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        <title>Der Zukunftsstaat und die Lösung der socialen Frage</title>
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        * 
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13188
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        Nr. K /3^8^ 
EIGENTUM 
DES 
INSTITUTS 
FOR 
WELTWIRTSCHAFT 
KIEL 
BIBLIOTHEK
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        * 
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        Per 
Jukunfls-Staat 
und die 
Msung der socialen Frage. 
Allen Lerufsständen, 
insbesondere den Arbeitgebern und Arbeitnehmern gewidmet 
von 
Dr. GH. ^Wtume. 
-#&gt;Ak 
Hannover. 
ķertcrg von Gart Mener 
(Gustav Prior) 
1884.
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        V 
ffiìi'jph 
*¡~ Bibliothek 
* Kia\ 
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        Voewoà 
Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört. 
Es müsse sich dabei doch auch was denken lassen. 
Goethe. 
Äuf diese hier so trefflich charaktcrisirtc Schwachheit der 
Menschen oder besser gesagt, des größeren Theiles der Menschen 
bauten von jeher utopische Schwärmer und Betrüger, zu denen sich 
unter neuem Namen (denn die Sache ist die alte) die Social 
demokraten gesellt haben. Die modernen Communiste» gleichen 
delteit früherer Jahrhunderte wie ein Ei dem andern. Die Bilder, 
welche sie von ihrem ZuklUlftsstaate eittwcrfen, scheinen ans den 
Utopien abgeschrieben zu sein, welche uns Morclly vierzig Jahre 
vor dem Ausbruche der französischen Revolution und zahlreiche 
andere Schriftsteller vor unb nach ihm geliefert haben. Aehitlichc 
Gedanken und communistische Bewegungen sehen wir fast in jedem 
Jahrhundert sich erheben unb wie eine Sternschnuppe verschwinden; 
manchmal treten sie nur innerhalb eines Standes auf, wie bcispiels- 
lveise in den religiösen Orden des Mittelalters, sowohl im christ 
lichen Europa, als im buddhistischen Indien und Tibet. Häusig 
entstehen communistische Träumereien, wenn in einem Zeitalter die 
gesellschaftlichen Zustande so von unnatürlichen Gegensätzen und 
unvermittelten Sprüngen Don „Arm" zu „Reich" durchsäuert sind, 
daß nothwendig eine Gährung sich bilden muß, die dann die Sehn 
sucht nach sonderbaren Ideen erzeugt. Philosophen haben diesen 
^rang nicht unrichtig die Sehnsucht nach der Natur genannt. Die
        <pb n="8" />
        rv 
gewöhnliche Folge war und ist, daß diese Utopisten von einem 
Extrem ins andere fallen und in ihrem überreizten Gehirn sich ein 
Idyll des Naturzustandes zurechtlegen, wie es in der That nie 
existirt haben kann, noch je zu existiren vermag. Die Socialdcmo- 
kraten unterscheiden sich von jenen Communisten nur dadurch, daß 
sie den modernen Staat nach ihren Ideen gewaltsam ummodeln 
wollen, während jene auf eine Veränderung des zu ihrer Zeit vor 
handenen Staates keinerlei Hoffnung setzten, sondern ihre Ideale 
wo möglich ferne von der großen Heerstraße der Cultur ins Prak 
tische zu übersetzen suchten. 
Allein es würde den Zweck dieser Schrift weit überflügeln, 
wollten wir den jedenfalls interessanten Vergleich zwischen dem 
Communismus alter und neuer Zeit weiter fortseien. Der Zweck 
dieses Buches lehnt sich haupffächlich an die Bestrebungen der 
Socialdemokratie non heute an. Gestützt auf die gesicherten Er 
fahrungen der Wissenschaft und die Urtheile namhafter Vertreter 
derselben soll darin nachgewiesen werden, daß die auf die Lösung 
der socialen Frage, die in unserem Jahrhundert zweifellos eine 
brennende ist, gerichteten Bestrebungen der Socialdemokratie nicht 
zum Ziele führen, vom sittlichen Standpunkte aus betrachtet durch 
aus verwerflich erscheinen und das Massenelend nur vergrößern 
würden. 
Aber das vorliegende Buch soll nicht blos einen aggressiven 
und verneinenden Charakter an den Tag legen, sondern sich auch 
positiv verbreiten über die Mittel, welche zur Lösung der socialen 
Frage geeignet erscheinen. 
Eine gedrängte Darstellung der Entwickelungsgeschichte des 
Socialismus in Deutschland war nicht zu umgehen, um auch dem 
Laien das plötzliche Auftauchen der socialen Ideen und ihr gewal- 
tiges Vordrängen in unserer Zeit einigermaßen erklärlich zu machen. 
In der dann folgenden Schilderung, Würdigung und Widerlegung 
des communistischen Programms resp. Zukunftstaates war der Ver 
fasser bestrebt, Autoritäten sprechen zu lassen. Er glaubte sich
        <pb n="9" />
        V 
dabei darauf beschränken zu sollen, die Ergebnisse der Forschungen 
in den socialpolitischen Wissenschaften, soweit sie dein Zwecke dieses 
Buches dienlich schienen, möglichst systematisch geordnet, zuweilen 
ergänzt oder, wenn nöthig, corrigirt, zusammenzustellen und zwar 
unter thunlichstem Anschlüsse an den Gcdankengang der von dem 
Verfasser besonders bcachtcnswerth befundenen und von ihm zum 
Studium der Frage benutzten Schriften. 
In Betreff des zweiten Theiles dieses Merkchens, welcher 
verschiedene Vorschläge zur praktischen Lösung der socialen Frage 
bespricht, möge bemerkt sein, daß derselbe im Wesentlichen Resultate 
eingehender und sorgfältiger Studien, sowie persönliche Reflexionen 
des Verfassers enthält, für welche letztere derselbe jedoch keineswegs 
Originalität beanspruchen will, wozu er nach dem jederzeit bewahr 
heiteten Sprüchwortc „Es ist Alles schon dagewesen" auch kein 
Recht hat. Dieselben mögen also auch nur als Rcproductionen 
und Reminiscenzen angesehen werden, die aber in Verbindung mit 
dein übrigen Inhalte dieses allen Gesellschaftsklassen gewidmeten 
Schriftstücks hoffentlich manchen Leser die Ueberzeugung gewinnen 
lassen werden, daß die bis zur Unerträglichkeit gesteigerte sociale 
und wirthschaftliche Lage des deutschen Volkes einer recht baldigen 
und wesentlichen Verbesserung dringend bedarf, wenn es nicht zum 
Ausbruch einer für Kirche, Staat und Gesellschaft höchst gefähr 
lichen Katastrophe kommen soll, daß aber eine solche Besserung 
durch praktische Anwendung social-communistischer Theorien niemals, 
foitbcrn nur mittelst Ausführung der besprochenen und ailderer 
geeigneter Vorschläge sich bewirken lasse. 
Möchten hierbei alle Parteien und Gesellschaftsklassen in 
Selbstlosigkeit und mit sittlichem Ernste Hilfe leisten! 
Dresden, im Juli 1884. 
Dr, Th. Slnme.
        <pb n="10" />
        VI 
Verzeichniß der benutzten Schriften. 
Möhring, Franz, Zur Geschichte der Socialdemokratie. 
v. Stein, Lorenz, Amerikanischer Socialismus und Communismus. 
Stein, Oswald, Vergangenheit, Gegeiuvart und Zukunft der nationalen Wirth: 
schaftspolitik. 
Lanbinger, Adolf, Ueber die schiefe Lage des Grundbesitzes, Handwerks und 
Gewerbes gegenüber dem mobilen Capital. 
Kmchemiillcr, Otto, Des Reichskanzlers Fiirsten von Bismarck staatsrechtliche 
und wirthschaftspolitische Anschauungen. 
Blanlertz, S., Begründung der Unfall- und Kranken-Bersichernng. 
Elvers, Rudolf, Zur Bagabondenfrage. 
Hallmann, H. E., Das Existenz-Gesetz. 
Jung, Otto, Patriotische Gewissensfvrschungen. 
Fries, Ed., Die sog. sociale Frage oder die neueste Schweizer Volksverordnung. 
Mors, Red., Was wollen und können die Socialdemokraten? 
Schäfsle, A., Die Quintessenz der Socialdemokratie. 
Wild, Christoph, Das Neueste über die Socialdemokratie. 
Gareis, Prof., Bestrebungen der Socialdemokraten. 
Schaefer, W., Die Unvereinbarkeit eines socialistischen Zukunstsstaales mit den 
menschlichen Trieben. 
Braubach, Prof., Denkreise in das unbekannte Jenseits. 
Dubois-Nahmond, Prof., Die Grenzen des Naturerkennens. 
Kants Kritik der reinen Vernunft. 
Contzen, Reiner, Bibliothek für Wissenschaft und Literatur, 17. Band. 
Gerkrath, F., Paragraph 86 des Gesetzes vom 15. Juni 1883, betreffend die 
Krankenversicherung der Arbeiter. 
Bodelschwingh, Vorschläge zur Vereinigung der Arbeiter-Colvnien und zur 
einheitlichen Organisation der Natural-Verpflegungsstationen im deutschen 
Reiche. 
Flürshcim, Michael, Auf friedlichem Wege. 
Kraemer, Christ., Der Familienbund. U. A. m.
        <pb n="11" />
        Inhalt. 
Erster Theil. e,«,« 
Ist die Aufrichtung eines lebensfähigen communistischeu Bottsstaates 
ausführbar - 
». Einleitung 1 
b. Zur Geschichte der Socialdemokratie in Deutschland 2 
c. Aelteres, socialistisches Programm 8 
(1. Neueres, socialistisches Programm und scine Conseguenze»... 9 
e. Die hauptsächlichsten Hindernisse eines communistischen 
Saatswesens: 
1. Der Eigennutz 13 
2. Der Ehrtrieb 15 
3. Der Freiheits- und Selbstständigkeitsdrang 18 
4. Der Drang nach Berufsfreiheit ' . . . . 18 
5. Der Drang nach Bedarfsfreiheit 21 
6. Das unveräußerliche Eigenthumsrecht • . 24 
7. Das Verbot, Zinsen zu nehmen 29 
8. Die beabsichtigte Abschaffung der Ehe als religiöser, politischer, 
juridischer itnb bürgerlicher Institution 30 
9. Kampf gegen den Glauben an ein Dasein Gottes und dessen 
Unterstützung durch die moderne Wissenschaft 35 
10. Argumente für das Dasein Gottes 45 
11. Beweise für die Fortdauer der Seele 43 
12. Unüberwindliche Schwierigkeiten, welche einer praktischen Durch 
führung des internationalen communistischen Programms ent 
gegenstehen 55 
13. Mißglückte Versuche zur Gründung communistischer Gemeinden 
in Amerika 63 
Zweiter Theil. 
In wie weit und auf welche Weise ist die Lösung des socialen Problems 
zu ermöglichen - 
1. Hauptursachen des heutigen socialen Elends 66 
2. Vorschläge zur Beseitigung des socialen Nothstandes: 
». Genossenschaften 72 
aa. Vvlksbanken 73 
bb. Rohstoff-Genossenschaften 74
        <pb n="12" />
        vin 
Seile 
cc. Werk-Genossenschaften 75 
dd. Maschinen-Genossenschaften 75 
«e. Produktiv-Genossenschaften 
ff. Consum-Bereine 
b. Partnerschaft oder Commissionssystem 81 
c. Sparsamkeit 
B. Hauptaufgaben des Staates, der Commune und der 
Privaten: 
a. Darbietung aller möglichen Bildungsmittel 84 
b. Vertretung und Förderung der Interessen der Gesammtheit . 86 
e. Organisation der Fabrik- und Gewerbe-Gesetzgebung ... 86 
d. Gewinnung von Ackerbau- und Handels-Colvnien .... 89 
6. Gründung von Arbeitercolvnien 
f. Genossenschaftlicher Ankauf von Hypothekenforderungen rc.. . 94 
g. Pfennigsparkassen 
h. Beschaffung der zur Lösung der nöthigen Staatsaufgaben 
erforderlichen Geldmittel 94 
1) Das Tabaksmonopol 97 
2) Steuerreform 99 
3) Schutzzölle 105 
Schlußbetrachtung 110
        <pb n="13" />
        a. Einleitung. 
§o interessant und für das Verständniß unserer modernen 
Socialzuständc wichtig eS wäre, über den Ursprung, die Begriffe 
und das Wesen der socialen Frage in Europa eingehender zu 
sprechen, so belehrend ein Rückblick auf die geschichtliche Entwickelung 
derselben Frage im Alterthum und Mittelalter bis zum Anfange 
der socialen Bewegung in Deuffchland für die Betrachtung unseres 
Gegenstandes wirken müßte: so wollen wir doch auf eine solche 
Rück- und Umschau um so mehr verzichten, als unser Thema an 
sich schon erhebliche Ansprüche an den Umfang dieser Schrift macht. 
Wir beschränken uns daher darauf, die sociale Bewegung in 
Deutschland in ihren verschiedenen Phasen bis in die neueste Zeit 
d. h. bis zur Entwickelung des nackten Communismus zu ver 
folgen. Nachdem wir uns daun klar gemacht haben werden, welches 
Ziel der Communismus anstrebt und wie er dasselbe zu erreichen 
beabsichtigt, wollen wir zum eigentlichen Objecte dieser Schrift über 
gehen und in die Erörterung folgender Fragen eintreten: 
1. Ob die Aufrichtung eines lebensfähigen communistischen Volks 
staates ausführbar ist und dadurch die sociale Frage ihre 
endgültige Lösung finden kann, und wo nicht, 
2. in wie weit und auf welche Weise die Lösung der socialen 
Probleme zu ermöglichen ist? 
^lume. Znkunstrstaa». 
1
        <pb n="14" />
        b. Zur Geschichte -er Socialdemokratie in Deutschland. 
Ein deutscher Schneider, Namens Weitling, darf den zweifel 
haften Ruhm beanspruchen, einzig und allein die socialistische Be 
wegung in Deutschland hervorgerufen zu haben. Bereits im Jahre 
1839 erschien in Genf, wo er sich damals aufhielt, sein erstes 
Schriftchen, betitelt: „Die Welt, wie sie ist und wie sie sein soll", 
worin er, wie der französische Socialist Saint Simon, erllürte, daß 
das Loos der Arbeiterklassen mit dem Grundsätze der Gleichheit im 
grellsten Widerspruch stehe und daß der Besitz von Eigenthum die 
Ursache desselben sei, weshalb das Vermögen nach dem Tode des 
Besitzers auf den Staat übergehen müsse. 
Er verlangte ferner nach Fourier, ebenfalls einem Franzosen, 
einheitliche gemeinschaftliche Bewirthschaftung der Ländereien, sowie 
behufs Organisation der Arbeit die Errichtung von großen Ge 
bäuden, welche von etwa je 2000 Personen (Phalansterien) aller 
Stände und Berufsklassen zu bewohnen seien. Solch ein Phalan- 
sterium müsse allen Lebensbedürfnissen seiner Bewohner entsprechen. 
Es sei der Gesammtreinertrag aller Industriezweige in jedem Pha- 
lanstcrium unter seine Mitglieder zu vertheilen und zwar so, daß 
das Talent drei, das aufgewendete Kapital vier und die Arbeit 
fünf Zwölfteltheile erhalten. 
Durch diese Schrift erwarb sich Weitling in den Sänger- 
vereinen und unter den Arbeitern viele Anhänger. Aus Genf von 
der Polizei vertrieben, übersiedelte er nach Veveh am Genfersee, wo 
er 1841 die Zeitschrift: „Hilferuf der deutschen Jugend" heraus 
gab, welche die Maxime predigte, das Proletariat müsse sich des 
politischen Regiments bemächtigen. 
Als er aber in Zürich in einer andern Broschüre „Garantien 
der Harmonien und der Freiheit" unumwunden den Communismus 
verkündete und in seinem „Evangelium des armen Sünders" nicht 
nur das Evangelium im Sinn des Communismus auslegte, sondern 
sogar dem Proletariate den Rath ertheilte, durch Stehlen die Ber-
        <pb n="15" />
        3 
1* 
mögensunterschiede auszugleichen, um auf diese Weise die Güter 
wieder an sich zu bringen, die ihm früher von den Reichen abge 
nommen wären, so wurden solche wüsten Phantastereien sogar den 
in Bezug auf religiöse, sociale und politische Ansichten sonst sehr 
duldsamen Schweizern zu stark, so daß der große Rath in Zürich 
sich genöthigt sah, das nach Gründung eines neuen volksbeglücken- 
dcn Reiches und wohl mehr noch nach einem eigenen und wahr 
scheinlich nicht allzu kleinen Besitzthum lüsterne Schneiderlein zu 
vörderst hinter Schloß und Riegel zu setzen und alsdann den armen 
Märtyrer, um ihn vor der Wuth der auf's Aeußerste gereizten 
Volksmenge zu schützen, unter starker Bedeckung über die schweize 
rische Grenze bringen zu lassen. Auf dem Transporte soll der sonst 
in Wort und Schrift so kühne, aber mit physischem Muthe wohl 
nicht allzu reich ausgestattete Weltbeglückcr aus der Angst um sein 
werthvolles Dasein nicht herausgekommen sein. Seitdem hat man 
von diesem Wort- und Fcderhelden und seinen Plänen, welche die 
elende Welt zertrümmern sollten, nichts wieder gehört. 
Die Zahl der Nachbeter Weitlings ist Legion und unter ihnen 
haben sich zeither Carl Marx, Ferdinand Lassallc und v. Schweitzer 
am meisten hervorgethan. Der Erstgenannte war bis zu seinem 
Tode der eigentliche Leiter der international-socialen Bewegung. 
Derselbe widmete seit Vollendung seiner Studien sein Leben aus 
schließlich der Vorbereitung für die socialistische Revolution. Schon 
1841 redigirte er die in Köln erschienene oppositionelle „Rheinische 
Zeitung", mußte aber wegen Aufreizung der Arbciterllassen gegen 
die Besitzenden flüchtig werden und redigirte dann in Paris mit 
Arnold Ruge die „Deutsch-französischen Jahrbücher", sowie mit 
Heinrich Heine das Blatt „Vorwärts". 1844 und 1848 aus Bel 
chen vertrieben, ging er wieder nach Köln, wo er die „Neue Rhei 
nische Zeitung" herausgab, und nachdem diese unterdrückt war, begab 
er sich 1849 abermals nach Paris und bald darauf nach London. 
Hier gründete er 1864 die „Internationale", in welcher er dann 
den Vorsitz führte. Nach Deutschland hatte er sich picht wieder
        <pb n="16" />
        4 
gewagt. Sein System, welches auf Beseitigung des Eigenthums 
und des Erbrechts, sowie des , heutigen ganzen Staatswescns und 
auf die Gründung einer neuen Gesellschaftsordnung auf social 
demokratisch - communistischer Grundlage hinausläuft, wollen wir 
später genauer erörtern. 
Inzwischen war am social-politischen Horizont ein hellstrahlen 
der Stern aufgegangen, vor dessen blendendem Glanze die übrigen 
Gestirne fast gänzlich verblaßten, der aber gleich einem Meteor bald 
wieder verschwand. Das war Ferdinand Lassalle. Schor: 1848 
bctheiligte er sich an der social-demokratischen Bewegung in Düssel 
dorf und war deren eigentliche Seele, trat aber bald ganz von ihr 
zurück und widmete nun seine Geisteskräfte fast ausschließlich der 
Führung des bekannten Processes der Gräfin von Hatzfeld gegen 
den von ihr geschiedenen Gemahl wegen bedeutender Vermögens 
ansprüche, den er mit großem Geschick, Eifer, unermüdlicher Aus 
dauer und seltener Uneigennützigkeit glücklich zu Ende führte. Erst 
1862 übernahm er wieder die inzwischen ungeschickt gehandhabte und 
fast ins Stocken gekommene Leitung der socialen Bewegung. Er 
erstrebte zunächst behufs der Betheiligung des Arbeiterstandes am 
politischen Regimenté die Einführung des directe:: Wahlrechts und 
grünbete zu diesen: Zwecke den Allgemeinen deutschen Arbeiter- 
Verein, als dessen Präsident er bereits im Sommer 1863 über 
10000 Arbeiter verfügte. Um dem Arbeiterstande ein menschen 
würdigeres und unabhängigeres Dasein zu schaffen, hielt er die 
Gründung von Productions-Associativncn mit Staatshülfc für das 
geeignetste Mittel. Er hoffte, daß die Productions-Associationen 
allmählig die gesummte deutsche Arbeiterwelt umfassen und so dessen 
wirkliche Hebung in intellcctueller, moralischer und materieller Be 
ziehung auf friedliche Weise zu erreichen sein werde. Deshalb 
wollte Lassallc auch Vertreter der Besitzenden und des gebildeten 
Bürgerstandes, sowie der Wissenschaft in die Reihen seines Vereins 
hinüberziehen. Dabei war sein Augenmerk auf den preußischen 
Staat gerichtet. Zugleich sprach er sich ganz entschieden gegen eine
        <pb n="17" />
        5 
schon damals von anderen Socialisten in Anregung gebrachte Grün 
dung einer Internationale aus und erklärte dieselbe unter Hinweis 
auf die unmöglich auszugleichende Charaktcrverschiedenheit der 
Nationen für Unsinn. (Lin weiterer Beleg dafür, wie genau Lassalle 
die das Wohl des Arbciterstandes förbcrnbcn Mittel kannte, ergicbt 
sich daraus, daß er mit Ziegler, einem der Führer der damaligen 
Fortschrittspartei, eine allgemeine deutsche Arbeiter - Versicherungs- 
Gesellschaft gründen wollte, wozu jeder Arbeiter wöchentlich 3 Pf. 
von jedem Verdienst-Thaler als Versicherungsprämie beitragen sollte. 
Er war mit Ziegler fest überzeugt, daß, wenn die Zahl der Mit 
glieder dieser Gesellschaft auf eine Million heranwachse, das Institut 
so gesichert dastehen würde, wie keine andere Versicherungs-Gesell 
schaft der Welt. Dieses Project kam jedoch nicht zur Ausführung, 
da, wie bekannt, Lassalle am 31. August 1864 in einem Duelle 
mit dem Wallachischen Bojaren Janko v. Rackowitz seinen Tod fand. 
Er war ein Mann mit glänzenden Geistesgaben, mit einer unge 
heuren Willenskraft, aber von einer grenzenlosen Eigenliebe und 
Ehrsucht beseelt. Grundverschieden ist sein Charakter von dem 
seinem Rivalen Carl Marx. Er, eine wahre Volksheldcnnatur, 
edler Regungen fähig imb mit einer nationalen Begeisterung echter 
Art begabt, dieser grübelnd, kalt, berechnend, nur in den eisigen 
Regionen eines nebelhaften, verschwommenen und unfaßbaren Welt 
staatsystems sich bewegend. Jener selbst in seinen Fehlern uns 
menschlich näher tretend ist uns auch in seiner unbändigen Leidenschaft 
und seinem nimmer rastenden Ehrgeize immer noch sympathischer, 
als dieser mit seinen bedächtig ausgeklügelten, giftig zugespitzten un- 
erwiesenen Gegensätzen. Dort die wuchtige Pranke des Wüstenkönigs, 
hier das lauernde tückisch funkelnde Auge des Panthers. Unter 
den hervorragenden Gelehrten ist wohl keiner, bei dem vielseitiges 
Wissen und Geistesgaben so wenig sittigend gewirkt haben, und in 
dessen Brust jedes religiöse und patriotische Gefühl so gänzlich 
erstorben war, als bei Carl Marx. Selbst ein warmer Anhänger 
der social-revolutionären Partei, der vormalige Lieutenant v. Techow,
        <pb n="18" />
        6 
hat sich über ihn folgendermaßen geäußert: „Dieser Mann würde 
das Zeug dazu haben, auch unter großen Verhältnissen sich nicht 
ins Kleine zu verlieren und die sociale Bewegung sogar in eine 
freilich nur seinen persönlichen Wünschen entsprechende Bahn zu 
leiten, wenn er ein edles Herz zur Verfügung zu stellen und der 
gefährlichste persönliche Ehrgeiz in ihm nicht alles Gute und Wahre 
gefressen hätte. Aber kalt und gleichgültig dem Massenelend gegen 
über stehend, ist trotz aller seiner Versicherungen vom Gegentheil 
unzweifelhaft der Zweck all seines wüsten Treibens die Erlangung 
der persönlichen Herrschaft, der Diktatur. 
Er selbst lacht über die Narren, die seinen Proletariatskate 
chismus nachbeten, ebenso wie über die Bourgois. Die einzigen, 
die er achtet, sind die reinen Aristokraten. Um diese von der Herr- 
schaft zu verdrängen, braucht er die Proletarier und deshalb hat 
er sein System mit viel Geschick ans diese zugeschnitten." Nicht 
minder ungünstig lautet v. Trcitschkes Urtheil über E. Marx an 
läßlich dessen brutaler Angriffe auf den ihn als Nationalökonom 
weit überragenden Roscher, indem er von ihm sagt: „Man magan 
C. Marx Buche über das „Capital" die große Belesenheit und den 
Scharfsinn im Zerfasern der Begriffe bewundern; das Eine, was 
den wahren Gelehrten charakterisirt, fehlt ihm gänzlich: das wissen 
schaftliche Gewissen. Hier ist keine Spur von der Bescheidenheit 
des Forschers, der im Bewußtsein des Nichtwissens an seinen Stofs 
herantritt, um unbefangen zu lernen. Was erst bewiesen werden 
soll, steht aber für C. Marx von Haus aus als bewiesen fest." 
Nach dem Tode von Lassalle folgten Lconhardt Becker, Tölkc 
und Perl in der Präsidentschaft des Allgemeinen deutschen ^Arbeiter 
vereins, konnten sich aber beim Mailgel an dem zu einem so 
schwierigen Posten erforderlichen Eigenschaften in derselben nicht 
lange behaupten und nur dem Genie und der Energie ihres Nach 
folgers, des Advokaten v. Schweitzer alls Frankfurt a. M. gelang es, 
die Auflösung des Vereins noch einige Jahre aufzuhalten. Er wurde 
auf der fünften Generalversammlung, Mitte Mai 1867, in Braun-
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        7 
schweig einstimmig zum Vercinspräsidenten erwählt und in Folge 
seiner anläßlich der ihm von Liebknecht, Bebel und v. Hochstetten 
in der Generalversammlung in Basel am 28. März 1869 beige 
brachten Niederlage an das souveräne Arbeitervolk gerichteten Appel 
lation ward er in einer Urversammlung nicht allein fast einsttmmig 
abermals zum Präsidentcu gewählt, sondern es wurden auch Lieb 
knecht und Bebel für unwürdig erklärt, jemals wieder in einer 
Arbcitcrversammlnng zu erscheinen, v. Schweitzers letzter Triumph 
erfolgte in der Generalversammlung zu Berlin am 18. Januar 1870, 
indem er sämmtliche Gewerkschaften zu einem allgemeinen Arbeiter- 
unterstützungsverband vereinigte. Er trat Ende März 1871 von 
der Leitung des neuen Vereins mit der Ueberzeugung zurück, daß 
auf treue Anhänglichkeit einer Partei von Arbeitern an ihre Führer 
nicht zu rechnen sei. Bereits am 30. April 1871 ließ er die von 
ihm gegründete periodische Zeitschrift „den Socialdemokraten" und 
„den Agitator" eingehen, v. Schweitzer war ein außerordentlich 
begabter und kenntnißreicher Mann; dabei besonnen und positiv, 
sah er die Dinge, wie sie in Wirklichkeit waren; da er zugleich eine 
unglaubliche Geduld und Zähigkeit, die durch keinen Mißerfolg, 
durch keine Niederlage zu beugen oder gar zu brechen war, besaß, 
so war er gewiß der Mann, den seine Partei im gegebenen Mo- 
mente nöthig hatte. Er war im Grunde keine gemeine und unedle 
Natur; er erstrebte wie Lassalle aufrichtig eine günstigere Lage des 
Arbciterstandes und setzte dabei gleichfalls seine Hoffnung auf den 
Preußischen Staat. 
Liebknecht und Bebel gründeten nach ihrer Ausstoßung aus 
dem Allgemeinen deutschen Arbeiterverein bereits am 7. August 1869 
zu Eisenach mit den von Schweitzer abgefallenen Mitgliedern der 
Genfer Section der Internationale, sowie mit den österreichischen 
und schweizerischen Arbeitervereinen die social-demokratisch-inter- 
nationale Arbeiterpartei mit 262 Delegirten und stellten folgendes 
Programm auf:
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        c. Aelteres socialistisches Programm. 
1. Directes Wahlrecht aller Männer vom 20. Lebensjahre an; 
2. directe Gesetzgebung; 
3. Volkswehr; 
4. unentgeltlicher Unterricht; 
5. Normalarbeitstag; 
6. Beschränkung der Frauenarbeit; 
7. Verbot der Kinderarbeit in den Fabriken; 
8. Abschaffung der indirecten Steuern und an deren Stelle directe 
progressive Einkommen- und Erbschaftssteuer; 
9. Förderung des Genossenschaftswesens und Staatscredit für- 
freie Productionsgenosfcnschaften. 
In diesem Programm, sagte Liebknecht, stecken die letzten Con- 
sequenzen des Communismus, zugleich aber auch, hätte er hinzu 
fügen sollen, die Keime seines baldigen Todes. 
Von da an begann im Gegensatze der Lasalle'schen socialistischen 
Theorie von dem welterlöscnden Bündnisse höchster Wissenschaft mit 
der Kraft der arbeitenden Klassen die Herrschaft der Halbbildung 
und der brutalen Gewalt, der Fäuste beim Mangel jeder geistigen 
und sittlichen Disciplin. Man erklärte die Gymnasien und Hoch 
schulen für die Urquelle einer geistigen Pest. Es sielen die letzten 
Schranken dissoluter Geister, der Glaube cm Gott, an die Unsterb 
lichkeit der Seele und der Patriotismus wurden mit cynischem Hohn 
als überwundene Standpunkte betrachtet. 
Während des Krieges zwischen Deutschland und Frankreich 
entfaltete die neue Partei eine außerordentliche Thätigkeit und nach 
der September-Revolution in Paris verfolgte ihre Oberleitung 
erwiesenermaßen sogar die kühne Absicht, in allen Ländern Europas 
socialistische Aufstände zu veranlassen und namentlich in den großen 
Städten Deutschlands, wie es bereits in Paris geschehen, die Com 
mune zu proclamiren. Der verbrecherische Plan kam jedoch nicht 
zur Ausführung, weil in Paris die gemüßigte Partei die Oberhand
        <pb n="21" />
        9 
erhielt und die Bewegung in Deutschland durch die Verhaftung der 
dortigen Chefs der Internationale gleich im Keime erstickt wurde. 
In der Ende September 1871 zu London abgehaltenen Dele- 
girtenversammlung kam es zu tiefen Spaltungen zwischen der ger 
manischen und romanischen Race, d. h. zwischen den Nationalen 
und den Internationalen. In Deutschland selbst entbrannte zugleich 
ein heißer Kampf zwischen den Lasalleanern und der Bebel -Lieb- 
knecht'schcn Partei. Gleichwohl verfolgten die Führer beider Gruppen 
dieselbe Aufgabe, nämlich: unablässigen Kampf gegen die bestehende 
Ordnung und die herrschenden Klassen. Beide zogen mehr und 
mehr die Arbeiter in die sociale Bewegung und ließen es sich be 
sonders angelegen sein, in ihnen alle religiösen, nationalpolitischcn 
und patriotischen Gefühle zu ersticken, um sich gefügige und willen 
lose, sowie zu jedem Verbrechen fähige Werkzeuge zu verschaffen. 
Trotzdem, daß Carl Marx in seinem Buche „Das Kapital" die 
Ueberzeugung ausgesprochen hatte, daß der Uebergang des Sonder- 
cigcnthums in Gemeindeeigenthum nur das Ergebniß einer laugen 
geschichtlichen Entwickelung sein könne, forderte er gleichwohl die 
Besitzlosen zum allgemeinen unterschiedslosen Angriff gegen die 
Besitzenden zum Zweck ihrer gewaltsamen Enteignung, d. h. Be 
raubung auf. Dessen erinnerte sich denn auch die vorgedachte 
Londoner Delcgirtenversammlung, denn sie ließ in Folge davon das 
Eisenacher Programm fallen unb nahm an dessen Stelle im Wesent 
lichen Folgendes an: 
à. peñeres, socialistisches Programm und seine Conseguenze». 
1. Bekämpfung der heutigen politischen und socialen Zustände, 
insbesondere der monarchischen Staatsform, an deren Stelle 
der republikanische Volksstaat treten soll; 
2. Aufhebung und Einziehung des Staats- und Privateigenthums 
und Uebcrgang desselben in den Besitz der Gesammtheit unter 
Verwaltung der dazu einzusetzenden staatlichen Organe;
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        10 ' — 
3. Abschaffung der Ehe als politischer, religiöser, juridischer und 
bürgerlicher Institution, sowie die Freiheit, das Eheband 
jederzeit auch einseitig lösen zu können; 
4. Beseitigung aller Cultur, Ersatz des Glaubens durch das 
Wissen und der göttlichen Gerechtigkeit durch die menschliche; 
5. Aufhebung des Erbrechts; 
6. Wegfall aller Klassen- und Vermögensunterschiede; 
7. gleiche unentgeltliche Erziehungsmittel d. h. Unterricht und 
Unterweisung in allen Zweigen des Wissens, der industrie 
und der Kunst für Alle; 
8. Theilnahme Aller an den öffentlichen Angelegenheiten und 
Arbeiten; 
9. Abschaffung der stehenden Heere und an deren Stelle allgemeine 
Volkswehr. 
Der Hauptkern des internationalen Socialismus ist unzweifelhaft 
die Umwandlung des Privatbesitzes an allen Productionsmittcln, 
als: an Grund und Boden, Kapitalien, Werkhäusern, Maschinen, 
Handwerkszeugen, in Gemeindeeigenthum. Die nothwendige Folge 
dieser Umwandlung wiirde sein, das; alle seitherigen Privatgeschäfte 
und Unternehmungen wegen Mangels an privaten Productions 
mittcln im künftigen international-socialdemokratischen Staate in 
Wegfall kommen müßten. Es könnte in demselben nur Gesammt- 
arbeit und Gesammtproduction unter berufsstaatlichcr Leitung möglich 
sein, und der letztem würde auch die höchst schwierige Aufgabe der 
Bertheilung der gesellschaftlich gewonnenen Producte beziehungsweise 
deren Geldwerthe Aller an Alle seines nach Maßgabe der quantita 
tiven oder qualitativen Arbeitsleistung oder aber der Arbeitszeit 
zufallen. Dieselbe müßte sich außerdem der Mühe unterziehen, vor 
der Vertheilung der Arbeitsverdienste davon soviel auszuscheiden, 
als nicht nur zum Wiederersatz der verbrauchten Productionsmittcl, 
sondem auch zur Bestreitung der vielfachen Staatsausgaben, als 
für die Unterhaltung sämmtlicher Staatsinstitute, für Besoldung der
        <pb n="23" />
        11 
Beamten, für Versorgung der Arbeitsunfähigen, für Unterhaltung 
der Volkswehr im Dienste rc. erforderlich wäre. 
