was  Kosten  verursachen
würde.  Anders  ist  es  mit  jenem  Getreide,  das  die  Eisenbahnen
herbeiführen.  Sie  brauchen  i6  Waggons,  um  eine  Bootsladung
von  8000  Bushel  zu  fassen.  Sollte  das  Getreide  in  diesen
^^^^ggons  wochenlang  im  Bahnhofe  von  New-York  stehen,  so
würden  die  Bahnhöfe  keinen  Raum  für  sie  haben,  auch  würde
man  ungeheuer  viel  Waggons  brauchen.  Dieses  geht  also
nicht.  Um  mit  den  Booten  concurriren  zu  können,  müssen
die  Bahn-Actien-Gesellschaften  also  für  Speicher  Sorge  tragen.
Darum  bauen  sie  Elevatoren.
Die  Boote  haben  noch  einen  anderen  Vorzug  vor  den
Eisenbahnwaggons.  Sie  können  diejenigen  Schiffe  im  Hafen
von  New-York  aufsuchen,  auf  denen  das  Getreide  nach  Europa
transportirt  werden  soll.  Zwischen  dies  Boot  und  das  zu  beladende ­
  Schiff  legt  sich  ein  schwimmender  Elevator,  der
mit  dem  stehenden  nur  das  durch  eine  Dampfmaschine  bewegte
Paternosterwerk,  nicht  den  Speicherraum,  gemein  hat  und  der
mittelst  des  ersteren  den  Inhalt  des  Erie-Canalboots  in  das
Exportschiff  überschüttet.
Die  Eisenbahngesellschaften  mussten  also  auch  Getreideboote ­
  bauen,  welche  das  Getreide  aus  ihren  Waggons  oder
stehenden  Elevatoren  an  die  Seite  gewisser  Seeschiffe  befördern.
Sie  besitzen  ferner  schwimmende  Paternoster-Elevatoren,  welche
den  Inhalt  ihrer  Getreideboote  in  die  Seeschiffe  übertragen.
Diese  schwimmenden  Elevatoren  haben  eine  kleine  Dampfmaschine, ­
  welche  sowohl  den  Elevator  im  Hafen  hin-  und  herbewegt, ­
  als  auch  das  Paternosterwerk  treibt.  Sie  erhalten  für
        <pb n="69" />
        55

die  Uebertragung^  des  Getreides  aus  dein  Erieboote  in  das
Seeschiff  in  der  Regel  Cents  per  Bushel.
Vielfach  freilich  wird  Getreide  aus  Eisenbahn  waggons
direct  in  Seeschiffe,  welche  seitlich  an  einem  Molo  des  Bahnhofes, ­
  der  in  den  Hafen  hineingebaut  ist,  liegen,  überschüttet.
Wir  sahen  dies  auf  dem  Bahnhofe  der  Pennsylvania-  und  Reading-Eisenbahn
  in  Philadelphia.  Ein  Waggon  von  500  Bushel  Gehalt ­
  wird  in  circa  einer  Minute  gewogen  und  sein  Inhalt  in
das  Schiff  entladen.  Zwei  Mann  genügen,  diese  Arbeit  zu  besorgen.
  Kleine  Locomotiven  schieben  die  Waggons  hin  und
her.  Vielfach  legt  sich  auch  ein  Seeschiff  an  die  Seite  des
stehenden  Elevators,  der  natürlich  stets  eine  Wasserfront  hat.
gewöhnlich  zwei,  und  in  dessen  Souterrain  die  Eisenbahngeleise
des  Bahnhofes  verlaufen.  In  beiden  Fällen  ist  die.\  erschiffung
des  mit  der  Bahn  ankommenden  Getreides  kostenloser,  als
wenn  es  erst  im  Elevator  lagert,  dann  in  das  Hafenboot  und
aus  diesem  in  das  Seeschiff  verladen  wird.  Allein  die  Bahngesellschaften ­
  waren  durch  die  Concurrenz  der  Erie-Canalboote
gezwungen,  Vorrichtungen  für  alle  drei  \  erschiffungs-  un
Lagerarten  zu  treffen,  weil  die  Getreidehändler  nicht  w  en,
dass  ihr  Getreide  aus  dem  Westen  auf  irgend  einem  Bahnhofe
für  sie  ankomme,  sondern  dass  es  so  lange,  als  sie  es  w  o  en,
in  New-York  zu  ihrer  Disposition  lagere  und  dann  im
ihre  Ordre  hin  in  ein  Seeschiff  verladen  werde,  und  das  Alles
um  denselben  Preis,  um  welchen  die  Erie-Canalboote  ihnen

diese  Dienste  thun.
Weshalb  aber  legen  sich  nicht  alle  Seeschiffe,  die  Getrgde
für  Europa  einnehmen  wollen,  seitlich  an  die  Mo  os  un
vatoren?  ,  ..
Erstens  würden  nicht  alle  Platz  daran  finden;  zweitens
aber  thut  keiner  der  regelmässig  zwischen  Europa  un
rika  fahrenden  grossen  Dampfer  dies.  .  ^
Jede  der  grossen  Dampfergesellschaften  ’
Inman-,  White  Star-  und  andere  Linien  —  hat  ihr  ei^
Bassin  im  Hafen  von  New-York.  Ein  breiter  un  anger
ist  vom  Lande  in  flen  Hafen  hineingebaut.  w  To^osser
binden  Eisenbahnstränge  ihn  mit  den  Ba  n  o  en.  -1
gedeckter  Raum  gibt  den  ein-  und  auszuladenden  Waaren
        <pb n="70" />
        Sicherheit  gegen  Regen.  Die  Dampfer  liegen  seitlich  am  Molo,
eine  Breitseite  dem  Magazin,  die  andere  dem  offenen  Hafen
zugekehrt,  so  dass  sie  von  beiden  Seiten  her  gleichzeitig  beladen ­
  werden  können.  Sie  liegen  nur  wenige  Tage  im  Hafen
im  günstigsten  Falle  eine  Woche,  und  nehmen  bis  zum  vorletzten ­
  Tage  Stückgüter  aller  Art  als  Ladung  an.  Dann
schhessen  sie  die  Annahme  solcher  und  melden  nun  den  Getreide-hxporteuren,
  wie  viel  Raum  sie  zur  Aufnahme  von  Getreide
  übrig  behalten  haben  und  schhessen  so  gut  wie  möglich
mit  jenen  ab,  unter  der  Bedingung,  dass  der  Raum
d  f  """  Kahngesellschaft  -  ^er
den  Lne-Bootbesitzern  -  welche  sein  Getreide  gelagert  haben.
Srh-ff  1  Können  Welzen  in  ein
Schiff  der  White  Star-Linie  zu  verladen.  Die  Krie-Boote  legen
sich  einfach  seitlich  daneben  und  laden  durch  einen  Paternoster-Klevator
  über.  Die  Bahngesellschaften  können  keine  Eisenbahnwaggons
  an  die  Hafenseite  des  Dampfers  senden,  sie  füllen  also  ihre
Hafen-Getreideboote,  deren  jede  Bahngesellschaft  welche  sowie
auch  schwimmende  Paternoster-Elevatoren  besitzt,  aus  den
i  evatoren  und  senden  diese  nebst  Paternoster-Elevatoren  an
pletin  grossen  Dampfers,  der  nun  seine  Ladung  com-Die
  Concurrenz  der  Erie-Boote  hat  also  die  grossen  Bahncompagnien
  dazu  gezwungen,  stehende  und  schwimmende
V  Hafenboote  anzuschaffen.  Nachdem  die
anderbilt  sehe  Bahn  damit  den  Anfang  gemacht,  mussten  die
anderen  Concurrenzbahnen  folgen,  und  so  existirt  denn  schon
eine  ganze  Anzahl  derselben  in  New-York  und  mehr  werden
noc  i  gebaut.  Da  die  Einrichtung  sich  in  New-York  als  pracwerden^'ö'^
  »äku  nachgeahmt
1  u  'hren  Exporthandel  an  New-York  verloren
  haben  würden.  In  einigen  Jahren  tfofft  man  soviel  Eie-
        <pb n="71" />
        57

als  zehn  Mal  so  viel  als  Oesterreich  Ungarn  jährlich  durchschnittlich ­
  exportirt  —  in  diesen  Hafenstädten  gleichzeitig
lagern  können.
Wir  haben  zwei  solche  grosse  Elevatoren  in  New-^ork
und  einen  in  Philadelphia  im  Detail  besichtigt.
Wenn  irgend  eine  Waare  ein  Weltmarktartikel  wird,  so  hört
der  Handel  nach  Probe  auf  und  der  nach  Marke  oder  nach
Grad  beginnt,  die  betreffende  Waare  wird  zur  fungiblen
Waare.  Der  Grad  bedeutet  eine  bestimmte,  objectiv  und
für  die  Dauer  festgestellte  Qualität  der  betreffenden
Waare.  Damit  die  Qualität  stets  dem  Normale,  dem  Standard
—  wie  die  Anglo-Amerikaner  sagen  —  entspreche,  muss  die
Gradirung  von  einer  über  Käufer  und  Verkäufer  stehenden ­
  Autorität  unparteiisch  vollzogen  werden.
Dies  war  schon  im  Mittelalter  der  Fall,  da  Waaren  einer
«Schau“  unterworfen  und  mit  einer  amtlichen  Marke,  sei  es
der  Zunftbehörde,  sei  es  der  politischen,  versehen  werden
mussten,  bevor  sie  zum  Verkaufe  ausgelegt  werden  durften.
In  der  Punzirung  von  Gold-  und  Silberwaaren,  die  in  einigen
Staaten  noch  besteht,  haben  wir  ein  Residuum  jener  uralten
Zunftgepflogenheit.  Im  Kornhandel  finden  wir  schon  frühe  die
Gradirung,  namentlich  des  von  Danzig  nach  England  exportirten
  Weizens.  Durch  Mischung  von  Weizen  aus  Polen,  Ungarn,
Preussen,  stellen  seit  vielen  Jahren  Danziger  Kaufleute  einige
feste  Mischungsverhältnisse  her,  wie  sie  englische  Käufer
verlangen,  ob  der  Weizen  aus  dieser  Gegend  gut  oder  schlecht
sei,  sie  schaffen  jährlich  constante  Qualitäten,  so  wie  sie  die
Engländer  wünschen.  In  Hull  handelt  man  „Danziger  weissen
Weizen  No.  2  oder  i  oder  und  weiss  dann  ganz  genau,  wie
schwer  dieser  per  Raumeinheit  ist  und  welche  Farbe  er  hat,  o  ne
ihn  gesehen  zu  haben.  Hier  ist  keine  Probe  me  r
nöthig.  Der  Handel  wird  leicht  und  einfach.  Die  Producenten
verlieren  durch  solche  Mischung  nicht,  wde  im  deutsc  en
Parlamente  von  einigen  Agrariern  fälschlich  behauptet  wurde,
sondern  sie  gewinnen,  weil  durch  dieselbe  ihr  Weizen  in  je  em
Jahre,  auch  in  dem,  worin  sie  schlechte  Qualität  haben,  verkäuflich ­
  wird.  Man  mischt  ihn  dann  mit  besserem  ungarischen.
        <pb n="72" />
        58

Fällt  preussischer  sehr  gut  aus,  mischt  man  ihn  mit  schlechterem
russischen.
Seinen  Markt  findet  er  in  England  immer  ;  ist  er  sehr  gut,
zahlt  ihn  der  Danziger  Kaufmann  besser,  ist  er  sehr  schlecht,
zahlt  er  ihn  niedriger,  aber  er  kauft  ihn  doch.  Käme  er
ungemischt  aus  einem  schlechten  Jahre  nach  England,  so  fände
er  keinen  Abnehmer.
Dies  Princip,  eine  „Weltmarktsmarke“  herzustellen,
greift,  je  mehr  der  Handel  Welthandel  wurde,  immer  mehr
um  sich  und  ergreift  jede  Weltmarktswaare.  Eine  Waare,
welche  nach  Probe  gehandelt  wird,  kann  schon  desshalb  den
Weltmarkt  nicht  behaupten  ;  dies  mögen  doch  die  österreichischungarischen ­
  Exporteure  von  Getreide  beachten.  Sie  bedürfen
auch  der  Gradirung,  überhaupt  einer  gründlichen  Organisirung
des  ganzen  Exporthandels  ;  dazu  aber  anderer  Männer,  als
unsere  meist  jüdischen  Getreidespeculanten  sind,  welche  die
Waare  nicht  cultiviren,  sondern  auf  den  Markt  werfen,  wie  sie
dieselbe  von  den  Producenten  erhalten.  Mit  dem  Weinhandel
ist  es  genau  so.  Die  französichen  Weinexporteure  stellen  feste
Marken  von  Margaux,  Bordeaux,  Burgunder,  Champagner  her
durch  geschickte  Mischung;  die  ungarischen  Weinhändler  thun
dies  nicht,  desshalb  ist  Ungarw^ein,  der  auch  in  Amerika  auf
allen  'Weinkarten  grösserer  Hotels  figurirt,  in  jedem  Hôtel  fast
anders,  obschon  er  dieselbe  Etiquette  trägt.  St.  Julien  aber,  zum
selben  Preise,  ist  fast  überall  derselbe.  Da  unsere  Weinhändler
uns  im  Stiche  lassen,  sollten  die  Producenten  sich  organisiren.
Sogar  die  Fondsbörse  kann  sich  dem  nicht  entziehen
Weltmarktfonds  zu  schaffen.
Als  die  Pereires  den  Credit  Mobilier  schufen,  hatten  sie
die  Absicht,  die  Actien  von  Hunderten  von  Unternehmungen  an
sich  zu  bringen  und  auf  Grund  dieser  Unterlage  Obligationen
des  Mobilier  zu  emittiren,  welche  einen  Weltmarkt  fänden.  Die
preussische  Central-Bodencredit-Actiengesellschaft  hat  auf  diese
Weise  die  Pfandbriefe  verschiedener  kleinerer  Actienhypothekenbanken
  unificirt.  Die  preussische  Central-Landschaft  that  es
mit  den  Pfandbriefen  von  sechs  alten  Provinzial  Landschaften.
Auf  dem  Waarenmarkte  finden  wir  feste  Marken  im
Zuckergeschäfte.  Baumwolle  wird  so  nach  festen  Graden,  die
        <pb n="73" />
        59

besondere  Namen  haben,  gehandelt.  Alles  gepökelte  Schweineund
  Rindfleisch,  aller  Speck  und  alles  Schmalz,  das  die  Union
exportirt,  wird  nach  Marken  gehandelt,  wie  ein  Blick  auf  den
Börsenbericht  grösserer  Zeitungen  lehrt.
Auf  der  New-\orker  Börse  vom  23.  März  1881  wurden
gehandelt:
Baumwolle  aus  Texas  per  englisches  Pfund:
Marke  Ordinary  .  ...  Cents
„  Strict  ordinary  .  .  8®/i6  «
„  Good  ordinary  .  .  ^
M  Strict  good  ordinary  9"/,  g  „
„  Low  middling  .  .  ioV,6  «
„  Middling  .  .  .  .  loVs
n  Good  middling  .  .  11%  n  u.  s.  w.
Schmalz  per  Pass  :
Marke  Western  ....  10.%;%  Dollars
r.  Refined  ....  10.90  „  u.  s.  w.

Käse  per  Pfund:
Marke  State  factory  fine  13Y,  Cents
M  M  r  good  to  prime  13  „
M  M  n  fair  to  good  12^4  «
„  Wisconsin  factory  full  cream  fine  ...  13  „
M  M  M  good  to  prime  .  .  .  13V2  »

”  UhlO  „  „  ...  I3V4  n
u.  s.  w.

Mehl  wird  ebenso  nur  nach  Marke  gehandelt,  per  Sack:
Marke  Nr.  2  State  3.65  Dollars
„  Superfine  4.00
M  l^'xtra  4,75
„  Superfine  Western  4.75  „
„  Minnesota  7.73  „
„  „  patents  8.50  „
u.  s.  w.

Dasselbe  geschieht  nun  mit  Weizen.
Jede  Ladung  Weizen,  die  in  New-York  ankommt,  sei  es
in  einem  Eisenbahnwaggon,  sei  es  in  einem  Erie-Boote,  wird,
bevor  sie  in  den  Elevator  oder  in  ein  Schiff  verladen  werden
darf,  im  Einzelnen  von  einem  vereidigten  Beamten  besichtigt,
        <pb n="74" />
        II

6o

den  die  Kornbörse  von  New-York  angestellt  hat.  Natürlich
existiren  viele  solche  Beamte,  welche  den  ganzen  Tag  über
in  eigens  für  sie  errichteten  Gebäuden  auf  den  Ausladeplätzen
sich  aufhalten  müssen,  sich  regelmässig  ablösen,  gerade  wie
Lotsen  im  Hafen.  Sie  besehen  und  wägen  den  Weizen  und
geben  ihm  seinen  Grad,  je  nach  Farbe,  Qualität  und  Gewicht.
Das  letztere  ist  von  der  Börsenbehörde  festgesetzt,  so  dass
z.  B.  Weizen,  der  unter  58  Ibs.  per  Bushel  wiegt,  nicht  in
Nr.  I  kommen  darf;  dagegen  kann  solcher  von  60  Ibs.  noch
unter  Nr.  i  angesprochen  werden,  wenn  er  schlechte  Farbe
hat,  sehr  unrein  ist  etc.  Der  gradirende  Beamte  erhält  für
jede  von  ihm  gradirte  Waggonladung  von  circa  500  Bushel
20  Cents  Gebühr.  Nach  diesen  Graden  allein  wird
Weizen  für  Export  in  New-York  gehandelt  und  finden  wir
am  oben  genannten  Tage  (23.  März  1881)  daselbst  folgende
Notirungen:
Marke  White
Red

Nr.  I
Nr.  2
r,  Nr.  3
Spring  Nr.  3

•  •  •  •  i-22'/2  Dollars  per  Bushel
•  •  •  •  ï  *25'A  «  ,1  „
•  •  •  •  1-24  ,1  „
•  •  •  •  ^22  ,2  .,  ,  „
U.  s.  w.
1st  der  Weizen  so  schlecht,  dass  er  in  keinen  der  officiellen
Grade  hineinpasst,  so  wird  er  zurückgewiesen  und  muss,  wenn
er  unter  besonderer  Marke  hierher  verkauft  war,  zum  Schaden
des  Versenders  im  offenen  Markte  verauctionirt  werden.  Ist
er  schon  im  Besitze  eines  New-Yorker  Kaufmannes,  so  kann
ihn  der  nur  als  „ungraded“  an  amerikanische  Müller  verkaufen
und  stand  solcher  red  ungraded  an  jenem  Tage  1.22  bis  1.22V2
Dollars.  Er  kommt  nie  in  die  Elevatoren,  sondern  wird  in
anderen  Speichern  aufbewahrt.
Der  Schwindel  ist  auch  bereits  in  den  Kornhandel  gedrungen. ­
  Inspectoren  des  Getreides  in  Chicago  sind  beschuldigt
worden,  bestochen  zu  sein  und  falsch  gradirt  zu  haben  und
schwebte  dieserhalb  Ende  1882  ein  Process  eines  grossen  Getreidehändlers ­
  in  Chicago.  Doch  war  die  Empörung  der
Granger  der  Staaten  im  Norden  und  Westen  von  Chicago  so
gross  und  ist  ihr  Einfluss  so  bedeutend,  dass  hier  jedenfalls
Remedur  geschaffen  werden  muss.
        <pb n="75" />
        6i

1st  der  Weizen  gegradet  worden,  so  wird  er,  soll  er  zum
Llevator  gehen,  in  diesen  befördert  und  der  Besitzer  des
Elevators  giebt  dem  Weizenbesitzer  einen  Depotschein  auf,
5000  Bushel  Red  Nr.  2.  Letzterer  hat  nun  nicht  mehr
Anspruch  auf  die  besondere  Ladung  Weizen,  die
er  dem  Elevator  lieferte,  sondern  er  muss  irgend  welchen
Weizen  desselben  Grades  nehmen,  der  aus  jenem
Elevator  verladen  wird.  Daher  werden  nur  die  Grade  im
Elevator  getrennt  auf  be  wahrt,  nicht  mehr  die  einzelnen
Sendungen,  wodurch  viel  Magazinraum  erspart  wird.
Die  New-Yorker  Kornhändler  verkaufen  den  Weizen  in  Europa
entweder  durch  eigene  Agenten,  die  sie  dort  halten,  wie  es
auch  die  vereinigten  Müller  von  Minneapolis  mit  ihrem  Mehl
thun,  oder  sie  verkaufen  ihn  an  europäische  Getreidehändler
und  ziehen  dann  Wechsel  auf  diese.
Die  Elevatoren  sind  genügend  beschrieben  und  in  Europa
bekannt.  Die  ungarische  Regierung  hat  einen  Ingenieur,  den
mir  bekannten  Herrn  von  Miklos  Oedön,  herübergeschickt,  der
eine  Anzahl  derselben  gezeichnet  und  in  Pest  einen  solchen
mit  2  Millionen  Gulden  Baukosten  erbaut  hat.  Ich  will
also  in  ihrer  Beschreibung  kurz  sein,  bemerke  jedoch,  dass
man  noch  fortwährend  \'erbesserungen  bei  neugebauten  anbringt ­
  und  dass  der  zweite,  den  wir  in  New-York  sahen,  soeben
vollendet,  schon  dem  ^ersteren,  älteren  überlegen  war.  ln
Philadelphia  besichtigten  wir  den  noch  unvollendeten  der
Philadelphia-  und  Reading-Eisenbahn  und  fanden,  dass  er  beide
New-Yorker  übertraf.  '
Im  Allgemeinen  ist  das  System  des  stehenden  Magazinelevators ­
  das  folgende:
Ein  sehr  hohes  Gebäude,  über  100  Fuss  hoch,  wird  an
beiden  Seiten  der  ganzen  Länge  nach  von  je  zwei  Schienensträngen ­
  durchzogen,  so  dass  im  Ganzen  vier  Eisenbahnzüge
einfahren  können  —  ich  bleibe  bei  dem  Elevator  in  Philadelphia,
der  am  vollkommensten  war.  Der  Elevator  steht  auf  einem
in  den  Hafen  hineingebauten  Molo  und  hat  an  beiden  Längsseiten ­
  Wasserfront,  so  dass  an  jeder  Seite  ein  grosses  Oceanschiff
  liegen  und  Ladung  nehmen  kann.  Neben  jedes  Seeschiff
legt  sich  nach  Aussen  hin  ein  Prahm.  Nun  kann  Folgendes
        <pb n="76" />
        62

gleichzeitig  geschehen,  und  zwar  an  jeder  Seite  :  Zwei
Eisenbahnzüge  mit  vollen  Waggons  fahren  gleichzeitig  an  jeder
Seite  ein.  Der  Weizen  aus  jenen  Wagen,  die  an  der  äusseren
Seite  des  Elevators,  also  zunächst  dem  Seeschiffe,  stehen,
entladen,  indem  ihr  fallthürartiger  Boden  sich  öffnet,  gleichzeitig
ihren  Inhalt  unter  sich.  Hier  fällt  der  Weizen  auf  eine  schiefe
Ebene,  die  siebartig  ist  und  kleines  Korn  in  den  Keller  abfuhrt. ­
  Das  grosse,  gute  Korn  fällt  durch  Trichter,  die  bewegliche ­
  Glieder  haben,  direct  in  den  Schiffsbauch.  Entladene ­
  Wagen  verlassen  den  Raum  und  machen  neuen
Platz.  Ein  Wagen  wird  in  einer  Minute  entleert.  Beim  Einfahren ­
  wird  er  gewogen  und  so  beim  Ausfahren.  Die  Differenz
ist  das  Weizengewicht.  Gleichzeitig  kann  aus  den  Magazinen
des  Elevators  anderer  Weizen  durch  Trichter  in  das  Oceanschiff
  geschüttet  werden  und  gleichzeitig  auch  aus  den  Magazinen ­
  des  Elevators,  durch  andere  Trichter,  Getreide  auf  den
Prahm,  der  an  der  Aussenseite  des  Oceanschiffes  liegt.  Hier
fällt  es  in  Säcke,  die  gefüllt  und  zugebunden  werden.  Diese
Säcke  schichtet  man,  während  der  lose  Weizen  in  den  Mittelraum ­
  des  Oceanschiffes  fällt,  gleichzeitig  an  den  geneigten
Wänden  dieses  grossen  Schiffes  festgepackt  auf,  so  dass  das
lose'Getreide  darin  zwischen  feste  Wände  gepresst  ist,  die
von  Weizensäcken  gebildet  werden.  Dadurch  wird  das  Hin.
und  Herrollen  des  Getreides,  das  Schiften,  bei  hohem  Seegange
verhindert.
Auf  diese  Weise  kann  der  Philadelphier  Elevator  in  ein
Oceanschiff  per  Stunde  25  000  Bushel  Weizen  verladen,  wovon
20000  lose  und  5000  Bushel  in  Säcken.
Der  andere  Eisenbahnzug,  welcher  auf  der  inneren  Seite
des  Elevators  gleichzeitig  eingefahren  ist,  kann  nicht  in  das
Schiff  ausladen.  Er  wird  auf  dieselbe  Weise  entlehrt  wie  der
andere,  aber  der  über  das  Sieb  gelaufene  Weizen  fällt  in  den
Keller  des  Elevators.  Hier  fasst  ihn  das  Paternosterwerk  und
hebt  ihn  circa  100  Fuss  hoch  in  das  obere  Stockwerk  des
Elevators,  und  zwar  wird  jede  nunmehr  ein  Mal  gesiebte
Wagenladung  in  ein  besonderes  Holzgefäss  auf  dem  obersten
Boden  des  Elevators  gehoben  und  hierin  gewogen.  Soll  der
Weizen  noch  weiter  gereinigt  werden,  so  fällt  er  in  einen  zweiten
        <pb n="77" />
        63

Behälter  über  Siebe  und  durch  einen  Luftstrom.  Dann  fällt  er
in  die  70  Fuss  hohen,  10  Fuss  im  Quadrat-Querschnitte  haltenden ­
  Silos  oder  Magazine  des  Elevators,  in  denen  er  bleibt,  bis
er  verschifft  werden  soll.  Der  Boden  dieser  Silos  liegt  so
hoch,  dass  der  Weizen  beim  Verschiffen  durch  Trichter  in  den
Schiffsraum  fallen  kann,  und  er  ist  konisch  geformt,  so  dass,
wenn  man  seine  untere  Fallthüre  öffnet,  jedes  Korn  durch
eigene  Schwere  hinausfällt,  also  alles  Schippen  wegfällt.
24  Waggons  können  auf  diese  Weise  stündlich  in  die  Silos
transportirt  und  dabei  gereinigt  werden.  Diese  hielten  im
Phdadelphier  Elevator  900000  Bushel,  in  denen  zu  New-York
600  000  respective  750  000  Bushel.  Man  will  jetzt  in  Philadelphia
  einen  bauen,  der  zwei  Millionen  Bushel  fasst.  Der
Elevator  berechnet  dem  Getreidebesitzer  für  Ausladen  der
Eisenbahn  waggons.  Wägen  des  Getreides,  zehn  Tage  Lagern
und  Einladen  in  ein  seitlich  des  Elevators  zu  legendes  Schiff
^/4  ents  per  Bushel.  Für  jede  Periode  von  weiteren  zehn
Tagen  Lagern  werden  weitere  %  Cents  und  für  Reinigen  des
Getreides  Cents  per  Bushel  berechnet.
Eine  Eisenbahn  Waggonladung  von  500  Bushel  oder  135
Metercentnern  kostet  also,  wenn  sie  zehn  Tage  lagert,  vom
Waggon  ins  Schiff:  ij  20  Cents  zu  gradiren;  2)  500  x.  iV*
Cents  Elevator  -  Unkosten,  Summe  6.45  Dollars,  per  Metercentner
  =  11  kr.  ö.  W.  «ich  glaube  nicht,  dass  man  in  irgend
einem  Lagerhause  in  Ungarn  so  billig  arbeitet.  Trotzdem
wird  hierbei  noch  von  den  Itlevatorbesitzern  verdient,  denn
diese  sind  oft  besondere  Unternehmer.  So  ist  der  Elevator
der  Eric-Bahn  und  der  Philadelphia-  und  Reading-Bahn  von  je
einem  Privatunternehmer  auf  Grund  und  Boden  der  betreffenden
Eisenbahncompagnie  erbaut.  Letztere  hat  sich  das  Ankaufsrecht ­
  nach  einer  gewissen  Anzahl  von  Jahren  gewahrt.  Die
Elevatorbesitzer  machen  so  gute  Geschäfte,  dass  sie  rasch
mehr  Elevatoren  erbauen.  Man  rechnet,  dass  der  Elevator,
wenn  er  nicht  schwierige  hundamentarbeiten  erfordert,  so
viel  Mal  30  Cents  zu  bauen  kostet,  als  er  Bushel  Getreide
fassen  kann,  das  macht  4.8  fl.  ö.  W.  per  Metercentner.  Der
von  Miklos  erbaute  Elevator  in  Pest  kostet  6.66  fl.,  die  neuen
W  aarenhäuser  der  Escoiupte-  und  Wechslerbank  daselbst
        <pb n="78" />
        64

kosten  8.25  il.  per  Metercentner  Lagerraum.  Man  baut  in
Europa,  trotz  billigerer  Arbeitslöhne,  theurer  als  in  Amerika
und  kann  also  mit  diesem  Lande  nicht  concurriren.
Wenn  der  Elevator  das  Getreide  nicht  lagert,  sondern
direct  aus  dem  Waggon  ins  Schiß"  befördert,  so  berechnet  er
nur  Cents  per  Bushel.
Eine  besonders  practische  Einrichtung  fanden  wir  am
Elevator  der  Pennsylvania-Rahn  in  New-York.  Um  gleichzeitig
mehr  Schifte  beladen  zu  können,  als  an  beiden  Längsseiten
des  Elevators  Platz  haben,  war  auf  luftigen  Pfahlsäulen  eine
circa  25  Fuss  über  dem  Wasserspiegel  erhabene,  schmale
Galerie  700  Fuss  weit  vom  Elevator  in  den  Hafen  hineingebaut ­
  und  soll  1500  Fuss  lang  werden.  In  der  Höhe  von  25  Fuss
über  dem  Wasser  sind  die  Pfähle  mit  hölzerner  Plattform  bedeckt, ­
  die  ein  schmales,  circa  15  Fuss  hohes  Holzgebäude
trägt,  ln  demselben  läuft  In  der  Mitte  eine  etwa  2V2  Fuss
breite,  aus  Guttaperchamasse  hergestellte  Gewebemasse,  wie
man  sie  —  nur  schmaler  —  schon  an  Stelle  von  Triebriemen
vielfach  verwendet,  als  Riemen  ohne  Ende  über  Walzen.  Auf
diese  sich  vom  Elevator  vorwärts  bewegende,  sagen  wir,  Leinwand ­
  wird  aus  dem  Elevator  Getreide  geschüttet,  das  mit
grosser  Schnelligkeit  vorwärts  getragen  wird.  Natürlich  läuft
nicht  eine  solche  Leinwand  durch  das  bis  jetzt  700  Fuss  lange
(Gebäude,  sondern  mehrere  folgen  auf  einander,  jede  etwa  eine
Schiftslänge  haltend  und  jede  folgende  etwas  niedriger  als  die
vorhergehende,  so  dass  das  Getreide  von  der  dem  Elevator
näheren  auf  die  entferntere  fällt,  die  es  zur  dritten  trägt  u.  s.  w.
Von  jeder  Leinwandrolle  kann  Getreide  nach  beiden  Seiten
in  je  ein  Schiff  durch  Trichter  geschüttet  werden,  so  dass  nun
aus  einem  Elevator  gleichzeitig  schon  circa  acht  Schifte  beladen
werden  können.
Der  innere  Bau  der  Elevatoren  besteht  durchweg  aus  Holz,
und  zwar  kommt  wieder  lauter  schwaches,  geschnittenes  Holz
zur  Anwendung,  welches  so  künstlich  verbunden  ist,  dass  es
den  ungeheuren  Druck  ertragen  kann,  der  doch  entsteht,  wenn
z.  B.  ein  70  Fuss  hoher  und  100  Quadratfuss  Querschnitt
haltender  voller  Silo  an  allen  vier  Seiten  von  leeren  Silos
umgeben  ist,  was  oft  geschieht.  In  der  Baukunst  mit  Benützung
        <pb n="79" />
        65

dünner  Hölzer  und  eiserner  Bleche  sind  die  Amerikaner
Meister,
Wir  haben  in  jedem  Elevator,  sowie  auch  in  jedem  besichtigten ­
  Eisen-  und  Kohlenwerke  originelle  Maschinen  und
practische,  neue  technische  Einrichtungen  gesehen,  ich  bin
jedoch  zu  wenig  Fachmann,  um  sie  angemessen  darstellen  zu
können.  Dies  gehört  auch  in  Fachjournale.  Allein  es  bestärkt
mich  in  der  Idee,  dass  eine  kluge  europäische  Regierung  hier
einen  Techniker  beständig  unterhalten  sollte.  Die  Berichte,
^  Glche  der  ungarische  Experte  über  Elevatoren  gemacht  hat,  sind
durch  die  neuen,  welche  wir  sahen,  schon  überholt  und  also  veraltet. ­
  Die  Amerikaner  sind  so  schnell  bei  ihren  Verbesserungen
und  Erfindungen  bezüglich  des  Transportwesens,  dass  z.  B.  das
seiner  Zeit  ausgezeichnete  Buch  des  fleissigen  Franzosen  Ronna,
der  1878  seine  gründlichen  Studien  hier  machte,  schon  fast
unbrauchbar  geworden  ist.  .  .  .  Trotzdem  haben  sich  die
„N.  Fr.  Presse“,  der  „Fester  Lloyd“,  die  Augsb.  „Allg.  Ztg.“
noch  im  inter  1880  daraus  Auszüge  von  Dr,  Max  Wirth  anfertigen
lassen,  zur  Zeit,  als  das  Buch  nur  noch  ein  historisches  Interesse ­
  hatte,  und  in  der  Berliner  Presse,  „Gcsellschaftsblätter“,
„Tageblatt“  etc.,  fing  es  gar  erst  Winter  1882/83  an,  als  neu
entdeckte  Autorität,  sogar  über  Heimstätten-Exemptionsgesetze,
citirt  zu  werden,  die  niemals  darin  gestanden  haben!
Höchst  fleissige  Redactionen,  diese  Berliner!
Mitte  März  1881,  da  der  Eriecanal  noch  unpassirbar  war,  stand
Getreidefracht  hoch,  28  Cents,  Winter  1882/83  25  Cents  per  100
englische  Pfund  von  Chicago  bis  zum  Meere,  freilich  nur  1.57  kr.
ö.  W  .  für  eine  Strecke  von  ca.  9.60  englischen  Meilen  oder  1300
Kilometern.  Indess  ist  dieses  eine  ausnahmsweise  hohe
Fracht.
Im  Allgemeinen  hat  sich  die  Getreidefracht  sehr  bedeutend
vermindert,  wie  dies  aus  folgender  Uebersicht  hervorgeht,
welche  ich  dem  Jahresberichte  der  grossen  Pennsylvania-Eisenbahn ­
  entnommen.  Diese  Bahn  verbindet  Chicago  und  Philadelphia, ­
  hat  aber  viele  Nebenzweige  und  mithin  viele  Frachtgüter, ­
  die  nicht  den  billigen  Tarif  geniessen,  welchen  Güter
auf  der  Hauptlinie  haben,  namentlich  das  aus  dem  Westen
kommende  Getreide,  für  das  sich  also  die  Zahlen  günstiger
5
        <pb n="80" />
        66

stellen  als  in  der  folgenden  Uebersicht,  die  Tarife  für  alle
Frachtgüter  enthält.
Nach  jenem  Jahresberichte  erhielt  die  Gesellschaft  in  den
einzelnen  Jahren  die  in  der  ersten  Colonne  angegebene  Zahl
Cents  für  jede  Tonne  (9  Metercentner)  per  englische  Meile.
Die  zweite  Colonne  enthält  die  Angabe  der  Kosten,  welche
dieser  Transport  der  Gesellschaft  verursachte,  die  dritte  Colonne ­
  die  Reineinnahme  der  Bahn  für  jede  eine  Meile  transport! ­
  rte  Gewichtstonne  —  Alles  in  Cents  und  Decimalbruchtheilen
  von  Cents.

i

j  Selbst-  j
kosten  j

1  Netto-  !
verdienst  1
1  1

1  Tarif  j

Selbst-  1
kosten  '
i

Netto-  j
verdienst  j

per

Tonne  Fracht

per  Passagier  per  Meile

tjO  O
V  c  ^
11-^

«CO

s  -
c

1858
1859
1860
1861
1862
1863
1864
1865
1866
1867
ï  868
1869
1870
1871
1872
1873
1874
1875
1876
1877
1878
1879
1880

2.18
2.2
1-95
1.92
2.4
2.19
2.46
2.66
2.28
2.9
1.91
1.72
&amp;gt;•55
&amp;gt;39
1.416
1.416
&amp;gt;.255
1.058
0.892
0.98
0.918
0.796
0.88

1.29
1.22
&amp;gt;17
0.91
&amp;gt;.7
114
&amp;gt;85
2.26
1.8
&amp;gt;52
1.22
&amp;gt;&amp;gt;7
0.97
0.85
0.858
0.864
0.719
0.616
0.582
0.552
0.483
0.427
0.474

o  89
0.9
0.78
i.i
0.97
&amp;gt;5
0.61
0.4
0.48
0.57
0.69
0-55
0.58
0.54
0.558
0.552
0.536
0.442
0.31
0.428
0.435
0.369
0.406

2.62
3.66
2.83
2.86
271
2.51
2.49
253
2.45
2.48
2.43
2.35&amp;gt;
1.862
2.363
2-357
2.281

1.91
1.78
2.44
26
2-5
2.14
&amp;gt;.94
1.87
&amp;gt;77
&amp;gt;93
1.6
1.669
1.029
1.751
&amp;gt;793
1.682

0.71
0.88
0.39
0.26
0.21
0.37
0.55
0.66
0.68
0.55
0.83
0.682
0.833
0.612
0.562
0.599

162.121
&amp;gt;80.333
215062
280.262
376.195
396.746
420.627
420.060
513.102
565.657
675.775
752711
825-979
1,011.892
1,190.144
1,384.831
&amp;gt;,372.566
1,479414
1,629.742
&amp;gt;,494.798
&amp;gt;,732.003
2,136.708

&amp;gt;46.837
204.564
139.085
&amp;gt;26.443
&amp;gt;33.198
144.728
150.850
152.918
173.824
177.479
174-959
160.421
288.312
&amp;gt;43.153
142.036
&amp;gt;55.784

Das  Fassagiergeschäft  zeigt,  wie  aus  der

abelle  weiter  hervorgeht, ­

  ein  ganz  anderes  Bild  als  das  Frachtgeschäft.  Die  Fracht

hat  sich  in  23  Jahren  verdreizehntfacht,  der  Tarif  ist  nur  noch
fast  ein  Drittel  desjenigen,  den  man  für  Fracht  vor  23  Jahren,
ein  Sechstel  dessen,  was  man  1865,  als  die  Tarife  am  höchsten
waren,  etwas  über  die  Hälfte  dessen,  was  vor  zehn  Jahren
gezahlt  werden  musste.  Seit  fünf  Jahren  sind  sie  fast  stabil.

Die  Selbstkosten  der  Bahn  für  den  Transport  haben  sich  noch
        <pb n="81" />
        5*

67

mehr  ermässigt,  auf  fast  ein  Drittel  seit  23  Jahren,  fast  ein
Fünftel  seit  1865.
Die  erhebliche  Tarifermässigung  beginnt  mit  1868  und  sie
erfolgt  von  da  ab  parallel  mit  einer  noch  rascher  progressiv
steigenden  Frachtvermehrung.  Man  muss  sagen,  dass  die
Tarifermässigung  die  Frachtenvermehrung  und  damit  die  Productionsvermehrung
  geschaffen  hat  ;  wie  denn  die  Eisenbahnen
in  Amerika  eine  Production  schaffen,  indem  sie  sie  rentabel
machen.  Sie  gehen  der  Production  vorauf.  In  Europa  folgen
sie  ihr.  Die  Eisenbahnkönige  Amerikas  sind  die  eigentlichen
Pionniere  des  Westens.  Die  amerikanischen  Eisenbahnkönige
können  mit  den  jüdischen  Cliquen,  die  unsere  Bahnen  monopolisiren
  und  verkrüppeln  und  unsere  Production  ersticken,
nicht  verglichen  werden.  Sie  stehen  himmelhoch  über
diesen  und  haben,  trotz  ihrer  Monopolisirungssucht  und
manchem  grossen  Schwindel  Amerika  productiv  und  gross
gemacht.
Nach  obiger  Tabelle  betrug  die  Fracht  per  Metercentner
und  Postmeile  0.94  kr.  ö.  W.  im  Jahre  1879,  für  Getreide  aber
viel  weniger.  Man  ist  also  weit  unter  jenem  Tarife  von  einem
Mark-Pfennig  per  Meile  und  Centner,  den  man  in  Deutschland
anstrebte.  Während  hier  sich  die  Tarife  in  oben  veranschaulichter ­
  Progression  verminderten,  hat  die  deutsche  Reichsregierung
  um  1873  die  Erhöhung  aller  Eisenbahntarife  um
33  V3  Percent  gestattét  und  sie  ist  meist  erfolgt.  Nachdem
man  so  die  landwirthschaftliche  Production  geschädigt  hat,  führt
nian  einen  landwirthschaftlichen  Schutzzoll  ein  uud  schädigt
dadurch  die  deutsche  Industrie,  da  er  wie  eine  Prämie  auf  die
Industrie  jener  Länder  wirkt,  welche  billigere  und  unverzollte
Lebensmittel  für  ihre  Industrie-Arbeiter  haben.  Da  will  man
mit  Amerika  und  England  concurriren  !  Dazu  unsere  Subhastationen
  und  hier  die  Homestead-Exemtionsgesetze!  Europa
wird  künstlich,  mit  Hilfe  der  Gesetzgebung,  arm  gemacht.
        <pb n="82" />
        VI.  Capitel
Kosten  des  Getreidetransportes  von
Amerika  nach  Europa.

Seit  M.  Ronna  sein  vorzügliches  Buch  „Le  Ble“  geschrieben, ­
  ist  meines  Wissens  keine  genaue  Untersuchung
über  die  Kosten  des  Getreidetransportes  von  Amerika  nach
Europa  angestellt  worden.  Der  jetzige  Zeitpunkt  ist  hierzu
besonders  geeignet,  weil  zwei  alte  Export  -  Strassen  von
bisher  geringerer  Bedeutung  gleichzeitig  fast  der  bisher  bedeutendsten ­
  —  über  die  atlantischen  Häfen  der  Union  von
Boston  bis  Baltimore  —  den  Rang  streitig  machen.
Am  I.  September  1881  hat  nämlich  der  Weilandcanal,
welcher  den  Erie-  und  Ontariosee  verbindet,  seine  angestrebte
Normaltiefe  erhalten,  so  dass  Getreide  in  grossen  Barken,
eventuell  sogar  in  Seeschiffen,  von  Duluth  am  Oberen-,  Chicago
am  Michigan-  und  Toledo  am  Eriesee  direct,  ohne  Ueberladung
in  kleinere  Schiffsfahrzeuge,  bis  Montreal  und  sogar  bis
Europa  transportirt  werden  kann.  Jede  neue  Handelsstrasse
bedarf  der  Zeit,  bevor  sie  zu  ihrer  vollen  Geltung  gelangt.
Man  fürchtet  in  New-York,  dem  Hafen,  über  welchen  bisher
die  meisten  amerikanischen  Lebensmittel  nach  Europa  verschifft ­
  wurden,  den  Einfluss  der  Concurrenz  der  Weiland  -  San
Lorenzostrasse,  doch  wird  er  sich  erst  in  einigen  Jahren  in
Zahlen  ausdrücken  lassen.  Für  jetzt  kann  man  nur  Folgendes
sagen:  Die  Höhendifferenz  des  Erie-  und  Ontariosee’s  beträgt
326  Fuss.  Der  alte  Wellandcanal,  welcher  Schiffe  über  diese
Höhe  hinwegbrachte,  war  10  Fuss  tief.  Er  bleibt  auch  noch
in  Zukunft  in  Betrieb  für  Schiffe  von  geringerer  Tragfähigkeit,
bis  zu  20.000  Bushels.  Der  Eriecanal,  welcher  ebenfalls  aus
        <pb n="83" />
        69

dem  Eriesee  Getreideschiffen  den  Auslauf  gestattet,  aber  nach
Albany  am  Hudsonflusse,  auf  welchem  letzteren  die  Barken
nach  New-York  befördert  werden,  ist  nur  8  Fuss  tief  und  die
Barken  auf  ihm  können  nur  8000  B.  im  Durchschnitt  tragen.
Er  ist  350V2  Meile  lang  zwischen  Buffalo  und  Albany,  hat
76  Schleussen  und  einen  Querschnitt  von  nur  ca.  400  □  Fuss.
Der  neue  Weilandcanal,  der  etwas'kürzer  ist  als  der  alte,  ist
26  Meilen  lang,  hat  nur  25  Schleussen,  aber  einen  Querschnitt ­
  von  1.648  □  Fuss,  indem  er  am  Boden  100  Fuss,  oben
156  Fuss  breit  ist.  Bis  jetzt  ist  er  erst  13  Fuss  tief  und  ermöglicht ­
  Schiffen  von  12  Va  Fuss  Tiefgang  die  Passage,  er  soll
aber  auf  14Va  Fuss  vertieft  werden.  Jede  Schleusse  ist  270
Fuss  lang  und  45  Fuss  breit,  zwischen  je  zwei  Schleussen  ist
eine  Minimaldistance  von  800  Fuss.  Die  Häfen  an  beiden
Canalenden  sind  17  Fuss  tief.  Schiffe,  die  43.000  Bushels
fassen,  werden  den  neuen  Wellandcanal  passiren,  und  so  wie
^4Va  Fuss  tief  sein  wird,  solche  von  100.000  B.  Der  Canalzoll ­
  beträgt  ca.  Va  c.  per  B.,  soll  aber  abgeschafft  werden.
Obschon,  wie  oben  gesagt,  Oceandampfer,  nachdem  sie
geleichtert  sind,  den  Canal  passiren  können,  wird  Getreide
doch  wahrscheinlich  in  grossen^Barken  und  Dampfern  bloss
von  den  Seen  bis  Montreal  gebracht  und  hier  in  die  Oceanschiffe
  geladen  werden.  Wenigstens  betrachtet  man  Montreal
als  den  natürlichen  Umlade-  oder  Stapelplatz.  Das  Umladen
mittelst  schwimmender  Dampfelevatoren  kostet  nur  V2  c.  per
B.  und  hat  die  Elevatorcompagnie  25  pCt.  Dividende  gezahlt.
Jetzt  ist  eine  Concurrenz-Compagnie  entstanden,  welche  das
Umladen  für  V4  c.  per  B.  besorgen  will.  Bisher  kostete  die
Fracht  von  einem  Punkte  am  Oberen-  oder  Michigansee,
Duluth,  Milwaukee  oder  Chicago,  in  der  Regel  gleich  viel,
und  zwar  ca.  10  c.  per  B.  bis  Montreal,  von  da  bis  Liverpool
schwankt  sie  sehr,  betrug  aber  durchschnittlich  10Va  c.,  so
dass  sich  noch  im  Sommer  dieses  Jahres  die  Fracht  von  einem
Punkt  an  jenen  Binnenseen  auf  etwas  über  20  c.,  mit  Versicherung ­
  auf  ca.  22—23  c.  per  B.  stellte,  einige  Jahre  früher
sogar  auf  30  c.  Durch  den  Wellandcanal  hofft  man  die  Fracht
bis  Montreal  auf  6—7  c.  per  B.  herabzudrücken,  und  die  Totalfracht ­
  von  Chicago,  Duluth  und  Thunder-Bay,  dem  Endpunkt
        <pb n="84" />
        der  Canada  -  Pacific  -  Bahn,  die  aus  dem  Nordwestterritorium
über  Winnipeg  an  diesen  Punkt  des  Oberen  Sees  führt,  wird
dann  ca.  i6  c.  per  B.  betragen,  d.  h.  ca.  3  P'r.  =  1.23  fl.
ö.  W.  per  100  Kilo.  Doch  dies  wird  erst  in  einigen  Jahren
geschehen,  wenn  diese  grosse  Wasserstrasse  zu  ihrer  practischen
  Entfaltung  gelangen  wird.
Dieser  Moment  ist  auf  der  zweiten  Concurrenzstrasse  der
alten  Getreide-Exportstrasse  Chicago  New-York,  auf  der  Mississippiroute, ­
  bereits  eingetreten,  da  sie  schon  fast  zwei  Jahre
hindurch  für  Getreideexport  offen  ist.
New-York  bezieht  das  Export-Getreide,  dessen  grösserer
Th  eil  in  Illinois,  Wisconsin,  Minnesota,  Dakota,  Nebraska  —
allenfalls  noch  Indiana  und  Ohio  —  wächst,  aus  den  Binnenland-Sammelplätzen, ­
  „collecting  points“,  Duluth,  Milwaukee
Chicago,  Toledo,  St.  Louis,  Kansas-City  entweder  direct  per
Bahn,  oder  auf  den  Seen  und  durch  den  Eriecanal  von  Buffalo
am  Eriesee  über  Albany  und  den  Hudson-River.  Jener  grosse
atlantische  Hafen  hat  also  eine  Eisenbahnzufuhr  und  eine  solche
auf  den  Seen  und  einem  Canal.  Seine  beiden  Concurrenten,
Montreal  und  New-Orleans,  haben  natürlich  auch  Eisenbahnverbindungen ­
  mit  Weizen  producirenden  Ländern,  namentlich
New-Orleans  mit  Texas,  dessen  Bevölkerung  und  Ackerbau
sich  zur  Zeit  sehr  schnell  vermehren.  Allein  beide  Städte
haben  je  eine  Thalwasserstrasse,  erstere  den  San  Lorenzo,
letztere  den  weit  grösseren  Mississippi  hinab.  Solche  Strassen,
den  Fluss  hinab,  gewähren  aber  stets  einen  billigeren  Transport,
als  Schleussencanäle,  wie  der  Eriecanal.
Auf  diesem  haben  die  Getreidebarken  zur  Zeit  noch  einen
geringen  Zoll  zu  bezahlen,  der  jedoch  nur  die  Unterhaltungskosten
des  Canals  deckt.  Die  drohende  Concurrenz  von  Montreal  und
die  schon  sehr  thatsächlich  gewordene  von  New  -  Orleans  hat
in  der  Geschäftswelt  von  New-York  grosse  Aufregung  verursacht. ­
  Man  erlangte  daselbst  im  Winter  1882/83  die  Abschaffung
der  Eriezölle,  die  Uebernahme  der  Canalunterhaltungskosten  auf
das  Budget  des  Staates  New-York  und  die  Vertiefung  und  Verbreiterung ­
  des  Canals  auf  das  Mass  des  neuen  Weilandcanals.  Die
Eisenbahncompagnien  waren  natürlich  Gegner  der  Abschaffung
der  Eriezölle,  weil  diese  sie  zu  einer  Tarifermässigung  zwingen
        <pb n="85" />
        y:

würde,  wollen  sie  nicht,  so  lange  der  Canal  eisfrei  ist,  den
Transport  an  die  Canalboote  verlieren.
Gleichzeitig  agitirt  man  in  New-York  zum  Zwecke  zweier
neuer  Canalbautcn,  welche  den  Mississippi  in  engere  \  erbindung
  mit  New-York  bringen  sollen.  Erstens  verlangt  man,
dass  der  Erie-  und  Wabash-Canal  mit  Auslage  von  24.236.000
D.,  zweitens  der  Miami-  und  Erie-Canal  um  28.557.000  D.  vertieft ­
  und  erweitert  werden.  Man  meint  aber,  dass  beide
Unternehmungen  viel  mehr,  über  150  Mill.  D.  zusammen  kosten
würden.  Für  das  Fiskaljahr  vom  i,  Juli  1882  bis  dahin  1883
hat  der  Congress  der  Union  etwas  über  19  Millionen  Dollars
für  Flussregulirungen,  Canal-  und  Hafenbauten  aus  dem  laufenden ­
  Budget  bewilligt.
\\  ährend  dies  eine  Skizze  der  neuen  Entwickelung  des  Getreidetransportes ­
  in  jenem  Theile  der  Union  ist,  welcher  östlich ­
  des  Felsengebirges  liegt  und  allerdings  den  grössten  Theil
des  nach  Europa  exportirten  Getreides  und  alle  dorthin  von
Amerika  exportirten  Producte  der  Viehzucht  liefert,  bereitet
sich  eine  Transportumwälzung  auch  für  die  an  der  Südsee
gelegenen  Theile  der  Union  vor,  nach  deren  erfolgtem  Vollzüge ­
  dieselben  für  Europa  eine  grössere  Bedeutung  gewinnen
dürften,  als  sie  dieselbe  jetzt  schon  besitzen.  Zu  unterschätzen ­
  ist  sie  nicht,  da  Californien  und  Oregon  im  Jahre  1880
ca.  IO  Mill.  Metercentner  (à  100  Kilo)  Weizen  oder  Weizenproducte
  zu  exportiren  hatten,  wovon  der  grössere  Theil  nach
Europa  ging.  Diese  Südseeländer  exportiren  pro  Kopf  ihrer
Bevölkerung  ca.  i  Tonne  Weizen,  gewiss  ein  einzig  dastehender ­
  Fall  in  der  Geschichte  der  Getreideproduction.
Um  ein  übersichtliches  Gesammtbild  des  Getreidehandels
der  Union  zu  geben,  wird  es  sich  empfehlen,  denselben  zu
schildern,  wie  er  im  Herbst  1881  war  und  wie  seine  voraussichtliche ­
  Entwickelung  in  den  nächsten  Jahren  sein  wird,  und
diese  Schilderung  im  Westen  zu  beginnen.
Der  Getreidebau  in  Californien,  Oregon  und  Washington
Territory  liefert  zwar  schon  den  beträchtlichen  Ueberschuss
von  ca.  IO  Mill.  Mtc.  für  den  Export,  ist  aber  noch  sehr
grosser  Entwickelung  fähig,  kann  verdrei-  und  verfünffacht
        <pb n="86" />
        72

werden,  wenn  gewisse  Vorbedingungen  erfüllt  werden.  Die
eine  davon  ist  billigerer  Transport!
Die  Transportkosten  in  diesen  Ländern  und  von  ihnen
Europa  sind  relativ  zu  theuer,  verglichen  mit  jenen  in  und  von
anderen  Theilen  der  Union.
Die  Flussthäler  des  Joaquim-  und  Sacramentoflusses,  des
Willamet-  und  Columbiaflusses  liefern  den  meisten  Weizen.
Die  Schiffahrt  auf  ihnen  ist  Monopol  grosser  Gesellschaften.
Die  Centralpacificbahn  -  Gesellschaft,  welcher  die  Bahn  von
Cyden  in  Utah  bis  San  Francisko,  und  südlich  davon  über
Los  Angeles,  Youma  und  Tacson  bis  Deming  in  Neu-Mexiko
gehört,  monopolisirt  alle  Bahnen  der  von  jener  Hauptlinie
durchschnittenen  Länder.
Die  Herren  Stanford,  Crocker  und  Hutchinson  beherrschen
dies  Bahnsystem  unumschränkt.  Die  Bahnen  in  Oregon  und
Washington  Territory,  sowie  die  im  Bau  begriffene  Northern
Pacific-Bahn,  welche  dies  System  über  Montana  und  Dakota
mit  Duluth  am  Oberen  See  in  Verbindung  bringen  soll,  bilden
wiederum  eine  Gruppe  für  sich,  welche  unter  der  Dictatur
eines  mächtigen  Capitalisten,  des  eingewanderten  Deutschen
Hilgard,  der  sich  aber  Villard  nennt,  steht.  Diese  grossen
Transportmonopole  schliessen  jede  Concurrenz  aus  und  halten
die  Tarife  übertrieben  hoch.  Auch  machen  sie  Differentialtarife ­
  zu  Gunsten  einiger  Grossgrundbesitzer  und  zum  Nachtheile ­
  der  kleinen  Farmer.
Seit  1879  sind  zwar  die  im  Innern  von  diesen  Ländern  für
Beförderung  nach  San  Francisko  gezahlten  Tarife  um  ca.  26
pCt.  ermässigt  worden,  allein  ich  fand,  dass  die  Eisenbahnfracht ­
  in  Nordcalifornien  und  Südcalifornien  für  Entfernungen
von  362  engl.  Meilen  1.73  Cents  per  Tonne  von  2000  Ibs.
=  9  Mtc.  und  englische  Meile,  bei  Entfernung  von  309  Meilen
1.6  c.,  bei  Entfernung  von  100  Meilen  2  c.  per  Meile,  in  der
Regel  also  U/s  —2  c.  per  Meile,  betrug.  Das  ist  mehr,  als  in
der  Union  in  der  Regel  gezahlt  wird.
Es  giebt  jetzt  in  Californien  ebenfalls  ein  Eisenbahncommissariat,
  welches  das  Recht  hat,  Maximaltarife  festzusetzen.  Im
Winter  1882/83  vernahmen  die  Commissäre  die  beiderseitigen
Transportinteressenten.  Es  fand  sich,  dass  auf  Zweigbahnen
        <pb n="87" />
        73

in  die  Gebirge  von  Nevada  hinein,  die  Transportkosten  per
Tonne  und  englische  Meile  20  c.,  per  Passagier  und  Meile
9'/a—*0  c.,  in  Californien  selbst  die  Transportkosten  per  Tonne
und  Meile  15  c.,  —  natürlich  ganz  ausnahmsweise  —  waren.
Bis  zum  Druck  dieses  Capiteis  ist  das  Maximum  für  Waarentransport
  noch  nicht  festgesetzt.  Für  Personentransport  in
1.  Klasse-Waggons  normirte  die  Commission  4  c.  per  Meile  =
6  Kreuzer  ö.  W.  per  Kilometer  als  Maximum.  Der  Durchschnittssatz ­
  ist  3  c.  per  Meile,  im  Abonnement  auf  grossen
Bahnen  des  Ostens,  wenn  man  ein  Chequebuch  nimmt,  worauf
hin  man  das  Recht  hat,  1000  Meilen  in  beliebigen  Strecken
und  Zeiten  abzufahren,  2  c.  per  englische  Meile  =  3  Kreuzer
Kilometer  _  ca.  15  Kreuzer  per  Postmeile.
Die  Schiflfsgesellschaften  besorgen  die  Fracht  von  den
tationen  des  Sacramento  und  Joaquim  River  zu  ziemlich
Tarife,  es  macht  keinen  grossen  Unterschied,
o  le  ration  etwas  näher  San  Francisko  oder  ferner  liegt.
i&amp;gt;ie  berechnen  per  Tonne  a'/.  bis  a’/,  Dollars.
m  urchschnitt  wird  man  annehmen  können,  dass  die
lösten  des  Weizentransportes  in  Californien,  Oregon  und
ashington  Territory  von  der  Farm  bis  zum  Hafen  3  Dollars
Tonne  von  2000  Ibs.  oder  von  9  Metercentner  (Mtc.),
^so  /s  D.  oder  i  Fres.  66  centimes  per  Metercentner  ausmachen.
hatsächlich  zahlen  die  entferntesten  Gegenden  bis  5  D.  Fracht
per  Tonne,  so  kostet  sie  von  Tulare  bis  San  Francisko
4  90  Dollars.
Für  Südcalifornien  ist  Aussicht,  dass  sich  diese  Transportkosten ­
  ermässigen  werden,  weil  der  von  Stanford  beerrschten
  Eisenbahncompagnie  eine  Concurrenz  entsteht.
Die  Atchinson-,  Topeka-  und  Santa-Fe-Eisenbahn  gehört
Bostoner  Capitalisten.  Sie  besitzt  eine  Eisenbahn  von  Missouri
bei  Kansas  City  über  Santa  Fé,  Albuquerque,  El  Paso  del  Norte
bis  Deming,  wo  sie  auf  das  System  Stanfords  stösst,  durch
das  sie  mit  San  Francisko  in  Verbindung  steht.  Beide  Bahnen
hadern  um  den  Antheil  am  Gewinn  für  die  Durchfuhr,  jede
sucht  sich  von  der  anderen  unabhängig  zu  machen.  Zu  dem
Ende  baut  die  Atchinson-Gesellschaft  unter  der  Firma  ,,Atlantic-Pacific“
  von  ihrer  Station  Albuquerque  aus  direct  westlich
        <pb n="88" />
        74

eine  Bahn,  welche  in  2  Jahren  fertig  sein,  nahe  Santa  Barbara
den  Stillen  Ocean  erreichen  und  von  dort  an  der  Küste  nach
San  Francisko  führen  wird.  Durch  diese  Concurrenz  hoffen
die  Farmer  dieses  Theiles  von  Californien  auf  billigere  Fracht.
Die  Standford’sche  Bahn-Gesellschaft  hat  eine  Fortsetzung  bis
New-Orleans  und  Galveston  gebaut,  um  mit  dem  Atlantischen
Ocean  durch  den  Golf  von  Mexico  in  Verbindung  zu  kommen,
ohne  der  Atchinsonbahn  etwas  vom  Verdienst  abtreten  zu
müssen.  Auf  diese  Bahn  muss  ich  noch  späterhin  eingehen.
Der  californische  Weizen  wird  jetzt  durchaus  in  Säcken,
die  jeder  ca.  135  Ibs.  fassen,  transportirt  und  gelangt  in  ihnen  auch
nach  Europa.  Der  Sack,  aus  Jute  gemacht  und  meist  fertig
von  Indien  importirt,  kostet  7—9  c.  (Cents)  =  16.8  bis  21.6
Kreuzer  ö.  W.,  das  macht  ca.  4  c.  per  Bushel  Ausgabe  für
Anschaffung  der  Säcke.  In  Oesterreich  -  Ungarn  kostet  ein
solcher  Sack  25—30  Kreuzer.
Der  in  San  Francisko  anlangende  Weizen  wird  entweder
sofort  aus  den  Waggons  durch  Menschen  in  die  Seeschiffe
getragen,  um  gleich  nach  Europa  befördert  zu  werden,  was
durchschnittlich  9  c.  per  Tonne  von  2000  Ibs.  kostet,  oder
er  wird  in  einem  Getreidemagazin  gelagert.
Das  Tragen  des  Weizens  vom  Eisenbahn  waggon  in  den
Speicher,  nachher  aus  dem  Speicher  in  das  Schiff  und  das
Recht,  einen  Monat  im  Speicher  zu  lagern,  kostet  35  c.  per
Tonne.  Das  Lagerrecht  für  jeden  angefangenen  Monat  mehr
kostet  25  c.  per  Tonne.  Wird  Lagerraum  von  einem  Landwirth
  oder  Kaufmann  für  die  ganze  Dauer  einer  Saison,  von
Juni  bis  Juni,  gemiethet,  so  kostet  der  per  Tonne  T.25  D.
Muss  Weizen  per  Achse  nach  dem  Magazin  oder  von  dort
zum  Schiffe  gefahren  werden,  so  zahlt  man  per  Tonne  50  c.
Fuhrlohn.
Liegt  Weizen  in  steinernen  Magazinen,  so  beträgt  die
Versicherungsprämie  gegen  Feuer  90  c.  per  100  Dollars  versicherten ­
  Werth  per  Jahr,  liegt  er  in  hölzernen  Magazinen,
1.25  D.
Jede  Tonne  Weizen,  welche  aus-  oder  eingeladen  wird,
zahlt  5  c.  Hafenabgabe.
        <pb n="89" />
        75

Das  Wägen  des  zu  verschiffenden  Weizens  kostet  lo  c.
per  Tonne.
Auf  den  Magazinen  wird  der  Weizen  in  3  verschiedene
Grade  sortirt,  jedoch  nicht  von  vereidigten  Inspectoren,  wie
im  Osten,  sondern  von  Arbeitern  der  Besitzer.  Diese  Arbeiter
erhalten  3  D.  Tagelohn  und  sortir  en  50—300  Tonnen  täglich. ­
  Als  Muster  dienen  ihnen  Proben,  welche  die  Aeltesten
der  Kornbörse  für  die  einzelnen  Marktgrade  jährlich  feststellen. ­

Die  Platzspesen  in  San  Francisko  sind  höher  als  im  Osten.
Im  Poitland  und  in  Wilmington,  von  wo  ebenfalls  Weizen  nach
Europa  verschifft  wird,  sind  sie  ähnlich.  Sie  lassen  keine
genaue  Durchschnittsberechnung  zu,  werden  aber  auf  ca.  50  c.
im  Durchschnitt  per  Tonne  sich  stellen,  so  dass  die  Unkosten
von  der  Farm  auf  das  Schiff  3'/^  Dollar  per  Tonne,  oder
17.50  Francs  per  9  Mtc.  =  rund  2  Francs  per  Mtc.  zu  berechnen ­
  sind.
Nun  die  Transportkosten  nach  Europa!
Aller  Weizen  von  den  californischen  und  oregonischen
Hafen  geht  in  Segelschiffen  um  Cap  Horn  nach  Europa.
Wegen  der  langen  Seereise  auf  stürmischem  Meere  bei  Cap
Hom,  muss  der  Weizen  in  Säcken  verladen  werden,  da  er  in
dem  grossen  Schiffsräume  sonst  „schiften“,  in  Bewegung  gerathen,
  und  das  Schiff  in  Gefahr  des  Umschlagens  bringen
würde.  Weil  diese  Reise  in  der  Regel  4  Monate  dauert  und
die  ganze  heisse  Zone  zwei  Mal  durchschneidet,  verdirbt  Mehl
auf  ihr  leicht,  und  kann  die  Mehlausfuhr  und  die  Verfrachtung
des  Weizens  ohne  Säcke  erst  erfolgen,  wenn  Schiffe  ihren
Weg  über  jenen  Isthmus  nehmen  können,  welcher  Nord-  und
Südamerika  verbindet.
Man  hat  von  Europa  nicht  viele  Gegenstände  nach  Californien ­
  zu  senden,  weil  der  hohe  Schutzzoll  der  Union  es  vortheilhafter
  macht,  Waaren  von  New-York  per  See  nach  San
Francisco  zu  befördern,  als  sie  auf  Getreideschiffen  billig  aus
Europa  dorthin  zu  bringen.  Desshalb  sind  Steinkohlen  fast  die
einzige  Rückfracht  der  Schiffe,  obschon  selbst  diese  75  c.  per
Tonne  Zoll  beim  Eintritt  in  die  Union  zahlen.  Die  Fracht  für
die  Tonne  Kohlen  von  England  nach  San  Francisko  beträgt
        <pb n="90" />
        76

in  der  Regel  10—12  s.  (Shillings).  In  Folge  dessen  muss  die
Fracht  für  das  Getreide  um  so  höher  sein,  da  das  Schiff  für
Hin-  und  Rückfahrt  über  4  Monate  braucht.  Sie  hat  zwischen
I  Pfd.  Sterl.  7  s.  =  27  s.  und  5  Pfd.  Sterl.  13  s.  =  113  s.  per
„lange“  Tonne  von  10  Mtc.  geschwankt,  und  kostete  im
August  1881  75  bis  82  s.  Im  letzten  Jahre  kosteten  429.256
verfrachtete  „lange“  Tonnen  1.902.682  Pfd.  Sterl.  Fracht  =
4  Pfd.  Sterl.  9  s.  per  Tonne  von  10  Mtc.  =  8.9  s.  per  Mtc.
=  11.12  Fres,  per  Mtc.  Im  Durchschnitt  der  letzten  5—6  Jahre
soll  sie  2  Pfd.  Sterl.  15  s.  =  55  s.  oder  ca.  6.9  Fres,  per  Mtc.
gekostet  haben,  hierzu  kommt  noch  die  Seeversicherung  im
Betrage  von  2  pCt.  vom  Werth,  sage  von  4  D.  per  Mtc  macht
8  c.,  so  dass  man  rund  7  Fres.  Unkosten  von  San  Francisko  bis
Europa  rechnen  kann  Die  Unkosten  der  Weizenlieferung  von
der  Farm  bis  zum  Schiffe  hatten  wir  auf  2  Fres,  per  Mtc.  im
Mittel  veranschlagt,  so  stellen  sich  denn  bis  jetzt  die  Gesammtunkosten
  per  Mtc.  von  der  californischen  Farm  bis  Europa  aut
ca.  9V3  Fres.  Im  Sommer  1881  waren  sie,  der  höheren  Seefracht ­
  wegen,  ca.  13  Fres.,  im  Jahre  1882  aber  weit  niedriger.
Die  Productionskosten,  dies  sei  hier  nebenbei  bemerkt,  dürfen
höchstens  mit  50  c.  per  Bushels  oder  9.25  Fres,  per  Mtc.  veranschlagt ­
  werden,  so  dass  also  im  Allgemeinen  der  Mtc.
Weizen  für  18Y2,  1881  für  22  Fres,  in  einen  continentalen  Hafen
geliefert  werden  kann  —  freilich  ohne  Geschäftsgewinn  für
den  Getreidehändler  !
Man  hofft  aber,  dass  der  Transport  des  Weizens  nach
Europa  bald  billiger  werden  wird,  wie  ich  das  schon  in  einem
früheren  Capitel  angedeutet  habe,  hier  aber  der  besseren  Uebersicht
  wegen  wiederhole.
Erstens  hofft  man  auf  die  Herstellung  irgend  einer  für
Seeschiffe  practicablen  Verbindung  zwischen  dem  Stillen  Meere
und  dem  Golf  von  Mexiko,  wobei  ich  bemerken  will,  dass  im
V.  J.  die  Kaufmannschaft  von  San  Francisko  eine  Commission
zur  Begutachtung  der  verschiedenen  diesbezüglichen  Projecte
einsetzte  und  diese  sich  sehr  entschieden  gegen  den  Lesseps’schen
Canal  über  Panama  erklärte,  aus  Gründen,  welche  ich  schon
früher  entwickelt  habe,  namentlich,  weil  Segelschiffe  ihn  in  der
Regel  nicht  würden  erreichen  können.  Man  ist  dort  in  erster
        <pb n="91" />
        77

Linie  für  die  Lads’sche  Schiffseisenbahn  über  die  Landenge
von  Theuantepek,  in  zweiter  Linie  für  den  von  General  Grant
geplanten  Canal  durch  Nicaragua  eingenommen.  Welches
Project  auch  verwirklicht  werde,  man  hofft  dadurch  die  jetzt
im  Mittel  120  Tage  dauernde  Reise  von  San  Francisko  nach
Europa  für  Segelschiffe  auf  6o  und  fur  Dampfschiffe  auf  30
Tage  zu  ermässigen,  wodurch  nicht  nur  die  Fracht  per
Tonne  erheblich  sinken,  sondern  auch  der  Export  von  Weizen
m  Form  von  Mehl  ermöglicht  werden  würde,  Weizen  könnte
ferner  d.  Eungesackt,  verschifft  werden.  Kaufleute,
welche  ^eme  Sanguiniker  sind,  rechnen,  dass  man  dann  die
Tonne  Weizen  wird  für  30  s.,  den  Mtc.  für  3.75  Fres.,  werde
nach  Europa  senden  können.  Wenn  Weizen  in  Mehl  verwandelt
Strasse  den  M  ^^^^tig  werden  sollte,  da  diese
macht  ^  transport  durch  Dampfer  entschieden  möglich

s  sin  aber  noch  zwei  andere  Projecte  in  der  Ausführung
"eiche  den  Transport  von  Weizen  und  Mehl  von
wi  j'Europa  billiger  machen  und  schon  i.  J.  1883
dem  ^^’11  Erst/ins  die  Bahn  von  Albuquerque  nach
Missou  Verbindung  der  Südsee  mit  dem
Hahn  '  ^tisas  City  dürfte  ca.  1600  Meilen  lang  auf  dieser
am^r't^^  "  T  onne  Kohlen  zu  4  V2  D.  gerechnet,  berechnen
von  ^  Eisenbahnleute,  dass  man  Getreide  per  Tonne
=  9  Mtc.  in  Waggonladungen  und  ganzen
ac  tzugen  auf  mindestens  1000  Meilen  langen  Entfernungen
1000  engl.  Meilen,  oder  für  46  c.  per  100
ei  en  transportiren  könne,  das  würde  von  Südcalifomien  bis
um  issouri  7.36  D.  machen,  Ueberladen  hier  ca.  25  c.  Fracht
luss  hinunter  bis  New  Orleans,  etwa  doppelt  so  viel  als
'^on  St.  Louis  bis  New-Orleans,  wo  jetzt  der  Bushel  von  60  Ibs.
^  M  macht  3.33  D.,  zusammen  ca.  11  D.  per  Tonne  à
9  tc.  —  1.22  D.  oder  6.10  Fres,  per  Mtc.  Von  hier  kostet
T  onne  etwa  2.33  D.  Fracht  nach  Europa,  so  dass  also.
        <pb n="92" />
        78

mit  Hafen-  und  anderen  Spesen,  Weizen  auf  diesem  Wege  zu
14  D.  per  Tonne,  oder  zu  8  Fres,  per  Mtc.  nach  Europa  zu
schaffen  wäre,  d.  h,  noch  etwas  theurer,  als  jetzt  von  San
Francisko.  Allein  da  diese  Bahn  den  fruchtbarsten  Theil  von
Südcalifornien  schneidet,  so  würde  die  Fracht  von  hier  nach
San  Fancisko,  mit  4—5  D.  per  Tonne  erspart  und  dieser
Weg  für  südcalifornischen  Weizen,  also  immerhin  billiger  sein.
Während  die  Bostoner  Capitalisten  sich  auf  diesem  Wege
eine  Verbindung  mit  dem  an  Ackerbauproducten  so  ergiebigen
Südcalifornien  eröffnen,  suchen  die  Herren  Stanford  und  Genossen, ­
  wie  schon  gesagt,  ihr  Bahnsystem,  das  schon  bis
Deming  in  Neu  -  Mexiko  reicht,  von  dem  Punkte  El  Paso  del
Norte  aus  mit  Galveston  und  New-Orleans  in  Verbindung  zu
bringen.  Diese  Bahn  ist  im  Sommer  1882  vollendet  worden.
\  San  Francisko  bis  New-Orleans  soll  die  Distance  auf  dieser
Linie  2500  Meilen  sein  und  will  die  Gesellschaft  Weizen  auf
dieser  Strecke,  in  vollen  Wagenladungen  und  durchgehenden
Zügen,  ungesackt,  für  10  D.  per  Tonne  befördern.  Sie
beabsichtigt,  grosse  Dampfer  von  10—20.000  Tonnen  zu
bauen,  welche  im  Innern  Wände  haben,  durch  die  das
„Schiften“  des  Getreides  verhindert  wird.  Diese  sollen  das
Getreide,  welches  von  Californien  nach  New-Orleans  gelangt,
aufnehmen  und  nach  Europa  befördern.  Sie  versprechen,  Getreide ­
  von  San  Francisko  und  jedem  Punkte  südlich  davon,
für  12  D.  per  Tonne  von  9  Mtc.  oder  für  6.66  Fres,  per  Mtc.'
nach  Europa  zu  befördern,  während  jetzt  Binnenland-  und  Seefracht, ­
  wie  oben  nachgewiesen,  9—13  Fres,  kosten.  Wie  weit
sich  diese  Hoffnung  realisiren  wird,  steht  allerdings  dahin.
Im  Herbst  1882  waren  Agenten  dieser  Eisenbahngesellschaft
in  England,  um  Contracte  mit  Rhedern  für  eine  regelmässige ­
  neue  Dampferlinie  von  New-Orleans  nach  Europa  abzuschliessen.

Die  Dampfer  sollen  als  Rückfracht  nach  Amerika  Einwanderer ­
  aufnehmen.  Im  Winter  1882/83  kostete  die  Deckpassage ­
  von  Bremen  oder  Hamburg  nach  New-Orleans  160  M.
per  Kopf.  Man  hofft  in  New-Orleans  sie  auf  140  M.  im
Sommer  1883  hinabzubringen  und  von  hier  Einwanderer  zu
billigem  Specialtarif  nach  Californien  zu  befördern.
        <pb n="93" />
        79

Endlich  wird  im  Norden  noch  die  Nordpacific-Bahn  gebaut
und  dürfte  i.  J.  1883  vollendet  sein.  Sie  wird  Oregon  mit
Duluth  am  Oberen  See  verbinden  und  das  Getreide  wird  von
Oregon  und  Washington  territory  einen  kürzeren  Eisenbahnweg ­
  bis  zum  Oberen  See  zurückzulegcn  haben,  als  auf  der
Atlantic-Pacific-Eisenbahn  von  Südcalifornien  nach  dem  Missouri
oder  nach  dem  Golf  von  Mexiko.  Jedenfalls  steht  es  fest,
dass  der  Getreidetransport  aus  den  Staaten  am  Stillen  Ocean,
welcher  bisher  nur  auf  Segelschiffen  um  Cap  Horn  herum
erfolgen  konnte,  in  den  nächsten  5  Jahren  eine  Reihe  anderer
Wege  eröffnet  sehen  wird,  deren  jeder  aus  irgend  einem
1  heile  dieses  Landes  die  Kosten  der  Getreidebeförderung  vermm^rn
  wirck  Aehnliches  1st  für  fast  alle  Staaten  im  Osten
er  Felsengebirge  schon  geschehen,  aber  in  Californien  blieben
.  ^  rans^rt  'osten  fast  stabil.  Der  Fall  der  Transportkosten
^  haben,  dass  californischer  Weizen  oder  solches
,  T,,  !  Europa  verkauft  wird,  oder  dass  der  Preis
und  Californien,  und  damit  der  Werth  des  Landes
1  .  ,  .  ^^^(^rente  daselbst  steigt,  oder  dass  beide  Fälle
g  eic  zeitig,  wenn  auch  in  mässigerem  Grade,  eintreten.  Auf
^einen  Fall  aber  haben  wir  in  Europa  theureres  Getreide  aus
a  1  ornien  zu  erwarten,  eher  billigeres.  Im  Sommer  1882  ist  in
inneapolis  bereits  californischer  Weizen  vermahlen  worden,
g  pacificisçhen  Küste  wenden  wir  jetzt  unser
^  der  amerikanischen  Weizenproductions-  und  Transportverhältnisse ­
  dem  grösseren  Gebiete  der  Union  östlich  des
relsengebirges  zu.

-  ^  Gizenernte  der  ganzen  Union  betrug  1850  =  100,
^  °  —  *73»  1870  =  235,  1875  =  292,  1880  =  480  Mill.  B.
p  2  wurde  sie  auf  525  Mill.  B.  geschätzt.  Nimmt  man  den
onsum  im  Durchschnitt  auf  3%  B.  per  Kopf  an,  so  sieht  man,
ass  im  Jahre  1850  der  Bedarf  kaum  gedeckt  wird,  da  dies
ur  damals  23  Mill.  Einwohner  126  Mill.  B.  machen  würde,
^ie  Ausfuhr  beträgt  in  jenem  Jahre  nur  3  Mill.  B.  Im  Jahre
i860  hatte  die  Union  31  Mill.  Einwohner,  die  173  Mill.  B.
,  consumiren  sollen,  gerade  soviel,  als  producirt  wurde,
indess  exportirte  man  schon  8  Mill.  B.,  ein  Beweis,  dass  man
vor  i860  noch  nicht  5V2  B.  per  Kopf  consumirte.  Die
        <pb n="94" />
        8o

Bevölkerung  des  Jahres  1870  betrug  38Va  Mill.,  welche  zu
5  Va  per  Kopf  213  Mill.  B.  hätten  consumiren  sollen.  Da
aber  schon  35  Mill.  B.  ausgeführt  wurden,  so  hat  man  auch
damals  noch  weniger  consumirt.  Sehr  bedeutend  ist  die
Ausfuhr  aber  immer  noch  nicht.  Sie  verdoppelt  sich  in
den  nächsten  5  Jahren  und  erreicht  im  Jahre  1875  schon
70  Mill.  B.  bei  einer  Ernte  von  292  Mill.  B.  Von  hier  ab
beginnt  nun  die  unverhältnissmässig  rasche  Vermehrung  der
Production,  die  in  5  Jahren  fast  um  200  Mill.  B.  steigt.  Obschon ­
  die  Bevölkerung  sich  auch  rasch  vermehrt  und  50  Mill,
i.  J.  1880  erreicht,  kann  ihr  Consum  hiermit  nicht  Schritt
halten.  Zu  5V2  B.  per  Kopf  würde  er  275  Mill.  B.  betragen
und  205  Mill  B.  zum  Export  übrig  gelassen  haben.  Im  Jahre
1881  wurden  an  Weizen  —  das  exportirte  Mehl  in  Weizen
umgerechnet  —  aber  nur  179  Mill.  B.  exportirt,  aber  es  ist
auch  bekannt,  dass  am  Jahresschluss,  30.  Juni  1881,  noch
grosse  Quantitäten  Getreide  im  Lande  vorhanden  waren.  Erst
seit  dem  Jahre  1878  beginnt  dieser  grossartige  Export.  Im  Jahre
1875  hatte  er  70  Mill.  B.  betragen,  im  Jahre  1878  exportirte  man
72  Mill.  B.  Weizen  und  3.9  Mill.  Barrels  Mehl  (1  B.  Mehl  =
126  Ibs.,  gleichwerth  960  Ibs.  =  4V3  B.  Weizen).  Im  Jahre  1879
stieg  der  Export  auf  122  Mill.  B.  Weizen  und  3.6'Mill.  B.  Mehl,
im  Jahre  1880  auf  153  Mill.  B.  Weizen  und  6  Mill.  B.  Mehl  =
179  Mill.  B.  Weizen  zusammen.  Von  der  Ernte  des  Jahres
1881/82  werden  für  54  Mill.  Einwohner  ca.  300  Mill.  B.  consumirt,
also  ca.  225  Mill.  B.  zum  Export  übrig  bleiben.  Von  dem
Export  ging  fast  alles  Mehl  über  die  Häfen  östlich  des  Felsengebirges, ­
  und  vom  Weizen  denselben  Weg  i.  J.  1878  =  92,
1879  =  127,  1880  =  121  Mill.  B.  Im  letzten  Jahre  kam  also
Vs  des  Total  Weizenexportes  aus  Californien  und  Oregon,  Vs
aus  den  Oststaaten.  Es  sei  bemerkt,  dass  man  den  Weizenbedarf ­
  Englands  auf  124  Mill.  B.  jährlich  veranschlagt.  Die
östlich  des  Felsengebirges  gelegenen  Staaten
Amerikas  können  allein  diesen  Bedarf  decken.  Im
Jahre  1880  lieferten  sie  121.8  Mill.  B.  Weizen  und  6.5  Mill.
Barrels  Mehl  =  28  B.  Weizen,  zusammen  also  149.8  Mill.
Bushels  Weizen  oder  dessen  Mehläquivalent,  ca.  26  Mil).  B.  mehr,
als  England  bedurfte.  Wo  wachsen  diese  rund  150  Mill.  B.
        <pb n="95" />
        Y

8i

Weizen,  welche  der  östlich  der  Felsengebirge  gelegene  Theil
Amerikas  hauptsächlich  producirt?
Die  summarische  Uebersicht  der  Weizenproduction  in  je
looo  Bushels  und  Bevölkerung  wird  dies  leicht  ergeben:

Staat

Bevölk
1880
1000  Seelen

îrung
Zunahme
in  pCt.  seit
1870

Weizenpr
100(
Im  Jahre
1876

oduction
)B.
Im  Jahre
1880

I.  Alte  Industriestaaten. ­

Connecticut
Delaware
Maine
Maryland
Massachussetts
N.  Hampshire
N.  Jersey
N.  York  ....
Pennsylvania  .  .  .
Rhode  Island  .  .  .
Vermont  ....

622
146
648
934
1783
346
1.130
5.083
4.282
276
332

16
17
4
20
22
9
25
16
22
27
1

35
920
296
6.000
17
192
2.176
9.750
18.740
0
421

43
1.369
383
7-485
15
204
2.473
12.931
22.299
0
520

Sa.
II.  Südstaaten.
Virginia  ....
N.  Carolina
S.  Carolina  ....
Georgia
Florida  ....
Alibama  ....
Mississippi  .  .  .
Louisiana  .
Texas  .  .
Arkansas.  .
Tennessee  .
West  Virginia
Kentucky  .

15.582
1.512
I  400
995
1-539
267
1.162
1.131
940
1.592
802
1.542
618
1.648

23
3'
41
30
44
27
37
29
94
66
23
40
25

38.547
7-875
3.000
850
2.840
0
1.140
325
0
4.750
1.400
11.260
3  377
8.237

47-722
9-322
3478
690
2.582
0
946
374
0
3-901
1.167
9-309
4.651
5-347

Sa.
III.  West-  u.  Mittel-Staaten.

Ohio  ....
Michigan
Indiana  .  .  .
Illinois  .  .
Wisconsin
Minnesota
Iowa
Missouri
Kansas
Nebraska
Territorien  (Dacota,  Coloradial)


15.148
3.198
1.636
1.978
3.078
1315
780
1.624
2.168
995
452
ca.  250

20
38
18
21
25
78
36
26
173
268
400—800

45-054
21.750
15.170
20.000
23  400
16.800
16.000
17.600
15.240
16.510
4330
3850

41-767
37.792
30.705
38  34:
53767
16.464
40.752
36.098
30.688
19.850
10.208
18.005

Sa.

17.474

170.650  1  332.670

G
        <pb n="96" />
        82

Diese  Tabelle  ergiebt  fiir  die  alten  Industriestaaten  der
Union  eine  Vermehrung  der  Weizenproduction  in  5  Jahren  um
ca.  23  pCt.,  bei  den  Südstaaten  eine  Verminderung  um  ca.
7  pCt.,  bei  beiden  Gruppen  zusammen  83  Mill.  B.  in  1876  und
89  Mill.  B.  in  1880,  eine  Vermehrung  um  ca.  7  pCt.,  für  die
West-  und  Mittelstaaten  aber  eine  Vermehrung  um  95  pCt.!
In  den  alten  Industriestaaten  kommen  1880  auf  den  Kopf
der  Bevölkerung  3  B.  Production,  in  den  Südstaaten  2.7  B.,
in  den  Mittel-  und  Weststaaten  19  Bushel.
Der  Consum  erfordert  in  den  Südstaaten  etwa  5  B.  pro
Kopf,  Summa  75  Mill.  B.,  in  den  alten  Industriestaaten  etwa
6  B.,  Summa  93  Mill.  B.,  in  den  Mittel-  und  Weststaaten  ca.  ó'/j
B.  pro  Kopf,  Summa  113  Mill.  B.  Die  Südstaaten  haben  also
ein  Deficit  von  34,  die  Industriestaaten  von  46,  beide  von  70
Mill.  B.,  die  West-  und  Mittelstaaten  einen  Ueberschuss  von
119  Mill.  B.  Für  eine  bestimmte  Gruppe  der  letzteren  ist,
wie  ich  weiterhin  nachweisen  werde,  der  Ueberschuss  bedeutend ­
  grösser.
Von  den  Industriestaaten  treiben  nur  New-York  und  Pennsylvanien
  Weizenbau  in  grossem  Maase  und  seit  Hunderten
von  Jahren.
Ich  komme  später  noch  einmal  auf  den  Trost  europäischer
Freihändler  zurück,  der  „Raubbau“  erschöpfe  den  Boden  in
Amerika  und  die  Production  an  Weizen  nehme  in  allen
Staaten  ab.  Wenn  dies  wahr  wäre,  müsste  die  Weizenproduction ­
  jener  beiden  Staaten  zurückgegangen  sein,  da  dort  das
System  der  amerikanischen  Landwirthschaft  schon  seit  Jahrhunderten ­
  wirkt,  also  diese  Consequenz  darin  am  ersichtlichsten ­
  sein  müsste,  allein  sie  hat  in  5  Jahren  um  7  Mill.  B.
oder  25  pCt.  zugenommen.  Dasselbe  ist  für  die  älter  bebauten ­
  Mittelstaaten,  Ohio,  Illinois  und  Indiana  ersichtlich.
Dieser  Trost  der  Freihändler  ist  also  werthlos.
Von  den  Südstaaten  darf  man  aus  Texas  in  wenigen
Jahren  eine  sehr  erhebliche  Productionssteigerung  an  Weizen
erwarten.  Dieses  Land  wird  jetzt  erst  durch  Eisenbahn-  und
Hafenbauten  in  die  Lage  gebracht,  Weizen  mit  Vortheil  zu
produciren.  Mit  New-Orleans  steht  es  erst  seit  Jahresfrist  in
directer  Bahnverbindung  und  der  Hafen  von  Galveston  wird
        <pb n="97" />
        83

erst  in  2  Jahren  für  grosse  Seeschiffe  zugänglich.  Es  ist  aber
sehr  billiges  Land,  das  Weizen  in  grossen  Massen,  vielleicht
mehr  als  100  Mill.  B.,  produciren  kann,  in  Fülle  vorhanden,
und  die  Einwanderung  von  Farmern  nimmt  grosse  Dimensionen ­
  an.
Ich  wende  mich  jetzt  jenen  Mittel-  und  Weststaaten  zu,
welche  heute  den  Exportweizen  der  Staaten  östlich  vom
Felsengebirge  liefern!
Wir  nehmen  die  Ernte  von  1880  als  Grundlage  an,  berechnen ­
  für  jeden  Acre  2  B.  Aussaat  und  für  jeden  Einwohner ­
  jedes  Weizen  exportirenden  Einzelstaates  der  Union
6  B.  Weizenconsum  ;  ziehen  dies  von  der  Ernte  des  Staates  ab
und  erhalten  nun  aus  den  Staaten  westlich  des  Mississippi ­
  als  Exportweizen  aus  Minnesota  30  Mill.  B.,  aus
Nebraska  5  Mill.  B.,  aus  Kansas  10  Mill.  B.,  aus  Jowa
21  Mill.  B.,  aus  Missouri  13  Mill.  B.,  Summa  79  Mill.  B.,
.  .  über  die  Hälfte  dessen,  was  alle  Staaten  östlich  des
Felsengebirges  exportirten.
Ueber  die  Hälfte  des  Exportweizens  dieser  Oststaaten
wächst  also  westlich  vom  Mississippi,  und  da  hier  allein  noch  sehr
viel  unangebautes  Land  existirt,  so  fällt  der  Schwerpunkt  der
Exportmasse  mit  jedem  Jahre  weiter  in  diese,  vom  Atlantischen ­
  Ocean  um  1100  bis  1400  Meilen  an  ihrer  Ostgrenze
entfernten  Theil,  denn  JVew-York  ist  über  Chicago  von  St.
Paul  am  Mississippi  1380,  von  Davenport  1200  und  von  St.
ouis  um  1065  Meilen  entfernt.  Ein  guter  Theil  des  Exportgetreides ­
  wächst  aber  westlich  des  Missouri,  an  dem  Sioux  City,
Omaha  und  Kansas  City,  die  Sammelplätze  sind.  Omaha  ist  1460
Meilen,  Kansas  City  1342  Meilen  von  New-York  entfernt.  Die
Länder  hinter  den  Flüssen  Mississippi  und  Missouri  bilden  die
erste  Exportgruppe.  —
Nun  folgt  eine  Gruppe  von  Staaten,  welche  schon  länger
als  ein  Jahrzehnt  bedeutend  für  den  Export  lieferten  und  die
noch  sehr  erheblich  dazu  beitragen,  nämlich  i)  Wisconsin
4  Mill.  B.,  2)  Michigan  17  Mill.  B.,  3)  Illinois  29  Mill.  B.,
4)  Indiana  22  Mill.  B.,  5)  Ohio  14  Mill.  B.,  Summa  86  Mill.
E.  Diese  beiden  Gruppen  haben  einen  Ueberschuss  von  165
-Mill.  B.,  d.  h.  15  Mill.  B.  mehr,  als  dieser  Theil
6*
        <pb n="98" />
        -  ■  '  ■.  -  -.....,

84

der  Union  überhaupt  exportirt.  Diese  15  Mill.
B.  werden  in  den  Fabrikstaaten  der  Union,  namentlich  in  den
Neuenglandstaaten,  consumirt,  so  auch  der  Ertrag,  den  neuerdings ­
  Dakota  auf  den  östlichen  Markt  liefert.  Pennsylvanien
ist  nunmehr  noch  sich  selbst  genug.
Fast  alles  Getreide,  welches  dieser  Theil  der  Union
exportirt,  kommt  aus  dem  Gebiet,  das  man  als  das  Stromgebiet ­
  des  oberen  Mississippi  und  seiner
Nebenflüsse  vom  Ohio  östlich  bis  zum  Arkansas  westlich ­
  bezeichnen  kann.  Da  der  Mississippi  vom  nördlichsten
Theile  dieses  Productionsgebietes,  von  St.  Paul  in  Minnesota
aus,  der  Missouri  von  Sioux  City  aus  und  der  Ohio  auf  seinem
ganzen  Laufe  durch  dieses  Gebiet  einen  Theil  des  Jahres,  der
Hauptfluss  von  Cairo  ab  das  ganze  Jahr  hindurch,  schiffbar
sind,  so  ist  es  natürlich,  dass  das  aus  diesem  Stromgebiet
stammende,  für  den  Export  nach  dem  Auslande  verfügbare
Weizenquantum  von  150  Mill.  R.  seine  natürlichste  Abfuhrstrasse ­
  den  Mississippi  und  seine  Nebenflüsse  hinab  finden
sollte.  Dass  dies  jetzt  zu  geschehen  anfängt,  ist  das  gewaltige ­
  E  r  e  i  g  n  i  s  s  unserer  Tage  und  muss  auf
die  Preisbildung  des  Getreides  in  der  Welt  von  massgebender
Bedeutung  sein!
Bis  zum  Jahre  1877  wurde  diese  natürliche  Abfuhrstrasse
gar  nicht  benutzt,  weil  die  Mündung  des  Mississippi  nur  14—17'
Tiefe  hatte  und  selbst  diese  massige  Tiefe  durch  Versanden
oft  verringert  wurde.
Alles  Getreide  aus  jenem  Productionsgebiete  ging  also
über  die  atlantischen  Häfen  von  Quebeck,  Portland,  Boston,
New-York,  Baltimore  und  Philadelphia  nach  Europa  und  hatte
dabei  einen  Eisenbahnweg  von  1000  bis  1500  engl.  Meilen  in
Amerika  zurück  zu  legen,  soweit  es  nicht  über  die  5  grossen
Seen  und  den  Eriecanal  nach  New-York,  oder  über  den
Wellandcanal  und  den  Lorenzostrom  nach  Kingston  oder
Montreal  befördert  wurde.
Dieser  Weg  muss  immer  kostspieliger  sein  als  ein  gleich
langer  Weg  einen  Fluss  hinab;  er  war  es  aber  unverhältnissmässig,
  weil  die  Eisenbahnen  sich  coalirten,  cartellirten,
„poolten“,  wie  man  in  Amerika  sagt,  und  die  Tarife,  beson-
        <pb n="99" />
        85

d  ers  im  Winter,  wenn  die  Seen  und  der  Eriecanal  gefroren
waren,  beliebig  hoch  stellten.
Um  diesem  Uebelstand  zu  berathen,  setzte  der  Senat  der
Union  eine  Commission  ein,  welche  1872  ihren  Bericht  erstattete ­
  und  die  Entwickelung  der  Wasserstrassen  der  Union
empfahl,  weil  Wasserstrassen-Concurrenz  die  Eisenbahntarife
am  erfolgreichsten  niederdrücke.  Seit  jenem  Jahre  begannen
auch  einige  Einzelstaaten  die  Localtarife  durch  Gesetze  zu  beschränken. ­
  Die  Unionsregierung  warf  eine  Summe  aus,  zunächst ­
  zur  Verbesserung  der  Mississippistrasse.
Seit  dem  Jahre  1875  arbeitete  der  berühmte  Ingenieur,
Capitän  Eads,  an  einer  Vertiefung  der  Mündung  des  Mississippi ­
  durch  ein  System  von  „Jetties“,  d.  h.  Steinwällen,  welche
den  Stromlauf  bei  der  Mündung  einengen,  wodurch  das  Wasser
gezwungen  wird,  den  Sand  des  Bettes  in’s  Meer  zu  schwemmen
und  so  den  Flusslauf  zu  vertiefen.  Jahr  für  Jahr  wurde  nun
die  Mündung  des  Flusses  tiefer,  und  im  Juli  1879  war  die  erstrebte ­
  Maximaltiefe  von  30  Fuss  erreicht.
Nun  können  grosse  Seeschiffe  regelmässig  in  den  Fluss
einlaufen  und  bis  zu  dem  100  Meilen  oberhalb  gelegenen
New-Orleans  gelangen,  nun  konnte  der  Export  von  Weizen
über  New-Orleans  beginnen,  und  das  geschah,  denn  es  wurden
über  New-Orleans  exportirt  i.  J.  1877  =  2.741.000  B.  Mais
und  105.000  B.  Weizen,  i.  J.  1878  =  6.036.000  B.  Mais  und
845.000  B.  Weizen,  i.  ^J.  1879  =  3.598.000  B.  Mais  und
t.901.000  B.  Weizen,  i.  J.  1880  =  5.254.000  B.  Mais  und
8.421.000  B.  Weizen,  im  ersten  Halbjahre,  vom  1.  Januar  bis
I.  Juli  1881  exportirte  New-Orleans  3.293.000  B.  Weizen  gegen
I•497*000  in  derselben  Zeit  des  Jahres  1880.  New-York
exportirte  gleichzeitig  in  1881  =  21.5  Mill.  B.  und  1880  —
27.4  Mill.  R.  Der  Einfluss  der  neuen  Strasse  ist  sichtbar:  der
Export  auf  ihr  wächst,  auf  der  hauptsächlichsten  alten  Strasse
nimmt  er  ab.  Denn  New-York  exportirte  allein  ca.  die  Hälfte
allen  Weizens  aus  diesem  Theile  der  Union,  nämlich  61  Mill.
i.  J.  1880,  Boston  3.4  Mill.  B.,  Philadelphia  12.  i  Mill  B.,
Baltimore  33  Mill.  B.,  Portland  i.i  Mill.  B.,  Montreal  8.2  Mill.  B.
St.  Louis  ist  der  natürliche  Sammelplatz  für  jenes  Getreide,
das  über  New-Orleans  nach  Europa  exportirt  werden  soll.
        <pb n="100" />
        86

Diese  Stadt  hat  zwei  Eigenthümlichkeiten  im  Getreidehandel,
von  ihr  wird  fast  nur  Winterweizen  exportirt,  und  die  Grade
von  St.  Louis  sind  höher,  als  von  den  anderen  Städten.
Winterweizen  wächst  in  Kansas,  Missouri,  Kentucky,  Indiana,
Illinois  und  in  einigen  geschützten  Thälern  von  Wiskonsin,
Minnesota,  Jowa  und  Nebraska.
Für  diesen  Winterweizen  ist  St.  Louis  der  natürliche
Sammelpunkt.  Später  wird  Sommerweizen  aus  Dakota  und
Minnesota  vielleicht  auch  theilweise  hierher  geschifft  werden.
Der  Weizen  von  Kansas  ist  von  geringer  Qualität  und  wird
meist  von  Kansas  City  nach  Toledo  und  Buffalo  geschickt,
um  hier  mit  schwererem  Weizen  gemischt  zu  werden.  Die
Gradirung  des  Weizens  in  Kansas  City  und  Omaha  wird  von
der  Börse  in  St.  Louis  nicht  anerkannt  und  wird  Kansas  City
Weizen  No.  i  oft  in  St.  Louis  in  Weizen  No.  2  degradirt.
Die  Gradirung  von  St.  Louis  steht  so  hoch,  dass  sie  in
England  anerkannt  wird.  Man  verkauft  von  St.  Louis  nach
Liverpool  nur  nach  Graden,  von  New-York  zuweilen  nur;  die
grossen  New  -  Yorker  Exporteure  verkaufen  nach  England
nicht  selten  auf  Grund  eigener  Grade  oder  auch  noch  nach
Mustern,  Sommerweizen  wird  meist  nach  Gewicht,  Winterweizen ­
  mehr  nach  dem  Aussehen  gradirt.  Man  gradirt  in
New-York  seit  Mitte  der  50er  Jahre,  in  St.  Louis  seit  1864.
Das  Getreide  wird  den  Farmern  von  kleinen,  in  den
Staaten  angesiedelten  Händlern  abgekauft,  die  es,  je  nach  den
Marktberichten,  nach  Kansas  City,  Omaha,  St.  Paul,  St.  Louis,
Toledo,  Detroit,  Buffalo,  Chicago  und  Milwaukee  senden,  wo
ihre  Commissionäre  den  Weizen  verkaufen.  Von  diesen
Collectionspunkten  wird  der  Weizen  dann  in  die  einzelnen
Häfen  versendet.
St.  Louis  ist  ein  Umladepunkt  für  Weizen,  der  den
Mississippi  und  seine  Nebenflüsse  hinabkommen  wird  —  denn
bis  jetzt  werden  diese  wichtigen  Strassen  fast  noch  nicht  benutzt ­
  und  fast  aller  Weizen  per  Bahn  nach  St.  Louis  geführt.
Später  wird  man  Getreide  in  kleinen  Barken  nach  St.  Louis
bringen,  es  hier  in  grössere  einladen,  mit  ca.  Va  c.  Unkosten
per  B.,  und  dann  nach  New-Orleans  transportiren.  Kleinere
Barken  können  während  5  Monaten  im  Jahre  von  St.  Paul
        <pb n="101" />
        87

nach  St.  Louis  fahren.  Unterhalb  Cairo  ist  die  Flussfahrt  auf
dem  Mississippi  das  ganze  Jahr  hindurch  offen.  Hochwasser
hat  man  von  Februar  bis  Juni  und  in  einem  Wintermonate.
Bei  niedrigem  Wasserstande  sinkt  das  Wasser  bis  auf  4  Fuss
Tiefe.  Diese  ungeheuer  langen  Wasserwege,  auf  denen  das
Getreide  zukünftig  leicht  thalab  gleiten  wird,  werden  jetzt  alle
regulirt  werden.
Natürlich  ist  der  Getreideexport  über  New  Orleans  noch
in  der  Kindheit.  Eine  neue  Strasse  hat  weder  die  nöthigen
Einrichtungen  noch  das  nöthige  Capital  für  den  Handel,  der
sich  erst  langsam  von  der  alten  Strasse  fortzieht.  Erst  allmählich ­
  werden  diese  Einrichtungen  geschaffen  und  zieht  sich
das  Capital  nach  der  neuen  Handelsstadt.  Dies  geschieht  in
Amerika  aber  schneller  als  in  Europa,  und  wie  ich  nachweisen
muss,  ist  es  zum  guten  Theile  in  New-Orleans  schon  im
Werden.

Die  Eröffnung  einer  neuen  Handelsstrasse  hat  ganz  allgemein ­
  aber  sofort  einen  anderen  Einfluss,  und  den  hat  sie
auch  in  Amerika  geübt.  Sie  ermässigt  die  Transportkosten ­
  auf  der  alten  Strasse.
Für  die  alte  Strasse  waren  Milwaukee  nnd  Chicago  die
Hauptsammelplätze  des  Exportweizens,  der  von  diesen  beiden
Städten,  und  in  den  letzten  Jahren  auch  von  Duluth,  nach  den
atlantischen  Häfen,  theils  zu  Wasser,  theils  zu  Lande,  gesendet
wurde.  Im  nächsten  Jahre  kommt  Fort  William  an  der
Thunder  Bay  im  Oberen  See  hinzu,  wohin  über  Winnipeg  der
Fxportweizen  Manitoba’s  und  von  Nordwest-Canada  gebracht
werden  wird.  Die  Bahn  Winnipeg  -  Fort  William  wird  im
nächsten  Sommer  in  Betrieb  gesetzt  werden.  Es  wurden  über
jene  Häfen  an  dem  Atlantischen  Ocean  exportirt,  und  davon

in  jenen  3  Städten  an  den  Binnenlandseen  gesammelt:
I  i87.S|i876|i877li878|i879  1880
Exportirt  Uber  Atlantische  Häfen  Mill.  B.  |  39  35  35  9^  j  *2?  *49
Gesammelt  in  Duluth,  Milwaukee  und  Chicago  |  47  3^  34  3^  i  49  5°

Von  diesen  Plätzen  musste  das  Getreide  noch  ca.  1000

Meilen  bis  zur  Seeküste  transportirt  werden.
Der  Tarif  von  Chicago  war  auch  für  die  anderen  beiden
Städte  massgebend,  da  sie  mit  Chicago  concurriren  mussten
        <pb n="102" />
        88

Die  Eisenbahnen,  welche  Getreide  von  Chicago  nach  dem
Osten  befördern,  hatten  schon  immer  im  Sommer  die  Concurrenz
  einer  Wassertransportstrasse  zu  bestehen.  Im  Sommer
wurde  Getreide  bis  Buffalo  auf  Seeschiffen  und  von  dort  in
Booten  auf  dem  Eriecanal  oder  zur  Bahn  nach  New  York  befördert, ­
  einiges  ging  auch  durch  den  Eriecanal,  anderes  nach
Kingston  am  Lorenzoflusse.  Die  Frachten  waren  noch  vor
IO  Jahren  enorm.

Eisenbahnfracht  von  Chicago  nach  New-York  betrug  pro

1868

1869

1870

1871

100  Ibs.  durchschnittlich  Cents
Bushel  von  60  Ibs.

74
44

52
3&amp;gt;

56
34

55
33

\  on  da  ab  ist  der  Durchschnitt  zwischen  der  Winterfracht
in  der  ersten  Januarhälfte  und  der  Sommerfracht  im  Juni  gewesen ­
  :

1872

1873

1874

1875

1876  1

1877  1  1878

1879

1880

r  100  Ibs  Cents
r  I  Bushel

57
34

55
33

52
31

35
21

32
19

32
19

30
18

32
19

35
21

Im  Jahre  1875  entstand  eine  Concurrenzlinie  für  die  alten
bestehenden  Bahnen,  in  dem  Grand  Trunk  von  Canada  und
nun  fiel  der  Tarif.  Die  Entfernung  beträgt  960  Meilen,  die
Tonne  von  2000  Ibs.  zahlte  per  Meile  im  Jahre  1868  =  1.5  c.
und  hatte  1866  sogar  2.92  c.  gezahlt.  Auf  dem  Eriecanal  beförderte ­
  man  1868  die  Tonne  für  0.88  c.  Im  Jahre  1880  war
die  Bahnfracht  auf  0.73  c.  per  Tonne  und  Meile  gefallen.
Seit  1876/77  drückt  schon  die  Furcht  vor  der  Mississippistrasse,
neben  der  Concurrenz  des  Eriecanals,  auf  die  Eisenbahn-Tarife.
Im  Sommer  1880  beförderten  die  Bahnen  100  Ibs.  für  30  c.,
den  Bushel  für  18  c.  von  Chicago  nach  New  -  York.  Im
Sommer  1880  konnte  man  den  Bushel  über  Buffalo  und  von
da  per  Bahn  nach  New-York  für  12  bis  18  c.  befördern  lassen.
In  Segelschiffen  nach  Buffalo  und  von  da  auf  Canalbooten  nach
New-York  war  die  Fracht  gleichzeitig  per  Bushel  9'/,—ly^/^  c.
Im  Jahre  1881  brach  das  Cartell  der  Eisenbahnen,  welches
sie  im  Juni  1879  geschlossen,  unter  der  Wucht  der  doppelten
Concurrenz  des  Mississippi  und  Eriecanals.  Vergebens  suchten
die  Eisenbahnen  25,  dann  15  c.  per  100  Ibs.  fest  zu  halten.
Sie  mussten  auf  10  c.  per  100  Ibs,  oder  6  c.  per  Bushel  hin-
        <pb n="103" />
        89

abgehen!  Man  nimmt  aber  an,  dass  sie  wieder  auf  15  c.  per
100  Ibe.  oder  9  —  10  c.  per  Bushel  kommen  werden.
Somit  ist  die  Fracht  von  Chicago  bis  New  -  York  von
44  c.  vor  13  Jahren,  und  von  33  c.  vor  10  Jahren  auf  6  c.  im
Sommer  1881  herabgesunken!  So  niedrig  werden  die  Transportkosten ­
  nicht  bleiben,  aber  sie  werden  von  jenen  in
St.  Louis  regulirt  werden.  Bei  niedrigem  Wasserstande  des
Mississippi  transportirt  man  Weizen  per  Bahn  von  St.  Louis
nach  Cairo,  dann  in  Barken  bis  New  -  Orleans.  Diese  Kosten,
aus  dem  Elevator  in  St.  Louis  bis  ins  Schiff  in  New-Orleans,
etrugen  9  12  c.  per  B.,  bei  7  Fuss  Wasserstand  nur  8V2  c.
vom  evator  in  St.  Louis  direct  per  Barke  nach  New-Orleans,
wovon  4  /,  c.  auf  die  Barkenfracht,  der  Rest  auf  Gewichtsverlust ­
  und  andere  Chargen  kommt.  Man  meint,  dass  die
t  3  c.  per  B.  fallen  werde.  Im
hi«  ^  ri  \  ^  ransportkosten  per  B.  von  St.  Paul
^  eans,  incl.  Unkosten  des  Verladens  aus  kleinen
grosse  Marken  in  St.  Louis,  13—14  c.,  sie  werden  sich  in
.  IO  c.  ermässigen.  Die  Oceanfracht  und  Versic
  erung  von  New-Orleans  nach  Europa  ist  3  —  4  c.  per  B.
grosser  als  von  New-York,  sie  fällt  aber.  Im  vorigen  Jahre
Seefracht  von  New-Orleans  nach  England  7  Shillings,
^  ^  ^  4  Shillings  per  Quarter  von  8  B.  Die  natürlichen
ran^ortkosten  des  Weizens  per  Bahn  von  St.  Louis  hach
ork  sind  18  c.  peV  B.¡  man  hofft  aber,  in  einigen  Jahren
eizen  von  St.  Louis  über  New-Orleans  nach  Liverpool  für
H  c.  per  B.  liefern  zu  können,  i88i  kostete  dies  Geschäft  noch
^3  24  c.,  in  den  letzten  Jahren  schwankten  die  Transportkosten ­
  von  diesen  Sätzen  bis  40  c.  aufwärts.
Die  bracht  aus  dem  Innern  des  Landes  hat  sich  ebenfalls
ermässigt.  *
Sehen  wir  uns  den  Zustand  im  Jahre  1868  an!
Nehmen  wir  einen  centralen  Punkt  in  einem  der  Mittelstaaten, ­
  in  Jowa,  welcher  zwischen  dem  Missouri  und  dem
Mississippi  liegt,  Dubuque,  217  Meilen  von  Chicago,  1177  Meilen
von  New-York  !
Der  Durchtarif  von  Dubuque  nach  New  -  York  war  25  c.
höher  als  von  Chicago  für  je  100  Ibs.  oder  15  c.  per  Bushel.
        <pb n="104" />
        &amp;amp;

jfim

90

Der  Localtarif  aus  Jowa  nach  Dubuque  war  15  c.  per  100  Ibs.
oder  9  c.  per  B.  für  je  50  Meilen  Transport  im  Staate  Jowa.
Das  macht  0.15  c.  bis  0.18  c.  per  Meile  und  Bushel.  Der
Transport  von  einem  Punkte  in  Jowa,  wo  man  Getreide
sammelte,  um  es  nach  Chicago  zu  senden,  kostete  also  25  c.
per  100  Ibs.  im  Jahre  1872.  Hierzu  kamen  15—25  c.  Localfracht ­
  von  solchen  Märkten,  auf  denen  die  Farmer  ihr  Getreide
verkauften.  Es  waren  also,  zu  den  Tarifen  von  Chicago  nach
New-York,  d.  h.  zu  74  c.  per  100  Ibs.,  noch  40—50  c.  zu
addiren,  um  die  Transportkosten  aus  dem  Innern  Jowas  nach
New-York  zu  erhalten,  beiläufig  104-  125  c.  per  100  Ibs.  oder
69  bis  75  c.  per  B.  Bis  zum  Jahre  1872  kostete  für  die  letzten
5  Jahre  im  Durchschnitt  die  Fracht  nach  New-York  von
Mattoon  in  Illinois  38  c.  per  B.,  von  Dekatur  in  Illinois  38  c.
per  B.,  von  Pana  in  Illinois  34  c.  per  B.,  von  Terre  Haute  in
Indiana  42  c.  per  B.,  von  Keokuk  in  Jowa  35  c.  per  B.,  von
Dubuque  49  c.  per  B.,  im  Durchschnitt  von  diesen  6  Punkten
39^3  c.,  wozu  noch  15—23  c.  Localfracht  kamen,  so  dass  die
Gesammtfracht  sich  auf  54V3-64V3  c.  per  B.  stellte.  Hierzu
kamen  noch  die  Spesen  der  Händler.  Der  Farmer  erhielt  nur
15  —  20  c.  per  Bushel  und  musste  3-4  Bushel  verkaufen,  um
Geld  genug  zu  erhalten,  die  Fracht  für  i  Bushel  nach  New-York
  zu  bezahlen!  Drei  Viertel  vom  Getreide  des  Farmers
musste  den  Eisenbahnen  für  Fracht  bezahlt  werden,  damit  sie
ein  Viertel  ihres  Ueberschusses  in  New-York  zu  Markte  tragen
konnten!
Diese  unerhörte  Ausbeutung  derFarmer  durch  die  mächtigen
Eisenbahn-Compagnien  veranlasste  die  Gründung  einer  socialpolitischen ­
  Vereinigung  der  Farmer,  unter  dem  Namen  Granger-Lodge.
  Diese  Union  gewann  Einfluss  auf  die  gesetzgebende
Versammlung  mehrerer  Einzelstaaten  der  Union  uní  veranlasste
eine  Reihe  von  Gesetzen  gegen  die  Missbräuche  der  Compagnien. ­
  Vor  allen  Dingen  wurde  eine  besondere  Staatsaufsichtsbehörde ­
  über  das  Treiben  der  Bahnen  in  den  Eisenbahn-Commissariaten
  geschaffen.  Eisenbahn-Commissäre  hatten  zwar
schon  seit  1844  in  New-Hampshire  und  seit  neuerer  Zeit  in
anderen  östlichen  Staaten  bestanden,  allein  ihre  Aufgabe  war
nur  eine  statistische,  keine  obrigkeitliche  gewesen.  Jetzt  er-
        <pb n="105" />
        91

hielten  die  Staats-Eisenbahn-Commissäre  ein  Aufsichts*  und  Initiativrecht. ­
  Sie  schlagen  —  z.  B.  im  Staate  Illinois  —  einen
Tarif  vor;  will  die  Eisenbahn-Compagnie  diesen  Tarif  nicht  annehmen, ­
  so  kommt  die  Sache  vor  eine  Jury,  vor  welcher  die
Eisenbahn-Compagnie  aus  ihren  Büchern  den  Beweis  liefern
muss,  dass  der  von  den  Commissären  proponirte  Tarif  ungerecht ­
  und  verderblich  für  die  Bahn  sei.  Auch  gegen  ungerechte
Differentialtarife  wirken  die  Commissäre  als  Controlbehörde.
Früher  waren  Specialfrachtcontracte  allgemein.  Jetzt  giebt  es
noch  einen  Weg,  einen  Verfrachter  zu  begünstigen:  Die  Eisenbahnwaggons ­
  tragen  normale  400  Bushel  Weizen  =  24.000  Ibs.,
können  aber  bis  30.000  Ibs.  =  500  B.  tragen.  Stillschweigend
gestattet  eine  Bahn  oft  einem  begünstigten  Verfrachter,  28.000
oder  gar  30.000  Ibs.  Getreide  zu  verladen  und  nur  für  das
Tsorrmle  von  24.000  Ibs.  den  allgemeinen  Tarif  zu  zahlen.
lese  Gesetzgebung  wurde  von  1871  —73  in  Illinois  perfect,
ßähnen  sich  gegen  das  betreffende  Gesetz  von
1878  an  den  obersten  Gerichtshof  der  Union  gewendet  hatten,
er  aber  nur  eine  gewisse  Bestimmung  desselben  für
„unconstitutionell“  erklärte.  Nun  entstand  das  Gesetz
von  1873.
Michigan  besitzt  ein  Gesetz  von  1873,  Wisconsin  von  18741
Minnesota  und  Missouri  von  1875,  Jowa  von  1875,  Kentucky
und  California  von  1880,  Alabama  von  1881,  wodurch  die
rächten  regulirt  werden.  Die  jüngeren  Weizen-  und  Mais  proucirenden
  Staaten  Kansas  und  Nebraska  entbehren  solche
Gesetze  noch.
Ich  habe  oben  nachgewiesen,  dass  vor  10  Jahren  in  Jowa
der  Tarif  für  i  B.  per  50  Meilen  9  c.,  per  Meile  also  =  0.18  c.,
per  100  Meilen  15  c.,  per  Bushel  auf  diese  Distance  also  0.15  c.
per  Meile  war.
Durch  jene  Gesetze  ist  die  Fracht  per  B.  und  Meile  in  Wisconsin ­
  von  0.069  e.  im  Jahre  1874,  auf  0.045  c.  im  Jahre  1881
herabgesetzt  worden.  Die  Durchschnittsfracht  auf  allen  Bahnen
des  Staates  Illinois  war  im  Jahre  1876  0.0543  c.  per  B.  und
Meile,  1881  =  0.0369  c.,  auf  der  Illinois  Midlandbahn  betrug
sic  1876  sogar  0.084  c.,  auf  der  Wabash  St.  Louis-  und  Pacific-Bahn
  im  Jahre  1881  nur  0.0237  c.
        <pb n="106" />
        Im  vorigen  Jahre  betrug  die  Localfracht  für  i  B.  Weizen
bei  einer  Distance  bis  zu  lo  Meilen  in  Jowa  3.6,  in  Nebraska
3.6  c.,  von  20  Meilen  in  Jowa  4.2,  in  Nebraska  4.8  c,,  von  40
Meilen  in  Jowa  5.4,  in  Nebraska  6  c.,  von  75  Meilen  in  Jowa
7.8,  in  Nebraska  8.4  c,,  von  100  Meilen  in  Jowa  9.6,  in  Nebraska
9.9  c.,  von  200  Meilen  in  Jowa  13.2,  in  Nebraska  15  c.  Die
Fracht  fällt  also  bei  wachsender  Distance  auch  im  Localverkehr, ­
  und  ist  der  Meilentarif  in  Nebraska  bei  10  Meilen  0.36  c.,
bei  20  Meilen  0.24  c.,  bei  100  Meilen  0.099  c,,  bei  200  Meilen
0.075  c.  Der  Durchtarif  ist  billiger.  Die  Fracht  von  Crete
in  Nebraska  bis  Chicago,  565  Meilen,  kostet  per  B.  21.6  =
0.039  c.  per  Meile.  Von  grösseren  Sammelpunkten  ist  sie
proportioned  noch  billiger  und  kostet  z.  B.  von  Omaha  nach
Chicago,  500  Meilen,  per  B.  i8c.  =  0.036  c.  per  engliche
Meile  oder  1.54  Kreuzer  per  Metercentner  und  Postmeile.
Für  solche  Binnenlandfrachten  habe  ich  folgende  Tarife,
die  im  Sommer  1881  galten,  aus  den  Hauptweizenländern  zusammengestellt: ­

Distance  unter  100  Meilen:
Fremont  Omaha  in  Nebraska,  47  Meilen,  Tarif  per  Meile  u.
Bushel  0.153  c.  =  6.53  Kreuzer  ö.  W.  per  Mtc.  u.  Postmeile. ­

Columbus-Omaha,  92  Meilen,  Tarif  per  Meile  0.091  c.  =
3.88  Kreuzer  per  Mtc.  u.  Postmeile.
Chicago-Dixon  in  Illinois,  97  Meilen,  Tarif  per  Meile  und
Bushel  0.092  c.  =  3.93  Kreuzer  per  Mtc.  u.  Postmeile.
Distancen  von  100—200  Meilen:
Chicago-Freeport  in  Illinois,  121  Meilen,  Tarif  0.08  c.  =  3.42
Kreuzer  per  Mtc.  u.  Postmeile.
Chicago-Madison  in  Wisconsin,  139  Meilen,  Tarif  0.05  c.  =
2.14  Kreuzer  per  Mtc.  u.  Postmeile.
Kearny-Omaha  in  Nebraska,  195  Meilen,  Tarif  0.052  c.  =
2.21  Kreuzer  per  Mtc.  u.  Postmeile.
Distancen  von  200—300  Meilen:
St.  Paul-Glyndon,  Minnesota-Dakota,  265  Meilen,  Tarif  0.056  c.
__  2.39  Kreuzer  per  Mtc.  u.  Postmeile.
St.  Paul-Fargo,  Minnesota-Dakota,  275  Meilen,  Tarif  0.054  c.
=  2.3  Kreuzer  per  Mtc.  und  Postmeile.
        <pb n="107" />
        93

Chicago-New  London  in  Wisconsin,  278  Meilen,  Tarif  0.036  c.
=  1.54  Kreuzer  per  Mtc.  und  Postmeile.
Chicago-Bluff  Sliding  in  Wisconsin,  267  Meilen,  Tarif  0.05  c.
=  2.14  Kreuzer  per  Mtc.  u.  Postmeile.
Chicago-La  Crosse  in  Wisconsin,  276  Meilen,  Tarif  0.042  c.
=  1.79  Kreuzer  per  Mtc.  und  Postmeile.
Chicago-Tama  in  Jowa,  270  Meilen,  Tarif  0.053  c.  =  2.25
Kreuzer  per  Mtc.  u.  Postmeile.
Distancen  zwischen  300  u.  400  Meilen:
Chicago-Florence  in  Wisconsin,  376  Meilen,  Tarif  0.052  c.  =
2.21  Kreuzer  per  Mtc.  u.  Postmeile.
Chicago-Ames  in  Jowa,  326  Meilen,  Tarif  0.046  c.  =  1.96
Kreuzer  per  Mtc.  u.  Postmeile.
Minneapolis-St.  Vincent  in  Minnesota,  389  Meilen,  Tarif
0.046  c.  =  1.96  Kreuzer  per  Mtc.  u.  Postmeile.
Distancen  zwischen  400  u.  500  Meilen:
St.  Paul-Chicago,  410  Meilen,  Tarif  0.03  c.  =  1.28  Kreuzer
per  Mtc.  u.  Postmeile.
Bismarck-St.  Paul,  Dakota-Minnesota,  467  Meilen,  Tarif  0.07
c.  —  2.99  Kreuzer  per  Mtc.  u.  Postmeile.
Chicago-Mapleton  in  Jowa,  460  Meilen,  Tarif  0.042  c.  =•
i'79  Kreuzer  per  Mtc.  u.  Postmeile.
Minneapolis-Selkirk  in,Manitoba,  454  Meilen,  Tarif  0.052  c.
=  2.21  ^Kreuzer  per  Mtc.  u.  Postmeile.
Chicago-Council  Bluffs  in  Jowa,  488  Meilen,  Tarif  0.037  c.
=  1.58  Kreuzer  per  Mtc.  u.  Postmeile.
Distancen  von  500—600  Meilen:
Chicago-Omaha  in  Nebraska,  500  Meilen,  Tarif  0.036  c.  =
1-54  Kreuzer  per  Mtc.  u.  Postmeile.
Chicago-Crete  in  Nebraska,  565  Meilen,  Tarif  0.039  c.  =  i-66
Kreuzer  per  Mtc.  u.  Postmeile.
Chicago  -  Sioux  City  in  Jowa,  517  Meilen,  Tarif  0.04  c.  =
1.7  Kreuzer  per  Mtc.  u.  Postmeile.
Chicago  -  Gilmore,  Nebraska,  510  Meilen,  Tarif  0.041  c.  =
1.74  Kreuzer  per  Mtc.  u.  Postmeile.
Chicago-Columbus,  Nebraska,  584  Meilen,  Tarif  0.041  c.  =
1.74  Kreuzer  per  Mtc.  u.  Postmeile.
        <pb n="108" />
        MK

94

1-7

Chicago-Brainard,  Jowa,  536  Meilen,  Tarif  0.04  c.  =
Kreuzer  per  Mtc.  u.  Postmeile.
Chicago-Stromsburg,  Nebraska,  590  Meilen,  Tarif  0.04  c.  =  1.7
Kreuzer  per  Mtc.  u.  Postmeile.
Chicago-Tracy  in  Minnesota,  526  Meilen,  Tarif  0.033  c.  =
1.4  Kreuzer  per  Mtc.  u.  Postmeile.
Distancen  zwischen  600  u.  700  Meilen;
Chicago-Huron  in  Dakota,  662  Meilen,  Tarif  0.038  c.  =  1.62
Kreuzer  per  Mtc.  u.  Postmeile.
Chicago-Watertown  in  Dakota,  619  Meilen,  Tarif  0.034  c.  =
1.45  Kreuzer  per  Mtc.  u.  Postmeile.
Chicago-Grand  Island,  Nebraska,  646  Meilen,  Tarif  0.041  c.
=  1.74  Kreuzer  per  Mtr.  u.  Postmeile.
Distancen  über  700  Meilen  :
Chicago-Plum  Creek  in  Nebraska,  736  Meilen,  Tarif  0.04
=  1,7  Kreuzer  per  Mtc.  u.  Postmeile.
Chicago-Pierre  in  Dakota,  781  Meilen,  Tarif  0.038  c.  =  1.62
Kreuzer  per  Mtc.  u.  Postmeile.
So  sehen  wir  die  Tarife  der  Bahnen  im  Westen  und  in
den  Mittelstaaten  sich  bewegen  von  (i  cent  =  5  centimes
gerechnet);

c.

Distance.

Tarif  per  engl.  Meile
und  B.  in  Cents.

Tarif  per  Kilometer
und  Mtc.  in  Centimes.

IO  —100  Meilen
100—200  »
200—300  »
300—400  »
400—500  »
500—600  »
600—700  »
über  700  »

0.091—0.36
0.05  —0.075
0.036—0.056
0.046—0.052
0.037—0.07
0.033—0.041
0.034—0.041
0.038—0.04

1.638—6.48
0.9  —1.350
0.648—1.008
0.828—0.936
0.666—1.26
0.594—0.738
0.612—0.738
0.684—0.72

Natürlich  sind  die  Tarife  sehr  verschieden,  auch  bei  gleicher
Entfernung.  Sie  gehorchen  dem  allgemeinen  Gesetz,  dass  sie
in  umgekehrter  Proportion  zur  Masse  des  zu  bewegenden  Productes
  und  der  Concurrenz  um  den  Transport  desselben  stehen.
Sie  sind  niedriger  zwischen  solchen  Punkten  wie  Chicago,
St.  Paul,  Omaha,  Columbus,  die  vielen  Verkehr  und  mehrere
        <pb n="109" />
        95

Verbindungswege  haben,  als  zwischen  entlegnen  Punkten  mit
nur  einer  Bahn,  wie  Bismarck  und  St.  Paul  oder  Minneapolis.
Natürlich  konnte  sich  bei  solchen  Frachtsätzen,  wie  sie
vor  zehn  Jahren  waren,  die  Production  des  Getreides  in  den
Weststaaten  nicht  über  den  localen  Bedarf  heben.  Die  Vermehrung ­
  der  Production  tritt  erst  seit  Verminderung  der
Frachten,  seit  1876,  ein,  wie  die  folgende  Tabelle  ergiebt.  In
Millionen  Bushels  betrug  die  Production  von

i860

Õ0

1876

1877

1878

1879

1880

Minnesota  .
Jowa  .  .  .
Nebraska  .  .
Kansas  .  .
Missouri

2
8
4

18
29
2
2
&amp;gt;4

16
17
4
16
15

33
37
S
:4
20

28
30
13
27
20

3:
32
»3
18
26

40
36
IO
19
30

Sa.

H

65

68  1

109

118

120

135

ist

^  ersichtlich.  Vom  Jahre  1870  bis  1876  bleibt  sie  ein-.
  stabil,  von  da  steigt  sie  sprungweise  und  verdoppelt  sich
d”  ^  mehr  ist  dasselbe  der  Fall  mit  den  östlich
es  Mississippi  gelegenen  Mittelstaaten.  Deren  Production
betrug  in  Mill.  Bushels

Jahr.  .  .

i860

1870  1  1876

1877

1878

1879

1880

^
Indiana
Illinois  ....
Michigan

15
16
23
8

''27
27
30
16

21
20
23
15

26
24
33
21

33
33
3:
27

36
43
44
28

37
38
53
30

Sa.

62

100

79

104

124

»51

158

lo/u—yu  iiiiiiiiu  uic  i
sogar  ab,  sorgt  sie  nur  für  den  I^calbedarf.  Nun  beginnt  ja
^uch  der  grosse  Export  aus  dieser  Gegend  erst,  der  1877
^fst  70  Mill.  B.  und  1880  schon  179  Mill.  B.  beträgt.
Die  5  Weststaaten  produciren  1876  =  68  Mill.  B.  und
1880  =  135  Mill.  B.,  die  4  Mittelstaaten  1876=  79  und  1880  =
ï  58  Mill.  B.,  beide  Gruppen  1876  =  147,  1880  =  293  Mill.  B.
Sie  haben  ihre  Production  genau  verdoppelt  !  Nur  auf  Wiskonsin,
  das  immer  dieselbe  billige  Wasserfracht  hatte,  ist  die
Eisenbahntarifveränderung  ohne  Wirkung.  Seine  Production
        <pb n="110" />
        96

betrug  i860  =  15,  1870  =  25,  1876  =  16,  1877  =  22,  1878
=  21,  1879  =  20  und  1880  =  16  Mill.  B.
Durch  Special  -  Contracte  erlangen  Producenten  oder
Händler,  welche  grosse  Quantitäten  zu  bewegen  haben,  billigere ­
  „Durchtarife“  und  da  sich  an  den  inneren  Sammelplätzen, ­
  wo  sich  mehrere  Concurrenzbahnen  oder  eine  Bahn
und  ein  schiffbarer  Fluss  schneiden,  Elevatoren  finden,  in
welchen  die  Händler  grosse  Massen  Getreide  ansammeln,  die
sie  dann  in  ganzen  Eisenbahnzügen  ablassen,  so  wird  weitaus ­
  das  meiste  Getreide  auf  Grund  von  Specialcontracten
  durch  mehrere  Staaten  an  die  Hauptsammelplätze ­
  transportirt,  also  billiger  als  nach  den  obigen
Tarifsätzen.  Sehr  gewöhnlich  ist,  dass  man  den  Verfrachtern
grösserer  Posten  gestattet,  30.000  Ibs.  Getreide  in  jeden
Wagen  zu  laden,  ihnen  aber  nur  die  Normalladung  von
24.000  Ibs.,  zuweilen  von  nur  20.000  Ibs.  berechnet,  wodurch
sich  obige  Erachten  nicht  selten  um  25  bis  30  pCt.  ermässigen
  !
Ein  anderer  Fall  ist  folgender:  Herr  Dairymple  konnte
Weizen  von  Fargo  am  Redriver  in  Dakota  über  St.  Paul  nach
Chicago,  von  da  über  Buffalo  nach  New-York  senden.  Dies
würde  der  regelmässige  Weg  für  Getreide  in  kleinen  Posten
sein  und  kosten  per  B.  von  Fargo  nach  St.  Paul  15  c.,  von
St.  Paul  nach  Chicago  12  c.,  Unkosten  in  Chicago  2  c.
Chicago  Buffalo  3  c..  Summa  32  c.  bis  Buffalo.  Mr.  Dalrymple
sendet  seine  30.000  B.  täglich  per  Expresszug  nach  Duluth
und  von  da  in  selbstgecharterten  Schiffen  nach  Buffalo,  was
im  Ganzen  nur  27  c.  per  B.  kostet.
Mit  vollkommener  Genauigkeit  lassen  sich  die  Transportkosten ­
  im  Allgemeinen  in  Amerika  nicht  feststellen,  sondern ­
  nur  von  Fall  zu  Fall,  und  die  Tarife  wechseln  auch
sehr  oft;  der  Wintertarif  derBahnen  ist  in  der  Regel  höher  als
der  Sommertarif,  freilich  meist  nur  da,  wo  die  Concurrenz
einer  Wassertrasse  existirt.  Man  kann  aber  sicher  annehmen,
dass  die  oben  gegebenen  officiellen  Eisenbahnfrachttarife
Maximalfrachtraten  sind,  die  schon  für  so  kleine
Quantitäten,  wie  eine  normale  Waggonladung  von  24.000
Ibs.  gelten,  und  dass  das  „grosse  Geschäft“  durchweg  mit
        <pb n="111" />
        97

billigeren  Tarifen  rechnet,  als  ich  sie  hier  mitgetheilt  habe
und  leider  meiner  weiteren  Abhandlung  zu  Grunde  legen  muss.
Der  Dalrymple’sche  „Durchtarif“  bedeutet  ja  auch  eine
Ersparniss  von  i6  pCt.  gegen  die  Normalfracht  auf  dem  gebräuchlichen ­
  Wege,  diese  Ersparniss  macht  aber  bei  seiner
durchschnittlichen  Jahresernte  von  600.000  B.  nicht  weniger
als  30.000  D.  aus!
Die  englische  Commission,  welche  im  Jahre  1879  die
Ackerbauverhältnisse  Amerikas  untersuchen  sollte,  holte  das
Gutachten  des  Secretärs  der  Chicagoer  Handelskammer  ein;
dieser  nahm  an,  dass  der  Weizen  aus  dem  Westen  durchschnittlich ­
  350  Meilen  nach  Chicago  bewegt  werden  müsse,
und  dass  dies  im  Durchschnitt  20  Cents  per  Bushel  koste,
wozu  noch  3  Cents  für  Ablieferung  nach  der  nächsten  Eisenbahnstation ­
  zu  rechnen  seien.
Die  niedrigste  Rate  unter  350  Meilen  sehen  wir  in  obiger
afel  mit  0.036,  die  höchste  in  der  Reihe  für  Distancen  von
300  —  400  Meilen,  mit  0.052  c.  per  Meile  angegeben,  das
niacht  einen  Durchschnitt  von  0.044  c.  per  Meile,  oder  für
350  englische  =  73  Postmeilen  15.4  Cents.  Man  wird  kaum
enl  gehen,  wenn  man  die  Kosten  der  Weizenablieferung  von
Earm  bis  Chicago  auf  15—16  Cents  =  1.34  P®**
tc.  im  Mittel  annimmt.  Natürlich  sind  St.  Louis,  St.  Paul,
oioux  City,  Kansas  City,  Omaha,  Milwaukee,  Duluth  und
andere  Plätze,  von  denen  Getreide  für  einen  Oceanhafen  gesammelt ­
  wird,  in  Menge  vorhanden  und  giebt  es  nach  denselben ­
  jährlich  mehr  und  billigere  Transportmittel.  Man  will
^  E*  jetzt  einen  Kanal  von  Chicago  über  Hennepin  am  lllinoislusse,
  und  dann  westlich  an  den  Mississippi  bauen,  um  Getreide
vom  oberen  Mississippi  zu  Wasser  nach  Chicago  zu  bringen.
I^ie  Binnenlandfrachten  werden  sich  also  noch  mehr  ermässigen,
obschon  sie,  bei  0.044  c.  per  Meile  und  Bushel  im  Jahre  1881
nurmehr  ca.  %  bis  Vio  von  dem  betragen,  was  sie  vor  10
Jahren  kosteten,  nämlich  von  damals  0.15  bis  0.18  c.  p.  B.  und
Meile  =  6.4  bis  7.69  Kreuzer  per  Mtc.  und  Postmeile  !
Man  wird  nicht  leugnen  können,  dass  die  Tarifermässigung
die  Production  mächtig  stimulirt  hat.  Nicht  bloss  die  des
Weizens,  auch  anderer  Producte,  besonders  jedoch  von  Mais,
7
        <pb n="112" />
        98

der  nicht  nur  selbst  erst  durch  billige  Tarife  exportirbar  wird,
sondern  der  zum  grössten  Theile  in  Fleisch  und  Fett  verwandelt ­
  zum  Export  gelangt.  Aus  den  atlantischen  Häfen  wurden
exportirt  :

Jahr

Schweinepöckelfl.
je  1000  Fass
je  iooo=Mill.  Ibs.

Speck  u.  Schinken
Mill.  Ibs.

Schmalz
Mill.  Ibs.

Summa
Mill.  Ibs.

1873
1876
1877
1878
1879
1880

271=44
268=53
270=54
353=71
359=72
340=68

426
415
424
633
739
799

218
210
230
327
327
380

688
678
708
1031
1138
1247

Der  Export  von  Schweinefleisch  stieg  von  1876  —  1880.
um  569  Mill.  lbs.  Man  rechnet,  dass  5  Ibs.  Mais  i  Ibs.
Schweinefleisch  geben,  die  exportirten  1247  Mill.  Ibs.  Schweineproducte
  repräsentiren  für  1880  also  einen  Maisexport  von
6235  Mill.  Ibs.  Mais,  oder  zu  56  Ibs.  den  Bushel,  von  111  Mill.
B.  Mais.  Ebensoviel  wurde  noch  direct  exportirt,  wie  die
folgende  Uebersicht  ausweist:

Mais  wurde  in  Mill.  B.  über  atlantische  Häfen  exportirt:

Jahr

1876

1877

1878

1879

1880

Mill.  B.

25

61

64

78

83

I  IO

In  Folge  dieser  besseren  Verwerthung  des  Mais  steigt
seine  Production.  Es  werden  producirt  in  den  Maisstaaten
westlich  vom  Mississippi  in  Mill.  B.  :

i860  j  1870

1876

1877

00
00

1879

1880

Jowa
Nebraska
Kansas
Missouri

42
6
72

68
4
17
66

142
25
82
102

156
38
98
103

175
54
81
93

185
62
89
141

207
61
72
111

Summa

120

155

351

395

403

477

45:

In  den  Miftelmaisstaaten  ist  der  Fortschritt  ein  ähnlicher.
        <pb n="113" />
        99

Die  Maisproduction  betrug  in  Mill.  B.  in:

i860

1870

1876

1877

1878

1879

1880

Ohio
Indiana
Illinois

73
7«
"5

67
51
129

"5
99
223

97
96
260

108
138
225

105
134
312

123
III
262

Summa

259

247

437

453

471

55:

496

Die  Steigung  würde  noch  grösser  sein  wenn  1880  ein
gutes  Maisjahr  gewesen  wäre.
Die  Wirkung  der  niedrigeren  Transportkosten  kamen  auch
sehr  deutlich  in  der  vergrösserten  Anbaufläche  zum  Ausdrucke. ­
  In  den  10  Jahren  1871  —  80  steigerte  sich  die  mit
Weizen  angebaute  Fläche  in  der  Union  von  20  auf  36  Mill.,
also  um  16  Mill.  Acres,  davon  von  1875—80  um  10  Mill.  A.,
die  Fläche  unter  Mais  steigerte  sich  in  den  10  Jahren  von  34
auf  52  Mill.  Acres,  um  18  Mill.,  und  von  1875  von  44  auf  52,
Um  8  Mill.  Acres.  Es  wurde  für  diese  beiden  Früchte  von
1873  bis  1880  genau  soviel  neue  Fläche  in  diesen  Staaten  der
Union  umgebrochen,  als  in  Grossbritannien  und  Irland  überhaupt ­
  unter  dem  Pfluge  sind.  In  den  10  Jahren  von  1871—80
wurde  halb  soviel  Prärieboden  mit  Weizen  und  Mais  mehr  in
Union  bestellt,  als  Frankreich  und  Belgien  zusammen  Acres
dem  Pfluge  haben}  Der  Mehrertrag  der  Union  an  Weizen
^^'^rug  ini  Jahre  1880  rund  191  Mill  B.,  über  jenem  des  Jahres
^^7^  d.  h.  etwas  mehr  als  die  Totalproduction  von  Russland
und  ebensoviel  wie  jene  von  Deutschland,  Belgien,  Grossbritannien ­
  und  Irland  zusammengenommen.  Hier  hat  also  der
billigere  Transport  entschieden  eine  der  grössesten  Veränderungen ­
  bewirkt,  welche  auf  diesem  Gebiete  unsere  an  Ereignissen ­
  solcher  Art  so  reiche  Zeit  aufzuweisen  hat.
Die  Ernte  des  Sommers  1881  war  in  der  Union  durch  Dürre
^n  allen  Getreidearten,  und  sogar  auch  an  Baumwolle,  eine  sehr
schlechte  und  bewog  manchen  Farmer,  an  Stelle  von  Weizen
Und  Mais  andere  Getreide  oder  Früchte,  Kartoffeln,  Rüben,
Flachs  etc.,  anzubauen.  So  waren  1881  noch  24  300  000  Acres
in  der  Union  mit  Weizen  angebaut  1882  nur  22.873.000  Acres.
Man  taxirt,  dass  die  10  Staaten:  Illinois,  Indiana,  Jowa,  Kansas,
7*
        <pb n="114" />
        lOO

Kentucky,  Michigan,  Minnesota,  Missouri,  Ohio
geerntet  haben:
1880
318  Mill.  B.
Die  anderen  Mittel-  u.  Südstaaten  75.5
Nebraska  13.8

Dakota  2.8
Pacificstaaten  36.5

Andere  Staaten  im  Nordosten  12

und  Wiskonsin
1882
508  MdI.  B.
75-5
22.5
15
62
15

459  596
Diese  Taxe  ist  weit  höher,  als  ich  es  oben  —  525  Mill.
B.  —  angenommen  habe,  als  es  sich  um  den  Export  handelte.
Das  Areal  unter  Mais  soll  um  4  pCt.,  um  2.5  Mill.  Acres,
seit  1881  zugenommen  haben.  Man  rechnete  im  Oktober  1882
in  Amerika,  dass  die  Union  ca.  600  Mill.  B.  Weizen  ernten

und  davon  300  Mill.  B.  zum  Export  übrig  haben  werde.  Die
anderen,  Weizen  exportirenden  Staaten  sollten,  sagte  man
120—150  Mill.  B.  zum  Export  übrig  haben,  wohl  zu  wenig,
bei  der  guten  ungarischen  Ernte,  das  würde  ein  Exportquantum ­
  von  420—450  Mill.  B.  machen,  dem  nur  ein  Bedarf
von  ca.  220  Mill.  B.  gegenüber  stehen  soll.  Das  Ackerbauministerium ­
  veröffentlichte  Anfangs  eine  Statistik,  nach  welcher
jene  Angaben  übertrieben  sind.
Der  Gesammtertrag  der  Cerealien-Ernte  in  den  Ver.  Staaten
wird  in  diesem  Jahresbericht  des  Ackerbau-Departements  auf
2.592.000.000  Bushels  veranschlagt,  nämlich  1.635.000.000  Bush.
Mais,  410.000.000  Bushels  Weizen,  470.000.000  Bushels  Hafer,
45.000.000  Bushels  Gerste,  20.000.000  Bushels  Roggen  und
12.000.000  Bushels  Buchweizen.

Eine  detaillirte  Statistik  desselben  Bureaus  giebt  die  Maisernte, ­

  etwas  später  und  höher,  folgendermassen  an:

Staaten.
Neu  England  .  .  .
Mittel
Südliche
\V  estliche
Pacific
Territorien  ....
Total  Bush.
Total  Acres.

1882.
Bush.
7.000.000
84.000.000
464.000.000
1.075.000.000
15.000.000
5.000.000
1.650.000.000
65.500.000

1881.
Bush.
7.746.000
65.453.000
253384000
860.108.000
2.734.000
5.761.000
1.194.916.000
64.262.025

1880.
Bush.
8.171.050
104.403.420
464.825.484
1.072.558.237
62.466.352
5.000.000
1.7:7.434.543
62.317.842
        <pb n="115" />
        lor

Die  Gründung’  neuer  Farmen  und  der  Hinzutritt  Manitoba’s
zu  den  Exportländern  wird  das  Missverhältniss  zwischen  Angebot ­
  und  Nachfrage  voraussichtlich  noch  erheblich  steigern,
bis  die  schwächeren  Concurrenten,  mit  theuersten  Productionskosten
  und  Transportspesen  von  der  Wettbewerbung  zurücktreten. ­
  Wo  werden  diese  wohnen?  In  Amerika  oder  in
Europa  ?
Die  Ursache  des  niedrigeren  Transportes  von  Chicago
bis  New-York  und  von  anderen  Sammelplätzen  im  Innern
des  Tandes  w'ar  also  erstens  die  Gesetzgebung  in  den
einzelnen  Staaten  gegen  zu  hohe  Tarife,  dann  die  Concurrenz
des  Eriecanals,  des  Torenzo-Stromes  und  des  Mississippi,  und
unter  der  Wirkung  der  letzteren  ist  erst  i.  J.  i88i  eine  abermalige ­
  und  noch  bedeutendere  Ermässigung  eingetreten,  deren
Folgen  auf  die  Productionssteigerung  erst  in  einigen
Jahren  ganz  zu  ermessen  sein  werden,  denn
man  wird  sich  in  Europa  auf  eine  noch  bedeutendere ­
  Steigerung  der  amerikanischen
Production  gefasst  machen  müssen,  als  sie  die
letzten  5  Jahre  gebracht  haben.
Um  den  Grund  der  kommenden  Productionssteigerung
genau  kennen  zu  lernen  ist  es  nöthig,  sich  mit  den  Transport-Anstalten
  und  Kosten  auf  den  mit  den  Eisenbahnen  concur-^•renden
  Routen  bekannt  zu  machen.  Zunächst  mit  der  Missis-S’Ppistrasse!

Pür  New  -  Orleans  spielt  St.  Louis  dieselbe  Rolle,  wie
hicago  für  New-York,  d.  h.  es  ist  ein  Hauptsammelplatz
^Är  solches  Getreide,  das  den  Mississippi  hinab  transportirt
^Grden  soll.  Höher  hinauf  ist  St.  Paul,  tiefer  herab  sind  Cairo
Und  Memphis,  am  Missouri  Sioux-City,  Omaha  und  Kansassolche
  Sammelplätze.  Aber  St.  Louis  ist  der  bedeutendste ­
  von  ihnen.  Die  Charge  für  den  Getreidetransport  von
St.  Louis  nach  New-York,  wohin  früher  das  Getreide  von  dort
gebracht  wurde,  war  1868  =  85  c.  für  100  Ibs.,  51  c.  für  den
Pushel  von  60  Ibs.  =  4.54  fl.  ö.  W.  per  Mtc.  =  1.92  Kreuzer
per  Postmeile,  1872  war  sie  noch  63V4  c.  für  100  Ibs.  und
3^  c.  per  Bushel  =  3.38  fl.  per  Mtc.  =  1.47  Kreuzer  per  Postuieile
  auf  die  Entfernung  von  rund  1100  engl,  oder  rund  230
        <pb n="116" />
        102

Postmeilen.  Im  Jahre  1877  bewegte  sich  die  Eisenbahnfracht
zwischen  35—46  c.  per  100  Ibs.  oder  21  —  28  c.  per  B,,  im
Jahre  1878  zwischen  23  und  46  c.  per  100  Ibs.  oder  13—28  c.
per  B.,  im  Jahre  1879  zwischen  23—46V2  c.  per  100  Ibs.,  im
Jahre  1880  zwischen  39  und  50'/a  c.  per  100  Ibs.  oder  23  und
30  c.  per  B.  Seit  1877  findet  im  Sommer  schon  Getreidetransport ­
  in  Barken  den  Mississippi  hinab  statt,  und  bewegten
sich  die  Frachtsätze  zwischen  St.  Louis  und  New-Orleans  im
Jahre  1877  zwischen  7V2—9V2  c.  per  Bushel,  im  Jahre  1878
zwischen  5V2  —9V2  c.,  im  Jahre  1879  zwischen  5V2  und  ii  c.,
im  Jahre  1880  zwischen  7  und  9V2,  im  Jahre  I881  fiel  sie  auf
5  c.  per  Bushel  und  stand  im  Herbst  1882  ebenso.
Nun  konnte  auch  die  Eisenbahnfracht  von  St.  Louis  nach
New-York  sich  nicht  auf  der  alten  Höhe  halten.  Schon  hatten
die  Eisenbahnen  sie  auf  20  c.  per  B.  ermässigt  und  gingen  im
Sommer  1881  bis  auf  18,  dann  15  c.  und  schliesslich  auf  12  c.
hinab  =  1.07  fl.  per  Mtc.  oder  0.49  Kreuzer  per  Mtc.  und
Postmeile.
Das  Getreide,  welches  für  New  -  Orleans  bestimmt  ist,
wird  in  grossen,  an  den  Seiten  und  oben  bedeckten  Holzbarken ­
  den  Mississippi  hinab  transportirt,  in  denen  es  gegen
den  Regen  geschützt  und  in  die  es  lose  geschüttet  ist.  Diese
Barken  fassten  früher  nur  20  —30.000  B.,  jetzt  schon  50—60.000
jede.  Ihrer  6  werden  von  einem  Dampfer  in  6—8  Tagen  von
St.  Louis  nach  New  -  Orleans  hinabgezogen,  die  entleerten
Barken  werden  von  dem  Dampfer  in  12  —  15  Tagen  dieselbe
Strecke  hinauf  gezogen.  Die  Eisenbahn  von  St.  Louis  nach
New-Orleans  ist  700  Meilen  lang,  der  Elusslauf  länger.  Ein
Eisenbahnzug  braucht  nicht  viel  weniger  Zeit  von  St.  Louis
nach  einem  Hafen  des  Atlantischen  Meeres  als  eine  beladene
Barke  nach  New-Orleans.  Getreide  ist  in  9  Tagen  von  St.
Louis  bis  an  Bord  eines  Oceandampfers  in  New  -  Orleans  gebracht ­
  worden.
Ein  Dampfer  kann  300.000  B.  im  Mittel  per  Fahrt  hinabbefördern, ­
  d.  h.  soviel  wie  30  Eisenbahnfrachtzüge  von  je  20
Waggons  à  500  B.
Die  Selbstkosten  des  Transportes  sind  so  geringe,  dass
man  hofft,  wenn  der  Handel  die  nöthigen  Barken  und  Eleva-
        <pb n="117" />
        103

toren  hat,  den  Bushel  für  3  c.  von  St.  Louis  nach  New-Orleans
transportiren  zu  können.  Man  wird  5  c.  als  den  Durchschnittssatz ­
  für  die  nächsten  Jahre  aber  annehmen  können.
ln  New-Orleans  wird  das  Getreide,  welches  in  Barken
ankommt,  nicht  in  Elevatoren  gelagert,  die  Barke  legt  sich
vielmehr  im  Hafen  seitlich  neben  den  Oceandampfer  und  ein
schwimmender  Elevator  zwischen  beide,  der  das  Ueberladen
für  V2  c.  per  B.  =  4.4  Kreuzer  per  Mtc.  besorgt.  Man-  hält
dies  für  zu  billig  und  rechnet,  dass  es  in  Zukunft  ^4  c.  kosten
wird.  Das  Gradiren  des  Getreides,  welches  nicht  nach  Probe,
sondern  nach  Nummern  oder  Graden  gehandelt  wird,  besorgen
vereidete  Inspectoren  in  New-Orleans,  welche  von  der  Börsencorporation
  angestellt  sind.  Sie  beziehen  i  D.  per  1000  B.,
^Ko  Vio  c.  per  B.  Die  Assecuranz  des  Weizens  während  der
bahrt  in  den  Barken  auf  dem  Mississippi  kostet  0.45  c.  per  B.
auf  der  See  bis  Liverpool  i—4  pCt.  vom  Werth,  im  Durchschnitt ­
  1.65  c.  per  B.
Die  Eracht  von  New-Orleans  bis  Liverpool  ist  jetzt  noch
hoch,  weil  die  Schiffe  selten  genügend  Rückfracht  erhalten
und  meist  mit  Ballast  beladen  nach  New-Orleans  kommen,
^an  hofft,  dass  europäische  Waaren  in  Zukunft  direct  von
Luropa  nach  St.  Louis  verschifft  und  von  hier  über  den
Süden  und  Westen  der  Union  vertheilt  werden,  anstatt  von
^^n  atlantischen  Häfen  aus,  wie  bis  jetzt;  auch  möchte
”^an  aus  New-Orleans  einen  Landungsplatz  für  Einwanderer
aus  Europa  für  Texas  und  die  Südstaaten,  sogar  für  Califoru&amp;gt;en
  machen,  wie  ich  das  schon  andeutete.
^enn  die  Schiffe,  welche  New-Orleans  bis  jetzt  in  Ballast
^ufsuchen,  lediglich  der  dort  einzunehmenden  Getreidefracht
"’cgen,  später  auch  schon  auf  der  Hinfahrt  lohnende  Fracht
bekämen,  so  würde  die  Getreidefracht  von  New-Orleans  nach
Europa  .  selbstverständlich  billiger  werden.  Dieselbe  betrug
per  Bushel  im  Jahre  1877/78  19—22  c.,  1878/79  =  16.5  22  c.  ^
in  Segelschiffen  und  18—24  c.  in  Dampfschiffen,  1880  in
Dampfern  nur  noch  12  —18  c.  nach  England  und  18—24  c.  nach
dem  Continent,  im  Jahre  1881  fiel  sie  auf  14  und  schliesslich
äuf  12  c.  per  B.  Sie  vermindert  sich  also  in  dem  Maasse,
        <pb n="118" />
        104

als  sich  das  Quantum  der  in  New-Orleans  zu  findenden  Fracht
vermehrt.
Ich  muss  noch  erwähnen,  dass  die  socialpolitische  Partei  der
Granger,  deren  bedeutendster  Führer  der  jetzige  Finanzminister,
Mr.  Windom,  ist,  und  die  schon  eine  Reihe  wichtiger  Massregeln
  durchgesetzt  hat,  welche  den  Getreideexport  erleichtern
—  hat  doch  die  Commission  des  Unions-Senates,  welche  1872
die  Frage  der  Binnenland  -  Transportkosten  untersuchte,  von
ihrem  Vorsitzenden  den  Namen  der  „Windom  -  Commission“,
und  ist  doch  auf  ihren  Antrag  die  Subvention  der  Union  für
die  Vertiefung  der  Mississippi  -  Mündung  bewilligt  worden  —
sich  sehr  dafür  interessirt,  dass  durch  Nordflorida  ein  Schiffahrts-Canal ­
  gegraben  werde,  mittelst  dessen  Benützung  die
Dampfer  die  Rundreise  zwischen  Europa  und  New  -  Orleans,
hin-  und  zurück,  im  Ganzen  um  8  Tage  abkürzen  würden.
Auch  dadurch  hofft  man  mit  Recht  die  Fracht  zu  ermässigen,
da  der  Zoll  nicht  hoch  sein  dürfte.  Das  Land  zwischen  dem
unteren  Suvanee  und  dem  St.  Johns-Flusse  in  der  Breite  von
Tokoi  ist  sandig  und  flach  und  ein  Canal  daselbst  würde
billig  herzustellen  sein.  Derselbe  würde  auch  jenen  Schiffen
zu  gute  kommen,  welche  vom  stillen  Meere  durch  Nicaragua
oder  Theuantepec,  auf  einem  demnächst  für  sie  herzustellenden
Wege,  nach  dem  Golf  von  Mexico  gelangen  und  umgekehrt
aus  ihm  in  die  Pacific-See  fahren.  Auch  muss  erwähnt
werden,  dass  man  im  Sommer  1881  den  Plan  hatte,  eine
directe  Dampferlinie  zur  regelmässigen  Verbindung  der  Städte
New  -  Orleans  und  Le  Havre,  später  auch  Galveston  und  Le
Havre  oder  Bordeaux,  ins  Leben  zu  rufen.
Unter  dem  politischen  Einflüsse  der  Granger  wird  das
Mississippi-Flusssystem  in  den  nächsten  Jahren  soweit  der
Schifffahrt  dienstbar  gemacht  werden,  wie  dies  überhaupt
möglich  ist,  und  dies  wird  dann  das  grossartigste  Flussschifffahrtssystem ­
  der  Welt  sein.
Nicht  weniger  als  55  Nebenflüsse,  von  denen  eine  ganze
Anzahl  wieder  sehr  bedeutende  Ströme  sind,  führen  dem
Mississippi  ihre  Wassermassen  zu,  und  das  ganze  Stromgebiet
ist  auf  die  Länge  von  16.571  engl.  Meilen,  also  zwei  Drittel
der  Länge  des  Aequators,  schiffbar.  Diese  gewaltige  Strecke
        <pb n="119" />
        105

wird  aber  noch  bedeutend  verlängert  werden,  wenn  die  beabsichtigten ­
  Flusscorrecturen  erst  ausgeführt  sind.  Bis  jetzt
ist  dieses  Stromgebiet  bereits  auf  eine  Strecke  von  20.221  Meilen
durch  Barken  zu  befahren.  Die  schiffbaren  Wässer  des  Stromgebietes ­
  vertheilen  sich  auf  22  Staaten  und  zwar  nach  folgendem
Verhältniss:  Louisiana  2500,  Arkansas  2100,  Missouri  2000,
Mississippi  1380,  Montana  1310,  Dakota  1280,  Illinois  1270,
Tennessee  1260,  Kentucky  1260,  Indiana  840,  Jovva  830,
Indianer-Territorium  720,  Minnesota  660,  Wisconsin  560,
^^*0  550,  Texas  440,  Nebrask"^  400,  West-Virginia  390,  Pennsylvania ­
  380,  Kansas  240,  Alabama  200  und  New-York  70  Meilen.
Louisiana,  Arkansas,  Mississippi,  Montana,  Dakota  und  das
Indianergebiet  haben  mehr  Meilen  schiffbarer  Gewässer  als
Bahnstrassen.

Zu  diesem  ungeheuren  Stromgebiete  gehört  mehr  als  die
Hälfte  der  Union.  In  demselben  liegen  19  Staaten,  ausserdem
noch  drei  grosse  Territorien,  Dakota,  Montana  und  das  Indianergebiet. ­
  Die  19  Staaten  des  gewaltigen  Stromgebiets  haben
^'n  Areal  von  1.208.977  Quadratmeilen,  während  die  19  anderen
taaten,  welche  dem  Mississippi  kein  Wasser  zusenden,  nur
55*752  Meilen  gross  sind.  Rechnet  man  die  Territorien  hinzu,
in  kurzer  Zeit  ebenfalls  volkreiche  Staaten  sein  werden,  so
^st  sich  das  Stromgebiet  des  Mississippi  auf  1.260.000  Quadrat-‘
  angeben.  Von  den  19  Staaten  des  Gebietes  sind  14
Flussstaaten,  in  denen  der  Mississippi,  oder  irgend
f  Seiner  schiffbaren  Nebenflüsse,  einen  grossen  Theil  des
an  gedenkt,  ausser  Getreide  und  Baumwolle,  besonders
lebendes  Vieh  aus  Texas  und  Kansas,  sowie  Fleisch  und
peck  -  Schmalz  auf  diesem  Wege  nach  Frankreich  zu  trans-  j
Portiren,  als  Rückfracht  aber  vor  allen  Dingen  Hinw^anderer
diesem  Lande  zu  beziehen.  Hin  M.  Choureau  war  um  jene
in  New  -  Orleans  und  hielt  Reden  an  der  Börse  über  die
elebung  des  Handels  zwischen  Frankreich  und  dieser  Stadt,  1
ie  zur  wahrscheinlichen  Folge  nur  die  billigere  Versorgung
rankreichs  mit  amerikanischen  Lebensmitteln  haben  würde.
Auch  hat  eine  französische  Compagnie  Land  in  Texas  gekauft,
Woselbst  sie  im  Grossen  Vieh  für  den  Export  nach  Frankreich
        <pb n="120" />
        io6

produciren  will  —  sie  dürfte  indess  schlechte  Geschäfte  machen,
da  sie  den  Actionären  200  Francs  für  den  Hectar  Land
anrechnet,  während  es  zur  Zeit  kaum  50  Francs  Werth  daselbst ­
  hat.
Ernster  als  dies  Unternehmen,  das  mir  besonders  unsolide
angelegt  zu  sein  scheint,  da  der  Prospect  jener  Compagnie
unter  anderem  die  Angabe  enthält,  die  beiden  Counties,  in
welchen  ihre  Ländereien  liegen,  seien  schon  gut  bevölkert
und  hätten  40  000  Einwohner,  während  sie  laut  Census  vom
30.  Juni  1880  noch  nicht  2opoo  Einwohner  haben,  ist  das
Project  californischer  Capitalisten  aufzufassen,  eine  grosse
Dampferlinie  für  den  Transport  des  californischen  Weizens  von
New  -  Orleans  einzurichten,  wovon  ich  schon  oben  sprach,  in
\’^erbindung  mit  der  Bahn  also  über  El  Paso  del  Norte.  Dann
wollen  sie  ja  Weizen  für  2  Doll,  per  Tonne,  oder  6  c.  per  B.
nach  Europa  schaffen,  doch  damit  darf  man  jetzt  noch  nicht
rechnen.  Man  muss  aber  immer  berücksichtigen,  dass  jene
Transportpreise,  welche  im  Sommer  1881  bestehen,  ein  durchschnittliches ­
  Maximum  für  die  Zukunft  sind,  über  die  man  für
kurze  Zeitfristen  —  wenn  irgend  eine  bedeutende  Route  unpracticabel
  wird  —  hinweg  gehen  kann,  nicht  aber  auf  die
Dauer,  und  dass  die  Kosten  im  Gegentheil  noch  allgemein
sinken  werden.
Zu  jenen  Transportkosten  kommen  noch  Platzchargen  in
St.  Louis  oder  an  jenem  Punkte  des  Mississippi  und  seiner
Zuflüsse,  wo  das  Getreide  in  die  Barken  gelagert  wird.
Manches  geht  direct  aus  den  Waggons  in  die  Barken,  was
wenig  kostet.  Lagert  es  bis  zu  10  Tagen  im  Elevator  zu
St.  Louis,  so  kostet  Einladen  in  den  Elevator,  Lagern  und
Ausladen  in  die  Barken  U/j  c.  per  B.,  für  jede  10  Tage  mehr
V2  c.  ;  2  c.  decken  reichlich  diese  Kosten.  Wir  erhalten
also  jetzt  folgende  Summirung  für  Getreidetransport  von
St.  Louis  nach  Liverpool  —  ohne  die  Chargen  im  Hafen
von  Liverpool,  welche,  inch  Verlust  durch  „Schwinden“  des
Getreides,  „shortage“,  die  enorme  Summe  von  6V2  c.  betragen ­
  sollen,  in  anderen  Häfen  anders  sind,  aber  sich  durch
Einführung  amerikanischer  Elevatoren  sehr  vermindern  werden,
—  im  Sommer  1881:
        <pb n="121" />
        107

1)  Platzchargen  in  St.  Louis  per  Bushel  .  .  .  2.00  c.
2)  Transportkosten  von  St.  Louis—N.-Orleans  .  5.00  c.
3)  ,,  von  N.-Orleans—Liverpool  .  12.00  c.
4)  Elevator  in  N.-Orleans  0.75  c.
5)  Gradiren  in  N.-Orleans  o.io  c.
6)  Assecurranz  auf  dem  Mississippi  0.45  c.
7)  11  „  „  Ocean  165  c.
Summa  21.95  c.
rund  22  c.  per  Bushel  =  1.96  fl.  per  Mtc.  Im  Sommer  1881
ist  auf  Durchtarif  aber  Weizen  schon  für  17  c.  p.  B.  von
St.  Louis  nach  Liverpool  versendet  worden,  das  macht
*•53  fl-  per  Mtc.
Es  ist  als  feststehend  anzunehmen,  dass  die  Weizenfracht  von
keinem  grossen  Sammelplätze  im  Herzen  des  Westens  von
Amerika,  namentlich  von  Chicago  und  St.  Louis,  höher  als  22  c.
oder  81.5  c.  per  Mtc.  =  4  Fres.  T'/i  Centimes  in  Zukunft  sein
kann  oder  63  c.  =  3  Eres.  15  Centimes  per  Hectoliter.
Was  nun  Punkte  an  Flüssen  im  Innern  des  Landes  aniangt,
  so  hat  man  schon  den  Versuch  gemacht,  Weizen  in
t^arken  von  Kansas  City  nach  New-Orleans  hinabzubringen,
flic  Eisenbahnen  setzten  aber  sofort  den  Tarif  herab  und  so
ist  die  Barkenfahrt  bis  jetzt  noch  nicht  eingerichtet.  Der
Eushel  Getreide  kostete  Transport  per  Bahn  von  Kansas  City
nach  St.  Louis  Chicago  N.-York
Jahre  1878  .  ,  .  12—15  c.  15  —  18  c.  27—42  c.
'*79  .  •  .  '2  c-  '5C.  36  c.
'^^Ptember  1879  13  c.  15  c.  21—30  c.
ovbr.-Decbr.  1879  12  c.  17  c.  36—40  c.
der  erste  Barkentransport  von  Kansas-City  abging,
Setzten  die  Bahnen  den  Tarif  auf  3  c.  per  B.  nach  St.  Louis
Und  ß  c.  nach  Chicago  herab.
Es  dürfte  keinem  Zweifel  unterliegen,  dass  man  die
lussschifffahrt  einrichten  und  Getreide  wenigstens  einige
onate  im  Jahre  von  Sioux-City  nach  New  -  Orleans  gehen
"ird.  Alsdann  wird  die  Fracht  von  diesem  Sammelpunkte
nicht  mehr  kosten  als  von  St.  Paul  in  Minnesota.  \  on
dort  kostete  die  Fracht  im  Mai  1881  noch  über  die  Seeen
und  New-York  nach  Liverpool  51  c.,  vom  Alai  ab  42'/,  c.  =  3.78
        <pb n="122" />
        io8

fl.  per  Mtc.,  was  schon  ein  sehr  grosser  Fortschritt  gegen
früher  war.  Da  wurde  im  Mai  eine  Ladung  Weizen  in  Barken
nach  New  -  Orleans  und  über  diese  Stadt  nach  England  für
27  c.  per  B.  —  2.40  fl.  per  Mtc.  geschickt.  Man  sagt,  dass
die  Fracht  von  St.  Paul  nach  New-Orleans  auf  dem  Flusse  für
15  c.  rentabel  ist.
Am  7.  Juni  1882  wurden  30.000  B.  Weizen  in  2  Barken
von  St.  Paul  nach  New-Orleans  abgesandt,  oberhalb  St.  Louis,
w'o  der  Fluss  tiefer  wurde,  in  eine  Barke  mittelst  schwimmenden
Elevators  übergeladen,  ohne  dass  die  Barken  stille  lagen;  sie
kamen  am  27.  Juli  in  Glasgow  an  und  stellten  sich  die  Gesammtunkosten
  auf  29  c.  per  Bushel  von  St.  Paul  bis  Glagow,  da
nur  1  Bushel  und  33  Ibs.  durch  Schwindung  verloren  gingen,
während  diese  auf  dem  Wege  per  Bahn  nach  New-York  1V2
pct.  pro  Bushel  beträgt.
I  Wir  haben  also  jetzt  eine  Fracht  von  ca.  15  c.  per  B.
von  New-Orleans  nach  England,  von  ca.  22  c.  per  B.  von  St.
Louis  dorthin,  von  ca.  25—30  c.  per  B.  von  solchen  Sammelpunkten ­
  im  Innern  des  Landes,  welche  Wassercommunication
haben,  wie  St.  Paul,  Sioux-City  und  Kansas-City,  und  Chicago
darf  nimmermehr  eine  höhere  Fracht  nehmen  als  St.  Louis,
weil  es  sonst  seinen  Handel  an  diese  Stadt  verliert.
Vor  10  Jahren  kostete  der  Bushel  Weizen  von  Chicago
nach  New-York  per  Bahn  31  c.  Fracht,  von  da  nach  Liverpool
auf  Dampfer  25.1  c.,  Ueberladung  in  Chicago  2  c,  in  New-York
1V2  c.,  Versicherung  i  pct.  =  i.i  c.  Summa  60,7  c.  =  5.40  fl.
per  Mtc.  Bei  Durchtarif  verringerten  sich  1872  die  Kosten  auf
53.7  c.  per  B.,  für  Segeltransport  von  New  -York  aus,  auf
51.7  c.  =  4.60  11.  per  Mtc.,  von  Chicago  nach  Liverpool  via
New-York,  via  Montreal  57.1  c.  im  Segelschiff  und  56.5  c.
im  Dampfer.  Von  St.  Louis  über  New-Orleans  nach  Liverpool ­
  kostete  1872  der  Bushel  auf  Durchtarif  47.3  c.  =  4.02
fl.  per  Mtc.  Im  Jahre  1878,  Mai,  kostete  die  Fracht  von
Chicago  nach  Liverpool  auf  den  verschiedenen  Wegen,
über  Boston  31.87—34  22  c.,  via  Philadelphia  30-43—32-77  c-,
via  New-York  29.83—33.22  c.,  via  Montreal  31.62  c.  per  B.,
also  von  rund  30—34  c.  Der  erstere  Posten  setzte  sich  so

zusammen  :
        <pb n="123" />
        Lagergebühr,  Inspection  u.  Versicherung  auf  den  Binnenseen ­
  1.58  c.
Fracht  von  Chicago  nach  Buffalo  u.  N.-York  auf  den
Seen  u.  dem  Eriecanal  10.25  „
Spesen  in  New-York  i'25  «
Oceanfracht  im  Dampfschiff
Assecuranz  auf  dem  Ocean  u.  Beschädigungen  des
Getreides  0.75  w
29.83  c.
Im  Mai  1881  betrug  diese  Fracht  noch  24V2  c.  per  Bushel
=  2,18  fl.  per  Mtc.  Im  Sommer  1881  brach  nun  ein  Eisenbahnkrieg ­
  aus,  in  dem  die  Fracht  so  weit  herabgesetzt  wurde,
dass  man  100  Ibs.  für  10  c.  von  Chicago  nach  New-York  transportirte,
  indess  war  das  nur  vorübergehend.  Jedoch  wurden
Durchcontracte  von  Chicago  nach  Liverpool  via  Montreal  für  15,
via  New-York  für  18  c.  per  B.  gemacht,  wozu  noch  2  c.  Platzchargen ­
  in  Chicago  zu  rechnen  sind,  sodass  wir  auf  17  =  1.51  fl.
per  Mtc.  resp.  20  c.  =  1.78  fl.  per  Mtc.  von  Chicago  kommen.
Die  Frachten  sind,  bis  auch  der  Interstaaten  verkehr  per
ßahn  durch  ein  Unions-Eisenbahncommissariat  geregelt  sein
'vird,  in  fortwährenden,  den  Handel  lähmenden  Schwanken  begriffen. ­
  Im  Sommer  1882  betrug  die  Eisenbahn-Fracht  von
Chicago  nach  New-York  für  100  Pfund:

5%-  :  :  :  :  :
“fr,  pro  Bushel  8  !,
Schweinefleisch,
Schmalz  .  ,  ’
Rindvieh;  40

Rindfleisch,

Lebende  Schweine  3°  Cts.
!  Geschlachtete  Schweine  ...  60  „
I  Bauholz,  Schindeln,  Latten  .  3°  „
j  Wolle  S6  „
I  Heu  in  Ballen  25  „
Salz  30  „
Tabak  3*%  i*
Aepfel,  Birnen  etc  60  „

Diese  Preise  sind  auf  die  volle  Wagenladung  basirt.  Ein
üterwagen  fast  etwa  24.000  Pfund,  oder  12  Tonnen  Getreide,
obigen  Raten  als  Basis  genommen,  müssen  5  Cents  pro
^00  Pfund  für  Fracht  von  Chicago  nach  Boston  und  4  Cents
Von  St.  Louis  nach  New-York  hinzugefügt  werden.  Abzuziehen
sind  von  Indianapolis  nach  New-York  2  Cents,  von  Cincinnati
4V2  Cents,  von  Detroit  oder  Toledo*  6  Cents,  von  Mansfield,  O.,
        <pb n="124" />
        1  10

6  Va  Cents,  von  Cleveland,  O.,  7  Va  Cents  und  von  Dunkirk
oder  Buffalo  10  Cents  pro  100  Pfund.  Von  Chicago  nach
Philadelphia  ist  die  Fracht  2  Cents  und  nach  Baltimore  3  Cts.
pro  100  Pfund  billiger,  wie  nach  New-York.
Die  Frachten  fallen  für  grosse  Geschäftsleute  billiger  aus,
da  man  denen  gestattet,  bis  30.000  Ibs.  zu  laden  und  nur  für

24.000  Ibs  zu  zahlen.
Der  Wellandcanal,  welcher  auf  canadischem  Gebiete  den
Eriesee  mit  dem  Ontariosee  verbindet  und  so  den  Niagarafall
umgeht,  wurde  im  September  1881  auf  eine  Tiefe  von
12V2  gebracht,  zu  spät  für  die  Schiffahrt  in  diesem  Jahre.
Man  hofft,  dass  Seeschiffe  nun  den  Lorenzo  hinauf,  durch  den
Wellandcanal  bis  Chicago,  Milwaukee  und  Duluth  fahren
werden,  um  hier  Weizen  einzunehmen,  weniger  Sanguinische
meinen,  dass  Getreide  in  Dampfern  von  50—100000  B.  Inhalt
von  diesen  Städten  nun  nach  Quebeck  gebracht  und  dort  in
die  Seeschiffe  geladen  werden  wird.  Die  Kaufleute  von  Montreal ­
  behaupten,  auf  dieser  Route  werde  Weizen  um  16  c.  per
B.  von  Chicago  nach  England  befördert  werden  können.  Auf
keinen  Fall  wird  sie  dauernd  mehr  als  22  c.  kosten.
Die  Platzchargen  in  Chicago  und  von  da  sind.
1)  Inspection  u.  Gradiren  durch  vom  Staate
Illinois  angestellte  Inspectoren,  25  c.
per  car  von  400-45°  B.  .  .  .  •  ■  0,06  cents  per  B.
2)  Storage  im  Elevator  für  die  ersten  lo  1  age  1.25  ,,  w
für  jede  10  Tage  mehr  '/,  c.
3)  Feuerversicherung  im  Elevator  3  pct.  per
annum,  i  Monat  Vio  einer  Jahresrate,
V2  Monat  V4  Monatsrate,  Va  Monat  0.25  „  «
4)  Inspection  beim  Verschiffen  aus  dem  Elevator ­
  per  Eisenbahnladung  20  c.,  für
Schiffsfracht  30  c.  per  1000  B.  rund  .  0.05  „  «
5)  Seeversicherung,  wenn  auf  den  Seen  nach
Buffulo  geführt  20  c.  per  100  Dollars

Werth  .

.  .  0.20  „  rt
Summa  1.81  cents  per  B.  =
16.1  Kr.  per  Mtc.

6)  Die  Fracht,  welche  seh»  schwankt.
        <pb n="125" />
        111

Diese  Unkosten  waren  früher  auch  grösser.  Vor  lo  Jahren
kostete  Lagerung  bis  zu  20  Tagen  2  c.,  jede  folgenden  10
Tage  V2  c.
Die  Wasserfracht  von  Chicago  bis  Bufifulo  und  von  dort  per
Bahn  nach  New  York  war  im  Juni  (aller  folgenden  Jahre)  1871
per  Bushel  21  c.,  1872  =  22V2—24  c.,  1873  =  20—24  c.,  1874  =
16—19Va  c.,  1875  =  12—13Va  c.  Im  Jahre  1875  wurde  der
Zoll  auf  dem  Eriecanal  ermässigt  und  die  Schiffe,  welche  ihn
passirten,  wurden  grösser.  Bis  dahin  hatte  man  nur  Mais  auf
ihm  transportât.  Von  1876  ab  transportirte  man  auch  Weizen
und  kostete  nun  der  Transport  auf  dem  ganzen  Wasserwege  von
Chicago  nach  New-York  1876  =  8'/&amp;lt;  —  9Va  c.,  1877  =  6%  7
1878  =  6Vt—8*4  c.,  1879  =  sVs  —7V2  c.,  1880  =  12  —i4‘/a  c.,
i88i  ca.  6—8  c.
Von  Chicago  sendet  man  direct  bis  Kingston  am  San
Lorenzo  Getreide,  das  hier  in  Oceandampfer  verladen  wird
oder  nach  Montreal  oder  Quebeck  zunächst  gelangt.  Die
Fracht  von  Chicago  bis  Kingston  kostete  per  Bushel
1871  =  8V2—IO  c.,  1872  =  II—15  c.,  1873  =  11  —13V3  c.,
1874  =  ö'/a—7V2  c.,  1875  =  5V4—6V4  c.,  1876  =  5V4-7
1877  =  5-6  c.,  1878  =  5-5V2  c.,  1879  =  4V4-5  C-»  **80  =
9—11  c.
Der  Zoll,  welcher  von  Schiffen  für  die  Passage  durch  den
'^om  Staate  New-York  gebauten  und  unterhaltenen  Eriecanal
gezahlt  wird,  betrug  1874  per  Bush.  Weizen  3.105  c.,  Mais  2.898  c.,
lür  I  Barrel  Mehl  11.158  c.  Derselbe  wurde  1875/76  ermässigt
auf  2.070  c.,  für  den  B.  Weizen,  1.932  c.  für  den  B.  Mais  und
7-452  c.  für  (len  Barrel  Mehl.  Im  Jahre  1877  wurde  er  aber-"^als
  ermässigt,  für  Weizen  auf  1.035  ^Dis  auf  0.966  c.,
^iehl  auf  3.726  c.  —  In  den  oben  für  Beförderung  über  den
Fnecanal  nach  New-York  mitgetheilten  Frachtsätzen  ist  der
2oll,  welchen  der  Schiffer  zahlt,  mit  einbegriffen.  Dieser
2oll  ist  im  Sommer  1882  ganz  aufgehoben  werden.
Wie  schnell  die  zu  transportirenden  Waaren  den  billigsten
Weg  finden,  geht  aus  einer  Uebersicht  darüber  hervor,  auf
Welchen  Wegen  Getreide  nach  dem  Meere  von  Chicago  aus
befördert  wurde,  per  Bahn  oder  über  die  Seeen.
        <pb n="126" />
        I  12

Es  wurden  von  Chicago  aus  versandt  je  looo  Fass  oder
Bushels  :

Im  Jahre.  1

Fass  Mehl.

B.  Weizen.

B.  Mais.

B.  Hafer.

B.  Gerste.

1877  zu  Wasser
1877  per  Bahn
1878  zu  Wasser
1878  per  Bahn
1879  zu  Wasser
1879  per  Bahn
1880  zu  Wasser
1880  per  Bahn

148
2-334
321
2.458
330
2.760
527
2.335

10.345
4.664
12.903
11.308
17.622
13-384
16.685
6  III

38.607
7.754
46.368
12  576
41.561
19.738
72.400
21.172

5-013
7-484
6.255
10.209
1.589
11.925
2.139
18.510

1.747
2.466
753
2.767
155
3-4”

Mehl  und  Gerste  leiden  unter  der  Wasserfracht  leichter
als  Weizen  und  Mais,  diese  aber  werden  in  grösseren  Massen
zu  Wasser  befördert,  obschon  die  ihnen  zur  Verfügung  stehende
Wasserstrasse  nur  ca.  5  Monate  im  Jahre  offen  ist,  die  Eisenbahn ­
  aber  12  Monate.  Wie  muss  eine  Mississippistrasse
wirken,  die  von  St.  Paul  ab  5  Monate,  von  St.  Louis  ab
II  Monate,  von  Cairo  ab  stets  offen  ist!
Die  Oceanfracht  war  vor  Beginn  der  grossartigen  Export-;
  période  niedrig,  stieg  mit  dem  Wachsen  des  Exportes  und
I  fällt  ganz  neuerlich  erst  wieder,  aus  verschiedenen  Gründen,
:  über  die  einige  Andeutungen  genügen  werden.  Die  Fracht
,  für  den  Bushel  Weizen  von  New-York  nach  Liverpol  betrug
jjn  den  folgenden  Jahren  1866  Januar  9  c.,  August  9  —  10  c.,
1867  Januar  5V2  -  8  c.,  August  7—ii  c.,  1868  Januar  iiVa—15
c.,  August  9—13  c.,  1869  Januar  ló'/a  —19  August  15-21
.c.,  1870  Januar  8-10  c.,  August  11  —  24  c.,  1871  Januar
12V2—16  c.,  August  17V2—20V2  c.,  1872  Januar  12—15  c.,
August  16-17V2  c.,  1873  Januar  15'/,—17  c.,  August  25-27
c.  für  1874  habe  ich  die  Angaben  nicht  gefunden,  1875
Januar  21—24  c.,  Juni  15—18  c.,  1876  Januar  16  —  18  c.,  August
14—17  c.,  1877  Januar  12  —  14  c.,  August  14—16  c.,  1878
Januar  19—20  c.,  August  14-16  c.,  1879  Januar  10V2—12
August  15V2—17  c.,  1880  Januar  5V4-8  c.,  August  13V2—17
c.,  im  Jahre  1881  ist  die  Fracht  von  New-York  nach  England
sehr  niedrig  gewesen,  bis  auf  3  und  4  c.  per  B.  herab,  kann
aber  im  Allgemeinen  auf  8-10  c.  angenommen  werden  und
        <pb n="127" />
        f

”3

&amp;lt;lürfte  sich  in  Zukunft  kaum  über  8  c.  im  Durchschnitt  erheben.
Im  Oktober  1882  nahmen  Dampfer  den  Bushel  für  6%  Cents
=  58  Kreuzer  ö.  W.  per  Mtc.  nach  Liverpool;  8  Cents  macht
71.2  Kreuzer.
Die  Gründe  der  billigen  Dampferfracht  bestehen  erstens
darin,  dass  die  Dampfer  viel  Einnahmen  aus  Passagierfracht
haben,  Einwanderern  aus  Europa  und  reichen  amerikanischen
A’^ergnügungsreisenden  nach  Europa;  dass  sie  ferner  aus  der
Fracht  von  Provisionen  sehr  grosse  Einnahmen  erzielen,  alsoy
Getreide  billiger  befördern  können  als  früher.  Die  Fracht  für
100  Ibs.  „Provision“  —  hauptsächlich  Schweine-  und  Rindfleisch ­
  in  Fässern  oder  Zinkbüchsen,  Schmalz,  Butter,  Käse,
bewegt  sich  zwischen  40  —  75  c.  von  Chicago  bis  Liverpool
&amp;lt;lirect.  Im  Oktober  kostete  die  Dampferfracht  per  Tonne  Provisionen ­
  =  IO  Mtc.  17V2  =  25  Shillings.
An  Producten  der  Schweineschlächterei  wurden  exportirt
k  J.  1874  —  530  Mill.  Ibs.,  1877  =  763,  1878  =  1.006,  1879  =
1*143  und  1880  =  1.230  Mill.  Ibs.  Davon  wurden  im  Jahre
1880  nach  Frankreich  exportirt  1.608.000  Ibs.  Schweinepökelfleisch ­
  (Pork),  66.357.000  Ibs.  Bacon  and  Harns  und  55.462.000
Ibs.  Schmalz  (Lard).  In  ähnlicher  Weise  ist  der  Export  anderer
V,Provisionen“  gestiegen,  des  Rindfleisches  von  88  im  Jahre
‘877  auf  130  Mill.  Ibs.  i.  J.  1880,  der  Butter  von  21  Mill.  Ibs.
*•  J.  1877  auf  39  Mill.  Ibs.  i.  J.  1880,  des  Kaeses  von  107  Mill.
*•  J.  1877  auf  127  Mill.  Ibs.  i.  J.  1880.
Line  so  grosse  Steigerung  im  Quantum  verschiedener
Fxportmassen  giebt  den  Schiffen  stets  Gelegenheit,  die  amerikanisch-atlantischen ­
  Häfen  mit  voller  Fracht  zu  verlassen,
und  das  macht  die  Fracht  eben  billiger.  Ferner  werden  die
Schiffe  immer  grösser  und  die  Kohlenausnutzung  zur  Erzeugung ­
  für  Hitzeffect  wird  vollkommener.
Lie  Anstalten  zum  Auf  be  wahren  und  Ueberladen  von
eizen  sind  in  allen  atlantischen  Häfen  dieselben,  stehende  und
Schwimmende  Elevatoren,  wie  Seite  61—65  beschrieben.
Wird  Getreide  aus  einem  Wasserfahrzeug  in  den  stehenden
Llevator  geladen,  lagert  es  hier  bis  zu  5  Tagen  und  wird  es
dann  aus  dem  Elevator  in  ein  anderes  Fahrzeug  geladen,  so
kostet  das  '/*  c.  per  B.,  jede  folgenden  10  Tage  kosten
        <pb n="128" />
        114

abermals  '/*  c.  Das  zu  beladende  Schiff  zahlt  dazu  noch

Vs  c.
ln  New  York  kostet  also  Ein-  und  Ausladen  und  5  Tage
(bis  10  Tage)  Lagern  1V4  c.,  in  Buffalo  nur  Vi  +  Vs  =  V»  c-_
  2-3  Kreuzer  per  Mtc.  Das  macht  per  B.  V»  c.  Ersparung.
Eine  grosse  Summe,  denn  für  die  in  natura  im  Jahre  1S80
über  die  atlantischen  Häfen  exportirten  119  Mill.  B.  macht  das
über  1  Million  Dollars  aus!  Ohne  Zweifel  wird  man  das  Beispiel ­
  von  Buffalo  in  anderen  Städten  befolgen,  und  so  werden
sich  die  Handelsspesen  des  Getreides  in  Amerika  noch  weiter

vermindern.
Die  englischen  Regierungscommissäre,  die  Parlamentsmitglieder, ­
  Messrs.  Pell  und  Read,  veranschlagten  i.  J.  1879  die  Unkosten ­
  des  Getreidetransportes  vom  Westen  Amerikas  nach
Chicago  auf  20  c.,  von  da  nach  New-York  auf  15  Va  c.,  von
da  nach  Liverpool  auf  14Va  c.,  dazu  3'/*  c.  Lagerungs-  und
Ueberladungsspesen  in  Amerika  und  6V4  c.  solche  in  Liverpool. ­
  Von  den  letzteren  will  ich  absehen,  da  sie  in  den
einzelnen  europäischen  Häfen  verschieden,  überall  noch  viel
zu  hoch  sind  und  man  sie  zweifellos,  durch  bänführung
ähnlicher  Elevatoren,  wie  in  Amerika,  ermässigen  wird.
Read  und  Pell  gaben  also  die  gesummten  1  ransportkosten
—  ohne  die  Platzspesen  in  Liverpcx)!  —  vom  Westen
Amerikas  in  einem  englischen  Hafen  hinein  an  auf  53  V4  c.
per  B.  =  4.74  fl.  per  Metercentner.  Diese  Herren  meinten
eine  Verringerung  dieser  Unkosten  sei  auch  in  Zukunft  nicht
wahrscheinlich  !
Herr  Finlay  Dun  begleitete  diese  Commissäre  damals  und
publicirte  fortlaufende  gute  Reports  in  der  „Times“  von  dieser
Reise,  woraus  er  jetzt  ein  Buch  gemacht  hat:  „American
Farming  and  Food,  London  1881“.  Er  reist  zur  Zeit  wieder
in  Amerika  und  hatte  ich  im  September  eine  lange  Conferenz
mit  ihm  in  Chicago.
Seite  434  giebt  er  die  Fracht  per  B.  von  der  Farm  bis
nach  England  auf  1.87  sh.  =  43  ^  =  3*^3  Metercentner
an,  also  schon  niedriger  als  jene  Herren,  mit  denen  er  reiste.
Dazu  rechnet  er  sh.  =  7  Va  c.,  für  Versicherung,  Dock  und
andere  (?)  Chargen.
        <pb n="129" />
        Ich  glaube  überzeugend  nachgewiesen  zu  haben,  dass  im
Sommer  i88i  der  Transport  vom  Westen  nach  Chicago  für
i6  c.,  von  da  nach  England,  incl.  Versicherung,  für  22  c..
Summa  für  38  c.  =  3.38  fl.  per  Mtc.  stattfand,  diese  Unkosten
aber  auch  noch  einer  Ermässigung  fähig  seien.
Als  ich  noch  in  Amerika  reiste,  bin  ich  zu  meiner  Beschämung ­
  auf  die  officielle  Arbeit  eines  Landsmannes,  des
R.  preussischen  Bergassessors  Mosler  aufmerksam  gemacht
worden,  welche  auf  Kosten  des  preussischen  Handelsministeriums
i.  J.  1877  in  Berlin  gedruckt  wurde  und  den  Titel  trägt:  „Die
Wasserstrassen  in  den  Vereinigten  Staaten  von  Amerika.“
Nachdem  er  allerdings  dem  Eriecanal  noch  eine  Zukunft  in
Aussicht  stellt,  resümirt  er  sein  Urtheil  Seite  66  folgendermassen:
  „Was  endlich  die  Zukunft  des  Canalwesens  in  den
Vereinigten  Staaten  anbelangt,  so  ist  mit  ziemlicher  Wahrscheinlichkeit ­
  vorauszusehen,  dass  die  stets  wachsende  Conçu ­
  rrenz  der  Eisenbahnen  und  der  freien  Binnensee-  nnd  Flussschifffahrt ­
  auch  die  noch  belebten  Schifffahrtscanäle,  mit  Ausnahme ­
  der  Küsten-  und  Seecanäle,  allmälig  zum  Versiegen
und  schliesslich  zum  Erliegen  bringen  wird.“  Nun  sind  die
Küsten-  und  Seecanäle  stets  die  Hauptcanäle  Amerikas  gewesen ­
  und  werden  sie  fortwährend  weiter  entwickelt  :  Der  alte
Weilandcanal  hat  einen  neuen,  tieferen  und  kürzeren  Seitencanal ­
  erhalten.  Der  Eriecanal  soll  vertieft  werden.  Aber  man
wird  auch  einen  wichtigen  Binnencanal  bauen,  vom  Mississippi
nach  Chicago.  Die  sehr  praktischen  Amerikaner  sind
also  durchaus  nicht  der  Ansicht  des  Herrn  Mosler,  sonst
würden  sie  nicht  viel  Geld  für  Canäle  ausgeben,  die  keine  Zukunft ­
  haben.
Herr  Mosler  giebt  den  gesammten  Güterverkehr  auf
deutschen  Canälen  und  Flüssen  in  den  letzten  Jahren  (vor  1877)
folgendermassen  an  :
Saar-Kohlen-Canal  M
Rhein-Mame-Canal  .  .  .  .  •  •  9—”
Rhein-Rhone-Canal  20—23  ’i
Bromberger  und  Finow-Canal  .  10—"
Summa  53—64.5  „  ^
2.65—3.22.

Tonnen

8*
        <pb n="130" />
        116

Man  kann  also  sagen,  dass  auf  allen  deutschen  Canälen
um  1876,  d.  h.  um  jene  Zeit,  von  der  Herr  Mosler  seine  Daten
nahm,  3  Millionen  Tonnen  Waaren  bewegt  wurden.
Auf  den  Canälen  des  Staates  New-York  allein  wurden
1876  bewegt  4.172.129  Tonnen  Waaren,  also  bedeutend  mehr,
als  auf  allen  deutschen  Canälen.  Und  dass  diese  amerikanischen
Canäle  nicht  im  Geschäft  des  Versiegens  begriffen  sind,  geht
wohl  überzeugend  daraus  hervor,  dass  auf  denselben  Canälen
des  Staates  New-York  i.  J.  1880  nicht  weniger  als  —  6.462.290
Tonnen  bewegt  wurden!  So  hat  sich  also  der  Verkehr  auf
den  Canälen  eines  Staates  allein  gehoben!  Dass  er  auf  den
anderen  Canälen,  welche  hauptsächlich  Kohlen  transportiren,
nicht  zurückgegangen  sein  wird,  liegt,  bei  der  notorischen
KntWickelung  der  Kohlenausbeute,  auf  der  Hand.  Die  Canäle
haben,  abgesehen  von  der  absoluten  Menge  Waaren,  die  auf  ihnen
befördert  wird,  den  unendlichen  Vortheil  in  einem  Staate  mit
Privateisenbahnen,  diese  zu  Tarifherabsetzungen  zu  zwingen.
Die  deutsche  officielle  Wissenschaft  hat  sich  durch  jenes  Werk
des  Abgesandten  des  preussischen  Handelsministeriums  international ­
  —  blamirt!
Obgleich  es  über  den  Rahmen  dieser  Abhandlung  hinausfällt, ­
  will  ich  doch  kurz  die  Productionskosten  eines  Bushels
Weizen  im  Westen  von  Amerika  berühren.  Die  Herren  Pell  und
Read  taxiren  sie  im  Jahre  1879  auf  84  c.  =  7.30  fl.  per  Mtc.,  Herr
Dun,  Seite  434  seines  Buches,  auf  3  sh.  i  d.  =  74V2  c.  =  6.63  fl.
per  Mtc.,  er  ist  also  schon  um  10  c.  billiger  geworden,  als
jene  Herren.  Kr  rechnet  dabei,  dass  der  Acre  Land  10  S  zu
bestellen  und  ernten  kostet  und  13  Bushel  Weizen  trägt.
In  eben  jenem  Berichte  der  englischen  Commissäre  giebt  ein
Herr  Hubard  aus  Minnesota  die  Unkosten  per  Acre  auf
10.17  D.,  den  Ertrag  auf  15  B.,  die  Kosten  per  B.  also  auf
68  c.  an.  Ein  Herr  Kendall  aus  demselben  Staate  rechnet
9.96  D.,  giebt  aber  den  Ertrag  nicht  an.  Herr  Dairymple  giebt
die  Productionskosten  1879  auf  36  c.  p.  B.  an.  Im  Jahre  1881
erntete  er  18  B.  per  Acre  und  kostete  der  Acre,  in  eigener
Regie  bearbeitet,  6  D.,  der  Bushel  also  33.3  c.,  wenn  von
anderen  Leuten  mit  ihren  Pferden  und  Werkzeugen  gegen
Entgelt  gemacht,  kostete  der  Acre  Weizen  —  bis  zum  Trans-
        <pb n="131" />
        117

port  des  Getreides  in  die  Eisenbahnwaggons  —  8  D.,  per  B.
also  44.4  c.
Herr  Randolph,  Secretar  der  Handelskammer  in  Chicago,
rechnet  fur  Minnesota  8.75  D.  per  Acre  à  12  B.  =  73  c.  per
B.  =  6.49  fl.  per  Mtc.  Das  Ackerbauamt  für  Illinois  giebt  den
Ertrag  per  A.  auf  17V3  i-  J*  1880,  die  durchschnittlichen
Unkosten  per  Acre  auf  7.14  D.,  die  Grundrente  auf  3.30  D.,
was  einem  Grundwerth  von  55  D.  per  A.  entsprechen  würde,
an,  so  dass  sich  die  Productionskosten  auf  10.44  A.
oder  60  c.  per  B.  =  5.  34  fl.  per  Mtc.  stellen.  —  Ich  habe
gefunden,  dass  man  für  6  —7  D.  in  fast  allen  westlichen
Staaten  die  Bestellung  und  Ernte  eines  Acres  Weizen  in
Pacht  geben  kann  und  doch  die  Ernte  dabei  auf  11  —13  B.
anzunehmen  ist,  so  dass  ich  meine,  dass  man  bei  dem  geringen ­
  Preise  des  Bodens  daselbst,  für  den  man  per  Acre
doch  im  Durchschnitt  von  Chicago  bis  zum  Felsengebirge
nicht  mehr  als  1  D.  Rente  rechnen  darf,  also  7  —  8  D.  Unkosten ­
  auf  II  —13  B.  kommen,  oder  54—72  c.  per  Bushel  =
4.80—6.40  fl.  per  Mtcr.
Es  zeigt  sich  dabei,  dass,  je  mehr  Arbeit  man  auf  die  Production ­
  verwendet,  je  sorgfältiger  der  Ackerbau  betrieben  wird,
je  mehr  also  der  Acre  zu  bestellen  kostet,  der  Ertrag  um  so
mehr  zunimmt  und  sicherer  wird,  der  Bushel  um  so  niedriger
kommt.  Wenn  ich  nun  ferner  berücksichtige,  dass  die  meisten
Farmer  keine  Dienstleute  halten  und  die  Bestellung  des  Bodens
um  Lohn  sehr  selten  ist,  so  sehe  ich  nicht  ein,  wie  ich  dem
selbstarbeitenden  Farmer  durchschnittlich  denselben  hohen  Tagelohn ­
  rechnen  soll,  den  ein  Grossgrundbesitzer,  wie  Dalrymple,
in  der  Sommerszeit  zahlt.  Nehme  ich  weiter  an,  dass  das  Land
vom  Mississippi  westlich  entweder  garnichts  kostete,  indem  es
uls  „Homestead“  von  der  Regierung  in  Flächen  von  160  Acres
gegen  Zahlung  einer  Gebühr  von  rund  20  D.  für  die  Vermessung ­
  aufgenommen  wurde,  oder  dass  es  sehr  wenig  kostete,
Weil  es  von  den  Bahngesellschaften  um  i—3—5^*  P^^
kauft  wurde,  so  sehe  ich  die  Berechtigung  einer  Grundrente
von  I  D.  per  A.  nicht  ein.  Ich  bin  durchaus  der  Meinung,
dass  der  Farmer  sehr  gut  bestehen  und  Geld  sparen  kann,
wenn  der  Bushel  Weizen  50  c.  =  4.45  fl-  P^r  Mtc.  auf  der
        <pb n="132" />
        Farm  kostet,  dass  er  aber  in  5—6  Jahren  auch  bei  40  c.  =
3.56  fl.  per  Mtc.  recht  gut  wird  bestehen  können,  weil  die  Einwanderung ­
  den  Arbeitslohn  herabdrückt  und  weil  die  sorglos
wirthschaftenden  amerikanischen  Farmer  immer  mehr  von  den
einwandernden  schweizerischen  ,  deutschen,  dänischen  ,  schwedischen, ­
  norwegischen  und  englischen  Farmern  verdrängt  werden,
welche  sorgfältiger,  tiefer  ackern,  düngen  und  wo  es  angemessen ­
  ist,  den  Boden  künstlich  bewässern.  Dadurch  steigern
sie  den  Ertrag  mehr  als  die  Productionskosten.  Es  ist  nicht
wahr,  dass  der  Raubbau,  welchen  amerikanische  Farmer  unstreitig ­
  auf  dem  grössten  Theile  des  neuen  Prärielandes  treiben,
in  einer  dauernden  Verarmung  des  Bodens  und  Verringerung
der  Production  ende.  Das  Gegentheil  ist  der  Fall:  In  den  ersten
10—12  Jahren  verlangt  der  Boden  keinen  Dung,  würde  dieser
nur  schaden.  Lässt  später  der  Ertrag  nach,  so  geht  der  Besitzer ­
  zur  Wechselwirthschaft  und  Düngerwirthschaft  über,  oder,
und  dies  ist  öfter  der  Fall,  er  verkauft  an  einen  einwandernden
Europäer,  der  dies  thut,  und  nun  steigt  der  Ertrag  wieder.
Wenn  wir  von  einzelnen  Jahren  absehen,  welche  durch  ausnehmend ­
  schlechtes  Wetter  Missernten  hatten,  wie  1881  durch
Dürre,  so  zeigt  sich,  dass  der  Ertrag  des  Weizens  per  Acre
in  der  Union  regelmässig  steigt.  Er  betrug  1870  =  12.4  B.,
1871  =  11.5,  1872  =  11.9,  1873  =  12.7,  1874  =  12.3,  1875  =
ii.o,  1876  =  10,4,  1877  =  13.9,  1878  =  13.1,  1879  =  13  *1
1880  =  13.3,  also  in  den  ersten  5  Jahren  dieser  Periode  zusammen ­
  60.8  B.,  in  den  letzten  5  Jahren.  64.5  B.  Und  es  sind
nicht  die  neuen  Länder  mit  ihrem  jungfräulichen  Boden,  welche
diese  Steigerung  verursachen.  Im  Gegentheil  haben  diese  geringere ­
  Durchschnittserträge,  als  die  älter  cultivirten  Staaten.
Das  Jahr  1879  hatte  eine  normale  Ernte  gebracht.  Der  Ertrag
per  Acre  war  in  den  neuesten  Staaten  Kansas  11  B.,  Nebraska
11.3,  Jowa  10.2  B.,  Minnesota  12.3  B.  —  In  den  älteren  Staaten
Wiskonsin  12.6,  Michigan  19.2,  Kentucky  14,  Illinois  18.7.  —  In
den  seit  über  30  —  40  Jahren  gut  angebauten  Staaten  Indiana
20.3,  Ohio  19.5,  Pennsylvanien  15.3,  New-York  15  B.,  obschon
beide  letztere  weit  schlechteren  Acker  haben  als  die  jüngeren
Weststaaten.
        <pb n="133" />
        »  »9  _

In  einem  alten  Staate,  Illinois,  in  welchem  i860  schon
2.109.000  A.  mit  Weizen  angebaut  waren,  1870  =  2.259.000  A.
und  1880  =  3.256.000  A.,  in  dem  also  der  Boden  durch
Raubbau  schon  hinlänglich  erschöpft  sein  sollte,  betrug  der
Ertrag  per  Acre  in  Bushels

1860
1861
1862
1863
1864
1865
1866
1867
1868
1869
1870
1871
1872
1873
1874
1875
1876
1877
1878
1879
1880

Weizen

I  II3
I  II  3
I  14
I  12
I  14.3
II
13
11  4
11.5
II.2
12
12-3
12.1
13  5
11.5
10.5
9.3
16.4
14  6
18.7
173

je  5  Jahre

62.9
durchschnittlich ­

12.6
581
durchschnittlich ­

11.6

je  IO  Jahre

121.0
durchschnittlich ­

12.I

61.4
durchschnittlich ­

12.3

69.5
durchschnittlich ­

139

130.9
durchschnittlich ­

131

17.3  17.3

Ich  werde  also  wohl  nicht  irren,  wenn  ich  die  gegenwärtigen ­
  Productionskosten  des  Bushels  Weizen  nicht  über
60  c.  5  5.3^  fl,  per  Mtc.  anschlage  und  dabei  annehme,  dass
sie  sich  im  nächsten  Lustrum,  ohne  dem  summarischen  Einkommen ­
  des  Farmers  Schaden  zu  thun,  auf  5®  —  4-45
per  Mtc.  ermässigen  werden,  es  sei  denn,  es  trete  eine  dem
entsprechende  Preissteigerung  des  Bodens  ein!  Im  Jahre  1880
Wurde  der  Durchschnittswerth  des  Acres  geklärten  Bodens
taxirt  auf  8.93  1).  in  Nebraska,  11.82  D.  in  Kansas,  14-45
        <pb n="134" />
        120

in  Minnesota,  27.36  D.  in  Jowa,  33.03  D.  in  Illinois,  30.46  D.
in  Indiana  und  47.33  D.  in  Ohio.  Man  sieht,  wie  schnell  die
Preissteigerung  von  Westen  nach  Osten  fortrückt,  von  Jahr
zu  Jahr.  Man  sollte  aber  billiger  Weise  diese  Preissteigerung,
welche  eine  Folge  des  loco  erhöhten  Productenertrages  und
Preises  ist,  nicht  stets  alljährlich  in  der  Productionskostenberechnung
  mit  berücksichtigen  !
Während  also  die  englischen  Commissäre  1879  53.25  c.
per  B.  Transportkosten  aus  dem  Westen  nach  England  und
84  c.  Productionskosten  im  Westen,  Summa  1.37'/^  D.  per  B.
=  12.22  fl.  per  Mtc.  rechnen,  ihr  Begleiter,  Herr  Dun,  1881
schon  auf  43  c.  Transport-  und  74V2  c.  Productionskosten,
Summa  1.17  V2  D.  per  Bushel  =  10.46  fl.  per  Mtc.  Weizen  herabgeht, ­
  gelange  ich  Ende  Sommer  1881  auf  gegenwärtige
38  c.  Transport-  und  60  Productionskosten,  Summa  98  c.  per
Bushel,  so  dass  also  schon  jetzt  der  Bushel  amerikanischen
Weizens  sich,  mit  Profit  für  die  Händler,  um  i  D.  per  B.  =
8.90  fl.  per  Mtc.  nach  England  liefern  liesse.  Ich  nehme
an,  dass  selbst  diese  Kosten  in  den  nächsten  5—6  Jahren,
durch  die  angedeuteten  Verbesserungen  der  Transportwege
und  Anstalten,  Ermässigung  der  Löhne  in  Folge  der  Einwanderung ­
  und  —  —  Ermässigung  des  Zinsfusses  mit  zunehmendem ­
  Reichthume  des  Landes  —  er  betrug  bis  24  pCt  im
Westen  und  ist  jetzt  auf  8—10  pCt.  westlich  des  Missouri,
6—8  pCt.  in  den  Mittelstaaten  herabgesunken  —  um  gut  und
gern  10  pCt.  ermässigt  werden.
Somit  glaube  ich,  dass  bei  einem  lohnenden  Unternehmergewinn ­
  für  Landleute  und  Kaufleute  —  freilich  nicht  mit
12—25  pCt.,  wie  sie  jetzt  oft  gemacht  werden  —  Dalrymple
baut  Weizen  auf  35.000  A.,  der  Boden  kostet  ihm  höchstens
5  D.  per  A.  Kaufpreis,  und  die  Wirthschaftsunkosten  betragen
7  D.  im  Mittel,  die  Ernte  18  B.  und  der  Preis  des  Bushels
loco  Farm  i  D.,  das  giebt  noch  mehr  als  25  pCt.  vom  investirten
  Capital  —  dass  also  mit  einem  lohnenden  Gewinn
für  die  Amerikaner  ihr  Weizen  für  i  D.  per  B.  jetzt,  und  für
90  c.  in  5—6  Jahren,  wird  nach  England  geliefert  werden
können,  das  heisst  für  2.86  D.  =  14.30  Francs  per  Hectoliter,
oder  18.50  Francs  per  Mtc.  von  100  Kgr.,  den  Dollar  rund
        <pb n="135" />
        I2I

ZU  5  Francs  gerechnet,  jetzt,  und  lo  pCt.  weniger  in  5—6
Jahren,  dann  also  für  rund  13  Francs  der  Hectoliter  und  16%
Francs  oder  8  fl.  der  Mtc.
Heute  würden  sich  die  Selbstkosten  per  Quarter  von
8  Bushels  à  i  D.  auf  8  D.  =  33  V3  sh.,  und  in  5—6  Jahren
auf  ca.  30  sh.  stellen.
Wenn  jetzt  diese  Preise  so  viel  höher  sind,  so  haben  sie
eben  den  Erfolg,  den  Ackerbau  in  Amerika  zu
stimuliren.  In  der  That  habe  ich  auf  meiner  sehr  ausgedehnten ­
  Rundreise  in  allen  neueren  Staaten  nicht  nur  sehr
zahlreiche  neue  Farmen  entstehen  sehen,  sondern  auch
beobachtet,  dass  älter  angesiedelte  Farmer  entweder  ihre
Cultur  des  Bodens  verbessern,  wozu  ihnen  die  grossen  Einnahmen, ­
  welche  sie  in  den  letzten  Jahren  bezogen  haben,  Geld
gaben,  oder  neuen  Boden  in  Anbau  nahmen,  oder  beides
gleichzeitig  thaten.  Es  gab  1880  über  4  Millionen  Farmen  in
der  Union  und  giebt  Ende  1882  gut  und  gern  rund  4'/,  Mill,
solcher.
Die  Annahme  scheint  nicht  gewagt,  sondern  sogar  eine
massige,  dass  die  nächsten  5  Jahre  eine  ebensolche  Steigerung
der  Weizenproduction  in  den  Mittel-  und  Weststaaten  zur
Folge  haben  werden,  wie  die  5  Jahre  von  1876—1880,  d.  h.
um  rund  130  Mill.  B.  Die  Mehrproduction  in  Californien,
Oregon,  Washington  Territory,  in  Dakota,  Colorado,  Wisconsin, ­
  Pennsylvanien,  einigen  Südstaaten,  namentlich  aber
dem  jetzt  erst  aufgeschlossenen  Texas  und  dem  vielleicht
bald  den  Indianern  abzudrängenden,  höchst  fruchtbaren  Indianer
Territory  wird  den  Mehrconsum  der  Union  reichlich  decken,
so  dass  dieselbe  in  ca.  5  Jahren,  anstatt  rund  200  Mill.  B.  im
Jahre  1880,  330  Mill.  B.  wird  zu  exportiren  haben.  Alsdann
"^md  die  Speculation  den  Preis  um  so  weniger  über  die
Selbstkosten  halten  können  —  was  sie  jetzt  im  grossartigsten
Maassstabe  thut  —  als  Canada  und  Australien,  vielleicht
die  La  Plata-Länder  und  Britisch-Ostindien  und  Mexico
jährlich  einen  grösseren  Ueberschuss  auf  die  Weltmärkte
liefern  werden.
Ks  wird  nicht  uninteressant  sein,  eine  Skizze  der  Weizenproduction ­
  in  der  Welt  hier  anzuschliessen  mit  dem  Bedarf
        <pb n="136" />
        te

I  22

der  einzelnen  Länder  über  ihre  Production  und  dem  Ueberfluss
anderer  Länder  über  ihren  Consumí

Land.

Production.
Mill.  B.

1-rankreich
Russland
Deutschland
Spanien
Italien
Oesterreich-Ungarn
Europäische  Türkei
Rumänien
Belgien
Andere  europäische  Staaten  ....
Vereinigte  Staaten  von  Amerika  1882
Canada
Australien
Eg&amp;gt;ptcn
Algerien
Indien
Chile  und  die  La  Plata-Staaten  .  .
Gross-Britannien
West-Indien

Ueberschuss
Mill.  B.

Erforderliche
Zufuhr.
Mill.  B.

44

295  I

232

Natürlich  ist  diese  Uebersicht  nur  sehr  im  Allgemeinen
zutreffend  und  für  das  Jahr  1881  besonders  unrichtig,  da  die
Union  nicht  soviel  zu  exportiren  hat,  wegen  der  besonders
schlechten  Ernte,  aber  das  ist  eine  Ausnahme.  Immerhin  ist
auch  in  diesem  Jahre  der  Bedarf  der  Welt  reichlich  gedeckt
worden.  Die  Ernte  des  Jahres  1882  liefert  schon  bedeutend
grösseren  Ueberschuss,  da  z.  B.  Erankreich  gar  keinen  Import
braucht.
Man  kann  annehmen,  dass  wir  in  den  letzten  Jahren  rund
ca.  50  Mill.  B.  mehr  producirten  als  consumirten.  Der  Jahresbedarf ­
  der  importirenden  Länder  beträgt  200—250  Mill.  B.,  der
Ueberschuss  der  exportirenden  rund  300  Mill.  B.  Wenn  nun
Amerika  in  5—6  Jahren  150  Mill.  B.  mehr  liefern  sollte,  sö
häuft  sich  der  Bestand  von  einem  Erntejahre  zum  andern  immer
        <pb n="137" />
        123

mehr  an  und  es  wird  den  sehr  reich  gewordenen  wenigen  Getreideexporteuren ­
  in  Amerika,  deren  es  nicht  ein  Dutzend
giebt  und  welche  diesen  vortheilhaften  Handel  zur  Zeit  monopolisiren,
  unmöglich  werden,  durch  Zurückhalten  der  Ausfuhr
den  Preis  in  Europa  über  die  Productions-  und  Transportkosten ­
  nebst  durchschnittlichem  Geschäftsgewinn  in  Amerika
zu  halten,  was  sie  1881/82  mit  Erfolg  thaten.
Bleibt  also  das  bisherige  Handels-  und  Productionsverhältniss
  Europas  und  Amerikas  nur  noch  5  Jahre  lang  in  der
bisherigen  Entwickelung,  so  werden  die  europäischen  Grundbesitzer ­
  mit  den  von  mir  so  eben  entwickelten  Preisen  und
Stodquantitäten  sich  abzufinden  haben.
Ich  glaube  nicht  irgend  einer  Uebertreibung  überführt
werden  zu  können,  denn  was  nutzen  schönfärberische  Berichte,
wie  jene  der  englischen  Regierungscommission  von  1879,  unter
welche  ihr  journalistischer  Begleiter  schon  1881  um  15  pCt.
herabgeht,  und  die  heute  schon  um  28  pCt.  zu  hoch  nachweislich ­
  sind.  Und  jene  übertriebenen  Zahlen  hatten  die
Engländer  den  englischen  Farmern  als  solche  dargestellt,
unter  welchen  die  Amerikaner  auf  die  Dauer  nicht  liefern
könnten!
Es  mag  sich  empfehlen,  einige  in  dem  Verlaufe  des  Capiteis ­
  gewonnene  Zahlen  hier  zusammenzustellen.
Für  je  100  Kilo  Weizen  kostete  der  Transport:
Von  St.  Paul  über  N.-York  nach  Liverpool  3.78  fl.
V  on  St.  Paul  über  N.-Orleans  nach  Liverpool  2.40  fl.
Von  St.  Louis  über  N.-Orleans  nach  Liverpool  1.53—1  -9^  H*
Von  Chicago  über  N.-York  nach  Liverpool  2.18—1.78  fl-Von
  Chicago  über  Montreal  nach  Liverpool  1.31  fl-V
  on  N.-York  nach  Liverpool  5*—7  ‘  Kreuzer.
Pell  und  Reed  behaupteten  1879,  der  Transport ­
  von  der  E'arm  aus  dem  Westen
nach  Liverpool  koste  4-74
E)un  behauptete  i88i,  er  koste  ...  -  3  *3
Ich  berechnete  ihn  1881  auf  3  3*
Im  October  1882  kostete  er  von
I  CSt  nach  Berlin  ,  .  .  .  ,
I‘cst  nach  Stettin  ^  5°
        <pb n="138" />
        124

Pest  nach  Köln  3.45  fl.
Pest  nach  Breslau  1.71  fl.
Pest  nach  Paris  3.87  fl.
Pest  nach  Hamburg  3^13  0.
Pest  nach  Fiume  1.56  fl.
Pest  nach  Glasgow  od.  Liverpool  via  Fiume  2.46  fl.
Pest  nach  Le  Havre  via  Fiume  .  .  ,  .  2.70  fl.
Diese  verhältnissmässig  niedrigen  Tarife  verdanken  den
billigen  Frachtsätzen  auf  ungarischen  Staatsbahnen  und  den
ungarischen  Subventionen  an  die  Dampfschifffahrts-Gesellschaft
Adria  ihr  Entstehen.
Von  New-York  nach  England  89  Kreuzer.
Von  Montreal  nach  England  80  Kreuzer.
Dr.  A.  Peez  hat  meinen  Arbeiten  so  Manches  entlehnt»
dass  er  es  verzeihen  wird,  wenn  ich  ihm  hier  eine  von  ihm
mitgetheilte  Angabe  über  die  Transportpreise  in  Oesterreich
per  Achse  und  per  Bahn  in  1882  und  1852  entnehme.  Der
Vergleich  ist  recht  interessant.  Auf  diesem  Gebiete  haben
wir  es  wirklich  sehr  weit  gebracht!
Hiernach  betrug  die  Getreidefracht  pro  100  Kilogramm  in
Kreuzern  ö.  W.  :
Kilometer  von  Reichenbach
Entfernung  nach  Achsenfracht  1852  Eisenbahnfracht  1882

141  Prag  204  69.2
161  Pardubitz  206  65.4
458  Wien  402  146.6
723  Pest  616.5  216.8
1077  Triest  894—1060  314.6.
Der  Weizenpreis  war  für  100  Kilo
Anfangs  October  1882
in  Chicago  8.50  fl.
in  New-York  (rother  Winterweizen)  .  .  .  9.88—9.98  fl.
in  Pest  9.95  fl.
in  Wien  9.80—10.05  flin
  Temesvar  8.20—8.30  fl.
in  Hamburg  9.85  fl.
in  Berlin  10.40  fl.
        <pb n="139" />
        _
Stettin  10.23  fl-Köln
  fl.
in  Breslau  11.89  fl.
in  Lemberg  fl.
Paris  A
Danach  ist  der  Weizenpreis  in  New-York  so  hoch
wie  in  Wien.  Der  Weizen  steht  höher  in  Chicago  als  in
T  emesvar.
        <pb n="140" />
        •jxrm

3b

^^^sséáaÊÊÊPmáS

..y

VII.  Capitel.
Der  Export  frischen  Fleisches  von  New-York.
Am  II.  März  i88i  besuchte  ich,  in  Begleitung  des  Grafen
J.  Széchényi,  den  grossen  Viehhof  von  New-York  und  das
Schlacht-  und  Fleischexporthaus  des  grössten  Exporteurs,
Mr.  Eastman,  der  im  Herbste  des  Jahres  1875,  als  der  Erste,
frisches  Schlachtfleisch  von  New-York  nach  England  exportirte.
  Herr  Eastman  führte  uns  zunächst  durch  alle  seine
dortigen,  grossartigen  Anlagen  und  dann  in  sein  Comtoir,  woselbst ­
  er  alle  unsere  Fragen,  nach  Einsicht  seiner  Geschäftsbücher, ­
  beantwortete,  so  dass  die  von  mir  nun  mitzutheilenden
  Zahlen  durchaus  unanfechtbar  sind,  zumal  sowohl  Graf
Széchényi  als  ich  sie  niedergeschrieben  und  dann  später  mit
einander  verglichen  haben.
Der  New-Yorker  Viehhof  ist  kein  „monumentaler  Rau“,
wie  z.  B.  der  Wiener  und  Budapester,  aber  er  ist  zweckmässiger ­
  eingerichtet,  sogar  als  der  zu  Islington  bei  London
und  dabei  sehr  viel  billiger  hergestellt.  Wie  denn  die  Amerikaner ­
  nicht  die  grobe  Thorheit  kennen,  ihre  Transporte  und
ihren  Handel  dadurch  zu  vertheuern,  dass  sie  „monumentale“
Bahnhöfe  absichtlich  kunstvoll,  theuer  und  nicht  dauerhaft
hergestellte  Eisenbahnen,  wie  die  Semmeringbahn,  künstlerisch
schöne  Schweineställe  und  Viehhöfe,  wie  in  Budapest,  bauen,
welche  viel  Geld  kosten,  das  verzinst  sein  will  und  dessen
Zinsen  nun  als  eine  Steuer  auf  Handel  und  Transport  lasten.
Sie  bauen  dergleichen  so  zweckmässig  und  gleichzeitig  so  einfach ­
  und  billig  wie  möglich.
Nach  diesem  Principe  ist  auch  der  New-Yorker  Viehhof
eingerichtet.
        <pb n="141" />
        127

Er  bedeckt  natürlich  eine  weite  Fläche,  die  aber  nicht
so  in  die  Augen  fällt  wie  jene  von  Islington,  welcher  Viehhof
ganz  übersehbar  ist.  Man  hat  nämlich  den  Viehhof  zu  Islington
bei  London  durch  lange  Strassen  in  Felder  getheilt,  auf  denen
Schafe  und  Schweine  durch  niedrige  Zäune  eingepfercht  sind.
as  Rindvieh  ist  an  einfache  Balkenbarrieren,  welche  die
%  einzäunen,  angebunden  und  wendet  den  in  diesen
assen  circulirenden  Leuten  die  Köpfe  zu.  Zwischen  je  zwei
f  Findern,  die  sich  das  Hintertheil  zukehren,  ist
wieder  Platz  für  die  Fleischer,  welche  hier  auf-  uod  abgehen,
zwischen  die  einzelnen,  angebundenen  Rinder  gehen,  sie  beu
  len,  Priifen  und  dann  einzeln  oder  in  Lots  kaufen.  Der
posse  Viehhof  von  Islington  wird  dadurch  von  jedem  Punkte
m  seiner  Totalität  übersichtlich.  In  der  Mitte  steht  ein  zweip.
  Comptoirs  der  Beamten  und  Makler
Fl"  k  •  "  Schafe  und  Schweine  bestimmten
n  L  ^  einem,  durch  eiserne  Säulen  getragenen  hohen
•  y  Fegen  geschützt.  Die  Schlachthäuser  liegen  an
zwei  Längsseiten  des  Hofes.

p  *  ^^^rk  wird  auch  das  Findvieh  unangebunden  in
a  ocks  aufgestellt,  welche  30  bis  50  Haupt  fassen  und  durch
se  r  solide  Plankenzäune  von  ca.  7  Fuss  Höhe  nach  allen
^'(^Gn  abpschlossen  sind,  was  bei  dem  halbwilden  Charakter
wend'  Verkaufe  gelangenden  Rinder  auch  sehr  noth-'g
  ist.  Jeder  Paddock  hat  Raufen,  in  denen  Heu  und
1  .  ^  Füttern  des  Viehes  liegt  und  das  von  der  Strasse
neingeworfen  werden  kann,  sowie  ein  solides  Thor,  nach
V  ^  Viehhof  in  Felder  theilenden  Strassen.  I  'as
c  wird  nach  Gewicht  in  Partien  verkauft,  soweit  es  nicht
on  Fleischern  und  Exporteuren  gehört,  welche  in  New-York
wohnen.  Herr  Eastman  importirt  Vieh  direct  vom  Westen,
^fist  Kansas-City,  auch  von  Chicago,  verkauft  lebendes
ich,  schlachtet  für  New-Yorker  Bedarf,  exportirt  regelmässig
risches  Fleisch  auf  den  Postdampfschiffen,  die  nach  England
^  Sehen,  und  zuweilen  auch  lebendiges  Vieh  nach  Europa.
der  einen  Seite  des  Viehhofes  ist  ein  sehr  viel  Grundäche
  einnehmender  „Viehspeicher“  erbaut,  in  dessen  vier
übereinander  liegenden  Etagen  Vieh  während  des  Winters,
        <pb n="142" />
        128

ganz  auf  dieselbe  Weise,  wie  im  unbedeckten  Hofe  aufgestallt ­
  wird.
Im  Parterre  befinden  sich  die  Paddocks  für  Rindvieh,  in
den  drei  darüber  liegenden  Stockwerken  die  Buchten  für
Schweine  und  Schafe.  Schiefe  Ebenen,  die  mit  der  Horizontale
einen  Winkel  von  ca.  30  Grad  bilden,  sind  von  Planken  breit
construirt.  Sehr  schmale  Latten  sind  horizontal  darauf  genagelt ­
  und  bilden  eine  Treppe,  auf  der  Schweine,  Schafe  und
Menschen  bequem  hinauf  und  herabsteigen.  Die  Fussböden
sind,  wie  das  ganze  Gebäude  dicht  aus  Holz  construirt,  die
Jauche  und  der  Dung  werden  in  das  Parterregeschoss  so  erfolgreich ­
  abgeleitet  und  hinabgefördert,  dass  alle  Etagen  reinlich ­
  und  mit  guter  Luft  versehen  sind.  Die  Holzconstruction
ist,  wie  auch  in  den  Häusern  und  Ställen  auf  dem  Lande,  von
erstaunlich  kühner  Leichtigkeit.  Die  Balken  bestehen  aus
2  Va-  bis  3-zölligen  Bohlen,  die  auf  die  hohe  Kante  gestellt  und
acht  bis  zehn  Zoll  breit  sind.  Zwischen  je  zwei  solcher  Balken
sind,  in  acht  bis  zehn  Fuss  Abstand,  je  zwei  Plankenstückchen
über  Kreuz  eingesprengt,  so  dem  Ganzen  seitlich  Festigkeit
gebend.  Diese  Balken  tragen  die  Bohlendecke,  auf  der  das
\"ieh  ßteht.  Die  Wände  sind  aus  leichten  Stielen  gebildet,
welche  eine  einfache  Bekleidung  aus  dünnen  Brettern  tragen.
So  ist  dieser  vierstöckige  Bau  leicht,  luftig,  billig.
Herr  Eastman  besitzt  ein  eigenes  Grundstück  neben  dem
Viehhofe,  worauf  er  sein  Schlachthaus  nebst  allen  dazugehörigen ­
  Anlagen  erbaut  hat  und  in  welches  das  zu  schlachtende
\'ieh  unmittelbar  vom  Viehhofe  getrieben  wird.
Fs  sind  drei  Abtheilungen  in  diesem  Schlachthause  zu
unterscheiden.  Itrstcns  der  Raum,  in  dem  das  Vieh  geschlachtet,
ausgeweidet  und  enthäutet  wird.  Wir  sahen  nur  das  Schlachten
der  Rinder.  Der  zu  schlachtende  Ochse  wird  an  den  Hinterfüssen ­
  unten  von  einer  Schlinge  erfasst  und  zur  Decke  so  hoch
gezogen,  dass  sein  Kopf  ein  wenig  über  dem  Boden  hängt.
An  der  Decke  laufen  lange  eiserne  Stangen  durch  das  ganze
Gebäude,  auf  welche  Ringe  gezogen  sind.  An  einem  solchen
Ringe  hängt  der  Ochse  bis  er  ins  Schiff  kommen  soll.  Derselbe
wird  einfach  von  Station  zu  Station,  vom  Schlachthause  bis
ins  Eishaus,  vorwärts  geschoben.  Die  Kette,  durch  die  der
        <pb n="143" />
        9

129

Kadaver  am  Ringe  befestigt  ist,  kann  verkürzt,  verlängert
werden,  je  nach  Bedürfhiss  der  Operation,  die  am  Kadaver
vollzogen  wird.
Sowie  der  lebendige  Ochse  eine  kurze  Zeit  an  den  Hinterfüssen ­
  aufgehängt  gewesen  ist,  steigt  ihm  das  Blut  zum  Kopfe
und  er  verliert  die  Besinnung.  Nun  schneidet  ihm  der  Fleischer
mittelst  eines  breiten,  haarscharfen  Messers  die  Kehle  bis  zum
Wirbel  dutch.  Das  Blut  strömt  reichlich  aus  und  das  Thier
verendet  schnell  und  schmerzlos.  Dann  schneidet  der  Fleischer
den  Bauch  auf  und  entfernt  die  Eingeweide,  lässt  aber  das
Nierenfett  und  die  Nieren  im  „Carcass“.  Darmfett,  Herz,  Lunge,
Leber,  Därme  werden  in  besondere  Behälter  geworfen,  der
Ochse  nun,  durch  Nachlassen  der  Kette,  der  Länge  nach  auf
den  Boden  gestreckt.  Eine  breite  Axt  trennt  den  Kopf  vom
Carcass.  Jener  wandert  in  einen  Behälter  für  sich.  Die  Haut
"'ird  abgezogen,  die  Hufe  und  die  Unterbeine  abgehauen,  der
Carcass  am  Rückgrat  in  zwei  Hälften  gehauen,  die  Kette,
Welche  jede  Hälfte  trägt,  wird  so  weit  angezogen,  dass  beide
Carcasshälften,  wieder  frei  über  dem  Boden  schweben.  Dann
Wird  jede  Hälfte  gefasst  und  leicht  in  das  Kühlhaus  gezogen,
seitlich  neben  dem  Schlachthause  liegt  und  in  das  jene
tange  an  der  Decke  hinüberreicht,  auf  welcher  der  Ring  sich
ortbewegt,  an  dem  die  den  Ochsen  tragende  Kette  befestigt
^st.  Die  Operation  des  Schlachtens  bis  zum  Kühlhause  dauert
per  Ochs  ca.  20  Minuten.  Vom  Eintreiben  ins  Schlachthaus
zur  Ueberführung  ins  Schiff  vergehen  ca.  3  Tage,  d.  h.
ritten  Tage  nach  dem  Eintreffen  ins  Schlachthaus  gelangt
der  Carcass  ins  Schiff.

In  dem  Kühlhause  muss  der  Carcass  zwei  Tage  auskühlen,
^nn  wird  jede  Hälfte  in  ihre  zwei  Viertel  zerschnitten,  so  dass
^un  zwei  Vorder-  und  zwei  Hinterviertel  vorhanden  sind.
Je  es  „Quarter“  wird  in  eine  weisse  Leinwand  aus  grobem
aumwollstoffe  genäht,  um  das  Fleisch  vor  Unsauberkeit  zu
schützen.  Diese  Quarter  werden  in  Eisenbahnwaggons,  die  vor
em  Schlachthause  stehen,  geladen  und  sofort  zur  Dampfschiffwerfte
  geführt,  wo  sie  schnell  in  die  Kühlkammer  des
ampfers  gehängt  werden.
        <pb n="144" />
        130

Schafe  und  Schweine,  deren  Fleisch  frisch  exportirt  werden ­
  soll,  werden  ganz  ähnlich  behandelt.  Es  muss  mit  jedem
Dampfer  eine  Zahl  solcher  Carcasses  —  die  im  Ganzen,  nicht
in  Vierteln,  nach  Europa  gelangen  —  verschifft  werden,  um
den  Zwischenraum,  welcher  entsteht,  wenn  man  die  Rinderviertel ­
  neben  einander  aufhängt,  nutzbar  auszufullen.
Das  Kühlhaus  von  Mr.  Eastman  kann  looo  Ochsen-Carcasses
  und  die  zum  Ausfällen  des  Schiffsraumes  nöthigen
Schaf-,  respective  Schweinecarcasse  fassen.  Da  die  Ochsen
zwei  Tage  hier  hängen  müssen  und  Sonntags  die  Arbeit  ruht,
so  werden  ca.  3000  Ochsen  wöchentlich,  um  wieder  den  Kühlhausraum ­
  täglich  ganz  auszunützen,  für  den  Export  präparirt.
Das  Kühlhaus  hat  natürlich  Isolirwände.  Die  Kälte  wird  nach
der  alten  Methode  erzeugt,  indem  Eis  mit  Salz  gemischt,
Wasser  auf  die  Mischung  geleitet  und  abgekühlt,  dann  in  Zinkröhren ­
  schlangenartig  durch  den  Kühlraum  bewegt  wird,  bis
es  sich  ziemlich  erwärmt  hat.  Dann  leitet  man  es  in  den  Eiskasten ­
  zurück,  kühlt  es  abermals  und  lässt  es  wieder  circuliren.
Hierbei  wird  keine  Kälte  unnütz  verloren  und  auch  kein
Wasser  vergeudet.  Die  Temperatur  im  Kühlhause,  sowie  im
Schiffe,  wird  constant  einige  Grade  über  dem  Gefrierpuncte
gehalten,  auf  35  —  36  Grad  Fahrenheit.  Die  Kosten  des  Kühlhauses ­
  stellen  sich  in  gewöhnlichen  Jahren,  wenn  man  Eis  aus
dem  Hudson  hat,  auf  einen  halben  Dollar  per  Ochs,  zehn
Cents  per  Schaf  und  Schwein.  Im  Jahre  1880  auf  das
Doppelte,  da  man  Eis  aus  Norwegen  importiren  musste.
Von  den  inneren  Theilen  der  Thiere,  dem  „Offal“,  wird
das  Essbare,  Lunge,  Leber,  Herz,  Zunge  etc.,  an  Detailfleischer
für  den  Localmarkt  oder  —  die  Zunge  —  zur  Präparirung
von  Büchsenfleisch,  verkauft.  Haut  und  Talg  werden  auch
verkauft,  so  ein  Th  eil  der  Därme  und  die  Hörner.  Das  Blut
wird  gedörrt  und  zermahlen.  Es  geht  dann  als  Dünger  in  die
Baumwollregion  und  kostet  45  Dollars  per  Tonne.  Alle
übrigen  Abfälle,  Knochen,  Mist,  Fleischtheile,  was  auch  sei,
werden  in  einen  Dampfapparat  gebracht,  wo  zunächst  das
Fett  abgeschieden  und  dann  zu  Stearin  und  anderen  Producten,
an  Ort  und  Stelle,  verarbeitet  wird.  Der  Rest  wird  in  Oefen
getrocknet.  Die  sich  bei  diesen  beiden  Operationen  ent-
        <pb n="145" />
        :3:

den  Gãse  leitet  man  in  die  Feuerung  unter
ersoare^^  geruchlos  verbrennen  und  Kohle
zermahlen  Oefen  getrocknete  Abfallmasse  wird
Tonne  v  *  t  gesiebt  und  als  Dünger  zu  25  Dollars  per
consumé  aHen  ^«^kü^dkLn
Ë#Ë#5##5
R.Z  :r,“'=■  .zrà'ïtrctrcit
3Ü|~“I='876
  in  Glasp-nw  ^  ^  comprimirter  Luft.  Diese  von  mir
Auf  j  Mr.  Curtis.
Raum  für  dîl°u-^^û  benützten  Schiffen  hat  er  jenen
dem  untersten  r  Furopa  gepachtet,  welcher  über
Kiel  aher  1  ^iso  nicht  unmittelbar  über  dem
ist  in  der  Wasserlinie  des  Schiffes.  Derselbe
und  nahm  Ausladeraum  des  Schiffes  getheilt
zwei  Räume^^ri-  «Britannic“,  wo  ich  ihn  besichtigte,  also
^00  kan  '  KGgen  Luft  dicht  abgeschlossen  sind  und  je
300  Raumtonnen  à  40  englische  Kubikfuss  halten,  ein.
hänp-t“  ■  ,  Räume  wird  in  New-York  voll  Fleisch  „ge-Fer
  Ra  ^  gepackt,  so  dass  natürlich  Raum  verloren  geht.
=a  ?ro  lh  kann  man  somit  nur  ein  Drittel  Gewichtstonne
303  Kilo  Fleisch  transportiren.  Compressions-
        <pb n="146" />
        132

maschine  und  Einrichtung  für  die  beiden  Räume  von  600
Raumtonnen  kosten  12.000  Dollars,  wovon  die  Maschine
Qooo  Dollars.  Bell  -  Coleman  haben  ein  Patent  auf  17  Jahre,
das  erst  drei  Jahre  alt  ist,  also  noch  14  Jahre  Dauer  hat.
Während  dieser  Zeit  lassen  sie  sich  das  Recht,  ihre  Erfindung
zu  benützen,  mit  50  Cents  per  Ochsencarcass  und  5  Cents  per
Schweins-  oder  Schafscarcass  bezahlen.  Sie  liefern  aber  auf
Verlangen  auch  die  Compressionsmaschine,  welche  sie  allein
zu  construiren  das  Recht  haben.  In  diesem  Falle  berechnen
sie  diese  Maschine  mit  9000  Dollars  in  der  für  600  Raumtonnen ­
  erforderlichen  Grösse.  Ist  ihnen  dieser  Preis  bezahlt
worden,  so  nehmen  sie  nur  eine  „Royalty“  genannte  Entschädigung, ­
  wie  oben.  Stellen  sie  aber  die  Maschine,  die  somit
ihr  Eigenthum  bleibt,  so  nehmen  sie  eine  Royalty  von
11/2  Dollars  per  Ochs  und  ein  Zehntel  davon  per  Schaf  oder
Schwein,  stellen  aber  auch  den  einen  Mann,  welcher  die  Reise
regelmässig  mitmacht  und  die  Maschine  so  dirigirt,  dass  stets
die  richtige  Temperatur  im  Schiffe  herrscht.  Man  kann  leicht
eine  Kälte  von  unter  28  Grad  Fahrenheit  erzeugen,  thut  es
aber  nie  ;  auch  ist  die  Maschine  auf  der  Strecke  zwischen
New-York  und  England  nie  beständig  in  Arbeit,  sondern  nur
stundenweise,  länger  im  Sommer,  kürzer  im  Winter.
Das  Schiff  giebt  nicht  nur  den  Raum  her,  sondern  auch
die  zum  Betriebe  der  Luftcompression  und  Circulation  nöthige
Dampfkraft  von  der  Schiffsmaschine  ab.  Da  diese  nur  einige
Stunden  per  Tag  arbeitet,  so  ist  sie  dann  für  600  Raumtonnen
30  Pferdekraft  stark.  Eastman  zahlte  für  diese  Dampfkraft
und  für  den  Raum  ab  New-York  bis  Liverpool  in  früheren
Jahren  30  sh.  per  Raumtonne,  1881  nur  noch  25  sh.
Das  Fleisch  wird  gegen  Verderben  assecurirt,  und  zwar
so,  dass  die  Versicherungsgesellschaft  nichts  zahlt,  wenn  das
Fleisch  nur  14  Tage  im  Schiffe  war  und  doch  verdarb,  weil
es  dann  Schuld  der  Maschine  war,  die  etwa  zusammenbrach,
oder  des  Mannes,  der  die  Abkühlung  zu  beaufsichtigen  hatte.
Verlängert  sich  die  Reise  und  verdirbt  das  Fleisch,  was  aber
selten  vor  kommt,  so  zahlt  die  Gesellschaft  den  versicherten
Werth  des  Fleisches’  voll.  Die  Prämie  beträgt  Va  Percent  des
versicherten  Betrages.
        <pb n="147" />
        133

Im  Falle  Coleman-Bell  die  Maschine  und  den  sie  bedienenden
Mann  stellen,  berechnen  sich  die  Kosten  per  Raumtonne  von
der  Einschiffung  des  Fleisches  in  New-York  bis  zur  Ausschiffung
in  Liverpool  also  folgendermassen:
1.  Miethe  der  Dampfergesellschaft  25  sh.  für  Raum  und
Kampfkraft.  2.  750  Ibs.  Fleisch  sind  gerade  das  Gewicht
eines  g  u  t  e  n  ausgeschlachteten  Exportochsen,  für  den  Coleman-
  e  *  /a  Dollars  =  6.24  sh.  Royalty  erhält.  3.  Wenn
as  eng  isc  e  Pfund  7,  sh.  werth,  und  so  versichert  war,  so
•kostet  die  Prämie  für  375  sh.  Werth  2.34  sh.  4.  Hierzu  muss
man  noc  ollar  ==  2.08  sh.  rechnen,  welche  das  zum
Schlarhth  Fleisch  im  Kühlhause  des  Eastman'schen
vier  Vierteln  Kilo  Schiachtfleisch  in  den
von  da  in  Gr  Transport  vom  Schlachthause  zum  Schiffe,
Cheat  r  •'"  L!^^rpool,  so  kommt  man  h  e  u  t  e  auf
D'  S  Kilo,  auf  7  fl.  ö.  W.  per  Metercentner.
FLi'c^uk  ^  stellt  sich  jetzt  schon  etwas  billiger,  wenn  der
Si  '  auch  die  Maschine  von  Coleman-Bell  kauft,
wir  sich  binnen  Kurzem  billiger  stellen,  sowie  die  im
ue  egriffenen  Dampfer  fertig  sind  und  die  Raumtonne  nicht
kostet.  Endlich  fällt,  aber  erst  nach  14  Jahren,
wenn  Coleman-Bell  weg.  Ich  glaube  nicht  zu  irren,
noch  annehme,  dass  in  einiger  Zeit  die  Raumtonne  nur
_  kosten,  die  Gesammtunkosten  sich  per  Meterntner
  ISettofleisch  also  auf  rund  6  fl.  ö.  W.  ermässigen
werden.
Fl  •  ist  nun,  kann  man  für  7  fl.  den  Metercentner
Gisc^  von  Budapest  nach  London  schaffen??  Ferner,  kann
an  m  Budapest  so  gutes  Fleisch  so  billig  haben,  wie  in
ew  ^  Ork,  wo  es  sich  jetzt  ausgeschlachtet,  inclusive  Nieren-Gtt,
  in  den  vier  Vierteln  zu  87*  Cents  per  Ib.  stellt?  Dies
macht  in  New  -York  47  kr.  ö.  W.  per  Kilo.  In  Liverpool
würde  es  sich  also  auf  54  kr.  stellen,  jedoch  ohne  Geschäftsgewinn. ­
  Mr.  Eastman  sagte  uns,  es  zahle  sich  bei  den  heutigen
  Fleischpreisen  in  Amerika  aus,  wenn  das  englische  Pfund
in  England  6  d.  löse,  das  macht  64'/,  kr.  ö.  W.  per  Kilo.
        <pb n="148" />
        134

Herr  Eastman  rechnet  folgendermassen:
Ein  guter,  für  England  schlachtreifer,  drei-  bis  fünfjähriger
Ochse  hat  im  Mittel  57  Percent  Nettogewicht  von  seinem
Lebendgewichte  in  den  ausgeschlachteten  vier  Quarters.  Hiernach ­
  wird  er  gehandelt  und  zur  Zeit,  wo  Fleisch  hoch  im
Preise  steht,  mit  10  Cents  per  Ib.  netto  bezahlt.  Ein  Ochse,
der  1316  Ibs.  Lebendgewicht  oder  750  Ibs.  netto  hat,  kostet
also  zehn  Mal  750  Cents  =  75  Dollars.  Nun  ist  der  Abfall,
Haut,  Oifal,  Talg,  Blut  etc.  1V4  bis  1V4  Cents  per  englisches
Pfund  netto  werth  und  deckt  dazu  die  Kosten  im  Schlacht-'
hause,  so  dass  also  die  ausgeschlachteten  vier  Quarters  zu  (im
Mittel)  8V2  Cents  per  englisches  Pfund  in  New-York  mit  Vortheil ­
  verkauft  werden  können  ;  3  Cents  per  engl.  Pfund  decken
alle  Unkosten  und  den  nöthigen  Geschäftsprofit  bis  England,
so  dass  also  das  Geschäft  lohnend  ist,  wenn  das  englische
Pfund  dort  für  lU/a  bis  12  Cents  verkauft  werden  kann.
Es  zeigt  sich  also,  dass  Herr  Eastmann  einen  hohen  Gewinn ­
  für  nöthig  hält,  um  das  Geschäft  lohnend  zu  finden,
denn  ich  habe  oben  im  Detail  nachgewiesen,  dass  die  Selbstkosten ­
  per  englisches  Pfund  nicht  3  Cents,  sondern  nur  1.14
Cents  betragen.  Aber  Geschäfte  werfen  in  Amerika  eben  noch
viel  Geld  ab  und  Eastman  hat  noch  grosse  Abschreibungen
vom  Gewinne  auf  Verluste  der  früheren  Jahre  zu  machen,  als  ihm
manche  Sendung  verdarb,  weil  die  Kühlvorrichtungen  noch  zu
schlecht  waren.
Die  Schafe,  welche  in  Carcasses  exportirt  werden,  sind
meist  Kreuzungen  der  Landrace  mit  Cotswold  und  Leicester;
ursprünglich  hatte  man  hier  Merinos.  Ein  guter  fünfjähriger
Hammel  hat  im  Mittel  120  bis  125  Ibs.  Lebendgewicht  und
70  Ibs.  „dressed“,  d.  h.  ausgeschlachtet,  ohne  Darmfett,  Haut,
Kopf,  Beine,  Eingeweide.  Man  kann  Schaffleisch  solcher
Qualität  jetzt  in  England  mit  6  bis  6V2  Pence  per  englisches
Pfund  verkaufen  und  macht  dann  einen  landesüblichen  Profit.
Hierbei  ist  wieder  ein  Aufschlag  von  3  Cents  =  i  V2  Pence  auf  den
New-Yorker  Preis  von  ausgeschlachtetem  Hammelfleisch  angenommen, ­
  das  sich  also  dort  auf  ca.  5  Pence  10  Cents  stellt.
Wolle  und.  Abfall  decken  auch  hier  die  Unkosten  derartig, ­
  dass  man  in  Liverpool  das  Pfund  Schlachtfleisçh  zum
        <pb n="149" />
        *35

se  en  Preise  verkaufen  kann,  zu  dem  man  das  Pfund  Nettogewicht
  des  lebenden  Thieres  in  New-York  auf  dem  Viehniar
  te  kaufte.  Hier  hat  man  ein  gutes,  practisches  Berechungsmittel.
  Wenn  der  Preis  von  Schafen  in  New-York  mit
2  P^*"  1^*  (netto)  angegeben  ist,  so  kann  das  Fleisch
dieser  Schafe  in  Liverpool  zu  la  Cents  =  6  d.  mit  Geschäftsde
  k  ^  "  erden,  weil  Wolle  und  Offal  alle  Unkosten
(i#aai
fang  erreicht  eschäft  schon  einen  sehr  grossen  Um-New-York
  kostet  jetzt  von  Kansas  -  City  bis
noch  1«/  PfLJeiniger  Zeit  noch  5  Pfund  St.,  jetzt  nur
Welche  d  r  c  ^  ’  kommt  aber  die  Assecuranzprämie,
einp-erirVif^  ^  Schiffe  noch  nicht  gut  für  diesen  Transport
nach  der  T  Vieh  über  Bord  geschwemmt  wird,
in  den  St^^  ^’^szeit  verschieden  ist,  im  Sommer  2  Percent  und
betrug  ^^™^^ken  8  bis  10  Percent  vom  versicherten  Werthe
ausp-e«irhl  750  Ibs.  netto  kostete  im  Frühjahr  1881,
Dort  T  ^  New-York  bis  Liverpool  8.55  Dollars  Transsage
  3  Va  l^fd"  St.  =  15.90  Dollars,  dazu  2.  im  Mittel,
__  5  ercent  vom  Werthe  von  75  Dollars  Assecurranzprämie
ollars,  macht  19.65  Dollars,  rund  20  Dollars  per  Haupt.
^  y  at  man  freilich  auch  Haut,  Talg  und  Oifal  in  England,
o  sie  doch  auch  einen  etwas  höheren  Werth  haben  als  in
meri  a,  allein  es  ist  klar,  dass  der  Handel  mit  frischem
leische  doch  profitabler  ist.
        <pb n="150" />
        VIII.  Capitel,
Im  Hafen  von  Philadelphia  und  dem  Kohlen
hecken  von  Pennsylvanien.

Unsere  Expedition  besichtigte  am  14.  März  1881  den  grössten
Kohlenverschiffungs-Hafen  der  Welt  unter  der  lehrreichen
Führung  des  Chef-Ingenieurs  der  Philadelphia-  und  Reading-Eisenbahngesellschaft,
  Herrn  Lorenz,  eines  geborenen  Deutschen,
dem  uns  der  Präsident  derselben,  Herr  Gowen,  welchen  wir
an  Bord  der  „Britannic“  kennen  gelernt  hatten  und  der  uns
mit  einer  wahrhaft  seltenen  Liebenswürdigkeit  in  Philadelphia
entgegenkam,  anvertraut  hatte.
Die  gedachte  Gesellschaft  besitzt  am  Ufer  des  Delaware
ein  sehr  ausgedehntes  Terrain,  wovon  erst  ein  Theil  geschäftlich ­
  benützt  wird,  und  zwar  sind  auf  diesem  Theile  21  Molos
—  Piers  genannt  —  zum  Verschiffen  von  Kohlen,  ein  Getreide-Elevator
  und  eine  Anstalt  zum  Baue  eiserner  Schiffe  errichtet.
Die  Schilderung  der  Pläne,  die  man  für  die  nächsten  Jahre
mit  dem  noch  unbebauten  Theile  dieser  Uferstrecke  vorhat,
machte  auf  uns  keinen  erfreulichen  Eindruck,  da  sich  darunter
die  Erbauung  von  noch  drei  und  noch  dazu  grösseren  Elevatoren ­
  befand,  als  jener  ist,  den  wir  fast  vollendet  vorfanden.
Je  mehr  solche  Elevatoren  dort  entstehen,  desto  billiger  werden ­
  sie  arbeiten,  obschon  sie  jetzt  bereits  —  fast  umsonst  zu
benützen  sind.
Der  Anblick,  den  die  Gesammtanlage  des  Kohlenverschiffungsplatzes ­
  bietet,  ist  ein  wahrhaft  grossartiger.  Von
dem  Hauptbahnkörper  zweigen  sich  Schienenstränge  fächerförmig ­
  ab,  welche  auf  die  einzelnen  Molos  ausmünden.  Wie
die  ausgespreizten  Finger  einer  flach  auf  dem  Tische  liegen-
        <pb n="151" />
        _
Hand  strecken  sich  diese  Molos  zunächst  —  an  der
urzel,  noch  auf  dem  festen  Lande  stehend  und  keilförmige
c)h  enlagerplätze  einfassend  —  von  deren  Ufer  tief  in  das
asser  des  Delaware  hinein.  An  beiden  Seiten  liegen  hier
oT  einnehmenden  Schiffe,  über  deren  Bord  die
er  ac  e  des  Molo  etwa  15  Fuss  emporragt.  Nicht  weniger
als  125  Schiffe  können  auf  diese  Weise  an  den  Molos  liegen
und  von  da  beladen  werden.
werden  entweder  direct  von  den  ankommend  en
&amp;gt;300  häuft  worden  sind.  Einzelne  Piers  sind
sehen.  F'  mit  je  vier  Schienensträngen  vervollen
  \V  ^tosse  Anzahl  kleiner  Locomotiven  befördert  die
die  Ipp  S&amp;amp;ons  von  dem  Hauptbahnkörper  auf  die  Piers  und
und  H  ^°t't  auf  die  Hauptlinie  zurück.  Ihr  reges  Hinbegre
  ü^  dem  grossartigen  Verkehre,  den  man
hier  au'  -1  ^  Millionen  Tonnen,  à  10  Metercentner,  von
Anthracit^  V  verschifft  werden.  Die  Kohle  ist  durchaus
wie  Stei  •  Sonne  beleuchtet,  glänzen  diese  Massen
Theile  ^  vT  Juwelierladen.  Sie  wird  zum  grösseren
doch  atlantischen  Häfen  von  Amerika  befördert,
]•  1  ^^äangt  sie  nicht  selten  nach  Frankreich  und  ist  gelegentdie
  Schweiz  vorgedrungen,
eiden  folgenden  Tage,  der  15.  und  16.  März,  wurden
undfahrt  in  die  Eisen-  und  Kohlenregion  im
F‘  1  von  Philadelphia  bestimmt,  welche  wir  auf
E**'  Präsidenten  der  Philadelphia-  und  Readingtsen
  ahncompagnie  und  als  seine  Gäste  unternahmen.  Herr
machte  auch  hierbei  den  Führer.  Die  Beamten  jener
.  ^  l^nwerke,  die  der  Gesellschaft  gehören  und  von  uns  beste ­
  tigt  wurden,  waren  telegraphisch  benachrichtigt,  so  auch  die
nvatbesitzer  anderer  Werke  von  Interesse,  die  an  unserer  Strecke
        <pb n="152" />
        138
liegen.  Letztere  führten  uns  persönlich  durch  ihre  Anlagen,
erstere  erwarteten  Herrn  Lorenz  und  auf  jeder  Station  begleitete ­
  uns  der  Chef  der  Anlage  bis  zu  dieser.
Von  Philadelphia  ab  hatte  man  uns  einen  Extrazug  zur
Verfügung  gestellt,  der  von  zwei  oberen  Bahnbeamten  persönlich ­
  geführt  wurde.
Der  Zug  bestand  für  die  erste  Strecke,  bis  Reading,  aus
einer  gewöhnlichen  Locomotive  und  einem  der  grossen  Personenwagen, ­
  wie  sie  überall  in  Amerika  im  Gebrauche  sind.
Wir  fuhren  mit  der  rasenden  Geschwindigkeit  von  55  englischen
Meilen  per  Stunde!
Das  Land  trägt  einen  hochindustriellen  Charakter.  Ueberall
  in  dem  schönen,  aber  engen  Thaïe  sieht  man  Schornsteine,
Hochöfen,  Papierfabriken,  Walzwerke.  Den  ersten  Halt  machten
wir  in  Phönixville,  um  ein  grosses  Eisenwalzwerk  zu  besichtigen,
welches,  wie  die  meisten  amerikanischen  Fabriken,  seine
Specialität  hat:  hier  construirt  man  nur  eiserne  Brücken.  Die
hiesige  Anlage  umfasst  zwei  Hochöfen,  ein  Walzwerk  und  eine
weite  Flächen  bedeckende  Werkstätte.  Daneben  liegt  am
Flusse  auf  einem  in  einen  Park  verwandelten  Hügel  die  Villa
des  Besitzers  und  die  Behausung  seiner  verheiratheten  Söhne.
Im  P'lussthale  zerstreut  liegen  die  kleinen  Häuser  der  Arbeiter,
welche  letztere  meist  verheirathet  sind  und  eigene  Häuschen
besitzen,  hübsch  aus  Holz  und  stets  zweistöckig  gebaut.  Man
schläft  in  diesem  Lande  nicht  gern  zu  ebener  Erde.
Die  Fabnk  verarbeitet  durchschnittlich  jährlich  52.000
Tonnen  (à  10  Metercentner)  Eisen  und  beschäftigt  2200,  zuweilen ­
  2500  Arbeiter  —  nur  bei  den  Hochöfen  und  der  Anfertigung ­
  und  Aufstellung  von  Brücken.  Die  Arbeit  wird  fast
ausschliesslich  mittelst  Maschinen  verrichtet,  so  dass  die  Arbeiter ­
  fast  nur  Leiter  dieser  Maschinen  sind.  Hierdurch  wird
nicht  nur  Billigkeit,  sondern  auch  eine  unglaubliche  Accuratesse
erreicht,  so  dass  ein  Stück  derselben  Art  genau  zu  dem
anderen  Stücke  passt,  und  die  Arbeit  ist  um  vieles  leichter,  so
dass  englische  Maschinenbauer  hier  lieber  um  denselben  Lohn
arbeiten  als  in  England,  wo  sie  sich  körperlich  mehr  anstrengen
müssen.  Trotz  der  höheren  Löhne  und  Eisenpreise  concurrirte
die  Fabnk  in  Canada  wiederholt  erfolgreich  mit  England  und
        <pb n="153" />
        139

baute  daselbst  sehr  grosse  Brücken.  Diese  werden  in  der
Werkstätte  fertig  aufgestellt,  bis  auf  die  letzte  Schraube,  dann
können  sie  am  Bestimmungsorte  von  einfachen  Monteurs  sehr
schnell  zusammengesetzt  werden,  ohne  dass  ein  Hammerschlag
zur  Verbesserung  eines  Mangels  nöthig  wäre.
Die  Fabrik  baute  eine  lange  Strecke  der  Eisenbahn,  welche
den  Strassen  New-Yorks  in  Höhe  von  zwei  Stockwerken
den  Personenverkehr  vermittelt,  und  stellte  sie  diese  Bahn,
fertig  aufgestellt,  zum  Contractpreise  von  3.6  Cents  per  englisches ­
  Pfund  her.
Die  Arbeiter  sind  geborene  Amerikaner,  viele  Deutsche
Und  Irländer  und  wenig  Engländer.  Sie  arbeiten  zehn  Stunden
täglich,  und  gewinnen  gewöhnliche  Arbeiter  i  Dollar,  Pferdeknechte ­
  i.io  Dollars,  Hochofenarbeiter  1.16  Dollars,  deren
Vorarbeiter  1.32  Dollars,  Maschinenmeister  1.65  bis  2  Dollars.
^  iel  Arbeit  wird  in  Accord  gemacht  und  bringt  es  der  Mann
dann  in  der  Regel  auf  i  %  Tagelohn  per  Tag.  Ein  unvereiratheter
  Arbeiter  kann  hier  und  an  anderen  Orten  der
ndustriebezirke  Pennsylvaniens  für  drei  bis  vier  Dollars
'Wöchentlich  Wohnung  und  sehr  substantielle  Beköstigung  eralten.
  Ein  Haus  ist  für  300  bis  800  Dollars,  je  nach
eschaffenheit,  von  einer  Familie  zu  erwerben  und  thun
.die  deutschen  Arbeiter  nach  fünf-  bis  sechsjähriger
-^^beit  meist.
çi  ^  ab  hatte  Herr  Gowen  uns  zwei  Salonlocomotiven
zur  Verfügung  gestellt.  Jede  derselben  hat  vor
Und  b)amp(kessel  einen  kleinen  Salon  mit  vier  Armstühlen
den  Seiten,  nach  hinten  und  vorn,  grosse  Spiege
Q  so  dass  man  eine  freie  Aussicht  über  die  ganze
egend  geniesst.  Diese  kleinen  Eisenbahn-Reitpferde  machten
ein^^  ^  teilen  per  Stunde,  ln  jeder  nahmen  Drei  von  uns,  in  der
u  err  Lorenz  und  in  der  anderen  der  jedesmalige  C  e
soeben  besuchten  Station  Platz.  Wir  wanden  uns  mit
^'Dichtigkeit  pfeilschnell  zwischen  Lastzügen  un
Waggons  hindurch  und  durcheilten  eine  wunderiche,
  hügelige  Landschaft,  die,  wo  es  das  Terrain  zulässt,
haK  ^j^^^wster  Sorgfalt  angebaut  war.  Hervorstechend  Vroh
“"d  lieblich  erschien  uns  die  alte  Ansiedelung  der
        <pb n="154" />
        140

Herrnhuter  zu  Lebanon,  wo  wir  Wasser  einnahmen.  Diese
„stillen  Leute  im  Lande“  erfreuen  sich  eines  ausgezeichneten
Rufes  und  ebenso  grossen  Wohlstandes.  Die  Farmen  der
Gegend  haben  nur  8o  bis  loo  Acres,  sehen  aber  so  wohlgehalten ­
  wie  englische  aus,  nur  sind  sie  practischer  bewirthschaftet,
  indem  die  Baulichkeiten  nicht  so  massiv  und
kostspielig,  doch  aber  sehr  hübsch  und  überall  zweckmässig
sind.  Die  Wohnhäuser  sind  alle  zweistöckig,  sauber  angestrichen, ­
  Fenster  und  Thüreinfassungen  durch  besondere  Farben
abgehoben  ;  viele  haben  auch  Veranden.  Die  Ställe  sind  dreistöckig ­
  ;  unten  ist  der  Viehstall,  oben  Granarium  und  Futterboden. ­
  Alles  ist  aus  Holz,  leicht,  billig,  aber  doch  solid
gebaut.  Zahlreiche  Kirchen  zeugen  von  dem  religiösen  Sinne,
der  in  Pennsylvanien  noch  die  öffentlichen  Angelegenheiten
durchdringt  und  namentlich  in  strenger  Sonntagsfeien  seinen
Ausdruck  findet.  Man  sieht  hier  verschiedenartige  Niederlassungen, ­
  die  sich  von  einander,  je  nach  der  Nationalität  der
Ansiedler,  unterscheiden.  Die  ersten  waren  englische  Ansiedler,
sie  wohnen  in  zerstreuten  Farmhäusern  auf  ihren  Aeckern,  die
später  eingewanderten  deutschen  Herrnhuter  in  Dörfern  ;
Anstrich  und  Bauart  ist  überall  verschieden  und  charakteristisch.
Von  Lebanon  fuhren  wir  nach  Cornwallis,  das  Eisenwerk
zu  besichtigen,  welches  wohl  einzig  in  seiner  Art  ist.  Drei
grosse  zusammenhängende  Eisenberge  heben  sich  hier,  der
höchste  300  Fuss,  über  den  Boden  und  bestehen  grösstentheils
aus  Magneteisen,  das  zu  Tage  liegt,  mit  geringen  Kosten  abgesprengt ­
  werden  kann  und  durchschnittlich  52  Percent  Eisen
enthält.  Es  werden  jährlich  250.000  Tonnen  abgebaut.  Eine
Bahn  führt  spiralförmig  auf  den  Gipfel  des  höchsten  Berges
und  fuhren  wir  mit  unseren  leichten  Locomotiven  schnell  diese
Bahn,  die  vier  Fuss  Steigung  auf  100  Fuss  Länge  hat,  hinauf
und  hinunter.
Von  oben  geniesst  man  eine  entzückende  Aussicht  über
Berg  und  Thal  —  ersterer  durchweg  mit  Laubholz  bewaldet,
doch  nur  jung  bestanden.
Nach  eingehender  und  instructiver  Besichtigung  der  Anlagen, ­
  die  einfach  sind,  fuhren  wir  zu  unserer  vorläufigen
Residenz  in  Pottsville,  sehr  zufrieden  mit  unseren  Studien
        <pb n="155" />
        I4I

und  entzückt  über  unseren  abwesenden  Wirth  und  dessen
Vertreter.
brüh  am  i6.  März  bestiegen  wir  zwei  Salonlocomotiven;
nach  schneller  Fahrt  erreichten  wir  die  Kohlenwerke  von
I  ottsville.  Sie  sind  eines  »der  grössten  jener  64  Kohlen  werke,
Welche  die  Philadelphia-  und  Reading-Kohlencompagnie  besitzt. ­
  Diese  Compagnie  steht  in  inniger  Verbindung  mit
der  gleichnamigen  Eisenbahngesellschaft,  und  hat  mit  ihr
den  Präsidenten,  Herrn  Franklin  Go  wen,  gemeinsam,  aber
eine  selbstständige,  technische  und  buchhalterische  Verwaltung. ­
  Ihr  gehören  Ländereien  im  Umfange  von  90.000
■Veres.  Sie  musste  dieses  umfangreiche  Terrain  käuflich  erwerben, ­
  Weil  es  hier  kein  Freischurfrecht  für  Kohle  und  Eisen
giebt  und  dem  amerikanischen  Rechte  nach  diese  Mineralien
^ni  Besitzer  der  Erdoberfläche  eigenthümlich  gehören.  Durch
^•ne  kunstvolle  Gebirgsbahn,  von  der  ich  noch  sprechen  werde
die  unser  Staunen  erregte,  sind  diese  Werke  unter  sich
Und  mit  dem  Hauptstrange  der  Bahngesellschaft  in  Verbindung
rächt,  so  dass  die  letztere  gegen  i  &amp;lt;.000  englische  Meilen
•^^hnlänge  besif«.
von  Seiten  der  Pottsville-Grube  ragen  grosse  Berge
noch  und  Kohlenabfällen  empor,  die  zu  vervverthen
Höh'^^^  ^'ch  auszahlt.  Diese  Kohlenstaubberge  wetteifern
tijai  den  sie  umgebenden  Bergen,  welche  das  Fluss-7
  und  werden  sie  bald  überragen.
Führu  fuhr  der  grössere  Theil  der  Gesellschaft,  unter
1600  F^  leitenden  Ingenieurs,  Herrn  Wetherill,  in  den
®*n  A  defen  Förderungsschacht  hinab,  von  dessen  Sohle
Kohl  ^  tiefes  Bohrloch  bis  zur  letzten,  bis  jetzt  ermittelten  .
führt,  die  also  2000  Fuss  unter  der  ErdoberiVlam
  und,  da  sie  von  besonderer  Mächtigkeit  ist,
"  Schicht  heisst.  Die  Förderung  aus  dem  Schacht
deiläuf  einen  Elevator,  der  bei  zehnstündigem  Betriebe
fördert^  Waggons  Kohlen,  à  zwei  Tonnen,  zu  Tage
in  ejjj  beladene  Waggon  legt  die  1600  Fuss  Steigung
fünf  ]Vii^  'uute  zurück  ;  wir  fuhren  langsamer  und  gebrauchten
Und  Um  Gleichzeitig  wird  Luft  in  den  Schacht  getrieben,
eren  Circulation  zu  vermehren,  ist  ein  600  Fuss  tiefer
        <pb n="156" />
        ïRimnmmmma

142

Schacht,  Diamant  -  Schacht  genannt,  gegraben  worden,  durch
den  Luft  herausgepumpt  wird.
Es  liegen  18  Kohlenschichten,  durch  Gestein  getrennt,
übereinander,  die  von  4  bis  48  Fuss  Dicke  im  Einzelnen
haben.
Der  Bau  unter  der  Erde,  an  der  Sohle  des  Schachtes,  ist
noch  grossartiger  als  der  obere,  welchen  wir  erst  später
besahen  und  von  dem  uns  das  Maschinenbaus  mit  äusserst
zweckmässigen  Einrichtungen  fesselte,  die  zu  beschreiben  jedoch
nur  für  Fachmänner  Interesse  haben  würde.  Hohe,  breite
und  trefflich  ventilirte  luftige  Gänge  waren  mit  Schienengeleisen
versehen,  auf  denen  beladene  Waggons  von  Maulthieren  zum
Förderschacht  gezogen  werden.  Maulthiere  werden  in  den
Bergwerken  von  Pennsylvanien  überhaupt  als  Zugthiere,  auch
über  der  Erde  verwendet.  Es  waren  acht  solcher  Thiere  in
dieser  Unterwelt,  wo  sie  Monate  lang  bleiben  und  einen  comfortabel
  eingerichteten  Stall  haben.  Wenn  sie  an  die  Oberfläche ­
  kommen  und  die  Sonne  sehen,  geben  sie  ihre  Freude
auf  jede  ihnen  mögliche  Weise  kund,  sind  dann  aber  sehr
empfindlich  gegen  die  Kälte  und  laufen  bei  kaltem  Wetter  in
die  horizontalen  Kohlenschachte,  deren  es  hier  viele,  aus
Bergen  ausmündend,  giebt.  Sie  kehren  nach  kurzem  Aufenthalte ­
  über  der  Erde  nicht  ungern  in  ihr  dunkles,  aber  behaglich ­
  warmes,  unterirdisches  Heim  zurück.
Nach  halbstündigem  Wandern  in  den  horizontalen  Schachten,
das  uns  durch  belehrende  Erklärungen  des  Herrn  Wetherill
nützlich  war,  kehrten  wir  auf  demselben  Wege  zur  Oberfläche
zurück,  auf  dem  wir  gekommen  waren  und  besichtigten  nun
die  Anlage  über  der  Erde.  Das  Brechwerk,  in  dem  diejenige
Kohle,  welche  für  Hausbedarf  verkauft  werden  soll,  zerkleinert,
nach  Grösse  sortirt  und  von  wenigen  Schieferstücken  gereinigt
wird,  fiel  uns  besonders  auf.  Es  gehen  dabei  20  Percent  der
Kohle  verloren.  Daher  die  hohen  Schuttberge.  Die  Grossartigkeit ­
  der  Anlage  geht  aus  dem  Holzverbrauche  der  Gesellschaft ­
  für  Ausbau  ihrer  Schachte  hervor,  der  an  Werkholz
3000  englische  Meilen  laufend  im  Jahre,  mit  einem  Querschnitte
von  4  bis  20  Zoll  und  dazu  5  Millionen  Quadratfuss  Bretter
und  Bohlen  beträgt.  Gefördert  werden  hier  allein  jährlich
        <pb n="157" />
        143

4  Millionen  Tonnen  Anthracitkohle,  deren  Kosten  sich  an  Ort
und  Stelle  auf  1.50  Dollars  per  Tonne  stellen.  Der  Transport
bis  Philadelphia  kostet  noch  im  Mittel  i  Dollar.
Die  Besichtigung  war  ziemlich  anstrengend  und  von  langer
Dauer;  nach  Beendigung  derselben  kehrten  wir  auf  unseren
Salonlocomotiven  nach  Pottsville  zurück.

Nach  dem  Frühstück  führte  uns  Herr  Lorenz  zu  der
Schönsten  Fahrt,  welche  wir  in  diesem  Lande  bis  jetzt  geutacht
  hatten.  Mit  gemässigter  Geschwindigkeit  trugen  uns
Salonlocomotiven  durch  das  von  Bergen,  die  überall  schwarze
lamanten  liefern  und  also  zahlreiche  Minen  überragen,  umsäumte, ­
  hier  engere,  dort  weitere  Schuylkill-Thal  zu  den  berühmten ­
  Gordon  Plains.  Hier  fallt  der  Mahanoy-Fluss  in  den
^  uylkill.  Diese  Flussbezeichnungen  sind  von  den  Namen
jener  Indianerstämme  entlehnt,  welche  hier  wohnten.  Sie  allein
erinnern  noch  an  die  untergegangene  Race,  der  einst  diese  herr-Gegenden
  gehörten.  Von  der  Höhe  der  Eisenbahn,  die
^icr  hoch  über  dem  Wasserspiegel  beider  Flüsse  eine  Endstation
genossen  wir  einen  entzückenden  Ueberblick  über  das
ist  ^  Mahanoy,  das  ebenso  reich  an  mineralichen  Schätzen
Ç  \  jenes,  aus  dem  wir  kamen,  viele  industrielle  Anlagen
^  ^  und  dessen  Grenzberge  von  Laubwäldern  bedeckt
denen  sich  die  dunklen,  zerstreuten  Fichtenbäume
çjçg  ?  j^^cner  Art  abheben,  unter  denen  die  Hamlockfichte
jenes  %  bemerkenswerth  ist,  weil  ihre  Rinde  zum  Gerben
^ockl  gebraucht  wird,  das  unter  dem  Namen  Hamjetzt
  vielfach,  seiner  Billigkeit  wegen,  in  Europa  vero-
  "ird.  Es  ist  jedoch  nicht  so  gut  wie  mit  Eichenrinde
S^^gerbtes  Leder.
^hal  Disenbahn  steigt  hier  unvermittelt  vom  Berge  in  das
Schief  hinab,  und  zwar  mittelst  einer  gewaltigen
syg^  bene,  über  welche  die  Waggons  durch  ein  ZahnradlanJ"^
  werden.  Die  Sohle  der  Ebene  ist  2400  Fuss
^ascE*^  Steigung  beträgt  22  Fuss  auf  100.  Eine  Dampf-2600
  500  Pferdekraft  wirkt  hier.  Sie  zieht  täglich
sov;«i„  die  Ebene  herauf  und  befördert  eben-^
  uggons  gleichzeitig  hinab.  Wir  fuhren  in
-ocomotiven  diese  Schwindel  erregende  Ebene

soviele  leere
unseren  zwei  I
        <pb n="158" />
        144

hinab.  Im  Sommer  muss  diese  Fahrt  entzückend  sein,  wenn
die  Bäume  belaubt  sind  und  der  Oleanderstrauch,  der  hier  in
Massen  wild  wächst  und  Laurel  genannt  wird,  Blüthen  trägt.
Die  Bahn  bleibt  nur  kurze  Zeit  im  Flussthale  und  ersteigt
sehr  bald  wieder  die  frühere  Höhe,  jetzt  aber  mittelst  zweier,
nur  durch  eine  kurze  Horizontalfläche  unterbrochenen  schiefen
Ebenen  von  geringerer  Steigerung,  aber  grösserer  Länge.
Diese  Ebenen  sind  5000,  resp.  4850  Fuss  lang  und  haben  nur
12V2  Fuss  Steigung  auf  too  Fuss  Länge.
Wir  wurden  über  beide  Ebenen  durch  die  Zahnradkette
hinaufgezogen  und  fuhren  nun,  etwa  eine  Stunde  lang,  von
einer  Höhe  von  1500  Fuss  über  dem  Meere  bis  zu  einer
solchen  von  etwa  600  Fuss  nach  unserer  Nachtstation  Pottsville,
  hinab.  Unterwegs  hielten  wir  einmal  auf  der  Höhe  des
Gebirges  an,  wo  die  Kohle,  wohl  1200  Fuss  über  dem  Meere
an  beiden  Seiten  des  Bahneinschnittes  zu  Tage  trat.
Die  Bahn  erinnert  an  einigen  Stellen  durch  kühne  Aufschüttungen ­
  und  andere  Kunstbauten  an  die  Semmeringbahn,
umsomehr,  als  man  an  mehreren  Stellen  die  Bahn  über  sich
sieht  und  einen  Anblick  geniesst,  wie  bei  Payerbach.  —  Es
ist  ein  nur  in  Amerika  mögliches  Wunder,  dass  eine  Privatcompagnie ­
  eine  solche  kostspielige  Gebirgsbahn,  ohne  jede  Staatssubvention ­
  und  ohne  dass  auf  einen  Personenverkehr  zu  rechnen ­
  wäre,  baut,  lediglich  um  ihre  Kohlengruben  angemessener
verwerthen  zu  können.  Freilich  zeichneten  sich  die  Anlagen
durch  zweckmässige  Einfachheit  aus  und  zeugten  somit  am
besten  für  das  Genie  unserers  Führers,  des  Herrn  Lorenz  —
nebenbei  bemerkt,  eines  in  Hannover  geborenen  und  dort  ausgebildeten ­
  Technikers  —  der  sie  mit  seinen  Unterbeamten  gebaut ­
  hat,  sowie  von  dem  richtigen  kaufmännischen  Sinne  der
Gowen’schen  Direction,  welche  Mittel  zur  Construction  des
grossartigen  Unternehmens  beschaffte.
        <pb n="159" />
        IX.  Capitel.
Mineralische  Schätze  der  nordamerikanischen
Union.

In  Europa  ist  die  Ansicht  noch  verbreitet,  Nordamerika
Sei  hauptsächlich  ein  Agriculturland  mit  einer  kleinen,  künstich
  durch  Schutzzölle  von  enormer  Höhe  am  Leben  erhaltenen ­
  Industrie  in  den  Neuenglandstaaten.  Es  werde  daher
stets  von  der  Industrie  Europas  abhängig  bleiben,  stets  einen
ahnenden  Markt  dafür  abgeben  und  nach  Ermässigung  der
chützzölle  wieder  mehr  Waaren  von  Europa  kaufen,  es  diesem
ande  also  möglich  machen,  durch  Waaren  die  von  Amerika
ezogenen  Ackerbauproducte  zu  bezahlen.
Her  Westen  der  Union  namentlich  sei  nicht  nur  ohne  Inustrie,
  sondern  auch  zur  Industrie  nicht  geeignet.  Er  werde
^  Segen  das  Schutzzollsystem  empören,  welches  nur  den
Ordöstlichen  Staaten  zugute  komme  und  entweder  die  Unionso
  itik  zum  Freihandel  zwingen,  oder  .  es  werde  ein  neuer
f  entstehen,  nach  dem  die  Union  in  eine  Anzahl
^^*n  ¡eher  Militärstaaten  zerfalle,  die  ihre  Productionskraft  der-^
  ‘ff  schwächen,  dass  Europa  nichts  mehr  von  der  ameri-^
  nischen  Concurrenz  zu  furchten  habe.  Hieraus  schliesst  man
sei^^*  diese  Concurrenz  ein  vorübergehender  Uebelstand
“nd  man  in  Europa  ruhig  Alles  beim  Alten  lassen  könne,
ch  halte  dieses  Argument  für  total  unbegründet.
Cl  h  während  der  letzten  Präsidentenwahl  hat  der  Cobdendes
  f  der  Union  mit  Broschüren  aus  der  Feder
^^‘^^ndlerischen  Schriftstellers  Mongredien  überschwemmt,
^■icht  Westens  werden  darin  mittelst  Zahlen  unterum
  wie  viel  sich  ihre  Situation  bessern  werde,  wenn
10
        <pb n="160" />
        146

sie  den  demokratischen  Präsidentschaftscandidaten  unterstützten»
und  so  die  Union  zu  einem  Freihandelsstaate  machten,  der
seine  Eisen-  und  Textilwaaren  wieder  billig  von  England
kaufte  und  England  in  den  Stand  setzte,  die  amerikanischen
Ackerbauproducte  theuer  zu  bezahlen.  Diese  Cobden-Club-Literatur
  hat  hier  wenig  Glück  gemacht,  und  man  hat  wieder
einen  republikanischen  Präsidenten  gewählt.
Die  Farmer  haben  nämlich  die  Ansicht,  dass  die  Bedingungen ­
  für  die  Schöpfung  der  Industrie  in  den  verschiedensten ­
  Theilen  des  Landes  vorhanden  sind,  und  also  durch  den
Schutzzoll  die  Industrie  im  ganzen  Lande  verbreitet  werden
kann,  wodurch  die  Farmer  einen  nahen  Markt  für  ihre  Producte
erhalten  werden.
In  der  That  verbreitet  sich  die  Industrie  schon  jetzt  über
die  Union.  Die  Bedingungen  einer  verbreiteten  Industrie  sind
vorhanden.  Diese  bestehen  in  zu  verarbeitendem  Rohmateriale,
mechanischen  Kraftquellen  und  Arbeitern.
Arbeiter  wandern  ein,  Rohmaterial  für  die  Textilindustrie
wächst  überreich  im  Lande,  Wasserkraft  ist  vorhanden,  aber
auch  Kohle,  diese  für  Fabriken  meist  angewendete  Kraftquelle.
So  auch  Eisen.  Eisen  und  Kohle  hält  man  für  die  natürlichen
ersten  Bedingungen  einer  selbstständigen  Industrie.  So  wollen
wir  nun  kurz  skizziren,  wo  sie  in  der  Union  gefunden  werden.
Zunächst  die  Kohle,  dann  Eisen  und  andere  Mineralschätze.
Es  giebt  sieben  Kohlenfelder  von  sehr  verschiedener
Grösse  in  dem  östlich  vom  Felsengebirge  gelegenen  Theile.
Die  zunächst  zu  nennenden  beiden  kleinsten  Gebiete  haben
bisher  den  grössten  Theil  der  amerikanischen  Kohlenproduction
  geliefert.
1.  Das  Neuengland-Becken.  Es  liegt  in  Massachussetts
und  Rhode  Island  und  wird  auf  750  Quadratmeilen  geschätzt.
Die  Maximaldicke  ist  23  Fuss.  Bleihaltiger  Anthracit  bildet
die  Masse.
2.  Das  Anthracit-Bassin  von  Pennsylvanien.  Es  wurde
von  uns  besucht.  Dasselbe  umfasst  nur  472  Quadratmeilen,
liefert  aber  die  meiste  der  in  den  Industriedistricten  der  Nordoststaaten ­
  verbrauchten  vorzüglichen  Kohle,  und  versorgt  auch
die  Dampfschiffe  der  Häfen  damit.
        <pb n="161" />
        3-  Das  grosse  Appalachian-Kohlenfeld  erstreckt  sich  über
acht  Staaten  und  hat  in  Pennsylvanien  12.302  Quadratmeilen,
in  Maryland  550  Quadratmeilen,  in  Ohio  10.000  Quadratmeilen,
in  beiden  Virginien  16.000  Quadratmeilen,  in  Kentucky  8983
Quadratmeilen,  in  Tennessee  5100  Quadratmeilen,  in  Georgia
170  Quadratmeilen,  in  Alabama  6000  Quadratmeilen,  Summa
circa  60.000  Quadratmeilen.  Die  Mächtigkeit  der  Schichten
geht  bis  zu  60  Fuss.  Der  Ohio  durchfliesst  es  von  seiner
Quelle  bis  zu  Portsmouth  in  Ohio.  Es  erstreckt  sich  von  der
Quelle  des  Ohio  im  Norden  bis  Tuscalosa  am  Alabamaflusse.
4.  Das  Michigan-BaSsin  ist  6700  Quadratmeilen  gross  und
liegt  wie  ein  Ei  in  der  Mitte  dieses  Staates,  südwestlich  von
der  Sagenaw-Bai  des  Huronesees,  die  es  zum  Theile  einschliesst,
Wodurch  es  Wassercommunication  gewinnt.
5.  Das  Illinois-Bassin  ist  47.188  Quadratmeilen  gross  und
reicht  von  Rock  Island  am  Mississippi  in  Wisconsin  bis  Jesserson
  am  Rockflusse,  bis  Lafayette  in  Indiana  und  Mitchell
ebenda,  bis  Mascoutah  in  Illinois.  Es  kann  somit  den  Westen
und  Nordwesten  der  Union  mit  Kohle  versorgen.
Der  äusserste  Westen  hat  aber  noch  ein  eigenes,  gewaltiges ­
  Kohlenbassin  :
6.  Das  Missouri  -  Bassin,  w  elches  18.000  Quadratmeilen
gross  ist  und  mit  dem  Texas-Bassin,  von  6000  Quadratmeilen
’u  Zusammenhang  steht.  Es  liegt  in  der  südwestlichen  Hälfte
von  Jowa,  greift  westlich  in  Nebraska  ein,  füllt  halb  Kansas
Und  einen  Theil  von  Nordwest-Missouri,  verbreitet  sich  in  das
Indian-Territory  und  in  Arkansas  bis  Little  Rock.  Am  oberen
l^cd  River  berührt  es  das  Texas-Bassin,  das  südlich  bis  San
■Antonio  reicht.
Somit  hat  die  Union  in  allen  Haupttheilen  grossartige
l^ohlenfelder,  welche  der  Industrie  daselbst  nahe  den  billigen
Brennstoff  liefern  können.
In  den  mittelatlantischen  Staaten,  New-York,  Pennsylvanien,
ew’-Jersey,  Maryland,  findet  sich  Eisen  reichlich,  Zink  in
^ew-Jersey,  Salz  in  New-York,  Petroleum  in  Pennsylvanien.
eorgien  hat  Eisen,  Westvirginien  auch,  dazu  Salz  und  1  etroeum.
  Tennessee  ist  reich  an  Eisen.  Am  oberen  See  liegt
-•Sen-  und  Kupfererz,  in  Wisconsin  und  Illinois  Blei,  in  Michi-10*
        <pb n="162" />
        148

gan  Salz.  Jowa  hat  Blei,  Missouri  Blei  und  Eisen,  Louisiana
Salz.  Der  Reichthum  jener  Staaten,  die  am  östlichen  Abhange ­
  des  Felsengebirges  liegen,  an  Mineralien  der  werthvollsten ­
  Art,  sogar  Gold  und  Silber,  kommt  jetzt  erst  zu  Tage.
Colorado  namentlich  ist  jetzt  schon  ein  Hauptbergwerksland.
In  diesen  Gebirgsländern  entwickelt  sich  jetzt  ein  reger  Bergbau, ­
  welcher  den  Farmern  des  Westens  mit  jedem  Jahre  bessere
Märkte  für  Lebensmittel  liefert.  Das  Bedürfhiss,  diese  Mineralien ­
  in  Fabriken  zu  verarbeiten,  wird  sich  bald  geltend  machen
und  um  so  schneller  Befriedigung  finden,  als  das  Missouri-  und
Texas-Bassin  die  dazu  nöthige  Kohle  liefert  und  die  Fabrikate
unter  den  Farmern  der  Ebene  am  Mississippi  und  Missouri
wiederum  auf  Absatz  zu  rechnen  haben.
Die  zur  schnellen  Entwicklung  der  Minen-  und  Fabriksindustrie ­
  nöthigen  Arbeiter  liefern  —  die  stillstehenden  Werke
derselben  Natur  in  Europa  zum  grossen  Theile.  Auch  aus
den  Neuenglandstaaten  ziehen  solche  Arbeiter  hierher,  durch
den  höheren  Lohn,  den  sie  im  fernsten  Westen  erhalten,  angezogen. ­
  —
Wir  erleben,  wie  ich  hier  beobachten  kann,  jetzt  eine
Decentralisation  der  Industrie  in  Amerika.  Mühlen-  und  Holzindustrie ­
  hatte  der  Norden  und  hatten  die  Mittelstaaten  schon.
Der  fernste  Westen  hat  Bergwerke  und  wird  bald  metallurgische
Industrie  erhalten.  In  den  Südstaaten  entstehen  jetzt  grosse
und  kleine  Baumwollspinnereien.  In  Columbus,  an  der  Grenze
von  Georgia  und  Alabama  besteht  eine  der  besteingerichtetsten
Baumwollspinnereien  der  Welt,  mit  1.400.000  Dollars  und
1600  Arbeitern  producirend.  Wenn  die  Standard-Baumwollnummer,
  „Middling“,  hier  11V4  Cents  per  Ib.  kostet,  so  kostet
sie  in  New-York  is’/j,  in  Liverpool  14  Cents,  so  dass  die
Fabriken  in  den  Südstaaten  3  Cents  am  engl.  Pfund  Vortheil
gegen  die  englischen  und  Cents  gegen  die  Fabriken  in
den  Nordoststaaten  beim  Einkauf  der  rohen  Baumwolle  haben.
Dazu  benützen  sie  die  billige  Wasserkraft,  in  Columbus  des
schiffbaren  Chatiahoochee-River.  Die  Fabriken  in  den  Baumwolldistricten
  haben  somit  im  niedrigeren  Preise  des  Rohmateriales ­
  eine  Prämie  von  13  Percent  gegenüber  den  Neu-England-Fabriken,
  und  von  26  Percent  gegenüber  den  eng-
        <pb n="163" />
        149

lischen  Fabriken.  Dazu  kommt,  letzteren  gegenüber,  noch  der
Schutzzoll.  Zuckerfabriken  und  Branntweinbrennereien  vermehren ­
  sich  in  den  reinen  Ackerbaustaaten.  So  hat  der
Ackerbau  an  allen  Seiten  Industrie  irgend  einer  Art  neben
sich,  die  jährlich  mehr  Lebensmittel  von  ihm  heischt.  Der
Interessengegensatz  zwischen  Westen  und  Nordosten  vermindert ­
  sich  aber  von  Jahr  zu  Jahr,  weil  der  Schutzzoll  die
Industrie  im  fernsten  Westen  ebenso  fördert,  wie  er  jene  in
den  Nordoststaaten  entwickelt  hat.
Es  ist  ein  Land  von  unermesslichen  Hilfsmitteln,  so  lange
es  noch  so  dünn  bevölkert  ist,  und  noch  wohl  für  ein  Jahrhundert ­
  wird  die  Vermehrung  der  Bevölkerung  diese  Hilfsmittel ­
  nur  erschliessen,  nicht  erschöpfen.  Seine  Staatsmänner
aber  befolgen  eine  kluge  Politik  mit  grosser  Fertigkeit,  und
die  hohe  Durchschnittsbildung  der  Bevölkerung  giebt  derselben ­
  die  nöthige  Einsicht,  um  englische  Lockrufe  mit  Hohn
zurückzu  weisen.
Ueber  den  Umfang  der  Bergwerksproduction  und  der
industrie  werde  ich  in  dem  Schlusscapitel  dieses  Werkes
genaue  Angaben  auf  Grund  des  Census  von  1880  machen.
        <pb n="164" />
        W  ashington.

