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        <title>Die Theorie des Geldes</title>
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            <forname>Richard</forname>
            <surname>Hildebrand</surname>
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Dr.  Richard  Hildebrand,
‘  Professor  der  Politisolicn  Oekonomie  nn  der  Universität  Grnz.

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Verlag  von  Gustav  Fischer.
1883.
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Dr.  Richard  Hildebrand,
Professor  der  Politisohen  Oekonomle  nn  der  Universität  Graz.

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1883.

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        Inhaltsübersicht..

Capitel  I.
(jrpld  und  Wann*  1
1.  Das  Geld  keine  Waare,  sondern  vielmehr  das  grade  Gegentheil
  einer  Waare.  2.  Die  Edelmetalle.  Ihre  unbedingte
und  uneingeschränkte  Verwendbarkeit  als  Mittel  des  Entgeltes. ­
  3.  Werthmaass.  Der  Preis  nicht  der  unmittelbare, ­
  sondern  nur  der  mittelbare  Ausdruck  des  Werthes
der  Waare,  d.  h.  die  Preisbestimmung  keine  Gleichung,
sondern  Werth  und  Preis  der  Waaren  stehen  nur  zu
einander  in  Proportion.

Capitel  II.
Bedarf*  an  Geld  33
Das  Geld  nur  als  Zahlmittel,  nicht  auch  schon  als  Umsatzmittel
  ein  Gegenstand  bestimmten  Bedarfs.  Unhaltbarkeit ­
  der  Iheorie  von  der  „Circulationsgeschwindigkeit“
des  Geldes.  Der  Geldbedarf  nur  zu  bestimmen  nach  dem
Gesammtbetrag  der  gleichzeitig  auszuführenden  Zahlungen.
Kompensationsverfahren.  Kassenhaltung.  Künstliche  Ersatzmittel ­
  des  haaren  Geldes;  Banknoten,  System  der  Guthaben ­
  in  Contocorront  und  der  Cheques,  inconvertibles
Papiergeld.
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        IV

Inhaltsüher  sicht.

Seite
Capitel  III.
(xcld  1111(1  Kapital  66
Das  Geld  eine  Erscheinungsform  des  Kapitals  so  gut  wie
die  Waare  ;  denn  alles  Kapital  besteht  seinem  Wesen
nach  nur  in  bestimmten,  für  Erwerbszwecke  verfügbaren, ­
  Werthbeträgen,  nicht  in  bestimmten  Werthobjecten. ­
  „Flüssiges“  und  „festes“,  „umlaufend“  und
„stehend“  angelegtes  Kapital.
Capitel  IV.
(xcldmeiiçe  und  Ziiisfiiss  87
Unterschied  zwischen  Bank  und  Börse.  Das  Bankgeschäft
kein  Handel  mit  Kapital  zum  Zweck  der  Veranlagung,
sondern  nur  ein  Handel  mit  Kasse  (,,Geldmarkt“).  Ueberduss
  oder  Mangel  an  Geld  wirkt  nicht  (unmittelbar)  auf
den  Börsenzinsfuss,  wohl  aber  auf  den  Bankzinsfuss  (Disconto).
  Bedarf  an  Geld  zu  Zahlungen  nach  dem  Ausland. ­
  Handelskrisen.

Capitel  V.
Oeldmeiis^  und  Waar(‘iipr(‘is(*  .  •  •  loo
])ie  Theorie  vom  Einfluss  der  Menge  des  im  Umlauf  befindlichen ­
  Geldes  auf  den  allgemeinen  Stand  der  Waarenpreise
  falsch.  Das  Geld  kein  Gegenstand  der  Werthbestimmung ­
  auf  dem  Waarenmarkt.  Ein  Ueberfluss  oder
Mangel  an  Geld  (im  Sinne  nicht  der  Landesmünze,  sondern ­
  des  Edelmetalles  überhaupt)  wirkt  zunächst  nur  auf
die  Wechselkurse,  und,  vermittelst  der  Wechselkurse,
auf  die  Preise  der  Import-  und  Exportartikel.  Export
und  Import  von  Edelmetall  als  Geld  und  als  Waare.  Auch
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        InhaltsiihersicM.

die  Depretiation  des  inconvertiblen  Papiergeldes  äussert
sich  zunächst  nur  in  den  Wechsel  cursen  und  in  dem  Agio,
nicht  in  den  Waarenpreisen.  Unterschied  zwischen  Staatspapiergeld ­
  und  Banknoten.
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        1)  Vergl.  J.  Locke,  Consid.  of  the  Conseq.  of  the  lowering  of

Capitel  I.
Geld  und  Waare.
1.
In  der  Geschichte  der  Ansichten  über  das  Wesen
des  Geldes  lassen  sich  drei  Entwicklungsstufen  unterscheiden. ­

Zuerst  sieht  man  in  dem  Geld  gewissermaassen
den  Inbegriff  alles  Ileichthums  oder  die  einzige  Sache
von  wirklichem  Werth,  da  für  Geld  Alles  zu  haben  sei.
Das  ist  der  Standpunkt  des  sog.  Mercantilsystems.
Dann  fallt  man  in  das  andere  Extrem  und  schreibt
dem  Geld  nur  einen  repräsentativen  Werth  zu
oder  behandelt  dasselbe  als  ein  reines  „Werth  Zeichen“
oder  „Unterpfand.“  Das  ist  die  Auffassung  vornehmlich ­
  der  englischen  Philosophen  J.  Locke  und  D.
Hume  •).
        <pb n="12" />
        2

Capitel  I.
Und  endlich  behauptet  man,  dass  das  Geld  eine
Waare  sei,  die  sich  von  anderen  Waaren  nur  dadurch

interest  and  raising  the  value  of  money  1691  II  ed.  London  1696.
p.  31:  ^.Mankind,  having  consented  to  put  an  imaginary  value
upon  gold  and  silver,  hy  reason  of  their  durableness,  scarcely,  and
not  being  very  liable  to  be  counterfeited,  have  made  them,  by  general
consent,  the  common  pledges,  tvhereby  men  are  assured,  in  exchange
for  them,  to  receive  equally  valuable  things,  to  those  they  parted
with,  for  any  quantity  of  these  metals/*
D.  Hume,  Ess.  &amp;amp;  Treat,  vol.  II.  London  1754  p.  54:  „Of
money“:  ,,Money  is  nothing  but  the  represen  tation  of  labour
and  commodities  and  serves  only  as  a  method  of  rating  or  estimating ­
  them.'*  „Of  interest“  :  ,,Money  having  merely  a  fictitious
value,  arising  from  the  agreement  and  convention  of  men**.
Vgl.  auch  Montesquieu,  de  l’esprit  des  lois  L.  XXII  Ch.II:
,,La  monnaie  est  un  signe  qui  represente  la  valeur  de  toutes
les  marchandises.**
In  neuerer  Zeit  sind  einige  Schriftsteller  in  diese  Auffassung
zurückgefallen.  So  insbesondere  Macleod,  Diet,  of  pol.  economy.
London  1863.  vol.  V.  Art.  Currency:  „IVhatever  material  the
currency  may  consist  of,  it  represents  transferable  debt  and
nothing  else.  The  true  character  of  money  being  a  pledge.  As
he  takes  is  not  for  any  direct  use  it  can  be  to  him,  but  only
because  he  believes  he  can  get  what  he  wants  when  he  pleases  ,  it
is  general  credit,  or  a  bill  of  exchange  on  the  commercial  community.** ­

AehnlichS.  Oppenheim,  „dieNatur  des  Geldes“  (Mainz  1855).
Alle  diese  Schriftsteller  übersehen,  dass,  wenn  auch  das  Geld
bei  jedem  Einzelnen  zunächst  nur  deshalb  Annahme  findet,
weil  man  sich  vermittelst  desselben  Alles  andere  zu  verschaffen  im
Stande  ist,  der  Werth  des  Geldes  in  letzter  Instanz  doch
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        1*

Geld  und  Waare.

3

unterscheide,  dass  sie  nicht  zur  unmittelbaren  Befriedigung ­
  von  Bedürfnissen,  sondern  als  allgemeines
„Tauschmittel“  und  „Werthmaass“  diene  oder  zu  dienen
bestimmt  sei.  Das  ist  die  noch  gegenwärtig  allgemein
verbreitete  Anschauung.
Die  moderne  Gesellschaft  —  so  deducirt  man  —
ist  in  wirthschaftlicher  Beziehung  so  organisirt,  dass
jeder  Einzelne  nur  eine  bestimmte  Gattung  von  Gütern
erzeugt  oder  liefert,  oder  eine  specielle  Art  von  Arbeit
verrichtet,  und  daher,  um  zur  Befriedigung  seiner  mannigfachen ­
  Bedürfnisse  zu  gelangen,  hauptsächlich  auf
den  Austausch  seiner  spezilischen  Erzeugnisse  oder
Leistungen  gegen  die  spezifischen  Erzeugnisse  oder

darum  noch  kein  blos  repräsentativer  oder  fiotiver  ist;  denn  sonst
müsste  das  Geld  seinem  Besitzer  irgend  eine  Forderung  oder
irgend  welchen  Rechtsanspruch  auf  den  Empfang  von  Waaren  gewähren, ­
  während  es  doch  thatsächlich  immer  nur  der  freie  Wille
ist,  welcher  einen  Jeden  zur  Annahme  des  Geldes  im  Handel  oder
zur  Hingabe  von  Waaren  gegen  Geld  bestimmt.  Vgl.  schon
J.  Law  („Memoire  sur  les  banques“):  ,,¿fl  monnaie  n'est  pas  un
gage  —  c'est  une  valeur  payée  ou  qu'on  s'engage  de  payer**
und  Turgot,  Réfl.  sur  la  form,  et  la  distrib.  des  richesses
1766  (Oeuvr.  do  T.  ed.  Daire  Tome  I.  Paris  1844):  j^Voilà  donc
Cor  et  targent  constitués  monnaie  et  cela  sans  aucune  convention
arbitraire  des  hommes^  mais  par  la  nature  des  choses.  Ils  ne
sont  pointf  comme  bien  des  gens  Pont  imaginés,  des
signes  des  valeurs,  ils  ont  eux  même  une  valeur.**
        <pb n="14" />
        4

Capitel  I.

Leistungen  Anderer  angewiesen  ist.  Der  unmittelbare ­
  Austausch  dessen,  was  Jemand  im  Ueberilusse
besitzt  oder  hervorbringt,  gegen  dasjenige,  woran  er
Mangel  leidet,  würde  indess  auf  unüberwindliche  Hindernisse ­
  stossen,  schon  aus  dem  Grunde,  weil  sich  nicht
leicht  zwei  Menschen  treffen,  von  denen  der  Eine  gerade ­
  an  derjenigen  Waare  Ueberfluss  hat,  und  in  dem
entsprechenden  Maasse,  an  welcher  der  Andere  Mangel
leidet,  und  umgekehrt.  Ausserdem  hält  es  auch  schwer,
direct  zu  bestimmen,  in  welchem  Verhältniss  die  einzelnen ­
  W  a  aren  gegeneinander  umgetauscht  werden  sollen, ­
  oder  wie  viel  von  der  einen  Waare  einer  bestimmten ­
  Quantität  der  andern  im  Werthe  gleich  ist.
Daher  bedient  man  sich  beim  gegenseitigen  Austausch
der  Waaren  einer  bestimmten  Waare,  die  hierfür  besonders ­
  geeignet  erscheint,  als  Medium.  Diese  Waare,
in  welcher  der  Preis  jeder  anderen  Waare  festgesetzt
wird,  oder  durch  deren  Dazwischenkunft  der  Tausch
gewissermaassen  nur  in  zwei  Theile,  den  Verkauf  und
den  Kauf,  zerlegt  wird,  oder  welche  in  jedem  einzelnen ­
  Falle,  nicht  sowohl  um  ihrer  selbst  willen,  als
vielmehr  nur  deshalb  Annahme  findet,  weil  man  sich
vermittelst  derselben  wiederum  jede  „andere“  Waare,
deren  man  bedarf,  mit  Leichtigkeit  verschaffen  kann,
oder  weil  man  weiss,  dass  auch  jeder  Andere  sie  wieder
        <pb n="15" />
        Geld  und  Waare.

5

im  Austausch  für  seine  Waaren  anzunehmen  bereit  ist,
diese  „allgemeine“  oder  „allgemein  beliebte“  Waare  —
ist  das  Geld  2).

2)  Vgl.  Turgot  a.  a.  O.:  ,,Toute  marchandise  a  les  deux  propriétés ­
  essentielles  de  la  monnaie,  de  mesurer,  et  de  représenter  toute
valeur,  et  dans  ce  sens,  toute  marchandise  est  monnaie.  Réciproquement ­
  toute  monnaie  est  essentiellement  marchandise.'*
J.  B.  Say,  Traité  d’economie  politique.  Tome  I.  Paris  1803.
p.  417:  ,,Celte  marchandise  est  la  monnaie.**
M®  Culloch,  Treat,  on  Metall,  and  paper  money  and  banks.
Edinb.  &amp;amp;  London  1858  p.  1—4.
J.  St.  Mill,  Principl.  of  pol.  econ.  (people’s  edition)  London
1865.  p.  374:  ,,The  introduction  of  money  is  a  mere  addition ­
  of  one  more  co  nitno  di  ty.**
Courcelle-Seneuil,  Traité  des  operations  de  banque.
IV  ed.  Paris  1864:  ,,Cette  marchandise,  dont  sa  fonction  est
de  servir  d'intermédiaire  et  d'instrument  aux  échanges,  s'appelle
monnaie.**
Roscher,  Syst.  I.  (11.  Aufl.)  Bd.  IL  Ch.  3.  §  116.  Anm.:
,,l)ie  falschen  Definitionen  von  Geld  lassen  sich  in  zwei  liauptgruppen
  theilen:  solche,  die  es  für  mehr,  und  solche,  die  es  für
weniger  halten,  als  eine  IVa  are,**
^Vagner,  Art.  Münz  wesen  in  Bluntschlis  und  Braters
Staatswörterbuch  B.  VII  p.  65  ff.  :  „/Hs  dann  die  H  aare,  welche
man  als  I  reismaass  und  Tauschäquivalent  zu  benutzen  begonnen,
immer  allgemeiner  zu  diesen  Zwecken  gebraucht  zu  werden  pflegte,
war  das  (weld  da.  —  Die  hinführung  des  Geldes  hat  somit  zweierlei
bewirkt,  nämlich  die  Substitution  der  Preisbestimmung  in  einer
H  aare,  dem  Gelde,  statt  der  in  allen,  und  die  Zerlegung  des  einen
'Iauschactes  m  zwei  gesonderte,  die  Hingabe  von  H’aare  gegen  Geld
und  von  Geld  gegen  fVaare,  oder  den  sog.  Verkauf  und  Kauf,
        <pb n="16" />
        6

Capitel  1.

1st  die  geschilderte  Theorie,  welche,  wie  man  sieht,
jeden  principiellen  Unterschied  zwischen  Geld  und
Waare  leugnet  oder  doch  das  eigenthümliche  Wesen
des  Geldes  nur  und  allein  in  der  Vermittlerrolle  erblickt,
welche  dasselbe  im  Handel  spielt  —  ist  diese  Theorie,
der  man  noch  jetzt  in  allen  Lehrbüchern  der  politischen
Oekonomie  begegnet,  richtig?
Dass  das  Gold  oder  Silber  eine  Waare  ist,  das
unterliegt  wohl  keinem  Zweifel.  Allein  folgt  daraus
auch  schon,  dass  das  Geld  eine  Waare  ist?  Oder
bilden  nicht  vielmehr  Geld  und  Waare  ihrer  Natur
nach  geradezu  diametrale  Gegensätze?  Dergestalt,  dass
das  Edelmetall  zwar  sowohl  Waare  als  Geld,  oder  je
nach  den  Umständen,  bald  Waare,  bald  Geld,  niemals
aber  Geld  und  Waare  zugleich  sein  kann?
Um  hierüber  in’s  Klare  zu  kommen,  braucht  man
nur  das  Geld  und  die  Waare  nach  der  Holle,  welche

wie  man  sieht,  lauter  formelle  Aenderungcn,  die  das  U'escn  der
Vorgänge  nicht  berühren.^*  ,,Geld,  also  auch  Münzgeld,
ist  eine  fVa  are,  durch  welche  die  Volkswirthschaft  nur  tan  eine
sehr  beliebte,  oft  vertauseht  werdende  (!),  IVaare  bereichert  worden ­
  ist.**
Vgl.  auch  ßau-Wagner  1.  p.  49.
Marx,  Das  Kapital,  Hamburg  1872.  p.  111.
Knies,  Das  Geld.  Berlin  1873.  p.  105  ff.  p.  109.  110.
Goldschmidt’,  Handelsrecht.  I.  B.  II.  Abth.  C.  I.
        <pb n="17" />
        Geld  und  Waare.

7

sie  beide  im  Handel  spielen,  etwas  weniger  oberiläclilich,
  als  dies  bisher  stets  geschehen  ist  3),  mit  einander
zu  vergleichen,  oder  m.  a.  W.  den  Akt  des  Umsatzes,
oder  den  Kauf  oder  Verkauf  von  Waaren  einer  genaueren ­
  psychologischen  Analyse  zu  unterziehen. ­

Jede  Waare  wird  veräussert,  weil  der  Eine  vergleichsweise ­
  Ueberfluss,  der  Andere  vergleichsweise
Mangel  daran  hat,  oder  weil,  gleichviel  aus  welchem
Grunde,  der  Eine  einen  höheren  Werth  auf  den  Besitz
derselben  legt,  als  der  Andere.  Aller  Handel  —  und
die  Waare  ist  ja  nichts  anderes  als  das  Object  des
Handels  —  gründet  sich  auf  eine  dem  Bedarf  nicht
entsprechende  Vertheilung  des  betreifenden  Artikels
unter  die  verschiedenen  Personen  (resp.  Plätze  oder

3)  Vgl.  z.  B.  Roscher  a.  a.  0.  p.  194:  ,,Ein\zum  rertauschcn
bestimmtes  Gut  heisst  ff^aare.**
Rau-Wagner  a.  a.  0.  I.  p.  48;  ,,I)as  regelmässig  zum
Tausche,  daher  namentlich  zum  Liebergang  in  den  l'erkehr,  bestimmte
Gut  pßegl  ITa  are,  das  Gut,  gegen  welches  es  regelmässig  eingetauscht
  wird,  pßegt  Zahlmittel  {Tauschmittel)  genannt  zu  werden.**
Weiss  nun  nach  dieser  schönen  Definition  Jemand,  worin  der
Unterschied  zwischen  Geld  und  Waare  besteht?  Oder  ist  mit
dieser  sog.  Definition  auch  nur  im  geringsten  mehr  gesagt,  als
dass  eben  das  Geld  immer  die  eine,  die  Waare  immer  die  andere
Seite  jedes  Umsatzes  oder  Kaufaktes  bildet  ?
        <pb n="18" />
        8

Capitel  1.
Länder,  oder  auch  Zeiten)  oder  auf  den  ungleichen
Werth,  den  verschiedene  Personen  (resp.  ganze  Plätze,
Länder  oder  Zeiten)  auf  den  Besitz  einer  und  derselben
Sache  oder  Güterspezies  legen  ;  denn  aller  Handel  will
ja  grundsätzlich  oder  seiner  Natur  nach  nichts  anderes
als  eben  dieses  Missverhältniss  in  der  Vertheilung  ausgleichen
  oder  aus  dieser  Differenz  im  Werthe  Nutzen
oder  Vortheil  ziehen.  Dies  gilt  ebensowohl  von  dem
einfachen  Kauf  oder  Verkauf  von  Waaren,  wie  von
dem  aus  Kauf  und  Verkauf  zusammengesetzten  Handelsgewerbe, ­
  nur  dass  bei  dem  letzteren  die  Werthdifferenz, ­
  um  die  es  sich  handelt,  in  einer  Preisdifferenz
zum  Ausdrucke  gelangt  und  sich  insofern  als  eine  objectiv
  messbare  Grösse  darstellt  (auf  welcher  der  Handelsgewinn ­
  basirt),  während  sie  beim  einfachen  Kauf
oder  Verkauf  nur  eine  psychologische  Thatsache  ist.
Das  Geld  dagegen  geht  —  wenigstens  auf  dem
Waaren  markt  und  um  diesen  allein  handelt  es  sich
hier,  im  Gegensatz  zum  sog.  Geldmarkt  —  von  Hand
zu  Hand  nicht,  weil  der  Eine  mehr,  der  Andere  weniger ­
  davon  besitzt  oder  besässe,  als  er  bedarf  oder
gebrauchen  kann,  oder  weil  der  Eine  einen  höheren
Werth  auf  den  Besitz  desselben  legt  oder  legen  würde,
als  der  Andere.  Denn  das  Geld  ist,  an  sich  genommen ­
  oder  von  Haus  aus,  überhaupt  kein  Gegenstand
        <pb n="19" />
        (reíd  und  Waare.

9

(les  Bedarfs,  d.  h.  eines  möglichen  Ueherflusses  auf  der
einen,  eines  möglichen  Mangels  auf  der  anderen  Seite.
Es  wird  ein  Gegenstand  bestimmten  Bedarfs  immer  erst
durch  den  Handel,  d.  h.  dadurch,  dass  bestimmte  („Zahlungs-“)
  Verbindlichkeiten  darin  ein  gegangen  werden.
M.  a.  W.  Alles  Geld  ist  nur  dazu  da,  um  ausgegeben ­
  zu  werden  —  sei  es  früher  oder  später,  in
der  einen  oder  anderen  (gewinnbringenden  oder  nicht
gewinnbringenden)  Weise.  Daher  denn  auch  die  Hingabe ­
  des  Geldes  im  Handel  nicht  erst  durch  einen  Ueberiluss
  an  Geld  bedingt  sein  kann,  sondern  vielmehr,
ihrer  Natur  nach  betrachtet,  eine  ganz  unbedingte
und  uneingeschränkte  sein  muss.  Und  auf  der  andern
Seile  wird  doch  nichtsdestoweniger  auch  ohne  dass  in
jedem  einzelnen  Falle  gerade  immer  ein  bestimmter
Bedarf  danach  vorzuliegen  braucht,  resp.  auch  über
den  jeweiligen  Bedarf  hinaus,  also  unter  jeder  Bedingung ­
  und  in  jeder  auch  noch  so  grossen  Quantität,
auf  den  Besitz  des  Geldes  Werth  gelegt,  so  dass  also
auch  die  Annahme  des  Geldes  im  Handel  keineswegs
immer  einen  Mangel  an  (ield  —  auf  Seiten  derjenigen
Personen,  welche  überhaupt  Geld  einzunehmen  trachten
oder  Waaren  zu  veräussern  haben  —  voraussetzt  oder
sich  innerhalb  der  (jienzen  eines  bestimmten  Bedarfs
zu  bewegen  braucht,  sondern  vielmehr,  ihrer  Natur  nach
        <pb n="20" />
        10

Capitel  1.

betrachtet,  ebenfalls  eine  ganz  unbedingte  und  uneingeschränkte ­
  ist^).
Das  Geld  geht  also  —  auf  dem  Waarenmarkt  —
(wenigstens  in  der  Kegel)  nur  aus  dem  Grund  von
Hand  zu  Hand,  weil  der  Eine  vergleichsweise  Mangel,
der  Andere  vergleichsweise  Ueberfluss  an  einer  Waare
hat,  oder  weil  der  eine  einen  höheren  Werth  auf  den
Besitz  einer  Waa  re  legt,  als  der  Andere.  D.  h.  m.  a.
W.  das  Geld  geht  —  auf  dem  Waarenmarkt  —  überhaupt ­
  nicht  als  ein  Gegenstand  des  Bedarfs  (sei  es
eines  mittelbaren  oder  unmittelbaren),  noch  als  ein
Gegenstand  der  Spekulation,  sondern  nur  und
allein  als  Mittel  des  Entgeltes  oder  Verkörperung ­
  von  Werth  aus  einer  Hand  in  die  andere.
Das  Geld  ist  folglich  keine  Waa  re,  sondern
vielmehr  das  gerade  Gegentheil  einer  Waare.
Und  das  eigenthümliche  Wesen  des  Geldes  im
Unterschied  von  der  Waare  liegt  daher  auch  keineswegs ­
  blos  in  der  Vermittlerrolle,  welche  das  Geld  im
Handel  spielt,  sondern  vielmehr  vor  Allem  und  haupt-4)

  Siehe  schon  J.  Locke  a.  a.  0,,  p.  71:  ,,Money  never  lying
upon  people's  hands,  or  wanting  vent—but  every  body  being
ready  to  receive  money  without  bounds  and  keep  it  by  him
because  it  answers  all  things  therefore  the  vent  of  money  is  always
sufficient  or  more  than  enough.'‘
        <pb n="21" />
        Geld  und  Waare.

11

sächlich  darin,  dass,  während  jede  Waare  immer  nur
unter  ganz  bestimmten  Voraussetzungen  und  innerhalb
ganz  bestimmter  Grenzen  feil  geboten  wird  und  auf  Absatz ­
  rechnen  kann,  die  Annahme  und  Hingabe  des  Geldes
im  Handel,  d.  h.  bei  jedem  einzelnen  Umsatzakt  oder
jeder  einzelnen  Veräusserung  von  Waaren  (oder  Leistung
von  Diensten)  gegen  Entgelt  dagegen,  wie  schon  gesagt,
eine  ganz  unbedingte  und  uneingeschränkte  ist;  denn
erst  auf  Grund  und  in  Folge  dieser  ganz  unbedingten ­
  und  uneingeschränkten  Annahme  und  Hingabe  als
Mittel  des  Entgeltes  oder  dieser  ganz  absoluten  „Kaufkraft“, ­
  welche  das  Geld  in  jedem  einzelnen  Falle
bewährt,  wird  dasselbe,  naturgemäss  und  von  selbst,
zum  Bindeglied  zwischen  allen  einzelnen  Kauf-  und  Verkaufsakten. ­
  M.  a.  W.  nicht  sowohl  darin  besteht  der  Unterschied ­
  zwischen  dem  Tausche  einerseits,  dem  Kaufe
und  Verkaufe  andererseits,  dass  beim  Tausche  dasjenige, ­
  woran  man  Ueberfluss  hat,  direct  gegen  dasjenige ­
  umgesetzt  wird,  woran  man  Mangel  leidet,  beim
Verkaufe  und  Kaufe  dagegen  dieser  Umsatz  indirect
bewerkstelligt  wird  oder  in  zwei  Theile  zerfällt,  als
vielmehr  darin,  dass  beim  Tausche  beide  Parteien  sowohl ­
  einem  Mangel  abzuhelfen  als  einen  Ueberfluss  zu
verwerthen  trachten,  beim  Kaufe  oder  Verkaufe  es  sich
dagegen  dem  einen  Theile  nur  um  die  Beseitigung
        <pb n="22" />
        12

Capitel  I.
eines  Mangels  oder  um  die  Befriedigung  eines  Bedarfs,
dem  andern  Theile  dagegen  (wenigstens  zunächst  und
unter  allen  Umständen)  nur  um  die  Verwerthung  eines
Ueberflusses  handelt,  so  dass  also  auch  durchaus  nicht
jeder  Verkauf  immer  und  unbedingt  auf  einen  Kauf
abzuzielen,  noch  jedem  Kauf  immer  nothwendig  ein
Verkauf  vorausgegangen  zu  sein  braucht,  sondern  Kauf
und  Verkauf  vielmehr  Akte  sind,  die  auch  ganz  getrennt ­
  und  unabhängig  von  einander  gedacht  werden
können  ^).

2.
Wie  kommen  nun  gerade  die  Edelmetalle  zu  dieser
ganz  unbedingten  und  uneingeschränkten  Verwendbarkeit ­
  als  Mittel  des  Entgeltes,  welche,  wie  gesagt,  das
eigentliche  Wesen  oder  die  spezifische  Kraft  des  Geldes ­
  ausmacht?
Ist  es  nicht  wunderbar,  dass  just  die  Edelmetalle, ­
  diese  an  sich  so  unnützen  und  entbehrlichen
Substanzen,  die  keinerlei  dringendes  Bedürfniss  befriedigen ­
  ,  mit  denen  sich  unmittelbar  so  gut  wie
nichts  machen  oder  anfangen  lässt,  ausser  dass  man

5)  So  kann  ja  dem  Kauf  oder  Verkauf  von  Waaren  z.  B.  auch
ein  Darlehn  vorausgegangen  sein  resp.  nachfolgen.
        <pb n="23" />
        Geld  und  Waare.

13

sie  zu  Schmuck  und  (ieräth,  Prunk,  Zierrath  und  Geschmeide ­
  verarbeitet,  kurz  allerlei  eitlen  Tand  und
Luxus  daraus  verfertigt  —  dass  gerade  diese  Substanzen ­
  eine  so  wichtige  und  dominirende  Rolle  im
wirthschaftlichen  Leben  der  Völker  spielen  und  von
Alters  her  gespielt  haben,  eine  Rolle,  die  man  nicht
unpassend  verglichen  hat  mit  der  Funktion  des  Blutes  im
thierischen  Organismus?  Klingt  es  nicht  wie  ein  Paradoxon, ­
  dass  gerade  auf  den  Besitz  dieser  an  sich  so  überflüssigen ­
  und  unnützen  Materien  —  man  möchte  fast
sagen:  auf  dieses  Spielzeug  —  nichtsdestoweniger  von
aller  W  eit  Werth  gelegt  wird  und  in  unbegrenzter  Ausdehnung, ­
  dass  diese  Metalle,  sei  es  nun  in  Gestalt  von
Münze  oder  in  Gestalt  von  Barren  und  dergleichen,  immer
und  überall,  zu  allen  Zeiten  und  an  allen  Orten,  bei  Jedermann, ­
  der  W  aaren  gegen  Entgelt  zu  veräussern  hat,
oder  Arbeit  um  Lohn  verrichtet,  ganz  unbedingte  und
uneingeschränkte  Annahme  linden,  während  doch  im
Allgemeinen  jeder  andere  Artikel  immer  nur  bedingungsweise ­
  willkommen  ist  oder  m.  a.  W.  nur  insoweit  auf
Absatz  oder  Annahme  rechnen  kann,  als  eben  in  jedem
einzelnen  Falle  gerade  ein  bestimmter  Bedarf  oder  Begehr ­
  danach  vorliegt,  oder  ein  positiver  Nutzen  oder
Gewinn  damit  zu  erzielen  ist,  und  dass  diese  Metalle
        <pb n="24" />
        14  Capitel  I.
SO  gleichsam  die  Schlüssel  bilden,  denen  sich  alle
Thüren  öffnen  ?
Wie  ist  diese  merkwürdige  und  fast  räthselhafte
Erscheinung  zu  erklären?
Bis  jetzt  hat  man  den  Ursprung  des  Metallgeldes
regelmässig  auf  folgende  Momente  zurückgeführt:  1)  auf
die  allgemein  verbreitete  Verwendung  der  Edelmetalle
zu  Schmuck  und  Geräth;  2)  auf  die  qualitative  Bestimmtheit ­
  oder  Einfachheit  und  gleichartige  Beschaffenheit, ­
  sowie  leichte  Erkennbarkeit  ihrer  Substanz;  3)  auf
ihre  Dauerhaftigkeit  oder  Härte  und  Unzerstörbarkeit;
4)  auf  ihre  leichte  Eormbarkeit  und  unbegrenzte  Theilbarkeit
  ohne  jeden  Werth  vertust;  und  endlich  5)  auf
ihre  Seltenheit,  oder  ihren  hohen  spezifischen  Werth,
oder,  noch  anders  ausgedrückt,  auf  ihr  im  Verhältniss
  zum  Werth  sowohl  für  den  Transport  als  für  die
Aufbewahrung  so  bequemes  Gewicht  und  Volumen.
Zur  vollständigen  Erklärung  der  unbedingten  und  uneingeschränkten ­
  Annahme  und  Hingabe  der  Edelmetalle
als  Mittel  des  Entgeltes  gehört  jedoch  noch  ein  Moment,
das  in  dieser  Liste  unerwähnt  geblieben  ist.  Es  ist  dies
der  Umstand,  dass  die  Edelmetalle,  ebenso  wie  z.  B.  auch
die  Edelsteine,  Materien  sind,  deren  Werthschätzung  in
letzter  Instanz  oder  ursprünglich  überhaupt  nicht  in
irgend  welcher  bestimmten  Verwendung,  sondern  ein-
        <pb n="25" />
        Geld  und  Waare.

15

zig  und  allein  in  einer  Art  von  ästhetischem  Wohlgefallen ­
  oder  unmittelbarem  sinnlichen  Reize  wurzelt®), ­
  oder  m.  a.  W.,  dass  der  Werth  der  Edelmetalle
von  Haus  aus  gewissermassen  nur  ein  Affectionswer.th
  ist^).  Denn  bei  einem  Artikel,  der  ursprünglich ­
  oder  in  letzter  Instanz  nur  aus  ästhetischen  Gründen ­
  geschätzt  wird,  gibt  es  offenbar  von  Haus  aus
auch  keinen  der  Grösse  nach  irgend  wie  bestimmten,
d.  h.  nach  oben  oder  nach  unten  bedingten  oder  begrenzten ­
  Bedarf,  d.  h.  weder  einen  eigentlichen  Mangel
noch  einen  eigentlichen  Ueberfluss,  wie  denn  auch  in
der  That  die  Edelmetalle  erst  in  Folge  einerseits  der
Verwendung  zu  Schmuck  und  Geräth,  und  andererseits ­
  der  Verwendung  zu  Geldzwecken  ein  Gegenstand
bestimmten  Bedarfs  und  damit  zugleich  eine
Waare  geworden  sind,  während  sie  ursprünglich  oder
6)  So  bemerkt  auch  schon  A.  Smith,  H.  I.  Cap.  XI.  S.  II:
,,7'Ae  demand  for  those  metals  arises  partly  from  their  utility,  and
partly  from  their  beauty,^*  ,,Their  principal  merit,  however,
arises  from  their  beauty,  which  renders  them  peculiarly  ßt  for
the  ornaments  of  dress  and  furniture.*'
7)  Diesen  Ausdruck  natürlich  in  einem  anderen  als  dem  landläufigen ­
  Sinne  verstanden.  Sehr  lustig  definirt  der  alte  Kau
(p.  78)  den  „Affectionswerth“  :  ,,Kine  besondere  y/r/  des  individuellen
ll'erthes,  beruhend  nicht  auf  einem  eigentlichen  Sätzen,  sondern
auf  einem  Gefühle,  welches  aus  dem  Genüsse  entspringt."
        <pb n="26" />
        16

Capitel  I.

von  Haus  aus  nur  ein  Object  der,  aus  dem  ästhetischen
Wohlgefallen  hervorgegangenen,  Werthschätzung
waren,  und  nichts  weiter.  Bei  einem  derartigen  Artikel ­
  kann  also  auch,  wenigstens  von  Haus  aus,  weder
die  Hingabe,  noch  die  Annahme  als  Mittel  des  Entgeltes ­
  durch  einen  Uebertluss  resp.  Mangel  daran  bedingt
oder  beschränkt  sein.  Vielmehr  muss  bei  einem  derartigen ­
  Artikel  sowohl  die  Hingabe  als  die  Annahme  in
Jedem  einzelnen  Falle  naturgemäss  eine  ganz  unbedingte ­
  und  uneingeschränkte  sein.  Auf  diese  Weise
bildet  also,  wie  man  sieht,  gerade  derjenige  Umstand,
welcher  auf  den  ersten  Blick  das  Phänomen  des  Metallgeldes ­
  so  räthselhaft,  ja  fast  unerklärlich  erscheinen
Hess,  der  Umstand  nämlich,  dass  die  Edelmetalle  als
solche  kein  eigentliches  Bedürfniss  befriedigen,  sondern
ziemlich  überflüssige  und  unnütze  Dinge  sind,  einen
wesentlichen  Erklärungsgrund  mit  für  die  Thatsache,
um  die  es  sich  handelt,  wenn  auch  ohne  Zweifel  nur
in  Verbindung  mit  allen  jenen  anderen,  bereits  oben
erwähnten  Eigenschaften,  da  man  ja  sonst  nicht  begreifen ­
  würde,  wie  es  kommt,  dass  gerade  die  Edelmetalle ­
  und  nicht  z.  B.  auch  die  Edelsteine  Geld  werden ­
  konnten.  Jene  unmittelbare  und  lebendige  Empfindung ­
  für  die  Schönheit  oder  den  stofflichen  Heiz
der  Edelmetalle  mag  allerdings,  wie  ich  mir  nicht  ver-
        <pb n="27" />
        2

Geld  und  Waare.

17

hehle,  ebenso  wie  ja  auch  das  naive  Wohlgefallen  an
Edelsteinen,  Perlen  etc.  im  Laufe  der  Zeit  und  unter
dem  Einfluss  der  Kultur  und  der  Reflexion  bei  den  gebildeten ­
  und  überbildeten  Völkern  und  Volksschichten
sehr  in  den  Hintergrund  getreten  sein.  Jedenfalls  aber
hat  man  es  doch  bei  den  Edelmetallen  mit  einer  Werthschätzung ­
  zu  thun,  die,  ursprünglich  aus  einem  rein
ästhetischen  Wohlgefallen  hervorgegangen,  sich  durch
Gewohnheit  und  Uebertragung  bis  auf  den  heutigen
Tag  in  Wirksamkeit  erhalten  hat,  und  nur  unter  dieser
Voraussetzung  ist,  wie  ich  glaube,  die  unbedingte  und
uneingeschränkte  Annahme,  welche  die  Edelmetalle  noch
jetzt  fortwährend  als  Mittel  des  Entgeltes  finden,  auf
eine  natürliche  Weise  zu  erklären®).

8)  Man  könnte  mir  vielleicht  einwenden,  dass  ja  nicht  allein
Gegenstände  eines  ästhetischen  Wohlgefallens,  sondern  auch  Gegenstände ­
  eines  dringenden  Bedarfs  oder  greifbaren  Nutzens  als
Geld  gedient  haben  und  theilweise  noch  jetzt  bei  manchen  Naturvölkern, ­
  in  den  entfernteren  Theilen  der  Erde,  als  Geld  im
Gebrauch  sind:  Korn  und  Salz,  Fische,  Leder  und  Pelz  werk,  Tabak, ­
  Oel,  Sclaven  und  Heerdenvieh,  Leinen-  und  Wollenstoff,
Eisen,  Kupfer,  Erz  u.  s.  w.  Indess  behaupte  ich  ja  nicht,  dass
die  absolute  „Geltung“  im  Handel  oder  die  unbedingte  und  uneingeschränkte ­
  Annahme  als  Mittel  des  Entgeltes  immer  eine
Werthschätzung  aus  ästhetischen  Gründen  zur  Voraussetzung  habe
oder  immer  nur  und  allein  aus  einem  ästhetischen  Wohlgefallen
liervorgehen  könnte.  Was  ich  behaupte,  ist  vielmehr  nur,  dass  es
        <pb n="28" />
        18

Capitel  I.