Da der künftige Socialistenstaat nicht nur General - Grund- 
und Capitalbesitzer und Erneuerer aller socialen Productionsmittel, 
sondern auch Gencralunternehmer und Generalproducent werden 
würde, so könnte selbstverständlich auch von einer privateil leihweiseil 
und verzinslichen Uebertragung von Capitalien zu Privatunter 
nehmungen keine Rede mehr sein. 
Nach den Versicherungen der socialistischen Presse sollen zwar 
die Grund-, Capital- und Hypothekenbesitzer durch Arbeitsgeld 
(Arbeitscertisikate) entschädigt werden, es ist aber sehr zweifelhaft, 
ob dies, ganz abgesehen von der proclamirten Beseitigung aller 
Vermögensunterschiede, factisch je möglich sein würde. 
In dem neuen Staatswcsell würden sich auch noch folgende 
wichtige Consequenzen von selbst ergeben: 
1. Es würde kein privater Consumtionscredit, folglich auch kein 
privater Creditwucher gegen Noth denkbar sein. Es könnten 
den Nothleidenden oder Bildungsbedürftigen allenfalls in be 
stimmten ziemlich engen Grenzen Staatsvorschüsse auf ihreu 
Arbeitsverdienst gewährt werden. 
2. Das Pcrsoncnversicherllngswcsen würde sich darauf beschränken 
müssen, daß der Staat Ersparnisse dem Sparer unverzinslich 
gut schreiben und diesem oder seinen Erben solche später auf 
Verlangen ausantlvorten ließe. — Dasselbe könnte daher nicht 
mehr auf Zinserträge und auf speculativen Bankbctrieb 
basirt sein. 
3. Privatpacht und Wohllungsmiethc könnte es ebenfalls nicht 
mehr geben, weil ja die Pachtgüter als Productionsmittel 
Gemeiudecigenthum geworden wären und das Wohnungswesen 
vom Staate organisirt und geleitet werden würde. 
4. Privathandel wäre auch nicht mehr möglich, weil die Privaten 
ferner über keine Productionsmittel, also auch über kein Metall 
geld verfügen könnten, dieses vielmehr der Staat im Verkehr
        <pb n="24" />
        12 
mit kapitalistischen Völkerschaften zur Ausgleichung der Ueber- 
bilanz der Aus- imb Einfuhr durchaus nöthig hatte und 
dasselbe daher schon zu diesem Zwecke von den Privaten besten 
falls gegen Entschädigung mit Arbeitsgeld einzuziehen gezwungen 
wäre. 
5. Da für die Privaten der Spcculationshandcl und die 
industriellen Unternehmungen wegfielen, so könnte cs auch 
keinen Markt und feilte Börse mehr geben. 
6. Es fiele aber nicht nur der Groß- und Kleinhandel sammt 
dem sterilen unprvductiven Zwischenverkehr und der Handelscon- 
currenz, sondem auch das ganze kostspielige itnd die Waare ver- 
theuernde Annoncen- und Schaustellungswesen mit den enormen 
Gewölbe- unb Magazinkosten, sowie die meist wahrheitswidrigen 
Reklamen, d. h. das Judenthum in der Presse fort. 
Dieser Conseguenzen des Kernes des international - commu- 
nistischen Socialismus sind sich, nach ihren Reden und Schriften 
zu urtheilen, wohl nur wenige Führer bis jetzt klar bewußt, die 
jenigen von ihnen aber, welche diese Conseguenzen zu ziehen ver 
mögen, haben sich bisher wohlweislich gehütet, mit einem noth 
wendig darauf zu basirenden Organisationsplane ofien hervorzutreten. 
Sie befürchten mit Grund, daß diejenigen Anhänger der Social 
demokratie (also mindestens dreiviertel von ihnen), welche, wenn 
auch nur ein kleines Besitzthum oder einige Ersparnisse in Metall- 
geld haben oder doch zu ererben hoffen, keines von beiden selbst 
gegen genügende Entschädigung durch Arbeitsgeld sich würden 
nehmen lassen wollen, sondern höchst wahrscheinlich gänzlich zurück 
träten. Daher herrscht darüber tiefes Schweigen; man wartet bis 
nach vollbrachtem Umsturz der heutigen Staatsformen in der Hoff 
nung, alsdann alle Besitzenden zwingen zu können, sich in die 
Wegnahme ihres Eigenthums und Verwandlung desselben in (Ge 
meingut zu fügen. 
Die übrigen Punkte des vorgedachten Programms sind in 
Bezug auf die äußere Umgestaltung des heutigen Staatssystems
        <pb n="25" />
        von geringerer Bedeutung und haben hauptsächlich den Zweck, die 
Hauptforderung des Programms zu unterstützen, annehmbarer und 
mundgerechter zu machen. Trotzdem würden sie im Zukunftsstaatc 
dem innern und äußern Leben seiner Bürger einen von dem jetzigen 
ganz verschiedenen Charakter aufprägen, wie wir später sehen werden. 
Zunächst gilt es jetzt, zur Erörterung und Beantwortung der 
ersten eingangs dieser Schrift gestellten Frage überzugehen, die 
also lautete: 
„Ist die Aufrichtung eines lebensfähigen communistischen 
Völkerstaates ausführbar und wird durch denselben die sociale 
Frage endgültig gelöst werden können?" 
6. Die hauptsächlichsten Hindernisse eines communistischen 
Ztaatsmesens. 
Diese Frage muß entschieden verneint werden, weil der Grün 
dung und dem Fortbestände eines solchen Staatswcscns eine große 
Menge von unüberwindlichen Hindernissen entgegensteht, von denen 
wir nur die hauptsächlichsten in den Kreis unserer Betrachtung 
ziehen wollen. 
Dieselben lassen sich unter zwei Hauptgattungcn klassificiren. 
Die ersten finden loir in den menschlichen Leidenschaften und Trieben 
und die zweite in der staats- und Volkswirthschaft lichen 
Technik und Leitung. 
1. Der Eigennutz. 
Was die menschlichen Triebe anlangt, so wissen wir Alle, daß 
kein Mensch, selbst der Beste nicht, frei von Eigennutz ist. Dieser 
ist die mächtigste Triebfeder all' seines wirthschaftlichen Handelns. 
Er arbeitet nicht etwa, um nur zu arbeiten, sondern auch, um da 
durch den möglich höchsten Nutzen für sich zu gewinnen. Nun soll 
aber nach dem socialistischen Katechismus in dem social-communisti-
        <pb n="26" />
        14 
schen Zukunftsstaate Niemand meine mit seiner Arbeit verdienen 
dürfen, als den Gewinnantheil,, welcher nach Maßgabe der durch 
schnittlich nothwendigen und amtlich ermittelten Arbeitszeit auf ihn 
entfällt, er soll also auf denjenigen Gewinnantheil, den er vermöge 
größerer Geschicklichkeit und größeren Fleißes in derselben Zeit mehr 
verdient hat, als seine faulen und ungeschickteren Mitarbeiter, zu 
Gunsten dieser verzichten. 
Man ersieht hieraus, daß die gesellschaftlich nothwendige durch 
schnittliche Arbeitszeit für sich allein nicht das richtige Werthmaß 
sein kann, gleichwohl bildet dieselbe theoretisch das eigentliche Funda 
ment des Socialismus und Carl Marx erklärte sie ausdrücklich für 
den Eckstein des in seinem Buche „Das Capital" aufgestellten neuen 
Staatssystcms. Ferner soll im Zukunftsstaate nach den stark- 
betonten Versicherungen der socialistischen Führer iiberall die strengste 
Gerechtigkeit herrschen und demgemäß Jedem der Ertrag seiner 
Arbeit voll gewährt werden. Es können also auch die guten, d. h. 
fleißigen und geschickten Arbeiter mit Recht den Anspruch erheben, 
daß der Werth ihrer Leistungen nicht lediglich nach der Zeitdauer, 
sondern auch nach ihrer Quantität und Qualität bemessen werde, 
cs wäre durchaus gerechtfertigt, wenn diese cs sich nicht gefallen 
lassen wollten, daß sic bei der Vertheilung der Arbeitserträge um 
ebensoviel Antheile erhalten sollten, als die Faulen, Dummen und 
Ungeschickten, daß sie also für dieselben zum Theil mitarbeiten 
müßten. Letztere dagegen würden rufen: „Nein! das ist nicht recht, 
so war cs früher auch, jetzt soll es aber anders sein. Denn was 
können wir dafür, daß wir nicht mehr Verstand und natürliche Ge 
schicklichkeit besitzen und deshalb in gleicher Zeit beim besten Willen 
nicht soviel und von derselben Güte schaffen können, als Jene? 
Wir haben dieselben Bedürfnisse nach guter Kleidung, Nahrung 
und Wohnung, wir wollen auch nicht weniger Vergnügungen haben, 
wie Jene!" Eine dritte, vierte, fünfte Arbeitsgruppe würde wegen 
zahlreicher Familie oder wegen mühsamerer und gesundheits- oder 
gar lebensgefährlicher Arbeiten einen entsprechend höhern Verdienst
        <pb n="27" />
        15 
verlangen und sich dabei gleichfalls auf die versprochene Gerechtig 
keit berufen. 
Also auch im Zukunftsstaate wird die Regierung, mag fie nun 
die abgestufte oder die gleiche Vertheilung des Arbeitsoertrags 
wählen, nicht im Stande sein, alle Arbeiterkreise zufrieden zu stellen, 
es sei denn, daß es ihr gelänge, sämmtliche Zukunftsstaatsbürger 
dahin zu bringen, daß der Gemcinsinn alle ihre Handlungen be 
herrsche, daß Jeder zu Gunsten des Gemeinwohles auf jedes 
Sonderinteresse verzichte, mit anderen Worten: daß er die höchste 
moralische Vollkommenheit erreiche. Hat aber nicht gerade die 
socialdemokratische Presse durch Erregung der schlimmsten Leiden 
schaften: des Neides, des Hasses und der Habgier in den Herzen 
der Arbeiterklassen, der sog. Enterbten, die Wurzeln des Gcmein- 
sinns gänzlich durchschnitten? 
2. Der Ehrtrieb. 
Ein zweiter sehr mächtiger Trieb im Menschen ist der nach 
Ehre, d. h. nach der guten Meinung seiner Mitmenschen. Der 
selbe ist schon bei Kindern als Zeichen des beginnenden Verstandes 
wahrzunehmen und bildet bei den Erwachsenen mehr oder weniger 
die Richtschnur ihres Lebens. Ist das Ehrgefühl in einem Menschen 
wenig entwickelt oder durch schlechte Neigungen erstickt, so charakterisirt 
er sich als ein verächtlicher Lump. Das lebendige Ehrgefühl kann 
sich nach verschiedenen Richtungen hin entfalten; bei beschränkten 
Naturen führt es zur Eitelkeit und zum Hochmuth; bei weltklugen 
Leuten zum Ehrgeiz und zur Herrschaft und nur bei wenigen ist 
dasselbe darauf gerichtet, sich bei ihren Mitmenschen Achtung, Liebe 
und Vertrauen zu erwerben. 
Da die Mehrzahl der Menschen sich in der Allgemeinheit be 
deutungslos fühlt, so sucht der Einzelne mit Andern gemeinsam die 
Anerkennung, welche er für sich allein nicht beanspruchen kann, in 
der Standesehre. Er schließt sich daher den Gleichgestellten an 
und bildet mit ihnen einen Stand. Jeder Stand beansprucht seine
        <pb n="28" />
        16 
besondere Standesehre. So dünkt sich in seinem stolzen Standes 
bewußtsein der Adelige erhaben über den Bürgerlichen, der Offizier 
über den Civilisten, der Beamte über den Nichtbeamtcn, der Meister 
über den Gesellen, dieser über den Lehrburschen, der Landschafts 
oder Portraitmaler über den Stubcnmaler und dieser über den 
Anstreicher, der Kunstschlosser über den Fabrikschlosser u. s. w. 
Die Standesehre ist bekanntlich am schärfsten im Militair- und 
Bcamtenstande ausgebildet, weil hier Leistungen beansprucht werden, 
die nach dem gewöhnlichen Lohngesetze nicht bezahlt werden können; 
von dem Beamten wird Hingebung der ganzen Persönlichkeit an 
seinen Beruf gefordert; von dem Soldaten das Opfer des Lebens 
im Kriege und der Freiheit im Frieden, indem er sich unter die 
strengste Disciplin stellen muß. Zu solchen Opfern versteht sich 
der Mensch nur dann, wenn der mächtigste Trieb aller edleren 
Naturen, der Trieb der Ehre, ihn dazu anspornt. Der Ehrtrieb 
vermag Außerordentliches zu leisten, er befähigt zu Anstrengungen 
und Aufopferungen aller Art. Ja, um standesgemäß vor der Welt 
auftreten zu können, legen gering besoldete Offiziere unb Beamte 
sich willig die möglichsten Entbehrungen im Essen, Trinken und in 
Vergnügungen auf. llnb sind es nicht Künstler und Gelehrte, die 
häufig nur in der Ehre und dem Nachrühme einen Ersatz für die 
kärgliche Bezahlung ihrer Leistungen finden? llnd gewahren wir 
nicht selbst inmitten der socialistischen Fabrikarbeiter eine Anzahl 
von Familien als bessere Gesellschaft, gleichsam eine Arbeiter 
aristokratie der Wohlanständigkcit herausgebildet, die sich gesondert 
hält und trotz des Strebens nach allgemeiner Gleichheit sehr cmpfind- 
lich ist, weiln mall sie mit der großen Masse alls einen Haufen 
werfen will? Im Emporkommen sich befiildend, fordcril sie Don 
den andern Arbeitern, es ihnen gleich zu thun, um ihnen gleich zu 
werden; herabsteigen wollen sie nicht und von dem, lvas sic mühsam 
erspart haben, lvas ihnen und ihren Kindern zu gute kommen soll, 
für die Unordentlichen, Faulen und Vagabuildeil Etwas herzugeben, 
liegt ihnen erst recht wer weiß wie fern.
        <pb n="29" />
        17 
Die Rangordnung ber verschiedenen Stände wird bestimmt 
durch das Maß des Ansehens oder des Werthes der Verdienste 
um das öffentliche Wohl, durch die Stellung im Staate, sowie 
durch die geistige und materielle Macht, welche sich der einzelne 
Stand irr der Gesellschaft allmählich errungen hat. Der von der 
Natur in den Menschen gelegte Trieb der Ehre ist so stark und 
mächtig, daß cs im Zukunftsstaate selbst bei Anwenduilg der schärf 
steil Maßregeln nie gelingen würde, die Ständcunterschiede für 
immer zu beseitigen und eine Gleichheit aller seiner Bürger bezüg 
lich ihrer socialen Stellung herbeizuführen. Zähe Energie, Talent, 
hervorragende Leistungen, Klugheit, Geschicklichkeit oder Reichthum 
würden die Gleichheitsschrailkeil bald wieder durchbrechen und die 
Stellungen, von welchen ihre früheren Inhaber verdrängt wurden, 
zurückerobert werden. Könnte die Wissenschaft oder die Staatsmacht 
die Natur zwingen, die Menschen mit gleichen geistigen und körper 
lichen Anlagen und Kräften auszustatten und die hierin bereits 
vorhandenen Ungleichheiten wieder zu beseitigen, ja, dann wäre wohl 
ciile Standesgleichheit denkbar. So lange aber weder das Eine, 
noch das Andere möglich ist, kaml auch der Zuklmstsstaat cs nicht 
verhindern, daß der Kluge dell Dummen, der körperlich Starke ben 
körperlich Schwachen, der Reiche den Armen, der begabte und ge 
wandte Rediler feine Zuhörer mehr oder weniger beeinflußt und 
beherrscht. — So lange die Starken, welche immer herrschen wollen, 
nild auch immer Mittel und Wege zur Befriediguilg ihrer Herrsch 
sucht finden lverden; so lange die mit hervorragenden geistigen Fähig 
keiten Begabten, welche die ihren ehrgeizigen Wünschen entgegen 
stehenden Schranken zu durchbrechen stets entschlossen sein werden, so 
lange endlich die auch ben Schwachen innewohnende Neigung, immer 
mit ihrer Lage unzufrieden zu sein und sich den Freiheitsbestrebungen 
Anderer anzuschließen, gänzlich zu beseitigen oder unschädlich zu machell 
nicht gelingen sollte, so lange würde auch jeder auf dem Principe der 
allgemeinen Gleichheit errichtete communistische Staat ein Vulkan sein, 
dessen verheerellde Ausbrüche nicht lange auf sich marteil ließen. 
Blume, Zukunft-ñaat. 
2
        <pb n="30" />
        18 
3. Der Freihcits- und Selbstständigkcitsdrang. 
Eine der größten und am schwersten zu überwindenden Schwie 
rigkeiten, mit welchem ein kommunistisches Staatswesen zu kämpfen 
hätte, würde das Freiheitsgefühl oder der Drang im Menschen 
nach persönlicher Selbstständigkeit darbieten. Wenn auch die Men- 
schen nicht absolut unfähig fiir ein communistisches Staatsleben 
sind und wir ja bei fast allen Völkern des Alterthums und gegen 
wärtig noch bei wilden Indianer- und Negerstännnen in Folge des 
Ileberganges vom Nomadenthum in feste Ansiedelung Anfänge von 
Gütergemeinschaft, namentlich an Grund und Boden finden, so er 
scheint dieselbe doch nur als die erste Grundlage, auf welcher sich 
nach und nach ein geordnetes Staatswesen aufbaute, welches sich 
dann bei allen Culturvölkern, wie uns deren Geschichte lehrt, mit 
der Cultur gleichmäßig entwickelte imb stets zur Auflösung der bis 
herigen Gütergemeinschaft führte, die also nirgends hat Stand 
halten können. 
4. Der Drang nach Berufsfrei heit. 
Der jedem Menschen innewohnende Drang nací) persönlicher 
Selbstständigkeit fordert zunächst die Freiheit, sich zu beschäftigen 
und seinen Unterhalt zu verdienen, wie man will, d. h. die Bernfs- 
frciheit. 
Allerdings arbeiten auch heute die meisten Arbeiter nicht frei- 
willig, sondern unter dem theilweise recht harten Drucke der Noth 
wendigkeit, aber sie fügen sich in Folge eines Vieler, selbst unbc- 
rvußten Selbstständigkeitsgefühls lieber der Nothwendigkeit, als beni 
Zwange; sie verrichten williger schwerere Arbeit in der Freiheit, 
als leichtere hinter Kerkermauern. Der Bediente, der Portier fühlt 
sich trotz seiner sorgenfreien und behaglichen Stellung, ungeachtet 
einer humanen Behandlung Seitens seiner Dienstherrschaft, und 
wenn ihm auch nur leichte Arbeiten und Verrichtungen obliegen, 
doch nur selten zufrieden, er beneidet selbst den im harten Kampfe 
ums Dasein ringenden Arbeiter, weil dieser wenigstens in seinen
        <pb n="31" />
        19 
2* 
Mußestunden ein freier Mann ist. Mancher etablirt sich als 
Principal oder Meister, der als Gehülfe ein viel sorgenfreieres und 
bequemeres Leben hatte, aber der Reiz eines eigenen Heerdes und 
die Liebe zur Selbstständigkeit trieb ihn dazu. Im Zukunftsstaate 
würde aber die Arbeit nicht nur für Jedermann eine Nothwendig 
keit sein, weil es ja in demselben keine Capitalisten geben soll, die 
Andere für sich arbeiten lassen könnten, also Jeder sein Brod durch 
eigne Arbeit verdienen müßte, sondern es würde mit dieser Noth 
wendigkeit auch der Zwang verbunden sein; denn da der neue Staat 
zugleich Generalunternehmcr und Generalproducent sein würde, so 
müßte dessen Centralleitung auch nothwendigerweise über die ge 
summten Arbeitskräfte unumschränkt verfügen und dieselben nach 
bestem Ermessen verwerthen können, weil es ihr sonst nicht möglich 
sein würde, die Staatsarbeitsmaschinerie in regelmäßigem Gange zu 
erhalten, und Verwirrung erzeugende Stockungen zu verhüten. Dem 
gemäß würden denn auch von den betreffenden Staatsorganen den 
einzelnen nunmehrigen Staatsarbeitern diejenigen Geschäfte und 
Arbeiten zugewiesen werden müssen, für welche man sie entweder 
für geeignet hielte, oder weil es so das Staatsinteresse erheische. 
Natiirlich könnte dabei auf die Wünsche der Einzelnen nicht jederzeit 
Rücksicht genommen werden. Ebensowenig würde ein Berufswechsel 
statthaft sein, sicherlich wiirden dann aber die mit ihrem Arbeits 
loose Unzufriedenen die Arbeitsämter mit Versetzungsgesuchen be 
stürmen lind wenn erfolglos, wie gefangene Löwen an ihren Ketten 
rasseln, und selbst die Schwächeren und Geduldigeren unter ihnen 
in ihrer trostlosen Gefangcnhausstimmung in den Ruf der Starkem 
nach unbedingter Berufsfreiheit und Freizügigkeit nicht nur begeistert 
einstimmen, sondern auch gemeinsam mit diesen das aufgezwungenc 
Arbeitsjoch gewaltsam abzustreifen suchen. 
Auch diejenigen, welche jetzt unter dem Drucke der Nothwendig 
keit selbst die schmutzigsten, ekelhaftesten, die schwersten, die gesund 
heitsschädlichen oder lebensgefährlichen Arbeiten verrichten, würden 
im Zukunftsstaate murren und sich mit Grund darüber beschweren
        <pb n="32" />
        20 
können, daß ihnen dergleichen Arbeiten zugemuthet werden, während 
ihre übrigen Mitbürger durch Zuweisung angenehmerer und leich 
terer Beschäftigungen vor ihnen bevorzugt seien. 
Nicht minder unzufrieden würden die Mitglieder solcher Staats 
zwangsgenossenschaften sein, deren Erzeugnisse für sie nur einen 
geringen und der darauf verwendeten Miihe und Arbeit nicht ent 
sprechenden Lohn abwerfen. Sie würden mit Neid und Verdruß 
auf höhere Gewinne erzielende Genossenschaften blicken und fragen: 
ist es recht, daß uns, die wir doch nicht minder fleißig und gut 
arbeiten, als die Mitglieder jener Genossenschaften, ein geringerer 
Lohn zu Theil wird, als diesen? 
Am häufigsten und lautesten würden jedoch diejenigen murren 
und klagen, welche auf ihren Anlagen «nb Fähigkeiten nicht ent 
sprechende Posten gestellt zu sein glauben. Aber selbst übermensch- 
lichcm Scharfblick und peinlichster Gewissenhaftigkeit würde es un 
möglich sein, für jeden Einzelnen den geeignetsten Posten aussindig 
zu machen. 
Wenn auch bei der heutigen freien Concurrenz vielen das er 
hoffte Glück nicht kommen zu wollen scheint, oder es ihnen noch 
nicht gelungen ist, den richtigen Berns zu finden, in welchen! sie 
nach Maßgabe ihrer Fähigkeiten und Neigungen am meisten nützen 
und dadurch die größtmögliche Selbstbefriedigung erlangen können, 
so richtet doch ihr Mißmuth über die vielfachen Täuschungen und 
fehlgeschlagenen Hoffnungen sich heute nicht gegen den Staat, weil 
sie wissen oder fühlen, daß sie bei freier Selbstbestimmung auf sich 
selbst gestellt sind und daß cs daher auch ihre Sache ist, so lange 
nach dem zum erwünschten Ziele führenden Wege zu suchen, bis er 
gefunden ist. 
Ganz anders aber würde cs sich im Zukunftsstaate verhalten; 
denn hier soll die Jugend in untergeordneten Beschäftigungen min 
destens so lange geduldig warten, bis ihr Berns zu wichtigeren 
Arbeiten und Gelegenheit zu diesen sich herausgestellt hat. Es 
würde also derselben ein großes Maaß von Selbstbeschränkung
        <pb n="33" />
        21 
zugemuthet, diese ist eine so seltene Tugend, daß sie meist nur von 
Willensstärken, charakterfesten und ehrenhaften Männern geübt wird. 
Am wenigsten wird sic sich aber bei einer Jugend sinden, welche 
in den jede göttliche und staatliche Autorität untergrabenden Grund 
sätzen der heutigen Socialdemokratie erzogen ist. Gerade diese würde 
in ihrer Zuchtlosigkeit weit entfernt sein, sich dem Berufszwange 
zu fügen. Während sonach die Staatsleitung aus Staatsraison 
am Principe des Berufszwanges festhalten müßte, würde von 
der Staatsbürgerschaft der Durchführung dieses Princips ein so 
gewaltiger Widerstand entgegengesetzt werden, daß trotz einer 
Schreckensherrschaft der neue Staat sehr bald wieder äus den 
Angeln gehoben würde. 
5. Der Drang nach Bedarfsfreiheit. 
Eine andere Art von Freiheit wäre hier noch zu erwähnen, 
an welcher der Mensch gleichfalls mit aller Zähigkeit festhält und 
solche sich nicht nehmen oder verkümmern lassen will, das ist die 
Bedarfsfreiheit. Der österreichische Minister a. D. Dr. A. Schaffte, 
obgleich die Socialdemokraten ihn als ihren Anwalt ansehen, sagt 
in seiner Broschüre „Die Quintessenz des Socialismus" u. A.: 
„Die Freiheit der Bedarfsbcstimmung ist unzweifelhaft die unterste 
Grundlage der Freiheit überhaupt. Würden die Lebens- und Bil- 
dungsmittcl von außen her und einem Jeden nach einem Bedarfs 
schema zugemessen, so könnte Niemand nach seiner Individualität 
uud Neigung leben und sich ausbilden; es wäre der Brotkorb der 
Freiheit beseitigt. Wollte aber der Socialismus die persönliche 
Freiheit der Bedarfsbcstimmung aufheben, so wäre er freiheits- 
feindlich und aller Gesittung entgegen." Der Trieb nach persön 
licher Freiheit im Menschen ist jedoch so mächtig und dieser für 
ihn so werthvoll, daß er ihm selbst für die größten Vortheile, 
welche der künftige Communcstaat bieten könnte, nicht feil wäre 
und letzterer daher mit dem Freiheitsdrange niemals fertig werden 
würde. Mit diesem Drange nach Freiheit und der damit ver-
        <pb n="34" />
        schwisterten Selbstständigkeit würden sicherlich auch im Zuklmfts- 
staate die Bürger das Recht für. sich tu Anspruch nehmen, die ihnen 
zu Gebote stehenden Gcnußmittel selber, mit ihrer Familie oder mit 
Freunden zu verzehren oder auch sie in größeren Vorrüthen auf 
zuspeichern, wenn sie mehr Freude am Besitz als am Genuß haben; 
die Bürger werden es sich auch in Zukunft nicht nehmen lassen, 
mit ihren Mitteln ihren Kindern eine höhere Ausbildung zu ver 
schaffen oder ihren Haushalt und was damit zusammenhängt, ihr 
Familienleben und die Erziehung ihrer Kinder einzurichten, wie sie 
wollen; selbst das Recht, die Mittel zu verschenken und zu vererben, 
wird im Communestaat nicht aufgehoben werden können. 
Das Familicnerbrecht insbesondere ist eine durch den Indi 
vidualismus begründete sociale Institution, ein integrirendcr Be 
standtheil des gesellschaftlichen Organismus und kein Product des 
staatlichen Mechanismus. Das Erbrecht beseitigen wollen, heißt 
das Wesen der Gesellschaft und des Individuums nicht verstehen 
und die Societät zu einer staatlichen, beliebig veränderlichen Ein- 
richtung machen, während doch die Gesellschaft vor dem Staate 
war und dieser erst als ein Ergebniß derselben erscheint. Uebcr- 
haupt hat der Staat andere und wichtigere Aufgaben zu crfülíen, 
als das gefährliche Experiment der Untergrabung der gesellschaft 
lichen Fundamente zu wagen, auch der socialdemokratische ^taat 
könnte dies nur auf Gefahr seiner Existenz thun. Allerdings ist 
der Staat nach gewisser Richtung hin ein Mechanismus, welcher 
von Zeit zu Zeit abgeändert und umgestaltet wird, ohne daß da 
durch die Gesellschaft in ihrem Lebensnerve berührt wird. Umge 
kehrt dagegen bringen Umformungen der Gesellschaft, wie die oben ge 
kennzeichneten, jedesmal staatliche Umwälzungen hervor; nie aber wird 
es ohne den Untergang der Gesellschaft selbst gelingen, die Familie 
oder das Erbrecht gänzlich aufzuheben. — Und wie tief und voll 
ständig die Liebe zur Freiheit und Selbstständigkeit die Manschen 
zu durchdringen vernmg, erhellt u. A. recht deutlich daraus, daß 
so humanitäre Institute, als welche doch unzweifelhaft die Asyl-
        <pb n="35" />
        23 
Häuser für Jünglinge und Jungfrauen gelten dürfen, von diesen 
deshalb so wenig benutzt werden, weil dort auf das Innehalten der 
Feierstunden, also ein kleiner Verzicht auf ihre persönliche Freiheit 
gefordert werden muh. Ebensowenig Anklang finbcn im Allgemeinen 
die Volksküchen, obwohl dieselben doch durchschnittlich schmackhafteres 
und billigeres Essen liefern, als es die einzelnen Haushaltungen 
vermögen. Der Hauptgrund zu dieser Thatsache dürfte wohl, ab 
gesehen von mancherlei Borurtheilen, dann liegen, daß der gleich 
sam militärische Zwang, ohne Rücksicht auf den Geschmack zur be 
stimmten Zeit und zu bestimmten Preisen zu essen, sich nicht mit der 
Freiheit verträgt, heute zu sparen, um sich später einen größeren 
Genuß zu verschaffen, oder auch den Kindern mehr zu Gute kommen 
zu lassen. 
Weit mehr als diese und andere wohlthätigen Institute, wie: 
Vorschuß- und Consumvereine, Spitäler, Erziehungsanstalten, Armen 
häuser, Kindergärten und dergleichen, sprechen insbesondere den 
Arbeitcrstand solche echt individualistische Einrichtungen an, durch 
welche es ihm leicht gemacht wird, mittelst kleiner Ersparnisse sich 
allmählig ein eigenes Hänschen und Heimwcscn zu erwerben; ja, ein 
eigenes gemüthliches Hauswesen, in welchem er sich mit den Seinigen 
wohl und behaglich fühlen und nach eigner Neigung leben kann, nicht 
aber eine tägliche allgemeine Abfütterung oder gar das Einpferchen in 
Arbeiterkasernen, die ihm als Zwangsarbeitshäuser erscheinen, wünscht 
der Arbeiter. Und dennoch verhält sich da, wo Menschenfreunde 
durch Gründung von gemeinnützigen Ballgesellschaften solche Heim 
stätten für die Arbeiter zu beschaffen bemüht sind, die socialdemokra 
tische Presse theils ablehnend und spöttisch, theils sogar feindselig. 
Aber warum? weil sic befürchtet, daß ein Socialdemokrat als Haus 
besitzer leicht ein Abtrünniger wird. Deshalb soll auch im Zukunfts 
staate das Uebcrlassen von Wohnungsräumen in Privathäusern 
gegen Annahme eines Miethzinses unstatthaft sein, und dadurch 
verhindert werden, daß der Hauscigcnthümer sich eine billigere oder 
gar freie Wohnung verschaffe, vielmehr soll ihm der Besitz so er-
        <pb n="36" />
        24 
schwert und verleidet werden, daß er sich gezwungen sieht, sein 
Hausgrundstück selbst unter dem Werthe an den Staat zu verkaufen. 
6. Das unveräußerliche Eigenthums recht. 
Von der Socialdemokratie wird dem Menschen - Individuum 
das Eigenthumsrecht, namentlich an Grund und Boden bestritten. 
Die Herrschaft des Menschen über die Sachenwelt ist aber eine 
thatsächliche Nothwendigkeit, die von Niemandes Wahl abhängig 
werden kaun, weil sie in der Natur der Dinge begründet ist. Die 
menschlichen Bedürfnisse müssen befriedigt werden und zu diesem 
Zwecke muß der Mensch auf bewegliche und unbewegliche Dinge 
einwirken und Andere von ihrem Gebrauche ausschließen können. 
Auch wäre die persönliche Freiheit des Menschen ohne Eigenthum 
undenkbar; denn frei kann der Mensch nur leben, wo er unabhängig 
von der Willkür anderer Menschen seine körperlichen und geistigen 
Ķräfte entwickeln, gewisse Sachen genießen, oder an ihnen seine 
Thätigkeit üben, d. h. wo er gewisse Sachen sein Eigenthum nennen 
kann. Das Eigenthum ist also die Grundlage aller persönlichen 
Freiheit und diese ist wie auch das Eigenthumsrecht ein unveräußer 
liches Urrecht. Da nun stets und überall Unbeschränktheit der 
Verfügung und Ausschließlichkeit Attribute des rechtmäßigen Eigen 
thums sind, so ist es auch eine durchaus unzulässige Annahme, daß 
es dem Staate, der selbst erst zum Theil seine Grundlage im Eigen 
thum und im Bedürfnisse, dasselbe zu schützen hat, möglich und 
erlaubt sei, das Privateigenthum aufzuheben und abzuschaffen: Ein 
solcher Versuch müßte nothwendig daran scheitern, daß derselbe 
mit der Aufhebung aller besondern Persönlichkeit der Staatsbürger 
endigen und damit eine unerläßliche Bedingung des Zusammenseins 
d. h. des Staatslebcns vernichten würde. 
Aber auch fiir den Volkswohlstand ist das Privateigenthum 
durchaus nothwendig; denn zu Wohlstand kann ein Volk nur dann 
gelangen, wenn seine Angehörigen fleißig die Erde bearbeiten, fleißig 
in Erzeugung irdischer Güter sind und Capitalien ansammeln, d. h.
        <pb n="37" />
        25 
emcn Theil ber gewonnenen Güter für zukünftige Bedürfnisse und 
zu weiterer: probuetiven Unternehmungen in der Landwirthschaft, 
Industrie und im Handel zurücklegen. Allein Fleiß und Sparsam 
keit übt der Mensch nur bann, wenn er nicht nur frei über die 
Früchte seiner Arbeit verfügen kann, sondern auch sein Eigenthum 
und das von ihm angesammelte Vermögen vom Staate rechtlich 
geschützt wird. Ohne Capitalien wäre eine Erweiterung der Pro- 
duetion nnb somit des gesellschaftlichen oder Nationalvermögens, 
sowie der menschlichen Cultur unmöglich. Und selbst der entschiedene 
Capitalfeind Lassalle hat sich dieser Einsicht nicht verschließen können; 
beim in seiner Schrift „Bastian Schulze" sagt er: „Völker, die von 
voller, individueller Freiheit ausgehen, wie die Indianischen Jäger 
stämme, können deshalb niemals zu irgend einer Capitalansammlung 
nnd daher niemals zu irgend einem Culturfortschritte gelangen." 