Ks  lohnt  sich,  einige  Worte  über  die  Hauptstadt  dieses
mächtigen  Reiches  zu  sagen.  Denn  ein  Reich  und  kein  Staat
ist  es.  Es  giebt  ausser  den  Einwanderern  verschiedene
Nationalitäten,  mehr  als  dies,  verschiedene  Racen  hier,  die  je
zusammen  compact  wohnen  :  Anglo-Amerikaner  überall,  ausschliesslich ­
  aber  fast  von  Canada  bis  Washington  und  vom
atlantischen  Ocean  bis  Illinois  ;  Germano-Amerikaner  im  Westen
bis  zum  Eelsengebirge  ;  Franco  -  Amerikaner  und  Schwarze
im  Süden.  Ferner  giebt  es  keine  Provinzen,  sondern  lauter
gleich  und  sehr  hoch  berechtigte  Einzelstaaten  mit  Einzelparlament ­
  und  Administration  nebst  besonderen  Steuersystemen. ­

Washington  nun  ist  der  Sitz  jener  Centralregierung,  welche
seit  Lincolns  Erwählung  immer  grösseren  Einfluss  in  den
Einzelstaaten  zu  gewinnen  sucht.  Die  herrschende  republikanische ­
  Partei  möchte  aus  dem  Reiche  mit  föderativem  Charakter
einen  Staat  machen  ;  sie  macht  Fortschritte,  es  gehen  sogar
sogenannte  „prominente“  Politiker  des  Südens  zu  ihr  über,  wie
es  General  Wahone  gethan  hat,  der  im  Secessionskriege  gegen
den  Norden  focht.  Die  Stadt  Washington  ist  mit  dem
Wachsen  des  centralistischen  Geistes  in  der  Union  mitgewachsen ­
  und  keineswegs  mehr  jene  todte  und  langweilige  Stadt,
wie  sie  in  Reisebeschreibungen  gewöhnlich  geschildert  wird.
Sie  ist  sehr  weitläufig  angelegt.  Ausserordentlich  breite
Strassen  von  kaum  absehbarer  Länge  ziehen  sich  in  der  Ebene
am  Potomac  hin.  Die  Häuser,  obschon  stattlich,  doch  selten
mehr  als  drei  Stock  hoch,  sehen  zu  klein  für  die  Breite  der
        <pb n="165" />
        Strassen  aus  ;  vielfach  haben  sie  kleine  grüne  \’’orgärten.
Plätze  mit  Parkanlagen  unterbrechen  hie  und  da  die  monotone
Länge  der  Strassen,  die  gut  gepflastert,  vielfach  asphaltirt,
von  guten  und  breiten  Trottoirs  eingefasst  und  sehr  rein  gehalten ­
  sind.  Plerde-Kisenbahnen  machen  den  Personenverkehr
bequem  und  angenehm,  Frachten  verkehr  aber  fehlt  gänzlich,
denn  Washington  ist  vielleicht  die  einzige  Nichthandels-  und
Nichtfabrikstadt  der  Union  ;  deshalb  ist  sie  geräuschlos
und  macht  in  diesem  Lande  den  Eindruck  einer
todten  Stadt,  den  sie  in  Europa  durchaus  nicht  machen
würde.
Die  Staatsgebäude  sind  stattlich,  meist  aus  vveissem  Stein
in  antikem  Style  gebaut,  doch  gewinnen  neuerdings  rother,
sehr  schöner  Sandstein  und  englische  Gothik  das  Uebergewicht.
Man  baut  eifrig  grosse  und  sehr  stattliche  öffentliche  Gebäude,
So  ein  Ackerbau-Ministerium  mit  grossen  Anlagen  zur  Versuchsstation ­
  und  ein  Museum.
Das  Capitol  liegt  am  Ende  einer  sehr  langen,  breiten
Strasse,  erinnert  an  St.  Peter  in  Rom,  präsentirt  sich  aber  viel
besser  als  dieser,  der  von  engen  und  kurzen  Strassen  eingeengt ­
  und  eingezwängt  ist  und  beiweitem  nicht  so  zur  Geltung
gelangt,  wie  das  Capitol,  welches  von  einer  ähnlichen,  wie  mir
Scheint,  schlankeren  Kuppel  überragt  ist  und  auf  einer  kleinen
Anhöhe  liegt.
Im  Ganzen  erinnert  Washington  an  Versailles,  auch  an
Darmstadt,'  nur  ist  es  allerdings  weit  grösser.  Auch  zieren
einige  sehr  geschmackvoll  placirte,  gute  Monumente  die
Kreuzpunkte  einiger  Strassen.  Es  ist  eine  sehr  stattliche,
Wachsende  Haupt-  und  Residenzstadt,  in  der  man  bald  die
nnterrichtetsten  Gesandten  aller  Nationen  sehen  wird.
Nicht  nur  die  sociale,  ökonomische  Einwirkung  Amerikas
Europa  macht  dies  noth  wendig,  sondern  auch  der  Umstand,
Union  unter  der  neuen  Regierung  eine  active  äussere
olitik  befolgen  dürfte,  welche  ich  als  „Hands  off“  —  „Hände
'\eg!“  —  Amerikas  in  amerikanischen  Angelegenheiten  bezeichnen ­
  möchte.
.  Meiner  Ansicht  nach  haben  die  Franzosen  in  sehr  unvorsichtiger
  Weise  Amerika  eine  Veranlassung  gegeben,  dieser
        <pb n="166" />
        I

Kraft  und  diesem  Gefühle  einen  thatsächlichen  Ausdruck  zu
geben.
Ich  spreche  von  dem  Lesseps’schen  Canal-Unternehmen.
Dieses  erschien  den  Amerikanern  stets,  weil  durch  dieselbe ­
  europäische  Macht  patronisirt,  welche  die  Südstaaten
während  der  Secession  patronisirte  und  das  mexikanische
Abenteuer  unternahm,  als  ein  neuer  Eingriff  in  die  Monroe-Doctrin,
  die  jeder  Amerikaner  zu  vertheidigen  bereit  ist.
Die  Franzosen  benehmen  sich  unvorsichtig  in  Panama.
Sie  haben  eine  Station  daselbst,  wo  ihre  Ingenieure  wohnen,
„Empire“  genannt,  und  amerikanische  Blätter  sprechen  jetzt
von  „Bonapartisten  in  Amerika“.  Das  erbittert  das  Volk  hier,
welches  die  Politik  Napoleon’s  III.  gegen  die  Union  nicht
vergessen  hat.
        <pb n="167" />
        XI.  Capitel.
Ein  Audienztag  in  Washington.

Ein  anstrengender,  belehrender,  unvergesslicher  Tag  war
^ür  mich^er  20.  März  1881.
Vier  meiner  Gefährten  waren  nach  Florida  abgereist;  Graf
J*  Széchényi  und  ich  gingen  nun  zum  Präsidenten  Mr.  Garfield,
^er  uns  eine  Privataudienz  um  11  Uhr  bewilligt  hatte  und  bei
dem  wir  durch  den  Unter-Staatssecretär  M.  Hay  eingefuhrt
Wurden.

Der  Audienzsaal  des  weissen  Hauses  ist  hoch,  geräumig
^nd  einfach  blau  decorirt.  Aus  seinen  Fenstern  geniesst  man
eine  weite  Aussicht  über  den  breiten  Potomac  hinweg  nach
^  irginien  hinein.  Im  Vordergründe  steht  der  hohe  Sockel  zu
^em  projectirten  Washington  Monumente.  Bilder  einiger  Staatsmänner ­
  der  Union  und  —  eines  Bey  von  Tunis  in  voller
niform  zieren  die  Wände  des  Saales.
Nach  kurzem  Warten  sahen  wir  einen  hochgewachsenen,
reitschulterigen,  höchst  stattlichen  Mann  eintreten,  dessen
gross,  mit  bedeutender  Stirne  versehen  und  von  langem,
m'ßrauendem  Haare  und  Vollbarte  umrahmt  war  —  den
Präsidenten.

Der  Staatssecretär  stellte  uns  vor.  Der  Präsident  schüttelte
die  Hände,  sagte,  er  hoffe,  wir  befanden  uns  wohl,  lud
ps  zum  Sitzen  auf  dem  Sopha  ein  und  liess  sich  selbst  ^  in
•Hern  mit  vergoldeter  Lehne  versehenen  Armstuhle  seitlich
on  uns  nieder.  Kr  begann  damit,  zu  erwähnen,  welche  Senjf^*.on
  die  Nachricht  aus  Europa  von  dem  St.  Petersburger
^•sermorde  in  Amerika  gemacht  habe  und  leitete  das
        <pb n="168" />
        154

Gespräch  auf  den  Umstand,  dass  Wahnsinnige  oft  Staatslenker
sich  zum  Opfer  ersähen,  und  kam  dann  auf  die  nihilistische
und  socialistische  Bewegung  in  Europa  und  ihre  Gründe  zu
sprechen,  die  er  sehr  richtig  aus  ökonomischen  Verhältnissen
—  zum  Theile  aber  nur  —  erklärt  fand,  und  sprach  von  den
Ansichten,  welche  Spencer  vor  lo  Jahren  über  das  Eigenthum
entwickelt  habe.  Der  Inhalt  der  höchst  interessanten  Unterredung, ­
  welche  nun  folgte  und  die  der  Präsident  fortwährend
lenkte,  muss  natürlich  privat  bleiben,  aber  es  ist  gestattet,  zu
sagen,  dass  die  streng  religiöse  Auffassung  des  Präsidenten
sehr  stark  in  ihr  hervortrat.  Daneben  fesselte  uns  die  Originalität ­
  der  Vergleiche  und  die  kurze,  schlagende  Generalisirung,
  mit  der  er  Erscheinungen  socialer  Natur  unt^r  ein  Gesetz ­
  brachte,  ohne  dabei  im  Mindesten  einem  deutschen
Professor  zu  gleichen.  Sein  äusserst  klarer  Verstand  beherrschte ­
  eine  ungemeine  Lebenserfahrung  und  classificirte  die
lîinzelheiten  sozusagen  spielend.  Er  schloss  mit  der  Klage,
dass  diejenigen  zwei  Staatsoberhäupter,  Alexander  11.  und
läncüln,  welche  in  diesem  Jahrhunderte  und  überhaupt  die
meisten  Sclaven  zu  freien  Menschen  gemacht  hätten.  Beide
Attentaten  erlegen  seien.  Wenn  er  länger  und  warm  sprach,
zeigte  sich  der  bedeutende  Redner,  der  er  im  Congress  in  der
That  gewesen  ist.  Seine  Haltung  —  ein  grosser,  fast  gewaltiger ­
  Mann  auf  einem  thronartigen  Sessel  —  beim  lebhaften
Sprechen  nur  leise  vorgebeugt,  wie  wenn  er  einen  Gedanken
verfolge,  und  sofort  wieder  in  die  stolz  aufrechte  Haltung  sich
erhebend,  war  voller  Würde.  Der  Abschied,  bei  dem  er  uns
abermals  die  Hände  schüttelte  und  uns  Erfolg  und  Vergnügen
während  der  Reise  durch  das  Land,  dessen  Oberhaupt  er
war,  wünschte,  war  leutselig,  fast  herzlich.  Mit  der  Ueberzeugung,
  dass  die  Amerikaner  einen  ganzen  Mann,  und  zwar
einen  „selbstgemachten“,  zum  Präsidenten  haben,  verliessen
wir  das  „weisse  Haus“.
Nachdem  wir  uns  von  dem  Staatssecretär  verabschiedet
hatten,  besuchten  wir  den  Chef  der  Statistik,  General  Walker,
um  uns  von  ihm  statistische  Daten  zu  erbitten,  die  er  uns  zusammenzustellen ­
  bereitwilligst  zusagte.  Gleichzeitig  gab  er
        <pb n="169" />
        &amp;gt;55

uns  Aufschlüsse  über  solche  landwirthschaftliche  Anlagen,  die
an  der  Route  liegen,  welche  wir  passiren  wollten  und  deren
Besuch  er  uns  empfahl.  Besonders  rühmte  er  uns  die  Schafzucht ­
  in  Californien,  wo  man  die  Schafe  zwei  Mal  jährlich
scheere  und  jedes  Mal  fünf  bis  sieben  Ibs.  Wolle  gewinne.
I^iese  Schafzucht  in  Heerden  von  über  loo.ooo  Stück  sei
sehr  lucrativ,  wie  die  Wehzucht  überhaupt.  Trotz  des
exceptionell  harten  Winters  habe  man  sehr  wenig  von  jenem
Vieh  verloren,  das  im  Freien  überwintere,  und  die  Heerden
Vermehrten  sich  sehr  schnell.
Es  würde  unmöglich  sein,  den  Inhalt  des  belehrenden  Gespräches ­
  in  einem  kurzen  Berichte  wiederzugeben,  was  man
begreifen  wird,  da  Herr  Walker  einer  der  berühmtesten
Statistiker  der  Welt  ist,  seine  Aufgabe  aber  in  der  Erforschung
Und  Feststellung  der  X’^erhältnisse  der  Union  sieht,  die  er  in
ihrer  Entwicklung  Schritt  für  Schritt  verfolgt.  Daher  kennt
das  Land  eben  auf  das  Genaueste.  Da  die  Einzelstaaten
^er  Unionsregierung  keine  Erhebung  statistischer  Angaben  gestatten ­
  —  so  weit  geht  hier  die  Autonomie  —  so  benützt
General  Walker  den  jetzigen  Census,  um  das  nachzuholen,  was
^Git  dem  Census  von  1870  nicht  leisten  konnte.  Die
.  ^i)iikation  des  1881  beendeten  Census  wird  also  äusserst
interessant  sein  und  hoffentlich  in  einem  ebenso  schönen  und
^issenschaftlich  arrangirten  „Statistischen  Atlas“  ein  Gesammt-1
  d  finden,  wie  es  jener  von  1870  in  einem  solchen  that,  den
j^^neral  Walker  1874  herausgab  und  wovon  er  mir  ein
templar  —  ich  war  ihm  literarisch  nicht  ganz  unbekannt
^Grehrte.  Europäischen  Staatsmännern  empfehle  ich  das
tudium  der  Blätter  33  bis  35a,  die  die  \  ertheilung  des  Reichumes,
  öffentliche  Schulden,  Steuern  in  ihrer  I^ntwicklung  zur
uschauung  bringen.  Hier  liegt  der  Magnet,  der  unsere  Aus-"anderer
  hinüberzieht.
Ch  ^gingen  wir  in  das  Ackerbau-Amt,  dessen
Herr  Le  Duc,  noch  der  alten  Verwaltung  angehört
0^1  (^Gn  vier  Jahren  seiner  Amtsthätigkeit  ausser-^
  .  ^^Bich  viel  für  die  Hebung  der  amerikanischen  Land-'irthschaft
  get  han  hat.  Wir  kennen  die  prompten  Monats-
        <pb n="170" />
        berichte,  welche  er  über  den  Stand  des  Anbaues  des  Bodens
und  andere  in  sein  Fach  schlagende  Materien  veröffentlicht,
wie  man  solche  jetzt  ja  auch  in  Oesterreich  einzuführen  begonnen ­
  hat.  Diese,  sowie  sein  Jahresbericht,  ein  Buch  von
grosser  Dicke,  enthalten  die  werthvollsten  Rathschläge  für
Landwirthe,  Kostenanschläge,  Zeichnungen,  Rentabilitätsnachweise, ­
  Berichte  von  Landwirthen  über  Versuche  und  die
Resultate  neu  eingeführter  Culturen.  Staatsbehörde  und
Private  wirken  hier  Hand  in  Hand,  den  agricolen  Aufschwung
Amerikas  zu  fördern.
Er  interessirt  sich  besonders  lebhaft  für  die  Zuckerproduction
  und  hat  im  Garten,  der  zum  Ministerium  gehört,
eine  kleine  Fabrik  errichtet,  in  der  Zucker  aus  Mais  und  Sorghum ­
  hergestellt  wird.  Sie  kostet  nur  lo.ooo  Dollars  und  ist
als  eine  Musterfabrik  für  kleinere  Farmer  eingerichtet.  Im
Kellergeschosse  des  Ministeriums  ist  eine  vollkommene  chemischtechnische ­
  Versuchsstation  eingerichtet,  in  der  alle  Arten  nützlicher ­
  Pflanzen  und  deren  Producte  aufgestellt  sind  und  woselbst ­
  Chemiker  und  Techniker  fortwährend  arbeiten,  analysiren,
fabriciren,  Maschinen  construiren;  immer  Billigkeit  und  solche
Einfachheit  im  Auge  haltend,  dass  der  kleine  Farmer  die  von
ihnen  geschaffenen  Maschinen  erwerben  und  ohne  Hilfe  von
Technikern  selbst  in  Anwendung  bringen  könne.  Jedermann
steht  der  Besuch  dieser  Versuchsstation  frei.  Mr.  Le  Duc
führte  uns  selbst  darin  herum  und  erklärte  uns  Alles  mit  der
Sachkenntniss  eines  vollkommenen  Fachmannes,  der  er  ist.
Nach  seinen  Aussagen  ist  die  Production  aus  Sorghum,  Maisstengeln ­
  und  aus  der  Zuckerrübe  in  verschiedenen,  sehr  ausgedehnten ­
  Gegenden  der  Union  vollkommen  rentabel  und  behauptete ­
  er,  wenn  das  begonnene  Unternehmen  in  derselben
Weise  wie  in  den  letzten  Jahren  gefördert  werde,  so  decke
die  Union  in  vier  Jahren  ihren  Zuckerbedarf  selbst  und  könne
dann  den  Zuckerexport  in  Angriff  nehmen.  Die  Productionskosten
  für  ein  Ib.  Rohzucker  aus  Sorghum  stellten  sich  nur
auf  3  Cents  und  derselbe  sei  so  gut  wie  Cubaner  Importzucker, ­
  der  6—7  Cents  koste.  Wenn  sich  seine  Prophezeiung
erfüllt,  so  muss  Cuba  andere  Märkte  suchen.
        <pb n="171" />
        ï  57

Herr  Le  Duc  hat  auch  die  Cultur  von  Thee,  Jute  und
der  Ramiepflanze,  sowie  die  besten  Methoden  zu  ihrer  Verarbeitung ­
  sehr  gefördert.  Letztere  Pflanze  liefert,  wie  wir  sahen,
eine  ^  schöne  Gespinnstfaser,  die  zwischen  Wolle  und  Seide
^ngiren  dürfte.  Es  würde  sich  auszahlen,  wenn  die  europäischen
egierungen  hier  Techniker  anstellten,  die  alle  Erfindungen  und
ersuche  des  Ackerbau-Amtes  und  wo  sie  sonst  Vorkommen,
^erfolgten,  prüften,  kritische  Berichte  und  Muster  einsendeten,  die
ann  ieder  von  den  europäischen  Ackerbauministerien  den
^and^^irthen  in  jener  Form  zugänglich  gemacht  würden,  wie
Cr  Jahresbericht  des  Herrn  Le  Duc  es  den  amerikanischen
^andwirthen  wird.  Von  demselben  werden  jährlich  300.000
-xemplare  im  Lande  verbreitet  und  ist  es  ein  vollkommenes.
Vorzügliches  Lehrbuch  practischer  Landwirthschaft.
Vor  allen  Dingen  möge  man  von  der  unsinnigen  Idee  ab-^ommen,
  hier  werde  nur  ein  wüster  Raubbau  getrieben,  der
as  Land  in  kurzer  Zeit  aussaugen  werde.  Das  mag  im  Westen
jc  fach  geschehen.  Im  Osten  und  Süden  gehen  die  Farmer,
c  in  Reizen-  und  Fleischproduction  mit  dem  Westen  nicht
oiKurriren  können,  zu  allerhand  anderen  Culturen  und  zur
"  *rthschaftlichen  Fabrikation  über.
^‘crbei  werden  sie  vom  Ackerbauministerium  nicht  nur,
U  geschildert,  durch  Belehrung,  sondern  auch  durch
von  Saat  und  Pflanzen,  von  den  Staatenregierungen
durch  Prämien  unterstützt.  Die  Staatsregierung  von
^c  aware  hat  1877  und  1878  Farmern  Prämien  bewilligt,  welche
-uc  'errüben  anbauten,  und  hier  sowie  in  Maine  sind  Actienri
  ^^^hnften  entstanden,  welche  Zuckerrübenfabriken  einteten,
  die  im  Betriebe  sind.  Die  Fabrik  in  Maine  verarrüb
  Campagne  1880/81  10.000  Tonnen  Rüben.  Zucker-W
  ^^niie,  Jute,  Tabak  treten  im  Osten  somit  an  Stelle  von
hier  nicht  gedüngt  werde,  ist  auch  eine  Fabel,
jj..  ^®ud  unserer  Rundreise  in  Pennsylvanien  sahen  wir  überall
ein  Feldern  und  oft  auch  Kalk.  Es  findet  sogar
®i^rker  Verbrauch  von  künstlichem  Dünger  statt.  Dass
lieh  auch  Blumen  zum  Verkaufe  als  landwirthschaftrodukte
  baut  -—  gerade  wie  auf  den  dürren  Feldern
        <pb n="172" />
        ist  ebenfalls  zu  er-(1er

  Provence  die  Immortellen
wähnen.
Noch  muss  ich  erwähnen,  dass  Mr.  Le  Duc  in  Colorado
auf  Unionskosten  einen  artesischen  Brunnen  graben  lässt,  weil
man  hofft,  auf  diese  Weise  die  an  sich  fruchtbaren  aber
trockenen  Hochebenen  in  Weizenfelder  verwandeln  zu  können.
Der  Brunnen  liegt  bei  Fort  Lyon  am  Arkansas.
Die  Spiritusfabrikation  scheint  nicht  als  landwirthschaftliches
  Nebengewerbe  zu  existiren.  Sie  wird  in  grossen
Städten  betrieben,  muss  aber  sehr  im  Steigen  sein,  da  im
Jahre  1878  erst  2.926.651,  1879  aber  schon  8.311.757  Gallons
exportirt  wurden.  Im  letzteren  Jahre  gingen  3.380.162  Gallons
nach  Frankreich,  wo  amerikanischer  Spiritus  den  österreichischen ­
  z.  B.  aus  dem  Markte  von  Cette  verdrängt  hat.
Auch  der  Weinbau  dehnt  sich  aus  und  wird  die  Production
des  Jahres  1880  auf  30  Millionen  Gallons  angegeben.  —  Sehr
niedergeschlagen  verliessen  wir  die  Versuchsstation  des  Ackerbauministers, ­
  nachdem  wir  voll  Hochachtung  von  diesem  verdienstvollen ­
  Manne  geschieden  waren,  denn  es  war  uns  nun
zur  Ueberzeugung  geworden,  dass  auch  unsere  landwirthschaftlichen
  Industrien  bald  jene  Frlahrungen  machen  werden,
welche  die  Budapester  Müller  machten,  als  sie  von  den  Amerikanern ­
  aus  England  fast  ganz  verdrängt  wurden.
Wir  besuchten  nun  das  Smithsonian-Institut,  worin  allerhand ­
  indianische  Ueberbleibsel  ausgestellt  sind,  an  denen  Graf
Széchényi  Interesse  nahm,  die  ich  jedoch  nur  flüchtig  sah,  da
mir  der  eben  gemachte  Besuch  viel  zu  denken  gab.
Ich  schloss  mein  Tagewerk,  indem  ich  mit  Graf  S.  einen
Besuch  beim  Obercommandanten  der  Unionsarmee,  dem  berühmten ­
  General  Sherman,  machte.  Das  Bureau  des  General
en  chef  liegt  im  Souterrain  seines  drei  oder  vier  Fenster
breiten  Privathauses,  zu  dem  man  von  ebener  Erde  ein
Dutzend  Stufen  hinabsteigt,  also  wörtlich  im  Keller!  Der
General  war  allein  darin,  natürlich  in  Civil.  Wir  baten  ihn
um  Aufschluss,  ob  wir  mit  Sicherheit  in  gewissen,  von  Indianern
bewohnten  Gegenden  reisen  könnten,  was  er  bejahte.  Der
eben  abgetretene  Minister  des  Innern,  Mr.  Carl  Schurz,  hat
        <pb n="173" />
        159

viel  zur  Rettung  der  Ueberbleibsel  der  ehemaligen  Bevölkerung
Amerikas  gethan.  Man  sucht  sie  an  Ackerbau  zu  gewöhnen
und  hat  Schulen  bei  ihnen  eingerichtet.
Der  General  ist  von  hoher  Statur,  noch  ungebeugt,  obwohl ­
  schon  ein  Sechziger,  von  lebhaftem  Temperament  und
grosser  Liebenswürdigkeit.  Obzwar  ein  berühmter  Krieger,
kennt  er  doch  nicht  nur  das  Land  sehr  genau,  sondern  auch
die  Gescl;¿fte  und  den  Handel,  der  darin  getrieben  wird,  nicht
nur  die  strategischen,  sondern  auch  die  Handelsstrassen.  Er
gab  uns  bereitwillig  die  werthvollsten  Rathschläge  für  die
î^eise,  bezüglich  der  Ausflüge,  die  wir  abseits  der  Route
niachen  müssten,  um  Heerden  und  Musterlandwirthschaften  zu
sehen,  ja  sogar  ein  Empfehlungsschreiben  an  einen  grossen
Orangenpflanzer  in  Florida.
Er  bestätigte  mir,  dass  der  Mississippi  wahrscheinlich  eine
grosse  Strasse  für  den  Export  von  Getreide  sein  werde,  das
schon  jetzt  um  4  Cents  per  Bushel  billiger  über  New  Orleans
äis  über  New-York  verfrachtet  werden  könne;  sprach  die
Leberzeugung  aus,  dass  Getreide  und  Mehl  bald  noch  billiger
nach  Europa  geliefert  werden  können  als  jetzt  und  gab  mir
^•ne  Linführungskarte  an  Capitän  Eads,  den  berühmten
Ingenieur,  welcher  die  13  Millionen  D.  kostende  Wunderbrücke
^ns  Stahl  über  den  Mississippi  bei  St.  Louis  gebaut  und  die
Mündung  desselben  Stromes  für  Seeschiffe  für  jede  Jahreszeit
fahrbar  gemacht  hat.  Er,  sagte  der  General,  kenne  diesen
^asserweg  genau  und  seine  Aussicht  für  die  Zukunft.
ann  vertiefte  er  sich  —  es  war  noch  ein  anderer  älterer  Exgeneral ­
  da,  dessen  Namen  ich  vergessen  habe,  der  aber  mit
•hm  Vor  vierzig  Jahren  Alligatoren  in  Florida  geschossen  hatte
Graf  S.  und  diesem  Herrn  in  ein  interessantes  Gespräch
über  Jagd  vor  vierzig  Jahren  und  heute  im  Felsengebirge  und
Florida.  Er  bot  Cigarren  und  „amerikanischen  Wein“,  wie
sagte,  d.  h.  trefflichen,  duftenden,  aus  Roggen  gebrannten
an,  und  so  rann  die  Zeit  auf  die  angenehmste
eise  dahin,  bis  ein  jugendlicher  Reitknecht  von  aussen  an
^s  l  enster  pochte.  Nun  verabschiedeten  wir  uns  bei  dem
General.
        <pb n="174" />
        i6o

Als  wir  aus  dem  Kellerhauptquartier  wieder  die  ebene
Erde  erklommen  hatten,  sprang  eine  junge,  schöne  Dame
in  Reitcostüm  die  Treppe  zum  Hause  leicht  hinauf  und
der  jugendliche  Groom,  der  unserer  Audienz  ein  plötzliches
Ende  gemacht  hatte,  führte  zwei  Pferde  ab.
Die  Tochter  war  von  ihrem  Spazierritte  zurückgekommen
und  dies  war  der  Zeitpunkt,  in  dem  der  General  seine
\  aterpflichten  und  Vaterfreuden  augenscheinlich  regelmässig
wieder  übernahm.
        <pb n="175" />
        XII.  Capitel.
Das  Ende  Garfields.

Die  Union  hat  im  Frühjahr  i88i  einen  erbitterten  Kampf
wischen  Factoren  erlebt,  die  darauf  angewiesen  sind  sich  zu
nterstützen.  Dergleichen  ist  als  einfache  Thatsache  wichtig,
v'enn  es  ein  so  grosses  und  aufblühendes  Reich  betrifft.  Es
doppelt.  wichtig,  da  die  handelnden  Personen  uneingeandcn,
  aber  so,  dass  es  Jedermann  weiss,  nur  vorgeschobene
sich  thatsächlich  um  den  in  Europa  fast
erall  bereits  entschiedenen  Kampf  der  (irosscapitalisten  um
Staatsmacht  handelt.

Seit  Lincoln’s  Erwählung  zum  Präsidenten  herrscht  die
Publikanische  Partei,  welche  sehr  gut  mit  der  deutschen
ational  -  liberalen  verglichen  werden  kann  und  die  nur  noch
g  ^  ^^''^hschaftliches  Glaubensbekenntniss  hat:  unbedingte  Herr-^
  aft  der  Capitalisten  und  Capitalgesellschaften,  der  Eisenbahn-,
und  Fabrikmagnaten  über  die  Regierung
Sie  hat  diese  bis  zur  Wahl  Garfields  unbestritten  besessen.
P"h  des  verbündeten  Capitals  ist  New-York.  Der
^  rer  der  republikanischen  Partei  von  New-York,  Mr.  Conkling,
und  ist  der  Intimus  von  Vanderbilt,  Gould  und  den  grossen
Y  Er  war  Senator  der  Union  für  den  Staat  New-Führer
  der  republikanischen  Partei  im  Senate.  Als
^  c  er  war  er  während  der  Präsidentschaften  von  Grant  und
^^yes  allmächtig.  Grant  that,  was  Conkling  wünschte.  Hayes
Widerstand,  der  Senat  und  das  Abgeordnetenhaus  aber
ej.  ^de  seine  Vorschläge  und  Ernennungen  ab,  so  dass
cingeschüchtert  wurde  und  nachgab.

11
        <pb n="176" />
        102

Der  Candidat  Conkling’s,  d.  h.  der  Capitalisten,  für  die
jetzige  Präsidentschaft  war  wieder  General  Grant;  Allein  die
ehrlichen  Leute  in  der  republikanischen  Partei  und  namentlich
die  Abgesandten  der  westlichen  Ackerbaustaaten  wollten  die
Administration  purificiren  und  stimmten  gegen  Grant.  Endlich
liess  Conkling,  der  auf  der  Vorwahl  in  Chicago  die  Grantianer
leitete,  den  aussichtslosen  Candidaten  fallen  und  die  republikanische ­
  Partei  einigte  sich  auf  General  Garfield,  dem
seine  Feinde  auch  capitalistische  Geschäfte  nachsagen,  ohne
dies  jedoch  bewiesen  zu  haben,  der  aber  jedenfalls  von  den
meisten  Republikanern  für  einen  Ehrenmann  gehalten  wurde.
Conkling  hatte  vor  der  definitiven  Wahl  Garfield’s  mit
ihm  eine  vertrauliche  Besprechung,  in  welcher  Garfield,  wie
Conkling  behauptet,  ihm  Versprechungen  bezüglich  der  Besetzung ­
  einiger  höchsten  Steilen  in  der  neuen  Administration
machte.
Sowie  der  Senat  sich  versammelte,  dem  der  Präsident  die
Liste  der  zu  ernennenden  Beamten  zusenden  muss  und  ohne
dessen  Zustimmung  der  Präsident  keinen  Beamten  anstellen
darf,  und  als  der  Präsident  die  ersten  Ernennungsvorschläge
machte,  schrie  man  in  der  Conkling’schen  Presse  über  „Verrath.“
Garfield  habe  andere  Männer  ernannt  als  jene,  deren  Ernennung
er  Conkling  zugesagt  habe.  Besonders  erbittert  war  man  über
die  Ernennung  des  Senators  für  Minnesota,  eines  bekannten
Grangerführers  und  Eeindes  der  Bankmagnaten,  Mr.  Windom,
zum  Finanzminister.
Aus  Rücksicht  auf  die  Farmer  bestätigte  aber  der  Senat,
dessen  Majorität  Conkling  beherrschte,  die  Ernennung,  und
Windom  begann  sofort  damit,  Hunderte  von  Millionen  sechspercentiger
  und  fünfpercentiger  Unionsschulden  in  dreieinhalbpercentige
  umzuwandeln,  ohne  sich  dabei  der  Vermittlung
eines  Consortiums  zu  bedienen.  Er  kündigte  jene  Fonds
und  versprach  Rückzahlung  des  Capitals  al  pari  oder  Umschreibung ­
  in  dreieinhalbpercentige  Papiere.  Das  Manöver
gelang  und  die  Bankwclt  verlor  nicht  nur  die  höhere  Verzinsung ­
  solcher  Fonds,  die  sie  selbst  besass,  sondern  verdiente
bei  der  Convertirung  auch  keinen  Cent.
        <pb n="177" />
        103

Die  Union  stellt  in  jedem  Einzelstaate  die  Richter  der
Unionsgerichte,  die  Postbeamten  und  die  Zollhausbeamten  an.
Die  richterlichen  Ernennungen  Garfield’s  passirten  im  Senate ­
  ohne  Anstand.
Aber  in  der  Postverwaltung  passirte  ein  grosser  Scandal.
Garfield  bestätigte  die  alte  Centralverwaltung  in  Washington;
allein  plötzlich  tauchte  das  Gerücht  auf,  der  erste  Unterbeamte
des  Generalpostmeisters  habe  im  \  erein  mit  einer  Capitalistenclique,
  die  durch  einen  Senator  gedeckt  war,  grosse  Betrügereien ­
  am  Aerar  bei  Lieferungen  und  Leistungscontracten
Verübt.  Solche  Gerüchte  waren  früher  oft  aufgetaucht,  allein
die  Regierung  hatte  sie  ignorirt.  Anders  die  neue  Administration. ­
  Sie  leitete  eine  Untersuchung  ein.  Der  Hauptangeschuldigte
  reichte  seine  Entlassung  ein,  die  angenommen  wurde,
ohne  dass  dadurch  die  Untersuchung,  wie  erwartet,  sistirt
'väre.  Garfield  Hess  vielmehr  die  Acten  dem  Generalstaatsanwalte
  behufs  Einleitung  des  Criminal  Verfahrens  überreichen.
Jetzt  wurde  die  Welt  der  „politischen  GründeP‘  in  Washington ­
  und  New-York  ernstlich  besorgt.  Man  holte  die  alten
Anschuldigungen  unreeller  Geldgeschäfte  gegen  Garfield  wieder
hervor  und  bezichtigte  auch  tvindom  solcher.
Der  Präsident  strengte  zwar  keinen  ,,Präsidenten-Beleidigungs-Process“
  an,  wie  das  in  einem  ähnlichen  Fall  in  Europa
geschehen  ist,  aber  er  führte  einen  noch  härteren  Schlag  gegen
Capitalistenpartei,  indem  er  den  Director  des  Zollamtes
Von  New-York  entsetzte  und  dem  Senate  die  Ernennung  eines
^orrn  Robertson,  Richters  und  Staats-Senators  des  Staates
New-York,  zu  diesem  Amte  vorschlug.
In  New-York  wird  der  überwiegende  Theil  aller  für  die
Gnion  bestimmten  Waaren  importirt  und  hier  verzollt.  Man
'fiunkelt,  dass  dabei  allerhand  passirte,  was  den  grossen  Capi-^^listen
  nützlich  war.  Robertson  ist  als  durchaus  unbescholte-Charakter,
  fester  Republikaner,  aber  persönlicher  Gegner
onkling’s  und  des  Capitalistenringes  von  New-\  ork  bekannt.
Diese  Ernennung  war  ein  Schlag  ins  (Besicht  Conkling  s
Jj^nd  eine  Bedrohung  der  grossen,  mit  der  Zollbehörde  Neworks
  in  (Geschäftsverkehr  stehenden  Capitalisten.  Conkling  s
11*
        <pb n="178" />
        164

Einfluss  im  Senate  ging  nicht  so  weit,  dass  er  die  Ernennung
Robertson’s  hätte  sofort  verwerfen  lassen  können.  Er  war
aber  stark  genug,  die  Beschlussfassung  darüber  zu  verschleppen.
Inzwischen  liess  er  alle  ihm  genehmen,  vom  Präsidenten  vorgeschlagenen ­
  Beamten  von  dem  Senate  bestätigen.  Es  sollten
nun  die  New-Yorker  Beamtenernennungen  zur  Berathung  kommen. ­
  Man  wusste,  dass  Conkling  alle  werde  bestätigen  lassen,
mit  Ausnahme  Robertson’s.  Natürlich  waren  unter  den  zu
Bestätigenden  viele  Freunde  und  Clienten  Conkling’s.  Da  —
zog  der  Präsident,  durch  eine  Botschaft  an  den  Senat,  am
Morgen  eben  jenes  Tages  alle  Vorschläge  für  Ernennung  New-Yorker
  Beamten  zurück,  mit  einziger  Ausnahme  Robertsons.
Conkling  und  seine  Anhänger  rasten;  aber  aus  allen  Theilen
  der  Union  erhielt  Garfield  Zustimmungsadressen  und  Telegramme, ­
  am  meisten  aus  New-York.  Diese  Volksstimmung
schüchterte  den  Senat  so  ein,  dass  Conkling  voraussah,  die
Ernennung  Robertson’s  werde,  wenn  auch  mit  schwacher
Majorität,  erfolgen.  Nun  führte  er  einen  Theatercoup  aus.
Er  und  Mr.  Pratt,  der  zweite  Senator  des  Staates  New-York,
ein  blindes  Werkzeug  Conkling’s  legten  ihr  Senatorenmandat
nieder,  um  an  ihre  Wähler,  d.  h.  an  die  gesetzgebende  Versammlung ­
  des  Staates  New-York,  die  gerade  in  Albany,  der
Hauptstadt  dieses  Staates,  tagte,  zu  appelliren.  Man  sagt  mit
Recht,  Conkling  hätte  warten  sollen,  bis  diese  Versammlung
—  Ende  des  Jahres  —  neu  gewählt  sei.
Kaum  hatte  Conkling  —  am  16.  Mai  —  sein  Senatorenmandat ­
  niedergelegt,  so  bestätigte  der  Senat  zu  Washington
am  18.  Mai  ohne  Debatte  und  Abstimmung,  consensu  omnium,
die  Ernennung  Robertson’s  zum  Director  des  Zollamtes  von
New-York.
Nun  geschah  das  Unerhörte:  Wenige  Monate  darauf  schoss
ein  Mann,  der  sich  selbst  als  einen  „Stalwart“,  d.  h.  ein  Mitglied ­
  der  Fraction  Conkling,  bezeichnete,  auf  den  Präsidenten
Garfield  und  verwundete  ihn  tödtlich.  Während  des  langen
Schmerzenslagers  Garfields  sprach  sich  die  öffentliche  Meinung
in  der  Union  mit  grosser  Entschiedenheit  für  das  Opfer  aus.
        <pb n="179" />
        Conkling  unterlag  bei  der  Neuwahl  eines  Senators  für  New-York.
  Aber  der  Präsident  starb.
Ihm  folgte,  zu  Folge  der  Constitution,  der  Vicepräsident,
Mac  Arthur,  der  zur  Fraction  Conkling  gehört.  Er  wechselte
fast  alle  höheren  Beamten,  gab  zwar  Conkling  keine  Ministerstellung, ­
  allein  die  öffentliche  Meinung  schreibt  dem  Exsenator
Von  New-York  einen  grossen  Einfluss  auf  die  neue  Verwaltung
za,  die  als  den  grossen  Capitalisten  der  Nordoststaaten  durchaus ­
  .günstig  geschildert  wird.  Die  Umwälzung  der  Regierung
vollzog  sich  friedlich  und  ruhig,  allein  eine  grosse  Unzufriedenheit ­
  herrscht  vorläufig  in  der  Union  und  man  kann  sich  auf
heftige  Kämpfe  bei  der  Neuwahl  des  Präsidenten,  nach  Ablauf ­
  der  Amtsdauer  Mac  Arthurs,  gefasst  machen,  umsomehr,
als  der  Process  gegen  die  Postschwindler  mit  ihrer  Freisprechung ­
  endete.  Der  Versuch,  das  Haupt  der  „Halfbreeds“
&amp;lt;^der  Garfield-h  raction,  Mr.  Blaine,  der  Minister  des  Aeusseren
Unter  Garfield  war,  durch  eine  Untersuchung  seiner  Politik
bezüglich  Peru’s  und  Chile’s  zu  discreditiren,  schlug  fehl,  und
‘St  es  sehr  bezeichnend,  dass  er  von  dem  Abgeordneten  Bel-“‘onte
  unternommen  wurde.  Dieser  ist  der  Sohn  des  ein-S^ivvanderten
  jüdischen  Banquiers  Schönberger,  der  ein  New-Yorker
  Millionär  und  Hauptmacher  an  der  Börse  ist.
        <pb n="180" />
        XIII.  Capitel.
Von  Washington  bis  Florida.
Am  24.  März  1881  waren  vier  Herren  von  uns  voraus
nach  Jacksonville  gefahren,  hatten  hier  sofort  zwei  Segel-  und
zwei  Ruderboote  sowie  einige  ortskundige  Neger  gemiethet
und  eine  Jagdpartie  in  den  Black  Creek  unternommen.
Graf  J.  vSzéchényi  und  ich  hatten  am  26.  7  Uhr  früh
Washington  verlassen  und  waren  am  28.  um  11  Uhr  früh  in
Jacksonville  angekommen.  Wir  fuhren  langsamer  als  unsere
vier  Vorgänger,  überschlugen  in  Richmond  einen  Zug,  um
diese  Stadt  und  den  grössten  Theil  der  Gegend  bei  Tage  zu
sehen.  Man  hätte  hier  Gelegenheit,  den  Uebergang  der  Landwirthschaft
  aus  dem  Klima  Stockholms  zu  dem  von  Tunis  auf
einer  durch  keine  Gebirge  unterbrochenen  Ebene,  die  nur
sehr  mässige  Höhenzüge  aufweist,  zu  beobachten,  wenn  dieses
Land  als  in  Cultur  genommen  angesehen  werden  könnte.
Allein  es  charakterisirt  sich  vielmehr  als  eine  grosse  Wildniss,
welche  nur  hie  und  da  von  angebauten  Flächen  unterbrochen
wird.  Nach  hundert  Jahren  wird  man  vielleicht  jenen  landwirthschaftlichen
  Entwicklungsgang  von  der  kalten  zur  heissen
Zone  hier  beobachten  können.  Wir  versuchten  es  vergebens.
Der  Eindruck,  welchen  die  von  der  Küstenbahn  durchschnittene
Landschaft  auf  uns  machte,  ist  ein  entschieden  ungünstiger,
und  zwar  in  zweifacher  Beziehung:  sowohl  was  den  Boden
als  dessen  Anbau  betrifft.
Ersteres  erklärt  sich  zum  Theile  daraus,  dass  die  Bahn
überall  auf  der  höchsten  Bodenelevation  fortläuft,  weil  der
Bahnbau  in  den  morastigen  Niederungen  zu  kostspielig  gewesen
wäre.  Nichtsdestoweniger  führt  die  Eisenbahn  an  vielen  Stellen
        <pb n="181" />
        i67

durch  sehr  niedriges  und  sumpfiges  Land,  ein  Mal  sogar  über
eine  vier  Meilen  lange  Brücke,  die  durch  einen  Sumpf  gebaut
werden  musste.  Der  Höhenboden  ist  oben  sandig,  darunter
liegt  leichter,  stellenweise  röthlicher  Thon.  Von  Washington
bis  in  Florida  hinein  fahrt  man  eigentlich  fortwährend  im
M  aide,  der  nur  hie  und  da  geklärt  und  zu  Ackerbauniederlassungen ­
  benützt  worden  ist.  Fichten  wiegen  vor,  und  zwar
die  kurznadelige,  weiche  Fichte,  deren  Holz  nur  zur  Feuerung
zu  verwenden  istj  in  einem  Theile  Virgjniens  und  in  Florida
aber  die  langnadelige  Fichte,  welche  vorzügliches  Schiffsbauholz ­
  liefert,  sowie  ein  Laubbaum  mit  grünen,  lederartigen
Blättern,  Life-oak,  Lebenseiche,  genannt,  der  mit  unserer  Eiche
nur  den  Namen  und  das  harte,  treffliche  Holz  gemein  hat.
Beide  letzteren  Bäume  sind  Zeichen,  dass  der  Untergrund  gut
und  fruchtbar  ist;  die  kurznadelige  Fichte  ist  die  Bonitirungspflanze
  leichten  und  sumpfigen  Bodens.  Auf  lezterem  nimmt
die  Vegetation,  besonders  in  Georgia  und  Florida,  einen  entschieden ­
  tropischen  Charakter  an.  Das  Unterholz  wird  massenhaft ­
  und  ist  durch  Schlingpflanzen  mit  den  Aesten  hochstämmiger ­
  Bäume  verflochten.
\  on  Washington  bis  Richmond  ist  der  Boden  leidlich
trocken,  aber  ärmlich.  Wenige  Farmen,  kleine  und  kümmerliche, ­
  nehmen  die  Waldlichtungen  in  Anspruch.  Noch  kommt
Weizen  vor,  überwiegend  aber  Mais.  Südlich  Richmond  sehen
wir  die  ersten  Baumwollensträuche  und  noch  eine  Strecke
Weiter  stossen  wir  auf  Reis-  und  Zuckerrohr-Anlagen,  nicht
Weit  nördlich  von  Jacksonville  sehen  wir  die  ersten  Orangen
haine  und  in  dieser  Stadt  selbst  grosse,  doch  wenige  Oliven
Bäume.  Südlich  Jacksonville  werden  die  Orangenwälder  zah
reich.  Schon  in  Savannah  und  von  da  ab  erscheint  die  kleine
Balme,  in  Jacksonville  haben  wir  grosse  Falmbäume  wie  in
Nizza  und  oberhalb  dieser  Stadt,  am  St.  Johnflusse,  Urv\ä
von  grossen,  hochstämmigen  Palmen.  Die  englische  Qua  ra
meile  hat  640  Acres  à  40  Ar.  Davon  sind  in  Nord-Caro  1  ,
südlich  bis  über  den  Neuse  River  hinab,  je  360  bis  5^0
^^aldland,  von  da  bis  zum  Santee  River  240  bis  360  c
l^iese  Dichtigkeit  behält  das  Waldland  bis  St.  Augustin  m
        <pb n="182" />
        168

Florida,  und  von  da  bis  fast  zur  Südspitze  der  Halbinsel  sind
über  560  Acres  bewaldet.  Ich  spreche  immer  nur  von  dem
Strich  an  der  atlantischen  Küste.  Tiefer  ins  Land  hinein
lichtet  sich  der  Wald  in  beiden  Carolinas  und  in  Virginien,
verdichtet  er  sich  in  Mittelgeorgia.  Die  Westküste  von  Florida
hat  in  der  nördlichen  Hälfte  360  bis  560  Acres,  von  da  südlich ­
  über  560  Acres  Wald  auf  die  Quadratmeile  mit  Ausnahme
der  sumpfigen  Everglades,  die  jetzt  entwässert  werden  sollen.
Weizen  wird  an  der  Küste  nur  bis  zur  Mitte  Virginiens
hinab  gebaut,  aber  noch  in  den  westlichen  Theilen  von  beiden
Carolinas  und  Georgias  und  Alabamas;  Reis  hart  an  der
Küste  in  ganz  Südcarolina  und  Georgia,  dann  noch  sporadisch
in  Alabama,  Mississippi  und  Louisiana;  Tabak  in  Mittelvirginien,
dem  westlichen  Theile  von  beiden  Carolinas  und  auf  der
Grenze  von  Nordgeorgia  und  Alabama,  sowie  sporadisch  in
Südgeorgia,  Nord-  und  Mittelflorida;  Baumwolle  überall  südlich ­
  von  der  Grenze  zwischen  Virginien  und  Carolina  bis  zur
Mitte  Floridas  hinab,  westlich  bis  ans  Gebirge  in  Arcansas
und  Texas,  ein  ungeheueres  Gebiet  ausfüllend.  Zuckerrohr
wird  bisher  nur  in  Georgia  und  Louisiana  angebaut,  kann
aber  noch  an  vielen  Orten  cultivirt  werden.  Dagegen  sind
alle  diese  Staaten  heuarm.  Nur  sporadisch  in  Nord  west-Virginien, ­
  Carolina  und  Texas  kommt  Heu  vor.  Mais  wächst
auf  allen  nicht  sumpfigen  Gegenden  aller  Staaten,  mit  Ausnahme ­
  eines  Theiles  von  Virginien  und  Nordcarolina  und  ist
jetzt  dort  die  Hauptfrucht.
Die  Regenmenge  am  ganzen  Küstensaume  von  Connecticut
bis  Charlestown  beträgt  32  bis  44  Zoll,  steigt  westlich  davon
und  in  Florida  auf  50  bis  52  Zoll  und  erreicht  in  Südflorida
über  56  Zoll  im  Jahre.
Die  Landschaft  von  Washington  bis  hieher  erinnert  mich
sehr  an  gewisse  Theile  der  norddeutschen  Tiefebene  und  des
sie  durchschneidenden  uralisch  -  baltischen  Höhenzuges,  von
dem  Ziegler  singt:
„Moor,  Haide,  Sand,
Sind  des  Märkers  Land  ;
Sand,  Moor  und  Haide,
Sind  des  Märkers  Freude.“
        <pb n="183" />
        169

Wenn  ich  nun  bedenke,  dass  Fleiss  aus  diesem  Lande  doch
ungemein  viel  gemacht  hat  und  ein  Morgen  Land  dort,  selbst
auf  Sand,  100  und  mehr  Mark  kostet,  so  sehe  ich  nicht  ein,
dass  diese  weiten  Strecken  in  Amerika  nicht  mehr  sollten  angebaut ­
  werden  können,  als  sie  es  sind  und  zum  Theile  schon
waren,  bis  der  Secessionskrieg  viele  Pflanzer  ruinirte  und  es
sich  nun  ereignete,  was  wir  überall  sehen:  Wird  der  Hauer
arm,  so  wird  es  auch  sein  Acker;  wird  der  alte  Bauernstamm
ruinirt  und  nicht  durch  einen  ebenso  guten  Stamm  ersetzt,  so
verwildert  der  Acker  und  wird  Wald  oder  Wüste.  Kriege,  unerschwingliche ­
  Steuern  und  Zinsen  sind  die  Ursachen  der  Wüstenund
  Waldbildung  aus  Culturäckern.  Die  Euphratländer,  Kleinasien, ­
  ein  Theil  der  europäischen  Türkei,  Gegenden  in  Ungarn
und  neuerlich  weite  Landstrecken  in  den  Südstaaten  von  Nordamerika ­
  beweisen  für  die  Allgemeingiltigkeit  dieses  Satzes.
Allein  in  Amerika  sehen  wir  eine  neue  Generation  schon
wieder  der  Wildniss  Acker  abgewinnen  und  in  Anbau  nehmen.
In  Nordvirginien  sind  280  bis  360  Acres  per  Quadratmeile ­
  eingefarmt,  eine  Höhe  der  Cultur,  die  nur  in  einem
kleinen  Theile  von  Nordwest-Georgia  wieder  erreicht  wird.
Lier  Rest  von  Virginien,  Carolina,  Nordgeorgia  hat  nur
*20  bis  200  Acres,  Ostgeorgia  40  bis  120  Acres,  Südgeorgia
und  Florida  unter  40  Acres  in  Farmen,  wovon  natürlich  nur
®m  Theil  für  Ackerbau  in  Anspruch  genommen  ist.  Auch
^in  grosser  Theil  des  eingefarmten  Bodens  ist  Wald.  Die
Ackerbauproduction  war  in  jenen  Gegenden  1870  per  Quadratmeile ­
  werth  respective  1800  bis  3000  Dollars,  1000  bis
t8oo  Dollars,  450  bis  1000  Dollars  und  endlich  unter
450  Dollars.
Im  selben  Jahre  hatte  die  südliche  Hälfte  Floridas  so  gut
'vie  keine  Bevölkerung,  ausser  der  nicht  gezählten  indianischen,
die  übrigens  schon  unter  1000  Seelen  gesunken  ist.  Die
Dälfte  von  Nordflorida  und  die  Hälfte  von  Georgia  hatte  2
bis  6  Einwohner,  die  andere  Hälfte  beider  Staaten  6  bis
*8  Einwohner,  sowie  auch  wohl  ein  Drittel  von  beiden  Carobnas;
  der  nördliche  und  westliche  Theil  dieser  Staaten  und
^  irginiens  hat  bis  45  Einwohner  und  ein  kleiner  Theil  des
        <pb n="184" />
        170

letzteren  Staates  sowie  eine  Oase  in  Georgia  bis  90  Einwohner
auf  die  englische  Quadratmeile.
Wo  der  Boden  nicht  nasser  Niederungsboden  ist,  trocknet
er,  trotz  des  starken,  aber  in  einzelnen  Jahreszeiten  zusammengedrängten ­
  Regenfalles  schnell  aus  und  dürfte  unfruchtbar
werden,  weshalb  man  Wald  dort,  wo  Farmen  sind,  forstmässig
anbaut,  jung  abtreibt,  das  Holz  verkauft,  nachdem  es  an  Ort
und  Stelle  mittelst  Dampfsägen  geschnitten  ist.  Der  Boden
wird  nun  einige  Jahre  mit  Mais  und  anderen  Früchten,  Tabak
und  Baumwoll  -  Strauch  angebaut  und  wieder  angeforstet.
Immer  nur  in  kleinen  Parcellen,  um  ihn  nicht  ausdörren  zu
lassen.  Das  Holz  liefert  entweder  Brennholz,  mit  dem  z.  B.
alle  Locomotiven  in  dieser  Gegend  geheizt  werden,  oder  Bretter
und  Bauholz.  Man  schneidet  es  mittelst  transportabler  Dampfsägen. ­
  Aus  den  Fichtenbäumen  zapft  man  Harz  und  macht
daraus  Terpentin  und  Colophonium.  Auch  macht  man  Holzschindeln ­
  für  Localbedarf  und  zum  Export  nach  Westindien,
2.5  Dollars  per  1000  Stück.  Die  Niederungen  erfordern  Entwässerungen ­
  und  Canäle,  um  Reis  und  Zuckerrohr  zu  produciren.
  Diese  Culturen,  sowie  der  Tabakbau,  brachten  sehr
viel  Geld,  so  lange  die  Sclaverei  bestand  und  die  Pflanzer
genügend  Arbeiter  sowie  Betriebscapital  hatten.  Der  Krieg
hat  sie  arm  gemacht  und  die  Blüthe  der  erwachsenen  männlichen ­
  weissen  Bevölkerung  der  Südstaaten  getödtet  oder  verkrüppelt. ­
  Sie  trat,  bis  auf  den  letzten  Mann,  in  die  Armee,
während  die  Nordarmee  die  Neger  gegen  sie  bewaffnete,  sowie ­
  sie  einen  neuen  Theil  der  Südstaaten  besetzt  hatte.  Viele,
sehr  viele  Pflanzungen  sind  aufgelassen.  Wir  haben  solche
gesehen,  die  früher  per  Acre  75  Dollars  und  mehr  Reingewinn
brachten,  jetzt  versumpft  und  mit  Gesträuch  überwachsen  sind.
Andere  sind  in  kleineren  Parcellen,  meist  an  Neger,  zu
Spottpreisen  —  einem  Dollar  und  weniger  —  verkauft  worden.
Diese  arbeiten  nur  so  viel,  dass  sie  ihre  geringen  Bedürfnisse
befriedigen  können.  Besser  situirte  Pflanzer  haben  das  Métayer-System
  eingeführt,  die  Pflanzungen  in  kleinen  Parcellen  an
Neger  gegen  einen  Antheil  an  der  Ernte  verpachtet.  Nur
wenige,  reich  gebliebene  Pflanzer  bauen  in  eigener  Regie  den
        <pb n="185" />
        I7I

Boden  an  und  zahlen  Taglohn.  Sie  haben  grosse  Schwierigkeiten, ­
  für  40—50  Cents  per  Tag  farbige  Landarbeiter  zu  erhalten. ­
  Wo  Fabrik-  und  andere  Anlagen  sind,  die  weisse
Arbeiter  erfordern,  zahlt  man  einen  Dollar  per  Tag.  In  der
Nähe  von  Charlestown  hat  man  grossartige  Phosphatlager
entdeckt,  aus  Knochenresten  einer  untergegangenen  Thien^'elt
bestehend  und  circa  zehn  Fuss  unter  der  sumpfigen  Oberfläche
liegend.  Hier  zahlt  man  einen  Dollar  per  Tag,  im  Accord
kommen  die  Leute  höher.  Man  zieht  Italiener  mit  Erfolg  hierher. ­
  Der  aus  diesen  Phosphaten  präparirte,  sehr  gehaltreiche
Dünger  wird  ausschliesslich  in  Amerika,  sogar  schon  in  den
Weststaaten,  verbraucht,  was,  sowie  zahlreiche  andere  Düngerfabriken, ­
  dafür  spricht,  dass  man  nicht  mehr  blossen  Raubbau
in  Amerika  treibt.  Der  Centner  dieses  Düngers  kostet  acht
Dollars  per  Tonne  an  Ort  und  Stelle  und  steht  in  Chicago
höher  im  Preise  als  in  London.  Man  fördert  jetzt  250.000
Tonnen  per  Jahr.
Der  allgemeine  Aufschwung  Amerikas  erstreckt  sich,  wenn
auch  in  bescheidenem  Maasse,  auf  den  Süden.  Die  Söhne  der
ehemaligen  Pflanzer-Aristokraten  sind  vielfach  arbeitsam  und
nehmen  in  Verfall  gerathene  Pflanzungen  wieder  in  Anbau.
Auch  sind  manche  Amerikaner  aus  dem  Norden  mit  Capital
nach  dem  Süden  gezogen  und  machen  gute  Geschäfte.  Reishau ­
  bringt  oft  70  und  mehr  Dollars  per  Acre  Reinertrag  und
kann  guter  Reisboden  in  gut  gehaltenen  Pflanzungen  um  100
his  150  Dollars  per  Acre  gekauft  werden.  Höhenboden,  mit
Wald  bestanden,  verlassene  Pflanzungen  sind  in  Massen  um
einen  Dollar  auf  und  ab  zu  kaufen.
Italiener  würden  sich  am  besten  als  Colonisten  und  Pächter
eignen,  da  sie  hier  ähnliche  Bodenverhältnisse  und  dieselben
Vulturen  finden  wie  in  ihrer  Heimath.  Mit  Viehzucht  macht
*rian  jetzt  Versuche  in  Georgia,  doch  sind  sie  zu  jung,  um
Schon  über  ihren  Erfolg  urtheilen  zu  können.  Das  Rindvieh
1st  klein,  circa  acht  bis  neun  Centner  auf  dem  Huf  schuer,
‘Schafe  kommen  auf  feuchtem  Boden  natürlich  nicht  fort.  In
Florida  soll  noch  für  Schafzucht  geeigneter  Boden  in  Fülle
Vorhanden  sein.  Baumwollenbau  bringt  sehr  hohe  Erträge,
        <pb n="186" />
        wo  man  Capital  genug  in  Anwendung  hat.  Man  erntet  circa
zwei  Hallen  à  350  lbs.  auf  drei  Acres.  Der  Preis  ist  7  bis
15  Cents  per  Pfund  und  höher.  Man  verarbeitet  vielfach  die
Baumwolle  im  Lande  mittelst  der  neuerfundenen  Maschine,
welche  die  PInthülsung  unnöthig  macht  und  Verlust  an  Haumwollfaser
  bei  Enthülsung  verhindert.  Eine  grosse  Baumwollspinnerei ­
  nach  diesem  System  ist  in  Charlestown  gebaut;  wie
man  sagt,  arbeitet  sie  mit  einer  Million  Dollars.  Hier  entsteht
eine  gefährliche  Concurrenz  für  Lancashire.
In  der  ganzen  Gegend,  von  Philadelphia  bis  Florida  am
Meere,  kann  man  uns  in  Mittel-  und  Nordeuropa  keine  Concurrenz ­
  machen,  wohl  aber  den  südlichen  Ländern,  namentlich
Italien  und  der  Kattunindustrie  Englands.  Es  unterliegt  keinem ­
  Zweifel,  dass  Baumwolle,  Tabak,  Zucker,  Orangen,  Prüchte
und  Gemüse  aller  Art  und  auch  Oliven  hier  viel  billiger  producirt
  werden  können  als  in  Italien,  Spanien,  Algier  und
Pvgypten,  weil  dahier  anbaufähiger  Boden  in  überreicher  Fülle
vorhanden  ist  und  fast  umsonst  erworben  werden  kann.  In
Florida  sind  sogar  noch  viele  Staatsländereien  vorhanden,
wovon  man  160  Acres  für  15  Dollars  erhalten  kann.  Die
Höhen,  wo  Mais  und  Bauholz  nur  mit  Erfolg  zu  bauen  ist,
werden  wohl  erst  spät,  im  nächsten  Jahrhundert,  in  allgemeinen ­
  Anbau  kommen,  die  Niederungen  dagegen  sehr  bald,  weil
Baumwolle  und  Reis  sehr  hohe  Erträge  liefern.
        <pb n="187" />
        XIV.  Capitel.
Florida.
Aus  Florida  wollen  die  Amerikaner  ein  Italien  für  ihren
Continent  machen,  wohin  sie  sich  vor  der  bitteren  Kälte  des
Winters  der  Nordstaaten  retten  und  woher  sie  Südfrüchte  und
die  ein  warmes  Klima  erfordernden  Gemüse  beziehen  wollen,
wie  wir  dergleichen  von  Sicilien  und  Algier  erhalten.  Diese
Behauptungen  liest  man  seit  etwa  1880  in  den  amerikanischen ­
  Zeitungen,  und  ein  mehr  als  einmonatlicher  Aufenthalt ­
  in  diesem  Staate,  während  dessen  wir  den  bisher  einigermassen
  angesiedelten  Theil  des  Landes  in  verschiedenen  Richtungen ­
  durchstreiften,  gab  uns  die  Ueberzeugung,  dass  sie
dieselben  wahr  machen  werden.  Diese  Ansiedlungen  erstrecken
sich  bisher  nur  bis  in  die  Mitte  zwischen  dem  28.  und  29.  Grad
nördlicher  Breite.  Der  Süden  gehört  noch  den  Indianern.
Dies  wird  sich  aber  bald  ändern.
Das  Land  bietet  nach  beiden  Richtungen  hin  Hilfsmittel
und  natürliche  Anlagen,  und  die  unternehmenden  Amerikaner
sind  die  Leute  dazu,  sie  zu  entwickeln.
Das  ganze  Land  ist  nicht  nur  ohne  Gebirge,  sondern  so
gar  ohne  nennenswerthe  Höhen.  Ich  glaube,  dass  die  Boden
Erhebung  nirgends  100  Fuss  über  dem  Meeresspiegel  erreicit.
Es  fehlt  also  der  Apenninenrückgrat,  welcher  Italien  t  e
und  die  Seewinde  von  beiden  Meeren  an  seinen  Längssei
hricht.  Um  die  ganze  Halbinsel  fast  läuft  der  Go^  ’
dessen  verdunstendes  Wasser  durch  die  regelmässigen  1  '
Welche  an  jeder  Küste  vom  Meere  zum  Lande  wa  ren
der  Nacht  wehen,  über  die  ganze  Halbinsel  getragen
Eer  Regenfall  ist  desshalb  überall  ein  sehr  reichlicher,  eine
        <pb n="188" />
        174

Hauptbedingung  für  Fruchtbarkeit  in  einem  heissen  Klima.
Die  Seebrise  kühlt  aber  auch  ganz  regelmässig  die  Luft  ab,
und  obschon  die  durchschnittliche  Jahrestemperatur  eine  hohe
ist,  so  ist  doch  der  Unterschied  der  Sommer-  und  Wintertemperatur, ­
  eben  Dank  dieser,  durch  kein  Gebirge  gebrochenen,
den  Golfstrom  verstärkenden  Meereseinwirkung  ein  nicht  bedeutender, ­
  so  dass  Florida  ein  verhältnissmässig  sehr  gemässigtes
Klima  hat.  Von  Winter  kann  man  in  einem  Lande  kaum
reden,  in  dessen  südlicher  Hälfte,  bis  zum  29,  Grade  nördlicher
Breite,  Frost  nie  vofkommt.  Selbst  in  der  Breite  von  St.  Augustine ­
  und  Pilatka  ist  er  selten.
Die  mittlere  Temperatur  von  St.  Augustine  war  in  zwanzig
aufeinanderfolgenden  Jahren:  im  Frühjahre  68-54,  Sommer
80-27,  Herbst  71-75,  Winter  58-08  Grad;  von  Jacksonville  in
siebenundzwanzig  Jahren:  im  Frühjahre  70-06,  Sommer  81-82,
Herbst  70-35,  Winter  56-55  Grad;  an  der  Tampa-Bay  in  fünfundzwanzig ­
  Jahren:  im  Frühjahre  72-06,  Sommer  80-02,  Herbst
73-08,  Winter  62-85  Grad;  in  Key-West  in  vierzehn  Jahren:
im  Frühjahre  75-79,  Sommer  82-51,  Herbst  78-23,  Winter
69.58  Grad.  Die  mittlere  Temperatur  in  den  einzelnen
Monaten  war  in  drei  aufeinanderfolgenden  Jahren  in  Mentone ­
  für  November,  December,  Januar,  Februar  und  März
respective:  55-2,  50-5,  48  8,  50  4,  53.4  Grad;  in  Key-West,
  Florida:  74-5,  70-5,  70-5,  71-7  73-8;  in  Jacksonville:
62-1,  55-8,  56-2,  56-9,  62-7  Grad.  Zu  bemerken  ist  noch,  dass
die  Temperaturgrade  nach  Fahrenheit  gerechnet  sind.  Der
Regenfall  in  Zollen  war  in  jenen  Monaten  in  Mentone:  5-34,
3-15,  1-70,  2-18,  4-13;  in  Jacksonville:  3  02,  3-38,  2.34,  5-14,
2-84;  in  Key-West:  2-43,  1-33,  2-18,  2-22,  0-94.  In  denselben
Monaten  waren  in  Jacksonville  im  Durchschnitte  der  Jahre
1874  bis  1879  im  November  8  6  Regentage,  im  December  7*4,
im  Januar  7,  im  Februar  8  6,  im  März  5-8,  Summa  37-4  Regentage ­
  in  fünf  Monaten.  Der  Total-Regenfall  während  sechzehn
Jahren  war  in  Jacksonville  im  Durchschnitte  50-29  Zoll,  davon
9-19  Zoll  im  Frühjahre,  20-5  Zoll  im  Sommer,  12-98  Zoll  im
Herbst,  7  06  Zoll  im  Winter.  Aus  dieser  Tabelle  geht  hervor,
dass  die  Winter  wärmer  und  weniger  regnerisch  in  Florida
        <pb n="189" />
        î75

sind  als  in  Mentone,  dem  Orte,  den  man  in  Europa  für
Schwindsüchtige  als  den  gesundesten  bezeichnet.
Sowie  das  Land  mehr  entwaldet  sein  wird,  dürfte  nicht
die  uns  bekannte  Folge,  Dürre  nämlich,  eintreten,  sondern
eine  verstärkte  Meereseinwirkung,  da  ja  die  das  Land  bedeckenden ­
  Wälder  immerhin  die  Seewinde  hemmen  und  zurückhalten, ­
  Das  Klima  wird  also,  bei  fortschreitender  Cultur
des  Bodens,  voraussichtlich  noch  mehr  ausgeglichen  werden,
die  mittlere  Jahrestemperatur  wird  etwas  sinken,  dabei  doch
die  Frostlinie  nach  Norden  rücken  und  der  Unterschied  der
Winter-  und  Sommertemperatur  sich  verkleinern,  die  nassen
Niederschläge  werden  sich  gleichmässiger  über  die  ganze
Breite  des  Landes  vertheilen,  während  sie  jetzt  reichlicher  an
den  Küsten  sind.
Diese  grössere  Gleichmässigkeit  kommt  der  Gesundheit
der  Bevölkerung  ebenso  zugute,  wie  der  Entwickelung  der
Bilanzen,  Obschon  das  Land  kein  Gebirge  hat,  so  besitzt  es
doch  zahlreiche  Flüsse,  Bäche  und  Seen,  welche  alle  Gelegenheit ­
  zu  einer  sehr  reichen  Entwicklung  von  Wasser-Communicationswegen
  bieten.  An  Wasser  kann  es  ihnen  bei  dem
reichlichen  Regen  nicht  fehlen.  Die  Cultur  wird  zunächst  den
höher  gelegenen  Boden  —  ganz  wie  es  Carey  behauptete
in  Beschlag  nehmen,  weil  der  „kleine  Mann“  hier  mit  wenigem
Capital  eine  Heimstätte  gründen  kann.  Die  grossen  Sümpfe
sind  wohl  fast  alle  cultivirbar,  erfordern  aber  Canalisirung
und  Entwässerung.  Diese  kostet  Capital,  stellt  aber  grossen
Gewinn  in  Aussicht,  weil  Reis  und  Zuckerrohr  in  diesen  natürlich ­
  fruchtbaren  Sumpfböden  üppig  gedeihen,  wie  sie  zur
Zeit  der  spanischen  Herrschaft  dort  gediehen.  Schon  jetzt
existirt  eine  Compagnie  von  Capitalisten  aus  Philadelphia,
Welche  den  Okeechobee-See  durch  zwei  Schiff  fahrts-  und
BntWässerungscanäle  mit  dem  Golfe  und  dem  Atlantischen  Ocean
Verbinden  will.  Der  erstere  Canal  wurde  Januar  1883  vo
endet.  Dadurch  wird  der  ungeheure  Sumpf  der  Everglades  zum
Zuckerrohranbau  geeignet  gemacht  werden.  Man  hat  berech
uet,  dass  dadurch  12  Millionen  Acres  oder  circa  5  Millionen
Hektare  für  Zuckerrohranbau  gewonnen  werden.  Hier  wür  e
        <pb n="190" />
        176

man  mehr  Zucker  produciren,  als  die  jetzige  Bevölkerung
von  ganz  Nordamerika  consumirt.  Da  gleichzeitig  im  Westen
aus  Mais  und  Sorghum,  in  Ostcanada  auch  aus  Rüben,  Zucker
in  jährlich  grösseren  Massen  hergestellt  wird,  so  kommen
schlechte  Zeiten  für  die  Rübenzuckerfabriken  Europas.
Wenn  diese  Swamps  von  Florida  entwässert  und  angebaut ­
  sind,  so  wird  das  Klima  Floridas  gesünder  werden,  als
es  jetzt  ist.  In  und  neben  diesen  Sümpfen  herrschen  nämlich
Fieber.  Die  trockenen  Höhen,  namentlich  solche  an  den
Küsten,  sind  fieberfrei  und  sehr  gesund,  da  ein  gleichmässig
warmes  Klima  und  eine  mit  Seewasserausdünstung  geschwängerte ­
  Luft  jedem  menschlichen  Organismus  zuträglich  sind.
Leute  mit  schwacher  Brust,  jedoch  noch  nicht  vorgeschrittener
Schwindsucht,  sollten  von  Europa  hierherkommen.  Ich  kenne
die  Riviera  recht  gut  und  war  öfter  und  in  verschiedenen
Monaten  der  ,,Saison“  dort,  allein  das  Klima  von  Mentone
und  Nizza  kann  den  Vergleich  mit  jenem  Floridas  in  keiner
Weise  aushalten.  Man  hat  dort  überall  gelegentlich  kalte
Winde,  kalte  Nächte  und  oft  genug  auch  kalte  Tage.  In
Mentone  lebt  der  Brustkranke  mit  Hunderten  von  Leidensgefährten ­
  zusammen,  deren  Leiden  und  —  Sterben  ihn  melancholisch ­
  stimmt.  Florida  ist  sehr  gross  und  können  sich
Hunderttausende  von  Brustkranken  daselbst  in  ihnen  zusagender ­
  Luft  vertheilen,  ohne  sich  zu  geniren.  Wenn  ein  Patient
in  Florida  während  der  Monate  December  und  Januar  irgendwo
auf  einem  höheren,  sandigen  Platze  in  der  Breite  der  Tampa-Bai
  an  der  Westküste  wohnt,  im  Februar  oder  März  in’s
Innere  des  Landes,  etwa  nach  Yalaha,  oder  nach  dem  Indianflusse, ­
  im  April  nach  St.  Augustine  oder  Pilatka,  im  Mai  nach
Jacksonville  oder  Talahassee  geht,  so  wird  er  stets  ein  nicht
zu  heisses  Klima  und  niemals  Frost  finden,  stets  sich  unter
blühenden  Bäumen  und  Blumen  bewegen.  Schwerkranke
werden  in  der  Mitte  des  Landes  oder  an  den  Küsten,  etwa
um  den  28.  Grad  nördlicher  Breite,  bleibend  ein  schattiges,
warmes  und  hochgelegenes  Plätzchen  zu  dauerndem  Aufenthalte ­
  finden.  In  St.  Augustine  oder  Ferdinandina  ist  auch  der
Sommer,  trotz  vieler  Regentage,  angenehm,  wegen  der  frischen
        <pb n="191" />
        177

Seeluft.  In  dieser  Zeit  empfehlen  sich  die  Hochplateaux  von
Texas  und  Colorado  freilich  mehr.  Wer  seinen  Aufenthalt
unvorsichtig  nahe  einem  grossen  Sumpfe  wählt,  riskirt  die
Malaria.  Die  Hotels  sind  in  grösseren  Orten  gut,  so  in  Jacksonville, ­
  St.  Augustine,  Pilatka;  auch  Sanford  und  Enterprise
sind  schon  erträglich  in  dieser  Beziehung.  Die  trockene  Pension, ­
  also  Wohnung  und  Nahrung,  kostet  in  Häusern  ersten
Hanges  4  Dollars  täglich  —  in  Mentone  mindestens  ebensoviel. ­
  In  Boardinghäusern  kann  man  von  10  Dollars  per
Woche  an  Nahrung  und  Wohnung  finden,  doch  kaum  angemessen ­
  für  Kranke.  Trinkwasser  fehlt  überall.  Die  Brunnen
scheinen  kein  gutes  Wasser  zu  geben,  und  man  wendet
CisternenWasser  an,  das  der  reichliche  Regen  liefert.  Eis
wird  in  den  Hotels  jedem  Gast  nach  Wunsch  so  viel  gegeben,
als  er  consumiren  kann.  Es  wird  in  Jacksonville  fabricirt.
Der  Boden  ist  durchaus  steinfrei  und  die  Erhebungen
sind,  wie  gesagt,  unbedeutend.  Holz  ist  überreichlich  vorhanden, ­
  der  Eisenbahnbau  ist  also  billig.  Die  Amerikaner  sind
dabei,  Florida  aufzuschliessen  und  sie  fangen  das,  wie  überall,
durch  den  Eisenbahnbau  an.
Bisher  existirte  die  Bahn,  welche  nach  Jacksonville  aus
dem  Norden  führte.  Von  hier  läuft  eine  Eisenbahn  gerade
Westlich  durch  das  ganze  Land  und  hat  Verbindung  nach
dem  Westen,  Chicago,  und  Süden,  New-Orleans.  Von  dieser
zweigt  sich  eine  Bahn  bei  Boldwin  ab,  die  sich  südlich  bei
Wado  theilt.  Ein  Arm  führt  nach  dem  Hafen  Cedarkey  am
Colfe;  ein  anderer  nach  dem  Orangesee.  Eine  Bahn  führt
Von  Gainsville  nach  Pilatka,  eine  andere  von  Pokoi  nach
St.  Augustine,  die  letzte  von  Astor  nach  dem  Eustissee.  Jetzt
haut  man  von  Jacksonville  nach  St.  Augustine  und  dem  Indian
Hiver,  von  Jacksonville  nach  Pilatka,  von  (jainsville  südlich
nach  der  Charlotte  -  Bai  und  nach  der  Tampa  -  Bai.  An  der
Charlotte  -  Bai  kommt  dieser  Bahnzug  mit  dem  Communica
donssystem  in  Verbindung,  welches  jene  Compagnie  her
stellen  wird,  die  den  Okeechobee  -  See  entwässert.  Im  Jahre
ï883  werden  alle  diese  Bahnen,  an  denen  man  jetzt  schon
haut,  fertig  werden.  Jay  Gould  war  mit  uns  gleichzeitig
        <pb n="192" />
        178

Pilatka  und  conferirte  mit  einigen  Eisenbahnclirectoren  aus
dem  Westen  über  die  Einbeziehung  Florida’s  in  das  Netz
jener  Bahnen,  welche  er  im  Westen  und  in  Texas  beherrscht.
Kurze  Zeit  darauf  lasen  wir  in  den  Zeitungen,  dass  er  1500
Eisenbahnwaggons  bestellt  habe,  welche  mit  den  neuesten
Refrigerator-Apparaten  ausgerüstet  werden  sollen,  zu  dem
Zwecke,  hrüchte  und  Gemüse  aus  Florida  nach  dem  Westen
und  Norden  der  Union  zu  befördern.  Bisher  haben  diese  nur
den  Markt  von  Baltimore  bis  Boston,  da  nur  hierhin  eine
gerade  Eisenbahnverbindung  existirt.  Sind  die  Transportwege
und  Wagen  da,  so  wird  man  die  zu  transportirenden  Früchte
bald  bauen,  da  Boden  und  Klima  dazu  geeignet  sind.
Vom  Klima  sprach  ich  schon.  Gemüse  kann  man  auch
nördlich  vom  29.  Grade  nördlicher  Breite  immer  bauen,  und
zwar  macht  man  Frühjahr-  und  Herbstgärten,  so  dass  man  in
beiden  Jahreszeiten  frische  Gemüse  für  den  Norden  liefern
kann.  Für  den  Herbstgarten  werden  die  Gemüse  von  September ­
  ab  gesäet  und  gepflanzt  und  man  hat  dann  frische
Gemüse  bis  Januar,  im  Süden  des  Landes  bis  zum  Sommer.
Nur  im  Norden  erfrieren  sie  zuweilen  im  December  oder
Januar.  Für  den  Frühjahrsgarten  pflanzt  und  säet  man  im
Februar  und  hat  frische  Gemüse  von  Mitte  April  ab  bis  Juli.
Diese  Gemüse  werden  jetzt  schon  nach  dem  Norden  transportirt.
  Am  21.  April  1881  kostete  das  Quart  Stachelbeeren  aus
Florida  40  bis  50  Cents  in  Philadelphia,  Tomatoes  per  Crate
(eine  Kiste  von  nicht  genau  bestimmter  Grösse)  4  bis  6
Dollars;  grüne  Erbsen  per  Crate  3  bis  3'2  Dollars;  Kohl  4
bis  4'/2  Dollars;  Bohnen  in  der  grünen  Schale  3  bis  3'/.^
Dollars.
Die  Cultur  des  Orangenbaumes  erfordert  frostfreies  Klima,
und  kann  man  desshalb  mit  Sicherheit  nur  südlich  vom  29.
Grade  Orangegärten  anlegen,  obschon  seit  1835  auch  bis
St.  Augustine  und  Pilatka  hinauf  der  Frost  keine  Orangenpflanzungen ­
  verwüstete.  Aber  bis  Yalaha  hinunter  sahen  wir
keine  Bäume,  welche  älter  waren;  erst  in  Yalaha  fanden  wir
Haine  von  höherem  Alter  als  45  Jahren,  ln  diesem  Winter
haben  die  Bäume  in  St.  Augustine  wieder  gelitten.  Der  Bo-
        <pb n="193" />
        179

tien  Floridas  ist  durchweg  sandig.  Vielfach  findet  man  zahleiche
  kleine  Muscheln,  welche  dem  Acker  Kalk  geben.  Durch
le  verfaulten  Pflanzen,  Blätter  und  Wurzeln  hat  der  Sand
ne  mehr  oder  weniger  schwarze  Farbe  erhalten,  die  intenver
  wird,  je  niedriger  der  Hoden  ist.  Mit  seiner  Schwärze
F  ruchtbarkeit  zu.  Auf  den  Höhen  ist  überall  Dündie
  K  tlüngt  man  auch  die  Orangenhaine,  sowie
das  Mehl  entölter  Hnn  ^^r  Lnion.  Baumwollsamen  und
verwendet.  '^^""^''oHsamen  wird  in  Massen  alsDünger
der,  da  man  Haumwollsamens  wird  immer  lohnendaraus
  zu  machenFutter-  resp.  Düngerkuchen
lo  Centc  1  r  Farm  wird  der  Bushel  noch  mit  9  bis
entstehen  0^1  ^  Werth  ist  natürlich  viel  höher  und
Olivenöl  ^  P^^sen  immer  zahlreicher.  Das  meiste,  sogenannte
RaumwollslZ^^^  Europa  consumiren,  ist  eigentlich
bringt  ^  Flöhenboden  Floridas  gedüngt  wird,  so
liehen  H  Fier  herrschenden  Wärme  und  der  reich-^
  über  das  Jahr  nicht  so  ungleichmässig  vertheilten
Au  den  Tropen,  üppige  Früchte  und  Gemüse.
^  J'^'i&amp;amp;cnbäumen  können  sehr  gut  Oliven-  und  Citronen-^
  Feigen-,  Guawa-,  Granatbäume  wachsen,  werden  aber
Wenig  gepflanzt.  Bananen  gibt  es  schon  viele.
Jetzt  kommen  verschiedene  Klassen  von  Leuten  hierher,
w  1  anzukaufen.  Krstens  reiche  Leute  aus  dem  Norden,
c  e  nur  einen  angenehmen  Winteraufenthalt  für  ihre  Faicn
  suchen.  Sie  bauen  komfortable  Häuser  und  legen  ge-12*
        <pb n="194" />
        i8o

schmackvolle  Gärten,  mit  Palmen  und  allerhand  tropischen
Gewächsen  geschmückt,  an.  Diese  Klasse  von  Leuten  bringt
Geld  in  das  Land,  producirt  aber  selbst  nicht  für  den  Markt.
Alsdann  kommen  wohlhabende  Farmer  aus  dem  Westen,
aus  Minnesota  und  südlich  herab  bis  Kentucky,  nach  Florida,
kaufen  grössere  Ackerstrecken,  doch  nicht  sehr  grosse,  bis
8o  und  loo  Acres,  bauen  ein  comfortables  Wohnhaus,  einige
Oekonomiegebäude  und  pflanzen  Orangenbäume  mit  der  Absicht
an,  aus  ihnen  eine  Einnahme  zu  erzielen.  Sie  behalten  ihre
P'arm  im  Westen,  wo  sie  weiter  Weizen  bauen  und  im  Winter
ein  Familienmitglied  zur  Aufsicht  lassen.  Sie  vereinigen  also
eine  Winterwirthschaft  in  Florida  mit  einer  Sommerwirthschaft
  im  Nord  westen!  Natürlich  sind  das  schon
Leute,  welche  Capital  gemacht  haben.  Sie  gewinnen  dabei
einen  angenehmen  Winteraufenthalt  für  ihre  Familien.  Der
ausnahmsweise  harte  Winter  des  Jahres  1880,81  hat  viele  Leute
im  Norden  bestimmt,  für  den  M  inter  im  Süden  einen  anderen
Aufenthalt  zu  suchen.
Ruinirte  Plantagenbesitzer  aus  den  Südstaaten  sind  schon
seit  einem  Jahrzehnte  hierher  gezogen.  Wir  trafen  in  Yalaha
eine  Colonie  von  Leuten,  die  alle  aus  derselben  Gegend  von
Alabama  stammten  und  die  alljährlich  Verwandte  und  Bekannte
aus  derselben  Gegend  hierherziehen.  Sie  siedeln  sich  hier  für
die  Dauer  an  und  pflanzen  Orangenbäume.  Sie  haben  wenig
Capital,  doch  ist  der  Boden  billig,  und  die  Arbeitskraft  liefert ­
  die  Familie,  ln  Alabama,  in  Carolina,  in  Georgia  werden ­
  sie  durch  capitalkräftige  Amerikaner,  Farmer  aus  den
Neu-Englandstaaten,  wo  der  Waizenbau  sich  nicht  mehr  lohnt,
Capitalisten,  die  grosse  Baumwollpflanzungen  anlegen,  ersetzt,
die  ihnen  jene  Besitzungen  abkaufen,  welche  die  Verkäufer  rationell ­
  zu  cultiviren  nicht  Capital  genug  haben.
Endlich  siedeln  sich  auch  einzelne  Ausländer,  meist  Engländer, ­
  hier  an;  bei  Yalaha  fand  ich  auch  einen  Deutschen,
der  Arbeiter  in  Cincinnati  war  und  mit  seiner  Erau  und  zwei
Söhnen  im  vorigen  Jahre  herkam,  eine  Homestead  von  160
Acres  für  15  Dollars  Gebühren  annahm  und  sich  ein  Blockhaus
baute.  Er  war  so  arm,  dass  er  mit  einem  seiner  Söhne  wöchent-
        <pb n="195" />
        i8i
íich  einige  Tage  für  Lohn  auf  anderen  Besitzungen  arbeitete,
um  den  Lebensunterhalt  für  seine  Familie  zu  gewinnen.  Die
übrige  Zeit  arbeitete  er  auf  seiner  Homestead,  fällte  die
äume,  und  pflanzte  allerhand  an,  Orangenbäume,  Mais,  süsse
artoffel  u.  s.  w.  Auf  diese  Weise  wird  der  Höhenboden
jetzt  schnell  besiedelt  und  steigt  im  Preise.
1  I  hohes  Pinien-  und  niedriges  Hammock-Í
  îf.  u  ^  letzterem  wächst  die  hochstämmige  Palme,  Ceder,
zu  kläre'  h  vieles  Gestrüpp.  Es  ist  schwer
tlie  ersten  4  -eute,  welche  in  Accord  das  Klären  und
Wenn  •'weiten  auf  einer  neuen  Ansiedelung  übernehmen.
Acres  gutes  Hammockland  in  eine  Orangenthun^^T
  verwandeln  will,  so  wird  man  gut
zu  b  fl  ^  ^  ungekauften,  sechsjährigen,  edlen  Bäumen
^  Unzen,  welche  nach  vier  Jahren  schon  einige  Früchte,
^  Jahren  einen  regelmässigen  Ertrag  liefern.  Fünf
zuin^^vT"'^^^  Baumschule  anlegen,  um  junge  Bäume
P|..  ,  ^^^uufe  und  zu  Anpflanzungen  auf  einer  grösseren
‘  c  die  man  successive  klären  lässt,  zu  ziehen.  Fünf
cs  verwendet  man  für  Hofstelle,  Fruchtgärten,  Mais-  und
rtoffelbau  für  den  Unterhalt  der  Familie.  Auch  wächst
u  er  für  die  Pferde,  die  man  später  braucht.
Heute  kann  man  in  Accord  20  Acres  Hammockland
ür  400  Dollars  klären  und  einzäunen  lassen.  Die  hochstämmigen
  Bäume  werden  in  zwei  Fuss  Höhe  gefallt,  die  Stubben
bleiben  im  Boden.  Man  nimmt  soviel  Holz  heraus  als  man
2ur  Einzäunung  braucht,  alles  Uebrige  und  das  Gestrüpp  wird
        <pb n="196" />
        I  82

verbrannt.  Die  Asche  bereichert  den  Boden.  Derselbe  wird
zwischen  den  Stubben  gepflügt  und  der  Rasen  rottet.  Dann
pflanzt  man  die  sechsjährigen  Orangenbäume.  Das  erste
Pflügen  besorgt  der  Mann  in  Accord  mit  für  die  oben  berechneten ­
  20  Dollars  per  Acre.
Man  pflanzt  in  der  Regel  75  Bäume  per  Acre,  und  kostet
das  75  Dollars  per  10  Acre.
Die  jungen  Bäume  steigen  jetzt  fortwährend  im  Preise.
Vor  einem  Jahre  kaufte  man  sie  für  10  bis  15  Cents  per
Stück.  Jetzt  kosten  sie  50  Cents,  im  nächsten  Jahre  wahrscheinlich ­
  I  Dollar.  Heute  kosten  die  für  10  Acres  erforderlichen ­
  750  Bäume  375  Dollars.
Fünf  Acres  Baumschule  zu  pflegen  und  mit  Samen  auszusäen, ­
  incl.  Samen,  kosten  200  Dollars.
Somit  stellt  sich  die  Anlage,  bepflanzt,  besäet,  eingezäunt,
am  Ende  des  ersten  Jahres  auf  1050  Dollars.
F:in  Haus  von  fünf  Räumen,  für  hiesige  Verhältnisse
mässig  comfortabel,  zweistöckig,  mit  fünf  Wohnpiècen  fertig
hergestellt,  kostet  jetzt  2000  Dollars.
Nun  erfordert  die  Pflanzung  fünf  Jahre  fortwährend
Arbeit  und  Auslagen,  bevor  von  einem  FIrtrage  aus  Orangen
die  Rede  ist.  Es  gehen  Bäume  aus,  die  ersetzt  werden  müssen.
Der  Acker  muss  unter  den  Bäumen  jährlich  mehrmals  gepflügt
werden,  um  den  Graswuchs  zu  vertilgen.  Die  Bäume  müssen
jährlich,  doch  sehr  schwach,  gedüngt  werden,  liin  gewöhnlicher ­
  Farmer  gewinnt  auf  den  vier  Acres,  welche  ihm,  ausser
der  Hofstelle,  blieben,  so  viel  Früchte,  dass  er,  ausser  Fleisch
und  Brod,  Alles  gewinnt,  was  er  an  solchen  Lebensmitteln
braucht,  die  das  Land  überhaupt  producirt.  Das  Mehl,  gepökeltes ­
  Rind-  und  Schweinefleisch,  Speck,  Schinken,  Schmalz,
Butter,  Käse,  allerhand  Büchsenfleisch  wird  aus  dem  Westen
importirt.  Diese  Provisionen  sind  hier  natürlich  weit  billiger
als  in  Europa,  wo  sie  durch  Transport,  Zwischenhändler-Unkosten ­
  und  auf  dem  Continente  noch  durch  den  Importzoll
vertheuert  werden,  und  wo  sie  trotzdem  jährlich  an  Markt
gewinnen.  Milch,  Schaf-  und  Rindfleisch  könnte  man  im
Lande  selbst  haben  und  hat  auch  das  Material  dazu.  Schweine
        <pb n="197" />
        und  Geflügel  sind  ebenfalls  vorhanden,  jetzt  auch  noch  reichlich ­
  Wild.  Dies  aber  wird  bald  von  der  Speisekarte  verschwinden, ­
  nicht  aber  die  Fische,  welche  in  grosser  Mannigfaltigkeit
  und  reichlich  im  Meere  und  in  den  Seen  und  Creeks
gefangen  werden.
.  Grund  und  Hoden  ist  zurr  grossen  Theile  schon  in
Privatbesitz  übergegangen  und  wird  dann  nach  Qualität  und
Lage  verkauft.  Achtzig  Acres  gutes  Hammockland,  mit  ca.
oo  ä  teren  Orangenbäumen  und  schlechten  Gebäuden  wurden
m  Yalaha,  schön  am  See  gelegen,  für  5500  Dollars  verkauft.
Dngeklart«  gutes  Land  war  dort  von  .0  bis  ao  Dollars  per
von  I  ^  ^  Lollars,  theils  in  grösseren  Complexen
l  1  In  Yalaha  tvir  ein
L  .  ’  10,000  Acres  von  der  Staatsregierung  gekauft
une  as  Land  auf  Speculation  hielt,  um  es  parcellen-..
  y  verkaufen.  Durch  diese  Speculanten  wird  das  Land
natürlich  schnell  vertheuert.
Nun  zum  Krtrage!
Man  rechnet,  dass  20  Jahre  alte  Orangenbäume  2000
rangen  im  Durchschnitte  bringen.  Zehn  bis  zwölfjährige  wird
n  sicher  auf  600  Stück  taxiren  können.  Aeltere  Bäume
Ingen  5000  bis  6000  Stück,  andere  weniger;  so  dass  man
^  jenen  Durchschnittszahlen  kommt.  Natürlich  ist  einiger
erlust.  Windfall,  Consumtion  auf  der  Farm  etc.  abzuziehen.
&amp;lt;echnet  man  für  die  junge  Pflanzung  75  Bäume  mit  500  veräuflichen
  Orangen,  so  macht  das  37,500  Orangen  per  Acre,
eine  ältere  Pflanzung  würde  150,000  Orangen  im  Jahre  ergeben.
Die  Orangen  kosten  auf  der  Farm  im  Innern  des  Landes
,4  bis  1  Cent,  dies  giebt  für  obige  beide  Annahmen  280  bis
375  Lollars,  resp.  bei  2000  Stück  Orangen  per  Baum,  1100
        <pb n="198" />
        184

bis  1500  Dollars  per  Acre,  Dieser  Ertrag  wird  sich  wahrscheinlich ­
  zunächst  erhöhen,  da  der  Handel  noch  wenig  organisât ­
  ist  und  jetzt  erst  directe  Frachtzüge  aus  dem  Inneren
nach  dem  Norden  und  Nordwesten  eingerichtet  werden.  In
Jacksonville  kostet  die  Kiste  1  bis  i  '/4  Dollars,  in  New-York
2  bis  2V2  Dollars.  Sie  enthält  100  grosse  oder  120  bis  125
kleine  Orangen.  Ein  Dutzend  grosser  Florida-Orangen  kostet
im  Detailhandel  in  New-York  in  der  Regel  50  Cents,  ebensoviele
  Messina-Orangen  nur  15  bis  20  Cents.  Diese  müssen
unreif  in  Sicilien  gepflückt  werden,  um  nicht  auf  dem  Transporte ­
  bis  New-York  zu  verderben  und  kommen  sauer  an.  Die
Florida-Orangen  lässt  man  ausreifen,  sie  sind  also  auch  süss
und  werden  vorgezogen.  Wenn  der  Transport  von  Früchten
nach  dem  Westen  aus  Florida  durch  Gould  geschaffen  sein
wird  und  dieser  Markt  im  Westen  eröffnet  ist,  werden  die
nun  in  Massen  producirten  Orangen  dort  Absatz  zu  guten
Freisen  finden.  Für  das  nächste  Jahrzehnt  ist  die  Orangenkultur ­
  jedenfalls  noch  sehr  lohnend.
Der  Anbau  von  Citronen-  und  Olivenbäumen  hat  fast
noch  nicht  begonnen,  diese  Cultur  dürfte  aber  noch  einträglicher ­
  werden  als  jene  der  Orangen.
Die  jetzt  sumpfigen  Niederungen  werden  noch  lange  nicht
alle  in  Anbau  genommen  werden;  zum  Theile  aber  wohl,  so
in  den  Everglades,  wo  es  die  Compagnie  jetzt  unternimmt.
Zuckerrohr  und  Reis  werden  die  Producte  sein.
Auf  dem  Höhen-  und  Hammockboden  im  Norden,  wo
die  Orange  unsicher  ist,  weil  es  zuweilen  friert,  wird  man
Baumwolle  bauen,  welche  in  Florida  und  auf  den  kleinen
Inseln  in  der  Nähe  Floridas  in  vorzüglicher  Qualität,  langfaserig, ­
  gedeiht.  Sie  kostet  heute  nochj,  Marke  „Sea  island“,
20  bis  25  Cents  per  englisches  Pfund,  während  die  Baumwolle
von  Georgia,  Alabama  etc.  loco  nur  9  bis  10  Cents  per
Pfund  loco  bringt.  Florida  eignet  sich  sehr  für  Italiener,
welche  jetzt  meist  nach  Südamerika  auswandern.  Sie  finden
hier  ein  besseres  Klima  als  daheim  und  sie  können  hier  jede
Frucht  bauen,  wie  in  ihrem  Vaterlande,  mit  Ausnahme  des
Weines.  Es  sind  zwar  einige  Weinstöcke  in  den  Gärten  von
        <pb n="199" />
        St.  Augustine,  welche  in  ähnlicher  Weise,  in  bedeckten  Lauben,
wie  bei  Meran  gezogen  werden.  Aber  mir  scheint,  dass  das
Klima  zu  feucht  für  Wein  ist.  Uebrigens  lief  am  21.  April  1881
tlas  erste  Schiff  einer  neu  gegründeten  italienischen  Dampferlinie ­
  inNew-York  ein,  mit  ca.  600  italienischen  Einwanderern.
Nun  wird  sich  wohl  auch  die  italienische  KinWanderung  zum
riieile  nach  Nordamerika  ziehen,  in  deren  Südstaaten  man
Italienische  Arbeiter  sehnlich  herbeiwünscht.
Der  Holzreichthum  Floridas  ist  noch  so  ungeheuer,  dass
Holz  hier  fast  keinen  Werth  hat.  Man  verbrennt  ganz  allgemein ­
  die  gefällten  Bäume  auf  geklärten  Ansiedelungen.
Sowie  jedoch  die  Eisenbahnen  zahlreicher  sein  werden,
durfte  der  Holzexport,  welchen  Jacksonville  schon  nach  Europa
IV  fr  u'  auch  Schindeln.
Stande  ï.  Morida  noch  in  sehr  rohem  7m-Stiirlr
  1.  "'^^tiig  Schweine  schlechter  Art,  ca.  287.000
sin  ]  L  unsere  alten  Landschweine,  und  sie
1  .  ^'^^(^Kartikel.  Ziegen  würden  gut  fortkommen,
1  ^  ^  iiher  selten.  Von  Pferdezucht  kann  man  kaum
•  Mir  sahen  eine  Art  Doppelponies,  die  im  Alter  von
v""  Jahren  50  bis  75  Dollars  per  Stück  kosten.
...  ^  ^Gsten  hat  man  grössere  Rindviehheerden,  die  halbin
  den  Wäldern  ohne  Hirten  umherlaufen,  jährlich  zummengetrieben
  und  von  dem  Eigenthümer  mit  seinem  Zeichen
^  "erden.  Die  vier-  bis  fünfjährigen  Stiere  werden
Cuba  exportirt  und  bringen  dem  Verkäufer  eine  spa-Jiische
  Doublone,  ca.  16  Dollars,  per  Haupt.  Einige  Besitzer
laben  Tausende  solcher  halbwilden  Rinder.  Bei  St.  Augustine
a  ten  die  Farmer  kleinere  Heerden  von  40  bis  100  Stück,
ebenso  ungepflegt  das  ganze  Jahr  im  M^alde  leben.  Es
giebt  467,000  Haupt  Rindvieh  in  Florida.  Während  der
.  ^^mdensaison  im  M  inter  werden  sie  nach  St.  Augustine  und
anderen  Fremdenquartiere,  Pilatka,  Enterprise,  San-^i’d
  etc.  an  Fleischer  verkauft.  Ein  zweijähriger  Ochse  kostet
        <pb n="200" />
        î86

8  bis  9  Dollars,  ein  dreijähriger  lo  bis  ii  Dollars,  ein  vier-  ^
jähriger,  dessen  ausgeschlachtete  vier  Viertel  3-  bis  500  Ibs.
wiegen,  bringt  dem  Farmer  12  bis  15  Dollars,  eine  alte  Kuh
10  Dollars.  Schlächterfleisch  vom  Vorderviertel  kostet  in
St.  Augustine  8  bis  9  Cents,  vom  Hinterviertel  10  bis  12  Cents
per  Ib.  Die  Kälber  kalben  oft  schon  zweijährig,  stets  höchstens
dreijährig.  Ochsen  braucht  man  zuweilen  im  Wagen,  nie  im
Pflug.  Das  wenige  Pflügen  leisten  die  Ponies.  Schafe  hat
man  im  Norden  gar  nicht,  im  ganzen  Lande  nur  57,000.
Luzerne  gedeiht  recht  gut  im  Lande  und  lässt  sich  also  Stallfütterung ­
  später  einführen,  wenn  man  mehr  Milch  und  Butter
für  die  dichter  gewordene  Bevölkerung  und  mehr  Stalldünger
für  den  in  Anbau  genommenen  Höhenboden  braucht.  Die
Luzerne  kann  im  März  und  Ende  April,  ferner  im  September
und  November,  also  vier  Mal  im  Jahre  geschnitten  und  zu
Heu  gemacht  werden.
Florida  wird  mithin  in  wenigen  Jahren  der  Garten  Amerikas ­
  werden.  Eine  grosse  commercielle  Wichtigkeit  erhält  4
es,  sobald  der  projectirte  Schifffahrtscanal  von  dem  St.  Johnsflusse
  zum  Suvaneeflusse,  etwa  in  der  Breite  von  St.  Augustine,
hergestellt  sein  wird,  durch  den  die  Reise  eines  Dampfschiffes
von  New-Orleans  nach  Europa  resp.  nach  New-York  um  vier
Tagereisen  abgekürzt  und  gefahrloser  wird,  als  sie  jetzt  ist.
Schiffe  von  Europa  nach  dem  Golfe  müssen  jetzt  noch  südlich
von  Cuba  in  denselben  einfahren,  da  die  Strasse  von  Florida
wegen  des  östlich  durch  ihn  fliessenden  Golfstromes  zu  gefährlich ­
  ist.
        <pb n="201" />
        f-:y.


XV.  Capitel.
Der  Süden.

Bis  6.  Mai  1881  hatte  ich  einen  grossen  Theil  Floridas,  die
grössere  nördliche  Hälfte  der  Halbinsel,  bis  südlich  von  Enterprise, ­
  bereist  und  an  einem  Jagdausfluge  der  übrigen  Mitglieder ­
  der  Reisegesellschaft  im  Süden  von  St.  Augustine
Theil  genommen.  Von  diesem  Ausfluge  kamen  wir  am  obengenannten ­
  Tage  in  St.  Augustine  an  und  fuhren  von  dort
nach  New-Orleans,  über  Jacksonville  in  Florida,  Way  Cross,
I^upont,  Thomasville,  Albany  und  Smithville  in  Georgia,  Fuf^lva,
  Montgomery  und  Mobile  in  Alabama,  ab.  Diese  Reise
"ar  durch  die  Hitze  nicht  eben  angenehm.
Der  Boden  wird  bis  zur  Grenze  von  Alabama  mit  fast
jeder  Meile  besser  und  auch  bebauter,  ln  Florida  und  Südostgeorgia ­
  ist  er  meist  noch  sandig  und  mit  Finien  bestanden.
Ks  zeigt  sich  nur  ausnahmsweise  eine  elende  kleine  Negerfarm.
Alhnälig  nimmt  der  Wald  die  estait  von  Daubwald  an,  das
Terrain  ist  nicht  mehr  eine  vollkommene  Ebene,  es  ist  von
Smithville  bis  in  die  Nähe  von  Montgomery  wellenförmig,  eine
ausgesprochen  schöne  Hügellandschaft  darstellend.  Die  Wälder
'Verden  kleiner  und  machen  grösseren  Dörfern  Platz,  nicht
^ehr  blos  einzelnen  Farmen.  Allein  Grossbetrieb  sieht  man
Selten,  vielfach  ist  es  vielmehr  klar,  dass  ehemalige  Gross-Besitzungen
  in  kleinere  Farmen  aufgetheilt  worden  sind.  Nicht
Selten  bemerkt  man  verwildertes,  mit  Gestrüpp  und  theil  weise
’^it  Wald  bewachsenes  Land,  das  früher  Ackerbauzwecken
gedient  hatte  und  seit  dem  Secessionskriege  aufgelassen  worden
        <pb n="202" />
        war.  Allein  manche  neue  Farm  bewies,  dass  jetzt  der  entgegengesetzte ­
  Process  sich  vollzog.  Indess  sind  diese  von  der
Hahn  durchschnittenen  Staaten  noch  ungemein  dünn  bevölkert
und  besiedelt  und  können  noch  vielen  Millionen  Hrod  und
landwirthschaftliche  Selbstständigkeit  geben,  zumal  der  Grund
und  Hoden,  das  Hauholz  und  das  für  den  leicht  zu  beackernden
Hoden  erforderliche  Inventarium  billig  zu  erhalten  sind.
Die  Vermehrung  der  Farmen  in  den  Südstaaten,  welche
ehemals  auf  Sklavenarbeit  angewiesen  waren,  ist  aus  folgender
l^ebersicht  ersichtlich.
Ks  gab  P  armen  in  den  Censusjahren:

Im  Staate  1880

Virjrinien
Wcst-Virpinien
Nord-Carolina
Süd-Carolina
Georgia
Alabama
Florida
Mississippi
Louisiana
Texas
T  ennessee
Arkansas
Missouri
Summa
In  der  Union

118.517
62.674
157-609
03.864  j
138.626  j
155.864  I
23-43«  I
101.772
48.292
174.184
'65.650
94.433
2'5-575
'  530.498  I
4  008.907  I  2

1870
73.«49
39  77«
93-565
5'.889
69.956
67.382
10.241
68.023
28  481
6'.125
118141
49  424
'48.328
880.182

1860
92.605
75.203
33.171
62.003
55.'28
6.508
42.840
'7.328
42.891
82.368
39.004
02.792
641.841

.659.985

2.044.077

1850
I  77.013
1  56.963
29.067
5'.759
41  064
4.304
33.960
'3.422
12.198
'  72.735
I  '7  75«
I  54-45«
I  466.501
I  '.449073

Die  ungemeine  Vergrösserung  der  Farmenzahl  seit  1870
erfolgte  zum  überwiegenden  Theil  durch  Theilung,  Parcellirung
von  Grossgrundbesitz.  Fs  ist  noch  interessant,  die  Cirösse
dieser  Farmen  und  die  Art  des  Hesitztitels  zu  kennen.  Es
wurden  bebaut  Farmen  durch  Hesitzer,  Pächter,  die  eine  jährliche, ­
  feste  Geldpacht  zahlen,  oder  Métayers,  welche  einen
Antheil  an  der  Ernte  in  natura  an  den  Grundbesitzer  ab-
        <pb n="203" />
        f

A

189

Staate

^*^Çinien
SS?
^'orida
^“««ippi
“"«lana
^exas
'¡'"nnessee
:::
"^'^^aina

Amnion

Suninia

Södst

^aten

Jnion

Besitzer.

Pächter. ­



83.531
50.673
104.887
46.645
76.451
16.198
57.214
31280
108.716
108.454
65.245
156.703
72.215

Métayers. ­


13.392
4.292
8.644
21.974
18  557
3.548
1  7.440
6.669
12.089
19.266!
9.9161
19.8431
22.888

21.594
7.709
44.078
25.245
43.618
3.692
27118
10.337
53379
37  930
19.272
39.029
40.761

101
64
277
118
101
69
84
100
34
220'
97
122
277

3—10
Acres.

Grösse  der  Farmen.
100—500

10—20  20—50
Acres.  |  Acres.

50—100
Acres.

7.012
2.797;
7.273!
7035'
3.110:
»301,
2.336!  II
1.848;  6

,663  j  19.
463  8

3.554
5.821
2.070
34^)0
3.597

978.218j198.518l373.762
2.984.306

:.664j  51.214
322.3571702.244'4.3521134.889

314
519
694
456
936
708
780
335
780
647
055

322
488
148I
640
836|
626
675
783
282
736
721

500
bis
Acres.  |  *ooo
Acres.

22.1941
14.4611
34.007  j
I3.6i2j
26.0541
4.38i|
:9  3181
8.5011
29.539!
39  54'!
21.787!
58.030I
26.447Í

53.101
30.301
61.806
27735
53.635
6.562
35-493
&amp;gt;5.031
70.821
63.3:5
37.976
97.359
44.254|

5.561
2.255
5.063
3.693
7.017
652
3936
2.159
5.988
3  549
1-793
3.536
4.645

135.350l365.298l  317872  597.389j49.787

254.749  781.474!  &amp;gt;.032.010  1.695.983  75.972

über
1000
Acres.

&amp;gt;.563
845
1.721
&amp;gt;635
3.491
377
1.833
1.319
3.793
1.086
648
685
1.868

20.864

28.578

572.280

1.024.601

Aus  dieser  Uebersicht  geht  hervor,  dass  die  ungesundesten
Agrarischen  Verhältnisse  auch  heute  noch  in  den  Südstaaten
herrschen.  Der  Grossgrundbesitz  von  1000  Acres  an  liegt  zu
über  zwei  Dritteln  in  ihnen.  Von  ihm  sind  augenscheinlich
eine  grosse  Anzahl  der  kleineren  Pachtungen  abgezweigt.  Die
Selbstständigen  Bauernhöfe,  welche  die  sociale  Gesundheit  eines
^taatswesens  charakterisiren,  von  50—500  Acres,  betragen  nur
60.701,  gegen  915.261  in  der  Union,  die  Zwergwirthschaften
yon  10  bis  50  Acres  aber  500.648,  gegen  nur  1.036.223
der  Union.  Die  kleinen,  zum  Theil  Gartenwirthschalten
6is  10  Acres  aber  nur  52.878,  gegen  139.241  in  der  Union,
^eber  die  Hälfte  der  Pachtungen  der  Union  liegen  in  den  Südstaaten. ­
  Doch  sind  von  den  Pachtungen  ca.  die  doppelte  An-Zahl
  daselbst  Métayagen,  und  dies  ist  eine  gesundere  Pachtart,
^^s  die  blosse  Pacht  um  Geld.  Die  Vermehrung  der  Farmen
aber  seit  1870  deutet  auf  einen  erfreulichen  Fortschritt  zur
Gesundung  der  Verhältnisse.  Es  mag  hier  gleich  angedeutet
"’^^rden,  dass  von  den  noch  nicht  29000  Grossgrundbesitzungen
        <pb n="204" />
        I  yo

der  Union  1.112  in  Kentucky  liegen,  das  eigentlich  politisch
mit  zu  den  Südstaaten  gehört  und  2.531  in  Californien,  welches
sie  aus  seiner  mexicanischen  Vergangenheit  übernahm.  In
neuerer  Zeit  entsteht  Grossgrundbesitz  in  Dakota,  wo  es
649  Besitzungen  über  1000  Acres  gab,  auf  dem  Lande  der
grossen  Eisenbahnen-Monopolisten.  Den  kräftigen  Bauernstand
werden  wir  weiterhin  in  den  Ackerbaustaaten  östlich  des  Felsengebirges ­
  finden.

Natürlich  kann  man  vom  Süden  nicht  reden,  ohne  der
Neger  zu  erwähnen.  Die  vollständige  Gleichberechtigung
dieser,  wie  sich  nun  zur  Evidenz  herausstellt,  untergeordneten
Race  ohne  Voraussicht,  Sparsinn,  Selbstständigkeitstrieb  mit
der  weissen  Bevölkerung,  welche  diese  Eigenschaften  in  hohem
Grade  besitzt,  ist  für  die  Union  um  so  bedrohlicher,  als  die
Neger  sich  seit  ihrer  Emancipation  in  unerhörtem  Grade  vermehren. ­
  Dies  wird  durch  die  folgende  Tabelle  konstatirt:

Staat,

Zahl  der  „couleurten“  Bevölkerung  |
der  Unionsstaaten  in  je  1000
Seelen.

1840

1850

i860

1870

1880

Weisse
Bevölkerung.
1870  I  1880

Virginia
West-Virginia
Nord-Carolina
Süd-Carolina
Georgia
Florida
Alabama
Mississippi
Louisiana
Arkansas
Tennessee
Kentucky
Missouri
1  exas
Columbia
Maryland
Summa  :
Sklavenstaaten
Zuwachs  gegen
die  frühere  Dekade ­
  pCt.

489
268
335
383
26
255
196
»93
20
188
189
59
»3
151

526
316
393
384
40
345
310
262
47
245
220
90
58
»3
165

548
361
412
465
62
437
437
350
111
283
236
118
182
14
171

512
»7
391
4»5
545
91
475
444
364
122
322
222
118
253
43
»75

63»
25
53»
604
725
126
600
650
483
210
403
27»
»45
393
59
2  IO

712
424
678
289
638
96
521
382
362
362
936
1098
»603
564
88
&amp;lt;&amp;gt;05

2.765

3.4  »4

24

4»87

4.509

6.066

34

9.358

880
592
867
391
816
»42
662
479
454
59»
1138
»377
2022
1191
118
724

»2.444
        <pb n="205" />
        I9I

Zahl  der  „couleurten“  Bevölkerung
der  Unionsstaaten  in  je  looo
Seelen.

Weisse
Bevölkerung

Staat

1840  1850

i8&amp;lt;&amp;gt;o

1880

1870

1880

1870

l'reie  Staaten

Arizona
California
Colorado
Connecticut
Dakota
Delaware
Columbia
Idaho
Illinois
Indiana
Jowa
Kansas
Maine
^äryland
Massachussetts
Michigan
Minnesota
Montana
Nebraska
Nevada
New-Hampshire
New  Jersey
New-Mexico
New-York
Dhio
Dregon
Iennsylvania
Hhode  Island
Utah
Vermont
Washington
Wisconsin
Wyoming

767

499

39

191

610

527

«33

26

20

22

102

I  20

I  18

88

43

59

29

28

46

2511

3031

«93»

1655

24

39

1188

1614

346

43

952

624

646

«65

605

«7«

151

«75

724

210

1763

«443

1167

1614

43»

776

122

449

38

53

346

317

38

875

24

30

1092

108

90

5016

f&amp;gt;5

50

52

49

49

4330

36

63

2601

3«  «7

79

163

86

56

65

3456

85

4'97

47

53

269

212

86

«42

33«

329

67

130g

1051

Summa  Union
Zuwachs  gegen
die  frühere  Dekade
  pCt.

2.873

3.638

4.886

6.580

43.402

33.592

4.44«

26

29
        <pb n="206" />
        192

Die  letzte  Summe  für  die  Union  ist  aus  den  officiellen
Tabellen  entnommen,  mit  Zuzählung  der  Zahlen  unter  1000,
welche  ich  in  der  Tabelle  sonst  nicht  berücksichtigt  habe,
fällt  also  grösser  aus,  als  die  Addition.  Für  die  einzelnen
Staaten  genügt  jedoch  die  Angabe  in  je  lOoo  Seelen.
Die  Tabelle  ergiebt,  mit  Ausnahme  der  Kriegsdekade
i860  70,  eine  sehr  starke  Negervermehrung  von  22—26  pCt.
von  1840—60,  obschon  keine  Negereinfuhr  stattfand.  Allein
in  der  Freiheitsdekade  1870  80  steigt  dieselbe  auf  35  pCt.,
nur  durch  Geburtsüberschuss  über  Sterbefalle  und  übertrifft
die  Vermehrung  der  Weissen  (29  pCt.),  obschon  doch  sehr
viele  Weisse  einwanderten.  Nach  Abzug  von  123.000  Chinesen
wanderten  von  1871—80  incl.  3.075.000  Weisse  in  die  Union
ein.  Zieht  man  diese  von  der  Zahl  der  Weissen  im  Jahre
1880  ab,  so  bleiben  40.327.000  Weisse,  gegen  33.592.000  im
Jahre  1870.  Die  Weissen  haben  sich  also  in  dieser  Dekade
durch  Geburtszuwachs  um  6.735.000  oder  um  20  pCt.  vermehrt ­
  —  sehr  respectabel,  verglichen  mit  europäischen  Vermehrungs-Verhältnissen, ­
  allein  doch  nur  etwas  über  die  Hälfte
so  gross  als  die  Negervermehrung!  In  den  früheren  Sclavenstaaten
  ist  ihre  Vermehrung  34  pCt.,  die  absolute  Vermehrung
der  Weissen,  trotz  der  Einwanderung,  nur  31  pCt.  Dort
kommt  auf  2  Weisse  i  Neger.  Für  die  Aufgaben  des  Selfgovernment ­
  sind  diese  ungeeignet,  geniessen  aber  dieselbe
Amtsberechtigung,  wie  die  Weissen.  Dies  muss  zu  Conflicten
führen.  Ihre  starke  Vermehrung  stammt  vom  Wohlleben  bei
sehr  wenig  Arbeit.  Viele  der  Métayers  und  Pächter,  auch
manche  Kleinhäusler  der  Südstaaten  sind  Neger.  Sie  arbeiten
gerade  genug,  um  leben  zu  können,  was  bei  der  Milde  des
Klimas  und  der  Fruchtbarkeit  des  Bodens  eine  sehr  geringe
Arbeitsleistung  erfordert.  Das  Land  ist  dort  so  billig,  dass
man  Parzellen  von  aufgelassenen  Pflanzungen  um  i  Dollar  per
Acre  kaufen  kann.  Von  5  bis  6  Acres  Mais-  und  Baumwollland
  lebt  aber  eine  Negerfamilie.  Hier  wächst,  inmitten  einer
äusserst  betriebsamen  weissen  Bevölkerung  ein  schmutziges,
unwissendes  Drohnenvolk  fremder  Race  in  üppiger  Vermehrung ­
  auf,  hat  in  vielen  Landcounties  die  Majorität  und  regiert
        <pb n="207" />
        193

13

jene  intelligente,  wohlhabend  werdende  und  fleissige  weisse
Kevölkerung.  Diese  Neger  sind  gerade  intelligent  genug,  um
die  Last  der  Steuern  auf  jene  zu  wälzen,  halten  bei  allen
Wahlen  zusammen  und  sind  gehässig  und  niederträchtig  gegen
ihre  früheren  Herren.  Wo  sie  keinen  Grundbesitz  haben,  arbeiten ­
  sie  im  Tagelohn,  erhalten  meist  i  Dollar  täglich,  der
genügt,  die  Familie  eine  Woche  mit  Mais,  Pökelschweineileisch
und  Reis  zu  versorgen,  und  mehr  brauchen  sie  nicht.  Die
holge  ist,  dass  sie  selten  mehr  als  einen  Tag  in  der  Woche,
uuch  bei  hohem  Lohnangebot,  zur  Arbeit  zu  bewegen  sind.
Die  Unionsregierung  giebt  den  Südstaaten  aus  ihren
Mitteln  seit  mehreren  Jahren  Zuschüsse  zu  ihrem  Erziehungsfond,
  um  Negerschulen  zu  errichten,  bisher  ohne  grossen
Erfolg,  wie  die  folgende  Tabelle  ergiebt,  welche  den  Procentsatz ­
  der  des  Lesens  unkundigen  Personen  im  Alter  von  mehr
IO  Jahren  in  den  verschiedenen  Staaten  und  Territorien
der  nordamerikanischen  Union  angiebt:

Neu-Mexiko
Süd-Carolina
Louisiana
Alabama
Georgia  .  .
Mississippi  .
Nord-Carolina
Florida  .  .
Virginia  .  .
Arkansas
Tennessee  .
Texas  .  .
Kentucky
Arizona  .  .
Maryland
Distr.  Columbia
Delaware
West-Virginia
Missouri
Washington
Hhode-Island

6o'2  Nevada  .
48-2  California
45*8  Colorado
43'5  Idaho  .  .  .
42*8  Massachusetts
41-9  Utah  .  .
38-3  Vermont  .
38  o  Indiana
34*0  Montana  .
288  Pennsylvania
277  New-Jersey
24'i  Illinois  .  .
22  2  New-York
167  Connecticut
i6'o  New-Hampshire
157  Oregon
*5*3  Wisconsin
12'i  Michigan  .
89  Minnesota
87  Ohio  .  .
77  Kansas

7*3
7-1
5*9
5’5
53
50
49
4.8
4-8
4*6
45
43
4-2
4*2
4-2
41
40
38
37
3-6
3*6
        <pb n="208" />
        194

2-5
2-4

Maine  3-5  Nebraska  ....
Dakota  31  Jowa
Wyoming  ....  26
In  Neu-Mexico  und  Arizona  existirt  eine  gänzlich  verkommene ­
  Bevölkerung  von  Mexicanern,  welche  die  Zahl  der
Illitteraten  anschwellen  macht.  Die  übrigen  Staaten  mit  mehr
als  IO  pCt.  Illitteraten  sind  ausnahmslos  frühere  Sklavenstaaten. ­

Die  Grant’sche  Administration  bediente  sich  der  Negerstimmen ­
  zur  Niederhaltung  der  rebellischen  Weissen  in  den
Südstaaten.  Seit  aber  die  Aussöhnung  der  letzteren,  oder
vielmehr  der  neuen  Generation  derselben,  mit  der  Union  stattgefunden ­
  hat,  seit  viele  Weisse  aus  den  freien  Staaten  in  die
Südstaaten  eingewandert  sind,  dort  Grundbesitz  erworben,  oder
Industrie  und  Handel  begründet  haben,  befestigt  sich  die
Ueberzeugung  unter  allen  Weissen  der  Union,  dass  man  den
Negern  das  active  und  passive  Wahlrecht  entziehen  müsse.
In  den  freien  Staaten  haben  sich  die  Neger  von  1870/80
von  377.000  auf  514.000  vermehrt,  nicht  so  bedeutend,  als  in
den  ehemaligen  Sklavenstaaten.  Sie  sind  hier  Kellner,  Diener,
üben  keinen  politischen  Einfluss  und  sind  also  unschädlich,
vielfach  nützlich,  obschon  stets  unangenehm,  denn  sie  sind
faul,  schmutzig,  hinterlistig  und  boshaft.
Nach  dieser  nothwendigen  Abschweifung  über  die  gegenwärtige ­
  Situation  der  ehemaligen  Sklaven  in  den  Südstaaten,
wende  ich  mich  wieder  den  materiellen  Verhältnissen  derselben ­
  zu.
Man  wird  nun  begreifen,  wesshalb  von  den  393.990  Farmen ­
  unter  20  Acres  Grösse  in  der  Union  188.228,  fast  die
Hälfte,  aut  die  kleine  Gruppe  der  ehemaligen  Sklavenstaaten
kommen,  obschon  doch  hier  von  dem  intensiven  Gartenbau,
der  auf  den  kleinen  b  armen  der  meisten  anderen  Staaten  betrieben ­
  wird,  so  gut  wie  gar  keine  Rede  sein  kann.  Es  vegetiren
  Negerfamilien,  wahre  Kanarienhecken,  mit  8—10  und
mehr  Kindern,  in  Schmutz  und  Faulheit  auf  ihrem  Heerd  von
Armuth  und  Schlechtigkeit  —  denn  Felddiebstahl  muss  oft
da  aushelfen,  wo  die  Trägheit  Mangel  verursachte.
Auch  an  \  ich,  einer  Quelle  des  Reichthums  und  Bedingung
        <pb n="209" />
        195

der  Entwickelung  der  Agricultur,  der  Dungwirthschaft,  sind
die  Südstaaten  arm.  Es  gab  daselbst  1880:

Staat

Virginian
West-Virginien
Nord-Carolina
Süd-Carolina
Georg-ia
Florida
Mississippi
Louisiana
Texas
Tennessee
Arkansas
Missouri
Alabama
Summa
Union

Pferde

218.838
126.143
133.686
ÍX3.660
98.520
22.636
112.309
104.428
806.099
266.119
&amp;gt;46.333
667.776
&amp;gt;13950

Arbeitsochsen ­


pct.j

'e  °
Milchkühe  -c  *

iN

Anderes  |  g  ^
Rindvieh  i  2

IN

243.061
&amp;gt;56.956
232.133
&amp;gt;39.881
3&amp;gt;5.o73
42.174
268.178
&amp;gt;46.454
606.717
303.832
249.407
661.405
271443

2.087.497  —  539.589

3.637.7  &amp;gt;0  —  8.963.563  —

&amp;gt;0.357.981  45

993.970

—25  &amp;gt;2.443.593

39  22.488.590  66

St

a  a  t

Schafe

*  Schweine

'  «  o
Maulthiere  |.c  *

Bevölkerung ­

1880

E  P

^‘^ginien
Leors
Flc

rgia
•orida

Alaba

uri

497.289
674.769
461.638
118.889
527.589
56.681
287.694
&amp;gt;35  631
2.411.887
672.117
246.757
1.411.298
347.538

^uiiîia

Juion

7.849.777

956.45  &amp;gt;
46.828
&amp;gt;.453.54&amp;gt;
628.198
1.471.003
287.051
i.15&amp;gt;.8i8
633.489
1.954.948
2.158.169
&amp;gt;  565  098
4  553.&amp;gt;23
1.252.462

18.112.179  —

35.&amp;gt;9&amp;gt;.656  24  47.683  951  QO  1.812.932

33.598
6.226
19  481
67.005
132.078
9.606
&amp;gt;29.778
76.674
&amp;gt;32.581
&amp;gt;73.488
87.082
192.027
121.081

1.160.705

1.500.000
708.000
1.400.000
953.000
1.450.000
300.000
1.044.000
940.000
1.600.000
1.575.000
760.000
2  300.000
1.150.000

15,772.000

61  I  —  I  131  50.200.000  30
13*
        <pb n="210" />
        196

Das  Zugvieh,  Pferde,  Maulthiere  und  Ochsen  beträgt  nur
3.787,791,  gegen  13.164.884  in  der  Union.  Die  Ochsen  und
nach  ihnen  die  Maulthiere,  weil  billigstes  Zugvieh,  überwiegen
relativ  im  Süden,  Die  Maisproduction  bleibt  procentisch  auch
erheblich  gegen  den  Unionsdurchschnitt  zurück  und  damit
auch  die  Zahl  des  fleischliefernden  Viehes.  Dennoch  zeigt  sich
eine  procentisch  grosse  Vermehrung  an  Vieh  in  allen  Staaten.
Es  ist  vielleicht  nicht  uninteressant,  hier  noch  die  betreffenden ­
  Zahlen  des  dieser  Oruppe  verwandten  Staates  Kentucky ­
  her  zu  setzen.  Es  gab  1880  daselbst  372,648  Pferde,
Zunahme  seit  1870  18  pCt.,  116.153  Maulthiere,  Zunahme
17  pCt.,  36.166  Arbeitsochsen,  Abnahme  48  pCt.,  301.882
Milchkühe,  Zunahme  22  pCt.,  505.746  Haupt  anderes  Rindvieh, ­
  Zunahme  32  pCt.,  1.000.269  Schafe,  Zunahme  7  pCt.
225.225  Schweine,  Zunahme  21  pCt.,  Zunahme  der  Maisproduction ­
  45  pCt.
Der  Hauptartikel  der  Südstaaten  ist  bekanntlich  die  Baumwolle ­
  und  sie  war  früher  der  einzige  Exportartikel.  Das  hat
sich  sehr  geändert,  obschon  die  Production  heute  grösser  ist,
als  sie  es  zur  Zeit  der  Sclaverei  war,  wennschon  die  Pflanzer
früher  behauptet  haben,  Baumwollenbau  sei  nur  bei  Bestehen
der  Sclaverei  möglich.  Es  betrug  die  Baumwollenproduction  :

Production  Werth  d.
in  1000  Baumwoll-Ballen
  à  .  Exports
440  Ibs.  1000  Doll.

1830  976
1840  2.177
1850  2.096
i860  4.669
1870  3.154
1875  3.832
1878  4.811
1880  5.746
1882  ca.  7.000

134.900  71.984
316.242  191.806
455.208  227.027
823.946  211.043

52
60
50

25

Werth  d.  Preis  für  1  Ib,
Exports  Upland-Baumder
  Brod-  wolle  in  N.-York
Stoffe  Cents
1000  Doll,  niedr,  höchst,
—  813
—  8  IO
13.066  II  14
24.422  IO  II
72.250  15  26
—  13  17
9  12
288.036  II  I3'/4

Aus  dieser  Tabelle  ist  ersichtlich,  dass  die  Baumwoll-
        <pb n="211" />
        197

Production  sich  jetzt  von  dem  Schlage  vollkommen  erholt
hat,  welchen  ihr  die  Sclaverei-Aufhebung  verursachte,  dass
aber  ihre  Exportbedeutung  sehr  hinter  jener  der  Brodstoffe
zurücktritt.  Der  Werth  des  Baumwollexports  beträgt  nurmehr ­
  25  pCt.,  anstatt  früher  50—60  pCt.  des  Werthes  der
Gesammtausfuhr.  Der  Preis  ist  bereits  wieder  bei  dem  Niveau
von  1850  angelangt.
Die  Baumwollenmanufactur  entwickelt  sich  jetzt  sehr  in
den  Südstaaten  von  Amerika  mit  Benutzung  der  Wasserkraft.
Die  Baumwolle  wird  nicht  in  Ballen  gepresst,  sondern  in
Säcken,  wie  in  Europa  die  Schafwolle,  transportirt,  wodurch
ein  Materialverlust  von  5  pCt.  vermieden  wird.  Es  werden
jetzt  etwa  32  pCt.  der  producirten  Baumwolle  im  Lande  verarbeitet. ­
  Angebaut  wurden  bis  1881  ca.  8  '  2  Mill.  Ballen  à
450  lbs.,  davon  in  der  Union  78  pCt.,  in  Ostindien  15  pCt.,
in  Aegypten  5  pCt.,  in  Brasilien  2  pCt.  Der  Verbrauch  der
Gesammtproduction  vertheilt  sich  auf  die  Fabriken  der  Länder
in  folgender  Weise:
Grossbritannien  .  39  pCt.
Ver.  Staaten  26
Deutschland  8  „
Russland  ...  6'  2  „
Prankreich  ...  6  „
Oesterreich  .  .  3'  %  „
Spanien  ....  2  „
ln  der  Union  gab  es  1881  Januar  230.223  Webstühle,
davon  18.036  in  Connecticut,  13.978  in  Maine,  94.748  in
Massachussetts,  25.487  in  New-Hampshire,  12.822  in  New-York,
*0.541  in  Pennsylvanien,  30.274  in  Rhode  Island;  ferner
*0.921.147  Spindeln,  wovon  in  Connecticut  931.000,  Georgia
200.000,  Maine  696.000,  Maryland  125.000,  Massachussetts
4-4^5,  New-Hampshire  1.008,  New-Jersey  232.000,  New-York
57^.000,  Nord-Carolina  102.000,  Pennsylvanien  446.000,  Rhode
Island  1.649.000.  Man  verarbeitete  1.586.481  Ballen  und  es
Arbeiteten  181.628  Menschen  in  dieser  Industrie.  —  Im  Jahre
*^75  gab  es  nur  9'  3  Mill.  Spindeln,  die  1.242.080  Ballen  Baumwolle ­
  verarbeiteten.  —  Der  Baumwollensamen  wird  jetzt  in

Ostindien  .  .
Italien  ....
Schweiz  .
Schweden,  Norwegen,Holland, ­

Canada  etc.

pCt.

72
        <pb n="212" />
        198

à

70  Oelmühlen  zu  Oel  und  Oelkuchen  vermahlen  und  bringt
bereits  12—15  Doll,  per  Tonne.
Dem  Baumwollenbau  sind  1880  ===  14-4^2.000  Acres  gewidmet ­
  gewesen,  mit  einem  Durchschnittsertrage  von  0.40  Ballen.
Es  producirten  Alabama  699.000,  Arkansas  608.000,  Florida
54.000,  Georgia  814.000,  Indian  Territory  17.000,  Kentucky
i.ooo,  Louisiana  508.000,  Mississippi  955.000,  Missouri  20.000,
Nord  -  Carolina  389.000,  Süd  -  Carolina  522.000,  Tennessee
330.000,  Texas  803.000,  Virginia  19.000  Ballen.
Ein  zweiter  grosser  Stapelartikel  des  Südens  ist  der
Tabak  :

Jahr  1850  i860  1870  1880
Die  Production  betrug  in  Mill.  lbs.  ...  ,^9  434  262  446
Der  Werth  des  Exportbetrags  in  1000  D.  10.599  19.289  22.705  18.442
Preis  per  Ib.  Kentucky  Cents,  höchster  ,4  13  12
niedrigster  5  3  7  5
lieber  den  Umfang  des  Tabakbaues  in  den  Vereinigten
Staaten  sind  kürzlich  vom  statistischen  Bureau  in  Washington
für  den  Zeitraum  von  1871  bis  1880  Nachrichten  gesammelt
worden.  Denselben  ist  zu  entnehmen,  dass  innerhalb  des  vorbezeichneten
  Zeitraumes  durchschnittlich  6.333.060  Acres  mit
Tabak  bepflanzt  waren,  von  denen  472'/.,  Millionen  Pfund
(ein  Pfund  =  453.59  Gramm)  Tabaksblätter  zum  geschätzten
Werthe  von  42.476.000  Doll,  gewonnen  wurden.  Auf  die
einzelnen  Jahre  vertheilte  sich  dieser  Ertrag  in  nachstehender
Weise:

im  lanre
1871
1872
i«73
1874
1875
1876
1877
1878
1879
1880

5  80.CXX)
584.600
653.(xx5
500.000
710.000
733000
745.000
580.000
638.000
6io.oo(j

mill.  i'in.
426
480
506
3'5
522
535
580
429'/.,
472
460

woii.  Werth
41  748.000
4(1.020.000
4  '  .998.000
34.A50.000
41  •  760.000
39  590.000
40.6cx3.000
34.336.0c30
49  560  C3C30
5O.60O.C3OO

Dem  Werthe  nach  ergab  das  Jahr  1880  mit  82.95  Schilling
\om  „Acre  den  höchsten,  das  Jahr  1876  dagegen  mit  54.01  sh.
den  geringsten  Ertrag,  wogegen  die  Blätterernte  die  grösste
        <pb n="213" />
        199

Ausbeute  mit  821  Pfund  vom  Acre  im  Jahre  1872,  die  geringste ­
  mit  630  Pfund  im  Jahre  1874  lieferte.  Der  mittlere
Verkaufspreis  des  Pfundes  Tabak  beim  Producenten  variirte
zwischen  7  Cents  im  Jahre  1877,  beziehungsweise  7.4  Cents
im  Jahre  1876  und  je  ii  Cents  in  den  Jahren  1874  und  1880.
Die  angegebenen  Erntemengen  bleiben  übrigens  hinter  der
wirklichen  Ausbeute  aus  naheliegenden  Gründen  noch  zurück.
I^ie  Ausfuhr  der  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  an  Tabak
betrug  im  Fiscaljahre  1880,81  nahebei  238  Millionen  Pfund.
Im  Jahre  1880  wurden  Tabak  gewonnen  in  Kentucky  171,
Virginia  140,  N.  Carolina  57,  Ohio  34,  Pennsylvanien  27,
Tennessee  41,  Maryland  26,  Missouri  12,  Connecticut  14,
indiana  11  Millionen  lbs.
Der  dritte  wichtige  Artikel  der  Südstaaten  ist  der  Zucker,
Welcher  bis  jetzt  bloss  in  Louisiana  gebaut  wird,  bald  aber  im
südlichen  Theile  von  Florida  in  grossen  Quantitäten  gewonnen
Werden  dürfte.  Die  Production  deckt  noch  bei  Weitem  nicht
^ien  Consum,  obschon  sie  durch  hohen  Zoll  geschützt  ist.
Louisiana  producirte  Rohrzucker  in  Hogsheads  à  1.137  lbs.
1840  87.000,  1850  =  211.000,  i860  —  228.000,  1870  —
•  44-000,  1879  =  I  71.000.  Im  Jahre  1879  producirte  T  exas  4.951,
Florida  1.273,  S.-Carolina  229,  Georgia  601,  Alabama  94,
Mississippi  18  Hogsheads.  Man  importirte  dazu  1879  =  631.174
Tons  à  2.240  lbs.  Rohrzucker  und  34'  ^  Millionen  Gallons
Molasse.  Die  Weltproduction  wird  für  1879—80  geschätzt  auf
Rohzucker  3.302.000  Tons,  wovon  Britisch  Indien  1.450.000,
Cuba  625.000,  Java  180.000,  Brasilien  140.000,  Manila  120.000
^tc,  Rübenzucker  Deutschland  390.000,  Frankreich  290.000,
(Russland-Polen  215.000,  Oesterreich-Ungarn  360.000,  Belgien
55-000  Tons.  Im  Jahre  1880  producirte  Louisiana  218.314,
ï  881  nur  127.753  Hogsheads.
Der  Consum  der  Union  betrug  1880  =  819.341  Tonnen,
Wovon  730.519  eingeführt  wurden,  dazu  45  Millionen  Gallonen
Syrup,  wovon  33  Millionen  importirt  wurden.
Der  letzte  Artikel  von  Bedeutung,  welcher  in  den  Süds^aaten
  allein  angebaut  wird  und  hohen  Ertrag  per  Acre  liefert,
(st  der  Reis.
        <pb n="214" />
        200

Reis  wurde  auf  174.173  Acres  im  Jahre  1879  gebaut  und
gab  II0.131.373  Ibs.,  durchschnittlich  632  Ibs.  per  Acre,  wovon ­
  in  S.-Carolina  52,  in  Georgia  25,  Louisiana  23,  N.-Carolina
  5,  Mississippi  i,  Florida  i,  Malamo  0.8  Millionen  Ibs.
Der  Preis  von  100  Ibs.  Reis  betrug  in  Dollars:
Jahr  1830  1840  1850  i860  1870  1880
niedrigster  2.00  2.75  2.25  3.00  6.50  5.5«
höchster  3.50  4.00  3.37  4.62  9.50  8.00
Nach  diesen  statistischen  Aufschlüssen  über  den  Productions-Charakter
  der  Südstaaten  der  Union  nehme  ich  meinen ­
  Reisebericht  durch  dieselben  wieder  auf.
Um  Montgomery  macht  das  Land  einen  vollkommen
europäischen  Eindruck.  Der  Wald  verschwindet  fast  gänzlich.
Dorf  folgt  auf  Dorf.  Gute  Wege  kreuzen  die  Hahn  und  Alles
spricht  dafür,  dass  man  in  einem  altcultivirten  Lande  mit  trefflichem ­
  Hoden  angekommen  ist.  Dieser  hat  oft  eine  blutrothe
Farbe,  welche  wir  dem  Eisengehalte  zuschrieben.  Doch  ist
dies  vielleicht  ein  Irrthum,  da  stark  eisenhaltiger  Hoden  nicht
so  fruchtbar  ist,  wie  es  jener  rothe  Hoden  Alabamas  jedenfalls ­
  ist.  Nur  die  im  Verhältnisse  zu  den  Menschen,  die  wir
sahen,  überwiegende  Negerbevölkerung  schwächte  den  günstigen ­
  Eindruck  ab,  welchen  das  Land  auf  uns  machte.
Zwischen  Montgomery  und  Mobile  Hingt  der  Wald  wieder ­
  an  vorzuherrschen  und  wird  auf  der  weiteren  Strecke  bis
New-Orleans  nur  noch  durch  Sümpfe  oder  niedrige  Grasplätze
unterbrochen.  Kurz  vor  New-Orleans  führt  die  Hahn  an  dem
schönen  See  Pontchartrain  vorüber,  an  welchem  zahlreiche
Landhäuser  der  wohlhabenderen  Hewohncr  von  New-Orleans
und  einige  Hadeorte  liegen.
Das  fruchtbare  West-Georgia  und  Alabama  produciren
als  Stapelartikel  Haumwolle.  Man  ist  aber  mit  dem  Ertrage
derselben  nicht  zufrieden,  weil  die  Preise  so  ausserordentlich
niedrige  sind,  7  bis  8  Cents  per  englisches  Pfund.  Die  Herstellungskosten ­
  sollen  sich  auf  10  Cents  stellen,  wenn  man
nur  Lohnarbeiter  verwendet.  Der  kleine  Farmer  begnügt
sich  aber  mit  geringem  Lohne,  das  erklärt,  wesshalb  man  den
Anbau  nicht  einstellt.  Die  Bodenbestellung  war  übrigens  eine
        <pb n="215" />
        201

sehr  sorgfältige,  auch  wird  viel  künstlicher  Dünger,  Guano
und  Blutdünger  aus  Schlachthäusern,  angewendet,  oft  jedoch
auch  eine  längere  Brache.  Für  den  Wirthschaftsbedarf  wird
Mais  und  Hafer  gebaut,  neben  Kartoffeln,  Bohnen  und  Gemüsen. ­

Die  Viehzucht  wird  noch  sehr  extensiv  betrieben,  obschon
treffliche  Luzerne  und  ein  uns  sehr  gelobtes,  maisartiges  hohes
Futterkraut  wächst.  Pferde  und  Maulesel  kommen  aus  Kentucky ­
  und  Tennessee.  Das  Rindvieh  hat  viel  englisches  Blut
und  sieht  recht  gut  aus.  In  Albany  kostet  ein  vierjähriger
Ochse  IO  Dollars,  eine  ebenso  alte  Kuh  ebensoviel.  Lin
Joch  starker  Zugochsen  wird  aber  mit  50  Dollars  bezahlt.
Der  Export  von  Vieh  ist  noch  sehr'  unbedeutend,  doch  legen
jetzt  sich  einige  Amerikaner  in  Georgia  auf  die  Cultur  rationeller ­
  Viehzucht  zu  Exportzwecken,  die  sich,  meiner  Meinung
nach,  sehr  gut  rentiren  wird.  Stallungen  werden  in  diesem
Klima  gar  nicht  erfordert,  der  Boden  ist  billig  und  Mais  und
Paumwollsamen  zur  Mast  sind  es  auch.  Nur  die  Löhne  sind
hoch,  wenn  schon  niedriger  als  im  Norden.  Eisenbahnarbeiter
erhalten  i  Dollar  täglich,  dazu  wöchentlich  3  Ibs.  Heisch,
Mehl  und  Syrup.  Ein  schwarzer  Farmarbeiter  erhält  50  Cents
und  Kost  im  Tagelohn  oder  150  Dollars,  Wohnung  und  Kost
im  Jahreslohn.  Land  ist  in  Fülle  für  i  bis  10  Dollars  per
Acre  zu  haben,  die  Bevölkerung  im  Allgemeinen  noch  sehr
dünn.
Die  Wald  ver  Wüstung  ist  auch  in  diesen  Staaten  eine  beklagenswerthe.
  Beim  Klären  des  Waldbodens  werden  die
Stämme  zuweilen  i  Fuss  über  dem  Boden  gefällt  und  dann
Verbrannt.  Zuweilen  steckt  man  einfach  den  Wald  an.  Die
stehenden  Bäume  verlieren  in  dem  Feuer  Rinde,  Laub  und
die  meisten  A  este  und  bleiben  dürr.  Man  pflügt  nun  den
Acker  zwischen  ihnen  für  Hafer,  Mais  und  Kartoffeln  nur  sehr
fluch  und  die  trockenen  Stämme  werden  successive  zu  Brennholz ­
  geschlagen.  Diese  allgemeine  Waldverwüstung  In  Amerika
Sollte  man  in  Europa  benützen.  Unter  allen  Artikeln  des
^Weltmarktes  ist  Bauholz  der  einzige,  welcher  seit  den  letzten
Ucht  Jahren  eine  Preissteigerung  erfahren  hat,  alle  anderen
        <pb n="216" />
        202

sind  im  Preise  gefallen  und  setzt  sich  diese  Bewegung  nqch
fort.  In  einem  Dutzend  Jahren  werden  Michigan,  Minnesota
und  Wisconsin,  die  jetzt  jährlich  y'/^  Milliarden  Fuss  Bauholz
schlagen,  erschöpft  sein.  In  Canada  geht  ein  ähnlicher  Process
vor  sich.  Wenn  der  Holzexport  Amerikas  auf  hört,  was  bereits ­
  abzusehen  ist  und  weit  schneller  erfolgen  wird  als  das
Aufhören  des  Weizenexportes,  so  müssen  die  Wälder  Europas
eine  sehr  schöne  Rente  abwerfen.  Es  giebt  in  Europa  sehr
vielen  Höhenboden,  der  nur  das  vierte  oder  fünfte  Korn  in
Hafer  und  Roggen  trägt,  dabei  nur  mühsam  zu  bestellen  ist.
Man  sollte  den  lieber  wieder  in  Wald  legen.  Abgesehen  davon, ­
  dass  sich  Ackerbau  darauf  schon  jetzt  nicht  mehr  auszahlt, ­
  stellt  der  sich  anztilegende  Wald  nicht  nur  eine  gute
Rente  in  Aussicht,  sondern  das  Land  gewinnt  auch  ganz  allgemein ­
  dadurch,  indem  der  feuchte  Niederschlag  regelmässiger
und  reichlicher  wird,  je  mehr  die  Höhen  mit  Wald  bekrönt ­
  sind.
Der  südliche  Theil  der  Staaten,  die  wir  durchreisten,  ist
sehr  niedrig  und  viele  hundert  Quadratmeilen  weit  swampartig,
  ohne  dass  diese  Swamps  Sümpfe  in  unserem  Sinne
wären.  Wenige  Canäle  würden  an  den  meisten  Stellen  genügen, ­
  hier  für  Zuckerrohr  und  Baumwolle  geeignetes  Terrain
zu  schaffen.  Noch  besser  dürfte  sich  der  planmässige  Anbau
von  Gräsern  zum  Zwecke  der  Heugewinnung  rentiren.  Bei
der  reichlichen  Küsten-  und  Husscommunication  ist  comprimirtes
  Heu  billig  nach  allen  Theilen  der  Union  zu  transportiren
und  dürfte  z.  B.  von  den  grossen  Swamps  zwischen  Mobile
und  New-Orleans  sogar  vortheilhaft  nach  Europa  exportirt
werden  können.  Der  Boden  ist  natürlich  fruchtbar,  der  Regen
ist  reichlich  und  die  Flüsse  treten  fast  regelmässig  aus,  die  zu
schaffenden  Wiesen  bewässernd  und  mit  Schlamm  düngend.
Dabei  hat  man  aber  einen  stets  trocknen  Sommer,  welcher
die  Heugewinnung  leicht  macht.  Mähemaschinen  können  auf
den  vollkommen  ebenen  Flächen  natürlich  mit  Vortheil  überall
zur  Anwendung  kommen.
Was  diese  Länder  brauchen,  ist  Capital  und  Arbeit.
Ersteres  erhalten  sie,  allein  es  legt  sich  vornehmlich  in  Fabriken
        <pb n="217" />
        203

an.  Ueberall  entstehen  Baumwollspinnereien  und  -Webereien,
auch  Oelmühlen  und  Holzfabriken  aller  Art.  Die  frei  gewordenen ­
  Neger  haben  nicht  Geschäftssinn  und  Fleiss  genug,
einen  unabhängigen  Farmerstand  aus  sich  heraus  zu  entwickeln
und  fwr  Nordeuropäer  ist  das  Klima  ungeeignet.  Italiener,
Spanier  und  Südfranzosen  werden  wahrscheinlich  sehr  bald
hieher  wandern,  wo  sie  ohne  Zweifel  schneller  zu  Wohlstand
gelangen  können  als  daheim  und  das  ihnen  zusagende  Klima
finden.
        <pb n="218" />
        XVI.  Capitel.
New-Orleans.
Nevv-Orleans,  wo  ich  im  Mai  i88i  anlangte,  ist  eine  Stadt
von  ungeheurer  Ausdehnung,  mit  sehr  breiten,  von  bäumen
beschatteten  Strassen.  Nach  der  Peripherie  löst  sie  sich  in
Landhäuser  gefälliger  Bauart,  in  lieblichen  Gärten  gelegen,
auf.  Der  Hafen  —  die  Stadt  liegt  an  beiden  Seiten  des
Mississippi,  der  hier  doch  wohl  zwei  Mal  so  breit  sein  mag
wie  die  Donau  bei  Budapest  —  ist  ausserordentlich  gross,  so
dass  er  fast  leer  aussieht,  obschon  einige  hundert  Seeschiffe
in  ihm  liegen.  Er  ist  factisch  ohne  Grenze,  da  der  ganze  untere ­
  Flusslauf,  bis  zur  too  Meilen  von  der  Stadt  entfernten
Mündung,  nur  die  Fortsetzung  des  Hafens  bildet.  Grosse
Schiffe  sieht  man  an  vielen  Stellen  unterhalb  New-Orleans  im
Mississippi  bis  zu  dessen  Mündung  ankern.  Die  Quarantaine
liegt  etwa  70  Meilen  unterhalb  New-Orleans  und  hat  Platz  für
Hunderte  von  Schiffen.  An  der  Mündung  des  Mississippi  hat,
wie  schon  gesagt,  Capitän  Fads  jene  Jetties  construirt,  denen
es  zu  danken  ist,  dass  der  herrliche  Hafen  von  New-Orleans
jetzt  für  Schiffe  mit  30  Fuss  Tiefgang  in  jeder  Jahreszeit  zugänglich ­
  ist,  während  er  bis  1877  oft  durch  eine  Sandbank
fast  gesperrt,  in  der  Regel  aber  nur  für  Schiffe  von  14  bis
16  Fuss  Tiefgang  zu  erreichen  war.
New-Orleans  ist  immer,  was  Export  anbelangt,  nach  New-York
  der  bedeutendste  Hafen  gewesen.  Import  hatten  Philadelphia ­
  und  einige  andere  Städte  mehr.  Baumwolle  und  Zucker
waren  früher  die  fast  einzigen  Exportartikel.  Neuerlich  sind
Baumwollsamenöl,  Baumwollsamenkuchen,  Provisionen  (Speck
und  Schinken),  Weizen,  Mais  und  Mehl  dazu  gekommen  und
        <pb n="219" />
        205

dürften  Vieh  und  frisches  Fleich  aus  Texas  sehr  bald  ebenfalls ­
  über  New-Orleans  nach  Europa  gelangen.  Der  Handel
nimmt,  seit  1879  die  Jetties  und  1880  die  erste  Eisenbahn  nach
Südtexas  (Houston)  fertig  wurden,  einen  rapiden  Aufschwung
und  wird  sich  noch  erheblich  vermehren,  zumal  eine  zweite
Hahn  nach  Nordtexas  im  nächsten  Jahre  vollendet  wurde,
dieses  Land  aber  jetzt  sehr  schnell  von  neuen  Ansiedlern,  deren
viele  aus  Deutschland  und  Böhmen  stammen,  in  Anbau  genommen ­
  wird.  New-Orleans  ist  der  einzige  Unionshafen  am
Golf,  welcher  für  tiefgehende  Seeschiffe  zugänglich  ist,  doch
arbeitet  man  daran,  auch  Galveston  zu  einem  solchen  zu
machen.
Die  Bevölkerung  von  New-Orleans  ist  sehr  gemischt;  fast
die  Hälfte  ist  schwarz  oder  farbig.  Die  ältesten  weissen  Einwohner ­
  sind  Creolen,  französischer  und  spanischer  Abkunft.
Sie  wohnen  in  einem  besonderen,  dem  ärmeren  Stadttheile.
Sie  erholen  sich  langsam  von  dem  harten  Schlage,  den  ihr
früherer  Reichthum  durch  den  unglücklichen  Krieg  erhalten.
Viele  Deutsche  sind  neuerlich  eingewandert  und  betreiben
Geschäfte  aller  Art.  Yankees  und  Engländer  wandern  jetzt
fortwährend  zu,  bringen  viel  Capital  mit  und  beherrschen
Schon  den  grossen  Handel  der  Stadt,  haben  aber  dem  gesellschaftlichen ­
  Leben  derselben  noch  nicht  seine  angenehme
Griginalität  nehmen  können.  Noch  ist  New-Orleans  eine  heitere
  französisch-deutsche  Stadt.  Der  letztere  Zusatz  zeigt  sich
besonders  in  den  Biergärten,  den  Liedertafeln  und  musikalischen
Genüssen  im  Freien,  Dinge,  die  in  Philadelphia  unerhört  sein
würden.
Es  ist  eine  heitere  und  sehr  angenehme  Stadt,  welche
^em  Fremden  durch  die  grosse  Gastfreundschaft  der  Einwohner
•^och  theurer  wird.
Der  k.  und  k.  Consul,  Frhr.  v.  Meysenbug,  betrachtete
^is  während  der  ganzen  Zeit  unseres  Aufenthaltes  in  New-Grleans
  als  seine  Gäste.
Wir  studirten  emsig  die  Handelsverhältnisse  von  New-Grleans,
  wie  sie  sich  seit  Vertiefung  der  Flussmündung  günstig
        <pb n="220" />
        2o6

entwickeln,  was  ja  für  Europa  von  höchst  einschneidender
Bedeutung  werden  muss.
Herr  Edelheim  von  der  Getreide-  und  Bankfirma  Hellmann ­
  und  Seligmann,  die  mit  Jay  Gould  in  Geschäftsverbindung ­
  steht,  an  der  einen  Barken-Compagnie  betheiligt  ist,  der
Flussbarken  für  den  Getreidetransport  von  St,  Louis  nach  New-Orleans
  gehören,  und  die  endlich  direct  nach  Europa  Weizen
und  Mais  auf  eigene  Rechnung  versendet,  führte  uns  zu  einer
dieser  Barken,  welche  soeben  mittelst  der  Hüte  eines  der
grossen  schwimmenden  Dampfelevatoren  Getreide  in  ein  Seeschiff ­
  überlud,  und  erklärte  uns  den  sehr  einfachen  und  billigen
Process.  Er  hatte  auch  die  Freundlichkeit,  uns  fast  alle  jene
Zahlen  über  die  Kosten  des  Getreidehandels  von  St.  Louis
über  New-Orleans  nach  Europa  aus  seinen  eigenen  Geschäftsbüchern ­
  mitzutheilen,  welche  ich  besonders  verarbeitet  habe.
Am  14.  und  15.  Mai  machten  wir  in  Gesellschaft  des
Herrn  v.  Meysenbug  und  der  Kaufleute  Mr.  Moritz  und  Mr.
Kennedey  einen  Ausflug  nach  Port  Eads  an  der  Mündung  des
Mississippi,  100  Meilen  südlich  von  New  -  Orleans  gelegen,
auf  einem  schnellen  und  bequem  eingerichteten  Dampfer,  den
uns  Herr  Kennedey  zur  Verfügung  gestellt  hatte,  und  auf  dem
wir  seine  Gäste  waren.
In  den  Clubs  und  auf  der  Baumwollbörse  wurden  wir  auf
das  Zuvorkommendste  aufgenommen  und  über  den  Handel
der  Stadt  nach  allen  Richtungen  unterrichtet.  Insbesondere
verpflichtete  uns  Herr  Lincoln,  der  gewissenhafte  und  fleissige
volkswirthschaftliche  Rédacteur  des  „New-Orleans  Demokrat“,
durch  Unterstützung  bei  unseren  in  diesem  heissen  Klima  wirklich ­
  äusserst  anstrengenden  Arbeiten.
Mr.  Algier,  Präsident  einer  Oelmühlengesellschaft,  führte
uns  persönlich  in  einer  der  grossen  Oelmühlen  dieser  Stadt
herum,  in  welcher  aus  Baumwollsamen  Oel,  Oelkuchen  und
Oelkuchenmehl  fabricirt  werden.  Dieses  ist  eine  bedeutende
Industrie,  die  sich  noch  fortwährend  vergrössert.  Das  Oel
wird  in  steigenden  Quantitäten  nach  Italien,  Spanien  und
Frankreich  exportirt,  wo  es  als  Olivenöl  in  den  Handel  kommt.
        <pb n="221" />
        207

Das  Oelkuchenmehl  bleibt  meist  im  Lande  und  wird  als
Dünger  benützt.  Oelkuchen  gehen  nach  England  als  Mastfutter.
Der  Pflanzer  erhält  im  Lande  5  bis  8  Dollars  per  Tonne
von  2000  Ibs.  Samen.  Die  Säcke  verursachen  ca.  2  Dollars  Unkosten, ­
  Schmutz  und  Schrinkage  je  1  Dollar,  die  Agenten
I  Dollar,  so  dass  die  Tonne  von  2000  Ibs.  netto  und  frei  in
New-Orleans  sich  auf  etwa  15  Dollars  stellt.  Eine  solche
Tonne  giebt,  je  nach  Beschaffenheit  des  Samens,  33  bis  37
.Gallons  à  7  '  •&amp;gt;  Ibs.  Oel,  das  beim  Raffiniren  17  bis  30  Percent
verliert,  und  700  bis  750  Ibs.  Baumwollsamenkuchen  oder
Cakes.  Diese  werden  mit  18  bis  23  Dollars  per  Tonne  von
2240  Ibs.  loco  verkauft.  Auf  einen  Ballen  Baumwolle  von
450  Ibs.  rechnet  man  im  Durchschnitte  eine  halbe  Tonne
Samen.  Eine  vergleichende  Analyse  verschiedener  ähnlicher
Butter-  und  Dungstoffe,  wie  sie  in  England  neulich  angefertigt
Wurde,  ergab:

f*roportion  der  fleisch-  und
theile  in  De
Fleisch
Leinsamen-Kuchen  28
Rapskuchen  31
Lothülste  Baumwollsamen-Kuchen  .  44
Englische  unenthülste  Baumwollsamen-Kuchen ­
  24
Heizen  12
Gerste  12
•loggen  II
Hafer.  ,2
huchweizen  g
^ais  12
höhnen  22
h^'bsen  .  ,  ,  22

Leinsamen  23
Reismehl  6%
^''ßlisches  Palmnussmehl  ....  46
"^alz
hfauereirückstände  6Vî
Kartoffeln  3
Mangolds  und  Kohlrabi  ....  2

fettbildenden  Bestandimalen.

Fett  Total  Dungwerth  in  Schillingen ­
  per  Tonne

56  73  75V3
53  78  88%
57  82  106%
46  Vî  61  58
67  82  27
67  82  25
72  80  30
63  79  23
60  69  20
68  80  25
46  74  62
60  79  62  Vi
112  82  57%
77  83  25
94  80  34
76  81  26
18  25  12
17  22  7
8  12  5
        <pb n="222" />
        Fleisch  Fett  Total  Dungwerth  in  Schillingen ­

  per  Tonne
Carrotten  i  7  4
Sweedes  i  7  9  a'U
Turnips  i  5  7  4

Vielleicht  ist  der  Baumwollsamenkuchen  als  Mastfutter  mit
Vortheil  auf  dem  Continent  von  Europa  zu  verwerthen.
Gegenwärtig  ist  die  Erzeugung  von  Baumwollsamenöl
einer  der  wichtigsten  Industriezweige  New-Orleans.  Nach  dem
Census  vom  Jahre  i88o  beschäftigte  dieser  Industriezweig  in
genannter  Stadt  1525  Personen,  welche  374.142  Dollars  Lohn
erhielten  und  2.742.000  Dollars  Werth  producirten.  Das  erste
Baumwollsamenöl  wurde  bereits  1834  in  Natchez  herzustellen
gesucht,  der  Versuch  misslang.  Neuerliche  Versuche  zu  New-Orleans
  hatten  1852  ebenfalls  keinen  Erfolg.  Erst  im  Jahre  1855
gelang  nach  mancherlei  Schwierigkeiten  dem  Consortium  Martin,
Fisk,  Alidge  und  Maginis  die  Darstellung  von  Baumwollsamenöl. ­
  Von  dieser  Zeit  an  wuchs  die  jährliche  Erzeugung,
ausgenommen  zur  Zeit  des  Krieges,  wo  die  Oelmühlen  naturgemäss
  geschlossen  wurden.  1867  nach  dem  Kriege  zählte
man  im  Ganzen  7  Oelmühlen,  1870  bereits  27,  1880  schon  47
(davon  allein  6  in  New-Orleans).
Im  Süden  der  Vereinigten  Staaten  arbeiten  heutzutage
57  Baumwollsamen-Oelmühlen,  und  zwar  davon  in  Mississippi
9,  Louisiana  9,  Tennessee  10,  Texas  9,  Arkansas  8,  Missouri  2,
Alabama  6  und  Georgien  2.  Zusammen  enthielten  1880  selbe
2681  Pressen,  von  welchen  jede  durchschnittlich  im  Tage  -,3
Tonnen  Samen  verarbeiten  kann.  In  den  letzten  Monaten
des  Jahres  1882  wurden  mehrere  neue  Oelmühlen  erbaut,  oder
waren  bereits  im  Baue  begriffen,  so  dass  sich  die  angegebene
Zahl  wieder  vermehrt  hat.
Die  Baumwollsamen  -  Production  wechselt  alljährlich  und
ist  vom  Wetter  zur  Zeit  der  Samenreife  abhängig.  War  die
Witterung  während  des  Ausreifens  der  Samen  günstig,  so  enthalten ­
  die  Samenkerne  reichlich  Oel,  und  mit  Leichtigkeit  sind
35  und  mehr  Gallonen  Oel  (à  3875  Liter)  per  Tonne  Samen
zu  erzielen.  Bei  ungünstiger  Witterung  fällt  die  Ausbeute  auf
        <pb n="223" />
        209

31  Gallonen,  denn  die  Samen  bleiben  trocken.  Der  Same
selbst  leidet  gleichmässig  durch  allzugrosse  Hitze  oder  hohe
Kälte.  Gut  aufgehoben  und  bei  entsprechender  Ventilation
hält  er  sich  durch  12  Monate  süss,  obgleich  derselbe  manchnial
  aus  bisher  unerforschten  Gründen  trotz  aller  angewandten
Sorgfalt  leicht  verdirbt.  Nothwendig  ist  gute  Lüftung  des
Samens,  damit  er  nicht  dumpfig  werde;  ausserdem  darf  er
nicht  in  allzugrosser  Menge  aufgeschichtet  werden,  da  er  sich
dann  erhitzt  und  selbst  entzündet.
Die  Gesammtmenge  des  Baumwollsamens,  der  alljährlich
so  verarbeitet  wird,  beträgt  in  den  Vereinigten  Staaten  Nord,
amerikas  etwa  410.000  Tonnen  oder  10  Percent  der  jährlichen
Krnte.  Von  dieser  Menge  entfielen  1879—80  auf  die  6  Oelntühlen
  in  New-Orleans  107.000  Tonnen  mehr  als  '  4  der  verarbeiteten ­
  Menge,  wofür  über  100.000  Dollars  ausgegeben
"  urden.  Das  jährliche  Erforderniss  der  New-Orleanser  Oelfabriken
  schwankt  zwischen  75  120.000  Tonnen.  Die  Nachfrage ­
  war  hier  stets  grösser  als  das  Angebot  der  Oelsamen,
"'as  die  Fabriken  zwingt,  mehrere  Monate  im  Jahre  zu  feiern.
^  or  einigen  Jahren  machten  die  rivalisirenden  Fabriken  die
ernsthaftesten  Anstrengungen,  das  ganze  Jahr  hindurch  zu
arbeiten.  Die  natürliche  Folge  war  eine  namhafte  Preissteigerung ­
  des  Rohproducts.  Der  Kampf  begann  im  November
'877  und  dauerte  bis  Januar  1878.  Der  Haumwollsamen-Preis
  erreichte  die  enorme  Höhe  von  17  Dollars  per  Tonne,
'Vas  den  Fabriken  ein  schweres  Geld  kostete.  Die  P'abriken
Sahen  die  Nothwendigkeit  ein,  durch  gemeinsames  Vorgehen
diesen  schädigenden  Feindseligkeiten  vorzubeugen  und  so
Entstand  die  Haumwollsamen  -  Association,  welche,  nun  wohl
^rganisirt,  6  Oelfabriken  New  -  Orleans  umfasst.  Die  Assoziation ­
  kauft  den  Samen  direct  von  den  Pflanzern  oder  Nieder-^agen
  auf  und  vertheilt  selben  dann  nach  Verhältniss  unter
6  betheiligten  Oelmühlen,  ähnlich  wie  die  Müller  von
Minneapolis  den  Weizen.  Durch  diese  Vereinigung  wird  der
^zeis  bestimmt  und  regulirt.  Um  jedweden  Streit  auszu-^zhliessen,
  theilt  die  New-Orleans-  und  Memphis-Association
'inter  sich  das  Territorium;  beide  verpflichteten  sich  gegenseitig,
14
        <pb n="224" />
        210

die  aufgestellten  Grenzen  zu  achten.  Keine  Schranken  sind
für  die  Zufuhr  festgesetzt,  denn  die  Oelfabriken  vermögen
jedes  angebotene  Quantum  zu  verarbeiten.
Der  Baumwollsamen  wird  in  der  Fabrik  vorerst  von  allen
Beimengungen  an  Staub  und  Schmutz  gereinigt,  indem  derselbe
durch  heftigen  Luftzug  gegen  einen  Windschirm  geblasen  wird,
so  dass  alle  beigemischten  schweren  Körper  herabfallen  müssen.
Die  Samenkörner  werden  dann  in  die  Putzmaschinen  überführt,
die  gleich  den  übrigen  Baumwollsamen  -  Putzmaschinen  construirt
  sind,  nur  dass  die  Zähne  näher  aneinander  gestellt  werden, ­
  um  die  den  Samenkernen  anhaftende  Baumwolle  von
ersteren  zu  trennen.  Die  gereinigten  Kerne  gelangen  in  einen
Drehcylinder,  welcher  24  walzenförmig  gestellte  Messer,  nebst
vier  gegenüber  angebrachten  Schneidemessern  enthält,  welche
selben  auf  die  kleinsten  Theilchen  zerkleinern.  Die  Hülsen
werden  hier  von  den  Kernen  getrennt.  Die  Schalen  bilden
ein  ganz  gutes  Rindviehfutter  und  werden  per  Tonne  zu
7  Dollars  verkauft.  Die  Kerne  werden  dann  zwischen  Walzen,
ähnlich  wie  in  den  Rohrzuckerfabriken,  gepresst  und  das  Oel
rinnt  frei  herab.  Selbes  wird  nun  in  wollene  Press  -  Säcke
zwischen  Rosshaareinlagen,  die  mit  geriffeltem  Leder  überzogen ­
  sind,  damit  das  Oel  leichter  austreten  kann,  gethan,  und
unter  die  hydraulischen  Pressen  gebracht.  Die  Säcke  bleiben
dem  enormen  Drucke  17  Minuten  ausgesetzt,  während  welcher
Zeit  das  Oel  vollständig  ausgepresst  wird  und  sich  in  einer
Rinne  ansammelt.  Nur  die  trockenen  Kerne  bleiben  zurück,
die  als  Baumwollsamenkuchen  in  den  Handel  gelangen.  Das
Oel  wird  nun  in  den  Oelraum  gepumpt,  und  wenn  es  als  sogenanntes ­
  Rohöl  versendet  werden  soll,  in  diesem  Zustande
in  die  Versandtgeiasse  gefüllt.
Soll  es  jedoch  raffmirt  werden,  so  behandelt  man  es  mit
kaustischer  Soda,  im  Verhältnisse  von  beiläufig  7:15  pCt.
Das  Oel  wird  während  dieser  Zeit  beständig  mittelst  Schaufeln
umgerührt,  oder  mittelst  einer  Luftpumpe  bewegt,  welche
durch  eine  innerhalb  des  Sammelgefasses  durchgehende  lange
Eisenröhre  Luft  durchtreibt.  Alle  Beimischungen  fallen  hier  zu
        <pb n="225" />
        21  I

Roden,  und  das  gereinigte  Oel,  etwa  82  pCt  des  Rohproductes,
  wird  dann  abgelassen.
Der  Bodensatz  ist  von  dunkler  Beschaflfenheit  und  bekannt
unter  dem  Namen  Seifenlager.  Derselbe  wird  nochmals  erwärmt, ­
  um  das  noch  darin  enthaltene  Oel  zu  trennen,  und
dann  zu  3‘/4  Doll,  per  Metercentner  an  die  Seifenfabriken  verkauft, ­
  oder  von  den  Oelfabriken  selbst  zu  diesem  Zwecke  auf
Seife  verarbeitet,  womit  sich  die  Mehrzahl  der  New-Orleanser
Oelfabriken  beschäftigt.  Das  Oel  ist  nunmehr  raffinirtes  Oel
und  wird  zu  grossen  Sammelreservoirs  gebracht,  wo  es  lagert,
bis  es  zum  Füllen  der  Versendungs-Gefasse  benützt  wird.
Im  Durchschnitt  ergiebt  eine  Tonne  Baumwollsamen
35  Gallons  rohes  Oel  im  Werthe  von  30  Cents  10.50  Doll,
(das  Erträgniss  schwankt  zwischen  31  bis  39
Gallons)
22  Pfund  Baumwolle  à  8  Cents  1.76  „
750  Baumwollsamenkuchen  à  20  Doll.  p.  Tonne.  7.20  „
Summa  .  .  .  19.46  Doll,
ulso  beinahe  39  Gulden  Gold  im  Durchschnitte  von  einer
Tonne  Baumwollsamenkerne.
Die  Oelmühlen  verarbeiten  im  Durchschnitte,  wie  bereits
gesagt,  410.000  Tonnen  Samen  jährlich;  dies  ergiebt  für  den
eigentlichen  Süden  7.772.140  Doll.,  etwa  3  pCt.  der  gesammten
  Baumwollernte.  Von  obiger  Summe  entfällt  auf  New-Orleans
  mehr  als  ein  Drittheil  des  gesammten  Erzeugnisses
(2.742.000  Doll).
Die  Neben-Erzeugungsproducte  der  Baumwollsamen-Oelfubriken
  lassen  sich  in  folgende  Hauptgruppen  theilen:
I.  Baumwollsamenkuchen.  Dieselben  enthalten  die
besten  Reste,  nachdem  die  Baumwollsamen  die  Oelpressen  pashaben.
  Die  übrig  bleibenden,  sogenannten  Kuchen  wer-^Gn
  in  Säcke  gepackt,  von  denen  jeder  200  Pfd.  =  91  Kilogramm ­
  enthält.  Dieselben  besitzen  eine  reiche  Goldfarbe,  sind
ganz  trocken  und  haben  einen  süssen,  nussartig-öligen  Geschmack. ­
  Selbe  werden  vornehmlich  zur  Ernährung  des  Vieh-^tapels
  oder  zu  Dungzwecken  verwendet.  Gewöhnlich  zer-*^ahlt
  man  selbe  zu  Mehl  von  ähnlicher  Beschaffenheit,  wie
14*.
        <pb n="226" />
        212

Kornmehl,  das  unter  dem  Namen  Baumwollsamenmehl  bekannt
ist.  Vielfach  werden  selbe  nach  Grossbritannien  exportirt,  wo
sie  in  ausgedehntem  Maasse  bei  der  Viehmästung  Verwendung
finden.  Zu  diesem  Zwecke  sind  sie  das  beste  Futter  der  Welt,
indem  sie  einen  verhältnissmässig  grösseren  Theil  animalischer
Nährstoffe  per  Pfund  enthalten,  als  jedes  andere  Nährmittel;
desgleichen  wirken  sie  günstig  auf  die  Milchproduction.
2.  Das  Oel.  Dieses  ist  zweierlei  Art,  roh  oder  raffinirt.
Das  Baumwollsamenöl  wird  in  der  Seifenfabrication,  von
Malern  und.  zur  Darstellung  von  Schmieren  benützt;  die
Hauptverwendung  besteht  jedoch  im  Ersatz-  oder  Fälschungsmittel ­
  für  Olivenöl,  dessen  Stelle  es  überaus  rasch  eingenommen. ­
  Es  ist  beinahe  unmöglich,  gutes  Baumwollsamenöl
von  dem  besten  Olivenöl  dem  Geschmack,  Gerüche  oder  anderen ­
  Processe  nach  zu  unterscheiden.  Dies  mussten  die
Olivenöl-Erzeuger  Italiens  widerwillig  anerkennen.
Die  übliche  Fälschungsart  des  Olivenöls  besteht  in  einer
Mischung  von  25  Percent  desselben  mit  75  Percent  Baumwollsamenöls.
  Oft  genug  enthält  letzteres  blos  eine  geringe  Beimengung ­
  eines  anderen  Oels,  um  demselben  einen  specifischen
Geschmack  zu  verleihen.  Wie  viel  übrigens  alljährlich  von
Baumwollsamenöl  als  Olivenöl  verkauft  wird,  und  als  solches
mit  Befriedigung  von  Feinschmeckern  verzehrt  wird,  lässt  sich
aus  den  Gegenden  nachweisen,  wohin  selbes  aus  New-Orleans
verschifft  wird.  Etwa  88  Percent  der  Gesammtproduction,
6  Millionen  Gallonen  (à  3.875  Liter)  wurden  in  letzter  Saison
gemäss  erfolgter  Aufträge  aus  Europa  nach  dem  Mittelmeer
und  Frankreich  exportirt  und  sicherlich  hievon  die  grössere
Hälfte  nach  Italien.  Dies  übersteigt  die  Gesammtproduction
Frankreichs  und  bildet  etwa  y,  jener  von  Italien.  Da  jedoch
die  Unionstaaten  blos  '/m  dieser  Menge  als  sogenanntes
Olivenöl  wieder  einführen,  so  ist  es  klar,  dass  nicht  blos  das
Volk,  sondern  auch  erfahrene  Feinschmecker  Europas  ihren
Salat  mit  den  Producten  der  Baumwollsamenkerne  zubereiten.
Einiges  Oel  geht  übrigens  nach  dem  Westen,  wo  es  als  reines
Olivenöl  Verwendung  findet,  ohne  erst  den  weiten  Weg  und
weitläufigen  Transport  über  den  Ocean  nach  Europa  unter-
        <pb n="227" />
        .  ^'3
nehmen  zu  müssen.  -A  der  Jahresproduction  der  Unionstaaten
(15  Millionen  Gallons)  wird  nach  Europa  ausgeführt.  Die
amerikanischen  Producenten  glauben,  dass  in  kurzer  Zeit  die
gegenwärtige  Voreingenommenheit  gegen  das  Baumwollsamenöl
  in  Europa  schwinden  werde,  und  dass  die  Bewohner
Amerikas,  gleich  jenen  Süd-Europas,  endlich  dahin  gebracht
Werden,  die  Speisen  in  Oel  zu  kochen,  wie  dies  die  Hebräer
Schon  lange  thun,  um  der  Verwendung  von  Speck  entgegenzuarbeiten. ­

3.  Zupfwolle  (Lint)  wird  jenes  Product  genannt,  das
aus  den  an  den  Samenkernen  anhaftenden  Baumwollfasern
gewonnen  wird.  Die  Baumwollenthülsungs  -  Maschinen  haben
auf  dem  flachen  Lande  für  gewöhnlich  nicht  so  enggestellte
Zähne,  so  dass  nicht  alle  anhaftende  Baumwolle  entfernt  wird.
Die  Oelfabriken  vermögen  durch  Näherstellen  der  sägeartigen
Zähne  alle  noch  vorhandene  Baumwolle  an  den  Samenkörnern
zu  entfernen.  Dieselbe  beträgt  etwa  22  Pfund  von  jeder  Tonne
Samen,  d.  h.  das  erste  Putzen  entfernt  95  Percent  der  Baumwolle, ­
  das  zweite  Putzen  nimmt  in  diesen  letzteren  Putzmühlen
^ie  übrigen  5  Percent  ab.  Die  Zupfwolle  ist  von  kurzem
Stapel,  d.  h.  kurzen  Fasern,  aber  ausserordentlich  rein  und
Weiss;  die  besseren  Sorten  erreichen  8  Cents  per  Pfund  am
Markt.  Die  Krauswolle,  die  von  den  Samenkapseln  gewonnen
wird,  ist  9  Cents  per  Pfund  werth.  Diese  Wolle  findet  hauptsächlich ­
  in  der  Papierfabrikation  Verwerthung.  Das  Gesammt-Grgebniss
  der  in  den  Oelfabriken  gewonnenen  Baumwolle  wird
‘nt  letzten  Jahre  auf  5000  Ball,  geschätzt.
4.  Die  Hülsen  oder  Schalen  der  Baumwollsamenkerne
betragen  beinahe  die  Hälfte  des  Gewichtes;  eine  Tonne  Samen
"iegt  etwa  1000  Pfund  Hülsen  und  1000  Pfund  Samenkerne.
Selbe  finden  als  Feuerungsmittel  zur  Erzeugung  der  Betriebskraft ­
  der  Oelfabriken  gute  Verwendung;  einiges  Oel  bleibt
ihnen  doch  zurück,  sie  brennen  demnach  gut;  desshalb
befern  selbe  das  gesammte  Brennmaterial,  so  dass  die  Fabriken
•^icht  nöthig  haben,  auch  nur  einen  Bushel  Kohlen  zu  kaufen.
Die  Asche  liefert  ein  billiges  und  zugleich  werth  volles  Dünge-^ittel,
  weil  dieselbe  alle  mineralischen  Pflanzenbestandtheile
        <pb n="228" />
        214

enthält.  Ausgelaugt  gewährt  sie  eine  vortreffliche  Lauge  für
Seifenfabriken.  Der  als  Autorität  in  Beziehung  auf  Baumwolle ­
  und  Baumwollsamen  bekannte  Atkinson  in  Boston
meinte,  dass  die  Hülsen  der  Baumwollsamen  ein  ganz  brauchbares ­
  Material  zur  Papiererzeugung  bieten  würden,  bisher
liegt  jedoch  in  dieser  Richtung  noch  keine  praktische  Erfahrung ­
  vor.
5.  Seifenlager  sind  die  Rückstände  nach  dem  Raffiniren
des  Oels;  dies  wird  zur  Seife  verarbeitet,  manchmal  auch  zur
Darstellung  von  Farben  verwendet.
Aus  diesen  Angaben  ist  ersichtlich,  welch’  grossen  Gewinn ­
  in  günstigen  Jahren  die  Baumwollsamen-Verarbeitung
abzuwerfen  vermag.  Manche  P'abriken  zahlen  bis  zu  40  Percent ­
  Dividende.
Transportkosten.  Baumwollsamen  ist  ein  sehr  schwerer,
  gewichtiger  Artikel;  die  Fracht  ist  ausnehmend  theuer
und  deshalb  wird  er  zumeist  per  Wasser  verfrachtet.  Die
Folge  ist,  dass  die  meisten  Fabriken  an  Flüssen  gelegen  sind.
Letztes  Jahr  zahlten  die  Oelmühlen  New-Orleans  für  Fracht
allein  360.000  Dollars  aus.
Die  Baumwollsamen-Oel-Industrie  ist  nicht  blos  für  New-Orleans
  einer  der  vielversprechenden  Geschäftszweige.  Wenn
schliesslich  einmal  der  volle  W^erth  derselben  gewürdigt  werden ­
  wird,  ist  die  Zukunft  derselben  geborgen.  Für  selbe  ist
keine  Grenze  gesetzt  und  sie  wird  ebensolchen  Aufschwung
nehmen,  wie  die  Baumwoll-Industrie  überhaupt,  als  die  Baumwoll-Spinnmaschine
  erfunden  wurde.  Die  letzte  Ernte  ergab
ca.  2.800.000  Tonnen  Samen,  die,  verarbeitet,  ca.  98  Mill.
Gallonen  Oel,  6i*/2  Mill.  lbs.  Baumwolle  und  2100  Mill.  lbs.
Kuchen  ergeben  haben  würden.  Fs.  kam  aber  natürlich  sehr
viel  weniger  zur  Verarbeitung.
Der  Consul  der  Vereinigten  Staaten  in  Marseille,  J.  B.
Gould,  berichtet,  dass  die  Baumwollsamen-Oeleinfuhr  im  Seehafen ­
  von  Marseille  von  Jahr  zu  Jahr  steige;  bis  zum  Jahre
1866  war  dieser  Import  sehr  gering,  und  vornehmlich  blos
von  englischen  Quetschwerken  ausgehend.  Die  Ausdehnung
der  Marseiller  Seifenfabrikation,  insbesondere  die  Herstellung
        <pb n="229" />
        215

weisser,  schäumender  Seifen,  war  die  Hauptursache  der  Verbrauchssteigerung ­
  des  Baumwollsamenöls,  obgleich  selbes  anfangs ­
  von  einzelnen  Fabrikanten  nur  mit  Misstrauen  angenommen ­
  wurde.  Die  Kosten,  die  ursprünglich  geringer  als  jene
des  Erdnussöls  gewesen,  wurden  jedoch  allmälig  die  gleichen,
und  man  fand,  dass  der  übliche  Verlust  .2  bis  3  Percent  grösser
war,  so  dass  die  Erwartungen,  die  sich  an  die  Verarbeitung
des  Baumwollsamenöls  in  der  Seifenfabrikation  knüpften,  sich
nicht  besonders  günstig  gestalteten,  insbesondere  bei  Verarbeitung ­
  zu  Savon  blanc  à  froid.  Baumwollsamenöl  wurde  vielfach ­
  mit  Nuss-,  Palm-  und  Cocosnussöl  vermengt.  Die  früher
erwähnte  Seifenart  wird  jedoch  nicht  ausschliesslich  in  Marseille
allein  hergestellt,  sondern  zum  grossen  Theile  in  dessen  nächster ­
  Umgebung,  vornehmlich  in  Avignon;  selbe  ist  bedeutend
geringer  in  der  Qualität,  aber  die  Kosten  der  Gestehung  geringer, ­
  als  jene  für  reine  Marseiller  Hausseife.  Diese  Aussicht
eröffnete  dem  neuen  Importartikel  eine  Absatzquelle  nach  dem
Westtheile  Frankreichs,  der  Baumwollsamenöl  sich  nun  aus
Amerika  bringen  Hess.  Trotz  alledem  wäre  der  Handel  in
Baumwollsamenöl  belanglos  geblieben,  ungeachtet  der  bemerkenswerthen
  Fortschritte,  welche  dessen  Erzeugung  in  den
Vereinigten  Staaten  aufzuweisen  hatte.  Die  ersten  Schiffsladungen ­
  direct  aus  Amerika  kamen  vor  7  Jahren  nach  Marseille. ­
  Das  Oel  erfreute  sich  keiner  besonderen  Beliebtheit,
theils  wegen  der  im  Oele  selbst  gelegenen  Mängel,  theils  ob
schlechten  Verpackungsart,  die  zu  mancherlei  Klagen  Angab.
  Die  amerikanischen  Producenten  überwanden  jedoch
bald  diese  Schwierigkeiten  durch  fortgesetzte  Anstrengungen,
^as  Erzeugniss  zu  verbessern,  so  zwar,  dass  bereits  heute
^as  amerikanische  Baumwollsamenöl  als  eines  der  wichtigsten
Handelsproducte  im  Verkehr  Marseilles  angesehen  werden  muss.
Die  Thatsache  lässt  sich  nicht  mit  Stillschweigen  über-S^hen,
  dass  die  jetzige  grosse  Vorliebe  für  dies  amerikanische
^^1,  falls  selbes  ordentlich  gereinigt  und  raffinirt  in  den
Handel  kommt,  daher  rührt,  dass  dasselbe  gänzlich  geschmacklos ­
  ist  und  dass  es  anderen  vegetabilischen  Oelen  beigemischt
Werden  kann,  ohne  die  geringste  Veränderung  zu  bewirken.
        <pb n="230" />
        2i6

Der  einzige  Unterschied  besteht  darin,  dass  Baumwollsamenöl
bereits  bei  einer  höheren  Temperatur  stockt,  als  z.  B.  Olivenöl.
Aber  auch  diesen  Nachtheil  hat  man  durch  einen  eigenen
chemischen  Process  in  dem  Masse  vermindert  —  und  grosse
Mengen  so  präparirten  Oels  kommen  in  Handel  —  dass  selbes
die  Klarheit  und  Flüssigkeit  noch  bei  einer  Temperatur  von
5  Grad  unter  dem  Gefrierpunkte  des  lootheiligen  Thermometers ­
  behält.
Die  officiellen  Ausweise  zeigen,  dass  ein  grosser  Theil
des  eingeführten  Baumwollsamenöls  von  Marseille  wieder  im
ursprünglichen  Zustande  und  unter  eigenem  Namen  zur  See
und  zu  Lande  ausgeführt  wird.  Alles  reine  Olivenöl  wird  zuerst ­
  von  Italien  und  dem  Inneren  Süd-Frankreichs  importirt;
es  ist  nun  wahrscheinlich  anzunehmen,  dass  das  Oel,  welches
als  reines  Olivenöl  übernommen  wurde,  in  demselben  unveränderten ­
  Zustande  wieder  ausgeführt  werde.  Uebrigens  schliesst
dies  nicht  aus,  dass  am  Erzeugungsorte  selbst  manchmal  eine
Verfälschung  vorgenommen  werde,  so  dass  dies  Product  alles
Andere  ist,  nur  nicht  reines,  absolut  unverfälschtes  Olivenöl.
Es  muss  übrigens  bemerkt  werden,  dass  eine  grosse  Menge
Baumwollsamenöl  von  einem  Theile  der  Bevölkerung  im
reinen  Zustande  und  mit  vollem  Bewusstsein  verwendet  wird.
ISamentlich  geschieht  dies  in  Gegenden,  wo  die  Olive  nicht
gedeiht;  begreiflicher  Weise  zieht  der  Consument  einen  Artikel
vor,  von  dem  er  weiss,  dass  dies  reines  Baumwollsamenöl  ist,
und  das  er  zu  weit  billigerem  Preise  beziehen  kann,  als  jenes
minderwerthige  Handelsproduct,  das  ihm  um  theueres  Geld
als  Olivenöl  verkauft  wird  und  von  dessen  Echtheit  er  sich
nicht  überzeugen  kann.
Der  Baumwollsamenölhandel  befindet  sich  in  Marseille  im
Stadium  des  Aufschwunges  und  verspricht  rasch  zu  wachsen.
Die  folgende  Zusammenstellung  giebt  ein  Bild  des  raschen
W^achsthums  dieses  Handelszweiges  in  den  zwei  Jahren  1879
und  1880:
Aus  den  Ver.  Staaten  aus  England  Summa
Barr.  Kilogr.  Barr.  Kilogr,  Barr.  Kilogr.
•879  23.205  3.719.335  11.303  2.981.400  34.508  6.700.735
1880  34.622  5.5^4.377  18.840  4.276.692  53.462  9.841.073
Daher  mehr  11.417  1.845.032  7.537  1.295.296  18.954  3.140.338
        <pb n="231" />
        217

Nach  diesem  Bericht  über  eine  der  wichtigsten  neuen  Industrien ­
  des  Südens  der  Union,  welche  wohl  auch  die  Rentabilität ­
  des  Raps-  und  Rübsenbaues  in  Europa  beeinflussen
kann,  setze  ich  meine  Beobachtungen  über  die  Stadt  New-Orleans
  fort.
Wir  fanden  es  ausserordentlich  heiss  in  New-Orleans.
I^ie  Luft  ist  dabei  sehr  feucht  und  man  hat  das  Gefühl,  in
einem  Dampfbade  zu  gehen.  Natürlich  strengt  die  Arbeit  in
Solchem  Klima  ungemein  an,  und  hatte  uns  der  mehr  als  acht-^%tge
  Aufenthalt  Alle  körperlich  etwas  heruntergebracht,  so
«lass  wir  eilten,  unsere  Reise  —  zunächst  nach  Texas  —  fortzusetzen, ­
  obschon  wir  uns  nur  ungern  von  den  liebenswür-^*gen
  Menschen  trennten,  deren  Gastfreundschaft  uns  die  hier
Verlebte  Woche  so  angenehm  machte,  am  schwersten  freilich
von  Herrn  v.  Meysenbug  und  seiner  genialen  und  reizendiebenswürdigen
  Gattin,  die  uns  am  i6.  Abends  eine  musikaische
  Unterhaltung  gaben,  die  jedem  Salon  einer  europäischen
Gsidenz  Ehre  gemacht  haben  würde.  Die  New  -  Orleanser
amen  sind  vielleicht  nicht  schöner  als  die  einiger  anderen
Amerikanischen  Städte,  welche  wir  besuchten,  aber  sie  sind
naiv  liebenswürdig  und  scheinen  von  ihrer  Gefährlichkeit  für
junge  Männer  keine  Ahnung  zu  haben,  was  die  Gefahr  natür-*ch
  nur  erhöht.  Ich  hatte  viel  von  dem  Reiz  der  creolischen
Suten  Gesellschaft  gehört,  allein  wir  gestanden  uns  Alle,  dass
nnsere  Erwartungen  weit  durch  die  Wirklichkeit  übertroffen
'Varen.  Ein  längerer  Winteraufenthalt  in  New-Orleans  muss
^  den  grössten  Annehmlichkeiten  gehören,  die  es  giebt.  Den
Gichthum  mögen  die  Amerikaner  der  Südstaaten  verloren
Aben,  die  feine  Sitte,  ein  Product  alter  Cultur  und  alten  Reich-\
  '^^os,  und  die  Liebenswürdigkeit  und  Schönheit  ihrer  Damen
Sind  ihnen  geblieben.
        <pb n="232" />
        XVII.  Capitel.
Texas.
Ueber  ein  Land,  das  so  gross  ist,  wie  Deutschland,  Dänemark, ­
  Holland,  Belgien  und  die  doppelte  Schweiz,  nämlich
274.356  englische  Quadratmeilen,  dabei  keinerlei  Gebirge  besitzt ­
  und  überall,  entweder  für  Ackerbau  oder  Viehzucht  geeignet ­
  ist,  dabei  jedoch  nur  ein  und  eine  halbe  Million  Einwohner ­
  hat,  könnte  man  Bände  schreiben;  ich  muss  mich  mit
einem  kurzen  Capitel  begnügen,  habe  auch  nur  einen  kleinen
Theil  des  Landes,  entlang  der  Bahn  von  New-Orleans  nach
San  Antonio  und  von  hier  über  Austin  und  Dallas  nach  Norden, ­
  bis  an  das  Indianer  Territorium,  gesehen,  dazu  einige
Ausflüge  von  San  Antonio  gemacht.
Texas  ist  eine,  bis  zu  5000  Kuss  im  Nordwesten  hohe
Ebene,  welche  ziemlich  schnell  nach  Süden  und  Osten  sich
senkt  und  an  der  Küste,  60  bis  80  Meilen  breit,  wenig  über
den  Meeresspiegel  emporragt.  Diese  Lage  gestattet  den  Seewinden, ­
  tief  in  das  Land  einzudringen  und  auf  die  Temperatur
desselben  mässigend  einzuwirken,  so  dass  die  Hitze  nirgends
so  gross  ist,  als  man  es  der  südlichen  Lage  nach  annehmen
sollte.  Im  Winter  hat  man  selten  Frost  und  Schnee  im  Norden ­
  und  in  Centraltexas,  im  Süden  fast  nie.  Das  Klima  in
den  Flussniederungen  am  Golf  ist  ungesund  und  Fieber  herrschen. ­
  Von  der  Breite  San  Antonios  ab  nach  Norden  aber
wird  es  sehr  gesund  und  auch  angenehm,  so  zwar,  dass  die
hügelige  Gegend  nördlich  jener  Stadt  von  Brustkranken  als
Aufenthalt  gewählt  wird.  Der  Regenfall  ist  im  Nordwesten
spärlich,  in  Mittel-  und  Osttexas  aber  ausreichend  und  in  Südtexas ­
  reichlich.  Zahlreiche  Flüsse  und  Bäche  bewässern  das
        <pb n="233" />
        219

Land,  können  Wasser  zu  Bewässerungsanlagen  abgeben  und
bieten  den  Heerden  Tränkplätze.  Allein  zu  Trinkwasser  ist
das  Brunnenwasser  nicht  geeignet  und  ist  man  auf  Cisternenwasser
  angewiesen,  ein  unleugbar  grosser  Uebelstand.  In
Austin,  also  in  Mitteltexas,  betrug  der  Regenfall  durch  19
Jahre,  von  1857  bis  1876,  34*64  Zoll.  Man  will  eine  Zunahme
konstatirt  haben.
Der  Küstenstrich  im  Süden  von  Texas  ist,  namentlich  an
den  Flüssen,  sehr  fruchtbar  und  soll  20  bis  30  Fuss  Humus
haben.  Hier  liegen  circa  5000  englische  Quadratmeilen  —
6twa  ein  Gebiet,  ein  Drittel  so  gross  wie  die  Schweiz  —  die
zum  Anbau  von  Zuckerrohr  und  Reis  geeignet  sind,  auch  vor
der  Sclaven-Emancipation  sehr  blühende  Pflanzungen  enthielten,
die  jetzt  verfallen  sind.  Ein  unermessliches  Gebiet  nördlich
hiervon  ist  zum  Anbau  von  Baumwolle  geeignet,  doch  werden
nur  circa  eine  Million  Ballen  (à  480  lbs.)  exportirt.  Mais  gedeiht ­
  in  einem  ebenso  weiten  Bereiche  und  ebenso  Hafer.
Öbschon  das  Land  so  weit  südlich  liegt,  ist  doch  in  einem
grossen  Gebiete,  das  einige  sechzig  Grafschaften  umfassen
Soll,  Weizenanbau  möglich.  Der  Weizen  ist  hart  und  schwer.
der  That  sahen  wir  auf  der  oben  angegebenen,  von  uns
durchreisten  Strecke  überall,  wo  Anbau  stattfand,  guten  Weizen,
^arum  auch  nicht?  Freilich  ist  Texas  ein  warmes  Land.
Aber  Britisch-Ostindien,  Australien,  Südcalifornien,  Chili  und
die  La  Plata-Staaten  sind  auch  warme  Länder  und  exportirten
dennoch  namhafte  Quantitäten  Weizen.

Der  Boden  in  Texas  und  nördlich  davon  in  dem  Indianer-Grritorium
  und  in  Kansas,  ist  nicht  im  Untergründe  Sand,
Sondern  Thon,  oft  mergelig,  zuweilen  auch  mit  starkem  Sand-^'^satz,
  überall  oben  schwarz  von  vermoderten  Pflanzenresten,
natürlich  in  den  Niederungen  intensiver  und  dicker  geschichtet ­
  sind,  als  in  Ebenen,  und  die  auf  den  Höhen  ganz
^ufhören.  Diese  sind  zuweilen  sehr  steinig  und  tritt  Fels
l^^cht  selten  zu  Tage.  Früchte  aller  Art  gedeihen,  wie  auch
omüse,  üppig.  Wilder  und  edler  Wein  gedeiht  in  Nord-'^nd
  Mitteltexas,  südlich  bis  San  Antonio  hinab.  Weizen  säet
^^0  im  Herbst  und  erntet  ihn  Mai/Juni.  Mais  kann  man
        <pb n="234" />
        220

schon  im  Februar  anbauen.  Für  die  Feldarbeit  hat  man  volle
zehn  Monate,  und  in  manchen  Jahren  das  ganze  Jahr  Zeit,
man  braucht  also  wenig  Zug\deh  im  Verhältnisse  zur  zu  bebauenden ­
  Fläche  des  Ackers  und  für  dieses  nur  sehr  leicht
gezimmerte  Ställe,  das  heisst  Schuppen,  die  nur  eine  Bretterwand ­
  nach  Norden  und  ein  Bretterdach  haben,  sonst  aber
vollkommen  offen  sind.  Rindvieh  und  Schafe  werden  gar
nicht  gestallt,  ausser  von  einigen  Deutschen,  des  Düngers
wegen,  hie  und  da  auch  ein  paar  Milchkühe.  Die  Prairie  ist
theilweise  eben,  gegen  Norden  hin  aber  „rollend“,  d.  h.  wellenförmig, ­
  hügelig.  Stellenweise  ist  sie  kahl,  meist  jedoch  nicht,
und  zwar  hat  man  Wald,  der  sich  zwischen  die  baumlosen
Flächen  hineinschiebt,  und  auch  Hügellandschaften,  die  spärlich ­
  mit  Bäumen,  reichlicher  mit  Gesträuch  bewachsen,  doch
nicht  mit  Dickicht  besetzt  sind  und  Raum  für  Graswuchs  zur
Viehweide  lassen.  Das  Gesträuch  giebt  dem  Vieh  Schatten,
und  die  Blätter  des  Mesquitostrauches,  der  hier  vornehmlich
wächst  und  bis  20  Fuss  hoch  wird,  sowie  dessen  bohnenartige
Frucht,  gewähren  den  Rindern  und  Ziegen  Nahrung  in  der
trockenen  Jahreszeit  und  im  Winter.
Bei  Weitem  das  meiste  Land  ist  anbaufähig,  die  steinigen
Hügel  aber  sind  es  nicht.  Es  kann  jedoch  keinem  Zweifel
unterliegen,  dass  Texas  mehr  Producte  des  Ackerbaues  und
der  Viehzucht  jährlich  hervorbringen  kann,  als  die  Eingangs
genannten  Länder  Centraleuropas,  denen  es  an  Umfang  gleichkommt. ­
  Es  hat  eben  keine  Gebirge  und  wenn  es  im  Nordwesten ­
  auch  nur  Weidegrund  enthält,  so  ist  der  Süden  dafür
um  so  fruchtbarer.  Ausserdem  steht  es  keineswegs  fest,  dass
der  Nordwesten  für  Ackerbau  immer  ungeeignet  sein  und
bleiben  wird,  da  man  ‘dasselbe  noch  vor  zwei  Jahrzehnten
von  ganz  Kansas  annahm,  dessen  östliche  Hälfte  jetzt,  wenn
nicht  zu  den  besten,  so  doch  mindestens  zu  den  Ackerbaudistricten
  mittlerer  Güte  von  Amerika  gehört.  Vorläufig  freilich ­
  wird  man  kaum  den  Versuch  machen,  diesen  Theil  des
Landes  anders  als  mit  Viehzucht  auszunutzen,  denn  es  ist  im
Osten  und  Süden  ja  noch  so  sehr  viel  zweifellos  anbaufähiger
Boden  vorhanden.  Trotz  der  sehr  dünnen  Bevölkerung  stieg
        <pb n="235" />
        221

file  Weizenernte  von  Texas  von  50.000  Bushels  im  Jahre  1850
2.5  Millionen  Bushels  im  Jahre  1880.  Wir  haben  auf  der
Capotfarm,  30  Meilen  von  San  Antonio,  östlich  von  der  Bahn
îiach  Houston,  drei  Ernten  auf  demselben  Felde  im  selben
Jahre  gesehen,  Weizen,  Millet  und  Turnips,  und  zwei  Ernten
l^änn  man  leicht  auf  demselben  Stücke  erzielen.  Frische  Kartoffeln, ­
  frische  Gemüse  erzeugt  man  acht  Monate  im  Jahre,
flazu  alle  in  Deutschland  heimischen  Obstarten  und  andere
Früchte  und  ausserdem  halbtropische,  Pfirsiche  und  Orangen.
Texas  hat  175V2  Millionen  Acres  Oberfläche,  wovon  mindestens ­
  100  Millionen  pflugbarer  Boden  sind,  der  Rest  ist
zum  Theil  gute  Weide.  67  Millionen  Acres  sind  noch  unveräussertes
  Staatseigenthum.  Oesterreich  hat  22,  Ungarn  27,
Frankreich  64,  Deutschland  65  Millionen  Acres  unter  dem
Ffluge.  Es  ist  ein  ungeheures  Land,  voll  der  reichsten  —
auch  mineralischen  —  Hilfsmittel,  namentlich  Kohle,  mit  weitverbreiteter ­
  Wasserkraft,  das  nur  Bevölkerung  braucht,  um
Sehr  productiv  zu  werden.
Die  Einwanderung  hat  sich  demselben  nicht  so  massenaft
  zugewendet,  wie  dem  Nordwesten  der  Union,  weil  die
isenbahnVerbindungen  so  mangelhaft  waren  und  zum  Theil
uoch  schlecht  sind.  Einige  der  neueren  Bahnen  sind  gut,  allein
Einige,  z.  B.  die  von  Austin  bis  Hearne,  auf  der  wir  uns  um
30  Stunden  verspäteten,  wetteifern  mit  den  schlechtesten  Bahnen
ju  Horida  und  Georgia  an  Gefährlichkeit.  Dieses  wird  jedoch
besser.  Ein  Blick  auf  eine  neuere  Karte  von  der
nion  lehrt,  dass  man  in  den  letzten  Jahren  viele  neue  Bahnen
^  ^  oxas,  702  Meilen  vom  i.  Juli  1879  bis  i.  Juli  1880,  bis  da-1881
  2051  Meilen  gebaut  hat  und  an  mehreren  grossen
inien  arbeitet.  Schon  existiren  über  6000  englische  Meilen
daselbst.
Jenes  nordöstliche  Viereck,  das  von  Galveston  nach  San
^*itonio,  von  da  nach  Denison  an  der  Grenze  des  Indianer-^ffitoriums
  und  östlich  bis  an  die  Grenze  von  Louisiana
^icht,  ist  schon  kreuz  und  quer  von  Bahnen  durchzogen.
sind  Bahnen  im  Bau  begriffen,  welche  den  übrigen
grösseren  Theil  von  Texas  durchschneiden  werden.  Jay  Gould,
        <pb n="236" />
        222

der  grosse  Eisenbahnspeculant  und  -Bauer  hat  sich  in  Mexiko
engagirt,  woselbst  er  mehrere  grosse  Bahnen  baut.  Diese  will
und  muss  er  durch  Texas  mit  den  Bahnen  der  Union  in  Verbindung ­
  bringen.  Schon  besitzt  er  die  Bahn  von  St.  Louis
nach  Denison,  Fort  Worth  und  Waco  und  baut  nach  der
Mündung  des  Brazosflusses.  An  derselben  will  er  einen  Hafen
schaffen.  Die  Verbindung  von  San  Antonio  mit  dem  weiter
westlich  gelegenen  Hafen  Indianola  ist  vollendet.  Von  San
Antonio  baut  man  nach  Loredo  an  der  mexikanischen  Grenze,
zum  Anschlüsse  an  die  im  Bau  begriffenen  mexikanischen
Bahnen.  Von  Fort  Worth  baut  man  an  einer  Bahn,  die  direct
westlich  nach  El  Paso  del  Norte  führt  und  die  Verbindung
mit  der  Süd-Pacificbahn  herstellt,  die  ihrerseits  Anschluss  an
die  californischen  Bahnen  hat.  Von  dieser  Bahn  zweigt  sich
bei  Fort  Griffin  eine  Bahn  ab,  die  dort,  wo  der  Canadian
River  von  Neumexiko  in  Texas  eintritt,  mit  der  Atlantic-Pacificbahn
  in  Verbindung  treten  wird,  welche  ihrerseits  an
jenem  Flusse  entlang  bis  zum  Mississippi  führen  wird.  Die
letzten  beiden  Bahnen  eröffnen  das  sogenannte  Pan-Handle,
eine  für  Viehmast  und  Viehzucht  ausgezeichnete  Gegend,  dem
Verkehre.  Ansiedelungen  existiren  bis  jetzt  erst  in  dem  obenbezeichneten,
  von  Eisenbahnen  bereits  durchzogenen  nordöstlichen ­
  Vierecke.  Sie  werden  nun  an  beiden  Seiten  der  in
Bau  begriffenen  Bahnen  entstehen.  Selbst  die  Producte  Südcaliforniens
  werden  über  diese  neuen  Bahnen  nach  Galveston
und  New-Orleans  ans  Meer  gelangen.
An  den  beiden  Seiten  der  Bahnen  wird,  wie  wir  sahen,
das  Land  schnell  angesiedelt,  und  zwar  sind  es  vornehmlich
Deutsche  und  Böhmen,  welche  ein  wandern  und  Ackerbauer
werden.  Es  ist  Texas  dasjenige  Land  in  der  Union,  worin
ein  Mann  mit  wenig  Capital  am  leichtesten  selbstständig  werden ­
  kann.  In  Kansas,  einem  zur  Ansiedelung  vorzüglich  geeigneten ­
  Lande,  ist  dies  mit  weniger  als  looo  Dollars  Capital
kaum  möglich,  und  selbst  damit  schwer.  In  Texas  ist  noch
Homestead-Land  vorhanden,  jedoch  ist  das  beste  bereits  occupirt;
  allein  für  i  bis  3  Dollars  per  Acre  sind  noch  viele  kleine
zum  Ackerbau  geeignete  Besitzungen  zu  kaufen.  Grössere
        <pb n="237" />
        223

Strecken  billiger.  Bebaute  Farmen  gelten  schon  12  bis  20,
in  einzelnen  Fällen  bis  70  Dollars  per  Acre,  und  Prairieland
in  der  Nähe  von  Ansiedelungen  3  bis  5  Dollars.  Der  capitaliose
  Ankömmling  kann  fast  durch  das  ganze  Jahr  Lohnarbeit
dem  Lande  erhalten,  in  der  Erntezeit  zu  sehr  gutem  Lohne.
Farmer  boten  jetzt  i';2  bis  i^  4  Dollars  nebst  Kost  und  Wohnung
  per  Tag.
Der  Ankömmling  kann  in  einigen  Jahren  genug  Capital
zum  Ankäufe  einer  bescheidenen  Besitzung  sparen,  und  das
Anfängen  selbstständiger  Landwirthschaft  darauf  ist  nicht  eben
theuer.  Gebäude  für  Vieh  und  Ernte  braucht  der  Mann  wenige
und  nicht  kostspielige,  ein  leichtes  Bretterhaus  genügt  in  dem
uiilden  Klima  als  W  ohnung.  Das  lebende  Inventar  ist  auch
uicht  theuer.  Eine  Kuh  kann  für  20  bis  35  Dollars,  eine  einjährige ­
  Ferse  um  7’/2  bis  8  Dollars,  ein  halbwildes  Pferd  von
*4  bis  18  Dollars,  ein  gezähmtes  um  25  bis  35  Dollars,  ein
Maulesel  um  25  bis  50  Dollars,  ein  Schaf  und  eine  Ziege  um
t  bis  1*  2  Dollars  in  San  Antonio,  und  billiger  im  Innern  des
Landes,  gekauft  werden.  Die  Eisenbahngesellschaften  stunden
den  Ankaufspreis  des  Landes  zum  grossen  Theile.  Nur  Pflug,
M^agen,  Egge  muss  gekauft  und  bezahlt  werden.  Der  ergiebige
Loden  erzeugt  schnell  Mais,  Kartoffeln  und  die  nöthigsten  anderen ­
  Lebensmittel.  Da  der  Boden  noch  jungfräulich  ist  und,
Uusscr  auf  den  Höhen,  eine  mehr  oder  minder  mächtige  Humusschicht ­
  hat,  so  braucht  er  vorläufig  keine  Düngung,  obschon
diese  nicht  erfolglos  ist,  und  kann  doch  zwei  Ernten  im  Jahre
bringen.  Er  ist  ferner  an  den  zahlreichen  Flüssen  und  Bächen
Vorzüglich  zum  Gemüse-,  Obst-  und  Weinbau  geeignet.  Eine
'Veit  kleinere  P  lâche  als  die  Homestead  von  160  Acres  ge-^^gt
  also,  um  eine  Familie  jahrein,  jahraus  zu  beschäftigen
^l^d  ihr  die  Capitalbildung  zu  ermöglichen.  Da  die  Prairie
l'^^gends  unabsehbar  und  stets  von  Wäldern  begrenzt  ist,  so
*st  Holz  hier  weit  billiger  als  in  den  baumlosen  Prairiestaaten
Reiter  nördlich.  Merkwürdig  ist,  dass  die  Wälder  selten  auf
Höhen,  dafür  reichlich  in  den  Ebenen  gefunden  werden.
Her  in  hohem  Grade  fruchtbare  Boden  des  grössten  Theidieses
  Landes  und  sein  mildes  Klima  erleichtern  also  dem
        <pb n="238" />
        capitalarmen  Ansiedler  die  Sesshaftmachung.  Aber  Arbeit  ist
erforderlich,  und  die  ist  in  der  Wärme  lästig,  obschon  diese
Wärme  kaum  so  gross  sein  dürfte,  als  in  Oberitalien,  wo  wir
die  Menschen  doch  tüchtig  und  viele  Stunden  auf  den  Feldern
schaffen  sehen.
Die  grosse  Armuth  der  texanischen  Ansiedler  veranlasst
sie,  Baumwolle  mit  Vorliebe  anzubauen,  weil  diese  am  schnellsten ­
  und  auch  erst  noch  vor  einigen  Jahren  am  meisten  Baargeld
  brachte.  Man  kann  rechnen,  dass  drei  Acres  zwei  Ballen
Baumwolle  à  500  lbs.  bringen  (das  Gewicht  der  Ballen  ist  in
den  einzelnen  Staaten  und  sogar  in  den  einzelnen  Jahren  verschieden, ­
  in  der  Regel  von  440—500  Ibs.)  und  diese  heute
ca.  7  Cents  per  Ibs.  werth  ist,  macht  23  Dollars  per  Acre.
Dazu  kommen  3  bis  4  Doll,  für  den  Baumwollsamen.  Weizen
würden  etwa  900  Ibs.  auf  dem  Acre  wachsen,  Baumwolle  nur
etwa  300  Ibs.;  es  ist  also  der  Transport  des  Productes  bei
Baumwolle  von  drei  Acres  nur  so  theuer,  wie  bei  Weizen  von
einem  Acre.  So  lange  es  also  wenig  Bahnen  gibt  und  diese
theure  Tarife  haben,  zahlt  es  sich  aus,  ein  leichtes  Product  zu
erzeugen.  Je  mehr  der  Bahnbau  sich  entwickelt,  desto  mehr
wird  sich  der  Anbau  von  Mais,  Weizen  und  Hafer  wahrscheinlich ­
  entwickeln,  welche  keine  Hand-,  sondern  nur  Maschinenarbeit ­
  erfordern.
Ich  würde  für  die  Zukunft  den  Anbau  von  Weizen,  Hafer,
Mais,  die  mit  Maschinen  beackert  und  geerntet  werden  können,
für  profitabler  halten,  zumal  jetzt  die  Baumwolle  sehr  niedrig
im  Preise  steht.  Das  Pflücken  der  Baumwollkapseln  in  den
heissen  Sommertagei)  ist  eine  sehr  lästige  Arbeit  und  kostet
viel  Lohn,  wenn  sie  um  Geld  von  gemietheten  Arbeitern  verrichtet ­
  werden  soll.  Der  kleine  Farmer  arbeitet  freilich  mit
Weib  und  Kindern  daran,  und  ist  es  auch  eine  Arbeit,  welche
Kinder  leicht  verrichten  können.  Wenn  der  Mann  seine  acht
Acres  mit  Baumwolle  bebaut,  so  kann  er  die  Ernte  sehr  gut
mit  Hilfe  von  Frau  und  einem  Kinde  ins  Trockene  bringen
und  erhält  ca.  200  Dollars,  die  er  zu  Ausgaben,  wenn  er  nicht
investirt,  nicht  gebraucht,  sowie  er  sonst  nur  auf  der  F'arm
die  nothwendigen  Lebensmittel  baut.  Man  hat  eine  Maschine  er-
        <pb n="239" />
        Í25

funden,  welche  das  Enthülsen  des  Baumwollsamens  ermöglicht.
Öer  Farmer  wird  jetzt  die  Hülsen  als  Viehfutter  verwerthen
und  doch  aus  dem  Kernmehle  denselben  Vortheil  ziehen  können, ­
  als  bisher  aus  dem  Samen.  Ausserdem  sind  Blätter  und
Btengel  als  Viehfutter  verwendbar,  werden  aber  bisher  nicht
benützt.  Ueberhaupt  ist  die  texanische  Landwirthschaft,  soweit
Sie  von  Eingeborenen  und  von  Yankeefarmern  betrieben  wird,
noch  sehr  roh,  extensiv  und  also  verschwenderisch.  Indessen
ernen  sie  von  den  deutschen  Ansiedlern,  die  hier,  wie  auch
*n  den  nördlichen  Staaten,  nicht  nur  die  besten  Eandwirthe,
sondern  die  Lehrer  der  Amerikaner  in  der  Landwirthschaft  sind.
Her  Boden  wird  zwar  ziemlich  allgemein,  ausser  hie  und
für  Baumwolle,  noch  nicht  gedüngt,  allein  wir  haben  bei
deutschen  Ansiedlern,  welche  schon  lange  im  Lande  sind,
^stgestellt,  dass  Düngung  allerdings  wirkt.  Die  deutschen
armer  beginnen  denn  auch  ziemlich  allgemein  zu  düngen,
^^ie  \  iehzucht  erfordert  bedeutendes  Capital  zum  Ankäufe  der
Stockheerde  und  der  Zuchtstiere.  Das  Weideland  im  Süden
Und  \\esten  ist  meist  noch  Regierungsland  und  um  geringe
oder  gar  keine  Facht  ausnutzbar.  Im  Norden  und  Osten
^uss  Weideland  jedoch  gekauft  werden,  ist  aber  um  i  bis
3  Dollar  per  Acker  zu  haben.  Das  einfache,  ungekreuzte
^xasvieh  ist  sehr  billig.  Wenn  es  nach  Norden  getrieben
''"•rd,  so  ist  in  Kansas,*  etwa  in  Dodge  City,  um  12  bis  18
-Dollar  eine  zwei-  bis  dreijährige  Kuh  nebst  Kalb  zu  kaufen,
Südtexas  selbst  ein  vierjähriger  Stier  um  14  bis  16  Dollars,
^*ne  ganze  Heerde  um  8  bis  12  Dollars  per  Haupt.  Ein  Vollutstier
  kostet  80  bis  150  Dollars.  Auf  der  Capotfarm  berieb
  man  das  Geschäft,  die  Race  durch  Ankauf  solcher  Stiere
Veredeln  und  die  Kreuzungsproducte,  2  '  .j  bis  3  Jahre  alt,
^®hr  fett  zu  machen.  Die  Fracht  per  Bahn  von  San  Antonio
Gtrug  im  Mai  1881  per  100  Ibs.  Wolle  nach  New-York  in
_  ^llen  I  IO  Dollars,  bis  Galveston  0  65  Dollars,  für  100  Ibs.
^umwolle  nach  New-York  i  38  Dollars,  per  Ballen  von
500  Ibs.  also  6  ÇO  Dollars  —  der  texanische  Ballen  ist  meist
Schwer  —  bis  New-Orleans  6  Dollars,  bis  Galveston  4*50
®  urs.  Eine  Waggonladung  Schafe  nach  St.  Louis  oder
15
        <pb n="240" />
        22Ó

Kansas  City  126'/a  Dollars,  nach  Galveston  66  Dollars,  Rindvieh ­
  nach  St.  Louis  oder  Kansas  City  115  Dollars.  Alles
weist  auf  Galveston,  als  den  natürlichen  Exportplatz  von
Texas,  hin.  Von  der  Capotfarm  kostete  der  Transport  einer
Waggonladung  Vieh  nach  New-Orleans  110  Dollars,  nach
St.  Louis  100  bis  120  Dollars,  verschieden  in  einzelnen  Zeiten,
nach  Galveston  nur  36  Dollars.
Auf  der  Farm  des  Herrn  Devine,  nördlich  von  San  Augustine, ­
  sahen  wir  den  Versuch,  auf  trockenen,  steinigen
Hügeln,  die  mit  Mesquitostrauch  und  einigen  anderen  Bäumen
spärlich  bewachsen  waren  und  nur  dünnes  Weidegras  trugen,
Merinoschafe  und  Angoraziegen  zu  züchten.  Die  Schafe  bringen
angeblich  5  Ibs.  Wolle,  die  20  bis  24  Cents  ungewaschen
kostet.  Die  Mutterschafe  kosteten  im  Einkäufe  3  Dollars,  die
Böcke  18  bis  25  Dollars  per  Stück.  Die  Hammel  werden  4
bis  5  Jahre  alt  verkauft.  —  Die  Angoraziege  ist  vom  Dr.
Davis  im  Jahre  1859  aus  der  Türkei  nach  Georgia  gebracht,
wo  ein  Major  Peters  bei  Atlanta  jetzt  die  beste  Stammheerde
besitzt.  Eine  reine  Angoraziege  und  ein  solcher  Bock  kosten
noch  im  Durchschnitte  100  Dollars,  vorzügliche  Exemplare
mehr.  Herr  Devine  hatte  ausser  solchen  Thieren  eine  Anzahl ­
  gemeiner  Ziegen  à  i  Dollar  gekauft.  Die  erste  Kreuzung
ist  fast  werthlos,  die  Ziege  zweiter  Kreuzung  soll  74  Ibs.
Wolle,  à  30  Cents,  liefern;  die  dritte  bis  fünfte  Kreuzung  und
die  reine  Angoraziege  6und  mehr,  zuweilen  bis  9  und
IO  Ibs.  Wolle,  à  70  bis  80  Cents.  Diese  Ziegen  werden  8  bis
9  Jahre,  in  seltenen  Fällen  13  Jahre  alt,  sind  vollkommen  frei
von  Krankheiten  und  haben  die  hohe  Vermehrungsrate  von
I  '/o  Jungen  auf  eine  Mutterziege  im  Jahre.  Die  Haut  der
alten  Angoraziege  ist  3  bis  4  Dollars  werth  und  der  Körper
hat  bei  20  bis  30  Ibs.  Fett.  Das  Fleisch  der  Ziegen  hat
noch  keinen  Marktwerth,  obschon  das  der  Angora  sehr  délicat
ist,  wie  wir  uns  bei  Herrn  Devine  überzeugten.  Auch  die
Milch  der  Ziegen  wird  nicht  benützt.
Auf  seinen  eingezäunten  14.000  Acres  hofft  Herr  Devine
3-  bis  4000  Schafe  und  1200  Ziegen  halten  zu  können.  Rindvieh ­
  würde  man  —  ohne  Zufutter  im  Winter  —  nur  ein
        <pb n="241" />
        227

Haupt  auf  acht  Acres,  also  im  Ganzen  1700  Stück,  halten
können.  Das  Unternehmen  auf  der  Capotfarm,  sowie  jenes
^es  Herrn  Devine  sind  neue  Versuche,  die  wohl  gelingen
"lögen.
Die  texanischen  Farmer,  nicht  deutscher  oder  böhmischer
Abkunft,  leben  ziemlich  ärmlich,  wie  es  scheint,  leiden  an
Kapitalmangel,  arbeiten  wohl  auch  nicht  alle  sehr  energisch
Und  wirthschaften,  wie  gesagt,  extensiv.  Ganz  anders  die
deutschen  Ansiedler.  Sie  werden  ersichtlich  wohlhabend.
Hiese  beiden  Classen  sind  es  aber  allein,  welche  bis  jetzt
Getreidebau  in  Texas  treiben.  Diejenigen  Pflanzer,  welche
^^aumwolle  und  Zucker  mit  Hilfe  von  Sclavenarbeit  betrieben
haben,  sind  wohl  meist  ruinirt  worden.  Der  Grossbetrieb  im
Anbau  von  Zuckerrohr  wird  aber  wohl  nicht  lange  auf  sich
"'arten  lassen.
Mit  Aufwand  von  vielem  Capital  wird  nur  die  Viehzucht
betrieben.  Dennoch  ist  Texas  auch  für  den  Ackerbau  im
Grossbetrieb  geeignet  und  ist  Grossgrundbesitz  hier  leicht
"ud  billig  käuflich.  Eine  Combination  von  Ackerbau  mit
Viehzucht  zum  Zwecke  der  Viehmast  scheint  für  das  nächste
Hecennium  in  Texas  die  lohnendste  Capitalanlage  im  grossen
^tyle  zu  gewähren.  Aus  einer  solchen  Wirthschaft  kann  man
dann,  sowie  ;lie  Bevölkerung  wächst,  zum  reinen  Ackerbau
übergehen.
Hie  texanische  Regierung  hat  das  älteste  „Exemptionsgesetz“
  in  der  Union,  auf  Grund  dessen  Niemand  wegen  Schulden ­
  seines  ganzen  Besitzes  —  bis  auf  ein  unantastbares  Mini-"lum
  von  200  Acres  —  beraubt  werden  darf.  Das  Land
hatte,  als  es  im  Jahre  1839  erlassen  wurde,  nur  circa  60.000
^‘chtindianische  Einwohner.  Um  Einwanderer  anzuziehen,  erhess
  die  Regierung  das  Exemptionsgesetz,  welches  damals  350
■^cres  schützte.  In  meinem  Werke  über  die  Heimstättengesetze
theile  ich  beide  Gesetze  im  Wortlaut  mit.  ln  der  benachbarten
"ion,  zu  der  Texas  damals  noch  nicht  gehörte,  konnte  ein
^Grschuldeter  Mann  nie  seine  wirthschaftliche  Selbstständigkeit
''^•eder  erlangen,  weil  der  Gläubiger  auf  jeden  erworbenen
ollar  seine  Hand  legte.  Da  eröffnete  Texas  eine  Freistatt
15*
        <pb n="242" />
        228

für  solche  Existenzen.  Ein  von  allen  Mitteln  entblösster  Mann,
der  in  der  Union  noch  Geld  schuldete,  konnte  in  Texas  Vermögen ­
  erwerben  und  dieses  war,  bis  zu  einer  gewissen  Höhe,
gegen  Angriffe  der  Gläubiger  geschützt.  Ein  ähnliches  Mittel
wandten  ja  auch  Romulus  und  Remus  an,  um  ihrer  „ewigen
Stadt“  Bürger  zu  verschaffen.  An  diesem  Gesetze  hat  Texas
festgehalten  und  die  meisten  Staaten  der  Union  haben  ähnliche
Gesetze  erlassen.  Die  Folge  blieb  nicht  aus.  Schon  1850
hatte  Texas  212.000,  i860  601.000,  1870  818.000  und  1880
1-592.000  Einwohner.
Zum  Exemptionsgesetz  kommt  das  Homstead-Gesetz,  das
liberaler  ist,  als  jenes  der  anderen  Union-Staaten,  und  das
Wuchergesetz.  Die  unoccupirten  Ländereien  der  anderen
Unionstaaten  gehören  der  Unionsregierung  in  Washington  und
sie  verfügt  darüber,  an  Ansiedler,  die  fünf  Jahre  darauf  gewohnt ­
  haben.  Erst  nach  Ablauf  dieser  fünf  Jahre  werden  sie
verfügbares  Eigenthum  des  Ansiedlers.  Als  Texas  sich  im
Jahre  1845  der  Union  anschloss,  behielt  sich  die  texanische
Staatsregierung  die  öffentlichen  Ländereien  vor  und  sie  gibt
jedem  Familienhaupt  160  Acres,  jedem  unverheiratheten  Manne,
über  18  Jahre  alt,  80  Acres  gegen  die  Einschreibegebühren
von  circa  15  Dollars,  die  schon  nach  dreijähriger  Occupation
volles  Eigenthum  werden.
Nach  dem  Exemptio  nsgesetz,  §  16  der  Verfassung  von
Texas,  ist  jede  Homestead  frei  von  Inanspruchnahme  und
Verkauf  für  jede  Schuld,  mit  Ausnahme  des  Geldes,  um  das
sie  —  von  einem  früheren  Besitzer  —  angekauft  wurde,  oder
eines  Theiles  dieses  Geldes,  oder  der  Steuern,  oder  des  Arbeitslohnes ­
  für  Arbeit  auf  dieser  Homestead,  oder  der  Schuld,
die  für  Herstellung  von  Anlagen  darauf  gemacht  wurde  und
im  letzteren  halle  auch  nur,  wenn  ein  schriftlicher  Vertrag
über  die  auf  der  Homestead  zu  leistende  Arbeit  oder  darauf
aufzuführende  Baulichkeiten  oder  Anlagen  (Improvements)  vorliegt, ­
  der  die  Zustimmung  der  Ehefrau  und  des  Besitzers  gefunden ­
  hat.  Der  Besitzer  darf  die  Homestead  nur  mit  Zustimmung ­
  seiner  Frau  verkaufen.  Keinerlei  Hypothek  (mortgage, ­
  trust  or  lien)  auf  eine  Homestead  soll  gütig  sein,  ausser
        <pb n="243" />
        229

solche  für  den  Ankaufspreis  (Restkaufgeld),  oder  Anlagen
darauf,  gleichgiltig,  ob  solche  hypothekarische  Verpflichtung
vom  Besitzer  allein  oder  mit  Zustimmung  seiner  Frau  eingetragen
  worden  ist,  und  jeder  angebliche  Verkauf  der  Homestead, ­
  der  nicht  ganz  dem  Gesetze  entspricht,  ist  nichtig.
Der  Begriff  der  Homestead  ist  aber  noch  ein  weiterer  als
oben  angegeben  wurde  und  erstreckt  sich  auch  auf  die
Stadt,  und  die  Exemption  auch  auf  bewegliches  Vermögen.
Die  Homestead  an  Grundbesitz  auf  dem  Lande  soll  nicht  mehr
als  200  Acres  in  einem  oder  mehreren  Stücken  und  mit  allen
Baulichkeiten  darauf  umfassen.  Die  Homestead  in  einer  Stadt
soll  aus  Grundbesitz  bestehen,  der  nicht  mehr  als  5000  Dollars
'Verth  war,  zur  Zeit,  als  sie  als  Homestead  bezeichnet  wurde,
ohne  Rücksicht  auf  den  Werth  der  darauf  seitdem  gemachten
Anlagen,  vorausgesetzt  jedoch,  dass  dieselbe  als  ein  Heim  benutzt ­
  werde,  oder  als  der  Ort  des  Geschäftsbetriebes  des
_  amilienhauptes.  Ein  temporäres  Verpachten  soll  ihr  den
omestead-  Charakter  nicht  nehmen,  wenn  der  Besitzer  nicht
noch  eine  zweite  Homestead  besitzt.
Dieses  Exemptiongesetz  ist  das  dem  Besitzer  günstigste,
'velches  mir  bekannt  ist.  Ihm  am  nächsten  kommt  das  neue
Desetz  für  Louisiana.
Durch  Gesetz  ist  ferner  der  Zinsfuss  8  Percent,  wenn  kein
Besonderer  Vertrag  vorliegt,  kann  durch  Contract  aber  bis  12
orcent  erhöht  werden.

Auch  die  Steuergesetze  sind  mit  besonderer  Schonung  für
^n  „kleinen  Mann“  und  seine  Capitalbildung  auferlegt.  Alle
aushaltungs-,  Küchen-  und  Handwerksgegenstände,  inclusive
ähmaschine,  die  nicht  250  Dollars  an  Werth  übersteigen,
®*ud  abgabenfrei.  Auf  jede  100  Dollars  Eigenthum,  fallen
50  Cents  Steuer,  ausserdem  zahlt  jeder  Mann  vom  21.  bis
Bo.  Jahre  jährlich  2  Dollars  für  die  unentgeltliche  Staatsschule.
Die  Einschätzung  des  Eigenthums  ist  eine  sehr  niedrige,
schon  daraus  hervorgeht,  dass  das  gesammte,  im  Privat-^sitze
  befindliche  Grundeigenthum  dieses  ungeheuer  grossen
-andes  inclusive  aller  Gebäude  in  den  Städten  im  Jahre  1878
auf  186  Millionen  Dollars  zur  Steuer  eingeschätzt  war.
        <pb n="244" />
        230

Die  Schuld  des  Staates  betrug  am  i.  März  1880  5  Millionen
Dollars,  die  341.000  Dollars  Jahreszinsen  kosteten.  Die  Staatsausgabe ­
  für  1877  und  1878  betrug  3.277.243  Dollars.  Damals
bemass  sich  das  Land,  welches  noch  dem  Staate  gehörte,  auf
67  Millionen  Acres  oder  105.000  englische  Quadratmeilen,
d.  h.  es  war  halb  so  gross  als  ganz  Deutschland.  Von  dem
in  Privatbesitz  übergegangenen  Lande  gehörte  ein  grosser
Theil  den  Eisenbahngesellschaiten,  die  sich  in  Anerbietungen,
es  billig  und  gegen  langsichtige  Abzahlung  an  Ansiedler  zu
überlassen,  den  Rang  ablaufen.
Ein  Land,  das  dem  capitallosen  Einwanderer  so  viele  Vortheile ­
  anbietet,  muss  deren  Viele  anziehen.  ln  den  Jahren
1878  und  1879  sind  denn  auch  je  rund  200.000  Einwanderer
registrirt  worden.  Wir  trafen  auf  verschiedenen  Bahnstationen ­
  deutsche  Einwanderer,  zum  Theile  soeben  ausgediente
preussische  Soldaten,  deren  einer  —  noch  die  Militärmütze  trug.
Unsere  Fahrt  von  San  Antonio  nach  Kansas  führte  uns
durch  den  am  dichtesten  besiedelten  Theil  des  Landes.  Auffallend ­
  war  der  Gegensatz,  den  die  Reise  durch  das  Indianer-Territorium
  zu  diesem  Theile  von  Texas,  und  mehr  noch  zu
dem  dichter  bevölkerten  Theile  von  Ostkansas  bot.
Zwar  gibt  es  hie  und  da  an  den  Stationen  der  Eisenbahn
auf  dem  Indianer-l  erritorium  und  besonders  an  der  texanischen
Grenze,  einige  ärmliche,  weisse  Ansiedler.  Allein  das  Land
ist  doch  fast  buchstäblich  unbewohnt,  ausser  von  den  Indianern,
denen  die  Union  dieses  Territorium  reservirt  hat,  die  aber  sich
fern  von  der  Bahn  zu  halten  scheinen,  denn  wir  sahen  nur
einige  halbcivilisirte  Mischlinge  an  den  Stationen.
Das  Indianer-Territorium  ist  ein  prachtvolles  Land.  Der
Bodea  ist  zum  grossen  Theile  dem  texanischen  gleich,  wellenförmig, ­
  stellenweise  bergig,  in  den  Thälern  sehr  fruchtbar  und
die  Berge  sind  fast  alle  mit  herrlichen  Laubwäldern  bedeckt.
Ueppiges  grünes  Gras  wogt  auf  den  Prairien,  zahlreiche
klare  Bäche  winden  sich  durch  die  Thäler.  Hier  könnte  man
Grossgrundbesitz  anlegen,  wie  in  Böhmen,  denn  hier  ist  Alles
so  bei  einander,  wie  in  jenem  gesegneten  Lande:  Bewaldete
Berge  zu  Park-  und  Thiergarten-Anlagen,  fruchtbarer  Boden
        <pb n="245" />
        und  ein  entzückendes  Klima;  nicht  mehr  so  warm  als  in  Texas
und  doch  noch  mild,  obschon  bereits  Winter  mit  regelmässigem
Schnee  sich  einstellen.
Hier  lasse  ich  einige  kritische  Notizen  eines  meiner  Reisegefährten ­
  folgen  :
„Fast  glaubte  ich  über  Texas  etwas  berichten  zu  müssen,
was  gar  nicht  beruhigend  für  uns  in  Europa  gewesen  wäre;
denn  die  Amerikaner  hätten  uns  in  arge  Verlegenheit  mit  den
Erfolgen  ihrer  Viehzucht  bringen  können.  In  Texas  hatte  ich
Gelegenheit,  diese  gefährliche  Viehzucht  zu  sehen.  Es  wurde
mir  anfangs  wirklich  bange.  Ein  flüchtiger  Blick  ist  allerdings
nicht  geeignet,  die  schwarzen  Gedanken  zu  verscheuchen.
Guter  Weidegrund  ist  hier  um  50  Cents  bis  5  Dollars  das
Joch  zu  haben,  und  zwar  in  genügender  Menge.  Der  Besitzer
einer  grossen  Landfläche,  deren  Erwerbung  keine  grossen
Geldopfer  erfordert,  zäunt  diesen  Grundbesitz  ein  und  lässt
auf  demselben  so  viel  Vieh  frei  herumlaufen,  als  die  üppige
Weide  ernähren  kann.  Das  ist  aber  nicht  wenig,  denn  es
gibt  Leute,  die  10.000  Stück  haben.  Das  Vieh  verursacht
Wenig  Auslagen,  da  man  es  hier  ganz  sich  selbst  überlassen
kann  und  nur  hie  und  da  es  einmal  zusammentreibt,  um  die
Stücke  zum  Verkaufe  auszusuchen.  Bei  uns  ist,  abgesehen
Vom  höheren  Grundankaufspreis,  die  Pflege  und  Ernährung
üer  Thiere  viel  kostspieliger,  besonders  wenn  letztere  genau
nach  den  Vorschriften  gelehrter  Landwirthe  erfolgen  sollte.
Hier,  im  freien  Amerika,  gibt  es  keine  Futternormen  für  das
Vieh.  kann  sich  hier  seine  Kräuter  nach  eigenem  Ermessen
aussuchen,  und  ich  kann  aus  Ueberzeugung  sagen,  dass  es
sich  recht  gut  dabei  befindet.  Stallungen  kennt  man  in  diesem ­
  l,ande  nicht  und  braucht  sie  auch  nicht;  aber  auch  der
Gedanke,  das  Vieh  mit  eisernen  Ketten  im  Stalle  anzubinden,
behagt  dem  freien  Amerikaner  nicht,  und  ich  sah  daher  in  den
Wenigen  Stallungen,  die  ich  fand,  das  Vieh  ohne  jede  Fessel.
Auf  diese  Art  haben  die  Besitzer  grosser  Heerden,  trotz  ihres
ausgedehnten  Besitzes,  fast  keine  Auslagen,  denn  ich  muss
beifügen,  dass  dieselben  bis  heute  keine  Grundsteuer  gezahlt
haben,  nicht,  weil  sie  diese  Forderung  nicht  begleichen  woll-
        <pb n="246" />
        ten,  sondem  einfach,  weil  sie  hier  keine  Grundsteuer  haben.
So  primitiv  sind  noch  die  Verhältnisse!  Es  wäre  daher  für
uns  ganz  unmöglich,  mit  diesen  Verhältnissen  zu  conciirriren,
da  die  hiesigen  Herdenbesitzer  im  Stande  sind,  mit  gutem
Gewinne  ein  schönes  Stück  Rind  um  lo  bis  20  Dollars  zu
verkaufen.
Ein  Theil  dieser  Rinder  geht  nach  Europa  und  sind|  1881
aus  Texas  bis  Ende  April  schon  150.000  Stück  ausgeführt
worden.  Dieselben  gehen  noch  den  weiten  Weg  über  New-York,
  werden  aber  von  jetzt  in  den  nächsten  Jahren  den  billigeren ­
  Weg  über  New-Orleans  nehmen,  das  heisst,  so  lange
die  Jetties  an  der  Mississippi-Mündung  sich  ihres  Erfolges  erfreuen. ­

Was  ich  darüber  denke,  habe  ich  bereits  gesagt.  Für
einige  Jahre  dürfte  das  Vieh  auf  diesem  Wege  aber  doch  billiger ­
  nach  Europa  gebracht  werden.  Die  Leute  fragten  mich
hier,  warum  wir  eigentlich  nicht  lieber  das  Vieh  bei  uns  selbst
ziehen,  anstatt  es  uns  aus  Amerika  schicken  zu  lassen.  Natürlich ­
  konnte  ich  ihn&amp;amp;n  den  wirklichen  Grund  nicht  sagen;  dass
wir  zwar  auch  Vieh  hätten,  dasselbe  aber  uns  viel  theuerer  zu
stehen  kommt,  als  ihnen,  die  auf  steuerfreiem  Boden  wirthschaften.
  Diese  Erklärung  wäre  diesen  Naturmenschen  unverständlich ­
  gewesen,  oder  sie  hätten  mich  weiter  gefragt,  was
wir  gemacht  hätten,  dass  wir  so  viel  Abgaben  zu  zahlen  haben
und  darauf  wollte  ich  es  nicht  ankommen  lassen,  sondern
sagte  ihnen,  die  Gegend  wäre  für  Rindvieh  nicht  sehr  gesund
und  wir  hätten  schon  manches  Unglück  damit  gehabt.
Wohin  kämen  wir  nun,  wenn  dem  Import  von  amerikanischem ­
  Vieh  nicht  ein  Damm  gesetzt  würde!  Es  wäre  für
uns  unmöglich,  selbst  Vieh  zu  halten.  Dann  hätten  wir  keinen
Dünger;  die  Landwirthschaft  in  ihren  beiden  Grundprincipien
wäre  erschüttert  und  müsste  zu  Grunde  gehen.  Zu  hoffen,  dass
die  hiesige  Regierung  Steuern  erheben  werde  in  einer  Höhe,  die
den  Verhältnissen  bei  uns  annähernd  entsprechen  würde,  ist
nicht  anzunehmen,  denn  es  finden  sich  noch  viel  günstigere
Objecte  der  Besteuerung,  als  gerade  der  Grund  und  Boden,
die  entweder  gar  nicht,  oder  doch  nur  so  gering  besteuert
        <pb n="247" />
        233

dass  man  nicht  davon  sprechen  kann,  wenn  man  unsere
^griffe  über  diesen  Punct  richtig  aufgefasst  hat.
Wie  viel  können  die  Amerikaner  in  dieser  Hinsicht  von
uns  noch  lernen!  So  lange  die  Steuern  nicht  einen  ganz  unverhofften ­
  Aufschwung  hierselbst  nehmen,  so  lange  kann  man
.  bereinigten  Staaten  Nordamerikas  nur  schwer  mit  Ländern
in  Europa  vergleichen.
Was  uns  von  der  erdrückenden  Einfuhr  von  Fleisch  aus
exas  rettet,  ist  die  Einwanderung,  die  sich  nun  auch  diesem
Lande  zuwendet.
Jeder  Einwanderer  erwirbt  sich  so  bald  als  möglich  eine
omestead,  das  heisst  einen  Grundbesitz  von  8o  bis  i6o  Acres
und  benützt  diese  Fläche  zum  Ackerbau,  der  hier  sehr  lohnend
^heint,  da  der  Boden  an  vielen  Stellen  sehr  fruchtbar  ist.
uf  diese  Art  wird  die  Viehzucht  von  Jahr  zu  Jahr
Ulehr  zurückgedrängt,  bis  sie  in  wenigen  Jahren  nur  mehr
unfruchtbaren  Ländereien  zu  finden  sein  wird;  daher  die
enge  des  hier  gezogenen  Rindviehes  sehr  abnehmen  muss,
feilich  wird  dieses  Verdrängen  in  den  ersten  Jahren  diesen
rfolg  nicht  haben,  da  die  noch  unbenützte  Fläche  des  Bodens
Sehr  bedeutend  ist.  Der  Betrieb  der  Landwirthschaft  ist  hier
uoch  im  Entstehen,  so  dass  es  schwer  ist,  sich  über  den  Erfolg
lar  zu  werden.  Zu  Befürchtungen,  glaube  ich,  dürfte  er  nicht
u  ass  geben,  denn  wir  wissen  nur  zu  gut,  wie  schwer  es
^^Ibst  bei  unseren  Verhältnissen  ist,  mit  aller  Mühe  und  Sorg-U
  l  es  dahin  zu  bringen,  dass  ein  Grundbesitz  3  bis  4  Percent
i^ügt.  Was  kann  hier  dann  erst  der  Betrieb  einer  Landwirth-^chaft
  tragen?  Ich  glaube,  nicht  mehr  als  1/2  bis  i  Percent,
^enn  gleich  die  Fruchtbarkeit  des  Bodens  ganz  bedeutend
c'.ass  man  heute  noch  nicht  an  eine  Düngung  der  Felder
^ukt,  und  durch  den  langen  Sommer  zwei,  ja  selbst  drei  Ernten
n  ^inem  Jahre  auf  einem  und  demselben  Felde  haben  kann.  Ist
uueh  das  nicht  ganz  unbedenklich,  so  ist  wieder  zu  berückichtigen,
  dass  wir  in  der  Bewirthschaftung  des  Ackerlandes
einer  viel  höheren  Stufe  stehen  als  die  Texaner,  die  nicht
•nnial  ein  Fruchtwechselsystem  kennen,  sondern  zehn  bis
Hiifzehn  Jahre  auf  demselben  Acker  Weizen  bauen.
        <pb n="248" />
        So  schwindet  die  Gefahr  des  Importes  von  Rindvieh  von
selbst,  und  es  entsteht  uns  durch  den  Ackerbau  keine  neue
Concurrenzgefahr.  Eine  andere  Rettung  habe  ich  nicht  gefunden, ­
  bis  ich  neulich  aus  Zeitungsberichten  auf  Etwas  aufmerksam ­
  gemacht  wurde,  was  uns  vor  einem  Th  eile  des  Importes ­
  von  Fleisch  ganz  von  selbst  schützt:  Es  betrifft  das
Schweinefleisch.  Man  hat  in  Europa  gefunden,  dass  im  amerikanischen ­
  Schweinefleisch  sehr  viele  Trichinen  enthalten  sind.
Trotzdem  sehe  ich,  dass  alle  Leute  hier  es  essen.  Ich  selbst,
der  ich  ein  wenig  Arzt  bin,  kann  nicht  finden,  dass  die  Leute
hier  schlecht  aussehen  oder  krank  seien.  Sie  sind  zwar  gewöhnlich ­
  hager  und  schlank,  doch  das  macht  die  Arbeit.  Im
Gesichte  ist  nichts  zu  bemerken,  als  überhaupt  ein  intelligenter
Ausdruck,  und  das  kann  nicht  die  Folge  von  Trichinen  sein.
Bei  weiterem  Nachdenken  kam  ich  auf  folgende  Vermuthung:
  Vielleicht  kommen  die  Trichinen  erst  bei  der  Seereise ­
  in  das  Schweinefleisch!  Auf  eine  andere  Art  kann  ich
mir  diesen  Fall  nicht  erklären.  Wäre  ich  unbescheiden,  so
würde  ich  sagen,  meine  Vermuthung  ist  eine  Entdeckung  oder
Erfindung;  doch  ich  will  lieber  darauf  verzichten  und  die  Erfindung ­
  über  die  Trichinen  Anderen  überlassen.  Je  näher  man
die  Gefahr  des  zu  grossen  Viehimportes  betrachtet,  um  so
mehr  schwindet  sie.
In  manchen  Ländern  und  Gegenden  Oesterreichs  ist  diese
Gefahr  ohnehin  nicht  so  gross,  da  es  Gegenden,  z.  B.  in
Böhmen  und  Mähren,  gibt,  in  denen  die  Landbevölkerung  ein
kaum  bemerkbares  Quantum  Fleisch  consumirt.  Die  Leute
existiren  dabei  selbst  bei  der  schmalen  Kartoffelkost.
So  verdanken  wir  den  schmalen  Arbeitslöhnen,  welche
unsere  Fabriksherren  ihren  Arbeitern  zahlen,  grossentheils  die
Abwendung  der  amerikanischen  Concurrenzgefahr.  Und  wie
ungerecht  hat  man  diese  Hungerlöhne  nicht  oft  beurtheiltl**
        <pb n="249" />
        XVIII.  Capitel.
Der  Handel  mit  texanisehem  Rindvieh.

Der  grösste  Theil  des  ungeheueren  Gebietes  von  Texas
^ient,  soweit  er  überhaupt  den  Menschen  nutzbar  wurde,  bis
jetzt  noch  der  Viehzucht,  und  darunter  vornehmlich  der  Rindviehzucht. ­

Die  Zahl  der  Farmen  hat  sich  vermehrt  von  72.735  im
Jahre  1850,  auf  82.368  im  Jahre  i860,  118.141  im  Jahre  1870
und  165.184  im  Jahre  1880.  Hiervon  waren  unter  3  Acres
gross  31,  von  3—10  Acres  3.554,  von  10—20  Acres  16.780,
Von  20—50  Acres  43.675,  von  50—100  Acres  29.539,  von
—500  Acres  70.821,  von  500—1000  Acres  5.988,  über
ï000  Acres  3.793.  Texas  ist  ein  Land,  in  dem  der  Grossgrundbesitz ­
  überwiegt,  auf  letzterem  wird  vornehmlich  Viehzucht ­
  getrieben.  1/n  Jahre  1880  gab  es  in  Texas  806.000
Pferde,  132.000  Maulthiere,  90.000  Arbeitsochsen,  606.000
Milchkühe,  3.387.000  Haupt  anderes  Rindvieh,  2.41  i.ooo  Schafe,
*•954  000  Schweine.
Der  Hauptreichthum  des  Landes  liegt  noch  in  seiner  Rind*
Viehzucht.  Die  grössten  Herden  existiren  und  die  überwiegende ­
  Masse  dieses  Viehes  wird  zwischen  dem  Flusse  Nueces,
^Jir  bo.  Corpus  Christi  in  den  Golf  fliesst,  und  dem  Rio
^'rande  gezogen.
Der  Landschlag  dieses  Rindviehes  stammt  aus  Spanien.
Spanier  importirten  vor  langen  Jahren  die  ersten  Rinder  hie-^^r
  und  trägt  das  Original-Texasvieh  noch  heute  den  Character ­
  des  spanischen  Rindviehes,  d.  h.  es  ist  leicht,  elegant
gebaut,  hat  lange,  spitze,  schön  geschweifte  Hörner,  ist  sehr
gesund  und  genügsam,  aber  nicht  sehr  fleischreich,  ln  den
        <pb n="250" />
        236

Jahren  1821  und  1822  kam  das  erste  Vieh  von  Louisiana
nach  Texas,  dieses  ist  schwerer,  weil  französischer  Abkunft.
Es  gab  1831  schon  drei  grössere  Herden,  zwei  von  600  und
eine  von  3000,  solcher  Abkunft  in  Texas,  am  Brazos-Flusse.
Jetzt  schon  begann  die  Kreuzung  des  kleineren  Landschlages
mit  diesen  schwereren  Thieren.  Seit  etwa  einem  Decennium
bezieht  man  vielfach  Vollblut-  oder  hochgradige  Stiere  englischer ­
  Abkunft,  Durhams,  aus  den  Mittelstaaten  der  Union,
aus  Kentucky  und  Kansas,  zur  Kreuzung.  Doch  soll  nur
einmalige  Kreuzung  sich  für  die  Herden  zwischen  Nueces
und  Rio  Grande  bewähren,  weil  mehrgradige  Thiere  grössere
Pflege  erfordern  als  sie  dieselbe  in  Südwest-Texas,  namentlich
in  der  trockenen  Jahreszeit,  finden.  Diese  erste  Kreuzung
soll  den  Verkaufswerth  per  Haupt  um  50  Percent  erhöhen.
Zweijährige  Kreuzungsproducte  sollen  bis  1200  Ibs.,  vierjährige
bis  1800  Ibs.  (?  ?)  schwer  werden;  bei  geeigneter  Mast  natürlich. ­
  ln  dem  äussersten  Nordwesten  von  Texas,  dem  Pan
Handle,  in  Neumexico  und  dem  westlichen  Theile  des  Indianer
Territoriums  giebt  es  grosse  Rinderherden,  welche  eine  mehrfache ­
  Kreuzung  mit  englischem  Shorthorn-Vollblut  vertragen
und  schwerer  werden  als  die  Thiere  aus  dem  Südwesten  von
Texas.  Man  nennt  diese  Thiere  in  Kansas  City  und  Chicago
„Beefcattle^.  Nur  diese  Thiere  gelangen  bjs  an  die  atlantische
Küste,  aber  selbst  von  ihnen  wenige  bis  nach  Europa.  Die
Texas-Rinder  werden  meist  im  Süden  der  Union  und  westlich
von  Chicago  und  St.  Louis  als  Schlachtvieh  verbraucht,  oder
sie  werden  in  jenen  Städten  und  in  Kansas  City  zur  Präparirung ­
  von  Büchsenfleisch,  „canned  beef",  verwendet.  Früher
machte  man  davon  in  Kansas  City  auch  viel  Rinder-Pökelfleisch. ­
  Doch  soll  sich  dies  Geschäft  neuerlich  nicht  mehr
recht  auszahlen.
Die  Zucht  des  Rindviehes  in  Westtexas  ist  höchst  einfach.
Die  Rinder  weiden  frei,  ohne  Hirten,  auf  unumzäunten,  endlosen ­
  Prairien  und  werden  jährlich  nur  zusammengetrieben,  um
den  jungen  Kälbern  das  Brandzeichen  des  Eigenthümers  aufzudrücken ­
  und  dann  im  Frühjahre,  um  jene  Ochsen  auszusuchen, ­
  welche  nach  dem  Norden  getrieben  werden  sollen.
        <pb n="251" />
        237

berittene  Mexicaner  besorgen  beide  Geschäfte.  Die  Herdenbesitzer ­
  wohnen  meist  gar  nicht  auf  den  „Ranches“,  auf  den
^eidegründen,  sondern  in  den  Städten,  wie  San  Antonio  und
Kansas  City.  Sie  besitzen  bis  50.000  Stück.  Im  Nordosten
Sind  die  Viehweiden  von  15-  bis  30.000  Acres  zuweilen  eingezäunt. ­
  Ställe  braucht  man  nirgends.  Das  Vieh  überwintert
Freien  und  ist  sehr  gesund  dabei.  Eine  grosse  Anzahl
Kinder  wird  jährlich  von  Texas  nach  Norden  oder  Osten
Gxportirt.  Der  überwiegende  Theil  wird  getrieften.  Und  zwar
treibt  man  schon  ein  bis  zweijährige  Stiere  durch  das  Indianer
T^erritory  und  Westkansas  bei  Dodge  City  vorbei,  am  Abhange ­
  des  Felsengebirges  entlang,  durch  Denver  nach  Nebraska,
Dakota,  Wyoming,  Montana  und  zuweilen  bis  Oregon.  Dieses
junge  Vieh  wird  an  dortige  Heerdenbesitzer  verkauft,  die
bis  zum  vierten  Jahre  oder  länger  weiden,  bis  es  ausgewachsen ­
  ist,  und  es  dann  wieder  nach  dem  Westen,  zu  einer
Fisenbahnstation  treiben  lassen,  wo  man  es  nach  Chicago
^•nschifft.  Dieses  Vieh  texanischen  Ursprunges  wird  schwerer,
''^enn  es  den  letzten  Theil  seines  Lebens  auf  den  Frairien  dies^r
  nördlichen  Staaten  oder  Territorien  geweidet  worden  ist
Und  erreicht  ein  Lebendgewicht  von  12-  bis  1300  Ibs.  Bleibt
^  bis  zur  Schlachtreife  in  Texas,  so  wird  es  nur  900  bis
tioo  Ibs.  höchstens  schwer.  Wenig  reines  Texasvieh  wird
Zum  Fettmachen  an  Farmer  in  Ohio  oder  Illinois  verkauft,  da
^ich  das  Futter  bei  ihm  nicht  so  gut  verwerthet  als  bei  Ochsen,
mehr  englisches  Blut  haben.