3.
Alle  Oekonomisten  ohne  Ausnahme  sehen  in  dem
Preis  einer  Waare  den  unmittelbaren  Ausdruck  ihres

bei  den  Edelmetallen  das  ästhetische  Wohlgefallen  ist,  welches
die  unbedingte  und  uneingeschränkte  Annahme  im  Handel  wesentlich ­
  mit  erklärt.  Die  letztere  kann,  bei  anderen  Gegenständen
oder  Materien,  auch  von  anderen  Ursachen  herrühren,  oder  anderen ­
  Quellen  entspringen,  doch  dürfte  sich  bei  näherer  Betrachtung
immer  ergeben,  dass  stets  nur  solche  Artikel  als  Geld  gedient
haben,  welche  unter  den  obwaltenden  Verhältnissen  oder  auf  der
betreffenden  wirthschaftlichen  Kulturstufe  nicht  allein  im  Hinblick
auf  eine  bestimmte  Verwendung  oder  unter  der  Voraussetzung  und
innerhalb  der  Grenzen  eines  bestimmten  Bedarfs  oder  Begehrs,
sondern  vielmehr  unter  allen  Bedingungen  und  in  jeder  auch  noch
so  grossen  Quantität  geschätzt  wurden,  so  dass  einerseits  sowohl
ihre  unbedingte  und  uneingeschränkte  Annahme  als  Entgelt,  wie
andererseits  auch  die  Anhäufung  und  der  Ueberfluss  daran,  und
damit  auch  die  unbedingte  und  uneingeschränkte  Bereitwilligkeit
zur  Hingabe  derselben  als  Entgelt,  im  Fall  eines  Bedarfs  nach
anderen  Dingen,  die  natürliche  Folge  war  oder  sich  gewissermaassen
von  selbst  verstand.  So  erklärt  sich  beispielsweise  das  Viehgeld
(pecunia)  einfach  daraus,  dass  in  der  Periode  des  Hirtenlebens ­
  der  Besitz  von  Heerdenvieh,  welches  auf  jener  Stufe  fast
die  einzige  Unterhaltsquelle  bildete,  naturgemäss  von  Jedermann
nicht  nur  bis  zur  Grenze  des  unmittelbaren  Bedarfs,  sondern  auch
darüber  hinaus,  d.  h.  in  ganz  unbegrenzter  Ausdehnung,  geschätzt
wurde,  und  daher  aller  Ueberfluss  naturgemäss  diese  Gestalt  annahm. ­
  Ueberhaupt  wird  man  auf  jeder  Kulturstufe  immer  irgend
        <pb n="29" />
        Geld  und  Waare.

19

Werthes,  im  Verhältniss  zum  (leide,  oder  sind  von
der  Vorstellung  beherrscht,  dass  jeder  Umsatz,  gleich
viel  ob  Kauf  oder  Tausch,  eine  Gleichung  von
Wer  then  darstelle,  so  dass  der  Rückschluss  von
dem  Preise  verschiedener  Waaren  auf  ihr  gegenseitiges
Werth  verhältniss  als  eine  einfache  Anwendung  des
einem  Gute  begegnen,  welches  sich  des  Vorzugs  einer  ganz  unbedingten ­
  und  uneingeschränkten  Werthschätzung  erfreut,  und  daher ­
  als  die  specifische  und  naturwüchsige  Form  oder  Verkörperung
des  Ueberflusses  auftritt,  und  dieses  Gut  wird  unter  den  obwaltenden ­
  Verhältnissen,  d.  h.  soweit  überhaupt  Umsätze  verkommen,
nicht  nur  die  Rolle  einer  Waare  spielen,  sondern  unter  Umständen, ­
  oder  sogar  noch  häufiger,  auch  rein  als  Mittel  des  Entgeltes
aus  einem  Besitz  in  den  andern  übergehen,  d.  h.  den  Dienst  des
Geldes  versehen  ,  wie  denn  auch  der  eigentlichen  Geldwirthschaft
zuerst  eine  rohe  Schatzbildung,  d.  h.  eine  unbegrenzte  Anhäufung
von  Gold  oder  Silber  ohne  Rücksicht  auf  irgend  welche  bestimmte
Verwendung  vorausgegangen  ist.  Für  das  Metallgeld  erscheint
in  dieser  Beziehung  nur  das  eine  charakteristisch,  dass  sein
Gebrauch  nicht  durch  eine  bestimmte  wirthschaftliche  Kulturstufe ­
  bedingt  ist,  sondern  auf  jeder  Kulturstufe  möglich  ist
(Verkehr  natürlich  vorausgesetzt),  weil  eben  die  unbedingte  und
uneingeschränkte  Werthschätzung  der  Edelmetalle  in  einem  ästhetischen, ­
  d.  h.  allgemein  menschlichen,  Motive,  und  nicht  in  irgend
welchen  practischen  Gründen  oder  speziellen  ökonomischen  Kultur ­
  Verhältnissen  wurzelt,  daher  man  denn  auch  thatsächlich  das
Metallgeld,  sei  es  in  Gestalt  von  Staub,  Klumpen,  Körnern,
Stangen,  Ringen,  Barren  etc.,  oder  in  Gestalt  von  Münze,  auf
den  verschiedensten  Entwicklungsstufen  des  wirthschaftlichen  Lebens ­
  antrifft.
        <pb n="30" />
        20

Capitel  I.

Prinzips  „wenn  zwei  Grössen  einer  dritten  gleich  sind,
so  sind  sie  auch  untereinander  gleich“  erscheine®).

9)  So  schon
J.  Locke  a.  a.  O.  p.  32:  t&amp;gt;The  marketable  value  of  any
assigned  quanti  ties  of  two,  or  more  commodities  are  {pro  bine  et
nunc)  equal  when  they  will  exchange  one  for  another^'.
Further  considerations  cone,  the  value  of  money  p.  4  :
,,It  (silver)  is  the  thing  bargain'd  for,  as  well  as  the  measure
of  the  bargain;  and  in  commerce  passes  from  the  buyer  to  the
seller  as  being  in  sucha  quantityequivalent  to  the  thing
sold:  and  so  it  not  only  measures  the  value  of  the  commodity  it
is  apply'd  to,  but  is  given  in  exchange  for  it,  as  of  equal
value**.
Turgot  a.  a.  0.:  ,,Je  suppose  que  l'un  ait  besoin  de  blé  et
l'autre  de  vin,  et  qu'ils  s'accordent  à  échanger  un  boisseau  de  blé
contre  six  pintes  de  vin  ;  il  est  évident  que  pour  chacun  tf  eux  un
boisseau  de  blé  et  six  pintes  de  vin  sont  regardés  comme  exactement ­
  équivalents**.
J.  B.  Say,  I,  L.  I,  p.  29:  ,,Lorsqu'on  achète  à  Paris  du  vin
d'Espagne,  on  donne  bien  réellement  valeur  égale  pour
valeur  égale:  Cargent  qu'on  paye  et  le  vin  qu'on  reçoit  valent
autant  tun  que  l'autre**.
J.  S.  Mill  a.  a.  O.  p.  376:  ,,since  things  which  are
equal  to  the  same  thing  are  equal  to  one  another,  the
exports  and  imports  which  are  equal  in  money  price,  would,  if  money ­
  were  not  used,  precisely  exchange  for  one  another**.
Kau  I  (7.  A.  63)  §  56:  ,,Im  Tausche  werden  zwei  (Quantitäten
von  Sachgütern  gegeneinander  hingegeben  und  angenommen,  also
einander  insofern  g  le  ic  h  g  es  e  t  z  t**.
A.  Wagner,  Beiträge  zur  Lehre  von  den  Banken.  (Leipzig ­
  1867)  p.  43:  ,,Beim  Tausche  herrscht  der  (ledanke,  dass  die
        <pb n="31" />
        Geld  und  Waare.

21

Und  in  diesem  Sinne  wird  auch  gewöhnlich  die  Bezeichnung ­
  „Werthmass‘‘  verstanden,  wenn  von  dem
Gelde  gesagt  wird,  dass  es  nicht  allein  als  „Tauschmittel“,
  sondern  zugleich  als  „Werthmass“  den  Waaren
gegenüber  diene.
Ist  nun  die  Vorstellung,  dass  „was  gegeneinander
austauschbar,  auch  einander  im  Werthe  gleich“  (aequivalent)
  sei  oder  gleich  sein  müsse,  oder  dass  das  quantitative ­
  Verhältniss,  in  welchem  zwei  Dinge  gegeneinbciden

  ausgetauschten  Dinge  einander  im  Werthe  gleich,
Àequivalente  sind,  beim  Kauf  und  Verkauf,  dass  der  fVerth
beider  Dinge  deshalb  der  gleiche  sei,  weil  sie  beide
einem  dritten  gleich  sind**,
Goldschmidt,  Handelsr.  3.  B.  Abs.  I,  Cap.  1  p.  375,  376.
K.  Marx,  Das  Capital  (II.  K.)  I.  Bd.  (Hamb.  1873)  p.  13:
,,Nehmen  wir  zwei  IVaaren  z.  B.  Weizen  und  Eisen,  welches  immer
ihr  ^ustauschverhällniss,  es  ist  stets  darstellbar  in  einer  Gleichung, ­
  worin  ein  gegebenes  Quantum  IVeizen  irgend  einem  Quantum ­
  Eisen  gleichgesetzt  wird.
Knies,  „Das  Geld“,  Berlin  1873,  p.  129:  ,,Gleichwohl  bleibt
Bezeichnung  und  Begriff  der  fVerthaquivalente  in  dem  Sinn  wohl  zutrefjend,
  dass  wo  immer  bestimmte  Quantitäten  verschiedenartiger  Güter
im  Verkehr  gegeneinander  umgesetzt  werden,  diese  ein  gleiches
Mass  fungiblen  IVerthes  zur  Geltung  bringen**  und  p.  140:  ,,Die
fVerthmessung  eines  Gutes  erfolgt  eben  dadurch,  dass  das  Quantum
Geldes  bezeichnet  wird,  welches  im  Tausche  ein  Aequi-Vnient
  bildet.**
        <pb n="32" />
        22  Capitel  I.
ander  austauschbar,  ihr  gegenseitiges  Werthverhältniss
ausdrücke,  richtig?
Offenbar  handelt  es  sich  hier  vor  allem  um  den
Begriff  des  Werthes.
Welchen  Sinn  verbindet  man  mit  diesem  Ausdruck,
indem  man  behauptet,  dass  bei  jedem  Umsatz  die  gegeneinander ­
  umgesetzten  Gegenstände  oder  Quantitäten
einander  im  Werthe  gleich  seien?
Dass  für  keinen  der  beiden  Contrahenten  die  gegeneinander ­
  umgesetzten  Gegenstände  oder  Quantitäten
im  Werthe  gleich  sein  können,  sondern  dass  vielmehr
jeder  der  beiden  Contrahenten  stets  auf  den  Besitz
dessen,  was  er  erhält,  mehr  Werth  legt,  als  auf  den
Besitz  dessen,  was  er  dafür  hingiebt,  das  ist  selbstverständlich, ­
  da  ja  sonst  der  Umsatz  nach  der  einen  oder
anderen  Seite  hin  seines  Beweggrundes  ermangeln  würde,
indem  er  dem  einen  oder  andern  der  beiden  Contrahenten ­
  keinen  Nutzen  oder  Vortheil  brächte,  —  und
wird  in  Rücksicht  hierauf  auch  von  aller  W  eit  zugestanden ­
  ^  ^).

10)  Vrgl.  z.  B.  James  Mill,  Elements  of  pol.  ocon.  (3  od.)
London  1844.  p.  125:  ,,The  fact  of  his  choosing  to  have  the
other  commodity  rather  than  his  own,  is  a  proof  that  the  other  is
to  him  more  valuable  than  his  own*‘.  Das  hindert  indess  J.
Mill  nicht,  an  einer  andern  Stelle,  p.  128,  zu  bemerken:  ,,The
        <pb n="33" />
        Geld  und  Waare.

23

Aber,  so  sagt  man,  wenn  auch  nicht  vom  „sub-Tnan

  who  had  the  sheep  ,  and  wanted  bread  or  a  coat,  instead  of
oflering  his  sheep  to  obtain  them,  wouid  first  exchange  it  fot  the
equivalent  quantity  of  this  other  commodity,  and  with  that  he
would  purchase  the  bread  and  other  things  for  which  he  had  occasion^*). ­

Vrgl.  ferner  W.  Stanley  Je  von  s,  The  Theory  of  pol.  economy, ­
  London  1871,  p.  121:  H  ere  the  utilities  exactly  equal  on
both  sides,  there  would  obviously  be  no  motive  to  exchange*  .
,,There  are  two  opposite  extremes  —  one  above  which  the  price  of
a  commodity  cannot  rise,  the  other  below  which  it  cannot  fall.
The  upper  of  these  limits  is  marked  by  the  utility,  real  or  supposed,
of  the  commodity  to  the  customer;  the  lower,  by  its  utility  to  the
dealer.  Ao  one  will  give  for  a  commodity  a  quantity  of  money  or
money’s  worth,  which,  in  his  opinion,  would  be  of  more  use  to  him
than  the  commodity  itself.  No  one  will  take  for  a  commodity  a
quantity  of  money  or  of  any  thing  else  which  he  tkinks  would  be
of  less  use  to  himself  than  the  commodity.  The  price  eventually
given  and  taken  may  be  cither  at  one  of  the  opposite  extremes,  or
may  be  any  where  intermediate  between  them**.  —  Je  von  8  begeht ­
  hier  bios  den  Fehler,  nur  von  einem  ungleichen  Grad  der
Nützlichkeit  zu  sprechen,  während  vielmehr  überhaupt  eine
Ungleichheit  im  W  er  the  vorliegt.  Wenn  z.  B.  Jemand  einen
Scheffel  Getreide  für  einen  King  hingeben  würde,  so  lässt  sich  —
ohne  dem  Begriff  Nützlichkeit  Zwang  anzuthun  —  kaum  behaupten, ­
  dass  der  King  für  ihn  nützlicher  sei  oder  sein  müsse,  als  der
Scheffel  Getreide.  Wohl  aber  besitzt  der  King  einen  grossem
Werth  für  ihn,  und  insofern  ist  der  betreffende  Umsatz  in  der
That  für  ihn  mit  Nutzen  verbunden.  Der  Werth  einer  Sache
gründet  sich  eben  nicht  immer  nur  auf  ihre  Nützlichkeit,  sondern ­
  kann  auch  in  andern  Ursachen  wurzeln.
        <pb n="34" />
        24

Capitel  I.

jecliven“  Standpunkt  des  einen  oder  anderen  der  beiden
Contrahenten,  so  stellen  doch  vom  „objectiven“  Standpunkt ­
  der  ganzen  Volkswirthschaft  aus  die  gegeneinander ­
  umgesetzten  Gegenstände  oder  Quantitäten  gleiche
Werthe  dar  ^
Was  soll  dies  heissen?
Aller  Werth  ist  seiner  Natur  nach  immer  eine  Beziehung ­
  zu  bestimmten  Personen.  Einen  „objec-11)

  Vrgl.  Roscher,  Syst.  I  §  100:  ,,IUer  {beim  „billigen^*
Preis)  gewinnt  Jeder,  indem  er  das  nach  seiner  Ansicht  minder  nothwendige
  Gut  hingiebt  und  das  nothwendigere  dafür  empfängt.  Es
sind  aber  vom  Standpunkt  der  ganzen  Volkswirthschaft
{IVeltwirthschaJt)  aus  die  gegebenen  und  empfangenen  fVerthe  gleicfd*
und
Knies,  Erörter.  über  den  Credit  (Tüb.  Zeitschrift  1859
p.  574):  ,,Wenn  auch  für  das  subjective  Urtheil  der  beiden  Tauschenden ­
  das,  was  sie  empfangen,  werthvoller  erscheint  als  das,
tuas  sie  hingeben,  das  objective  Urtheil  des  Marktverkehrs  überhaupt ­
  setzt  grade  die  GI  eic  hw  er  thung  an“.
Schönberg,  Handbuch  d.  Pol.  Oekon.  I.  Tübingen  1882.
(Neumann,  Grundbegriffe),  p.  128:  „Subjectiv  d.  h.  eben  auf
die  Wünsche,  Interessen  u.  s.  w.  gewisser  Personen  bezogen  sind
a  und  b  im  Momente  des  Tausches  nicht  von  gleichem  IVerth.
Aber  objectiv  d,  h.  abgesehen  von  den  Wünschen,  Interessen
u.  s.  w.  gewisser  Personen  und  allein  auf  die  Thatsache  gegenseitigen ­
  Entgeltes  bezogen  können  a  und  b  in  der  That  gewissermassen
  gleichwerthig  genannt  werden“  (das  „gewissermassen"
  ist  bezeichnend).
        <pb n="35" />
        Geld  und  Waare.

25

tiven“  Werth  giebt  es  nicht  ausser  in  dem  Sinne,  dass
eine  Sache  für  alle  Personen  ohne  Unterschied  Werth
resp.  den  gleichen  Werth  besitzt,  und  nur  die  Umstände ­
  des  Ortes  und  der  Zeit  eine  Ungleichheit  im
Werthe  derselben  bedingen.  Denn  aller  Werth  beruht
in  letzter  Instanz  auf  einem  geistigen  Vorgang  oder
setzt  eine  Werthschätzung  voraus.  Und  zwar  ist
es  im  wirthschaftlichen  Leben  immer  nur  die  Herrschaft
über  die  Dinge  oder  der  Besitz,  welcher  das  Object
der  Werthschätzung  bildet.  M.  a.  W.  aller  Werthschätzung, ­
  der  man  im  wirthschaftlichen  Leben  begegnet, ­
  liegt  ein  Besitz-  resp.  Erwerbsinteresse  zu  Grunde;
ja  dieses  bildet  sogar  den  einzigen  Inhalt  derselben.
Wenn  man  z.  B.  sagt,  das  'Gold  hat  einen  höheren  ^
Werth  als  das  Kupfer,  so  heisst  das  im  Wesentlichen
nichts  anderes,  als  dass  —  aus  welchen  Gründen  oder
Ursachen,  ist  für  die  vorliegende  Frage  d.  h,  für  den
Begriff  des  Werthes  vollkommen  gleichgültig  —
auf  den  Besitz  einer  bestimmten  Quantität,  z.  B.  einer
Unze,  Gold  mehr  Gewicht  gelegt  wird,  als  auf  den
Besitz  der  gleichen  Quantität  Kupfer.  So  dass  also
auch,  für  bestimmte  Personen  und  an  einem  bestimmten ­
  Ort  und  zu  einer  bestimmten  Zeit,  alle  Arten  von
(lüter  in  gewissen  QuantitätsVerhältnissen  einander  im
Werthe  gleich  sind,  oder  Aequivalente  bilden,  und  nur
        <pb n="36" />
        26

Capitel  I.

ihr  „spezifischer“  Werth  verschieden  ist,  gerade  so  wie
z.  B.  in  bestimmten  Volum  Verhältnissen  alle  Körper
gleich  schwer  sind,  und  nur  ihr  „spezifisches“  Gewicht
variirt  ^  ^).
12)  lieber  den  Begriff  des  Werthes  ist  bekanntlich  von  Oekonomisten
  viel  gegrübelt  worden,  ohne  dass  jedoch  viel  dabei  horausgekommen
  wäre.  Aus  sehr  erklärlichen  Gründen;  denn  so  allgemeine ­
  Begriffe,  wie  der  Werth,  lassen  sich  eigentlich  gar  nicht
„definiren“,  so  wenig  wie  die  Chemie  einfache  Stoffe  zu  zerlegen
vermag.  Jede  Definition,  die  wirklich  etwas  besagt,  ist  eine  Analyse. ­
  Nur  zusammengesetztes  aber  lässt  sich  analysiren.  Relativ
am  besten,  d.  h.  wenigstens  nicht  unrichtig,  ist  noch  die  Definition ­
  von  Turgot,  der  sich  überhaupt  auf  Begriffsbestimmungen
versteht:  ,,lc  degré  d  estime  que  F  homme  attache  aux  différents
objets  de  ses  désirs^*  (siehe  das  Fragment  „Valeurs  et  monnaies“
1770).  Die  Hauptsache  scheint  mir  zu  sein,  dass  man  den  Werth
zunächst  und  vor  Allem  nicht  als  ein  nur  gedachtes  Verhältniss
  der  Dinge  zu  dem  Menschen,  sondern  vielmehr  als  eine,
wirklichen  Vorgängen  oder  Handlungen  zu  Grunde  liegende,
psychologische  Thatsache  auffasst.  Das  Nächste  ist  dann,
dass  man  sich  über  das  eigenthümliche  Wesen  speciell  derjenigen
Werthschätzung  in's  Klare  setzt,  der  man  im  wirthschaftlichen
  Leben  begegnet  oder  die  allen  wirthschaftliohen
Vorgängen  zu  Grunde  liegt.  Man  hat  das  charakteristische  Merkmal ­
  dieser  Werthschätzung  in  der  Beziehung  zum  Preise  sehen
wollen  und  darauf  die  Unterscheidung  von  „Gebrauchswerth“  und
„Tauschwerth“  baáirt.  Indess  ist  der  Preis  doch  nur  die  Art
und  Weise,  wie  dieser  Werth  zum  Ausdrucke  gelaugt,  nicht
aber  dieser  Werth  selber,  der  sich  vielmehr  seinem  eigentlichen
Wesen  nach,  wie  ich  schon  im  Text  hervorgehoben  habe,  durch
das  Objekt  charakterisirt.  Bei  aller  Werthschätzung,  der  man
        <pb n="37" />
        Geld  und  Waare.

27

Was  will  nun  nach  alledem  die  Behauptung  beim ­

  Avirthschaftlichen  Leben  begegnet,  handelt  es  sich  nicht  um
die  Dinge  an  sich,  sondern  um  die  Herrschaft  oder  Verfügung ­
  über  dieselben  d.  h.  um  das  Haben  oder  den  Besitz. ­
  Dieser,  der  Besitz,  ist  es,  der  geschätzt  oder  auf  den  Werth
gelegt  wird.  M.  a.  W.  der  Werth,  mit  dem  man  es  im  wirthschaftlichen
  Leben  zu  thun  hat,  ist  nicht  sowohl  eine  (unmittelbare) ­
  Eigenschaft  der  Dinge,  als  vielmehr  eine  Eigenschaft  des
Besitzes,  wie  man  dies  am  deutlichsten  sieht,  wenn  man  die  Thatsache,
  dass  für  eine  Waare  ein  bestimmter  Preis  bezahlt  wird,
z.  B.  mit  der  Thatsache  der  Prämiirung  von  Ausstellungsobjekten
vergleicht.  Damit  ist  zugleich  auch  gesagt,  dass  es  immer  bestimmte ­
  Quantitäten,  d.  h.  nach  Maass,  Gewicht  oder  Stückzahl, ­
  nicht  blos  nach  Art  und  Beschaffenheit,  bestimmte  Gegenstände ­
  sind,  welche  im  wirthschaftlichen  Leben  das  Objekt  der
Werthschätzung  bilden.  Wenn  daher  einige  neuere  Oekonomisten
von  zwei  Arten  von  Werth  sprechen,  von  einem  „abstrakten“
oder  „Gattungswerth“  einerseits,  und  einem  „concreten“  oder
„Quantitätswerth“  (Knies,  Geld  und  Credit  I,  p.  125,  gebraucht
für  letzteren  den  Ausdruck  „fungiblen“  Werth)  andererseits,  so
entfernen  sie  sich  damit  einfach  von  dem  Boden  der  realen  Thatsachen
  und  begeben  sich  auf  das  Gebiet  einer  unfruchtbaren
Spekulation  oder,  wenn  ich  so  sagen  soll,  des  höheren  Unterscheidungssportes; ­
  denn  ein  „abstracter“  oder  „Gattungswerth“  kommt
im  ökonomischen  Leben  gar  nicht  vor;  hier  giebt  es  immer  nur
einen  „concreten“  oder  „Quantitätswerth“.  So  dass  sich  z.  B.
die  Bemerkung,  das  Wasser  habe  in  gewisser  Beziehung  einen
höheren  Werth  als  der  Diamant  oder  das  Eisen  einen  höheren
als  das  Gold,  in  ökonomischen  Erörterungen  gerade  so  ausnimmt,
wie  die  bekannte  Frage,  was  ist  schwerer:  „ein  Pfund  Blei  oder
ein  Pfund  Federn?“
        <pb n="38" />
        28

Capitel  I.

sagen,  dass  der  Werth  der  gegeneinander  umgesetzlen
Gegenstände  oder  (juanlitäten,  vom  „objectiven“  Standpunkte ­
  aus  betrachtet,  der  gleiche  sei?
Meint  man  damit,  dass  von  den  beiden  gegeneinander ­
  umgesetzten  Quantitäten  etwa  die  eine  für  den
einen  Contrahenten  ebensoviel  werth  sei  wie  die  andere
für  den  anderen  Contrahenten,  z.  B.  die  gekaufte  Waare
für  den  Käufer  denselben  Werth  repräsentire,  wie  die
dafür  bezahlte  oder  stipulirte  Geldsumme  für  den  Verkäufer, ­
  oder  umgekehrt?
Wenn  das  der  Sinn  jener  Worte  ist,  dann  frage
ich,  welchen  Anhaltspunkt  hat  man  für  eine  derartige
Annahme?  Selbst  vom  Standpunkte  der  Billigkeit  oder,
wenn  man  will,  des  Gleichgewichtes  oder  der  Harmonie
der  Interessen  aus  könnte  es  sich  doch  immer  nur  um
den  auf  beiden  Seiten  bei  dem  Umsatz  erzielten  Vortheil ­
  oder  Nutzen,  d.  h.  um  die  Differenz  der  gegeneinander ­
  umgesetzten  Werthe  für  jeden  der  beiden
Contrahenten,  nicht  aber  um  diese  Werthe  selbst,  handeln ­
  Und  selbst  diese  Dilferenz  braucht  doch  of-13)

  So  sagt  auch  schon  Turgot  in  dem  bereits  einmal  citirten
  Fragment:  ,,cette  d  iff  er  en  ce  de  valeur  estimative  est  réciproque ­
  et  précisément  égale  de  chaque  coté,  car  si  elle  n'était
pas  égale,  P  un  des  deux  désirerait  moins  t  échange  et  forcerait
Vautre  à  se  rapprocher  de  son  prix  par  une  offre  plus  forte.  Il  est
        <pb n="39" />
        Geld  und  Waare.

29

fenbar  noch  keineswegs  immer  die  gleiche  zu  sein  auf
beiden  Seiten,  damit  überhaupt  ein  Umsatz  zu  Stande
komme  oder  beide  Contrahenten  zufriedengestellt  erscheinen. ­
  Wenn  nur  jedem  der  beiden  Theile  ein  hinreichender, ­
  d.  h.  seinen  individuellen  Ansprüchen  genügender, ­
  Nutzen  oder  Vortheil  aus  dem  Umsätze  erwächst,
dann  wird  es  ihm  verhältnissmässig  gleichgültig  sein,
wie  viel  der  Andere  bei  dem  Umsatz  profitirt,  abgesehen ­
  davon,  dass  sich  die  beiderseitigen  Werlhditferenzen
überhaupt  gar  nicht  mit  einander  vergleichen  lassen,
da  sie  ja  nur  in  dem  resp.  Bewusstsein  oder  der  subjektiven ­
  Empfindung  jedes  Einzelnen  existiren.
Oder  meint  man  mit  jener  Behauptung  etwa,  dass
für  dritte,  bei  dem  betreffenden  Umsatzakt  gar  nicht
betheiligte,  Personen,  d.  h.  für  Personen,  die  dem  betreffenden ­
  Umsatzakte  gegenüber  gewissermassen  nur
eine  Zuschauerrolle  spielen,  der  Werth  der  gegeneinander ­
  umgesetzten  Quantitäten  der  gleiche  sei?
donc  toujours  rigoureusement  vrai  que  chacun  donne  valeur  égale  pour
recevoir  valeur  égale**.  ■—  Turgot  vergisst  indess  dabei,  dass  die
beiden  Contrahenten  ja  keineswegs  immer  die  gleichen  Ansprüche  zu
machen  brauchen,  und  dass,  wie  wir  dies  schon  oben  im  Text  bemerken,
ein  Gleichgewicht  der  Interessen  auch  schon  dann  vorhanden  ist,
wenn  für  jeden  der  beiden  Theile  die  Werthdiflferenz  nur  überhaupt  so
gross  ist,  dass  er  sich  mit  dem  daraus  für  ihn  erwachsenden  Nutzen
oder  Vortheil  begnügt,  gleichviel  wie  gross  sie  für  den  Andern  ist.
        <pb n="40" />
        30

Capitel  I.

Auch  für  diese  Annahme  fehlt  es  an  jeder  Basis.
Denn  wenn  man  etwa  glaubt,  dass,  sobald  eine  Sache
gegen  eine  andere  „vertauscht“  werden  könne,  es
auf  eines  hinauslaufe,  welche  von  beiden  man  gerade
besitze,  so  übersieht  man  dabei,  dass  ja  der  Umsatz,
gleichviel  ob  Tausch  oder  Kauf  resp.  Verkauf,  keine
blose,  auf  Grund  eines  einfachen  Forderungsrechtes  sich
vollziehende,  Umwechslung,  wie  etwa  die  Einlösung
einer  Banknote  oder  die  Einkassirung  eines  Coupons
sondern  vielmehr  immer,  und  zwar  für  beide  Theile,
ein  Stück  wirthschaftlicher  Arbeit  ist,  wie  schon  das
Gewerbe  der  Mäkler  beweist,  oder  m.  a.  W.  dass  jeder
Umsatz  den  betreffenden  Personen  mehr  oder  weniger
Mühe,  ja  unter  Umständen  sogar  Kosten,  verursacht,
und  dass  es  daher,  auch  wenn  der  Preis  der  gleiche
bleibt,  keineswegs  ein  und  dasselbe  ist,  ob  ich  eine
Sache  bereits  gekauft  resp.  verkauft  habe  oder  aber  erst
noch  kaufen  resp.  verkaufen  muss.  Der  Verkäufer  einer
Waare  würde  sich  z.  B.  unter  gewöhnlichen  Verhältnissen ­
  sehr  bedanken,  wenn  man  ihm  statt  der  verlangten ­
  Geldsumme  eine  andere  Waare  von  gleichem
Preise  böte,  die  er  erst  verkaufen  müsste,  um  zu  seinem
14)  Diesen  Fehler,  den  Umsatz  oder  Kauf  resp.  Verkauf  mit
der  Einlösung  einer  Banknote  zu  vergleichen,  begeht  u.  A.  Marx,
Das  Kapital,  p.  141.
        <pb n="41" />
        Geld  und  Waare.

31

Gelde  zu  gelangen.  Daher  die  gegeneinander  umgeselzten
  oder  umsetzbaren  Gegenstände  oder  Quantitäten
auch  selbst  für  Dritte,  Aussenstehende,  keineswegs
immer  gleichwerthig  sind,  sondern  je  nach  den  individuellen ­
  Umständen,  in  welchen  sich  der  Betreiiende  belindet,
  er  bald  auf  den  Besitz  der  einen,  bald  auf  den
Besitz  der  andern  der  gegeneinander  umsetzbaren  oder
thatsächlich  vor  seinen  Augen  gegeneinander  umgesetzten ­
  Sachen  oder  Quantitäten  mehr  Werth  oder  grösseres
Gewicht  legen  wird.
Wir  sehen  also,  die  Vorstellung,  dass  jeder  Umsatz
eine  Werthgleichung  darstelle,  erscheint  gänzlich  aus
(1er  Luft  gegritfen  und  in  jeder  Beziehung  unhaltbar.
Es  kann  daher  auch  der  Schluss  von  dem  Preise
verschiedener  Waaren  auf  ihr  gegenseitiges  Werthverhältniss
  keine  blose  Anwendung  des  Grundsatzes  sein,
dass,  „wenn  zwei  Grössen  einer  dritten  gleich,  sie  auch
unter  einander  gleich“  sein  müssen.  Vielmehr  kann
dieser  Schluss  nur  auf  dem  Prinz!pe  „gleiche  Ursachen
bringen  gleiche  Wirkungen  hervor“  beruhen,  d.  h.,  genauer ­
  gesprochen,  darauf,  dass,  wenn  Ort  und  Zeit
gegeben  ist,  der  Preis  der  Waaren  in  der  Begel  mit
ihrem  Werlhe  in  Proportion  steht,  sowohl  vom  Stand-Punkt
  des  Käufers  als  des  Verkäufers  aus  betrachtet.
Man  wird  ohne  Zweifel  im  Allgemeinen  einen  um  so
höheren  Preis  für  eine  Waare  fordern  resp.  zu  zahlen
        <pb n="42" />
        32

Capitel  I.  Geld  und  MVaare.

bereit  sein,  einen  je  höheren  Werth  man  auf  ihren  Besitz ­
  legt,  und  einen  um  so  niedrigem  Preis  für  eine
Waare  bieten  resp.  sich  gefallen  lassen,  einen  je  niedrigem ­
  Werth  man  auf  ihren  Besitz  legt.  Und  insofern
lässt  sich  also  sagen,  dass  wenn  zwei  Waaren  in  einem
bestimmten  Quantitätsverhältniss  gleiche  Preise  erzielen,
sie  auch  in  diesem  Quanlitätsverhältniss  (an  dem  betreffenden ­
  Ort  und  zu  der  betreffenden  Zeit)  einander
im  Werthe  gleich  sind.  Auf  diese  Weise  erscheint
also  in  der  That  der  Werth  der  Waaren  als  eine  auf
Grund  des  Preises  oder  vermittelst  des  Geldes  objectiv
  messbare  Grösse.  Der  Werth,  der  zunächst  nur
eine  psychologische  Thatsache  ist,  wird  durch  das
Geld  oder  den  Preis  zu  einer  ökonomischen.  Das
heisst  aber  doch  immer  nur,  dass  der  Preis  der  mittelbare, ­
  nicht  der  unmittelbare,  Ausdruck  des
Werthes  der  Waare  ist.  Werthbestimmung  und  Preisbestimmung ­
  der  Waaren  fallen  nicht  miteinander  zusammen, ­
  sondern  bedingen  sich  nur  gegenseitig^^).
15)  Um  ein  Beispiel  zu  gebrauchen  :  Wenn  an  einem  bestimmten ­
  Ort  und  zu  einer  bestimmten  Zeit  ein  halb  Pfund  Thee  einen
Thaler  kostet,  und  ein  Pfund  Kaffee  ebenfalls  einen  Thaler  kostet,
so  folgt  daraus  nicht,  dass  ein  halb  Pfund  Thee  sowohl  als  ein
Pfund  Kaffee  gleich  ist  im  Werthe  einem  Thaler.  Wohl  aber
folgt  daraus,  dass  ein  halb  Pfund  Thee  im  Werthe  gleich  ist  einem
Pfund  Kaffee.
        <pb n="43" />
        3

Capitel  II.

Bedarf  an  Geld.
Bei  der  unbedingten  und  uneingeschränkten  Kaufkraft, ­
  welche  dem  Beide  eigen  ist,  liegt  die  Vorstellung
nahe,  als  ob  die  Menge  des  Geldes  niemals  eine  zu
grosse  sein  könne.  Diesen  Fehlschluss  begingen  in  der
That  auch  die  Anhänger  des  Merkantilsystems,  indem
sie  behaupteten,  dass  sich  ein  Land,  welches  keine  eigenen ­
  Gold-  und  Silbergruben  besitze,  nur  durch  Erzielung
einer  sogen,  günstigen  Handelsbilanz  dem  Ausland  gegenüber, ­
  d.  h.  dadurch,  dass  es  dem  Werthe  nach  mehr
W  aaren  exportire  als  importire,  zu  bereichern  vermöge  *  ®).

16)  Vrgl.  noch  J.  Locke  a.  a.  0.  p.  14;  ,,/n  a  country  not
furnished  with  mines  there  are  but  two  ways  of  growing  rich,  either
conquest,  or  commerce**.
,,tor  we  having  no  mines,  nor  any  other  way  of  getting  or
keeping  of  riches  amongst  us  but  by  trade,  so  much  of  our  trade
        <pb n="44" />
        34

Capitel  II.

Erst  mit  Adam  Smith  g-elangte  die  Erkenntniss
zum  Durchbruch,  dass  der  Bedarf  an  Geld  ganz  ebensogut ­
  seine  Gränze  hat,  wie  der  Bedarf  nach  irgend
einem  anderen  Gegenstände  von  bestimmter  Verwendung. ­

Wovon  hängt  nun  der  Bedarf  an  Geld  ab?
Die  allgemein  herrschende  Theorie  hierüber  ist  seit
A.  Smith  folgende:  dass  sich  der  Bedarf  an  Geld  in
jedem  Lande  vornehmlich  richte  oder  bestimme  1)  nach
der  daselbst  überhaupt,  d.  h.  innerhalb  eines  ganzen
Zeitraums,  umzusetzenden  Quantität  an  Waaren,
die  Preise,  d.  h.  den  Werth  der  Waaren  einerseits,
den  Werth  des  Geldes  andererseits,  dabei  als  gegeben
vorausgesetzt,  2)  nach  der  sogen.  „Umlaufsgeschwindigkeit“ ­
  des  Geldes,  d.  h.  der  grösseren  oder
geringeren  Anzahl  von  Malen,  wie  oft  durchschnittlich
ein  und  dasselbe  Geldstück  daselbst  innerhalb  des  betreffenden ­
  Zeitraums  die  Hände  wechsle  oder  zu  Umsatzzwecken ­
  Verwendung  finde.  Gerade  so  wie  sich
die  Leistung  oder  der  Nutzen  eines  Transportschiffes
nicht  allein  nach  dem  Tonnengehalt,  sondern  zugleich
ns  is  lost,  so  much  of  our  riches  must  necessarily  go  with  it  ;  and
the  over-ballancing  of  trade  between  us  and  our  neigbours  must
inevitably  carry  away  our  money  and  quickly  leave  us  poor  and
exposed**.
        <pb n="45" />
        35

Bedarf  an  Geld.

3*

auch  nach  der  Fahrgeschwindigkeit  desselben  oder  der
Anzahl  von  Malen,  wie  oft  dasselbe  innerhalb  eines
bestimmten  Zeitraumes  denselben  Weg  zurücklege,  bemesse,
  oder  wie  der  Krafteffekt  („Bewegungsgrösse“  ist,
soviel  ich  weiss,  der  technische  Ausdruck  dafür  in  der
Mechanik)  eines  „in  Bewegung  gesetzten  Körpers“  immer ­
  das  Product  sei  aus  Masse  und  Geschwindigkeit.
3)  Endlich  nach  der  Ausdehnung,  in  welcher  das  haare
Geld  durch  den  Credit  oder  durch  „übertragbare  Forderungen“ ­
  oder  Creditpapiere  (Schuldverschreibungen,
Zahlungsanweisungen,  Wechsel,  Banknoten  etc.)  ersetzt
oder  vertreten  werde.  System  der  „Geldsurrogate“
oder  der  „Creditwirthschaft“.  „Bewerkstelligung
eines  Maximums  von  Umsätzen  mit  Hülfe  eines  Minimums ­
  von  Münze“

17)  Vrgl.  A..  Smith,  Wealth  of  nations  B.  IV,  Cap.  I:  ,,—
th  K  quantity  of  gold  and  silver  is  in  every  country  limited  by  the
use  which  there  is  for  those  metals;  —  their  use  consists  in  circulating ­
  commodities  as  coin,  and  in  affording  a  species  of
household  furniture  as  plate;  the  quantity  of  coin  in  every  country ­
  is  regulated  by  the  value  of  the  commodities  which
are  to  be  circulated  by  it‘*.  ,,The  value  of  goods  annually
bought  and  sold  in  any  country  requires  a  certain  quantity
of  money  to  circulate  and  distribute  them  to  their  proper  consumers, ­
  and  can  give  employ  men  t  to  no  more**.
Thornton,  Inq.  into  the  nature  and  effects  of  the  paper
        <pb n="46" />
        36

Capitel  11.