Sehr charakteristisch und mit verständlicher Knappheit drückt 
bieg ber Mannte Matiotmiöfonom 0. Stein anë: „S)er Bkn# 
tit cm Wesen für sich, nicht blos ein Exemplar der Gattung homo 
sapiens. Wo die Individualität in der Gattung aufgeht, da herrscht 
dte Uncultur, die Barbarei, die finstre Knechtschaft der Leiber und 
Geister. In der thunlichst freien Enllvicklung der Individualität 
ltegt ein Hauptantrieb des Fortschrittes; was er hervorbringt, das 
gehört ihm und keinem Andern. Geben wir die persönliche Existenz, 
dte Individualität zu, dann müssen wir auch das persönliche Eigen- 
thnm anerkennen. Wenn wir das Eigenthum aufheben, dann 
erniedrigen wir bett Menschen zu einem bloßen Gattungsbegriff und 
sprechen ihm die Eigenschaften ab, welche sein Sein und Wesen aus 
machen; wir würden ihn zum Thiere degradiren, zum willenlosen 
Selaven eines Herrtt oder einer Wahnidee, oder wir müßten die 
ganze Menschheit nach Art eittes mittelalterlichen eommunistischen 
Bettelordens umformen, in welchem die Persönlichkeit nur durch 
einen höheren Willett gelenkt und bestimmt wird. Watt müßte sich 
burnt den Staat als citte neue moderne Auflage eines solchett Ordens 
vorstellen."
        <pb n="38" />
        26 
Da nun, wie die Erfahrung lehrt, die vom Staate geleiteten 
wirthschaftlichen und industriellen Unternehmungen nur wenig und 
öfter gar nicht ergiebig find, so würde im socialistischen Zukunfts- 
staatc, der ja zugleich General-Eigenthümer und General-Producent 
sein soll, von einem Wachsthum, des Nationalvermögens keine Rede 
sein unb in Folge dessen würden unter seine Biirger noch weniger 
Güter zur Vcrtheilung kommen können, als bei den gegenwärtigen 
Staats- und Wirthschaftssystemen. 
Es ist daher auch keineswegs, wie die Socialdemokratie fälschlich 
behauptet, etwas Zufälliges, daß sich bei allen Völkern schon früh 
zeitig das Recht des persönlichen Eigenthums herausgebildet hat, 
sondern etwas ails dem Wesen des Menschen nothwendig Ent 
wickeltes und der von der Natur in ben Menschen gelegte Trieb 
nach Selbstständigkeit, Freiheit und demnach auch nach Besitzthum 
ist so mächtig und unzerstörbar, daß alle auf ihre Beschränkung 
oder gar Beseitigung gerichteten Allgriffe schließlich mit einer voll 
ständigen Niederlage der Angreifer eildigen müßten. 
Deshalb sagte auch der große Menschenkenner Schiller: 
„Etwas muß er sein Eigen nennen, 
„Oder der Mensch wird morden und brennen!" 
und ein anderer Dichter ruft: 
„Gieb dem Menschen einen nackten Felsen, 
„Und er wird ihn mit bliihenden Obst- und Weingärten schmücken!" 
Schon bei den ungebildeten Völkern behauptet der wilde Jäger 
und Fischer ein Eigenthumsrecht auf das non ihm erlegte Wild, 
auf die gefangenen Fische, auf die gesammelten Früchte des Waldes 
unb der Fluren, auf die voll ihm errichtete Hütte, die angefertigten 
Gerüthschaften und Kleidungsstücke. 
Bei den nomadisirenden Völkerstänlmcil sind die Heerden Eigen 
thum der einzelnen Familien, die während der Zeit ihres Aufent- 
haltcs in einer Gegend bezüglich der Weideplätze ein geltendes 
Besitzrecht ausiiben.
        <pb n="39" />
        27 
Ņei beiden Völkerarten konnte von einem eigentlichen Eigcn- 
thumsrechte auf Grund und Boden noch keine Rede sein, weil sie 
denselben nur vorübergehend und nicht länger in Besitz nahmen, 
als er ihnen und ihrer Heerde ausreichenden Unterhalt darbot; 
aber während dieser Zeit behaupteten und vertheidigten sie diesen 
Besitzstand gegen jedwede Angriffe auf denselben. 
Erst als sie sich in Folge der durch ihre Bevölkcrungszunahme 
bedingten Steigerung der Lebensbedürfnisse zur Betreibung von 
Ackerbau und somit zur festen Besiedelung gezwungen sahen, schritten 
sie dazu, den von der Gesammtheit in Besitz genommenen Grund 
und Boden an die einzelnen Familien zu vertheilen. Und diese 
Theilung war geboten durch das erste Urrecht des Menschen, d. h. 
daS Recht zu leben. 
Trotzdem aber, daß sich das private EigenthumSrccht in natur- 
nothwcndiger Weise herausgebildet hat, fordert jetzt die Socialdemo 
kratie Verwandlung des Privateigenthums, namentlich an Grund 
und Boden, in Gemein-Eigcnthum, d. h. Confiscation; denn das 
Versprechen, die derzeitigen Besitzer voll zu entschädigen, ist unerfüllbar, 
und auch nur gegeben, um die Besitzer von einem voraussichtlich 
höchst gefährlichen Widerstände abzuhalten, also bloße Phrase, 
während gleichzeitig die socialistischen Führer behufs gewaltsamer 
Durchsetzung der Confiscation den Neid und die Habgier der Arbeiter- 
bevölkerung aufstacheln und die Agitation durch allerlei Bcgriffs- 
verwirrnngen und Fälschungen steigern, von denen hier nur einige 
der grellsten erwähnt werden sollen. 
wird der von Lassalle herrührende Satz aufgestellt, daß 
der Arbeitslohn sich nicht dauernd über die Kosten der Arbeit, d. h. 
die nothdürftigsten Unterhaltungskosten der Arbeiter erheben könne 
(das sog. eherne Lohngcsetz). Diese Behauptung ist jedoch in ihrer 
Allgemeinheit nicht richtig, denn wie kann überhaupt eine solche all 
gemeine Norm des Lohnes, d. h. ein natürlicher Preis, nach welchem 
der wirkliche Marktpreis trotz aller Schwankungen immer wieder 
hinneigen soll, existiren, wenn in demselben Lande, bei demselben
        <pb n="40" />
        28 
Volksstamme doch der Sol):: viele. Jahre, ja mehrere Generationen 
hindurch in verschiedenen aber einander ganz nahe gelegene!: Gegenden 
so verschieden ist? Hier hängt vielmehr der Preis der Arbeit haupt 
sächlich von dei: Sitten und Gewohnheiten des Volkes ab. — Es 
ist ferner Thatsache, dass die Löhne keineswegs durch die Preise de: 
nothwendigsten Lebensmittel regulirt werden, das; die Arbeitslöhne 
vielmehr in den verschiedenen Gegenden Deutschlands weit n:eh: 
unter sich differire::, als die Preise der nothwendigen Lebensmittel 
und daß deshalb auch die materielle Lage der ländlichen Arbeiter 
in den einzelnen Theilen Deutschlands eine sehr verschiedene ist. 
Somit ist denn auch die Ansicht derer, welche für die Verschieden 
heit der Lohnsätze durch die Verschiedenheiten der Lebensmittel eine 
Ausgleichung erwarten, eine durchaus irrige und das eiserne Lohn 
gesetz beruht auf einer bloßen aus grauer Theorie hergeleiteten 
Einbildung. 
Dann sollen nach Carl Marx' Behauptung alle Werthe auf 
Arbeit zurückzuführen, d. h. der Werth eines Dinges oder Products 
gleich sein der allgemeinen gesellschaftlichen Arbeitszeit, welche zu 
dessen Herstellung erforderlich war. Danach müßten denn auch 
z. B. von Hundert Paar Strümpfen, deren eine Hälfte mittelst der 
Maschine hergestellt würde, zehn Stunden, die andere durch Hand 
arbeit zweihundert Stunden Arbeitszeit erfordert. letztere einen 
zwanzig Mal höher:: Werth und Preis haben, als erstere, gleich 
wohl' aber ist ein Preisunterschied zwischen beiden Fabrikaten in 
Wirklichkeit entweder gar nicht vorhanden oder er ist ein ganz 
unbedeutender. Ebenso hat der sehr gelehrte Herr gänzlich über 
sehen oder es absichtlich verschwiegen. daß außer Arbeit und 
Maschinen auch noch andere Productionsmittel, als: Geld, größere 
oder geringere Brauchbarkeit und Zweckmäßigkeit der Handwerkzeuge, 
das Material. Bodenfruchtbarkeit, größere oder mindere Geschicklich 
keit. Regsamkeit und Intelligenz der Arbeiter u. s. w. auf den Preis 
der'Dinge einwirken; er hat ferner nicht berücksichtigt, daß der 
Werth derselben durch die Nothwendigkeit. Nützlichkeit oder An-
        <pb n="41" />
        29 
nehmlichkeit für den Menschen, non der großem oder geringern 
Einige, in welcher sie vorhanden sind, sowie durch Nachfrage und 
Angebot, welche unter dem Gesetze der Concurrenz stehen, wesentlich 
beeinflußt wird. 
Wir kommen daher zu dem wohlbcrcchtigten Schlüsse, daß alle 
Declamationen von der Vereinbarkeit der individuellen Freiheit mit 
dem communistischcn Wirthschaftsbetriebe nichts sind als absichtliche 
Flunkereien oder sentimentale Anwandlungen, wie denn der Com- 
munismus von jeher für phantastische und gedankenlose Menschen 
seine große Zugkraft geübt hat. Der Communismus erkennt dem 
Einzelnen das Eigenthum ab, woraus dieser als das Ergebniß 
seines Denkens und Schaffens Anspruch erhebt; die bloße Garantie 
der körperlichen Bedürfnisse bietet keinen Ersatz für das Ausgeben 
ber individuellen Freiheit. 
7. Das Verbot, Zinsen zu nehmen. 
Ferner wird von den socialistischen Agitatoren in meist ge 
hässiger Welse das Zinsennehmen als Ausbeutung der Arbeit charak- 
terisilt, während dasselbe in Wahrheit einen wohlberechtigten, weil 
ans freier Vereinbarung beruhenden Anspruch aus eine Gegenleistung 
darstellt. Auch sind die meisten productiven Unternehmungen solchen 
freien Vereinbarungen zu verdanken; denn ohne diese würden jene 
eben nicht möglich gewesen sein, weil zu allen productiven Unter- 
nehmungen eine gewisse Anzahl von Betriebsmitteln, und um diese 
beschaffen zu können, Geld nöthig ist. Man könnte eine solche Ver 
einbai iiug raglici) einen Gesellschaftsvertrag nennen, bei welchem der 
ciiic Theil das erforderliche Geld oder einen Theil davoli hcrleiht 
uiid ihm dafür als Gewinnantheil cm der Höhe des eingeschossenen 
Capitals entsprechenden Zinsbetrag zu gewähren ist, während dem 
andern Theile die übrigen Gewinnantheile gegen Verpfändung des 
gesummten Betriebsmaterials allein zufallen und ihm dadurch die 
Möglichkeit geboten wird, bei geschickter und glücklicher Leitung des 
Unternehmens dieses nicht nur nach und nach zu erweitern und ge-
        <pb n="42" />
        30 
winnreicher zu machen, sondern auch mit der Zeit in dessen allcr- 
uigen und schuldenfreien Besitz zu kommen. Wollte man also das 
Zinsennehmen verbieten, so hieße das nichts anderes, als alle pro 
ductiven Unternehmungen lediglich in die Hände von einigen Tausend 
Capitaliste» legen, also dem Capital dienstbar machen und, was 
man gerade verhindern wollte, die Ausbeutung der Arbeit noch 
mehr fördern. 
8. Die beabsichtigte Abschaffung der Ehe als reli 
giöser, politischer, juridischer und bürgerlicher 
Institution. 
Auch gegen die Familie richtet der Socialismus seine An 
griffe, weil er recht wohl weiß, daß sich mit ihr keine andere 
Verbindung an Innigkeit der Empfindungen und Stärke der Inter 
essengemeinschaft vergleichen läßt, daß sic der Hort und die Trägerin 
des reinen Individualismus ist, der erst in ihr seine vollständige 
Entwickelung findet und nur wenig Raum für Gemeinsinn nach dem 
Wunsche der Socialdemokraten läßt. Um nun die Familie, seinen 
Todfeind zu bekämpfen und womöglich zu vernichten, sucht der 
Socialismus deren Fundament, die Ehe, zu untergraben und zu 
diesem Zwecke scheint ihm die Abschaffung derselben alv politischer, 
religiöser, juridischer und bürgerlicher Institution als wirksamstes 
Mittel. Es wird ganz richtig gefolgert, daß, sobald der Ehe der 
staatliche und religiöse Schutz entzogen wäre, ihrer jederzeitigen 
Wiederauflösung also keinerlei gesetzliche und moralische Hindernisse 
entgegenstünden, künftighin nur noch solche Ehebündnisse von Dauer 
sein würden, welche aus wahrer, auf gegenseitiger Achtung beruhen 
den Liebe geschlossen werden, oder wenn gegenseitige Unentbehr 
lichkeit der Ehegatten oder die Liebe zu den Kindern das Band der 
Ehe gefesügt hätte. Daß aber dergleichen Ehen in einem Commune- 
staate immer seltener werden und nach und nach an deren Stelle 
die auf der Basis der freien Liebe, d. h. des Sinnenrausches ge 
knüpften geschlechtlichen Verbindungen treten, und diese dann wieder
        <pb n="43" />
        31 
ficlöft werden würden, sobald der Rausch verflogen wäre und daß 
sich also eine reine Maitressen- und Bordcllwirthschaft entwickeln 
würde, welche allmählich sich auf alle Schichten der Bevölkerung 
ausdehnen und alsbald deren geistige, sittliche und Physische Lebens 
kraft bis zur gänzlichen Auflösung zerfressen würde, das wird 
freilich von den Führern der Socialdemokratie entweder nicht zuge 
geben oder absichtlich verschwiegen. 
Uebrigens bürste jede leichtere Lösung der geschlechtlichen Ver- 
bindungen mehr den Männern als den Frauen zugute kommen, ja 
letzteren würde unter dem Scepter der freien Liebe in der Regel 
ein jammervolles Schicksal bevorstehen; nach dem Verluste ihrer 
^ungsiälllichkeit und persönlichen Reize würden sie, von keinem 
Manne mehr begehrt und unterhalten, ohne Rückhalt, wie ihn das 
heutige Familienrecht gewährt, dastehen, wären lediglich auf ihre 
eigenen Kräfte angewiesen unb hätten, wenn diese durch übermäßigen 
W#icd)taoc,,uG ober Bíter 9#mäd,t &amp;um Grmerb ber iioW, 
^^^^«#11, beigä## 
*kmb%wmH,,abcr€%wrfamkit in be„ Sage,, bcö Uebe##^ 
letzt nur noch die Freiheit, zu verzweifeln und zu verhungern. 
Eine fernere Folge der sog. freien Liebe würde die sein, daß 
die in derselben erzeugten Kinder, schon weil deren Väter selten zu 
cnnittcln wären, bis zum Eintritt ihrer Erwerbsfähigkeit auf Staats 
kosten ernährt und erzogen werden müßten. Diese Kosten würden 
z. B. für das Deutsche Reich bei einer jährlichen Bcvölkerungszu- 
nahmc von mindestens 400 000 Seelen jährlich mit je nur 150 Mark 
berechnet, die ungeheure (Summe von 60 Millionen Mark im ersten 
^ahre und in den nächsten darauffolgenden 12 Jahren je ebenso 
viel, also bis zum Eintritt der Erwerbsfähigkeit zusammen 780 Mil- 
Itoiteit Mark für jede Altersklasse betragen und hierzu würden 
noch die Unterhaltungskosten für die Mütter während ihrer Er 
werbsunfähigkeit nach der Niederkunft mit 20 Millionen Mark 
sommeil, sich mithin ein Gesammtbetrag von 800 Millionen Mark 
ergeben.
        <pb n="44" />
        32 
J 
Ehe und Familie sind so werthvolle Einrichtungen der weisen 
Weltregierung, daß die Menschheit auf sie niemals wird verzichten 
wollen; denn sie sind die treuen Hiitcr der Sittlichkeit und deshalb 
für den Fortbestand eines jeden Staatswesens unentbehrlich. Die 
Familie ist der Grund und Eckstein des bürgerlichen Lebens, sie ist 
die ursprünglichste, urälteste, menschlich-sittliche Genossenschaft, aber 
eine Genossenschaft, die erst durch das Christenthum die rechte 
Weihe und Widerstandsfähigkeit gegen oftmals geplante Angriffe 
erhielt. Und das ist geschehen, seit die Stellung der Frau, das 
eheliche und Familienleben durch die christliche Lehre verschönt 
worden ist. Die Jdealisirung des ewig Weiblichen hat die Sitten 
geniiibcttunbbic Gunst mö#9 #tbcrt. 3)tc Giuiü; 
fation und die Bestandeskraft der christlichen Staaten hat ihren 
Grund in der Unification der Frau mit dem Manne, in der Hoch 
schätzung der ehelichen Treue und Häuslichkeit, in der Anerkennung 
der weiblichen Vorzüge, in der Darstellung der Schönheit, Liebe 
und Tugenden der Frauen. Die Art der Emancipation, welche 
ihnen von den modernen politischen Parteien mtb socialen oectireru 
geboten werden will, kann sie nicht begeistern, ihr weibliches Na 
turell und Gefühl bleibt kalt für diejenigen, welche blos die mate 
rielle Seite des Lebens in den Vordergrund stellen. Das deutsche 
Weib (Ausnahmen giebt es leider auch bei uns schon) setzt noch 
sein höchstes Ideal, ein glückliches Familienleben, über eine ver 
goldete Selbstständigkeit der „Emancipation". Die Liebe hält längn 
noch als der Haß, denn die Liebe, sagt das Dichterwort, stirbt nicht. 
Der Klassenhaß aber, mit Hilfe dessen die socialdemokratischen Agi 
tatoren ihre Principien von der materiellen Befreiung unter Dach 
und Fach zu bringen suchen, hat nichts mit der Liebe gemein und 
ist Feind des Familienlebens, damit hat sich die Socialdemokratie 
von vornherein die christliche Frau zur Feindin gemacht und an 
bi# getnb#aft ivitb fie selbst nad) Ucbcmmbirnß anbetn: 
Schwierigkeiten nothwendig zu Grunde gehen. &lt;co ist denn da. 
geben in bet ^amitié baö beste uot alíen foeiaieu
        <pb n="45" />
        33 
Verirrungen; wuchern diese aber mächtig empor, so ist dies ein 
sicheres Zeichen, daß das Heiligthum des Hauses gar vielfach zer- 
trümmert sein muß. Ist dies in gewissen Kreisen der Fall, nun 
so muß das Mögliche schleunigst zur Heilung dieses Schadens ge 
schehen ; denn das deutsche Familienleben mit seiner Liebe und Ord 
nung, mit seinem Fleiße und seiner Sparsamkeit ist das werthvollste 
Gut, welches wir von unseren Vorfahren der ältesten Zeit besitzen. 
Das Familienleben ist der Boden, in welchem ein besseres Staats 
leben in Deutschland emporwachsen kann. Darum sollen wir den 
^taat immer ansehen als einen Verein von Familien, nicht von 
einzelnen Personen, eine Ansicht, welche in dem ureigenen Geiste 
der germanischen Völker wurzelt und sich in den Einrichtungen ihres 
Erbrechtes offenbart. Ehe und Familie sind ja auch die unver 
siegbaren Quellen einer Fülle von Freuden, wie sie den Menschen 
ln keiner anderen Vereinigung inniger und reiner als in der Ehe 
und im Familienleben, insbesondere für die Eltern über eine ge- 
19 hampers, @#caimbWm#a%cranbei 
funden werden können. Deshalb werden Ehe und Familie in 
allen Volksschichten auch fernerhin von so starken und zuverlässigen 
Stützen umgeben sein, daß ekelhafte Wüstlinge und sittlich ver 
kommene Führer vergeblich daran rütteln, vielmehr sich bald davon 
überzeugen müssen, daß im Zukunftsstaate so wenig wie heute 
Neigung bei der Mehrzahl der Eltern vorhanden wäre, ihr eigenes 
Fleisch und Blut zu verleugnen und sich von ihren Kindern zu 
treuiien, um sie in Findelhäuser oder Kinderbewahrungsanstalten 
einsperren zu lassen. 
Da es ohne wirkliche Ehe keine Familie giebt, diese aber eine 
der wichtigsten Grundlagcii der Gesellschaft und des Culturfort 
schritts bildet, so kann und wird selbst in dem freiesten Staate die 
Oberleitung nicht bulben oder gestatten, daß die Wiedcrauflösung 
der Ehe in das freie augenblickliche Belieben der Ehegatten ge 
stellt werde, weil die heilloseste Unordnung und krasseste Unsitt- 
BI u m k, Zuknnfirftaat. o
        <pb n="46" />
        34 
ltd)feit die nothwendige Folge einer solchen Freiheit wäre und 
beides zum Untergange des Staates führen müßte. Letzterer ist 
also schon im eigensten Interesse' gezwungen, die Ehe und Familie 
zu schützen. 
Weit genug ist es ohnehin infolge der Aufwiegelungen der 
Soeialdemokraten schon mit den Ansichten der Arbeiterbevölkerung 
über Ehe und Familie gekommen; man hat gar nicht nöthig, den 
Zukunftsstaat abzuwarten, um auf diesem Gebiete Erfahrungen zu 
sammeln, die sich dem Beobachter allenthalben aufdrängen. Alle 
hochgestellten Völker haben die eheliche und geschlechtliche Reinheit 
streng gehütet; überall, wo aber eine Lockerung der Sitten eintrat, 
folgte die Zerrüttung der Gesellschaft auf dem Fuße. Athen, 
Korinth, Rom gingen an Sittenlosigkeit zu Grunde. Wenn bei 
uns keine Mittel gefunden werden, um dem Niedergang der Moral 
Einhalt zu thun oder mit anderen Worten den Soeialdemokraten 
die Verwirklichung ihres gepriesenen Musterstaates der Zukunft 
gründlich zu verleiden, werden sich die Geschicke noch viel rascher 
erfüllen , als vor zweitausend Jahren in Rom und Griechenland. 
Die Familie bildet das Fundament eines jeden Staates; das 
Schicksal des letzteren hängt zum großen Theile von der Beschaffen 
heit und der Zukunft der ersteren ab, Wie steht es damit schon 
jetzt bei uns? Man braucht nicht Le Sagö's „hinkender Teufel" 
zu sein, um sich ein zutreffendes Bild von dem Stande des ,Familien 
lebens in den Volksschichten der ärmeren Klassen zu machen. Wir 
unterlassen es, als zu weit führend, hier eine Schilderung dieses 
Zustandes zu geben, betonen aber wiederholt die Nothwendigkeit der 
Hebung der Moral in allen Kreisen, namentlich der Eheheilig 
haltung. Durch die Anweisung der niederen Stellung, welche btc 
Socialisten der Ehe, dem Familienleben in ihrem Zukunftsstaate 
einräumen, zeigen diese Pseudoweltweisen mehr als durch alles 
Andere, daß sie vom Wesen eines Staates nicht den geringsten 
Begriff haben.
        <pb n="47" />
        35 
3* 
9. Kampf gegen den Glauben an ein Dasein Gottes 
und dessen Unterstützung durch die moderne 
Wissenschaft. 
Nicht minder heftig und hartnäckig kämpft die Socialdemokratie 
gegen den Glauben an ein Dasein Gottes und an ein Jenseits, an 
die Unsterblichkeit unserer Seele; noch vor Kurzem hat sie in ihren 
Preßorgancn mit großer Zuversicht der Hoffnung Ausdruck ge 
geben, daß die Arbciterbevölkerung den Himmel diesseits auffuchen 
werde, sobald Gott aus ihrem Gehirn getrieben, das Gottesgnaden 
thum gefallen und der Himmel im Jenseits als eine große Lüge 
erkannt worden sei. In diesem Kämpfe wird die Umsturzpartei 
sogar von Vertretern der modernen Wissenschaft und der sog. Natur 
philosophie eifrig unterstützt, indem sie unter Zugrundlegung der 
beiden veralteten, höchst verschwommenen und unklaren Sätze: 
1. Die Materie genügt zum Dasein sich selbst, sie ist das Abso 
lute, sie ist Alles; 
2. diese Materie hat durch die Mechanik ihrer Theile nach ewig 
in ihr wohnenden Gesetzen die unendliche Fülle der Natur 
formen bis zum Vernunft entwickelten Mcnschengchirn hinauf 
hervorgebracht und sie bedarf daher keines Schöpfers und Er 
halters, 
Lehrsystemc errichtet haben, in welchen Gott und Unsterblichkeit bei 
Seite geschoben sind. 
Beide Sätze oder Voraussetzungen sind jedoch, wie bereits 
längst wiederholt nachgewiesen worden ist, durchaus falsch und 
folglich sind auch die darauf basirtcn Lehren nur Irrlehren, denn 
a. wenn die Materie zum Dasein sich selbst soll genügen 
können, so müßte ihr doch die Fähigkeit des Denkens, Wollens 
und Könnens innewohnen; sie ist aber eine aus leb- und 
seelenlosen Atomen bestehende, also eine todte Masse und eine 
solche vermag weder zu denken, noch zu wollen, noch zu können, 
d. die Materie ist cttvas einen Raum Ausfüllendes, d. h. etwas 
Körperliches, etwas Geschaffenes, noch nicht vorhanden Ge-
        <pb n="48" />
        36 
J 
wesenes, mithin ein Etwas, das einen Anfang hat, es können 
also auch nicht von Ewigkeit her Gesetze in ihr ruhen. 
Es ist sonach reiner Unsinn, zu behaupten, daß die Materie 
vermöge der Mechanik oder Beweglichkeit ihrer Theile nach ewig in 
ihr wohnenden Gesetzen alles organische Leben im Weltall hervor 
gebracht habe und erhalte. 
Wenn mithin die Materie weder sich selbst, noch die aus ihr 
bestehende Welt geschaffen haben kann, so muß doch eine denkende, 
wollende und könnende Macht oder Kraft vorhanden sein, die nicht 
nur die Materie und aus dieser die Welt m3 Dasein gerufen hat, 
sondern sie auch erhält und zwar, wie wir jederzeit wahrnehmen 
können, nach von dieser Macht gegebenen bestimmten unabänder 
lichen Gesetzen. — Nun, diese Macht nennen die gläubigen Menschen 
Gott! — 
Gleichwohl hat sich unlängst ein allgemein bekannter Natur 
forscher von gliihendem Forschungseifer dazu getrieben oder um 
durch Absonderlichkeit Sensation zu erregen, veranlaßt gesehen, die 
Welt mit einer auf die eben erwähnten beiden Sätze basirten neuen 
Schöpfungslehrc zu überraschen. Nach derselben ist der Ursprung 
der ganzen organisch belebten Natur, sammt den darin vorhandenen 
und wirkenden geistigen und seelischen Kräften von einer Urzelle oder 
dem Urschleim herzuleiten. 
Diese Urzellc sei, so lehrt dieser Naturforscher, durch die in ihr 
seit Ewigkeit ruhenden Gesetze gezwungen, sich zu stufenweise höheren, 
belebten unb beseelten Organismen herauszubilden und zwar so, daß 
immer eine neue Art aus der ihr zunächst vorhergehenden entstehe. 
Ein Professor in Jena hat die sog. Dcsccndenzlchrc zuerst 
auf den Menschen angewandt und ausgeführt, daß dieser selbst aus 
dem ihm zunächst stehenden Affen hervorgegangen sei und zwar 
durch die eigne Kraft und Art des Affen, dessen inneres Bedürfniß 
ihn dazu gebracht habe, sich zum Menschen zu erheben, freilich erst 
im Laufe von vielen Millionen Jahren, deren Zahl nicht zu er 
mitteln wäre. Der Affe besitzt also die gewaltige Fähigkeit und
        <pb n="49" />
        37 
Macht und wahrscheinlich auch den bewußten Willen, menschliche 
(Gestalt, menschliche Vernunft und menschliche Sprache anzunehmen. 
Außerdem stellt der Herr Professor die Behauptung auf, daß die 
Entwickelung des einzelnen Thieres mit Einschluß des Menschen 
eine kurze Wiederholung aller derjenigen Veränderungen darstelle, 
welche dasselbe im Laufe seiner Stammesgeschichte von den ältesten 
Zeiten seines organischen Lebens bis zur Gegenwart durchgemacht 
habe. In seiner die Desccndenzlehre behandelnden Schrift hat der 
selbe den Satz an die Spitze gestellt: „Alles, was geschieht, ist eine 
Wirkung mechanischer Ursachen" und daraus die Ansicht entwickelt, 
daß dieselben Ursachen unter denselben Bedingungen stets gleiche 
Wirkungen hervorbringen müßten, weshalb auch jeder gegenwärtige 
Zustand der Dinge das nothwendige Resultat des Vergangenen 
und wieder die allein bestimmende Ursache für den nächstfolgenden 
Zustand der ^inge ergebe oder mit anderen Worten: „Die Gegen- 
lvart ergiebt sich als die nothwendige Folge der Vergangenheit und 
zugleich als die allein bestimmende Ursache für die Zukunft." Wäre 
diese Ansicht richtig, so würde jede Empsindung, ja der Gedanke, 
jeder Wille, der in uns auftaucht, das Ergebniß einer ehernen 
Nothwendigkeit sein, für welche die Bedingungen schon seit Ewigkeit 
in der Materie lägen. Ter Mensch hätte sonach keinen freien 
Willen, er wäre eine bloße unzurechnungsfähige lebendige Puppe, 
welche von unerbittlicher Nothwendigkeit gelenkt, aus der Erde er 
schiene, sich Futter suche, fortpflanze, um dann nach einiger Zeit 
fiir intmer spurlos zu verschwinden. Es gäbe dann keine Tugend 
und keine Sünde, denn der Mensch sei ja ein unzurechnungsfähiges 
Wesen, das denke, handle, wie es müsse, da all sein Denken und 
Thun aus nothwendigen Ursachen hervorgingen und sein ganzes 
Leben eine ununterbrochene Kette von Ursachen und Wirkungen 
bilde. Die nothwendigen Wirkungen unb nothwendigen Ursachen 
gewährten also dem Menschen einen Freibrief und Straflosigkeit 
für selbst die scheußlichsten Verbrechen, sie müßten von der mensch 
lichen Gesellschaft als Wirkungen mechanischer Ursachen unbeanstandet
        <pb n="50" />
        38 
Smßenommm werben. ScbeSbee bea%or#cütë unb berSßei= 
vollkommnung in geistiger, moralischer unb socialer Beziehung würbe 
nicht bem Geiste, sonbern lebiglich ber Materie zuzuschreiben sein; 
Wissenschaft unb Beruf in Staat unb Kirche wäre nicht mehr ein 
Ergebniß des bewußten freien Denkens, Fühlen unb Wollens, auch 
nicht mehr bas Resultat ebler Bestrebungen ber Humanität, bei 
Sittlichkeit, sonbern bas Probuet ber Materie. Ja, biese besäße 
nunmehr alle Weisheit an unb für sich, ohne einen Zweck einer 
höhern Weltorbnung zuzulassen. Die Macht bes freien Geistes, 
btc schöpferische That, ber höhere Schöpfer wären als Täuschungen 
beseitigt. 
Der Jenaer Herr Professor ober vielmehr einige seiner An 
hänger, doch wohl erschreckt burch bie entsetzlichen unb beit Menschen 
entwürbigenben Consequenzen seiner Entwickelungstheorie und weil 
sie auch einsehen mußten, baß die seelischen Vorgänge als Wirkungen 
mechanischer Ursachen nicht erklärt werben konnten, nahmen nun an, 
baß, da man bei den aus belebtem Schleim (Urzelle) bestehenden 
Infusorien, Aeußerungen des Seelenlebens, als: Bewegung, Em 
pfindung, Willen und sogar Vorstellungen (?) finde, das Seelen 
leben also an die Urzelle gebunden und diese llrzelle wieder aus 
Atomen zusammengesetzt sei, jedes dieser Atome eine ^eele haben 
müsse. Durch die beiden Elementarfunetionen lMmpsindung unb 
Bewegung der Atome) baue sich dann in unendlich mannigfaltiger 
und verwickelter Verbindung alle Seelenthätigkeit auf, als: Hassen, 
Lieben, Anziehung, Abstoßung, Bewußtsein. Gedankenbildung rc. 
Aber auch mit dieser erneuerten und veränderten Auflage der 
monistischen Entwickelungslehre ist ebensowenig die Atomseele, wie 
die Seele des Menschen selbst erklärt; es wird dadurch auch nicht 
klar, wie aus dem Zusammenwirken und den Bewegungen einer 
Anzahl von Kohlenstoff-, Wasserstoff-, Stickstoff- und Sauerstoff- 
Atomen Bewußtsein entstehen kann. Ueberdies kann dadurch, daß 
den Atomen eine Seele zugeschrieben wird, weder das Bewußtsein 
überhaupt erklärt noch für die Erklärung des einheitlichen Bewußt-
        <pb n="51" />
        39 
seins des Menschen das Mindeste gewonnen werden. Die Phrasen 
von belebtem Schleim, von den seit Ewigkeit in der Materie liegen 
den Bedingungen zu den mechanischen Ursachen der Wirkungen von 
den Zellen- und Atomscelen verhüllen nur das Nichtwissen und 
bestätigen indirect den Ausspruch unserer größten Philosophen, daß 
es unmöglich sei, die seelischen Vorgänge aus den sie begleitenden 
materiellen Prozessen zu erklären. 
Als sich der Jenenser Professor und die Verbreiter seiner Irr 
lehre mit dieser Atomseelenthcorie abermals in eine Sackgasse ver 
rannt hatten, wo es mit der Philosophie und dem Wissen zu Ende 
war, da trat ein Stuttgarter Gelehrter auf und meinte: Ganz 
anders sehe es aus, wenn man die Seele nicht als Bewegungs 
erscheinung auffasse, sondern sie für einen eignen Stoff halte und' 
zwei Arten desselben annähme, von denen die eine wohlriechend, 
Lust, Freude und Wohlbehagen und die andere übelriechend, Unlust, 
Wehmuth und Unbehagen erzeuge, sodaß man erstere Lusfftoff und 
letztere XXnliiftftoff nennen könne. Um diese neue Seelentheorie vor 
den das moralische und sociale Leben des Menschen gefährdenden 
Konsequenzen zu bewahren, unterscheidet der Herr Professor zwischen 
Seele und Geist. Die Seele, behauptet er, sei etwas Stoffliches, 
Materielles, bleibe gern an Baumwolle hängen und lasse sich leicht 
in baumwollenem Netz einsangen. Der Geist dagegen sei eine eigne, 
unwägbare Substanz, welche, abgelöst von dem ihm umgebenden 
Körper, Fortbestand haben könne und müsse, und zwar zunächst 
in der bis zur Abwerfung der körperlichen Hülle erworbenen Qualität. 