Das  Austreiben  des  Rindviehes  aus  Südtexas  beginnt  soim
  Frühling  das  Gras  wächst,  und  mit  dem  Fortschreiten
*ies  jungen  Graswuchses  nach  Norden  werden  ihm  die  Thiere
p^chgetrieben,  sie  finden  mithin  überall  frisches  und  nahrhaftes
utter  und  nehmen  während  dieser  langen  Reise,  die  oft  vom
ubruar  bis  October  dauert,  an  Grösse  und  Fleisch  zu.  NajW^lich
  wird  diese  Nomadenwanderung  des  Viehes  ein  Ende
Juden,  sobald  das  Land  am  Ostabhange  des  Felsengebirges
Frivateigenthum  übergegangen  sein  wird,  was  in  Kansas,
^braska  und  Dakota  bald  der  Fall  sein  dürfte.  Um  durch
Indianer  -  Territorium  treiben  und  weiden  zu  dürfen.
        <pb n="252" />
        238

müssen  die  Führer  der  Heerden  eine  kleine  Gebühr  von,  wie
ich  höre,  25  Cents  per  Haupt  an  die  Staatsverwaltung  des
Territoriums  zahlen.  Es  ist  gewiss  interessant,  dass  dieses
Vieh  zuweilen  bis  nach  Oregon  gelangt.  Von  Oregon  aber
kommt  ausgewachsenes  Vieh  über  Idaho,  Wyoming  und  Nebraska ­
  an  die  Eisenbahnen,  welche  es  nach  Chicago  fuhren,
dem  grössten  Viehmarkte  der  Welt.  Bei  Dodge  City  führt
eine  Linie  von  Süd  nach  Nord  durch  Kansas,  östlich  von
welcher  kein  Vieh  getrieben  werden  darf.  Die  genannte  Stadt
ist  ein  Einschiffungsplatz  für  solches  Vieh,  das  schon  ausgewachsen ­
  ist,  und  als  ,,grasfett“  nach  Kansas  City  oder  Chicago
per  Bahn  transportirt  werden  soll.
Aelteres  Rindvieh  aus  Texas  oder  Neumexico,  drei-  bis
vierjährige  Stiere,  werden  oft  nur  bis  Kansas  und  Colorado
getrieben  und  hier  einige  Monate  lang  auf  Regierungs-  und
Eisenbahnland  gegen  Entrichtung  einer  massigen  Gebühr  geweidet, ­
  bis  sie  dann  schlachtreif  an  „Packer“  in  Kansas  City,
Chicago  oder  St.  Louis,  einige  sogar  in  Buffalo  versendet
werden.  Das  Vieh  in  Colorado  ist  zwar  auch  spanischer  Abkunft, ­
  aber  schon  mehr  durch  Kreuzung  veredelt  und  schwerer.
Es  wird  nicht  in  andere  Staaten  auf  die  Weide  getrieben,
sondern,  soweit  es  nicht  in  Colorado  und  Neumexico  geschlachtet
wird,  per  Bahn  von  Trinidad  oder  Las-Animas  nach  Kansas
City,  St.  Louis  und  Chicago  gesandt.  Das  Land  im  Südwesten ­
  von  Texas  ist  noch  sehr  billig  und  soll  man  grosse
Strecken  von  15  Cents  bis  i  Dollar  per  Acre  noch  kaufen
können.  In  den  schon  mehr  besiedelten  Gegenden  ist  es  bereits
viel  theurer,  2,  5  bis  10  Dollars  per  Acre.
Auf  diese  Weise  wurden  von  Texas  nach  dem  Norden
getrieben
im  Jahre.
1874

im  Jahre
1867
1868
1869
1870
1871
1872
1873

Stück.
35.000
75.000
350.000
300.000
600.000
350.000
405.000

1875
1876
1877
1878
1879
1880

Stück.
166.000
151.000
321.000
201.000
265.000
257.000
395.000
        <pb n="253" />
        239

Die  Höhe  der  Preise  im  Norden  und  die  grössere  oder
geringere  Strenge  des  Winters  in  Texas  ist  massgebend  für
^ie  Grösse  des  Viehtriebes.  Bisher  ist  Vieh  nur  für  den  Local-^arkt
  nach  New-Orleans  und  Galveston  per  Bahn  transportirt
"Orden,  wenig  für  den  Export,  und  wenn  so,  doch  nur  nach
Cuba.  In  Zukunft  dürfte  über  Galveston  Vieh  und  Fleisch
nach  Europa  gebracht  werden,  allein  noch  existirt  dieser  Handel
nicht.  Er  wird  aber  um  so  leichter  ausführbar,  als  das  von
Coleman  in  Glasgow  erfundene  System  der  Kälte-Erzeugung ­
  mittelst  Compression  von  Luft  neuerlich  von  anderen
Erfindern  wesentlich  verbessert  sein  soll.  Die  besten  derartigen
Maschinen  sollen  jetzt  in  Cleveland  hergestellt  werden.  Die
Eisenbahnen  verbessern  die  Viehtransportmittel  neuerlich,  frei-*oh
  noch  nicht  im  fernen  Westen.  Verbesserte  Viehwaggons
acht  getrennten  Ställen  fur  je  zwei  Ochsen  sind  jetzt
zwischen  New-York  und  Chicago  in  Betrieb.  Sie  sind  mit
"ftertrögen  versehen,  die  von  Aussen  mit  Futter  oder  Wasser
gefüllt  werden  können.  Die  Barrieren  und  Tröge  werden  nach
dem  Ausladen  des  Viehes  in  New-York  an  der  Decke  des
^ggons  befestigt  und  die  Transportwaggons  verwandeln
Sich  in  Frachtwaggons.  Die  Fahrt  auf  der  Distanz  von  circa
2oo  Meilen  dauert  6o  Stunden  und  verlor  früher  jeder  Ochse
do  bis  70  Ibs.  Gewicht,  was,  à  6  bis  7  Cents,  3.60  Dollars
4.90  Dollars  ausmachte,  d.  h.  circa  die  Hälfte  der  Fracht,
7  bis  9  Dollars  zu  kosten  pflegt.  Dieser  Gewichtsverlust
jetzt  fast  ganz  in  Wegfall  kommen.  Der  neue,  theure
agen  wäre  also  sehr  ökonomisch.
Fieber  das  jährlich  in  den  Ver.  Staaten  gezüchtete  Schlachtmacht
  der  Statistiker  J.  R.  Dodge  folgende  Angaben:
^mästete  Schweine  29.000.000  Stück  im  Gewicht  von
5-120.000.000  Pfund;  Rinder  6.230.000  im  Gewicht  von
*25.000.000  Pfund;  Kälber  3.000.000  im  Gewicht  von
^75  000.000  Pfund;  Schafe  7.000.000  im  Gewicht  von
350,000.000  Pfund;  Lämmer  5.000.000  im  Gewicht  von
ç^o.ooo.ooo  Pfund;  im  Ganzen  50.250.000  Stück  Vieh  im
^mmtgewicht  von  8.970.000.000  Pfd.
Eisher  war  die  Aufzucht  und  die  Mast  oder  das  Reif-
        <pb n="254" />
        240

machen  des  Viehes  ein  doppeltes  Geschäft,  dessen  einzelne
Theile  an  weit  von  einander  getrennten  Orten  vollzogen
wurden.  Das  Vieh  wird  in  Texas  geboren  und  bis  zum
zweiten  oder  vierten  Jahre  dort  geweidet.  Dann  in  den  Nordstaaten ­
  Wyoming-Dakota  oder  in  Colorado  -  Kansas  grasfett
geweidet.  Weniges  kommt  auf  die  Weiden  von  Illinois  oder
Ohio,  weniges  wird  mit  Mais  in  einem  dieser  letzteren  Staaten
fett  gemacht.  Wir  kennen  einen  ähnlichen  Process  in  Europa.
Polnisches  und  bessarabisches  Steppenvieh  wird,  wenn  ausgewachsen, ­
  an  die  Zuckerfabrikanten  und  Spiritusbrenner  von
Böhmen  und  Sachsen  verkauft  und  dann  fett  nach  Berlin  oder
Hamburg  und  England  versandt.
Neuerlich  beginnt  man  in  Nord-  und  Mitteltexas  diesen
letzteren  „Veredelungsprocess“  vorzunehmen.  Wir  besahen
eine  etwa  20.000  Acres  grosse  Farm,  welche  circa  50  Meilen
östlich  von  San  Antonio  liegt  und  dem  Bahndirector  Mr.  Peirce
gehört.  Sie  ist  gänzlich  eingezäunt  und  besteht  aus  einem
fast  ebenen  Prairieboden,  der  meist  recht  viel  Holz  hat,  ohne
doch  Wald  genannt  werden  zu  können.  Die  Bäume  beschatten
den  Boden  und  halten  die  Feuchtigkeit  darin,  so  dass  das
Gras  lange  grün  bleibt.  Auch  wächst  ein  zuweilen  30  Fuss
hoher  Strauch,  Mesquitostrauch,  in  dieser  Prairie,  der  in  trockenen ­
  Jahren  besonders  viel  Laub  trägt.  Dieses  dient,  wenn
die  Sonne  das  Gras  versengt,  dem  Vieh  als  Nahrung.  Auch
eine  Cactusart  wird,  nach  Absengen  der  Stacheln,  dem  Vieh
in  solcher  Zeit  als  Futter  gegeben.  Ein  Fluss  theilt  die  P'arm
und  gibt  den  Rindern  stets  reichlich  Trinkwasser.  2500  Acres
waren  umgerissen  und  mit  Getreide  bestellt,  welches  alles
jedoch  nur  für  Fütterungszwecke  angebaut  wird,  sogar  Weizen
und  Roggen.  Wir  sahen,  ausser  diesen,  Mais,  Hafer,  Gerste,
Sorghum,  Millet  und  Luzerne,  Im  Herbst  baut  man  auch
Turnips.  Alle  diese  Früchte  gedeihen  üppig,  hatten  aber  zum
Theil  vom  Froste  gelitten.  Der  Winter  1880/81  war  bekanntlich
der  härteste  seit  1835.  Aufwendung  der  vollkommensten
Maschinerien  wurde  der  Boden  bestellt.  Die  Oeconomiegebäude
  und  Viehmaststände  waren  von  der  einfachsten  und
billigsten  Beschaffenheit.  Alles  Futter  wurde  mit  Dampf  ge-
        <pb n="255" />
        241

brüht.  Der  Wirthschaftsplan  geht  dahin,  soviel  Vieh  als  mög-»ch
  auf  der  umschlossenen  Farm  zu  ziehen,  Landschlagkühe
Vollblut  zu  kreuzen  und  es  loco  ganz  fett  zu  machen,
•'ln  kauft  vorläufig  noch  alljährlich  ausgewachsenes  Mager-Vieh
  aus  dem  Südwesten  zu  und  macht  es  fett.
Man  würde  nur  auf  acht  Acres  ein  Stück  Grossvieh  halben ­
  können,  wenn  man  nicht  in  den  Monaten  spärlicher  Weide
dem  butter,  das  auf  den  2500  Acres  Homefarm  gewonnen
  wird,  nachhälfe.  Als  Mastfutter  werden  Maismehl,  Roggeninehl,
  Turnips,  Baumwollsamenkuchen  und  geschnittenes  Stroh,
eu  und  Luzerne,  Alles  gebrüht,  angewendet.  Der  Musterarmer
  erreichte  so  1200  Ibs.  Durchschnittsgewicht  der  vierjährigen ­
  Ochsen  und  bei  Kreuzungen  bis  1500  Ibs.  Kr  verschifft ­
  sie  selbst,  indem  er  einen  Extrazug  nimmt,  ihn  ganz
selbst  befrachtet,  die  Thiere  direct  nach  Chicago,  St.  Louis
oder  New-Orleans  auf  den  Markt  bringt  und  selbst  dort  verauft.
  Ein  solcher  Zug  befördert  durchschnittlich  20  Waggons
je  18  bis  20  Ochsen.  Heim  Einkäufe  kostet  ihm  ein  ausgewachsener, ­
  vierjähriger,  ungegradeter,  d.  h.  nicht  durch
^oglische  Kreuzung  veredelter  Texasochse,  circa  15  Dollars.
ewöhnlich  geweidet,  würde  er  loco  nicht  mehr  als  2  Cents
per  englisches  Pfund  Lebendgewicht  bringen.  Auf  die  oben
^'^gegebene  Weise  gepflegt  und  gemästet,  ist  er  loco  4  Cents
per  Ib.  Werth.  Der  Transport  eines  Eisenbahn  waggons  mit
bis  20  fetten  Ochsen  von  dieser  „Capotfarm“  kostet  nach
b  Louis  100  bis  120  Dollars,  nach  New-Orleans  100  bis  iio
ollars,  nach  Galveston  36  Dollars.  Man  sieht  schon  hieraus,
''le  vortheilhaft  einst  der  Export  des  Viehes  aus  Texas  über
alveston  werden  muss.
I^av  Geschäft,  lexasvieh  aus  dem  Südwesten  im  Nord-^ten
  dieses  Staates  fett  zu  machen,  wird  wohl  allgemeiner
"orden  und  scheint  sehr  lohnend  zu  sein.  Die  Capotfarm  war
sehr  interessant.  Wie  sich  hier  Arbeit  bezahlt  macht,
goht  Wohl  daraus  hervor,  dass  der  Administrator  angab,  die
arm  werde  jetzt  nicht  unter  500.000  Dollars  verkauft  werden,
?.  der  Acker  vor  fünf  bis  sechs  Jahren  kaum  25.000
30.000  Dollars  werth  war,  und  höchstens  läo.ooo  Dollars
16
        <pb n="256" />
        242

in  Gebäuden,  Vieh,  Maschinen  und  unersetzter  Lohnarbeit
seither  investirt  sein  konnten.
Die  Viehbesitzer  der  Herden  in  Südwest-Texas  lassen
oft  auf  eigene  Rechnung  durch  ihre  berittenen  Knechte  das
Vieh  nach  Kansas  treiben,  hier  und  in  Colorado  weiden  und
senden  es  dann  per  Bahn  nach  Kansas  City,  St.  Louis,  Chicago.
Dies  geschieht  von  verschiedenen  Plätzen  an  den  grossen
Bahnen.  Hauptsächliche  Aufnahmestationen  sind  Dodge  City
in  Kansas,  Caldwell,  Xennewell  und  Coffeyville  an  der  Grenze
von  Kansas  und  dem  Indianer-Territorium.  Vieh,  das  m
Nordtexas  schlachtreif  gemacht  wurde,  wird  auch  schon  in
Gainsville  und  Stationen  der  Missouri-Kansas-Pacific-,  sowie  in
Texarcana  und  anderen  Stationen  der  St.  Louis-Iron-Mountain-Eisenbahn
  in  Eisenbahnwaggons  gebracht  und  entweder  nach
Kansas  City  oder  St.  Louis  versandt.  Fettvieh  aus  Colorado
und  Kansas  wird  auch  auf  der  Kansas-Pacific-Bahn  von  Fort
Wallace,  Hayes  und  Ellis,  solches  aus  Nebraska  und  Wyoming ­
  auf  der  Union-Pacific-Bahn,  vieles  ab  Ogatalla  in  Nebraska ­
  auf  die  Bahn  gebracht,  und  von  dort  nach  Kansas
City  oder  über  Omaha  nach  Chicago  transportât.
In  den  Marktstädten  gibt  es  grosse  Viehhöfe,  Viehbörsen
und  Viehcommissionäre,  welche  das  Vieh  in  Empfang  nehmen,
füttern  und  verkaufen,  auf  Rechnung  desEigenthümers.  Sehr
oft  ist  dieser  Eigentümer  nicht  mehr  der  Herdenbesitzer  aus
Südwest-Texas,  sondern  ein  Händler,  der  das  Vieh  auf  seiner
Geburtsstelle  gekauft  hat  und  nun  selbstständig  damit  handelt.
Das  würde  also  ein  Mittelsmann  zwischen  dem  Viehzüchter  m
Texas  und  dem  Mäster  in  den  nördlichen  Staaten  oder  dem
Schlächter,  hier  „Packer“  genannt,  in  den  grossen  Städten
Kansas  City,  St.  Louis  und  Chicago,  sein.  Oft  kauft  auch
ein  Herdenbesitzer  oder  Viehverbesserer  in  Montana  und  Dakota ­
  Mager-  und  Jungvieh  in  Süd-Texas  oder  auf  dem  Marsche
in  Zwischenplätzen,  wie  Dodge  City,  und  treibt  es  auf  seine
Weiden  im  Norden.
Der  Viehcommissionär,  welcher  auf  dem  Viehhofe  von
Kansas  City  das  Vieh  für  Rechnung  der  Besitzer  verkauft  und
dort  die  Aufsicht  darüber  übernimmt,  erhält  50  Cents  per
        <pb n="257" />
        243

Haupt  Rindvieh,  8  Cents  per  Schaf  und  5  Dollars  per  Waggonladung ­
  Schweine.  Ein  Eisenbahnwaggon  enthält  ca,  70  Schafe
oder  60  Schweine,
Die  Viehmarktverwaltung  von  Kansas  City  erhebt  von
dort  verkauftem  Vieh  20  Cents  per  Haupt  Rindvieh,  8  Cents
per  Schwein  und  5  Cents  per  Schaf.  Wenn  die  Thiere  hier
nicht  verkauft  werden,  so  kostet  ihr  Stallen  nichts.  Sie  werden ­
  dann  in  Eisenbahn  waggons  geladen  und  nach  Chicago
oder  St.  Louis  versandt,  Das  Futter.  Mais,  Hafer  und  Heu
wird  zu  festen  Preisen  von  der  Viehmarkts-Verwaltung  geliefert. ­

Die  Fracht  für  eine  Eisenbahnwaggonladung  Vieh  kostet
Von  Dodge  City  bis  St.  Louis  40  Dollars,  von  Kansas  City
nach  St.  Louis  45  Dollars,  von  Kansas  City  nach  Chicago
55  Dollars,  nach  New-York  geht  wenig  Texasvieh.
Die  Tendenz  der  Viehzüchter  Amerikas  geht  jetzt  dahin,
Yieh  bester  Qualität  zu  erzeugen.  Der  Grund  ist  einfach;
Schlechtes  Vieh  kostet  per  Bahn  oder  per  Schiff  ebensoviel
Transport  als  gutes,  der  Preis  per  Pfund  ist  aber  sehr  verschieden. ­

In  der  ersten  Juni-Woche  des  Jahres  1881  kosteten  die
Verschiedenen  Thierqualitäten  an  den  drei  Hauptmärkten  des
^Binnenlandes  per  100  englische  Pfund:  a)  In  Kansas  City:
Fxtra-Kansas-Export-Fettochsen  5*50  bis  5*75  Dollars,  Colorado-Fettochsen
  (grasfett)  4  40  bis  5*25  Dollars,  Texasochsen
(grasfett)  g  2g  bis  475  Dollars.  Hier  kostet  also  der  gemeine,
Ungekreuzte  Texasochse,  der  770  bis  970  Ibs.  wiegt  2*50  Dollars ­
  weniger  per  Centner  als  der  beste  Kansas-Kreuzungsochse
''^on  ca.  1300  Ibs.  Lebendgewicht.  —  Der  Unterschied  ist  noch
grösser  in  St.  Louis,  wo  eingeborene,  Missouri-Ochsen,  von
viel  englischem  Blute  und  1450  Ibs.  Gewicht  mit  g  8g  Dollars,
Colorado-Stiere  von  1224  Ibs.  mit  4  90  Dollars  verkauft  wur-^^n.
  Die  grasfetten  Texasochsen  von  883  Ibs.  brachten  3  00
Hollars,  von  971  Ibs.  3  87'/z  Dollars,  die  etwas  schwereren
Hchsen  des  nördlichen  Theiles  des  Indianer  Territoriums  von
^71  Ibs.  412  '  Dollars,  Hier  kostet  der  leichte  Texasochse,
16*
        <pb n="258" />
        244

obschon  grasfett,  2  85  Dollars  per  100  Ibs.  weniger  als  der
beste  Missouri-Ochse.-  Derselbe  in  den  Mittelstaaten  durchgewinterte ­
  und  zum  Theile  im  Stalle  gemästete  Texasochse  aber
brachte,  915  Ibs.  schwer,  4  00  Dollars,  1007  Ibs.  schwer,  4'25
Dollars  per  100  Ibs.  Ein  833  Ibs.  schwerer  Texasochse  kostete
also  25  Dollars,  ein  1000  Ibs.  schwerer  gemästeter  Texasochse,
ohne  englisches  Blut,  kostete  42'  ,  Dollars,  beide  aber  verursachen,
  ab  Dodge  City,  dieselben  Transportkosten  von  circa
5  Dollars  per  Kopf.  —  In  Chicago  brachten  Extra-Exportstiere ­
  6  bis  6-85  Dollars  per  100  Ibs.,  sie  wiegen  1400  und
mehr  Pfund,  Nebraska-Stiere  von  1338  Ibs.  brachten  6  00  Dollars, ­
  Colorado-Stiere  von  1516  Ibs.  5-40  Dollars,  Texasstiere
von  1138  Ibs.  490  Dollars,  von  810  Ibs.  nur  3-65  Dollars.
Ein  grasfetter  Texasochse  kostet  also  per  Pfund  Lebendgewicht ­
  in  Chicago  nur  etwa  halb  so  viel  als  ein  guter,  stallfetter
Mittellandsochse.
Das  Billigerwerden  der  Transportanstalten  macht  also
die  Viehzucht  in  Texas  intensiver.  Man  züchtet  bessere
Racen  und  mästet  besser.  Die  jährliche  Migration  des  Texasrindviehes ­
  nach  Norden  begann  erst  im  Jahre  1866,  und  war
damals  Abilene  an  der  Kansas-Pacific-Bahn  jene  Station,  von
der  fettes  Vieh  durch  Kansas  City  nach  Chicago  per  Bahn  transportât ­
  wurde,  ln  den  Jahren  1868  und  1869  suchten  die
P'ort  Scott-  und  Golf-Eisenbahn  und  die  Kansas-,  Lawrenceund
  Southern-Bahn  das  Texasvieh  im  südlichen  Theile  von
Kansas  auf  ihre  Linien  zu  bringen.  Dies  Vieh  ging  transito
durch  Kansas  City  nach  Osten.  Im  Jahre  1870  erst  wurde
der  sehr  practisch  eingerichtete  Viehhof  von  Kansas  City  angelegt. ­
  Alle  Pferche  sind  durch  circa  acht  Fuss  hohe  Zäune
getrennt,  über  jedem  Zaun  liegt  eine  Plattform  von  zwei
Brettern  neben  einander,  auf  denen  man  gehen  und  von  wo
herab  man  die  Thiere  beobachten  kann;  im  Centrum  steht  ein
Haus,  das  eine  Wage  enthält,  auf  die  50  Stück  Grossvieh
gleichzeitig  getrieben  und  auf  der  es  mit  einem  Male  gewogen
werden  kann.  Neben  dem  Viehhofe  ist  die  stattliche  „Viehbörse“ ­
  erbaut.  Jetzt  ist  Kansas  City  der  Hauptmarkt  für
Vieh  aus  Texas,  dem  Indianer-Territorium,  Kansas,  Missouri,
        <pb n="259" />
        245

Nebraska,  Colorado,  Neumexiko  und  Utah,  sogar  zuweilen
von  Wyoming.
Seit  1867  etablirten  sich  hier  grosse  Schlächtereien,  welche
Fleisch  für  den  Export  packten  und  deren  Besitzer  „Packer“
genannt  werden.  Im  Jahre  1878  begann  E.  W.  Pattison  das
Packen  von  Rindfleisch,  T.  J.  Bigger  von  Schweinen.  Seit
1876  senden  Nofsinger  und  Comp,  frisches  Rindfleisch  in  Refrigeratorwaggons ­
  nach  dem  Osten,  doch  hat  dieser  Handel
noch  keinen  grossen  Umfang  erreicht.  Im  Jahre  1877  begannen ­
  Plankinton  und  Armour  das  Schweineschlachten  für
Export  auch  im'  Sommer.  Im  folgenden  Jahre  führten  Slavens
und  Oburn  das  Präpariren  von  Rinds-Büchsenfleisch,  „canned
beef“  ein.  Seither  ist  Kansas  City  nicht  mehr  blos  Transitplatz ­
  für  Vieh,  das  nach  St.  Louis  und  Chicago  bestimmt  ist,
sondern  es  werden  jährlich  grosse  Mengen  Vieh  hier  geschlachtet, ­
  das  Fleisch  wird  entweder  „gepackt“,  für  den  Export,
oder  es  wird  in  Zinkkisten,  die  in  Holzkisten  stehen,  so  dass
ein  mit  Eis  zu  füllender  Zwischenraum  bleibt,  verpackt  und
nun  westlich  bis  Neumexiko  und  Colorado,  östlich  bis  zum
Mississippi  versandt.  So  ist  Kansas  City  jetzt  der  Mittelpunkt
ties  Fleisch-  und  Viehhandels  von  Transmississippi.  Es  wurden ­
  von  Kansas  City  Rinder  nach  Osten  verschickt  im  Jahre
1872  236.000,  1873  227.000,  1874  207.000,  1875  174.000,  1876
•83.000,  1877  215.000,  1878  175.000,  1879  2II.000,  1880
244.000.  Die  Zahl  der  hier  zu  Markt  gebrachten  Schweine
stieg  von  104.000  im  Jahre  1872  auf  676.000  im  Jahre  1880.
»iGepackt“  wurden  im  Jahre  1880  hier  505.000  Schweine  und
3*  817  Rinder.
Am  I.  Januar  1880  kosteten  100  Ibs.  Lebendgewicht  in
Eansas  City  von  Kansas-Fettochsen  575  bis  5*25  Dollars,  von
Mais  gemästeten  Texasochsen  2  75  bis  3  80  Dollars,  von
durchgewinterten  Texasweideochsen  2*25  bis  2  85  Dollars.  Wir
besahen  in  Kansas  City  das  grosse  Schlachthaus  von  Armour
**ud  Comp.,  dessen  Besitzer  uns  mit  grosser  Liebenswürdigkeit ­
  jede  von  uns  gewünschte  Auskunft  aus  seinen  Geschäftsbüchern ­
  gab,  wie  späterhin  auch  der  Präsident  der  Viehbörse.
In  jenen  Schlachthäusern  können  täglich  7000  Schweine
        <pb n="260" />
        246

geschlachtet  werden  und  ebensoviel  Rinder.  Im  December
wurden  an  einem  Tage  7598  Ochsen  geschlachtet.  Jetzt,  im
Sommer,  weniger.  Man  tödtet  die  Ochsen  durch  einen  Schuss
in  die  Stirne,  ein  Verfahren,  das  uns  weniger  zweckmässig
erschien,  als  das  im  Eastman’schen  Hause  zu  New-York  angewendete. ­
  Die  Schweine  werden  an  einem  Fuss  aufgehängt
und  dann  schneidet  man  ihnen  den  Hals  mit  einem  Schnitte
durch.  Sehr  schnell  und  auf  überraschende  Weise  wird  das
Scheeren  und  Reinigen  der  Schweine  mittelst  Maschinerie
bewirkt.  Doch  sind  solche  Schlachthäuser  bereits  so  oft  beschrieben ­
  und  weicht  das  Verfahren  in  dem  einen  so  wenig
von  dem  in  einem  anderen  ab,  dass  ich  mir  die  Schilderung
des  grossen  Armour’sehen  Schlachthauses  sparen  will.
Schliesslich  kann  ich  nicht  umhin  zu  bemerken,  dass  das
Texasvieh  in  nicht  ferner  Zukunft  über  die  Südküste  des
Landes  verschifft  werden  dürfte  und  dass  Kansas  City  mehr
ein  Fleischmarkt  fur  die  Bergwerksdistricte  von  Neumexico
und'Arizona  werden  wird,  wie  es  dieselben  jetzt  schon  mit
Mehl  versorgt.  Der  Handel  dieser  Stadt  zieht  sich  von  Osten
augenscheinlich  jetzt  schon  nach  dem  Westen.  Das  Vieh  von
Louisiana  und  Texas  dürfte  über  Corpus  Christi,  Galveston,
New  -  Orleans  einen  Markt  in  Süd-  und  Mittelamerika  oder
Europa  suchen,  das  Kansasvieh  aber  in  den  Gebirgs-  und
Bergwerksdistricten  des  südlichen  Theiles  des  Felsengebirgcs.
Dagegen  mag  Nebraska,  Utah,  Wyoming,  Montana,  Dakota,
vielleicht  auch  Oregon  und  Idaho,  über  Chicago  den  Osten,
Europa  eingerechnet,  mit  Vieh  und  Fleisch  versehen.
Die  Viehzucht  und  Viehmast  in  diesen  Gegenden  ist  noch
äusserst  einträglich  und  soll  sich  das  darin  angelegte  Capital
33'/:)  Percent  verzinsen.  Allein  nur,  wenn  grosse  Summen  angelegt ­
  sind,  da  kleine  Herden  sich  keineswegs  auszahlen.
Ueber  die  Fleisch-  und  Viehproduction  der  Union  brachte
im  Jahre  1880  eine  Schweizer  Zeitung  einen  guten  Originalbericht, ­
  woraus  ich  Einiges,  als  Ergänzung  des  Obigen,  was
ich  selbst  gesehen  und  erlebt,  mittheile,  sowie  einen  kurzen
Bericht  über  die  Viehzucht  in  Montana,  wo  ich  nicht  war,  aus
dem  Jahre  1882.  Letzterer  ist  einem  süddeutschen  Blatte  ent-
        <pb n="261" />
        247

nommen.  Die  erstere  ist  die  „N.  Züricher“,  die  letztere  die
MFrankfurter  Zeitung“.  In  Ersterer  heisst  es;
Die  Ausfuhr  von  frischem  Fleisch  und  lebendem  Vieh  von
den  Vereinigten  Staaten  nach  Europa  und  besonders  nach
England  findet  erst  seit  einigen  Jahren  statt;  nichtsdestoweniger ­
  hat  das  Geschäft  bereits  eine  solche  Ausdehnung  erfahren,
dass  jährlich  etwa  30.000  Stück  lebendes  Rindvieh  und  wöchentlich ­
  etwa  2000  Stück  geschlachtete  Ochsen,  im  Durchschnittsgcwichte
  von  je  700  Pfd.,  in  England  eingeführt  werden.  In
ähnlicher  Weise  hat  auch  die  Ausfuhr  von  Butter  und  Käse
nach  Europa  in  den  letzten  Jahren  sich  entwickelt.  Der  Staat
New-York  allein  besitzt  ca.  i  'A  Millionen  Milchkühe,  fast  ebensoviel ­
  wie  ganz  England  und  ebensoviel  wie  Irland,  während
Fennsylvanien  854.000,  die  gesammten  Vereinigten  Staaten
*2';2  Millionen  Milchkühe  besitzen.  Die  grossen  Rindviehnnd
  Schafzucht-Regionen  beginnen  150  englische  Meilen  westlich ­
  von  Omaha,  an  dem  1400  Meilen  westlich  vom  Atlantischen ­
  Ocean  gelegenen  Ausgangspunkte  der  Union  -  Pacific-Eisenbahn,
  und  erstrecken  sich  nach  Westen  zu,  durch  Nebraska
und  Wyoming,  über  die  fruchtbare  Laramie-Ebene  bis  zum
Felsengebirge  und  über  dieses  hinaus  durch  die  Utah-,  Oregonund
  Washington-Territorien,  wo  noch  fünfmal  so  viel  Rindvieh ­
  gezüchtet  werden  könnte,  als  dies  jetzt  geschieht,  bis  an
^cn  stillen  Ocean,  ln  der  anderen  Richtung  dehnen  sie  sich
Von  den  warmen  Küsten  des  Golfs  von  Mexiko  1500  englische
teilen  nordwärts  aus,  über  die  englisch-amerikanische  Grenze
l^is  nach  Canada  hinein.  Sie  umfassen  ausser  den  genannten
Staaten  grosse  Theile  von  Texas,  Colorado  mit  30  Millionen
Acres,  Wyoming  mit  55.000  englischen  Quadratmeilen  Weide-Rtund,
  und  Montana.
Dik;  Art  und  Weise  der  Züchtung  ist  natürlich  auf  diesem
grossen  Weide-Territorium  verschieden;  einige  Herden  zählen
1000,  andere  50.000  Stück  Rindvieh,  alle  aber  weiden  im
Sommer  auf  dem  höher  gelegenen,  im  Winter  auf  dem  niedrigem ­
  und  geschütztem  Terrain  und  verursachen  wenig  Mühe
^ud  Kosten.  Oft  werden  ein  bis  zwei  Jahre  alte  Thiere  in
Texas  und  Oregon  angekauft  und  in  die  noch  nicht  zum  Wei-
        <pb n="262" />
        248

den  benützten  Thäler  und  Ebenen,  deren  es  im  Westen  noch
eine  Menge  gibt,  getrieben;  ein  geeigneter  Platz  mit  genügend
Wasser  und  einigen  geschützten  Stellen  für  den  Winter,  nicht
zu  nahe  den  andern  Niederlassungen,  wird  ausgesucht,  ein  paar
Hütten  werden  gebaut  und  die  neue  Ansiedelung  ist  fertig.
Die  Treiber  erhalten  einen  Monatslohn  von  28  bis  32  Dollars,
freie  Wohnung  und  Verpflegung  und  haben  die  Aufsicht  über
je  1000  Stück  Vieh;  ihre  gewöhnliche  Arbeit  besteht  darin,
dass  sie  durch  die  Ebenen  und  Thäler  reiten,  um  darauf  zu
achten,  dass  genügend  Futter  und  Wasser,  an  einzelnen  Stellen
auch,  dass  Salz  vorhanden  ist.  Nur  zweimal  im  Jahre  haben
sie  beschwerlichere  Arbeit,  wenn  die  Besitzer  mit  den  Knechten
das  Vieh  zusammentreiben,  um  den  jungen  und  den  nicht  mit
einem  Brandzeichen  versehenen  Thieren  ein  solches  aufzubrennen, ­
  die  mit  einem  fremden  Zeichen  versehenen  auszuscheiden ­
  und  die  zum  Schlachten  passenden  oder  zum  Verkauf
bestimmten  auszuwählen.  Für  besonders  gute  Heerden  werden
Stiere,  reine  Shorthornzucht,  in  Kentucky  oder  den  östlichen
Staaten  zum  Preise  von  80  bis  200  Dollars  angekauft.
Da  der  Winter  selten  sehr  kalt  ist,  werden  die  Thiere  nie
aufgestallt;  selbst  in  Montana  wird  die  kalte  Temperatur  durch
die  über  die  Rocky  Mountains  kommenden  warmen  japanischen
Luftströmungen  gemildert  und  der  Schneefall  ist  dort  überhaupt ­
  nicht  so  stark,  wie  nach  dem  Atlantischen  Ocean  zu.
Ausgenommen  in  den  ganz  nördlich  in  hohen  Breiten  liegenden ­
  Regionen,  trifft  man  für  die  Winterfütterung  gar  keine
Vorbereitungen;  das  üppige  Gras  vertrocknet  eben,  wo  es  gewachsen ­
  ist,  und  bietet  dem  Vieh  ein  reiches,  nahrhaftes  Heu,
welches  nur  von  einer  leichten  Schneeschichte  bedeckt  und  bequem ­
  von  den  Thieren  erreicht  werden  kann.  Im  I'rühjahr
und  Sommer  werden  von  Texas  aus  Tausende  von  Thieren
durch  die  „Indianer-Reservation“  nordwärts  getrieben.  Der
Nutzen,  welcher  aus  einer  sogenannten  „Station“  gezogen  wird,
ist  ein  bedeutender  und  beträgt  oft  20  Percent  des  Anlagekapitals, ­
  denn  Renten  und  Abgaben  giebt  es  dort,  mit  Ausnahme ­
  einer  Kopfsteuer  von  5  Cents  für  zweijährige  und
7  Cents  für  ältere  Thiere  in  einigen  Staaten,  nicht.  Die
        <pb n="263" />
        249
Kosten  für  kleine  Herden  von  etwa  looo  Stück  belaufen  sich
^uf  ungefähr  anderthalb  Dollars  per  Kopf,  bei  grösseren  Her-^cn
  sind  sie  jedoch  geringer,  höchstens  i  Dollar;  die  Verluste
urch  Todesfälle,  Verirrung  oder  Raub  durch  Indianer,  in
"lanchen  Gegenden  die  Hauptursache  der  Verluste,  beziffern
sich  mit  2  bis  3  Percent.
Im  Sommer  und  Herbst  werden  die  zwei,  drei  und  vier
Jahre  alten  I  hiere  von  den  westlichen  Weidegründen,  bestänweidend,
  nach  irgend  einer  Station  der  nach  dem  Osten
Ehrenden  Eisenbahnen  getrieben,  wo  sie  je  20  in  einem  befleckten ­
  Waggon  verladen  werden.  Die  Viehzüge  sind  Expresszüge,
  welche  nur  alle  12  bis  13  Stunden  anhalten,  um
je  Thiere  mit  Eutter  und  Wasser  zu  versehen  und  sie  10
12  Stunden  ruhen  zu  lassen,  und  meistens  nach  Chicago,
ansas  City,  St.  Louis  oder  den  atlantischen  Häfen  bestimmt
^nd.  An  den  Stationen  im  Westen,  wo  grosse  Eairbank'sche
aagen  vorhanden  sind,  mit  denen  man  gleichzeitig  bis  zu
40  Stück  wiegen  kann,  bezahlt  man  dieses  Rindvieh  per  lehenfliges
  Gewicht,  und  zwar  3  bis  4  Cents  per  Pfund,  wobei,
es  überall  in  den  Vereinigten  Staaten  geschieht,  die  Veräufer
  danach  trachten,  dies  Wiegen  gleich  nach  der  Küttefung
  vornehmen  zu  lassen,  während  die  Käufer  die  Thiere  gezogen ­
  haben  wollen,  wenn  sie  hungrig  und  durstig  sind.  Die
-isenbahnfracht  nach  dem  Osten  der  Vereinigten  Staaten  ist
I  Cheyenne  in  Wyoming,  einem  Hauptverladungs-P
  atz,  bis  nach  Chicago,  eine  Entfernung  von  1000  englischen
feilen,  bezahlt  man  z.  H,  nur  7  Dollars,  von  Chicago  bis  nach
ew-York,  900  Meilen,  4  Dollars  per  Stück.  Dazu  kommen
^  Gr  noch  die  Kosten  für  Eutter  und  Ueberwachung  während
f^r  bahrt  mit  einem  halben  und  Verkaufs-Commission  in  Chi-^^go
  oder  New-York  mit  zwei  Dollars.  Die  Seefracht  nach
^rossbritannien  stellte  sich  früher  auf  4  Pfd.  Sterl.,  ist  aber
urzlich  auf  5  Pfd.  Sterl.  erhöht  worden;  ferner  erwachsen
"Och  Kosten  für  bütterung  etc.  und  Versicherung  während
f^r  Seereise  im  Helaufe  von  i  '  ^  Pfd.  Sterl.,  sowie  für  Transport ­
  nach  den  Schlachthäusern,  Schlachten  etc.,  so  dass  ein
^"ck  Rindvieh  vom  nordöstlichen  Colorado,  Wyoming  oder
        <pb n="264" />
        250

Montana  nach  dem  Transport  über  2000  englische  Meilen
Land  und  3000  Meilen  Wasser  in  England  auf  10  bis  ijrfd.
Sterl.  zu  stehen  kommt,  (i.  J.  1880)  hei  einem  Gewichte  von
1200  Pfcl.  also  2  Pence  per  Pfd.  Brutto,  4  Pehce  per.  Pfd.
Netto  vertheuert  wird,  ln  Folge  dieser  Vertheuerung  kann
der  Export  lebenden  Viehes  natürlich  keine  so  grossen  Dimensionen ­
  annehmen,  wie  man  wohl  möchte;  man  hat  es  zwar
wiederholt  versucht,  das  Vieh  in  schlechtem  Schiffen  zu  billigem ­
  Frachten  zu  verschiffen,  dabei  jedoch  böse  Erfahrungen
gemacht,  da  es  mehrfach  vorgekommen  ist,  dass  eine  grosse
Menge  Vieh,  im  letzten  Februar  einmal  250  Stück,  bei  stürmischem ­
  Wetter  über  Bord  geworfen  werden  musste.
Jeden  Herbst  werden  Tausende  der  besten  zwei  und  drei
Jahre  alten  Thiere  von  den  Weidegründen  im  Westen  nach
den  grossen  Mais-Regionen  in  Illinois,  Wisconsin,  Jowa,  Minnesota ­
  und  Missouri  getrieben,  wo  sie  in  grossen  Yards  zu  je
60  bis  100  Stück  mit  Mais  und  Hafer  zu  je  einem  Viertel-Dollar
  per  Bushel,  Kleie  zu  5  und  Heu  zu  2'  Dollars  per
Ton  billig  gemästet  werden,  während  von  dem  Abfall  gleic  -
zeitig  noch  Schweine  fett  gemacht  werden.  Das  Rindvieh
wird,  etwa  1100  bis  1200  Pfund  wiegend,  zu  3  Cents  per
Pfund  eingekauft  und  im  Winter  oder  Frühjahre  mit  einem
Gewichte  von  1400  bis  1600  Pfund  zu  4  bis  5  Cents  wie  er
verkauft;  je  100  Pfund  lebendes  Gewicht  der  mit  Mais  gemästeten ­
  Thiere  ergeben  nach  dem  Schlachten  56  bis  60  Pfund.
Von  diesem  geschlachteten  Vieh  werden  wöchentlich  circa
2000  Stück  im  Durchschnittsgewichte  von  je  700  Pfund  nac
England  verschifft.  In  New-York  hat  das  Vieh  einen  Wert
von  6  Cents,  wenn  geschlachtet  10'  .  Cents.  Die  bedeutendsten ­
  Verschiffer  sind  die  Firmen  Sherman  und  Gileff
in  New-Jersey-City,  Eastman  in  New-York,  S.  W.  Allerton  m
Chicago  und  Martin  und  Fuller  in  Philadelphia.
Vom  Juni  bis  September  findet  das  Einsalzen  und  Praserviren
  des  Fleisches  in  Chicago,  Kansas  City,  St.  Louis,
Philadelphia  und  New-York  statt,  wo  in  manchen  der  grössern
Etablissements  täglich  1000  Thiere,  meistens  3  bis  4  Jahre
alt  und  gesund,  aber  nicht  übermässig  fett,  geschlachtet  werden.
        <pb n="265" />
        251

Eine  einzige  Firma  in  Chicago,  „Libby,  M'Neill  und  Libby,“
•st  beispielsweise  im  Stande,  täglich  40.000  bis  50.000  Büchsen
präservirtes  Fleisch  zu  liefern,  die  je  2  bis  28  Pfund  enthalten.
Mehr  als  die  Hälfte  des  präservirten  und  ein  Viertel  des  gesalzenen ­
  und  geräucherten  Ochsenfleisches  geht  nach  Europa;
von  ersterm  wurden  kürzlich  in  London  in  einer  Woche
150.000  Kisten  von  je  84  Pfund  Netto-Gewicht  zu  37  sh.  6  d.
per  Kiste  verkauft  (i.  J.  1880).
Der  Bericht  aus  Montana  v.  J.  1882  sagt:  Am  westlichen
Fusse  des  grossen  amerikanischen  Felsengebirges,  in  einem
lieblichen  Thaïe,  das  von  seinen  Bewohnern  das  Paradies  der
Heuen  Welt  genannt  wird,  liegt  das  freundliche  Städtchen
Eeer  Lodge.  Dicht  an  der  Stadtgrenze  liegt  eine  grosse,  schön
ausgelegte  Farm,  oder,  wie  man  sie  dort  zu  Lande  nennt,
Mranche,"  das  Eigenthum  des  Rinderkönigs  Con  Kohrs,  eines
Holsteiners  aus  der  Nähe  von  Glückstadt,  der  des  grössten
Ansehens  sich  erfreut  und  für  einen  der  reichsten  Männer  im
Amerikanischen  Nordwesten  gilt.  Vor  zwanzig  Jahren  noch
armer  Fleischergeselle  in  Virginia  City,  der  sich  auf  dem
Markte  ein  Viertel  Rind  über  die  Schulter  legte,  dasselbe  zu
Hause  zerlegte  und  dann  an  seine  Kunden  verkaufte,  hat  er
jetzt  22.000  Stück  Vieh  auf  der  Weide  und  ist  an  drei  Gold-Hiinen

  betheiligt,  die  grossen  Gewinn  abwerfen.
Wer  in  Montana  durch  Ackerbau,  Handel  oder  Goldgräberei
  zu  Gelde  gekommen  ist,  legt  dasselbe  in  Vieh  an,
^as  in'  dem  daselbst  reichlich  vorhandenen  Büffel-Gras,  mit
alle  Höhenzüge  bedeckt  sind,  sowohl  im  Sommer  als
Selbst  im  Winter  unter  dem  Schnee  ein  vortreffliches  nahrhaftes ­
  Futter  findet.  Diese  Art  und  Weise,  seine  Capitalien
verwerthen,  ist  darum  so  beliebt,  weil  die  unendlichen
Höhenzüge  Montana’s,  welche  das  Vieh  mit  besonderer  Vor-'
»ehe  sich  zur  Weide  aussucht,  noch  beinahe  überall  herrenoses
  und  darum  nicht  umfriedigtes  Eigenthum  sind  und  man
Ausserdem  keine  Scheunen  zu  bauen  braucht,  denn  die  Thiere
finden,  selbst  im  kalten  Winter,  hinlänglichen  Schutz  vor  der
itterung  in  den  zahlreichen  Schluchten  der  Berge  und  sehen
ÖAbei  am  Ende  der  rauhen  Jahreszeit  so  glatt  und  wohlge-
        <pb n="266" />
        2^2

nährt  aus,  als  hätten  sie  die  ganze  Zeit  behaglich  im  warmen
Stalle  gestanden.  Alles,  was  ein  Viehbesitzer  zu  thun  nöthig
hat,  ist,  dem  neugekauften  und  neugeborenen  Vieh  seinen
„Brand“  aufzudrücken  und  es  dann  in  Gottes  weite  Welt
hinauslaufen  zu  lassen.  Dieser  „Brand“  wird  respectirt,  nicht
sowohl  weil  man  sich  vor  den  Revolvern  der  Besitzer  fürchtet,
als  weil  jeder  neu  eingeführte  ,,Brand“  sofort  registrirt  und  im
ganzen  Lande  bekannt  gemacht  wird,  so  dass  man  ohne  gehörig ­
  beglaubigte  Vollmacht  des  Besitzers  kein  Stück  \ieh
verkaufen  kann,  und  dann  ist  die  Ehrlichkeit  der  Bewohner
Montana’s  so  gross,  dass  Diebstahl  beinahe  zu  den  unerhörten
Verbrechen  gehört  und  man  in  den  Hotels  beispielsweise  beim
Ausgehen  ruhig  den  Schlüssel  in  der  Thür  stecken  lässt.
Zweimal  im  Jahre,  zur  sogenannten  round  up-Periode,  werden
alle  Rinder  in  besondere  zu  diesem  Zweck  errichtete  Einfriedigungen
  getrieben,  von  ihren  Herren,  die  sich  dazu  mit  ihren
Knechten  (cow  boys)  eingefunden  haben,  sortirt  und,  nachdem
man  die  neugeborenen  Kälber  gebrannt  und  die  für  den  \  erkauf ­
  bestimmten  Thiere  ausgesondert  hat,  wieder  losgelassen.
So  bequem  und  gewinnbringend  diese  Art  der  Viehzucht
auch  ist,  so  ist  dabei  von  System  doch  keine  Rede,  und
namentlich  liegt  die  Milchwirthschaft  noch  sehr  im  Argen.
Die  Kühe  laufen  mit  vollem  Euter  auf  der  Weide  herum,  weil
es  an  Leuten  fehlt,  sie  zu  melken,  und  Butter  und  Käse  stehen
desshalb  in  hohem  Preise.  Dass  hier  einmal  ein  Umschwung
zu  rationellerer  Wirthschaft  eintreten  muss,  liegt  klar  auf  der
Hand;  denn  bei  dem  schnellen  Wachsthum  der  Bevölkerung
wird  sich  die  Nachfrage  nach  guter  Butter  und  Käse,  dem
ersten  Erforderniss  eines  guten  Tisches,  bald  genug  einstellen,
und  Leute,  die  ihr  Geschäft  verstehen,  könnten  bei  nöthigec
Energie,  der  ersten  Grundbedingung  zum  Erfolge,  hier  schnell
zu  Wohlstand  gelangen.  Bei  vielseitiger  Behandlung  der
Milch  könnte  man  in  Montana  einen  Käse  erzielen,  der  dem
der  Schweiz  in  nichts  nachstände,  und  sieht  man  die  Fortschritte, ­
  welche  die  Kultur  jetzt  überall  im  amerikanischen
Nordwesten  macht,  so  kann  man  auch  auf  diesem  Gebiete
gute  Resultate  erwarten.
        <pb n="267" />
        XIX.  Capitel.
Der  Panama-Canal  und  die  amerikanische
Politik.
Die  Geschichtsschreibung  beginnt  in  neuerer  Zeit  einen
^Guen  Maassstab  anzuwenden  und  die  Bedeutung  von  Männern
^3ch  anderen  Prinzipien  zu  würdigen  wie  vordem.  Nicht  mehr
kriegerischer  Ruhm  allein  wird  als  Bedingung  für  die  Erlangung
Unsterblichkeit  angesehen,  sondern  grosse  Werke  des
Friedens,  welche  eine  wesentliche  Verbesserung  des  Looses
'^•eler  Menschen  zum  Zwecke  haben,  erzeugen  ebenfalls  einen
Anspruch  auf  Aufnahme  in  die  Tafeln  der  Weltgeschichte,
■^uch  das  Alterthum  ist  reich  an  Unternehmungen,  deren
Drossartigkeit  noch  heute  Staunen  erregt,  da  man  die  Unzulänglichkeit ­
  der  damals  zur  Verfügung  stehenden  mechanischen ­
  Kräfte,  im  Vergleich  zur  gelösten  Aufgabe,  kennt,
■^hein  solche  Bauwerke,  wie  die  Pyramiden  Aegyptens,  waren
^cist  nur  Denkmäler,  welche  einzelne  Menschen  sich  oder
*hrem  Geschlecht  gesetzt,  und  durch  welche  sie  —  vergebens
sich  in  der  Erinnerung  der  Menschen  zu  erhalten  versuchten,
zwar  die  Pyramiden  anstaunen,  die  Namen  ihrer  eitlen
Schöpfer  aber  vergessen  haben.  Wer  im  Gedächtniss  der
Menschen  leben  will,  muss  ihnen  grosse  Dienste  leisten,
^•^d  er  wird  so  lange  unvergessen  sein  und  von  ihnen  geehrt
y  erden,  als  es  Menschen  gibt,  welche  Nutzen  aus  der  That
Jener  Helden  der  Cultur  ziehen.  Durch  Dienste  und  durch
k^‘enen  erwirbt  man  Autorität,  und  heut  zu  Tage  heisst
Regieren  Bedürfnisse  des  Volkes  befriedigen.  Wer
dies  gut  thut,  ist  ein  guter  Regent,  und  sein  Name  lebt  so
in  der  Geschichte,  als  sein  Dienst  no(;h  nachwirkt.
        <pb n="268" />
        254

Wenn  man,  wie  die  moderne  Geschichtsschreibung  an*
fangt  es  zu  thun,  diesen  Maasstab  an  die  Regenten  unseres
Jahrhunderts  legt,  so  wird  man  Napoleon  111.  fur  einen  der
grössten  Regenten'  desselben  halten.
Das  Herz  dieses  merkwürdigen  Mannes  war  gut  und
menschenfreundlich.  Er  war  ein  humaner  Träumer  auf  dem
Throne,  und  nicht  alle  seine  Träume  waren  bunte  Seifenblasen,
welche  ohne  Spur  zerplatzen.  In  seiner  Jugend  war  er  tief  in
die  Ideen  eines  anderen  aristokratischen  Humanitätsträumers,
St.  Simon’s,  untergetaucht  und  war  zu  der  Ansicht  gekommen,
dass  Belebung  von  Handel,  Verkehr  und  Industrie  National*
reichthum  schaffe  und  dieser  ein  Volk  glücklich  mache.
Aufgabe  des  Monarchen  sei  also  die  Förderung  von  Handel,
Verkehr  und  Industrie.  Dies  hat  Napoleon  III.  als  Kaiser
redlich  gethan  und  desshalb  wird  sein  Name  unsterblich  sein,
obschon  er  seinen  letzten  Zweck,  das  Glück  des  Volkes,
nicht  erreichte.  In  dieser  Beziehung  kann  man  von  ihm  nicht
mehr  verlangen,  als  die  hellsten  Köpfe  seines  Zeitalters  gc
leistet  haben,  welche,  von  Adam  Smith  bis  Michel  Chevalier
und  Friedrich  List,  glaubten,  dass  Nationalreichthum  Wohl*
stand  erzeuge.  Sie  hatten  noch  keine  Ahnung  davon,  dass
die  richtige  Vertheilung  des  Nationalreichthums  in  der
Art,  dass  er  durchschnittlichen  Wohlstand,  und  nicht
Millionäre  und  Proletarier  erzeuge,  ein  schwierigeres  Problem
sei,  als  die  Erzeugung  des  Nationalreichthums  selbst.
Doch  ist  Napoleon  Ill.  das,  was  die  Besten  und  Klügsten
seiner  Zeit  anstrebten,  durchzuführen  gelungen,  und  bleibende
Werke,  sowie  der  in  der  That  Staunen  erregende  National*
reichthum  Frankreichs,  den  es  grossen  Theils  unter  seiner
Regierung  sammelte,  und  von  dem  es  jetzt  aller  Welt  leiht,
sind  eine  Frucht  der  Werke  des  Friedens,  welche  der  unglückliche ­
  Kaiser  förderte.
Der  Hafen  von  Marseille,  die  Eisenbahn  durch  den
Mont-Cenis  und  der  Canal  von  Suez  sind  drei  solcher,  plan*
mässig  zusammenhängenden  Werke  von  dauerndem
Werthe,  welche  der  Menschheit  nutzen,  Napoleons  Regime
überlebt,  über  unvergesslich  gemacht  haben.  Er  zerbrach  die
        <pb n="269" />
        255

^arrière,  welche  Indien  von  Europa  östlich  trennte,  indem
Lesseps  mächtig  den  Rücken  deckte.  Hierdurch  wollte  er
den  Handel  mit  Indien  über  Frankreich  leiten.  Die  Mont-Cenis-Strasse
  und  der  grossartige,  neue  Hafen  von  Marseille  sind
die  natürlichen  Fortsetzungen  des  Canals  von  Suez.  Dies  ist
ein  in  sich  abgeschlossenes  Strassensystem  und  es  trägt  seine
vorhergesehenen  und  beabsichtigten  Früchte  für  die  Vermehrung
  des  Nationalreichthums  von  Frankreich.
Allein  Napoleon  III.  hatte  auch  die  Idee  und  Absicht,
jene  Barrière  zu  beseitigen,  welche  die  indisch-asiatische
Welt  westlich  von  Europa  scheidet,  durch  jene  Landstrecke,
die  Nord-  und  Südamerika  mehr  trennt  als  verbindet,  denn
Sie  ist  viel  unzugänglicher*  und  unpassirbarer,  als  es  ein  offenes ­
  Meer  an  dieser  Stelle  sein  würde.
Es  ist  noch  sehr  die  Frage,  ob  nicht  Europa  dereinst
bedauern  wird,  dass  die  Schranken,  welche  die  Länder  der
'Veissen  Race  von  jenen  der  gelben  Race  trennen,  niedergelegt
  wurden,  ob  dies  nicht,  wie  der  englisch-französische  Feld-2ug
  gegen  China,  wodurch  die  dreihundert  Millionen  Chinesen
ihrem  zweitausendjährigen  Schlummer  gewaltsam  erweckt
'vurden,  ein  grosser  Fehler  war;  denn  wir  furchten,  dass  die
'veisse  Race  die  Concurrenz  der  gelben  nicht  ertragen  kann,
Sobald  diese  sich  der  Maschine  als  Dienerin  bei  der
Production  bemächtigt,  was  sie  zu  thun  beginnt,  jene
^itschine,  die  uns  allein  eine  Ueberlegenheit  über  jene  frugale,
heissige  und  mechanisch-talentirte,  geschäftskundige  Race  gab,
■Allein  diese  Befürchtung,  welche  wir  hegen,  wird  bis  jetzt  von
Wenigen  getheilt  und  man  ist  allgemein  noch  der  Ansicht,
dass  die  Beseitigung  eines  solchen  Verkehrshindernisses,  wie
^  die,  beide  Amerika's  verbindende  Landenge  ist,  als  eine
Lulturthat  ersten  Ranges  anzusehen  ist.
So  fasste  sie  Napoleon  III.  und  mit  ihm  fassten  sie  so
die  intelligentesten  Franzosen  seiner  Zeit  jedenfalls  auf.  Man
''^•rd  nicht  fehl  gehen  in  der  Annahme,  dass  der  grossartig  veranlagte ­
  Träumer  auf  dem  Throne  Frankreichs  ein  Gewebe
^^b,  in  dem  Politik  und  Oekonomik  so  innig  verwo-Waren,
  wie  Kette  und  Einschlag,  und  dass  nicht  nur
        <pb n="270" />
        256

der  Wohlstand,  sondern  auch  die  politische  Macht  Frankreichs ­
  durch  die  Ausführung  jener  beiden  napoleonischen
Ideen  gehoben  werden  sollte.  In  der  That  wollte  Napoleon  III.
Frankreich  aus  einer  europäischen  Grossmacht,  die  es  immer
gewesen  und  noch  ist,  zu  einer  Weltmacht  machen,  die  in
vier  Continenten  festen  Fuss  fassen  sollte!
In  Afrika  besass  Frankreich  bereits  Algier.  Auf  Aegypten ­
  gewann  es  durch  Anleihen  und  den  Canal  Einfluss.  In
Syrien  und  dem  Heiligen  Lande  hatte  es  Vertragsrechte  und
das  „Partant  pour  la  Syrie“  war  die  napoleonische  Hymne.
Sie  drückt  den  napoleonischen  Weltmachtstraum  poetisch-musikalisch ­
  aus,  ein  Traum,  den  Napoleon  durch  Arbeit,  Capital,
Intelligenz  und  —  die  ruhmreichen  Waffen  Frankreichs
gleichzeitig  zu  realisiren  suchte.  Diese  erworbenen  Rechte
in  Syrien,  dieser  politische  Einfluss  an  beiden  Ufern  des  Canals
von  Suez,  Hess  sich  durch  eine  mächtige  und  zielbewusste
französische  Regierung  entwickeln  und  vergrössern.  Nach
dieser  Seite,  nach  Osten,  war  Frankreich  unter  Napoleon  III.
bereits  unbestreitbar  eine  Weltmacht,  zum  grossen  Verdrusse
  Englands!
An  Grösse  der  politischen  Conception  steht  Napoleon  III.
weder  Louis  XIV.,  noch  Napoleon  I.  nach,  übertrifft  sie  aber
durch  die  geschickte  Combination  friedlicher  und  kriegerischer ­
  Mittel  zur  Erreichung  des  vorgesteckten  Zieles.  Allein
er  hatte,  sowie  er  seine  Action  nach  Westen  ausdehnte,  Unglück. ­
  Er  verrechnete  sich  in  Bezug  auf  England,  das  er
durch  den  Handelsvertrag  gewonnen  zu  haben  meinte  und
dessen  engherzige  Krämerpolitik  er  unterschätzte.  Englands
wahres,  dauerndes  Interesse  verlangte  die  Unterstützung  der
napoleonistischen  Pläne  in  Suez  und  in  Mexico-Panama.  Aber
England  suchte  den  Canalbau  von  Suez  zu  hindern  und  unterstützte ­
  die  mexicanische  Expedition  nicht.  Vom  Canal  zu  Suez
zieht  es  jetzt  eine  unverdiente  Frucht,  die  Versäumniss  in
Mexico  wird  sich  bald  an  ihm  rächen.  Es  hat  für  die  Union
gearbeitet,  indem  es  für  Napoleon  nichts  that,  und  die  Union
will  sich  jetzt  eine  Schiffsstrasse  durch  den  amerikanischen
Isthmus  Öffnen,  sie  aber  für  England  jeden  Augenblick  schliessen
        <pb n="271" />
        257

17

können.  Für  die  Union  war  es  ein  Glück,  dass  die  raexicanische
  Expedition  scheiterte.  Für  Europa  ist  es  ein  Unglück,
für  England  ein  grober,  politischer  Fehler!
Die  verunglückte  mexicanische  Expedition  wird  man  als
^•ne  nothwendige  Vorbedingung  eines,  von  Frankreich
erbauenden  und  unter  französischem  Einfluss  zu  erhaltenden
Canals  durch  die  Landenge  von  Panama  ansehen  müssen,  um
Sie  richtig  zu  würdigen.  So  aufgefasst,  verliert  sie  das  Abenteuerliche, ­
  was  ihr  in  anderer  Weise  noth  wendig  anhaftet.
Napoleon  III.  begünstigte  offenbar  die  Südstaaten  der
amerikanischen  Union  in  ihrem  Kampfe  um  Unabhängigkeit,
kr  suchte  ferner  Mexico  in  eine  Monarchie  unter  französischem ­
  Schutze  zu  verwandeln.  Hätte  er  hier  eine  Monarchie
Gtablirt  und  hätten  die  aristokratischen  Südstaaten,  in  denen
öie  Grossgrundbesitzer  zum  guten  Theile  französischer  Abkunft
'''aren,  sich  befreit,  so  wäre  auch  hier  wahrscheinlich  eine
Monarchie  entstanden.  Beiden  Monarchien  gegenüber  würde
Republik  im  Norden  der  Union  einen  schweren  Stand  gehabt ­
  haben.  Ein  Monarch  aber  muss  wünschen,  dass  das
1‘epublikanische  System  nicht  Terrain  gewinnt,  sondern  mögkchst
  eingeschränkt  wird.  Deshalb  soll  Harry  Arnim  mit  der
Monarchie  in  Frankreich  sympathisirt  haben.  Er  sah  richtiger
Ms  Bismarck!  Ein  Sieg  der  Südstaaten,  die  Etablirung  dreier
Monarchien  in  Nordamerika,  würde  das  System  grosser
Gehender  Heere,  die  allgemeine  Wehrpflicht,  zum  unl'iittelbaren
  Gefolge  gehabt  haben.  Wenn  aber  dieses  System
Amerika  auch  Platz  greift  und  dazu  eine  grosse  Kriegsschuld ­
  kommt,  wie  sie  Süd-  und  Nordstaaten  und  Mexico
^^mals  hatten,  so  ist  Amerika  plötzlich  kein  gefährlicher
^  oncurrent  mehr  für  Europa  in  der  Arbeit  auf  den
*cbieten  von  Ackerbau  und  Industrie,  da  es  heute  nur
^halb  weniger  Productionskosten  in  vielen  Productionsbran-^hen
  hat  als  Europa  und  also  nur  deshalb  billiger  verkaufen
'^nd  europäische  Concurrenten  niederconcurriren  kann,  weil
Seine  ganze  männliche  Bevölkerung,  frei  vom  Militärdienst,
^*eh  der  Arbeit  widmet  und  die.  Staatsausgaben  sich  verminaus
  Mangel  eines  Militär-Budgets.
        <pb n="272" />
        258

Napoleon  III.  begriff,  dass  Europa  vorläufig  vom  Militärsystem ­
  nicht  lassen  könne.  Er  begriff,  dass  Europa  die  Concurrenz
  Amerika’s  nur  ertragen  könne,  wenn  es  dasselbe  kostspielige ­
  politische  System  habe  wie  Europa.  Deshalb  that  er
Alles,  was  er  konnte,  um  dies  europäische  System  nach  Amerika ­
  zu  verpflanzen.  Vom  moralischen  Standpunkte  lässt  sich
gewiss  Vieles  gegen  ein  System  sagen,  das  die  Krankheit
des  europäischen  Militarismus  Amerika  einimpfen  wollte.  Vom
Standpunkt  der  europäischen  Politik,  die  durch  den  Egoismus
geleitet  wird,  war  das  System  richtig.
Es  lag  ebenso  im  wohlverstandenen  Interesse  Englands
als  Frankreichs,  den  gefährlichen  Concurrenten  Amerika  nicht
auf  kommen  zu  lassen,  sondern  für  immer  in  der  Rolle  eines
an  Europa  Zinsen  zahlenden  Schuldners  und  eines  von  Europa
Industriewaaren  kaufenden  Agriculturlandes  zu  erhalten.
Die  Engländer  „sympathisirten“  demgemäss  auch  mit  den
amerikanischen  Secessionisten,  aber  sie  waren  weit  davon  entfernt, ­
  einen  Mann  oder  ein  Pfund  Sterling  zu  opfern,  um  ihnen
zum  Siege  zu  verhelfen  oder  um  in  Mexico  eine  Monarchie
unter  europäischer  Protection  zu  etabliren  und  so  das  ihnen
hauptsächlich  feindliche  „Monroe  -  System“  zu  zerstören.  Sie
würden  sogar  den  Erfolg  der  französisch-amerikanischen  Politik
mit  derselben  Eifersucht  gesehen  und  ihr  entgegengearbeitet
haben,  wie  sie  die  Vollendung  des  Suezcanals  durch  Frankreich ­
  mit  Neid  und  Unwillen  sahen,  obschon  sie  heute  den
grössten  Vortheil  aus  der  Existenz  des  Suezcanals  ziehen.  Die
englische  Politik  hat  in  letzter  Zeit  stets  jener  kurzsichtige,
gemeine  Krämeregoismus  beherrscht,  der  Bismarck  im  Jahre
1864,  als  ihn  ein  österreichischer  Staatsmann  frug,  was  England
zur  Annexion  Schleswig-Holsteins  sagen  würde,  antworten
Hess:  „England  wird  reden,  vielleicht  protestiren,  aber  nie
etwas  thun!“  So  ist  es  geschehen  und  England  hat  nur
eine  kurze  Zeit  lang  wieder  Politik-  nicht  Tagesgeschäft,
„business,“  getrieben,  so  lange  ein  genialer  Mann  nicht  englischer ­
  Race,  Disraeli,  seine  Geschicke  lenkte.  Von  da  ab
ruft  es  wieder  in  die  Welt  hinaus:  „Peace  and  Cotton!“  Es
kann  sich  aber  leicht  ereignen,  dass  es  bald  weder  Frieden
        <pb n="273" />
        259

noch  Raum  wolle  hat!  So  wie  es  wagen  sollte,  der  mächtigen
Republik  in  Amerika  einen  freien  Wasserweg  durch  den  Isthnius
  abzuzwingen,  dürfte  dieser  Moment  kommen.  Ein  amerikanischer ­
  Staatsmann  sagte  neulich:  Wenn  England  uns  in
den  Weg  tritt,  können  wir  leicht  aus  ihm  drei  kleine  Staaten
jnachen,  die  uns  als  Vorwerk  gegen  Europa  dienen!  Der
Hinweis  auf  Irland  ist  augenscheinlich  sehr  deutlich!
\  on  England  im  Stiche  gelassen,  konnte  Napoleon  III.
nicht  gleichzeitig  die  amerikanischen  Südstaaten  unterstützen
Und  die  Monarchie  in  Mexico  begründen.  Als  erstere  unter-®rfen
  waren,  konnte  er  auch  das  junge  mexicanische  Schutzkaiserthum ­
  nicht  halten,  musste  er  den  Plan,  das  europäischpolitische ­
  System  in  Nordamerika  zu  begründen  und
die  Landenge  von  Panama  unter  französischen  politischen  Einfluss ­
  zu  bringen,  ihm  eine  militärische  Landbasis  in  Mexico
•u  geben,  was  der  Inangriffnahme  des  Canalbaues  daselbst
uatürlich  voraufgehen  musste,  aufgeben.
Von  da  ab  gehörte  Nordamerika  dem  friedlich-republianischen,
  nicht  militärischen  System  und  Panama  den  Amerikanern! ­

Die  geheime  Sympathie  Europas  für  die  Südstaaten,  d.  h.
ür  den  Zerfall  der  Union,  und  die  offene  Einmischung  Europas
ju  mexicanische  Angelegenheiten,  waren  an  den  nordameri-.
  ^^ischen  Staatsmännern  nicht  verloren  gegangen,  und
^  Washington  existiren  sehr  zielbewusste  einsichtige
taatsmänner,  die  sich,  trotz  wechselnder  Präsidenten,  dort
Permanent  in  einflussreicher  Stellung  behaupten,  wie  Grant,
ameron,  Conkling,  Rlaine,  Ereelinghuysen  und  manche  Andere,
verstorbene  Präsident  Garfield,  General  Sherman,  Finanz-Minister
  Windom,  Statistiker  Walker,  waren  oder  sind  solche
Staatsmänner.
Sie  fühlten  lebhaft  das  Hedürfniss,  die  einzelnen  Theile
^  Ungeheuren  Reichsgebietes  in  innere,  engere  Verbindung
einander  zu  bringen  und  ihr  praktischer  Sinn  fand  das
Ittel  hierzu  leicht,  ein  Mittel,  das  einen  doppelten  Zweck
^'‘eichte,  grössere  politische  Einheit  und  Entwickelung  des
Pudels,  Verkehrs,  der  Production,  des  Nationalreichthums,
17*
        <pb n="274" />
        &amp;gt;-260



dessen  Vertheilung  in  Wohlstand  sie  gleichzeitig  durch  Wucher*
und  Homestead-Exemptionsgesetze  möglichst  beförderten.  Dieses ­
  Mittel  lag  in  der  Schöpfung  grossartiger  Transportstrassen. ­

Transportstrassen  sind  je  und  je  zweierlei  Art  gewesen.  Land
und  Wasserwege.  Die  letzteren  cultivirten  die  Staatsmänner  der
Union  bisher  wenig,  weil  sie  alle  ihre  verfügbaren  Mittel  den  ersteren
  zuwendeten  Der  Umstand,  dass  sie  hierbei  nicht  nur  ihr  unermessliches ­
  und  an  natürlichen  Schätzen  überreiches  Land  erschlossen ­
  und  der  Production  an  den  neuen  Transport-Binnenstrassen
  neue  Stätten  schufen,  war  es  nicht  allein,  der  sie  abhielt, ­
  zunächst  sich  auch  den  Seewegen  zuzuwenden.  Bei  Herstellung ­
  der  Binnenlandwege  hatten  sie  keinerlei  Einmischung
von  Seiten  des  eifersüchtigen,  capitalreichen  und  militairischen
Europas  zu  fürchten,  der  sie  begegnen  werden,  sowie  sie
das  Monopol  zu  brechen  suchen,  was  Europa  jetzt  noch  zur
See  hat.  Sie  konnten  vielmehr  mit  Erfolg  europäisches  Capital ­
  zur  Erbauung  ihrer  Binnenland-Transportwege  herbeiziehen
und  thaten  es.  Jetzt  sind  sie  reich  und  mächtig  genug,  um
auch  ein  grosses  Seehandels-  und  Schifffahrtsvolk  zu  werden
und  sie  sind  dabei,  auch  dieses  Ziel  zu  erreichen.  Es  ist  aber
ein  Beweis  für  die  Klugheit  der  amerikanischen  Staatsmänner,
dass  sie  Schritt  für  Schritt  vorgingen  und  nicht  ihre  Kräfte
zersplitterten.  Nachdem  sie  im  Eisenbahnbau  alle  Nationen
übertroffen  haben,  werden  sie  es  bald  auch  in  der  Schifffahrt
thun,  sobald  nur  erst  durch  die  starke  Einwanderung  auch
dort  —  leider  —  die  Löhne  gesunken  sein  werden.
Während  man  in  Europa  neue  Transportwege  erst  dann
erbaut,  wenn  die  Production  so  gross  ist,  dass  die  alten  nicht
zur  Abfuhr  der  Erzeugnisse  genügen,  baut  man  in  Amerika
zuerst  die  Transportwege  und  schafft  dadurch  eine  lohnende ­
  Production  in  den  durch  jene  Strassen  erschlossenen ­
  Gegenden.  In  Europa  baut  man  zuerst  ein  Dorf,  dann
eine  Stadt,  dann  eine  Landstrasse,  dann  eine  Eisenbahn.
■  In  Amerika  baut  man  zuerst  ejne  Eisenbahn,  dann  erbaut
man  an  den  Eisenbahnstationen  „Städte“,  d.  h.  ein  Hôtel,
einen  Kaufmannsladen,  ein  Post-  und  Telegraphenbureau,
        <pb n="275" />
        26i

entstehen  einzelne  Farmen  unfern  der  neuen  „Stadt“,
und  sehr  langsam  endlich  die  Landstrassen  zwischen  den  Far*
Ulen  und  von  diesen  zur  Stadt.
Die  amerikanische  Regierung  begünstigte  den  Eisenbahnbau ­
  durch  Landschenkungen  an  der  Strecke  der  zu  erbauen-^en
  Bahn,  aber  bei  einer  Bahn,  deren  schnelle  Herstellung
ibr  besonders  am  Herzen  lag,  ging  sie  weiter  und  bewilbgte
  direct  eine  Garantie  des  Capitals  aus  Unionsuiitteln.
  Diese  Bahn  ist  die  grosse  Pacilicbahn,  welche
Omaha  mit  San  Francisco  verbindet.  Hierzu  hatte  sie  hauptsächlich ­
  einen  politischen  Grund.
Die  durch  das  Felsengebirge  vom  Hauptlande  der  Union
getrennten  Staaten  am  Stillen  Meere  würden  sofort  in  den
lebhaftesten  Verkehr  mit  Europa  gekommen  sein,  wenn  der
Panamacanal  gebaut  worden  wäre.  Noch  jetzt  ist  ihr  Handel
Ul  it  Europa,  obschon  er  ums  Cap  Horn  geht,  bedeutender
uls  mit  dem  östlichen  Theile  der  Union,  obgleich  bereits  zwei
Hisenbahnen  diese  Landestheile  verbinden.  Die  Tarife  der
Pacificbahnen  sind  noch  zu  hoch  und  werden  so  bleiben,  bis
Unionsgesetzgebung  gegen  sie  einschreiten  wird.  Vor
Herstellung  der  Union-Pacific-Bahn  bestand  fast  kein  Verkehr
beider  Unionstheile.
Diese  Situation  musste  für  den  Bestand  der  Union  hoch-Refährlich
  werden,  sowie  die  Pacificstaaten  mehr  Bevölkerung ­
  erhielten.  Welches  Interesse  haben  diese  ander  Entwickelung ­
  der  Industriein  denOststaaten  durch  einen  hohen  Schutzzoll, ­
  den  sie  mit  bezahlen  müssen?  Erst  in  neuester  Zeit  hat  sich
^us  geändert,  da  San  Francisco  eine  Fabrikstadt  zu  werden
l^^ginnt.  Warum  sollten  sie  bisher  eine  Politik  der  Union
Unterstützen,  welche  die  Vernichtung  der  Gesellschaftsordnung
*u  den  Südstaaten  und  die  Remplacirung  der  südlichen  Gross-S^undbesitzer
  durch  Capitalisten  und  Settler  aus  dem  Nordosten
^on  Jahr  zu  Jahr  mehr  erzwingt?  Warum  endlich  sollten  sie
^500  Millionen  Dollars  Unionsschulden  verzinsen  und  amor-^isiren
  helfen,  welche  lediglich  gemacht  wurden,  um  diese  politisch-sociale ­
  Umschaffung  der  Südstaaten,  die  nur  im  Intertisse
  der  Nordoststaaten  geschieht,  möglich  zu  machen  ?  Das
        <pb n="276" />
        202

Gebiet  der  Pacificstaaten  ist  gross  und  an  natürlichen  Hülfsmitteln
  reich  genug,  um  ein  selbstständiges  Reich  zu  bilden,
das  seine  eigenen  Interessen  allein  fördert  und  nicht  zur  Erreichung ­
  der  Interessen  des  Nordostens  contribuirt.
Der  Gefahr,  dass  sich  die  Pacificstaaten  von  der  Union
loszulösen  suchten,  was  zu  einem  neuen  und  sehr  kostspieligen ­
  Bürgerkriege  führen  musste,  konnten  die  Staatsmänner
der  Union  nur  dadurch  begegnen,  dass  sie  eine  innigere
Verbindung  jener  Staaten  mit  dem  Osten  herstellten,  welche
erstens  gemeinsame  Interessen  zwischen  beiden  Reichstheilen
schuf,  zweitens,  im  Falle  eines  Ablösungsversuchs  der  Pacificstaaten, ­
  den  Militärtransport  dahin  erleichterte.  Aus  diesen
politisch-militärischen  Gründen  erklärt  es  sich,  dass  die
Unionsregierung,  was  sie  sonst  nie  that,  eine  Capitalinteressen-Garantie
  für  die  erste  Pacifiebahn  bewilligte  und  den
Bau  der  drei  anderen  durch  die  grossartigsten  Landschenkungen
förderte.
Der  Name  Grant’s  ist  mit  allen  diesen  Unternehmungen
innig  verflochten,  bis  auf  den  heutigen  Tag,  und  man  thut
Unrecht  und  begeht  ausserdem,  was  nach  Talleyrand  schlimmer ­
  ist,  einen  Fehler,  wenn  man  Grant  für  einen  Mann  hält,
der  durch  Eisenbahn-  und  Canalbauten,  denen  er  das  Prestige
seines  grossen  Namens  leiht,  lediglich  Geld  zu  verdienen
sucht.  Wie  alle  Amerikaner,  wird  er  Geld  zu  schätzen  wissen
und  vielleicht  für  sich  welches  machen,  was  wir  indessen
nicht  behaupten  können,  aber  er  hat  seinen  grossen  Namen
für  kein  derartiges  Project  hergegeben,  das  nicht  eine
eminent  politische  Bedeutung  hätte  und  dazu  diente,
ganz  Nordamerika  in  eine  grosse,  mächtige,  nicht
militärische,  einheitliche  Republik  zusammen  zu
sch  weissen.
Die  erste  Sorge  der  G  rant’sehen  Regierung  war  daher,
nach  Beendigung  des  Bürgerkrieges,  die  Vollendung  der
Union-Pacific-Bahn,  und  nach  drei  Jahren  waren  im  Mai  1869
die  1775  Meilen  vom  Sacramento-Flusse  bis  Omaha  vollendet,
waren  der  Stille  und  der  Atlantische  Ocean  durch  einen
        <pb n="277" />
        263

Schienenstrang  verbunden,  der  es  gestattet,  bequem  in  6  Tagen
und  Nächten  von  New-York  nach  San  Francisco  zu  fahren.
Im  März  des  Jahres  1881  ist  die  zweite  Verbindung  beider ­
  Oceane,  südlich  jener,  vollendet  worden.  Von  Kansas
City  fahrt  man  jetzt  auch  über  La  Junta,  Santa  Fe-  Albuquerque ­
  nach  Lanes  in  California,  südlich  von  da  nach  San
thego  am  Stillen  Ocean,  nördlich  nach  Santa  Barbara  am
selben  Meere  und  von  hier  an  der  Küste  hinauf  nach  San
Francisco.  Von  La  Junta  erreicht  man  per  Bahn  im  Norden
Denver  und  hiermit  den  Anschluss  an  die  Union-Pacific-Bahn
bei  Cheyenne.  Es  existirt  eine  Bahn  von  St.  Louis  nach
Vinita  im  Indian  Territory.  Von  hier  baut  man  an  einer  ziemlich ­
  geraden  Bahn  nach  Albuquerque.  Sowie  sie  fertig  ist,
wird  der  Umweg  über  Las  Animas-St  Fe  vermieden,  welchen
obige  Bahn  macht.  Die  Concurrenz  beider  Linien  macht  es,
dass  man  von  Kansas  City  auf  beiden  Bahnen  nach  San  Francisco ­
  für  115  Dollars  fahren  kann,  obschon  die  oben  beschriebene ­
  südliche  Route  ca.  300  Meilen  länger  ist  als  die
U  nion-Pacific-Bahn.
Mit  grosser  Beschleunigung  baute  man  1881  an  einer  noch
südlicheren  Bahn,  die  im  Jahre  1882  vollendet  wurde  und
von  Little  Rock  am  Arkansas  über  Texarkana  bis  Gainsville,
Henrietta,  Camp  Cooper,  Emigrant-Crossing,  Wells  nach  El
l^aso  del  Norte  am  Rio  Grande  und  Fort  Thorn  fuhrt.  Von
hier  erreicht  sie  nördlich  den  Anschluss  an  die  Süd-Pacificbahn
  bei  Albuquerque,  geht  von  Thorn  südlich  über  Tucson
uach  Guaymas  in  Mexico  am  Golf  von  Californien,  von  Tucson
existirt  schon  eine  Bahn  über  Marcicopa  Wells,  Fort  Yuma
•lach  Colton  und  Los  Angeles  an  der  Südsee,  von  Fort  Yuma
nach  San  Diego  ist  sie  im  Bau  begriffen.  Von  El  Paso  del
Norte  und  Guaymas  tritt  sie  in  Verbindung  mit  jenem  System
niexicanischer  Bahnen,  für  die  sich  General  Grant  jetzt  interessirt
  und  von  denen  weiterhin  noch  zu  berichten  ist.
Bei  Denison,  nahe  dem  Red  River,  zweigt  sich  von  ihr
^ine  Bahn  ab,  die  nördlich  nach  Vinita  führt  Von  hier
Existirt  eine  Bahn  nach  St.  Louis  und  eine  nach  Emporia  an
Süd-Pacific-Bahn.  Von  Denison  baut  man  einerseits  über
        <pb n="278" />
        204

Durant  nach  dem  Canadian-Flusse  und  den  hinauf  nach  Las
Vegas,  zum  Anschluss  an  die  Süd-Pacific-Bahn,  andererseits
von  Denison  nach  Henrietta,  wie  schon  gesagt,  und  endlich
steht  Denison  über  Dallas  und  Hearne  mit  Galveston  am  Golf
von  Mexico  in  Verbindung.
Endlich  wird  auch  wahrscheinlich  bis  Frühjahr  1884  die
Northern-Pacific-Bahn  vollendet  sein,  welche  von  Duluth  am
Oberen  See  direct,  in  fast  gerader  Linie,  nach  Westen  fuhrt
und  über  Brainerd  am  Mississippi,  Glyndon,  Bismarck  am  Missouri, ­
  schon  1881  den  Yellow-Stone-River  in  Montana  erreicht
hatte.  Sie  führt  über  Big  Horn,  Galatin  nach  Virginia-City
in  Idaho,  von  dort  nordwestlich  bis  zum  nördlichen  Theile  des
Territoriums  Washington,  von  da  einerseits  nach  Olympia
am  Puget  Sund,  andererseits  nach  Portland  am  Columbia-Flusse.
  Portland  steht  demnächst  mit  Sacramento  in  Bahnverbindung. ­
  Die  Staatsmänner  der  Union  werden  also  im
Jahre  1884  die  Pacific-Staaten  durch  vier  grosse  Parallelbahnen
mit  dem  Osten  verbunden  haben.
Die  Idee  Lord  Beaconsfields,  durch  Canada  eine  Militärbahn ­
  vom  San  Lorenzo-Strome  bis  zum  Stillen  Ocean  in  Britisch-Columbien
  zu  bauen,  welche  jetzt  verwirklicht  wird,  aber
zehn  Jahre  in  Anspruch  nehmen  dürfte,  ist  in  Washington  so
unpopulär  als  möglich.  Man  arbeitet  mit  Erfolg  daran,  sich
in  Canada  eine  Partei  zu  schaffen,  welche  dem  Anschlüsse
Canada’s  an  die  Union  günstig  ist,  und  sobald  die  Zeit  gekommen ­
  sein  wird,  in  welcher  die  Union  auch  zur  See  mächtig
werden  will,  wird  man  gewiss  sich  Canada’s  zu  bemächtigen
suchen.  Wie  ich  nachzuweisen  hoffe,  ist  diese  Zeit  nicht
mehr  fern.
Die  amerikanischen  Staatsmänner  haben  nun  die  Absicht,
sich  von  ihren  östlichen  und  südlichen  Staaten  zu  den  Pacific-Staaten
  auch  noch  einen  für  Seeschiffe  passirbaren  Weg
zwischen  Nord-  und  Südamerika  herzustellen.  Dieser  Weg
aber  soll  nicht  in  der  Luft  schweben,  sondern  eine
sichere  Landbasis  und  damit  auch  eine  militärische
haben!
Zu  dem  Zwecke  haben  sie,  gerade  wie  Napoleon  111,  vor
        <pb n="279" />
        265

Lustren,  ihren  Blick  auf  Mexico  geworfen,  und  es  ist
General  Grant,  der  auch  heute  noch  einen  gewaltigen  Linfluss
  in  Amerika  ausübt,  welcher  diese  Sache  in  die  Hand
genommen  hat.  Dabei  darf  er  auf  die  mächtige  Unterstützung
^er  Unionsregierung  sicher  rechnen.  Er  hat  die  Präsidentschaft ­
  einer  grossen  amerikanischen  Eisenbahn  Compagnie  übernommen, ­
  welche  in  Mexico  Eisenbahnen  baut,  die  dieses  Land
*n  innige  Verbindung  mit  der  Union  bringen.  Man  will  also
Mexico  friedlich,  durch  amerikanisches  Capital  und  durch,
'on  Amerikanern  verwaltete  Eisenbahnen  dem  Unions-Ein-^^usse
  total  unterwerfen,  ohne  zunächst  an  Annectirung
denken.  Man  hat  vielmehr  ein  enges  Bündniss  mit
jener  Republik  im  Auge.  Die  gegenwärtige  mexicanische
Ggierung  ist  auch  ganz  bereit,  hierauf  einzugehen,  und  das
^ns  sehr  triftigen  Gründen.

Erstens  weiss  sie,  dass  Widerstand  nichts  nutzen  würde,
ie  Geschichte  der  Annexion  von  Neu-Mexico  und  Texas
gJebt  ihr  hierführ  einen  unwiderleglichen  Beweis.  Texas  wurde
^^45  erobert,  Arizona,  Utah,  Nevada,  ein  Theil  von  Colorado,
Südcalifornien  1848  von  Mexico  und  Neu-Mexico  im  Jahre  1850
Von  Mexico  abgerissen.  Lehnte  sie  ein  Bündniss  mit  dem
l^ächtigen  Nachbar  ab,  so  stände  die  Annexion  ausser  Frage.
ebrigens  muss  der  Eisenbahnbau  in  Mexico  den  National-^Gichthum
  dieses  Landes  heben.  Die  Mexicaner  aber  haben
l^'cht  das  Capital,  um  aus  eigenen  Kräften  sich  ein  grosses
ahnsystem  zu  schaffen.  Daher  nehmen  sie  das  Anerbieten
Amerikaner,  ihnen  Bahnen  zu  bauen,  gern  an.  Die  Regierung ­
  erhält  durch  Bahnen  ferner  die  Möglichkeit,  Aufstände
iT  Provinzen  schnell  niederzuwerfen,  was  sie  bisher  nicht
onnte,  da  die  Truppen  sehr  weite  Fussmärsche  bis  zum  Herd
^  Aufstandes  machen  mussten.  Eisenbahnen  werden  also
Lande  endlich  inneren  Frieden  geben.  Baut  ja  auch  die
^giische  Regierung  hauptsächlich  deshalb  in  Indien  so  viele
Eisenbahnen.

Ein  anderer  Umstand  hat  diese  heilsame  Einsicht  der
^^xicanischen  Regierung  zur  Reife  gebracht:  Die  Erinnerung
^io  französische  Expedition  nach  Mexico  ist  noch
        <pb n="280" />
        206

nicht  geschwunden  und  man  hält  eine  Wiederholung  der
französischen  Einmischung  in  Central-Amerika  für  wahrscheinlich, ­
  seitdem  es  Herrn  de  Lesseps  gelungen  ist,  ein  so
bedeutendes  französisches  Capital  daselbst  zu  engagiren.

Weiss  man  doch,  dass  die  Investirung  französisch-schweizerischen-Jekker’sehen
  Capitals  auch  den  äusseren  Anlass  zur
französisch-mexicanischen  Expedition  bot,  die  Mexico  so  viel
Geld  und  Blut  kostete  und  daselbst  fast  ein,  der  Bevölkerung  unsympathisches ­

  monarchisches  Regierungssystem  eingeführt  hätte.

Man  ist  die  Spanier  los  geworden,  hat  sich  einmal  der  Franzosen  erwehrt ­
  und  will  nicht  eine  neue  europäische  Invasion,  die  diesmal ­
  vielleicht  von  England  unterstützt  werden  könnte,  riskiren.
Wenn  zahlreiche  Eisenbahnen  das  Innere  Mexicos  mit  der

volkreichen  Union  verbinden,  so  kann  leicht  Militär  von  dort
den  Mexicanern  zu  Hülfe  kommen,  wenn  diese  eine  neue  Invasion ­
  zurückzu  weisen  haben  sollten.  Die  mexicanische  Regierung ­
  hat  also  concessionirt  oder  will  concessioniren  und
mit  Landschenkungen  an  den  beiden  Seiten  der  zu  bauenden
Bahnen  dotiren  solche,  von  Amerikanern  zu  bauenden  und  zu
verwaltenden  Bahnen,  welche  folgende  Hauptverbindungen

hersteilen  sollen  :
Von  El  Paso  del  Norte  an  der  amerikanischen  Süd-Pacific-Bahn
  südlich  über  Chinahua,  Durango,  Zacatecas,  Hidalgo
nach  Mexico.  Davon  westlich  von  Aguas  Calientes  nach  San
Blas  und  Mazatlan  am  Stillen  Ocean,  östlich  von  Aguas  Calientes ­
  über  San  Luis  nach  Tampico  am  Golf  von  Mexico.
Von  Austin  in  Texas,  das  mit  Galveston  und  St.  Louis
in  Verbindung  ist,  über  San  Antonio,  Laredo  am  Rio  Grande,
nach  dessen  Mündung  einerseits,  dann  von  Rio  Grande  City
über  Saltillo  nach  San  Luis,  zum  Anschluss  an  die  vorige
Bahn.  Von  Mexico  existiren  schon  Bahnen  nach  Acapulco
und  Santa  Cruz.  Von  dieser  Bahn  sollen  zwei  Zweigbahnen
nach  dem  nördlichen  und  südlichen  Ende  der  Landenge  von
Theuantepec  führen,  wo  sie  auf  eine  Verbindung  des  Golfs
von  Campeche  mit  dem  Stillen  Ocean  stossen  werden,
welche  man  sich  die  Eads’sehe  Schififseisenbahn  denkt.  Letztere
        <pb n="281" />
        267

"^urde,  sowie  diese  Eisenbahnen  vollendet  sein  werden,  unter
Schutze  der  Unionstruppen  stehen,  welche,  die  mexikanische ­
  Armee,  im  Falle  einer  europäischen  Invasion,  verstärkend, ­
  in  einigen  Tagen  vom  Unionsgebiet  auf  der  bedrohten ­
  Communicationsstrasse  des  Atlantischen  und  des  Stillen
Oceans  anlangen  könnten.  Die  Union  kann  also  diese  Verbindung ­
  beider  Meere  durch  ein  Landheer  beherrschen  und
Vertheidigen,  selbst  gegen  europäische  Mächte,  welche  ihr
ktiittelst  der  Kriegsmarine  noch  überlegen  sind.  Diese  Erwägung ­
  wird  in  Washington  vornehmlich  für  das  dort  den
gesetzgebenden  Factoren  unterbreitete  Project,  wenn  auch  vorläufig ­
  abgelehnte,  des  Captain  Eads  geltend  gemacht.
Der  Erfolg  der  Subscription  auf  die  Actien  des  von  Herrn
Won  Lesseps  in  Angriff  genommenen  Panama-Canals  hat  alle
diese  Projecte  schnell  gereift  und  der  Ausführung  näher
gebracht.
Nachdem  ich  somit  den  politischen  Hintergrund
dieser  Frage  gezeichnet  habe,  kann  ich  auf  die  drei  Projecte,
eine  Verbindung  beider  Meere  zwischen  Nord-  und  Südamerika ­
  herzustellen,  sehr  kurz  eingehen,  um  dann  bei  dem
ads  sehen  Plane  länger  zu  verweilen.
Es  handelt  sich  um  drei  Projecte,  ein  europäisches  und
^'wei  amerikanische.
Herr  von  Lesseps  will  einen  Schifffahrtscanal  durch
Landenge  von  Panama  herstellen.  Eine  amerikanische
ompagnie,  welche  von  General  Grant  unterstützt  und  von
^ptain  Phelps  poussirt  wird,  will  einen  solchen  Canal  durch
icaragua  bauen.  Captain  Eads  hat  eine  Concession  von  der
^exicanischen  Regierung  zum  Hau  einer  Schiffseisenbahn
die  Landenge  von  Theuantepec  erhalten.
Nach  der  Information,  welche  wir  in  Amerika  sorgsam
'(^gezogen  haben,  wird  die  Unionsregierung  wahrschein-Ausführung
  eines  Canals  durch  die  Landenge  von
^nama  verhindern,  wenn  nicht  Lesseps  selbst,  aus  Mangel  an
^d)  den  Bau  aufgeben  sollte,  was  nicht  unmöglich  zu  sein
.eint,  und  sollte  sie  dabei  auf  den  Widerspruch  einer  euro-P^'schen
  Macht  stossen,  selbst  vor  einem  Kriege  mit
        <pb n="282" />
        TT

268
einer  solchen  nicht  zurückschrecken,  obschon  sie  jeden
Krieg  zu  vermeiden  sucht.  Man  kennt  nun  hier  in  Washington
die  politische  Lage  Europa’s  genau  genug,  um  zu  wissen,  dass
die  Union  daselbst  Verbündete  gegen  jene  Macht  finden
würde,  welche  sich  mit  der  Union  in  einen  Krieg  zu  dem
Zwecke  einliesse,  um  Herrn  von  Lesseps  bei  seinem  Canalbau ­
  zu  schützen.  Da  nun  diejenigen  europäischen  Mächte,
welche  allein  ein  Interesse  an  diesem  Canal  haben,  England,
seines  Handels  wegen,  und  Frankreich,  weil  fast  nur  französisches ­
  Capital  am  Fanama-Canal  engagirt  ist,  ebenfalls  wissen,
dass  ein  Krieg  gegen  die  Union  den  europäischen  beinden
jener  beiden  Mächte  eine  willkommene  Gelegenheit  zum  Kriege
geben  würde,  so  ist  es  kaum  anzunehmen,  dass  Herr  von
Lesseps  auf  den  Schutz  der  englischen  oder  französichen  Hotte
wird  rechnen  können.  Ich  bezweifle  also  entschieden,  dass
der  Panama-Canal  wird  vollendet  werden  können.  Sollte  es
jedoch  versucht  werden,  so  würde  er  wahrscheinlich  einen
Weltkrieg  entfachen  und  die  junge  und  starke  amerikanische
Nation  in  das  politische  Leben  Europas  hineinziehen,  was
kaum  zum  Vortheil  des  letzteren  ausfallen  dürfte.  Dass  die
Union  in  einem  solchen  Kriege  unterliegen  sollte,  ist  mir  undenkbar. ­
  Sie  würde  durch  ihn  nur  schnell  einen  dominirenden
politischen  Einfluss  in  Europa  selbst  gewinnen  und  auch  auf
die  australischen  Besitzungen  Englands  und  auf  Canada,  welche
beide  Besitzungen  England  verlieren  würde.  Die  Gründe,
welche  Amerika  zum  Bekämpfen  des  Panama-Canals  hat,
werde  ich  weiterhin  anführen.
Aussicht  auf  Erfolg  haben  meiner  Ansicht  nach  beide
amerikanischen  Projecte,  und  wird  es  sich  in  Washington
wahrscheinlich  nur  um  die  Entscheidung  darüber  handeln,  für
welches  von  beiden  die  Unions-Regierung  zuerst  mit  ihrem
Einfluss  und  —  Geld  eintreten  wird.
Die  Unions  Regierung  ist  auch  um  den  formalen  Rechtsgrund ­
  zum  Einschreiten  gegen  den  Panama-Canal  nicht  verlegen. ­
  Seit  1849  hat  die  Union  ein  vertragsmässiges  Protectoratsrecht
  über  jene  Republik  erlangt,  deren  Gebiet  der
Canal  durchschneiden  soll.  Der  Schutz  der  Union  ist  von
        <pb n="283" />
        269

jener  Republik  wiederholt  angerufen  und  eine  Intervention
gewährt  worden.  Durch  Vertrag  soll  die  Union  das  Recht
haben,  jede  fremde  Intervention  in  Panama  zurückzuweisen,
hörten  wir  in  Washington.
General  Grant  hat  eine  mächtige  Partei  für  sich,  die  sein
Project  eines  Canals  durch  Nicaragua  unterstützen  dürfte,  die
Partei  der  grossen  Capitalisten  und  Eisenbahngesellschaften. ­

Andererseits  wird  Captain  Eads  von  der  starken  Granger-Part
  ei  unterstützt.  Captain  Eads  wohnt  in  St.  Louis  und  hat
dort  ein  Wunder  moderner  Baukunst  geschaffen,  die  stählerne
Mississippi-Brücke,  welche  90  Fuss  hohe  Pfeiler  hat  und  deren
planmässige  Herstellung  von  vielen  Fachmännern  seiner  Zeit  für
Unmöglich  erklärt  wurde.  Er  hat  dann  ein  anderes  grosses
Werk  vollendet,  indem  er  die  Mündung  des  Mississippi  vor
Versandung  sicherte  und  es  möglich  machte,  dass  Seeschiffe
his  New-Orleans  gelangen  können.  Hierdurch  hat  er  sich  den
begründeten  Dank  der  Farmer  des  Westens,  deren  leidende ­
  Elemente  in  der  Grangerorganisation  vereint  sind,  erdvorben.
  Sie  können  jetzt  Getreide  billig  den  Mississippi  hinab
Und  von  New-Orleans  nach  Europa  verschiffen  und  hoffen
^urch  diesen  Concurrenzweg  den  Eisenbahncompagnien  nach
^en  Häfen  des  Atlantischen  Oceans  noch  billigere  Frachttarife
ubzwingen  zu  können,  wie  es  bisher  schon  durch  die  Canalschiffe ­
  des  Eriecanals  geschah.
Eads  interessirt  sich  überhaupt  für  die  commercielle
ufschliessung  des  Mississippiflussgebietes,  welche
ganze  Grangerpartei  des  Westens  mit  allen,  ihr  zu  Gebote
stehenden  Mitteln  betreibt.  Dieses  Gebiet  ist  von  ungeheurer
Grösse.
Dieser  Fluss  ist  von  St.  Paul,  am  Einflüsse  des  Minnesota
Piver,  ab  6  Monate  im  Jahre  mit  Getreidebarken,  von  Cairo,
Einflüsse  des  Ohio,  jetzt  schon,  und  bald  von  St.  Louis,
Einflüsse  des  Missouri  River,  für  grosse  Schiffe  zugänglich.
^®in  Stromgebiet  bis  St.  Louis  umfasst  179.635  Quadrat-Meilen,
batte  (alle  folgenden  Zahlen  sind  noch  dem  Census  von  1870
^utnommen,  also  jetzt  viel  zu  klein)  eine  Bevölkerung  von
        <pb n="284" />
        2/0

4.179-000  Seden,  producirte  5'/.,  Mill.  lbs.  Tabak,  95  Mill.
Bushel  Weizen,  193  Mill.  Bushel  Mais.  Der  Missouri  ist  von
der  Mitte  von  Montana  ab,  ebenso  der  Yellowstone  -  Fluss,
schiffbar.  Sein  Stromgebiet  ist  527.690  Quadrat-Meilen  gross,
hatte  eine  Bevölkerung  von  1,524.000  Seelen,  producirte
8  Vs  Mill.  lbs.  Tabak,  15'  Mill.  Bushel  Weizen,  77  Mill.
Bushel  Mais.
Der  Ohio  ist  von  Pittsburg  ab  schiffbar.  Sein  Stromgebiet
ist  267.111  Quadrat-Meilen  gross,  hatte  eine  Bevölkerung  von
7.806.000  Seelen,  producirte  14872  Mill.  lbs.  Tabak,  67  '/g  Mill.
Bushel  Weizen,  232  Mill.  Bushel  Mais,  no  Mill.  Ballen  Baumwolle. ­

Der  Arkansas  ist  fast  vom  Indian-Territory  ab  schiffbar.
Sein  Stromgebiet  hat  184.742  Quadrat-Meilen  mit  517.000  Seelen,
producirte  i  Mill.  lbs.  Tabak,  2  Mill.  Bushel  Weizen,  15  Mill.
Bushel  Mais,  112.000  Ballen  Baumwolle,
Der  Red-River  of  the  South  ist  von  Denison  in  Texas
ab  schiffbar.  Sein  Stromgebiet  ist  92.721  Quadrat-Meilen
gross,  hatte  eine  Bevölkerung  von  468.000  Seelen,  producirte
11  Mill.  Bushel  Mais  und  340.000  Ballen  Baumwolle.
Das  Stromgebiet  des  unteren  Mississippi,  von  St.  Louis
ab,  ist  65.646  Quadrat-Meilen  gross,  hatte  eine  Bevölkerung
von  1.795.000  Seelen,  producirte  ii  Mill.  lbs.  Reis,  18.000
Hogshead  Zucker,  13  Mill.  lbs.  Tabak,  3  Mill.  Bushel  Weizen,
31  Mill.  Bushel  Mais,  679.000  Ballen  Baumwolle.
Kleinere  Zuflüsse  sind  die  eine  Strecke  weit  schiffbaren
Wisconsin  River,  Desmoines  River,  Illinois  River,  Cumberland
River,  von  Nashville  ab,  Tennessee  River,  von  Knoxville  ab.
Mit  den  5  Seen  steht  der  Mississippi  in  Canalverbindung,
mittelst  eines  Canals  von  Chicago  zum  Illinois  River,  eines
anderen  Canals  von  Toledo  zum  Ohio  an  zwei  Stellen,  in
Cincinnati  und  Evansville  und  eines  Canals  von  Cleveland
am  Erie-See  nach  Portsmouth  am  Ohio.  Der  Ohio  steht  durch
2  Canäle  auch  mit  dem  Atlantischen  Ocean  in  Wasserverbindung,
  bei  Pittsburg  und  Parkersburg  in  West-Virginia.
Das  Gebiet  des  Mississippi  und  seiner  schiffbaren  Zuflüsse
ist  also  1.317.536  Quadrat-Meilen  gross,  d.  h.  um  ein  Drittel
        <pb n="285" />
        271

grösser  als  England,  Frankreich,  Spanien,  Italien,  Deutschland,
Oesterreich  und  Ungarn  zusammen  genommen,  die  1.066.000
Quadrat-Meilen  umfassen,  es  hatte  schon  1870  über  16  Mill.
Einwohner  und  dürfte  jetzt  ca.  25  haben,  producirte  schon
'^or  II  Jahren  183  Mill.  Bushel  Weizen,  559  Mill.  Bushel  Mais,
*•241.000  Ballen  Baumwolle,  176  Mill.  lbs.  Tabak,  ii  Mill,
^bs.  Reis  und  18.000  Hogshead  Zucker.
Ein  sehr  grosser  Theil  der  inzwischen  vielleicht  verdoppel-Production
  ist  exportirbar,  und  der  billigste  Exportweg
ist  der  Mississippi.
Es  liegt  also  das  Interesse  der  Granger,  ihr  Gebiet  nach
Jeder  Richtung  hin  zur  vollen  Geltung  zu  bringen,  auf  der
bland.  Einer  ihrer  energischsten  Führer  ist  der  frühere  Sena-*Or
  des  mächtig  aufstrebenden  Weizenstaates  Minnesota,  Mr.
^  ln  dom.  Derselbe  hat  im  Februar  1881  einen  Brief  veröffentlicht, ­
  der  an  die  „Antimonopol-Liga“,  die  sich  die  Beämpfung
  der  Bank-,  Versicherung^-,  Telegraphen-  und  Eisenbahn-Monopolisten ­
  der  Union  zur  Aufgabe  gemacht  hat,  gedichtet ­
  ist,  worin  er  erklärt,  mit  ihren  Bestrebungen  zu  sym-PAthisiren
  und  Gesetzesanträge  in  der  Richtung  in  Aussicht  stellt.
Die  Granger  wünschen  eine  Verbindung  des  Golfs  von
Mexico  mit  dem  Stillen  Ocean,  weil  sie  sich  eine  neue  Ausbuhrstrasse
  nach  den  starkbevölkerten  Ländern  Ostasiens
^^niit  zu  eröffnen  hoffen.  Sie  rechnen  wohl  nicht  mit  Unrecht
öarauf,  dass  namentlich  ihre  animalischen  Producte,  dann  aber
^uch  Mehl,  in  China  und  Indien  billiger  verkauft  werden  kön-**^n,
  als  dortige  Landesproducte,  sowie  man  direct  von  Mobile,
GW-Orleans  und  Galveston  nach  dem  Stillen  Ocean  See-Schiffe
  über  jene  Landenge  befördern  kann,  welche  Nord-  und
Ödamerika  trennt.  Ihr  Vertrauensmann  ist  Captain  Eads  seit
^**ger  Zeit;  sie  glauben  an  ihn,  weil  er  ihnen  den  Mississippi
eröffnet  hat.  Sie  unterstützen  also  sein  Project.
Senator  Windom  hielt  im  Februar  1881  eine  Rede,  aus
Welcher  ich  nun  einen  Auszug  mittheilen  muss:
Am  28.  Februar  des  Jahres  1881  brachte  der  Senator
*"•  Eaton  die  folgende  Resolution  ein:  „Der  Senat  beschliesst,
das  Interesse  des  Volkes  der  Vereinigten  Staaten  von
        <pb n="286" />
        272

Amerika  und  die  Wohlfahrt  und  Sicherheit  seiner  Regierung
so  involvirt  ist  in  den  Gegenstand  der  Construction  eines
Schifffahrtscanals  oder  anderen  Transportweges  fur  Seeschiffe
über  den  Nord-  und  Südamerika  verbindenden  Isthmus,  dass
die  Regierung  der  Union,  mit  jener  Offenheit,  die  es  allen
Völkern  und  Regierungen  schuldet,  hiermit  ausspricht,  das  sie
ihre  Zustimmung  für  eine  nothwendige  Vorbedingung  der
Ausführung  irgend  eines  solchen  Projectes  ansieht,  sowie  auch
für  die  Regeln  und  Bedingungen,  unter  denen  andere  Nationen ­
  diesen  Canal  oder  Weg,  in  Krieg  oder  Frieden,  sollen
benutzen  dürfen.“
Hierzu  machte  Senator,  Mr.  Hoar,  folgendes  Amendement:
„Beschlossen,  dass  das  commercielle  und  andere  Interesse ­
  des  Volkes  der  Vereinigten  Staaten  ohne  Verzug  die
Herstellung  eines  oder  mehrerer  solcher  Wege  verlangt,  und
dass  es  die  Pflicht  der  Regierung  ist,  unmittelbare  Schritte
zur  Sicherung  der  Ausführung  derselben  zu  treffen.“
Beide  Resolutionen  wurden  angenommen,  nachdem  Mr.
Windom  ihre  Bedeutung  in  folgender  Weise  motivirt  hatte:
„Ich  will  bei  dieser  Gelegenheit  nicht  das  abstráete  Princip
  besprechen,  das  diese  Resolution  ausdrückt,  noch  die
Frage,  ob  die  Monroe-Doctrin  auf  das  für  Panama  geplante
Unternehmen  anwendbar  ist.  Ich  stehe  auf  einer  breiteren
Basis  und  etablire  die  Amerikanische  Doctrin,  dass  unter ­
  keinen  Umständen  eine  fremde  Regierung,  oder
eine  Compagnie,  welche  unter  der  Jurisdiction  einer
fremden  Regierung  steht  (chartered  by  a  foreign
Government),  Controle  über  die  Isthmusstrasse  haben
darf.  Wer  weiss  es  nicht,  dass  eine  Investirung  fremden
Capitals  berechtigt  ist,  die  Protection  einer  fremden  Regierung
zu  erlangen  und  sie  erhalten  wird?  Ich  will  auf  diesen  Punkt
nicht  weiter  eingehen.  Es  genügt,  zu  wissen,  dass  die  Sicherheit ­
  unseres  Landes  verlangt,  dass  wir  nicht  allein  Verwickelungen ­
  mit  fremden  Mächten  vermeiden,  sondern  dass  wir
alles  Das  thun  werden,  was  das  Motiv  solcher  Verwickelungen ­
  verhindert.
Unsere  nationale  Würde  sowohl,  wie  unser  höchstes  Inter-
        <pb n="287" />
        273

verlangen,  dass  eine  solche  Erklärung  noch  vor  Schluss
dieser  Congress-Session  gemacht  werde.  Aber  wir  können  uns
nicht  mit  dem  nur  wörtlichen  Aussprechen  dieser  Politik  begnügen. ­
  Wir  müssen  weiter  gehen.  Wenn  wir  der  übrigen  Welt  das
^echt  absprechen,  die  Isthmus  -  Barriere  zwischen  den  beiden
grossen  Oceanen  zu  durchbrechen,  so  müssen  wir  vorbereitet
sie  selbst  zu  entfernen.  Es  verträgt  sich  nicht  mit  unserer
t-hre  und  unserer  nationalen  Tradition,  den  Fortschritt  der
^  clt  trotzig  zu  hemmen.  Unsere  Mission  ist  zu  führen,  nicht
abstrahiren.
Werfen  wir  einen  Blick  auf  die  Karte!  An  einem  Punkte
nahe  der  südlichen  Grenze  Mexico’s  ist  eine  schmale  Landenge,
'Welche  sich  nach  Südost  mehr  als  1500  Meilen  hinzieht,  auf  der
^inen  Seite  vom  Wasser  des  Golfs  von  Mexico  und  des  Carai-^ischen
  Meeres,  auf  der  anderen  vom  Stillen  Ocean  bespült.  Der
^olf  von  Mexiko  wird  im  Norden  von  den  grossen  Staaten
T  cxas,  Louisiana,  Mississippi,  Alabama  und  Florida  begrenzt.
ördlich  von  diesen  liegt  das  mächtige,  vom  Mississippi-Flusse
^cainirte  Gebiet,  während  östlich  davon  unsere  Atlantischen
taaten,  von  Florida  bis  Maine  sich  erstrecken.  Am  Stillen
^^cean  liegen  Californien,  (Oregon  und  Washington-Territorium.
oni  Atlantischen  zum  Stillen  Ocean  reicht  eine  Domaine,
l^^fen  Grossartigkeit  der  Stolz  eines  jeden  Amerikaners  ist.
Verkehr  zwischen  beiden  Theilen  hindert  ein  enger  Landstrich ­
  von  nicht  45  Meilen  Breite!
^  Um  dieses  Hinderniss  zu  umgehen,  mussten  die  1.200.000
Tonnen  Weizen,  welche  im  letzten  Jahre  in  Californien  und
regon  producirt  waren,  den  europäischen  Markt  auf  dem
ostspieligen  und  viel  Zeit  raubenden,  14.000  Meilen  langen

w

^ge  um  Cap  Horn  suchen.  Sogar  der  Austausch  von

foducten  zwischen  unseren  Atlantischen  und  Pacific-Staaten
^^ss  auf  demselben  weiten,  kostspieligen  und  gefiihrlichen
^g®  geschehen  oder  der  schweren  Taxe  unterworfen  werden,
'^®lche  der  Eisenbahntransport  quer  durch  den  Continent  mit
bringt.  Der  Handel  aller  leitenden  Nationen  ist  auf  die-^^Ibe
  Weise  gehemmt.
Lie  Zeit  ist  gekommen,  in  der  diese  Barrière  entfernt
18
        <pb n="288" />
        274

werden  muss.  Wenn  wir  dies  nicht  selbst  thun,  so  wird  es
ein  Anderer  machen.  Es  ist  schon  zu  spät  die  Frage  zu  debattiren,
  ob  überhaupt  ein  Weg  für  Seeschiffe  über  den  Isthmus
hergestellt  werden  soll  oder  nicht.  Die  Bedürfnisse  des  Handels,
sowie  der  Geist  des  Fortschrittes  haben  seine  Herstellung  beschlossen, ­
  und,  so  mächtig  wir  auch  sein  mögen,  wir  können
diesem  Beschlüsse  nicht  Widerstand  leisten.  Schon  ist  in  Frankreich ­
  eine  Compagnie  gebildet  worden,  um  einen  Schifffahrtscanal ­
  durch  Panama  zu  graben,  und  eine  Subscription  von  6o  Mill-Dollars
  ist  aufgelegt,  wovon  ein  grosser  Theil  schon  eingezahlt ­
  ist,  und  eine  andere  Einzahlung  soll  demnächst  stattfinden. ­

Während  der  letzten  Session  des  Congresses  erschien
Herr  von  Lesseps  in  Person  vor  einem  Comité  des  Abgeordnetenhauses ­
  und  erklärte  kühn,  dass  er  entschlossen  sei,
sein  Unternehmen  auszuführen.  Bei  zwei  besonderen  Gelegenheiten ­
  hat  seither  der  Präsident  der  Union  durch  Specialbotschaft ­
  an  den  Congress  darauf  aufmerksam  gemacht,  dass
es  wichtig  sei,  die  Doctrin  festzustellen,  die  Regierung  werde
unter  keinen  Umständen  dulden,  dass  eine  fremde  Regierung
einen  Weg  über  den  Isthmus  hersteilen  lasse.  Die  Presse  des
Landes  drückt,  wie  ich  glaube,  den  einmüthigen  Willen  der
öffentlichen  Meinung  des  Landes  aus,  indem  sie  über  und
wieder  über  warnt  und  den  Congress  aufruft,  schnell  und
verständlich  in  dieser  Sache  vorzugehen.  Aber  alle  Warnungen,
alles  Drängen  ist  erfolglos  gewesen.  So  stelle  ich  anheim,
dass  diese  Session  nicht  ohne  eine  starke  und  entscheidende
Action  in  dieser  Angelegenheit  verstreiche.  Während  der
Parlaments-Vacanzen  wird  das  Unternehmen,  unter  fremden
Auspicien,  Fortschritte  machen,  und  wenn  wir,  durch  unser
Stillschweigen,  gestatten,  dass  eine  grosse  Ausgabe  gemacht
wird,  so  können  wir  uns  im  folgenden  Jahre  dem  Unternehmen
nicht  mit  derselben  Kraft  und  Angemessenheit  widersetzen
als  jetzt.
Aber,  wird  man  mich  fragen,  wie  sollen  wir  Herrn  von
Lesseps  hindern,  sein  Werk  fortzusetzen?  Ich  antworte,  indem
wir  eine  amerikanische  Compagnie  bei  der  Herstellung  eines
        <pb n="289" />
        275

chiffsweges  unterstützen,  der  unter  unserer  eigenen  Direction
Und  Controle  stehen  wird.  Resolutionen,  welche  eine  Wirkung
haben  sollen,  müssen  in  einfachen  Worten  erklären,  dass  die
Regierung  der  Vereinigten  Staaten  die  Construction  des  Canals
nicht  gestatten  wird,  und  dass,  sollte  das  Werk  dennoch  unternommen ­
  werden,  es  prompt  zum  Stillstand  gebracht
^Grden  wird.  .  .

Sollten  die  Vereinigten  Staaten  versuchen,  dies  Werk  zu
Verhindern,  und  dennoch  keine  Abhülfe  jener  Bürde  gewähren,
'Velche  diese  Barrière  dem  W^elthandel  auferlegt,  so  würden
"  ir  Weder  daheim  noch  im  Auslande  Respect  verdienen.  W^enn
'vir  den  Nationen  Kuropa’s  erklären,  dass  wir  ihre  Controle
oder  Einmischung  in  die  Angelegenheit  der  Isthmus-Strasse
ujcht  dulden  wollen,  so  müssen  wir  bereit  sein  zu  erklären,
dass  wir  selbst  diese  Barriere  nieder  werfen  und  dem
andel  der  Welt  solche  Erleichterungen  schaffen  werden,  wie
sie  verlangt,  und  zu  denen  er  berechtigt  ist.  Sofern  ein
über  den  Isthmus  unter  fremdem  Schutz,  oder  dem  unserer ­
  Regierung,  gebaut  werden  muss,  wird  man  sofort  zu-&amp;amp;eben,
  dass  er  an  jenem  Punkte  des  Isthmus  anzulegen  ist,
'velcher  unserem  eigenen  Lande  den  grössten  Vortheil  gewährt.“
Der  Redner  citirt  nun  die  Aussprüche  mehrerer  amerikanischen ­
  Autoritäten,  welche  sich  für  die  Tehuantepec-Route
^•"klären.  Der  amerikanische  Marineofficier  Shufeld  sagte  1871:
'Jeder  Isthmus  gewinnt  in  dem  Maasse  an  Wichtigkeit,  als  er
dem  Centrum  des  amerikanischen  socialen  und  politischen  Eingusses ­
  näher  liegt.  Itin  Canal  an  diesem  Punkte  wird  ein  Theil
Unserer  eigenen  Binnenland  -  Wasser  -  Communication  und
gewährt  doch  gleichzeitig  eine  Durchfuhr  für  den  Welthandel
^nd  für  unseren  eigenen.  Ein  Canal  durch  den  Isthmus  von
ohuantèpec  ist  eine  Ausdehnung  des  Mississippi-Flusses  bis
^um  Stillen  Ocean.  Er  verwandelt  den  Golf  von  Mexico
einen  Amerikanischen  See.“
Staatssecretär  Lewis  Cass  schrieb  1857:  „Die  Nähe,  in  weler
  dieser  Isthmus  zu  unseren  Ufern  liegt,  das  dort  herrschende ­
  gesunde  Klima,  die  für  den  Bau  einer  Eisenbahn  ge-^*&amp;amp;nete
  Beschaffenheit  des  Bodens  und  die  grosse  Verminde-18*
        <pb n="290" />
        rung  der  Entfernung  zwischen  unseren  Atlantischen  und  Südseestaaten ­
  —  wenn  man  ihn  mit  mehr  im  Süden  gelegenen
Strassen  vergleicht  —  lassen  uns  diesen  Weg  jedem  anderen,  der
nicht  durch  unser  eigenes  Territorium  führt,  vorziehen.“
Mr.  Windom  fahrt  dann  fort:  ,,Ein  Blick  auf  die  Karte
lehrt,  dass  Tehuantepec  in  jedem  Sinne  die  Amerikanische
Route  ist.  Erstens:  Sie  ist  viel  kürzer  und  wird  einen  billigeren ­
  Transport  ermöglichen.  Zweitens:  Es  wird  weniger  Zeit
und  Geld  zur  Herstellung  des  Weges  erforderlich  sein,  er
wird  also  früher  practicabel  werden  und  einen  billigeren  Transport ­
  gewähren.  Drittens:  Er  wird  sich  vorzüglich  für  Segelschiffe ­
  eignen.  Viertens:  Aus  diesen  und  anderen  Gründen
wird  er  ein  besserer  Regulator  der  Eisenbahntarife  sein.
Fünftens:  Seine  militärischen  Vorzüge  über  jede  andere
Route  sind  unvergleichlich.  Sechstens:  Er  wird  intime
Handelsbeziehungen  zwischen  den  Vereinigten  Staaten  und
Mexico  herstellen,  was  die  anderen  Routen  nicht  thun  würden.
Siebentens:  Er  wird  die  beste  und  effectvollste
Wirkung  auf  die  Wiederschöpfung  unserer  Handelsmarine ­
  und  die  Wiederherstellung  unserer  verlorenen ­
  Suprematie  auf  dem  Ocean  üben.
Zu  Punkt  Eins:  Ein  Schiff,  welches  die  Mündung  des
Mississippiflusses  verlässt,  mit  dem  Ziele  Californien,  Oregon,
China  oder  Japan,  muss  den  Golf  von  Mexico  durchschneiden,
durch  den  Canal  von  Yucatan  in  die  Caraibische  See  gelangen ­
  und  südlich  an  der  Küste  mehr  als  looo  Meilen  zurücklegen, ­
  bevor  es  Panama  erreicht.  Sowie  es  diesen  Canal
passirt  hat,  muss  es  seinen  Cours  ändern,  nach  Nordwest  etwa
1200  Meilen  an  unserer  Pacificküste  hinaufsegeln,  bevor  cs
einen  Punkt  erreicht,  der  jenem  gerade  gegenüber  liegt,  von
dem  es  absegelte.  Es  muss  Tehuantepec  an  der  Golfseite
passiren  und  1200  Meilen  von  da  machen,  bevor  es  an  der
Paciflcseite  abermals  daran  vorbeikommt.  Wenn  der  Weg
bei  Panama  erfolgt,  so  muss  der  Cours  eines  Schiffes  von
New-York,  das  für  unsere  Südseestaaten,  oder  für  den  Orient
bestimmt  ist,  südlich  sein,  bis  es  Hayti  erreicht  und  dann  westlich ­
  durch  die  als  „widerwindig“  bekannte  Caraibische  See,
        <pb n="291" />
        277

dann  wieder  südlich  nach  Panama.  Von  jenem  Augenblick,
dem  es  New-York  verliess,  bis  zu  jenem,  in  welchem  es
Panama  durchschnitten  hat,  ist  das  Haupt  des  Schiffes  nicht
einmal  jenem  Orte  zugewandt,  für  den  es  bestimmt  ist.  Wenn
aber  Tehuantepec  die  Durchpassage  gestattete,  so  würde  das
Schiff  vom  Atlantischen  Ocean  den  Florida-Canal  durchfahren,
dann  den  Golf  von  Mexico,  und  vom  Augenblick,  in  dem  es
das  Atlantische  Meer  verlässt,  würde  es  seinem  Bestimmungsorte ­
  direct  zugewendet  sein.“
geht  hieraus  hervor,  dass  Mr.  Windom  die  Construction
®ines  Canals  durch  Florida,  vom  Atlantischen  Meer  zum  Golf
Von  Mexico,  für  eine  selbstverständliche  Sache  hält.  Dieser
Canal  gehört  auch  zum  System  jener  Wasserstrassen,  welche
die  Gränzer  des  Mississippi  für  nöthig  zur  vollen  Entfaltung
der  Bedeutung  des  Mississippi,  halten.  Schiffe  von  New-Orieans
  für  Europa  oder  New-York  fahren  jetzt  zwar  mit  dem
Golfstrom  durch  die  „Strasse“  von  Florida,  zwischen  Key  West
Und  Cuba,  allein  sie  können  nur  schwer  und  mit  Gefahr  auf
diesem  Wege  zurückkehren.  Keine  Versicherungsgesellschaft
Versichert  Schiff  und  Ladung,  wenn  es,  von  Europa  oder  einem
Atlantischen  Hafen  der  Union,  gegen  den  Golfstrom,  durch
die  „Strait  of  Florida“  fahrt.  Diese  Schiffe  fahren  vielmehr
^is  südöstlich  Portorico,  dann  westlich  zwischen  Portorico  und
Venezuela  durch,  dann  nördlich  zwischen  Cuba  und  Yucatan
Uach  New-Orleans.  Ein  Canal  durch  Florida  würde  diesen
Rückweg  von  Europa  oder  New-York  nach  New-Orleans
ca.  1500  engl.  Meilen  abkürzen.  Wir  waren  in  Florida,
April  1881,  eine  technische  Commission  nach  dem  Okeechobec-See
  in  Südflorida  abging,  den  man  durch  zwei  Canäle
uach  dem  Atlantischen  Meere  und  nach  dem  Golf  hin  ent-Bussern
  will,  wodurch  12  Millionen  fruchtbarsten  Ackers  in
den  zu  entsumpfenden  Everglades  gewonnen  werden.  Gleichzeitig
  soll  eine  Schiffspassage  hier  hergestellt  werden.  Ein
Anderes  Project  besteht  darin,  den  Canal  weiter  nördlich  zu
uuen,  von  Tokoi  am  St.  Johns-Fluss  nach  Fort  Fanning  am
uwanee-Fluss.  Auch  dieses  Project  ist  nicht  schwierig,  da
Boden  ohne  Steine  und  nur  68  Fuss  über  dem  Meere,  in
        <pb n="292" />
        I-"

A

278

seiner  höchsten  Elevation,  erhaben  ist.  Ich  bin  überzeugt,  dass
einer  dieser  Canäle,  mit  dem  Mr.  Windom,  als  mit  einer  feststehenden ­
  Sache,  rechnet,  demnächst  gebaut  werden  wird.
Die  respectiven  Entfernungen  sind  die  folgenden:
I.  New-Orleans  nach  San  Francisco,  via  Tehuantepec:
Mrilen.
New-Orleans  bis  zum  Isthmus  .  .  .  '  918
lieber  den  Isthmus  162
Vom  Isthmus  nach  San  Francisco  2.304
Total  3.384
New-Orleans  nach  San  Francisco,  via  Panama  .  .  .  3.718
Differenz  zu  Gunsten  von  Tehuantepec  2.334
„  „  „  „  „  bei  Hin-  und
Rückfahrt  .  .  4.668
II.  New-York  nach  San  Francisco,  via  Tehuantepec:
New-York  zum  Isthmus  2.275
Durch  den  Isthmus  162
Isthmus  nach  San  Francisco  2.304
Total  4-74*
Differenz  zu  Gunsten  von  Tehuantepec  i&amp;gt;477
„  „  „  „  „  bei  Hin-  und
Rückfahrt  .  .  2.954
Herr  Windom  fahrt  fort:  „Natürlich  ist  auch,  gegenüber
von  Nicaragua,  eine  bedeutende  Ersparung  an  Weg  über
Tehuantepec  vorliegend,  wennschon  sie  nicht  so  gross  ist,
als  gegenüber  Panama.  Ein  Schiff,  das  von  New-Orleans  nach
San  Francisco  über  Nicaragua  fahrt  und  auf  demselben  Wege
zurückkehrt,  muss  2500  Meilen  mehr  Weg  zurücklegen,  als
über  Tehuantepec.  Für  die  Hin-  und  Rückfahrt  zwischen
New-York  und  San  Francisco  via  Nicaragua  beträgt  diese
Differenz  1500  Meilen  zu  Gunsten  von  Tehuantepec.
Ein  gewöhnlicher  Dampfer  legt  250  Meilen  in  je  24  Stunden ­
  zurück.  Da  er  in  der  Rundfahrt  New-Orleans-San  Francisco-New-Orleans
  via  Tehuantepec  4.668  Meilen,  gegen  Panama,
sparen  würde,  so  würde  er  19  Tage  weniger  brauchen,  oder
mehr  als  40  pCt.  der  für  die  ganze  Reise  erforderlichen  Zeit.
        <pb n="293" />
        279
der  Rundreise  New-York-San  Francisco-New-York  würde
ca.  12  Tage  sparen.  Die  Zeitersparniss  für  jene  Rundreise
Von  New-Orleans  gegenüber  Nicaragua  würde  lo  Tage  und
Von  New-York  6  Tage  betragen.  Diese  Ersparung  an  Zeit
Und  Entfernung  bedeutet  Ersparung  an  Brennmaterial,  Lohn
*^cr  Bemannung,  Versicherungsprämie  und  bedeutet  also  Verniinderung
  der  Transportkosten  zu  Gunsten  von  Producenten
Und  Consumenten.
Zweiter  Punkt.  Die  Gesammtkosten  einer  Schiflfseisen-^ahn
  mit  Zubehör  sind  auf  75  Mill.  Dollars  veranschlagt,  und
nian  verlangt  von  unserer  Regierung  eine  6  percentige  Garantie
auf  50  Millionen  dieses  Capitals  für  15  Jahre.  Die  Bauzeit
'vird  wahrscheinlich  nicht  4  Jahre  übersteigen  und  kann  vielleicht ­
  noch  verkürzt  werden.“
Mr.  Windom  veranschlagt  die  Kosten  des  Panama-Canals
uuf  168  Mill.  Dollars,  die  Bauzeit  auf  10  Jahre,  was  zu  5  pCt.
neue  84  Mill.  Dollars  an  Bauzinsen  erfordern  würde,  so  dass
sich  die  Totalkosten  auf  252  Mill.  Dollars  stellen  würden,
^er  Nicaragua-Canal  werde  wenig  unter  100  Mill.  Dollars
kosten.  Der  Bau  eines  dieser  Canäle  werde  die  Verbindung
beider  Oceane  um  10—15  Jahre  hinausschieben.  Das  durch
diesen  Zeitaufwand  vergrösserte  Capital  erfordere  für  seine
Verzinsung  eine  höhere  Steuer  auf  den  Transport,  als  jenes
der  Schiffseisenbahn.
Dritter  Punkt.  Mr.  Windom  führt,  unter  Beziehung  auf
^^^pvitäten,  aus,  dass  in  der  See  bei  Panama  und  Nicaragua
indstille  herrsche,  nicht  aber  bei  Tehuantepec,  dessen  Pacific-^ite
  die  „Bay  der  Winde“  genannt  werde.  Beide  Canäle
'vurden  fur  Segelschiffe  nutzlos  sein  und  deren  Verdrängung
durch  Dampfer  für  den  Transisthmischen  Transport  bedingen,
'vährend  die  Schiffseisenbahn  diese  Wirkung  nicht  habe,
^^ptain  Selas  Bent  von  der  Unions-Marine  sagt:  Die  Nordost-'vinde,
  welche  über  den  Atlantischen  Ocean  hinstreichen,  werden
  von  den  Westindischen  Inseln  so  gebrochen,  dass  sie  nie
die  Caraibische  See  eindringen.  ..  Aber  ihr  nordwestlicher
heil  dringt  in  den  Golf  von  Mexico,  oft  bis  Tehuantepec
inab,  so  dass,  während  man  stets  Wind  im  Golf  hat,  die
        <pb n="294" />
        28o

Caraibische  See  fast  stets  ruhig  ist.  Diese  Windstille  dehnt
sich  gegenüber  Panama  auf  die  Südsee  aus,  ca.  1500—1800
Meilen  an  der  Küste  von  Central-Amerika  entlang.  Lass’
uns  annehmen,  zwei  Segelschiffe  von  gleichem  Tonnengehalt
und  gleicher  Segelkraft  fahren  von  der  Mündung  des  Mississippi ­
  nach  China  zu  gleicher  Zeit  ab,  das  eine  über  Panama,
das  andere  über  Tehuantepec,  und  ich  wage  zu  behaupten,
dass  in  jener  Zeit,  in  welcher  das  Panamaschiff  den  Canal  passirt
  hat  und  in  den  Stillen  Ocean  einläuft,  das  Tehuantepecschiff
  nicht  nur  diese  Landenge  passirt  hat,  sondern  sich  auf
dem  Meridian  der  Sandwichsinseln  befindet,  und  dass,  bevor
das  andere  Schiff  die  1500  Meilen  des  windstillen  Meeres
mühevoll  zurückgelegt  hat,  bevor  es  die  Winde  im  Westen
von  Tehuantepec  erreicht,  das  letztere  Schiff  5000  Meilen
schon  im  Stillen  Ocean  zurück  gelegt  hat  und  um  volle  30
Tage  jenem  voraus  ist.“
Von  den  Polen  strömen  Winde  zunächst  direct  in  der
Richtung  auf  den  Aequator  zu.  So  wie  sie  an  die  heisse
Zone  gelangen,  zwingt  die  Rotation  der  Erde  sie  in  eine
Richtung  von  Osten  nach  Westen.  Man  nennt  diese  Luftströmungen ­
  auf  Englisch  „Trade  Winds.“  Sie  sind  constante
Winde  zwischen  dem  30"  nördlicher  und  südlicher  Breite.  ■—
Von  der  heissen  Zone  strömt  Luft  wiederum  nach  den  Polen,
vom  30"  beider  Breiten  ab.  Man  nennt  sie  „Counter-Trade-Winds.“
  Sie  walten  in  den  Breiten  über  dem  30'*  vor,  auf
der  nördlichen  Halbkugel  wehen  sie  von  Süd  west,  auf  der
südlichen  von  Nordwest.
Die  Trade-Winds  dringen  über  das  Flachland  von  Florida
in  den  Golf  von  Mexico  und  wehen,  wenn  schon  schwach,
bis  an  die  Golfküste  von  Mexico.  Sie  werden  aber  von  den
westindischen  Inseln  gebrochen,  dass  sie  nicht  bis  in  die
westlichen  Theile  der  Caraibischen  See  dringen  und  diese  also
windstill  ist.
Am  Stillen  Meere  liegt  der  Isthmus  von  Tehuantepec  den
Trade-Winden  näher  als  Nicaragua  und  Panama.  Auch  existirt
  ein  kleiner  Oceanstrom,  parallel  dem  Golfstrom,  an  der
südwestlichen  mexicanischen  Küste  vom  18"  bis  28»  westlicher
        <pb n="295" />
        28i

Länge  (ab  Washington  gerechnet),  der  also  fast  Tehuantepec
streift.  Gegenüber  Nicaragua  und  Panama  aber  giebt  es  so
wenig  einen  Meeres-,  wie  einen  Windstrom.
Wenn  also  die  Tehuantepec  -  Strasse  auch  für  Segelschiffe ­
  nutzbar  ist,  so  sind  solche  von  Benutzung  der  Panamaund
  Nicaraguaroute  augenscheinlich  ausgeschlossen.  Ihre  Concurrenz
  aber  zwingt  den  Dampfschiffen  oft  eine  niedrigere
Fracht  ab.  Es  liegt  also  im  Interesse  des  Handels,  dass  eine
Solche  Isthmuspassage  gewählt  werde,  welche  auch  von  Segelschiffen ­
  benutzt  werden  kann.
.  Vierter  Punkt.  „Die  grosse  Frage  der  Zukunft  wird
J^ne  sein:  ie  können  wir  am  besten  die  gewaltigen  Eisenbahncompagnien ­
  dieses  Landes  controliren  und  reglementiren?
ch  kann  jetzt  auf  diese  Frage  nur  soweit  eingehen,  dass  ich
ehaupte,  dass,  wann  und  wie  es  immer  durch  concurrirende
tansportlinien  geschehen  kann,  welche  nicht  von  den  Corpo-^tionen
  monopolisirt  werden  können,  der  sicherste  und  beste
.  ^fftilator  geschaffen  werden  wird.  Ich  kenne  keinen  Platz
in  der  Welt,  noch  irgend  einen  Plan,  der,  mit  Rücksicht  des
Seiner  Ausführung  noth  wendigen  Geldes,  solche  Vortheile
Erreichung  dieses  Zieles  böte,  als  die  Schiffseisenbahn  über
Tehuantepec.
Wir  haben  aber  loo  Mill.  Dollars  ausgegeben,  um  eine
Eisenbahnlinie  zum  Atlantischen  Ocean  zu  bauen,  und  wir
Spendeten  ungezählte  Mill.  Acres  Land,  um  eine  Concurrenz  für
lese  erste  Linie  zu  schaffen.  Das  Resultat  wird  wahrscheinleh
  sein,  dass,  wenn  alle  vollendet  sind,  sie  eine  grosse  Comination
  machen,  durch  welche  alle  Erträgnisse  vertheilt  und
le  Concurrenz  gänzlich  ausgeschlossen  sein  wird.  Gewiss
ann  man  Gesetze  machen,  welche  solche  Combinationen  verlöten ­
  und  einigermassen  das  Object  sichern,  zu  dem  jene
^rstlichen  Donationen  gemacht  wurden.  Aber  solche  Gesetze
yörden  manche  Schwierigkeiten  finden  und  dem  Wechsel  der
öffentlichen  Meinung  unterworfen  sein.  Man  gebe  uns  eine
itecte  und  billige  Oceanlinie  von  allen  Theilen  des  Atlantiön
  Meeres  zu  allen  Theilen  der  Stillen  Meeresküste,  und
litan  wird  einen  Concurrenten  geschaffen  haben,  der  ausser-
        <pb n="296" />
        282

halb  der  Macht  jeder  Combination  liegt,  und  wir  werden  kein
Gesetz  gebrauchen,  .  .  Eine  solche  Linie,  am  rechten  Platze,
mit  massigen  Kosten  erbaut,  auf  der  die  Regierung  das  Recht
hat,  den  Tarif  festzusetzen,  wird  jede  Eisenbahn  reguliren,
welche  Geschäfte  zwischen  den  beiden  Oceanen  vermittelt.  ^
Mr.  Windom  kann  sich  für  diese  Theorie  auf  jene  tariiermässigende
  Wirkung  berufen,  welche  der  Eriecanal  im
Sommer  auf  jene  Eisenbahnen  übt,  die  Getreide  vom  Westen
der  Union  nach  den  Atlantischen  Häfen  befördern,  und  auf
jene  Wirkung,  welche  die  Mississippistrasse  in  gleicher  Weise
zu  üben  beginnt.
„Ich  habe  bereits  die  Ueberlegenheit  der  Schiffseisenbahn
von  Tehuantepec  über  alle  andern  Routen  und  Methoden  zu
diesem  Ende  angedeutet,  nämlich,  dass  sie  von  1400  bis
2000  Meilen  kürzer  ist,  10  bis  15  Jahre  (?)  früher  vollendet
werden  kann,  viele  Millionen  weniger  Zoll  verlangt  und  besser
geeignet  ist  für  Segelschiffe.  Die  Entfernung  von  all’  unseren
Atlantischen  zu  all’  unseren  Südseehäfen  via  Tehuantepec
wird  nur  ca.  1000  Meilen  grösser  sein  als  die  Entfernung  per
Bahn  quer  durch  den  Continent.  Der  Effect  aller  dieser  Vorzüge ­
  auf  die  Herabdrückung  der  Transportkosten  und  Regulirung
  der  Eisenbahntarife  kann  kaum  überschätzt  werden.
Und  doch  bin  ich  überzeugt,  dass  die  ungeheure  Vermehrung
der  Reisen  und  Geschäfte,  welche  schnellen  Transport  verlangen, ­
  die  aus  der  schnelleren  Entwickelung  des  Westens  entstehen ­
  muss,  die  durch  billigeren  Transport  mittelst  des  empfohlenen ­
  Werkes  geschaffen  wird,  sich  zuletzt  sogar  als  eine
grosse  Wohlthat  für  die  Eisenbahnen  selbst  bewähren  wird.
Fünfter  Punkt.  Die  militairischen  Vortheile  dieser ­
  Route  übertreffen  jene  aller  anderen  Routen  weit“
Hier  kommt  Mr.  Windom  auf  den  für  Europa  so  wichtigen ­
  politischen  Werth  zu  sprechen,  welchen  die  Amerikaner ­
  der  Verbindung  beider  Oceane  beilegen,  wie  wir  das
schon  andeuteten.  Er  sagt:
„Es  ist  natürlicher  Weise  von  höchster  Wichtigkeit,  dass
ein  Punkt  gewählt  werden  sollte,  der  am  leichtesten  und
wirksamsten  im  Falle  eines  Krieges  vertheidigt  werden  kann.
        <pb n="297" />
        dieser  Beziehung  bietet  Tehuantepec  specielle  Vortheile
über  jeden  anderen  Punkt  auf  dem  Isthmus.  Commodore
Shufeld  sagt  :  ,Es  ist  die  einzige  Route,  welche  unsere  Regierung
  controliren  kann.‘  Mit  unserer  gegenwärtigen  Kriegs-^narine
  konnten  wir  weder  ein  über  Nicaragua  noch  über
^  anama  construirtes  Werk  gegen  den  Angriff  einer  der  grossen
Seemächte  Europas  vertheidigen,  aber  die  Sache  liegt  anders
dem  Werk  über  Tehuantepec.
Ein  Paar  Eisenschiffe  und  Torpedos,  welche  in  den  Florida-^tid
  in  den  Yucatan-Canal  gelegt  werden,  schliessen  den  Golf
Von  Mexico  gänzlich  ab  und  machen  das  Eindringen  in  denselben ­
  fast  unmöglich.  Auch  würde  es  garnicht  schwierig
im  Nothfalle  über  Land  200.000  Soldaten  nach  Tehuanj^pec
  zu  senden  und  dort  zu  concentriren.  Es  sind  jetzt  zwei
Eisenbahnlinien,  welche  sich  nach  Mexico  ausdehnen,  im  Bau,
eine  von  Neu-Mexico  und  die  andere  von  Texas.  Sowie  dieselben ­

  vollendet  sind,  wird  der  Transport  von  Truppen  nach
^1^  Isthmus  eine  leichte  Sache  sein.  Eine  solche  Armee  aber
^ach  Nicaragua  oder  Panama  zu  transportiren,  w  ürde  sehr
Schwierig,  und  ihre  Unterhaltung  daselbst,  fern  von  der  Basis
ihrer  Hülfsmittel,  wäre  fast  unmöglich.  Mexico,  dessen  Interessen ­
  mit  den  unsrigen  vereint  sein  würden,  könnte  uns  viel
wirksamere  Hülfe  bei  der  Vertheidigung  eines  solchen  Werkes
gewähren,  als  wir  sie  von  den  kleineren  und  schwächeren
epubliken  Centralamerikas  hoffen  dürfen.“  In  der  That  ist  es
üer  Union  unmöglich,  mit  ihrer  gegenwärtigen  kleinen  Kriegsotte
  die  verschiedenen  Zugänge  zur  Caraibischen  See,  zwischen
iorida  und  Cuba,  Cuba  und  Hayti,  Hayti  und  Venezuela
Segen  eine  englische  oder  französische  Flotte  zu  vertheidigen.
le  kann  weder  den  Nicaraguacanal,  noch  den  Panamacanal
^ilitairisch  decken,  und  eine  europäische  Besatzung  an  einem
beiden  Orte  kann  von  jener  europäischen  Macht  aus,
'welche  diese  See  beherrscht,  von  Europa  mit  Provision  und
Wnition  versehen  werden  —  wie  Gibraltar  von  England  aus!
Nachdem  Mr.  Windom  noch  seine  sechste  These,  dass
lese  Route  auch  den  Handel  der  Union  mit  Mexico  fördern
Wierde,  aus  der  Handelsstatistik  zu  begründen  gesucht  hat,  geht
        <pb n="298" />
        284

er  zu  seiner  letzten  Behauptung  über,  sie  werde  auf  sehr
effcctvolle  Weise  die  Kräftigung  der  Handelsmarine  der  Union
befördern.  Dieser  Punkt  ist  nun  wieder  von  hohem  internationalen ­
  Interesse,  wie  ich  das  schon  andeutete.
Die  Amerikaner  haben  während  des  Secessionskrieges
fast  ihre  ganze  Handelsmarine  eingebüsst,  welche  von  den
Kreuzern  der  Südstaaten  vom  Meere  weggefegt  wurde,  und
die  englische  Handelsmarine  ist  in  dieser  Zeit  so  erstarkt,  dass
um  so  weniger  eine  amerikanische  neue  Marine,  mit  jener  concurrirend,
  entstehen  konnte,  als  die  Bestimmung  hier  in  Kraft
ist,  amerikanische  Schifte  müssen  in  Amerika,  aus  amerikanischem ­
  Material,  gebaut  werden.  Da  nun  Holzschifte  fast  nicht
mehr  gebaut  werden,  die  Amerikaner  aber  ihre  Eisenindustrie
der  englischen  gewachsen  machen  wollen,  ein  Ziel,  das  sie  in
vielleicht  5  Jahren  erreicht  haben  werden,  so  führten  sie  einen
hohen  Eisenzoll  ein.  Nun  können  natürlich  eiserne  Schiffe  in
England  weit  billiger  gebaut  werden  als  in  Amerika,  und  so
geht  denn  die  amerikanische  Handelsmarine  eher  zurück  als
vorwärts.  Die  Amerikaner  denken  nun  sehr  ernsthaft  daran,
ihren  Schiffsbau  durch  Staatsmassregeln  zu  fördern,  und  es
wird  nicht  lange  dauern,  dass  sie  höhere  Hafengebühren  von
fremden  Schiffen  nehmen,  als  von  amerikanischen  und  diesen
somit  eine  Art  Monopol  für  den  Transport  amerikanischer
Güter  gewähren.  Captain  Eads  hat  in  seiner  Concession  sich
von  der  mexicanischen  Regierung  Macht  geben  lassen,  einen
Differenzialtarif  für  den  Transport  von  Schiffen  über  Tehuantepec ­
  einzuführen  und  Mr.  Windom  setzt  nun  in  der  Folge
auseinander,  welche  Anwendung  man  von  diesem  Recht
machen  will:
„Das  von  Mexico  gewährte  Recht,  Differenzialtarife  zn
Gunsten  des  Amerikanischen  Handels  einzuführen,  will  mehr
zur  Wiederherstellung  unserer  Handelsmarine  beitragen,  als  es
die  Ausgabe  vieler  Millionen  auf  anderem  Wege  thun  könnte.
Ich  messe  dieser  Concession  Mexico’s  den  höchsten  Werth  bei-Nehmen
  wir  an,  wir  lehnen  das  Project  ab,  und  Grossbritannien, ­
  weiser  als  wir,  bemächtigt  sich  desselben?  Was  wird
        <pb n="299" />
        285

Folge  davon  für  unseren  Handel  sein?  Meiner  Ansicht
nach  könnte  er  kaum  einen  härteren  Schlag  erhalten.
Die  Bauconcession  (des  Captain  Eads)  setzt  jede  andere
Macht,  welche  das  Unternehmen  unterstützt,  in  die  Lage,  jene
.  ®^heile  zu  geniessen,  welche  uns  angeboten  werden.  Mr.  Eads
*st  ein  Patriot,  deshalb  kommt  er  zuerst  zu  seinem  eigenen
ande  und  bietet  ihm  die  \ortheile  an,  welche  er  gesichert
nat.  Wenn  wir  dies  Anerbieten  von  uns  weisen,  es  ablehnen,
uns  dessen  Nutzen  zu  sichern,  kann  er  dann  getadelt  werden,
"enn  er  es  einer  andern  Regierung  macht,  welche  es  besser
schätzen  weiss?  Wenn  wir  dies  Anerbieten  ablehnen,
Onnen  wir  nichts  aus  demselben  Grunde  dagegen  haben,
^enn  es  von  England  angenommen  wird,  der  uns  rechtfertigt,
as  Unternehmen  des  Herrn  von  Lesseps  zum  Stillstand  zu
ringen.  Denn  solche  Annahme  Seitens  England  s  wäre  nicht
gleichbedeutend  mit  der  Bildung  einer  englischen  Compagnie
nter  mexicanischer  Concession  zum  Bau  einer  Schiflfseisenbahn,
wäre  einfach  ein  Uebereinkommen  zwischen  England  und
einer  Mexicanischen  Compagnie,  durch  welches  England
uimense  und  ausschliessliche  Vortheile  seinem  Handel  für
99  Jahre  sichern  würde,  durch  eine  gewisse  Unterstützung,
'''eiche  England  der  Compagnie  in  ihren  ersten  Jahren  ge-"'ährte,
  und  welche  sie,  Kraft  ihrer  Concession  von  England
der  irgend  einer  anderen  Regierung  annehmen  darf.“
Nach  der  Concession  ist  der  Compagnie  eine  Dotation
einer  Million  Acres  Land  gewährt.  Captain  Eads  beanptucht
  nun  von  der  Unionsregierung  die  ópercentige  Garantie
^  u  50  Mill.  Dollars  Baucapital  auf  15  Jahre.  Dafür  ist  der
^gierung  die  Hälfte  der  Nettoeinnahme  auf  solange  ver-P
  ándet,  bis  sie  ihre  Vorschüsse  zurückerhalten  hat.  Wenn
Bruttoeinnahme  6  Mill.  Doll,  im  Jahre  erreicht,  hört  die
Garantieverpflichtung  auf,  sie  soll  nie  3  Mill.  Doll,  im  Jahre
^  erlangt  die  Unionsregierung  folgende
Alle  Schiffe  der  Unionsregierung,  ihre  Post,  Militär  und
^  ^gramme  müssen  kostenfrei  befördert  werden,  und  zwar
^9  Jahre  lang.  Sie  erhält  das  Recht,  den  Zoll  (d.  h.  jene  Ab-
        <pb n="300" />
        286

gabe,  welche  die  Schiffe  der  Compagnie  für  die  Ueberführung
von  einem  Meere  zum  andern  zu  zahlen  haben  per  Tonne)
selbst  festzusetzen.  Dabei  darf  sie  einen  Differenzialtarif ­
  zu  Gunsten  amerikanischer  und  mexicanischer
Schiffe  und  zu  Ungunsten  der  Schiffe  unter  anderer
Flagge  festsetzen.  Die  Compagnie  darf  kein  Kriegsschiff
einer  Nation  befördern,  die  sich  im  Kriege  mit  der  Union
befindet.  Bevor  die  Garantie  in  Kraft  tritt,  muss  die  Möglichkeit ­
  des  Transportes  von  beladenen  Schiffen  per  Bahn  durch
ein  Beispiel  der  Regierung  nachgewiesen  werden.
Die  Hauptsache  ist  den  Amerikanern,  abgesehen  davon,
dass  die  Schiffseisenbahn  nur  für  die  Union  und  Mexico  eine
Strasse  für  Kriegsschiffe  im  Kriegsfälle  ist,  augenscheinlich  der
Umstand,  dass  ihre  Schiffe  billiger  über  den  Isthmus  befördert
werden,  als  die  anderer  Nationen.  Wenn  dann  noch  ähnliche
Differenzialabgaben  in  den  Unionshäfen  zu  Gunsten  amerikanischer ­
  Schiffe  eingeführt  werden,  so  hofft  man,  dass  dadurch,
und  weil  ja  allmählich  auch  das  Eisen  in  der  Union  billiger
wird,  der  amerikanische  Schiffsbau  einen  solchen  Impuls  erhält, ­
  dass  man  England  die  Ueberlegenheit  im  Seetransport
abringt.
Da  die  Meistbegünstigungsclausei  in  den  Handelsverträgen
Mexicos  mit  anderen  Regierungen,  diesen  dieselben  Handelsvorrechte ­
  gewährt,  welche  die  Union  geniesst,  so  kann  die
mexicanische  Regierung  keine  Differenzialbegünstigung  für
amerikanische  Schiffe  schaffen.  Dies  Hinderniss  soll  nun  in
folgender  Weise  umgangen  werden  :  Die  mexicanische  Regierung ­
  gibt  der  Compagnie  das  Recht,  einen  Maximaltarif
festzusetzen,  der  für  alle  Schiffe  gilt,  aber  auch  das  Recht,
diesen  Zoll  für  Schiffe  einer  bestimmten  Nation  niedriger
festzusetzen,  als  jenes  Maximum.  Wenn  sie  den  Maximalzoll
zahlen,  werden  und  müssen  Handelsschiffe  aller  Nationen
in  Friedenszeiten  über  den  Isthmus  befördert  werden.
Die  Union  wird  also,  wenn  das  Project  verwirklicht  werden ­
  sollte,  der  Welt  eine  neue  Art  von  ,,F'reihandel“
beibringen!  Freiheit  für  den  Verkehr  aller  Nationen,
aber  billigeren  Transport  für  amerikanische  Schiffe!  Wie
        <pb n="301" />
        28;

Sich  die  anderen  Nationen,  namentlich  England,  zu  diesem
roject  stellen  werden,  besonders,  wenn  die  Union  wirklich
nicht  gestatten  sollte,  dass  Herr  von  Lesseps  eine  internationale, ­
  unabhängige  Concurrenzstrasse  durch  Panama,  welche
ie  Union  nicht  durch  Torpedo’s  abschliessen  kann,  baut,  ist
^ine  schwere  Frage.
Aber  es  ist  gewiss  bezeichnend  für  die  Politik  der  Garfield’sehen ­
  Regierung,  dass  Mr.  Windom  kaum  14  Tage  nach
ieser  Rede  —  Finanzminister  wurde,  der  also  die  Garantie
^  beantragen  gehabt  hätte,  welche  er  als  Senator  empfahl,
err  Eads,  den  ich  Mitte  März  1881  in  Washington  wiederolt
  gesprochen,  schien  des  Erfolges  daselbst  ganz  sicher  zu
und  verkehrte  mit  der  grössten  Intimität  im  „Weissen
Hause“.
Die  Frage,  ob  es  möglich  ist,  beladene  grosse  Seeschiffe
lindert  Meilen  weit,  und  noch  dazu  über  Berge  hinweg,  per
ähn  zu  befördern,  ist  unter  sogenannten  „Fachmännern“  con-Overs
  und  kann  also  natürlich  von  uns  nicht  entschieden  wer-Das
  Experiment,  welches  Captain  Eads  sich  zu  machen
erbietet,  bevor  er  eine  Garantie  des  Capitals  erhält,  wird
arüber  wohl  Aufschluss  geben.  Captain  Eads  ist,  wie  seine
^ciden  oben  genannten  grossen  Werke  beweisen,  unstreitig
der  grössten  Ingenieure  unserer  Zeit.  Er  führt  zur  Unter-Nutzung
  seiner  Theorie  an,  dass  es  am  Mississippi-Flusse  Pivot-^rehbrücken
  von  460  Fuss  Länge  giebt.  Die  Waggons  zum
*‘^gen  der  Schiffe  würden  nur  1500  Tonnen  wiegen,  dazu
beladene  Schiff  6000  Tons,  die  Maschine  500  Tons,  das
k^nne  die  einzige  Drehscheibe,  die  nöthig  sei,  tragen,
nr  die  verschiedenen  üblichen  Schiffsformen  würden  verschiegebaute
  Waggons  gebaut  werden.  In  verschiedenen
1‘ockendocks  seien  Schiffe  mit  Ladung  im  Gesammtgewicht
2700  Tons  ohne  Beschädigung  aufgestellt  worden.  —
^denfalls  wird  die  Schiffseisenbahn  ein  neues  Weltwunder,
"^^nn  sie  gelingt!
^  Die  Ermordung  des  Präsidenten  Garfield  hat  die  Chancen
,  beiden  amerikanischen  Isthmus  Projecte  geradezu  umge-^
  Der  jetzige  Präsident  Arthur  ist  ein  intimer  Freund
        <pb n="302" />
        288

Grants.  Windom  verlor  das  Finanzportefeuille  und  die
Comités  des  Senats  und  Abgeordnetenhauses  der  Union  fassten
im  December  Resolutionen,  welche  dem  Nicaragua-Canal  günstig ­
  sind.  Die  Subventionsvorlage  verlangt  von  der  Bundesregierung ­
  auf  20  Jahre  nach  Fertigstellung  des  Kanals  eine
Bürgschaft  für  eine  Dividende  von  mindestens  3  Percent  auf
das  Actiencapital  von  100  Millionen  Dollars,  unter  der  Bedingung, ­
  dass  die  jährlichen  Betriebskosten  nicht  mehr  als
I  Million  Dollars  betragen  und  eher  keine  Schulden  getilgt
werden  dürfen,  bis  3  Percent  Nettoüberschuss  gesichert  sind.
Die  aus  solcher  Vereinbarung  mit  der  Bundesregierung  dem
Unternehmen  und  dem  Lande  erwachsenden  Vortheile,  schilderte ­
  in  der  unlängst  vom  Handelsrath  der  Stadt  San  Francisco ­
  berufenen  Versammlung  Capt.  L.  Merry,  einer  der  Directoren ­
  der  Canalgesellschaft,  wie  folgt  :  „Jene  Bürgschaft
sichert  der  Regierung  vollständige  Controle  über  das  Werk
—  selbst  bis  zur  Besitzergreifung  des  Canals  im  Nothfalle  (die,
der  Bill  gemäss,  nach  eigenem  Gutdünken  gegen  Zahlung  von
5  Percent  an  die  Actionäre  und  Bestreitung  der  Betriebskosten
erfolgen  kann.)  Sie  sichert  die  Regulirung  der  Durchfahrts-Zölle
  (ein  Maximum  von  2  '/%,  Dollars  Transportkosten  per
Tonne  der  Schiffslast)  und  Dividenden  (die  nicht  10  Percent
übersteigen  dürfen  —  andernfalls  Ermässigung  der  Transportgebühren) ­
  durch  die  Regierung,  und  dieser  auf  2  Jahrhunderte ­
  die  unbeschränkte  freie  Benutzung  des  Canals  für  Bundes-Kriegsschiffe,
  Beförderung  von  Kriegsmaterial,  Truppen
und  Postsachen.  Thatsächlich  wird  der  Canal  dadurch  zum
Regierungsunternehmen,  mit  der  Compagnie  als  Vermittlerin ­
  zwischen  der  amerikanischen  Regierung  und  der  von
Nicaragua.  Es  ist  eine  wohlfeil  erlangte  nationale  Controle
und  bedeutet  in  keiner  Weise  eine  Subsidie.  Durch
solchen  Charter  und  solche  Bürgschaft  erklärt  die  Bundesregierung, ­
  dass  sie  mit  ihrem  Einfluss,  ihrer  Macht,  ihrem
Schutz  hinter  dem  Werke  steht,  dass  dies  ein  amerikanischer ­
  Canal  unter  amerikanischer  Controle  ist,  von
dem  keine  auswärtige  Macht  nach  Belieben  Besitz  ergreifen
kann.“
        <pb n="303" />
        289

Der  Bericht  des  Abgeordnetenhaus-Comite’s  behandelt  die
-Angelegenheit  in  klar  fasslicher  Weise  und  weist  die  Vortheile
Nicaraguaer  Route  schlagend  nach.  Vorerst  wird  darin
Rentabilität  des  Nicaraguaer  Canals,  der  bereits  in  5  Jahren
hergestellt  werden  kann,  und  die  Fahrzeit  der  Schiffe,  weil
nördlicher  als  der  Panama-Canal  gelegen,  um  ein  Beträchtliches
Verkürzt,  durch  Ziffern  hervorgehoben:  „Im  verflossenen  Jahre
belief  sich  die  Gesammt-Getreideausfuhr  unserer  Küste  auf
/2  Millionen  Tonnen,  wozu  die  halbe  Herfracht  der  Schiffe
^0.000  Tonnen  zu  rechnen  ist,  und  der  Küstenfahrt  ein
inimum  von  i  Million  Tonnen  ist  —  insgesammt  3.250.000
onnen.  Mit  der  Eröffnung  jener  neuen  wichtigen  Durchfahrt
würde  allerdings  ohne  Zweifel  unser  Handel  an  der  Westküste
Von  Süd-  und  Centralamerika  bedeutend  zunehmen.  Ebenso
'vürde  der  Canal  von  dem  ausseramerikanischen  Schiffsverkehr
grossen  Nutzen  ziehen.  In  der  zweiten  Hälfte  des  Jahres  1880
^Ggelten  70  weizenbefrachtete  amerikanische  und  223  ausändische
  Schiffe  aus  pacifischen  Häfen  um  das  Cap  Horn  nach
europäischen  Häfen  und  legten  eine  Distanz  von  je  13.710  Mei-^
  zurück,  während  sie  durch  den  Nicaragua-Canal  nur  7200
eilen  zu  machen  gehabt  hätten,  was  einen  Verlust  von  6500
eilen  per  Schiff,  oder  1.969.500  Meilen  insgesammt  zum
ehaden  der  Weizenbauer  der  Pacific-Küste  ausmacht.“  Das
äuscomite  gelangt  zum  Schlüsse,  dass  sich  der  jährliche  Ver-®hr
  via  Nicaragua-Canal  allermindestens  auf  3  Millionen  Tonnen
  h  rächt  berechnen  lässt,  —  zu  2  Dollars  per  Tonne  an
urchgangszoll  —  Millionen  Einkommen-Brutto.
Das  Comité  amendirt  dagegen  die  Bürgschaftsclausei  und
^flucirt  die  Haftpflicht  der  Bundesregierung  auf  3  Percent
ividende  von  einer  Totalsumme  der  Kosten  von  nur  75  Mill,
ollars  (statt  100  Mill.  Dollars,  wie  der  Gesetzentwurf  verangt)
  und  Beschränkung  der  Verwaltungs-  und  Betriebskosten
Canals  auf  i.000.000  Dollars  per  Jahr.  Unter  diesen  Umstanden ­
  bedürfte  es  nur  des  jährlichen  Durchganges  von
^300.000  Tonnen  Fracht,  um  die  Bundesregierung  schon  jeder
^rantie  zu  entheben.  Das  Comité  befürwortet  daher  mit
^titem  Gewissen  die  auf  20  Jahre  verlangte  Bürgschaft  von
ly
        <pb n="304" />
        290

»

3  Percent  auf  den  reducirten  Betrag  von  75  Mill.  Dollars,  um
so  mehr  als  diese  Verpflichtung  erst  nach  Vollendung  und
Eröffnung  des  Canals  in  Kraft  tritt.
Die  Vereinigten  Staaten  würden  sich  also  in  diesem  Falle
für  insgesammt  45  Millionen  Dollars  (2  '|^  Mill,  per  Jahr)  Dividende ­
  haftbar  machen,  —  das  Comité  ist  jedoch  der  festen
Ueberzeugung,  dass  gleich  vom  Anfang  des  Betriebes  diese
Bürgschaftsleistung  dem  Bundesschatz  keinen  Dollar  entziehen
werde.
Die  „Provisional  Interoceanic  Canal  Society“  in  New-York
  hat  auf  der  Basis  von  100  Millionen  Dollars  (=  i  Mill-Actien
  zu  100  Dollars)  dort  und  hier  bereits  vorläufige  Zeichnungen ­
  des  Capitalstocks  entgegengenommen.
In  Frankreich  hat  man  den  jährlichen  Tonnengehalt  der
Durchfracht  via  Nicaragua  auf  5.500.000,  Captain  S.  L-Phelps,
  der  Vorsitzende  des  Executiv-Comites  der  provisorischen ­
  Gesellschaft,  dagegen  auf  3'/^  Mill,  geschätzt.  Captain
Merry  nimmt  4  Mill,  an,  was  zu  2'/z  Dollars  per  Tonne  ein
Brutto-Einkommen  von  10  Mill.  Dollars  oder  nach  Abzug  von
I  Mill.  Dollars  Unkosten  9  Mill.  Dollars  netto  per  Jahr  ergeben
würde  =  9  pCt.  vom  nominellen  Capital,  während  die  Herstellungskosten ­
  höchstens  mit  65  bis  75  Mill.  Dollars  angenommen ­
  werden.  Der  Suez-Canal  ergab  Im  Vorjahre  9-/3  Percent ­
  Dividende  auf  94  Mill.  Dollars  Kosten  für  Herstellung.
Folgendes  ist  eine  Aufstellung  der  Entfernungsunterschiede,
die  durch  den  Nicaragua-Canal  erspart  werden  :
Meilen.

New-York  —  San-Francisco  9.800
England  (Lizard)  —  San-Francisco  ....  6.953
New-York  —  Calao,  Peru  6.220
„  „  —  Valparaiso,  Chile  3.720
„  „  —  Hongkong,  China  8.245
„  n  —  Yokohama,  Japan  7.905
„  „  —  Melbourne  3.120
Liverpool—Golf  von  Vonseca,  Central-Amerika  6.500
„  —  Calla,  Peru  3.200
„  —  Valparaiso,  Chile  1.500
        <pb n="305" />
        291

19*

Herr  Nimmo,  der  Chef  des  statistischen  Bureau’s  in
^ashington,  machte  vor  einiger  Zeit  die  Angabe,  dass  im
^  Grkehr  mit  Europa  für  die  Benutzung  eines  interoceanischen
Canals  auf  mindestens  1.625.000  Tonnen  zu  rechnen  sei.
Hierzu  kommt  die  Vermehrung  der  Weizen  -  Production  und
Ausfuhr,  600.000  Tonnen,  der  Tonnengehalt  von  südameri^
Manischen  Küstenländern,  500.000  Tonnen,  insgesammt
3  406.250  Tonnen.
Gemäss  den.  Nimmo  sehen  Tabellen  wird  der  Tonnengehalt, ­
  der  selbst  nach  Eröffnung  des  Panama  -  Canals  ausschliesslich ­
  dem  Nicaragua-Canal  verbleiben  würde,  wie  folgt
geschätzt:

T  onnen.
I.  Der  Handel  zwischen  New-York  und  den

2.
3-4-



  in  Centralamerika  (jetzt  via  Panama)
New-Tork  und  San-Francisco,  via  Cap  Horn
Zunahme  dieses  Verkehrs
New-York  und  Mexico,  Honduras,  Hawaiische
Inseln,  China,  Japan  und  die  Hälfte  des
australischen  Handels
Pacifische  Häfen  und  ausländische  Häfen  im
Atlantischen  Ocean  (einschliesslich  Getreide
ausführende  Schiffe)
Europäische  Häfen
mit  Centralamerika
„  Neuseeland  via  Cap  Horn  .  .  .
„  Britisch  Columbia

60.735
120.682
130.000

270.277

200.000
52.389
237-  51
22.331

Total-Tonnengehalt  .  .  .  2.094.265
        <pb n="306" />
        rm

XX.  Capitel.
Reise  von  New-Orleans  bis  Kansas  City.

Als  wir  am  5.  März  in  New-York  landeten,  hatte  ich
4914  englische  Meilen  seit  meiner  Abreise  am  letzten  Januar
von  Wien  zurückgelegt.  Diese  Strecke  hatten  wir  gemeinsam
am  I.  Juni  in  Kansas  City  verdoppelt.  In  New-Orleans  hatte
ich  8070  Meilen  gemacht,  wir  hatten  also  seit  unserer  Abreise
von  dieser  Stadt,  am  20.  Mai,  fast  2000  Meilen  zurückgelegt,
und  zwar  durchwegs  per  Bahn  oder  zu  Wagen;  dies  unter
einer  warmen,  stellenweise  heissen  Sonne,  dabei  hatten  wir
Landwirthschaften  und  industrielle  Betriebe  besucht  und  studirt,
mit  zahlreichen  Menschen  Bekanntschaft  gemacht  und  uns
viele  Notizen  gesammelt.  Wir  waren  leider  zu  spät  in  Amerika
angekommen,  um  noch  den  Süden,  vor  Beginn  der  Ackerbau-Saison ­
  im  Westen,  zu  besuchen,  und  hielten  drum  keine
Rasttage.  Um  Florida  und  die  Länder  bis  Südtexas  zu  sehen,
hätten  wir  am  i.  Januar  von  New-York  abfahren  sollen.  Die
Anstrengungen  dieser  schnellen  Reise  waren  gross  und  leider
auch  nicht  ohne  Folgen.  Jedenfalls  haben  wir  indess  einen
für  unsere  Zwecke  genügenden  Ueberblick  über  ein  ausserordentlich ­
  grosses  Landgebiet  erhalten,  das  noch  sehr  wenig
der  Production  erschlossen  ist,  aber  jetzt  schnell  besiedelt
wird  und  bald  eine  grosse  Ueberschussproduction  her  Vorbringen ­
  muss.
Am  20.  Mai  reisten  wir,  mit  Ausnahme  des  Baron
Gudenus,  der  schon  am  17.  vorausgegangen  war,  zusammen
von  New-Orleans  ab,  trennten  uns  aber  in  Houston,  von  wo
Graf  Imre  Széchényi  und  ich  auf  einige  Tage  nach  Galveston
abgingen,  während  die  anderen  drei  Herren  direct  auf  der
        <pb n="307" />
        293

örzlich  fertig  gewordenen  Bahn  über  Richmond,  Weimar,
Schulenburg,  Flatonia  nach  San  Antonio  in  Texas  durchfuhren, ­
  wo  Graf  Imre  und  ich  uns  am  24.  mit  den  vorausgefahrenen ­
  vier  Herren  vereinigten.
Diese  hatten  inzwischen  Bekanntschaft  mit  Ohicieren
und  einigen  anderen  Herren  gemacht,  unter  Anderen  mit
einem  Ungarn-Abkömmling,  Herrn  von  Madaraz,  dessen  Vater
jn  Folge  der  1848er  Ereignisse  hierher  ausgewandert  war.
er  junge  Herr,  welcher  die  einzige  Kunstgärtnerei  bei  San
Antonio  besitzt,  wurde  uns  sehr  gefällig  und  nützlich.  Wir
besuchten  von  San  Antonio  am  23.  Mai  eine  circa  14  Meilen
dävon  entfernte  Farm  des  Herrn  Devine,  welcher  auf  14.000
Acres  Merinoschafe  und  Angoraziegen  züchtet,  und  am  26.  Mai
«iie  einige  50  Meilen  von  San  Antonio  gelegene  Capot-Farm,
Welche  dem  Eisenbahn-Director  Mr.  Peirce  gehört
Am  27.  Mai  fuhren  wir  nach  der  vom  deutschen  Adels-^Greine
  im  Jahre  1845  gegründeten  Colonie  New-Braunfels,
30  Meilen  von  San  Antonio  auf  der  Strasse  nach  Austin,  der
Hauptstadt  von  Texas,  gelegen.
Schon  längere  Zeit  litt  ich,  in  Folge  von  Erkältung,  an
einer  Kehlkopfentzündung  und  hier  musste  ich  mich  einer
Operation  unterziehen,  welche  der  in  Berlin,  Bonn  und  Breslau
trefflich  ausgebildete  Dr.  Claessen,  ein  Rheinländer,  geschickt
Vollzog,  die  mich  aber  doch  zwang,  bis  zum  30.  Mai  hier  zu
f&amp;amp;stcn.  Die  Herren  Grafen  Hoyos,  Imre  Széchényi  und  Baron
Oudenus  blieben  bei  mir  in  New-Braunfels;  die  anderen  beiden
Herren  gingen  nach  Kansas  City  am  28.  Mai  ab.  Wir  erreichten ­
  am  2.  Juni  diese  Stadt,  nachdem  wir  uns  um  30
tunden  auf  der  892  englische  Meilen  weiten  Strecke  über
Austin,  Hearne,  Dallas,  Sherman,  Denison,  Eufala,  Vinita,
Sage  und  Fort  Scott  durch  Nordtexas  und  das  Indianer  Territorium ­
  verspätet  hatten.  Heftige  Regen  und  Hagel  hatten
Bahnkörper  beschädigt.  Auch  die  vorausgefahrenen
®rren,  Graf  Andrassy  und  Geza  Széchényi,  waren  24  Stunden
^tifgehalten  worden,  hatten  aber  den  Genuss  gehabt,  während
grossartigen  Gewitters,  das  den  Hagel-  und  Regenwolken-
        <pb n="308" />
        294

bruch  begleitete,  durch  die  Prairie  zu  fahren  und  so  eines  1
der  grossartigsten  Naturschauspiele  zu  bewundern.  !
Von  den  Städten,  die  wir  sahen,  haben  nur  zwei  eine
grosse  Zukunft,  Galveston  und  Kansas  City;  daneben  ist  San  ,
Antonio  als  Binnensammelplatz  von  Ackerbauproducten  bisher
noch  von  Bedeutung.
Galveston  ist  die  sich  schnell  entwickelnde  Hafenstadt  von
Texas.  Sie  liegt  auf  einer  sandigen,  flachen  Insel  an  der  Mündung ­
  der  Galveston  -  Bai  in  den  Golf  und  steht  durch  zwei
Eisenbahnen  mit  Houston  in  Verbindung,  wo  die  sämmfliehen
Texas-Bahnsysteme  zusammenlaufen.  Diejenige  Bahn,  welche
Galveston-Houston  mit  New-Orleans  verbindet  und  auf  welcher  ¡
wir  auch  fuhren,  wurde  erst  im  Monat  September  1880  *
fertig.  Galveston  hat  jetzt  circa  25.000  Einwohner,  wovon  í
ein  grosser  Theil,  namentlich  der  Kaufleute,  Deutsche  sind.
Das  grösste,  für  amerikanische  Verhältnisse  sehr  alte  Handels-  j
haus  der  Stadt,  Firma  Kaufmann  &amp;amp;  Runge,’  ist  ein  deutsches  I
und  sind  seine  Chefs  respective  österreichischer  und  deutscher
Consul.  Bisher  importirte  Galveston  wenig  und  exportirte
etwa  eine  Million  Ballen  (à  480  bis  500  Ibs.)  Baumwolle.
Eine  Sandbank  hinderte  Schiffe  mit  mehr  als  12  bis  13  Fuss
Tiefgang  den  Hafen  von  Galveston  zu  erreichen.  Jetzt  baut
man  ein  „Matratzenwerk“,  aus  Faschinen  und  Steinen  bestehend, ­
  das  an  der  einen  Seite  des  dort  existirenden  Wasserstromes ­
  versenkt  wird.  Man  hofft,  dass  die  Kraft  des  sich  in
dem  nunmehr  verengten  Canale  bewegenden  Wassers  den
Canal  vertiefen  werde,  wie  es  durch  die  Jetties  des  Mississippi ­
  dort  geschehen  ist.  Wir  haben  hier  also  eine  Nachahmung ­
  jenes  grossen  Werkes.  In  einigen  Jahren  dürfte  Galveston ­
  27  Fuss  Wassertiefe  haben  und  dann  ein  Exportplatz
ersten  Ranges  werden.  Ausser  Baumwolle  dürfte  Weizen,
Mais,  besonders  aber  Vieh  und  Fleisch  von  hier  aus  alsdann
zum  Exporte  gelangen.  Das  meiste  Texasvieh  wird  zwar  noch
direct  nach  Norden,  etwa  nach  Dodge  City  in  Kansas,  getrieben, ­
  von  wo  man  es  nach  Kansas  City  und  weiter  nach
Osten  befördert.  Allein  ein  Theil  desselben  wird  in  San  Antonio ­
  gesammelt  und  ist  dies  für  die  Zukunft  ein  sehr  ins  Auge
        <pb n="309" />
        295

fassender  Markt.  Von  San  Antonio  kostet  der  Transport
einer  Eisenbahnwaggonladung  Rindvieh  —  i8  bis  20  Haupt
bis  St.  Louis  115  Dollars,  bis  Kansas  City  115  Dollars,
bis  New-Orleans  115  Dollars,  bis  Galveston  nur  60  Dollars,
in  St.  Louis  und  Kansas  City  is*t  das  Vieh  noch  viele  Hundert
Meilen  von  einem  Hafen  entfernt  und  doch  wird  fast  Alles
dorthin  transportirt,  weil  der  Handel  über  diese  Orte  nach
New-York  und  Europa  ein  alt  eingerichteter  ist.  Das  konnte
nicht  anders  sein,  denn  New-Orleans  erhielt  erst  im  vorigen
Jahre  seine  Bahnverbindung  mit  San  Antonio,  seinen  tiefen
Hafen  vor  erst  zwei  Jahren,  und  Galveston  wird  ihn  erst  in
^'vei  bis  drei  Jahren  haben.  Allein  alsdann  wird  auch
Export  von  Fleisch  von  beiden  Städten  nach
Uropa  beginnen  und  dies  wird  den  Preis  desselben  natür-Jch
  herabdrücken.  Hierüber  werde  ich  noch  später  mehr
berichten.
Südwestlich  von  Galveston  liegen  die  Hafenstädte  Indiaaola
  und  Corpus  Christi  am  Golf  auf  texanischem  Gebiete,
Sowie  Port  Isabel  an  der  Mündung  des  Rio  Grande.  Alle
^•"^i  Städte  haben  eine  Zukunft,  nur  fehlen  ihnen  noch  die
ahnen.  Ein  Mangel,  dem  in  einigen  Jahren  abgeholfen  sein
dürfte.  Auch  von  San  Antonio  nach  Laredo  am  Rio  Grande
baute  man  eine  Eisenbahn,  welche  von  da  im  Sommer  1882
bereits  bis  in  das  Innere  von  Mexico  eindrang.  Südwestlich
Galveston,  Houston,  San  Antonio  bis  zum  Rio  Grande
^ad  dem  Golfe  liegt  ein  sehr  grosses  Gebiet,  grösser  als  Böhl^en,
  Mähren,  Schlesien,  Ober-  und  Niederösterreich,  von  wahrfabelhafter
  Fruchtbarkeit  und  so  gut  wie  gar  keinem
^ckerbau.  Zunächst  werden  die  Viehherden  dieses  Districtes
‘bren  Markt  in  den  bezeichneten  Hafenstädten  finden,  bis  diese
M^eiden  Aeckern  Platz  machen.
San  Antonio  ist  eine  alte,  spanische  Stadt  in  schöner
Und  gesunder  Lage,  von  einigen  20.000  Einwohnern,  deren
Wohlhabende  Hälfte  aus  Deutschen  besteht,  welche  hier  fast
ganzen  Handel  in  Händen  haben.  Das  Stadtleben  muss
uls  durchweg  deutsch  bezeichnet  werden.  Diese  Stadt  ist  jetzt
grösste  „Prairiehafen“  von  Texas,  von  wo  die  „Prairie-
        <pb n="310" />
        schöner“,  gewaltige  Frachtwagen,  die  von  sechs  und  mehr
Maulthieren  oder  Ochsen  gezogen  werden,  mit  Kaufmannsgutem
  beladen  in  die  Prairie  hinausziehen,  um  mit  Häuten,
Hörnern  und  anderen  Landesproducten  beladen  zurückzukehren.
Die  Entwickelung  des  Eisenbahnnetzes  wird  diesen  Verkehr
wesentlich  ändern.  Die  Stadt  ist  auch  ein  Sammelpunkt  für
die  deutsche  Einwanderung,  welche  bedeutend  ist  und  fortwährend ­
  wächst.  Es  existirt  ein  Einwandererhaus,  in  dem  die
Immigranten  kostenfreie  Aufnahme  und  allerhand  Nachweisungen ­
  erhalten,  wie  in  New-York  im  Castle  Garden-Depot.
Ein  Zwischendeckbillet  von  Bremen  über  New-York  nach  den
Hauptplätzen  von  Texas,  oder  von  Bremen  nach  Galveston
direct  per  Dampfer,  kostete  i88i  50  Dollars.  Im  Jahre  1882
kostete  es  nach  New-Orleans  j6o  Mk.  und  man  hofft,  dass
es  1883  auf  140  Mk.  fallen  werde.  —
San  Antonio  ist  seit  einigen  Jahren  ein  beliebter  Winteraufenthaltsort
  für  Brustleidende,  wozu  es  sich  auch  sehr  eignet.
Es  liegt  schon  ziemlich  hoch  über  dem  Meere,  hat  eine  reine
Atmosphäre,  liegt  dabei  südlich  genug,  um  ein  warmes  Klima
zu  haben,  dennoch  wird  die  Hitze  durch  die  Seebrise,  die  bis
hier  und  weiter  nach  Norden  dringt,  gemässigt.  Nördlich  von  dieser ­
  Stadt  liegen,  im  Hügellande,  einige  klimatische  Curorte,  die
noch  mehr  Schutz  gegen  Nordwinde  bieten,  wie  die  deutschen
Colonien  Börne  und  Friedrichsburg,  welche  auch  noch  aus
der  Zeit  des  Adelsvereins  stammen.
Es  sei  mir  gestattet,  jetzt  einige  Worte  über  die  Natur  der
von  New-Orleans  bis  Galveston  und  weiterhin  durchreisten
Gegend  zu  sagen.
Der  Staat  Louisiana  hat  41.000  Quadratmeilen  Oberfläche,
ist  also  etwa  viermal  so  gross  als  Belgien,  hat  jedoch  nur
993.000  Einwohner,  gegen  5  Mill,  in  Belgien,  der  Boden  dieses
Staates  aber  ist  weit  fruchtbarer  als  jener  Belgiens.  In  der
That  giebt  es  vielleicht  wenige  Länder,  welche  einen  fruchtbareren ­
  Boden  hätten  als  Louisiana.  Derselbe  ist  fast  voll'
kommen  eben,  besteht  aus  einer  Anschwemmung  und  dem*
Niederschlag  des  Mississippi;  etwas  Thon  bindet  die  minera
lischen  Abspülungen,  die  hier  gelagert  wurden,  der  Grund-
        <pb n="311" />
        297

Charakter  des  Rodens  ist  aber  bis  an  die  texanische  Küste
vom  atlantischen  Meere  ab  sandig.  Hier  ist  der  Sand  thonighumus
  reich.  Tn  Texas  wird  der  Untergrund  thonig,  lehmig,
stellenweise  mergelig.  Der  reiche  Sandzusatz  macht  den  Boden
leicht  beackerbar  und  erleichtert  sein  Reinigen  von  Unkraut.
Er  ist  aber  nass  und  bedarf  der  rationellen  Entwässerung;  für
gewisse  Culturen  wie  Reis,  auch  der  Bewässerung.  Doch  sind
beide  wenig  kostspielig  zu  unterhalten.  Die  hier  fast  tropische
Sonne  und  die  sehr  reichlichen  Regenmassen  brachten  eine
üppige  Vegetation  hervor,  welche  eine  mächtige  Humusschichte
erzeugte.  Man  kann  sagen,  dass  dies  der  Charakter  aller  Landflecken ­
  an  den  zahlreichen  Flussmündungen  zwischen  Mississippi
  und  Rio  Grande  ist.  Ganz  besonders  berühmt  wegen
ihrer  Fruchtbarkeit  sind  z.  B.  weiter  westlich  die  „Bottoms“,
fl-  h.  Niederungen,  des  Brazos  in  Texas,  Auf  diesen  durchebenen,
  reichlich  bewässerten  und  mit  künstlicher  Berieselung
  leicht  versehbaren,  hochfruchtbaren  Niederungen  lastet
ein  Fluch  —  ihre  Ungesundheit!  Es  ist  überall  FiebergGgend!
  Die  hier  Geborenen,  Neger,  Abkömmlinge  von
Spaniern  und  Italienern,  sollen  der  Malaria  nicht  oder  doch
Weniger  ausgesetzt  sein.  Für  Deutsche,  Nordländer  ist  dies
Elima  ebenso  mörderisch,  wie  jenes  von  New  -  Orleans.  Einzig
Galveston  macht  eine  Ausnahme.  Diese  Stadt  ist  sehr  gesund
^nd  hat  eine,  durch  die  Seebrise  von  zehn  Uhr  Vormittags
bis  in  die  Nacht  hinein  durch  zehn  Monate  des  Jahres  ange-*^hm
  abgekühlte  Temperatur,  weil  sie  auf  einer  Sandinsel  im
liegt.  Allein  der  ganze  Niederungsboden,  von  New-Prleans
  bis  Port  Isabel,  ist  ungesund.  Nord-  und  Mittel-Texas
ist  dagegen  sehr  gesund,  ebenso  sind  es  die  nördlicher  hiervon ­
  gelegenen  Länder,  das  den  Indianern  reservirte  Territoi’ium
  und  Kansas.  Louisiana  ist  vor  der  Sclavenemancipation
Sehr  reich  gewesen.  Seither  sind  die  alten  Pflanzer  fast  alle
l’Hinirt  und  die  Neger  haben,  was  ihre  materielle  Existenz  anwohl
  kaum  gewonnen.  Viele  Plantagen  sind  aufgelassen
J^'^fl  üppiges  Gestrüpp  bedeckt  die  ehemals  berieselten  Felder,
^fless  wird  neuerlich  Capital  aus  den  Neu-England-Staaten,
*^^br  aber  noch  direct  aus  England,  in  Pflanzungen  investirt
        <pb n="312" />
        298

und  wir  trafen  hier  und  da  auf  eine  neue  Plantage.  Die  Engländer ­
  machen  dieses  Geschäft,  indem  sie  Geld  auf  Hypothek
an  Zucker-  und  Reisplantagenbesitzer  ausleihen.
In  Louisiana  herrscht  der  Grossgrundbesitz  und  der  Grossbetrieb ­
  natürlich  vor,  weil  der  Anbau  und  das  Pressen  von
Zuckerrohr,  der  Anbau  von  Reis,  jenen  beiden  Früchten,
welche  den  höchsten  Ertrag  in  diesem  Staate  liefern,  grosse
Bewässerungs-  und  Fabriksanlagen  erfordert,  also  viel  Capital
voraussetzt.  Hier  sieht  man  noch  ein  altes  Herrschaftsschloss,
grosse  Fabriksschornsteine  und  Fabriksgebäude  zum  Pressen
und  Kochen  des  Zuckers,  daneben  in  langen  Reihen  niedliche
kleine  Negerhäuser,  ein  Dorf  bildend,  beisammen,  dem  nie  die
hölzerne  Kirche  fehlt.  Wo  der  Grossgrundbesitz  authört,  löst
sich  das  Dorf  in  Farmen  auf,  bis  man  in  die  deutschen  Ansiedelungen ­
  von  Texas  kommt,  welche  wiederum  den  geselligen
Dorfcharakter  tragen.
Das  angelsächsisch  -  englisch  -  amerikanische  System  ist  das
westphälische  oder  holsteinische  Höfesystem.  Das  Louisianadorf ­
  erinnert  an  eine  böhmische  Herrschaft,  welche  eine  Rübenzuckerfabrik ­
  einschliesst.  Die  Negerhäuser  sind  alle  sehr
zweckmässig  und  nett  gebaut  und  viel  besser  als  die  Tagelöhnerwohnungen ­
  ländlicher  Arbeiter  in  Deutschland  im  Durchschnitte ­
  sind,  viel  besser  jedenfalls  als  jene  in  Preussen  östlich
von  der  Elbe,  wie  denn  auch  die  materielle  Lage  dieser  Neger
eine  üppige  zu  nennen  ist,  verglichen  mit  jener  der  ländlichen
Tagelöhner  in  ganz  Norddeutschland.  Für  Europäer  ist  aber  das
Klima  ungeeignet.  Die  Häuser  sind  durchaus  von  Holz  erbaut,
stehen  auf  zwei  Fuss  hohen  Pfosten  über  dem  Erdboden,
haben  je  zwei  bis  drei  Räume  und  ein  vorspringendes  Dach,
das  Schatten  gewährt.  Die  Häuser  liegen  isolirt,  da  zu  jedem
ein  kleiner  Garten  gehört.  Die  Neger  erhalten  solche  Wohnungen ­
  nebst  Garten,  und  der  Mann  i  Dollar,  die  Frau
75  Cents  Tagelohn.  Trotzdem  sind  sie  nicht  an  regelmässige
und  ausdauernde  Arbeit  zu  gewöhnen,  und  der  Mangel  aU
regelmässig  zur  Disposition  stehender  Arbeitskraft  ist  es,
der  das  Auflassen  so  mancher  Plantage  verschuldet  hat,  mehr
        <pb n="313" />
        299

iedenfalls  als  der  hohe  Tagelohn  fur  die  lässige  Negerarheit,
obschon  der  natürlich  dabei  auch  von  Gewicht  war.
^  Anbau  des  Bodens  geschieht  auf  äusserst  sorgsame
oise,  mit  den  vollkommensten  Ackerbaugeräthen.  Auch
^üngt  man  den  Acker,  zum  Theil  mit  Stalldünger,  zum  Theil
Kunstdünger,  Blut,  Baumwollsamen  und  Guano.  Sehr
iebt  ist  die  Gründüngung,  welche  darin  besteht,  dass  man
^•oe  Bohnenart,  „Kuhbohne“  genannt,  ansäet  und  grün  unterpflügt.
  Solche  Düngung  ist,  selbst  auf  diesem  fruchtbaren
öden,  nöthig,  da  Zuckerrohr  und  Reis  denselben  sehr  aus-^ugen.
  Der  Acker  ist  in  regelmässige  Tafeln  getheilt,  welche
orch  die  Bewässerungsgräben  von  einander  getrennt  sind,
s  Zugvieh  bedient  man  sich  grosser  und  schöner  Maulthiere.
Wir  fuhren  durch  grosse  Strecken  von  üppigen  Wäldern,
Solche  zum  Theile  auf  Pflanzungen  aus  der  Sclavenzeit  ge-^ächsen
  waren,  die  aber  in  einigen  Jahrzehnten  wieder  der
ultur  gewonnen  werden  dürften.
Als  wir  auf  unserer  Bahn  von  Morgan  City  nach  Houston
"^oiter  vorrückten,  hörten  die  Wälder  auf,  der  Boden  wurde
^ockener  und  weniger  üppig  fruchtbar,  war  aber  immer  noch
Schwarz  und  schön.  Der  Reisbau  verschwand.  Noch  aber
^urde  viel  Zuckerrohr,  Mais,  Baumwolle  und  Hafer  gebaut.
lein  allmälig  trafen  wir  auf  weite  Landstrecken,  die  noch
Jene  alte  tafelförmige  Lintheilung  hatten,  aber  eingezäunt
^^^ten  und  als  Weideplätze  für  sehr  gute  Pferde  und  Rinder
•enten.  Das  Rindvieh  von  Louisiana  ist  französischer  Ab-^^nimung,
  erinnert  an  die  starke  und  fleischige  Charolaisund
  ist  dem  texanischen  Vieh  weit  überlegen.  Das
orwandeln  von  Zuckerrohrpflanzungen  in  Viehweiden  nahm
Stat.on  Vermillion  an  erheblich  zu,  und  endlich  verschwand
der  texanischen  Grenze  der  Grossbetrieb  der  Landwirth-^^haft.
  Kleine  Farmen  wurden  auch  spärlicher  und  man  baute
ihnen  nur  mehr  Baumwolle,  Mais,  Hafer  und  Gartenfrüchte.
Viehzucht  wurde  vorwiegend.
28  ^^hl  der  Farmen  vermehrte  sich  von  1870—80  von
•481  auf  48.292,  wohl  meist  durch  Parzelliren  grosser  Plan-
        <pb n="314" />
        300

tagen.  Es  gab  1.319  Farmen  von  mehr  als  1000  Acres  und
2.159  von  500—1000  Acres.
Die  Zuckerplantagen-Besitzer  Louisianas  leiden  aus  zwei
Gründen:  Gleichzeitig  wurde  in  Louisiana  der  Preis  der
Arbeit  sehr  theuer  und  die  Arbeit  selbst  selten  und  unsicher
und  wurde  der  Preis  des  Zuckers  niedrig.  Der  Grund
des  ersteren  Leidens  war  die  Aufhebung  der  Sklaverei  seit
1865.  Der  Grund  des  letzteren  ist  das  Sinken  des  Zuckerpreises
  seit  der  Entwickelnng  der  Runkelrübenzucker'
Production  in  Europa.  Als  man  die  billige  Negerarbeit
noch  hatte,  im  Jahre  i860,  kostete  das  englische  Pfund  Rohzucker ­
  in  New-York  von  6  bis  8  Cents,  1861  von  4  bis  9  Cents,
in  dem  Jahrzehnte  1850  bis  i860  war,  trotz  billiger  Sklavenarbeit, ­
  der  durchschnittliche  niedrigste  Preis  5  Cents,  der
durchschnittliche  höchste  9.2  Cents  gewesen.  Während  des
Krieges  stieg  er  auf  7  bis  ii  Cents  1862,  7  bis  14  Cents  18631
II  bis  25  Cents  1864,  ii  bis  17  Cents  1865,  10  bis  15  Cents
1866,  9  bis  10  Cents  1867.  Durch  diese  hohen  Preise  wurde
die  Rübenzucker-Production  in  Europa  stimulirt.  Gerade  wie
der  Baumwollenbau  in  Indien  und  Egypten.  1878  war  der
niedrigste  Preis  6'/%  Cents,  der  höchste  8  Cents,  im  Jahre  1879
war  der  niedrigste  Preis  6,  der  höchste  9  Cents,  1881  war
7  bis  7V2  Cents,  1882  7  '/4  bis  7^/4  Cents.
Bei  so  niedrigen  Preisen  können  die  Pflanzer  nicht  1  DoU*
Tagelohn  für  die  lässige  Arbeit  eines  freien,  keinem  Antriebe
mehr  unterworfenen  Negers  zahlen.  Sie  gehen  ebenso  bankerott, ­
  wie  der  grösste  Baumwollenproducent  der  Welt,  der
Khedive  Ismael  bankerott  wurde,  als  Amerika  allmälig  seine
Baumwollproduction  wieder  aufnahm  und  der  BaumwollenpreiS
sank.  Es  ist  interessant,  die  Bewegung  der  Baumwollenpreise
zu  verfolgen.  In  New-York  war  der  niedrigste,  respective
höchste  Preis  für  i  Ib.  Upland  Baumwolle:  in  dem  letzten
Jahrzehnte  der  billigen  Sclavenarbeit  1852  bis  1861  inclusive
9.6  Cents  niedrigster,  13.3  Cents  höchster  Durschnittspreis«
Während  der  Kriegszeit  1862  bis  1866  inclusive  42.2  und  io4
Cents,  nun  baut  man  Baumwolle  in  Indien,  Aegypten  und
Brasilien,  darauf  fallt  der  Preis  auf  15  bis  36  Cents  in  1867*
        <pb n="315" />
        301

^  bis  33  Cents  in  1868,  25  bis  35  Cents  in  1869,  15  bis  26
Cents  in  1870,  15  bis  25  Cents  in  1871,  18  bis  25  Cents  in
*^72,  13  bis  21  Cents  in  1873,  15  bis  19  Cents  in  1874,  13
IS  17  Cents  in  1875,  ii  bis  13  Cents  in  1876,  ii  bis  13  Cents
*^77»  9  bis  12  Cents  in  J878,  9'  4  bis  13',4  in  1879,  1881
^and  er  10  bis  ii  Cents,  1882  war  er,  trotz  der  schlechten
rnte  in  der  Union,  10%  Cents.  Diese  absteigende  Preis-GWegung
  hat  einen  gleichmässig  steigenden  Ruin  aller  Pflanzeräitiilien
  und  eine  gleichzeitige  Abnahme  des  Grund-^Grthes
  zur  Folge  gehabt.  Trotzdem  ist  die  mit  Baumwolle
^ngebaute  Fläche  1882  grösser  als  1881  und  die  Ernte  dieses
Jahres  eine  gute,  so  dass  ein  Preisfall  in  Aussicht  steht.  In
einer  Pflanzerversammlung  zu  New-Orleans  wurde  die  Behaupung
  ausgesprochen,  die  europäische  Landwirthschaft
abe  die  daselbst  unrationelle  Zuckerrübencultur  eingefuhrt
dadurch  erstens  den  Zuckerpreis  herabgedrückt,  mithin
*e  Pflanzer  von  Louisiana  ruinirt.
Aber  sie  hätte  dadurch  den  besten  europäischen  Acker
Anbaue  von  Weizen  und  Roggen  entzogen  und  Europa
on  der  amerikanischen  Kornzufuhr  abhängig  gemacht;  hierarch
  sei  die  Kornproduction  im  „fernen  Westen“  Amerikas
achtig  stimulirt  worden  und  diese  ruinire  nun  ihrerseits  die
aropäischen  Grossgrundbesitzer,  welche  Getreide  produciren.
s  liegt  unzweifelhaft  viel  Wahres  in  dieser  Argumentation.
^  man  soll  nicht  vergessen,  dass  der  Zuckeranbau  in
^ouisiana  langsam  zunimmt,  weil  nunmehr  die  Pflanzungen
*  in  die  zweite  Hand  gekommen  sind.
^  Mit  Hilfe  englischen  Capitales  und  der  Einwanderung
h  K  wird  sich  die  Zuckerproduction  von  Louisiana
Gn,  dazu  kommt  wahrscheinlich  ein  grossartiger  Versuch,
y  12  Millionen  Acres  in  den  Everglades  von  Florida
^ackerrohr  zu  bauen,  und  endlich  die  Zuckerproduction  aus
Hl  Mais.  Auf  den  Sandwichsinseln  wird  seit
g  ^  *'^rGn  Jahren  ebenfalls  jährlich  mehr  Rohrrohzucker  ergL
  der  nach  San  Francisco  exportirt  und  dort  raffinirt
j.  /  Wie  gründlich  die  Grossgrundbesitzer  Louisiana’s
*airt  Wurden,  geht  daraus  hervor,  dass  man  1881  den  Acre
        <pb n="316" />
        302

einer  verfallenen  Pflanzung  um  i—10  Dollars  kaufen  konnte,
der  vor  1862  120  Dollars  werth  war.  Ferner  wollen  die
Engländer  den  Zuckerbau  in  Nordaustralien  mit  billigen  indischen ­
  Arbeitern  anfangen.  Es  ist  also  anzunehmen,  dass  der
europäischen  Rübenzuckerindustrie  sehr  bald  eine  übermächtige
Concurrenz  erwachsen  wird.
        <pb n="317" />
        XXI.  Capitel.

Die  Gründung  des  deutschen  Adelsvereins
in  Texas.

Nach  der  französischen  Revolution  von  1830  bemächtigte
eine  grosse  L  nruhe  der  höheren  Stände  in  Centraleuropa
an  fühlte,  dass  die  Zustände  unhaltbar  geworden  seien,  eine
g  Umwälzung  bevorstehe.  Unter  den  kleinen  deut
^chen  Reichsfürsten  und  dem  höheren  Reichsadel  sah  mar
‘ch  nach  einer  Zufluchtsstätte  für  den  Fall  um,  dass  der
Putschen  Kleinstaaterei  und  vielleicht  auch  dem  Privatgross-S^undbesitz
  ein  Ende  gemacht  werde.
Im  englischen  Adel  herrscht  heut  zu  Tage  eine  ähnliche,
gerechtfertigte  Besorgniss,  und  viele  adelige  Familien  haben
u  H  Amerika  sich  bereits  Besitzungen  erworben
^  in  Cultur  gebracht,  die  ihnen  mehr  eintragen,  als  ihre
^^gestammten  in  England,  und  auf  denen  sie,  im  Falle  einer
de  Revolution,  eine  Zuflucht  finden  können,  um  sich  vor
V  ir  bewahren,  das  den  französischen  Adel,  dessen
onimenheit  in  der  Zeit  des  Ancien-Regime  Taine  so  un-^
  ertrefflich  schildert,  und  der  damals  —  wie  ein  Theil  des
tinentalen  Adels  jetzt  —  jeder  Voraussicht  und  jeder  Thatbaar
  war,  betroffen  hat.
Deutschland  entstand  der  Plan,  jenseits  des  Weltmeeres
'ind  ^i^  Neudeutschland  mit  Adel,  Grossgrundbesitz
So  ^uernbesitz  zu  schaffen.  Texas,  ein  ungeheures  Gebiet,
ST^’oss  wie  Spanien,  Portugal  und  Frankreich  zusammen  gejjj
  ^^en  und  mit  nur  etwa  60.000  weissen  Einwohnern,  schien
j.«  geeignet.  Dieses  Land  hatte  sich  von  Mexico  losgewar
  noch  nicht  an  die  Union  annectirt.  Mit  etwas
        <pb n="318" />
        304

Geld  konnte  man  hoffen,  die  dortigen  Machthaber  fur  jeden
Colonisationsplan  zu  gewinnen.  Zwei  Hamburger  Kaufleute
hatten  eine  bedeutende  Landschenkung  unter  Bedingung  der
Colonisation  innerhalb  einer  bestimmten  Frist  daselbst  erhalten
und  verkauften  sie  an  den  später  gegründeten  Adelsverein  um
200.000  Dollars.  Es  lag  ihrerseits  ein  einfaches,  lukratives
Geschäft  vor.

Es  entstand  nun  im  Jahre  1842  in  Deutschland  der  Adels-Verein.
  Seine  Mitglieder  waren:
Sr.  Durchlaucht  der  Herzog  von  Nassau.
„  der  Fürst  von  Leiningen  (Präsident).
,,  „  der  Prinz  Moritz  von  Nassau.
,,  der  regierende  Fürst  Schwarzburg-Rudolstadt.
,,  der  regierende  Fürst  von  Solms-Braunfels.
,,  „  der  regierende  Fürst  von  Wied.
„  „  der  Fürst  Colloredo.
der  Prinz  Alexander  zu  Solms-Braunfels.
„  der  Prinz  Carl  zu  Solms-Braunfels.
Sr.  Erlaucht  der  Graf  von  Castell  (Präs.)
„  „  der  Graf  Colloredo.
„  der  Graf  August  zu  Neu-Leiningen-Westerbürg.

„  der  Graf  Christian  zu  Neu-Leiningen-Westerburg-„
  der  Graf  Friedrich  zu  Alt-Leiningen.
„  der  Graf  Victor  zu  Alt-Leiningen.
Ihro  Erlaucht  die  verwittwete  Gräfin  von  Isenburg-Meerholz.
Sr.  „  Graf  Edmund  von  Hatzfeldt.
,,  Graf  Clemens  von  Boos-Waldeck.
,,  Graf  Joseph  von  Boos-Waldeck.
„  Graf  Anton  von  Boos-Waldeck.
Graf  Renesse.

Der  Adelsverein  erliess  nun  im  Frühjahr  1844  durch  d*®
Zeitungen  folgende  Bekanntmachung:
„Ein  Verein  hat  sich  gebildet,  dessen  Zweck  es  ist,  di®
deutsche  Auswanderung  soviel  als  möglich  nach  einem  einz»
gen,  günstig  gelegenen  Punkte  hinzuleiten,  die  Auswanderer
auf  der  weiten  Reise  und  in  der  neuen  Heimath  zu  unterstütze^^
        <pb n="319" />
        305

nach  Kräften  dahin  zu  wirken,  dass  ihnen  jenseits  des
eeres  eine  neue  Heimath  gesichert  werde.
Der  Verein  erlässt  diese  Bekanntmachung  nicht  in  der
bsicht,  Geldkräfte  für  sein  Unternehmen  zu  gewinnen:  das
Ueschäfts-Kapital  ist  bereits  vollständig  gezeichnet.  Allein  im
GWusstsein  des  guten  Zwecks  ist  er  es  dem  Publikum  und
ich  selbst  schuldig,  die  Gründe,  welche  den  Verein  ins  Leben
gerufen,  die  Art  und  Weise,  wie  er  seine  Aufgabe  zu  lösen
offt,  und  die  Grundsätze,  die  ihn  dabei  leiten,  offen  darzu*
^egen.
Der  Verein  will  den  Trieb  zur  Auswanderung  weder  an-®S^n,
  noch  entschuldigen.  Genug,  das  Bedürfhiss  besteht
Einmal,  und  lässt  sich  leider  ebensowenig  wegläugnen,  als  es
^oglich  ist,  jenem  immer  lebendigeren  Triebe  Einhalt  zu  thun.
lelfältige  Ursachen  wirken  dabei  zusammen;  die  Verdrängung
^  Handarbeit  durch  das  Maschinenwesen,  die  grossen,  fast
periodischen  Unfälle,  die  den  Handel  heimsuchen,  die  zuehmende
  Verarmung,  eine  holge  der  Uebervölkerung  und
Mangels  an  Arbeit;  endlich  wohl  auch  der  gerühmte
eichthum  des  Bodens  im  neuen  Lande  und  die  manchmal
^  ohnte,  oft  getäuschte  Hoffnung  auf  ein  besseres  Sein  und
'Wirken  jenseits  der  Meere.
Unter  solchen  Verhältnissen  müssten  die  Auswanderer  in
That  einem  besseren  Loose  entgegengehen,  wenn  sie,  in
ohlgeordneter  Masse  zusammenhaltend,  eine  richtige  Leitung
einen  wirksamen  Schutz  in  der  Fremde  fanden.  Und  so*
s  IK  Noth  Wendigkeit  wie  der  Zweck  des  Vereins  von
st  gegeben:  er  will  es  versuchen,  die  Auswanderung  zu
geln  und  zu  leiten,  damit  die  Möglichkeit  gegeben  werde,
^^s  die  Deutschen  in  Amerika  eine  deutsche  Heimath  wiederdem
  ununterbrochenen  Zusammenhänge  unter
und  mit  dem  alten  Vaterlande  ein  gewerblicher  und
Rudels  verkehr  entstehe,  der  beiden  zum  materiellen  und
S^istigen  Gewinn  gereichen  muss.  Auf  diese  Weise  wünscht
Verein  das  Seinige  zu  thun  zu  Deutschland  s  Ehre  und
^  ohl  beizutragen,  um  vielleicht  den  deutschen  Armen  eine
lohnende  Thätigkeit,  dem  deutschen  Gewerbefleiss  neue
2U
        <pb n="320" />
        3o6

Märkte,  dem  deutschen  Seehandel  eine  weitere  Ausdehnung
dereinst  zu  öffnen.
Nach  langer,  sorgfältiger  Prüfung  hat  sich  der  Verein  dafür ­
  entschieden,  dass  Texas  dasjenige  Land  ist,  welches  dem
deutschen  Auswanderer  am  besten  Zusagen  möchte.  Das
gesunde  Klima,  die  Fruchtbarkeit  des  Bodens,  der  Reichthum
seiner  Erzeugnisse  und  die  Leichtigkeit  der  Verbindungen
mit  Europa  haben  schon  seit  längerer  Zeit  eine  grosse  Zahl
von  auswanderungslustigen  Deutschen  dahin  gezogen,  die  jedoch ­
  ohne  Schutz  und  Schirm,  sich  vereinzelten,  und  leider
oft  ganz  zu  Grunde  gingen.  Um  so  mehr  musste  sich  die
Aufmerksamkeit  des  Vereins  nach  diesen  Gegenden  wenden.
Durch  erfahrene  und  des  Landes  kundige  Männer  hat  er  das
texanische  Gebiet  bereisen  lassen,  und  so  vollständige  Aufschlüsse ­
  erhalten,  dass  er  mit  gutem  Gewissen  und  voller
Ueberzeugung  seine  Wahl  treffen  konnte.
Der  Verein  hat  im  gesundesten  Theile  jenes  Landes  ein
zusammenhängendes,  noch  unbebautes  Gebiet  von  beträchtlichem ­
  Umfang  erworben,  wird  dort  die  Ansiedlung  derjenigen
Deutschen,  die  das  alte  Vaterland  verlassen,  nach  Kräften
befördern,  und  hierzu  die  von  den  Verhältnissen  gebotenen,
zweckdienlichsten  Mittel  an  wenden.
Vor  dem  Abgang  wird  jedem  Auswanderer  eine  Strecke
guten  Landes  schriftlich  zugesichert,  welches  er  bei  seiner
Ankunft  als  Geschenk,  ohne  alle  jetzige  oder  künftige  Vergütung, ­
  vom  Vereine  erhält.  Dieser  Boden,  dessen  grösserer
oder  geringerer  Flächenraum  sich  nach  der  Grösse  der  Famih^
richtet,  wird  freies  Eigenthum  des  Auswanderers,  sobald  er
drei  Jahre  lang  auf  seinem  Gut  gewohnt.  Aber  auch  vor
Ablauf  dieser  drei  Jahre  gehören  ihm  die  Erzeugnisse  des
Bodens  und  der  Verein  macht  weder  auf  jene,  noch  auf  diesen
den  geringsten  Anspruch.
Der  Verein  ist  ferner  dafür  bemüht,  gute  und  geräumig^
Schiffe  für  die  Ueberfahrt  auszuwählen;  er  sorgt  dafür,  dass
es  an  gesunder,  wohlfeiler  Nahrung  nicht  fehle,  und  die  Reise*
kosten  so  gering  als  möglich  ausfallen.  An  den  Landungsplätzen ­
  sind  besondere  Agenten  beauftragt,  den  Auswanderern
        <pb n="321" />
        307

»t  ath  und  That  an  die  Hand  zu  gehen,  die  Letzteren  finn
  ¡er  W  agen  bereit,  die  sie  mit  ihrer  Habe  unentgeltlich
n  den  Ort  ihrer  Ansiedelung  fuhren.  Auch  für  ihre  Bedürfunterwegs
  wird  Vorsorge  getroffen.  So  wie  sie  an  Ort
..  anlangen,  wird  jeder  Familie  ein  eigenes  Haus  ein-S
  aumt,  versteht  sich,  nur  nach  dortiger  Art  aus  aufeinander-^
  egten  Balken  gezimmert;  Vorrathshäuser  mit  Lebensmitteln,
erkzeugen  für  Garten-  und  Ackerbau,  Samen  und  Pflanzen
wohl  versehen,  sichern  ihnen  Alles,  was  sie  zur
r  eit  und  zum  Leben  bedürfen;  ebenso  finden  sie  die  nöthir"
  Hausthiere,  als  Pflugochsen,  Pferde,  Kühe,  Schweine,
‘  Chafe,  schon  an  Ort  und  Stelle.  Alles  dies  wird  ihnen  zu
»nem  viel  geringeren  Preise  verkauft,  als  die  nämlichen  Gegen-'inde
  auf  den  nächstgelegenen  Märkten  zu  haben  sind.
‘  oiche  Auswanderer,  deren  Betragen  und  Thätigkeit  sich  beg
  ,  bewährt,  erhalten  von  Seiten  der  Verwaltung  Vorc
  usse,  die  von  der  ersten  Ernte  zurückzuzahlen  sind.
Den  Auswanderern  steht  es  frei,  die  Erzeugnisse  ihres
C'erbaues  und  ihre  Gewerbsthätigkeit  an  die  Magazine  des
creins  zu  veräussern.

y  sittliche  und  religiöse  Erziehung  der  Kinder  zu  sorgen,
etrachtet  der  Verein  als  eine  heilige  Pflicht;  er  wird  daher
S  Bedürfnissen  der  Bevölkerung,  Kirchen  und
für  r  "  Colonie  errichten  lassen.  Er  wird  nicht  minder
rJ’  A  von  Aerzten  und  Apothekern,  sowie  für
'•■Undung  eines  Krankenhauses  Sorge  tragen.
Cemeindeverfassung  und  eine  Gerichtsordnung,  beide
dem  Vorbilde  der  in  Texas  anerkannten  englischen,
.  sobald  es  nur  thunlich,  durch  die  Verwaltung  der  Ancdelungen
  hergestellt.
j.  .  Sollten  sich  unter  den  Auswanderern  einzelne  zur  Rückfah
  ^  Europa  bewogen  finden,  so  wird  ihnen  die  Heim-S
  nämlichen  Preisen,  wie  die  Hinfahrt,  auf  den
c  »ffen  des  Vereins  zugesichert.
erste  Zug  von  Auswanderern  geht  im  September  dieses
*^44  ab;  allein  schon  im  Mai  werden  zwei  Mitglieder
Vereins  nach  Texas  reisen,  um  dort  Vorbereitungen

zui

2Ü*
        <pb n="322" />
        3o8

Aufnahme  der  Auswanderer  zu  treffen  und  die  Verwaltung
der  Ansiedelungen  vorläufig  einzurichten.
Der  Verein  wird  drei  Percent  seiner  Einnahme  dazu  verwenden, ­
  um  dürftigen  Auswanderern  die  Ueberfahrt  und  Ansiedelung ­
  zu  erleichtern.  Vorläufig  jedoch  und  bis  er  diese
Absicht  zu  verwirklichen  im  Stande  ist,  kann  die  Niederlassung
in  der  Colonie  nur  Denjenigen  zugestanden  werden,  welche
die  unumgänglich  erforderlichen  Geldmittel  besitzen.
Der  unverheirathete  Einwanderer  bedarf  wenigstens  ein
Capital  von  300  Gulden.
Das  Haupt  einer  nicht  zahlreichen  Familie  ein  Capital  von
600  Gulden.
Um  aber  auch  einer  wenn  gleich  nur  kleinen  Anzahl  von
ärmeren  Familien  sogleich  die  Ansiedelung  möglich  zu  machen,
wird  der  Verein  —  indem  er  glaubt,  den  edlen  Gesinnungen,  die
man  ihm  bereits  zu  erkennen  gegeben,  dadurch  am  besten
entgegen  zu  kommen  —  eine  Liste  zu  freiwilliger  Unterzeichnung ­
  eröffnen,  deren  Ertrag  ausschliesslich  zu  diesem  Zwecke
bestimmt  ist.  Jährlich  sollen  sodann  die  Beiträge  und  deren
Verwendung,  so  wie  die  Namen  der  V  ohlthäter  in  den  g®
lesensten  Blättern  Deutschlands  bekannt  gemacht  werden.
Wenn  der  Verein  auf  diese  Weise,  so  viel  in  seinen
Kräften  steht,  dem  Unternehmen  einen  glücklichen  Erfolg  zu
sichern  bemüht  ist,  so  beruht  doch  das  Gelingen  am  meisten
auf  der  ernsten,  unverdrossenen  Thätigkeit  der  Auswanderer
selbst.  Das  neue  Vaterland  jenseits  des  Oceans  wird  nur  dann
gedeihlich  emporblühen,  wenn  die  Deutschen  auch  dort  sic
bewähren,  wie  sie  stets  in  der  Heimath  waren:  arbeitsam,  be
harrlich,  treu  der  guten  Sitte  und  dem  Gesetze.  Darf  der
Verein  auch  hieran  nicht  zweifeln,  so  wird  er  doch,  um  nicht
(Jas  Wohl  und  Wehe  deutscher  Landsleute  den  Zufälligkeiten
eines  Versuches  preiszugeben,  im  Laufe  dieses  Jahres  fnf®
erste  nur  ein  Hundert  und  fünfzig  Familien  zur  Uebersiedelung
zulassen  und  erst  dann,  wenn  diese  eine  wohlgesicherte  Nic
derlassung  gegründet  haben,  einer  weiteren  Auswanderung
mit  Rath  und  That  anhanden  gehen.
        <pb n="323" />
        309

Genauere  Aufschlüsse  und  Auskunft  jeder  Art  werden
äuf  frankirte  briefliche  Anfragen  ertheilt.“
Dieser  Bekanntmachung  Hess  der  Verein  bald  nachstehendes ­
  Programm  folgen,  welches  die  Verhältnisse  des  Aus-'vanderers
  zu  demselben  näher  angibt.
„Um  alle  diejenigen  deutschen  Auswanderer,  welche  sich
der  Vereinscolonie  in  Texas  anzuschliessen  beabsichtigen.
Sowohl  über  die  einzugehenden  Leistungen  und  Verbindlichkeiten, ­
  als  auch  über  die  erwachsenden  Vortheile  und  Berechtigungen ­
  auf  das  Bestimmteste  zu  unterrichten,  sieht  sich  die
klirection  veranlasst,  unter  Vorausschickung  einiger  allgemeinen
Bemerkungen  über  Lage,  Beschaffenheit  und  Clima  des  Landes, ­
  folgende  Bekanntmachung  ergehen  zu  lassen.
Texas,  zwischen  Mexico,  den  Vereinigten  Staaten  und  dem
Meere  gelegen,  bietet  durch  Clima  und  Fruchtbarkeit  des  Bodens ­
  dem  fleissigen  Ackerbauer  und  Landwirthe  so  überwiegende ­
  Vortheile  dar,  dass  der  Verein  gerade  dieses  Land
^Is  das  passendste  zum  Ziele  deutscher  Einwanderung  gewählt
Und  bestimmt  hat.  Zweifelhaft  über  diese  Vortheile  durch
eine  Menge  sich  widersprechender  Nachrichten,  die  theilweise
d^s  Resultat  fremder  Interessen,  theilweise  auch  nur  Bilder  der
Einbildungskraft  waren,  zögert  der  Auswanderer,  den  über
dieses  Land  ausgestreuten  Gerüchten  Glauben  beizumessen.
Und  desshalb  will  die.  Gesellschaft  hier  nur  mit  wenigen  Worauthentische
  Mittheilungen  aus  der  Quelle  jahrelanger
Beobachtung  deutscher  Männer,  die  eigens  deshalb  an  Ort  und
Stelle  prüften  und  urtheilten,  niederlegen.
Die  flachen  Niederungen  am  Meere  und  Mündungen  der
Krossen,  das  ganze  Gebiet  durchströmenden  Flüsse  sind  reich
Und  gesegnet  durch  die  Natur  des  angeschwemmten  Bodens,
doch  ungesund  dem  deutschen  Einwanderer  durch  ein  heisses
^^d  feuchtes,  mit  schädlichen  Ausdünstungen  verbundenes
Elima;  die  nördlichen  Gegenden,  obwohl  gesund  und  fruchtund
  von  Bergen  durchschnitten,  deren  Eichen-  und  Kiefern-Waldungen ­
  bald  den  bedeutendsten  Handelsartikel  liefern
^  Grden,  sind  zu  weit  von  den  bis  jetzt  angebauten  Landes-^^fecken
  entfernt,  als  dass  das  schnelle  Emporblühen  einer
        <pb n="324" />
        deutschen  Colonie  daselbst  mit  Recht  und  Sicherheit  erwartet
werden  dürfte.  Dagegen  sind  es  die  mittleren  Gegenden  des
Landes  im  Westen  und  Nordwesten,  die  sogenannte  Hochebene, ­
  die  durch  Reichthum  und  Fruchtbarkeit  des  Bodens,
sowie  durch  das  gesunde  Clima  vollkommen  geeignet  befunden ­
  wordensind,  deutsche  Bevölkerung  zu  nähren  und  zu  erhalten.
Mais,  Baumwolle,  Tabak,  sowie  alle  Feld-und  Gartenfrüchte
Deutschlands  gedeihen  dort  vortrefflich;  ein  herrliches  Wiesenland, ­
  nur  hie  und  da  von  Hochwald  unterbrochen,  bietet  der
Viehzucht  Winter  und  Sommer  vorzügliche  Weide,  und  zahlreiche ­
  Bäche  und  schiffbare  Flüsse  geben  hinreichende  Wasserkraft ­
  zu  Anlagen  von  Gewerken  und  sichern  den  zukünftigen
Absatz  der  Producte;  hier  wird  deutscher  Fleiss  und  deutsche
Unternehmungskraft  Gelegenheit  und  Mittel  zur  Gründung
einer  glücklichen  Zukunft  finden.  Wahr  ist  es,  schon  viele
Deutsche  sind  in  dem  gesegneten  Lande  untergegangen,  aber
was  war  die  Ursache?  Konnten  die  einzelnen  Familien,  nur
auf  ihre  eigenen  Kräfte  angewiesen,  ohne  Schutz  und  Rath,
ohne  Kenntniss  des  Landes,  ohne  Obdach,  preisgegeben  dem
Einflüsse  der  Witterung  und  des  Climas,  ohne  die  Mittel,  durch
sofortigen  Anbau  des  Bodens  sich  den  Ertrag  der  nächsten
Ernte  zu  sichern,  konnten  diese  Familien  bei  angestrengter
Arbeit,  bei  Unregelmässigkeit  und  leider  oft  dadurch  herbei*
geführter  Unmässigkeit  der  Lebensweise  ein  anderes  Schicksal
erwarten?  Nicht  die  ungünstigen  Verhältnisse  des  Landes,
sondern  die  falschen  Mittel  waren  die  Ursache  des  oft  verfehlten ­
  Zweckes.  Allen  diesen  Uebeln  hat  der  Verein  aufs
Beste  vorgebeugt,  und  es  wird  nur  von  dem  Willen  des  Einwanderers ­
  abhängen,  durch  Fleiss  und  regelmässiges  Leben
dem  schönsten  Ziele  entgegen  zu  gehen,  und  auf  diese  Weise
nicht  allein  den  eigenen  Wohlstand  zu  begründen,  sondern
auch  durch  die  mit  der  Bevölkerung  und  diesem  Wohlstände
zunehmende  Werthserhöhung  von  Grund  und  Boden  dem  Vereine ­
  Gelegenheit  zu  bieten,  durch  Benutzung  derjenigen  Ländereien, ­
  welche  er  zum  eigenen  Betrieb  zurückbehält,  Ersatz
zu  finden  für  Arbeit  und  Capital,  welches  ein  so  grosses  Unternehmen ­
  erfordert.
        <pb n="325" />
        3"

Die  Mitnahme  von  Linnenzeug,  Sommer-  und  Winterkleidem,
  Schuhwerk,  Betten,  leicht  zu  transportirenden  Haus-  und
Küchengeräthen  von  Eisen  und  Kupfer,  neuem  Riemenwerk,
passende  Geschirre  daraus  zu  machen,  ferner  die  Mitnahme
^^ehrerer  vorzüglicher  Gartensämereien  etc.  wird  dem  Einwanderer ­
  die  besten  Dienste  thun,  da  der  Ankauf  an  Ort  und
l^telle  sowohl  schwierig  als  theuer  ist,  und  auch  die  Annehmichkeit
  häuslicher  Bequemlichkeit  verzögert.  Alle  diese  Gegenstände ­
  werden  am  besten  in  möglichst  kleine  Kisten  verpackt. ­
  Alle  Bedürfnisse  des  Landbaues  dagegen,  worunter
besonders  die  von  den  unsrigen  gänzlich  verschiedenen  Ackergeräthschaften,
  werden  am  vortheilhaftesten  in  der  Colonie
Selbst  angekauft  werden.  Die  Lieferungspreise  dieser  Gegenstände, ­
  der  Lebensmittel  und  des  Viehes,  können  wegen  der
stets  wechselnden  Handelsverhältnisse  nicht  genau  und  bestimmt ­
  angegeben  werden,  doch  wird  der  Verein  sein  Haupt-^tigenmerk
  darauf  richten,  durch  rechtzeitigen  Ankauf  aller
edürfnisse  im  Grossen,  einen  möglichst  festen  und  niederen
nsatz  zu  bewirken.  Bei  der  freien  Jagdberechtigung  und
Menge  des  Hochwildes  in  Texas  wird  sich  die  Mitnahme
^mer  guten  Büchse  oder  Jagdflinte  bestens  bewähren.
^tif  den  Inhalt  dieser  authentischen  Mittheilungen  ge-^tutzt,
  und  in  der  Ueberzeugung  eines  glücklichen  Fortganges
Unternehmens,  fordert  der  Verein,  um  in  die  Liste  der
inwanderer  aufgenommen  zu  werden,  und  hat  der  sich
eidende  demgemäss  an  die  Direction  in  Mainz  oder  an  den
^nquier  des  Vereins  in  Frankfurt  am  Main  portofrei  einzu-^enden
  und  zu  besorgen:
1.  Tauf-  und  resp.  Heirathsschein,
2.  Taufschein  der  Kinder,
3-  Amtliches  Zeugniss  über  Gewerbe  und  Wohnort,
4-  Angabe  des  Namens  und  Wohnortes  der  Eltern,
5-  Eine  beglaubigte  Abschrift  der  Auswanderungserlaubniss
der  Regierung,
6.  Leumundszeugniss  von  der  Gemeinde,
7*  Amtliches  Zeugniss  über  den  Vermögensstatus,  und
*War  müssen  die  Vermögensverhältnisse  der  Art  sein,  dass  an
        <pb n="326" />
        312

dem  Einschiffungsorte,  dessen  Wahl  auf  Bremen  gefallen  ist,
jeder  ledige  Auswanderer  fl.  300,  und  jede  Familie  fl.  600
als  Eigenthum  nachweisen  kann.  Diese  Summe  von  fl.  300
resp.  fl.  600  wird  bei  dem  Vereine  deponirt,  und  zwar  vor
der  Einschiffung  bei  der  Direction  in  Mainz  und  dem  Banquier
der  Gesellschaft,  Herrn  L.  H.  Fiersheim  in  Frankfurt  am  Main,
oder  vor  der  Einschiffung  in  Bremen  selbst,  bei  einem  seiner
Zeit  daselbst  zu  bestellenden  Agenten  des  Vereines.  Für  diese
Summe  bestreitet  der  Verein  freie  Ueb  erfahrt  nebst  Verköstigung ­
  von  Bremen  bis  an  den  Ausschiffungsort,  welches
sich  auf  ungefähr  fl.  60  pr.  Kopf  belaufen  wird,  freien  Landtransport ­
  für  Personen  und  Gepäck  von  dem  Ausschiffungsorte ­
  bis  auf  die  Colonie  selbst,  auf  den  Wagen  und  in  den
Zelten  der  Gesellschaft  für  ca.  fl.  i  o  pr.  Kopf  ;  er  bestreitet  ferner
die  Uebergabe  eines  Wohnhauses  in  der  Colonie  (wenn  der
Einwanderer  nicht  vorzieht  es  sich  selbst  zu  bauen),  im  Kostenanschläge ­
  von  ca.  fl.  60,  und  händigt  durch  seinen  Agenten
in  Bremen  jedem  ledigen  Auswanderer  die  Summe  von  fl.  20,
und  jeder  Familie  die  von  fl.  50  zur  Bestreitung  etwa  entstehender ­
  Nebenausgaben  ein;  über  den  restirenden  Betrag,
der  je  nach  der  Kopfanzahl  der  auswandernden  Familien  sich
verschieden  herausstellen  wird,  wird  der  Agent  im  Namen  des
Vereins  dem  Auswanderer  vor  der  Einschiffung  einen  Empfangsschein ­
  ausstellen,  welcher  in  der  Colonialkasse  als  baares
Geld  betrachtet  werden  wird,  und  auf  dessen  Vorweisung  der
Colonist  Geräthschaften,  Materialien  und  Vieh  zur  Landwirthschaft
  sowie  Lebensmittel  zum  Unterhalt  zu  den  in  der  Colonie
zu  fixirenden  möglichst  niedrigen  Preisen,  so  lange  aus  dem
Vereinsmagazine  fordern  und  beziehen  kann,  bis  der  eröffnete
Credit  erschöpft  ist,  oder  auch  nach  Belieben  baare  Beträge
in  dortiger  Landesmünze  aus  der  Colonialkasse  erheben  kann,
durch  welche  letztere  Massregel  der  Vortheil  erwächst,  dass
die  Baarschaften  auf  der  Reise  nicht  verloren  werden  können,  und
auch  beim  Umwechseln  des  Geldes  in  Amerika  durch  den
verschiedenen  Geldcours  nicht  zu  viel  eingebüsst  wird.  Die
von  dem  Verein  sorgfältig  angestellten  Berechnungen  haben
das  erfreuliche  Resultat  geliefert,  dass  die  obengenannten
        <pb n="327" />
        -
Summen  hinreichend  sind,  die  Auswanderer  bis  zur  Einbringung
ersten  Ernte,  von  wo  an  sie  aus  eigenen  Mitteln  leben
Werden,  mit  dem  Nöthigsten  versorgen  zu  können.  Sollte  ein
Auswanderer  früher  oder  bei  seiner  Einschiffung  in  Bremen
eine  grössere  Summe  freiwillig  bei  dem  Vereine  deponiren
Wollen,  um  auch  für  diese  der  obengenannten  Vortheile  theilhaftig
  zu  werden,  so  wird  der  Verein  und  in  dessen  Namen
^6r  Agent  für  die  empfangene  Summe  eine  Bescheinigung
^usfertigen,  gegen  deren  Vorzeigung  die  Colonialkasse  in
Texas  die  Rückerstattung  in  baarem  dort  üblichem  Gelde
*^ach  dem  Tagescourse  leisten  wird.  Der  Verein  vergütet  für
solche  Deposita  3  Proc.  pr.  annum  bis  zum  Tage  der  Erhebung. ­
  —  Es  fordert  endlich  der  Verein
8.  Bewohnung  des  dem  Colonisten  überlassenen  Hauses,
sowie  Urbarmachung  und  Umzäunung  von  mindestens  15  Acres
während  und  binnen  drei  Jahren  vom  Tage  der  Besitzanweisung ­
  an  gerechnet  —  und
9.  Allgemeine  Anerkennung  der  Colonisationsmassregeln
^cr  Direction  während  der  drei  ersten  Jahre,  so  lange  der
Colonist  noch  nicht  vollständiger  Eigenthümer  des  Landes  ist.
Hat  der  Auswanderer  die  Einsendung  aller  seiner  amthch
  beglaubigten  Papiere  besorgt,  und  sind  dieselben  geprüft
^nd  für  gut  befunden  worden,  so  hat  derselbe  den  betreffen-'ien
  Auswanderungscontract  zu  unterschreiben  und  pro
^opf  IO  fl.  bei  der  Direction  zu  deponiren,  als  Pfand,  dass
sich  wirklich  zu  der  angegebenen  Zeit  am  Einschiffungsort
^infinden  will,  da  die  Direction  dem  Schiffsrheder  für  die  Anzahl
  Köpfe  Garantie  leisten  muss,  und  erhält  alsdann  einen
dem  Vereinsstempel  versehenen  Eir  vanderungsschein,
•lebst  genauer  Angabe  des  Datums  und  des  Ortes,  wann  und
sich  zur  Einschiffung  einzufinden  hat.  Dieser  Einwantierungsschein
  wird  gegen  Rückgabe  der  Auswanderungs-Papiere
  von  dem  Agenten  in  Bremen  in  Empfang  genommen
•ind  von  diesem  alsdann  nach  Beendigung  der  sub  7  aufge-^hrten
  Geschäfte  die  Aufnahme  in  das  Schiff  angeordnet.
Gegenüber  diesen  von  den  Colonisten  zu  leistenden  Ver-•ndlichkeiten
  giebt  und  besorgt  der  Verein:
        <pb n="328" />
        314

1.  Freie  Ueberfahrt  und  Verköstigung  von  Bremen  bisan
den  Ausschiffungsort,  sowie  freien  Landtransport  vom  Ausschiffungsorte
  bis  auf  die  Colonie  selbst,  auf  den  Wagen  und
in  den  Zelten  der  Gesellschaft,  sowie  die  Ueberlassung  eines
Wohnhauses  im  Anschläge  von  circa  60  fl.  (Siehe  §  7  der
Forderungen.)
2.  Unentgeltliche  Ueberlassung  von  320  Acres  für  die  Familie, ­
  und  von  160  Acres  für  den  unverheiratheten  männlichen ­
  Einwanderer  über  17  Jahre.  (i.Acre  ist  gleich  i  Morgen
und  105,20  Quadrat-Ruthen  preuss.)
3.  Anschaffung  und  Ueberlassung  von  allen  zur  Landwirthschaft
  und  zum  Lebensunterhalt  gehörender  Geräthschaften
und  Materialien  zu  einem  möglichst  billigen  Preise  aus  den
Magazinen  des  Vereins.
4.  Anlage  von  Kirche,  Schulen,  Krankenhaus,  Apotheke
und  Herstellung  der  Communicationsmittel,  so  wie  Schiffbarmachung ­
  der  Flüsse,  so  wie  überhaupt  allgemeine  Fürsorge
für  das  Wohl  der  ihm  an  vertrauten  Einwanderer.
5.  Nach  Erfüllung  aller  Verpflichtungen  und  nach  Ablauf
von  3  Jahren,  vom  Tage  der  Besitzanweisung  an  gerechnet,
vollständiges  Eigenthumsrecht  auf  die  umsonst  überlassenen
Ländereien  ohne  alle  weiteren  Verpflichtungen  gegen  den  Verein, ­
  mit  Ausnahme  der  Rückzahlung  der  etwa  geleisteten
Vorschüsse  und  aller  freiwillig  eingegangenen  Verbindlichkeiten.“ ­

Bevor  der  Verein  Auswanderer  nach  seiner  Colonie  hinüberschiffte, ­
  sandte  er  im  Frühling  1844  den  Prinzen  Carl
zu  Solms-Braunfels,  seinen  General-Commissar,  mit  dem
nöthigen  Gefolge  voraus,  damit  alles  zum  Empfange  der  neuen
Ankömmlinge  vorbereitet  wurde.  Die  Berichte,  welche  vom
Prinzen  Solms  in  Mainz  eingingen,  lauteten  in  jeder  Beziehung
günstig.  Der  Prinz  war  von  den  Männern,  die  an  der  Spitze
der  texanischen  Regierung  standen,  mit  vieler  Auszeichnung
empfangen  worden,  und  man  hatte  seine  lebhafte  Freude  über
das  Bestreben  des  Vereins  ausgedrückt,  den  Strom  deutscher
Auswanderer  nach  Texas  zu  leiten,  wo  Deutsche  sehr  willkommen ­
  sind.
        <pb n="329" />
        3»5

Der  Prinz  Solms  spricht  sich  in  der  Gründungsurkunde
Stadt  Neu-Brauniels  über  die  Vorgeschichte  derselben  folgendermassen
  aus  :
„Da  der  Verein  sein  Augenmerk  auf  Texas  gerichtet
hatte,  so  wurden  Graf  Joseph  von  Boos-Waldeck  und  Graf
Victor  von  Leiningen  dahin  gesandt,  um  nähere  Untersuchun*
anzustellen.  —  Graf  Boos  legte  die  Farm  Nassau  am  Jack-Creek
  an,  Graf  Leiningen  jedoch  kehrte  im  März  1843  zurück
^nd  stattete  günstigen  Bericht  über  die  Sache  ab.  ln  Folge
^er  im  Juni  1843  im  Schlosse  zu  Biebrich  abgehaltenen  General-Versammlung ­
  wurde  die  Colonisation  beschlossen,  und  die
^Gsellschaft  nahm  den  Namen  „Verein  zum  Schutze  deutscher
Einwanderer  in  Texas“  an.  —  Da  der  Graf  Boos  im  Januar
1844  auch  zurückgekehrt  war,  so  wurde  ich,  der  Unterzeichzum
  General-Commissar  des  Vereins  in  Texas  ernannt
nnd  mit  dem  Aufträge  dahin  gesandt,  die  erste  Niederlassung
es  Vereins  daselbst  zu  gründen.  —  Der  Verein  hatte  sich  zu
^ser  Zeit  in  so  weit  verändert,  dass  die  Grafen  von  Boosaldeck
  ausgetreten,  dagegen  einige  neue  Mitglieder  dazu
gekommen  waren.  Im  Juni  des  Jahres  1844  bestand  der  Ver-^in
  also  aus  folgenden  Herren:
Sr.  Hoheit  den  Herzog  von  Nassau,  Protector.
Sr.  Durchlaucht  der  Fürst  von  Leiningen,  Präsident.
Sr.  Krlaucht  der  Graf  Karl  von  Castell,  Vice-Präsident
Und  erwählter  Geschäfts-Director.
Sr.  Hoheit  der  Herzog  von  Sachsen-Coburg-Gotha.
Sr.  Hoheit  der  Herzog  von  Sachsen-Meiningen-Hildburg-"Ausen.


Sr.  Königl.  Hoheit  der  Prinz  Friedrich  von  Preussen.
Sr.  Durchlaucht  der  Prinz  Moritz  von  Nassau.
»  „  der  regierende  Fürst  von  Schwarzburg-Rudolstadt.


»»  „
"  „
”  »

der  regierende  Landgraf  von  Hessen-Homburg. ­

der  regierende  Fürst  zu  Solms-Braunfels,
der  regierende  Fürst  von  Wied,
der  Fürst  von  Colloredo.
        <pb n="330" />
        3i6

Sr.  Durchlaucht  der  Prinz  Alexander  zu  Solms-Braunfels.
Sr.  Erlaucht  der  regierende  Graf  von  Isenburg-Meerholz-„
  „  der  Graf  August  zu  Neu-Leiningen-Westerbürg.

„  „  der  Graf  Friedrich  zu  Leiningen-Westerburg. ­

„  „  der  Graf  Friedrich  zu  Alt-Leiningen.
„  „  der  Graf  Colloredo.
fhro  Erlaucht  die  verwittwete  Gräfin  zu  Isenburg-Meerholz.
Sr.  „  der  Graf  Edmund  von  Hatzfeld.
„  „  der  Graf  Renesse.
„  „  der  Graf  von  Knyphausen.
„  „  der  Graf  Vetter  von  Lilienfeld.
Ich  reiste  am  13.  Mai  von  Bingen,  am  19.  desselben  von
Liverpool  mit  dem  Dampfschiff  Caledonia  nach  Boston  ab.
Am  I.  Juli  1844  landete  ich  in  Galveston,  und  durchzog  seitdem ­
  das  Land  Texas  nach  allen  Richtungen,  um  mir  genaue
Kenntniss  von  demselben  zu  verschaffen.  —  Im  November
landete  das  erste  Schiff  mit  Emigranten  in  Galveston,  es  war
die  Bremer  Brigg  Johann  Dethardt.  Im  December  folgte  der
Herrshel,  und  später  der  Ferdinand.  Die  Emigranten  wurden ­
  sofort  auf  Schooner  eingeschifft  und  in  der  Lavacca
Bay  theils  bei  Lavacca  selbst,  mehrentheils  jedoch  bei  Indian
Point  —  dicht  bei  dem  neugegründeten  Carlshafen  —  gelandet. ­
  Am  18.  März  1845  langte  ich  selbst  mit  wenigen  Begleitern ­
  auf  dem  hiesigen  Landstriche  an  und  am  Charfreitage,
den  21.  passirten  die  ersten  Wagen  mit  Emigranten  die  Guadalupe. ­
  Das  Lager  wurde  am  Comal  Creek  aufgeschlagen,  und
von  da  aus  die  Stadt  ausgelegt,  welcher  ich  den  Namen  „Neu-Braunfels“
  gab.  —  Somit  hatte  ich  mich  meines  Auftrages
entledigt,  jedoch  nicht  ohne  Entbehrungen,  Strapazen  und
Gefahren  mancher  Art  getragen  zu  haben,  denn  die  Reisen
in  Sommerhitze,  wohl  zuweilen  20  Meilen  ohne  Wasser,  und
in  dem  von  Indianern  durchstreiften  Westen  des  Landes,  sowie ­
  Seereisen  auf  kleineren,  elenden,  schlecht  geführten  Fahrzeugen ­
  bringen  solche  natürlich  mit  sich.  Ich  ertrug  sie  jedoch,
wie  es  einem  deutschen  Manne  zukommt,  und  schreibe  dies
        <pb n="331" />
        3^7

nächst  dem  Schutze  des  Allerhöchsten  hauptsächlich  dem  An-Senken
  derjenigen  Dame  zu,  welcher  ich  mein  Herz  weihete;
nnd  bei  dem  Gedanken  an  welche,  mir  nichts  unüberwindlich
erschien.  Als  schuldigen  Tribut  der  Dankbarkeit  gegen  sie
nnd  um  ihrem  Namen  auch  auf  dieser  Seite  des  Weltmeeres
Gin  bleibendes  Gedächtniss  zu  stiften,  nenne  ich  die  Befestigung, ­
  die  zum  Schutze  von  Neu-Braunfels  angelegt  wird  und
Welche  die  Gouvernements  -  Gebäude  umschliessen  soll,  die
»Sophienburg“.  Ich  legte  dazu  den  Grundstein  am  Montag,
^cn  achtundzwanzigsten  April  1845  und  fugte  diese  Urkunde
Und  das  Bildniss  der  durchlauchtigsten  Frau,  Sophia,  verwitt-Weten
  Prinzessin  zu  Salm-Salm,  geborenen  Prinzessin  zu  Löwenstein-Wertheim-Rosenberg-Rochefort ­
  in  den  Grundstein.
Urkundlich  durch  meine  Namens-Unterschrift  und  beigedrucktes ­
  Familien-Siegel  bestätigt.
Sophienburg,  Sonntag,  den  27.  April  1845.
Carl  Friedrich  Wilhelm  Ludwig.
Georg  Alfred  Alexander,  Prinz  zu  Solms,  Herr  zu  Braun-Greifenstein,
  Münzenberg,  Wiedenfels  und  Sonnenwalde;
General-Commissar  zum  Schutze  deutscher  Einwanderer  in
^Gxas,  Sr.  Kaiserl.  Königl.  apostolischen  Majestät  Rittmeister
*ui  König  Friedrich  August  von  Sachsen  3.  Cuirassier-Regiuiente,
  Grosskreuz  des  Königl.  Hannover  schen  Guelphenordens,
Herzogi.  Braunschweig’sehen  Ordens  Heinrichs  des  Löwen,
^ud  Ritter  des  Ordens  von  St.  Georg  von  Lucca.“
Aus  dieser  Gründungsurkunde  geht  hervor,  dass  der
^finz  Solms  eine  romantische  Natur,  d.  h.  zur  Leitung  eines
Solchen  Unternehmens  total  unfähig  war.  Es  fehlte  ihm  ferner
die  Ausdauer,  und  er  lief  kopflos  davon,  die  Leute,  welche
ihm  gefolgt  waren,  im  tiefsten  Elend  zurücklassend.
Eine  Adelsrepublik  konnte  überdies  nicht  mehr  im  Jahre
*^45  in  Texas  gegründet  werden,  denn  am  i.  März  1845
Wurde  Texas  als  Staat  in  die  Union  aufgenommen,  und  die
Hnionsregierung  in  Washington,  sowie  die  von  jener  damals
abhängige  Staatsregierung  von  Texas  sah  dem  Unternehmen,
^n  dessen  Spitze  ein  Verwandter  der  Königin  von  England
stand,  mit  unverhohlenem  Misstrauen  zu.  Allein  sie  hinderte
        <pb n="332" />
        die  Colonisation  nicht  und  der  Verein  hätte  ein  sehr  gutes
Privatgeschäft  machen,  seine  Mitglieder  hätten  werthvollen
Grundbesitz  erwerben  können,  wenn  der  Vereinsleiter  Ausdauer, ­
  Geschick  und  der  Verein  auch  nur  einige  Opferwillig*
keit  gehabt  hätte.
Die  Transport-  und  Ansiedelungskosten  mussten  die  Colonist ­
  en  schon  in  Deutschland  einzahlen.  Sie  waren  so  hoch
angesetzt,  dass  man  dafür  sehr  gut  das  Versprochene  hätte
halten  können.  Durch  Ungeschick  oder  Betrügerei  von  Mittelspersonen ­
  hielt  der  Verein  seine  Versprechungen  aber  nicht.
Es  stellte  sich  heraus,  dass  dies  Land,  welches  der  Adelsverein
  unbesehen  gekauft  hatte,  zu  entfernt  von  der  Küste
lag,  als  dass  es  von  den  Einwanderern  mit  den  bereit  stehenden
Mitteln  von  lo  fl.  per  Kopf  hätte  erreicht  werden  können.
Das  ungeheure  Terrain,  welches  der  Verein  sich  hatte
aufhängen  lassen,  ohne  es  zu  besehen,  wohin  er,  vollkommen
gewissenlos  über  8000  Deutsche  verlocken  wollte,  liegt  zwischen
dem  Llano-  und  Coloradoflusse,  um  den  Schneidepunkt  des
99.  Meridians  und  des  31.  Breitegrades,  in  einer  Höhe  von
800-2000  Fuss  über  dem  Meere,  ist  ein  unfruchtbares,  dürres
Hochplateau  mit  20—32"  Regenfall,  hatte  bis  i860  weniger
als  2  weisse  Einwohner  per  Quadratmeile  und  in  99  Theilen
von  100  auch  1870  nur  diese  dünne  Bevölkerung;  nur  auf
3  ganz  kleinen  Oasen  besass  es  1870  eine  Bevölkerung
von  2—6  Einwohner  per  Quadratmeile  —  Hirten  und  Jäger!
Seine  geringste  Entfernung  von  der  Küste  beträgt  über
300  Meilen  und  gab  es  1846  natürlich  keinen  Weg  dorthin!
Die  Einwanderer  haben  es  niemals  erreicht.  Ohne  es  zu
kennen,  suchten  die  Leiter  der  Colonisation  aber  es  zu  erreichen.
Prinz  Solms  brach  im  März  1845  rnit  etwas  über  200  Mann
von  Indianola  an  der  Küste,  wo  die  schon  im  Jahre  1844  angelangte
  erste  Truppe  der  Einwanderer  in  höchst  ungesundem
Fieberklima  müssig  und  krank  lag,  nach  Norden  auf  und
erreichte  eine  schöne  Gegend  zwischen  dem  Guadeloupe-  und
Comalflusse,  in  der  Mitte  zwischen  den  Städten  San  Antonio
und  Austin.  Hier  fand  er  fruchtbaren,  welligen,  theilweise
        <pb n="333" />
        319

bewaldeten  Boden  und  gesundes  Klima,  aber  kein  unoccupirtes
I-and!
Er  kaufte  eine  durchaus  ungenügende  Fläche  und  grün-6te
  hier  die  Stadt  Neu-Braunfels.  Anstatt  der  versprochenen
6o  oder  gar  320  Acres  Land  erhielt  jeder  Einwanderer  nur
inen  städtischen  Bau-  und  Gartengrund!  Anstatt  einer  Ackerbaucolonie
  wurde  unsinniger  Weise  eine  Stadt  in  Mitten  einer
inöde,  die  zum  Theil  Urwald  war  und  keine  Wege  nach
Städten  Austin  und  San  Antonio  besass,  gegründet.  Sie
"musste  über  200  Meilen  weit  von  der  Küste  aus  Jahre  lang
verproviantirt  werden.  Auf  dem  erkauften  Acker  wurden
'^'artengemüse  und  etwas  Mais  gebaut.
.  Ler  Prinz,  anstatt  mehr  Land  zu  kaufen  und  einen  enerpschen
  Ackerbau  anzufangen,  begann  eine  militärische  Spieerei,
  erbaute  eine  Burg,  Hess  die  Männer  exerciren  und  Wache
vor  seinem  Zelte  stehen,  zeigte  sich  in  Uniform  und  mit  Orden
geschmückt  und  erregte  somit  den  Argwohn  der  republika-»iischen
  Behörden  von  Texas  in  hohem  Grade.
Man  hemmte,  trotz  dieser  Misserfolge,  den  Nachschub  von
Deutschland  nicht,  und  im  Laufe  des  Jahres  1845  langten  über
00  Personen  in  Indianola  an,  Leute,  die  zur  Colonisation
”^eist  in  hohem  Grade  ungeeignet  waren,  pensionirte  Officiere
J^it  ihren  Damen,  verarmte  Adelige  mit  Familie,  Sängerinnen,
I  Rentiers,  sehr  wenige  Bauern  und  Handwerker,  fast
uter  Leute,  die  an  keine  Arbeit  gewöhnt  waren  und  ihr
leines  Vermögen  dem  Verein  anvertraut  hatten.
Als  diese  Nachschübe  anlangten,  verliess  den  Prinzen
^o  ms  der  Muth  und  er  entfloh  nach  Deutschland,  um  nie
oder  in  das  Land  seines  verunglückten  Experimentes  zurückzukehren.

I  Jotzt  war  kein  Führer  da  und  das  Geld  wurde  auch  knapp.
^  ou-Braunfels  herrschte  Hunger,  in  Indianola  Fieber,  mehrere
kosend  Einwanderer  starben  elendiglich,  da  auch  ein  Arzt
Und  Medicin  fehlte.
Endlich  wurde  Dr.  Schubbert,  der  schon  länger  in  Texas
go  ebt  hatte,  zum  Director  ernannt,  allein  der  Verein  gab  ihm  •
on  Deutschland  aus  die  verrücktesten  Instructionen.
        <pb n="334" />
        320

Trotzdem  arbeitete  er  mit  Energie  und  Einsicht.  Er  liess
die  Einwanderer  am  Guadeloupe  aus  Hütten  und  Zelten  im
ungesunden  Urwalde  in’s  Freie  schaffen  und  unterdrückte  hier
die  Epidemie.  Er  baute  ein  Waisenhaus  für  die  Hinterbliebenen ­
  der  umgekommenen  Eltern.
Die  Instruction  der  deutschen  Vereinsdirection  ging  aber
nach  wie  vor  dahin,  nicht  bei  Neu  -  Braunfels  geeignetes  Land
zu  kaufen,  sondern  die  Einwanderer  unter  allen  Umständen
auf  den  ungeeigneten  und  entfernten  Vereinsbesitz  zu  befördern. ­

Diesem  Befehl  musste  Schubbert  gehorchen,  und  so  führte  er
etwa  fünfzig  Familien  noch  etwa  loo  Meilen  weiter  nordwestlich,
in  die  Richtung  nach  dem  gelobten  Hochplateau  des  Vereins
hin  und  gründete  hier  die  Stadt  Friedrichsberg.  Später  ist
dann  am  nördlichen  Ufer  des  Llanoflusses,  auf  Vereinsboden,
wirklich  noch  eine  Stadt  gegründet  worden,  die  man  nach
einem  Mitgliede  des  Vereins  Leiningen  nannte.  Sie  ist  bis
jetzt  die  einzige  Stadt  auf  jenem  Gebiet  geblieben,  dessen
Eigenthumsrecht  an  den  Staat  Texas  zurückfiel,  weil  der
Verein  die  Erwerbsbedingung,  Colonisation  innerhalb  einer
gewissen  Zeit,  nicht  erfüllte.
Nun  wurde  Neu-Braunfels  von  der  Küste  aus.  Friedrichsberg ­
  von  Neu-Braunfels  mit  Lebensmitteln  versorgt,  bis  nach
einiger  Zeit  der  Director  die  Lebensmittel  nach  letzterer  Stadt
von  Austin  kommen  liess,  nachdem  es  in  Neu-Braunfels  selbst
weder  Mais  noch  Schlachtvieh  mehr  gab.
Die  Bewohner  beider  Städte  lebten  von  wenig  Fleisch,
Caffee,  Spirituosen,  Bohnen,  Erbsen  und  Maismehl.  Letzteres
verdarb  und  erzeugte  Scorbut.
Zu  jener  Zeit  befanden  sich  die  Indianer  im  Kriege  mit
Texas  und  überfielen  die  Deutschen  gelegentlich,  tödteten
Einige,  verwundeten  Mehrere  und  nahmen  ihnen  die  Lebensmittel ­
  weg.  Friede  wurde  erst  ein  Jahr  nach  der  Gründung
von  Friedrichsberg  mit  ihnen  geschlossen,  ohne  dass  deshalb
die  Ueberfalle  ganz  aufhörten.
Man  besass  in  Friedrichsberg  weder  ein  Schwein  noch
        <pb n="335" />
        321

ankam^n  grosses  Fest,  als  die  ersten  Zieger
in  Friedrichsberg  erhielten  das  versprochene
Auf  ^  sondern  nur  Stadtbaugrund  und  Garten,
sie  gehörigen  kleinen  Ackerfelde  bauten
doch  ^"^^same  Arbeit  unter  Commando  etwas  Mais,
Bedarf.  Sie  hatten  keine  Mahl-  oder
izH"'VF"
sich  kerne  Entbehrungen  gewöhnten  Menschen,  obschon
Hessen  n-  “"""k^ische  KauHeute  in  Friedrichsberg  niedergeld
  a  'T  ''f  kauften  ihnen  Lebensmittel  nur  gegen  Baar-PanferriH
  a“  t  ““  “eisten  nicht,  sondern  nur  das
Halrlfa  des  Vereins,  welches  sie  in  Deutschland  für  ihr
^  erein  eingetauscht  hatten  und  wogegen  das
den  Friedrichsberg,  trotzdem  noch  Geld  vorhanmon
  verhungert,  wenn  nicht  der  Zufall  eine  Moraus
  herbeigefuhrt  hätte,  welche  sich  auf  ihrer  Flucht
mois  nach  Utah,  das  sie  südlich  durch  Texas,  Neu-Fri.r°/F
  suchten,  einen  halbjährigen  Halt  bei
riednchsberg  gemacht  hätten.
Vieh  hatten  Ackerbaugeräthe,  Rindlassn
  bei  sich,  gründeten  eine  provisorische  Nieder-Und
  Schneidemühle,  bauten  Mais
Schweine.  Sie  verkauften  den  Deutschen  Bretter,
sich  f"  Maismehl  und  Schweine,  verproviantirten
die  P  V  eiterreise  und  brachen  endlich  auf,  nachdem  sie
über  richsberger,  freilich  gegen  sehr  thcuere  Bezahlung,
er  die  erste  Noth  hinweggeholfen  hatten.
Jahre  1847  löste  sich  der  Adelsverein  auf,  die  Vereins-2ijj
  Texas  erklärte  sich  für  insolvent,  die  Waarenmaga-,
  ^^rden  geschlossen,  das  Papiergeld  der  Einwanderer
rde  total  werthlos.
uich/^^  zerstreuten  sich  die  meisten  Einwanderer,  soweit  sie
Verkommen  waren.  Einige  indessen  blieben  an  allen  drei
21
        <pb n="336" />
        322

0

Orten.  Das  Jahr  1848  brachte  politische  Flüchtlinge,  die  sich
bei  ihnen  ansiedelten,  zum  Theil  eine  eigene  Colonie,  Börne,
gründeten.  Sie  fingen  an,  Land  zu  bebauen,  als  „Heimstätte“
oder  um  Geld  zu  erwerben  und  gelangten  nach  vielen  schweren
Jahren  zu  Wohlstand  und  sogar  zum  Theil  zu  Reichthum-Hätte
  der  Verein,  anstatt  nach  der  Besiedelung  des  unbrauchbaren ­
  Vereinslandes  zu  streben  und  für  Gründung  und  Verproviantirung
  von  Friedrichsberg  und  Leiningen  sein  Vermögen
nutzlos  zu  vergeuden,  bei  Neu-Braunfels  genügend  Land  gekauft ­
  und  Ackerbaucolonien,  anstatt  eine  Stadt  angelegt,  so
wäre  er  nicht  insolvent  geworden,  hätte  vielmehr  noch  ein
recht  gutes  Geschäft  machen  können,  denn  damals  war  Land
um  wenige  Dollars  der  Acre  zu  haben.
        <pb n="337" />
        XXII.  Capitel.
Reise  durch  Kansas.

Kansas-City  bis  Manitu  in  Colorad,
gestaltete  steh  tn  befriedigendster  Weise  -  lehrreich  und  an
drei  P™'  Kansas  wird  von  Osten  nach  Westen  voi
I  Parallelbahnen  durchschnitten,  die  in  Atchinson  und  Kan
■Uty  am  Missouri  beginnen.  Die  südlichste  davon  ist  di«
der  u  Kü-Eisenbahn.  Von  Topeka
son  Kansas,  laufen  zwei  Zweige  nach  Atchin
bi,  Von  Topeka  westlich  führt  die  Bahn
Emporia  in  südlicher  Richtung,  dann  in  wellenförmiger
e  am  Arkansas  entlang  bis  in  Colorado  hinein.  Bei  Las
daö'"“sr®"‘^®‘  "“h  Südwest  und  tritt  nahe  bei  Triniin
  ri  ei"-  Diesen  Staat  durchschneidet  sie  fast
VerK-"^  j  in  der  südwestlichen  Ecke  desselben
bei  p"i  u"^  vollendeten  mexicanischen  Centralbahn
bei  n  .  südcalifornischen  Bahn
am  li"  den,  bedeutendsten  Eisenbahnknotenpunkte
Und  aus  dem  Norden,  Osten,  Süden
chin  zusammen.  Dieses  System  steht  durch  die  Atnson-,
  Topeka-  und  Santa  Fe-Eisenbahn  und  durch  diesüd-Verb'^a'^^
  en  Bahnen  mit  San  Francisco  in  Verbindung.  Diese
Februar  1881  fertig  geworden;  bis
die  TT  .man  vom  Osten  der  Felsengebirge  nur  durch
^nd  Central-Pacißc-Bahn  über  Omaha,  Cheyenne
^Os  Dl  nach  den  Pacificstaaten  gelangen.  Es  war
f^L  ^  südlichen  Linie  nach  San  Francisco  zu
n  und  auf  der  nördlichen  zurückzukehren,  und  dürften

2V
        <pb n="338" />
        324

wir  die  ersten  Europäer  sein,  welche  diese  grosse  Rundreise
von  ca.  4000  englischen  Meilen  machten.  —
Von  La  Junta  in  Colorado  aus  machten  wir  einen  Abstecher, ­
  um  die  herrliche  Gebirgs-  und  Bergwerksgegend  von
Pueblo,  Denver,  Leadville,  Antonito,  Española  und  Santa  Fe
zu  besehen.
Auf  der  ganzen  Reise  von  Kansas-City  bis  Demming  waren
wir  die  Gäste  der  Atchinson-,  Topeka-  und  Santa  Fe-Eisenbahngesellschaft,
  welche  uns  auf  den  einzelnen  Theilen  der
Strecke  von  solchen  ihrer  Beamten  begleiten  Hess,  die  das
Land  genau  kennen.  So  sind  wir  der  Reihe  nach  von  den
Herren  Müntefering,  Ott,  zwei  Deutschen,  Capitän  Shepperd
und  Oberst  Haren  begleitet  worden  und  verdanken  ihnen  die
werthvollsten  Belehrungen.  Sie  machten  uns  mit  hervorragenden ­
  Landleuten  und  Beamten  bekannt  und  arrangirten  Ausflüge ­
  in’s  Land,  die  zu  Pferd  und  zu  Wagen  unternommen
wurden.  Schon  in  Kansas-City  wurden  wir  von  Herrn  Ott
empfangen  und  in  Topeka  von  den  dort  anwesenden  Directions-Mitgliedern
  als  Gäste  behandelt.  Sie  zeigten  uns  ihre
Bureaux,  stellten  uns  dem  Gouverneur  des  Staates  vor  und
führten  uns  in  den  Räumen  der  Ackerbau-Abtheilung  der
Staatsverwaltung  herum,  in  deren  Museum  wir  alle  Producte
des  Ackerbaues  von  Kansas  ausgestellt  fanden.
Der  Gouverneur  gab  uns  nicht  nur  Aufschlüsse  über  die
Viehwanderung  von  Texas  durch  Kansas,  sondern  den  anderen
Herren  auch  Rathschläge  für  einige  Jagdpartien,  die  späterhin
benützt  wurden.  Er  erzählte  uns,  dass  es  vor  zehn  Jahren
noch  Herden  von  mehreren  tausend  Büffeln  in  Kansas  gab»
dass  sie  aber  jetzt  schon  vollkommen  verschwunden  seien.
In  der  That  hat  die  Besiedelung  von  Kansas  in  den
letzten  16  Jahren  ausserordentliche  Fortschritte  gemacht  Dieser
Staat  empfiehlt  sich  durch  guten  Boden  und  hinreichenden
Regenfall  in  seiner  östlichen  Hälfte  und  durch  sein  gemässigtes»
doch  noch  warmes  Klima.  Die  Winter  sind  hier  milder  und
kürzer  als  in  den  mehr  nach  Norden  gelegenen  Ackerbau-Staaten,
  und  doch  gedeihen  in  Kansas  alle  jene  Products,
welche  die  fruchtbaren  Weizenstaaten  des  Nordwestens  von
        <pb n="339" />
        325

Amerika  hervorbringen.  In  Kansas  Hegt  die  Grenze  zwischen
inter-  und  Sommerweizen.  In  den  Staaten  nördlich  von
Kansas  baut  man  überwiegend  Sommerweizen,  da  der  Winter-Weizen
  durch  Frost  oft  leidet,  in  den  von  Kansas  südlich  ge-Ggenen
  Staaten  fast  nur  Winterweizen,  in  Kansas  beide  Arten,
Och  mehr  W^inter-  als  Sommerweizen,  was  eben  auf  ein  war-^es,
  wenn  schon  gemässigtes  Klima  schliessen  lässt,  wofür
^uch  die  hier  gedeihenden  Früchte,  das  Obst,  sprechen.
Kansas-City  liegt  zwar  in  Missouri,  seine  eine  Vorstadt
^  er  schon  in  Kansas  und  es  ist  die  grosse  Handelsstadt  von
Kansas,  die  demnächst  noch  bedeutender  werden  wird,  da
”ian  soeben  solche  Getreidebarken,  wie  sie  auf  dem  Mississippi
etwa  einem  Jahre  in  Anwendung  kommen,  auch  auf  dem
Missouri  verwendet.  Getreide  wird  nun  aus  Dakota,  Nebraska,
Jo.wa  und  Kansas  den  Missouri  hinunter  nach  St.  Louis  am
ississippi  und  endlich  nach  New-Orleans  hinab  transportirt
Werden,  wobei  Kansas-City  und  St,  Louis  Hauptsammelplätze
Werden.  Auch  hat  man  schon  Elevatoren  in  Kansas-City,
St.  Paul  in  Minneapolis  kostet  der  Transport  per  Bushel
eizen  nach  England  über  die  Häfen  des  atlantischen  Oceans
/ä  Cents  und  den  Mississippi  hinab  über  New-Orleans  nur
CK’  Dies  im  Mai  i88i.  Diese  Stadt  ist  ferner,  nach
nicago  und  vielleicht  Cincinnati,  der  grösste  Fleisch-  und
lehmarkt  in  Amerika.
Es  ist  merkwürdig,  wie  die  Hauptmärkte  für  Ackerbauproducte,
  je  mehr  die  Eisenbahn-  und  Wassercommunications-^ttel
  vervollkommnet  werden,  umsomehr  von  Osten  nach
csten,  in  die  eigentlichen  Productionsstaaten,  sich  verschieben,
äum  ist  die  Atchinson-,  Topeka-  und  Santa  Fe-Eisenbahn
ergestel’.t,  kaum  haben  Colorado  und  Neu  -  Mexico  Eisenahn
  -  Verbindung  mit  dem  Osten  von  Amerika  und  dadurch
^it  Europa  und  seinem  stets  hungerigen  Fleischmarkte  erhalten,
®  denkt  man  auch  schon  daran,  das  Fettvieh  dieser  Staaten
^  Ort  und  Stelle  in  leichter  transportable  Fleischwaare  zu
.  ^^Wandeln.  Zu  dem  Zwecke  soll  ein  grosses  Schlachthaus
S^ndwo  an  der  Atchinson-,  Topeka-  und  Santa  Fe-Bahn  in
(florado  erbaut  werden.  Da  man  jetzt  ohne  Eis  jeden  Kälte-
        <pb n="340" />
        grad  billig  hersteilen  kann,  wird  sich  das  Unternehmen  wohl
bewähren.
Uebrigens  wird  mittelst  der  neuen  Bahn  auch  lebendiges
Vieh  zahlreicher  auf  die  östlichen  Märkte  kommen  als  bisher.
Man  hat  neuerlich  die  Viehtransportwaggons  erheblich  verbessert, ­
  so  dass  das  Vieh  im  Waggon  gefüttert  und  getränkt
werden  kann,  ohne  dass  der  Wärter  den  Waggon  betritt.
Seit  der  Viehtransport  nach  dem  Osten  in  Folge  der  bedeutenden ­
  Ausfuhr  von  lebendigem  Schlachtvieh  solch  ungeheure ­
  Dimensionen  angenommen  hat,  war  die  Verbesserung
der  Transportgelegenheit  zur  Nothwendigkeit  geworden,  denn
nach  dem  bisherigen  Systeme  der  primitiven  Viehtransporte
betrug  der  Verlust  auf  einer  Strecke  von  900  Meilen  ii  bis
15  Percent,  im  heissen  Sommer  oft  noch  mehr.  Der  Kitsee’sche
Viehwagen  hat  die  „shrinkage“  auf  ein  Minimum  reducirt,  in^
Gegentheile,  das  Vieh  wird  bequem  transpoftirt,  erhält  unterwegs ­
  reichlich  Futter  und  Wasser  und  kann  bei  der  Ankunft
sofort  verkauft  werden,  während  es  früher  mehrere  Tage  Zeit
brauchte,  um  sich  von  den  Strapazen  der  Reise  zu  erholen.
Der  Kitsee’sche  Viehwagen  ist  34  Fuss  lang  und  mit  20  diagonalen ­
  Ställen  versehen,  in  denen  sich  die  Rinder  bequem  lagern
können.  Jeder  Stall  hat  seinen  Futtertrog,  der  durch  eine
einfache  mechanische  Vorrichtung  mit  5  Quart  Futter  (meistens
Mais)  und  8  Quart  Wasser  aus  über  dem  Wagen  angebrachten
Behältern  versehen  wird.  Der  Wagen  machte  eine  Probefahrt
von  Cincinnati  nach  New-York  mit  27  Rindern,  war  vom
Freitag  bis  zum  Montag  unterwegs  und  lieferte  seine  lebende
Fracht  unversehrt  in  der  dortigen  „Union  Stock  Yard“  nb-Das
  „American  Institute“  ernannte  ein  Comité  von  Sachverständigen, ­
  welches  einen  sehr  günstigen  Bericht  über  die  Einrichtung ­
  erstattete.
Auch  für  Fischtransport  sind  besondere  Wagen  construirt
worden.  Professor  Baird  von  der  Bundes-Fischzuchtcommission
hat  Pläne  für  den  Bau  eines  Aquariumwaggons  entworfen,  der
von  der  Regierung  gebaut  und  zum  Transporte  von  Fischen
benützt  werden  soll.  Dieser  Waggon  wurde  gleich  nach  seiner
Vollendung  mit  einer  Million  jungen  Shads  nach  Californien
        <pb n="341" />
        327

geschickt.  100.000  gestreifte  Barsche  wurden  um  dieselbe
Zeit  nach  Californien  gebracht.  Professor  Baird  hatte  die  Ab-^cht,
  im  Herbste  i88i  etwa  eine  Million  Lachseier  im  Green
iver,  einem  Nebenflüsse  des  Columbiaflusses,  auszusetzen,
Und  zwar  sollten  zu  diesem  Zwecke  Eier  von  californischen
uchsen  genommen  werden.  Die  Fischcommissäre  von  Californien ­
  sind  mit  dem  Acclimatisiren  von  Weissfischen  aus  dem
ichigan-See  beschäftigt.  Es  ist  dieses  ein  schmackhafter  Fisch,
Ulan  glaubt  aber  nicht,  dass  er  in  Californien  so  gut  fortkom-"len
  wird  wie  der  Shad  oder  Lachs.
Auf  der  Atschinson-  und  Topeka  -  Eisenbahn  trafen  wir
^uch  besonders  für  Einwanderer  eingerichtete  Eisenbahn-^aggons.
  Einwanderer  werden  bekanntlich  billiger  trans-Portirt
  als  andere  Passagiere.  Es  sind  die  Waggons  nun  sehr  einach,
  aber  zweckmässig  so  eingerichtet,  dass  sie  Nachts  in
^chlafwaggons  verwandelt  werden,  in  denen  die  Immigranten
fast  so  bequem  ruhen,  wie  wir  in  den  Pullman-Cars.

Von  Kansas-City  fuhren  wir  nach  Topeka,  einer  weitlaufig
  gebauten  Stadt,  aus  Landhäusern  der  Behörden  der
Staatsregierung  und  der  Eisenbahndirektion  bestehend.  Wir
Urchfuhren,  wie  auch  schon  von  der  Grenze  des  Indianererritoriums
  bis  Kansas-City,  ein  sorgfältig  angebautes  Land
^on  grosser  Fruchtbarkeit.  Zunächst  freilich  kommt  man
'iurch  einige  Wälder  am  Ufer  des  Kansasflusses.  Allein  bald

Erreicht  man  einen  fast  nicht  mehr  unterbrochenen  Ackerbau-^istrict.
  Der  thonige  Untergrund  ist  in  wechselnder  Tiefe  von
flanzenresten  schwarz  gefärbt,  hat  dabei  etwas  Sandzusatz
^ttd  ist  nicht  oder  doch  an  den  meisten  Stellen  nicht  schwer
^u  bearbeiten,  obschon  stellenweise  der  Lehmgehalt  ^klumpentldend“,.
  wirkt.  Weizen,  Hafer,  Mais,  Sorghum,  Kartoffeln
Sahen  wir  in  grosser  Ueppigkeit,  und  dazwischen  boten  Weiden,
^on  saftigem  und  etwa  acht  bis  zehn  Zoll  hohem,  blauem
rase  bedeckt,  schönem,  hochgradigen  Rindvieh  oder  recht
ßuten  Pferden  überreiche  Nahrung.  Dieser  Boden  bedarf
f^ur  des  Regens,  um  so  fruchtbar  zu  sein,  wie  höchstens  die
ff^nna  nördlich  der  Alpen  ist.
Dies  ist  sehr  natürlich:  besseren  Boden  gibt  es  in  diesem
        <pb n="342" />
        328

Theile  Europas  nicht  und  das  Klima  ist  hier  in  Kansas  wärmer,
der  Winter  kürzer  als  daselbst.  Die  Wärme  aber  befördert
den  Pflanzenwuchs,  wenn  genügende  Feuchtigkeit  vorhanden
ist.  Nordöstlich  von  der  Strecke,  welche  wir  durchfuhren,  ist
eine  Weingegend.  Wir  haben  sie  leider  nicht  besuchen  können.
Der  hier  gebaute  Wein  ist  gewürzig  und  sehr  stark,  fast  wie
der  texanische,  und  scheint  mir  der  Cultur  zu  bedürfen,  um
dann  etwa  neben  ungarischem  oder  gewissen  spanischen  Weinen
sich  präsentiren  zu  können.  Doch  hat  die  mit  ihm  von  uns
gemachte  Probe  uns  zu  einem  Urtheile  nicht  befähigt.
Die  Ackerbauregion  von  Kansas  reicht  westlich  etwa  bis
Dodge-City,  von  da  ab  beginnt  eine  Prairie,  die,  ohne  künstliche ­
  Bewässerung,  nur  zur  Weide  zu  benützen  ist  und  gegen
Colorado  hin  einen  entschiedenen  Steppencharakter  annimmt,
trocken,  fast  verbrannt  aussieht.
Von  der  Station  Newton  führt  eine  Zweigbahn  südlich  an
den  Arkansasfluss  bis  Arkansas-City,  soll  aber  demnächst  im
Arkansasthale  bis  Van  Buren  verlängert  werden.  Von  da  ab
existirt  schon  eine  Bahn  bis  Memphis  am  Mississippi.  Auch
über  diese  Bahn  wird  Californien  mit  New-Orleans  in  Verbindung ­
  kommen  und  wird  Getreide  aus  Kansas  diesem  Hafen
zugeführt  werden.
Von  Newton  aus,  einer  Stadt,  die  noch  mitten  in  einem  für
Ackerbau  trefflich  geeigneten  Gebiete  liegt,  das  aber  noch  vielen
als  Weide  benützten  Prairieboden  besitzt,  fuhren  wir  in  Wagen
zwei  Tage  hindurch  in  einem  Kreise  von  circa  90  englischen
Meilen  Umfang,  nördlich  der  Bahn,  durch  das  Land,  um  Ansiedlungen ­
  kleiner  Farmer  und  eine  grosse  Besitzung,  Cranes
Ranche,  zu  besehen.  Die  Herren  Ott  und  Müntefering  begleiteten ­
  uns.
Vor  acht  Jahren  stand  auf  der  leise  wellenförmigen  Prairie
weder  ein  Haus,  noch  ein  Baum.  Jetzt  ist  wohl  der  sechste
Th  eil  derselben  schon  unter  dem  Pfluge.  Die  Farmen  sind
alle  klein,  40,  80,  160,  200,  320  Acres  im  Maximum.  h)s
ist  durchschnittlich  anzunehmen,  dass  jede  Farm  von  der
Familie  des  Farmers  allein  bewirthschaftet  wird,  ohne  alle
Lohnarbeiter,  obschon  solche  auf  grösseren  Farmen,  nament-
        <pb n="343" />
        329

ich  in  der  Ernte,  willkommen  sind.  Grössere  Farmer  haben
^ohl  auch  einen  Knecht  und  eine  Magd,  allein  die  meisten
armer  wirthschaften  ohne  Lohnarbeiter.
Der  landwirthschaftliche  Anbau  der  Prairie  hat  eine  höchst
a  ende  Wirkung  gehabt:  es  regnet  seither  mehr  und  der
o  en  wird  deshalb  fruchtbarer.  Die  Ackerbauregion  schreitet
om  Mississippi  langsam  und  stetig  nach  Westen  vor  und  hat
jetzt  schon  einen  grossen  Theil  jener  Fläche  ergriffen,  die  vor
5  Jahren  als  Theil  der  „grossen  amerikanischen  Wüste“  beannt
  war.  Eine  Wüste  giebt  es  nun  zwischen  Mississippi
^nd  Felsengebirge  überhaupt  nicht  mehr,  wie  wir  uns  auf
leser  Reise  überzeugten.  Selbst  das  wenigst  werthvolle  Land
aselbst  ist  Viehweide,  und  sie  selbst  kann  in  Acker  verwandelt ­
  werden,  weil  die  künstliche  Bewässerung  auf  grosse
Strecken  möglich  ist.
Sturme  hausen  verderblich  auf  dieser  grossen  Prairie,  im
Ommer  Hagel,  im  Winter  Schnee  mit  sich  führend.  Die  ein-&amp;gt;ge
  Schutzwehr  hiergegen  sind  Bäume,  welche  die  Kraft  der
urme  brechen.  Die  Farmer  sind  also  schon  durch  ihr  eigenes
nteresse  darauf  hingewiesen,  Bäume  zu  pflanzen,  und  ausserem
  hat  die  Regierung  Maassregeln  getroffen,  welche  diese
np  anzungen  befördern.  Bei  der  grossen  Fruchtbarkeit  des
odens  wachsen  Bäume  sehr  schnell  und  pflanzt  man  zunächst
ei”^  ^°“°"wood  genannt,  die  in  4  bis  6  Jahren
erreichen,  nördlich  vom  Gehöfte  und
Und  Grenzen  des  Ackers.  Je  weiter  die  Ansiedelungen
d  damit  die  Baumpflanzungen  Vordringen,  desto  weiter  dringt
'*^^due  ,  saftige  Gras  vor  und  unterdrückt  das  kurze,
graue  Buffalo-Gras.  Dies  ist  eine  der  merkwürdigsten
Granderungen  in  der  Physiognomie  der  Gegend,
p  N^ch  der  Zahl  der  Bäume  kann  man  den  Charakter  des
0  niers  beurtheilen.  Die  Amerikaner,  welche  aus  Illinois,
^  *0,  den  Neu-England-Staaten  hierhergezogen  sind,  um  auf
^  ^dchtbaren  Prairieboden  schnell  durch  Anbau  von  Weizen
ne  Fruchtwechsel  und  Düngung  Geld  zu  machen,  stellen  ein
S  h  ^dbrik  gekauftes  Holzhaus,  einen  elenden  hölzernen
dppen  für  das  Vieh,  einen  besseren  für  die  zahlreichen
        <pb n="344" />
        330

Ackerbaumaschinen  und  einen  Brunnen  her,  pflanzen  aber
selten  Bäume  und  legen  fast  nie  Gärten  an.  Die  Deutschen
bauen  sich  dauerhaftere  Häuser,  solidere  Ställe  und  pflanzen
Bäume  an.  Die  Böhmen  stehen  zwischen  den  beiden  genannten
Farmerracen.  Sie  bestellen  den  Acker  sehr  gut,  ihre  Wohnung ­
  aber  ist  elend  und  die  Bäume  werden  vernachlässigt-Wir
  kamen  zunächst  bei  amerikanischen  Farmen  vorbei,  die
recht  gutes  Getreide  trugen  und  auf  denen  Pferde  und  Maschinen ­
  vorzüglich  waren;  Bäume  indess  fehlten  fast  gänzlich,
auch  war  der  Acker  meist  nicht  rein  von  Unkraut.  Dann
gelangten  wir  zu  den  Ansiedelungen  der  Mennoniten  und  damit
zu  den  besten  Farmen,  die  es  in  Kansas  giebt.
Als  vor  ca.  sechs  bis  acht  Jahren  die  russische  Regierung
jene  Privilegien  zurückzog,  welche  sie  deutschen  Mennoniten
bei  ihrer  Ansiedlung  in  Russland  ertheilt  hatte,  entschloss  sich
eine  grosse  Anzahl  derselben  nach  Amerika  auszuwandern,
wo  es  schon  eine  grosse  mennonitische,  reiche  Ackerbauergemeinde ­
  in  Pennsylvanien  gab.  So  entstanden  hier  von  1875/7
ab  Mennoniten-Niederlassungen  in  Canada,  Dakota,  Nebraska
und  Kansas.  Diejenige,  welche  in  letzterem  Lande  sich  etablirte
und  die  sich  jährlich  durch  Zuzug  vergrössert,  besuchten  wir-Ihr
  gehörten  ca.  90.000  Acres  des  fruchtbarsten  Bodens,
sie  von  der  Atchinson-,  Topeka-  und  Santa  Fe-Eisenbahn
Compagnie  gekauft  hat.  Für  die  zuerst  gekauften  Ländereien
des  trefflichen  schwarzen  Lehmbodens  zahlten  sie  nur  3  Va  Dollars
per  Acre  bei  sechsjähriger  Zahlungsfrist  und  Verzinsung
Restkaufgelder.  Später  gekaufte  Aecker  wurden  theurer  bezahlt. ­
  Sie  liehen,  als  Gemeinschaft,  Geld  von  ihren  Glaubensgenossen ­
  in  Pennsylvanien,  welches  sie  jetzt  schon  fast  ganz  zurückgezahlt ­
  haben,  obschon  das  Jahr  1879/80,  wegen  Dürre,  ein
Missjahr  war.  Wir  machten  Mittagsstation  bei  einem  menno
nitischen  Schullehrer,  Richard  mit  Namen,  Vater  von  vierzehn
Kindern,  der  vor  sechs  Jahren  eingewandert  war,  nur  600  Dollars
besass,  1300  Dollars  Schulden  für  Landkauf  und  InvestirungeO
machte  und  jetzt  nur  noch  150  Dollars  Schulden,  aber  200  Acres
Land,  fünf  Pferde,  ein  halbes  Dutzend  Kühe,  Fohlen,  Kälber
und  treffliche  Schweine  von  englischem  Blute  besass.
        <pb n="345" />
        33:

Wir  besuchten  am  folgenden  Tage  einen  Bischof  der  Gemeinde, ­
  der  indess  auch  nur  ein  Farmer  war,  aber  400  Acres
besass.  Er  hatte  seinen  ganzen  Besitz  mit  einer  lebendigen
Hecke  des  dornigen  Osage-Orangestrauches  eingehegt,  der
bier  meist  zur  Heckenbildung  benützt  wird.  Nördlich  des  Gehöftes ­
  hatte  er  ein  grosses  Stück  Land  mit  Cottonwoodbäumen
Gingehegt,  die  das  Gehöft  auch  nach  den  anderen  Seiten  hin
Umgaben  und  es  nach  der  Strasse  versteckend  abschlossen.
Im  Schutze  dieser  Bäume,  die  schnell  wachsen,  waren  Hunderte

Von  Pfirsich-,  Aepfel-  und  Kirschbäumen,  sowie  Maulbeer-  und
Stachelbeersträuche  gepflanzt  und  der  Zwischenraum  war  zum
Ilau  von  Melonen,  Kohl,  Kartoffeln  und  dergleichen  benützt.
Er  baute  soeben  einen  geräumigen  Viehstall  für  alle  seine
Eferde  und  Rinder,  weil  er  sagte,  sie  litten  im  Winter  doch
schlechten  Ställen  und  brauchten,  gut  gestallt,  weniger
Putter.  Die  Ecken  des  Stalles  wurden  aus  Sandstein  gebaut,
^Gr  in  der  Nähe  gebrochen  wird,  und  die  Wände  ein  und
Ginen  halben  Fuss  dick  aus  mit  Stroh  zusammengetretener
Ghmiger  Erde.  Ein  solcher  Stall,  wie  ihn  die  Mennoniten  all-RGmein
  bauen,  ist  kühl  im  Sommer,  warm  im  Winter.  Arme
Mennoniten  bauen  sehr  einfache  Häuser  und  Ställe  aus  Rasen
:Igs  Prairiebodens,  den  sie  wie  Ziegel  im  Verband  überein-^nderlegen.
  Nur  die  Thür-  und  Fensterfullungen  werden  eingesetzt. ­
  Diese  Wohnungen  sind  immer  noch  viel  besser  als
Jene  amerikanischer  Farmer,  die  sich  entweder  an  einem  Hügel
^me  Höhle  graben  oder  ein  mit  Erde  oder  Stroh  bedecktes
ach  einfach  auf  den  Boden  der  Prairie  stellen  und  so  eine
ohnung  schaffen,  in  der  man  nicht  aufrecht  stehen  kann.
*r  sahen  sehr  viele  solcher  Wohnungen  von  Amerikanern,
^ie  eben  nur  Geld  genug  zum  Ankäufe  von  Vieh  und  Maschinen
^:g  Homestead  gehabt  hatten.  Den  Acker  düngte  unser
::^Gnnonitischer  Bischof  schon  theilweise  und  hatte  ausgezeichnGten
  Weizen  und  Hafer  darauf.  Ein  Engländer,  Mr.  Harrison,
^Gr  die  Gegend  genau  kennt,  sagte  uns,  dass  die  Deutschen
Hansas  wegen  ihrer  sorgfältigen  Bodenbearbeitung  durchschnittlich ­
  30  bis  35  Bushel  Weizen,  die  Amerikaner  nur  circa
^5  Bushel  per  Acre  ernteten.
        <pb n="346" />
        332

Am  Abend  des  7.  Juni  erreichten  wir  Cranes-Ranche,  die
10.000  Acres  grosse  Besitzung  des  Banquiers  Mr.  Crane  in
Chicago,  wovon  6000  Acres  eingezäunt  sind.  Dieser  Herr
hat  hier  eine  Shorthorn-Stammheerde  von  400  Haupt  Rindvieh
vor  dem  Krach  des  Jahres  1873  angeschafft,  die  ihn  viel  Geld
kostet  und  sich,  wie  mir  scheint,  nicht  auszahlt.  Er  kauft  zu
diesen  Thieren  hinzu  noch  Mager-  und  Jungvieh,  das  er  fett
weidet  und  dann  verkauft.  Um  Futter  zu  gewinnen,  hat  er
1400  Acres  unter  den  Pflug  gebracht,  wovon  650  mit  Mais,
300  mit  Weizen,  200  mit  Hafer,  200  mit  Flachs,  der  Rest  mit
rothem  Klee  und  anderen  edlen  Futtergräsern  bestellt  sind.
Auch  eine  Stammheerde  englischer  Schweine  wird  hier  gezogen, ­
  die  jung  mit  10  bis  20  Dollars  per  Stück  verkäuflich
sind.  Vollblutstiere  und  Fersen  von  anderthalb  Jahren  kosten
angeblich  150  Dollars  im  Durchschnitt  (?).  Der  Transport
einer  Waggonladung  fetter  Ochsen  nach  .  Chicago  kostet
95  Dollars.  Mir  scheint,  dass  die  Farmer  in  den  Mittelstaaten,
wo  sich  die  gewöhnliche  Viehzucht  schon  kaum  noch  rentirt
und  man  Stammheerden  in  Masse  hat,  dieser  Ranche  eine  zu
grosse  Concurrenz  machen,  die  zu  kostspielig  angelegt  wurde.
Mr.  Crane  kaufte  viel  theure  Thiere  in  England,  so  20  Kühe,
die  zusammen  42.400  Dollars  kosteten.  Es  war  ein  herrlicher
Anblick,  den  wir  am  folgenden  Morgen  genossen,  als  der
Verwalter  der  Farm  und  der  Sohn  des  Mr.  Crane  uns  die  auf
der  umzäunten  Prairie  frei  weidenden  Kühe  —  die  Stiere
werden  jahrein  jahraus  im  Stall  gefüttert  —  zeigten.  Ks
mochten  250  Stück  Vieh  sein,  welche  die  auf  Blutpierden  trefflich ­
  berittenen  Herren  gegen  unsere  Wagen  trieben,  und  waren
ganz  ausgezeichnet  schöne  Exemplare  darunter.  Eine  so
grosse  Heerde  von  durchweg  Vollblutzuchtkühen  kann  man
vielleicht  nirgends  in  der  Welt  wieder  sehen.  Die  Zucht  ist
ohne  Zweifel  gut,  aber  sie  hat  zu  viel  Capital  gekostet.  Man
denke  nur,  wie  theuer  hier  der  40  englische  Meilen  lange
Holzzaun  wurde,  wozu  die  Bretter  alle  vom  Mississippi  ge*
bracht  werden  mussten!
Am  8.  Juni  fuhren  wir  viele  Meilen  über  eine  welleniöf'
mige,  vollkommen  bäum-  und  anbaulose  Prairie,  über  70.000
        <pb n="347" />
        333

Acres,  die  ein  in  London  wohnender  Engländer  vor  mehr  als
einem  Jahrzehnte  höchst  billig  gekauft  hat  und  nun  liegen
iässt,  bis  die  Nachbarschaft  angebaut  und  dadurch  der  Preis
dieser  Prairie  hoch  gestiegen  sein  wird.  Wir  genossen  hier
zum  ersten  Male  den  Anblick  der  Prairie,  wie  sie  viele  tausend ­
  Jahre  gewesen  ist;  freilich  ohne  ihre  damaligen  Bewohner,
denn  Büffel  und  Antilope  waren  gegangen  —  nebst  ihren
ehemaligen  Feinden,  den  Indianern.  So  weit  das  Auge  reichte,
sah  man  nach  allen  Seiten  denselben  graugrünen,  undulirenden
Prairieboden  und  darüber  den  tiefblauen  Himmel.  Das  Gefühl
tiefer  Einsamkeit  überkam  uns  und  schweigend  fuhren  wir  in
scharfem  Trabe  durch  die  unabsehbare  Wiese,  die  jedoch
auch  schon  von  der  „Cultur  beleckt“  war,  denn  das  blaue
Gras  unterdrückte  sichtlich  das  ursprüngliche  Büffelgras.
Der  in  London  lebende  Besitzer  dieser  Prairie  trefflichen
^eizenbodens  kümmert  sich  gar  nicht  darum,  lässt  durch  eine
ßank  jährlich  die  sehr  geringe  Abgabe  dafür  zahlen  und  wartet,
^an  sagt,  das  Land  koste  ihn  etwa  20.000  Dollars  und  ist
heute  schon  mehr  als  5  Dollars  per  Acre  werth.  Die  Engänder ­
  gehen  in  alle  Länder,  sehen  ihre  Gelegenheit  ab  und
profitiren,  verzehren  den  Gewinn  aber  in  Old-England.  Sie
^vestiren  in  diesen  Staaten  sehr  grosse  Summen,  und  die
peculation  erweist  sich  gut  In  Colorado  trafen  wir  abertiials
  auf  englische  Unternehmungen,  die  sich  vortheilhaft  —
Selbst  wenn  sie  die  Form  der  Actiengesellschaft  annehmen  —
^on  ähnlichen  amerikanischen  und  holländischen,  die  wir
Gnnen  lernten,  unterschieden.  Letztere  gleichen  den  betonten ­
  französischen  ,,Gründungen“,  bei  denen  das  wirth-Schaftliche
  Unternehmen  nur  den  Vorwand  für  eine  gemeine
Agio-Schwindelei  bietet  und  die  deshalb  regelmässig  zu  Grunde
S^hen.  Diese  Gründer  treiben  sofort  die  Actien  in  die  Höhe,
Vermehren  ihre  Zahl,  vertheilen  hohe  Dividenden,  bevor  das
^irthschaftliche  Unternehmen  irgend  einen  Ertrag  gebracht
then  kann,  und  finden  immer  wieder  Narren,  die  ihnen  die
Actien  abkaufen,  die,  wie  Delbrück  sagte,  „ihr  Geld  los  sein
Sollen“.  Die  englischen  Actiengesellschaften,  z.  B.  für  Bewässerung ­
  in  Colorado,  warteten  mit  der  Dividende,  bis  Wei-
        <pb n="348" />
        334

zen  auf  dem  berieselten  Acker  wuchs  und  verkauft  wurde.
Sie  sind  meist  keine  Schwindler.
Wir  lernten  einen  anderen  reichen  Engländer,  Mr.  Harrison,
kennen,  der  südöstlich  von  Ellinwood  ca.  7000  Acres,  nämlich ­
  11  Quadratmeilen  Prairie  von  der  Bahngesellschaft  zu
4.44  Dollars  baar  per  Acre  gekauft  hat.  Er  theilte  von  diesem
Lande  20  Farmen  à  160  Acres  ab,  baute  auf  jeder  ein  Haus,
einen  Stall  und  grub  einen  Brunnen,  riss  auf  jeder  120  Acres
um  und  verpachtete  nun  die  eingerichteten  Farmen  an  capitalarme
  Ansiedler  um  den  dritten  Theil  der  Ernte  an  Getreide.
Von  Kartoffeln,  Gemüsen  und  Vieh  beansprucht  er  nichts.
Ist  ein  Ansiedler  so  arm,  dass  er  kein  Saatgut  kaufen  kann,
so  liefert  ihm  Mr.  Harrison  dies  auch,  nimmt  aber  dann  den
halben  Körnerertrag.  Er  besitzt  alle  Art  landwirthschaftlicher
Maschinen  und  leiht  sie  gegen  mässige  Zahlung  den  Farmern,
namentlich  Mähe-  und  Dreschmaschinen.  Beim  Drusch  holt
er  seinen  Kornantheil  im  eigenen  Fuhrwerk  ab  und  führt  ihn
in  seinen  Speicher,  den  er  auf  jenem  Lande  erbaut  hat,  das
er  nicht  in  Farmen  theilte  und  auf  dem  er  nur  Vieh  weidet
und  mit  dem  Mais,  den  ihm  die  Pächter  liefern,  mästet.  Nach
seiner  Angabe  trägt  sein  Capital  zehn  bis  zwölf  Percent  und
der  Grundwerth  wird  sich  in  zehn  Jahren  verfänftfacht  haben,
hat  sich  jetzt  —  nach  zwei  Jahren  —  schon  verdoppelt.  Haus,
Stall  und  Brunnen  kosteten  durchschnittlich  420  Dollars  per  Farm,
das  Umbrechen  der  Prairie  2  Dollars  per  Acre.  Bei  Baarzahlung
  stellt  sich  also  eine  Farm  mit  jenen  Baulichkeiten
und  120  Acres  gebrochener  Prairie  auf  720  Dollars  Ankauf
_|_  420  Dollars  Baukosten  -|-  240  Dollars  Pflügekosten  ==1340
  Dollars.  Ein  neuer  Ansiedler  muss  dazu  noch  Pferde,
Kühe,  Schweine,  Saatgetreide  und  Lebensmittel  für  ein  Jahr
kaufen.  Der  Landpreis  kann  zwar  zum  Theil  gestundet  werden,
aber  nur  gegen  verhältnissmässig  hohe  Zinsen,  und  das  Wohnhaus ­
  wird  selten  so  comfortabel  hergestellt,  wie  es  Mr.  Harrison
that,  um  „respectable“  Pächter  anzuziehen.  Man  wird  diese
Speculation  des  Engländers  sehr  gescheidt  finden.  Er  erleichtert ­
  dem  fleissigen  Pächter  die  Capitalbildung  und  ist
        <pb n="349" />
        335

gern  bereit,  ihm  die  Farm  nach  fünf  bis  zehn  Jahren  zu  verkaufen, ­
  natürlich  um  25  oder  mehr  Dollars  per  Acre.
Als  wir  die  unendliche  Prairie  von  70.000  Acres  durchschritten ­
  hatten,  gelangten  wir  nach  der  an  einer  Bahnstation
entstehenden  Stadt  Hilsborough,  die  erst  ein  Jahr  alt  war,  aber
Schon  an  500  Einwohner  hatte.  Von  da  fuhren  wir  nach  der
Mennoniten-Niederlassung  Gnadenau,  wo  wir  eben  jenen  Bischof
besuchten  und  bei  ihm  zu  Mittag  speisten;  einfach,  aber  ausgezeichnet, ­
  gerade  wie  schon  Tags  zuvor  bei  dem  Schullehrer.
Auf  unserer  ganzen  Reise  haben  wir  keine  so  gute  Butter
bekommen  als  auf  diesen  beiden  Farmen.  Dazu  delicaten  ge-Speck,
  der  auf  russische  Manier  halb  geräuchert  war,
und  vorzügliches  Schwarzbrod.  Von  hier  aus  besuchten  wir
noch  einen  anderen  Mennoniten,  der  schon  ein  Jahr  in  Manitoba
gewohnt  hatte,  aber  hierher  gezogen  war,  da  ihm  dort  der
Winter  zu  rauh  war.  Er  lobte  zwar  die  Fruchtbarkeit  Manitobas, ­
  doch  sei  in  Kansas  das  Leben  angenehmer  und  leichter.
•  Unsere  Besuche  bei  den  Mennoniten  fielen  auf  den  zweiten
Und  dritten  Pfingsttag.  Den  zweiten  feierten  sie,  am  dritten
begann  die  Arbeit,  aber  an  beiden  Tagen  trafen  wir  hie  und
tia.  Besuch  zahlreicher  Nachbarn.  Es  war  sogar  eine  Anzahl
»Brüder“  aus  Pennsylvanien  auf  einer  Rundreise  bei  diesen
Glaubensgenossen  begriffen.  Wir  trafen  dieselben  aber  nicht
ßeim  Herrn  Richard  kamen  wir  mit  15  bis  20  Familien  aus
fieser  Colonie  zusammen.  Alle  machten  den  Eindruck  grosser
olidität,  Tüchtigkeit  und  Wohlhabenheit.  Die  Frauen  zeich-Uoten
  sich  durch  die  Einfachheit  ihrer  Kleidung  und  den  bienenjuässigen
  Fleiss  in  der  Haushaltung  vortheilhaft  vor  den  Amerikanerinnen ­
  auf  anderen  Farmen  aus.  Die  Tafelwäsche  war
^6rb,  aber  schneeweiss,  die  weissen  Decken  der  himmelhohen
utten  waren  mit  weissem  Zwirn  äusserst  mühevoll  und  reich
gestickt.  Diese  Arbeit  muss  Zeit  und  Augen  kosten!  Dieses
ein  ausgezeichneter  Bauernschlag,  den  Europa  von  sich
^tösst,  Amerika  aber  gastlich  hegt  und  pflegt.
Unterwegs  sahen  wir  neben  einer  amerikanischen  Farm
eine  einfache  Syrupfabrik:  eine  eiserne  Presse,  die,  ohne  Dach,
Freien  stand,  zum  Pressen  von  Sorghum-  und  Maisstengeln,
        <pb n="350" />
        336

und  eine  trogartige  Blechpfanne  unter  einem  Schuppen,  zum
Verdicken  des  Saftes.  An  der  Bahn  ist  eine  Fabrik  gegründet,
in  der  solcher  Syrup  in  gelben,  körnigen  Rohzucker  verwandelt ­
  wird.  Wir  sahen  diesen  in  einem  Laden  von  Hilsborough.
Er  kostet  10  Cents  per  Ib.  im  Detailhandel,  ebensolcher  Rohrzucker ­
  la'/a  Cents.  Die  Farmer  verbrauchen  viel  solchen
Syrup,  den  sie  sich  selbst  bereiten,  und  solchen  Zucker.
Keine  Steuer  genirt  sie  bei  Erzeugung  dieses  so  werthvollen
Nebenproductes.  Zu  einer  solchen  Presse  und  Pfanne  bringen
die  Farmer  meilenweit  ihre  Sorghumstengel  und  benützen  dieselben ­
  gegen  eine  geringe  Vergütung  an  den  Besitzer.  Ueb»
rigens  kann  die  ganze  Anlage  nur  150  bis  200  Dollars  kosten.
In  Südungarn  würde  es  den  Bauern  leicht  sein,  aus  Sorghum
und  Mais  Syrup  zu  machen,  ihn  an  Zuckerfabriken  zu  verkaufen ­
  und  eine  schöne  Einnahme  daraus  zu  lösen.  Die  Abgänge ­
  würden  als  Viehfutter  dem  Lande  zugute  kommen,  aber
—  —  der  Steuerfiscus  duldet  solche  kleine  Anlagen  nicht,
welche  die  Finanzwache  nicht  würde  controliren  können.  So
erstickt  die  Steuer  in  Europa  die  Production,  welche  sich  in
Amerika  frei  entfalten  darf.  Es  gibt  hier  keine  Zuckersteuer,
nur  Zoll  auf  importirten  Zucker.  Aehnlich  begünstigt  ist  der
Schweizer  Bauer,  der  keine  Brennsteuer  zahlt.  Deshalb  sieht
man  neben  manchem  Alpenhause  einen  kleinen  Brennapparat
für  ein  paar  hundert  Francs,  in  dem  der  Bauer  Kirsch-  und
Branntwein  nur  desshalb  macht,  weil  er  erstens  seinen  Hausbedarf ­
  daran  decken,  zweitens  die  Schlempe  für  seine  Kühe
gewinnen  will.  Bei  uns  sind  diese  beiden  landwirthschaftlichen
Nebengewerbe  dem  kleinen  Grundbesitzer  unmöglich  gemacht.
Dafür  aber  haben  wir  auch  kein  Homestead-  und  Exemptionsgesetz!
  Wer  wundert  sich,  dass  bei  uns  der  Bauer  vergeht,
dass  er  hier  entsteht?
Da  die  Bereitung  von  Zucker  aus  Sorghum  vielleicht  doch
eine  Zukunft  hat,  kann  ich  zweckmässig  hier  einige  Details
über  die  neuesten  Erfahrungen  mit  derselben  aus  dem  Jahre  188^
einschalten,  wobei  ich  nicht  unterlassen  will,  hervorzuheben,
dass  der  damalige  Ackerbaucommissär  der  Union,  Herr  Le  Duc,
dem  wir  so  manche  Belehrung  verdanken,  sich  das  grösste
        <pb n="351" />
        337

Verdienst  um  die  Sorghum-Production  und  um  die  Herstellung
Von  Sorghum-Zucker  erworben  hat.  Das  Folgende  ist  im
Jahre  1882  Herbst  festgestellt  worden.
Nach  langen,  schier  endlosen  und  fast  aufgegebenen  Versuchen, ­
  aus  dem  Saft  des  chinesischen  Zuckerrohres  krystallisirten
  Zucker  und  guten  Syrup  von  reinem  Geschmack  herustellen,
  ist  diese  Aufgabe  jetzt  von  den  früher  an  der  Staatse
  werbe  -  Universität  von  Illinois,  in  Champaign,  angestellt
gewesenen  Professoren  H.  A.  Weber  und  M.  A.  Scoville
^genscheinlich  zufriedenstellend  und  sicher  gelöst  worden.
.  ^  nicht  nur  ein  Krfolg  von  theoretischen  Versuchen
Ul  Laboratorium  vor,  sondern  ein  in  ziemlich  umfangreichem
abrikmássigen  Betriebe  erlangtes  sicheres  practisches  Krgebniss.
Sorghum  gehört  zur  Familie  der  Gramineen  und  ist  eine
irseartige  Halmpflanze,  von  deren  vielen  Abarten  das  Sorghum
sacharatum  einen  sehr  zuckerhaltigen  Saft  besitzt.  Es  ist  eine
einjährige  Pflanze,  mit  3  Fuss  langen  und  über  2  Zoll  breiten,
P  (l^n  Mittelnerv  hin  weissen  Blättern  und  dicht  gedrängtem
olüthenstand,  und  wird  bis  zu  15  Fuss  hoch.
Die  Sorghumpflanze  wurde  zuerst  vor  ungefähr  vierzig
Jahren  aus  China,  wo  sie  in  erheblichem  Mass  seit  Jahr-^usenden
  angebaut  wird,  nach  den  Vereinigten  Staaten  gebracht
|iud  da  sie  sich,  und  ebenso  einige  aus  Süd  -  Afrika  eingeu
  rte  Arten  derselben  hamilie  schnell  acclimatisirte  und  fast
^u  jedem  Boden  und  jeder  Breite  wohl  gedieh,  in  denen  Mais
Ortkommt,  so  hegte  man  damals  grosse  Hoffnung,  dass  ihr
nbau  die  Vereinigten  Staaten  in  den  Stand  setzen  würde,
.  Zucker,  den  sie  brauchen,  selbst  zu  erzeugen,  und  die
iGsigen  Summen,  welche  jetzt  an  das  zuckerproducirende
-Ausland  bezahlt  werden,  im  Lande  zu  behalten.
Was  jetzt  sich  zu  erfüllen  im  Begriff  steht,  erwies  sich
^•nials  als  verfrüht.  Fast  jeder  Farmer  Hess  sich  von  dem
l'om  Patentamt  freigebig  verschenkten  Samen  kommen,  und
Stellte  ein  kleines  Stück  seines  Landes  mit  Sorghum.  Und
K^dieh  prächtig,  gab  eine  Menge  süssen  Saftes  und  zahlentstanden
  kleine  Zuckermühlen,  in  denen  die  Farmer
!■  Sorghum  gemeinschaftlich  auspressten,  und  aus  dem  Saft
22
        <pb n="352" />
        338

Zucker  herzustellen  versuchten.  Leider  blieb  es  bei  den  Versuchen. ­
  Wenn  auch  hie  und  da  einmal  sich  aus  dem  hergestellten
  Syrup  Zucker  in  krystallisirter  Form  ausschied,  so
geschah  das  so  selten  und  in  so  winzigem  Massstabe,  dass
höchstens  der  Beweis  geliefert  wurde,  es  sei  krystallisirter
Zucker  im  Sorghumsaft  vorhanden,  aber  das  Mittel,  die  Krystallisirung
  herbeizuführen,  blieb  unentdeckt.  Dazu  kam,  d^
der  verdickte  Saft  auch  nach  der  Reinigung  bei  aller  Süssig*
keit  einen  unangenehm  ranzigen  Geschmack  von  so  besonderer
Eigenthümlichkeit  beibehielt,  dass  man  dafür  die  besondere
Bezeichnung  „Sorghum  Twang"  erfand.
In  Folge  davon  erkaltete  das  Interesse,  das  die  ackerbautreibende ­
  Bevölkerung  am  Sorghum  genommen,  sehr  schnell-Nur
  einige  Leute,  die  es  vermochten,  sich  über  den  unangenehmen ­
  Geschmack  hinwegzusetzen,  und  das  billige  Mittel
zum  Süssen  nicht  entbehren  wollten,  bauten  noch  genügend
für  den  Hausbedarf.  Und  einige  intelligente  Leute  fuhren
fort,  mit  der  Pflanze  zu  experimentiren  und  es  gelang  ihnen,
durch  Kreuzung  der  Arten  Sorghumpflanzen  zu  ziehen,  die
sich  nicht  nur  von  jeder  andern  Art  durch  Zuckerreichthum
auszeichnen,  sondern  auch  den  besonderen  Vorzug  haben,
sehr  schnell  zu  reifen,  weshalb  man  ihnen  die  Namen  „Early
Amber“  und  „Early  Orange“  beilegte.  Aber  von  einem  Anbau
und  einer  Syrupfabrikation  für  den  Verkauf  war  keine  Red^

mehr.
Dem  früheren  Ackerbau-Commissar,  Herrn  Le  Duc,  g®'
bührt,  wie  gesagt,  das  Verdienst,  zu  den  jetzt  mit  Erfolg  gekrönten
Versuchen,  aus  dem  Sorghum-Safte  krystallisirten  Zucker  her
zustellen,  den  Anstoss  gegeben  zu  haben.  Auf  seine  An
Ordnung  hin  unternahm  der  Professor  Collyer  eingehende  Ver
suche,  welche  über  jeden  Zweifel  feststellten,  dass  der  Sa  ^
krystallisirten  Zucker  in  grosser  Menge  enthalte.  P'ast  zU
gleicher  Zeit  kam  aus  Minnesota  die  Nachricht,  dass  es  einig^^
Sorghum  -  Pflanzern  dort  unerwarteter  Weise  gelungen  sei,
einen  grossen  Theil  des  im  Safte  enthaltenen  Zuckers  in  kry
stallisirter  Form  abzuscheiden.
vnn  Neuem  das  schlummernde  Interesse
        <pb n="353" />
        339

Die  alten  Sorghumpflanzer  hielten  Convente  ab,  auf  denen
sie  ihre  Erfahrungen  erzählten,  aber  diese  liefen  sämmtHch
arauf  hinaus,  dass,  wenn  auch  zuweilen  eine  Krystallisation
stattfinde,  sie  in  der  grossen  Mehrzahl  der  Fälle  ausbleibe  und
Sich  durch  kein  bekanntes  Mittel  bewirken  lasse.
Endlich  ist  dieses  dennoch  gefunden,  und  zwar  wie  es  so
aufig^  geschieht,  fast  zu  gleich  von  verschiedener  Seite,
le  Rio  Grande  Compagnie  in  New-Jersey  stellt  schon  seit
einiger  Zeit  Krystallzucker  aus  Sorghum  her,  und  jetzt  haben
'lie  obengenannten  Professoren  Weber  und  Scoville  nach
.  _  Verfahren,  das  sie  sich  Ende  vorigen  Jahres  paten-^ten
  hessen,  einen  Erfolg  erreicht,  der  den  jener  völlig  in  den
c  atten  stellt.  Sie  haben  durch  Bepflanzung  von  250  Ackern
^it  Sorghum  und  fabrikmässige  Umwandlung  des  erzielten
tes  in  Krystallzucker  und  Syrup  nicht  nur  den  Beweis  gec
  ert,  dass  eine  solche  Umwandlung  sicher  zu  erreichen,  sonern
  auch,  dass  der  Sorghum-Bau  ein  in  hohem  Grade  einträglicher ­
  ist.
Die  250  Acker,  von  denen  200  durch  sie  selbst  und  50
urch  Farmer  der  Umgegend  meist  mit  den  Arten  Early
j  tind  Early  Orange  angepflanzt  waren,  haben  10  bis
2  onnen  Pflanzen  vom  Acker  ergeben  und  das  Gesammtzeugniss
  wird  sich  auf  125.000  Pfund  Zucker  und  22.500  Gal-^
  cn  Syrup  stellen.  Und  das  obgleich  in  Folge  der  anhalend
  kühlen  Witterung  dieses  Sommers  der  Zuckergehalt  um
5  Prozent  geringer  war,  als  gewöhnlich.  Die  Wholesale-Q,
  von  Chicago  haben  den  Werth  des  Zuckers  auf  8*/«  ■
nts  per  Pfund  in  Wagenladungen  und  den  des  Syrups  auf
bis  44  Cents  per  Gallone  angesetzt.  Der  Werth  des  gewonnenen ­
  Zuckers  und  Syrups  beträgt  demnach  19.000  Doll.,
j.  durchschnittlich  76  Dollars  per  Acker.  Für  den  ge-^
  ^rten  Sorghum  wurde  in  der  Mühle  2.50  Dollars  per
^  onne  bezahlt;  was,  da  12  Tonnen  als  eine  Durchschnittsernte
gesehen  werden,  30  Dollars  vom  Acker  für  den  Farmer
^giebt,  und  das  ausschliesslich  des  Samens,  dessen  Werth  die
^  Grande  -  Compagnie  in  New-Jersey  auf  13  Dollars  per
or  schätzt.  Es  lässt  sich  daraus  noch  Gincose  bereiten.
22*
        <pb n="354" />
        340

Eine  genaue  Rechnung  wurde  über  den  Ertrag  von  12*  a
Ackern  Orange-Sorghum  geführt,  der  für  sich  verarbeitet  wurde-Sie
  stellt  sich  folgendermassen  :
Erzeugniss:
9600  Pfd.  Zucker  zu  8  Cents  ....  768.00  Dollars.
1450  Gail.  Molasses  zu  40  Cents  .  .  580.00  »
Zusammen  1348.00  Dollars.
Ausgaben:
Einschliesslich  390.62  Dollars  für  Sorghum, ­
  Arbeit,  Gehalte,  Brennmaterial,
Zucker-  und  Molassesfasser,  Zinsen  vom
Capital  und  Abnutzung  ....  7H-54  Dollars.
Ertrag  von  12^¡2  Ackern  633.46  Dollars,
oder  vom  Acker  .  .  n
Die  Gesellschaft,  welche  den  Herren  Weber  &amp;amp;  ScoviUe
die  Mittel  zur  Erbauung  der  Zuckermühle  •  gegeben  hat,  er
wartet  in  diesem  Jahre  einen  Profit  von  3000  Dollars  nach
Bezahlung  aller  Betriebskosten  und  Berechnung  von  8  Procent
Zinsen  für  das  aufgewandte  Capital  —  25.000  Dollars.  Selbstverständlich ­
  konnte  bei  den  ersten  Versuchen  lange  nicht
so  sparsam  gearbeitet  werden,  wie  dies  später  möglich  sein
wird.  Und  die  Gesellschaft,  die  für  nächstes  Jahr  für  die  Bestellung ­
  von  1000  Ackern  mit  Sorghum  Contracte  abgeschlossen ­
  hat,  erwartet  im  nächsten  Jahre  einen  bedeuten
höheren  Gewinn.
Das  Verfahren  bei  Herstellung  des  Zuckers  ist  mir  unbe
kannt.
Graf  Denes  Széchényi  in  Ungarn,  Vater  der  beiden  Herren
Grafen  Imre  und  Geza  Széchényi,  welche  mit  mir  in  Amerika
reisten  und  sich  sehr  für  diese  Industrie  interessirten,  will  in*
Jahre  1883  einen  Versuch  mit  Anbau  von  Sorghum  und  Zucker
bereitung  daraus  machen.  Wenn  er  nur  nicht  an  der  Steuer
Schwierigkeit  scheitert!
Wohlmeinende  Conservative  klagen  bei  uns,  dass  der  „a
bäuerliche  Sinn“  bei  uns  schwinde,  geschwunden  sei,  und  ehe
der  nicht  wieder  sich  belebe,  lasse  sich  für  den  Bauer  nichts
thun.  Man  braucht  für  den  Bauer  gar  nichts  zu  thun,  wea*^
        <pb n="355" />
        341

nian  nur  nicht  so  viel  gegen  ihn  thäte!  Hier,  wo  man  ihn
Ungeschoren  lässt,  gewinnt  er  seinen  „altbäuerlichen  Sinn“
Schnell  wieder,  und  der  verschuldete  europäische  Bauer,  der
noch  den  zehnten  Th  eil  des  Werth  es  seines  europäischen
Bauernhofes  hier  herüber  rettet,  wird  damit  hier  in  ein  halb
utzend  Jahren  wieder  ein  wohlhabender  selbstbewusster,  die
irche  besuchender,  durchaus  bäuerlich-ehrbar  lebender  Farnier.
  Als  solche  haben  wir  sechs  Männer  aus  Deutschland
nnd  Oesterreich  -  Ungarn,  ehemals  deutsche  Bauern,  hier,  in
.  sowohl  wie  in  Kansas,  getroffen,  und  das  bestärkt  uns
0  der  Ansicht,  dass  am  Verkommen  des  europäischen  Bauernlandes ­
  nicht  er,  sondern  eine  zweckwidrige  Agrarcsetzgebu
  ng,  Besteuerung  und  Staatsverwaltung
Schuld  sind,  dass  man  den  Bauernstand  also  bei  uns  „retten“
ann,  wenn  man  besser  verwaltet  und  bessere  Gesetze  macht,
ier  also  muss  die  Reform  einsetzen,  nicht  beim  Bauer,  der
Besser  ist  als  wir.
Von  Gnadenau  hatten  wir  noch  einen  weiten  Weg  nach
cwton  zu  machen,  das  wir  erst  nach  Einbruch  der  Dunkel-Beit
  erreichten.  In  der  Ferne  blitzte  es,  die  Nacht  war  milde
^nd  still  auf  der  Prairie,  von  der  sich  nur  hie  und  da  die
aumumhegte  Niederlassung  eines  Deutschen  beim  Leuchten
Blitzes  abhob.