Die  vorstehende  Theorie  scheint  mir  in  mehrfacher
Beziehung  mangelhaft  zu  sein.

credit  of  Great  Britain,  London  1802,  deutsch  von  Jacob,  Halle
1803.  p.  43,  52—66,  357,  438—439.
Ricardo,  The  high  price  of  bullion  a  proof  of  the  depreciation ­
  of  banknotes,  London  1809  (Works  ed.  M’Culloch  London
1871  p.  284  —  285):  ,,The  value  of  the  circulating  medium  of
every  country  bears  some  proportion  to  the  value  of  the  commodities
which  it  circulates.  In  some  countries  this  proportion  is  much
greater  than  in  others,  and  varies,  on  some  occasions,  in  the  same
country.  It  depends  upon  the  rapidity  of  circulation,  upon
the  degree  of  confidence  and  credit  existing  between  traders,  and,
above  all,  on  the  judicious  operations  of  banking.  In  England  so
many  means  of  economizing  the  use  of  circulating  medium ­
  have  been  adopted,  that  its  value,  compared  with  the  value
of  the  commodities  which  it  circulates,  is  probably  {during  a  period
of  confidence)  reduced  to  as  small  a  proportion  as  is  practicable'^
J.  S.  Mill,  Princ.  of  pol.  econ.  B.  Ill,  Ch.  VII,  §  3,  p.  300:
,,If  we  assume  the  quantity  of  goods  on  sale,  and  the  number
of  times  those  goods  are  resold,  to  be  fixed  quantities,  the  value  of
money  will  depend  upon  its  quantity,  together  with  the  average
number  of  times  that  each  piece  changes  hands  in  the
process".  —  ,,The  amount  of  goods  and  of  transactions  being  the
same,  the  value  of  money  is  inversely  as  its  quantity  multiplied  by
what  is  called  the  rapidity  of  circulation".  ,,If  each  piece
of  money  changes  hands  on  an  average  ten  times  ivhile  goods  are
sold  to  the  value  of  a  million  sterling,  it  is  evident  that  the  money
required  to  circulate  those  goods  is  100000  iß."  Cap.  XI:  ,,Of
credit,  as  a  substitute  for  money".
11  au  I  (7.  A.  1863)  p.  324,  325.
Roscher,  I  (11.  A.  1868)  §  123.
        <pb n="47" />
        37

Bedarf  an  Geld.
Zunächst  und  vor  allem  ist  es  schon  ein  Fehler,
den  Bedarf  an  Geld  mit  dem  Umsatz  der  Waaren
oder  dem  Handel  in  direkte  Verbindung  zu  bringen.
Denn  zum  Kaufen  d.  h.  zur  blosen  Eingebung  von
Zahlungsverbindlichkeiten  oder  zur  blosen  Verausgabung ­
  von  Geld  braucht  man  noch  überhaupt  kein
Geld  in  irgend  welcher  bestimmten  Menge,  da
man  ja  nicht  nothwendig  per  comptant  zu  kaufen  braucht,
sondern  auch  auf  Credit  kaufen  kann,  und  selbst  in  dem
Falle,  wo  per  comptant  oder  „Zug  um  Zug“  gekauft
wird,  ein  bestimmter  Geldbedarf  doch  immer  erst
dann  vorliegt,  wenn  bereits  der  Handel  abgeschlossen
ist,  d.  h.  bereits  bestimmte  Zahlungsverbindlichkei-Oppenheim,

  Die  Natur  d.  Oeldes,  p.  79.
0.  Michaelis,  Volksw.  Schriften  II  (Berlin  1873)  „Ueber
papierne  Umsatzmittel“.
Made  cd.  Diet,  of  Polit.  Econ.  p.  434  (Art.  „Circulation“)
aud  p.  57o  (Art.  „Credit“)  und  p.  664  (Art.  „Currency“).
Marx,  Das  Kapital  (Hamb.  1872)  p.  79—80.
A,  Wagner,  Beitr.  zur  Lehre  von  d.  Banken,  Leipz.  1857,
p.  34  cflF.  Art.  Credit  in  llentsch,  Haudwörterb.  (Leipzig  1866).
Oeld  und  Credittheorie  d.  Peel'schen  Bankacte  (Wien  1862)  p.  44
—  60.  Die  russ.  Papierwähr.  Riga  1868.  p.  54.  Staatspapiergeld, ­
  Reichskasseuscheine  u.  Banknoten.  Berlin  1874.
Bouamy  Price,  Geld-  und  Bankw.  Dtsch.  von  Brefold.
Berlin  1877.  p.  20.
W.  S.  devons,  „Geld  u.  Geldverkehr“  p.  346.
        <pb n="48" />
        38

Capitel  IL

len  eingegangen  sind,  die  nunmehr  erfüllt  sein  wollen.
Nur  als  Zahlmittel  also,  nicht  auch  schon  als  Umsatz ­
  mit  tel,  ist  das  Geld  überhaupt  ein  Gegenstand
bestimmten  Bedarfs.  Wahrend  die  Waare  immer
schon  ein  Gegenstand  bestimmten  Bedarfs  ist,  bevor
sie  in  den  Handel  kommt  oder  auf  dem  Markte  erscheint, ­
  wird  —  wie  wir  schon  an  anderer  Stelle  hervorgehoben ­
  haben  —  das  Geld  ein  Gegenstand  bestimmten ­
  Bedarfs  immer  erst  durch  den  Handel  d.  h.
dadurch,  dass  bestimmte  Verbindlichkeiten  darin  eingegangen ­
  werden.
Daher  kann  also  auch  der  Bedarf  an  Geld  immer
nur  durch  die  Summe  der  zu  bewerkstelligenden
Zahlungen  oder  der  fällig  gewordenen  Zahlungsverbindlichkeiten, ­
  niemals  aber  auch  schon
durch  die  Summe  der  zu  bewerkstelligenden  Umsätze,
bestimmt  werden.
Ein  zweiter  Fehler,  an  welchem  die  herrschende
Theorie  leidet,  ist  der,  dass  man  sich  das,  was  das
Geld  leistet,  oder  zu  leisten  vermag  oder  bestimmt  ist,
als  eine  Arbeit  im  mechanischen  Sinne  vorstellt.
Weder  die  Zahlung  aber,  noch  der  Umsatz  ist  ein
mechanischer  Vorgang  oder  eine  Bewegung  im  Baume.
Wohl  kann  mit  der  Ausführung  einer  Zahlung  oder
mit  dem  Umsatz  einer  Waare  eine  Bewegung  im  Raume,
        <pb n="49" />
        39

Bedarf  an  Geld.
(i.  h.  ein  Transport  oder  eine  Orts  Veränderung,  verbunden ­
  sein,  nothwendig  aber  und  zum  Wesen  der  Sache
gehörig  ist  das  durchaus  nicht.  Vielmehr  ist  der  Akt
der  Zahlung  so  gut  wie  der  Akt  des  Umsatzes,  seinem
Wesen  nach  nur  ein  Besitzwechsel.  Daher  passen
auch  alle  jene  mechanischen  oder  technologischen
Analogien  nicht  hierher.  Es  hat  einen  guten  Sinn
zu  sagen,  dass  die  Leistung  eines  Transportschiiles
nicht  allein  durch  den  Tonnengehalt  sondern  auch
durch  die  Fahrgeschwindigkeit  desselben  bedingt  sei,
weil  eben  diese  Fahrgeschwindigkeit  oder  die  Anzahl
von  Fahrten  von  bestimmter  Wegelänge,  welche  ein
und  dasselbe  Schiff  innerhalb  eines  bestimmten  Zeitraumes ­
  ausführt  oder  auszuführen  vermag,  wesentlich
mit  von  ihm  selbst,  d.  h.  seiner  technischen  Art  und
Beschaffenheit,  abhängt.  Wieviel  dagegen  Umsätze  oder
vielmehr  Zahlungen  mit  Hülfe  ein  und  desselben  Geldstücks ­
  innerhalb  eines  bestimmten  Zeitraumes  bewerkstelligt ­
  werden  oder  werden  können,  oder,  wenn  man
schon  den  Ausdruck  „Geschwindigkeit“  hier  gebrauchen
will,  wie  geschwind  das  Geld  die  Hände  wechselt  oder
zu  wechseln  vermag,  das  hängt  nicht  von  dem  Gelde
selbst  und  seiner  Art  und  Beschaffenheit,  sondern  einzig
und  allein  von  Umständen  ab,  die  ganz  ausserhalb  des
Geldes  liegen  oder  denen  gegenüber  das  Geld  eine
        <pb n="50" />
        40

Capitel  II.

vollkommen  passive  Rolle  spielt.  Indem  man  also
die  Grösse  des  Geldbedarfs  von  der  sog.  „Umlaufsgeschwindigkeit'' ­
  des  Geldes  oder  von  der  Summe  der
Zahlungen  abhängig  macht,  welche  mit  Hülfe  ein  und
desselben  Geldstückes  innerhalb  eines  bestimmten  Zeitraumes ­
  bewerkstelligt  werden,  hat  man  damit  über  den
wirklichen  Zusammenhang  der  Dinge  oder  über  die
eigentlichen  Bestimmungsgründe  des  Geldbedarfs  noch
nicht  das  Allergeringste  gesagt.  Der  Satz,  dass  die
Effectuirung  einer  gegebenen  Summe  von  Zahlungen
oder  sämmtlicher  Zahlungen  eines  gegebenen  Zeitraumes ­
  um  so  weniger  Geld  in  Anspruch  nimmt,  je  mehr
von  diesen  Zahlungen  mit  Hülfe  eines  und  desselben
Geldstückes  vollbracht  werden  können,  besagt  in  der
That  nicht  mehr,  als  dass  zwei  mal  zwei  vier  ist.  Ueberdies
  drückt  das  Wort  „Umlaufsgeschwindigkeit"  streng
genommen  auch  nicht  einmal  dasjenige  aus,  was  dadurch ­
  ausgedrückt  werden  soll.  Denn  wenn  man  diesem ­
  Worte  nicht  geradezu  Zwang  anthun  will,  so
kann  doch  immer  nur  die  Raschheit  der  Aufeinanderfolge ­
  der  einzelnen  Zahlungen,  welche  mit  Hülfe  eines
und  desselben  Geldstückes  ausgeführt  werden,  nicht
aber  die  Häufigkeit  der  Verwendung  ein  und  desselben ­
  Geldstücks  innerhalb  eines  bestimmten  Zeitraumes ­
  darunter  verstanden  werden.  Offenbar  kann  die
        <pb n="51" />
        41

Bedarf  an  Geld.
Anzahl  der  Zahlungen,  welche  mit  Hülfe  eines  und
desselben  Geldstückes  innerhalb  z.  B.  eines  Jahres  ausgeführt ­
  werden,  eine  sehr  grosse  sein,  und  es  brauchen
doch  darum  die  Zahlungen  noch  keineswegs  sehr  rasch
auf  einander  zu  folgen,  sondern  können  möglicherweise
zeitlich  sehr  weit  auseinander  liegen,  indem  sie  sich
vielleicht  ziemlich  gleichmässig  über  das  ganze  Jahr
vertheilen.  Und  ebenso  lässt  es  sich  denken,  dass  umgekehrt ­
  die  Anzahl  der  Zahlungen,  zu  welchen  ein
und  dasselbe  Geldstück  innerhalb  eines  Jahres  Verwendung ­
  findet,  eine  sehr  kleine  ist,  und  dabei  doch  die
Baschheit  der  Aufeinanderfolge  der  einzelnen  Zahlunt?en,
  zu  welchen  ein  und  dasselbe  Geldstück  benutzt
wird,  eine  sehr  grosse  ist,  indem  sich  vielleicht  die  bebetrelfenden
  Zahlungen  auf  einen  ganz  kleinen  Theil
des  Jahres  zusammendrängen.
Man  sieht  also,  die  ganze  Theorie  von  der  Bestimmung ­
  des  Geldbedarfs  durch  die  sog.  „Circulationsgeschwindigkeit“
  des  Geldes  erweist  sich  bei  näherer
Betrachtung  als  ein  durchaus  leerer  und  nichtssagender
Formalismus.
Zu  alledem  kommt  noch  hinzu,  dass  diese  Theorie
iinch  nicht  den  geringsten  Anhaltspunkt  darbietet,  um
in  irgend  einem  concreten  P\dl,  sei  es  nun  für  dieses
oder  jenes  Land,  den  Geldbedarf  auch  nur  annähe-
        <pb n="52" />
        42

Capitel  IL

rungsweise  zu  ermitteln  oder  zu  bestimmen.  Denn
trotz  aller  algebraischen  Formeln,  durch  welche  man
jener  Theorie  einen  gewissen  Schein  von  Exactheit  zu
geben  sich  bemüht  hat,  ist  und  bleibt  doch  die  „Umlaufsgeschwindigkeit“ ­
  des  Geldes  eine  vollkommen  u  n  -
messbare  Grösse,  da  sich  der  Uebergang  der  einzelnen ­
  Geldstücke  von  Hand  zu  Hand  nimmermehr  controlliren
  lässt.  Denn  man  kann  weder  das  einzelne
Geldstück  auf  seiner  Wanderschaft  durch  verschiedene
Hände  begleiten,  noch  sieht  man  ihm  nachträglich  an,
wie  oft  dasselbe  bereits  innerhalb  einer  bestimmten  Zeit
die  Hände  gewechselt  hat.  Und  nun  gar  die  „mittlere“
oder  „durchschnittliche“  Umlaufsgeschwindigkeit  des
Geldes,  wie  will  man  die  ermitteln?  Das  eine  Geldstück ­
  circulirt  „rasch“,  das  andere  „langsam“,  und  selbst
ein  und  dasselbe  Geldstück  geht  heute  durch  viele,
morgen  durch  wenige  Hände,  je  nach  zufälligen  Umständen, ­
  an  denen  das  betreffende  Geldstück  ganz  unschuldig ­
  ist,  und  die  sich,  wie  gesagt,  jeder  Controlle
oder  Berechnung  entziehen.  Das  ist  auch  u.  A.  schon
von  Locke  gefühlt  worden,  und  in  derselben  Weise
räumen  auch  alle  späteren  Schriftsteller  ohne  Weiteres
ein,  dass  es  rein  unmöglich  sei,  die  „mittlere  Circulationsgeschwindigkeit“
  des  Geldes  in  einem  Lande  auch
        <pb n="53" />
        Bedarf  an  Geld.

43

nur  annäherungsweise  zu  bestimmen  oder  zu  schätzen,
geschweige  denn  förmlich  zu  messen  *  ®).
Die  ganze  Theorie  bleibt  so  eingestandenermaassen
etwas  vollkommen  Unfruchtbares,  rein  „Akademisches.“
Man  kann  nun  allerdings  den  Ausdruck  „Geldumlauf“ ­
  auch  noch  in  einem  andern  Sinne  nehmen,  als  in
dem  des  Uebergangs  der  einzelnen  Geldstücke  aus
einer  Hand  in  die  andere,  nämlich  im  Sinne  der  „rascheren“ ­
  oder  „langsameren“  Wiedereinnahme  des  ausgegebenen ­
  Geldes  durch  ebendieselben  Personen,  die  es
18)  Vrgl.  J.  Locke  a.  o.  a.  0.  p.  33:  ,,TAis  shows  the  necessity ­
  of  some  proportion  of  money  to  trade,  but  what  proportion
that  IS,  is  hard  to  determine,  because  it  depends  not  barely  on  the
quantity  of  money,  but  the  quickness  of  circulation''*.  ,,The  very
same  shilling  may,  at  some  time  pay  twenty  men  in  twenty  days,
at  another,  rest  in  the  same  hands  one  hundred  days  together.
This  makes  it  impossible  exactly  to  estimate  the  quanof
  money  needful  in  trade**.
Vrgl.  ferner  Rau  I,  p.  325.
W.  S.  J  evens,  Geld  u.  Geldverkehr  p.  346:  ,,Uebcr  die
**cc  h  sc  h  ni  tt  I  ic  he  Circulation  lässt  sich  gar  nichts  sicheres ­
  fest  s  tel  len.  Manche  Münzen,  besonders  die  kleinen  Silber- ­
  und  Kupfermünzen,  mögen  des  Tages  mehrere  male  von  Hand
zu  Hand  gehen,  wahrend  andere  Münzen  oder  Aoten  vielleicht  wochenlang, ­
  ja  monale-  und  jahrelang  im  Kasten  liegen  bleiben.  Bisher ­
  ist  mir  noch  nirgends  ein  Versuch  bekannt  geworden,  die  durchschnittliche ­
  Schnelligkeit  der  Circulation  zu  bestimmen,  und  ich  gestehe,
dass  mir  auch  noch  keine  Möglichkeit  hat  einfallen  wollen,  wie  sich
diese  Vnlersuchung  überhaupt  angreifen  lasse**.
        <pb n="54" />
        44

Capitel  II.
ausgegeben,  d.  h.  die  Aufeinanderfolge  der  Einnahmen
und  Ausgaben  resp.  Einnahmen  oder  Ausgaben  oder
eigentlich,  noch  richtiger  gesagt,  der  Zahlungen  und
Einkassirungen  bei  ein  und  derselben  Person,  —  gewissermaassen
  den  Umlauf  der  abstracten  Geldsummen, ­
  im  Gegensatz  zu  dem  der  concreten  Geldstücke
—  darunter  begreifen.  In  der  That  ist  der  Ausdruck
auch  zuweilen  in  diesem  Sinne  verstanden  worden*®).
Poch  führt  auch  diese  Vorstellungsweise  zu  keinem
brauchbaren  Ergebniss,  da  ja  nach  der  Art  der  Personen ­
  oder  Erwerbsklassen  die  Raschheit,  mit  der  die
Einnahmen  oder  Ausgaben  resp.  die  Einnahmen  und
Ausgaben  einander  folgen,  eine  sehr  ungleiche  ist,  oder
die  Aufeinanderfolge  der  Zahlungen  und  Einkassirungen
in  sehr  verschiedenen  Terminen  oder  Intervallen  vor
sich  geht  2  0).
Fast  scheint  hiernach  eine  befriedigende  Lösung

19)  So  beispielsweise  auch  schon  von  J.  Locke  a.  a,  0.,
p.  34.  39.  40.
20)  So  weist  auch  Oppenheim  (a.  a  ().,  p.  79—81)  darauf
hin,  dass  die  „Raschheit  der  Geldcirculation“  nicht  bei  allen  Individuen ­
  die  gleiche  sei,  indem  die  Einen  erst  am  Schluss  des
Jahres,  die  Andern  halbjährlich,  vierteljährlich,  monatlich,  wöchentlich, ­
  selbst  täglich,  das  Geld,  welches  sie  ausgogeben  haben,
wieder  einnehmen,  daher  es  denn  unmöglich  sei,  die  Grösse  des
Geldbedarfs  für  ein  ganzes  Land  zu  ermitteln.
        <pb n="55" />
        45

Bedarf  an  Geld.
des  in  Rede  stehenden  Problems  überhaupt  unmöglich
zu  sein.  Indess  ist  dieser  Schluss,  zu  welchem  in  der
That  auch  dieser  und  jener  Schriftsteller  gelangt  ist^i),
doch  voreilig  und  ungerechtfertigt.  Man  muss  nur,  um
zu  einem  Ziele  zu  gelangen,  von  vornherein  einen
ganz  anderen  Weg  einschlagen  als  den  bisherigen.
Dieser  einzuschlagende  Weg  besteht  darin,  dass  man
sowohl  von  den  einzelnen  Geldstücken  (und  ihrer
Wanderschaft  durch  verschiedene  Hände)  als  von  den
einzelnen  Personen  oder  Volksklassen  (und  ihren  Einnahmen ­
  und  Ausgaben  oder  Zahlungen  und  Einkassii’ungen)
  vollkommen  abstrahirt,  und  ausschliesslich  den
Zahlungsprocess  selbst  in’s  Auge  fasst,  gleichviel  durch
wen  oder  an  wen  und  mit  welchen  Geldstücken  die
Zahlungen  ausgeführt  werden,  und  dass  man  ferner  bei
der  Fragestellung  nicht  gleich  auf  einen  ganzen  Zeitraum, ­
  sondern,  wenigstens  zunächst  oder  von  vornherein, ­
  nur  auf  einen  bestimmten  Zeitpunkt  resp.  bestimmte ­
  Zeitpunkte  Bezug  nimmt;  denn  aus  dem  Umstand, ­
  dass  ein  und  dasselbe  Geldstück,  einer  Schraube
21)  Zu  diesem  negativen  Ergebniss  kommt  u.  A.  W.  S.Jevons,
  Geld  und  Geldverkehr,  p.  345;  ,,Ai  wird  sich  nun  zeigen,
dass  die  frage,  wie  viel  Geld  eine  Nation  bedarf,  so  vielerlei  unbe~
kannte  Grössen  einschliesst,  dass  sich  eine  sichere  Lösung  niemals
wird  erlangen  lassen.**
        <pb n="56" />
        46

Capitel  IL

ohne  Ende  vergleichbar,  im  Laufe  der  Zeit  wiederholt
d.  h.  zu  mehr  als  einer  Zahlung-  Verwendung  findet
oder  finden  kann,  folgt  zwar  nicht,  dass  der  Geldbedarf ­
  von  der  „Circulationsgeschwindigkeit“  des  Geldes
abhängig  zu  machen  ist,  wohl  aber,  dass  die  Frage  der
Bestimmung  des  Geldbedarfs  nicht  mit  Bezug  auf  einen
bestimmten  Zeitraum,  sondern,  wenigstens  zunächst,
immer  nur  mit  Bezug  auf  einen  bestimmten  Zeitpunkt
aufgeworfen  werden  kann.
Stellt  man  nun  in  der  angedeuteten  Weise  die
Frage,  so  bestimmt  sich  der  Geldbedarf  ganz  einfach
nach  dem  Gesammtbetrage  der  in  dem  betreil'enden
Lande  in  einem  gegebenen  Augenblicke,  d.  h.  gleichzeitig, ­
  auszuführenden  Zahlungen,  oder  aber,  insofern
es  sich  darum  handelt,  den  Maximal  bedarf  an  Geld
innerhalb  eines  ganzen  Zeitraumes,  z.  B.  eines  Jahres,
festzustellen,  nach  dem  höchsten  Gesammtbetrage,  den
die  gleichzeitig  auszuführenden  Zahlungen  innerhalb
dieses  Zeitraumes  daselbst  erreichen  können.  Damit  ist
der  Geldbedarf  auf  eine  Grösse  zurückgeführt,  die  sich
wirklich  statistisch  ermitteln  oder  messen  lässt
22)  In  England  z.  B.,  wo  die  Ausführung  wenigstens  der
grösseren  Zahlungen  und  Einkassirungen  fast  gänzlich  in  den  Händen ­
  der  Banken  liegt  und  noch  dazu  das  Bankwesen  so  centralisirt
  ist,  dass  auch  der  grösste  Theil  der  Zahlungen  von  einem
        <pb n="57" />
        Bedarf  an  Geld.

47

oder  deren  Messbarkeit  wenigstens  nicht  schon  von
vornherein  und  unter  allen  Umständen  ausgeschlossen  ist.
In  dem  einen  Lande  ist  vielleicht  der  Gesammtbetrag
  der  überhaupt,  d.  h.  z.  B.  im  Laufe  eines  ganzen
Jahres,  zu  eifectuirenden  Zahlungen  sehr  viel  kleiner,
aber  der  Gesammtbetrag  der  auf  einmal  auszuführenden ­
  Zahlungen  doch  zu  Zeiten  oder  in  bestimmten  Momenten ­
  des  Jahres  bei  weitem  grösser  als  in  einem  anderen. ­
  In  diesem  Falle  braucht  das  erstere  Land  wenigstens ­
  in  den  betreffenden  Zeitpunkten  ohne  Zweifel
mehr  Geld  als  das  letztere;  denn  nicht  allein  auf  den
Betrag  der  Zahlungen,  sondern,  wie  gesagt,  auch  auf
den  Zeitpunkt  ihrer  Ausführung,  d.  h.  den  Fälligkeitstermin ­
  der  Zahlungsverbindlichkeiten,  kommt  es
an.  Wenn  die  Zahlungen  nebeneinander  fallen,  ist
mehr  Geld  erforderlich,  als  wenn  sie  hintereinander  erfolgen. ­
  Es  ist  also  wohl  die  grössere  oder  geringere
Vertheilung  oder  Concentration  der  Zahlungen  auf  ein-Platz

  auf  den  anderen  auf  dem  Londoner  Platze,  in  Lombardßtreet,
  zur  Ausführung  gelangt,  weiss  man  an  der  Hand  der
hankstatistik  nicht  nur,  in  welchen  Zeitpunkten  oder  Tagen  des
Jahres,  oder  Vierteljahres,  des  Monates  und  der  Woche  die  Zahlungen ­
  am  beträchtlichsten  sind,  sondern  auch  wie  gross  sie
praeter  propter  an  jedem  dieser  Hauptzahlungstermine  zu  sein
pflegen,  und  danach  können  sich  dann  die  Banken  mit  der  nöthigen
  Quantität  an  Münze  resp,  Noten  versehen.
        <pb n="58" />
        48

Capitel  IL

zelne  Zeitpunkte,  nicht  aber  die  grössere  oder  geringere
„Circulationsgeschwindigkeit“  des  Geldes,  —  die  man
vielmehr  höchstens  als  ein  Ergebniss  jener  auffassen
kann,  —  wovon  in  Wahrheit  die  Grösse  des  Geldbedarfs ­
  abhängt.
Nach  dem  oben  Gesagten  lässt  sich  etwa  folgender ­
  Entwicklungsgang  hinsichtlich  der  Grösse  des  Geldbedarfs ­
  in  einem  Lande  annehmen.  Anfangs,  d.  h.  so
lange  ein  Volk  noch  hauptsächlich  Ackerbau  und  Viehzucht ­
  treibt  und  auf  dem  Lande  zerstreut  lebt,  drängen
sich  die  Zahlungen  naturgemäss  auf  wenige  Zeitpunkte
(Zeit  der  Saat  und  der  Ernte,  Wochenmärkte)  zusammen. ­
  Die  Consequenz  ist  ein  verhältnissmässig  grosser ­
  Geldbedarf,  vorausgesetzt  natürlich,  dass  oder  insoweit ­
  überhaupt  die  Geldwirthscliaft  die  Naturalwirthschaft
  verdrängt  hat.  Dann,  in  Folge  der  Entwicklung ­
  von  Handel  und  Gewerbe  und  des  Städtelebens,
welches  wegen  des  engeren  Zusammenwohnens  der
Menschen  häufigere  persönliche  Berührungen  und  da-*
  mit  auch  häufigere  Umsätze  und  häufigere  Zahlungen
mit  sich  bringt,  und  in  Folge  des  Fortschritts  im  Strassen ­
  wesen  und  in  den  Verkehrsmitteln:  Vertheilung  der
Zahlungen  mehr  auf  verschiedene  Zeitpunkte  und  als
Wirkung  davon  ein  verhältnissmässig  geringerer  Geldbedarf ­
  oder  ein  Wachsthum  des  Geldbedarfs,  das  mit
        <pb n="59" />
        49

Bedarf  an  Geld.

der  Zunahme  der  Zahlungen  überhaupt,  d.  h.  im  ganzen ­
  Jahre,  in  keinem  Verhältnisse  steht.  —
Wir  haben  bisher  stillschweigend  vorausgesetzt,
dass  alle  Zahlungsverbindlichkeiten  baar  zu  begleichen
sind;  denn  nur  unter  dieser  Voraussetzung  ist  der  allgemeine ­
  Satz  richtig,  dass  der  Bedarf  an  Geld  ein  um
so  grösserer  ist,  je  mehr  die  einzelnen  Zahlungen  zeitlich ­
  zusammenfallen.  Nun  kann  aber  ein  grosser  1  heil
der  eingegangenen  und  bereits  fällig  gewordenen  Zahlungsverbindlichkeiten ­
  statt  mit  Baargeld  auch  einfach
im  Wege  der  Kompensation  seine  Erledigung  finden
(Clearing).  Und  zwar  wird  diese  Methode  der  Erfüllung ­
  von  Zahlungsverbindlichkeiten  in  um  so  ausgedehnterem ­
  Maasse  zur  Anwendung  kommen  können, ­
  je  mehr  mit  Hülfe  des  Kredits,  des  Wechsels,  und
der  Banken  die  endgültige  Abwickelung  der  Geschäfte
oder  Erfüllung  von  Zahlungsverbindlichkeiten  grade
auf  bestimmte  Zeitpunkte  sowohl  wie  auf  bestimmte
Plätze  und  Institute  concentrirt  wird.  Insofern  vermindert ­
  also  wiederum  die  Concentration  der  Zahlungen
auf  bestimmte  Zeitpunkte  sowohl  wie  auf  bestimmte
.Plätze  und  Institute  den  Geldbedarf.
Je  mehr  es  ferner  üblich  ist,  auf  Kredit  statt  per
comptant  zu  kaufen,  desto  weniger  Geld  braucht  natürlich ­
  jeweilen  über  den  stricten  Bedarf  hinaus,  der
4
        <pb n="60" />
        50

Capitel  TI.  .

Sicherheit  weg’en,  vorräthig  gehalten  zu  werden,  weil
sich  bei  dem  System  des  Kaufs  auf  Kredit  die  Vorausberechnung^ ­
  des  Geldbedarfs  immer  nur  auf  bereits  ein-^egangene
  Zahlun^sVerbindlichkeiten  bezieht,  und  daher ­
  eine  genauere  sein  kann,  als  bei  dem  System  des
Kaufs  per  comptant,  wo  die  Vorausberechnung  des
Geldbedarfs  auf  erst  noch  einzugehende  Zahlungsverbindlichkeiten ­
  gerichtet  und  daher  eine  sehr  unsichere  ist.
Ebenso  braucht  man  auch  wiederum  bei  dem  System ­
  des  Kaufs  gegen  Accept  weniger  Kasse  zu  halten
als  bei  dem  System  des  Kaufs  auf  offnen  Kredit,  d.  h.
gegen  einfache  Belastung  in  den  Büchern,  weil  bei
dem  ersteren  Systeme  der  Zeitpunkt  für  die  Erfüllung
der  ZahlungsVerbindlichkeiten  von  vorneherein  fixirt  ist,
während  derselbe  bei  dem  anderen  System  unbestimmt
bleibt,  so  dass  man  also  bei  dem  letzteren  System  niemals ­
  genau  vorausweiss,  wie  viel  Geld  man  in  einem
gegebenen  Zeitpunkt  wirklich  brauchen  wird,  der  Sicherheit ­
  wegen  aber  stets  lieber  etwas  zu  viel  als  zu  wenig
Geld  vorräthig  hält.
Aus  alledem  folgt  indess  noch  keinesweges,  dass
der  Kredit  selbst  oder  als  solcher  ein  Ersatzmittel
des  haaren  Geldes  wäre;  denn  der  Kredit  selbst  oder
als  solcher  vertagt  nur  die  Zahlung,  macht  aber  die-
        <pb n="61" />
        4*

Bedarf  an  Geld.

51

selbe  noch  keineswegs  überflüssig  Und  ebenso  ersetzt ­
  auch  der  Wechsel  als  solcher  noch  kein  Geld.
Vielmehr  dient  der  Wechsel,  wenigstens  zunächst  und
in  der  Regel,  nur  dazu,  Forderungen  (die  bereits  fällig
sind  oder  binnen  Kurzem  fällig  werden)  von  einer
Person  auf  die  andere  oder  von«einem  Platz  auf  den
anderen  zu  übertragen,  d.  h.  eine  Zahlung  an  Stelle
einer  anderen  zu  setzen,  oder  Zahlungen  par  distance
in  Zahlungen  am  Platz  zu  verwandeln,  wodurch  allerdings ­
  eine  ausgedehntere  Anwendung  des  Com  pen  sationsverfahrens
  ermöglicht,  aber  doch  unmittelbar  noch
kein  Geld  erspart  wird.
Ganz  anders  verhält  sich  die  Sache  dagegen  bei
den  Banknoten.
Die  Mehrzahl  der  neueren  Oekonomisten  behauptet
zwar,  dass  sich  die  Banknote  vom  Wechsel  und  an-23)

  So  bemerkt  auch  schon  J.  Locke,  Further  considerations ­
  etc.  p.  15:  ,,Credit  tvill  supply  the  defect  of  money  to  some
small  degree  for  a  little  while.  Hat,  credit  being  nothing  but
the  expectation  of  money  within  some  limited  time,  money  must  he
had  or  credit  will  fail.**
Und  W.  St.  devons,  Geld  und  Geldverkehr,  p.  243:  ,.l)as
lerstündniss  der  wahren  Natur  des  (leides  ist  vielfach  durch  die  liehauptung
  erschwert  worden,  dass  der  liredit  gemünztes  ineld  ersetzen
könne,**  —  ,,l*rüfen  wir  aber  das  If'esen  des  hredits,  so  finden
wir,  dass  er  nichts  ist  als  das  Ter  s  c  h  i  eh  en  einer  Hezahlung.**
        <pb n="62" />
        52

Capitel  TI.
deren  Kreditpapieren  oder  „übertragbaren  Forderungen“
nicht  wesentlich  unterscheide,  oder  dass  der  Unterschied
nur  ein  „formeller“  oder  „gradueller“  aber  kein  „principieller“
  sei^^).
Dieser  Ansicht  kann  ich  indess  nicht  beipflichten.
Die  Banknote  ist  allerdings  kein  Geld  im  strengen
Sinne  des  Wortes.  Dies  folgt  ohne  Weiteres  daraus,
dass  sie  nur  einen  repräsentativen  Werth  besitzt,
d.  h.  ihren  Werth  nicht  sich  selbst  sondern  nur  dem
Kredit,  d.  i.  einer  rechtlichen  Beziehung  auf  das  Metallgeld, ­
  verdankt.  Und  insofern  steht  die  Banknote  un-24)
  Vgl.  z.  B.  Tooke  u.  Newmarch,  Geschichte  der  Preise.
Deutsch  von  Ascher,  (Dresden  1858),  I,  621.  623.
In  neuerer  Zeit:  Macleod,  Diet,  of  pol.  economy,  Art.
Currency:  ,,7’Ae  fact  is  that  the  only  difference  between  a  bit!
of  exchange  and  a  banknote  is,  that  the  former  is  a  promise  of  a
deferred  payment  and  the  latter  that  of  an  immediate  one,  and
there  is  less  risk  in  taking  the  latter  than  the  former.  From  these
circumstances  a  banknote  possesses  a  greater  degree  of  circulating
power  than  a  bill  of  exchange.  Hut  it  is  to  the  last  degree  unphilopophical
  to  maintain  that  these  two  obligations  are  of  different
natures,  because  they  are  adapted  to  circulate  in  different  degrees.'*
Aehnlich  A.  Wagner,  Beiträge  zur  Lehre  von  den  Banken,
p.  40.  Die  russische  Papierwährung,  p.  54.  55  und  ferner  Art.
Banknote  und  Art.  Credit  in  llentsch,  Handwörterbuch  der  Volkswirthschaftslehre.

Dagegen  schon  Knies,  Geld  und  Credit  II.  2,  p.  293,  417  ff.
        <pb n="63" />
        53

Bedarf  an  Geld.
leugbar  mit  dem  Wechsel  und  allen  anderen  Kreditpapieren ­
  auf  einer  Linie.
Darüber  hinaus  aber,  d.  h.  sobald  man  auf  die
wirthschaftliche  Funktion  oder  Bestimmung  sieht,  unterscheidet ­
  sich  die  Banknote  doch  sehr  wesentlich  vom
Wechsel  und  allen  anderen  Kreditpapieren.
Während  nämlich  der  Wechsel  und  überhaupt  die
grosse  Mehrzahl  der  Kreditpapiere,  wenigstens  zunächst
und  in  der  Kegel,  nur  dem  Bedürfniss  einer  Vertagung
der  Zahlung  oder  der  Uebertragung  einer  Forderung
ihren  Ursprung  verdanken,  dienen  dagegen  die  Banknoten ­
  dazu,  die  Baarzahlung  geradezu  überflüssig  zu
machen.  Diese  Fähigkeit  der  Banknoten,  das  Geld  ein
für  allemal  zu  ersetzen,  beruht  nicht  allein  darauf,
dass  die  Banknote  ein  „Inhaberpapier“  ist  und  daher  an
Zahlungsstatt  übertragen  werden  kann,  ohne  dass  derjenige, ­
  der  sie  weiter  begiebt,  für  ihre  Einlösung  verantwortlich ­
  bleibt,  sondern  gründet  sich  vor  .Allem  auch
darauf,  dass  die  Banknote  „auf  Sicht“  lautet.  Denn,  da
die  Macht  oder  Sicherheit,  jederzeit  im  Fall  des  Bedarfs ­
  sofort  und  ohne  Weiteres  haar  Geld  haben  zu
können,  dem  Wer  the  nach,  d.  h.  also  ökonomisch  betrachtet, ­
  genau  ein  und  dasselbe  ist,  wie  der  factische
Besitz  von  Baargeld,  so  geht  nicht  nur  die  Banknote
        <pb n="64" />
        54

Capitel  IL

in  jedem  einzelnen  Falle,  wo  eine  Zahlung-  zu  machen
ist,  ganz  ebenso  glatt  und  ungehindert  von  Hand  zu
Hand,  wie  das  haare  Geld  —  im  Gegensatz  zum  Wechsel, ­
  dessen  Verwendung  an  Zahlungsstatt  (wenn  man
schon  von  einer  solchen  reden  will)  in  jedem  einzelnen ­
  Falle  immer  erst  eine  besondere  Transaktion  oder
Wei  thbestinimung  (Discontirung)  voraussetzt,  also  immer
nur  eine  bedingte  und,  beschränkte  ist  —  sondern
vermag  sich  auch  —  im  Gegensätze  ebenfalls  zum
Wechsel,  der  regelmässig  am  Verfallstage  einkassirt  zu
werden  bestimmt  ist,  und  daher  nur  ein  ganz  vorübergehendes ­
  Dasein  besitzt,  —  fortdauernd  an
Stelle  des  Metallgeldes  im  Umlaufe  zu  erhalten.
Die  Banknote  erscheint  hiernach  als  ein  wirkliches
Ersatzmittel  des  haaren  Geldes.  Sie  ersetzt  das  Letztere ­
  zwar  nicht  in  seiner  Eigenschaft  als  „Umsatzmittel“,
  oder  „Werthmaass“,  wohl  aber  ersetzt  sie  es
in  seiner  Eigenschaft  als  Zahl  mittel,  d.  h.  in  derje-25)

  Vgl.  auch  E.  Seyd,  Bullion  and  foreign  exchanges,  London ­
  1868,  p.  29:  ,,Gold,  silver,  and  copper  coins,  and  banknotes,
pass  current,  from  hand  to  hand  w  it  ho  at  res  trie  t  i  o  n  s  ;  they  arc
therefore  called  ,,currencyHills  of  exchange  are  not  currency;
their  transmission  does  not  take  place  in  the  same  free  and  simple
manner.  ‘  ‘
        <pb n="65" />
        55

Bedarf  an  Geld.
iiigen  Eigenschaft,  in  welcher  allein  das  Metallgeld
überhaupt  ein  Gegenstand  bestimmten  Bedarfs  ist.  Man
kauft  (Preisbestimmung)  zwar  nicht  mit  Banknoten,
wohl  aber  bezahlt  man  damit  (cash)^«).
Und  daraus  allein  erklärt  es  sich  Ja  auch,  warum
die  Banken  jederzeit  weit  weniger  Baargeld  vorräthig
zu  halten  brauchen,  als  sie  Noten  im  Umlaufe  haben

26)  A.  Wagner  (vergl.  die  Artikel  „Banknote“  und  „Credit“ ­
  in  Eentsch,  Handwörterbuch,  und  die  Schrift:  Staatspapiergeld ­
  etc.  Berlin  1874.  p.  20)  meint  umgekehrt,  die  Banknote  ersetze ­
  das  Geld  nur  in  seiner  Eigenschaft  als  Umsatzmittel  oder
„Umlaufsmittel“  („Tauschmittel“),  nicht  in  seiner  Eigenschaft  als
Zahlmittel.  Indess  kann  hier  der  Ausdruck  Umsatzmittel  oder  „Umlaufsmittel“ ­
  doch  nur  den  Sinn  von  Kaufkraft  (purchasing  power)
haben.  Kaufkraft  aber  besitzt  nur  das  Geld,  nicht  die  Banknote. ­
  Und  was  die  Eigenschaft  des  Zahlmittels  betrifft,  so  ist  liier
A.  Wagner,  wie  so  viele  Andere,  von  der  irrigen  Vorstellung  beherrscht, ­
  als  ob  nur  der  Zwangscurs  oder  das  Gesetz  eine
Sache  zum  Zalümittel  machen  könne,  wie  er  denn  überhaupt
immer  nur  von  einem  ,,gesetzlichen“  Zahlmittel,  nicht  von  einem
Zahlmittel  überhaupt  oder  schlechtweg  spricht  Unter  Zahlung
kann  aber  doch  nur  die  thatsächliche  Lösung  oder  Erfüllung
von  auf  Geld  lautenden  Verbindlichkeiten  verstanden  werden,  mag
diese  nun  „solutio“  oder  nur  „datio  in  solutum“  sein.  Die  Banknote ­
  hört  also  dadurch  noch  nicht  auf,  Zahlmittel  zu  sein,  dass
ihre  Annahme  an  Geldesstatt  nur  freiwillig,  nicht  gezwungen
stattfindet.  Sie  ist  eben  Zahlmittel,  nicht  kraft  des  Gesetzes,  sondern ­
  kraft  ihrer  Einlösbarkeit  auf  Sicht  oder  kraft  des  Umstandes, ­
  dass  sie  das  vollkommene  Aequivalent  des  Metallgeldes  ist.
        <pb n="66" />
        5tí

Capitel  II.

oder  warum  sie  den  grössten  Theil  ihrer  Noten  fortwährend ­
  metallisch  ungedeckt  lassen  können,  während
der  übliche  einfache  Hinweis  auf  die  Thatsache,  dass
erfahrungsgemäss  niemals  alle  Noten  auf  einmal  zur
Einlösung  präsentirt  werden,  doch  olfenbar  noch  keine
Erklärung  ist.
Der  Unterschied  zwischen  den  Banknoten  und  andern ­
  Kreditpapieren  ist  sonach  also,  wenigstens  vom
ökonomischen  Standpunkt  aus,  kein  blos  formeller
oder  gradueller,  sondern,  ebenso  wie  der  Unterschied
zwischen  Geld  und  Waare,  in  der  That  ein  principieller.
Während  andere  Kreditpapiere,  wie  der  Wechsel,  gewissermassen
  die  Bolle  einer  Waare  im  Handel  spielen  2^)  —
wie  denn  auch  eine  Waare  unter  Umständen  oder  ausnahmsweise ­
  an  „Zahlungsstatt“  Verwendung  oder  Annahme ­
  finden  kann  (nur  dass  dies  immer  eine  Art  von
Kauf  oder  Preisbestimmung  der  betreffenden  Waare
voraussetzt),  —  spielt  dagegen  die  Banknote  geradezu
•  die  Bolle  des  Geldes  im  Handel,  oder  eigentlich,  richti-27)

  So  sagt  auch.  S.  Je  von  s,  Geld  und  Geldverkehr,  p.  347:
,,/cA  lege  keinen  zu  grossen  fCerth  auf  den  Gebrauch  von  //  cchseln
als  Ersatzmittel  für  Geld,  weil  sie  nur  in  beschränktem  Muasse  gebraucht ­
  werden  können  und  weil  sie  eigentlich  mehr  ff'aare
sind,  welche  man  für  Geld  kauft  und  verkauft,  als  Ersatzmittel ­
  für  Geld.'’*’
        <pb n="67" />
        Bedarf  an  Geld.