Gegen die Lehre über den Ursprung der organischen Natur, 
namentlich über die Entstehung der Arten läßt sich außerdem noch 
Folgendes anführen: 
1. Bekanntlich ist der ganze Erdkörper, wie gegenwärtig noch die 
Sonne, einst eine glühend flüssige Masse gewesen, und bevor 
auf ihm die ersten organischen Gebilde entstehen konnten, 
mußten erst seine obersten Schichten bis zu einem gewissen 
Grade abgekühlt sein. Dieser Zeitpunkt soll nach Wahrschein-
        <pb n="52" />
        40 
lichkeitsberechnungen, welche auf Grund der Beobachtungen 
über die nach physikalischen Gesetzen stetig erfolgende Ab 
kühlung der Erde angestellt worden sind, frühestens ettva vor 
150 Tausend Jahren eingetreten sein. Es könnten also erst 
von dieser Zeit ab auf unserer Erde aus der sog. Urzclle sich 
nach und nach die verschiedenen Organismen gebildet haben 
und bezüglich des Menschen könnte nach den aufgefundenen 
versteinerten Skeletten dies erst später geschehen sein. Nun soll 
der obigen Lehre zufolge zur Umwandlung einer jeden Art in 
die nächstfolgende höhere Art ein nach Millionen von Jahren 
sich berechnender Zeitraum erforderlich sein, mithin können die 
seitherigen Artenumwandlungen nicht auf unserer Erde stattge 
funden haben. Ueber das „wo denn?" sind aber Gründer 
und Vertreter der Artenlehre bis jetzt den Nachweis schuldig 
geblieben und sie dürften ihn auch bei der unzureichenden 
Kenntniß über das Alter und Wesen der übrigen Himmels 
körper schuldig bleiben. 
2. Ferner ist der Unterschied zwischen dem Affen und dem Menschen 
in körperlicher und geistiger Beziehung ein so bedeutender, daß, 
um diese weite Kluft auszufüllen, zwischen beiden noch viele 
andere Arten vorhanden sein müßten, von denen jede nächst 
folgende mehr uiib mehr menschliche Eigenschaften und Fähig 
keiten angenommen hätte. Wo aber sind denn diese Zwischen 
arten? Einen indirecten Beantwortuugsvcrsuch dieser Frage 
finden wir allerdings in der gedachten Artenlehre durch den 
Satz ausgedrückt: „Die Umwandlung des Affen in den Men 
schen erfolgt nach und nach innerhalb von Millionen Jahren 
ganz unmerklich in dem Affen selbst." Dem widerspricht durch 
aus die erwähnte Behauptung, daß man bei allen belebten 
Organismen (von den Infusorien an) Aeußerungen des Seelen 
lebens, nämlich Bewegung, Willen und Bewußtsein wahrnehmen 
könne. Danach müßte sich der Affe bewußt sein, daß er in 
seiner körperlichen und geistigen Entwickelung sich dem Menschen
        <pb n="53" />
        41 
immer mehr nähere und daß er dies zu bekunden auch den 
Willen besitze. 
Es wäre geradezu undenkbar anzunehmen, daß kein Affe 
von diesem Bewußtsein und Können jemals Gebrauch machen 
wolle, sondern stets jeder Versuchung standhaft widerstehe, 
wenigstens hin und wieder einen Beweis von seinen in der 
Menschenähnlichkeit gemachten Fortschritten zu geben, sein 
Leben zeitweise menschenwürdiger einzurichten, oder einmal zur 
Abwechselung sein unschönes Costüm mit einem kleidsameren 
zu vertauschen. 
Uebrigens findet die Annahme einer Artenumwandlung 
und eines llnbemerktbleibcns derselben in der Natur selbst ihre 
volle Widerlegung. Die Erfahrung lehrt uns, daß die Natur 
aus einer Art immer nur eine gleiche Art, höchstens in etwas 
veränderter äußerer Form hervorgehen läßt, es entsteht aus 
der Frucht der Eiche, aus der Eichel, immer wieder nur eine 
Elche, nicht etwa eine Buche oder Tonile. Das Affengeschlecht 
zellgt stets nur Affen, und zwar in körperlicher und geistiger 
Beziehung ganz ebenso beschaffen, wie die Erzeuger. Wo über 
haupt in der Natur die geringste Veränderung vorkommt, da 
tritt sic auch in die äußere Erscheinung, der innere Prozeß 
nur, durch welchen sie hervorgebracht wird, ist unserm Auge 
nicht sichtbar, unfern Nerven nicht fühlbar. Es müßte also 
auch jede in der Art unb dem Wesen des Affen vorgekommene 
Veränderung, durch welche er dem Menschen allmählich ähn 
licher würde, äußerlich wahrnehmbar sein. Bis jetzt hat sich 
jedoch llicht die geringste Spur einer solchen Veränderung an 
irgend einer Affenart gezeigt. 
3. Bekanntlich leben tausendmal mehr Menschen als Affen in der 
Welt; nun ist selbst in der neuen Descendeilzlehre nicht be 
stritten worden, daß aus einem Affen - Individuum auch ein 
Menschen-Jndividuum hervorgehen könnte, allein es ist schon 
der Zahl nach ilicht möglich, daß jeder Mensch ein Affe ge-
        <pb n="54" />
        42 
wesen sein kann, auch nicht eine Zwischenart, denn jedes Indi 
viduum könnte auch wiederum nur ein Individuum, das sich 
inzwischen zu einer Hähern Art entwickelt hätte, erzeugen, es 
sei denn, daß der Affe sich wie der Polyp noch beliebig ver 
vielfältigen lassen könnte. Diese Fähigkeit muß derselbe beim 
Durchlaufen der verschiedenen Stadien seiner Entwickelung, 
vielleicht schon beim Uebergange zu der ihm nächstfolgenden 
Art eingebüßt haben, sonst hätte dieselbe doch bei allen späteren 
Zwischenartcn bis zum Affen und Menschen hinauf bemerkbar 
sein müssen. 
Sind beiden aber diese und noch andere werthvolle Fähig 
keiten ihrer Borartcn, z. B. zu fliegen, zu klettern, im Wasser 
zu leben und andere mehr verloren gegangen, so Hütten sie ja 
diesen gegenüber Rückschritte in ihrer Entwickelung gemacht! 
Die sehr nahe liegende Frage, wie die nur in warmen Ge 
genden lebenden Affen Tausende von Meilen von ihrem Heimath- 
lande entfernt, selbst in eisige und unwirthbare Gefilde gelangt sind, 
um dort als Menschen weiter zu leben, wird von den Darwinisten 
wohlweislich mit Stillschweigen übergangen. 
Wir möchten hier noch einer kurzen Erwägung Raum geben: 
Ist der Mensch wesentlich nur ein Thier, wie der Materialismus 
lehrt, so sind — nach den praktischen Schlußfolgerungen der in der 
Menschheit wuchernden thierischen Triebe — die Lüste auch legitim, 
und demgemäß gestaltet sich die Praxis. Alle Cultur geht von 
einem Culturprincipe aus, das ihre Seele ist und der ganzen Cultur- 
euttvickelung die Direction verleiht. Deshalb wird der theoretische 
Materialismus von dem practischen Bestialismus mit leidenschaft 
licher Hast ergriffen und triumphirend als Freibrief ausgerufen. 
Die große Masse der Menschen hat den Talisman der Bildung 
nicht, und seit der Materialismus sie lehrt, daß sie blos wesenlose 
Automaten sind, lachen sie natürlich darüber, daß man ihnen, da 
sie doch nur als physikalische und chemische Wirkungen existiren, 
Tugend predigt, Das ist die Folge. Der berühmte Sprachforscher
        <pb n="55" />
        43 
Max Muller vertritt Darwin gegenüber den Standpunkt, daß die 
Sprache den specifischen, durch keine Affenthcorie zu hebenden 
Unterschied zwischen Mensch und Thier bilde. Hierher gehört auch 
die treffende Antwort Müllers auf den Einwand der Darwinianer, 
„daß es Wilde gebe, deren Sprache nicht besser sei. als das Glucksen 
der Hühner oder das Zwitschern der Vögel, und die in vielen 
Punkten tiefer ständen, als die höheren Thiere." Die Antwort 
lautet: „Nun gut, angenommen es sei so, so steht nichts dcsto- 
wcniger fest, daß, wenn man ein neugebornes Kind dieser glucksenden 
und zwiffchcrnden Eltern wegnimmt und es mit Kindern der höchst 
gebildeten Nationen aufzieht, dasselbe deuffch, französisch, englisch 
sprechen lernt wie ein deuffches, französisches oder englisches Kind. 
Man mache denselben Versuch mit dem Säugling eines der höchst- 
gebildeten Thiere, zweifüßig oder vicrfüßig, und er wird mißlingen. 
Hier ist ein Factum, das entweder durch Experimente widerlegt oder 
von den Darwinianern erklärt werden muß." 
Zur Vervollständigung der Beweise von der Unwahrheit der 
darwinistischen Schöpfungslehre möge noch Folgendes angeführt 
werden: 
1. Der Darwinismus sucht das Unfaßbare vom Dasein Gottes 
und seiner Schöpfungen durch den inhaltslosen Begriff „Ur- 
natur" oder schlichtwcg „Natur" zuzudecken. Auf die unum 
gängliche Frage: woher kommt der Stoff? begnügt er sich 
mit der nichtssagenden Antwort, er erkenne keine dem Stoffe 
vorangehende Kraft an. Er bleibt aber nicht einmal bei der 
Anschauung der puren Naturwissenschaft, d. h. nur die durch 
Beobachtung und Wahrnehmung erkannten Thaffachcn zum 
Untersuchnngsgegenstandc zu machen, consequent stehen, sondem 
führt statt dessen vage, unbegründete, auf keine Thatsachen ge 
stützte, ausgeklügelte Theorien, z. B. die Zuchtthcorie, den 
Kampf ìlms Dasein u. s. w. ins Feld. 
2. Ebensowenig vermag der Dartvinismus auf die Frage, woher 
der erste Anstoß der Bewegung kommt, welcher der aus Stoff-
        <pb n="56" />
        44 
Partikelchen gebildeten Zelle die Kraft der Fortbildung verlieh, 
die zu bestimmter Gestaltung in der mannigfachsten Weise zu 
der unendlichen Reihe von Naturformen führt, eine genügende 
Antwort zu geben. Auch hier bleibt er bei bloßen unerklärten 
Thatsachen stehen und darin liegt gerade das indirecte Einge 
ständnis; des Vorhandenseins einer Schöpferkraft, die der Dar 
winismus aus bloßer materialistischer Neigung leugnet; da er 
den Uebcrgang vom Unorganischen zum Organischen nicht nach 
weisen kann, so hilft er sich mit dem Ausspruche, der Nach 
weis sei der Zukunft vorbehalten. Solche willkürliche Annahme 
entbehrt jedes naturwissenschaftlichen Charakters. 
Es ist höchst beklagenswerth, wenn selbst hochbegabte 
Vertreter der Wissenschaft diese entwürdigen und mißbrauchen, 
indem sie unter der Maske der Forscher nach Wahrheit und 
Licht der Menschheit den Glauben an eine höhere Weltordnung, 
die stärkste Stütze der Sittlichkeit, rauben und ihr dafür eine 
rein materialistische Weltanschauung aufdrängen wollen. Diesen 
Männern fehlt das wissenschaftliche Gewissen, welches sie ver 
hindern würde, auf unbestimmte und bezüglich ihrer Richtigkeit 
nicht erweisbare Annahmen gestützt, unser geistiges und sitt 
liches Leben vernichtende Irrlehren als Ergebnisse wissenschaft 
licher Forschung mit der Zumuthung, sic als richtig anzu 
erkennen, in die Oeffentlichkcit zu schleudern. Sind es aber 
nicht gerade falsche Ausgeburten einer falschen Wissenschaftlich 
keit, wie die Darwinistische Schöpfungslehre und die monistische 
Arten-Entwickelungstheorie, welche in den Köpfen halbgebildeter 
und wenig urtheilsfähiger Menschen die heillosesten Gemüths 
und Begriffsverwirrungen anrichten müssen, und die dann, wie 
die Erfahrung beweist, zur Freigeistcrei und zum Atheismus 
führen, ja sich bis zum Wahnwitze des Nihilismus und 
Communismus steigern? Soviel Unsinn übrigens Philosophen 
und Naturforscher schon in Systeme gebracht haben, die Red 
lichsten von ihnen gestehen offen ein, daß sic über die letzten
        <pb n="57" />
        45 
Zwecke der Schöpfung, über die gchcimnißvolle Organisation 
der übernatürlichen Welt so gut, wie nichts wissen. Wenn 
man indeß das Ueberirdische nicht versteht oder begreift, so 
ist das noch keineswegs ein Beweis für dessen Nichtvor- 
handcnsein. 
Doch dürfte das, was gegen eine materialistische Welt 
anschauung bereits angeführt worden ist, genügen, uns von 
ihrer Unrichtigkeit und Unwahrheit zu überzeugen; sie ist nichts 
weniger als geeignet, den Glauben an ein Dasein Gottes und 
an eine Unsterblichkeit unserer Seele zu erschüttern, geschweige 
denn ihn zu vernichten. Und dieser Glaube wird in uns erst 
recht zur festen Ueberzeugung erstarken, wenn wir uns mit 
den dafür sprechenden Argumenten gehörig vertraut gemacht 
haben, sie vorurtheilsfrei prüfen und nicht durch Zweifelsucht 
ihr Eindringen in unser Inneres zu erschweren suchen. 
10. Argumente für das Dasein Gottes. 
Es bürste am Platze sein, diesen Argumenten und zwar zu 
nächst denen für das Dasein Gottes naher zu treten. 
1. Bei allen Völkern unserer Erde treffen wir den Glauben an 
ein oder mehrere höhere über dem Menschen stehende Wesen 
an; die größten Philosophen aller Zeiten sind für diesen 
Glauben eingetreten und übereinstimmend zu der Ueberzeugung 
gelangt, daß derselbe nicht Gegenstand der „aturwisscnschaft- 
lichen Forschung sein, und eine solche auch nie zu einem be- 
friedigcnden Resultate führen könne. Es muß also etwas im 
Wesen des Menschen liegen, was diesen Glauben hervorbringt. 
Allerdings können wir uns von Gott keine Vorstellung 
schaffen, denn da müßten wir ihn gesehen und sprechen gehört 
haben, gleichwohl bildet sich der denkende Mensch Gott als ein 
Wesen mit menschlicher Gestalt, weil ihm diese als die voll- 
kommenste erscheint. Und dies liegt so natürlich unb noth 
wendig in der Entwickelung des menschlichen Wesens, wie es
        <pb n="58" />
        46 
keinen Begriff ohne vorausgegangene Vorstellung und keine 
Idee ohne vorausgegangene Begriffe geben kann. Daher er 
blickt auch der vernünftig Denkende in dem persönlichen Verkehr 
des Moses mit Gott, sowie in dem Verkehr der menschlich ge 
dachten Götter des Alterthums mit dem Menschen nichts 
Anderes als eben den natürlichen Entwickelungsgang des mensch 
lichen Wesens. Er weiß recht wohl, daß die Götterlehre ihren 
Ursprung in dem lebendig-religiösen Bewußtsein der noch kind 
lichen Menschheit hat, das allenthalben in der Natur, wo 
Leben, Licht und Kraft erschien, eine Offenbarung der Gottheit 
erblickte. 
Da das Princip der Gottheit kein Gegenstand der Vor 
stellung sein kann, so wird ebensowenig Gott ein Begriff genannt 
werden können, sonst müßte man die göttlichen Eigenschaften 
für begreiflich erklären, was aber unmöglich ist, weil Gott kein 
endlich zu umfassendes Wesen ist. 
2. Die meisten Vertreter der materialistischen Weltanschauung 
nehmen die Welt als etwas Zufälliges an, dies ist grundfalsch, 
denn nach den Denk- und Erfahrungsgesetzen hat Alles, also 
auch das angeblich Zufällige, eine Ursache, es muß mithin 
auch die Welt eine Ursache haben. Sollte nun diese Ursache 
auch wieder eine zufällige sein und man für diese ebenfalls 
wieder eine weitere Ursache annehmen uitb so immer fort, ohne 
Ende, so muß man doch schließlich an Einer Ursache stehen 
bleiben und annehmen, sie sei das Gegentheil des Zufälligen, 
nämlich das Nothwendige, was durch sich selbst da ist. Und 
diese nothwendige Ursache der Welt ist eben Gott selbst. 
Das Dasein Gottes zu leugnen, wäre ebenso unsinnig, als 
wenn man Wirkungen ohne Ursachen für möglich halten wollte. 
Die Gewißheit von dem Dasein Gottes kann von Skeptikern 
allenfalls aus dem Grunde angezweifelt werden, weil sic sich 
von dem Wesen Gottes uitb dessen Ursprung keine Vorstellung 
zu machen im Stande sind.
        <pb n="59" />
        47 
3. Deutschlands größter Philosoph gelangt in seiner berühmten 
Lchrift „Kritik der reinen Vernunft" zwar zu dem Ergebnisse, 
daß das Dasein Gottes als ein Object einer übersinnlichen 
Welt theoretisch oder wissenschaftlich weder bewiesen noch wider 
legt werden konnte, weil der Mensch durch die seiner Er 
kenntniß gezogenen Grenzen daran verhindert würde; aber, so 
führt er weiter aus, es giebt einen anderen Zugang zu dieser 
übersinnlichen Welt imb diesen zeigt uns die praktische Ver 
nunft; denn der Mensch ist nicht nur ein erkennendes, sondern 
alici) ein wollendes, ein handelndes Wesen; er hat nicht nur 
theoretische, sondern auch praktische Vernunft und was Erkennen 
vergebens erstrebte, die Pforten der übersinnlichen Welt zu 
öffnen, das vermag das sittliche Wollen, geleitet durch das 
uns innewohnende Sittengesetz; denn dieses Gesetz ist ein un 
bedingtes, ein ohne Rücksicht auf einen andern Zweck gebie 
tendes, das um seiner selbst willen beobachtet werden will, es 
ist ein bestimmter Befehl (kategorisches Gebot). Sollen'wir 
aber dieses Gebot befolgen, so müssen wir es auch befolgen 
können und dürfen nicht durch eine Naturnothwendigkeit an 
seiner Befolgung behindert sein, d. h. wir müssen frei sein im 
Wollen. So ist also die Freiheit des Willens, die auf theo 
retischem Wege nicht bewiesen werden konnte, durch das Gesetz 
der praktischen Vernunft sicher gestellt. Der nothwendige 
Gegenstand jedes sittlichen Willens oder der durch den sitt- 
licheu Trieb bestimmten praktischen Vernunft ist das höchste 
Gut und dieses ist ein Doppeltes, die Tugend oder das edle 
Handeln und die ihr entsprechende Glückseligkeit. Dem ersteren 
kann der Mensch durch sich selbst nachstreben, kann wenigstens 
den Vorsatz fassen, sittlich sein zu wollen; die Glückseligkeit 
hingegen hängt von äußeren Umständen ab, denen wir unter 
worfen sind, deshalb muß ein Wesen vorausgesetzt werden, das 
mächtig genug ist, die Uebereinstimmung zwischen Sittlichkeit 
oder Tugend und Glückseligkeit zu bewirken. Dieses Wesen
        <pb n="60" />
        48 
muß die Sittlichkeit wollen und die Macht haben, die Glück 
seligkeit zu bestimmen. Es wird also ein solches Wesen, d. h. 
eine Gottheit von der praktischen Vernunft gefordert. 
4. Die Idee der Gottheit ist auch deshalb für uns nothwendig, 
weil es in dem Wesen unserer Vernunft liegt, überall Gesetz 
mäßigkeit und Einheit zu pichen und zu setzen. Und wenn 
auch weder unser Begriffsvermögen noch die wissenschaftlich be 
grenzte Erkenntniß das Ganze der Welt zu umfassen, zu be 
greifen uni) zu erkennen vermögen, so werden wir doch durch 
die praktische Vernunft getrieben, Alles, was wir Welt nennen, 
als ein Ganzes aufzufassen. Die Idee der Welt ist somit eine 
nothwendige, zu welcher jeder vernünftig Denkende gelangen 
muß und an diese Idee muß sich wieder nothwendig die Idee 
einer Gottheit anschließen, d. h. die Idee eines Princips, von 
welcheni die Gesetze der Welt ausgehen und wodurch die Einheit 
des Weltalls erhalten wird. 
11. Beweise für die Fortdauer der Seele. 
Der Glaube an Gott ist eng verbunden mit beni Glauben au 
die Fortdauer unserer Seele. Die Beweise für diese lassen sich kurz 
in Folgendem zusammenstellen: 
a. Wie bereits oben ausgeführt, können die Seelenthätigkcitcu 
nicht Productc materieller Processe sein, mithin auch nicht der 
todten endlichen Materie, sondern müssen dem Geiste zukommen 
und dieser muß demnach immateriell, unkörperlich oder einfach 
d. h. nicht aus verschiedenen Bestandtheilen zusammengesetzt sein. 
Ist aber unser Geist einfach, so ist er unzerstörbar, denn eine 
Sache zerstören heißt: sic in ihre Bestandtheile auflösen, aus 
ihrer Verbindung herausreißen, in der sie bisher bestanden. 
Kann nun aber Etwas nicht zerstört werden, so muß cs 
immer fortbestehen, mithin auch unser Geist oder unsere Seele. 
Sonach ist die lediglich der materialistischen Weltanschauung 
entstammende Annahme, daß alle Seelenthätigkeiten nur Be-
        <pb n="61" />
        49 
wegungserscheinungen der Gehirnfasern seien und mit dem Ge 
hirn die Seele zugleich untergehe, eine durchaus irrige, was 
übrigens auch durch die mit dem Chloroform gemachten Er 
fahrungen erwiesen wird. Es ist nämlich durch vielfache Ex 
perimente festgestellt worden, daß der mit Chloroform Betäubte 
im Mittelrauschc während der Operation Alles, was um ihn 
vorgeht und gesprochen wird, vernimmt, also seine Vcrstands- 
thätigkeit nicht unterbrochen wird, nur daß er nicht im Stande 
ist, irgend eine willkürliche Bewegung zu machen, auch weder 
schmerz, noch Gefühl von Angst oder Furcht empfindet. 
Es unterliegt keinem Zweifel, daß der unnatürliche Zu 
stand des Körpers, Schmerzlosigkeit und Starrheit, daß die 
künstlich vernichtete Function der Gefühls- und Bewegungs 
nerven der denkenden Seele nichts anhaben, daß diese vielmehr 
auch ohne materielle Nerven zu bestehen und zu functioniren 
vermag. 
Vermag nun schon menschliche schwache Kunst eine, wenn 
auch nur vorübergehende Trennung der Verbindung der Thä 
tigkeit der ^eele von der des Körpers zu bewirkcit, sollte es 
da einer höhern Hand oder mächtigeren Kraft nicht noch viel 
leichter oder natürlicher sein, der schon über die sinnliche Wahr- 
nehmung gehobenen Seele eine Trennuitg vom Körper vorbe 
reitend zu ermöglichen, welche sich mit dem Tode nur ganz 
vollzieht, um bann auf dem von allen irdischen Schranken 
freien Wege zu ihrer höhern Bestimmung weiter schreiten zu 
können! 
Unsere Sinneswerkzeuge, künstlich gebaute körperliche 
Organe, dienen, wie die Leber, Lunge re., nicht mir zur Er 
nährung ultd Erhaltung des Körpers, sondern haben auch die 
Bestimmung, die Seelcnthätigkeiten der Außenwelt zur Er 
kenntniß zu bringen; je normaler und vollkommener die Sinncs- 
werkzeuge sich entwickelt haben, desto klarer und vollständiger 
können die Seelcnthätigkeiten sich kund geben. Dieser Wahr- 
Blume, Zukunft-staat. a
        <pb n="62" />
        50 
nehmung verdankt auch wahrscheinlich das Sprüchwvrt „In 
einem gesunden Körper wohnt auch ein gesunder Geist" seinen 
Ursprung. Sind wir daher nicht, so fragt ein angesehener 
Psychologe und Philosoph der Jetztzeit, zu der Annahme be 
rechtigt, das; Gott alle Menschen mit einem gleichen Maße von 
Geistesanlagen ausgestattet hat, daß diese aber je nach dem 
Grade der Entwickelung der ihnen dienstbaren Sinneswerkzcuge 
mehr oder weniger zur Geltung kommen? 
Und in der That spricht für die Richtigkeit einer solchen 
Annahme schon die Wahrnehmung an Kindern, daß, je nach 
dem sich deren Körpertheile und Sinneswerkzeugc mehr oder 
wertiger normal entwickeln, auch deren Geistesanlagen mehr 
oder minder klar und bestimmt hervortreten. 
Wenn man diesen Erfahrungen nach auch nicht bestreiten 
kann, daß das Selbstwesen und die Selbstständigkeit des 
Menschengeistes von den Zuständen des Körpers und gewisser 
körperlicher Organe abhängig ist, so liegt hierin nur ein Zeugniß 
für die innige Verbindung zwischen Geist und Körper, keines 
wegs wird aber durch diese Thatsache die Frage über das 
Selbstwesen des Menschengeistes entschieden. Der Behauptung 
der Darwinisten, daß die Geisteskräfte des Menschen auf 
Rechnung seines größeren und feinern Gehirns zu schreiben 
seien, stehen vielmehr die festgestellten Thatsachen gegenüber, 
daß das Gehirn der rohesten und wenig culturfähigen Völker 
stämme von dem der cultivirtesten Rationell nicht verschieden 
ist, daß ferner ein Mensch mit kleinem Gehirn recht viel, da 
gegen einer mit großem Gehirn recht wenig Geist besitzen kann, 
llnd wie irrig auch die lediglich aus falschen Vorstellungen 
von der Wirksamkeit des Gehirns hergeleitete Ansicht ist, daß 
das Gehirn die Quelle unserer Seelen- und Geisteskräfte sei 
und eine Verletzung desselben eine Schwächling, wenn nicht gar 
eine Vernichtung dieser Kräfte zur Folge haben müsse, ergiebt 
sich unter Anderem aus folgendem Vorkommnisse: Bei einem
        <pb n="63" />
        51 
4* 
unlängst im Wiener Krankenhause verstorbenen 45 Jahr alten 
Marine fand man im Gehirne einen über einen Centimeter 
lairgen gänzlich verrosteten Nagel, der sich wahrscheinlich schon 
seit der Kindheit des Verstorbenen in dessen Gehirn befunden 
hatte, und doch soll der Mann mit einem wirklichen Nagel im 
Kopfe und einem verletzten Gehirn immer recht gescheidt ge 
wesen sein. 
d. Gott, welcher den Menschen geschaffen und mit mancherlei Vor 
zügen ausgerüstet hat, kann nicht wollen, daß ein Geschöpf 
mit solchen Vorzügen untergeht; denn sein Wille ist ja der 
höchst vollkommenste, der sich nicht verändern kann. Hat er 
dav Dasein des Menschen gewollt, so muß er es auch immer 
wollen, und vermöge seiner Allmacht vermag er auch den 
Menschen ewig zu erhalten, und da er allweise ist, kennt er 
auch die Mittel dazu; in seiner Aügüte will er außerdem das 
Glück der Menschen — und zu diesem Zwecke hat er so viele 
geistige Anlagen in ihn gelegt; da diese aber in dem kurzen 
Erdenleben und wegen der in ihrer Wirffamkeit körperlich und 
zeitlich beschränkten Sinneswerkzeuge sich uicht vollständig ent 
falten können und deshalb auch des Menschen Glück in dieser 
Welt unvollkommen bleibt, so müssen wir annehmen, daß unser 
Dasein nicht auf das Erdenleben beschränkt ist. sondern sich 
noch ails ein höheres ausdehnt. — Alle unsere geistigen An 
lagen wären auch zwecklos, wenn sie uns nicht weiter, als wir » 
hier kommen können, führen sollten, aber schon ihre stufenweise 
Entfaltung zeigt uns ihren Keim der Ausbildung ohne Ende. 
e. Der in uns schlummernde sittliche Trieb, erst einmal erwacht, 
hört mit der einzelnen Befriedigung nicht auf, er will vielmehr 
der Sittlichkeit immer mehr nachstreben, der Mensch aber als 
endliches Wesen, kann nie das Ideal der vollkommenen Sitt 
lichkeit erreichen, er kann sich demselben nur in einem endlosen 
Fortschreiten mehr und mehr nähern. d. h. endlos fortdauern 
oder unsterblich sein.
        <pb n="64" />
        52 
d. Gott ist gerecht und da gleichwohl hier auf Erden häufig 
Tugend mit Unglück, Laster aber mit Glück gepaart ist, so 
zwingt uns nicht nur die praktische Vernunft, sondern auch 
unser religiöses Gefühl zu dem Glauben, daß es noch eine 
höhere Weltordnung gebe, wo nach unserm Tode Tugend und 
Laster findet, was es verdient. 
e. Wäre der Mensch der Hoffnung auf Unsterblichkeit beraubt, 
so würde er das elendeste von allen Geschöpfen aus Erden 
sein, das zu seinem Unglück über seinen Zustand nachdenken, 
den Tod fürchten und verzweifeln müßte. Nicht ein gütiger 
und gerechter Gott, der die Glückseligkeit seiner Geschöpfe will 
und sich daran freut, sondern ein schadenfrohes, boshaftes 
Wesen müßte den Menschen mit Vorzügen begabt haben, die 
ihn nur bejammernswerther machten; denn wenn er die Wahr 
heit erkennen, die Tugend üben, den Schöpfer verehren, wenn 
er über Schönheit und Vollkommenheit in Entzücken gerathen 
wollte, so stiege zugleich der schreckliche Gedanke der Zer- 
nichtung wie ein furchtbares Gespenst in seiner -Lcele empor 
und verwandelte die gehoffte Freude in Verzweiflung. — Doch 
ein scharfprüfender Blick auf die uns umgebende Welt zeigt 
uns wunderbare Harmonie, überall Offenbarungen der Güte, 
Weisheit und Macht dessen, der das Alles geschaffen und 
bisher erhalten hat. Und da sollten wir noch oit der Gerech 
tigkeit Gottes und deshalb auch an dem Fortbestehen unseres 
geistigen und seelischen Lebens zweifeln dürfen? Nein! ant 
wortet unsere Vernunft und nein! ruft in uns die Stimme 
des religiös-sittlichen Gefühls und des Gewissens. 
f. Die Schöpfung selbst giebt die Lehre, daß nichts in ihr un 
vollendet bleiben kann; alles Seiende entwickelt sich in mannig 
fachen Uebergüngen und Wandlungen zu seiner vollen Wesen 
heit. Da sollte der Mensch, die Krone der Schöpfung, allein 
in Zweifel kommen, wandeln, scheiden und unvollendet ohne 
Erreichung einer größeren Vollkommenheit und einer höheren
        <pb n="65" />
        53 
Bestimmung spurlos in das Nichts versinken? Es kann mcht 
sein, nicht Sterben kann man den Zustand nennen, man muß 
ihn für den Schleier halten, der wohlthätig über das Ent 
wickeln zur Vollendung gezogen. Nichts in der Welt ist wirklich 
vergänglich; alle Kräfte und Stoffe sind ewig, sie wechseln nur 
ins Unendliche ihre Formen, in denen ihre Thätigkeit sich 
äußert. Also ist auch über den Sternen ein Weiterleben, ein 
Wiedersehen. Und selbst der Gottes- und Unstcrblichkeitsleugner 
ruft am offenen Grabe eines theuern Angehörigen oder Freundes 
unwillkürlich das tröstende Wort aus: auf Wiedersehen! 
g. Wenn nun die mit unsern Sinnen wahrnehmbaren Körper 
trotz der unendlichen Veränderungen ihrer Form in ihren 
Grundstoffen unveränderlich, d. h. ewig sind, so müssen es 
auch die unkörperlichen, nur durch ihre Wirkungen wahrnehm 
baren mittels der Sinnesorgane thätigen und herrschenden 
Seclenkräfte sein. 
h. Es liegt ein Etwas in dem Menschen, was ihn antreibt, sich 
mit der Ergründung seines Wesens und seiner Bestimmung zu 
beschäftigen. Und dieses Forschen und Suchen beweist die tiefe 
Sehnsucht uach Gewißheit eines Jenseits und einer persönlichen 
Fortdauer. 
Diese Erwägungen sollten genügen, Jedermann von dem Da 
sein Gottes und von der Fortdauer unserer Seele vollkommen zu 
überzeugen; leider ist dies aber selbst nicht einmal in ben gebilde- 
teren, geschweige denn in den untern Ständen immer der Fall, viel 
mehr werden sogar von Männern der Wissenschaft unter Nicht 
achtung alles Göttlichen und Ueberirdischen so ungeheuerliche Lehren, 
wie die vorhin besprochenen, als vermeintliche Resultate wissenschaft 
licher Forschungen mit frivolem Leichtsinn in die Welt geschleudert, 
unbekümmert um die entsetzlichen Sittenverheerungen, welche dadurch 
unter der Menschheit angerichtet werden und ohne zu bedenken oder 
zu wissen, daß eine Wissenschaft, welche in Allem, was Ahnung 
vom Jenseit, was Glaube an eine höhere Weltordnung, was Gottes-
        <pb n="66" />
        54 
dienst heißt, nur Wahn und Täuschung erblickt und ihre Ver 
nichtung sogar verdienstlich findet, die individuelle Freiheit, die 
einzig lautere Quelle der Sittlichkeit, die schlichte Frömmigkeit, die 
frische Kraft und die belebende Hoffnung des Gemüths zerstört. 
Wer eine solche Wissenschaft darbietet und verbreitet, handelt als 
ein Verbrecher an der Menschheit und zwar mit Bewußtsein; denn 
jeder Naturforscher, jeder Philosoph sollte wissen, daß Erkenntniß- 
theorien aus Sinnesthätigkeiten nicht hergeleitet werden können, er 
muß wissen, daß man Dinge oder das, was die Materie ist, nicht 
zu ergründen vermag und daß es dem Menschen beim Forschen 
nach der Ursache äußerstenfalls gelingt, Alles, was als bunte Er 
scheinung uns umgiebt, also die klingende, leuchtende, farbige, duf 
tende Welt in ihrer ungeheuren Mannigfaltigkeit, in seine Bcwegungs- 
formen, d. h. in die Formen von Zeit und Raum aufzulösen. 