,  9"  Juni  erreichten  wir  per  Bahn  Ellinwood  und  belegen ­
  sofort  die  Wagen,  um  eine  nördlich  davon  gelegene
lederlassung  von  Böhmen  und  Mährern  zu  besuchen.  Die
feisten  derselben  kamen  aus  der  Gegend  von  Trübau  vor
''»er  bis  fünf  Jahren,  erhielten  aber,  beständig  Zuzug.  Den  Tag
Unserem  Besuche  waren  einige  50  Personen  hier  einge-*‘offen,
  d«e  wir  als  Gäste  zerstreut  auf  den  von  uns  besuch-Höfen
  fanden.
Bevor  wir  diese  Ansiedlung  erreichten,  passirten  wir  durch
solche  von  Rheinländern,  die,  etwa  1000  Seelen  stark,
Anzahl  Farmen  gegründet  haben.  Wir  besuchten  eine
8^*‘össere  von  1000  Acres,  deren  Besitzer  leider  abwesend  war
nd  die  sich  durch  treffliche  Gebäude  auszeichnete.  Eine
cheuer  diente  im  unteren  Geschosse  als  Viehstall  und  zeigte
        <pb n="356" />
        342

manche  practische,  Arbeit  sparende  Einrichtung  für  Hantirung
bei  Fütterung  und  Tränke.  Die  Gemeinde  hatte  sich  eine  stattliche ­
  Kirche  und  Schule  gebaut  und  erfreut  sich  grossen  Wohl*
Standes.  Die  Aecker  waren  rein  von  Unkraut;  der  Dünger
wurde  regelmässig  abgefahren,  das  Getreide  stand  dicht  und
die  Kühe  waren  von  edler  Race  und  wohlgenährt.
Die  böhmischen  Farmen  zeigten  einen  merkwürdigen  Gegensatz ­
  gegen  die  der  Rheinländer:  der  Acker  war  vortrefflich
bestellt,  vollkommen  rein  von  Unkraut,  gut  gedüngt,  natürlich
erst  stellenweise.  Wir  fanden  Klee  und  Futterkräuter  angesäet.
  Das  Vieh  war  ausgezeichnet.  Nicht  nur  Ställe,  sondern
sogar  Granarien  fanden  wir.  Aber  das  Haus  war  klein  und
äusserst  unsauber;  so  waren  auch  die  Leute.  Die  Frauen
gingen  barfuss,  die  Kinder  auch,  und  ihre  Wäsche  schien  niemals ­
  mit  Wasser  in  Berührung  gekommen  zu  sein;  auch  arbeiten ­
  die  Frauen  auf  dem  Felde.  Die  Amerikaner  gehen  diesen
Ansiedlern,  ihrer  Unsauberkeit  und  der  Frauenfeldarbeit  wegen,
voll  Widerwillen  aus  dem  Wege,  anerkennen  aber,  dass  sie
noch  schneller  Geld  machen  als  selbst  die  Deutschen,  und  dass
sie  ihre  Besitzungen  durch  Ackerankäufe  von  Jahr  zu  Jahr
vergrössern.
Auf  einer  solchen  Farm  speisten  wir  Milch  und  Brod.
Der  Besitzer  hatte  vor  vier  Jahren  320  Acres  nebst  Haus  und
etwas  Vieh,  ein  Theil  schon  bestellt  und  angesäet,  um  2300
Dollars  gekauft,  jetzt  aber  schon  80  Acres  Eisenbahnland  dazu
gekauft.  Unser  Führer,  Herr  Ott,  meinte,  heute  sei  die  Farm
für  6000  Dollars  nicht  zu  haben.
Allgemein  hörten  wir  in  New-York,  in  Texas  und  hier,
dass  die  Böhmen,  weil  sie  so  wenig  für  ihren  Unterhalt  verbrauchen, ­
  schnell  wohlhabend  in  Amerika  werden.  Die  fünfzig
neuen  Ankömmlinge  fanden  zunächst  Obdach  und  Arbeit  auf
den  Höfen  der  alten  Ansiedler,  brachten  aber  alle  Geld  md*
denken  sich  noch  in  diesem  Jahre  anzukaufen  und  stelh^u
weiteren  Zuzug  aus  der  Heimath  in  Aussicht.
Ein  anderer  Deutschböhme  aus  derselben  Gegend,  Herr
Jänisch,  hatte  bei  Trübau  59  Joch  mittelmässigen  Boden  nebst
Baulichkeiten  um  19.000  fl.  vor  einem  Jahre  verkauft  und
        <pb n="357" />
        343

hier  einem  amerikanischen  Farmer  für  2.200  Dollars  eine  Farm
Von  160  Acres  mit  Gebäuden  und  10  Haupt  Rindvieh  abgekauft, ­
  wozu  er  noch  denselben  Umfang  von  Prairieboden
5'/2  Dollars  per  Acre  von  der  Eisenbahn  erworben  hatte.
Er,  sowie  alle  anderen  Böhmen,  die  wir  sprachen,  wohl  über
zwanzig  Mann,  waren  sehr  zufrieden  mit  ihrem  Schicksale  und
zogen  jährlich  mehr  Verwandte  und  Bekannte  herüber.  Jänisch
frohlockte  besonders  darüber,  dass  er  gar  keine  Steuer  zahle.
Als  wir  unser  Erstaunen  darüber  aussprachen,  erklärte  er  uns:
Jedes  Vermögen  unter  200  Dollars  Werth  ist  steuerfrei.  Die
Einschätzung  ist  aber  so  niedrig,  dass  sein  Besitz  von  320  Acres
^  nicht  200  Dollars  Werth  angesprochen  und  er  also  steuerfrei
  geblieben  war.  Dergleichen  kann  freilich  bei  uns  nicht
Passiren!  Man  sieht,  dass  die  amerikanische  Finanzverwaltung
noch  Manches  von  der  europäischen  lernen  kann  —  die
Gtztere  kann  von  der  ersteren  nur  Eines  lernen  und  gemessen  :
^en  Anblick  voller  Staatscassen  und  die  Abwesenheit  des
chronischen  Deficites.
Auf  dem  Rückwege  gelangten  wir  an  eine  Baum-Oase
in  der  Prairie,  die  sich  an  einem  kleinen  Bache  gebildet  hatte
nnd  uns  wohlthuenden  Schatten  zur  Rast  gewährte.  Nahe  der
höhmischen  Niederlassung  erstreckt  sich  viele  Quadratmeilen
'Veit  eine  niedrige  Ebene,  der  Cheyenne  Bottom,  die  zum
Ackerbaue  zu  feucht  ist,  aber  ausgezeichnete  Viehweide  gewährt. ­
  Sie  gehört  zum  grossen  Theile  dem  Zeitungsredacteur
hl  in  New-York,  einem  Deutschen.  Hier  sahen  wir  die  ersten
1‘niriehunde,  die  hamsterartig  in  Höhlen  leben  und  auch  nicht
Viel  größer  als  Hamster,  sehr  possirlich,  neugierig  und
Scheu  sind.  »
Von  hier  aus  passirten  wir  eine  von  Amerikanern  hauptsächlich ­
  angebaute  Gegend,  so  eine  Farm,  die  ein  Seiden-'Veber
  aus  Boston  noch  1873,  die  Seidenweberei  schlecht
gegründet  hatte  und  die  eine  ausnahmsweise  gute  Ackercstellung
  zeigte.  Von  jenen  Handwerkern,  Fabrikarbeitern
Jind  stellenlosen  Commis,  die  in  Folge  des  Kraches  von  1873
rodlos  wurden  und  die  Heimstätten  im  Westen  gründeten,
Sind  die  Meisten  Farmer  geblieben;  es  versteht  sich,  dass  sie
        <pb n="358" />
        344

nicht  gerade  ausgezeichnete  Landwirthe  wurden,  aber  sie
kommen  doch  langsam  aus  den  Schulden  heraus  und  der
Besitz  wächst  im  Werthe.  Einige  jedoch  verkaufen  ihre
Farmen  an  Einwanderer,  welche  eine  einigermassen  eingerichtete ­
  Farm  der  Prairie  vorziehen,  und  gehen  wieder  in  die
Städte  und  Fabriksorte  zurück,  wo  es  vorläufig  hohen  Lohn
giebt  —  bis  der  nächste  Krach  hereingebrochen  sein  wird,
der  —  .verursacht  durch  den  übertriebenen  Eisenbahnbau
nicht  ausbleiben  kann.  Vornehmlich  sind  es  die  Frauen  solcher
ehemaliger  Industrie-Arbeiter,  welche  die  mühevolle  Farmhaushaltung ­
  gerne  mit  dem  dolce  far  niente  der  amerikanischen
Stadtlady  vertauschen.  Die  Mennoniten  und  Böhmen  kaufen
gerne  solche  Farmen  an.
Weiterhin  passirten  wir  auf  der  Heimfahrt  nach  Ellinwood
  die  Wirthschaft  eines  Hannoveraners,  der  vor  fünf
Jahren  nebst  seiner  Frau  und  vier  Kindern  mit  25  Cents  in
der  Tasche  in  Ellin  wood  angekommen  war.  Herr  Stöckel,
ein  deutscher  Mühlenbesitzer  und  Getreidehändler  in  Ellinwood,
der  uns  auf  diesem  Ausfluge  begleitete,  hatte  der  Familie
Wohnung  und  Arbeit  gegeben.  Dann  hatte  der  Mann
160  Acres  Regierungsprairie  als  Homestead  aufgenommen,
sich  ein  sehr  bescheidenes  Haus  gebaut  und  zu  farmen  begonnen. ­
  Er  arbeitete  abwechselnd  auf  seiner  Farm  und  dann
bei  anderen  Leuten,  um  für  die  Familie  Rrod  zu  erwerben,
that  das  auch  in  diesem  Jahre  noch.  Seine  Kinder  konnten
noch  nicht  viel  helfen,  da  sie  klein  sind,  aber  seine  Frau  ist
sehr  arbeitsam,  wie  wir  an  dem  grossen,  wohlgepflegten  Garten
mit  allerhand  Gemüsen  sehen  konnten,  und  so  hat  er  gegen
100  Acres  únter  den  Pflug  gebracht  und  eine  Farm  gcschaffeUf
die  heute  ihre  2000  Dollars  werth  ist.  Seitdem  es  keine
Homesteads  mehr  auf  gutem  Boden  giebt,  ist  es  für  den  ganz
capitallosen  Mann  freilich  nicht  mehr  möglich,  auf  diese  Weise
zu  einer  Selbstständigkeit  zu  gelangen,  wenigstens  in  Kansas
nicht.
Dicht  vor  Ellinwood  fanden  wir  eine  Farm,  die  Herrn
Stöckel  gehörte,  von  ihm  vor  einigen  Jahren  für  2000  Dollars
gekauft  und  an  einen  Wirthschaftsinspector  aus  dem  Mägde-
        <pb n="359" />
        345

burgischen  zum  dritten  Theil  der  Ernte  —  verpachtet  war.
Sie  brachte  Herrn  Stöckel  jetzt  jährlich  ca.  400  Dollars  ein,
Pächter  machte  aber  keine  guten  Geschäfte,  da  er  nicht
Arbeit  gewöhnt  war  und  fast  alle  Arbeit  von  Lohnarbeitern
'errichten  Hess.  Bei  Ellinwood  ist  noch  sehr  guter  Ackerboden
und  soll  auch  die  Regenmenge  noch  zum  Ackerbau  genügen.
Oestlich  davon  aber  wird  der  Regen  selten  und  damit  der
Hanzenwuchs  sparsamer,  kärglicher.  Natürlich  konnte  auch
'venig  Humus  hier  entstehen,  und  so  ist  denn  der  Boden
'veiss,  sieht  fast  salpetrig  aus.  Das  blaue,  saftige  Gras  verschwindet ­
  gänzlich  und  macht  dem  kleinen  Büffelgrase  Platz,
uas  jedoch  äusserst  nahrhaft  ist.
Hier  gelangen  wir  also  in  jene  grosse  Weideregion,  die
Sich  bis  an’s  Felsengebirge  erstreckt  und  in  welcher  Acker-’
bau  nur  bei  künstlicher  Bodenbewässerung  möglich  ist.
Dieselbe  ist  in  Colorado  und  Neu-Mexico  sehr  verbreitet,
^  lein  wir  wollten  ihre  Anfänge  in  der  Westprairie  von  Kansas
sehen  und  machten  deshalb  auf  der  Station  Garden-City  Halt,
aie  drei  Stationen  westlich  von  Dodge-City,  einem  Hauptrairieviehmarkt,
  liegt.  Von  hier  aus  unternahmen  die  anderen
anf  Herren  am  9.  einen  sehr  interessanten  Jagdausflug  auf
Antilopen  und  wilde  Pferde  in  die  Prairie  hinein,  an  dem  ich
o^ich,  noch  immer  an  den  Folgen  der  Operation  in  Neu-Braun-^
  leidend,  leider  nicht  betheiligen  konnte.  Ich  besah
inzwischen  die  künstliche  Irrigation.
Diese  ist  äusserst  einfach:  Vom  Arkansasflusse  war  in
östlicher  Richtung,  wie  die  Prairie  ab  fallt,  ein  vier  Fuss
^fer  und  ca.  20  Fuss  breiter  Hauptgraben  abgezweigt,  der  sechs
eilen  lang  ist  und  von  dem  die  Zuleitungsgräben  senkrecht
ich  abzv  eigen.  Zwischen  diesen  liegen  die  zu  berieselnden
®lder.  Bis  Mitte  Juni,  oft  länger,  hat.  der  Arkansas  hier

^er  genug,  um  die  Felder  genügend  zu  bewässern.  Der

W
~  o  01  —“  -  ucwciaaci  II.
raben  ist  von  einem  Privatmanne  hergestellt,  dem  die  An
^ohner  jährlich  einen  Dollar  per  Acre  fiir  das  Wasser  zahlet
*^üssen.  Dieses  enthält  röthliche  P'elsabschwemmungen,  die
piinger  wirken.  Hafer,  Kartoffeln,  Weizen  und  Futter
ßcwächse  wachsen  in  üppiger  Fülle  auf  den  so  bewässerten
        <pb n="360" />
        346

Grundstücken.  Weiter  aufwärts  hat  am  Arkansas  eine  englische ­
  Compagnie  viel  Land  gekauft  und  beabsichtigt  eine
grossartige  Bewässerungsanlage  dort  herzustellen,  wie  es  andere
englische  Compagnien,  die  dauernd  hohe  Dividenden  bringen,
in  Colorado  gethan  haben.  Im  Kleinen  sahen  wir  derartige
künstliche  Bewässerungen  von  hier  ab  bald  fast  an  jeder
Stadt  und  Station,  ganz  regelmässig  so  von  Pueblo  ab,  wo
wir  am  lo.  Juni  Mittags  ankamen,  um  einen  viertägigen  Ausflug ­
  nach  Bad  Manitu,  am  Fusse  des  Pikes  Peak,  zu  machen.
Am  Abende  des  lo.  Juni  erreichten  wir  diesen  prachtvoll
am  Fusse  des  hohen  Gebirges  gelegenen  Ort.
lieber  den  Staat  Kansas,  nach  welchem  eine  so  starke
Auswanderung  von  Deutschland  und  Oesterreich  stattfindet,
muss  ich  noch  Einiges  sagen,  sowie  über  jene  Ackerbauzone,
zu  der  er  gehört.
Was  ist  der  „ferne  West“,  von  dem  wir  seit  vier  bis  fünf  Jahren
in  Europa  fortwährnd  als  von  jenem  ökonomischen  Factor
reden  hören,  dessen  enorme  und  billige  Getreideproduction
die  europäischen  socialen  Verhältnisse,  sofern  sie  noch  auf
dem  Grundbesitze  und  der  Vertheilung  desselben  beruhen,
mit  einer  vollständigen  Umwälzung  bedroht?  Was  ist  dieser
„ferne  West“,  wie  ist  er,  und  ist  er  der  einzige  Concurrent,
dessen  Productionsbedingungen  wir  uns,  soweit  dies  durch
Menschenwerk  geschehen  kann,  aneignen  müssen,  wollen  wir
nicht  von  ihm  ruinirt  werden;  oder  werden  noch  andere  Con
currenten  bald  auf  dem  Weltmärkte  erscheinen,  die  mit  Steuern
und  Zinsen  der  Grundschuld  belasteten  Grundbesitzer  Aheuropas
  unterbietend?
Es  ist  jene  grosse  Ebene,  welche  im  Osten  vom  Mississippi, ­
  im  Norden  durch  jene  niedrige  Hügelkette,  welche  die
Wasserscheide  zwischen  dem  Golf  von  Mexiko  und  der  Hudsons-Bai ­
  —  in  Minnesota  und  Dakota  —  bildet,  im  Westen
durch  das  Felsengebirge  in  Wyoming  und  Colorado,  im  Süden
durch  das  Hochplateau  von  Nordwest-Texas,  den  Llanos
Estacados,  und  dessen  Ausläufer,  die  sich  durch  das  Indianer-Territorium
  bis  Arkansas  hinziehen  und  von  hier  sich  nor
        <pb n="361" />
        347

östlich  bis  fast  nach  St.  Louis  erstrecken,  jenem  Punkte,  an
dem  der  Missouri  sich  in  den  Mississippi  ergiesst,  begrenzt  wird.
Oestlich  stösst  an  diese  Ebene  eine  andere,  welche  schon
zwanzig  Jahre,  und  in  ihrem  östlichen  Theile  länger,  in  Cultur
genommen  ist,  die  Staaten  Illinois,  Indiana,  Ohio,  Michigan
und  Wisconsin  umfasst  und  von  dem  Systeme  der  nordatlantischen ­
  Minen-,  Fabriks-  und  Handelsstaaten  durch  die  Alleghanys
getrennt  wird.  In  dieser  Weizen-  und  Maisebene  ist  der  Acre
Fand  schon  25  Doll.,  in  den  ostatlantischen  Staaten  50  Doll.
Werth  und  nicht  im  Stande,  Europa  durch  billige  Producte
allzu  gefährlich  zu  werden.  Die  Getreideproduction  dieser
Mittelstaaten  hat  im  letzten  Decennium  am  meisten  zu  der
grossartigen  Ausfuhr  Amerikas  beigetragen,  da  sie  sich  in
dieser  Zeit  sehr  steigerte.  Während  die  Getreideproduction
von  1850  bis  i860  sich  nur  um  drei  Percent,  von  i860  bis
1870  schon  um  12  Percent  steigerte,  betrug  die  Steigerung
Von  1870  bis  1880,  als  jene  Mittelstaaten  zur  vollen  Entfaltung
kamen,  rund  100  Percent!  Hieraus  kann  man  auf  die  Steigerung ­
  schliessen,  welche  die  Production  durch  das  Eintreten
des  „fernen  West“  erfahren  wird.  Mais  ist  von  1870  bis  1880
*33  Percent  mehr  producir!  worden;  Illinois  allein  steigerte
die  Production  von  130  auf  326  Millionen  Bushels.  Weizen
gewann  73  Percent  in  dieser  Dekade.  Sieben  Zehntel  davon
Wurden  1880  in  den  neun  Staaten  Illinois,  Indiana,  Ohio,  Michigan, ­
  Minnesota,  Jowa,  Wisconsin  und  Missouri  erzeugt.
Südlich  von  dem  Hochplateau,  das  vom  Einflüsse  des
ecos  in  den  Rio  Grande  sich  fast  in  gerader  Linie  nach  Little
Pock  ara  Arkansas  hinzieht  und  nördlich  im  Allgemeinen  vom
Arkansas  begrenzt  wird,  dacht  sich  das  Land  zu  einer  zweiten
Pruchtebene  ab,  die  am  Golf  fast  dessen  Niveau  und  eine
fabelhafte  Fruchtbarkeit  erreicht,  mit  zunehmender  Fruchtbarkeit
  aber  auch  zunehmend  ungesund  wird.  Diese  südliche
Pbene  wird  zur  Zeit  erst  mit  Ernst  besiedelt  und  in  Anbau
genommen  und  liefert  noch  fast  keine  Cerealien  für  den  Export,
^nn  dies  aber  ebenso  gut  thun,  wie  es  Egypten  seit  der
Pegierung  Ismael  Paschas  thut.  Nebenbei  sei  bemerkt,  dass
*i*ese  südliche  Ebene  Boden  und  Klima  hat  wie  Egypten  und
        <pb n="362" />
        Algier,  in  einigen  Theilen  so  gemässigt  wie  die"  gebirgigen
Theile  von  Italien  und  Griechenland.  Sie  hat  durchaus  einen
südlichen  Charakter.
Ganz  in  derselben  Lage,  was  Productionsentwickelung  anlangt, ­
  ist  die  grosse  nördliche  Ebene  von  Nordwest-Canada,
die  nördlich  der  Wasserscheide  zwischen  dem  Mississippiflusse
und  dem  Red  River  of  the  North  sich  in  einer  Ausdehnung
erstreckt,  welche  jener  von  ganz  Centraleuropa  gleichkommt.
Am  20.  Juni  1881  kam  ein  Telegramm  von  London  in  Amerika
an,  wonach  die  erste  Ladung  Weizen,  welche  je  von  Manitoba
der  Centralprovinz  des  westlichen  Canada  —  nach  Europa
gelangte,  in  Liverpool  von  der  Kornbörse  für  besser  erklärt
und  ein  Drittelpercent  höher  bezahlt  wurde,  als  der  beste  californische
  Weizen.  Wir  haben  diese  Ebene  gesehen  und  uns
durch  Studium  an  Ort  und  Stelle  überzeugt,  dass  dort  mit
Erfolg  und  billig  grosse  Massen  von  Getreide  producirt  werden
können.  Sie  hat  einen  entschieden  nördlichen  Charakter,  der
etwa  jenem  in  den  preussischen  Provinzen  Ost-  und  Westpreussen
  und  den  russischen  Ostseeprovinzen,  in  nördlichen
Theilen  jenem  von  Schweden  und  Norwegen  entsprechen
dürfte.  Alle  jene  europäischen  Länder  aber  haben  Ackerbau
und  exportiren  zum  Theile.
Westlich  der  Felsengebirge  sind  es  verhältnissmässig  kleinere ­
  Thäler  in  Californien,  Oregon,  Washington,  Britisch-Columbien
  und  Vancouvers-lsland,  deren  Capacität,  viel  und
guten  Weizen  billig  zu  produciren,  ausser  Zweifel  steht.  Wir
haben  dort  festgestellt,  um  wie  viel  der  Transport  des  Getreides ­
  von  hier  nach  Europa  durch  die  nunmehr  sehr  wahrscheinliche ­
  Herstellung  einer  Schifffahrtsstrasse  über  die  Landenge ­
  zwischen  Nord-  und  Südamerika  billiger  werden  dürfte-Neuerlich
  wird  gemeldet,  dass  der  Getreidebau  in  Alaska  mit
Erfolg  unternommen  sei.  Möglich;  aber  vorläufig  werden  wir
Alaska  noch  ausser  Rechnung  lassen  können.
Der  „ferne  West“  ist  also  nur  der  Vorläufer  noch  anderer
Concurrenten,  die  wir  in  Amerika  haben  und  die  im  Begriffe
sind,  sich  mit  ihm  in  der  Niederconcurrirung  der  europäischen
Landwirthschaft  zu  vereinigen.  Allein  er  ist  es,  dessen  Pro-
        <pb n="363" />
        349

duction  bereits  die  englische  Grundrente  um  15  bis  25  Percent
reducirt  und  dieses  Land  in  die  Anfänge  der  socialen  Revolution ­
  gestürzt  hat.  Diese  Ebene  liegt  zwischen  dem  37.  und
47"  Grade  nördlicher  Breite.  In  Europa  liegen  Granada,
Syrakus,  Messene  und  Naxos  etwa  unter  dem  37.  Grade,  und
Grosswardein,  Graz,  Brixen,  Bern  unter  dem  47.  Grade.  Das
Klima  Amerikas  ist  aber  hier,  im  Innern  des  grossen  Continentes, ­
  kälter  als  in  den  gleichen  Breiten  Europas.  Es  mag
in  dem  „fernen  West“  von  jenem  der  lombardischen  Ebene
(Kansas),  bis  zu  jenem  der  baltischen  Ebene  (Hannover  und
Nordpreussen)  hin  abgehen  und  dürfte  der  „ferne  West“  auch
alle  Producte  dieses  Theiles  von  Europa  hervorzubringen  im
Stande  sein.
Von  diesem  interessanten  Lande  haben  wir  zuerst  den
südlichsten,  schönsten  und  dem  Ackerbau  günstigsten  Theil,
die  Fruchtebene  von  Kansas,  gesehen.
Diese  Ebene  trägt  durchweg  denselben  Charakter.  Sie
dacht  sich  von  Westen  nach  Osten  ab.  Die  Höhe  beträgt  im
äussersten  Westen  von  Kansas  circa  3500  Fuss  und  im  Osten
800  Fuss,  875  Fuss  bei  Lawrence  am  Kansas,  wo  sich  eine
nieteorologische  Station  befindet,  803  Fuss  bei  Atchinson  am
Missouri.  Der  Boden  der  ganzen  Ebene,  die  ich  als  den
nfernen  West“  bezeichnet  habe,  also  nicht  blos  von  Kansas,
dürfte  in  den  Staaten  Jowa,  Nebraska,  die  im  Norden  auf
Kansas  —  in  derselben  geographischen  Länge  —  folgen,  und
*n  den  nördlichsten,  Minnesota,  Dakota,  derselbe  sein  wie  in
Kansas,  wo  der  Untergrund  Thon  ist,  welcher  von  Osten  nach
Westen  sandiger  und  damit  durchlässiger  wird.  Der  Obergrund ­
  ist  ein  sandiger  Lehm,  der  im  Osten  durch  Humus  intensiv ­
  schwarz  gefärbt  ist.  Die  Tiefe  und  Intensivität  dieses
Humuszusatzes  nimmt  von  Osten  nach  Westen  ab  und  verschwindet ­
  gegen  die  Grenze  von  Colorado  gänzlich,  mit  Ausnahme ­
  der  in  diesen  westlichen  Theilen  liegenden  Mulden,  in
denen  Abschwemmungen  und  Wasser  Vegetation  und  also
Humus  bildeten,  welcher  nunmehr  hier  eine  Ausnützung  durch
Ackerbau  —  Bewässerung  vorausgesetzt  —  ermöglicht.  Sie
dürfte  in  dieser  ganzen  von  sieben  Staaten  ausgefullten  Ebene
        <pb n="364" />
        350

I*.  .  Il

von  Süden  nach  Norden  zunehmen.  Dieser  Humus  ist  das
Resultat  der  Zersetzung  des  Bodens  durch  jene  Pflanzen,  welche
jahrtausendelang  auf  ihm  wuchsen,  von  wilden  Thieren  nur
spärlich  abgeweidet  wurden  und  mit  dem  Dünger,  den  Knochenund
  Verwesungsproducten  dieser  wilden  Thiere  wieder  der
Erde  zurückgegeben  wurden;  in  dem  der  Humus  als  leicht
aufzunehmende  Pflanzennahrung  existirt  und  den  Anbau  des
Bodens  ohne  Dung  auf  einen  mit  seiner  Intensivität  wachsenden ­
  Zeitraum  gestattet.  Er  ersetzt  den  Dung,  ist  aber  nicht
unerschöpflich.  Nach  längerem  oder  kürzerem  Anbau  wirkt
Dünger  erfahrungsmässig  und  wird  dann  in  der  Regel  von
Deutschen  oft  schon  bevor  es  nöthig  ist  angewendet.  Da  der
Untergrund  fast  überall  derselbe  ist,  so  hat  allein  der  Betrag
von  Feuchtigkeit,  die  auf  den  Boden  fiel,  und  dessen  Fähigkeit, ­
  sie  zurückzuhalten,  die  Mächtigkeit  dieser  Humusbildung
beeinflusst.
In  den  nördlichen  Staaten  der  von  mir  als  „ferner  West“
bezeichneten  Ebene  ist  der  Winter  verhältnissmässig  lang,
fällt  viel  Schnee,  gefriert  der  Boden  und  ist  im  Frühjahre  der
langsam  aufthauende  Untergrund  ein  Feuchtigkeitsreservoir  für
lange  Zeit.  Diese  Winterfeuchtigkeit  ist  geringer  in  Kansas.  Sie
beförderte  den  Pflanzenwuchs  in  den  nördlichen  Staaten  dieser
Gruppe  und  erzeugte  daselbst  eine  reichliche  Humusschicht.
Kansas  dagegen  bezieht  seine  Feuchtigkeit  aus  dem  Regen.
In  den  13  Jahren  von  1868  bis  1880  betrug  durchschnittlich
zu  Lawrence  der  jährliche  Schneefall  nur  20*43,  ^^r  Regenfall
34*83  Zoll;  ersterer  schwankte  von  5  Zoll  in  1875  bis  43  Zoll
in  1874,  letzterer  von  28*87  Zoll  in  1874  und  1875  bis  44*18  Zoll
in  1876.
Im  Jahre  1880  betrug  im  October  der  Regenfall  2*73  Zoll,
im  November  2*24  Zoll,  dazu  Schnee  2*5  Zoll,  im  December
Regen  0*43  Zoll,  Schnee  1*5  Zoll,  im  Januar  Regen  1*8  Zoll,
im  Februar  0*73  Zoll,  im  März  2*03  Zoll,  dazu  Schnee  3  Zoll,
im  April  Regen  1*75  Zoll,  im  Mai  4*11  Zoll,  im  Juni  4*1  Zoll,
im  Juli  2*34  Zoll,  im  August  7*93  Zoll,  im  September  2*46  Zoll-Im
  Jahre  1878  betrug  der  Regenfall  38*39  Zoll,  in  den
Monaten  Januar  bis  December  respective  3*05,  2*86,  2*67,  5*4^^'
        <pb n="365" />
        351

5'66,  5-67,  4*30,  2*22,  2-51,  0*44,  1*55,  1-98  Zoll,  inclusive  dem
auf  Regen  reducirten  Schnee.  Ebenso  betrug  die  Gesammtfeuchtigkeit
  im  Jahre  1879  32*68  Zoll,  in  den  laufenden  Monaten
respective  0  37,  0  41,  0  37,  4*18,  i  6,  7*14,  3*66,  1*03,  3*57,
5**5»  2*39  Zoll.  In  der  Union,  mit  Ausnahme  von  Alaska,
beträgt  der  jährliche  Regenfall  durchschnittlich  nur  29  Zoll.
Der  Regen  kommt  durch  Süd-  und  Südostwinde  im  Sommer
Vom  Golf  von  Mexiko.  Die  im  Winter  vorwiegenden  Winde
kommen  aus  Nord  und  Nordost  und  sind  trocken.
Der  Niederschlag  nimmt  von  Osten  nach  Westen  so  ab,
dass  er  in  Ostkansas  (Lawrence)  ein  Drittel  grösser  ist  als  in
Westkansas,  und  ein  Fünftel  grösser  als  in  Centralkansas.  Je
Weiter  nach  Westen,  desto  besser  ist  jedoch  der  Boden  von
der  Natur  drainirt,  weil  der  Untergrund  poröser  wird,  und  so
hält  sich  die  Feuchtigkeit  länger,  sie  läuft  nicht  ab,  sie  sickert
in  den  Untergrund  und  bietet  so  der  Pflanze  noch  eine  Zeit
lang  Feuchtigkeit  für  die  tiefgehenden  Wurzeln.  Abschwemniungen
  aus  dem  Felsengebirge  bilden  den  Boden  bis  zum
Mississippi.  Je  näher  dem  Gebirge,  desto  grobkörniger,  also
durchlässiger  ist  diese  abgeschwemmte  Masse;  je  näher  dem
Mississippi-Thale,  desto  feinkörniger,  also  auch  undurchlässiger
wird  hier  der  Boden,  desto  schneller  läuft  Regenwasser  ab
aber  es  regnet  hier  wieder  dafür  mehr  als  im  Westen.
Endlich  hat  man  die  Beobachtung  gemacht,  dass  die
Regenmenge  mit  der  zunehmenden  Cultur  auch  zunimmt.  Die
ganze  Prairie  von  Kansas  war  vor  15  bis  20  Jahren,  ausser
den  Flüssen,  absolut  baumlos  und  natürlich  auch  ohne
Debäude.  Der  Wind  fand  keinen  Widerstand,  wenn  er  über
^le  leicht  wellenförmige,  grasbewachsene  Prairie  wehte,  und
^i’ug  die  Feuchtigkeit  mit  sich  fort,  ohne  sie  einsinken  zu
fassen.  Die  Regierung  von  Kansas  hat  früher  die  Baum-Pflanzung
  durch  Prämiirung,  die  Unionsregierung  dadurch  gefördert, ­
  dass  sie  jedem  Ansiedler,  der  10  Acres  mit  Bäumen
bepflanzt,  160  Acres  umsonst  gibt.  Verständige  Ansiedler,
Namentlich  Deutsche,  pflanzen  rund  um  ihren  Acker  und  um
flle  Höfe  Bäume,  meist  Cottonwood,  eine  Art  Silberpappel,
®der  die  Osage-Orange-Hecke.  Durch  die  Anpflanzungen
        <pb n="366" />
        352

wird  der  eintrocknende  Einfluss  des  Windes  geschwächt,
ein  reichlicher  feuchter  Niederschlag  erzeugt  und  der  Regen
dringt  weiter  nach  Westen  vor,  den  Ackerbau  daselbst
ermöglichend.  Vor  den  Ansiedelungen,  nach  Westen  hin,
sieht  man  diese  Veränderung,  indem  langsam  das  etwa  drei
Zoll  hohe  graue  Büffelgras,  das  alle  trocknen  Prairien  am
Abhange  des  Felsengebirges  auszeichnet,  und  auch  das  etwas
längere  Grammagras  höherem  und  dichterem  blauem  Grase
Platz  macht.  Die  Staatsregierung  von  Kansas  könnte  sich  die
in  manchen  europäischen  Staaten  geltende  Vorsicht  aneignen,
wonach  jeder  Grundbesitzer  gezwungen  ist,  an  den  Wegen,
die  seinen  Besitz  durchschneiden,  Bäume  in  gewissem  Abstande ­
  zu  pflanzen.  Auch  dürfte  man  die  zwar  schnell  wachsende,
aber  den  Boden  rund  umher  aussaugende  und  schlechtes  Holz
liefernde  Pappel  bald  durch  andere  Bäume  ersetzen,  namentlich
durch  die  so  gut  gedeihenden  Obstbäume,  Im  Ganzen  aber
muss  man  sagen,  dass  das  Klima  von  Kansas  mit  dem  Anbau
des  Landes  dem  Ackerbau  günstiger  wird  und  die  Ackerbaugrenze ­
  sich  langsam  nach  Westen  vorschiebt.  Sie  mag  jetzt
in  der  Grenze  von  Dodge  City  liegen.  Darüber  hinaus  nach
Westen  ist  der  Ackerbau  nur  mittelst  künstlicher  Bewässerung
möglich.  Wir  sehen  die  Anfänge  derselben  bei  Garden  City»
400  Meilen  von  Atchinson,  68  Meilen  von  der  Grenze  von
Colorado,  Um  Ellinwood,  260  Meilen  von  Atchinson,  war
der  Ackerbau  noch  ohne  Bew  ässerung  in  blühendem  Zustande.
Der  hundertste  Meridian,  unter  dem  Dodge  City  hegt,
wird  im  Grossen  als  jene  Grenze  bezeichnet  werden  können,
westlich  von  welcher  im  ganzen  „fernen  West“  Ackerbau  nur
mittelst  künstlicher  Bewässerung  möglich  ist.  Der  Boden  ist
hier  überall  fast  zu  reich  an  zersetzten  oder  leicht  zersetzbaren
mineralischen  Bestandtheilen,  so  dass,  wenn  er  bewässert  wird»
er  sicherere  und  reichlichere  Ernten  bringt  als  in  den  mehr
nach  Osten  liegenden  Theilen  dieser  Ebene.  An  einige^
Stellen  haben  wir,  als  Ausnahme,  dürftiges  Getreide  auf  bewässerten ­
  Gründen  gefunden  —  nicht  in  Kansas.  Wir  haben
eine  nicht  genügende  Bodenbeackerung,  seichtes  Pflügen,  seltenes ­
  Pflügen,  wodurch  der  Acker  verunkrautet,  hauptsächlich
        <pb n="367" />
        353

ur  solche  Missernten  verantwortlich  gemacht.  Allein  es  scheint
nicht  unmöglich,  dass  der  Boden  Mangel  an  Stickstoff  bei
eberwiegen  der  löslichen  Alkalien  hat,  den  man  ihm  durch
talldünger,  Jauche,  Guano  oder  Ammoniaksalze  zweckmässig
zusetzen  könnte.
.  künstliche  Bewässerung  ist  in  Kansas  ganz  jung,  sie
jst  älter  in  Colorado  und  seit  unvordenklichen  Zeiten  in  Neu-^exico.
  Californien  und  Arizona  üblich.  Hier  sind  sogar  viele
«ihe  Bewässerungsanlagen  der  Spanier  und  Azteken  bereits
'^erfaUen.  Die  Amerikaner  nehmen  aber  an  vielen  Stellen
solche  Arbeiten  jetzt  in  Angriff  und  haben  meist  gute  Resulate
  davon.  Selbst  die  Indianer  treiben  in  Neu-Mexiko  erfolgcic
  en  Ackerbau  auf  künstlich  bewässertem  Boden.  Es
istiVt  eine  Partei,  welche  die  Anlegung  von  Bewässerungen
ur  Aufgabe  des  Staates  machen  will,  damit  kein  Nachbar
von  dieser  Wohlthat  excludirt,  das  Wasser  nicht  zum  Monopol
^erden  und  nicht  zu  theuer  kommen  kann.  Die  Ebene  von
st-  und  Mittelkansas,  welche  in  Durchschnittsjahren  Regen
genug  hat,  ist  von  äusserster  Fruchtbarkeit.  Wo  indess  die
^  Ackerbau  geeignete  Fläche  von  Kansas  aufhört,  fängt  der
^  Ol  egrund  an,  der  Rindern  und  Schafen  jahrein  jahraus
ahrung  gibt.  Man  rechnet  auf  der  ganzen  Westprairie,  von
^  1er  bis  in  die  Parks  des  Felsengebirges,  bis  zehn  Acres  auf
»n  Haupt  Grossvieh.  Wenn  man  für  etwas  Schutz  im  Winter
etwas  Beifutter  in  grasarmer  Jahreszeit  sorgt,  so  kann
a  natürlich  mehr  Vieh  auf  derselben  Weidefläche  unterhalten. ­

d'  keine  schiffbaren  Flüsse,  aber  zwei  Bahnen,
p.  hnsas-Pacific-Bahn  und  die  Atchinson-Topeka-  und  Santa
n  durchziehen  den  Staat  der  Breite  nach,  fast  von  Osten
Westen,  die  Central-Union-Pacific-Bahn  in  dem  auch  für
Sch  geeigneten  Theile  ebenfalls.  Im  Osten  hat  der  Staat
on  ein  vollkommenes  Netz  von  Bahnen.
^  Fast  alle  diese  Bahnen  finden  ihren  Endpunkt  in  Kansas
y  grossen  Handelsstadt  am  Missouriflusse.  Producte
^  n  Kansas,  soweit  sie  für  den  europäischen  Markt  bestimmt
l’en,  mussten  bisher  circa  1.350  Meilen  per  Bahn  von  Kansas
23
        <pb n="368" />
        354

City  nach  New-York  transportirt  werden.  Jetzt  können  sie  m
Barken  den  Missouri  und  Mississippi  hinab  nach  New-Orleans
gebracht  und  von  dort  nach  Europa  verschifft  werden.  Dieser
Wasserweg  wird  wohl  bald  allgemein  in  Anwendung  kommen.
Allein  auch  aus  der  Mitte  des  Ackerbaudistrictes  von
Ostkansas  führt  schon  eine  directe  Bahn  von  Empona  über
Dallas  in  Texas  nach  dem  aufstrebenden  Hafen  Galveston
und  Centralkansas  wird  von  Newton  über  Arkansas  City»
Van  Buren  und  Little  Rock  bald  mit  Memphis  am  Mississippi
in  Verbindung  stehen.  Nur  die  Strecke  von  Arkansas  City
bis  Van  Buren  muss  noch  gebaut  werden.  Da  es  aus  der
Mitte  des  Ackerbaudistrictes  von  Kansas  nach  den  Golfhafen
von  Galveston  und  New-Orleans  nur  etwa  so  weit  ist,  als  von
Mittelkansas  bis  Chicago,  jene  Stadt,  über  die  Vieh  un
Fleisch  oft  aus  Kansas  nach  New-York  und  Europa  gmg»
Chicago  aber  noch  fast  looo  Meilen  von.der  Seeküste  entfernt ­
  ist,  so  dürfte  der  Export  von  Kansas  einen  billigeren
Ausweg  nach  dem  Süden  finden.  Gute  EisenbahncommuiU"
cationen  hat  der  Farmer  in  Kansas  jetzt  schon.  Die  bezeic  '
neten  neuen  Wege  werden  den  Transport  nur  billiger  machen-Ein
  guter  Theil  der  Ackerbauproducte  von  Kansas  ge
aber  seit  einigen  Jahren  nach  Westen  und  nicht  nach  Ostern
In  Colorado,  Neu-Mexico  und  Arizona  sind  neuerlich  so  v&amp;gt;e
Bergwerke  in  Angriff  genommen  worden,  dass  die  Landwirt  ^
schaff  dieser  Länder  den  Bedarf  an  Lebensmitteln  nicht  decken
kann.  Kansas  ist  nun  der  nächste  Lieferant  für  diesen  neueröffneten ­
  Markt,  einen  zum  Theil  sehr  neuen,  denn  die  Atchin
son-Topeka-  und  Santa  Fe-Bahn,  welche  Arizona  mit  dem  oS
liehen  Bahnsystem  verbindet,  ist  erst  seit  Anfang  des  Jahres  i  ^
vollendet  worden.  Der  Hauptmarkt  von  Colorado  und  des^^
Minenbevölkerung  ist  Denver.  Die  Preise  sind  hier  weit  hö
als  in  St.  Louis,  Chicago  oder  Kansas-City,  und  so  geht  en^
ein  grosser  Theil  der  Ackerbauproduction  von  Kansas  nac
Westen.  u  n  in
In  Folge  der  Entwickelung  dieses  Marktes  entstehe
Kansas  an  vielen  Stellen  Mühlen  zum  Vermahlen  des\VeizenS^
das  Mehl  wird  dann  nach  Denver,  Santa  Fé  und  bis  nac
        <pb n="369" />
        355

23*

Arizona  hinein  verkauft.  Allerdings  hebt  der  hohe  Preis  der
Lebensrnittel  im  Felsengebirge  auch  die  Viehzucht  und  den
Ackerbau  auf  künstlich  bewässertem  Boden  in  Colorado  und
Neu-Mexico.

Der  Ackerbau  in  jenem  Theile  des  Staates  Kansas,  welcher
einer  künstlichen  Bewässerung  bedarf,  ist  einfach  und  leicht,
ie  Bespannung  darf  unverhältnissmässig  gering  im  Vergleiche
zur  Ackerfläche  sein,  da  man  meist  zehn  Monate  und  oft  länger ­
  im  Jahre  auf  dem  Felde  ackern  kann,  und  die  Stallung
ur  Pferde  und  Vieh  ist  leicht  und  billig  herzustellen.  Letzteres
stallen  die  amerikanischen  Farmer  überhaupt  selten.  Der
öden  ackert  sich  leicht,  da  er  an  wenigen  Stellen  nur  aus
zähem  Lehm  besteht

Folgende  Tabelle  giebt  an,  wie  viel  Acres  Land  in  den
Jahren  1874,  respective  1879  unter  den  verschiedenen  Früchten
Waren  in  je  1000  Acres:

Jahi
1874
1879
1881
Jahr
1874
1879
1881
Jahr
1874
1879
1881

Winterweizen
438
1520

Sommerweizen
278
412

Gerste
24
45

2198
Mais  Buchweizen  Sorghum

*525
2995
4:97
Millet
55
174
?

Roggen
30
43
38  20
Castor-Bohnen
8
8
?
Kartoffeln
46
62
69
Klee
&amp;gt;3
14

Hafer
3:4
573

Flachs
16
69

442
Broom-Corn
4
'4
?
Süsse  Kartoffeln
3

?

7  14
^  23
4  ?
Baumwolle  Hanf  Tabak
'  3
%  %  %
?  ?  ?
Jahr  Thimotee
1874  29
'879  57
Diese  Tabelle  giebt  die  Steigerung  des  bebauten  Ackers
Ausnahme  dessen  für  Heu—  in  sechs  Jahren,  1874—79,  von
^•765.000  Acres  auf  rund  6  Millionen  Acres  an.  Es  folgt
rner,  dass  im  Jahre  1879  hiervon  2  Millionen  Acres  unter
eizen  waren,  mehr  als  zwei  Drittel  der  Fläche,  die  im  ganzen
önigreiche  England  diesem  Anbaue  dient.  Fast  3  Millionen
^cres  sind  unter  Mais.  Im  Jahre  1880  waren  unter  Wintercizen
  2.210.000  Acres,  unter  Sommer-Weizen  228.000  Acres,
        <pb n="370" />
        zusammen  2.438.000  Acres;  unter  Mais  3.548-000  Acres.  Für
1880/81  habe  ich  oben  erst  die  Zahlen  für  sieben  Haupterzeugnisse ­
  mittheilen  können.  Diese  ergeben,  verglichen  mit
den  Jahren  1874  und  1879,  folgende  Progression  in  der  angebauten
  Ackerfläche:  1874  =  2.632.000,  1879  =  5.652.000,
1881  =  6.968.000  Acres.  Man  sieht  hieraus,  wie  schnell  sich
die  angebaute  Fläche  vermehrt.  Es  dürften  jetzt  bereits  gegen
IO  Millionen  Acres  unter  dem  Pfluge  sein;  allerdings  immer
nur  ein  kleiner  Theil  der  51.770.000  Acres,  die  der  Staat
umfasst  und  von  denen  über  zwei  Drittel  anbaufähig  sein
dürften.
Für  das  milde  Klima  von  Kansas  spricht  der  Umstand,
dass  mehr  Winter-  als  Sommer-Weizen  gebaut  wird.  Für  die
Jahre  1872  bis  1878  brachte  Winter-Weizen  16.66  Bushels,
Sommer-Weizen  12.70  Bushels  per  Acre.  Bekanntlich  ist  keine
Durchschnittszahl  im  einzelnen  Falle  richtig.  Amerikanische
Farmer  ernten,  wie  uns  Engländer  sagten,  die  das  Land  lange
und  unparteiisch  beobachtet  haben,  z.B.  Mr.Townshend  und  Mr.
Henderson,  nur  10  bis  12  Bushels  Weizen  im  Durchschnitte,
deutsche  und  böhmische  Ansiedler  30  bis  35  Bushels.  Woher
dieser  Unterschied?
Der  Amerikaner  ist  auch  als  Landwirth  im  „fernen  West“
Spéculant  und  zieht  es  vor,  eine  Homestead  aufzunehmen,
fünf  Jahre  hindurch  ohne  viel  Mühe  anzubauen  und,  sowie  er
dann  den  Besitztitel  erlangt  hat,  zu  fünf  bis  zwölf  Dollars  per
Acre  an  einen  deutschen,  schwedischen  oder  böhmischen  Einwanderer ­
  zu  verkaufen.  So  löst  er  1000  bis  2000  Dollars
und  „mowt“  —  wandert  —  damit  weiter  nach  Westen,  wo
er  das  Experiment  von  Neuem  beginnt.  Selbst  wenn  er  auf
der  Farm  bleiben  sollte,  arbeitet  er  nur  das  Noth  wendigste,
pflügt  und  eggt  den  Acker  nicht  tief,  respective  gut  genug;
säet  unverhältnissmässig  viel  Weizen  und  Mais,  die  er  unmittelbar ­
  nach  der  Ernte  drischt  und  sofort  verkauft.  So  arbeitet
er  nur  wenige  Monate  im  Jahre,  hat  eine  bis  zwei  Kühe,
unverhältnissmässig  viel  Pferde  und  eine  vollkommene  Sammlung ­
  der  neuesten  „arbeitsparenden“  Maschinen.  Ist  die
nöthigste  Ernte-  und  Saatarbeit  gethan,  so  ruht  er  zu  Hause,
        <pb n="371" />
        in  der  Regel  aber  fährt  er  in  comfortablem,  leichtem  Feder-'vagen
  mit  Lederdach,  Buggy,  umher,  speculirt  und  „prospecd.
  h.  sucht  einen  Ort,  wo  er  sich  niederlassen  möchte,
'Venn  er  die  innehabende  Farm  verkauft  haben  wird,  oder
^eibt  irgend  ein  Handelsgeschäft  neben  der  Landwirthschaft.
atürlich  düngt  er  nie,  pflanzt  wenig  Bäume  und  seine  Frau
legt  selten  einen  Gemüsegarten  an.  Weizen,  Mais,  Pferde,
den  Mann  und  Schaukelstuhl  für  seine  Lady,  ein
eichter  Pferdestall,  ein  solcher  Maschinenschuppen,  ein  noch
leichterer  Stall  für  eine  bis  drei  Kühe,  der  oft  mit  den  Kühen
fehlt,  ein  Brunnen  und  ein  hölzernes,  in  der  Fabrik  um
Ï50  bis  350  Dollars  gekauftes  Holzhaus,  das  ist  der  Anblick,
den  eine  amerikanische  Farm  bietet.  So  lange  er  arm  ist,
Arbeitet  seine  Frau  freilich  fleissig  in  der  Hauswirthschait  und
zuweilen  im  Garten,  auf  dem  Felde  nie.  Nur  die  Kühe  und
Schweine  melkt,  respective  füttert  sie  noch.
Ganz  anders  richten  sich  die  europäischen  Ansiedler  ein,
von  denen  ich  sprach.  Sie  kaufen  mit  Vorliebe  solche,  angeblich ­
  „eingerichtete“  Farmen,  allein  nach  fünf  bis  sechs
Juhren  ist  jedes  Wirthschaftsgebäude  verschwunden,  das  von
dem  Amerikaner  gebaut  wurde,  meist  selbst  das  Haus,  und
ut  einem  solideren  Bau,  wenn  er  auch  aus  Lehm-  und  Strohuiischwerk
  gebaut  sein  sollte,  Platz  gemacht.  Von  den  Maschinen ­
  sind  die  praktischsten  noch  vorhanden,  Pflug,  Cultivator,
^ispflanz-Maschine,  Dresch-Maschine,  und  der  Header  —
n  ^öpfer“  jene  den  südlichen  Staaten  der  Union  eigene
Mahemaschine,  welche  die  Aehre  und  vier,  sechs  bis  acht  Zoll
troh  nur  abschneidet,  die  ungebunden  in  die  Dreschmaschine
ommen.  Die  sehr  lange  Stoppel  wird  unterpflügt  oder  abgei’annt
  und  bildet  auf  den  meisten  Wirthschaften  die  einzige
üngung.  Ein  solcher  Header,  der  250  Dollars  kostet  und
30  Acres  mäht,  möchte  sich  auf  ungarischen  Ebenen,  wo  man
J'icht  düngt,  sondern  das  Stroh  verbrennt,  auch  empfehlen.
'G  lange  Strohstoppel  ist  ein  immerhin  noch  mässiger  Ersatz
^  Düngers  und  diese  Maschine  arbeitet  sehr  schnell.  Eine
zillsäemaschine  ist  natürlich  auch  auf  deutschen  Farmen  verladen, ­
  auf  der  deutschen  Wirthschaft  ferner  stets  ein  Mais-
        <pb n="372" />
        schaler,  oft  eine  Häcksel-Maschine  und  eine  Rübenschneid-Maschine.

Alleebäume,  Obstbäume  und  ein  Gemüsegarten,  in  dem
man  oft  weibliche  Mitglieder  der  Familie  arbeiten  sieht,  fehlen  ^
der  deutschen  Niederlassung  selten.  Neben  dem  Viehstalle,
der  schon  für  6  bis  lo  Haupt  Räume  hat  und  warm  und  .
solid  gebaut  ist,  steht  ein  Heuschober  und  davor  ist  eine  |
Düngerstätte  angebracht,  deren  Vorrath  regelmässig  abgefahren ­
  wird.  Der  deutsche  Ansiedler  arbeitet  fast  jahr-  .
aus  jahrein  auf  der  Farm  und  dem  Felde,  bricht  jähr-  |
lieh  mehr  Prairieboden  um  und  ackert  tiefer  und  besser.  i
Dem  Amerikaner,  der  gerne  einen  Pflug  benützt,  auf  welchem
er  bequem  sitzt,  kommt  es  nicht  darauf  an,  wenn  der  Pflug
hie  und  da  eine  Furche  auslässt  oder  eine  Strecke  weit  über
den  zu  pflügenden  Boden  weggleitet.  Wenn  er  nur  „wenig  g
Arbeit“  in  den  Boden  steckt,  so  lohnt  die.Weizenernte  au  |
grosser  Fläche  ja  doch  noch,  und  zudem  liegt  sein  Hauptaugenmerk ­
  mehr  in  der  Speculation  als  in  der  Production.
Ihm  kommt  es  darauf  an,  „viel  Land  unter  dem  Pfluge“  zu
haben,  da  mit  der  Zahl  dieser  „verbesserten“  Acres  der  Preis  ,
der  Farm  beim  Verkaufe  wächst.  In  dem  Jahre  grosser  und  -
ausnahmsweiser  Dürre,  1879,  ernteten  die  Deutschen  noch
immer  8  bis  15  Bushels  per  Acre,  die  Amerikaner,  welche  ¡
nur  4  bis  5  Zoll  tief  pflügen,  fast  nichts.  Schon  nach  fün  '
bis  sechsjährigem  Anbau  zeichnet  sich  gedüngter  Boden  vor
ungedüngtem  aus.  Es  muss  jedoch  zugegeben  werden,  da^  ,
die  Humusschichte  in  Kansas  nicht  so  mächtig  ist,  als  »u
einigen  anderen  Prairiestaaten,  wo  also  Dung  vielleicht  wenigt^**  [
thut  als  hier.  Auch  der  deutsche  Ansiedler  baut  ganz  über-  j
wiegend  Weizen  und  Mais,  aber  daneben  immer  einige  andere  j
Fruchtarten,  um  durch  das  ganze  Jahr  seine  Arbeitskraft  uu
die  des  Zugviehes  ausnützen  zu  können.  Natürlich  vermeh^  .
er  dadurch  seine  Einnahmen.  Er  hält  sofort  mehr  Rindvie  I
und  einige  Schweine,  macht  Butter  zum  Verkaufe  und  liefe^  |
junge  Hühner  und  Eier  auf  den  Markt,  die  sehr  gut  bezahl  j
werden.  Auch  Gemüse-  und  Obstbau  bringen  ihm  Ge
Solche  kleinen  Einnahmen  verschmäht  der  amerikanische  Farmer
        <pb n="373" />
        359

im  „fernen  West“.  In  den  östlichen,  älteren  Staaten  ist
dies  anders.
Die  mittlere  Maisernte  kann  auf  40  Bushels  per  Acre  angenommen ­
  werden.  Hafer  liefert  einen  guten  Krtrag  und  hat
auch  guten  Preis.  Flachs  wird  nur  des  Samens  wegen  angebaut. ­
  Der  Stengel  und  die  Faser  werden  gar  nicht  benützt.
Aus  Sorghum  und  Maisstengel  machen  die  Farmer  jenen
Syrup,  den  sie  für  den  Hausbedarf  nöthig  haben;  neuerlich
Verkaufen  sie  auch  schon  solchen  an  eine  nahe  bei  Newton
entstandene  Zuckerfabrik.  Millet,  Klee  und  andere  Futtergräser, ­
  namentlich  Alfalva,  eine  Art  Luzerne,  werden  neuerlich
  immer  mehr  angebaut,  so  auch  Turnips  und  andere
Knollengewächse  zum  Winterfutter  des  Viehes,  das  die  Amerikaner ­
  meist  noch  jahrein  jahraus  auf  dem  umzäunten  Weidegrunde ­
  der  Farm  lassen,  der  Deutsche  aber  im  Winter,  sei
cs  auch  nur  auf  8  bis  10  Wochen,  aufstallt,  denn  etwas  veriiert
  es  auch  in  einem  milden  Winter  an  Fleisch.
Obstbäume  aller  Art  gedeihen  und  bringen  sehr  bald
Früchte,  und  im  Nordosten  des  Staates  bauen  deutsche  Weingärtner ­
  einen  trinkbaren,  jedoch  starken  Wein.  Die  Baumwollenregion ­
  hat  aber  hier  aufgehört.  Es  ist  gewiss  nicht
richtig,  dass  in  dieser  fruchtbaren  Ebene  Weizen  deshalb  so
billig  erzeugt  werden  könne,  weil  die  Amerikaner  „Raubbau“
treiben,  denn  es  stellt  sich  heraus,  dass  die  deutsche  Wirthschaft,
  welche  schon  im  ersten  Jahrzehnt  nach  Umbrechen  der
Prairie  eine  Dung-  und  Fruchtwechselwirthschaft  geworden
ist  —  wenn  auch  immer  noch  unverhältnissmässig  viel  Weizen
ttnd  Mais  gebaut  wird  und  wenn  auch  noch  nicht  aller  Acker
tegelmässig  gedüngt  werden  sollte  —  sich  besser  auszahlt,
^Iso  im  Stande  ist,  die  Producte  billiger  herzustellen  als  der
Kaubbau,  den  amerikanische  Farmer  zweifellos  treiben,  die
^eisten  derselben  in  Kansas  wenigstens.  Damit  schwindet  der
T'rost  für  Europa,  der  Raubbau  werde  die  amerikanische  Pro-(Auction
  bald  vertheuern.  Er  ist  in  Kansas  meist  nur  ein  kur-^cs
  Uebergangsstadium,  da  er  sich  weniger  rentirt  als  rationeller
  Ackerbau.  Dieser  ermöglicht  ja  unter  Anderem  die
'^olle  Ausnützung  der  Arbeitskraft  einer  Farmerfamilie  an  den
        <pb n="374" />
        36o

meisten  Tagen  des  Jahres,  weil  verschiedene  Wirthschaltszweige
  cultivirt  werden.  Die  Arbeitskraft  aber  ist,  wenn  nicht
das  einzige,  doch  das  grösste  Capital  der  Farmer  auf
Homesteads.
In  dem  westlichen  Drittel  des  Staates  wird  die  Landwirth-Schaft
  auf  bewässertem  Boden  nur  immer  eine  kleine  Rolle
spielen,  zumal  diese  Farmen  von  den  guten  Märkten  im  Felsengebirge ­
  entfernter  liegen  als  bewässerte  Grundstücke  in  Colorado ­
  und  Neu-Mexico  selbst.  Nichtsdestoweniger  wird  der
Localbedarf  an  Zufutter  und  Mastfutter  für  das  Vieh  und  an
Gartengemüsen  und  Kartoffeln  hier  wahrscheinlich  gezogen
werden.  Viehzucht  bleibt  aber  die  Hauptindustrie  des  Westens
von  Kansas,  Nebraska  und  der  Ebenen  von  Colorado  und
Neu-Mexico,  mit  Ausnahme  der  Flussthäler  und  einiger  Niederungen ­
  daselbst.
Die  Schafzucht  ist  in  Westkansas  erst  im  Entstehen
und  hat  man  etwa  erst  650.000  Schafe  im  Staate,  meist
mexicanischer  Abkunft,  die  durch  Merino-,  seltener  durch  Cottswold-Böcke
  aufgebessert  werden.  In  Colorado  und  Neu-Mexico
bleiben  die  Schafe  das  Jahr  hindurch  im  Freien.  In  Kansas
sorgt  man  meist  für  Stallung  für  den  Winter,  mäht  Heu  iri
Prairieniederungen  oder  baut  Millet,  Thimotee,  Klee,  Alfalva
für  Winterheu  und  füttert  Sorghum  oder  Mais  dazu.  Im  Frühling ­
  werden  dann  stallfette  Hammel  mit  Vortheil  verkauft  nach
Kansas  City  oder  Denver,  Leadville  und  anderen  Bergwerksstädten ­
  des  Westens.
Mexicanische  Mutterschafe  kosten  in  Kansas  circa  zwei
Dollars  per  Stück,  „gegradete“,  d.  h.  Kreuzungsproducte,  ca.
drei  Dollars,  Merinoböcke  25  Dollars,  die  ungewaschene  Wolle
bringt  rund  20  Cents  per  Ib.  Der  Lohn  eines  Schäfers  mag
mit  300  Dollars  per  Jahr  und  das  Scheeren  mit  5  Cents  per
Haupt  angeschlagen  werden.
Die  Rindviehzucht  von  Kansas  ist  bedeutender  als  seine
Schafzucht.  Die  Zahl  des  Rindviehs  vermehrte  sich  von
749.000  Haupt  in  1874  auf  1.451.000  in  1880  und  i.541.000  ult.
1881,  der  Werth  von  13  auf  36  Millionen  Dollars.  Wohl  zieht  man
auf  allen  guten  Farmen  von  Ost-  und  Mittelkansas  g^tes  hoch-
        <pb n="375" />
        361

gradiges  Rindvieh,  d.  h.  solches  texanischer  Abkunft,  das  wiederholt ­
  mit  Shorthorn  verbessert  wurde,  allein  das  meiste  derartige
Vieh  wird  auf  der  mit  nahrhaftem  Buffalograse  bestandenen
Welligen,  baumlosen  Prairie  von  Westkansas  gezogen  oder  aus
Texas  angekauft  und  hier  verbessert.  Hier  fuhrt  man  mehr
und  mehr  auch  eine  verbesserte  Viehzucht  ein.  Im  Thaïe  des
Arkansas  und  des  Cottonwood-Flusses  legt  man  umzäunte
Weideplätze  an,  wo  das  Vieh  Wasser  und  Schatten  von  Bäu-Ulen
  am  Wasser  hat.  Man  baut  auch  leichte  Schuppen,  die
gegen  die  Windseite  geschützt  sind.  Hier  futtert  man  das
^  ieh  im  Winter.  Auch  kauft  man  hier  und  für  bessere  Partien ­
  in  ganz  Kansas  gegradetes  Vieh  aus  Texas  und  in
trockenen  Jahren  aus  Colorado,  meist  drei-  bis  vierjährige
Stiere,  die  zwei  bis  drei  Monate  mit  Heu,  Mais,  Wurzelgewächsen, ­
  die  an  Ort  und  Stelle  wachsen,  gemästet  und  im
Frühlinge  auf  die  saftigen  W^eiden  der  Thäler  getrieben  werden, ­
  wo  sie  bald  schlachtreif  werden.  Dann  kommen  sie  auf
tien  Markt  von  Denver  oder  Kansas  City  und  Chicago.  Wo
tuan  Viehzucht  neu  einrichtet,  was  in  grossem  Style  von  Engiändern
  geschieht,  kauft  man  im  Juni  bis  August  Texas-Kühe
^it  Kälbern,  die  dann  hier,  von  Südwest-Texas  getrieben,  er-%heinen.
  Die  Kühe  sind  meist  dreijährig  und  kosten  nebst
alb  circa  15  bis  16  Dollars.  Dazu  kauft  man  Shorthornollblutbullen,
  die  auf  7o  bis  90  Dollars  kommen,  veredelt
nun  den  Stamm  und  sendet  die  Thiere  gemästet,  wie  oben
^Schrieben,  zum  Markte.  Die  erste  Kreuzung  soll  Texas-Vieh
  um  50  Percent  werthvoller  machen.
Land  kann  zu  Weidezwecken  von  der  Unionsregierung
I  /4  Dollars  per  Acre  im  Westen  gekauft  werden,  doch
solches  am  Wasser  meist  schon  occupirt  und  muss  von
^en  Besitzern  theurer  erworben  werden.  In  den  für  Ackerbau
  geeigneten  Theilen  ist  Homestead-Land  kaum  noch  vorhanden. ­
  Die  Atchinson-Topeka-  und  Santa  Fé-Eisenbahn-Gesellschaft
  hat  noch  einige  Millionen  Acres  gutes  Farmland
Und  verkauft  es  zu  2  bis  10  Dollars  per  Acre,  nach  Qualität
Und  Nähe  von  einer  Bahnstation.  Bei  Baarzahlung  reducirt
den  Anschlagspreis  um  33’/*  Percent.  Bei  Zahlung  in
        <pb n="376" />
        362

drei  Terminen  innerhalb  zweier  Jahre  erlässt  sie  30  Percent,
nimmt  aber  10  Percent  Zinsen  der  beiden  ausstehenden  Raten.
Bei  Zahlung  in  sechs  Jahresraten  erlässt  sie  20  Percent  des
Anschlages,  die  Restkaufgelder  zahlen  7  Percent  Jahreszinsen.
Bei  einährigem  Credit  nimmt  sie  7  Percent  Zinsen  und  fordert
den  vollen  Anschlag.  Somit  kosten  160  Acres,  zu  5  Dollars
per  Acre  Anschlag,  bei  Baarzahlung  am  Kaufstage  533  Dollars,
bei  zweijährigem  Credit  zusammen  nebst  Zinsen  in  Raten
616  Dollars,  bei  sechsjährigem  Credit  zusammen  789  Dollars,
bei  elfjährigem  Credit  1125  Dollars;  in  diesem  Falle  am  Tage
des  Ankaufes  130  Dollars,  nach  einem  Jahre  50  Dollars,  nach
zwei  Jahren  50  Dollars,  nach  drei  Jahren  124  Dollars,  nach
vier  Jahren  119  Dollars,  nach  fünf  Jahren  113  Dollars,  nach
sechs  Jahren  108  Dollars,  nach  sieben  Jahren  102  Dollars,  nach
acht  Jahren  96  Dollars,  nach  neun  Jahren  91  Dollars,  nach
zehn  Jahren  85  Dollars,  nach  elf  Jahren  80  Dollars  mit
Weglassung  der  Cents.  Diese  geringen  Raten  kann  ein
tüchtiger  Farmer  leicht  abzahlen.
Capitalisten  besitzen  Land,  das  sie  auf  Speculation  kauften
und  in  Parcellen  verkaufen,  so  eine  Gesellschaft,  von  der  ich
ein  Mitglied  in  Cimmaron  traf,  Mr.  Porter.  Sie  besitzen
40.000  Acres  nahe  Atchinson,  die  sie  von  7  bis  12  Dollars
per  Acre  verkaufen.
Unter  allen  Umständen  ist  es  schwierig,  sich  mit  weniger
als  1000  Dollars  Vermögen  in  Kansas  auf  Prairieland  anzusiedeln, ­
  und  schon  etwas  verbesserte  Farmen  sind  unter  1500
bis  2500  Dollars,  in  gewöhnlicher  Grösse  von  160  Acres
kaum  zu  haben.  Jahre  der  Dürre  kommen  vor,  und  treffen
sie  einen  mittellosen  Ansiedler,  so  machen  sie  ihm  das  Leben
hart.  Kann  und  will  er  aber  hart  arbeiten,  so  wird  er  dennoch
langsam  fortkommen,  wenn  er  eine  Zeit  im  Jahre  um  Lohn
auf  anderen  Farmen  arbeitet,  oder  mit  seinem  Gespann  ackert.
Dürftige  Farmer  verdienen  mit  letzterem  Geschäfte  viel  Geld.
Engländer  kaufen  Prairien  an,  wollen  sie  aber  erst  beziehen,
nachdem  sie  umgebrochen  sind;  Amerikaner  besitzen  Homesteads ­
  oder  Prairieboden,  wollen  sie  in  Cultur  bringen,  aber
nicht  darauf  wohnen,  weil  sie  in  den  Städten  bessere  Ge-
        <pb n="377" />
        363

schäfte  machen  und  die  „verbesserte“  Farm  später  an  Ansiedler
verkaufen  wollen.  Sie  lassen  die  Pflüge-,  Säe-  und  Erntearbeit
entweder  um  '  2  bis  -/g  der  Ernte  machen.  Hier  ist  also  für
einen  Mann,  der  nicht  eine  Farm  kaufen  kann,  Gelegenheit,
sich  das  Geld  zum  Ankäufe  in  einigen  Jahren  zu  verdienen.
Für  das  Umbrechen  des  Prairiebodens  berechnet  man  2  Dollars
per  Acre  und  denselben  Preis  in  der  Regel  für  jede  Furche.
Ein  Mann  und  zwei  Pferde  brechen  etwa  drei  Acres  per
Tag  um.
Was  kostet  die  Production  von  1  Metercentner  Weizen
in  Kansas,  was  von  i  Centner  Fleisch  ?  Das  ist  eine  Frage,
die  ich  nicht  beantworten  kann.  Auf  diesen  kleinen  Farmen
wird  wenig  Geld  ausgegeben.  Ein  armer  Ansiedler  baut  sich
eine  Hütte.  Ist  er  ein  Amerikaner,  nicht  selten  einen  „Dug-out“,
d.  h.  eine  Höhle  in  der  Erde,  die  er  mit  einem  Dache  aus
Erde  oder  Stroh  deckt,  und  er  thut  natürlich  alle  Arbeit  selbst,
ohne  einen  Lohnarbeiter  aufzunehmen.  Die  Steuer  an  den
Staat  Kansas  ist  sehr  gering.  Derselbe  hat  nur  i.i81.000  Doll.
Schulden  und  eine  Ausgabe  von  anderthalb  Millionen  Dollars.
Lie  Steuer  beträgt  55  Cents  von  100  Dollars  eingeschätztem
Eigenthume.  Die  Einschätzung  ist  aber  sehr  niedrig.  Man
Sagt  mir,  dass  sie  in  Kansas  etwa  ein  Percent  der  Geldeinnahme ­
  tüchtig  wirthschaitender  Farmer  betrage.  Die  Kleidung
der  Farmer  ist  sehr  einfach,  meist  unendlich  oft  geflickt.
Colonialwaaren,  Thee  und  Caffee,  werden  reichlich  gekauft;
diese,  Salz  und  etwas  Whisky  sind  aber  fast  das  Einzige,
Was  die  Wirthschaft,  bei  verständigem  Betriebe,  nicht  selbst
producirt,  denn  Zucker  wird  durch  Syrup  vielfach  ersetzt.
Zum  Drusche  mit  der  Maschine  vereinigen  sich  die  Nachbarn
und  ziehen  von  Farm  zu  Farm,  sich  helfend,  so  dass  für
Arbeitslohn  nichts  ausgegeben  wird.  Ist  die  Maschine  geliehen,
so  kostet  das  eine  Kleinigkeit.  Baron  Gudenus,  mit  dem  ich
vielfach  diese  Präge  besprochen,  behauptete  dem  Grafen
J-  Széchényi  gegenüber,  der  durchaus  die  „Productionskosten“
ziffermässig  feststellen  wollte,  was  bei  einem  allgemein  üblichen
Wirthschaftssytem,  nach  dem  der  Besitzer  des  Landes  auch
^er  Unternehmer  und  Arbeiter  darauf  gleichzeitig  ist,  sich
        <pb n="378" />
        3^4

wirklich  nicht  thun  lässt,  dass  ein  verständig,  nach  dem
unter  Deutschen  und  Böhmen  üblichen  System,  wirthschaftender
Farmer  auf  i6o  Acres,  nachdem  er  einige  —  etwa  drei  —
Jahre  hier  gewohnt  hat  —  die  Prairie  bringt  erst  nach  dreijährigem ­
  Anbaue  volle  Durchschnittsernten  —  alle  seine  Wirthschaftsunkosten
  und  Abgaben  —  nicht  aber  etwaige  Schuldzinsen ­
  —  aus  Einnahmen  deckt,  welche  eine  sorgsame  Hausfrau
sich  macht  für  Eier,  Geflügel,  Butter,  Gartengemüse,  Obst  und
allenfalls  einige  Mastschweine;  dass  die  kleinen  Getreide,  Hafer,
Roggen,  Gerste,  Kartoffel  etc.  für  Consum  aufgehen  und  ausreichen, ­
  Weizen  und  Mais  aber  verkauft  werden  können,  sofern
letzterer  nicht  zur  Viehmast  dient,  in  welchem  Falle  er  in  Gestalt
von  Fettvieh  auf  den  Markt  kommt  Der  Ertrag  aus  Weizen,  Mais,
resp.  Fettvieh,  bilde  „den  Lohn  des  Farmers  und  die
Verzinsung  seines  eingelegten  Capitales“.  Ich  bin  derselben ­
  Ansicht.  Sollte  ich  noch  einmal  auf  längere  Zeit  nach
Kansas  kommen,  so  hoffe  ich  das  Budget  einiger  Normal-Farmer ­
  detaillirt  aufzustellen.  Ein  erfahrener  Amerikaner  sagte
mir,  bei  voller  Lohnarbeit  und  den  bisherigen  Bodenpreisen
stellen  sich  die  Productions-Kosten  des  Bushels  Weizen  in  Kansas
auf  22  Cents,  d.  h.  auf  1.96  fl.  ö.  W.  oder  4.25  Fres,  per  Metercentnerü
  Uebrigens  muss  man  in  Anschlag  bringen,  dass  der
europäische  Ansiedler  hier  unendlich  viel  besser  sich  nährt
als  er  es  zu  Hause  thun  konnte.  Fleisch  in  allen  Formen,
Butter,  Käse  und  Milch  kommen  täglich  drei  Mal  auf  den
Tisch.  Wie  kann  in  Europa  so  ein  Landmann  von  2-  bis
3000  fl.  Vermögen  leben?  Unendlich  viel  schlechter,  natürlich,
und  an  Ersparnisse  oder  Werthsteigerung  des  Besitzes  ist
schon  gar  nicht  zu  denken.  Im  Westen  aber  steigt  der  Grundbesitz ­
  an  sich,  ohne  das  er  durch  Cultur  verbessert  würde,
durch  Zunahme  der  Bevölkerung  und  Vermehrung  der  Nachfrage ­
  nach  Grundbesitz  von  Jahr  zu  Jahr  im  Werth.
Mr.  Towenshend,  der  seit  fünf  Jahren  als  Specialcorrespondent
  des  Londoner  „Field“  in  Amerika  reist  und  1881  den
Herzog  von  Sutherland  begleitete,  sagte  mir,  dass  englische ­
  Farmer  mit  einem  Capital  von  mehreren  tausend  Pfd.
St.,  die  hier  zwei  bis  vier  Homesteads  kaufen  und  darauf  nach
        <pb n="379" />
        365

englischer  Methode  und  mittelst  Lohnarbeit  Ackerbau  treiben,
also  „  Gentlemen  -  Farmer  “  sind  und  nach  Landessitte  leben,
Ï0  bis  12  Percent  jährlich  —  nach  den  ersten  drei  Jahren  —
Von  ihrem  Capitale  machen,  mit  grösserem  Capitale  aber  bei
Viehzucht,  wie  ich  sie  oben  geschildert  habe,  auf  gekauftem
und  umzäuntem  Acker  und  bei  Mast  des  Viehes  nach  den  ersten
^rei  Jahren  25  Percent.  Ausserdem  kommt  ihnen  das  rapide
Steigen  des  Bodenwerthes  zu  statten,  das  seit  zwei  bis  drei
Jahren  auf  „verbesserten“  Farmen  über  100  Percent  betragen
hat  und  noch  fortwährend  wächst.  Amerikaner,  die  noch  auf
Regierungsland  weiden,  nicht  mästen,  aber  dafür  auch  ein
sehr  unruhiges,  oft  kampfreiches  Leben  führen  —  denn  Viehdiebstahl ­
  ist  hiebei  die  Regel  —  machen  40  bis  60  Percent.
Diese  Geschäfte  sind  aber  nicht  von  Dauer  und  ein  Europäer
könnte  sich  auch  nicht  in  sie  hineinleben.

Noch  ist  zu  erwähnen,  das  Westkansas  voll  von  Kohle
dicht  unter  der  Oberfläche  ist,  so  dass  Brennmaterial,  obschon
das  Land  holzarm  ist,  billig  bezogen  werden  kann.  Diese
Kohle  wird  in  vielen  Bergwerken  bereits  seit  einem  Jahrzehnt
^bgebaut.  Ein  Land,  das  dem  Farmer  mit  kleinem  Capital
so  grosse  Vortheile  bietet,  muss  sich  schnell  bevölkern.  Die
Bevölkerung  betrug  1870  nur  364.000,  wuchs  bis  1875  nur
^uf  528.000  —  Krachzeit  —  1878  betrug  sie  schon  708.000
'^ud  am  I.  Juni  1880  schon  995.000.  Die  Einwanderung  ist
R&amp;gt;rtwährend  in  der  Zunahme,  obschon  1879  ein  Jahr  ganz  ungewöhnlicher ­
  Dürre  und  der  Winter  1880  auf  1881  der  här-^®ste
  in  der  ganzen  Union  seit  1835  war.  ln  Kansas  hatte  er
den  Saaten  aber  so  gut  wie  keinen  Schaden  gethan.  Selbst
jvenn  ein  Heuschreckenjahr  ist,  so  erscheinen  diese  Thiere  in
^nsas  meist  erst  nach  der  Weizenernte  und  dem  Mais
Schaden  sie  in  diesem  Stadium  nicht.  Die  Weizenernte  beginnt
'dämlich  in  Kansas  schon  vom  8.  bis  10.  Juni  ab.  Wir  haben
unseren  Rundreisen  manche  neue  Ansiedelung  und  auf
den  meisten  älteren  frisch  umgebrochenen  Prairieboden  gesehen.
'G  Ansiedler  sind  meist  Verwandte  oder  Bekannte  solcher
Gute,  die  schon  angesessen  sind  und  für  die  ihre  hiesigen
i’Gunde  bereits  Land  ausgesucht  haben.
        <pb n="380" />
        366

Ein  deutscher  Rédacteur,  Herr  Wolf  aus  Nebraska,  den
wir  in  Colorado  trafen,  sagte  uns,  man  könne  das  Land  westlich ­
  vom  Mississippi  gut  und  gern  „Neudeutschland“  nennen,
denn  über  die  Hälfte  der  Farmen,  und  zwar  die  besten,  sei
schon  im  Besitze  von  Deutschen,  Scandinaviern  und  Schweizern ­
  und  ihre  Zahl  wachse  von  Jahr  zu  Jahr.  Sie  kauften  die
Amerikaner  mehr  und  mehr  aus  und  blieben  dauernd  auf  den
Farmen.  Wenn  der  Mann  nicht  sterbe,  oder  arbeitsunfähig
oder  ein  Säufer  werde,  so  käme  jeder  solcher  Ansiedler  zu
Wohlstand,  es  sei  denn,  er  lasse  sich  auf  Speculationen  ein
oder  habe  sonst  ein  besonderes  Unglück.  Die  Verwaltung
ganzer  Grafschaften  sei  schon  deutsch.  Dieser  starke  und
wachsende  deutsche  Zusatz  wird  dem  ganzen  Westen  Amerikas
einen  eigenthümlichen  Charakter  geben.  Der  Deutsche  gc*
winnt  hier  jene  Selbstständigkeit  und  jenes  Selbstbewusstsein
wieder,  das  ihm  zwei  bis  drei  Jahrhunderte  bureaukratischer
Bevormundung  „im  alten  Lande“  fast  geraubt  haben.  Es  ist
vollkommen  nutzlos,  die  Auswanderung  von  drüben  durch
unwahre  Warnungen  hemmen  zu  wollen.  Dagegen  giebt  es
nur  ein  wirksames  Mittel:  wirthschaftliche  und  politische  R^'
formen.  Man  soll  auch  nicht  vergessen,  dass  der  Staat  hier
zwar  überall  vollständig  freie  Staatschulen,  bis  zur  Universität
hinauf,  schafft,  aber  jedem  Familienvater  das  Recht  lässt,  seine
Kinder  zu  erziehen,  wie  er  will,  und  ausserdem  volle  Freiheit
der  Kirche  gewährt.  Wie  sieht’s  dagegen  bei  uns  aus??
Die  Zahl  der  Farmer  vermehrte  sich  in  enormer  Weise
von  38.202  im  Jahre  1870  auf  138.561  im  Jahre  1880,  wovon
115.910  von  den  Eigenthümern,  4.438  von  Pächtern  und
18.213  von  Métayers  bewirthschaftet  wurden.  Davon  waren
unter  3  Acres  gross  62,  von  3—10  Acres  997,  von  10—20
Acres  1.658,  von  20—50  Acres  9.539,  von  50—100  Acres
31.078,  von  100—500  Acres  93.823,  von  500—1000  Acres
1.169,  über  1000  Acres  235.
        <pb n="381" />
        XXIIl.  Capitel.
Cimarron,  ein  Grossgrundbesitz  in  Amerika.

In  den  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  macht  sich  bis
auf  den  heutigen  Tag  jener  Antagonismus  gegen  England
und  englische  entartete  Institutionen  geltend,  welcher  die
Gründung  der  Neu-England-Staaten  durch  englische  Auswanderer ­
  veranlasste.  Diese  Auswanderer  waren,  ebenso  wie
heute  die  deutschen  Emigranten,  mit  den  heimischen  Verhältnissen ­
  unzufrieden  und  suchten  sich  hier  auf  anderem  Fusse
einzurichten.  In  England  beruhte  damals  das  politische  System
auf  der  Herrschaft  eines  im  Grossgrundbesitze  gesicherten
Standes,  welcher  Grundbesitz  sich  seitdem  langsam  aus  dem
feudalen  Amte  mit  Rechten  und  Pflichten  in  reines,  pflichtenloses, ­
  absolutes  römisch-rechtliches  Privateigenthum
Verwandelte,  wodurch  die  Hintersassen  jedes  Anrecht  an  den
Hoden  verloren.
Hintersassen  nun  und  solche  Söhne  und  Enkel  von  Hintersassen, ­
  welche,  schon  vom  Lande  losgelöst,  seit  Jahrhunderten
die  Städte  bevölkert  hatten,  wandelten  nach  Amerika  aus
and  gründeten  hier  Staatswesen.  Natürlich  führten  sie  nicht
jenen  Grossgrundbesitz  hier  ein,  dessen  Entartung  in  reines
Hrivateigenthum  ihnen  in  England  unerträglich  geworden.
Sondern  sie  griffen  auf  das  altdeutsche  Freihufen-  und  Höfesystem ­
  zurück,  wie  es  in  Niedersachsen  sich  bis  heute  erhalten. ­

Dieses  begünstigen  sie  auch  heute  noch  und  überlassen
seine  Conservirung  nicht  sogenannten  „Naturgesetzen“  oder
der  „Intelligenz“,  oder  dem  „Wohlwollen“,  oder  der  „Charite“
Einzelner,  sondern  sie  sichern  es  durch  positive  Gesetze  und
        <pb n="382" />
        368

Verwaltungsmassregeln.  Deshalb  haben  sie  alles  unoccupirte
Land  in  halbe  und  ganze  Homesteads  von  8o,  respective
i6o  Acres  getheilt  und  selbst  die  grossen  Eisenbahnländereien
in  Parcellen  von  je  vier  Homesteads  so  zwischen  Unions-Homesteads
  und  Schulland  schachbrettförmig  eingeschachtelt,
dass  es  sehr  schwer  ist,  einen  zusammenhängenden  Grossgrundbesitz ­
  anzukaufen.  Sie  haben  ferner  den  Freihufler  auf  seiner
Homestead  in  den  meisten  Staaten  durch  Exemtionsgesetze
derartig  geschützt,  dass  er  dieses  Heim  nicht  Schulden  wegen
verlieren  kann.  Die  Macht  des  Geldcapitals  über  den  Grundbesitz ­
  schränken  ferner  Wuchergesetze  in  31  Staaten  der
Union  ein,  denn  die  Aufhebung  der  Wuchergesetze  in  Europa
und  die  „Freigebung  des  Grundbesitzes“  bedeutet  daselbst
die  Auslieferung  des  Grundbesitzes  an  das  Geldcapital,  die
Depossedirung  der  freien  ackerbauenden  Grundbesitzer  durch
die  Capitalisten,  Speculanten  und  Wucherer,  .  den  Sieg  der
Stadt  über  das  Land.  Abermals  hat  das  Geldpatriciat  Roms
über  die  Bauern  der  Campagna  gesiegt.  Die  Bauern  unserer
Tage  haben  nicht  einmal  ihre  Gracchen  gefunden!  Dafür  erzeugt ­
  sich  aus  ihnen  und  ihren  vom  Boden  gelösten,  proletarisirten
  Söhnen  langsam  das  Heer  moderner  Vandalen,  die
das  semitische  „Rom“  unserer  Tage  plündern  —  wollen.  Von
all  solchem  socialen  Unfug  hat  man  sich  in  Amerika  bisher
ferngehalten,  soweit  die  Gesetzgebung  damit  zu  thun  hat.  Die
sociale  Gesetzgebung  dieser  Republik  ist  conservativer  als
jene  irgend  eines  europäischen  Staates.
Bei  dieser  Missgunst,  mit  der  die  Majorität  des  Volkes
den  Grossgrundbesitz  betrachtete  und  noch  betrachtet;  bei  der
allgemeinen  Ansicht,  dass  die  republikanischen  Institutionen
des  Landes,  welche  man  sehr  schätzt,  durch  einen  erblichen
Grossgrundbesitzerstand  gefährdet  werden;  dass  das  Selfgovernment ­
  in  den  kleinen  Bezirken,  welches  man  mit  Recht
der  Herrschaft  einer  anmassenden  Bureaukratie  vorzieht,  nur
durch  die  Existenz  eines  zahlreichen,  wohlhabenden  und  gegen
Existenzvernichtung  durch  Gesetz  gesicherten  Bauernstandes,
dessen  Mitglieder  Zeit  und  Bildung  genug  haben,  die  Mühe
des  Selfgovernments  unentgeltlich  zu  üben,  sich  aufrecht  er-
        <pb n="383" />
        3^9

alten  lässt,  hat  dahin  geführt,  dass  der  Grossgrundbesitz  ir
jenen  Theilen  der  Union,  welche  ursprünglich  nicht  von  Sachser
colonisirt  und  also  nicht  dem  deutschen  Rechte  oder  Her
Rommen  unterworfen  waren,  sondern  den  modernen  Umbilngen
  des  römischen  Rechtes,  also  in  ursprünglich  französien
  und  spanischen  Colonien,  von  Florida  bis  Californien
aurch  den  ganzen  Süden  und  Südwesten,  dass  dieser  Grossgrundbesitz ­
  zum  grossen  Theile  vernichtet  worden  ist.
Man  kann  den  Bürgerkrieg,  der  1865  endete,  nur  theileise
  als  den  Sieg  des  industriellen  Capitales,  das  nach  Schutz-Oll
  rief,  Uber  den  Grundbesitz  bezeichnen.  Er  bedeutet  auch
»e  Vernichtung  des  im  Süden  geltenden  Principes  des  Grossgrundbesitzes ­
  durch  jenes  des  freien  Kleinbesitzes,  wie  es  denn
le  Farmersöhne  von  Ohio  und  den  nordwestlichen  Ackeraustaaten
  hauptsächlich  waren,  welche  die  mehr  aristokra-»sche
  Armee  des  Südens  unter  ihren  ritterlichen  Generalen
ee  und  Jackson,  trotz  deren  glänzender  Tapferkeit,  niederarfen.
  .  .  .  Dieser  Krieg  findet  ein  Gegenstück  im  Kampfe
^romweirs  gegen  die  Generale  Carl's  1.  in  seinem  Verlaufe,
er  nicht  in  seinen  Folgen.  Das  Resultat  dieses  Kampfes
ar  die  Verarmung  der  Grossgrundbesitzer  des  Südens.  Sie
üssten  die  Besitzungen  meist  verkaufen.  Die  meisten  der
otzteren  sind  in  kleine  Parcellen  zerschlagen.  Nur  wo  die
atur  des  zu  cultivirenden  Objectes,  wie  des  Rohrzuckers,  viel
pital  verlangt,  hält  sich  Grossgrundbesitz,  ohne  dass  er  bissehr
  rentirte.  Die  grossen  Baumwollplantagen  sind  fast
usnahmslos  in  Kleinbesitzungen  zerschlagen.  Dieser  Process
at  sich  auf  dem  weiten  Gebiete  von  Virginien  bis  Florida
^d  von  Missouri  bis  Louisiana  vollzogen.
^  Man  wolle  nicht  übersehen,  dass,  wenn  auch  die  römischs
  h  Auffassung  nur  in  den  ehemals  französisch-spanir
  *  Colonien  also  den  vom  Mississippi  bis  Florida
enden  galt,  Carolina  und  Virginia  ebenfalls  1562  von
^  ankreich  aus  zuerst  dem  europäischen  Einflüsse  unterworfen
arden.  Carl  IX.,  König  von  Frankreich,  gab  Carolina  den
^amen.  Wenn  diese  Colonisirung  auch  scheiterte,  so  blieb
®ch  französischer  Geist  gewissermassen  am  Lande  haften,
24
        <pb n="384" />
        n.-rn.

370

und  als  die  Engländer  1663  herüberkamen,  waren  diese  Engländer ­
  ganz  andere  Leute  als  die  Schweden,  welche  sich  lO
Delaware,  die  Holländer,  die  sich  in  New-York,  die  demokratischen ­
  Puritaner,  welche  sich  in  den  Neu-England-Staaten,  und
die  Quäker,  die  sich  in  Pennsylvanien  niedergelassen  hatten.
König  Carl  II.  von  England  schenkte  das  Land  acht  Edelleuten, ­
  welche  hier  das  System  des  englischen  Grossgrundbesitzes ­
  definitiv  etablirten.  Ein  Lord  Delaware  reorganisirte
die  in  Gefahr  gerathene  Colonie  Virginia  im  Jahre  1609.
Südlich  vom  Potomac  hat  also  das  System  des  Grossgrundbesitzes ­
  factisch  zweihundert  und  fünfzig  und
mehr  Jahre  geherrscht,  bis  es  durch  den  im  Norden  und
Westen  stark  werdenden  Kleingrundbesitzerstand  vernichtet
wurde,  der  sich  ad  hoc  mit  den  Capitalisten  der  Industriestaaten
verbündete.  Dieses  Bündniss  existirt  nicht  nur  nicht  mehr,
sondern  bald  nach  dem  Kriege  organisirte  siçh  der  Kleingrundbesitzerstand ­
  im  Granger-Orden  und  im  vorigen  Jahre  entstand
die  Anti-Monopol-Ligue  gegen  die  Grosscapitalisten,  welche
die  Bahnen,  Telegraphen  und  Banken  —  und  durch
sie  Amerika  —  beherrschen.  Seit  1845  sind  an  die  Union
die  Staaten  und  Territorien  Texas,  Neu-Mexico,  Colorado,
Arizona,  Südcalifornien  allmälig  annectirt  worden.  Hier  g^h
spanisches  Recht  und  spanische  Gewohnheit;  hier  herrschte
abermals  Grossgrundbesitz  vielfach  vor.  Diese  Staaten  und
Territorien  waren  zur  Zeit  des  Bürgerkrieges  so  wenig
wickelt,  dass  sie  von  dem  Schlage,  der  den  Grossgrundbesitz
in  den  südöstlichen  Staaten  traf,  nicht  berührt  wurden.  Gs
sind  also  dies  jene  Staaten  in  der  Union,  in  welchen  es  von
altersher  Grossgrundbesitz  gab  und  in  denen  er  sich  noch
täglich  bildet,  wie  auch  in  einer  anderen,  ehemals  spanischen
Colonie,  in  Texas,  wo  die  Staatsregierung  sich  beim  Anschluss®
an  die  Union  die  öffentlichen  Ländereien  reservirt  hat  und  si®
in  kleinen  und  grossen  Stücken  verkauft,  wie  sich  eben  Käuf®f
finden.
In  den  anderen  Staaten  und  Territorien  dieser  GrupP^^
        <pb n="385" />
        .171

24*

gehört  der  grössere  Theil  des  Landes  noch  der  Unionsregiegierung, ­
  die  es  ebenfalls  in  Seccionen,  à  vier  Homesteads,  à
i6o  Acres,  eingetheilt  hat  und  klein  weise  verkauft.  Es  ist
sehr  schwierig,  hieraus,  durch  Auskaufen  von  Homesteads,
chulland  etc.,  Grossgrundbesitz  zu  bilden.  Indess  ist  es  immerin ­
  so  und  durch  Ankauf  solcher  Homesteads,  die  am  Wasser
¡egen,  möglich,  weil  das  von  den  Flussläufen  abgeschnittene
and  werthlos  ist  .und  von  den  Besitzern  der  Flussufer  unentgeltlich
  als  Weide  benützt  werden  kann.  Allein  man  kann
Sehr  schwer  nur  einen  Rechtstitel  auf  diese  Hinterlandweidegründe
  erlangen.  Deshalb  und  da  dieses  Land  meist  für
Ackerbau  untauglich  ist,  Viehzucht  aber  auf  Homesteads  von
ï6o  Acres  hierselbst  nicht  erfolgreich  getrieben  werden  kann,
^erlangen  Viele,  die  Union  solle  hier  W^eideland  in  grösseren
Komplexen  und  billiger  als  i  Dollars  per  Acre  —  der  Preis
^cs  käuflichen  Regierungslandes  —  verkaufen.  Dann  würde
Sich  hier  allgemein  Grossgrundbesitz  bilden.
.  Diese  Forderung  scheint  in  der  Natur  des  Landes  und
Interesse  seiner  rationellen  Ausnützung  zu  liegen,  steht
^ber  im  Widerspruch  mit  der  herrschenden  Ansicht  in  der
nion,  welche  den  kleinen  Grundbesitz  allein  als  mit  dem
taatswohle  verträglich,  betrachtet.  Wie  diese  jetzt  aufgeworfene ­
  Frage  gelöst  werden  wird,  steht  dahin.  Da  nun
olorado,  Neu-Mexiko  und  die  anderen  Staaten  und  Terri-|orien
  dieser  Gruppe  hauptsächlich  für  Viehweide  nur  nutzär
  zu  machen  sind  —  soweit  nicht  künstliche  Bewässerung
^  Thälern  und  Bergbau  in  den  Gebirgen  in  Frage  kommt  —
So  ist  natürlich  der  schon  vorhandene  und  in  seinem  Rechte  aneramite
  Grossgrundbesitz  daselbst  sehr  gesucht  und  wird  per  Acre
!  bezahlt,  als  Regierungsland  in  kleinen  Parcellen.  Dies
*st  vielleicht  der  einzige  Fall  in  der  Welt,  dass  ganz  allgemein
^uf  einem  weiten  Landgebiete  Grossgrundbesitz  per  Maaseinheit
^ehr  kostet,  als  Kleingrundbesitz.
Die  Grundbesitzvertheilung  in  den  ehemals  mexicanischen
Staaten  und  Territorien  ist  die  folgende:
        <pb n="386" />
        Staat
oder
Territorium.

unter  3
Acres.

1
3—10
Acres.

"arm
IO—20
Acres.

en  in
20  -50
Acres.

Gröss
50—100
Acres.

e  von:
100—500
Acres.

500  bis
1000
Acres.

über
1000
Acres.

Texas
Neu-Mexico
Colorado
Arizona
Californien
Nevada
Oregon

34
14
I
143
13

3.554
t.633
46
»7
1.064
23
172

16.780
t.055
96
35
1.430
44
207

43.675
849
335
56
3.475
143
679

29.539
484
659
104
3.969
185
1.723

70.821
919
3.022
528
20.214
779
II.791

5-088
56
233
17
3.108
146
1.280

3-793
43
114
lO
2.53*
84
353

Summa  ;
Süd  -  Staaten
ohne  Texas

205
1.630

6.509
47.660

19.647
118.570

49.212
.321.623

36.663
288.333

105.074
526.568

9.928
43-799

6.9*7
17.07*

Summa:
Union

1.835
4-352

54-169
134.889

138.217
254.749

370.835
781.474

324.996
1.032.910

831.642
1.695.983

53.727
75.972

23.988
28.578

Diese  Tabelle  ergibt  deutlich,  wie  sehr  der  Grossgrundbesitz
  in  den  früher  spanischen,  darauf  in  den  Südstaaten
entwickelt  ist  und  wie  sehr  er  im  Rest  der  Union  hinter  dem
Mittel-  und  Kleinbesitz  zurücktritt.  Im  Rest  der  Union  gibt
es  keine  5000  Güter,  die  über  1000  Acres  gross  wären.
In  diesen  noch  bis  vor  circa  30  Jahren  unter  spanischem
Rechte  stehenden  Ländereien  findet  man  nun  Folgendes-Die
  spanischen  Könige,  und  später  die  Präsidenten  der  R^'
publik  Mexiko,  verleihen  an  Günstlinge,  oder  an  verdiente
Leute,  oder  an  Männer,  von  denen  sie  Dienste  erwarteten,  grosse
Landstrecken  in  ihren  amerikanischen  Colonien,  welche  noch
nicht  von  Europäern  bewohnt  waren  und  oft  erst  den  Indianern
abgenommen  werden  mussten.  So  hat  sich  das  Lehenssystem
und  die  Schaffung  neuer  Landlehen  in  Amerika  bis  in  dieses
Jahrhundert  hinein  erhalten,  nachdem  es  in  Europa  aus  Mangel
an  unoccuppirtem  Lande,  längst  aufgehört  hatte.  In  Russland ­
  freilich  findet  bis  in  unsere  Zeit  dergleichen  auch  noch
statt,  wenn  der  Czar  Krondomänen  an  Adelige  verschenkt
oder  die  Güter  geächteter  polnischer  Edlen.  Auch  die  Dotirung
  Bismarck’s  mit  dem  Sachsenwalde  kann  eine  solche  Belehnung ­
  genannt  werden.
        <pb n="387" />
        373

Die  geschilderten  Ländereien  sind  jetzt  in  jenen  Staaten
^  mon  a  s  „Private  land  grants“  bekannt  und  wurde  das
esitzrecht  der  Inhaber  von  der  Union  überall,  und  bezüglich
ZM  r  R  durch  den  Friedensvertrag  mit  Mexiko
l.Vh  “P®  Hidalgo  im  Jahre  1848  principiei!  ausdrückdi,
  Pur  eine  neue  Annexion  im  Jahre  1853  folgte
ebe  vertragsmässige  Anerkennung  im  Messilla  Valleyertrage
  und  ein  Unionsgesetz  vom  4,  August  ,854  sanctio-Dan%rimL
  vertragsmassig  erworbenen  Rechte  der  Inhaber  der
urk  Uber  ihre  Besitztitel  und  Schenkungskunden ­
  der  Unionsregierung  zur  Untersuchung  und  Be-WZT
  T'T"  .!  """  The»  derselben  ge,han.
nicht  T"'  ükeren  Grants  solche  Urkunden
nicht  mehr  vorhanden  waren.  Jene  Grants,  deren  Titel  anwteH""‘h'-I;
  "C°"fi"ncd  grants“,  und  sie  erzielen
ob!  h’’  T'o  per  Acre  als  die  noch  nicht  anerkannten,
die  ,  hV  noch  keinen  Schritt  that,  um
nhaber  solcher  noch  nicht  anerkannten  Grants  in  ihrem
siue  zu  stören  Wenn  sich  aber  späterhin  Settler  zahlreich
da  ‘“cn  zweifelhaften  Grants  niederlassen  und  fordern  sollten,
nf?  1  "  ,^n,onsregierung  ihr  Homestead-Rech,  auf  diesen,
c  t  ega  besessenen  Ländereien  anerkenne,  so  würden  sich
^oæe  Schwierigkeiten  erheben,  die  wohl  meist  zu  Ungunsten
rincips  des  Grossgrundbesitzes  und  zu  Gunsten  der  Settler
gelost  werden  dürften.  Bisher  haben  sich  die  Inhaber  solcher
^ranjs  meist  unter  der  Hand  mit  diesen  Settlern  geeinigt.  Die
er  ennung  gewisser  Grants,  welche  erst  neuerlich  erfolgte,
at  viele  Kosten  und  Schwierigkeiten  verursacht,  ein  Umstand,
r  sie  nun  wieder  im  Werthe  steigen  lässt,  umsomehr,  als
einen  Vortheil  vor  jenen  voraus  haben,  deren  Anerkennung
p  .  ^  später  noch  erfolgen  sollte.  Die  Anerkennung  eines
g-  Grants  ist  Sache  des  Congresses  der  Union,  erfordert
esetz,  das  das  Abgeordnetenhaus  und  den  Senat  passirt
ad  dann  vom  Präsidenten  bestätigt  wird.  Diese  Procedur  ist
ostspielig,  langwierig  und  nicht  stets  erfolgreich.
In  der  Union  herrscht  die  Theorie,  dass  der  Grund  und
        <pb n="388" />
        374

Boden  dem  Besitzer  gehört  ,,bis  zum  Mittelpunkte  der  Erde“.
Ein  Freischurfrecht  existirt  also  nicht.  Alle  Mineralien  gehören ­
  dem  Besitzer.  Bei  den  bisher  anerkannten  Grants
wurde  dies  massgebend.  Allein  bei  Untersuchung  der  Schenkungsurkunden ­
  stellte  es  sich  heraus,  dass  nach  den  alten  spanischen
Coutumes  (Gesetz  5,  Titel  2,  Partida  2)  die  Schätze  unter  der
Erde  nicht  alle  gleichzeitig  mit  dem  Lande  verliehen  wurden,
sondern  extra  in  der  Belehnungsurkunde  als  mitgegeben  bezeichnet ­
  werden  mussten.  Gold,  Silber  und  Quecksilber  blieben
Regale.  Aber  selbst  in  dem  Falle,  dass  sie  mit  verliehen
wurden,  gehörten  sie  dem  Grantinhaber  nur  so  lange,  als
jener  König  lebte,  welcher  die  Schenkung  machte!  Als
die  Union  die  Landgrants  anerkannte,  hat  sie  bisher  auch
ein  Recht  der  Besitzer  an  allen  Mineralien  darin  anerkannt,
aber  nur  aus  Unkenntniss  jener  spanischen  Gesetze,  die  auch
später  noch  in  Mexico  galten.  Das  wird  sje  jetzt  wahrscheinlich ­
  nicht  thun.  Unconfirmirte  Grants,  die  hinfur
bestätigt  werden  sollten,  werden  also  nur  die  Oberfläche,  nicht
alle  Mineralien  umfassen,  welche  in  den  meisten  Grants  den
werthvollsten  Theil  bilden,  wenn  jenes  Gesetz  angenommen
werden  sollte,  das  über  diese  Materie  dem  Congresse  seit
vorigem  Jahre  vorliegt.
In  Neu-Mexiko,  wo  ich  diese  interessante  Angelegenheit
zu  studiren  Gelegenheit  hatte,  existiren  etwa  200  solcher
„Privat-Grants“  die  an  Privatpersonen,  25  „Pueblo-Grants“
die  an  Stadtcommunen  verliehen  worden  sind,  und  ferner
mehrere,  die  Indianergemeinden  verliehen  wurden.  Hiervon
sind  aber  bisher  nur  46  von  der  Unionsregierung  bestätigt
worden.
Der  älteste  dieser  bestätigten  Grants  ist  im  Jahre  17*^
vom  Könige  von  Spanien,  der  jüngste  i860  von  der  Unionsregierung, ­
  der  vorletzte  1846  von  Mexiko  verliehen  worden.
Jener  Grant  von  i860  war  nur  ein  Tausch.  Die  UnionsregiC'
rung  gibt  keine  solchen  Grants,  ausser  an  Eisenbahncompagnien ­
  zur  Beförderung  des  Bahnbaues  —  dann  aber  in  g®'
trennten  Sectionen  von  je  einer  Quadratmeile  Grösse,
Jahre  i860  tauschte  sie  von  den  Erben  des  Louis  Maria  C.
        <pb n="389" />
        375

Bacca  einen  Grant,  dessen  Territorium  sie  zur  Anlegung
eines  Forts  brauchte,  gegen  zwei  andere  Landstrecken  ein.
So  erklärt  es  sich,  dass  auch  sie  als  „Grantschafferin“  fungirt.
in  Grösse  variiren  die  Grants  von  3000  bis  gegen  2  Millionen
Acres.  Sie  umfassen  etwa  den  zwanzigsten  Theil  des  Staates.
nconfirmirte  Grants  sind  zu  sehr  niedrigem  Preise,  bis  zu
3  Cents  per  Acre,  confirmirte  höher,  bis  zu  26  Dollars  per
j^cre,  verkauft  worden.  Gewisse  Grants  greifen  in  benachbarte ­
  Staaten  oder  Territorien  der  Union  über.
Einige  derselben  sind  in  den  Besitz  von  Europäern  übergegangen.
  So  in  jenen  von  englischen  und  holländischen
andcompagnien.  Diese  Compagnien  haben  wiederum  fast
Regel  das  Land  gar  nicht  oder  sehr  unvollkommen  in  Benützung ­
  genommen,  vielmehr  haben  die  Gründer  die  Actien
nnd  später  ausgegebene  Obligationen  zum  Gegenstände  schwindelhafter ­
  Börsenspeculationen  gemacht,  dabei  viel  Geld  gewonnen ­
  und  die  späteren  Inhaber  jener  von  ihnen  emittirten
onds  einfach  betrogen.  Bankerott  oder  Liquidation  und  Reorganisation
  ist  das  Schicksal  solcher  Actiengesellschaften  bisher ­
  gewesen.  Jetzt  scheint  es  besser  zu  werden.
Neuerlich  suchen  englische  Aristokraten  Grants  zu  kaufen,
^ir  trafen  in  Denver  und  Lead  ville  mit  dem  Herzog  von
Sutherland  zusammen,  welcher  sich,  begleitet  von  einer  Anzahl
geschäftskundiger  Männer  aus  England,  auf  einer  Suche  nach
Land  befand.  Diese  englischen  Adeligen  sehen  ein,  dass  die
Grundrente  in  Europa  fallen  muss  und  fürchten  zudem  eine
Sociale  Revolution,  welche  dem  englischen  Landsysteme  ein
Lnde  machen  könnte,  umsomehr,  als  die  irische  Bewegung
*tach  England  übergreift  und  es  nicht  unwahrscheinlich  ist,
^^s  Gladstone,  Bright,  Dilke  und  andere  Mitglieder  der  Regierung ­
  die  irische  Bewegung  solche  Dimensionen  annehmen
dessen,  um  ihre  Uebertragung  auf  England  zu  fördern  und
^ann  Gelegenheit  zu  erhalten,  hier  das  ihnen  verhasste  Land-System
  zu  beseitigen.  In  der  Regel  gehen  ja  Revolutionen
den  Regierungen  aus,  wenn  sie  auch  von  den  Massen
üurchgeführt  werden..  Andere  englische  Edelleute  haben  be-^■eits
  grosse  Landstrecken  in  diesen  ehemals  spanischen  Ländern
        <pb n="390" />
        376

gekauft  und  in  Santa  Fé  ist  jetzt  ein  englischer  Agent,  der
im  Aufträge  englischer  Lords  Erkundigungen  über  jeden
grossen  Grundbesitz  einzieht,  welcher  hierzulande  verkäuflich ­
  ist.
Jene  englischen  Herren,  die  hier  schon  Grundbesitzer
sind,  nehmen  in  der  Regel  die  Ausbeutung  ihres  Besitzes  in
Angriff  und  realisiren  sehr  grosse  Gewinne,  so  die  Lords
Airley  und  Dunmore.  Um  einen  solchen  amerikanischen
Grossgrundbesitz  und  seine  wirthschaftliche  Ausbeutung  kennen
zu  lernen,  folgten  wir  der  Einladung  des  Verwalters  eines  der
grössten  Landgrants,  der  in  beiden  Territorien  —  Neu-Mexico
und  Colorado  —  liegt,  und  nahmen  einen  längeren  Aufenthalt ­
  auf  demselben,  während  dessen  wir  ihn  in  seinen  Haupttheilen
  in  Augenschein  nahmen.
Der  betreffende  Grant  heisst  „Maxwell-Grant“  und  liegt
um  Cimarron  am  Cimarronflusse.  In  der  Stadt  Cimarron  befindet ­
  sich  die  Verwaltung  des  Grants.  Seine  Geschichte  ist
hochinteressant.
Das  Gebiet  des  Grants  ist  1.714.000  Acres  gross  und
wurde  im  Jahre  1841  an  den  canadischen  Handelsmann
Beaubien  und  den  mexicanischen  Staatsmann  Miranda  von  der
mexicanischen  Regierung  verliehen.
Der  Handel  dieses  Theiles  der  mexicanischen  Republik
concentrirte  sich  damals  in  Santa  Fé.  Diese  Stadt  stand  mit
der  Union  in  Handelsverkehr.  Allein  der  nächste  Markt,  mit
dem  Santa  Fé  verkehrte,  war  damals  St.  Louis,  und  eine
Eisenbahn-Verbindung  existirte  zwischen  beiden  Plätzen  nicht.
Auf  grossen  Lastwagen,  die  sich  zu  Karawanen  vereinten,
wurden  die  Waaren  von  einer  jener  Städte  zur  anderen  befördert ­
  auf  einer  Strasse,  die  als  der  „Santa  Fé  Trail“  bekannt
ist  und  deren  Spuren  wir  in  der  Prairie  am  Kansas  und  Neu-Mexico
  an  vielen  Stellen  gefunden  haben.
Diese  Strasse  führte  von  St.  Louis  westlich  durch
Prairie  nach  dem  Arkansas-Thale,  folgte  ihm  bis  zum  Einflüsse
des  Purgatoryflusses  in  Colorado  bei  Fort  Lyon  und  Las
Animas,  das  damals  eine  Hauptstation  auf  dem  Wege  war-Von
  hier  zog  sie  sich  südwestlich  das  Thal  des  Purgatory
        <pb n="391" />
        377

hinauf,  überschritt  südlich  von  Trinidad  einen  östlichen  Ausläufer ­
  der  Rocky  Mountains  im  Ratonpass,  der  hier  die  Wasserscheide ­
  zwischen  dem  Arkansas-  und  Canadianflusse  bildet,
und  zog  sich  dann  südöstlich,  endlich  südlich,  am  Fusse  des
Gebirges,  das  hier  lo.ooo  Fuss  erreicht,  auf  einer  wellenförmi-^n,
  baumlosen,  mit  Büffel-  und  Grammagras  bewachsenen
Hochebene  in  5000  bis  6000  Fuss  Höhe  nach  Santa  Fé.
Die  texanische  Grenze  berührt  in  ihrem  äussersten  Nordosten ­
  diese  Ebene.  Mexico  lag  um  1840  mit  Texas,  das  sich
1835  fiir  unabhängig  von  Mexico  erklärt  hatte  und  bis  nach
^50  mit  ihm  kämpfte,  im  Kriege.  Texaner  störten  nun  den
Handel  Mexicos  auf  dem  Santa  Fé  Trail  und  konnten  es  am
besten  auf  der  Strecke  um  den  Raton-Pass  thun,  weil  jene
ihrer  Grenze  nahe  lag.
Auch  die  Indianer  nahmen  Th  eil  an  diesem  Kampfe.  Sie
wurden  von  beiden  Parteien  benützt.  Der  letzte  östliche  Ausläufer ­
  der  Rocky  Mountains,  welcher  bei  Santa  Fé  endet  und
Sierra  Madre,  hier  auch  Taos  Mountains  genannt  wird,  liegt
zwischen  der  Ebene  des  Cimarronflusses,  der  in  den  Canadianfluss
  fällt,  und  über  welche  der  Santa  Fé  Trail  führt,  und
der  grossen  und,  wenn  bewässert,  fruchtbaren  Ebene  des  Oberen
Rio  Grande.  In  dem  Rio  Grande-Thale  liegt  die  alte  mexicanische
  Stadt  Taos.
Im  Gebirge  und  seinen  Thälern  und  in  der  Ebene  des
Rio  Grande  hausten  kriegerische  Indianerstämme,  die  Apachen
und  Utes  auf  den  Ebenen  von  Westkansas  und  Texas,  am
Canadianflusse  die  Comanchen,  Kiowas  und  Cheyennes.  Sie
Wurden  von  den  Texanern  aufgehetzt  und  überfielen  die  mexicanische
  Stadt  Taos,  sowie  andere  Niederlassungen  der  Mexicaner
in  der  Rio  Grande-Ebene,  plünderten  sie  und  verwüsteten  ihre
Felder,  trieben  auch  das  Vieh  der  Mexicaner  weg.  Der  Dictator ­
  von  Mexico,  Santa  Anna,  versuchte  zwar,  Texas  wieder
zu  unterjochen,  doch  misslang  dies  umsomehr,  als  1837  die
Union  und  in  unglaublicher  Kurzsichtigkeit  1840  auch  England ­
  und  Frankreich  die  Unabhängigkeit  von  Texas  anerkannten. ­
  Diese  europäischen  Mächte  glaubten  damals,  durch
Schaffung  eines  dritten  Staates  in  Nordamerika  sowohl  die
        <pb n="392" />
        378

Union  wie  Mexico  schwächen  und  dadurch  Einfluss  auf  Nordamerika ­
  gewinnen  zu  können,  während  sie  thatsächlich  nur
die  Stärkung  der  Union  und  damit  ihr  jetziges  Uebergewicht
in  Nordamerika  begründeten,  das  jetzt  jeden  europäischen
Einfluss  hierselbst  vernichtet  hat.
Die  mexikanische  Regierung  war  zu  schwach,  die  Niederlassungen ­
  der  Mexicaner  am  Rio  Grande  und  die  Handelsstrasse ­
  von  Santa  Fé  nach  San  Louis  zu  schützen.  Sie  griff
daher  zu  einem  Aushilfsmittel,  das  im  Mittelalter  in  Europa
allgemein  war;  sie  schuf  eine  Markgrafschaft  an  der  ge
fährdeten  Stelle  —  da  sie  eine  republikanische  Regierung  war,
natürlich  ohne  den  aristokratischen  Titel.  Sie  verlieh  nämlich ­
  das  ganze  Taosgebirge  nebst  dem  Thaïe,  in  dem  der
Cimarronfluss  entspringt,  dem  Raton-Pass  und  der  Ebene  süd
lieh  davon,  über  welche  der  Santa  Fé  Trail  läuft,  im  Ganzen
1.714.000  Acres  oder  3726  englische  Quadratmeilen,  d.  h.  ein
Land,  das  so  gross  ist,  wie  der  dritte  Theil  des  Königreiches
Belgien  oder  der  vierte  Theil  des  Königreiches  Dänemark  und
grösser  als  manches  deutsche  Fürstenthum,  an  jene  zwei
Männer,  welche  den  Haupthandel  auf  dieser  Strasse  in  der
Hand  hatten,  ihre  eigenen  Carawanen  durch  berittene  Bewaffnete ­
  schützten  und  mit  einigen  Indianerstämmen  Schützend ­
  Trutzbündnisse  geschlossen  hatten.  Diese  Lehnsherren
waren  eben  jene  Herren  Beaubien  und  Miranda.
Die  Herrschaft,  welche  jetzt  Maxwell-Grant  heisst,  ist
somit  vielleicht  die  letzte  „Markgrafschaft“,  welche  von
einem  Staate,  der  seine  Grenzen  nicht  zu  schützen  im  Stande
war,  mächtigen,  weil  reichen,  Leuten  verliehen  wurde,  unter
der  Bedingung,  dass  sie  den  Schutz  jener  Grenzen  durch  eine
von  ihnen  zu  schaffende  bewaffnete  Macht  übernähmen.  Dies
ist  ein  Rechtstitel,  den  man  in  Europa  einen  „feudalen“  nennen
würde.  Die  heutigen  Inhaber  haben  keinerlei  kriegerische
Befugniss  oder  Aufgabe  mehr,  auch  keinerlei  solche  obrigkeitliche ­
  Rechte  über  die  Bewohner  des  Territoriums,  als  sie
Beaubien  und  Miranda  wahrscheinlich  ebenfalls  übten.  Sie
sind  einfach  die  Privateigenthümer  des  Landes  und  der
Mineralien  dieses  —  man  kann  wohl  sagen  Fürstenthumes.
        <pb n="393" />
        379

Inwieweit  Beaubien  und  Miranda  ihren  Verpflichtungen  nachkamen, ­
  ist  mir  unbekannt.  Jedenfalls  standen  sie  und  ihr
erster  Rechtsnachfolger,  Herr  Maxwell,  der  dem  Grant  seinen
jetzigen  Namen  gab,  in  guter  Beziehung,  Erstere  mit  der  mexicanischen.
  Letzterer  mit  der  Unionsregierung,  und  der  Besitzdtel
  des  Grants  ist  denn  auch  von  der  Unionsregierung  anerkannt ­
  worden.
Der  Nachfolger  der  Gründer  des  Grant  hiess  Maxwell
und  war  der  Erbe  und  Schwiegersohn  eines  der  Gründer.
Er  fand  die  Erben  des  anderen  Gründers  mit  Geld  ab,  hatte
bald  keinerlei  militärische  Verpflichtungen  mehr,  weil  die
Unionsregierung,  welche  dieses  Land  seit  1848  besitzt,  den
Schutz  ihrer  Angehörigen  selbst  übernahm.  Um  jene  Zeit,
oder  etwas  später,  wurden  die  Thalindianer  im  Pueblo,  drei
Meilen  von  Taos,  welche  abermals  sich  unbequem  gemacht
hatten,  gründlich  von  amerikanischen  Truppen  geschlagen.
Wir  sahen  die  Ruinen  einer  Kirche,  in  die  sie  sich  geflüchtet
Und  die  damals  von  den  Truppen  zusammenkanonirt  wurde,
bei  einem  Besuche,  den  wir  ihrer  merkwürdigen  Niederlassung ­
  machten.  Seitdem  verhalten  sie  sich  ruhig  und  ernähren ­
  sich  sehr  reichlich  durch  Ackerbau.  Die  Texaner  beunruhigen ­
  diese  Gegend  natürlich  auch  nicht  mehr,  denn  Texas
'Var  schon  früher,  im  Jahre  1845,  an  die  Union  annectirt,  und
^or  Santa  Pé  Trail  braucht  keinen  Schutz  mehr,  denn  selten
passirt  ihn  noch  ein  Einwandererwagen,  seit  die  Atchinson-,
"Eopeka-  und  Santa  Fe-Eisenbahn,  von  Kansas  City  kommend
J^d  die  Verbindung  mit  St  Louis  vermittelnd,  durch  die
Hochebene  des  Grants  läuft  und  Santa  Fé  mit  jenen  Handels-Emporien
  des  Westens  verbindet
Mr.  Maxwell  gab  sich  nun  einer  friedlichen  Beschäftigung
mit  Erfolg  hin.  Er  leitete  Wasser  aus  dem  oberen  Cimarron-Ilusse
  durch  einen  „  Ditch  “  oder  Hauptgraben  auf  die  Niederungen ­
  der  grossen  Hochebene  bei  Cimarron,  das  1923  Meter
über  dem  Meere  liegt,  und  Hess  Mexicaner  sich  in  ihr  ansiedeln, ­
  welche  ihm  einen  Theil  der  Ernte  als  Pacht  abgeben
•Mussten  Métayer-System  —  er  schaffte  auch  Vieh  an  und
baute  eine  Mahlmühle.
        <pb n="394" />
        38o

Ein  Blick  auf  eine  gute  Karte  dieser  Gegend  lehrt,  dass
die  Unionsregierung  viele  Forts  daselbst  anlegte,  um  die  Indianer ­
  und  auch  die  Mexicaner  in  Ordnung  zu  halten.  Keine
Eisenbahn  verband  diese  Militärstationen  mit  der  Fruchtebene
östlich  vom  Mississippi,  von  wo  sie  verproviantirt  werden
mussten.  In  Californien  gab  es  noch  fast  keinen  Ackerbau,
von  Westen  konnte  das  Militär  auf  diesen  Stationen  also  nicht
mit  Lebensmitteln  versorgt  werden.  Auf  Frachtwagen  wurden ­
  Mehl  und  Fleisch  von  St.  Louis  —  15®®  Meilen  weit
hierhergebracht.  Die  Ackerbauproducte  des  Mr.  Maxwell  genossen ­
  also  einen  natürlichen  und  hohen  Schutzzoll  in  dem
Preise  des  Transportes  auf  der  über  1500  Meilen  weiten
Strecke  von  St.  Louis  hierher;  wir  werden  später  sehen,  dass
sie  auch  heute  noch  einen  Schutz  aus  ähnlichem  Grunde,
wenn  auch  keinen  so  grossen,  besitzen.  Ein  englisches  Pfund
Mehl  kostete  damals  in  diesen  Forts  bis  zehn  Cents,  zuweilen
sogar  18  Cents!  Mr.  Maxwell  schloss  Contracte  mit  der  Regierung ­
  auf  Verproviantirung  dieser  Forts  ab  und  bezog  Einiges
aus  St.  Louis,  Mehl,  Hafer,  Heu  und  Fleisch  erzeugte  er  aber
zum  grossen  Theil  selbst  auf  seinem  ungeheueren  Besitze.
Im  Jahre  1870  verkaufte  Maxwell  die  Herrschaft  an  Eng
länder  um  750.000  Dollars,  einen  Preis,  der  damals  für  gut
galt,  denn  noch  war  der  Eisenbahnbau  erst  bis  Kansas-City,
800  Meilen  östlich  von  Cimarron,  vorgerückt  und  noch  gab
es  keine  Viehzucht  in  grossem  Style  und  für  den  Export  in
Neu-Mexico.  Mit  dem  Auftreten  dieser  Engländer  begann
ein  grosser  Schwindel  in  Actien  und  eine  Vernachlässigung
der  Oeconomie  in  Cimarron.  Sie  schufen  eine  Actiengesellschaft
  mit  einem  Nominalactiencapital  von  fünf  Millionen
Dollars  und  nahmen  dazu  noch  eine  Hypothek  von  weiteren
fünf  Millionen  Dollars  auf!  Auf  die  Actien  dürfte  so  gut  wie
nichts  eingezahlt  worden  sein.  Sie  wurden  unter  die  Gründer
vertheilt  und  an  die  Börsen  von  London  und  Amsterdam  g^'
bracht,  natürlich  möglichst  gut  an  Leichtgläubige  verkauft-Für
  die  Hypothek  wurden  Obligationen  oder  Bonds  ausgegeben. ­
  Wie  ich  hörte,  übernahm  sie  ein  Consortium  zu
80  Percent  und  brachte  sie  zu  85  Percent  auf  holländischen
        <pb n="395" />
        Börsen  an  den  Mann,  Das  hie  für  einkommende  Geld  wurde
zumeist  wieder  von  den  Gründern  ad  saccum  genommen;  abgesehen ­
  von  der  Zinszahlung  für  einige  Jahre.  Auf  die  Herrschaft ­
  verwendeten  sie  wenig,  nur  circa  eine  halbe  Million
Dollars  in  sehr  thörichter,  unprofitabler  Weise.  Der  Ackerbau ­
  verfiel  also  und  die  Viehzucht  ging  zurück.
Von  dem  grossen  Krachjahre  1873  ab  stellten  sie  die
Zahlung  der  Zinsen  für  die  Bonds  ein.  Die  Bondsbesitzer
Warteten  erst  eine  Zeit  lang,  dann  vereinigten  sie  sich  und
gewannen  den  gegenwärtigen  Administrator,  Herrn  Shervin,
öer  einen  Process  gegen  die  alte  Actiengesellschaft  anstrengte
Und  es  durchsetzte,  dass  die  Obligationsbesitzer  in  den  Besitz
Herrschaft  kamen.  Sie  haben  nun  eine  neue  Gesellschaft
organisirt  und  nehmen  die  Ausbeutung  des  Landes  soeben
planmässig  in  Angriff.  Dieser  lehrreichen  Wirthschafts-Organisation
  auf  einem  ungeheuren  Territorium  haben  wir  über  eine
Woche,  unter  Leitung  des  stellvertretenden  Directors,  Herrn
Sheldon,  beigewohnt.  Inzwischen  ward  im  Jahre  1867  Gold
im  Moreno-Thale,  das  zur  Herrschaft  gehört,  entdeckt  und  das
Goldwäschen  begann  daselbst.  Hier  entstand  die  kleine  Stadt
Elisabethtown,  nahe  welcher  noch  jetzt  Gold  durch  das  hydraulische ­
  System  gewonnen  wird.  Die  bisherige  Ausbeute  beträgt
gegen  3  Millionen  Dollars.  Hier  und  an  anderen  Stellen  ist
Land  zum  Baue  von  Häusern  verkauft  oder  verpachtet  worden.
Auf  der  Ebene  bei  Cimarron  sind  etwa  60  bis  70.000  Acres
Viehzüchter  auf  20  Jahre  verpachtet  worden.  Alles  übrige
and  gehört  der  Gesellschaft,  deren  Bureaux  sich  in  Cimarron,
^iner  kleinen  Stadt  mit  Kirche,  Gefangniss,  zwei  Hotels  und
Suten  Läden,  befinden,  zu  unbeschränkter  wirthschaftlicher
Ausbeutung.  Der  105.  Grad  westlicher  Länge  von  Greenwich
^nd  der  37.  Grad  nördlicher  Breite  schneiden  sich  im  nordwestlichen ­
  Theile  der  Herrschaft.  Trotz  dieser  sehr  südlichen
Lage,  welche  jener  des  südlich  von  Granada  in  Spanien  und
südlich  von  Syracus  auf  Sicilien  gelegenen  Landes  entspricht,
jst  die  Hitze  hier  nicht  sehr  lästig,  da  der  niedrigste  Ort  der
Herrschaft  1600  Meter  über  dem  Meere  liegt.
Zwei  Drittel  der  Besitzung  bestehen  aus  Bergen,  deren
        <pb n="396" />
        382

höchster  4175  Meter  hoch  ist.  Sie  sind  meist  bis  zur  Spitze
mit  Waldbäumen  bewachsen,  denn  die  Waldgrenze  ist  in  dieser
Breite  10.500  englische  Fuss,  während  sie  in  Mitteleuropa
schon  bei  5000  Fuss  beginnt.  Eine  harte  Pinie  herrscht  vor
und  erreicht  eine  bedeutende  Höhe.  Bei  guter  forstmässiger
Bewirthschaftung  und  Einrichtungen  zur  Abfuhr  wird  der  grosse
Holzreichthum  lohnenden  Absatz  finden,  da  es  in  der  Ebene,
bis  zum  Mississippi,  keine  Wälder  giebt.  Ausser  der  Pinie
wachsen  Cedern,  Eichen  und  andere  Laubbäume,  wie  Espe
und  Birke,  an  den  Flüssen  auch  die  Weide,  haben  jedoc
keinen  grossen  commerciellen  Werth.
Im  Gebirge  liegen  fünf  grosse  *  „Parks“  d.  h.  Hochebenen
von  wellenförmiger  Oberfläche,  die  von  höheren  Bergen  umgeben ­
  sind,  nur  hie  und  da  Baumgruppen  tragen  und  m
Mulden  Wasser  enthalten.  Bergbäche  durchströmen  sie.
Ihre  Grösse  mag  den  zwölften  bis  fünfzehnten*  Theil  der  e
Sitzung  umfassen.  Diese  Parks  sind  zwischen  8000  und  9000
englische  Fuss  hoch.  Südöstlich  vom  Gebirge  nimmt  eine
wellenförmige  Prairie  etwa  den  vierten  Theil  der  Herrscha
ein  und  steigt  von  1600  bis  ca.  2000  Meter  auf  Jene  genannten
hohen  Parks  und  die  höheren  Berge,  welche  sie  umgeben,
sind  die  Wasserscheide  zwischen  dem  Rio  Grande  und  e
Zuflüssen  des  Arkansas.  Sie  bilden  die  Westgrenze  der  Herrschaft ­
  und  auf  ihnen  entspringen  zahlreiche  Bäche  und  Fluss^
welche  sich  alle  in  den  Canadianfluss  ergiessen,  der  im  Nor  '
osten  der  Herrschaft  entspringt,  südlich  des  Raton-Passes  aus
dem  Gebirge  in  die  grosse  Prairie  von  Cimarron  tritt,  un
sie  der  Länge  nach,  von  Norden  nach  Süden,  durchströmt,
drei  grosse  und  zahlreiche  kleine  westliche  und  einen  grossen
und  manche  kleine  östliche  Zuflüsse  im  Gebiete  des  Grants
aufnehmend.  '  .  ^
Am  oberen  Cimarron,  dem  Hauptzuflusse  des  gro
Canadianflusses,  der  sich  erst  an  der  Ostgrenze  von  Te%^^
den  Arkansas  ergiesst,  liegt  Elisabethtown,  ist  das  Gol
mit  seinen  Wäschereien,  welches  etwa  20  englische  Mei
lang  und  eine  bis  fünf  Meilen  breit  sein  mag.  Das  Lan
Grants  ist  äusserst  reich  durch  das  geschilderte  Flusssys
        <pb n="397" />
        F

383

bewässert.  In  allen  Flussthälern  ist  künstliche  Bewässerung
und  Ackerbau  auf  dem  bewässerten  Lande  möglich.  Uns
schien,  als  ob  der  Boden,  welcher  überreich  an  löslichen  mineralischen ­
  Bestandtheilen  ist,  nicht  genug  Stickstoff  habe  und
bei  Zusatz  von  solchem,  durch  Stalldünger  oder  künstliche
Präparate,  zu  grosser  Fruchtbarkeit  zu  bringen  sein  möchte.
Thatsächlich  treiben  Mexikaner  in  einzelnen  Thälern  ohne  zu
düngen  seit  vielen  Jahren  Ackerbau,  aber  mit  den  elendesten
Werkzeugen  und  in  der  sorglosesten  Manier,  natürlich  auch
ohne  gute  Ernten  zu  erzielen.  Es  mögen  gegen  100.000  Acres
der  Bewässerung  und  des  Ackerbaues  fähig  sein,  ohne  dass
man  Wasserreservoirs  anzulegen  brauchte,  was  an  allen  diesen
Flüssen  leicht  zu  machen  wäre.  Sollten  solche  Reservoirs
angelegt  werden,  so  könnte  man  gegen  300.000  Acres  dem
Ackerbaue  gewinnen.  Sechs-  bis  siebenhunderttausend  Acres
sind  Parks  oder  „rollende  Prairie“  und  werden  als  Viehweide
benützt.  Schnee  fallt  nicht  viel  und  wird  bald  weggeweht.
Das  Vieh  wird  nie  gestallt,  sondern  weidet  —  Schafe  wie
Rinder  —  jahrein  jahraus  im  Freien.
Regen  fallt  am  reichlichsten  im  Juli  und  August  und  sind
nach  demselben,  bis  zum  Winter,  die  niedrigeren  Prairien  mit
Grammagras  und  hie  und  da  mit  anderen  Alpenpflanzen,
namentlich  einem  halb-  bis  zweifussigen  Buschwerke  bewachsen,
das  die  Rinder  gerne  fressen.  Auch  im  Frühling  pflegt  es  zu
regnen.  Im  Spätherbst,  der  trocken  ist,  wird  das  Grammagras
äuf  der  Prairie  trocken,  auf  dem  Halme  zu  Heu  und  giebt
den  Thieren  im  Winter  Nahrung.  Wenn  im  Frühling  das
Futter  hier  knapp  wird,  was  zuweilen  geschieht,  so  treibt  man
das  Vieh  auf  die  hohen  Parks,  die  als  Futterreserve  dienen
Und,  Weil  sie  höher,  feuchter  und  kühler  sind,  mehr  Gras  wuchs
^aben,  als  die  niedrigere  und  wärmere  Prairie.  Hier  wächst
^icht  nur  das  Grammagras  dichter  als  in  den  Thälern  und  auf
der  unteren  Prairie,  sondern  in  den  Mulden  sogar  das  blaue
Gras  der  östlichen  Kansasprairie.  Die  Rinder  verschmähen  es
^ber  so  lange,  bis  sie  das  schmackhaftere,  obschon  kürzere
Grammagras  abgeweidet  haben.  Natürlich  werden  auch  die
^Grgabhänge,  welche  dünn  bewaldet  sind  und  Gras  und
        <pb n="398" />
        384

Alpenkräuter  tragen,  in  Jahreszeiten  abgeweidet,  in  welchen
die  Prairie  dürr  wird.  Schweizer  Vieh  dürfte  sich  auf  dieser
Gebirgs-  und  Almweide  am  besten  bewähren.
Die  Berge  sind  reich  an  Mineralien.  Vom  Golde  im
Moreno-Thale  habe  ich  schon  gesprochen.  In  den  Bergen  ist
Silber,  Eisen,  Kupfer,  Graphit  und  dann  hat  die  Gesellschaft
auf  1000  Quadratmeilen  Kohlen.  Alle  diese  mineralischen
Schätze  will  die  Gesellschaft  jetzt  planmässig  zur  Hebung
bringen.  Um  die  Eisenbahnstation  Raton  sind  10.000  Acres
einer  besonderen  Actiengesellschaft  zur  Ausbeutung  der  Kohle
überlassen;  die  Landcompagnie  besitzt  die  Hälfte  der  Actien,
die  Atchinson-Eisenbahncompagnie  die  andere  Hälfte.  Die
Atchinson-,  Topeka-  und  Santa  Fe-Eisenbahn  deckt  hier  den
Kohlenbedarf  für  eine  grosse  Anzahl  ihrer  nördlich  und  südlich ­
  hiervon  gelegenen  Stationen.  Coaks  sollen  für  die  Berg-*
werke  in  Arizona  und  Neu-Mexiko  hierselbst  gemacht  werden.
Der  gegenwärtige  Bedarf  wird  auf  ^0.000  Tonnen  für  di
Minen  allein  veranschlagt;  die  Eisenbahn  und  andere  Consumenten
  gebrauchen  60.000  Tonnen  mehr.
Man  hofft  Weinbauer  aus  Frankreich  herzuziehen  und
Wein  und  Obst  durch  sie  produciren  zu  lassen.  Diese  Hoffnung
erscheint  begründet,  da  wir  in  Santa  Fé  guten  Wein  trankei^
den  der  Erzbischof  Larmy  auf  ihm  gehörigem  Gebirgsland
Neu-Mexicos  gebaut  hatte  und  von  dem  er  uns  eine  Kiste  vo
verehrte.  Die  Mexicaner  lässt  man  einstweilen  ihren  ärmlichen
Ackerbau,  gegen  einen  geringen  Pacht,  weiter  betreiben.  Aber
man  möchte  in  einem  der  Thäler  Zuckerrüben  im  Grossen
anbauen,  die  trefflich  gedeihen  sollen,  und  eine  Zuckerfabrik
anlegen.  Der  hier  gewonnene  Zucker  würde  einen  doppelten
Schutz  haben.  Erstens  den  Zollschutz  von  ca.  60  Percent  vom
Werthe,  den  jeder  in  Amerika  erzeugte,  vollkommen  steuerfreie ­
  Zucker  geniesst,  und  zweitens  den  Aufschlag,  den  der
aus  Louisiana  oder  New-York  nach  den  Bergwerken  des
Felsengebirges  zu  transportirende  Zucker  durch  die  Transport
kosten  erfährt.
Raffinadezucker  kostet  in  dieser  Gegend  Neu-Mexico  ,
IO  bis  i2'/2  Cents  per  Ib.,  in  New-York  8  bis  10^4  Cents,
        <pb n="399" />
        385

in  New-Orleans  bis  10  Cents.  Dieser  Unterschied  im  Preise
erklärt  sich,  denn  der  Transport  von  100  Ibs.  von  New-York
bis  Springer,  der  Cimarron  zunächst  liegenden  Eisenbahnstation,
ostet  für  Zucker,  Reis,  Eisen  und  derartige  schwere  Artikel
2  25  Dollars,  für  leichtere  bis  4*50  Dollars,  für  ganze  Waggonadungen
  im  Specialcontracte  1.85  Dollars.  Hiezu  kommen
pesen,  Zufuhr  in  New-York  zur  Bahn,  Abfuhr  hier,  so  dass
Aufschlag  im  Durchschnitte  mit  mehr  als  2  Vz  Dollars  per
^00  Ibs.,  d.h.  mit  13-4411.  ö.  W.  oder  29.40  Eres,  perMetercentner
^ogenommen  werden  kann.  Heimische  Zuckerautoritäten  mögen
^rechnen,  ob  bei  solchem  natürlichen  Schutze  über  den  in
ow-York  und  New-Orleans  ohnehin  schon  durch  einen  sechzig-Percentigen
  Werthzoll  geschützten  Zucker  der  Rübenbau  und
Zuckerfabrikation  sich  hier  rentiren  kann  und  wie  viel  der
SÇsammte  Schutz  per  Joch  hier  beträgt,  wenn  man  ferner  —
den  Landwirthen  unserer  kleinen  Expedition  —  annimmt,
der  bewässerte  Boden  hier,  bei  gleich  guter  Bestellung
^^d  nicht  so  reichlicher,  nur  Stickstoff  liefernder  Düngung,
en  gleichen  Ertrag  an  Rüben  liefern  dürfte,  wie  in  Böhmen;
^ss  die  Selbstkosten  der  Wasserzuleitung  nicht  einen  halben
^ollar  per  Acre  übersteigen,  der  Arbeitslohn  aber  höher  ist.
zahlt  20  Dollars,  Kost  und  Wohnung  per  Mann  und
onat.  Sollten  die  Rüben  auch  etwas  weniger  Percent  Zucker
etwas  mehr  Alkalien  enthalten  als  böhmische,  so  macht
^  -1^  nichts  aus,  denn  man  hat  keine  „Raumsteuer“  und  kann
grösseren  Gelassen  den  Saft  gewinnen,  den  Betrieb  lang-^nier
  machen.  Die  Rückstände  können  in  zweckmässigster
^  ®ise  zum  Fettmachen  des  ohnehin  für  den  Fleischmarkt  ge-^*ridviehes
  benützt  werden.  Die  Combination  der
^  Grfabrikation  mit  der  Viehzucht  empfiehlt  sich  also  für
derartigen  Grossgrundbesitz  ausserordentlich,
die  ähnlich  guten  Ertrag  wie  der  Rübenanbau  dürfte
Anlegung  einer  Spinnerei  und  Weberei  zum  Zwecke  der
grobwollener  Decken  liefern.  Diese  Decken  sind
den  zahlreichen  Hirten  und  Bergbewohnern  im  all-^nieinen
  Gebrauche,  wie  auch  grobe  Zimmerteppiche.  Sie
rden  aus  der  Wolle  der  mexicanischen  Schafe  gemacht.
        <pb n="400" />
        386

Diese  Wolle  wird  nach  Massachusetts  geschickt,  die  fertigen
Decken  werden  von  dort  bezogen.  Die  Transportkosten  des
Rohmaterials  hin  —  man  beachte  wohl:  ungewaschene  Schmutzwolle ­
  —  und  der  Decken  zurück  betragen  circa  ó'/g  Cents
per  Ibs.  der  Decken,  macht  76.44  Francs  per  Metercentner
dieser  sehr  groben  Wollenwaaren.  Wasserkraft  zum  Betriebe
der  Fabriken  ist  reichlich  vorhanden.  Kohle,  wenn  man
Dampfbetrieb  vorziehen  sollte,  kann  zu  50  Cents  per  Tonne
(neun  Metercentner)  auf  dem  Gebiete  des  Grants  gefördert
werden.  Die  Zucht  grober  Schafe  in  Verbindung  mit  solcher
einfachen  Deckenfabrikation  würde  also  sehr  lohnend  sein.  —
Die  grossen  Profite,  welche  in  Amerika  gemacht  werden,  der
Reichthum,  den  viele  Amerikaner  schnell  machen,  erklärt  sich
einfach,  wenn  man  ihre  Geschäfte  in  deren  Details  auflöst.
Als  Ursache  findet  man  billiges  Land,  wenig  Steuern  und  gar
keine  solchen,  welche  die  Production  hemmen,  belästigen  und
theuer  machen  —  wie  die  Steuer  auf  die  Zuckerfabrikation  in
Europa  —  hohen  Schutzzoll,  den  die  Wollenmanufactur  ja
auch  geniesst,  und  an  entlegenen  Stellen  der  Union  die  Prämie,
welche  in  dem  Transporttarife  solcher  Artikel  liegt,  die  loco
in  Massen  consumirt,  von  weit  her  zum  Localmarkte  gebracht
werden,  auf  demselben  selbst  aber  aus  dort  gewonnenem  Rohmaterial ­
  und  mit  Benützung  billiger  Wasser-  oder  Dampf  kraft
fabricirt  werden  können.  Der  hohe  Arbeitslohn  wiegt  diese
enormen  Vortheile  bei  Weitem  nicht  auf,  und  das  Capital,
das  loco  zu  7  Percent  zu  haben  ist,  kann  von  grossen  Unternehmern ­
  weit  billiger  in  Europa  oder  in  Boston,  New-York
und  Philadelphia  geborgt  werden.
Auf  der  Herrschaft  Maxwell  trafen  wir  grössere  Schafheerden,
  die  fremden  Schafzüchtern  gehören,  welche  einen
Pacht  für  den  Acker  zahlen.  Es  waren  mexicanische  und  mh
Merinos  gekreuzte  Schafe.  Die  Herrschaft  könnte  grobe  Schafe
in  dem  Maasse  halten,  um  den  Wollbedarf  ihrer  Wollenfabrik
zu  decken.  Feinere  Schafe  rentiren  noch  besser.  Herr  G.  ^
Stonerood  in  Cabra  Springs  (Neu-Mexiko)  hat  22.000  fein®
Merinos.  Diesjähriger  Zuwachs:  9500  Lämmer.  Die  Frühjahrschur
  ergab  120.000  Ibs.,  die  zu  Las  Vegas  für  20.000
        <pb n="401" />
        Dollars  verkauft  wurden.  Der  Verkauf  von  Vollblutwiddern
^eckt  die  Kosten  der  Heerde,  ausschliesslich  des  Zinses  für
den  Landankauf.
Sobald  die  Bergwerke  in  den  Gebirgen  der  Herrschaft
Cimarrón  in  Betrieb  kommen,  wird  die  Bergwerksbevölkerung
daselbst  auch  für  andere  Ackerbauproducte  einen  guten  Local-*^arkt
  bieten,  wie  es  in  Elisabethtown  und  um  Raton  schon
der  Fall  ist.  Es  gedeihen  —  bei  Bewässerung  —  Weizen,  Hafer,
Gerste,  Mais,  Kartoffeln,  Artischoken,  Kohl  und  alle  Arten
'^^n  Rüben.  Auch  wird  schon  auf  zwei  bewässerten  Quadrat-^eilen
  von  jenen  Leuten,  welche  die  6o-  bis  70.000  Acres
Weideland  noch  pachtweise  innehaben,  Alfalva,  eine  Art  Lu-*^rne,
  als  Zufutter  für  Kühe  nach  dem  Kalben  und  Hafer  für
^ferdefutter  gebaut.
Ausser  den  Herren,  welche  diese  60.000  bis  70.000  Acres
S^pachtet  und  eingezäunt  haben,  hüten  andere  Besitzer
grösserer  und  kleinerer  Heerden  Rinder  und  Schafe  auf  der
Grrschaft.  Diesen  soll  gekündigt  werden  und  die  besitzende
^Seilschaft  will  dann  selbst  Rindviehzucht  im  Grossen  treiben.
^  lasse  einen  Prospect  für  das  beabsichtigte  Unternehmen
da  er,  nachdem  Baron  Gudenus  und  ich  ihn  geprüft
^^d  mit  Thatsachen,  die  wir  von  anderen  Viehzüchtern  in  Er-^ung
  gebracht,  verglichen,  als  zuverlässig  erkannt  worden
und  ein  gutes  Bild  von  dem  Erträgnisse  der  Viehzucht  in
^^eu-Mexico,  Colorado  und  Westkansas  bietet.  Man  hat  nur
y.  andere  Gegend  den  hier  angegebenen  Localpreis  des
beim  Einkäufe  und  Verkaufe  zu  ändern,  der  sich  nach
Cit  ^^^^^l^^Guheit  der  Entfernung  von  den  Märkten  in  Kansas
P  ^  oder  Denver  und  dem  Frachttarife  dorthin  richtet,
^^rner  wäre  der  Zins  für  den  Ankauf  des  Weidelandes  einetzen,
  was  hier  nicht  geschehen  ist,  da  die  Gesellschaft  das
ja  besitzt.
wird  angenommen,  dass  die  Gesellschaft  300.000  Dollars
Ges  Spezialgeschäft  zu  sieben  Percent  anleiht  und  das
October  1881  beginnt.  Gekauft  werden  Texas-Sho^Vi”'*^
  JO  einem  Kalbe  texanischer  Race  und  Vollblut-Orn-Bullen,
  zur  Verbesserung  der  Race.
        <pb n="402" />
        388

Ankauf.
ii.ooo  Kühe  und  85  Percent  dazu  mit  Kalb  zu  15  Dollars, ­
  165,000;  6000  einjährige  Stiere  zu  10  Dollars,  60.000;
440  Vollblutbullen  zu  100  Dollars,  44.000;  50  Hirtenpferde
zu  50  Dollars,  2500;  Hürden  (Corrals),  Wagen,  Sättel  etc.
5000;  Baarbestand  23.500  Dollars;  zusammen  17.440  Haupt
Vieh,  300.000  Dollars.
Ausgaben  im  ersten  Jahre  vom  i.  October  1881  bis  1882.
Gehalt  des  Directors  5000  ;  Lohn  und  Kost  für  zehn  Mann
7000;  Steuer  für  500.000  Acres  Weideland  zu  40  Cents
Werth,  ein  Percent,  2000;  Steuer  für  300.000  Dollars  Capital,
3000;  Pferdefutter  1500;  Verschiedenes  2000;  Baarbestand
300;  Summa  23.500  Dollars,
Resultat  des  ersten  Jahres,  i.  October  1882.
10.450  Kühe  und  85  Percent  Kälber;  2000  zweijährige
Stiere;  418  Bullen;  4400  einjährige  Kühe;'  4400  einjährige
Stiere;  Summa:  21.668  Rindvieh  und  48  Pferde.
Ausgabe  im  zweiten  Jahre  bis  i.  October  1883.
Ausgabe  wie  im  ersten  Jahre  20,500;  Zins  7  Percent  von
300.000  Dollars  21.000;  Ankauf  von  175  Bullen  zu  100  Dollars ­
  17.500;  Baarbestand  in  Cassa  4000;  Summa  63.000  Dollars.
Einnahme,
Baarbestand  Anfangs  des  Jahres  3000;  Verkauf  von  4000
zweijährigen  Stieren  zu  15  Doll,  60.000;  Summa  63.000  Doll-Resultat
  Ende  des  zweiten  Jahres,  i.  October  1883-9928
  Kühe  und  85  Percent  Kälber;  572  Bullen;  4180  zweijährige ­
  Kühe;  2180  zweijährige  Stiere;  4180  einjährige  Kühe,
Halbblut;  4180  einjährige  Stiere,  Halbblut;  Summa  25.220
Rindvieh  und  45  Pferde.
Einnahme  im  dritten  Jahre,  endend  i.  October  1884-Baarbestand
  Anfangs  des  Jahres  4000;  Verkauf  von  190°
dreijährigen  Stieren  zu  20  Dollars  38.000;  Verkauf  von  2000
zweijährigen  Stieren  zu  15  Dollars  30.000;  Summa  72.000
Dollars.
Ausgabe  im  dritten  Jahre,  endend  i.  October  1884-Ausgabe
  im  dritten  Jahre  25.000;  Zinsen  21.000;  Ankauf
        <pb n="403" />
        389

Von  175  Bullen  17.500;  Ankauf  von  20  Pferden  1000;  Cassenbestand
  7500;  Summa  72.000  Dollars.
Resultat  Ende  des  dritten  Jahres,  i.  October  1884.
9432  Kühe  und  85  Percent  Kälber;  719  Bullen;  3971  dreijährige ­
  Kühe  und  85  Percent  Kälber;  3971  zweijährige  Kühe;
^500  zweijährige  Stiere;  5361  einjährige  Kühe;  5361  einjährige
Stiere;  Summa  30.315  Rindvieh  und  63  Pferde.
Einnahme  im  vierten  Jahre,  endend  i.  October  1885-Cassenbestand
  Anfangs  des  Jahres  7500;  Verkauf  von
2071  dreijährigen  Stieren  zu  20  41.420;  Verkauf  von  2471
zweijährigen  Stieren  zu  18  44.478;  Summa  93.398  Dollars.
Ausgabe  im  vierten  Jahre.
Geschäftsausgabe  30.000;  Ankauf  von  150  Bullen  15.000;
Ankauf  von  20  Pferden  1000;  Baarbestand  26.398;  Summa
93*398  Dollars.

Resultat  am  Ende  des  vierten  Jahres.
8960  Kühe  und  85  Percent  Kälber;  833  Bullen;  3744
vierjährige  Kühe  und  85  Percent  Kälber;  3744  dreijährige
Kühe  und  85  Percent  Kälber;  5093  zweijährige  Kühe;  3093
^eijährige  Stiere;  6579  einjährige  Kühe;  6579  einjährige
tiere;  Summa:  38.625  Rindvieh  und  80  Pferde.
Einnahme  im  fünften  Jahre,  endend  1.  October  1886.
Cassenbestand  Anfang  des  Jahres  36.398;  Verkauf  von
H25  dreijährigen  Stieren  zu  20  Dollars  28.500;  Verkauf  von
zooo  zweijährigen  Stieren  zu  18  Dollars  36.000;  Summa:
'00.898  Dollars.

Ausgabe  im  fünften  Jahre.
^  Geschäftsausgabe  40.000;  Zinsen  21.000;  Ankauf  von
^75  Bullen  27.500;  Ankauf  von  20  Pferden  1000;  Cassen-Gstand
  11.398;  Summa  100.898  Dollars.
®ultat  am  Ende  des  fünften  Jahres,  i.  October  1886.
^  8512  Kühe  und  85  Percent  Halbblutkälber  zu  85  Dollars
3557  fünfjährige  Kühe  und  85  Percent  Halbblutkälber
vie*^l  3557  vierjährige  Kühe  und  85  Percent  Drei-^
  blut  zu  20  71.140;  4839  dreijährige  Kühe  und  85  Percent
^viertelblut  zu  20  96.780;  2938  dreijährige  Halbblutstiere
        <pb n="404" />
        390

zu  25  73.450;  6251  zweijährige  Kühe,  Halbblut,  zu  15  93.765;
6251  zweijährige  Stiere,  Halbblut,  zu  15  93.765;  8616  einjährige ­
  Stiere,  Halb-  und  Dreiviertelblut,  zu  12  103.392;  8616
einjährige  Kühe,  Halb-  und  Dreiviertelblut,  zu  12  103.392;
791  Bullen  zu  90  71.190;  75  Pferde  zu  40  3000;  Corrals,
Wagen  etc.  3000;  Cassebestand  11.398,  zusammen  53.928  Rindvieh ­
  und  75  Pferde:  Summa  905.302  Dollars;  Rückzahlung
des  Capitals  und  Jahreszinsen  321.000;  Gewinn  für  fünf  Jahre
584.302  Dollars.
Um  das  Capital  nebst  Zinsen  zurückzuzahlen  und  Betriebscapital
  für  das  sechste  Jahr  zu  gewinnen,  müssen  verkauft
werden  :
2938  Stiere  zu  73.450;  6251  Stiere  zu  93.765;  8512  Kühe
und  Kälber  zu  127.680;  3616  einjährige  Stiere  zu  43.392;  dazu ­
  Kassenbestand  aus  dem  fünften  Jahre  11.398;  Summa
349.685  Dollars;  ab  Capital  und  Zinsen’  321.000  Dollars;
Kassenbestand  für  das  Geschäft  im  sechsten  Jahre  28.685  Dollars.
Freieigenthümlicher  Viehstand  Anfangs  des  sechsten
Jahres.
3557  fünfjährige  Kühe  und  85  Percent  Kälber  Texas-Race;
3.557  vierjährige  Kühe  und  85  Percent  Kälber  Halb-  und  Dreiviertelblut; ­
  4839  dreijährige  Kühe  und  85  Percent  Kälber  Haibund ­
  Dreiviertelblut;  6251  zweijährige  Kühe  Halb-  und  Dreiviertelblut; ­
  8616  einjährige  Kühe  Halb-  und  Drei  viertelblut;
Summa  26.820  Kühe;  5000  einjährige  Dreiviertelblut-Stiere  ;
790  Bullen;  Summa  32.611  Stück  Rindvieh.
Wenn  die  Jährlingsstiere  im  folgenden  Herbste  verkauft
werden,  so  werden  sie,  ausser  Geschäftsunkosten  zu  decken,
einen  ansehnlichen  Gewinn  abwerfen,  ohne  dass  Kühe  verkauft ­
  werden  müssten.  Der  Verkaufspreis  des  Viehes  ist  so
angesetzt,  wie  er  in  loco  factisch  erzielt  wird.  Die  Geschäftsausgaben ­
  sind  den  Verhältnissen  angemessen  berechnet.  Der
Zuwachs  von  85  Percent  wird  allgemein  hier  zu  Lande  angenommen. ­
  Der  Verlust  von  fünf  Percent  an  Vieh  durch  Tod
und  Unfall  ist  auch  nicht  zu  niedrig  angegeben.
Es  ist  kein  Zuwachs  von  Kälbern  angenommen,  die  zwei-
        <pb n="405" />
        391

jährige  Kühe  bringen  möchten.  Es  ist  angenommen,  dass  die
500.000  Acres  Weidegrund,  welche  die  Gesellschaft  liefert,
durch  einen  Drahtzaun  eingehegt  sind,  der  fast  vollendet  ist.
^or  Geschäftsprofit  von  584.302  Dollars  in  fünf  Jahren  ist  als
Entschädigung  für  Benützung  ,des  Weidegrundes  anzusehen,
20  Cents  per  Acre  im  Jahre.  Hierbei  ist  nicht  berücksichdgt,
  dass  in  dem  Weidegrunde  Land  in  Fülle  ist,  das  künstlich ­
  bewässert  werden  kann  und  auf  dem  man  Heu,  Wurzeln
und  Hafer  zum  Mästen  der  dreijährigen  Stiere  und  zum  Beifutter ­
  für  frischmelkende  Kühe  ziehen  kann.  Würde  ein  Theil
der  zu  verkaufenden  Stiere  gemästet,  so  würde  sich  der  Ge-^inn
  erheblich  erhöhen.  Stallfette  Ochsen  von  vier  Jahren
ini  Durchschnittsgewichte  guter  Kreuzungsstiere  von  1300  Ibs.,
sind  in  Kansas  City  mit  5  bis  6  Dollars  per  100  Ibs.,  rund
5V2  Dollars  stets  verkäuflich.  Der  Transport  von  18  bis
20  Stück,  rund  19  Ochsen,  nach  Kansas  City  in  vollen  Wagenladungen ­
  kostet  150  Dollars,  also  rund  8  Dollars  per  Stück.
Ein  zweijähriger  Ochse  bringt,  als  Entgelt  der  Weide  im
Jahre,  nach  obigem  Anschläge  5  Dollars,  wenn  er  dreijährig ­
  verkauft  wird.  Ein  solcher  würde  durch  einen  vierjährigen, ­
  im  Winter  zu  mästenden,  verdrängt  werden.  Diese
5  Dollars  müssen  also,  nebst  den  8  Dollars  Transport,  der
Mästung  zur  Last  geschrieben  werden,  macht  13  Dollars.  Der
j^lcrjährige  stallfette  Ochse  würde  13  X  5  Va»  gleich  71V2  Dolurs
  in  Kansas  City  kosten;  davon  13  Dollars  abgezogen,  bleiben
57  Dollars.  Als  dreijähriger  würde  er,  laut  Anschlag,
Dollars  loco  gebracht  haben.  Die  Mästung  hat  seinen
reis  um  271/2  Dollars  vermehrt.  Ich  glaube  sicher,  dass
ust  mittelst  Rückständen  von  der  Zuckerfabrikation  und  mit
eu  und  Wurzeln  auf  dem  so  überreichlich  vorhandenen  und
,  ^  |ig  zu  bewässernden  Thaïlande  der  Herrschaft  bei  weitem
eine  27'/^  Dollars  —  66  fl.  ö.  W.  kosten  würde.  Böhmische
^benzuckerfabrikanten  werden  beurtheilen  können,  ob  Mast
^uszahlt,  wenn  man  Vieh  per  Stück  um  50  fl.  ö.  W.
^^fen  und  um  138  fl.  im  Stalle  verkaufen  kann.
.  Auch  Pferdezucht  ist  in  den  Thälern  lohnend  und  wird
l^einen  von  einigen  amerikanischen  Settlern  betrieben,
        <pb n="406" />
        392

Die  Pferde  bleiben  auch  jahrein,  jahraus  auf  der  Weide.
Mexicanische  Pferde  bringen,  dreijährig,  50  Dollars  im  Durchschnitte. ­
  Es  ist  ein  kleiner  Schlag  dauerhafter  Reitpferde.
Wagenpferde  werden  —  meist  aus  Kentucky  —  importirt  und
kosten  200  Dollars  im  Durchschnitte.  Sie  könnten  sehr  wohl
hier  gezogen  werden.
Eine  Milchwirthschaft  im  Grossen  lässt  sich  auf  das  Vortheilhafteste
  mit  der  Rindviehzucht  in  Verbindung  bringen,
und  zwar  bei  beiden  Arten  von  Zucht,  sowohl  bei  jener,  welche
im  Prospecte  in  s  Auge  gefasst  ist  und  den  Verkauf  ausgewachsener ­
  Weidethiere  bezweckt,  als  bei  jener,  welche  diese
dreijährigen  Thiere  ein  viertes  Jahr  hindurch  auf  der  Besitzung
halten  und  schliesslich  „stallfett“  machen  würde.
Der  Markt  für  Käse  und  Butter  ist  in  den  Städten  Raton,
Springer,  Cimarron,  Elisabethtown  schon  vorhanden  und
können  jene  Producte  ferner  nach  Denver  und  Leadville  per
Bahn  versendet  werden.
Denver  ist  ein  Normalmarkt  für  die  Bergwerksdistricte,
aus  welchem  sich  die  kleineren  Bergwerksplätze  versorgen.
Es  empfiehlt  sich  also,  hier  die  Preise  herzusetzen,  wie  sie  im
Grosshandel  in  Denver  waren,  als  wir  —  am  15.  Juni  1881  —
diesen  Ort  besuchten,  weil  um  diesen  Preis  Eandesproducte
dort  verkauft  werden  können.  Es  kostete  frische  Butter  per
Ibs.  25  bis  30  Cents,  Käse  ii  bis  15  Cents,  imitirter  Schweizer
Käse  21  bis  22  Cents,  ein  Dutzend  Eier  20  bis  26  Cents,  eine
Tonne  Heu  20  bis  22  Dollars,  ein  gekreuzter  Fettochse  5'/-»
bis  s'¡2  Dollars  per  100  Ibs.,  ein  solches  Schaf  5  Dollars  per
100  Ibs.  Lebendgewicht,  raffinirter  Hutzucker  l2^J^  bis  13  Cents.
Denver  ist  von  der  Station  Springer  auf  dem  Grant  265  englische ­
  Meilen  per  Bahn  entfernt.  Nach  der  Erfindung  des
Lehfeld’schen  „Sahnescheiders“,  den  ich  schon  1879  auf  der
Kilburn-Ausstellung  in  England  fand,  ist  die  Errichtung  einer
Butterfabrik  ohne  Kellerei  und  ohne  Eis  möglich.  Wasser  ist
in  Fülle  hier  vorhanden.  Aus  der  von  der  Sahne  getrennten
Milch  kann  Käse  gemachCwerden,  der  per  englisches  Pfund
8  Cents  und  mehr  kostet.  Schweizer  Kühe  würden  sich  für
diese  Herrschaft  wahrscheinlich  am  meisten  empfehlen.  Bis
        <pb n="407" />
        393

%

jetzt  wird  die  Landrace  oder  das  texanische  Vieh  meist  mit
Shorthorn  gekreuzt.
Ein  sehr  reicher  Mann,  Herr  Porter,  welcher  einen  eingezäunten ­
  Weidegrund  von  20.000  Acres  von  der  Gesellschaft
gekauft  hat  und  darauf  Viehzucht  treibt,  führte  den  Grafen
Imre  Széchényi,  den  Baron  Gudenus  und  mich  über  diese  weite
Piache  und  zeigte  uns  das  prachtvolle  Zuchtvieh,  ein-  und
zweijährige  Halbblutthiere,  welche  er  hier  im  Freien  zog,  und
texanischen  Mütter,  sowie  die  Bullen.  Letztere  waren  nur
zum  Theile  Shorthorns,  theilweise  Herefords,  und  beabsichtigt
Mr.  Porter,  ganz  auf  Herefords  überzugehen,  die  weniger  hoch
getrieben,  aber  auch  weniger  verzärtelt  sind  als  Shorthorns
'^nd  die  ich,  aus  ganz  demselben  Grunde,  schon  1879  fur
Ungarn  als  Kreuzungsmaterial  empfahl.  Es  ist  besser,  diese
Thiere  auf  eine  Landrace  zu  pfropfen,  als  gleich  das  hochfeinste ­
  englische  Thier,  das  Shorthorn.  Mr.  Porter  hatte  bessere
Resultate  mit  seiner  Viehzucht  erreicht,  als  sie  jener  Prospect
^nnimmt.

Als  er  die  texanischen  dreijährigen  Kühe  kaufte,  hatten
®fe  nicht  85,  sondern  100  Perzent  Kälber,  denn  er  kaufte  eben
nur  eine  Kuh,  wenn  sie  ein  Kalb  mitbrachte,  und  kostete  daj^als
  die  Kuh  nebst  Kalb  15  Dollars.  Die  Shorthorn-Bullen
aufte  er  aus  Kentucky  und  stellten  sie  sich,  mit  Transport
auf  seinen  Weideplatz,  auf  nur  je  90  Dollars.  Er  kaufte
zwei  Jahren  zwei  Hereford-Bullen  um  je  142’,2  Dollars
J^nd  einen  solchen  um  300  Dollars  loco,  aus  Illinois  bezogen.
Oktober  1880  verkaufte  er  dreijährige  Stiere  zu  22  Dollars,
nr  Oktober  1881  hatte  er  kontraktlich  zweijährige  Stiere
^  20  und  dreijährige  um  25  Dollars  nach  der  70  englische
^U.n  von  der  Station  Springer  entfernten  Eisenbahnstation
Vegas  zu  liefern  —  wohin  er  sie  treiben  lässt
^  Der  oben  mitgetheilte  Prospect  giebt  also  die  Vortheile
^fehzucht  in  dieser  Gegend  mässiger  an,  als  sie  in  der
^hat  sind.
mit  ^  jedenfalls  höchst  lehrreich,  nachdem  man  ein  Land
du  ausgesprochenen  Productionscharakter  hin  und  her
eist  hat,  eine  massgebende  Wirthschaft  genau  kennen  zu
        <pb n="408" />
        394

lernen.  Diese  Erwägung  veranlasste  uns,  in  Cimarron  einen
längeren  Aufenthalt  zu  nehmen.  Die  sehr  grosse  Landstrecke
westlich  vom  loo.  Breitengrade  bis  an  das  Felsengebirge  ist
im  Grossen  und  Ganzen  ein  Weideland,  bis  auf  jene  Thäler,
welche  künstlich  bewässert  werden  können.  Auch  diese  werden
nur  Gemüse  und  etwas  Getreide  für  den  Localbedarf  und  die
Minenbevölkerung  des  Gebirges,  vielleicht  auch  etwas  Wein,
Früchte  und  Zucker  für  diese,  niemals  aber  Getreide  für  den
Export  nach  Europa  liefern.  Rindvieh,  Schafe  aber  und
vielleicht  Pferde  dürften  sie  für  lange  Zeit  steigend  mehr
liefern,  als  jener  Local-  und  Gebirgsbedarf  erfordert.  Aus  dem
südlichen  Theile  dieses  Landes,  aus  Texas  und  Kansas,  wird
Schlachtvieh  oder  dessen  Product  höchst  wahrscheinlich  billiger,
als  es  bisher  von  New-York  geschehen  konnte,  über  die  Golfhäfen ­
  nach  Europa  gelangen.  Von  Nebraska,  Dakota,  Wyoming ­
  und  Montana  wird  schon  Chicago  grossetitheils  versorgt
und  wird  es  noch  mehr  werden,  wie  auch  Kansas  City.
Diese  aber  liefern  schon  seit  langer  Zeit  derartige  Producte
  nach  Europa.  Wir  haben  also  in  dem  Lande,  westlich
vom  loo.  Meridian,  die  grosse  Fleischvorrathskammer  Europas
studirt.  Hier  ist  ein  Land  mit  einem  ganz  ausgeprägten,
besonderen  Productionscharakter,  der  blos  verschieden  ist,  je
nach  der  mehr  südlichen  oder  mehr  nördlichen  Lage  des  in
Betracht  kommenden  Theiles.  Den  südlichsten  Theil,  Texas,
habe  ich  früher  geschildert.  Den  mittleren  Theil  haben  wir
vom  9.  Juni  ab,  als  wir  in  Garden  City  in  Westkansas  ankamen,
  circa  einen  Monat  lang  bereist.
Wir  reisten  von  Garden  City  westlich  bis  Pueblo  in  Colorado, ­
  nördlich  nach  Denver,  von  da  nach  Leadville,  südlich
nach  Santa  Fé  in  Neu-Mexico,  kehrten  dann  eine  Strecke  nach
Nordosten  bis  Cimarron  zurück,  wo  wir  am  23.  Juni  ankamen.
Am  folgenden  Tage  machten  wir  einen  Ausflug  in  die  grosse
Prairie  von  Cimarron,  wobei  wir  nicht  nur  die  Niederlassungen
der  Mexicaner  in  einem  künstlich  bewässerten  Thaïe,  sondern
auch  ein  Reiten  der  Mexicaner  sahen,  welche  einen  in  üie
Erde  eingegrabenen  Hahn,  an  dem  sie  im  Galopp  vorbeisprengen,
  aus  dem  Sattel  zu  ergreifen  suchen.  Nur  einem
        <pb n="409" />
        395

Mexicaner  gelang  das  —  den  Grafen  Andrassy  und  Imre
Széchënyî  auch.
Vom  folgenden  Tage  ab  begannen  wir  das  systematische
Studium  dieser  grossen  und  in  landwirthschaftlicher  Reorganisation ­
  begriffenen  Herrschaft.
Am  25.  Juni  fuhren  wir  von  Cimarron,  das  am  Flusse
gleichen  Namens  etwa  drei  englische  Meilen  östlich  vom
Beginn  des  Hochgebirges  liegt,  diesen  Fluss  hinauf.  Derselbe
durchfliesst  das  Hochgebirge  etwa  20  Meilen  weit,  von  Nordwest ­
  nach  Südost  herab.  Das  „Cannon“  oder  Gebirgsthal  ist
stellenweise  bis  '  4  Meile  breit,  an  anderen  Stellen  ganz  eng,
So  dass  nur  mühsam  die  sehr  gute  Strasse  durchgebrochen
Werden  konnte.  An  solchen  Stellen  lassen  sich  leicht  Schleusen
bauen,  welche  aus  den  über  ihnen  liegenden  Erweiterungen
Thaies  Wasserreservoirs  machen  würden,  in  denen  man
genügend  Wasser  zu  der  früher  erwähnten  Berieselung  eines
grösseren  Prairieterrains  sammeln  könnte.  An  einer  Stelle  ist
—  überhaupt  als  Gebirgslandschaft  schöne  —  Thal  von
grossartiger  Pracht.  Die  Felsen  steigen  im  Norden,  wohl
ï  Meile  lang  am  Flusse,  einige  1000  Fuss  senkrecht  in  die  Höhe
und  zeigen  die  malerischsten  Thurm-  und  Zinnenformationen,
^ur  Linken  fallen  sie  weniger  steil  ab  und  sind  mit  gutem  Holzstande ­
  bewaldet.  Das  Thal  selbst  zeigt,  soweit  es  im  Gebirge
bogt,  überall  üppigen  Laubholzbestand.  Etwa  25  Meilen  oberhalb ­
  Cimarron  fallt  das  Gebirge  flach  nach  Osten  ab.  Hier
öffnet  sich  das  Thal  von  Elisabethtown,  von  Süden  nach
Orden  vom  Cimarron,  vom  Norden  nach  Süden  von  einem
Obenflusse  desselben,  der  vor  Eintritt  in  das  Gebirgscannon
ihn  sich  ergiesst,  durchströmt.  Dies  ist  das  Goldthal,  das
^oilenweit  Spuren  der  ehemaligen  wilden  Goldwäsche  zeigt,
oi  Elisabethtown  wird  das  Gold  jetzt  durch  den  hydraulischen
^ocess  gewonnen.  Das  „Freischürfen“  oder  „Diggen“  ist  nicht
l'^^hr  gestattet.  Dieses  Thal  bietet  jetzt  eine  gute  Weide  und
^t  etwa  20  Meilen  lang  und  i  bis  i'  s  Meilen  breit  für  Ackerbewässerbar.

Oestlich  wird  es  durch  ein  über  3000  Meter  hohes  Ge-'•"go
  begrenzt.  Elisabethtown  liegt  2499  Meter  hoch.  Dieses
        <pb n="410" />
        396

Gebirge,  östlich  von  dem  das  viele  Meilen  lange  und  breite
Thal  des  Rio  Grande  liegt  und  das  nicht  mehr  als  etwa  sechs
bis  acht  Meilen  breit  und  dicht  bewaldet  ist,  fuhrt  der  2700
Meter  hohe  Taos-Pass  in  jene  Ebene  hinab.  Der  Stamm
dieses  Gebirges  bildet  hier  die  Ostgrenze  des  Maxwell-Grants.
Wir  passirten  denselben  am  26.  Juni  und  übernachteten  in  der
kleinen  alten  mexicanischen  Stadt  gleichen  Namens.  Rund
umher  wird  Ackerbau  getrieben  von  Mexicanern  und  von
„civilisirten“  „Pueblo-Indianern“,  d.  h.  „Dorfindianern“.
Wir  besuchten  deren  interessante  Niederlassung,  die  sich
an  beiden  Seiten  eines  Flusses,  da,  wo  er  aus  dem  Gebirge
in  das  Thal  tritt,  erstreckt,  an  diesem  und  dem  folgenden
Tage  und  machten  Einkäufe  von  vielen,  sehr  interessanten
Gegenständen,  die  sie  selbst  verfertigen.  Die  anderen  Herren
kauften  Bogen,  Pfeile,  Köcher,  Kleidungs-  und  Schmuckgegenstände, ­
  von  Indianern  kunstvoll  gewobene  uTnd  schön  bunt
gefärbte,  fast  ganz  wasserdichte  Decken,  im  Ganzen  wohl  für
150  bis  200  Dollars;  ich  eine  sehr  schöne  BüfFelhaut,  die  von
Squaws  mit  der  Hand  weich  gegerbt  war  wie  ausgegerbtes
Hirschleder  —  für  die  canadische  Reise  im  Herbste!
Das  Dorf  hat  an  jeder  Seite  des  Baches  ein  hohes  pagodenartiges ­
  Gebäude  von  sehr  grossem  Umfange,  wohl  400  Schritte
im  Quadrat.  Es  besteht  aus  etwa  zehn  Fuss  hohen  Stockwerken, ­
  eines  über  dem  anderen,  aber  so  eingezogen,  dass
vor  jedem  höheren  Stock  eine  Plattform  auf  dem  niederen
Stockwerke  frei  bleibt;  so  fort,  fünf  Stockwerke  hoch.
Diese  Etagen  sind  in  einzelne  Familienwohnungen  getheilt.
Die  unteren  Stockwerke  haben  keine  Thüren.  Es  giebt  auch
keine  Treppen,  sondern  man  steigt  auf  Leitern  von  der  Erde
zur  ersten,  von  dieser  zur  zweiten  Plattform  u.  s.  w.  Auf  der
Plattform  findet  sich  über  jeder  Familienwohnung  eine  Fallthüre,
  durch  die  man  mittelst  einer  ebenfalls  transportablen
Leiter  in  das  Innere  hinabsteigt.  Die  oberen  Geschosse  haben
kleine  Thüren  nach  der  Plattform  hinaus,  durch  die  man  in
die  Wohnung  kriecht.
Natürlich  stammen  diese  alten  und  sehr  massiv  aus  Lehmziegein
  gebauten  Gebäude  aus  einer  Zeit,  da  sich  ihre  Be-
        <pb n="411" />
        397

wohner  gegen  die  noch  wilden  Indianer  zu  vertheidigen  hatten,
Was  sie  mit  ihren  Pfeilen  von  den  Plattformen  aus  recht  gut
konnten,  zumal  sie  heute  noch  recht  gut  schiessen.  Wir  verunstalteten ­
  ein  Preisschiessen,  Auf  15  Schritte  trafen  sie
wiederholt  einen  Silberdollar,  den  Preis;  später  sogar  ein  Halbdollarstück, ­
  auf  55  Schritte  den  Hut  des  Baron  Gudenus  und
^uf  IO  Schritte  etwa  den  in  die  Höhe  geworfenen  Hut  des
Grafen  J.  Széchényi  in  der  Luft.  —  Das  Innere  der  Wohnungen ­
  war  peinlich  sauber.
Neben  den  beiden  Pagoden  gab  es  kleinere  Hauscomplexe
für  mehrere  Familien,  die  jedoch  getrennt  darin  wohnen,  und
dem  Felde  einzelne  Lehmhäuser,  die  sie  im  Sommer  bewohnen, ­
  um  die  Feldarbeit  nahe  dem  Hause  zu  haben.  Sie
sind  so  gute  Landwirthe  wie  die  Mexicaner  —  oder  ebenso
schlechte!  Ihr  Pflug  besteht  aus  einem  primitiven  Holzgestell,
^n  dem  ein  dreieckiges,  pfeilartiges  Eisenstück  in  Pfeilform
Und  von  Handgrösse  befestigt  ist.  Trotzdem  erzielen  sie
Ernten  auf  dem  Boden,  welchen  sie  nie  düngen,  aber  ebenso
flurch  aus  dem  Flusse  oberhalb  abgeleitetes  Wasser  bewässern,
benachbarten  Mexicaner.  Den  Weizen  lassen  sie  auf
Ginem  runden,  umzäunten  Platze  von  Ziegen  austreten!  Auf
^ingezäunten  Weiden  ziehen  sie  Rindvieh  und  Pferde,  im  Gebirge
  weiden  sie  Ziegen.  Sie  bekennen  sich  zur  katholischen
E^kgion  —  angeblich  —  haben  aber  eine  geheime  Religion,
^  der  die  Sonne  eine  grosse  Rolle  spielt.  Sie  sind  nicht
onimunisten,  sondern  haben  die  Felder  nach  Haushaltungen
S^theilt,  verkaufen  ihr  überschüssiges  Getreide  individuell,  verwalten ­
  sich  republikanisch,  indem  sie  jährlich  ihren  Häuptling,
eheste  und  Richter  wählen,  die  jährlich  in  Taos  von  dem
uipnsbeamten  vereidigt  werden.  Für  gemeinsame  Bedürfnisse
Gbauen  sie  mittelst  gemeinschaftlicher  Arbeit  einige  Gemeinde-^
  der  und  besitzen  auch  Gemeinde-Viehweiden.  Die  Felder
.  nur  an  Stammesgenossen  verkauft  werden,  Ihre  Tracht
\  indianisch  und  höchst  malerisch.  Das  ihnen  zuge-^sene
  fruchtbare  Thal  ist  sechs  englische  Quadratmeilen  gross.
Nach  diesem  interessanten  Abstecher  fuhren  wir  am  27.
^8.  Juni  nach  Cimarron  zurück  und  besichtigten  unter-
        <pb n="412" />
        I

398

m  Ar.

Wegs  eine  amerikanische  Ansiedelung.  Der  Settler,  welcher
Pacht  zahlt,  baute  Hafer  und  Futtergras,  ausserdem  Gartengemüse ­
  auf  bewässertem  Boden  und  hatte  eine  Milchwirthschaft.
Butter,  Käse  und  Milch  verkauft  er  an  die  Goldwäscher.
Am  29.  Juni  fuhren  die  Grafen  Andrassy,  Hoyos  und  G.
Széchényi  nach  dem  Badeorte  Las  Vegas  ab,  wo  es  heisse
Quellen  giebt.  Graf  Imre  Széchényi,  Baron  Gudenus  und  ich
machten  eine  sechsstündige  Fahrt  in  die  „Ranches“  der  Herren
Springer  und  Porter,  welche  jene  oben  erwähnten  Weidestrecken ­
  von  zusammen  ca.  60.000  bis  70.000  Acres  gepachtet ­
  haben  und  darauf  seit  einigen  Jahren  \iehzucht  treiben.
Wir  besahen  das  Vieh,  die  Weide  und  die  zwei  Quadratmeilen
berieselten  Landes,  wo  sie  Futter  bauen;  die  Geschäftsresultate ­
  des  Herrn  Porter,  der  in  Texas  eine  zweite  Ranche  von
40.000  Acres  eigenthümlich  besitzt  und  ein  Mann  ist,  dessen
Vermögen  auf  anderthalb  Millionen  Dollars  geschätzt  wird,
obschon  er  vor  20  Jahren  in  Denver  mit  nichts  anfing  und
mit  einem  nur  mässigen  Capitale  vor  15  Jahren  nach  Cimarron
kam,  wo  er  Kaufmann,  Banquier  und  Viehzüchter  ist.
Am  30.  Juni  und  i.  Juli  fuhren  die  Herren  Graf  Imre
Széchényi  und  Baron  Gudenus  —  ich  war  durch  Unwohlsein
an  das  Haus  gefesselt  —  auf  zwei  der  erwähnten  8-  bis
9000  Fuss  hohen  Parks,  welche  als  Weidereserven  für  das
Vieh  dienen.  Sie  fanden  den  Graswuchs  dort  üppiger  als
unten  und  eine  Gegend  von  entzückender  landschaftlicher  Schönheit; ­
  die  umgebenden  bis  13.000  Fuss  hohen  Berge,  unten
noch  schön  bewaldet  und  treffliche  Almweiden  darbietend.
Das  Vieh  darauf  war  gesund  und  fett.  Ein  Paar  kämpfende
Stiere  rannten  gegen  ihren  „Buggy“,  warfen  ihn  um  und  zerbrachen ­
  ihn.  Die  Herren  und  der  Sohn  des  General  Managers,
Herr  Shervin,  wurden  weit  aus  dem  schiffbrüchigen  Wagen
geworfen,  doch  ohne  ernstlichen  Schaden  zu  nehmen.  Die  Herren
langten  zu  Pferde  am  folgenden  Tage  in  Cimarron  an.
Am  2.  Juli  reiste  auch  Graf  Imre  Széchényi  den  vorausgefahrenen ­
  Herren  nach,  um  mit  ihnen  über  Albuquerque  auf
der  Atlantic-Pacific-Bahn  nach  Fort  Vingate  zu  fahren  und  die
dort  ansässigen  Indianer  zu  besuchen.  Baron  Gudenus  und  ich
        <pb n="413" />
        399

setzten  unsere  Studien  inzwischen  in  Cimarron  fort  und  dehnsie
  auf  die  Organisirung  des  „Selfgovernments“  in  diesem
ehemals  spanischen  Territorium  der  Union  aus.
Wenn  ich  in  der  Beschreibung  von  Cimarron  und  unserer
Arbeiten  daselbst  so  ausführlich  war,  so  wolle  man  das  verzeihen! ­
  Ich  glaube,  dass  diese  Herrschaft  ein  guter  Typus
von  Westcolorado,  Westkansas  und  Neu-Mexiko  ist,  soweit
Ackerbau  mittelst  Irrigation  und  Viehzucht  in  Betracht  kommen.
Europäer  können  aus  der  Schilderung  Cimarrons  sich  über  die
Art  dieser  Wirthschaftsbetriebe  und  über  die  Gewinne,  die
jetzt  gemacht  werden,  unterrichten.  Da  jetzt,  besonders  von
reichen  Engländern,  das  verfügbare  Weideland  allgemein  in
Benützung  genommen  wird,  so  vermehren  sich  die  Heerden
schnell,  zumal  nirgends  ein  Kalb  oder  eine  Kuh  geschlachtet
"^‘rd,  die  noch  ein  Kalb  bringen  kann,  und  das  Vieh  wird
^icht  nur  zahlreicher,  sondern  auch  besser,  weil  man  fast  nur
fîoch  Vollblutbullen  zur  Zucht  benützt.  Die  Concurrenz  im
Angebote  fetten  Viehes  dürfte  also  grösser  und  der  Preis  all-*^älig
  billiger  werden,  wozu  auch  eine  Marge  vorhanden  ist,
^cnn  übereinstimmend  höre  ich,  dass  Züchter,  die  schon  Land
gekauft  haben,  50  bis  60  Percent  jährlich  von  ihrem  in  Vieh
gesteckten  Betriebscapitale  machen.  Wer  jetzt  Land  kauft,
freilich  schon  höhere  Preise  zahlen  als  die  „glücklichen
Besitzer“.

Wir  sprachen  in  Denver  einen  Herrn  Schetter,  Verwalter
^s  in  Colorado  liegenden,  eine  halbe  Million  Acres  grossen
Eouis-Grants,  der  einer  holländischen  Actiengesellschaft
^  Welche  eine  ebenso  schlechte  Geschichte  hat,  als  die
Cimarron  vom  Jahre  1870  bis  1873.  Da  Herr  Schetter  in
Eeorganisationsarbeit  noch  nicht  so  weit  vorgerückt  war
1  ,  ^^rr  Shervin  in  Cimarron,  so  lehnten  wir  Schetters  Ein-^^g
  zum  Besuche  ab.
        <pb n="414" />
        XXIV.  Capitel.
Verwaltung  eines  Territoriums  der  Union-Es
  mag  hier  an  der  Stelle  sein,  das  Selfgovernment  in
den  Unions-Staaten  kurz  zu  skizziren,  wie  wir  es  in  Neu-Mexico
  zuerst  näher  kennen  lernten.
Die  Union  besteht  aus  38  „Staaten“,  welche  sich  einer
grossen  legislativen  und  vollen  administrativen  Freiheit  erfreuen,
und  elf  „Territorien“,  die  noch  nicht  bevölkert  genug  sind,
um  jene  Rechte  in  vollem  Masse  zu  geniessen.  Die  Administration ­
  der  letzteren  ist  zum  Theile  von  der  Unions-Regierung
in  Washington  abhängig.
Während  unseres  Aufenthaltes  in  dem  Territorium  Neu-Mexico
  habe  ich  mich  über  die  billige  und  zweckmässige  Art
und  Weise,  wie  solche  Territorien  verwaltet  werden,  zu  unterrichten ­
  gesucht.
Das  Territorium  ist  121.201  englische  Quadratmeilen,  d.  h.
genau  so  gross  wie  England,  Irland,  Schottland  und  Wales
(121.230  Quadratmeilen),  hatte  im  Jahre  187091.874  und  1880
118.430  Einwohner,  wovon  11.242  Farbige.  Behufs  der  Verwaltung ­
  ist  dies  grosse  Gebiet  in  zwölf  Counties  oder  Gra  -
schäften  getheilt.
Die  Regierung  des  Territoriums  wird  von  der  Centra  *
regierung  in  Washington  durch  ernannte  Beamte  besorgt,  die
im  Territorium  wohnen;  wenn  aus  einem  Territorium  ein  Staat
wird,  so  werden  alle  diese  Beamten  vom  Volke  des  Staates
gewählt.  So  lange  die  Union  die  Beamten  ernennt,  zahlt  sie
dieselben  auch.  Die  Territorialregierung  besteht  aus  folgenden
Beamten:
I.  Gouverneur,  Gehalt  jährlich  3000  Dollars.
        <pb n="415" />
        401

2.  Chief  Justice,  ein  Ober-Richter  und  zwei  Richter,  Associate
  Justices  des  Territoriums,  je  3000  Dollars.
3*  Secretary,  ein  Secretar  des  Territoriums,  2500  Dollars.
4*  Surveyor  General,  Vermesser  der  öffentlichen  Landefeien,
  3000  Dollars,  fallt  fort,  sowie  die  Union  über  alle  un-°ccupirtcn
  Ländereien  verfügt  hat.  Dieser  Budgetposten,
^owie  der  unter  Nr.  7  folgende,  werden  mehr  als  gedeckt
^^rch  den  Erlös  aus  dem  Verkaufe  der  öffentlichen  Ländereien,
^ällt  also  den  Steuerträgern  nicht  zu  Last.
5-  Collector  of  internal  Revenue,  Einnehmer  der  indirecten
^^d  anderen  Steuern  für  die  Union,  Gehalt  1500  Dollars  und
3  Percent  Gebühren  von  den  ersten  100.000  Dollars  Steuern,
er  einhebt,  ein  Percent  für  Steuern  von  100.000  bis
400.000  Dollars,  '  Percent  für  Steuern  von  400.000  bis
^000.000  Dollars,  '/h  Percent  von  Steuern  über  i  Million
ollars.  Seine  Gebühren  und  sein  Gehalt  dürfen  in  keinem
^  4500  Dollars  jährlich  übersteigen.
6.  Unites  States  District  Attorney,  Anwalt  und  Syndicus
^  Fiscus  der  Union,  Gehalt  600  Dollars,  5  Dollars  Diäten,
onn  er  vor  Gericht  fungirt,  und  20  Dollars  Gebühren  für
Rechtsfall,  den  er  führt  Seine  Einnahme  hieraus  darf
®oo  Dollars  nicht  überschreiten.
^  7*  Register  und  Reciver  of  United  States  Land  Office,
und^  öffentliche  Ländereien,  je  500  Dollars  Gehalt
Gebühren  von  verkauften  öffentlichen  Ländereien,  nicht
3000  Dollars  jährlich.
Q  .  United  States  Marshal,  Gerichtsvollzieher,  600  Dollars
^  ^  Gebühren,  im  Ganzen  nicht  über  6000  Dollars,
drei  p  '  fhe  courts,  Gerichtsschreiber,  von  jedem  der
g  »achter  für  seinen  Hof  ernannt,  also  drei  im  Territorium,
^^rs  täglich  per  Gerichtstag  und  Gebühren.
^  diese  Beamten  sind  vom  Präsidenten  der  Vereinigten
vom  Senate  der  Union  bestätigt  und  werden
Geri  L  Unionsregierung  bezahlt,  mit  Ausnahme  der  drei
^chreiber.  Sie  sind  die  eigentlichen  bezahlten  Beamten.
Folgenden  fungiren  ehrenamtlich  und  erhalten
•lit  oder  Bezüge  von  Gebühren,  welche  Reisen,  Ge-26
        <pb n="416" />
        402

Spann  und  Bureau-Unkosten  decken  sollen,  mit  Ausnahme  des
Grafschafts-SherifF  und  des  Grafschafts-Clerk  und  einiger  Territorialbeamten, ­
  deren  Amt  ein  solches  ist,  dass  sie  die  ganze
Zeit  des  Beamten  in  Anspruch  nehmen,  so  die  Attorneys,  ^r
Treasurer,  der  Auditor  und  der  Einwanderungssecretär.
Das  Territorium  ist  in  drei  juridische  Districte  gethei  t,
jeder  der  drei  Richter  fungirt  in  einem  District,  sowohl  m
Civil-  als  Criminalfällen  und  entscheidet  als  Einzelrichter.  Jährlich ­
  versammeln  sie  sich  ein  Mal  in  der  Hauptstadt  Santa
und  bilden,  als  Drei-Männer-Gerichtshof,  den  obersten  Gerichtsund
  Appellationshof  des  Territoriums.  Von  seiner  Entscheidung
gibt  es  eine  letzte  Appellation  an  den  obersten  Gerichtshot
der  Union  in  Washington.
Die  Verwaltung  des  Territoriums  beschäftigt  ferner  legende ­
  Beamte,  die  vom  Gouverneur  ernannt  und  von  dem
Council  bestätigt  werden;  *
1.  Ein  Attorney-General,  Gehalt  600  Dollars  und  Gebühren
für  Streitsachen,  die  er  im  Aufträge  des  Territoriums  vor
Gericht  vertritt,  sowie  fünf  Dollars  Diäten  per  Gerichtstag.
2.  Zwei  Attorneys  für  die  zwei  folgenden  Districte,  der
Attorney-General  fungirt  im  ersten  District.  Diese  beiden
amten  beziehen  dieselben  Einkünfte  wie  der  Attorney-Gener
Die  drei  Attorneys  sind  gleichzeitig  öffentliche  Ankläger,
also  Syndici  und  Staatsanwälte.
3.  Der  Territory  Treasurer,  Schatzmeister,  empfängt
Steuern  für  das  Territorium  und  leistet  dessen  Zahlungen.  Ge
halt  1000  Dollars,  keine  Gebühren.
4.  Ein  Auditor,  Rechnungsführer  des  Schatzes  des  Terri
toriums,  1000  Dollars  jährlich.
5.  Ein  Adjutant  General,  250  Dollars  Gehalt  jährlich.  ®
aufsichtigt  Waffen  und  Munition,  die  dem  Territorium  gehöret
und  organisirt  Freiwillige,  wenn  die  Miliz  vom  Gouverneur
einberufen  wird,  um  den  öffentlichen  Frieden  aufrecht  zu  er
halten.  Wenn  in  Dienst,  erhält  er  höhere  Bezüge.
6.  Ein  Bibliothekar,  für  die  öffentlichen  Bibliotheken
Territoriums,  Gehalt  250  Dollars.
7.  Ein  Secretair  des  Einwanderungs  -  Amtes,  Board
        <pb n="417" />
        403

26*

immigration,  der  too  Dollars  monatlichen  Gehalt  erhält  Die-Ser
  Beamte  kommt  in  Wegfall,  sobald  man  die  Beförderung
Einwanderung  nicht  mehr  fur  nöthig  halten  wird.  Zu
^6m  regelmässigen  Verwaltungspersonale  gehört  er  so  wenig,
oben  der  Surveyor  General  und  die  beiden  Registers  und
Eecivers  of  United  States  Land  Office.
i^ie  gesetzgebende  Gewalt,  so  weit  sie  dem  Territorium
^urch  Statut  zusteht,  übt  ein  Parlament  aus  zwei  Kammern^
^Gm  Council  (Senat),  aus  13  Mitgliedern,  und  der  Assembly
V  Gm  Abgeordnetenhause),  aus  26  Mitgliedern  bestehend,  die
^uf  zwei  Jahre  vom  Volke  gewählt  werden  und  deren  Mitglieder ­
  pro  Sitzungstag  3  Dollars  Diäten  empfangen.  Wähler
*st  jeder  Mann,  der  21  Jahre  alt  ist,  ein  Jahr  im  Territorium,
halbes  Jahr  im  County  wohnt  und  Bürger  der  Union  ist.
Gouverneur  hat  das  Vetorecht,  das  bei  Zweidrittel-^ajorität
  auf  hört.

Eie  County  hat  folgende  Beamte:
1-  Einen  Sheriff  für  Polizei  und  Besteuerung,  auf  zwei
Jahre  gewählt;  er  erhält  fünf  Percent  der  Steuern  und  Ge-^
  i'Gn  für  Amtshandlungen,  Einkommen  circa  3000  Dollars.
Zieht  sich  einen  Deputy-Sheriff  zu,  der,  wenn  er  dessen
mtshandlungen  vertretend  ausübt,  auch  die  dafür  fälligen
'gebühren  bezieht.
Q  Een  County-Schreiber  oder  Clerk,  der  300  Dollars
alt  und  fünf  Percent  der  Steuern  erhält,  circa  2000  Dollars
sT  Er  ist  Schreiber  im  Vormundschaftsamte  der  Grafmacht
  die  Steuereinschätzungen  in  der  Grafschaft,  welche
Gh  die  County-Commissioners  ermässigt  oder  erhöht
können,  führt  die  Hypothekenbücher  und  Grundbücher.
Q  taate  besteht  hiefür  ein  besonderes  Hypotheken-  und
^*itibuchamt,  das  des  Recorders.
3'  Einen  Schatzmeister;  erhält  300  Dollars  Gehalt.
Er  ob  ate  Judge,  Erbschaftsrichter  und  Verwalter
300  ^^^^^angelegenheiten,  der  auch  Testamente  aufnimmt;
fiir,  •  Gehalt,  oder  vielmehr  Bureau-Entschädigung.  Er
girt  ehrenamtlich.
5-  Erei  Schulcommissäre  für  die  öffentlichen  Schulen;
        <pb n="418" />
        404

versammeln  sich  drei  bis  vier  Mal  jährlich,  bestimmen  die
Districte,  in  denen  öffentliche  Schulen  gebaut  werden  sollen,
bestimmen  Anfang  und  Ende  der  Schulzeit  und  ernennen  einen
Examinator  für  anzustellende  Schullehrer.  Erhalten  3  Dollars
Diäten  für  Sessionstage.  Fungiren  ehrenamtlich.
6.  Drei  County  -  Commissioners;  erhalten  10  Cents
per  Meile  Reisegelder  und  3  Dollars  Diäten,  wenn  im  Amte;
sie  revidiren  die  Steuereinschätzung  und  fungiren  als  Graf-Schaftsvertretung,
  bestimmen  Brücken-,Wege-,  Schul-,  Gefangniss
bauten  etc.,  legen  die  Grafschaftssteuer  auf.  Ihnen  unterstehen
der  Schreiber  und  der  Schatzmeister  der  Grafschaft.  Von
ihrer  Entscheidung  in  Steuerangelegenheiten  giebt  es  einen
Appell  an  den  Districts-Gerichtshof.  Dieser  ist  ein  wandernder.
Jeder  der  drei  von  der  Union  ernannten  Richter  kommt  zwei
Mal  jährlich  in  jede  County-Hauptstadt  seines  Districtes.  Dort
versammelt  der  Richter  drei  Männe^  aus  dem  County,  zie
dazu  den  Vormundschaftsrichter  und  bildet  mit  ihnen  einen
Fünferhof.  Dieser  Hof  ernennt  die  Jury  für  die  halbjährige
Grafschaftssession.  Die  Jury  sitzt  nicht  nur  in  Criminahallen,
sondern  auch  bei  Steuerreclamationen  und  zuweilen  sogar  m
Civilprocessfällen.  Wir  haben  hier  also  die  Functionen  des
Criminal-  und  Civil-Verwaltungsgerichtes  vereint  in  einem
gelehrten  Richter,  dem  ihm  zugeordneten  Staatsanwalte,  dein
von  ihm  ernannten  Gerichtsschreiber  und  der  in  allen  drei
Fällen  unter  gewissen  Umständen  zuzuziehenden  Jury.
In  jeder  Grafschaft  werden  so  viel  Schuldistricte  gemacht,
als  für  je  eine  öffentliche  Schule  genügen.  In  Colfax-County
giebt  es  23  solcher  Districte.  Die  Schul-Commissioners  be
stimmen  die  Abgrenzung  der  einzelnen  Schuldistricte.  b)er
Vorsitzende  der  Schulcommissäre  ist  derselbe,  wie  der  Vor
sitzende  der  County-Commission.  Für  jeden  Schuldistric^
werden  von  den  Schulcommissären  der  Grafschaft  drei  Schu
Vorsteher,  Trustees,  auf  Vorschlag  des  Volkes  in
Districte  ernannt.  Diese  Trustees  erhalten  weder  Geha
noch  Diäten.  Sie  ernennen  den  Schullehrer,  der  auf  ihre  Ao
Weisung  vom  Grafschafts-Schatzmeister  Gehalt  erhält.
        <pb n="419" />
        405

Zahlungsanweisung  muss  durch  den  Vorsitzenden  der  Grat*
schaftscommissäre  beglaubigt  und  gebilligt  werden.
In  dem  Territorium  giebt  es  keine  „Townships“,  welche
nterabtheilungen  der  Counties  in  Staaten  sind.  Dafür  theilen
^•6  County.Commissioners  jede  County,  nach  Gutdünken
Anzahl  „Precincts“.  Sie  sind  die  localen  Districte
ñr  Wahlen.  In  jedem  Precinct  ist  ein  Ort  für  Abhaltung
Wahlen  bestimmt.  Hier  ist  ein  Haus  eines  Einwohners
s  Wahlplatz  festgesetzt  und  sind  drei  Richter  nebst  einem
^  reiber  von  den  County  *  Commissioners  bezeichnet,
gliche  die  Wahlen  controliren.  Die  Wahlliste  wird  von  einem
oard  of  Registration  zusammengestellt.  Dieser  Board
^Gsteht  aus  drei  Bürgern,  welche  von  den  County-^^missioners
  ernannt  sind.  Niemand  dieser  Functionäre
®^nält  Gehalt  oder  Diäten.
In  jedem  Precinct  giebt  es  einen  Friedensrichter  und  einen
onstabler,  die  für  zwei  Jahre  vom  Volke  des  Precincts  ge-RGwählt
  werden.  Sie  erhalten  Gebühren  für  Amtshandlungen,
keinen  Gehalt.  Der  Friedensrichter  übt  Jurisdiction  in
^‘vilsachen  bis  zu  loo  Dollars  aufwärts.  Er  hört  in  Criminal*
des^^  spricht  frei  oder  verweist  vor  die  Grand*Jury
r*^  die  unter  Vorsitz  des  einen  der  drei  Territorial*
^  ter  fungirt.  In  Civil*  und  Criminalfallen  kann,  respective
er  eine  Jury  hören  und  ihre  Entscheidung  befolgen,
p  ^  I^riedensrichter  ernennt  diese  Jury  aus  den  Bürgern  des
^ttict.  Natürlich  braucht  er  kein  gelehrter  Jurist  zu  sein.
^°nstabler  führt  seine  Beschlüsse  aus,  ist  Gerichtsvoll*
bezieht  eine  Gebühr  von  jeder  Amtshandlung  und
ansässiger  Bürger,  der  seinen  Lebensunterhalt  nicht
lässlich  aus  der  Gebühr  deckt.  Wenn  der  Friedens-‘icntf


sollte

einen  Mann  in  einem  Criminalfalle  nicht  schuldig  finden

çjçj.  y.  kann  die  grosse  Jury  der  County  denselben,  wenn
ttnd  gegen  ihn  ihr  genügt,  dennoch  vor  sich  berufen
to  Criminalverhandlung  gegen  ihn  eintreten  lassen,
dum  M  ^  J^tiuar  1880  betrug  die  Totalschuld  des  Territo*
^i^s  Neu-Mexico  14.500  Dollars.  Sie  ist  schon  abgezahlt,
ttsgaben  der  Territorialregierung,  inclusive  der  Gerichts*
        <pb n="420" />
        4o6

höfe,  exclusive  der  Gehälter,  welche  die  Centralregierung  in
Washington  zahlt,  beträgt  circa  40.000  Dollars  jährlich.  Die
Union  zahlt  an  ihre  Beamten  im  Territorium  jährlich  gegen
40-  bis  50.000  Dollars.  Die  Ausgaben  einer  County,  Colfax-County,
  mit  Einschluss  der  Ausgaben  für  die  vollkommen  freie
Volksschule  beträgt  circa  10.000  Dollars  jährlich.  Die  Grafschaft ­
  hat  circa  4000  Einwohner  auf  800  Quadratmeilen.
Die  Steuer  für  County  und  Territorium  ist  eine  directe
und  beträgt  als  Regel  ein  Percent  des  eingeschätzten  Werthes
von  Grundeigenthum  und  persönlichem  Eigenthum.  Die  Einschätzung ­
  ist  nur  circa  ein  Drittel  bis  zur  Hälfte  des  wirklichen
Werthes.  Der  Ertrag  wird  dabei  berücksichtigt.  Von  dieser
Steuer  geht  die  Hälfte  an  das  Territorium,  ein  Viertel  an  die
County,  ein  Viertel  an  die  Schulen  der  Grafschaft.  Die  Grafschafts-Autoritäten ­
  dürfen  eine  Zuschlagsteuer  von  ’/4  Percent
fur  Grafschaftszwecke,  Schuldenabzahlung  öder  Verbesserungsanlagen ­
  auflegen.  Ausserdem  zahlt  jeder  Mann,  über  21  Jahre
alt,  einen  Dollar  jährlich  Kopfsteuer  in  den  Schulfonds.
Ausserdem  giebt  es  „License-Taxen“,  welche  von  Stores
(Kaufmannsläden),  Waarenhäusern,  Hotels  und  Schankhäusern
gezahlt  werden  und  zur  Hälfte  an  die  County,  zur  Hälfte  an
das  Territorium  fallen.
Die  Unionsregierung  erhebt  „License-Steuern“  von  der
Manufactur  und  dem  Verkaufe  von  Alkohol  und  Tabak  und
von  Banken,  Stempel  etc.,  meist  als  indirect  wirkende  Steuern,
wenn  sie  auch  direct  von  Wirthshausbesitzern  und  gewissen
Fabrikanten  und  Bankiers  eingehoben  werden.  Wie  niedrig
die  Steuereinschätzung  ist,  geht  daraus  hervor,  dass  die
1.714.000  Acres  grosse  Herrschaft  Cimarron,  mit  einigen  tausend ­
  Einwohnern,  mehreren  Bergwerken,  zahlreichem  Vieh
darauf,  soweit  sie  und  das  auf  ihr  Befindliche  der  Land-Actiengesellschaft
  gehört,  nur  auf  850.000  Dollars  eingeschätzt
war  und  eine  Jahressteuer  von  11.700  Dollars  im  Jahre  1880
zahlte.  Der  Theil  davon,  welcher  in  Neu  Mexiko  liegt,  ist  au
602.000  Dollars  geschätzt.  Der  Rest  liegt  in  dem  Staate
Colorado,  in  dem  die  Steuern,  wie  in  jedem  Staate,  schon
etwas  höher  sind,  als  in  den  Territorien.  Der  Schätzung^
        <pb n="421" />
        407

Werth  dieses  Theiles  betrug  also  rund  250.000  Dollars  und
Steuer  davon:  für  die  Grafschaft  1250  Dollars,  für  den
Staat  Colorado  500,  für  die  Taubstummenanstalt  25,  für  die
Bergwerksschule  25,  für  die  landwirthschaftliche  Schule  25,
^r  die  Staatsuniversität  25,  für  die  Wege-Instandhaltung  125,
^r  die  Grafschaftsschulen  625,  für  die  Specialschulen  650,
Zinsbeitrag  für  das  Baucapital  des  Gerichtsgebäudes  250,  Zinsbeitrag ­
  für  die  Staatsschuld  des  Staates  Colorado  114  Dollars,
Summe  4339  Dollars  =  1.7  Percent  der  sehr  niedrigen  Werthschätzung, ­
  wovon  1350,  d.  h.  fast  ein  Drittel,  für  Schulzwecke
Verschiedener  Art,  Taubstummenanstalten  und  Wege,  also  für
Investirungen  im  Staate  oder  in  der  Grafschaft.  Ueberhaupt
wird  ein  sehr  grosser  Theil  der  Steuern  für  Schulen  und  öflfent-Bche
  Bauten  ausgegeben,  auch  sind  die  Schulden  grösstentheils

gemacht  worden,  um  Eisenbahnen  zu  subventioniren,  welche
betreffenden  Staaten  oder  Territorien  durchschneiden.  Sie
Werden  mehr  oder  minder  rasch  Alle  amortisirt.  Die  Schuld
^cs  Territoriums  Neu-Mexiko  ist,  wie  gesagt,  schon  getilgt.
Dieses  System  der  Selbstverwaltung  eines  Staates  von  der
Drösse  ganz  Englands  ist  sehr  billig,  freilich  ist  die  Bevölkerung
Sçring,  aber  die  Verwaltung  wird  nicht  im  Verhältnisse  theurer,
wie  die  Bevölkerung  wächst.  Sie  gewöhnt  das  Volk  an  Selbst-^bätigkeit
  und  ist  ihm  an  und  für  sich  eine,  die  Intelligenz
ildende  Schule.  Unsere  Bureaukratie  raubt  dem  Volke  die
^ergie  und  ist  zudem  viel  zu  theuer!  Da  wir  nun  nicht
das  Monopol  des  Weltmarktes  haben,  werden  wir  bald
^^cht  mehr  Geld  genug  besitzen,  unseren  theueren  Verwal-^l^gsapparat
  zu  bezahlen,  und  dann  werden  wir  diese  Nach-I
  dung  des  in  China  noch  weiter  und  systematischer  ausge-1
  detp,n  Mandarin-Systemes  wohl  aufgeben  müssen  und  zum
^ysteme  der  Selbstverwaltung  zurückkehren,  das  sich  in
y  jährlich  reicher  werdenden  Lande  so  ausserordentlich
^  G  währt,  das  die  Amerikaner  durchaus  nicht  aufgeben  wollen
a,n  das  sich  die  europäischen  Einwanderer  sehr  schnell
Wohnen.  Dieser  Moment  dürfte  aber  in  Europa  erst  ein-Wenn
  die  Hof-  und  anderen  Räthe  ihre  Quittungsbogen
Kobens  bei  den  leeren  Cassen  präsentirt  haben,
        <pb n="422" />
        i  \

4o8

Ich  habe  geglaubt,  die  Selbstverwaltung  eines  beginnenden ­
  Staatswesens  hier  skizziren  zu  sollen  und  werde  solche
aller  Staaten  im  Osten  später  schildern.  Aus  dem  Gesagten
geht  schon  hervor,  welches  Gebiet  von  Aufgaben  die
Administration  in  jungen  Staatswesen  umfasst.  Es  geht  auch
daraus  hervor,  dass  Administration  und  Justiz  nicht  getrennt
zu  sein  brauchen,  um  das  Gedeihen  eines  Volkes  zu  fördern.
        <pb n="423" />
        XXV.  Capitel.
In  Colorado,  Neu-Mexieo  und  Arizona.
Die  zweite  Verbindung  des  Atlantischen  mit  dem  Stillen
^cean,  südlich  der  bekannten  Eisenbahn,  welche  von  San
Francisco  über  die  Mormonenstadt  in  Utah,  Ogden,  Cheyenne
Und  Omaha  an  das  östliche  Eisenbahnnetz  der  Union  fuhrt,
&amp;gt;st  iiTi  Frühjahre  i88i  perfect  geworden  und  gehörten  wir  mit  zu
^^n  ersten  Europäern,  welche  die  neue  Route  nach  Californien
passirten.
Die  neue  Bahn  fährt  von  Kansas-City  nach  Trinidad  in
olorado,  Santa  Fé  und  Deming  in  Neu-Mexico.  Hier  verendet ­
  sie  sich  mit  der  Südcalifornia-Bahn,  die  über  Tucson
Und  Fort  Yuma  am  Coloradoflusse  in  Arizona  nach  Los
ngeles,  unfern  dem  Stillen  Ocean  in  Californien,  führt.  Von
^  ab  Wendet  sie  sich  nördlich  und  läuft  durch  das  Joaquimul
  nach  San  Francisco.
Am  IO.  Juni  zweigten  wir  uns  in  La  Junta,  Colorado,
^n  dieser  Bahn  zu  einem  sehr  lohnenden  Abstecher  ins
G  sengebirge  ab.  Wir  fuhren  über  Pueblo  nach  dem  Brunnen-^
  Manitu,  blieben  hier  einige  Tage  und  fuhren  am  14.  Juni
mit  um  Fusse  des  hohen  Felsengebirges,  über  eine,
p  .  ^urbenprächtigen  Blumen  und  Buffalogras  bewachsene
über  Ausläufer  des  Gebirges.
Stadt  Denver  ist  in  den  letzten  zwei  Jahren  fast  ganz
^  gebaut,  hat  70.000  Einwohner,  welche  dem  Bergbau  im
ihren  sich  enorm  schnell  entwickelnden  Reichthum
geh  Hotels  und  Läden  sind  massiv  und  prächtig
^Gr  Höhe,  östlich  über  der  Stadt,  liegen  palastreichsten
  Einwohner.  Alle  von  Osten
esten  führenden  Strassen  bieten  an  ihrem  Westende
        <pb n="424" />
        410

einen  Ueberblick  über  die  gewaltige  Bergkette  des  Felsengebirges, ­
  das  sich  8000  bis  13.000  Fuss  hoch,  etwa  zehn
englische  Meilen  westlich  der  Stadt,  aus  der  „rollenden  Prairie“
erhebt.  So  ist  die  Lage  der  Stadt  entzückend  schön.  Der
Ort  ist  gesund  und  nicht  sehr  heiss,  da  er  5275  Fuss  über
dem  Meere  liegt.  Denver  ist  eine  der  schönsten  Städte  in
der  Welt.
Wir  zogen  hier  Erkundigungen  über  die  künstliche
Bewässerung  in  Colorado  und  den  Bergbau  ein,  obschon  wir
das  Studium  des  letzteren  nicht  in  unser  Programm  aufgenommen ­
  haben  und  nur  soweit  cultivirten,  als  er  auf  den
Ackerbau  fördernd  einwirkt,  indem  er  einen  guten  Markt  für
Lebensmittel  bietet.
Da  in  Colorado  die  Silb  er  pro  ductio  n  eine  wichtige  ist,
will  ich  hier  einige  Worte  über  die  Production  der  edlen
Metalle  sagen  :
Es  betrug  die  Production  der  edlen  Metalle  in  der  Welt,
soweit  bekannt,  in  je  1000  Dollars  Werth  im  Jahre  1880:

Land.

Gold.

Silber.

Total.

Vereinigte  Staaten
Mexico
British  Columbia
Afrika
Argentin.  Republik
Columbia
Rest  von  Süd  -  Amerika
Australien
Deutschland
Norwegen
Italien
Russland
Rest  von  Europa
Japan

33.379
989
910
1.993
78
4.000
1.993
29.018
205
72
26.584
2
466

41.110
25.167
420
I.OOO
ï.039
6.938
168
18
4:5
2.078
916

74.489
26.156
910
1.993
498
5.000
3032
29.018
7.143
166
90
26.999
2.080
1.382

Summa

99.689

79.269

178.958

Die  Production  von  Gold  und  Silber  in  der  Union  entwickelte ­
  sich  [folgendermassen  :

Jahr.

Gold.

Silber.

1804—20
1821—30
1831  —  40
1841—50

39
73:
5.649
116.978

100

Jahr.

Gold.

Silber.

1851—60
1861—70
1871—80

546.000
474.100
394.500

650
100.700
358.200
        <pb n="425" />
        411

Im  Jahre  1880  wurden  gewonnen  in  je  1000  Dollars
Werth:

Staat.

Gold.

Silber.

Summa.

Alaska
Arizona
Californien
Colorado
Dakota
Georgia
Idaho
Montana
Nevada
Neu-Mexico
Neu  Carolina
Oregon
Süd-Carolina
Tennessee
Virginia
Washington
Wyoming
In  anderen  Staaten

7
770
19.000
3.400  I
4.500
150
ï.930
2.500
2.700
120
75
1.000
18
2
11
100
7
IO

7.800
870
5.000
60
1.100
2.300
8.860
270
80

7
8.570
19.870
18.400
4.560
150
3.030
4.800
11.560

390
75
1.080
18
2
11
100

50

7
60

Summa

36.500

42.100

78.600

Hieraus  geht  hervor,  ein  wie  grosses  Interesse  die  Union
daran  hat,  dass  das  Silber  nicht  überall  als  Münze  durch  Gold
ersetzt  werde.

Hierauf  nehme  ich  den  Bericht  über  unsere  Reise,  welche
nun  auf  Monate  durch  diejenigen  Länder  uns  führte,  in  welchen
die  Masse  jener  Metalle  producirt  wird,  wieder  auf.
Am  17.  Juni  machten  wir  eine  der  schönsten  Reisen,  die
äuf  diesem  Continente  möglich  sind,  nach  Leadville.
Die  Bahn  führt  zunächst  das  Thal  des  Süd-Platteflusses
hinauf  und  durchschneidet,  20  Meilen  von  Denver,  einen
grossen  Bewässerungscanal,  den  eine  englische  Compagnie  baut
und  der  Wasser  von  hier  aus  dem  Flusse  aui  die  östliche
Prairie  führt.
Sehr  bald  steigt  die  schmalspurige  Eisenbahn  in  das  Gebirge, ­
  mit  170  Fuss  Steigung  per  englischer  Meile,  im  Cannon
oder  Flussthal  hinauf,  dessen  Wände,  stellenweise  2000  Fuss,
fast  senkrecht  neben  der  Bahn  aufsteigen  und  das  etwa  fünf
Meilen  lang  ist.  Die  üppigste  Baumvegetation  begleitet  den
Wasserlauf.  Die  Landschaft  erweitert  sich  am  Ende  des  Can-
        <pb n="426" />
        nons,  die  Steigung  aber  dauert  fort.  Bei  Bailey  verengert
sich  das  Thal,  die  Berge  aber  sind  niedrig  und  mit  reichlichem
Waldwuchs  bedeckt.  Bei  Kenosh  windet  sich  die  Bahn  über
sich  selbst  einen  mächtigen  Berg  hinauf  und  geniesst  man  hier
einen  Anblick,  der  die  Erinnerung  an  den  Semmering  verwischt, ­
  denn  wir  erreichen  hier  eine  Höhe  von  10.130  Fuss,
und  zwar  auf  einer  Eisenbahn,  welche  158  Fuss  Steigung  per
englische  Meile  hat.  Und,  ein  anderes  Wunder  fur  uns,  alle
diese  Berge  sind,  bis  zu  dieser  Höhe,  bewaldet,  vornehmlich
mit  Pinien.
Von  diesem  höchsten  Punkte  der  Bahn  aus  macht  sie
eine  Curve  und  tritt  dann  langsam  2000  Fuss  hinab  in  eine
der  berühmtesten  Gegenden  der  Welt,  dem  „Süd-Park“.  Dies
ist  eine  im  Mittel  8000  Fuss  hohe  Ebene,  die  50  Meilen  lang
und  IO  Meilen  breit,  im  Osten  durch  2000.  Fuss  höhere  bewaldete ­
  Berge,  im  Westen  durch  eine  Kette  höherer  Schneeberge ­
  begrenzt  ist,  welche  bis  zu  14.269  Fuss  hoch  aufsteigen.
Vierzig  Meilen  weit  durchläuft  die  Bahn  diesen  „Park“,  der
mit  Üppigem  Alpengrase  bewachsen  ist,  und  auf  dem  die
Rinder  sogar  den  Winter  über  im  Freien  weiden.  Zahlreiche
kleinere  Baumgruppen  schmücken  die  wellenförmig-hügelige
Oberfläche  des  Parks,  der  stellenweise  den  Charakter  der
„Haide“  bei  Nauders  in  Tirol  annimmt.
Wir  verlassen  den  Park,  indem  wir  uns  durch  seine  Grenzgebirge ­
  hindurchwinden,  die  wiederum  grossartig  schöne  Ausblicke ­
  gestatten,  treten  in  einen  Seitenpark  von  ähnlichem
Charakter  ein  und  klimmen  abermals  in  die  Höhe,  bis  zu
9410  Fuss,  die  wir  im  Trout-Creek-Pass  erreichen,  der  Wasserscheide ­
  zwischen  dem  Arkansas  und  dem  Platteflusse.  Wir
steigen  nun  circa  2000  Fuss  in  das  Arkansas-Thal  hinab.  Die
Bahn  wendet  sich  rein  nördlich,  windet  sich  durch  ein  enges,
schauerlich  -  schönes  Thal,  dessen  Grenzberge  14.245  und
14.239  Fuss  hoch  sind.  Von  hier  tritt  man  mehr  in’s  Freie
eines,  weite  Ausblicke  gewährenden  Hochlandes,  eines  Thaies,
wenn  man  will,  das  von  sehr  hohen  Bergen  umgeben  ist.  An
der  breitesten  Stelle  desselben  liegt  die  zwei  Jahre  alte  Berg-
        <pb n="427" />
        413

Werkstadt  Leadville,  10.061  Fuss  über  dem  Meere!  Hier  war
recht  kalt,  die  Luft  dünn  und  scharf.
Diese  Stadt  ist  in  allen  Stadien  des  Entstehens.  Zelte,
Blockhäuser,  die  gewöhnlichen  amerikanischen  Holzhäuser  aus
gesägten  Brettern  und  Latten,  mit  doppelten  Bretterwänden,
^Ogar  solche,  deren  innere  Wand  aus  Papier  oder  Leinwand
Besteht,  und  einige  wenige  Ziegelsteinhäuser  geben  einer  flotbrenden
  Bevölkerung  Wohnung,  die  zwischen  5-  bis  10.000
Einwohner  wechselt.  Sie  zieht  sich  in  weitem  Halbkreise  die
östlichen  Berge  hinauf,  in  welche,  nahe  bei  einander,  Schachte
getrieben  sind,  durch  die  das  reichlich  silberhaltige  Bleierz  zu
^ge  gefördert  wird.  Auf  unendlich  staubigen  und  schlechten,
Natürlich  ungepflasterten  Wegen  wird  das  Erz  in  die  Schmelz-"^frke,
  welche  im  Thaïe  liegen,  per  Achse  geführt.  Eine
aussehende,  ganz  überwiegend  männliche  Bevölkerung
^ogt  in  den  Strassen,  Tags  über  und  die  ganze  Nacht  hin-^J'ch,
  ein  grosser  Theil  zu  Pferde,  Alle  bewaffnet,  mit  Büchsen,
^  (lor  16  Schuss  haltenden,  sehr  allgemeinen  Winchesterbüchse,
Gvolvcrn  und  langen  Messern.  Ungeheuere  Schlapphüte  been
  die  wüsten  Häupter  mit  braunen  Gesichtern  und  un-Sopflegten
  Haaren  und  Bärten.  Pfundgrosse  Sporen  hängen
|î  Wasserstiefeln.  Viele  sind  betrunken,  und  zwar  in
Champagner-,  Bier-  und  Whiskyrausches.
‘o  jedem  zweiten  Hause  ist  Parterre  ein  „Trink-Saloon“,
om  alle  Sorten  Getränke  verschenkt  werden  und  in  dem
^aer  oder  mehrere  Spieltische  stehen,  an  denen  seit  Beginn
^Bends  die  ganze  Nacht  hindurch  gespielt  wird.  Von  den
«Damen“,  welche  ihre  Wohnungen  theilweise  im
gle’  Hauptstrassen  haben,  muss  ich  schweigen.  Der-^
  en  sahen  wir  noch  nirgends!  Natürlich  kommt  alle
^bgenblicke  ein  Mord,  zuweilen  eine  Anzahl  solcher  als
i^og  die  Stadt  ist,  hat  sie  doch  schon
Werd^  Theater,  so  eines,  in  dem  classische  Stücke  gespielt
com  sahen  „Ludwig  XI.“  Der  Held  des  Stückes
^^mandirte  seine  bewaffnete  Gefolgschaft  mit  folgenden
bess  ^cr  Bühne  ab:  „Please,  gentlemen,  have  the  kindo
  proceed!“  Ein  höflicher  Regimentscommandeur  aus
        <pb n="428" />
        AJ.

I
1

rv  *

I
'J#:::

t.r

414
der  Zeit  Ludwig’s  XL!  Vor  uns  im  Parterre  sass  eine  Dame
in  elegantester  Toilette  an  der  Seite  des  Gatten,  die  ihr  einige
Monate  altes  Baby  mitgenommen  hatte  und  ihm,  als  es  danach
in  bekannter  Weise  sein  Verlangen  äusserte,  das  stets  bei  der
Hand  habende,  von  der  Natur  vorgesehene  Souper  ohne  die
geringste  Gêne  gab.
Leadville  ist,  glaube  ich,  die  theuerste  Stadt  der  Welt.
Der  Stiefelputzer  berechnet  25  Cents  =  60  kr.  für  das  Wichsen
von  ein  Paar  Schuhen.  Die  Flasche  Bier,  welche  von  Denver
ab  südlich  und  westlich  auf  unserer  Tour  überall  '/^  Dollar
=  1  fl.  25  kr.  kostet,  wird  hier  mit  i  Dollar  bezahlt.  Unsere
Rechnung  im  Hôtel,  worin  wir  herzlich  schlecht  assen  und
nicht  in  Getränken  depensirten,  für  24  Stunden,  inclusive  Benützung ­
  zweier  Wagen  an  jenem  Tage,  betrug  für  sechs  Per
sonen  130  Dollars  =  312  fl.  ö.  W.  Zwei  zweispännige  Wagen,
die  wir  etwa  sechs  bis  sieben  Stunden  benützten,  wurden  mit
40  Dollars  100  fl.  ö.  W.  uns  in  Rechnung  gebracht.  Es
ist  Alles  entsprechend  theuer,  nur  die  gewöhnliche  Kost  der
Arbeiter,  wofür  zum  Theile  die  Bergwerksbesitzer  sorgen,  nicht.
Der  Taglohn  der  Eisenbahnarbeiter  und  gewöhnlichen  Bergleute ­
  beträgt  3  Dollars,  jener  „gelernter“  Arbeiter  mehr,  bis  5
und  6  Dollars.  Board  und  Wohnungen  wird  dem  einzelnen
Manne  von  gewissen  Bergwerksdirectionen  um  6  Dollars
wöchentlich,  in  der  Stadt  von  Privaten  von  6  bis  10  Dollars
geliefert.  —  Natürlich  schüttelten  wir  den  Staub  dieser  Stadt,
in  deren  Nachbarschaft  man  das  Silber  centnerweise  gräbt,  so
schnell  wie  möglich  von  unseren  theuer  gewichsten  Schuhen.
So  that  auch  der  Herzog  von  Sutherland,  den  wir  schon
in  Denver  getroffen  und  nochmals  sprachen.  Er  schlief  mit
seiner  grossen  Reisebegleitung  vorsichtigerweise  nicht  in  dem
schlechten  und  wirklich  enorm  theuren  Hôtel,  sondern  —
im  Eisenbahn  waggon!  Sie  sind  praktisch,  diese  Engländer!
Der  ihn  begleitende  „Times“-Correspondent,  Mr.  Russel,  ein
höchst  jovialer,  heiterer  alter  Herr,  erzählte  mir  beiläufig,  man
habe,  etwa  zwei  Stunden  vor  unserer  Ankunft,  einen  Mann
nahe  dem  Hôtel  umgebracht.  Kurze  Zeit  darauf  erschien  er
mit  strahlendem  Gesichte  wieder  und  theilte  ganz  erfreut  mit,
        <pb n="429" />
        415

dass  man  soeben,  dicht  vor  dem  Hotel,  noch  einen  Kerl  erschossen ­
  habe!
Weiter!
Die  folgenden  Tage  brachten  uns  abermals  eine  unvergessliche ­
  Gebirgsreise.  Wir  fuhren  auf  einer  schmalspurigen
ßahn  das  Arkansasthal  hinab  bis  Pueblo.  Hier  gingen  wir
^uf  die  grosse  Atchinson-Topeka-  und  Santa  Fe-Bahn  über,
Und  fuhren  südlich  auf  derselben  bis  Cuchera.  Dort  stiegen
Abends  über  auf  Waggons  einer  schmalspurigen  Bahn,
Welche  den  Veta-Pass  zwischen  der  Sangre  de  Christo-  und
der  Gulebra-Kette  des  Felscngebirges  übersteigt,  bei  Alamosa
das  Thal  des  oberen  Rio  Grande  del  Norte  hinabfuhrt,
dieses  entlang  läuft  bis  Española,  wo  sie  vorläufig  endet.  Von
da  fuhren  wir  in  einem  mexicanischen  von  sechs  Pferden  gezogenen ­
  Postwagen  ca.  30  Meilen  weit  nach  Santa  Fé,  wo
am  20.  Juni  Mittags  ankamen.
Auf  der  Strecke  von  Leadville  bis  Pueblo  passirt  man
as  weltberühmte  Grand  Cannon  oder  „grosse  Thal“  des  Arunsas,
  dessen  herrlichster  Theil  „Royal  Gorge“  heisst.  Die
^hmalspurige  Bahn  windet  sich  in  einer  Weise  durch  dieses
ul,  welche  die  Bewunderung  aller  Techniker  erregen  muss.
*ue  weite  Strecke  läuft  sie  auf  einem  eisernen  Balcon  über
^ni  schäumenden  Arkansas  fort.  Der  Balcon  ist  in  eine,
einige  1000  Fuss  hohe  Felsen  wand  eingebohrt  und  durch
iserne  Streber  und  ein  eisernes  Hängewerk  an  der  gegenerliegenden, ­
  ebenso  himmelhohen  Feisen  wand  aufgehängt,
^%tützt  und  sonst  befestigt!  Mit  einem  ungeheueren  Gefalle
t  sich  der  schäumende  und  tosende  Fluss  durch  dieses
g  enge  Thal,  das  bei  Cannon-City  plötzlich  endet.  Die
erge  fallen  hier  unvermittelt  in  eine  wellige  Prairie  ab,  die
heiss  und  unfruchtbar  ist.  An  ihrem  Beginne  liegt  ein
^auriger,  festungsartiger  Bau  —  das  Staatsgefangniss  von
®*’udo.  Wir  fuhren  durch  dieses  wundervolle  Thal  in
em  unbedeckten  Eisenbahnwaggon,  konnten  also  seine
^nd^  H  ohoit  geniessen,  umsomehr  als  die  grosse  Steigung
ie  oft  sehr  scharfen  Curven  langsames  Fahren  bedingten.
Reise  des  folgenden  Tages  bot  bis  Mittags  nichts  Be-
        <pb n="430" />
        4i6

merkenswerthes.  Nachmittags  stiegen  wir  am  Vetaberge,  südlich ­
  der  Sangre  de  Christo-Kette  hinauf.  Bei  der  6970  Fuss
hohen  Station  Veta  wurden  zwei  schwere  Gebirgslocomotiven
vor  den  Zug  gespannt,  und  nun  klommen  wir  an  derselben
Bergseite  den  Berg  hinan,  so  dass  man  stellenweise  die  zurückgelegte ­
  Strecke  senkrecht  unten  sah.  Leider  dunkelte  es  schon.
Der  Berg  ist  11.512  Fuss  hoch  und  der  Pass,  durch  den  die
Bahn  führt,  9339  Fuss.  Noch  wächst  hier  zu  beiden  Seiten
der  Bahn,  die  211  Fuss  Steigung  per  englische  Meile
hat,  hoher  Fichtenwald.  Auf  der  andern  Seite  fallt  die  Bahn
sieben  Meilen  lang  ebenso  steil  und  bleibt  bis  Fort  Garland
immer  im  romantischen  Hochgebirge,  aus  dem  man  hie  und
da  einen  wundervollen  Durchblick  in  das  7-  bis  8000  Fuss
hoch  gelegene  San  Louis-Thal  hat  Zwischen  Bergen,  deren
höchster  14.483  Fuss  erreicht,  läuft  die  Bahn  20  Meilen  lang
steil  abwärts,  bis  sie  in  das  Thal  des  Rio  Grande  gelangt,
das  sie  bei  Alamosa,  7191  Fuss  über  dem  Meere,  durchschneidet. ­
  Auch  von  hier  ab  ist  die  Fahrt,  obschon  die  Bahn  keine
Gebirgsbahn  mehr  ist,  höchst  interessant,  da  beide  Seiten  des,
allerdings  sehr  breit  werdenden  Thaies,  von  hohen  Gebirgsgruppen
  eingeschlossen  sind.
Morgens  langten  wir  in  Española,  einer  elenden,  halb
mexicanischen,  halb  amerikanischen  Stadt,  an  und  bestiegen
einen  grossen  Postwagen,  dessen  Gesäss  nicht  in  Federn  hing,
sondern  mittelst  eines  dicken  Bündels  von  rindsledernen  Riemen ­
  am  Gestell  des  Wagens  aufgehängt  war,  also  wie  eine
Schaukel  schwankte.  Drinn  haben  neun  Personen,  auf  Deck
noch  mehr  Platz.  Sechs  Pferde  zogen  diese  Maschine  zum
Personentransport  langsam  und  mühsam  über  eine  unendlich
breite  und  nie  gebesserte  Strasse.  Die  Prairie  ist  wellig,  aber
von  tiefen  Wasserrissen  durchschnitten,  in  die  wir  hinab  und
aus  denen  wir  wieder  schräge  hinausfuhren.  Stellenweise  treten ­
  inselförmige  Plateaux  aus  der  Prairie  senkrecht  heraus.
Sie  sind  charakteristisch  für  ganz  Neu-Mexico  und  werden
Mesas  „Tische“,  von  den  Spaniern  genannt.  Die  abfallenden
Ufer  einer  solchen  höheren  Insel  zeigen  die  seltsamsten,  bastionund
  wallartigen  Formationen.  Der  Boden  ist  ein  leicht  san-
        <pb n="431" />
        417

Lehm.  Hitze  und  Staub  machten  diese  Reise  zu  einer
äusserst  beschwerlichen.  Wir  trafen  nur  auf  zwei  bis  drei
^Gxicanische  Dörfer,  auf  dem  wohl  25  Meilen  langen  Weg
öis  Santa  Fé.
^*^se  waren  für  uns  indessen  sehr  interessant:  die  Geäude
  sind  aus  Adobe,  d.  h.  grossen  Erd-  oder  Lehmziegeln,
SÇbaut,  die  lufttrocken  geworden  sind.  Die  Wände  sind  sehr
1  die  Dächer  vollkommen  flach  und  dienen  als  Promenade,
le  Häuser  sind  entweder  dicht  aneinander  gebaut,  oder  wenn
einzeln  liegen,  in  Verbindung  mit  einer  massiven  Lehm-^^uer.
  Penster  und  Thüren  sind  klein.  Der  Zugang  ist  oft
durch  Leitern  möglich.  Dies  rührt  Alles  noch  aus  der
aum  25  Jahre  lang  verflossenen  Zeit,  da  Kriege  zwischen  In-^‘anern
  und

Mexicanern  hier  gewöhnliche  Vorkommnisse
^^aren.  Das  Volk  ist  sehr  arm,  lumpig  und  schmutzig,  eine
lin^*^^'  ^^^''^arzbraune,  hässliche,  ungesunde  Race  von  Misch-Spaniern
  und  Indianern.  Die  reinen  Indianer,  welche
s  ^*®ser  Ebene  des  Rio  Grande,  weiter  abwärts,  in  bea
  eren  Dörfern  wohnen,  sind  zwar  auch  sehr  hässlich,  aber
kräftigerem  Körperbau  als  die  Mexicaner.  Ihre
hal^  freilich  sehr  schmutzig,  aber  malerisch  und  desbe
  ^^^°aer  als  die  der  Mexicaner.  Jedermann  ist  natürlich
^an  geht  selten.  Dauerhafte  Ponies,  mehr  noch
1^  »  Werden  allgemein  als  Reitthiere  —  oft  von  zwei  elenden
dif»  îr  —  benützt.  Die  Frauen  reiten  ebenso  wie
^  Männer,

sie

,  .  d.  h.  ohne  Damensattel.  Zu  Hause  kauern
^ie  Diadem  stundenlang  an  der  Schattenseite  des  Hauses.
Pflu  liegen  hier  und  spielen  Karten  oder  rauchen.  Der
^^aem  *  R  einzige  Ackerbauinstrument  und  besteht  aus
lass  •  den  ein  anderer,  schräg  nach  vorn,  eingedie
  seiner  Spitze  ein  spitziges  Eisenstück  trägt,
allge  Die  künstliche  Bewässerung  des  Bodens  ist
diese^^**^  and  wird  das  Wasser  oft  weit  her  geleitet.  Wie
^awissenden  Leute,  und  die  Indianer  auch,  das  Ni  veilede^
  p  ^^^l^en,  ist  mir  ein  Räthsel.  Gelernt  haben  sie  es  von
der  U  ^'^^^^l^anern,  welche  in  allen  früher  mexicanischen  Theilen
aion  die  Lehrer  der  Landwirthschaft  waren,  aber  in  den
27
        <pb n="432" />
        4i8

ersten  Zeiten  der  mexicanischen  Republik  mit  schnödem  Undank ­
  vertrieben  oder  doch  beraubt  wurden,  zum  grossen
Schaden  für  das  Land.  Die  Indianer  haben  meist  besseren
Weizen,  Mais  und  Bohnen  auf  diesen  Feldern,  als  die  Mexicaner,
  weil  sie  dieselben  fleissiger  mit  der  Hacke  behandeln,
namentlich  die  Mais-  und  Bohnenfelder.  Der  bewässerte  Boden
würde  sehr  fruchtbar  sein,  wenn  er  tief  gepflügt  und  von
Unkraut  rein  gehalten  würde,  allein  das  werden  die  Mexicaner
stets  zu  beschwerlich  finden.
Hier  meint  man,  nicht  mehr  in  Amerika  zu  sein,  sondern
in  Fez  oder  Marokko.  Die  Landschaft  ist  afrikanisch.  Sandiger ­
  Lehm  als  Boden,  der  oft  steinig  ist,  hohe  Gebirge  als
Thalgrenzen,  eine  afrikanische  Hitze,  ein  solcher  Staub,  eine
solche  Vegetation  und  Dürre,  viereckige  Häuser  aus  Lehm
mit  flachen  Dächern  und  kleinen  Oeffnungen  für  Thüren  und
Fenster,  die  Gehöfte  und  Dörfer  festungsartig  umwallt  oder
ummauert.  Nur  die  verhältnissmässig  edlen  und  reinlichen
Mauren  sind  durch  viel  verkommenere  Bewohner  ersetzt.  Auch
in  einem  Theile  des  „heiligen  Landes“  mag  es  jetzt  so  ausschauen. ­

Santa  Fé  ist  eine  altspanische  Handelsstadt,  deren  Handel
meist  in  Händen  —  deutscher  Juden  ist  und  die  sich  seit
einigen  Jahren  schnell  amerikanisirt.  Nicht  zum  Vortheile  ihrer
Originalität,  die  verloren  geht.  Die  alte  Stadt  hat  an  beiden
Seiten  der  Strassen  Lehmhäuser,  ein  Stockwerk  hoch,  mk
flachen  Dächern  und  weiten  Höfen  dahinter.  Die  alte  aus
Lehm  gebaute  Kirche  wird  soeben  von  einer  massiven  Sandstein-Kathedrale ­
  überbaut,  in  sie  eingeschachtelt.
Der  Erzbischof,  Msgr.  Larmy,  ein  französischer  Geistlicher,
der  seit  30  Jahren  hier  amtirt,  nahm  uns  sehr  gütig  auf  un
zeigte  uns  seinen  grossen  Obst-  und  Gemüsegarten,  in  dem  er  alle
Früchte  und  Gemüse  zog,  die  in  Frankreich  und  Algier  fort'
kommen.  Der  Garten  ist  reichlich  bewässert,  wird  gedüngt,
bringt  aber  überreichliche  Früchte,  doch  ist  er  etwas  verun
krautet,  da  der  Arbeitslohn  theuer  ist.  Die  Früchte-  un
Gemüsenutzung  ist  verpachtet,  so  auch  ein  Theil  des  aus  Lehm
gebauten  erzbischöflichen  Palastes,  denn  die  Bevölkerung
        <pb n="433" />
        419

Erzbisthums  ist  sehr  arm  und  kann  der  Kirche  wenig  geben.
Eer  hochw.  Herr  sagte  von  seinem  bescheidensten  Hause,  das
mit  Miethern  und  Aftermiethern  theilte:  Si  cette  humble
résidence  de  boue  serait  tombée,  elle  serait  toujours  debout.
In  Santa  Fé,  dessen  Temperatur  durch  eine  ziemlich  regellässige
  Brise  gemildert,  angenehm  und  gesund  ist,  unterhielsich
  die  anderen  Herren  viel  mit  den  Offizieren  der  dort‘gen
  Garnison  über  den  in  Aussicht  stehenden  Krieg  mit  den
Ute  Indianern.  Am  23.  Juni  reisten  wir  von  hier  nördlich  nach
dem  Grossgrundbesitze  Cimarron.  Drei  der  Herren  fuhren
Schon  am  29.  von  Cimarron  nach  Las  Vegas  und  dem  Badeorte
  Hot  Springs  ab.  Am  2.  Juni  folgte  ihnen  Graf  Imre
Ezéchényi.  Baron  Gudenus  und  ich  studirten  die  Verhältnisse
Cimarron  bis  zum  7.  Juli  und  fuhren  dann  nach  Albuquerque,
wir  die  anderen  vier  Herren  trafen.  Diese  hatten  inzwischen
^Inen  Abstecher  von  Las  Vegas  über  Albuquerque  nach  Fort
Wingate  gemacht.  Dies  ist  eine  Station  an  der  im  Baue  begriffenen ­
  Atlantic-Pacific-Eisenbahn,  welche  in  zwei  Jahren  bis
zur  Südsee  fertig  sein  und  eine  dritte  Strasse  über  das  Felsengebirge
  bilden  wird.  Sie  fuhrt  von  Albuquerque  fast  direct
festlich  und  verzweigt  sich  in  Californien  südlich  nach  San
Uiego  am  Meere,  nördlich  nach  Santa  Barbara,  auch  nahe  der
See.  Von  hier  wird  sie  Küstenbahn  bis  San  Francisco.
Westlich  von  Fort  Wingate  läuft  sie,  bis  in  Californien  hinüber
  ein  von  Bergen  durchbrochenes  Hochland,  das  4000
7000  Fuss  hoch  ist.  Die  südliche  Eisenbahnstrasse,  welche
von  Albuquerque  über  Tucson  nach  Yuma  passirten,
^‘egt  tiefer.
An  ihr  ist  der  Boden,  ausser  wo  er  künstlich  bewässert
^ird,  unbenützbar.  Zwar  wächst  vielfach  Gras  darauf,  allein
Vieh  findet  kein  Trinkwasser.  Auf  der  neuen  Strasse  soll
anders  sein.  Weil  das  Terrain  höher  ist,  so  ist  es  dort
ühler  und  es  giebt  mehr  Bäche  und  Teiche,  also  Weide  und
*‘änke  für  Vieh.  Bisher  wurde  hier  wenig  Vieh  gezogen,
^II  man  keinen  Absatz  dafür  hatte  und  es  zu  beschwerlich
dasselbe  viele  hundert  Meilen  durch  das  Hochgebirge  zu
Die  Atlantic-Pacific-Bahn  wird  Nordarizona  der  Vieh-27*
        <pb n="434" />
        420

Zucht  erschliessen.  Bis  jetzt  giebt  es  in  Arizona  nur  Bergbau,
freilich  gräbt  man  Gold,  Silber,  Blei  und  Kupfer.
Bei  Wingate  hatten  die  Herren  abermals  Indianer  kennen
gelernt;  Graf  Andrassy  und  Graf  Hoyos  brachten  schöne
Skizzen,  Alle  eine  Menge  indianischer  Kleidungs-  und  Schmuckgegenstände ­
  mit.  Mir  sandte  ein  Landsmann,  der  in  Wingate
eine  Position  inne  hat  und  den  ich  nie  gesehen,  eine  prächtige,
grosse  Navajodecke  zum  Geschenke  mit.  Wie  ich  zu  diesem
jedenfalls  unverdienten  und  unerwarteten  Glücke  kam,  das  ist
mir  ein  Räthsel,  indessen  —  omen  accepi  und  die  Decke  auch!
Am  8.  Juli  Abends  verliessen  wir  in  Begleitung  des
Obersten  Haren,  Beamten  der  Atchinson-Eisenbahn,  der  die
anderen  Herren  auch  nach  Wingate  begleitet  und  seit  unserer
Abreise  von  Pueblo  unsere  ganze  Reise  so  trefflich  arrangirt
hatte,  Albuquerque,  um  nunmehr  ohne  Aufenthalt  bis  an  das
stille  Meer  zu  fahren.
Die  Bahn  führt  von  Albuquerque  200  Meilen  direct  südlich, ­
  bis  sie  bei  der  Station  Colorado  den  Rio  Grande  del
Norte  überschreitet,  in  dessen  Thaïe  sie  bis  dahin  lief  Von  dort
läuft  sie  in  wellenförmiger  Linie  westlich  durch  Arizona  bis  Fort
Yuma  am  Rio  Colorado,  der  die  Grenze  zwischen  Arizona  und
Californien  bildet.  Noch  in  Neu-Mexico,  in  Station  Deming,
endet  die  Atchinson-,  Topeka-  und  Santa  Fé-Eisenbahn  und
beginnt  die  Southern  Pacific-Bahn.  In  Deming  verliess  uns
Oberst  Haren,  welcher,  die  Herren  Ott,  Müntefering,  Stöckel
und  Sheperd,  die  uns  im  Aufträge  jener  Bahngesellschaft  successive ­
  bis  Pueblo  begleitet  hatten,  ablösend,  uns  in  ebenso
liebenswürdiger  Weise  begleitet  hatte,  wie  jene  genannten
Herren.  Wir  haben  ihnen  nicht  nur  für  manchen  gesellschaftlichen ­
  Genuss  zu  danken,  den  sie  uns  verschafft  und  durch
ihre  Gegenwart  und  Theilnahme  erhöht  haben,  sondern  sind
ihnen  noch  viel  mehr  dafür  verpflichtet,  dass  sie  uns  auf  Alles
aufmerksam  gemacht  haben,  was  in  der  Nähe  der  Eisenbahn
von  Interesse  für  uns  sein  würde.  Zu  dem  Zwecke,  unsere
landwirthschaftlichen  Studien  zu  fördern,  haben  sie  die  mehrtägigen ­
  Excursionen  von  Newton,  Ellenwood  und  Garden-City
  mit  uns  gemacht  und  uns  schliesslich  nach  Cimarron
        <pb n="435" />
        421

geführt,  das  fur  uns  in  hohem  Grade  belehrend  war,  da  wir
^ier  einen  wirklichen  Grossgrundbesitz  und  die  politische
Administration  eines  Territoriums  kennen  lernten.  Ferner
würden  wir  ohne  die  Anregung  des  Obersten  (in  der  ehenialigen
  Südarmee)  Haren  kaum  die  entzückend  schöne  Partie
^urch  den  Südpark,  über  den  Veta  Pass  nebst  Allem,  was
^*ch  an  sie  anschloss,  gemacht  haben.  Mit  grosser  Herzlichkeit ­
  schieden  wir  in  Deming  von  diesem  in  jeder  Beziehung
^stinguirten  Manne  und  trefflichen,  unterrichteten  Beamten
J^ner  Bahngesellschaft,  welche  überhaupt  Musterhaftes  leistet
Nicht  nur  ist  das  Bahngeleise,  durchweg  mit  Stahlschienen
belegt,  trefflich  und  sind  die  Wagen  neu  und  comfortabel
hier  fanden  wir  sogar  zuerst  Schlafwagen  für  Immigranten  —
Sondern  die  meisten  Speisestationen  an  der  Linie  sind  auch
^onen  überlegen,  die  wir  an  Bahnhöfen  zu  finden  gewöhnt
^ären.  Sie  stehen  unter  specieller  strenger  Aufsicht  der  Bahnirection
  und  hatten  mit  einzelnen  Ausnahmen,  wie  in  Gardengute
  Kost  bei  aufmerksamer  Bedienung,  und  wo  dies
nicht  der  Fall  war,  wie  in  letzterer  Stadt  und  Santa  Fé,
p^ranlasste  die  Gesellschaft  den  Bau  eines  Hotels.  Auch  der
^nwanderer  nimmt  sie  sich  an,  beschützt  sie  vor  Schwindlern
hilft  ihnen  mit  Rath  und  That  bei  der  so  schwierigen
Ersten  Einrichtung.
Ganz  anders  fanden  wir  es  auf  der  Südpacific-Bahn,  mit
^nsnahme  des  Geleises  und  Bahnkörpers,  die  auch  gut  waren.
Und  waren  schlechter  als  die  der  Topeka-Bahn
Y  Restaurationen  stellenweise  auch,  ln  Tucson  und
tr^'T^  sie  aber  gut.  An  den  Bahnhöfen  dieser  Bahn
oh*  ^  gefährliches  Diebs-  und  Räubergesindel  umher,
^  *^0  dass  die  Bahngesellschaft  es  mit  Erfolg  unschädlich  zu
^  ^  en  suchte  wie  die  vorige,  die  doch  neuer  ist  und  in
Mexico  durch  ein  ebenso  „uncivilisirtes“  Land  fahrt,  als
^^fizona  und  der  südlichste  Theil  von  Californien.  Auch  wir
Von  dieser  Bande  zu  leiden.  Ferner  machte  man  uns
M^i  ersten  Male  Schwierigkeiten  wegen  unseres  Gepäckes,
^tten  9000  Meilen  in  diesem  Lande  gemacht,  ohne  dass

^  uns  für
Abzahlung  abverlangt  hätte.

unsere  freilich  zahlreichen  Gepäckstücke  eine
Hier  that  man  es.
        <pb n="436" />
        XXVI.  Capitel.
Das  Landsystem  und  Agrarrecht  der  Union.
In  den  von  England  aus  gegründeten  oder  durch  England ­
  beherrschten  Theilen  der  Union  herrschte  mit  wenigen
Ausnahmen  Primogenitur-  und  Entailerbrecht,  deren  Zweck  war,
den  Grundbesitz  ungetheilt  und  unverschuldet  in  der  Pamilic
des  Besitzers  zu  erhalten.  Als  1803  Louisiana  zur  Union  kam,
stand  es  bereits  unter  dem  modernen  französischen  Agrarrecht,
d.  h.  es  gab  gleiche  Erbtheilung  und  absolutes  Eigenthumsalso
  Verschuldungs-  und  Veräusserungsrecht  des  Besitzers,  sogar ­
  über  etwa  von  der  Ehefrau  beigebrachte  liegende  Gründe
und  ohne  deren  Consens.
In  den  alten  Unionsstaaten  bestand  Aehnliches  indess  auch
bereits,  denn  man  hatte  meistens  die  englische  Agrarordnung
kurz  nach  erlangter  Unabhängigkeit  von  England  abgeschaffti
so  in  Virginien  schon  1776.  In  einigen  Staaten  bestehen  je*
doch  bis  heute  Reste  des  Entailsystems,  d.  h.  durch  Testament
kann  Besitz  unverändert  auf  den  zweiten  Erben  übertragen
werden.
In  den  Südstaaten,  wo  die  Sclaverei  der  Neger  bis  1865
bestand,  vollzog  sich  eine  Latifundienbildung  und  kamen
Entails  noch  häufig  vor.  In  den  anderen  Staaten  suchte  man
dagegen  einen  leistungsfähigen  Bauernstand  zu  schaffen.
Zu  dem  Zwecke  wurde  bestimmt,  dass  alles  unoccupii^®
aber  anbaufähige  Land  in  der  Union  durch  gerade  Linien,
welche  von  Norden  nach  Süden  und  von  Osten  nach  Westen
laufen,  schachbrettförmig  eingetheilt  werden  solle.  So  ist  eS
vermessen  worden.
Jedes  Elementarfeld  hat  sechs  englische  Meilen  Seitenlange
        <pb n="437" />
        423

und  heisst  eine  Town-ship.  Sie  bildet  eine  Verwaltungsgemeinde. ­
  Eine  Anzahl  Townships  bilden  eine  County.  Eine
Anzahl  Counties  einen  Staat  oder  ein  Territorium.
Die  Township  ist,  wie  schon  öfter  erwähnt,  hier  aber  zu
wiederholen  nöthig,  schachbrettförmig  in  36  Quadrate  à  i  Qu.-Meile
  gross  getheilt.  Jedes  Quadrat  heisst  eine  Section  und
ist  von'  einem  100  Fuss  breiten  öffentlichen  Wege  eingeschlossen. ­
  Jede  Section  enthält  640  Acres  à  40  Ar.  Die
Sectionen  sind  fortlaufend  von  i  bis  36  numerirt.
Die  Section  16  und  die  halbe  Section  36  sind  als  ewiger
Fond  fur  die  Schulen  der  Township  reservirt.  Die  mit  ungraden
  Zahlen,  i,  3,  5,  7,  9,  n,  13  u.  s.  w.  numerirten  Sectionen
sind  zuweilen  an  Eisenbahn-Compagnien  als  Subvention  gegeben. ­
  Sie  entsprechen  den  schwarzen  Feldern  eines  Schachi^rettes
  und  stossen  nie  mit  den  Seiten,  stets  mit  den
Ecken,  aneinander.  Die  Eisenbahngesellschaft  hat  zwar  das
Eecht,  so  viele  Sectionen  an  den  einzelnen  Käufer  zu  verkaufen ­
  und  zu  welchem  Preise  sie  will,  allein  immer  liegen  die
Weissen  Felder  zwischen  den  so  verkauften  und  sich  nur  an
Ecken  berührenden  schwarzen  Feldern  des  Schachbrettes.
So  können  keine  zusammenhängenden  Latifundien  entstehen.
Die  weissen  Felder  gehören  der  Unionsregierung  ausser
Texas  und  in  einem  Theile  von  Florida,  wo  die  Staats-Regierungen
  sich  dieselben  reservirt  haben.
Die  weissen  Felder  sind  640  Acres  gross.  In  einer  gewissen
^ähe  von  einer  Bahn,  auf  sehr  gutem  Boden,  werden  sie  zu
^  /2  Dollars  per  Acre  eingeschätzt;  weiter  ab  von  der  Bahn,
pder  auf  schlechterem  Boden  zu  i  '/4  Dollar.  Erstere  werden
jo  4  quadratische  Quartersectionen  à  160  Acres,  letztere
8  quadratische  Halbquartersectionen  à  80  Acres  getheilt.
Diese  kleinste  Unterabtheilung  wird  nun  dem  wirklichen
Ansiedler  gegen  Erlegung  einer  Vermessungsgebühr  von  5
Dollars  umsonst  gegeben,  also  80,  oder  von  Boden  II.  Klasse
Acres.  Er  muss  5  Jahre  darauf  wohnen,  Gebäude  von
cstimmter  Grösse  errichten,  eine  gewisse  Anzahl  Acres  in  Cultur
Rmgen,  darf  sein  Anrecht  inzwischen  nicht  veräussern  oder
^^rpfanden,  noch  Schulden  auf  diese  Homestead  machen  und
        <pb n="438" />
        424

Die  Zahl  der  Farmen  hat  betragen:

Staat.

Unter  3  Acres
gross
i88o|  i87o|i86oji  1880  |  1870  |  i860  ||  1880  |  1870  |  i860

Von  3—IO  Acres  ||  Von  10—20  Acres

Von  20—5°
1880  I  i87oliï^

Union
Alte  Ind.-St.  :
Maine
Massachusetts
Connecticut
N.  Hampshire
N.-York
Pennsylvania

4.35216.875I  —  ||i34-889|i72.02i|  54.676  ¡¡254.749I294.607I162
Je  100  Farmen,  mit  Weglassung  der  Einer

20
23
22
17
145
140

36
11
17
13
130
100

17
20
9
8
52
48

31
38
32
20
172
169

69
25
29
20
181
159

.178
und
123!
I23I

I78I.474I847.6M'
Zehner.

Summa

367

307

1541

462

483

379

1124

Mitt.-  u.  Weststaaten: ­

Ohio
Dakota
Illinois
Indiana
Jowa
Kansas
Kentucky
Michigan
Minnesota
Wiskonsin
Nebraska

109
41
46
20
9
67
27
6
25
3

70
4
35
72
41
48
70
67
40
55
7

141
82
80
33
16
137
45
9
32
7

137
4
102
135
61
54
162
131
79
109
»5

99
65
96
421
19
68
66
45
90
5

Summa

353

509

165

582

989

5861

2829

Südstaaten  :
Alabama
Arkansas
Florida
Georgia
Louisiana
Maryland
Mississippi
Missouri
N.  Carolina
S.  Carolina
Tenessee
Texas
Virginia
West  Virginia

44
55
13
32
30
11
110
101
67
102
80
46
44
37

130
107
24
86
67
32
119
86
&amp;gt;33
125
&amp;gt;73
167
96
34

9&amp;gt;
&amp;gt;&amp;gt;7
21
69
74
&amp;gt;7
89
&amp;gt;74
&amp;gt;42
9&amp;gt;
&amp;gt;99
&amp;gt;35
63
55

43
60
9
28
22
12
25
9&amp;gt;
48
12
72
61
55

Summa

26

533

772

164

&amp;gt;379

&amp;gt;337

538,

36&amp;gt;6

Californien

&amp;gt;4

34

erhält  erst  nach  Erfüllung  aller  dieser  Bedingungen  den  vollen
Besitztitel.  Bis  dahin  hatte  das  Landamt  der  Unionsregierung
in  agrarischer  Beziehung  Jurisdiction  über  ihn.
Von  nun  an  fallt  er  unter  das  Agrarrecht  des  Staates,  in
dem  die  Heimstätte  liegt.

425

Die  Zahl  der  Farmen  hat  betragen:

'00

'032.

so—100  Acres
&amp;gt;870  I  i860

910

Von  100—500  Acres
1880  I  1870  I  i860

Von  500—1000
Acres
1880  I  1870  I  i860

Ueber  1000  Acres
gross
&amp;gt;870  !

1880

i860

782

26,

754.221l608.878!  1.695.983I565.054I487.041II75.972I15.873I20.319I28.578I  3.720]  5.364
Je  100  Farmen,  mit  Weglassung  der  Einer  und  Zehner.

1811

.¡973
32

663

&amp;gt;544

480

7590I

6166

&amp;gt;635

406

&amp;gt;3

70

498

36

24I  202  122  6511  311  i2|  5|  25|  7
j  Der  Inhaber  einer  Homestead  von  80  Acres  Boden
•  Klasse  kann  80  daranstossende  Acres  umsonst,  nur  gegen
Vermessungsgebühr,  erhalten,  wenn  er  binnen  einer  Anzahl
Jahren  lo  Acres  davon  mit  Waldbäumen  in  bestimmter
bepflanzt.  Nach  diesen  Jahren  erhält  er  den  vollen  Besitztitel.
        <pb n="439" />
        426

Staat.

Durchschnittsgrösse
der  Farmen

Acres
1880I1870  i86o|i850

Zahl  der  Farmen

1880

1870  i860  I  1850

Zahl  der  Farmen  i.J-  '
bewirthschaftet  vo®
Geldpächt.


Eigenthümern


Union
Alte  Ind.-St.:
Maine
Massachusetts
Connecticut
N.  Hampshire
N.-York
Pennsylvania
Mitt-  u.  Weststaaten ­
  :
Ohio
Dakota
Illinois
Indiana
Jowa
Kansas
Kentucky
Michigan
Minnesota
Wiskonsin
Nebraska
Südstaaten  ;
Alabama
Arkansas
Florida
Georgia
Louisiana
Maryland
Mississippi
Missouri
N.  Carolina
S.  Carolina
T  enessee
Texas
Virginia
West-Virginia
Californien

134

153

199

203

4.008,907

125

2.659.985

64.309
38.406
30598
32.181
241.058
213.542

247.189
17.435
255.741
194013
185.361
138.561
166.453
154.008
92.386
134.322
63.387

2.044.007

59.804
26.500
25.588
29.642
216.253
174.041

55.698
35.601
25.180
30.501
196.990
156.357

195-953
1.720
202.803
161.289
116.292
38.202
118  122
98.786
46.500
102.904
12.301

179.889
123
143.310
131  826
61,163
10.400
90.814
62.422
18.181
69.270
2.789

1.449.073

2.984.306

46.760
34.069
22.445
29.229
170.621
127.577

143.807

76.208
93.896
14.850

466I44661!

135.864
94-443
23-438
138.621
48.292
40.517
101.772
215-575
157.609
93.804
165.650
174.184
118.517
62.674
35-934

67.382
49.424
10.241
69.956
28.481
27.000
68.023
148.328
93.565
51.889
118.141
61.125
73-849
39.778
23.724

55.128
39.004
6.568
62.003
17.328
25  493
42.840
92.790
75-203
33.171
82.368
42.891
02.605

18.716

74-777
34.089
157
20.177

322.357

70Í

61.528
35.266
27.472
29.566
201.186
168.220

1.153

199  562
16.757
175.497
147.963
141.177
115  910
122.426
138.597
83.933
122.163
51.963

41.964
17.758
4.304
51.759;
13.422,
21.860
33.960
54.458
56.963
29.967
72.735
12.198
77.013

872

72,215
65.245
16.198
76.451
31.286
27.978
57.214
156.703
104.887
46.645
108.454
108  716
83  531
50.673
28.810

14-834
72
20.620
8.582
8.421
4-438
16.824
5.015
1.251
3.719
1.948

22.888
9.916
3-548
18.557
6.669
3-878
17.440
19.843
8.644
21.974
19.266
12.089
13-39*
4.293
3.209

0/.

I

I
I

Union  :  Klein  oder  Gartengrundbesitz  bis  zu  20  Acres  1880  —  393.900,  1870  =

Jnion:  Klein  oder  uartengrunnoesitz  djs  zu  20  Acres  1000  —  393.900,  lo/o  —
lauernhöfe  von  20—50  Acres  1880  =  781.474,  1870  =  847.614.  Maschinenfähige
ron  50—500  Acres  1880  =  2.728.893,  1870  =  i.319.275.  Grossgrundbesitz  über  500
=  104.550,  1870=  19.593,  wobei  zu  beachten  ist,  dass  1880  es  75.972  Farmen  von  500  1
rab,  die  noch  nicht  einmal  Grossgrundbesitzungen  genannt  werden  können.  Man  kann
iauernhöfe  nennen.  In  Canada  gab  es  1871  =  367.862  Farmer,  wovon  326.160  Eigenth  fO»
¡9.583  Pächter.  Die  Farmgrösse  war  unter  10  Acres  40.281,  von  10—50  Acres  7°-  *
50—100  Acres  141.300,  von  100—200  Acres  82.176,  über  200  Acres  25.228  Farm
        <pb n="440" />
        427

Er  kann  endlich  dritte  80  Acres  öffentlichen  Landes  um
2V2  Dollars  per  Acre  verkaufen:  Mehr  Unionsland  aber  kann
er  um  keinen  Preis  von  der  Unionsregierung  erwerben,  als
240  Acres  Land  I.  oder  480  Acres  Land  II.  Klasse.  Man
will  eben  die  Latifundienbildung  verhindern.  In  der  Regel
begnügen  sich  arme  Ansiedler  damit,  eine  Homestead  von  80
oder  160  Acres  aufzunehmen  ;  nur  wohlhabendere  nehmen
noch  mehr  Land  auf.  Im  Winter  1882/83  beschloss  der  Congress, ­
  das  Vorkaufsrecht  ad  3  aufzuheben,  da  es  in  fraudulöser
Weise  zur  Latifundienbildung  missbraucht  wurde.
In  den  älteren  Staaten  stellten  sich  schon  Ende  der
dreissiger  Jahre  jene  Uebeistände  heraus,  welche  die  gleiche
Erbtheilung  und  freie  Verfügung  des  Eigenthümers  über  den
Boden  zu  unseren  Zeiten  erzeugt:  Zwergwirthschaft  und  tiefe
Verschuldung  der  Bauernhöfe.  Besonders  fühlbar  wurde  dies
nach  der  grossen  Bank-  und  Finanzkrisis,  von  der  die  Union
1837  bis  39  heimgesucht  wurde  und  in  der  eine  Unmasse  von
Bauern  bankerott  wurde.
Da  begann  die  Gesetzgebung  einzelner  Staaten  umzukehren. ­
  In  Texas  wurde  schon  1839  bestimmt,  dass  ein  Landgut ­
  von  bestimmter  Grösse  mit  dem  nöthigen  Vieh  und  Vorräthen,
  die  bis  zur  nächsten  Ernte  ausreichen,  wegen  Schulden
uicht  mit  Beschlag  belegt  werden  kann.  Andere  Staaten
folgten  mit  ähnlichen  Gesetzen.  In  einzelnen  Staaten  durfte
^er  Besitzer  einer  solchen  Homestead  unter  keinen  Umständen,
^uch  nicht  mit  Einwilligung  seiner  Frau,  Schulden  auf  die
Homestead  hypothekarisch  eintragen  lassen,  in  anderen  konnte
es,  wenn  letztere  ein  willigte.  Steuerrückstände,  Lohn  von
-'^bei^ern  und  Handwerkern  in  bestimmtem  Ausmaasse  und
^Gr  Kaufpreis  einer  Homestead,  soweit  er  nicht  baar  bezahlt
constituiren  jedoch  ein  Pfandrecht  auch  an  die  Homestead.
In  15  Staaten  bildet  diese  Homestead-Exemption  einen
Theil  der  Staatsverfassung,  in  anderen  nur  eine  Abtheilung
'Ul  bürgerlichen  Gesetzbuche.  Nur  in  Delaware,  Connecticut,
Maryland,  Oregon  und  Rhode-lsland  cxistiren  solche  Homestead-Exemptionen
  nicht  Zuerst  wurden  sie  in  den  Acker-
        <pb n="441" />
        428

baustaaten  des  Nordens  eingefiihrt,  nach  Beendigung  des  Bürgerkrieges ­
  auch  in  den  Südstaaten.
Die  Union  machte  1862  ein  Gesetz,  wonach  die  Homestead, ­
  welche  soeben  erst  aufgenommen  war,  bis  zum  Moment,
in  dem  nach  5  Jahren  der  Besitztitel  ertheilt  wird,  vor  Verschuldung ­
  geschützt  ist.  Nach  diesem  Augenblick  schützt  sie
das  Exemptions-Gesetz  des  Einzelstaates,  in  dem  sie  liegt.
Der  Umfang  dessen,  was  als  geschützte  und  vom  Gläubiger ­
  nicht  mit  Beschlag  zu  belegende  Homestead  angesehen
werden  soll,  ist  sehr  verschieden  und  in  den  älteren  Nordstaaten, ­
  in  denen  der  Grundbesitz  bei  Erlass  der  Exemptionsgesetze
  bereits  klein  aber  werthvoll  war,  geringer  als  in  den
neuen  Staaten.
Das  Detail  dieser  wichtigen  Gesetzgebung  findet  sich  in
meinem  Werk  über  die  socialen  und  Heimstättengesetze  von
Amerika  etc.,  das  kürzlich  erschienen  ist.
Fast  jedes  Jahr  bringt  eine  oder  mehrere  Veränderungen
in  der  Exemptions-Gesetzgebung  hervor,  doch  ausnahmslos  in
der  Richtung,  den  Schutz  für  die  Familie  des  kleinen  Grundbesitzers ­
  zu  vergrössern.  Jeder  grössere  Grundbesitzer  hat
das  Recht,  einen  Theil  seines  Besitzes,  der  gerade  der  im
Staate  geschützten  Homesteadportion  entspricht,  durch  Eintragung ­
  beim  Recorderamt  als  Homestead  erklären  zu  lassen.
Geräth  er  in  Concours,  so  wird  der  andere  Theil  seiner  Besitzung ­
  zwangsweise  verkauft,  dieser  aber  nicht.  So  kann
auch  der  reiche  Mann  seine  Familie  für  den  Fall  unvorhergesehener ­
  Noth  schützen.
Stirbt  der  Homesteadbesitzer,  so  verbleibt  die  Homestead
unangreifbar  der  Wittwe,  stirbt  sie,  den  Kindern  zusammen,
oder  jenem  Kinde,  dem  sie  testamentarisch  vermacht  wurde,
und  bei  jedem  Erben  ist  sie  unangreifbar,  selbst  wenn  er
vor  Antritt  dieser  Erbschaft  Schulden  sollte  gemacht
haben.
Gegen  die  Theilung  der  Homestead,  wenn  sie  ein  ländlicher ­
  Grundbesitz  ist,  unter  mehrere  Erben  giebt  es  noch  kein
Gesetz,  weil  es  so  lange  in  einem  Lande  unnöthig  ist,  als  es
dort  unoccupirtes  Land  giebt,  welches  die  jüngeren  Brüder  in
        <pb n="442" />
        429

Besitz  nehmen  können,  doch  darf  sie  nicht  getheilt  werden,  so
lange  nicht  alle  Erben  über  21  Jahre  alt  sind,  auch  darf  bis
dahin  für  keinen  Miterben  eine  Capital-  oder  Rentenabfindung
hypothekarisch  eingetragen  werden.
Diese  Agrargesetzgebung  der  Union  hat  ausserordentliche
Erfolge  gehabt.  Die  Zahl  der  Farmen  hat  sich  seit  i860.
Seitdem  die  neuen  Horaestead-Gesetze  der  Union,  der  Süd-Staaten
  und  zahlreicher  Territorien  datiren,  verdoppelt,  von
^•044  077  auf  4.008.907.  (Siehe  die  Tabellen  auf  Seite  424
Bis  426.)