57

ger  gesagt,  spielt  die  Banknote  überhaupt  keine  Rolle
itn  Handel  d.  h.  bei  der  Eingehung  von  Zahlungsverbindlichkeiten, ­
  sondern  nur  eine  Rolle  bei  der  Erfüllung ­
  von  ZahlungsVerbindlichkeiten.
Ganz  das  gleiche  gilt  auch  von  dem  System
der  sogen.  Guthaben  in  Contocorrent  und  der
Cheques,  welches  sich  bekanntlich  in  England  der
ausgedehntesten  Anwendung  erfreut,  ja  daselbst  im
Laufe  der  Zeit  die  Banknote  fast  ganz  verdrängt  hat.
Das  genannte  System  unterscheidet  sich  von  dem
System  der  Banknoten  nur  dadurch,  dass  es  den  Bucheredit
  an  die  Stelle  des  Dapiercredites  setzt,  oder  die  •
Zahlung  und  Kassenhaltung  vorwiegend  zu  einer  Sache
der  Feder  oder  der  Buchung  für  die  Banken  macht,
während  dieselbe  bei  der  Note  noch  eine  Sache  der
handgreiflichen  Verwahrung  und  Uebergabe  für  das  Publikum ­
  ist.  An  die  Stelle  der  in  den  Händen  des  Publikums ­
  belindlichen  Noten  treten  hier  jederzeit  im  Fall
des  Bedarfs  oder  nach  Belieben,  ganz  oder  theilweise,
einlösbare  Guthaben  in  den  Büchern  der  Banken.  An
die  Stelle  der  Uebergabe  von  Noten  tritt  die  Umschreibung ­
  des  Bel  rags  in  den  Büchern  der  Banken  von
dem  Conto  des  Einen  auf  das  Conto  des  Anderen.
Der  Cheque  dient  nur  dazu,  diese  Umschreibung  einzuleiten. ­
  Er  ist  nur  die  äussere  Handhabe  des  Systems,
        <pb n="68" />
        58

Capitel  J  I.

(1.  h.  ein  Zahlungsmandat,  vermittelst  dessen  der  Inhaber ­
  eines  Guthabens  in  Contocorrent  über  dieses  oder
einen  Theil  desselben  zu  Gunsten  eines  Dritten  verfügt.
Die  betreffende  Bank  ist  daher  auch  dem  Aussteller  des
Cheque  gegenüber  immer  nur  unter  der  Voraussetzung
und  in  so  lange  zur  Honorirung  desselben  (wie  jedes
anderen  von  demselben  an  sie  gerichteten  Zahlungsauftrages) ­
  verpflichtet,  als  derselbe  ein  entsprechendes  Guthaben ­
  bei  ihr  stehen  hat,  was  darum  eine  thatsächliche
Honorirung  eines  das  jeweilige  Guthaben  überschreitenden ­
  Cheque,  in  Erwartung  nachträglicher  Deckung,
keinesweges  ausschliesst.  Andererseits  bleibt  wiederum
der  Aussteller  des  Cheque  für  die  Honorirung  desselben
seitens  der  bezogenen  Bank  dem  Nehmer  des  Cheque
gegenüber  verantwortlich  (wenigstens  eine  gewisse  Zeit
lang).  Erst  mit  der  Einlösung  des  Cheque  resp.  der
Umschreibung  des  Betrags  von  dem  Conto  des  Ausstellers ­
  auf  das  Conto  des  Dräsentanten,  nicht  schon
mit  der  Ausstellung  oder  Einhändigung  des  Checpie,
wird  daher  die  Zahlung  oder  die  Uebertragung  der  Forderung, ­
  welche  die  Stelle  des  haaren  (Feldes  vertritt,
perfect,  während  dagegen  bei  der  Note  die  Zahlung
oder  Uehertragung  der  Forderung  schon  durch  einfache
Tradition  bewirkt  wird.  Der  Cheque  will  hiernach
        <pb n="69" />
        Bedarf  an  Geld.

59

immer  zur  Zahlung  präsent!rt  sein,  während  die  Note
im  Gegentheil  grade  darauf  speculirt,  unrealisirt  zu
bleiben.  Und  in  der  Thal,  da  der  Aussteller  eines  Cheque,
dem  Inhaber  desselben  gegenüber,  naturgemäss  doch
immer  nur  eine  begrenzte  Zeit  („reasonable  time“)  für
die  Honorirung  desselben  durch  die  Bank,  auf  die  er
ausgestellt  ist,  haftet,  so  dass  wenn  der  Empfänger  des
Cheque  diese  Zeit  nicht  einhält  und  inzwischen  die
Bank  falliren  sollte,  dies  allein  sein  Schade  ist,  —  da
ferner  auch  der  Inhaber  niemals  sicher  weiss,  ob  der
Aussteller  wirklich  ein  entsprechendes  Guthaben  bei
der  Bank  stehen  hat,  und  ob  daher  die  Bank  zur  Ho^
norirung  des  Cheque  wirklich  verpflichtet  ist,  so  wird
schon  aus  diesen  Gründen  in  der  Regel  jeder  Cheque
von  dem  Empfänger  sofort  zur  Zahlung  präsentirt,  resp.
einer  Bank  zur  Einkassirung  oder  Gutschrift  des  Betrags
übergeben.  Ausserdem  lässt  sich  ein  Cheque,  der  immer
auf  einen  ganz  zufälligen,  unregelmässigen.  Betrag
ausgestellt  ist,  während  alle  Noten  auf  runde  Beträge ­
  lauten,  auch  in  technischer  Beziehung  nicht  gut
zu  mehreren  Zahlungen  hintereinander  benutzen.  So
dass  von  einer  eigentlichen  Circulation,  oder  auch  nur
von  einer  mehr  als  ganz  vorübergehenden  Existenz,  bei
dem  Cheque  keine  Bede  sein  kann  und  der  Schwer-
        <pb n="70" />
        60

Capitel  II.

puiikt  (les  Systems  oder  das  eigentliehe  Gegenstüek
zur  Banknote  daher  nieht  sowohl  in  dem  Cheque  als
vielmehr  in  dem,  nur  mittelst  Cheque  übertragbaren,
Guthaben  im  Contocorrent  liegt.
Wenn  die  Wirksamkeit  des  Systems  nicht  blos
auf  den  Kundenkreis  einer  einzelnen  Bank  beschränkt
sein,  sondern  wenn  dasselbe  seine  geldersetzende  Kraft
auch  auf  den  Verkehr  unter  den  Kunden  verschiedener
Banken  erstrecken  soll,  so  müssen  diese  Banken  natürlich ­
  in  einem  gegenseitigen  Abrechnungsverhältniss
zu  einander  stehen,  dergestalt,  dass  sie  die  von  ihren
Kunden  zur  Einkassirung  erhaltenen  Cheques  oder  fälligen ­
  Zahlungsanweisungen  (resp.  Wechsel)  Tag  für  Tag
gegeneinander  auswechseln,  sowie  dies  bekanntlich  im
Londoner  Clearinghouse  geschieht.  Es  braucht  dann
immer  nur  die  jeweilige  Bilanz  wirklich  bezahlt  zu  werden, ­
  wenn  nicht  auch  diese,  sowie  das  in  London,  wo
jede  im  Clearinghouse  vertretene  Bank  ein  Contocorrent
bei  der  Bank  of  England  hält,  der  Fall  ist,  im  W  ege
einer  einfachen  Umschreibung  des  Betrags  von  einem
Conto  auf  das  andere  beglichen  wird.  Da  in  England
jede  Provinzialbank  unter  den  Londoner  Banken  ihre
Vertreterin  hat,  so  werden  nicht  nur  die  gegenseitigen
ZahlungsVerbindlichkeiten  unter  den  Londoner  Banken
sondern  auch  die  Zahlungsverbindlichkeiten  unter  den
        <pb n="71" />
        61

Bedarf  an  Geld.
Banken  verschiedener  Provinzialplätze  im  Londoner
Clearinghouse  erledigt,  so  dass  auf  diese  \\  eise  alle
englischen  Banken  zusammengenommen  wie  eine  grosse,
über  ganz  England  verbreitete,  Girobank  funktioniren.
Bekanntlich  hat  das  geschilderte  System  auf  dem
Continent  bis  jetzt  nur  in  sehr  beschränktemMaasse  Buss
zu  fassen  vermocht.  Die  Gründe  dafür  liegen  hauptsächlich ­
  darin,  dass  das  System  auf  Seite  aller  derer,
die  davon  Gebrauch  machen  wollen,  die  constante  Haltung ­
  von  Kasse,  in  Gestalt  eben  eines  Guthabens  in
Contocorrent,  voraussetzt,  daher  nur  bemittelteren  Personen ­
  zugänglich  ist,  und  dass  ferner  das  System  nur
für  grössere  Beträge  eine  Erleichterung  gegenüber  der
Note  gewährt,  während  es  für  kleinere  Zahlungen  oder
Kassenbestände  sich  als  zu  umständlich  erweist^").
Als  ein  Ersatzmittel  des  haaren  Geldes  ist  endlich

28)  Siehe  das  Genauere  über  das  ganze  System  in  meiner,
bereits  1867  erschienenen,  Schrift:  „Das  Chequesystem  und  das
Clearinghouse  in  London“,  Jena  1867.  Es  ist  diese  Schrift  von
Späteren,  die  denselben  Gegenstand  behandelt  haben  in  ausgiebigster ­
  Weise  benutzt,  stellenweise  sogar  wörtlich  abgeschrieben
worden,  in  der  unverblümtesten  Weise  und  ohne  jede  Quellenangabe. ­
  In  letzterer  Beziehung  verweise  ich  auf  eine  in  Oesterreich ­
  erschienene  Broohüre  von  G.  Leonhardt,  Die  gesetzliche
Begründung  des  (Jhecksystems  in  Oesterreich,  Wien  1881.
        <pb n="72" />
        62  Capitel  IL
auch  noch  das  sogen,  „inconvertible  Pa  piergeld“
zu  bezeichnen.
Die  meisten  neueren  Oekonomisten  wollen  zwar  in
dem  inconvertiblen  Papiergeld  kein  bloses  Ersatzmittel
des  baaren  Geldes  sehen  sondern  vielmehr  eine  ganz
eigene  oder  selbstständige  Art  von  Geld  neben  und
ausser  dem  Metallgeld  2®).
Diese  Auffassung  scheint  mir  indess  ebenso  unrichtig ­
  zu  sein,  wie  die  Ansicht,  welche  Banknoten  und
Wechsel  in  ein  und  dieselbe  Kategorie  verweist;  denn
auch  das  inconvertible  Papiergeld  besitzt  nur  einen  repräsentativen ­
  Werth,  d.  h.  verdankt  seinen  Werth  nicht
sich  selbst  sondern  nur  einer  rechtlichen  Beziehung
auf  das  Metallgeld  oder  die  Münze.  Diese  rechtliche
Beziehung  besteht  allerdings  nicht,  wie  bei  der  conversa) ­

  Dies  ist  insbesondere  eine  Lieblingsthesis  A.  Wagner’s,
die  in  seinen  zahlreichen  Schriften  über  Geld  und  Bankwesen
immer  von  Neuem  wiederkehrt.  Vgl.  Beiträge  zur  Lehre  von  den
Banken  p.  34  ff.  Art.  „Papiergeld“  in  Bluntschli’s  Staatswörterbuch.
VII.  p.  646—663.  Geld-  und  Credittheorie  der  Peelschen  Bankacte, ­
  p.  21.  Die  russ.  Papierwähr.,  p.  49.  Ferner  die  einschlägigen ­
  Artikel  in  Rentzch’s  Handwörterbuch.
Siehe  indess  auch  schon  vor  Wagner  beispielsweise
Cu  Hoch,  On  metallic  and  paper  money  and  banks.  Edinb.  1858,
p.  7:  ,,sucA  notes  are  not  representatives  of  money,  hat
are  themselves  a  variety  of  money.**
        <pb n="73" />
        63

Bedarf  an  Geld.
tibien  Banknote,  in  dem  Credit,  d.  h.  in  einer  Forderung
oder  Zahlun^sverbindlichkeit^^)  sondern  nur  in  dem
Zwangskurs,  d.  h.  der  Eigenschaft  des  „gesetzlichen“
Zahlmittels,  kraft  deren  jedermann  dasselbe  ohne  Weiteres ­
  an  Stelle  des  Metallgeldes  in  Zahlung  anzunehmen ­
  verpflichtet  ist  (oder  möglicherweise  auch  in  der
blossen  Verbindlichkeit  des  Emittenten  zur  Rücknahme
desselben  an  Zahlungsstatt,  Annahme  an  den  Staatskassen, ­
  sog.  „Steuerfundation“).  Und  es  ist  das  unbestreitbar ­
  ein  Unterschied  von  grosser  praktischer  Tragweite,  da
der  Umstand,  dass  das  inconvertible  Papiergeld  nicht
wie  die  convertible  Banknote  auf  Grund  eines  einfachen
Forderungsrechtes  im  Fall  des  Bedarfs  gegen  Metallgeld ­
  umgewechselt  werden  kann,  dasselbe  der  Gefahr
einer  Entweiihung  (Depretiation)  im  Verhältniss  zur
Münze  aussetzt,  vor  welcher  Entwerthung  die  convertible ­
  Note  geschützt  ist.  Nichtsdestoweniger  steht  aber
das  inconvertible  Papiergeld  doch  seiner  Funktion  oder

30)  Daher  es  auch  ganz  verkehrt  ist,  wenn  man  das  inconvertible ­
  Papiergeld,  wie  das  noch  immer  geschieht,  als  Schuldverschreibung ­
  ansieht,  oder,  wie  es  selbst  A.  Wagner  noch  thut
(Die  russ.  Papierwähr.,  p.  86.  87.  91,  93  und  Beiträge  zur  Lehre
von  den  Banken,  p.  89)  die  Depretiation  des  inconvertiblen  Staatspapiergeldes ­
  mit  dem  erschütterten  Staatscredit  in  unmittelbare
Verbindung  bringt.
        <pb n="74" />
        04

Capitel  II.

Bestimmung-  nach  mit  der  convertiblen  Banknote  durchaus ­
  auf  einer  Linie.  Denn  auch  das  inconvertible  Papiergeld ­
  ersetzt  das  ¡Metallgeld  nur  in  seiner  Funktion
als  Zahlmittel,  nicht  zugleich  auch  in  seiner  Funktion
als  Umsatzmittel  oder  W  erthmaass.  Auch  das  inconvertible ­
  Papiergeld  ist  daher  seiner  eigentlichen  Natur ­
  nach  nur  ein  Geldzeichen,  kein  Geld.  Dies
gilt  selbst  dann  noch,  wenn  in  Folge  der  Emission
von  inconvertiblem  Papiergeld  bereits  alle  Münze  aus
dem  Umlauf  verschwunden,  d.  h.  in  dem  betreifenden
Lande  zu  einer  Waare  geworden  ist  oder  ein  Agio
erlangt  hat;  denn  auch  dann  dient  das  Papiergeld,
wie  die  Rückwirkung  des  Agio  auf  die  Preise  beweist,
noch  immer  nur  auf  Grund  und  nach  Maassgabe  seines
jeweiligen  wirklichen  Werth  Verhältnisses  zur  Münze,
nicht  aber  auf  Grund  und  nach  Maassgabe  seines
blosen  „Nominalwerthes“,  als  Grundlage  der  Preisbestimmung, ­
  d.  h.  selbst  dann  belindet  sich  der  eigentliche ­
  Sitz  der  Kaufkraft  oder  die  Huelle  des  W  erthes
doch  immer  nur  in  der  Münze,  obwohl  die  letztere  in
dem  betreffenden  Lande  nicht  mehr  als  Zahl  mittel  fungirt,
  also  nur  noch  in  der  Vorstellung  des  Käufers
oder  Verkäufers  als  Geld  daselbst  fortexistirt,  selbst
dann  ist  das  Papiergeld  immer  nur  ein  Geldzeichen
d.  h.  ein  die  Stelle  des  Geldes  vertretendes,  reprä-
        <pb n="75" />
        b

Bedarf  an  Geld.

65

sentatives  Zahlmittel,  kein  Geld.  Es  hat  sich  in
diesem  Falle  eben  in  dem  betreffenden  Land  eine  vollkommene ­
  Trennung  von  „Umsatzmittel“  und  „Zahlmittel“ ­
  vollzogen,  dergestalt,  dass  es  daselbst  überhaupt
kein  eigentliches  Geld  mehr  giebt  ^  ^  ).
31)  Daran  ändert  auch  der  „Zwangscurs“  oder  die  Eigenschaft ­
  des  „gesetzlichen“  Zahlmittels  (A.  Wagner  nennt  die  Eigenschaft ­
  des  „gesetzlichen“  Zahlmittels  oder  der  „Währung“  eine
„Funktion“  des  Geldes  (vgl.  z.  B.  Staatspapiergeld,  Reichskassenscheine
  und  Banknoten,  p.  20  ff.),  als  ob  überhaupt  ein  Rechtsverhältniss
  eine  Funktion  sein  könnte!)  nichts;  denn  der  Zwangscurs
  allein  macht  eine  Sache  noch  nicht  zum  Geld,  das  beweist
schon  der  Zustand  der  Doppelwährung,  wo  zweierlei  „gesetzliche“
Zahlmittel  nebeneinander  bestehen,  während  sich  doch  in  der  Regel ­
  immer  nur  das  eine  derselben  facti  sch  im  Umlaufe  behauptet.
        <pb n="76" />
        32)  J.  Law,  Consid.  sur  le  numéraire  et  le  commerce  (er

Capitel  III.
Geld  und  Kapital.
Ehemals  war  man  der  Ansicht,  dass  Handel  und
Gewerbileiss  einfach  von  der  Menge  des  vorhandenen
Geldes  abhänge  und  dass  man  daher,  um  den  Handel
und  Gewerbileiss  eines  Landes  in  Aufschwung  zu
bringen,  nur  die  Menge  des  Geldes  daselbst  zu  vermehren ­
  brauche,  was  am  einfachsten  vermittelst  des
Kredits  oder  der  Errichtung  von  Banken  und  der  Emission ­
  von  Papiergeld  geschehe.  M.  a.  W.  man  identilicirte
  ohne  Weiteres  Geld  und  Kapital,  sah  in  jeder
Geld  Vermehrung  eine  Kapital  vermehrung  und  behandelte
jeden  Mangel  an  Kapital  als  einen  Mangel  an  Geld.
Seit  A.  Smith  ist  diese  Theorie,  als  deren  klassischer ­
  Vertreter  der  Schotte  John  Lawzu  be-
        <pb n="77" />
        5*

Geld  und  Kapital.

67

trachten  ist,  ein  überwundener  Standpunkt,  und  dafür
ist  folgende,  der  früheren  schnurstracks  entgegengeschien

  ursprünglich  englisch  unter  dem  Titel:  „money  and  trade
considered.“  Edinburg  1705)  in  Econ.  Financ.  du  18'*’"“  siècle
cd.  Daire.  Paris  1851,  p.  449:  ,,Ae  commerce  intérieure  dépend ­
  de  la  monnaie  y  une  plus  grande  quantité  emploie
plus  d'individus  qu'une  moindre  quantité.'*  p.  465:
,,Les  banques  sont  encore  la  meilleure  méthode  que  Fon  ait  pratiquée
pour  Cuccroissement  du  numéraire."
Für  das  „System“  Law’s  sind  insbesondere  noch  folgende
Stellen  charakteristisch:  p.  480:  ,,Le  crédit,  qui  promet  un  payment ­
  en  espèces,  ne  peut  guère  s'étendre  nu  delà  (Tune  certaine
proportion,  qu'il  doit  observer  avec  les  espèces  et  nous  en  avons  une
si  modique  quantité,  que  le  crédit  auquel  elles  pourraient  servir  serait ­
  très  peu  considerable.  Il  reste  à  examiner,  si  on  ne  pourrait
pas  convertir  en  monnaie  quelque  autre  objet  que  Forgent  avec
autant  de  sûreté  et  de  commodité."  Und  nun  folgt  der  bekannte
Vorschlag,  eine  Hypothekenbank  zu  errichten,  die  die  Aufgabe
habe,  inconvertibles  Papiergeld  mit  Zwangscurs  zu  eraittiren.
p.  501  :  ,,La  sûreté  donné-e  pour  le  premier  papier-monnaie  était  de
Forgent,  la  sûreté  donnée  pour  le  second  ce  sont  des  terres."
Dieses  Papiergeld,  meint  Law,  werde  seinen  Werth  behaupten,
da  es  auf  die  Verpfandung  von  Grund  und  Boden  basirt  sei.
p.  497:  „Le  papier  monnaie  proposé  sera  égal  en  valeur  à  l'argent, ­
  car  il  aura  une  valeur  hypothécaire  égale  à  la  même  somme
d'argent  monnayé,  que  Fou  donne  pour  cette  valeur."  Law  übersieht ­
  hier  ganz,  dass  das  inconvertible  Papiergeld  überhaupt  kein
Kreditpapier  ist,  d.  h.  seinen  Werth  keiner  Forderung,  sondern
uur  dem  Zwangscurs  (oder  auch  nur  dem  Versprechen  der  Wiederannahme ­
  desselben  an  Zahlungsstatt  von  Seite  des  Emittenten)
verdankt,  und  dass  daher  die  verpfändeten  Grundstücke  nur  die
        <pb n="78" />
        68

Capitel  III.

setzte,  Anschauung  an  die  Stelle  getreten:  dass  das
Kapital  eines  Landes  nicht  sowohl  in  der  vorhandenen
Menge  an  Geld,  als  vielmehr  nur  oder  hauptsächlich
in  der  vorhandenen  Menge  oder  dem  angehäuften  Vorrath ­
  (stock)  an  Gütern  oder  Waaren  bestehe  und  zwar
an  Gütern  oder  Waaren,  welche  ihrer  Natur  nach  wiederum ­
  zur  Erzeugung  oder  Erlangung  von  Gütern  oder
Waaren  Verwendung  zu  finden  bestimmt  oder  geeignet
seien.  Das  Geld,  sagt  man,  „erzeuge“  an  sich  genommen ­
  nichts,  sondern  diene  nur  dazu,  bereits  erzeugte ­
  oder  auf  den  Markt  gebrachte  Güter  oder
Waaren  aus  einer  Hand  in  die  andere  zu  übertragen.
Es  stelle  daher  nur  mittelbar,  nicht  unmittelbar,  Kapital
dar,  oder  es  stelle  nur  „unproduktives“,  kein  „produktives“, ­
  Kapital  dar®*'’).

Sicherheit  für  die  Rückzahlung  der  von  der  Bank  gewährten  Darlehen ­
  ,  nicht  aber  die  Sicherheit  für  irgend  eine  von  der  Bank
übernommene  Zahlungsverbindlichkeit  bilden,  da  eine  solche,  wie
gesagt,  beim  inconvertiblen  Papiergeld  gar  nicht  existirt.
Wie  Law  auch  B.  Franklin,  A  modest  inquiry  into  the
nature  and  necessity  of  a  paper  currency  1729  (works  ed.  Sparks,
Boston  1840.  II.  254):  ,,y/  plentiful  currency  will  encourage
great  numbers  of  laboring  and  handicraftsmen  to  come  and  settle
in  the  country“.  —  bills  issued  upon  money  security  arc  money, ­
  so  bills  issued  upon  land  are  in  effect  coined  land.“
33)  A.  Smith.  Vergl.  B.  II.  ch.  lu.  2:  ,,The  gold  and  silver
        <pb n="79" />
        Geld  und  Kapital.

69

Diese,  noch  gegenwärtig  in  den  Lehrbüchern  der
politischen  Oekonomie  allgemein  verbreitete,  Anschauung

money,  u^hich  circulates  tn  any  country  —  is  —  all  dead  stock.
Il  —  produces  nothing  to  the  country.  The  judicious  operations ­
  of  banking,  by  substituting  paper  in  the  room  of  a  great  part
of  this  gold  and  silver  enables  the  country  to  convert  a  great  part
of  this  dead  stock  into  active  and  productive  stock,  into  stock
which  produces  something  to  the  country.**
Ricardo,  Principles  of  Political  Economy.  (Works  ed.
M«  Culloch.)  p.  51:  ,,capital  is  that  part  of  the  wealth  of  a
country  which  is  employed  in  production  and  consists  of
food,  clothing,  tools,  raw  materials,  machinery  etc.  necessary  to
give  effect  to  labour.**  p.  139:  ,,/«  the  form  of  money  this  capital ­
  is  productive  of  no  profit^  in  the  form  of  materials,  machinery, ­
  and  food  it  would  be  productive  of  revenue,  and  would  add
to  the  wealth  and  ressources  of  the  state.**  p,  221:  ,,The  whole
business  which  the  whole  community  can  carry  on  depends  on  the
yuantity  of  its  capital,  that  is,  of  its  raw  materials,  machinery, ­
  food,  vessels  etc.  employed  in  production.**
„The  high  price  of  bullion  etc.,  p.  265:  ,,The  bank  substitutes  a
currency  of  no  value  for  one  most  costly,  and  enables  us  to  turn  the
precious  metals  which  though  a  very  necessary  part  of  our  capital,
yield  no  revenue,  into  a  capital  which  will  yield  one.**
J.  St.  Mill,  Principles,  p.  34:  „.Money  is  no  more  synonymous ­
  with  capital  than  it  is  with  wealth;  money  cannot  in  itself ­
  perform  any  part  of  the  office  of  capital,  since  it
cun  afford  no  assistance  to  produe  tion.  To  do  this,  it
must  be  ex  c  h  anged  for  other  things.**
Wilson,  Capital,  currency,  and  banking.  London  1847,  p.  119:
,,Capital,  in  the  broad  sense  means  labour  accumulated  in  such  a
form  as  to  facilitate  future  productio  n**.  p.  146:  ,,The
        <pb n="80" />
        70

Capitel  III.

Über  das  Wesen  des  Kapitals  und  sein  Verhältniss  zum
(Jekle  scheint  mir  nicht  ganz  richtig  zu  sein.
Ohne  Zweifel  ist  Geld  und  Kapital  nicht  ein  und
dasselbe.
Denn  Kapital  bedarf  man  nur  zum  Zweck  des  Erwerbs. ­
  Geld  dagegen  bedarf  man  auch  noch  zu  allen
möglichen  anderen  Zwecken,  d.  h.  auch  zu  Zahlungen,
welche  nicht  dem  Erwerbe,  sondern  nur  der  unmittelbaren ­
  Befriedigung  von  Bedürfnissen  oder  dem  blosen
Genüsse  dienen,  oder,  genauer  gesprochen,  nicht  in
(1er  Verausgabung  von  Geld  zu  Zwecken  des  Erwerbs
sondern  in  der  Verausgabung  von  Geld  zu  Zwecken

possession  of  capital  is  merely  the  command  over  commodities  of  various ­
  kinds;  money  is  merely  an  instrument  used  to  pass  the  command ­
  of  these  commodities  from  one  to  another*^.
Tooke,  Geschichte  der  Preise,  deutsch  von  Ascher.  I.
p.  665.
Roscher,  System  I,  p.  82:  Kapital  nennen  wir  jedes  Vroduct,
welches  zu  fernerer  Production  aufbewahrt  wird.*‘
Rau-Wagner,  (Volkswirthschaftslehre.  I.  Theil)  definirt
Kapital,  (p.  30),  als:  ,,rorrath  wir  thsc  h  af  t  lie  h  e  r  Güter,
welche  als  Mittel  zur  Erwerbung  neuer  wirthschuftlicher  Güter,
durch  Eigengewinnung  oder  durch  verkehrsmüssige  Gewinnung  dienen“ ­
  ;  und  (p.  31)  als  ,,rorrath  solcher  wirthschuftlicher  Güter  —
,,  na  tura  1er  Güter“  —  welche  als  technische  Mittel  für  die
Gewinnung  neuer  Güter  in  einer  IFirthschaft  vorhanden  sein  müssen ­
  ;  P  r  oduc  tio  ns  mit  tel“.
        <pb n="81" />
        Geld  und  Kapital.  71
des  blüsen  Genusses  oder  der  unmittelbaren  Befriedigung ­
  von  Bedürfnissen  ihren  Grund  oder  Ursprung
haben.
Daher  stellt  auch  nicht  alles  jeweilen  vorhandene
Geld  Kapital  dar  und  ist  nicht  jeder  Bedarf  oder  Mangel ­
  an  Geld  eo  ipso  auch  schon  immer  ein  Bedarf  oder
Mangel  an  Kapital.
Umgekehrt  bedarf  man  Geld  wiederum  nur  zum
Zweck  der  Bewerkstelligung  von  Zahlungen  oder  der
Erfüllung  bereits  eingegangener  Zahlungsverbindlichkeiten. ­
  Kapital  dagegen  auch  schon  zum  Zweck  der
blosen  Verausgabung  von  Geld  oder  der  blosen  Eingehung ­
  von  Zahlungsverbindlichkeiten,  vorausgesetzt,
dass  diese  Verausgabung  von  Geld  oder  Eingehung  von
Zahlungsverbindlichkeiten  überhaupt  dem  Erwerbe  dient,
d.  h.  m.  a.  W.  dass  es  sich  dabei  um  die  successive
Durchführung  einer  Beihe  von  Operationen  handelt,  durch
welche  ein  Ertrag  oder  Gewinn  erzielt  wird.
Daher  besteht  auch  nicht  alles  Kapital  nur  in  Geld
und  ist  nicht  jeder  Bedarf  oder  Mangel  an  Kapital  auch
schon  nothwendig  immer  gerade  ein  Bedarf  oder  Mangel
,  an  Geld,  dem,  wie  Law  meinte,  einfach  im  Wege  der
Emission  von  Papiergeld  oder  Banknoten  abgeholfen
werden  könnte.
Auf  der  anderen  Seite  besteht  aber  das  Kapital
        <pb n="82" />
        72

Capitel  111.

auch  wiederum  keineswegs  immer  nur  in  Gütern  oder
Waaren  oder  gar  nur  in  Gütern  oder  Waaren  irgend
einer  besonderen  Kategorie.
Vielmehr  erinnert  die  Theorie,  nach  welcher  alles
Kapital  seinem  Wesen  nach  nur  in  Gütern  oder  Waaren
bestehe,  weil  das  Geld  an  sich  genommen  oder  unmittelbar ­
  nichts  „erzeuge“,  noch  ganz  an  den  naturalistischen ­
  Standpunkt  der  alten  Kanonisten,  die  bekanntlich ­
  alles  Zinsennehmen  verurtheilten,  weil  das
Geld  „unfruchtbar“  oder  „steril“  sei  •’■*).
Das  Wesen  des  Kapitals  hat  in  der  That  mit

34)  Vgl.  auch  J.  Locke,  Consider,  p.  55:  ,,—  land  produces ­
  naturally  somethlrif;  tmv  and  proßtahle  and  of  value  to  mankind; ­
  but  money  is  a  barren  thing,  and  produces  nothing,
but  by  compact  transfers  that  profit  that  was  the  reward  of  one
marl's  labour  into  another  man's  pocket.“
35)  Ich  kann  hier  eine  Vorbemerkung  ganz  allgemeiner  Natur ­
  nicht  unterdrücken.  Roscher  sagt  an  einer  Stelle  (System  I
p.  84.  (11.  Aufl.))  :  ,,l)ie  Geschichte  dieses  licgr'iffes  (Itapital)  bietet
merkwü/'dige  Beispiele  dar,  wie  es  die  H'issenschaft  verwirren  kann,
wenn  ihre  Terminologie  auch  im  alltäglichen  Leben  gebraucht  wird.**
Diesen  Worten  liegt  eine  sehr  weit  verbreitete,  aber  ganz  unrichtige, ­
  Vorstellung  zu  Grunde,  die  Vorstellung  nämlich,  als
ob  der  begriff  Kapital  überhaupt  ein  Gegenstand  willkürlicher
Terminologie  sei,  oder  als  ob  die  Wissenschaft  diesen  Begriff
gewissermassen  erst  zu  bilden  oder  zu  erfinden  hätte.  Der  Begriff ­
  Kapital  ist  aber,  ebenso  wie  die  Begriffe  Kosten  und
Ertrag,  Gewinn  und  Verlust,  Vermögen  und  Einkorn-
        <pb n="83" />
        73

Geld  und  Kapital.
der  spezifischen  Natur  der  einzelnen  Hesitzobjekte  und
ihrer  hierdurch  bedingten  unmittelbaren  oder  technischen

men  etc.,  eine  bereits  durch  das  ökonomische  Leben  gegebene,
d.  h.  bestimmten  ökonomischen  Vorgängen  oder  Handlungen  zu
Grunde  liegende,  psychologische  Th  at  sache.  Es  ist  ein  Begriff, ­
  der  nicht  blos  einem  theoretischen  Interesse,  nicht  dem
Bedürfniss  blos  eines  systematisch  geordneten  Denkens  dient  oder
entsprungen  ist,  sondern  vielmehr  einem  praktischen  Bedürfniss, ­
  d.  h.  dem  lebendigen  wirthschaftlichen  Interesse  seine  Entstehung ­
  verdankt,  eine  Vorstellung,  die  in  der  That  im  Kopfe
jedes  Kapitalisten  und  jedes  Unternehmers  existirt.  Aufgabe  der
Wissenschaft  kann  es  daher  nur  sein,  diesen  bereits  vorhandenen
Begriff,  im  Wege  einer  psychologischen  Analyse  der  betreffenden ­
  wirthschaftlichen  Vorgänge  oder  Handlungen,  welchen  derselbe ­
  thatsächlich  zu  Grunde  liegt,  klar  zu  stellen,  um  auf  diese
Weise  dem  praktischen  Bedürfniss  näher  zu  treten,  welches  zur
Entstehung  dieses  Begriffes  geführt  hat,  d.  h.  der  Logik  des
wirthschaftlichen  Interesses  auf  die  Spur  zu  kommen,
oder  die  leitenden  Motive  und  massgebenden  Rücksichten  des
wirthschaftlichen  Handelns  bloszulegen.  (Courcelle-Seneuil
bemerkt  in  seinem  Traité  des  opérations  de  Banque  p.  22:  „Le
compte  ,,capital**  ouvert  sur  les  livres  de  commerce  est  destiné
uniquement  à  constater  le  point  de  départ  du  marchand,  à  lui
donner  te  moyen  prompt  et  facile  de  reconnaître  s^il  a  gairné  ou
perdu,  augmenté  ou  diminué,  son  avoir.**)  Denn  schliessHch  kann
es  der  wirthschaftlichen  Theorie,  soweit  sich  dieselbe  überhÄupt
  mit  der  Bestimmung  von  Begriffen  befasst,  doch  immer
nur  um  ein,  durch  die  Erkenntniss  des  psychologischen  Zusammenhangs ­
  der  Vorgänge  bedingtes,  Verständniss  des  wirthschaftlichen ­
  Lebens  zu  thun  sein,  und  alle  Begriffsbestimmungen,
die  nicht  von  diesem  Standpunkte  aus  unternommen  werden,
        <pb n="84" />
        74