Eine Wissenschaft aber, die den Forderungen der Vernunft 
und der besonnenen Einsicht nicht entspricht, welche die einfachen, 
sittlich-religiösen Wahrheiten mit den gesicherten Ergebnissen unserer 
naturwissenschaftlichen und geschichtlichen Bildung nicht in Zusammen 
hang, nicht eine Gottes- und Weltanschauung zum Ausdruck zu 
bringen, nicht den Forderungen des Gemüths und des Gewissens 
gerecht zu werden vermag, ist eben keine wahre Wissenschaft, sie 
ist nichts weiter als eine Beschäftigung mit Verstandsexperimcnten, 
deren Ergebnisse dann meist in Mißgebilden bestehen. 
Wir wollen das Capitel über die Unsterblichkeit mit einem 
Ausspruche unseres Dichterfürsten Goethe schließen, der da lautet: 
„Er möchte nicht des Glücks entbehren, an eine künftige Fortdauer 
zu glauben und er müsse alle biejcitigcit auch für dieses Leben für 
todt erklären, welche kein anderes hoffen." 
Jetzt noch einige Worte über Religion. Religion ist das 
Streben nach der Erkenntniß der Gebote des höchsten Wesens wib 
der innere Trieb, diese Gebote d. h. die Sittengcsetzc zu befolgen. 
Die Anlage dazu ist eine allgemeine menschliche und immer da vor 
handen, wo das eigenthümlich menschliche Wesen wirklich zur Ent-
        <pb n="67" />
        55 
faítung kommt, sie bildet ein Hauptunterscheidungs - Merkmal des 
Menschen vom Thiere. Sie ist mit dem menschlichen Wesen so 
ilmig verwachsen und so unverwüstlich, daß sie aus jedem Ver 
nichtungskampfe gleich den: Phönix stets wieder aus der Asche neu 
verjüngt emporsteigt. Deshalb würde es auch den Machthabern 
im Zukunftsstaate niemals gelingen, den Religionstrieb in der 
Menschen Brust zu ertödten. ja. sie würden, wie vordem Robespierre 
in Frankreich, sich sehr bald genöthigt sehen, die gestürzte Gottheit 
und die Religion wieder in ihre äußern Rechte einzusetzen und 
darin mit allen Kräften zu schützen, oder sie würden unter den 
Trümmern des neuen Reichs begraben werden. 
12. Unüberwindliche Schwierigkeiten, welche einer 
praktischen Durchführung des internationalen com- 
munistischen Programms entgegenstehen. 
Wir wollen nun zur Aufsuchung und Betrachtung der haupt 
sächlichsten Schwierigkeiten übergehen, welche sich der Durchführung 
des bereits erwähnten positiven internationalen communistischen 
Programms, insbesondere der Beseitigung der heutigen Staats- 
sormen, sowie der Umwandlung des Privateigenthums in ein col 
lectives und bezüglich der staatlichen und technischen Leitung des 
künftigen Staatswcsens darbieten würden. 
1. Zunächst müßte die Socialdemokratie, wenn sie im Kampfe 
mit der Bourgoisie über diese einen vollständigen Sieg er 
ringen wollte. nicht nur wohl gerüstet und dem Feinde an 
Streitkräften überlegen sein, sondern auch geschickt und umsichtig 
zu opcriren verstehen, hierzu bedürfte sie aber geschulter und 
bewährter Führer; denn wie erst der letzte Krieg gegen Frank 
reich gezeigt hat. genügt weder numerisches Ucbergewicht, noch 
Tapferkeit allein zur Besiegung eines ebenfalls tapfern, aber 
zugleich gut geführten Feindes. Mag nun auch die Social 
demokratie recht klug und theoretisch gebildete Führer besitzen, 
ob sich aber unter diesen tüchtige Schlachtenlenker besinden, ist
        <pb n="68" />
        56 
noch sehr fraglich, und noch ungewisser ist es, über welche 
Heerschaaren diese im gekommenen Augenblicke mit Bestimmtheit 
würden verfügen können, während ans gegnerischer Seite sieg 
gewohnte Streiter mit kriegskundigen und geschickten Anführern 
stehen. Außerdem besteht zwischen dem lediglich auf Umsturz, 
Raub und Eroberung bedachten Angreifern und den für ihre 
theuersten Güter: Religion, Freiheit, Familie und Eigenthum 
kämpfenden Angegriffenen bezüglich der Tapferkeit, der Aus 
dauer und des Muthes ein gewaltiger Unterschied; jene würde 
schon das unklare Bewußtsein des ungerechten Angriffs auf 
ihre Mitbürger, die ihnen nichts zu leide gethan haben, mit 
einer gewissen Zaghaftigkeit erfüllen, und wenn sie gar den 
Gegner nicht gleich beim ersten Ansturm über den Haufen 
rennen oder vielleicht ein paar mal unter starken Verlusteil 
zurückgeworfen wiirden, müßten sie bald den Ninth verlieren 
und sich dann in die Defensive drängen lassen, schließlich die 
Waffen strecken oder sich durch die Flucht zu retten suchen. 
2. Nach der von der Socialdemokratie unbeanstandet gebilligten 
Marx'schen Theorie soll der Werth und somit auch der Preis 
eines Dinges oder Products gleich sein der auf seine Her 
stellung zu verwendenden gesellschaftlich ermittelten Arbeitszeit 
und dieser Werth dem betreffenden Arbeitsindividuum dem ver 
kündeten socialistischen Programm gemäß als Arbeitsertrag 
voll gewährt werden. 
Hierbei drängen sich uns ganz von selbst die Fragen auf: 
a. Wie hoch ist der Geldwerth der Arbeitszeit z. B. für jede 
Stunde zu bemessen? Soll jede Arbeitsleistung ohne Rück 
sicht auf Geschicklichkeit und Fleiß der Arbeiter, ohne Be 
rücksichtigung der Localverhältnisse, Nützlichkeit, Noth 
wendigkeit oder des Gebrauchswerthes der Güter gleich- 
werthig sein? 
d. Woher soll der Staat als Gcneralbesitzcr aller Betriebs 
mittel für die hergegebenen Rohstoffe und die geliehenen
        <pb n="69" />
        57 
Handwerkszeugc, Maschinen, Werkstätten und für deren Ab 
nutzung sich entschädigen? Denn mittelst eines Preisauf 
schlags darf sich ja der Staat nicht schadlos halten, da der 
Preis (Werth) eines Products lediglich das Entgelt) für 
Auftvendllng der gesellschaftlichen Arbeitszeit darstellen soll. 
Auch den Arbeitern darf der Staat keine Abzüge machen, 
sonst würde er sich einen aus Lohncrübrigungcn bestehenden 
verpönten Unternehmergewinn anmaßen, 
e. Wenn nun Güter zu den Herstcllungskostcnpreisen keine Ab 
nehmer finden, oder billiger verkauft werden müssen, wie sollen 
dann die entstandenen Verluste gedeckt werden. Ein Ersatz 
dieser Verluste, sowie eine Beschaffung der vorbezeichneten 
Entschädigungen des Staats mittels Steuern würde ohne un 
gerechte Belastung aller nicht direct intercssirten Personen un 
möglich sein, und gleichwohl giebt es kein anderes Mittel. 
Die Leiter des Zukunftsstaates würden bald zu der Ueber 
zeugung gelangen, daß das seitens der Agitatoren fortwährend 
geübte Ausposaunen der berückenden Verheißung: jeder Arbeiter 
soll im Communestaate genau seinen Arbeitsertrag voll, also 
unverkürzt, zugetheilt bekommen, sowie die Behauptung, daß 
lediglich die Arbeitskosten das Werthmaß der Güter bilden, 
sich als zwei höchst verhängnißvolle Fehler erweisen würden, 
weil im neuen Reiche sich ebensowenig, wie im heutigen Capi- 
talistcnstaate feste Preise der Dinge nach Maßgabe der darauf 
verwandten Arbeitszeit erzwingen lassen, sondem dieselben von 
dem Gebrauchswerthe d. h. von der Dringlichkeit des Bedarfs, 
Lebensgewohnheiten, localen und andern Verhältnissen abhängen 
und doch nur die sich hiernach ergebenden Preise, wahrscheinlich 
auch erst nach Abzug des öffentlichen Gcmcindebedarfs (Steuern) 
an die betreffenden Arbeiter zur Vertheilung gelangen können, 
wogegen die gesammte Arbeitcrbcvölkerung unter Berufung auf 
das ihr wiederholt gegebene Versprechen vom Staate die 
vollen Arbeitserträge nach dein Zeitaustvande bemessen, und
        <pb n="70" />
        58 
cine programmmäßige progressive Einkommenbcsteuerung ver 
langen und sich daran festhalten würden. 
3. Die socialistischen Leiter müssen schon vor dem Umstürze des 
heutigen Staatswescns einen selbst die kleinsten Details und 
wirthschaftlichen Gestaltungen berücksichtigenden Organisations 
plan ausgearbeitet haben, wenn nicht beim Zusammenbruch der 
gegenwärtigen Gesellschaftsordnung die heilloseste Verwirrung 
und völlige Anarchie entstehen und das neugeborene Kind 
sofort wieder erstickt werden soll. 
Warum stellen denn diese neunmal weisen Herren einen 
detaillirten Organisationsplan nicht ans helle Tageslicht, 
während sie doch ihr Umsturzprogramm fortwährend klar und 
laut in alle Welt schreien? Einfach aus dem Grunde, weil 
sic außer Stande sind, einen solchen Organisationsplan zu 
schaffen; denn es mangelt ihnen nicht nur an geschulten und 
mit allen einschlagenden Verhältnissen vertrauten Männern, 
sondern es genügt auch nicht das vorliegende statistische Mate 
rial bezüglich des vorhandenen und gesummten Staats- und 
Privatvermögens, der Productionskräfte, der Höhe der Con- 
sumtionsbedlirfnissc, sowohl in ihrer Gesammtheit, als auch in 
ihren Einzelheiten, sowie der verschiedenen Verhältnisse; sie 
wissen nicht, welche Productionszweige künftig ganz wegfallen 
werden, welche zu erweitern oder zu beschränken sind, welche 
menschlichen Arbeitskräfte verfügbar und, wenn entbehrlich, wie 
sie anderweit in geeigneter Weise und ihrer Leistungsfähigkeit 
entsprechend zu verwerthen sind. 
Da aber diese Staatsweisen keinen Organisationsplan auf 
zustellen vermögen und recht wohl wissen, daß, wenn sic cs 
dennoch thäten, sie sich gründlich blamiren wiirden, sich auch 
nicht öffentlich ein Zeugniß ihrer Ohnmacht ausstellen wollen, 
so schweigen sie über die Hauptaufgaben ihres künftigen Berufs 
und sinden ihre vertrauensseligen Anhänger mit der dreisten 
Behauptung ab: „das werde sich Alles von selbst machen."
        <pb n="71" />
        59 
Nun könnten und würden wahrscheinlich auch die Gewalt 
haber im neuen Staate einstweilen davon Abstand nehmen, 
sofort und mit einem Schlage alle privaten Productions- 
gcschäfte in öffentliche Wirthschaftsämter zu verwandeln, sondern 
sich damit begnügen, nach und nach einen Zweig nach dem 
andern zu Soeialcapital und Socialarbeit zu machen und zwar 
zunächst den dem Großbetriebe angehörenden Theil der natio 
nalen Prvduetionszweige zu einheitlichem Productionskörper 
unter staatlicher Leitung zu gestalten. 
Höchstwahrscheinlich würden dann nicht nur die Groß 
industriellen, die zunächst ihren Geschäftsbetrieb aufgeben 
müßten, sondern auch die Mehrzahl der kleineren Fabrikanten 
und Gewerbetreibenden, gewiß aber sämmtliche Haus- und 
Grundbesitzer, denen über kurz oder lang ein gleiches L00S 
bevorstände, sowie auch alle Diejenigen, welche ctlvaS erspart 
haben oder zu ererben hoffen, sich sehr bald zu einem Schutz- 
und Trutzbündnisse vereinigen und von durch Geld leicht an 
zuwerbenden weitern Streitkräftcn unterstützt, dem jungen 
Ştaate binnen kurzem ein jähes Ende bereiten; wehe dann den 
Rädelsführern! 
4. Die Socialdemokratie hat ja seither unausgesetzt mit einem 
wahren Fanatismus gegen jede göttliche und weltliche Auto 
rität gekämpft und ihre Anhänger zu erbitterten Feinden der 
selben selbst herangebildet. Wie können da die Gewalthaber 
des ZukuuftSstaateS von diesen Feinden jeder Autorität er 
warten oder es ermöglichen, daß sie nun von ihnen respectirt 
werden und ihren Anordnungen unbedingt Folge geleistet werde? 
Gutwillig gewiß nicht, also mittelst Zwangsmaßregeln. Diese 
müßten so lange fortgesetzt werden, bis das ganze Bolk völlig 
mürbe und fügbar gemacht worden wäre. Wo aber die zur 
Durchführung der nöthig werdenden Zwangsmaßregeln geeig 
neten Werkzeuge finden? In den Reihen der Opponenten 
gewiß nicht; vielleicht durch Heranziehung von getreuen und
        <pb n="72" />
        60 
ergebenen Anhängern! Aber selbst die gcsnmmte Anhänger 
schaft würde schwerlich dazu genügen. Ja, könnte die Re 
gierung des neuen Staates über eine wohldisciplinirte und 
geschulte stehende Militärmacht verfügen, so wäre sie wohl eher 
im Stande, jeden Widerstand zu brechen, allein das stehende 
Heer hat ja in Gemäßheit des aufgestellten Programms ab 
geschafft werden müssen, und wie unverläßlich eine Bürgermiliz 
ist, lehrt die Geschichte genugsam. 
5. Da im neuen Reiche alle Arbeit in staatliche Genossenschaften 
aufgelöst sein wird, so hoffen die dereinstigen Staatslenker, 
daß die Genossen eine gegenseitige gute Controle üben werden; 
sie dürften sich barin arg täuschen, denn die zu Feinden jedes 
obrigkeitlichen Zwangs systematisch ausgebildeten Gen osseli 
würden höchst wahrscheinlich die gegenseitige Controle haupt 
sächlich darauf richten, daß Niemand seinen Genossen bei den 
Vorständeil oder den voir den Centralbehörden angestellten 
Arbeitsinspectoren wegen irgend eines Versehens anzeigte, 
widrigenfalls er als Berräther gebrandmarkt, gewiß einen 
schweren Stand bekommen würde. 
6. Würden in die zukunftsstaatlichen Genossenschaften nicht auch 
die Faulen, Ungeschickten und die Unruhe stiftenden Schwätzer 
übernommen werden müssen und diese durch ihr böses Bei 
spiel allmählig die Mehrheit anstecken, die sich dann bei der 
geringsten Veranlassung gegen die Vorgesetzten unbotmäßig be 
nehmen würde? 
7. Die Preßfreiheit wird im socialistischen Staate nur Staats 
monopol werden, denn da in demselben er als Besitzer aller 
Betriebsmittel, also auch der sämmtlichen Druckereien, über 
diese allein verfügt und jeder private Besitz derselben ausge 
schlossen sein wird, so kann auch von einer wirllichen und all- 
gemeinen Preßfreiheit keine Rede mehr sein, indem die social 
demokratische Regierung sicherlich nur solche Geistesproducte 
dem Volke durch ihre Preßorgane darbieten lassen wird, welche
        <pb n="73" />
        61 
ihr Ansehen nicht im mindesten schädigen. Eine, wenn auch 
noch so begründete ungünstige Kritik der Regierungsthätigkeiten 
würde also rein unmöglich sein. 
Ebenso illusorisch dürfte sich das freie Versammlungsrccht 
erweisen, denn ohne dieses Recht irgendwie zu bestreiten, würden 
wahrscheinlich die Leiter des Staates, denen ja als General 
besitzer sämmtlicher Boden- und Häusergrundstücke über diese 
das alleinige Verfügungsrecht zusteht, unter nicht schwer auf- 
zusindenden Vorwänden die Dispositionsstellung der zu Volks 
versammlungen erlangten Räumlichkeiten ablehnen. 
Würden sich die Regierten auf die Dauer eine solche der 
Vernichtung gleichkommenden ungeheuerliche Einschnürung der 
Preß- und Versammlungsfreiheit gefallen lassen? Gewiß nicht! 
8. Im Zukunftsstaate würde es in Folge der Verallgemeinerung 
der Bildung weit mehr Gebildete geben, als Leiter der in Ge 
nossenschaften aufgelösten Arbeit gebraucht werden. Alle diese 
Leute wollen vermöge ihrer Bildung lieber Staatsbeamte sein, 
als mit Kelle, Schaufel, Axt und Pflug hantiren und sowohl 
diejenigen, welche kein Staatsamt erhalten können, als auch 
Alle, welche sich schlechterdings nur zu Handarbeiten eignen, 
werden jene beneiden, welche Beamte geworden sind, und 
unzufrieden sein. 
Und wv bleibt da im freien Volksstaatc die versprochene 
persönliche Freiheit, wenn die vielen überschüssigen gebildeten 
und klugen Leute zu körperlichen oder rein mechanischen Arbeiten 
gezwungen und commandirt werden, wenn sie leben wollen? 
9. Wie wollen die betreffenden Beamten des Volksstaats die 
enorme sociale Buchhaltung bewältigen? Wie vermöchten sie 
die ungleichen Arbeiten richtig nach socialen Arbeitszeit-Einheiten 
abzuschätzen? Wie könnten sie eine öffentlich rechtliche Gliederung 
der National-Arbeit zu einem mit dem Collcctionscapital aus 
gerüsteten riesenhaften, gesellschaftlichen Arbeitskörper, namentlich 
gesellschaftliche Sammlung, Lagerung und Transportirung aller
        <pb n="74" />
        62 
Producte, sowie die gesellschaftliche und gerechte Vertheilung 
der letzteren an die Einzelnen bewirken? Wie will ferner die 
Centralleitnng, die weit leichter, als bei den jetzigen Staats- 
leitungen auszuführenden und in vielfacher Weise möglichen 
Unterschleife und Veruntreuungen verhindern oder ihnen vor 
beugen ? 
Diese Fragen beantworten sich bei ruhiger Ueberlegung von 
selbst, aber noch eines Umstandes wollten wir kurz erwähnen. Die 
sociale Frage ist ja erwiesenermaßen nicht blos eine Magenfragc, 
sondern auch eine Machtfrage; die Erzielung des socialdemokratischen 
Programms ist die Erringung der höchsten Macht und setzt einen 
schweren Kampf voraus, wie wir schon ausgeführt haben. Des 
Kampfes natürliche Folgen sind nicht Versöhnung, Freiheit und 
Gerechtigkeit, sondern Haß, Knechtschaft und Parteilichkeit. Die 
Erfahrung zeigt uns, daß kein Communismus möglich ist, ohne die 
Natur des Menschen zu tyrannisiren unb die Individualität zu ver- 
nichten. Der communistische Zuknnftsstaat müßte endlich schon des 
wegen auf Gewalt, Unterdrückung und Unfreiheit beruhen, weil die 
Durchführung des Programms nicht auf dem Wege allmähliger 
Reformen, sondern auf einmal vor sich gehen muß. Von diesem 
Bewußtsein sind die Führer, trotz der im Programm aufgestellten 
„näheren Forderungen", und trotz der gelegentlich betonten Reformen 
so durchdrungen, daß sic zu jedem Reformversuche sich ablehnend 
verhalten oder denselben in einer Weise kritisiren, welche alls eine 
Bekämpfung hinausläuft. Aber gerade die energische Durchführung 
der als nothwendig erkannten Reformen auf socialem Gebiete wird 
sich als mächtiges Hinderniß gegen die Popnlarisirung der social 
demokratischen Ideen erweisen. 
Jeder nur einigermaßen Dcnkfähige muß bei ruhiger vor- 
urtheilsfreier ititb richtiger Betrachtung der eben aufgezählten und 
der oben besprochenen, in den menschlichen Trieben liegenden 
Schwierigkeiten und Hindernisse zu der Ueberzeugung gelangen, daß 
dieselben durch menschliche Kräfte nicht zu überwinden sind und
        <pb n="75" />
        63 
daß somit ein lebensfähiger Arbeiter-Zukunftsstaat mit collectivem 
Eigenthum nicht zu schaffen ist, wie dies denn auch die seither in 
Amerika selbst nur im Kleinen acmacbtcn uub miülnnienen SRcrbidw 
ihre Entwickelung wird durch keinerlei gesetzliche oder politische 
Hindernisse gestört, cs dürfen dort alle nur denkbaren Formen der 
social-communistischcn Gesellschaft versucht werden und dies ist auch 
eigenthums und der vollen Erwerbsgemcinschaft, sowie von der 
Güter- und Glaubenslosigkeit, sondern auch die Lehren von der 
freien Liebe oder Ehelosigkeit und von der Kindergcmeinschaft sind 
zur Anwendung gekommen, weshalb nicht behauptet werden kann, 
daß der amerikanische Communismus nicht richtig operirt, nicht alle 
Principien des europäischen vertreten habe und daher kein wahrer 
CommunismuS sei. — Dennoch sind die seither dort gegründeten 
communistischen Gemeinden entweder nach kurzem Bestände wieder 
untergegangen oder in Auflösung begriffen. 
Die Geschichte dieser socialcommunistischen Experimente zerfällt 
Etablissements unter Theilnahme der Arbeiter am Reingewinn, also 
ohne Aufhebung des Privatvcrmögcns, und unter Ausschluß der 
Arbeiter von jedem Geschäftsrisiko erstrebte; die Fourier'schc, welche 
die Gesellschaft in von einander unabhängige Phalanxen (Ab 
theilungen) von je 1—2000 Mitglieder brachte, zu einer Familie 
vereinte, in ein gemeinschaftliches Haus unterbrachte und ver 
pflegte, die Ueberschüsse aber an die Einzelnen nach Leistung und 
Hängern Ausschließung vom Genusse irdischer Güter, religiöse As 
geschehen. Nicht nur die Lehren von der Aufhebung des Privat 
in vier Perioden, die Owen'sche, welche privatgesellschaftliche 
Fähigkeiten vertheilte; — die spiritualistische, welche von ihren An-
        <pb n="76" />
        64 
cetik und unbedingte Unterordnung unter den Willen einer theo- 
kratischen Gemeindeleitung forderte. Sie hatte, wie die Gesellschafts 
form der vierten oder international-kommunistischen Periode, die 
internationale Güter- und Äindergemeinschaft. 
Die beiden erstgenannten spater vereinigten Gründlingen hatten 
in pekuniärer Beziehung keine bemerkenswcrthen Erfolge anfzuweisell 
mid gingen nach wenigen Jahreil wieder zu Grunde. Am längsten 
haben sich die von Huiiiphry m Onvida und Wallinford gegründeteii 
spiritualistischen Gemeinden erhalten. Ihr Gründer mußte sich jedoch 
trotz der Umsicht und Energie, mit welcher er das Gemeindewesen 
leitete, schließlich überzeugen, daß er gegen die menschliche Natur 
nicht anzukämpfen vermöge und daß die extreme Forderinig der 
Zerreißung aller Familienbande nnb persönlichen Freiheit nicht allein 
unsittlich nnb widernatürlich, sondern auch undurchführbar sei. 
Wie wellig das communistischc Leben zu befriedigen vermag, 
erhellt auch daraus, daß von denjenigen, welche der Nothlage ent 
rückt silld, nur lvenige in der Gemeiilschaft vcrbleibeil, vielnlehr sich 
ihren Antheil an dem gemeinschaftlichen Vermögen herausgeben 
lassen und dahin gehen, wo sie frei nach ihren Neigungen leben 
können. Und so stehen beim auch die beiden legten kommunistischen 
Gesellschaftsgruppen auf dem Aussterbeetat. 
Durch die praktischen Bersuchsstationeil in Amerika ist also 
unumstößlich bewiesen, daß freie Menschen lind der Communismus 
zwei unvereinbare Diilge sind. Wärmn verschlveigeil die europäischen 
Soeialistenführer die ihnen recht wohl bekannten Mißerfolge der 
kommunistischen Versuche im freiesten Lande der Welt? Warum 
fahren sic vielmehr fort, mit der lügnerischen Behauptung, daß 
alles, lvas nicht mit Flinte und Petroleum die heutige gesellschaft 
liche Ordnung umstoßen will, kein wahrer Socialismus sei, die 
Gluth des Neides, des Hasses und der Begehrlichkeit zu schüren? 
Die Antwort hierauf kann nur lauten: weil diese Biedermänner 
und ihre Gehülfen, weder das behagliche Leben, welches die ab 
gedarbten Arbeitsgroschen ihrer Gläubigen ihnen bisher zu führen
        <pb n="77" />
        65 
noch die verlockende Hoffnung aufgeben mögen, durch 
M'e in Scene gesetzte blutige Revolution, wenn auch nur auf kurze 
Zeit, zur unumschränkten Gewalt zu gelangen und während der- 
iclben ihr Schäfchen in« Trockne zu bringen, oder sonst wie im 
Trüben zu fischen, dann aber, wie weiland so mancher Maulheld 
der Pariser Coinmune, bevor der Gegner die letzte Schanze erstürmt 
die von ihnen durch List und Täuschung geworbenen und unter 
Besätzen die Socialistenführer wirklich den aufrichtigen Willen 
: srrü-t 
Socialdemokraten mittel- und unmittelbar gespendeten Gelder die 
,,°ch ihren eigenen Angaben so ergiebig gewesen sind, daß sie sich 
bereits auf mindestens 50 Millionen Mark belaufen müßten - 
°°?u"S'°e,s- rur Erwerbung von Grund und Boden, sowie von 
Fabriken, wozu sich ,a so oft sehr günstige Gelegenheiten darbieten, 
verwendet worden sein und somit die dcutschc Socialdemokralle sich 
bereits ,m Besitze von vielen Tausend Morgen Ländereien und von 
einigen Hundert Fabriken befinden, deren Erträge nun jetzt theils 
der Gesammtheit ihrer Mitglieder zu gute kämen, theils zur Er 
werbung Ivcitcrer Besitzthümer dienen könnten. Statt dessen hat 
man jedoch diese kolossalen Summen zur Bestreitung der Kosten 
fur Versammlungen, für Tausende von Hetzschriften, für Reisen der 
Führer IM In- und Auslande, für Veranstaltung unnützer Ivcil 
d-- Bethel,igteu schädigender Strikes, für Unterhaltung der Führer 
und Remuncrimng einer Legion von Gehülfen vergeudet. 
Ferner hätten die Socialistcnsührcr jede von der Reichsrcgicrung 
oder von Privaten vorgeschlagene Socialrcform, welche nicht sowohl 
eine Verminderung, sondern auch cinc gerechtere Berthcilung der 
Steuerlast, Unfallversicherung, ànkcnunterstützungs- und Alters- 
versorgungskassen mit Staatszuschüssen, Schutz der Arbeit, Er- 
Blume, Zukunfitstaat.
        <pb n="78" />
        66 
Weiterung der Absatzgebiete für Produetc der Landwirthschaft, der 
Industrie und des Gewerbes rc. durch Gründung von Ackerbau- und 
Handelscolonien bezwecken, wohlwollend aufnehmen, sie gewissenhaft 
und vorurtheilsfrei prüfen und für deren Durchführung energisch 
eintreten, nicht aber in kindischer Nachahmung anderer staatsfeind- 
lichen Parteien schroff zurückweisen sollen, womit sie zugleich außer 
allen Zweifel gestellt haben, daß ihnen das Wohl des Arbeiterstandes 
nicht im mindesten am Herzen liegt, sie vielmehr ihren ganzen 
Scharfsinn verwenden, um zu verhindern, daß dem Arbeiterstande 
geholfen und somit zufrieden gestellt werde, weil sie selbst dann 
nicht weiter mit Erfolg wühlen könnten, es folglich mit ihrem Ein 
flüsse, ihrer Herrschaft und ihrem mühelosen Erwerb reichlicher 
Existenzmittel sehr bald zu Ende gehen würde. 
Mögen daher die Socialdemokraten es sich reiflich überlegen, 
ob es nicht weit klüger und ihrem wahren Interesse mehr ent 
sprechen würde, wenn sie künftig nur solchen Männern ihr Ver 
trauen schenkten und sich von solchen vertreten ließen, die ernstlich 
und aufrichtig gewillt sind, mit Gleichgesinnten thatsächlich für 
Verbesserung der wirthschaftlichen Lage der Arbeiterbevölkerung 
zu wirken iinb deshalb alle diesem Zwecke dienenden Maßnahmen 
energisch zu erstreben. 
Zweiter Weit. 
1. Hauptnrsachei, des heutigen socialen Elends. 
Die nächste Hauptftage, welche uns in diesem Buche zll be 
schäftigen hat, wäre: Wie können die unleugbar in fast allen Cultnr- 
staaten jetzt vorhandenen ungesunden gesellschaftlichen Zustände, die 
über kurz oder lang zu einer Revolution, wie sie blutiger noch nicht 
dagewesen, führen und über viele Millionen von Menschen Lod, 
Verderben und Elend bringen müßte, wieder normalere werden? 
Die einzig richtige Antwort auf diese Frage ist wohl die, daß man, 
die Ursachen oder nündestens die Hauptursachen der socialen Krank-
        <pb n="79" />
        67 
5* 
hàn beseitigt, beziehungsweise ihre Wirkungen möglichst abzu 
schwächen sucht. Diese Ursachen bestehen offenbar in der Uebcrmacht 
des Großkapitals und der Großindustrie über das Kleinkapital, das 
Kleingewerbe und die Landwirthschaft, welche nebst dem immerrnehr 
überhand nehmenden Wucherthum im Handel und an der Börse wie 
Schwämme das Kleinkapital auffaugcn, gleichsam das Kleingewerbe 
und das Klcinbesitzthum selbst allmählich wegwischen. Dazu kommt 
noch für Deutschland der stets steigende Ueberschuß von Arbeits 
kräften, erzeugt durch eine rapide Bevölkerungszunahme, sodaß schon 
jetzt ein sehr fühlbarer Arbeitsmangel vorhanden ist, in Folge dessen 
der Arbeiterbevölkerung die Gewinnung der nothwendigen Lebens 
bedürfnisse immer schwerer fällt. Die Zeitungen haben leider häufig 
Fälle zu verzeichnen, daß Arbeiter sich grober Vergehen schuldig 
machen und sich als Motiv ihrer Handlungsweise der Wunsch ent 
puppt, der Noth des Daseins durch eine Gefängnißstrafe überhoben 
zu sein. Derartige Vorkommnisse, wie sie die Gerichte festgestellt 
haben, und bisweilen sogar bei unbescholtenen und politisch indifferenten 
Arbeitern, geben zu denken und zu zeigen, daß eine directe Auf 
forderung an die heutige Gesellschaft vorhanden ist, darauf hinzu 
wirken, daß dem Arbeiter durch Reformen auf socialpolitischem Ge 
biete zu einer würdigeren Stellung vcrholfcn werde, als er unter 
den bestehenden Verhältnissen einnimmt. Es giebt nun Parlaments- 
Parteien bei uns, welche dem constatirten Elende der Massen gegen 
über nichts als Declamationen haben. Aber ihre stets declamirte 
^orge um das Wohl der ärmeren Klassen haben diese Parteien 
bisher nicht besser zu bekunden gewußt, als indem sie alle auf die 
Verbesserung des Looses der Arbeiter hinzielenden Regierungsvor 
lagen in Acht und Bann erklärt haben. Es ist eben heutigen Tages 
bereits unleugbar soweit gekommen, daß die in immer weitere 
Schichten der Bevölkerung eindringende Unzufriedenheit mit den 
jetzigen gesellschaftlichen Zuständen, die durch böswillige Agitation 
unablässig geschürt wird, bereits zu einer die gegenwärtige gesell 
schaftliche Ordnung bedrohenden socialen Bewegung angeschwollen
        <pb n="80" />
        68 
ist. Solche Bewegungen sind übrigens in Deutschland nichts Neues, 
aber man hielt früher fälschlich das Anwachsen des Großkapitals 
und dessen gleichermaßen größer werdende Herrschaft über die mensch 
lichen Arbeitskräfte für die alleinige Ursache derselben. Man war 
daher der Ansicht, daß die socialen Nothstände nur durch Lösung 
der Arbeiterfrage beseitigt und künftig vermieden werden könnten, 
allein unermüdlicher wissenschaftlicher Forschung und practischem 
Scharfblicke ist der Nachweis gelungen, daß außer der Herrschaft 
des Großkapitals über die menschlichen Arbeitskräfte noch ver 
schiedene andere Ursachen bei Erzeugung socialer Nothstände mit 
wirken. Namentlich hat die wissenschaftliche Untersuchung über die 
Bedingungen einer auf fester Grundlage ruhenden gesunden Volks 
wirthschaft die Ueberzeugung in immer weitere Kreise der Gesellschaft 
getragen und ihr selbst bei ehrlichen und nrtheilsfähigen Social 
demokraten Eingang verschafft, daß die sociale Frage sich auf den 
Organismus unseres ganzen gesellschaftlichen Lebens bezieht und 
nur dann richtig gelöst werden kann, wenn alle Theile der Gesell 
schaft entsprechend ihrer natürlichen Anlage sich gesund entwickeln, 
so daß kein Glied auf Kosten des andern stärker und mächtiger 
werde und die Gesundheit des organischen Lebens schädigen kann. 
Kurz, Armuth, Elend und Unzufriedenheit ganzer Klassen soll ver 
schwinden und einem möglichst menschenwürdigen Dasein Allei Plaß 
machen. Man hat angefangen zu begreifen, daß es ganz irrig nt, 
zu glauben, daß Kapital und Arbeit mit einander nothwendig im 
Kampfe stehen müssen, sondern daß, wie schon die bekannte Fabel 
„vom Leibe und den Gliedern" lehrt, beide ohne einander nicht 
bestehen können, sie vielmehr auf sich gegenseitig angewiesen, mit 
andern Worten gleichberechtigte Factoren tin gesellschaftlichen Leben 
stud. Man kommt immer mehr zu der Ueberzeugung, daß die 
industriellen und gewerblichen, sowie die diese an Zahl um das 
Doppelte übertreffenden ländlichen Lohn-Arbeiter, ferner die Land 
wirthe, die kleinen Handwerker, die Snbalternbeamtcn und die un 
verheiratet bleibenden Töchter aus den mittleren und höheren
        <pb n="81" />
        69 
Ständen sich meist in einer materiellen Lage befinden, welche 
dringend einer Verbesserung bedarf. Um eine solche zu ermöglichen, 
sind denn auch theils von den Interessenten selbst, theils von den 
Regierungen in Deutschland mehr oder weniger zweckmäßige Ein 
richtungen bereits in Angriff genommen oder in Vorschlag gebracht 
worden. Derartige Einrichtungen sind von hervorragenden und 
erfahrenen Männern in genügender Anzahl empfohlen worden, man 
hat dabei aber ausdrücklich hervorgehoben, daß von ihnen keine 
vollständige Heilung aller socialen Gebrechen, sondern erst nach sehr 
manmchfaltigen Umgestaltungen unseres Volkslebens eine allmähliche 
Besserung und die Herbeiführung erträglicher gesellschaftlicher Zu 
stände zu erwarten sei, denn keine menschliche Einrichtung könne 
goiiz fehlerfrei und vollkommen sein und sogleich zweckerfüllcnd 
functioniren. 