Die  Latifundienbildung  ist  hintangehalten  worden,  obschon
  es  in  den  ehemals  mexicanischen  Landestheilen  zahl-'"Giche
  Grossgrundbesitzungen  gab,  als  diese  von  der  Union
annectirt  wurden.
Umfasst  man  mit  dem  Begriff  Bauer  jeden  Besitzer  von
50  bis  1000  Acres,  so  gab  es  deren  in  der  Union  2.802.865,
^ic  alle  maschinenfahig  sind.  Spannfahig  sind  auch  die  Besitzer ­
  der  Höfe  von  20  bis  50  Acres,  und  somit  beträgt  deren
^^Bl  3.586.339,  welche  durch  die  canadischen  von  1871  und
neu  in  der  Union  und  in  Manitoba  und  Ostcanada  seit
*^®sp.  1880  und  1871  gegründeten  gut  und  gern  jetzt  auf
4  Millionen  gesteigert  sind,  von  denen  ca.  *  ^  Eigenthümer
ihrer  Farmen  und  durch  Homestead-Exemptionsgesetze  im  Be-^‘tz
  eines  reichlich  bemessenen  Minimums  geschützt  sind.
Ganz  Europa  besitzt  einen  solchen  Bauernstand  nicht!
eiche  ungeheure  wirthschaftliche  und  politische  Macht  liegt
4  Millionen,  meist  wohlhabenden,  vollkommen  freien,  sich
Selbst  verwaltenden  und  dazu  mit  der  nöthigen  Bildung  voll-°
  Ulmen  ausgerüsteten  Bauern!  Dergleichen  sah  die  Welt  nie.  Wir
®^ehen  nier  einer  ganz  neuen  Erscheinung  gegenüber.  Diese
''^^ise  Agrarpolitik,  welche  die  Homesteads  in  der  Normalgrösse
160  Acres  schuf  und  zu  erhalten  strebte,  wirkt  weiter,
Canada  ergriffen  und  dehnt  sich  schon  auf  Mexico  aus,
Welche  beide  Staaten  mit  der  Union  bald  vereinigt  werden  dürften,
ln  Ungarn  gab  es  1867  —  seitdem  hat  man  sich  gescheut,
umsichgreifende  Elend  zu  constatiren  —  1.444.400  Grund-^*^er
  mit  Besitzungen  unter  5  Joch,  ca.  7  Acres,  Besitzer
        <pb n="443" />
        430

von  5  bis  15  Joch,  7  bis  21’/s  Acres  =  643.091,  von  15  bis
30  Joch,  2i’/3  bis  42^/3  Acres  —  260.619,  von  30  bis  50  Joch,
42^/3  bis  71  Acres  =  77.280,  von  50  bis  100  Joch,  71  bis
142  Acres  =  30.336,  100  bis  200  Joch,  142  bis  284  Acres
=  11.365,  200  bis  500  Joch,  284  bis  710  Acres  =  9-^4^)
von  500  bis  1000  Joch,  710  bis  1420  Acres  =  4.502,  1000
bis  3000  Joch  =  3.882,  3000  bis  5000  Joch  =  818,  5000
bis  10.000  Joch  =  459,  über  10.000  Joch  231  Besitzer,
Bauern  von  15  Joch  (21  Acres)  bis  500  Joch  (710  Acres)
also  nur  388.846,  wovon  bereits  Viele  seitdem  zu  Grunde  gegangen ­
  sind.  Der  spannfahige  Bauernbesitz  von  30  bis  200
Joch  zählte  nur  118.981  Besitzer  mit  6.740.000  Joch.  Der  kleinere
Besitz  als  diese  Zwergwirthschaften,  umfasste  15.927.000  Joch,
der  Mittelbesitz  von  200  bis  1000  Joch  mit  13  74^  Besitzern,
6.660.000  Joch,  der  Grossgrundbesitz  von  1000  bis  10.000  Joch
mit  5.195  Besitzern  und  14  240.000  Joch,  der  Latifundienbesitz,
je  über  10.000  Joch,  mit  231  Besitzern,  3.930.000  Joch.  Dazu ­
  Fideicommissgüter  463.000  Joch.  Die  Krongüter  umfassten ­
  2.723.000  Joch,  Kirchengüter  1.288.000  Joch.  Auf
6.740.000  Joch  spannfahigen  Bauerngrundes  kommen  also
22.644.000  Joch  Grossgrundbesitzungen  über  1000  Joch,  Fideikommiss-, ­
  Kirchen-  und  Krongüter.  19.700  Zwangsverkäufe
fanden  1880  statt,  41  Mill.  Gulden  Schulden  wurden  zu  den
bestehenden  hypothekarisch  eingetragen.
Die  Zahl  der  Grossgrundbesitzungen  hat  sich  zwar  von
3720  i.  J.  1870  auf  28.578  vermehrt,  allein  viele  davon  sind
wenig  über  1000  Acres  gross.  Die  meisten  derselben  liegen
in  den  Südstaaten,  wo  der  Census  von  1870  augenscheinlich,
bald  nach  dem  Kriege,  nicht  sehr  sorgfältig  aufgenommen
wurde.  Californien  ist  das  Land  der  Latifundien.  Sie  spielen
so  gut  wie  keine  Rolle  in  Amerika.
In  den  alten  Industriestaaten  haben  sich  die  Gartengrundstücke, ­
  bis  zu  10  Acres  Grösse,  etwas  vermehrt,  die  kleinen
spann-  und  maschinenfahigen  Wirthschaften  von  10  bis  lOO
Acres,  von  377.900  auf  342.400  vermindert,  die  grösseren
Besitzungen  über  100  Acres  von  70.600  auf  238.100,  also
sehr  erheblich,  vermehrt.  Der  Körnerbau  rentirt  nicht  mehr,
        <pb n="444" />
        bei  den  gedrückten  Preisen  durch  die  Concurrenz  der  Weststaaten. ­
  Viele  Kleinfarmer  verkaufen  an  reichere  Nachbarn,
die  nun  grössere  Complexe  zur  Weide-  und  Kleegewinnung
für  Milchkühe  vereinen.  Hier  entsteht  eine  sehr  capitalsatte
und  intelligente  Viehwirthschaft.  Diese  Milchwirthschaften  sind
am  blühendsten  im  Staate  New-York,  wo  seit  1870  die
Zahl  der  Besitzungen  von  10  bis  100  Acres  sich  von  146.800
auf  128.100  verminderte,  jene  der  grösseren  über  100  Acres
aber  von  56.100  auf  97.700  vermehrte.  —  Das  Schicksal  der
Concurrenzunfahigkeit  im  Körnerbau  steht  auch  vielen  europäischen ­
  Landwirthschaften  bevor  und  wird  daselbst  den  Latifundienbetrieb ­
  nöthig  machen.
In  den  Weststaaten  haben  sich  die  Gartengrundstücke
bis  zu  3  Acres  Grösse  vermehrt,  aber  schon  die  kleinen  Häuslereien
  von  3  bis  10  Acres  von  50.900  auf  35.300  vermindert.
kleineren  Bauernhöfe  von  10  bis  50  Acres  haben  sich
Von  452.000  auf  341.100  vermindert.  Dagegen  haben  sich  die
uiaschinenfahigen  Bauernhöfe  ausserordentlich  vermehrt  in  der
Grösse  von  50  bis  1000  Acres,  von  585.500  auf  1.255.600.
Hier  liegt  die  Kraft  der  Union.  Grossgrundbesitz  über  1000
Acres  vermehrte  sich  nur  von  400  auf  2900,  eine  ganz  unbedenkliche ­
  Zahl,  neben  i  '  4  Million  Bauerhöfen!
In  den  Südstaaten  verminderte  sich  die  Zahl  der  kleinen
Grundstücke  bis  10  Acres  und  jene  deren  von  10  bis  20  Acres
blieb  stationär.  Die  Zahl  der  spannfähigen  Höfe  von  20  bis
50  Acres  vermehrte  sich  von  182.900  auf  361.600  und  der
^uschinenfähigen  von  50  bis  500  Acres  von  360.800  auf
941.600,  auch  die  Zahl  der  Besitzungen  über  500  Acres  vermehrte ­
  sich  nach  1870,  weil  mehr  verlassene  Pflanzungen
nieder  cultivirt  und  Neuland  angebaut*wurde.  Das  geht  schon
daraus  hervor,  dass  in  den  17  Jahren  vor  dem  Kriege  51.3
Millionen  Ballen  Baumwolle  geerntet  wurde,  und  in  den  17  Jahren
nach  dem  Kriege  68.3  Millionen  Ballen.  Die  freie  Arbeit  auf
bäuerlichen  Höfen  ergiebt  mehr  Ertrag,  als  früher  die  Sklavenarbeit ­
  auf  grossen  Plantagen.  Am  auffallendsten  ist  das  Kleiner-^Grden
  der  Farmen  in  dem  ehedem  blühendsten  Sklavenstaate
^üd-Carolina,  von  durchschnittlich  541  Acres  i.  J.  1850  auf
        <pb n="445" />
        432

143  Acres  i.  J.  1880;  hier  waren  1550  =11.2  Millionen  Acres
in  Plantagen  und  Farmen,  i860  =•  16.1  Millionen,  1880  aber
erst  13.4  Millionen.  Dieser  Staat  hat  sich  also  am  wenigsten
erholt  !
In  den  Südstaaten  giebt  es  auch  die  meisten  Pachtungen.  Die
Neger  erhielten  kein  Land  bei  ihrer  Emancipirung  und  bewirthschaften
  nun,  meist  als  Métayers,  weniger  als  Geldpächter,
Theile  der  grossen  Plantagen.
Die  Métayers  bewirthschaften  876  Farmen  unter  3  Acres
Grösse,  26.529  von  3  bis  10  Acres,  90.816  von  10  bis  20
Acres,  223.589  von  20  bis  50  Acres,  158.725  von  50  bis  100
Acres,  194.720  von  100  bis  500  Acres,  5.569  von  500  bis
1000,  1.420  über  1000  Acres  gross,  die  Geldpächter  875
Farmen  bis  zu  3  Acres,  22.904  von  3  bis  10  Acres,  41.522
von  IO  bis  20  Acres,  97.399  von  20  bis  50  Acres,  69.663
von  50  bis  100  Acres,  84.645  von  100  bis  500  Acres,  3.956
von  500  bis  1000  Acres  und  1.393  über  1000  Acres  gross.
        <pb n="446" />
        28

XXVII.  Capitel.
Von  Neu-Mexieo  nach  Californien.

Im  Jahre  1883  wird  die  Adantic-Pacific-Bahn  fertig  werden,
und  dann  wird  man  eine  südliche  „Durchlinie“  durch  Amerika
haben.  Die  jetzt  schon  fertige  südliche  Bahn  nach  Californien,
^uf  der  wir  dorthin  reisten,  und  diejenige,  welche  von  der
Atlantic-Pacific-Gesellschaft  gebaut  wird,  sind  Winter-Passagierbahnen, ­
  welche  namentlich  auch  von  Personen  benützt  werden
dürften,  die  von  Australien  nach  Europa  reisen  oder  von
Japan  und  China,  und  umgekehrt.  Die  Central'Pacific-Bahn
über  Salt  Lake-City  und  Omaha  ist  oft  vom  Schnee  verschüttet ­
  und  leiden  die  Passagiere  auf  ihr  nicht  selten  von
Kälte.  Dies  ist  auf  der  südlichen  Bahn  nicht  zu  befurchten.
Die  Strecke  von  Albuquerque  bis  Colorado  ist  sehens-''^erth.
  Der  Rio  Grande  fliesst  zuerst  in  einem  breiten  Thaïe,
^as  von  Hochgebirge  eingeschlossen  ist.  Dann  entfernen  sich
östlichen  Berge  und  man  sieht  nur  das  Felsengebirge  im
besten.  Der  Boden  ist  überall  lehmig  und  reich  an  löslichen
^Mineralischen  Bestandtheilen.  Zuweilen  wird  er  auf  kurze
^trecken  sandig.  Man  sieht  hier  ziemlich  zahlreiche  Dörfer
Von  Mexicanern  und  Pueblo-Indianern,  die  natürlich  nie  im
Selben  Dorfe  zusammen  wohnen.  Sie  treiben  Viehzucht  und
■Ackerbau,  die  Indianer  letzteren  sorgfältiger  als  die  Mexikaner, ­
  beide  Nationalitäten  auf  künstlich  bewässertem  Boden,
ivenn  dieser  besser  gepflügt  und  reiner  gehalten  würde,
'onnte  er  auch  hier  sehr  hohe  Erträge  geben,  denn  Wasser
der  Rio  Grande  stets  und  warm  genug  ist  es  hier;  die
Mze  aber  ist  keineswegs  sengend,  denn  das  Thal  ist  bei
Albuquerque  5000  Fuss  und  bei  Socorro  noch  4665  Fuss
        <pb n="447" />
        434

über  dem  Meere.  Die  Weide  auf  den  Bergen  und  dem  unbewässerten
  Thaïe  war  in  dieser  Jahreszeit  trocken  und  dürftig.
Das  Vieh  befand  sich  meist  auf  den  hohen  Tafelprairien  oder
in  der  Nähe  des  Flusses.
Sowie  man  das  Thal  des  Rio  Grande  verlässt,  kommt
man  westlich  auf  eine  öde  Fläche  mit  lehmigem  Boden,  der
stellenweise  mit  Salz  oder  Alkalien  getränkt  ist,  keine  Fluss-Bewässerung
  hat  und  in  dem  Brunnen  sehr  tief  gegraben
werden  müssen,  um  Wasser  zu  geben.  Hier  hört  der  Ackerbau ­
  gänzlich  auf  und  kann  Vieh  auch  nur  gehalten  werden,
wenn  man  Wasser  —  etwa  durch  artesische  Brunnen  —
schafft,  was  man  ja  jetzt  vielfach  in  der  Union  versucht.  Gras
und  abweidebares  niedriges  Gesträuch  gab  es  meist  reichlicher
als  in  den  bisher  durchreisten  Thälern  Neu  -  Mexicos,  wohl
weil  es  seltener  abgeweidet  wurde.
Tucson,  eine  alte  spanische  Stadt,  die  Vor  der  spanischen
Zeit  schon  von  den  Azteken  bewohnt  war,  ebenso  wie  Yuma,
wären  einen  Aufenthalt  werth  gewesen,  wenn  wir  uns  die  Zeit
hätten  gönnen  wollen.  Sie  sind  beide  originell  und  ist  erstere
von  amerikanischem  Einflüsse  noch  fast  gar  nicht  berührt.  Die
Stadt  liegt  nicht  weit  vom  Fusse  der  Berge,  deren  scharfe
Contouren  sich  prachtvoll  auf  dem  goldenen  Grunde  des  von
der  untergehenden  Sonne  reich  gefärbten  Horizontes  abhoben.
Die  Luft  ist  hier  so  rein  und  klar,  dass  man  ungeheuer  weit
sieht  und  alle  Formen  in  ganzer  Schärfe  zur  Geltung  kommen.
Welcher  Unterschied,  wenn  ich  daran  denke,  wie  sich  z.  B.
London  in  einem  „Fog“  ausnimmt!  Die  gewaltige  Architektur
der  St.  Paulskirche  mit  ihren  Säulen  und  Portalen  verschwindet
in  dieser  dicken,  undurchsichtigen  Luft  zu  einer  unförmlichen
Masse,  deren  Umrisse  man  eben  schemenhaft  auf  hundert
Schritte  kaum  unterscheidet.
An  dem  Tage,  den  wir  von  Deming  bis  Tucson  auf  der
Bahn  durch  Südarizona  zubrachten,  sahen  wir  stundenlang,
und  nach  einer  kurzen  Unterbrechung  wieder  auf  Stunden,  die
Fata  morgana,  ich  zum  ersten  Male  in  meinem  Leben;  die
ungarischen  Herren  kannten  sie  schon,  behaupteten  aber,  sie
nie  so  lange  und  so  grossartig  gesehen  zu  haben.  Hell  schien
        <pb n="448" />
        435

die  Sonne  über  eine  wellenförmige  Hochebene,  die  am
äussersten  Horizonte  durch  hohe  Berge  begrenzt  war  und  entweder ­
  keine  Pflanzen,  oder  doch  nur  dürres  Gras  und  niedriges ­
  Strauchwerk  trug.  Auf  ihr  erblickten  wir,  in  viele
Meilen  weiter  Ferne,  ein  langes,  breites,  silberglänzendes
Wasser,  an  dessen  abgelegenem  Ufer  Berge  sich  erhoben,  die
sich  in  ihm  abspiegelten.  Aus  dieser  stillen  See  stiegen  Inseln
Form  spitzer  Berge  auf;  hie  und  da  sahen  wir  auch  das
andere  Ufer  flach  und  wie  mit  Gras  und  Bäumen,  doch  spärlich, ­
  bewachsen.  An  anderen  Stellen  erblickte  das  Auge  jenes
ändere  Ufer  nicht,  sondern  ruhte  der  vollkommen  wolkenlose,
blaue  Horizont  auf  dem  glatten,  glänzend  weissen  Silberspiegel
des  uns  vorgegaukelten  Meeres.  Aber  Schlösser,  Städte,
Häuser,  Menschen,  Vieh  und  dergleichen  Dinge,  die  in  unserem
Gesichtskreise  auch  gar  nicht  existirten,  sahen  wir  nicht,  wie
dies  in  der  ungarischen  Ebene  der  Fall  sein  soll.  Nur  das
blanke  Wasser  war  Zauber  werk,  alles  andere  augenscheinlich
^ur  Reflex  noch  entfernterer  Gegenstände,  die  wirklich  vorhanden ­
  waren.
Oede  war  diese  Gegend  im  höchsten  Grade,  aber  keine
Wüste.  Es  muss  hier  zeitweise  stark  regnen,  denn  wir  sehen
niedrige  Stellen  in  der  welligen  Ebene,  die  mit  Wasser  überschwemmt ­
  gewesen  sein  mussten,  auch  wäre  der  Graswuchs
Sonst  nicht  zu  erklären.  Stellenweise  wuchs  höheres  Strauch-''^crk,
  überall  die  Seifenpflanze,  mit  deren  Wurzel  die  Mexikaner ­
  wollene  Zeuge  waschen  und  deren  Blätter  schilfartig,
^*0  bis  zwei  Fuss  lang  und  spitz  sind.  Der  Blüthenstengel
Nächst  ca.  drei  Fuss  hoch  und  trägt  eine  grosse  weisse,
Schöne  Blüthe.  Auch  der  uns  von  Texas  her  bekannte  Mesflüitostrauch,
  dessen  Blätter,  Zweige  und  bohnenartige  Früchte
Vieh  in  Zeiten  von  Grasmangel  gerne  gefressen  werden,
hommt  vor.  Den  originellsten  Schmuck  aber  bieten  die  verschiedenen ­
  Cactusarten.  Der  Cactus  nimmt  hier  den  Charakter
k&amp;gt;nes  Strauches  und  stellenweise  eines  Baumes  an,  denn  aus
kiner  Wurzel  wachsen  eine  Anzahl  schlangenartig  gekrümmter
'^eige,  überall  mit  der  dem  Cactus  eigenthümlichen,  stacheligen
  Narbe,  wie  mit  Saugfäden,  bewachsen,  in  die  Luft,  so
28*
        <pb n="449" />
        436

dass  man  einen  Strauch  von  drei  bis  acht  Fuss  Höhe  und
ein-  bis  dreizölligen  Aesten  vor  sich  zu  haben  meint.  Andere
Cacteen  'haben  einen  vier  bis  sechs  Fuss  hohen  Stamm,  aus
dem  sich  ein  bis  %wei  starke  Aeste  abzweigen.  Der  Hauptstamm ­
  ist  mannsdick,  die  Zweige  sind  bein-  und  armstark.  —
Das  Thierleben  wird  ebenfalls  dürftig.  Der  Prairiehund  findet
sich  seltener  und  verschwindet,  man  sieht  nur  hie  und  da  ein
paar  Antilopen  und  einen  Wolf.  Vögel  giebt  es  fast  gar
keine.  Der  westliche  Theil  von  Arizona  zeigt  vulcanische
Einwirkungen.  Isolirt  steigen  Berge  bis  zu  2000  Fuss  aus
der  rollenden  Lehmprairie  auf,  braun,  schwarz,  wie  Schlackenberge ­
  anzusehen.  Lava-Ueberreste  bedecken  den  lehmigen
Boden  und  durch  Sonne  und  Regen  zermürbt  werden  sie  als
unangenehmer  Staub  durch  die  Luft  geführt.
Das  letzte  Drittel  der  Bahnlänge  in  Arizona  liegt  im  Gilathale.
  Der  Gila  fliesst,  in  Neu-Mexico  entspringend,  fast  mitten
durch  Arizona,  von  Osten  nach  Südwesten,  und  ergiesst  sich
bei  Fort  Yuma  in  den  Colorado,  welcher  seinerseits  in  Westcolorado ­
  entspringt,  durch  Utah  und  Arizona  fliesst  und  sich,
etwa  50  Meilen  südlich  von  Yuma,  in  Mexico  in  den  Golf
von  Californien  ergiesst.  Das  Gilathal  verengt  sich  bald  wieder
und  nimmt  den  Charakter  einer  Gebirgslandschaft  an,  der
Halbwüstencharakter  der  rollenden  Prairie  von  Südarizona
verschwindet.  Cotton  woodbäume  und  andere,  namentlich
Taxusbäume  und  dichte,  elsenartige  hohe  Sträucher  wachsen
üppig,  soweit  der  Einfluss  des  Wassers  reicht.  Nahe  Fort
Yuma  findet  man  auch  etwas  Ackerbau  auf  bewässertem  Lande,
allein  der  Bergbau  ist  es,  um  dessen  willen  seit  Jahrhunderten
die  Spanier  in  die  heissen  Bergthäler  Arizonas  drangen,  und
derentwegen  die  Yankees  unserer  Tage  sich  der  glühenden
Sonne  dieses  Landes  aussetzen.
Arizona  hat  sehr  reiche  Gold-,  Silber-  und  Kupferbergwerke, ­
  und  noch  immer  werden  neue,  reichere  Erzlager  von
„Prospectors"  entdeckt.  Bisher  lohnte  nur  der  Abbau  der
Silberbergwerke,  und  auf  einer  Station  sahen  wir  die  goldhaltigen ­
  Silberblöcke,  etwa  zwei  Fuss  lang  und  sechs  Zoll
breit  und  dick,  von  einem  Frachtwagen,  der  sie  aus  dem  Ge-
        <pb n="450" />
        437

birge  gebracht  hatte,  in  den  Eisenbahnwaggon  laden.  Jeder
Block,  „Boilion“  genannt,  soll  5-  bis  6000  Dollars  werth  sein.
Die  Vollendung  der  Südcalifornia-Bahn,  die  Arizona  quer
durchschneidet,  sowie  der  Fortschritt  der  Atlantic-Pacific-Bahn,
Welche  nördlich  der  ersteren,  parallel  mit  ihr,  auch  durch
dieses  Land  führt,  werden  den  Bergbau  Arizonas  sehr  entwickeln ­
  und  auch  den  Abbau  weniger  edler  Metalle  als  Gold
und  Silber  lohnend  machen.  Die  Minenbevölkerung  wird  von
Californien  und  von  Kansas  aus  mit  Cerealien  versorgt  werden,
Vieh  aber  dürfte  mehr  producirt  werden,  als  der  Consum  erfordert. ­

Fort  Yuma  geniesst  den  Ruf,  die  heisseste  und  unausstehlichste ­
  Garnisonstadt  von  Amerika  zu  sein.  Man  erzählt,
dass  ein  Soldat  dieser  Garnison  gestorben  und  in  die  Hölle
gekommen  sei.  Nach  einigen  Tagen  habe  er  sich  von  dem
Commandanten  des  Forts  ausgebeten,  er  möge  ihm  seine
Decken  in  die  Hölle  nachsenden,  da  er  die  Kälte  daselbst
*^icht  ertragen  könne.  Wir  waren  um  5  Uhr  Früh  dort  und
fanden  die  Temperatur  erträglich.
Die  Lage  des  Forts  erinnert  an  jene  der  Kathedrale  von
Cran.  Wie  hier  die  Kirche,  so  liegt  das  Fort  auf  einem
f^olsenvorsprunge  zwischen  den  hier  zusammenfliessenden  beiden ­
  Flüssen  Colorado  und  Gila,  die  breit  und  sehr  wasserhaltig
  sind,  was  man  nicht  von  allen  Strömen  Amerikas  sagen
^ann.  Ein  wunderbar  klarer  Himmel  wölbt  sich  über  dem
^'ort  und  den  Bergen,  die  rund  um  das  Fort  gnippirt  sind.
Die  Stadt  ist  weitläufig  gebaut,  hat  Lehmhäuser  mit  Wän-'^en,
  die  bis  4  Fuss  dick  sind,  flachen  Dächern,  breiten,  bedeckten, ­
  von  Holzsäulen  getragenen  Veranden,  und  die  meisten
derselben  besitzen  einen  Viehhof,  um  den  hohe  Pfahle,  12  bis
30  Fuss  hoch,  in  die  Erde  getrieben  sind,  die  man  durch
^eidengeflecht  verbindet.  Ein  paar  der  Häuser,  die  alle  weiss
getüncht  sind  und  in  der  es  hier  gut  meinenden  Sonne  reinlieh
  glänzen,  standen  in  gut  gepflegten  und  künstlich  bewäs-^^rten
  Blumengärten,  in  denen  sehr  farbenprächtige  Blumen
^^d  Bäume  mit  eigenthümlichem  Blattwerke  üppig  gediehen,
die  uns  bisher  noch  nicht  anders  als  in  botanischen  Garten
        <pb n="451" />
        43»

vorgekommen  waren,  hier  aber  natürlich  besser  gediehen.
Einige  gleichen  Trauerweiden,  andere  haben  schilfartige,  noch
andere  Blätter  wie  die  Fettpflanzen,  welche  wir  auf  sandigem
Boden  kennen,  alle  aber  strotzen  in  üppiger  Blatt-  und  Farbenpracht. ­

Auf  dem  Coloradoflusse  lag  einer  jener  grossen  amerikanischen ­
  Dampfer,  die  wir  auf  dem  Mississippi  kennen  gelernt
hatten.  Dieser  Fluss  ist  bei  hohem  Wasserstande  bis  Callville,
circa  650  Meilen  oberhalb  Yuma,  und  regelmässig  bis  El
Dorado  Canyon,  365  Meilen  oberhalb  Yuma,  schiffbar.
In  Yuma  sahen  wir  einige  Indianer,  die  von  sehr  schönem
Körperbaue,  höherem  Wüchse  als  jene  in  Taos  und  einer  gewissen ­
  natürlichen  Würde  in  der  Haltung  waren,  die  letzten
Indianer  auf  der  Reise  bis  zur  Südsee.  Wegen  der  grossen
Hitze  sind  sie  fast  nackt  und  gehen  Sommer  und  Winter  in
einer  sehr  kurzen  Schwimmhose  umher,  tragen  aber  eine  Decke
über  die  Schulter  gehängt,  in  welche  sie  sich  Nachts  hüllen.
Viele  wohnen  hier  friedlich  und  ackerbautreibend.  Andere  im
Gilathale.  Die  Indianer  sterben  allmählich  aus.  Im  Jahre  1870
taxirte  man  ihre  Zahl  noch  auf  350.000,  im  Jahre  1880  nur  noch
auf  246.000,  wovon  60-  bis  75.000  allein  in  dem  grossen  Indianer-Territorium ­
  zwischen  Texas  und  Kansas.  Civilisirte
Indianer,  die  sich  mit  Ackerbau  und  Viehzucht  beschäftigen,
gab  es  1870  nur  25.731,  im  Jahre  1880  schon  66.407;  die
Civilisation  derselben  macht  also  doch  einige  Fortschritte.  Von
diesen  wohnten  3.493  in  Arizona,  16.277  i"  Californien,  7.249
in  Michigan,  2.300  in  Minnesota,  2.800  in  Nevada,  9.772  in  Neu-Mexico,
  1.694  in  Oregon,  4.405  in  Washington,  3.161  in  Wisconsin. ­
  Wie  viele  in  Florida  wohnen,  ist  unbekannt.  Aus
den  Grenzländern  der  Republik  Mexico  ziehen  sie  oft  in  dieses
Land,  wo  es  ihrer  noch  mehrere  giebt.  Die  Unionsregierung
giebt  einigen  Stämmen  Provisionen  und  verwaltet  ihre  Reservationen. ­
  Die  Ausgabe  hierfür  betrug  1881  =6.514.161  Doll,
und  hat  von  1789  bis  1881  betragen  193.6  Mill.  Doll.  —  wovon ­
  ein  grosser  Theil  in  die  Taschen  betrügerischer  Agenten
der  Regierung  geflossen  ist.
Nicht  weit  vom  Gilathale  südlich,  in  der  hier  nur  wenige
        <pb n="452" />
        439

Meilen  entfernten  Republik  Mexico,  leben  kriegerische  Indianer,
die  soeben  30  Meilen  südlich  von  El  Paso  del  Norte  ejne
Expedition  von  Eisenbahningenieuren  nebst  Begleitung  und
Dienerschaft,  im  Ganzen  30  Personen,  überfallen  und  niedergemacht ­
  hatten.  Diese  vermassen  die  Trace  einer  Eisenbahn,
Welche  El  Paso  mit  dem  Golf  von  Mexiko  verbinden  soll.
El  Paso  steht  schon  mit  der  Topeka-Bahn  bei  San  Diego,
etwas  östlich  von  Deming,  und  mit  der  Süd-Pacific-Bahn  bei
Deming  in  Bahnverbindung.
Durch  ganz  Arizona  trifft  man,  ausser  Tucson,  keine
eigentliche  Stadt  an  der  Eisenbahn,  und  von  Fort  Yuma  wieder ­
  keine  in  Californien,  bis  Station  Colton.  Freilich  sind  die
Eisenbahnstationen  kleine  Zeltstädte,  in  denen  sich  hie  und  da
schon  ein  Bretterhaus  findet.  Hier  haust  eine  flottirende  Bevölkerung ­
  von  abscheulich  aussehenden  Mexicanern,  einigen
bettelnden  oder  vielmehr  schlechte  Türkise,  indianisch  Cicivite
  genannt,  die  sie  im  Gebirge  finden,  zum  Verkaufe  ausbietenden
  Indianern,  einigen  bei  der  Bahn  angestellten  Amerikanern ­
  und  amerikanischen  „Saloonkeepern“  oderKneipwirthen,
Epieiern,  Abenteurern  und  —  vielleicht  das  abscheulichste
^olkselement  dieser  gewiss  nicht  anziehenden  Racen-  und
Etandesmischungen  —  deutsch-polnischen  Juden,  die,
echte  Sumpfvögel,  hier  mit  Behagen  sich  in  der  zweifelhaftesten
Gesellschaft  bewegen,  gewiss,  ihre  Beute  zu  machen  !  Sie  sind
allen  früher  spanischen  Colonien  geradezu  die  herrschende
Eace  und  haben  das  mexicanische  Volk  moralisch  und  körperkch
  so  herabgebracht,  wie  wir  es  fanden.  Ungestört  haben
hier  Wucher  getrieben.
Sie  leihen  dem  mexicanischen  Bauer  auf  die  künftige
Ernte,  nehmen  sie  ihm  ab  und  leihen  ihm  den  Lebensunterhalt ­
  für  das  kommende  Jahr  wieder  zu  Wucherzinsen.  Sie
hefern  ihm  dabei  so  wenig  Nahrung,  dass  er  vor  Hunger  halb
Verkommt.  So  haben  sie  ein  künstliches  Elend  im  Lande  geschaffen, ­
  das  Producte  im  Ueberflusse  hervorbringt.  So  haben
sic  die  Nachkommen  zweier  schönen  oder  doch  stattlich  gewachsenen ­
  und  stolzen  Racen,  der  Spanier  und  Indianer,
        <pb n="453" />
        440

körperlich  —  mittelst  erblichen  Elends  —  herabgebracht,  ver*
zwprgt,  hässlich  gemacht.
Von  Fort  Yuma  führte  uns  die  Bahn  fast  schnurgerade
in  nordwestlicher  Richtung  nach  Los  Angeles,  aber  durch
eine  der  merkwürdigsten  Gegenden  der  Welt.  Etwa  6o  Meilen
läuft  sie  durch  eine  vulcanische  Landschaft  von  150  bis
400  Fuss  Erhebung  über  der  See,  aus  der  einige  ausgebrannte
Krater  hoch  emporsteigen.  Bei  der  Station  Tortuga,  eben
60  Meilen  von  Yuma  entfernt,  stiegen  wir  in  das  Bett  eines
ausgetrockneten  Meeres  hinab,  in  dem  nur  noch  einige
grössere  Salzwasserlachen  übrig  geblieben  sind.  Die  Bahn
durchschneidet  dieses  ehemalige  Meeresbett  ca.  50  Meilen  lang,
nicht  an  seiner  tiefsten  Stelle;  indess  ist  man  doch  ca.  250  Fuss
unter  dem  Meeresspiegel.  Die  Bahn  steigt  bei  Station  Indio
aus  diesem  Becken  wieder  heraus  und  überschreitet  dann  eine
Gebirgskette,  welche  ziemlich  dicht  an  der  Küste  hinläuft.  Das
ehemalige  Meeresbecken  ist  von  sandigen  Bergen  umgeben,
den  früheren  Dünen.
Sowie  man  diese  durchschnitten  hat,  fallt  der  Boden
schnell  zur  normalen  Tiefe  von  2  bis  300  Fuss  unter  dem
Meeresspiegel  und  bildet  hier  eine  fast  flache  Ebene.  Der
Boden  ist  feingeschlemmter  Lehm.  Gelegentlicher  Regen
weicht  ihn  auf.  Die  dann  auf  ihn  scheinende  Sonne  trocknet
ihn  und  incrustirt  seine  Oberfläche  etwa  einen  halben  Zoll
dick.  Diese  Kruste  springt  auf  und  bildet  pfannenartige
Schalen,  deren  Ränder  vom  Boden  abstehen.  Man  kann  diese
Schalen  abheben  und  sehen  sie  aus  wie  lufttrockene  Untertassen ­
  aus  einer  Töpferwerkstätte.  Dieser  feinkörnige  Lehm
ist  mit  Alkalien  und  Salz  so  gesättigt,  dass  keine  Pflanze  auf
ihm  wachsen  kann.  Man  sieht  also  von  der  Bahn  aus  eine
vollkommene  Wüste,  in  der  weder  Pflanze  noch  Thier  lebt,
deren  Boden  aber  von  zähem,  festgetrocknetem  Lehm  gebildet ­
  und  die  von  sandigen  Dünen  begrenzt  wird,  die  wiederum
den  Fuss  vulkanischer  Felsgebirge  bilden.  Es  existirt  der
Plan,  Meerwasser  in  dies  Becken  zu  leiten,  was  ohne  grosse
Kosten  möglich  sein  soll,  und  hier  einen  durch  einen  Schifffahrtscanal
  mit  dem  Meere  in  Verbindung  stehenden  Binnensee
        <pb n="454" />
        44*

zu  schaßen,  dessen  Verdunstungswasser  die  kahlen  Uferberge
mit  Vegetation  bedecken,  zu  gutem  Weideland  machen  würde.
Die  Hitze  in  diesem  Kessel,  der  fast  stets  Windstille  hat,
ist  erstickend.  Noch  schlimmer  aber  ist  es,  wenn  heisser  staubiger ­
  Wind  durch  ihn  fahrt.  Mir  verursachte  die  Fahrt  durch
diese  Unterwelt  Kopfschmerzen.  So  denke  ich  mir  das  Thal
des  todten  Meeres  —ohne  Wasser!
Wie  athmet  man  auf,  wenn  die  Locomotive  aus  diesem
Höllenthale  bei  Indio  plötzlich  das  Gebirge  erklimmt  und  uns
in  reinere,  wenn  auch  immer  noch  heisse  Luft  bringt!  Nur
fünf  Meilen  nordöstlich  von  der  Dünen  wand  liegt,  584  Fuss
über  dem  Meeresspiegel,  die  Station  „Sieben  Palmen“.  Eine
Meile  nördlich  des  Stationsgebäudes  stehen  sieben  Palmen
Von  40  bis  60  Fuss  Höhe  an  einem  Brunnen.  Karawanen,  die
früher  den  Handel  von  Mittelcalifornien  mit  Arizona  und  Mexico
über  Land  vermittelten,  erreichten  von  Süden  durch  dies
trockene  „todte  Meer“  kommend,  hier  zuerst  gesunde  Luft,
Schatten  und  frisches  Trinkwasser.  Sie  lagerten  sich  hier  und
hielten  fröhliche  Rast.  Viele  Menschen  und  Thiere  sollen  aber
diesen  ersehnten  Punkt  nicht  erreicht,  sondern  zwischen  Yuma
**nd  ihm  ihr  Leben  ausgehaucht  haben.
Bei  der  Station  Flowing  Well  hat  die  Bahngescllschaft
^inen  artesischen  Brunnen  gegraben,  der  bei  150  Fuss  Tiefe
M^asser  ergab,  aber  intensiv  salziges!  Trinkwasser  und  das
M^asser  zum  Füllen  der  Locomotivkessel  wird  bis  hier  vom
f^lorado,  und  südöstlich  bis  etwa  nach  Tucson  vom  Gilahusse
  in  besonders  für  diesen  Transport  gebauten  Eisenbahn-M^asserwaggons
  gebracht.  In  Arizona  hofft  man  jetzt  durch
Brunnen  Wasser  für  die  einzelnen  Stationen  zu  gewinnen.
trafen  wohl  ein  halbes  Dutzend  solcher  Brunnenbauten
***  Arbeit  und  dabei  zahlreiche  Chinesen  beschäftigt,  deren
Einzelne  schon  in  Neu-Mexico  und  Colorado,  namentlich
Leadville  und  Denver,  gesehen  hatten,  wo  sie  ganz  allge-***ein
  die  Wäsche  der  Hotels  und  sogar  wohlhabender  ansäs-^*ger
  Familien  besorgen.  Die  Zahl  der  Chinesen  in  der  Union
etrug  1870  nur  63.254,  1880  schon  105.613,  wovon  1.632
***  Arizona,  75.218  in  Californien,  3.379  in  Idaho,  1.765  in  Mon-
        <pb n="455" />
        442

tana,  5.419  in  Nevada,  9.513  in  Oregon,  3.187  in  Washington.
Die  weisse  Arbeiterbevölkerung  Californiens  hat  gegen  die
Einwanderung  derselben,  da  sie  den  Lohn  drücken,  mit  Erfolg ­
  agitirt  und  dürfen  seit  Sommer  1882  keine  neuen  Einwanderer ­
  ankommen,  als  solche,  welche  einen  nach  China
Zurückgewanderten  ersetzen.  Jeder  Zurückwandernde  erhält
ein  Certificat,  auf  das  hin  ein  Chinese  einwandern  darf.  Auf
chinesische  Kaufleute  findet  diese  Exclusion  aber  keine  Anwendung. ­
  Chinesische  Arbeiter  wandern  jetzt  zahlreich  in
Britisch  -  Columbien  ein  und  werden  besonders  beim  Bau  der
Canada-Pacific-Bahn  verwendet.  In  Californien  giebt  es  sehr
zahlreiche  artesische  Brunnen,  deren  Wasser  zur  Bewässerung
von  Orangegärten  und  Weingärten  benützt  wird  und  gräbt  man
immer  zahlreicher  solche  Brunnen.  —  Durch  Neu-Mexico,  Colorado ­
  und  Westkansas  sieht  man  vielfach  die  bekannten  amerikanischen ­
  Windmühlen,  mit  einem  runden,  fächergefüllten
Windrade,  dessen  Stellung  durch  den  Wind  selbst  regulirt
wird  und  die  man  benützt,  Wasser  mittelst  gewöhnlicher  Pumpen
in  Reservoirs  zu  heben,  von  wo  man  es  dann  zu  Haushaltungszwecken, ­
  noch  mehr  aber  zur  Bewässerung  von  Gärten,  Feldern
und  Wiesen  abfliessen  lässt.  In  Südcalifornien  sahen  wir  auch
den  oberen  San  Ferdinandofluss  künstlich  in  ein  Reservoir
gedämmt,  in  dem  er  zur  Regenzeit  Wasser  lassen  musste,  das
dann  später  zur  Irrigation  benützt  wurde.  Diese  einzige  Anlage ­
  der  Art  rührt  von  den  Franciscanern  der  Mission  San
Gabriel  her.  Mönche  haben  überhaupt  die  Einwohner  hier
Ackerbau,  Obst-,  Weinbau  und  Bewässerung  gelehrt.
Von  Sieben  Palmen  bis  Colton  bewegt  sich  die  Bahn
über  den  gedachten  Bergrücken  der  San  Benardino  Mountains
und  überschreitet  ihn  nahe  El  Casco,  2592  Fuss  über  dem
Meere.
Absteigend  von  hier  gelangen  wir  in  das  so  fruchtbare,
gesegnete  Californien,  ein  Land  mit  tropischer  Vegetation,
aber  ohne  tropische  Hitze!
Schon  im  Gebirge,  nahe  dem  Passe,  finden  wir  Farmen,
alle  von  der  bekannten  Homestead-Grösse,  welche  den  Eindruck ­
  von  Wohlhabenheit  machen,  wie  wir  sie  bisher  nur  in
        <pb n="456" />
        Pennsylvanien  und  Ostkansas  gefunden  haben.  Der  Boden
ist  überall  ein  strenger  Lehm,  oben  mehr  oder  weniger  tief
schwarz  gefärbt.  Die  Grasnarbe  auf  den  entwaldeten  Bergen
ist  dicht,  das  Gras  jetzt  vollkommen  lufttrocken,  wird  aber  von
den  Schafen,  Pferden  und  Rindern  als  Naturheu  gefressen  und
sind  diese  alle  in  gutem  Zustande.  Die  Schafe  sind  fast
durchwegs  edle  Merinos,  die  Rinder  durch  Kreuzung  dem
reinen  Shorthorn-Charakter  sehr  nahe  gebracht.  Im  Gebirge
hat  man  auch  Jerseys.  Für  Rinder  und  Pferde  hat  man  eingepferchte ­
  Weiden  auf  Alfalva  und  Klee.  Die  vorwiegende
Prucht  ist  Weizen,  der  hier  schon  geschnitten  war,  zum  Theile
^it  dem  Header,  zum  Theile  mit  einer  anderen  Mähemaschine.
Meist  war  auch  der  Drusch  schon  beendet,  Hafer  und  Gerste
standen  noch.  Ueberrascht  wurden  wir  durch  reichlichen
Anbau  von  Zuckerrüben  und  Runkelrüben,  für  Viehfutter.
M^ie  wir  uns  dem  Thaïe  näherten,  begann  der  Bau  von
Gartengewächsen,  Obstbäumen  und  bald  auch  Weinstöcken.
Um  5  Uhr  Früh  hatten  wir  in  Yuma  dejeunirt,  dann  die
heisse  Wüste  unter  Meerestiefe  im  Schweisse  unseres  Anthtzes
  durchreist.  Seit  Mittag  überklommen  wir  das  Gebirge,
^nd  um  5  Uhr  Nachmittags  langten  wir  in  der  Stadt  Los
Angeles  an,  die  nur  noch  265  Fuss  über  dem  Meeresspiegel
^^gt,  sehr  triftig  ist,  schon  16.000  Einwohner  hat,  aber  sehr
Schnell  wächst,  seit  die  Verbindung  der  Topeka-  mit  der  Süd-^alifornia-Bahn
  stattgefunden,  d.  h.  seit  vier  Monaten!
Los  Angeles  ist  die  wichtigste  Station  zwischen  San
Francisco  und  Kansas-City,  d.  h.  auf  einer  Strecke  von
^330  Meilen!  Sie  liegt  482  Meilen  von  der  ersteren  Stadt
^^tfernt,  hat  aber  in  der  Seestadt  Wilmington,  die  26  Meilen
hier  entfernt  am  Stillen  Ocean  liegt,  einen  eigenen  Hafen,
^on  dem  auch  schon  Weizen  nach  Europa  verschifft  wurde
zu  62  sh.  die  Tonne  von  10  Mtc.  im  vorigen  Winter.
Die  Gärten  von  Los  Angeles  umgeben  diese  Stadt  meilenund
  wirken  auf  den  Reisenden,  der  die  Wüste  soeben
verlassen  hat,  wie  der  Anblick  des  Paradieses.  Der
^den  ist  künstlich  bewässert  und  trägt  Weinstöcke,  Orangen-,
^^anen-,  Pfirsich-  und  alle  Arten  europäische  Obstbäume,
        <pb n="457" />
        444

dazu  eine  Menge  uns  unbekannter  Zierbäume,  das  Alles  in
höchster  Ueppigkeit!  Die  Stadt  ist  der  Mittelpunkt  des  Weinbaues ­
  von  Südcalifornien.  —  Wo  die  Gärten  aufhören,  legt
sich  ein  Ring  von  Ackerbaufarmen  um  die  gesegnete  Stadt,
und  noch  weiter  zur  Peripherie  sehen  wir  Viehzucht,  zunächst
Rinder,  in  Klee  und  Luzerne  bis  zum  Bauche  watend,  noch
ferner  ab  Schafe  auf  der  trockenen  aber  nahrhaften  Naturweide ­
  —  so  sind  alle  Thünen’schen  Ringe  seines  isolirten
Staates  hier  um  die  erste  grosse  Stadt  Südcaliforniens  zu  beobachten, ­
  ganz  natürlich,  da  diese  Cultur  hier  jung  ist  und
ihre  einzelnen  Stadien  sich  grell  gegeneinander  abheben,  was
in  alten  Culturstätten  nicht  mehr  so  scharf  geschieht.
Wir  fuhren  durch  Los  Angeles  nach  der  Seeküste  und
machten  eine  zweitägige  Ruhepause,  eigentlich  wechselten  wir
nur  die  Arbeit,  indem  wir  uns  ganz  der.  Schriftstellerei  in
dem  kleinen,  aufstrebenden  Badeorte  Santa  Monica  hingaben.
Der  Ort  liegt  an  einer  Bucht,  die  einen  Halbkreis  bildet,  dessen
Sehne  so  lang  ist,  dass  sie  eben  noch  mit  gutem,  unbewaffneten ­
  Auge  übersehen  werden  kann.  Das  Land  fallt  ca,  30
bis  50  Fuss  tief  steil  gegen  die  See  ab  und  bildet  eine  tischförmige ­
  Platte  in  dieser  Höhe,  die  auch,  wie  alle  solche  Plateaux, ­
  von  den  Spaniern  „Mesa“,  „Tisch“,  genannt  wird.  Es
ist  nun  höchst  interessant,  diese  Ufer  mit  anderen  zu  vergleichen. ­
  Der  Boden  besteht  aus  zähem  Lehm,  der  hier  so
steil  und  zerklüftet  abfallt,  wie  der  Kreidefels  an  den  Ufern
Englands  und  Nordrügens.  Das  hinunterfliessende  Regenwasser ­
  hat  diese  steilen  Lehmwände  in  die  originellsten  Formationen ­
  zerwaschen,  die  es  in  jeder  neuen  Regenzeit  ändert.
So  zieht  sich  diese  Lehmfelswand  rund  um  die  Meeresbucht,
Unten  liegt  der  fast  steinfreie  Strand  mit  Spielraum  für  Ebbe
und  Fluth.  Dünen  von  Sand  giebt  es  nicht.  Herren  und
Damen  baden  hier  gemeinsam,  jahrein,  jahraus,  da  es  hier
keinen  grossen  Unterschied  in  der  Temperatur  macht,  ob  es
Sommer  oder  Winter  ist.  Wir  wurden  durch  die  Kühle  überrascht, ­
  die  besonders  von  4  Uhr  Nachmittags  bis  in  die
beginnende  Nacht  hinein  herrscht.  Gegen  Morgen  wird  die
Luft  linder  und  Mittags  warm,  aber  nicht  heiss.  Man  braucht
        <pb n="458" />
        445

Nachmittags  stets  einen  Ueberzieher,  und  obschon  wir  diese
Vorsicht  übten,  erkälteten  wir  uns  doch  sämmtlich  schon  am
zweiten  Tage.  Wir  kamen  eben  zu  unvermittelt  aus  einem
sehr  heissen  Lande.
Die  Accomodation  im  Badeorte  war  massig,  Alles  noch
neu,  die  Aufnahme  und  Kost  im  Hôtel  aber  ausgezeichnet.
Erst  spärlich  sind  Alleebäume  gepflanzt  und  existiren  wenig
gepflegte  Gärten,  aber  was  gepflanzt  ist,  wächst  und  gedeiht
^Pplg  und  farbenprächtig.  Die  Bucht  soll  an  Naturschönheit
mit  der  von  Neapel  wetteifern  und  ich  glaube  das.  Meer
und  Himmel  sind  wunderbar  blau.  Ein  Silberstrich  ewiger
Schaumwellen  scheidet  das  blaue  Wasser  von  der  sepiabraunen
Lehmfelswand,  auf  der  grüne  Bäume  halbtropischer  und  italienischer ­
  Natur  in  dichtem  Kranze  angepflanzt  sind  und  darüber
wölbt  sich  der  stets  wolkenlose  Himmel!  Besonders  prächtig
War  eine  sternklare  Vollmondnacht.  Und  dann  diese  erhabene
Einsamkeit,  denn  es  gab,  Gott  sei  Dank,  noch  wenige  Badegäste ­
  hier.
Etwa  eine  englische  Meile  von  Santa  Monica  ist  das
Plateau,  auf  dem  der  Badeort  liegt,  durch  ein,  bis  zu  einer
halben  Meile  breites  Thal,  Cannon,  getrennt,  in  dessen  Sohle
^in  jetzt  ausgetrockneter  Bach  zum  Meere  fliesst.  Der  Bach
War  einmal  ein  reissender  Strom  und  bildete  dieses  Thal  mit
"lässig  steil  abfallenden  Berglehnen.  Diese  sind  mit  Gesträuch,
Thal  ist  mit  schönen,  alten  und  theilweise  sehr  dicken
Eäumen  bewachsen.  Zwischen  dem  Strauchwerke  wachsen
blühende  Alpenkräuter.  In  dem  Thaïe  ist  die  Luft  stets  milde,
kein  Wind  eindringt,  und  stets  gemässigt,  da  die  Seeluft
durchdringt.  Hierher  flüchten  in  den  Sommermonaten  die
Eewohner  heisserer  Gegenden  Südcaliforniens,  schlagen  geräumige ­
  Zelte  auf,  möbliren  sie  und  spenden  3  bis  8  Wochen
ihren  Familien  in  dieser  improvisirten  Zeltstadt.  Sie  haben
■^llc  Equipagen  oder  Reitthiere  hier.  Herren  und  Damen
fahren  und  reiten  am  Strande  oder  im  Schatten  der  Bäume
Gannons.  Man  lebt  im  Freien,  badet,  plaudert,  macht
^ysik  und  verlobt  sich.  Wir  spendeten  hier  einen
fröhlichen  Nachmittag  und  bewunderten  die  Geschicklichkeit
        <pb n="459" />
        446

einiger  mexi  can  ischer  Pferdehirten,  welche  Pferde  mit  dem
Lasso  einfingen,  besuchten  auch  eine  „Bienenfarm“,  die  an
einer  besonders  sonnigen  Stelle  des  Cannons  angelegt  war.
Hoch  entzückt  rasteten  wir  hier  einige  Tage  am  Stillen
Meere,  nach  der  Wüstenfahrt,  dankbar  gegen  Gott,  dass  wir
die  immense  Fahrt  von  New-York  bis  Florida  am  Atlantischen
Ocean,  von  da  bis  Texas  am  Golf,  dann  nördlich  bis  in  die
Ackerbau-Ebene  von  Kansas,  von  hier  westlich  in  die  Bergwerksgegend ­
  von  Denver  und  Lead  ville,  darauf  durch  die
altspanischen  Minen-  und  Weidestaaten  Neu-Mexico  und  Arizona ­
  bis  hieher,  in  die  fruchtbarsten  Thäler  der  Welt,  an  dem
Ufer  des  Stillen  Meeres,  hatten  machen  können,  ohne  jemals
ernsthaft  krank  zu  werden,  trotz  des  schnellen  Wechsels  des
Klimas  in  so  verschiedenartigen  Ländern  und  den  grossen
Anstrengungen  der  Reise.  Seit  meiner  Abreise  aus  Wien  am
31.  Januar  hatte  ich  persönlich  bis  zum  10.  Juli,  dem  Tage,
an  welchem  wir  den  Stillen  Ocean  begrüssten,  13.025  Meilen
zurückgelegt,  davon  11.412  Meilen,  seit  London,  in  Gesellschaft ­
  der  fünf  Herren,  länger  so  jedenfalls,  als  ursprünglich
angenommen  wurde,  denn  ich  meinte  noch  in  Florida,  dass
ich  die  Reise  nach  den  Südseestaaten  nicht  mitmachen,  sondern ­
  schon  von  Kansas-City  nach  dem  Norden  allein  reisen
würde.  Zu  gemeinsamem  Genüsse  und  hoffentlich  auch  Nutzen
haben  wir  das  Programm  so  weit  geändert  und  gemeinsam
nicht  nur  reichlich  eine  entzückende  Reise  genossen,  die  uns
eine  angenehme  Erinnerung  für  das  Leben  lassen  wird,  sondern ­
  auch  eifrig  gelernt,  was  zu  lernen  war.  Nach  dieser
Richtung,  glaube  ich,  haben  wir  unsere  Zeit  und  die  auf  die
Reise  verwendeten  Mittel  besser  benützt  als  die  meisten  Europäer ­
  es  in  Amerika  thun,  soweit  sie  überhaupt  in  diesem
Lande  reisen.  Traf  doch  z.  B.  der  Herzog  von  Sutherland
in  New-York  mit  seiner  Gesellschaft  ein,  als  wir  von  Florida
nach  New-Orleans  reisten.  Sie  fuhren  bis  San  Francisco  und
waren  im  Juli  schon  wieder  von  New-York  nach  London
unterwegs.  Was  kann  man  bei  so  schneller  Reise  sehen  und
lernen?  Freilich  immer  noch  mehr,  als  einige  deutsche  Herren,
die  Grafen  Seebach,  Henkel,  v.  Erlach,  v.  Bülow,  Halanta  aus
        <pb n="460" />
        447

Oesterreich  und  noch  ein  paar  Herren,  deren  Namen  ich  vergessen, ­
  von  denen  nur  Graf  Henkel  englisch  sprach  und  die  unter
Leitung  des  ehemaligen  Kaufmannes  Stangen  eine  Rundreise
um  die  Welt  in  acht  Monaten  machten.  Sie  verliessen  am
2.  Juni  Berlin,  als  wir  aus  Kansas-City  abfuhren  und  wir  trafen
sie  am  i8.  Juli  in  San  Francisco,  von  wo  sie  nach  Japan  abreisen
  wollten.
Die  Länder,  welche  wir  von  Kansas  bis  Südcalifornien
durchreisten,  haben  sehr  wenig  Ackerbau  und  noch  wenig
Viehzucht.  Der  Bergbau  ist  die  Hauptbeschäftigung  der  Bevölkerung. ­

Dieselbe  betrug  in

1870  1880
weisse  total

Land

Colorado
Arizona
Neu-Mexico

39.000  194.000
9.000  40.000
00.000  119.000

Die  Zahl  der  Farmen  betrug  in  den  Territorien  Arizona,
Colorado,  Idaho,  Montano,  Nevada  und  Wyoming  1870  =
4-595,  1880  —  10.972.
Der  Viehstand  betrug  1880  in  je  1000  Stück:
Land  Pferde  Maulth,  Arbeitsochs,  Milchkühe  and.  Rindv,  Schafe  Schweine
Colorado  42  2  2  28  316  746  7
-Mexico  14  9  16  13  137  2.088  8
^'■«zona  6  I  I  9  34  76  4
Die  Zahl  der  Schafe  und  Rinder  vermehrt  sich  daselbst
^ber  jetzt  sehr  schnell.
        <pb n="461" />
        XXVIII.  Capitel.
LandwirthsehafLliehe  Behörden  und  Vereine.
Bis  Beendigung  des  Secessionskrieges  war  die  Farmerlandwirthschaft,
  welche  der  Union  jetzt  ihren  wirthschaftlichen
und  auch  schon  ihren  politischen  Charakter  giebt,  der  Aschenbrödel, ­
  Die  Industrie  der  Nordoststaaten  und  der  mit  Sklaven
betriebene  Grossgrundbesitz  der  Südstaaten  machten  die  Politik.
Zwar  war  der  Ackerbau  immer  die  Hauptindustrie,  allein  die
Baumwolle  des  Südens  lieferte  über  die  Hälfte  des  Exportwerthes
  und  die  Brodstoife  der  Farmer  spielten  daneben  noch
1870  eine  klägliche  Rolle,  Der  Export  betrug  in  Mill.  Dollars:

Jahr

1850

i860

g.
00

1880

Export  von  Ackerbauproducten  aller  Art
Procent  der  Letzteren
Steigung  des  Gesammtexports  gegen  die  vorige  Dekade
Procent
Vom  Export  gab  Baumwolle  und  Manufacturen  daraus
Getreide  und  Brodstoife
Alle  anderen  land  wirthschaftlichen  Producte  und  daraus
hergestellter  Spiritus  etc
Summa  landwirthschaftlicher  Producte

135
112
83
77
13
12
25

316
258
81
134
203
24
26
50

455
373
82
44
231
72
43
»&amp;gt;5

824
746'
90
81
221
288
175
463

Woher  dieser  Wechsel?

Man  kümmerte  sich  bis  zur  Secession  wenig  um  die  Farmer. ­
  Die  Grossgrundbesitzungen  des  Südens  vererbten  sich
in  der  Regel  ungetheilt  auf  einen  Erben.  Die  Bäuerlichen
nach  dem  gleichen  Erbrecht.  Die  Bauern  geriethen  in  Schulden.
Erst  seit  den  vierziger  Jahren  erliess  dieser  und  jene  Staat
ein  Homestead-Exemptions-Gesetz  zu  ihrem  Schutze,  Nach  der
Secession  wurden  diese  Gesetze  allgemein;  diese  Entwickelung
schildere  ich  in  einem  anderen  Werke  „Heimstätten-  und  an*
        <pb n="462" />
        449

dere  Wirthschaftsgesetze  etc.  Berlin  (Bahr)  1883“.  In  den  Jahren
^837  und  1838  war  die  Farmerwirthschaft  so  herunter  gekomdass
  die  Union  Brodstoffe  importiren  musste.  Der  verschuldete ­
  Bauer  hatte  den  Boden  durch  Raubbau  erschöpft.  Seit
dem  fing  man  an,  sich  mit  Erfindung  guter  Ackerbauwerkzeuge
  zu  beschäftigen  und  der  Congress  Hess  seit  1839  durch
Patentamt  landwirthschaftliche  Statistik  aufnehmen.  Im
Jahre  1852  wurde  die  „United  States  Agricultural  Society“
gegründet,  welche  belehrend  durch  landwirthschaftliche  Ausstellungen ­
  wirkte.  Schon  1848  entstand  die  Pomologische
Gesellschaft.  Das  „Department  of  Agriculture“  wurde  erst
1862  in  Washington  gegründet,  als  die  Farmer  die  Oberhand
der  Union  gewannen,  da  die  südlichen  Grossgrundbesitzer
•"ebellirten.  Ihre  Söhne  fochten  fast  allein  diesen  Kampf  aus,
deren  Grossväter  allein  fast,  neben  den  OHicieren  aus  dem
^üden,  seit  1776  die  Unabhängigkeit  erkämpft  hatten.  In  den
Städten  hatte  damals  England  viele  Anhänger.
Seit  1883  ist  ein  landwirthschaftliches  Ministerium  in
Washington  errichtet.
Der  Werth  der  Production  von  Brodstoffen,  Baumwolle,
^hieren  und  deren  Producten  wurde  veranschlagt  auf  1.644
Millionen  Dollars  1877  und  2000  Millionen  Dollars  i.  J.  1880.
.  Uer  neue  Minister  für  Ackerbau  hat,  wie  jeder  Beamte
^  Amerika  —  was  in  Europa  auffallen  wird  —  nicht  sowohl
^^hte,  Befehl  und  sociale  Ehre,  nicht  den  Excellenztitel,  und
er  thut,  ist  nicht  eine  Gnade,  er  ist  nicht  „Hochgebieten-Herr
  Minister“,  sondern  er  schuldet  den  Ackerbauern
neuste,  muss  Jedermann  in  seinem  Bureau  empfangen  und
urchaus  artig  behandeln.
Der  Ackerbauminister  hat  die  Aufgabe,  monatlich  Beüber
  den  Stand  der  Saat  und  Ernte  in  allen  Landes-^ilen
  und  die  Aussichten  für  das  Jahr  zu  machen.  Er  steht
über  4000  Correspondenten  in  den  verschiedensten  Theilen
Union,  competenten  Männern,  in  Verbindung,  die  monat-^
  Umsonst  ihm  Berichte  aus  ihrer  Gegend  senden.
Das  Kriegsministerium  unterstützt  auch  die  Landwirthindem
  an  geeigneten  Plätzen  des  grossen  Continents
29
        <pb n="463" />
        450

unter  seiner  Aufsicht  das  Wetter  beobachtet  und  telegraphisch
ihm  gemeldet  wird.  Es  giebt  durch  schleunige  Publication  den
Farmern  und  Schiffern  werthvolle  Nachrichten  über  kommenden ­
  Frost,  Hitze,  Sturm,  Regen  etc.  Dies  ist  der  wohlorgam
sirte  Signaldienst.  In  der  grossen  Ackerbauebene  zwischen
dem  Aleghany-Gebirge  und  dem  Felsengebirge,  den  5  grossen
Seen  und  der  Wasserscheide  zwischen  Mississippi  und  Red
River  of  the  North  und  dem  Golf  von  Mexico  lässt  sich  das
Wetter  an  jedem  Orte  ziemlich  lange  Voraussagen.  In  dieser
Ebene  sind  Holzthürme  gebaut,  auf  denen  verschiedenfarbige
Signale  den  Farmern  das  kommende  Wetter  anzeigen.
Auch  das  Finanzministerium  sammelt  Statistik,  welche  den
Farmern  nützliche  Fingerzeige  liefert  darüber,  was  sie  zukünftig ­
  mit  Vortheil  produciren  möchten.
Alle  diese  Arbeiten  werden  jetzt  einheitlich  vom  neuen
landwirthschaftlichen  Ministerium  übernommen  werden.
Dazu  wird  es  ein  Bureau  für  landwirthschaftliche  Producto ­
  nebst  Museum  solcher  haben;  jenes  wird  über  die  in
verschiedenen  Staaten  übliche  Farmmethode  und  ihre  Vorzüge
oder  Nachtheile  berichten,  mittheilen,  welche  Producto  ohne
Preisverminderung  zu  erzeugen  sind,  in  vermehrtem  Maasse  an
gebaut  werden  können.  Ein  anderes  Bureau  wird  sich  mit  en
Interessen  der  Viehzucht  beschäftigen,  Statistik  über  Werth
und  Zustand  des  Nutzviehes,  Absatz  desselben.  Producto  aus
seinem  Fleisch,  aus  der  Wolle  etc.,  veröffentlichen.
Ein  Land-Bureau  soll  denjenigen,  welche  sich  ansiede  n
wollen,  Aufschluss  über  öffentliche  und  Eisenbahnländereien,
Preis,  Eignung  zu  Ackerbau  oder  Viehzucht,  Waldwirthschah
oder  Bergbau  geben.  ,
Ein  rein  statistisches  Bureau  wird  Agriculturstatistik  un
Berichte  über  Culturmethoden  in  verschiedenen  Ländern,  ihr
Vorzüge  und  Nachtheile,  Umfang  des  bebauten  Landes,  Ertrag,
Preis  der  Arbeit,  Frachttarife  nicht  nur  in  Amerika,  sondern
in  der  Welt,  geben,  und  ist  ihm  ein  amerikanisches  Specia'
bureau  zur  Sammlung  von  Material  in  London  unterste
Auch  müssen  die  amerikanischen  Consuln  ihm  berichten.
Eine  chemische  und  mikroskopische  Versuchsstation,
        <pb n="464" />
        der  bisher  besonders  lehrreiche  Versuche  mit  Herstellung  von
Sorghumzucker  gemacht  wurden,  untersteht  dem  Ministerium
ebenfalls,  auch  besitzt  es  eine  Farm,  auf  der  probeweise  Thee
gebaut  wird.  Das  chemische  Department  untersucht  umsonst
Gegenstände,  die  ihm  von  Farmern  gesandt  werden.  Das
Ackerbauministerium  sendet  ferner  an  alle  Farmer,  welche
darum  durch  Postkarte  ersuchen,  Samen  seltener  Art  umsonst, ­
  natürlich  in  kleinen  Quantitäten.  Im  Fiskaljahre  1881/82
sandte  es  so  —  portofrei  —  2.396.476  Packete  ab!  Davon
Waren  30.773  Packete  verschiedene  Arten  von  Baumwollsamen,
97-951  Weizen-,  73.274  Hafer-,  92.897  Mais-,  70.700  Turnips-,
^79-452  Blumen-,  1.651.704  Gemüse-,  26.957  Erbsen-,  14.835
Stachelbeeren-,  darunter  107  Arten  von  Gemüse-,  15  Arten
Heizen-,  86  Arten  Blumen-,  13  Arten  Mais-  und  19  Arten
Sorghumsamen.
Eine  entomologische  Station  untersucht  schädliche  Insecten,
Parasiten,  eine  veterinärische  Vieh-Krankheiten,  Schweinecholera,
Texas-Rindviehfieber  etc.
Es  giebt  je  eine  Abtheilung  für  Forstwesen,  Weincultur,
Seidenzucht.  Das  Ministerium  lässt  artesische  Brunnen  versuchsweise ­
  in  den  trockenen  Ebenen  westlich  vom  100.  Me-^idian
  graben,  um  festzustellen,  ob  so  Wasser  für  Viehzucht
oder  Ackerbau  in  genügendem  Maasse  gewonnen  werden
kann.
Der  Jahresbericht  für  1880  enthält  660  Seiten,  viele  Illustrationen, ­
  die  Berichte  des  Ministers,  des  Statistikers,  Chemikers,
Botanikers,  Entomologen,  Aufsätze  über  Schweine-,  Rindvieh-,
Geflügelkrankheiten  mit  colorirten  Tafeln,  über  die  Einführung
^or  Centrifuge  als  Sahnentrenner  in  Milchfactoreien,  über
^artoffelkultur  und  die  Forstpflege,  dann  die  Correspondenzen
den  4000  Correspondenten.
Her  Ackerbauminister  erhält  3.500  Dollars  Gehalt.  Die
^osgaben  betrugen  209.595  Dollars,  davon  Gehälter  66.900
Hollars,  Sammeln  von  Statistik  9.978  Dollars,  Ankauf  und
orsendung  von  Saamen  75.000  Dollars;  Drucksachen-Her-^*^^llung
  10.116  Dollars,  Untersuchen  von  Viehkrankheiten
^^rch  Specialveterinärs  10.000  Dollars,  Baulichkeiten  5.000  Dol-29*
        <pb n="465" />
        452

lars,  Ankäufe  iür  das  Museum  6.600  Dollars,  die  Bibliothek
1000  Dollars  etc.
Jeder  Staat  hat  sein  eigenes  kleines  Ackerbauministerium,
das  von  jenem  in  Washington  ganz  unabhängig  ist  und  selbstständig ­
  monatlich  und  jährlich  Berichte  drucken  und  versenden
lässt.
Der  Chef  dieses  Ackerbau  -  Ministeriums  des  Staates
Illinois  erhält  2000  Dollars  Gehalt  und  er  hält  einen  Schreiber
mit  1000  Dollars  Gehalt.  Die  Ausgaben  betrugen  39.127
Dollars  für  1878/79,  davon  19.000  Dollars  Prämien  bei
Viehausstellungen  und  über  5000  Dollars  Ausgaben  bei  Veranstaltung ­
  von  landwirthschaftlichen  Ausstellungen,  deren  je
eine  jährlich  in  der  Staatshauptstadt  undin  fast  j  eder  County  hauptstadt
  abgehalten  wird.  Es  wurden  zwei  Staatsfettviehausstellungen ­
  und  109  Localausstellungen  1879  abgehalten.  Jede
Ausstellung  ist  mit  einem  Markt  verbunden  .und  dient  zur  Belehrung ­
  der  Farmer,  die  hier  neue  landwirthschaftliche  Maschinen, ­
  andere  Saaten  und  Viehracen  sehen  und  kaufen.
Während  der  Dekade  1869  79  wurden  von  den  landwirthschaftlichen ­
  Vereinen  oder  den  Staats-  und  Countybehörden
im  Staate  Illinois  1.878.749  Dollars  Prämien  bei  solchen  Ausstellungen ­
  vertheilt.  Im  Jahre  1879  kamen  im  Staate  zur  Ausstellung ­
  6.303  Haupt  Rindvieh,  13.767  Pferde,  991  Maulthiere
oder  Esel,  4.362  Schafe,  6.043  Schweine,  5.373  Stück  Federvieh.
Das  Staatsministerium  besitzt  eine  Bibliothek  und  ein  Museum. ­
  Besonders  werthvoll  ist  seine  statistische  Thätigkeit,
welche  die  Farmer  darüber  aufklärt,  welche  Culturen  sie  noch
mit  Vortheil  unternehmen  können,  welche  schon,  durch  Ueberproduction,
  den  Preis  der  Producte  drücken.
Durch  Gesetz  v.  25.  Mai  1877  wird  der  Secretär  des
State  Board  of  Agriculture  in  der  Hauptstadt  des  Staates
Illinois,  Springfield,  angewiesen,  vor  i.  April  jedes  Jahres
Schemata  und  Formulare  für  die  gewünschte  Agriculturstatistik
per  Post  an  die  County  Clerks  jeder  County  zu  senden.
Jeder  County-Clerk  soll  solche  Formulare  in  genügender  Zahl
den  Assessors  und  Deputy-Assessors  senden.  Jeder  Bewohner
des  County  ist  verpflichtet,  dem  Assessor  ein  wahrheitsgetreu  aus-
        <pb n="466" />
        453

gefülltes  Formular  zu  bestimmter  Zeit  über  seine  Verhältnisse  einzuhändigen. ­
  Alle  diese  ausgefüllten  Formulare  gehen  an  den
County-Clerk,  der  sie  revidirt,  corrigirt  und  in  Tabellenform
bringt  und  dann  an  den  State-Auditor  sendet.  Dieser  schickt
Sie  an  das  Board  of  Agriculture,  und  dieses  veranlasst  den
jährlichen  Druck  eines  Reports,  ausserdem  monatlich  eines
kürzeren  Berichtes.  Die  Monatsberichte  haben  ca.  loo  Seiten
Octav  jeder,  der  Jahresbericht  für  1879  hat  deren  620.  Diese
Statistik  hat  auf  die  Besteuerung  keinen  Einfluss.
ln  jeder  County  können  10  Bürger  einen  County-,  oder  District-Agricultural-Board ­
  organisiren,  sich  ihre  Ehrenbeamten  —
lauter  Farmer  —  selbst  wählen  und  können  nun  mit  dem
Staats-Board  für  Landwirthschaft  in  obigen  officiellen  Verband
treten.  In  der  Regel  wird  für  jede  Township  ein  Assessor
gewählt,  d.  h.  ein  Farmer,  der  seine  Nachbarn  schon  lange
kennt  und  geeignet  ist,  ihre  Ausfüllung  der  Schemata  zu  controliren.

Ich  lasse  S.  454  wörtlich  den  Abdruck  eines  solchen  Schema
f^olgen,  wie  es  im  Staate  Illinois  durch  den  Township-Assessor
jedem  Grundbesitzer  nach  dem  i.  April  jedes  Jahres  ausgekändigt
  wird.  Der  Assessor  revidirt  die  Angaben  und,  glaubt
^r  ihnen  nicht,  so  fahrt  er  zu  den  Angebern  und  überzeugt  sich
^urch  Augenschein.
        <pb n="467" />
        454

188o

STATEMENT  OF  AGRICULTURAL  STATISTICS,
Returned  by  Town  of
County  of  Illinois,  for  the  year  ending  December  31,  .
acreage  1881  as  called  for  by  An  Act  to  secure  the  Collection  and  Publication  of  Agncu
and  other  Statistics  approved  and  in  force  May  25,  1877.
See  Law  for  collection  of  Agricultural  Statistics  on  reverse  of  this  sheet.  —

FARM  CROPS,  Etc.

■¿fa.  Winter  Wheat,
j  \  3.  Spring  Wheat.
4.  Oats.
5.  Apple  Orchard.
6.  Peach  Orchard.
7.  Pear  Orchard.

8.  Vineyards.

0.  Acres
1881.

NO.  Acres
1880.

No.  Bosliels  I
ProdncedlRBO

9.  Timothy  Meadow.
110.  Clover  Meadow.
111.  Prairie  Meadow.
[13.  Hungarian  and  Millet.

13.  Rye.
14.  Barley.
15.  Buckwheat.
16.  Castor  Beans.
17.  Beans.
18.  Peas.
19.  Irish  Potatoes.
20.  Sweet  Potatoes.

at.  Tobacco.
33.  Broom  Corn.
23.  Hemp  (Fiber).
24.  Cotton  (Lint).
25.  Flax  (Fiber).
26.  Sorgo.

27.  Turnip  and  other  Root
Crops.
28.  Other  Fruits  and  Berries.

No.  Glls.Wine
made  1880.

LIVE  STOCK,  Etc.

No.  Tons  Produced ­
  1880.

No.  Bus.  Pro
duced  1880.

No.  Pounds
Produc.  1880

29.  Other  Crops  not  named

30.  Pasture.
31.  Woodland.
32.  Uncultivated  Land.
33.  Area  City  and  Town  Real
Bstate(not  included  above)
Total  number  of  Acres
The  foregoing  is  a  true
crops  produced  by  me  in  i
1880  and  1881.

No.Glls.8yrup
made  18

Val.  of  Crops
Produc.1880.

SHEEP.
34.  Number  Sheep  killed  by  Dogs,  1880.
Total  value  Sheep  killed  byDogs,  1880
35.  Number  Pounds  Wool  Shorn,  1880.
36.  Number  Fat  Sheep  Sold,  1880.
Total  Gross  Weight  Fat  Sheep  sold
1880.
DAIRY.
37.  Cows,  number  kept  :88o.
38.  Pounds  Butter  Sold  :88o.
39.  Pounds  Cheese  Sold  :88o.
40.  Gallons  Cream  Sold  :88o.
41.  Gallons  Milk  Sold  :88o.
HORSES.
42.  Number  Colts  Foaled  in  1880.
43.  Number  Horses,  any  age,  died  in  1880
CATTLE.
44.  Number  Fat»  Cattle  Sold  1880
Total  Gross  Weight  Fat  Cattle  sold
:88o,
HOGS.
45.  Number  Fat  Hogs  Sold  :88o.
Total  Gross  Weight  Fat  Hogs  Sold
t88o.
46.  Number  Hogs
Cholera  :88o.
Total  Gross  Weight  of  Swine  died
of  Cholera  :88o.
CROPS,  Etc.
Number  of  Bushels  of  Timothy  Seed
Produced  :88o.
Number  Bushels  of  Clover  Seed  Produced ­
  :88o.
Number  Bushels  Hungarian  and  Millet
Seed  Produced  :88o.
Number  Bushels  Cotton  Seed  Pro
duced  1880.
Number  Bushels  Flax  Seed  Produced
:88o.
Number  Pounds  Grapes  Produced
:88o.
Number  feed  Drain  Tile  laid  in  :88o
Number  Feet  Drain  Tile  laid  previous
to  1880.

and  Pigs  Died  of

vail!

No.
Dll
lbs.
No.
lbs.
No.
lbs.
lbs.
gal.
gal.
No.
No.
No.
lbs.
No.
lbs.
No.
lbs.

No

I
statement,  to  the  best  of  my  knowledge  and  belief,  of  ''
880,  and  the  respective  acreage  of  each  for  the  crops
        <pb n="468" />
        XXIX.  Capitel.
Californien.

Das  „Goldland“  Californien  wurde  von  den  Spaniern  in
Mexico  um  die  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  colonisirt,
und  zwar  bediente  man  sich  der  Hilfe  des  Franciscaner-Ordens,
der  hier  die  Colonisation  im  Jahre  iy6p  begann.  Damals  landeten ­
  seine  Missionäre  in  zwei  kleinen  Schiffen  in  San  Diego,
brachten  200  Haupt  Rindvieh,  Schafe,  Schweine  und  Pferde
mit  sich  und  setzten  sich  mit  den  Indianern  in  gutes  Einvernehmen, ­
  die  sie  nach  und  nach  dem  Christenthume  zufuhrten
und  zu  Hirten  und  friedlichen  Ackerbauern  machten.  Sie
brachten  den  Weinstock,  die  Orange,  Olive  und  Obstbäume
aller  Art  hieher,  führten  den  Weizenbau  ein,  gründeten  eine
Anzahl  von  „Missionen,“  deren  eine.  St  Gabriel,  wir  besucht
haben.  Dort  sahen  wir  die  ältesten  Olivenbäume,  wohl  über
hundert  Jahre  alt,  ein  Beweis,  dass  dieser  Baum  hier  gut
^ortkommt.  Die  Oliven  selbst  fanden  wir  bitter,  nicht  so  gut
spanische.  Noch  heute  ist  die  „Missionsrebe  und  -Traube“
vielleicht  jene,  die  den  meisten  Wein  in  Californien  liefert
Auch  die  Viehzucht  pflegten  sie  und  die  Mission  St  Miguel
besass  1821  gegen  100.000  Haupt  Rindvieh,  50.000  Schafe,
viele  Pferde  und  Maulthiere.
Ah  Mexico  sich  von  Spanien  unabhängig  gemacht  hatte
plünderten  die  Abenteurer,  welche  diese  Republik  regierend
aussogen,  natürlich  den  Orden.  Derselbe  besass  das  Land,
auf  dem  die  Indianer  Ackerbau  und  Viehzucht  trieben
^uter  Aufsicht  und  Leitung  des  Ordens,  wie  die  Indianer  von
l^araguay  einst  unter  jener  der  Jesuiten  —  nicht  zu  eigen.
Sondern  dasselbe  wurde  als  Eigenthum  der  Indianer  ange-^^hen.
  Im  Jahre  1840  erklärte  die  mexicanische  Regierung
        <pb n="469" />
        dasselbe  fur  Staatseigenthum,  wies  den  Indianern  Reservationen
an  und  theilte  das  Vieh  der  Missionsheerden  unter  sie.  Natürlich ­
  verloren  die  Indianer  nun  bald,  was  sie  besaseen,  und
jetzt  sind  sie  fast  ausgestorben.  Das  zu  Staatseigenthum  erklärte ­
  Land  verschleuderte  die  mexicanische  Regierung  umsonst ­
  oder  zu  Spottpreisen  an  Günstlinge.  So  entstand  hier
Privat  -  Grossgrundbesitz,  die  sogenannten  mexicanischen
„Grants“.  Diese  sind  nunmehr  meist  in  die  Hände  von  Amerikanern ­
  und  Engländern  übergegangen  und  bilden  jenen
Grossgrundbesitz,  der  als  „Monopol“  von  der  Majorität  der
Bevölkerung  angefochten  wird.  Nachdem  die  Union  Californien ­
  erworben  hatte,  ordnete  der  gegenwärtige  Erzbischof
von  San  Francisco,  dessen  Güte  ich  ausführliche  Belehrungen
über  jene  Zeit  verdanke,  die  Angelegenheiten  der  katholischen
Kirche  daselbst  und  fand  anerkennenswerthe  Gerechtigkeit.
Auf  Grund  eines  spanischen  Gesetzes  gehörten  der  Kirche
und  dem  Orden  die  von  ihnen  erbauten  Gebäude  nebst  Hofstellen, ­
  Wein-  und  Obstgärten.  Diese  reclamirte  der  jetzige
Erzbischof  und  sind  sie  von  den  Grantinhabern  an  Kirche
und  Orden  ausgeliefert;  auch  eine  Besitzung  von  35.000  Acres
bei  St.  Barbara,  über  welche  das  Bisthum  einen  besonderen
altspanischen  Rechtstitel  besass.
Die  Inhaber  der  ehemaligen  Grants,  meist  Amerikaner,
und  die  Besitzer  der  Eisenbahnen  und  Minen  beherrschen
die  Gesetzgebung  und  Verwaltung  des  Staates  Californien,
haben  die  Besteuerung  so  eingerichtet,  dass  der  kleine  Farmer
unverhältnissmässig  höher  besteuert  ist  und  mehr  Eisenbahntransportkosten ­
  zahlt  als  sie,  importiren  Chinesen,  um  den
Preis  der  Arbeit  herabzudrücken,  was  ihnen  gelungen  ist,  da
der  Lohn  hier  niedriger  ist  als  in  den  Oststaaten,  obschon
das  Leben  kaum  billiger  sein  dürfte;  besitzen  mehr  Land,  als
sie  rationell  ausbeuten  können,  verkaufen  es  aber  nur  zu
Phantasiepreisen  und  so  haben  sie  hier  eine  politisch-sociale
Opposition  von  Grangern  und  Arbeitern  geschaffen,  welche
schon  einmal  eine  energische  Constitutionsänderung  durchsetzte, ­
  die  indess  an  der  mangelhaften  Ausführung  scheiterte.
Nach  der  neuen  Constitution  soll  die  Steuer  vom  Werthe  und
        <pb n="470" />
        457

nicht  vom  Einkommen  des  Landes  gezahlt  werden,  wodurch
Besitzer  grosser  Landstrecken,  welche  nur  als  Weide  benützt
Werden,  zu  höherer  Steuer  gezwungen  werden  würden,  als  sie
dieselbe  jetzt  zahlen.  Sie  würden  dann  das  Land  entweder
rationeller  anbauen  und  ausbeuten  oder  verkaufen  müssen.
Allein  sie  falschen  jetzt  die  Steuereinschätzungen  und  zahlen
dennoch  so  wenig  Steuer,  dass  die  kleinen  Besitzer  prägravirt
Werden.  Die  Latifundien  aber  bleiben  im  alten  Zustande.
Aus  diesen  Gegensätzen  wird  sich  wahrscheinlich  eine
sociale  Revolution  entwickeln,  die  sich  auf  einen  Theil  der
ehemaligen  spanischen  Staaten  der  Union  ausdehnen  und  das
System  des  privaten  Grossgrundbesitzes  und  des  Eisenhahn-Compagniewesens
  vernichten  dürfte,  wie  der  Secessionskrieg
  den  Grossgrundbesitz  in  den  sogenannten  Südstaaten
^actisch  zerstört  hat.  Die  kleinen  Farmer  Californiens  sind
thatsächlich  zur  Hälfte  verschuldet,  allerdings  zum  Theile  auch
deshalb,  weil  sie  in  Jahren  guter  Ernte  stark  depensiren.  In
Schlechten  Jahren  gerathen  sie  dann  in  Verlegenheit  und
i^ihen  von  Kaufleuten,  indem  sie  ihnen  die  nächste  Ernte  verkaufen. ­
  Auch  das  Exemptionsgesetz,  nach  dem  Vermögen
kis  zum  Betrage  von  5000  Dollars  wegen  Schulden  nicht
saisirt  werden  darf,  nützt  hier  zuweilen  nichts,  im  Allgemeinen
aber  wohl,  da  man,  mit  Zustimmung  der  Frau,  eine  Hypothek
Einträgen  lassen  kann,  welche  dies  Gesetz  ausschliesst  —  was
^  in  Texas  gesetzwidrig  und  also  unzulässig  ist.  Wenn
^ber  Noth  vorhanden  ist,  willigt  die  Frau  doch  zuweilen  ein.
Californien  lebt  der  grösste  Grundbesitzer  Amerikas,  Dan
jdurphy  in  Elko  County.  Er  kam  im  Jahre  1844  nach  Caliornien
  und  hat  allen  Grund,  mit  den  von  ihm  erreichten
%ultuten  zufrieden  zu  sein.  Er  besitzt  4.000.000  Acres  in
einzigen  Complex  in  Mexico,  60.000  Acres  in  Nevada
23.000  Acres  in  Californien.  Seinen  mexicanischen  Land-^ant
  kaufte  er  vor  vier  Jahren  für  200.000  Dollars,  also  zu
5  Cents  den  Acre,  das  Land  hat  eine  Ausdehnung  von  60
^den  Länge,  enthält  herrliche  Berge  und  Thäler,  Tannen-^^dungen
  und  Wiesen  und  ist  nur  12  Meilen  von  der  Stadt
üfango  entfernt,  welche  eine  Station  der  Mexican-Central-
        <pb n="471" />
        458

Eisenbahn  bilden  wird.  Herr  Murphy  zieht  Weizen  auf  seinem
Lande  in  Californien,  und  Vieh  auf  jenem  in  Nevada.  Im
letzten  Jahre  erntete  er  55.000  Säcke  Weizen,  und  versendet
jährlich  6000  Stück  Vieh.  Es  giebt  noch  eine  Anzahl  Besitzer
von  ähnlichen  Flächen  in  den  ehemaligen  spanischen  Theilen
der  Union.
Californien  kam  1847  an  die  Union,  hatte  damals  sehr
wenige  Einwohner  und  führte  nur  eine  locale  Existenz,  hatte
so  gut  wie  keinen  Exporthandel.
Da  fand  ein  Schweizer,  A.  Sutter,  der  eine  Farm  und
eine  Mühle  in  Californien  besass,  im  Jahre  1848  Goldsand  im
Flusse  und  nun  strömten  die  Goldsucher  aus  allen  Ländern
hier  ein.  Seither  sind  bis  zum  Schlüsse  des  Jahres  1878  in
Californien  für  1589  Millionen  Dollars  Gold  und  Silber  gefunden ­
  worden.
Allein  was  ist  dies  im  Vergleiche  mit  den  seither  gewonnenen ­
  Producten  des  Ackerbaues!
Die  Goldsucher  wollten  leben  und  die  Lebensmittel  wurden
ungeheuer  theuer¡  so  lohnte  denn  der  oberflächlichste  Ackerbau
in  unerhörtem  Masse.  In  den  Golddistricten  kostete  lange
Zeit  ein  englisches  Pfund  Mehl,  Reis,  Speck,  Fleisch  je  einen
Dollar!  Bald  wurde  Ackerbau  und  Viehzucht  das  Hauptgeschäft ­
  der  Einwohner.
Die  Zahl  der  Einwohner  vermehrte  sich  indess  nicht
so  schnell,  als  es  die  Leichtigkeit  der  Lebensunterhaltgewinnung ­
  hätte  erwarten  lassen  sollen.  Auf  loi  Millionen
Acres  oder  157.801  Quadratmeilen,  d.  h.  einem  Lande,
das  drei  Viertel  Mal  so  gross  ist  als  Deutschland,  lebten
1870  560.000  und  1880  erst  864.686  Einwohner,  von
denen  767.000  Weisse,  75.000  Chinesen.  Letztere  Zahl  hat
sich  seither  auf  mindestens  100.000  vermehrt.  Die  mässige
Bevölkerungszunahme  rührt  daher,  dass  es  fast  keine  directe
Einwanderung  aus  Europa  giebt.  Arbeiter  finden  hier  dauernd ­
  keinen  höheren  Lohn  als  östlich  des  Felsengebirges,
wegen  der  chinesischen  Concurrenz,  das  Billet  aber  kostet  für
sie  von  New-York  nach  San  Francisco  65  Dollars,  gegen
13  Dollars  bis  Chicago  und  25  Dollars  bis  zu  jedem  Puñete
        <pb n="472" />
        459

in  Texas.  Landleute  mit  kleinerem  Capital  finden  hier  keine
Ankaufsgelegenheit,  da  die  Homesteads  auf  gutem  Acker
nicht  mehr  umsonst  zu  haben  waren  und  guter  Boden  15  his
50  Dollars  per  Acre  kostet,  gutes  Weizenland,  das  bisher
Prairie  war,  also  uncultivirt,  35  Dollars  im  Durchschnitt  —
132  fl.  ö.  W.  per  Hectar,  gegen  ca.  7  Dollars  in  Kansas  und
2V2  bis  3  Dollars  in  Texas,  weil  ein  grosser  Theil  des  besten
Bodens  von  Grossgrundbesitzern  gehalten  wird.  In  Napa  und
Sanama  wird  der  Bahn  gehöriges  Prairieland,  das  sich  zum
Weinbau  eignet,  für  100  bis  150  Dollars  per  Acre  verkauft!
^ie  Bahngesellschaft  escomptirt  also  den  Gewinn  des  Weinbauers ­
  schon  für  sich!  Nur  Gartencultur  ist  dem  „kleinen  Manne“
möglich,  auch  nicht  einmal  Obstbau,  Weinbau  und  Orangenbau, ­
  da  er  den  Ertrag  der  zu  pflanzenden  Bäume  nicht  abwarten
  kann  und  der  Boden  ihm  beim  Ankäufe  schon  so
boch  angerechnet  wird,  dass  kein  Profit  für  ihn  auf  lange
^^it  herausschaut.  Die  jetzigen  Besitzer  ziehen  vor,  ihn  als
Weide  zu  benützen,  soweit  sie  nicht  Weizenraubbau  darauf
Treiben.  Sie  wissen,  wo  in  nächster  Zeit  Bahnen  gebaut  werden
dürften  und  sichern  sich  das  Land  an  beiden  Seiten,  so  dass
bir  Land,  welches  sie  für  3  bis  5  Dollars  per  Acre  vor  wenigen
Jahren  kauften,  jetzt  40  bis  50  Dollars  gefordert  werden.
Natürlich  kann  da  nur  wenig  Land  verkauft  und  von  Bauern
^agesiedelt  werden.  Man  kann  Europäer  nur  vor  der  Ansied-^^ag
  hier  und  der  Auswanderung  hieher  warnen.
Im  Jahre  1882  hat  sich  eine  Anzahl  Männer  in  Californien
^^teinigt,urn  die  Einwanderung  zu  befördern  und  angeblich  den
Landmonopolisten  entgegen  zu  treten.  Sie  lassen  gewisse  Be-^üztitel
  solcher  Männer  prüfen  und  sollen  oft  finden,  dass
diese  sich  im  unberechtigten  Besitz  von  Regierungsländereien
bnden.  Diese,  der  Unionsregierung  wiedergewonnenen  Lände-*‘^ien
  werden  in  Homesteadgrösse  von  160  Acres  an  Ansiedler
Umsonst  abgegeben,  doch  weiss  ich  nicht,  ob  sie  gutes  Land
^^balten  oder  die  ganze  Geschichte  nur  ein,  mit  den  Land-^d
  Eisenbahnmonopolisten  abgekartetes  Manöver  ist,  um
^•iwanderer,  zum  Ersatz  der  Chinesen  in  s  Land  zu  locken
^*^d  dann  als  billige  Arbeiter  zu  verwerthen.  Im  Sommer
        <pb n="473" />
        460

1882  ging  ein  Gesetz  durch,  wonach  die  Zahl  der  chinesischen
Arbeiter  in  der  Union  nicht  weiter  vermehrt  werden  darf.
Da  die  Zufuhr  billiger  chinesischer  Arbeiter  somit  abgeschnitten
ist,  begreift  man,  dass  die  Land-  und  Eisenbahnagenten  von
Californien  billige  Arbeiter  aus  Europa  nach  Californien  zu
ziehen  suchen.  Doch  will  ich  nicht  behaupten,  dass  die  Einwanderungsgesellschaft ­
  in  San  Francisco  mit  jenen  Monopolisten ­
  unter  einer  Decke  spiele,  jedoch  könnte  es  wohl  sein.
Der  Ackerbau  findet  in  Californien  ausgezeichneten  Boden,
sandigen  Lehm,  der  stellenweise  dunkel  von  Humus  gefärbt
ist.  Das  Klima  ist  milde  und  gleichmässig,  südlich  von  San
Francisco  giebt  es  selten  Frost  und  Schnee,  ausser  auf  dem
Gebirge.  Man  kann  in  jedem  Monate  des  Jahres  ackern,
braucht  also  wenig  Zugvieh  per  Acre.  Die  Berge  sind  leider
ihres  Waldschmuckes  schon  fast  überall  beraubt.  Die  „Foothills“, ­
  Ausläufer  der  Gebirge,  sind  kahl  und  nur  durch  Schafzucht
auszunützen,  während  die  höheren  Berge  zumeist  noch  Nadelholzwaldungen ­
  schmücken.  Die  zwischen  den  Foothills  und
dem  Hochgebirge  terrassenförmig  aufsteigenden  Höhen  umschliessen
  fruchtbare,  von  Bächen  durchströmte  Thäler,  worin
Laubhölzer  parkartig  auftreten,  die  Westabhänge,  insbesonders
wenn  steil,  häufig  von  undurchdringlichem  Chapparal  (dornigem ­
  Strauchwerk)  ineinander  verwachsen,  dem  Schützer  der
Quellen,  bedeckt.
Dort,  wo  Chapparal  von  Prospectern  abgebrannt  wurde,
versiegen  die  Quellen,  die  starken  Regen  des  Winters  waschen
das  Bischen  fruchtbare  Erde,  welche  die  Wurzeln  des  Chapparal ­
  Zusammenhalten,  herunter  und  entweder  die  nackten
Felsen  oder  Gerölle,  eckig  und  scharf,  machen  die  Abhänge
ebenso  schwierig  zu  passiren  als  früher  der  Chapparal.
Im  Mittelgebirge  wird  starke  Schweinezucht  getrieben;
die  Schweine  werden  entweder  zur  Mast  auf  die  so  nachlässig
geschnittenen  Gersten-  und  Weizenfelder  oder  zur  Eichelmast
in  die  Eichenwälder  getrieben.  Da  Californien  nur  ca.  600.000
Schweine  hat,  so  muss  Schmalz,  Speck  und  Pökelfleisch  von
Osten  importirt  werden.
In  den  hydraulischen  Minen,  in  welchen  Gold  gewaschen
        <pb n="474" />
        461

''vird,  nützt  man  die  spärliche  Wasserkraft  aus  und  die  Ströme
Schwemmen  nun  die]  ausgewaschene  Erde  mit  sich  und
Aachen  das  Wasser  untauglich  zu  Berieselungszwecken.  Hier
Gxistirt  ein  neuer  Streitpunkt  zwischen  den  Grosscapitalisten,
denen  die  Bergwerke  gehören,  und  den  Farmern,  denen  sie
das  nöthige  Wasser  ruiniren.
Denn  Wasser  ist  es,  was  Californien  vor  allen  Dingen
braucht.  In  manchen  Gegenden  regnet  es  sehr  wenig,  fast
dberall  niemals  vom  i.  Mai  bis  i.  November.  In  dieser  Zeit
giebt  es  auch  keinen  starken  Wind,  obwohl  eine  regelmässig
Gintretende  Brise,  welche  zahlreiche  Windmühlen  zum  Wasser-Pumpen
  treibt,  aber  selten  stark  genug  ist,  Getreide  auf  dem
blalm  auszuschlagen.  In  einigen  Gegenden,  z.  B.  am  Tularela,
steigt  aber  Abends  regelmässig  ein  starker  Wind  auf.  Wo
^  nun  von  November  bis  Mai  regnet,  kommt  es  doch  vor,
dass  in  zwei  Jahren  von  fünf,  oder  sogar  in  drei  Jahren  von
dinf,  es  nicht  genug  für  eine  volle  Ernte  regnet,  zumal  bei  der
Schlechten  Ackerung,  von  der  noch  gesprochen  werden  wird.
man  aber  das  Land  reichlich  und  wenn  es  nöthig  ist,  be-^%sern
  kann,  gab  es  niemals  bisher  eine  Fehlernte,  obschon
noch  nirgends  gedüngt  hat.  Der  Durchschnittsertrag  soll
^5  Bushels  Weizen  per  Acre  bewässerten  Bodens  sein,  auf
^abewässertem  dürfte  er  kaum  ein  Drittel  davon  jahrein  jahrbetragen.
  Wird  die  Bewässerung  im  Grossen  gemacht
^l^d  ist  das  Wasser  nicht  zu  weit  herzuleiten,  so  soll  sie  sich
^^Ght  theuer  stellen.
hatte  von  1849  bis  1880  von  37  bis  90
und  von  7.40  bis  49.27  Zoll  Regenfall.
ngärten  und  Orangegärten  meist  bewässert
Infunden.  Erst  neuerlich  baut  man  Wein  ohne  Irrigation.  In
^^norna  und  Napa  werden  die  Weingärten  nicht  bewässert.
Franciscaner  haben  schon  sehr  rationell  bewässert.  In
Mission  San  Gabriel  sahen  wir,  dass  sie  ein  Thal,  durch
der  San  Ferdinando  River  fliesst,  am  Ausflusse  desselben
^cch  eine  Mauer  abgeschlossen  hatten,  wodurch  sich  ober-^
  Gin  See  bildete.  Aus  diesem  Reservoire  leiteten  sie  in

San  Francisco
im  Jahre
haben  die
        <pb n="475" />
        462

der  trockenen  Zeit,  in  welcher  der  kleine  Fluss  —  wie  manche
andere  in  Californien  —  versiegte,  Wasser  auf  ihre  Aecker.
Auf  der  Prairie  und  den  nicht  sehr  hohen  Bergen,  welche
das  San  Joaquim-Thal  einschliessen,  durch  welches  wir  von
Los  Angeles  nach  San  Francisco  fuhren,  wächst  in  der  Regenzeit ­
  reichlich  Gras.  Es  regnet  aber  südlich  von  San  Francisco ­
  weniger,  dagegen  nördlich  davon  mehr  und  in  Oregon
ausreichend.  Im  Sommer  trocknet  das  Gras,  wird  auf  dem
Halme  zu  Heu  und  dient  dem  Vieh  zur  Nahrung.  Doch
reicht  es  für  die  Heerden  nicht  und  werden  diese  in  die
Berge  getrieben.  Mittelst  Futterbau  könnte  man,  da  Alfalfa
oder  Luzerne  bei  Bewässerung  üppig  wächst,  in  dieser  Zeit
eine  Art  Stall-  oder  Hürdenfütterung  einführen  und  dabei
Dung  gewinnen,  denn  aut  die  Dauer  wird  es  mit  dem  Raubbaue, ­
  den  wir  zuerst  im  Grossen  hier  gesehen  haben,  nicht
gehen.
Californien  hat  schönes  Rindvieh  von  spanischem  Blute,  doch
meist  nahe  dem  englischen  Shorthorn-Vollblute  gebracht,  etwas
kleiner  als  das  der  Oststaaten.  Für  Molkereizwecke  und  im
Gebirge  hält  man  auch  Jerseys.  Im  Jahre  1880  gab  es  dort
2.288  Zugochsen,  210.078  Milchkühe  und  451.941  andere
Rinder.  Die  Schafe,  4.152.000  an  Zahl,  sind  meist  Merinos.
Vieh  wird  nicht  exportirt  und  kann  auch  nicht  vermehrt
werden,  so  lange  man  nicht  Futterbau  treibt;  es  genügt  nicht
voll  für  den  Consum  im  Staate,  sondern  muss  aus  Oregon
und  Nevada  ergänzt  werden.  Mast  mit  Mais  ist  nur  Ausnahme-Man
  hält  zu  viel  Pferde,  237.710  Stück,  und  Maulthiere,
28.343  Stück,  die  zu  viel  Futter  kosten.  Es  ist  sehr  charakteristisch ­
  für  die  amerikanische  Wirthschaft  überhaupt  und  fh^
die  californische  ganz  speciell,  dass  auf  jeder  Wirthschaft  weit
mehr  Pferde  und  Maulthiere  als  Menschen  beschäftigt  werden,
Ochsen  aber  fast  gar  nicht.  Mir  ist  es  unerklärlich,  weshalb
man  den  Dampfpflug  nicht  anwendet,  der  auf  den  grossen
ebenen,  meist  steinfreien  Flächen  der  Grossgrundbesitzer  vortheilhaft
  angewendet  werden  könnte.  Zwar  hat  Californien
keine  Steinkohle  und  kostet  solche  aus  England  jetzt  in  San-Francisco
  8  Dollars  50  Cents  per  Tonne.  Allein  wir  haben
        <pb n="476" />
        463

cine  Dampf  locomobile  von  18  Pferdekraft  gesehen,  welche
mit  Weizenstroh  geheizt  wurde,  und  damit  könnte  man  ja
auch  die  Dampfpflüge  heizen.  Sie  wurde  zum  Treiben  der
Dreschmaschine  benützt.  Der  bekannte  Dampfpflugfabrikant
Fowler  in  England  hat  i.  J.  1882  Dampfpflüge,  deren  Locomobilen
  mit  Stroh  geheizt  werden,  nach  Manitoba  exportirt.
Gewähren  sie  sich,  wie  ich  erwarte,  dort,  so  werden  sie  sich
auch  in  der  Union  einbürgern.
Das  Pferdefutter  wird  doppelt  theuer,  weil  man  ^Veizen,
Gerste  und  Hafer  grün  abmäht  und  zu  Heu  macht.  Mit  diesem
Heu  und  mit  Gerste  und  Hafer  füttert  man  die  Pferde.  Wo
man  künstliche  Bewässerung  hat,  mit  Alfalfa.
Von  Los  Angeles  fuhren  wir  in  das  San  Fernando-Thal,
  in  dem  die  Mission  San  Gabriel  liegt.  Das  ehemalige
Klostergut  ist,  nachdem  es  ein  Mexikaner  besessen,  von
einer  amerikanischen  Actiengesellschaft  gekauft  worden,  und
zwar  im  Jahre  1868  60.000  Acres,  wovon  30.000  pflügbar,
zu  ca.  3  Dollars  per  Acre.  Jetzt  sollen  die  letzteren  30.000
ea.  30  Dollars  per  Acre  werth  sein.
Wir  fanden  die  Besitzung  in  fünf  „Hauptquartiere“  von
3-  bis  6000  Acres  getheilt,  deren  jedes  von  einem  Aufseher
Und  einem  Unterbeamten  dirigirt  wurde.  Das  von  uns  besuchte ­
  Quartier  umfasste  6000  Acres,  wovon  circa  300  Gerste
^ud  200  Heuweizen,  d.  h.  solchen  Weizen  trugen,  der  grün
die  Pferde  geschnitten  wird.  Der  Rest  von  5500  Acres
wird  alljährlich  mit  Weizen  bestellt.
Was  wir  hier  sahen,  ist  ein  gutes  Muster  der  meisten
^iifornischen  Grossgrundwirthschaflen,  von  deren  System  man
j^tzt  aber  abzugehen  beginnt.  Ich  bezeichnete  es  kurz  mit
^em  andruckbaren  Namen  „S  .  .  wirthschaft“.
Aber  es  lohnt  sich,  zu  schildern,  wie  man  hier  Landwirthschait
  —  aber  nicht  Oekonomie  —  treibt!
Der  ^^eizen  wird  Ende  Mai  und  im  Juni  reif.  Da  es
^icht  windig  ist  und  bis  zum  November  auch  nicht  regnet,  hat
41^2  Monate  Zeit  zur  Ernte.  Wie  diese  gemacht  wird,
darüber  später.  Sagen  wir,  sie  sei  im  October  beendet.  Man
^ut  (las  Getreide  mit  dem  Header  gemäht,  d.  h.  die  Aehren
        <pb n="477" />
        464

und  etwa  4  bis  8  Zoll  Halm  mit  abgeschnitten.  Natürlich
bleibt  manche  Aehre  kleinerer  Halme  ungeschnitten,  allein  das
macht  bei  dieser  —  wie  ich  meine,  liederlichen  —  Wirthschaft,
die  nur  rasch  und  mit  wenig  Unkosten  die'  Hauptsache  ernten
will,  nichts  aus.  Nach  dem  Schnitte  werden  Schafe  in  die
Stoppeln  getrieben  und  fressen  die  Aehren  ab,  denn  Gras
und  Unkraut  giebt  es  in  Californien  nicht,  und  dies
unterscheidet  den  californischen  Boden  von  jenem  in  der  Prairie
östlich  des  Felsengebirges.  In  Kansas  sahen  wir  auf  ebenso
liederlich  bewirthschafteten  Farmen  von  Amerikanern  ungeheuer ­
  viel  Unkraut,  von  dem  das  Getreide  erstickt  wurde.
Wo  aber  in  Californien  bewässert  wird  und  an  den  Flussufern,
wächst  stämmiges  Gras  und  wilde  Sonnenblume,  gerade  wie
in  Utah,  wo  man  ganz  allgemein  bewässert.
Die  Schafe  treten  beim  Abweiden  die  Halme  stehengebliebener ­
  Aehren  herunter.  War  die  Eriite  gut,  so  gelingt
ihnen  dies  nur  unvollkommen  und  man  steckt  die  Stoppeln  in
Brand.  Dann  säet  man  den  Weizen  auf  den  ungepflügten
Stoppelboden.
Die  Säemaschine  besteht  aus  einem  viereckigen,  sich  nach
unten  verjüngenden  Kasten  von  ca.  zwei  Fuss  Höhe,  dessen
vier  Seiten  oben  ca.  zwei,  unten  ca.  einen  Fuss  lang  sind.
Im  Boden  sind  verschiebbare  eiserne  Bleche  angebracht,
welche  eine  kleinere  oder  grössere  Oeffnung  zum  Durchfallen
des  Samens  lassen,  je  nachdem  man  schütterer  oder  dichter
säen  will.  Unter  dem  Kasten  dreht  sich  eine  eiserne  Centrifuge, ­
  die,  in  Bewegung  gesetzt,  das  Saatkorn  nach  allen
Seiten  ziemlich  gleichmässig  ausschleudert,  so  zwar,  dass  bei
jedem  Uebergange  dieser  Maschine  ein  60  Fuss  breiter  Ackerstreifen ­
  besäet  wird.  Diese  primitive  Säemaschine  wird  auf
der  Hinterachse  eines  gewöhnlichen  Wagens  festgeschraubt.
Ein  eiserner  Reifen  wird  an  den  Speichen  des  einen  Hinterrades ­
  des  Wagens  befestigt.  Er  hat  einen  kleineren  Radius
als  das  Wagenrad.  Auf  seiner  Peripherie  ist  er  gezahnt.  Der
eiserne  Samenschleuderer  unter  dem  Säemaschinenkasten  hat
seitlich  ein  kleineres  Zahnrad,  das  gerade  über  dem  erwähnten
grösseren  Zahnrade  (an  dem  Wagenrade)  steht.  Eine  Glieder-
        <pb n="478" />
        465

kette  läuft  über  beide  Zahnräder.  Wenn  sich  der  Wagen  in
Bewegung  setzt,  so  wird  das  grosse  Zahnrad  ebenso  oft  ge-^reht
  wie  jedes  Wagenrad  und  das  kleinere  an  dem  Samenschleuderer
  natürlich  rascher.  Das  Verhältniss  beider  Zahn-*‘adien
  ist  ein  solches,  dass  beim  Schrittfahren  gerade  die
^öthige  Geschwindigkeit  der  Umdrehungen  des  Samenschleu-|ierers
  erreicht  wird.  Der  Wagen  hat  natürlich  keine  Brett-^itern,
  die  den  Samen  aufhalten  würden,  auch  ist  die  Schleuder-Maschine
  nur  im  hinteren  Halbkreise  offen,  säet  also  nur  hinter
dem  Wagen.  Vorne  auf  dem  Wagenbrette  stehen  die  Säcke
”^‘t  dem  Saatgut  und  steht  der  Mann,  der  die  Pferde  treibt
Und  die  Säcke  in  die  Säemaschine  ausleert.  Eine  solche  von
fei  bis  vier  Pferden  gezogene  Maschine  besäet  ca.  100  Acres
^uglich,  übrigens  nicht  einmal  so  unregelmässig,  wie  man
S  auben  sollte,  denn  das  Getreide  stand  leidlich  gleichmässig.
an  säet  schütter  50  Ibs.  per  Acre.  Regnet  es,  so  bestanden
‘u  die  Pflanzen,  regnet  es  wenig,  so  wird  doch  wenig  dar-Uüs!
  Diese  Landwirthschaft  ist  ja  Lotterie!  Im  November
^^ginnt  der  Regen.  Da  der  Boden  reichlich  —  nicht  Kiesel-&amp;gt;
  sondern  zermürbtes  Gebirgsgestein  in  kleinkörniger  Form
^  dem  Lehm  beigemengt  enthält,  so  kann  man  ihn  bequem
^gen,  wenn  er  feucht  ist.  Er  wird  nicht  „klumpig.“
die  verhältnissmässig  soliden  Wirthschaften  wird  nun
untergepflügt.  Dies  geschieht  mittelst  des  Gangj^^^ges,
  der  fünf,  meistens  aber  acht  Schare  hat,  von  acht
^jrden  gezogen  wird,  wenn  er  acht  Furchen  pflügt,  und  auf
3  Z  Treiber  sitzt.  Er  lässt  den  Acker  4'/2  Fuss  und
^gj^h  gepflügt  hinter  sich  und  schafft  bis  acht  Acres

that

^uf  weniger  soliden  Wirthschaften  wird  ihm  diese  Wohlbg
  ^^f  alle  zwei  Jahre  zu  Theil.  In  dem  dazwischen
Jahre  wird  die  Saat  durch  den  Acme-Cultivator
^^hracht.  Man  denke  sich  eine  Deichsel  an  zwei  Balken
Fuss  Länge,  die  senkrecht  an  ihr  in  halbfüssigem
^uf  Befestigt  sind,  angebracht  und  die  ein  Gestell  tragen,
vier  ^^f  Treiber  sitzt.  Am  vorderen  Balken  sind  in  ca.
fünf  Zoll  Entfernung  Messer,  die  unter  einem  Winkel
30
        <pb n="479" />
        466

von  41  Grad  nach  vorn  und  nach  unten  gerichtet  und  etwa
einen  halben  Fuss  lang  sind,  aus  schmalem,  starkem  un
scharfem  Stahl  befestigt.  Sie  zerschneiden  den  Boden.  Am
hinteren  Balken  sitzen  hinter  jedem  solchen  Cultivator  zw
ebensolche  Messer,  die  eine  gemeinsame  Schüfe  nach  vorn
haben  aber  dann  seitlich  ausgeschweift  sind.  Sie  folgen  de
Schnitte  des  Cultivators,  heben  die  Erde  und  stülpen  sie  um.
So  können  sie  den  Boden  a'/,  bis  5  Zoll  tief  umwühlen.  ZuweUen
  hat  man  noch  einen  dritten  Balken,  der  Messer  wie  der
zweite  trägt,  die  aber  zwischen  je  zweien  ihrer  Vorgänge
laufen.  Natürlich  liefern  diese  dreibalkigen  Cultivatoren  b^ere
Arbeit  als  die  zweibalkigen.  Sie  erfordern  bis  vier  Pferd
und  schaffen  zehn  bis  zwölf  Acres  per  Tag.  Wir  fanden  dj^
Cultivatoren  aUgemein  in  Orangegärten,  die  man  jahrhch  fu
Mal  mit  ihnen  bearbeitet  und  wo  sie  keine  Grasnarbe  aukommen
  lassen.  Hiezu  sind  sie  vorzüglich,  durften  auch  1
Europa  in  Obstgärten  und  zum  Unterbringen  der  Saat,  sowi
zur  Zerstörung  des  Unkrautes  auf  gepflügtem  Boden  in  nich
zu  schwerem  Lehm-  und  in  Sandboden  sich  trefflich  eignen.
Für  lehmigen  Boden  hat  man  sie  mit  stärkeren  Messern,
fanden  Alle,  dass  es  eine  sehr  nützliche  Maschine  sei  aber
natürlich  nicht  genüge,  um  durch  einmaligen  Gebrauch  e
Boden  geeignet  für  Weizenernten  zu  machen.
Nachdem  der  Weizen  auf  die  eine  oder  andere  der  oben
geschilderten  Arten  unter  die  Erde  gebracht  ist,  uberlasst  ma
ihn  dem  lieben  Gott,  d.  h.  man  hofft  auf  Regen.  Man  eg^
nicht,  man  walzt  nicht.  Regnet  es  viel,  so  erhält  man  20
10  Bushels  per  Acre;  regnet  es  wenig,  weniger;  4,  5,
shels.  Aber  so  hat  man  bis  20  Jahre  Weizen  auf  Weizen  g
baut  Hier  früher,  dort  später  erschöpft  sich  aber  der  Bo  e  .
und  nun  wendet  man  den  „Sommer-Fallow“,  d.  h.  Brache,  a  •
Anfangs  bringt  der  jungfräuliche  Boden  40  Bushels  per  Acr  ■
nach  etwa  zwanzig  Jahren  Raubbau  langt  man  bei  .2  Bushe
im  Durchschnitte  an!  Geschieht  dies,  so  geht  man  in  La
fornien  zur  Brache  über,  in  welcher  der  Boden  sich  zers
und  kräftigt.  v
Auf  der  von  uns  besichtigten  Farm,  die  seit  1869
        <pb n="480" />
        467

30*

^870  mit  Weizen  angebaut  wird,  zeigte  sich  noch  keine  grosse
Erschöpfung,  man  baute  also  noch  Weizen  auf  Weizen,  ohne
Brache,  ohne  Dung,  ohne  künstliche  Bewässerung  und  bei
drei  Zoll  tiefer  Bestellung.  Im  vorigen  Jahre  hatte  man  in
ganz  Californien  genug  Regen  gehabt  und  hier  25  Bushels
per  Acre  geerntet,  nach  einer  anderen  Angabe  aber  nur
9  Sack,  gleich  20'  ^  Bushels.  In  diesem  Jahre  hatte  es  wenig
geregnet,  ausserdem  hatte  man  den  Saatweizen  auf  dieser

Besitzung  wenig  gebeizt  und  jetzt  war  das  Getreide  etwas
brandig.  Es  stand  schütter  und  wird  stellenweise  nur  4  bis
b  Bushels,  im  Durchschnitte  ii  bis  12  Bushels  per  Acre  für
die  ganze  Besitzung  geben.  Wir  kamen  noch  zurecht  zur
Ernte  und  so  liederlich  die  Ackerbestellung  ist,  so  practisch
^^nden  wir  das  Arrangement  der  Ernte,  soweit  das  Ineinander-Steifen
  der  verwendeten  Arbeitskraft  in  Frage  kommt  und
^enn  man  von  dem  Verluste  absieht,  der  sich  ergiebt,  indem
der  Header  Aehren  auf  kurzen  Halmen  nicht  abschneidet.
Eine  grosse  Tafel,  gerade  und  flach  wie  ein  Tisch,  von
^wei  englischen  Meilen  Quadratseitenlänge,  war  von  dem
5500  Acres  grossen  Weizenfelde  abgeschnitten.  Seitlich  dastand
  die  Dampfdreschmaschine.  Vier  Header  von  un-K
  Sicher  Grösse,  einige  mit  einer  Schneideweite  von  16  Fuss,
^dere  von  12  Fuss,  folgten  in  einem  Abstande  von  ca.  einer
aufeinander  und  trieben  rund  um  das  zu  schneidende
^yadrat  herum.  Die  Mähemaschine  ruht  auf  zwei  breiten
*senrädern.  Die  Schneide  oder  das  Messer  ist  vorn  ange-^cht,
  die  Pferde  wirken  hinten,  und  hinter  den  Pferden  steht
sehr  massiven  Deichsel  der  Treiber.  Hinter  ihm  ruht
Deichsel  auf  einem  Rade  von  Stahl  mit  scharf  in  den
?  schneidendem  Radkranze.  Dieses  Rad  steuert  die  Maund
  hält  der  Treiber  die  Steuerspeiche  in  der  Hand.
Maschine  ist  genial  construirt,  geht  verhältnissmässig  leicht
tre*  willig  dem  Steuer.  Ein  Header,  welcher  das  Ge-^
  ‘  c  in  12  Fuss  Breite  schneidet,  erfordert  6,  ein  solcher
16  Fuss  Breite  8  Pferde.  Die  Schneide  —  oder  das
^  ^er  kann  so  gestellt  werden,  dass  sie  das  Getreide
^  bis  3  Fuss  hoch  vom  Boden  abschneidet,  doch  liebt
        <pb n="481" />
        man  nicht,  mehr  als  6  bis  8  Zoll  Stroh  mit  der  Aehre  abzuschneiden,
  weil  man  umsomehr  abdreschen  kann,  je  kürzer
das  mit  der  Aehre  abgeschnittene  Stroh  ist.  Um  eine  Achse
getriebene  Latten  drücken  das  stehende  Getreide  an  die
Messer,  wie  bei  den  alten  Mac  Cormic’schen  Mähemaschinen.
Die  geschnittenen  Aehren  fallen  auf  eine  Tafel,  hinter  der  ein
Drahtgeflecht  senkrecht  so  angebracht  ist,  dass  nichts  hinunterfallen
  kann.  Ueber  die  Tafel  und  ihre  seitliche  Verlängerung,
die  links  von  ihr  unter  45  Grad  aufsteigt,  dem  Aehrenelevator,
läuft  ein  Leintuch  ohne  Ende,  auf  dem  kleine  Latten  in  hal  '
füssigem  Abstande  angebracht  sind.  Die  Aehren  und  as
ausgefallene  Korn  werden  auf  diesem  Elevator  in  die  Hohe
gehoben.  Neben  der  sich  fortbewegenden  Mähemaschine  fahrt
ein  Wagen,  auf  dem  ein  grosser  Bretterkasten  ruht  und  m
den  der  Aehrenelevator  die  abgeschnittenen  Aehren  hinein
schüttet.  .
Ist  dieser  Wagen  gefüllt,  so  fahrt  er  zur  Dreschmaschine
und  wird  durch  einen  leeren  Wagen  am  Header  abgelöst.
Der  volle  Wagen  fahrt  seitlich  neben  die  Dreschmaschine,
welche  eine  breite  Plattform  trägt  und  natürlich  auf  Rädern
ruht  Auf  der  Plattform  steht  ein  Krahn,  an  dem  eine  mehrzackige ­
  Zange  hängt,  welche  auf  den  Wagen  gesenkt  wird,
hier  einen  grossen  Bündel  Aehren  ergreift,  über  die  Plattform
hebt  und  hier  ausschüttet.  Zwei  Pferde  und  zwei  Knaben  genügen ­
  zum  Entladen.  Die  Dreschmaschine  erhält  ihre  Kraft
von  einer  Locomobile,  die  mit  Weizenstroh  geheizt  wird.  Zwei
Maulesel  und  ein  Knabe  schleppen  auf  sinnreich-einfache  Weise
das  hinter  der  Dreschmaschine  aufgehäufte  Stroh  seitlich  oi^-Zwei
  Männer  sacken  das  gedroschene  Getreide  und  nahen
im  Mittel  135  Ibs.  haltenden  Säcke  zu.  Da  die  Mase  in^
eigentlich  nur  Aehren  zu  dreschen  hat,  liefert  sie  viel  Getreide,
900  bis  1200  Sack  per  Tag.
Die  Arbeitseintheilung  war  meisterhaft.  Alles  griff  m
ander.  Es  war  kein  Mann,  kein  Pferd  zu  viel.  Daher  niag
es  gestattet  sein,  dass  ich  die  Details  angebe:  Vier  Hea  e
von  12  bis  16  Fuss  Breite  2X6  und  2X8  =28  Ff^^r  ,
vier  Treiber  der  Header  à  2^/2  Dollars  täglich  (und  wie
        <pb n="482" />
        469

Roard  d.  h.  Wohnung  und  volle  Kost)  und  4  Packer  fur  die
am  Header  wirkenden  Aehrenwagen  à  i  '/a  Dollars,  9  Aehrenwagen
  à  4  Pferde  und  i  Mann,  der  Treiber,  macht  9  Mann
à  I  Dollar;  i  Wasser  wagen  für  die  Locomobile  mit  4  Pferden
und  1  Treiber  à  i  \\  Dollar;  an  der  Locomobile  i  Ingenieur
3  Dollars,  i  Heizer  Dollars,  an  der  Dreschmaschine  i
Maschinist  3  Dollars,  dazu  8  Mann,  inclusive  der  beiden  Sacker,
Welche  das  Getreide  in  die  Sacke  füllen,  dieselben  zunähen
Und  auf  die  Kornwagen  laden,  à  i’/a  Dollars,  3  Knaben  für
^Gn  Aehrenheber  und  zum  Strohwegschleifen  à  i  Dollar,  dazu
2  Pferde  und  2  Maulthiere,  ferner  2  Wagen  à  6  Pferde  zum
Fuhren  der  Getreidesäcke  nach  dem  Wirthschaftshofe,  mit  2
Treibern  à  i  '  '2  Dollars.  —  Mittelst  dieses  ganzen  Apparates
niäht  man  ca.  125  Acres  täglich,  drischt  und  führt  das  Getreide
auf  den  Wirthschaftshof,  wo  man  die  Säcke  einfach  aufeinandergeschichtet ­
  liegen  lässt,  bis  sie  zur  Bahn  abgeführt  werden,
^enn  bis  November  regnet  es  ja  nicht.  Hier  wirken  also
^4  Pferde,  i  Locomobile  und  nur  34  Arbeiter,  von  denen  3
Knaben,  zusammen.  Man  kann  mit  dieser  Combination  von
■Arbeitskräften  125  Acres  im  guten  Durchschnitte  —  oft  mehr.
Wenn  das  Geschäft  keine  Störung  erleidet  —  täglich  abernten
^ud  2500  Bushels  täglich  dreschen  und  das  gesackte  Getreide
^uni  Wirthschaftshofe  führen.  Nachdem  die  Schafe  die  Stoppeln
Und  das  gedroschene  Stroh  durchgesucht  haben  wird  letzteres
*u  Brand  gesteckt.
Baron  Gudenus  hat  folgende  höchst  interessante  Rechnung
Uber  die  relativen  Arbeitsunkosten  in  Amerika  und  jenem
Theile  Mährens  aufgestellt,  in  dem  er  angesessen  ist.
Fin  Pferd  in  jenem  Theile  Californiens,  wovon  ich  oben
^Grichtete,  kostet  125  Dollars,  davon  Abnutzung  20  Dollars,
ins  g  Dollars,  das  Futter  (5  Acres  in  Weizen,  Gerste  und
^fer)  90  Dollars,  Geschirr  3  Dollars,  Hufbeschlag  10  Dollars,
'umma  132  Dollars  per  Jahr.  Da  man  von  März  bis  Juni
Pferde  wenig  braucht,  kann  man  nur  225  Arbeitstage
^chnen.  Rin  Pferde-Arbeitstag  kostet  also  60  Cents  =  1.44  fl.
In  Mähren  kostet  er  1.50  fl.,  also  etwa  ebensoviel
^  ^  iu  Amerika.  Ein  Mann  kostet  im  Durchschnitt  in  Califor-
        <pb n="483" />
        470

nien  —  in  jener  Gegend  um  San  Gabriel  —  1^/2  Dollars  Lohn
und  50  Cents  Board  =  2  Dollars  =-  4.80  fl.,  in  Mähren  30  kr.
Ein  Pferd  kostet  in  Mähren  per  Arbeitstag  soviel  wie  5  Mann;
in  Amerika  kann  ich  fur  einen  Arbeiter  3^/2  Pferde  halten,
und  bei  besserer  Ausnützung  der  Pferdekraft  als  es  auf  obiger
Wirthschaft  möglich  ist,  in  der  die  Pferde  ein  Vierteljahr
nichts  zu  thun  haben,  also  bei  normalen  300  Arbeitstagen,
stellt  sich  die  Auslage  für  ein  Pferd  per  Arbeitstag  in  Californien ­
  nur  auf  44  Cents,  d.  i.  1.06  fl.,  oder  auf  ein  nicht
volles  Viertel  dessen,  was  eine  menschliche  Arbeitskraft  im
Durchschnitte  kostet.  Daher  wirthschaftet  man  in  Amerika
mit  2  bis  3  Mal  soviel  Pferden  als  Menschen,  in  Mähren  mit
4  Mal  soviel  Menschen  als  Pferden.
Die  34  Mann,  welche  125  Acres  per  Tag  mähen  und  die
Ernte  davon  dreschen,  kosten  genau  50  Dollars  =  1.46  Dollars
per  Mann  und  Tag  Lohn,  dazu  50  Cents  Board,  rund  68  Dollars
=  163.20  fl.  Die  84  Pferde  kosten  50.40  Dollars  =  120.96  fl-In
  Mähren  würden  die  34  Menschen  11.20  fl.  und  die  84  Pferde
118  fl.  kosten.  Allein  sie  können  mit  der  heute  dort  zur  Verwendung ­
  kommenden  Maschinerie  natürlich  keine  125  Acres
oder  83  Joch  mähen  und  das  Getreide  davon  dreschen.
Diese  Arbeit  stellt  sich  in  Californien  auf  163.20  -f
120.96  =  284.16  fl.  —  3.42  fl.  per  Joch.
Hierzu  kommt  noch  die  Verzinsung  und  Abnützung  des
sehr  theuren  Maschinenapparates  in  Californien,  die  Baron
Gudenus  nach  sorgsamer  Calculation  auf  12  Dollars  =  28.80  flper
  Arbeits-  oder  Erntetag,  d.  h.  auf  35  kr.  per  Joch  veranschlagt; ­
  so  stellen  sich  denn  die  Kosten  für  Ernte  und  Drusch
auf  3.77  fl.  per  Joch  in  Südcalifornien.
Für  Mähren  berechnet  Baron  Gudenus  per  Joch  Mähen,
Harken,  Binden,  Aufsetzen  und  Einfahren  des  Getreides  nu
2.95  fl.,  dazu  Drusch  mittelst  der  Dampfdreschmaschine
16  Metzen  Ertrag  per  Joch  2.21  fl.,  Summa  5.16fl.  Hierbei  kommen
wir  also  auf  das  auffallende  Resultat,  dass  diese  Arbeit
Ernte  und  Drusch  —  in  Amerika  sieben  Zehntel  dessen  kostet,
was  man  dafür  in  Mähren  zahlt,  natürlich  für  dieselbe  Acker-
        <pb n="484" />
        47*

fläche.  Nimmt  man  aber  den  Körnerertrag  ins  Auge,  so
stellt  sich  die  Rechnung  anders.
In  Amerika  erntet  man  i6V¿  Bushels  =  577  Liter  Weizen
per  Acre,  die  3.77  fl.  Erntelohn  kosten,  das  macht  65  kr.
per  Hektoliter,  ln  Mähren  erntet  man  16  Metzen  976  Liter
per  Joch  oder  651  Liter  per  Acre,  die  an  Erntelohn  5.16  fl
kosten,  das  macht  79  kr.  per  Hektoliter;  in  dieser  Beziehung
kostet  dasselbe  Kornquantum  bei  Ernte  und  Drusch  in  Amerika
also  acht  Zehntel  von  dem,  was  es  in  Mähren  ko  stet.
Nimmt  man  ferner  an,  dass  in  Mähren  Weizen  nach  Klee
zwei  Pflugfurchen,  zwei  Eggestriche,  eine  Saat  und  ein  Drittel
Düngung  kosten,  so  muss  diese  Arbeit  —  ohne  den  Werth
oder  Preis  des  Düngers  zu  berechnen  —  auf  10  fl.  per  Joch
berechnet  werden.  Dazu  obige  5  16  fl.  für  Ernte  und  Drusch,
macht  15.16  fl.  =  6.32  Dollars  per  Joch.  In  obiger  californischer
  Wirthschaft  stellen  sich  die  Gesammtunkosten  per
Acre,  wie  ich  weiterhin  nachweise,  auf  5Vi  Dollars  =  i3'20  fl.,
in  einer  späterhin  zu  schildernden,  besseren  des  Dr.  Glenn  auf
6  Dollars,  d.  i.  14-40  fl.  per  Acre,  das  macht  8  25  Dollars  ==*9
  80  fl.,  respective  9  Dollars  =  21-60  fl.  per  Joch.  Hierin
ist  aber  die  Auslage  für  Administration  inbegriffen,  in  jenem
österreichischen  Anschläge  nicht.  Dieselbe  stellt  sich  in  Mähren
auf  1.70  fl.  per  Joch.  Die  Administrationskosten  inbegriffen
stellen  sich  die  Kosten  einer  Weizenbestellung,  der  Ernte  und
des  Drusches  in  Mähren  auf  16-86  fl.  per  Joch,  gegen  19-80  fl.,
respective  21-60  fl.  in  Süd-,  respective  Nordcalifornien.  Wie
*eh  weiterhin  nachweisen  werde,  ist  der  Durchschnittsertrag
per  Acre  auf  der  Glenn’schen  Farm  in  Nordcalifornien  20
Bushels,  das  macht  1050  Liter  per  Joch;  er  ist  in  Mahren  16
Metzen  per  Joch  oder  976  Liter,  und  in  Südcalifornien  i6'/2
Bushels  per  Acre,  oder  865  Liter  per  Joch.  Die  Wirthschaftsunkosten
  für  diese  Quantitäten  stellten  sich  auf  21-60  fl.,  respective ­
  16-86  fl.  und  19-80  fl.  Der  Hectoliter  verursacht
^so  reine  Wirthschaftsunkosten,  ohne  Grundrente  und
natürlich  auch  ohne  Steuer,  in  Nordcalifornien  2-06  fl.,  in
Mähren  1.72  fl.,  in  Südcalifornien  2  30  fl.  Allein  in  Cahfornien
  baut  man  Weizen  auf  Weizen,  und  das  kann  man  in
        <pb n="485" />
        Mähren  nicht,  in  Nordcalifornien,  wie  ich  nachweisen  werde,
auch  nicht.  Ferner  kostet  der  Dung  Geld  in  Mähren.  Man
müsste  eine  Rechnung  für  zehn  Jahre  in  Mähren  —  den  vollen
Umtrieb  einer  Zehn  -  Felder  --Wirthschaft  —  und  für  dieselbe
Periode  hier  machen,  wozu  uns  leider  die  Daten  fehlten.
Trotz  der  reichlichen  Anwendung  von  Maschinen  stellen  sich
aber,  wird  man  sagen  müssen,  die  Productionskosten  in  Californien ­
  ein  wenig  höher  als  in  Mähren.  Nun  kommt  aber  der
Unterschied  in  der  Besteuerung  und  die  Verschiedenheit  im
Ankaufspreise  des  Bodens!
Die  Arbeit  beginnt  in  Südcalifornien  früh;  um  halb
6  Uhr  gibts  Frühstück,  die  Treiber  füttern  schon  seit  halb
5  Uhr  ihre  Pferde,  die  Arbeit  auf  dem  Felde  dauert  bis
Sonnenuntergang.  Das  Mittagessen  führt  man  in  einem  grossen
Zeltwagen  aufs  Feld,  der  eine  eiserne  Kochmaschine  enthält,
auf  der  die  Speisen  warm  gehalten  werden.  Ueber  die  Kosten,
eine  solche  Wirthschaft  von  6000  Acres  einzurichten.  Folgendes:
Die  Baulichkeiten  sind  äusserst  einfach,  aus  Holz,  bescheidenes ­
  Wohnhaus  des  unverheiratheten  Aufsehers,  die
Schlafstellen  der  Arbeiter,  Schuppen  für  Maschinen  und  Pferde
und  eine  Schmiede,  ca.  5-  bis  6000  Dollars  im  Werthe;
1  Dampfdreschmaschine  3000  Dollars,  5  Headers  zu  16  Fuss
Schnittbreite  à  400  Dollars  =  2000  Dollars,  2  bis  3  Eggen
à  40  Dollars,  rund  100  Dollars,  2  Walzen  200  Dollars,
12  Ganzflüge  mit  5  bis  8  Schaaren  à  100  Dollars  =  1200  Dollars, ­
  2  Säemaschinen,  à  30  Dollars  =  60  Dollars,  15  Wagen
à  100  Dollars,  Schmiedewerkzeug  200  Dollars,  Forken  und
andere  kleine  Utensilien  1000  Dollars,  100  Pferde  oder  Maulthiere
  à  125  Dollars  =  12.500  Dollars,  Pferdegeschirr  1200  Dollars; ­
  Summe  28-  bis  29.000  Dollars,  nebst  unvorhergesehenen
Auslagen  für  Inventarstücke,  rund  30.000  Dollars.  Der  Aufseher ­
  erhält  1200,  der  Unteraufseher  600  Dollars  und  freie
Station.  Bei  einer  Abrechnung  mit  Partnern  fur  das  gute
Erntejahr  1879/80  ergaben  sich  alle  Wirthschaftsausgaben,
ohne  Zinsen  für  jene  30.000  Dollars  und  für  den  Ankaufspreis ­
  des  Landes,  auf  5V2  Dollars  per  Acre  Weizenland,  also
für  5500  Acres  30.000  Dollars  im  Jahre.  Dazu  kommen
        <pb n="486" />
        473

7  Percent  Zins  und  15  Percent  Abnützung  fur  30.000  Dollars
Betriebscapital  =  6600  Dollars,  die  Jahresausgaben  wachsen
also  auf  36.600  Dollars.  Das  Ankaufscapital  betrug  90.000  Dollars, ­
  wovon  man  i  Dollar  als  Preis  je  eines  der  40.000  Acres
ansprechen  kann,  welche  als  Weide  benützt  werden.  Das
^eizenland  kommt  also  auf  50.000  Dollars,  höchstens  also,
aach  Abzug  der  fur  Heuweizen  und  Gerste  benützten  Fläche,
auf  3  Dollars  per  Acre  zu  stehen,  macht  für  5500  Acres
^6.500  Dollars.  Hiervon  ypercentige  Zinsen  sind  1155  Dol-^^rs.
  Somit  steigern  sich  die  Wirthschaftsunkosten  durch  diese
Grundrente  auf  37.855  Dollars.  Der  Bushel  Weizen  kostete
^af  der  Farm  75  Cents,  also  waren  50.000  Bushels  nöthig.
Um  diese  Unkosten  zu  decken,  das  macht  auf  5500  Acres
’’Und  9  Bushels  per  Acre.  Was  Ueberschuss  ist,  ist  reiner
Profit.  Man  erntete  dieses  Jahr  circa  «5  Sack  à  13s  Ibs.
^  II'/4  Bushels.

Man

Im  vorigen  Jahre  erntete  man  9  Sack  ==  20’^4  Bushels.

Wird  auf  drei  gute  zwei  schlechte  Ernten  rechnen  können
^nd  so  auf  einen  Durchschnitt  von  rund  17  Bushels  auf  dieser
irthschaft  kommen,  obschon  uns  die  Beamten  von  20  sprachen.
^  ganz  Californien  soll  der  durchschnittliche  Ernte-Ertrag  nur
3  bis  14  Bushels  sein.  Wenn  17  Bushels  auf  jedem  der  5500
eres  geerntet  werden,  so  giebt  das  eine  Jahresernte  von
^3-500  Bushels,  deren  Erzeugung  37.855  Dollars  kostet  Die
rzeugungskosten  eines  Bushels  Weizen  auf  der  von  uns  belehtigten
  Grossfarm  im  San  Ferdinando-Thale  dürfen  also  im
gossen  Durchschnitte  auf  40  Cents  angeschlagen  werden.
^i  sind  die  Zinsen  des  Betriebskapitales  und  eine  sieben-P^rcentige
  Grundrente  miteinbegriffen,  was  beides  in  dem
nschláge  für  Mähren  nicht  der  Fall  ist;  40  Cents  per  Bushel
2*68  fl.  per  Hektoliter  oder  3.55  fl.  per  Metercentner.

Es

Hoch

Wird  also  selbst  bei  dieser  liederlichen  Wirthschaft

^  ein  grosser  Profit  gemacht  und  ich  glaube,  dass  er  auf
.^^^^ren  Wirthschaften  auch  grösser  ist.  Natürlich  kann  der
^^izenpreis  noch  sehr  fallen,  ohne  dass  Weizenbau  aufzuhören
Zu  Wenn  man  75  Cents  für  Weizen  bekommt,  der  40  Cents
Pi'oduciren  kostet.  Nehmen  wir  an,  die  6000  Acres  Weizen-
        <pb n="487" />
        474

land  wurden  heute  zu  30  Dollars  per  Acre  gekauft,  so  kosteten ­
  sie  180.000  Dollars,  macht  zu  7  Percent  12.600  Dollars
Zinsen.  Dazu  36.000  Dollars  Jahresunkosten,  macht  48.600
Dollars  oder  für  90.000  Bushels  Weizen  54  Cents  —  3.70
per  Hektoliter  oder  4.81  fl.  per  Mtc.
Die  meisten  Landwirthe,  welche  schon  zwölf  oder  mehr
Jahre  in  der  Weise  Weizen  auf  Weizen  gebaut  haben,  wie
es  auf  der  von  uns  besehenen  Wirthschaft  geschieht,  finden
dass  der  Ertrag  nachlässt.  Alsdann  helfen  sie  sich  zuerst  durch
tieferes  Pflügen,  was  neuen  Acker  an  die  Oberfläche  bnngh
Wenn  sie  dann  auch  eine  6  Zoll  tiefe  Ackerkrume  erschöpf
haben,  gehen  sie  zur  sogenannten  „Sommerbrache“,  „Summer
fallow“,  über,  die  nichts  Anderes  ist  als  die  Zwei-Felderwirthschaft.
  Der  Boden  wird  nur  alle  zwei  Jahre  mit  Weizen ­
  bestellt,  inzwischen  aber  zwei  Mal  gepflügt,  6  bis  8  Zo
tief,  und  die  Saat  später  eingeeggt  oder  mit  dem  geschilderte
Acme-Cultivator  untergebracht.  Dies  ist  in  Nord-Californie
üblich.  Dr.  Glenn,  einer  der  grössten  Grundbesitzer,  will
einigen  Jahren  die  „Weizenfabrikation“  auf  5  bis  6  Jahre  einstellen,
  das  Land  liegen  lassen,  Jungvieh  und  Schafe  kauf
und  darauf  weiden.  Wenn  es  sich  nach  seiner  Meinung  g
nügend  gekräftigt  hat,  will  er  wieder  Weizen  auf  Weiz
bauen  —  bis  abermalige  Ruhe  nöthig  ist.
Dieser  Dr.  Glenn  besitzt  am  Sacramento  einen  15  Meilen»
langen  Ackerstreifen,  wovon  60.000  Acres  Weizenboden  si
Davon  hat  er  für  1882  28.000  Acres  in  Sommerbrachweizen,
22.000  Acres  unmittelbar  nach  Weizen.  Fur  letzteren^  wi
der  Acker  nur  ein  Mal  gepflügt,  wie  in  der  oben  gcschiW  ^
ten  Wirthschaft.  Der  Brachboden  wird  ein  Mal  sieben
tief  gepflügt.  Wenn  er  dann  nach  dem  Regen  grün  wi  '
so  wird  er  mit  dem  Cultivator  durchgearbeitet,  der  die  e
stehende  Grasnarbe  zerstört.  Wenn  es  wenig  regnet,  wird
Acker  vor  der  Saat  nur  geeggt.  Der  Werth  des  Landes  w
heute  auf  30  Dollars  per  Acre  veranschlagt,  obschon  DnG
lange  nicht  soviel  dafür  gezahlt  hat,  macht  1.800.000  o
Das  sehr  complette  Inventar,  der  Fundus  instructus,  wir
        <pb n="488" />
        475

ï  75-000  Dollars  geschätzt,  die  zu  sieben  Percent  12.250  Dollars
Jahreszinsen  kosten.
Die  gesammte  Wirthschaftsauslage  stellt  sich  erfahrungsmässig
  in  dieser  Wirthschaft  auf  6  Dollars  per  Acre  und  ist
dafür  der  Acker  zu  bestellen  und  der  Weizen  in  Säcken  am
Depot  der  Bahn  zu  lagern,  macht  300.000  Dollars  per
50.000  Acres.  Der  Durchschnittsertrag  auf  dieser  Wirthschaft
mit  vieler  Brache  soll  sich  nach  zuverlässiger  Angabe  auf
20  Bushels  per  Acre  stellen  —  im  vorigen  Jahre  war  er
26  Bushels.  Das  macht  also  i  Million  Bushels  oder
30.000  „kurze“  Tonnen  à  2000  lbs.  von  50.000  Acres.  Sie
kosten:  i.  12.250  Dollars  Zinsen  des  Fundus  instructus,  2.
300.000  Dollars  Wirthschaftskosten,  3.  die  Säcke  kosten  per
Tonne  i  ’/¿Dollars,  macht45.000Dollars,  Summa  35y.oooDollars,
macht  35.7  Cents  per  Bushel  oder  2.45  fl.  per  Hektoliter,
3-18  fl.  per  Mtc.  Productionskosten,  ohne  Grundrente!
Rechnet  man  nun  1.800.000  Dollars  als  jenen  Ankaufspreis,
^Gr  heute  für  den  Boden  gezahlt  werden  müsste,  ferner  7  Percent
  Zinsen  hierfür,  so  macht  das  126.000  Dollars,  per  Bushel
also  12.6  Cents,  und  so  stellen  sich  die  Productionskosten  per
^ushel,  den  heutigen  Grundwerth  schon  eingerechnet,  auf
48.3  Cents  =.  3.31  fl.  per  Hektoliter,  4.30  fl.  per  Mtc.;  also
immer  noch  billiger  als  bei  der  obigen,  ganz  extensiven  Wirthschaft.
  Dr.  Glenn  kostet  der  Acre  thatsächlich  nicht  über
5  Dollars,  macht  300.000  Dollars  für  60.000  Acres  und  zu
7  Percent  Zinsen  jährlich  21.000  Dollars,  oder  für  i  Million
^Ushels  2.1  Cents  Zinsen.  Der  wirkliche  Kostenpreis  stellt
sich  also  nur  auf  35.7  -[-2.1  =•  37.8  Cents  per  Bushel  —
^•59  fl.  per  Hektoliter,  3.36  fl.  per  Mtc.,  in  San  Ferdinando
40  Cents  per  Bushel  —  2.68  fl.  per  Hektoliter,  3.56  fl.
per  Mtc.
Die  Steuer  soll  in  diesem  Staate,  der  nur  3.396.000  Dollars
pchulden  und  im  Ganzen  3.797.864  Dollars  Jahresausgaben
Jahre  1878  hatte,  62'  2  Cents  für  je  100  Dollars  einge-^ehätztes
  Vermögen  betragen,  die  Einschätzung  des  Grossgrundesitzers
  erfolgt  aber  so  niedrig,  dass  die  Steuer  selten  2  Per-^^nt
  des  Ertrages  überschreitet;  wenn  sie  aber  selbst  4  oder
        <pb n="489" />
        5  Percent  erreichte,  so  wurde  sie  den  Preis  des  Bushels  Weizen
nur  um  etwa  2  Cents,  oder  um  18  Kreuzer  ö.  W.  per  Metercentner,
  erhöhen,  was  man  zu  obigen  Zahlen  hinzurechnen
möge.  Die  Steuer  soll  in  diesem  Jahre  höher  sein.  Die
Staatssteuer  soll  i  Percent,  der  Districtszuschlag  Vî  bis  i  Per
cent  betragen,  wozu  noch  Grafschaftssteuern  kommen.
Jedenfalls  ist  die  Steuer  für  dies  Land  der  Millionäre  sehr
niedrig.
Man  wird  kaum  fehlgehen,  wenn  man  annimmt,  dass
selbst  bei  so  schlechter  Wirthschaft  Weizen  in  Californien
überall,  bei  7  Percent  Verzinsung  alles  investirten  Capitals
und  selbst  zu  den  Durchschnittspreisen,  den  Weizenboden  heute
hat  —  15  bis  50  Dollars  —  weit  unter  50  Cents  per  Bushel
=  3.42  fl.  per  Hectoliter  —  4.48  fl.,  rund  4‘/2  fl.  per  Meter
centner  producirt  werden  kann,  die  Steuer  eingerechnet.  Dies
ist  aber  für  Amerika  ein  viel  zu  hoher  Productionskostenpreis.
  Man  versicherte  uns,  dass  auf  einer  gut  betriebenen
Wirthschaft  in  Kansas,  auf  gutem  Boden,  der  zu  jetzt  üblichen
Preisen  bezahlt  wird,  der  Bushel  Weizen  zu  22  Cents  oder  der
Hectoliter  zu  1.51  fl.,  der  Mtc.  zu  1.96  fl.  producirt  werden
kann.
In  Oesterreich  hat  man  alle  Zahlen  bei  der  Hand,  um
die  Steuern  eines  weizenfähigen  Grundbesitzes  von  6000  Acres,
die  Kosten  der  Baulichkeiten  und  des  Fundus  instructus  und
endlich  den  Ankaufspreis  des  Gutes  festzustellen,  ferner  die
reinen  Wirthschaftsunkosten  und  endlich  den  Ertrag,  um  auch
die  oben  für  Mähren  gemachten  Wirthschaftsausgaben  nach
anderer  Localität  anders  festzustellen.  Dies  mögen  intelligente
Wirthschaftsdirigenten  thun  und  mit  jenen  Angaben  vergleichen,
welche  wir  in  einzelnen  Theilen  Amerikas  zu  ihrem  Nutzen
sammeln.
Es  scheint  mir  für  diese  Herren  auch  nützlich  zu  sein,
wenn  ich  mittheile,  wie  sich  die  reinen  Productionskosten
ohne  Steuer  und  Grundrente  —  auf  künstlich  bewässertem
Boden  in  Californien  stellen,  denn  auf  solchem  wird  schon
viel  Exportweizen  gebaut,  mit  dem  unsere  Producenten  doc
concurriren  müssen!  Unsere  Wirthschaftsdirigenten  müssen
        <pb n="490" />
        &amp;amp;lso  hieraus  lernen,  wie  billig  sie  in  Zukunft  zu  produciren
haben.
Ganz  anders  stellt  sich  die  Berechnung  für  dieses  künstlich
bewässerte  Land.  Solche  künstliche  Bewässerung  existirt  sehr
Umfangreich.  In  der  County  Tulare  sind  60.000  Acres  so  bewässert ­
  und  in  Grossbetrieb  bewirthschaftet.  Der  Acker
kommt  dort,  Ankauf  und  Bewässerungsanlage  zusammengenommen, ­
  auf  9  Dollars  zu  stehen.  Er  wird  dreimal  gepflügt
und  bringt  jedes  Jahr  Weizen,  im  Durchschnitte  35  Bushels,
da  die  Ernte  bei  genügendem  Wasser  und  so  fleissiger  Bestellung ­
  sicher  ist.  Die  gesamraten  Wirthschaftsauslagen  —
ohne  Steuer,  ohne  Grundrente,  aber  mit  Zins  für  Fundus
»nstructus  —  soll  sich  auf  9  Dollars  per  Acre  im  Jahre  belaufen.
Dies  scheint  mir  sehr  glaublich,  da  in  derselben  Grafschaft
Bauern,  die  durch  Cooperation  bewässern,  ihre  Jahresauslagen
für  Bewässerung  in  trockenen  Jahren  auf  125  Dollars,  in  Jahren
tuit  reichlichem  Regenfalle  auf  50  Dollars  für  die  Homestead
Veranschlagen.  Natürlich  sind  nie  alle  160  Acres  bewässert,
aber  doch  der  grösste  Theil.  In  Colorado  wird  die  Bewässerung ­
  in  grosser  Ausdehnung  betrieben.  Zuerst  von  Greely,
dem  New-Yorker  Zeitungsbesitzer,  daselbst  eingeführt  auf  einer
Kolonie,  die  er  gründete.
Mehrere  englische  Compagnien  haben  am  Cache  la  Poudret^od
  am  Platteflusse  Deiche  von  40  bis  60  Meilen  Länge  an-Selegt.
  Die  grösste  derselben  kann  50.000  Acres  irrigiren.
Bie  verkauft  das  Anrecht  auf  Wasser,  genug  zur  Berieselung
Von  80  Acres,  für  500  Dollars  ein  für  alle  Mal  und  sie  verkauft ­
  den  Acre  Land  daselbst  an  Farmer,  ohne  dies  Wasser-^ocht,
  um  7  bis  15  Dollars,  so  dass  er  mit  Wasserrecht  auf
^3^/4  bis  2i*/4  Dollars  kommt  Die  zum  Wasser  Berechtigten
Nässen  jährlich  noch  eine  kleine  Summe  für  Unterhaltung  des
Deiches  zahlen.  Im  Durchschnitte  rechnet  man,  dass  das
^asser  bei  nicht  allzu  weiter  Herleitung  nicht  über  50  Cents
Bor  Acre  im  Jahre  kostet  In  Utah,  wo  die  Bewässerung
B^anmässig  und  im  Grossen  betrieben  wird  und  wohl  den
^dhendsten  Ackerbau  in  der  Union  erzeugt  hat,  wo  sich  die
armer  in  Cooperativgesellschaften  zum  Canalbaue  einigen  und
        <pb n="491" />
        47»

das  Wasser  oft  viele  Meilen  weit  zu  leiten  haben,  rechnet
man,  dass  die  Herstellung  der  Bewässerungsanlagen  bis  zur
Homestead  5  bis  10  Dollars  per  Acre  ein  fur  alle  Mal  und
jährlich  5  bis  6  Arbeitstage  oder  ihr  Geldäquivalent  koste.
Hierzu  kommt  noch  die  Herstellung  der  kleinen  Gräben  auf
der  Homestead  selbst.  Die  Bewässerung  in  Salt  Lake  City
für  die  Gärten  kostet  jährlich  1*25  Dollars  per  5  Acres,  ohne
einen  vorhergehenden  Kauf  des  Wasserrechtes.
Die  Beackerung  des  zu  bewässernden  Landes  ist  kostspieliger ­
  als  die  anderen  Bodens.  Die  Wasserrinnen  werden
zwar  alle  mit  dazu  geeigneten  Pflügen  hergestellt,  allein  sie
bedürfen  der  Aufsicht  und  Nachhilfe  von  Menschenhand,  und
so  mag  es  wohl  sein,  dass  sich  alle  Wirthschaftsunkosten  auf
jenem  Grossgrundbesitze  von  60.000  Acres  Weizenboden  per
Jahr  mit  9  Dollars  per  Acre  veranschlagen  lassen;  das  macht,
bei  35  Bushels  Ertrag,  26  Cents  per  Bushel  =  1.78  fl.  per
Hektoliter,  2.31  fl.  per  Mtc.  Der  Besitzer  rechnete  den  Werth
seines  Landes  sich  jetzt  auf  50  Dollars,  d.  h.  dafür  würde  er
verkaufen.  Das  macht  bei  7  Percent  Zinsen  noch  3.50  Dollars
per  Acre.  Nun  soll  er  sogar  zum  vollen  Wer  the,  d.  h.  mit
82'/a  Cents  per  Acre  besteuert  werden,  da  in  Tulare  die  Gesammtsteuer
  i  .69  Percent  beträgt  —  was  gewiss  nicht  geschieht
—  so  stellen  sich  die  Jahreskosten  auf  13.32’  2  Dollars  per
Acre  oder  38  Cents  per  Bushel  =  2.98  fl.  per  Mtc.  Allein  bei
der  Productionskostenrechnung  soll  man  den  jetzt  hier  angenommenen ­
  Grundwerth  nicht  mit  in  Rechnung  bringen,  sondern
entweder  den  Preis,  welcher  wirklich  gezahlt  wurde,  oder
man  soll  den  Ueberschuss  des  Verkaufspreises  über  die  obigen
reinen  Productionskosten  als  Grundrente  ansprechen.  Der
Preis  war  80  Cents  per  Bushel  in  Tulare,  die  Grundrente  also
enorm  !  Im  Allgemeinen  rentirt  die  Wirthschaft  auf  künstlich
bewässertem  und  sehr  gut  bearbeitetem  Boden  —  abgesehen ­
  vom  Kaufpreise  des  Bodens  —  hierselbst  besser  als
die  extensive  Raub-  und  auch  noch  besser  als  die  Brachewirthschaft.

Es  muss  ferner  angeführt  werden,  dass  Kleingrundbesitzer
auf  künstlich  bewässertem  Boden  oft  zwei  Ernten  im  Jahre
        <pb n="492" />
        479

machen.  Als  Experiment  hat  man  sogar  zwei  Weizenernten
‘m  selben  Jahre  gemacht.  Die  erste  Ernte  im  Juni.  Dann
säet  man,  pflügt  die  Saat  unter  und  Anfangs  September  macht
man  die  zweite  Weizenernte!  Allein  dies  war  nur  ein  Experiment ­
  und  geschieht  selten.  Sehr  oft  aber  nimmt  man  nach
Weizen  noch  Kartoffeln,  Rüben,  Mais,  Squasches  —  eine
Kürbisart  —  und  allerhand  Gemüse  und  erzielt  also  thatsächlich
  zwei  Ernten.  Erschöpfung  ist  bei  bewässertem  Boden
nicht  bemerkt  worden.  Auf  den  Missionen  wird  doch  nun
schon  HO  Jahre  hindurch  Weizen  und  anderes  Getreide  ohne
Dung  gebaut,  der  Boden  aber  ist  nach  wie  vor  ertragsreich.
Allein  er  erfordert  eine  sehr  sorgsame  Beackerung.  Die
Weizenstoppel  wird,  wenn  man  sich  mit  Weizen  begnügt  und
^cine  zweite  Sommerernte  nimmt,  im  Juli  gepflügt,  im  November ­
  bis  December  abermals,  man  säet  den  Weizen  im
Januar  bis  15.  März  und  eggt  ihn  ein,  im  Juni  beginnt  die
Krnte.  Sehr  viel  kommt  darauf  an,  dass  man  das  Wasser  zur
’■echten  Zeit  auf  den  Acker  lässt,  es  gut  darauf  vertheilt  und
'veder  zu  viel  noch  zu  wenig  bewässert.
Es  ist  anzunehmen,  dass  die  künstliche  Bewässerung  nicht
in  Californien,  sondern  in  ganz  Amerika,  südlich  der
Central-  und  Union-Paciflc-Bahn  und  westlich  vom  hundertsten
Meridian,  der  durch  Dodge  City  in  Kansas  geht,  sich  schnell
entwickeln  und  daselbst  die  Production  von  Getreide  und  Heu
’’ngemein  steigern  werde,  da  die  Sicherheit  und  der  höhere
Krtrag  der  Ernte  auf  irrigirtem  Boden  ausser  Verhältniss  zu
höheren  Kosten  der  Bewässerung  steht.
Weil  der  Grundbesitz  Californiens  von  einzelnen  Millionären
Schalten  wird,  kann  sich  die  Farmenzahl  daselbst  nur  langsam
Vermehren.  Sie  betrug  1870:  23.724,  1880  35.9341  darunter  143
’inter  g  Acres  gross,  1.641  von  3  bis  10  Acres,  1.43®  von
’o  bis  20  Acres,  3.475  von  20  bis  50  Acres,  3.969  von  50  bis
’^0  Acres,  20.214  von  100  bis  500  Acres,  3.108  von  500  bis
”&amp;gt;oo  Acres  und  2.531  über  1000  Acres  gross.  Es  giebt  also
le  und  viel  grosse,  wenig  mittlere,
Grundbesitzungen;  3.209  waren  an
yers  verpachtet.

’’naltnissmässig  viel  klein
^nnn-  und  maschinenfahige
^^dpächter,  3.915  an  Méta;
        <pb n="493" />
        480

Ausser  Weizenbau  und  Viehzucht  betreibt  man  in  Cahfornien
  einen  sich  stetig  entwickelnden  Obstbau.  Californische
Orangen,  Aepfel,  Birnen,  Pfirsiche  und  Trauben  werden  in
alle  grossen  Städte  der  Union  exportirt.  Allein  der  Weinbau
bringt  nicht  nur  das  meiste  Geld,  sondern  bedroht  auch  schon
den  europäischen,  weil  seit  einigen  Jahren  viel  Wein  nach
Frankreich  zum  Mischen  mit  französischem,  und  sogar  nach
Deutschland  exportirt  wird.
Die  Union  exportirte  im  Fiscal]ahre  1881  22.6  Millionen
Ibs.  trockene  und  3  Millionen  Ibs.  frische  Aepfel  im  Werthe
von  3.548.000  Dollars,  dazu  Büchsenobst  im  Werthe  von
893.000  Dollars,  Wein  1880  =  154.887  Gallonen  im  Werthe
von  123.000  Dollars.
Am  IO.  Juni  1882  fand  eine  Auction  californischer  Weine
in  Mainz  statt,  bei  der  folgende  Preise  erzielt  wurden:  Die
Weine  wurden  mit  Fass  und  nach  deren.Inhalt  versteigert,
die  Gebote  erfolgten  jedoch  per  100  Liter.  Die  Rothweine
erzielten  1878er  (Zinfandel)  17  und  23  Mark,  1876er  8  und
9  Mark,  1878er  20,  21  und  24  Mark,  1876er  18,  20,  21  und
24  Mark.  Die  Weissweine  kosten:  Riesling  29,  30  und
43  Mark,  Mission  30  Mark,  französischer  Château  d’Yquem
brachte  35,  36  und  41  Mark,  Muskateller  (dry)  31,  36  und
53  Mark.  Californischer  Muskateller  (dry)  36  Mark.  Süsser
Muskateller  80,  81,  105  und  116  Mark,  süsser  californischer
Muskateller  150  und  151  Mark.  Ung.  Tokay  er  123  und
130  Mark.  Californischer  Tokay  er  170  Mark  per  100  Liter.
Dabei  haben  die  Käufer  noch  einen  Zoll  von  30  Mark  per
100  Liter  zu  bezahlen.
Die  Weine  stammten  von  der  Sendung  der  Barke  ,,Stella/'
wovon  54  Fass  nach  Mainz  geschickt  wurden.  Dieselben
fanden  Beifall,  auch  legte  man  grossen  Werth  darauf,  dass
die  süssen  Weine,  trotz  der  langen  Reise  sich  schön  hell  erhalten ­
  haben.
Der  Weinbau  in  Californien  ist  wohl  schon  130  Jahre
alt,  da  schon  Mitte  des  letzten  Jahrhunderts  katholische  Missionäre ­
  und  Mönche,  besonders  spanische,  ihre  heimathlichen
Trauben  dort  anbauten,  aber  die  intelligente  Cultur  der  Reben
        <pb n="494" />
        481

31

ist  erst  neuen  Datums  und  besonders  die  Deutschen  haben
Sich  um  diese  Cultur  grosse  Verdienste  erworben.  Früher
haute  man  den  Wein  in  der  Ebene,  erst  die  Deutschen  sahen
dass  dies  ein  Irrthum  sei  und  bepflanzten  die  Abhänge  der
Hügel  und  Berge.  Besonders  die  Reben  vom  Rhein  (Hock)
gedeihen  wunderbar,  da  das  Klima  ausserordentlich  günstig
ist.  Die  Trauben  leiden  weder  vom  Mehlthau,  noch  vom
Sturm,  noch  braucht  man  die  Blätter  abzuzwicken,  um  die
Trauben  der  Sonnengluth  auszusetzen,  damit  sie  reifen,  noch
drohen  denselben  die  bekannten  Krankheiten  wie  in  Europa,
^einstöcke  sind  nur  eine  kurze  Zeit  nothwendig,  da  die  Rebe
m  einigen  Jahren  schon  stark  genug  ist,  um  der  Hilfe  des
Stockes  entbehren  zu  können.
Die  Winzer  verkaufen  in  der  Regel  ihre  ganze  Fechsung
die  Weinpresser,  wodurch  eine  grosse  Ersparniss  an  Arbeit
erzielt  und  eine  bessere  Qualität  Wein  erzeugt  wird,  da  diese
^einpresser  das  Geschäft  mit  mehr  Verständniss  und  mit
besseren  und  grösseren  Mitteln  betreiben.
Californien  steht  unter  den  weinbauenden  Staaten  Nord-Amerikas
  als  erster  da.
Die  folgende  Tabelle  zeigt  den  jährlichen  Durchschnittscitrag
  und  den  Werth  des  Weines  in  den  verschiedenen
Staaten  :

Staaten
Alabama  .  .
Arkansas.
Californien  ,
Connecticut  .
Delaware
Florida
Georgia  .  .
Illinois  .  .
Indiana
Jowa  .  .  .
Kansas
Kentucky.  .
Maine  .
Maryland  .
Massachusetts
Michigan  .  .
Minnesota
Mississippi  .
Missouri  .
Nebraska
New-Jersey  .

Acker  Gallonen
i.iii  433.673
893  72.750
33.368  13.557.150
64  5.346
125  4.050
83  II.180
2.911  903.244
3.810  1.047.875
3.851  99.566
4-470  334970
3  542  206.349
1.850  81.170
7:  1.500
699  33.405
227  6.338
3.366  63.831
62  2.831
432  209.845
7.376  1.834.307
280  5.767
1.967  315.133

Werth
399.705  00  Doll
113.401  86  „
4.041.815  80  „
6.076  75  „
405009  „
15.41500  „
809.54730  „
1.335.521  63  ,
81.718  40  „
346.39860  „
190.330  70  „
80.908  75  „
3.83000  „
19.15100  „
10.050  50  „
75.617-30  „
3.44600  „
310.53375  „
1.33005040  „
8.983  00  ..
333.866  70  „
        <pb n="495" />
        482

New-Mexico
New-York  .
Nord-Carolina
Ohio  .  .  .

Oregon  .  .
Pennsylvania
Rhode  Island
Süd-Carolina
Tenessee

Texas
Utah

Virginien  .
West-Virginien
Wisconsin

Staaten

Acker  Gallonen  Werth
3.150  908.500  98.25000  Doll.
12.646  584.153  387.30883  „
2.639  334.701  267.819-25  „
9.673  1.632.073  1.627.926-88  „
116  16.950  9.24000  „
1.944  134.545  128.097-00  „
55  262  516-50  »
193  16.988  22.351-25  „
1.103  64.797  90.796.00  „
850  35.528  44.704-87  „
658  114.975  175.823-00  „
2.099  262.479  200.045-25  «
467  71.926  61.461  80  n
213  10.988  15.559.85  «

Total

181.553  23.453.287  13.426.174  80  Doll.

In  Californien  wird  auch  die  Fabrikation  von  Champagner
in  grossem  Massstabe  betrieben.
In  San  Francisco  entwickelt  sich  seit  mehreren  Jahren,
trotz  der  hohen  Löhne,  sogar  eine  respectable  Industrie,
Jahre  1880  gab  es  dort  2804  Fabriken,  mit  29.4  Millionen
Dollars  Capital,  34.726  Arbeiter,  die  13.247.147  Dollars  Lohn
im  Jahre,  erhalten,  der  Werth  der  Materialien  betrug  43.9,  ¿er
Producte  70.7  Millionen  Dollars.  _
Oregon  und  das  Territorium  Washington  haben  wir  nicht
besucht,  doch  mag  es  gestattet  sein,  einige  statistische  Notizen
hier  folgen  zu  lassen,  weil  diese  Länder  eine  sich  schnell  entwickelnde ­
  Ackerbauproduction  wachrufen  und  durch  die  Nor  '
pacificbahn  vielleicht  über  Duluth  einen  billigeren  Exportweg
nach  Europa  finden,  als  bisher  zur  See.  Oregon  hat  61.4»
Washington  44.2  Mill.  Acres,  meist  Gebirge,  aber  in  ^en
Thälern  besitzt  es  fruchtbaren  Boden,  daneben  gute  Wei  ^
ländereien  und  kommen  Oregonstiere  schon  bis  Chicago  nn
New-York.  Die  Bevölkerung  Oregon’s  vermehrte  sich  von
1870  bis  1880  von  90.000  auf  174.000,  Washington  von
23.000  auf  75.000  Seelen.  Die  Weizenproduction  stieg  tn
Oregon  von  2.340.000  Bushels  auf  11.734.000,  in  Washington
von  216.000  auf  1.921.000  Bushels.  Die  Gersteproduction  »n
Oregon  von  210.000  auf  676.000,  in  Washington  von  55-°^^
auf  566.000  Bushels.  Die  Haferproduction  Oregons  von
2.029.000  auf  4.754.000,  Washington’s  von  255.000  aU
1.571.000  Bushels.  Die  Zahl  der  Milchkühe  Oregon’s  vo
        <pb n="496" />
        483

48.000  auf  125.000,  des  anderen  Rindviehes  von  71.000  auf
*99*000,  der  Schafe  von  318.000  auf  1.176.000,  der  Schweine
119.000  auf  239.000;  Washington  hatte  1880  —  27.000
ilchkühe,  106.000  andere  Rinder,  292.000  Schafe,  46.000
chweine;  die  Zahl  der  Farmen  vermehrte  sich  in  Oregon  von
7*587  auf  16.217,  Washington  von  3.127  auf  6.529.
Beide  Länder,  sowie  auch  Californien,  sind  sehr  fischreich
Und  exportiren  Fische,  so  dass  es  am  Platze  ist,  einige  Worte
**Der  die  Fischerei  zu  sagen.
Die  künstlichen  Fischbrutanstalten  sind  in  keinem  Lande
Gr  Welt  so  zahlreich,  als  in  der  Union.  Sehr  viele  Staaten
Gsitzen  solche  und  versenden  die  junge  Brut  zum  Aussetzen
I**  Seen  und  Flüsse  der  betreffenden  Staaten.  Professor  Baird
^  Washington  thut  das  von  Union’s  wegen  durch  die  ganze
und  bürgert  europäische  Fische,  so  den  Karpfen,  —  ein.
hat  sogar  am  Atlantischen  Meere  eine  künstliche  Brut
Seefischen.
s  Fischstatistiken,  die  unter  Leitung  des  Cenureaus
  in  Washington  zusammengestellt  sind,  ist  manches

Pressante.  Vor  Allem  dies,  dass  sich  mit  immer  zunehmender

Int
^  ..VV-.  V  wi  .niiciii  uicb,  uass  sicn  mic  im
^^schheit  transantlantische  Wasserbewohner  an  den  amerika-Küsten
  und  in  amerikanischen  Flüssen  einfinden.  So
Vor  den  einst  so  kostbarseltenen  Caviar  liefert.  Noch
^5  Jahren  prangte  davon  höchstens  dann  und  wann  ein
“Astrachan  importirtes  Holzfasschen  auf  der  Tafel  des
di^  ^"derbilt  oder  sonst  eines  Nabobs.  Heute  verzehrt
New-York  allein  jährlich  500.000  Pfund  von  dem
Wer  ^^^"^^^I^Gnden  und  leichtverdaulichen  Fischrogen.  Und
Ca  •  '^^^^dwo  im  Lande  20  Cents  bezahlt,  erhält  ein  mit
'^ohlgefülltes  elegantes  Blechbüchschen.  Es  wurden
diç  ^  721.000  lbs.  Caviar  gewonnen.  Noch  auffallender  ist
des  W^^Buthie,  welche  dem  europäischen  Karpfen  jenseits
in  p  ^^ssen  Wassers  entgegenkommt.  Im  Staate  Ohio  und
Scj^^^^'^^^ylvania  gewinnt  er  mit  jedem  Tage  an  Nachkommen-Nachfrage.
  Ueber  allen  diesen  jugendlichen  Zu-Itti
  thront  in  den  Vereinigten  Staaten  König  Lachs.
*  ornischen  Sacramentofluss,  in  dem  breiten  und  uner-31*
        <pb n="497" />
        484

gründlich  tiefen  Columbia,  wie  in  dem  stromschnellenreichen,
rauschenden  Rogue-River  Oregons  werden  sie  Jahr  [ür  Jahr
in  Masse  gefangen.  Zweihunderttausend  Pfund  Lachs  räucherte
man  während  der  letzten  12  Monate  in  Californien;  in  Ore^i^
verpackte  man  26.970.576  Pfund  in  „Kannen“  und.  sandte
dieselben  nach  dem  Mississippithal,  der  Atlantischen  Kust
und  Liverpool.  Selbst  das  jugendliche  Alaska  hat  sic
an  dem  Lachsfange  schon  in  recht  erheblichem  Maasse  betheiligt.
  Zehntausend  Kisten  mit  480.000  Ein-Pfund-Kannen
schickte  es  im  letzten  Jahre  nach  den  „Staaten.“  Die  e
sammtzahl  der  mit  dem  Lachsfange  und  dem  Lachsversan
beschäftigten  Amerikaner  beträgt  3370.  Der  bei  Weite
grösste  Theil  davon,  nämlich  2500  kommt  auf  das  Thal  d
Columbia  im  Washington-Territorium  und  Oregon.  Von  e
Lachsfischern  Oregons  sind  nicht  weniger  als  200  Indianer  un^
die  in  Alaska  gehören  gar  ganz  jener  kace  an.  Auf  de
amerikanischen  grossen  Binnenseen  werden  auch  sehr  vie
Fische  gefangen.
Die  verschiedenen  Producte  stellten  sich  der  Quan
nach  wie  folgt:  Frische  Fische  43.122.270  Pfund,  gesalzen®
Fische  16.793.440  Pfund,  gefrorene  Fische  2.181.650  Pinn  ’
geräucherte  Fische  1.721.770  Pfund,  Caviar  230.160  Pfnn  ’
Hausenblase  3.909  Pfund  und  Fischöl  5680  Gallonen.
Im  Jahre  1881  wurden  Fische  in  verschiedenen  prese
virten  Formen  für  4.004*000  Dollars  exportirt.
        <pb n="498" />
        XXX.  Capitel.
Das  Communieationswesen  der  Union.
Als  ein  Axiom  gilt,  dass  die  Union  das  zweckmässigste,
keineswegs  das  beste  Communieationswesen  der  Welt  ausgebildet ­
  hat  und  dass  ihre  Concurrenzkraft  mit  den  alten  Pro-^uctionsländern
  zum  grossen  Theile  auf  demselben  beruht.  In
^er  Regel  denkt  man  dabei  bloss  an  die  Eisenbahnen,  doch
^it  Unrecht.  Ebenso  falsch  ist  es,  wenn  man  annimmt,  die
Pflege  des  Communications  -Wesens  datire  erst  aus  der
'teueren  Zeit.
Die  Union  war  seit  ihrem  Entstehen  eine  rein  ökonomische,
keine  politische  Gemeinschaft.  Die  einzige  starke  Erschütte-""^ng,
  welche  sie  im  Bürgerkrieg  erlitt,  hatte  ökonomische
Gründe.  Der  Staatenbildungsprocess,  welcher  in  Europa  seit
der  Völkerwanderung  unausgesetzt  wüthet,  ohne  je  beendet
Werden,  der  stets  neue  Fragen  aufwirft,  die  durch  neue
Kriege  gelöst  werden  müssen,  vollzieht  sich  fast  friedlich
frühen.  Mexico  und  Canada  werden  ohne  Schwertstreich  der
^nion  anfallen.
Seither  ist  ihre  Politik  lediglich  auf  Wohlstand-  und
KeichthumsentWickelung  gerichtet  gewesen  und  ist  ihr,  als
des  Successes  hierbei,  politische  Macht  von  selbst  in
Schooss  gefallen.
Jenen  Zweck  erreichte  sie  durch  sociale  Gesetze  auf  dem
Gebiete  des  Agrar-,  Bankerott-,  Handels-,  Bank-,  Zinsrechtes
^*^d  durch  Handelsverträge,  später  autonome  Zollgesetze,  sodurch
  Verwaltungsmassregeln.  Während  jene  Gesetze  die
foduction  förderten,  beschäftigt  sich  die  Administration  seit
Jahren  gar  nicht  mehr  mit  der  Production,  destomehr  aber
den  Verkehrsmitteln.  Durch  diese  weise  Theilung  und
        <pb n="499" />
        486

doch  wieder  Combination  genirt  der  Staat  in  der  Union  die
Einzelnproduction  nie  und  fördert  doch  ausserordentlich  die
Gesammtproduction.  Der  Einzelnproducent  ist  vollkommen
frei,  wird  unter  dem  Vorwand  der  Protection  nie  genirt,  die
grossen  Productionszweige  werden  dagegen  durch  den  Staat
lebens-  und  entwickelungsfahig  gehalten.
Bezüglich  der  Communicationsmittel  herrscht  Theilung
der  Arbeit  zwischen  Union  und  den  localen  Gemeinschaften,
Staat,  Territorium,  County,  Township,  und  dennoch  zuweilen
ein  Ineinandergreifen  dieser  Organismen.
Schon  der  Präsident  Washington  wendete  die  Unionsmittel,
  welche  damals  noch  sehr  beschränkt  waren,  da  der
junge  Staat  mit  Schulden  beladen  aus  dem  Befreiungskriege
hervorging,  auf  Förderung  der  Communicationswege,  und
zwar  auf  Flussregulirungen  und  Canalbautcn.  Schon  damals
baute  man  Canäle,  welche  die  Flüsse  der  alten  Staaten
innige  Verbindung  brachten.  Seit  1823  baute  der  Staat  New-York
  den  Eriecanal  zur  Verbindung  New-Yorks  mit  den  fünf
Seen.  Seither  erfolgte  die  Besiedelung  der  an  diesen  Seen
gelegenen  Ländereien,  welche  nun  ihre  landwirthschaftlichen
Produkte  absetzen  konnten.
Kaum  war  der  Bürgerkrieg  beendet,  so  nahm  man  diese
Arbeit  an  der  Verbesserung  der  Wasserstrassen  wieder  auf-Die
  Mississippimündung  wurde  vertieft,  dieser  Fluss,  resp.  seine
Nebenflüsse  mit  '  dem  atlantischen  Ocean  durch  Canäle,  zum
Theil  vollendete,  zum  Theil  in  Bau  begriffene,  in  Verbindung
gesetzt.  Canada  betheiligte  sich  an  diesem  Werk  durch  eine
ganze  Reihe  von  Canälen,  welche  den  Lorenzo  bis  Kingston
für  grosse  Schiffe  passirbar  machen  und  neuerlich  durch  den
Weilandcanal,  der  den  Ontario  mit  dem  Eriesee  verbindet*
Dieser,  der  Eriecanal  und  der  in  Bau  begriffene  Hennepincanal,
der  den  oberen  Mississippi  mit  Chicago  verbinden  soll,  sintf
die  wichtigsten  derartigen  Wasserstrassen.  Der  Eriecanal  soH
demnächst  auch  vertieft  werden,  und  die  Schifffahrt  auf  ih^
ist  zollfrei  gemacht  worden.
Mit  wie  grossartigen  Mitteln  man  an  der  Herstellung  neuer
        <pb n="500" />
        und  Verbesserung  alter  Wasserwege  arbeitet,  geht  aus  Folgendem
hervor:
Canada  hat  den  neuen  Wellandcanal  um  mehr  als  19  Millionen ­
  Dollars  gebaut;  die  St.  Lorenzcanäle  kosten  8.5  Millionen ­
  Dollars.  Bis  Ende  Juni  1881  hatte  Canada  für  Canäle
ca.  36,  für  Staats-  und  subventionirte  Eisenbahnen  90  Millionen
Dollars  ausgegeben.  Canada  besitzt  aber  auch  Staatsbahnen,
die  Union  nicht.

Die  Union  hat  für  die  Vertiefung  der  Mündung  des  Mississippi
7  Millionen  Dollars  ausgegeben  u.  ferner  für  Hafen-,  Flussund
  Canalbauten  aus  dem  laufenden  Budget  folgende  Summen  :

Im  Jahre  1873  (endend  30,  Juni)
n  M  *874  »&amp;gt;  »•
»1  ,1  n  »1  «
,,  ,,  1876  ,1  n  M
„  1877  „  „  1,
,,  „  1878  ,,  ,,  ,,
&amp;lt;»  1,  *879  1«  M
,,  „  1880  „  „  „
,,  „  1881  ,,  11  11

5.500.000  Dollars
7.300.000  ,1
5.200.000  1,
6.600.000  „
5.000.000  ,1
8.300.000  11
9.500.000  11
8.900.000  ,1

1882
1883

„  11  400.000
18.900.000
1884  ca.  19  000.000

Summa  rund  106  Millionen  Dollars  in  12  Jahren.

Die  Einzelstaaten,  Grafschaften  und  Municipalitäten  wenden
ihrerseits  grosse  Summen  für  ähnliche  Zwecke  auf.
Man  rechnet,  dass  die  Correction  des  Mississippi  und
Seiner  Nebenflüsse  noch  50  Millionen  Dollars  kosten  und  in
^  bis  10  Jahren  vollendet  sein  wird.  Dadurch  wird  die  Ebene
zwischen  dem  Golf  von  Mexico,  der  Wasserscheide  des  Mississippi ­
  und  Redriver  of  the  North,  zwischen  dem  Felsengebirge

iitid  dem  Alleghanygebirge,  welche  wohl  800  Millionen  Acres
Anbaufähigen  Boden  enthält  und  vom  Meeresniveau  nur  bis
300  Fuss  hoch  aufsteigt,  ihre  Producte  nach  Süden  und
Dsten  auf  Wasserstrassen,  meist  flussabwärts,  ausführen  können.
Die  nördlich  hiervon  liegende  Ebene,  deren  anbaufähiger
^oden  verschieden,  von  300  bis  ^00  Millionen  Acres  angeßeben
  wird,  und  in  der  bis  jetzt  kaum  5  Millionen  angebaut
Sein  dürften,  hat  eine  schiffbare  Strasse,  den  Redriver  bis  in
den  Winnipegsee.  Die  Verbindung  dieses  Sees  mit  der  Hudson-^Ay,
  des  Nelsonriver,  wird  bald  schiffbar  gemacht  werden.
        <pb n="501" />
        Von  Westen  nach  Osten  wird  diese  Ebene  von  bereits  schiffbaren ­
  Flüssen  durchströmt,  dem  Saskatchewan  und  Asiniboine.
Eine  Canalverbindung  des  Redriver  mit  dem  Oberen  See  wird
folgen.  Die  Wasserbauten  an  diesem  System  werden  von
der  Regierung  der  Dominion  Canada  bezahlt,  später  wohl  von
den  Regierungen  der  hier  zu  gründenden  Provinzen.
Obschon  also  in  Nord-Amerika  bereits  mehr  für  Wasserwege ­
  gethan  ist,  als  in  Europa,  so  schreitet  das  Werk  doch
noch  immer  weiter  fort  und  wird  noch  bis  in's  nächste  Jahrhundert ­
  fortgesetzt  werden,  neue  Gebiete  dem  Ackerbau  erschliessend,
  billigere  Transporte  aus  schoneröffneten  vermittelnd.
Die  Union  besitzt  etwas  über  30.000  englische  Meilen  schon
jetzt  schiffbare  Flüsse  und  ca.  3000  Meilen  schiffbare  Canäle.
Unter  den  Flüssen  behauptet  der  Mississippi  entschieden  die
erste  Stelle.  Er  repräsentirt  einschliesslich  seiner  Nebenflüsse
eine  schiffbare  Wasserstrasse  von  37.000  Kilometer,  die  von
etwa  2000  Dampfern  befahren  werden  (auf  dem  Mississippi
allein  etwa  1000,  auf  dem  Rhein  beiläufig  etwa  300).  Sein
wirthschaftlich  bedeutendster  Nebenfluss,  der  das  bis  jetzt
wichtigste  Kohlen-  und  Eisengebiet  der  Union  durchschneidende,
auf  1600  Kilometer  schiffbare  Ohio,  wird  von  500  Dampfern
befahren.  Von  den  übrigen  Nebenflüssen  sind  schiffbar:  der
Missouri  auf  5000,  der  Arkansas  auf  1190,  der  White  auf
700,  der  Red  auf  530,  der  Minnesota  auf  480,  der  Illinois  auf
350,  der  Des  Moines  auf  300  Kilometer.  Die  zweite  Stelle
nimmt  der  Lorenzostrom  mit  dem  System  der  fünf  canadischen
Seen  ein.  Er  repräsentirt  mit  letzteren  in  gerader  Linie  eine
schiffbare  Wasserstrasse  von  2500  Meilen.
In  Bezug  auf  Wichtigkeit  folgen  nun  die  übrigen  in  den
Atlantischen  Ocean  mündenden  kleineren  Flüsse,  und  zwar
Connecticut  auf  400  Kilometer  schiffbar,  Hudson  auf  35°’
Susquehannah  auf  600,  Delaware  auf  350,  Potomac  auf  400,
Roanoka  auf  250,  Capefear  auf  250,  Congaree  auf  400,  Savannah ­
  auf  400,  Chattahoochie  auf  400,  Alabama  auf  50O1
Trinity  auf  400,  Brazos  de  dios  auf  350,  Colorado  auf  500
und  Rio  Grande  auf  300  Kilometer.  Hudson,  Delaware  und
Susquehannah  sind  zum  Theil  von  Kanälen  begleitet,  zum
        <pb n="502" />
        489

Theil  unter  einander  mit  solchen  verbunden,  so  dass  hier  durch
Natur  und  Kunst  ein  bewunderungswürdiges  System  von
Wasserstrassen  hergestellt  ist.  Die  in  den  Stillen  Ocean  mündenden ­
  Flüsse  sind  für  die  Schifffahrt  wenig  geeignet.  Von
grösserer  Bedeutung  ist  nur  der‘Columbia  (Oregon),  obwohl
^uch  bei  ihm  310  Meilen  von  der  Mündung  durch  Stromschnellen ­
  der  Schifffahrt  ein  Ziel  gesetzt  ist.  Der  Sacramento
’St  nur  auf  etwa  100  Meilen  schiffbar.
Die  Schifffahrt  auf  diesen  binnenländischen  Wasserstrassen
’St  entwickelter  als  in  irgend  einem  anderen  Lande  der  Welt.
Mehrere  Stockwerk  hohe,  palastähnliche  Dampfer  schwimmen
^uf  den  Binnenseen,  Flüssen  und  sogar  Canälen,  den  Passagierund
  Waarenverkehr  verbindend,  ln  erster  Hinsicht  überbieten
weit  Alles  an  Comfort,  was  wir  auf  den  Rhein-  und  Donaudampfern
  finden,  in  letzterer  Beziehung  an  Billigkeit  jedes
^^ropäische  Beispiel.  Sehr  flache  und  enge  Wasserstrassen
"werden  von  Dampfern  mit  flachem  Boden  und  einem  hinten
^’’gebrachten  breiten  aber  nicht  in  die  Tiefe  gehenden  Schaufelrade
  befahren  und  ausserordentliche  Lasten  in  dieser  Weise
Rächen  bewegt,  die  man  für  vollkommen  unschiflfbar  in
Uropa  halten  würde.  Barken  von  Immenser  Tragfähigkeit,
16.000  Mtc,  Getreide  und  dann  noch  ein  Stockwerk  voller
äumwollenballen,  und  einfachster  Construction,  also  grosser
’  l’gkeit  werden  von  Pferden  —  auf  dem  Eriecanal  —  oder
Dampfern  —  auf  den  Flüssen  —  geschleppt.
Der  Landtransport  vollzog  sich  überall  durch  die  Jahrtausende
^’’f  Saumpfaden  und  dann  auf  Landstrassen,  auf  jenen  trugen
^tthiere  die  Waaren,  auf  diesen  wurden  sie  in  Wagen  durch
J’gthiere  weiter  befördert.  Ehemals  die  Haupthandelsstrassen,
diese  Wege  jetzt  in  Europa  zu  „Vicinal  wegen“  herab-^^unken,
  und  im  grössesten  Theile  Amerikas  haben  sie  noch
^’®ses  Stadium  nicht  erreicht,  obschon  sie  dort  niemals
^’’delsstrassen  waren.  Sie  existiren  nur  in  den  älteren  Staaten
ist  die  Sorge  für  ihre  Unterhaltung  den  kleinsten  Ver-^
  tungsbe^irken,  den  Townships,  übertragen.  Die  Kosten
^^’"den  durch  direkte  Steuer  auf  jeden  Dollar  eingeschätzten
*^nd-  oder  Capitalvermögens  aufgebracht  In  den  neueren
        <pb n="503" />
        490

Staaten  ist  jede  Township  in  36  Sectionen  eingetheilt.  Jede
Section  ist  ein  Quadrat  von  .  englischen  Meile  Seitenlange
und  ist  fortlaufend  numerirt,  von  1  bis  36,  so  dass  stets
2  Sectionen  gerader  Zahl,  resp.  2  solche  ungerader  Zahl  mit  den
Ecken  aneinanderstossen,  aber  eine  grade  Zahl  seitlich  ne  en
einer  ungeraden  Zahl  liegt.  Um  jedes  solche  Quadrat  tführt  eine
öffentliche  Strasse  von  100  Fuss  Breite.  Es  schneiden  sich
daselbst  also  alle  öffentlichen  Strassen  im  rechten  Winkel,
ln  schwach  besiedelten  Gegenden  geschieht  nichts  für  diese
Strassen,  in  mittelalten  Staaten,  wie  Illinois,  Michigan,  sind  sie
noch  recht  schlecht,  ln  den  alten  Staaten,  wie  Pennsylvanien,
den  Neu  Englandstaaten,  vorzüglich.
Die  Eisenbahnen  gehen  hier  dem  Verkehr,  sogar  e
Production  voraus.  Die  Länge  der  Eisenbahnen  betrug
englischen  Meilen:

1870

1875

1879

1880

1881

Europa  .  .
America  .
Asien  .  .  .
Australien
Africa
Die  Details

Meilen
108.002
122.186
10.774
5.481
5-147

Meilen
105.429
109.521
9.948
4.889
2.904

Meilen
103.237
101.196
9.269
4.363
2.705

Meilen
89323
84.648
7.072
2.312
1-552

Meilen
64.667
58.848
5.118
1.042
956

i860
Meilen  '
32.354
33-547
844
350
298

1850
Meilen
14.551
9.604

1840
Meilen
2.131
2.85p

249.590  232.691  220.770  184.907  130.6311  67.393  24.155I  4.99®
dieser  Hauptübersicht  sind  gewiss  nicht  ohne  Interesse ­
  :

1840

1850

1860

1870

1875

1879

1880

1881

Meilen

Meilen  I  Meilen

Meilen

Meilen

Meilen
11.499
2.507
977
15.576
20.814
17.799
8
1.068
5.261
193
719
865
14.619
4.457

Mellen
11.537
2.569
987
16.208
21.113
18.037
8
1.120
5.493
200

Meilen

2.798

944

5.909

10.479

11.801

187

556

1.080

810

187

2.614

69

475

791

1.012

367

1.880

11.101

5.90

13  497

17.112

330

3.657

11.694

17.488

7.019

21.446

.33»

6.659

6.754

10.493

15.432

18.281

198

891

111

982

193

381

1.368

3.864

4.804

5.602

107

171

234

88

446

647

788

780
865
14.796
4.659

153

771

921

312

12.238

7.142

994
1.198

14  799

3.250

3.702

4.837

1.318

2.560

419

4.369  4.186
1.647}  1.648
1.041;  1.041

4  644

657

887

1.284

1.669

180

960

1.041

Oesterr.-Ung.
Belgien  .  .  .
Dänemark  .
Frankreich  .
Deutschland
Grossbritan.
Griechenland
Holland.  .  .
Italien  .  .  •
Luxemburg,
Portugal  .  .
Rumänien  .
Russland  .  .
Spanien  .  .
Schweden  une
Norwegen
Schweiz  .
Türkei

Europa  .  .  108.002  105.429I103.237I  89.323]  64.667]  32.354]  i4  55i
        <pb n="504" />
        491

1881

1880

1879

1875

1870

i860

1850

1840

Ver.  Staaten
Canada  ....
Republ.
Brasilien  .  .  .
Mexico  ....
Peru

»05.423
7.270
1.619
2.517
1.250
1.156
2.951

94.216
6.93»
»546
2.188
617
1.156
2.867

86.930
6.524
1.448
1,912
552
1.156
2.674

74.528
4.469
1.179
1.038
372
968
2.094

53*222
2.694
616
508
217
249
»342

30.812
1.891
25
»34
47
638

9.073
408
»23

2.834
25

And.Südamer.
Staaten  .  ,  .
America  .  .
British  Indien
Ceylon  ....
^va
Klein-Asien  .
Japan  .  .  .

132.186

109.521

101.196

84.648

58.848

33.547

9604

2.859

9936
»39
3»8
284
99

9.205
»38
283
246
76

8.598
»»9
238
246
68

6.559
91
163
221
38

4.804
74
94
146

844
=

—

—

Asien  .  .
Egypten  .  .  .
Algerien  und
cl“"  ■  •  •  •

»0.774

9.948

9.269

7.072

5.»»8

844

—

—

949
984
967
106
»4»

934
878
911
106
75

934
856
756
93
66

955
377
»49
5
66

650
166
69
5
66

298

—

—

Keunion
Africa.  .
Neu-Süd  wales
Neu-Seeland  .
Queensland  .
^ödaustralien
^asmania  .  .
S"”'“  •  ■  •
West  -Austral.
Australien
Total  .

3.  »47

2.904

2.705

»552

956

298

—

—

1.047
?  »  344
761
844
»72
1.221
92

855
1.266
637
681
172
1.206
72

741
1.178
506
562
172
1.132
72

439
545
266
252
»5»
621
381

337
44
207
»34
43
277

125
47
»78

—

—

5.481

4  889!  4.363'  2.312!  1.042

359

—

249.590

232.6911220.7701184.907  130.631,1  67.393

24.»55

4.990

Hie  Union  hatte  ult.  i88i  =  104.813  Meilen  in  Betrieb,
im  Jahre  1882  10.821  neue  Meilen  gekommen  sind,  so
ass  die  Union  ult.  1882  =  115.634  Meilen  Bahnen  besass.
^^ada  hat  über  10.000  Meilen  im  Jahre  1883,  ult.  1881  —
7-260  Meilen.
Der  Eisenbahnbau  ist  von  Staats  wegen  bedeutend  geför-Worden,
  doch  auf  ganz  andere  Weise,  als  dies  in  Europa
Geschieht.  ~
In  Canada  ist  ein  grosser  Theil  der  Eisenbahnen  vom
aate  erbaut  und  wird  vom  Staate  betrieben.  In  der  Union
S*ebt  es  keine  einzige  Staatsbahn,  aber  über  1500  Privat-*^nbahn
  -  Actiengesellschaften.
Der  Bahnbau  durch  dieselben  ist  von  manchen  Städten,
        <pb n="505" />
        Counties  oder  Einzelstaaten,  theils  durch  Subventionen,  meist
durch  Actienzeichnungen,  subventionirt  und  gefördert  worden.
Ein  grosser  Theil  der  Staats-Schulden  in  den  westlichen
Ackerbaustaaten  rührt  von  Subventionen  der  Bahnen,  aus
Brückenbauten  und  Flussregulirungen  her.
Die  Unionsregierung  hat  Eisenbahngesellschaften,  welc  e
durch  Staaten  und  Territorien  Bahnen  bauten,  in  denen  die
Unionsregierung  noch  nicht  occupirte  und  also  ihr  gehörige
Ländereien  besass,  Landgrants  oder  Dotationen  gemacht,  un
zwar  in  folgender  Weise:
Die  neuen  Staaten  und  Territorien  setzen  sich,  wie  gesagt,
aus  lauter  Quadraten  von  je  i  englischen  Meile  Seitenlange
zusammen,  aus  Sectionen.
Die  Union  reservirt  sich  alle  mit  geraden  Zahlen  numerirten
  Sectionen,  also  auf  dem  Schachbrett  die  weissen  Felder,
welche  sie  als  Homesteads  an  Ansiedler  giebt  oder  verkauft,
die  Sectionen  mit  ungerader  Nummer  sind  oft  Eisenbahnactien-Gesellschaften
  als  Bausubvention  verliehen  worden.  Der  Zweck
dieser  merkwürdigen  Vertheilung  der  Sectionen  ist,  es  zu  verhindern, ­
  dass  Latifundien  entstehen,  deren  Bestand  man  mit
der  Existenz  einer  Republik  für  unvereinbar  halt.
Die  Eisenbahngesellschaft  erhält  nun  die  ungeraden  Sectionen ­
  in  5  oder  i  o  oder  20  englischen  Meilen  Breite  an
jeder  Seite  der  Eisenbahntrace  und  kann  diese  Sectionen  nach
Belieben,  einzeln  oder  viele  an  einen  oder  mehrere  Käu  er
und  zu  beliebig  hohem  Preise  verkaufen.  Auf  diese  Weise
sind  ca.  48  Millionen  Acres  Land  von  der  Union  an  Eisenbahngesellschaften
  verliehen  worden.
Bei  manchen  Eisenbahngesellschaften  ist  dieses  an
mehr  werth  als  der  Bahnbau  kostete.  Es  ist  hier  natür  ic
viel  Schwindel  getrieben  und  sind  unerhörte  Vermögen  dure
combinirte  Speculation  in  Eisenbahnfonds  und  Eisenbahnland
gemacht  worden.
Immerhin  wurde  durch  diese  Art  von  Eisenbahnsub
tion  der  Bahnbau  durch  vollkommen  unbewohnte  ®
möglich,  ohne  dass  die  Regierung  hätte  Schulden  seinetha  e
machen  müssen.  Die  Eisenbahncompagnien  suchten  dure
        <pb n="506" />
        493

Reclame,  oft  auch  durch  Transportbegünstigungen,  Ansiedler
auf  das  Ihnen  gehörige  Land  zu  ziehen,  verkauften  es  ihnen
billig  und  gegen  ratenweise  Abzahlung  in  5  bis  11  Jahren
und  haben  auf  diese  Weise  ausserordentlich  viel  zur  Ansiedelung ­
  des  fernen  West  beigetragen.  Die  Preise  betragen
von  2—8  Dollars  per  Acre.
Nur  eine  Eisenbahn,  jene,  welche  von  Omaha  nach  Californien ­
  führt  und  sich  aus  zwei  Compagnien  zusammensetzt,
der  Union-  und  der  Central  -  Pacific,  ist  mit  einer  Geldsubvention ­
  bedacht  worden,  weil  sie  für  die  Erhaltung  der
Einheit  der  Union  von  fundamentaler  Bedeutung  war.  Sie  ist
die  einzige  Bahn,  welche  aus  politischen  oder  strategischen
Gründen  in  der  Union  gebaut  wurde.  Im  Jahre  1883  entstand
das  Projekt,  von  New-York  über  Chicago  nach  San  Francisco,
zwischen  Union-  und  Nordpacificbahn,  eine  schmalspurige
Rahn,  lediglich  zur  Vermittelung  billigen  Gütertransports,  zu
bauen.  Die  schmalspurigen  Bahnen  haben  sich  in  Colorado
und  dessen  Grenzstaaten  sehr  bewährt.
Aehnliche  Rücksichten  haben  die  canadische  Regierung
geleitet,  als  sie  die  Verbindung  der  von  Winnipeg  nach  Westen
und  Osten  auslaufenden  Canada-Pacific-Eisenbahn  nördlich
des  Oberen  und  des  Huronen  Sees  zum  Anschluss  mit  dem
Rahnnetz  von  Ostcanada  brachten.
In  Mexico  werden  die  dort  seit  einigen  Jahren  gebauten
Rahnen  theilweise  mit  Land,  und  wo  solches  nicht  mehr  unoccupirt
  vorhanden  ist,  mit  Geldsubvention  durch  den  Staat
gefördert.  Man  verspricht  bis  10.000  Dollars  Subvention  per
^^glische  Meile,  doch  dürfte  die  mexicanische  Regierung
Schwerlich  das  Geld  zur  Auszahlung  dieser  Subvention  haben.
Allein  sobald  die  Union  Mexico  annectirt  haben  wird,  werden
diese  Garantietitres  so  gut  wie  Baargeld  sein,  wie  schon  die
Vollkommen  entwertheten  texanischen  Staatspapiere  durch  An-Schluss
  von  Texas  an  die  Union  auf  Pari  kamen.  Congress-^itglieder,
  Politiker  und  Börsenspeculanten  haben  damals  viele
Millionen  gewonnen,  und  ein  ähnliches  Geschäft  in  Mexicanern
^^bnt  sich  ganz  augenscheinlich  an.
r)ie  Anlage  von  Capital,  namentlich  von  europäischem.
        <pb n="507" />
        494

in  amerikanischen  Eisenbahnfonds  hat  sich  als  ein  höchst  unsicheres ­
  Geschäft  herausgestellt.  Die  schwindelhafte  Speculation
der  Eisenbahnkönige  ist  überhaupt  eine,  auch  für  die  innere
Ruhe,  für  den  socialen  Frieden  der  Union,  höchst  bedenkliche
Sache.  Indess  lässt  sich  nicht  leugnen,  dass  die  amerikanischen
Eisenbahnmagnaten,  wenn  sie  in  Fondsspeculation  und  in  Tarifdruck ­
  viel  sündigten,  andererseits  Enormes  für  die  Union
leisteten  und  sich  dadurch  sehr  vortheilhaft  vor  unseren  europäischen ­
  Börsenspeculanten  auszeichnen,  welche  nichts  schaffen
als  „Differenzen  des  Werths“.  Der  einzige  Mann,  welcher  es
ihnen  nachthun  wollte,  Strousberg,  ist  nicht  nur  elend  verkracht, ­
  sondern  die  Paar  Hundert  Meilen  Bahnen,  die  er  wirklich, ­
  nebenbei  schlecht  genug,  fertig  stellte,  verschwinden  ja
vollständig  gegen  die  Tausende  von  Meilen,  welche  die  grossen
amerikanischen  Eisenbahnmagnaten  beherrschen  —  von  denen
sie  den  grössten  Theil  aber  auch  selbst  schufen,  und  das  durch
Wildnisse,  durch  und  über  die  unwegsamsten  Gebirge  und  mit
unendlichem  Risico.  Es  sind  heillose  Schwindler  unter  den
Eisenbahnkönigen,  aber  es  giebt  auch  wahrhaft  geniale  Schöpfer
unter  ihnen.  Das  Skandalöse  liegt  in  der  planmässigen  Entwerthung
  und  dann  wieder  Haussirung  der  Fonds,  wobei  die
kleinen  Capitalisten  die  Verlierer  sind.  Die  europäischen
Banquiers,  welche  hier  solche  Fonds  an  den  Mann  brachten,
haben  dafür  bis  25  Percent  Provision  erhalten.
Ueber  den  Umfang  dieser  Speculationen  muss  ich  doch
einige  Details  beibringen.
Ein  grosser  Eisenbahnbauer  und  Spéculant,  Jay  Gould,
hat  1881  ein  Eisenbahnnetz  von  7000  englischen  Meilen  begonnen ­
  und  gedachte  es  in  zwei  Jahren  zu  vollenden.  Er
hatte  1881  angeblich  schon  für  25  Mill.  Dollars  „Bonds“,  d.  h.
Obligationen,  auf  dieses  Netz,  von  dem  noch  keine  Bahnlinie
fertig  war,  in  Europa  placirt.  Wohl  bei  Bankiers,  welche
diese  schätzbaren  Papiere  europäischen  Capitalisten  anzuhängen
gesucht  haben.  Sein  von  ihm  beherrschtes  System  besteht
aus  der  Wabash-St.  Louis-  und  Pacificbahn  von  Detroit,  Toledo
und  Chicago  nach  St.  Louis,  Omaha,  St.  Joseph  und  Cansas
City,  ca.  3000  Meilen;  der  Missouri-Pacific-Bahn  von  St.  Louis
        <pb n="508" />
        495

Eisenbahnmeilen

12.914  646.500.000  D.

und  Kansas  City  nach  Leavonville,  Atchinson,  St.  Joseph,  Omaha;
der  St.  Louis-  und  Iron  Mountain  and  Southern-Bahn,  der
Missouri-Kansas-  und  Texas-Bahn,  der  International-  und
Great  Northern-Bahn,  der  Texas-  und  Pacific-Bahn,  welch
letztere  nach  Mexico  und  nach  der  Südsee  führen,  deren
östlicher  Terminus  aber  New-Orleans  ist.  Noch  im  Jahre
1881  sollte  dies  System  complet  fertig  werden,  von  New-Orleans
im  Südosten  bis  El  Paso  del  Norte  im  Westen,  Laredo  in
Texas  im  Süden  und  Omaha  im  Norden,  7000  Meilen  neue
Bahnen  umfassen.  Alle  Bahnen  werden  einheitlich  verwaltet
Von  Mr.  Talmadge  in  St.  Louis.  Die  östliche  Verbindung
dieses  Systems  liegt  in  Wabash  und  knüpft  hier  an  von  Gould
controlirte  Linien  an,  die  durch  Canada  führen  bis  zum  Atlantischen ­
  Ocean  auf  canadischem  Gebiete,  und  südlich  davon  bis
New-York.  Dazu  gehört  die  Great-Western-Bahn  in  Canada,
die  Delaware*  und  Lackawanna-Bahn  und  die  Jersey-Central-Bahn.
  Dazu  kommen  die  für  Mexico  concessionirten  Bahnen,
Besonders  Laredo  -  Mexico,  600  Meilen  lang,  über  Meir,  San
Tanda,  Jiminez  und  Victoria.  Von  da  soll  die  Bahn  nach  Vera
^tiz,  nach  Jesus  Maria  und  Matamoras  fortgesetzt  werden.
1er  war  also  eine  treffliche  Gelegenheit  für  europäisches  Capisich
  von  Herrn  Jay  Gould  „fructificiren“  zu  lassen!  Der
Osten  Voranschlag  per  Meile  lautete  auf  20.000  Dollars  —
wirklichen  Kosten  wurden  auf  8000  Dollars  taxirt;  aber
Dollars  ergeben  7000  Meilen  140  Millionen  Dollars
’’Bonds  und  Stock.«
Mr.  Jay  Gould  ist  auch  der  Beherrscher  der  Telegraphie
Union;  die  Western  Union-Telegraphen-Compagnie  wurde
1  von  ihm  durch  Verschmelzen  mehrerer  Concurrenz-^titernehmen
  gegründet,  und  das  Telegraphiren  ist  nun  Mono-Btil,
  der  Tarif  deshalb  auch  etwa  drei  Mal  so  hoch  als  auf
Continent  von  Europa.  Gould  „controlirte«  1881:
¡Actiengesellschaft  Meilen  in
Tg,  Operation
:::::::::::  ::
East.i  .  "'Houston-  Henderson-Bahn  50
^aba  Red  River-Bahn  134
Unif.  Louis  und  Pacificbahn  2746
j^&amp;gt;on-Pacificbahn  3446
tDriental-Systembahn  1200
**‘n-Union-Telegraph

Investirtes
Capital
69.200.000  D.
160.000.000
2.500.000
5.000.000
93.000.000
180.000.000
50.000.000
86.000.000
        <pb n="509" />
        496

Von  dieser  Summe  von  646'/%  Millionen  Dollars  soll
Gould  durch  seine  „controlirende“  Thätigkeit  schon  60  Millionen ­
  aus  den  Taschen  der  Actionäre  in  „sein  Eigenthum“
verwandelt  haben,  die  anderen  können  nun  schneller  denselben ­
  Weg  gehen  und  die  Actionäre  können  dann  später
lesen,  wie  sein  Sohn  Prachtbauten  aufïùhrt  und  Künstler  unterstützt ­
  —  das  thut  ja  der  junge  Vanderbilt,  zum  Stolze  der
Amerikaner,  jetzt  mit  dem  Gelde,  das  sein  Vater  durch  „Controliren“
  des  Actiencapitales  der  von  ihm  beherrschten  Bahnen
aus  den  Taschen  der  Actionäre  in  sein  Privateigenthum  verwandelte. ­
  Auf  anderem  Gebiete  gehört  dies  Verfahren  der
Geschichte  an:  die  schottischen  Clanshäuptlinge,  Vorfahren
des  jetzigen  schottischen  Adels,  verwandelten  den  Grund  und
Boden,  auf  dem  ihr  betreffender  Stamm  sass  und  der  Stammeseigenthum ­
  war,  in  ihr,  der  Häuptlinge,  Privateigenthum.  Ihre
Nachkommen  sitzen  heute  noch  darauf  und  der  Stamm  „»s
gone“,  ist  ausgewandert.  Auf  dem  Gebiete  des  beweglichen
Capitales  vollziehen  sich  solche  Transformationen  des  Eigenthumes ­
  natürlich  schneller  als  auf  jenem  des  Grundbesitzes,
aber  nicht  weniger  radical.  Americanische  Actionäre  haben
das  Schicksal  schottischer  Clansleute.
Diese  Sache  giebt  noch  zu  der  erbaulichen  Betrachtung
Anlass,  dass  heutzutage  die  „Anlage  von  Capital“  in  Fonds
allgemein  unsicher  wird,  was  Viele  beklagen.  Die  Kirche
hat  das  Naturgesetz  anerkannt,  dass  das  Capital  unproductiV
ist  und  gefordert,  dass  dasselbe  es  bleibe;  daher  Zinsverbote
etc.  Die  moderne  Entwicklung  hat  diese  Lehre  zu  einer
scheinbaren  Absurdität  gemacht.  Das  Capital  wurde  von  der
modernenNationalöconomie  zum  Haupt-,  ja  zum  Productions
factor  an  sich  gemacht.  Es  entstand  der  Begriff  des  Cap»'
talisten  als  Arbeitgeber  und  damit  als  Brodherrn.  ^
entstand  das  ungemessene  Recht  des  Capitales  auf  jeden  be
liebigen  Zins  und  dazu  oft  noch  auf  Unternehmergewinn
Form  von  Dividende.  Thatsächlich  reisst  in  ganz  Europ^
das  Capital  den  ganzen  Ertrag  der  Unternehmung  an  sic
und  lässt  der  Arbeit  nur  Ernährungsfutter  als  Lohn
Amerika  noch  etwas  mehr.  Das  Capital  ist  also  heute  schein
        <pb n="510" />
        497

immens  productiv!  Allein  im  selben  Momente,  da  sein
Ertrag  ohne  objective  Grenze  ist,  schwindet  oft  seine  Substanz ­
  in  den  Händen  des  actuellen  Besitzers.  Nicht
Wos  indem  es  in  die  Hände  eines  Listigen  und  Capitalmäch-^igeren
  übergeht,  wie  im  oben  skizzirten  Falle.  Es  wird  oft
durch  Concurrenz  und  Krisis,  ohne  Schuld  des  Unternehmers,
seiner  Substanz  vernichtet,  was  ich  hier  nicht  weiter  ausführen
  will.  Am  schnellsten  erfolgt  die  „Verduftung“  des
papitales,  wenn  es  nicht  in  der  Hand  des  Besitzers,  sondern
einer  fremden  Unternehmung  steckt,  d.  h.  wenn  Capital
Und  Arbeit  vollkommen  getrennt  sind.  Wer  mit  seinem
^pitale  arbeitet  oder  ihm  bekannte,  zuverlässige  Leute  damit
arbeiten  lässt,  läuft  auch  Chancen,  kann  auch  Verluste  haben,
Wie  er  gewinnen  kann;  aber  selten  riskirt  er  sein  ganzes  Capital. ­
  Wer  es  aber  in  ein  Actienunternehmen  und  in  andere
onds  steckt,  riskirt  sehr  oft  Alles.  Der  Vernichtungsprocess
souverän  gewordenen  Capitales  wird  immer  grösser,  je
Weiter  sich  sein  Wirkungskreis  über  alle  Länder  ausdehnt  und
schneller  die  Capitalcirculation  zwischen  diesen  Ländern
^wd.  Es  entstehen  vollständige  Capital-Massenabschlachtungen
Seiten  der  Krisis  und  schliesslich  muss  dies  System  des
»  reien  Capitales“,  das  allein  productiv  blieb,  sich  selbst  verten.
  Mit  der  Freiheit  und  Productivität  des  Ca-^
  t^les  wächst  seine  Unsicherheit.  Die  Kirche  wird  ein-^
  ^^rer  Lehre  vom  Capital  wieder  zu  Ehren  kommen.
Solche  Leute,  die,  wie  Mr.  Jay  Gould,  viele  tausend
*  amerikanischer  Eisenbahnen  ,,controliren“,  giebt  es
H  ^^"^^t'bilt  beherrscht  die  New  -York  Central-  und
^  ^  ^*^*^*Eiver-Bahn,  die  Lake  Shore-  und  Michigan-Southern-Canada-Southern
  und  Michigan-Centralbahn;  Mr.  Garret
Baltimore  -  Chicago  -  Bahn;  Mr.  Hutchinson,  Stanfort  und
ganze  californische  System;  Mr.  Villard  die  Bahnen
^  ^'"^gon,  die  Northern-Pacific-Bahn  und  soll  neulich  auch
uss  auf  die  Canada-Pacihc-Bahn  gewonnen  haben,
si  K  amerikanischen  Bahnen  ist  nur  Derjenige  seines  Geldes
"^^Icher  so  viele  Actien  besitzt,  dass  er  die  Gene-^fsammlung
  beherrscht,  alsdann  „controlirt“  er  die  Bahn
32
        <pb n="511" />
        und  kann  die  Actionäre  und  Bondholders  nach  Belieben
plündern.
Für  die  Fondsbesitzer  solcher  Eisenbahnen  ist  das  natürlich ­
  schmerzlich.  Sie  werden  viel  Capital  verlieren,  um  so
mehr,  da  manche  neue  Bahn  nicht  rentiren  wird.  Allein  diese
Bahnen  werden  unter  den  Hammer  kommen,  grade  wie  nach
dem  Krach  des  Jahres  1873,  wo  etwa  150  Eisenbahn-Actiengesellschaften
  zwangsweise  versteigert  und  etwa  eine  Milliarde
Dollars  an  Eisenbahnfonds  verloren  wurde.  Diese  Bahnen
haben  dann  ein  geringeres  Actiencapital  zu  verzinsen  und
können  billiger  verfrachten.  _
Der  Bau  und  die  Ausstattung  der  Eisenbahnen  ist  in  der
Regel  zweckmässig  und  ökonomisch.  Die  Stationsgebäude
einiger  alten  und  reichen  Bahnen  in  grossen  Städten,  wie
Chicago  und  New-York,  sind  prachtvoll,  doch  bilden  diese
eine  verschwindende  Ausnahme.  Im  Allgemeinen  sind  sie
sogar  in  grossen  Städten  äusserst  einfach  und  billig  bergestellt.
  In  den  jüngeren  Staaten  auf  der  Strecke  ausnahmslos
aus  Holz,  sehr  einfach  und  leicht  gebaut,  bieten  sie  Personen
und  Gütern  einfach  ein  Obdach.  Die  Restaurationen  sind
leider  meist  herzlich  schlecht,  doch  haben  einige  Bahnverwa  -
tungen  für  gute  Küche  gesorgt.  Wir  trafen  dergleichen
zwischen  New-Orleans  und  San  Antonio,  auf  der  Atchinson-Topeka-
  und  Santa-Fe-Bahn  und  in  Californien.  Einige
Seilschaften,  welche  Eilzüge  auf  weiten  Strecken  beförde^»
haben  Speisewaggon  nebst  Küche  dem  Schnellzuge  angehanÇ&amp;gt;
worin  man  nicht  gerade  sehr  comfortable  sitzt  und  nic
lucullisch,  aber  immerhin  erträglich  speist  und  durch  die  man
Zeit  spart.  1,
In  Amerika  werden  die  Schwellen  einfach  auf  den  m  ^
lirten  Boden  gelegt  und  die  Schienen  ohne  weiteres  darau
befestigt.  Das  Geleise  entwickelt  sich  mit  schwachen  Kru^
mungen,  aber  starken  Gefallen,  möglichst  dem  Boden  sic^
anschmiegend,  um  geringe  Durchstiche  und  kleine  Dämme  un
so  wenig  als  möglich  Tunnels  zu  haben.  Brücken  und  hölzer  ^
Gerüste  ersetzen  jene  häufig.  Die  Linien  sind  im  Allgemein^
weder  mit  Einfriedigungen  noch  mit  Barrieren  versehe  •
        <pb n="512" />
        499

Bahnwärter  giebt  es  nicht,  sie  werden  durch  die  grossen  vor
den  Locomotiven  befestigten  Kuhfanger  ersetzt,  welche  Steine
oder  auch  über  die  Bahn  wandelndes  Vieh  im  Fahren  wegräumen. ­
  Dazu  bedient  man  sich  gewaltiger  Locomotiven  und
Schwerer  Wagen  von  der  doppelten  Länge  der  gewöhnlichen
europäischen,  welche  eine  grössere  Garantie  gegen  die  Entgleisung ­
  darbieten.  Für  den  Personen  -  Verkehr  werden  die
Billete  während  des  Fahrens  gelöst,  und  der  Güter-Verkehr
Wird  durch  besondere  Speditions-Gesellschaften  besorgt,  welche
dafür  verantwortlich  sind  und  den  Bahnen  eine  Pachtmiethe
zahlen.  Alle  diese  enormen  Vereinfachungen  werden  wieder
einigermassen  geschmälert  durch  den  hohen  amerikanischen
Arbeitslohn.
I^ie  Fahrgeschwindigkeit  auf  solchen  Bahnen,  z.  B.  zwischen
Chicago  und  New-York,  von  Boston  nach  New-York,  Philadelphia, ­
  Baltimore  und  Washington  ist  gross,  bis  55  englische
feilen  per  Stunde.  Wir  haben  grössere  Fahrgeschwindigkeit
Europa:  Von  Zügen,  welche  eine  Gesammtstrecke  von  mehr
500  Kilometer  durchlaufen,  ist  der  schnellste  der  Expresszug
Condon-Sheffield-Edinburgh.  Derselbe  legt  einen  Kilometer  in
^•91  Minuten  zurück.  Ihm  zunächst  kommt  der  Expresszug
Grlin-Cöln,  der  zur  Durcheilung  derselben  Distanz  i.oi  Minuten
^Gnöthigt.  Es  folgen:  für  eine  Distanz  von  400  bis  500  Kilo-*^^tern
  der  Courierzug  Cöln-Bremen-Hamburg  mit  i.  12  Minuten
P^r  Kilometer;  für  eine  Distanz  von  300  bis  400  Kilometern
Expresszüge  London-Salisbury-Ply  mouth  mit  i.oo  Minute
^ud  Bristol-Plymouth  mit  1.02  Minuten  per  Kilometer.  Von
Zügen,  welche  kürzere  Strecken  bis  zu  300  Kilometer
^^rücklegen,  ist  der  schnellste  der  Expresszug  London-Sitting-J^Wn-Dover,
  der  einen  Kilometer  in  blos  0.837  Minuten  zurück-St,
  der  schnellste  aller  Eisenbahnzüge  Europas.  Ihm  zunächst
^^^ht  der  Concurrenzzug  London-Tunbridge-Do  ver,  welcher  zu
^‘^en  Kilometer  0.86  Minuten  braucht.  Die  nächstschnellen
‘^d  die  Expresszüge  Paris-Boulogne-Calais  mit  i.oi  Minuten
Berlin-Hamburg  mit  1.06  Minuten  per  Kilometer.
Im  Allgemeinen,  und  namentlich  im  Süden  und  in  den
Staaten  des  Westens  fahrt  man  langsamer  als  in  Europa.
32*
        <pb n="513" />
        500

Sonntags  geht  in  der  Regel  nicht  mehr  als  ein  Zug  in  jede
Richtung  von  einem  Ort  aus  und  stellenweise  gar  keiner,  was
sehr  zu  billigen  ist.  Wärterhäuser  auf  der  Strecke  giebt  es
nur  an  wenigen  Bahnen  und  auch  hier  nur  an  Uebergangsstellen.
  ln  dünn  bevölkerten  Gegenden  springt  ein  Mann  vom
Zugpersonal  vor  einer  Weiche  ab,  der  Zug  geht  langsam,  der
Mann  stellt  die  Weiche  und  springt,  nachdem  der  Zug  passir
ist,  in  den  letzten  Wagen.  Oft  besteht  das  ganze  Zugpersona
aus  zwei,  selten  aus  mehr  als  drei  Personen;  der  Locomotivfdhrer
  coupirt  die  Billets,  während  der  Heizer  die  Locomotive
allein  besorgt.  Höchstens  giebt  es  ausser  diesen  Beiden  nocn
einen  Billetcontroleur.  Auf  kleinen  Bahnhöfen  findet  man
zwei,  höchstens  und  selten  drei  Personen.  Den  sorgsam  umformirten,
  garnichts  thuenden  Gentleman  =  Bahnhofsinspec
giebt  es  nicht.  Bahnhofsinspection,  Telegraphie,  Billetausga
besorgen  in  der  Regel  zwei  Leute.  Für  die  Waaren  und  das
Gepäck  sind  Arbeiter  nach  Erforderniss  des  Betriebes  und
des  Verkehrs  aufgenommen.  Auch  in  den  Centralbureaux  e
grossen  Bahnen  giebt  es  nur  eine  unglaublich  kleine  Zah  J
doch  sehr  gut  gestellter  Beamten.
Der  General  -  Manager  steht  souverän  über  allen.
Frachtagent  befasst  sich  nur  mit  den  Frachttarifen  und  em
Suchen  von  Fracht.  Der  Passagieragent  thut  dasselbe  bezüglich ­
  der  Passagiere.  Mit  allen  Mitteln  der  Reclame  suche
diese  beiden  Männer  ihrer  Bahn  Verdienst  zu  verschaffen  km
Chefingenieur  hat  alles  Technische  unter  sich  und  bei  Bahnen,
welche  Landgrants  besitzen  und  Land  zu  verkaufen  sue  e  »
ist  hierfür  ein  Landagent  angestellt.  Jeder  dieser  vier  Beamte
ist  souverän  in  seinem  Ressort,  allein  dem  General-Manage  ,
dieser  dem  Board  of  Directors  verantwortlich.  Das  Gescha
wird  lediglich  kaufmännisch  betrieben,  mit  der  Absicht,  vie
Geld  einzunehmen  und  wenig  auszugeben.  .  ,  „r
Das  Personal,  namentlich  die  Locomotivführer,  sin  n
theilweise  gut  geschult,  weil  der  Bahnbau  sich  schneller  en
wickelt,  als  die  Zahl  der  geschulten  Beamten  wachst.
Vergleich  mit  Europa  bezüglich  der  bewegten  Lasten  un
Personen  wird  in  Amerika  ein  unglaublich  kleines  Person
        <pb n="514" />
        •  50*

von  den  Eisenbahn  -  Compagnien  verwendet.  Die  Bezahlung
Einzelnen  ist  dagegen  ausserordentlich  viel  höher,  doch
giebt  es  keine  Pensionen.
Die  Brücken  sind  meist  von  Holz  gebaut,  doch  geschieht
Weniger  Unglück,  als  man  annehmen  sollte.  Unglaubliche
Hindernisse  sind  in  den  Gebirgen  überwunden.  Im  engen
Arcansasthale  ruht  der  Schienenkörper  eine  sehr  lange  Strecke
einem  an  einer  Felswand  aufgehängten  und  unten  in  sie
eingesteiften  Balcon.*  In  den  Gebirgen  von  Colorado  giebt  es
Wohl  über  6000  Meilen  schmalspurige  Bahnen.  Die  eine  führt
ca.  10.000  Fuss  Höhe  durch  den  Vetapass,  steigt  bis  zu
**•524  Fuss  auf  und  führt  hier  durch  einen  1800  Fuss  langen
Tunnel.
Kurz,  es  giebt  viele  Gebirgsbahnen,  welche  weit  grössere
Schwierigkeiten  überwinden,  als  die  berühmte  Semmeringbahn,
**nd  doch  sehr  viel  weniger  Geld  zu  bauen  kosteten.  In  der  Prairie
Weststaaten  baut  man  die  englische  Meile  Bahn,  nebst
^llem  rollenden  Material  schon  um  ca.  15.000  Dollars,  d.  h.
*****  etwa  163.000  fl.  die  geographische  Meile,  ja  man  soll
Einige  Secundärlinien  um  10.000  Dollars  per  englische  Meile
^^rgestellt  haben.  Natürlich  kostet  dort  der  Grunderwerb  nichts.
Arbeitslohn  und  Eisenzoll  vertheuern  den  Bahnbau  unge-***ein.
  Die  Tonne  Stahlschienen  kostete  ult.  1882  in  England
^6  Dollars,  Transport  und  Spesen  bis  New-York  5  Dollars,
^11  nicht  weniger  als  28  Dollars,  so  dass  die  Tonne  in  Newotk
  auf  59  Dollars  zu  stehen  kam.  Durch  den  neuen  Zoll-^*’*f
  ist  dieser  Zoll  erheblich  herabgesetzt  worden.
Folgende  Uebersicht  lässt  den  Einfluss  von  Aufschwung
'***^  Krisis  erkennen:

a  hr.

i|í

Actien-  u.
Obligat.-Capital.

100  000  D.

Brutto-Einnahme.

1000  D.

Netto-Einnahme.

1000  D.

Fracht-Einnahme.

1000  D,

Passagiergeld-


1000  D.

Gezahlte
Dividendej

1872
'873
1877
»878
&amp;gt;88i

57.323
66.237
74.»  12
78  960
94.486

3.  »59
3.784
4.568
4.589
6.010

465.241
526.419
472.900
490.103
725.325

'65.754
183.810
170.976
»87575
276.654

340.93»
389.035
347.704
365.466
55»  968

»32  309
»37.384
»25.204
»24.637
»73.356

64.418
67.120
58.556
53.629
93-344
        <pb n="515" />
        502

Für  ultimo  i88i  hat  man  104.325  Meilen  Bahnen,  wovon
49.063  mit  Stahlschienen,  mit  20.1  i6  Locomotiven,  14.548  Passagierwagen, ­
  648.295  Frachtwagen,  in  welche  investirt  waren
3.195.438.156  Dollars  Actien-,  2.890.498.364  Dollars  Obligationscapital,
  die  212.766.267  Dollars  andere  Schulden  hatten.
Summa  6.314.699.787  Dollars  kosteten.  Die  Dividende  betrug,
wie  oben,  93.344.200  Dollars.  Dies  ungeheure  Capital,  jetzt
schon  über  7  Milliarden  Dollars,  ist  eine  höchst  gefährliche
sociale  Macht,  zumal  es  in  wenig  Händen  grossentheils  liegt.
Allein  das  Volk,  an  Selfgovernment  gewöhnt,  beweist,  dass
für  ein  solches,  unterrichtetes  Volk  dieses  Selfgovernment
eine  Macht  ist,  die  selbst  mit  jenem  Capital  kämpfen  kann.
Hat  doch  selbst  Californien  jetzt  eine  Eisenhahncommission
und  zwingt  seinen  Eisenbahnmagnaten  einen  Maximaltarif  auf  •
Die  Baukosten  der  Bahnen  sind  nach  den  Staatengruppen
sehr  verschieden.  Es  gab:

Staaten.

Meilen
Bahn.

Capital
1000  D.

Capital
per  Meile.

N.  England-Staaten
Mittel-Staaten
Süd-Staaten
West-  u.  Südwest-St.
Pacific-Staaten
Vereinigte  Staaten

6.161
15-933
18.004
58.226
5.948
104.324

321.074
1.416.450
672.117
2.772.10g
396.888
5.577.996

52.100
88.800
37.300
47.600
66.700
53  400  .

Die  6.112  Meilen  Bahnen  in  Jowa  kosten  nur  12.000  Dollars

durchnittlich.
Die  Schienen  werden  neuerdings  nur  aus  Stahl  gemac
und  sind  bei  vielen  alten  Bahnen  die  Eisenschienen  dure
Stahlschienen  ersetzt  worden.  Anfangs  ist  fast  jede  Baha
eingleisig  und  wird  erst  zweigleisig,  sobald  der  Verkehr
erfordert.
Die  Wagen,  sowohl  Fracht-  als  Personenwagen,  sind
länger,  als  dies  in  Europa  üblich  ist,  so  zwar,  dass  ein  Vie
wagen  18  bis  22  fette  Ochsen,  oder  60  solche  Schweine,  oder
70  Schafe,  ein  Getreidewagen  500  Bushels  oder  30.000  l^s*
transportiren  kann,  d.  h.  134  Metercentner  oder  175  Hectoliter-In
  Europa  fasst  der  Waggon  nur  8  Ochsen,  40  bis  50  Schwein®
        <pb n="516" />
        503

(Doppeletagenwagen),  i6o  Schafe.  Nun  ist  ein  grosser  Wagen
immer  billiger  als  zwei  kleine  Wagen,  welche  dasselbe  Quantum
transportiren  als  er,  er  hat  aber  weniger  Zugkraft  nöthig,  der
Transport  in  ihm  ist  also  billiger.
Ferner  hat  man  zwar  zwei  Passagier-Wagenklassen,  allein
die  zweite  giebt  es  nicht  auf  allen  Zügen  und  eigentlich  nur
in  Staaten  mit  Negerbevölkerung,  in  anderen  Staaten  wird  der
II.  Klassewagen  meist  von  Passagieren  der  ersten  Klasse  als
Rauchcoupe  benutzt.  Man  hat  also  in  jedem  Waggon  eigentlich ­
  nur  Waggons  I.  Klasse  und  einen  Rauchwaggon  II.  Klasse.
Zwischen  grossen  Städten  und  auf  durchgehenden  und  Schnellzügen ­
  giebt  es  Pullman-  Schlaf-  und  Salonwagen,  welche  die
Pullman-Actien-Gesellschaft  stellt,  die  also  der  Bahngesellschaft
nichts  kosten.  Um  sie  zu  benützen,  muss  man  von  der  Bahngesellschaft ­
  ein  Billet  I.  Klasse  lösen  und  dem  von  der  Pullnian
  -  Compagnie  bestellten  Conducteur  eine  Gebühr,  die  für
vierundzwanzigstündige  Benützung  5  Dollars,  für  eine  Nacht
2  bis  3  Dollars  zu  betragen  pflegt,  zahlen.  So  kommen  allerdings ­
  zyweilen  faktisch  3  Klassen  Wagen  heraus,  allein  die
Schlafwagen  belasten  nicht  das  Bahngesellschafts-Budget,  sie
erleichtern  es  vielmehr,  da  diese  das  Billet  erster  Klasse  bezahlt ­
  erhält,  aber  keinen  Waggon  zu  stellen,  sondern  nur  den
I^ullmanwaggon  ziehen  zu  lassen  hat.
Das  Passagiergeld  pro  englische  Meile  steigt  in  Nevada
y^d  in  Theilen  von  Californien  auf  10  Cents.  Durch  Gesetz
Ist  es  auf  4  Cents  für  Californien  herabgesetzt  oder  10  Markpfennige
  per  Kilometer.  In  den  meisten  Staaten  östlich  vom
Mississippi  ist  das  gesetzliche  Maximum  3  Cents  per  Meile  =
7-50  Markpfennige  per  Kilometer;  im  Abonnement  pro  1000
^^glische  Meilen,  die  man  mit  Unterbrechungen  auf  Bahnen
derselben  Gesellschaft  abfahren  kann,  zahlt  man  bei  vielen
^^hnen  2  Cents  oder  per  Kilometer  5  Markpfennige.  —  Ich
I^^nn  hier  anschliessen,  wie  hoch  das  Passagiergeld  für  Deck-Pässage
  von  Bremen  nach  Amerika  1882  ult.  war.  Es  betrug
^^ch  Cincinnati  138  Mark,  Chicago  145  Mark,  Milwaukee  156,
Louis  157,  San  Francisco  366,  Little  Rock  (Arcansas)  196,
Antonio  (Texas)  196,  New-Orleans  160,  Newton  (Kansas)
        <pb n="517" />
        504

180  Mark.  Von  New-York  nach  San  Francisco  65  Dollars,
nach  Winnipeg  37.70  Dollars,  Dakota  32.60  Dollars,  nach
jedem  Punkte  in  Texas  25  Dollars.  Der  Betrieb  der  amerikanischen ­
  Eisenbahnen  stellt  sich,  trotz  der  höheren  Gehälter
und  Arbeitslöhne  und  des  wegen  des  enormen  Eisenzolles
höheren  Preises  des  Baumaterials  billiger  in  Amerika  als  in
Europa.
Trotzdem  transportirten  diese  Bahnen  noch  vor  einem
Jahrzehnt  entschieden  theurer,  als  die  europäischen  Bahnen
und  thun  dies  zum  Theil  auch  jetzt  noch.  Auf  das  Detail
gehe  ich  noch  ein.
Die  Eisenbahnen,  welche  nach  derselben  Richtung  führen,
machten  sich  in  der  Regel  keine  Concurrenz,  sondern  cartellirten
  mit  einander,  oder,  wie  man  es  hier  nennt,  sie  „poolten“,
setzten  die  Tarife  im  Einverständniss  mit  einander  fest  und
theilten  oft  die  Transporteinnahme  in  gewissem  Verhältniss,
gleichgültig  auf  welcher  Bahn  die  Fracht  bewegt  worden  war.
Gelegentlich  entstanden  Streitigkeiten  unter  ihnen  und  sie
machten  sich  dann  eine  Zeit  lang  einen  Concurrenzkrieg,
während  dessen  die  Frachten  unglaublich  niedrig  waren-Doch
  einigten  sie  sich  stets  wieder.
Schliesslich  cartellirten  sich  alle  Bahnen  östlich  und  ebenso
alle  westlich  des  Mississippi.  Das  erstere  Carteil  unterhält
ein  Einigungsamt  in  New-York,  an  dessen  Spitze  ein  sehr  intelligenter ­
  deutscher  Eisenbahnfachmann,  Herr  Albert  Fink,
steht.  Diese  mächtigen  beiden  Eisenbahnbündnisse  würden
souverän  über  Frachthöhe  verfügen  und  das  Publicum  nach
Belieben  besteuern,  und  sie  thaten  es,  bis  sie  daran  gehindert
wurden.  Es  setzte  sich  die'Farmerweit  in  Bewegung,  gründete ­
  Grangerlogen  in  vielen  Ackerbaustaaten  und  gewann
Einfluss  auf  die  Parlamente.
Der  Senat  zu  Washington  setzte  1872  die  Windorn-Com*
mission  ein,  welche  Vorschläge  zur  Verbilligerung  der  Frachten
machen  sollte.
Sie  empfahl  die  Entwickelung  der  Wasserwege  und  i^^
zweiter  Linie  erst  das  Einschreiten  der  Gesetzgebung  gegen
die  Bahngesellschaften.
        <pb n="518" />
        505

Darauf  wurde  die  Mündung  des  Mississippi  auf  Unionskosten ­
  vertieft  und  werden  jetzt  jährlich  grössere  Summen  auf
Wasserwege  verwendet.
Ferner  begannen  die  Einzelstaaten  Eisenbahncommissäre
ernennen,  welche  die  im  Staatsgebiet  bestehenden  Bahnen
beaufsichtigen  und  Maximaltarife  festsetzen.  Deren  giebt  es
Schon  in  22  Staaten.  Das  Recht  zu  letzterer  Thätigkeit  wurde
den  Bahngesellschaften  im  Processwege  angefochten,  doch
entschied  der  oberste  Gerichtshof,  dass  die  Eisenbahngesellschaften ­
  sich  einen  billigen  „fair“  Tarif  vorschreiben  lassen
müssten.
Seit  Sommer  1882  existirt  auch  ein  solches  Eisenbahn-Kommissariat,
  das  vom  Präsidenten  ernannt  wurde,  für  die
nion  und  zwar  liegen  seiner  Aufsicht  unter  alle  Bahnen,
''welche  mehrere  Staaten  durchschneiden.  Doch  hat  es  zunächst
*^och  nicht  das  Recht,  Maximal-Durchtarife  anzuordnen,  sondern
'^ur  der  Berichtserstattung  über  Missbräuche  an  den  Präsidenten.
Die  Abschaffung  des  Zolles  auf  dem  Eriecanal,  die  Con-^urrenz
  neuer  Wasserstrassen,  das  Entstehen  neuer  Concurrenz-^
  nen  und  die  Gesetzgebung  über  Maximaltarife  in  einzelnen
Maaten  hat  nun  Transportermässigungen  herbeigeführt,  welche
durch  nur  einige  wenige  Beispiele  auf  Haupttransport-^outen
  erläutern  will.

Die  Grangerbewegung  beginnt  etwa  um  1868  und  erpresst
Schon  bald  einige  Concessionen.  Dann  wird  1875  der
auf  dem  Eriecanal  von  3.105  C.  per  Bushel  Weizen  auf
^•070  C.  und  1877  1.035  C.  ermässigt.  Im  Herbst  1882  wird  er
in  ^^^^ben.  Im  Jahre  1882  beginnt  die  Eisenbahngesetzgebung
Staaten  und  entsteht  zwischen  Chicago  und  dem
^^tischen  Ocean  eine  grösstentheils  auf  canadischem  Boden
^nd  die  Concurrenz  mit  den  alten  Bahnen  aufnehmende,
canadischen  Regierung  subventionirte  Bahn,  der  „Grand
in^^  Die  Mississippistrasse  erregt  1880  grosse  Besorgniss
Jah  ^*’®*sen  der  Eisenbahnmagnaten  und  endlich  bricht  im
i88i  ein  grosser  Eisenbahnkrieg  unter  den  Bahnen
vom  Mississippi  aus,  das  von  Fink  geleitete  Einigungsversagt ­
  den  Dienst,  weil  Jay  Gould  mit  einer  neuen

östlich
^mt
        <pb n="519" />
        5o6

Concurrenzbahn  von  St.  Louis  und  Chicago  aus  an  den  Atlantischen ­
  Ocean  Vordringen  will.  Diese  Ereignisse  beeinflussten

den  Frachttarif.  ...
Im  Jahre  1851  bewegten  die  Eisenbahnen  etwa  5  MiU.
Tonnen  Fracht  im  Durchschnittswerth  angenommen  zu  50  D.
per  Tonne,  macht  250  Mill.  D.  =  .0  D.  per  Kopf  der  Bevölkerung. ­
  Im  Jahre  1881  wurden  etwa  3500  Mill.  Tonnen  bewegt ­
  im  Werth  von  12.000  Mill.  D.,  oder  200  D.  per  Kopl-Per
  Achse  soll  Weizen,  der  pro  Bushel  1.50  D.  am  Markte
kostet,  nicht  weiter  als  150  engl.  Meilen  transportirt  werden
können.  Im  Jahre  1817  setzte  man  in  New-York  eine  Co
mission  ein,  um  über  die  Zweckmässigkeit  eines  briecanalbaues
ru  berichten.  Sie  stellte  fest,  dass  der  Waarentransport  damals ­
  pro  Tonne  von  ca.  9  Wtc.  oder  2000  Ibs.  von  Buffa  o
nach  Montreal  30  D.,  von  New-York  nach  Buffallo
20  Tagen  —  100  D.  kostete.  Letztere  Summe  hoffte  die  Co  ^
mission  durch  den  Canal  auf  10-12  D.  herabgesetzt  zu  sehen.
Bei  der  New-York-Central-Bahn  betrugen  per  Tonne  un
Meile  in  Cents:

Tarif

Betriebskosten

1855
i860
1868
1870
1877
1881

3.270
2.065
2.742
1.853
1.014
0.783

1.341
1.343
1.803
1.163
0.69Q
0.562

Im  Jahre  1872  betrugen  die  Selbstkosten  noch  1.129  ^
1881  nur  noch  0.526  C,  bei  der  Pennsylvaniabahn  1855

1.662  C,  und  1881  nur  0.437  C.
Seit  1880  besteht  auf  preussischen  Staatsbahnen  ein
von  0.45  Pf-  pro  Km.  und  loo  Kg.,  sowie  .2  Pf.  Expeditio^^^
gebühr.  In  Preussen  haben  sich  pro  Tonnenkilometer,  le
zu  IO  Mtc.,  in  Pfennigen  folgende  Bruttoeinnahmen  ergcb  ^
1844=  15.00,  1848  =  11.00,  1852  =6.83,  1856  -  7-33^  *
=  7.33,  1864=5-831  1868=5-16,  1872  —  4-831  187
,8y8  =  4.50.  —  Der  preussische  Getreidetarif  von  0.45  j
nigen  per  Km.  macht  1.62  Cents  per  amerikanische  Tonne
englische  Meile  aus.
        <pb n="520" />
        507

Nach  dieser  Skizze  will  ich  schildern,  wie  sich  jetzt  die
Tarife  in  dem  Westen  der  Union  bilden  und  auch  dafür  einige
Details  mittheilen.
Die  Frachtrate  von  Chicago  nach  New-York  bildet  die
basis  der  Raten  in  dem  ganzen  Territorium  östlich  des  Mississippi ­
  und  nördlich  des  Ohio.  Diese  Transportraten  werden
in  Proportion  zur  Entfernung  dieser  Punkte  von  New-York,
Verglichen  mit  der  Entfernung  New-York-Chicago,  963  Meilen,
festgesetzt.

In  Procenten  der  Rate  Chicago-New-York  beträgt  die  Rate
nach  New-York  von  Battle  Creek  Mich.  92  Procent,  von  Cairo
120,  Cleveland  O.  70,  Detroit  Mich.  75•/2,  Fort  Wayne
^nd.  88,  Grand  Rapids  Mich.  96,  Louisville  Ky.  96,  Mount
^ernon  O.  75’/2&amp;gt;  Wheeling  W.  Va.  65  Procent.
Westlich  von  Chicago  und  St.  Louis  werden  die  Raten
die  Distance  von  500  Meilen,  bis  zum  Missouri,  in  Proportion ­
  gebracht  und  denen  von  Chicago  nach  New-York  hinzu
  gefügt.

So  erhalten  wir  folgende  Tabelle:
,  Ultimo  1882  kostete  die  Fracht  bei  Waggonladung  für
100  Ibs.  in  Cents:

Von

nach

Weizen. ­


Provisionen. ­


Rindvieh. ­


Schweine. ­


Schafe

Pferde.

35
50
30
55
38
23
38
33V2
50
37
15
18

45
73V:
75

37  Vj

40
55
65

32%

55
72'/,
77  V,
46'/,

65
93%

56

k;  •  .
Kansas  City
Bluffs
¿»•nwell  Mich.
I  O.
ßT'
¡Si'S™
Eisenbahnleute  sagen,  das  Geschäft  werde  unprofitabel,
*^11  die  Rate  Chicago  -  New  -  York  unter  20  C.  per  100  Ibs.
^  Getreide  falle.

New-York
St.  Louis
New-York

St.  Louis
New-York

40V2
57
»9
60
33
27
32  V2
39

15
31
        <pb n="521" />
        508

Die  Fracht  zwischen  beiden  Orten  betrug  für  loo  Ibs.
bei  Waggonladung:

Durch-  I
lahr  I  schnittlichjl  Getreide
-*  1  See  und
Canal.

Eisenhahntarif

Rinder  '  Schweine

von  bis

Pro-  {;
Visionen  j
von  bis  li  von  bis  von  bis

1874  i
1875  :
1876
1877
1878
1879
1880
1881
1882

anderes

Cents

für

4.  Klasse  Güter  zahlten  im  September  1864  96  Cents,
November  1882  35  Cents,  aber  August  1882  nur  19  Cents.
Fracht  per  100  Ibs.  von  New-York  nach  Chicago,  also  west
wärts.
Im  Allgemeinen  suchen  die  Eisenbahnen  den  Satz  von
33  Cents  festzuhalten.  Während  des  Tarifkrieges  von  1881
waren  sie  aber  bis  auf  10  Cents  herunter  für  100  Ibs.  zwischen
Chicago  und  New-York.  Im  Sommer  erhalten  sie  selten  mehr
als  25  Cents  für  963  Meilen  oder  1060  Kilometer  =2.11
pfennig  für  10  Metercentner  und  Kilometer,  oder  0.211  Markpfennig
  per  Metercentner  u.  Kilometer,  anstatt  0.45  Pf»
Preussen.
Westlich  von  Chicago  ist  die  Fracht  für  Getreide  25  Cen^
pro  100  Ibs.  von  Kansas  City  nach  Chicago  für  Weizen,  |ür
Mais  und  anderes  Getreide  ebensoviel.  lieber  35  Cents

Getreide  steigen

die

Weizen  und  30
Frachten  selten.
Frachten  der  Provisionen  pflegen  5  Cents  höher
100  Ibs.  Weizen  zu  sein.  ^
Rindvieh  zahlte  1882  40  Cents  per  100  Ibs.  Gewicht  vo^
Chicago  nach  New-York,  und  dazu  von  allen  Plätzen  öst
des  Mississippi  im  Verhältniss.  Von  Kansas  City  nach  Chicag
und  von  anderen  Punkten  am  Missouri  beträgt  die  Frac

für

als
        <pb n="522" />
        509

2  5  Cents  per  too  lbs.,  nach  New-York  fur  1500  Meilen
^5  Cents.  Das  macht  für  2400  Kilometer  =  0.242  Pfennige
per  Metercentner  und  Kilometer.
Die  See-  und  Canalfracht  Chicago  -  New-York  war  in  der
Kegel  urn  20  Cents  herum.
Immerhin  interessiren  einige  westliche  Frachtsätze  noch.
So  von  Vieh.  Bekanntlich  wird  viel  Vieh  von  Dodge  City
östlich  versandt.
Nach  Kansas  City

von

Meilen.  |

1  too
!  Weij
  zen.
1  Cents.

Ibs.
Mais.
Cents.

1  Vieh.
Waggonladung. ­

Dollars.

Osage  City
Emporia
Florence
Newton
Wichita
Great  Bend
Dodge  City
Garden  City
Las  Animas
Pueblo
Albuquerque

85
111
156
&amp;gt;«5
213
269
352
402
53«
618
902

«4
17
19
21
23

«:
«3
«4
&amp;gt;4
:  !

20
25
30
35
35
35
40
40
68
75
130

Eine  Wagenladung  fetter  Ochsen,  20  Stück,  kostet  also
j'^^n  Dodge  City  bis  New-York  145  4-  40  Dollars  =  185  Doloder
  9.25  Dollars  =  22.20  fl.  per  Stück,  für  ca.  1.950  Meilen
3.120  Kilometer.

S.  Schreiber  theilt  mit,  dass  der  Transport  von  30  Ochsen
on  Breslau  über  Berlin  nach  Hannover  1.037  Mark,  das  Stück
34-5  Mark  oder  8.6  Dollars  kostete.

Soviel  über  die  Transportkosten!
im  vollkommen  die  Communications-  und  Transportmittel
^  Innern  der  Union  sind,  so  unbedeutend  ist  ihre  Handels-^
  *'*ne.  Sie  besass  im  Juni  1880  4717  Dampfer  mit  1.211.558
2204  Segelschiffe  langer  Fahrt  mit  1.314.402  Tonnen
^  *74  Wallfischfahrer.  Das  Andere  waren  Küstenfahrer,
ka  .  Canalboote.  Alles  in  Allem  hatte  die  ameri-Handelsmarine
  nur  4.068.000  Tonnen.  England  beüagegen
  16.183  Segelschiffe  mit  3.751.000  Tonnen  und  3.789
        <pb n="523" />
        ■m

_  _51?  -
Dampfer  mit  2.594.000  Tonnen,  Frankreich  652  Dampfer  mit
277.000  Tonnen,  im  Ganzen  919.000  Tonnen,  Deutschland
574  Dampier  mit  196.000  Tonnen,  zusammen  i.i  71.000  Tonnen.
Holland  iii  Dampfer  mit  78.000  Tonnen  und  1.292  Sege
schiffe  mit  365.000  Tonnen,  Schweden  182  Dampfer  mit
54.000  Tonnen  und  1.901  Segelschiffe  mit  413.000  Tonnen,
Dänemark  103  Dampfer  mit  44.000  Tonnen  und  1.180  Segelschiffe ­
  mit  178.000  Tonnen,  Italien  92  Dampfer  mit  55.000  Tonnen ­
  und  3.135  Segelschiffe  mit  963.000  Tonnen,  Oesterreich-Ungarn
  75  Dampfer  mit  54.000  Tonnen  und  626  Segels^i  e
mit  246.000  Tonnen,  Russland  148  Dampfer  mit  69.000  Tonnen ­
  und  1.814  Segelschiffe  mit  413.000  Tonnen,  die  Welt,
sagt  man,  hatte  um  1880  ca.  5  500  Dampfer  mit  5.600.000  Tonnen ­
  und  50.000  Segelschiffe  mit  15.000.000  Tonnen.
Die  Handelsmarine  einer  Nation  ist  unabhängig  von  ihrer
Grösse,  aber  nicht  von  ihrer  Capitalkraft.  ■  Wie  sie  wechse  t,
geht  daraus  hervor,  dass  im  Jahre  1672,  als  der  Handelskrieg
zwischen  Frankreich  und  Holland  ausbrach,  weil  letzteres  sicn
den  Colbert’sehen  hohen  Schutzzolltarif  von  1667  nicht  gefa  e
lassen  wollte,  die  europäischen  Staaten  etwa  20.000  Sege
schiffe  hatten,  von  denen  die  Holländer  15  bis  16.000,  F^an  '
reich  weniger  als  600  besass.  Im  Frieden  von  Nymwege
erlangten  die  Holländer  den  Sieg,  dass  Frankreich  ihnen  gegenüber ­
  den  Tarif  von  1667  aufgeben  musste.  .
Durch  die  Navigationsacte  schuf  sich  England  eine  Marin
und  machte  nun  seinerseits  Holland  einen  Handelskrieg,  *
dem  englische  Kaperer  1600  holländische  Schiffe  wegnahme
Amerika  hatte  bereits  eine  stattliche  Handelsmarine,  al  e»
in  dem  Bürgerkriege  machten  die  Kaperer  der  Südconfoe
rirten  Jagd  auf  die  amerikanischen  Handelsschiffe.  Die
wurden  damals  meist  an  Ausländer  verkauft.  Von  diese
Schlage  hat  sich  die  amerikanische  Handelsmarine  noch  m
erholt.  Wenn  aber  das  amerikanische  Eisenbahnnetz,
sive  des  mexicanischen,  ausgebaut  sein  sollte,  will  ^
heimische  Dampferlinien  aus  allen  amerikanischen  Haupt  a
nach  andern  Häfen  subventioniren,  z.  B.  inclín  _
für  den  Postdienst  grosse  Summen  giebt,  und  hofft,  sich
        <pb n="524" />
        5”

t«

auch  eine  Handelsmarine  zu  schaffen.  Dieses  wird  immer
Schwierig  sein,  weil  amerikanische  Seeleute  weit  höheren
Lohn  beanspruchen  und  erhalten  als  europäische  und  gar  als
chinesische,  welche  letztere  den  englischen  sogar  im  Stillen
Meere  von  Jahr  zu  Jahr  eine  grössere  Concurrenz  machen.
Die  Seefrachten  für  loo  Ibs.  Getreide  nach  Liverpool  in
Lents  im  Jahresdurchschnitt  waren  für  Dampfer:

Jahr.

New-York

Philadelphia. ­


Von
Baltimore.

Boston.

Montreal.

1877
1878
1879
1880

22.9
2S.I
20.6
19.7

26.9
28.2
24  2
21.4

27.5
28.8
23.0
22.3

23.8
20.0
19.0

28.2
26.0
24.9
22.0

Von  Australien  kostet  die  Tonne  Lagerraum  von  40  Kubik-^^ss
  im  Dampfer  nach  England  für  präservirtes  Fleisch
30  Shilling,  Wolle  Pence  per  Ib.
        <pb n="525" />
        XXXI.  Capitel.
Das  Mormonenland.

In  Nord-Oregon  vereinigen  sich  der  Gebirgszug,  welcher
an  der  Südseeküste  Amerikas  entlang  läuft  und  Coast-Range
genannt  wird,  und  der  damit  parallel  laufende  Gebirgszug,
der  im  Norden  Cascade  Mountains,  im  Süden  Sierra  Nevada
heisst,  mit  dem  grossen  östlichen  Hauptkörper  der  Rocky
Mountains.  Die  Verschmelzung  dieser  drei  Gebirgsmassen
erfolgt  südlich  vom  Columbia  River.  Aber  schon  im  nördlichsten ­
  Drittel  Oregon’s  trennen  sich  die  drei  Gebirgspartien-Zwischen
  der  Coast-Range  und  der  Sierra  Nevada  liegen  ^
fruchtbaren  Thäler  des  Sacramento  und  Joaquim  River,  hegt
Californien.  Zwischen  den  Cascaden  und  der  Coast-Range
liegen  die  Weizen  reichlich  producirenden  Thäler  Oregons-Aber
  östlich  der  Cascaden  und  der  Sierra  Nevada,  von
Oregon  bis  zu  den  hohen  Gebirgen  der  Republik  Mexico,
zieht  sich  eine  Hochebene  über  dem  Meere  hin,  die  von  20O
bis  600  engl.  Meilen  von  Osten  nach  Westen  breit  und  i4
bis  1500  engl.  Meilen  von  Nordwesten  nach  Südosten  an
ist.  Im  Osten  wird  sie  durch  höhere  Gebirgsketten  der  Rocky
Mountains  begrenzt,  die  sich  hie  und  da  in  diese  Hocheben
hineinschieben  und  sie  theilen.  Es  giebt  in  ihr  auch  einig
isolirte  Berggruppen.  Vulcanische  Thätigkeit  ist  an  les  ^
Bergen  überall  sichtbar.  Diese  Hochebene  ist  als  die  „gro
amerikanische  Wüste“  bekannt.  Sie  occupirt  etwa  ein  Drit
von  Oregon,  ganz  Nevada,  Westutah,  einen  grossen
von  Arizona  und  greift  von  hier  über  nach  Neu-Mexico  1
Südcalifornien,  wo  sie  sogar  westlich  der  Sierra  Nevada  si
bis  Colton  erstreckt,  hier  aber,  wie  überhaupt  nach
Süden,  niedriger  wird.  Fort  Yuma  liegt  nur  noch  etwa  4
        <pb n="526" />
        5:3

Fuss  über  dem  Meeresspiegel,  und  in  Südcalifornien  senkt
Sich  die  Wüste  sogar  bis  ca.  300  buss  unter  dem  Meeresspiegel. ­

Allein  wie  verschieden  auch  die  Höhe  dieser  Wüste  sei,
^  sie  überall  in  jenen  Staaten  denselben  Charakter:
‘e  war  Meeresgrund,  der  sich  durch  vulcanische  Einwirkung
K  hoben  hat  und  von  noch  höheren  Bergen  begrenzt  und
durchsetzt  wird.
Der  Boden  ist  ein  Gemisch  von  Lehm,  Sand  und  Lava,
u  viel  Geröll,  das  vom  Gebirge  durch  Regen  abgewaschen
Das  Verhältniss  der  Mischung  dieser  vier  Elemente  ist
^:cht  überall  dasselbe,  zuweilen  wiegt  der  Lehm,  selten  der
,^^d  vor.  Lehm  giebt  dem  Boden  seinen  Charakter.  An
Stellen  enthält  er  eine  sehr  starke  Beimischung  von
alien  und  von  solchen  Salzen,  welche  ausgetrocknetes  Meer-^‘"terlässt.
  Im  nördlichen  Theil  dieser  Wüste  liegen
:'^:che  grosse  Seen,  wovon*  die  meisten  durch  süsses,  einige
g  extrem  salziges  Wasser  gefüllt  sind.  In  diese
Hicssen  Bäche  und  Hüsse  aus  den  Bergen,  ohne  dass  es
^men  sichtbaren  Abfluss  dieses  Wassers  gäbe.  Diese  Seevon
  Nevada  und  Utah.  Die
g  :uhe  Hälfte  beider  Territorien  enthält  nur  ausgetrocknete
ecken.  Die  Seesalze  färben  den  Boden  weisslich.  Die
®*ud  fast  alle  kahl.  Hie  und  da  findet  man  an  der  Nordseite
^urselben  spärliche  Kiefernwaldungen.  Die  Berge  von  Californien,
Arizona  und  Utah  sind  reich  an  kostbaren  Metallen,
Silber,  Blei  und  Gold.  Es  sind  in  allen  bekannten
l’ali  ^^uschen  durch  die  Wüste  gezogen,  um  diese  mineçjçj.
  ^  Schätze  sich  anzueignen,  und  viele  Tausende  sind  in
Wüste  umgekommen,  wo  sie  weder  Trink  wasser  noch
fanden.  Die  Vegetation  auf  dieser  Wüste  ist  spärwechselndem
  Charakter,  je  nach  ihrer  mehr
südlichen  Lage.  Sie  wird  von  der  Südpaci-:u
  Südarizona  und  Südcalifornien,  von  der  Central-^
  ahn  in  Nordnevada  und  Nordutah  durchschnitten.
'  wo  es  keinen  Frost  giebt,  wächst  der  bäum-^ctus;
  derselbe  findet  sich  an  der  Central-Pacificbahn

3a
        <pb n="527" />
        nicht  mehr.  Aber  auf  dieser  ganzen  Wüste  wächst  ausser  an
dm^iSake  undv^^a^m  gdmt^mShdkn,  ^
Line  Spur  von  Vegetation  tragen,  der  Sagebusch,  ein  Strau  _
der  auf  armem  Boden  nur  wenige  Zoll,  auf  reichem  Bo
einige  Fuss  hoch  wird,  staubgrau  aussieht  und  vom  i
gefressen  wird  —  wenn  auch  nicht  gern.  Wo  er  auftritt,
ist  der  Boden  reich  an  Alkalien.  Spärlich  sieht  man
Thälern  dieser  Wüste  Graswuchs  zwischen  den  Sagebusc
(Sagebrush).  .  .
In  den  Flussthälern  von  Neu-Mexico  und  Arizona  ha
Indianer  und  Mexicaner,  nach  Anleitung  der  Franciscane  -
Mönche,  kleine  Strecken  dieser  Wüste  bewässert  und  »
Winnen  etwas  Gemüse,  Mais,  Weiten  und  Obst  darauf.  Alto
dies  geschieht  nur  an  den  Ufern  des  Rio  Grande  del  ^
und  einiger  anderen  Flüsse.  Nördlich  von  Arizona  und  Ne
Mexico  findet  man  dergleichen  Cultur  nicht,  und
ausgemacht,  dass  Nevada  und  .Westutah  stets  Wüste  bleiB
würden.  Sie  sind  es  auch  geblieben,  bis  auf  eine
Kette,  welche  vom  grossen  Salzsee  in  Utah  sich  nord  ic
300  und  südlich  über  1000  Meilen,  bis  Tucson  hinzieht.
Diese  Oasenkette  hat  der  Glaube  geschaffen,  wenn  aU
ein  Irrglaube,  und  die  Ansiedelungen  sind  nach  dem  Fla
eines  sehr  begabten  Mannes,  Brigham  Youngs,  entstanden.
Es  ist  nicht  meine  Aufgabe  und  Absicht,  über  „Mormon^^
mus“  als  eine  besondere  protestantische  Secte  oder  Confe^
zu  schreiben.  Doch  sehe  ich  nicht  ein,  wenn  einmal  die
dition  aufgegeben  wird,  weshalb  der  Mormonismus  wemg
berechtigt  sein  soll,  als  die  anderen,  protestantischen  ^
fessionen,  zu  deren  einer  ich  ja  selbst  gehöre.  Der
weiberei  wegen  wohl  kaum,  da  ja  Landgraf  Philipp
Hessen  und  König  Friedrich  Wilhelm  II.  von  Preussen
weiberei,  mit  Zustimmung  der  betreffenden  kirchlichen  Behof
ihrer  respectiven  lutherischen  Confessionen  getrieben  ^
und  die  Ehe  mit  ihren  mehreren  Frauen  von  solchen
liehen  Personen  vor  dem  Altare  eingesegnet  worden
Vom  protestantischen  Standpunkte  aus  lässt  sich,  glaube
gegen  den  Mormonismus  nichts  Stichhaltiges  Vorbringen,
        <pb n="528" />
        515

Vom  katholischen  nicht  mehr,  als  gegen  jede  andere  protestantische ­
  Confession.  Allein  ich  lege  keinen  Werth  auf
tétese  Bemerkung,  die  sich  auf  ein  Gebiet  bezieht,  worauf  sich
berufene  bewegen  mögen  und  auf  dem  ich  mir  kein  Urtheil
gomasse.  Mir  ist  der  Mormonismus  interessant,  weil  er  den
cweis  liefert,  „dass  die  Religion  productiv  sein  kann“
Selbst  wenn  sie  ein  Irrglaube  sein  sollte.  Wer  die  Geschichte
ennt,  weiss  das  freilich.
Öie  Mönche  sind  nicht  nur  im  Mittelalter  die  Pioniere  der
ttltur,  die  Lehrer  des  Ackerbaues,  der  Gewerbe  und  Künste
Gewesen,  sondern  sie  haben  noch  in  den  letzten  Jahrhunderten
Amerika  ganz  dasselbe  geleistet,  so  die  Jesuiten  in  Paraguay
Und  die  Franciscaner  in  Californien.  Ich  habe  eine  Mission
letzteren,  San  Gabriel,  besucht,  die  erst  vor  iio  Jahren
Sugründet  war  und  heute  noch  den  schönsten  Olivengarten,
st-  und  Palmengarten  von  Südcalifornien  besitzt.  Allein
ie  durch  Revolution  erfolgende  Emancipation  der  spanischen
olonien  hat  alle  diese,  in  ihren  Resten,  Ruinen  und  Ueber-Gibseln
  noch  bewundernswerthen  Gründungen  der  katholischen
**’che  auf  rein  öconomischem  Gebiete  zerstört  und  eine
S^chichtsunkundige  Journalistik  gefallt  sich  darin,  Glauben
?^  öconomischen  Fortschritt  als  Gegensätze  zu  be-^^‘chnen.


t)ie  mormonischen  Colonien  in  der  grossen  amerikanischen

den  schlagendsten  Beweis  dafür,  dass  Religion,
^^s  Glaube  auch  auf  öconomischem  Gebiete  heute  noch
schafft.  Berge  versetzt,  dass  „Religion  productiv  sei“
V  ,  uinc  Kirche,  welche  die  Pflege  der  socialen,  materiellen
^^^^^^ulsse  ihrer  Angehörigen  verständig  ordnet,  dadurch
^  auf  den  Staat  den  ausschlaggebenden  Einfluss  erhält.
’uir  der  Rückschluss  beachtenswerth  erscheint,  dass
Uns  Kirche  oder  Kirchen  für  die  socialen  Krankheiten
Zeit  verantwortlich  machen  müsse.  Hätten  sie  sich

stets

^  '  Wie  Christus,  als  die  von  Gott  eingesetzten  Vormunds-^Grlu^
  Schwachen  und  Armen  betrachtet  und  jede  Härte
siç  .  ^^i^^igen  und  Reichen  unnachsichtig  verdammt,  hätten
für  sich  Schätze  gesammelt  und  besessen,  sie  wären
33*
        <pb n="529" />
        5^6

in  dieser  Armuth  allmächtig  und  unwiderstehlich  gewesen.
Leider  haben  die  „hohen“  Geistlichen  solange  vergessen:
Lucas  io:  „Traget  keinen  Beutel  und  grüsset  Niemand  au
der  Strasse.“  —  Math.  5:  „So  jemand  mit  dir  rechten  wil
und  deinen  Rock  nehmen,  dem  lasse  auch  den  Mantel.
Luc.  4:  „.  .  .  er  hat  mich  gesalbt  und  gesandt,  zu  verkünden
das  Evangelium  den  Armen,  zu  heilen  die  zerstossenen
Herzen,  zu  predigen  den  Gefangenen,  dass  sie  los  sein
sollen“  (keine  Schuldhaft).
Für  diese  Behauptung,  welche  ich  schon  früher  aufgestellt
und  durch  die  segensreichen  Wirkungen  der  canonischen
wirthschaftlichen  Gesetze  im  Mittelalter  zu  begründen  versucht
habe,  beabsichtigte  ich  einen  neuen  Beweis  durch  ein  Beispiel
zu  führen,  deshalb  trennte  ich  mich  in  Salt  Lake  City
meinen  anderen  Reisegefährten  vorläufig,  um  genaue  Kenntniss
  von  dem  zu  nehmen,  was  die  Mormonen  hier  geschaffen.  ^

Wenn  man  die  Weltgeschichte  unbefangen  betrachtet,
wird  man  finden,  dass  Menschen  als  Massen  durch  drei  Motive ­
  in  Bewegung  gesetzt  werden:  i)  Religion,  2)  Nation,
3)  Stand  oder  sociale  Gemeinschaft.  Die  Religion  ist
stärkste  Motiv;  sie  vereinigt  Menschen  verschiedener  Nationalität ­
  und  Stände  zu  einem  Ziele.  Die  Stärke  der  Juden  besteht ­
  darin,  dass  sie  durch  das  Doppelband  derselben
Religion  und  derselben  Nation  umschlungen  werden;  ist  oas
religiöse  Band  beim  Reformjuden  vermodert,  so  hält  das
Racenband  ihn  noch  an  seinen  Stammesgenossen  fest.  Die®®
Einigkeit,  welche  jenes  Doppelband  um  die  Judenschaft
schlungen  und  in  ihr  erzeugt,  giebt  ihnen  die  wirthschafthc  ^
T  Tf^hprletrenheit.  die  als  Reichthum  erscheint.  Ihre  Rehgi^

ist  sehr  productiv!
Die  Mormonen  gehörten  alle  demselben  Stande  an,
waren  sehr  arm.  Jetzt  giebt  es  Reiche  und  Arme,  aber  noc
umschlingt  alle  dasselbe  religiöse  Band.  Sie  recrutiren  si  ^
jährlich  durch  Zuzug  aus  Amerika,  England,  Schweden,  ^
wegen,  Dänemark,  der  Schweiz  und  einen  sehr  geringen
Deutschland.  Aber  alle  diese  Nationalitäten  verschmeiß
        <pb n="530" />
        5*7

nicht  nur  in  eine  kirchliche,  sondern  auch  in  eine
grosse  wirthschaftliche  und  politische  Gemeinschaft.
Henn  eine  wirthschaftliche  und  politische  Gemeinschaft
Mormonencolonie  hierselbst,  und  eine  um  so  merk-|vurdigre|.ç^
  sie  keine  commun  ist  i  sehe  ist,  sondern  das
^■»ncip  des  Privateigenthums  vollkommen  in  ihr  zum  Aus-*'uck
  kommt.  —  Eine  solche  Gemeinschaft,  die  unter  unseren
**RGn  entstand  und  sich  noch  jährlich  weiter  entwickelt,  die
?  Capital  und  in  einer  Wüste  ihren  Ursprung  nahm  und
jetzt  die  höchste  Cultur  Amerikas  geschaffen  hat,  welche  die
J^odernen  Kräfte  des  Dampfes  und  des  Capitals,  der  Eisen-^
  und  Banken  mit  Virtuosität  handhabt,  in  Ackerbau
Und  Viehzucht  das  Ausgezeichneteste  leistet,  dabei  aber  in
^*’ster  Linie  eine  religiöse  Gemeinschaft  ist,  genau  kennen
lernen,  ist  gewiss  der  Mühe  werth.
Die  Mormonen  waren  in  Illinois  als  Ackerbauer  angesieund
  zu  Wohlstand  gekommen,  als  sie,  Anfangs  der  vier-^Ser
  Jahre,  Gegenstand  der  Verfolgung  von  Nichtmormonen
^^esselben  Staates  wurden.  Der  Pöbel  lynchte,  d.  h.  mordete
Propheten,  Joseph  Smith  und  seinen  Bruder  Hyram,  ver-^*'^nnte
  ihre  Häuser  und  malträtirte  sie  auf  jede  Weise.  Sie
^chlossen  nun  auszuwandern  und  in  einem  abgeschlossenen
Felsengebirges,  das  nicht  zum  Gebiete  der  Union
neue  Heimath  zu  gründen.  Dieses  hatte  ihnen
schon  früher  in  einer  Prophetie  geboten.
^*'ül*j^hr  1846  zogen  1000  Familien  mit  soviel  Hab
dren  von  Ochsen  gezogenen  Wagen  transporkonnten,
  über  das  Eis  des  Mississippi  gen  Westen  und
Post*  ^^^1  Niederlassungen  in  Jowa,  welche  als  Etappendie
  Nachkommenden  zu  dienen  hatten.  In  Folge
"°ch  ein  weiter  vorgeschobener  Posten  in  Florence,
gegründet.  Auf  allen  diesen  Etappenposten,  welche
Irjçj-  ^  unbewohntem  Lande,  das  nur  von  kriegerischen
dçf  durchstreift  wurde,  lagen,  wurden  Forts  gebaut  und
sofort  begonnen,  denn  hier  sollten  die  Nachdiç
  ^^den  nicht  nur  Schutz,  sondern  auch  Lebensmittel  für
Allere  Reise  bis  zur  nächsten  Etappe  finden.
        <pb n="531" />
        5:8

Die  Regierung  der  Union  handelte  unmenschlich  an  diesen
Flüchtlingen.  Nachdem  der  Gouverneur  von  Illinois  ihnen
erklärt  hatte,  dass  der  Staat  sie  nicht  schützen  könne,  zwang
ein‘Truppencommandant  in  Jowa  die  ersten  Flüchtlinge,  i  ^
500  Mann  „Freiwillige“  zum  Kriege  gegen  Mexico  zu  stellen,
was  natürlich  geschehen  musste.  Diese  500  Männer  marschirten
durch  Neu-Mexico  bis  Los  Angeles  in  Californien,  wurden  hie
nach  Jahr  und  Tag  entlassen  und  mussten  ihren  Weg  zn
ihren  Brüdern  im  Felsengebirge  suchen,  ohne  Provisionen
zur  Reise  zu  erhalten.  Nachdem  die  kräftigsten  Männer  s
die  Niederlassung  in  Illinois  verlassen,  überfiel  der  Pobel  »
Zurückgebliebenen  und  trieb  die  Tausende  von  Frauen,
dem,  Greisen  und  wenigen  Männern  vor  sich  her  b^i  u  e
den  Mississippi.  Ja,  als  sie  sich  am  westlichen  Ufer  diese
Flusses  sammelten,  sandten  ihnen  die  Amerikaner  noch  Kanone
Kugeln  vom  östlichen  Ufer  nach.  Die  Häuser  und  reiche
Ländereien  der  Flüchtlinge  in  Illinois  wurden  Beute  der  e
folger.  Die  Flüchtlinge  sammelten  sich  auf  den  Niederlassunge
jenseits  des  Mississippi,  welche  die  Voraufgegangenen  imhru  '
jahre  gegründet  hatten.  „  •  uom
Im  Frühjahre  1847  brach  der  neue  Präsident,  Brig
Young,  mit  nur  42  Männern  auf,  um  auf  mexicanisc  e
Gebiet  den  Ort  einer  neuen  Niederlassung  zu  suchen,  ^
am  24.  Juli  kam  er  im  Thaïe  des  Salzsees  an,  das  er  als
ihm  in  einer  Offenbarung  bezeichneten  Ort  der  Niederlassu
bezeichnete.  .5
Welche  Intelligenz  und  Macht  über  seine  Gefährten  m  ^
dieser  Mann  gehabt  haben,  dass  er  diesen  Fleck  zur  _
lassung  wählte  und  doch  seine  Gefährten  ihm  unweiger
gehorchten!  .  x,  j  nach
Die  Wansatch-Berge  ziehen  sich  hier  von  Norden
Süden  bis  ii.ooo  Fuss  hoch  hin.  Ihre  höchsten  Gipfe  s
mit  Schnee  bedeckt.  Sie  fallen  ziemlich  steil  g^gen  ei^^
Hochebene  von  ca.  4000  Fuss  Erhebung  über  dem  ^
ab.  Diese  Hochebene  war  damals  eine  vollkommene,
Vüste,  auf  der  nur  der  graue  Sagebusch  wuchs.  u.
,  rioc  WÜQtenho^'
        <pb n="532" />
        5^9

plateau  trat,  war  die  Ebene  nicht  breit,  da  sich  in  lo  bis
20  Meilen  Entfernung  von  den  Bergen  der  etwa  8o  Meilen
lange  und  50  Meilen  breite  Salzsee  parallel  mit  dem  Hochgebirge ­
  hinzieht.  Südlich  davon,  etwa  50  Meilen  entfernt,
liegt  der  Utah-See,  welcher  süsses  Wasser  enthält.  Der  Jordan
fuhrt  den  Ueberschuss  dieses  süssen  Wassers  in  den  Salzsee,
f^en  Landstreifen  zwischen  den  beiden  Seen  und  dem  Jordan
im  Westen  und  dem  hohen  Felsengebirge  im  Osten  wählte
l^fäsident  Young  als  Niederlassung.
Es  gehörte  ein  ausserordentliches  Vertrauen  der  Leute
^^f  ihren  Führer  dazu,  um  sie  zu  bewegen,  dass  sie  sich  hier
*^iederliessen,  und  dieses  Vertrauen  ist  in  glänzendster  Weise
gerechtfertigt  worden.
Ende  Juli  ist  die  Wüste  hier  doppelt  abschreckend.  Das
l^ümmerliche  Gras  ist  von  der  Hitze  verdorrt,  selbst  der  unverwüstliche ­
  Sagebusch  vertrocknet  und  die  aus  dem  Gebirge
l^ommenden  Bäche  sind,  bis  auf  den  Jordan,  wasserlos  oder  sehr
'Wasserarm,  das  Land  aber  glänzt  weiss  unter  der  heissen
Sonne  von  Salz-  und  Kalikristallen.  Nur  ein  Wahnsinniger
konnte,  so  musste  es  damals  scheinen,  dem  Gefolge  rathen,
klor  Zelte  aufzuschlagen,  Hütten  zu  bauen  und  den  Pflug
^urch  die  Salzwüste  zu  ziehen,  denn  wie  sollte  hier  Frucht

Sachsen  ?
Dennoch  war  die  Gegend  mit  ausserordentlichem  Scharf-^lick
  ausgewählt!

Die  Berge  sind  an  dieser  Wüstengrenze  ii  bis  13.000  P'uss
^och  und  massenhafter  Schnee  lagert  im  Winter  auf  ihnen.
hohe  Sommertemperatur  bringt  den  grössesten  Theil  des-^^Iben
  zum  Schmelzen,  und  das  nun  in  die  hier  etwa  4300  Fuss
®he  Wüste  durch  viele  Bäche  abfliessende  Wasser  kann.

in

Viele  Canäle  vertheilt  und  darin  und  in  Bassins  gestaut,  die
üste  bis  in  den  August  bewässern.  Thatsächlich  fanden
in  allen  noch  Wasser,  als  wir  in  diesem  Monate  hier
Der  Jordan  aber  hat  im  grossen  Utahsee  sein  natürliches
^Grvoir  und  war  im  August  d.  Jahres  noch  ein  Fluss  von
Fuss  Breite  und  10  bis  12  Fuss  Tiefe.  Der  Führer
also  richtig  die  Wassercapacität  geschätzt.  Auch  das
        <pb n="533" />
        520

Klima,  denn  man  hat  zwar  3  bis  4  Wintermonate,  allein  auf
der  Hochebene  ist  der  Winter  nicht  strenge,  und  im  Sommer
ist  die  Hitze  weit  geringer  als  in  Kentucky  oder  Illinois.  Und
der  Boden  ist,  durch  Waschen  vom  überflüssigen  Alkali  gereinigt, ­
  äusserst  reich  an  Pflanzennährstoffen.  Dazu  kommt,
dass  dies  Thal  die  Annehmlichkeit  einer  Gebirgs-  und  Meerlandschaft ­
  vereinigt:  Man  hat  nur  wenige  Stunden  Wagenfahrt,
um  im  Sommer  das  kühle  Hochgebirge  mit  äusserst  malerischen
Schluchten  zu  erreichen,  und  man  hat  jetzt  nur  Stunden
Eisenbahnfahrt,  um  von  Zion  zum  Grossen  Salzsee  zu  gelangen,
der  für  die  Bevölkerung  besser  ist  als  irgend  ein  Meer,
Man  hat  ihn  oft  mit  dem  Todten  Meere  in  Palestina  verglichen. ­
  Ich  kenne  dasselbe  nicht,  allein  wenn  dieser  Vergleich ­
  etwas  Oedes  und  Abschreckendes  bezeichnen  soll,  so  ist
er  falsch.  Der  grosse  Salzsee  ist  vielmehr  von  seltener  Schönheit. ­
  An  der  Ostseite  liegt  die  Fruchtebene  der  Mormonenansiedelungen, ­
  von  ihm  durch  einen  schmalen  Wüsten-  und
stellenweise  Wiesenraum  getrennt,  auf  dem  gut  genährtes
Racerindvieh  weidet.  Tm  Süden  stossen  hohe  Felsen  und
Berge  hart  an  seine  Ufer^  die  auf  der  Nordseite  hie  und  da
schön  mit  Wald  bestanden  sind  und  grün  und  grau  sich
färben.  Wo  diese  Bergkette  anfangt,  hat  man  3  herrlich®
Badeplätze  geschaffen,  welche  man  Nachmittags  bequem  mit
der  Bahn  erreicht.  Der  Badezug  verlässt  Zion  um  5  Uhr  und
ist  vor  6  Uhr  bei  der  letzten  Badestelle,  von  der  er  um
71/2  Uhr  abfahrt,  um  in  Zion  um  S'U  Uhr  anzukommen.  Die
„Heiligen  des  letzten  Tages“  können  so  um  billigen  Preis  nach
Beendigung  der  Tagesgeschäfte  —  die  um  4  Uhr  in  der  Stadt
eintritt  —  das  entzückendste  Bad  geniessen,  das  ich  kenne,  der
ich  doch  in  der  Ost-  und  Nordsee,  im  Adriatischen,  im  Mittelländischen, ­
  Atlantischen,  dem  Stillen  Meere  und  im  Golf  von
Mexiko  gebadet  habe.  Die  Aussicht  ist  herrlich  Links  zi^ht
sich  unabsehbar  der  hohe  Gebirgszug  hart  am  See  hin,  den
man  vor  sich  nicht  übersehen  kann  und  der  hier  den  Eindruck
des  Meeres  macht.  Im  unabsehbaren  Vordergrund  des  Se^
Meeres  liegen  einige  Felseninseln  von  verschiedener  Grösse  un
malerischen  Conturen,  wohl  bis  zu  800  Fuss  Höhe  aus  dem
        <pb n="534" />
        !

ii!

_52I  _
See  aufsteigend.  Rechts  sieht  man  über  den  schmalen  Wüsten-Und
  Weidestreifen,  die  wogenden  Kornfelder,  weiterhin  die
Baumgärten  gehüllte  lange  Stadt,  welche  an  den  Vorbergen
Hochgebirges  des  Ostens  leise  ansteigt.  Darüber,  hart  am
usse  des  Hochgebirges,  liegt  das  „Zwinguri“  der  Mormonen,
Ort  Duglas  mit  seiner  Kaserne,  den-Offiziers  wohn  ungen  und
schönen  Gärten,  das  die  Unionsregierung  hier  vor  etwa  zehn
Jahren  bauen  Hess  und  worin  ein  ganzes  Regiment  liegt,  zur  Beobachtung ­
  der  streitbaren  Mormonen  —  die  gewiss  den  Streit  nicht
anfangen,  wenn  man  sie  in  Ruhe  lässt.  Hinter  Fort  Duglas
hebt  sich  nach  rechts  und  links  die  gewaltige  Felsengebirgs-.
  deren  höchste  Spitzen  mit  ewigem  Schnee  bedeckt
.  .  .  Wenn  die  Abendsonne  über  dem  See  und  seinen
nseln,  zwischen  beiden  Gebirgsmassen,  untergeht,  und  das
^at  sie  im  August  grade  zur  Zeit,  wenn  der  Badezug  zur
tadt  zurückfuhr,  geniesst  man  ein  Naturschauspiel  unvergleich-^
  Gr  Bracht.  Sie  hüllt  sich  in  alle  Nuancen  des  Goldgelb
malt  die  Berge  purpurroth,  der  Reflex  dieser  Farbentöne
^ert  auf  dem  See  und  seinem  grünen,  bald  dunklen,  ruhigen
jf.^^^^B^Ggel.  Allmählich  dunkeln  alle  Farben  nach  und
"  deckt  schwarze  Nacht  das  Ganze.
der  See,  kein  Fisch  lebt  darin,  während  der
^  a  See  und  der  Jordan  sehr  fischreich  sind,  nur  eine  schwarze
owenart  kreist  am  Ufer  über  dem,  meist  nur  leise  bewegten
nich"^"  ^^^Grspiegel.  Aber  unschön  ist  der  See  darum
ch^  *  Wasser  ist  so  durchsichtig,  dass  man  jedes  Steinseinem
  Grunde  von  der  Oberfläche  aus  leicht  erkennen
istT  darin  ist  einzig  in  seiner  Art.  Das  Wasser
den^p  heissen  Tagen  kühlt  es  ab,  an  kalten  erwärmt  es
p  .^denden.  Es  ist  extrem  salzig  und  bitter  und  hat
^in  ^ste  Verdunstungsstoffe,  so  dass  der  Mensch  wie
^®P^en  in  ihm  schwimmt,  indem  nur  fünf  Sechstel  eines
^ad%  Manneskörpers  in  ihm  untersinken  können.  Kein  Seeann
  sich  an  Stärke  der  Wirkung  mit  diesem  vergleichen,
hat  man  nahe  Zion  Schwefel-  und  andere  heisse
^  ist  also  ein  äusserst  schönes  und  gesegnetes  Land,  in
        <pb n="535" />
        522

das  Brigham  Young  seine  kleine  Schaar  geführt  hatte,  aber
damals  verrieth  nichts  alle  diese  Vortheile  und  es  hatte  nur
Abschreckendes  in  seiner  trostlosen  Dürre.  Allein  das  Gefolge
vertraute  dem  Führer,  und  schon  am  Tage  nach  der  Ankunft
bauten  die  Einen  ein  Fort,  die  Andern  begannen  die  Arbeit
des  Pflügens  —  im  dürren  Wüstenboden,  überzeugt,  dass  sie
daselbst  ernten  würden,  und  noch  Andere  bauten  den  ersten
Bewässerungscanal,  durch  den  sie  Wasser  aus  dem  Jordan  au
den  frisch  umgepflügten  Acker  leiteten  —  und  wirklich  ernteten
sie  noch  im  selben  Jahre  etwas  Kartoffeln  und  Mais,  freilic
wenig,  wie  denn  die  ersten  Jahre  nur  äusserst  kärgliche  Ernten
brachten.  Der  Wüsten-  wie  der  Praerieboden  der  östlich
vom  Felsengebirge  gelegenen  Staaten  bringt  erst  nach  dem
dritten  Jahre  eine  volle  Ernte,  wenn  das  Wetter  günstig  ist.
Dieses  Zutrauen  konnte  jenen  Männern  nur  eine  feste
religiöse  Ueberzeugung  geben,  denn  als  •  meine  fünf  Reisegefährten, ­
  die  alle  Landwirthe  sind,  und  ich  diese  Wüste  vo«
dem  Ostabhange  der  Sierra  Nevada  bei  Reno  bis  Ogden,  woh
600  Meilen  weit,  durchfuhren,  meinten  wir,  dass  dieser  mi
Salz  und  Alkali  geschwängerte,  von  der  Sonne  ausge  örrte
Boden  niemals  cultivirt  werden  könne.  Wohl  hatten
wir  von  dem  Ackerbau  in  Utah  gelesen,  aber  geglaubt,  dass
der  Boden  daselbst  ein  anderer  sein  werde,  als  in  der  grossen

Wüste.  .  v,t  hei
Mit  einem  ungemessenen  Erstaunen  sahen  wir,  dich
der  Station  Ogden,  plötzlich  in  derselben  Wüste  blühen  ^
Ansiedelungen,  üppige  Wiesen,  reiche,  wogende  Getreidefeld
und  wohl  genährtes  Vieh.  Wo  aber  der  bestellte  Bode
zwischen  zwei  Ansiedelungen  aufhörte,  da  war  wieder  ur  1
weisslich-graue  Wüste,  mit  Sagebusch  bewachsen.  Was  h

Wandpliiriir

WT  il  of  ^

Wasser  und  Arbeit!  j^ren
Allmählich  kamen  in  den  Jahren  1847—50  die  an
Mormonen  von  Illinois,  dann  von  den  Stationen  in  Jowa  u
Nebraska,  nach.  Mühevolle  Reisen  das.  Auf  von  sec  s
acht  Ochsen  gezogenen  Wagen  wurden  Frauen  un
durch  unbewohntes  Land,  auf  dem  es  sogar  oft  kein  n
        <pb n="536" />
        523

Wasser  gab,  den  ungeheuer  weiten  Weg  transportirt.  Es  sind
über  I  ooo  Meilen  von  ihrer  letzten  Station,  die  sie  bei  Omaha
am  Missouri  gegründet  hatten,  bis  nach  Ogden!  Aber  sie
kamen  an!  Jahrelang  lebten  Alle  von  Rationen,  welche  ihnen
sehr  kärglich  zugemessen  waren,  aber  Keiner  verhungerte.
Als  sie  zuerst  den  Pflug  durch  den  von  Alkali  inkrustirten
Boden  trieben,  sagte  ein  alter  Trapper,  der  unter  den  Indianern
lebte,  welche  diese  Wüste  unstet  durchwandern  und  es  nie
zu  bleibender  Niederlassung  mit  einem  Versuch  des  Ackerbaues ­
  darauf  brachten,  er  wolle  den  Mormonen  jedes  Korn,
^as  sie  hier  ernten  würden,  mit  Gold  aufwiegen  und
i^tzt  ist  es  schon  geschehen,  dass  Weizen  von  Utah  dritthalbtausend
  Meilen  weit  per  Bahn  nach  New-York  und  von  da
aach  England  transportirt  worden  ist,  denn  der  Wüstenboden
von  Utah  ernährt  nicht  nur  die  jetzigen  150.000  Einwohner
Territoriums,  worunter  ein  grosser  Theil  sich  nicht  mit
Ackerbau  beschäftigt,  sondern  in  den  Silber-  und  anderen
Bergwerken  arbeitet,  sondern  es  werden  Weizen,  Mehl,  Vieh
und  Pferde  sowohl  nach  San  Francisco  als  auch  nach  den  Oststaaten ­
  der  Union,  und  zuweilen  Weizen  sogar  nach  Europa
^xportirt.
Präsident  Young  entwarf  sofort  den  Plan  der  Stadt  „Zion“,
Reiche  die  Amerikaner  Salt  Lake  City  nennen,  der  bis  heute
&amp;gt;nne  gehalten  wurde.  Es  ist  eine  sehr  schöne  Stadt  nach
diesem  Plane  entstanden,  mit  langen,  96  Fuss  breiten  Strassen,
un  deren  beiden  Seiten  unaufhörlich  frisches  Wasser  in  Canälen
Ibesst,  neben  denen  schattenspendende  Baumreihen  stehen.
Bast  jede  Familie  bewohnt  ein  eigenes  Haus,  nur  in  wenigen
l^auptstrassen  entbehren  diese  Wohnungen  einen  Garten.  Der
Gärten  wegen  ist  die  Stadt  von  sehr  grosser  Ausdeh-^^ug,
  obschon  sie  nur  ca.  30.000  Einwohner  hat.  Für  ihre
^ultusgebäude,  das  weltbekannte  eiförmige  Tabernakel  mit
^underbarer  Akustik,  der  drittgrössesten,  herrlich  tönenden
und  Raum  für  12.000  Personen,  den  noch
uen  prachtvollen  Tempel,  das  Stadthaus  und
Schulen  haben  die  Mormonen  Millionen
Mit  dem  Plane  zur  Stadt  machte  Young

^»■gel  in  der  Union
uuBau  begriffenen  m

die

k&amp;gt;olla

21  öffentlichen

fS  aUROTf
        <pb n="537" />
        524
gleichzeitig  den  Entwurf  zu  einer  allgemeinen  Bewässerung ­
  des  Landes  und  zu  einer  Eintheilung  desselben  m
kleine  Besitzungen  für  je  eine  Familie,  Nachdem  ich  diese
Bewässerung  und  den  Ackerbau  hier  gesehen,  halte  ich  beide
für  die  vollkommensten  in  Amerika  und  wohl  werth,
von  europäischen  Ingenieuren  im  Detail  studirt  zu  werden.
Vom  Jordan  und  von  anderen  aus  dem  Gebirge  kommenden ­
  Flüssen  wird  das  Wasser  in  grosse  Canäle  und  von  diesen
in  Kleinere  geleitet,  welche  das  Grundstück  eines  jeden  An
Siedlers  rund  umfliessen.  Die  innere  \ertheilung  des
Wassers  auf  dem  eigenen  Boden  hat  jeder  Besitzer  selbst  zu
besorgen.  Natürlich  macht  der  Eine  diese  Bewässerungsanlage
für  sein  Grundstück  besser,  der  Andere  schlechter,  wie  der
Eine  besser  abkert,  der  Andere  schlechter.  Danach  ist  auch
die  Ernte  verschieden.  Im  Durchschnitt  ist  aber  Bewässerung
und  Ackerung  gut  und  hat  ein  guter  Stock  englischer  Farmer,
die  dicht  um  Zion  angesiedelt  sind,  hier  das  System  des  englischen ­
  high  farming  mit  Glück  eingeführt,  das  von  den
Nachbarn  nachgeahmt  wird.  Der  erste  Plan  zu  diesem  grossartigen ­
  Canalsystem  ist  von  Young  aufgestellt.  Innerhalb
desselben  werden  die  Canalbauten  jetzt  in  den  einzelnen
Colonien  von  der  Ortsbehörde,  von  einer  Cooperativ-Gesellschaft
  von  Farmern  oder  von  einer  Actiengesellschaft  ausgeführt. ­
  Früher,  als  die  Gemeinde  klein  war,  that  die  Kirchenbehörde, ­
  welche  gleichzeitig  weltliche  Behörde  war,
dies.  Die  Canäle  sind  sehr  billig  hergestellt  und  bedient  man
sich  verschiedener  Arten  von,  Pflügen  und  der  Zugkraft  des
Pferdes  zum  Ausheben  der  Erde.  Diese  billige  Herstellung
der  Bewässerungsanlagen  könnten  wir  hier  lernen.  Ohne  Be
Wässerung  ist  das  Land  vollkommen  werthlos.  Der  Alkaligehalt
des  Bodens  ist  nicht  überall  gleich.  Wo  er  sehr  gross  ist,
„wäs.cht  man  das  Land.“  Man  lässt  Wasser  langsam  darüber
laufen,  welches  das  Alkali  auflöst  und  beim  Abfliessen  in  den
Grossen  Salzsee  führt  und  wiederholt  dies  Experiment  so  oft,
bis  der  Acker  genügend  von  Salz  gereinigt  ist.
Die  ersten  Canäle  sind  von  der  kirchlichen  Gemeinschaft
als  solcher  mittelst  allgemeinen  Aufgebotes  aller  Arbeitsfähigen
        <pb n="538" />
        erbaut  und  war  von  Lohn  per  Tag  dabei  nicht  die  Rede.
Seit  vielen  Jahren  aber  ist  dem  nicht  mehr  so.  Man  arbeitet
auch  unter  Mormonen  nur  noch  für  Geld,  es  sei  denn,  es
Werde  eine  neue  Colonie  gegründet.  Dennoch  kann  ein  Mann
leicht  Grundbesitzer  hier  werden.  Er  braucht  sich  nur  Antheil
  am  Wasser  eines  schon  bestehenden  oder  entstehenden
Bewässerungscanals  zu  kaufen  oder  zu  erarbeiten.  Die
Mormonen  kommen  in  der  Regel  ganz  arm  aus  Europa  hier
^n.  Sie  werden  zunächst  von  ihren  Bischöfen,  welche  nicht
nur  für  geistliche  Functionen  da  sind,  sondern  denen  auch
—  ich  kann  wohl  sagen  —  Vormundschaft  für  die  Mitglieder ­
  ihres  Sprengels  und  die  stete  Sorge  für  ihr  materielles
Bortkommen,  wie  eventuell  die  Armenpflege  obliegt,  untergebracht. ­
  Dann  suchen  sie  Lohnarbeit,  die  sie  zu  2  Dollars
Tag  leicht  erhalten.  Für  Wohnung  und  Kost  zahlt  der
Unverheirathete  2'/.^—3  Dollars  per  Woche  in  Zion.  Ein
tüchtiger  Arbeiter  —  schlechte  Arbeiter  erhalten  natürlich
Weniger  Tagelohn  —  kann  also  bald  eine  bescheidene  Summe
sparen.  Nun  kauft  oder  erarbeitet  er  Recht  an  einem  Canal,
bisher  wüstes  Land  bewässern  soll.  Hat  er  dies  Recht
erkauft  oder  erarbeitet,  so  nimmt  er  eine  Homestead  am
Canal  auf,  d.  h.  er  bezeichnet  der  Landbehörde  der  Unions-^egierung
  160  Acres  Wüstenland,  auf  dem  er  sich  niederlassen
Dieses  Land  wird  ihm  nun  für  5  Jahre  zugeschrieben
Segen  Erlegung  einer  Gebühr  von  ca.  15  Dollars.  Hat  er
5  Jahren  einen  bestimmten  Theil  des  Landes  in  Cultur
gebracht,  so  erhält  er,  gegen  eine  abermalige  kleine  Gebühr,
en  Besitztitel.  Er  baut  sich  ein  bescheidenes  Häuschen  auf
er  Homestead,  pflügt  soviel  Acres  im  Herbste  um,  als  seine
.  ^*’de  leisten  können  und  stellt  die  einfachen  Canäle  zur  Be-^eselung
  des  Ackers  im  Innern  seines  Grundstückes  her,  wo-,
  *Bm  erfahrenere  Nachbarn  zur  Hand  gehen.  Von  December
März  fällt  reichlicher  Schnee  in  den  Gebirgen,  so  dass
&amp;gt;ese  Wasser  genug  in  die  Canäle  für  Sommerbewässerung
ern  können.  Im  Frühjahre  säet  der  neue  Ansiedler  Weizen,
^fer,  Gerste,  Mais  und  pflanzt  Kartoffeln.  Hat  er  die  Mittel
so  pflanzt  er  auch  Obstbäume  und  wohl  Pappeln  und
        <pb n="539" />
        520

Weiden  zum  Schutze  des  Gehöftes  gegen  Windstürme.  Ich
habe  diese  Ansiedelungen  in  allen  Stadien  gesehen,  ein  Ja  r
alt,  bis  30  Jahr  alt.  Im  ersten  Jahre  der  Ansiedelung  wohnt
die  Familie  zuweilen  in  dem  mit  wasserdichter  Leinewand  bedeckten ­
  Wagen,  oder  sie  gräbt  ein  Loch  m  die  Erde,  dec  t
Bretter  darüber  und  über  diese  Erde  und  wohnt  m  dieser
dugout“  genannten  Höhle,  dann  baut  man  ein  kleines  Haus
aus  Holz  oder  an  der  Luft  getrockneten  I^hmziegeln,  nachfahren
  tritt  ein  stattliches  Ziegelhaus  hinzu,  neben  dem  man
das  alte  Häuschen  in  der  Regel  stehen  lässt  und  als  Rumpe  -
kammer  benutzt.  .
Mancher  Homesteadbesitzer  besitzt  zwar  schon  160  Acres
=  64  Hectare,  aber  nur  Recht  auf  soviel  Wasser,  dass  er  20  Acres
bewässern  kann.  Er  bebaut  diese  vorläufig  und  erkauft  a  -
mählich  etwas  mehr  Wasserrecht.  Die  meisten  Canalbaue
sind  noch  immer  im  Fortschreiten  begriffen,  sie  werden  ve^
lungert,  vertieft,  gereinigt.  Das  kostet  Geld  und  Arbeit.  Nun
werden  „Shares“  ausgegeben,  welche  z.  B.  jed^  das
auf  eine  Stunde  Wasserlauf  per  Woche  gewahren.  Solch
Shares  haben  einen  Marktwerth.  Man  kann  sie  erkaufen,  m
kann  sie  auch  von  der  Canaldirection  erwerben  wenn  ma
an  dem  Canal,  sei  es  allein,  sei  es  mit  einem  Pferdgespan  ,
arbeitet.  Der  kleine  Anfänger  kann  also  allem  durch  se
Arbeit  sich  schliesslich  soviel  Wasser  erwerben,  dass  er  da
seine  sämmtlichen  160  Acres  bewässern  kann.  Man  mac
übrigens  die  Erfahrung,  dass  es  in  Folge  der  Bewasser  g
grosser  Flächen  und  der  Vegetation  darauf,  namentlich
vielen  Baumpflanzungen,  jetzt  mehr  in  Utah  regnet,  as
früheren  Jahren,  eine  Beobachtung,  welche  man  auch  au
Prairie  im  Osten  des  Felsengebirges  macht.  Der  Grosse  S
see  ist  in  Folge  dieses  Regens,  wovon  das  abfhessende  Wass^
ihm  zu  Gute  kommt,  seit  mehreren  Jahren  ca.  10  FuK  g
stiegen.  Er  wird  grösser.  Auch  in  den  anderen  mormomsc
Colonien  im  südlichen  Theile  der  Wüste  regnet  es  jetzt  sch
mehr  als  .früher,  sogar  in  Arizona.  Man  rechnet,  da^
Erwerben  des  Wasserrechtes  auf  so  viel  Wasser,  womi
I  Acre  bewässern  kann,  5  bis  10  Dollars  ein  fur  all
        <pb n="540" />
        527

kostet,  je  nachdem  das  Wasser  eine  kürzere  oder  längere
Strecke  zu  leiten  ist.  Die  Unterhaltungskosten  fur  die  Hauptcanäle ­
  sind  jährlich  nicht  gross,  etwa  5  bis  10  Dollars  per
Homestead  von  160  Acres,  in  der  Stadt  Zion  für  Garten
ï  /4  Dollar  für  jede  5  Acres,  hier  ist  jedoch  das  Wasserrecht
nicht  vorher  gekauft,  sondern  wird  durch  die  jährliche  Zahlung
von  1*^4  D.  mit  bezahlt.  Mancher  Ansiedler,  der  sich  etwas
Capital  mitgebracht  oder  erspart  hat,  zieht  es  vor,  eine  schon
cultivirte  Landparcelle  zu  kaufen.
Er  begnügt  sich  dann  in  der  Regel  mit  einer  kleineren
Parcelle.  Um  die  Stadt  Zion  herum  ist  das  Land  in  „Lots“
Von  je  5  Acres  eingetheilt,  und  hier  existiren  viele  kleine
Earmen  von  je  20—30  Acres.  Die  Engländer,  Schweden,  Norweger, ­
  Dänen  und  Schweizer,  welche  hier  die  Masse  der
andwirthe  bilden,  sind  äusserst  fleissige  Farmer,  und  so  sind
^enn  diese  Farmen  im  zwanzigmeiligen  Umkreise  von  Zion,
W^che  schon  12  und  mehr  Jahre  in  Cultur  sind,  wahre
rachtmuster,_  die  man  selbst  in  England  nicht  übertroffen
ndet.  Jedenfalls  haben  wir  auf  unserer  ganzen  Reise  durch
nierika  nur  in  Pennsylvanien  ebensogute  Feldfrüchte  auf
ci^em  grossen  Gebiete  gesehen,  in  den  Herrenhuteransiedeungen
  daselbst.  Mit  dieser  Ausnahme  halte  ich  das  Mormonen-^*^d
  für  das  bestbestellte  Ackerland  Amerikas,  sowie  man
^nen  grossen  Ackerbezirk,  und  nicht  eine  einzelne  Farm,  ins
^ge  fasst.  Da  man  stets  soviel  Feuchtigkeit  hat,  als  man
JW^cht,  da  das  Klima  warm,  im  Mittel  32"  F.,  und  selten
j.  oder  unter  o",  und  der  Boden  sehr  reich  an  mine-^
  tschen  Bestandtheilen  ist,  so  braucht  er  nur  Fleiss,  um
^sserordentliche  Erträge  zu  liefern,  und  fleissig  sind  jene
^orrngnischen  Bauern.  Sie  düngen  sogar  meistentheils  schon
^  Boden,  was  aber  im  ersten  Dutzend  Jahre  der  Cultur  ent-^kieden
  unnütz  ist.
kabe  viele  Farmen  besucht,  die  beste  davon  gehört
Herrn  Winder,  der  vor  15  Jahren  hier  mit  sehr  geringen
*^teln  einwanderte,  aber  englisches  Farmen  gründlich  kannte.