Capitel  III.
Bestimmung  oder  Verwendbarkeit  nicht  das  Allergeringste ­
  zu  thun.  Das  beweisst  schon  der  Handel,  der
doch  seinem  Wesen  nach  nichts  anderes  ist,  als  ein
Kauf  und  Wiederverkauf,  d.  h.  eine  Besitzüberlramüssen

  unfehlbar  den  Charakter  einer  ganz  unfruchtbaren  Spekulation ­
  au  sich  tragen.  Wenn  daher  Koscher  an  jener  Stelle  von
einer  Begriffsverwirrung  in  der  Wissenschaft  spricht,  so  liegt  der
Grund  davon  nicht,  wie  er  meint,  in  dem  Umstande,  dass  der
Ausdruck  Kapital  im  Leben  sowohl  als  in  der  Wissenschaft  gebraucht ­
  wird,  sondern  vielmehr  in  dem  Umstand,  dass  es  eben
bisher  den  Gelehrten  nicht  in  genügendem  Maasse  darum  zu  thun
gewesen  oder  nicht  gelungen  ist,  über  den  Vorstellungsinhalt,
welchen  das  praktische  Leben  thatsächlich  mit  jenem  Ausdrucke
verbindet,  vollständig  in’s  Klare  zu  kommen.  So  stösst  man  denn
auch  gelegentlich  noch  immer  auf  die  ganz  unrichtige  Behauptung,
dass  das  Leben  unter  Kapital  nur  Geld  verstehe.  Allerdings  lässt
sich  ein  Kapital  immer  nur  als  eine  bestimmte  Geldsumme  denken ­
  oder  vorstellen,  weil  eben  in  dem  Begriff  Kapital  die  Vorstellung ­
  des  Werthes  enthalten  ist,  und  aller  Werth  nur  messbar
ist  durch  den  Preis.  Daraus  folgt  indess  noch  keineswegs,  dass
nach  dem  Sprachgebrauch  des  alltäglichen  Lebens  der  Begriff  Kapital ­
  nicht  auch  Waarenvorräthe,  insofern  dieselben  eben  einen
bestimmten  Geldwerth  besitzen  oder  „repräsentiren“,  umfassen
würde.  In  der  That  würde  es  mit  einem  Kaufmann,  der  sein
Kapital  ausschliesslich  in  seinem  Kassenbestande,  nicht  auch  in
seinem  Waarenvorrathe,  verkörpert  sehen  würde,  sehr  übel  bestellt ­
  sein.  Man  kann  oben  sehr  wohl  einen  richtigen  Begriff  von
einer  Sache  haben,  ohne  dass  man  darum  auch  schon  den  Begriff
in  seine  Bestandtheilo  zu  zerlegen  d.  h.  richtig  zu  „definiren“

vermag.
        <pb n="85" />
        75

Geld  und  Kapital.
giin«'  von  Gütern  oder  Waaren  aus  Händen,  die  weniger ­
  Werth  darauf  legen  und  daher  einen  niedrigeren
Preis  dafür  fordern,  in  Hände,  die  mehr  Werth  darauf
legen  und  daher  einen  höheren  Preis  dafür  zu  bezahlen
hei  eit  sind,  ohne  dass  mit  dieser  Besitz  Übertragung
auch  nur  immer  ein  Transport  verbunden  zu  sein
braucht,  gesehweige  denn  irgend  ein  Act  der  „Produktion“, ­
  —  und  für  den  es  doch  nichtsdestoweniger
ganz  ebenso  gut  einen  Bedarf  an  Kapital  giebt,  wie  für
jeden  anderen  Erwerbszweig  ^®).
Vielmehr  ist  es  nur  die  Grösse  des  Werthbe-Irags,
  über  welchen  man,  sei  es  in  welcher  Gestalt
immer,  verfügt,  und  die  durch  diese  Grösse  bedingte ­
  wirthschaftliche  Kraft  oder  allgemeine
36)  Man  hat  allerdings  auch  den  Handel  als  eine  Art  von
„Produktion“  hinzustellen  versucht.  Indess  thut  man  damit  doch
offenbar  dem  Begriff  „Produktion“  Zwang  an.  Ohne  Zweifel  bereichert ­
  auch  der  Handel  die  Gesellschaft,  so  gut  wie  es  die
Industrie  und  die  Landwirthschaft  thut.  Aber  nicht  alle  Bereicherung ­
  beruht  eben  immer  nothwendig  auf  einem  Akte  der  Produktion ­
  oder  auch  nur  auf  einem  Akte  der  Technik.  Vielmehr ­
  kann  auch  ein  blosser  Besitzwechsel  eine  Bereicherung
bewirken,  wenn  eben  der  Werth  der  betreffenden  Sache  ein  ungleicher ­
  ist  für  verschiedene  Personen  (resp.  Plätze,  Länder  oder
Zeiten);  denn  schliesslich  ist  es  doch  immer  nur  der  Werth  des
Besitzes,  auf  welchem  aller  Reichthum  beruht.
        <pb n="86" />
        7  6  Capitel  HL
Möglichkeit  des  Erwerbs,  welche  das  Wesen  des
Kapitals  ausmacht.
M.  a.  W.  das  Wesen  des  Kapitals  beruht  in  letzter
Instanz  einzig  und  allein  auf  der  Thatsache,  dass  es
überhaupt  eine  Verwerthung  des  Besitzes  oder  eine
Verausgabung  von  Geld  nicht  nur  und  ausschliesslich
im  Interesse  des  Genusses  oder  der  unmittelbaren  Befriedigung ­
  von  Bedürfnissen  sondern  auch  im  Interesse
wiederum  des  Besitzes,  d.  h.  im  Interesse  des  Erwerbs
oder  der  Erzielung  eines  Ertrags  oder  Gewinnes,  giebt,
diese  letzteren  Ausdrücke  in  dem  Sinne  verstanden,
dass  man  schliesslich,  d.  h.  nach  Verlauf  einer  bestimmten ­
  Zeit  oder  am  Ende  einer  bestimmten  Reihenfolge ­
  von  Operationen,  —  gleichviel,  welcher  Natur  diese
Operationen  sind  oder  worin  dieselben  bestehen,  ob  in
einem  blosen  Kauf  und  Wiederverkauf  von  Waaren,
oder  aber  zugleich  auch  und  in  Verbindung  damit  in
irgend  welchen  Akten  der  „Produktion“  oder  der  Technik, ­
  —  mehr  dem  messbaren  oder  sog.  Geldwerthe
nach  besitzt  als  am  Anfang  oder  ursprünglich.
Alles  Kapital  besteht  daher  auch  seinem  Wesen
nach  nur  in  bestimmten  Werthbeträgen,  den  für
Erwerbszwecke  verfügbaren,  resp.  bereits  faktisch  im
Dienste  bestimmter  Erwerbszwecke  stehenden,  Werlhhetragen,
  gleichviel  in  welcher  Gestalt  sich  diese  Werth-
        <pb n="87" />
        77

Geld  und  Kapital.
betrüge  jeweilen  oder  momentan  befinden  mögen,  nicht
in  bestimmten  Werthobjekten

37)  Von  einzelnen,  insbesondere  französischen,  Schriftstellern,
die  überhaupt  feine  Beobachter  und  scharfe  Analytiker  sind,  ist
dies  gelegentlich  auch  erkannt  worden.
So  schon  von  Turgot  a.  a.  O.  p.  37:  „Quiconque,  soil  pur
le  revenu  de  sa  terre,  soit  par  les  salaires  de  son  travail  ou  de  son
industrie,  reçoit  chaque  année  plus  de  valeurs  qu'ait  n'a  besoin  d'en
dépenser,  peut  mettre  en  réserve  ce  superjlu  et  l'accumuler;  ces
valeurs  accumulées  sont  ce  qu'on  appelle  un  capital.“  (Knies,
Das  Geld,  (Berlin  1873),  übersetzt  hier  ungeschickter  Weise  „valeurs ­
  mit  „Güter“,  statt  mit  „Werthe“  und  nimmt  damit  wieder
jener  Stelle  ihr  ganzes  Verdienst).  ,,il  est  absolument  indifférent
que  cette  somme  de  valeurs  ou  ce  capital  consiste  en  une  masse
de  métal  ou  en  tout  autre  chose,  puisque  P  urgent  représente  toute
espèce  de  valeur  comme  toute  espèce  de  valeur  représente  l'urgent.“
Vgl.  auch  P  67:  ,,le  taux  de  l'interet  est  relatif  à  la  quantité  de
valeurs  accumulées  et  mises  en  réserve  pour  formes  des  capitaux. ­
  ¡1  est  indifférent  que  ces  valeurs  soient  en  métal
ou  en  autres  effets,  pourvu  que  ces  effets  soient  faciles ­
  à  convertir  en  argent.“  „Ce  sont  ces  épargnes  accumulées ­
  qui  sont  offertes  aux  emprunteurs,  et  plus  il  y  en  a,
plus  r  intérêt  de  P  argent  est  bas,  à  moins  que  le  nombre  des  emprunteurs ­
  ne  soit  augmenté  à  proportion.“
Noch  eingehender  äussert  sich  Cource  11  e-Seneuil,  a.  a.  O.
p.  21  :  ,,Dcs  que  les  hommes  ont  appliqué  à  la  valeur  des  choses  une
sorte  de  mesure  de  quantité  et  perfectionné  le  contrât  d'échange,  ils  ont
reconnu  non  seulement  que  cette  valeur  était  susceptible  d'accroissement
et  de  diminution,  mais  aussi  qu'elle  pouvait  s'abstraire  des  objets
aiurquels  elle  était  primitivement  attachée,  de  maniere  ii  subsister,  par
        <pb n="88" />
        78

Capitel  HL

D.  h.  ni.  a.  W.  ailes  Kapital  stellt  sich  —  angesichts ­
  der  Thatsache,  dass  für  Geld  jede  Waare  gekauft

line  sorte  de  métempsycose,  après  la  transformation  de  ces  objets,  par
réchange,  ou  par  rindustrie.  Qidun  laboureur,  par  exemple,  échange
une  mesure  de  blé  contre  un  mouton,  ou  contre  un  instrument  de
travail,  tes  richesses  dont  il  disposait  ont  changé  de  J'orme;
elles  consistent  en  d  \intres  objets,  sans  que  leur  utilité  et  leur  valeur ­
  aient  éprouvé  peut  être  ni  accroissement  ni  diminution.**  p.  22:
,,cette  abstraction  d'une  somme  d'utilités  ou  de  valeurs,
dont  l'existence  est  toujours  liée  à  celle  d'une  richesse  matérielle,  et
qui  cependant  a  des  lois  de  durée,  d'accroissement  et  de  diminution
complètement  indépendantes  de  celles  auxquelles  sont  soumis  tels  ou
tels  objets  matériels,  a  pris  un  nom:  c'est  ce  qu'on  appelle  un  capital.** ­
  ,,lJn  capital  est  toujours  une  somme  de  valeurs.**  p.  24:
,,le  mot  capital  suppose  —  l'idée  d'une  somme  de  valeurs
qui  peut  changer  de  forme  sans  périr  —,  et  complètement
indépendante  des  substitutions  qui  peuvent  être  opérées  dans  le  catalogue ­
  des  objets  dont  tes  valeurs  particulières  ajoutées  les  unes  aux
autres  forment  cette  somme.**
Auch  D.  Hume  ist  schon  dem  Wesen  des  Kapitals  wenigstens ­
  sehr  nahe  gekommen,  näher  als  der  grösste  Theil  der
späteren  englischen  und  deutschen  Schriftsteller,  die  aus  dem
Kapital  sehr  bald  eine  rein  technologische  Kategorie  gemacht
haben.  In  seinem  Aufsatz  „of  interest“  bemerkt  D.  Hume:  ,,///
order  to  have,  in  any  state,  a  great  number  of  lenders,  'tis  not  snfficient
  nor  requisite,  that  there  be  great  abundance  of  the  precious
metals.  'Tis  only  requisite  that  the  property  or  command  of  that
quantity,  which  is  in  the  state,  whether  great  or  small,  should  be
collected  in  particular  hands,  so  as  to  form  considerable  sums,  or
compose  a  great  money'd  interest.  This  begets  a  number  of  lenders,
and  sinks  the  rate  of  usury;  and  this,  /  shall  venture  to  a  ¡firm.
        <pb n="89" />
        Geld  und  Kapital.  .  79
und  wieder  verkauft  werden  kann  und  dass  der  Werth
jeder  Waare  messbar  ist  durch  den  Preis  —  als  etwas
der  Gestalt  nach  wandelbares  und  nur  der
Grösse  nach  constantes  dar^«).

depends  not  on  the  quantity  of  specie,  but  on  particular  manners
and  customs,  udiich  make  the  specie  gather  into  separate  sums  or
masses  of  considera  b  le  value.*'
38)  km  erinnert  das  an  das  „Gesetz  der  Erhaltung  der
Kraft  in  der  Natur;  nur  dass  dem  Begriff  Kapital  selbstverständigerweise ­
  kein  Naturgesetz  sondern  nur  ein  Gebot  des  wirtlischaftlichen
  Interesses  oder  l’rincip  des  wirthschaftlichen  Handelns
zu  Grunde  liegt.
Was  oben  im  Text  über  den  Begriff  Kapital  gesagt  wurde,
gilt  in  gleicher  Weise  auch  von  den  Begriffen  Kosten  und
Ertrag,  Gewinn  und  Verlust,  Vermögen  und  Einkommen. ­
  Denn  alle  diese  Begriffe  entstammen  der  Geldwirthschaft
oder  fussen  auf  der  Thatsache,  dass  der  Ausgangspunkt  und  das
Ziel  aller  Erwerbsthätigkeit  oder  jeder  wirthschaftlichen  Unternehmung ­
  nicht  sowohl  die  Verfügung  über  bestimmte  Güter  als  vielmehr ­
  die  Verfügung  über  bestimmte  Werthbeträge  ist,  gleichviel ­
  in  welcher  Gestalt  sich  diese  Werthbeträge  jeweilen  oder
momentan  befinden  mögen.  Weder  die  Merkantilisten,  welche
Geld  und  Geldeswerth  verwechselten,  noch  auch  Adam  Smith
und  seine  Nachfolger,  die  in  den  entgegengesetzten  Fehler  verfallen ­
  sind  und  Werth  und  Waare  verwechselt,  oder  gewissermassen
  die  Geldwirthschaft  vom  Standpunkt  der  Naturalwirthschaft
aus  beurtheilt,  haben,  sind  sich  dieser  fundamentalen  Thatsache
klar  bewusst  geworden,  wie  die  bezüglichen  Definitionen  beweisen,
denen  man  noch  jetzt  fort  und  fort  in  allen  Lehrbüchern  der
politischen  Ookonomie  begeg^net.
        <pb n="90" />
        80

Capitel  III.
Daher  ist  das  Geld  ganz  ebenso  gut  eine  Erscheinungsform ­
  des  Kapitals  wie  die  Waare.  In
der  That  stellt  nicht  nur  jeder  Ueberfluss  an  Geld,
sondern  überhaupt  alles  Geld,  welches  man  nicht  zu
Zahlungen  benöthigt,  die  in  der  Verausgabung  von
Geld  für  die  unmittelbare  Befriedigung  von  Bedürfnissen
oder  für  blose  Genusszwecke  ihren  Grund  oder  Ursprung
haben,  —  Kapital  dar.  Wahrend  dagegen  allerdings
Banknoten  und  Papiergeld  niemals  (unmittelbar)  Kapital
darstellen,  aus  dem  sehr  einfachen  Grunde,  weil  ihr
Werth^  wie  wir  schon  an  anderer  Stelle  hervorgehol)en
haben,  nur  ein  repräsentativer  ist,  und  daher  hier,  wie
auf  allen  Kredit,  das  englische  Sprüchwort  seine  Anwendung ­
  findet:  „You  can’t  eat  the  cake  and  have  it.“
Zu  der  dargelegten  Anschauung  über  das  Wesen
des  Kapitals  und  sein  Verhältniss  zum  Gelde  stimmt
auch  die  Unterscheidung  zwischen  „flüssigem“  und
„festem“  Kapital.  Denn  „flüssiges“  Kapital  —  oder
Kasse,  wie  kurzweg  die  Kaufleute  sagen  —  ist  nichts
anderes  als  Kapital  in  der  allgemeinen,  d.  h.  beliebig ­
  wandelbaren.  Gestalt  des  Geldes:  Für  Geld
lässt  sich  jede  Waare  kaufen.  Und  „festes“  Kapital  ist
nichts  anderes  als  Kapital  in  der  spezifischen,  d.  h.
nicht  beliebig  wandelbaren.  Gestalt  der  Waare:  Eine
Waare  lässt  sich,  wenigstens  zunächst  oder  unmittelbar,
        <pb n="91" />
        6

81

Geld  und  Kapital.
immer  nur  gegen  Geld  veräussern  oder  umsetzen  (und
auch  dies  nicht  einmal  immer  und  unbedingt;  man
denke  z.  B.  nur  an  die  Gefahr  einer  Absatzstockung).
Ferner  beruht  hierauf  auch  die  Unterscheidung
zwischen  „stehend  angelegtem“  Kapital  (sog.  „Anlagekapital“) ­
  und  „umlaufend  angelegtem“  Kapital
(sog.  „Betriebskai)ital“),  eine  Unterscheidung,  die  mit  der
vorigen  nicht,  wie  dies  gewöhnlich  geschieht,  verwechselt ­
  werden  darf,  da  sie  nicht  sowohl  auf  den  jeweiligen ­
  Formzustand  des  Kapitals,  d.  h.  die  Gestalt
desselben  in  einem  bestimmten  Augenblick,  als  vielmehr ­
  auf  die  Erscheinungsweise  des  Kapitals  im  \  erlaufe ­
  des  ganzen  Prozesses  oder  auf  die  Art  und  Weise,
wie  dasselbe  einem  bestimmten  Erwerbszwecke  dient,
Bezug  hat.  Alle  Kapitalanlage  nämlich  beginnt  ihrer
Natur  nach  mit  einer  Verausgabung  von  Geld,  d.  h.
einer  Eingehung  von  ZahlungsVerbindlichkeiten  oder
einem  Ankauf  von  Gütern  oder  Waaren  ^  »).  Das  so

3^)  ^£[1*  W.  Stanley  Jevons,  The  Theory  of  pol.  economy
p.  234:  ,,//  is  quite  in  agreement  wit/i  the  ordinary  language  of
commercial  men  not  to  say,  that  a  factory,  or  dock,  or  railway,
or  ship  is  capital,  but  that  it  represents  so  much  capital
sunk  in  the  enterprise.  To  invest  capital  is  to  spend
money*^,  —.  ,,  Much  clearness  would  result  from  making
the  language  of  Economy  more  nearly  coincident  with
        <pb n="92" />
        82

Capitel  III.

angelegte  Kapital  kann  nun  entweder  dazu  bestimmt
sein,  fortdauernd,  d.  h.  die  ganze  Zeit  hindurch,
während  dasselbe  dem  beireifenden  Erwerbszwecke  dient,
in  ein  und  derselben,  einmal  gewählten.  Gestalt  zu  verharren. ­
  In  diesem  Falle  ist  es  „stehend“  angelegt.
Oder  aber  es  kann  seine  Gestalt  im  Verlaufe  des  Prozesses ­
  wiederum  zu  wechseln,  d.  h.  früher  oder
später  wieder  in  die  Gestalt  des  Geldes  zurückzukehren,
bestimmt  sein,  ln  diesem  Falle,  wo  das  Kapital  immer
von  Neuem  wieder  die  Gestalt  des  Geldes  annimmt,
oder  bald  in  der  Gestalt  des  Geldes,  bald  in  der  Gestalt ­
  der  VVaare  auftritt,  während  es  im  Dienste  eines
bestimmten  Erwerbszweckes  steht,  ist  es  „umlaufend“
angelegt.
Die  Unterscheidung  zwischen  „umlaufend“  und  „stehend“ ­
  angelegtem  Kapital  liegt  also  nicht,  wie  gewöhnlich ­
  behauptet  wird,  darin,  dass  das  erstere  mit  einem
¡Víale  „verbraucht“  oder  „reproducirt“,  das  letztere  dagegen ­
  nur  „abgenutzt“  oder  allmählig  verbraucht  oder
reproducirt  würde,  noch  auch,  wie  Andere  behauptet
haben,  darin,  dass  das  erstere  den  Besitzer  wechseln
würde,  während  das  letztere  dagegen  die  ganze  Zeit

that  of  commerce.  Jccordin^lxi  I  would  not  say,  that  a  railway
is  fixed  capital,  but  that  capital  is  fixed  in  the  railway.**
        <pb n="93" />
        6»

83

(reíd  und  Kapital.
hindurch  in  ein  und  derselben  Hand  verbleibt  Vielmehr ­
  ist  das  alles  nur  eine  Verwechslung  des  Kapitals
mit  seiner  momentanen  Erscheinungsweise  d.  h.  den  einzelnen ­
  Gütern,  in  denen  sich  das  Kapital  zufällig  gerade,
momentan  oder  dauernd,  verkörpert*^i).  Denn  nur

40)  Vgl.  A.  Smith,  B.  IL  Ch.  1:  ,,//g  makes  a  profit  of
lhe  one  by  keeping  it  in  his  own  possession,  and  of  the  other  by
parting  with  it.  The  fixed  capital,  of  which  the  characteristic
ts,  that  it  affords  a  revenue  or  profit  without  circulating  or  changing
masters.  It  consists  chiefly  of  the  four  following  articles^‘  etc.  —
,,7//e  circulating  capital,  of  which  the  characteristic  is,  that  it  affords ­
  a  revenue  only  by  circulating  or  changing  masters.  It
is  composed  likewise  of  four  parts  etc.**
Ricardo,  Principl.  of  P.  Econ.  p.  51:  „According  as  capital ­
  IS  rapidly  perishable  and  requires  to  be  frequently  reproduced, ­
  or  IS  of  slow  consumption  it  is  classed  under  the  heads  of
circulating  or  of  fixed  capital.  *  *
J.  Stuart  Mill,  B.  I  Ch.  VI:  ,,Capital  which  —fulfils  the
whole  of  his  office  in  the  production  in  which  it  is  engaged  by  a
single  use,  is  called  circulating  capital.**  „Circulating  cupital
  —  does  its  work,  not  by  being  kept,  but  by  changing ­
  hands.**  „Of  fixed  capitals,  some  kinds  require  to  be
occnsionaly  or  periodically  renewed.  Such  are  all  implements  and
buildings**.  Hier  tritt  die  Verwechselung  des  Kapitals  mit  seinen ­
  einzelnen  Erscheinungsformen  sehr  deutlich  zu  Tage.  Vgl.
auch  p.  46:  ,,Most  kinds  of  capital  are  not  fitted  by  their
nature  to  be  long  preserved.**  „Capital  is  kept  in  existence ­
  from  age  to  age,  not  by  preservation,  but  by
perpetual  reproduction**.
41)  Daher  auch  die  übliche  „Eintheilung  der  Kapitalien“  oder
        <pb n="94" />
        84

Capitel  TIL
die  einzelnen  Güter  oder  Güterciuantitäten  werden  „verbraucht“ ­
  resp.  „abgenutzt“,  oder  „reproducirt“,  oder
wechseln  den  Besitzer.  Bas  Kapital  selbst  dagegen

Aufzählung  der  verschiedenen  „Güterklassen,  in  welchen  das  Kapital ­
  eines  Landes  vornehmlich  bestehe“,  gar  keinen  Sinn  hat.
Man  kann  wohl  die  in  einem  Lande  vorhandenen  Kapitalien  summiren,
  oder  wenigstens  eine  Wahrscheinlichkeitsberechnung
über  den  Gesammtbetrag  derselben  an  stellen,  aber  man  kann  niemals ­
  auf  Grund  des  Augenscheines  gewissermassen  ein  Inventar ­
  darüber  aufnehmen,  weil  eben  der  Werth  nichts  (unmittelbar) ­
  sichtbares  oder  greifbares  ist.
Ebenso  beruht  auch  der  bekannte  Streit,  ob  Grundstücke  als
„Kapitalien“  zu  betrachten  seien  oder  nicht,  nur  auf  einer  von
vornherein  falsch  gestellten  Frage.  Grundstücke  sind  weder  „Kapitalien“, ­
  noch  „keine  Kapitalien“,  sondern  einfach  eine  Kapitalanlage, ­
  wenigstens  da,  wo  der  Grund  und  Boden  nicht  „gebunden*,
sondern  eine  Waare  ist,  oder  einen  Preis  hat.  In  England  pflegt
dies  letztere  nur  zum  geringsten  Theil  der  Fall  zu  sein.  Und
daraus  erklärt  es  sich  auch,  warum  die  englische  Theorie  den
Grund  und  Boden  nicht  als  eine  Kapitalanlage  behandelt,  sondern
vielmehr  dem  Kapital  als  eine  eigene  Erwerbs-  oder  Ertragsquelle
gegenübergestellt  hat,  eine  Auffassung,  die  denn  auch  die  meisten
deutschen  Oekonomisten  fehlerhafterweise  adoptirt  haben.  Es  hängt
damit  auch  die  bekannte  Grundrententheorie  Ricardos  zusammen,
denn  der  Fehler  an  dieser  Theorie  besteht  in  letzter  Instanz  einfach ­
  darin,  dass  sie  den  Kapitalwerth  des  Grund  und  Bodens  oder
m.  a.  W.  die  simple  Thatsache  ganz  ausser  Acht  lässt,  dass,  wenn
der  fruchtbarere  Boden  eine  grössere  Einnahme  liefert  als  der  unfruchtbarere, ­
  der  erstere  dem  entsprechend  auch  verhältnissmässig
theurer  ist  als  der  letztere.
        <pb n="95" />
        85

Geld  und  Kapital.
wird  weder  „verbraucht“  noch  „abgenutzt“,  so  wenig
wie  „producirt“  oder  „feproducirt“,  noch  auch  wechselt
es  den  Besitzer,  so  lange  es  überhaupt  einem  bestimmten ­
  Erwerbszwecke  dient.  Vielmehr  gehört  es  gerade
zum  Wesen  des  Kapitals,  dass  dasselbe  erhalten
bleibt  oder  wenigstens  erhalten  zu  bleiben  bestimmt  ist,
und  dass  dasselbe  fortdauernd,  d.  h.  die  ganze  Zeit
hindurch,  so  lange  es  einem  bestimmten  Erwerbszwecke
dient,  in  ein  und  derselben  Hand,  der  Hand
des  betreffenden  Unternehmers,  verbleibt,  da  es  ja
nur  unter  dieser  Voraussetzung  überhaupt  einen  bestimmten ­
  Ertrag  oder  Gewinn  zu  liefern  im  Stande
isU^^).  Kapital  geht  daher  auch  immer  nur  so  lange,

42)  Was  natürlich  nicht  ausschliesst,  dass  es  auch  eine  Kapitalanlage ­
  gibt,  welche  nicht  dem  Erwerbe  dient,  sondern  nur
eine  fortlaufende  „Nutzung“  von  bestimmtem  Geldwerthe  abwirft.
Man  denke  z.  E.  an  den  Ankauf  eines  Wohnhauses,  welches  der
Besitzer  nicht  vermiethet,  sondern  nur  selbst  bewohnt.  In  diesem
halle  träg^  das  Kapital  dem  Besitzer  gewissermassen  in  natura
d.  h.  insofern  Zinsen,  als  er  dadurch  die  Wohnungsmiethe  erspart.
Es  ist  offenbar  ganz  das  gleiche,  ob  man  eine  fortlaufende  Einnahme ­
  erzielt,  auf  Grund  deren  man  eine  fortlaufende  nothwendige
  Ausgabe  zu  bestreiten  in  der  Lage  ist,  oder  ob  man  sich  diese
fortlaufende  Ausgabe  ein  für  allemal  unmittelbar  erspart.  Wesentlich ­
  für  den  Begaff  des  Kapitals  ist  immer  nur,  dass  der
Werthbetrag,  über  welchen  man  verfügt,  eine  wirthschaftliche
  Kraft  darstellt,  d.  h.  gross  genug  ist,  um  eventuell  als
        <pb n="96" />
        86  Capitel  III.  Geld  und  Kapital.
als  es  unangelegt  ist,  und  im  Wege  des  Kredits  oder
der  Leihe,  nicht  im  Wege  des  blosen  Umsatzes  oder
Kaufs  oder  Verkaufs  von  Waaren,  aus  einer  Hand  in
die  andere.

Erwerbsquelle  dienen  zu  können,  gleichviel,  in  welcher  Gestalt ­
  sich  nun  dieser  Werthbetrag  grade  im  Augenblicke  befinden
mag,  und  ob  man  von  demselben  immer  auch  wirklich  im  Sinne
des  Erwerbs  Gebrauch  macht  oder  nicht.  Schliesslich  gibt  es  ja
auch  „todtes“  Kapital,  d.  i.  Kapital,  welches  so  angelegt  ist,  dass
cs  gar  keinen  Nutzen  abwirft,  der  in  Geld  veranschlagt  werden
kann.
        <pb n="97" />
        Capitel  IV.

Geldmenge  und  Zinsfuss.
Während  man  ehemals  den  Zinsfuss  als  ausschliesslich ­
  abhängig  erachtete  von  der  vorhandenen  Menge  an
Geld,  in  ihrem  Verhältniss  zum  Bedarf^3),  steht  es  nur
im  Einklang  mit  der  herrschenden  Anschauung  über  das
Wesen  des  Kapitals,  wenn  von  den  meisten  Schriftstellern ­
  der  vorhandenen  Menge  an  Geld  auch  so  gut  wie
jeder  Einfluss  auf  den  Zinsfuss  abgesprochen  und  nur
der  vorhandenen  Menge  an  Kapital  oder  dem  angehäuf-43)

  Vgl.  J.  Locke  a.  a.  0.  p.  10:  ,,That  which  constantly
raises  the  natural  interest  of  money,  is,  when  money  is  little  in  proportion ­
  to  the  trade  of  a  country.*^  p.  72:  ,,The  natural  value  of
money,  as  it  is  apt  to  yield  such  an  yearly  income  by  interest,  depends ­
  on  the  whole  quantity  of  the  then  passing  money  of  the  kingdom, ­
  in  proportion  to  the  whole  trade  of  the  kingdom  or  the  general
vent  of  all  the  commodities.**
        <pb n="98" />
        88  Capitel  IV.
ten  Vorralh  an  Gütern  oder  Waaren  ein  Einfluss  auf
den  Zinsfuss  zugestanden  wird,  und  diese  Thesis  damit
begründet  wird,  dass  es  demjenigen,  der  ein  Darlehn
aufnehme,  nicht  sowohl  um  das  Geld,  als  vielmehr  nur
um  die  Güter  oder  Waaren  zu  thun  sei,  welche  er  sich
vermittelst  des  Geldes  zu  kaufen  vermöge'*^).

44)  Vgl.  schon  D.  Hume,  Of  interest:  ,,Those,  who  have  asserted, ­
  that  the  plenty  of  money  was  the  cause  of  low  interest,  seem
to  have  taken  a  collateral  effect  for  a  cause,  since  the  same  industry, ­
  which  sinks  the  interest  does  commonly  acquire  (¡¡real  abundance
of  the  precious  metals.  —  But  tho'  both  these  eßects,  plenty  of  money ­
  and  low  interest,  naturally  arise  from  commerce  and  industry
they  are  altogether  independent  of  each  other.  —  The  greater
or  less  quantity  of  money  in  a  state  has  no  influence
on  the  interest.  But  it  is  evident  that  the  greater  or
less  stock  of  labour  and  commodities  must  have  a  great
influence;  since  we  really  and  in  effect  borrow  these,
when  we  take  money  upon  interest.**
Hi  car  do.  The  high  price  of  bullion  etc.  p.  284:  ,,The
rate  of  interest  is  not  regulated  by  the  abundance  or
scarcity  of  money,  but  by  the  abundance  or  scarcity  of  that
part  of  capital  not  consisting  of  money.**
J.  St.  Mill,  Principl.,  Ch.  VIII  p.  297:  ,,lHiat  he  really
lends  is  so  much  capital,  the  money  is  the  mere  instrument  of  transfer.**
Vgl.  ferner  u.  A.  A.  Wagner,  Beiträge  zur  Lehre  von  den
Banken  p.  33.
0.  Michaelis,  Noten  und  Depositen  (Schriften,  Berlin
1879:  p.  342,  364).
Knies,  Geld  und  Credit  II  2  p.  236.
        <pb n="99" />
        89

Geldmenge  und  Zinsfuss.
Bis  zu  einem  gewissen  Grade  ist  diese  Argumentation ­
  und  die  daraus  gezogene  Schlussfolgerung  ganz
richtig;  allein  sie  passt  nur  auf  die  Börse,  nicht  aber
zugleich  auch  auf  das  Bankgeschäft,  d.  i.  die  Annahme ­
  von  Depositen  auf  der  einen  Seite,  die  Diskonti ­
  rung  von  Wechseln  und  Belehnung  (Lombardirung)
  von  Waaren  oder  Forderungen  auf  der
anderen  Seite.
Denn  demjenigen,  der  eine  Bank  um  die  Diskonlirung
  eines  \V  echsels  oder  um  die  Gewährung  eines
Lombard  Vorschusses  angeht,  ist  es  keineswegs  um
(len  Ankauf  von  Waaren,  oder  um  die  Verausgabung ­
  von  Geld,  oder  die  Eingehung  von  Zahlungsverbindlichkeiten, ­
  sondern  vielmehr,  wenigstens  zunächst
und  in  der  Regel,  nur  oder  speciell  um  die  Ausführung ­
  von  Zahlungen  oder  die  Erfüllung  bereits  eingegangener ­
  ZahlungsVerbindlichkeiten  zu  thun.  M.  a.  W.
Es  fehlt  ihm  nicht  an  Kapital  überhaupt  ochir  an
Kapital  zum  Zweck  der  Veranlagung,  sondern
es  fehlt  ihm,  wenigstens  zunächst  und  in  der  Regel,  nur
an  flüssigem  Kapilal  oder  Kasse*^^).  Es  handelt  sich
45)  Auch  die  Diskontirung  von  „Gefälligkeitsaccepten“
dient  in  der  Regel  nur  einem  Bedarf  an  Kasse.  Denn  die  meisten
Gefiilligkeitsaccepte  verdanken  ihren  Ursprung  nicht  dem  Umstande, ­
  dass  es  dem  betreffenden  Kaufmann  oder  Gewerbetreiben-
        <pb n="100" />
        í)0

Capitel  IV.

ihm  nicht  sowohl  darum,  eine  gewisse  Zeit  lang
über  einen  bestimmten  Werthbetrag  zu  verfügen,  als

den  an  Kapital  fehlt,  sondern  nur  dem  Umstande,  dass  es  ihm  an
Kasse  fehlt,  resp.  dass  er  die  Waaren,  die  er  auf  Kredit  gekauft
hat,  bis  dato  noch  nicht  an  den  Mann  zu  bringen  vermochte.
Vielleicht  in  Folge  einer  Absatzstockung  oder  auch  weil  der  Ort,
wo  er  sie  auf  den  Markt  bringt,  ein  anderer  ist,  als  wo  er  sie
kaufte,  und  daher  zwischen  dem  Ankauf  und  Verkauf  von  Waaren
nothwendigerweise  eine  gewisse,  längere  oder  kürzere,  Zeit  verstreicht. ­
  Ein  Kaufmann  z.  B.  in  Calcutta  habe  Waaren  gekauft,
um  sie  in  London  wieder  zu  verkaufen.  Er  ersucht  seinen  Agenten,
einen  Banquier,  in  London  um  ein  „Gefälligkeitsaccept“,  durch
dessen  Diskontirung  in  Calcutta  er  in  den  Besitz  von  Kasse  gelangt, ­
  d.  h.  in  die  Lage  versetzt  wird,  seine  Accepte  einzulösen,
bevor  er  noch  seine  Waare  in  London  verkauft  hat.  Anders  dagegen ­
  liegt  die  Sache  bei  den  sog.  „Reitwechseln.“  Diese
verdanken  ihren  Ursprung  nicht  einem  blosen,  momentanen,  Mangel ­
  an  Kasse  sondern  einem  Mangel  an  Kapital.  Der  Reitwechsel ­
  soll  dem  betreffenden  Kaufmann  überhaupt  die  nöthigon
Mittel  zum  Kaufen  verschaffen,  nicht  ihm  blos  die  Ausführung  von
Zahlungen  ermöglichen,  bevor  sein  Kapital  flüssig  geworden.  Indess
  ist  ja  die  Diskontirung  von  Reitwechseln  kein  normales
Bankgeschäft,  sondern  vielmehr  ein  Missbrauch,  gegen  den  die
Banken  bekanntlich  auch  auf  der  Hut  zu  sein  pflegen,  da  sie
dadurch,  ohne  ihr  Wissen  und  gegen  ihren  Willen,  zum  stillen
Theilhaher  von  Spekulationen  gemacht  werden,  bei  denen  das
ganze  vorgeschossene  Kapital  verloren  gehen  kann.  Die  Banken
können  einen  derartigen  Verlust  um  so  weniger  riskiren,  als  sie
—  im  Gegensatz  zu  einem  einfachen  Geldverleiher  —  ja  wesentlich ­
  mit  fremdem,  ihnen  nur  anvertrautem,  Kapital  das  Discontogeschäft
  betreiben.
        <pb n="101" />
        91

Geldmcmje  und  Zinsfuss.
vielmehr  darum,  über  einen  bestimmten  Werthbetra^
im  Momente  grade  in  der  Gestalt  des  Geldes  zu  verfügen. ­
  Dass  dies  so  ist,  beweist  schon  der  Umstand,
dass  der  Vorschuss,  den  er  von  der  Bank  begehrt,  nur
ein  Vorschuss  auf  kurze  Zeit  ist,  d.  h.  immer  nur
bis  zu  dem  Augenblicke  währt  oder  gemeint  ist,  wo
seine  Wechsel  fällig  oder  seine  Waaren  verkauft  sein
werden.  Würde  es  ihm  an  Kapital  überhaupt,  oder  an
Kapital  zum  Zwecke  der  Veranlagung  fehlen,  dann
würde  er  sich  nicht  mit  einem  blossen  Vorschuss  auf
kurze  Zeit  begnügen,  wodurch  er  höchstens  in  den  Stand
gesetzt  wird,  bereits  begonnene  oder  halb  vollendete  Operationen ­
  zum  Abschluss  zu  bringen,  sondern  er  würde
vielmehr  statt  dessen  ein  Anlehen  aufzunehmen  trachten, ­
  welches,  wie  z.  B.  ein  Hypthekaranlehen,  ihn  nicht
nur  für  den  Augenblick  oder  vorübergehend,  sondern
vielmehr  dauernd  oder  auf  längere  Zeit  mit  Kapital  versorgt, ­
  und  ihm  so  nicht  nur  den  Abschluss  bereits  begonnener ­
  oder  halb  vollendeter  Operationen  ermöglicht,
sondern  ihn  auch  in  den  Stand  setzt  neue  Operationen
in  grösserem  Maassstabe  zu  beginnen.
Und  in  gleicher  Weise  ist  auch  der  Grund,  warum
.lemand  Geld  bei  einer  Bank  deponirt,  nicht  sowohl  der,
(lass  er  mehr  Kapital  besitzt,  als  er  anzulegen  vermag, ­
  oder  als  die  Summe  der  ZahlungsVerbindlichkeiten
        <pb n="102" />
        92

Cajñtcl  IV.

beträgt,  die  er  im  Interesse  des  Erwerbs  überhaupt  einzugehen ­
  in  der  Lage  ist,  als  vielmehr,  wenigstens  zunächst ­
  und  in  der  Regel,  nur  der,  dass  im  Augenblick
sein  Kassenbestand  die  Summe  seiner  (im  Interesse
des  Erwerbs)  eingegangenen  und  fällig  gewordenen  Zahlungsverbindlichkeiten ­
  überschreitet.  Das  erhellt  schon
daraus,  dass  er  das  Geld  immer  nur  unter  der  Bedingung
bei  der  Bank  deponirt,  dass  er  dasselbe  binnen  Kurzem
oder  im  Falle  des  Bedarfs  sofort  wieder  herausnebmen
kann.  Würde  es  sich  um  einen  Uebeifluss  an  Kapital
überhaupt  oder  zum  Zweck  der  Veranlagung  handeln,
so  würde  er  es  nicht  bei  dieser  Üeponirung  bewenden
lassen,  sondern  er  würde  sich  vielmehr  Werthpapiere
kaufen,  zumal  da  für  Depositen,  eben  mit  Rücksicht  auf
ihre  nur  kurze  Dauer  oder  rasche  Kündbarkeit,  doch
immer  nur  verhältnissmässig  sehr  niedrige  Zinsen,  ja,
wenn  die  Depositen  auf  Verlangen  rückzahlbar  sind
(„at  call“),  unter  Umständen  gar  keine  Zinsen  gewährt
werden
Sache  der  Banken  ist  es  also  nicht  sowohl,  „Handel
und  Industrie  mit  Kapital  zu  unterstützen“,  oder  mit

46)  So  gewährt  bekanntlich  z.  B.  die  Bank  of  England  für
Depositen  in  Contocorrent  keine  Zinsen.
        <pb n="103" />
        93

Geldmenge  und  Zinsfuss.
„Kaufbefäliigung“  (purchasing  power)•*^),  als  vielmehr
nur,  denjenigen  Kaufleuten  oder  (gewerbetreibenden,
denen  es  nicht  an  Kapital  oder  „Kaufkraft“  fehlt,  im
Falle  des  Bedarfs  mit  Kasse  auszuhelfen,  damit  sie
nicht  aus  blossem  Mangel  an  Kasse  ihre  Waaren  à
tout  prix,  und  daher  mit  Verlust,  loszuschlagen  oder
gar  zu  falliren  genölhigt  sind.  Das  Bankgeschäft  ist
m.  a.  W.  nicht  sowohl  ein  „Handel  mit  Kapital“,
zum  Zweck  der  Veranlagung,  als  vielmehr  nur  ein
„Handel  mit  Kasse“.  Weshalb  auch  gegen  die
Bezeichnung  „Geldmarkt“  nichts  einzuwenden  ist,
vorausgesetzt  nur,  dass  man  darunter  nicht  die  Börse,
d.  h.  den  „Kapitalmarkt“,  versteht^").
47)  Wie  z.  B.  A.  Wagner  meint.  Vgl.  dessen  Beiträge  zur
Lehre  von  den  Banken  p.  33.
48)  In  England  sind,  wie  ich  schon  in  meinem  „Chequessystem“
  hervorgehoben  habe,  Bank  und  Börse  auch  in
der  Praxis  scharf  von  einander  geschieden.  Denn  der  englische
„banker“  beschränkt  sich  darauf,  Depositen  anzunehmen  und
Wechsel  zu  diskontiren  oder  Waaren  resp.  Forderungen  zu  belehnen, ­
  während  er  dagegen  den  Handel  mit  Effekten,  die  Negoziirung
  von  Anlehen  und  die  Gründung  oder  „Finanzirung“  von
Aktiengesellschaften,  wie  überhaupt  das  „Operiren“  und  „Spekuliron“
  auf  der  Börse,  dem  „foreign  Banker“  oder  „merchant“  à
la  Rothschild  überlässt.  Auf  dem  Continent  ist  diese  principielle
Trennung  von  Bank  und  Börse  noch  nicht  durchgeführt.  Siehe
darüber  meine  Schrift  über  „Das  Chequessystem  und  das  Clearinghouse ­
  in  London.“
        <pb n="104" />
        94

Capitel  IV.