Bevor wir zu positiven Vorschlägen übergehen, sei uns noch 
eine Bemerkung gestattet, über das Programm einer neuen Par 
laments-Partei, die natürlich auch Stellung zur socialen Frage 
nehmen mußte. Interessant ist in dieser Beziehung Punkt 3 und 4 
ihres Programmes; ersterer sagt: „Wir streben die Förderung des 
Volkswohls auf Grund der bestehenden Gesellschaftsordnung an. 
Bei voller Wahrung der Gleichberechtigung, der Selbstthätigkeit und 
des freien Vereinswesens der arbeitenden Klassen treten wir für alle 
auf Hebung derselben zielenden Bestrebungen ein, bekämpfen aber 
der, Staatssocialismus, sowie die Bevormundung und Fesselung 
des Erwerbs- und Berkchrslebens gerichteten Maßregeln." Gegen 
diese Auslassung wäre wenig einzuwenden, wenn es lediglich auf 
den Wortlaut ankäme; die bestehende gesellschaftliche Ordnung zu 
erhalten, ist Jedermanns Bestreben, der es ehrlich mit seinem Vater- 
lande meint, allein die arbeitenden Klassen zum Vollgenusse dieser 
gesellschaftlichen Ordnung emporzuheben, ist noch lange nicht identisch 
mit dem Anfeinden dieser Ordnung. Die gesellschaftliche Ordnung 
hat sich im Laufe der Menschengcschichte vielfach geändert, wenn 
auch gewisse Grundsätze stabil geblieben sind, starr an jener als
        <pb n="82" />
        70 
einer unabänderlichen Form festhalten wollen, hieße das Fortschreiten 
des Menschengeschlechts leugnen: Gerade in die heutige Gesellschafts 
ordnung haben sich Faetoren eingeschlichen, deren Berechtigung von 
gewissen Parteien anerkannt und deren Gefährlichkeit von ihnen ge 
leugnet wird, nicht so sehr aus Ueberzeugung, sondern weil diese 
Faetoren der Nutzen ihres eigenen politischen Einflusses sind, alls 
dessen Erhaltung es mithin weit mehr ankommt, als auf die Er 
haltung der Gesellschaft in ihrer heutigen Form. Die Regierung 
und ihre Freunde andererseits erstreben nut ernster Thatkraft auch 
die Sicherung und Befestigung der gesellschaftlichen Ordnung, wie 
sich das von selbst versteht, aber da sie zu der aufrichtigen Er- 
kenlltiliß gekommen sind, daß nicht alle Elemente imb Faetoren in 
dieser Ordnung so fungiren, wie sie dem Gesammtwohl elltsprechend 
fungiren sollten, so sind sie darauf bedacht, wie wir sehen werden, 
die Schäden auszumerzen und solche Einrichtungen zu treffen, welche 
der Sicherung der gesellschaftlichen Ordnung wirklich dienlich sind. 
Vor allen Dingen darf man die Interessen des Großcapitals nicht 
in einer Weise vertreten, welche über die Grenzen des Berechtigten 
weit hinausgeht. Wollte man in diesem Punkte ein Element zur 
Erhaltung der gesellschaftlichen Ordnung crWiden, so müßte man 
blüld seill für die deutlichsten Erscheinungen der Vergangenheit llnd 
Gegenwart, nicht nur in Deutschland, sondern in allen Ländern. 
Die Freiheit des Individuums wäre ja baun in Wahrheit nichts 
anderes, als das Recht des Stärkeren. — Noch bedeilklicher erscheint 
der Punkt 4 des erwähnten Programms, weilil er auf seinen wahren 
Gehalt geprüft wird. §icr ist die Kriegserklärung gegen die Wirth 
schaftspolitik, gegen die schützenden Zölle, welchen die deutsche In 
dustrie eine allenthalben anerkannte unb im Auslande mit unver 
hohlenem Neide betrachtete Blüthe verdankt, verborgen. Auffallend 
ist es, daß man nicht mit klaren Worten „Bekämpfung der schützen 
den Zolle" sagt, man drückt sich vorsichtiger aus und das ist ein 
deutlicher Beweis, daß man die Folgen einer offenen Sprache fürchtet; 
man weiß, daß die Schutzzölle längst die große Mehrheit des Volkes
        <pb n="83" />
        71 
für ļid) haben. Unter allen Verhältnissen bleibt es ein sonderbarer 
Freisinn, welcher auf allen Gebieten die Interessen des Volkes be 
kämpft. Wer den unteren Klassen oder überhaupt belasteten Klassen 
helfen will, muß zuerst ein Herz, ein mitfühlendes Begreifen für 
Leiden haben. Wer aber, wie Archimedes zu den Barbaren, zum 
Gefühle sagt: „Störe mir meine Zirkel nicht!" dem ist Empfindungs 
losigkeit Wissenschaft und Härte Vernunft. Diese Leute machen die 
Sentimentalität als überwundenen Standpunkt lächerlich und stoßen 
fich sogar an dem Worte „Arbeiterfreund". Diese Sucht, allem, 
was irgend an das Gefühl anstreifen könnte, aus dem Wege zu 
gehen, ist eine der modernen Krankheiten, die deshalb so ungenirt 
wuchert, weil sie von den wenigsten als solche erkannt wird. Diesen 
Kranken ist es schon ein Gräuel, überhaupt nur an das soziale 
Elend zu denken, geschweige mit Ernst die möglichen Heilmittel zu 
überlegen; wehe denen, welche mit allen Mitteln wissenschaftlichen 
Prunkes dem Idealismus ins Gesicht schlagen und den Materialis 
mus predigen! Sie verhindern, daß der soziale Reformator für sein 
à'ìk warmschlagende Herzen findet, sie bewirken, daß auch der 
Einsichtsvollste und Willigste schließlich in seiner Thätigkeit erschlafft 
und zuletzt müde in das von Allem entbindende „laissez faire“ 
einstimmt. Der kulturschädliche Einfluß solcher die Menschenliebe 
vertreibender Doctrinen besteht aber weiterhin darin, daß sie den 
Massen gewissermaßen ein falsches Evangelium predigen, schwache 
Geister verwirren unb bösgeartete mit einem wissenschaftlichen 
Nimbus umkleiden. Wer zu allem Unbequemen „laissez faire“ 
sogt, versündigt sich gegen die Humanität und das Christenthum, 
welche thatkräftiges Eingreifen in die Schäden der Menschheit ge 
bieten. Wir wollen uns daher auch nicht von dieser vornehm sein 
sollenden Abneigung gewisser Stände gegen alles, was sozial heißt, 
nicht abhalten lassen, Ausschau zu halten nach Mitteln, welche 
etwa den sozialen Nothstand beseitigen zu helfen im Stande sein 
können.
        <pb n="84" />
        72 
8. Vorschläge zur ^Beseitigung des socialen Nothstandes. 
a. Genossenschaften. 
Was nun zunächst den Arbeiterstand überhaupt betrifft, so ist 
wohl eines der sichersten Mittel, die Lage desselben, mit Einschluß 
der kleinen Industriellen und Handwerker, sowie der Landwirthe 
allnlühlig wesentlich zu verbessern, die auf Selbsthilfe und Selbst 
verwaltung beruhende Genossenschaft, d. h. eine Vereinigung des 
Kapitals und der Arbeit irr einer Hand, wodurch namentlich die 
arbeitende Klasse zu der besitzenden emporgehoben und einem all 
gemeinen Wohlstände näher gerückt wird. Auch bringt die Genossen 
schaft eine wirkliche Gemeinschaft der Betheiligten zu Stande, eine 
Brüderlichkeit im guten Sinn, macht die Einzelnen selbständiger, 
nur abhängig von beni Ganzen; stellt ihn gegen die Ungunst der 
in seiner Vereinzelung ihm drohenden mißlichen Lage sicherer als 
selbst in einer Assecuranz. Durch die Genossenschaft ist dem Mangel 
an Intelligenz und Kapital leichter als auf anderem Wege abzu 
helfen, weil in ihr die Kräfte einander ergänzen. Sie macht rück 
sichtlich des Kapitals den Arbeiter als Genossenschafter durch die 
Gesammtbürgschaft der Genossenschaft kreditfähiger, während dem 
einzelnen Gewerbtreibenden der Kredit meist versagt oder nur unter 
höchst ungünstigen, seinen Arbeitsverdienst schmälernden Bedingungen 
zu Theil wird, überdies die Verwerthung seiner Arbeitskraft, das 
einzige Mittel, seinen Gläubigern gerecht zu werden, von so vielen 
Zufälligkeiten abhängt, auf welche der Arbeiter keinen Einfluß hat, 
und die sich jeder Controle der Gläubiger entziehen und demselben 
keine Garantie bieten können, weshalb sie zum Kreditgeben wenig 
geneigt zu sein pflegen. Wenn dagegen sich größere Gruppen von 
Arbeitern und Gewerbetreibenden verbinden, und der Ausfall, den 
die Gläubiger etwa bei dem Einzelnen erleiden könnten, durch Ein 
stehen Aller für Einen und Einer für Alle, also von der Gesammt 
heit übernommen wird, so wird die Vertheilung des Ausfalles auf 
Viele von den Einzelnen weniger lästig empfunden.
        <pb n="85" />
        73 
In England hat sich das Prinzip der Eigcnkraft mittelst 
Arbeiter-Associationen bis jetzt sehr gut bewährt. Auch in Deutsch 
land hat man bereits die verschiedenartigsten Bedürfnisse und die 
wirthschaftlichen Mißstände der Zeit richtig erkannt, aber, um die 
genossenschaftliche Bewegung vor schweren Erschütterungen zu be 
wahren, nicht, wie in Frankreich, gleich mit der schwierigstell Form 
der Genossenschaft, mit der Produktionsgenossenschaft, sondern mit 
der Beschaffung von ausreichendem Kapital angefarlgcn, d. h. den 
richtigeil Weg natürlicher Entwickelung eingeschlagen, in Folge dessen 
die Genossenschaftsbewegung bereits einen mächtigen unb heilsamen 
Aufschwung gewonnen hat. 
Deshalb wurden: 
aa. Woküsbcrnken, 
zunächst sogenannte Volksbanken oder Vorschuß- und Krcditvereine 
gegründet, welche die Selbsthilfe in Bezug auf das Bcdürfuiß von 
Baarschaft an Gewerbe und Wirthschaft für solche Handwerker und 
Arbeiter bezwecken, bcncn der Bankverkehr entweder gar nicht oder 
nur unter sehr erschwerten Bedingungen offen steht. Es sollen 
durch die Vorschuß- und Kreditvereine dem Harldlverker zur Be- 
schaffllng guter Handwerkszeuge und Materialien, dem Landwirthe 
zur Anschaffung von Vieh, Dünger, guter Aussaat, von zweck 
mäßigen Ackergeräthschaften und Maschinen, dem Tagelöhner zur 
Erwerbung eines Häuschens uild etlvas Land gegen mäßige Zinsen 
nut nicht zu kllrzen Zahlungsfristen die erforderlichen Gelder dar- 
gelicheil werden, lvonlit man verhindern will, daß diese Geldbedürf 
tigen in die Hände herzloser Wucherer fallen, welche es ihnen 
erschweren und meist unmöglich machell, selbst bei Einsicht, Fleiß 
und Sparsamkeit vonvärts zu kommen. 
Die segensreiche Wirksamkeit solcher Volksbanken steht nach 
dell bereits daniit gemachten Erfahrungen, Ausnahmsfällc zugegeben, 
außer Zweifel, weshalb auch die Zahl der Volksbanken inDeutsch- 
laild stetig wächst unb die Betheiligung an denselben eine immer 
größere wird unb selbst von den vernünftigeren Socialdemokraten
        <pb n="86" />
        74 
trotz der Hetzereien und der Behauptung ihrer Führer, daß Vor- 
schußvercine den Arbeitern nichts nützten, sich immermehr um die 
Mitgliedschaft bewerben. 
Bezüglich einer zweckmäßigen Organisation derartiger Vorschuß- 
und Kreditvcreinc verdient die nach dem Raiffeisen'schen Systeme 
den Vorzug, weil die Darlehnc durch gleiche Solidarhaft aller 
Mitglieder und durch Stellung von Bürgen Seitens der Schuldner 
gegen Verluste sicher gestellt sind und wegen dieser doppelten Ga 
rantie Kapitalien zu 4 und 4y//o leicht zu beschaffen sind. Die 
selben werden an die Mitglieder nur zu 5% wieder ausgeliehen. 
Da aber die Schuldner bei Empfang des Darlehns ein für alle 
Mal eine Provision von pro 3 Monate und von 1% pro 
Jahr der Schuldzeit zu zahlen haben, so wird in 20 bis 25 Jahren 
ein Reservefonds vorhanden sein, welcher es dem Vereine ermöglicht, 
mit eigenen Mitteln auszukommen. 
Die Verwaltung verursacht um deswillen wenig Kosten, weil 
die Vorstandsmitglieder der einen Centralvcrein umfassenden kleinen 
Bezirksvcrcinc außer Ersatz ihrer baaren Auslagen keinen Gehalt 
beziehen, ihr Amt als Ehrenamt umsonst verwalten und nur der 
Rendant eine dem Geschäftsumfange entsprechende Remuneration 
erhält; in den Vereinen ist grundsätzlich die Politik ausgeschlossen, 
so daß sie weder Brutstätten politischer Agitation werden, noch 
einträgliche Sinecuren für politische Freunde schaffen können; jedes 
Mitglied hat in der Generalversammlung nur eine Stimme ohne 
Rücksicht auf die Höhe der etwaigen Einlagebeträge, svdaß Majori- 
sirung der Gesellschaft durch eine Minorität unmöglich ist. 
bb. Wohstoff-Genossenschaften. 
Alsdann ist man in Deutschland zur Gründung von Rohstoff- 
Genossenschaften übergegangen. Der Nutzen derselben ist sehr be 
deutend; denn durch deu gemeinsamen Einkauf der Rohstoffe im 
Großen aus erster Hand und deren Ablaß in kleiner, Partieen zu 
den Engrospreisen mit einem Aufschlage von etwa 5% behufs
        <pb n="87" />
        75 
Deckung ber Geschäftsunkosten an die einzelnen Mitglieder der Ge 
nossenschaft wirb es diesen ermöglicht, bessere und um 10—20% 
billigere Waare als beim Dctailverkauf zu beziehen. Vorurtheile, 
Mißtrauen und Mangel an Energie haben freilich das Gedeihen 
derartiger Genossenschaften bisher sehr erschwert; aber diese Hinder 
nisse werden voraussichtlich nach und nach überwunden werden. 
cc. WerK-KerrofsenscHcrften. 
Naturgemäß schließen sich den Rohstoff- die Werkgenossen 
schaften an, indem hier wie bei jedem der Zweck darin besteht, 
durch die Vereinigung Mehrerer für die Einzelnen günstigere Vor 
bedingungen zur Produktion zu gewähren, als jeder Einzelne für 
sich allein dazu im Stande ist. 
Sehr empfehlenswerth ist cs, daß Gewerksgenossenschaften, 
welche nur aus Mitgliedern eines bestimmten Gewerbes bestehen, 
z. B. Schuhmacher, Schileider, Tischler, Sattler, Klempner u. s. w. 
zugleich Magazingenossenschaften bilden, um ihre fertigen Prvdlikte 
in einem gemeinschaftlichen Locale zum Verkaufe aufzustellen. 
dd. ŅcrfcHinen-HenossenfļHclfLen. 
Als höchst nützlich erweisen sich ferner die Gründungen von 
Maschinengenossenschaften Behufs gemeinschaftlicher Anschaffung und 
Benutzung voll Maschinen, namentlich von Dampfmaschinen; denn 
diese vermögen nicht nur der Laudwirthschaft, sondern auch vielen 
Gewcrbtreibendcu und kleinen Industriellen, welche einzeln nicht die 
Mittel zum Ankauf kostbarer Maschinen besitzen, einen erheblichen 
Nutzen zu gewähren. 
Nicht nur billige Rohstoffe, sondern auch gute Handwerkzcugc 
und Maschinen bedingen eine vortheilhafte Produktion, welche die 
Concurrenz auf dem Weltmärkte allszuhalten vermag. 
Die eben angeführten vier Gcnossenschaftsarten bilden die 
eigentliche Vorstufe zu solchen Produktionsgellvssenschaften, welche 
aus Mitgliedern eines oder auch mehrerer Gelvcrbe bestehen, die
        <pb n="88" />
        76 
beim Betriebe eines gewissen Geschäft« zur Anwendung k°,innen 
und zwar so, das; die Beschäftigung aller Arbeiter im Dienste der 
Genossenschaft und somit die Bereinigung de« Arbeitgebers und 
der Arbeiter in einer Person das Mittel und der Verkauf der 
Prodnete an das Publikum das Ziel bildet, 
66, WroduKtiv-Kenosscnkchcrsten. 
Die Produktiugenossenschasten müssen über hinreichende Betriebs 
fonds d, h, Geldmittel verfügen können und da die Mitglieder ge 
wöhnlich nur einen »einen Theil davon unter sich auszubringen 
vermögen, so sind die noch fehlenden Summen entweder bei den 
Volksdanken beziehungsweise bei den Darlehnskassen-Vereinen, oder, 
wenn dies nicht möglich ist, bei Privatkapitalisten zu leihen, was 
übrigens nicht schwer halten dürste, wenn diesen neben Sicherstellung 
des Kapitals und dessen Zinsen durch Solidarhaft der einzelnen Ge 
nossenschaften ein bestimmter Antheil von »/, oder %, je nach der 
H°he des Darlehns am Reingewinn nach Ausscheidung von 10—20«/« 
zur Bildung eines Tilgung«- und Reservefonds gewährleistet würde, 
&gt; Eine andere Geuossenschaftssorm ist die, daß der Kapitalist 
als Unternehmer irgend eines Industriezweiges auftritt und den 
ständigen Arbeitern einen bestimmte,, Antheil am Reingewinn und 
zwar ebenfalls nach Ausscheidung von 10—20»/« zur Bildung 
emeê Tilgungs- und Reservefonds zuweist und dieser nach Maß 
gabe der von den einzelnen Arbeitern im Laufe des Jahres ver 
dienten Löhne vertheilt wird. Nach erfolgter Tilgung des ge- 
sammten Anlagekapitals wird das Etablissement Eigenthum der 
betheiligten Arbeiter. 
Drese beiden Genossenschaftsarten gewähren nicht nur den be 
theiligten Arbeitern neben ihren Arbeitslöhnen einen der Höhe der 
letzteren entsprechenden Antheil am erzielten Reingewinn, sowie auch 
die Aussicht dermaleinst in den gemeinschaftlichen Vollbesitz des 
Geschäfts zu gelangen, sondern es wird auch den betreffenden 
Kapitalisten als Mittheilhabern am Reingewinn und an den ange 
sammelten Reservefond die Möglichkeit dargeboten, ihr Vermögen
        <pb n="89" />
        77 
je nach ben mehr ober weniger günstigen Erfolgen bes Unterneh 
mens in kürzerer ober längerer Zeit zu vermehren unb ben Zu 
wachs besselben anbertveit nutzbringenb anzulegen. 
Unb nicht hoch genug können bie Gewinne geschätzt werben, 
die außer ben angeführten Bortheilen solchen Genossenschaften noch 
baburch zuwachsen, baß sich unter ben Arbeitern ein kamerabschaft- 
iid)c3 Äer#W&amp;, ein #orpa#t ijerauabübet, bie iue#ifeiÜ8en 
Beziehungen zwischen diesen unb den Unternehmern resp. Beamten 
sich wie die unter den Gliebern einer Familie gestalten, Fleiß, 
Sparsamkeit unb Orbnungssinn sich entwickeln unb bie Sittlichkeit 
geförbert wirb. 
ff. Konsum-Wereine. 
^ic^t minber Vortheilhaft wirken bie Consumvereine, nament- 
lich sür die arbeitenden Klassen, indem sie den Zweck verfolgen, 
die im Kleinhandel vertheuerten nnd meist auch verschlechterten 
Lebensbedürfnisse, wie Nahrungsmittel, Bekleidungsstoffe, Heiz- 
und Bcleuchtungsmatcrial. durch Einkauf im Großen billig und 
gut für Mitglieder zu beschaffen, um dadurch ihre wirthschastlichc 
Lage zu verbessern. — Die cinsachstc, billigste und keine Verluste 
beim Wiederverkauf der Consumgegenstände mit sich düngende Or 
ganisation besteht darin, daß der Vorstand unter Controle des 
Verwaltllngsrathes zunächst solche Einkaussquellen ermittelt, aus 
welchen gute und billige Consumgegenstände zu beziehen sind, als 
dann die VcrcinSmitglieder in de» Lokalblättern oder aus fönst 
geeignete Weise davon unter Angabe der Detailvcrkaufspreffe mit 
der Aufforderung in Kenntniß setzt, allmonatlich an einem bestimmten 
Tage ihre Bestellzettel bei ihm einzureichen, und dann an einem 
festgesetzten Tage die inzwischen für jeden Besteller abgewogenen 
oder eingemessenen Waaren gegen Entrichtung der darauf ange 
gebenen Preise und anteiligen Geschäftsunkosten für Transport, 
Abwiegung und Zumcssung in die vorher einzusendenden Gefäße in 
Empfang zu nehmen. 
In ben Consumvereinen erwerben bie Arbeiter bie wichtigsten
        <pb n="90" />
        78 
Erfordernisse der Selbsthilfe: Schulung in der Selbstverwaltung, 
genossenschaftlichen Geist und Kapital, sodas; jene sich nicht nur 
zu produktiven Verbrauchsgenossenschaften erweitern lassen, sondern 
auch den Lohnarbeitern die Gründung von eigentlichen Produktiv 
genossenschaften ermöglichen und diese bilden sa den Kern des 
ganzen Systems, sie sind das entschiedenste und sicherste Mittel 
zur Lösung der Arbeiterfrage, ihre Vermehrung wird allmühlig 
einen vollständigen Umschwung auf dem Gebiete der Production 
herbeiführen, insofern sie die Arbeiter zugleich zu Unternehmern 
machen und diesen nunmehr den vollen, sonst den einzelnen Unter 
nehmern, resp. den Actionären zufallenden Gcschäftsgewinn allein 
zu Gute kommen lassen; freilich fallen ihnen auch alle etwaigen, 
aus Geschäftsstockungen und ungünstigen Conjuncture entstehende 
Verluste allein zu, diese lassen sich jedoch von einer zahlreichen 
Gesammtheit weit leichter tragen und bei ernstlichem Willen und 
Sparsamkeit eher vcrtvinden, als von einem einzelnen Unternehmer 
oder einer Acticngesellschaft. 
Während beit Arbeiter die Abhängigkeit von fremdem Kapital, 
von der Conjunctur und von seinem Brodherrn, ferner der nur zu 
oft ungenügende Verdienst und der Zweifel, ob etwaige Ersparnisse 
ihm später auch wirklich zu gute kommen und zur Begründung 
einer unabhängigen Stellung ausreichen werden, nur allzu leicht 
geneigt macht, den ihm bei günstigen Conjuncturen zufließenden 
reichlicheren Verdienst gleichsam als Ersah für ausgestandene Ent 
behrungen in materiellen Genüssen leichtfertig zu vergeuden, fühlt 
sich der Arbeiter als Mitglied einer Produktivgenossenschaft unab 
hängiger, er unterliegt nicht mehr so leicht der Versuchung zum 
Verprassen; er wird besonnener und haushälterischer; er lernt den 
großen Werth des Eigenthums kennen und schätzen und er findet 
Freude an dessen Wachsthum, nicht nur weil dieses ihm und seiner 
Familie ein reichlicheres Maß von materiellen Genüssen gewährt, 
sondern auch, weil er sich itttb seine Kinder zu einer höheren Bil 
dung erheben kann.
        <pb n="91" />
        79 
Das Genossenschaftswesen befreit auch das Kleingewerbe von 
dem Drucke, welchem es durch das Großgewerbe mit seinen mäch 
tigen Mitteln: Wissenschaft, Maschinen, Kapital und Kredit aus 
gesetzt ist, indem es auch ihm, dem Fabrikarbeiter und ländlichen 
Arbeiter gestattet, an dem reichen Segen des Industriebetriebes 
mehr Teil zu nehmen. 
Durch die Genossenschaft wird der Arbeiter zum Bürger wirth- 
schaftlicher Gemeinwesen, er wird eine wirthschaftliche Persönlichkeit, 
die sich zur vollen Persönlichkeit des Unternehmers steigert und es 
bleibt ihm zum Unterschiede von den socialdemokratischen Gemein 
schaftlichkeiten das unschätzbare Gut der Individualität und Selb 
ständigkeit, wovon er an seine Genossenschaft nur soviel abgibt, als 
zur Ueberwindung der Existenzgefahren derselben nothwendig ist. 
Das Bewußtsein der eigenen Kraft, im Verein mit gleichen 
Kräften seiner Genossen erzeugt in ihm jenen stolzen und hingeben 
den Bürgersinn, der stets als Muster öffentlicher Tugend galt. 
Dem Staate führt die Genossenschaft tüchtige und zufriedene 
Bürger zu; in der Wirthschaft erobert sie, gegenüber der Herrschaft 
des todten Kapitals, der Arbeit das Bürgerrecht; die Gesellschaft 
wahrt sie vor den Gefahren socialer Verkümmerung und verhütet 
einen dauernden Zustand, in welchem die ökonomische Unselbständig 
keit die Regel und sociales Elend das Loos der Mehrzahl ist. 
Mögen es anfangs auch nur Wenige sein, welche durch die 
Genossenschaft zur Selbständigkeit gelangen und für Viele der Weg 
lang sein und das Ziel ungewiß bleiben, so wirkt doch schon das 
Bewußtsein der Möglichkeit, zu einer wirthschaftlichcn Selbständigkeit 
zu gelangen, unendlich wohlthätig und ermuthigend auf das Leben 
des auf seine Arbeit angewiesenen Mannes ein. 
Mit der Unabhängigkeit des Arbeiters erhöht sich auch dessen 
Selbstgefühl; sie schärft sein llrthcil und festigt seinen Charakter, 
sodaß er sich in allen Lebensverhältnissen leichter zurecht findet 
und sich weder durch Sophistereien, noch durch die für leichtgläubige
        <pb n="92" />
        80 
Dummköpfe berechneten schönklingenden Phrasen selbstsüchtiger Volks- 
Verführer in seinem Urtheile, Thun und Lassen beirren läßt; er 
wird auf die Seite der Ordlnmgsfreunde treten und mit diesen alle 
politischen und socialen Verschwörungspläne bekämpfen, wohl ein 
sehend, daß durch diese das Wohl des Staates und Volkes nicht 
gefördert, sondern nur gefährdet wird. Auch wird keinesfalls ein 
solcher Arbeiter in den Strikes ein Mittel zur wirklichen und dau 
ernden Verbesserung der Lage des Arbeiterstandes erblicken. Die 
seitherigen Erfahrungen haben es ja auch bewiesen, daß das Striken 
derl dabei betheiligten Arbeitern in Wirklichkeit mehr Nachtheile als 
Vortheile bringt, weil in Folge der erzwungenen Lohnerhöhungen 
regelmäßig eine Vertheuerung der Arbeitercrzeugnisse eintritt, und 
da die Arbeiter nicht nur Producenten, sondern auch Consumenten 
sind, sie also ebenfalls höhere Preise zahlen müssen. Sohin wird 
ihre wirthschaftliche Lage durch die höheren Löhne nicht verbessert, 
sondern eher verschlimmert, wenn die Strikes sich auch auf die un 
entbehrliche Lebensbedürfnisse prvducirenden Arbeitsbranchen erstrecken. 
Und während der Wochen, ja nicht selten Monate hindurch dauern 
den Strikes verstopfen die Arbeiter sich selbst ihre Erwerbsquellen, 
versetzen sich aus schaffender und lohnender Thätigkeit in die Lage 
der Müßiggänger und Empfänger von Almosen, die übrigens aus 
eigenen Ersparungen von früher zusammengebracht sind und welche 
weit kärglicher bemessen werden, als die vor den Arbeitseinstellungen 
gewährten Löhne. Ferner treten in Folge von Strikes für den 
Absatz nicht selten so verderbliche Stockungen ein, daß die Arbeit 
geber sich gezwungen sehen, den Betrieb einzuschränken und deshalb 
einen Theil der Arbeiter zu entlassen, oder, um ohne Verlust pro- 
duciren zu können, die Löhne höchstens auf ihren Stand vor Aus 
bruch der Arbeitseinstellungen wieder herabzusetzen, oder endlich die 
Zahl der arbeitssparender, Maschinen in ihren Fabriken zu ver 
mehren, um sich von den Arbeitern unabhängiger zu machen. 
Während der Strikes hat ein Theil der Arbeiter die Lust zu ge 
regelter Thätigkeit verloren; des Arbeiters Ehrgefühl ist schwächer
        <pb n="93" />
        81 
geworden, er hat sich ans Schuldenmachen gewöhnt und sinkt all 
mählich zum Müßiggänger und Vagabonden herab. 
Welche enormen Verluste die Arbeiter sich durch solche Strikes 
selbst bereiten können, erhellt aus folgendem eclatanten Beispiele- 
SBMpmb bet im 3a# 1872 in Gffen stattgehabten %rbeitaem= 
itcliung gingen den Arbeitern täglich 60.000 M. an Lohn verloren 
unbau&amp;crbcmm#en nach0cenbigung bcö Gtrifea mehrere W- 
bert Arbeiter bis auf Weiteres entlassen werden. 
Die Strikes können also den Arbeitern niemals wirllichcn 
Vortheil bringen, laufen vielmehr auf einen Selbstbetrug hinaus 
und fügen selbst den nichtstrikenden Arbeiterkreisen sehr empfindliche 
Nachthelle zu. Deshalb wollen auch einsichtige Socialdemokraten 
nichts mehr von Arbeitseinstellungen wissen. Doch genug hiervon. 
d. Partnerschaft oder Commissionssystem. 
ein üoraüaii# MiM. bk Interessen ber Arbeitgeber 
unb ber Arbeitnehmer gngieich gu förbem, hat # bicSßartnm 
der Arbeiter am Reingewinn ober bas s. g. Commissions- 
Wem bewahrt. Den ersten W^SBerfueSbamitma# bor 
otlun 4s) wahren ein Pariser Stubenmaler. Namens Lcclairc Beim 
Beginn feineë (Befchäfta theilte bcrfelbcbenfonMäußgen 3rrtf)um. 
cs am Vortheilhaftesten sei. einen möglichst niedrigen Lohn zu 
zahlen und seine Arbeiter bei der geringsten Vernachlässigung zu 
entlassen. er mußte jedoch bald erfahren, daß es damit nicht ging 
und kam allmählig zu der richtigen Ansicht, daß zwischen ihm und 
fcmcn Nàtevi ein innigeres, auf gegenseitiges Vertrauen und 
Bol#oücn gegrünbetea %er#itni&amp; eintreten müsse, foüc er ein 
rc#ë (Bebei# fern# (Befchäfta erhoffen bürfen. @rfu# feine 
Arbeiter gunä# bnrchßohnerhöhnng an sich gn fesseln nnb bica 
íjaíte allerdings insofern eine günstige Wirkung, als sie einen so 
freigebig gewordenen Herrn nur ungern verließen, alleili sie gaben 
sich bei der Arbeit doch nur so viel Mühe. als sie für nöthig 
hielten, um nicht entlassen zu werben; so lange ber Herr anwesend 
Plums, Zliku„fļ««ìaat. 
6
        <pb n="94" />
        82 
war und persönlich die Aufsicht führte, waren sie ziemlich fleißig, 
ihr Eifer ließ aber sofort nach, sobald sich jener wieder entfernt 
hatte, sodaß am Abend kaum zwei Drittel der Arbeit verrichtet 
war, die billigerweise verlangt werden konnte. Um seine Arbeiter 
zu größerem Eifer anzuspornen, versiel er darauf, ihr Interesse 
mit dem seinigen zu verbinden, indem er denjenigen Arbeitern, durch 
deren Fleiß und Tüchtigkeit ein größerer Reingewinn erzielt wurde, 
außer dem üblichen Lohn eine dem Werthe ihrer Leistungen und 
der Lohnsätze entsprechenden Antheil am Reingewinn des Geschäfts 
zugestand und zwar so, daß er nach Abzug von 5% Zinsen des 
Betriebskapitals und eines Gehalts für sich als Aufseher und Bc- 
triebsdirigcnt von 6000 Fres, jährlich den sich noch ergebenden 
Reingewinn zur Hälfte nach Maßgabe der von den Arbeitern wäh 
rend des Geschäftsjahres verdienten Löhne vertheilte. 
Diese Einrichtung hatte den günstigen Erfolg, daß die Arbeiter 
sich nunmehr gewissermaßen als Associes ihres Herrn betrachteten 
und im eigenen Interesse das Gedeihen des Geschäfts zu fördern 
suchten, indem sie ihren Fleiß, ihre Intelligenz, ihre Ordnungsliebe 
und ihren guten Willen anspornten, sich bemühten, bessere Arbeit 
zu liefern, die Freistunden aus eigenem Antriebe verkürzten. sodaß 
sich ihr Einkommen schon im ersten Jahre nach der neuen Ein 
richtung um fast zwei Fünftel vermehrt und zugleich ihr Herr selbst 
ohne Vermehrung der Anzahl seiner Gehilfen sich eines reichlichern 
Gewinnes zu erfreuen hatte als früher. Außerdem bildete sich 
zwischen Arbeitern uitb Herrn gewissermaßen ein kameradschaftliches 
und inniges Verhältniß heraus und jene gingen auch freudig auf 
Gründung von Spar-, Kranken- und Altersunterstützungs-Kassen ein. 
Läßt sich nun auch das eigentliche Partnerschaftssystem nicht 
auf alle Arbeitsbranchen anwenden, so giebt es doch viele, bei denen 
durch Stücklohn oder Veraccordirung ein ähnlicher Zweck zu erreichen 
ist, z. B. bei den Feld-, Forst- und Erd-Arbeiten.
        <pb n="95" />
        83 
6* 
c. Sparsamkeit. 