M
Er

^  ^og  vor,  nicht  weit  von  der  Stadt  sich  anzusiedeln  und
85  Acres  schon  in  Privatbesitz  übergegangenes  Land,
        <pb n="541" />
        528

etwa  3  Meilen  von  Zion,  den  Acre  zu  25  Dollars,  womit  das
Bewässerungsrecht  schon  erworben  war.  Das  Land  war  noch
ungepflügt,  wüst  und  sehr  reich  an  Alkalien,  musste  also  oft
ausgewaschen  werden.  Jetzt  hatte  er  ein  schmuckes  Haus
darauf  erbaut  und  genügende  leichte  Ställe  für  sein  Vieh.
Dieses  bestand  ausser  den  Ackerpferden,  aus  etwa  ein  Dutzend
Stuten  und  Füllen,  Vollbluttrappern  und  englischen  Vollblutpferden, ­
  alle  von  grosser  Schönheit  und  im  Werthe  von  800
bis  2—3000  Dollars  je,  ferner  in  Shorthorn-  und  Jerseymilchkühen. ­
  Ein  grosser  Gemüsegarten  war  mit  Bohnen,  Erbsen,
Blumenkohl,  Kohl,  Zwiebeln,  Melonen,  rothen  und  Zuckerrüben, ­
  Rhabarber,  Carotten  und  Salat  angebaut.  Unter  Aepfel-,
Pfirsich-  und  Pflaumenbäumen,  die  sich  unter  dem  Gewicht
der  Früchte  bogen,  war  Luzerne  angesäet,  die  zu  Heu  gemähet
wird.  Die  Kartoffeln  gaben  300  Bushel  (à  35  Liter)  per
Acre,  die  rothen  und  weissen  Futterrüben  ¿200  Bushels  oder
72.000  englische  Pfund,  Luzerne,  die  vier  mal  im  Jahre  geschnitten ­
  wird,  8  Tonnen  (à  2000  englische  Pfund,  112  englische ­
  Pfund  ---  50  Kilogramm),  rother  Klee  ebensoviel.  Bei
Weizen  und  Gerste  rechnete  er  aui  50,  bei  Hafer  auf  80  Bushel
per  Acre.
Natürlich  ist  dies  eine  der  schönsten  Farmen,  allein  manche
kleinere  hat  keine  niedrigeren  Erträge  per  Acre.  In  den  ersten
Jahren  freilich  wird  der  Acre  nur  10—12  Bushels  Weizen
und  Gerste  bringen,  aber  Luzerne  bringt  sofort  reichlichen
Ertrag  und  kommt  auch  auf  sehr  kalireichem  Boden  gut  fort,
wie  auch  die  Kartoffel.  Von  Luzerne  leben  Pferde  und  Kühe
im  Winter.  Die  Viehhaltung  wird  also  schon  am  Ende  des
ersten  Ansiedelungsjahres  möglich.  Noch  braucht  man  nicht
zu  düngen,  aber  nach  10—12  Jahren  lohnt  cs  sich,  dies  z
thun,  obschon  ich  Weizen  auf  einem  Felde  sah,  das  schon  zuin
15.  Male  hinter  einander  Weizen  ohne  Dung  brachte  und  jetzt
45  Bushels  zum  Acre  zu  geben  versprach.  Das  aus  deih
Gebirge  kommende  Schneewasser  führt  vermodertes  Laub  un
aufgelöste  fruchtbare  Gebirgserde  mit  sich  und  düngt  danut
das  von  ihm  berieselte  Land.
Die  Früchte  der  Landwirthschaft  haben  hier  einen  hohen
        <pb n="542" />
        529

«'S,  weil  die  Bergwerksbevölkerung  rund  um  diese  Oase  in
rirona,  Nevada,  Utah  und  Montana  in  ihr  den  nächsten
StadTv"’““'''”'*'''''  9  August,  als  ich  in  dieser
bis  n  ?,  ™  Grosshandel  Weizen  90  Cents
Pfunö  1  35  Liter  oder  60  Ibs.  [englische
noej  ^  j;  Kilogramm),  Kartoffeln  35-40  Cents,  Gerste
1  Gentner  von  100  Ibs.  i.ao-1.25  DoUars,  Hafer  per  Cent-Mais
  ^  Dollars,  Mehl  per  Centner  2.40—270  Dollars,
i4_r  *  Durchschnitt  30—50  Cents,  Käse
^  fettes  Schaf  4—6  Dollars,  ein  fettes
Oalfn  ^~~r  lebend  Gewicht,  Milch  25  Cents  per
l^uzernheu  und  Kleeheu  6-20  Dollars  per  Tonne  von
^  ^  Metercentnern,  im  Durchschnitt  aber
nur  San  Francisco  kostete  damals  Weizen
Pettvil  Ausser  Milch,  Butter,  Getreide,
sendet  (^'^^hes  und  getrocknetes  Obst  ver-Käser
  •  stammende  Mormonen  betreiben
soll  vn  «"»erwirthschaft  mit  viel  Erfolg.  Ein  Farmer
Pamilí!"  30-40  Acres  mit  der  zahlreichen
^^nnorh^T  gebauten  Früchten  leben  und
"innehl  I  verkaufte  Producte  1000  bis  1200  Dollars  jährlich
Purob;*J"  l^onnen,  ein  Ertrag,  der  nur  in  wenigen  Theilen
V,  pI"  dürfte.  Die  Abgaben  sind  geringe,
aber  v  geschätzten  Werth.  Die  Kirche
Zehnten.  Die  Ausgabe  der  mormonischen
Und  K-  T'  Kleidung,  für  ihre  vielen  Frauen
Parmer  -  ^1®  diejenige  der  nicht  mormonischen
ßezop-f.'  ^  ihnen  der  Genuss  von  Spirituosen  —ausser  eigen-Und
  Th^”'  Wein  und  Cider  —  des  Bieres,  Tabaks,  Kaffees
zahlt  ¡hre  Religion  verboten  ist.  Nahe  der  Stadt
eingerichtete,  alte  und  gut  cultivirte
Seine  .  r  Dollars  per  Acre.  Mr.  Winder  schätzte  die
^  uf  125  Dollars  per  Acre.
^^^uifen  "^°^"^onische  Colonie  zieht  sich  nicht  nur  in  langen
'  5—15  Meilen  breit  nördlich  und  südlich  Zion  hin,
34
        <pb n="543" />
        530

sondern  eine  Kette  von  Mormonencolonien  setzt  sie
südlich  bis  Tucson  in  Arizona  und  nördlich  durch  Wyoming
und  Idaho  bis  in  Montana  fort,  so  zwar,  dass  ein  Reiter,
welcher  von  Tucson  in  Südarizona  über  Zion  in  Utah  durch
Wyoming  oder  Idaho  nach  Montana  reitet,  auf  dieser  wo
2000  englische  Meilen  langen  Strecke  jede  Nacht  auf  einer
mormonischen  Niederlassung  schlafen  kann.  Au
solche  Entfernungen  nämlich  hat  sich  die  Kolonienkette  nördlich ­
  und  südlich  von  Zion  weiter  und  weiter  vorgeschoben,
und  zwar  ist  dies  planmässig  geschehen.  So  können  »e
Ansiedler  aus  einer  Colonie  schnell  jenen  in  einer  andere
Colonie  zu  Hülfe  kommen  und  so  kann  die  Behörde  m  Zio
ihre  Befehle  sicher  und  schnell  an  alle  ihre  Colonien  gelange
lassen.  Diese  Art  der  Anlage  von  Colonien  m  besummte
Abstande  von  einander  liefert  den  schlagenden  Beweis,  as
die  „Grosse  Wüste«  fast  überall  cultivirbar  ist,  dass
man  in  Abständen  von  weniger  als  einer  Tagereise  u  era
Wasser  genug  zur  Bewässerung  findet,  und  dass  m  ihr  über
Früchte  gezogen  werden  können.  Wo  Flusswasser  fehlt,  ge
winnt  man  es  durch  artesische  oder  durch  solche  Brunnen,
deren  Pumpwerk  von  einer  Windmühle  in  Bewegung  gesetz
wird.  Die  Bewässerung  mittelst  solchen  Brunnenwassers  ve
breitet  sich  immer  mehr  in  West-  und  Südamerika.
Die  artesischen  Brunnen  sind  300—1200  Fuss  tief,  ge
per  Stunde  400—1000  Gallonen  Wasser,  und  mit  Zuhilfenahn^
von  Windmühlpumpwerken  bis  2400  Gallonen  a  4  Liter  p
Stunde  Jahr  ein,  Jahr  aus.  Zu  2000  Gallonen  per  J""
oder  80  Hectoliter  giebt  ein  solcher  Brunnen  ca.  2000  He
liter  per  Tag,  die  man  in  Reservoirs  sammeln  kann,  so
man  von  einem  Brunnen  700.000  Hectoliter  Wasser  im  Ja
für  Irrigation  nutzbar  machen  kann.  Gewöhnliche
sind  in  Utah  in  der  Regel  nur  einige  30  Fuss  tief  und  geo  ’
durch  Windmühlen  ausgepumpt,  genügend  Wasser,  um  gr
Gärten  zu  bewässern,  in  Californien  sind  sie  zu  diesem  vve
in  Wein-,  Obst-  und  Gemüsegärten  sehr  allgemein  in  Gebrau^^
Im  Süden  bauen  die  Mormonen  Baumwolle,  Feigen,
Südfrüchte,  im  Norden  Weizen.  Sie  .treiben  auch  erhe
        <pb n="544" />
        531

Viehzucht,  indem  ihre  Schafe  und  Rinder  zum  Theile  in  den
'-»ebirgen  weiden.
..  reichen  Mormonen  betreiben  selten  Ackerbau  auf
größeren  Farmen,  höchstens  auf  400  bis  600  Acres.  Aber
»e  haben  zahlreiche  Viehheerden,  Tausende  von  Rindern  und
c  a  en,  die  im  Sommer  im  Gebirge  weiden  und  im  Winter
n  die  Seen  hinabgetrieben  werden;  der  Boden  gehört  dem
^  aate.  Diese  Heerden  kosten  also  nur  den  Hirten.  Die
j  Preise  aber  sind  sehr  gut.  Gewöhnliche  Schafe  kosten
2  is  2  Dollars  per  Stück,  Fettschafe  4  bis  6  Dollars;  fettes
ndvieh  bringt  4  bis  7  Cents  per  Ib.  Lebendgewicht.  Diese
lehzucht  lohnt  sogar  noch  mehr  als  jene  in  Wyoming,  von
J  ich  weiterhin  zu  sprechen  habe,  obschon  das  sonst  eine
Unkosten  für  das  Hüten  eines
naes  bis  zum  vierten  und  fünften  Jahre  in  Utah  werden
mehr  als  4  bis  6  Dollars  kosten,  ein  Fettochse  aber
50  bis  80  Dollars.
no  Selbstbinder,  welchen  wir  hier  arbeiten  sahen,  band
sch  arbeitete  aber  gut.  Er  wurde  von  drei
wachen  Pferden,  die  den  Tag  über  nicht  gewechselt  wurden,
^^'Ogen  und  mähte  und  band  den  Weizen  auf  5  Acres  per
w5h  Getreide  gut  und  werden  kräftige  Pferde  im
^rfn  T  so  kann  er  8  bis  12  Acres  räumen  und
r  ert  natürlich  nur  einen  Treiber,  aber  mehrere  Leute  zum
Setzen  der  Garben.
Mormonen  sind  auf  diesem  ganzen  Streifen  die  ein-Rer^r
  ^kerbauer  und  fast  die  einzigen  Industriearbeiter,
gieute  abgerechnet,  ln  ihren  Städten  benutzen  sie  die
bed-  geschickt  zur  Anlage  von  Fabriken.  Neuerlich
Koh^^"  sie  sich  auch  der  Dampfkraft,  nachdem  treffliche
Kohl^  ^  Dollars  per  Tonne  in  Utah  kostet.  Die
^nd  ^  Meilen  von  Zion  im  Gebirge  gefunden
'^och  Vollendung  begonnener  Eisenbahnen,
banp  der  Landwirthschaft  in  Zusammenin
  kl  Fabrikation  von  Syrup  und  sogar  Rohzucker
Klei  Quantitäten,  aus  Sorghum  und  Zuckerrohr,  die  im
von  den  Farmern  betrieben  wird,  meist  nur  zur
34*
        <pb n="545" />
        Deckung  des  Hausbedarfes,  ferner  die  Mühlenindustne.  Au
Wassermühlen  wird  jener  Weizen  gemahlen,  der  in  der  Colonie
consumirt  und  für  die  Bergleute  in  die  Gebirge  geführt  wird.
Ferner  hat  man  Wollen-  und  Seidenwebereien,  denn  auch  der
Seidenwurm  wird  gepflegt  und  es  giebt  viele  Maulbeerbäume
in  Utah.  Es  giebt  einigfe  Gerbereien  und  fängt  man  neuerlic
auch  die  Eisenbearbeitung  an.  Eisen  findet  sich  nahe  Zion.
Solches  ist  der  Zustand  des  Mormonenstaates  in  der  Wüste,
der  sich  immer  weiter  ausbreitet,  denn  auch  jetzt  werden  noch
jährlich  einige  Colonien  —  immer  im  Zusammenhänge  mit
schon  bestehenden,  d.  h.  in  ihrer  Nachbarschaft  gegrün  e
Die  Zahl  der  Farmen  betrug  1850  erst  926,  i860  =
1870  =  4.908  und  verdoppelte  sich  bis  1880  auf  9.452.  er
pachtet  sind  davon  nur  60,  von  Métayers  bewirthschaftet  373-Unter
  3  Acres  sind  nur  18,  von  3—10  Acres  396,  von
10—20  Acres  1.253,  von  20—50  Acres  3.496,  von  50—100  Acres
1.963,  von  100—500  Acres  1.857,  von  500—1000  Acres  30,
über  1000  Acres  nur  3.  Mormonische  Farmen  giebt  es
aber  noch  zahlreiche  in  den  angrenzenden  Staaten  und
Territorien  und  wurden  in  Utah  seit  1880  zahlreiche  neue
Farmen  und  sogar  Colonien  alljährlich  gegründet.  Die  Leute,
welche  dazu  bereit  sind,  eine  neue  Colonie  zu  gründen,  werden
zusammen  berufen.  Die  Kirche  stellt  einen  Anführer  an  ihre
Spitze.  Die  Bemittelten  schaffen  Wagen,  mit  grossen,  wasserdichten ­
  Tüchern  bedeckt,  Zugthiere,  Ackergeräthe,  Saatgut
und  Lebensmittel  an,  die  Aermeren  verdingen  sich  als  Miethsleute
  bei  Ersteren.  Genügt  das  Vermögen  der  Leute  nicht
zur  Ausrüstung  der  Expedition,  so  schiesst  das  Zehntamt  der
Kirche  das  Fehlende  zu.  Nun  zieht  die  Schaar  nach  dem
schon  vorher  sorgfältig  ausgesuchten  Ort  ab,  wo  die  Colonie
gegründet  werden  soU.  Die  Aeltesten  kennen  die  Gegen
genau  und  wissen,  was  man  dort  anbauen  kann.  Ein  Wasser
ingénieur  wird  der  Expedition  beigegeben.  In  Zion  besteh
eine  Schule  für  solche,  die  von  Mr.  Fox  geleitet  wird,  de
seit  Anbeginn,  noch  unter  Brigham  Young,  alle  Bewásserungc^
geplant  hat.  An  Ort  und  Stelle  angekommen,  wird  Jede
sein  Acker  zugemessen  -  der  unentgeltlich  von  der  Unio
        <pb n="546" />
        533

als  Homestead  aufgenommen  wird.  Manche  bauen  eine  Hütte,
ndere  campiren  im  ersten  Jahre  im  Wagen.  Sofort  beginnt
man  den  Bau  der  Bewässerungscanäle  und  das  Pflügen  des
ers.  Alle  Arbeiten  werden  militärisch  auf  Commando  des
G  testen  ausgeführt.  Man  bewässert,  pflügt,  sät  —  und  dann
aut  man  erst  ein  wohnliches  Haus.  Nach  6  Monaten  hat
^an  schon  eine  kleine  Ernte,  nach  i  Jahren  meist  schon,
as  man  bedarf.  Dieses  planmässige  Zusammenwirken  Vieler
^titer  Leitung  durchaus  Sachverständiger  und  die  Hülfe  der
irche  mit  ihrem  reichen  Zehntenschatz  bewirkt  es,  dass  diese
^  o  onien  fast  nie  scheitern.  Es  ist  darum  auch  unmöglich,
m  Productionskosten  eines  Metercentner  Getreide  in  einer
ß  Colonie  zu  berechnen,  denn  wer  kann  jene  Dienste  in
eld  berechnen,  welche  eine  kirchliche,  wohl  organisirte
i  emeinde  ihren  „Brüdern“  leistet?  Sie  sind  unschätzbar.  Der
^  »viduelle  Ansiedler,  welcher  von  Europa  hierher  kommt,
Ut  '^Icl  schwerer,  sich  selbstständig  zu  machen.  In
ß  ^  schon  ganz  unmöglich,  da  er  allein  sich  keine
^ewasserungsanlage  machen  kann,  die  Mormonen  ihn  aber
halb  k  ^  Wassergenossenschaft  aufnehmen.  Desin
  d  ^Gute  das  Monopol  des  Ackerbaues
...  Wüste  und  werden  es  so  lange  behalten,  als  ihr  relisc^r
  gGnug  ist,  sie  von  der  Geschäftsgemein-^
  mit  Andersglaubenden  abzuschliessen.
Es  mag  noch  erwähnt  werden,  dass  sie  auch  andere
p^^^(ionsgeschäfle  haben,  so  ein  grosses  Waarenmagazin
der  ^  Mitglieder  preiswürdiger  kaufen  als  in  an-^^en
  Läden,  und  dessen  Einkünfte  unter  die  Actionäre,  lauter
die  ^^("theilt  werden.  Dieses  Kaufmannsgeschäft  führt
®ins  cooperative  mercantile  institution“  und  ist
der  ^^össesten,  wenn  nicht  das  grösste  derartige  Geschäft
y-  Diese  Compagnie,  deren  Actien  nur  von  strenggläu-^amonen
  besessen  werden,  hat  das  prächtigste  Magazin  in
®der  Salt  Lake  City,  massiv  von  Ziegelstein  und  Eisen
helle^*’  Euss  lang,  53  Fuss  breit,  3  Stock  hoch  und  untereinem
  Waarenhause  von  gleicher  Höhe,  195  Fuss
und  25  Fuss  Breite  verbunden  und  wird  neuerlich  ver-
        <pb n="547" />
        534

grössert.  Das  Geschäft  besitzt  in  jeder  der  über  500  Mormonendörfer ­
  oder  Städte  eine  Filiale,  kauft  Alles  im  Grossen
ein  und  führt  Alles,  was  eine  Land-  und  Stadtbevölkerung
bedarf,  von  der  eisernen  und  hölzernen  Maschine  bis  zum
feinsten  Tuch  und  kostbarsten  Damenputz.  Da  in  allen  Städten
jüdische  Händler  existiren,  so  kann  dies  Geschäft  sich  nur
halten,  indem  es  billiger  verkauft  als  jene,  und  das  thut  es
und  kann  es  um  so  eher,  als  es,  vermöge  seines  Massenumsatzes,
  Specialtarife  niedrigster  Art  bei  allen  Bahnen  hat,  um
so  mehr,  als  die  Localbahnen  von  Mormonen  gebaut  sind  und
einer  ihrer  Bischöfe  sogar  Director  der  grossen  Union-Pacific-Eisenbahn
  ist.  Der  Umsatz  dieses  Geschäftes  muss  colossal
sein,  die  Kirche  verbietet  den  Mormonen,  bei  Nichtmormonen
zu  kaufen,  ein  Verbot,  was  freilich  oft  nicht  beobachtet  wird,
allein  da  das  Cooperativgeschäft  billiger  liefert,  hat  es  doch
fast  die  ganze  Mormonenkundschaft  und  «sogar  die  vieler
nichtmormonischen  Bergleute.  Leider  wollte  man  mir  das
'  Geschäftsresultat  dieses  grossartigen  und  musterhaft  geleiteten
Unternehmens  nicht  mittheilen,  wie  man  denn  gegen  Fremde
sehr  zurückhaltend  ist.  Durch  Ineinandergreifen  von  Ackerbau, ­
  Viehzucht,  allen  solchen  Industrien,  welche  ein  Volk  nothwendig
  gebraucht,  und  Organisirung  des  Handels  und  der
Communicationswege  ist  das  mormonische  Reich  in  der  Grossen
Wüste  vollkommen  im  Stande,  wenn  von  dem  übrigen  Amerika
abgeschnitten,  sich  selbst  zu  erhalten,  es  hat  also  alle  Bedingungen ­
  der  Selbstständigkeit.  Gewiss  eine  der  wunderbarsten
Schöpfungen  unserer  Zeit!  •
Brigham  Young  wusste,  dass  in  den  Bergen  nahe  Zion  Silber
und  andere  kostbare  Metallschätze  vorhanden  seien,  erlaubte
seinem  Volke  aber  nicht  die  Ausbeutung  derselben,  weil  er  aus
Bergleuten  keinen  Staat  zu  bilden  im  Stande  war,  was  doch
seine  Absicht  war  und  ihm  auch  gelungen  ist.  Dies  konnte
er  nur  thun,  wenn  er  seine  Anhänger  zu  Ackerbauern  erzog-Und
  in  der  That  beherrschen  die  Mormonen  nicht  nur  Utah,
sondern  die  ganze  amerikanische  Wüste,  wie  ich  sie  gc
schildert  habe  und  ihre  Grenzgebirge,  weil  sie  die  einzigen,
nennenswerthen  Ackerbauer  und  die  einzige  Partei  hierselbst
        <pb n="548" />
        Sind,  die  über  loo.ooo  wohlhabende,  unabhängige  Männer,
neben  einer  Anzahl  von  sehr  reichen  Leuten,  hat,  die  ausserdem ­
  alle  blind  dem  Befehle  ihres  Kirchenregiments  in  Zion
gehorchen.  Thatsächlich,  wenn  auch  nicht  der  Form  nach,
ist  die  Grosse  amerikanische  Wüste  ein  mormonisches  Königi’^ich.
  Mr.  Taylor,  Präsident  der  Kirchenbehörde,  der  noch
üiii  Joseph  Smith  zusammen  im  Jahre  1846  verwundet  wurde,
mit  dem  Leben  davon  kam,  beherrscht  die  amerikanische
üste,  obschon  er  keinerlei  obrigkeitliches  Amt  dai’in
  bekleidet!  Die  Mormonen  stimmen  bei  allen  politischen
iiiid  Gemeindewahlen  natürlich  wie  ein  Mann  und  geben  des-^ib,
  wo  sie  dicht  angesiedelt  sind,  bei  diesen  Wahlen  den
Ausschlag.
Als  die  Mormonen  von  Illinois  vertrieben  wurden,  beabsichtigten ­
  sie,  die  Union  zu  verlassen.  Utah  gehörte  1847,
sie  hierher  kamen,  noch  zu  Mexico.  Allein  schon  im
"^chsten  Jahre  wurde  es  von  der  Union  annectirt  und  die
ormonen  waren  wieder  auf  Unionsbodenl  Sie  be-^hmen
  sich  indessen  loyal  und  in  Washington  kümmerte  man
kaum  darum,  was  sie  in  der  Wüste  machten.  Sie  waren
hier  1000  Meilen  breites  Hochgebirge  und  östlich
*nter  liegende,  über  500  Meilen  breite  öde  Prairie  von
ih  ^  ^^^obnten  Theile  der  Union  getrennt,  verlangten  von
f  nichts,  nicht  einmal  militärischen  Schutz  gegen  die  Indianer,
denen  sie  sich  freundschaftlich  stellten  und  die  sie  mit
^  Flüchtigkeit  behandelten.  Dieses  gute  Verhältniss  besteht
^  heute  noch.  Weshalb  hätte  man  sie  von  Washington  aus
in  ®F&amp;gt;llen?  Wahrscheinlich  glaubte  man  auch,  sie  würden
st  grossen  Wüste  elend  zu  Grunde  gehen.  Jedenfalls
^  sich  die  Unionsregierung  freundlich  zu  ihnen.  Utah
^  ^  F  als  ein  selbstständiges  Territorium  anerkannt,  in  dem
^  ^  "Hl"  Mormonen  und  Indianer  lebten.  Man  beabsichtigte
bind  nicht,  die  Mormonen  in  dem  Versuche  zu

u

die  Wüste  zu  cultiviren  und  zu  colonisiren  und  der

®*”Fn  nützlichen  Etappenpunkt  auf  der  langen
^nwirtblichen  Verbindungslinie  zwischen  ihren  atlantischen
Pacifischen  Besitzungen  zu  schaffen.  Deshalb  sandte  man
        <pb n="549" />
        53^

ihnen  Anfangs  keine  Beamten  aus  Washington,  sondern  ernannte ­
  solche  Männer  zu  Unionsbeamten  im  Territorium,
welche  dem  weissen  Volk  von  Utah  genehm  waren,  und  dies
waren  natürlich  dieselben  Männer,  welche  auch  die  obersten
kirchlichen  Würden  daselbst  bekleideten.  Utah  war  also  ein
wirklicher  Mormonenstaat,  in  dem  die  Kirche  zugleich
der  Staat  war.  Wir  haben  hier  die  merkwürdige  Erscheinung
eines  rein  hierarchischen  Staatswesens  für  allerdings
nur  IO  Jahre.  Diese  Thatsache  fand  ihren  Ausdruck  darin,  dass
bis  zum  Jahre  1858  Mr.  Young  vom  Präsidenten  der  Union  regelmässig ­
  zum  Gouverneur  des  Territoriums  Utah  ernannt  wurde.
In  jenem  Jahre  entstand  Streit  zwischen  der  Unionsregierung
und  den  Mormonen  und  erstere  sandte  Truppen  gegen  letztere.
Diese  campirten  vor  dem  befestigten  Zion.  Noch  existirte  keine
Eisenbahn  nach  Utah  und  Young  trotzte  dem  Präsidenten  der
Union.  Die  Truppen  mussten  vom  Osten  der  Felsengebirge
aus  per  Wagen  verproviantirt  werden.  Diese  Zufuhr  konnten
die  Mormonen  ihnen  jeden  Tag  abschneiden.  Die  Mormonen
hatten  damals  und  haben  noch  heute  Ansiedelungen  in  Jowa
und  Nebraska,  an  der  Strasse,  die  nach  Californien  führt  un
also  jetzt  nahe  der  Union-Pacific-Bahn.  In  Wyoming  un
Utah  giebt  es  fast  nur  mormonische  Ackerbaucolonien  längs
dieser  Bahn.  Sie  beherrschten  damals,  wie  heute,  also  jene
Strasse,  auf  der  eine  Angriffscolon  ne  aus  dem  Osten  gegen
sie  sich  bewegen  muss  und  hatten  sie  befestigt.  Nahe  dct
Station  Hanging  Rock,  wo  ein  enger  Gebirgspass  zu  dure
schneiden  ist,  sieht  man  noch  heute  auf  dem  über  1000  FusS
hohen  Felsen  die  Festungswerke,  welche  sie  1857  errichteten,
und  ungeheure  Steinmassen,  die  sie  auf  durchziehende  Soldaten
stürzen  wollten,  durch  deren  Hinabwerfen  sie  jetzt  die  Bahn
auf  lange  Zeit  unpracticabel  machen  können.  Allein  si
schonten  damals  die  gegen  sie  unter  General  Sidney  Johnso
gesandten  Soldaten  und  Hessen  sie  hier  passiren.  Etwas  weitc^
westlich  hatten  sie  das  Fort  Bridger  erbaut  und  mit  dre‘
Kanonen  versehen.  Drei  Infanterieregimenter,  ein  Dragon^*"
regiment  und  vier  Artilleriecompagnien  drangen  am  23.  ^
vember,  bei  eisigem  Schneewetter,  bis  hier  vor  und  nahmen
        <pb n="550" />
        537

ort.  Ihr  Munitions-  und  Provianttrain,  von  i6o  Wagen  und
230  Mann,  campirte  diese  Nacht  etwa  eine  Meile  vom  Hauptentfernt.
  Die  mormonische  Legion  unter  ihren  Generalen
^^rson  Pratt  und  Fowler  Wells  schnitten  diese  Schaar  ab,
^30  Mann  nur  ihre  Taschenmesser  und  soviel
^rovisionen,  als  sie  tragen  konnten,  nebst  5  Haupt  Rindvieh
,  Mann  und  zwang  sie,  ostwärts  zurück  zu  mary.
  1000  Meilen  langen  Weg  durch  das  Gebirge
zum  ersten  damals  bewohnten  Punkte  Leavenworth  kamen
Ausnahme  von  8  Mann,  die  im  Juni  1858  die
Unglücks  hieher  brachten.  Unter  den  grössten
im  Viertelrationen  gesetzt,  lebten  die  Truppen
temb^*^  î^ridger  und  assen  alle  Pferde  auf,  bis  am  15.  Sep-Bed
  erste  Proviant  vom  Osten,  unter  starker
dasif  h  anlangte  Da  sah  man  in  Washington  ein,
zop-  unangemessene  Opfer  fordern  werde  und
naclT  7'^^  Seiten  auf  Man  sandte  Abgesandte  von  Washington
Beh  L  förmlichen  Frieden  mit  dem  streitbaren
Grossen  amerikanischen  Wüste  schlossen.
Kesrh-  u  Gouverneur  stets  aus  dem  Osten
Aurh*i*’  jedoch  im  Territorium  ohne  allen  Einfluss  ist.
cn  die  Richter  stammen  aus  dem  Osten.
ist  Eisenbahn  von  Omaha  nach  San  Francisco  fertig
Wüst  Minenindustrie  in  den  Grenzgebirgen  der  Grossen
Utah  entwickelt  hat,  wandern  viele  Nichtmormonen  nach
^^sm  sie  ca.  15  pCt.  der  Bevölkerung  von  Zion
^(Uten^rl^"  Uiese  und  die  von  Washington  ernannten  Be-Sege
  Territoriums  halten  zusammen,  können  aber  wenig
''^elch  Municipal-  und  Grafschafts-Verwaltung  ausrichten,
Wij-çj  gewählte  Beamte,  natürlich  Mormonen,  besorgt
Kaun  eingewanderten  amerikanischen  und  jüdischen
Land  u  und  Speculanten  möchten  dies  blühende
abgej.  ^  errschen  und  aussaugen,  das  nicht  sie  der  Wüste
mit  y  ^g^n  haben.  Natürlich  wehren  sich  die  Mormonen
Sende^p"^  hiergegen.  Obschon  Utah  längst  genü-Enion
  ^^dlkerung  hat,  um  als  selbstständiger  Staat  in  die
aufgenommen  zu  werden,  so  hat  der  Congress  dieses
        <pb n="551" />
        538

doch  noch  nicht  gestattet,  da  alsdann  der  Staat  vollkomme  ,
auch  formell,  von  den  Mormonen  regiert  werden  würde,  denn
im  Staat  werden  alle  Beamten  vom  Volke  erwählt,  fur  Tern-,orlen
  ernennt  man  in  Washington  die  Regierungs-  und  Justirbeamten.
  Allein  endlich  wird  man  Utah  doch  zum  Staate
machen  müssen,  und  das  Verhältniss  der  mormonischen  zur
nichtraormonischen  Bevölkerung  wird  der  ersteren  nicht  ungünstig, ­
  da  sie  jährlich  3-6000  Menschen  aus  allen  Lander
der  Welt,  sogar  Kanaken  von  den  Sandwichsmseln,  als  Lmwanderer
  erhalten  und  sich  in  unglaublicher  Weise  vermehren
Ich  besuchte  einen  Mann,  der  64  Jahre  alt  ist,  vor  2  Jahren
eine  Homestead  in  der  Wüste  aufnahm  und  ein  neues  Lebe
als  Farmer  mit  62  Jahren  begann,  nachdem  er  über  25  Ja
als  Gärtner  in  Zion  gelebt.  Ich  fand  ihn  rüstig  am  Bau
eines  massiven  Stalles,  mit  einigen  Söhnen,  arbeiten.  Derse
hatte  vier  Frauen  gehabt,  wovon  drei  noch  lebten  und  besa
46  lebende  Kinder,  wovon  viele  schon  verheirathet  ^^re
und  abermals  Kinder  über  Kinder  hatten.  Zwei  seiner  traue
wohnten  in  der  Stadt.  Bei  sich  hatte  er  eine,  die  ihm  vie
zehn  Kinder,  das  jüngste  3  Jahre  alt,  geboren.  Das  ist  e
wahrhaft  erstaunliche  Vermehrungsfähigkeit!
Man  behauptete  in  Zion,  keine  genaue  Bevölkerung
Statistik,  noch  eine  solche  über  den  Ackerbesitz  der  Mormon
zu  haben.  Dieses  halte  ich  für  unmöglich.  Die  kirchlich
Behörden  müssen  sehr  genau  über  Beides  unterrichtet  s  '
werden  aber  wohl  ihre  ganze  Stärke  nicht  bekannt  werden  lass
wollen,  um  das  Geschrei  über  ihre  Staatsgefährlichkeit,
ab  und  zu  durch  die  amerikanische  Presse  geht,  nicht  zu  v
stärken.  Ich  glaube,  dass  sie  auch  im  Jahre  1880  die  Gen
beamten  getäuscht  und  ihre  Zahl  viel  zu  gering  angegeö
haben.  Meiner  Ansicht  nach  sind  sie  über  laaooo
in  Utah  allein  und  über  200.000  Seelen  auf  der  Colonien
von  Tucson  über  Zion  bis  Montana  schon  jetzt  stark  _  ^
Territorium  Utah  hatte  nach  dem  Census  von  1870  •
,880  =  144.000  Einwohner,  das  giebt  eine  Jahresvermeht«  s
von  7  pCt.  Was  die  Staatsgefährlichkeit  anlangt,  so
man  ihnen  vieles  Schlechte  nach,  im  Ernst  kann  man  1
        <pb n="552" />
        539

^ber  wohl  nur  Polygamie  vorwerfen,  und  diese  beschränkt
die  in  Utah  wohnenden  Mormonen,  da  die  in  anderen
gß.  wohnenden  Mitglieder  dieser  Secte  sich  —  wenigstens
und  im  Allgemeinen  —  mit  einer  Frau  begnügen.
gQ  existirt  sogar  eine  Gemeinde  von  gegen  lo.ooo  Per-Polygamie
  entschieden  verwirft.
Staatsbürger  benehmen  die  Mormonen  sich,  wie  es
VerV  Regierung  nur  wünschen  kann.  Ihre  Religion
letet  ihnen,  wie  gesagt,  den  Genuss  von  Wein,  Spirituosen,
^gar  von  Thee,  Kaffee  und  Tabak.  Freilich  beobachten  die
des  Verbot  nicht  oder  nur  theilweise,  aber  die  Masse
and  °  deshalb  kommen  unter  Mormonen  Mord  und
alltä^T*  Kxcesse,  welche  in  anderen  Theilen  der  Union
sehr  selten  vor.  Im  Jahre  1878  —
i^attZï  die  mir  zu  Gebote  stehende  Statistik  nicht  —
hauj  ao  Grafschaften,  von  denen  in  13  weder  ein  Spiel-Öier.’
  "h  öffentliches  Frauenhaus,  noch  ein  Spirituosen-,
Schaft^  Billardsalon  sich  befand,  und  in  den  anderen  Graferst
  diese  Zubehörden  amerikanischer  Civilisation
^chäf  nichtmormonische  Bergwerks-  und  Ge-^erun
  machte  und  die  Territorial-Reden
  Gegensätze  zu  den  mormonischen  Localbehör-Zion
  gebot  die  ganz  mormoünd
  ju  ^^dtbehörde  die  Schliessung  der  Trinkstuben  um  9  Uhr
^ichter^^^  ^^steuerung,  aber  die  von  Washington  gesandten
^^glei  V-  Verbot  für  eine  Competenzüberschreitung,
gegejj  Nebraska  und  Kansas  noch  härtere  Bestimmungen
"^heile  Lasterhöhlen  —  das  sind  sie  in  den  meisten
aische'^P^^I  Union  —  bestehen.  Obschon  die  nicht  mormo-^^^■üno-
  '^^dlkerung  wohl  kaum  15  pCt.  der  Gesammtbevöl-^^straf
  beträgt,  so  liefert  sie  doch  75  Percent  der  zur
^*^htm  kommenden  Verbrecher.  Vor  Kindringen  der
je  7qqçj  ^^onen  in  Zion  gab  es  dort  nur  einen  Polizisten  auf
g  "inwohner,  jetzt  giebt  es  einen  auf  je  4000,  in  New-St.
  y  400,  in  San  Francisco  auf  1200,  in  Chicago  und
auf  7qq^p^^^  1000,  in  Boston  auf  600  und  in  Philadelphia
Inwohner.  Die  Mormonen  sind  „stille  Leute“,  und
        <pb n="553" />
        deshalb  ist  ihre  Sterberate  auch  gering.  Im  Jahre  1876  starben ­
  auf  1000  Einwohner  in  Zion  14..5,  in  Paris  24.4,  in  New
York  30.1.  in  Wien  34.4  Personen.
Für  den  Unterricht  sorgen  sie  erst  seit  einigen  Jahren  mit
Energie,  früher,  bevor  sie  die  Concurrenz  von  Nichtmormonen
zu  bestehen  hatten  und  als  sie  auch  noch  ärmer  waren,  thaten
sie  weniger  hierfür.  Jetzt  haben  sie  in  allen  Colonien  gnt
Normalschulen  in  genügender  Zahl  und  in  Zion  eine  Unive
sität  und  eine  technische  Lehranstalt.
Die  Verwaltung  der  Gemeinden  und  Grafschaften  wit
durch  vom  Volke  gewählte  Beamte  besorgt.  In  Amerika
giebt  es  keine  Bureaukratie  und  wird  die  Verwaltung  meist
unentgeltlich  und  ehrenamtlich  geführt,  nach  dem  altdeutschen
und  englischen  Vorbilde.  Daraus  resultirt,  dass  sie  sehr  billig
ist.  Für  ein  Land,  in  dem  die  Administration  so  viel  kostet,
wie  in  Frankreich,  dürften  folgende  Notizen  nicht  ohne  Interesse ­
  sein.  _
Das  Territorium  Utah  ist  etwa  84.000  engl.  UMeii
=  54  Millionen  Acres  =  21V2  Millionen  Hectar  gross,  hatte
aber  nur  ca.  150.000  Einwohner  im  Jahre  1879.  Der
tischen  Administration  wegen  ist  dies  grosse  Gebiet  in  20  Gra  -
schäften  getheilt.  Die  bevölkertste  ist  Salt  Lake  County-Das
  —  sehr  mässig  —  eingeschätzte  Vermögen  der  Einwohne^
betrug  im  Jahre  1879  =  Dollars,  die  Grafschaftssteu
55.875  Dollars,  wovon  nur  13.799  Dollars  Beamtenbesoldung^
Beaver  County  hatte  564.000  Dollars  taxables  Vermögen  u  ^
3.388  Dollars  Steuern,  wovon  2.239  Dollars  für  Beamtenbeso^
dung  undDiäten.  Weber  County  hat  2.240.oooDollars  taxfahige^
Vermögen  und  13.440  Dollars  Steuern,  davon  2.900  Dollars  a
Gehalt  und  Diäten.  —  Leute,  welche  ihr  politisches  Gemem
wesen  derartig  verwalten,  sind  nicht  staatsgefahrlich,  abgese
von  ihren  religiösen  Grundsätzen  und  ihrem  polygamisc
Familienleben.  ,.
Es  giebt  Aemtersucher  genug  in  Amerika,  welche  '  ^
reichen  Gemeinschaft  so  Geld  abpressen  möchten,  wie  sie
den  Bewohnern  der  Südstaaten  unter  der  corrupten  Regie^^^
Grant’s  thaten.  Diese  halten  die  Agitation  gegen  die
        <pb n="554" />
        --54i_
^onen  wach  und  haben  im  Congress,  Frühjahr  1882,  die  Ab-..
  einer  besonderen  Commission  zur  Ueberwachung  der
Q  ^®chen  Wahlen  nach  Utah  durchgesetzt,  sowie  auch  ein
etz,  welches  jedem  in  Polygamie  lebenden  Mormonen  des
h  ■  beraubt.  Indessen  haben  die  nicht  mehrfach  ver-Ma
  Mormonen  dennoch  die  Majorität  und  stimmen
Ki  v!  Mann  und  Weib  für  Weib  auf  Commando  der
ein^  Commission  ist  zurückgekehrt  und  hat
^^en  für  die  Mormonen  nicht  ungünstigen  Bericht  erstattet,
zu  I  Grund  desselben  gewiss  nichts  Ernsthaftes
aus  •  glaube  nicht,  dass  man  von  M^ashington
^  in  absehbarer  Zeit  mit  radikalen  Massregeln  gegen  die
rmonen  Vorgehen  wird,  und  dafür  giebt  es  gute  Gründe:
Wel  h  haben,  abweichend  von  den  meisten  Sekten,
ents^  Grund  einer  eigenthümlichen  Auslegung  der  Bibel
^i  an  en  sind,  durchaus  keinen  neutestamentarischen
genthumsbegriff  Ihre  Gründer  sind  Amerikaner  gelu^en
  und  trafen  keine  Vorkehrungen  gegen  die  Entwicheg
  grossen  Reichthums  innerhalb  ihrer  Gemeinde.
Mitgliedern  ihrer  Gemeinde  bis  24  pCt.
^Och8_T  genommen  und  heute  nehmen  sie  von  ihnen
Ans:  pGt-.  während  z.  B.  die  Mennoniten,  welche  blühende
itiehr^  1  verschiedenen  Staaten  der  Union  haben,  nie
Unter  H  ^  „Brüdern“  nehmen.  Deshalb  findet  man
denM^"  Mennoniten  einen  gleichmässigen  Wohlstand,  unter
kle¡^  ^monen  aber  einige  Millionäre,  viele  Reiche  und  sehr  viele
Welt\  und  Handwerker,  die  sich  eben  anständig  durch  die
Sei,r  Bettler  aber  giebt  es  in  beiden  Sekten  keine  oder
Seit  B  Der  hohe  Arbeitslohn,  welcher  in  Utah  herrscht,
liebt  H  Bergwerke  viele  Arbeiter  brauchen,  ermög-J^hren
  Mormonen  es  immer  noch,  nach  wenigen
zq  Fleiss  und  Sparsamkeit  wirthschaftlich  selbstständig
ich  Sch  ^1^  Kirchengemeinde  hilft  ihnen  hierbei,  wie
Kanäle  gezeigt  habe,  durch  Anlegung  von  Bewässerungs-Ab
  Organisation  planmässiger  Coloniegründungen.
Gross  unter  den  Mormonen,  wie  gesagt,  viele
^pitalisten  entstanden,  welche  in  inniger  Interessenge-
        <pb n="555" />
        542

meinschaft  mit  jenen  amerikanischen  Capitalisten  stehen,  welche
die  Eisenbahnen  und  Bergwerke  beherrschen,  die  zwischen  er
Sierra  Nevada  und  der  Prairie  des  Missouri  liegen.  Nament^
lieh  sind  die  mächtigen  Geldfürsten,  denen  die  Central-  un
Unionpacific-Bahn  fast  zu  Eigen  gehört,  an  jenen  Eisenbahnen
interessirt,  welche  die  Mormonen  von  Helena  in  Montana
Frisko  in  Südutah  und  anderwärts  gebaut  haben,  um  ihre
Colonien  in  Bahnverbindung  zu  bringen,  wie  mormonisc
Capitalisten  grossen  Einfluss  auf  die  Union-Pacific-Eisenbah^
haben,  unter  deren  Directoren  ein  mormonischer  Bischof  sic
befindet.  In  der  That  fürchten  sich  die  Mormonen  nicht.  A
man  Brigham  Young  auf  die  Gefahr  aufmerksam  machte,
welche  die  Pacifiebahn  für  seinen  „isolirten  Staat“  haben  wer  i
sagte  er,  das  sei  eine  schlechte  Religion,  die  kein
Eisenbahn  vertragen  könne.  Thatsächlich  petitionirte
schon  im  März  1853  bei  der  Unionsregierung  um  Bau  diese
Eisenbahn  und  haben  die  Mormonen  den  Bau  derselben  dur
Capital,  Mitarbeit  und  Verkauf  von  Lebensmitteln  an  die  Ba  n
arbeiter  gefördert,  über  500  Meilen  derselben  selbst  gebau^’
seit  Jahren  bauen  sie  selbst  Eisenbahnen,  und  man  hat  hie  ^
wie  gesagt,  Bischöfe,  die  Bahndirectoren  sind.  Sie  betheihg^^
sich  auch  an  dem  Bau  der  anderen  Pacific-Bahnen,  die  vo^
Osten  nach  dem  Westen  ihre  Colonienkette  durchschneid^^
Als  ich  in  Zion  war,  erschien  eine  Annonce,  unterzeichnet  vo^
hervorragenden  Kirchenhäuptern,  darunter  von  einem  So
Brigham  Young’s,  welche  die  „Brüder“  aufforderte,  geg  ^
hohen  Lohn  am  Bau  der  neuen  Atlantic-Pacific-Bahn  ^  ^
beiten,  die  von  Albuquerque  nach  San  Diego  am  Stillen  Me^
fuhrt  und  ihnen  zur  Reise  die  Unterstützung  der  Gemeinsc
in  Aussicht  stellte.  Neben  solchen  neuen  Bahnen
bliren  die  Mormonen  sofort  Ackerbaucolonien
geeigneten  Stellen  und  beherrschen  durch  diese  Co
nisten,  die  alle  den  Befehlen  aus  Zion  blind  folgen,  di
Bahnen  sämmtlich,  die  sie  alle  im  selben  Momente,  n»
solchen  Colonien,  zerstören  können.
Brigham  Young  wusste  sehr  gut,  was  er  that,  als  er
Bau  von  Bahnen  beförderte.  Bahnen  und  Bergwerke  erm
        <pb n="556" />
        543

píchen  den  fast  nur  Ackerbau,  Viehzucht,  städtische  Handwerke
Ijna  Handel  treibenden  Mormonen  den  vortheilhaften  Absatz
‘  •■er  Ackerbauproducte,  schaffen  ihnen  also  die  Vorbejungen
  zu  Wohlstand  und  Reichthum,  und  dessen  erfreuen
je  sich  in  sehr  hohem  Grade,  sie  schaffen  den  Mormonen
Tj  .  ^^eh  eine  Geschäftsverbindung  mit  den  Capitalisten  der
nion,  die  ihnen  sehr  werthvoll  ist.
sch”f^*^  "îormonischen  Capitalisten  stehen  in  den  intimsten  Geied^
  ‘^^’^•■bindungen  mit  jenen  mächtigen  Capitalisten,  welche,  wie
^  er  Einsichtige  zugiebt,  die  Unionsregierung  und  die  meisten
•am  beherrschen.  Es  ist  nicht  anzunehmen,  dass  jene
^"•schen  Eisenbahn-,  Bank-  und  Bergwerksmagnaten
ïnormonischen  Geschäftsfreunde  hungrigen  Politikern
^^•^  JGne  Vielweiberei  treiben.  Wollten  sie
thun,  würde  das  nicht  ohne  sehr  ernste  Gefahren
Sie  sein.
mal  Falls  würden  die  meisten  Mormonen  aberauswandern,
  und  sie  haben  schon  für  neue  Zufluchtsorte
SanT^  besitzen  Colonien  in  Australien  und  auf  den
Selb  ^uf  Jamaika  und  in  Guinea,  auch  Land  daünd^
  I;ülle.  Dort  würde  man  diese  arbeitsamen  Leute
aber  Kapitalien  mit  Freuden  aufnehmen.  Sie  sind
siede/"  Geschwindigkeit  auf  den  jetzt  innehabenden  An-^nde
  Grossen  Amerikanischen  Wüste  nicht  durch
erset^^  Ackerbauer  und  Handwerker  in  genügender  Zahl  zu
Und  p"'  würden  also  weniger  Lebensmittel  für  Bergoder ­
  liefern,  welche  nun  von  Californien
run  bezogen  werden  müssten,  eine  grosse  Theue-^Umit
  entstehen  und  der  Arbeitslohn  würde  steigen,
sieb  ^or  Besitzer  dieser  Unternehmungen  dauernd
Abzy  um  so  mehr,  als  die  Mormonen  vor  ihrem
Gebäude  verbrennen,  die  Bäume  abhauen  und  die
aber  ^^^^8^^canäle  zerstören  würden,  das  Land  verunkrautet
^®^ck^  dieser  Sonne,  sobald  es  nicht  bewässert  und
hinter  ^•c  würden  also  factisch  wieder  eine  Wüste
^Und  zurück  lassen,  die  wieder  in  Cultur  zu  bringen
c»3:e  von  Millionen  Dollars  kosten  würde.
        <pb n="557" />
        544

V

Allein  bevor  sie  auswandern,  würden  die  Mormonen  wahrscheinlich ­
  kämpfen.  Die  meisten  von  ihnenhängen  nochfanatisch
an  ihrer  Kirche  und  alle  an  ihrem  so  mühsam  erworbenen  Eigenthum. ­
  Sie  können  jetzt  schon  mindestens  60—70.000  Mann
aufbieten,  d.  h.  drei  Mal  soviel,  als  die  ganze  jetzige  Unionsarmee ­
  hat.  Sie  zu  vertreiben  müsste  die  Union  eine  Armee
von  150.000  Mann  anwerben,  der  Krieg  würde  lange  dauern
und  sehr  viel  Geld  und  Menschen  kosten.  Die  Mormonen
wissen  sehr  gut  mit  Waffen  umzugehen,  da  sie  sich  in  je
einzelnen  Colonie,  weniger  gegen  Indianer,  oft  aber  gegen
„Desperados“  zu  vertheidigen  gehabt  haben  und  stets  ge  ass
sind,  sich  noch  einmal  in  ihrem  Besitz  mit  Waffen-*
gewalt  zu  vertheidigen.  Sie  kennen  das  Land  sehr  genau,
besser  als  die  Truppencommandanten,  welche  gegen  sie  zu
operiren  haben  würden.  Ihre  Colonien  ziehen  sich  von  Jo''
bis  Utah  und  von  Montana  bis  Altmexicò.  Sie  können  an
einem  Tage  alle  Eisenbahnen  auf  diesem  grossen  Gebie
zerstören,  die  Brücken  und  Tunnel  sprengen,  natürlich  nur  da,
wo  die  Bahnen  in  ihr  Gebiet  eindringen,  sie  selbst  haben  a  e
Ingenieure  genug  auf  ihren  Bahnen,  die  in  der  Wüste  laufen,
um  alle  jene  Bahnen,  die  ihnen  nützlich  sind,  m  Betrie  z
erhalten.  Mit  einem  Schlage  können  sie,  durch  Brücken-  un
Tunnelsprengungen  und  Zerstörung  des  Bahnkörpers,  ^
brennen  der  Stationshäuser  die  Atchinson  -Topeka-Santa-Eisenbahn,
  die  Atlantic-Pacific,  die  Südpacific-,  die  Union-  un
Centralpacific-  und  die  Nordpacificbahn  im  Osten  und  Weste
unterbrechen  und  die  Landverbindung  zwischen  Californien
Oregon  und  den  Oststaaten  der  Union  auf  lange  Zeit  unte^
brechen.  —  Dadurch  wird  die  Verproviantirung  der  gegen  s^
der  Wüste  operirenden  Truppen  und  der  Nachschub  von  ^
Stärkungen  sehr  erschwert.  In  den  Bergwerken  sind  sie  se
wenig  mit  Capital  interessirt.  Sie  können  dieselben  leicht  u  e
fallen  und  zuschütten.  Auf  diese  Weise  können  sie  sich  Gin|
Jahre  in  ihrer  Wüste  halten  und  einen  vernichtenden  Gueri
krieg  gegen  die  Union  führen,  dabei  Eigenthum  amerikanisch  ^
Capitalisten  in  solchem  Umfange  zerstören,  dass  der  Ver  u
nach  Milliarden  zählt.  Und  das  sollten  diese  zugeben,  weic
        <pb n="558" />
        545

35

ch  den  Krieg  leicht  verhindern  können,  blos  um  nachher
ihrp  Wüste  zu  finden,  wo  jetzt  Korn  gebaut  und  Vieh  für
ergwerks-und  Eisenbahnarbeiter  gezogen  wird?  Denn  die
ü  monen  werden  auch  ihre  Bewässerungsdeiche  zerstören
wenn  das  Wasser  ein  Jahr  lang  nicht  fliesst,  so  wird  der
beoJrkT  r'  wie  wir  das  hier
Bewü«  ^  konnten,  wo  man  aus  irgend  einem  Grunde  die
^serung  auf  Acker  eingestellt  hatte.
ZU  unwahrscheinlich,  dass  man  die  Mormonen
leicht  (^Gld  abzupressen  versuchen,  vielter ­
  Fr^f  Truppen  gegen  sie  senden  wird,  allein  ich  glaube,
monen  "  wie  1858.  Sowie  die  Mor-Stellen
  ^en  Feind  an  seinen  verwundbaren
^urch  d  angreifen,  sowie  sie  die  Bahnverbindung
und  ei"  ?“T‘  *“■  gleich3eitig  zerstören
So  _  ,  'g=  der  kostbarsten  Gruben  verschütten  werden  —
diesem  erschreckten  Capitalisten  Amerikas,  welche  bei
die  the'I  keinen  Fall  etwas  gewinnen  können,  und
sie  auch  mit  einer  Frau  begnügen,  wenn
gierun,  heirathen,  eine  Pression  auf  die  Reg
  Üben,  welche  zu  einem  neuen  Friedensschlüsse  führt
ß?  auch  noch  etwas  Anderes  in  Betracht!
leeres*  Union,  welche  an  der  Küste  des  Stillen
und  ,0  TfT'  Nevada,  600  Meilen  Wüste
Platte  F,  P^'aengebirge  -  von  Ogden  bis  da,  wo  der
•beginnt  “  *"  Prairie  des  Missouri
andere  i  •’“‘n'*®'*«"  Osten  getrennt,  haben  durchaus
sehr  selbUnion,  führen  eine  schon
Sein  e‘  al^andige  Existenz  und  dürften  leicht  davon  zu  trennen
Und  efahr,  mit  der  man  in  Washington  stets  rechnet
^nions^  stets  zu  beschwören  arbeitet.  Die
die  S^erung  und  Gesetzgebung  ist  voll  Beflissenheit  für
nesenfr  Californiens,  wie  sich  das  noch  1882  in  der  Chiwieder
  gezeigt  hat.
nien  Secessions-Kampfes  betheiligte  sich  Califor-°
  ^"t  wie  gar  nicht  daran  und  nahm  sogar  das
^Papiergeld  nicht  in  Zahlung  an!  Thatsächlich
        <pb n="559" />
        coursiren  auch  heute  keine  „Greenbacks"  in  Californien  und
haben  beim  Wechseln  ein  Disagio.  Man  sieht  nur  Gold  un
Silber.  Die  Schutzzollpolitik  der  Union  fand  hier  argen  Widerstand. ­
  Sie  ist  sogar  zu  Gunsten  Californiens  theilweise  dure  -
brochen  worden,  mittelst  des  Reciprocitäts-Vertrages  der  Union
mit  den  Sandwichs-Inseln,  der  durchaus  die  Interessen  der  im
Zuckergeschäft  thätigen  Millionäre  von  New-York  verletzt,  indem ­
  er  ihnen  den  Markt  raubt.  Californien  bezieht  seine
Zucker  jetzt  zollfrei  von  den  Sandwichsinseln!  Die  Unionsregierung ­
  hat  also  in  Californien,  Oregon  und  Washin^on
Territory  auf  die  Zollrevenue  aus  Zucker,  die  im  übrige
Theile  der  Union  ihr  so  viel  einträgt,  thatsächlich  verzichtet.
Um  eine  engere  Verbindung  herzustellen,  unterstützte  ■
Unionsregierung  nach  Beendigung  des  Secessionskriegö  ^
Bau  der  Union-  und  Central-Pacific-Bahn  sogar  durch  Zinsgarantle,
  was  bei  keiner  anderen  Bahn  gesohah,  unterstützt  si
jetzt  den  Bau  der  Süd-,  Atlantic  und  Nord-Paciñc-Bahne
durch  Landschenkungen  und  interessirt  sie  sich  lebhaft
Zustandekommen  einer  Schifffahrtsverbindung  zwischen  «
Südsee  und  dem  Golf  von  Mexico,  doch  nur  so,  dass
diese  neue  Strasse  militairisch  beherrscht.  Sie  giebt  au
fortwährend  den  Wünschen  Californiens  nach  und  hat  ein
neuen  Handelsvertrag  mit  China  geschlossen,  ganz  au
Californiens.  .
Ein  Krieg  der  Union  mit  Utah  würde  die  Unabhängigkeit
gelüste  in  Californien  und  Oregon  sehr  rege  machen  und  die
Staaten  würden  sich  vielleicht  mit  Utah  verbünden,  was  m
in  Washington  gewiss  zu  verhindern  bestrebt  ist.
Diese  Gefahr,  dass  die  Union  Gewalt  gegen  ste  u
haben  die  Mormonen  also,  glaube  ich,  noch  nicht  zu  fürc
Wohl  aber  eine  andere.
Die  sich  schnell  vollziehende  Reichthumsbildung-Hier
  liegt  ihr  Krebsschaden!  Wenn  sich  die  Zahl
Reichen  unter  ihnen  vergrössert,  so  lockert  sich  das  Ban
der  Gemeinde.  Dem  Reichen  fällt  es  schwer,  den  Zehnten
zahlen,  der  eine  so  grosse  Summe  ausmacht.  Schon
Ri^îrhe  nicht  selten  aus,  um  dieser  Schätzung  zn
        <pb n="560" />
        S  n,  Dann  erweckt  dieser  Reichthum  den  Neid  der  Aermeren
wo?,  “  dürfte  diese  Sekte  daran  scheitern,
sie  n-  Gemeinschaften  scheiterten  -  daran,  dass
wuss^nl'  f  T  Reichthums  tu  verhüten
nicht  H  "gkam  Young  fehlt  zum  grossen  Manne,  dass  er
bjcht  den  Muth  der  Armuth  hatte!  Es  ist  so  schwer,  arm  zu
stand  d-  '^^'^den  kann!  Young  wider-Mörm?'“*'’
  T"  Er  wurde  Millionär  und  andere
ormonen  wurden  und  werden  es.
Von  den  Mormonen  kann  man  viel  lernen'
an  I  il  dte  Bergleute  und  Eisenbahnleute  der  Wüste
desto  "  von  Californien  und  Ostamerika  brauchen,
der  Pr  •  geschickt,  desto  tiefer  daselbst
'velcS^f''**’*"  bewiesen,  was  arme  Leute  können,
einmächr  ‘‘p  T*  der  Glaube
dann  m  -T-  '^''“duct.vfactor  ist.  Und  endlich,  dass  eine  Kirche
hieiht  !"  ‘l”'“  Gliedern  und  im  Staate  ist  und
falls  '  materiellen  Interessen  des  Volkes  eben-Ich
  ihrer  religiösen  Aufgabe,  planmässig  pflegt,
^^ssuncr  Amerika  manche  andere  Sectenniedergar
  dfr  Herrenhuter,  Mennoniten  und  soin
  all_  ^™^'^hen  Communisten,  der  Amaniten  in  Jowa,  und
die  lo„_,  "  Wohlstand  gefunden  und  gesehen,  dass  sie
Wohnten  ^  P°htische  Verwaltung  des  Districts,  in  dem  sie
^n,  vollkommen  beherrschten.
ist,  """  religiösen  Gemeinschaften  dergleichen  möglich
^^haffen  ”  wüstes  Land  kommen,  wo  sie  Alles  selbst
^^rchdr  '  sollte  dann  einer,  von  religiösen  Gefühlen
einem  Genossenschaft  nicht  ein  ähnlicher  Einfluss  in
aiten  Lande,  wo  viele  ihrer  Mitglieder  eine  gesicherte,
35*
        <pb n="561" />
        tt  ft»,  '  tv

548

manche  eine  hervorragende  sociale  Position  innehaben,  möglich ­
  sein?  Das  glaube  ich  fest,  es  gehört  nur  dazu,  dass  s.
auch  die  materiellen  Interessen  der  Masse  des  Volkes  r.cht.g
erkenne  und  in  Staat  und  Gemeinde  sich  zu  deren  Vorkämpfer
mache!
        <pb n="562" />
        XXXII.  Capitel.
Von  San  Francisco  nach  Chicago.
188  achtzehntägigem  Aufenthalte  reisten  wir  am  3.  August
\  Francisco  ab,  immer  noch  zu  früh,  da  wir  in
ieser  schönen  und  grossen  Handelsstadt  noch  viel  hätten
rnen  können.  Consul  Hochkofler,  der  uns  diesen  Aufentt
  unvergesslich  gemacht  hatte,  begleitete  uns  über  die
O  ,  Bucht  von  San  Francisco  auf  dem  Feryboote  nach
^  land  und  verliess  uns  erst,  als  wir  in  unserem  Pullman-^^agen
  sicher  untergebracht,  die  einige  20  Gepäckstücke  und
J-ewehre  verladen  waren  und  der  Zug  sich  mit  uns  in
ewegung  setzte.
dur  fr  Ginem  Bogen  in  nordöstlicher  Richtung
Californien  und  überschreitet  den  Sacramentofluss  bei
vad  ^^^‘chen  Namens.  Bis  zur  Bergkette  der  Sierra  Ne-200
  Meilen  weit,  läuft  sie  durch  eine  der
Gegenden  der  Welt,  welche  so  ziemlich  alle
reich  Ackerbaues,  des  Garten-  und  Weinbaues  in  überhervorbringt.
  Da  hier  die  Wirthschaften  meist
Vgp_,.  ?  mittlerer  Grösse  sind,  so  ist  der  Anbau  auch,
^eist^^  räuberisch-liederlichen  Bewirthschaftung  der
^utspre  Güter,  gut  zu  nennen  und  der  Ertrag  dem
Colff  Nevada  ist  hier  etwa  100  Meilen  breit,  von
VQ^  ^  Reno.  Bis  Summit  erklimmt  die  Bahn  eine  Höhe
Oder  ^'^ss.  Bei  Reno  beginnt  die  als  Grosse  Amerikanische
geoß.  Wüste  bekannte  Hochebene,  die  hier,  in  dieser
'^ud  Breite,  4500  Fuss  hoch  ist  und  bis  Ogden
Voq  ^  zwischen  4000  bis  5000  Fuss  hoch  bleibt.
^  beginnt  die  Bahn  wieder  in  das  hohe  Felsengebirge
        <pb n="563" />
        SHHáOHHÍHR

hineinzuklimmen,  hat  schon  50  Meilen  östlich  von  Ogden,  bei
Emory,  6000  Fuss  Höhe,  60  Meilen  weiter,  bei  Mellis,
7000  Fuss  erreicht  und  hält  sich  zwischen  6000  und  7000  Fuss
bis  Laramie,  450  Meilen  von  Ogden;  von  hier  steigt  sie  etwa
25  Meilen,  bis  sie  in  Sherman  mit  8242  Fuss  ihre  höchste  Erhebung ­
  erreicht,  um  nun  ziemlich  schnell  auf  die  nördliche
Fortsetzung  jener  grossen  Prairie  hinabzusteigen,  welche  wir
von  Kansas  her  schon  kennen.  Bei  Cheyenne  ist  sie  noch
6000  Fuss  hoch,  am  Nord-Platteflusse  nur  noch  2800  Fuss
und  Omaha  am  Missouri  liegt  nur  mehr  noch  966  Fuss  über
dem  Meere.
Die  Sierra  Nevada  soll  eine  sehr  schöne  Bergkette  sein.
Wir  fuhren  leider  bei  Nacht  über  dieselbe,  blieben  aber  bis
Mitternacht  wach,  um  uns  in  der  herrlichen,  milden  Bergluft
zu  erquicken,  und  sahen  allerdings  schöne  Bergpartien,  die
sich  durch  einen  herrlichen  Baumwuchs  auszeichneten,  soweit
derselbe  nicht  durch  die  Axt  zerstört  war.  Einige  Gebirgsthäler
  von  grossartiger  Schönheit  konnten  wir  bei  dem  Mondlichte ­
  unterscheiden,  so  das  Thal  des  Amerikanflusses,  das
etwa  zwei  Meilen  an  der  Bahn  lang  ist  und  dessen  nahe  bcisammenstehende
  Felswände  an  2000  Fuss  perpendiculär
die  Höhe  ragen.  Das  Gebirge  ist  reich  an  Silber  und  Goldminen, ­
  die  man  jedoch  von  der  Bahn  aus  nicht  sieht.
Die  Vorberge  der  Sierra  Nevada  reichen  bis  gegen  Reno,
306  Meilen  östlich  von  San  Francisco.  In  den  Thälern  findet
man  bis  dahin  um  die  Bahnstationen  herum  etwas  Ackerbau,
aber  dicht  hinter  Reno  beginnt  die  grosse  Nevada-Wüste,
durch  welche  die  Bahn  nun  fast  600  Meilen,  bis  Ogden,
ohne  Unterbrechung  durch  Oasen  läuft.
Dies  ist  dieselbe  grosse  Wüste,  welche  wir  schon  u'
ihrem  südlichen  Theile,  von  Albuquerque  in  Neu-Mexico  b‘®
Colton  in  Californien,  durchfuhren  und  von  der  ich  schon
vorigen  Capitel  sprach.  Die  Breite  dieser  1500  Meilen  von  Nordwesten
  nach  Südosten  langen  Wüste  wechselt  von  200  biS
600  Meilen.  In  sie  hinein  erstrecken  sich  von  Osten  un
Norden  höhere  Ausläufer  der  Rocky  Mountains  und  ist  sie
auch  von  vulcanischen  Bergketten  und  Berggruppen  dure  '
        <pb n="564" />
        551

nicht  eine  zusammenhängende,  ebene  Fläche,
^llein  sie  enthält  viele  hundert  Quadratmeilen  Ebene,  in  denen
ich  Vertiefungen  sehr  zahlreich  finden,  die  bis  zu  einer  Linie,
.  nördliche  Drittel  von  Nevada  und  Utah  abschneidet,
^  Norden  mit  Wasser  gefüllt,  im  Süden  aber  ausgetrocknet
Dieses  Wasser  ist  in  einigen  Becken  süss,  in  anderen
extrem  salzig.  Fast  in  allen  Bergen,  welche  diese  Wüste
urchziehen  und  sie  begrenzen,  finden  sich  die  schätzbarsten
»neralien,  Goldquarz,  Silber,  Blei,  Kupfer,  Graphit,  stelleneise
  wie  in  Utah,  gute  Steinkohle.  Die  Ebene  hat  zahlreiche
eisse  Quellen,  Schwefelquellen  und  andere  Mineralwässer,
s  Amerika  den  Europäern  bekannt  ist,  sind  Golder
  in  diese  Wüste  eingedrungen,  um  Gold  und  Silber  zu
ä  Azteken  haben  hier  Bergwerke  besessen  und
die  Spanier,  bis  dieselben  von  den  Indianern  in  einem
gossen  Aufstande,  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts,  verschüttet
^  urden.  Im  Jahre  1857  wurde  um  Virginia  City  in  West-^evada
  wieder  Gold  entdeckt  und  seither  haben  Amerikaner
^en  Bergbau  in  allen  jenen  Staaten  und  Territorien  wieder  in
Gerade  bei  jener  Stadt  liegen  die  Comstock-'
  .^'■bergwcrke,  die  reichsten  der  Welt,  welche  den  Millionären
Sch  Paris  und  San  Francisco  mit  ihrem
ma  h  Reichthume  prunken  und  sich  lächerlich
^ac  en,  wie  Makay  und  Flood,  dieser  ungeschlachte  Protz,
^^^zbold  treffend  M.  Deluge  genannt  hat,  weil  auf
trieb  ^^^.^^^"^'^'^^^^schaft,  wie  sie  zur  Zeit  in  Californien  ge-^
  wird,  noth  wendig  eine  sociale  Sündfluth  folgen  muss,
^cit  p  ^  Central-Pacific  Bahn  vollendet  ist,  und  noch  mehr
Y^n  des  Baues  der  Süd-Pacific-Bahn,  erstrecken  sich
fçjch  aus  zahlreiche,  meist  schmalspurige  Bahnen  in  die
Rergwerksdistricte.  Es  werden  noch  fortwährend
Scno*  Erzadern  entdeckt,  neue  Bergwerke  in  Angriff
He  ’  während  die  altabgebauten  schon  bedeutend  an
"^^i^iassen.  Sehr  bald  erhält  eine  neue  Mine  auch
çjjç  isenbahn.  Die  ungeheuren  Entbehrungen,  mit  denen
^ach  und  Wanderer  vom  Osten  des  Felsengebirges
Südsee  einst  zu  kämpfen  hatten,  existiren  also  jetzt
        <pb n="565" />
        552

nicht  mehr.  Wohl  aber  müssen  die  Bergleute  —  und  ausser
Kaufleuten  und  anderen  Nichtproducenten  giebt  es  keine
andere  weisse  Bevölkerung  in  der  Wüste  und  an  ihren  Grenzgebirgen ­
  —  von  Californien  oder  vom  „fernen  West“  östlich
des  Felsengebirges  mit  Lebensmitteln  versorgt  werden,  ‘denn
diese  Wüste  ist  ganz  unfruchtbar  —  sollte  man  meinen
—  wenn  man  sie  durchfährt.  Der  Boden  besteht  aus  einem
Gemische  von  Lehm,  Lava,  Sand  und  abgeschwemmter  Gebirgserde,
  reichlich  mit  Alkalien,  an  vielen  Stellen  mit  Salz  getränkt.
Jedenfalls  war  dies  einmal  Meeresboden.  Nur  an  den  Flüssen
und  Bächen,  die  aus  den  im  Norden  mit  Schnee  bedeckten
Bergen  theils  in  die  Seebecken  fliessen,  theils  in  der  Wüste
versickern,  sieht  man  etwas  Gras-  und  Baum  wuchs.
Sonst  wächst  nur  der  Sagebusch,  ein  Strauch  von  sechs

Zoll  bis  zwei  Fuss  Höhe,  und  graugrünen,  schmalen  Blättern,
den  das  Vieh  nur  von  Hunger  gepeinigt  frisst,  hie  und  da
etwas  sehr  dünnes,  graues  Gras,  und  im  Süden  der  Cactus
auf  dem  von  weisslicher  Kali-,  Natron-  und  Salzkruste  e
deckten  Boden.  Ja,  es  giebt  viele,  viele  Quadratmeilen,  auf  denen
auch  diese  kärgliche  Vegetation  nicht  fortkommt.  Die  Bahn
läuft,  550  Meilen  östlich  von  San  Francisco,  wohl  50  Meilen
ohne  Unterbrechung  durch  eine  weisse,  vollkommen  pflanzenund
  thierlose,  weiss  incrustirte  Ebene,  in  der  die  Fata  Morgana ­
  ihr  Spiel  treibt.  Etwa  400  Meilen  von  San  Francisco ­
  tritt  der  Sagebusch  wieder  auf  und  verlässt  uns  nie
bis  Ogden.  Die  Station  Humboldt  liegt  435  Meilen  östhe
von  San  Francisco.  _
Hier  fanden  wir  plötzlich  eine  Oase,  die  uns  ins  gross
Erstaunen  setzte.  Man  hatte  Wasser  vom  Humboldtflusse  a  ^
geleitet  und  vielleicht  '/♦  englische  Quadratmeile  Stadt  un^
Gärten  bewässert.  Hier  wuchsen  Bäume,  Gras,  Luzerne  un
einige  Gartengemüse.  Es  erinnerte  uns  diese  Oase  an  ähnliche,
wir  von  Albuquerque  bis  Youma,  namentlich  in  Tucson
sehen.  Diese  Wüste  kann  also  productiv  werden,  wenn  si^
bewässert  wird,  allein  wir  Alle  meinten,  dass  dies  im  grosse
Massstabe  nicht  möglich  sei  und  dass  man  damit  nie  me  ^
als  einige  Gärten  neben  Bahnstationen  schaffen  könne.
        <pb n="566" />
        553

mboldt  bis  Ogden  bildete  dies  den  Gegenstand  unserer
^  espräche,  bis  wir,  dicht  bei  dieser  Station,  die  Wüste  plötzlich
u  nach  Süden  durch  ein  blühendes  Ackerland  von
^nabsehbarer  Ausdehnung  abgeschnitten  fanden.  Vollkommen
^geschnitten,  denn  es  existirte  kein  Uebergang.  Hier  war
^  te,  weisslich  dürres  Land,  mit  Sagebüschen  besetzt,  zwischen
tief  ^  A  dünne  Grashalme  spärlich  standen.  Dann  eine
ekerfurche,  die  augenscheinlich  der  Berieselung  wegen  geth^^”
  jenseits  derselben  Weizenstoppel,  auf  der
weise  der  Weizen  noch  in  Mandeln  aufgestellt  stand,  so
c  t  zwar,  dass  wir  den  Ertrag  auf  30  und  mehr  Bushel  per  Acre
daneben  Mais-,  Kartoffel-,  Gersten-  und  Haferfelder,
^PP^p^Gn  Pflanzen  trugen.  Und  soweit  das  Auge
Wü  wir  am  Fusse  der  Hochgebirgskette,  welche  die
schr^^  Norden  nach  Süden  hinter  den  Aeckern  abdiese
  Felder  sich,  eines  neben  dem  anderen,  von  den
etw  herab  in  die  Wüste  hinein  erstrecken,  das  eine
weiter,  das  andere  zurücktretend.  Am  Fusse  der  Berge
^gen  einzelne  Dorfgruppen  und  auch  einzelne  Gehöfte.  Im
gemeinen  aber  herrschten  die  Dörfer  vor.  Hier  wurde
bçfj.*  ^^^^^nlich  Ackerbau  in  grossem  Style  und  planmässig
'"iele^rf”’  hatte  die  Wüste  nicht  eine  Gartenoase,  sondern
die  ^^^^^^^f"Gilen  an  den  Ackerbau  abgegeben.  Wir  hatten
merkwürdige  und  bewundernswerthe  Mormonenerreicht

beschlossen,  Salt  Lake  City  oder  „Zion“,  die
jeder  Territoriums  Utah,  zu  besuchen,  wie  es  wohl
Diesg  p  ^hut,  der  auf  der  Central-Pacific-Bahn  reist
Wir  in  wm  ^"ch  unsere  deutschen  Grafen  thaten,  die
in  2íq  Francisco  trafen,  weilen  einen  oder  ein  paar  Tage
Ausfi”^’  Tabernakel,  machen  vielleicht  einige
^  benachbarte  Gebirgsthäler,  die  sehr  schön  sein
Oi&amp;amp;sg  y  ^den  im  grossen  Salzsee,  suchen  vergebens  die  GeheimtllSsç

  (J  o  '  c«v.ä.v-.l  VCI^CUCIIS  UIC  VJCIlClin
P  mormonischen  Familienlebens  zu  ergründen,  sehe:
^erRniL^^  niedlich  in  Gärten  versteckt  gelegenen  Häuse

^^rselb  111  vjtxiLcii  vcisiccKi  gelegenen  nausei
sie  übl^^p'^^”  Strasse  aus,  da  die  Mormonen,  wohl  wer
®  Erfahrungen  gemacht  haben,  keinen  Fremden  zu  Tisch
        <pb n="567" />
        554

laden  oder  in  ihre  Familien  einfiihren,  wie  das  sonst  m  Amerika
üblich  ist.  Dies  kränkt  unsere  Dutzendreisenden  und  sie  la
sehen  mit  Freude  auf  die  Scandalgeschichten,  welche  ihnen  i
den  durchaus  von  Nichtmormonen  gehaltenen  Hotels  ger
von  den  daselbst  sich  sammelnden  „Gentilen,“  wie  sich
Nichtmormonen  —  meist  Juden  —  hier  nennen,  zum  es
gegeben  werden.  Sind  diese  Reisenden  Schriftsteller  so  ent
Lht  ein  Buch,  glücklichsten  Falles  ein  Journalartikel  ube
die  Mormonenpest,  welche  möglichst  bald  auszurotten  sei,  au
Ehre  Amerikas.
Zion  oder  Salt  Lake  City  liegt  37  Meilen  sudheh
Ogden.  Wir  fuhren  von  9  bis  ii  Uhr  am  5.  August  v
letzterer  Stadt  nach  Zion,  fast  überall  durch  eine  wohl  ang
baute  Landschaft.  An  einer  Stelle  hatte  sich  die  Colonie  v
Ogden  mit  jener  von  Zion  noch  nicht  vereint,  und  hier  »
wieder  die  dürre  Wüste  zwischen  den  gesegneten  Felder  ■
gänzlich  unvermittelt.  Zur  Linken  hatten  wir  die  Berge,
Rechten  den  8o  Meilen  langen,  bis  50  Meilen  breiten  gro
Salzsee.  Der  dazwischen  liegende  Landstrich  in  10  is
Meilen  Breite  war  dicht  angebaut.  Auf  den  11.000  bis  I3-Fuss
  hohen  Bergen  sah  man  hie  und  da  ewigen  Schnee,
schon  wir  am  heissesten  Tage  der  Saison  ankamen  und
Thermometer  too  Grad  Fahrenheit  zeigte!
Wir  besuchten  den  Chef  des  Agricultur  -  Departme
Obersten  Winder,  der  uns  mit  zwei  deutschen  Gemmn
mitgliedern,  dem  Herrn  Schettler  aus  N«wied  und
Wilken  aus  Hamburg,  bekannt  machte.  Die  Aufnahm
die  zuvorkommendste.  uqI
Wir  besahen  zusammen  das  so  interessante  la  e
und  den  im  Bau  begriffenen  neuen,  grossartigen  Tempel;
deren  Beschreibung  kann  man  in  jedem  Reisebuck
Auch  badeten  wir  im  Salzsee,  unter  Männlein  un
die  sich  in  dem  dicken  Wasser,  in  dem  man  nicht  unters
kann,  aber  das  herrlichste  Bad  der  Welt  geniesst  wei
gesellig  amusirten.  Am  folgenden  Morgen  fuhren  Graf
Széchényi,  Baron  Gudenus  und  ich  mit  Herrn  Wilken  m
p.inive  Meilen  südlich  von  der  Stadt,  wo  wi
        <pb n="568" />
        sten  Male  das  Glück  hatten,  Weizen  mittelst  eines  Selbst-Inders
  schneiden  zu  sehen.
Die  fünf  Herren,  mit  denen  ich  bisher  seit  London,  un-?
  ähr  13.000  englische  Meilen  und  über  sechsthalb  Monate,
^nsammen  gereist  war,  eine  Reise  gemacht  hatte,  die  je  länger
^  sto  lehrreicher  und  angenehmer  für  uns  Alle  war,  wollten
ni  eine  Jagd  von  sechs  bis  acht  Wochen  in  Montana
^ch  beabsichtigte,  diese  Zeit  zu  einer  Reise  nach
w*  ^nd  von  da  nach  Minnesota  zu  benützen,  wo  wir  uns
suit  vereinigen  hofften.  Die  wirklich  erstaunlichen  Re-'velche
  die  Mormonen  hier  durch  Bewässerung  erzielt
bestimmten  die  Herren  aber,  mich  zu  ersuchen,  dass
Sow"  Zeit  hier  bleiben  und  Notizen  sammeln,
eins*'^  Farmen  besehen  möge,  weil  sie  mit  mir  der  über-^^rStimmenden
  Ansicht  waren,  dass  man  hier  viel  Nützliches
könne.  So  begleitete  ich  sie  denn  am  6.  August,
New  Monate  und  einen  Tag  nachdem  wir  in
j^ln  gelandet  waren,  nach  Ogden,  nahm  Abschied  von
'^Ördl*  lehrte  Abends  nach  Zion  zurück.  Sie  reisten
^chm  T  ^y*'eh  Idaho  bis  Virginia  City  in  Montana  auf  der
Mormonenbahn  und  von  da  durch  Fort  Ellis
Custer  per  Post  Am  folgenden  Tage  begann  ich
"widmet  ""d  um  Zion,  denen  ich  ein  eigenes  Capitel
^chwe  r  Herren  erreichten  Fort  Custer  nach  beflusse
  Reise  im  Postwagen.  Dasselbe  liegt  am  Horn-Vçjj^
  ^  Montana,  der  südlich  von  den  Blue  Mountains  in  den
River  sich  ergiesst.  Von  hier  aus  jagten  sie  süd-"dch
  ^  d^e  Big-Hornmountains  in  Wyoming.  Nach  dreiihnen
  J^gd  trennte  sich  Graf  Irare  Széchënyi  von
Sanien  "lir  in  Fargo,  Dakota,  zu  einer  gemein-^Päter
  ^4^  nach  Winnipeg  zusammen.  Etwa  einen  Monat
^2éch  '  auch  Baron  Gudenus  und  die  Grafen  Geza
Ernst  Hoyos  das  Jagdterrain,  trafen  mit  Graf
OctQy  ^^^bényi  und  mir  in  Chicago  zusammen  und  reisten  im
^•"afen  ^^v^'^ork  nach  Europa.  Ich  wartete  auf  den
eza  Andrassy,  der  noch  vier  Wochen  länger  allein
        <pb n="569" />
        556
der  Jagd  bei  Fort  Custer  oblag  und  machte  mit  ihm,  nach
ihrer  Beendigung,  eine  Reise  nach  dem  Osten  von  Canada,
worauf  wir  Ende  December,  ebenfalls  von  New-York  aus,
nach  England  fuhren.  In  den  folgenden  Capiteln  werde  ic
die  Resultate  jener  Reisen,  die  ich  allein  oder  mit  Graf  In'*"
Széchényi  und  Géza  Andrassy  machte,  zusammenstellen.
Am  12.  August  i88i  verliess  ich  Salt  Lake  City  oder  Zion,
fuhr  nach  Ogden  und  von  da  in  circa  30  Stunden  über  5®®
Meilen  weit  nach  Cheyenne,  der  Hauptstadt  des  Territorium
Wyoming,  wo  ich  einen  Viehzüchter  besuchte,  den  wir  von
New-York  her  kannten  und  der  mir  über  die  Viehzucht  in  diese
Gegend  Aufschluss  gab.
Von  Ogden  aus  nach  Osten  führt  die  Bahn  circa  ^
Meilen  weit  durch  Hochgebirge.  Ogden  hegt  4340  Fuss  ü  e
dem  Meere,  eine  Höhe,  auf  die  man  nach  600  Meilen  wieO^
hinabgestiegen  ist,  nachdem  man  inzwischen  bis  zu  8242  n
hinauf  klomm,  bei  Station  Sherman,  483  Meilen  östlich  vo
Ogden.  Von  da  fallt  das  Gebirge  langsam  und  ist  bei  Chey
enne  nur  noch  eine  6041  Fuss  hohe,  wellige  Ebene,  die
wo  der  Plattefluss  die  Bahn  scheidet,  nur  noch  2789  ho
ist,  wie  ich  schon  sagte.  Das  Gebirge  hat  überall  gute
ist  viel  grasreicher  als  in  Neu-Mexiko  und  Colorado,  ^
hier  mehr  Schnee  fallt,  aber  vollkommen  holzarm;  nur  zwisc
Sherman  und  Cheyenne  sieht  man  einzelne  Fichtenstämme
der  unabsehbaren,  leicht  hügeligen  Hochebene,  die  sich
Osten  langsam  abdacht.  Von  Cheyenne  ab  verschwm
sie  wieder.  jja
In  den  Thälern  und  an  den  Bächen  trifft  man  hie  un
noch  eine  mormonische  Ackerbaucolonie,  die  aber  von  ‘
ca.  100  Meilen  östlich  von  Ogden,  auch  aufhören.  Von
ab  sieht  man  an  den  Bahnhöfen  nur  die  bekannten  klei
elenden  amerikanischen  Bahnhofstädte  mit  Holzhäusern,
weilen  Zelten,  welche  durchweg  einen  provisorischen
machen  und  nicht  selten  auch  plötzlich  verlassen  wer
wenn  die  Politik  der  Bahngesellschaft  die  Verlegung
Station  erfordert.
Oestlich  von  Millis  werden  die  Viehranches,  Wohnu  B
        <pb n="570" />
        1

I

557

g  ^  Hirten,  häufiger  an  Flüssen  und  auch  neben  artesischen
Q  die  300  bis  1400  Fuss  tief  sind,  400  bis  2000
Wasser  per  Stunde  geben  und  meist  zum  Tränken
u  j  ^^^Gs,  zuweilen  zur  Bewässerung  eines  kleinen  Gartens
sui  Wiesenfleckens  benützt  werden.  Das  Gebirge  ist
e  enweise  noch  grossartig  und  hat  einzelne  malerische  Felsenob^T"
  ^änn  sich  aber  mit  dem  der  Schweiz  nicht  vergleichen.
Sie  r  ”  "'^"che  Berge  so  hoch  sind  als  jene  der  Schweiz,
hegen  eben  zu  weit  auseinander  und  die  Hochebenen,
s  denen  sie  aufsteigen,  sind  zu  hoch;  Gletscher  fehlen
s^nzlich.
fast  die  Hauptstadt  von  Wyoming,  liegt  in  einer
^^hkommenen  und  baumlosen  Ebene,  die  mit  reichem
n^aswuchse  bedeckt  ist,  hat  circa  6000  Einwohner,  ist  eine
ganz  uninteressante  amerikanische  Stadt,  fast  ohne
^^Umpflanzung,  aber  der  Mittelpunkt  der  Viehzucht  für  ein
Tausenden  von  Quadratmeilen,  das  jedes  Jahr
uuf  den  Markt  von  Chicago  liefert.
Mont  Westnebraska,  Colorado,  Wyoming,  Utah,
nur  Nordoregon  sind  fast  ganz  Weideländer,  Idaho  auch;
'väss**^  östlichen  Nebraska  ist  Ackerbau  ohne  künstliche  Bemöglich.
  Grösstentheils  ist  Neu-Mexiko  und  theil-Pacif
  ebenfalls  nur  Weideland.  An  der  Atlantic-'883
  von  Albuquerque  in  gerader
fertig  öis  zur  Santa  Barbara  Bay  am  Stillen  Meere
^'ifG  dürfte,  sollen  in  Arizona  und  Südcalifornien,
Hin  **^S®pHteaus,  ebenfalls  Weideländereien  vorhanden  sein.
Uur  Theil  von  Texas  ist,  wie  schon  gesagt,  ebenfalls
'"^gionl-  Grenze  zwischen  Ackerbau-  und  Weidenbei
  Dod  :oo-  Meridian,  so  jedenfalls  in  Kansas,
'Nördlich’  37°  Meilen  westlich  vom  Missouri.  Weiter
dent  qo  etwas  weiter  nach  Osten,  in  Nebraska  nahe
Westii  h  ^^'dmn  bei  Grand  Island,  154  Meilen  vom  Missouri,
"'^àssert  dieser  Linie  ist  Ackerbau  nur  auf  künstlich  bet
  p  f^oden  möglich.  Auf  diesem  Gebiete  sollen  früher
Gt\\r^  ^  '  |'°uen  Büffel  geweidet  haben  und  weiden  jetzt  erst
Alionen  Rinder  und  ebensoviele  Schafe.  Je  weiter

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        <pb n="571" />
        558

%

man  von  Kansas  nach  Norden  hin  reist,  desto  mehr  nimmt
der  Graswuchs  an  Ueppigkeit,  aber  auch  der  Winter  an  Harte
zu;  doch  weidet  in  allen  diesen  Ländern  das  Vieh  jahrein,
jahraus  im  Freien.  In  Montana,  Nebraska  und  Kansas  ist
vieles  Land  schon  In  Privatbesitz  übergegangen  und  die  Viehzüchter ­
  müssen  auch  Land,  wenigstens  solches  am  Wasser,
wo  sie  das  Vieh  tränken,  käuflich  erwerben  oder  pachten.
Dadurch  wird  die  Viehzucht  schon  etwas  vertheuert.  1"
einem  grossen  Theile  von  Texas  und  in  Californien  ist  es
ebenso.  Sie  kaufen  dort  alles  Land  hart  an  einem  Wasserlaufe
  auf  und  beweiden  alles  übrige  Land,  das,  ohne
zum  Tränken  des  Viehes,  werthlos  ist,  so  lange  man  nie
artesische  Brunnen  gräbt.  Letzteres  aber  kostet  wieder  Gel  _
Das  Land  an  den  Flüssen  gehört  entweder  der  Regierung
oder  den  Eisenbahnen.  Von  letzteren  kann  es  leicht  gekau
werden.  Regierungsland  lassen  Viehzüchter  oft  von  bezahlte^
Leuten  als  Homestead  aufnehmen  und  kaufen  es  ihnen  dan^
ab.  Solche  Homestead-Erwerbungen  werden  nicht  selten  durc^
Schwindel  und  Meineid  vollzogen.  Immerhin  kostet
Weidegrund  in  jenen  Staaten  etwas;  wie  viel,  ist  allgemm
nicht  festzustellen.
In  Wyoming  kostet  er  gar  nichts!
Die  Union-Pacific-Bahn  besitzt  in  20  Meilen  Breite  zu  je
Seite  ihrer  Trace  jede  zweite  Section  Land.  Sie  verkau^
keinen  Acre  Land  in  Wyoming,  um  die  Viehzucht  dort  m
Höhe  zu  bringen.  Man  würde  ihr  nur  das  Land  am  Wasser  »
kaufen;  dann  wäre  das  andere  Land  werthlos  und  könnte  von
Besitzern  der  Ufer  monopolisât  werden.  Da  jetzt  Nieman
das  Wasser  gehört,  so  kann  Jedermann  in  Wyoming^^
viel  Vieh  weiden,  als  er  hat,  ohne  einen  Dollar  ßr  La^^
kauf  oder  Pacht  auszugeben,  ausser  für  jenes  Land,  auf
er  den  Viehhof  anlegt  und  den  er  auf  je  ein  Jahr  von
Bahngesellschaft  pachtet,  wenn  er  nicht  eine  Homestead
Regierungsland  zu  dem  Behufe  aufnimmt.  Die  Bahn
ihren  Nutzen  aus  dem  Lande  in  Form  von  Transp
kosten.  Alles  Vieh,  das  in  Wyoming  gezogen  wird,
auf  ihr  nach  dem  Markte,  d!  h.  nach  Omaha  oder  Ch»
        <pb n="572" />
        559

^nsportirt  werden,  und  sie  hat  einen  sehr  hohen  Tarif.  Eine
^  aggonladung  Vieh,  circa  20  Stück,  kostete  1881  nach  Chicago
Kearney,  695  Meilen,  90  Dollars;  von  North  Platte,  790
^  *  cn,  103  Dollars;  von  Sydney,  906  Meilen,  115  Dollars;
^  ?  ^S^lala,  842  Meilen,  90  Dollars;  von  Cheyenne,  1016
Dollars  ;  von  Rock  Creek,  1123  Meilen,  140  Dollars,
im  Waggon  circa  20  Stück  Platz  finden,  so  macht  das
7  Dollars  per  Stück,  mehr  also,
jjjlj.  Erzeugung  der  Thiere  kostet.  Denn  diese  ist  sehr
zuclf  ’  Schilderung  der  hier  üblichen  Vieh-^^hen
  wird,  die  ich  am  besten  an  einem  Beispiele  gebe.
"  kann  indess  auch  schon  in  Omaha,  wo  sich  die  Schlachtlad^^^^
  ^^^8^^°^sern,  Vieh  verkaufen  und  kostet  die  Waggon-Kearney,
  195  Meilen,  34  Dollars;  von
.  290  Meilen,  47  Dollars;  von  Sydney,  406  Meilen,
°  Cheyenne,  510  Meilen,  75  Dollars.
^•e  Chicago  nach  New-York  kostete  im  Sommer  1883
^ork  Vieh  60  Dollars,  von  Cheyenne  nach  New-Yj,
  ^  ®o,  excl.  Spesen  für  Umladen,  Futter,  Aufwartung  des
port^^’  Gewichtsverlust  der  transportirten  Rinder,  der  Trans-Hau
  ^twa  20  Ochsen  180  Dollars,  oder  9  Dollars  pro
mittlere  Transportpreis  von  dem  ganzen
^gebirge  bis  Chicago  sein.
billio-  Missourilinie  ist  der  Transport  natürlich  weit
birp-;*^  Vieh  bis  in  ihre  Nahe  aus  dem  Gese
  treiben.
cago^*^  V^^ggonladung  kostet  von  Council  Bluffs  nach  Chi-Dollars,
  von  Kansas  City  bis  Chicago  65  Dollars,
prQ  j^^^eil  Bluffs  nach  New-York  130  Dollars,  also  6-5  Dollars
Konf  Kansas  City  nach  Chicago  125  Dollars,  pro
^0*25  Dollars.
p?.  V^^S&amp;amp;onladung  Schweine  kostet  von  Kansas  City
ruacht  42  Dollars,  von  da  nach  New-York  30  Dollars,
Ich^^  Dollars  oder  i  Dollars  pro  Stück.
Oder  S  hinzusetzen,  dass  die  Waggonladung  Rinder
beatrj  ^  nach  Chicago  kostet  von  Pawnee,  Crete,  Wilber,
85  Dollars,  Hastings  und  Red  Cloud  90  Dollars,  Falls
        <pb n="573" />
        56o

City  8o  Dollars,  Humboldt  82  Dollars,  Tecumseh  85  Dollars,
Lincoln  80  Dollars,  Seward  85  Dollars,  David  City  85  Dollars,
Columbus  85  Dollars,  York,  Aurora,  Central  City  85  Dollars,
Brownville  80  Dollars,  Plattsmouth,  Ashland  80  Dollars,  Fairmouth,
  Soutton,  Harward  85  Dollars,  Jacksonville  31  Dollars,
Blomington  25*40  Dollars,  Joliet  16*50  Dollars,  Burlington,
Davenport,  Rockisland,  Cordova,  Clington  4a  Dollars.
dieser  letzteren  Linie  nach  New-York  also  102  Dollars  o
ca.  5  Dollars  pro  Haupt.
Alle  Unkosten  eingerechnet,  nur  nicht  den  Gewichtsverlus
des  Viehes,  der  sich  indess  durch  Verbesserung  der  Eisenbahnwaggons
  vermindert  hat,  kann  man  sagen,  dass  ein  au^
wachsener  Ochse  an  das  atlantische  Meer  befördert  wer
kann,  von  der  Mississippilinie  um  6  Dollars,  von  der  Missouri
linie  um  7—8  Dollars,  vom  Felsengebirge  um  10—12  Dollar^
Mein  Gewährsmann  in  Cheyenne  hatte  im  Frühjahre  i  7
am  Wasser  eines  Raches  in  Wyoming  eine  Homestead  von
160  Acres  auf  Unionsland  aufgenommen  und  500  Stück  Tex^
Vieh,  das  jeden  Frühling  hier  heraufgetrieben  wird,  gekau  t,
eine  gemischte  Heerde  von  Kühen  und  ca.  200  Stück  Jung^
vieh,  die  er  mit  i4'/2  Dollars  per  Haupt  bezahlte.  Stier^
kaufte  er  dazu  aus  Wyoming,  solche  besserer  Race,  aber
Vollblut,  ferner  16  Pferde  à  50  Dollars  für  die  Hirten.
Frühjahre  1879  kaufte  er  600  Kühe  und  Jungvieh
Race  aus  Oregon  um  19  Dollars  die  Kühe  und  13  Dollars
Jungvieh,  dazu  60  Bullen  aus  den  Oststaaten  zu  je  50  DoHa^
die  von  hochgradiger  englischer  Kreuzung  waren.  Im
jahre  1880  kaufte  er  abermals  1300  Haupt  Rindvieh
Colorado  und  1200  aus  Oregon,  wovon  die  Kühe  ^  5  f
die  Jährlinge  13  Dollars,  die  zweijährigen  Stiere  21  Uo  a^
kosteten.  Im  Frühjahre  1881  wurden  700  Stück  von  ein
benachbarten  Heerde  in  Wyoming  um  18  Dollars  per
gekauft.  Diese  4360  Haupt  Rindvieh  hatten  sich  jetzt  auf  rn
6000  vermehrt  und  im  Sommer  dieses  Jahres  begann  der  e
Verkauf.  Es  sollen  600  Stück  Fettvieh  verkauft  we^en,
1200  Ibs.  per  Stück  wiegen  und  in  Chicago  etwa  vier
per  Ib.,  also  48  Dollars  per  Stück  bringen  werden.
        <pb n="574" />
        561

36

Transport  kostet  von  Cheyenne  6  Dollars,  so  bleiben  42  DolunH
  25.200  Dollars.  Es  werden  vieijährige  Fettochsen
Sq  ^  ^  ®  Kühe,  die  nicht  trächtig  werden,  in  den
Ein  verkauft.  Man  macht  auch  folgendes  Geschäft:
Farm  Wyoming  oder  Montana  übergiebt  einem
dem  T  Nebraska  im  Herbste  eines  Jahres,  in
fetten  n  u  ausgewachsenen  aber  nicht
Stande  ^  16s.  wiegt  und  in  diesem  Zu-Earmer
  r  Per  Ib.  =  30  Dollars  bringen  würde.  Der
Ffund  ""d  Mais  fett  und  erhält  für  jedes
"“chdem  7“'!'““"“''"’®  ^  7  je
'^«ffende  7u  »d«'  billig  in  dem  bedem
  ..  ‘®‘'  b»ieser  verkauft  ihn  nach  Chicago,  nachbat ­
  Gewicht  von  1300  Iba  erlangt
ei^hält  ^  Cents  per  Ib.  loco  Chicago.  Der  Viehzüchter
^5  Hollars  in  Chicago,  zahlt  15  DoUars,  respective
^^pectir  %  7™"  b=bmt  also  50  Dollars,
halbes  11  “  Stelle  der  30  Dollars,  welche  er  ein
halten  h"  k"her  für  seinen  mageren  Ochsen  in  Chicago  er-Waiz
  Farmer  hat  ca.  .500  Ibs.  =  27  Bushels
772/3  p  attert  und  den  Bushel  mit  55'/a  Cents,  respective
nicht  «r  '^^‘■"«“bet,  während  der  Marktpreis  in  der  Regel
"’an  in  ?  Cents  loco  ist,  ohne  den  Dung  zu  rechnen,  den
dieser  Gegend  noch  nicht  schätzt.
Stück  T  ^^T^6rsmann  sagte  mir,  seine  Heerde  von  ca.  6000
^dllars  65.000  Dollars  und  sei  120.000
Capital  hat  sich  also  in  drei  Jahren  fast
rascher  Proportion.  Im
Er  stehv  *  ^^nn  er  schon  1200  Stück  Fettvieh  verkaufen,
bar  begriffe,  sich  noch  eine  Heerde  von  einem  Nachtveiter
  Dollars  zu  kaufen  und  sein  Geschäft  noch
^eil  tjszudehnen.  Solche  Ankäufe  werden  immer  theuer,
^'^melt^  ^nder  sich  auf  dies  lucrative  Geschäft  stürzen.  Es
^^fniöo-  jungen  Engländern  in  Amerika,  welche  hier
t^Gr  ^  10.000  bis  100.000  Pfd.  St.  anlegen  und  in
^  da  ^  Geschäfte  machen,  wenn  sie  auch  anfangs  oft
s  Ohr  gehauen  werden.  Wir  trafen  sie  in  Florida,  in

über
        <pb n="575" />
        562

llili!§Äp|
,5  Männer.  Der  Chef  derselben  erhält  monatlich  roo  DolU
##
Profit  auch  ausrechnen,  wenn  man  anmmmt,  dass  per
vom  vollendeten  zweiten  Jahre  ab  50  bis  70  Jerce  K
zu  rechnen  und  jährlich  5  Percent  an  Verlust  durch  T
der  ganzen  Heerde  erfahrungsmässig  abzuschreiben  sin  .
Ist  eine  Heerde  gekauft,  so  wird  sie  in  die  Nahe  àet
Ranche  und  des  sie  durchfliessenden  Wassers  8«"«ben
nun  lässt  man  die  Rinder  frei  laufen,  wohin  sie  wollen  n
dem  sie  mit  dem  Zeichen  des  Eigenthümers  8*"%'Jvont
der  Regel  entfernen  sie  sich  nicht  über  4  is  5  g,
Wasser,  doch  mischen  sie  sich  mit  den  Nachbarheer
ist  Gesetz  in  Wyoming,  dass  jeder  Heerdenbesitzer  fünf
der  Heerde  in  leistungsfähigen  Bullen  halten  muss.
Im  nächsten  Frühling  engagiren  die  Besitzer  die  vnnsta*^
Zahl  Arbeiter  oder  Cowboys  und  steigen  mit  ihnen  zu  ^  ^
Sie  vereinigen  sich  mit  den  Nachbarn  zum  Round  Up,  _^^,
sie  treiben  districtweise  alles  Vieh  zusammen.  Jeder
die  Kälber  seiner  Kühe  mit  seinem  Zeichen,  sonde  .1^^^
unfruchtbaren  Kühe  und  3'  .Jährigen  Stiere,  die  zu  ‘
kommen  sollen,  aus  und  diese  werden  nun  separa  vo
Leuten  jedes  Besitzers  gehütet.  Die  anderen  lasst  ma
        <pb n="576" />
        563

30*

laufen.  Vom  Juli  bis  November  werden  diese  auf  der  Weide
gewordenen  Rinder  nun  successive  nach  Chicago  auf  den
in  H  ^  Gras  dürftig  ist,  im  Herbste  zu  Farmern
den  östlichen  Staaten  auf  die  Mast  geschickt.  Im  Jahre
gy  °  wurden  6770  Eisenbahn  Waggonladungen  voll  Rindvieh
un^  :35.00o  Stück,  1643  Waggons  Schweine
unH  tf  ^^Sgons  Schafe  auf  der  Pacific-Bahn  von  Wyoming
ebraska  nach  dem  Osten  versendet.
hal  von  Wyoming,  etwa  200  an  der  Zahl,
Association  mit  dem  Sitze  in  Cheyenne  gegründet,
Unkosten  jeder  jährlich  10  Dollars  beisteuert.  Sie
ers  A”7.ahl  Inspectoren  und  Detectives  angestellt.  Von
Verschififungsmonaten  je  einer  an  jedem
cont”  eingeschifft  wird,  angestellt.  Er
Ver  1^^:"  Verschiffer  Vieh  mit  fremdem  Brandzeichen
Geschieht  dies  doch,  so  zeigt  der  Inspector  dies
dessen  Brand  in  fremder  Heerde  gesehen
Hes^  Ordnung  ist,  wenn  nämlich  ein
^  dem  andern  Vieh  verkauft  hat.  Die  Detectives  müssen
:Oo  n  Viehdiebe  ermitteln.  Diese  Beamten  erhalten  je
Sch*  Monat.  Die  Brandzeichen  sind  natürlich  vercn
  und  von  der  Association  registrirt.
»grü^°  Geschäft  ist,  so  unsicher  ist  es  für
die  in  der  Regel  betrogen  werden.  Meinem
"'“^den  in  der  ersten  Zeit  18  Pferde  gestohlen.
Von  *  Engländer  kauften  im  vorigen  Jahre  eine  Heerde
""d  fanden  im  diesjährigen  Round  Up  nur
wT^"  ^  Gin  persönliches  Opfer,  in
mir  dniss  jahrelang  zu  leben.  Mein  Gewährsmann  sagte
^cs'ch”f^^  ^Gl:"jühciger  Thätigkeit  werde  er,  selbst  wenn  das
^  ^  ungünstiger  werden  solle  und  er  auch  einige  Unfälle
Dollar  "^"Gr  eine  halbe  Million  Dollars,  mit  ca.  100.000
80  ig.^  Einlage,  verdient  haben  und  sich  dann  zurückziehen,
übrigens  hier  allgemein  Sitte.
Viehzucht  kann  natürlich  Niemand  con-'■Gn.
  Wyoming  hatte  1877  erst  175.000  Haupt  Rindvieh
        <pb n="577" />
        5^4

und  wird  jetzt  wohl  300.000  haben,  kann  aber  Millionen  ernähren, ­
  sowie  man  durch  Brunnen  für  mehr  Wasser
Für  den  Ackerbau  liegt  das  Land  zu  hoch,  obschon  a  er
wächst.  Wo  die  Bahn  im  Westen  in  Wyoming  eintritt,  heg
sie  6800  Fuss  über  dem  Meere,  und  wo  sie  östlich  das  Territorium ­
  verlässt,  noch  5000  Fuss  hoch.
Diese  Viehzuchtregion  zieht  sich  nun  von  Wyoming  noch
tief  nach  Osten  in  Nebraska  hinab,  bis,  wie  schon  gesagt,
nach  Grand  Island.  Allein,  hier  muss  man  schon  Land  kauten,
was  die  Bahn  übrigens  von  zwei  bis  fünf  Dollars  per  c
abgibt.
Das  Land  wird  aber  auch  dafür  grasreicher  und  gestattet
an  den  meisten  Stellen,  dass  man  einen  guten,  reichlichen  Heuschnitt ­
  von  der  Prairie  nimmt.
Der  Viehstand  in  diesen  Weideländern  der  Union  wir
vom  Censusamt  für  Juni  1880,  mit  Zuwachsrate  seit  187^’
folgendermassen  angegeben:

Staat

Pferde

Ë  00  Maul-Ä
  "
2  1  thiere

pCt.

.t:

%
!n
ipCt.

Arbeitsochsen ­


u  0
I”-I

pCt.

Milchkühe

33
-9
308
63
.«6
87
i5
_-3&amp;gt;
87^

Oregon
Montana
Idaho  .
Washington
Nevada
Utah  .  .
Colorado
Neu-Mexico
Arizona
Kansas
Texas  .

124.000
35.«»
24.000
45.000
32.000
38.000
42.000
14.000
7.000
431.000
806.000

140.
564,
1.0301
3i2j
3271
24s'
556
1891
1.929
2661
90¡

2.000
I.OOO
I.OOO
1.000
I.OOO
2.000
3.000
9.000
1.000
65.000
133.000

9
81
64
-34
27
I
120
48
122
450
116

Summa
Union  1880  ,  .  .
Zahl  ult.  1881  in
der  Union  .  .  .

1.598.000I  —I
10.358.000l  451

319.000]
1.813.0001

61

10.521.000I  —]  1  835  000]

4.000
I.OOO
1.000
3.000
I.OOO
4,000
2.000
16.000
I.OOO
17.000
91.000

69
-47
4:
75
69
14
-63
-19
-32

59.000
I  I.OOO
12.000
27.000
130°°
33-000
29.000
13.000
9.000
.  I«  oOO

140.000
994.000

—25

—  13.611

,000;
        <pb n="578" />
        5^5

Staat

1
Anderes
Rindvieh

■0  Zunahme  seit  |
1870

1  Schafe
1

'v
,1’
pCt.

Schweine

0  Zunahme  seit
r  1870

Oregon
Montana
I^aho  1
Washington  T.  .  •
Nevada  1
••••••  -i
Colorado  ....
Neu-Mexico  .  ,  .  {
Arizona  .....  j
Kansas  .  .  .  .  1
I«*^as  .  .  !  J

352.000
160.000
71.000
103.000
158.000
59  000
315000
137000'
350001
1  016.000
3.388.000

408
610
I  137
266
591
224
687
543
866;
343:
'5

1.083.000
184.000
27.000
292,000
133.000
233.600
746.000
2.088.000
77.000)
500.000'
2.4I2.0tX).

3  40|  156.000
9.0051  10.000
3.576,'  14.000
565  46.000
&amp;gt;.  113j  9.000
39:  17.000
5:7'  8.000
237  8.ocx&amp;gt;
9.43O;  4.000
358,1  1.788.000
338,  1.954.0001

3«
295
513
168
176
446
39
—30
430
765
63

Summa

5.794000t

—

7.775.000)

—!  4.014  000

'S80  .  .  .  .
'ahl  ult.  1881  in
^**r  Union  .  .  .  ;

»2.488.0(x&amp;gt;|
13.280.000)

66

35.  IQ2.0CK)'
t5.0l6  CKX&amp;gt;

34j47.6M4.000
44.1  22.(X»

00

die  procentische  Zunahme  des
man  ¿"  besonders  in  die  Augen  fallend  und
'■^scherrv  nächsten  Jahrzehnte  auf  eine  noch
luten  7  Ul  desselben  vorbereiten,  denn  die  abso-«•netn
  verschwindend  kleine  Viehmenge  auf
'Mähren  Gebiet,  das  hundert  xMal  soviel  Vieh  er-^nchstäKr
  "u"'  darauf  weidet.  In  jenen  Ländern  wird
erst,  na  u^”  geschlachtet  und  eine  Kuh  auch
Hei  solch  wurde,  um  noch  Kälber  zu  tragen,
^crmehren"^  Verfahren  muss  sich  der  Viehstand  natürlich  schnell
der  Staat  Colorado.  Der
tung  j^^  .fl'csst  dahin  und  nach  Nebraska  in  östlicher  Richdiesetn
  Ri  sich  der  Cache  la  Poudre-River.  An
erst  Von  ^^d  planmässige  Bewässerungen  gemacht  worden,
PagnieJ  Cooperation,  dann  von  englischen  Com-^iese
  ?  einem  früheren  Capitel  habe  ich  mitgetheilt,  dass
das  Wa  besuchten  ihre  Bureaux  in  Denver  —  sich  für
errecht  am  Canal  500  Dollars  per  80  Acres  =  6%
        <pb n="579" />
        566

DoUars  per  Acre  zahlen  lassen.  Wer  einen  solchen  Anthe.1
am  Canal  nicht  besitzt,  muss  für  das  nöthige  Wasser  zur  Be
rieselung  seiner  Felder  50  Cents  bis  .•/.  Dollars  per  Acr
jährlich  zahlen.  Trotzdem  zahlt  sich  der  Ackerbau  auch
diesen  künstlich  bewässerten  Farmen  trefflich  aus.  Man  p  g
IO  bis  12  Zoll  tief  und  cultivirt  den  Boden  überaus  ^
Die  Ernte  war  1881,  wo  man  im  ganzen  Westen  durch  Du
gelitten,  wieder  recht  gut  und  stellt  sich  auf  25  Bushe  s  e
per  Acre,  der  hier  i  Dollar  loco  Farm  werth  .st.  Die
sammtkosten  der  Weizenproduction  per  Acre,  Preis  des  La
und  Fundus  Instructus  verzinst,  letzteren  amortisirt,  Un
der  Bewässerung  und  alle  Arbeiten  eingerechnet,  sollen  nie
IO  Dollars  per  Acre  oder  40  Cents  per  Bushel  “^ersteig
Hafer  giebt  46  Bushels  à  40  lbs.,  Gerste  35  Bushels  per  '
Mais  28  Bushel  per  Acre,  Es  ist  keine  Frage,  dass  auch
in  Europa  vielfach  künstlich  bewässern-  und  amenkanis
Maschinerie  gebrauchen  lernen  müssen!
An  den  Flüssen  und  in  Ostnebraska  treibt  man  Ack
combinirt  mit  Viehzucht.  Die  Farmen  sind  meist  von
bekannten  Homestead  Grösse.  Ihre  Zahl  betrug  i  o
2.789,  1870  =  12.301  und  1880  schon  63.387.  Davon  w
45  unter  3  Acres  gross,  355  von  3—10  Acres,  708
bis  20  Acres,  3.301  von  20—50  Acres,  16.652  von  50
Acres,  41542  von  100-500  Acres,  666  von  500-1000
und  118  über  1000  Acres;  51.963  wurden  von  den  8
thümern,  ..948  von  Pächtern,  9.476  von  Métayers  be«^^^
schäftet.  Nebraska  ist  also  eine  Bauernrepublik.  *'^acn
letzten  Census  waren  von  den  46.636.800  Acres,  die  ®  ¿  j
gross  ist,  erst  3  498  906  Acres  in  Cultur,  davon  :'054
Acres  unter  Weizen,  1.124.709  Acres  unter  Mais,  i73-Acres
  unter  Hafer.  Die  Zahl  des  Rindviehes  betrug  75
der  Schafe  199.000  und  der  Schweine  1.242.000.  Die
kerung  beträgt  nahezu  eine  halbe  Million  Seelen.  Hier
die  Region  der  Schweinezucht  und  erstreckt  sich  bis
Ohio  östlich  als  grosse  Industrie;  die  Zahl  der  ußi
mehrte  sich  seit  1870  um  fast  2000  pCt.,  des  t-ggeiH
1200,  der  Schafe  um  778  pCt.;  das  Rindvieh  wird  m
        <pb n="580" />
        567

Landstriche  nur  mehr  für  Molkerei  und  Zuchtzwecke  gezogen
®der  zur  Mast  aus  dem  Westen  gekauft.
im  Jahre  1880  erntete  man  10  Millionen  Bushels  Weizen,
^ovon  circa  5  Millionen  Bushels  zum  Exporte  übrig  waren.
Gr  Durchschnittsertrag  kann  auf  13  Bushels  per  Acre  angenommen ­
  werden.
Jowa  ist  gleichsam  die  östliche  Fortsetzung  von  Nebraska,
35*200.000  Acres,  wovon  1880  3.471.000  unter  Weizen,
5116.000  unter  Mais  waren.  Die  Weizenernte  betrug  36  Milmnen
  Bushels,  wovon  21  Millionen  exportirbar;  der  Acre
nrgiebt  im  Durchschnitte  nicht  über  11  Bushels.
^  In  Jowa  gab  es  1850  =  14.805,  i860  =-  61.163,  1870
^  116.292,  1880  =  185.351  Farmen,  wovon  141.177  von  den
^•genthümern,  8.421  von  Pächtern,  35.753  von  Métayers  be-Schäftet
  wurden.  122  waren  unter  3  Acres,  2.063  von
^  3*343  von  10—20,  23.488  von  20—50,  58.519  von
î6  von  100—500,  2.298  von  500—1000  und
4  über  1000  Acres  gross.
Zahl  der  Pferde  betrug  1880  =  792.000,  Vermehrung
DC  ^  ^3  pCt.,  der  Maulthiere  44.000,  Vermehrung  74
Mi/h  Arbeitsochsen  2.500,  Verminderung  89  pCt.,  der
Vieh  854.000,  Vermehrung  131  pCt.,  des  anderen  Rind-^
  ^*755*000,  Vermehrung  186  pCt.,  der  Schafe  455.000,
346^^^^*^^^^  47  pCt.,  der  Schweine  6.034.000,  Vermehrung
^^6raska  und  Jowa  haben  einen  sehr  ähnlichen  Charakter.
Ist  ein  in  seiner  oberen  Schichte  von  Humus  dunkel
^  Lehm,  sehr  fruchtbar.  Nebraska  ist  ebener  als  Jowa
^*id  sehr  oft  freilich  leiden  beide  Staaten  an  Dürre
find  Heuschrecken.  Nebraska  ist  ganz  baumlos,  in  Jowa
Ulino^  vereinzelte  Wälder,  fast  Alles  Eichenwälder.  In
bçj.  'Verden  diese  sehr  zahlreich  und  die  Landschaft  wird
Flüsse  besser  bewässert  und  der  Regenfall  wird
Jg  weiter  nach  Osten,  desto  dichter  werden  die
Ostnebraska  sind  sie  noch  sehr  dünn.  Hier
In  T  sich  viele  Deutsche  an,  weil  das  Land  billig  ist.
®'va  ist  neben  der  Bahn  Alles  besiedelt,  fern  von  ihr  ist
        <pb n="581" />
        568

1

noch  unoccupirter  oder  doch  uncultivirter  Boden.  Illinois  hat
kein  freies  Land  mehr.  In  Nebraska,  Jowa  und  Kansas  hausen
oft  verheerende  Stürme,  deren  Macht  man  durch  Baum
Pflanzungen  zu  brechen  sucht.
Im  Westen  baut  man  fast  nur  Mais;  je  weiter  nach  Osten,
desto  mehr  tritt  W^eizen  neben  Mais.  Nebraska  bringt  m
erster  Linie  Heu,  dann  Mais,  dann  Weizen  und  Hafer.  Das
Wetter  ist  in  Nebraska  und  Jowa  ungünstig.  Die  Winter  sin
kalt,  der.  Juli  und  August,  oft  schon  Ende  Juni,  sind  sehr  heiss.
Deshalb  kann  man  im  Frühjahre  oft  erst  spät  die  Bestellung:
beginnen  und  Winterweizen  wird  nicht  gebaut,  da  er  oft  aus
friert.  Frühjahrsweizen  leidet  nicht  selten  von  der  zu  früh
eintretenden  Hitze.  Am  sichersten  ist  Mais,  Hafer,  Klee,  Ti
mothee,  auch  Kartoffeln  gedeihen  meist  gut.

Die  Maisernte  per  Acre  betrug  in
Bushels
im  Jahre  in  Jowa  in  Nebraska

Der  Mais

1869
1870
1871
187a
1873
1874
1875
1876
1877
1878
1879
1880

kostete  in  Cents  P®
Bushel
im  fahre  in  Jowa  in  Nebraska
55  74

Im  Durchschnitte  der  12  Jahre  also
35  Bushels,

1867
1868
1869
1870
1871
1872
1873
1874
1875
1876
1877
1878
1879
1880

16

Das  sind  sehr  grosse  Preisschwankungen,  die  zum
von  Missernten  herrühren,  wie  im  Jahre  1874,  wo  man  tu  ^
braska  nur  10  Bushels  vom  Acre  erntete.  Bis  zum  Jahre  i  7^
erklären  sie  sich  aus  dem  geringen  Anbau  von  Getreide
jenen  Staaten  überhaupt.  Im  Jahre  1881  waren  die  1
höher.  Mais  kostete  Mitte  August  1881,  als  ich  in  Dm^^^
war,  45  Cents  per  Bushel,  eine  Folge  der  Haussespeculat»^^
in  Schweinefleisch-Provisionen.  Durch  Mast  verwerthet
aber  den  Mais  besser.  Man  rechnet,  dass  15  Bushels
à  56  lbs.  neben  der  Weide  auf  der  ungebrochenen  Pr^*^^
genügen,  ein  Fettschwein  von  250  Ibs.  zu  erzeugen,  da
        <pb n="582" />
        i

Erzeugten  3  4  lbs.  Mais  ein  lb.  Fleisch;  ein,  wie  mir  scheint,
^twas  zu  gutes  Mästungsresultat.  Es  ist  angenommen,  dass
Schweine  auf  die  Weide  gehen  und  nur  die  letzten  drei
fünf  Monate  von  Mais,  der  ihnen  in  vollen  Kolben  vorgeworfen
  wird,  leben  und  dass  sie  mit  gemästetem  Rindvieh
zusammen  leben,  aus  dessen  Excrementen  sie  unverdaute  Maiskörner ­
  sammeln.  Weiter  östlich  rechnet  man  anders.  Davon
Weiterhin.
Somit  würde  man  in  Nebraska  per  Acre  Mais  und  dem
l^öthigen  Weideland  in  der  Regel  jährlich  zwei  Fettschweine
Gewichte  von  fünf  amerikanischen  Centnern  erzeugen
onnen.  Der  Centner  Lebendgewicht  eines  Fettschweines
Ostete  in  Chicago  im  Sommer  1881  6'Dollars,  in  der  Regel
^  er  nur  ca.  5  Dollars,  so  dass  ein  Acre  in  Mais  ca.  25  Dolrs
  in  Form  von  Fettschweinen  in  Chicago  brächte,  wovon  2
3  Dollars  für  Fracht  und  Unkosten  abgehen;  bliebe  ein
rutto-Ertrag  von  22  Dollars  per  Acre.  Hiervon  gehen  Zins
-Ankauf  des  Weidelandes,  Bestellungskosten  und  Unkosten
^ehweinezüchtung  ab.  In  der  Regel  combinirt  man  Rindund
  Schweinemast.  Nachdem  die  Kolben  des  Mais
gebrochen,  treibt  man  Rinder  auf  die  Felder,  welche  die
utter  von  den  Stacken  abfressen.  Im  Winter  werden  sie
Maiskolben  fett  gemästet  und  die  Schweine  durch-Und
  ihren  Dung.  Das  Resultat  würde  ein  besseres  sein,
y  ®iu  besseres,  auf  deutschen  Wirthschaften,  wo  man
^^kert.  Dort  hat  man  eben  höhere  Ernten.  Zweifellos
y  ^un  diese  auch  durch  Bewässerung  erzielen.  —  In
en  Staaten  wird  in  vielen  Klein  wirthschaften  Butter  und
zum  Verkaufe  fabricirt.
^  Schweine  werden  meist  bis  zum  Alter  von  sechs
geweidet  und  von  da  ab  mit  so  viel  Mais  —  an  den
ß  .  '  gefuttert,  als  sie  fressen  wollen.  Ein  officieller
^ais^  ^  Chicago  giebt  an,  dass  bei  solcher  Haltung  5  Ibs.
p  *  Fettschweine  erzeugen,  i  Bushel  Mais  also  11  Ibs.
2  ^hweine  produciré,  ein  Schwein  von  250  Ibs.  also  ca.
Mais  gebraucht.  Bei  solcher,  mir  wahrscheinlicher
einenden  Angabe  würde  ein  Acre  in  Mais  nur  ca.
        <pb n="583" />
        570

I‘/o  Fettschweinen  im  Jahre  Nahrung  geben.  Ein  Acre  Mais
kostet  in  jenen  Ländern,  ohne  Zinsen  des  Ankaufscapitals  zu
rechnen,  bei  Lohnarbeit  höchstens  ca.  6  bis  8  Dollars  Productionskosten.
  Die  letzte  Zahl  ist  schon  sehr  hoch  gerechnet,
immer  schaut  ein  recht  guter  Profit  bei  dieser  Schweinezucht
heraus,  da  sich  bei  35  Bushels  Ernte,  der  Bushel  Mais  nur
auf  17  bis  23  Cents  stellt.  So  hoch  kommt  er  dem,  ohne
Lohnarbeiter  die  Farm  bestellenden  Farmer  natürlich  in  Geld
nicht  zu  stehen.  Das  Mästungsresultat  ist  auch  noch  bei  der
letzteren  Rechnung  ein  besseres  als  in  Ungarn.  In  der  Mastanstalt ­
  von  Steinbruch  rechnet  man,  dass  6  Kilo  Mais  oder
Gerste  dazu  gehören,  i  Kilo  Fleisch  zu  erzeugen.  Die  Schweine
sind  in  Steinbruchm  der  Regel  i  ',2  Jahr  alt,  wenn  sie  in  die  Mast
kommen;  das  Paar  erhält  per  Monat  in  Steinbruch  zwei  Metercentner
  Mais  oder  Gerste  und  gewinnt  dabei  35  Kilo  Ge
wicht.  Erreicht  das  Paar  ein  Gesammtge^icht  von  300  Kilo,
so  sind  45  Kilo  „für  das  Leben“  abzuziehen,  um  das  Gewicht
der  ausgeschlachteten  Schweine  zu  erhalten.  —  Wie  oben
nachgewiesen,  belaufen  sich  die  Productionskosten,  selbst  die
Grundrente  für  einen  Ankaufspreis  des  Bodens  von  2  bis
12  Dollars  per  Acre  eingerechnet,  per  Bushel  Mais  in  Jowa
und  Nebraska  von  20  bis  25  Cents  =  192  bis  2  40  fl.  ö.  ^
per  Metercentner.  Mais  kostet  aber  ca.  6  bis  8  fl.  in  Budap
—  da  ist  an  eine  Concurrenz  der  Steinbrucher  mit  den  Farmer
in  Jowa  und  Nebraska  nicht  zu  denken.  Die  Selbstkoste
des  Mais  zu  25  Cents  per  Bushel  angenommen  und  5  |b^
Mais  als  Aequivalent  zu  i  Ib.  Fettschwein  gerechnet,  kann  4^^
Farmer  hier  loco  Farm  den  Metercentner  Fettschwein,  ohn
die  Weide  zu  rechnen,  zu  310  Dollars  ==  12  fl.  24  kr.  liefer
in  Wien  kosten  solche  Schweine  45  bis  50  fl.  per  Mete^
centner!  Da  ist  keine  Concurrenz  möglich,  wenn  man  auc
an  obigen  Zahlen  Einiges  abdingen  könnte.
Die  Ackerbestellung  auf  den  amerikanischen  Wirthscha  t  ^
in  Nebraska  und  Jowa  ist  liederlich,  Wenn  man,  wie  oft
schiebt,  Mais  auf  Mais  baut,  pflügt  man  den  Acker  nur  ^
Mal  vier  bis  sieben  Zoll  tief.  Baut  man  Weizen  auf  Mais,
pflügt  man  in  der  Regel  gar  nicht  vor  dem  Weizen,  son  e
        <pb n="584" />
        57  ï

arbeitet  denselben  mit  dem  Cultivator  in  die  Maisfelder  ein.
brache  und  Düngung  sind  unbekannt,  Missernten  aber  um  so
häufiger;  in  Jahren  günstiger  Witterung  giebt  Mais  freilich  50
his  60  Bushels  per  Acre.  Die  amerikanischen  Farmer,  welche
Sich  hier  angesiedelt  haben,  sind  meist  ohne  alle  Mittel,  im
besten  Falle  mit  ein  paar  hundert  Dollars  angekommen.  Es
Seht  ihnen  in  der  Regel  dürftig  genug.  Sie  verkaufen  gern
Deutsche  und  Scandinavier,  die  dann  besseren  Ackerbau
beginnen  und  düngen.  Der  Raubbau,  welchen  sie  treiben,
führt  fast  nie  zum  Verbessern  einer  Nährstelle,  meist  zur  Ersetzung ­
  des  Raubbauers  durch  einen  besseren  Wirth.  Es  ist
^esshalb  auch  irrig,  anzunehmen,  der  Raubbau  in  diesen
^  läaten  führe  zur  Verminderung  der  Production.  Meist
|st  das  Gegentheil  der  Fall.  Trotz  des  angeblichen  Raubbaues
ist  die  Weizen-  und  Maisproduction  in  jedem  Staate,  auch  in
l^cn  älteren,  die  also  doch  schon  erschöpft  sein  sollten,  in
fügsamem  Steigen  begriffen,  auch  habe  ich,  ausser  im
uden,  äusserst  selten  eine  aufgelassene  Farm  gesehen.  Die
obige  Behauptung,  dass  auch  in  alten  Staaten  die  Getreide-Production
  langsam  zunimmt,  werde  ich  gelegentlich  im  Detail
^achweisen.  Fast  halb  Nebraska  ist  schon  deutsch,  und  die
Putschen  produciren  bald  mehr  auf  derselben  Fläche  als  ihre
orgänger.  Eisenbahnland  kann  in  jowa  für  4  bis  7  Dollars,
and  in  Farmen  mit  allerdings  leichten  Gebäuden  für  20—30
o  lars  per  Acre  gekauft  werden,
y  diesen  und  anderen  Staaten,  in  welchen  viel  Mais  gewird,
  sieht  man  neben  den  Bahnstationen  viele  lange  und
c  male  Maisschober,  in  welchen  der  Mais  gewöhnlich  in
y  on  aufbewahrt  wird.  Sie  sind  leicht  aus  Holzlatten  gepnd
  gestatten  dem  Winde  den  Durchgang.  Daneben
^obt  es  Elevatoren,  in  denen  der  ausgekörnte  Mais  aufbert
  wird,  gewöhnlich  mit  einer  Maisreibemaschine  verbunden,
Ohe  die  Körner  von  den  Kolben  trennt,  natürlich  mittelst
Ç  ^^Pfkraft.  Solche  Elevatoren  und  Kolbenschuppen  gehören
oder  Farmer-Cooperativgesellschaften  oder  Kornhändlern,
Itn  ^  ^  den  Mais  gegen  Lagergebühr  lagern  oder  ihn  kaufen,
orsteren  Palle  leihen  sie  auch  Geld  auf  gelagerten  Mais.
        <pb n="585" />
        572

70  lbs.  Mais  in  Kolben  werden  gleich  56  lbs.,  gleich  einem
Bushel,  Maiskorn  gerechnet.
Die  Baulichkeiten  sind  in  diesen  Staaten  alle  sehr  billig'
meist  aus  Holz  hergestellt,  die  Verzinsung  des  hierin  investirten
Capitales  schwellt  also  die  Productionskosten  nicht  sehr  an,
die  Steuer  auch  nicht.
In  Jowa  liegt,  bei  der  Station  Homestead,  eine  merkwürdige ­
  Colonie  deutscher  Communisten,  die  ich  besucht
habe.  Sie  nennen  sich  Amaniten  oder  Separatisten,  kamen
1842  aus  Hessen  nach  der  Gegend  von  Buffalo,  verkauften
aber  1855  hier  ihre  Grundstücke  und  siedelten  sich  in  Jou'^
an,  wo  sie  sieben  blühende  Dörfer  gegründet  und  circa  30.000
Acres  Land  erworben  haben.  Sie  zählen  1600  bis  1700  Seelen
und  stützen  ihren  Communismus  auf  die  Bibel.  Ihr  Eheleben
—  sie  sind  Monogamisten  —  ist  geordnet.  Das  Dorf  Homestead
macht  einen  äusserst  freundlichen  Eindruck.  .  Die  älteren  Häuser
sind  von  Holz,  die  neueren  sehr  solide  von  Ziegelsteinen  erbaut.
Es  ist  stets  eine  Gruppe  von  Häusern  zusammengebaut,
der  vier  bis  sechs  Familien  leben,  doch  hat  jede  Familie  eine
separate  Wohnung  mit  eigener  Hausthüre.  Jedes  Haus  ist  von
einem  wohlgepflegten  Küchengarten  umgeben.  Für  je  dreissig
bis  vierzig  Personen  wird  besonders  gekocht  und  speisen  diese
gemeinsam.  Eine  ältere  Frau  leitet  die  Küche.  Unter  ih*"
wirken  drei  bis  vier  Mädchen  darin.  Jedes  Dorf  hat  eine
gemeinsame  Molkerei,  Schlächterei  und  Bäckerei.  Wöchentlich
wird  zweimal  geschlachtet  und  gebacken.  Ein  Wagen  beför*
dert  täglich  das  nöthige  Fleisch,  Brod  und  die  Milch  in  jc^^
Küche.  Jeder  Haushalt  aber  buttert  und  käst  für  sich  nnd
lebt  auch  von  dem  im  eigenen  Garten  gezogenen  Gemüse-Man
  baut  auch  Wein  und  verkauft  sogar  jährlich  an  2000  Gail-Das
  nöthige  Bier  wird  in  eigener  Brauerei  erzeugt,  ist
aber  nicht  berauschend.  Frühstück  wird  um  6  Uhr  im  Sommes
um  halb  7  Uhr  im  Winter  genommen:  Kaffee,  Butterbrod  nn
Käse.  Um  halb  9  bis  9  Uhr  luncht  man  bei  der  Arbeit  nn
erhält  jeder  Mann  bis  3  Glas  Bier,  in  der  Ernte  5  bis  6  Gl^®’
Frauen  nach  Bedarf,  alle  Käse,  Butterbrod,  Gurken,  RettiR®'
Schinken,  Eier.  Um  halb  12  Uhr  isst  man  Mittagbrod:  SupP^’
        <pb n="586" />
        573

eisch,  gekocht  oder  gebraten,  Gemüse,  Mehlspeise,  Früchte
Kaffee.  Nachmittags  vespert  man  mit  Bier  wie  Lunch,
bendbrod  wird  im  Winter  um  halb  7  Uhr,  im  Sommer  um
7  Uhr  gegessen:  Fleisch,  Kartoffeln,  Salat,  Eier,  Eierkuchen,
^uere  und  süsse  Milch  und  Thee.  Wein  wird  zu  den  Mahl-^^iten
  reichlich,  doch  nie  im  Uebermasse  gereicht.  Es  war
fr  beste  amerikanische  Wein,  den  ich  getrunken  habe,  fünf
y  .  ^  J^kre  alt  und  sehr  sorgfältig  behandelt.  Kinder  erscheinen
g.  gemeinsamen  Tafel,  sobald  sie  schulpflichtig  werden,
dahin  bringt  ihnen  die  Mutter  aus  der  Küche  das  Nöthige
nach  Hause.  Sie  wohnen  im  Elternhause,  bis  sie  sich
^Grheirathen  oder  die  Mädchen  in  eine  Küche  kommen.  Jede
^^Wachsene  Person  erhält  ausser  Kleidung,  Wohnung  und  Kost
ß  ^fld,  im  Jahre  50,  75  bis  100  Dollars,  je  nach  Leistung  und
^  urfniss,  wofür  sie  Tabak  und  Schmuck  etc.  kaufen  kann,
zu  Mitglied  ausscheidet,  erhält  es  das  der  Gemeinschaft
rächte  Capital,  jedoch  ohne  Zinsen,  zurück.
Gemeinschaft  besitzt  zwei  Wollspinnereien  und
^bereien,  deren  Producte  —  Tuche

^Gkan

in  der  ganzen  Union

annt  und  ihrer  Dauerhaftigkeit  wegen  geschätzt  sind.  Sie
^^r^uch  ein  grosses  Kaufhaus,  mit  Filialen  in  jedem  Dorfe,
^reib^  ziemlich  Alles  kaufen  kann.  Den  Ackerbau
Sch  f  ”  deutscher  Weise,  Wechsel-  und  Dungwirthitiçjj
  Stehen  sich  gut  dabei.  Der  Leiter  dieses  Depart-Wir
  h  H°™GStead  sagte  mir,  die  alte  deutsche  Drei-Felder-Ert^
  regelmässiger  Düngung  geben  den  besten
^^nn  ^  M/^esten  Amerikas.  Die  Gemeinde  ist  sehr  reich  zu
^es  weiss  aber  selbst  nicht,  wie  gross  der  Werth  ihres
^atr  ist.  Die  Leute  leben  auch  friedlich  und
^®^Est  behaglich  miteinander.
sind  •  Ko.sten  der  Weizenproduction  in  beiden  Staaten
Ear*  Kleinwirthschaft  daselbst,  in  der  Jeder  seine
VÇJ.J.J  selbst  oder  höchstens  mit  Hilfe  eines  Lohnarbeiters
schwer  zu  sagen.  Aufbrechen  der  Prairie,  wenn
gegen  Bezahlung  von  einem  schon  Angesiedelten
iässt,  kostet  2  bis  2  Dollars  per  Acre,  Pflügen  des
gebrochenen  Bodens  1  '/z  Dollars.  Auch  nehmen  die

Sch,

Qn
        <pb n="587" />
        574
Nachbarn  die  ganze  Weizenbestellung  und  Ernte  bis  zum  Ab
fahren  des  Getreides  zur  nächsten  Bahnstation  für  7  /z  bis
Dollars  per  Acre  in  Accord.  Man  wird  nicht  fehlgehen,  uenn
man  7  Dollars  als  genügend  in  Jowa  und  Nebraska  annimnth
um  II  bis  13  Bushels  Weizen  zu  erzeugen.  Somit  würde  der
Bushel  auf  54  bis  63  Cents  zu  stehen  kommen.  Der  Preis
hat  durchschnittlich  im  ganzen  Staate  Nebraska  betragen
im  Jahre  1876  73  Cents,  1877  83  Cents,  1878  49  Cents,  1879
83  Cents,  1880  72  Cents;  in  Jowa  1876  90  Cents,  1*77
87  Cents,  1878  50  Cents,  1879  92  Cents,  1880  82  Cents,
Weizenbau  bringt  also  immer  noch  einen  ansehnlichen  Gewinn-Die
  Productionskosten  für  i  Acre  Mais  sollen  zwei
derjenigen  von  i  Acre  Weizen  betragen,  hauptsächlich  deshn  &amp;gt;
weil  man  die  Ernte  oft  den  ganzen  Winter  hindurch  vornimmt
und  alle  Arbeit,  mit  Ausnahme  des  Brechens  der  Kolben,  mit
Maschinen  verrichtet.
Die  Transportkosten  betragen  auf  Localbahnen  in  NebrasK
per  Bushel  Weizen  für  zehn  Meilen  3.6  Cents,  für  40  Meilen
6  Cents,  für  75  Meilen  8.4  Cents,  für  100  Meilen  9.9  Cents,
für  200  Meilen  15  Cents;  in  Jowa  für  zehn  Meilen  3.6  Cents,
für  40  Meilen  5.4  Cents,  für  75  Meilen  7.8  Cents,  für
Meilen  9.6  Cents,  für  200  Meilen  13.2  Cents..  Der  meist^
Weizen  von  Nebraska  wird  nach  Omaha  und  von  dort  nac
Chicago  geführt.  Die  Fracht  per  Bushel  von  Omaha  nac^
Chicago  kostet  18  Cents,  dazu  sollen  noch  ca.  100  Mei
Localfracht  mit  10  Cents  kommen;  so  würde  sich  Weizenfrac  ^
aus  Nebraska  bis  Chicago  auf  28  Cents  stellen.  Von
Crete  in  Nebraska,  565  Meilen  von  Chicago,  kostet  sie
21.6  Cents.  Da  viel  solche  „Durchfracht“  existirt,  so
man  nicht  fehlgehen,  wenn  man  annimmt,  dass  der  Nebras  ^
Weizen  25  Cents  jetzt  noch  bis  Chicago  zu  zahlen  hat,
von  Chicago  bis  New-York  höchstens  noch  10  Cents,  von
nach  England  8  Cents  und  Platzspesen  in  New-York,
Seeversicherung  3  Cents;  macht  von  Chicago  bis  zum  en^^
lischen  Hafen  21  Cents,  also  von  Nebraska  bis  England  46  Ce  ^
4.09  fl.  per  Metercentner,  Productionskosten  54  Cents.
kann  der  Bushel  Weizen  aus  Nebraska  in  England  mit  i  DO
        <pb n="588" />
        575

geliefert  werden,  macht  3.70  Dollars  =  8.90  fl.  per  Metereentner.
  Die  fünf  Millionen  Bushel  Weizen,  welche  Nel^^aska
  zu  exportiren  hat,  kosten  in  Europa  also  rund  fünf
Millionen  Dollars.
Der  Weizen  von  Jowa  sammelt  sich  in  Chicago  und  hat
^eist  den  ,,Durchfrachttarif“  dorthin.  Von  einem  der  entfern-^ten
  Punkte  Jowas,  Sioux  City,  kostet  der  Bushel  bis  Chicago
Cents  Fracht;  von  einer  Station  in  der  Mitte  Jowas,  Webster
18  Cents.  Im  Mittel  wird  Jowa-Weizen  für  20  Cents
Bushel  nach  Chicago,  also  für  41  Cents  nach  England
transportirt  werden  können.  Dazu  63  Cents  Produktionskosten,
’’^acht  1.04  Dollars  per  Bushel  in  London  =  3.85  Dollars
^•24  fl.  per  Metercenter.  Die  21  Millionen  Bushels  Weizen,
''welche  Jowa  zu  exportiren  hat,  kosten  in  Europa  also  rund
Millionen  Dollars.
Illinois  ist  einer  der  älteren  Ackerbaustaaten,  dessen
eizenernte  seit  i860  sich  etwa  verdoppelt  hat.  Ueber  drei

W
Milli

onen  Acres  sind  unter  Weizen  und  der  Ertrag  war  1880
53,  nach  Angabe  des  Staatsboards  für  Ackerbau  über  56  Mil-^en
  Bushels,  wovon  circa  29  Millionen  Bushels  exportirsind.

^  Illinois  ist  schon  seit  über  50  Jahren  besiedelt  worden.
186  Farmen  betrug  daselbst  1850  schon  76.208,
^43*3*0,  1870  =  202.803,  1880  =  255.741.  Hiervon
75-497  von  den  Besitzern,  20.620  von  Pächtern,  59.624
j  8  ^^^^yors  bewirthschaftet.  Unter  3  Acres  gross  waren
’  Von  3—10  Acres  4.170,  von  10—20  Acres  8.299,  von

A  46.594,  von  50—100  =  76.080,  von  100—500
5  ^  16.562,  von  500—1000  Acres  3.249,  über  1000  Acres
Farmen.
Seit  Pierde  betrug  1880  —  1.023.000,  Zunahme
(tgp  ^^70  =.  20  pCt.,  der  Maulthiere  123,000,  Zunahme  45  pCt,,
*'6eitsochsen  3.000,  Abnahme  83  pCt,,  der  Milchkühe
35  pCt.,  des  anderen  Rindviehes  1.515.000,
44  pCt.,  der  Schafe  1.037.000,  Abnahme  34  pCt.,
chweine  5.170.000,  Zunahme  91  pCt.
Einern  sehr  sorgfältigen  Berichte  gibt  das  genannte
        <pb n="589" />
        576

Board  für  jede  der  102  Grafschaften  die  Productionskosten
eines  Acres  Weizen  an,  inclusive  Grundrente  und  Kosten  für
Zumarktebringen.  Nach  Abzug  der  Grundrente  betragen  diese
Productionskosten  7-14  Dollars  per  Acre.  Der  Ertrag  war  i  7
bis  1880  13-5  Bushels,  ist  in  den  letzten  Jahren  m  holg
besserer  Cultur  aber  gestiegen  auf  16-4  Bushels  im  Jahre  i»77'
14.6  Bushels  im  Jahre  1878,  18-75  Bushels  im  Jahre  1879  ““
17.33  Bushels  im  Jahre  1880.  Man  kann  jetzt  gut  auf  ■
Bushels  rechnen;  so  stellen  sich  also  die  Productionskosten
für  einen  Bushel  Weizen  in  Illinois  ohne  Grundrente  aut  45
Cents,  mit  der  Grundrente,  die  auf  3  30  DoUars  per  Acre  am
gegeben  wird,  auf  65  Cents.  Auf  den  Marktplätzen  des  Staat
kostete  Weizen  im  Durchschnitte  1876  93  Cents,  ’*77  '■
Dollars,  1878  75  Cents,  1879  1-07  Dollars,  1880  95
Der  Profit  ist  also  ein  grosser.  Die  Grundrente  wird  in
Berichte  von  2  bis  5  Dollars,  im  Mittel  auf  3*30  Do  a^
gegeben,  was  bei  6  Percent  einen  Grundwerth  von  33  b’S  ^
Dollars,  im  Mittel  von  55  DoUars  ausmacht.  Es  ist  verke  •
die  Grundrente  so  in  die  Productionskosten  einzurechnen;
ist  ein  Resultat,  die  Differenz  nämlich  des  Preises  und
Productionskosten.  gn
Seit  dem  Jahre  1878  haben  sich  die’Staatengesetzgebung
von  Illinois  (1878),  Michigan  (1873),  Wisconsin  (1874),  Min
sota  und  Missouri  (1875),  Jowa  (1878)  und  Californien  (1
mit  Eisenbahntarifen  beschäftigt  und  deren  Herabsetzung
gesetzt.  Diese  Herabsetzungen  sind  von  äusserster  Wichtig
für  den  Getreide-Export  gewesen.  In  Wisconsin  wur  e
Charge  von  2  3  Cents  per  Tonne  von  2000  Ibs.  und  ei
1874  auf  1.5  Cents  in  1880,  d.  h.  per  Bushel  von  0-069  ^
auf  0-045  Cents  per  Meile  herabgesetzt,  so  dass  er  _
jetzt  per  100  Meilen  4'/.  Cents  Fracht  kostet  In
wurde  die  Fracht  von  i-8i  Cents  per  Tonne  und  Meile,
von  0-054  Cents  per  Bushel  im  Jahre  1876  auf
per  Tonne,  oder  0-037  Cents  per  Bushel  im  Jahre  1880
gesetzt,  so  auch  die  Maximal-Passagierrate  von  3  /,  und  ^  ^
5  Cents  auf  3  Cents  per  Meile  =  1.87  Cents  oder  9.35
times  pro  Kilometer.
        <pb n="590" />
        37

XXXIII.  Capitel.
Amerikanischer  Sehweinehandel.

im  Cl.'*  ■"  den  Vereinigten  Staaten  wird
'880  a"T  ™"  26.751.000  angegeben  und  im  Jahre
recht  "  944.‘22.000.  Vermehrungsrate  90  pCt.  Wenn  man
Grosak?'  .  "  bedeutet,  muss  man  vergleichen.
Und  'dand  besassen  1876  3.717.000  Schweine
Buron.  a  2.863.000  Stück.  Dies  bedeutet,  dass
■hit  Am  England  in  der  Production  von  Schweinen
ja  “"«'"■■■‘••en  kann.  Die  irische  Frage  beruht
rentak.i  darauf,  dass  die  Schweinezucht  in  Irland  unhaurn«;
  ‘‘■'“•’en  Pächter  nahmen  früher  aus  ihr
Wurden  Pacht  zahlten,  und  sie
früher  ""^"fcieden,  als  sie  denselben  Pacht  zahlen  sollten  wie
Zucht  ’  °°^Bon  sich  ihre  Haupteinnahme  aus  der  Schweine-Irland
  7i  ''®™‘"dert  hatte.  Die  Zahl  der  Schweine  in
Jahre  ,2  '•424  000  Stück  im  Jahre  1876  auf  849.000  im
Cent  V  betragt  also  im  letzteren  Jahre  nur  noch  6o  Per-^
  '24  o°"  im  Jahre  1876.  Deutschland  hatte  1873
Hur  Ç  chweine,  Frankreich  1873  =  5.755.000  und  1879
5  502.000  Stück.
’^ehrun^^*^  Schweine  im  Jahre  1880,  ihre  Verin
  1870  und  die  Vermehrung  der  Maisproduction
■^^fechlu  giebt  die  folgende  Uebersicht  auf  S.  578

D

ühg^  ^  hier  herausgerechnete  Ueberschuss  der  Production
^ch\\7gj  i^edarf  ist  etwas  zu  gross,  da  im  Census  alle
kleine,  aufgenommen  sind,  aber  ein
^achsenes  Mastschwein  auf  3  Menschen  als  Consum
        <pb n="591" />
        rM

'•r

578

4.  Ucberschus»

.2  ®

—  Bedarf  über

Bevölke

Zahl  der
Schweine
1880
je  1000  Stck

Vermehrg
pCt.
seit  1870

Vermehrg
pCt.
seit  1870

Production

rung

V.  3

3  Menschen

Staat

brauchen

Schwein

%  "

+  27.000
+  5.534
+  4.137
+  3.787
+  2.503
4-  2.075
4-  1.648
4-  1.635
4-  1.43'
4-  1.450
4-  1.31'
4-  987
4-  869
4-  1.091
—  223
4-  801
4-  988
4-  685
4-  4:3
4-  43'
—  942
4-  308
4-  3*°
4-  300
4-  277

80

50.000

1.754

44.122

Union  .  .  .
Jowa  .  .  .
Illinois  .  .
Missouri
Indiana  .  .
Ohio  .  .  .
Kentucky  .
Tennessee  .
Texas  .  .
Kansas  .  .
Arkansas
N.-Carolina  .
Alabama
Nebraska
Pennsylvanien
Mississippi  .
Georgia  .  .
Wisconsin  .
Virginien
Michigan
New-York  .
Süd-Carolina
Louisiana  .
Californien  .
West-Virginie
Minnesota  .
Maryland
Florida  .  .
New-Jersey  .
Oregon  ,  .

1.500

299

346

275

6.034

3.100

151

325

91

5.170

2.300

207

202

97

4.553

126

2.050

115

3.186

70

66

3.200

82

III

3.14'

1.730

72

2.225

1.570

62

52

2.158

1.600

63

29

1.954

I.OIO

521

765

105

1.787

760

86

24

1.565

400

52

35

1.453

1.150

50

74

1.252

1.282

450

65

989

1.241

4.230

32

45

37

1.187

36

1.040

41

1.15t

1.450

23

49

1.47t

128

300

34

120

128

1.600

65

29

956

42

1.600

30

32

'31

964

5.080

45

751

950

55

628

59

940

30

87

633

860

63

36

603

7  to

72

14

4-  I2l

91

5to

780

213

157

0

381

36

940

+  187

30

335

300

43

200

287

28

I.IOO

4.90

54

219

180

76

156

zu  rechnen  ist  und  Zuchtschweine  gehalten  werden
Indess  liefert  die  Tabelle  doch  einen  Anhalt  dafür
Montana,  Nevada,  New-Hampshire,  Neu-Mexico,  Rho
Utah,  Vermont,  Washington  T.  und  Wyoming  hatte
ca,  5.200.000  Einwohner  und  nur  585^  Schwein  ^  ^
obige  Rechnung  zu  Grunde  gelegt,  ein  Deßcit  wn
Schweinen.  Jedenfalls  folgt  aus  obiger  Uebersicht,  dass
        <pb n="592" />
        579

37*

estrie  thatsächlich  so  entwickelt  ist,  dass  keine  ähnliche
T  ^^'"opa  existirt.  Hat  sie  doch  schon  in  einem  Jahre
8o)  ca.  1500  Millionen  englische  Pfund,  oder  6.700.000
^etercentner  Schweine  oder  Schweineproducte  exportiren
nnen!  Zu  200  Ibs.  ein  ausgeschlachtetes  Schwein  gerechnet.

^mt  dies  dem  Export  der  Producte  von  7'/%  Millionen

ko  ^
Schweinen  gleich,
zu  ^n^Port  amerikanischer  Producte  aus  der  Schweinezu
  h  P^cis  so  gedrückt,  dass  die  irische  Schweineder
  Cincinnati,  welche  Stadt  bis  vor  Kurzem
^cr  Mittelpunkt  des  amerikanischen  Schweinehandels  war,  ist
Durchschnittspreis  per  Fass  Schweinepökelfleisch  für  35  Jahre,
^och1880,  16.95  Dollars,  für  die  letzten  zehn  Jahre
^  ^5-15  Dollars;  für  Schmalz  respective  10.53  Dollars  und
Dollars  gewesen.  Im  Jahre  1870  kostete  Pökelfleisch
au/°  Dollars,  1875  noch  20.65  Dollars:  nun  fällt  es  rapide
1^40  Dollars  im  Jahre  1876,  14.15  Dollars  im  Jahre  1877,
Jahr  J^kre  1878,  hebt  sich  auf  10.85  Dollars  im
188^^  *^79.  auf  13.25  Dollars  im  Jahre  1880  und  stand  ult.
stand  Dollars  und  März  1883  ca.  18  Dollars.  Schmalz
ij  |5'55  Dollars  im  Jahre  1870,  13.41  Dollars  im  Jahre  1875,
1876,  9.07  Dollars  im  Jahre  1877,  6.69  Dollars
Jahr  '^78,  6.20  Dollars  im  Jahre  1879,  7.43  Dollars  im
22  ^  stieg  1881  auf  12.20  und  1882  sogar  auf  21  bis
^olla°^^^^'  stand  aber  März  1883  in  Chicago  nur  noch  11.30
t^^nz  ^  Nachdem  die  Amerikaner  durch  ihre  Concurdßjj
  Production  in  Europa  geschwächt  und  sich
arkt  daselbst  gesichert  haben,  heben  sie  die
Vqj.  ^^tirch  Speculation  wieder,  indem  sie  ihre  grossen
d^gg  lagern  und  nur  so  viel  auf  den  Markt  bringen,
Majg  hohe  Preis  sich  hält.  Indess  ist  die  schlechte
^ie  p^^s  Jahres  1881  doch  die  Ursache  gewesen,  dass
Jahrgg^*^^  steigen  konnten  und  nachdem  die  Maisernte  des
diç  ^^^2  gut  war,  kann  er  sich  nicht  künstlich  halten,  denn
Schweinen  kann  schnell  vermehrt  werden
zahlreichen  Jungen  einer  Sau  und  der  kurzen
        <pb n="593" />
        580

Lebensdauer  eines  Schweines.  Die  Preise  der  Schweine
producte  sinken  also  seit  ult.  1882  fortwährend.
Die  grosse  Vermehrung  der  Production  der  Schweine  erfolgt ­
  vom  Jahre  1876  ab,  von  wo  ab  die  Frachttarife  aus
dem  Westen  nach  dem  Osten  zu  fallen  beginnen.  Im  Ja^r
1876  besass  die  Union  weniger  Schweine  als  1870,  namhc
nur  25.726.000  Stück.  Die  Zahl  stieg  im  Jahre  1877
28.077.000,  im  Jahre  1877  auf  32.262.000,  und  betrug  i»
=  44.122.000.  j
Der  Export  von  lebendigen  Schweinen  ist  unbedeu
und  stieg  von  12.058  Stück  im  Jahre  1870  auf  67.044  '
Jahre  1876  und  83.434  im  Jahre  1880,  immer  das  Finanrja
das  mit  30.  Juni  schliesst,  gemeint.
Dagegen  wuchs  der  Export  von  Producten  der  Schweinezucht ­
  enorm.  Es  betrug  die  Ausfuhr  aus  der  Union  m
lionen  englischer  Pfunde  (Ibs.):

Jahr  Schinken  und  Speck  Pökelfleisch  Schmalz  Summe

1870
1875
1876
1877
1878
1879
1880
1881
1882

38
250
327
460
592
749
817
692

24
56
54
69
7:
91
98
101
80

35
166
168
234
342
331
414
335

97
472
549
763
1005
1171
1329
1128

468  80  250  798
Der  Gesammtexport  hat  sich  also  um  über  100  ‘
fünf  Jahren  gehoben.  Das  Fallen  des  Exportes  seit  1881  ist  Fo  g
der  schlechten  Maisernte  dieses  Jahres  und  nur  eine  voru  ^
gehende  Erscheinung.  Dazu  kommen  noch  1.132.000  Ga
oder  8.280.000  Ibs.  Schmalzöl  im  Jahre  1880,  so  dass
ein  Gesammtproduct  von  rund  1337  Millionen  Pfund
wurde,  was  etwa  das  Gesammtproduct  von  8  Millionen  Sc
Schweinen  sein  wird.  Diese  exportirten  Producte  der  Schwei
Zucht  werden  meist  in  grossen  Städten  des  Westens  erze^
wo  die  „Packer“  wohnen.  Indess  muss  gesagt  werden,
je  mehr  der  „ferne  West“  besiedelt  wird,  umsomehr  a
Packhäuser  im  Westen  entstehen,  sich  dorthin  vorschieben
        <pb n="594" />
        2442

3432

In  den  Staaten  am  Stillen  Ocean  werden  noch  nicht  so
Schweine  geschlachtet  als  daselbst  gebraucht  werden,  im
p  ï876  305.000  und  1880  400,000  Stück.  Hieher  werden
•"oducte  des  Westens  importirt.  In  Canada  werden  auch  nur
^enige  Schweine  „gepackt“,  im  Jahre  1880  81  (endend  i.März)
^9^000  Stück.  Im  selben  Jahre  wurden  in  den  Städten
Albany  und  Troy  im  Osten  313.000  Stück  gepackt
"  vier  grossen  Seestädte  am  atlantischen  Ocean
3-396.000  Stück  importirt,  die  zum  grossen  Theile  in  den
^onsum  derselben  und  der  Nachbarschaft  eingingen.  Der
^^iweitem  grösste  Theil  der  Schweine  wird  im  Westen,  und
^von  der  grösste  in  sechs  grossen  Städten,  gepackt.
Es  wurden  gepackt  Schweine  in  je  1000  Stück  in  den
^^^aten  :

Ohio
Indiana
Illinois
kansas
Jowa
^'chigan
^'»consin

8ao
579
»913
3»
361
48
215
Hievon  wurden
1875/76
1618
545

Jahr  (endend  1.  März)
1875/76  1880/81
1276  Missouri
928  Kentucky
5956  Tennessee
265  Minnesota
1063  Nebraska
136
511

1875/76
557

26

1880/81
1630
39
32
102

4850

in  folgenden  Städten  gepackt:

^hicago
•  Louis
,  "cinnati
pZ"
J^ouisviiie
ci»v

624
577
385
323
I2I
I  16

1880/81
5752
884
632
771
462
261
506
579

Atchinson
Cedar  Rapids
Des  Moines
Ottumwa
Detroit
Omaha
Sioux  City

1875/76
76
61
11
59
37

12,101

1880  81
248
402
144
123
107
96
46

4353

in  j  Seestädte  wurden  geliefert  Schweine  je  1000
'*'■&amp;gt;  Jahren:

11.013
Stück

Boston

York

1875/76  1880/81
1372  1791
433  694

1875/76  1880/81
Philadelphia  347  510
Baltimore  280  437
        <pb n="595" />
        582

Von  diesen  Thieren  wird  ein  grosser  Theil  in  jenen  Städten
consumirt,  ein  anderer  Theil  lebendig  oder  in  geschlachtetem
Zustande,  jedoch  ungepackt,  als  frisches  Fleisch,  verschifft-Nur
  ein  unbedeutender  Theil  kommt  zur  Verpackung.
Wenn  im  Jahre  1880/81  (bis  30.  Juni  1881)  die  Producta
von  ca.  8  Millionen  Schweinen  exportirt  wurden,  so  ist  es  ersichtlich, ­
  dass  dieselben  von  jenen  12  Millionen  Schweinen  fast  ausschliesslich ­
  stammen  müssen,  die  in  der  Saison  i.  Mai  1880  bis
I.  Mai  1881  im  Westen,  und  besonders  von  jenen  11  Millionen
Schweinen,  welche  in  den  namentlich  aufgeführten  grossen
Städten  gepackt  wurden.  Einige  von  diesen  sind  hier  nur
angeführt,  um  nachzuweisen,  wie  das  „Packen“  nach  Westen
vordringt,  nach  Kansas  City,  Atchinson,  Omaha  und  Siou^
City.  Der  Hauptexport  kommt  aber  aus  nur  etwa  ein  hal
Dutzend  Städten,  Kansas  City,  Cleveland,  Milwaukee,
nopolis,  Cincinnati,  St.  Louis,  welche  im  letzten  Jn
4.134.000  Schweine  packten,  besonders  aber  von  Chicago^

wo  mehr  als  in  diesen  Städten,  5.752.000  Stück  —  etwa

Hälfte  von  dem,  was  im  ganzen  „West“  zum  Packen  kam^
und  etwa  zwei  Drittel  bis  drei  Viertel  der  ganzen  AuS^'
fuhr  der  Union  —  gepackt  wurde.  In  fünf  Jahren  hat  sic^
die  Zahl  der  im  Westen  gepackten  Schweine  verdreifacht,
der  in  Chicago  gepackten  fast  verfünffacht.  ^
Wir  haben  auf  unserer  Reise  viele  Fleischmärkte
grosse  Packhäuser,  u.  A.  in  New-York,  Kansas  City  und  C  ^
cago  besucht.  Das  Verfahren  des  Schlachtens  habe  ich  sc
gelegentlich  der  Schilderung  der  Schlachthäuser  in  den  ers
beiden  Städten  beschrieben.  Das  lebende  Schwein  wird
einem  Hinterfusse  gepackt,  derselbe  wird  an  einer  Kette
festigt,  an  der  das  Thier  in  die  Höhe  gezogen  wird.
Mann  schneidet  ihm  den  Hals  auf  und  schiebt  es  ein  Stückc^^^
weiter,  ein  anderer  lässt  es  in  einen  Behälter  voll  koch^_^^^
Wassers  fallen,  durch  den  wird  es  automatisch  auf  einen
gehoben,  an  einer  fortlaufenden  Kette  befestigt,
Schabmessern  durchgezogen,  die  es  rein  schaben,
ihm  der  Kopf  abgeschnitten  und  es  wird  wieder  an  der  K
in  die  Höhe  gezogen.  Man  schneidet  den  Bauch  auf,
        <pb n="596" />
        ^  aus  und  schiebt  den  aufgehängten  Körper  in  das  Eishaus.
Diese  ganze  Procedur,  während  derer  das  Schwein  etwa  durch
l^nfzig  Hände  geht,  dauert  keine  fünfzehn  Minuten!  Man
ann  sagen,  dass  das  Schwein  während  dieser  Zeit  gar  keine
2eit  zum  Sterben  hat  und  dass  seine  einzelnen  Theile  noch
lortleben,  nachdem  diese  Procedur  schon  beendet  ist.  Wenigstens
zucken  am  Kopfe  noch  die  Muskeln,  nachdem  Nase,  Ohren,
'^uge  abgeschnitten  und  die  Augen  ausgestochen  sind.  Dass
^  während  dieser  Zeit  auch  nicht  entdeckt  werden  kann,  ob
Schwein  finnig,  trichinös  oder  sonst  krank  ist,
^^rd  man  begreifen;  auch  findet  keine  Untersuchung  seines
esundheitszustandes  während  dieser  Procedur  statt.  Die
®ile  eines  etwa  von  Finnen  oder  Trichinen  inficirten  Schweines
^Grden  mit  denen  anderer  Schweine  zusammen  verpackt! ­
  Die  Unionsregierung  sollte  darauf  halten,  dass  die  ge-^^Wachteten
  Thiere  untersucht  werden.  Sie  schädigt  die
^^erikanische  Landwirthschaft  empfindlich  dadurch,  dass  sie
«Packer“  nicht  unter  Staatsaufsicht  stellt,  denn  jetzt  ist
Import  von  amerikanischem  Schweinefleisch  in  einigen
^^aten  Europas  verboten.
Wenn  die  Schweine  in  den  Eisenbahnwaggons  auf  dem
‘chhofe  von  Chicago  ankommen,  werden  die  in  den  Waggons
gefundenen  sowie  von  den  Inspectoren  als  krank  er-^nten
  zurückbehalten  und  müssen  an  das  etwa  30  Meilen
gelegene  „Rendering“-Unternehmen,  eine  grosse
eckerei,  in  besonderen  Eisenbahn  waggons  geführt  werden,
^  in  auch  umgestandene  Pferde,  Schafe  und  Rinder  gebracht
ß  *^^cn.  Es  sind  zwei  Inspectoren  vom  Board  of  health  oder
^  ^undheitsamte  angestellt,  die  sich  auf  dem  Viehhofe  auf-S
  i^^incrlei  polizeiliches  Aufsichtsrecht  über  die
Wei/ie  haben,  denen  die  Besitzer  derselben  aber  die  In-^^ction
  gestatten!  Im  November  1880  kamen  auf  dem
|chhofe  von  Chicago  i.i  11.997  lebendige  Schweine,  133.126
S  L  ^^  036  Schafe,  im  Jahre  1880  überhaupt  7.059.355
"^^ine  auf  diesem  Viehhofe  an.  Dass  da  keine  genaue  Unrsuchung
  des  Gesundheitszustandes  derselben  durch
^  zwei  Beamten  stattfinden  kann,  ist  selbstverständlich.
        <pb n="597" />
        5^4

In  der  Saison  1880/81,  i.  Mai,  schlachteten  folgende
grosse  „Packer“  in  Chicago  folgende  Anzahl  Schweine:  Anglo-Amerikan
  Company  1.166.337,  Armour  und  Company  1.210.092»
Boisford  247.052,  Chicago  Packing  Company  384.464,  Tobey
und  Booth  360.293  Stück,  im  Ganzen  15  Häuser  über  loo.ooo
Stück  jedes,  9  Häuser  über  200.000  Stück,  5  Häuser  über
300.000  Stück  und  zwei  Häuser  über  eine  Million  Schweine  jedes.
Wenn  eines  der  vielen  Schweine,  die  ein  solcher  grosser
Packer  empfängt,  sterben  sollte,  nachdem  es  in  seine
Paddocks  eingegangen  oder  in  sein  Schlachthaus  getrieben ­
  ist,  so  wird  es  allein  von  seiner  Reellität  abhängen,
ob  er  es  an  die  Rendering-Fabrik  verkaufen,  oder  etwa  „ausschmalzen“,
  zu  Wurst  oder  Schinken  verarbeiten,  oder  einfach
einpökeln  sollte.  Sehr  merkwürdig  ist  es,  dass  in  allen  Statistiken ­
  der  Handelskammern  amerikanischer  Packereistädte
der  gefallenen  Thiere,  sowie  der  Rendering*Anstalten
und  auch  der  Fettraffinerien  mit  keiner  Zahl  Erwähnung
geschieht.  Ich  habe  mich  um  das,  was  mit  diesen  gefallenen
Thieren  geschieht,  eingehend  gekümmert,  aber  gute  Gründe,
den  europäischen  Regierungen  die  ihnen  pflichtmässig  anstehende ­
  Aufgabe,  festzustellen,  ob  ihre  Völker  von  hier
mit  Sicherheit  gesunde  Nahrung  erhalten,  oder  nicht,  diesen
Regierungen  also,  ihren  Handelsministern,  Gesandten  und  Con
suln,  die  ihnen  pflichtmässig  zustehende  Arbeit  nicht  abzn
nehmen.  Ich  werde  mich  hierüber  also  nicht  auslassen,
bemerke  jedoch,  dass  eine  erschöpfende  Untersuchung  über
diesen  Gegenstand  von  mir  und  einem  Privatmanne,  Herrn
Kern  aus  Budapest,  hier  angestellt  worden  ist,  dass  ich
vielfache  Belehrung  über  diese  Angelegenheit  verdanke  un  ^
besonders  glücklich  darüber  bin,  dass  ich  ihm  bei  Ceber^
führung  eines  der  exportirenden  Millionäre  nützlich  werdß
konnte.  Da  Herr  Kern  mit  Aufwand  grosser  eigener  Ge
mittel  und  noch  höher  zu  veranschlagender  körperlicher  Mû  ^
und  vielen  Scharfsinnes  diese  Frage,  welche  die  Vertreter
europäischen  Regierungen  mit  ihren  vereinten  Mitteln  bis
nicht  zu  lösen  vermochten,  fast  gänzlich  gelöst  hat,  so
ich  Herrn  Kern  nicht  vorgreifen.  Herr  Kern  und  ich  sind
        <pb n="598" />
        585

den  offiziellen  Bericht  des  Herrn  Scanlan  voll-^
  widerlegen.  Amerikanisches  Schmalz  werde  ich
ange  nicht  essen,  bis  die  Unionsregierung  auch  die  Rende-*’^^ganstalten
  beaufsichtigen  lässt.
g  ^fgegen  will  ich  mittheilen,  wie  sich  das  Geschäft  in
zw  Chicago  seit  einigen  Jahren  gestaltet  hat,  und
selb\  Grund  der  Zahlen  der  Handelskammer  von  Chicago
leK  ^  ^^"gten  an  in,  resp.  wurden  ausgefuhrt  von  Chicago
ende  und  ausgeschlachtete  Schweine:

Kalenderjahr
1877
1878
1879
:88o
Summe
Abfuhr
''°“sumirt  und

kamen  an

lebende
4.025.970
6.339.654
6.448.300
7.059.355

geschlachtete
164.339
102.51a
91.044
89.102

wurden  ausgeführt
lebende  geschlachtete
94.648

23.872.279
5..305.478

446.987
•93.905

951-221
1.266.906
1.692.361
1.394.990
5.305.478

26.039
40.024
33.194
•93.905

^erarbeitet  •*  566.801  253.082

cultuft*^^^  503000  Einwohner.  Das  Agrirechnet,
  dass  auf  drei  Menschen  in  der
WqJj  ”  ^  Schlachtschwein  komme.  Die  etwa  500.000  Ein-Wese”^*^
  Chicago  wären  also  für  vier  Jahre  berechtigt  ge-Ijone'^’
  700.000  Schweine  zu  verzehren,  so  dass  18  Mildieser
  Zeit  für  die  Packer  zum  Export  übrig  gesind
  in  Chicago  von  den  „Packern“  verpackt  worden  :
(endend  i.  März)
•  877
1878
•  879
_  1880
Summa  16.584.390
bis  Packhäuser  haben  ___
raqg  1880  verpackt  16',2  Millionen  Schweine  und  dä-Millionen
  Ibs.  Schmalz  fabricirt  —  abgesehen  von
Schinken  und  Speck.  Nach  der  vorigen  Besind
  ca.  18  Millionen  Schweine  in  den  Kalender-Schweine


2.933.486
4.009.311
4.960.956
4.680.637

ergaben  in  je  1000  Ibs.  Schmalz
93.595
•43.493
190.711
169.472

596.271
also  vom  i.  März

1876
        <pb n="599" />
        586

jahren  1877  bis  1880,  Ultimo  December  1880,  ^hica^o
Exporte  verpackt  worden;  das  wurde  ca.  12  1  1
Schweine  mehr  ergeben,  als  oben  für  die  g
1876  bis  dahin  1880  verpackt  sind;  mit  durchschnittlich  36  _
Schmalz,  macht  das  noch  54  Millionen  Ibs.  Schmalz,  so  da^
vom  I.  März  1876  bis  30.  December  1880  in  Chicago  p
ducirt  sein  können  650  Millionen  Ibs.  Schmalz  —  von  leben
und  geschlachtet  importirten  Schweinen  nämlich.
Am  5.  März  1876  waren  vorhanden  in  Chicago  67.1
Tierces  oder  Fässer  à  330  Ibs.  Schmalz,  gleich  22.144.000
Schmalz.  _  .  .076
Die  Exportquanten  vom  1.  März  bis  5.  October  7
fehlen  mir;  exportirt  wurden  vom  5.  October  1876  bis  1
1876  ca.  45  Millionen  Ibs.,  davon  der  Vorrath  am  5.  Mar
gezogen,  sind  exportirt  worden  43  Millionen  Ibs.,  ohne
Export  in  der  Zeit  vom  5.  März  bis  5.  October  zu  rec  ’
der  im  Mittel  3  Millionen  Ibs.  per  Monat  mindestens,
21  Millionen  Ibs.  betragen  haben  dürfte;  macht  Export
den  im  Jahre  1876,  i.  März  bis  Ultimo  1876  geschlachte
Schweinen  64  Millionen  Ibs.  Schmalz.
Im  Kalenderjahre  1878  wurden  importirt  27  Mdbon^
Schmalz,  exportirt  147  Millionen  Ibs.,  Mehrexport  120  Mi
nen  Ibs.  Macht  Export  von  Schiachtschweinen  vom  i-1876
  bis  Ultimo  Dezember  1877  184  Millionen  Ibs.
Im  Kalenderjahre  1878  sind  in  Chicago  importi^  wo
37  Millionen  Ibs.  Schmalz,  exportirt  244,  also  vom  Chicag
Product  exportirt  207  Millionen  Ibs.,  macht  seit  1.  arz
301  Millionen  Ibs.  |^il&amp;gt;
Im  Kalenderjahre  1879  sind  importirt  in  Chicago  75  ^
Honen  Ibs.,  exportirt  251  Millionen  Ibs.,  also  vom  ^  ^
exportirt  176  Millionen  Ibs.;  macht  Export  vom  Produ
I.  März  1876  567  Millionen  Ibs.  ,*:iiionei’
Im  Jahre  1880  sind  bis  i.  März  importirt  13  Mdi  ^
Ibs.  Schmalz  und  exportirt  24  Millionen  Ibs.,  macht  ^
vom  Stadtproduct  ii  Millionen  Ibs.;  der  Bestan  oft
136.000  Tierces  oder  44  8  Millionen  Ibs.  Diese  zum  l
der  zwei  Monate  gerechnet  macht  56  Millionen  Ibs.  it«
        <pb n="600" />
        587

188o  bis  I.  März,  seit  i.  März  1876  also  623  Millionen  Ibs.
^xportirt  oder  Bestand  am  Ende  der  Periode.
In  den  Packerhäusern  sind  aber  nur  596  Millionen  Ibs.
chmalz  in  dieser  Zeit  erzeugt  worden,  d.  h.  es  wurden  25  Millio-*^Gn
  Ibs.  mehr  Schmalz  exportirt  als  von  Schlachtschweinen
pfoducirt  sind.
.  Nehmen  wir  aber  das  Kalenderjahr  1880,  so  finden
dass  darin  68  Millionen  Ibs.  Schmalz  importirt  und
333  Millionen  Ibs.  exportirt  und  67.000  Tierces  =  21  Millio-Ibs.
  Bestand  geblieben  sind.  Das  macht  286  Millionen
s.  Bestand  oder  Export  vom  Stadtproduct,  seit  1876,  i.  März,
äso  853  Millionen  Ibs.;  dagegen  können  in  dieser  Zeit,  wie
Reiter  vorn  nachgewiesen,  nicht  gut  mehr  als  18  Millionen
Weine  mit  650  Millionen  Ibs.  Schmalz  zum  Schlachten  ge-^
  ^^cn  sein,  für  den  Export  nämlich.  So  finden  wir  denn,
^  (Chicago  in  4’4  Jahren  rund  200  Millionen  Ibs.  Schmalz
T  ^  ^  exportirt  als  es  aus  Schlachtschweinen  —  über  den
ecalbedarf—  fabriciren  konnte.
i  rt  Zahlen  sind  zum  Theile  Schätzungszahlen,  beruhen
^  och  auf  den  offiziellen  Berichten.
find  die  Exportstatistik  der  Union  zur  Hand,  so
en  wir,  dass  dieselbe  von  New-York,  Boston,  Philadelphia,
timoré,  Montreal  und  New  -  Orleans  exportirte  in  den
^^lenderjahren:

1877
1878
187g
1880

Schmalz  Millionen  Ibs.
130
327
33»
4M

-,  Summe  1202  Millionen  engl.  Pfd.
j  ngefähr  in  derselben  Zeit  sind  „im  Westen“  nach  Seit«
Handelskammerberichtes  von  Chicago  gepackt  worden
Vom  I  November  1876  bis  i.  März  1877  5.068.000  Schweine.
"  *^77  „  I.  1878  6.502.fxx&amp;gt;
«  1878  „  ,.  „  187g  7.475.000
"  187g  „I.  „  1880  6.()46.ofXj  „
März  1877  „  I.  Nov.  1878  5.3g5,ooo  „
"  '878  „I.  „  1870  6.206,000  „
”  *879  ,,  I.  „  1880  8.115.CKK)
Summe  45.707.000  Schweine,
        <pb n="601" />
        588

Nehmen  wir  an,  dass  diese  Schweine  im  Durchschnitte
36  Ibs.  Schmalz  hatten,  so  macht  das  eine  Schmalzproduction
von  1645  Millionen  Ibs.,  im  ganzen  „Mississippi-Thale,“  von
der  also  nur  443  Millionen  Ibs.,  jährlich  also  ca.  m  Millionen
Ibs.  im  Lande  consumirt  wurden,  ca.  2','2  Ihs.  per  Kop

Bevölkerung.
Der  „Cincinnati  Price  Current“  für  i88i  giebt  Seite  t5
Zahlen,  die  ich  nach  dem  neueren  „Bulletin“  von  Chicago
corrigire;  danach  sind;

Jahr  (endend
31.  Oktober
1876
1877
1878
1879
1880

Millionen  Ibs.  Schmalz
im  Westen  exportirt  aus  der
producirt  Union

243
259
365
424
415

197
237
345
341
414

1706

1534

Percent
des  Exportes
81
91
94
80
100

Danach  kommt  die  ganze  Produktion  des  „Westens“  scho
zum  Export!
In  den  folgenden  vier  Kalenderjahren  sind  noch  ^rhebUC
Quantitäten  „Schmalzöl“  exportirt  worden,  ein
in  den  Schmalzraffinerien  aus  Schweinefett  bereitet  wird,
lieh:  1876  607.000  Gallonen  à  7’/a  lbs.  =-  4.552.000  lbs.,  i
2.118.000  Gallonen  =  15.885.000  lbs.,  1879  2.032.000  ^
Ionen  =  15.240.000  lbs.,  1880  1.132.000  Gallonen  =  8.49°'
lbs.  Dieses  Schmalzöl  wird  auch  fast  alles  im  Westen
und  muss  dem  exportirten  Schmalz  zugezählt  werden,
erhalten  also  exportirtes  Schmalz  und  Schmalzöl  187
1578  Millionen  Ibs.,  1880  422  Millionen  Ibs.  Von  dem  P
fleisch,  Schinken  und  Speck,  die  im  Westen  producirt  wur^^
kam  in  derselben  Zeit  zum  Export  im  Jahre  (endend  31-tober):
  1876  nur  44*9  Percent,  1877  48*5  Percent  1878  5
Percent,  1879  54*9  Percent,  1880  53-1  Percent.  Woher  d
ungeheure  Unterschied???  Man  exportirt  alles  Schmal
Jahre  1880  sogar  mehr  Schmalz,  als  producirt  wurde,  un
die  Hälfte  des  Fleisches.
        <pb n="602" />
        589

Dies  ist  eine  schöne  Aufgabe  für  eine  Regierungs-^onimission
  aus  Europa,  nachzuforschen,  ob  die  Amerikaner
o  viel  weniger  von  dem  Schmalze  ihrer  Schweine  essen,  als
on  deren  Fleische,  oder  ob  man  hier  etwa  Schmalz  aus
herstellt,  welche  nicht  von  Schlacht-^hweinen
  herrühren!  Der  englische  Vicecónsul  in  Philadelphia,
si  i"  hat  im  December  1879  über  dergleichen  eine  An-^
  ^^sgesprochen,  aber  seine  Beweisführung  Hess  zu  wünschen.
Unionsregierung  hat  eine  officielle  Untersuchung  —  durch
i  Chef  des  statistischen  Bureaus,  Staatsdepartment
^  ashington  —  ansteUen  lassen,  deren  Resultat  in  einer
^^roschüre  gedruckt  vorliegt.  In  derselben  wird  eine  sehr
^  ze  Sprache  geführt,  allein  die  Beweisführung  erscheint  mir
eniger  stolz.  In  einem  „32.  Berichte  über  das  Schweineen
  im  Westen“  etc.  von  Ch.  B.  Murray  in  Cincinnati,  1881,
&amp;gt;sst  es:  Die  Leichen  crepirter  Schweine  „werden  in  Anspruch
locale  Compagnie,  welche  die  Manufactur
Dünger  und  Seifenfett  betreiben.“  Ich  glaube  nicht  de-^^entirt
  werden  zu  können,  wenn  ich  sage,  dass  die  Her-Pa
  dieser  Producte  die  Thätigkeit  der  Rendering  Com-Snien
  nicht  allein  in  Anspruch  nehmen.
Nach  Aussage  eines  Beamten  des  Viehhofes  von  Chicago
annehmen,  dass  in  jeder  Waggonladung  von  ca.
^  Weinen  ein  todtes  Schwein  ankommt;  das  macht  zwei
von  etwa  sieben  Millionen  in  Chicago  ankommenden
^üch^  ~  140-000  Stück.  Nach  der  Ankunft  werden  wohl
^We*f  welche  crepiren  und  von  den  geschlachteten  sind
p^abp  welche  so  ungesund,  dass  sie  an  die  Rendering-Ch*
  abgegeben  werden  sollten,  so  dass  diese  von
allein  ca.  150.000  Stück  jährlich  in  den  letzten
gg  hätten  beziehen  sollen.  Im  letzten  Sommer  wogen  die
Schweine  189,  im  Winter  212  Ibs.  Netto,  werden
geben^^^  *  V*  Centner  Fett,  ganz  ausgeschmalzt,
Sch  *•  20.000.000  Ibs.  Fett  von  umgestandenen
bei  jährlich  für  Chicago  allein.  Das  Renderinghaus
Mittel  Herr  Kern  und  ich  besuchten,  zahlt  im
2  Cents  per  Pfund  umgestandener  Schweine  Brutto-
        <pb n="603" />
        590

gewicht  oder  10V4  Kreuzer  per  Kilo.  Ein  hoher  Preis!
Es  verarbeitet  das  ausgeschmalzte  Fett  in  i.  white  g^ase,
die  loco  Fabrik  im  September  1881  per  Ib.  kostete  7  &amp;gt;  '2  Cents
=  40V3  Kreuzer  per  Kilo;  2.  yellow  grease,  die  loco  s'/a  Cents
kostete;  3.  brown  grease,  die  5  Cents  kostete.  Herr  Kern  a
ermittelt,  dass  eine  andere  Abdeckerei  sogar  9  Cents  per  •
=  48V3  Kreuzer  per  Kilo  für  ihr  grease  Nr.  i  erhält!  Aus
den  gefallenen  Rindern  machte  man  Talg,  der  loco  mit  6  en
per  Ib.  =  32  Vs  Kreuzer  per  Kilo  bezahlt  wurde.  Die  „Grease^
Producte“  waren  sehr  schön,  fast  geruchlos.  Talg  von  ge
Sunden  Rindern  kostete  damals  Nr.  2  6  bis  6'/4  Cents,  Nr.
7V4  bis  7V2  Cents  das  englische  Pfund.  Man  muss  sage  ,
dass  die  Rendering-Compagnie  gute  Preise  für  ihre  Produc
Ausser  den  Schlachthäusern  und  den  Renderingfabnken
giebt  es  in  Amerika  Schmalzraffmerien,  welche  allerhand  Fet
einkaufen  und  Schmalz,  Schmalzöl  und  Schweinefett  (Greas  ;
daraus  machen.  Mir  ist  es  ebensowenig  gelungen,  über
Stoffe,  die  hier  ein-  und  ausgehen,  eine  offizielle  Statisti
erlangen,  wie  über  jene  der  Renderinghäuser.  Welche  A
von  Stoffen  aber  eingehen  und  was  mit  ihnen  geschieht,  we
ich,  werde  es  jedoch,  ohne  besondere  Noth,  nicht  j.
Eine  schöne  Aufgabe  für  eine  Regierungskommission,  hieru
„mehr  Licht“  zu  verbreiten!  Ich  hoffe  aber,  Herr  Kern  w
die  in  Amerika  angestellten  Gesandten  und  Consuln  der  eu
päischen  Mächte  über  diese  Frage  aufklären,  die  ihre  gew
nicht  zu  unterschätzende  Thätigkeit  bisher  nicht  in  p
genommen  hat.  Hoffentlich  wenden  sie  ihren  Fleiss  und  bctt
sinn  von  jetzt  ab  derselben  zu  und  klären  uns  auch  aru
auf,  womit  man  Butter  und  Mehl  hierselbst  verfälscht.
ist  nicht  nur  ein  Skandal,  sondern  auch  eine  Versündigung
der  amerikanischen  Landwirthschaft,  dass  die  Unionsregie
nicht  mit  unerbittlicher  Strenge  darauf  sieht,  dass  nur  un
fälschte  und  nicht  gesundheitsgefahrliche  Lebensmitte
Amerika  exportirt  werden.  Die  Granger  sollten  dm
zwingen,  dem  Schwindel  ruchloser  Fabrikanten,  Spekulan^
Fälscher  ein  Ende  zu  machen,  sonst  schneidet  man  ihren
        <pb n="604" />
        591

nach
^«■ossbritannien
Deutschland
Frankreich
Belgien
Cuba
drallen
Oesterreich

^^gnissen  mit  vollem  Recht  den  europäischen  Markt  ab.
-xportirt  wurden  im  Jahre  1880  in  1000  Ibs:
Pökelfleisch  Speck  u.  Schinken  Schmalz
36.997  554.0*2  &amp;gt;12.833
I  259  26  843  85.509
1.608  66.357  55.462
333  67.100  36.973
670  8,442  22.023
4652
2.000  rund
In  der  letzten  Campagne,  Jahr  schliessend  30.  Juni  1881,  emg
  '^^Grossbritannien  22.216.000  Ibs.  Pökelfleisch,  569.334.000Ibs.
^  Schinken,  106.969.000  Ibs.  Schmalz;  der  Continent
i.ooo  Ibs.  Pökelfleisch,  190.277.000  Ibs.  Speck  und  Schin-^
  ^  und  226.010.000  Ibs.  Schmalz,  also  doppelt  so  viel  als
Schmalz.  Im  Ganzen  wurden  1880/81  exportirt
^  Illionen  Ibs.  Schmalz,  gegen  331  Millionen  im  Vorjahre.
Ich  will  noch  mit  ein  paar  Worten  auf  die  Broschüre
äll  Pork"  von  Mr.  Scanlan  eingehen,  die  gewiss
au/ri  ®“*’DP^Ischen  Regierungen  zugeschickt  wurde,
sru  1  ^ochmüthige  Sprache  dieselben  aber  die  Antwort
"^huldig  geblieben  sind.
ZweVi  soll  (may)  thatsächlich  über  allen
dass^  ^'^tgestellt  werden,  dass  alle  Gerüchte  oder  Berichte,
njjj.  ^"^crikanische  Schweine,  welche  an  Krankheit,  oder  auch
iri  ^ulall  gestorben  sind,  jemals  irgend  einen  Markt
auf  M  p  Fleisch  oder  Schmalz  finden,  vollkommen
der  Ignoranz  beruhen,  denn  es  steht  nicht  in
tie^rs  Schweinefleisch  -  Packers  oder  Schmalz  -  Raffi-2u
  auch  seine  Absicht  sei,  das  Fleisch  von  Schweinen
Cholera  starben,  in  irgend  einer  essbaren
&amp;gt;  Welche  die  oberflächlichste  Inspection  passiren  könnte."
30  sagt  Mr.  Black  vom  Hause  Armour  und  Comp.  :
^  Unmöglich,  todtes  Schwein  in  Schmalz  zu  verwandeln.
arinpk  I^affineur  würde  nichts  ausser  ausgesuchtes  Schmalz
‘^Umen.“
D’
deq  europäischen  Regierungen  wollen  sich  hiermit  abfinwill
  nur  bemerken,  dass  man  allerdings  bei  der
        <pb n="605" />
        592

heutigen  Technik  Schmalz  aus  gefallenen  Schweinen  hersteilen
kann  und  dass  Herr  Kern,  zwei  Grafen  Széchényi  und  ich
dergleichen  gesehen  haben.  Wo  dieses  fabricirt  und  an  wen
es  verkauft  wird,  ist  Aufgabe  der  Regierungen,  festzustellen.
Seite  7  wird  behauptet,  todte  Schweine,  die  im  Viehhofe  von
Chicago  ankommen,  seien  „fast“  ein  vollkommener  Verlust
fiir  den  Versender.  Sie  bringen  2  Cents  per  Ib.,  die  in  Chicago
geschlachteten  Schweine  wiegen  Netto  im  Durchschnitte  de
Sommer-  und  Winterpackung  211  lbs.  per  Stück,  Brutto  also
wohl  rund  2  '/2  Centner,  macht  5  Dollars  =  12  fl.  ö  W^.  P
Stück,  was  noch  immer  ein  hoher  Ertrag  für  ein  crepif
tes  Schwein  ist  und  den  Bushel  Mais,  den  es  gefressen,
22  Cents  verwerthet.  Einen  höheren  Ertrag  kann  man  doc
von  „Aas“  nicht  verlangen!
Warum  verschweigt  Herr  Scanlan  diesen  hohen  PrctSi
welchen  die  Abdeckerei  für  crepirte  Schweine  zahlt?  Dieselbe
Compagnie  zahlte  im  September  1881  für  einen  crepifte
Ochsen  oder  eine  Kuh  8  bis  10  Dollars.  Seite  8  wird  a
gegeben,  ein  Waggon  halte  im  Durchschnitte  70  Schweine
und  noch  nicht  ein  todtes  per  Ladung  im  Durchschnitte.  ^
war  so  leicht,  die  Zahl  aller  an  die  Rendering-Compagnie  sei
zehn  Jahren  verkauften  Schweine  vom  Viehhofe  von  Chicago
hier  mitzutheilen;  dazu  auch,  wie  viele  davon  von  de^
„Packern“  stammen,  denn  es  wird  unter  den  6  Million^
Schweinen,  die  sie  im  letzten  Jahre  in  ihren  Privatgelassen  en^
pfingen,  in  denen  sie  von  24  bis  48  Stunden  blieben  (Seite  9^
jawohl  auch  einige  crepirte  gegeben  haben.  Aber  keine  so  c
Statistik  wird  mitgetheilt  und  auf  unsere  Erkundigung  m
Renderinganstalt  und  auf  dem  Viehhofe  erhielten  wir  so  c
Statistik  auch  nicht.  u,
Seite  12  wird  etwas  unvorsichtig  die  „recklessness“,  ,1^0
losigkeit“,  denuncirt,  mit  der  in  Europa  über  die  amerikanisc
Schmalzproduction  gesprochen  wurde.  Wozu  uns  überfl^
ger  Weise  reizen,  wenn  man  so  sorgfältig  den  Mangel
Statistik  durch  Phrasen  und  Grobheiten  zu  verdecken  suc^^
Seite  12  wird  angegeben,  in  welche  Producte  die  ^
deckerei  in  Globe,  30  Meilen  von  Chicago,  das  Schweif'
        <pb n="606" />
        593

'"'iss  uIh  h  ’  “"‘‘/““S''  "D!««  F'«  (grease),  beides,
manef  ^  vornehmlich  (principally)  an  Seifennufacu
  verkauft.-*  Vornehmlich  -  _  aber  an  wen
ceór  '""'"^hmhch?"  Warum  nicht  mittheilen,  wie  viel  Perwird
  Tu  Etablissements  verkauft  werden?  Seite  13
fuch  ,  dem  hier  erzeugten  Fette  anklebende  Geducte
  d  Wir  besitzen  Proben  vom  Prohaben
  d*^"^  ^’’'‘«"kerei  in  Globe.  —  Doch  das  ist  genug!  Bisher
P'mer.,’^  europäischen  Regierungen  dieses  Compliment  der
nichts  d  Washington  schweigend  eingesteckt  Ich  habe
sönlich  “  'veiter  einstecken,  bin  jedoch  perruche ­
  an  """  Scanlan  und  seinen,  in  jenem
Wenn  ^"^efuhrten  Zeugen  ein  sehr  ernstes  Wort  zu  sprechen,
r  dies  zu  thun  einmal  conveniren  sollte.
in  pf"  ."l“®"  bemerkt  werden,  dass  diese  Industrie,  Schweine
den  Süd^iT"®"  verwandeln,  entstand,  um  die  Sclaven  in
Cuba  “i'-ruu'nwoUenstaaten  zu  ernähren  und  die  Sclaven  in
diese  heutigen  Tag.  Niemand  kümmerte  sich  um
rillive  ®  rurauf  ankam,  dass  sie  eine
^  Später  wurden  diese  Provisionen
Arbeiter  in  England,  Belgien,
den  Cn  neuerdings  auch  in  Frankreich.  In
kümmert'"""  sie  nicht  über,  und  darum
dings  nicht  um  die  Art  der  Production.  Neuerdenen
  di  "  einiger  continentalen  Länder,
curren;  ^  amerikanischen  Schweine  eine  schmerzliche  Con-^Unde
  T\T  nicht  aber  etwa  aus  Vorsorge  für  eine  ge-^ahrung
  der  Arbeiter.
^"'^rikani“''“  '•utirten  Brief  eines
^eisst:  Schmalz  für  den  Export,  in  dem  es  u.  A.
^nu  ni”  ^  niust  particularly  request,  that  in  whatever  article
^ur  naj  grease  you  will  refrain  from  mentioning
infor,^  connection  with  it.  That  which  you  saw,  and
^^'^^ctin  gained  at  our  factory  was  for  your  own
^^ction  wh  publication...  .  P.  S.  We  have  no  obatever
  to  your  using  the  information  you  obtained
38
        <pb n="607" />
        594

at  our  factory  if  you  will  kindly  do  so  without  using  our  name

in  connection  with  it.“  .
Ich  nenne  den  Namen  des  sehr  grossen  Fabncanten  we
_  auf  seinen  Wunsch  —  nicht,  aber  ich  bemerke,  dass
in  dessen  Factory  die  erwähnte  Information  erst  gege
wurde,  als  ich  bereits  den  mich  herumführenden  Mmnha
der  Firma  überführt  hatte,  dass  er  grease  aus  einem  Orte
zog  aus  dem  er  es  nicht  hätte  beziehen  dürfen.  Inde^
kommt  es  mir  nicht  auf  Blossstellung  eines
sondern  darauf  an,  dass  die  Unionsregierung  alle  soi
Factories  unter  strenge  Aufsicht  stellt,  dass  Europa  gesun
und  nicht  ekelhafte  Nahrungsmittel  von  Amerika  e
und  die  Schweineproduction  der  amerikanischen  Farmer  n
durch  Fälschungen  der  Fabrikanten  geschädigt  werde.
Was  auch  mit  der  Fabrikation  von  „Provisionen“  los
mag  —  das  von  den  Packern  verarbeitete  Material  ist  an  s
vortrefflich!  Mindestens  so  gut,  als  die  Schweine  irgen

europäischen  Landes.
Die  Schweine  sind  meist  von  gutem  englischen  Blu
g«mnd  Dm  Smienfe^ieln  m  der
April  oder  Mai  und  nun  weiden  die  Ferkel  dem  mi  J
gefütterten  Rindvieh  auf  seiner  Weide  nach;  wenn
weidend,  erhalten  sie  Maiszufutter,  bis  das  Gras
ist,  sie  zu  ernähren.  Sechs  Monate  alt,  werden  die  bcnw
in  Buchten  gesperrt,  man  giebt  ihnen  so  viel  Mais  an
Kolben,  als  sie  fressen  wollen,  und  sie  erreichen  15
450  Ibs.  Brutto.  Man  rechnet  Netto  =  80  ^
Bruttogewichtes,  das  Fleisch  hat  70  Percent  desNettogev^
Auf  anderen  Wirthschaften  weiden  sie  in  den  letzten
vier  Monaten  ihres  Lebens  zusammen  auf  derselben  Mei
Rindvieh,  das  neben  Grasweide  mit  Mais  und  Hafer  ga
gemästet  wird.  Die  Schweine  mästen  sich  vornehmlich  a
TCörnprn.  die  sie  in  den  Excrementen

ochsen  finden.
Dann  werden  sie  per  Bahn  nach  Chicago  o  e  ‘
„Packerstädten“  gebracht  und  geschlachtet.  Dies  ist
sunde  Lebensweise,  bis  zu  dieser  letzten  Station  n.
        <pb n="608" />
        595

^  sie  in  den  Schlachthäusern  sorgfältig  untersucht,
'Wurden  die  Abdeckereien  und  die  Schmalzraffinerien
^^^Gideten  und  unbestechlichen  Sachverständka
  ^  ^o^trolirt,  so  Hesse  sich  gegen  den  Import  ame-^
  nischer  Provisionen  gewiss  nichts  sagen.  Bei  der  obigen
rechnet  man,  dass,  abgesehen  von  der  Weide,
eines  QU^  gehören,  um  i  Ib.  Gewicht
also  produciren,  ein  Bushel  Mais  (56  Ibs.)  ist
gleich  II  Ibs.  Fettschwein,  Lebendgewicht,
Manche  Züchter  erreichen  durch  Sorglosigkeit  weniger.
SchvT^^  ^"eichen  12  Ibs.  Fleisch  pro  Bushel  Mais,  solange  die
^ßweine  gemästet  werden.
India!?  '*Tn"  Tennessee,  Kentucky,  Ohio,  Michigan,
nnd  N  Wisconsin,  Minnesota,  Jowa,  Missouri,  Kansas
J=‘l&amp;gt;rn  1880*'''*  35'/:  Bushels  Mais  int
in  '’«“■“g  38  Bushel  im  Staate  Illinois,  41  Bushel
dem  rechnet  man,  dass  4  Acres,  ausser
tragen  ^  Saatkorn,  150  Bushel  Mais  zu  Futterzwecken
^®niarU  tirch  gepachtete  Gespann-  und  reine  Lohnarbeit
Lrnte  Kosten  für  i  Acre  Mais,  Saat  bis
Bush  \  7  Dollars  oder  28  Dollars  für  150
Mais  Bushel,  oder  0.33  Cents  pro  Ib.
22  Cent  Marktpreis  war  in  Jowa  18-36  Cents,  in  lUinois
Von  A  K  Bushel.  Da,  bei  gehöriger  Sorgfalt,  abgesehen
Preis  d  Aufzucht,  Kosten  der  Sauen  und  Eber,
kostet  cT*"  5  ^Bs.  Mais  i  Ib.  Schwein  erzeugen,  so
1.6g  Ç  (^Gr  Mastperiode  erzeugte  englische  Pfund
Werden  Jene  Unkosten  der  Aufzucht  bis  zur  Mastperiode
gering.  durch  das  bis  dahin  ohne  Maiszugabe,  oder  mit
dieg^  V  erzeugte  Gewicht  bezahlt,  und  wenn  man
rechnet  ^^''^^^^^g^^icht  auch  mit  1.65  Cents  pro  Ib.  belch ­
  Farmer  gewiss  genügend  entschädigt.
^üf  ne  Bier  beschreiben,  wie  sich  das  Geschäft
kch  Farmen  in  den  Weststaaten,  wie  Illinois,  nament-^
  ^r  Jowa  und  mehr  noch  Nebraska,  thatsächlich  macht.
Farmer  mit  Frau  und  ein  Paar  Kindern,  die  schon
38*
        <pb n="609" />
        ein  Wenig  arbeiten  helfen  können,  hat  eine  Homestead  yon
i6o  Acres  aufgenommen,  oder  einen  solchen  Besitz  von  einet
Eisenbahngesellschaft  gekauft.  Gebäude,  Vieh,  Inventar  kosten
ihn  bis  2000  Dollars,  welche  er  und  seine  Frau  früher  erspart
hatten.  Man  wird  es  in  Europa  hart,  tadelnswerth,  unfortschritt
lieh  finden,  dass  ein  amerikanischer  Farmer  in  der  Regel  nicht
sofort  mit  Schulden  eine  Landwirthschaft  anlangt,  sondern
dass  man  von  ihm  voraussetzt,  er  habe  sich  zu  solchem  ß®
ginnen  etwas  Capital  erspart.  Allein  wir  sehen  an  der  Vyt
mehrung  der  Farmen,  dass  dies  Verlangen  kein  unbilliges  ist-Freilich
  reicht  das  Capital  der  Anfänger  oft  nicht  vollkommen.
Er  kauft  z.  B.  Land  von  einer  Bahngesellschaft  und  bleibt  A
bis  V«  des  Ankaufspreises  schuldig,  die  er  in  5—6  Jahresraten
abzuzahlen  hat.  Aber  Vs  oder  Vs  des  Preises  muss  er  doc
zahlen.  Nun  muss  ein  Haus  und  Stall  gekauft  werden,  ebenso
ein  Paar  Pferde,  eine  Kuh,  ein  Paar  Schweine.  Das  nn
Lebensmittel  für  ein  Jahr,  muss  ganz  oder  zumeist  haar  beza
werden.  Auf  Ackergeräthe,  Wagen  etc.  muss  eine  Anzahlung
geleistet  werden.  Dies  Geld  aber  durch  eine  Hypothek  ^  ^
eine  Prairiefarm  sich  verschaffen  wollen,  geht  nicht,  da  NiemaO
auf  eine  solche  Geld  leiht.  Der  beginnende  Bauer  hat  also
1000,  oft  bis  2000  Dollars  schon  früher  erspart,  und  diese
Gewohnheit  bleibt  ihm:  Er  sammelt  sich  bald  ein  Bankdepot
Sein  landwirthschaftlicher  Betrieb  ist  in  der  ersten  Zeit  se
einfach:  Er  beginnt  mit  Maisbau  und  Schweinezucht,  weil  t
am  wenigsten  Capital  erfordern.  ¡
Nach  einem  halben  Dutzend  von  Jahren  voll  Arbeit,  ^
der  er  indess  gut  gelebt  hat,  ist  er  in  der  Lage,  zwei  «Set^
Schweine,  d.  h.  3  2'/Jährige  Eber  mit  je  8  2jährigen  Sau®^
zu  halten.  Jede  Sau  bringt  ihm  im  Jahre,  bei  mehrmahg^^^
Ferkeln,  durchschnittlich  12  Junge,  die  bis  zum  Moment
Marktreife  leben  und  mit  i  V2  Jahren  marktreif  werden,  ma

192  Fettschweine  in  i'/-j  oder  128  in  i  Jahre.

-lieh

18  alte  Schweine  verzehren  —  ausser  Weide  —  mg
2  Ibs.  Mais,  macht  2  X  18  X  360  —  12960  Ibs.  pro
192  Fettschweine  haben  in  i'/a  Jahren  14  Monate
durch  oder  420  Tage  lang  je  2  Ibs.  Mais  erhalten,  macht  p

him
•fO
        <pb n="610" />
        597

4  Mastmonaten  erhalten  sie  täglich  je  5  Ibs.,
in  ^  T  pro  Stück  in  i'/,  Jahren  1440  Ibs.,
9^0  ibs.  Die  im  Jahre  verkäuflichen  128  Fett-DazTT^
  192  X  960  Ibs.  =  184320  Ibs.
^9728  Maisfutter  der  Eltern  mit  12960  Ibs.,  macht
mit  ^523  Bushel,  zu  deren  Erzeugung  94  Acres
iür  werden  müssen.  6  Acres  seiner  Farm  sollen
er  A  Urland  abgehen,  bleiben  ihm  60  Acres,  wovon
^ei°  Weide  für  Kühe  und  Schweine,  20  zum  Anbau  von
aus  i4afer,  Kartoffeln  etc.  für  den  Hausbedarf  verwendet,
sowf»;^  sein  Zugvieh  das  Jahr  über  leben,
Naturalien  in  Betracht  kommen.

^urch^^^  Farmer  soll  von  April  bis  November,  8  Monate  hinlohn
  ’  Hilfsarbeiter  halten,  welche  je  20  Dollars  Monatser
  an^c"^  erhalten,  so  macht  das  320  Dollars,  dazu  soll
zahlen  Assecuranz  gegen  Feuer  80  Dollars  jährlich
400  n  11  werden  sich  seine  derartigen  Auslagen  auf
tränk  °  berechnen.  Hierzu  für  Colonialwaaren  und  Gezjj
  ^och  200  Dollars,  macht  600  Dollars  Jahresausgaben,
Acke  ^Dollars  für  Reparatur  und  Neubeschaffung  von
Dollars  für  Kleidung  und  Lectüreen
  treten,  macht  ein  Ausgabebudget  von  900  Dollars.
also  ®^^i^chtet  4  Fettschweine  für  den  Hausbedarf,  behält
10  Fettschweine  jährlich  zum  Verkauf.  Wir  schrieben
'I'od  V  dedust-  resp.  Reserveconto  für  Krankheit  und
der  F  obschon  auch  ein  Schweinscadaver  sich
^^rkj  f  *  '/2  ^  pro  Ib.  verwerthet,  durch
V  eine  Renderinganstalt,  blieben  112  Fettschweine
^arkt  •  wiegen  durchschnittlich  240  Ibs.  Bis  zum
22$  lhs**T  verlieren  sie  noch  5  pCt,  haben  also  dort
Spesen  ebendgewicht.  An  Transport-  und  anderen  Verkaufs-^iehen
  gerechnet  '/2  c.  pro  Ib.  vom  Erlös  abzu-’
  den  Staaten  von  Ohio  bis  Nebraska  im  Mittel.
^erde  ^1  Transportkosten  stellten  sich  folgendermassen  und
^  langsam  geringer:
betrugen  in  Dollars:
        <pb n="611" />
        Nach  Chicago
von
Aurora  .  .
Mendota
Monmouth  .
Mt.  Pleasant
Chariton
Red  Oak  .
Kearney
North  Plate
Sydney  .  .
Cheyenne

Meilen,  per  Waggon  Schweine,  circa  70  Stuck

38
84
179
23s
337
448
69s
791
906
1110

1873
1979
30-40
49-20
48  00
62.00
7S’oo

1876
19-79
30-40
49-20
47  50
55'oo
7500

1881
1775
35-00
40-00
4000
5500
7000
9000
10300
,15-00
12500

înne  mo  ^
Die  Stationen  Kearney  bis  Cheyenne  lieferten  bis  i»7
noch  keine  Schweine  für  den  östlichen  Markt.
Man  sieht  daraus,  dass  auf  grösseren  Bahnen  ein  Schweift
bis  zu  450  engl,  oder  92  Postmeilen  weit  für  weniger  als  einen
Dollar  das  Stück  transportirt  werden  kann.  Es  wird  kaum
geschehen,  dass  von  Cheyenne  bis  Nortb  Plate  Schweine  g  ^
zogen  würden,  wohl  aber  Rindvieh.  Dagegen  kommen  vo^
Kearney  gewiss  Schweine  zum  Exporte,  allein  die  finden  sc
nach  einer  Reise  von  195  Meilen  einen  Markt  in  Omaha,  ^^
hin  die  Reise  per  Waggon  nur  34  Dollars  kostet,  also  cir
’/a  Dollar  per  Schwein.
Der  Marktpreis  eines  Centners  von  100  Ibs.  LebendgeWic
eines  Fettschweines  war  im  Januar  in  Chicago  in  Dollars-Jahr


1858
1860
1861
1862
1863
1864
1865
1866
1867
1868
1869
1870

Preis
niedrigster
.3.25
4.60
4.2s
2.15
2.75
3.75
9.75
8.50
5.40
5.50
9.51
8.50

höchster
4.00
5.25
5.50
2.70
4.30
6.75
12.75
9.00
6.50
7.25
11.34
9-93

Jahr  Preis
niedrigster  höchster

1871
1872
1873
1874
1875
1876
1877
1878
1879
1880
1881  September ­

1882  Sept.
März  1883

6.26
405
340
4.25
5.25
5.65
5-75
3.60
2.50
4.25
6.30
7.30
6.60

7.1^
44A
4.12
5.90
7.55
7.80
7.25
4.37
3.40
4.95
7.30
9.15
7.75

Von  1877  bis  1883  durchschnittlich  5.18
davon  der  Durchschnitt  (.94  D

6.30
        <pb n="612" />
        599

Das  Pfund  also  5.74  Cents,  abzüglich  0.5  Cents  fur  Transport ­
  und  Spesen  bleiben  dem  Farmer  Netto  5.24  Cents  pro
und  .Lebendgewicht  in  7  Jahren  auf  der  Farm.  Zum  Verauf
  gelangen  112  Schweine,  à  228  lbs.  in  Chicago  wiegend.
Jährlich,  macht  25536  Ibs.  à  5.24  Cents  macht  1338  Dollars
Zunahme.  Davon  ab  900  Dollars  Jahresausgaben,  bleiben
*^nd  450  Dollars  ersparbares  Einkommen  im  Jahr.  Die  3523
^Grfiitterten  Bushel  Mais  haben  sich  also  zu  38  Cents  pro  Bushel
^Grwerthet.
^  ^un  kann  annehmen,  dass  der  Farmer,  den  der  Bushel
—  ohne  Grundrente  und  Capitalzins  —  ca.  19  Cents
pro  Bushel  kostet,  die  Schweinezucht  lohnend  finden  wird.

so

ange  er  Mais  mit  30  Cents  verwerthet,  d.  h.  so  lange  er  auf
T"  3  Dollars  per  100  Ibs.  Lebendgewicht  seiner  Schweine
^r  ält.  Die  Preise  der  Jahre  1878  bis  1880  waren  also  gane
^gemessene.  Die  jetzigen  sind  Producte  erstens  schlechter
^aisernten,  mehr  aber  noch  einer  ruchlosen  Speculation  der
uussiers  in  Provisionen,  worunter  sich  die  grössten  Schweinepucker
  selbst  befinden.
Schon  im  Jahre  1868  trieb  ein  Mr.  Hancoc  die  Preise  un-^türlich
  hoch,  indem  er  alles  in  Chicago  producirte  Schweine-^*sch
  und  Schmalz  aufkaufte.  Der  Preis  von  Pökelfleisch
''^urde  per  Fass  von  19%  bis  29  Dollars  hinaufgetrieben.
^on  da  ab  beschäftigte  sich  Herr  Fairbank,  der  die
g^’osste  Schmalzraffinerie  besitzt,  in  Verbindung  mit  einem
^  ^rrn  Peck  mit  dem  Hausse-  und  Baissespiel  in  Pökelfleisch
«machte“  dabei  im  Jahre  1876  500.000  Dollars.  Die
schwankten  in  Folge  solcher  Speculationen  in  jenem
Von  15  bis  21  Dollars  per  Fass,
ein  hatten  die  grossen  Packer  Plankington  und  Armour
inscenirt,  konnten  aber  die  Preise,  welche  bis
y.  ^47“»  Dollars  hinaufgetrieben  waren,  nicht  halten;  sie  fielen
auf  17*^2  Dollars  und  die  Haussiers  verloren  600.000  bis
7^0.000  Dollars.
p..  dieselben  Herren  trieben  im  Herbste  1879  die  Preise  von
Sü  ^  und  gewannen  2  Millionen  Dollars.  Darauf  versie
  das  Geschäft  von  Neuem,  kauften  zu  14  Dollars,
        <pb n="613" />
        6oo

if''
•r

’í
!

•j  !

wurden  aber  gezwungen,  zu  9V2  und  10  Dollars  zu  verkaufen.
Hierbei  verloren  sie  3  Millionen  Dollars.  Nun  etablirten  sie
überall,  namentlich  in  Europa,  Agenturen  zum  Verkaufe  amerikanischer ­
  Provisionen  und  sicherten  sich  durch  diese  einen
Absatz  für  ihre  nächste  grosse  Speculation.  Darauf  kauften
sie  allen  Vorrath  von  Pökelfleisch  in  der  Union,  ca.  250.000  Fass,
zu  9V4  bis  IO'  4  Dollars  und  im  Juli  bis  October  „Optionen
für  1.250.000  Fass  mehr!  Dann  sandten  sie  den  ganzen  Vorrath
  in  alle  Welt  und  schlugen  ihn  durch  ihre  Agenten  in
Europa  und  Südamerika  los,  und  im  Herbste  1880  war  Chicago
leer  von  Pökelfleisch.  Armour  gewann  2  bis  3  Dollars  an
jedem  Fass,  dass  er  damals  noch  besass,  und  4  bis  6  Dollars
an  jedem  auf  Lieferung  gekauften  Fasse;  so  „machte“  er  bei
diesem  Geschäft  7  Millionen  Dollars.
Im  Jahre  1881  hatte  ein  Herr  Keogh  in  Milwaukee,  niit
dem  Armour  unter  einer  Decke  spielen  soll,  Pökelfleisch  aufgekauft,
  als  es  12  Dollars  per  Fass  stand,  und  bis  auf  18  Dollars
hinaufgetrieben.  Er  besass  162.000  Fass  auf  Lager.
Gebrüder  Fowler  steckten  gleichzeitig  in  einer  grossen
Schmalzhausse.
Nebenbei  sei  bemerkt,  dass  in  Mais  und  Weizen  gao^
ebensolche  Geschäfte  gemacht  werden  und  vom  Weizen  oadrei
  Millionen  Bushels  durch  zu  langes  Lagern  bei  grosser
Hitze  in  Chicago  im  Sommer  1881  verdorben  sind.  Trotzdem
machte  man  Mehl  daraus.
Für  Staaten,  die,  wie  Cuba,  England,  Belgien  und  Deutschland, ­
  nicht  mehr  so  viel  Nahrungsmittel  erzeugen  als  ihre  B®
völkerung  bedarf,  ist  es  gewiss  sehr  hart,  in  ihrer  Versorgung
mit  so  wichtigen  Produkten  wie  Brod  und  Fleisch  von  einem
Lande  abzuhängen,  das  diese  Producte  zwar  billiger  pr^
duciren  kann,  als  irgend  ein  anderes  Land  der  Welt,
dem  aber  die  grossen  Profite  der  letzten  Jahre  eine  Anzn
ungeheuer  reicher  Männer  geschaffen  haben,  welche  Geld  genug
haben,  den  ganzen  zum  Exporte  überschüssigen  Vorrath  Amerika
aufzukaufen  und  monatelang  aus  dem  Verkehre  ^u
ziehen,  auf  die  Gefahr  hin,  dass  davon  so  viel  verdirbt,
ein  paar  Millionen  Menschen  in  einem  Jahre  verzehren  würdet»
        <pb n="614" />
        schnif»  lange  Dauer  können  sie  freilich  den  JahresdurchireiJ
  Lebensmittel  nicht  über  seine  natürliche  Höhe
und  j";  Tn*’  1,*'’^'^  können  sie  das  monatelang  thun
kreis*  bnngen  sie  ein  entsetzliches  Schwanken  in  den
Masse  "‘ehtt^ten  Lebensmittel  der  grossen  und  armen
Lebens  T  g'=¡':h2eitig  mit  dem  Preise  der
hunJr  '  Hausseperioden  theilweise
Diese  s  Krankheit  und  Tod  im  Gefolge  hat
sündhnTr“  “““"  Lebensmitteln  der  Arbeiter  ist  eine  der
Sch  un  ^^'Tc  "'cderträchtigsten,  die  Verfäl-Million?
  solcher  Lebensmittel  aber  sollte  an  schurkischen
zeunnm  Galgen  bestraft  werden.  Die  Er-■"ind«.!!'’"
  Lcovisonen  ist  eine  solche  in  Amerika,  dass,
Werden  eine  Garantie  vorhanden  ist,  es
S'offe  als"'«  t  "der  ekelhafte,  oder  ungesunde
als  Nahrungsmittel  exportirt.
Impo  'I  diesen  amerikanischen
als  die  "och  einige  andere  Seiten,
der  r  .  auch  erfolgende  Verminderung
"“"in  bisher  die  es  den  Agrariern
’^^fksam  •  ankam,  Seiten,  auf  welche  man  nur  aufkaner
  tn^nd^s  geschäftliche  Leben  der  Ameri-^
  J-  ""d  Stelle  ansieht.  —  Es  ist  merk-^^fjeniffp
  wenig  davon  bisher  in  den  gedruckten  Berichten
Völker  l"  ^'"den  ist,  welchen  die  Pflicht  oblag,  die
in  Entstehung  von  und  den  Handel
die  fiij.  ^  erzeugten  Lebensmitteln  zu  unterrichten,  und
"^^rden  °  \  ^  Pflichten  mit  Gehalt  und  amtlicher  Ehre  belohnt
^^klusgr  habe  absichtlich  diese  Untersuchung  nicht
^^^oster*.  /"ich  auch  Opfer  an  Zeit  und  Geld
^abg;  çjj  ^  würde,  die  ich  nicht  bringen  kann;  aber  ich
ich  sprepf,  weit  angedeutet,  dass  jene  Herren

Mächte  A  Gesandten  und  Consuln  der  europäischen
ürfen.  o  ~  sich  ihr  nicht  weiter  entziehen  werden

dürfen.

q  .  _  —  wciLci  ciiLAicucu  weraen
o  ten  sie  es  doch  thun,  so  kann  man  sie  ja  einmal
        <pb n="615" />
        6o2

wieder  daran  erinnern,  besonders  die  deutschen,  deren  Schutzbefohlene ­
  ca.  120  Millionen  Pfund  Schweineprovisionen  aus
Amerika  essen.
Für  Oesterreich-Ungarn  ist  die  Sache  sehr  nebensächlicn,
da  dieses  Reich  nur  wenig  Nahrungsmittel  aus  Amerika  im*
portirt  und  sich  sogar  ohne  dieselben  behelfen  kann,
deutsche  Lösung  dieser  Frage  ist  eine  einfache  und  radikale:
Man  legt  einen  enormen  Zoll  auf  Schmalz  und  verbietet
Einfuhr  amerikanischer  Schweine  und  von  Fleisch  derselben.
Ob  die  armen  Arbeiter  sich  nun  werden  genügende  animaliehe
  Lebensmittel  kaufen  können,  ist  eine  andere  Frage!
Uebrigens  haben  Herr  Kern  und  ich  in  Amerika  gelernt,
dass  wir  in  Europa  grosse  Verschwender  sind,  indem  wir  gefallene ­
  Thiere  als  „Aas“  vergraben.  Sie  lassen  sich  zu
Herstellung  von  Dünger  und  Fett  sehr  zweckmässig  verwende  ,
nur  sollte  man  letzteres,  etwa  durch  Zusatz  einer  übelriechende^
und  nicht  von  ihm  trennbaren  Substanz,  denaturalisiren,  s
dass  es  nimmermehr  zur  Speise  von  Menschen,  sondern  n
zu  technischen  Zwecken  verwendet  werden  kann.  Europa
sehr  viele  Schweine,  Pferde,  Rinder,  Schafe,  Hunde,  ku^
Thiere,  von  denen  sehr  viele  jährlich  crepiren  und,  m  o
angegebener  Weise  verwendet,  uns  Hunderte  von  Milhon
Gulden  erbringen  können.  Dadurch  können  wir  die  La
wirthschaft  und  Industrie  heben,  indem  wir  ersterer  «»nen  P
für  gefallene  Thiere  zahlen  und  einen  billigeren,  guten  Ku
dünger,  der  Industrie  ein  billiges  Schmieröl  liefern.
Man  beginnt  in  Amerika  schon,  das  Mastfutter  zu  mise
namentlich  Kleie  zu  Mais  und  Gras  hinzuzugeben,  ^eü  dar
eine  bessere  Verwerthung  des  Futters  resultirt.  Ich  i
hierüber  eine  lehrreiche  Abhandlung  folgen,  die  mir  r
zu  Gesichte  kam  und  deutschen  Schweinezüchtern  nützen
Jedes  Thier  bedarf  zu  seiner  Ernährung,  sei  es
haltung  seines  Körpergewichtes  oder  zur  Vermehrung  de^^
die  in  seinem  Futter  enthaltenen  Nährstoffe,  als  löslich^^^^
weiss  (stickstoffhaltige  Nährstoffe),  wie  Kohlehydrate  un
(stickstofffreie  Nährstoffe)  in  einem  ganz  bestimmten  Gev^^.^^
verhältniss  zu  einander,  wenn  alle  diese  Stoffe  in  dem
        <pb n="616" />
        6o3

õrper  richtig  ausgenutzt  und  ihren  sehr  verschiedenen  Func-Ernährung
  dienen  sollen.  Das  Gewicht  des
aghchen  Futters,  sowie  das  Verhältniss  der  Nährstoffe  zu  ein-.
  richtet  sich  nach  dem  Alter  und  nach  dem  Körperge-1
  ^  ^  Thiere.  So  bedarf  ein  2—3  Monate  altes  Schwein
I"  seinem  Tagesfutter  0.38  Pfund  lösliches  Eiweiss  und
^;50  Pfund  Kohlehydrate  und  Fett,  also  ein  Nährstoffverhält.
»SS  von  I  Eiweiss  zu  4  Kohlehydrate.  Ein  5—6  Monate
»es  Schwein  0.54  Pfund  Eiweiss  und  2.96  Pfund  Kohlehy-^^ate,
  ein  Nährstoffverhältniss  von  i  zu  5.5.  Ein  8—12  Moaltes
  Schwein  0.62  Pfund  Eiweiss  und  4.05  Pfund  Kohlerate,
  ein  Nährstoffverhältniss  von  i  zu  6.5.  Vergleichen
der  Mast  zur  Verwendung  kommenden  Futterst
  ff  einander,  so  finden  wir,  dass  dieselben  die  Nähr-^
  e  in  sehr  verschiedenen  Verhältnissen  enthalten.  100  Pfund
^rtoffeln  enthalten  nach  den  Durchschnittsanalysen  von  E.
pJ  lösliches  Eiweiss  und  22  Pfd.  Kohlehydrate  und
PelHK^^°  Nährstoffverhältniss  von  i  zu  10.6.  100  Pfund
bohnen  enthalten  23.0  Pfund  lösliches  Eiweiss  und
2  .  l»»»»d  Kohlehydrate,  ein  Nährstoffverhältniss  von  i  zu
^•3-  IW  Pfund  Mais  enthalten  8.4  Pfund  lösliches  Eiweiss  und
7  Kohlehydrate,  ein  Nährstoffverhältniss  von  i  zu
lind  Gerste  enthalten  8  Pfund  lösliches  Eiweiss
zu  7  Kohlehydrate,  ein  Nährstoffverhältniss  von  1
i2  6^r  Pfund  Weizen-  oder  Roggenkleie  sind  enthalten
ein  N-8  lösliches  Eiweiss  und  45.3  Pfund  Kohlehydrate,
^ilch  ^  /^^°^^G»'h^ltniss  von  i  zu  3.9.  In  100  Pfund  saurer
l^ohl  enthalten  3.5  Pfund  lösliches  Eiweiss  und  5.7  Pfund
aigQ  ?  yör^te,  ein  Nährstoffverhältniss  von  i  zu  1.9.  Es  ist
ej.  ^  ganzen  Futterstoffen  kein  einziger,  welcher,  wenn
»»Utzt  verfuttert  wird,  in  dem  Thierkörper  richtig  ausge-''^^J’öen
  kann,  dahingegen  kann  durch  Mischung  eines
einem  eiweissarmen  das  Futter  mit
^is  zusammengesetzt  werden,  wie  es  von  der
^lle  ""ö  der  Praxis  vorgeschrieben  ist,  und  so,  dass
z.  p  ^  vollen  Verwendung  kommen.  Würden  wir
100  Pfund  Kartoffeln  ohne  Zusatz  von  einem  eiweiss-
        <pb n="617" />
        6o4

reichen  Futterstoffe  allein  den  Mastschweinen  verfüttern,  so
würden  von  den  24  Pfund  Nährstoffen,  welche  in  den
100  Pfund  Kartoffeln  enthalten  sind,  nur  13—14  Pfund  indem
Körper  Verwendung  finden,  die  anderen  10  Pfund  gehen  ungenutzt ­
  durch  das  Thier,  schwächen  die  Verdauung,  verursachen ­
  krankhafte  Zustände  und  verschlechtern  den  ausgeschiedenen ­
  Dünger  in  seiner  Zusammensetzung.  Der  Mais
wird  ebenfalls  sehr  oft  unrationell  verfüttert,  wenn  er  zur  Mast
verwandt  wird.  So  herrscht  oft  die  irrige  Meinung,  dass  man
durch  den  Mais  die  Erbsen  oder  Rohnen  in  dem  Futter  ersetzen ­
  könne  und  wendet  denselben  häufig  zur  Schweinemast
mit  Kartoffeln  vermengt  an.  Wir  haben  nun  vorstehend  schon
gesehen,  dass  bei  100  Pfund  Kartoffeln,  wenn  dieselben  allein
verfüttert  werden,  10  Pfund  stickstofffreie  Nährstoffe  nicht  zur
Geltung  kommen  können.  100  Pfund  Mais  enthalten  73.8  Pfund
lösliche  Nährstoffe,  wovon,  wenn  der  Mais  allein  verfüttert
wird,  auch  nur  60  Pfund  in  dem  Thierkörper  ausgenutzt,
13  Pfund  aber  als  ungenutzt  von  dem  Thiere  ausgeschieden
werden.  Mengen  wir  also  100  Pfund  Kartoffeln  mit  100  Pfnn
Mais,  so  haben  wir  in  dem  Gemenge  98  Pfund  Nährstoffe»
wovon  75  Pfund  ausgenutzt  werden  und  23  Pfund  als  unge
nützt  verloren  gehen.  Rechnet  man  100  Pfund  Mais  zu  8  Mk-50
  Pf  und  100  Pfund  Kartoffeln  zu  2  Mk.  50  Pf,  so  kostet
dieses  Futter  11  Mk.,  also  berechnen  sich  die  23  Pfund  nn
benutzt  gebliebener  Nährstoffe  auf  2  Mk.  58  Pf,  fast  ties
Geldwerthes.  Würde  man  nun  für  diese  2  Mk.  58  Pf  Bohnen
Schrot  (ca.  36  Pfund)  den  Kartoffeln  und  Mais  zusetzen,  ^o
würden  alle  Nährstoffe,  welche  in  den  236  Pfund  enthalten
sind,  ganz  ausgenützt  werden,  weil  das  Nährstoffverhältm^
durch  den  Zusatz  von  Bohnen  ein  richtiges  geworden  ist,  nn
können  nun  die  in  dem  Futter  enthaltenen  Eiweissstoffe  ^
Fleisch  und  Fett  abgelagert  werden.  Man  wird  also  1^1^^^
einsehen,  wie  viel  Geld  man  in  einer  einzigen  Mastpen^
durch  fehlerhafte  Futtermischungen  verlieren  kann.  Im  ^
gemeinen  kann  man  folgende  Futtermischungen  für  Schwc»
machen:  .
100  Pfund  Bohnen  oder  Erbsen  mit  650  bis  700  Pfund  Karton®
        <pb n="618" />
        6o5

^oo  Pfund  Kleie  mit  150  bis  200  Pfund  Kartoffeln,
^00  Pfund  saure  Milch  mit  150  bis  200  Pfund  Kartoffeln,
^00  Pfund  Mais  mit  50  bis  90  Pfund  Kleie,
*oo  Pfund  Mais  mit  23  bis  25  Pfund  Bohnen  oder  Erbsen,
ï00  Pfund  Gerste  mit  100  Pfund  saurer  Milch  oder  60  bis
80  Pfund  Kleie  oder  20  Pfund  Bohnen  oder  Erbsen.
Roggenfüttern  muss  man  ebenfalls  eine  Zugabe  von
Sen,  Milch  oder  Kleie  machen,  ebenfalls  bei  Buchweizen.“
Schliesslich  theile  ich  noch  die  Statistik  der  grossen
flacht-  und  Packanstalten  aus  1880  mit:  Es  gab:

verarbeitete  Thiere  1000  Stück

Arbeiterzahl

V  ö

^  Q

Staat.

Durchschnitts ­
 ­

Ibs.

Rinder

Schafe

u.S  «

N  u,

(fí  y

^nion
‘"diana
Jowa

len

Mi

ansas

M

'ssouri

»r-^exas


872
51
»43
25
38
»4
65
77
128

49.419
2.130
12,019
3-974
»•955
1.669
2.327
2.904
4.543
5.487
2.938
959

26.113
467
10.217
»-790
1.488
1.0:7
1.743
».258
1.688
».950
53»
1.003

1.184
20
73»
25
44
53
103
5
22
74
21

29

202

16.688

300  90

»755.533
111.668
595.274
59.190
4.885
»».958
37.627
»33.484
437.743
40.373
70.616
9.261

1.100
1.061
990
1.202
1.104
1.004
923
1.196
1.271
1.014
1.316
1.074

2.233.701
414.185
47.783
5.200
4137
5023
10.011
358.689
766.141
12.318
117.940
4.783

Staat.

p"ion
wt'sr-"
^"diana
Jpwa
Ohio
^(^as

Schweine

Ü

Schweine.
Totalwerth ­

1000  D

Gekaufteausgeschlachtete

Schweine,
Zahl

O

Werth.

ussetts
York

16.098.428
235.777
5.745.263
963.482
972.965
384.502
1.138.068
761.827
913.245
».434.179
152.266
496.579

375

248
211
259
247
262
256
247
290
202
246
272
_24^
112

158.680
1.805
58.231
9  493
8.959
3-495
10.003
10.524
8.539
»3484
1.796
4.914

»748.979
14.400
259.207
2.735
6.786
136.064
9.200
718.630
»43  250
196.608
16.170

209
188
234
178
162
2»5
215
160
213
201
»76

17.767
»41
2.859
34
40
978
»35
6.061
1.644
2.763
170
        <pb n="619" />
        (  ■&amp;gt;

6o6

Ein  ganz  neues  Unternehmen  muss  noch  erwähnt  werden.
Die  Firmen  Hamond  und  Swift  in  Chicago  schlachten  viele
Rinder  und  versorgen  die  Städte  der  Oststaaten  mit  ausge
schlachtetem  Rindfleisch.  Sie  haben  die  kleinen  Konkurrenten
verdrängt  und  eine  Art  Monopol.  Ihnen  gegenüber  ist  1883
eine  mächtige  Compagnie,  bestehend  aus  Eastman,  Monroe,  Van
derbilt  und  Arnold  entstanden,  welche  Rinder  in  Chicago
schlachten  und  das  Fleisch  in  Refrigeratorenwaggons  nach  den
einzelnen  Städten  des  Ostens  senden,  in  Chicago  also  eine
Centralrinderschlachtanstalt  für  die  Oststaaten  schaffen  wi
Angeblich  wollen  sie  hierdurch  den  Handel  und  Transport
von  Rindvieh  heben,  wodurch  sie,  bei  Bahnen  betheih^,
Transportgewinn  machen.  Am  Schlachten  wollen  sie  nnge
lieh  nichts  gewinnen.  Dadurch  würde  Rindfleisch  billiger  ^
den  Oststaaten  werden.  —  Könnte  man  nicht  ebenso,  z.
von  Pest  aus,  ganz  Oesterreich  mit  Rind-  und  Schweinefleisc
versorgen?  Der  Grossbetrieb  der  Schlächtereien  ist  billig
als  der  kleine,  Abfälle  sind  rationeller  zu  verwerthen  und  der
Transport  der  Rinder  aus  Ungarn  und  Galizien  nach  Pest  is
billiger  als  der  nach  Wien.
        <pb n="620" />
        XXXIV.  Capitel.
Von  Chicago  nach  Manitoba.
Am.16.  September  i88i  verliess  ich  mit  dem  Frühzuge
•cago,  um  mich  direkt,  ohne  Aufenthalt  an  einer  Zwischen-^ätion,
  nach  Fargo  am  Red  River  im  Territorium  Dakota  zu
^  Ggeben,  welchen  Ort  ich  am  17.  Abends  erreichte.  Am
selb^”  Graf  Imre  Széchényi  dort  eingetroffen.  Derp
  ^  die  anderen  vier  Herren  am  ii.  September  in
^ort  Custer,  nachdem  die  erste  gemeinschaftliche  Jagd  beendet
Zurückbleibenden  wollten  noch  eine
sI^vT'  von  Fort  Custer  aus  machen.  Graf  Imre
ényi  hatte  eine  sehr  mühevolle  Fahrt  von  2%  Tagen
Rj  ^^chten  im  Postwagen  bis  Glendyve  am  Yellowstone
^‘ver  in  Montana  zurückzulegen.  Von  da  ab  bis  Fargo  war
ämals  die  Northern  Pacific-Eisenbahn  bereits  vollendet,
zu  Eisenbahn  soll  von  Duluth  am  oberen  See  bis
Wbd  •  Ocean  laufen  und  1684  Meilen  lang  werden.  Sie
kürzeste  der  Pacific-Bahnen  werden,  im  Winter  aber
zu  kalt  sein.  Sie  dürfte  die  beliebteste  Sommerauf
  der  wir  nach  Californien  fuhren,  durch  .Kansas
Par  die  Winterbahn  werden.  Von  Chicago  über
und  die  Northern  Pacific-Bahn  hat  man  2114  Meilen
Uq^  Stillen  Ocean  in  Oregon,  von  Chicago  über  Omaha
Suçji*  ^den  nach  San  Francisco  2416  Meilen,  und  über  die
öeit,-  ^  ^°ute  von  Chicago  über  Kansas  City  (513  Meilen),
(^^33  Meilen)  nach  Los  Angeles  am  Stillen  Meere
Atl  .  bis  San  Francisco  aber  2844  Meilen.  Durch  die
wird  diese  Bahn  erheblich  verkürzt  werden.
96  ^Gw-York  verlängern  sich  diese  Distanzen  noch  um  ca.
eilen  jede.  Somit  ist  es  von  New-York  nach  dem
        <pb n="621" />
        6o8

Stillen  Meere  resp.  3077  Meilen  über  Fargo,  3379  Meilen  über
Omaha  und  3324  Meilen  über  Kansas  City.  Man  wird  diese  Entfernungen ­
  zu  schätzen  wissen,  wenn  man  sie  mit  europäischen
vergleicht.  Es  sind  Kilometer  von  Budapest  nach  Wien  27^’
nach  Tetschen  458,  Dresden  62,  Berlin  176,  somit  von
Budapest  nach  Berlin  auf  diesem  Wege  974  Kilometer
848  englische  Meilen.  Die  Strecke  der  Northern  Pacific-Bahn
von  Duluth  bis  Fargo,  254  Meilen,  ist  schon  seit  1872/73
vollendet.  Da  kam  der  „Krach“  und  der  Bau  blieb  liego*^*
Die  von  der  Bahn  ausgegebenen  Bonds  fielen  so  sehr,  dass
man  einen  Bond  von  100  Dollars  nominell  um  10  Dollars
kaufen  konnte.  Man  hatte  das  Recht,  für  solche  Bonds
Ländereien  zu  kaufen,  welche  der  Bahngesellschaft  von
der  Unionsregierung  gegeben  waren,  und  wurden  diese  Bon  s
al  pari  in  Zahlung  genommen.  Speculanten  kauften  nun
besten  Ländereien  um  2'/2  Dollars  per  Acre  an  und  zahlten
dafür  2'¡2  Dollars  in  Bonds,  so  dass  der  Acre  Land  nur
25  Cents  baar  kostete.  Erinnert  solcher  Landkauf,
sich  neben  anderen  amerikanischen  Eisenbahnlinien  wiederholt ­
  hat,  nicht  an  den  Ankauf  von  Gütern  der  französischen ­
  Emigranten  durch  die  berüchtigte  „Bande  noir  j
welche  den  Kaufpreis  in  entwertheten  Assignaten  erlegt®
Auf  diese  Weise  sind  die  Dalrymple-  und  andere  grosse  oder
„Bonanza-Farmen“  entstanden.  Seit  einigen  Jahren  beg^
bekanntlich  ein  neuer  Aufschwung.  Die  Eisenbahngesellscha^
reorganisirte  sich  und  nahm  den  Bau  wieder  auf,  1881  ware^
schon  über  800  Meilen,  von  Duluth  westlich,  fertig  und
Betrieb.  Ansiedelungen  folgen  schnell  dem  Bahnbau.  J  ^
Széchényi  meint,  der  Boden  sei  von  Fargo  194  Meilen  west  ^
bis  Bismarck  am  Missouriflusse  Ackerboden,  von  da
Waidegrund.  Indess  reiche  das  fruchtbare  Red  River  -  T  ^
im  Westen  nicht  bis  Bismarck,  sondern  nur  bis  JamestoW^
Von  da  ab  westlich  wird  der  Boden  hügelig  mit  steinig®
Untergründe,  nur  in  den  Thälern  ist  der  Boden  gut.
Es  ist  die  Politik  der  Bahngesellschaft,  das  Land  an
den  Seiten  der  Linie  schnell  besiedelt  zu  bekommen,  des  »  ^
steigt  der  Tarif  für  Getreidetransport  nicht  mit  der  Ent
        <pb n="622" />
        6og

Stationen  67  Meilen  westlich  von
zen  ^  Fargo  selbst,  für  den  Bushel  Wei
Paul  T  7°^^"  Waggonladungen  —  nach  Duluth  oder  St.
Comn2  .  ^'""eapolis  gleichmässig  15  Cents.  Wenn  die
dürfte  ^  g^^orige  Land  verkauft  haben  wird,
Gefahr  f"  7"  ist  ja  die  einzige  ernstliche
in  den  Westen  Amerikas,  dass  sie  sich  zu  sehr
ihnen  rf  Eisenbahngesellschaften  befinden,  welche
Theüi^^  Pr^i^ne^
tarife  d.  Staaten  pflegen  dann  die  Maximal-Gesetze
  zu  fixiren.
^isconl^'^L^t  Hauptstadt  von
flüsse  p  Minneapolis,  beide  am  Mississippi-^'Ppi
  Minnesota,  gelegen.  Der  Missisvon
  hier  bis  New-Orleans  schiffbar.
Brained  Zwillingsstädten  läuft  die  Bahn  bis
ihn  hier  °^^^Gn  Mississippi  und  überschreitet
am  p?'  nordwestlicher  Richtung  nach  Fargo
Von  Glv  ri  hinzuziehen.  Auf  der  Rückreise  benützte  ich
anderen  südlichere  Bahn  nach  St.  Paul,  um  einen
fuhr  ich  u  Minnesota  zu  sehen,  und  von  St.  Paul  ab
mit  demTi?  ^^stete  dort  und  fuhr  dann  parallel
diese  w  -  Michigan-Sees  südlich  nach  Chicago.  Auf
^'"nesntr^''  ^  ^höne  Rundreise  durch
Y  ^  nnd  Wisconsin  gemacht.
i^hiniJ"  his  Brainerd  ist  der  Boden  überwiegend  gut,
Prairit  ^""niskruste  bedeckt,  eine  wellenförmige
("eich  ’  ^hlreichen  Flüssen  und  Bächen  durchzogen  und
Hügclp.  .  ^nweilen  bricht  sich  eine  felsige
kaufen  ^  fruchtbaren  Boden.  An  den  Wasser-Btellçjj
  Hügeln  findet  man  viel  Laubwald;  an  vielen
,^^^h  der  jetzt  mit  Getreide  bestellte  Boden
'’icht  ei  8^®hlart  werden.  Man  sieht  kaum  baumloses  und
AnK^^  armtes  Land  auf  dieser  ganzen  Strecke,  nur  wird
his  Brainerd  seltener.  Die  Boden-Í8con%

  ^“i’chgehends  besser  als  in  Nebraska  und  Jowa.
*st  ein  älter  angesiedelter  Staat,  der  durch  seine
39
        <pb n="623" />
        6io

Lage  am  oberen  und  Michigan-See  schon  lange  billige  Tran  '
portkosten-  für  sein  Getreide  hatte,  und  die  Farmer  sind  zum
grossen  Theile  Deutsche.  In  dem  nördlichen  Theile  von  Minnesota ­
  giebt  es  sehr  viele  skandinavische  Ansiedler.  Alle  cu^
tiviren  fleissig,  aber  sie  sind  —  ich  rede  von  den  seit  wenig
Jahren  angesiedelten  Norwegern,  Schweden  und  Dänen  ^
augenscheinlich  recht  arm  herübergekommen  und  können  nu
wenig  Capital  auf  ihre  einfachen  Wirthschaften  verwende^-Sie
  arbeiten  vielfach  mit  Ochsen,  während  amerikanische  a
mer  fast  ausschliesslich  die  theureren  Pferde  in  Wagen  u
Pflug  benützen.  Die  Ställe  sind  oft  mit  Stroh  gedeckt,  aD
aus  Lehm,  Steinen  oder  Holzstämmen  blockhausartig  ’
gegen  die  Winterkälte  Schutz  gewährend,  hergestellt.  In
consin  findet  man  dagegen  viele  schöne  Farmen,  die  Zeic
des  Wohlstandes  ihrer  Besitzer  verrathen,  und  wird
gedüngt.  Nichts  wäre  irriger  als  die  Annahme,  dass  Ansie
hier  ohne  harte  Arbeit  zu  Reichthum  gelangten;  aber  so
Leute,  die  in  Europa  um  30  bis  50  kr.  Lohn  täglich  hart
beiten  müssen,  ohne  je  die  Aussicht  zu  haben,  auch  nur
Haus  und  fünf  Acres  Land  nach  zehn-  bis  zwanzigjähriger
beit  für  ihre  Ersparnisse  kaufen  zu  können,  sind  hier  im  Stad
als  Knechte  in  fünf  bis  sechs  Jahren  so  viel  zu  erwerben,
sie  eine  Homestead  von  160  Acres  zu  bewirthschaften  an^^^
gen  können,  und  nach  neuen  sechs  Jahren  können  sie  da^^^
100  Acres  unter  dem  Pfluge,  acht  bis  zehn  Pferde  und  e
viele  Kühe,  Schafe,  Schweine  und  die  Gebäude  voll  Getr
haben.  Mit  einem  Worte,  ein  mittelloser  Landarbeiter  ^
hierin  zehn  bis  zwölf  Jahren  ein  wohlhabender  Bauer  we
—  bei  uns  nicht.  Das  erklärt  die  Auswanderung.
Wenn  in  Mitteleuropa  Denjenigen,  die  daselbst
formen  rathen,  entgegengehalten  wird,  solche  Reformen
nutzlos  sein,  da  der  „bäuerliche  Sinn“  schon  g^schw
sei,  so  könnten  diese  Pessimisten  hier  in  den  Nordwests
der  Union  mit  Händen  greifen  lernen,  wie  die  Zeit  fuf
Bauernstand  noch  nicht  verloren,  wie  der  bäuerliche  Sinn  ^
nicht  geschwunden  ist,  wie  hier  vielmehr  aus  den  krümme
europäischen  Bauern-  und  Landarbeiterstandes  ein  neuer  »
        <pb n="624" />
        deren  P  f'í'’  Europa  Staatsmänner  ruiniren,
stint  und  das  Börsenspiel  begunsie
  h  K  achtet  man  sich  die  Revolution  und  wird
Und  V  von  Norden  nach  Südosten
die  ält°"  Osten  zu  fahren,  aus  den  neuesten  in
stand  ,f‘='‘^''‘’U“s‘uuten,  und  zu  sehen,  wie  dieser  Bauern-■änner
  '%°^'''nbender  und  selbstbewusster  mit  jedem  Jahre
regier»  Onnde  sitzt,  wurde.  Sie  verwalten  und
sie  snr  die  alten  Westphalen  und  Ditmarschen,
SchulL*'"^  d"  P'dnden  Kirchen  und
leiten  "  besuchen  sie,  sie  haben  Vereine  und  Banken  und
sichert  dass  der  Bauer  nur  die  geder
  “"d  daneben  Freiheit;  dass  er
kann  d  Geheim-  und  anderen  Käthe  entbehren
Geseree  T  "'cht  ein  Opfer  unnatürlicher
Kansas  ï  T"  -"¡serablen  Administration  wird.  Ja,  in
Bauernl,  a  ^  Nebraska,  Minnesota,  Dakota  lebt  jener  edle
Weil  m  t  besingt,  wieder  auf,  und  warum?
auch"  •  "ran,  nach  Simplicius,
Sein  Lnn  dreissigjährigen  Kriege  nicht  nehmen  durfte  —

HöhZr  ^'■=*i""d  bis  Perham  läuft  die  Bahn  durch  ein  hügeliges
"’“oripe"  D  aandigen  oder  steinigkiesigen  und  stellenweise
eignet  1  "°dcn  hat,  zum  Ackerbau  sich  also  ebensowenig
Walti  ^  u  urahsch-baltische  Landrücken  in  Preussen.  Der
holz  TV  u  ^  niedrigem  Laub-  und  selten  aus  Nadelreiche
  ^Grden  auf  diesem  Boden  nicht  gross;  zahlfinden
  ^^yon  innerhalb  grosser  mooriger  Wiesen,
findet  Thälern  dieses  Höhenrückens.  Nur  selten
ärmliche  Farm,  deren  Bewohner  sich  von
Glicht  n  ^  Holzschlagen  nähren.  Das  Holz  wird
^On  ^  Brennholz  weggefiihrt,  sondern  namentlich  auch
Vdw^*^  Heizmaterial  benützt,  wie  im  ganzen
^nte  den  ich  von  St.  Paul  ab  bereist  habe.  Wenn  das
^an  Amerika  alles  aufgenommen  sein  wird,  wird
haue,^  Hafer,  Roggen,  Kartoffeln  und  Buchweizen
’  Wie  heute  in  Hinterpommern.  Von  Perham  ab  steigt
        <pb n="625" />
        6i2

die  Bahn  langsam  in  das  Thal  des  Red  River  of  the  North
hinab  und  beginnen  die  Farmen  zahlreicher  und  besser
werden.  Bei  Glyndon  fängt  das  eigentliche  Thalbett  dieses
Flusses  an,  der  sich  von  den  anderen  amerikanischen  Flüssen
nicht  nur  durch  die  fabelhafte  Fruchtbarkeit  seines  Thalbodens,
sondern  auch  dadurch  auszeichnet,  dass  er  und  der  St.  Johns
River  in  Florida  die  einzigen  nach  Norden  fliessenden  Flüsse
der  Union  sind.  Das  westliche  Thalufer  des  Red  River  ist
breiter  als  das  östliche,  weshalb  die  Ansiedlungen  westlich
sich  weiter  vom  Flusse  abwärts  ziehen  als  im  Osten,  wo  man
bald  auf  die  bewaldete,  sandige  Hügelkette  stösst.
Man  kann  sagen,  dass  die  Staaten  Wisconsin,  Minnesota
und  Dakota,  von  den  Seen  ab  bis  zum  loo.  Meridian,  üer
etwas  östlich  von  Bismarck  durch  Dakota  läuft,  die  Fort
Setzung  jener  fruchtbaren  und  zum  Ackerbau  sehr  geeigneten
Ebene  bilden,  welche  wir  schon  in  Kansas  und  die  ich  dann
später  in  Nebraska,  Jowa  und  Illinois  getroffen.  Auch  hieb
in  ihrem  nördlichen  Theile,  fangt  westlich  vom  lOO.  Meridi^*^
die  Weidegegend  an.  In  dem  jetzt  von  mir  durchreisten  nör
liehen  Theile  wird  sie  von  Bodenerhebungen  durchzogen^
welche  die  Wasserscheide  zwischen  jenen  Flüssen  bilden,  diÇ
einerseits  zum  Golf  von  Mexico,  andererseits  zur  Hudson-F^*
fliessen.  Diese  Bodenerhebung  aber  trägt  nicht  den  Charak^
eines  Felsengebirges,  sondern  den  eines  bewaldeten  Hüg
landes  und  gestattet  vielfach  die  Ausnützung  durch  Acker
und  überall  durch  Viehzucht.  Das  Klima  ist  jenem  der  no'"  ^
deutschen  Tiefebene  ähnlich,  nur  dürften  die  Sommer  heiss
sein.  Mosquitos  machen  aber  diese  Sommer  besonders  as
und  erstreckt  sich  diese  Plage  bis  in  das  Nordwestterritor*^^
von  Canada  hinein.  Die  Mosquitos  sollen  nach  den
den  Zweck  haben,  das  Vieh  aus  den  Gebüschen  im
fern  zu  halten  —  denn  am  Wasser  und  an  Buschwerk  s
sie  am  zahlreichsten  —  damit  im  Winter  das  Vieh
an  den  geschonten  Zweigen  finde.  Nach  Anderen  enth"  ^
Gift,  das  der  Mosquitostich  dem  Menschen  beibringt,  ein
gengift  gegen  die  Fieber,  die  an  allen  Wasserreservoirs
ses  Theiles  von  Amerika  mehr  oder  weniger  im  Som
        <pb n="626" />
        6i3

baskn  ï"  •  Ebene  von  Nordwestcanada  bis  zum  Athabaren
  Pk^  nördliche  Abschluss  dieser  grossen,  fruchtiden
  u  denselben  Untergrund  hat,  aber  von

Süd

Selben  Norden  an  Höhe  abnimmt,  dagegen  in  der-Beding
  Winterfruchtbarkeit  gewinnt,  wodurch  die
in  der  Prairie  von  Süden  nach
desto  ,  "'r  ®PP«”  &amp;lt;&amp;gt;■““  Graswuchs  war,
die  srK  'S«  jetzt  das  Resultat  seiner  Vermoderung,
so  Humusschichte.  Der  Boden  wird  also  um
dringt  ttom  Süden  nach  dem  Norden
gasthche  dafür  auch  um  so  kälter  und  un-53

  92a  n  T*"  34.5tt.360  Acres
Qttadratmeilen,  Minnesota  von  53.459.840  Acres
''ttoo'  0“^  ““”®  “  P'^kota  von  96.596.480  Acfes
GebL'^^  Qtiadratmejgn.  m  letzterem  Staate  ist  allerdings  viel
stark  '^«do'attd.  Trotzdem  die  Bevölkerung  ziemlich
betrug.  noch  eine  äusserst  dünne.  Sie

di

D

Staat
1840
Wisconsin  30.945
Minnesota  ?
I^akota  p

Einwohner
1850  i860  1870
3*^5.391  775.881  1.054.670
6.077  172.023  439.706
^  4.837  14181

1880
1.315.480
780.806
135  180

'oe  südi;  schon  weniger  zum  Maisbau,  ah
Maisp^  ^  gelegenen  Staaten,  dennoch  stieg  di*
Jahre  Wisconsin  von  7.500.000  Bushels  i
b  _  I060  auf  '  T_L

im

^  uuäneis
Nhels  •  °  15000.000  im  Jahre  1870  und  40.310.00c
im  J^bre  1880;  in  Minnesota  von  2.900.000  Busheh
i860  auf  4.900.000  Bushels  im  Jahre  1870  und

16.

OqR  ‘f.ytjw.uuu  D
^•000  Bushels  im  Jahre  1880.
Hauptfrucht  dieser  Länder  ist  der  Weizen.
^roduc^.  ^^^^^"P^O(i"ction  Dakotas  ist  neuen  Datums.  Die
^df  §  g  ^879  2.830.000  Bushels  betragen  haben,  1881
î*'  *882  auf  13.000.000  Bushels  gestiegen  sein.
^  JahreJahre  i860  nur  2  Millionen  Bushels,
‘  70  19  Millionen  Bushels  gebaut,  im  Jahre  1880
        <pb n="627" />
        614

aber  schon  40.752.000  Bushels.  Der  Weizenbau  von  Wisconsin
bleibt  fast  stabil.  In  diesem  Staate  wurden  1850  15.6  Millionen ­
  Bushels,  1870  25.6,  1875  25.2,  1876  16.8,  1877  22.0,
1878  21.1,  1879  20.5,  1880  16.4,  i88i  19.5  Millionen  Busheis
gebaut.  Der  durchschnittliche  Marktpreis  des  Weizens  auf
hauptsächlichsten  Binnenlandmärkten  jener  Staaten  und
Staates  New-York  war  in  Cents:

1880  100  «7
Es  ist  interessant,  zu  beobachten,  wie  der  Unterscnie
Preise  zwischen  Weizen  aus  diesen  Weststaaten  und  W
im  Exporthafen  von  New-York  sich  verringert.  Dieser  Unt
schied  betrug,  d.  h.  es  wurde  in  den  Weststaaten  weniger  g
zahlt  als  in  New-York,  per  Bushel  in  Cents:
Jahr  1867  1868  1870  187a  1876  1877  1878  1879  1880
in  Wisconsin  87  108  40  6a  30  aç  35  3^
in  Minnesota  116  lag  58  8a  41  31  5*  45  ^  3*  j
Minnesota  liegt,  was  Transportkosten  des  Weizens
also  den  Preisunterschied  zwischen  Weizen  im  Binnen  2
und  in  New-York  anbelangt,  jetzt  so  nahe  an  Europa,
Ohio  im  Jahre  1870!  jjg-Es
  wird  sich  hier  empfehlen,  einige  Worte  über
portkosten  des  Weizens  aus  diesen  Staaten  zu  sagen.
selben  betrugen  im  Sommer  1881  für  je  100  Ibs.  ^^^gß,
Vincent,  an  der  Grenze  Canadas,  bis  St.  Paul,  389  j^gj.
oder  Duluth  30  Cents,  von  Bismarck  nach  St.  Paul,  4^9
len,  55  Cents,  von  Selkirk  nach  St.  Paul,  454  Meilen,  4°
        <pb n="628" />
        6i5

in  St.  Paul,  275  Meilen,  25  Cents,  von  Florence
dab’  Chicago,  376  Meilen,  33  Cents,  von  Madison
}jj^  ^39  Meilen,  16  Cents,  von  Watertown  in  Dakota  da-662
  36  Cents,  von  Huron  in  Dakota  dahin,
len  n  Cents,  von  Tracy  in  Minnesota  dahin,  526  Mei-Ês*
  9  ents,  von  St.  Paul  nach  Chicago,  410  Meilen,  20  Cents,
Uek,  Dampfschifffahrts-Compagnie,  der  die
Buffer  gehören,  welche  Getreide  von  Duluth  nach
geschi°  hat  mit  den  Eisenbahnlinien  einen  Vertrag
T  essen,  wonach  diese  ihr  eine  gewisse  Zahl  Bushels  zum
gewisT”  '^egegen  sie  sich  verpflichtet,  eine
alles  M  Ul  P™httarifs  innezuhalten.  Dies  gilt  für
Und  ,  Minneapolis,  das  man  nicht  lagern  lassen  kann
as  also  auf  einen  regelmässigen  Transport  angewiesen  ist.
Schiffen,  die  nicht  der  grossen
Die  Pi®"''  g®'’®’’®'’’  °f‘  au  sehr  billigen  Sätzen  transportirt.
Per  Duluth  :  Cents
Per  Ml  **  P®’’  Bushel  oder  35.6  Kreuzer
I.  n,  Lagern  durch  den  Winter  in  Duluth,  vom
Bahnen*"?"  Bia  Mitte  April.  Locale  Elevatoren  an  den
^uslad  Berechnen  z'/z  bis  3  Cents  per  Bushel  für  Ein-  und
'S8i  k!."’  Lag®™  und  Feuerversicherung.  Am  16.  September
etrug  die  Fracht  für;

Minneapolis
nach

Boston
¡^®»-York
euiladnlpi,;
»  •

I  Barrel  Mehl
von  ai4  Ibs.  Brutto
Ro  Cents
70
66  „
40  ,
64  „

I  Bushel  Weifen
von  60  Ibs.
34  Cents

20
12
19

^'iluth  ^  per  Bahn.  Per  Bahn  nach  Duluth  und  von
^*’össer”^p^  Wasser,  3  Cents  per  100  Ibs.  weniger.
^  osten  wurden  in  Spezialcontract  billiger  befördert.
StaatR  gehört  in  seinem  östlichen  Theile  mit  zu  dieser
'^'ïgruppe.
        <pb n="629" />
        6i6

Die  Zahl  der  Farmen  betrug

1850

Montana
Dakota
Minnesota
Wisconsin

157
20.177

i860

123
18.181
69.270

1870

851
1.720
46.500
102.900

1880

1-519
17.435
92,386
134.322

Davon  1880  gross  Acres

12
36
604
2.516

13
63
952
3.200

62
210
8.003
22.718

63
547
25.530,56.375
44.719,60.296

1.256

246

16.253

145

741

109

666

Im  Jahre  1880  wurden  Farmen  bewirthschaftet  von:

Staat

Eigenthümer

Pächter

Métayer

Montana
Dakota
Minnesota
Wisconsin

1.439
16.757
83.933
122.163

17
72
1.251
3.719

63
606
7.202
8.440

Viehzahl  je  1000  Stück  in  1880  und  Vermehrung  seit
1870  in  pCt.  betrug:

Staat

295

184

160

610

Montana
Dakota
Minnesota
Wisconsin

564

9.005

47

35

3.0'

63

1.558

877

89

491

437

1-335

30

I.IOI

40

157

381

138

268

284

36

—16

276

102

127

177

347

257

j20

129

478

88

—46

622

1.337

70

352

40

39

durch

Die  Abnahme  der  Arbeitsochsen  und  ihre  Ersetzung
Pferde  und  Maulthiere  ist  immer  ein  Zeichen  von  wachsendest
Wohlstand  der  Farmer.
_  ,  ,  ,  ,  ,  _  ,  ...  bei

Das  fruchtbare  Thal  des  Red  River  beginnt  etwa

Meil®^

Breckenridge,  etwas  südlich  von  Fargo,  ist  ca.  350

der

lang  und  100  Meilen  im  Mittel  breit.  Sein  Hauptort  in

Meil®*’

Union  ist  die  schnell  aufblühende  Stadt  Fargo,  270  ivic
von  St.  Paul,  242  Meilen  von  Duluth  entfernt;  auf  canadisc  c
Gebiete  aber  die  schöne  und  sich  noch  rascher  entwicke
Stadt  Winnipeg,  beide  am  Red  River  gelegen,  der
Fargo  ab  schiffbar  ist.  Mit  seinen  Seitenthälern
        <pb n="630" />
        6i7

fruchtbare  Gegend  circa  40  Millionen  Acres  anbaulahigen
  Boden.
^  ^  Dieser  Boden  ist  thatsächlich  ein  Wunder  von  Fruchtbaren ­
  und  für  einige  Generationen,  also  solange  wie  die  Sache
We^H  angeht,  unerschöpflich.  Hiemit  soll  nicht  gesagt
r  en^  dass  ein  Dalrymple  in  seiner  rohen  Weise  darauf
wird  hindurch  reiche  Weizenernten  machen  werde.  Das
B  ,  sicherlich  nicht  thun,  weil  bei  der  üblichen  liederlichen
rbeitung  des  Bodens  derselbe  bald  mehr  Unkraut  als
dünne  Ackerkrume  von  drei  bis  fünf
sao-e  natürlich  erschöpfen  muss.  Wenn  ich  unerschöpflich
die  n^^^ne  ich,  dass  bei  Ackerung  von  sechs  Zoll  Tiefe,
soro-fM  ^^^hn  Zoll  allmälig  verbessert  wird,  bei
^  gialtigem  Eggen  und  Walzen  der  Boden,  bei  Fruchtwechsel
durch^°^  Dingen  bei  Entwässerung  durch  Drainage,
Um  d  Generationen  nicht  gedüngt  zu  werden  braucht,
dennoch  reichliche  Ernten  zu  geben.
löslich  ""c'cher  Kalk  und  alkalische
ist  ^  ^  enthält,  er  ist  fast  überall  steinfrei.  Dieses  Thal
DrasT  nicht  brach,  mit  üppigem  hohem
Die  r  nahrhaften  Blattpflanzen  dicht  bewachsen,
selten  dieser  mehrtausendjährigen  Vegetation  sind  nicht
viele  ^  Prairiefeuer,  wie  auch  wir  dergleichen
auf  j  breit  wüthen  sahen,  in  Asche  verwandelt  oder
rotte/""  verfault.  Durch  die  Ueberbleibsel  dieser  ververbrannten
  Prairiegräser  ist  die  Lehmschichte
auch  schwarz  gefärbt.  Stellenweise  ist  der  Lehm
gross  kiesig  oder  sandig.  Ueberall  bietet  er  das  Bild
das  St^  Züchtbarkeit.  Es  ist  also  ganz  begreiflich,  dass  man
ansam  ^1"  “^«zall  verbrennt  und  den  sich  neben  Viehställen
^Çnn  •  etwas  Lästiges  behandelt.  Die
Bren»  Manitoba  machen  Ziegel  daraus,  die  sie  als
Material  benützen.
und  Bäche  ergiessen  sich  von  beiden
^'ßenes  River.  Jeder  derselben  hat  wieder  sein
Wie  de’  fruchtbares  Thal,  aber  er  hat  auch  noch,  gerade
Red  River  selbst,  eine  andere  grosse  Annehmlichkeit:
        <pb n="631" />
        6i8

schönen  Laubwald  an  seinen  Ufern.  Abgesehen  von  diesen
bewaldeten  Bachufern,  ist  die  Prairie  absolut  eben,  stein-  und
baumlos,  also  sehr  leicht  zu  beackern.  An  den  bewaldeten
Flussufern  setzen  sich  die  Ansiedler  mit  Vorliebe  an,  da  sie
dort  Schutz  vor  den  kalten  Winter  winden  und  Brennholz  finden.
Diese  Bäche  sind  sehr  fischreich.  Graf  Széchényi  konnte  diese
Landschaft  nicht  anders  bezeichnen,  als  „das  Banat,  von  wald'
umsäumten  Creeks  durchschnitten“.  Stellenweise  ist  die  Prairie,
nahe  den  Flüssen,  nass  und  erfordert  Drainage.  Eisenbahnen
werden  in  diesem  Thaïe  bald  sehr  eng  verzweigt  sein,  und
an  allen  Stationen  sahen  wir  Getreide-Elevatoren,  hier  sogar
eine  neue  Art  derselben,  die  rund  sind  und  wie  ungeheuere
hölzerne  Gasometer  aussehen.  Die  Elevatoren  an  den  einzelnen
Bahnen  gehören  je  einer  Actiengesellschaft  oder  einem  Capi'
talisten  oder  Getreidehändler,  der  mit  der  betreffenden  Bahngesellschaft
  in  Verbindung  steht  und  ein  factisches  Monopol
hat.  Solche  Monopole  zwacken  ja  hierzulande  überall  am
Farmer.  Uebernehmen,  Ausladen  und  lo  Tage  Lagern  kostet
per  Bushel  2*72  bis  3  Cents  in  diesen  Elevatoren,  was  augenscheinlich ­
  zu  theuer  ist.  Meist  kaufen  die  Besitzer  der  Eleva
toren  auch  den  Weizen.  Neben  ihnen  tritt  die  Organisation
der  Müller  in  Minneapolis  als  Hauptkäufer  auf.  Sie  verthm  ^
den  gekauften  Weizen  gleichmässig  auf  jeden  laufenden  Müh
stein  in  Minneapolis.  Eine  grosse  Mühlenfirma  in  Minneapo  is
besitzt  eigene  Elevatoren  und  kauft  ihren  Weizenbedarf  selbst
im  Red  River-Thale.  Die  so  entstehende  geringe  Zahl  àef
Käufer  arbeitet  sich  in  die  Hände,  um  den  Preis  niedrig
halten.  Nur  grosse  Weizenfabrikanten,  wie  Mr.  Dalrymp  ®

exportiren  direct  nach  Buffalo  oder  New-York.  Denno

cb
waren  die  Preise  im  Herbste  1881  hohe.  Fast  aller  Weizc
des  Red  River-Thaies  ist  Nr.  i.  Dieser  kostete  am  17-tember
  1881  in  Fargo  per  Bushel  1*17  Dollars,  Nr.  2  ^  t
Dollars.  In  Chicago  kostete  Nr.  2  =  1*29  Dollars;  to  ^
Paul  Nr.  I  =T  1.23  Dollars,  Nr.  2  ==  1-20  Dollars;  in  Ne
York  Nr.  2  =  1-38'/',  Dollars.
Das  Land  Im  Red  River-Thale  ist  wohl  fast  ganz
von  Speculanten  aufgenommen  und  kostet  ungebrochene  Pf^‘
        <pb n="632" />
        Mindestens  lo  bis  15  Dollars  per  Acre,  besonders  guter  oder
^  ^  einer  Station  gelegener  Boden  mehr.  Der  Preis  der
^ndereien  steigt  von  Monat  zu  Monat  und  werden  40  bis
Farmen  gezahlt,  ohne  dass  die  Bau-Mhkeiten
  einen  grossen  Werth  repräsentirten.  Allein  selbst
^  ollars  ist  nicht  viel  Geld  für  diesen  ausgezeichneten  Boden,
.  Banat,  in  Südrussland  oder  bei  Magdeburg  Seines-Seichen
  finden  dürfte.  Das  Klima  ist  extrem,  aber  nicht  unfraglich.
  Der  Winter  dauert  von  November  bis  März  und
(j  auch  im  Nordwestterritorium  von  Manitoba
vn  Winter  oft  draussen,  allein  wenn  auch  nicht  zu
ied  sollte,  so  schadet  dies  seiner  Entwickelung
enfalls  und  bin  ich  der  Ansicht,  dass  man  für  solide  Stal-^^ngen
  sorgen  sollte,  die  übrigens  billig  gebaut  werden  können.
2  ist  das  Klima  gesund  und  geben  Brunnen  in
5  bis  40  Fuss  Tiefe  meist  gutes  Trinkwasser.  Hie  und  da
Sun  Fieber,  gerade  wie  in  Ungarn.  Ausser
g  ung  und  Winterfutter  braucht  man  eine  stärkere  Anauf
  ^  südlicheren  Staaten,  weil  die  Farmarbeit  sich
^arzere  Zeit  zusammendrängt.  In  dem  normalen  Jahre  1880
^^gann  man  die  Aussaat  am  27.  März  und  hörte  das  Pflügen
aus  H^*  ^°^Gmber  auf  Man  säet,  sowie  der  Frost  ca.  4  Zoll
^  Frde  ist.  Das  Aufthauen  des  Bodens  dauert  im  Nord-^i^ten
  Canadas,  wo  man  ebenso  verfahrt,  bis  in  den  Juni
bau?"  liefert  der  Weizenpflanze  Feuchtigkeit.  Natürlich
So  v*?^"  Sommergetreide  und  fast  nur  Weizen  und
Hafer,  als  die  Pferde  zum  Futter  gebrauchen,  obschon
Flachs,  Kartoffeln  gut  gedeihen.  Bei  den  heutigen
ist  das  Farmen  noch  sehr  lohnend.  Wir  haben
^^rmen  bei  Fargo  besehen,  auf  denen  nur  Weiand
  Hafer  —  zum  Füttern  der  Pferde  —  gebaut  wurde,
^®lund^^  bekannte,  äusserst  liederliche  Ackerbestellung
Djç  diesen  Farmen  wirthschaftet  man  in  folgender  Weise:
Schäl  2  Zoll  tief  und  12  bis  14  Zoll  breit  abge-4
  Zol]  Jub,  dann  nach  einigen  Monaten  3  bis
tief  in  derselben  Richtung  gepflügt.  Im  Frühjahre  säet
        <pb n="633" />
        620

man  den  Weizen  ein  und  eggt  ihn  unter,  ln  der  Erntezeit
wird  er  von  Selbstbindern  geschnitten,  auf  dem  Felde  in
Haufen  von  12  Garben  zum  Trocknen  gesetzt,  dann  in  Schober
oder  Miethen  gefahren  und  für  den  Winter  darin  eingedeckt.
Im  Winter  drischt  man  ihn  mittelst  der  Maschine.  Grössere
Wirthschaften  sind  so  eingerichtet,  dass  der  Drusch  auf  dem
Felde  unmittelbar  nach  dem  Mähen  erfolgt  und  man  die  Arbeit,
das  Getreide  in  Miethen  zu  setzen,  erspart.  Alsdann  wird  die
Stoppel  gebrochen  und  bleibt  in  rauher  Furche  bis  zum  Frühjahr ­
  liegen,  wo  dann  Saat  und  Eineggen  folgt.  Natürlich  wird
die  nur  3  bis  4  Zoll  tief  umgebrochene  Stoppel  sehr  bald
grün  von  Unkraut  und  der  Boden  trägt  mehr  Unkraut  als
Weizen,  allein  dennoch  hat  man  18  bis  25  Bushel  vom  Acre.
Indess  wird  bessere  Cultur  schon  hie  und  da  gefunden,  namentlich ­
  auf  den  Farmen  solcher  Deutschen  und  Scandinavier,
die  mit  etwas  Vermögen  hieher  kamen.
Wir  haben  die  Dairymple-Farm  nicht  besucht,  weil  uns
nur  das  Arrangiren  der  Maschinerie  und  das  Ineinandergreifen
derselben  bei  der  Ernte  interessirt  haben  würde,  wie  wir  das
im  San  Ferdinando-Thale  bewunderten.  Sonst  hat  der  Dalrymple’sche
  rohe  Raubbau  kein  Interesse  für  uns.  Ich  selbst
habe  oft  genug  20  und  mehr  Pflüge  hintereinander  auf  einem
norddeutschen  Rittergute  pflügen  und  einen  berittenen  1*^'
spector  sie  beaufsichtigen  gesehen.  Die  Dairy  mple  sehe
„Batterie  von  Pflügen“,  welche  die  Zeitungsspalten  unsicher
macht,  imponirt  mir  also  nicht.  Ich  habe  aber  andere,  ähnlid^
betriebene  Wirthschaften  besucht  und  ich  bin  zu  der  Ueber
Zeugung  gekommen,  dass  die  liederliche  Ackerbestellung  nn
öconomisch  ist  und  sich  die  Productionskosten  per  Product
einheit  bei  ihr  höher  stellen,  als  bei  guter,  solider  Bestellung'
tieferem  Pflügen  und  Todteggen  aller  Unkräuter  in  der  Saat
furche.  Dennoch  lasse  ich  hier  die  Productionskosten  jene*"
Schleuderwirthschaft  folgen.
Auf  der  Dairy  mple-Farm  stellten  sich  die  Productionskosten
im  Jahre  1879  hei  seinem  bekannten  Grossbetriebe  per  Act®
folgendermassen  :
        <pb n="634" />
        021

Auf  Neuland:
Umbrechen  der  rohen  Prairie  im  Mai  und  Juni  18900  Do
Zweites  Pflügen  der  gebrochenen  Prairie  .  .  1-2500
Saatgut  1%  Bushels
Arbeit  des  Säens  und  Eineggens
Mähen,  Binden,  und  in  Stiege  stellen  .
Dreschen  und  Einfuhren  in  das  Magazin
Zufällige  Ausgaben  .

lars.

I  0000
0-5370
1.6170
1-5700
0,0410

ars.

Kosten  einer  Ernte  von  Neuland  per  Acre.  7  905  DÔÏÏ_._
in  verwandeln  sich  die  ersten  beiden  Posten
erh3U  :  DoUars  für  Stoppelpflügen  und
Steue  5.925  Dollars  als  Unkosten  per  Acre.  Die
DalrJ  Acre  betragen,  Ankaufspreis  hat
Hinb^"'^  ^  ^  Dollars  per  Acre  gezahlt.  Mit
^  Unkosten  für  Reparaturen  etc.  kommt  Dalaltem
  %  Dollars  bei  Neuland  und  6.55  Dollars  bei
Jahre  Ertrage  von  ig»¡,o  Bushels  im
Per  Mtc  =  3  fl.  =  6.25  Fres,
«c.  Productionskosten  per  Bushel  auf  altem  Lande.
^it  ungarischer  Ingenieur,  der  gleichzeitig
Minne  ^  Studienreise  in  Amerika  machte  und  den  wir  in
*  j  trafen,  hatte  Herrn  Dairymple  in  diesem  Jahre
und  für  dasselbe  von  ihm  folgende  Antworten  erhalten  •
esammtfläche  des  Besitzes  75-000  Acre«.
.

der  Ernte  beschäftigte  Männer
Pferde  oder  Maulesel
Selbstbindende  Mähemaschinen  200
^mpfdreschmaschinen
Erdrusch  per  Tag  in  Waggons  à  400  Bushels
sten  der  Baulichkeiten  und  des  gesammten
ebenden  und  todten  Inventares,  Fundus  in-‘tructus,
  per  Acre  der  bestellten  Fläche
osten  per  Acre  bestellter  Fläche  per  Jahr,
'"elusive  15  Percent  Abnützung  und  Zinsen

800
700  Stück

75  Waggons

10  Dollars.

hob

„  .  8  Dollars,
len  p””  Land  des  Herrn  Dalrymple  selbst  um  den
So  Würd^^'^  Dollars  per  Acre  gekauft  worden  wäre,
tHache  ^ci  6  Percent  Jahreszinsen,  3  Dollars  per  Acre
Acre  l"’  Productionskosten  also  auf  11  Dollars  für  den
-andes  und  auf  56  Cents  per  Bushel  steigern.  Er  hat
        <pb n="635" />
        022

aber  dort  noch  nie  unter  75  bis  80  Cents  per  Bushel  gekostet.
Es  bleibt  mithin  der  Ackerbau  dort  noch  ein  sehr  gutes  Geschäft, ­
  selbst  wenn  man  den  Boden  nicht  umsonst  hat.  Wenn
man  aber  den  Boden  zwei  Mal  pflügen  und  ein  paar  Mal
eggen,  ihn  6  Zoll  tief  lockern  und  von  Unkraut  vollkommen
befreien  würde,  so  sollte  er  wohl  30  bis  35  Bushels  per  Acre
bringen,  wenn  nicht  Dürre  oder  Heuschrecken  die  Pflanzen
zerstören.  Wenn  man  das  einmalige  tiefere  Pflügen  so  theuer
rechnet,  als  das  Brechen  der  Prairie,  1-89  Dollars,  dazu  noch
einmal  Eggen  zu  0  5  Dollars,  so  machte  das  noch  nicht  2  '/z  Dollars ­
  per  Acre  mehr,  also  etwa  rund  10'/a  Dollars,  wozu  3  Dollars
Grundrente,  Summa  13V2  Dollars,  welche  30  bis  35  Bushels
produciren  dürften,  macht  45  bis  38  Cents  per  Bushel.  Herr
Dalrymple  rechnet  seit  Jahren  im  grossen  Durchschnitte
35  Cents  =  3  12  fl.  per  Mtc.  Productionskosten  exclusive
Grundrente.  Es  würde  sich  auch  hier  zeigen,  dass  die  sorg^
fähige  Cultur  sich  besser  auszahlt  als  die  liederliche.  Auc
gehen  die  fremden  Einwanderer  bald  zu  einer  besseren  Bodenbestellung ­

  über.
Im  Dalrymple’sehen  Anschläge  sind  Wohnung  und  Beköstigung ­
  per  Mann  und  Tag  mit  31.5  Cts.  —  1.57  Fres.  =  75V2  Kren^
zer,  Stallung  und  Futter  für  zwei  Pferde  mit  45.64  Cents  berechne
worden.  Wenn  man  Getreide  durch  aufgenommene  Fuhr  wer  ^
zur  Bahn  führen  lässt,  so  zahlt  man  für  die  erste  Meile  2  Cents
für  jede  folgende  etwa  einen  Cent  mehr,  doch  für  7  Meile^
nur  5  Cents  per  Bushel.  Lohn  der  Arbeiter  per  Monat  »s
12  bis  20  Dollars  im  Winter,  25  bis  30  Dollars  im  Sommerin ­
  der  Erntezeit  mehr,  2  bis  2'/:  Dollars  per  Tag,  und  ste^
Wohnung  und  Kost  dazu.  Man  pflügt  mit  den  Sulky-PW  ’
auf  dem  der  Mann  sitzt,  und  der  eine  flache  Furche  von
bis  16  Zoll  Breite  zieht,  oder  mit  dem  Gangpfluge,  auf  ^e^^
der  Treiber  auch  sitzt,  der  aber  zwei  Furchen  von  je  13
zieht.  Die  Arbeit  des  letzteren  schien  mir  die  bessere  zu
Ich  glaubte,  man  sollte  6  Zoll  tief  ackern  und  die  Krume  ^
oft  eggen,  als  sie  grün  wird,  wozu  sich  vielleicht  der  Acm^
Cultivator  eignen  möchte,  den  wir  in  Californien  arbei^^
sahen.  Diese  Pflüge  haben  keinen  messerartigen  Coltor,  s
        <pb n="636" />
        623

^ern  ein  scharfes  Stahlrad,  das  den  Boden  leichter  schneidet,
solcher  Pflug  macht  17  bis  20  Meilen  per  Tag.
Der  Header  wird  hier  nicht  zum  Mähen  angewendet,  da
den  Weizen  nicht  todtreif  auf  dem  Halme  werden  lässt,
ndern  der  „Selbstbinder“  kommt  zur  Anwendung.  Diese
chine  ist  zu  seltener  Vollkommenheit  gebracht  worden,
von  Mac  Cormick  soll  die  beste  sein.  "  Man  hat  sie  mit
y  von  vier,  sechs  und  acht  Fuss  Breite.  Erstere  werden
1^"  ^Gtztere  von  vier  Pferden  gezogen;  erstere  sollen  12,
schneiden.  Man  rechnet,  dass  drei
V  stbinder  von  vier  Fuss  Messerweite  für  eine  Quadratmeile
;  q  Acres  unter  Weizen  ausreichen.  Dalrymple  treibt  je
¿Selbstbinder  um  eine  Viertelsection  Weizen  von  160  Acres.
Selbstbinder  sitzt  der  Treiber  und  jedem  folgen
‘  Mann,  welche  die  Garben  in  Stiege  setzen,
und  "mm  'andwirthschaftlichen  Ausstellung  in  Winnipeg
des  p  sahen  wir  eine  neue  Maschine  zum  Binden
etwa  das  von  einer  gewöhnlichen  Mähemaschine,
ben  bekannten  Samuelson’schen,  geschnitten  und  in  Garworden
  ist.  Diese  Bindemaschine  kann
^Uch  ^  auf  die  selbstabharkende  Mähemaschine  folgen  oder
ßetrn  binden,  nachdem  die  Halme  etwas
band^  Getreide  braucht  also  nicht  nass  in  den
ist.  r  kommen,  was  bei  regnerischem  Wetter  von  Vortheil
Und  H  beide  Maschinen,  die  „Flügelmähmaschine“
also  rL  ''"^^"'^tische  Binder,  zusammen  leichter,  jede  einzelne
auch  ^Gichter  als  eine  selbstbindende  Mähemaschine,
igoo  Letztere  wog,  von  Mac  Cormick  gefertigt.
Wog  kostete  300  Dollars;  eine  Flügelmähemaschine
der  kostete  150  Dollars;  der  automatische  Bin-Bodenlf
  kostete  125  Dollars.  Bei  weichem
Wabp  (ÜG  beiden  combinirten  Maschinen  brauchen.
Selbst.  ®&amp;lt;^bwere  Selbstbinder  zu  tief  einsinkt.  Allein  der
^omb*  erfordert  nur  einen  Mann  und  drei  Pferde,  die
^nirte  Maschine  zwei  Mann  und  vier  Pferde.
Lampfdreschmaschine  -wird  von  einer  Locomotive
'  die  mit  Stroh  geheizt  wird.  Sie  drischt  ca.  1200  Bushels
        <pb n="637" />
        624

täglich  und  sackt  das  Getreide  automatisch  in  Säcke  a
2  Bushels  oder  120  lbs.,  oder  sie  schüttet  es  in  Wagen,  die  je
100  Bushels  halten  und  von  denen  es  in  die  Eisenbahnwaggons
geladen  wird.
Auch  kleinere  Farmer  leihen  sich  oft  eine  Dampfdresch'
maschine.  Sie  zahlen  5  Cents  per  Bushel  Weizen  und  3  Cents
per  Bushel  Hafer,  müssen  aber  noch  einige  Leute  stellen,  so
dass  sich  die  Unkosten  des  Drusches  per  Bushel  Weizen  auf
8  Cents  =  71  Kreuzer  per  Mtc.  stellen.  Dies  ist  entschieden
zu  theuer  und  würde  es  sich  ganz  gut  lohnen,  wenn  die
sitzer  kleiner  Farmen  die  Wintertage,  an  denen  sie  doch  nichts
zu  thun  haben,  zum  Drusch  des  Weizens  mit  dem  Flegel  oder
mit  einer  Pferdedreschmaschine  benützten.  Letzteres  kommt
wohl  vor,  ersteres  nie  mehr,  wie  denn  hiesige  Farmer  auch
meist  die  theuere  Pferdearbeit  der  billigeren  Ochsenarbeit  verziehen. ­
  Die  Leute  leben  hier  einmal  entschieden  bequem
und,  was  Kost  anbelangt,  besser  als  in  Europa,  und  die  sich
hier  ansiedelnden  Europäer  lernen  diese  Bequemlichkeit  bal
auch.  Die  geborenen  amerikanischen  Arbeiter  und  Farmer
leben  geradezu  verschwenderisch,  sie  depensiren  für  ihreu
Tisch  —  ohne  dass  er  dafür  gut  wäre,  weil  die  Zubereitung
meist  schlecht  ist  —  für  Pferde,  Buggies  oder  Luxus  -  Feder
wagen,  Maschinerien,  die  sie  oft  nicht  gehörig  ausnützeu
oder  nicht  einmal  im  Winter  unter  Dach  haben,  zu  vje-Deshalb
  rechnen  sie  z.  B.,  dass  die  Reparatur  solcher  Acker
baumaschinen,  wie  der  Selbstbinder,  im  ersten  Jahre  5
cent,  im  zweiten  bis  zum  fünften  Jahre  je  25  Percent,
sechsten  Jahre  50  Percent  des  ersten  Preises  kostet  und  ma^
am  besten  thut,  eine  fünf  Jahre  alte  Maschine  fortzuwere^
und  durch  eine  neue  zu  ersetzen.  Die  Mennoniten
mit  ihren  Maschinen  sorgsamer  um  und  dauern  sie  bei  ih^
viel  länger.  Man  kann  sagen,  dass  eine  schwedische,  daoj^
sehe,  norwegische  oder  mennonitisch  -  deutsche  Familie
Kopf  nicht  halb  so  viel  solcher  Dinge,  die  der
kaufen  muss,  consumirt,  als  eine  amerikanische
familie,  aber  doppelt  so  viel,  jahrein,  jahraus,  arbeitet
diese.  Ein  paar  schlechte  Ernten  ruiniren  daher  oft  die  ame
        <pb n="638" />
        625

40

Farmer,  nicht  aber  die  ebengenannten  eingewanganz
  allmälig  auskaufen.
kanH  Frage  aufwirft,  ob  die  amerikanische
möglichst  umfangreichen  Aneuro
  Maschinerie  beruht,  sich  besser  rentire  als  die
räth  welche  mehr  Menschenkraft  anwendet,  so  vergPQ
  dadurch  schon  eine  fundamentale  Unkenntniss  des
Unterschiedes  zwischen  amerikanischer  und  euroner
  Landwirthschaft.

VorcreK  ^Git  eine  Differenzirung  der  Stände  her-Resultat
  ist,  dass  „drei  Profite  von  Land
Den  'werden“,  wie  Lord  Beaconsfield  so  richtig  sagte,
der  grössten  Profit  nimmt  der  Grundbesitzer  oder
Von  die  Grundrente,  ohne  dass  einer
den  welche  Arbeit  auf  dem  Grunde  leistete;
Profit  nimmt  der  Unternehmer  oder  Pächter,
den  alandwirthschaftlichen  Unternehmergewinn;
^ohn  kleinsten  Profit  nimmt  der  Landarbeiter,  den
fallen  -^/^\^Glten,  dass  die  ersten  beiden  Classen  zusammenstets
  '  seltener,  dass  alle  drei  es  thun,  und  letzteres
Trenn"“*^  kleinbäuerlichem  Besitze.  Die  Regel  ist  die
yng  der  drei  Classen.
Und  dt""  zahlreiche,  sich  anbietende  Arbeiter
in  Pri  ^Gr  Lebensmittelproduction  auf  beschränktem,
übergegangenen  Boden  haben  diese  drei  Classen
fiir  çj.  p  Sendern  sich  diese  Verhältnisse,  so  müssen  die
^UierilT  .  entbehrlichsten  Personen  wegfallen.  Die
i-eben  lässt  nun,  im  niedrigen  Preise  der
Marge  mehr  für  die  erste  Classe,
I  V”  noch  fast  gar  nicht  besteht.
Eichen  p  werden  noch  vier  Fünftel  der  landwirthschaft-^^asse
  nuf  Grund  und  Boden  erzeugt,  der  nur  eine
^•‘andh^^-  üat:  den  schuldenfreien,  selbst  arbeitenden,
^  esitzenden  Landwirth  oder  Farmer.
Farmen  in  der  Union  betrug  18804.008.907.
Pacht  2.984.306  von  ihren  Eigenthümern,  322.357  von
702.244  von  Métayers  bewirthschaftet.
        <pb n="639" />
        626

Die  Métayers  hatten  in  Naturalpacht  876  Farmen  unter
3  Acres  gross,  die  Pächter  875,  die  Eigenthümer  bestellten
solche  2.601;  von  3—10  Acres,  Métayers  26.529,  Pächter
22.904,  Eigenthümer  85.456;  von  10—  20  Acres  Métayers
90.816,  Pächter  41.522,  Eigenthümer  122.411;  von  20—50  Acres
Métayers  223.589,  Pächter  97.399,  Eigenthümer  460.486;  von
50—100  Acres  Métayers  158.725,  Pächter  69.663,  Eigenthümer
804.522;  von  100—500  Acres  Métayers  194.720,  Pächter
84.645,  Eigenthümer  1.416.618;  von  500—1000  Acres  Métayers
5.569,  Pächter  3.956,  Eigenthümer  66.447;  über  1000  Acr^
gross  Métayers  1.420,  Pächter  1.393,  Eigenthümer  25.755-  ^
Bäuerliche  Besitzungen  von  20—500  Acres  wurden  also  vo
Métayers  575.034,  von  Pächtern  251.607,  von  Eigenthün^rn
aber  2.680.626  bewirthschaftet.  Noch  günstiger  stellt  sich  die^
Verhältniss  in  den  Weizenstaaten.  Es  ^  gab  Farmen  ‘

Grösse  von:

Staat

von  Eigenthümern
bewirthschaftet

P

von  Métayers
bewirthschaftet

2&amp;lt;

0  &amp;lt;

von  Pächtern
bewirthschaftG*

2)  $

2  &amp;lt;

-  ï

Montana
Dakota
Minnesota
Wisconsin
Nebraska
Jowa
Kansas
Kentucky
Missouri
Illinois
Indiana
Ohio
Michigan

57
172
7.201
20.911
2.003
16.211
6.184
17.735
24.688
27.389
30.772
40.192
41.268

61
485
23.088
40.921
12.731
42.150
24  947
32540
42.800
49.499
48.703
62.847
50.365

234.801

431.136

1.187
15.706
51.556
54.476
35.820^
76.337
81.838
60.555
•80.981
87.850
58.485
744971
40.104I

5
32
599
1.127
1.052
5.994
2.699
8.399
13.389
15.307
10.441
16.37
2.244

61
2.084
2.678
3.225
13.472
4.924
4.290
9.902
20.155
12.657
11.140
3.743

53
488
4.267
4.322
4.867
15.220
9.827
4.315
10.191
20.383
11.1631
13.110
4

203
680
246
1.283
656
4.539
5.659
3.898
2.190
3036
1.499

719.385II67.425

88.332

8.3'^
2.455
S.o3»
i.2ii

1  02.206II23.895130.448

1385.322  i.prba^'
In  diesen  Staaten,  mit  denen  die  europäischen  Acke

Staaten  zu  concurriren  haben,  giebt  es  also  1.385.322
ständig  wirthschaftende  Bauern,  dagegen  nur  90.985
Pächter  und  257.963  Métayers,  also  348.948  Pächter  jm
        <pb n="640" />
        627

40*

^  ^  Bauernhöfe  sind  verab
  Allgemeinen  ist  der  amerikanische  Farmer  wohlhabend,
ar  er  er  hat  keine  Knechte  oder  Dienstboten.  Er  muss  selbst
^eit,  in  welcher  er  der  meisten  Arbeit  beer
  •  Lohnarbeiter  miethen  kann.  Deshalb  bezahlt
^  jede  Maschine  theuer,  welche  ihm  die  Last  der
erleichtert.  Er  könnte
spare  ^ürde,  sage  5  Dollars  per  Tag
masnu  ’  ^  wenn  er  eine  selbstbindende  Mähab
  Jhme  kauft,  die  er  nach  drei  bis  fünf  Jahren  wegwirft,
das  wurde  ihn  persönliche  Mühe  kosten,  die  zu  ver-Lancb/
  Y  ^  ^&amp;lt;^llars  zahlt.  In  Europa  miethet  der
2  Arbeiter,  die  ihm  dieselbe  Arbeit  vielleicht  fur
deba  und  es  ist  klar,  dass  er  unökonomisch  han-1hm
  ZZ  '  eine  Maschine  ersetzte.  Bei
nie  J  T  Rechnungssache,  da  seine  persönliche  Mühe
tive  P  ‘  B^im  Amerikaner  steht  die  reíaerster
  Kostspieligkeit  in  zweiter  Linie.  In
leisten  (lass  jene  Arbeit,  die  er  persönlich
Daher  bequem  gemacht  werde  wie  möglich,
dene  die  Sense  und  die  Walze,  auf
sehen"  reitet!  Ich  habe  solche  Instrumente  gesogar’
  bequemen,  federnden  Sitz  und  darüber
fragen  die  Sonnenstrahlen  und  den  Regen
Farm'  herrlichen  Stuhle  sitzt  der  Gentlemanpf|(¡g.
  citer,  raucht  seine  Cigarre,  liest  seine  Zeitung  und
'"Crsch*  H  "^äht  zugleich!  Andere  Maschinen  combiniren
Operationen.  So  hat  man  eine  Säemaschine,
Schkß  ^  Kgg®  zum  Eineggen  der  Saat  hinter  sich  herein ­
  der  Maschine  sitzt  der  Treiber.  Bei  uns  geht
Iller  "n  der  Säemaschine,  ein  anderer  hinter  der  Egge,
aicht  einen  Mann  verwenden,  und  der  eine  will
l^mirt  sondern  bequem  sitzen.  Daher  diese  theure  com-Maschine!