Daher  ist  auch,  wenn  es  sich  um  die  Trage  nach
den  ßestimmungsgründeii  des  Zinsfusses  handelt,  immer
der  Bankzinsfuss  oder  Diskonto  von  dem  Börsenzinsfuss
  zu  unterscheiden.
Dass  ein  Ueberfluss  oder  Mangel  an  Geld  keinen,
wenigstens  unmittelbaren,  Einfluss  auf  den  Börsenzinsfuss
  oder  die  Eflcctenkurse  ausübt,  ausser  wenn  der
Ueberfluss  oder  Mangel  an  Geld  zugleich  ein  Ueberfluss
oder  Mangel  an  Kapital,  zum  Zweck  der  Veranlagung,
ist,  was  er  ja  keinesweges  immer  zu  sein  braucht,  das
unterliegt  allerdings  keinem  Zweifel.  Etwas  anderes  ist
es  dagegen  mit  dem  Bankzinsfuss  oder  Diskonto.  Denn
jeder  Ueberfluss  an  Geld  ist  eo  ipso  auch  immer  ein
Ueberfluss,  wenn  auch  nicht  an  Kapital  überhaupt,  doch
an  Kapital  speciell  in  flüssigem  Zustande,  oder  an  Kasse,
da,  wenn  man  über  mehr  Geld  verfügt,  als  man  überhaupt ­
  zur  Erfüllung  von  ZahlungsVerbindlichkeiten  bedarf, ­
  man  natürlich  eo  ipso  auch  über  mehr  Geld  verfügt, ­
  als  man  zur  Erfüllung  von  speciell  im  Interesse
des  Erwerbs  eingegangenen  Zahlungs  Verbindlichkeiten
benöthigt.  Und  jeder  Mangel  an  Geld  muss,  wenn  er
sich  auch  dem  Begriffe  nach  nicht  mit  einem  Mangel  an
flüssigem  Kapital  deckt,  sich  doch  immer  thatsächlich  als
ein  Mangel  an  flüssigem  Kapital  äussern,  da  ihm  ja  nur
im  W  ege  des  Kredites  abgeholfen  werden  kann.  Daher
        <pb n="105" />
        95

Geldmenge  und  Zinsfuss.
muss  auch  jeder  Ueberfluss  oder  Mang-el  an  Geld,  durch
das  Medium  der  Banken  hindurch,  auf  den  Bankzinsfuss
oder  Diskonto  ein  wirken

49)  Auf  diesen  Zusammenhang  zwischen  der  Menge  oder
dem  Bedarf  an  Geld  und  dem  Disconto  ist  auch  schon  u.  A.  von
Laveleye  als  auf  eine  Thatsache  hingewiesen  worden,  die  mit
der  traditionellen  Theorie,  wonach  der  Zinsfuss  nur  von  der  vorhandenen ­
  Menge  an  Kapital  abhänge,  in  eclatantem  Widerspruch
stehe.  Vgl.  dessen:  Geld  und  Handelskrisen  (Le  marché  monétaire
depuis  cinquante  ans).  Aus  dem  Franz.  Cassel  1865,  p.  63  ff.
und  ferner:  Die  Doppelwährung  Nördlingen,  1876  p.  18:  „Die
grösste  Anzahl  Her  f  o/hswirthe  hat  von  jeher  behauptet,  dass  es
der  Veberßuss  an  Capitalien,  IGaaren  und  Produkten,  nicht  aber
derjenige  des  Geldes  sei,  welcher  den  massgebenden  Einßuss  auf  den
Interessensatz  ausübe.  Davon  ausgehend  hatte  Michel  Chevalier
auch  vorgeschlagen,  den  aus  dem  Englischen  entlehnten  Ausdruck
,,GeldmarkD*  {money  market)  durch  ein  ,,trej}enderes*‘  IVort  zu  ersetzen, ­
  nämlich  hapilalienmarkt,**  —  ,,Eür  unsere  Einanzjournale
und  Berichte  vom  money  market  existirf  wohl  keinerlei  Zweifel,  dass
der  knappe  oder  reichliche  Zustand  des  Geldmarktes  von  grösstem
Einfluss  auf  die  Höhe  des  Diskontos  ist.  Gegenwärtig  {Mai  1876),
wo  alle  Londoner  Banken  bis  oben  gefüllt  sind,  beträgt  der  dortige
Disconto  zwei  Prozent,  lör  zwei  Jahren  betrug  er  an  denselben
Stellen  neun  Prozent,  weil  Deutschland  damals  mittelst  der  von  Frankreich ­
  zur  Bezahlung  der  Ixriegsentschädigungen  gelieferten  Tratten
und  Bimessen  das  Geld  aus  der  Bank  von  England  herauszog.  Der
Geldmarkt  •  ist  so  empfindlich  für  die  Einflüsse  des  werthvollen  Meta ­
  lies  ,  dass  oft  schon  die  Ankunft  eines  einzigen  Schiffes  mit  einigen ­
  Millionen  von  Australien  hinreichte,  um  den  Disconto  um  ein
Procent  zu  drücken.  Die.se  Thatsache  ist  augenscheinlich  und  unbe-
        <pb n="106" />
        96

Capitel  IV.

Auf  diese  Weise  erklärt  es  sich  ja  auch,  warum
der  Zitisfuss  oder  Diskonto,  im  Gegensatz  zum  Börsenzinsfuss,
  so  bedeutende  Schwankungen  aufweist  denn

sfreithar,  und  dennoch  koprtziren  sich  gewisse  vo/lswirthschaffliehe
Sehriffste/ler  darauf,  sie  in  Jbrede  zu  stellen.“
Laveleye  begeht  nur  den  Fehler,  nicht  zwischen  Baukzinsfuss
  (Disconto)  und  Börsenzinsfuss  zu  unterscheiden  und  daher
zu  übersehen,  dass  ein  Ueberfluss  oder  Mangel  an  Geld,  wenigstens ­
  zunächst  oder  unmittelbar,  nur  auf  den  Bankzinsfuss,  nicht
aber  auch  auf  den  Börsenzinsfuss  einwirken  kann.
50)  So  bemerkt  auch  J.  M,  Mill,  —  im  Widersprucli  mit
der  von  ihm^  anfänglich  aufgestellten  allgemeinen  Theorie  über  Kapital, ­
  Kredit  und  Zinsfuss  —,  Principles  etc.  B.  III  Ch.  XXIII:
,,There  is,  however,  -a  frequent  ease,  in  which  the  purpose
of  the  borrowèr  is  different  from  what  I  have  here  supposed.  He
may  borrow  money,  neither  to  employ  it  as  capital  nor  to  spend
it  unproductively,  but  to  pay  a  previous  debt.  In  this  case,
what  he  wants  is  not  pure  hasing  power,  but  legal  tender,
or  something  which  a  creditor  will  accept  as  equivalent  to  it.  U  is
need  is  specific  ally  for  money,  not  for  commodities  or
capital.  It  is  the  demand  arising  from  this  cause,
which  produces  almost  all  the  great  and  sudden  variations ­
  oj  the  rate  of  interest.  Such  a  demand  forms  one
of  the  earliest  features  of  a  commercial  crisis,  .,4t  such  a
period,  many  persons  in  business  who  have  contracted  engagements,
have  been  prevented  by  a  change  of  circumstances  from  obtaining
in  time  the  means  on  which  they  calculated  for  fulfilling  them.
These  means  they  must  obtain  at  any  sacrifice,  or  submit  to  bankruptcy ­
  ;  and  what  they  must  have  is  money.  Other  capital,  however
much  of  it  they  may  possess,  cannot  answer  the  purpose  unless  money ­
  cun  first  be  obtained  for  it  ;  while,  on  the  contrary,  without
        <pb n="107" />
        97

Geldmenge  und  Zinsfuss.
während  der  Bedarf  an  Kapital  überhaupt,  oder  an  Kapital ­
  zuiii  Zwecke  der  Veranlagung-,  sich  immer  nur  allmählig
  oder  in  grösseren  Zwischenräumen  ändert,  wechselt ­
  dagegen  die  Summe  der  auszuführenden  Zahlungen
oder  der  Bedarf  an  Geld  von  einem  Zeitpunkt  auf  den
andern.  Handelt  es  sich  nur  um  im  Inlande  zu  beweikstelligende
  Zahlungen,  so  braucht  allerdings  ein
Mangel  an  Geld  noch  kein  Steigen  des  Diskontos  zur
Folge  zu  haben,  da  in  diesem  Falle  dem  Mangel  einfach ­
  im  Wege  der  Emission  von  Noten,  oder  der  Creirung
  von  (juthaben  in  Contocorrent  abgeholfen  werden
kann.  Liegt  dagegen  ein  Mangel  an  Geld  zum  Zweck
der  Bewerkstelligung  von  Zahlungen  nach  dem  Auslande ­
  vor,  was  ahu  voraussetzt,  dass  der  Stand  der
\Vechselkurse  dem  Ausland  gegenüber  ein  ungünstiger ­
  ist,  oder  m.  a.  W.  dass  die  dem  Auslande  gegenany

  increase  of  the  capital  of  the  country,  a  mere  increase  of  circulating ­
  instruments  of  credit  {be  they  as  little  worth  for  any  other
purpose  as  the  box  oj  one  pound  notes  discovered  in  the  vaults  of  the
Hank  of  England  during  the  panic  of  1825)  will  effectually  serve
their  turn,  f  only  they  are  allowed  to  make  use  of  it.  .In  increased ­
  issue  of  notes,  in  the  form  of  loans,  is  all  that  is  required  to
satisfy  the  demand,  and  put  an  end  to  the  accompanying  panic.“
Auch  Mill  ist  es  indess  nicht  klar  geworden,  dass  hier  ein
principieller  Unterschied  zwischen  Bank  und  Börse  vorliegt  und  dass
mau  demgemäss  zweierlei  Arten  von  Zinsfuss  zu  unterscheiden  hat.
        <pb n="108" />
        98

Capitel  IV.

über  ein^egangenen  Zahl  ungs  Verbindlichkeiten  nicht
einfach  im  Wege  der  Kumpensation  ihre  Erledigung  zu
finden  vermögen,  dann  muss  noth  wendigerweise  eine
Erhöhung  des  Diskontos  erfolgen,  da  zu  Zahlungen
nach  dem  Auslande  immer  Baargeld  erforderlich  ist.
ln  gleicher  Weise  ruft  auch  ein  Ueberfluss  an  Deld
noch  kein  Sinken  des  Diskontos  hervor,  sobald  man
nur  mehr  Geld  besitzt,  als  man  zu  Zahlungen  im
Inlande  benöthigt,  da  in  diesem  Falle  der  Ueberfluss
an  Geld  zu  Zahlungen  im  Inlande  einfach  zu  Zahlungen ­
  nach  dem  Auslande  Verwendung  findet,  während ­
  dagegen  in  dem  Falle,  wo  man  auch  mehr  Geld
besitzt,  als  man  zu  Zahlungen  nach  dem  Auslande  bedarf, ­
  d.  h.  wo  man  mehr  Geld  besitzt,  als  man  überhaupt ­
  benöthigt,  der  Diskonto  nothwendigerweise  sinken ­
  muss.
Wenn  man  bedenkt,  wie  verhiiltnissmässig  wenig
Daargeid  z.  B.  die  Bank  of  England  vorrathig  zu  halten
pflegt,  und  dass  es  ausser  diesem  Baarvorrath  fast  keine
anderen,  für  die  Erfüllung  von  Zahlungsverbindlichkeiten
dem  Auslande  gegenüber  verfügbaren,  Baarbeslände  in
England  giebt,  so  begreift  man  die  Sprünge,  welche  der
Diskonto  dort  zuweilen  ausführt.  Wie  sich  denn  auch
aus  der  verhältnissmiissigen  Geringfügigkeit  jenes  Baarvorraths
  mit  die  Häufigkeit  der  Handelskrisen  in  Eng-
        <pb n="109" />
        7*

99

Geldmenge  und  Zinsfuss.
land  (im  Vergleich  z.  B.  zu  Frankreich)  erklärt,  da  ja
die  meisten  Handelskrisen,  wie  schon  von  anderer  Seite
hervorgehoben  worden  ist,  nicht  sowohl  in  einem  ¡Mangel
an  Kapital,  als  vielmehr  nur  in  einem  Mangel  an  Kasse,
und  zwar  an  Kasse  in  Gestalt  von  baarem  Geld,  ihren
Grund  oder  Ursprung  habendi),  in  Folge  einer  Absatzstockung ­
  kann  eben  auch  der  reichste  Mann  unter
Umständen  in  Geldverlegenheit  gerathen  und,  wenn  ihm
die  Banken  nicht  in  diesem  Falle  unter  die  Arme  greifen,
trotz  aller  seiner  Aktiva  zur  Einstellung  seiner  Zahlungen
genöthigt  sein.

51)  Siehe  Level  eye,  Die  Geld-  und  Handelskrisen,  der
zur  Illustration  der  Thatsache,  dass  viele  Handelskrisen  ihren
Grund  nur  in  einem  Mangel  an  Geld,  nicht  in  einem  Mangel  an
Kapital  haben,  u.  a.  darauf  hinweist,  das  1857  in  Hamburg  viele
Kaufleute  ihre  Zahlungen  einstellen  mussten,  die  Millionen  in  Kolonialwaaren
  besassen,  mit  kaum  auf  die  Hälfte  ihrer  Activa  sich
belaufenden  Verbindlichkeiten.
        <pb n="110" />
        52)  Siehe  D.  Hume  a.  a.  O.  Of  money:  ,,//  seems  a  maxim

Capitel  V.

Geldmenge  und  Waarenpreise.
Schon  bei  D.  Hume  begegnen  wir  der  Theorie,
dass  jede  Vermehrung  des  im  Umlaufe  befindlichen
Geldes  unter  übrigens  gleichen  Umständen  immer  die
Tendenz  habe,  die  Preise  sämmtlicher  Waaren  in  dem
betreffenden  i.ande  verhältnissmässig  zu  erhöhen,  während ­
  jede  Verminderung  des  im  Umlaufe  befindlichen
Geldes  unter  übrigens  gleichen  Umständen  die  entgegengesetzte ­
  Wirkung  hervorbringe  oder  hervorzubringen ­
  trachte,  und  dass  es  auf  diese  Weise  der  allgemeine ­
  Stand  der  Waarenpreise  oder  der  Einfluss,  den
der  allgemeine  Stand  der  Waarenpreise  wiederum  auf
die  Aus-  resp.  Einfuhr  von  Edelmetall  ausübe,  sei,
vermittelst  dessen  sich  jeder  in  einem  Lande  vergleichsweise ­
  vorhandene  Ueberfluss  oder  Mangel  an  Geld  wieder ­
  von  selbst  ausgleiche  oder  auszugleichen  strebe
        <pb n="111" />
        Gddtnenqe  und  Waarenprcise.

101

Diese  Theorie  Hume’s  vom  Einfluss  der  Mengte
des  im  Umlauf  befindlichen  Geldes  auf  den  allgemeinen ­
  Stand  der  Waarenpreise  und  des  allgemeinen ­
  Standes  der  Waarenpreise  wiederum  auf  den
Export  oder  Import  von  Edelmetall  —  hat  sich  bis  auf
den  heutigen  Tag  in  Geltung  erhalten.  Ziemlich  alle
hervorragenden  Oekonomisten  des  19.  Jahrhunderts,  von
Thornton,  dem  Verfasser  des  Buchs  über  den  Pa-[uercredit
  von  Grossbritannien,  und  Ricardo  angefangen, ­
  bis  auf  J.  Stuart  Mill  und  die  meisten  Oekononomisten
  der  Gegenwart,  bekennen  sich,  —  so  sehr  sie
auch  im  Einzelnen,  insbesondere  was  die  Anwendung

almost  self-evident,  that  lhe  prices  of  every  thing  depend  on  the  proportion ­
  betwixt  commodities  and  money,  and  that  any  considerable
alteration  on  either  of  these  has  the  same  effect,  either  of  heightening
or  lowering  the  prices.  Increase  the  commodities,  they  become  cheaper, ­
  increase  the  money,  they  rise  in  their  value.  As,  on  the  other
hand,  a  diminution  of  the  former  and  that  of  the  latter  have  contrary ­
  tendencies.  —  'Tis  also  evident,  that  the  prices  do  not  so
much  depend  on  the  absolute  quantity  of  commodities  and  that  of
money,  which  are  in  a  nation,  as  on  that  of  the  commodities,  which
come  or  may  come  to  market,  and  of  the  money  which  circulates.
If  the  coin  be  lock'd  up  in  chests  Uis  the  same  thing  with  regard
to  prices,  as  if  it  were  annihilated;  if  the  commodities  be  hoarded
in  granaries,  a  like  effect  follows.  As  the  money  and  commodities,
in  these  cases,  never  meet,  they  cannot  affect  each  other.  —  'Tis
only  the  overplus,  compar'd  to  the  demand,  that  determines  the  value.** ­
  Vgl.  auch:  Of  the  balance  of  trade.
        <pb n="112" />
        102

Capitel  V.

des  Satzes  auf  Banknoten  betrifft,  in  ihren  Meinungen
auseinandergehen,  —  mehr  oder  minder,  wenigstens  im
Prinzip,  zu  dieser  Theorie,  die  sie  entweder  in  der
Weise  begründen,  dass  sie  der  im  Umlauf  befindlichen
Menge  an  Geld  einen  unmittelbar  bestimmenden  Einfluss ­
  auf  die  Nachfrage  nach  W  a  aren  zuschreiben,
d.  h.  behaupten,  jede  Vermehrung  des  im  Umlaufe  befindlichen ­
  Geldes  rufe  nothwendigerweise  immer  eine
entsprechende  Zunahme,  jede  Verminderung  des  im
Umlaufe  befindlichen  Geldes  (unter  der  Voraussetzung,
dass  kein  Credit  in’s  Spiel  komme,  sondern  alles,  was
gekauft  werde,  sofort  baar  bezahlt  werden  müsse)  eine
entsprechende  Abnahme  der  Nachfrage  nach  Waaren
aller  Art  hervor,  oder  aber,  —  was  im  Wesentlichen
auf  dasselbe  hinausläuft  —,  dass  sie  das  Geld  selbst
als  einen  Gegenstand  der  Nachfrage  und  des  Angebots,
wie  jede  Waare,  und  damit  zugleich  als  einen  Gegenstand ­
  der  Werthbestimmung  auf  dem  Waaren  markte
behandeln

53)  Vgl.  Thornton,  Inquir.  into  the  Papor  credit  of  Great
Britain,  Deutsch  von  Jacob  (Halle  1803)  p.  269,  270:  „5o  ist
(1er  Verkauf  einer  jeden  JVaare  ein  zwiefaeher  Handel,  ob  man  ihn
^leieh  gemeiniglich  nicht  so  nimmt.  Ich  meine  nämlich,  dass  der
Preis,  zu  welchem  der  Tausch  {oder  Verkauf)  geschlossen  wird,  von
zwei  Umständen  abhüngt:  erstens  von  dem  Verhältnisse  d(‘s  Vorraths
        <pb n="113" />
        Geldmenge  und  Waarenpreise.

103

Unterzieht  man  die  vorstehende  Theorie  einer  kritischen ­
  Betrachtung,  so  erscheint  zunächst  und  vor

der  besonderen  IFaare  und  der  Nachfrage  nach  derselben,  und  zweitens ­
  von  dem  Ferhältnisse  zwischen  dem  allgemeinen  For  rat  he  des
Umsatzmittels  und  der  Nachfrage  nach  demselben.^*
Ferner  p.  390  if.
Ricardo,  The  high  price  of  bullion  etc.:  ,,If  a  mine  of  gold
were  discovered  in  either  of  these  countries,  the  currency  of  that
country  would  be  lowered  in  value  in  consequence  of
the  increased  quantity  of  the  precious  metals  brought
into  circulation,  and  would  therefore  no  longer  be  of
the  same  value  as  that  of  other  countries.  Gold  and  silver, ­
  whether  in  coin  or  in  bullion,  obeying  the  law  which  regulates  all
other  commodities,  would  immediately  become  articles  of  exportation,
they  would  leave  the  country,  where  they  were  cheap,  for  those  countries ­
  where  they  were  dear.  —  If  instead  of  a  mine  being  discovered
in  any  country,  a  hank  were  established,  such  as  the  Hank  of  England, ­
  with  the  power  of  issuing  its  notes  for  a  circulating  medium,
after  a  large  amount  had  been  issued,  either  by  way  of  loan  to
merchants,  or  by  advances  to  Government,  thereby  adding  considerably ­
  to  the  sum  of  the  currency,  the  same  effect  would  follow  as
in  the  case  of  tke  mine.  The  circulating  medium  would  be
lowered  in  value  and  goods  would  experience  a  proportionate ­
  rise.  The  equilibrium  between  that  and  other  nations
would  only  be  restored  by  the  exportation  of  part  of  the  coin.**  —
,,It  is  evident,  then,  that  a  depreciation  of  the  circulating
medium  is  the  necessary  consequence,  of  its  redundance; ­
  and  that  in  the  common  state  of  the  national  currency  this
depreciation  in  counteracted  by  the  exportation  of  the  precious  me-
        <pb n="114" />
        104

Capitel  V.

Allem  schon  die  Vorstellung  als  unbegründet,  dass
jede  Vermehrung  des  im  Umlauf  befindlichen  Gel-/rt/.v.

  ‘  ‘  Reply  toM^  Bosanquets  practical  observations  etc.  (1811)
p.  376.:  ,,T  h  at  com  modi  tie  s  would  rise  or  fall  in  price,
in  proportion  to  the  increase  or  diminution  of  money,
I  assume  as  a  fact  which  is  incontrovertible.*^  Principles ­
  p.  80:  the  abstraction  of  money  from  one
country  and  the  accumulation  of  it  in  another,  all
commodities  are  affected  in  price.**
J.  W.  Gilb  art,  Works  vol.  IV.  1866.  Currency  and  banking
p.  294  ff.  :  &amp;gt;,The  way  in  which  an  increase  of  money
tends  to  advance  prices,  is  by  increasinp;  the  demand:
an  increase  of  money  gives  men  the  means  and  the  inclination
of  purchasing  an  additional  quantity,  either  for  consumption ­
  or  speculation,  and  the  increased  demand  advances  the
price.**  —  ,,//e  conclude  then,  that  an  abundance  of  money  has
a  tendency  to  raise  the  prices  of  commodities.  That  when  we  contend
that  an  increase  in  the  quantity  of  money  has  a  tendency  to  raise
the,  prices  of  commodities,  we  must  be  understood  to  mean  that  the
quantity  of  commodities  remain  the  same  as  before.**
J.  Stuart  Mill,  Princ.  B.  III.  Cli.  VII.  p.  297:  ,,money  is
a  commodity  and  its  value  is  determined  like  that  of
other  commodities  temporarily  by  demand  and  supply.**
p.  298:  „The  value  or  purchasing  power  of  money  depends,  in  the  first
instance,  on  demand  and  supply.**  —  ,,/n  point  of  fact,  money
is  bought  and  sold  like  other  things,  whenever  other
things  are  bought  and  sold  for  money.  The  money  with  which
people  are  offering  to  buy  is  money  offered  for  sale**.  —  „The  supply
of  money,  then,  is  the  quantity  of  it  which  people  are  wanting  to
lay  out,  that  is,  all  the  money  they  have  in  their  possession,  except
        <pb n="115" />
        105

Geldmenge  und  Wtmrenjtreise.
des  immer  eine  entsprechende  Zunahme,  jede  Verminderung ­
  des  im  Umlaufe  befindlichen  Geldes  immer

whal  they  are  hoarding,  or  at  least  keeping  by  them  as  a  reserve
for  future  contingencies.  The  supply  of  money,  in  short,  is  all  the
money  in  circulation  at  the  time.*‘  —  ,,The  demand  of  money,  again,
consists  of  all  the  goods  offered  for  sale.  Every  seller  of  goods  is
(I  buyer  of  money,  and  the  goods  he  brings  with  him  constitute  his
demand.  .4s  the  whole  of  the  goods  in  the  market  compose
the  demand  for  money,  so  the  whole  of  the  money,  constitutes ­
  the  demand  for  goods.^^  —  „The  money  and  the
goods  are  seeking  each  other  for  the  purpose  of  being
exchanged.  They  are  reciprocally  supply  and  demand
me  another.  p.  299:  iffhe  value  of  money,  other  things
being  the  same,  varies  inversely  as  its  quantity,  every  increase  oj
quantity  lowering  the  value  and  every  diminution  raising  it,  in  a
ratio  exactly  equivalent^  —  „The  whole  of  the  goods  being  in  any
case  exchanged  for  the  whole  of  the  money  which  comes  into  the
market  to  be  laid  out,  they  will  sell  for  less  or  more  of  it,  exactly
according  as  less  or  more  is  brought^  p.  300:  „The  proposition
u  Inch  we  have  laid  down  respecting  the  dependence  of  general  prices
upon  the  quantity  of  money  in  circulation,  must  be  understood  as
applying  only  to  a  state  of  things  in  which  money,  that  is  gold  or
silicr,  IS  the  exclusive  instrument  of  exchange,  and  actually  passes
from  hand  to  hand  at  every  purchase,  credit  in  any  of  its  shapes
being  unknown.^^  p.  301:  „That  an  increase  of  the  quanf
  ^  nt  **f  money  raises  prices,  and  a  diminution  lowers
them,  IS  the  most  elementary  proposition  in  the  theory
of  curren  ey,  and  without  it  we  should  have  no  key  to
af  the  other.**  Ch.  XII.:  ,,t)lher  things  being  the
saint,  an  increase  of  the  money  in  circulation  raises
prices,  a  diminution  lowers  them.**  B.  III.  Ch.  22.  p.381:
        <pb n="116" />
        106

Capitel  V.

eine  entsprechende  Abnahme  der  Nachfrage  nach  Waaren
  im  Gefolge  hüben  müsse.  Denn  die  Nachfrage

,^Let  US  suppose  in  any  country  a  circulating  medium  purely  metallic,
and  a  sudden  casual  increase  made  to  it,  for  example,  by  bringing
into  circulation  hoards  of  treasure,  which  had  been  concealed  in  a
previous  period  of  foreign  invasion  or  internal  disorder.  The  natural ­
  effect  would  be  a  rise  of  prices.  This  would  cheek
exports,  and  encourage  imports;  the  imports  would  exreed
the  exports,  the  exchanges  would  become  unfavourable,  and  the  newly
acquired  stock  of  money  would  diffuse  itself  over  all  countries  with
which  the  supposed  country  carried  on  trade,  and  from  them,  progressively, ­
  through  all  parts  of  the  commercial  world.  —  The  same
effects  accompany  the  process  by  which  banknotes,  or  any  of  the
other  substitutes  for  money,  take  the  phiec  of  the  precious  metals.
A.  Wagner,  Geld-  und  Kredittheorie  der  Peerschen  Bankacte ­
  p.  70:  ,,Unter  übrigens  gleichen  Umständen  involvirt  die
stärkere  Production  der  Bergwerke  und  die  grössere  Metallgeldcirculation
  und  ebenso  die  Ausgabe  und  Vermehrung  von  Staatspapiergeld ­
  eine  neue  resp.  eine  grössere  Nachfrage  nach  fVaaren,
mithin  ein  Steigen  der  Preise.  —  Die  Vermehrung  der
Geldmenge  und  die  Erhöhung  der  fV  aar  enpreise  stehen
zu  einander  im  Verhältniss  von  Ursache  und  fVirkung.“
  p.  90:  ,,Jede  Jusgabe  von  Papiergeld  bildet  ein  ganz
neues  Angebot  an  Geld,  hierdurch  indirect  eine  ganz  neue
Nac  hfrage  nach  D'a  aren  und  eine  bleibende  Ver  mehrung  des
Geldes.  ‘  ‘
Hertzka,  Währung  und  Handel  (Wien  1876)  p.  86:  „Ho
Geld  über  den  Bedarf  vorhanden  ist,  dort  vermindert  sich  die  haiifp.
  254:  «/r/  uor/,«»-den,
  so  steigen  die  Preise  und  die  hierdurch  hervorgerufenen ­
  Käufe  im  Auslande  drängen  den  Ueberfluss
        <pb n="117" />
        Geldmenge  und  Waarenpreise.

107

nach  Waaren  —  wenn  man  überhaupt  von  einer
Nachfrage  nach  Waaren  schlechtweg  reden  kann;
streng  genommen  giebt  es  immer  nur  eine  Nachfrage ­
  nach  dieser  oder  jener  bestimmten  Waare,  nicht
aber  eine  Nachfrage  nach  Waaren  überhaupt  —  hängt,
selbst  unter  der  Voraussetzung,  dass  keinerlei  Credit
gewährt  wird,  sondern  alles,  was  gekauft  wird,  sofort ­
  baar  bezahlt  werden  muss,  nicht  von  der  Menge
des  vorhandenen  oder  im  Umlauf  befindlichen  Geldes, ­
  sondern  einzig  und  allein  einerseits  von  dem
grösseren  oder  geringeren  Bedarf  an  Waaren  resp.
der  grösseren  oder  geringeren  Spekulalionslust  auf
Seite  derer,  welche  überhaupt  Geld  auszugeben  haben ­
  oder  Waaren  zu  kaufen  vermögen,  und  andererauss«r

  Landes.  Ist  zu  wenig  Metallgeld  vorhanden^  so
sinken  die  Preise  und  die  dadurch  hervorgeriifenen
Käufe  des  Auslandes  im  Inlandc  ziehen  die  fehlenden
Metalle  herein.*'  Gesetze  der  Handels  -  .Social  politik,  Leipzig ­
  1880.  p.  31:  ,,lf''enn  sich  der  Geldvorrath  des  Landes  bei
sonst  gleichbleibenden  Verhältnissen  vermehrt  und  folglich  dort  für
jedes  wirthSchaftliche  Gut  mehr  Gold  hintangegeben  werden  muss,  als
früher,  wenn  also  die  Preise  in  diesem  Lande  steigen,  so
wird  dasselbe  weniger  an  das  Ausland  verkaufen  und  mehr  von  demselben ­
  kaufen,  als  ohne  diese  Geldvermehritng  der  Fall  gewesen  wäre,"
p.  37:  ,,l)as  Verhältniss  zwischen  Vorrath  und  Bedarf  an  Circulationsmitteln
  drückt  sich  —  im  Preise,  der  Tauschkraft  des  Geldes,
aus."
        <pb n="118" />
        108

Capitel  V.

seils  von  dem  jeweiligen  Stande  der  Preise,  d.  h.  der
vergleichsweise  grösseren  oder  geringeren  Wohlfeilheit
der  Waaren  an  dem  betreffenden  Ort  und  zu  der  betreffenden ­
  Zeit,  ab.  Und  die  vorhandene  oder  im  Umlaufe ­
  belindliche  Menge  an  Geld  bildet  höchstens  die
Grenze,  über  welche  die  Nachfrage  nach  Waaren
nicht  hinausgehen  kann  (und  auch  dies  natürlich  nur
unter  der  Voraussetzung,  dass  kein  Credit  gewährt
wird,  sondern  Alles,  was  gekauft  wird,  sofort  haar  bezahlt ­
  werden  muss),  ohne  dass  jedoch  innerhalb  dieser
Grenze  oder  dieses  Spielraumes  die  Nachfrage  nach
Waaren  immer  mit  der  Menge  des  vorhandenen  oder
im  Umlauf  befindlichen  Geldes  gleichen  Schritt  halten
müsste:  Es  kann  die  Menge  des  Geldes  zunehmen,  ohne
dass  darum  auch  schon  die  Nachfrage  nach  Waaren
in  gleichem  Maasse  oder  Verhältniss  wächst,  und  es
kann  umgekehrt  die  Menge  des  Geldes  abnehmen,  ohne
(lass  darum  auch  schon  die  Nachfrage  nach  W  aaren  einen
entsprechenden  Rückgang  zu  erfahren  braucht.
Oder  drücken  wir  die  Sache  noch  anders  aus:
Wenn  auch  ohne  Zweifel  alles  Geld  nur  dazu  da  ist,
um  ausgegeben  zu  werden,  oder  die  Geneigtheit  G(üd
auszugeben  im  Allgemeinen  oder  in  abstracto  betrachtet ­
  auch  eine  ganz  unbedingte  und  uneingeschränkte ­
  ist,  so  ist  man  doch  in  jedem  einzelnen  Falle
        <pb n="119" />
        109

Geldmenge  und  Waarenpreise.
immer  nur  unter  der  Voraussetzung  und  insoweit
wirklich  Geld  auszugeben  oder  Waaren  zu  kaufen  bereit, ­
  als  eben  diese  Verausgabung  von  Geld  oder  dieser
Ankauf  von  Waaren  unter  den  obwaltenden  Umständen,
d.  h.  in  dem  betreffenden  Zeitpunkt  und  an  dem  betreffenden ­
  Orte  und  für  die  betreffenden  Personen,  noch
mit  einem  bestimmten  Nutzen  oder  Vortheil  verknüpft
ist^-*),  gerade  so,  wie  auf  der  anderen  Seite  ja  auch
die  Geneigtheit  Waaren  zu  veräussern  in  concreto  niemals ­
  weiter  geht,  als  bis  zu  dem  Punkte,  wo  eben
diese  Veräusserung  von  Waaren  unter  den  obwaltenden ­
  Umständen  für  die  betreffenden  Personen  noch  mit
einem  bestimmten  Nutzen  oder  Vortheil  verbunden  ist,
54)  So  bemerkt  auch  schon  J.  Locke  a.  a.  0.,  p.  71:  ,,A’o
body  lays  out  bis  money  in  them  {commodities)  but  according  to  the
use  he  has  of  them,  and  that  has  bounds.**
Ebenso  auch  J.  Stuart  Mill  —  im  Widerspruch  mit  seiner ­
  anfänglich  aufgestellten  allgemeinen  Theorie  —  Principles
p.  318:  ,,The  amount  of  purchasing  power  which  a  person  can
exercise  is  composed  oj  all  the  money  in  his  possession  or  due  to
him,  and  of  all  his  credit.  For  exercising  the  whole  of  this
power  he  finds  a  sufficient  motive  only  under  peculiar
circumstances.**  Ferner  :  ,,  The  i  nclinat  io  n  of  the  mercantile
public  to  increase  their  demand  for  commodities  by  making  use  of
all  or  much  of  their  credit  us  a  purchasing  power,  depends  on  their
expectation  of  profit.**  p.  322:  „IFhen  the  state  of  trade
holds  out  no  particular  temptation  to  make  large  purchases
on  credit,  dealers  will  use  only  a  small  portion  of  the  credit-powers.**
        <pb n="120" />
        lio

Capitel  V.

obwohl  im  Allgemeinen  oder  in  abstracto  betrachtet  die
Geneigtheit  Waaren  zu  verkaufen,  ebenfalls  eine  ganz
unbedingte  und  uneingeschränkte  ist.
Schon  aus  dem  Gesagten  ergiebt  sich,  dass  jene
Theorie  vom  Einfluss  der  Menge  des  im  Umlauf  bell ­
  ndlichen  Geldes  auf  den  allgemeinen  Stand  der  Waaren ­
  preise  oder  den  Werth  des  Geldes  nicht  richtig  sein
kann,  sondern  vielmehr  auf  einer  Verwechselung  von
Mittel  und  Zweck,  Bedingung  und  Ursache  beruht

55)  Der  einzige  Oekonomist,  der  dies  vollkommen  erkannt
hat,  ohne  jedoch  von  seinen  Nachfolgern  beachtet  worden  zu  sein,
ist  J.  Stewart,  dessen  Principles  of  pol.  economy  (1767)  (in
5  vol.  Basil  1796)  in  B.  II  Ch.  28  bereits  eine  eingehende  Kritik ­
  der  Hume’schen  Theorie  enthalten.  Stewart  bemerkt  hier:
„Let  the  specie  of  a  counlrp  —  he  augmented  or  diminished  in
ever  so  great  a  proportion,  commodities  will  still  rise  and  full  according ­
  to  the  principles  of  demand  and  competition  and  these  will
constantly  depend  upon  the  inclinations  of  those  who  have  properly ­
  or  any  kind  of  equivalent  whatsoever  to  give,  but  never
upon  the  quantity  of  coin  they  are  possessed  of.**  —
,,Let  the  quantity  of  the  coin  be  ever  so  much  increased,  it  is  the
desire  of  spending  it  alone,  which  will  raise  prices.  Let  it  be
diminished  ever  so  low,  while  there  is  real  property  of  any  denomination ­
  in  the  country,  and  a  competition  to  consume  in  those  who
possess  it,  prices  will  be  high,  by  the  means  of  barter,  symbolical
money,  mutual  prestations,  and  a  thousand  other  inventions.  Increase ­
  the  money,  nothing  can  be  concluded  as  to  prices,  because  it
is  not  certain,  that  people  will  increase  their  expenses  in  proportion ­
  to  their  wealth.**
        <pb n="121" />
        Geldmenge  und  Waarenpreise.  111
Sehen  wir  indess  auch  von  dem  Gesagten  ganz
ab,  und  nehmen  wir  einmal  an,  dass  wirklich  mit  jeder
Vermehrung  des  im  Umlauf  befindlichen  Geldes  immer
eine  entsprechende  Zunahme,  mit  jeder  Verminderung
des  im  Umlauf  befindlichen  Geldes  immer  eine  entsprechende ­
  Abnahme  der  Nachfrage  nach  Waaren  Hand  in
Hand  ginge,  so  würde  doch  daraus  noch  immer  nicht
folgen,  dass  hei  einer  Vermehrung  oder  Verminderung
des  im  Umlauf  befindlichen  Geldes  immer  gerade  die
Nachfrage  nach  allen  Arten  von  Waaren  oder  gar
nach  allen  in  gleichem  IVlaasse  oder  Verhältnisse
zu-  resp.  abzunehmen  braucht.
Es  kann  daher  auch  offenbar  auf  diesem  Wege
niemals  die  Nothwendigkeit  oder  Tendenz  eines  allgemeinen ­
  Steigens  resp.  Fallens  der  Waarenpreise
oder  einer  Veränderung  im  Wer  the  des  Geldes
abgeleitet  werden.
Damit  wird  also  das  ganze  Räsonnement,  auf  welches ­
  sich  jene  Theorie  stützt,  vollkommen  hinfällig.
Nun  könnte  man  sich  den  Zusammenhang  allerdings ­
  auch  noch  so  vorstellen,  dass  die  Menge  des  im
Umlauf  befindlichen  Geldes  ganz  direct  die  Preise  beeinflussen ­
  würdeIndess  hält  auch  diese  Annahme