Die Befolgung der eben besprochenen Vorschläge würde aber 
nur dann eine wesentliche Verbesserung in der wirthschaftlichen Lage 
des Arbeiterstandes und der andern Berufsklassen herbeiführen können, 
wenn zugleich ihre Mitglieder sich der möglichsten Sparsamkeit be 
fleißigten, wenn sie, statt das ihnen reichlicher zufließende Einkommen 
in materiellen Genüssen zu vergeuden, wenigstens den größeren Theil 
dessen, was ihnen nach Bestreitung der Kosten für die nothwendigen 
Lebensbedürfnisse übrig bleibt, für etwaige Noth- und Krankheits 
fälle, auch um ein sorgenfreies Alter zu haben oder ihren Kindern 
Etwas zu hinterlassen, zurücklegen wollten. Wahrscheinlich würden 
Viele von ihnen es auch wollen, wenn sic eine Ahnung davon hätten, 
wie viel sie bei ernstem und festem Willen ersparen und zu welchem 
Grade von Wohlstand sie allmählig gelangen könnten. Ein Beispiel 
wird genügen, ihnen dies klar zu machen: wenn ein Beamter, Hand 
werker oder Arbeiter, der wöchentlich ein Einkommen von etwa 
24 Mark hat, davon 20 Jahre hindurch, das Jahr zu 360 Tagen 
und den Monat zu 30 Tagen gerechnet, täglich 50 Pf. oder 
wöchentlich 3 l / 2 Mark zurücklegt und diese Ersparnisse zu 4% aus 
leiht , so wird er nach Ablauf dieser Zeit ein Baarvcrmögcn von 
5580 Mark besitzen und davon dann einen Zinscngenuß von 65% Pf. 
täglich oder 15% Pf. an jedem Tage mehr haben, als er während 
der 20 jährigen Sparzeit täglich zurücklegte. 
Er ist also in einem verhältnißmäßig kurzen Zeitraum in den 
Besitz eines ganz ansehnlichen Vermögens gekommen, dessen Zinsen 
ihm nun entweder ein behaglicheres Leben gestatten oder ihn in den 
Stand setzen, für die Erziehung und Ausbildung seiner Kinder mehr 
aufzuwenden. Außerdem kann er einem sorgenfreien Leben entgegen 
sehen, ohne fremde Hilfe zu bedürfen, auch darf er als wohlhabender 
und deshalb unabhängiger Vater selbst von nicht gut gerathenen 
Kindern eher auf eine rücksichtsvollere Behandlung rechnen, als wenn 
er unvermögend geblieben wäre und nichts zu vererben hätte. 
Wenn so in einer Arbeiter- oder Handwerkerfamilie nicht nur
        <pb n="96" />
        84 
der Mann, sondern auch Frau und Kinder sich der Sparsamkeit 
befleißigten, wenn von ihnen, wie es in frühern Zeiten iiblich war, 
Webestuhl, Spinnrocken, Stick-, Strick- und Nähnadel recht fleißig 
gehandhabt würden, so könnten sie den Wohlstand der Familie 
wesentlich fördern, leider hat aber in neuerer Zeit auch im Hand 
werker- und Arbeiterstande die Putz-, Vergnügungs- und Genußsucht 
so überhand genommen, daß zu deren Befriedigung selbst der reich 
liche Verdienst des Mannes nicht mehr hinreicht und Schulden ge 
macht werden. Dann folgen Armuth und Noth und aus den so 
herabgekommenen Familien rekrutiren sich die Schaaren der Social 
demokraten und Communisten. 
3. Hauptaufgaben des Staates, der Commune und der 
Privaten. 
Nachdem wir die hauptsächlichsten Arten von Selbsthilfe kennen 
gelernt haben, welche zur Herbeiführung einer Besserung in der 
wirthschaftlichen Lage des kleinen Beamten-, Handwerker- und 
Arbeiterstandes vorzugsweise geeignet erscheinen, wollen mir uns 
schließlich noch mit den Hauptaufgaben beschäftigen, die dem Staate, 
den Communen uitb Privaten in Bezug auf Schaffung erträglicher 
Zustände zufallen. — Vor Allem müssen sich diese bei ihrer Mit- 
wirkung von der Ueberzeugung leiten lassen, daß weder durch bloße 
materielle Hilfe, noch durch sittliche Mittel allein, sondern nur im 
Zusammenwirken beider Potenzen bessere sociale Zustände sich 
schaffen lassen. 
a. Darbietung aller möglichen Bildungsmittel. 
Der Staat nach zunächst durch Darbietung aller möglichen 
Bildungsmittel den Arbeiter geistig und sittlich heben und einen in 
telligenten, gesitteten Nachwuchs für die künftigen Generationen 
heranziehen.
        <pb n="97" />
        85 
Denn unzweifelhaft ist der Unterricht eine unversiegbare Quelle 
der Vervollkommnung und Hebung jeder wirthschaftlichen Thätigkeit 
und ihrer Erfolge. Mit der Bildung eines Volkes hält die Güter 
erzeugung, der Wohlstand und die Wohlfahrt desselben gleichen 
Schritt. Bildung ist die sicherste Grundlage der Sittlichkeit und 
des Wohlstandes, sie ist die stärkste Triebfeder zur Arbeit und 
schützt nicht bloß gegen Armuth, sondern beseitigt auch die Gefahren 
des Reichthums. — Es sollten darum selbst in den Volksschulen 
die Grundlehren der Nationalökonomie einen Unterrichtsgegcnstand 
bilden, vom Staate bestellte Wanderlehrer durch öffentliche Vor 
träge das Volk in Volks- und sinanzwirthschaftlichen Dingen auf 
zuklären suchen, damit auch die Klasse der Arbeiter und der lleinen 
Gewerbsleute einen klaren Einblick in das wirthschaftliche Leben 
erhalten und dieses richtiger verstehen und beurtheilen lernen. Dann 
würden sie einsehen, daß z. B. die unbeschränkte Handels- und Ge- 
werbcfreiheit, sowie die Freiheit im Allgemeinen nicht unter allen 
Umständen und jederzeit als wünschenswerth erscheint; ihnen würde 
zugleich die Heiligkeit und Unverletzlichkeit des Eigenthumsrcchts, 
des Erbrechts und des Familienhaushalts, die Grundbedingung 
aller socialen und politischen Menschcnordnung, zum Bewußtsein 
kommen; sie würden auch erkennen, daß gewisse Ideologen und 
Demagogen mit ihren angeblichen Weltbeglückungspläncn lediglich 
den Zweck verfolgen, die Massen, namentlich die Arbeiter an sich 
zu locken, um sie als Sturmböcke gegen die bestehende Rechtsordnung 
zu mißbrauchen. 
Da Universitäten, Akademien, Gymnasien, Real-, Bürger- und 
Volksschulen nicht genügen, die Jugend zu jedem Berufe auszu 
bilden, so sind Behufs Ergänzung dieser Berufsanstalten von Staat 
und Communen, insofern dies nicht bereits geschehen ist, noch 
Handels-, Handwerker-, Ackerbau- und Fortbildungsschulen für 
Knaben und Jünglinge, sowie für Mädchen und Jungfrauen 
Anstalten zur Unterweisung in allerlei weiblichen Arbeiten zu 
errichten.
        <pb n="98" />
        86 
b. Vertretung und Förderung der Interessen der 
Gesammtheit. 
Ferner ist der Staat als Vertreter des Gesammtinteresses 
überall da einzuschreiten berufen, wo das Interesse dieser Gesammt 
heit in Frage steht, oder wo es bent Einzelnen unmöglich ist, seinen 
berechtigten Interessen Geltung zu verschaffen. In solchen Fällen 
hat er die freie und gesicherte Enllvickelung seiner Glieder zu gewähr 
leisten und ihneit stets helfend und fördernd zur Seite zu stehen 
und dies um so mehr, je weniger jener Armen eigne Kräfte und 
Anstrengungen auszureichen vcrntögen. 
e. Organisation der Fabrik- und Gewerbe-Gesetz 
gebung. 
Nicht minder ist es Sache und Pflicht des Staates, die Fabrik 
gesetzgebung zu organisiren und zu pflegen; ihre Bcdeutmtg liegt 
nicht sowohl in dett zu gebenden Geboten und Verboten, sondern 
in dem sittlichen und erziehenden Einflüsse auf Arbeitgeber und 
Arbeiter. Ztl diesem Behufe hat der Staat sich die Einsetzung von 
Fabrikiuspektoren ganz besonders angeleget: sein ztt lassen, welche die 
innere Organisation, Betriebsanlage, Leituttg, Hausordnung re. zu 
beaufsichtigen, die gettane Befolgung der Gesetze zu kontrolircn, vor 
handene Mißstände sofort zu beseitigen, streng auf gestmde und ge 
fahrlose Einrichtung der Arbeiterwerkstättett, sowohl in baulicher 
Beziehung, als itt Betreff der Hantirung der Arbeiter, sowie auf 
Schutz vor schädlichen Einflüssen der Kälte, Hitze und Nässe, der 
Ausdünstungen, vor Staub, giftigen Stoffen und endlich auf 
Deckung gefahrdrohender Theile der Arbeitsmaschinen zu halten. 
Eine Fabrik- und Gewerbeordtttutg muß die geschäftliche 
Stellung des Arbeiters regeln, auf Abkürzttng der über 10—12 
Stunden dauernden Arbeitszeit, je ttachdent die Arbeit größere 
Kraftanstrengung erfordert, möglichste Gleichstellung des Lohnes 
der Mannes- und Frauenarbeit, insbesottdere auf Abstellung oder 
doch möglichste Einschränkung der Kittderarbeit in Fabriken hin-
        <pb n="99" />
        87 
wirken. Damit jedoch die jugendlichen Arbeiter nicht dem ent 
sittlichenden Einflüsse roher Arbeiter ausgesetzt sind, sollte man jene 
unter Trennung der Geschlechter in abgesonderten Räumen, von 
erwachsenen, ordentlichen männlichen resp. weiblichen Arbeitern 
beaufsichtigt, beschäftigen lassen, auch anordnen, daß die Kinder die 
Fabrik nicht gleichzeitig mit den erwachsenere Arbeitern und auch 
diese dieselbe nach Geschlechtern getrennt zu verlassen haben. 
Uni der in erschreckender Weise zunehmenden Verwilderung der 
Schuljugend wirksam entgegenzutreten, muß eine strenge Disciplin 
wieder Platz greifen. Zu diesem Behufe sind vom Schulregiment 
geeignete Reglements zu geben, nach welchen die Lehrer bei Hand 
habung der Disciplin zu verfahren haben, und die solche Maß 
nahmen enthalten, welche den Erfolg haben, daß die Schulkinder 
sich in und außer der Schule gehorsam, gesittet und bescheiden 
betragen. Solchen Lehrern, die durch besondere Pflichttreue und 
mit Geschick bei ihren Schülern diesen Zweck zu erreichen und in 
denselben Wahrheitsliebe, religiösen Sinn, Mitgefühl und Vater 
landsliebe zu wecken und zu fördern wissen, sollten stets wohl 
verdiente Anerkennungen zu Theil werden, sei es durch öffentliche 
Belobungen oder Beförderungen, Gratificationcn oder dergleichen. 
Selbstverständlich würde den Lehrern bei Ausübung ihres schweren 
Berufes der kräftigste obrigkeitliche Schutz zu gewähren sein gegen 
Beleidigungen oder gar Thätlichkeiten, die ihnen etwa Seitens der 
Eltern oder anderer Verwandten ihrer Schüler widerfahren sollten; 
dagegen würden sich die Lehrer jeder Mißhandlung oder solcher 
körperlichen Züchtigungen der Schüler schlechterdings zu enthalten 
haben, welche für die Gesundheit der jungen Leute schädliche 
Folgen haben. 
Da für die meisten Menschen die Arbeit die einzige Erwerbs 
quelle bildet, so haben dieselben auch einen natürlichen Anspruch 
auf Arbeit; diesem sann aber nicht überall und jederzeit von der 
Gesellschaft genügt werden. Da haben Staat und Gemeinden die 
Pflicht, für ausreichende Arbeit Sorge zu tragen; allein mit der
        <pb n="100" />
        88 
rapiden Zunahme der Bevölkerung Deutschlands, mit welcher das 
Wachsthum an Arbeitskräften gleichen Schritt hält, wird es immer 
schwieriger, alle Arbeitsangebote allezeit zu berücksichtigen. Die 
Bevölkerung des deutschen Reichs wächst durchschnittlich jährlich um 
eine halbe Million und es müssen schon jetzt Hunderttansende 
lvegen Arbeitsmangel auf öffentliche Kosten erhalten werden. Diese 
sociale Noth, das wirthschaftliche Elend, Pauperismus und Vaga- 
bundenthum würde noch größer sein, wenn nicht ein beträchtlicher 
Theil der überschüssigen Arbeitskräfte durch fortwährende Aus- 
wanderung in Abgang käme. 
Daß nämlich der Deutsche von jeher ein Zugvogel war, beruht 
nur zum Theil auf seinem angeborener, Wandertriebe und seiner 
Träumersehnsucht nach der poetischen Ferne. Eine große Rolle 
spielt dabei, wie wir wissen, die harte Nothwendigkeit. Wenn der 
karge Boden für den Bevölkerungsüberschuß keine Nahrung mehr 
darbot, dann war auch in alter Zeit die Auswanderung ein bitteres 
Muß; die Eulturhistoriker sind darüber einig, daß die früheren 
germanischen Wanderzüge sowohl für Europa, wie auch neuerdings 
für Amerika heilsame Cultnrmärsche waren, ja daß die Civili 
sation der christlichen Völker ihre besten, stärksten und gesundesten 
Triebe den reichlichen germanischen Impfstoffen verdankt. Wie ein 
kraftvoller, edelherziger, genialer Mensch das, was er der Gesell 
schaft giebt, nicht abhängig macht von dem, was er empfängt: so 
hat auch der deuffche Geist nie kleinlich abgewogen, ob er das, 
was er andern Völkern und Ländern gab, voll ersetzt erhielt. 
Damit begann bei den Deutschen aber der berechtigte Nationalstolz 
zu sinken, um einer Art Nationaldemuth Platz zu machen. Sie ist 
glücklicherweise einer Wiedergeburt und Gesundung gewichen — und 
nun lernen wir auch über die Auswanderung anders denken. 
Denn der sociale, politische und wirthschaftliche Nutzen unserer 
Auswanderung in ihrem gegenwärtigen Zustande wird durch die 
enormen Verluste, welche durch dieselbe Deutschland in wirthschaft- 
licher, geistiger und pekuniärer Beziehung zugefügt werden, weit
        <pb n="101" />
        89 
überwogen, indem dem Lande allein an Kapitalien mit Einschluß 
der Erzichungs- Unterhaltungs- und Uebersahrtskosten, bei einer 
jährlichen Auswanderung von durchschnittlich Sechzig Tausend 
Kopsen, pro Person nur zu 2000 Mark veranschlagt, in jedem 
ñvhre 120 Millionen Mark für immer verloren gehen. 
ä. Gewinnung von Ackerbau- und Handels-Colonien. 
Die staatsbedrohlichen Folgen der rapiden Bolksvermchning 
solvic fernere immense Verluste am Nationalvermögen können von 
Deutschland nur durch Anlegung von Ackerbau- und Handels- 
Colonien in überseeischen Ländern abgewendet werden, indem als 
dann nicht nur das Mutterland rinnt erheblichen Theil des Ueber- 
schusscs semer Bevölkerung unterbringt, sondern auch die Kolonisten 
mit dem Muttcrlande durch Tauschhandel wirthschaftlich und wenig 
stens so lange die eigenen Bcrthcidigungskrâste nicht genügen ditrch 
dessen Schutz auch staatlich eng verbunden bliebenaußerdem 
Ivütdcn in und von diesen Colonie,, aus für deutsche Arbeitscrzeug- 
„isse neue Märkte und Haudelsgebiete erschlossen ivcrden. Bei An 
lage von Ackerbau- und Handelscolonicn würde bezüglich der er 
steren möglichst menschenarme und hinsichtlich der letzteren haupt- 
jächlich stark bevölkerte Länder zu wählen und daneben die Grün 
dung von Strascolorücn zu erstreben sein, wohin alle zu einer 
mehrjährigen Freiheitsstrafe Verurtheiltcn gebracht würden und wo 
diejenigen von ihnen, welche „ach Verbüßung ihrer Strafe dort zu 
bleiben wünschen und sich während der Straszeit ordentlich betragen 
oder doch wesentlich gebessert haben, ein zu ihrer Existenz ge- 
»ügcndcS Stück Land in Erbpacht gegeben werden könnte. Durch 
solche Strafkolonien würde ein dreifacher Vortheil erreicht; einmal 
daß die Departirte» an eine regelmäßige Thätigkeit gewöhnt und 
gebessert, zweitens, daß die Concurrenz der Gesang,iißarbcit ver 
mindert und drittens, daß in der seit den letzten Jahrzehnten noth 
wendig gewordenen und den, Staate enorme Kosten verursachenden 
stetigen Vermehrung der Gefängnisse und Sttasanstaltcn rin lang-
        <pb n="102" />
        90 
jametes Sempo eintreten würbe. BepüfS tf)unüd)ftet Wcrminbe, 
mng der Transportkosten sollten die Staatseisenbahnen und die 
Marine die erforderlichen Transportmittel gegen mäßige Miethweise 
zur Verfügung zu stellen verpflichtet werden. 
Kein Volk der Erde ist zur Gründung von Colonien so ge 
eignet als das Deutsche und es wird damit ebenso prosperiren wie 
die Engländer und Holländer, sobald es nur bereit Beispiele folgt, 
indem es die sich vorfindenden Landeseinwohner human behandelt, 
denselben ihre Sprache und Religion läßt, sie möglichst selbstständig 
stellt und gegen feindliche Angriffe schützt, sie zur Urbarmachung 
anleitet, Wege und Eisenbahnen baut, mit ihnen verträglich und 
friedfertig lebt, sie wohlhabend macht, sie auel) nach und nach, so 
bald sie sich dazu qualisiciren und es ohne Gefährdung der An- 
siedelungen geschehen kann, zu den Staats- und Gemeindeämtern 
zuläßt. Diesen Colonien würde eine der Unabhängigkeit beinahe 
gleichkommende Autonomie zuzugestehen und dem Mutterlande nur 
die Besetzung der Spitzen der Behörden, insbesondere der Gonverneure 
und Bezirkspräsidenten, wozu juristisch vorgebildete und im Ver 
waltungsfache tüchtige Persönlichkeiten auszuersehen wären, vor 
zubehalten sein. 
Ilm zwischen dem Mutterlande und den künftigen Colonien 
eine im beiderseitigen Interesse liegende wirthschaftliche und nationale 
Verbindung bleibend zu erhalten, dürfte es sich empfehlen, daß die 
Reichsregierung in den Ländern, wo Ackerbancolonien gegründet 
werden sollen, sich durch Verträge einen möglichst großen Land- 
complex unter der Bedingung reserviren ließe, daß der Kaufpreis 
dafür in Zeitraten nach Maßgabe des Bedarfs an Land für 
die deutschen Ansiedler berichtigt und dann das käuflich erworbene 
Land den Einwanderern nach ihrer freien Wahl in Zeit- ober ab 
lösbare Erbpacht giebt. 
Um ganz unbemittelten Personen die Auswanderung nach 
solchen Colonien zu erleichtern, könnte die Reichsregierung für ihre 
Ueberfahrt und ihren Unterhalt während der ersten Zeit des Aufent-
        <pb n="103" />
        91 
halts in ber Colonie Sorge tragen und bezüglich ihrer Ueberfahrt 
mit Schifffahrtsgesellschaften unter möglichst günstigen Bedingungen 
Transportverträge abschließen, und die vorgeschossenen Kosten von 
den Auswanderern in der neuen Heimath burcf) dort von ihr be 
stellte Behörden nach und nach wieder einziehen lassen. Zum 
Schutze der Passagiere und damit alle Vertragsbestinunungen von 
den Schiffseignern genau erfüllt werden, sollte jedem Auswanderungs 
convoi ein staatsseitig bestellter Commissar und Schiffsarzt bei 
gegeben werden. 
Zur Beförderung von jährlich etwa 30000 unbemittelten 
Personen, sowie zu deren Unterhalt in der nächsten Zeit nach ihrer 
Ankunft im neuen Heimathslande dürfte eine in das Reichsbudget 
als Vorschuß aufzunehmende Summe von 20 Mill. Mark jährlich 
vollkommen genügen. Außer zur allmähligen Rückerstattung dieser 
aus Reichsmitteln geleisteten Vorschüsse dürften dergleichen Aus 
wanderer noch dazu zu verpflichten und anzuhalten sein, für die zu 
ihrer Aufnahme bereit zu haltenden Blockhäuser oder Baracken 
gegen Ueberweisung der erforderlichen Baumaterialien eine gleiche 
Anzahl für nachfolgende Einwanderer unter staatlicher Leitung und 
Aufsicht herzurichten. 
Die Anlegung von Handelscolonien würde lediglich dem deutschen 
Handelsstande, resp. Actien-Gesellschaften zu überlassen sein und die 
Reichsregierung nur für deren staatlichen Schutz, sowie für die 
Anstellung tüchtiger Berufsconsuln unb für eine gute Consular- 
gerichtsbarkeit Sorge zu tragen iiiib erforderlichenfalls die Her 
stellung von regelmäßigen Dampfschifffahrtsverbindungen zwischen 
Deutschland und den gegründeten Handelscolonien durch Subvention 
zu fördern haben. 
Es ist deshalb sehr erfreulich, daß die Ueberzeugung von der 
volkswirthschaftlichen Nothwendigkeit der Gründung von Ackerbau- 
und Handelscolonien im Deutschen Reiche immer mehr Boden ge 
winnt, und daß sich bereits einsichtige und patriotisch gesinnte 
Männer zu dem Zwecke vereinigt haben, die hochwichtige Colonial-
        <pb n="104" />
        92 
frage ihrer praktischen Lösung näher zu bringen. Die sich als hohle 
Phrasen erweisenden Behauptungen: daß eine beträchtliche Be- 
völkerungszunahme ein Beweis der socialen Gesundheit und des 
Volkswohlstandes sei, oder daß dieselbe mit der Ernährungsfähigkeit 
des betreffenden Landes mindestens gleichen Schritt halte, oder gar, 
daß die Vortheile der Auswanderung und der Colonisationen durch 
die daraus resnltirenden Nachtheile bei weitem überwogen würden, 
haben auf den urtheilsfähigen Theil der deutschen Bevölkerung nie 
den beabsichtigten Eindruck gemacht, und nach Verlauf von noch 
einigen Jahren dürften sich nur Wenige finden, die durch solche 
Redensarten ihr Urtheil beeinflussen lassen. Dann dürfte es selbst 
der verschlagendsten Dialectik nicht mehr möglich sein, die vom 
Fürsten Bismarck schon vor etwa sechs Jahren versuchte Jnau- 
gurirung einer Colvnialpolitik zu hintertreiben, wie dies damals 
einem Reichstagsabgeordneten leider nur zu gut gelang, wodurch 
sich dieser unpatriotische Mann allerdings um England zum großen 
Schadeil seines Vaterlandes so verdient gemacht hat, daß er leicht 
in die Lage hätte kommen können, eine ihnl von dort zugedachte 
äußere Anerkennung zurückweisen zu müssen. Ist s. Z. die Absicht 
der Regierung, durch Besetzuilg der Samoailiselil den Anfang zur 
Coloniencrwerbung zu machen, durch die sterile Opposition vereitelt 
worden, so mag sie aus jener Zurückweisung gelernt haben, wie 
man sich vor den Feinden in und außer dem Reiche schützt; die 
Besetzung von Angra Pequena it. s. w. hat dies bestätigt. 
Allerdings ist, so schrieb vor einigen Jahren ein großes poli 
tisches deuffches Blatt, die Colonisirung von Staatswegen weit 
lveniger erfolgreich gewesen, als die, welche von Privaten unter 
Schutz der Regierung unternommen ward. So legten in England 
und Holland Privatgesellschaften den Grund zu den mächtigen 
Colonialreichen dieser Länder und beide Staaten thaten lauge nichts 
lveiter, als den Gesellschaften Freibriefe und Handelsprivilegien zu 
ertheilen, sowie den Colonisten wirksamen Schutz zu gewähren. 
Gerade, weil hier Alles der individuellen Energie der Seefahrer
        <pb n="105" />
        93 
und Kaufleute überlassen war, prosperirten ihre Niederlassungen 
rasch. Spanien und Portugal, die von Staatswcgen coloniftrten, 
hşiben von ihren großen überseeischen Besitzungen verhältnißmäßig 
wenig erhalten. — Erst als die englisch-holländischen Privatunter 
nehmungen mächtige Reiche geworden waren, griffen die Regierungen 
mehr in ihre Verwaltung ein. Es wäre daher gewiß sehr empfehlens- 
werth, daß event, auch im Deutschen Reiche die Colonisation von 
Privaten in die Hände genommen und von diesen eine genossen 
schaftliche Organisation tüchtiger Auswanderungs-Elemente geschaffen 
lvürde, daß sich über ganz Deutschland verzweigte capitalmächtige 
Genossenschaften bildeten, deren natürlicher Sitz Hamburg und Bremen 
als Ausgangspunkt der bereits bestehenden und der mit staatlicher 
subvention noch zu errichtenden Dampferlinien wären. Von der 
Centralleitung dieser Gesellschaften würden qualificirte Agenten aus 
zusenden sein, welche das zu erwerbende Land sorgfältig zu prüfen, 
die deshalb nöthigen Verträge abzuschließen und später die Coloni 
sation unter dem Schutze des Reiches zu leiten und zu überwachen 
Hütten. — Bei dem großer! Geschicke der Deutschen zur Colonisation 
würden dann deren Niederlassungen bald gedeihen, Deuffchland 
seinen wirthschaftlichen Horizont mehr und mehr erweitern, dessen 
Jugend ein neues großes Arbeitsfeld eröffnen, den kranken'Säften 
Abzug nach außen verschaffen, wo sic die Gebiete befruchten würden, 
welche nur auf die bildende Menschenhand warten und ein Neu- 
Deutschland errichten, wenn ìvir Deutschen nur energisch zu handeln 
wissen. 
^ie erworbenen Gebiete würderr dem deuffchen Handel und 
Gcwcrbflcisik neue Abfatzqnà und Märkte eröffnen, deren dieselben 
sehr bedürfen. 
Die Behauptung, daß die Welt bereits vertheilt sei und für 
uns kein Raum mehr zur Colonisation vorhanden sei, ist durch 
Fabri, Hoppe, Schleiden, G. Rohlfs u. A. widerlegt, allerdings 
gilt es. nicht zu särrmen, nicht zu warten, bis andere Nationen auch 
aus die noch colonisationsfreien Gebiete die Hand legen.
        <pb n="106" />
        94 
e. Gründung von Arbeitercoloilien. 
Sehr anerkennenswerth ist ferner das Bestrebell der immer zahl 
reicher lverdenden Vereine von Menschenfreunden, der Arbeitsnoth 
durch Gründung von Arbeitercolonien möglichste Abhilfe zu schaffen, 
indem sic reiche Geldspeilden darbriilgen, um mit denselbeil in den 
verschiedenen Gegenden des Deutschen Reiches Ländereien zu er 
werben, und nachdem für die nöthigen Wohn- und Wirthschafts 
räume, sowie für die erforderlichen Acker- uild Hausgeräthe Sorge 
getragen, durch Arbeitsuchende cultiviren und bebauen zu lassen- 
Gott segne dieses menschenfremldliche Wirken unb Walten. 
f. Genossenschaftlicher Ankauf von Hypotheken- 
f order un gen rc. 
Ebenso lobenswerth ist das mehrseitig hervortretende Bestreben 
von Menschenfrellllden, unverschuldete Subhastationen, Concurse und 
angedrohte Prozesse mittelst Ankaufs der Hypothekeiiforderiliigen, 
sowie durch Vergleiche oder fricdensschiedsgerichtlichc Entscheidungen, 
welchen sich zu unterwerfen beide Theile vorher versprochen habcll, 
zu verhindern und so die Bedroheten vor augeilscheinlichen Ver 
lusten oder wohl gar gänzlichem Ruine zu bewahren. 
g. Pfennigsparkassen. 
Auch die Einrichtung von s. g. Pfennigsparkassen verdient die 
möglichste Verbreitung, lvcil durch dieselben auch den Unbemittelten 
Gelegenheit geboten wird, kleine Ersparnisse nlltzbringend anzulegen, 
und namentlich die Schuljugend Anregung erhält, sich schon früh 
zeitig an Enthaltsamkeit und Sparsamkeit zu gewöhnen. 
h. Beschaffung der zur Lösung der nöthigen Staats 
auf g aben erforderlichen Geldmittel. 
Wie man aus diesen wenigen Notizen ersieht, wachsen die 
Staatsaufgaben so riesengroß und ihre Lösung ist so zwingend 
nothwendig, daß die dazu erforderlichen Geldmittel beschafft werden
        <pb n="107" />
        95 
müssen. Zu diesem Behufe sind von der Reichsregierung bereits 
folgende durchaus zweckmäßige Gesetzesvorschläge gemacht oder in 
Aussicht gestellt worden: 
1) betreffend die Einführung des Tabaksmonopols, 
2) über stärkere Heranziehung des beweglichen Vermögens, mittelst 
entsprechender Börsen-, Erbschafts-, Wehr- und anderer in- 
directen Steuern, 
3) über Erhöhung der Wein-, Bier-, Branntwein- und Zuckersteuer; 
4) ferner soll durch Einführung von Unfallversicherungen, Kranken- 
und Altersversorgungskasscn der Noth und Bedürftigkeit der 
Arbeiterklassen Hilfe, sowie der Industrie und den Gewerben 
durch mäßige Eingangszölle Schutz gewährt werden. 
Außerdem beabsichtigt die Neichsrcgierung, eine wesentliche Ver 
minderung der bereits in vielen Gemeinden fast unerschwinglich ge 
wordenen Communalstenern durch staatliche Uebernahme der Kirchen- 
nnd Schullastcn, sowie mittelst Ueberlassung eines Theiles der 
Grund- und Gebäudesteuern herbeizuführen. Als Ersatz für diese 
auf das Reich übergehenden Leistungen und zur Deckung der Kosten 
für weitere Staatszwccke würden das Tabaksmonopol und die eben 
angegebenen Steuern nicht nur vollkommen genügen, sondern auch 
iwch Befreiung der untern Steuerklassen von directe» Steuern und 
Ermäßigung derselben für die höheren Klassen ermöglichen; außer 
dem aber würde durch eine derartige Steuerreform eine gerechtere 
Vertheilung der Steuerlasten erzielt werden. 
Leider ist bei der jetzigen Zusammensetzung der Parteien wenig 
Aussicht aus Annahme aller dieser vortrefflichen Reformvorschläge 
vorhanden, wie ja auch das Tabaksmonvpol und die Wehrsteuer 
in der That abgelehnt wurden. 
Und wie ließe sich auch etwas anderes von antinationalgesinnten 
Parteien erwarten, von denen folgende Parolen ausgegeben und 
befolgt werden: „Keinen Kompromiß mit der Regierung"; „Wir 
kennen zwar die Pläne der Regierung nicht, aber wir verwerfen 
sie im Voraus"; „Erst nach Beendigung des (doch erst von Rom
        <pb n="108" />
        96 
provocirten und von Deutschen geschürten) Kulturkampfes unsere 
Unterstützung der Regierung", während eine vierte Partei erklärt: 
„Wir wollen die Beseitigung der jetzigen Staats- und Rechts 
ordnung". 
Das deutsche Volk wird auf die vollständige Erfüllung seiner 
Wünsche bezüglich einer Besserung der wirthschaftlichen Lage und 
eines richtigeren Steuersystems so lange verzichten müssen, als 
gewisse Parteien durch ihr Verhalten in den Parlamenten und in 
der Presse sich dem Borwurfe aussetzen, daß in ihnen der politische 
Parteihaß größer ist, als die Vaterlandsliebe, daß vor: ihnen klein- 
liche Fractions- und sonstige einseitige Interessen eifriger verfolgt 
werden, als die allgemeinen Landesinteressen; daß sie weder Herz 
noch Verständniß für das wirthschaftliche Elend und ebenso wenig 
aufrichtige, thatbcreite Sympathien für sociale Reformen besitzen, 
sondern statt deren der leidenden Bevölkerung parlamentarische und 
publicistische Wortgefechte und Zänkereien bieten, statt mitzuwirken 
bei der Beseitigung der Ursachen der gegemvärtig nod; andauernden 
wirthschaftlichen Noth. 
Das deutsche Volk, in den unseligen Parteihadcr mit hinein 
gezogen , wird sich voraussichtlich erst dann zur Wahl von nur 
seine und des Landes Interessen vertretenden Abgeordneten ent 
schließen, wenn die Mehrheit seiner Glieder den festen Vorsatz faßt 
und auch ausführt, die von den Regierungen vorgeschlagenen Wirth- 
schafts- und Steuerreformen ohne jedes Vorurtheil lediglich auf 
ihren praktischen Werth selbst zu prüfen und sich dabei von ihren 
Widersachern weder durch schönklingcnde aber nebelhaft und ver 
schwommene Phrasen, noch durch seichte Gegengründc beirren zu 
lassen. Aldann wird das Volk zweifellos finden, daß die Vortheile 
dieser Reformen für die Gesammtheit die etwa für Einzelne daraus 
erwachsenden Nachtheile und Unbequemlichkeiten weit überwiegen, 
weil es bei einer unparteiischen und sorgfältigen Beurtheilung der 
selben zu Resultaten nachfolgender Art gelangen wird.
        <pb n="109" />
        97 
1) Das Tabaksmonopol. 
a. Durch die Einführung des Tabaksmonopols wird keineswegs 
ein blühender Industriezweig, wie seine Gegner glauben machen 
wollen, zerstört, derselbe kann vielmehr unter einheitlicher und 
tüchtiger Leitung noch weit kräftiger entwickelt werden; 
b. die deutschen Tabaksbauern werden ferner nicht von Aufkäufern, 
welche die Preise auf alle mögliche Weise herabzudrücken suchen, 
abhängig sein, sondern es künftig nur mit einem einzigen und 
reellen Käufer, dem Staate, zu thun haben und von diesem 
der Güte des Produkts entsprechende und vorher vereinbarte 
Preise erhalten; 
e. die in den Tabakfabriken beschäftigten Arbeiter wären keinen 
Lohnschwankungen ausgesetzt und könnten sich überdies gewisser 
maßen als Staatsdieucr betrachten, weil sic bei gewissenhafter 
Erfüllung ihrer Obliegenheiten nicht nur keine Entlassung zu 
befürchten, sondern sogar bei eintretender Arbeitsunfähigkeit 
für ihren ferneren Lebensunterhalt, sowie in Krankheits- oder 
sonstigen Nothfüllen staatliche Obsorge zu erwarten hätten; 
d. die Fabrikanten könnten, da sie für Aufgabe ihres Geschäfts 
eine entsprechende Entschädigung erhalten würden, damit unter 
Zuhilfenahme der bereits erworbenen Mittel, bei gehöriger 
Thatkraft und Umsicht durch Betreibung des Tabaksbaues in 
überseeischen Ländern noch gewinnreichere Geschäfte machen, 
denn früher als Fabrikanten, weil sie am deutschen Reiche, 
welches als Inhaber des Tabaksmonopols mindestens zwei 
Fünftel des Bedarfs an Rohtabak von auswärts beziehen 
müßte, einen sichern, coulanten und zahlungsfähigen Abnehmer 
fänden. 