WirtkgT  1®^*  glaube  ich,  die  amerikanische  Maschinen-Landaft
  zu  verstehen.  Sollte  bei  uns,  was  mir  wahrschein-
        <pb n="641" />
        628

lieh  scheint,  der-  niedrige  Preis  die  drei  Classen,  welche  vom
Lande  leben,  beim  kleinen  und  Mittelbesitz  —  soweit  er  nie  t
durch  Latifundien  absorbirt  wird,  wieder  in  eine  zusammen
schrumpfen  lassen,  so  wird  der  Grundbesitzer,  der  nunme  r
selbst  pflügen  muss,  wohl  auch  den  Pflug  mit  dem  Federlehn-Stuhle
  und  dem  Sonnenschirme  darauf  kaufen,  aber  niemals  so
lange  er  einen  Knecht  für  50  kr.  per  Tag  miethen  kann,
zehn  Stunden  hinter  dem  Pfluge  herläuft.  So  wie  die  Auswanderung ­
  etwas  stärker  wird  und  sich  ein  regerer  Verken
zwischen  den  Ausgewanderten  und  ihren  zurückgebliebenen
Verwandten  entwickelt  haben  wird,  werden  letztere  auch  höhere
Löhne  und  bessere  Behandlung,  vielleicht  sogar  den  Sitzpflug,
verlangen.  Dies  wird  in  Ländern,  wohin  die  bereicherte
Ausgewanderten  zurückkehren,  wie  es  in  Ungarn  geschie
nicht  nur  bald  diese,  sondern  auch  politische  Folgen  habem
die  an  jene  erinnern,  welche  der  Aufenthalt  von  Lafayette  un
seiner  Gefährten  in  der  Union  hatte.
Ich  will  etwas  deutlicher  werden;
In  Europa  und  in  der  Industrie  auch  Amerika’s  fasst  man
Maschine  stets  nur  auf  als  eine  Arbeit  sparende,  sie  billig  ^
machende.  In  der  amerikanischen  Landwirthschaft  fasst  ma
sie  in  erster  Linie  als  eine  Arbeit  erleichternde  auf.
Europa  ist  es  der  Gewinn  des  Unternehmers,  der  sie  erzeug^
und  verbreitet.  In  der  amerikanischen  Landwirthschaft  ist^_^
die  bequemere  Arbeit,  welche  sie  gestattet.  Dort  ist  es
Rücksicht  auf  das  im  Unternehmen  investirte  Capital,
den  Arbeiter.  Der  Traum  des  Aristoteles,  dass  die  Maschi^_^
das  sich  selbst  bewegende  Weberschifflein,  dem  Weber
Arbeit  erleichtern  solle,  ist  in  der  amerikanischen  Maschm^^^^
landwirthschaft  annähernd  Wahrheit  geworden  und  wenn  s
dies  auch  in  Europa  verbreitet,  so  wird  die  Maschine
hier  ein  Segen  für  die  Arbeiter  werden,  während  sie  bis
meist  ein  Fluch  für  sie  ist.  Darum  haben  niemals  amenkani^_^
Landarbeiter  landwirthschaftliche  Maschinenzers  tört,
arbeiter  oft  solche  Maschinen,  die  sie  ausser  Brod  setz
Der  Reitpflug  versöhnt  den  Arbeiter  mit  den  Fortschr
der  Mechanik,  der  mechanische  Webstuhl  thut  das  nie  t,
        <pb n="642" />
        629

^nterjocht  den  Arbeiter  und  macht  ihn  zum  Stück  an  sich  selbst.
raubt  ihm  alle  Individualität,  die  an  der  Industriemaschine
^attfmdende  Theilung  der  Arbeit  lässt  dem  Arbeiter  kein
an  dem  er  seine  Freude  hätte,  mehr  schaffen.
Die  amerikanische  Maschinenlandwirthschaft  ist  sehr  prouctiv,
  aber  sie  ist  auch  menschlisch.  Sie  schont  die  Kraft
es  Arbeiters,  gewährt  ihm  bei  der  Arbeit  Musse.  Sie  rein
apitalistisch,  nur  vom  Standpunkt  des  Reingewinnes“  auffassen,
'^erräth  den  rohen,  europäischen,  unmenschlichen  Standtpunkt,
dem  wir  uns  leider  meist  schon  befinden.
Doch  zurück  zu  unseren  Wirthschaften  am  Red  River,
fü  Pferde  wird  genügender  Hafer  gebaut  und  Heu
sie  auf  der  Prairie  geschnitten.  Im  Winter  vermiethen
Farmer  sie  an  die  Holzfäller  im  Hügellande  von  Minneta,
  doch  ruinirt  sie  dies  oft  mehr  als  es  trägt.  Die  Arbeiter
sil  bekanntlich  im  Winter  auch  in  die  Holzfalldistrikte,  wo
stä  ^Gld  verdienen.  So  können  sie  sich  leicht  selbstig
  machen,  wenn  sie  den  Verdienst  nicht  fur  Schnaps  und
^PtGl  verbrauchen.
fuhren  am  19.  September  1881  zu  einem  Menno-August
  1875,  etwa  sechs  Meilen  von  Fargo,
hat  bewaldeten  Creek  oder  Baches  niedergelassen
erklärte,  dass  sein  jetziger  Boden  besser  sei  als
Sei^H  Gouvernement  Ekatharinoslaw  besessen.  Er
Dn  sandiger  und  nicht  so  schwarz  gewesen  als  hier,
lar^*^  Dastfreund  besass  385  Acres  --  270  Joch  =  154  Hek-577
  preussische  Morgen,  fur  die  er  damals  5000  Dol-—
  35  Mark  per  Morgen,  162'  3  Fres,  per  Hectar
f.  ^5’  2  fl.  per  Joch;  46  Acres  waren  damals  bestellt,  die
^^ksiten  waren  unbrauchbar,  Fundus  instructus  fehlte,
er  ein  sehr  geräumiges  Wohnhaus  aus  Ziegelsteinen
Sch  Blockställe  für  sein  Vieh  erbaut,  sowie  auch  Holzfür
  Ackerbaugeräthe  und  einen  Getreidespeicher.
4  S  °  Pferde,  4  Kühe,  9  alte  und  14  junge  Schweine,
Gine  grosse  Anzahl  Hühner  und  Gänse,  2  Ganghatt^^
  Stühlen  darauf,  die  zusammen  130  Dollars  gekostet
einen  Pflug,  hinter  dem  der  Treiber  geht,  für  18  Dol-
        <pb n="643" />
        630

it-;

lars,  2  eiserne  Eggen  für  29  Dollars  zusammen,  2  Säemaschinen
(breitwürfige),  à  55  Dollars,  2  Selbstbinder,  à  320  Dollars.
Seine  Steuer  betrug  im  Jahre  1880  69  Dollars  -  2.24  Fres,
per  Hectar  oder  61  Kreuzer  per  Joch  oder  0.48  Mark
per  Morgen.  Seine  Familie  bestand  aus  seinem  Grossvater,
der,  obschon  83  Jahre  alt,  Holz  hackte,  während  wir  dort
zum  Besuch  waren  und  in  der  letzten  Ernte  Garben  vom
Felde  auf  den  Wagen  stackte,  seiner  vollkommen  rüstigen
Mutter,  seiner  Frau  und  zwei  kleinen  Kindern,  einem  erwachsenen
Bruder,  einer  erwachsenen  Schwester  und  einem  Knechte.
Letzterer  ist  auch  Mennonit  und  erhält  20  Dollars  Lohn  pef
Monat  jahrein  jahraus  und  natürlich  Kost,  Wohnung  un
Wäsche.  Diese  Personen  verrichten  alle  Arbeit  auf  der  Farm-Da
  sie  die  Wolle  ihrer  Schafe  selbst  verspinnen  und  davon
stricken  und  weben,  da  sie  Schweine  und  anderes  ^
schlachten  und  für  Fleisch  keine  Ausgaben  haben,  alle  Arten
der  hier  gedeihenden  Gemüse  selbst  bauen,  der  Fluss  ihnen
Fische  liefert,  geben  sie  per  Jahr,  wie  mir  Eingeweihte  sagten,
keine  200  Dollars  für  Familienbedürfnisse  wie:  Kaffee,  Zucker,
Kleidung  aus.  Dies  erscheint  mir  um  so  wahrscheinlicher,  a  s
sie  fast  Alles  selbst  machen,  was  sie  gebrauchen,  die  Stühe,
Tische,  Bettgestelle  und  sogar  die  Eggen,  zu  denen  sie  nut
das  Eisen  kaufen.  Die  Ausgaben  würden  also  sein:  Knec
lohn  240  Dollars,  Steuer  69  Dollars,  Kaufmannsrechnun^
200  Dollars.  Dann  kostet  die  Erneuerung  der  landwirthscha
liehen  Maschinerie  und  Baulichkeiten  auch  noch  etwas,  a  s
sagen  wir  rund  jährlich  600  Dollars.
Der  Viehstand  kostet  nichts,  sondern  er  bringt  noch  otv'^
ein,  weil  Pferde,  Rindvieh  und  Schweine  selbst  gezogen
den  und  davon  noch  gelegentlich  eine  abgemolkene  Kuh,
altes  Pferd,  stets  eine  Anzahl  fetter  Schweine  zum  Verkau^
übrig  bleiben.  Hühner,  Enten  und  Gänse,  die  auf
Bache  leben  und  auf  dem  Hofe,  im  Dünger  sich  ^
suchen,  liefern  hier  sehr  theure  Eier,  die  Kühe  Butter
Verkauf.  Man  kauft  „Futtermehl,“  aus  Mais,  Gerste  ^
anderen  Körnern  gemischt,  das  im  September  zu  a
1.40  Dollars  per  100  Ibs.  kostete,  also  sehr  theuer  war.
        <pb n="644" />
        631

,  ^  kostete  die  Tonne  (2000  Ibs.)  Kleie  14—1472  Dollars.
der  Regel  sind  diese  Futterstoffe  viel  billiger  als  in  diesem
Janre,  in  welchem  die  Mittel-  und  südlichen  Mais-  und  Gejeidestaaten
  so  sehr  von  Dürre  gelitten  haben.  Die  Vieh-^
  ^  t  kostet  deshalb  den  Mennoniten  weniger  als  sie  Amerikanern ­
  kosten  würde,  weil  sie  nicht  nur,  wie  diese  auch,  ihr
WeA  Sommer  auf  noch  nicht  umgebrochenem  Prairieboden
auf  anderem  solchem  Boden  mit  ungemein  ge-^i^gen
  Unkosten  Heu  für  den  Winter  schneiden,  sondern  weil
ß  ^  ^  Abfalle  im  Haushalte  als  Futter  verwerthen  und  im
^  rten  noch  erheblich  Wurzelgewächse  für  Futterzwecke  anaen;
  namentlich  dient  der  Kartoffelabfall  hiezu.
Seih  ^‘ebzucht  liefert  keinen  benutzbaren  Dung,  da  dergut
  ^  auf  d^  Feld  gefahren  wird.  Auf  minder
Wisconsin,  Minnesota  und  in  Manitoba  habe
eine  ^^^ben.  Aber  sie  liefert  dem  Mennoniten  schon
im  Winter  schlägt  er  Holz  auf  seinem
hoh  ^  Fiasse  und  führt  es  nach  der  Stadt,  wo  er  es  um
n^J^  verkauft.  Meine  Ansicht  ist,  dass  die  Einmen
  aus  Vieh  und  Holz  seine  Ausgaben  decken.
18  1881  hatte  er  140  Acres  unter  Weizen,  der
Per  R  Bushels  tragen  dürfte.  Es  sind  ihm  120  Dollars
Verk  geboten.  Sagen  wir,  er  kann  18  Bushels  per  Acre
nach  Abrechnung  der  Unkosten  beim
'^achTr  führen,  i-io  Dollars  per  Bushel,  so
Her  h  (9  80  Dollars  per  Acre,  Summa  2772  Dollars.  FerliefertAcres
  unter  Gerste,  die  35  Bushels  per  Acre
^So  Cents  werth  ist,  macht  455  Bushels,  wovon  er
34  ^'"^‘■baufen  kann;  macht,  zu  75  Cents  Netto,  187  Dollars.
Ühj-j  unter  Hafer,  wovon  zum  Verkaufe  auch  noch  etwas
t^n^F  ^^*bt,  ^ass  bei  den  theueren  Preisen  dieses  schlech-Vofj
  ^^^G¡ahres  eine  Geldeinnahme  aus  Getreide  im  Betrage
^  3000  Dollars  herausschaut.  Ausser  jenem  mit  Wei-Jahre
  und  Hafer  bestellten  Acker  hatte  er  in  diesem
í)iç  ^  Acre  mit  Kartoffeln  und  4  Acres  unter  Roggen.
182  ^unoniten  essen  Roggen-  und  Weizenbrod.  So  waren
eres  unter  dem  Pfluge,  also  noch  über  200  Acres  in

li
        <pb n="645" />
        632

Weide  und  ein  Theil  davon  in  Wald,  etwa  10  Acres,  sowie
ein  paar  Acres  Hofstelle  und  Gemüsegarten.  Im  vorigen
Jahre  hatte  der  Mann  3000  Bushels  Weizen  zu  Preisen  von
75,  78,  85  und  das  Meiste  von  95  Cents  verkauft,  250  Bushels
Gerste  zu  80  Cents  und  300  Bushels  Hafer  zu  55  Cents  den
Bushel,  woraus  er  eine  Baareinnahme  von  ca.  2700  his
2800  Dollars  gehabt  haben  dürfte.  Er  ackert  alle  Jahre  etwas
mehr  Prairie  um  und  vergrössert  auch  seinen  Viehstand.
glaube,  dass  er  jährlich  zwischen  2000  und  2500  Dollars  erspart. ­
  Auch  gab  er  diese  Ersparniss  zu.  Er  habe  Geld  au
Hypothek  in  Fargo  und  erhalte  10  Percent  im  Jahre.  Anderer
seits  habe  er  ärmeren  „Brüdern“  auch  welches  geliehen  un
erhalte  keine  Zinsen  von  ihnen.  Freilich  kam  dieser  Mann
mit  ausreichendem  Vermögen  her  und  dürfte  im  Ganzen
7000  Dollars  in  seine  Wirthschaft  gesteckt  haben.  Was  trag
dessen  Capital  nun?  Das  ist  schwer  zu  sagen.  Rechnen  wi^
dass  sein  Grossvater  und  seine  Mutter,  seine  Schwester  un
seine  Frau,  die  zum  Theile  für  die  Kinder  arbeiten  müsse*’
und  doch  keine  vollen  Arbeitskräfte  stellen,  zwei  volle  Mannes
arbeitskräfte  repräsentiren,  er,  sein  Bruder  und  der  Knec
auch  je  einen,  so  haben  wir  fünf  Arbeiter  und  7000  Dol  nt
Capital.  Die  Arbeiter  würden  je  zu  240  Dollars  Lohn  ^e
rechtigt  sein,  macht  1200  Dollars.  Der  Lohn  des  Knec  t
war  schon  früher  als  verausgabt  angerechnet  und  ein  Ertt

von  2000  bis  2500  Dollars  ermittelt  worden,  wovon
960  Dollars  Lohn  für  vier  Mann  abgehen,  so  dass  tu*^^
1000  bis  1500  Dollars  als  Verzinsung  für  7000  Dollars
=  14  bis  21  Percent  per  Jahr,  übrig  bleiben.  Hierzu  kont
aber  noch  die  Werth  Vermehrung  des  Bodens!

Das  Gut  hatte  vor  sechs  Jahren  5000  Dollars  —  U
lars  iür  jeden  der  385  Acres,  gekostet;  dazu  waren

pol'
etW^
^  ^  .  -  -  jfca
2000  Dollars  investirt  worden,  so  dass  der  Acre  aui
18  Dollars  kam.  In  diesem  Jahre  waren  40  Dollars  per
also  rund  15.000  Dollars,  geboten  worden.  Ein
nischer  Farmer,  der  uns  begleitete  und  auf  die  seiner  ^
nach  miserable  Art  des  Mennoniten,  zu  farmen,  mit  M»
herabsah,  frug,  warum  er  nicht  verkauft  habe.  Die
        <pb n="646" />
        633

^  G  es  nicht  gewünscht.  Der  Amerikaner,  welcher  solche
^  entimentalität  nicht  begreift,  frug  rasch:  „Würdet  Ihr  50  Dolors ­
  nehmen?“  Der  Mennonit  wich  einer  weiteren,  ihm  augeneinlich
  peinlichen  Frage  mit  einem:  „Ich  weiss  es  nicht“
aus.  Diese  Leute  schachern  nicht  mit  dem  Lande.  Ich  bin
^.erzeugt,  dass  ich  ihn  nach  zehn  Jahren  dort  noch  finden
y  dürfte  er  allen  cultivirbaren  Boden  dann  bestellt
^  diesen  oder  jenen  Nachbar  ausgekauft  haben.
g  möchte  noch  auf  die  ungemein  geringe  Besteuerung
merksam  machen.  In  der  „N.  Fr.  Presse“  fand  ich  einen
in*^^*  .  ^  über  die  amerikanische  Concurrent,  welcher  mit  der
^  lesem  Blatte  herkömmlichen  arroganten  completen  Untik
  geschrieben  ist  und  die  Höhe  der  Steuern  in  Arney
  ^  beklagt,  welche  oft  einige  Percent  vom  Werthe  des  Real-^esitzes
  betrage.  Letzteres  ist  richtig;  allein  bei  der  Steuer-Einschätzung
  wird  oft  ein  Pferd  und  ein  Ochse  auf  10  Dollars,
50  I^änd  auf  50  Cents  taxirt,  deren  Verkaufswerth  20  bis
Mal  so  hoch  ist.  Unser  Mennonit  zahlte  69  Dollars  Steuer
Don  "^besitze,  den  er  zu  385  X  4»  Dollars  15.400
'erkaufen  konnte  und  der  ihm  mindestens  2000  Doljährlich
  bringt;  das  macht  3.45  Percent  vom  Einpe^T^"
  Percent  vom  Vermögen,  oder  25'  2  Cents
^  61  kr.  ö.  W.  Steuern  vom  Joch  Acker.  Ich  be-Schaft’
  aDe  directen  Steuern,  für  Gemeinde,  Graf-^Ggebau,
  Schulen  etc.  waren.  Hiezu  kommt
^es  '  ^^^b  in  allen  europäischen  Staaten,  die  indirecte
rç,j  ^^y^rung  durch  Zölle  auf  Kaffee,  Spirituosen  und  Waaaber
  den  amerikanischen  Farmer  keineswegs  höher
als  den  österreichischen  Bauer.
^^ber  diese  tüchtigsten  mennonitischen  Bauern  und  die
Wçjj-  ebenso  tüchtigen  Scandinavier,  die  allerdings  meist  mit
^ass  Kapital  anfangen,  klagten  die  Amerikaner  in  Fargo,
siren  beider  erst  in  der  dritten  Generation  amerikani-^^bn
  allem  „Fortschritte“  abhold  seien!  Sie  sind
bönn  bessere  Landwirthe  als  die  Amerikaner  es  je  werden
und  werden  sich  ohne  Zweifel  des  ganzen  fruchtbaren
        <pb n="647" />
        634

ssjwswíiii.,.  I  ã  mmrWÑWM

Westens  von  Amerika  in  den  nächsten  zwei  bis  drei  Generationen ­
  durch  Ankauf  bemächtigen.
Wir  haben  auf  unserer  lehrreichen  Reise  vornehmlich
deutsche,  böhmische  und  scandinavische  Ansiedelungen  besucht,
weil  wir  dort  lernten,  was  man  mit  Fleiss  und  der  durchschnittlichen ­
  Ackerb  au  -  Erfahrung  deutscher  Bauern
aus  dem  amerikanischen  Boden  machen  kann,  und  wu"
haben  auch  im  Nordwestterritorium  von  Canada  die  Mennoniten
besucht.  Diese  letztere  Religionsgemeinschaft  liefert  in  jeder
Beziehung  ein  unerreichbares  Modell  einer  soliden  Bauern
wirthschaft.  Die  Erfahrungen  dieser  Ansiedler  sind  nun
sowohl  in  Texas,  wie  in  Kansas,  in  Jowa  und  Dakota  aus
gezeichnete  gewesen  und  haben  uns  die  Ueberzeugung  hei
gebracht,  dass  ein  deutscher  Bauer  hier  überall  sein
Fortkommen  leider  viel  besser  finden  kann,  als  in
Deutschland  selbst.  Muss  er  als  Arbeiter  anfangen,  so  kann
er  doch  in  fünf  bis  sechs  Jahren  sich  so  viel  ersparen,
den  Ackerbau  im  Kleinen  auf  eigenem  Lande  beginnen  zH
können.  Bringt  er  Capital  mit,  so  wird  es  ihm  leichter  werden,
sich  behaglich  einzurichten  und  zu  Wohlstand  zu  gelangen-Zu
  Wohlstand  und  nicht  zu  Reichthum,  wie  manche  Amefi'
kaner,  denn  die  Eingewanderten  speculiren  meist  nich^
wie  die  Amerikaner  und  haben  viele  Kinder,  so  dass  sich  das
Vermögen  sehr  theilt;  auch  leben  sie,  nachdem  sie  hier  einig^
Jahre  gewohnt  haben,  sehr  viel  besser  als  drüben.  Der  Tisc
ist  eben  weit  reichlicher.  Es  ist  auch  nicht  wahr,  dass  sic
härter  arbeiten  als  in  Deutschland.  Sie  arbeiten  nicht  so  rast
los  von  Sonnenaufgang  bis  Sonnenuntergang  und  nicht  Tag
für  Tag,  als  der  Taglöhner  und  Knecht  auf  dem  grössere^
Gute  oder  auf  dem  Bauernhöfe  in  Deutschland.  Sie  sitz^
meist  auf  dem  Pfluge  und  dem  Cultivator,  sogar  auf  der  Säe
maschine  und  stets  auf  der  Mähemaschine.  In  der  Ernte
lieh,  wenn  es  eilt,  arbeiten  sie  sehr  intensiv.  Aber  im
schonen  sie  sich  sogar  meist  mehr  als  nothwendig  ist.  Hoc
erfreulich  ist  es,  die  Lebensfröhlichkeit,  die  Heiterk^^
und  den  Stolz  dieser  Bauern  zu  sehen,  welche  dem
entflohen  sind  und  jetzt  so  recht  ihr  Gedeihen  fühlen  ^
        <pb n="648" />
        ^35

^psen  froh  werden.  Man  kann  da  alle  die  guten  Bauernwieder
  finden,  welche  wir  in  Europa  —
erst  kennen.  Der  „bäuerlich-ehrbare  Sinn“  ist  nicht
orben.  Wir  ruiniren  ihn  in  Europa  und  hier,  in  Amerika,
"'^^cht  er  zu  neuem  Leben.
Pä*  Landwirthschaft  in  Grossbetrieb,  aber  mit  euro-^‘■
  Solidität,  würde  sich  zweifellos  im  Red  River-Thale
^üsz  ,  Dalrymple'sche  Schleuderwirthschaft
iloch  \  europäisch  geschulter  Grossgrundbesitzer  würde
das_  ‘  Unkraut  als  Weizen  bauen!  Es  ist  unrationell,
abfüh  (iGr  Herbstzeit  seinen  Weizen  drischt  und
Um  Ueute  knapp,  also  theuer  sind.  Die
Zug,  genannten  beiden  Operationen  benützten
würden  weit  rationeUer  zum  tieferen  Pflügen,  zum
UnL"  Uultiviren  des  Bodens  und  Reinigen  desselben  von
aut  benutzt  werden.  Im  Winter  würden  billige  Arbeits-Dreschen
  und  Port  führen  des  Getreides
Wei/  ^^^k&amp;gt;rigens  werden  die  Productionskosten  des
EinJ"'  ^^"Gn,  weil  die  Löhne  beim  Zunehmen  der
^Grden  Höhe  bleiben
hei  Voll  *^79  betrug  der  Jahreslohn  durchschnittlich,
^inne^  Beköstigung,  in  Dakota  monatlich  16.57  Dollars,  in
hrasi^  Dollars,  in  Wiskonsin  13.82  Dollars,  in  Ne
Uoii^  Dollars,  in  Jowa  13.90  Dollars,  in  Illinois  13.01
hin  Indiana  12.76  Dollars,  er  nimmt  also  nach  Osten
Wfiste’  dorthin  mehr  Einwanderung  stattfindet,  als  nach
Werde  .  niehr  diese  sich  nach  Westen  zieht,  desto  niedriger
Hoch  Löhne  werden.  Sie  waren  im  Jahre  1875
I  °Dollars  in  Dakota  und  16  63  Dollars  in  Minnesota.
sicherRiver-Thale  wird  auf  lange  eine
Und  gute  Capitalsanlage  bleiben.
^upsirj  Uartencultur  ist  in  den  südlichen  Theilen  von  Wis-^^stan/""^
  Minnesota  noch  bedeutend.  Man  sieht  schöne
Ulan  n  sogar  Wein.  In  dem  Red  River-Thale  trifft
^^^I^ich^"^  wenige  Aepfelbäume.  Gemüse  aber  gedeihen
'  ebenso  Futterrüben,  Klee,  Thimothe  und  Kartoffeln,
        <pb n="649" />
        636

welche  2-  bis  300  Bushels  per  Acre  liefern  und  merkwürdig
mehlig  in  Anbetracht  des  schweren  Bodens  sind.
Da  der  Boden  im  Red  River-Thale  vielfach  von  Specu
lantén  aufgenommen  ist,  welche  nicht  die  Absicht  oder  das
Capital  besitzen,  um  den  Boden  zu  bebauen,  aber  doch  einen
Ertrag  von  ihm  haben  möchten,  so  hat  sich  eine  eigenthüm*
liehe  Pachtwirthschaft  herausgebildet.  Der  Grundbesitzer  erbaut
die  nothwendigen,  billigen  Baulichkeiten  und  sucht  sich  einen
Pächter,  der  eben  nur  Capital  genug  hat,  um  Pferde  un
Maschinerie  zu  kaufen  und  ein  Jahr  lang  zu  leben.  Dieser
bestellt  nun  den  Boden  in  der  bekannten  Weise,  d.  h.  ein*
furchig,  mit  Weizen  und  giebt  beim  Drusch  den  dritten  Th
der  Körner  an  den  Grundbesitzer  ab.  Oft  giebt  letzterer  auc
noch  Saat  und  einige  Maschinen  und  erhält  nun  einen  grösseren
Ernte-Antheil.  Dies  sind  die  amerikanischen  Métayer-Wirt  r
schäften.  Sie  sind  überwiegend  nur  Uebergangsstadieii:  Nac^
einigen  Jahren  kauft  der  wohlhabend  gewordene  Métayer  de  ^
bisher  gepachteten  oder  einen  anderen  Bauernhof.  Dies
eine  sehr  rationelle  Art  für  arme  Landleute,  Grundbesitz®
zu  werden.  ¿
Auch  bietet  eine  Actiengesellschaft,  welche  viel  Da
gekauft  hat,  dasselbe  zum  Verkaufe,  nicht  nur  gegen  Rat®^^
Zahlung,  sondern  ganz  ohne  Zahlung  aus.  Sie  verlangt
Kaufpreis  nur  den  dritten  Theil  der  ersten  drei  B^nt^®^
von  dem  zu  kaufenden  Lande!  Andere  Spekulanten  bie
Land  aus  für  die  erste  ganze  Ernte.  Nicht  wenige  Far0^
aus  östlichen  Staaten,  welche  mit  einigen  Mitteln  hieher
gehen  auf  solche  Geschäfte  ein  und  gelangen  in  einig^
Jahren  dadurch  zu  Eigenthum.  Freilich  ist  die  gf
Stellung  solcher  unbemittelter  Pächter  oder  Halbeigent  n
eine  besonders  schlechte.
Auch  lassen  Speculanten,  welche  grosse  Landstrec^^^
besitzen,  solche  von  benachbarten  armen  Farmern  in
bestellen.  Letztere  verdienen  sich  durch  solche  Arbeiten
selten  den  Lebensunterhalt  ihrer  Familien.  Die  Contractspf
pflegen  zu  sein  für
        <pb n="650" />
        637

Brechen  der  Prairie  per  Acre  .  .  Dollars  3  —
Zweites  Pflügen  derselben  per  Acre  „  1-50
Eggen  vor  der  Saat  per  Acre
Säen  per  Acre
Eggen  nach  der  Saat  per  Acre  .

—•50
—'50
—'50

Summe
Mähen  und  Binden  per  Acre
Aufstellen  in  Mandeln  per  Acre
Stacken  in  Miethen  oder  Diemen  per  Acre

Dollars  6'—
.  Dollars  i  30
—’40
—■50

Summe  .  Dollars  2  40
Wern  "  Grundeigenthümer  noch  das  Saatkorn  zu
bezahl'  '  '''  ""acht  1.50  Dollars;  das  Dreschen  zu
Was  e-^u’  ^  Bushel,  und  Leute  bei  der  Maschine,
ihm  dir  Dollars  per  Acre  stellen  dürfte,  so  dass
Wenn  u  ^  \''7o  Dollars  Unkosten  zu  stehen  kommt;
75  Cem  Bushels  Ertrag  hat  und  der  Bushel
sich  das"-  ‘a  kostet  -  wie  1881  _  so  macht
Capital  d'"  Bodens  vor  einigen  Jahren  gesteckte
PHai  doch  bald  bezahlt.
Graf  Imre  Széchényi  und  ich  einen
tcrritQ  ^  Ausflug  nach  Manitoba  und  dem  Nordwest-^innin''"'
  Canada  gemacht  und  durch  Ausflüge  von
^^iürlich\  Anschauung  von  diesem  Lande  gewonnen,
S^nzen  c  genaue  Kenntniss,  denn  dazu  müssten  wir  einen
haben  «  !"  ungeheuren  Gebiete  reisen.  Indessen
Stelle  Material  zur  Beurtheilung  des  Landes  an  Ort  und
Zuverlässigkeit  dieses
^  daselbst  genau  informirt.
^ann  Geometer  und  nebenbei  universell  gebildeter
^^'^itob  M^ugner,  der  seit  mehr  als  ein  Dutzend  Jahren  in
haut^  dah  Ginen  grossen  Grundbesitz  hat  und  be-^Wnt
  ^urch  Vermessung  des  Landes  dasselbe  genau  kennen
^^itze  b  Mann,  den  Graf  Széchényi  und  ich  auf  seinem
^ucht,  mit  dem  wir  Reisen  gemacht  und  dessen  werthdç.
  Land  wir  durchgesehen  haben,  ist  mit
^  nsicht,  dass  das  Gebiet,  welches  im  Süden  durch
'^^^•sche  A  Osten  durch  den  96.  Meridian  (ameri-Abmessung),
  im  Norden  durch  den  Peace  River,  i,

im
        <pb n="651" />
        63B

Westen  durch  das  Felsengebirge  begrenzt  wird,  ohne  den
Theil,  der  in  Minnesota  liegt,  267  Millionen  Acres  Weizenboden
enthält.  Ich  glaube  nicht  zu  irren,  wenn  ich  sage,  dass  das
Land  nördlich  von  der  Wasserscheide  zwischen  Mississippi  nnd
Red  River  bis  zum  Peace  River  denselben  Charakter  im  Ganzem
und  Grossen  trägt  und  dass  daselbst  250  bis  300  Millione*^
Acres  bestellbar  und  zum  grossen  Theile  sehr  fruchtbarer
Weizenboden,  noch  viel  mehr  Acres  aber  für  Viehzucht  geeignet
sind.  Wie  jetzt  die  Besiedlung  wächst,  dürfte  in  8  bis  10  Jahren
dieses  Gebiet,  das  bisher  kaum  20  Millionen  Bushels  Weizen
bringt,  so  viel  Weizen  liefern,  als  die  Union  zusammengenommen.
Man  halte  doch  dies  nicht  für  Uebertreibung.  Von  1870  bis
1880  vermehrte  sich  der  Anbau  des  Weizens  in  der  Umo
von  19  auf  ca.  38  Millionen  Acres,  d.  h.  um  19  Millio*^®
Acres,  er  verdoppelte  sich  gerade.  War\im  soll  sich  in
nächsten  zehn  Jahren  nicht  eine  Fläche  von  20  bis  30  Millionen
Acres  auf  jenem  grossen  Nord  westgebiete  mit  Weizen  bebauen
lassen,  zumal  dieses  jetzt  sehr  schnell  von  Eisenbahnen  kreu^
und  quer  durchzogen  wird  und  englische,  schottische  Farm  ^
scandinavische  Bauern  mit  Mitteln  in  Massen  dort  ein  wandern-Manitoba
  hatte  von  Herbst  1880  bis  1881  über  15.000
wanderer,  worunter  viele  englische  Landleute  mit  Capital.  ^
ln  der  Union  sind  von  1870—80  jährlich  135.000  nen^
Farmen  entstanden.  Lassen  wir  10  Jahre  hindurch  in  Cana
jährlich  nur  den  10.  Theil  hiervon  entstehen,  so  haben  ^  ^
in  IO  Jahren  135.000  neue  Farmen  à  160  Acres,  worauf
da  hier  fast  nur  Weizen  gebaut  wird,  je  80  Acres  gut
gern  unter  Weizen  haben  kann,  macht  10.800.000  Acres  u
Weizen.  Ich  glaube  aber,  dass  von  etwa  1884  an,
Bahnen  ziemlich  fertig  sein  werden  zwischen  dem  Osten  ^
Manitoba,  die  Ansetzung  neuer  Farmen  bis  auf  15
jährlich  steigen  wird.  ,
Schon  steht  Winnipeg,  seit  dem  Frühjahre  1881,
Union  in  Eisenbahnverbindung.  Zwei  neue  Bahnen  vo'’
nach  der  Union  sind  concessionirt.  Die  Bahn  von
nach  der  Thunder-Bai  am  Oberen  See  wird  im
fertig.  Die  Canada  Pacific-Bahn  war  Herbst  1881  auf  180

ooo
        <pb n="652" />
        ^39

thch  von  Winnipeg  in  Betrieb  und  wird  im  Jahre  1883
bis  ^'^"g&amp;lt;:kirge  erreichen.  Eine  Bahn  vom  Winnipeg-See
Ba  'St  concessionirt,  vermessen  und  sollte  der
Bah  .*&amp;gt;«gi"nen.  So  sind  Zweigbahnen  der  Canada  Pacificdes
  V!*^^“■ecke  westlich  Winnipeg,  welche  die  Thäler
Verh  Bo"  River  mit  Winnipeg  in
werd'"  praktischen  Engländer
durch  p"'"-'  Bahnen  anlegen,  welche
Eiswusten  zu  laufen  haben.

siedpl  Uebelstände  vorhanden,  welche  die  Becanadischen
  Theiles  dieses  Weizengebietes  ver-Uebelstände
  sind  politischer  und  socialer
und  lassen  sich  beheben.

"och  atf  jenem  Theile,  der  in  der  Union  liegt  und
Bodens  C-^,  Acres  unangebauten  sehr  fruchtbaren
Werden  "'"Bt  in  dem.Maasse  vorhanden  und  diese
Pacitie  ""Bneller  besiedelt  werden,  als  die  Northern
Vellón  Dnluth  über  Fargo  bis  über  den
eine  „  hinein  bereits  in  Betrieb  ist.
Zu  Anzahl  von  Zweigbahnen  nach  Norden  und  Süden
krach"r  g^-osser  Finanz-  und  Eisenbahnda
  all  o  Besiedlung  jetzt  nur  mehr  wenig  verzögern,
^esitzp^  Hauptpunkte  für  die  Production  schon  Absatzwege
Thun^"'  u  »-echnet,  dass  der  Bushel  Weizen  von  der
Rai  naTt’  Montreal  um  12  Cents,  von  der  Thunder-Von
  r)\  Liverpool  um  21  Cents  transportirt  werden  wird,
Canal  Liverpool  um  16  Cents,  seit  der  Welland-^ähio-b
  T  October  1881  für  Schiffe  von  2000  Tonnen  Tragund
  i3'/2  Fuss  Tiefgang  schiffbar  geworden  ist.
dass  sanguinisch  zu  sein,  rechnen  zuverlässige  Leute,
Jahren  Weizen  für  70  Cents  per
^äfen  grossen  Nord  westgebiete  nach  atlantischen
^Rlio  kann,  und  zwar  in  Massen  von  einigen  Hundert
Oder  Bushels,  das  macht  5.60  Dollars  per  engl.  Quarter
Gin  ^^^^.^‘■^etercentner  2  60  Doll,  oder  6  23  fl.  ö.  W.  Je  länger
höherer  Preis  erzielt  wird,  desto  grösser  werden  die
        <pb n="653" />
        640

Profite  der  Farmer  dort  sein  und  desto  schneller  wird  das
Land  angebaut  werden.  ,  ,  -
Die  Rückreise  von  Winnipeg  führte  den  Grafen  Szecheny
und  mich  über  St.  Paul,  Minneapolis  und  Milwaukee  nac
Chicago.  ^
Wir  besahen  in  Minneapolis  eine  der  grössten,  pra
vollen  Mühlen,  die  dem  Gouverneur  des  Staates  Minnesota»
Herrn  Phillsburg,  gehört,  und  eine  grosse  Holzschneidemu  e,^
bei  St.  Paul  die  vom  Staate  unterhaltene  künstliche  Fischzuc^^
am  oberen  Mississippi,  welche  die  7000  Seen  und  die  F  us^^
des  Staates  mit  werthvollen  jungen  Fischen,  darunter
Karpfen,  versorgt,  und  zogen  auf  der  Handelskammer  u
von  grossen  Kornhändlern  Details  über  den  Getreide-  ^
Mehlhandel  der  beiden  Städte  ein,  welche  in  wunder
schöner  Lage  hier  an  jener  Stelle  des  Mississippi  liegen,
er  anfängt  schiffbar  zu  werden.  Die  hohen,  waldbewachsen
Ufer  des  Mississippi  und  Minnesotaflusses  sind  hier  so  sc
wie  jene  der  oberen  Donau  und  der  Minnehahafall  des  •  ^
teren  Flusses  ist  von  entzückender  Anmuth.  Am  Zusam
(lusse  beider  Ströme  liegt  Fort  Snelling,  schöner  noci
Gran.  bstüf'
Minneapolis  liegt  an  den  von  50  Fuss  Höhe  hera
zenden  St.  Anthony-Fällen,  deren  immense  Kraft  von  i25*
Pferdekräften  noch  nicht  annähernd  durch  Ablenkung
Wassers  und  dessen  Fall  auf  Turbinenräder  ausgenü
obschon  sie  eine  Anzahl  Baumwoll-,  Wollen-,  Maschinenfa  g
20  Säge-  und  Hobel-  und  28  Mahlmühlen  treiben.
können  20  Millionen  Bushels  Weizen  =  g'/z  Millionen
centner  jährlich  in  5  Millionen  Fass  Mehl  vermahlen,  wovon
442.598,  1880  769.442  Fass  direkt  nach  Europa
wurden,  damals  für  rund  1*57  Dollars  bis  Liverpoo
1.52  Dollars  bis  Glasgow,  macht  180  Dollars  =  4  ^  ^
ö.  W.  per  Metercentner  nach  Liverpool  und  174  Do
4  fl.  17  kr.  ö.  W.  bis  Glasgow.  Jetzt  viel  billiger,
bis  in  den  Sommer  1881  in  der  Regel  7  bis  8
Fass  Mehl  an  allen  Unkosten  von  Minneapolis  bis  lavc
zu  zahlen  gehabt  für  214  Ibs.  oder  95  Kilo  Brutto.
        <pb n="654" />
        641

u,n  4  f]^  können,  dass  der  Metercentner  Mehl
auf  den  ?■  Transportkosten  von  Minneapolis
über  Märkt  gebracht  werden  kann.  Von  Budapest
^'Grüner  K  von  der  ungarischen  Re-Meterf
  /^^^"^^onirten  Dampferlinie  kostet  die  Fracht  per
der  MilT"  ^  '  Die  Leistungsfähigkeit
*  'Ä'-.r.irr'"“-  ■••■  -  ««
Anzahl  grosser  Mühlen,  neue
Weizen  Städten  gebaut.  Es  fehlt  den  Mühlen  an
im  ^  vv  erden  zahlreicher  werden,  sowie  der  Ackerbau
richtunor  mehr  Getreide  liefert.  In  der  Einan
  Grölr  r  Mühlen  der  Welt  übertroffen,
Mehl  Per  ^'vei  derselben  je  über  4000  Fass
dings  ^0"”en.  In  St.  Louis  will  man  aller-^^gunLarh^'"^
  TT  ^°"°°°  Capacität  bauen.  Alle  Be-‘^'dige
  W  \  Mühlen  mechanisch  durch  die  so
^^^currirpn^^T^T  kann  mit  diesen  Mühlen
^af  dem  vorzüglichsten  Weizen  der  Welt,  der
^'■^'isporth  wächst,  zu  12  bis  20  Cents
^akoC  u^T  den  Farmen  Minnesotas  und
^'‘^iswürd;^^*^^^"  können?  Früher  konnte  man  die  Kleie  nicht
^Í6  Tonnf  Aber  im  September  1881  kostete
Dollars  d  T°"  ‘‘“"d  neun  Metercentnern  in  St.  Paul  14'/j
Dollars  -  3.84  fl.  ö.  W.
'‘^'^entlich  r-  den  östlicheren  Staaten  als  Futter,
fur  Milchkühe.
^fichteT  M  ausgedehnte  Mühlenindustrie  Amerikas
21  „American  Flour  Mill  Directory»,  dass  die
^  *346,  Canada  1.488  Mühlen  besitze.
fuhren  wir  nach  Milwaukee,  der  grossen,
der  T"’  deutschen  Handelsstadt  am  Michigan-^rössp
  von  Chicago,  das  sie  jedoch  beiweitem
Späte  audels  nicht  erreicht.  Hier  sahen  wir,  wie
U  ^  !"  Chicago,  die  landwirthschaftliche  Staatsausstelinteressirten
  die  landwirthschaftlichen  Maschinen.
41
        <pb n="655" />
        642

Milwaukee  hat  berühmte  Bierbrauereien,  deren  Erzeugniss  so
gar  nach  Europa  exportirt  wird.  ^
Ueber  das  Brauergewerbe  der  Vereinigten  Staate_^
liegen  folgende  interessante  Statistiken  vor:  In  dem  am  31.  P
1881  endenden  Jahre  gab  es  im  Lande  2474  Brauer,
Klein-  und  2034  Grosshändler  in  Malzgetränken  und
Klein-  und  4.112  Grosshändler  in  Spirituosen.  Von  den
ern  fallen  auf  New-York  361,  Pennsylvanien  338,  ^  J^co
221,  Californien  204,  Ohio  168,  Jowa  132,  Illinois  129,  Mic
116,  Minnesota  lot,  Maryland  69,  Missouri  66,
New-Jersey  57;  gar  keine  Brauereien  giebt  es  in  den
Alabama,  Arkansas,  Florida,  Maine,  Mississippi  und
ln  der  Brauindustrie  des  Landes  sind  152.544.720
Kapital  angelegt  und  ungefähr  30.000  Personen  bese  a
Seit  18  Jahren  hat  die  Brauerei  folgenden  Aufschwung
nommen:
Fässer  à  117  Liter
1863  1.765.827
1870  6.574.616
1880
1881  14.t78.557  pjg
Auch  in  St.  Louis  wird  viel  und  gutes  Bier  gebraut.
Production  dieser  Stadt  betrug:
1877  471.232  Fässer  oder  14.408.193  Gallonen
1878  531.684  '  „  «  16.171.304  „
1879  643.667  „  »  19.933.677  «
1880  838.073  „  «  35.670.333  „
Die  Zunahme  beträgt  nahezu  80  Procent,  ^pfeilerforderlich
  2.406.879  Bushel  Gerste  und  6232  Ballen
Dazu  werden  noch  grosse  Mengen  fremder  ßi^re  nac^
Vereinigten  Staaten  importirt  und  in  den  grossen  Sta
Landes,  trotz  der  hohen  Preise,  getrunken.  In
Restaurants  und  Bierlocalen  findet  man  ausser  echten^u
Kulmbacher  und  Erlanger,  auch  ein  ganz  vortreßlicn  ^  ((y
misches  Bier,  das  Libotschaner.  Auch  Hersbrucker  (¡i
puziner  werden  viel  und  gern  getrunken.  Das
3/„,  Täter'l  von  diesen  importirten  Bieren  kostet  20
        <pb n="656" />
        643

Bier  =  24  Kreuzer  ö.  W.,  von  einheimischem
j  S*‘ossen  Städten  5  Cents.
y  .  ^^Bre  1882  sollen  in  der  Union  38  Liter  Bier  und
1827  Branntwein  pro  Kopf  consumirt  sein.  Im  Jahre
pro  "^uimrte  die  Bevölkerung  noch  15  Liter  Branntwein
^  P  -  ^  Das  Bier  verdrängt  den  Branntwein.
Fiscal;!!  ^"‘'‘^^^ction  von  Spirituosen  aller  Art  betrug  im
stieg  nn  J""'  :869  =  54-3  Mill.  Gallonen  und
^Ber  fin  ^^7^»  wo  sie  57.2  Millionen  betrug.  Nun
im  jnh  ^  Grossproduction  von  Spiritus  aus  Mais  an,  und
Gallon  wurden  schon  91.361.051
6..  xj-n"  darunter  15.4  Millionen  Bourbon  Whisky,
onen  R  Rye  Whisky,  21.6  Millionen  Alkohol,  2.4  Millipure
  n  ^  1^^  Millionen  Gin,  15.2  Millionen  High  wines,  20.6
Spirits,  1  Millionen  Fruchtbranntwein.  Exportirt
^alione  ^  Gallonen,  im  Jahre  1881  =  i'/z  Millionen
ist  Branntweinbrennerei  aus  dem  billigen  Mais
^  sehr  entwicklungsfähig.
der  Branntweinkneipenleben  ist  ein  wahrer  Krebsschaden
socialen  Unfrieden  erregt,  indem  die
Fol  nunmehr  alle  Mlrthshäuser  schliessen  möchten,
in  welch^^"ï  Uebersicht  giebt  die  Zahl  der  Wirthschaften
^  pirituosen  verkauft  werden,  Staaten  weise:
Zahl  der  Verhältniss  zur
Wirthschaften  Bevölkerung  Volkszahl.

Id
III
Indi

'ïho
‘■«Ois

Jo

ana

^ans

as

2.076
787
1.437
8.658
2.534
2.653
535
639
487
2.517
415
»&amp;gt;.524
5.199
4.313
1.132

608
51
558
99
76
235
252
239
553
612
76
267
380
377
897

1.262.505
40.440
803.525
864.694
194.327
621.700
«35.»77
146.608
269.493
1.542.180
32.610
3.057.871
1.978.301
1.624.615
996.096
41*
        <pb n="657" />
        644

Zahl  der  Verhãltniss  zur
Wirthschaften  Bevölkerung

Kentucky
Louisiana
Maine
Maryland
Massachusetts
Michigan
Minnesota
Mississippi
Missouri.
Montana
Nebraska
Nevada  .
New-Hampshire
New-Jersey
New-Mexiko
New-York  .
Nord-Carolin
Ohio  .  .  .
Oregon  .  .
Pennsylvanien
Rhode-Island
Süd-Carolina
Tennessee  .
Texas  .  .
Utah  .  .  .
Vermont
Virginia.  .
Washington
West-Virginia,
Wisconsin
Wyoming

3.760
4.687
.  820
4.836
7.279
4-537
2.510
1.729
6.430
765
929
955
922
6.325
1.223
26.446
1.975
14.336
1.025
16.292
1.397
1.085
2.956
2.901
387
409
2.507
325
757
4.986
324

438
200
79«
293
245
360
31»
654
337
51
487
65
376
179
98
192
708
223
170
263
269
910
522
549
37«
812
603
231
8,7
364
86

Volkszahl.
,.648.696
939.94Ö
648.936
934.943
1.783.085
1.636.937
780.77
2.168.386
39.‘39
452.40*
62.266
346.99’
1.13“’^
119.5^5
5.082.87’
,399.750
4.282.89’
276.53'
995.577
1.54*  359
1.59’  74^
143-9^^
33'.'»"
1.5
7S."‘
618.457

ite"
IcM

Danach  giebt  es  in  den  gesammten  Vereinigten
170.640  Wirthschaften,  oder,  wenn  man  die  Territorien^  ßinmit
  in  Anrechnung  bringt,  eine  Wirthschaft  auf  je  3®
wohner  —  Männer,  Weiber  und  Kinder.
Die  Bahn  nach  Milwaukee,  wie  von  da  nach
durch  ein  sehr  schönes  Hügelland,  das  meist  in  kleinen  gin
von  40  bis  160  Acres  Grösse  getheilt  ist,  deren  jede
kleines  Wäldchen  hat.  Nahe  Chicago  wird  die
und  sieht  man  grössere  Farmen,  die  besonders  als
        <pb n="658" />
        645

in"  ^^sgenützt  werden.  Der  Boden  ist  durchwegs  fruchtbar.
Chi  altangesiedelten  Lande  zwischen  Milwaukee  und
p^^^ago  sieht  man  keine  Wirkung  von  Raubbau.  Die  kleinen
Und  ^^Giben  hier  meist  gemischte  Wirthschaft,  Getreidebau
^^i^^acht.  Die  Aecker  sind  5,  10,  20  Acres  gross,  einwerden
  mit  Mais,  Weizen  und  anderen  Getreideein
  M-u"  ^'^^^seiwirthschaft  bestellt.  Fast  alle  Farmen  haben
nqj  ^ad  ein  Weidekleefeld  und  einen  grossen*  Gemüsekom
  (ieren  Früchte  auch  zum  Theile  auf  den  Markt
giebt  es  viele  kleine  Milch-Wirthschaften,  in
Das  V'  Käse  erzeugt  und  Kälber  aufgezogen  werden.
ist  meist  gut  englisch  und  wird  vorzüglich  gehalten,
aus  B  ^  Jahren  die  Fabrikation  der  Kunstbutter
Oleomargarine,  d.  h.  aus  Schweinefett  und
im  anfing,  sank  der  Futterpreis  von  37.5  Cents  per  Ib.
29.^  .  *^^  *874  zu  New-York  auf  29-5  Cents  im  Jahre  1875,
Und  T  .  ^^76,  22  im  Jahre  1877,  22-25  im  Jahre  1878
^iichw'^u"^  warfen  sich  die  amerikanischen
bill;  ‘‘^^schaften  auf  die  Käserei  und  trieben  durch  ihren
^^Süsch  Schweizer  und  Holländer  Käse  aus  dem
über  "’Markte.  Die  amerikanischen  Farmer  klagen  bitter
"^""^^butter",  welche  nicht  nur  der  ihrigen  Con-^^PorU
  sondern  auch  in  grossen  Massen  nach  Holland
Hutter  *b  ^  braven  Holländern  zur  Verfälschung  ihrer
^nd  sie  nun  ihrerseits  nach  Deutschland
bei  So  jj-  Ländern  exportiren.  Das  Oleomargarin  wird
üurin  M'  L  *^*^^*^  Hitze  hergestellt,  dass  Finnen  und  dergleichen
W¡h  '  werden.
Werk  schon  im  Druck  war,  stellte  die
1883  eine  andere,  in  dem  be-^
  b'üheren  Capitel  noch  nicht  erwähnte  Fälschung  von
Schmalz  fest.  Man  setzt  ihm  in  den  Schmalzdie
  *L.^^^mwollsamenöl  hinzu,  was  nicht  eben  ekelhaft
spricht  auch  von  Talgpräparaten  und  terra
H^ass  ^""^^^^^^^^^schungsmitteln.
hier  nicht  mehr  ausschliesslich  oder  auch  nur
VVeizen  zieht,  sieht  man  schon  an  dem  Fehlen  der
        <pb n="659" />
        646

Elevatoren  an  der  Bahn.  Auch  giebt  es  holländische
mühlen  zum  Vermahlen  des  Getreides  hierzulande.  Nicht  se  ^
findet  man,  wie  am  Rhein,  Obstbäume  auf  den  Weiden
auf  dem  Acker,  welcher  also  hier  eine  Doppelfrucht  trägt-Diese
  kleinen  Farmen,  deren  Boden  sehr  sorgfältig  beste  .
von  Unkraut  rein  gehalten  und  meist  regelmässig  gedun^
wird,  machen  den  Eindruck  der  Wohlhabenheit  ihrer  Besit  ^
Aber  die*  Baulichkeiten  darauf  sind  alle  äusserst  einfach
billig,  fast  stets  nur  aus  Holz  hergestellt.  Man  belastet  ^
zu  verzinsende  Anlagecapital  nicht  durch  Errichtung  tn
mentaler  Viehställe  und  Farmerhäuser.  ^
Hier  konnten  wir  sehen,  was  wir  auch  in  Illinois  be
achteten,  dass,  je  weiter  man  nach  Osten  in  älter  besie
Staaten  kommt,  desto  mehr  die  Grösse  der  Farmen
ohne  zur  Zwergwirthschaft  zu  führen  —^  die  Farmen  sin
noch  „spannfähig“  —  desto  besser  aber  die  Bodenbeste
und  desto  höher  der  Ertrag  per  Acre  wird.  Die
werden  eben  wohlhabender,  können  mehr  Capital  au
kleinere  Ackerfläche  verwenden  und  thun  es.  In  den
liehen  Staaten  fangen  die  Ansiedler  auf  einer  160  Acres  gt®
Homestead  mit  sehr  unzureichendem  Capitale  an,
viel  Boden  wie  möglich  um  und  bauen  Weizen,  Weizen
wieder  W^eizen  —  bis  sie  Capital  genug  haben,  bess
tioneller  zu  wirthschaften,  das  sie  sich  durch  Erspar

oder  Verkauf  eines  Theiles  ihres  Landes  verschaffendie
  Arbeitskraft  einer  Familie  sind  160  Acres
Joch  ja  zu  viel  Land.  Die  Naturkraft  des  jungff»^^
Bodens  nimmt  ab,  wird  aber  mehr  als  ersetzt  durch  ^
pital  und  Arbeit,  die  der  inzwischen  wohlhabend
Bauer  auf  sein  Feld  verwendet.  Dass  eine  „ausgerau
Farm  verlassen  wird,  kommt  höchstens  in  einigen,  ^
wenig  fruchtbaren  Oststaaten,  z.  B.  im  Staate  New  Yor  »
Ausser  Cultur  aber  fällt  sie  auch  hier  nicht,  sondern  ^
mit  anderen,  ähnlichen  zusammengeschlagen  und  in
weidefarm  verwandelt.  Die  fallenden  Weizenpreise  ver'^  gg
hier  also  den  Ackerbau  wieder  zurück  in  Viehzucht,  gg.
zweifellos  in  wenig  fruchtbaren  Gegenden  Europas  au
        <pb n="660" />
        647
heben  wird,  wenn  man  nicht  die  Einforstung  vortheilhafter
^"den  sollte.
Graf  Imre  Szëchényi  und  ich  am  12.  October  in
war  noch  Niemand  von  den  Jägern  aus
St  angelangt  und  wir  fuhren  am  14.  October  nach
^  ouis  ab,  an  drei  Stellen  in  Illinois  Stationen  zum  Studium
Landwirthschaft  und  Viehzucht  machend.
        <pb n="661" />
        XXXV.  Capitel.
Das  Unterriehtswesen  der  Vereinigten  Staaten.
Die  Unionsregierung  besitzt  nur  einen  Unterrichts-Com
missar  mit  lediglich  statistischer  Befugniss.  Der  Einzelsts  ^
unterhält  in  der  Regel  eine  Universität,  ein  Polytechnicum,
höhere  landwirthschaftliche  Lehranstalt  und  ähnliche  höh^^
Anstalten,  die  Counties  haben  Gymnasien  gegründet,  die  si^
dotiren  und  beaufsichtigen.  Die  Gemeindeschulen  werden
Schulgemeinden  selbständig  verwaltet.  Der  Vorstand
selben  wird  von  den  Familienvätern  der  Gemeinde  gevvä
schreibt  Schulsteuern  aus,  stellt  Lehrer  an,  stellt  den  Unterric
plan  fest,  verwaltet  den  Schulfond.  In  den  neueren  ^taa
gehören  von  jeder  Township  von  36  QMeilen  1^2
Land  den  Schulen,  das  verkauft  werden  kann.  Der
bleibt,  zinsbar  angelegt,  ewiger  Schulfond.  —  Der
unterricht  ist  frei.  Die  Eltern  zahlen  kein  Schulgeld.
gionsunterricht  wird  in  der  Schule  nicht  ertheilt.  Meist  t
dies  die  Geistlichen  der  einzelnen  Confessionen  Sonntag^
drei  oder  mehr  Menschen  können  eine  Corporation  zur  '
dung  einer  oder  mehrerer  Schulen  beliebiger  Art  bilden.
müssen  das  Statut  bei  der  County-Behörde  registriren
und  die  Corporation  darf  Legate  und  Schenkungen  anne
Vermögen  erwerben.  Religiöse  Gemeinschaften  stiften
Confessionelle  Schulen.  Der  Staat  controlirt  die  PrivaKC^^^^^
und  ihre  Lehrer  nicht,  so  wenig  wie  die  öffentlichen
der  Schulgemeinden.  Schulzwang  für  Kinder  existirt  ^
Die  vollständige  Schulfreiheit  hat  eine  grosse  Manniglal^K^^j,
der  Bildung  in  der  Union  zur  Folge,  während  der
centralismus  auf  dem  Continent  von  Europa  nothwen
chinesische  Einförmigkeit  des  Wissens  erzeugen  muss.
        <pb n="662" />
        •  649
für  Berichte  der  „Commission  für  Unterrichtswesen“
ti*^  hervor,  dass  die  Zahl  der  schulpflich-Kinder
  in  den  Vereinigten  Staaten  15.351.875  betrug,
in  den  Schulregistern  der  öffentlichen  eingetragenen
vie  durchschnittliche  tägliche  Besuch  5.744.186;  aus
lagen  keine  Berichte  vor.  Die  Zahl  der  schul-Idah
  Kinder  in  den  Territorien  belief  sich  auf  184.405;
da  W  Wyoming  sind  in  diese  Zahl  nicht  eingeschlossen,
Berichte  von  dort  vorliegen;  der  tägliche  Durchesuch
  belief  sich  in  den  Territorien  auf  61.154,  zwei
Pro  miteingerechnet.  In  Massachusetts  ist  der
Zahl  höchsten;  in  Louisiana  am  niedrigsten.  Die
senen  T  u"  Vereinigten  Staaten  angestellt  gewe-Die
  n  betrug  280  054,  in  den  Territorien  2.610.
für  Lehrer  betrugen  von  25.14  Dollars
für  I  !"  South-Carolina  bis  zu  101.47  Dollars  in  Nevada;
•fiNe^  ^^‘■^nnen  von  17.44  Dollars  in  Vermont  bis  77  Dollars
in  p  ^  In  21  Staaten  betrug  die  Gesammtzahl  der  Schüler
der  561.209;  in  zehn  Territorien  2.610;  die  Zahl
STer*-  ^”®^^6en  angestellten  Lehrer  in  35  Staaten  156.351  in
Einnahme  der  öffentlichen  Schulen  aller
liehe  A  Territorien  betrug  80.940.239  Dollars,  die  jährf^olla
  80.032.838  Dollars;  davon  entfielen  55.158.289
Schu^  Lehrkräfte.  Der  Werth  des  Eigenthums  aller
nicht  K  4^  yD.  ;  7  Staaten  und  3  Territorien  haben
der  Kosten  der  Schulen  variiren  per  capita
H.91  ^“pflichtigen  Kinder  von  96  Cents  in  Alabama  bis  zu
big  ^  tri  Massachusetts.  Das  in  den  Staaten  von  1785
den  1880  für  Schulzwecke  verwendete  und  in
^erritorien  reservirte  Land  repräsentirt  78.659.439  Acres.
Staate*^  schulpflichtigen  weissen  Kinder  in  16  Südgeben*^
  District  Columbia  wird  auf  3.899.961  angeder
  Jh  T  Schulregistern  enthalten  2.215.674.  Die  Zahl
farbigen  Kinder  beträgt  1.803.257,  in  den
l^aben  eingetragen  784.709;  Gesammtkosten,  resp.  Aus-^^stehe
  Rassen  12.475.044  Dollars.  Für  die  Farbigen
“  den  Berichten  in  den  Südstaaten  und  dem
        <pb n="663" />
        650

District  Columbia  44  Normalschulen  und  Normaldepartments
mit  227  Lehrkräften  und  7.408  Schülern,  36  Institute  für
höheren  Unterricht  mit  120  Lehrern  und  5.237  Schülern,
15  Universitäten  und  Colleges  mit  119  Lehrern  und
Schülern;  22  theologische  Institute  mit  65  Lehrern  nn
800  Schülern;  3  Institute  für  Jurisprudenz  mit  10  Lehrern  un
33  Schülern;  2  Institute  für  Medicin  mit  17  Lehrern  un
87  Schülern;  2  Institute  für  Taubstumme  und  Blinde  mit
18  Lehrern  und  122  Schülern;  16.669  öffentliche  Schulen  m
784.709  eingeschriebenen  Schülern.  Es  wird  berechnet,
die  Appropriationen  der  Amerikanischen  Missionsgesellscha  ,
der  Freedman’s  Hülfsgesellschaft  und  der  Baptisten  Missionsgesellschaft
  für  Erziehungszwecke  im  Süden  (fast  ausschhe^
lieh  für  Farbige)  zusammen  mit  den  Stiftungen  des  Peabo  y
Fond  seit  Beendigung  des  Krieges  10.000.000  Dollars  betrage
haben.  Von  den  44  Normalschulen  stehen  29  unter  Leitung
religiöser  Gemeinden,  ebenso  31  von  den  36  Schulen
höheren  Unterricht,  13  der  15  Universitäten  und  sämmtlic
theologische  Institute.
Die  Zahl  der  einberichteten  Normalschulen  betragt  z
mit  1.466  Lehrern  und  43.077  Schülern.  Die  Zahl  der  ^
duirten  der  öffentlichen  Normalschulen  betrug  in  1880  3-9^
Die  Zahl  der  Graduirten  der  Privat-Normalschulen  belief  s
auf  752,  wovon  460  im  Lehrfach  angestellt  wurden.  Die  ^
der  Vorschulen  betrug  in  1880  125  mit  860  Lehrern
Schülern,  die  wie  folgt  klassificirt  wurden:  Vorbereitend  fur
klassischen  Cursus  im  College  6091;  für  den  wissenscha  11
Cursus  im  College  992;  für  andere  Fächer  6.153,  83  Hoc  ^^3
besitzen  nach  eingegangenen  Berichten  953  Lehrkra  te
11.684  Studenten,  unter  den  letzteren  Anstalten
der  Landschenkungsakte  von  1862  einbegriffen,  auch  ge
dazu  die  Militär-  und  Marine  -  Akademien  der
Staaten.  Die  Gesammtzahl  der  Universitäten  und  Co
wird  auf  364  angegeben,  deren  Lehrkräfte  auf  4-*  ^
Studenten  auf  59  584-  College  -  Bibliotheken  en  ¿gg
2.342.766  Bände,  eine  Zunahme  von  100.053  wahre  .
Jahres.  Werth  an  Grund  und  Boden,  Gebäuden  und  ApP
        <pb n="664" />
        65'

39.623.424  Dollars,  zinsbringendes  Capital  43.431.520  Dollars,
inkommen  vom  letzteren  3.014.048  Dollars;  Einnahmen  an
^tudiengebühren  im  Jahr  1880  1.881.360  Dollars,  Einnahmen
Staatsverwilligungen  418.159  Dollars.  Die  Zahl  der  sich
nr  s  College  vorbereitenden  Schüler  betrug  30.297.  Studenten
y  Instituten  für  höheren  Unterricht  61.770,  die  sogenannten
orbereitungsdepartements  nicht  miteingerechnet;  davon  sind
3  -553  in  Colleges,  9785  in  sogenannten  „Schools  of  Science“
"  *9.402  in  höheren  Töchterschulen.  Von  den  letzteren
Wird,  wie  folgt,  berichtet:  Zahl  der  Institute  227,  Zahl  der
^  rkräfte  2106,  der  Schülerinnen  25.780.
8  Institute  für  Rechtswissenschaft  wird  auf
^  *  deren  Lehrkräfte  auf  229  und  deren  Studenten  auf  3.134
n^geben;  Institute  für  Medizin,  Zahnheilkunde  und  Pharmacie
6  kl  *****  1660  Lehrkräften  und  14.006  Studenten;
i^i^tische  Institute  werden  mit  65  Lehrkräften  und  883  Stuj2
  ^  angegeben,  12  homöopathische  mit  188  Lehrkräften  und
kr"f  ^*“*^^"*®**-  Theologische  Institute  143  mit  633  Lehr-Üsch^"
  5-242  Studenten,  21  derselben  sind  römisch-kathoüer
  ’  baptistisch,  16  presbyterisch,  16  lutherisch,  15  gehören
jçjj.  Protestantischen  Episkopalkirche,  11  der  Congregational-Sek
  ^  übrigen  29  vertheilen  sich  auf  14  weitere
kräf  ^  ^rner  15  Krankenwärterschulen  mit  59  Lehr-418
  *  303  Schülern;  Schulen  für  Taubstumme  56  mit
I^in.  „r^^räften,  worunter  60  Halbstumme;  die  Zahl  der
232  mit  524  Lehrkräften  und  8871  Schülern,
lin  *3  Schulen  für  schwachsinnige  Knaben  mit  2472  Zög-Sch^uT’
  Schulen  für  Blinde  mit  532  Lehrern;  68  Reform-3S‘î^a''
  ”***  *  055  Lehrern,  Lehrerinnen,  Beamten  und  Gehülfen;
2.  p.  ^*‘  Waisen  oder  verlassene  und  hilflose  Kinder,
Leh  **i*d  51  Industrieschulen  mit  528  Beamten,
und  Assistenten  und  22.199  Zöglingen,
fond  ^*^**^*®^®  und  Direktoren  des  Peabody  Erziehungs-1^*^^*®**
  Ende  1882  im  5.  Ave.  Hotel  eine  Versamm-^
  ’  *****  den  Jahresbericht  des  Generalagenten,  J.  L.  M.
sich  p-  ^"^^^^^**  ^**  nehmen.  Unter  den  Anwesenden  befand
öischof  Whipple,  Ex-Präsident  R.  B.  Hayes,  Richter  Mantill



II

d

il
        <pb n="665" />
        652

ÍN;

ning  von  Louisiana,  A.  Stuart,  Hamilton  Fish,  Oberst  Theodor
Lyman,  Oberrichter  Waite  und  Samuel  Wetmore.  Hamilton
Fish  führte  den  Vorsitz.  Laut  unterbreitetem  Bericht  wurden
seit  I.  October  1881  80.334.81  Dollars  vertheilt  und  zwar  an
die  verschiedenen  Staaten  wie  folgt:  Tennessee  12.800  Do
lars,  Texas  17.500  Dollars,  Virginia  3.234.41  Dollars,  West-Virginia
  2.300  Dollars,  Süd-Carolina  5.375  Dollars,  Nord-Carolina
  6.485  Dollars,  Georgia  8.590  Dollars,  Mississippi
4.275  Dollars,  Louisiana  4.590  Dollars,  Florida  3.725  Dollars,
Arkansas  5.075  Dollars,  Alabama  5.075  Dollars.
Die  Deutschen  haben  seit  1880  eine  Privatstatistik  über
die  bestehenden  deutschen  Schulen  veranstaltet.  Dem  Lehrertage ­
  deutscher  Lehrer  in  Buffalo  wurde  im  Sommer  1883
Schultabelle  überreicht.  Dieselbe  enthält  Mittheilungen  übe
deutsche  Schulen  in  877  Ortschaften,  die  it?  35  Staaten
Territorien  liegen,  mit  einer  Gesammtschülerzahl  von  291.842
Schülern  und  4040  Lehrkräften.  Diese  vertheilen  sich  folgender
massen:  Oeffentliche  Schulen  mit  110.4I4  Schülern  und
Lehrkräften;  Pfarrschulen  mit  174.133  Schülern  und  2870  Le  rkräften;
  Privatschulen  mit  7295  Schülern  und  159  Lehrkrä  te  ^
Zu  den  Staaten,  welche  sich  durch  die  grösste  Anzahl  deutsc  e
Schulen  auszeichnen,  gehören  die  nachfolgenden:
Gesammtzahl

Oeffentl.  Pfarr-  Privat-  deutschrr
Schulen.  Schulen.  Schulen.  Schulen.

C/i

C/3

Ohio  414  38-290  442  29.382  5  44
Wisconsin  .  .  6o  11.546  378  19-733  ’2  679
Pennsylvanien  ii  2.900  372  18.689  2  141
Missouri  .  .  .  134  21.464  236  9.638  5  223
Illinois  ....  73  7.297  197  19.8:4  21  773
Indiana....  76  7-83«  &amp;gt;77  10-974  5  &amp;gt;28
Maryland  .  .  37  4-473  212  6.265  10  535
New-York  .  .  23  2.603  206  22  713  27  1.295
Diese  Zahlen  geben  kein  vollständiges  Bild

ft
861
450
385
375
291
258
259
256

67.749
31.958
21.73*
31.225
27.114
18.940
11.273
26.61  :

der  ThätigkG^^
        <pb n="666" />
        653

dem  Gebiet  des  deutsch-amerikanischen  Schulwesens.  Sie
gelten  zunächst  nur  mit  Bezug  auf  die  Anzahl  der  Ortschaften,
denen  Berichte  einliefen.  Da  haben  wir  für  Ohio  167,
isconsin  135,  Pennsylvanien  65,  Missouri  56,  Illinois  126,
le  ^7  und  New-York  34  Berichtsorte.  Es
^uc  tet  ein,  dass  die  Berichte  aus  einzelnen  Staaten  vollständiger ­
  sind,  als  aus  andern,  und  dass  nur  durch  Vergleichung
er  Zahlen  mit  der  Anzahl  der  eingelaufenen  Berichte  ein
gewonnen  werden  kann.  Es  mag
Miir  herau^tellen,  dass  in  den  Ver.  Staaten  wohl  eine  halbe
au  1"  ^er  deutschen  Sprache  und  zum  grossen  Theil
Sta  deutscher  Methode  unterrichtet  werden.  In  einzelnen
de^T"’  Missouri,  ist  man  mit  der  Einführung
reich  Unterrichts  in  den  öffentlichen  Schulen  erfolgdur
  anderen  Orten  hat  man  diesen  Zweck  mehr
dii»  ^_^"^^tthätigkeit  zu  erreichen  gesucht;  überall  aber  spielen
irchenschulen  die  Hauptrolle.
als  nämlichen  Bericht  giebt  es  nicht  weniger
Schüler,  welche  deutsche  katholische  Kirchenstan^”
  23,643  Kinder,  welche  deutsche  protederK-^t^^
  frequentiren.  Dieses  Uebergewicht
geleh  ÿk'Gr  alle  anderen  Institute,  in  denen  deutsch
zweiter  Linie  das  ungeheure  Uebergeschul
  ^^^^°^'^chen  über  die  protestantischen  Kirchen-^acta,
  die  in  diesem  Bericht  mit  besonderer
den  hervortreten.  Es  ist  bemerkenswerth,  dass  von
^eutsh  Bericht  verzeichneten  291.842  Schülern,  welche
^ageh  "  Unterricht  erhalten,  mehr  als  174.000  den  Pfarrschulen
72^-  während  110.414  in  den  öffentlichen  und  nur
Staat  N  ^^'^^^^^hulen  im  Deutschen  unterrichtet  werden.  Im
142  ^ew-York  giebt  es  22.571  deutsch-katholische  und  nur
eutsch-protestantische  Kirchenschüler.
        <pb n="667" />
        XXXVI.  Capitel.
Landwirthsehaftliehes  aus  Illinois.

Auf  einer  Reise,  welche  Graf  Imre  Széchényi  und  ich
October  i88i  von  Chicago  nach  St.  Louis  machten,  lernten
wir  einige  Theile  von  Illinois  kennen,  indem  wir  im  nor  '
liehen  und  südlichen  Drittel  der  Reise  wiederholt  Stationen
machten  und  uns  auf  Farmen  aufhielten.  Dieser  Staat  uni
fasst  35.462.400  Acres  Land,  wovon  im  Jah^e  1880  unter  Mais
waren  7.574.535  Acres,  Winterweizen  2.970.086  Acres,  Sommer
weizen  286.264  Acres,  Hafer  i.749-391  Acres,  Roggen  i49j^
Acres,  Gerste  39.313  Acres,  Kartoffeln  93.387  Acres,  Sorg  u^
17.726  Acres,  Flachs  171.985  Acres,  Gartengewächse  30^'°9
Acres,  mähbare  Wiesen  2.259.857  Acres,  eingezäunte  Hütunge
4.257.054  Acres.  Aus  diesen  Culturen  ergiebt  sich,  dass  ^
nois  ein  Mais-  und  Weideland  ist,  das  seine  Hauptreve
nuen  aus  der  Zucht  sehr  edlen,  hochgradig-englischen  Ri»^^
viehes,  ebensolcher  Schweine  und  deren  Mast  zieht.  Aus  ^
Staate  wurden  2.193.487  Fettschweine  im  Durchschnittsg  ^
Wichte  von  252  Ibs.  und  im  Gesammtwerthe  von
Dollars,  4.13  Dollars  per  100  Ibs.,  zu  Markte  gebracht.
399.955  fette  Rinder  im  Durchschnittsgewichte  von  1167  Ibs.
Preise  von  3.65  Dollars  per  100  Ibs.  und  im  Gesammtwer
von  17.026.130  Dollars.  Tahf^
An  der  sogenannten  Schweinecholera  starben  im  J
1879  nicht  weniger  als  676.738  Schweine  im  Gesammtge^^^^^
von  49'/3  Millionen  Ibs.,  1880  227.259  Schweine  im
von  23«/,0  Millionen  Ibs.;  im  Jahre  1877  crepirten  358.844  ^
von  37V2  Millionen  Ibs.,  im  Jahre  1878  crepirten
1.445.268  Stück  im  Gewichte  von  107  Millionen  Ibs.
Staate  allein!  Wie  viele  mögen  also  in  der

einem
        <pb n="668" />
        655

^repirt  sem?  Der  Ackerbauminister  der  Union,  Mr.  Le  Duc,
AK^  Bericht  fur  das  Jahr  1879  darüber,  dass  die
^  ~  ^  ereien,  „Rendering“-Fabriken,  die  crepirten  Schweine
d  lassen  und  in  Wagen  durch  das  Land  zu  den  Abv^c
  ereien  führen,  wodurch  die  Krankheit  unter  Schweinen
'pi  .  werde;  auch  constatirt  er,  dass  Menschen  und  andere
ste*r^  solche  Schweine  und  ihre  Körpertheile  angelieh
  ^  ""d  dass  daraus  entstehende  Krankheiten  tödtp
  ,  Y  leider  nicht,  was  die  Renderingbei
  diesem  Aas  machen.  Die  Aasfabrik  in  Globe
eren'  ^  1'1'^nd  für  den  Leichnam  eines
Pirten  Schweines,  das  macht  9%  Kreuzer  per  Kilo.
=  865.913  Milchkühe  und  kamen
Millionen  Ibs.  Butter  und  6.6  Millionen  Ibs.  Käse

ein  Busheh  und  Weizen  17'/,  Bushels  per  Acre
'  Von  den  circa  i  %  Millionen  Bushels  Mais,  welche  die
l^er  "  P"°ducirte,  brachte  Illinois  allein  ein  Sechstel
trug.  zu  Markt  gebrachten  Schlachtviehes  be-96n
  ^dhonen  Dollars,  jener  der  geernteten  Feldfrüchte
3  Millionen  Dollars.
tief  sehr  reich,  ein  Lehm,  der  bis  30  Fuss
Weisg  '  ^11^”  ^  8  P^ss  dunkel  mit  Humus  gemischt,  stellen-In
  denT-^A  zum  grossen  Theile  flacher  Prairieboden.
Schön  y  Theilen  findet  man  noch  vielfach  Reste  jener
Waln,^"  ^aubwälder,  welche  sie  einst  ganz  bedeckten.  Eichen,
rakter  diesen  Wäldern  ihren  Chafichan
  A  ist  baumlos,  abgesehen  von  Pflanzungen
^^^tgärt^”  M/egen  und  Gehöften  der  Farmer  und  in  deren
Weit^  P^men  sind  meist  klein,  von  80  bis  160  Acres,  soes
  Pigenthum  sind.  In  einigen  Theilen  des  Landes  gibt
Jedoch  liegen  die  Aecker  selten  dicht  bei
Sectionen  von  je  640  Acres  in  den
^OniDl  ^  zerstreut  und  werden  in  solchen  oder  kleineren
bewirthschaftet  Die  Zahl  der  Farmen  wuchs  in
von  76.208  i.  J.  1850  auf  143.310  i.  J.  i860,  202.803
        <pb n="669" />
        656

i.  J.  1870,  255.741  i.  J.  1880,  hiervon  649  über  1000  Acres,
3.249  zwischen  500  und  1000  Acres,  138  unter  3  Acres,
4.170  von  3—IO  Acres  gross.  Der  Rest  ist  als  Bauerngut  an-Zusehen;
  175.497  Farmen  wurden  von  Eigenthümern  bewirthschäftet.
  In  Geldpacht  waren  nur  19  Farmen  über  1000  Acres
gross,  in  Métayage  47  solcher.
Die  Farmgebäude  sind  meist  aus  Holz  sehr  einfach  un
billig  hergestellt,  die  Häuser  aber  deuten  auf  Wohlstand  der
Besitzer,  den  man  auch  findet,  denn  Illinois  ist  ein  älterer
Staat  und  begann  seine  Besiedelung  schon  vor  circa  vierzig
Jahren.  Auch  ist  der  Staat  einer  der  bevölkertsten  der  westlichen ­
  Staaten  und  hatte  1880  3.078.769  Einwohner,  wurde
Bevölkerungszahl  nur  von  den  Staaten  New-York,  Pennsy
vanien  und  Ohio  übertroffen.  Der  Staat  hatte  1820  erst
Einwohner,  1840  schon  476.000,  in  zehn  Jahren  verdopp^J
er  die  Zahl  auf  851.000  im  Jahre  1850,  verdoppelte  sie  wie
der  auf  1.711.000  im  Jahre  i860,  erreichte  2.539.000  im  Juh^
1870  und  jetzt  die  oben  angegebene  Zahl.  ^
Der  schwarze  Boden  leidet  vielfach  an  Nässe  und
man  seit  drei  bis  vier  Jahren  ihn  zu  drainiren;  uatur  ic
schreitet  auch  diese  Verbesserung,  wie  jede  in  diesem  Lan  j
sehr  schnell  fort.  Es  werden  jährlich  schon  über  10.000  Mçi
Drains  gelegt  und  existiren  über  400  Drainröhren  -  Fabn  '  ^
im  Staate.  Man  legt  die  aus  ungeschlemmter  Ziegelerde
gestellten  Röhren  4  bis  5  Fuss  tief.  Sie  kosten  18  Cents  P
Ruthe  von  16'/^  Fuss  englisches  Maass  und  die  Grabenar
ca.  20  Cents.  Die  einen  Fuss  langen  Drainröhren  kauft
um  12  bis  14  Dollars  per  Mille.  Illinois  ist  also  jetzt
als  die  Weizenländer  an  der  Ostsee  vor  vierzig  Jahren
als  sie  den  Weizenexport  begannen,  Mecklenburg  und
pommern.  Hier  legte  um  jene  Zeit  der  grosse  Nationalökou^^^
Dr.  Rodbertus  die  ersten  aus  England  importirten  Drains
seinem  Gute  Jagetzow.  Wie  es  sich  damals  auszahl^«^
zahlt  es  sich  wohl  auch  in  Illinois  aus.  Grosse  Fläc  e
Ungarn  haben  fruchtbaren,  aber  zu  nassen  Boden,
hohen  Getreidepreise,  welche  die  ungarischen  Grundbes^^,^
seit  dem  Krimmkriege  hatten,  haben  sie  für  Drainage
        <pb n="670" />
        ^57

42

Und  zur  Pflasterung  der  Ställe
^allenderCet  ^"h  sich  dies  Capital  nun  bei
den  r  .  Getreidepreisen  borgen  müssen,  wenn  sie  nicht  auf
l^etreideexport  verzichten  wollen.
Sons,  auf  gutem  Boden  ummir
  L.  eben  besser  und  es  stellt  sich,  wie
Herr  mL  ^"^erbau  -  Departments  des  Staates,
Pital  auf  je  mehr  Arbeit  und  Cader
  E.,  diesen  Boden  verwendet  wird,  desto  höher
'•'■ctionlt®^  ^esto  niedriger  die  Pro-Man
  Bushel  Weizen  und  Mais  werden.
'^¡«hschaftl“®^'  r  t-  '^Ti.  ^  4  ““f  besseren
bef.  Man  t.  r^°j,  ^  einigen  8  bis  lo  Zoll
Parmer  Hundleute  beginnen  zu  düngen.  Ein  solcher
'rir  besi,chr*^"r-!.  °  bei  Station  Lincoln
''er  Stad,  T'  Jährlich  300  Wagenladungen  Dünger  aus
Hofe  U“f  seinen  Acker,  dazu  natürlich  den  auf  dem  eigenen
ln  _  gewonnenen  Dünger  und  sagte,  seit  er  dünne  .....  ..

'0  Bu^hTu““  ““T"  Bhnge,  ernte  er
hbarn  "'ebt  düngenden

N;

'äehbarn  ni.  w-  u  :  T  »eine  nicht  düngenden
spüren  d  ^“■bueS  Bes  Dunges  sei  zwar  zehn  Jahre  lang
j’hre  lan  ’  beBen  sehr  undurchlässig  ist,  aber  vier
^ng  halte  er  gut  vor.
Staat  Gebergehen  zu  intensiverer  Wirthschaft  erzielt  der
^teo  vo'^'^T  grössere,  für  den  Export  bereitete  Quanti-'»o
  in  p”,  und  Weizen,  abgesehen  von  dem  Jahre  i88r,
"^cre  Dürre  der  Weizenertrag  auf  7  Bushels  per
kleinen  Farmer  sind  eben  meist  Eigenthümer
(lurch  keine  Culturvorschrift  in  ihrer  Dispo-(licht
  g^hGn  sehr  schnell  von  einer  Cultur,  die
^^rbess^  ""  einer  anderen  über  und  eignen  sich  leicht
^ais  beginnen  den  einfachen  Bau  von  nur
^erta  u  etwas  complicirteren  Wirthschaft
uschen,  erzeugen  von  Jahr  zu  Jahr  eine  grössere  Va-
        <pb n="671" />
        658

rietät  von  Producten  und  lernen  auf  den  Ausstellungen  un
Märkten,  welche  die  landwirthschaftlichen  Vereine  jeder  Gra
Schaft  periodisch  veranstalten,  alle  neuen  Maschinen  und  gu^
Viehsorten  kennen.  Die  Farmer  durch  Anschauung  zu
lehren,  sind  diese  localen  Ausstellungen  und  die  alljährUc  e
grosse,  welche  das  Ackerbau-Department  in  der  Staatshaup  '
Stadt  veranstaltet,  vorzüglich  geeignet.  Man  vertheilt
reichlich  Preise  und  zieht  dadurch  Fabrikanten  und  Vie^
Züchter  an.  Natürlich  ist  eine  solche  Ausstellung  auch  ste
ein  guter  Verkaufsplatz  für  diese.  Für  die  Belehrung
Farmer  sorgt  das  Ackerbau-Department  des  Staates  in  Spn"^^
field  durch  Publication  eines  Jahresberichtes  von  400
600  Seiten  und  von  „Circularen“  von  ca.  100  Seiten.  Gere
erschienen  zehn  vom  August  1880  bis  dahin  1881.  Diese
richte  und  Circulare  enthalten  belehrende.  Artikel  über  ne^
Culturen  und  Verbesserung  alter,  Correspondenzen  von
leuten  aus  den  verschiedenen  Theilen  des  Staates  und  ^
den  Ereignissen  sehr  prompt  folgende  Statistik  über  die  a^
der  mit  den  verschiedenen  Früchten  bebauten  Acres,  Zah  ^
Viehes,  Ernte-Erträge  in  den  einzelnen  Grafschaften,  Verkau
preise  u.  s.  w.  ¿¡g
Jede  Township  —  Unterabtheilung  einer  Grafschaft,
einen  quadratischen  Block  von  sechs  englischen  Meilen  Se
länge,  also  von  36  Sessionen  à  640  Acres  enthält  —■  er'''
jährlich  einen  tüchtigen,  lange  ansässigen  Landwirth,  tie*’
„Assessor“  fungirt,  diese  Statistik  innerhalb  der  Township^^^
erheben  und  darüber  regelmässig  an  das  Staats-Ackerbau
partment  zu  berichten  hat.  Er  macht  die  Aufnahmen  P^^^
sönlich  bei  den  ihm  natürlich  bekannten  Farmern,  er  ^
keine  Besoldung,  aber  Diäten  für  seine  Reisetage  behufeJ^,^^
Aufnahmen.  Die  Township  zahlt  diese  Diäten.  Dies  '
sehr  nachahmenswerthe  Einrichtung,  deren  Resultate
wundern  wir  vielfach  Gelegenheit  hatten.  Ein
dem  Block  von  ca.  i  '  4  deutsche  Meilen  Seitenlänge
tüchtiger  Landwirth  hat  zu  keinem  Punkte  seines
Bezirkes  über  eine  deutsche  Meile  zu  reisen,  kennt  alle  .
besitzer,  vielleicht  30  bis  120  an  Zahl,  allmälig  sehr  ft
        <pb n="672" />
        059

42*

liefe  im  Stande,  eine  sehr  zuverlässige  Statistik  zu
Snr’^^  auszufüllenden  Formulare  werden  ihm  von
Ha  geliefert.  Ich  habe  dergleichen  mir  geben  lassen.
InteJ^"  teuerdruck  hier  keine  Rede  ist,  so  hat  Niemand  ein
seine^T’  Assessor  zu  wenig  anzugeben,  umsomehr  als
Angaben  für  die  Besteuerung  ohne  Bedeutung  sind.
ist  d  A  ^^^Grer  Staat  mit  schon  theurem  Boden
gebe  5  Raubbau  bereits  gründlich  erschöpft  haben  müsste,
aus  à  Auszüge  aus  der  Statistik  dieses  Staates,
^etztenTu  sich  der  Ackerbau  in  den
liefern  bat,  und  welche  den  Beweis
stie.  ;  "^"bau  des  Ackers  in  Illinois  fortwährend
einlcT,  "^ue  Culturen,  Flachs  und  Sorghum,
billig.  Viehzucht,  unter  der  Concurrenz  der
Wickel*^  eidestaaten  im  Westen,  zwar  sich  nicht  weiter  ent-.
  aber  auch  nicht  zurückging  (Siehe  Tabelle  S.  66o.)
Vinefield  "'“Nächst  eine  Farm  von  300  Acres  nahe
der  vn  L  "'eiche  einem  Hotelbesitzer  dieser  Stadt  gehörte,
Hotels  h  und  Butter  für  den  Bedarf  des
dieser  ^  einer  grösseren  Farm
loo  ^^■^uglichen  Gegend,  in  welcher  das  Land  60  bis
Dieser  h  ^  Stadt  bis  300  Dollars  kostet.
'75  Dolk^  Fier  Axre  g^:ahk,
dener  .  ^^"^bweine  im  Jahre,  hatte  40  Milchkühe  verschie-Stuten
  ^^^ber  Racen,  14  Ackerpferde  und  eine  Anzahl
bause  sowie  Füllen.  Neben  dem  stattlichen  Wohngrosser
  ^°blgepllegter  Obstgarten  und  ein  ca.  60  Acres
bir  çj-  ^  ""Git  gelichtet  war,  dass  er  gute  Weide
bot.  F)'  weidenden  Pferde,  Schweine  und  Rinder
kühe  o-T  jahrein,  jahraus  im  Freien,  nur  die  Milch-^^bunn'"^
  Winter  gestallt.  Aber  am  Hofraume  sind
den  y  u  erbaut,  mit  Bretterdach  und  Bretterwand  nach  Nor-^et.
  Vieh  im  Winter  Schutz  sucht  und  fm-^^'^echs
  1  "  '^gGn  eingezäunte  Weideplätze,  die
^bee  ^  "d  abgeweidet  werden.  Man  säet  Klee  und  Timo-^üf
  dem  Kentucky'sche  „Blaugras“,  das  auch  im  Winter,
Acker  zu  Heu  geworden,  grün  und  ein  gern  ge-
        <pb n="673" />
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        j^Gssenes,  nahrhaftes  Futter  bildet.  Die  im  Walde  unter  den
ichen  liegenden  Eicheln  dienen  den  Schweinen  als  Beifutter
^ur  Weide.  Die  Milchkühe  werden  im  Winter  mit  Kleeheu
jtnd  Kleie,  die  Pferde  mit  Timothee-Heu  und  Hafer  gefüttert.
Schweine  erhalten  gedämpfte  Abgänge  aus  der  Hotel-^irthschaft
  und  während  der  letzten  Zeit  ihrer  Mast  Mais  in
®  Gn.  Man  zieht  ihnen,  wenn  sie  von  der  Sau  genommen
^rden,  einen  Kupferdraht  durch  die  Nase,  damit  sie  die
eide  nicht  aufwühlen.  Wir  sahen  eine  sehr  praktische
^schinerie  zum  Entladen  des  Heues  von  den  Wagen  und
^  Grtheilen  desselben  auf  dem  Heuboden.  An  den  Balken  über
^niselben  waren  Rollen  angebracht,  über  die  ein  Strick  läuft,
^  dessen  einem,  auf  den  Wirthschaftshof  hinabhängenden
^'ïde  ein  Pferd  zieht,  während  das  andere  eine  riesige  eiserne
el  trägt,  oder  vielmehr  eine  Art  Klaue.  Diese  wird  in
(^Gm  Wagen  liegende  Heu  gesenkt  und  packt  etwa
hth  I^as  Pferd  zieht  an  und  die  Gabel
do  den  Heuboden,  woselbst  ein  Knabe  es  leicht
K^f  wo  er  es  ablagern  soll;  dies  geschieht  ohne
der^  weil  die  Rollen  beweglich  sind,  über  welche
d^e  r)urch  eine  einfache  Vorrichtung  öffnet  sich
und  lässt  das  Heu  dort  fallen,  wo  es  lagern  soll.
Wa^  grossen  Behäbigkeit  des  Besitzers  zeugten  fünf  Luxus-^^""^^^^Gdener
  Art.  Reitponies  für  die  Kinder,  zahlreiche
^^"de  und  vieles  Geflügel,  Puten,  Enten,  Hühner  und
Hu  Boden  hatte  eine  4  Fuss  mächtige  schwarze
wurde  noch  nicht  gedüngt  und,  ausser  wo  er
®‘de  diente,  nur  mit  Hafer  für  Futterzwecke  und  Mais
brachte  60  Bushels  Mais  im  Durchschnitte,
die  Molkerei  war  ein  hölzernes  Eishaus  mit  Doppel-Grbaut,
  in  welchem  eine  Abtheilung  für  Aufstellen  der

geschaffen  war.  Sie  stand  in  etwa  2’  .^  Fuss  hohen.

^  Durchschnitte  haltenden  Zinkcylindern,  an  denen
^sstreifen  der  Länge  nach  von  oben  nach  unten  einge-Wiç
  j^"d  in  Grade  getheilt  war,  damit  man  beobachten  könne,
Soijj-  die  Sahnenschicht  über  der  dicken  Milch  sei  und
das  Trennen  der  Sahne  von  der  dicken  Milch  nicht  vor
        <pb n="675" />
        662

beendeter  Aussahnung  vorzunehmen  brauchte.  Durch  einen  am
Boden  des  Gefasses  -befindlichen  Gummischlauch  wurde  dann
die  dicke  Milch  so  weit  abgelassen,  bis  die  sich  mit  ihr  senkende ­
  Sahne  den  Boden  des  Gefasses  erreichte.  So  geschah
die  Trennung  von  Sahne  und  Milch  vollkommen  und  auf  ein
fache  Weise.
Von  dieser  Station  fuhren  wir  weiter  nach  Süden  un
kamen  immer  tiefer  in  den  „Maisgürtel“  des  Landes.  Meilen
lang  an  der  Bahn  und  von  den  Stationen  auslaufend,  sahen
wir  die  aus  Latten  so  hergcstellten  Schuppen  für  Maiskolben
dass  die  Luft  durchstreichen  kann  und  das  Schimmeln  un
Auswachsen  des  Mais  verhindert  wird.  Dazwischen  standen
Elevatoren,  in  denen  die  Maiskörner  von  den  Kolben  dure
von  Dampfkraft  bewegte  Schälmaschinen  getrennt  und  dann
der  Mais,  gerade  wie  Weizen,  in  hohen  Silos  gelagert  wir  •
Die  Maiskolben  werden,  zu  etwa  75  Ceirts  per  zweispännig^
Fuhre,  als  Feuerungs-  und  Heizmaterial  verbrannt.  Etwa
hundert  Meilen  nördlich  von  St.  Louis  läuft  durch  Illinois
Grenzlinie,  nördlich  von  der  mehr  Sommer-,  südlich  von
nur  Winterweizen  gebaut  wird.  Auch  durch  die  Mitte  von  Kn
sas  läuft  diese  Grenzlinie,  nördlich  von  welcher  Winterweiz^n
unsicher  wird,  weil  der  Frost  stark,  die  Schneedecke  n  ^
schwach  ist  und  der  Winterweizen  oft  ausfriert.  Freih«^
kommt  er  in  geschützten  Lagen,  an  Flüssen  und  Südabhäng®  ^
der  Hügel,  auch  noch  in  Jowa,  Wisconsin  und  Südminn^
sota  vor.
Bei  der  Station  Elk  Hart  machten  wir  wieder  Halt  u
besuchten  einen  Herrn  Gillet,  welcher  uns  mit  liebenswürdigste
Gastfreundschaft  aufnahm  und  uns  seine  Besitzung  zeigte-Derselbe
  ist  einer  der  verhältnissmässig  wenigen  GrO
grundbesitzer  in  Illinois  und  ein  sehr  reicher  Mann,  den
auf  über  zwei  Millionen  Dollars  Vermögen  schätzt.
42  Jahren  fing  er,  als  verhältnissmässig  wohlhabender  ^  '
jedoch  höchstens  mit  dem  fünfzigsten  Theile  seines  heutig

Vermögens,  hier  an  zu  farmen.  Er  kaufte  damals  den

Acket

Vermögens,  inci  ah
vom  Staate  zum  Nominalpreise  von  i'4  Dollar  per
Da  aber  die  Regierung  nach  jedem  Kriege,  gegen  Indi»
        <pb n="676" />
        663

I

Mexicaner,  den  gedienten  Soldaten  verkäufliche  Homestead-An ­
  w  eisungen  auf  je  i6o  Acres  gab,  die  man  beliebig
^uf  noch  nicht  occupirtem  Lande  auswählen  konnte  und  diese
billig  von  solchen  Soldaten  verkauft  wurden,  die  nicht
^st  hatten,  Farmer  zu  werden,  so  konnte  man  durch  Ankauf
®*ner  Anzahl  solcher  Landanweisungen,  die  man  für  50  Cents
Acre  und  weniger  zuweilen  kaufte,  leicht  einen  Grossgrundbesitz
  erwerben,  der,  wie  jener  des  Herrn  Gillet,  kaum
75  Cents  per  Acre  baar  gekostet  hat.  Seine  Familie  erwarb
3nials  ca.  50.000  Acres  in  Illinois,  wovon  sie  langsam  abver-^aufte,
  sowie  das  Land  im  Werthe  stieg.  Seit  Jahren  kauft
Gillet  schon  wieder  Land  zu,  wenn  ein  kleiner  Farmer
Ausverkäufen  will.  Jetzt  ist  sein  Grundbesitz  rund  100  Dollars
P^r  Acre  werth.

Das  Land  liegt  meist  in  Sectionen  à  640  Acres  zusammen,
^ur  Wenige  Sectionen  liegen  Seite  an  Seite  und  bilden  so
omplexe  von  1280  Acres;  die  meisten  stossen  nur  mit  den
zusammen,  so  dass  sich  schachbrettförmig  andere  Be-^Uzungen
  in  die  12.000  Acres  einschieben,  welche  Mr.  Gillet
sammenhängend  um  seine  Residenz  herum  besitzt.  Ausserbesitzt
  er  noch  3000  Acres  in  kleineren  Parcellen  in  den
^uachbarten  Grafschaften  zerstreut.

lernten  wir  eine  ungemein  praktische  Bewirthschaf-^
  S  eines  so  zerrissenen  Grossgrundbesitzes  kennen,  die  sich
Anderem  dadurch  auszeichnet,  dass  sie  keine  Aduistrationskosten
  verursacht  und  ein  äusserst  geringes
I^M^^^^uantum  kostet.  Mr.  Gillet  administrirt  selbst,  ohne  Bei-^
  legend  eines  Beamten  oder  Rechnungsführers.
3000  abgelegenen  Acres  bewirthschaftet  er  derartig,
Hoo  Acres  als  umzäunte  Viehweiden  benützt  werden
Ca  Acres  verpachtet  sind,  die  entlegensten  um  Geld,
^  4  Dollars  per  Acre  und  Jahr,  die  näheren  in  Métayage,
^tall  und  die  Baulichkeiten,  einfaches  Holzhaus,  Holz-Bferde
  und  Schuppen  für  den  Mais  in  Kolben,  sowie
all  um  den  Gemüsegarten,  liefert  der  Grundbesitzer,
Debrige  der  Pächter.  Als  Pacht  giebt  letzterer  die  halbe
®  Von  Mais  und  Getreide,  von  Gartengewächsen  nichts.
        <pb n="677" />
        664

Die  12.000  naheliegenden  Acres  werden  zur  Weide  und
Viehmast  benützt,  auch  in  ausgiebiger  Weise  durch  Verpachten.
Circa  600  Acres  davon  sind  Wald.  Sie  liegen  unmittelbar
an  dem  sehr  schön  auf  einem  Hügel  erbauten  einfachen,  aber
geräumigen,  netten  und  comfortabel  eingerichteten  Wohnhause,
vor  dem  sich  ein  wohlgepflegter  Rasenplatz,  auf  dem  schattig^
Bäume  stehen,  ausbreitet.  Der  Wald  enthält  viele  alte  Eichen,
Walnuss-  und  Ahornbäume,  die  jedoch  nicht  dicht  genug
stehen,  um  die  Blaugrasweide  zu  schädigen,  und  ist  von  Wegen
durchzogen,  so  dass  er  die  Annehmlichkeit  eines  schöne
Parkes  mit  den  ökonomischen  Nutzungen  von  Wald  und  Weide
verbindet«  Er  ist  eingezäunt  und  dient  Pferden,  Rindern  un
Schweinen  als  W^eide.  Letztere  ziehen  Vortheil  aus  den  Eichel
Alles  Vieh  bleibt  jahrein.  Jahraus,  ohne  jeden  Schutz,  im  Freien.
Die  Weideflächen  nehmen  ca.  7000  Acres  ein  und  bestehen
aus  Blöcken  von  640  oder  1280  Acres,  die  separat  eingezaunt
sind.  Einige  sind  im  Urzustand  und  tragen  sehr  schönes  Blau
gras.  Andere  sind  bestellt  gewesen  und  mit  Timothee,  K  ^
und  Blaugras  dicht  bewachsen.  Sie  sind  so  zahlreich,  im  Ver
gleiche  mit  dem  darauf  gehaltenen  Vieh,  dass  sie  nie  a
gleichzeitig  abgeweidet  werden.  Im  Herbste  schont  man  eimg®^
damit  das  Vieh  in  ihnen  reichlich  Winterfutter  finde.
Rest  von  5000  Acres  ist  in  kleine  Farmen  von  80
400  Acres  Grösse  getheilt,  die  ebenfalls  verpachtet  sind,  ^  ^
300  bis  500  Acres  bestellt  Mr.  Gillet  durch  eigene  Leu

und  Pferde.
Mr.  Gillet  hat  die  oben  erwähnten  Baulichkeiten  fur
Pächter  hergestellt  und  gestattet  denselben  die  pachtfreie  ^
nützung  von  Garten-  und  Kartoffelland.  Auch  wird
Pächter  erlaubt,  auf  einer  begrenzten  Zahl  Acres  Hafer,  \\
und  Gerste  zu  bauen,  wovon  er  ersteren  zum  Pferdefuß
braucht.  Ferner  darf  er  einige  Milchkühe  auf  den
Weideplätzen  des  Grundbesitzers  mit  weiden.  Das  gewonnene
treide  müssen  die  Pächter  mit  dem  Grundbesizer  theilen.
weitem  der  grössere  Theil  des  Bodens  muss  aber  mit
bestellt  werden  und  ist  dem  Pächter  vorgeschrieben,  'Vif
er  pflügen  und  wie  oft  er  „cultiviren“,  d.  h.  zwischen
        <pb n="678" />
        5gSs:r-:~~i
Sie  erhT  “"d  Saatgut  geliefert,
des  so  I  P""  P"=hel.  Uen  grössten  Theil
Weizen  verfüttert  Mr.  Gillet,
en  und  zuweilen  etwas  Mais  werden  verkauft.
Erde  áL  k'  ™  dicht  über  der
bis  zehn  Tu  "“n"  I  ”  Py^=‘'»iden  von  ca.  acht
S'engel  uuTh  davon  gemacht;  sie  dienen  -
WSSg
"'■"‘er  eetrieh*^“*“^  T’  Rinder  im
sie  q  demselben  emporwachsen.  Man
^'"gste  TT"’  j^g«  Schweine,  Stuten,
&amp;gt;^en  ’Tf  !"  u  weiden  im  Sommer  zu:
Tiden  und  ""d  kleereichen  umzäunten
'^freitoo  %.  ‘■"T'"'“““''  den  von  Kolben
'kästet  Wfs  Sowie  Stiere  und  solche  Kühe,  die  gejenem*vir°
  geworden  sind,  erhalten
Tg'l  und  K-*!!"’  Mnstsommer  vorhergeht,  Mais-^«¡de
  rv  wohl  auch  etwas  Heu  als  Zugabe  zur
T^dlere  uLT“‘  """  ™  Sommer,  weil  sie  dann
":h!  Viek  T  •'«“«■■0  Resultate  giebt  als  im  Winter.  Natur-&amp;gt;
  das  im  Winter  im  Freien  bleibt,  kann  man  in  der
        <pb n="679" />
        666

Kälte  nicht  mästen.  Im  Sommer  beginnt  die  Mästung
dreijährigen  Rinder,  die  mit  3V2  bis  4  Jahren  auf  den  Mar
kommen.  Sie  ist  eine  combinirte  Mast:  die  Rinder  wei
auf  der  üppigen  Gras-,  Thimothee-  und  Kleeweide  und  we^
den  gleichzeitig  gefüttert.  Auf  den  Weideplätzen  stehe
etwa  zwei  Fuss  hohe  Tische  auf  soliden  Füssen,  von  eine^^
^¡^  Fuss  hohen  Bretterkranze  umgeben,  ungeheure  Schüsse^
darstellend,  so  hoch,  dass  die  Schweine  ihren  Inhalt  J
reichen  können,  wohl  aber  die  Rinder.  Auf  diese
wird  von  den  Kolben  getrennter  Mais  und  in  den  letzten  se
Wochen  der  Mast  eine  Mischung  von  Mais  und  Hafer
worfen.  Diese  Futtertröge  werden  nie  leer,  so  dass  die  m
soviel  Mais  und  später  Mais  und  Hafer  fressen  können  als
wollen.  Dazwischen  grasen  sie  weiter.
Diese  Mästung  hat  ausserordentliche  Resultate  ergeben,
etwa  vierzig  Jahren  befolgt  Mr.  Gillet  dies  Futterprincip»
mit  gutem  Landvieh  begonnen  und  englische  Shorthorn-b
dazu  gekauft,  jetzt  ist  seine  Heerde  wahrscheinlich  die
in  Amerika.  Die  Thiere  ertragen  die  Kälte  gut,  sind
gesund,  bewegen  sich  viel  und  galoppiren  noch,
schon  2000  Ibs.  schwer  sind.  Ihr  Fleisch  wird  besonde
schätzt,  da  es  nicht  so  überfett  ist,  wie  das  von  Ochsen,
im  Stalle  gemästet  sind.  Es  soll  besonders  schmackhatt,
Fett  „durchwachsen“  sein.  Sie  erreichen  bis  2700
Kopf  und  wiegen,  je  nachdem  das  Gras  reichlich
nicht,  was  von  der  Regenmenge  abhängt,  in
Jahren  1800  bis  2000  Ibs.  im  Durchschnitte.  Die  Lhi  K
Fleischer  und  Exporteure  für  Europa  zahlen  dafür  eine
zugsweise  hohen  Preis.  Alles  Vieh  erhält  wöchentlicn
Mal  Salz  zum  Lecken,  das  Mastvieh  eine  Mischung
asche  und  Salz.  Wir  haben  nur  einen  Theil  der  30^0  ^
starken  Heerde  —  vielleicht  1800  Stück,  Fettvieh,  gißß
Kühe  und  Bullen  —  gesehen  und  waren  einig,  dass  w
so  grosse  Zahl  so  vortrefflicher  Thiere  in  unserem  Le
nicht  beisammen  gesehen.  Sehr  viele  Thiere  darunter
fast  unübertreffliche  Muster  reiner  Shorthornrace  vom  sc

Ebenmass,
        <pb n="680" />
        66  y

Rech^"^'  das  Vieh  früher  direct,  auf  eigene
íisch  Europa.  Seit  importirte  Rinder  in  den  engschäf"
  geschlachtet  werden  müssen,  hat  er  dies  Ge-^
  ^ufgegeben,  aber  andere  Exporteure  bringen  noch
Sie  et  1  Exemplare  seiner  Heerde  nach  England,  wo
Kost  bekannt  sind  und  sehr  hohe  Preise  erzielen.  Die
Voq  ^  directen  Exportes  stellten  sich  vor  drei  Jahren
lars  Gimlet  nach  London  auf  ca.  30  Dol-Per
  Ochse.

folgt"  (^'Gser  Art  Landwirthschaft  stellt  sich  wie
gemolL  kostet  eine  Jahresnutzung  einer  Kuh,  die  nie
Die  wird  und  bei  der  es  sechs  Monate  saugend  bleibt,
lars  atf  Winter  für  vier,  im  Sommer  für  fünf  Dol-Preises
  Weide  —  mit  Zugrundelegung  des  heutigen
macht  Eandes,  auf  dem  sie  weidet  —  erhalten  werden.
Dies  iq."r"  K:alb  ist  dann  20  Dollars  werth.
er  Kälk  Pi’eis,  den  Mr.  Gillet  immer  erzielen  kann,  wenn
nicht  ^Gekauft.  Zur  Zucht  geeignete  Bullkälber,  die  noch
Solche  R  MHerbste  75  Dollars,
loo  i^ollars,  nach  dem  ersten  Winter  resn.
^oliars  und  65  Dollars.
40  Doh  "^"''(^bgewintertes  Ochskalb  ist  28  Dollars,  zweijährig
^in  Darauf,  oder  dritthalb  Jahr  alt,  wird  es
Und  an  gemästet,  den  ersten  Winter  mit  Mais  am  Kolben
^^geben  Stengel,  den  folgenden  Sommer,  wie  oben  an-Hafer
  1^^^  ^er  Weide  mit  Zugabe  von  Mais,  Korn  und
(lessen  ^0"sumirt  durchschnittlich  150  Bushels  Mais  oder
'^iegt  ^2^q"ivalent  in  Hafer.  Dreijährig  oder  vierthalbjährig
(Unahni  h  bis  2000  Ibs.  Die  Gewichts-Haup^
  ^  ^^tzten  Mastjahres  beträgt  700  bis  1000  Ibs.  per
Haup^  eideland  wird  im  letzten  Sommer  V4  Acre  per
liis  dahi  Thiere  daneben  gefüttert  werden,
^'e  niç  w  ^  Haupt;  ebensoviel  für  Kühe  und  Bullen,
^^'tiachf  erhalten,  bis  sie  ausser  Dienst  gestellt  und  fett
Werden.
'^'cht  Hufen  nun  Sauen,  Ferkel  und  Eber  mit  den
steten  Rindern  auf  derselben  Weide  und  erhalten
        <pb n="681" />
        668

weiter  kein  Futter.  Wenn  sie  acht  Monate  alt  sind,  thut  ma"
sie  zu  jenen  Mastrindern  auf  die  Weide,  welche  mit  Ma«
und  Hafer  gefüttert  werden.  Aus  deren  Excrementen  suc
sie  halbverdaute  Körner  heraus  und  mästen  sich  davon  vo  '
kommen  und  schnell.  Es  werden  so  viel  Schweine  gezogen,
dass  per  Haupt  Fettrindvieh  drei  fette  Schweine  zum  Ve
kaufe  gelangen  können.  Sie  werden  im  Durchschnitte  250
schwer  verkauft.  .
Um  die  150  Bushels  Mais  zu  erzeugen,  welche  ein
und  drei  Fettschweine  zur  Mast  gebrauchen,  muss  man  in
Regel  4  Acres  mit  Mais  bestellen.  Davon  wurde  der  a^^
4  Dollars  per  Acre  betragen,  so  dass  sie  16  Dollars  ac^
entgang  kosten,  ferner  per  Bushel  15  Cents  Culturkosten
22'¡2  Dollars,  Summa  38Dollars;  dazu  y^  Acre  ^
land  mit  3  Dollars  =  4V2  Dollars.  Bis  zu  Beginn  er
période  hat  der  Ochse  27  bis  28  Dollars  für  Nutzung
Kuh  und  seine  eigene  Weide  gekostet,  macht  in  Summ
bis  70  Dollars.  Herr  Gillet  rechnet,  dass  es  60  bis  70
lars  in  den  verschiedenen  Jahren  thatsächlich  kostete,  ^
Fettochsen  herzustellen.  Die  Schweine  bringen  in  der  ^
so  viel  Geld,  wie  das  Mastfutter  des  letzten  Jahres  ko^.^
Sie  kosten,  wenn  jung  gekauft,  5  Dollars  per  Haupt,  s
sie  soweit  sind,  dass  sie  mit  den  Rindern  zusammen
können.  Wenn  sie  selbst  gezogen  werden,  kosten  sie
weniger.  Meist  werden  sie  gezogen.  Der  Profit  aus
Schweinen  hat  sich  im  langen  Durchschnitt  so  gestellt,
man  auf  jeden  verkauften  Ochsen  20  Dollars  Profit
mit  ihm  geweideten  Schweinen  rechnen  kann.  Die  ver
Ochsen  brachten,  im  langen  Durchschnitte,  100
Farm  per  Kopf,  zusammen  mit  den  Schweinen,  die  mi  ^
gemästet  wurden,  120  Dollars  bei  60  bis  70  Dollars
Nur  eine  Einsicht  in  die  Geschäftsbücher,  welche  ^
langen  unbescheiden  gewesen  wäre,  würde  mich  in  de
setzen,  zu  ermitteln,  wie  sich  das  in  dieser  Wirthsc  a
legte  Capital  verinteressirt.  Allein  der  Augenschein
dass  es  eine  hohe  Verzinsung  erzielt,  und  dass  dies
gung  von  Fettvieh  erster  Classe  auch  noch  rentabel  is  ,
        <pb n="682" />
        66g

^an  in  Wyoming,  Montana  und  Texas  Vieh  auf  sehr  billigem
de  r  Uebrigens  spricht  für  die  Rentabilität
do^  a™  besten  der  Umstand,  dass  Mr.  Gillet  ein
oppelter  Millionär  dabei  wurde,  obschon  er  acht  Kinder
^c^nzend  erzog  und  eine  weit  bekannte,  splendide  Gastfreund,
tun^"  geübt  hat.  Allein  die  Wirthschaftseinrich-Le
  ^  geradezu  genial..  Die  Administration  kostet  gar  nichts,
j  Werden  fast  nicht  gehalten,  da  das  Vieh  auf  umzäunten
Vieh  die  Combination  von  Schweine-  und  Rind-(j¡
  (lie  vollste  Ausnützung  des  Futters  zu.  Auch
Und  Pferdezucht  bringt  erheblich  ein.  Wir  sahen  sehr  edle
Sehr  (wuchtige  Gebrauchspferde  verschiedener  Racen,  alle
Hen  ""d  hart,  da  sie  stets  im  Freien  sind;  alle
nie  Stuten  waren  auf  der  Weide  geboren  und  hatten
sehr^*"  erhalten,  höchstens  etwas  Heu  in
raus  Wintern.  Wie  geringe  die  Steuern  sind,  geht  da-^Och
  welcher  ausser  seinen  13.000  Acres
^tadt  g^"ze  Anzahl  von  Häusern  in  der  benachbarten
*50  0  grosses  Hotel,  besitzt  und  ca.  120.000  bis
Stei,  °°  l^ollars  Netto-Einkommen  hat,  nur  7000  Dollars
^rn.  Alles  in  Allem,  zahlt.
mit  Herrn  Gillet  machten  wir  die  Be-_
  eines  irischen  Pächters  auf  dieser  Besitzung,  der
War  Leitungen  las  und  einer  der  radicalsten  Charactere
Sagte  T  m  Amerika  getroffen.  Sein  Grundherr
'■^cht  irischen  Gesellschaften  angehöre.  Er  überdass
  d*  zuversichtlich  abgegebenen  Mittheilung,
genie-*^  »rische  Agrarbewegung  nur  der  Anfang  einer  allhahg
  europäischen  Agrarbewegung  sei,  die  zum  Ziele
In  2u  Bebauer  des  Bodens  zu  seinen  Besitzern  zu  machen,
lieh  ^^^"»menhang  mit  der  Bewegung  in  Russland  und  neuerdi^sg
  Farmern  in  Schottland  und  England,  gewinnt
j  ^hauptung  Bedeutung.
P'arnt^  ^erfolge  der  Reise  sahen  wir  eine  alte  amerikanische
^»»rch  Station  Lincoln,  die  von  einem  intelligenten
160  "ittsfarmer  gehalten  wurde.  Die  Farm  war  nur
eres  gross  und  1863  vom  jetzigen  Besitzer  um  32  Dol-
        <pb n="683" />
        670

lars  per  Acre,  Fundus  instructus  inclusive,  gekauft.
wurden  100  Dollars  per  Acre  geboten,  aber  nicht  acceptift-Von
  dieser  kleinen  Farm  hatte  der  Besitzer  40  Acres  verpachtet,
einen  eigenen  kleinen  Wirthschaftshof  nebst  Haus  fur  den
Pächter  darauf  gebaut  und  empfing  zwei  Drittel  der  Mais-  un^
ein  Drittel  der  anderen  Kornernte  als  Pacht.  Den  Rest
120  Acres  bewirthschaftet  der  selbst  arbeitende  Farmer  ni^
Hilfe  eines  Knechtes.  Die  Farm  besass  ein  schönes,
eingerichtetes  Wohnhaus,  Ställe  und  Scheuer,  Alles  von  Ho^,
eine  Windmühle  zum  Wasserpumpen  und  Enthülsen
körner,  sowie  zum  Schroten.  Ein  geräumiger  Obst-  und  We*
garten  umgab  das  Gehöft.  Der  Farmer  betneb  aujgie  &amp;amp;
Schweinezucht  und  etwas  Rindviehzucht;  das  Vieh  weidete  ^
Sommer  und  war  im  Winter  auf  dem  offenen  Hofe,  wo
Schutz  hinter  einigen  Strohschobern  fand.  Fünf  Milc
und  die  Kälber  waren  gestallt,  empfingen  Heu,  geschrote^_^
Mais,  Hafer  und  Kleie.  Die  Schweine,  denen  Draht  durch
Nase  gezogen  war,  damit  sie  nicht  wühlen  können,  weide
mit  dem  Rindvieh  auf  derselben  Weide.  Rindvieh  wu
nicht  gemästet,  wohl  aber  Schweine.  Mais,  Roggen  und  We
wurde  verkauft.  Aller  Dung  und  noch  jährlich  ca.  300  P"
Dung  aus  der  benachbarten  Stadt  wurde  auf  das  F'e
fahren.  Er  wirkte  zehn  Jahre  sichtbar  nach  und  au
Jahre  sehr  ausgiebig,  so  zwar,  dass  die  Ernte  im  Dure  sc
jährlich  zehn  Bushels  mehr  ergab,  als  bei  Nachbarn,  die
düngten.  12  Acres  waren  mit  Weizen  bestellt,  unter
Timothee  gesäet  war,  15  Acres  mit  Roggen,  20
Hafer,  75  Acres  mit  Mais.  Timothee  wird  im  nächsten  J
zu  Heu  geschnitten.  Vor  Weizen  war  gedüngt.  Der  ‘
verkaufte  ca.  50  bis  75  Fettschweine  im  Jahre,  a  2^  ‘
Ibs.,  eine  ausrangirte  fette  Kuh  und  einige  junge  u
Ochsen;  daneben  für  2400  Dollars  Mais  und  ^etre«
vorigen  Jahre.  Das  Brutto-Einkommen  betrug
Jahre  rund  4000  Dollars.  Die  Productionskosten  des
stellten  sich,  je  nach  Ergiebigkeit  der  Ernte  und  ohne
rente,  auf  12’/,  bis  15  Cents  per  Bushel.
In  der  Stadt  Lincoln  lernten  wir  einen  Deutschen,
        <pb n="684" />
        671

Sch“f  ^  ^Gnnen,  der  seit  dreissig  Jahren  hier  mit  Land  Ge-^
  macht  und  Administrator  der  Besitzungen  des  Engin ­
  I  Dieser  letztere  Herr  besitzt  Grundstücke
Pä  h  wurde  aber  schon  ira  Jahre  1869  von  seinen  dortigen
^¡^chtern  angeschossen  und  hat  noch  zwei  Kugeln  im  Leibe;
and^*^  Beamten  wurde  bei  dem  Rencontre  getödtet,  ein
Wend  verwundet.  Seitdem  wohnt  er  in  London  und  vérin ­
  seinen  Jahresüberschuss  zu  Landankäufen  in  Amerika.
fuhren  wir  über  eine  70.000  Acres  grosse  Be-Sk
  wir  von  Cranes  Ranche  zurückkehrten,
niin  "^Gr  200.000  Acres,  zum  Theile  in  Kansas,
sitzu^'^  Nebraska  gelegen.  Der  grösste  Theil  seiner  Be-Skoll^
  Kansas  wird  noch  gar  nicht  benützt  und  zahlt  Mr.
'■egelmässig  die  geringe  Steuer  dafür.  Alle  andern
kleinen  Farmen  verpachtet,  auf  ein  bis
die  G  Barmer  haben  Alles  selbst  anzuschaffen,  auch
^erka  f  herzustellen,  die  sie  an  den  Nachfolger
auf  Bin  solches  System  existirt  meines  Wissens  nur
Besitzungen  des  bankerotten  Fürsten  zu  Putbus  auf
Hefr  R"  beträgt  von  i3  '4  bis  3  Dollars  per  Acre.
Barm  auch  selbst  Boden  in  Illinois,  den  er  mit
versehen  hat.  Er  verpachtet  ihn  um  die  halbe
seineq  p.  vortheilhafter  als  Geldpacht.  Er  schreibt
mit  ,  ,  achtern  vor,  dass  sie  den  vierten  Theil  des  Ackers
stellen  ^^izen,  Roggen,  Gerste,  Hafer  bevier
  T  anderen  Farmen  des  Engländers  wird
Weizen  ^'"^^''^'"ander  Mais,  dann  Hafer,  dann  Winterdurch"
  Wieder  drei  bis  vier  Jahre  hintvir^j
  j.  gebaut.  Ist  der  Boden  ganz  verunkrautet,  so
gesäet,  das  nächste  Jahr  von
deu)  abgeweidet  und  dann  wieder  Mais  gepflanzt,  von
^^tiierkh^  Jahre  hindurch  in  dieser  Gegend  Ernten,  ohne
in  diese  Erschöpfung  des  Bodens,  hatte.  Heu  macht  man
in  IliinQ^^  ^Ggend  wenig,  da  es  zu  viel  regnet.  Der  Boden
Mr.  Indiana  ist  überhaupt  zu  nass,  und  drainirt
^^chter\^^  successive  seine  ganze  dortige  Besitzung.  Die
aben  die  ersten  drei  Jahre  von  der  Drainirung  keinen
        <pb n="685" />
        672

Nutzen.  Maschinen  sind  bisher  nicht  mit  Erfolg  zum  Draingraben
  benützt  worden.  Man  macht  Alles  mit  Spaten.
Die  Steuern  des  Engländers  betragen  in  Illinois  von  20  bis
35  Cents  per  Acre,  der  2  bis  3  Dollars  Pacht  hier  ergicb
Das  Pachtsystem  ist  aber  schlecht,  und  als  einige  schlechte
Ernten  folgten,  bedrohten  die  Pächter  in  Illinois  den  Agenten,
Herrn  Könele,  so  dass  er  ihnen  40  Percent  vom  Pacht  nac  '
Hess.  Der  Hauptgewinn  Skollet’s  liegt  in  der  enormen  PreiS^
Steigerung  des  Landes.  Aller  Ertrag  aus  der  amerikanisch^
Besitzung  wird  zu  neuen  Landankäufen  verwendet.  Man  sa^
nicht  zu  viel,  wenn  man  behauptet,  dass  in  acht  bis
Jahren  englische  Capitalisten,  besonders  aus  dem  Stande
Grossgrundbesitzer,  mehr  Grundrente  aus  Nordamerika,  it*  ^
Canada,  beziehen  werden  als  aus  England,  Schottland  u
Wales  zusammen.
        <pb n="686" />
        43

XXXVII.  Capitel,
Molkerei-Industrie.

Union  exportirte

Jah

1871

1872

&amp;gt;873

1874

1875

1876

1877

1878

1879

1880

1881

Ibs.

e

39

77

4  5

4'3

6-3

4-6

215

21-8

38-2

853

392

3i'5

1,498

952

1.506

1.092

1.109

4.424

3-931

6.690

5.421

6.256

21*5

19  4

25  o

23  7

239

20  6

180

63  6

198

14-2

171

66'2

80  3
10.498
130

90  6

97  6

lOI  o

107  3

123*7

141*6

8.752

127*5

147*9

7.752

11.898

13659

12.270

12.700

14.103

12.579

I  13*8

i6,38&amp;lt;

12.171

11*7

13*1

13*5

II  8

12*5

8*9

11*4

9*5

I  1*0

'5*4
8*2

19*0
16*4

152
19*4

12*2
24  0  I
.^“’■'‘-Amerika  exportirte;
^ibs.*'  II  '9  I  26  J  19  I  ,6
II  72  I  82  I  100  I  114

9*2
32*3

15
'33

12*2
35*0

16
132

146
35*9

36
143

13*0
38*0

34
161

'4*5
49*6

52
191

18  8
43*4

58
170

Port  Tu  Butterproduction  für  den  Exsehr
  stark  °  Jahren  stabil  geblieben,  hat  aber  den  Käseexport
entwickelt.  Die  Union  hat  dasselbe  mit
gethan;  er  hat  sich  fast  verzehnfacht,  der
^!ch  der  Hn..  verdoppelt.  Aus  ganz  Nordamerika  hat
^erdonnrir^  verdreifacht,  der  Käseexport  etwas  mehr
da  elf  •  \  Butterexport  stabil,
steigt  voTT  I  schnell,  auch  der  Käseexport
Preise  ner  t*  "^^^^"^^ssig.  Gleichzeitig  fallen  die  Export-Ueh
  ^Gider  Artikel.
u^  ^''^'^"ction  von  Butter  und  Käse  giebt  die  folnichtAufschluss,
  wobei  aber  zu  bemerken  ist,  dass
^^ctoreien  \  Käsefabrikation  in  den  sogenannten
'■“cipe  enthalten  ist,  sondern  nur  das  auf  den  Farmen  Pro-'Weiterhin
  Factoreiproduction  folgt  das  Bekannte

'7*6
49*2

49*'
'97*'
        <pb n="687" />
        674

Molkerei-Statistik  der  Union:
Milchconsum,  Butter-  und  Käse-Production  auf

den  Farmen.

Staat

Milchkühe  looo
1850  i860  1870  1880

Alabama
Arizona
Arkansas
Columbia
Florida
Georgia
Louisiana
Mississippi
N.-Carolina
S.-Carolina
Tennessee.
Texas  .  .
Neu-Mexico
Colorado  .
Utah  .  .
Virginia  .  .
West-Virginia
Wyoming.  .
California,  .
Oregon  .  .
Washington  .
Idaho  .  .  .
Rhode-Island.
Dakota  .  .
Delaware  .  .
Montana  .  .
Nevada  .  .
Maryland  .
Connecticut  .
Maine  .  .  .
Massachusetts
N.-Hampshire
New-Jersey  .
Pennsylvanien
New-York
Illinois  .
Indiana
Jowa  .
Kansas.
Kentucky
Michigan
Minnesota
Missouri
Nebraska
Wisconsin
Vermont
Ohio

227

93

230

171

4  "
317  330

230

170

128

61

1041

Erzeugte  Butter  je  1000  Ibs.
1850  I  i860  1870  1880

Käseproduction  je

Union  .  .  .Il6.385l8.585l8.935

4.008  6.028

83
11.089

3.806
6.498
9.243
8.071
6.977
9.487
39  878

316
13.464

309s
I.OOO

995
1.055  1.430
7
5.265
7.620
11.687
8.297
6.956
10.714
58.653
79.766  103.097
28.052
18.306
II  953
1.093
11.716
15.503
2.957
12.704
342
13.611
15  900
48.543

12.526
12.881
2.171
9.947
7.065
I
7.834
3.633
12.137
34.449

3.213

5.014
6.716
11.636
6.559
5.965
8.266
60.834
107.147
36  083
22.915
27.512
5.022
11.874
24.400
9.522
14.455
1.539
22.473
17.844
50.266

1850

1.052
II.  470
9.309
IOS
14  084
2  443
1.356
310
1.007
2.000
1.876
403
305
7.485
8.1*8
14.103
9.609
7.247
9.513
79.336
III.  922
53-657
37.377
55-481
21.671
18.211
38.821
19.161
28  572
9  725
33.353
25.240
67.634

31

i860  I  1870

36

203
400
8.720
20.819

15

16

12.488  1I313.345I459.681I514.072I777.215  11105.535

3.898
1.79P
5.249
2.232

lbs.
1880

81

25

tr

il

.257
        <pb n="688" />
        675

Die  nun  folgende  Tabelle  giebt  die  Zahl  der  Käsefactoreien
  im  Jahre  1870  mit  einigen  Details.

Staat

Zahl
der  '  A’’*
Facto-  I  beiter
reien  ,

Capital

Dollar«

Löhne

Dollars

Total-Milch

  I  Käse

Gallonen

1000  Ibs.

"3  5  u  ,
■£  I  werth  der
|1¿  I  Producte
Doll,  i  Doll.

Colorado
Connecticut
Illinois
Indiana
Jowa
Kansas
Kentucky
Massachuset
Michigan
Minnesota
Missouri
Montana
Nebraska
N.-Hampshirt
New-Jersey
New-York
N.-Carolina
Ohio
Cb^gon
ennsylvania
Vermont
Virginia
Wisconsin

1

7
69
«7
14
1
4
23
30
2
I
1
5
2
8
818
3
»95
1
27
28
2
54

1
18
197
30
42
3
16
66
lOI
5
2
2
9
5
25

1.800
9.600
191.400
26.270
25.415
1.200
31.600
85.330
122.750
6.300
300
3.200
5.650
3.000
9.200

1.140
32.720
1.550
3.700
300
6.700
15.399
13.320
475
?
350
350
370
4.756

2.934  ¡2.329  4001450.889I

15
759
3
93
92
12
177

14.500  2.420
474.970I116635
800  480

109.750
107.700
3.200
126.740

19.074
18.305
650
16.982

5
271
4.748
130
248
15
265
2.070'
1.925I
371
2!
29!
3'|
440
83.345:
44:
»5.746I
391
2.034:
3.2:71
&amp;gt;3,
:.797i

4
231
4.072
107
256
15
246
1.885
1.650
37
9
2
32
23
440
78.006
48
15.984
40
1.647
2.984
12
1.696

1.280
38.024
557.356
16.076
44.590
2.700
42.000
321.900
239.659
5.850
1.943
800
7.270
4.650
52.147
20.471  12.164.065
9.760
2.287.804
840
268  702
445.323
2.310
249.056

I.OOO

70

1.950
2.875

450
33780

500

il  »  3:3  I  4.607  13.690.075I706.5661116.466!  109  435|6i.096|  16.771.665
Der  Census  für  1880  enthält  folgende  Angaben  über  die
Molkerei-Factoreien.  (S.  Tabelle  S.  676.)
Diese  Uebersicht  zeugt  vom  Wachsen  der  interessanten
Industrie,  welche  in  Europa  noch  nicht  eingebürgert  ist,  und
Von  ihrer  lokalen  Verbreitung,  namentlich  nach  dem  Westen.
Die  Zahl  der  Milchkühe  nimmt  sehr  schnell  zu  und  übergewiss
  jetzt  schon  15  Millionen  Stück.
Die  Kühe  werden  sehr  zweckmässig  gehalten,  weiden  im
oinmer  und  werden  nebenbei  gefüttert,  was  ihrer  Gesundheit
uträglich  ist.  Weide  und  Futter  werden  sorgfältig  vorbereitet.
Dernier  theilt

in

einer  Brochure  hierüber  das  Interessanteste
wozu  ich  nur  noch  zu  bemerken  habe,  dass  in  neuerer  Zeit
le  Fütterung  mit  Futter,  das  in  Gruben  aufbewahrt  ist,  nach
bei  uns  zwar  längst  bekannten  aber  zu  wenig  benutzten
43*
        <pb n="689" />
        n

676

Staat

Union
Arizona
Californien
Colorado
Connecticut
Dakota
Delaware
D.  Columbia
Idaho
Illinois
Indiana
Jowa
Kansas
Kentucky
Maine
Maryland
Massachusetts
Michigan
Minnesota
Missouri
Montana
Nebraska
Nevada
N.-Hampshire
New-Jersey
New-York
N.-Carolina
Ohio
Oregon
Pennslyvania
Tennessee
Utah
Vermont
Virginia
Washington
W.-Virginia
Wisconsin

3.923
2
216
2
16
4
3
1
6
285
49
244
48
8
41
14
22
74
27
30
3
21
2

1.652
2
452
I  24
146
2
11
85
4
2
7
414

D°o°n.

9.604
2
1.039
11
36
IO
18
IO
15
933
82
657
81
20
82
22
97
129
71
123
IO
81
3
IO
42
3-576
I
948
192
395
I
22
202

Milch
consumir! ­

1000  lbs.

Käse
fabricirt

looolbs.

Werth

DoU.

Butter
fabricirt

Ibs.

33
16
7
613

2.747.427
184
57.471
667
10.621
125
620
1.825
1.098
316.636
20.826
181.635
7.983
1.276
7.637
5.821
16.671
35.161
6.424
9.185
470
4.443
87
2.539
9.683
385.333
19
325.527
3467
98.218
198
1.645
48.440
964
1.684
987
181.841

171.750
17
1154
64
201

97
4  977
1.153
2.302
791
777
1.093
3.291
452
550
24
273

36
108.722
j  7.808
146
6.087
9
140
4.575
26
70
96
16.806

Ensilagesystem  sehr  be

13.991
6
122
8
19

12
462
III
215
70
73
99
292
41
54
4
26

IO
8.720
1.361
18
487
1
18
389
2
7
IO
1.340

16.471
2.074
2
93
5
25
3
2.414
281
5.458
11
49
6
190
52
9
62
126
9
20
3
99
15
4.197
I
235
84
453
3
12
5
29
47

I
Doll.

In  cotnbinirten
Butter-u.  saure
Milch  u.  Käsefabr.
  erzeugte

Butter
Ibs.

3.868
467
28

591
87
1.304
2
14
I
69
28
I
14
32
3
4
I
27
3
870
39
24
I  IO
1
2
I
8
11
99

12.950  44.134

Käse
Ibs.

Milch
erzeugt

126

67
4.136
53
724

342
4.752
1.852
533

23

155
15.240
155
473

62
277
221
IO
39
50

466
12.076
12.553
1.870

Con-45^



des  Materials ­



Doll.

Ibs.

25.74^

8.363

59O

Alle
Fabriken
Werth  ioooD‘-desPro-



13.033  1.547

453

3.645

108

8.826

28

447

18

1.052

339
5
87
I
4
36
6
2.840
157
1.261
43
7
47
60
128
318
38
65
4
27
o'8
20
85
8.848
o-i
1.985
20
655
o-i
12
284
6
II
6

386  99  103  446
iebt  geworden  ist.  Auch  über  die
Zweckmässigkeit  der  lichten  und  luftigen  Stallungen  findet  man
das  Nöthige  bei  Semler.
Immer  mehr  verbreitet  sich  die  fabrikmässige  Herstellung
von  Butter  und  Käse  in  den  sogenannten  Dairy-Factoreien,
die  seit  etwa  30  Jahren,  1851  im  Staate  New-York  zuerst,  ent
standen  sind.  Sie  haben  sich  allmählich  nach  Canada,  dann

1.036

9
134
i
7
44
13
'■i
14
75
87
194
96
7
4^*
i'5
27
‘■i
2*
,8
lO
1.50'
        <pb n="690" />
        nach  clem  Westen  der  Union  verbreitet.  Ihr  Wesen  besteht
darin,  dass  die  Milch  von  den  Farmen  nach  einer  central  gelegenen
  Fabrik  befördert  und  hier  zu  Butter  oder  Käse  ver-^beitet
  wird.
Die  erste  Käsefabrik  westlich  vom  Staate  New-York  entstand ­
  1862  in  Ohio.  Im  Jahre  1864  wurde  die  „New-York
State  Cheese-Manufacturers  Association"  gegründet,  die  sich
dann  in  die  „American  Dairymen’s  Association“  verwandelte,
olche  Associationen  giebt  es  jetzt  in  den  meisten  Staaten  der
nion  und  auch,  neben  einer  Hauptbörse  für  Molkereiproducte,
zahlreiche  Localbörsen  dafür  in  den  Staaten.
Die  Fabrik  gehört  entweder  einem  Unternehmer,  der  die
Milch  gegen  festen  Preis  kauft,  oder  sie  wird  auf  Rechnung
der  die  Milch  liefernden  Farmer  genossenschaftlich  betrieben
und  der  Gewinn  nach  Maassgabe  der  gelieferten  Milch  getheilt.
Zuweilen  fahrt  jeder  Farmer  morgens  seine  Milch  in  die  Fac-^rei;
  meist  hält  dieselbe  Gespanne,  welche  die  Milch  auf  den
Farmen  sammeln.
Zum  Zweck  der  Butterbereitung  wird  jetzt  meistentheils
uur  noch  die  Sahne  nach  der  Fabrik  gesandt,  was  nicht  nur
Weniger  Transportkosten  verursacht  als  der  Transport  der  Milch,
sondern  die  abgesahnte  Milch  auch  als  Schweine-  oder  Kälberutter
  auf  der  Farm  lässt.  Die  Milch  steht  in  Zinkcylindern
von  bestimmtem  Querschnitt,  die  z.  B.  60  Ibs.  Milch  halten,
in  Glasstreifen  läuft  von  oben  bis  unten  in  der  einen  Seite
Kanne  und  ist  gradirt.  Man  kann  durch  ihn  sehen,  wann
Milch  ausgesahnt  ist  und  wieviel  Zoll  Sahne  auf  der  Milch
stehen.  Die  dicke  Milch  wird  unten  durch  einen  Hahn  abgeussen,
  bis  die  Sahne  den  Boden  berührt.  Dann  wird  alle
ahne  in  einer  Kanne  gesammelt  und  auf  die  Fabrik  geschickt,
lässt  man  sie  zur  Ruhe  kommen,  misst  die  reine  Sahne
Zollweise  und  schreibt  sie  dem  betreffenden  Farmer  zu  Gute.
Seit  dem  Jahre  1880  bürgert  sich  die  Centrifugalmaschine
Sondern  der  Sahne  von  der  Milch  in  den  amerikanischen
utterfactoreien  ein.  Mir  liegen  die  Angaben  aus  der  Farm
Herrn  Burnell  in  Deerfor,  Massachussetts,  vor.  Nach  der
o  Steiner  Sahnenmethode  waren  29.2  Ibs.  Milch,  nach  der
        <pb n="691" />
        678

Eismethode  28.5  lbs.,  nach  der  Anwendung  der  Centrifuge
26.5  lbs.  Milch  erforderlich,  um  i  Ib.  Butter  zu  erzeugen.
Allgemeinen  braucht  man  in  Amerika  nicht  soviel  Milch  zur
Erzeugung  von  i  Pfd  Butter.  Man  rechnet,  dass  23  bis  24  Ibs.
Milch  ein  Ib.  Butter  und  9’  4  Ibs.  Milch  ein  Ib.  Käse  liefern.
Vielfach  wird  die  Abends  gemolkene  Milch  in  der  Frühe  abgesahnt ­
  und  mit  der  frischen  Morgenmilch  gemischt  in  die
Käsefabriken  gesandt.  Es  giebt  Fabriken,  in  denen  aus
solcher  Sahne  und  Milch  sowohl  Butter  als  auch  Käse  gemacht ­
  wird;  sie  sind  oben  in  der  Tabelle  für  1880  als  solche
bezeichnet,  welche  Käse  aus  saurer  „skimmed“  Milch  machen.
Auch  wird  nicht  wenig  Käse  von  ganz  ausgesahnter  Milch
fabricirt.

Man  betreibt  die  Butter-  und  Käsefabrikation  nur  in  ca.
6',4  Sommermonaten.  Auf  einer  Factorei  hat  man  die  Milch  von
55  bis  800  Kühen.  Im  Durchschnittsjahr  1874  ergaben  die
Kühe  von  127  Fabriken  in  6.24  Monaten  der  Saison  je  377
Gallonen  =  3.241  Ibs.  Milch.
Die  Jerseykuh  ist  jetzt  die  beliebteste,  die  Holsteinkuh
hatte  vor  ihr  den  besten  Ruf,  auch  benutzt  man  einige  englische ­
  Rassen,  die  nicht  übel  melken  und  doch  auch  ein  gutes

Schlachtgewicht  liefern.
Je  weiter  sich  die  Fabrikation  von  Käse  und  Butter  nach
dem  Westen  zog,  desto  vollkommener  wurde  das  Transportwesen. ­
  Im  Jahre  1880  wurde  Butter  von  Chicago  in  Refrigerator
Waggons  nach  Boston  und  von  da  mit  Dampfer  nach  Liverpoo
mit  1.70  Dollars  Kosten  per  Centner  versandt  —  4500  englische
Meilen!  Auch  auf  den  Dampfschiffen,  welche  die  Butter  nac
Europa  bringen,  ist  sie  in  Kühlkammern  aufbewahrt  und  kom^^
vollkommen  wohlerhalten  bei  uns  an!  Diese  grosse  Industrie  Wi  ^
seit  einigen  Jahren  durch  die  Herstellung  von  „Kunstbutter
schwer  geschädigt.
In  Chicago  gab  es  1880  an  20  Kunstbutterfabriken.

Rindstalg  wird  mit  Alkalien  behandelt  und  bei  gering^^
Hitze  gepresst.  Das  abgepresste  Stearin  wird  an  die  Farm
im  Lande  verkauft,  wird  zu  85  pCt.  mit  15  pCt.  Butter  g
        <pb n="692" />
        679^
*^ischt  und  wandert  dann  als  „Landbutter“  auf  den  Markt
oder  in  s  Ausland.
Schweineschmalz  wird  in  ähnlicher  Weise  zur  Herstellung
von  Butterine  verwendet.  Da  alle  diese  Producte  bei  geringer
Hhze  hergestellt  werden,  sollen  sich  Trichinen  in  ihnen  halten
können.  Nicht  nur  kommt  die  so  verfälschte  Butter  nach  Europa, ­
  sondern  Oleomargarin  wird  direct  versandt  und  in  Eu-*‘opa
  mit  Butter,  die  hier  erzeugt  ist,  gemischt.  Die  Holländer
sollen  einen  sehr  schwunghaften  Importhandel  mit  amerikanischen ­
  Buttersurrogaten  treiben,  die  sie  zur  Herstellung  ihrer
erühmten  Export-Butter  verwenden.  Dass  die  amerikanische
utter  auf  die  verschiedenste  Art  gefärbt  und  ihr  künstlich
möglichst  schönes  Aussehen  gegeben  wird,  ist  selbstverständlich. ­
  Im  Jahre  1880  wurden  25  Millionen  Ibs.  Oleomargarin ­
  und  ausserdem  noch  Oleo-Oel  exportirt.
In  den  Käsefabriken  betreibt  man  ebenfalls  Fälschung  in
grossem  Maassstabe.  Man  entsahnt  die  Milch  bald  nach  dem
elken  —  was  ja  jetzt  durch  die  Centrifugalmaschine  möglich
Dann  macht  man  sehr  schöne  Butter  aus  der  süssen
ahne.  Der  entsahnten  Milch  setzt  man,  auf  mechanischem
^ge  innig  beigemischt,  Schweineschmalz  soweit  als  nöthig  zu
^nd  macht  dann  Käse  daraus,  dem  man  Fett  in  beliebigem
rade  geben  kann.  Man  profitirt  den  Unterschied  im  Preise
j^on  einem  Pfund  Butter  gegen  ein  Pfund  Schmalz.  Da  dieser
ase  recht  gut  —angeblich  —  schmeckt,  so  sehe  ich  freilich
t  ein,  wer  durch  dies  Verfahren  geschädigt  wird,  abgecn
  davon,  dass  es  ein  Betrug  bleibt,  Schmalzkäse  an  Stelle
'^on  Süssmilchkäse  zu  verkaufen.
Im  November  waren  die  Butterpreise  fiir  die  einzelnen
,  ®sten  Handelsmarken  :
a  creamery,  fancy  38c.;  State  dairy,  half  firkin  tubs
Uoh  34c.  a.  35c.;  do.,  firkins,  30c.  a.  31c.;  half  firkin
^  s  and  pails,  good  to  prime,  29c.  a.  31c.;  half  firkin  tubs  and
^o  good,  27c.  a.  29c.;  Western  creamery,  fancy,  37c.  a.
32c  *  choice,  35c.  a.  36c.;  imitation  creamery,  23c.  a.
^  ^airy,  fresh,  choice,  27c.  a.  29c.;  dairy,  good  to  prime,  21c.
^3c.,  dairy,  fair  to  good,  i8c.  a.  20c.;  factory,  choice  18c.  a.  19c.
        <pb n="693" />
        ■js:

i

680

Die  Preisschwankungen  im  Grosshandel  gehen  also  von
18  bis  38  Cents  per  Ib.  —  Käsepreise:
State  factory  full  cream  do.  do.,  choise,  12'/^c.  a.
la'/gC.;  do.  do.,  fine  10V2C.  a.  ii'/ß  c.;  do.  Ohio  flat,  choice^
i2i/^c.  a.  I  abac.;  do.  do.,  fair  to  good  iic.  a.  ii^/^c.;  creamery
skims  fine,  7c.  a.  8c.;  do.,  fair,  5c.  a.  7c.;  do.  do.,  ordinary
2c.  a.  4c.
Hier  sind  die  Preisunterschiede  noch  grössere.  —  Die  Verfälschungsmittel ­
  kosteten:  Talg  8V2  Cents  per  Ib.,  Schmalz  per
tierce  11%—12  Dollars.
In  Amerika  wird  —  in  abgelegenen  Orten,  im  Felsengebirge, ­
  auf  Jagdpartien,  hie  und  da  in  den  Südstaaten,  viel  condensate ­
  Milch,  in  Zinkbüchsen  aufbewahrt,  consumirt.  Dieselbe ­
  wird  grossentheils  schon  im  Lande  erzeugt.  Eine  solche
Condensir  -  Compagnie  in  Elgin,  Illinois,  bot  für  Sommer
1882  13  Cents  per  Gallone,  oder  1.56  Dollars  für  100  Ibs.
Milch,  die  Farmer  aber  verlangten  15  Cents.  Diese  Fabrik
verarbeitet  3500  Gallonen  täglich.
        <pb n="694" />
        XXXVIIl.  Capitel.
Durch  Michigan  nach  Ostcanada.

Der  Indian-Sommer  setzt  in  Nordamerika  später  ein  als
bei  uns  der  Altweibersommer,  und  ist  mit  Ausnahme  des
Frühlings  die  angenehmste  Jahreszeit.  Der  Sommer  war  i88i
ungewöhnlich  heiss.  In  der  Ebene  des  Mississippi  und  in  der
Wüste  von  Arizona  und  Südcalifornien  war  er  für  Europäer
fast  unerträglich.  Darauf  folgte  die  sehr  stürmische  Aequinoctialzeit
  mit  recht  widerwärtigem,  nasskaltem  Wetter.  Es
gab  im  Gebirge  heftige  Schneestürme  und  in  den  Ebenen
stellenweise  wolkenbruchartigen  Regen.  Viele  Flüsse,  darunter
der  Mississippi  selbst,  traten  aus,  brachen  die  Dämme  und
richteten  Verwüstungen  an,  deren  Schaden  sich  auf  Millionen  Dollars ­
  beläuft.  Dann  legten  sich  die  Stürme  und  Frost  setzte  ein,
jedoch  nur  für  anderthalb  bis  zwei  Wochen.  Die  Sonne  blieb
hell  und  der  Horizont  durchsichtig,  aber  die  Luft  wurde  ruhig
und  milder;  von  lo  Uhr  bis  halb  4  Uhr  war  es  entschieden
warm,  die  Strassen  thauten  etwas  auf,  doch  blieb  Frost  im
Grunde.  Von  4  oder  5  Uhr  Nachmittags  fror  es  dann  wieder,
ohne  jedoch  mehr  als  drei  bis  sieben  Grad  Reaumur  unter
Null  zu  erreichen.  Die  Luft  war  sehr  trocken,  frisch  und
stärkend.  Alle  Welt  wurde  heiter  und  überall  hörte  man  bei
Begegnungen  von  Bekannten  und  Freunden:  „Schöner  Tag,
nicht  wahr?«  „Sehr  schön  —  very  nice  —  in  der  That!“
Am  Ende  der  Sturmperiode  langte  ich,  von  New-York
kommend,  wohin  ich  Mitte  October  die  Herren  Grafen  Imre
und  Geza  Széchényi,  Ernst  Hoyos  und  Baron  Gudenus  begleitet ­
  hatte,  die  sich  damals  schon  für  Europa  einschifften.
Während  Graf  Andrassy  und  ich  noch  bis  Dezember  in  Amerika
hlieben,  in  Chicago  an,  um  mit  Graf  Geza  Andrassy  zusammen-
        <pb n="695" />
        4

682

zutreffen  und  noch  einige  Studienzüge  durch  den  Nordosten
zu  machen.  Wir  verliessen  Chicago  noch  bei  recht  schlechtem
Wetter,  aber  als  wir  in  Niagara  ankamen,  begann  der  Indian-Sommer
  im  Ernste.
Wir  fuhren  zunächst  nach  Wayne,  nordwestlich  circa  dreissig
Meilen  von  Chicago  in  Illinois  gelegen,  und  besahen  hier  das
grosse  Gestüt  des  Mr.  Dunham.  Dieser  Herr  war  auf  jener
Farm,  die  trefflichen  Boden  hat,  geboren.  Sein  Vater  betrieb
darauf  Rindviehzucht.  Der  junge  Herr  sah  auf  einer  land
wirthschaftlichen  Ausstellung  in  Chicago  den  ersten  Percheron
Hengst  und  kaufte  ihn,  da  ihm  dieser  Schlag  Pferde  für  den
Gebrauch  in  grossen  Handelsstädten  als  Karrenpferde  nützlich
zu  sein  schien.  Das  alte  Thier,  jetzt  ein  Vater  zahlreicher
Geschlechter,  lebt  noch  und  erhält  das  Gnadenbrod.
Die  Aufzucht  und  Kreuzungsproducte  dieses  Percheron-Hengstes
  mit  dem  gewöhnlichen  Illinois-Pferde  bewährten  sich
so  gut,  dass  Mr.  Dunham  demnächst  einige  Hengste  nachkommen
  liess.  Später  ging  er  selbst  wiederholt  und  zuletzt
alljährlich  nach  P'rankreich  und  importirte  von  Jahr  zu  Jahr
mehr  Hengste  und  Stuten,  im  letzten  Jahre  über  400  Stuck,
alle  ausschliesslich  für  Zuchtzwecke.  Er  zieht  sowohl  Vo
blut-  als  Kreuzungsproducte  auf  seiner  Farm.  Die  Thiere
weiden  das  ganze  Jahr,  haben  aber  im  Winter  einen  Schupp^a
mit  Bretterwand  nach  Norden  und  Schutzdach.  Die  Hengste
werden  gestallt.  Das  Geschäft  muss  sich  gut  auszahlen,  denn
Mr.  Dunham  baut  sich  ein  stattliches  Schloss  im  normannischen
Style.  Der  Transport  der  ersten  Pferde  vor  acht  bis  ze
Jahren  stellte  sich  vom  französischen  Hafen  bis  zur  Farm
Chicago  Alles  in  Allem  auf  ca.  500  Dollars  per
letzten  Jahre  nur  noch  auf  200  Dollars,  bei  denen  auch  ‘
Versicherung  eine  sehr  grosse  Rolle  spielt;  ohne  Unfallsv^^
Sicherung  kam  die  letzte  Ladung  nur  auf  120  Dollars  P_^
Stück  zu  stehen.  Mr.  Dunham  hatte  für  diesen  Transport
Schiff  gemiethet  und  mit  Boxes  versehen  lassen,  das  108  T
mit  einem  Male  herüberbrachte.
Für  uns,  die  wir  Percherons  genug  schon  gesehen  ha
war  indess  auf  dieser  Farm  nicht  viel  zu  lernen.
        <pb n="696" />
        683

Wir  reisten  dann  nach  Michigan,  um  die  Verwaltung  eines
älteren  Staates  der  Union  und  die  Landwirthschaft  daselbst
kennen  zu  lernen,  und  zwar  fuhren  wir  nach  der  im  Mittelpunkte ­
  des  Staates,  165  Meilen  von  Chicago  und  140  Meilen
yon  Detroit,  gelegenen  Township  Climax,  wo  der  Bruder
jenes  Herrn  Sheldon  seine  Farm  hat,  dessen  Gastfreundschaft
schon  in  Cimmaron  genossen  hatten.  Wir  besahen  diese
und  andere  h  armen.  Eine  kurze  Schilderung  der  ersteren
genügen,  ein  Bild  von  der  Landwirthschaft  in  Michigan
^u  geben.
Weizen  ist  die  Hauptfrucht,  liefert  das  „Geldkorn“.  Daneben
  wird  Mais,  Hafer,  Gerste  eben  genügend  für  den  Hausedarf
  gezogen.  Kartoffeln  und  Gemüse  werden  ebenfalls  nur
ur  letzteren  gebaut.  Obst  aber  wird,  namentlich  an  den  Seeüsten,
  in  grossem  Maasse  und  zum  Verkaufe  gezogen.  Es
sehr  schmackhaft  und  ungleich  besser  als  jenes  in  Califor-Aepfel,
  Birnen  und  Pflaumen  gedeihen  gleich  gut;
firsiche  leiden  zuweilen  von  Kälte.  Auch  Wein,  jedoch
•lur  zur  Traubengewinnung,  wird  angebaut.  Der  Boden
Unter  den  Obstbäumen  ist  meist  landwirthschaftlich  benützt.
baut  Weizen  und  Klee  unter  den  Bäumen.
Liese  Obstcultur  zieht  sich  über  Buffalo  nach  Niagara  und
ü?"  am  Ufer  des  Ontario-Sees  tief  in  Canada  hinein,
eb^^  *^^**^^  ^keinebene  bei  Coblenz  oder  in  der  Main-^
  ene  bei  der  Gartenstadt  Bamberg  zu  sein.  Im  Frühjahre
^  uss  die  Landschaft  herrlich  sein,  wenn  alle  diese  Obst-Urne
  blühen.  Der  Export  all  des  Obstes  über  die  Union,
risch  und  sauber  verpackt,  bringt  viel  Geld.  Ein  Barrel
^Gpfel  kostete  loco  harm  1.60  Dollars.  Also  Weizen  und
n  b^^  ^*^ken  die  harmer  von  Michigan  als  „Geldfrüchte“,  da-^
  cultiviren  sie  alle  die  Viehzucht,  ohne  einen  Theil  davon
^schliesslich  zu  betreiben.  Es  hat  vielmehr  fast  jeder  Farmer
"  as  von  allen  Vieharten  und  betreibt  man  hier  das,  was  als
husbandry“,  gemischte  Landwirthschaft  bekannt  ist.
'Verde  das  an  dem  Beispiele  einer  Farm  weiterhin  klar
Rächen.
Michigan  ist  seit  fünfzig  Jahren  angesiedelt  und  giebt  es
        <pb n="697" />
        ama;

684
kein  freies  Land  mehr.  Seit  fast  sechzig  Jahren  müsste  der
„Raubbau“  —  dieser  Trost  mancher  Journalisten  in  Europa
Michigan  durchaus  erschöpft  haben  und  der  Boden  mit  dem
„fernen  West,  in  dem  das  Land  nichts  kostet  und  der  jungfräuliche ­
  Boden  ausgeraubt  wird“,  concurrenzunfähig  geworden
sein.  Wir  hätten  bei  jeder  Meile  auf  einige  verlassene  Farmen
stossen  müssen,  deren  unglückliche  Besitzer  mit  Frau  un
Kind  sich  auf  den  letzten,  ihnen  gebliebenen  Wagen  gesetzt
und  nach  dem  Westen  gezogen  wären,  um  sich  an  dem  dortigen ­
  Raubbau  zu  betheiligen.  Allein  das  Gegentheil  war  der
Fall  und  guter  Boden  in  eingerichteten  Farmen  wurde  mit
50  bis  75  Dollars  per  Acre,  170  bis  255  fl.  per  Joch,  625  is
937  Fres,  per  Hectar,  bezahlt!  Auch  vermehrt  sich  die  Zah
der  Farmen  noch  fortwährend.  Sie  nahm  zu  von  34.089  im
Jahre  1850  auf  62.422  i860,  98.786  im  Jahre  1870  und  sogar
auf  154-008  im  Jahre  1880  und  dieser  Vermehrungsprozess
dauert  noch  fort.  Der  Grösse  nach  waren  bis  3  Acres  gross
nur  68,  von  3—10  Acres  2.737,  von  10—20  Acres  4-5^4,  von
20—50  Acres  45.029,  von  50—100  Acres  55-777  &amp;gt;  von  i
bis  500  Acres  45.391,  von  500—1000  Acres  nur  408  un  u
1000  Acres  nur  84.  Spannfähige  Bauernwirthschaften  gab  es
also  von  20—500  Acres  Grösse  die  hohe  Zahl  von  146.197-Von
  den  Eigenthümern  wurden  138.597,  von  Métayers  10.39  »
von  Geldpächtern  nur  5.015  Farmen  bewirthschaftet.
Dagegen  ist  es  gleichtalls  richtig,  dass  hier  nicht  me
Weizen  auf  Weizen  in  unaufhörlicher  Reihenfolge
sondern  eine  eigenthümliche,  noch  nicht  recht  systematisch  gewordene ­
  Wechsel-  und  Dungwirthschaft  betrieben  wird.
In  Jowa  schon  sagte  mir  jener  Bauer,  welcher  den  ^  ^
bau  der  deutschen  Communisten  in  Homestead  leitete,
die  Drei-Felderwirthschaft  das  richtige  Farmsystem  für  Anmn  ^
in  seinem  heutigen  Entwickelungsstadium  sei,  und  in  Michig
fanden  wir  etwas  demselben  sehr  Aehnliches.  Qehr
Die  Schlageintheilung  ist  noch  nicht  fest  geworden.
willkürlich  wird  bald  dies,  bald  jenes  Feld  mit  dieser  o  ^
jener  Frucht  bestellt.  Aber  im  Allgemeinen  ist  die  hr
folge  so;  Klee,  der  unter  Weizen  gesäet  war,  wird  im
        <pb n="698" />
        685

genden  Jahre  nicht  geschnitten,  sondern  im  Juni  grün  untergepflügt^
  als  Gründüngung.  Darauf  wird  die  Saatfurche
urch  Eggen  rein  von  Unkraut  gehalten  —  was  in  Dakota
nicht  geschieht  —  und  der  Weizen  vom  15.  bis  20.  September
gcsäet,  gedrillt.  Im  nächsten  Herbste  wird  die  Stoppel  gepflügt
nd  wieder  mit  Weizen  besäet,  worunter  Klee  und  Grassamen,
dritten  Jahre  werden  Klee  und  Gras  zu  Heu  geschnitten
j.  geweidet.  Im  Frühjahre  des  vierten  Jahres  wird
i^e  Weide  gebrochen  und  mit  Mais  bepflanzt.  Im  fünften
Ja  re  baut  man  Hafer  und  säet  im  Herbste  Weizen  mit  Gras.
sechsten  Jahre  wird  Weizen  geerntet.  Im
wird  der  Klee  als  Gründüngung  untergepflügt
^ad  im  Herbste  wieder  Weizen  gesäet.  Allein  eine  feste
^juchtfolge  giebt  es  hier  für  die  Farmen  im  Allgemeinen
Canada  auch  nicht;  jeder  Farmer  macht  sich  seine
&amp;gt;gene  Fruchtfolge  und  geht  nicht  selten  davon  ab.  Der  vorandene
  Dung  wurde  auf  der  Wirthschaft,  welche  obige  Frucht-J^ge
  fur  den  dem  Wirthschaftshofe  nahe  gelegenen  Acker
^atte,  vor  Mais  und  nach  Hafer  und  vor  Weizen  gefahren,
°  eben  reichte.  Als  Kuntsdünger  wird  hier  nur  Gyps
^  gewendet.  Man  hat  also  eine  Gründüngung,  2  Stall-  oder
_  ^^^^^ngungen  in  7  Schlägen,  die  6  mähbare  Früchte  liefern,
klee^  Hafer,  ein  Mal  Mais  und  ein  Mal  Mähsch
  f  bat  man  in  Ungarn  eine  so  ackerschonende  Wirtha
  t?  Das  ist  kein  Raubbau  mehr.
entfernten  oder  Aussenschlägen  nimmt  man  zwei
•ni  säet  unter  die  zweite  Weizensaat  Klee,  der
^We'  Jahre  grün  untergepflügt  wird.  Dann  folgen  wieder
Hier  hat  man  also  eine  Art  Drei-Felder-'^‘rthschaft.

Yçj.  reicher  Farmer,  der  ca.  600  Acres  besass,  Dr.  Lovell,
Acker  und  hatte  mehrere  kleine  Farmen  ein-Métayer
  nutzt  pachtfrei  Haus,  Garten,  Ställe,
^  einige  Kühe,  dafür  und  für  die  Gespanne  Heu  und
die  Hühner  und  zwei  bis  sechs  Schweine.  Er  giebt
1^q|,  ^  der  gedroschenen  Weizen-  und  Haferkörner,  der  Maisund
  der  Kartoffeln  als  Pacht.  Der  Verpächter  zahlt
        <pb n="699" />
        ■

686

K.

die  Geldsteuern,  der  Pächter  thut  die  Arbeiten  zur  Reparatur
der  öffentlichen  Strassen.  Auf  einer  anderen  Farm  von
250  Acres  hielt  der  Verpächter  Vieh,  das  der  Pächter  weidete
und  pflegte,  Schafe  und  Rinder.  Der  Pächter  erhielt  die
Hälfte  des  Zuwachses  an  Vieh  und  die  Hälfte  der  Wolle  der
Schafe,  er  unterhielt  die  Zäune,  der  Verpächter  aber  lieferte
das  Holz  dazu.
Die  P'arm  der  Gebrüder  Sheldon,  welche  wir  später  besuchten, ­
  war  vor  einigen  30  Jahren  vom  Vater  der  jetzigen
beiden  Besitzer  um  10  Dollars  per  Acre  gekauft.  Damals
waren  100  Acres  unter  Pflug.  Jetzt  war  die  P'arm  über
75  Dollars  per  Acre  werth,  Baulichkeiten  von  4000  Dollars
Werth  inbegriffen.  Sie  ist  590  Acres  =-  413  Joch,  gross,
wovon  100  Acres  guter  Eichenwald,  der  auch  als  Weidegrund ­
  benützt  wird.  108  Acres  sind  unter  Weizen,  29  unter
Mais,  20  unter  Hafer,  40  in  Klee  und  Timothee,  wovon  die
Hälfte  geweidet,  die  Hälfte  zu  Heu  gemäht  wird;  20  Acres
sind  mit  Roggen  bestellt,  auf  dem  man  im  Frühjahre  die
Schafe  weidet.  Nachdem  sie  andere  Weide  haben,  lässt  man
den  Roggen  bis  Mitte  Juni  wachsen  und  pflügt  ihn  dann  als
Gründüngung  unter,  darauf  folgt  dann  Weizen.
Die  beiden  jungen  Männer,  welche  die  F'arm  besitzen,
zwei  Knechte  und  zwei  Hausmädchen  besorgen  die  regelmässige ­
  Arbeit;  während  der  Ernte  werden  einige  Tagelöhner
aufgenommen.  Im  Winter  hilft  nur  ein  Knecht  auf  dem  Hofe
und  dessen  Frau  besorgt  die  Hausarbeit  —  eine  Hausfrau
ist  nicht  vorhanden.  Für  die  vier  Wintermonate  erhalten
Mann  und  Frau  zusammen  20  Dollars  per  Monat,  für  acht
Sommermonate  28  Dollars,  nebst  Kost  und  Wohnung.  Andere
Knechte  erhalten  für  Winterszeit  hierzulande  10  bis  14  Dollars,
im  Sommer  18  bis  20  Dollars.
Natürlich  arbeiten  die  Weiber  niemals  auf  dem  Feld^-Frauen
  und  Kinder  sieht  man  überhaupt  nur  hie  und  du  jtn
Westen  auf  dem  Felde  arbeiten,  und  dann  sind  es  stets
gewanderte,  welche  auf  der  eigenen  Farm  arbeiten.  Weib^*^
und  Kinder  arbeiten  in  Amerika  so  gut  wie  niemals  auf  den:
Felde  und  sehr  selten  im  Garten.  Es  geht  schon  hieraus  her
        <pb n="700" />
        68;

vor,  wie  viel  besser  die  Lage  der  Arbeiter  drüben  ist  als  in
^uropa,  wo  die  Weiber  stets  auf  dem  Felde  arbeiten  und
jetzt  auch  die  Kinderarbeit  zunimmt:  In  Oesterreich  hat  man
dem  Zweck  die  Schulpflicht  von  8  auf  6  Jahre  ermässigt,
^  Preussen  die  Landräthe  angewiesen,  wenn  es  ihnen  angej^Gssen
  scheint,  die  Schulstrafen  wegen  Schulversäumniss  der
Inder,  die  auf  dem  Felde  arbeiten,  niederzuschlagen.  Um
chaaren  von  Kindern  auf  Rübengütern  beschäftigen  zu  können,
^  für  solche  Kinder  1883  sogar  die  Schulferien  vertagt
^'orden.  Auf  Rübengütern  arbeiten  bei  uns  sogar  Männer,
rauen  und  Kinder  zusammen,  die  von  entfernten  Gegenden
(lerbeipholt  wurden  und  für  die  Dauer  der  Arbeitsperiode
casernirt  werden.  Hier  geht  Moral  und  Gesundheit  zu  Grunde.
s  ist  eine  Freude,  dergleichen  Abscheulichkeiten  in  Amerika
'^icht  zu  finden  und  erklärt  die  Auswanderung  dahin.
Das  lebende  Inventar  auf  der  Sheldon’schen  Farm  bestand
I  Bullen,  7  Milchkühen  in  Milch,  im  Ganzen  aus  12  Kühen
^  Haupt  Jungvieh,  ein  bis  zwei  Jahre  alt.  Ausgewachsen
erden  Kühe  und  Ochsen  zum  Ziehen  verkauft.  Ferner  aus  200
^  erinoschafen,  deren  Wolle  ungewaschen  25  Cents  per  Ib.
^ostete  —  die  letzte  Schur  ergab  1000  Ibs.  von  196  Schafen  —
g"  20  Schweinen.  Von  diesen  werden  jährlich  vier  grosse  Fett-^
  Weine  und  mehrere  Jährlinge  geschlachtet,  dazu  wird  im
Pök^r  junger  Stier  geschlachtet,  von  dem  man  300  Ibs.
^  e  fleisch  für  den  Sommerbedarf  macht.  Im  Sommer  kauft
oft  frisches  Fleisch  aus  einem  Schlächterladen.  Etwa  15
die  ^^ttschweine  kommen  zum  Verkaufe.  Als  Anspannung
schwere  Pferde  und  zwei  ausgezeichnete,  starke
thiere.  Bis  zum  vorigen  Jahre  hielt  man  Ochsen  zum.
^^ugen  und  werden  solche  in  Michigan,  in  Wisconsin,  na-Minnesota,
  noch  so  benützt.  Man  schaffte
T  Climax  ab,  da  sie,  verglichen  mit  Pferden,  zu  langsam
bei  Pferdehaltung  also  einen  Pflüger  spart.
Hur  von  Climax  liegt  eine  grössere  Stadt,  Port
Dort  wohnt  ein  Getreidehändler,  dem  alle  Elevatoren
eine  gehören,  welche  durch  Climax  fuhrt.  Er  hat
^  peicher  und  Agenten  in  Climax  und  ihni  verkauft  man
        <pb n="701" />
        das  überflüssige  Getreide,  Sollte  er  zu  niedrige  Preise  bieten,
so  würde  man  das  Getreide  in  Waggonladungen  nach  Detroit
senden,  deshalb  macht  er  raisonnable  Angebote;  er  giebt  in
der  Regel  8  bis  12  Cents  per  Bushel  weniger,  als  der  Marktpreis ­
  in  Detroit  ist.  Die  Fracht  per  Bahn  schwankt  um  8  Cents
=  71  Kreuzer  per  Metercentner  im  Mittel  für  140  englische
Meilen,  was  etwa  2  Vs  Kreuzer  ö.  W.  per  Metercentner  und
geographische  Meile  ausmacht.  Theuer  genug,  aber  es  ist
auch  Localfracht  von  der  Farm  nach  dem  ersten  grossen
Getreidesammelplatze.  Von  Detroit  hat  man  die  billige  Wasserfracht
  nach  New-York.  Die  Personenfracht  kostet  3  Cents
per  englische  Meile.  Vor  35  Jahren,  als  Dr.  Lovell  sich  in
Climax  ansiedelte,  kaufte  er  den  Acre  Land  um  5  Dollars,
jetzt  ist  er  50  bis  75  werth.  Damals  musste  der  Weizen  nach
Detroit  per  Achse  vom  Farmer  gefahren  werden  und  war  ein
Gespann  bei  Hin-  und  Rückfahrt  zehn  Tage  abwesend.
Der  Bushel  Weizen  kostete  damals  loco  Climax  45  bis
50  Cents.  Als  wir  in  Climax  waren,  kostete  der  Weizen  in
New-York  ca.  1*40  Dollars,  in  Detroit  1*31  Dollars,  in  Climax
1.20  Dollars  per  Bushel.  Alle  Farmer  dieser  Gegend,  welche
schon  lange  im  Besitze  gewesen,  waren  sehr  wohlhabende
Leute.  Da  alles  Land  in  festen  Händen  und  schon  recht
theuer  ist,  so  kommen  Einwanderer  nur  selten  in  diese  Gegend,
einige  Landarbeiter  und  Handwerker  abgerechnet.  Erstere
werden  bald  Pächter  oder  Métayers,  Auf  der  einen  Farm
des  Dr.  Lovell  waren  drei  Pächterfamilien  hintereinander,
nachdem  jede  eine  Anzahl  von  Jahren  gewirthschaftet  hatte,
so  wohlhabend  geworden,  dass  sie  kleine  Besitzungen  kaufen
konnten.  Es  giebt  schon  recht  viele  kleine  Besitzungen  m
den  Staaten  Michigan,  Ohio,  Pennsylvanien,  wo  das  Land  gnt,
aber  theuer  ist.  Im  Süden  entstehen  auch  viele  kleine  Farmen,
da  sich  die  Neger  allmählig  ansiedeln  und  ankaufen.  In  d^n
Neu-England-Staaten  dagegen,  wo  der  Boden  steinig  und  wenig
fruchtbar  ist,  der  Ackerbau  also  um  so  unrentabler  wird,
billiger  Getreide  im  Westen  erzeugt  werden  kann,  vergrössern
sich  die  einzelnen  Besitzungen,  weil  Leute  gerne  ausverkaufen
und  in  die  Stadt  oder  nach  dem  Westen  ziehen.  Ein  grösserer
        <pb n="702" />
        689

44

und  reicher  Grundbesitzer  kauft  so  seine  Nachbarn  um  ein
1  iges  aus  und  beginnt  eine  extensivere  Weidewirthschaft.
llein  diese  Erscheinung,  welche  sich  auf  den  Staat  New-York
die  nördlich  von  ihm  gelegenen  beschränkt,  hat  für  Europa
gar  keine  Bedeutung,  da  diese  Staaten  ohnehin  eine  so  kleine
roduction  haben,  dass  sie  nicht  den  Bedarf  der  einheimischeo
Bevölkerung  deckt.
In  den  Staaten,  welche  wirklich  Weizen  zum  Exportauen,
  Ohio,  Michigan  und  weiter  westlich,  zeigt  sich  das  Gegentheil
  von  Bodenerschöpfung.  Noch  viel  mehr  in  Pennsylvanien
  und  auch  in  den  fruchtbaren  Theilen  des  grossen
taates  New-York  und  in  New-Jersey,  wo  man  viel  Milch
irthschaft  treibt  und  reichlich  düngt.  Durch  verbesserte
u^ltur,  Gründüngung  und  Stalldüngung  wächst  der  Durchchnittsertrag
  per  Acre  daselbst.  In  der  Gegend  um  Climax
etrug  er  22  Bushels  Weizen  per  Acre  —  8%  Metercentner
Gr  Joch  im  ganzen  Staate  etwas  weniger.  Auf  der  Shelon
  sehen  Farm,  die  in  eigener  Regie  der  beiden  Besitzer  beirt
  schäftet  wird  und  bei  der  die  persönlichen  Ausgaben  der
^Gi  en  Besitzer  mit  in  die  Wirthschaftskosten  gerechnet  werden,
^trugen  die  ungefähren  durchschnittlichen  Productionskosten
^  ^  jedoch  ohne  Grundrente  —  per  Bushel  Mais  ij'/a  bis
4  /,  Cents,  für  Weizen  40  bis  55  Cents,  je  nach  reichlichem
Gr  spärlichem  Ernte-Ausfälle.
^  Während  ich  dies  schreibe,  geht  mir  ein  Bericht  über  die
^osten  der  Weizenproduction  in  verschiedenen  Counties  von
niÖ^h^^  einige  Mittheilungen  anschliessen
ni  Angaben  sind  von  praktischen  Farmern  ge-A
  -^ÜGn  County  sagt  Mr.  Pratt,  er  ernte  12  Bushels
^  cre,  Productionskosten  65  Cents,  Verkaufspreis  auf  einer
en  Mühle  90  Cents  bis  i  Dollar.  —  Mr.  Jones  erntet
Marner  durchschnittlich)  20  Bushels  per  Acre,  Productions-^
  sten  7^  Cents  (?)  —  Anderson  County.  Mr.  Mc.  Clure
von  ii'/2  bis  2  7  »  4  Bushels  geerntet.  Bei  10  Bushels  per
^Gre  sind  Productionskosten  471/3  Cents,  bei  20  Bushels  per
pj^re  nur  35  Cents  per  Bushel.  —  Atchinson  County.  Mr.
Gasant:  Bei  10  Bushels  Ertrag  per  Acre  sind  die  Productions-
        <pb n="703" />
        kosten  8o  Cents,  bei  15  Bushels  Ertrag  75  Cents,  bei  20  Bushels
Ertrag  65  Cents,  bei  25  Bushels  50  Cents.  —  Barton  County.
Mr.  Redfield  in  Ellinwood  —  wo  wir  waren  —  sagt,  er  ernte
durchschnittlich  15  Bushels  per  Acre,  die  Productionskosten
seien  4.50  Dollars  per  Acre,  die  Productionskosten  per  Bushel
sind  also  30  Cents.  Der  Marktpreis  war  75  Cents  bis  1  Dollar.
—  Mr.  Mackenroth  in  Great  Bend:  Bei  10  Bushels  Productionskosten ­
  68  Cents,  bei  15  Bushels  45  Cents,  bei  20  Bushels
34  Cents,  bei  25  Bushels  27  Cents.  Im  Durchschnitte  kostete
ihm  der  Bushel  48  Cents.  Er  verkaufte  1876  um  95  Cents,
1877  um  85  Cents,  1878  um  65  Cents,  1879  um  75  Cents,
1880  um  60  Cents,  1881  um  i.io  Dollars  den  Bushel.  —
Bourbon  County.  Mr.  Julian:  Productionskosten  50  Cents.
—  Butler  County.  Ertrag  15  Bushels,  Productionskosten
60  Cents,  Verkaufspreis  1877  i  Dollar,  1878  95  Cents,  1879
72  Cents,  1880  90  Cents,  1881  i.io  Dollars.  —  Chase  County.
Mr.  Jeffrey  erntete  20  Bushels  durchschnittlich  mit  5.50  Dollars
Kosten  per  Acre  =  27'/a  Cents  per  Bushel.  —  Chautauqua
County.  15  Bushels  Ertrag,  Productionskosten  per  Acre
5.55  Dollars  =  37  Cents  per  Bushel,  Marktpreis  75  Cents
durch  5  Jahre.  —  Cheroka  County.  Mr.  Kitsch:  12  Bushels
Ertrag,  Productionskosten  bei  10  Bushels  95  Cents,  bei  15
Bushels  70  Cents,  bei  20  Bushels  60  Cents,  bei  25  Bushels
50  Cents  u.  s.  w.
Die  Zahlen  fallen  sehr  verschieden  aus,  da  sie  von  einfachen ­
  Farmern  gegeben  werden,  welche  ihre  eigene  Arbeit
und  auch  die  Grundrente  verschieden  hoch  veranschlagen.
Meist  nimmt  man  den  gegenwärtigen  Grundwerth,  der  höher
ist  als  der  Ankaufspreis,  und  berechnet  von  dem  6—10  Percent ­
  Zinsen,  welchen  Posten  per  Acre  man  dann  in  die  Productionskosten ­
  hineinrechnet.  Andere  sehen  aber  von  diesem
Posten  ganz  ab.  Ich  führe  diese  Angaben  nur  an,  um  zu
zeigen,  wie  verschieden  man  Dinge  taxirt,  die  nicht  ausgelegtes
Geld,  sondern  eigene  Arbeit  der  Farmerfamilie  kosten.
Von  Michigan  fuhren  wir  zum  Niagarafalle,  besichtigten
sehr  eingehend  den  Eriecanal  bei  Buffalo  und  den  Wellandcanal,
  durch  den  soeben  das  erste  grosse  Dampfschiff  von
        <pb n="704" />
        691

44*

Montreal  in  die  oberen  Seen  eingefahren  war  und  reisten  dann
nach  Ottawa  und  Montreal,  wo  wir  uns  bei  Behörden  und
aufleuten  über  Production  und  Transport  unterrichteten.
Um  noch  den,  übrigens  '  sorgfältigen  Ackerbau  Ostcanadas  zu
studiren,  war  die  Jahreszeit  leider  schon  zu  weit  vorgeschritten
nnd  das  Wetter  zu  schlecht.  Es  goss  in  Strömen.  —  Wir
¡nachten  nun  noch  einen  Abschiedsbesuch  bei  den  Behörden
p  Washington,  denen  wir  sehr  verpflichtet  waren  und  kehrten
nde  December  über  New-York  nach  England  zurück.  Von
a  reiste  ich  über  Frankreich  und  Italien  nach  Oesterreich
nad  hatte,  in  Wien  wieder  angelangt,  eine  Rundreise  von
er  27.^00  englischen  Meilen  —  in  sehr  anstrengender,  aber
®ch  nicht  nutzloser  Reise  —  zurückgelegt.
        <pb n="705" />
        XXXIX.  Capitel.
Staats-,  County-  und  Townshipverwaltung
von  Michigan.
Von  Graf  Geza  Andrassy.*)
Nachdem  ich  von  meiner  verlängerten  Jagd  in  Montana
in  Chicago  Ende  November  angekommen  war,  fand  ich  nur
den  Dr.  Rudolph  Meyer  noch  dort,  meine  vier  anderen  Reisegefährten ­
  waren  schon  nach  Europa  abgereist.  Trotz  der  vorgerückten ­
  Jahreszeit  beschlossen  wir  Beide,  den'Theil  unseres
ursprünglichen  Reiseplanes,  welcher  bisher  noch  nicht  ausgeführt ­
  war  und  der  sich  auf  das  Studium  einiger  Fragen  in
den  östlichen  und  Mittelstaaten  bezog,  möglichst  zur  Ausführung ­
  zu  bringen.
Wir  reisten  demgemäss  nach  Michigan  ab  und  unterrichteten ­
  uns  zunächst  über  die  politische  Administration  daselbst.
Michigan  ist  ein  alter  Mittelstaat,  weil  die  Ansiedelung  in
ausgedehntem  Masse  schon  vor  fünfzig  Jahren  daselbst  begann.
Damals  schon  zahlte  sich  der  Ackerbau  hier  aus,  denn  der
Staat  liegt  zwischen  den  Seen  Michigan,  Huron  und  Ene,
hatte  also,  besonders  vom  Jahre  1835  ab,  als  letzterer  See
mit  New-York  durch  den  Erie-Canal  in  Verbindung  kam,  eine
gute  Wasserverbindung  mit  New-York,  die  landwirthschaftlichen
  Producte  dieses  fruchtbaren  Staates  konnten  also  verhält ­
  nissmässig  früh  auf  den  Weltmarkt  kommen.
*)  Anmerkung.  Nachdem  unsere  anderen  Reisegefährten  schon
October  1881  nach  Europa  zurückgekehrt  waren,  reiste  ich  mit  Graf  Andrassy
noch  längere  Zeit  in  Canada  und  der  Union,  vornehmlich  beschäftigt  mit
Studium  der  Gesetzgebung  und  Verwaltung.  Graf  Andrassy  schrieb  damals
den  folgenden  Artikel  für  das  „Vaterland“,  den  ich  hier  unverändert  zum  Ab
druck  bringe.
        <pb n="706" />
        693

Der  Staat  hat  jetzt  etwa  1.600.000  Einwohner,  die  zum
grössten  Theile  Landleute  sind.  Sie  sind  meist  Eigenthümer
des  Grundes  und  Bodens,  den  sie  bebauen,  und  die  Farmen
sind  kleine,  von  40  bis  200  Acres,  verhältnissmässig  wenige
sind  500  bis  600  Acres  gross.
Die  natürliche  Fruchtbarkeit  des  lehmigen  Bodens,  das
gute  Klima,  welches  gegen  zu  grosse  Hitze  und  zu  grosse
Kälte  durch  die  Luft  der  den  Staat  an  drei  Seiten  umgebenden ­
  Seen  gesichert  ist,  der  reichliche  Regen  bezahlen ­
  den  Farmern  ihre  Mühe  und  Arbeit  durch  sichere
Und  reichliche  Ernten  und  die  gute  Wasser  Verbindung  mit
New-York  sichert  ihnen  einen  hohen  Preis  für  ihre  Producte.
deshalb  sind  die  Besitzer  jener  kleinen  und  mittelgrossen  Faruien
  fast  durchwegs  sehr  wohlsituirt.  Ueberall  existiren  recht
gute  Schulen,  jeder  Farmer  hält  Zeitungen,  gewöhnlich  mehr
eine.  Dieser  wohlhabende  und  unterrichtete,  durch  Homestead-Exemptionsgesetz
  auch  gegen  die  ärgsten  Folgen  zufälliger
  Noth  und  Unglücksfälle  geschützte  Farmerstand  ist  vorzüglich ­
  geeignet,  die  Lasten  der  politischen  Selbstverwaltung
zu  tragen.
Denn  Selbstverwaltung  im  weitesten  Sinne  ist  die  polibsche
  Administration  von  Michigan,  d.  h.  die  Verwaltung
Wird  von  Staatsbürgern  ehrenamtlich  und  unentgeltlich  gemistet. ­
  Dieselben  erhalten  nur  Vergütung  für  Bureaukosten,
ienstreisen  und  Diäten  für  solche  Tage,  die  sie  ganz  ihrem
widmen.  Nur  wenige  Beamte,  deren  Amt  seiner  Natur
*^äch  die  ganze  Zeit  und  Arbeitskraft  eines  Mannes  verlangt
oder  eine  besondere  gelehrte  Berufsbildung  voraussetzt,
®*nd  fest  angestellt  und  besoldet.  Allein  auch  sie  sind  nur
'^^n  zwei  bis  zu  sechs  Jahren  gewählt,  und  wenn  das  Volk
ihnen  nicht  zufrieden  ist,  werden  sie  nicht  wiedergewählt. ­


Die  meisten  Beamten,  vom  Gouverneur  des  Staates  bis
mrab  zum  Polizei-  und  Gerichtsdiener,  aber  sind  Grundmsitzer
  oder  Geschäftsleute  in  den  Städten,  denen  ihr  Amt
^mhr  Auslagen  und  Versäumniss  verursacht,  als  das  Einkommen
        <pb n="707" />
        694

daraus  werth  ist,  und  die  thatsächlich  der  damit  verbundenen
Ehre  wegen  dienen.
Auch  kommen  in  diesem  Ackerbaustaate  solche  Betrügereien ­
  der  Beamten  nicht  vor,  wie  in  den  grossen  Städten  und
zuweilen  in  der  Verwaltung  der  Union,
Der  Staat  Michigan  ist,  wie  alle  anderen  Staaten  der
Union,  behufs  seiner  Verwaltung  in  Counties,  Grafschaften
oder  Comitate,  getheilt.  Jede  County  zerfallt  in  eine  Anzahl
von  Townships  oder  Kreise.  In  der  Township  giebt  es  dann
noch  bestimmte  Districtabtheilungen  für  die  Verwaltung  gewisser ­
  localer  Angelegenheiten.  Die  Township  ist  aber  der
kleinste  selbstständige  und  einheitliche  Verwaltungsbezirk.
Jede  Township  ist  sechs  englische  Quadratmeilen  gross
und  vollkommen  quadratisch.  Alle  unsere  Studien  haben  wir
in  der  Township  Climax  und  in  der  County  Kalamazoo  gemacht, ­
  und  auf  diese  beziehen  sich  die  angegebenen  Gehalte.
Die  Schule  ist  in  Amerika  Aufgabe  der  Gemeinden,  welche
Schulhäuser  baut  und  die  Lehrer  besoldet.  Die  Eltern  der
Schulkinder  zahlen  kein  Schulgeld.  Die  Township  ist  in  eine
Anzahl  Schulgemeinden  getheilt,  deren  jede  eine  Schule  unterhält.
Zuweilen  greift  eine  Schulgemeinde  in  eine  benachbarte  Township ­
  über,  wenn  die  Lage  dies  nöthig  macht.
Jede  Schulgemeinde  wählt  jährlich  drei  Schulvorsteher:
I.  den  Director,  2.  den  Moderator,  3.  den  Assessor.  Sie
ernennen  jährlich  einen  Lehrer,  der  von  einer  Examinations-Commission
  geprüft  sein  muss.  Diese  Commission  wird  für
jede  County  gewählt.  Der  Lehrer  erhält  ca.  8  Dollars
wöchentlich  Gehalt.  Die  Schulvorsteher  bestimmen,  wie  viel
Geld  für  das  laufende  Jahr  zum  Unterhalte  der  Schule  nöthig
sein  wird  und  melden  dies  dem  Supervisor.  Der  Supervisor
misst  danach  den  Betrag  der  jährlichen  Schulsteuer  ab.
Die  Schulvorsteher  sind  in  der  Regel  Väter  von  Schulkindern ­
  ihrer  Schulgemeinde  und  erhalten  gar  keine  Besoldung,
auch  keine  Diäten.
Für  Neubau  und  Reparatur  von  Strassen  ist  die  Township
in  eine  Anzahl  von  Wegegemeinden  getheilt.  An  der  Spitze
jeder  Wegegemeinde  steht  ein  Highway  overseer,  Wege-Auf-
        <pb n="708" />
        695

Seher.  Er  bestimmt,  wie  viel  Geld  zur  Unterhaltung  und  zum
Neubau  von  Wegen  für  das  Jahr  nöthig  ist  und  meldet  das  dem
Supervisor.  Dieser  legt  die  Wegesteuer  auf  die  Verpflichteten
Um  und  repartirt  sie  auf  je  looo  Dollars  Grundwerth.  Jeder  Mann
unter  50  und  über  20  Jahren  muss,  ausser  jener  Steuer,
jährlich  einen  Dollar  Wegesteuer  zahlen  oder  einen  Tag  am
^egebau  arbeiten.  Jedes  Gemeindemitglied  kann,  anstatt
diese  Steuer  in  Geld  zu  leisten,  an  dem  Wegebau  arbeiten
Und  wird  ihm  jeder  Arbeitstag,  mit  oder  ohne  Gespann,  zu
einem  festen  Satze  gutgeschrieben.  Der  Wege-Aufseher  wird
uuf  ein  Jahr  gewählt  und  erhält  für  jeden  Tag,  den  er  im
i^ienste  bei  Aufsicht  der  Bauten  ist,  einen  Dollar  von  seiner
^egesteuer  abgeschrieben.  Für  die  ganze  Township  wird
Commissioner  of  highways,  ein  Wegecommissär,  auf  ein
Jahr  gewählt,  welcher  die  Aufsicht  über  alle  Wege  der
T'ownship  führt.  Er  erhält  i  '/2  Dollars  Diäten,  was  für  Climax
Township  ca.  25  Dollars  im  Jahre  macht.  Vier  Friedensrichter ­
  werden  für  ein  Jahr  gewählt;  sie  erhalten  keinen  Gehalt,
Sondern  Gebühr  von  den  Parteien.

Vier  Constabler  zum  Kehändigen  von  Gerichtsvorladungen,
zur  Vollziehung  von  Gerichtsbeschlüssen,  Arretiren  von  Verbrechern ­
  etc.  werden  jährlich  erwählt  und  erhalten  keinen  Gesondern
  Gebühren  von  den  Parteien.  Ein  Township-Clerk
®der  Secretär  führt  die  Bücher  über  Angelegenheiten  der
ownship  und  die  Protocolle,  erhält  i’/z  Dollars  Diäten,  ca.
35  Dollars  per  Jahr.  Ein  Township  -  Treasurer  oder  Steuereinnehmer ­
  wird  auf  ein  Jahr  gewählt,  zieht  die  Steuern  ein
^1^^  händigt  an  die  Staats-  und  Countybehörden  die  ihnen
der  Township  zukommenden  Steuern  aus,  leistet  über-^upt
  Zahlung  für  die  Township.  Es  giebt  keine  Staatst^uerbehörden
  auf  dem  Lande.  Er  bezieht  ein  Percent  von
erhobenen  Steuern.  Er  muss  jeden  Freitag  bis  i.  Januar,
Vom  30.  Juni  ab,  zum  Empfange  von  Steuern  zu  Hause  sein.
Hin  Supervisor  wird  auf  ein  Jahr  gewählt.  Er  ist  der
Richtigste  und  höchste  Beamte  der  Township.  Er  macht  die
teuereinschätzung  und  besucht  zu  dem  Zwecke  jeden  Steuerpflichtigen. ­
  Die  Steuerliste  reicht  er  dem  Schatzmeister  ein.
        <pb n="709" />
        696

Er  repräsentirt  seine  Township  in  der  periodisch  zusammentretenden
  Versammlung  aller  Supervisors  der  County,  in  welcher
die  Höhe  der  Countysteuer  bestimmt  wird.  Während  dieser
Session  und  seiner  Reisen  zur  Steuereinschätzung  erhält  er
3  Dollars  Diäten  und  6  Cents  Meilengelder,  ca.  60  Dollars
per  Jahr-Hiemit
  ist  die  Verwaltung  der  Township  erschöpft.
An  der  Spitze  der  Polizei  der  County  steht  der  Sheriff,
welcher,  wie  alle  County-  und  Staatsbeamten,  bei  denen  nichts
Anderes  bemerkt  ist,  auf  zwei  Jahre  gewählt  wird.  Er  hat
die  Aufsicht  über  das  Countygefängniss  und  die  Polizei,  hat
unter  sich  Untersheriffs  und  Constabler,  arretirt  Verbrecher  etc.
Für  Amtshandlungen  erhält  er  Gebühren.  Er  wohnt  im  Gefängniss,
  hat  freie  Wohnung  und  Heizung,  liefert  den  Gefangenen
Kost  und  erhält  dafür  per  Kopf  und  Tag  40  Cents.  Wenn
er  Dienstreisen  macht,  erhält  er  für  jede  Meile  hin  10  Cents,
zurück  nichts.  Verfolgt  er  Verbrecher  über  die  Grenze  der
County,  so  erhält  er  alle  Auslagen  vergütet.  Der  County-Clerk
  oder  Secretär  ist  ein  (auf  zwei  Jahre  gewählter)  besoldeter ­
  Beamter,  erhält  800  Dollars  Gehalt  und  Gebühr  für
Amtshandlungen,  zusammen  etwa  1500  Dollars  per  Jahr.  Er
führt  die  Geschäfts-  und  Hypothekenbücher  (Grundbücher)  der
County  und  widmet  ihr  seine  ganze  Zeit.
Der  County  Treasurer  oder  Schatzmeister  ist  auch  besoldet ­
  mit  1000  Dollars  jährlich.  Er  besorgt  alle  Geldgeschäfte ­
  der  County.  Durch  seine  Hände  gehen  ca.  80.000
Dollars  jährlich.
Der  Prosecuting  Attorney  ist  gelehrter  Advokat  und
fungirt  als  Syndicus  und  Staatsanwalt,  ist  auch  mit  1000  Dollars ­
  besoldet.
Der  Judge  of  Probate  oder  Vormundschaftsrichter  nimmt
die  Testamente  auf,  vollzieht  sie,  regulirt  Erbschaften  und
beaufsichtigt  alle  Mündelangelegenheiten;  dafür  erhält  er  1500
Dollars  Gehalt,  bezieht  aber  nichts  von  den  Parteien;  eine
sehr  wohlthätige  Einrichtung!  Die  Mündel  erhalten  ihre  Angelegenheiten ­
  kostenfrei  von  der  Grafschaft  besorgt,  es  giebt
keinerlei  Testaments-  oder  Erbschaftssteuern,  nicht  einmal  Ge-
        <pb n="710" />
        buhren  für  Amtshandlungen,  die  mit  Todes-  und  Erbfallen
Zusammenhängen.
Ein  Circuit-Judge,  Kreisrichter,  ist  auf  sechs  Jahre  gej^ählt
  und  erhält  1500  Dollars  Gehalt.  Ein  solcher  Gerichtsreis
  ist  zuweilen  grösser,  zuweilen  kleiner  als  eine  County,
as  hängt  von  der  Bevölkerung  ab.  So  bildet  die  County
alamazoo  mit  einer  benachbarten  County  nur  einen  Gerichts-•
  Circuit-Judge  fungirt  als  Civil-  und  Criminalrichter
1  .  Fällen,  welche  über  die  Competenz  der  Friedensrichter
mausgehen,  in  Criminalfallen  zusammen  mit  der  Jury,  die
Sich  von  unserer  nicht  unterscheidet.
Drei  Superintendents  of  the  Poor,  Armenaufseher,  erhalten
zusammen  750  Dollars  jährlich  für  Geschäftsauslagen,  die  sie
unter  sich  nach  Massgabe  der  Unkosten  und  Arbeiten  ver-^^eilen.
  Wenn  Jemand  unterstützungsbedürftig  wird,  wendet
ß  Supervisor  seiner  Township,  der  ihm  bis  zum
etrage  von  20  Dollars  Unterstützung  geben  kann.  Sollte  er
er  glauben,  dass  dies  nicht  ausreicht,  so  überweist  er  den
^^ann  oder  die  Familie  an  die  Superintendents.  Diese  können
grössere  oder  mehrmalige  Unterstützung  bewilligen  oder
■fuK  Personen  in  das  County-Armenhaus  über-®n,
  wo  sie  verpflegt  werden.
T  .  Spitze  des  Staates  Michigan  steht  ein  (auf  zwei
und  A  Gouverneur,  der  nur  1000  Dollars  Gehalt
P).  Auslagen  bei  dienstlichen  Verrichtungen  vergütet  erhält,
^^eses  Ehrenamt,  wie  auch  die  folgenden,  kann  nur  von  reichen
^o^^&amp;amp;ern  angenommen  werden,  da  es  weit  mehr  als  den  Gehalt
tet.  Der  Gouverneur  von  Michigan  ist  ein  wohlhabender
^  armer.

jj  .  Secretary  of  the  State,  Staatssecretär,  hat  eine  ähn-^^ufgabe
  wie  der  County-Clerk  und  erhält  1000  Dollars

Ç  .  State  Treasurer  ist  Finanzminister  des  Staates  und
a  t  1000  Dollars  Gehalt.  Der  Auditor  General  fuhrt  die
^uatsrechnungen  und  erhält  1000  Dollars  Gehalt.  Der  Com-^JOner
  of  the  State  Land  Office  verwaltet  Staats-,  Schul-
        <pb n="711" />
        698

und  Bergwerksländereien  im  Staate  und  erhält  1000  Dollars
Gehalt.
Der  Attorney  General  ist  Syndicus  und  Oberstaatsanwalt
für  den  Staat.  Er  erhält  1000  Dollars  Gehalt.  Der  Superintendent ­
  of  Public  Instruction  ist  Unterrichtsminister  und  erhält
1000  Dollars  Gehalt.
Vier  Judges  of  the  Supreme  Court,  Richter  des  obersten
Gerichtshofes,  sind  auf  6  Jahre  gewählt,  erhalten  jeder  2500
Dollars  Gehalt,  ein  Secretär  dieses  Gerichtshofes  erhält  1000
Dollars.
Die  meisten  dieser  Beamten  haben  noch  Clerks  oder
Bureaubeamte  unter  sich,  je  nach  Massgabe  der  Geschäfte.
Für  dieses  Bureaupersonal  wird  von  der  gesetzgebenden
Körperschaft  jährlich  Geld  bewilligt.  Diese  Clerks  erhalten
Diäten  oder  Gehalt  von  800  bis  1500  Dollars  jährlich,  also
zuweilen  mehr  als  ihre  Chefs.  Aber  diese  Chefs  sind,  mit
Ausnahme  der  Richter  und  des  Staatssecretärs,  Geschäftsleute
oder  Rentiers,  welche  die  1000  Dollars  Gehalt  nur  als  Bureaugelder ­
  betrachten.
Der  Staat  Michigan  ist  in  Wahlbezirke  für  ca.  100  Abgeordnete ­
  und  in  grössere  Wahlbezirke  für  32  Senatoren  getheilt,
welche  zusammen  den  gesetzgebenden  Körper  des  Staates
bilden.  Diese  Gesetzgeber  sind  auf  zwei  Jahre  gewählt  und
erhalten  drei  Dollars  Diäten  für  jeden  Sitzungstag.
Der  Staat  Michigan  hat  1.600.000  Einwohner,  die  County
Kalamazoo  34.500,  die  Township  Climax  1500  Einwohner.
Diese  billige  Verwaltung  erfordert  nur  wenige  Steuern.
Für  die  Unionsregierung  werden  nur  Steuern  von  Banken,
Spiritusfabriken  und  einigen  anderen  unbedeutenden  Unternehmungen ­
  im  Staate  erhoben.  Die  allgemeinen  Steuern  füj"
Staat,  County  und  Township,  zu  denen  jeder  Besitzende  beitragen ­
  muss,  werden  alle  von  dem  eingeschätzten  Werthe  des
Grund-  und  anderen  verkäuflichen  Besitzes  erhoben.  Es  giebt
keine  Gewerbe-  oder  Einkommensteuer.  In  Michigan  ist  die
Steuereinschätzung  höher  als  in  den  meisten  Mittel-  und  West
Staaten  und  erreicht  meist  die  Hälfte,  zuweilen  zwei  Drittel  des
wirklichen  Werthes.
        <pb n="712" />
        699

Wir  haben  die  Steuerliste  der  Township  Climax  durchgesehen ­
  und  gefunden,  dass  das  Land  von  8  bis  20  Cents  im
Mre  Steuer  per  Acre  zahlt;  es  ist  aber  15  bis  75  Dollars  per
cre  Werth.  In  Wisconsin  ist  die  Einschätzung  so  niedrig,
^ss  z.  B.  ein  uns  bekannter  Arzt,  der  eine  Farm  von  über  10.000
Dollars  Marktwerth  besass,  die  ihm  1000  Dollars  Netto  eindavon
  nur  34  Dollars  Steuer  zahlte.  Von  seinem  persönlichen ­
  Eigenthum  an  Mobilien  und  Schmuck,  drei  Stadt-'^^gen,
  zwei  Pferden,  drei  Wohnhäusern  in  der  Stadt  Maddison,
^  ite  er  40  Dollars  Steuern,  von  seiner  Praxis,  die  ihm
7000  bis  8000  Dollars  jährlich  einbringt,  zahlte  er  gar  nichts.
Die  Steuern  zerfallen  in:  i.  Steuern  für  den  Staat  Michi-2.
  für  die  County;  3.  tür  die  Township;  4.  für  die
^gogemeinde;  5.  für  die  Schulgemeinde.  Das  zu  Steuer-Zwecken
  eingeschätzte  Vermögen  der  Bewohner  der  Township
imax  —  die  fast  nur  aus  grundbesitzenden  Farmern  bestehen
beträgt  909.000  Dollars,  der  Marktwerth  über  1.500.000
ollars.  Von  jenem  Vermögen  betrugen  im  vorigen  Jahre
Gesammtsteuern  5200  Dollars  oder  0.6  Percent  des  eingeschätzten ­
  und  0.3  Percent  des  wirklichen  Werthes.  Davon
^**en  1425  Dollars  Staatssteuer,  1782  Dollars  Countysteuer,
^50  Dollars  Townshipsteuer  (inch  Armensteuer),  1800  Dollars
e  ulsteuer,  der  Rest  Wegesteuer.
Ein  sehr  reicher  Farmer  in  Climax,  der  590  Acres  Land
Ster  Güte  besitzt,  wovon  100  Acres  vorzüglicher  Eichenwald,
^  Acres  Weide,  300  Acres  unter  dem  Pfluge,  wovon  108
^J^res  unter  Weizen,  der  23  Bushels  Weizen  vom  Acre,  gleich
un  Metercentner  vom  Joch,  geerntet  hatte,  der  über  i  Dollar
Bushel  an  Ort  und  Stelle  werth  war,  22  Haupt  Rindvieh,
Vo^  Schweine,  5  Pferde,  2  Maulthiere  besitzt,  zahlt
^  ^  dieser  vorzüglichen  Farm,  welche  ca.  45.000  Dollars
^rth  War,  140  Dollars  Steuern!  Was  würde  dieser  Mann  in
^^«■opa  zahlen!
        <pb n="713" />
        XL.  Capitel.
Canada.
Die  ungeheure  englische  Colonie  Canada,  welche  sich  indess ­
  vollkommen  frei  selbst  verwaltet,  erstreckt  sich  von  Neuschottland ­
  bis  Vancoovers  Island  durch  die  ganze  nördliche
Ausdehnung  Amerikas.  Die  Grösse  ist  ungeheuer,  indess  ist
es  practisch  gleichgültig  zu  wissen,  wieviel  Quadratmeilen  gross
diese  „Dominion“  ist,  da  ein  sehr  grosser  Theil  davon  für
Ackerbau  und  Viehzucht  ungeeignet  ist,  theils  als  Hochgebirge, ­
  theils  als  Seespiegel,  theils  als  Eis-  oder  Schneewüste.
Soweit  das  Land  für  Ackerbau  und  Viehzucht  nutzbar  ist,
zerfällt  es  in  drei  Theile.
I.  Der  östlichste  reicht  von  der  Küste  des  Atlantischen
Oceans  bis  etwa  an  den  Ottawa  River  und  den  Nippissing  See.
Dann  folgt  eine  bisher  für  Stein-  und  Felswüste  gehaltene
Gegend  bis  an  die  Seenkette  zwischen  dem  Oberen  See  und
dem  Winnipegsee.
II.  Manitoba  und  das  Nordwest-Territorium,  von  dieser
Seenkette  und  dem  Winnipegsee  bis  an  das  Felsengebirge,  ini
Norden  bis  an  den  Deerlake,  Athabascalake  und  den  Peace
River.
Dann  folgt  das  Felsengebirge,  kälter,  sonst  aber  fast  vom
selben  Character  als  dasselbe  Gebirge  der  Union  in  Montana,
Oregon,  Dann
III.  das  Küstenland  am  Stillen  Ocean,  Britisch  Columbien
und  die  Insel  Vancoovers  Island,  beide  mit  fruchtbaren  Thälern-Der
  östliche  Theil  ist  allein  bis  vor  einigen  Jahren,  seit
der  ersten  Occupation  durch  Franzosen  1608,  colonisirt  gn*
wesen  und  hat,  im  Vergleich  mit  der  Union,  geringe  Fortschritte ­
  in  Volksvermehrung  gemacht.  Im  Jahre  1775,  als  die
        <pb n="714" />
        701

Union  sich  gerade  befreite,  hatte  Canada  nur  90.000  Einwohner,
*^30  erst  789.000,
1850  =  1.8^3.000,  die  Union  23.191.000
i860  =  2.506.000  „  „  31.443.000
=  3.687.000  „  „  39.000.000
1881  =  4.324.000  „  M  52.000.000
Die  Volksvermehrung  Canada’s  ist  also  bis  jetzt  eine  sehr
assige  gewesen.  Die  Einwanderung  soll  1882  98.690  neue
urger  geliefert  haben  und  mehrt  sich  stark  nach  Mani-^oba
  hin.

Grösse  und  Bevölkerung:

Provinz

looo  Acres

Bevölkerung
1871

1000  Seelen
1881

Prinz  Eduard-Inseln
Neu-Schottland
Neu-Braunschweig
Quebeck  ....
2"(ario  j
Manitoba  .  .  .  .  1
Nordwest-Territorium  ,
British  Columbia.  .  j

&amp;gt;•365
13.382
17-393
120.762
65.u1
78.848
1.705.761
218.435

94
387
285
1.191
1.620
18
36

108
440
132
&amp;gt;-359
:  923
65
56
49

Von  "^ch  unseren  Begriffen,  also  erst  Theile
Uand^"^^"°  Quebeck.  Hier  ist  noch  viel  fruchtbares
billigen  Preis  zu  kaufen,  von  20  bis  60  Cents  per
grô-T’  eine  freie  Homestead.  Allein  die
West.T  übt  zur  Zeit  Manitoba  und  das  Nord-Riebt
  (^en  Provinzen  Ontario  und  Quebeck
es  Landwirthschaft  in  englischem  Stil.

Und  Budget  Canadas  ist,  verglichen  mit  jenem  der  Union
^üch  Rücksicht  auf  die  Bevölkerung,  hoch  zu  nennen,  so
Uise  b  ^^^^tsschuld,  von  der  aber  ein  grosser  Theil  zu
ich  ^  ’  Canal-  und  Hafenbauzwecken  verwandt  wurde,
die  ^  anderer  Stelle  hierauf  ein  und  bemerke  nur,  dass
Die  1881  82  =  27  Millionen  Dollars  betrugen.
°  Vermehrung  durch  Einwanderung  wird  diese  Steuer-VernTrt'"
  Form  bald  pro  Kopf  der  Bevölkerung  —
weshalb  es  unnöthig  ist,  darauf  näher  einzugehen.
        <pb n="715" />
        702

Die  Administration  und  Justiz  ist  englisch-solide.  Der  Handel
ist  noch  immer  passiv.  Es  betrug  in  Dollars:

Jahr.
1868
1869
1870
1871
1872  .....
1873
1874
1875
1876
1877
1878
1879
1880
1881
1882
Summa

Export.
57.567.888
60.474.781
73.573  490
74.173.618
82.639.663
89.789.922
89.351.928
77.886.979
80.966.435
75.875.393
79.323.667
71.491.255
87.911.458
98.290.823
102.137.203
1.201.454.503

Import.
73.459  644
70.415.165
74.814.339
96.092.971
111.430.527
128.011.281
128.213.582
123.070.283
93.210.346
99.327.962
93.081.787
81.964.427
86.489.747
105.330.840
119419.500
1.484.332.401

Zoll  V.  Import.
8.819.431
8.298.909
9.462.940
11.843.655
13.045.493
13017.730
14.421.882
15.361.382
12.833.114
12.548.451
12.795.693
12.939.540
14.138.849
18.500.785
21.708.837
199.736  698

Sowie  Manitoba  und  das  Nordwestterritorium  mehr  besiedelt ­
  wird,  wird  der  Export  von  Ackerbauptroducten  wachsen
und  eine  günstige  Handelsbilanz  entstehen.  Diese  Entwickelung ­
  wird  durchaus  ähnlich  jener  der  Union  seit  1877  sein.
Canada  ist  ein  aufblühendes  Land.
In  der  Provinz  Ontario  gab  es  1871  172.258  Farmer,  wovon ­
  144.212  Eigenthümer  und  27.340  Pächter.  Es  gab  19-954
Farmen  unter  10  Acres  gross,  38.882  Farmen  von  10—50
Acres,  71.884  Farmen  von  50—100  Acres,  33.984  von  loo
bis  200  Acres  und  7.574  über  200  Acres  gross.  Unter  Anbau ­
  waren  6.537.000  Acres,  cultivirt  (incl.  Brache  und  Wiesen)
8.833.000  Acres.
In  der  Provinz  Quebeck  gab  es  118.086  Farmer,  wovon
109.059  Eigenthümer.  10.510  Farmen  waren  unter  10  Acres
gross,  27.379  von  10—50  Acres,  44.410  von  50—100  Acres,
30.891  von  100—200  Acres  und  9.898  über  200  Acres  gross.
Cultivirt  waren  nur  5.703.000  Acres,  unter  Früchten  nur
3.714.000  Acres.
Der  Ackerbau  auf  diesen  Flächen  deckt  in  der  Regel  den
Bedarf.  Für  Export  kann  nicht  viel  übrig  bleiben.  Holz»
Pelzwerk,  Fische  und  Schlachtvieh  bilden  bis  jetzt  die  Exportartikel. ­
  Vieh  gab  es  in  Canada  1879  ca.  3'  4  Millionen  R‘i^'
der,  4  Millionen  Schafe,  1.700.000  Schweine.
        <pb n="716" />
        703

:  "1
,■  i
-  4

%

i

i

Exportirt  wurden,  mehr  als  importirt,  1874—75  Rinder
34-388,  1878—79  43.083,  1879—80  =  50.905,  Schafe
75  =  ^33748,  1878—79  =  327.010.
Zu  erwähnen  wäre  nur,  dass  man  im  Jahre  1883  drei
un  elrübenzucker-Fabriken  in  Betrieb  gesetzt  hat.
Canada  importirt  sämmtlichen  Zucker,  den  seine  Bevölkerüh^
  consumirt.  Der  Boden  und  das  Clima  sagen  der  Zuckerdi
  ^  theurer  Arbeitslohn  spricht  gegen  den  Bau
mi?T  Regierung  hat  nun  70.000  Dollars  als  Präersten,
  in  Canada  erzeugten  Rübenzucker  ausge-Jt,
  wovon  10  Jahre  hindurch  jährlich  7000  Dollars  an  die
e  entstehende  Zuckerfabrik  gezahlt  werden  sollen.
ein«  durch  Franzosen  zwei  und  durch  Deutsche
®  rabrik  entstanden.
geleitet,  der  25  Jahre  in
C  tschland  in  einer  solchen  Fabrik  arbeitete.  Sie  liegt  auf
k  aticook,  zwischen  Montreal  und  Quebeck,  die  Gebäude
Ibs  !“  /.50  000  Dollars.  Sie  kann  200  Tonnen  Rüben  à  2000
Und  t  ^  verarbeiten,  besitzt  eine  eigene  Farm  von  50  Acres
mer  ^  A  gebauten  Rüben,  solche  von  Far-2^0"
  A  Giner  Insel  bei  Montreal  andere
Coar  T  gepachtet.  Mit  der  Eisenbahn,  die  durch
nach*  Specialcontract  geschlossen,  wozahle ­
  Rückfracht  der  „Pulp“  nur  halben  Tarif
Acre^  Ti"  ^  Rübenertrag  wechselt  von  3  bis  20  Tonnen  vom
^rei  T  E-üben  haben  10  14  pCt.  krystallisirbaren  Zucker,
erhalt  Eüben  hinterlassen  eine  Tonne  Pulp.  Die  Farmer
^  Dollars  per  Tonne  Rüben  auf  der  Bahnstation  und
Earm^  ^  ^  Dollars  per  Tonne  Pulp,  die  sie  verfüttern.  Die
Ulan  dm  Rüben  noch  mit  Handarbeit,  doch  denkt
aschinen  zum  Hacken  etc.  Der  Arbeitslohn  auf  dem
7  er  kostet  75  Cents  bis  1  Dollars  per  Tag,  in  der  Fabrik
Xl^g  ^  Dollar,  I  Dollars  und  2  Dollars,  je  nach  der
arbei^  n  ^  g^^bt  nirgends  Frauen-  oder  Kinderkauf
  i,  Eoden  wird  mit  Knochenstaub  gedüngt.  Im  Anostet ­
  der  Acre  40—60  Dollars.  Es  lastet  weder  Steuer
        <pb n="717" />
        704

noch  Staatsaufsicht  auf  der  Zuckerfabrikation  und  geniesst  sie
einen  Schutzzoll,  der  beträgt:

Zucker  über  No.  14  Dutch  Standard,  farbig,  1  C.  p.  Ib.  u,
„  „„9n  "
„  unter  „9«  «  ”  /jn»««
Candy  ‘  "  "  "  "
Glucosezucker  wie  oben.
Der  Preis  des  Zuckers  ist  9—12  C.  per  Ib.

30  pCt.  V.  Werth.
30  n  TI  n
30  n  «  «
35  "  "  ”

In  der  Union  betrug  bis  1882  der  Zoll;

1%  plus  25  pCt.  =  2%,  C.  per  Ib.

Zucker  unter  No.  7  •
„  zwischen  „  7~9  •
«  «  «  '»-'3  "
«  «  "  :3-i6
„  „  «  16-20  .
„  über  „  20
„  -Raffinade,  Brod,  granulirt,  pulverisirt
  4
anderer,  raffinirt,  gefärbt  etc.,  bis  30  C.  Werth  per  Ib.  15  C.  per  .
über  10  C.  Werth

2
2V4
3%
3V4
4

25
25
25
25
25
25

=  2'/*
=  2"/),
=  3V1«
=  4V1#
=  5
=  5

Bei  so  hohem  Schutz  sollte  sich,  namentlich  im  Innern  des
Continents,  vielleicht  sogar  in  Manitoba,  der  Rübenzuckerbau
wohl  lohnen,  da  der  Zucker  auch  noch  einen  sehr  hohen
Schutz  durch  die  Frachtspesen  von  der  Küste  geniesst,  denn
Zuckerraffinerien  giebt  es  nur  an  der  Küste  des  Atlantischen
und  Stillen  Oceans.  Auch  in  der  Union  beginnt  man  die
Runkelrübenzuckerfabrikation.  Im  Staate  Maine  besteht  seit
1879  eine  Fabrik  mit  den  besten  Maschinen,  welche  20.000
Tonnen  Rüben  jährlich  verarbeiten  kann,  aber  1880  nur  10.000
Tonnen  Material  hatte.  Sie  beschäftigt  125  Mann,  arbeitet
Tag  und  Nacht  mit  zwei  einstündigen  Pausen,  125  bis  15^
Tonnen  täglich.  Die  Rüben  sind  oben  nicht  tief  genug  abgeschnitten
  und  geben  etwas  über  11  pCt.  Zucker.  Der  Pulp
bringt  erst  1  Dollar  per  Tonne,  wird  nicht  verfüttert,  sondern
als  Dünger  verbraucht.  Die  Farmer,  welche  die  Rüben  liefern,
erhalten  an  der  Station  5  Dollar  per  Tonne  und  ernten
15  bis  23  Tonnen  per  Acre.  Stalldung  und  Arbeit  soll  ihnen
auf  ca.  60  Dollars  per  Acre  zu  stehen  kommen.  Sie  hatten
von  15  bis  23  Dollars  Netto  vom  Acre.
        <pb n="718" />
        705

Seit  einigen  Jahren  findet,  wie  schon  bemerkt,  eine  beeutende
  Einwanderung  nach  Manitoba  und  dem  Nordwesterritorium
  statt.  Die  Canada-Pacific-Eisenbahn  ist  in  Bau
griffen.  Sie  soll  den  Stillen  und  Atlantischen  Ocean  auf
^nadischem  Boden  verbinden.  Schon  steht  Winnipeg,  die
auptstadt  Manitobas  mit  dem  Oberen  See  bei  Fort  William,
dem  Unions-Eisenbahnnetz  bei  Emerson  am  Red  River  in
r  indung,  Ende  1883  wird  die  von  Winnipeg  nach  dem
B  gebaute  Bahn  das  Felsengebirge  erreichen  und  eine
ahn  von  Winnipeg  nach  der  Hudsonbay  ist  vermessen,
nde  1882  waren  585  Meilen  westlich  von  Winnipeg  fertig,
on  sind  die  Seen  Manitoba  und  Winnipeg  und  über  3000
^ngl.  Meilen  Flussläufe  auf  dem  Red-River,  dem  Assiniboine
^  Saskatchewan  schiffbar  und  werden  mit  Dampfern  befahren,
Meilen  sollen  überhaupt  in  dieser  grossen  Ebene
^  inbar  zu  machen  sein.
st  11  sandiger,  torfiger,  humusreicher  Lehm,
^  lenweise  steinig,  vielfach  sehr  fruchtbar.  Es  giebt  grosse
p  ^  ’  ^^Gr  auch  unermessliche,  mit  hohem  Grase  bestandene
‘■^»nen,  Gebirge  keine,  leicht  wellige  Stellen  viele.
bis  Sommer  sind  heiss,  bis  67«  Frh.,  die  Winter  kalt,
Null,  aber  meist  windstill.  Das  Klima  ist  gesund,
c^ss  man  Weizen  bis  zum  Peace-River  anbauen  kann,  ist
^^statirt.  Angeblich  bringt  Weizen  26%  Eushels,  Hafer  50,
^^•■ste  40  Bushels  per  Acre.  Es  sollen  250  bis  300  Millionen
Weizen  anbaufähigen  Bodens  in  Manitoba  im
^i  rdwest-Territorium  liegen,  d.  h.  mehr,  als  in  ganz  Europa,
Ç  Ausschluss  Russlands,  unter  dem  Pfluge  ist!  Der  Unions-Taylor
  in  Winnipeg,  den  ich  selbst  gesprochen
No  H  dass  hier  drei  Viertel  des  Weizenbodens  von
^uierika  liege.  Dass  Weizen,  Gerste  und  Hafer  hier  sehr
^  S^^leihen,  habe  ich  selbst  gesehen,  ebenso  dass  üppige
G  für  viele  Millionen  Rinder  existirt.
Ac  Regierung  giebt  an  Ansiedler  Homesteads  von  160
die  Hudsonbay-  und  die  Canada-Pacific-Eisenompagnien
  verkaufen  Land  in  grösseren  Complexen,
45
        <pb n="719" />
        7o6

doch  sind  die  Verkaufsbedingungen  der  Bahngesellschaft  bedenklich ­
  und  würde  ich  Anstand  nehmen,  auf  sie  einzugehen.
Für  20  Jahre  hat  die  Bahngesellschaft  ein  Transportmonopol
  und  kann  die  Tarife  thatsächlich  so  hoch  setzen,
wie  sie  will.  Dies  ist  eine  sehr  bedenkliche  Sache  und  kann
zu  einem  Conflict  führen,  wenn  die  Bahngesellschaft  nicht  sehr
massig  in  ihren  Ansprüchen  ist.
Da  das  unoccupirte,  fruchtbare  Land  der  Union  in  ein
paar  Jahren  in  Privateigenthum  übergegangen  sein  wird,  so
ist  anzunehmen,  dass  die  Besiedelung  dieses  Theiles  von
Canada  nunmehr  sehr  schnell  erfolgen  wird.  Vorläufig  sind
nur  englische  Farmer  hier  hergegangen,  allein  Skandinavier
und  Deutsche  werden  bald  folgen.
An  den  Ostabhängen  der  Felsengebirge  entstehen  grosse
Rindviehheerden  und  machen  die  Engländer  mit  diesem  Geschäft ­
  jetzt  ungeheure  Profite.
Indess  haben  nicht  nur  diese  Viehzüchter,  sondern  auch
alle  jene  in  der  Union  von  der  canadischen  Grenze  bis  zur
Südgrenze  von  Wyoming  in  dem  strengen  Winter  1882/83
viel  Vieh  durch  Erfrieren  bei  Schneestürmen  verloren.  Sie
alle  stallen  das  Vieh  im  Winter  nicht  und  das  bewährt  sich'
eben  nicht.
Das  ungeheure  Gebiet  von  Peace  River  bis  an  die  mexicanische
  Grenze,  vom  100.  Meridian  bis  zur  californischen  schmalen
Ebene  ist  ein  grosser  Weideplatz.  Viele  Millionen  Büffel
haben  auf  ihm  gelebt.  Man  sagte  sich  nun,  dass  ebensoviel
Millionen  Rinder  dort  gross  gezogen  werden  könnten.  Ausgewachsen ­
  sollen  sie  dann  in  die  Maisstaaten  von  Kansas-Nebraska
  bis  Indiana-Ohio  per  Bahn  befördert  und  hier  schlachtreif ­
  gemästet  werden,  soweit  sie  nicht  „grasfett“  im  Herbst
geschlachtet  und  zum  Theil  als  Pökelfleisch  verwerthet  werden.
Allein  ^man  vergass,  dass  die  Büffel  regelmässig  im  Herbst
und  Winter  vom  Norden  nach  dem  Süden,  bis  Kansas  und
Texas,  hinabweideten  und  im  Frühjahr  ebenso  regelmässig
nach  Norden  zogen.  In  den  Prairien,  besonders  von  Texas
und  Kansas,  habe  ich  diese  ausgetretenen  Fusspfade,  „Buffalo*
Trails“  noch  unverwischt  gefunden,  obschon  die  Wanderungen
        <pb n="720" />
        707

45*

le  Büffel  längst  aufgehört  haben  stattzufinden  und  zu
Bei  den  in  einigen  Wintern  eintretenden  furchtbaren,
ed  ^1^”  Schneestürmen  starben  die  mit  englischem  Blut  vere
  ten  Rinder  von  Canada  bis  Wyoming  zu  vielen  Tausenden,
an  wird  wohl  für  den  Winter  Stallungen  und  Heu  schaffen

In  Manitoba  sah  ich  eine  Heerde,  welche  in  dieser  Weise
geaalten  wurde;  Aus  dem  reichlich  vorhandenen  Holz  hatte
und"  Art  der  Blockhütten  erbaut
zu  I-ange  nach  daneben  Heu  aufgestapelt,  das  man  durch
Warf°  Lucken  einfach  in  den  Stall  unter  die  Rinder
bis  p  ^  ^"^de  auf  eingezäunter  Prairie  aus  dem  2'/,
M’áh  Prairiegras  gewonnen.  Von  Ochsen  gezogene
maschinen  schnitten  es,  von  Ochsen  gezogene  Rechen  brachten
usammen  und  mit  Ochsen  bespannte  Wagen  führten  es  heim.
Kalt  ^Gin  Rind  crepirt  vor  Hunger  oder
zu  ^  nehmen  sogar  an  Gewicht  im  Winter  noch
her  P^^Gien  geweideten  Thiere  nicht  nur  elend
rire"  I"  einigen  Generationen  degene-Vieh
  u  verlieren.  Ich  bin  überzeugt,  dass  diese  Art
Wo  l"  ‘  auszahlt,  wo  mähbares  Prairiegras  existirt.
rien  vorhanden  ist,  dahin  kann  man  aus  grasreichen  Praileicht
  guten  Bahnverbindung,  die  in  Amerika  existirt,
nt  gepresstes  Heu  hinschaffen.  In  Canada  existirt  soviel
VerQ^'^^^^’  damit  die  Viehzüchter  bis  Kansas  hinab
crsorgen  kann.

in

Lan  ^d^^  ^Grwaltung,  Justiz  und  das  Erziehungswesen  sind
der  n"  und  eher  besser  als  schlechter  denn
thu  geordnet.  Die  Sicherheit  von  Leben  und  Eigen
sond  nnr  grösser  als  im  fernen  Westen  der  Union
Und  absolut:  Mordthaten  kommen  äusserst  selten  voi
'pi  ..  habe  viele  Farmen  in  Manitoba  gesehen,  derer
^en  nicht  verschliessbar  waren.
zweifeUos,  dass  man  dort  mehr  Weizen  zum
^atü^[\  Union  jetzt  producirt.
richte  ""  ^^uh  daselbst  eben  so  gut  häuslich  ein-^u,
  als  in  Norwegen,  Schweden  und  den  russisch-bal-
        <pb n="721" />
        7o8

tischen  Provinzen,  vielfach  besser  sogar,  da  es  keine  Gebirge ­
  giebt.
lieber  die  Resultate  der  Kleinfarmwirthschaft  in  Manitoba
theilt  die  in  Wien  herauskommende,  illustrirte,  sehr  gute
Wochenschrift  „Amerika“,  der  ich  manche  neuere  Angabe
entnommen  habe,  wofür  ich  hiermit  danke,  und  die  ich  sehr
empfehlen  kann.  Folgendes  mit:

z.

Im  ersten  Jahre:

Auslagen  für  den  Ansiedler  mit  einer  Familie,
B.  aus  fünf  Köpfen:

Für  Lebensmittel  etc.  für  ein  Jahr  .
Ein  Gespann  Zugvieh
Eine  Kuh  .
Pflug  und  Egge
Wagen
Werkzeuge
Kochofen  etc.,  vollständig  .  .  .  .
Einrichtung
Diverse

300  Doll.
185  «
53  "
35  «
80  „
25  "
^5  "
60  „
50  .

bestehend

Auslagen  im  ersten  Jahre  795  Doll.
Am  Ende  des  ersten  Jahres  wird  der  Ansiedler  im  Besitz
eines  comfortablen  Blockhauses,  einer  Scheune  etc.,  von  Vieh,
Werkzeugen  und  20  Acker  gepflügtem  Lande  sein,  letzteres

zur  Saat  bearbeitet.
Im  zweiten  Jahre:
Er  wird  von  20  Acker  600  Bushel  Korn
à  80  Cts.  Verkaufspreis  geerntet  haben  480  Doll.
Auslagen  300  „
Mithin  Reingewinn  nach  Abzug  der  laufenden ­
  Bedürfnisse  und  Unkosten  .  .  180  Doll.

Ausserdem  wird  er  weitere  20  Acker  Land  am  Schlüsse
dieses  Jahres  bearbeitet  haben.
Im  dritten  Jahre:
40  Acker  ergeben  einen  Ertrag  von

1200  Bushel  Korn  à  80  Cts.  .  .  .  960  Doll.
Auslagen,  incl.  vermehrtem  Inventar  .  500  „
Gewinn  nach  Abzug  der  laufenden  Bedürfnisse ­
  400  Doll.
        <pb n="722" />
        709

Gleichzeitig  wird  ihm  die  vermehrte  Arbeitskraft  etc.
^ie  Möglichkeit  an  die  Hand  geben,  mindestens  weitere
30  Acker  urbar  zu  machen.

Im  vierten  Jahre:
70  Acker  ergeben  2100  Bushel  Korn

à  80  Cts  ,680  Doll.
Auslagen  für  erhöhte  Arbeitskraft,  Vieh,
Werkzeuge  etc  600  „
Ueberschuss  1080  Doll.

Im  fünften  Jahre:
100  Acker  tragen  ihm  3000  Bushel  Korn
ein,  à  80  Cts  2400  Doll.
Im  Verhältniss  geringere,  nothwendige
Auslagen  als  im  Vorjahre  ....  600  „
Gewinn  1800  Doll.
Am  Schlüsse  des  fünften  Jahres  wird  sich  der  Vermögensstand
  des  Ansiedlers  wie  folgt  ausweisen:
Keines  Baar-Vermögen  3520  Doll.
160  Acker  mindestens  um  5  Dollars  pro
Acker  an  Werth  gewonnenes  Land  800
Haus  und  Scheune  gering  gerechnet  .  250
Vieh,  incl.  des  Hornviehes  und  der  Pferde  600
Maschinen  und  Ackergeräthe,  50  Proc.
des  Kostenpreises  200
Einrichtung  etc  1^0  „
Summa:  5520  Doll.
Selbst  wenn  auch  in  Folge  von  Missernten  oder  weniger
tiyirtem  Lande,  als  oben  angegeben,  sich  nicht  ganz  der
^zeichnete  Reinertag  ergeben  sollte,  so  wird  sich  der  An-^^ler
  doch  am  Schlüsse  der  erwähnten  fünfjährigen  Zeit-P^iode
  im  Besitz  einer  schönen,  wohlausgestatteten,  ganz
^  uldenfreien  Farm  und  einer  hübschen  Summe  Geldes
befinden.
Dieser  Anschlag  mag  wohl  etwas  sanguinisch  sein.  Indess
j  Selkirk  hat  hier  eine  Colonie,  Kildonan  am  Red  River,
^  J-  1812  gegründet,  auf  der  ich  Weizen  sah;  die  Felder
70  Jahre  hintereinander,  ohne  Dünger,  mit  Weizen  be-^
  t  worden  und  brachten  27  bis  30  Bushels  per  Acre.
        <pb n="723" />
        Als  ich  in  Manitoba  war,  herrschte  noch  Theuerung,  welche
es  dem  Ansiedler  kostspieliger  machte,  sich  dort  anzusiedeln,
als  in  der  Union.  Allein  heimische  Production  auf  den  neuen,
schnell  und  zahlreich  entstehenden  Farmen  und  die  jetzt  schon
complete  Verbindung  mit  Ostcanada,  Montreal  und  Quebek,
hat  das  schnell  geändert.  Ende  1882  kostete  in  Winnipeg:
I  Ib.  Stockfisch  9—II  c.,  Lachs  aus  dem  Obern-See  12V2  c.,
Butter  21—30—35  c.,  Roastbeef  i2'/2—20  c.,  corned  beef
IO—12  c.,  Kartoffeln  pro  Bushel  allerdings  i  '/^  Dollars,  Mehl
100  Ibs.  2  23—3  20  Dollars,  Eier  35—38  c.  pro  Dutzend.
Der  Vertreter  der  Canada-Pacific-Bahn  in  Winnipeg  sagte
mir,  dass  man  von  100  Meilen  westlich  Winnipeg  nach  Montreal ­
  den  Bushel  Weizen  werde  für  30  Cents,  nach  Liverpool
für  40—45  Cents  Transportkosten  senden  können.  Die  Productionskosten
  sollen  bei  Lohnarbeit  sich  auf  30  Cents  belaufen, ­
  also  könnte  man  aus  der  Gegend  -r  bis  100  Meilen
westlich  von  Winnipeg  —  nach  Europa  Weizen  um  75  Cents
per  Bushel  oder  2.77  Dollars  per  Metercentner  =  ii  Mark
oder  6'65  fl.  ö.  W.  liefern.
Da  die  Saison,  in  der  man  auf  dem  Felde  ackern  kann,
kurz  ist,  man  von  Beginn  der  Ernte  bis  zum  Eintreten  des
Frostes,  vor  dem  gepflügt  sein  muss,  nur  ca.  45  Tage  hat,
20  zum  Ernten,  25  zum  Pflügen  der  Stoppel,  so  braucht  man
eine  starke  Anspannung.
Für  eine  Farm  von  i  □Meile  oder  640  Acres  Grösse,
von  der  40  Acres  für  Wege,.Unland,  Hofstelle  etc.,  abgehen
sollen  und  die  man  ganz  mit  Weizen  bestellen  würde,  erhält
man  folgenden  Anschlag,  den  ich  in  Winnipeg  mit  dem  Landdirector
  der  Hudsonbay-Compagnie  aufgestellt  habe:

16  Pferde  à  150—175  Dol  Dollars  2560
16  Geschirre  à  18  Dol  „  288
8  Pflüge  à  35  Dol  .  „  280
5  Wagen  à  90  Dol  „  450
4  Selbstbinder  (Mähemaschine)  à  250  Dol.  .  „  1250
I  Separator  (Dreschmaschine)  „  600
5  Eggen  à  17  Dol  „  85
I  Ruggy  „  75

Latus  Dollars  5588
        <pb n="724" />
        Handwerkszeug
Sommerwohnhaus  für  30  Arbeiter
Stall  für  16  Pferde
Magazin  für  Maschinen,  Pflüge  etc,
Kornspeicher
3  Säemaschinen  à  50  Dol.  .  .
Preis  von  640  Acres  à  5%  Dol.
Betriebscapital

Transport  Dollars

5588
100
1000
500
250
250
•50
3520
2000

.  Sa.  Dollars  13.358
Rund  .  .  15.000  Dollars.
5  pCt.  Zinsen  davon  Dollars  750
Betriebs-Kosten  à  Acre  7  Dol  ,,  4200
Sa.  Dollars  4950
Rund  ,  .  5000  Dollars.
Durchschnittlich  25  Bushels  Weizen  per  Acre  =  15.000  Bushels,
macht  33  3  Cents  per  Bushel.
Dalrymple  rechnet  in  Dakota  35  Cents  bei  20  Bushels  Ernte.

Der  Ankaufspreis  von  5'/aDollars  ist  hoch  gegriffen.  Die  Regierung ­
  giebt,  wie  schon  bemerkt,  Land  bis  160  Acres  umsonst,
le  Elsenbahngesellschaft,  welche  25  Millionen  Acres  besitzt,  verauft
  zu  21/2  Dollars  und  giebt  einen  Rabatt,  wenn  in  den  ersten
Jahren  gleich  Acker  gebrochen  und  angesäet  wird.  Ihr  Con-^'■akt
  ist  aber  onerös  und  enthält  eine  Clausel,  die  ich  nicht
unterschreiben  möchte:  Land  und  Anzahlung  verfallt,  wenn
*’‘cht  die  stipulirte  Acrezahl  angebaut  wurde,  was  bei  früh
intretendem  Frost  zuweilen  unmöglich  werden  kann.  Dieser
^ontrakt  ist  auch  dadurch  „unfair“,  dass  die  Bahn  für  jede
^eigbahn  sich  für  immer  einen  freien  Weg  durch  das  veraufte
  Land  reservirt,  wo  sie  will,  sogar  durch  Baulichkeiten
Die  Hudsonbay-Compagnie  verkauft  den  Acre  mit
^  is  7  Dollars,  aber  ohne  jede  weitere  Bedingung.  Sie  giebt
iair  and  free  title“.

T,...  wird  annehmen  können,  dass  der  selbstarbeitende
^in-Farmer  den  Bushel  Weizen  gut  und  gern  für  30  Cents
'"erkaufen  kann.
Natürlich  kann  er  aus  der  Rindvieh-,  Schaf-  und  Schweinet
  ebenfalls  Einnahmen  ziehen.
        <pb n="725" />
        712

Ich  besuchte;  die  Mennonitenansiedelung  Grünfeld,  südlich
Winnipeg.  Sie  litt  an  Nässe  und  wurde,  durch  gemeinsame
Arbeit  der  Gemeinde,  drainirt.  Das  Gefall  betrug  ii  bis  i6
Zoll  pro  englische  Meile,  schon  waren  4  Meilen  Hauptcanal
fertig  und  sollten  noch  8  Meilen  gegraben  werden.  Während
die  Ebene  südlich  der  Wasserscheide  des  Mississippi  und  Red
River  of  the  North  vom  Mississippi  bis  zum  Felsengebirge  oft
durch  Dürre  leidet,  leidet  die  nördlich  hiervon  gelegene  Ebene
oft  von  zuviel  Nässe  und  bedarf  der  Boden  der  Drainirung.
Ansiedler  sollten  vor  allen  Dingen  untersuchen,  ob  der  zu
kaufende  Boden  Gefall  hat  und  man  das  Wasser  fortschaffen
kann.  Die  nördliche  Ebene  hat  entschieden  fruchtbareren
Boden  als  der  grösste  Theil  der  südlichen  Ebene.  Aber  wo
er  nicht  entwässert  werden  kann,  ist  er  als  Acker  werthlos,
nicht  so  als  Weide  oder  als  Heugrund  für  Gewinnung  von
Prairiegrasheu,  Wie  aller  fruchtbare  und  nasse  Boden  verunkrautet ­
  er  leicht  und  erfordert  also  gründliche  Cultur,  die  bei
der  Kürze  der  Saison  ihm  nur  in  kostspieliger  Weise  zu
geben  ist.
Auf  jener  Mennonitencolonie  war  das  Vieh  vom  13.  November ­
  1880  bis  13.  April  1881  im  Stall  gewesen.  Am
28.  April  1881  begann  man  die  Aussaat.  Der  Mennonit,  den
ich  zu  Mittag  besuchte,  hatte  20  Acres  mit  Weizen,  10  Acres
mit  Hafer  besäet.  Die  Ernte  hatte  im  vorigen  Jahre  nur  12
bis  22  Bushels  in  den  verschiedenen  Mennonitendörfern  betragen ­
  ,  da  der  Boden  zu  nass  war.  Der  Bushel  Weizen
kostete  an  der  nächsten  Bahnstation  80  Cents;  der  Hafer
55  Cents.  Mit  2  Pferden  pflügte  man  2  Acres  täglich,  mit
Sulkypflug  und  3  Pferden  davor  3  Acres.  Mit  der  Samuelson’schen
  Mähmaschine  werden  10  bis  12  Acres  täglich  gemäht; ­
  5  Mann  banden  und  setzten  hinter  je  einer  Maschine
auf.  Die  Grasmähemaschine  räumte  IO  Acres  täglich.  Man  hatte
1880  am  II.  Juli  das  Grasmähen  angefangen,  am  3.  August  das
Heueinfahren  beendet,  am  ii.  August  das  Weizenmähen  angefangen, ­
  bis  25.  October  pflügen  können.  Auf  der  Heimstätte  von  160
Acres,  die  er  natürlich  umsonst  von  der  Regierung  bekommen
hatte,  hielt  der  Bauer  4  Pferde,  4  Kühe,  10  Haupt  andres  ausge-
        <pb n="726" />
        713

wachsenes  Rindvieh,  darunter  4  Paar  Ochsen,  mehrere  Kälber  und
Schweine.  Angeschafft  waren  -i  Mähemaschine  für  150  Dollars,
^  Grasmähemaschine,  2  Wagen,  2  eiserne  Eggen,  13  Bauern
hatten  gemeinschaftlich  i  Dampfdreschmaschine  für  650  Dollars
gekauft.  Ein  Bushel  Getreide  zu  dreschen  kostete  3—4  Cents.
Ernte  betrug  1880  247  Bushels  Weizen,  240  Bushels
afer,  Kohl,  Rüben  für  Bedarf,  Kartoffeln  50  Bushels  zum
erkaut  à  40  bis  85  Cents,  Eier  wurden  per  Dutzend  zu
^  Cents  verkauft.  —  Bei  schwerer  Arbeit  kamen  diese
Gnnoniten,  welche  sehr  wenig  Capital  mitgebracht  hatten,
zwar  langsam,  aber  ersichtlich  zu  Wohlstand.
Dass  es  schwieriger  ist,  mehr  Capital,  Arbeit  und  Entbeh-Jungen
  erfordert,  sich  im  Nordwestterritorium  von  Canada  als
armer  zu  etabliren  als  in  den  Unionsstaaten  von  Dakota  und
¡Minnesota  bis  Kansas,  unterliegt  keinem  Zweifel.  Allein  hier
st  der  Boden  noch  in  Fülle  und  vielfach  umsonst  zu  haben,
^  wird  er  theuer.  Hier,  in  Canada,  ist  er  fruchtbarer,  wenn
^  gehörig  drainirt  und  beackert  wird  und  Missernten  wegen
rockenheit  dürften  kaum  Vorkommen.  Heuschrecken  werden
der  Cultur  weichen.
Der  europäische,  verarmende  Bauer  kann  hier  mit  ein
W^Vi  Dollars  in  einem  halben  Dutzend  Jahren  zu
^  ohlstand  kommen.  Der  rüstige  und  junge  Landarbeiter  kann
^as  Capital  zum  Ankauf  in  wenig  Jahren  sparen,  da  die  Löhne
^‘er  noch  höher  sind  als  in  Dakota.  Dass  hier  ebenfalls  bis
^chluss  des  Jahrhunderts  eine  grosse  Republik  zahlreicher  und
habender  Bauern  entstehen  wird,  scheint  mir,  nach  Kennt-^
  des  Landes  durch  Studium  und  Augenschein,  höchst  wahrscheinlich ­
  zu  sein.

^  Wer  sich  über  Canada  und  speciell  Manitoba  genauer
^nterrichten  will,  kann  dies  durch  die  Broschüre:  „Canada,
n  \  ^^^^schte  der  vier  deutschen  Delegirten  über  ihre  Reise
Y  ^  Ganada  im  Herbst  1881,  von  Dr.  Otto  Hahn,  Reutlingen,
y  von  E.  Schau  wecker“  thun.  Diese  Herren  Delegirten
^%uchten  im  selben  Jahre  wie  ich  Canada  und  sind  in  ihren
ausführlicher,  als  ich  es  hier  sein  kann,  berücksichaber
  die  Schwierigkeiten  nicht,  welche  den  Ansiedlern
        <pb n="727" />
        714

aus  dem  Transport  -  Monopol  der  Canada  -  Pacific  -  Eisenbahn
erwarten  können.  Auch  sie  kommen  zu  dem  Schlüsse,  dass
Weizen  aus  Manitoba  um  8  Mark  per  Centner  in  europäischen
Häfen  geliefert  werden  kann.
Während  meiner  Reise  in  Manitoba  hat  mich  durch  sachverständigen ­
  Rath  ein  ausgezeichneter  Deutscher  unterstützt,
der  dort  seit  langer  Zeit  angesessen  ist,  der  Consul  des  deutschen ­
  Reiches,  Herr  Hespeler,  Er  macht  sich  um  deutsche
Einwanderer  in  väterlicher  Weise  verdient  und  wird  von  den
Mennoniten  allgemein  als  „Vater“  angeredet.  Wenn  man  in
Deutschland  colonisiren  will,  sollte  man  sich  solcher  Männer
bedienen.  Er  vertritt  die  Deutschen  in  Manitoba  in  jeder
Weise,  wo  sie  in  Schwierigkeiten  gerathen  und  hat  auch  mich
zu  lebhaftem  Danke  verpflichtet.
        <pb n="728" />
        X  LI.  Capitel.
Rindvieh-Export  von  Canada.

ïm  Jahre  1875  wurden  die  ersten  61  Haupt  Fettochsen
on  Canada  nach  England  befördert  und  entstand  damit  ein
andel  von  der  grössesten  Tragweite  für  die  Zukunft,  sobald
»e  ungeheuren  Flächen  des  Nordwestterritoriums  und  der
0  sengebirge  Canadas  mit  Rinderheerden  „bestockt“  sein
ü  drüben  sagt.  Damals  kostete  die  Fracht
n  Ernährung  des  Viehes  von  Montreal  bis  Liverpool  rund
50  Dollars  per  Stück,  wovon  7  Lstr.  Oceanfracht.
Aus  den  Häfen  der  Union  haben  im  Jahre  1882  die
rachtsätze  4^/^  bis  Pfund  Sterling  pro  Haupt  Rindvieh
^  ragen.  Das  Vieh  steht  in  Ställen  von  2  Fuss  6  bis  8  Zoll
^reite.  Jene  Fracht  schliesst  Passagefreiheit  und  Tisch  für
inen  Mann  auf  je  30  Ochsen  hin  und  zurück  mit  ein.  Ein
^chse  verzehrt  auf  der  Reise  etwa  i  Tonne  Heu.  Wasser
S*h*fr^*^  umsonst  von  der  Schiffsmaschine  condensirt.  Die
tragen  meist  150-175  Ochsen  über  und  225  unter  Decks,
^  'Veilen  mehr;  die  grösste  Sendung  in  einem  Schiffe  fand  von
^^ston  aus  statt,  sie  betrug  841  Haupt.  Die  Versicherung
unJT  3  bis  IO  Procent,  je  nach  der  Saison.  Schafe
Schweine  werden  in  Ställen  auf  Deck  transportirt.
Mr  p^  Auszüge  aus  den  Geschäftsbüchern  des
•  rice  in  Montreal  folgen,  und  zwar  zunächst  jene  über
erste  Viehsendung  im  Jahre  1875.
Ausgabe:
Fracht  u.  Assecuranz  für  61  Fettochsen  à
durchschnittlich  1300  Ibs.  Lebendgewicht  Lstr.  436  9  sh  2  d
Üock.bgab.  ,8  ■

Latus  Lstr.  437  27  sh.  5  d.
        <pb n="729" />
        716

Transport  Lstr,  437  27  sh.  5  d.

Commission  2V1  pCt  „  40  2  ,,  6  „
Zoll  3  d.  per  Haupt  „  —  9  ,,  10  „
Maklergebühr  1  sh.  per  Haupt  ....  „  2  19  „  —  „
Aufwartung  ,,  1  —  „  —  „
Heufuhre  ,,  —  5  i»  —  d

Lstr.  483  3  sh.  9  d.
Erlös  durch  Verkauf  1659  10  „  —  „
Nettoeinnahme  Lstr.  1176  6  sh.  3  d.
Dabei  blieben  circa  11  Dollars  Profit  pro  Kopf.
Die  Unkosten  beliefen  sich  rund  auf  8  Lstr.  per  Haupt
oder  auf  1.5  Pence  =-  3  Cents  per  Ib.  Lebendgewicht  in  Montreal.
Die  Ochsen  werden  in  West-  und  Ober-Canada  gekauft
und  in  Wagenladungen  von  18  bis  20  Stück  von  Toronto  um
45  Dollars,  von  Windsor,  200  Meilen  westlich  Toronto,  um
60  Dollars,  nach  Montreal  befördert.  Die  Seeversicherung
kostet  im  Anfang  der  Saison  2V3  bis  3  Procent,  für  Schafe
I  Procent  mehr,  wobei  Rindvieh  in  der  Regel  mit  100  Dollars,
Schafe  mit  8  bis  i  o  Dollars  per  Haupt  versichert  werden.  Im
Herbst  steigt  die  Versicherungsprämie  auf  7  bis  8  Procent
und  sind  Schafe  dann  nur  schwer  überhaupt  zu  versichern.
Futter  und  Fütterung  stellt  sich  auf  3  bis  4  Dollars  per  Ochs.
Am  8.  November  1881  wurden  248  Schafe  aus  Montreal
in  Liverpool  verkauft  für  384  Lstr.  10  s.  6  d.  Die  Auslagen
waren:
Fracht  und  Assecuranz  .  Lstr.  62  s.  10  d.  —
Dockausgabe  —  „  19  „  —
Lairage  i  „  18  „  7
Ferry  von  Birkenhead  .  .  „  —  „  11  „  —
Zoff  ®  n  ^  ^
Tagelohn  7v,  —  —
Fuhrlohn  —  „  3  „  —
Telegramme  —  ,,  q  „  —
Schlachten  6  „  8  „  2
Summa  Lstr.  80  s.  19  d.  10
Das  Geschäft  ergab  weder  Profit  noch  Schaden.  Die
Summe  der  Unkosten  betrug  6  Shilling  6  Pence  per  Schaf
oder  1.12  Pence  =  2.24  Cents  per  Ib.,  das  Schaf  zu  70  Ibs.
Schlachtgewicht  gerechnet.
Am  I.  Juli  1881  Hess  Mr.  Price  73  Ochsen  via  Antwer-
        <pb n="730" />
        717

P^n  in  Brüssel  verkaufen.  Sie  wogen  dort  Lebendgewicht
44-278  Kilo  und  brachten  39.862  Fres.,  oder  90  Centimes
per  Kilo.
Die  Ausgaben  betrugen  laut  Abrechnung:
|)ischarging  and  driving  to  the  Stables  Fres.  16.00
dodder
^  oxen  at  1.25  Fres,  per  Day  averge,  5  days  452.50
22  "  ^  "  125.00
12  ”  55.00
,,  "  3«  78.75
'iriving,  loading  47  oxen  on  the  ears  at  Bruxelles  9  to
Ud^"  to  take  eare,  à  3  Fres,  per  day  84.00
ging  and  food  for  men  who  eame  from  Montreal  ......  57.50
1  .  to  Bruxelles  with  47  oxen  and  extra  men  there.  .  „  49.00
tip  to  Bruxelles  with  Mr.  Priee  ,000
rriages  in  Bruxelles  '  '  '  "  o’  „
er  for  47  oxen  in  Bruxelles  22-0
fees  a,  a;  cm  à  head  [
“•■het  fees  for  67  head  in  Antwerp  à  30  cm  13.40
fr  .  "  47  Bruxelles  à  50  23.50
ght  from  Antwerp  to  Bruxelles  for  47  oxen  108.20
Petties"  ßtuxelles  to  Antwerp  „22  43.00
:  3%
hôt^  l  ^  —  '32  Lstr.  à  25.31  Fres..  „  6.378.12

Einnahme:
der  Ochsen.

Summa  Fres.  8.762.88
.  .  .  Fres.  39.862.00

Lieberschuss  Fres.  31.099.12
Auslagen  vermehren  sich  um  die  Reisekosten  des
Price,  seiner  Leute,  die  er  aus  Montreal  mitbrachte  und
^  den  Lohn  derselben.
Leute  werden  an  Reisegeld  und  Lohn  die  Auslagen
sich  °  °°°  abgerundet  haben,  so  dass  die  Unkosten
Jo  Ochs  auf  rund  137  Fres.,  pro  Kilo  Lebendgewicht
Verkaufsplatz  auf  ca.  23  Centimes  stellen  oder  10  Cen-
        <pb n="731" />
        7i8

times  per  englisches  Pfund,  ca.  i  Pence  oder  2  Cents  per
englisches  Pfund.
In  dem  Jahre  1880/81  wurden  die  Frachten  auf  dem
Ocean  oft  bis  auf  6  Lstr.  per  Ochs  getrieben,  sanken  aber
auf  bis  2  Lstr.  i  o  Shilling  oder  3  Lstr.  per  Haupt.  Im  Jahre
1881  wurden  45.535  Fettochsen  von  Canada  exportirt,  aus
der  Union  215.762.  Der  Preis  des  Rindviehes  in  Canada  stieg
durch  den  Absatz.  Ochsen  von  1400  Ibs.  Lebendgewicht
kosteten  in  Montreal  1875/76  4.5—5  Dollars  per  100  Ibs.,
1877—79  —  5.25—5.50,  1882  =5.50—6.25,  grasfette  Ochsen
1882  =  5.3772—5-75  Dollars.
Des  Vergleichs  wegen  lasse  auf  Seite  719  hier  eine  Abrechnung ­
  über  Unkosten  für  den  Verkauf  von  Mastvieh  aus
der  fürstlich  Schönborn’schen  Grafschaft  Munkacs  in  Wien
folgen.
Bei  den  Ochsen  stellen  sich  alle  Unkosten  auf  22.08  fl.
per  Stück,  auf  3.36  Kreuzer  per  Kilo  =  0.6  Cents  per  Ib.  Lebendgewicht, ­
  für  ein  Schaf  auf  1.79  fl,  bei  70  Ibs.  Lebendgewicht
auf  2.57  Kreuzer  per  englisches  Pfund  oder  5.76  Kreuzer  per
Kilo  =  i.i  Cents  per  Ib.
        <pb n="732" />
        7*9

Verkaufs-Erfolge  am  Wiener  Markte.

Brutto-Erlös.


:  Eisen-'
  bahn-1
  Fracht.

■  Futter-;
  kosten.
1
1

2  Allgemeine  "
Sr  Kosten

Commissionärs-Gebühr


j  Proc.-Anth.
j  V.  Brutto-1
  Erlöse  an

Marktausl'ag.


Im
Ganzen

Fl.

kr.

¡F1.

kr.

!fi

kr.

;F1

|kr

pCt.

1230
'230

98
98

für  5  Mastochsen  (Gesammtgew.lebd.
  3158  Kg.)
180  Kg.  Heu  à  6.96  Fl.
180  Kg.  Stroh  à  2.92  Fl.

is4

78

12
5

53
26

Diesmal
keine
erhoben

1
jl2

3'

1

Total

84

78

8

99  Vi

I  2

3*

1

2.C

9.4

.38

96

Die  Futterkosten  wurden
in  der  Totale  blos  mit  der
Hälfte  eingesetzt,  weil  für
gewöhnliche  Verhältnisse
(nicht  Ausstellungsmarkt)
blos  die  Hälfte  der  Zeit  in
Wien  gefüttert  wird.
Somit  calculirt  sich  pr.  Stck.
per  Stück  u.  Kilomt.
Erlös  pr.Mtrctr.Lebendgew.

16

95.5
2.W

79

2

46

820

96
96

für  100  Schafe  div.  Gattung
StädtischeMarktgebühr
Abladegebühr  .  .  .
Treiber
Stallgeld
Stechspesen  .  .  .  .
.  Bänder
Total

*35

69

16

72
1

2
6
2
6

30
70
45  1

IO

*35

69

16

72

*7

45

IO

—1

16.6

5.7

2*.„

Somit  calculirt  sich  pr.  Stck.
per  Stück  u.  Kilomet.
Gesammt-Entfernung  Wien-Munkács
  629  Kilometer.

I

35
00.216

16.7

*7.4

10
        <pb n="733" />
        XLII.  Capitel.
Summarische  Uebersieht  der  wirthschaftliehen
Situation  der  Union.
Die  Vereinigten  Staaten,  ausser  Alaska,  sind  3.025.600
englische  [[¡Meilen  gross,  wovon  55.600  [[Meilen  auf  Flüsse
und  Seen,  2.970.000  auf  Land  kommen.  Land  kommt  auf
Californien  155.980,  Dakota  147.700,  Illinois  56.000,  Indiana
35.910,  Jowa  55.475,  Kansas  81.700,  Kentucky  40.000,  Michigan ­
  57.430,  Minnesota  79.205,  Missouri  '  68.735,  Nebraska
76.185,  New-York  47.620,  N.-Carolina  48.580,  Ohio  40.760,
Oregon  94.560,  Pennsylvanien  44.985,  Tennessee  41.750,  Texas
262.290,  Wiskonsin  54.450  ¿Meilen.  Dies  sind  die  wichtigsten ­
  Kornstaaten.
Die  Bevölkerung  betrug  1870  =  38.558.000,  1880  =
50.155.000  Einwohner,  von  letzteren  24.636.000  weibliche
und  25.518.000  männliche,  43.475.000  eingeborene,  6.679.000
fremde  Bewohner,  6.580.000  Neger  und  Mulatten,  105.000
Chinesen  und  66.000  Indianer.  Es  lebten  in  _

1
1

1880  1  1870

1880

1870

Californien  ...
Dakota
Illinois  '
Indiana  .  .  .  .
Jowa
Kansas
Kentucky  ....
Michigan  ...
Minnesota  .  .  .
Missouri  ....

864.CKX3
135.000
3.077.000
1.978,000
1  624.000
qoó.cxxj
1.648  000
1.636.000
780.000
I  2.68.000

500.000
14  000
2.539.000
1.080.000
1.194.000
364.000
1.321.000
1.184.000
439.000
1.721.OÍX)

Nebraska  .  .  .
New-York  .  .  .
N.-Carolina  .  .
Ohio
Oregon
Pennsylvanien  .
Tennessee  .  .  .
Texas
Wiskonsin  .  .  .

452.000
5  082  .000
1.399000
13.98.000
174.000
i  4.282.000
1  1.542.000
1,591  000
1  1.315.000
1

122.00Ü
4.382.000
1.071.0ÜO
2.665.000
90000
3.521.000
1.258000
818000
1.054000

Die  Volksvermehrung  der  Union  tritt  erst  in  ihr  rechtes
Licht,  wenn  man  sie  mit  jener  einiger  europäischer  Länder
vergleicht.
        <pb n="734" />
        721

46

Europäisches  Russland  .  .
Deutschland  45
38

Europäische  Volksvermehrung’;
Percent  der
1880  Total-Mill.
  bevõlkerung
80  34

Desterreich-Ungar
Frankreich  ,
Grossbritannien
Union  .

Frankreich..  37
•  •  •  35_
Summa  235
50

19
16
16
IS

1815
Mill.
48
21
28
29
17

Percent  der
Totalbevölkerung ­

33
14V,
20
20  V,
12

100
18

143
8

100
5.3

QMeiler
1850  7.9

Summa  285  ,31
Ohne  Alaska  ist  die  Union  2.970.000  engl.
Bevölkerung  pro  QMeile  betrug
o  10.8,  1870  13.3,  1880  17  3  Personen.  Sie  betrug  in  de
nsusjahren  um  1880—81  in  europäischen  Staaten  mit  etw
seich  fruchtbarem  Boden:  Spanien  84.5,  Portugal  125.6
anemark  133.2,  Oesterreich-Ungarn  156.9,  Frankreich  180.6
^  eutschland  216.6,  Italien  246.6,  Holland  312.8,  Englam
^  9.9,  Belgien  481.7.  —  Die  canadische  Bevölkerung  beträg
^•3  ersonen  auf  die  QMeile,  die  mexicanische  12.6  Personen
añada  hat  3.204.000  QMeilen,  Mexico  741.598  QMeilen
rdamerika  zusammen  hat  also  fast  7  Mill.  QMeilen  Oberflächt
fel”^  wovon  wirklich  2  Millionen  als  zu  kalt  oder  zi
_  ^1^!  zu  trocken  abgerechnet  werden  sollen,  bleibei
Lä  A  LJMeilen.  Nach  europäischen  Begriffen  sine
bev”ir  (Portugal,  Dänemark,  Oesterreich-Ungarn  dünr
^.^olkert;  wenn  150  Personen  auf  der  QMeile  leben,  so  is
europäisches  Land  noch  recht  dünn  bevölkert.  So  ist  «
nich^  auf  jenen  5  Millionen  QMeilen  in  Amerika
t  mehr  Personen  leben.  Wir  werden  also  zugeben  müssen
Nord-Amerika,  anstatt  wie  jetzt  68  Millionen
euro  Menschen  leben  werden,  dieser  Continent  nach
Begriffen  noch  dünn  bevölkert  sein,  zwischen
^ad  Oesterreich-Ungarn  rangiren  wird,  also  auch
1^^  ^^Grbauproducte  ebenso  gut  wird  exportiren
oberfi;^  Oesterreich-Ungarn  dies  thut.  Der  Trost
Sehnen^  Schriftsteller  über  die  Agrarfrage,  die  sich
vermehrende  Bevölkerung  der  Union  werde  den  Ex-
        <pb n="735" />
        722

port  der  Ackerbauproducte  aus  derselben  bald  unmöglich
machen,  hält  also  keineswegs  Stich.  Nord-Amerika  muss
800  Millionen  Einwohner  haben,  bevor  es  exportunfähig  an
Nahrungsmitteln  wird.  Jede  Volksvermehrung  bis  zu  dieser
Zahl  fördert  nur  die  Production,  steigert  die  Exportfähigkeit.
Man  muss  den  Zahlen  ihre  Logik  lassen.
Die  bevölkertsten  Städte  waren  :  New-York  1.206.000,
Philadelphia  847.000,  Brooklyn  566.000,  Chicago  503.000,
Boston  362.000,  St.  Louis  350.000,  Baltimore  332  000,  Cincinnati ­
  255.000,  S.  Francisco  233.000,  Neu-Orleans  216.000,
Cleveland  Ohio  160.000,  Pittsburg  156.000,  Buffalo  155.000,
Washington  147.000,  Newark  136.000,  Louisville  123.000,
Jersey  City  120.000,  Detroit  116.000,  Milwaukee  115.000,
Providence  104.000.
Der  Bevölkerungsmittelpunkt  wandert  westlich.  Er  war:
'  Bewegung

23  Meilen  östlich  von  Baltimore.

m  Jahre  1790  —
„  „  1800—18  „  westlich
„  „  1810  —  40  „  westlich
1820  —  16  „  nördlich
1830—19  „  südwestl.
1840  —  16  „  südlich
1850  —  23  „  südöstl.
i860  —  20  „  südlich
1870  —  48  „  östlich
1880  —  8  „  westlich

Baltimore
Washington
WoodstockVirginien  50

westl.  in  10  Jahren
.  .  41  Meilen
.  .  36

5V»

Moorfield  .
Clarksburg  .  .
Parkersburg  .  .
Chillicothe  Ohio
Cincinnati  .  .  .
Cincinnati.  .  .
Meilen.

39
SS
SS
81
42
S8

Durchschnittlich  jährlich  ^  ,
Leute  im  Alter  von  mehr  als  10  Jahren  konnten  nicht  lesen
.923.000;  6.239.000  konnten  nicht  schreiben.  9.781.000  Schuler
tanden  in  den  Listen  der  öffentlichen  Schulen,  und  der
lurchschnittliche  Schulbesuch  betrug  5.805.000  Kinder  —  Beiles ­
  ausser  in  den  Privatschulen,  deren  reiche  Leute  und
lamentlich  die  Katholiken  viele  haben.
Die  Verbreitung  eines  gewissen  Grades  von  Bildung  »s
lur  in  den  skandinavischen  Reichen,  der  Schweiz,  Schottland,
iolland  und  Deutschland  eine  ähnliche,  wie  in  dem  weissen
md  nichtmexicanisch-irischen  Theile  der  Unionsbevölkerung-5ie
  ist  aber  eine  mächtige  Förderin  der  Industrie  und  de
Ackerbaues.  Sie  wird  durch  Freiheit  der  Schulen  von  einem
        <pb n="736" />
        7^3
chinesisch-uniformirenden  Reichsschulgesetz  mannigfaltiger  und
besser,  als  selbst  in  diesen  europäischen  Staaten,  wird
der  Selbstverwaltung  geübt,  durch  die  Presse  gefördert
durch  das  beste  Patentgesetz  prämiirt.
Zu  den  Hauptweiterbildungsmitteln  des  Volkes  gehört  in
menka  vor  Allem  die  Presse.  Sie  hat  fünf  Prinzipien:
utzlichkeit,  Sensation,  Promptheit,  Billigkeit,  Massenhaftigkeit
es  Lesestoffes.  Dem  Sensationellen  wird  oft  die  Wahrheit
.  Rücksicht  auf  das  Familienleben  und  dessen  Geheimi^e
  geopfert,  der  Promptheit  die  Gründlichkeit,  der  Massen-(^Gs
  Lesestoffes  der  splendide  Druck  -  es  wird  zu
/  Zeitschrift  angewendet,  der  Billigkeit  die  Schönheit  der
Papier  und  der  Druck  sind  meist  elend,
in  •  H  *  '"dessen  werden  alle  jene  fünf  Zwecke,  und  man  wird
jeder  Nummer  eines  Blattes  Etwas  finden,  was  dem  Publiur
  das  es  bestimmt  ist,  nutzen  kann,  ein  geschäftliches
eresse  für  dasselbe  hat.  Production  und  Handel  sind  selbst
sch^  n  Blättern  auch  nicht  annähernd  so  ausgiebig  durch
nelle  und  oft  gründliche  Nachrichten  und  Abhandlungen
ordert,  als  in  amerikanischen.  Deshalb  hält  auch  jeder
eine  7  -  kleine  Geschäftsmann  regelmässig  mindestens
mei«.t  politisches  Tageblatt,  eine  Fachzeitung,
bell^.  .Wochenschrift,  und  nicht  selten  ein  religiöses  und  ein
zuffe  illustrirtes  Blatt.  In  Städten  und  auf  Bahn-I
  od  Zeitungen  reichlich  ausgeboten.  Der  Preis  ist
SchneT  ^  Cents  pro  Nummer.  Grosse  Zeitungen  geben  für
wiss  ^  ^^chrichten,  einige  auch  für  gute  Originalartikel  und
Die  Abhandlungen  sehr  bedeutende  Summen  aus.
am  ^cn  politischen  Sinn,  regt  zur  Theilnahme
die  •  Leben  an  und  belehrt  geschäftlich  mehr  als
Wie  anderen  Landes.  Sie  ist  nicht  so  unsittlich,
contf  Annoncen  ein  grosser  Theil  der  europäisch'
Presse,  selten  so  frivol  wie  manches  grosse,
oft  ^Z^'^che,  Wiener,  Pariser  oder  Berliner  Blatt,  allerdings
tief  ru  in  Allem  steht  sie,  was  Nützlichkeit  anlangt
der  Schädlichkeit  für  die  Moral  anlangt,  tief  unter
asse  der  europäischen  Presserzeugnisse.  Die  Sprache
46*
        <pb n="737" />
        7H
ist  durchweg  allgemein  verständlich,  die  Nachrichten  werden
präcise,  ohne  Weitschweifigkeit,  gegeben.
Nun  zu  ihrer  Statistik!
Im  Jahre  1880  gab  es  962  Tagesblätter,  682  Wochenschriften, ­
  44  Halbwochenblätter,  39  Dreiwochenblätter,  138  Sonntagsblätter, ­
  447  Beilagebätter  zu  anderen  Zeitungen,  die  Circulation ­
  der  Tagesblätter  per  Jahr  soll  1.127.337.355,  der  anderen
Blätter  216.763.880  Exemplare  betragen.  Es  gab  81  Tagesblätter ­
  und  III  andere  periodische  Zeitschriften  in  deutscher
und  nur  9  Zeitungen  in  einer  anderen,  als  der  deutschen  oder
englischen  Sprache.  New-York  hat  12,  Pennsylvanien  12,
Ohio  IO,  Illinois  9,  Missouri  7,  Indiana  4,  Jowa  3,  Kentucky ­
  3,  Wiskonsin  3  deutsche  Tageblätter.
Die  täglichen  Zeitungen  haben  eine  durchschnittliche  Auflage ­
  von  nahezu  4000  Exemplaren,  während  die  Wochenschriften ­
  es  nur  auf  1824  bringen,  die  Monatshefte  aber  durchschnittlich ­
  7583  Exemplare  von  jeder  Nummer  absetzen.  Im
Ganzen  wurden  während  des  Censusjahres  96.345.851  Monatsschriften ­
  abgesetzt,  während  weit  über  1000  Millionen  Exemplare ­
  täglicher  und  nur  250  Millionen  der  Wochenausgaben
täglicher  Zeitungen  und  630  Millionen  selbstständiger  Wochenschriften ­
  verkauft  wurden.  —  Diese  Zahlen  beweisen,  dass  nur
die  tägliche  Zeitung  dem  allgemeinen  Bedürfnisse  genügt.  855h
Zeitungen  dienen  der  Politik  und  den  Tages-Interessen,  57^
sind  der  Religion  gewidmet,  162  dem  Ackerbau,  143  dem
Handel  und  den  Finanzen,  51  dem  Versichernngs-  und  dem
Eisenbahnwesen,  146  der  Freimaurerei  und  anderem  Ordenwesen. ­
  Es  erschienen  512  illustrirte  Zeitschriften.  Journalisten,
Reporter,  Redacteure  zählt  der  Bericht  16.489  auf,  die  von
einem  technischen  Personal  von  50.490  Männern  und  5855
Frauen  unterstützt  werden.
180.000.000  Pfund  Papier  werden  jährlich  für  die  periodische ­
  Presse  verwendet  und  der  Werth  des  jährlichen  P**®
ductes  beläuft  sich  auf  87.441.132  Dollars.
Diese  Daten  zeugen  für  die  ausserordentliche  schnelle  Entwickelung ­
  des  hiesigen  Zeitungswesens,  und  für  die  Lesebegier ­
  und  Intelligenz  des  amerikanischen  Volkes.
        <pb n="738" />
        725

Auf  der  ganzen  Erde  sollen  —  wenn  diese  Statistik  genau ­
  ist  —  34.000  verschiedene  Zeitungen  und  Zeitschriften
gedruckt  und  in  10.592  Millionen  Exemplaren  versandt  wer-^^n.
  Angeblich  erscheinen  in  englischer  Sprache.  16.500,  in
deutscher  Sprache  7.800,  in  der  französischen  3.850  und  in
der  spanischen  etwa  1.600  Zeitungen  und  Zeitschriften.  Davon
kommen  4.020  täglich,  18.274  drei  und  einmal  in  der  Woche
Und  8.508  weniger  oft  heraus.
Von  höchstem  Interesse  ist  es,  sich  mit  der  Beschäftigung
dieses  friedlichen  und  fleissigen  Volkes  vertraut  zu  machen.
^  gab  in  der  Union:

Total.

Männlich.

Weiblich.

*0—15
männlich.

Jahre
weiblich.

&amp;gt;870.  Personen  über  10
Jahre  ....
Davon  arbeitend
Unbeschäftigt
'880.  Personen  über  lo
Jahre  .  .  .  |
Davon  arbeitend  i
Unbeschäftigt  .  ;

28.228.945
12.505.923
15.723.022
36.761.607
17.392.099
*9.369-508

14.258.866
10.669.635
3-589.23*
*8.735.980
*4.744  942
3.99*038

1
13.970.079
1.836.288,
*2.133.79*
1
18.025.627;
2.647.157
*5.378.470^

2.840.200
548064
2  292.136
3  376.114
825.178
2  550.927

2.764.169
191.100
2.573.069
3.273.369
293-*69
2.980.200

*6—59  Jahre
männlich.  |  weiblich.

60  Jahre  u.  darüber
männlich.  1  weiblich.

*870.  Personen  ...
Davon  arbeitend
Unbeschäftigt
*880.  Personen  .  .  .  1
Davon  arbeitend  !
Unbeschäftigt  .  j

10.429.150
9.486.734
942.4*6
*3  907.444
12.986.111
62  1.333

'
*0257.645
1.594.738
8.662.826
*3  377  002
2.283  115
11  093.887

980.516
634.837
354.679
1.452.422
933644
5*8.778

948.265
50.405
897.860
*375.265
70.873
*  304  383

Die  wichtigste  Colonne  ist  jene,  welche  die  arbeitskräf-||go
  Bevölkerung  von  16  bis  59  Jahren  umfasst.  Man  sieht,
fast  alle  Männer  und  nur  sehr  wenige  Frauen  arbeiten.
^0  viel  gewinnt  ein  Volk  an  Familienglück  und  Moral,  wo
der  Fall  ist!  Wie  mag  das  wohl  in  Europa  aussehen?
ist  die  Frau  ein  Lastthier!  Die  Zahl  der  arbeitsfähigen
^unnlichen  Bummler  vermindert  sich  von  1870  auf  1880.
        <pb n="739" />
        726

í
I

Beschäftigt  waren  1880  in

Total.

Alle  Alte
männlich.

rsklassen  ’!  16—59  ^
weiblich,  männlich.

ahre  alt
weiblich.

Ackerbau
Dienst  und  Profession  .
Handel  und  Transport  .
Manufactur  und  Bergbau
Summa  .  .  .

1
7.670.493I
4.074.238
1.810.256!
3.837.112
17.392.099

7.075.983
2.712.943
1.750.892
3.205.124
14.744.942

594.510
1.361.295
59.364
631.988
2.647.157

5.888.133
2.446.962
1.672.171
2.978.845
12.986.111

435.920
1.215.189
54849
577.157
2.283.115

Ackerbau
Dienst  und  Profession  .
Handel  und  Transport  .
Manufactur  und  Bergbau
Summa  .  .  .

II  5-922.471
j!  2.684.793
1.191.238
2.707.421
12.505.923

1870:
5-525.503
1.618.121
1.172.540
2.353.471

396.968
1.066.672
18.698
353.950I

Unter  Professio  n  u  nd  Dienst  sind  Beamte,  Künstler,  Lehrer  etc.,
Diener  und  Dienstmädchen  begriffen.  Als  „Arbeiter“  sind  1880
1.859.223,  als  Hausdiener  1.075.655  bezeichi/et,  rund  2.900.000,
gegen  2  Millionen  im  Jahre  1870.

Die  Zahl  der  Ackerbauer  nahm  zu  um  1.700.000,  der
Dienenden,  worunter  auch  viele  Landarbeiter,  um  1.400.000,
der  im  Handel  und  Transport  Beschäftigten  um  600.000,  der
Industriellen  um  1.100.000,  d.  h.  die  der  Ackerbauer  wuchs
um  eine  ebenso  grosse  Zahl,  wie  jene  der  im  Handel,  Transport, ­
  Manufactur  und  Bergbau  Beschäftigten  zusammen.  Die
Zahl  der  Ackerbauer  ist  erheblich  grösser,  als  jene  der  nicht
Dienenden  und  doch  Arbeitenden,  um  2  Millionen  nämlich,
sowohl  1870  als  1880,  d.  h.  der  Schwerpunkt  liegt  auf  dem
Lande.
Der  Ackerbau  hat  auch  die  grösste  Zahl  der  wirthschaftlich
  selbstständigen  Existenzen.  Es  gab:

Landleute,  Total  .  .  .  .
Davon  Landarbeiter  .  .  .
„  Aufseher  .  .  .  .
„  Summa  Abhängige
„  selbstständige  Farmer

1880  1870
7.670.493  5.922.471
3.323.876  2.885.996
3.106  3.609
3.326.982  2.889.605
4  343.511  3.033.866

Die  Zahl  der  Selbstständigen  in  der  Landwirthschaft  vermehrte ­
  sich  um  1.400.000,  der  Unselbstständigen  nur  um  500.000.
        <pb n="740" />
        727

Gewiss  ein  sehr  gutes  Zeichen  für  die  aufsteigende  Klassenbewegung. ­

In  der  Industrie  greift  Frauen-  und  Kinderarbeit  in  bedenklicher ­
  Weise  um  sich,  wennschon  nicht  in  dem  Maasse
wie  in  Europa.  Es  arbeiteten  in  den  Manufacturen  und  im
Bergbau  :
1880  1870
Männer.  Frauen.  Kind,  u.  15  Jahr.  Männer.  Frauen.  Kind.  u.  15  Jahr.
’•025.335  531.639  181.921  1.615.598  323.770  114.628

i860  1850
Männer.  Frauen,  Männer.  Frauen.
1.040.349  270.897  731.137  225.922
Besonders  viele  Frauen  sind  1880  beschäftigt  in  Schuh-Waarenfabriken
  25.946,  Teppichfabriken  8.570,  Herrenschneidereien
  80.994,  Damenschneidereien  22.253,  Baumwollspinnereien ­
  91.178,  Handschuhfabriken  5.249,  Strickwaarenfabriken
*  7’7071  gemischten  Textilfabriken  20.520,  Hemdenfabriken  22.186,
Beidenwaarenfabriken  16.396,  Cigarrenfabriken  20.480,  Wollwaarenfabriken
  53.635.  Eine  strenge  Arbeitsgesetzgebung
^but  noth,  um  Frauen  und  Kinder  in  diesen  Fabriken  ordentbch
  zu  schützen.

Von  den  in  Profession  oder  Dienst  erwerbenden  Frauen
äller  Altersklassen  finden  wir  1880:  Summa  1.361.295,  wozu
534.900  Dienerinnen  oder  Arbeiterinnen  auf  dem  Lande
rechnen  sind.  In  jenen  1.361.295  Personen  giebt  es  aber
Selbstständige  Frauen  oder  Beamte,  wie  1.820  Schauspielerinnen
Künstlerinnen  und  Lehrerinnen  156.436,  Bordinghausbesitze

rinnen  12.313,  weibliche
Aerzte

Beamte  7.316,  Hebeammen  2.118
2.432,  Besitzerinnen  von  Restaurants  846,  Buchhai
terinnen  2.365,  Commis  25.561,  Verkäuferinnen  7.744,  selbst
ständige  weibliche  Kaufleute,  Händlerinnen  13.956,  ferner
^•809  weibliche  Farmer,  1.309  solche  Gärtner.  —  Weibliche
iGnstboten  giebt  es  534.900  auf  dem  Lande  oder  als  Land-^beiter,
  Arbeiterinnen62.648,  Dienstmädchen  in  Häusern  938.919,
‘^nerinnen  in  Hotels  31.648,  Ammen  12.294,  zusammen  etwa
^  565.000  Dienerinnen,  ferner  108.198  Wäscherinnen,  wovon
Theil  ebenfalls  in  Dienst  stehen  dürfte.  —  Immerhin  sind
        <pb n="741" />
        728

anderthalb  Millionen  weibliche  Dienstboten  unter  50  Millionen
Einwohnern  nicht  eine  auffallend  grosse  Zahl  und  ist  diese
Stellung  meist  nur  eine  vorübergehende,  der  Heirath  ein  Ende
macht.
Der  Nationalität  nach  waren  beschäftigt,  je  1000:

Amerikaner ­


Ackerbau  1870
„  1880
Profession  und  Dienst  1870
„  1880
Handel  und  Transport  1870
„  1880
Manufactur  und  Bergbau  1870
„  1880
Summa  1870
»  1880

5.303
6857
1.858
3.076
862
I  351
1.777
2.611
9.802
13.897

Deutsche ­


224
293
191
218
112
152
308
368
836
1.033

Irländer ­


138
140
425
415
119
138
264
284
947
978

Engländer ­


77
104
49
79
32
36
142
225
301
466

Canadier ­


Skandi-



73
48
90
16
33
76
153
189
351

50
91
29
52
9
16
20
44
109
205

Wobei  zu  beachten  ist,  dass  die  von  eingewanderten
Eltern  Geborenen  als  Amerikaner  angegeben  werden.  Der
öffentliche  Dienst  nahm  folgende  Zahl  von  Personen  in  Anspruch: ­


1870  =  38.558.371

1880  =  50.155.783

44.743
14.407
8.672
2.286
22.861
92.969  =  0.24  pCt.  d.  Bevöiker.

67.081
31.601
16.849
2,600
24.161
142.282

0.28  pC‘

Bevölkerung  .  .
davon  Unions-,  Staats-,  Localbeamte ­

Unions-,  Staats-  etc.  zeitweise
Beschäftigte
Unions-,  Staats-  etc.  Schreiber
und  Diener
Officiere  von  Armee  und  Flotte
Mannschaften  beider  ....
Summa
Beamte  und|Diener  excl.  Armee
und  Flotte  67.822  =  0.17  „  115.521  =  0.22
Städtische  Bevölkerung  .  ,  .  8.071.875  =  20.9  „  11.318.547  =  22.5
Wenn  wir  in  den  europäischen  Staaten  eine  ähnliche
Beschäftigungsstatistik  hätten,  so  würden  wir  staunen  über  den
weit  grösseren  Procentsatz  der  europäischen  Bevölkerung,
welcher  nothwendig  ist,  dieselbe,  als  Beamter  oder  Militair,
in  Ordnung  zu  ^halten.  Je  weniger  ein  Reich  solcher  Ordnungshersteller ­
  gebraucht,  desto  mehr  ist  es  ein  Culturreich.
        <pb n="742" />
        729

Wenig  Soldaten,  wenig  Beamte,  wenig  unproductive  Männer
im  Alter  von  15  bis  59  Jahren,  wenig  Frauen  in  der  Production ­
  beschäftigt  —  hat  Amerika,  und  das  sind  alles  Kriterien
hoher  Cultur!

Nach  dem  Census  von  1850  wurde  der  Besitz  aller  Bürger
der  Union  auf  7.000  Millionen  Dollars  taxirt,  i860  auf
16.000,  1870  auf  30.000  Millionen,  1880  auf  49-77®  Millionen
Dollars.  Der  Vergleich  mit  England  um  1880  stellt  sich  nach
Schätzung  competenter  Statistiker  folgendermassen  in  Millionen ­
  Dollars:

Vereinigte  Staaten
1  )  Häuser  13.400
2)  Meubles  2.600
3)  Manufacturen  .  .  .  5.200?
4)  Eisenbahnen  .  .  .  5.200
5)  Schiffe  300?
6)  Edelmetalle  ....  700
7)  Acker  9.600
8)  Vieh  1.800

9)  Ernte  2.000
ïo)  Im  Auslande  zinstragd.
angelegt  ....  500?
ii)  Anderes  700

Grossbritannien
10.600
2  400
2.900?
3500
600  ?
700
9.400
1.220
720
6.300
600  Frankreich

Summa  42.000  58.940  37.200
Strassen  und  öffentliche
Ländereien  .  .  .  7.770  1.700
Summa  49.770  40.640
Rentirendes  Vermögen  pr.
Kopf  990  Doll.  1.260  Doll.  1.045  Doll.

Werth  d.
mögens  i
Grundbesitz ­


Steuerver-000
  Doll.
Bewegl.
Eigenthum ­


Totalsteuer- ­


1000  Doll.

Mi

Gesammtschuld  '
d.  Staaten,Counties, ­
  Städte  etc.
1  1000  Doll.

Wirkliches
Vermögen
der
UnionsbOrger

1000  Doll.

wirklichen
Vermögen  g  gl

..  d.
rn  V.
tQ
a  M
-3  3
N

ï  880
J870
1860

,&amp;gt;3036.766
I  9.9:4.780
,  6.973.006

3.866.226
4.264.205
5.III.553

16.902.993
14.178.986
12.084.560

3'3  750,
280.591
94.186

1.056.406
868.676

42.000.000:10.74
30.068.5  i8|!o.93
16.086.519II0.58

6.23
7.27
3.00

Die  Schuld  ist  für  folgende  Zwecke  contrahirt  in  Millionen ­
  Dollars:  Brücken  24,  Feuerwehr  2,  Flüsse,  Häfen,  Canäle
3b,  Parks  und  Plätze  40,  öffentliche  Gebäude  48,  Eisenbahn-
        <pb n="743" />
        i

730

Subventionen  185,  Schulen  und  Bibliotheken  26,  Wasser-  t
werke  146,  Krieg  75.
Der  Bürgerkrieg  erhöhte  die  Steuern  procentisch  und
pro  Kopf.  Nach  dem  Frieden  vermindern  sich  dieselben
wieder.  Dass  durch  eine  Vermögenssteuer  die  Capitalbildung
der  Arbeiter,  die  nur  Einkommen  haben,  also  nicht  steuern,
gefördert  wird,  ist  klar.  Dass  aber  das  unbewegliche  Vermögen ­
  bei  ihr  unverhältnissmässig  hoch  besteuert  wird,  ebenso, ­
  denn  das  bewegliche  Vermögen  entzieht  sich  von  Jahrzehnt ­
  zu  Jahrzehnt  mehr  der  Steuereinschätzung.
Die  Vermögensvermehrung  ist  schwindelerregend,  soll  aber
noch  grösser  sein,  als  sie  die  officiellen  Statistiken  ausweisen.
Andere  Statistiker  behaupten  gar,  das  Vermögen  der
Union  habe  1880  schon  55.500  Millionen  Dollars  betragen.
In  Grossbritannien  vermehrte  sich  das  besteuerte  Vermögen
von  335  Millionen  Lstr.  im  Jahre  i860  auf  ‘444  in  1870
und  575  im  Jahre  1879.  Es  giebt  viel  Leute  von  mittlerem
Wohlstand,  aber  auch  viele  sehr  reiche  Leute  daselbst.  Das  ♦'
Gesammtprivatvermögen  der  Senatoren  der  Union,  deren  jeder
Staat  2  absendet,  soll  600  Millionen  Dollars  betragen!  Da
jeder  dieser  Männer  in  seinem  Staat  die  Beamten  anstellt,  d.  h.
dem  Präsidenten  seinen  Candidaten  empfiehlt,  jeder  auf  die
Unionspolitik  Einfluss  übt,  so  sind  diese  Unionssenatoren,  wie
meist  jene  des  alten  Rom,  und  wie  Mitglieder  des  Raths  der
Zehn  zu  Venedig,  wirkliche  Fürsten:  Sie  haben  fürstliches
Vermögen  und  üben  fürstliche  Macht.  Was  hat  dagegen  so
ein  armseliger  deutscher,  italienischer  Titulariiirst,  ein  französicher
  Duc  zu  sagen,  dessen  Vorfahren  einmal  annähernd
waren,  was  ein  Bundessenator  in  Washington  heute  wirklich ­
  ist?  Und  im  Senate  sitzen  durchaus  nicht  die  reichsten
Leute  der  Union.
Die  Stadt  New-York  zählt  allein  mehr  Zehnmillionäre!