56)  Etwas  ähnliches  schwebt  auch  Ricardo  vor,  indem  er
        <pb n="122" />
        112

Capitel  V.

nicht  Stand,  da  kein  wirtlischaniich  v’ci  nünftigei-  Mensch
—  und  nur  mit  Menschen  dieser  Art  kann  die  ökonomische ­
  Theorie  überhaupt  rechnen  —  nur  deshalb
einen  höheren  Preis  für  eine  \\  aare  zu  zahlen  bereit
sein  wird,  weil  er  genug  Geld  dazu  hat,  noch  auch
irgend  Jemand  dies  von  ihm  beanspruchen  wird.  Und
nun  sollen,  wenn  die  Menge  des  (ieldes  zunimmt,  gar
die  Preise  sämmtlicher  Waaren  steigen  und  noch
dazu  alle  in  gleichem  Maasse  oder  Verhältnisse!
Man  mag  also  die  Sache  drehen  und  wenden  wie  man
will:  Für  die  Annahme  eines,  mehr  oder  weniger  direkten, ­
  Fin  dusses  der  Menge  des  im  Umlauf  belindlichen
Geldes,  auf  den  allgemeinen  Stand  der  Waaren  preise
oder  den  Werth  des  Geldes  fehlt  es  an  jeglichem  Anhaltspunkte. ­
  Pas  Geld  ist  eben  keine  Waare  und  daher
auch  kein  Gegenstand  der  Nachfrage  und  des  Angebotes ­
  auf  dem  Waarenmarkt,  wenigstens  in  dem  Sinne,
in  welchem  die  Waare  dies  ist.  Und  folglich  kann  auch
von  keiner  Werthbestimmung  des  Geldes  auf  dem  Waa-Principles

  p.  232  bemerkt:  ,,The  demand  for  a  eommodííi/  cannot
be  said  to  increase^  if  no  additional  qaantilij  of  it  be  purchased  or
consumed,  and  yet,  under  such  circumstances,  its  money  value  may
rise.  Thus,  if  the  value  of  money  mere  to  fall,  the  price  of  every
commodity  would  rise,  for  each  of  the  competitors  would
he  willing;  to  spend  more  money  than  before  on  its  pur-
        <pb n="123" />
        8

Geldmenge  und  Waarenpreise.  113
reiimarkt  (nach  dem  Verhällniss  von  Vorrath  und  Bedarf) ­
  die  Hede  sein.  Vielmehr  muss  der  Werth  des
Geldes  immer  schon  gegeben  sein,  bevor  das  Geld
auf  dem  Waarenmarkte  erscheint,  d.  h.  als  Umsatzmittel ­
  den  Waaren  gegenübertritt,  oder  bevor  das
Spiel  von  Nachfrage  und  Angebot  beginnt,  durch  welches ­
  der  Preis  jeder  einzelnen  Waare  bestimmt  wird.
\\  ohl  wird  für  jede  Waare  ein  bestimmter  Preis  geboten ­
  und  ein  bestimmter  Preis  gefordert,  aber  die
Höhe  des  Preises,  der  für  eine  Waare  geboten  resp.  gefordert ­
  wird,  steht  mit  der  Menge  des  vorhandenen  oder
im  Umlauf  befindlichen  (Feldes  oder  mit  dem  Verhältniss
  zwischen  dieser  Menge  und  dem  Bedarf  an  Geld,
nicht  in  dem  allergeringsten,  wenigstens  unmittelbaren
oder  nothwendigen,  Zusammenhänge,  ausser  in  dem  umgekehrten ­
  Sinne,  dass  die  Menge  des  im  Umlauf  befindlichen ­
  Geldes,  oder  zunächst  der  Bedarf  an  Geld,  sich
mit  nach  den  Preisen  richtet,  nicht  aber  die  Preise
durch  die  Menge  des  Geldes  bestimmt  werden  Also
eine  Verwechselung  von  Ursache  und  Wirkung.

chase;  but  though  its  price  rose  10  or  20  if  no  wore  were
bought  than  before,  it  would  not,  /  apprehend,  be  admissible  to  say,
that  the  variation  in  the  price  of  the  commodity  was  caused  by  the
increased  demand  for  it.**
57)  So  bemerkt  auch  schon  Wilson,  Capital,  Currency,
        <pb n="124" />
        114

Capitel  V.
Wenn  nun  aber  zwischen  der  Menge  des  vorhandenen ­
  oder  im  Uinlaui  beiindlichen  Geldes  und  dem
allgemeinen  Stande  der  Waarenpreise  keinerlei  unmittelbarer ­
  oder  nothwendiger  Zusammenhang  besteht  (ausser

and  Banking,:  ,,iVo  doubl,  if  the  internal  transactions  of  the
country  increase,  or  if  the  prices  of  commodities  rise,  a
larger  amount  of  circulating  medium,  whether  purely  metallic, ­
  or  mixed  of  paper  and  coin,  will  be  required  to  conduct ­
  the  exchanges,  and  thus,  though  an  increased  circulation
would  not  be  called  into  existence,  as  a  cause  to  produce  higher  prices, ­
  it  would  follow  as  the  effect  or  consequence  of  higher
prices.^'“
Und  Tooke,  Of  the  Bank  Charter  Act  of  1844,  London ­
  1856  (Siehe  auch  Geschichte  der  Preise,  IL  Bd.  p.  623)
p.  178;  ,,The  prices  of  commodities  do  not  depend
upon  the  quantity  of  money  indicated  by  the  amount  of  banknotes, ­
  nor  upon  the  amount  of  the  whole  of  the  circulating  medium',
but,  on  the  contrary,  the  amount  of  the  circulating
medium,  is  the  consequence  of  prices/*
Indess  gibt  es  wiederum  andere  Stellen,  aus  denen  hervorgeht, ­
  dass  selbst  Tooke  die  Theorie  vom  Einfluss  der  Menge  des
im  Umlaufe  befindlichen  Geldes  auf  den  Werth  des  Geldes  oder
den  allgemeinen  Stand  der  Waarenpreise  noch  nicht  ganz  überwunden ­
  hat.  Siehe  Geschichte  der  Preise  I.,  p.  61:  ,,Eine  verschlechterte ­
  Münze,  oder  die  einem  Schlagschatze  unterworfen  ist,
ohne  eine  bestimmte  Regel  für  den  im  Umlaufe  befindlichen ­
  G  esamm  tbe  t  r  ii  g,  kann  natürlich  nicht  denselben
Tauschwerth  haben,  wie  vollwichtige  Münze  oder  wie  hei
einem  streng  durchgeführten  Prinzip  der  Reschränkung/*
  Ferner  was  er  über  inconvertibles  Staatspapiergeld  sagt.
        <pb n="125" />
        8*

115

Geldmenge  und  Waarenpreise.
in  jenem  umgekehrten  Sinne),  so  kann  es  offenbar  auch
nicht  tier  allgemeine  Stand  der  Waarenpreise  sein,  vermittelst ­
  dessen  sich  ein  Ueberfluss  oder  Mangel  an  Geld
von  Land  zu  Land  wieder  ausgleicht,  oder  wodurch
ein  Export  oder  Import  von  Edelmetall  hervorgerufen
wird.  Wie  denn  überhaupt  niemals  der  allgemeine
Stand  der  Waarenpreise,  sondern  immer  nur  der  Preis
dieser  oder  jener  bestimmten  Waaren  die  Ursache
irgend  eines  Exports  oder  Imports  sein  kann;  aus  dem
sehr  einfachen  Grunde,  weil  der  allgemeine  Stand
der  Waarenpreise  gar  keine  messbare  Grösse  ist.  Man
kann  wohl  indirekt,  d.  h.  im  Wege  der  Rechnung,
ermitteln,  ob  und  um  wieviel  Procent  im  Allgemeinen
oder  im  Durchschnitt  die  Preise  der  Waaren  hier  höher
sind  als  dort,  oder  ob  und  um  wieviel  Procent  dieselben ­
  im  Allgemeinen  oder  durchschnittlich  innerhalb
eines  bestimmten  Zeitraums  an  einem  bestimmten  Orte
gestiegen  oder  gefallen  sind,  aber  unmittelbar
messen  lässt  sich  das  nicht,  und  es  kann  daher  auch
hieraus  ollen  bar  niemals  irgend  eine  bestimmte  Handelsoperation ­
  hervorgehen.

I.  p.  635  :  ,,Etn  Zwangspapier  der  liegievung  —  wit  kl,  so  lange
es  vermehrt,  wird,  unmtUelbur  als  eine  schaffende  Ursache  auf
Preise  —  indem  cs  eine  frische  (Jnelle  der  Nachfrage  —
bildet.  ‘  ‘
        <pb n="126" />
        116

Capitel  V.
Wie  gleicht  sich  also  ein  Mangel  oder  Uebcrfluss
an  Geld  von  Land  zu  Land  wieder  aus?
Liegt  nur  ein  Mangel  an  Geld  zum  Zwecke  der
Bewerkstelligung  von  Zahlungen  im  Inlande,  d.  h.
nur  ein  Mangel  an  Münze  im  Sinne  der  Landeswährung ­
  („currency“),  vor,  ohne  dass  es  jedoch  an  Edelmetall ­
  überhaupt  („bullion“)  in  dem  betretenden
Lande  fehlt,  so  wird  dem  Mangel  einfach  im  Wege
der  Prägung  oder  vermittelst  der  Emission  von  Banknoten ­
  oder  der  Kreirung  von  Guthaben  in  Contocorrent
abgeholfen  werden.  In  analoger  Weise  wird,  wenn  nur
ein  Ueberfluss  an  Münze  oder  an  Geld  zu  Zahlungen
im  Inlande  vorliegt,  ohne  dass  dies  jedoch  zugleich
ein  Ueberfluss  an  Edelmetall  überhaupt  ist,  der  Ausgleich ­
  einfach  dadurch  bewirkt  werden,  dass  die  überflüssige ­
  Münze  zu  Zahlungen  nach  dem  Auslande  Verwendung ­
  findet.  Denn  wenn  man  sich  zum  Zweck
der  Bewerkstelligung  von  Zahlungen  nach  dem  Auslande ­
  in  erster  Linie  aucii  nur  des  ungeprägten  Metalles
resp.  fremder  Münze  zu  bedienen  pflegt,  da  die  Münze
des  eigenen  Landes  im  Auslande  doch  nur  nach  ihrem
Metallgehalte  geschätzt  und  angenommen  wird,  ohne
Berücksichtigung  des  Schlagschatzes,  so  gilt  dies  doch
immer  nur  in  so  lange,  als  es  nicht  an  ungeprägtem
Metall  resp.  fremder  Münze,  zum  Zweck  der  Bewerk-
        <pb n="127" />
        117

Geldmenge  und  Wnarenpreise.
stellig’ung  von  Zahlungen  nach  dem  Auslande,  fehlt,  und
daher  der  Preis  des  ungeprägten  Metalles  resp.  der  fremden ­
  Münze  nicht  so  hoch  steht,  dass  es,  was  die  Kosten
betrifft,  auf  eins  hinausläuft,  ob  man  ungeprägtes  Metall
resp.  fremde  Münze  oder  aber  einheimische  Münze  zu
Zahlungen  nach  dem  Auslande  verwendet.
Ja  aber  —  so  behauptete  Ricardo  zur  Zeit  des
berühmten  „Rullionstreites“  —  Edelmetall,  sei  es  in
welcher  Gestalt  immer,  wird  nur  dann  exportirt  oder
importirt,  wenn  der  Werth  desselben  in  dem  einen
Lande  ein  höherer  ist,  als  in  dem  anderen.  Es  ist  das
ein  Gesetz,  welches  für  alle  Waaren  gilt.  Wer  wird
Edelmetall  exportiren,  wenn  er  es  nicht  auf  einen  bessern ­
  Markt  schickt!  Schon  der  mit  dem  Transport  verbundenen ­
  Kosten  wegen  wird  das  Niemand  thun.  Und
nun  gar  Münze,  bei  welcher  überdies  der  Schlagschatz
verloren  geht.  Wenn  also  Edelmetall  oder  Münze  exportirt ­
  wird,  so  ist  das  immer  ein  Beweis  dafür,  dass  die
Münze  oder  das  Edelmetall  in  dem  betreffenden  Lande
vergleichsweise  im  Werthe  gesunken  ist,  oder,  was  dasselbe, ­
  dass  die  Preise  der  Waaren  daselbst  vergleichsweise ­
  gestiegen  sind

58)  Hi  car  do.  The  high  price  of  bullion  etc.:  „T/te  temptation
to  export  money  in  exchange  for  goods,  or  what  is  termed  an  unfavour-
        <pb n="128" />
        118

Capitel  V.

Das  vorstehende  Käsomiemenl,  welches  sich  nicht
nur  bei  Ricardo  und  den  „Bullionisten“  sowie  hei

able  balance  of  trade,  never  arises  but  from  a  redundant  currency.  Hut
M  '■  Th  ornton,  ivho  has  considered  this  subject  very  much  at  l&amp;lt;ir(&amp;gt;e,
supposes  that  a  very  unfavourable  balance  of  trade  may  be  occasioned
to  this  country  by  a  bad  harvest,  and  the  consequent  importation  oj
corn,  and  that  there  may  be  at  the  same  time  an  unwillingness  in  the
country  to  which  we  are  indebted  to  rereive  our  goods  in  payment.
The  balance  due  to  the  foreign  country  must  therefore  be  paid  out  of
that  part  of  our  currency  consisting  of  coin,  and  that  hence  arises
the  demand  for  gold  bullion  and  its  increased  price.  Thornton ­
  has  not  erptaincd  to  us  why  any  unwillingness  should  exist  in
the  foreign  country  to  receive  our  goods  in  exchange  for  their  corn,
and  it  would  be  necessary  for  him  to  show,  that  if  such  an  unwillingness ­
  were  to  exist,  we  should  agree  to  indulge  it  so  far  as  to  consent ­
  to  part  with  our  coin.  If  we  consent  to  give  coin  in  exchange
for  goods,  it  must  be  from  choice,  not  necessity.  It'e  should
not  import  more  goods  than  we  export,  unless  we  had
a  redundancy  of  currency,  which  it  therefore  suits  us
t  0  m  a  k  e  a  part  of  o  u  r  ex  p  o  rts.  T  h  c  e  xp  or  t  a  t  i  o  n  of  t  he
coin  is  caused  by  its  cheapness  and  is  not  the  effect,
hut  t  h  c  cause  of  a  n  u  n  fa  vo  arable  balance:  we  should
not  export  it,  if  we  did  not  send  it  to  a  better  market,
or  if  we  had  any  commodity  which  we  would  export  more  profitably.  —
It  IS  only  after  a  comparison  of  the  value  in  their  markets  and  in
our  own  of  gold  and  other  commodities  and  because  gold  is
cheaper  in  the  London  market  than  in  theirs,  that  foreigners ­
  prefer  gold  in  exchange  for  their  corn.“  —
,,Thus  then  specie  will  be  sent  abroad  to  discharge  a
debt  o  n  I  y  w  hen  it  is  s  u  p  era  b  ii  n  d  ant,  only  when  it  is  the
cheapest  exportable  commodity.“  Ferner:  Observations  on  some
        <pb n="129" />
        119

Geldmcnge  und  Waarenpreise.
allen  Anhängern  des  sog.  „Currencyprinciple"  hndet^®),
  sondern  welches  auch  erst  kürzlich  wieder  von

passages  in  an  article  in  the  Edinburgh  review,  on  the  depreciation ­
  of  paper  currency  (Appendix  zu  d.  IV.  Aufl.  der  oben
genannten  Schrift,  Works  of  R.  by  M®  Cu  11  och  p.  291  ff.):
J,—  erro  no  us  doctrine  of  the  merchants,  that  money  might
be  exported  in  exchange  for  commodities,  although
money  were  not  cheaper  in  the  exporting  country.^*  —
,,jdn  unfa  V  our  ab  le  balance  of  trade,  and  a  consequently
low  exchange,  may  in  all  cases  he  traced  to  a  relatively ­
  redundant  and  cheap  currency.**  —  ,,^  bad  harvest ­
  operates  on  the  exchange  in  no  other  way  than
by  causing  the  currency,  which  was  before  at  its  just
level,  to  become  redundant,  and  thus  is  the  principle ­
  that  an  unf  a  vour  a  b  le  e  xc  h  a  ng  e  may  always  he  traced ­
  to  a  relatively  redundant  currency  most  fully  exemplified.** ­
  Reply  to  Bosanquets  observations  on  the  report
of  the  Bullion  Comitee  p.  338;  ,,lf  'ho  would  be  at  the  trouble  and
risk  of  sending  guineas  to  the  Continent  to  he  sold  there  for  their
value  as  bullion,  while  the  value  of  bullion  continued  here  as  high
as  before,  and  consequently  as  high  as  the  price  abroad.  H^ould
not  the  coin  be  melted  and  sold  as  bullion  at  home,  till  the  value
of  bullion  had  so  much  diminished  in  its  relative  value  to  the  bullion ­
  of  other  countries,  and  therefore  to  the  relative  value  of  commodities ­
  here,  as  to  pay  the  expenses  of  transportation,  or,  in  other
words,  till  the  exchange  had  fallen  to  the  price  at  which  it
would  repay  such  expenses.**
59)  Vgl.  u.  A.  M®  Culloch  a.  a.  O.  p.  12:  ,,The  fact  of
the,  exchange  being  unfavourable  and  an  efjlua  of  gold  taking  place,
shows  that  the  currency  is  in  excess,  and  should  be  diminished.**
        <pb n="130" />
        120

Capitel  V.

einem  deutschen  Schriftsteller,  Herlzka,  vorgebracht
worden  ist^^),  um  zu  beweisen,  dass  jeder  Ueberfluss

p.  50:  ,,If  the  imports  of  bullion  exceed  the  exports,  it  shows  that
the  currency  is  in  some  degree  deficient;  while,  if  the  exports  exceed ­
  the  imports,  it  shows  that  the  currency  is  in  excess.**
Und  James  Mill  Elements  of  O.  E.  p.  171:  ,,The  value  of
the  precious  metals  in  each  country  determines  whether  it  shall  export ­
  or  import.**
60)  Hertzka,  Währung  und  Handel  p.  350  Anm.:  ,,.1us
air  dem  dürfte  zur  Genüge  hervorgehen,  dass  die  internationalen ­
  Geldströmungen  durchaus  von  denselben  Gesetzen
bedingt  sind,  wie  der  internationale  Âtistausch  irgend
eines  beliebigen  anderen  Gutes.**  p.  126:  ,,l)ie  Zettelemission ­
  vermehrt  in  derselben  H^eise,  wie  eine  durch  irgend
welchen  Umstand  herbeigeführte  Anschwellung  des  Edelmetallvorrathes
  ,  das  im  Lande  verßigbare  Circulationsquantum,  und  da
eine  solche  Fermehrung  bei  gleichbleibenden  Hedürfnissen  mit  einer
Verringerung  der  Kaufkraft  aller  Geldzeichen  Hand  in  Hand  gehen
muss,  so  sinkt  um  den  entsprechenden  Betrag  nicht  blos  die  Kaufkraft ­
  des  Papiergeldes,  sondern  auch  die  des  vorhandenen  Metallgeldes. ­
  Hier  {im  Papiergeldlande)  zeigt  schon  der  Umstand,  dass  das
Metallgeld  aus  dem  Lande  verdrängt  wird,  in  ganz  unzweideutiger ­
  fVeise,  dass  dessen  Kaufkraft  gesunken  sein  muss.  IFürde
das  Geldstück  im  Inlande  nicht  weniger  Werth  sein,
als  im  Auslande,  so  könnte  dasselbe  nicht  abströmen,
da  ja  dieses  Abströmen  mit  nicht  unbeträch  tlichen
Kosten  für  Transport  und  Versicherung  und  überdies
mit  Münzverlusten  verknüpft  ist.**  Die  Gesetze  der  Handels- ­
  u.  Sozialpolitik  p.  29:  ,,Man  führt  nicht  Edelmetall  ein
oder  aus,  weil  eine  active  oder  passive  Zahlungsbilanz  zu  begleichen ­
  ist,  sondern  die  Zahlungsbilanz  ist  actio  oder  passiv,  weil
        <pb n="131" />
        Geldmenge  und  Waarenpreise.  121
an  Münze  auf  die  Preise  wirken  müsse,  da  sonst  von
einem  Exporte  von  Münze  überhaupt  keine  Rede  sein
könne,  scheint  auf  den  ersten  Blick  unwiderleglich
zu  sein.  Nichtsdestoweniger  beruht  dasselbe  auf  einer
vollkommenen  Verkennung  der  Thatsachen,  denn  es
wird  dabei  gänzlich  übersehen,  dass  die  Edelmetalle
nicht  nur  eine  Waare  sondern  auch  Geld  sind,  und  dass
es  daher  auch  nicht  nur  einen  Bedarf  an  Edelmetall  zu
Zahlungen  im  Inlande,  sondern  ebenso  auch  einen  Bedarf ­
  an  Edelmetall  zu  Zahlungen  nach  dem  Auslande
gibt,  ln  der  That  wird  Gold  und  Silber  keineswegcs
immer  nur  dann  exportirt  oder  importirt,  wenn  der
Werth  desselben  in  dem  einen  Lande  ein  höherer  ist,
als  in  dem  anderen,  oder  wenn  das  eine  Land  Uebertluss,
  das  andere  Mangel  daran  hat.  Vielmehr  kann  der
Grund  des  Exports  oder  Imports  von  Edelmetall  auch
rein  auf  Seite  der  für  das  Edelmetall  bezogenen  resp.
gelieferten  Waaren,  d.  h.  in  einem  vergleichsweiscn
Mangel  resp.  Ueberiluss  an  diesen  Waaren  oder  in  einer

das  Land  Edelmelallzußuss  braucht  oder  in  der  Lage  ist,  Edelmetall ­
  abströmen  zu  lassen.  Diese  Thesis  wird  gewiss  Eielen  seltsam,
ja  paradox  erscheinen,  und  ich  bin  mir  der  l'erpflichtung  wohl
bewusst,  dieselbe  in  eingehendster  //  'eise  und  bis  zur  Evidenz
zu  erhärten.**  (!)  p.  84:  ,,Man  importirt  nicht  Geld,  weil  man
damit  die  lJeber.schüs.se  andrer  Güter  bilanziren  muss,  sondern  nur
dann  und  insoweit,  als  man  Geld  braucht.**
        <pb n="132" />
        122

Capitel  V.

Ungleichheit  oder  Differenz  iin  Werthe  dieser  Waaren,
liegen,  in  welchem  Falle  eben  das  Edelmetall  selbst
nicht  als  Waare,  sondern  rein  als  Mittel  des  Entgeltes
aus  einem  Lande  in  das  andere  geht,  oder  die  Ausoder ­
  Einfuhr  von  Edelmetall  nicht  sowohl  den  Charakter
einer  selbständigen,  d.  h.  für  sich  einträglichen,  Handelsoperation ­
  (Spekulation),  als  vielmehr  nur  den  Charakter
einer  Zahlung  an  sich  trägt.  So  wird  z.  B.  kein
Mensch  behaupten  wollen,  dass  der  Werth  des  Holdes
in  Amerika,  d.  h.  an  seiner  Produktionsstätte,  ein  höherer
sei,  als  in  Europa.  Nichtsdestoweniger  ist  bekanntlich
in  den  letzten  Jahren  sehr  häulig  und  in  beträchtlichen
Massen  Gold  von  Europa  nach  Amerika  gegangen.  Die
Erklärung  dafür  liegt  einfach  in  dem  starken  Import  von
Getreide  und  anderen  Naturalien  aus  Amerika  oder  in
dem  hierdurch  hervorgerufenen  günstigen  Stand  der
Wechselkurse  für  Amerika,  sowie  in  dem  Hochschulzzolltarif ­
  der  Vereinigten  Staaten,  welcher  die  Remitlirung
von  Fabrikaten  nach  Amerika  so  gut  wie  verhindert.
Und  in  gleicher  Weise  lag  auch  der  Grund  des  starken ­
  Goldexports  Englands  in  den  Jahren  1808—1810
nicht,  wie  Ricardo  behauptete,  darin,  dass  damals
in  Folge  der  Suspension  der  Raarzahlungen  der
Bank  of  England  und  einer  hierdurch  bewirkten  übermässigen ­
  Vermehrung  ihrer  Noten  —  das  Gold  in  Eng-
        <pb n="133" />
        123

Geldmenge  und  Waarcnpreise.
land  im  Werthe  gesunken  gewesen  wäre,  oder  tiefer
gestanden  hätte,  als  auf  dem  Continent,  sondern  vielmehr, ­
  wie  schon  Tooke®’)  nachgewiesen  hat,  nur
einerseits  in  den  damaligen  beträchtlichen  Ausgaben  der
englischen  Regierung  für  Kriegszwecke  (die  Ausgaben
für  den  Unterhalt  von  Heer  und  Flotte  und  für  Subsidien ­
  an  fremde  Mächte  betrugen  in  jenen  Jahren  zusammengenommen ­
  32  Mill.  £),  und  in  aussergewöhnlichen,
  durch  wiederholte  Missernten  hervorgerufenen,
(¡etreideimj)orten  (in  jenen  Jahren  impertirte  England  für
10  Mill.  £  Getreide)  und  andererseits  in  der  Schwierigkeit ­
  oder  Unmöglichkeit,  angesichts  der  iXapoleonischen
Conlinentalsperre,  Fabrikate  oder  Colonialwaaren  nach
dem  Continente  zu  remittiren  ®^).  Allerdings  ist,  das

61)  Vgl.  Tooke,  Geschichte  der  Preise,  1.  p.  164.  u.  p.  598
bis  602.
62)  Vgl.  James  Deacon  Hume  1834  (bei  Tooke,  Geschichte ­
  d.  Preise,  I.  p.  600  ff.):  ,,/&amp;gt;«#,  woran  ich  erinnern  muss,
sind  die  Schleuderpreise  unserer  Manufuclur-  und  Cohnialwnaren
wahrend  der  letzten  sechs  Jahre  des  Kriep's,  in  Folge  des  gegen
England  angewendeten  Continentalsystems.  —  ln  allen  den  H  aaren,
von  denen  wir  licberjluss  hatten,  standen  die  auswärtigen  Preise  so
sehr  viel  höher  als  die  unsrigen,  dass,  wenn  wir  sie  nur  zur  Hälfte
annehmen,^  sie  doch  dem  Exporteur  einen  ausserordentlich  grossen  Heivinn
  gebracht  haben  würden.  —  So  z.  H.  waren  die  Preise  von
Zucker  und  (  aßee  auf  dem  Festlunde,  in  Gold  berechnet,  4—5  mal
höher,  als  in  England  in  lianknoten  berechnet.  Ich  rede  von  den
        <pb n="134" />
        124

Capitel  V.

unterliegt  keinem  Zweifel,  jede  Versendung  von  Edelmetall ­
  mit  mehr  oder  weniger  Kosten  verknüpft,  allein

Zeiten  der  Decrete  von  Berlin  und  Mailand  und  der  britischen  Cabinetsbefehle
  —  von  der  Zeit  der  Licenzen-  und  Btokadesystemc  —
von  der  Zeit,  da  französisehe  Chemiker  Zueker  in  Hunke/rüben  und
ein  Surrogat  für  Caffee  in  der  Cichorie  entdeckten,  und  der  englische
Viehzüchter  Versuche  anstellte,  seine  Ochsen  mit  Candiszucker  und
Molassen  zu  mästen  —  von  der  Zeit,  als  mir  uns  Helgolands  bemächtigten ­
  und-  es  zu  einer  Niederlage  für  unsere  Ik  aaren  machten,
um  sie  in  das  nördliche  Europa  einzuschmuggeln  und  unsere  feinem
Fabricate  ihren  IVeg  nach  Deutschland  durch  die  Türkei  suchten.
Man  wird  sich  erinnern,  dass  auf  der  einen  Seite  die  französischen
Decrete  erklärten  :  es  dürfe  kein  Schiff  in  einen  Continental-Uafcn
einlaufen,  was  von  England  komme  oder  England  nur  berührt  habe,
und  unsere  Cabinetsbefehle  auf  der  andern  Seite  verboten,  dass  itgend
  ein  Sehiff'  nach  dem  Kontinent  segle,  ehe  es  in  England  geu,esen.
  Unsere  Flotten  beherrschten  damals  die  Meere  vollständig
und  zwangen  jedes  Schiff,  das  sie  antrafen,  nach  einem  britischen
Hafen  zu  gehen.  Die  Folge  war,  dass  alle  IVaaren  der
ganzen  IVelt  beinahe  in  unseren  Speichern  sich  aufhäuften, ­
  wo  sie  festgebannt  lagen,  ausser  wenn  dann  und
wann  eine  kleine  Partie  mit  französischen  Licenzen,  wofür  Hamburger ­
  und  Amsterdamer  Kauf  lente  dem  Kaiser  Napoleon  40  bis
50  000  £  gegeben  haben  mochten,  ausgeführt  wurden.  In  den
Augen  der  „Bullionisten*^  müssen  das  curióse  Kaufleute  gewesen
sein,  die  so  viel  Geld  Zugaben,  um  IVaaren  von  einem  theuren
Markt  nach  einem  wohlfeilen  zu  bringen.  JVelchc  Alternative  stand
den  Kaufleuten  offen?  Ganz  buchstäblieh  folgende  :  entweder  Caffee
zu  6  d.  per  Pfund  in  Banknoten  zu  kaufen  und  ihn  nach  einem
Platze  zu  schicken,  wo  er  sofort  3—4  sh.  in  Gold  holte,  oder  Gold
mit  Banknoten  zu  5  £  per  Unze  zu  kaufen  und  es  nach  einem
        <pb n="135" />
        125

Geldmenge  und  Waarenpreise.
die  Vergütung  für  diesen  Kostenaufwand  braucht  darum
noch  keineswegs  immer  nothwendig  aus  einer  Differenz
im  Wertiie  gerade  des  Edelmetalls  hervorzugehen,  so
wenig  wie  der  Nutzen  oder  Gewinn,  der  mit  einem  Export ­
  oder  Import  von  Edelmetall  verbunden  ist,  sondern
kann  auch  rein  aus  dem  ungleichen  Werthe  derjenigen
Waaren  entspringen,  als  deren  Entgelt  eben  im  gegebenen ­
  Falle  das  Edelmetall  in’s  Ausland  geht  resp.
hereinkommt  So  ist  ja  auch  jede  Geld  Versendung,
l*latze  zu  senden,  wo  es  mit  Z  ¡£  XI  sh.  10^  //.  per  Unze  bezahlt
wurde.  —  Es  wäre  also  auch  das  Àbgeschmackleste  von
der  lEelt,  die  llemiltirunp;  von  Gold  anstatt  Caffees
aus  dem  Grunde  einer  vortheilhaften  kaufmännischen
Speculation  erklären  zu  wollen.  —  Gold  und  Silber  würden ­
  nicht  weggegangen,  sondern  reichlich  genug  herübergejlossen
sein,  wäre  es  eben  so  leicht  gewesen,  lUaaren  als  edle  Metalle  zu
schmuggeln.  Das  Hinderniss  lag  in  den  ttajonetten  und  Kanonen
und  war  nicht  zu  überwinden.  Ich  erinnere  mich  ,  damals  oft  gehört ­
  zu  haben,  dass  lionaparle  die  englischen  Preiscourante  regelmässig ­
  einsah,  um  sich  zu  überzeugen,  wie  weit  seine  Decrete  durch
seine  eigenen  Leute  und  seine  Uerbündeten  ausgeübt  wurden  und  zufrieden ­
  war,  so  lange  er  sah,  dass  in  England  Caff'ee  wohlfeil  und
Gold  theuer  sei.  Die  Engländer  wollten  aber  daraus  nur  entnehmen,
•dass  die  Hank  unverschämt  viele  Noten  in  Umlauf  setze.**.
63)  So  bemerkt  auch  Göschen,  The  Theory  of  the  Foreign
Exchanges,  (London  1866),  p.  118:  ,,lt  is  often  supposed
that  gold  IS  never  exported  unless  to  give  a  profit  to
those  who  despatch  it.  Hut  this  is  manifestly  a  fallacious ­
  idea.  The  expression  which  is  so  often  made  use  of,  that
        <pb n="136" />
        126

Capitel  V.
(lie  im  liilande  ausgeführl  wird,  mil  mehr  oder  weniger
Kosten  verknüpf,  ohne  dass  deshalb  —  was  allerdings

l/ie  rales  of  exchange  in  any  country  are  at  such  a  point  that  no
profit  is  to  be  made  on  shipments  of  gold  to  it,  must  be  enrefuHy
guarded  from  leading  to  a  misconception.  Such  a  fact  is  valuable  to
hnotv,  to  a  certain  degree  ;  but  it  does  not  prove  that  the  despatch  of
bullion  may  not  be  natural  and  necessary  neverthless.  It  must  be  .sent
by  tho.se  who  are  in  debt  to  that  country,  if  they  cannot  find  bills.'*
Weniger  richtig  ist,  was  Smith,  B.  IV,  Ch.  I  über  den
Export  oder  Import  von  Edelmetall  sagt:  ,,The  transportation  of
commodities,  when  properly  suited  to  the  market,  is  allways  attended
with  a  considerable  proft;  wheras  that  of  gold  and  silver  is  .scarce
ever  attended  with  any.  ¡Vhen  those  metals  are  sent  abroad  in
order  to  purchase  foreign  commodities,  the  merchan  t\s
pro  fit  arises  ,  n  o  t  from  t  h  e  p  u  r  c  h  a  se  ,  but  from  the  sale  of
the  returns.  Itut  when  they  are  sent  abroad  merely  to  pay  a  debt,
he  gets  no  returns,  and  consequently  no  profit.  He  naturally,  therefore, ­
  exerts  his  invention  to  find  out  a  way  of  paying  his  foreign
debts,  rather  by  the  exportation  of  commodities  then  by  that  of  f;old
and  silver.**  Der  Profit  des  Kaufmannes  erwächst  niemals  ausschliesslich ­
  aus  dem  Verkaufe,  sondern  immer  aus  dem  Kauf  und
Verkaufe  zusammengenommen.  Auch  ist  im  Grunde  jeder  Export
von  Edelmetall  mit  einem  Profite  verbunden,  gleichviel  ob  jetzt
das  Edelmetall  zum  Ankäufe  von  Waaren,  oder,  was  im  Wesentlichen ­
  auf  dasselbe  hinausläuft,  zur  Bezahlung  von  Schulden
dient,  nur  liegt  die  Quelle  des  Profits  nicht  immer  auf  Seite  des«
Edelmetalles,  sondern  sehr  oft  (d.  h.  immer  dann,  wenn  das  Edelmetall ­
  als  Geld  fuiictionirt)  auch  nur  auf  Seite  der  Waaren  (resp.
Effecten),  als  deren  Entgelt  eben  das  Edelmetall  exportirt  wird,
oder  von  deren  Ankauf  die  Schulden  herrühren.  Zwischen  der
einfachen  Bezahlung  und  der  Remittirung  von  Waaren  an  Zah-
        <pb n="137" />
        127

Geldmenge  und  Waarenpreise.
Ricardo  und  seine  Schule  gänzlich  übersieht  —  der
W  erth  des  Geldes  immer  an  dem  einen  Orte  ein  höherer
zu  sein  brauchte  als  an  dem  andern.  l)ie  Vergütung
für  den  Kostenaufwand,  der  mit  einer  Geldversendung
im  Inlande  verbunden  ist,  liegt  eben  auch  hier  einfach
auf  Seite  der  betreilenden  \V  aaren  oder  bildet  gewissermaassen
  nur  einen  Beslandtheil  des  Preises  mit,  welcher
lür  eben  diese  Waaren  bezahlt  wird.
Das  Gesagte  dürfte  genügen,  um  zu  zeigen,  dass
der  gegen  die  Möglichkeit  eines  Exportes  oder  Importes
von  Edelmetall,  ohne  eine  in  dem  betreffenden  Lande  vergleichsweise ­
  vorausgegangene  Veränderung  im  Werthe
des  Edelmetalls,  erhobene  Einwand  nicht  stichhaltig  ist.
Daher  kann  sich  auch  ein  Ueberfluss  an  Münze  sehr
gut  im  Wege  des  Exportes  wieder  ausgleichen,  ohne
dass  vorher  der  Werth  der  Münze  oder  des  Edelmetalls
in  dem  betreffenden  f.ande  vergleichsweise  auch  nur
liiDgsstatt  ist  nur  der  Unterscliied,  dass  im  letzteren  Fall  ein  doppelter ­
  Profit  gemacht  wird,  erstens  ein  Profit  beim  Importe,  und
zweitens  ein  Profit  beim  Exporte  von  Waaren,  daher  auch  nicht,
wie  das  Merkantilsystem  annahm,  der  Stand  der  „Handelsbilanz"
d.  h.  das  Verbaltniss  zwischen  Ein-  und  Ausfuhr  sondern  nur  die
Summe  von  Ein-  und  Ausfuhr  über  das  Maass  des  jeweilen  im
Wege  des  auswärtigen  Handels  erzielten  Nutzens  oder  Gewinnes
entscheidet.
        <pb n="138" />
        128  Capitel  V.
die  geringste  Veränderung  zu  erleiden  resp.  erlitten  zu
haben  braucht.
Setzen  wir  nun  aber  den  Fall,  es  liege  nicht  blos
ein  Ueberflusss  oder  Mangel  an  Münze,  im  Sinne  der
Landeswährung  (currency),  oder  an  Geld  nur  zu  Zahlungen ­
  im  Inlande,  sondern  vielmehr  ein  Ueberiluss
oder  Mangel  an  Edelmetall  überhaupt  (bullion)
vor  (wobei  also,  ausser  den  Zahlungen  im  Inlande,
auch  die  Zahlungen  nach  dem  Auslande  mit  in  Rechnung ­
  gezogen  sind),  was  wird  in  diesem  Falle  die  Folge
sein  ?
Auch  in  diesem  Falle  wird,  wenigstens  zunächst,
kein  Steigen  resp.  Fallen  der  Waarenpreise  erfolgen,
wohl  aber  werden,  in  Folge  der  Veränderung  im  Diskonto, ­
  die,  wie  ich  schon  an  anderer  Stelle  hervorgehoben ­
  habe,  immer  die  unmittelbarste  oder  nächste
Wirkung  eines  Ueberllusses  oder  Mangels  an  Geld,  im
Sinne  des  Edelmetalls  überhaupt,  ist«'^),  die  Wechselet) ­
  Stewart  a.  a.  0.  bemerkt  B.  II,  Ch.  28:  then
will  become  of  the  additional  qmintiltj  of  coin  —?  If  —  it  be  found
that  the  state  of  demand  remains  without  any  variation  then  the  additional ­
  coin  vhH  be  probably  be  locked  up,  or  converted  into  plate,
because  they  who  have  it,  not  beinp;  inspired  with  the  desire  of  increasing ­
  their  consumption,  and  far  less  with  the  generous  sentiment
of  giving  their  money  away,  their  riches  wilt  remain  without  producing
more  effect,  than  if  they  had  remained  in  the  niine*‘  und  Ch.  28;
        <pb n="139" />
        9

