164 I. Buch. Production und Consumtiou. daß die Gesetzgebungeil verschiedener Staaten neuerdings in wirksamer und energischer Weise gegen die Trunksucht vorgegangen sind und sich im allgemeinen auch von den zwei Klippen, welche auf diesem Gebiete zu vermeiden find, sowohl von einer übertriebenen Achtung vor der Unabhängigkeit des Einzelnen, welche selbst die Freiheit des Lasters gewissermaßen heilig hält, als auch von einer selbst den erlaubten Genuß belästigenden Einmischung und einein inquisitorischen Eingreifen in die häuslichen Verhältnisse, frei gehalten haben. Es sind besonders drei Staaten, deren Gesetzgebung sich in unserer Zeit die systematische Be kämpfung dieses Uebels zur Aufgabe gesetzt und weit gehende, gewissermaßen typische Maßregeln gegen dasselbe ergriffen hat. Zunächst ist in den Ver einigten Staaten der Kampf gegen das dort in ganz unglaublichem Umfange grassirende Uebel 1 seit dem Anfang dieses Jahrhunderts mit verschiedenen z. B. irrthümlich, wenn man sagen wollte, daß im Jahre 1890 in Großbritannien und Irland fast 140 Millionen Pfund Sterling, d. h. ungefähr ein Zwölftel des Nationaleinkommens, für geistige Getränke ganz nutzlos ausgegeben worden seien. Man muß sich denn doch gegenwärtig halten, daß ungefähr ein Viertel dieser gewaltigen Summe auf Rechnung der durch die Steuer auf die Erzeugung und den Verkauf der gebrannten geistigen Getränke hervorgerufenen Preiserhöhung zu setzen und dergestalt zum Aufwand für die Erhaltung der öffentlichen Ordnung und für die Förderung des Gesamtwohls zu rechnen ist. Von den übrigen drei Vierteln dieser 140 Millionen wurde vermuthlich die Hälfte zur Ernährung und Stärkung des Körpers oder zu er laubtem Genuß und heiterer Geselligkeit verwendet, so daß nur die allerdings noch überaus große Summe von ungefähr 50 Millionen Pfund Sterling dazu diente, Geist und Körper durch übermäßiges Trinken verderblich zu schwächen. — Auch muß man sich hüten, den größern Theil des in der menschlichen Gesellschaft herrschenden Elends, der so weit verbreiteten Unsittlichkeit und der Verbrechen von dem übermäßigen Trinken herzuleiten und demgemäß von der Mäßigkeit oder der gänzlichen Enthaltung von geistigen Getränken zu viel zu erwarten. Es können bei einem Volke, das sich deS Genusses geistiger Getränke gänzlich oder fast vollständig enthält, die größten Laster verbreitet sein, wie das z. B. bei den Arabern Nvrdafrikas und der mohammedanischen Bevölkerung des türkischen Reiches der Fall ist. Auch ist es unbestreitbar, daß die Trunksucht in gewissen Fällen nicht die Ursache, sondern geradezu die Folge anderer Laster oder schändlicher Verbrechen ist. Die Schuldigen suchen nur zu häufig bei der Flasche Trost und Vergessen. 1 Es klingt fast unglaublich, wenn man vernimmt, daß nach amtlichen Zusammen stellungen im Jahre 1869 in den gesamten Vereinigten Staaten für Mehl, Baum- woll- und Wollwaren, für Schuhwcrk, sonstige Kleidungsstücke und Drucksachen zu- sammen 705000 000 Dollars, für Branntwein, Wein und Bier hingegen 1487 000000 Dollars ausgegeben wurden, und wenn man weiter liest, daß es laut der im Jahre 1883 vom Chef des statistischen Bureaus der Union publicirten Zusammenstellung unter einer Bevölkerung zwischen 50 000 000 und 60 000 000 Menschen, die zudem theilweise auf den einsamen Farmhöfen des Westens Hausen, ca. 200 000 concessionirte Verkäufer Don Spirituosen gab. In der Stadt Toledo (Ohio) gab es 1886 bei einer Bevölke rung von 90 000 Einwohnern 800 Schanklocale.