Es  besitzen  daselbst:

W.  H.  Vanderbilt
Jay  Gould  .  .
M.  Taylor  .  .
Mr.  Astor  .  .
Mr.  Astor  (2)

Doll.  125.000.000
„  60.000.000
35.000.000
„  30.000.000
„  30.000.000

H.  Hilton  .  .
Edw.  Clark’s
Erben  .  .
Russell  Sage  .
A.  Belmont  .

Doll.  30.000.000

25.000.000
20.000.000
20.000.000
        <pb n="744" />
        73:

Goelet’s  Erben
C.  W.  Field  .
Seligmann
D.  O.  Mills  ,
Mr,  Villard
Mr.  Drexel
Mr.  Brown
Lenox’s  Erben
C.  Vanderbilt
E.  D.  Morgan
C.  K.  Garrison
D.  Jones’  Erben

Doll.  20.000.000
„  15.000.000
„  15.000.000
„  15.000.000
„  15.000.000
„  15.000.000
„  15.000.000
„  15.000.000
„  15.000.000
„  12.000.000
„  12.000.000
„  12.000.000

S.  J.  Tilden  .  .
Rhinelander’s
Erben  .  .
J.  R.  Keene  .  .
W.  K.  Vanderbilt
Jesse  Hoyt’s
Erben  .  .  .
R.  L.  Stuart’s
Erben  .  .
A.  Arnold’s  Erben
P.  Gilsey’s  Erben
L.  Schepp  .  .
Zusammen

10.000.000
10.000.000
10.000.000
10.000.000
10.000.000
10.000.000
10.000.000
10.000.000
10  000.000
Doll.  641,000.000

Und  diese  grossen  Vermögen  sind  kleine,  verglichen  mit
jenen  der  Bergwerks-,  Land-  und  Eisenbahnbesitzer  in  Californien, ­
  Nevada,  Oregon  und  Arizona!
Diese  schnelle  Reichthumsbildung  enthält  die  grösste  Gefahr ­
  für  die  Sicherheit  der  Union,  da  der  erzeugte  sociale
Gegensatz  sich  schnell  vergrössert.  Grosser,  erblicher  Reichthum ­
  sucht  und  erlangte  bisher  in  jedem  Reiche  privilegirte
sociale  Stellung  und  gesetzlich  gesicherten  Einfluss  auf  Verwaltung ­
  und  Gesetzgebung,  Adel,  Census  Wahlrecht,  u.  dergl.  Nichts.
davon  geschah  bis  jetzt  in  der  Union.  Vanderbilt  übt  auf  die
Gesetzgebung  grossen  Einfluss,  allein  er  ist  illegitim.  Hier
^'Ggt  ein  Widerspruch  vor;  Entweder  dieser  Einfluss  wird
^Ggitimirt,  dann  hört  die  Union  auf,  eine  demokratische  Republik ­
  zu  sein,  oder  er  wird  und  muss  gebrochen  werden,
denn  heute  kann  er  nur  durch  das  unmoralische  Mittel  der
Bestechung  wirken.  Jede  unmoralische  Macht  aber  trägt  den
Keim  ihrer  Zerstörung  in  sich.
Der  Philosoph  Herbert  Spencer  besuchte  kürzlich  die
^uion  und  äusserte  einen  ähnlichen  Gedanken;  es  sei,  sagte
ein  unmoralisches  und  melancholisches  Schauspiel  zu  sehen,
20.000  Männer  von  einem  „Boss“,  grossen  Arbeitgeber,
zur  Wahlurne  commandirt  würden  und  dort  votirten.
Doch  sehe  ich  nicht  so  schwarz:  Dergleichen  geschieht
uur  in  den  grossen  Städten  und  Industriemittelpunkten,  und  auch
::ur  hier  ist  die  Localverwaltung  corrumpirt.  Den  Ausschlag
        <pb n="745" />
        732

geben  aber  die  Wahlstimmen  der  Landleute,  der  unabhängigen
Bauern,  und  auch  die  Präsidenten  von  Lincoln  bis  Garfield,
mit  Ausnahme  des  Feldherrn  Grant,  kamen  aus  diesen  Staaten.
Die  moralische  Kraft  der  freien  Bauern  wird  wohl  im  Stande
sein,  gesetzmässig  auch  diese  Corruption  entweder  aufzuheben,
oder  doch  unschädlich  für  das  Ganze  zu  machen.
Jay  Gould  hat  die  ganze  Telegraphie  der  Union  in
Händen  und  seine  Direction  liesst  jede  Depesche.  So  erfahrt
dieser  dermalen  grösste  Börsenspeculant  der  Welt  alle  wichtigen ­
  Telegramme.  Ferner  ist  sein  Tarif  ein  sehr  hoher.  In
Folge  dessen  wird  wahrscheinlich  jetzt  die  Unionsregierungstelegraphie ­
  eingeführt  werden.
Die  Banken  üben  ebenfalls  wieder  einen  verderblichen  und
corrumpirenden  Einfluss,  wie  zur  Zeit  Präsident  Jacksons.  Wie
dem  damals  ein  Ende  gemacht  wurde,  habe  ich  in  dem  Buche
über  soc.  Gesetze  der  Union  nachgewiesen.  Gegen  ihr  Banknotenrecht ­
  wendet  sich  die  weiterhin  mitgetheilte  Platform  der
„Knights  of  labor“.
Ein  drittes  Monopol  ist  das  der  Eisenbahnen.  Die  Beherrscher ­
  der  alten,  grossen  Eisenbahnlinien  wollen  innerhalb
des  ihnen  tributären  Gebietes  keine  unabhängigen  neuen  Bahnen
dulden  und  machen  ihnen,  sobald  sie  entstehen,  ruinöse  Tarifkriege,
  um  sie  auszukaufen.
Die  in  Chicago  erscheinende  „Illinois  Staats-Zeitung“  sagt
darüber  sehr  richtig:
Dieses  „ihnen  gehörende  Gebiet“  ist  dasjenige,  für  welches
sie  bei  der  Erbauung  ihrer  Bahn  den  ganzen  Verkehr  zu  besorgen ­
  gedachten.  Da  soll  ihnen  Niemand  in  die  Quere
kommen.  Den  Bau  einer  Konkurrenzbahn  nach  irgend  einem
der  Orte,  welche  bisher  in  ihrem  ausschliesslichen  Machtbereiche
lagen,  betrachten  sie  als  einen  Eingriff  in  ihre  landesherrlichen
Hoheitsrechte,  den  sie  dadurch  bestrafen,  dass  sie  den  Eindringling ­
  durch  Herabsetzung  der  Pahr-  und  Frachtpreise  auf
ein  Nichts  zu  ruiniren  suchen.  Von  den  Interessen  des  Publikums ­
  ist  dabei  gar  keine  Rede.  Hat  es  während  des  Krieges
zeitweiligen  Vortheil  von  den  niedrigen  Preisen,  so  ist  das
nur  ein  so  zweifelhafter  Gewinn,  wie  derjenige,  welchen  in  den
        <pb n="746" />
        733

Fehden  der  Landesherren  im  Mittelalter  die  „Unterthanen“
von  gelegentlichen  Beutezügen  hatten.  Er  wird  durch  nachherigen
  Schaden  mehr  als  aufgewogen.
Worin  bestand  denn  das  Wesen  der  unumschränkten  landesherrlichen ­
  Macht?  Der  Fürst  war  keineswegs  Eigenthümer
des  ganzen  Landes  oder  der  darauf  wohnenden  Menschen,
wohl  aber  konnte  er  durch  Auferlegung  blutsaugenscher  Steuern
ihnen  einen  grossen  Theil  ihres  Erwerbs  abnehmen.  Das  war
und  blieb  die  Hauptsache.  Die  blossen  äusserlichen  Kennzeichen
der  Hoheit,  Krone  und  Szepter,  Schwert  und  Reichsapfel,
waren  daneben  nur  unwesentliches  Spielzeug.  Wohlan,
unsere  Landesherren  begnügen  sich  mit  dem  Wesen
der  Macht  und  kümmern  sich  nicht  um  den  Schein.
Sie  heissen  nicht  Fürsten  oder  Herzoge,  sondern  schlechtweg
«Mister“,  aber  was  thut  das,  so  lange  sie  mehr  als  fürstliche
Macht  ausüben?  Wie  lange  und  vergeblich  bemüht  sich  nicht
Bismarck,  das  Tabaks-Monopol  einzuführen;  die  Pacific-Eisenbahn
  dagegen  führt  mit  einem  Federstrich  für  alle  Staaten  am
Stillen  Meere  ein  Zucker-Monopol  ein  und  zwingt  ihre  dortigen
«Unterthanen“,  für  den  von  Hawaii  zollfrei  eingeführten  Zucker
2  Cents  das  Pfund  mehr  zu  bezahlen,  als  wir  hier  für  den
aus  Cuba  eingeführten  verzollten  geben.  Dieselbe  Bahn  zerstört
durch  eine  einfache  Drehung  der  Frachttarif-Schraube  den
Absatz  von  Kurzwaaren,  Porzellanwaaren  u.  dgl.  von  Chicago
nach  der  Salzseestadt,  indem  sie  die  Frachtpreise  dorthin  be
deutend  höher  ansetzt,  als  die  nach  San  Francisco.  Jede  Bahn
hat  es  in  ihrer  Gewalt,  die  an  ihr  gelegenen  kleineren  Orte
^u  ruiniren,  sei  es  durch  willkürliche  Steigerung  der  Fracht
preise  für  Theilstrecken,  sei  es  durch  Verlegung  von  Stationen,
oder  Anlegung  von  Zweigbahnen,  durch  welche  jene  Orte
Entgangen  und  kaltgestellt  werden.  In  unserem  eigenen  Staate
Illinois  giebt  es  eine  Menge  solcher  kaltgestellter  Städtchen
und  Dörfer,  deren  Entwickelung  durch  Machtgebote  unserer
Landesherren  abgeschnitten  wurde.
Oie  Hoffnung,  dass  der  freie  Mitbewerb  der  Eisenbahnen
untereinander  diese  Uebel  beseitigen  werde,  hat  sich  längst
als  eine  trügerische  erwiesen.  Vorübergehende  Vor-
        <pb n="747" />
        734

th  eile  sind  Alles,  was  dieser  Mitbewerb  dem  Publikum  einträgt. ­
  Im  Uebrigen  fuhrt  die  Konkurrenz  in  stetigem  Fortschreiten ­
  zum  Monopol.  Sie  ist  ein  Wettkampf,  in  welchem
schliesslich  die  Schwächeren  vernichtet  werden  und  nur  die
Starken  übrig  bleiben.  Genau  so  geschah  es  im  Mittelalter,
wo  allmählich  die  kleinen  Winkel-Tyrannen  von  den  grossen
Landesherren  an  die  Wand  gedrückt  wurden,  dass  sie  quietschten
und  die  Grossen  dann  die  ganze  Staatsgewalt  ausübten.
Dass  der  übermüthigen  Willkürherrschaft  unserer  Landesherren ­
  nicht  durch  die  zersplitterten  Kräfte  der  Einzelstaaten,
sondern  nur  durch  die  gesammte  Nationalgewalt  mit  Erfolg
entgegen  getreten  werden  kann,  ist  nachgerade  auch  den  verblendetsten
  Anbetern  der  freien  Konkurrenz  klar  geworden.“
Die  Gesetzgebung  der  Einzelstaaten  schreitet,  wie  ich  in
dem  oben  erwähnten  Buche  mittheile,  gegen  die  Tarifwillkür
bereits  sehr  erfolgreich  ein,  und  die  Union  wird  mit  diesen
drei  Monopolen  schon  fertig  werden  —  aber  auch  mit  dem
Reichthum  an  sich!  ?
Indessen  auch  Europa  leidet  an  der  Entwickelung  zu
grosser  Reichthümer:  Zwei  Frankfurter  Rothschilds  haben  i88i
selbst  bei  Steuerveranlagung  sich  zu  9.348.000  Mark  Jahreseinkommen ­
  bekannt,  haben  also  sicherlich  nicht  weniger.
Wenn  sie  jeder  ihr  Einkommen  nicht  vermehren,  jeder  jährlich
eine  Million  ausgeben,  so  wird  jeder  nach  40  Jahren  400  Millionen
Mark  mehr  hinterlassen,  als  er  jetzt  hat.  —  Aehnliche  Vermögen ­
  „grosser  und  patriotischer“  Banquiers  giebt  es  eine
ganze  Anzahl  in  Europa  und  daneben  —  ein  tiefes  und  allgemeines ­
  Elend!  In  Amerika  giebt  es  neben  grossem  Reichthum
so  gut  wie  kein  Elend,  aber  einen  allgemeinen  und  wachsenden
Wohlstand.  Hier  ist  vorläufig  noch  Frieden  zwischen  Beiden
möglich.
Die  Umlaufsmittel  der  Union  sind  jetzt  geordnet,  aber
vielleicht  zu  reichlich.  Dieselbe  hat  das  chronische  Leiden,
dass  zuviel  Banknoten  umlaufen,  und  dadurch  die  Preise  hochgehalten ­
  werden.  Am  schlimmsten  war  dies  im  letzten  Jahre
des  Bürgerkrieges,  als  es  983  Millionen  Dollars  Papiermünzen,
(Noten  etc.),  jedoch  nur  im  Goldwerth  von  692  Millionen  Dol-
        <pb n="748" />
        735

lars,  gab,  i  Dollar  Papier  stand  70*4  Cents  Gold.  Auf  den
Kopf  der  Bevölkerung  kamen  28  2^  Dollars  Papiergeld.  Darunter ­
  waren  nur  289  Millionen  Dollars  Banknoten,  alles
Uebrige  war  Staatspapiergeld  verschiedener  Form,  worunter
432  Millionen  Dollars  Noten  der  Vereinigten  Staaten  „Greenbacks“. ­

Das  hat  sich  sehr  geändert.  Papiergeld  steht  dem  Golde
gleich,  das  Agio  ist  verschwunden,  die  Banknoten  sind  durch
bei  der  Unionsregierung  deponirte  Staatspapiere  gedeckt  und
ein  Theil  der  Greenbacks  ist  eingezogen.
Am  I.  Mai  1881  waren  699.281.583  Dollars  an  einlösbarem ­
  Papiergeld  ausstehend.  Am  nämlichen  Tage  waren
nach  der  Berechnung  des  Münzdirectors  520  Millionen  Dollars
Gold  und  172  Millionen  Silber  im  Lande.  Die  letztere  Summe
wächst  monatlich  um  2.000.000  Dollars.  Die  Gesammtsumme
der  Münze  und  des  Papier-Courant  beträgt  einschliesslich  der
39  Millionen  Silber-Certificate  1430  Millionen  Dollars,  nämlich;
1.  Mai  1881  Summe
Goldmünze  520.000.000  Dollars
Silbermünze  172.071.327
.  .  .  .  39*57.940
.  .  .  .  346.681.016  „
....  352.500.567
Total  .  1.430  510.850  Dollars
Silber-  und  Papiergeldes  vertheilt
In  Nationalbanken  In  Staatsbanken
*&amp;gt;4-547.^42|  10.102.130  Dollars
6.820.380  I
1.260.340  I  25.828.794  Dollars
70.561.296  I
30555075
Total  273379.519  223.744.933  44  930.924  Dollars
In  den  Sparbanken  befanden  sich  an  Goldmünzen,  Silber-Münzen,
  Silber  -  Certificaten  und  Vereinigten  Staaten  -  Noten
*7*072*6i8  Dollars.
Wenn  man  die  Summe  der  Goldmünzen  und  anderen

Silber-Certificate  .  .  .
Noten  der  Ver.  Staaten
National-Banknoten  .  .
Die  Summe  des  Gold-,
Sich  folgendermassen:
Im  Schatzamt
Goldmünzen  .  164.357.154
Silbermünzen  88.402.020
Silber  -  Certificate
  ...  _
Noten  d.  V.  St.  14.632.086
Nationalbank-Noten
  .  .  5.988.259
        <pb n="749" />
        736

Geldes  im  Schatzamt  und  in  den  Banken  von  den  Gesammtsummen
  in  der  ersten  Tabelle  abzieht,  so  erhält  man,  indem
man  von  den  Depositen  absieht,  die  in  den  Händen  des  Volkes
befindlichen  Summen  wie  folgt:
I,  Mai  1880.  Summe
Goldmünze  221.9Q2.874  Dollars
Silbermünze  76.848.927  „
Silber-Certificate  37.897.600  „
Ver.  Staaten-  und  National-Banknoten  334.643  393  „
Total  ....  871.382.794  Dollars,  ca.  17  D.  pro  Kopf.
Am  I.  Mai  hielten  das  Schatzamt  und  die  Banken  Gold
im  Betrage  von  298  Millionen  und  das  Volk  222  Millionen;
Silber  gab  es  im  Schatzamt  88  Millionen,  in  den  Banken  beinahe ­
  7  Millionen  und  in  den  Händen  des  Volkes  76  Millionen,
einschliesslich  54  Millionen  Dollars  Kleinsilbergeld.  An  Papiergeld, ­
  einschliesslich  der  Silber  -  Certificate,  besassen  die
Banken  und  das  Schatzamt  160  Millionen  und  das  Volk  die
grosse  Summe  von  572  Millionen.  Die  Nationalbank-Circulation
  beträgt  355  Millionen.
Die  Staatschuld  der  Union  betrug  in  1000  Dollars:

Jahr  abzügl.
Kassenbestand

Jahreszinsen ­


Schuld  per
Kopf  Doll.

Zinsen
per  Kopf

Bevölkerung ­

1000

i860
1865
1870
1875
1876
1877
1878
1879
1880
I.  Januar
1883

59.964
2.756.431
2.331.169
2.090.041
2.060.925
2.019.275
1.999.382
1.996.414
1.919.326
1.622  956

3-443
150.977
118.784
96.855
95.104
93.160
94.654
83.773
79.633
59.000

1.91
78.25
60.46
47.44
45.48
43.31
41.67
40.42
37.74
30.62

0.11
4  29
3.08
2.19
2.10
2.00
1.97
i.6q
1.56
i.i  I

31.443
35-228
38  558
44.060
45  316
46.624
47983
49-395
50.155
53-000

Das  Volk  der  Union  hat  sich  in  ehrenhaftester  Weise  besteuert,um ­
  seine  ungeheure  Kriegsschuld  von  2.756  Millionen  Dollars ­
  in  1867  auf  1*622  Millionen  Ende  1882  herabzutilgen.  Gleichzeitig ­
  hat  die  Union  die  hoch  verzinsliche  Schuld  in  niedrig
verzinsliche  convertirt.  Im  Jahre  1867  betrug  die  4-procentige
Schuld  17  Millionen,  5-procentige  198  Millionen,  6-procentige
1.543  Millionen,  7Vio-procentige  488  Millionen;  October  1882
        <pb n="750" />
        737

betrug  die  3-procentige  259,  die  3  '/g-procentige  155,  die  4-procentige
  738  Millionen,  die  4*  2-procentige  250  Millionen.
Letztere  werden  auch  convertirt.  Im  Oktober  1882  war  der
Cours  der  3-procentigen  102^  m,  der  4-procentigen  119'2.
Die  europäischen  Staaten  vermehren  dagegen  ihre  Schulden.
Angeblich  betrugen  um  188182  die  Staatsschulden  von  Frankreich ­
  30.997.000.000  Franken,  England  19.386.000.000,  Vereinigte ­
  Staaten  1882  ult.  8.115.000.000;  Oesterreich  -  Ungarn
11.450.000.000;  Spanien  ii.000.000;  Italien  10.660.000.000;
Russland  10.405.000.000;  Deutschland  6.790.000.000;  Holland
^.996.000.000;  Belgien  1.127.000.000  Franken.  Auf  die  Kopfzahl ­
  vertheilt,  schuldet  jeder  Kopf  in  Frankreich  859  Franken;
in  Grossbritannien  579;  in  Holland  524;  in  Spanien  376;  in
Italien  365;  in  Oesterreich  -  Ungarn  309;  in  den  Vereinigten
Staaten  153;  in  Belgien  211;  in  Deutschland  151;  in  Russland
*27  Franken.
Kautz  giebt  die  Schulden  aller  europäischen  Staaten  auf
46.000  Millionen  Gulden  an!  In  vierzehn  dieser  Staaten  sind
tlie  Staatsausgaben  von  1850—81  von  2400  auf  5000  Millionen
II«  gestiegen  ;  in  Oesterreich  Ungarn  von  320  auf  760  Millionen
II-  Die  Heeresausgaben  betragen  in  Russland  32,  Frankreich ­
  28,  Oesterreich-Ungarn  18  pCt.  der  Staatsausgaben,  mit
Marineausgaben  114  Millionen  fl.  Die  Zinsen  der  Staatsschulden
tier  meisten  europäischen  Staaten  nahmen  1861  26  pCt.,  1881
durchschnittlich  29  pCt.,  in  einzelnen  bis  40  pCt.  der  Ausgaben ­
  in  Anspruch,  so  42  pCt.  in  Oesterreich  -  Ungarn  und
Italien,  46  pCt.  in  Frankreich.
Von  der  Unionsschuld  waren  1880  bereits  645  Millionen
Dollars  in  der  Union  selbst  placirt,  davon  bei  Banken  als
Sicherheit  für  Notenausgabe  227  Millionen,  bei  Privaten  im
Staate  New-York  210  Millionen,  Massachusetts  45,  Pennsylvanian ­
  40,  Ohio  16,  Columbia  12,  Californien  ii,  Illinois
9  Millionen  Dollars.  Der  Rest  war  wohl  in  Europa  placirt.  Die
Union  scheint  Europa  noch  ca.  1000  Millionen  Dollars  geschuldet
2U  haben,  jedoch  vermindert  sich  der  Europa  zu  zahlende
Zinstribut  jährlich.
Zur  Unionsschuld  tritt  noch  jene  oben  ermittelte  der
47
        <pb n="751" />
        738

Staaten  und  localen  Verbände  mit  1.056.406.000  Dollars,  so
dass  auf  den  Steuerträgern  2678  Millionen  Dollars  Schulden
lasten,  gegen  3.199  im  Jahre  1870,  pro  Kopf  53  Dollars,  anstatt ­
  früher  83  Dollars;  der  Zinsfuss  der  Localschulden  ist
höher  als  jener  der  Unionsschuld,  wird  aber  auch  langsam
niedriger.  Die  Staaten  und  Territorien  haben  ihre  Schulden
um  69  Millionen  vermindert  und  werden  sich  ebenfalls  allmählig
  meist  schuldenfrei  machen.  Die  Städte,  welche  theilweise
eine  liederliche  Finanzwirthschaft  führen,  haben  allerdings  mehr
Schulden  gemacht.  In  Counties  und  Landgemeinden  werden
solche  nur  zu  productiven  Zwecken  gemacht.
Am  meisten  Schulden  hat  der  Staat  New-York,  218  Millionen; ­
  ihm  gehört  aber  auch  z.  B.  der  Eriecanal.  Die  Getreide-Staaten ­
  sind  in  folgender  Weise  mit  Schulden  belastet:
Pennsylvanien  114,  Missouri  57,  Ohio  48,  Illinois  45,  Tennessee ­
  37,  Indiana  18,  Californien  16,  Kansas  i'6,  Kentucky  14,
Wisconsin  i  i,Texasi  i,  Michigan  8,  Minnesota  8,  Nord-Carolina8,
Jowa  7,  Nebraska  7,  Dakota  0.9,  Oregon  0.8  Millionen  Dollars. ­
  —  Unsere  Concurrenzstaaten  im  Westen  sind  also  wenig
verschuldet;  daher  sind  die  Steuern  dort  gering.  —  Verschuldeter ­
  sind  durch  den  unglücklichen  Secessionskrieg  und  seine
Folgen  die  Südstaaten.  Die  Staatsschuld  Louisiana’s  betrug
42,  Virginien’s  42,  Georgia’s  19,  Alabama’s  14,  Süd-Carolina’s
13,  Arkansas’  7  Millionen  Dollars.  Die  Union  bezieht  keine
direkten  Steuern,  sondern  Zölle  und  Steuern  auf  Tabak  und
geistige  Getränke.  —  Für  die  Zwecke  der  Staaten  und  localen
Verwaltungen  wird  eine  Procentsteuer  vom  eingeschätzten
Capitalwerth  des  Vermögens  der  Einwohner  erhoben.
Das  Budget  der  Union  betrug  in  1000  Dollars  (s.  Tabelle
Seite  739).
Für  das  Fiskaljahr,  endend  30.  Juni  1884,  ist  der  Voranschlag, ­
  auf  Grund  der  bestehenden  Steuergesetze  in  der
Union,  415  Millionen  Dollars.  Die  Ausgaben  werden  veranschlagt ­
  auf:  Legislative  3.2  Millionen  Dollars,  Executive
18.6,  Justiz  0,4,  Diplomatie  1.3,  Militair  28.9,  Marine  23.4,
Indianer  6.7,  Pensionen  101.5,  öffentliche  Arbeiten  14.3  etc.
Summa  340  Millionen  Dollars,  Ueberschuss  74.7.  Für  das
        <pb n="752" />
        739

Ausgabe

Einnahme

Ë  C
Io  Ih'

5

S  &amp;lt;

1840
*850
i860
1862
1863
1864
1865
1866
1870
'875
1878
1880
1882

5.995
16.043
*7  977
|2i.385
23198
27.572
42.989
|4o.6i3
p  3-237
71.070
53.177
57.508
53.968

7.095  6
9  687  7
16.472!  II
389.173!  42
603.314  63
690.3911  85
1.030.690  122
283.154  43
57.655
41.120
32.154
38116
43.570

113
904
514
640
261
704
617

2.331
1.663
2  991
2.327
3152
2.629
5059

285  3  295

.780
•497
•365
536
032

3  407
8.384
4.629
5.945
9.736

2.603
1.866
I.IOO
852
1.078
4.985
16.347
15.605
28.340
29.456
27.137
56,777
61.345

174
3.782
3.144
13  190
24.729
53.685
77.395
133067
129.235
103.093
102.500
95.757
71.077

24
37
60
456
694
811
1.217
385
164
171
134
171
186

139
1651
056!
379|
004

13  499
39.668
53.187
49.054
69.056
283II102.316
704j|  84.928
954  179.046
421II194  538
529J157.167
463  130.170
885I186.522
000  220.410

1.682

1.795
39  125
110.216
210.664
310.200
185.128
110.007
110.581
124.009
146.497

19.480
43.592
56.054
51.919
112.094
243.412
322.031
519.949
395.959
284.020
257.763
333.526
403.525

Fiskaljahr,  endend  30.  Juni  1883,  ist  der  Ueberschuss  auf
44.4  Millionen  Dollars  veranschlagt.  Der  Finanzminister  empfiehlt ­
  also  Herabsetzung  der  Inlandssteuern  und  einiger  Schutzzölle, ­
  namentlich  auch  der  Zuckerzölle.  Dem  Europäer  wird
besonders  auffallen,  dass  die  Pensionen  so  enorme  Summen
beanspruchen  und  dass  sie  seit  1878  sich  so  sehr  steigern.
Man  lässt  dort  die  Invaliden  eben  nicht  betteln.  Die  Union
hat  überhaupt  schon  über  600  Millionen  Dollars  an  Pensionen
bezahlt,  davon  über  500  Millionen  Dollars  seit  1862.  Diese
Pensionen  werden  nur  an  Soldaten  und  Mariniers,  nicht  an
frühere  Beamte,  gezahlt.  Im  Jahre  1878  erhöhte  man  den
betrag  der  Einzelnpension  und  soeben  liegt  dem  Parlament
Gesetz,  behufs  abermaliger  Erhöhung  der  Pensionen,  vor.
b-s  gab  Juni  1881  =  268.830  Invaliden  mit  Pension  und
297.201  Personen  erheben  noch  Anspruch  auf  Pension.  Unter
Öen  Pensionären  waren  1881  auch  104.710  Wittwen  oder  Waisen
Von  Invaliden.  Wer  eine  Hand  verlor,  erhält  18  Dollars
Monatlich  und  soll,  nach  dem  neuen  Gesetzvorschlage  40  Dollars
  erhalten;  wer  einen  Arm  verlor,  empfangt  24  Dollars,  soll
empfangen  40  Dollars;  wer  einen  Fuss  verlor,  empfängt
*8  Dollars,  soll  40  empfangen;  wer  ein  Bein  verlor,  empfangt
24  Dollars,  soll  empfangen  40  Dollars,  wer  eine  Hand  und
47*
        <pb n="753" />
        740

einen  Fuss  verlor,  empfängt  36  Dollars,  soll  empfangen
40  Dollars  etc.  Die  Union  ist  friedfertig,  sucht  keinen
Krieg,  und  ist  grossmüthig  gegen  Jene,  die  für  sie  geblutet ­
  haben  und  fertigt  sie  nicht  mit  ungenügender  Pension
und  einem  Leierkasten  ab.  Das  ist  christliche  Politik.
Die  Voranschläge  für  Pensionen  betragen,  Jahr  endend  Juni
1884,  101  Millionen,  1885  150,  1886  100,  1887  75  Millionen ­
  Dollars.  Das  deutsche  Reich  hat  1864,  1866  und  1870
blutige  Kriege  gehabt,  gewiss  weit  mehr  Invaliden  als  die
Unión  und  giebt  pro  1882  netto  30  Millionen  Mark  oder
7V2  Millionen  Dollars  Invalidenpensionen,  dagegen  342  Millionen
Mark  =  85  V2  Millionen  Dollars  für  das  Heer  aus;  die  Union
ca.  TOO  Millionen  Dollars  für  Invalide  und  ca.  29  Millionen
Dollars  für  Militair.  —
Die  Ausgaben  vermindern  sich,  soweit  sie  nicht  zur
Schuldentilgung  gemacht  werden.
Die  Einnahmen  der  Union  und  die  Steuern  der  Staaten
und  aller  localen  Verbände  betrugen:
1870  1880
Union  395-9  Mill.  Doll.  3^0.7  Mill.  Doll.
Localverbände  und  Staaten  .  .  .  280.5  „  »  302.2  „  „
Summa  676.4  Mill.  Doll.  662.9  Mill.  Doll.
Pro  Kopf  17.5  V  "  13-2  V  »
Hiervon  wird  aber  eine  erhebliche  Summe  jährlich  zur
Schuldentilgung  verwandt.
In  den  Getreidestaaten  waren  1880:
Bevölkerung  Staats-  und  Local-Staat
  1000  Seelen  steuern  1000  Doll.

Ohio  .  .  .  3.198  35.756
Indiana  .  .  1978  12.343
Illinois  .  .  3.077  24.586
Michigan  .  .  1.636  8.627
Wisconsin  .  i.3'5  7  589
Jowa  .  .  .  1.624  11.061
Minnesota  780  4346
Missouri  .  .  2.168  10.269
Kansas  .  .  996  4-978
Nebraska  .  452  2.792
California  .  864  12.628
        <pb n="754" />
        741

Die  Steuern  berechnen  sich  in  absoluten  Zahlen,  Dollars
und  Cents,  von  je  looo  Dollars  Werth  des  zu  niedrig  eingeschätzten ­
  beweglichen  und  unbeweglichen  Vermögens.
Einkommensteuer  giebt  es  nicht.  Arbeiter  ohne  Grundbesitz
zahlen  Nichts.  Nur  in  einigen  Staaten  zahlt  jeder  erwachsene
Mann  jährlich  i  Dollar  Kopfsteuer  für  Schulzwecke.  Von
dem  zur  Steuer  eingeschätzten  Vermögen  wird  ein  Minimum
in  den  meisten  Staaten,  200  Dollars  oder  mehr,  steuerfrei  gelassen, ­
  also  nicht  in  die  Steuerliste  eingetragen.  Auch  wegen
Steuerschuld  darf  nicht  alles  Vermögen  exequirt  werden.
Das  wirkliche  Vermögen  der  Unionsbürger  ist  oben  auf
42.000  Millionen  Dollars  angegeben,  wovon  663  Millionen
Dollars  directe  und  indirecte  Abgaben  gezahlt  werden.  Zur
Steuer  eingeschätzt  sind  freilich  nur  16.903  Millionen  Dollars.

In  den  49  grössten  Industrieactiengesellschaften  der  Neu-GUglandstaaten
  betrug  die  Durchschnitts-Dividende  1880  ==8*8
  pCt.  Die  Eisen-  und  Stahlindustriellen  geben  16  pCt.  zu.
Die  Landwirthschaft  trägt  12,  die  Viehzucht  im  Westen  25  bis
33’  3  pCt.;  2100  Nationalbanken  hatten  1880  =  8  38  pCt.
Dividende.  Man  kann  gut  und  gern  das  Einkommen  aus  dem
Vermögen  in  der  Union  auf  10  pCt.  annehmen,  1000  Dollars
wirkliches  Vermögen  bringen  also  100  Dollars  Einkommen.
42.000  Millionen  Vermögen  würden  4200  Millionen  Dollars
Einkommen  daraus  bringen  und  die  directen  Steuern  mit  302
Millionen  Dollars  =  7  pCt.  zu  tragen  haben.  Dazu  kommen
indirecte  Auflagen  der  Union,  welche  theils  als  Luxussteuern
wirken,  wie  Spirituosen-,  Tabaksteuer  oder  Zoll.  Nach  der
T'arifreduction  des  Jahres  1883  werden  diese  indirecten  Steuern
^^hr  wesentlich  vermindert  werden,  so  dass  ihre  ziffermässige
^  Gststellung  unnütz  wäre.  Mit  Berücksichtigung  der  sich  schnell
Vermehrenden  Bevölkerung  wird  man  die  gesammte  Steuerlast
^nr  Zeit  auf  7  pCt.  von  Einkommen  aus  Vermögen  und  6  7
Dollars  indirecte  Steuern  pro  Kopf,  im  Ganzen  auf  etwa
ï  I  Dollars  pro  Kopf,  veranschlagen  können.
Zu  den  fundirten  Einkommen  mit  4200  M.  Dollars,  welches
in  Geschäften  werbende  Capital  bringt,  kommt  noch  das
Arbeitseinkommen  von  17.392.000  producirenden  Menschen,
        <pb n="755" />
        742

gering  veranschlagt  auf  300  Dollars  pro  Jahr  und  Person,
macht  5.217  Millionen  Dollars,  mit  dem  fundirten  zusammen
rund9.4oo  Millionen  Dollars,  wovon  die  Steuer  —  662  M.  Dollars
gerade  7  pCt.  macht.  Pro  Kopf  der  Bevölkerung  kommen  188
Dollars  Einkommen,  wovon  175  Dollars  steuerfreies  Einkommen
sind.  In  Preussen  soll  das  Einkommen  aus  allen  Quellen
nach  Soetbeer  1881  —-  8.228  Millionen  Mark  oder  308  Mark,
oder  76  Dollars  pro  Kopf  betragen  haben,  wovon  Reichs-,
Staats-,  Provinzial-,  Kreis-,  Gemeindesteuern  abgehen  in  mir
unbekannter  Höhe.

Hier  scheint  ein  Vergleich  mit  europäischen  Grossstaaten
am  Platze.  Es  betrug  im  Jahre  1882:

Staat

j  Bevölkerung
;  Millionen

Schuld
1  Mill.  Dollars

pro  Kopf  D.

j  Ausgabe
1  Mill.  Dollars

j  pro  Kopf  D

!  Export
;  Mill.  Dollars
1

j  pro  Kopf  D.

i  Import
1  Mill.  Dollars

1  pro  Kopf  D.

Union
Russland  ....
Deutschland
Oesterr.-Ungarn
Frankreich
England
Italien  ....

1  5«
1  82
;
37
35
28

1600
2081
«358
2287
6200
3843
2142

3«
25
30
60
267
110
83

257
469
492
358
547
4«5
383

50
5.7
10.9
9  4
«5.0
11.8
10.9

92  I
418
705
330
680
«432
225

18.0
5.0
«5  7
8.6
18.1
40.9
8.0

753
395
973
302
981
2056
244

«47
4.8
21.6
8.0
26.5
587
8.7

Sa.  Oesterr.  bis  Italien  .

«38

«4472jio5

«703

«2.3

2667

«9  3|  3583I26.0

Im  Jahre  1873.

Union  .  .  .  .
Russland  .  .  .
Deutschland  .  .
Oesterr.-Ungarn
Frankreich  .  .
England  .  .  .
Italien  .

2243
1223
1675
4681
3771
1977

53
16
45
130
ï  &amp;gt;5
73

286
270
25«
543
34«

6.8
3.4
7.0
«5.0
13.3
2771  10.2

522112

182
622
«77
964
1224
227

624jl5-«
221'  2.8

1064
163
9«5
1781
257

25.3
4.4
25.4
54.0
95

Sa.  Oesterr.  bis  Italien  .  ¡  133  12104I  9«  «4«9|  lo.ój  2592I  19.3  I  3116]  23.4
Der  wirthschaftliche  Aufschwung  Russlands
wachsender  Schuld  und  Ausgabe,  auffallend.  Dieses
Reich  und  Deutschland,  dessen  Finanzen  durch  die

ist,  trotz
unfertige
in  Frankreich

  gemachte  Kriegsbeute  exceptionell  gute  sind,  ziehe  ich
bei  Summirung  obiger  Posten  nicht  in  Betracht.  Cisleithaniens
Ausgabebudget  betrug  1875  382  Millionen  fl.,  pro  Kopf
18.8  fl.,  1883  =  491  Millionen  fl.,  pro  Kopf  23.4  fl.
        <pb n="756" />
        743

Da  ergeben  sich  nun  folgende  Unterschiede  zwischen  der
Union  und  den  vier  europäischen  Culturstaaten  :
Die  Bevölkerung  der  Union  vermehrt  sich  in  dieser  Zeit  um
ca.  21  pCt.,  die  Europa’s  um  ca.  4pCt.  ;  der  Export  der  Union  pro
Kopf  um  45  pCt.,  der  Europa's  bleibt  stationär;  der  Import  der
Union  pro  Kopf  sinkt  langsam,  da  die  Union  industriell  immer
unabhängiger  wird,  derjenige  Europa  s  steigt  um  n  pCt.  ;  da
dies  Land  mehr  Nahrungsmittel  von  überseeischen  Ländern
braucht.  Schuld  und  Staatsausgaben  der  Union  fallen,  die  von
Europa  steigen.  Wie  gross  die  Provinzial-,  Kreis-  und  Localsteuern ­
  und  Schulden  der  europäischen  Staaten  sind,  weiss
kein  Mensch,  allein  die  reinen  Staatssteuern  jener  4  europäischen ­
  Staaten  betragen  schon  mehr  pro  Kopf,  als  alle
Steuern  der  Unionsbürger,  jene  wachsen,  diese  vermindern
sich.  Wie  sehr  die  Entwickelung  der  Staaten  durch  die
Staatsfinanzen  beeinflusst  werden,  ergiebt  der  Vergleich  der
Union  mit  Canada.  Letzteres  Land  hat,  obschon  es  nördlicher
liegt,  doch  sehr  viele,  noch  unbenützte  natürliche  Hülfsquellen,
die  indess  nur  langsam  erschlossen  werden.  Warum?
Im  Jahre  Juni  1870/71  betrugen  die  ordentlichen  Ausgaben ­
  der  Union  283  Millionen  Dollars,  pro  Kopf  7.3  Dollars,
aber  davon  160  Millionen  für  Pensionen  an  Kriegsinvaliden
und  Zinsen  der  im  letzten  Kriege  gemachten  Staatsschulden.
Im  Jahre  1880  81  betrugen  jene  Ausgaben  311  Millionen
Dollars,  pro  Kopf  6  Dollars,  davon  für  Pensionen  und  Schulden
ï  32  Millionen  Dollars.
Die  Ausgaben,  mit  ihnen  die  Leistungen  der  Einze  nen
än  den  Staat,  vermindern  sich  also  in  der  Union,  und  da
I^ensionen,  durch  Sterben  der  Invaliden,  Schuldzinsen  dure
Tilgung,  einmal  aufhören  werden,  die  Einwanderung  wächst,
das  ordentliche  Verwaltungsbudget  aber  nicht  in  dem  Maasse,
so  müssen  die  Leistungen  der  Unionsbürger  an  den  Staat
jährlich  geringere  werden.
Die  Unionsschuld  betrug  1871  pro  Kopf  63  D.,  ihr  Zins  3.*
„  „  „  1881  „  „  33  ,,  "  &amp;gt;»  "
Canada  hat  keinen  Krieg  gehabt.
Die  Staatseinnahmen  aus  Accise,  Zoll  und  Stempel  betrugen
        <pb n="757" />
        744

1871  17-7  Millionen-  Dollars,  pro  Kopf  4.9  Dollars,  die  Gesammt-Ausgaben
  24.7  Millionen  Dollars,  6.8  Dollars  pro  Kopf,
die  Schuldzinsen  und  Verwaltung  5.5  Millionen  Dollars,  die
Schulden  115.4  Millionen,  Investirungen  37.7  Millionen,  Nettoschulden ­
  77-7  Millionen,  pro  Kopf  21  Dollars.
Im  Jahre  1881  betrugen  die  obigen  Einnahmen  23.9  Millionen ­
  Dollars,  pro  Kopf  5.4  Dollars,  die  Gesammt-Ausgaben
48.2  Millionen  Dollars,  ii  Dollars  pro  Kopf;  die  Schuldzinsen
und  Verwaltung  7.8  Millionen  Dollars,  die  Schulden  199.8
Millionen,  In  vestirungen  44.4  Millionen,  Nettoschulden  155.4
Millionen,  pro  Kopf  35  Dollars.  Die  Abgaben  für  locale
Verwaltungsbezirke  fehlen  in  der  offiziellen  Statistik.  Dieser
rückläufige  Gang  der  Verhältnisse  in  Canada  verhindert  die
schnelle  Besiedelung.  Während  die  Unionssbevölkerung  sich
1870  80  von  38.5  auf  50.1  Millionen  Einwohner  vermehrte,
that  es  die  Canada’s  von  1871—81  nur  von  3,6  auf  4.4  Millionen ­
  Einwohner.  Es  wandern  Viele  nach  Canada  von  Europa.
Aber  von  Canada  wandern  Mehrere  nach  den  Vereinigten
Staaten,  als  von  diesen  nach  Canada.  Aus  dem  Lande  mit
sinkender  Steuer  und  Schuld  wandert  man  nicht  nach  jenem
mit  steigender  Steuer  und  Schuld,  sondern  umgekehrt.
Ein  merkwürdiges  Gesetz  findet  in  obiger  Tabelle  seinen
Ausdruck:  Die  Völker  und  das  Capital  wandern  nach  Westen
und  Süden!  Seit  der  Völkerwanderung  thun  es  die  Völker.
Die  Sachsen  zogen  gerade  so,  Familie  nach  Familie,  schiffsladungsweise, ­
  nach  England,  wie  die  Deutschen,  Skandinavier
und  Engländer  jetzt  nach  Amerika,  und  drüber  hinaus  schon
nach  Australien.  So  sind  von  1820—82  ult.  über  lo’/^  Millionen ­
  Europäer  in  Amerika  eingewandert,  was  gewiss  eine
Völkerwanderung  zu  nennen  ist,  darunter  über  31/3  Millionen
Deutsche  und  ca.  [  2  Million  Skandinavier.
Dieselbe  Wanderung  macht  nun  das  Capital.  Es  folgt
den  Cimbern,  Teutonen,  Gothen,  Vandalen,  Longobarden,
Franken,  Sachsen,  Normannen,  Skandinaviern,  Deutschen  und
verleiht  sich,  als  der  venetianische  Handel  stockt,  an  die  aufstrebende ­
  holländische  Rhederei.  Die  Genuesen  borgen
Ludwig  XIV.  und  helfen  ihm  eine  Industrie  in  Frankreich
        <pb n="758" />
        745

schaffen.  Die  Nürnberger  und  Augsburger  exportiren  nach
Entdeckung  des  Weges  um’s  Cap  Capital  nach  Lissabon.  Die
nördlichen  Hansastädte  verliehen  Capital  in  die  Manufacturen
von  Belgien,  Holland  und  England.  Die  Holländer  gründen
niit  ihrem  Gelde  unter  Wilhelm  dem  Oranier  die  englische
Bank  und  schaffen  sich  einen  übermächtigen  Handelsrivalen.
Jetzt  tragen  Franzosen  Geld  nach  Canada  und  bauen  damit
die  Canada-Pacific-Bahn  und  Zuckerfabriken,  die  Holländer
haben  Grossgrundbesitz  in  New  Mexico,  und  englisches  und
deutsches  Geld  liegt  in  amerikanischen  Staats-  und  Eisenbahnpapieren. ­
  Das  Mittel,  dieses  östliche  Capital  herbei  zu  ziehen,
ist  der  angebotene  hohe  Zins  in  einem  Lande,  in  dem  die
sämmtlichen  Nationalbanken,  1870  ihrer  1.601,  1881  =  2.100,
folgende  Dividenden  in  diesen  Jahren  von  ihrem  Capital  abwarfen ­
  :  I  o*  12—I  o*  14—10*19—10*31  —990—989—942—8*93
-—7*80—7  60—8*02—8  38  pCt.  Man  sieht  aber,  dass  die  Dividende ­
  des  Bankkapitals  allmählich  fällt,  und  so  sinkt  der
Zinsfuss  im  Lande,  je  mehr  es  sich  mit  Capital  sättigt.  Je
ntehr  dies  aber  der  Fall  ist,  desto  konkurrenzfähiger  wird
dessen  Industrie  und  Ackerbau,  umsomehr  als  auch  die  Löhne
sinken.
Die  durchschnittlichen  Monatslöhne  der  Landarbeiter  ohne
Eost,  1872,  78  und  81  aber  mit  Kost,  betrugen  in  Gold  =
Dollars.

1866

1869

1872

1878

1879

1881

1882

"  Oststaaten  .  .
”  «  Mittelstaaten
"  «  Südstaaten  .  .
:  :

33.30
30.07
16.00
28.91
35-75

32.08
28.02
17.21
27.01
46.38

23.09

15.73

20.21
19.69
13.3:
20.38
41.00

18.00

26.61
22.24
»5-30
33.63
38.25

Diese  Löhne  sind  zwar  etwas  seit  1879  gestiegen,  gegen
1866/69  aber  gefallen.
In  den  Südstaaten  ist  die  Negerarbeit  preisdrückend.  Die
starke  Besiedelung  neuen  Landes  hebt  1882  die  Löhne,  ausser
Californien,  wo  das  Landmonopol  Einzelner  diese  Besiedelung
  verhindert.
        <pb n="759" />
        746

In  der  Industrie  hat  sich  folgende  Lohn-  und  Preisbe-,eeung
  in  dem  Hauptindustriestaat  Massachussetts  vollsogen.
Diese  und  manche  andere  Zahlen  danke  ich  Mr.  Wnght  dem
usgezeichneten  Director  des  Bureau  fur  Arheitsstattsttk  des
itaates  Massachussets  —  warum  hat  kein  europäischer  taa
lin  solches  Bureau?  Kr  hat  doch  so  viele  Excellenzen,  Ge-!
  M  raff»  R  3  f  II  ?  L

Durchschnittswochenlohn  in  Gnld  Dollars.

Beschäftigung;.

Schmiede
Schuhmacher
Schuhmaschinennäherinnen  .

Zimmerleute
Maurer  •  •
Handlanger
Tischler
Polsterer  •  •
Frauen-Polsterer  .  .  -
Färber
Maschinennäherinnen  i.  Fahr.

^  zu  Hause
Schneiderinnen  für  Costume
zu  Hause
Baumwollspinnerinnen
„  Spinner  .  .  .
„  Weber  .  .  .
Glasblaser
Gerber
Eisengiessereiformer  .  .
„  Maschinisten
„  Polirer
Arbeiter  .

Druckerei  -Tagelohn  -  Setzer

Drucker  ,  .  .  •
Zeitungssetzer  .  .
Buchsetzer  .  .  .
„  Setzerinnen
Wollenfärber  .  .
„  Spinner  .  .
„  Spinnerinnen
„  Weber  .  .
Weberinnen

i860  1872
g.30  16.44
10.33  14  66
8.25  8.89
9.92  14.66
11.45  21.33
7.12  12.22
10.56  14.66
10.90  14.66
6.00  6.07
6.00  9  93
553  ’o.8i
4  00  —
5  58  —
—  6.30
6.33  10  70
4.44  —
—  8.89
6.83  10.41
9.50  14.67
9.64  14.40
8.00  —
6.00  8.53
10.19  —
9.95  14  44
14.83  25.77
10.28  15  23
5.42  7:1
5.72  795
6.79  920
4  75
7.50  —
5.25  —

1878  1881
13.75  16.38
8.00  12.21
7.33  7.81
11.33  1264
13.37  1404
8.13  8.60
11,03  12.00
11  ^42  12.00
7.00  6.00
7.50  6.60
5.92  947
3  46  5  42
6.90  8.54
4.00  8.52
7.41  10.09
5.90  5-^5
12.00  12.00
8.00  8.74
1  2  30  16.40
13.05  1  7  09
9  75
7.27  9.15
14.12  16.00
12.60  14.55
18.28  20.00
12.87  13.1i”
7.22  9.””
6,66  7  81
7.64  9  ”5
6.15  6.18
9.50  8.53
6.95  7.45
        <pb n="760" />
        747

Gegen  i860  sind  die  Löhne  allgemein  höhere.  Gegen
1872  meist  niedrigere,  theilweise,  ausnahmsweise  etwas  höhere.
Die  Arbeiter  sind,  wie  ich  das  in  meinem  Buche  über
sociale  Gesetze  nachgewiesen  habe,  schon  seit  Ende  der  zwanziger
  Jahre  in  Organisation  zum  Schutze  ihrer  Interessen.  Zur
Zeit  übt  der  Orden  der  „Knights  of  Labor“  einen  bedeutenden
Einfluss  unter  den  Industriearbeitern  —  neben  dem  irischer
geheimer  Gesellschaften,  die  auch  in  Amerika  Verbrechen
begingen,  aber  hart  gestraft  wurden.  Jener  Orden  wurde  vor
ungefähr  zwölf  Jahren  als  ein  Geheimbund  gegründet.  Derselbe ­
  hat  locale  und  District-Organisationen,  Assemblies  genannt,
und  eine  nationale  oder  General-Assembly  als  Centralkörper.
Bis  jetzt  sind  1890  locale  Assemblies  in  27  Districten  gegründet
worden,  aber  obgleich  die  jüngste  Organisation  die  Zahl  1890
bestehen  doch  nur  345  Assemblies,  da  die  Nummern
der  eingegangenen  Organisationen  beibehalten  werden.  Die
grosse  Zahl  der  eingegangenen  Assemblies  erklärt  sich  daraus,
dass  bei  Lohnstreitigkeiten  etc.  die  Arbeiter  geneigt  sind,  sich
zu  organisiren,  ihr  Interesse  aber  sehr  bald  abstirbt,  sobald
wieder  Ruhe  eingetreten  ist;  ferner  verlangt  eine  grosse  Zahl
Womöglich  sofort  directe  Vortheile,  höhere  Löhne  etc.  zu  sehen
Und  tritt  sehr  bald  wieder  aus,  wenn  solche  Hoffnungen  sich
nicht  erfüllen.  Immerhin  haben  aber  die  „Knights  of  Labor“
in  den  zwölf  Jahren  ihres  Bestehens  es  zu  einer  ansehnlichen
Organisation,  welche  sich  über  die  ganzen  Ver.  Staaten  erstreckt,
gebracht  und  wenn  auch  die  Zahl  der  Mitglieder  sehr  verschieden ­
  angegeben  wird,  unterliegt  es  doch  keinem  Zweifel,
^äss  sie  eine  sehr  bedeutende  sein  muss.  Die  Hauptpunkte
ihrer  Plattform  sind:  i)  „Die  Aufhebung  aller  Gesetze,  welche
Capital  und  Arbeit  nicht  gleichmässig  berühren.  2)  Die  Einführung ­
  von  Schiedsgerichten  an  Stelle  der  Strikes.  3)  Aufhebung ­
  der  Kinderarbeit.  4)  Gleiche  Bezahlung  für  gleiche
Lieferung  an  beide  Geschlechter.  5)  Reduction  der  Arbeitszeit ­
  auf  8  Stunden.  6)  Einführung  eines  nationalen  Circuiationsmittels,
  das  direct  vom  Volk  ohne  die  Vermittelung  von
Bank-Corporationen  ausgegeben  werden  und  in  allen  Zahlungen ­
  ein  gesetzliches  Zahlungsmittel  sein  soll.  7)  Errichtung
        <pb n="761" />
        748

cooperativer  Institute  für  Production  und  Vertheilung.  8)  Reservirung
  der  öffentlichen  Ländereien  für  den  wirklichen  Ansiedler. ­
  Kein  Land  mehr  für  Eisenbahnen  und  andere  Corporationen.“

Es  ist  Aussicht,  dass  der  Streit  zwischen  Capital  und
Arbeit  noch  lange  ohne  eine  ernste  Revolution  —  ausser  in
Californien  etwa  —  durch  eine,  berechtigte  Wünsche  berücksichtigende ­
  Gesetzgebung,  wie  sie  bisher  stattfand  —  verlaufen
wird,  da  die  Arbeiter  volle  Freiheit  und  das  Wahlrecht  haben
und  zu  gebrauchen  verstehen.
Ich  lasse  hier  die  Löhne  in  verschiedenen  Staaten  aus
jenem  Jahre  folgen,  in  welchem  ich  sie  bereiste.  Sie  sind
steigend  von  den  Süd-  zu  den  Oststaaten,  von  diesen  zu  den
Weststaaten,  von  denen  zu  Californien  und  den  neuesten  Territorien, ­
  die  von  der  Einwanderung  am  wenigsten  begünstigt
werden.  Alle  Löhne  sind  in  den  Industriestaaten,  trotz  des
hohen  Schutzzolles  niedriger  als  in  denjenigen  Ackerbaustaaten,
in  welchen  keine  Negerarbeit  existirt.  Dies  illustrirt  gut  die
Wirkung  des  gemeinen,  nicht  socialen  Schutzzolles.  Also  befruchtet ­
  dieser  Schutzzoll  nicht  die  Landwirthschaft  durch
Erzeugung  grösserer  Consumkraft  der  Industriearbeiter  (siehe
Tabelle  Seite  749).
Für  alle  Industriearbeiter  der  Union  geben  die  Censusaufnahmen
  1850  =  247,  i860  =  290  Dollars  Lohn  per  Kopf
an,  jedoch  ohne  Angabe  der  Zahl  von  Frauen  und  Kindern.
Diese  sind  von  1870  ab  gesondert  als  Zahl,  nicht  als  Lohnempfänger, ­
  aufgeführt.  Es  gab  1870  —  114.628  Kinder,
323.770  Frauen  und  1.615.598  Männer  als  Arbeiter  und  Vorarbeiter ­
  in  der  Industrie.  Man  kann  wohl  rechnen,  dass
3  Frauen  soviel  Lohn  erhalten  als  2  Männer  und  3  Kinder
unter  16  Jahren  soviel  als  i  Mann.  So  erhalten  wir  1.869.657
Normalmänner.  Im  Jahre  1880  gab  es  181.918  Kinder,  53^  753
Frauen  und  2.025.279  Männer,  oder  2.440.000  Normalarbeiter.
Erstere  erhielten  775.584.000  Dollars  Lohn.  Allein  das  Durchschnittsagio ­
  des  Goldes  war  damals  25-3  pCt.,  also  reducirt
sich  dieser  Lohn  auf  619.061.000  Dollars  Gold.  Das  macht
253  Dollars  Durchschnittsjahreslohn.  Im  Jahre  1880  stand  das
        <pb n="762" />
        749

Arbeitslöhne  im  Jahre  1881.

Staaten

I'  Land  a
!l  Monats-!
  lohn

rbeiter  |
Tagelohn-  ,
Erntearb.

Maine
Massachuss.
New-York
Pennsylvania
Virginia
S.-Carolina
Georgia
Florida
Louisiana
Texas
Kentucky
Ohio
Michigan
Indiana
Illinois
M^isconsin
Minnesota
Jowa
Missouri
Kansas
Nebraska
Galifornien
Oakota
Montana

Ijohne
'¡Kost

I  20.62
I25.30
22.13
122.47
'  12.66
I  IO  43
112.46
;  15.73
117.46
;  19.I  I
;  16.61
Í  22.30
¡24.59
21.15
;  23.53
1*3.76
26.26
24.36
19.53
22.49
24.44
,  38.00
'  30.18
I45.00I
I

mit
Kost

6

U
E

12.80
15.44
13.81
13.80
8.43
7.95
8.47
9.26
12.26
13.31
11.19
14.66
16.58
14.52
16.25
15.87
16.44
16.38
13.34
14.06
14.53
25.67
19.55
30.50

1.69
1.62
1.74
1.47
1  23
0.93
1.08
1.00
1.19
1.32
1.42
1.79
2.24
1.94
1.94
2.06
2.82
2.10
1.61
1.63
2.01
2.21
2.53
2.67

1.33:1
i.i8¡
0.98
0.78;
0.86;
0.76
0.88:1
0.97
I.Il
I.30I
1.75'
1.571
1.59
1.67
2.29
1.69
1.26
1.22
1.51
1.77
2.15
2.25

T  a  g  e  1  o  h  n

Zimmerleute ­


Schmiede

Maschinen ­
 ­


Schuhmacher ­


2.00
2.04
2.06
1.78
1.73
1.65
1.89
2.02
2.31
2.31
1.88
2.01
2.07
1.98
2.20
2,22
2.34
2.21
2.06
1.86
2.22
3.28
2.72
4.00

1.90
2.21
1.59
1.70
1.68
1.77
1.86
2.01
2.53
2.63
1.80
1.92
1.98
1.96
2.08
2.03
2.13
2.13
1.96
2.04
2.21
3.19
3.00
3.62

2.15
2.30
2.10
193
1.83
1.87
2.28
2.43
2.75
3  10
2.22
2.27
2.31
2.29
2.37
2.46
2.59
2.34
2.33
2.37
2.58
3.69
3.58
4.12

1.76
1.81
171
1.46
1.25
1.46
1.61
1.85
2.03
2.20
1.64
1.68
1.81
1.70
1.80
1.73
1.86
1.85
1.75
1.82
1.98
2.6t
2.00
3.25

Umlaufsmittel  Pari,  und  der  Gesammtlohn  betrug  947.919.000
Dollars  Gold,  der  Durchschnittsjahreslohn  für  den  Normal-^annarbeiter

  also  388  Dollars.  Er  war  also  erheblich  höher  als
^^70,  wenn  auch  niedriger  als  1872—73,  in  der  Zeit  des  Aufschwunges, ­
  wo  übrigens  das  Agio  io8*/2—113'/^  stand,  wonach
diese  Löhne,  wie  weiterhin  die  Lebensmittelpreise,  sich  Jeder
i'Gduciren  möge.

Für  die  ganze  Union  darf  man  die  volle  Pension,  Wohnung
^ad  Kost  eines  Mannes  auf  nicht  mehr  als  4  Dollars  wöchentlich,
i’und,  nebst  Wäsche,  Ausbesserung  der  Kleider  und  kleine,
nothwendige  Ausgaben,  ohne  Getränke,  Tabak  und  Kleidung,
auf  250  Dollar  annehmen.  So  blieb  1880  ein  Nettoüberschuss
Von  138  Dollars  per  Jahr,  wovon,  bei  zweckmässiger  Einrichtung ­
  und  Ordnungssinn  38  Dollar  für  Kleidung  reichen.
        <pb n="763" />
        Die  capitalbildende  Kraft  der  Industriearbeiter  kann  also  um
1880  auf  rund  100  Dollar  per  Jahr  angenommen  werden.
In  Verfolg  einer  vom  Bundes-Senat  der  Vereinigten  Staaten
am  21.  December  1881  angenommenen  Resolution  hat  der  Chef
des  statistischen  Bureaus  zu  Washington,  Joseph  Nimmo,  der
genannten  Körperschaft  nunmehr  einen  Bericht  über  die
Lohnverhältnisse  der  Industrie-Arbeiter  in  der  Union  vorgelegt. ­
  Es  heisst  darin,  dass  in  der  Eisenfabrikations  -  Branche
gute  Arbeiter  sowohl  auf  Tag-  wie  auf  Stückarbeit  gegenwärtig ­
  in  den  Vereinigten  Staaten  dreimal  oder  doch  nahezu
dreimal  so  viel  verdienen  können  als  in  England.  Die  Löhne
für  Arbeiter  in  der  Baumwollspinnerei-Branche  stellen  sich
gegenwärtig  durchschnittlich  um  62  Percent  höher  als  in
England,  für  Gerber  um  13'/,  Percent  höher  als  in  letztgenanntem ­
  Lande,  um  54'/2  Percent  höher  als  in  Frankreich
und  um  gy'/g  Percent  höher  als  in  Deutschland;  für  Lederzurichter ­
  um  35'/4  Percent  höher  als  in  England,  um  66^  3  Percent ­
  höher  als  in  Frankreich  und  sogar  um  95^.4  Percent
höher  als  in  Deutschland.  Nach  einer  weiteren  Angabe  stellten
sich  die  Löhne  in  der  Seidenfabrikations-Branche  in  den  Vereinigten ­
  Staaten  gut  zweimal  so  hoch  als  in  England,  dreimal
so  hoch  wie  in  Frankreich  und  Deutschland  und  viermal  so
hoch  als  in  Italien.
Es  ist  ganz  klar,  dass  die  Arbeiter  dem  höheren  Lohne

folgen,  wie  das  Capital  dem  höheren  Zinse.
Um  aber  auch  den  Reallohn  der  amerikanischen  Arbeiter
kennen  zu  lernen,  lasse  ich  hier  Angaben  über  die  Kaufkraft
des  Geldes  und  Productenpreise  folgen,  und  zwar  sowohl  die
Preise  im  Klein-  als  im  Grosshandel;  erstere  sind  Durchschnittspreise ­
  aus  vielen  Orten  von  Massachusetts,  letztere  von
Boston.
Durchschnittsdetailpreise  in  Massachussetts  in  Cents.
Maas  Gegenstand  iH6o  1872  1878  1881
196  Ibs.  Weizenmehl  7H  ‘^75  7‘&amp;gt;^’
Ib,  Maismehl  ^  ^  ^
„  Stockfisch  3V4  ^  U  ^  7
Quart  Bohnen  *  U
Ib.  Ülongthee  54%  ^9  60  /,  5»
        <pb n="764" />
        75:

Maas
lb.
Gallone
lb.

Bushel
Quart
Dutzend
Tonne
Cord
Yard

Paar
Monat
Woche

Gegenstand
Kaffeezucker  ....
Syrup
Roastbeef
Rindssuppenfleisch  .  .
Cornedbeef  ....
Kalbskeule  ....
Kalbsvorderviertel  .  .
Kalbscotelette  .  .  .
Hammelvorderviertel  .
Hammelkeule
Hammelcotelette
Schweinefleisch  .
Schweinepökelfleisch  .
geräucherten  Schinken
Schweineschultercorned
Schweineschmalz  .  .
Butter
Käse
Kartoffeln  ....
Milch
Eier
Steinkohle  ....
hartes  Holz  ....
weiches  Holz  .  .  .
Shirting  4'4  braun  .  .
Shirting  4.4  gebleicht
gedruckter  Kattun  .  .
Mannsschuhe,  schwere
Miethe,  4  Räume  .  .
Pension  für  einen  Mann
Pension  für  eine  Frau

i860  1872
9  10V2
50%  70
II  19
4^/4  7V,
6V2  lo'/z
II  17
l'U  10%
14  28V4
7'/2  Io'/4
I2'/j  19
I3'/4  15%
II  12V2
II  II
13  »3'/,
8V4  lo'i
i3'/4  14%
2i'*/4  39  V4
13V4  '7'4
59  «02
4%  8
20'/4  30
640  925
649  IOI2V2
442  700
9V4  «3
10%  16
II  II  ^/4
275  394
445  «475
279  562
«79  375

Ibs.

Quart
Ibs.
Gallonen
Ibs.

Für  einen  Dollar  konnte  man  kaufen

Weizenmehl  25.6  18.1
Maismehl  45  4  55.5
Stockfisch  18.8  12.2
Bohnen  12.6  10.5
Zucker  10.9  95
Syrup  I.Q7  «43
Roastbeef  .  92  5.2
Suppenfleisch  20.8  13  3
Cornedbeef  15  3  95
Kalbfleischvorderviertel  ....  13  7  9  5
Hammelvorderviertel  13  5  9.8

1878
9V2
57%
«4%
5'/4
8
«5'4
IO*/4
20
I0V4
«7%
18'/,
10
9%
«2%
9V4
«0%
25%
«2%
97%
5%
25
645
674
504
7%
9V2
7%
324
555
4«9
263

22.7
47.6
16.6
12.0
10.6
«74
6.9
18.8
«2.3
9.8
9.7

1881
10
66'/,
«7
5%
10'/4
«5^4
11%
20
I1V3
16/'4
I  8  '/5
«3
«3%
«5%
12
«4^/4
34%
«7V2
«25^/4
6
32%
783%
896^/4
709
8%
II
7^/4
3«8^4
799
475
300
«9.7
32.0
«3.3
7.5
lO.O
1.5«
5.8
18.1
9.7
8.5
8.8
        <pb n="765" />
        752

Maas  Gegenstand
Ib.  Schweinefleisch
„  Schweinepökelfleisch  .  .  .
„  Schinken  geräuchert  .  .  .
„  Schmalz
„  Butter
„  Käse
Bushels  Kartoffeln
Quart  Milch
Dutzend  Eier
Ibs.  Kohle
Yard  Shirting  gebleicht  .  .  .
Tage  Miethe,  4  Räume  ....
„  Mannspension
„  Frauenpension

i860  1872  1878
9.2  8.0  lO.O
9.0  9-0  &amp;gt;0-3
7.7  7.4  *0
7-5  7.«  9  3
4-5  2.5  3.9
7.5  5.7  8  :
1.6  0.9  i.o
21.2  12.5  18.8
4  9  3  3  4.0
312  217  310
9.2  6.2  10.6
6.7s  2.03  5.40
2.51  1.24  1.67
3.92  I  87  2.63

1881
7.6
7.5
6.5
6.7
2.8
5  7
0.8
16.6
30
255
9.»
3  75
&amp;gt;.47
2.33

Im  Jahre  1881  konnte  ein  Landarbeiter  in  den  verschiedenen ­
  Staaten,  die  ich  aufzähle,  also,  wenn  er  sich  vom
Arbeitgeber  behausen  und  beköstigen  Hess,  von  7.95  (Negerlohn ­
  in  S.-Carolina)  bis  30.50  Dollars  (in  Montana)  Monatslohn ­
  für  Kleidung  und  Ersparniss  verdienen.  In  den  Ackerbaustaaten ­
  Ohio,  Michigan,  Indiana,  Illinois,  Wisconsin,  Minnesota, ­
  Jowa,  Nebraska,  Dakota  betrug  der  Durchschnittsmonatslohn ­
  eines  Mannes,  der  Kost,  Wohnung  und  Wäsche  erhielt,
ausserdem  in  Goldgeld  16.09  Dollars,  der  Jahreslohn  also
193  Dollars.  —  Davon  kann  ein  sparsamer  Mann  gut  und
gern  150  Dollars  im  Jahre  sparen.

Um  eine  Farm  auf  einer  Heimstätte  von  160  Acres  zu
erwerben,  braucht  ein  Mann  z.  B.  in  Minnesota  14  Dollars
Einschreibegebühren,  für  Hausgeräth,  Ofen,  Koch-  und  Tischgeschirr, ­
  Stühle,  2  Bettstellen,  einen  Tisch  40  Dollars,  Betten
30  Dollars,  ein  Joch  Ochsen  125  Dollars,  einen  Pflug  23  Dollars, ­
  Wagen  75  Dollars,  kleines  Handwerkzeug  und  einige
Schweine  50  Dollars,  eine  Kuh  40  Dollars,  Brennmaterial  und
Lebensmittel  für  i  Jahr,  wobei  gerechnet  ist,  dass  er  im  Frühjahr ­
  sich  ansiedelt  und  schon  Kartoffeln,  Gemüse,  Mais  baut,
ca.  100  Dollars,  für  Haus  und  Stall  300  Dollars,  Saatgetreide ­
  für  das  nächste  Frühjahr  100  Dollars,  Summa
897  Dollars.  Mit  einem  Vermögen  von  1000  Dollars  kann
er  sich  also,  gesunde  Arbeitskraft  vorausgesetzt,  selbstständig
        <pb n="766" />
        48

"çrv

753
machen,  und  dies  Capital  kann  er  als  Landarbeiter  in  6
bis  7  Jahren  ersparen.  Dies  thun  in  der  That  sehr  viele
Arbeiter,  die  ganz  mittellos  hinüberkommen.  Ein  Dienstmädchen ­
  erhält  von  12—30  Dollars  Monatslohn,  nebst  Kost,
kann  also  auch  sparen.  Zwei  solche  Leute,  die  mittellos  ankommen, ­
  können  nach  4—5  Jahren  sich  verheirathen  und  eine
Bauernfamilie  gründen.
In  Massachussetts  konnte  1881  ein  Mann,  der  Wohnung,
und  Kost  (sehr  gute,  3  Mal  Fleisch  täglich)  in  Pension  nahm,  für
Kleidung  und  Ersparnisse  wöchentlich  erübrigen:  Der  Schmied
7  63  Dollars,  Schuhmacher  7.46,  Zimmermann  7.89,  Maurer
9  29,  Handlanger  3.85,  Tischler  7.25,  Polsterer  7.25,  Färber
••85,  Raum  Wollspinner  5.24,  Weber  i.io,  Glasbläser  7.25,
Gerber  3.99,  Former  11.65,  Maschinist  12.24,  Polierer  3.89,
Eisenfabriks-Handarbeiter  4.40,  Taglohnsetzer  11.25,  Drucker
9  80,  Zeitungssetzer  15.25,  Buchsetzer  8.25,  Wollenfarber  3.06,
Spinner  4.30,  Weber  3.78;  weibliche  Personen:  Schuhmaschinenuäherin
  4.81,  Polstererin  3.00,  Maschinennäherin  (Weisszeug)
in  der  Fabrik  6.47,  zu  Hause  2.42,  Costümeschneiderin  in  der
Fabrik  5.54,  Baumwollspinnerin  5.52,  Buchsetzerin  6.00,  Wollspinnerin ­
  3.18  Dollars.
Aus  dieser  Tabelle  geht  schlagend  hervor,  dass  die  Ar-Beit
  in  Amerika  über  den  sehr  reichlich  bemessenen  Unterhalt ­
  an  Wohnung  und  Kost  hinaus  noch  mehr  capitalbildende
Kraft  hat,  als  in  den  best  gezahlten  Ländern  Euro  pas  durchschnittlich ­
  die  Arbeit  Lohn!  Für  Kleidung  sind  jene  Ueberschüsse
  nur  bei  grober  Verschwendung  durchzubringen.  Der
tüchtige  Arbeiter  kann  in  Europa  nicht  soviel  Lohn  verdienen,
  als  er  in  Amerika  von  seinem  Geldlohn  sparen  kann*
Nach  einer  Statistik  des  amerikanischen  Staatssecretärs  betrugen ­
  die  Löhne  per  Woche  im  Jahre  1878  in  Dollars:
        <pb n="767" />
        754

ti  ig

Beschäftigung-,

Bäcker  .  .  .
Schmiede  .
Buchbinder
Ziegelsteinmaurer ­
  .  .
Kunsttischler  .
Zimmerleute  .
Landarbeiter  .
Gewöhnliche
Stadtarbeiter
Anstreicher
Pflasterer  .  .
Drucker  .  .
Schuhmacher
Schneider  .  .

•So
oa

4.40
4  40

6.00
4.80
5.40

3.00
4.20
5  40

4.25
390
3-72

4.25

4.15
4.62
3.30
4.10

(t,

S.55
5.4s
4.85
4.00
6.00
5  42
3-15

4.90
4.70
4.75

350
3-55
3.82
3.60
3  97
4.00
2  87
2.92
3.92
3.80
4.80
3.12
S.iol  3.58

3  90
3.94
3  90
3.45
4.95
4.18
3.50
2.60
4.60
4.3s
390
4  32
4.30

Lebensmittelpreise  1878  in  Cents:
Maass-W  aare;
Ib.  Roastbeef  ,  20
16
4—5
20—50
30—40

„  Cornedbeef
„  Brod  .  .
„  Butter  .  .
„  Kaffee  .  .
„  Mehl
„  Schmalz  .
Quart  Milch  .
Ib,  Hammelfleisch
Vorderviertel
„  Schweinefleisch
„  Pökelschweinefleisch ­
  .  .
„  Speck  .  .  .
Bushel  Kartoffeln
Ib,  Reis  .  ,  .
„  Zucker  ,  ,

20

16
16
16
18
56
15—20

22
13
3—7
22

35
5’/,
21
4
'4%
17
17
20
50
9

M  'S

6
28
32
IO
22
7
15
13
18
22
1:5
6
8'A

6.50—  6,60
7,04—8,12
6.50—  7.83
7.58—9.03
7.70—8.48
7.37—8.25
3.40—4.25
4.50—  500
7.25—8.16
7.68—10.13
7.52—7.75
—  7.35
5.00—7.30

12
18  —20
3VJ-4V,
29—38
28—50
3'/,-4%
12  —18
5—9
16—  17
IO—16
IO—16
12—16
68—200
3V2—8
5%—IO

5—8
IO—14
12  —18
12—15
9—13
9—12

6—9
IO—16
10—15
8—18
12—18
IO—18

22—16
8—12
4—4'/]
25—32
20—30
3—4
IO—12
8—  IO
9—  IO
8—  IO
8—  IO
8—  IO
140—  160
8—IO
8—IO

8-9-



7—
7’/--I2


-I2
-20
-loV*
-15
I2

5%-8-



4
16—
16
2'/:
6
3

-12*4
-7
-4’A
40
40
-4'  »
lO
—6

5-4

6-7-






-5
-12
-12
-80
-lO
-lO

Die  Engrospreise,  welche  sich  die  Arbeiter  durch  Consumvereine
  vielfach  zu  Nütze  machen,  sind  viel  billiger  als  obige
Detailpreise.  Sie  betrugen  in  Boston  in  Cents:
        <pb n="768" />
        755

48*

Maas.
Fass

lbs.
Bushel
lbs.
Gallone
lbs.

Bushel
Dutzend

W  a  a  r  e.
à  196  lbs.  Minnesota  Weizenmehl  .
„  Maismehl
Stockfisch
Reis
Bohnen
Riokaffee,  grün
Zucker  granulirt
Syrup
Rindfleisch  Keule
„  Vorderviertel.  .  ,  .
Kalbfleisch  (ganzes  Kalb  ausgeschlachtet) ­

Hammel-  (do.)  .  .  .  .
Schmalz
Speck  und  Schinken  geräuchert  .
Butter
Käse
Kartoffeln
Eier

1878
512
240
4’/»
6%
160
&amp;gt;5''2
9V4
37V2
8%
6V2
4
6V4
9
16
17
92  Vj
26

1881
617
310
5
6%
250
S:
55
II  v«
7

5V2
"'/2
I1V2
29
I1V2
107
27

Diese  Preise  werden  in  der  Reg^el  von  Haushaltungen
bezahlt.  Man  kann  annehmen,  dass  eine  Familie  mit  zwei

Kindern,  ausser  der  Wohnungsmiethe,  nicht  mehr  pro  Woche
gebraucht,  als  ein  Mann,  der  sich  in  Pension  giebt,  denn  die
brau,  welche  die  Pension  hält,  will  ja  von  derselben  auf
amerikanische  Weise,  d.  h.  recht  gut,  leben  und  hat  in  der
Kegel  nicht  über  6—8  Pensionäre.

Durchschnittsengrospreise  in  Deutschland  waren  i88j:
Weizenmehl  loü  Kg.  32.50  Mark  oder  196  Ibs.  711  Cents
Zucker  raffinirt  100  Kg.  82.33  Mk.  oder  i  Ib.  =  9.2  c.
Kaffee  loo  „  151.00  „  oder  i  „  =  16.8  „
Schmalz  100  ,  113  37  .  .  i  „  12.6  „
Speck  100  ,  88.07  n  ,  I  ,  =  9.8  „
Kattun  I  Meter  0.23  Mark
Steinkohle  1000  Kg.  10.32  Mark,

In  der  ersten  Märzwoche  1883  waren  die  Marktpreise:
ln  Berlin:

Weizen  100  Kilo  20  Mark  per  Bushel  1.35  Dollars
Erbsen  100  „  40  „
Bohnen  100  „  49  „
Rindfleisch,  Kilo  i  bis  1.40  Mark,  Ib.  ii  —15.4  Cents
Schweinefleisch  „  i  „  1.40  ,  ,  ii  —15.4  „
Hammelfleisch  „  i  „  1.40  „  „  ii  —15.4  ,
Butter  „  1.80—2.80  „  ,  19.8  —  30,8  „
In  Wien:
Weizenmehl  100  Kilo  9.50—22  fl.  excl.  Verzehrungssteuer
        <pb n="769" />
        756

Mehl  im  Detailverkauf  incl.  Verzehrungssteuer  Kilo  i8—28  Kr.,  per  Ib.  3.2  5  c.
Erbsen  1  Kilo  22—28  Kr.
Bohnen  i  Kilo  18—20  Kr.
Kartoffeln  i  Kilo  4—5  Kr.
Schweineschmalz  1  Kilo  78—84  Kr.,  per  Ib.  13.9—15  c.
Rinderschmalz  1  Kilo  1.20—1.50  fl.
Butter  I  Kilo  i  —1.50  fl.,  per  Ib.  17.9—26.8  c.
Milch,  Liter  8—18  Kr.
Rindfleisch  i  Kilo  46—85  Kr.,  per  Ib.  8.2—15.1  c.
Schaffleisch  i  Kilo  50—80  Kr.,  per  Ib.  9  —14.3  c.
Schweinefleisch  60  Kr.  bis  i  fl.,  per  Ib,  10.7—17.9  c.
Hartes  Holz  100  Cm.  5—6  fl.
Steinkohlen  100  Kilo  78  Kr.  bis  1.05  fl.
Nach  der  Tabelle  für  1878  betrugen  damals  die  Löhne
in  Deutschland  kaum  halb  so  viel,  als  ein  amerikanischer
Arbeiter  übrig  behält,  nachdem  er  Wohnung  und  Kost  bezahlt ­
  hat.  Die  Tabelle  lehrt  auch,  weshalb  es  so  viele  deutsche
Arbeiter  in  Frankreich,  namentlich  in  Paris,  giebt.  Die  Löhne
sind  sogar  in  Frankreich  höher  als  in  Deutschland.  Leider
fehlen  die  österreichischen  und  ungarischen  Löhne  in  der
Tabelle:  Sie  sind  noch,  und  zum  Theil  sehr  erheblich,  niedriger ­
  als  die  deutschen.  Ferner  ergiebt  sich,  dass  1878  und
1881  die  wichtigsten  Lebensmittel  in  Deutschland  theurer
waren  als  in  England  und  sehr  viel  theurer  als  in  Amerika.
In  Oesterreich  sind  sie,  was  grosse  Städte  und  Industriebezirke
anlangt,  theilweise  sogar  theurer  als  in  Deutschland,  da  man
in  den  Städten  nicht  nur,  sondern  sogar  auf  dem  Lande  eine
Verzehrungssteuer  von  Fleisch,  Getränken  und  einer  Menge
anderer  Artikel  hat.
Weil  nun  die  Löhne  in  Deutschland  und  Oesterreich  so
sehr  viel  niedriger  sind  als  in  anderen  Ländern,  namentlich  in
Amerika,  wohin  die  Deutschen  und  die  slavischen  Oesterreicher
und  Ungarn  ohnehin  schon  so  massenhaft  auswandern,  und  weil
die  Lebensmittelpreise  in  diesen  drei  Ländern  ohnehin  schon
soviel  höher  sind,  als  in  Amerika,  der  Reallohn  in  Deutschland ­
  also  relativ  noch  niedriger  ist  als  der  Geldlohn,  mit
Amerika  verglichen,  so  —  o  du  Logik  der  angeblich  staatssocialistischen
  Staatsmänner  und  angeblich  socialconservativen
Minister  dieser  drei  Länder  —  hat  man  Korn-  und  Fleisch-
        <pb n="770" />
        757

zolle  eingeführt,  Einfuhr  von  amerikanischem  Schweinefleisch
und  Speck  verboten,  Kaffeezoll  erhöht  und  somit  die  Lebensmittel ­
  der  Masse  noch  mehr  vertheuert,  den  Reallohn  noch
weiter  herabgedrückt,  während  die  Union  ihn  gleichzeitig  erhöht, ­
  indem  sie  Zölle  auf  Consumartikel  herabsetzt!  Kann
man  erfolgreicher  für  die  Socialdemokratie  und  den  Communismus
  in  Continentaleuropa  arbeiten?  Als  Agitator  war  Dr.
Karl  Marx  ein  reiner  Waisenknabe  gegen  solche  Staatsmänner,
wie  jene,  die  diese  famose  „Reformpolitik“  treiben  und  dafür
von  Schmoller,  A.  Wagner  und  Stöcker  in  den  Himmel  gehoben ­
  und  von  Schäffle  berathen  werden.
Der  naive  Eklekticismus  der  deutschen  Staatsmänner  und
ihrer  Nachbeter  in  Wien  zeigt  sich  darin,  dass  sie  durchaus
unfähig  sind,  sowohl  ein  eigenes  Wirthschaftssystem  zu  schaffen,
als  ein  vorhandenes  nachzuahmen.  Sie  fallen  aus  einem  in’s
Andere:  Für  den  Industrieschutzzoll  berufen  sie  sich  auf
Colbert  und  List,  sagen  aber  nicht,  dass  List  der  grösste
Gegner  der  Vertheuerung  der  Lebensmittel  ist  und  dass  Colbert
dem  Grundbesitz  nicht  durch  Agrarschutzzölle,  sondern  durch
Zinsreduction  der  Staatsschuld,  Billigermachung  der  Steuereinhebung ­
  und  Verminderung  der  Taille,  in  der  Hauptsumme
eine  Grundsteuer  vom  nichtadeligen  Grundbesitz,  zu  Hülfe
kam.  Letztere  verminderte  er,  trotz  steigenden  Staatsbudgets,
Von  53-4  Millionen  Livres  im  Jahre  1657  auf  35  Millionen
am  Ende  seiner  Ministerlaufbahn.  Er  untersagte  auch  die
vollständige  Ausplünderung  der  Bauern  wegen  Schulden,
^^iese  Staatsmänner  wissen  nicht,  dass  eine  ähnliche  agrarische
Politik  schon  eine  Dynastie,  Jene  der  Stuarts,  gestürzt,  eine
andere,  die  der  Welfen  in  England,  ohnmächtig  gemacht  hat:
Die  Stuarts  stützten  sich  auf  die  alte  Grundbesitzaristokratie
schädigten  die  Interessen  der  aufstrebenden  Manufacturniacht:

Königin  Elisabeth  förderte  die  Industrie  und  verbot  die
Ausfuhr  von  Getreide  nur,  so  lange  der  Quarter  Weizen  unter
20  Shillings  in  London  kostete.
Jacob  I.,  der  erste  Stuart,  macht  sich  bei  der  Grundaristokratie ­
  dadurch  beliebt,  dass  er  in  seinem  ersten  Re-
        <pb n="771" />
        758

gierungsjahre  bereits  Weizenausfuhr  gestattet,  solange  derselbe
unter  26  sh,  8  d.  steht.  Elisabeth  will  den  Preis  nicht  über
20  sh.  steigen  lassen,  Jacob  will  ihn  nicht  unter  26  sh.  8  d.
fallen  lassen.  Er  findet  bei  seinem  Regierungsantritt  den
Preis  von  ca.  20  sh.  vor.  In  seinem  einundzwanzigten  Regierungsjahre ­
  gestattet  er  Getreideausfuhr  schon,  solange  der
Preis  unter  32  sh.  steht.  Im  Jahre  1627  bestätigt  Karl  1,  dies
Gesetz.  So  erhöhen  sie  die  Lebensmittelpreise  und  die  Unzufriedenheit ­
  der  Arbeiter  und  Fabrikanten.  Ein  Hauptgrund,
weshalb  Karl  I.  Kopf  fiel.
Sein  Sohn,  Karl  II.,  hat  nichts  gelernt.  Er  wird  von
dem  Grundaristokraten  Monk  eingesetzt  und  gestattet  im  Jahre
1660  Getreideausfuhr  schon,  wenn  Weizen  unter  40  sh.,  gerade
doppelt  so  viel,  als  unter  Elisabeth,  kostet.  Im  Jahre  1663
erhöht  er  jenen  Satz  auf  48  sh.
Die  jetzigen  deutschen  und  österreichischen  Staatsleiter
haben  alle  „Buckle’s  Geschichte  der  Civilisation  in  England“ ­
  gelesen.  Gelernt  haben  sie  das  Wichtigste  daraus  nicht.
Er  sagt  Band  III,  dass  die  grosse  englische  Revolution
sowohl  ein  Klassen-,  als  ein  Parteikampf  war,  worin  Yeomanry, ­
  Bauernstand  und  Traders,  Fabrikanten  und  Kaufleute,
zum  Parlament,  später  zum  Oranier,  standen.
Die  Landaristokraten,  Tories,  rebellirten  schon  1569  gegen
Elisabeth  für  Maria  Stuart,  weil  Elisabeth  sich  mit  „neuen
Leuten“  umgab,  Handel  und  Industrie  förderte.  Darum  fiel
das  schöne  Haupt  der  Maria.
Elisabeth  hatte  bereits  mehrere  Gesetze  erlassen,  welche
die  Ausfuhr  von  Lebensmitteln  verboten  oder  erschwerten;
1593  verordnete  sie,  dass  Getreide  nur  ausgeführt  werden
dürfe,  wenn  Weizen  unter  20  sh.  per  Quarter  stand  und  dann
2  sh.  Exportzoll  zu  zahlen  habe.  Tendenz,  theure  Lebensmittel ­
  nicht  aufkommen  zu  lassen.  Dennoch  stieg  unter  ihrer
Regierung  der  Preis  von  18  sh,  per  Quarter  im  Jahre  1658  auf
24  sh.  3'/a  d.  im  Jahre  1602.  Buckle  sagt  weiter,  dass  nach
dem  Tode  Elisabeth’s  Jacob  I.  und  Karl  I.  den  Versuch
machten,  die  Macht  der  zwei  „protective  classes“,  Grundadel
und  Geistlichkeit  zu  heben.
        <pb n="772" />
        759

Jakob  I.  gestattete  die  Getreideausfuhr  schon,  wenn  Weizen
unter  32  sh.  per  Quarter  sank,  bei  2  sh.  Zoll,  der  Weizenpreis ­
  stieg  bis  zum  letzten  Jahre  seiner  Regierung,  1625,  auf
41  sh.  2  d.
Karl  1.  hob  die  tenure  by  knights  service  auf,  d.  h.  entlastete ­
  die  Grundherrn  ohne  Entschädigung  ihrerseits  von  der
Militärleistung  und  Hess  ihnen  die  Eehensgüter  als  freies
Grundeigenthum.  Er  machte  ihnen  ein  enormes  Geschenk
auf  Staatskosten.
Der  Aufstand  gegen  Karl  I.  nahm  seinen  Anfang,  als  er
selbstmächtig  eine  Steuer  auf  Handelsschiffe  legte;  von  da
hatte  er  die  Kaufleute  und  Fabrikanten,  namentlich  die  Bürger
Londons  zu  Feinden;  der  Landadel  aber  stand  zu  ihm.  Die
Manufacturen  und  der  Handel  hatten  aber  doch  schon  das  meiste
Geld,  und  dieser  König  fiel,  weil  er  versuchte,  den  Uebergang
  eines  Landes  vom  Stadium  der  reinen  Agricultur  in  das
der  Agricultur,  Manufactur  und  des  Handels  zu  hindern.
Der  König  hatte  1629  Handelsmonopole  geschaffen,  in
Folge  deren  der  Weizenpreis  von  34  sh.  8  d.  im  Jahre  1629
auf  46  sh.  2  ','2  d.  im  Jahre  1630  stieg.  Das  „lange  Parlament“,
Welches  seit  1640  factisch  regierte,  hob  die  Monopole  sofort
auf,  und  der  Weizenpreis  sank  auf  36  sh.  2  d.
Der  Krieg  hinderte  den  Ackerbau  und  der  Weizenpreis
stieg  auf  71  sh.  i'/t  d.  im  Jahre  1649,  in  dem  Karl  I.  enthauptet ­
  wurde.
Die  Republik  dauerte  bis  1660.  Der  Weizenpreis  sank
his  auf  50  sh.  2^/4  d.  in  diesem  Jahre.
Karl  II.  setzte  die  Politik  seines  unglücklichen  Vaters
ungewarnt  fort.  Noch  im  Jahre  seines  Regierungsantrittes
gestattete  er  die  Weizenausfuhr,  sobald  der  Preis  unter  40  sh.
sinken  würde,  1663,  wenn  er  unter  48  sh.  sänke,  1683,  wenn
er  unter  53  sh.  Unter  seiner  Regierung  schwankte  der  Weizenpreis ­
  von  32  sh.  bis  65  sh.  9'4  d.  und  stand  bei  seinem  Tode,
ï685,  aut  41  sh.  5^/4  d.  Macaulay  sagt,  Band  I.,  dass  die
Grundrente  und  das  Elend  des  Volkes  fortwährend  stiegen.
Jacob  II.  hinterliess  1688  dem  Oranier  einen  Weizenpreis
Von  40  sh.  IO*  4  d.
        <pb n="773" />
        Wie  hatte  sich  die  Lage  der  Arbeiter  unter  den  Tudors
und  Stuarts  verändert?  Man  muss  Lohn  und  Lebensmittelpreise ­
  vergleichen:
Im  Jahre  1400  kostete  der  Quarter  Weizen  8  sh.,  ein
Fettschaf  i  sh.,  ein  ausgeschlachteter  Ochse  7  sh.  6  d.  Der
gemeine  Arbeiter  erhielt  3  d.  Tagelohn,  der  Maurer  4  d.,
ersterer  verdiente  einen  Quarter  Weizen  in  32  Tagen,  ein
Schaf  in  4  Tagen,  einen  Ochsen  in  30  Tagen.
Im  Jahre  1450  kostete  der  Quarter  Weizen  5  sh.  4  d.,
ein  Ochse  13  sh.;  ein  Arbeiter  erhielt  g'/i  d.,  ein  Zimmermann
IO  d.  Tagelohn,  ersterer  kaufte  einen  Quarter  Weizen  um
17  Tagearbeit,  einen  Ochsen  um  30  Tagearbeit.
Im  Jahre  1500  kostete  ein  Quarter  Weizen  7  sh.  4  d.,
eine  Kuh  8  sh.,  ein  Schwein  5  d.,  ein  Lamm  i  sh.,  ein  Weib
erhielt  2  \  2  d.,  ein  Arbeiter,  Fuhrmann,  carter,  erhielt  3  d.,  Mäher,
mower,  4  d.,  Zimmermann  6  d.  und  Kost;  der  carter  kaufte
einen  Quarter  Weizen  um  29'/.3  Tage,  eine  Kuh  um  32  Tage.
Im  Jahre  1550  kostete  ein  Quarter  Weizen  14  sh.  8  d.,
ein  Ochse  25  sh.,  ein  Hammel  5  sh.  8  d.,  ein  Mower  erhielt
10  d.,  mit  Kost  4  d.,  ein  Schneider  4  d.  und  Kost.  Der
Mower  ohne  Kost  kaufte  einen  Quarter  Weizen  um  17.6  Tagelöhne, ­
  einen  Ochsen  um  18  solcher.
Von  1600  bis  1650  kostete  im  Mittel  ein  Quarter  Weizen
34  sh.,  I  Fettochse  9  Lstr.  10  sh.,  8  Ibs.  Hammelfleisch
2  sh.  3  d.,  I  Lamm  6  sh.  8  d.,  ein  Kalb  17  sh.  Der  gewöhnliche ­
  Arbeiter  erhielt  10  d.,  eine  Schafscheererin  i  sh.  2  d.,
ein  Schnitter  i  sh.  4  d.,  ein  Maurer  i  sh.  6  d.,  mit  Kost  i  sh.,
ein  Maurerlehrling  10  d.,  mit  Kost  4  d.;  ein  Arbeiter  konnte
einen  Quarter  Weizen  kaufen  um  40  8,  einen  Ochsen  um  228,
8  Ibs.  Hammelfleisch  um  27  Tagelöhne.
Im  Jahre  1682  kostete  ein  Quarter  Weizen  70  sh.,  in  den
letzten  12  Jahren  von  Karl  II.  war  er  nur  50  sh.  gewesen;
der  Landarbeiter  erhielt  im  Allgemeinen  4  sh.  per  Woche,  in
guten  Gegenden,  wo  es  Industrie  gab,  5  sh.  im  Winter,  6  im
Sommer,  der  Industriearbeiter  i  sh.  per  Tag.  Weber  aber
verdienten  nur  ’/a  sh.  per  Tag,  und  Frauen  und  ganz  junge
Kinder  mussten  unausgesetzt  dem  Manne  bei  der  Arbeit  helfen,
        <pb n="774" />
        yói

um  nothdürftig  ihr  Leben  zu  fristen.  Bei  einem  Wochenlohn
von  5  sh.,  oder  lo  d.  per  Tag,  konnte  unter  Karl  II.  ein
guter  Landarbeiter  einen  Quarter  Weizen  um  6o  Tagelöhne,
bei  Beginn  der  Revolution  erst  um  84  Tagelöhne  kaufen.
Von  ca.  1600  bis  1685  hatte  es  die  Stuart’sche  Dynastie
durch  ihre,  den  Grundadel  begünstigende  Zollpolitik  dahin
gebracht,  dass  er,  der  am  Beginn  derselben  den  Quarter
Weizen  um  40*8  Tagelöhne  kaufte,  nun  84  solcher  dafür
zahlen  musste.  Das  Fleisch  war,  durch  Verbot  der  Vieheinfuhr,
  sogar  aus  Irland,  noch  mehr  im  Verhältniss  gestiegen.
Wen  kann  es  da  wundern,  dass  die  Arbeiter  diese  Dynastie
zu  stürzen  suchten  und  am  Ende  dieser  Periode  der  „Kampt
zwischen  Kapital  und  Arbeit“  in  England  ernsthaft  begann?
Natürlich  sahen  die  Industriechefs  und  Kaufleute  das
Verderbliche  dieser  Politik  ein  und  vereinigten  sich  zum  Sturz
Jakob  II.
Als  Wilhelm,  der  Oranier,  nach  England  kam,  suchte  er
alle  Parteien  zu  einigen  und  zu  befriedigen.  Er  Hess  den
I^xport  von  Weizen  1688  nicht  nur  frei,  wenn  der  Preis  per
Quarter  unter  48  sh.  sank,  sondern  es  wurde  noch  eine  kleine
Ausfuhrprämie  bewilligt.  Dies  erhielten  die  Grundbesitzer  bis
1698!  Die  Industriellen  viel  mehr!
Die  ostindische  Compagnie,  welche  in  Händen  torystischer
Kapitalisten  war,  wurde  reorganisirt  und  der  commerziellen
Whigpartei  ausgeliefert.  Die  Bank  von  England  gegründet,  also
billiger  Credit,  jedoch  nur  für  Wechsel  und  Lombard,  geschaffen. ­
  Die  Tories  verlangten  eine  Hypothekenbank,  sie
'vurde  vom  Parlament  zugestanden,  entstand  aber  nicht,  da
Sich  keine  Actionäre  fanden.  Eine  permanente  Staatsschuld,
IO  pCt.  Zinsen  trug,  wurde  eingeführt,  wuchs  von  da
^^gelmässig  und  gab  den  Rentiers  eine  sichere  Capitalanlage.
Eine  vollständige  Gründerperiode  begann  in  England.  Macaulay ­
  zählt,  Band  I.  Seite  133,  eine  ganze  Anzahl  von  1688
iiiid  folgende  Jahre  gegründete  Actiengesellschaften  auf  und
Bemerkt,  dass  damals  zum  ersten  Male  der  Ausdruck  „Stockjobber“
  erscheint.
Natürlich  wuchs  die  Macht  der  Industrie-  und  Handels-
        <pb n="775" />
        762

partei,  und  1698  hob  Wilhelm  die  Exportprämie  für  Weizen
auf.  Bei  seinem  Tode  kostete  der  Quarter  36  sh.  2%  d.  im
Jahre  1702.  1707  verbot  Königin  Anna  den  Export  von  Getreide, ­
  weil  es  zu  theuer  sei,  „especially  for  poor  manufacturers ­
  and  others  of  meaner  condition“.  Damals  kostete  der
Quarter  35  sh.  4  d.  Das  Verbot  wurde  zeitweise  aufgehoben,
zeitweise  erneuert,  Georg  II.  hob  zeitweise  1773  den  Importzoll
für  Getreide  auf.  Diese,  der  Industrie  günstige  Politik  dauerte
bis  in  die  erste  Zeit  von  Georg  III.,  der  noch  wiederholt  die
Kornausfuhr  verbot.  1773  erntete  Grossbritannien  ca.  4  Millionen
Quarter  Weizen  und  importirte  100.000  Quarter.  Als  Georg  II.
anfing  zu  regieren,  kostete  Weizen  41  sh.  7'/2  d.,  beim  Regierungsantritt ­
  seines  Nachfolgers  1760  nur  32  sh.  5'/4  d.
Georg  III.  machte  den  Versuch,  sich  von  den  Whigs  zu
emancipiren.  Er  gab  der  Landaristokratie  Gehör  und  führte
1780  die  Exportprämie  wieder  ein,  obschon  ,der  Preis  36  sh.
9  d.  war.  Unter  ihm  wurde  eine  Unzahl  von  Gesetzen  über
Export  und  Import  von  Lebensmitteln  erlassen,  deren  Resultat
war,  dass  der  Preis  stieg  und  stieg.  Der  Quarter  kostete
1785  =  43  sh.  I  d.,  1790  =  54  sh.  9  d.,  1795  ^  75  sh.  2  d.,
1800  =  113  sh.  lod.,  1805  =  89  sh.  9  d.,  1810  =  106  sh.
5  d.,  sank  1815  auf  65  sh.  7  d.
Das  Parlament  hatte  unter  dem  kranken  Könige  alle  Macht
in  Händen  und  behielt  sie  unter  seinen  schwachen  Nachfolgern.
Es  bestand  hauptsächlich  aus  Grundbesitzern.  Sie  machten
die  Gesetze  nach  ihrem  Belieben  und  zu  ihrem  Nutzen.  Um
einen  weiteren  Preisfall  zu  verhindern,  erliess  das  Parlament
1815  ein  Gesetz,  wonach  alle  Getreideeinfuhr  verboten  war,
solange  Weizen  nicht  über  80  sh.  stand.  Weizen  stieg  auf
96  sh.  II  d.  i.  J.  1817.
Da  aber  immer  neue  Kornlieferanten  entstanden,  Hess  sich
der  Preis  nicht  hochhalten.  Durch  Import  und  Lagerung  zu
gewissen  Zeiten  drang  fremder  Weizen  dennoch  ein,  und  1827
stand  er  auf  58  sh.  6  d.  Nun  erfand  das  Parlament  die
gleitende  Skala.  Wenn  Weizen  unter  62  sh.  stand,  sollte  der
Einfuhrzoll  25  sh.  8  d.  betragen,  wenn  der  Preis  73  sh.  erreichte, ­
  I  sh.  Man  wollte  einen  Weizenpreis  von  74  sh.  fest*
        <pb n="776" />
        763

halten.  Exportiren  konnte  man  schon  lange  nicht  mehr.
Der  Preis  hob  sich  auch  bis  auf  66  sh.  4  d.,  allein  damit  auch
die  Agitation  der  Industriellen.  Im  Jahre  1840  entstand  die
Anticornlaw-Ligue.  Man  verlangte  Parlamentsreform,  die
durchging  und  die  Macht  der  Grundbesitzer  im  Parlament  sehr
schwächte;  i.  J.  1849  wurden  die  Kornzölle,  bis  auf  i  sh.  Gebühr, ­
  aufgehoben.  Die  Grundaristokratie  hatte  durch  ihre
Anwendung  sich  selbst  und  die  Krone  um  die  politische
Herrschaft  gebracht.
In  dem  Jahre  1839,  welches  der  Gründung  der  Anticornlaw-Ligue
  vorhergeht,  kostete  der  Quarter  Weizen  70  sh.  8  d.,
1850,  nach  Abschaffung  der  Kornzölle,  40  sh.  3  d.,  ist
inzwischen  wieder  zeitweise  erheblich  höher  gestiegen,  schwankt
aber  seit  einigen  Jahren  um  40  sh.  und  wird  wahrscheinlich
weiter  fallen.  —  Der  hohe  Kornpreis  ist  in  einem  Industrielande, ­
  das  mehr  Waaren  exportirt  als  importirt,  aber  mehr
Debensmittel  importirt  als  exportirt,  nicht  durch  Gesetze  zu
halten  und  ruinirt  Krone  und  politische  Parteien,  die  das  zu
thun  versuchen.
Solche  Industrieländer  sind  aber  Cisleithanien  und  Deutschland.
  Letzteres  Land  führte  1881  8  7  Millionen  Metercentner
Heizen  und  Roggen  mehr  ein  als  aus,  für  485  Millionen  Mark
mehr  Vieh,  Nahrungs-  und  Genussmittel,  Dünger  und  Sämereien
als  aus,  dagegen  mehr  Industriewaaren  aus  als  ein  —  —
Und  da  legt  man  Zölle  auf  nothwendige  Lebensmittel  der
Masse!
Als  die  Agrarier  diese  Richtung  einschlugen,  für  die  uns
Unentbehrliche  Industrie  aber  Freihandel  forderten,  wandte
mh  mich  von  dieser  selbstmörderischen  Politik  ab  und  bean-^^^gte
  in  Eisenach  1876  den  „socialen  Schutzzoll“  für  Industrie-Erzeugnisse.
  Für  den  Grundbesitz,  Klein  und  Mittel,  habe  ich
Homestead-Exemptions  und  Anderes  in  Petto.  Diese  schädigen ­
  die  Industrie  nicht.  Die  Industrie  aber  müssen  wir  auf
JEde  kluge  Weise  fördern,  oder  wir  verhungern!  Die  Volkszählung ­
  ergab  für  Deutschland  1875  42.7,  1880  =  45.2  Millionen
Einwohner,  also  eine  halbe  Million  Zunahme  per  Jahr,  trotz  der
Auswanderung.  Da  man  pro  Kopf  gut  und  gern  i  Meterctr.
        <pb n="777" />
        oder  Weizenconsum  im  Jahre  rechnen  kann,  so  wird
1891  die  um  5  Millionen  Einwohner  gestiegene  Bevölkerung
einen  Import  von  Millionen  Metercentnern  mehr  als  1881
gebrauchen,  zu  den  8.7  Millionen  Metercentnern,  die  schon  1881
mehr  importirt  als  exportirt  wurden,  d.  h.  vom  Auslande  ca.
16  Millionen  Metercentner!  Denn  mehr  als  die  Ernte  von  1881
ergab,  nämlich  71  Millionen  Metercentner,  wird  man  auch  1891
nicht  anbauen.  Der  Consum  wird  dann  ca.  87  Millionen
Metercentner  betragen,  und  sollte  der  Zoll  nur  i  Mark  sein,
so  ist  das  doch  eine  Verzehrungssteuer,  welche  zu  über
90  pCt.  die  ärmere  und  ärmste  Volksklasse,  zum  grossen
Theile  die  Industriearbeiter,  also  die  Industrie  selbst  belastet, ­
  von  87  Millionen  Mark,  wovon  die  Staatskasse  nur
16  Millionen,  die  Grundbesitzer  71  Millionen  beziehen,  und
von  diesen  wieder  den  weitaus  grössten  Theil  die  Grossgrundbesitzer, ­
  denn  der  Kleingrundbesitzer  und,  Bauer  isst  den
grössten  Theil  von  dem  Getreide  auf,  das  er  baut.
Die  agrarischen  Schutzzölle  sind  eine  Prämie  für  die  Klasse
der  Grossgrundbesitzer,  welche  die  schlimmsten  Folgen  für  sie
nothwendig  haben  muss,  da  sie  die  Kritik  der  ungeheuren
Volksmajorität  mit  Recht  herausfordert.  Wirksamer  als  durch
sie  kann  man  die  sociale  Erbitterung  garnicht  fördern.  Industrielle ­
  und  Arbeiter  werden  das  Eigenthumsrecht  an  Grund
und  Boden  schliesslich  überhaupt  angreifen,  um  so  mehr,  als
der  durch  die  Agrarzölle  privilegirte  Grossgrundbesitz  erstand
durch  Anbau  von  Rüben  für  Exportzucker  und  Kartoffeln  für
Exportbranntwein,  einen  immer  grösseren  Theil  des  Bodens
der  eigentlichen  Aufgabe  desselben,  dem  deutschen  Volke
Nahrungsmittel  zu  liefern,  entzieht.
Graf  Albert  Apponyi,  der  genial  ungarische  Conservative,
macht  mir  das  schöne  Zugeständniss,  dass,  da  der  Bauer  den
grössten  Theil  seiner  Producte  verzehrt  und  nur  den  kleinsten
Theil  derselben  verkauft,  für  ihn  seine  Producte  nur  Gebrauchswerth, ­
  nicht  Tauschwerth  haben.  Umgekehrt  ist
es  bei  dem  Grossgrundbesitzer,  Nun  wird  durch  den  Agrarschutzzoll ­
  nur  der  Tausch  werth,  nicht  der  Gebrauchswerth  der
Agriculturproducte  erhöht.  Also  folgt,  dass  der  Agrarschutz-
        <pb n="778" />
        7^5

zoll  dem  Grossgrundbesitzer  unendlich  viel  mehr  procentisch
und  absolut  nutzt  als  dem  Bauer.  Er  begünstigt  also  jenen
gegen  diesen  —  erhöht  sociale  Berge,  vertieft  sociale  Thaler,
befördert  die  Latifundienbildung  auf  Kosten  der  Bauern,  ist
eminent  antisocial,  d.  h.  in  seiner  letzten  Wirkung  revolutionär. ­
  Darum  bin  ich  gegen  ihn.

Delbrück,  mein  wissenschaftlicher  Gegner,  aber  ein  einsichtiger, ­
  sehr  unterrichteter  Mann,  theilt  in  seiner  1879  erschienenen ­
  Broschüre  über  „Deutschland’s  Getreide-Verkehr“
uiit,  dass  die  Zuckerrübe  1838  42  nur  8000  Hectar,  um  1878
aber  148.000  Hectar  in  Anspruch  nahm;  auf  dem  Zuwachsboden ­
  hätten  3'/^—4  Millionen  Centner  Weizen  wachsen  können.
Für  Kartoffeln  zur  Branntweinbrennerei  seien  gleichzeitig  108.000
Hectar  mehr  in  Anspruch  genommen  worden,  und  20  Millionen
Centner  seien  um  1878  verbrannt  worden,  dazu  y/n  Millionen
Centner  Getreide.  Im  Jahre  1880/81  wurden  2.7  Millionen  Metercentner
  Rohzucker  in  Deutschland  consumirt,  2.8  Millionen  exportirt,
  also  doppelt  so  viel  producirt  als  gebraucht.  Kartoffeln
Wurden  verbrannt  27  Millionen  Metercentner  und  2.4  Millionen
Hectoliter  Kartoffeln  und  3.7  Millionen  Metercentner  und  0.4
Millionen  Metercentner  Getreide;  über  ein  Viertel  des  erzeugten
Spiritus  wurde  exportirt.  So  wird  künstlich  Nahrungsmittelrnangel
  erzeugt,  Importnothwendigkeit  geschaffen  und  durch
^grarschutzzoll  auch  das  im  Inlande  erzeugte  Nahrungsmittel-Quantum,
  relativ  zu  Industrieconcurrenzländern,  vertheuert.

Das  Getreide-und  Fleischimportland  Deutschland  muss  noth-Wendig
  weit  höhere  Lebensmittelpreise  haben  als  Amerika,  als
England,  Belgien  und  Frankreich,  welche  letztere  keine  Lebens-"^Utelzölle
  haben.  Also  muss  seine  Industrie  concurrenzunfahig
der  Industrie  jener  Länder  werden,  oder  seine  Industriearbeiter ­
  müssen  durch  schlechte  Nahrung  verkrüppeln.

Diese  Vertheuerung  der  Lebensmittel  wird  erstens  eine
grossere  Auswanderung  zur  Folge  haben,  zweitens  das,  was
uckle  als  allgemeines  Gesetz  hinstellt:  „In  zwei  I.¿ndern,
rieren  übrige  Verhältnisse  gleich  sind,  die  sich  nur  dadurch
unterscheiden,  dass  in  dem  einen  die  Lebensmittel  theurer  sind
        <pb n="779" />
        766

als  in  dem  andern,  muss  unvermeidlich  die  Bevölkerung  des
letzteren  sich  rascher  vermehren  als  die  des  ersteren.“
Also  wird  die  relative  Volksvermehrung  in  Deutschland
auch  aus  diesem  Grunde  fallen,  was  die  Arbeits-  und  Wehrkraft ­
  um  so  mehr  schwächen  wird,  als  meist  arbeits-  und
wehrfähige  Männer  auswandern.
Die  Lage  der  deutschen  Arbeiter  ist  schnell  weit  schlechter
geworden,  als  sie  war,  weil  Bismarck  zu  Anfang  seiner  Kanzlerschaft ­
  eine  mehr  Ireihändlerische  Politik  befolgte,  welche  die
Industrieprofite  schmälerte.  Als  die  Krisis  kam,  mussten  die
Industriellen  die  Löhne  reduciren  oder  feiern.  Nun  kam  zwar
höherer  Schutzzoll,  aber  auch  das  Socialistengesetz,  das  die
Arbeiter  hinderte,  sich  mit  den  Industrieprofiten  mitsteigende
Löhne  zu  erkämpfen.  Diese  blieben  jetzt  stationär,  dagegen
wurden  die  Lebensmittel  theurer.  Wie  muss  diese  seltene
Combination  von  schädigenden  Ereignissen  auf  die  Stimmung
der  Arbeiter  wirken  ?
Ich  glaube,  dass  hier  eine  gründliche  Umkehr  der  Wirthschaftspolitik
  dringend  geboten  ist.
Man  hat  mir  in  der  deutschen  offiziösen  Presse  geradezu
Vaterlandsverrath  vorgeworfen,  Leitartikel  mit  der  Ueberschrift:
„Rudolph  Meyer  Ephialtes“  veröffentlicht,  weil  ich  die  Zustände ­
  wahrheitsgetreu  schilderte,  sich  aber  sehr  gehütet,  meine
überall  durch  das  fleissigste  Studium,  durch  die  kostspieligsten
und  mühseligsten  Reisen  und  durch  Unterhaltungen  mit  den
berühmtesten  Gelehrten  aller  Länder  —  Rodbertus,  Lorenz  von
Stein,  Le  Play,  Karl  Marx,  Friedrich  Engels  und  zahlreichen
Geschäftsmännern  —  gewonnenen  Zahlen  irgendwie  mit  ähnlicher ­
  Gründlichkeit  anzufechten.  Man  kann  wohl  hie  und  da
einen  kleinen  Irrthum  finden,  hie  und  da  eine  anfechtbare
Zahl,  im  Grossen  und  Ganzen  ist,  was  ich  je  geschrieben,  unanfechtbar ­
  und  giebt  ein  treues  Bild  der  relativen  Lage  der
Völker  in  wirthschaftlicher  und  auch  in  politischer  Hinsicht.
Schon  seit  langer  Zeit  habe  ich  eine  tiefe  Verachtung  vor  der
nörgelnden  oder  verläumderischen  Kritik  von  Journalisten  und
auch  Professoren,  deren  nicht  Einer  diese  nunmehr  fünfzehnjährige, ­
  unausgesetzte,  vielseitige  Arbeit  aufzuweisen  hat,
        <pb n="780" />
        ^6^

deren  Resultate  ich  successive  publizirt  habe.  Mit  dem  vollen
Selbstbewusstsein  eines  Mannes,  der  über  die  reife  Frucht  planmassiger
  Arbeit  verfügt,  spreche  ich  es  offen  aus,  dass  in
Deutschland  kein  Mann  ist,  der  auch  nur  im  Stande  wäre,
zu  controliren,  was  ich  geschrieben  habe  —  Alles  nämlich, ­
  nicht  dies  oder  jenes  Detail  —  geschweige  denn,  zu  kritisiren.
  Es  ist  mir  vollkommen  gleichgültig,  was  meine
deutschen  Zeitgenossen,  die  geblendet  oder  gebeugt  sind
durch  den  überwältigenden  Einfluss  des  Fürsten  Bismarck,
über  meine  Werke  sagen  und  ich  sehe  mit  Ruhe  dem
reiferen  und  unbefangeneren  Urtheil  kommender  Denker
entgegen,  wenn  sich  erfüllt  haben  wird,  was  ich  mit  Grauen
kommen  sehe.  Was  den  Fürsten  Bismarck  anlangt,  so
furchte  ich,  dass  die  Zeitgenossen  soviel  zu  seinem  Ruhme
gesagt  haben  —  dass  der  Nachwelt  nichts  mehr  hinzuzusetzen
übrig  bleiben  wird,  vielleicht  aber  wegzunehmen.
Mit  dem  Professor  Adolf  Wagner  muss  ich  mich  indess
üier  auseinandersetzen.  Er  bedauert  in  der  „Kreuz-Zeitung“
vom  2.  März  1883,  der  Presse  vergebens  eine  ruhige  und
sachliche  Kritik  seines  parlamentarischen  Debüts  zu  suchen.
Dier  soll  er  sie  finden.
Am  22.  Februar  1883  sagte  er  im  preussischen  Landtage:
„Es  ist  einfach  unhaltbar,  Getreide-  und  ähnliche
Zölle  als  Finanzzölle  aufzufassen,  (sehr  richtig,  sie  sind
Schutzzölle.  R.  Meyer.)  niemand  würde  vom  Standpunkt  der
deinen  Finanzpolitik  für  sie  gewesen  sein;  durch  die  Ge-^^eide-,
  Vieh-  und  dergleichen  andere  Zölle  galt  es,
grösseres  Problem  noch  zu  lösen:  die  Erhaltung
Selbstständigkeit  und  der  wirthschaftlichen  Kraft
Unserer  deutschen  Landwirthschaft,  das  war  der  erste
Zweck  dieser  Zölle,  der  dem  rein  finanziellen  Gesichtspunkt
Vorgeht.  Wenn  selbst,  was  ich  keineswegs  bei  den  Getreidezöllen
  zugebe  (ein  Professor  der  Nationalökonomie  muss
'vissen,  dass  solche  Zölle  in  einem  Lande,  das  regelmässig,
^Ejährlich  sehr  bedeutende  Quanten  Getreide  importiren
^uss,  eine  Preiserhöhung  desselben,  verglichen  mit  dem  Preise
ähnlicher  Importländer,  wie  England,  ohne  Zölle  erzeugen
        <pb n="781" />
        y68

muss.  Dass  der  Brodpreis,  wenn  Alles  Uebrige  ungeändert
bleibt,  wie  es  in  Deutschland  der  Fall  ist,  Freiheit  des  Kornund
  Mehlhandels,  Freiheit  des  Bäckereigewerbes,  durch  den
Getreidepreis  bestimmt  wird  —  im  Grossen  und  Ganzen,  muss
ein  Nationalöconom  zugeben.  R.  Meyer.),  der  Brodpreis
dadurch  etwas  erhöht  würde,  wenn  aber  andererseits  die
städtischen  Arbeiter  und  kleinen  Leute  ohne  jene  Zölle  verringerten ­
  Absatz  bei  der  weniger  leistungsfähigen  landwirthschaftlichen
  Bevölkerung  (neunundneunzig  Hundertstel ­
  der  landwirthschaftlichen  Bevölkerung  wird  durch  die
Getreidepreissteigerung  nicht  leistungsfähiger;  das  werden  nur
einige  Tausend  Grossgrundbesitzer.  R.  Meyer.)  hätten,  so  sind
selbst  diese  kleinen  Zuschläge  zu  den  Brodpreisen,  die
wahrscheinlich  (die  Wissenschaft  kennt  Ursache  und  Wirkung
als  nothwendige  und  nicht  als  wahrscheinliche  Beziehungen. ­
  R.  Meyer.)  gar  nicht  eintreten  werden,  nicht  ein  zu
theurer  Preis  für  gesicherten  Absatz  zwischen  Stadt  und
Land.  Ausserdem  möchte  ich  darauf  hin  weisen,  welcher
Widerspruch  in  den  Aeusserungen  des  Herrn  Abgeordneten
Rickert  und  seiner  Freunde  liegt,  wenn  sie  einerseits  diese
Getreidezölle  verwerfen  und  sie  nur  als  Finanzzölle  ansehen,
während  hier  ein  gerechter  Schutzzoll  vorliegt,  andererseits ­
  sie  aber  zugleich  eine  Steuer,  die  gerade  in  der
hiesigen  Hauptstadt  Berlin  so  durchaus  den  Charakter
der  indirekten  Verbrauchssteuer  trägt,  wie  die  Wohnungs-
  und  Miethssteuer,  unberührt  lassen!!  .  .
„Hier  möchte  ich  in  Parenthese  gegen  Herrn  Rickert,
gegen  eine  seiner  gestrigen  Aeusserungen  erwähnen:  es  ist
einfach  nicht  wahr,  dass  unsere  agrarischen  Schutzzölle
die  höchsten  seien.  Amerika  hat  speciell  auch  höhere
Getreidezölle  als  wir,  trotzdem  Amerika  einen  so  bedeutenden ­
  Export  hat  und  sich  nur  gegenüber  der  Concurrenz
von  Canada  zu  schützen  braucht.  Amerika  scheut  also  trotzdem ­
  nicht,  da,  wo  es  sich  darum  handelt,  einen  Import,  der
etwas  zu  lästig  wird,  zurückzuweisen,  auch  hier  Schutzzoll*
massregeln  zu  ergreifen.“
Hier  befindet  sich  A.  Wagner  im  Irrthum  über  die  Motive
        <pb n="782" />
        769

49

der  Amerikaner:  Canada  hat  bis  jetzt  durchschnittlich  seinen
Getreidebedarf  nur  gedeckt,  zuweilen  etwas  importirt,  zuweilen
etwas  exportirt.  Das  wird  erst  anders,  seit  Manitoba  besiedelt ­
  wird.  Jene  Zölle  haben  nur  den  Zweck,  Canada’s  Handel ­
  zu  geniren  und  dies  Land  zum  freiwilligen  Anschluss  an
die  Union  zu  zwingen.  Sie  sind  politische  „Kampfzölle.“
Die  Steuererleichterungen,  welche  A.  Wagner  fur  die
Arbeiter  anstrebt,  fallen  nicht  in’s  Gewicht,  verglichen  mit  den
Lasten,  welche  ihnen  die  Zollpolitik  des  Fürsten  Bismarck  auferlegt,
  und  das  muss  ein  Mann  von  dem  Wissen  Wagner’s
offen  sagen.  Er  thut  sehr  unrecht,  sich  auf  den  verstorbenen
Kodbertus  zu  berufen,  den  er  erst  bei  mir  persönlich  kennen
lernte  und  den  ich  besser  kannte.  Er  würde  Wagner’s  Eintreten ­
  für  agrarische  Schutzzölle  noch  mehr  verurtheilen  als
tch,  denn  er  war  ein  kluger  und  weitsichtiger  Grossgrundkesitzer
  und  würde  sich  mit  Händen  und  Füssen  gegen  dies
Danaergeschenk  gewehrt  haben.
Wenn  nun  die  Lage  der  Arbeiter  in  Amerika  soviel
l^^sser  ist  als  in  Europa,  so  wird  ein  Ausgleich  stattfinden
tttüssen,  wie  sich  Flüssigkeiten  in  communicirenden  Röhren
i^tisgleichen.  Und  diesen  Ausgleich  kann  man  nicht  hindern,
der  Zeit,  wo  man.  Dank  der  Eisenbahnen  und  Dampfschiffe,
14  Tagen  und  um  ca.  200  Mk.  von  der  Mitte  Europas
nach  der  Mitte  Amerikas  reisen  kann.  Neuerdings  beginnt
^uch  die  Auswanderung  Deutscher  nach  Mexico,  welches  die
■Amerikaner  erschliessen.
Trotz  aller  Hinderung,  welche  man  der  Auswanderung  in
Weg  legt,  werden  die  Arbeiter  noch  lange  in  ein  Land
^•ehen,  wo  sie  jährlich  mehr  Geld  sparen  können,  als  sie  in
ttfopa  überhaupt  verdienen,  zumal  sie  dort  der  Blutsteuer,
Militärdienst  und  ewiger  Kriegsgefahr,  mit  Aussicht  auf
od  und  im  Falle  der  Invalidität  gänzlich  ungenügende  Pen-^‘on,
  entgehen.  Also:
«Schafft  hier  das  Leben  gut  und  schön“  —  o,  Ihr  grossen
Säkularmenschen,
oder:
«Auswanderung  giebt’s  auf  Nimmer  wiederseh’  n  !  “
        <pb n="783" />
        770

Sollte  man  die  Menschen  zwangsweise  an  der  Auswanderung ­
  hindern,  so  wäre  das  die  Verhängung  einer  Gefangenschaft ­
  über  deutsche  Arbeiter  und  würde  nur  der  Socialdemokratie ­
  neue  und  resolutere  Anhänger,  besonders  unter  dem
Landvolke,  das  ja  vornehmlich  auswandert,  verschaffen.  Es
ist  eine  freche  Lüge,  dass  die  Landarbeiter  oder  Kleinbauern
Nutzen  von  agrarischen  Schutzzöllen  hätten.  Schaden  haben
alle  Ersteren  davon.  Die  letzteren  haben  erst  dann  Nutzen
von  ihnen,  wenn  sie  „Tauschwerth“  erzeugen,  wie  Graf
Apponyi  sagt,  und  dann  sind  sie  keine  Kleinbauern  mehr.
Obschon  die  Union  Exemptionen  hat,  welche  Land  nebst
Zubehör  in  verschiedenem  Umfange,  bis  zu  200  Acres,  und
persönliches  Eigenthum  in  verschiedener  Höhe,  bis  zu  5000  Dollars, ­
  vor  Execution  wegen  Schulden  schützt,  obschon  fast  in
allen  Staaten  Wuchergesetze  mit  Zinsmaximum  und  theilweise
mit  Criminalstrafen  —  siehe  mein  Buch  übet*  sociale  u.  Heimstättengesetze ­
  —  bestehen,  ist  das  amerikanische  Volk  doch
nichts  weniger  als  creditlos,  wie  die  Vertheidiger  des  bestehenden ­
  Systems  in  Europa  den  Reformern  meiner  Partei
stets  in  Aussicht  stellen,  indem  sie  sagen,  dass  wir  Europa
creditlos  machen  würden,  sondern  hat  grossartiger  entwickelte
Creditmittel  als  irgend  ein  continental-europäischer  Staat.
Es  giebt  jetzt  ca.  2600  Nationalbanken,  welche  das  Recht
der  Notenausgabe  haben.  Für  den  Betrag  der  auszugebenden
Noten  müssen  sie  ebenso  hohe  Beträge  vom  Unionsfond  beim
Schatzamt  in  Washington  hinterlegen  und  zudem  15  pCt.  der
circulirenden  Noten,  in  Baar  in  Landbezirken,  in  Baar  oder
Unionspapiergeld  in  den  Städten  vorräthig  halten.  Dadurch
sind  bis  jetzt  ihre  Noten  stets  sicher  gewesen,  obwohl  viele
Banken  Bankerott  machten.
Die  Bilanz  der  Nationalbanken  folgt  hier:
        <pb n="784" />
        771

Periode
6  Monate
endend

Zahl  der
Banken

Capital

Ueberschuss
1000  Doll.

Dividende
tooo  Doll.

Reiner
Ertrag

Procent
Dividende

Baarbestand

1000  Doll.

Ausgeliehen
Anfg.  Octbr.
Min.  Doll.

Depositen

Noten  in  1
Umlauf  l|

i.  Sptbr.  1870
ï.  Sptbr.  1875
I.  Sptbr.  1880
*•  Sptbr.  1881

1.601
2.047
2.072
2.148

425.3:7
497.864
454.2:5
458.934

9:.630
:34  :23
:  20.145
127.238

42.559
24.3:7
18.290
38.377

55.8:0
28.800
24.033
53.622

10.12
9.89
8.02
8.38

Dec.  71.
29.595
Dec.  75.
17.070
Oct.  80.
:09.346
:67.5

7:5
984
1.041
i.:73

?
679
888
1.083

3:9
37:
320

Diese  Banken  zahlen  i  pCt.  Steuer  für  die  umlaufenden
Noten  an  die  Unionsregierung.  Diese  Steuer  soll,  um  den
Credit  billiger  zu  machen,  aufgehoben  werden.
Ausserdem  gab  es  i88i  =  4.016  Privatbanken  ohne
Recht  der  Notenausgabe,  die  206  Millionen  Dollars  Capital
und  627  Millionen  Dollars  Depositen  besassen.  Ferner  36  Actiensparkassen
  mit  4  Millionen  Capital  und  37  Millionen  Depositen, ­
  endlich  629  Sparkassen  ohne  Actiencapital  mit  862  Millionen ­
  Depositen.  Alle  Banken  und  Sparkassen  besassen  im
Jahre  1881,  ihrer  6796  an  Zahl,  670  Millionen  Dollars  Capital
und  2.667  Millionen  Dollars  Depositen.
Welcher  continental-europäische  Staat  hat  3337  Millionen
Dollars  Depositen-  und  Bankcapital??  Die  Gesetze,  welche
das  Schuldenmachen  auf  Hypothek  erschweren,  zwingen  die
Rarmer,  in  guten  Jahren  einen  Reservefonds  zu  sammeln  und
*n  Banken  zu  deponiren.  Auf  diese  Weise  haben  sich  die
Depositen  von  2.075  Millionen  •  Dollars  im  Jahre  1876  auf
2.667  Millionen  Dollars  im  Jahre  1881  vermehrt.  Die  Sparkassen ­
  leihen  auch  auf  Hypothek  ;  aber  dies  Geschäft  ist  nicht
unendlich  klein,  verglichen  mit  dem  Geschäft  in  Personal-^*'edit,
  sondern  geht  zurück!  Sie  hatten  im  Finanzjahre  1874  75
Hypotheken  351  und  1879/80  nur  noch  315  Millionen
Dollars  ausgeliehen  I
Der  Zinsfuss  ist  im  Westen  und  im  Süden  höher  als  im
Osten.  In  New-York  ist  der  Wechseldiskont  in  der  Regel
3  bis  4  pCt.,  der  Lombardzinsfuss  von  4  bis  6  pCt.  Das
durch  Wuchergesetze  erlaubte  Zinsmaximum  wird  selten  er-49*
        <pb n="785" />
        772

reicht  und  ist  es  seit  1878  in  New-York  von  7  auf  6  pCt.
herabgesetzt  und  soll  in  Minnesota  jetzt  ebenfalls  herabgesetzt
werden.
Da  seit  1872  die  Löhne  gefallen  sind,  wegen  der  Einwanderung ­
  wohl  noch  weiter  fallen  werden,  da  die  Lebensmittel ­
  wahrscheinlich  drüben  weiter  im  Preise  sinken  werden
und  der  Zinsfuss  sinkt,  kann  sich  die  Industrie  schneller  von
Jahr  zu  Jahr  entwickeln  und  thut  es.  Sie  kann  schon  eine
Ermässigung  des  Schutzzolles  ertragen,  und  steht  diese  in
Aussicht.

Nach  den  Censusaufnahmen  betrugen:

1
1
Jahr

Zahl
der
Fabrik.

Capital
1000  D.

Arbeiterzahl

§

V
ÎI

Materialwerth ­

1000  D.

Productwerth

1000  D.

lê

Männer

Frauen

Kinder
unter
16  Jahr.

Summa

1850
i860
1870
1880

123.025
140.433
252.148
253-840

533.24s
1.009.855
2.118.208
2.790.223

731.137
1.040.349
1.615.598
2.025.279

225.922
270.897
323-770
531.753

?
?
114.628
181.918

957.059
1.311.246
2.053.990
2.738.950

236.755
378.878
775.584
947.919

247
290
377
342

555-123
1.031.605
2.488.427
3.394.340

1.019.106
1.885.861
4.232.325
5.369.667

7.8
12.6
8.8
lO.I

Für  1870  ist  hier  Papiergeld  angegeben  und  also  zu
reduciren.
Die  Bevölkerung  vermehrte  sich  von  1870  bis  1880  um
30  pCt.,  die  industrielle  Bevölkerung  um  33  pCt,  also  schneller
als  die  ganze  Bevölkerung.  Die  Zahl  der  Arbeiter  in  der
einzelnen  Fabrik  fiel  von  i860  bis  70,  während  des  Krieges,
steigt  aber  jetzt  wieder,  die  durchschnittliche  Capitalinvestirung
per  Fabrik  steigt  ebenfalls  schnell,  der  Grossbetrieb  unterdrückt
die  kleinen  Etablissements,  denn  die  Zahl  derselben  hat  sich
seit  1870  fast  gar  nicht  vermehrt,  der  Werth  der  industriellen
Production  vermehrt  sich  schnell.
Betreffs  der  Arbeitslöhne  ist  zu  berücksichtigen,  dass  für
1850  und  i860  die  Zahl  der  Kinder  nicht  bekannt  ist  und
dass  das  Agio  von  1870  mit  25-3  pCt.  oben  nicht  berücksichtigt ­
  ist.  Weiterhin  werde  ich  das  Agio  in  Rechnung  nehmen.
In  der  folgenden  Tabelle  stelle  ich  den  Ueberschuss  des  Productwerthes
  über  Lohn-  und  Rohstoffpreis  zusammen  und  berechne ­
  seinen  Procentsatz  zum  Fabrikscapital;

Capital
        <pb n="786" />
        773

I
Jahr,  j

Capital
1000  Doll.

Ueberschuss
1000  Doll.

pCt.  vom
Capital.

1850
i860
1870  1
1880  1

123.025
1.009.855
2.118.208
2.790.223

227.228
475.378
968.314
1.027.408

184
47
45
37

Natürlich  enthält  die  zweite  Colonne  nicht  den  Profit,
sondern  in  ihr  steckt  Steuer,  Versicherung,  Directionsauslage,
Handels-  und  Vertriebsunkosten,  Risikoprämie.  Aber  immerhin ­
  ist  der  Ueberschuss  ein  bedeutender  und  in  Europa  jedenfalls ­
  unerhörter.  Doch  sieht  man,  wie  der  Ueberschuss  von
Dekade  zu  Dekade  procentisch  kleiner  wird.
Die  Preisbewegung  der  Waaren  in  lo  Jahren  folgt  hier.
Es  ist  der  Durchschnitts-Exportpreis  im  Hafen  von  Amerika  in
Dollars  und  bis  zu  '  kk»«  Dollars:

Artikel.

M  a  a  s  s.

i»73

1871.

1880.

Mähemaschine
Pflüge
Siegel
Passagierwaggon  ....
Bituminöse  Kohle  ....
Gefärbter  Kattun  ....
Ungefärbter  Kattun  .  .  .
Gummischuhe
Boheisen
P'isen-Barren
Locomotiven
Stehende  Dampfmaschinen
Stahl-Ingots
Schuhe
Gement
Quecksilber
Seife
Bretter  ....!!.
quad,  geschnittenes  Bauholz
Schindeln
]yollene  Teppiche  .  .  .
Zinkblech

Stück
1000  Stück
Stück
Tonne
Yard
Paar
Centner
Stück
Ib.
Paar
Fass
Ib.
1000  Fuss
Kub.-Fuss
1000  Stück
Yard
Ib.

106.003
14.502
10.356
769.758
4.229
0.143
o.i  20
3435
1.567
4.605
14.124.895
1.921.379
0.157
1.479
1.871
0.737
0.074
17.804
0.184
4.269
1.534
0.083

127.872
»3.405
8.722
999.186
4.480
0.166
0.162
3.381
2.498
5.480
16.425.086
2.424.065
0.209
1.617
1.896
0.876
0.069
19.555
0.196
4  108
1.326
0.159

111.135
7.961
7.784
424.211
3.123
0.078
0.085
2.008
2.055
3.917
7.771.883
1.260.065
o.  116
1.166
1.252
0.456
0.047
14.808
0.136
3.055
0.999
0.087

Das  ist  doch  ein  sehr  starker  Preisfall,  obschon  der  Schutzzoll ­
  bis  auf  76  pCt.  vom  Werth  steht;  er  betrug  bis  Mai  1883
        <pb n="787" />
        774

Z.  B.:  Für  Teppiche  von  8—70  c.  per  □Yard,  von  einigen  40—
50  pCt.  vom  Werth,  Baumwollengarn  von  lOC.  per  Ib.  und20pCt.
bis  40  c.  und  20  pCt.  vom  Werth,  Kattun  von  5  c.  und  10
pCt.  bis  5'/¿  c.  und  20  per  □Yard,  Roheisen  7  Dollars  per
Tonne,  Ketten  2  Va  c.  per  Ib.,  Nägel  i’/a  c.,  Schrauben  8—11
c.  per  Ib.,  Stahlingots  2  Va  c.  per  Ib.  bis  3'/a  c.  und  10  pCt.
per  Ib.,  Crinolindraht  9  c.  per  Ib.  und  10  pCt.,  Wollengarn
JO—50  c.  und  35  pCt.  per  Ib.,  Tuch  50  c.  per  Ib.  und  35  pCt.
vom  Werth.  Der  Zoll  für  Stahleisenbahnschienen  betrug
28  Dollars  per  Tonne.  In  England  waren  sie  Ende  1882  um
26  Dollars  zu  kaufen.  Die  Fracht  nach  New-York  kostete  ca.
5  Dollars,  so  dass  englische  Schienen  in  New-York  verzollt
auf  59  Dollars  per  Tonne  kamen.  Der  Schutz  der  amerikanischen ­
  Industrie  durch  Seefracht  und  Zoll  betrug  in  diesem
Falle  127  pCt.!  Indessen  sank  der  Preis  ult.  1882  auf  42—45
Dollars  per  Tonne  in  Amerika.
Er  hielt  sich  aber  noch  ganz  kürzlich  auf  60  Dollars,  und
die  Profite  der  Stahlwerke  waren  sehr  gross.  Ihre  Besitzer
geben  sie  selbst  auf  16  pCt.  an.
Die  Entwickelung  der  Industrie  nach  Staatengruppen  und
Staaten  lasse  ich  hier  nun  für  die  Census)ahre  i860,  70  und
1880  folgen;

Staat

Zahl  der
Fabriken.

Werth  des
Products
Mill.  Doll.

Zahl  der  1
Arbeiter.  |
1000.  1

Zahl  der
Fabriken.

1  Werth  des  |
1  Products.
1  Mill.  Doll.

Zahl  der
1  Arbeiter.
1  1000.

j  Zahl  der  j
1  Fabriken,  j

1  Werth  des  j
1  Products.  1
1  Mill.  Doll.  1

Zahl  der  |
Arbeiter.  |
1  1000.  1

1880.

0
,00

i860.

I.  Alte  Industrie-Staaten:

Massachussetts  .
Maine
Connecticut.  .  .
New-York  .  .  .
New-  Jersey  .  .
Pennsylvania  .  .
Delaware  ,  .  .  .
Maryland  .  .  .  .
New-Hampshire
Rhode  Island  .
Vermont  .  .  .  .

14-352
4.481
4.488
42.739
7.128
31-232

631
79
185
1.080
254
744

746
7.687
3.181
2.205
2.874

20
106
73
104
31

113
5311
1261
3871
12
75
49
63
17

13.212
5.550
5-128
36.206
6.636
37.200
800
5.812
3.342
1.8501
3.270I

553
79
161
785
169
711
16
76
71
111
32

27911  8.176
49¡|  3.810
89I'  3.019
351II  22.624
75¡i  4.173
31911  22.363
9Í1  615
441  3-083
4oi!  2.592
49,1  1.191
i8||  1.883

255
38
64
378
76
290
9
41
37
40
14

217
34
81
230
5Ö
222
6
28
32
33
10

Summa  .  1.12i.i  13

3.307Í  1.765111  i9.oo&amp;lt;)|  2.7641  1.32211  73.5291  1.242

948
        <pb n="788" />
        Staat

Zahl  der
Fabriken.

Werth  des
Products  1
Mill.  Doll.  1

Zahl  der
Arbeiter  |
1000.  i

Zahl  der
Fabriken,  j

Werth  des
Products
Mill.  Doll.

Zahl  der
Arbeiter

Zahl  der
Fabriken.

Werth  des
1  Products
Mill.  Doll.

Zahl  der
Arbeiter
1000.

1880.

1870.

1  1860.

West  Virginia
Virginia  .  .  .
Dist.  Columbia
N.-Carolina
S.-Carolina
Georgia  .
Florida  .
Alabama
Tennessee
Kentucky
Louisiana
Arkansas
Mississipp
Missouri
Texas  .

Summa
Californien  .  .
Oregon  ....
Washington  .
Summa

Michigan  .
Ohio  .  .  .
Indiana  .  .
Illinois  ,  .
Wisconsin
Minnesota
Nebraska
Kansas  .  .
Jowa  .  .  .

Summa

*•375
5.710
971
3.802
2.078
3.593
426
2.070
4.326
5.328
1-553
1.202
1.479
8.592
2.996

22
5&amp;gt;
11
20
16
36
5
13
37
75
24
6
7
165
20

17I
22'
24¡
5i
lOl
22!
37!
12!
4i
5
H
12,

2.444
5.933
952
3.642
1.584
3.836
659
2.188
5.317
5-390
2.557
1.079
173:
11.871
2.399

24
38
9
19
9
3«
4
13
.  34
54
24
4
8
206
11

26
4
»3¡
8|
17
2
8
19
30
30
3
5
65
7

I  46.3011  508  295!;  51.582!
III.  Pacific-Staaten;

5.385
429
3.689
1.230
1.890
185
1.459
2.572
3.450
1.744
5'8
976
3:57
983

248  27.577

IV.  Mittlere  West-Staaten.

8.873
20.699
11.198
14.549
7.674
3.493
1403
2.803
6.921

77.613

150
348
148
414
128
76
12
30
71

1.377

731!  9-455
184II  22.773
ógii  11.847
144I  12.597
57|l  7013

211'
,i
28IÍ

2.270
670
1.477
6.566

118
269
108
205
77
23
5
11
46

63)
137
58
82
43!
11
2
6
25

593II  74.668]  862]  427

3.448
11.123
5.323
4.268
3.064
562
107
344
1.939

30.178

50
5
16
8
“1
3
151

32
121
42
57
27
3
1
4
13

300

V.  Neueste  Staaten  und  Territorien  der  Mitte:

Arizona
Colorado
Dakota  .
Waho  .  .
Montana
Nevada  .
N.-Mexico
Utah  ,  .
Wyoming
Territorien  nicht
specialisirt

66
599
251
162
196
184
144
640
57

18
256
17
101
201
330
182
533
32

82
148

Summa  .  2  209]

28I

i2|!  1  6701  24,

230I

36
3
14
6
11
2
7
12
37
8
I
4
19
3

215I  163

]:  5.885
1.080
II  216

16
IO
3

43
3!
I

3.984]  66
969  6
269]  2

25I:  8.468
2]  309
111  52

68
2
1

49
1

II  7.181

129

47

!  5.222]  74

28]]  8.829

71

51

23
75
21
22
15
2
1
6

165

Ganze  Union  .  II253.852]  5.369]  2.738I252.148]  4.232]  2.05311140.433]  1.885)1.311
        <pb n="789" />
        776

Der  Grossbetrieb  verdrängt  in  den  Süd-  und  anderen
neuen  Staaten  augenscheinlich  den  Kleinbetrieb,  welcher  sich
ja  bei  neuen  Ansiedlungen  natürlich  zuerst  einstellt.  Vom
Secessionskriege  haben  die  alten  Industriestaaten  eine  ungemeine
Entwickelung  ihrer  Industrie  gehabt;  der  erzeugte  Productwerth
  hat  sich  mehr  als  verdoppelt  von  i860  bis  70.  Sie
hatten  vom  Kriege  nicht  zu  leiden  und  versorgten  die  Nordarmee. ­
  Von  1870  bis  1880  entwickelt  sich  ihre  Industrie
nicht  im  Verhältniss  zu  jener  der  Mittelstaaten,  die  von  i860
ab  enorm  gewinnen.  Die  Südstaaten  erholen  sich  bis  1880
nur  langsam,  jedoch  ist  1880  ein  erheblicher  Fortschritt  gegen
1850  gemacht.  Seit  1880  vollzieht  sich  in  ihnen,  in  Californien ­
  und  auch  in  den  neuesten  Staaten  das  Erstarken  der
Industrie  schneller;  in  mehreren  älteren  Industriestaaten  ist  der
Sättigungspunkt  augenscheinlich  bereits  erreicht.  Für  die  jüngeren ­
  Mittelstaaten  dürfte  der  Census  von  1890  die  grösste
Zunahme  der  Industrie  nachweisen.
Die  Zahl  der  Eisenerz  werke  vermehrte  sich  bis  1880  seit
1870  um  91  pCt.,  der  Arbeiter  darin  um  iio  pCt.  und  betrug
erstere  805,  die  Tonnenzahl  des  Products  um  135  pCt.  auf
7.917.000  Tonnen,  der  Preis  pro  Tonne  verminderte  sich  um
25.45  pCt.  Pennsylvanien  producirte  2.185.000,  Michigan
1.834.000,  New-York  1.262.000  Tonnen.
Die  Roheisenproduction  stieg  von  2.052.000  1870  aut
4,295.000  in  1880  und  4.623.000  im  Jahre  1882,  es  werden
1880  —  750.580,  1882  —  1.304.000  Tonnen  Stahlschienen
erzeugt.
Bituminöse  Kohle  wurde  producirt  1870  =  32.8  Mill,
Tonnen  und  keine  Anthracitkohle,  1880  —  42.4  bituminöse,
dazu  1880  =  28.6  Anthracitkohle,  Summa  71,  1882  =
77  Millionen  Tonnen.
England  erzeugte  1879  134  Millionen  Tonnen  Kohle,
5.995.000  Tonnen  Roheisen  und  509.000  Tonnen  Stahlschienen,
Deutschland  42  Millionen  Tonnen  Kohle,  2.161.000  Tonnen
Roheisen  und  350.000  Tonnen  Stahlschienen,  Frankreich  17
Millionen  Tonnen  Kohle,  1.344.000  Tonnen  Roheisen  und
247.000  Tonnen  Stahlschienen,  Oesterreich-Ungarn  14  Millionen
        <pb n="790" />
        777

Tonnen  Kohle,  469.000  Tonnen  Roheisen  und  75.000  Tonnen
Stahlschienen.
Die  Petroleum  production  wurde  von  86  Compagnien
betrieben,  das  in  der  Kohlenöl-Industrie  angelegte  Capital
betrug  27.395.746  Dollars;  die  Durchschnittszahl  der  beschäftigten ­
  Männer  9498,  der  Frauen  25,  der  Kinder  346;  der
Gesammtbetrag  der  ausbezahlten  Löhne  4.381.572  Dollars,  der
Werth  der  Gebäulichkeiten  1.899.288  Dollars;  der  Werth  der
im  Gebrauch  befindlichen  Maschinen  3.737.998  Dollars;  der
Gesammtbetrag  der  gewonnenen  Oelproduction  44.705.218
Dollars.
In  1000  Barrels  à  42  Gallonen  wurden  gewonnen  von
^^59—1880  resp.  82  500,  2.113,  3.056,  2.611,  2.116,  2.497,
3  597,  3-347,  3-583,  4-2io,  5.673,  5.715,  6.531,  7.878,  10.950,
8.787,  9.175,  13.490,  15.165,  19.741,  26.032,  Summa  156.856.152
Gallons.  Exportirt  wurden  1000  Gallons  1877  =  10.425,
1878  =  10.353,  ^879  =  12.432,  1880  =  10.072.  Weisses,
raffinirtes  Petroleum  kostete  per  Gallon  in  New-York  durchschnittlich ­
  1874  =  13.09,  1875  =  12.92,  1876  =  19.19,  1877
--  15.72,  1878  —  10.77,  1879  =  8.08,  1880  =  9.12  Cents.
Die  Seefracht  von  New-York  nach  England  kostete  I880
per  Barrel  von  3  Shillings  3  Pences  bis  4  Shillings  9  Pences.
Bei  Baku  wird  ebenfalls  Petroleum  schon  seit  sehr  langer
Zeit  gewonnen.  Die  Production  erreichte  1879  12'/^  Millionen ­
  Pud  und  diese  wurden  nach  Marseille  um  25  s.  per  Tonne
Von  20  Centnern,  nach  Atlantischen  Häfen  um  30  Shillings
Verfrachtet.
Salz  wird  durchweg  aus  Wasser  von  der  See  oder  von
Salzlaken  und  Quellen  durch  Verdampfung  hergestellt  und
Wurden  producirt  i860  —  12.717.000,  1870  =-  17.606.000,
i88o  =  29.800.298  Bushels,  davon  in  Californien  884.000,
Kentucky  83.000,  Massachussetts  9.000,  Michigan  12.425.000,
Kew-York  8.748.000,  Ohio  2.650.000,  Pennsylvanien  851.000,
Utah  483.000,  Wrginia  und  West-Virginia  3.105.000,  zerstreut
in  anderen  Staaten  etwas  über  500.000  Bushels.
Glasfabriken  gab  es  1880  6  Etablissements  zur  Herstellung ­
  von  Glasplatten,  56  von  Fensterglas,  82  von  Glas-
        <pb n="791" />
        77«

waaren  und  50  von  Grünglas,  mit  19.415.000  Dollars  Capital
und  23.822  Arbeitern.  Das  Product  wurde  auf  21  Millionen
Dollars  geschätzt,  1870  auf  18  Millionen  Dollars.
Wollproduction  und  Manufactur.  In  je  Million
Pfunden  (Ibs.)  wurden  Wolle

Jahr

Producirt

Importirt

Exportirt

Im  Lande
verarbeitet

1850
1862
1866
1870
1875
1878
1880

52
90
155
162
181
208
264

18
42
76
49
54
48
55

I
1
I
3
6
5

71
130
229
209
232
249
314

Es  producirten  Millionen  Pfunde  Ohio  25,  Californien  16,
Michigan  ii,  New-York  8,  Pennsylvanien  8,  Missouri  7,  Wiskonsin
  7,  Texas  6,  Indiana  6,  Illinois  6,  Oregon  5,  Kentucky  4,
New-Mexico  4,  Colorado  3,  Jowa  2,  Kansas  2,  Maine  2,  West-Virginia
  2,  Vermont  2,  Tennessee  1,  Virginia  i,  Washington  i,
Minnesota  i,  Georgia  i,  Nebraska  i,  New-Hampshire  i,  Montana ­
  I,  Utah  I.
Es  gab  2684  Manufacturen,  davon  für  Wollen  waaren
1.990,  Teppiche  195,  Strickwaaren  354,  Hüte  43  etc.  Das
investirte  Capital  betrug  159  Millionen  Dollars,  die  Zahl  der
Arbeiter  160.998,  davon  66.575  Frauen  über  16  Jahren  und
19.159  Kinder  unter  16  Jahren,  die  Löhne  betrugen  47.180.000
Dollars,  die  verarbeitete  Wolle  betrug  306  Millionen  Ibs.,  der
Werth  des  Products  26  Millionen  Dollars.
In  der  Baumwollwaaren-Fabrikation  waren  1880
208  Millionen  Dollars  Capital  angelegt.
Die  Zahl  der  Spindeln  belief  sich  auf  10.600.000;  die  der
Webstühle  auf  227.000.  Alles  in  Allem  waren  ungefähr
175.000  Arbeiter  beschäftigt,  während  1.570.000  Ballen  Baumwolle ­
  zum  Werthe  von  87.000.000  Dollars  verarbeitet  wurden.
Es  sind  627  Millionen  Pfund  Baumwolle  und  2265  Millionen
Yards  Baumwollzeug  fabricirt  worden.  Die  Arbeiter  erhielten
an  Lohn  42.000.000  Dollars.  Der  Werth  der  Production  er-
        <pb n="792" />
        779

reichte  die  Summe  von  193  Millionen  Dollars.  Es  waren
751  Fabriken  im  Betriebe,  438  in  den  östlichen,  138  in  den
Mittel-,  159  in  den  südlichen  und  16  in  den  westlichen  Staaten.
Im  Jahre  1870  gab  es  956  Fabriken  mit  jedoch  nur
135.000  Arbeitern,  140  Millionen  Dollars  Capital,  7.100.000
Spindeln,  157.000  Webstühlen,  398  Millionen  Ibs.  Rohbaumwolle ­
  und  512  Millionen  Yards  Baumwollenzeugproduction.
Rauchtabak  wurden  1880  fabricirt  475  Millionen  Ibs.,
118  Kau-  und  5.3  Millionen  Ibs.  Schnupftabak,  567  Millionen
Cigaretten,  2638  Millionen  Cigarren.  Importirt  wurden  45  Millionen ­
  Cigarren.
Im  Jahre  1880  existirten  in  den  Vereinigten  Staaten
104  Töpferei-Etablissements  mit  320  Brennöfen.  Das  hierbei
angelegte  Capital  betrug  4.000.000  Dollars;  der  Werth  der  in
diesen  Etablissements,  die  5800  Arbeiter  beschäftigten  und
2.200.000  Dollars  an  Löhnen  auszahlien,  hergestellten  Producte
bezifferte  sich  auf  5.000.000  Dollars.  Was  die  amerikanischen
Töpfereien  vor  zwei  Jahren  noch  nicht  leisten  konnten,  obwohl ­
  in  den  Vereinigten  Staaten  mächtige  Lager  der  reinsten
und  schönsten  Porzellanerde  existiren,  das  sind  sie  jetzt  im
Stande,  da  ihnen  der  grosse  Strom  der  Einwanderung,  namentlich ­
  aus  Deutschland,  die  nöthigen  erfahrenen  Arbeitskräfte ­
  zugeführt  hat.  Wie  Alles,  zum  grössten  Theil  in
Folge  der  Einwanderung,  sich  in  diesem  Lande  grossartig
entwickelt  hat,  so  auch’  die  amerikanische  Töpferei.  Bessere
heimische  Waare  war  vor  zwanzig  Jahren  in  Amerika  gar
nicht  zu  haben  und  musste  aus  Frankreich,  Deutschland,
Belgien  und  England  eingeführt  werden.  Seitdem  ist  es  aber
anders  geworden.  Im  Jahre  i860  gab  es  in  den  Vereinigten
Staaten  nur  50  Töpfereien,  die  908  Arbeiter  beschäftigten  und
ordinäres  Product  lieferten.  Der  Hauptsitz  der  amerikanischen
Töpferei  ist  Trenton,  New-Jersey,  das  29  Fabriken  von  sehr
grosser  Leistungsfähigkeit  besitzt  und  2877  Arbeiter  beschäftigt.
East-Liverpool  im  Staate  Georgia,  mit  seinen  25  Fabriken
nimmt  den  zweiten  Rang  nach  Trenton  ein.  Die  übrigen
Töpfereien  befinden  sich  in  New-York,  New-Jersey,  Ohio,
Massachussetts  und  Kentucky.
        <pb n="793" />
        78o

In  1880  existirten  in  den  Ver.  Staaten  382  Seidenwaaren-Fabriken,
  welche  34.521  Arbeiter  und  Arbeiterinnen  beschäftigten, ­
  denen  9  Millionen  Dollars  an  Löhnen  bezahlt  wurden.
Das  in  der  Seiden-Manufactur  angelegte  Capital  betrug
19.125.300  Dollars,  wovon  18.962.310  Dollars  auf  356  Fabriken
in  den  fünf  Staaten;  Connecticut,  Massachussetts,  New-York,
New-Jersey  und  Pennsylvanien  fielen.  Die  Seiden-Industrie  beschränkt ­
  sich  im  Wesentlichen  auf  folgende  sieben  Counties;
Hartford  und  Tolland  in  Connecticut,  Hampshire  in  Massachussetts, ­
  Hudson  und  Passaic  in  New-Jersey,  New-York  in
New-York  und  Philadelphia  in  Pennsylvanien,  in  welchen  das
Betriebscapital  etwa  15.500.000Dollars  beträgt.  Passaic-County
in  New-Jersey  nimmt  mit  einem  Capital  von  5.700.000  Dollars, ­
  82  Fabriken  mit  3238  Webstühlen  und  Fabrikaten  im
Werthe  von  14  Millionen  Dollars  den  ersten  Rang  ein.  Die
Rohseideproduction  betrug  1841  —  30.000  Ib’s.,  ist  aber  sehr
zurückgegangen,  da  sie  zu  viel  Arbeitskraft  erfordert,  die  in
Amerika  noch  theuer  ist.  Die  Mormonen  stehen  mit  1000  Ibs.
heute  an  der  Spitze.
Die  Production  der  Lei  ne  wand  stieg  von  186  Millionen
Yards  1870  auf  429  Millionen  i.  J.  1880.
Wohl  die  interessanteste  Industrie  der  Union  ist  die  der
Ackerbaumaschinen,  in  welcher  sie  nach  Erfindung  und
Massenhaftigkeit  der  ganzen  Welt  voraus  ist.  Es  gab

Jahr

Fabriken

Arbeiter

Capital

Löhne

Materialwerth

1870
1880

2.076
1-943

25.429
39.580

34.834.000
62.109.000

12.151.000
15.359.000

21.473.000
31.531.000

Erzeugt  wurden;

Jahr

Pflanz-Mais


und  Säemasch
Baumwolle

inen  für
Drills

j  Breitwürfige
1  Sämaschinen

0

21.709
68.691

2.000
19.288

32.033
43.222

?
1  35.852

Ferner  1880;  Kunstdüngerstreuer  8.155,  Cultivators  318.057,
Püggen  127.997,  Pflüge  1.326.123,  Walzen  3.002,  Obstpflücker
315,  Getreidereiniger  167.492,  selbstbindende  Mähemaschinen
        <pb n="794" />
        78i

25.737,  Heulader  8.957,  Pferdeharken  95.625,  Rasenmäher
47.661,  Grasmähemaschinen  72.092,  Kartoflfelgraber  33.453,
Reaper  35.327,  Reaper'verbunden  mit  Mower  54.920,  Dampfdreschmaschinen ­
  91.03,  andere  Dreschmaschinen  10.424,
Heupressen  791,  Stubbenausreisser  702,  im  Ganzen  für  68  6
Millionen  Dollars  Producte,  von  denen  eine  grosse  Zahl  bereits
exportirt  worden.
Schuhwaaren  werden  in  Amerika  bekanntlich  nur  noch
fabrikmässig  hergestellt  und  es  giebt  kaum  noch  einen  Flickschuster, ­
  da  man  zerrissene  Schuhe  —  Stiefel  trägt  man  nur
in  Sumpfgegenden  —  einfach  wegwirft.  Die  Fabrikschuhe  sind
übrigens  sehr  solide  und  durchaus  preiswürdig.  Natürlich
leben  in  den  grossen  Städten  einige  Schuhmacher  von  grossem
Ruf,  die  auf  Bestellung  sehr  gutes  Schuhwerk,  aber  zu  enormen ­
  Preisen,  anfertigen.  Es  gab  1880  =  1954  Schuhwaaren-Fabriken
  mit  43  Millionen  Dollars  Capital,  111.152  Arbeitern,
Worunter  25.122  Frauen  und  3483  Kinder,  die  43  Millionen
Dollars  Lohn  erhielten,  der  Werth  des  Rohmaterials  betrug
102.4  Millionen  Dollars,  des  Products  166  Millionen  Dollars.
Angefertigt  wurden  30Millionen  Paar  Stiefel  incl.  Damenstiefel, ­
  und  95  Millionen  Paar  Schuhe.  Im  Jahre  1870  gab  es
nur  91.000  Arbeiter  in  dieser  Industrie,  welche  14.3  Millionen
Paar  Stiefel  und  66.3  Millionen  Paar  Schuhe  anfertigten.
Papier  wurde  1880  in  692  Fabriken  von  24.422  Arbeitern
mit  46  Millionen  Dollars  Capital  und  8.5  Millionen  Dollars
Höhnen  angefertigt;  der  Werth  des  Papiers  betrug  55  Millionen ­
  Dollars,  des  Rohproducts  33.9  Millionen  Dollars,  darunter
Waren  187.917  Tonnen  Lumpen,  87.840  Tonnen  altes  Papier,
*2.088  Baumwollabfalle,  84.786  Manilastengel,  954  Maisstengel,
264  Esparterogras  und  245.838  Tonnen  Stroh.  Angefertigt
Wurden  149.177  Tonnert  Druck-,  32.937  Schreib-,  134.294  Packnnd
  14.737  Tonnen  Tapetenpapier,  sowie  20.014  Tonnen  Buchkinderpappe. ­

Holzschneidemühlen,  25.708  an  Zahl,  liefern  der  Union
öie  Bretter  und  Bohlen,  aus  denen  fast  alle  landwirthschaftiichen
  und  viele  städtischen  Gebäude  gemacht  werden.  Das
investirte  Capital  betrug  181  Millionen  Dollars,  gegen  161  in
        <pb n="795" />
        1870,  die  Arbeiterzahl  147.956  gegen  163.637  im  Jahre  1870,
die  Löhne  31.8  Millionen,  gegen  46.2  Millionen  im  Jahre  1870,
der  Werth  des  Products  233  Millionen,  gegen  252  im  Jahre
1870.  Es  wurden  18.091  Millionen  Fuss  Bauholz  (Planken
und  Bretter),  1.761  Millionen  Stück  Latten,  5.553  Millionen
Schindeln,  1248  Millionen  Stück  Stäbe  etc.  geschnitten.  Trotz
der  verminderten  Arbeiterzahl  hatte  man  die  Production  durch
Maschinen  wesentlich  verbessert,  denn  1870  waren  nuri2.755  Millionen ­
  Fuss  Bauholz,  1.259  Millionen  Stück  Latten,  3.265  Millionen ­
  Schindeln  erzeugt  worden.
Die  Ziegeleien  waren  von  3.137  auf  5.631  an  Zahl  gestiegen, ­
  das  investirte  Capital  von  20.6  auf  28.6,  der  Werth
des  Products  von  29.3  auf  32.8  Millionen,  der  Löhne  von
10.8  auf  13.4  Millionen  Dollars  gestiegen.  Erzeugt  wurden
gemeine  Ziegel  1870  =  2.801.832  000,  1880  =  3.822.362.000,
feuerfeste  Ziegel  1870  =  60.072.000,  1880  *=■  163.184.000,
gepresste  Ziegel  37.428.000,  1880  —  210.815.000,  und  1880
erschienen  zum  ersten  Male  auch  für  1.765.428  Dollars  Drainröhren ­
  speciell  aufgeführt,  als  ein  Zeichen,  dass  die  Landwirthschait
  in  grossem  Maasse  zur  Melioration  des  Drainirens
übergeht.
Der  Productwerth  der  amerikanischen  Industrie  ist,  was
man  in  Europa  zu  übersehen  scheint,  schon  grösser  als  jener
der  Ackerbauproducte  und  vermehrte  sich  von  1870  bis  80
bedeutend,  während  jener  der  Ackerbauproducte  sich  nur
wenig  vermehrte,  obschon  in  beiden  Arbeitszweigen  mehr
Producte  erzeugt  wurden  und  die  Preise  sanken.
Der  Productwerth  der  Industrie  stieg  von  4.232  Millionen
Dollars  auf  5.369,  der  Ueberschuss  des  Productwerthes  über
den  Werth  des  Rohmaterials  von  1.344  auf  1.975  Millionen
Dollars.  Alle  die  Industriewaaren  kommen  in  den  Markt.
Das  in  Cultur  befindliche  Farmland  der  Union  betrug
1850  =  II3,  i860  =  163,  1870  —  188,  1880  =  284  Millionen ­
  Acres.  Bestellt  waren  1880  je  1000  Acres,  mit  Weizen
35.430,  Roggen  1.842,  Hafer  16.144,  Gerste  1.997,  Buchweizen
848,  Mais  62.368,  Hopfen  46,  Zuckerrohr  227,  Reis  174,  Baumwolle ­
  14.480,  Tabak  638,  ohne  Heu,  Kartoffeln  und  Garten-
        <pb n="796" />
        783

gemüse  also  134.194.000  Acres.  —  Deutschland  hatte  1878
=  65.150.000  Acres,  die  als  Ackerland  oder  Gärten  nutzbar
waren,  wovon  bestellt  mit  Roggen  15.130.000,  Weizen  4.550.000,
Gerste  4.056.000,  Hafer  9.400.000,  Kartoffeln  6.895.000,  Summa
40  Millionen  Acres.  Deutschland  kann  seine  Anbaufläche  nicht
vergrössern,  Amerika  vervielfältigen.
Von  dem  Inventar  der  Landwirthschaft  nach  der  Ernte
der  Jahre  1870  und  80  wurde  ein  grosser  Theil  auf  den  Farmen ­
  verzehrt,  dennoch  producirte  die  Landwirthschaft  in  jenen
Jahren,  oder  besass  sie  nur:

Product

1870
Zahl
1000

1870
Werth
Mill.
Doll.

1880
Zahl
1000

Werth
Mill.
Doll.

Durchschnitts  -
preis*)
1870  1  1880
per  Bushei  od.
Stück  etc.

Pferde
Maulthiere
Ochsen,  Rindvieh  ....
Milchkühe
Schafe
Schweine

8.702
1.242
16.212
10.023
31-851
29.457

683.2
126.1
369.9
374-1
74-0
182  6

11.429
1.720
20.937
12.368
43.575
36.247

667.9
120.0
362.8
296.2
104.0
170.5

D.  81
„  86
«  34
n  45
«  1.98
«  9.40
c.  54
„  104
„  81
«  43
«  84
.  78
n  72
«  10.6
^  1382
«  lb.14

D.  58
„  66
«  24
«  28
«  3-08
«  5.63
C.  39
"  95
n  75
«  36
n  66
n  59
n  48
.  8.2
«  1165
«  9:8

_  Summa  Viehwerth  .

1809

1723

Mais  I  Mill.  Bushels  .  .
Heizen
Roggen
Oerste
Buchweizen
kartoffeln
T^abak  Ibs
Heu  Tonnen
Baumwolle  Ballen

1.094
235
15
247
26
9
114
250.628
24.535
4.400

601
245
12
107
22
7
82
26
338
286

1.717
498
24
417
45
»4
167
446.296
31-925
6.343

679
474
18
150
30
8
81
36
.  37:
280

Summa  Bodenproducte  .
M  Viehwerth  .  .

1726
1809

2127
1723

1  3535

1

3850

Man  beachte,  wie  allgemein  und  gross  der  Preisfall  in
dieser  Dekade  ist,  und  ich  glaube,  er  wird  in  der  folgenden
ebenfalls  zu  constatiren  sein,  trotz  einiger  Missernten  in  ihrem
Anfänge.
Ein  Vergleich  des  Viehstapels  mit  jenen  anderer  Länder
erscheint  hier  am  Platze.
*)  Viehpreis  im  Staate  Ohio.
        <pb n="797" />
        784

Bevölkerung  und  Viehstand  Europas  und  Amerikas  in
Millionen  Seelen  resp.  Stück:

2.6

7.4

21.S

4.5

5.3

1S.8

7-1

27.3

42.7

5.8

36.9

27.7

II.7

9.8

32  6

34-ï

3.7

27.7

0.6

4.2

16.8

4.4

22.5

0.6

1-3

5.4

0.4

1.5

0.4

2.6

0.4

1.8

0.5

1.3

1-9

0.4

1.7

2.2

4.5

1.6

o.i

18

1.3

1.6

2.7

0.7

0.8

3.5

1.9

5.5

105

86

24

49

48.4

206.8

92.3

313  2

per  Kopf  in

0.67

0.15

20.0

Januar

44'

45.0

35.9

530

0.83

0.68

0.85

1.5

4.3

0.4

70.0

20.0

3.3

O.I

lO.O

1.2

Í.7

63.0

0.7

7.5

30

46.8

67.6

65.3

192.0

Land.

Oesterreich
Ungarn  .
Deutschland
Frankreich
England  .
Italien
Portugal  .
Spanien  .
Belgien  .
Holland  .
Schweiz  .
Dänemark
Schweden
Norwegen
Serbien  .
Rumänien
Russland
Europa  .
Haupt  Vieh
Europa  .  .  .
Vereinigte  Staaten
1882
Haupt  Vieh  per  Kopf  in  der
Union
Canada
La  Plataländer
Südafrika
Australien  .
Summa  überseeische  Länder
Pro  Kopf  in  überseeischen
Ländern  ......  1  —  '  .°3  3  o  °  7^
Gegenüber  Europa  erscheint  die  Union  reich  an  Vieh,
die  anderen  überseeischen  Länder  sind  es  aber  noch  mehr,
zusammen  haben  diese  eine  entschiedene  und  wachsende
Exportfahigkeit  gegenüber  Europa.
Als  Deutschland  1883  den  Import  von  amerikanischem
Schweinefleisch  verbot,  veröffentlichten  deutsche  Blätter  das
Folgende,  welches  nur  in  Kleinigkeiten  von  obigen  Zahlen  abweicht,
  die  ich  soeben  zusammenstelle  und  die  genauer  sind
als  die  nun  folgenden:
        <pb n="798" />
        785

Europa  hatte  im  Jahre  1830  yo  ^2  Millionen  Rinder,
164  Millionen  Schafe,  42',3  Millionen  Schweine;  um  1875
zählte  man  88’/s  Millionen  Rinder,  191  Millionen  Schale  und
43’,2  Millionen  Schweine.  Die  Zahl  der  Letzteren  ist  also
beinahe  unverändert  geblieben.  Der  relative  Viehstand  dagegen ­
  ergab  für  1000  Einwohner  in  Europa:
Rinder.  Schafe.  Schweine.
1830  328  764  &amp;gt;97
1880  310  682  156
Dies  zeigt  eine  im  Verhältniss  zur  Bevölkerungsziffer  stetig
abnehmende  Zahl  des  Viehstandes.
Speciell  für  Deutschland  ist  das  Verhältniss  noch  ungünstiger. ­
  Während  im  Jahre  i860  die  Bevölkerung  auf  dem  Gebiete ­
  des  heutigen  deutschen  Reiches  37.7  Millionen  und  im
Jahre  1870  40.8  Millionen  betrug  (ca.  io"/o  Zunahme),  hat  sich
der  Viehstand  nur  wie  folgt  erhöht:
Rindvieh.  Schafe.  Schweine.
i860  ....  14999194  28.016.769  6.462.572
1873  ....  15.776.702  24.999.406  7.124.088
Demzufolge  musste  auch  die  Einfuhr  in  Deutschland  zuaehmen.
  Nach  dem  statistischen  Jahrbuch  für  das  Deutsche
^eich  wurden  z.  B.  im  Jahre  1881  548.737  Schweine  eingeführt,
&amp;gt;n  1880  fast  doppelt  so  viel,  1.104.321.  Für  das  letztere  Jahr
erhöhte  sich  die  Zahl  durch  die  Einfuhr  von  Spanferkeln  bis
auf  1.272.816;  dagegen  betrug  die  Ausfuhr  467.949,  so  dass
sich  ein  Ueberschuss  der  Einfuhr  um  804.867  Stück  herausstellt.
Ein  weiterer,  neben  dieser  Nothwendigkeit  der  Einfuhr
aiassgebender  Faktor  ist  die  Billigkeit  des  speciell  von  Amerika
eingeführten  Produktes.  Amerikanisches  Schmalz  kostete  per
^00  Kilogramm  1879  70  Mark,  deutsches  160  Mark;  jetzt  ist
das  Preisverhältniss  125  Mark  und  145  Mark.  Westfälischer  und
oldenburgischer  Schinken  kostete  1881  und  in  den  ersten  sechs
Monaten  des  Jahres  1883  durchschnittlich  105  bis  iio  Pfennige
P^'o  Pfund;  amerikanischer  60  bis  64  Pfennige;  jetzt  kostet
deutscher  105  bis  110  Pfennige,  amerikanischer  63  bis  63',  2  Pfen-^‘ge.
  Man  sieht  den  Einfluss  des  Importes  auf  die  Preise  der
einheimischen  Waare.
Es  ist  anzunehmen,  dass  die  Preise  von  Getreide  und
50
        <pb n="799" />
        786

Fleisch,  welche  nur  in  Folge  der  äusserst  ungünstigen  Ernte
des  Jahres  1881  und  gleichzeitiger  starker  Einwanderung  noch
hoch  sind,  binnen  weniger  Jahre  in  Amerika  und  also  auch  in
den  europäischen  Ländern  mit  freier  Einfuhr  wieder  erheblich
fallen  werden.  Sie  werden,  z.  B.  bezüglich  des  Fleisches,
jene  Tendenz  wieder  annehmen,  welche  sie  —  nach  folgender
Tabelle  —  von  1872  bis  81  in  England  befolgten:
Während  der  am  31.  August  endenden  zwölf  Monate  der
folgenden  Jahre  kostete  der  „Stein“  von  8  Ibs.  Schlachtfleisch,
ausgeschlachtet  und  per  ganzen  Körper  des  geschlachteten
Thieres  in  London:

1882  1881
Hammelfleisch:  sh.  d.  sh.  d.
Erste  Qualität  70  56
Zweite  „Inferior“-Qualität  ..60  39
Rindfleisch:
Erste  Qualität  5  *  4  ^
Zweite  „Inferior“-Qualität  ..44  34
Schweinefleisch  4  ^  4  2

1880  1876  1872
sh.  d.  sh.  d.  sh.  d.
58  61  62
36  3  9  4  4
4*6  53  4  IO
32  38  36
48  49  40

Es  ist  ganz  unzweckmässig  in  einem  Lande  mit  hoher
Ackercultur  und  ohne  geeignetes  Futtergetreide  für  Schweine,
wie  Deutschland  eins  ist,  die  Schweinezucht  fördern  zu
wollen.  Das  Schwein  ist  für  ein  wenig  cultivirtes  Land  das
profitabelste  Thier.  Deutschland  erntete  1881  nur  345.000
Tonnen  Erbsen  und  2.076.000  Tonnen  Gerste,  keinen  Mais,
wie  will  es  sich  da  eine  Schweinemast  halten  oder  schaffen?
Natürlich  muss  es  die  Einfuhr  von  Schweinefleisch  aus  Amerika

nicht  nur  hoch  mit  Zoll  belasten,  sondern  verbieten,  sonst
kommt  das  amerikanische  Product  doch  ins  Land.  Die  Union
hat  ja  1882  =  1.600  Millionen  Bushels  400  Millionen  Metercentner
  Mais  geerntet!
Doch  was  nutzt  es,  gegen  eine  Wirthschaftspolitik  Statistik
und  Gründe,  d.  h.  Wissenschaft  ins  Feld  zu  führen,  da  der
Schöpfer  dieser  Politik,  Fürst  Bismarck,  schon  im  Juli  1879
im  Reichstage  offen  folgendes  Bekenntniss  ablegte,  als  man  seine
Wirthschaftspolitik  mit  Wissenschaft  bekämpfte:  „Ihre  Wissenschaft ­
  lässt  mich  ganz  kalt,  ich  urtheile  nach  den  Erfahrungen
der  Praxis,  nach  den  Thatsachen,  die  wir  erleben.“
        <pb n="800" />
        787

Selbst  nach  den  Thatsachen,  die  wir  erleben,  ist  eine
Ernte  von  400  Millionen  Metercentnern  Mais  in  Amerika  und
keiner  solchen  in  Deutschland  ein  Grund,  das  Einfuhrverbot
von  amerikanischem  Schweinefleisch  nicht  glücklich  zu  finden,
allein  „Allah  weiss  es  besser!“
Die  Ernte  an  Cerealien  ergab  nach  Hübners  Tafel,  erschienen ­
  1882,  folgende  Erträge  in  Millionen  Hectoliters:

1
Weizen  j

r
0
0:

Gerste

Hafer

Mais

Ohne
Mais
Summa

Kartoffeln

Bevölkerung ­

Millionen ­


Pro  Kopf

Deutschland  .  .
Desterr.-Ungarn
England  ....
Frankreich.  .  .
Ealien  .
Holland  ....
Belgien  ....
Schweden  .  .  .
Spanien  ....

41.6
470
34-0
95.0
51.0
1.9
5.8
8.3
61.0

87.7
41.6
0.6
24.0
34
6.0
4.0
I  I.O

33  5
36.2
28.0
16.0
6.7
1.7
1.3
3.6
27.0

98.9
62.7
52.0
77.0
7.0
4.5
7.2
&amp;gt;3  4

0.2
30.0
10.5
31.0
I.O
0.4
130

261.7
187.5
114.6
212.0
64.7
II  5
20.3
19  3
99.0

277
131
53
112
11
19
21
18
3

42.7
37.5
34.1
36.9
27.7
4.0
5.4
4.5
16.6

Summa  Europa
Union
....
Union

346.6
174.3

178.3
8.4

154.0
15.7

322.7
145.9

86.1
237.6

990.6
344.3

645
28.3

209.4
50.1

2.4
3.6

Brodtrucht
5249
183.7

Da  die  Union  50  pCt.  Brodfrucht  mehr  pro  Kopf  pro-^ucirt
  als  Europa,  daneben  der  Mais  die  europäische  Kartoffel
*nehr  als  ersetzt,  drüben  auch  mehr  Fleisch  consumirt,  also
'veniger  Brod  gebraucht  wird,  als  in  Europa,  so  erklärt  sich
Abhängigkeit  Europas  von  Amerika  bezüglich  der  Brodfrucht. ­
  Consum,  ohne  Aussaat  erfordern  4’/4  Bushels  in
■Amerika,  6  in  England,  8  in  Frankreich.
Nach  diesem  Vergleich  der  amerikanischen  und  europäischen ­
  Ackerbauproduction  kehre  ich  zur  relativen  Würdigung
  des  Ackerbaues  und  der  Industrie  in  der  Union  selbst
zurück.

Der  Werth  der  Farmen  ist  weit  grösser  als  jener  der
Fabriken  und  er  steigt  auch  mehr.  Mit  Berücksichtigung  des
Doldagios  von  25-3  pCt.  im  Jahre  1870  betrug  der  Werth  in
50*
        <pb n="801" />
        7^

Gold,  resp.  das  in  Fabriken  investirte  Capital  in  Millionen
Dollars:

1880

1870

i860

1850

;  j
In  Fabriken  investirles  Capital  2.790
Werth  der  Farmen  incl.  Vieh,  Maschinerien  !l

1.582
8.380

1.009
7.980

533
3.967

Der  überwiegende  Theil  des  Nationalreichthums  ist  also
bei  der  Landwirthschaft  und  dort  in  glücklichster  Vertheilung,
bei  kleinen,  aber  spann-  und  maschinenfähigen  Besitzern,  die
keine  Schulden,  sondern  bescheidene  Bankdepositen  haben.
Der  Werth  der  Landgüter  hat  sich  in  dreissig  Jahren  verdreifacht. ­
  Der  Traum  der  Staatsphilosophen  von  Aristoteles  bis
zum  bescheidenen  Schreiber  dieser  Zeilen  ist  —  nicht  in  einer
elenden  kleinen  griechischen  Republik  —  sondern  in  einem
grossen  Welttheil  glorreich  verwirklicht  !  loh  gehöre  nicht  zu
jenen  Pessimisten,  welche  der  Union,  die  ich  bewundere,  den
Untergang  prophezeien,  weil  in  den  Städten  und  Industriebezirken ­
  Corruption  herrscht.  Das  gesunde  Land  wird,  weil  es
mehr  Volk  und  Capital  repräsentirt,  als  die  kranke  Stadt,  diese
in  Ordnung  halten.  Die  Staaten-  und  auch  die  Unionsregierung
werden  mehr  und  mehr  von  den  Grangern  beeinflusst  werden,
und  sie  werden  Männer  auf  den  Präsidentenstuhl  senden,  wie
den  unsterblichen  socialen  Reformator  und  Regenerator  Jackson,
wie  seinen  talentvollen  Schüler  van  Buren,  wie  den  zähen,
ehrenhaften  Lincoln,  den  beschränkten,  aber  ehrlichen  Hayes,
den  trefflichen  Garfield,  sie  werden  Senatoren  wählen,  wie
den  einfachen  aber  begabten  Windom,  der  die  Unionsschuld
im  Betrage  von  600  Millionen  Dollars  von  6  auf  4'/2  pCt.
convertirt,  ohne  einen  Rothschild  zu  brauchen  —  mit  13.000  Dollars ­
  Unkosten!
Nein,  dieses  kerngesunde  Land  wird  nicht  untergehen  —
aber  wir  können  es  leicht  thun!
Die  Union  importirte  1870  (Jahr  endend  30.  Juni  70)  für
109  Millionen  Dollars  Colonialwaaren,  für  60  Millionen  Rohmaterial ­
  und  für  265  Millionen  Dollars  Industriewaaren,  i.  J-1880
  für  172  Millionen  Dollars  Colonialwaaren  —  Zunahme
        <pb n="802" />
        789

58  pCt.,  für  86  Millionen  Dollars  Rohmaterial,  Zunahme  43  pCt.,
und  für  409  Millionen  Dollars  Waaren.  Von  den  Waaren
müssen  abgezogen  werden  in  1870  -  30  8  Millionen  Dollars
und  1880  =  69  Millionen  Dollars  amerikanische  exportirte
Waaren,  so  bleibt  Nettobedarf  fremder
Industriewaaren  1870=  235  Mill.  Doll,,  1880  =  340  Mill.Doll,
Dazu  Industrieproduction  .  .  „  =4.232  „  „  „  =5  3^9  o  »
Konsum  der  Union  ....  „  —4  4^7  „  ,,  »»  =5*709  "  "
F*ro  Kopf  „  =  I  ï  7  M  'f  n  ’*4  ,»
Der  Import  beträgt  vom  Consum  „  =5  pCt.  „  =6  pCt.
Dass  pro  Kopf  1880  anscheinend  weniger  Waarenwerth
consumirt  wurde  als  1870,  kommt  erstens  vom  grossen  Preisfall ­
  der  Waaren,  welcher  die  importirten  nicht  gleich  schwer
traf  als  die  anderen,  weil  durch  Gesetz  von  1874  der  Zoll
wieder  weiter  erhöht  wurde.  Zweitens  aber  muss  das  Goldägio
  in  1870  berücksichtigt  werden.  Thut  man  das,  so  betrug
der  Consum  von  Industriewaaren  1870  nur  90  Dollars  pro
Kopf.  Die  Consumkraft  der  Bevölkerung  ist  also  gewachsen.
Mir  scheint  aus  obiger  Zusammenstellung  hervorzugehen,
dass  die  Union  ein  Land  ist,  welches  seine  Industrie  so  schnell
vermehrt,  dass  es  bald  mehr  exportiren  als  importiren  kann.
Üurch  hohen  Schutzzoll  ist  ihre  Industrie  so  gestärkt,  dass  die
Preise  der  Waaren  fallen  und  der  Zoll  ermässigt  werden  kann,
Was  man  im  Mai  1883  bewirkt  hat.  Die  industrielle  Erziehung
der  Nation  ist  als  vollzogen  zu  betrachten,  und  von  Europa
Wandert  mancher  geschickte  Einwanderer  zu.  Die  Union
denkt  zunächst  daran,  ihr  Zollgebiet  zu  vergrössern,  hat  desshalb
  einen  Reciprocitätsvertrag  mit  den  Sandwichsinseln
^nd  mit  Mexico  geschlossen.  Schliesslich  wird  Canada  an
die  Reihe  kommen.  Durch  Ausschluss  europäischer  Waaren
Von  diesen  Märkten  und  Gewinn  derselben  für  die  Unionsindustrie ­
  muss  diese  sich  noch  schneller  entwickeln.  Vergessen ­
  wir  nicht,  dass  die  Union  jetzt  über  53  Millionen  Einwohner ­
  haben  dürfte,  gegen  45  Millionen  Deutschland,  37
Millionen  je  Oesterreich-Ungarn  und  Frankreich,  28  Millionen
Kalien,  26  Millionen  England.  Die  Union  muss,  durch  Menschenzahl,
  Qualität  derselben,  natürliche  Hülfsmittel,  Capital  und
        <pb n="803" />
        790

Zollpolitik  bald  die  erste  Industrienation  der  Welt  werden
und  die  europäischen  Industrien  niederconcurriren  —  zumal
wenn  Europa  einen  neuen  Krieg  bekommen  sollte.
Die  riesig  schnelle  Handelsentwickelung  der  Union  stellt
folgende  Uebersieht  des  Waarenhandels  dar:

1821

1830

1840

1850

i860

1870

1880

Nettoimport  Mill.  D.  .  .  .

43.7
43.7

49-5
58.5

86.2
111.6

164.0
134.9

336.2
316.2

419.8
376.6

656.2
883.9

Export  von  Unionsproducten
  Mill.  D

Im  letzten  Jahrzehnt  etwa  hat  sich  diese  Bewegung
folgendermaassen  gestellt  :

1'

1872

1873

1874

1875

1876

1877

1878

1879

1880

1881

1882

Import  Mill.  D.
Export  „  „

505
428

610
428

624
505

550
569

518
514

445
535

438
602

422
680

433
698

656
823

624
883

707
733

Summa  Ueberschuss
1876—82  1876—82

3725
4954

1229

Die  Zunahme  des  Exports  im  letzten  Jahrzehnt  tritt  in  ihr
rechtes  Licht,  wenn  man  sie  mit  dem  Export  des  grössten
Manufacturlandes,  Grossbritanniens,  vergleicht.  Der  Export
der  Union  betrug  1871  ==  11.2,  1881  =  17.3  Dollars  pro
Kopf  der  Bevölkerung.  Die  Bevölkerung  Grossbritanniens
betrug  1871  =  31.8  Millionen,  der  Werth  des  Exports  1118
Millionen  Dollars,  pro  Kopf  35  Dollars,  1881  Bevölkerung
35.2  Millionen,  Export  1115  Millionen  Dollars,  pro  Kopi
31  Dollars.  Obschon  noch  fast  doppelt  so  gross,  als  der  Export ­
  der  Union  pro  Kopf,  geht  der  britische  zurück,  der  amerikanische ­
  hat  sich  um  50  pCt.  per  Kopf  gehoben.  Mit  dem
Ueberschuss  von  1.229  Millionen  Dollars  seit  1876  hat  man
in  Europa  bis  dahin  placirte  amerikanische  Fonds  zurückgekauft. ­

Unter  diesem  Export  waren  für  1000  Dollars:
        <pb n="804" />
        791

1850  1  i860

1870

1880

Brodstoffe
Lebende  Thiere
Provisionen
Talg
Thieröl
Früchte
Samen
Vegetabilische  Oele....
Oelkuchen
Tabak
Spiritus
Hopfen
Hanf  und  Waaren  daraus
Baumwolle,  roh
Holz  und  Holzwaaren.
Leder  und  Leder-Waaren
Felle  und  Pelzwaaren  .  .  .
Terpentin-Spiritus  ....
Eisen  und  Eisenwaaren.  .
Kohle
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542
98
326
3.419
22.705
725
2515
5:4
227.027
13.734
673
1.941
1.357
II.  002
1.306
?

288.036
15.882
127.043
7.689
1.676
2.090
2.776
3-476
6.259
18.442
3-027
2.573
1.183
211.535
16.882
6.760
5  404
2.132
12.605
2.058
?

Summa

1  134.()00

316.242

455.208

823.946

Weizen  und  Vieh,  sowie  Provisionen  bilden  die  Hauptausfuhrartikel ­
  des  weststaatlichen  Ackerbaues.  Die  Weizenausfuhr ­
  betrug,  wobei  zu  bemerken,  dass  das  exportirte  Mehl
in  der  Weise  mit  unter  dem  Weizen  aufgefuhrt  ist,  dass  i  Fass
Mehl  gleich  4'/2  Bushel  Weizen  gerechnet  worden  ist:

Fiscaljahr

Bushels

Werth
in  Dollars

Preis  per
Bushel
Dollars

1882
1881
1880
1879
1878
1877
1876
»875
1874
&amp;gt;873

139550.305
186.331.614
480.304  176
147.687.649
93  139-296
58.043.936
74.750.682
72.912.817
91.510393
52.114715

149  304.773
212.745.742
225.879  502
160.268.792
121.964.842
68.799  509
92.816.369
83.310.393
130.679  553
70.338.918

1  18.5
1  11.3
1  27.3
I  06.8
1  53  8
1  16.9
1  24.1
1  12.4
1  42.8
1  31.3

Gleichzeitig  begann  die  Ausfuhr  von  lebendem  Vieh.
Nachdem  im  Jahre  1874  die  ersten  Versuche  gelungen  waren,
kamen  im  Jahre  1877  50.001,  im  Jahre  1878  80.040,  im  Jahre
        <pb n="805" />
        792

1879  136.720  und  im  Jahre  1880  schon  182,700  Stück  lebenden ­
  Rindviehes  zur  Ausfuhr.
Der  Werth  der  Ausfuhr  von  lebenden  Thieren  betrug  in
Millionen  österreichischen  Goldgulden:

187s

1876

1877

1878

1879

1880

Rindvieh  .  .
Schweine  .  .
Pferde  ....
Maulthiere  .
Schafe  .  .  .
Geflügel.  .  .

2.20
1-45
0.50
0  70
0  35
O.IO

2.25
1.35
0.43
0.45
0.35
0.05

3.—
1.40
0.60
0.95
0.45
0.05

7.80
0-55
1.60
I.—
0.65
0.10

16.75
1.40
1.50'
1.30
2.15
0.05

26.70
0.80
i  35
1.06
1.78
0.03

Totale  .

5.30

4.90

6-45

11.70  1  23.15

31.72

Die  Ausfuhr  von  lebendem  Vieh  hat  sich  demnach  vom
Jahre  1875  bis  1880  um  498  Percent  erhöht.
Im  Jahre  1881  wurden  von  New-York  56.921  Haupt  Rindvieh ­
  im  Werthe  von  5.330.502  Dollars,  von  Boston  70.072  Haupt
im  Werthe  von  6.984.838  Dollars  nach  Europa,  von  Key  West  in
Florida  22.580  Haupt  im  Werthe  von  318  189  Dollars  und  von
Saluria  in  Texas  15.705  Haupt  im  Werthe  von  264.476  Dollars
nach  Westindien  verschifft.  Der  Durchschnittspreis  des  von
New-York  verschifften  Viehes  betrug  1875  —  150  Dollars,
1881  =  93  Dollars,  von  Key  West  15.6,  resp.  14.0  Dollars,
von  Saluria  15.0,  resp.  16.8  Dollars.
Schweinezuchtproducte  wurden  exportirt  resp.  producirt
in  Millionen  Ibs.:

Jahr

Totalproduct


Totalexport ­


Speck  und
Schinken

Pöckelfleisch


Schmalz

Procent  des
Exports

1875
1881

1.153
1.952

494
1.129

264
692

62
101

167
335

42.8
57  8

Der  Export  wächst  also  absolut  und  procentisch,  trotz
zunehmender  Bevölkerung,  damit  die  Concurrenz,  ebenso  beim
Weizen.

Die  Handelspolitik  der  Union  erhellt  am  besten  durch
Aufzählung  der  Zollgesetze.  Es  zahlten  Zoll:
        <pb n="806" />
        793

Artikel

1789

1792

Z  0
1794  1  1804

11  .
1816

1828

Glasmanufacturen  pct.  !
Lederhandschuhe  „
Eisenmanufactur  „
Eisen,  gerollt  „
Leinewand  „
Papier  n.  0.  p.  „
Baumwollwaaren  n.  0.  p.
Teppiche  n.  o.p.  .  .
Wollengarn  ....
Wollenmanufacturen  .
Roheisen
Stahlrai  1  waybars  .
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20
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20
30
25
30
20  U.  25  pct.
riyrd.u.2oc.
0
20  u.  25  pct.
Ct.  50  c.

lb.2C.u.2opct.
0
25
Ib.  3  c.
25
Ib.  I7  c.
25  pct.
32  c.
0
40—45
62'/j  c.

Artikel

1832

1842

Zoll
1846

1857

1861

äsina

Glasmanufacturen  pct.  Ü  2  c,  u.  20  pct.
Lederhandschuhe  „  •
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Leinewand  „
Papier  n.  o.  p.
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Roheisen....
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‘"gots.

o
25
11).  3  c.
li  25
Ib.  17  c.
I  25  pct.
l4C.lb.u.4opcl,
1!  50  pct.
50  c.

25  pct.
l)t7..I.25D.
30
Ib.  2’/j  c.
25
Ib.  15  c.
30
30  pct.
30  pct.
40  pct.
50  c.

30  pct.
30  pct.
30  pct.
30  pct.
20-30  pct.
30  pct.
25
30
25
30
30  pct.

tonin.5oc.|  15  pct.

24  pct.
24  pct.
24  pct.
24  pct.
15-24  pct.
24  pct.
19
24
19
24
24
I  2  pct.

30  pct.
30
30  pct.

30  pct.
30
30
lb.I2C.U.20pC.
ton.  6  D.

ftik

Zoll

1862/63

1864

1868

1870

1877

oren  pct.

35  pct.
40
35  pct.
ton  18  n

40  pct

40

40

50

50

50

35

35  pct.

35  pct

35  pct

35  pct.

o.p

35

35

40

40

40

Ib.i  8c.u.3opc
6  D.
o

lb.5oc.u.35pc.

lb.24C.u  4opc
6  I).

lb.5oc.u  35pc.
9D.

7D.

Ib.  I

fSS-"'

40  pct.
50  pct.
35  pct.
Ib  IV4  c.
35-40  pct.
35  pct.
35  pct.
40-50  pct.
lb.2o-5oc.u.35  pc.
Ib.  50C.U.  35  pct.
ton  7  D.
Ib.  IV4  c.
Ib.  2V4  c.
        <pb n="807" />
        Im  Jahre  1789  führte  man  einen  massigen  Schutzzoll  ein
mit  mangelhafter  Specialisirung,  incl.  Colonialwaaren  nur
234  Tarifpositionen,  die  bis  1815  blieben.  Die  Schutzzölle
wurden,  trotz  heftigen  Widerstandes  der  Grossgrundbesitzer
des  Südens,  bis  1842  successive  massig  gesteigert;  die  Industriellen ­
  verdankten  den  Tarif  von  1842  nur  der  Krisis  seit
1837.  Im  Jahre  1846  erhielt  der  Süden  die  Oberhand  und
ermässigte  den  Tarif,  was  denn  die  Industriellen  bewog,  die
Sklavenfrage  aufzuwerfen.  Seit  dem  Kriege  bis  1877  haben
die  Industriellen  fortwährend  Siege  erfochten.  Der  Tarif
wurde  immer  specialisirter,  umfasste  seit  1816  821  Positionen,
seit  1846  1492  solche.  Jetzt  tritt  ein  Rückschlag  ein.  Die
Majorität  des  Abgeordnetenhauses  ist  demokratisch,  d.  h.  sie
vertritt  agrarische  Interessen.
In  den  Beschwerden  der  Granger  wird  behauptet,  dass
der  bis  ult.  1882  gültige  Tarif  vertheure  :  des  Farmers  Ofen
um  45  pCt.,  Eisengeschirr  53  pCt.,  Kupfergeschirr  45  pCt.,
Glas  gemeinster  Art  45,  Gabel  und  Messer  45,  1  eppiche
74—68,  Meubles  35,  Spiegel  60,  wollene  Kleider  48,  gestrickte
Wollenwaaren  75,  solche  Baumwollenwaaren  45,  Hüte  75,
Seidenzeug  50,  Handschuhe  50,  Decken  60,  Alpaca  63,  Nadeln
24,  Papier  20,  Seife  31,  Fensterglas  80,  Hufnägel  31,  Säcke
40,  Eisen  und  Stahl  für  Maschinen  45  —  Stahlschienen
zahlen  28  Dollars  Zoll  und  geniessen  5  Dollars  Schutz  durch
Transportkosten  von  England.
Die  oben  mitgetheilte  Preisliste  beweist,  dass  die  innere
Concurrenz  bereits  stark  genug  ist,  um  den  Preis  der  Waaren
erheblich  zu  drücken,  so  dass  die  Zölle  vielfach  schon  einen
prohibitorischen  Charakter  tragen.  List  verlangt,  dass  die
fremde  Concurrenz  nur  am  jährlichen  Consumtionszuwachs
theilnehmen  dürfe  und  dass  die  Zölle  steigen  müssen,  sowie
jene  einen  wachsenden  Theil  oder  das  Ganze  des  Consumtionszuwachses
  deckte.  Der  Consumzuwachs  an  Industriewaaren
betrug,  wie  oben  nachgewiesen,  von  1870—80  =  1.242  Millionen ­
  Dollars;  der  Ueberschuss  des  Nettoimports  fremder
Waaren  gleichzeitig  105  Millionen  Dollars,  er  ist  also  bei
Weitem  nicht  so  sehr  gewachsen  als  die  Mehrproduction  der
        <pb n="808" />
        795

einheimischen  Industrie,  folglich  ist  diese  stark  genug,  eine
Ermässigung  der  Schutzzölle  zu  ertragen.
Der  neue  Tarif  vom  März  1883  entstand  aus  einem  Compromiss
  verschiedener  Parteien,  welcher  keine  ganz  befriedigt,
aber  immerhin  sehr  gute  Folgen  haben  dürfte.  Seine  Hauptbestimmungen ­
  sind  folgende:
Die  Tabaksteuer  ist  um  die  Hälfte  herabgesetzt,  die  Steuer
auf  Bankcapital,  Depositen,  Checks,  Zündhölzer,  Patentmedizinen
u.  s.  w.  ist  aufgehoben,  der  Zoll  für  Stahlschienen  ist  von  28
auf  17  Dollars  pro  Tonne  herabgesetzt.  Die  Inlandsteuern
werden  dadurch  um  35—40.000.000  Dollars  vermindert  werden.
Die  Zölle  sind  durchweg  herabgesetzt,  aber  doch  nicht  so,
um  in  den  bedeutendsten  Posten  —  Eisen  und  Wolle  —  den
Charakter  von  Schutzzöllen  ganz  einzubüssen,  wenn  auch  den
europäischen  Industrien  die  Einfuhr  bedeutend  leichter  gemacht ­
  werden  wird.  Man  schätzt,  dass  durch  den  neuen  Tarif
die  Zolleinnahmen  um  35.000.000  Dollars  vermindert  werden,
wobei  allein  an  Zuckerzöllen  ein  Ausfall  von  11.000.000  Dollars
in  Anschlag  gebracht  wird.
Für  einige  Industrien,  z.  B.  Töpfereien  und  Porzellanfabriken, ­
  sind  die  Schutzzölle  erhöht,  so  auch  für  feine  Textilund
  Metallwaaren,  um  die  Industrie  zu  vervollkommnen.  So
ist  dieser  Schutzzoll,  gerade  wie  List  es  fordert,  ein  die  Industrie ­
  zu  höherer  Vollkommenheit  erziehender.  Das  Leben
wird  in  Amerika  nicht  nur  um  die  ca.  70—75  Millionen  Dollars
billiger  werden,  auf  welche  der  Staat  durch  die  Tarifbill  verzichtet, ­
  sondern  um  viel  mehr,  da  grobe  und  mittlere  Eisenund
  Textilwaaren,  die  in  Amerika  erzeugt  werden,  nunmehr
ini  Preise  fallen  müssen.  Die  Geschäftswelt  gewinnt  billigeren
Credit  durch  die  Abschaffung  der  Besteuerung  der  Banken,
die  Arbeiter  und  Farmer  profitiren  von  der  Ermässigung  der
Industrieschutzzölle  im  Allgemeinen,  ganz  direct  sogleich  von
der  bedeutenden  Herabsetzung  des  Zuckerzolles.  Der  Eisenbahnbau ­
  wird  durch  Ermässigung  des  Zolles  auf  Schienen,  Roheisen ­
  und  Erz  billiger  gemacht.  Die  Ermässigung  des  Preises
Von  Artikeln  des  Massenconsums,  welche  der  neue  Tarif  bewilligt,
erhöht  den  Reallohn  der  Arbeiter,  ohne  dass  die  Industriellen
        <pb n="809" />
        796

ihren  Geldlohn  zu  erhöhen  brauchten,  ohne  also  den  Preis  der
Waaren,  welche  diese  Arbeiter  erzeugen,  zu  steigern  und  die
Concurrenziahigkeit  der  amerikanischen  Industrie  auf  dem
Weltmärkte  zu  schwächen.
Während  diese  Ermässigung  eintritt,  erweitert  die  Union
den  Markt  der  heimischen  Industrie,  indem  sie  ihr  durch  Vertrag ­
  fast  ein  Monopol  für  die  Versorgung  Mexico’s  schafft.
Schon  stieg  der  Export  der  Union  von  6  7  Millionen  Dollars
im  Jahre  1879  auf  iii  Millionen  Dollars  im  Jahre  1881,  der
Import  von  i^/o  auf  17.4  Millionen  Dollars.  Der  Totalimport
Mexicos  betrug  1880  29  9,  der  Totalexport  13  6  Millionen  Dollars ­
  und  wird  sich  der  Handel  dieses  Tandes  sehr  heben,  seitdem ­
  Eisenbahnen  und  amerikanische  Unternehmer  dort  wirken,
auch  Europäer  zur  Einwanderung  durch  Anerbietungen  angelockt ­
  werden.  Im  Jahre  1882  exportirte  die  Union  nach
Mexico  für  13-3  Millionen  Dollars,  darunter  Eisen  und  Stahl
für  4  Millionen,  Baumwolle  und  solche  Waaren  für  2-3  Millionen,
Meubles  und  Holzwaaren  für  i  3  Millionen  Dollars;  importirte
für  15  Millionen  Dollars,  davon  6  3  Millionen  Dollars  Edelmetalle ­
  als  Zahlung  und  für  8  3  Millionen  Dollars,  meist  Rohmaterial ­
  für  die  amerikanische  Industrie.
Der  im  Frühjahr  1883  abgeschlossene  Vertrag  mit  Mexico
verfugt  u.  A.:
Folgende  Artikel  sollen  zollfrei  von  Mexico  in  die  Vereinigten ­
  Staaten  eingeführt  werden:  Lebende  Thiere,  die
zum  Zwecke  der  Züchtung  importirt  werden;  Gerste;  Rindfleisch; ­
  Kaflee;  Eier;  Esparto  und  andere  Grasarten  und  die
aus  denselben  hergestellte  Masse  für  die  Papierfabrikation;  natürliche ­
  Blumen  jeder  Art;  frisches  Obst,  wie  Apfelsinen,  Citronen,
  Ananas,  Bananen,  Mangos  etc.;  Ziegenhäute;  verschiedene ­
  Sorten  Flachs;  ungegerbte  Häute,  Pelle,  mit  Ausnahme
von  Schaffellen  mit  der  Wolle;  Angoraziegenfelle  ohne  Wolle;
Eselshäute;  India  Rubber;  Indigo;  Tampico-Faser;  Jalap;
Leder  zweiter  Qualität;  Blauholz;  Molasses;  Palm-  oder  Kokosnussöl; ­
  Quecksilber;  rohe  Sarsaparilla;  Shrimps  und  alle  anderen ­
  Schalthiere;  Stroh  im  rohen  Zustand;  Zucker  nicht  über
No.  16  holländischer  Norm  in  der  Farbe;  Blättertabak;  frisches
        <pb n="810" />
        797

Gemüse  jeder  Art;  Holz  und  Bauholz  jeder  Art,  einschliesslich
Schiflfsbauholz.
Die  Artikel,  welche  aus  den  Vereinigten  Staaten  zollfrei
in  Mexico  eingeführt  werden  können,  sind:  Zieh-  und  Mundharmonikas, ­
  Ambose,  Asbest  für  Dächer,  Stahlstangen  für
Bergwerke,  Schieb-  und  Handkarren,  Ziegelsteine,  Bücher,
eiserne  Träger  für  Dächer,  Kohlen,  Fuhrwerke  mit  Springfedern, ­
  Eisenbahnwagen,  Schmelztiegel,  Zuckerrohrmesser,
Standuhren,  Dynamit,  Feuerspritzen,  Pumpen,  Fasszapfen,  Zündfaden ­
  für  Bergwerke,  Viehfutter,  frisches  Obst,  Brennholz,
frische  Fische,  Guano,  fertig  gestellte  Häuser  aus  Holz  oder
Eisen,  Ackerbaugeräthe,  Eis,  Eisen-  und  Stahlschienen,  wissenschaftliche ­
  Instrumente,  Druckerschwärze,  Kalk,  Lokomotiven,
Masten  und  Anker  für  Schiffe,  Marmor,  der  aber  nur  auf
einer  Seite  geschliffen  ist  und  nicht  mehr  als  vierzig  Centimeter ­
  im  Quadrat  misst,  Maschinen  und  Apparate  jeder  Art
und  Theile  derselben  für  industrielle,  landwirthschaftliche  und
Rergbauzwecke  und  für  die  Künste,  Edelmetalle,  Silber-  und
Goldmünzen  der  Vereinigten  Staaten,  Formen  und  Muster  für
das  Kunsthandwerk;  Hafer;  Ruder  für  kleine  P'ahrzeuge;
Pflüge  und  Pflugschaaren;  getheertes  Papier  für  Dächer;
Pflanzen  und  Sämereien  jeglicher  Art,  die  nicht  in  Mexico
Wachsen;  Schreibfedern  aus  irgend  einem  Metall,  ausser  Silber
und  Gold;  rohes  und  gereinigtes  Petroleum;  gewöhnliches
Pulver  für  Bergwerke;  Quecksilber;  Lumpen  für  die  Papierfabrikation; ­
  Dachziegel;  Schwefel;  eiserne  Oefen;  Fassdauben;
unterschwefligsaures  Natron;  Dampfmaschinen;  Nähmaschinen;
Schiefer  für  Dächer  und  Strassenpflaster;  grosse  und  kleine
Würste;  Karten;  Handwerkszeug  und  Instrumente  aus  Stahl,
Eisen,  Messing  oder  Holz;  Buchdruckermaterial;  frisches  Gemüse; ­
  Telegraphendrähte;  Stacheldraht  für  Umzäunungen;
Wasserröhren  jeder  Art;  angestrichene  und  nicht  angestrichene
Eensterläden.  •
Die  Schifffahrtsbewegung  in  den  Häfen  der  einzelnen  Länder
liefert  ein  gutes  Bild  von  ihrem  Antheil  am  Welthandel.  Ich
lasse  einen  Vergleich  des  Tonnengehaltes  der  ein-  und  ausgelaufenen ­
  Schiffe  aller  Häfen  der  einzelnen  Länder  im  Jahre
        <pb n="811" />
        798

1873  —  dem  ersten,  in  welchem  ich  die  Zahlen  aus  Deutschland ­
  habe  —  und  1880  folgen.  Die  Angaben  decken  sich
nicht  vollständig,  da  in  den  Vereinigten  Staaten  das  Jahr  vom
I.  Juli  bis  30.  Juni  läuft.  Ich  habe  also  die  Zahlen  für  1872/73
und  73/74  halbirt  und  ebenso  die  für  1879/80  und  1880/81,
um  jene  für  die  Kalenderjahre  1873  und  1880  zu  erhalten.
Es  sind  alle  Tonnenzahlen  der  mit  Ladung  und  in  Ballast
fahrenden  Schiffe  angegeben  in  1000  Tonnen.

Staat

1873

1880

K

Eingelaufen


Ausgelaufen ­


Total

Eingelaufen ­


Ausgelaufen ­


Total

Oesterreich-Ungarn  .
Deutschland  .  .  .
Holland  ....

4-348
6.240
2.968

4.362
6.100
3.029

8.710
12.340
5  997

5.911
7.775
3438

5-913
7.763
3396

11.824
15.538
6.834

35
26
14

Summa  A.  .  .
Italien  .....
Frankreich  .  .  .

13-556
4-382
7-771

13-491
4-385
7.970

27.047
8.767
15-741

17.124
4.692
12.366

16.072
5-154
12.665

34.196I
9.846
25.031

26
12
60

Summa  B.  .  .
England  ....

12.153
21.864

12.356
22.575

23.508
44  439

17.058
29.073

17.819
29.662

34.877
58.735

48
32

Summa  C.  .  .
Vereinigte  Staaten  .
China

47-573
9.201

48.422
9.286

24.994
18.487
8.227

63255
15.440

62.553
15.544

1  27.808!
30.984
15.869]

34
70
92

Am  schnellsten  hat  die  Tonnenzahl  in  den  chinesischen
Häfen  sich  vermehrt.  Das  chinesische  Volk  beginnt  an  dem  allgemeinen ­
  Conkurrenzkampfe  Theil  zu  nehmen.  Natürlich  ist
hier  nur  der  Verkehr  in  jenen  chinesischen  Häfen  berücksichtigt, ­
  welche  den  Europäern  geöffnet  sind.  Noch  auffallender
ist  es,  dass  im  Jahre  1873  nur  207.000  Tonnengehalt  chinesischen ­
  Schiffen  angehörten,  1880  aber  schon  4.828.000.  Der
Verkehr  in  jenen  chinesischen  Häfen  ist  jetzt  schon  grösser
als  in  allen  deutschen  Häfen.  Wir  sind  als  Aussenhandelsnation
  schon  von  China  überflügelt.
Die  Union  folgt  an  Tonnenzahl  unmittelbar  auf  England
und  überflügelt  an  procentischem  Wachsen  alle  Länder.  Das
fleissige  und  sparsame  Frankreich  kommt  ihm  an  Zunahme
am  nächsten.  Deutschland  bleibt,  bei  seiner  dem  Handel  feindlichen ­
  neuen  Wirthschaftspolitik  weit  hinter  beiden  Ländern
zurück.  Selbst  Oesterreich  kommt  ihm  procentisch  vor.
Die  Handelsmarine  der  Welt  wird  auf  50.000  Segelschiffe
        <pb n="812" />
        799

I

mit  14.5  Millionen  Tonnen  und  5.500  Dampfer  mit  ca.  6  Millionen ­
  Tonnen  angegeben,  wovon  England  18.400  Segelschiffe
mit  5.600.000  Tonnen  und  5.206  Dampfer  mit  3.500.000  Tonnen ­
  haben  soll.  Die  Union  hatte  Juni  1881  16.830  Segelschiffe
mit  ca.  2.366.000  Tonnen  und  4.717  Dampfer  mit  1.2ii.000
Tonnen,  davon  2.156  Dampfer  mit  469.000  Tonnen  auf  Binnengewässern, ­
  dazu  auf  letzteren  1.235  Canalboote  mit  106.000  Tonnen ­
  und  1.930  Barges,  Getreideboote,  die  geschleppt  werden,
mit  383.000  Tonnen,  Summa  4.068.000  Tonnen.
Der  Herstellung  einer  eigenen,  tüchtigen  Handelsmarine
wird  man  bald  mehr  Aufmerksamkeit,  d.  h.  dort  Förderung
von  Staats  wegen,  zuwenden,  sobald  das  Eisenbahnsystem  genügend ­
  entwickelt  sein  wird.  Die  Union  ist  dem  Vertrage
der  europäischen  Mächte  gegen  Kaperei  nicht  beigetreten  und
würde  in  einem  Kriege  gegen  England  —  ein  anderer  ist
undenkbar  —  durch  Kaperer  die  englische  Handelsmarine
ebenso  schwer  schädigen,  wie  England  einst  dadurch  die  holländische ­
  Flotte  schädigte.
Die  Politik  der  Union  ist  nur  Handelspolitik  und  hat
nebenbei  den  Zweck,  Mexico  und  Canada  durch  Zollmassregeln,
ersteres  Land  durch  den  Reciprocitätsvertrag,  letzteres  durch
Zollplackerei,  zum  Anschluss  zu  bewegen.  Aus  letzterem  '
Grunde  hat  die  Union  sogar  agrarische  Schutzzölle  gegen
Canada,  welche  die  Entwickelung  Manitobas  und  des  canadischen
  Nordwest-Territoriums  erheblich  erschweren  müssen.
Deshalb  ein  Werthzoll  von  20  pCt.  bei  Einfuhr  von  Thieren.
Wahrscheinlich  geht  einmal  von  diesem  Theile  der  Dominion  |
die  Bewegung  zum  Anschluss  aus,  welcher  schon  viele  Anhänger ­
  in  Canada  zählt.
Weizen  zahlt  beim  Eintritt  in  die  Union  20  Cents  per
Bushel  Zoll,  Gerste  15  Cents,  Hafer  10  Cents,  Rindfleisch  per
Ib.  I  Cent,  Butter  Ib.  4  Cents,  Käse  Ib.  4  Cents,  Schinken
2  Cents,  Schmalz  2  Cents,  Pökelfleisch  i  Cent,  Holz  20  pCt.
vom  Werth.  Alle  diese  Zölle  sind  Kampfzölle  gegen  Canada.
Auf  die  europäischen  Mächte  nimmt  die  Union  wenig
Rücksicht  und  hält  an  der  Monroedoctrin  fest,  wonach  sie  nicht
dulden  will,  dass  sich  eine  solche  Macht  in  amerikanische  Ver-
        <pb n="813" />
        8oo

hältnisse,  incl.  jener  von  Centralamerika,  mischt.  Nur  China
wird  als  ebenbürtige  Macht  und  grosser  künftiger  Kunde  mit
jeder  Rücksicht  behandelt,  abgesehen  von  der  Einwanderung
von  Chinesen,  welche  die  Union  verbieten  musste,  um  nicht
die  Revolution  und  den  Abfall  von  Californien  zu  gewärtigen.
Deshalb  gebraucht  die  Union  auch  keine  Armee,  sondern
nur  eine  Polizeitruppe  gegen  Indianer  und  Mexicaner.  Sie
besteht  aus  25.000  Mann  geworbener  Soldaten.  Der  Gemeine
erhält  Uniform,  Kost  und  13  Dollars  monatlich,  der  General
13.000  Dollars,  General-Lieutenant  ii.ooo  Dollars,  General-Major
  7.500  Dollars,  Brigadier  5.500  Dollars,  Oberst  3.500
Dollars,  Oberst-Lieutenant  3000  Dollars,  Major  2.500  Dollars,
Captain  1800—2000  Dollars,  I.  Lieutenant  1500—1600  Dollars, ­
  II.  Lieutenant  1400—1500  Dollars.  Die  Offiziere  sind
zahlreich  und  für  ihr  Fach  alle  trefflich  ausgebildet.  Die
Kriegsflotte  ist  schon  grösser.  Sie  zählt  24  Panzerschiffe,
65  Dampfer,  Kanonenzahl  1033  mit  2038  Offizieren  und  7000
Mann.  Ihr  Budget  war  1881  —  15.686.000  Dollars,  das  der
Armee  40.466.000  Dollars.  Der  Matrose  erhält  210  bis  258
Dollars  per  Jahr,  der  Admiral  13.000  Dollars,  der  Captain
4.500  Dollars,  Lieutenant  2.400  Dollars,  Mannschaft  am  Geschütz, ­
  Zimmerleute  etc.  1.200—1.800  Dollars.
Hier  sind  wir  bei  dem  Hauptpunkt  der  Concurrenzunfähigkeit
  Europas  angelangt.
Deutschland  hat  46  Millionen  Einwohner  ca.  im  Jahre
1883,  die  Union  53  Millionen.  Heer  und  Marine  beschäftigten
als  Offiziere  und  Mannschaften  460.812  Mann  und  kosten  pro
1882/83  406.819.000  Mark  =  101  Millionen  Dollars,  pro  Kopf
882  Mark  oder  220  Dollars.
Die  Union  müsste  in  demselben  Verhältniss,  wenn  sie  im
kriegerischen  Europa  läge,  53°  935  Mann  auf  dem  Kriegsfuss
halten,  also,  gegen  rund  35.000  in  Armee  und  Flotte  jetzt,
496.000  Mann  mehr,  die,  selbst  nur  nach  deutschem  Maasse,
109  Millionen  Dollars  kosten  würden,  gegen  56  Millionen  jetzt.
Diese  Ersparniss  beträgt  also  53  Millionen  Dollars.  Aber
sie  verschwindet,  wenn  man  berechnet,  was  die  496.000  kräftigen ­
  Männer  aus  allen  Berufsständen  in  dieser  ihrer  besten
        <pb n="814" />
        8oi

Lebenszeit  verdienen.  Nach  oben  mitgetheilten  Lohnlisten  und
mit  Berücksichtigung,  dass  viele  den  gebildeten  und  Viel  verdienenden ­
  Ständen  angehörige  Männer  dabei  sein  müssten,
kann  man  gut  und  gern  800  Dollars  Jahresverdienst  pro  Mann
annehmen,  der  bei  europäischem  System  verloren  gehen  würde,
das  macht  396.800.000  Dollars,  zusammen  mit  obigen  53  Millionen ­
  also  rund  450  Millionen  Dollars  Ersparniss,  pro  Kopf
der  Bevölkerung  ca.  8.5  Dollars.
.Die  Wirkung  des  Krieges  auf  die  Production  in  der  Landwirthschait
  von  1861—65  erhellt  aus  folgenden  Zahlen:
Ernte  betrug  i860  in
^ill.  Bushels  ....  Weizen  173  Mais  838  Baumwolle  Mill.  Ball.  5.3  Zucker  Hgsh.  228.000
gleichem  Zuwachs  wie
1850/60  sollte  sie
betragen  1866  ...  .  „  242  «  »046  „  „  „
**  ^olge  des  Krieges  be-‘•■‘»g
  sie  1866  ....  „  175  „  880  „  „  ,
Der  Viehstapel  betrug  in  Millionen  Stück:

7.0

1.7

390.000

41.000

Jahre  i860  Pferde  6.4  Rindvieh  25.5  Schafe  22.5  Schweine  33.5

Zuwachs  wie  von  1850/60  hätte  er  besollen
  1866  „
^  ^°*ge  des  Krieges  betrug  er  1866  nur  „
Handel  ergab  für  5  Jahre  1856/60  ....
^Grselben  absoluten  Steigerung  nur,  wie  von

7.7  „  31.4  „  23.0  „  35.4
5.4  „  20.0  „  39.3  „  24.0
Dollars  Import  1522  Export  1389  Total  2911

,  *^51/55,  hätte  er  1861—1865  betragen  sollen
Folg

fe  des  Krieges  betrug  er  nur  1861
'8^5  incl

bis

,  ,,  1893  ,,  1850  „  3743
,  „  1178  „  848  „  2026
Nun  kommt  der  Frieden.  Eine  halbe  Million  Männer
wird  entlassen.  Viele  sind  zwar  krank  oder  invalide,  Andere
finden  keine  Arbeit.  Trotzdem  heben  sich
Handel  für  die  fünfjähr.  Periode  1868/72  incl.  auf  Mill.  D.  Import  2284  Export  1776  Total  4060
®  Ernte  von  1866  betrug
^^Hill  Bushels  ....  Weizen  175  Mais  880  Baumwolle  Mill.  Ball.  1.7  Zucker  Hgsh.  41.000
de  1870  ..  .  „  287  „  760  „  „  „  3.0  „  „  144.000
""  ^*®bstapel  betrug  in  Mill.  Stück  1866  Pferde  5.4  Rinder  20.0  Schafe  39.3  Schweine  24.0
'1  »  n  11  ,1  1870  ,,  7  4  II  23.6  „  28.4  ,,  25.1
Für  die  Industrieproduction  lässt  sich  dergleichen  leider
nicht  zahlenmässig  nachweisen.  Aus  Obigem  kann  man  aber
sehen,  wie  Production  und  Handel  durch  einen  Krieg  leidet,
der  doch  nur  ein,  im  Verhältniss  zum  Ganzen,  unbedeutendes
51
        <pb n="815" />
        8o2

Gebiet  berührt  —  Californien,  der  Norden  und  Westen,  die
Getreide-  und  Industriestaaten  litten  unter  ihm  nur  indirect,
da  der  Kriegsschauplatz  nur  der  Süden  war.  Aus  dem  Aufschwung ­
  der  Production  nach  Beendigung  des  Krieges  kann
man  lernen,  was  es  ausmacht,  wenn  Frieden  herrscht  und
Va  Million  Soldaten  wieder  zu  Pflug,  Hammer  und  Feder
greifen.
Deutschland  exportirte  bis  zum  französischen  Kriege  und
zwar  im  Jahre  1869  noch  2.880.000  Centner  Weizen,  Roggen
und  Mehl  mehr,  als  es  importirte.  Im  Jahre  1871  importirte
es  mehr  5.142.000  Centner.  So  wurde  die  Production  in  der
Landwirthschaft  geschwächt,  obschon  ca.  i  Million  Soldaten
in  Frankreich  sich  verproviantirten  !  Nach  Hübner's  statistischer
Tabelle  für  1881  und  gleichzeitigen  Angaben  für  die  Kriegsflotte ­
  betrugen  die  Soldaten  und  Mariniers  dieser  Flotten  des
Continents  von  Europa  im  Frieden  ohne  Russland  ca.  2.375.000
Mann,  mit  Russland  3.340.000  Mann,  Kriegsstärke  ohne  Russland ­
  ca.  6.050.000  Mann,  mit  Russland  8.720.000  Mann,  natürlich ­
  ohne  England.
Der  Mann  kostete  1882/83  in  Heer  und  Marine  durchschnittlich ­
  940  Mark.  Nehmen  wir  durchschnittlich  für  den
Continent  900  Mark  Kosten  und  ebensoviel  entgangenen  Arbeitsverdienst ­
  an,  so  zahlt  das  ausserrussische  Continentaleuropa
  2.137.500.000  Mark  direct  und  verliert  an  Arbeitsverdienst ­
  ebensoviel,  Summa  4.275.000.000  Mark  jährlich,  incl.
Russland  zahlt  es  jährlich  3.006.000.000  Mark  und  verliert,
incl.  Arbeitsverlust,  6.012.000.000  Mark.  Bei  einem  grossen
Kriege  werden  alle  diese  Staaten  ihre  Armeen  und  Flotten
fast  auf  den.  Kriegsfuss  setzen  müssen,  d.  h.  der  Continent
ohne  Russland  6.050.000  Mann,  incl.  Russland  8.718.000  Mann.
Nun  mag  man  sich  berechnen,  was  ein  solcher  Krieg
allein  direct,  ohne  Zerstörung  von  Menschen,  Kriegsmaterial  und
Gütern  und  ohne  Verkehrshindernisse  und  Productionshindernisse
  auf  Kriegsgebiet  kosten  muss!
Ferner  wolle  man  die  geringe  Zahl  der  Beamten  der
Union,  welche  ich  oben  angegeben  habe,  mit  jener  Beamtenzahl ­
  der  europäischen  Staaten  vergleichen,  die  Gehälter  der
        <pb n="816" />
        8o3

Ueberschuss-Beamten  Europas  zu  dem  addiren,  was  diese
selben  Beamten  hätten  in  der  Production  verdienen  können,
und  auch  das  Europa  zur  Last  schreiben.
Man  mag  berechnen,  was,  nach  Beendigung  der  Revolutionen ­
  und  Kriege  von  1848,  gekostet  haben  der  Krimkrieg,
der  italienisch  -  französisch  -  österreichische  Krieg  1859,  der
dänische  Krieg  1864,  der  deutsch-österreichische  Krieg  1866,
der  deutsch-französische  Krieg  1870/71,  der  russisch-türkische
Krieg,  die  Aufstände  in  Spanien.
Zu  diesen  directen  Ausgaben  und  zum  Verlust  an  Arbeitsverdienst ­
  der  Soldaten  muss  der  Vermögens  Verlust  gerechnet
werden,  welcher  Europa  durch  Tod  und  Verstümmelung
arbeitsfähiger  Männer  erwachsen  ist  —  und  weiter  erwachsen
wird,  deren  Erzeugung  bis  zum  Alter  der  Militärpflicht  —  vor
welchem  sie  kaum  viel  von  den  Erziehungskosten  amortisirt
haben,  ja  Capital  kostete.  Zu  diesen  Verlusten  kommt  noch
die  Auswanderung  solcher  Menschen,  die  mehr  oder  weniger
erwachsen,  erzogen,  technisch  oder  wissenschaftlich  gebildet
wurden,  hinzu.  Die  Auswanderer  kamen  grösstentheils  Amerika
zu  Gute,  Europa  zur  Last  im  gegenseitigen  Capitalconto.
Die  Frage,  wie  viel  dem  Lande  ein  erwachsener  Einwanderer ­
  werth  sei,  hat  schon  seit  Jahren  wiederholt  die
amerikanische  Presse  beschäftigt;  die  Schätzungen  schwanken
zwischen  1000  und  5000  Dollars.  Sehen  wir  deshalb,  wie
der  deutsche  Statistiker  Dr.  Engel  diese  Frage  löst.  Derselbe
hielt  kürzlich  in  Leizpzig  einen  Vortrag  „über  den  Werth  des
menschlichen  Lebens“.  Er  berechnete  darin  zuerst  die  Kosten,
die  ein  junges  Menschendasein  verursache,  bis  es  dahin  gelangt
sei,  selbst  producirend,  erwerbend  sein  Leben  zu  erhalten  und
eine  Stelle  im  grossen  Culturganzen  einzunehmen,  wobei  er
drei  Gruppen  unterschied,  solche,  die  nur  eine  elementare
Bildung,  solche,  die  eine  mittlere,  und  solche,  die  eine
höhere  Bildung  empfangen.  Die  Kosten  für  die  ersten
(deren  Vorbildung  aufzuhören  und  deren  Selbst  er  werb  anzufangen ­
  pflege  mit  dem  15.  Jahre)  berechnete  er  durchschnittlich ­
  (mit  Zinsen  und  Zinseszinsen)  auf  2800  Mark,  die  für  die
zweiten  (bis  zum  20.  Jahre)  auf  8000  Mark,  die  für  die  dritten
51*
        <pb n="817" />
        8o4

(bis  zum  25.  Jahre)  auf  etwa  27.000  Mark.  Bei  denjenigen
Kosten,  welche  in  jeder  Arbeit  stecken,  wodurch  das  so  vorgebildete ­
  Individuum  nun  sich  selbst  fortzuhelfen  sucht,  unterschied ­
  Engel  die  Kosten  der  Erhaltung,  die  der  Erneuerung
(Amortisirung  des  aufgewandten  Capitals,  besonders  Schaffung
eines  neuen  für  Heranbildung  einer  Ersatzkraft  in  den  Kindern),
endlich  die  der  Versicherung  (für  den  Fall  einer  Vernichtung
der  productiven  Kraft  durch  Krankheit  oder  Tod).  Das
Schlussergebniss,  welches  er  aus  allem  zog,  war,  dass  in  Deutschland ­
  bei  manchen  Arbeiten  der  Preis  der  Arbeit  die  Selbstkosten ­
  (nach  den  oben  genannten  drei  Kategorien)  nicht
übersteige,  ja  oft  nicht  einmal  decke,  daher  es  einer  Aufklärung ­
  des  Verkehrspublikums  darüber  bedürfe,  dass  die
Arbeit  im  Allgemeinen,  bezw.  das  Arbeitsproduct,  die  Waare,
durchschnittlich  zu  niedrig  im  Preise  stehe.  Die  Arbeit
hat  also  in  Deutschland  nicht  nur  keine  capitalbildende,  sondern
sogar  keine  sich  selbst  erhaltende  Kraft  mehr,  und  auch  der
Unternehmergewinn  capitalisirt  oft  nicht  mehr,  sondern  wird
negativ,  zehrt  den  Capitalstock  auf;  Engel  wenigstens  behauptet, ­
  dass  zwar  nicht  in  allen,  aber  doch  in  manchen  Gewerbszweigen
  in  der  That  der  Gewinn  (nicht  blos  des  Arbeiters,
sondern  auch  des  Arbeitgebers)  zu  gering  sei,  der  „Werth
des  Lebens“  und  der  Lebenskraft  des  Menschen  zu  niedrig
veranschlagt  werde,  was  natürlich,  wenn  keine  Aenderung
eintrete,  eine  Verkümmerung  der  nachwachsenden  Geschlechter
und  eine  Herabdrückung  des  inneren  Werthes  der  Arbeit
(„billig  und  schlecht“)  zur  Folge  haben  müsse.
Dies  ist  der  Zustand  des  pekuniären  und  physischen
Herabkommens  —  und  er  ist  Folge  der  Politik,  die  da  zwingt,
Soldaten  und  Beamte  in  Unmasse  zu  halten.
Ich  habe  mit  dem  genialen  Obersten  Stoffel,  der  in  Berlin
französischer  Militärattache  war,  seit  1880  interessante  Unterhaltungen ­
  gehabt.  Er  behauptete,  ein  Land  profitire  Capital
durch  eine  starke  stehende  Armee,  da  Kriege  ohne  eine
solche,  wie  jener  der  Union,  von  i860—65  mehr  kosteten,
als  Kriege  mit  stehender  Armee  in  Frieden  und  Krieg.  Das
Beispiel  der  Union,  die  jetzt  ihre  Kriegsschulden  abzahlt  und
        <pb n="818" />
        8o5

ihre  Invaliden  „republikanisch“,  d.  h.  nicht  mit  12—20  Mark
per  Monat  und  allenfalls  einem  Leierkasten,  pensionirt,  beweist
für  mich,  der  ich  damals  unternahm,  vom  nationalöconomischen
  Standpunkt  dem  genialen  Soldaten  zu  widersprechen.
Indessen  fordert  die  europäische  Cultur  Soldaten,  Bureau*
kraten,  Kriege,  Socialistengesetze,  Kornzölle  .  .  -
Wenn  das  so  weiter  geht  —  wenn  daneben  Amerika,
Australien,  Indien,  China  Frieden  behalten,  letztere  Reiche  zur
Maschinenindustrie  übergehen  und  sich  durch  Kisenbahnen
exportfähig  machen,  England  und  Amerika  den  ganzen  überseeischen ­
  Handel  und  dessen  Waarenversorgung  an  sich  reissen
und  uns  Nahrungsmittel  verkaufen  oder  zuführen  wo
bleibt  da  Europa?  Es  muss  verarmen  und  veröden,  wie
Deutschland  nach  dem  dreissigjährigen  Kriege!
Die  Kathedersocialisten,  welche,  wie  Adolf  Wagner  im
Parlament,  noch  immer  glauben,  Fürst  Bismarck  sei  ein  socialer ­
  Reformator,  mögen  berechnen,  wieviel  Obiges  gekostet
hat  und  wie  viel  weniger  Europa  an  solchen  Ausgaben  aufzuwenden ­
  hätte,  wenn  ihm  die  Bismarckaera  erspart  geblieben
wäre.  Sie  mögen  auch  eine  Zukunftsbilanz  zwischen  dem
Continent  und  den  oben  genannten  friedlichen  Staaten  entwerfen! ­
  Fürst  Bismarck  ist  kein  Colbert!  Deshalb  liebt  er
die  Statistiker  auch  nicht.  Schon  Colbert  führte  die  Productionsstatistik
  ein,  das  Deutschland  des  Fürsten  Bismarck
hat  noch  heute  keine  und  kann  diesen  Spiegel  auch  nicht
ertragen!
Noch  einmal  muss  ich  mich,  wie  schon  bezüglich  der
Kornzölle,  gegen  Herrn  Adolf  Wagner  wenden,  weil  man  mich
sonst  mit  demselben  politisch  zusammenwerfen  möchte,  da  er
einige  meiner  früheren  Anträge  mit  unterschrieben  hat.
Am  22.  Februar  1883  sagte  er  im  preussischen  Landtage:
„Wodurch  sind  wir  denn  in  diese  bedrängte  Geschäftslage
gekommen?  durch  die  so  lang  hingezogenen  Debatten  über
die  Militärverhältnisse  im  Reichstage!  Leider  ist  im  Reichstage ­
  unserer  Militärverwaltung  am  Zeuge  geflickt  worden,
leider  haben  auch  jetzt  wieder  zu  unserem  lebhaften  Bedauern
        <pb n="819" />
        8o6

und  unendlich  gegen  unseres  deutschen  Volkes  und  Staatswesens ­
  Interesse,  sich  Männer  im  deutschen  Parlament  gefunden, ­
  die  an  dieser  grossen  Institution  unseres  Staates
rüttelten,  die  die  Verhandlungen  darüber  unerträglich  in
die  Länge  zogen,  und  wiederum  dem  Auslande  das  erfreuliche ­
  Schauspiel  gaben,  dass  die  Deutschen  drauf  und  dran
sind,  einen  Stein  herauszulösen  aus  dem  Baue,  der  sie  so
mächtig  und  gross  gemacht  hat.“
Ich  glaube,  dass  jedes  Parlament  Europas  die  Militairangelegenheiten
  auf  das  Gründlichste  berathen  sollte  und  auch
jene  Politik  auf  das  Eingehendste  prüfen  müsste,  welche  ein
grosses  Heer  nöthig  machte!  Darüber  kann  ein  Parlament
garnicht  lange  genug  berathen!
Ferner  wende  ich  mich  mit  Abscheu  von  jenem  Chauvinismus ­
  ab,  der  von  der  Tribüne  des  Parlaments  einer  Grossmacht, ­
  den  anderen  Grossmächten  verständlich  und  schmerzlich,
mit  jener  Macht  und  Grösse  prahlt,  welche  wir  1866  und  1870
zwei  Nachbarn  gegenüber  bewiesen  haben.  Dieser  deutsche,
die  Nachbarn  verletzende  Hochmuth  geht  über  Alles,  was  auf
der  Tribüne  der  „grande  nation“  davon  vordem  geleistet  und
zu  meiner  Jugendzeit  in  Deutschland  so  schmerzlich  empfunden
wurde.  Ein  Lehrer  der  akademischen  Jugend  sollte  die  Friedfertigkeit, ­
  die  Sittlichkeit,  die  wirthschaftliche  Tüchtigkeit  des
deutschen  Volkes,  nicht  seinen  Hochmuth,  zu  fördern  suchen!
O  du  weiser  französischer,  christlicher  Denker,  Le  Play,  wie
schäme  ich  mich  an  deinem  Grabe  der  Bekanntschaft  dieses
sogenannten  ,,Christlich  -  Socialen"  !  Da  ist  Stöcker  wahrlich
in  guter  Gesellschaft!
Der  Exfreund  von  Rodbertus  und  mir,  der  sich  übrigens,
meinem  bescheidenen  Urtheile  nach,  als  Parlamentarier  bald
gründlich  ruiniren  wird,  fahrt  in  seiner  Grossmannssucht  fort:
„Hat  man  das  im  Reichstag  gethan,  dann  wird  es  hier
erlaubt  sein,  meines  Erachtens  in  wohlthätiger  Weise  auf  die
sociale  Seite  der  Finanz-  und  Steuerpolitik  einzugehen.
Das  hängt  sehr  eng  mit  der  Vorlage  zusammen  und  war
ganz  zur  Sache  gesprochen.  Warum  also  nochmals  haben  wir
wiederholt  zu  Verhandlungen,  die  eminent  politischer  und
        <pb n="820" />
        8o7

socialer  Natur  sind,  so  wenig  Zeit  bekommen?  Weil  im
Reichstage  so  unnöthig  lange  und  in  sehr  wenig  erfreulicher ­
  Weise  über  den  Militäretat  gesprochen  ist.
Aber  speciell  Herr  Abgeordneter  Windthorst,  verlassen  sie
sich  darauf:  die  jungen  Männer,  die  jetzt  erzogen  werden
auf  den  Universitäten,  werden,  wenn  sie  in  die  Regierung
kommen  und  ins  practische  Leben,  eintreten  für  den  brandenburgisch-preussischen
  Staat,  die  werden  nicht  an
der  Nothwendigkeit  eines  grossen  Militärwesens  innerhalb  der
waffenstarrenden  europäischen  Mächte  rütteln,  die  werden  diese
Politik  festhalten  und  andererseits  die  Konsequenzen  aus  der
socialen  Politik  ziehen,  die  Sie  zu  ziehen  nicht  für  gut  halten
oder  nicht  den  Muth  haben!“
„Gracchus  de  seditione  quaerens!“  Wo  ist  die  „allgemeine ­
  Wehrpflicht,“  wo  die  unsociale,  die  Reichen  begünstigende ­
  „einjährige  Dienstpflicht“  neben  der  dreijährigen  des
armen  Mannes,  der  nicht  Geld  hatte,  viel  zu  lernen  und  sich
während  des  Militärjahres  selbst  zu  ernähren,  erfunden  worden?
Dass  wir  jetzt  die  Armee  nicht  schwächen  dürfen,  dass  wir
den  letzten  Mann  und  Groschen  an  sie  wenden  müssen,  weiss
ich  und  würde  ich  Beides  als  Abgeordneter  bewilligen.  Aber
ich  würde  mit  allen  legalen  Mitteln  als  solcher  wirken,
dass  unsere  auswärtige  Politik  einem  friedfertigen  Manne
endlich  anvertraut  würde,  der  auf  eine  Ausgleichung  der  feindseligen ­
  Gegensätze*  unter  den  „kleinen“  europäischen  Mächten
hin  arbeitete.  Preussen  hat  das  gegenwärtige  Militärsystem
erfunden  und  zuerst  eingefuhrt.  An  ihm  ist  es,  die  Initiative
zu  dessen  Beseitigung  zu  ergreifen,  sonst  ruinirt  es  Europa
wirthschaftlich.  Und  ich  lade  Herrn  A.  Wagner  ein,  meinen
oben  geführten  Beweis  des  wirthschaftlichen  Rums  Europas
„wissenschaftlich,“  „ruhig  und  sachlich,“  wie  er  es  verlangt,
zu  widerlegen  -  im  Falle  das  gegenwärtige  System  weiter
wirkt.
Die  friedliche  und  nicht  von  einer  heuschreckenartig-zahlreichen
  Bureaukratie  verwaltete  und  ausgesogene  Union  gewann
durch  Einwanderung  von  1820  bis  1881  incl.  10.808.000  Menschen, ­
  seither  gut  und  gern  soviel,  dass  12  Millionen  voll  wer-
        <pb n="821" />
        den,  die,  ohne  das  Capital,  was  sie  mitbrachten,  ebensoviel
Milliarden  Dollars  „werth“  sind,  was  Vermehrung  des  Nationalreichthums ­
  anlangt.  Aus  Deutschland  waren  darunter  bis  1879
3  Millionen  und  seitdem  ca.  '/^  Millionen  jährlich!  Macht
',4  Milliarde  Dollars,  oder  i  Milliarde  Mark  jährlichen  Verlust
für  Deutschland:  „Lieb  Vaterland,  magst  ruhig  sein,  —  am
Hudson  besser,  denn  am  Rhein!“  Bis  1879  wanderten  nur  noch
ebenso  viele  —  —  Irländer  in  Amerika  ein  als  Deutsche.
Recht  schmeichelhaft  für  das  Vaterland  der  „Treue  und  guten
Sitte  und  der  —  —  Kartoffel  als  Arbeiterspeise  und  Zubrod!“
Im  Jahre  1880  lebten  in  der  Union  solche  Personen,  die
im  Auslande  geboren  waren,  männliche  3.521.000,  weibliche
3.038.000.  Dazu  kamen  13.011.646  Personen,  deren  beide
Eltern  im  Auslande  geboren  waren,  573.434,  deren  Mutter,
^  deren  Vater  im  Auslande  geboren  w^ren.  Es  gab
4.883.842  Personen,  deren  Vater  in  Deutschland,  4.557.629,
deren  Mutter  in  Deutschland  geboren  waren.  Dazu  kamen
1.966.742  Personen,  die  in  Deutschland  geboren  waren.  Hieraus ­
  kann  man  auf  die  Stärke  des  germanischen  Zusatzes  zur
Unionsbevölkerung  schliessen.
Eine  „amerikanische  Partei“  gewinnt  in  der  Union  jetzt
viel  Anhang,  besonders  unter  den  Arbeitern,  welche  sich  gegen ­
  die  starke  Einwanderung  wendet.  Wahrscheinlich  siegt
sie,  sobald  alles  öffentliche  Land  vergeben  sein  wird,  was
bald  der  Fall  sein  dürfte,  da  1880  nur  noch  ca.  25  Millionen
Acres  solchen  Landes  der  Union  gehörte,  was  ohne  künstliche
Bewässerung  oder  andere  kostspielige  Aufwendungen  zum
Ackerbau  benutzt  werden  kann  —  ausser  Texas  und  Florida,
deren  Staatenregierungen  noch  sehr  viel  derartiges  Land  besitzen. ­
  An  Homesteads  und  zur  Waldcultur  wurden  umsonst
an  Ansiedler  von  der  Unionsregierung  ausgegeben  1870
==  3.698.000  Acres,  1871  =  4.600.000  Acres,  1872  =
4.671.000  Acres,  1873  =  3  793.000  Acres,  1874  =  4.318.000
Acres,  1875  ---  2.820.000  Acres,  1876  ==•  3.483.000  Acres,  1877
—  tiefste  Depression  aller  wirthschaftlichen  Verhältnisse,  nur
2.698.000  Acres,  1878  —  6.288.000  Acres,  1879  =  8.026.000
        <pb n="822" />
        8o9

Acres,  1880  =  8.238.000  Acres,  1881  nur  6.791.000  Acres,
weil  wenig  gutes  Land  mehr  vorhanden  ist.
Die  oben  genannte  Partei  will  einen  Zoll  von  vorläufig
100  Dollars  auf  den  Kopf  jedes  Einwanderers  legen,  um  das  Land
nicht  mit  Mittellosen,  die  den  Lohn  drücken,  zu  überfüllen:
Dies  wäre  ein  Schutzzoll  der  A»  beiter!  Auch  eine
Art  socialen  Schutzzolles!
Nun  würden  immer  noch  viele  Bemittelte  einwandern  und
die  Production  mittelst  Capital  und  Arbeit  heben.
Die  unbemittelten  europäischen  Auswanderer  würden  gezwungen ­
  sein,  nach  Canada,  Mexico,  Süd-Amerika  und  Austra-*
  lien  zu  wandern  und  diese  Länder  mittelst  ihrer  Arbeitskraft
zu  entwickeln.  Im  continental-amerikanischen  Interesse
liegt  diese  „Theilung  der  Einwanderung“  allerdings.  Natürlich
würde  nun  die  Concurrenz  Mexicos  und  Canadas  noch  viel
schneller  Europa  gefährlich  werden.
Alle  einwandernden  Elemente  werden  der  amerikanischen
Nationalität,  auch  sprachlich,  schon  in  der  zweiten  Generation,
gewonnen.
Und  so  sehe  ich  um  das  Ende  der  ersten  Dekade  des
kommenden  Jahrhunderts  auf  dem  nordamerikanischen  Continent
schon  im  Geiste  eine  gewaltige,  friedliche,  wohlhabende,  einige,
freie,  hochgebildete  Nation  von  100  Millionen  tüchtigen  Menschen,
«  einem  durch  Kriege  zerfleischten,  durch  theure  Verwaltung,
Staats-  und  Privatschulden  geschwächten  und  verarmten,  elenden
Europa  gegenüber,  eine  Nationalität!
Was  das  bedeutet,  hat  schon  der  grosse,  desshalb  unglückliche ­
  Forscher  und  Seher  List  vorausgesagt,  als  er  auf  den
Verfall  der  mittelalterlichen  Blüthe  der  italienischen  und  deutschen ­
  Städte,  der  Holländer  hinwies  und  ihnen  die  Grösse  des
einigen  England  entgegenstellte.  Er  zählt  alle  Freiheit,  Bildung,
den  Reichthum,  die  Intelligenz  der  italienischen  Städte  auf
und  sagt  dann:  „Nur  Eins  fehlte  dem  Lande,  um  zu  werden,
was  England  in  unseren  Tagen  geworden  ist,  und  weil  es
dieses  Eine  nicht  besitzt,  geht  ihm  alles  andere  wieder  verloren: ­
  es  fehlt  ihm  Nationaleinheit  und  die  daraus  entspringende ­
  Kraft.  Italiens  Städte  und  Magnaten  betrachten  sich
        <pb n="823" />
        8io

nicht  als  Glieder  Eines  Körpers,  sondern  bekriegen  und  zerstören ­
  wechselseitig  einander  als  unabhängige  Mächte  und
Staaten.  Neben  diesen  Kämpfen  nach  aussen  ist  jedes  Gemeinwesen
  noch  den  Wechselfällen  der  inneren  Kämpfe  zwischen
Demokratie,  Aristokratie  und  Alleinherrschaft  unterworfen.
Genährt  und  verstärkt  werden  diese  wohlfahrtstörenden
Kämpfe  durch  fremde  Mächte  und  ihre  Invasionen.“  .  .  .
Alle  die  Uebelstände,  an  denen  die  mittelalterliche  Grösse
Italiens  zu  Grunde  ging,  treffen  heute  für  Europa  zu.  Städte,
noch  dazu  sich  befehdende,  konnten  nicht  mit  Ländern  concurriren:
  So  können  die  sich  bekämpfenden  Länder  Europas
nicht  mit  dem  Continent  Amerika  concurriren,  von  dem  gilt,
was  List  von  England  sagt:
,,Die  geographische  Lage  Englands  hatte  unermesslichen
Einfluss  auf  die  selbstständige  Ausbildung  der  Nation.  England, ­
  Europa  gegenüber,  war  immer  eine  Welt  für  sich,  war
immer  frei  von  den  Einflüssen  der  Eifersucht,  der  Vorurtheile,
des  Egoismus,  der  Leidenschaften  und  der  Unfälle  der  übrigen
Staaten  und  Nationen.  Dieser  Isolirung  verdankt  es  einen
grossen  Theil  der  selbstständigen  und  unvermischten  Ausbildung ­
  seiner  Verfassung  .  .  .  das  Glück,  dass  es,  die  Bürgerkriege ­
  abgerechnet,  während  einer  Reihe  von  Jahrhunderten
eines  ungestörten  Friedens  genoss;  sie  machte  ihm  die  stehenden ­
  Heere  entbehrlich  und  erleichterte  ihm  die  frühzeitige
Ausbildung  eines  consequenten  Douanensystems.  In  Folge
seiner  Isolirung  war  England  nicht  allein  von  den  nachtheiligen
Einflüssen  der  Landkriege  frei,  es  schöpfte  auch  noch  aus  den
Continentalkriegen  ungeheure  Vortheile  für  seine  Manufacture
Suprematie.  Landkriege  und  Länderverheerungen  wirken  immer
zum  vielfachen  Nachtheil  der  Manufacturen  in  denjenigen  Gegenden, ­
  wo  sie  geführt  werden:  Einmal  mittelbar  dadurch,
dass  die  Landwirthschaft  gestört  und  zerstört  wird,  wodurch
der  Landwirth  die  Mittel  verliert,  Fabrikate  zu  kaufen  und  dem
Fabrikanten  Rohstoffe  und  Lebensmittel  zu  liefern;  sodann
unmittelbar,  indem  die  Manufacturen  häufig  zerstört,  oder  doch
in  Bezug  ihrer  Rohstoffe  und  in  Versendung  ihrer  Waaren
gestört  werden,  und  es  ihnen  schwer  wird,  Capitale  oder
        <pb n="824" />
        Arbeiter  aufzutreiben,  während  sie  ausserordentliche  Contributionen
  und  Abgaben  zu  tragen  haben.  .  •  .  Während  dieser
Zustand  in  Deutschland  in  jedem  Jahrhundert  ein  paar  Mal
eintrat  und  die  deutschen  Fabriken  zurückwarf,  machten  die
englischen  unaufhaltsame  Fortschritte.  Die  englischen  Fabriken,
den  Continentalfabriken  gegenüber,  waren  doppelt  und  dreifach
im  Vortheil,  so  oft  England  entweder  durch  Ausrüstung  von
Flotten  oder  Armeen,  oder  durch  Subsidien,  oder  auf  beiderlei
Weise  zugleich,  an  dem  auswärtigen  Kriege  theilnahm,‘'  wodurch ­
  die  Fabrikanten  lohnenden  Absatz  fanden.
Amerika-  wird  alle  diese  Vortheile  haben,  sowie  ein
grosser  Krieg  in  Europa  wüthet,  in  den  auch  England  gezogen
werden  dürfte.
Auch  jene  inneren  Kämpfe,  welche,  wie  List  sagt,  die
italienischen  Städte  schwächten,  zwischen  Aristokratie,  Demokratie ­
  und  Absolutismus  werden  wir,  und  zwar  gleichzeitig  mit
dem  Völkerkriege,  in  Europa  haben,  nur,  dass  es  hier  sociale
Kämpfe  der  Arbeiter  und  kleinen  Bauern  gegen  die  Besitzenden
sein  werden.
Die  Staatsklugheit  der  Engländer  hat  bis  jetzt  auch  diese
socialen  Kämpfe,  die  schon  1846,  1848  und  1871  sich  sporadisch
in  Europazeigten,  vermieden,  besonders  durch  eine  weise  Arbeitergesetzgebung ­
  und  die  Aufhebung  der  Kornzölle  im  Jahre  1846,
zwei  Jahre  vor  der  den  Continent  erschütternden  Revolution,
die  auch  dort  sonst  unfehlbar  eingetreten  wäre.
Wenn  ich  hier  zusammenfassen  soll,  warum  die  kleinen
europäischen  Völker  mit  den  Amerikanern  nicht  concurriren
können  und  mit  jedem  Jahre  des  Friedens,  mehr  aber  noch
mit  jedem  Kriegsjahre,  zur  freien  Concurrenz  mit  ihnen  unfähiger ­
  werden,  so  werde  ich  mich  nicht  an  die  elende  Bagatelle ­
  der  so  leicht  erschöpfbaren  jungfräulichen  Kraft  des
Prairiebodens  halten,  sondern  in  ein  Paar  grossen  Zügen  schildern, ­
  was  sie  drüben  geschaffen,  wobei  ich  bemerken  muss,
dass  sie  mehr  ihrem  Instinct  als  den  Theorien  bedeutender
Gelehrten  folgten,  lieber  Lebensgrösse  ragte  überhaupt  nur
der  grosse  demokratische  Staatsphilosoph  Thomas  Jefferson
hervor.  Sonst  haben  sie  keinen  Staatsmann  oder  National-
        <pb n="825" />
        8i2

Ökonomen  ersten  Ranges  bis  jetzt  aufzuweisen.  C.  Carey  wird
zur  Zeit  stark  überschätzt  und  ist  nirgends  grundlegend;  sein
Verdienst  ist  Fleiss,  nicht  „Originalität  im  Bleibenden.“
Aber  sie  hatten,  ausser  Jefferson,  eine  Menge  tüchtiger
Praktiker,  welche  auch  die  europäischen  Theorien  meist  kannten,
sie  aber  eklektisch  und  nicht  ohne  Erfolg,  zuweilen  auch  mit
Unglück,  anwandten.  Letzteres  wurde  durch  die  Kraft  der
amerikanischen  ,,in  Freiheit  dressirten“  Race  und  den  ,,freien
Ellbogenraum“  corrigirt.
Solche  Männer  waren  Hamilton  und  Clay,  die  Begründer
des  „amerikanischen“  Credit-,  Bank-,  Zoll-  und  Manufactursystems,
  Jackson,  van  Buren,  Windom,  die  erfolgreichen  politischen ­
  Agrarier.
Die  Amerikaner  schufen  seit  1776:  Eine  Republik  von
54  Millionen  Menschen  mit  wirklich  aus  dem  Vplke  stammender, ­
  origineller  Gesetzgebung,  die  auch  staatlich  decentralisirt
ist  und,  wie  alte  Coutumes,  sich  localen  Verhältnissen  anpasst,
in  dem  „Statute  law“  die  einzelstaatliche  Codificirung  gefunden ­
  hat.
Diese  Gesetze  beseitigten  zuerst  die  Grausamkeit  der  Criminalstrafen
  und  die  Schuldhaft.  Sie  brachen  feudale  Gebundenheit ­
  des  Grundbesitzes  und  schützten  doch  das  mittlere  Familiengut ­
  durch  die  Exemption.  Sie  strafen  bis  heute  Voucher
und  fraudulösen  Bankerott  und  sichern  die  wirthschaftlichselbstständige
  Existenz  des  unschuldig  Bankerotten  vor  voller
Vernichtung  durch  gänzliche  Ausplünderung.  Sie  befolgen
auch  bei  der  Steuerexecution  dies  Princip,  dass  die  Steuer
nicht  aus  dem  Nothwendigen,  nur  aus  dem  Ueberschuss  darüber,
nicht  aus  dem  unsicheren  Einkommen,  sondern  aus  dem
sicheren  Vermögen  zu  nehmen  sei.  Sie  haben  wissenschaftliche
und  technische  Bildung  durch  freie,  zahlreiche  Schulen  und
liberale  Patentgesetze  mächtig  gefördert.  Sie  haben  eine  wahre
Volksregierung  in  der  Union  und  in  den  Staaten  und  Communen,
  eine  gleiche  Repräsentation  des  Volkes,  politische  Decentralisation, ­
  volle  persönliche  Freiheit  über  hundert  Jahre  hergestellt ­
  und  aufrecht  erhalten,  die  Sklaverei  durch  einen  der  opfervollsten ­
  Kriege  abgeschafft.  Sie  haben  die  aus  der  englischen
        <pb n="826" />
        8i3

Colonialzeit  stammende  hochmüthige,  eine  bevorzugte  sociale
Stellung  usurpirende  Bureaukratie  gänzlich  abgeschafft  und  sie
—  ausser  in  grossen  Städten  und  Industriebezirken  —  durch
eine  wahre,  tüchtige,  solide,  billige  Selbstverwaltung  ersetzt.
So  haben  sie  auch  die  Rechtsprechung  nur  in  ihrer  obersten
Instanz  Berufsjuristen  überliefert,  sonst  dem  freien  Volke  durch
Jury  und  Friedensrichter  überlassen.  Dem  gesunden  Föderalismus ­
  haben  sie  dabei  durch  glücklichste  Combination  von
Unions-  und  Staatengerichten  Rechnung  getragen.  So  fliesst  die
Rechtsquelle,  das  Volksbewusstsein,  ununterbrochen  und  findet
das  Volk  auch  im  einzelnen  Falle  das  Recht  selbst.  —  Sie  haben
die  Production  und  den  Verkehr  durch  meist  zweckmässige
Verträge,  Zölle,  Staatssubventionen,  Gesetze  und  Institutionen
gewaltig  gehoben  und  dabei  den  Wohlstand  und  die  aufsteigende
Klassenbewegung  durch  beide  letztere  sicher  gestellt,  leider  aber
nicht  die  Bildung  zu  grosser  Reichthümer  verhindert.  Sie  haben
Production  und  Verkehr  durch  die  glänzendsten  Erfindungen,
namentlich  von  Maschinen,  über  diejenige  jedes  europäischen
Landes  gehoben.  Endlich  haben  sie  weder  die  permanente
Staatsschuld,  noch  ein  grosses  stehendes  Heer  aufkommen
lassen  und  der  Welt  das  unerhörte  Beispiel  einer  grossen,
mächtigen  und  doch  friedfertigen  Nation  geliefert.  Dazu
eine  volle  religiöse  Freiheit  hergestellt,  wobei  jedoch  Sonntagsfeier
und  andere  Gebräuche  der  Union  einen  christlichen  Character
geben.
In  den  meisten  dieser  Leistungen  sind  sie  für  europäische
Völker  ein  sehr  nachahmenswerthes  Muster.
Was  sollten  diese  gegenüber  einem  solchen  „vernünftigen“
und  deshalb  unwiderstehlichen  Concurrenten  thun?
Der  unermüdliche  Arbeiter  und  wahrhaft  christliche  Weise,
Le  Play,  dem  ich  so  unendlich  Viel  verdanke,  hat  in  seinem
letzten,  1881  erschienenen  Werke;  „La  constitution  essentielle
de  l’humanité“  England  mit  seinen  Colonien,  Russland  in
Europa  und  Asien,  Nordamerika  und  China  die  vier  grossen
Reiche  genannt,  denen  gegenüber  alle  continental  europäischen
Staaten  nur  „kleine  Ländchen“  seien  und  sich  vor  ihnen  in
politisch-ökonomischer  Freiheit  nur  durch  eine  enge,  innige.
        <pb n="827" />
        8i4

jeden  Krieg  ausschliessende  Föderation  retten  könnten.  Seite
258  jenes  Buches  bezeugt  er  mir,  dass  ich  von  der  „nécessité
de  la  paix  en  Europe“  überzeugt  sei  und  dafür  wirke.  Dank
dem  edlen  Franzosen  für  dies  Zeugniss  bis  in’s  Grab  hinein!
Es  wird  von  meiner  Stirn  das  Brandmal  des  Vaterlandesverraths
  wegwischen,  was  deutsche  Officiöse  nichtswürdiger  Weise
darauf  zu  drücken  suchen;  So,  wie  Le  Play  sagt,  habe  ich
im  Auslande  gewirkt,  nicht  aber  meinem  Vaterlande  Feinde
daselbst  zu  schaffen  gesucht.
Eine  Union  der  continental-europäischen  Mächte  scheint
utopisch.  Doch  ist  sie  und  die  Wiederherstellung  des  kirchlichen ­
  und  socialen  Friedens  nothwendig,  wenn  nicht  Europa
verarmen  und  unter  die  russische  Herrschaft  fallen  soll.
Eine  Verständigung  zwischen  Deutschland  und  Frankreich
ist  die  zur  Gründung  einer  solchen  europäischen  Staatenföderation
unumgängliche  Vorbedingung.  Sie  muss  von  deutscher  Seite
angestrebt  werden,  und  in  diesem  Streben  fand  ich  mich  einig  mit
dem  unglücklichen  aber  genialen  Staatsmann,  Grafen  Harry
Arnim.  Auch  waren  wir  über  die  Mittel  dazu  einig,  welche
ein  festes  Bündniss  beider  Länder  unter  gegenseitiger  Zufriedenheit ­
  der  Völker  möglich  gemacht  haben  würden.  Ein
solches  ist  auch  jetzt  noch  möglich,  ln  den  Jahren  unseres
Exils  hatte  er  viel  nachgedacht,  in  Gedanken  viel  gesühnt.
Ich  habe  wiederholt  lange  Stunden  einsam  mit  ihm  diese  Angelegenheiten ­
  besprochen  und  glaube,  dass  er  auch  in  der
kirchlichen  und  socialen  Frage  meine  oft  niedergeschriebenen
Ansichten  theilte.
Nun  ist  er  dort  eingezogen,
„quo  pius  Aeneas  et  divus  Tullus  et  Ancus,“
wo  Le  Play  ist  und  wohin  auch  ich  gehen  werde,  ohne  jene
friedfertige  Union  der  europäischen  Staaten  gesehen  zu  haben,
die  wir  alle  Drei  in  unseren  reifen,  letzten  Lebensjahren
wünschten,  wollten,  vorbereiteten,  soweit  wir  konnten.
Werden  sich  die  kleinen  europäischen  Staaten  weiter  bekriegen, ­
  wie  die  Indianerstämme  Nordamerikas,  während  der
Russe  in  ihr  Gebiet  vordringt,  wie  der  weisse  Mann  drüben
in  das  der  Rothhäute?  Werden  wieder  und  wieder  bei  Be-
        <pb n="828" />
        ginn  eines  neuen  europäischen  Krieges  die  Glocken  in  christlichen ­
  Kirchen  die  „Frommen“  zusammenrufen,  um  von
Christus,  der  da  sagte  zu  Petrus:
„Stecke  dein  Schwert  ein!“
jenseits  des  Rheins  den  Sieg  der  französischen  Waffen,  diesseits ­
  des  Rheins  den  Sieg  der  deutschen  Waffen  zu  erflehen?
Mit  welchen  Worten  des  „neuen“  Testaments,  des  „Evangeliums“, ­
  wollen  sie  zum  Christengott,  dem  Gott  aller  Menschen,
flehen,  dass  er  ihnen  helfe,  über  ihre  christlichen  Brüder,  mit
Opfern  von  Hunderttausenden  von  Menschenleben  zu  siegen?
Sie  dürfen  sich  nicht  auf  das  neue  Testament  berufen.
Sie  müssen  zurück  zur  Zeit  Ciceros,  der  sagte:  „Andere
Völker  haben  andere  Götter  —  wir  haben  die  unsrigen“
—  und  die  mögen  uns  helfen;  —  weiter  müssen  sie  zurück,
in  das  alte  Testament,  mit  dem  blutigen,  gekrönten  Rebellen
und  Thronräuber  David  müssen  sie,  jeder  seinen  Nationalgott, ­
  anschreien:
„Herr,  hadere  mit  meinen  Haderern,  streite  wider  meine
Bestreiter.
„Ergreife  den  Schild  und  Waffen,  und  mache  Dich  auf,  mir
zu  helfen!
„Zücke  den  Spiess  und  schütze  mich  wieder  meine  Verfolger.
„Denn  mit  Dir  kann  ich  Kriegsvolk  zerschmeissen  und  mit
meinem  Gott  über  die  Mauer  springen.
„Erleuchte  meine  Augen,  dass  ich  nicht  im  Tode  entschlafe.
Dass  nicht  mein  Feind  rühme,  er  sei  meiner  mächtig  geworden, ­
  und  meine  Widersacher  sich  nicht  freuen,  dass  ich
niederliege.
„Herr,  mache  Dich  auf,  überwältige  ihn  und  demüthige  ihn!“
Soll  schon  vor  einem  neuen  Kriege  gebetet  werden  —
so  sei  es  in  den  Synagogen!  Ist  ja  doch  unsere  ökonomische ­
  Gesetzgebung  und  unser  wirthschaftliches  Leben  ohnehin ­
  nicht  mehr  christlich,  sondern  jüdisch-heidnisch:  „Auge  um
Auge,  Zahn  um  Zahn  —  und  omne  lucrum  bonum!“
        <pb n="829" />
        Anhang.

Münze,  Maass  und  Gewicht.

Geldsorten:
I  Centstücke,  Kupfer
„  Nickel  und  Silber

3
5
IO
20
25
50

Silber

„  „  =  (i/g  Silberdollar  à  5  Dimes  à  10  Cents)
I  Dollarstücke,  Silber  =  100  Cents.
Gold  ist  in  I,  2*50,  3,  5,  10  (=  I  Eagle  =  42  Reichsmark), ­
  20  und  50  Dollarstücken  geprägt.
Die  Bundescassenscheine  (wegen  ihrer  grünen  Rückseite
„Greenbacks“  genannt)  und  die  Nationalbanknoten,  welche
in  Beträgen  von  i,  2,  5,  10,  20,  50,  100,  500  und  1000  Dollars ­
  ausgegeben  werden,  haben  jetzt  gleichen  Werth  wie
klingende  Münze.
Gesetzlicher  Werth  der  fremden  Münzen  in  den
Vereinigten  Staaten:
I  Reichsmark  =  23  2  Cents
I  Frank  =  i9'3  »
I  Gulden,  Gold  ;=^  48-12  „
I  Krone,  Gold  =16.8  „
I  Pfund  Sterling  (Sovereign)  =  4  86  Dollars.
        <pb n="830" />
        Im  gewöhnlichen  Geschäftsverkehr  richtet  sich  der  Werth
dieser  Münzsorten  jedoch  nach  den  täglichen  Cursberichten.
Für  I  Dollar  zu  loo  Cents  zahlt  man  in  der  Regel  2.40  bis
2.50  fl.  ö.  W.  oder  4.20—4.25  Reichsmark.
Längenmaasse.
I  Yard  à  3  Fuss  à  12  Zoll  =  0-914  Meter.
I  Meile  =  8  Furlongs  —  1760  Yards  =  5280  Fuss  =
1-6094  Kilometer.
I  Fuss  =  0.304  Meter.
1  Faden  =  219.3  Meter.
I  Seemeile  =  1852  Meter.
Flächenmaasse:
Die  Einheit  des  Flächenmaasses  ist  der  Acker:
I  Acre  =  0.405  Hectar  =  0.703  oestr.  Katastraljoch.
I  Quadratmeile  =  640  Acker  =  i  Section  =  2-59  Quadrat-Kilometer.

Hohlmaasse.
Einheit  des  Flüssigkeitsmaasses  ist  die  Gallone:
I  Gallone  =  4  Quart  =  8  Pints  =  3*7^  Liter.
*  Hogshead  (Oxhoft)  =  280-2  Liter.
Für  trockene  Gegenstände  ist  die  Einheit  des  Hohlmasses
der  Bushel.
I  Bushel  =  4  Pecks  =  32  Quart  =  64  Pints  =  35  23  Liter.
I  Bushel  Weizen  =  60  Ibs.
1  „  Mais  =56  „
I  „  Roggen  =  56  „
I  „  Erbsen  =60  „
I  „  Gerste  =48  „
I  „  Hafer  =34  »
Ein  Barrel  (Fass),  bbl.,  als  Hohlmaass  für  Mehl,  hält  196
Pfund,  Reis  600  Pfund,  Fische  200  Pfund,  Petroleum  60  Gallonen, ­
  andere  Flüssigkeiten  30  Gallonen;  i  Klafter  (Cord)
Holz  =  8X4X4  Fuss  =  128  Kubikfuss.
Eine  Tonne  Schiffsraum  =  40  Kubikfuss  englisch.
52
        <pb n="831" />
        &amp;gt;•

m

Jbj

8i8

Gewichte.
Die  in  den  Vereinigten  Staaten  geltenden  Gewichte  zerfallen ­
  in  das  Avoirdupois-  und  Troy-Gewicht.  Ersteres  ist
das  allgemein  gebräuchliche  (englische  Handelsgewicht),  letzteres ­
  wird  ausschliesslich  in  der  Pharmacie,  Photographie,  bei
wissenschaftlichen  Arbeiten  sowohl  wie  beim  Wägen  von  Gold,
Silber  und  Edelsteinen  angewandt.
Avoirdupois-Gewicht:
1  Pfund,  Ib.  =  i6  Unzen  à  i6  Drachmen  ^  453-59  Gramm,
Troy-Gewicht:
I  Pfund  r:.:  12  Unzcn  à  8  Drachmen  à  3  Serupel  à  20  Grains
=  573-23  Gramm.
1  Unze  =  31.10  Gramm.  i  Scrupel  —  1.29  Gramm.
I  Drachme  =  3.88  „  i  Grain  =  0.06  ,,
Bei  grossen  Quantitäten  wird  nach  Centner  und  Tonnen
gerechnet.
Der  Centner  =  112  lbs.  =  50.8  Kg.
Die  lange  Tonne,  im  Seefracht  verkehr  gebräuchlich  =  2240  Ibs.
=  1016  Kg.
Die  kurze  Tonne,  im  inneren  amerikanischen  Verkehr  gebräuchlich, ­
  ==  2000  Ibs,  =  907  Kg.
I  Firkin  Butter  =  56  Ibs.
I  Tub  Butter  =  86  Ibs.
I  Humpheon  Maismehl  =  400  Kg.
I  Tierce  Schmalz  =  330  Ibs.
I  Hogshead  Zucker  =  1.137  Ibs.
I  Ballen  Baumwolle  im  Allgemeinen  =  440  Ibs.,  in  Texas
etwas  schwerer  =  480  bis  500  Ibs.

Wärmemaass.
Der  Fahrenheit’sche  Thermometer  ist  in  Amerika  üblich.
Bei  ihm  ist  der  Siedepunkt  des  Wassers  212  Grad,  der  Nullpunkt ­
  32  Grad.  In  folgender  Tabelle  stehen  sich  die  entsprechenden ­
  Grade  der  drei  üblichen  Thermometer  gegenüber:
        <pb n="832" />
        52*

8i9

Fahrenheit
über  o
212
203
194
ï  85
1  76
167
158
149
140
13:
122
”3
104
95
80
77
68

Reaumur
über  o
80
76
72
68
65
60
56
52
48
44
40
36
32
28
24
20
16

Celsius
über  o
100
95
90
85
80
75
70
56
60
55
50
45
40
35
30
25
20

Fahrenheit
über  o
59
50
41
32
23
14
5
o
unter  o
4
13
22
31
40
49

Der  Meridian  von  Washington  ist  77  "
vom  Meridian  von  Greenwich  und  79  "
Länge  vom  Meridian  von  Paris.

Réaumur  Celsius
über  o  über  o
12  15
8  IO
4  5
o  O
unter  o  unter  o
4  5
8  IO
12  15
14  29  ^779
16  20
20  25
24  30
28  35
32  40
36  45
2'  westlicher  Länge
20'  36"  westlicher
        <pb n="833" />
        Alphabetisches  Inhalts  -Verzeichniss.

Abdeckereien  584,  655.
Ackerbaumaschinen  627,  780.
Ackerbau  in  Nordamerika  46,  121,
169,  355»  460,  782.
Ackerbau  -  Statistik  450,  453,  454,
658.
Acme-Cultivator  465.
Adelsverein,  deutscher;  Gründung  desselben ­
  in  Texas  303,
Agrarier  in  Deutschland  763.
Agrarrecht  in  der  Union  422.
Amerikaner  in  Europa  13,  14.
Amerikanische  Doctrin  272.
Amerikanische  Farmer  356,  624.
Anamiten  572.
Anbaufläche  in  Nordamerika  99,  169,
782.
Anbaufläche  in  Kansas  355.
Andrassy,  Graf  Géza  6,  692.
Ansiedlung  in  Texas  223.
Apponyi,  Graf  764.
Arbeit  noch  capitalbildend  in  Amerika
37,  750.  ,  „  „
—,  Productionskosten  derselben  803.
—  —,  in  Deutschland  804.
Arbeiterbündnisse  747.
Arbeitslöhne  in  Amerika  38,  41,  139,
171,  201,  635,  745.  748,  753.
Arbeiter,  amerikanische  11,  37,  41,
747-Arbeitsstatistik
  746.
Arbeiterimport  Amerikas  18,  24.
Arizona  420,  434,
Armee  800.
Arnim,  Graf  Harry,  257,  814.
Artesische  Brunnen  158,  441,  451,
530.
Arthur,  Mac  165.
Auswanderer,  europäische,  in  Amerika
IO,  15,  808.
Kosten  deren  Beförderung  26.

Auswanderer,  gesetzliche  Massregcln
in  Bezug  auf  diese  22,  808.
—,  Statistik  27,  28,  808.
—,  Agenten  25.
Auswanderung,  deutsche  29,  31,  808.
—,  französische  31.
—,  österreischische  32.
—,  slowakische  32.
—,  des  Mittelstandes  42.
,  Hanken  770.
j  Bankmonopol  732.
Banknotenumlauf  734.
Bauern,  deutsche,  in  Amerika  341,610,
634.
Bauholz  202,
I  Baumanpflanzung  in  der  Prairie  350.
I  Baumwollen-Production  37,  48,  148,
171,  179,  184,  196,  206,  224,  300.
Baumwollsamenöl  197,  206.
Baumwollenindustrie  197,  778,
Beamtenstatistik  726.
Beamte  eines  Territoriums  400.
Beamte  eines  Staates  693.
Behörden,  landwirthschaftliche  448.
Bell-Coleman’scher  Apparat  131.
Bergwerke  148.
Bevölkerung  der  Vereinigten  Staaten
720.
Beschäftigungen  in  den  Vereinigten
Staaten  725.
Bewässerung,  künstliche,  345,  353,  442,
461,  477,  524,  565.
Bierproduction  und  -Consumtion  642.
Bildung  in  den  Vereinigten  Staaten  722.
Bindemaschine  623.
Bismarck  15,  258,  805.
Blaine  165,  259.
Blei  147.
Blumen  verkauf  157.
Bodenpreise  119,  238,  362.
        <pb n="834" />
        Böhmische  Arbeiter  in  Amerika  35.
—  Farmen  in  Kansas  342.
Bonanza-Farmen  609.
Bontoux  5.
Boote  zur  Getreidebeförderung  53.
Börne,  Colonie  322.
Branntweinproduction  und  -Consumtion
643.
Brauereigewerbe  642.
Buchweizen  48,  100.
Buckle  765.
Budget  der  Union  738,
Butterproduction  645,  673.
Californien  442,  455.
Cameron  259.
Canada  637,  700,  743,  799
Canada’s  Anschluss  an  die  Union
264.
Canäle  70,  115,  175,  486.
Canäle  als  Concurrenz  der  Eisenbahnen ­
  70,  115.
Capitalzins  745.
Capitalwerth  der  Fabriken  u.  Farmen
788.
Carey,  H.,  812.
Cass,  Lewis  275.
Castle  Garden  20.
Charité  3.
Chauvinismus  in  Deutschland  806.
Chequesystem  51.
Cheyenne  557.
Chicago  50,  I  IO.
China  798,
Chinesen  192,  441,  438-Choureau
  105.
Cimarron  367.
Cincinnati  50.
Clay  812.
Climax,  Township  694.
Code  Napoléon  4.
Colbert  757.
Colorado  410.  .  •  u..
Communicationswesen  der  Union  485.
Communisten  in  Jowa  572.
Concurrenz,  amerikanische,  als  gross
ter  communistischer  Agitator  3.
Conkling  161,  259.
County-Verwaltung  692.
Creditwesen  ^^o.
Creolen  205.
Currency  734.
Dairy-Faktoreien  676.
Dakota  612.

!  Dalrymple’sche  Farmenbewirthschaftung
  620.
Damen,  amerikanische  9,
Deckenfabrikation  in  Neumexico  386.
Delbrück  765.
Denver  409.
Depositenbanken  51.
Deutschlands  Import  und  Export  von
Vieh  785.
Deutsche  Ansiedler  in  Amerika  357,
I  366.
I  Drainage  656,  712.
j  Dun,  Finlay  114,  116,
;  Eads,  Capitán  85,  i59,  267,  269,
i  285.
I  Eastman  126.
i  Einkommen  des  Volkes  741.
i  Einwanderungsbehörde  in  Newyork  19.
Eisenbahnbau  498.
—,  Unterstützung  desselben  durch  die
Regierung  490.
Eisenbahnbetrieb  500.
Eisenbahnen  der  Welt  490.
—  der  Union  260,  491.
—  von  Mexico  491.
Eisenbahn-Commissäre  505.
—Einrichtungen  421,  500.
Eisenbahnfonds,  amerikanische,  492.
—,  Speculation  in  diesen  492.
Risenbahnkartelle  504.
Eisenbahnkönige  in  Amerika  67,  494,
732.
Eisenbahntransport  72.
Eisenindustrie  138,  776.
Eisenlager  147.
Elevatoren  51,  S3i
—,  schwimmende  54.
Engel,  Statistiker,  803.
England  256,  757,  810.
—,  Auswanderung  5.
,  Lage  der  Grundbesitzer  5  -
Englische  Enquête  -  Commission  114,
Englfsche  Unternehmer  in  Amerika
332,  672.
Entomolog.  Station  451.
Eriecanal  69.
Ernte  in  Californien  467.
Ernte  (Gesammtertrag)  von  1882.  787.
Europa’s  Decadenz  43,  805.
Europäische  Bauern  in  Amerika  357.
Exemptionsgesetze  227.
Export  der  Union  448,  790.
        <pb n="835" />
        822

Fabriken  772.
Fahrgeschwindigkeit  der  Eisenbahnen
499.
Farmen,  Anzahl  188,  235,  299,  366,
372,  424,  479,  625,  638.
—,  Preis  und  Werth  183,  788.
Farming  in  Kansas  329.
—  im  Redriverthal  629.
—  in  Canada  708.
Fata  Morgana  434.
Fischtransport  326.
Fischzucht  327,  483.
Flächenraum  der  Vereinigten  Staaten
720.
Fleischexport  126,  230,  295.
Fleischpreise  786.
Florida  167,  172.
Frachtsätze  für  Waarentransport  506.
—,  für  Getreidetransport  65,  88,  92,
102,  107,  123,  508,  574,  614,
—,  für  Passagiertransport  66,  73,  503.
—,  für  die  Oceanfahrt  112,  511.
Franciscaner  in  Californien  455.
Frankreich  und  der  Panamakanal  254.
—  Lage  der  Grundbesitzer  4.
—  Méiayagesystem  4.
Frauenarbeit  39,  686.
Freelinghuysen  259.
Freihandel,  zukünftiger,  in  Amerika  44.
Friedrichsberg  320.
Galveston  15,  294.
Garfield  153,  161,  259.
Gartengrundstücke  430.
Gastfreundschaft  der  Amerikaner  19,
205.
Geldumlauf  734.
Gerichtsverfassung  eines  Territoriums
402.
Gerste  48,  100.
Getreideernte  in  Californien  467,
Getreideexport  nach  Europa  52,  75,
95,  120.
Getreideexportkosten  75,
Getreidefrachtsätze  65,  615.
Getreidegradirung  57.
Getreidehandel  der  Union  49,  71.
Getreideproduction  in  Nordamerika
46,  71,  95,  100,  469.
Getreidetransport  in  Nordamerika  49,
68,  loi.
Gewichte  818.
Glasfabrikation  777.
Goldgeld,  Entwerthung  d.  europäischen
14.

Goldwäscherei  395.  .
Gould,  Jay  494,  732.
Granger  Lodge  90,  104,  505,  794.
Grant  161,  259,  262.
Grossbetrieb  der  Landwirthschaft  in
Californien  463.
Grossgrundbesitz  188,  301,  368,  430,
457,  663.
Gründer,  politische  163.
Gründung  des  deutschen  Adelsvereins
in  Texas  303.
Grundverschuldung  in  Californien  457.
Gudenus,  Baron  6.
Hafenbauten  487,
Haferproduction  in  Nordamerika  47,
100.
Hahn,  Dr.  Otto,  713.
Hamilton  812.
Handelsbilanz  Amerikas  15,  16.
Handelsentwickelung  der  Union  790.
Handelsmarine,  amerikanische  284,
509,  798.
Hayes  161.
Header  467.
Heimstättengesetze  228,  423.
Heimstätten  -  Exemptionsgesetze  227,
230,  427.
Herrnhuter  140.
Hespeler  714.
Heu  48.
Holzhandel  170,  202.
Holzreichthum  Floridas  185.
Homestead  228,  423.
Holzschneidemühlen  781.
Hoyos,  Graf  Ernst  6.
Hypothekar-Credit  51.
Jannet,  Claudio  2,  4.
Jefferson,  Th.  811.
Ihering  17.
Illinois  575,  654.
Import  Amerikas  17,  18,  789.
Indianer  379,  396,  417,  438,  455.
Indianer-Territorium  230.
Industrie,  amerikanische  ii,  146,  148,
772.
Invalidenversorgung  739.
Jowa  567.
Irländer  in  Amerika  10,  40.
Juden  in  Arizona  439,  516.
Kalamazoo,  County  694.
Kampfzölle  gegen  Canada  799.
Kansas  323.
        <pb n="836" />
        823

Kansas-City  245,  325.
Kartoffelproduction  in  Nordamerika  47.
Kãseproduction  645,  673.
Kathedersocialismus  15,  17,  805.
Kentucky  196.
Kern  584.
Kinderarbeit  686.
Kirchengpit  in  Californien  456.
Knights  of  labor  747.
Kohlenbergwerke  141.
Kohlenlager  146,  365,  384.
Kohlenproduction
Kohlenverschiffung  136.
Kosten  der  landwirthschaftlichen  Production ­
  363.
Krieg  von  1861—62,  Wirkung  auf  die
landwirthschaftliche  Production  801,
Kriege,  Kosten  und  Wirkungen  802,
Kriegsmarine  800.
Kunstbutter  645,  678.
Kupfererz  147.
Kurorte  in  Florida  176.
Lafargue  3.
Landarmee  800.
Länderbank  5.
Landgrants  373,  45^-Landspeculation
  183,  362,  456.
Landsystem  der  Union  422,  694.
Landstrassen  489.
Landvertheilung  von  1870—81,  808.
Landwirthschaft,  Unterschied  der  amerikanischen ­
  und  europäischen  625.
Landwirthsch.  Behörden  448,  658.
Landwirthschaftsbetrieb  in  Californien
463.
Landwirthschaftsbetrieb  in  Wisconsin,
Minnesota,  Dakota  619.
Landwirthschaftsbetrieb  in  Illinois  657.
Landwirthschaftsbetrieb  in  Michigan
Ö83.
Landwirthschaftsbetrieb  in  Canada  708.
Landwirthschafts-Ministerium  156,  449.
Landwirthschaftsstatistik  450,  658,  782.
Lead  ville  413,
Le  Duc  46,  155,  338.
Leinwandindustrie  ^80,
Le  Play  2,  4,  813.
Lesseps  266.
List,  Fr.,  757,  809.
Löhne  in  Amerika  38,  4&amp;gt;i  '39t  *7'&amp;gt;
201,  635,  745t  748t  753.
Los  Angeles  443.
Louisiana  296.

Maasse  817.
Mähemaschine  467.
Maisproduction  in  Nordamerika  47t
98,  613,  655,  665.
Manitoba  705.
Marken  im  Getreidehandel  57.
Maschinenindustrie  780.  .
Mayhinenbetrieb  der  amerikanischen
Landwirthschaft  627,
Mehlhandel  640.
Mennoniten  in  Amerika  33^»  335i
Menschenleben,  Preis  desselben  803.
Merkantilismus  15,  17-Merry,
  Capitain  288,
;  Metalle,  edle  410,  458.
I  Métayage  188,  432.
I  Mexicaner  194,  417.
Mexicanische  Expedition  257,  265.
Mexico’s  Anschluss  an  die  Union  265.
Mexico,  Handelsverkehr  mit  der  Union
796.
Michigan  683,  692,
Milchwirihschaft  247,  252,  392,  661,
!  ^73.
:  Militarismus  in  Europa  802,  805.
Millionäre  730.
Mineralschätze  der  Union  145t  3*4.
Mineralien,  Eigenthumsrecht,  374*
,  Minneapolis  640,
j  Minnesota  609.
I  Mir-Agrarsystem  4.
i  Mississippi  als  Transportstrasse  84,
104,  269,
Mixed  Husbandry  683.
Molkereiwesen  661,  673.
.  Mongredien  145.
I  Monopol  der  Eisenbahnen  72,  732.
I  Montana  231,  615.
I  Montreal  69.
Mormonen  512,  553.
'  Mosler  115.
i  Mosquitos  612,
!  Mühlenindustrie  640.
I  Münzen  816.
!  Murphy,  Dan  457.
I  Xahrungsmittelverfälschung  601,
Nahrungsmittelpreise  39,  751,  754
Napoleon  III.,  254.
Nationalität,  Bildung  d,  amerikanischen
21,  809.
Naturgesetze,  wirthschaftliche  17.  '
Nebraska  566.
Negerbevölkerung  190.
        <pb n="837" />
        .  J

3

í  ;

1

il

.}

I'  M

7

824

Neu-Braunfels  319.
Neu-Mexico  400,  434.
New-Orleans  15,  204.
Newyork  9,  15.
Nicaragua-Canal  267,  288.
Nimmo  291,  750.
Obstbau  480,  683.
Olivenöl,  Verfälschung  desselben  212.
Oeuvre  ouvrière  catholique  3.
Orangenbau  in  Florida  178,  181.
Oregon  482.
Pachtwesen  432,  636,  664,  671,  685.
Pacificbahnen  261,  607.
Pacificstaaten  261.
Panama-Canal  152,  253.
Papiergeld  735.
Papierindustrie  781.
Parlament  in  einem  Territorium  403.
Passagiergelder  auf  Eisenbahnen  503.
Peez  124.
Pell  114,  116,
Pensionen  739.
Perin  3.
Petroleum  147,  777.
Pferdezucht  391,  682.
Politik,  amerikanische,  253.
Prairie  in  Kansas  329.
Precincts  405.
Preise  der  Producte  750,  773.
Presse  723.
Price,  Viehexporteur,  715.
Productionskosten  des  Getreides  in
Californien  469.
Pueblo-Indianer  396.
Randolph  117.
Raubbau  36,  82,  118,  157,  171,  359,
466,  571.
Read  114,  116.
Red-River-Thal  616.
Regenfall  in  Kansas  350,
Reichthum  in  Amerika  13,  729.
Reis  171,  199.
Reiserouten,  europ.-amerik.  7.
Rendering-Anstalten  584,  655.
Republikaner,  Partei  161.
Revolutionäre  Wirkung  der  amerikanischen ­
  Concurrenz  4.
Rheinländer  in  Kansas  341.
Rodbertus  17,  769.
Roggen  48,  100.
Ronna  65.
Rübenzuckerfabriken  in  Canada  703.

Säemaschine  464.
Sagemühlen  781.
Salt  Lake  City  523.
Salz  147,  777.
Salzsee,  der  grosse,  520.
San  Antonio  295.
St.  Louis  so,  85,  loi.
Santa  Fé  418.
Santa  Monica  444.
Scanlan  589.
Schafzucht  in  Texas  226.
—,  in  Kansas  360,
—,  in  Maxwell  386.
Schifffahrtsverkehr  797.
Schiffseisenbahn  durch  Mexico  267,
276.
Schiffskost  auf  der  Reise  nach  Amerika ­
  7,  8.
Schlächtereien  128,  245,  582,  605.
Schlachthaus  in  New-York  128.
Schlachtvieh-Statistik  239.
Schubbert,  Dr.,  319,
Schuhindustrie  781.
Schulden,  öffentliche,.  729,  736.
Schulwesen  10,  40,  193,  404,  648,
694.
Schurr  158.
Schutzzoll,  Entwickelung  des  amerikanischen, ­
  794.
—,  in  Deutschland  und  Oesterreich  763.
—,  socialer,  37,  763.
Schweinecholera  654.
Schweinemästung  602.
Schweinezucht  569,  577,  594.
Schweinefleisch  98,  113,  234.
Schweinehandel  577,  594,  605.
Schweinehandel,  Speculation  bei  demselben ­
  599.
Schweine-Schmalz  98,  113,  579,  645.
Secessionskrieg,  Wirkung  auf  die  landwirthschaftliche
  Production  801.
Seereise  nach  Amerika  8.
Seidenindustrie  780.
Selfgovernment  400,  693.
Semler  675.
Senatoren  730.
Sherman  158,  259.,
Shufeld  275.
Slowaken  in  Amerika  33,  34.
Smithsonian-Institute  158.
Solms-Braunfels,  Prinz  314.
Sophienburg  317.
Sorghum-Zucker  336.
Speculation  in  Nahrungsmitteln  600.
Spencer  731.
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Spirituosen  643.
Spiritusfabrikation  158.
Staatsmänner  der  Union  259.
Staatsschulden  729,  736,
Staatsschuld,  texanische  230.
Staatsverwaltung  692.
Statistische  Anstalten  450,  658.
Stein,  L.  V.,  6.
Steuern  39,  232,  633,  698,  729,  740.
—,  in  Texas  229,  232.
—,  in  einem  Territorium  404.
—,  in  einem  Staate  698.
Stoffel,  Oberst  804.
Strassenbauten  694,
Süden  der  Union  187.
Suezcanal  254.
Swamps  176,  202,
Széchényi,  Graf  Géza  6,
—,  Graf  Imre  6,  126,
Tabak  48,  198,  779.
Tarifregulirung  in  Amerika  66,  72,  92,
615.
Taylor,  Mormonenpräsident  535.
Technische  Bildung  in  Amerika  10.
Telegraphie  732.
Temperaturverhältnisse  174.
Territorium,  Verwaltung  eines  solchen,
400.
Texas  82,  218.
Topeka  327.
Töpferindustrie  779.
Towenshend  364.
Township  Verwaltung  692.
Transportkosten  in  Californien  73.
Transportstrassen  260,  489.
Tucson  434.
Ueberlegenheit  der  Amerikaner  9.
Umlaufsmittel  732.
Ungarische  Agrar-Statistik  429.
Union  générale  5.
Union  der  continental  -  europäischen
Mächte  814.
Unterrichtswesen  648.
Utah  537,  540.
Vanderbilt  53.
Verkehrswesen  der  Union  485.
Versuchs-Station,  chemische,  451.
Verwaltung  eines  Territoriums  400.
—,  eines  Staates  693.
Viehexport  247,  715,  791.
Viehhandel  235.
Viehhöfe  126,  244.
Viehtransport  239,  241,  249,  328,
508,  559,  7  »5.

'  Viehzucht  171,  185,  195,  201,  332,
360,  387,  462,  559,  665,  706,
—,  Statistik  195,  784,
—,  in  Texas  225,  231,  235.
—,  in  Wyoming  558.
Volkseinkommen  741.
Volksvermögen  729.
I  Völkerwanderung  nach  dem  Westen
I  744.
Waarenpreise  773.
I  Wagner,  Adolf  776,  805.
¡  Wagner,  Geometer  in  Manitoba  637,
I  Waldverwüstung  201.
I  Walker,  Statistiker  154,  259.
I  Wärmemaass  818.
i  Warrantsystem  51.
;  Washington  150.
'  Washington  Territory  482.
Wasser-Correctionen  487.
Wasserstrassen  487.
1  Weideländer  557.
j  Weinbau  158,  328,  480.
I  Weizenexport  Nordamerikas  79,  575,
I  614,  791.
j  Weizenproduction  der  Welt  122.
—  in  Nordamerika  46,  79,  99,  121,
613,  638.
I  —  Kosten  derselben  116,  363,  573,
614,  689.
Í  —  der  Südseeländer  71.
j  —  in  Illinois  119.
I  Weilandcanal  68,  110.
i  „West,  ferner“  346.
I  Wetter-Signaldienst  450.
I  Wirthshäuser  643.
I  Windom  104,  162,  259,  271,  812.
I  Wirth,  Max  65.
Wisconsin  612.
'  Wollproduction  und  Manufactur  778.
Í  Wuchergesetze  771.
1  Wüste,  grosse  amerikanische,  512,  550.
j  Wyoming  558.
Young,  Brigham,  518,  547,
I  Yuma,  Fort,  437.
Zeitungen  723.
Ziegenzucht  in  Texas  226.
Ziegeleien  782.
Zink  147.
Zinsfuss  120,  771.
Zollsätze  seit  1789  793.
—,  Herabsetzung  derselben  795.
]  Zuckerproduction  156,  176,  199,  300,
'  33^.  3«4,  703.
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Verlag  von  Hermann  Bahr,  Berlin,  W.  Mohrenstr.  6.

Aus  Dr.  R.  Meyer.  Ursachen  der  Amerikan.  Ooncurrenz

Copyright,  1883,  by  Rand,  McNally  &amp;amp;  Co.,  Map  Publishers  and  Engravers,  Chicago,  Ü.^.g
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