129

Geldmenge  und  Waarenjtreise.
kurse  in  dem  betretenden  Lande  in  die  Höhe  gehen
itsp.  sinken  und  erst  auf  Grund  dieser  Veränderung  in
den  Wechselkursen  wird  dann  auch  in  diesem  Falle  ein
Exjiort  resp.  Import  von  Edelmelall  stattfinden,  durch
welchen  sich  der  Ueberfluss  oder  Mangel  an  Geld  von
Land  zu  Land  wieder  ausgleicht  «•''*).  In  diesem  Falle

if  the  specie  he  found  above  the  proportion  of  the  industry,  it  will
have  no  effect  in  raising  prices,  nor  will  it  enter  into  circulation,  it
mil  he  hoarded  up  in  treasures,  where  it  must  wait  not  only  the  call
oj  a  desire  in  the  proprietors  to  consume,  hut  of  the  industrious  to
satisfy  this  M//."  Dies  ist  nicht  ganz  richtig.  Stewart  selbst
bemerkt  an  einer  andern  Stelle  B.  UI,  P.  2,  Ch.  V,  p.  206:
present  no  body  hoards,  where  lending  at  interest  is  lawful,
except  in  nations  where  credit  is  precarious**  und  B.  IV,  P.  1,  Ch.
II:  ~,,it  IS  now  a  maxim,  that  no  money  is  to  be  suffered  to
remain  uselefs  to  the  proprietor  of  it.**  AUer  Ueberfluss
an  Geld  strömt  in  der  That  zunächst  immer  in  die  Banken,  und
hat  so  die  Tendenz  auf  den  Bankzinsfuss  zu  wirken.  Ist  es  zug
  eich  ein  Ueberfluss  an  Kapital,  so  wirkt  er  auch,  unmittelbar,
auf  den  Börsenzinsfuss  oder  die  Eflfectenkurse.
Ueber  die  Art,  wie  eine  Veränderung  in  dem  Disconto
au  le  Wechselkurse  wirkt,  siehe  Göschen,  The  Theory  of
oreign  exchanges.  Ch.  VI,  wie  überhaupt  die  Monographien
Uber  Wechselkurse.  Der  Gang  der  Dinge  ist  in  dieser  Bezieung
  immer  der,  dass,  wenn  z.  B.  der  Diskont  in  London  ereblich
  sinkt,  das  Ausland  die  in  seinen  Händen  befindlichen
chsel  auf  England  nach  London  zur  Diskontirung  schickt  und
lir  das  daselbst  auf  diese  Weise  erhaltene  Geld  in  London  auswärtige ­
  Wechsel  kauft,  so  dass  in  London  die  Wechselkurse  stei-
        <pb n="140" />
        130  Capitel  V.
hat  also  ohne  Zweifel  das  Geld  in  dem  betrefl’endeii
Lande  eine  Veränderung'  im  Werthe  erlitten,  daher
auch  der  Export  resp.  Import  von  Edelmetall  in  diesem
Falle  nicht  sowohl  den  Charakter  einer  blossen  Zahlung, ­
  als  vielmehr  den  Charakter  einer  selbständigen
Handelsoperation  oder  Spekulation,  d.  h.  eines  Exportes ­
  resp.  Importes  von  Waare,  an  sich  trägt
Und  mit  Rücksicht  hierauf  kann  man  also  in  der  That
von  einem  Einfluss  der  Menge  des  Geldes  auf  den  Werth
des  Geldes  in  jedem  Lande  reden.  Allein  erstens  ist
es  doch  immer  nur,  wie  gesagt,  die  Menge  des  Geldes
oder  Goldes  resp.  Silbers  überhaupt  (bullion),  nicht

gen  (oder  vielmehr,  wenn  wir  uns  an  die  englische  Wechselnotirung
  halten:  fallen)  werden.
66)  Diese  durch  den  vergleichsweisen  Stand  des  Diskontos
hervorgerufene  Aus-  oder  Einfuhr  von  Edelmetall  ist  jedoch  nicht
mit  der  Uebertragung  von  Kapital  überhaupt  oder  zum  Zweck  der
Veranlagung  aus  einem  Land  in  das  andere  zu  verwechseln  ,  die
in  dem  vergleichsweisen  Stand  des  Börsenzinsfusses  ihren  Grund
hat  und  sich  zunächst  in  einem  Import  resp.  Export  von  Effecten
äussert  ;  denn  Kapital  kann  auch  in  der  Gestalt  von  Waaren  aus
einem  Lande  in  das  andere  übertragen  werden.  Ob  Kapital  in
der  Gestalt  von  Geld  oder  aber  in  der  Gestalt  von  Waaren  aus
einem  Lande  in  das  andere  geht,  das  hängt  von  den  jeweiligen
Conjunkturen,  d.  h.  einerseits  vom  Stand  des  Diskontos,  andererseits ­
  von  dem  Preisstande  der  betreffenden  Waaren,  ab.
        <pb n="141" />
        Geldmenge  und  Waarenpretse.  131
die  Menge  nur  des  im  Umlauf  befindlichen  Geldes
üdei  der  Münze,  im  Sinne  der  Landeswährung  (currency), ­
  welche  in  dieser  Weise  einen  Einfluss  auf  den
Werlh  des  Geldes  in  dem  betreffenden  Lande  ausübl,
während  die  hergebrachte  Theorie  gerade  umgekehrt
ausdrückheh  nur  der  Menge  des  „im  Umlauf  befindhehen“
  Geldes,  mit  Ausschluss  der  sog.  „hoards“  (weil
nur  die  Menge  des  im  Umlauf  befindlichen  Geldes  „mit
den  Waaren  in  Conlukt  komme“),  einen  Einfluss  auf
den  Werth  des  Geldes  in  jedem  Lande  zusehreibt
leinci  ist  es  auch  niclit  der  Stand  der  Waaren  preise,
67)  Vgl.  z.  B.  schon  D.  Hume,  und  J.  St.  Mill  p.  301  :
,.»/owÿ  Aoorderf  does  ml  ml  «n  prices."  Vgl.  auch  p.  401-404^
ferner  Tooke,  Geschichte  der  Preise  I.  663—667.  u.  II.  267  ff
I)ie  Bezeichnung  „hoards",  oder,  wie  A.  Wagner  in  einem  Anfluge ­
  von  Komantik  übersetzt,  „Horte",  wird  von  den  englischen
Theoretikern  für  alle.  Geld  oder  Gold  und  Silber  gebraucht,  welehe.
  jeweilen  über  den  Bedarf  zu  Zahlungen  im  Inlande  liinau.
Torrathig  gehalten  wird,  sei  es  von  Seiten  der  Privaten  oder
““““t  mk  diese  Bezeichnung  eine  höchst  un-IC
  e  zu  sein.  Denn  eine  eigentliche  Schatzbildung  oder
ystemabsche  Anhäufung  oder  Aufspeicherung  von  Geld  oder
m  Bedarf  hinaus,  gewissermassen  in’s
aue  mein,  um  des  blossen  Besitzes  willen,  oder,  wie  sich
ausdrückt,  zu  dem  „abstracten“  Zweck,  „um  jeder-Bedarfs
  über  Kaufkraft  verfügen  zu  können“
sw  ^  '  agner,  Beiträge  zur  Lehre  von  den  Banken  pp.  44
»  &amp;gt;  H,  und  Geld-  und  Credittheorie  etc.  pp.  94—103)  war
9*
        <pb n="142" />
        132

Capitel  V.

sondern  vielmehr,  wie  gesagt,  wenigstens  zunächst
immer  nur  der  Stand  (des  Diskontos  und)  der  Wechwolü

  im  Alterthum  und  Mittelalter  üblich,  kommt  aber  heutzutage, ­
  wenigstens  in  Europa,  bei  den  modernen  oder  ökonomisch
vorgeschrittenen  Völkern,  und  in  Eriedenszeiten  kaum  mehr  vor
(ausser  höchstens  noch  bei  den  Bauern).  Siehe  schon  die  oben
citirte  Stelle  von  Stewart.  Vielmehr  giebt  es  heutzutage  neben
der  eigentlichen  Kassenhaltung,  die  wenigstens  in  erster  Linie
nur  dem  Bedarf  an  Geld  zu  Zahlungen  im  Inlande  dient  oder  zu
dienen  bestimmt  ist,  nur  noch  einen  Handel  mit  Edelmetall,
in  der  Gestalt  von  Barren  und  fremder  Münze  („bullion  trade“),
der  nicht  nur  einen  Ueberfluss  und  Mangel  an  Edelmetall  zu
Prägungszwecken  sondern  auch  einen  UeberÜuss  und  Mangel  an
Edelmetall  zu  Zahlungen  nach  dem  Auslande  auszugleichen  bestrebt ­
  ist.  Auch  die  Banken  häufen  nicht  planmässig  Geld  oder
Gold  und  Silber  über  den  Bedarf  hinaus  an,  sondern  halten
nur  Geld  vorräthig  im  Hinblick  auf  ganz  bestimmte  Zwecke,
d.  h.  um  einem  möglicherweise  oder  voraussichtlich  eintretenden
Bedarf  zu  Zahlungen,  sei  es  im  Inland  oder  nach  dem  Auslande,
entsprechen  zu  können.  Zum  Theil  führen  sie  die-  Kasse  des  Publikums, ­
  zum  Theil  treiben  sie  auch,  wie  z.  B.  die  Bank  of  England, ­
  Handel  mit  Edelmetall.  Wenn  sie  mehr  Geld  oder  Edelmetall ­
  vorräthig  halten,  als  stricte  erforderlich  ist,  oder  thatsächlich
wirklich  zur  Verwendung  kommt,  so  geschieht  das  eben  einfacli
der  Sicherheit  wegen,  d.  h.  weil  sich  der  Bedarf  an  Geld  zu
Zahlungszwecken  niemals  genau  vorausberechnen  lässt,  nicht  aber
zu  dem  „abstracton“  Zweck,  „um  jederzeit  im  Fall  des  Bedarfs
über  Kaufkraft  verfügen  zu  können.“  Wäre  es  nach  alledem  nicht
besser,  wenn  man  diesen  ganzen  Nibelungenhort  in  den  Rhein  versenken ­
  und  sich  einfach  mit  der  Unterscheidung  zwischen  Geld
und  Waare,  und  zwischen  Münze,  im  Sinn  der  Landeswährung
        <pb n="143" />
        Geldmenge  und  Waarenpreise.  133
selkuise,  in  welchem  sich  die  durch  einen  vergleichsweisen ­
  Ueberfluss  oder  Mangel  an  Geld  bewirkte
Werthveränderung  des  Geldes  in  jedem  Lande  manifestirt.
  M.  a.  W.  nicht  vermittelst  einer  Bewegung  auf
dem  Waaren  markt,  sondern,  wenigstens  zunächst,
nur  vermittelst  einer  Bewegung  auf  dem  Geldmärkte
vollzieht  sich  die  Ausgleichung.  Auch  in  dieser  Beziehung ­
  ist  also  der  wirkliche  Sachverhalt  gerade  der
entgegengesetzte  von  dem,  den  die  Theorie  annimmt.
Während  die  letztere  den  Ueberfluss  oder  Mangel  an
Geld  zuerst  immer  auf  den  Stand  der  Waarenpreise  und
eist  indirekt,  d.  h.  durch  das  Medium  der  Handels-  oder
Zahlungsbilanz  hindurch,  auch  auf  den  Stand  der  Wechselkurse ­
  einwirken  lässt,  wirkt  umgekehrt  der  Ueberfluss
o(l(T  Mangel  an  Geld  zuerst  immer  auf  den  Diskonto
und  die  Wechselkurse  und  erst  in  Folge  dieser  Veränderung ­
  im  Diskonto  und  in  den  Wechselkursen  dann
möglicherweise,  wenn  die  Zeit  dazu  vorhanden  ist,  auch
auf  den  Stand  der  Waarenpreise««).  Aber  auch,  wenig-(currency),

  und  Geld  oder  Gold  resp.  Silber  überhaupt  (bullion)
begnügen  würde?  Mit  je  weniger  Kategorien  man  auskommt,
desto  besser  ist's  ja  doch,  was  allerdings  unsere  Scholastiker  noch
immer  nicht  begreifen  wollen.
G8)  Vgl.  Tooke,  Geschichte  der  Preise  I.  p.  88:  „ind  da
Sinken  (ISIf,  englische  Noftrnng  !)  dev  fVechselkurse  einen  He-
        <pb n="144" />
        134

Capitel  V.

siens  zunächst,  immer  nur  auf  die  Preise  der  Import-11
  nd  Exportartikel,  nicht  auf  die  Preise  der  Waarcn
überhaupt  oder  im  Allgemeinen.  Nur  wenn  sich  der
Ueberfluss  oder  Mangel  an  Geld  oder  Edelmetall  nicht
mehr  blos  auf  ein  einzelnes  Land  beschränkt,  sondern
vielmehr  eine  ganz  allgemeine  Erscheinung  ist  und  sich
daher  auch  nicht  mehr  einfach  im  Wege  des  Exports
oder  Imports  ausgleichen  lässt,  kann  von  einer  Wirkung
auf  den  allgemeinen  Stand  der  Waarenpreise  die
Rede  sein.  Aber  auch  in  diesem  Falle  geht  die  Veränderung ­
  zunächst  immer  nur  von  dem  Weltmärkte,
wo  die  Münze  nicht  nur  als  Geld  sondern  auch  als
Waare  anderen  Waaren  gegenübertritt,  aus  und  pflanzt
sich  erst  von  da  allmählig  oder  successive  auch  in
das  Innere  der  Länder  fort,  d.  h.  zuerst  sind  es  auch
in  diesem  Falle  immer  nur  die  Import-  und  Exportartikel, ­
  und  nächst  diesen  diejenigen  Artikel,  deren  Preis,
Bedarf  oder  Gestehungskosten  mit  dem  Preis,  Bedarf
oder  den  Gestehungskosten  der  Import-  oder  Ex¡)ortartikel
  in  irgend  einem  mittelbaren  oder  unmittelbaren

statullheil  der  vermehrten  Kosten  aller  Einfuhrge^enstände  bildete,
und  dergestalt  mittelbar  oder  unmittelbar  den  Preis  vieler  eigenen  Erzeugnisse ­
  berührtc*‘.  —  ,,Daneben  liegt  es  in  der  allgemeinen  Tendenz ­
  eines  Fallens  (NH.  wiederum  englische  Nolirung!)  der  ITcchselkurse,
  dass  die  Preise  von  .Ausfuhrartikeln  in  die  Höhe  gehen.**
        <pb n="145" />
        135

Geldmenge  und  Wanrenpreise.
Zusammenhänge  steht,  welche  von  der  Preisveränderung ­
  ergriffen  werden.  Es  ist  wie  mit  einem  Stein,  den
man  in’s  Wasser  wirft,  in  der  unmittelbaren  Nähe  des
Punktes,  wo  er  hineinfällt,  sind  die  Wellenbewegungen
am  stärksten;  je  grösser  die  Entfernung  von  diesem
Punkte  ist,  desto  schwächer  werden  die  Wellenkreise,
bis  sie  schliesslich  so  gut  wie  ganz  verschwinden.
Wir  haben  bisher  nur  das  Metallgeld  im  Auge  gehabt. ­
  Betrachten  wir  nun  auch  noch  den  Fall,  wo  ein
Ueberlluss  an  Papiergeld  vorliegt.  Was  wird  in  diesem ­
  Falle  die  Folge  sein?
Handelt  es  sich  nur  um  einen  (Jeberfluss  an  convert ­
  i  b  1  e  n  Banknoten,  so  ist  zweierlei  möglich.
Entweder  der  Ueberfluss  an  Noten  verschwindet
einfach  in  der  Weise  wieder,  dass  er  in  verzinsliche
Pepo  si  ten,  oder  zunächst  auch  blos  in  Guthaben  in
Conlocorrent,  umgewandelt  wird®®).
Oder  aber  der  Ueberlluss  an  Noten  wird  bei  der

69)  So  bemerkt  auch  schon  J.  Stewart,  Principles  B.  II.
eil.  28:  for  the  paper  money,  so  soon  as  it  has  served  the
first  purpose  of  supplying  the  demand  of  him  who  borrowed  it  (because ­
  he  had  at  that  time  no  coin),  it  will  return  upon  the  debtor
in  it,  and  become  realized,  because  of  the  little  use  found  for  it  in
carrying  on  circulation.'^  Und  B.  V.  Ch.  13:  „If  it  he  paper,  he
demands  of  the  debtor  in  the  paper  either  to  give  him  an  interest
  for  it,  or  to  convert  it  into  coin,  which  is  the  money  of  the
        <pb n="146" />
        13G

Capitel  V.

belrcflendeii  Bank  gegen  Metallgeld  ein^elöst,  welches
hierauf  exportirl  wird  Das  Letztere  g-eschieht  nur
dann,  wenn  der  Stand  der  Wechselkurse  dem  Ausland
gegenüber  ein  ungünstiger  ist,  und  es  zugleich  auf  dem
Markte  an  ungeprägtem  Metall  oder  fremder  Münze  zu
Zahlungen  nach  dem  Auslande  fehlt

world.  Both  are  called  realizing  and  in  proportion  as  money  is  realized, ­
  circulation  diminishes/*
70)  Ich  sehe  hier,  wie  im  Folgenden,  von  dem  Falle  ab,
dass  es  an  Metallgeld  zu  Zahlungen  im  Inlando  (z.  11.  an  Kleingeld,
bei  nicht  tief  genug  herabgehender  Appointirung  der  Banknoten)
fehlt,  in  welchem  Falle  das  gegen  Noten  eingelöste  Metallgeld
nicht  exportirt  wird,  sondern  zu  Zahlungen  im  Inlande  Verwendung ­
  findet.
71)  Dies  übersieht  A.  Smith,  der  von  der  Vorstellung  beherrscht ­
  ist,  dass  jede  Note,  welche  die  Bank  über  den  Bedarf
hinaus  emittire,  immer  und  unter  allen  Verhältnissen  gegen  Metallgeld ­
  umgewechselt  zu  werden  begehre,  so  dass  auf  diese  Weise
eine  Bank  durch  übermässige  Emission  von  Noten  ihres  ganzen
Baarvorraths  beraubt  werden  könne.  Vgl.  B.  II.  Ch.  II.:  ,,Should
the  circulating  paper  at  any  time  exceed  that  sum,  as  the  excess
could  neither  be  sent  abroad  nor  be  employed  in  the  circulation  of
the  country,  it  must  immediately  return  upon  the  banks  to  be  exchanged ­
  for  gold  and  silver.  Many  people  would  immediately  perceive ­
  that  they  had  more  of  this  paper  than  was  necessary  for  Iranacting
  their  business  at  home,  and  as  they  could  not  .send  it  abroad,
they  would  immediately  demand  paginent  of  it  from  the  banks.  lUicn
this  superjluous  paper  was  converted  into  gold  and  silver,  they  could
easily  find  a  use  for  it  by  sending  it  abroad,  but  they  could  find
none  while  it  remained  in  the  shape  of  paper.**  Derselbe  Irrthum
        <pb n="147" />
        137

Gcldmcuíje  und  Waarenpreise.
ln  keinem  der  beiden  Fälle  erzeugt  der  Ueberfluss
an  INuten  eine  Naehfrage  nach  Waaren  oder  erleidet  der
Stand  der  Waarenpreise  oder  der  Werth  des  Geldes  in
dem  betreffenden  Lande  die  allergeringste  V  eränderung,
wie  dies  auch  schon  von  den  Verfechtern  des  „banking
])rincii)le“  zur  Genüge  d  arge  than  worden  ist.

kehrt  bei  Ricardo  und  dessen  Schülern  wieder.  Ja,  Ricardo
sieht  in  dieser,  mit  der  Convertibilät  der  Noten  nach  seiner  Ansicht ­
  verbundenen,  Gefahr  für  die  Bank,  durch  eine  übermässige
A  ermehrung  der  Noten  ihren  ganzen  Baarvorrath  zu  verlieren,
den  einzigen  Schutz  gegen  eine  Zuvielausgabe  von  Noten.  Dagegen ­
  u.  A.  Fullarton  cit.  bei  Tooke,  Geschichte  der  Preise
I.  p.  637:  ,,Ger(ith  ein  (grösserer  llelrag  von  Hunknolen  in  die
Hände  eines  Individuums,  als  es  gerade  gebrauchen  kann,  so  seht  es
sie  nicht  bei  der  Hank  gegen  Gold  um,  wenn  es  nicht  etwa  Buarschuften
  ausj'ühren  will;  sondern  es  hinterlegt  sie  bei  seinem
II  a  nq  Hier,  der  sie  vermuthlich  der  Bank  of  England  übersendet
und  sich  den  Betrag  dort  gutschreiben  lässt.**  „Dieser  Biickßuss  ist
der  grosse  liegulator  für  die  Lundesvaluta  im  Inlande,  durch  dessen
.dufrechthallung,  trotz  aller  Gefahren  und  Versuchungen,  während
dei  Dauer  der  Bankbeschränkung,  das  Geldsijstem  unseres  Staates  vor
dein  gänzlichen  Schiffbruch  und  der  Entwerthung  bewahrt  worden  ist,
welche  auf  dem  testlande  einen  jeden  Staat  mit  Papiergeld  zu  Grunde
lichtete.**  Und  Tooke  selbst  pag.  640:  „Der  Bückjluss  geschieht
hauptsächlich  auf  zwei  IVegen  :  durch  Einzahlung  des  überschüssigen ­
  Betrags  an  einen  Banquier  auf  Dep  osj  tenca ­
  n  to,  tulcr  durch  U  ledereinlösung  der  Enterpfänder,  auf  welche
der  I  orschuss  empfangen  worden  ist.**
        <pb n="148" />
        138

Capitel  V.

Sind  dagegen  die  ISoten  i  neon  verti  bei,  so  tritt
in  dem  Falle,  wo  mit  dem  Ueberilnss  an  Noten  zugleich
ein  Mangel  an  Metallgeld  zu  Zahlungen  nach  dem  Auslande ­
  Hand  in  Hand  gebt,  was  also  wiederum  voraussetzt, ­
  dass  der  Stand  der  Wechselkurse  dem  Ausland
gegenüber  ein  ungünstiger  ist,  ohne  Zweifel  immer  eine
mehr  oder  weniger  bedeutende  Entwerthung  (Depredation) ­
  der  Noten  im  Verhiiltniss  zum  Metallgelde
oder  der  Münze  ein.
Die  gleiche  Wirkung  erfolgt  auch,  wenn  es  sich
um  inconvertibles  Staatspapiergeld  handelt.
Da  jedoch  diese  Entwerthung  des  Papiergeldes  oder
der  Noten  im  Verhältniss  zum  Metallgeld  immer  nur
die  Folge  des  Umstandes  ist,  dass  eben  der  Ueberfluss
an  Noten  oder  Papiergeld  nicht  auf  (irund  eines  einfachen ­
  Forderungsrechtes  bei  dem  Emittenten  in  Metallgeld
umgewechselt  werden  kann,  trotzdem  dass  bei  einem
vorhandenen  Mangel  an  Metallgeld  zu  Zahlungen  nach
dem  Auslande  ein  solches  Umwechslungsbedürfniss  vor-—
  so  äussert  sich  diese  Entwerthung  zunächst
auch  immer  nur  in  den  Wechselkursen  und  in  einem
Dis  agio  des  Papiergeldes  oder  der  Danknoten  gegenüber ­
  dem  Metallgeld  oder  der  Münze,  und  erst  in
Folge  dieses  Disagios  tritt  dann  auch  eine  Preissteigerung ­
  der  Waaren  ein,  während  dagegen  von  einem
        <pb n="149" />
        Geldmenge  und  Waarenpreise.  139
unmitteII)aren  Einfluss  der  Menge  des  im  Umlauf
befindlichen  Papiergeldes  auf  den  allgemeinen  Stand
der  Waaren  preise  keine  Rede  sein  kann  Auch
stimmen  alle  Beobachtungen  darin  überein,  dass  in
tolge  des  Disagios  keineswegs  immer  alle  Waaren
ren  noch  gar  alle  in  gleichem  Maasse  oder  Verhältnisse
im  Preise  zu  steigen  brauchen,  sondern  dass  es  auch
hier  zunächst  immer  nur  die  Preise  der  Export-  und
lm])ortartikel  sind,  welche  von  dem  Agio  und  seinen
Schwankungen  afficirt  werden  ^3).  So  pflegen  z.  ß.

72)  Wenn  A.  Wagner,  die  russ.  Papierwähr.,  p.  97  bemerkt:
„/^er  pradische  Hauptfall  der  Papiergeldrennehrung  ist  die  Bestreitung
von  Staafsdusgahen,  besonders  der  AnknuJ  von  Hriegsmaterial.  Hier
bildet  die  neue  Geldmenge  ßir  den  Betrag  ihrer  Kaufkraft  eine  neue
i\achfrage.  Sie  hat  daher  die  Tendenz,  sofort  die  Güter  zu  vertlieuern,
  welche  der  Staat  braucht,  und  welche  die  Soldaten  mit
dem  Solde  kaufen*‘,  so  verwechselt  er  eben  eine  Nebenwirkung
oder  einen  begleitenden  Umstand  mit  der  Ursache.  Offenbar  ist
doch  immer  nur  der  Umstand,  dass  der  Staat  in  bestimmter  Richtung ­
  mehr  Geld  ausgiebt,  oder  einen  grossem  Aufwand  macht,  als
gewöhnlich,  nicht  aber  die  bei  dieser  Gelegenheit  stattfindende
Vermehrung  des  Papiergeldes,  die  Ursache  davon,  dass  die  betreffenden ­
  Artikel  im  Preise  steigen.  Die  Wirkung  würde  in  der
That  ganz  dieselbe  sein,  wenn  der  Staat,  statt  Papiergeld  zu  emittiren,
  ein  Anlehen  contrahiren  oder  Schuldverschreibungen  emittiren
  würde.
Wagner,  Die  russ.  Papierwährung,  p.  94—98
und  Hertzka,  Handel  und  Währung,  p.  35.  39.  42.  47.  48.  109.
        <pb n="150" />
        140

Capitel  V.
an  dem  reinen  Lokal  verkehr  die  Schwankungen  des
Agios  ziemlich  spurlos  vorüber  zu  gehen.  In  dieser
ungleichmässigen  Wiikung  des  Agios  auf  die  Preise,
liegt  ja  auch  vornehmlich  das  Uebel  des  in  con  ver  tibi  en
l^apiergeldes,  durch  welches  auf  diese  Weise  immer
die  eine  Volksklasse  zu  Gunsten  der  anderen  besteuert
wird.
Zum  Schluss  noch  ein  Wort  über  den  Unterschied
zwischen  inconvertiblem  Staatspa  piergeld  und  incqn
  vertiblen  Ran  k  note  n.
Wahrend  die  älteren  Oekonomisten,  insbesondere
Ricardo  und  die  Anhänger  des  sog.  „currency  [)rinciple“,
  eine  übermässige  Emission  von  Ranknoten  auch
selbst  in  dem  Fall  für  möglich  halten,  wo  die  Noten
con  verb  bei  sind,  bestreiten  die  Anhänger  des  sog.  „banking ­
  principle“  und  die  meisten  neueren  Oekonomisten
jede  Möglichkeit  einer  übermässigen  Emission  von  Ranknoten ­
  auch  selbst  für  den  Fall,  wo  die  Noten  inconvertibel
  sind,  und  wollen  nur  die  Möglichkeit  einer
übermässigen  Emission  von  inconvertiblem  Staatspapiergeld
  zugeben,  dem  sie  daher  auch  allein  einen  Einfluss
auf  die  Preise  zu  schreiben,  indem  sie  sich  dabei  auf
folgende  Argumentation  stützen.  Die  Emission  von
Ranknoten,  sagen  sie,  geschehe  immer  nur  vermittelst
kurzfristiger  Vorschüsse  und  Wechseldiskontirungen,
        <pb n="151" />
        141

Geldmenge  und  Waarenpreise.
also  dahrlelinsweise,  und  bewege  sieh  daher  stets
innerhalb  der  Grenzen  eines  bestimmten  Bedarfs  oder
ausdrücklichen  Begehrs  von  Seiten  des  Publikums,  während ­
  dagegen  das  Staatspapiergeld  im  Wege  der  Verausgabung ­
  oder  mittelst  Zahlungen  in  den  Umlauf ­
  gelange  und  die  Quantität  desselben  daher-  ganz
von  dei  \V  ill  kür  oder  dem  Belieben  des  Emittenten
abhänge.  ferner  finde  bei  den  Banknoten,  eben  in
folge  der  nur  dalirlehnsweisen  Emission,  eine  regelmässige ­
  und  in  kurzen  Perioden  wiederkebrende  Bückströmung
  der  Nuten  zum  Emittenten  statt,  wodurch
jede  überflüssige  Note  sofort  wieder  aus  dem  Umlaut
verschwinde,  während  dagegen  beim  Staatspapiergeld
die  einmal  emittirte  Quantität  definitiv  im  Umlauf  verbleibe^**). ­


74)  Vgl.  Tooke  u.  Newmarch,  Geschichte  der  Preise,
I.  p.  634—663.
J.  Wilson,  Capital,  Currency  and  Banking,  p.  79.  80.
A.  \\  agner,  Art.  Banknote  in  Rentsch  Handwörterbuch:
Nolenemission  geht  eine  Saehfrage  nach  tien  Solen,  also
etn  entsprechender  Bedarf  des  rer  kehr  s  voran.  Die  Vapiergeld-(lasg&amp;amp;l/e
  erfolgt  ganz  ohne  Bücksicht  aaf  einen  solchen  Bedarf  und
bildet  allerdings  von  vorneherein  jedesmal  ihrerseits  eine  Sachfrage
nach  n  aaren  and  Leistungen.  Deshalb  kann  wohl  von  einer  Zuvielausgabe, ­
  einer  Ueberschwemtnung  mit  Papiergeld,  nicht  aber  mit
Banknoten  die  Bede  sein.*‘
Die  obige  Theorie  findet  sich  übrigens  auch  schon  bei  J.
        <pb n="152" />
        142

Capitel  V.

Die  vorstehende  Argumentation  scheint  mir  auf
ziemlich  schwachen  Füssen  zu  stehen.
Zwischen  dem  Staatspapiergeld  und  den  Banknoten ­
  ist,  meines  Erachtens,  was  die  Art  der  Emission
betriflt  kein  so  wesentlicher  oder  bedeutungsvoller  Unterschied, ­
  als  hier  angenommen  wird.  Auch  die  Emission ­
  von  Staatspapiergeld  erfolgt  so  gut  wie  die  Emission ­
  von  Banknoten  nur  auf  Grund  und  nach  Maassgabe ­
  eines  bestimmten  Bedarfs:  In  dem  einen  Falle  ist
es  eben  der  Staat,  der  Zahlungen  zu  machen  hat,  in
dem  anderen  Falle  sind  es  die  Bankkunden,  welche
Zahlungen  zu  machen  haben,  so  dass  also  der  einzige
Unterschied  dabei  der  ist,  dass  in  dem  einen  Falle  der
Geldbedürftige  sich  das  repräsentative  Zablmittel,  welches ­
  ilmi  das  mangelnde  Metallgeld  ersetzt  oder  ersetzen
soll,  selbst  fabricirt,  während  in  dem  andern  Falle  sieb
der  Geldbedürftige  zu  diesem  Zweck  an  eine  Bank

Law,  a.  a.  O.:  ,,/&amp;gt;«  comission  délivrant  toutes  tes  sommes  demandées ­
  et  reprenant  toutes  tes  sommes  rapportées,  ce  papier-monnaie ­
  conservera  sa  valeur,  et  nous  aurons  toujours  autant
de  numéraire  que  nous  en  aurons  besoin,  ou  que  nous
pourrons  en  employer,  mais  jamais  au  delà.“  (p.  497).
,,La  quantité  de  ce  papier  croissant  en  raison  de  ta  demande,  et  damnant ­
  à  mesure  que  la  demande  diminue,  il  eonservera  sa  valeur.“
(p.  502).
Vgl.  ferner  auch  Stewart,  B.  IV,  1*.  2,  Ch.  12.
        <pb n="153" />
        143

Geldmenge  und  Waarenpreise.
wendet.  Dies  hindert  aber  nicht,  dass  in  beiden  Fällen,
also  auch  bei  den  Banknoten,  schliesslich,  in  einem  bestimmten ­
  Momente,  möglicherweise  mehr  Papier  im  Umlaufe ­
  ist,  als  man  wirklich  benöthigt.  Denn,  wenn  von
einer  übermässigen  Vermehrung  oder  von  einem  Ueberfluss
  an  Papiergeld  oder  Banknoten  die  Rede  ist,  so  handelt ­
  es  sich  dabei  doch  nicht  blos  um  diejenigen  Personen,
mit  Rücksicht  auf  deren  unmittelbares  Zahlungsbedürfniss
  das  Papiergeld  oder  die  Noten  ursprünglich  emittirt
  wurden,  d.  h.  in  dem  einen  Falle  die  Regierung,
in  dem  andern  Falle  die  Bankkunden,  sondern  offenbar
auch  um  diejenigen,  welche  später  gewissermassen  rein
zufällig,  d.  h.  im  Einnabmeweg,  nicht  im  Wege  des
Kredits,  in  den  Besitz  des  Papiers  gelangt  sind,  und
ihrerseits  nunmehr  vielleicht  weniger  Zahlungen  zu  bewerkstelligen ­
  haben,  oder  Geld  bedürfen,  als  sich  Papier
  in  ihren  Kassen  angesammelt  hat.  Ebenso,  wie
möglicherweise  schon  bei  den  Lieferanten  des  Staates, ­
  die  das  Papiergeld  ans  erster  Hand  empfangen  haben, ­
  sich  ein  üeberfluss  an  Papiergeld  fühlbar  machen
oder  sich  das  i^apiergeld  gewissermassen  stauen  kann,
ebenso  kann  auch  schon  bei  denjenigen  Personen,
welche-  zuerst  von  den  Bankkunden  die  Noten  an  Zahlungsstatt ­
  erhalten  haben,  möglicherweise  ein  Ueberfluss
an  Noten  hervortreten.  Ebenso  liegt  auch  in  der  Mög-
        <pb n="154" />
        144

Capitel  V.

lichkeit  oder  Nothwciidigkeit  der  Rückzahlung'  der
von  der  Rank  gewährten  Darlehne  noch  keine  hinlängliche ­
  Garantie  dafür,  dass  nicht  doch  einmal  in  einem
bestimmten  IVlomente  die  Menge  der  im  Umlauf  beiindlichen
  Noten  den  Bedarf  überschreitet;  denn  die  Vorschüsse ­
  der  Banken  pflegen  ja  doch  immer  nur  auf  bestimmte ­
  Termine  zu  lauten  (Verfallstage  der  Wechsel).
\\  ie  denn  in  gleicher  Weise  auch  die  Annahme  des  Papiergeldes ­
  an  den  Staatskassen  bei  den  Steuerzahlungen
noch  keineswegs  genügt,  um  eine  Zuvielausgabe  von
Staatspapiergeld  hintanzuhalten.  Die  Art  der  Emission
ist  es  also  überhaupt  nicht,  welche  bei  den  Ranknoten
dafür  sorgt,  dass  sich  die  Menge  immer  innerhalb  der
Grenzen  des  Bedarfs  hält.  Vielmehr  ist  es  neben  der
Convertibilität  der  Noten  nur  und  allein  die  Bereitwilligkeit ­
  der  Banken  zur  Annahme  von  Depositen,
welche,  wie  wir  dies  schon  oben  hervorgehot)en  haben,
dahin  wirkt,  dass  jederzeit  immer  nur  soviel  Noten  im
Umlauf  verbleiben,  als  der  Verkehr  zu  Zahlungen  verwenden ­
  kann,  während  es  bei  dem  Staatspapiergeld  an
einem  ähnlichen  Correctiv  gegen  Uebermass  fehlt.  Indess
  wird  doch,  glaube  ich,  auch  durch  das  Deposilengeschäft
  in  dem  Falle  eine  übermässige  Emission  von
Banknoten,  vorausgesetzt,  dass  die  letzteren  inconverlibel
  sind,  nicht  verhindert,  wo  der  Stand  der  Wech-
        <pb n="155" />
        Geldmenge  und  Waarenpreise.  145
selkurse  ein  ungünstiger  ist  und  es  zugleich  an  Edelmetall, ­
  zur  Bewerksteiligung  von  Zahlungen  nach  dem
Auslande,  auf  dem  Markte  fehlt.  Daher  denn  auch  bei
den  inconvertiblen  Banknoten  in  diesem  Falle  ein  Disagio ­
  entstehen  oder  eine  Entwerthung  im  Verhältniss
zur  Münze  eintreteh  kann,  wie  bei  dem  inconvertiblen
Staatspapiergeld.  Wenn,  im  Gegensatz  hierzu,  Tooke
behauptet  hat,  dass  die  Notenemission  der  Bank  of
England  während  der  Bestriktionszeit  niemals  eine  übermässige ­
  gewesen  sei,  und  dass  das  damalige,  zuweilen
sehr  hohe,  Agio  des  Goldes  nur  in  dem  aussergewohnlichen ­
  Bedarf  an  (lold  zu  Zahlungen  nach  dem  Auslande ­
  oder  in  einem  hierdurch  erhöhten  Werthe  des
Goldes  seinen  Grund  gehabt  habe,  so  übersieht  er  dabei, ­
  wie  ich  glaube,  dass  der  Bedarf  an  Geld  zu  Zahlungen ­
  nach  dem  Auslande,  oder  ein  Mangel  an  Edelmetall ­
  auf  dem  Markte,  allein  noch  kein  Agio  erzeugen ­
  kann,  wenn  nicht  mit  diesem  Bedarf  oder  Mangel
an  Metall  ein  Ueberfluss  an  Papiergeld  oder  Noten  zusammentrifft, ­
  da  ja  sonst  kein  Bedürfhiss  nach  Umwechselung ­
  von  Papiergeld  oder  Noten  in  Münze  entstehen ­
  kann,  dessen  Nichtbefriedigung  doch  in  letzter
Instanz  allein*  den  Erklärungsgrund  für  die  Entstehung
eines  Agios  bildet.  In  der  That  beantwortet  die  Bank
auch  im  Fall  eines  Bedarfs  an  Geld  zu  Zahlungen  nach
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        Frommannsche  Buchdruckerei  (Hermann  Pohle)  in  Jena.

146  Capitel  V.  Geldmenge  und  Waarenpreise.
dem  Auslande  die  an  sie  herantretenden  Gesuche  um
Wechseldiskontirungen  oder  Vorschüsse  nicht  mit  Münze,
sondern  mit  Noten,  für  die  daher,  wenn  sie  inconverlibel
  sind,  das  zu  Zahlungen  nach  dem  Auslande  erforderliche ­
  Metall  erst  gekauft  werden  muss.  So  dass  es
also  schliesslich  doch  nur  die  Convertibilität  ist,  welche
unter  allen  Umständen  dafür  sorgt,  dass  weder  die  Noten ­
  jemals  unter  den  Werth  des  Metallgeldes  herabsinken ­
  ,  noch  ihre  Menge  jemals  den  Bedarf  überschreitet.

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Verlag  von  Gustav  Fischer  in  Jena.
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lH&amp;gt;zeuU'a  der  StaaUwisscnicluflcn  an  der  Universität  Leipzig.
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in  den  süddeutschen  Staaten  1S1Í)  1S75
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Finanzwesen  der  Staaten  und  Städte
der
Nfirdainerikanisclieii  Union.

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