Da die Einführung des Tabaksmvnopols im Hinblick 
auf die vom Staate zu lösenden socialen Aufgaben nur eine 
Frage der Zeit ist. so dürften die reichsländischen Tabaks 
fabrikanten sehr wohl daran thun, wenn sie. womöglich als 
Consortium, recht bald zur Erwerbung von zum Tabakbau 
Blume, Zukunft-staat. ?
        <pb n="110" />
        98 
geeigneten Ländereien in überseeischen Staatsgebieten schritten, 
um'temer geit im Stanbe&amp;u fern, bie %ur M^img ^ 
me#boüemi dorten bon SaMcn nnb Gigarren erforber#en 
%oí)tüMe &amp;U liefern. %8 ba^in tonnten stesa biegewon- 
nenen Nohtabake in ihren eigenen Fabriken verarbeiten lassen, 
e. gemer ist an&amp;une#cn, baß üuc%nad)Ginfüi)nm9beë%aMa, 
monocola bk &amp;auambuftrie:bei amcc!entfp?cd)cnbcr Gontrolc 
nicht nur fortbestehen, sondern sogar erweitert werden könnte; 
k. daß die Befürchtung, es müßten unter der Herrschast des 
Tabaksmonopols Tausende voii den bis dahin in den Tabaks 
fabriken beschäftigtell Arbeitern entlassen werden, aus Täuschung 
bcm#. boss 0^^, bu ber Stoat ea fid, #011^80## 
interesse #r angelegen fein (affen würbe, preiawürbigc, sowie 
mindestens ebenso gute und nach ihrer Dualität sogar sorg 
faltiger fortirte Fabrikate zu liefern, als jetzt die Fabrikanten, 
und da den weniger Bemittelten der Genuß von Tabak und 
Gigarrcn burd, üüigcre greife erleichtert werben foü, ber 
Tabaksconsum nicht nur im Jnlande zunehmen. sondern auch 
das Absatzgebiet nach außen hin sich nach und nach wesentlich 
erweitern würde. — unter der Herrschaft des Monopols eher 
mehr als weniger Tabaksfabrikarbeiter dauernde Beschäftigung 
zu erhoffen hätten. 
g. Ueberbtea würde den Gonsumenten durch das Monopol nicht 
nur bezüglich der Reinheit, fonderli mid) wegen des relativen 
Werthes der Tabaksfabrikate eine größere Garantie geboten, 
während sie jetzt nie sicher sind. ob liicht wenigstens zur Her 
stellung der geringen und mittleren Sorten Surrogate, wie. 
Runkelrüben-, Wallnuß- oder sogar Schilfblütter rc. mit ver 
wendet werden. Gigarren, welche sie z. B. mrt 100 Mark 
pr. Mille bezahlen müssen, haben oft nur einen wirklichen 
Werth von 50—60 Mark. 
Diese enormen Vertheuerungen werden hauptsächlich diuch 
bie mcMacGcn 3m#enberföufe üerurfad)t, wogegen bie %Ko=
        <pb n="111" />
        99 
nop oí fabris ate von ben Verschleißern zu den von der Monopol 
verwaltung nach ihrem reellen Werthe festgesetzten Preisen an 
das Publikum abgelassen werden müssen und die Verschleißer 
dafür einen bestimmten Proeentsatz des Verkaufswerthes von 
der Verwaltung erhalten würden, 
h. Endlich brauchen auch die ausschließlich mit Tabaksfabrikaten 
Handel treibenden Personen keineswegs in ihrer Existenz be 
droht zu werden, wenn ihnen der Verschleiß der Monopol 
fabrikate auf Lebenszeit übertragen und allenfalls noch einem 
ihrer bereits im Geschäfte angestellten Söhne mehrere Jahre 
hindurch belassen würde und der Staat erst dann berechtigt 
wäre, von den vaeant werdenden Verkaufsstellen allmählich 
soviel einzuziehen, als beim Verschleiß der Tabaksfabrikate 
entbehrt werden können. Auf diese Weise ersparte der Fiseus 
zugleich die sich nach vielen Millionen Mark berechnenden 
Entschädigungen. 
Diejenigen Personen dagegen, welche den Tabakshandel 
als Nebengeschäft betreiben, wiirden allerdings höchstens einen 
zweifachen nachgewiesenen durchschnittlichen Jahresbetrag des 
vom Tabakhandel gehabten Reingewinnes beanspruchen können. 
2) Steuerreform. 
Bezüglich der Steuerreform wird man bei ruhigem Nachdenken 
unter Berücksichtigung der gegenwärtigen Zeitlage zu folgenden 
Ergebnissen gelangen: Eine der schwierigsten Aufgaben für den 
Staat ist unzweifelhaft die Aufstellung und Durchführung eines 
guten und gerechten Steuersystems. Vom theoretischen Standpunkte 
aus erscheint eine einzige progressive Einkommensteuer allerdings 
als die rationellste Steuerreform und es ist daher ihre Annahme 
selbst von hervorragenden Steuerpolitikern aufs Wärmste empfohlen 
worden. Allein die bisherigen Versuche haben gezeigt, daß dieser 
Steuerreform sehr schwer wiegende Bedenken entgegenstehen und sie 
weit davon entfernt ist, jene Gerechtigkeit und Zweckmäßigkeit zu 
7*
        <pb n="112" />
        100 
verwirklichen, welche derselben Seitens ihrer Bekenner öfter zu 
geschrieben wird; denn Einkommen und Stenerkraft ist nicht identisch, 
so daß, selbst wenn das wirkliche Einkommen jedes Einzelnen er 
mittelt werden könnte, damit noch keineswegs dessen Stenerkraft 
ersichtlich sein würde, da z. B. zehn Haushaltungen mit denselben 
Einkünften sich je nach Orts-, Familien- und Verwandschaftsverhalt 
nisse, sowie nach Beruf, socialer Stellung, Gesundheitsumständen 
u. s. w. in sehr verschiedener Lage befinden können; so wird ein 
höherer Beamter, von welchem eine seiner Stellung entsprechende 
Repräsentation erwartet wird, mit einem reinen Einkommen voll 
6000 Mark eben auskommen können, während ein Gewerbetreibender 
oder Rentier mit gleich starker Familie bei demselben Jahres 
einkommen und in derselbeir Stadt nicht nur ein behagliches Lebeil 
zu führen, sondern sogar noch eine hübsche Summe jährlich zurück 
zulegen vermag und eine unverheirathete Persoil, bei solchen 
Einkünften sogar in der Lage ist, sich mancherlei kostspielige ma 
terielle uild geistige Gellüsse zu verschaffen, auf welche jene bcideil 
Familien verzichten müssen. 
Thatsächlich würde also dieselbe Steuer für diese drei Haus 
haltungen eine wesentlich verschiedene Last bedeuten, denn der Druck 
von z. B. 300 Mark jährliche Steuer würde bei der ersten Haus 
haltung viel schwerer empfunden werden, als bei der folgeilden, 
während er bei der dritten kaum bemerkbar wäre. 
Es würde daher die Bcsteuerullg mit demselben Procentsatze 
nur scheinbar eine gleichmäßige Gerechtigkeit sein. Man hat nun 
vorgeschlagen, dasjenige Einkommen von der ^Besteuerung aus 
zuschließen, welches zu einer vernünftigen und sittlich gerechtfertigten 
Befriedigung der Bedürfnisse und des Wohllebens genügt und das 
überschießende Einkommen dann progressiv zu besteuern. 
Aber mit welchem Proccntsatze soll die Steuer beginnen, bis 
wie weit derselbe gesteigert und nach welcher Scala festgestellt 
werden? Wie will inan ferner bei denen, welchen der ideale 
Gemeinsinn und die Ehrlichkeit bezüglich der Angaben ihres wirk-
        <pb n="113" />
        101 
lichen Einkommens fehlen, dieses ermitteln, wenn den Einschätzungs- 
Commissionen die Einsichtnahme der Handels- und Geschäftsbücher 
der Steuerpflichtigen, um deren Credit nicht zu gefährden, versagt 
bleiben muß'? Ohne eine discretionärc Machtbefugniß würden aber 
selbst die durch Bürger stattfindenden Vermögensabschätzungen der 
Bürger doch nur arbitraire sein und der Wahrheit oftmals nicht 
annähernd entsprechen. 
Diese nach menschlichem Ermessen unüberwindlichen Schwierig 
keiten machen die praktische und der Gerechtigkeit zugleich ent 
sprechende Ausführbarkeit einer einzigen progressively Einkommen 
steuer ganz unmöglich. Gleichwohl ist aber um der Gerechtigkeit 
rvillcn und zum Zweck der ailgcmessenen Heranziehung des größeren 
Wohlstandes und Reichthums die Einkommensteuer unentbehrlich, 
deiln niemals können ohne dieselbe die steuerpflichtigen Klassen 
durch bloße indirecte Besteuerung ihr gerechtes Theil für Staat 
imb Gcmcinbc iciftcn. S)a ober ba&amp; SW ber Besteuerung 
ber Leistungsfähigkeit durch Anwendung des Systems der dirccten 
Steuern nun einmal nicht zu erreichen ist, so muß demselben gleich 
sam als Ergänzung das der indirccten beigefügt werden, damit 
doch eiiligermaßell das nicht ermittelte Mobiliarvermögen der Staats 
bürger zur Steuer mittelbar heraugczogen wird, und zu diesem 
Behufe sind in erster Linie solche Gegenstände mit Steuern zu be 
legen, welche zum menschlichen Leben nicht durchaus nothwendig 
sind, aber zur Erhöhung des Lebensgenusses beitragen und deshalb 
Don den Bemittelten je nach ihren Vermögensverhältnissen mehr 
oder lveniger begehrt werden. Hierzu gehören namentlich Wein, 
Branntwein, Hopfenbier, Taback, Kaffee, Zucker, Thee, Cacao, 
überseeische Gewürze, Austern, Wildpret, dann Luxusartikel, wie 
Equipagen, Reit- und Kutschpferde, insofern sie nicht zum Dienste er 
forderlich sind, Luxusmöbel, Seiden- und Batisfftoffe, Gold- und 
Silbersachen. Hauptsächlich aber sind Kapitalrente und alle Börsen 
geschäfte zu besteuern. Beim Verkauf und bei Vererbung von Grund 
stücken ist seither in den Bundesstaaten eine durchschnittliche Stempel-
        <pb n="114" />
        102 
[teuer von einem Procent der Kauf- resp. Werthsumme und zwar ohne 
Berücksichtigung der etwa aufhaftenden Hypothekenschulden zu entrich 
ten gewesen. Schon der ausgleichenden Gerechtigkeit nnilcit ist eine Be 
steuerung der Zinsen, Renten und aller Kaufsgeschäfte an der Börse 
geboten und bei sog. Differenz- oder richtiger Wettgeschäften sogar eine 
doppelte Steuer durchaus gerechtfertigt, weil dadurch einer künstlichen 
Steigerung der Preise für Getreide, Petroleum, Häute, Colonial- 
waaren und überhaupt für alle diejenigen Gegenstände, welche in den 
Geschäftskreis der Börse fallen, kräftig entgegengewirkt wird. Damit 
jedoch keine von Kapitalien unmittelbar herrührenden Einnahmen un- 
besteuert bleiben, würden diese sämmtlich, also auch alle Arten von 
Geldanleihen für stempelpflichtig zu erklären sein. 
Die Befürchtung, daß eine Besteuerung der Renten- und 
Börsengeschäfte den Geldverkehr ins Ausland dränge, ist un 
begründet, denn ttotzdem, daß z. B. in Oesterreich von Zins 
coupons eine sehr hohe Steuer erhoben wird, übt dieselbe doch 
nur geringen Einfluß auf den Jnnenvcrkehr mit österreichischen 
Werthpapieren ans und von diesen cursirt sogar ein erheblicher 
Theil im Auslande. Uebrigens kann einem Abflusse an Kapitalien 
ins Ausland behufs Ankauf von dortigen Werthpapieren dadurch 
wirksam entgegengetreten werden, daß von ausländischen Zins- 
eoupons künftig doppelt so hohe Steuern erhoben werden, als von 
inländischen. Anderweite Auslagen von Kapitalien im Auslande 
sind aber wegen der damit verbundenen Schwierigkeiten und Un- 
bequemlichkeiten und da dort zumeist höhere Steuern zu zahlen sind, 
als im Jnlande, weniger zu besorgen. 
Auch der Einwurf, daß den sogen. Differenz- oder Wett- 
geschäften sehr leicht die Form von Zeitgeschäften gegeben werden 
könne, ist unzutreffend, denn ganz abgesehen davon, daß dies ohne 
Gefährdung des Interesses eines der Contrahenten doch sehr schwierig 
sein dürfte, kann eine solche Täuschlmg dadurch unwirffam gemacht 
werden, daß die wirllich erfolgt sein sollende Lieferung glaubhaft 
nachgewiesen werden muß, worauf dann nur der einfache atener-
        <pb n="115" />
        103 
betrag von der Kaufsumme erhoben wird, während, wenn das 
Geschäft sich als ein Differenzgeschäft herausstellen sollte, außer 
der einfachen Steuer von der nach dem Börscncourse ermittelten 
ganzen Kaufsumme auch noch von der Diffcrenzsumme eine besondere 
und zwar höhere Steuer zu entrichten ist. 
Der Einwand, daß durch derartige Steuern der Börsenverkehr 
sehr erschwert unb zeitraubend werde, fällt dem Princip der Ge 
rechtigkeit und der Erfahrung gegenüber, daß Niemand, der bei 
einem Geschäfte zu verdienen hofft, sich baron durch keinerlei damit 
verbundene Beschwernisse unb Unbequemlichkeiten abhalten läßt, 
nicht schwer ins Gewicht. Uebrigens würde, da bei fast allen Kauf 
geschäften auf der einen Seite gewonnen, auf der anderen verloren 
wird, bei einem langsameren Börsenverkehr sich die Zahl der Ver 
luste und Fallimente vermindern, also dessen unheilvolle Wirksam 
keit eingeschränkt werden. Es würde neben dem hohen Ertrage 
einer Börsensteuer noch der unschätzbare Gewinn eines solideren 
und reelleren Börsenverkehrs erreicht. Um überhaupt letztern des 
Charakters eines Ausbcutesystcms möglichst zu entkleiden, erscheint 
es durchaus nothwendig, daß die Börse unter strenge Controle des 
Staates, d. h. der Regierung und des Parlaments, gestellt wird und 
daß zu diesem Behufe an Stelle der vereidigten Makler, da diese 
durch Betreibung von Eigengeschäften an der Börse das Publikum 
sehr leicht benachtheiligen können, künftig staatliche Beamte mit 
fester Besoldung fungiren, ein allgemeiner Schlußnotenzwang ein 
geführt unb vor Allem dem Unwesen falscher und irreführender 
Börsenberichte durch Schaffung eines amtlichen Börsenorgans ein 
Ende gemacht wird, in welchem nur wahrheitsgemäße und that 
sächlich begründete Berichte erscheinen, dem Publikuni nur sicheres 
Werthpapier zum Ankauf empfohlen und stets davon Kenntniß ge 
geben würde, wenn von Geldbaronen zum Zweck der Gewinnung 
von Millionen die Course durch allerhand Manipulationen künstlich 
herabgedrückt oder gesteigert werden sollen. 
Auch dem Gründungsschwiudel ist ein starker Riegel vorzu-
        <pb n="116" />
        104 
schieben, indem die Gründer gesetzlich verpflichtet werden, die Hälfte 
des Gründungskapitals zuvor aus eigenen Mitteln aufzubringen, 
die Actien, welche den Betrag dieser Mittel nicht übersteigen dürfen 
und ans die Namen der Gründer auszufertigen sind, 5—10 Jahre 
außer Cours zu setzen und während dieser Zeit, bei einer staatlichen 
Behörde dcponirt, unverkäuflich zu lassen, sie also auch nicht an 
die Börse zu bringen. Die zweite Hälfte der Actien muß vor der 
ersteren die Priorität erhalten, damit bei einer etwa nöthig werdenden 
Liquidation die Actien der Gründer Behufs Deckung der Passiva 
zunächst zur Verwendung kommen tonnen. 
Es erscheint jedoch durchaus billig, daß bei Grundstückverkäufen 
die aufhaftenden Hypotheken von der Kaufsumme in Abzug gebracht, 
aber Behufs Heranziehung zur Kapital-Rentensteuer der betreffenden 
Steuerbehörde die Namen der Gläubiger amtlich mitgetheilt werden. 
Eine andere gleichfalls durchaus gerechtfertigte indirecte Steuer 
ist die Wehrsteuer; denn wer vom Militärdienste deshalb frei bleibt, 
weil er zu dessen Erfüllung nicht befähigt ist, wird thatsächlich von 
einer Last befreit und es ist gewiß der Billigkeit entsprechend, daß 
er dafür eine andere Last trägt. Da es aber im Gebiete der per 
sönlichen Lasten für ben Staat keine andere Art der Leistungen 
giebt, welche sich zu Ausgleichungen eignet, so muß man in das 
Gebiet der sachlichen Leistungen, d. h. der Steuern, greifen. Wäre 
nachzuweisen, daß der Militärdienst nicht thatsächlich eine Last be 
deute, dann wäre allerdings eine Ausgleichungsbelastung für die 
davon Befreiten nicht gerechtfertigt, allein cs kann nur soviel mit 
Recht behauptet werden, daß der Druck dieser Last von allen 
Schichten der Bevölkerung nicht gleich schwer empfunden wird; denn 
derselbe wird z. B. für einen einfachen Tagelöhner, der weder für- 
erwerbsunfähige Eltern oder Geschwister zu sorgen hat, noch eine 
Stellung im Erwerbsleben aufgiebt, wenn er in den Heeresdienst 
tritt, weit geringer sein, als für junge Leute, welche durch den 
Militärdienst ihre vielleicht erst mühsam errungenen Stellungen 
verlieren oder welche in ihren Studien unterbrochen werden. In-
        <pb n="117" />
        105 
dessen dürfte es billig erscheinen, bei den unvermögenden zum 
Militärdienst Untauglichen Befreiung von der Wehrsteuer eintreten zu 
lassen und sie nur noch dann während ihres dienstpflichtigen Alters 
zu derselben heranzuziehen, wenn sie inzwischen zu Vermögen gelangen. 
Daß die Bedeutung der Ehre des Wehrdienstes dadurch herab 
gewürdigt werde, wenn man Diejenigen mit einer Ausgleichungs 
belastung treffe, welche dieser Ehre nicht theilhaftig werden, ist eine 
bloße Redensart; denn die etwa vorhandene Ehre des Militärdienstes 
kann dadurch nicht im mindesten leiden, daß Andere, welche an 
dieser Ehre und der damit verbundenen Last nicht Theil nehmen, 
dafür eine Steuer zu tragen haben. 
Als eine fernere Ergänzung der directe» Steuer empstehlt sich 
die weitere Entwickelung der Erbschaftssteuer, die mit der Ent 
fernung der Verwandtschaftsgrade vom Erblasser progressiv bis ettva 
50 % gesteigert werden könnte. Sie bildet einen Beitrag zur 
Deckung der Staatsbedürfnisse, schmälert ebensowenig als die künftig 
davon etwa zu zahlende Rentensteuer das seitherige Einkommen des 
Pflichtigen und wird, da dieses vielmehr einen Zuwachs erhält, auch 
der frühere Steuerdruck weniger, vielleicht gar nicht weiter empfunden. 
Die Socialdemokratie hält zwar das Erbrecht für eine willkür 
liche Erfindung der Gesetzgebung und will dasselbe daher gänzlich 
abgeschafft wissen, aber mit Unrecht; denn das Erbrecht hat in der 
Erblichkeit der Menschennatur seinen festen Grund und wollte man 
dem Menschen dasselbe nehmen, so würde man nicht nur dessen 
stärksten Antrieb zur Thätigkeit, zu Fleiß, zu guter Wirthschaft und 
zur Sparsamkeit zerstören, sondern auch die Elternliebe unfruchtbar 
machen, der Familie ans Herz greifen und die Verbindung der 
lebenden mit den künftigen Geschlechtern zerreißen, dagegen die wilde 
Selbst- und Genußsucht steigern. 
3) Schutzzölle. 
Eine der in die Staats- und Volkswirthschaftsverhältnisse sehr 
tief einschneidenden Arten indirecter Besteuerung ist unstreitig der
        <pb n="118" />
        106 
Eingangszoll, welcher sich entweder als ein rein finanzieller oder 
als ein volkswirthschaftlicher charakterisirt. Durch ersteren sollen sich 
dem Staate Einnahmequellen erschließen und es werden damit vor 
zugsweise solche Gegenstände belegt, welche im Jnlande gar nicht 
producirt werden können, während der andere den Zweck hat, die 
inländische Production gegen eine erdrückende ausländische Con- 
eurrenz zu schützen, ihre Lahmlegung und somit einen fortwähren 
den, allmählich zur Volksverarmung führenden Geldabfluß zu vcr- 
hinderu. 
Die Verfechter der beiden einander ausschließenden wirthschaft- 
lichen Richtungen — des Freihandels- und des Schutzzolls — sind 
in einem großen Irrthum befangen, wenn sie ihre persönlichen 
Anschauungen als das allein richtige Resultat der Erfahrungen 
halten. Diese ergeben vielmehr, daß keines der beiden Systeme 
für alle Zeiten und unter allen Umständen das alleiit richtige ist. 
sondern bald das eine, bald das andere, je nach Lage der wirth- 
schaftlichen und socialen Verhältnisse zur Anwendung kommen muß, 
wenn nicht das Staats- und Volksintcresse auf das empfindlichste 
geschädigt werden soll. Dieser vernünftigen Ansicht, welche von den 
bedeutendsten National-Oeconomen, als: Fried. List, Charles Carrey, 
Wilh. Roscher, Carriere u. A. getheilt wird, verschließen sich jedoch 
leider ganze Fraktionen unserer parlamentarischen Körperschaften; 
sie sind unfähig, sich auf einen objectiven Standpunkt zu stellen, 
sondern urtheilen lediglich nach politischen Grundsätzen. 
Welche enormen Verluste aber eine unzeitige ausschließliche 
Anwendung eines der beiden Wirthschaftssysteme einem Lande bringen 
kann, lehrt die durch die fieberhafte parlamentarische Thätigkeit von 
Lasker, Bamberger u. Gen. ins Leben gerufene Freihandelsära; 
denn während ihrer fast siebenjährigen Dauer wurden im Ganzen für 
gegen achttausendMillionenMark Produkte aller Art mehr 
nach dem deutschen Reiche eingeführt, als von da ausgeführt, das 
selbe war also um diese kolossale Summe in wenigen Jahren ärmer 
geworden. Noch einige solche Freihandelsperioden und das deutsche
        <pb n="119" />
        107 
Reich würde wirtschaftlich ruinirt worden fein. Dem Freihaudels- 
syftem entsprechend wurde auch der Einfuhrzoll für Steinkohlen 
und Roheisen aufgehoben, in Folge dessen fast die Hälfte der Berg- 
und Hüttenarbeiter theils gänzlich entlassen werden mußte, theils 
nur noch halbe Arbeit erhalten konnte. 
Ein weiteres Product dieses unzeitigen Zoll- und Handels 
freiheitssystems war die gleichfalls von Bamberger dringend em 
pfohlene Einführung der Goldwährung an Stelle der seitherigen 
bewährten Doppelwährung, in Folge deren das deutsche Reich beim 
Verkauf des größtentheils in Barren eingeschmolzenen Silbergeldcs 
einen Verlust von über 71 Mill. Mark erlitt; denn das Silber 
sank im Preise sehr tief herab, weil der Bedarf ein weit geringerer 
geworden, dagegen in demselben Verhältnisse derjenige an Gold 
und somit auch die Nachfrage darnach gestiegen war, sodaß 
ein Pfund davon nur noch gegen 19 Pfund Silber eingetauscht 
werden konnte, während das frühere stabile Werthsverhältniß 
zwischen beiden Metallen das von 1 zu 15 1 /, war. Die Werths 
verschiebung dieser beiden vorzüglichsten Tauschmittcl mußte auch 
eine Preisverschiebung bezüglich der Tauschobjeete herbeiführen und 
thatsächlich ist denn auch etite solche zu Ungunsten der Landwirth 
schaft, des Handels, der Industrie, der Gewerbe und des Arbeiter- 
standes eingetreten. 
Es haben denn auch selbst schroffe Gegner der Doppelwährung 
nach und nach einsehen lernen, daß eine reine Goldwährung den 
Handel und Verkehr ganz erheblich beschränkt und jede Regung ans 
dem volkswirthschaftlichen Gebiete hindert, ja theilweise wirklich 
untergräbt. Den überzeugendsten Beweis dafür liefert die englische 
Bank, indem durch wenige Hunderttausend Pfund Gold, welche aus 
ihren Kellern entnommen werden, bereits die Möglichkeit in Aus 
sicht gestellt ist, daß abermals eine Discontocrhöhung eintreten kann 
und auch gewöhnlich erfolgt. Wenn dies schon in einem Lande, 
loo die Goldwährung seit Jahrzehnten eingeführt ist und bei einem 
den Weltmarkt beherrschenden Bankinstitute möglich ist, wie viel
        <pb n="120" />
        108 
weniger werden andere Länder und Geldinstitute derartigen Cala- 
mitäten gewachsen sein. Die Stabilität eines mäßigen Discontos 
bleibt fiir die Zukunft ausgeschlossen und gleichwohl kann die vor 
handene und kaum bemerkbar zunehmende Masse des Goldes den 
Anforderungen des Welthandels nicht genügen. 
Soll also dem Volkswohle, dem Handel, der Industrie und 
dem Verkehr gebührende Rechnung getragen und der herrschenden 
Geldnoth Abhülfe geschafft werden, so muß Deutschland für Erhö 
hung des Silberwcrthcs durch Wiederaufnahme der Doppelwährung, 
jedenfalls aber dafür sorgen, daß im Jnnenverkehr das Silbergeld 
nicht nur beibehalten, sondern noch vermehrt werde. Und es ist 
erfreulich, daß man sich im Volke immer mehr von der Richtigkeit 
dieser Ansicht überzeugt. Möge dasselbe sich nicht abermals durch 
gewöhnlich ails unlauterer Quelle fließende parlameiltarische Reden 
irre führen lassen. 
Bezüglich der Schutzzölle darf man sich jedoch nicht etlva dem 
Glauben hingebeil, als könnten dieselben Wunder thun, denn er- 
fahrnngsmäßig vermögen Einfuhrzölle niemals eine wirkliche Ver- 
mehrung, sondern nur eine Umlegung der natürlichen Arbeits- lind 
Kapitalkräfte zu bewirken, deshalb bürsten in Deutschland die Schutz 
zölle von dem Zeitpunkte an, in dem dasselbe bezüglich feiner Pro 
dukte mit denjenigen Ländern, gegen welche die Schlltzzölle errichtet 
sind, ohne Verluste concurriren kann, allmählich wieder beseitigt 
werden. Also so lange Schlltzzoll für das deutsche Reich, bis, wie 
List ganz treffend sagt, zwischen ihm und ben mit ihm concurriren 
den Ländern die Waffen gleich sind, d. h. bezüglich derselben Pro 
dukte mit ihnen concurriren kann, denn sonst würde es jährlich um 
soviel ärmer, als es im Gcldwerthe an Waaren mehr einführt als 
ausführt. Zwar legt das Schutzzollsystem dem Volksvermögen 
Opfer auf, aber sie bestehen nicht in baarem Gelde, sondern nur 
in Produkten, von denen bei gleicher Anstrengung der Productions- 
kräfte weniger hervorgebracht und verbraucht würben, als der freie 
Handel geschaffen haben würde. Die seit den sechziger Jahren im
        <pb n="121" />
        109 
Sinne des Freihandels eingeschlagene Politik, sagt O. Stein, hat 
Deutschland keine Rosen gebracht. Sv lange die Industrie nicht 
vollständig ihre Unabhängigkeit behaupten kann, bringt es die größ 
ten Gefahren, den Freihändlern Concessionen zu machen; denn im 
günstigsten Falle wird die Industrie dem Handel dienstbar, der 
Handel aber bringt mit der Industrie auch die Landwirthschaft 
unter seine Botmäßigkeit. Wenn die von List vertheidigten Grund 
sätze nicht praktisch verwirllicht worden wären, wenn Deutschland 
mittelst des Zollvereins und einer weisen Schutzzollpolitik nicht seine 
Produktionskräfte an Zahl und innerer Kraft verzehnfacht und die 
Hülfsmittel seiner materiellen Existenz und des Staates so erheblich 
vermehrt hätte, so würde es nicht möglich gewesen sein, z. B. die 
Armee alls jene Stufe der militärischen Ausbildung zu heben und 
die Nation zu jenem Ausbruche der patriotischen Begeisterung zu 
entflammen, welche nöthig war, um mächtige Feinde zu besiegen 
lind die Einheit und das Ansehen der Nation nach außen dauernd 
zu festigen. Aus dem Zollvcrbande ging die wirthschaftliche Macht 
llnd aus dieser die politische Einheit hervor. Es ist mit dem 
Schutzzollsystem ein Mittel gegeben, neue Produktionskräfte zu 
bilden und schlummernde zu wecken, die aus die Dauer viel mehr 
werth sein können, als jene Opfer betragen haben. Mittelst des 
Schutzzolls kann die Entwickelung der produktiven Kräfte mehr 
gefördert und somit für das Wachsthum des Nativnalreichthums 
weit wirksamer gesorgt werden, als durch freien Tauschhandel. Und 
wie nützlich rechtzeitige indirecte Steuern und Schutzzölle zu wirken 
vermögen, dafür liefern England, Frankreich und Amerika die 
eclatantesten Belege, wo bis zu drei Viertel der Staatsbedürfnisse 
durch indirecte Steuern gedeckt werden, wo durch Schutzzölle die 
Produktionskräfte in verhältnißmäßig kurzer Zeit zu ungeahnten 
Entwickelungen gelangt sind und dadurch das Nationalvernrögen 
immer größer und größer geworden ist. England huldigt dem 
Systeme der Handels- und Zollfreiheit nur solchen Ländern gegen- 
iiber, deren Concurrenz es völlig gewachsen ist und daher nichts zu
        <pb n="122" />
        110 
fürchten hat, während es in seinen Colonien sehr hohe bis zu 10% 
des Waarenwerthes steigende Schutzzölle zur Anwendung bringt. 
Dies wird aber von unseren deutschen Manchestermännern gänzlich 
unbeachtet gelassen, vielmehr halten sie Handels- und Zollfreihcit 
für unbedingte Erfordernisse einer gesunden Wirthschaftspolitik mid 
sind trotz der gemachten traurigen, den Volkswohlstand unter 
grabenden Erfahrungen in ihrem eigenen Vaterlande unausgesetzt 
ciftig bemüht, für das Manchesterthum Propaganda zu machen, 
worüber natürlich England sich schadenfroh die Hände reibt. Diese 
Männer merken nicht einmal ihren völligen Mangel an praktischem 
Verständniß und staatsmünnischer Begabung. — Nordamerika, das 
freieste Land der Welt, belegt alle Gegenstände, welche es selbst 
liefern kann, mit meist sehr hohen Eingangszöllcn, in Folge dessen 
daselbst fast alle Industriezweige in den legten Decennien einen 
solchen Aufschwung erhalten haben, daß cs bereits eine große An 
zahl von Artikeln, die früher von auswärts bezogen werden mußten, 
selbst ausführt und damit auf dem Weltmärkte die Concurrenz aus 
halten kann. 
Nachdem nun die Eingangs angegebenen Objecte dieser Schrift 
bezüglich des Wesens unb ber Ziele der modernen international- 
communistischen Bewegung näher erörtert sind und der Leser sich 
sowohl von der Unausführbarkeit der Aufrichtung eines lebens 
fähigen collectivistischen Volksstaates als auch von der Nothwendig 
keit einer endlichen Lösung der Socialfrage überzeugt haben wird, 
sowie die Haupterfordernisse dieser Lösung kennen gelernt hat, soll 
noch dem Wunsche und der Hoffnung Ausdruck gegeben werden, 
daß diese Ueberzeugung recht bald alle Schichten der deutschen 
Bevölkerung durchdringen nnd dieselbe durch ihre Vertreter die 
Reichsregierung in ihren offenkundigen Bestrebungen, zweck- und 
zeitgemäße staats- und volkswirthschaftliche Reformen herbeizuführen, 
kräftig unterstützen mögen. Um dieser Erkenntniß und Ueberzeugung
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        Ill 
aber in die Herzen des Volkes Bahn zu brechen, muß von allen 
Freunden menschlichen Fortschrittes dahin gearbeitet werden, daß 
wir in unserem ganzen Thun und Denken wieder einer mehr idealen 
Richtung zusteuern, daß die breiten Schichten des Volkes nicht 
glauben, sich durch einen äußeren Schein von Humanität zu einer 
höheren Stufe emporgeschwungen zu haben. Ist erst durch gutes 
Beispiel der oberen Klassen der Hauptfehler unseres Jahrhunderts, 
der verderbliche Ehrgeiz, mehr klug als gut sein zu wollen, dem 
Ausstcrben nahe, dann wird es auch im Volke besser werden, dann 
wird man auch dort mehr Verständniß für die Aufgaben des 
Staates der socialen Reform gegenüber bekommen. Die raschen 
und in Erstaunen setzenden Fortschritte unserer Technik und die 
Erhöhung unseres Culturzustandes sind noch nicht so erfaßt, daß 
sic als ruhiger Besitz genossen wurden; sie haben selbst in der 
Benutzung noch das Berauschende ihres Ursprungs an sich — und 
betäuben den Benützenden. Mit anderen Worten gesagt, stattet 
das gegenwärtige Jahrhundert den Einzelnen mit einer früher un 
gewohnten Fülle von geistigen und materiellen Gütern aus und 
verleiht dadurch selbst dem bescheiden Bemittelten ein Selbst- und 
Machtgefühl, welches ihn unbescheiden und anspruchsvoll macht, 
indem es ihm vorgaukelt, er verdanke seine Hülfsmittel sich selbst 
itttb nicht der hoch entwickelten Cultur, die ihm die reifen Früchte 
in den Schoos; warf. Daraus entsteht eine häßliche Art der 
Selbstüberschätzung. Unterzöge man sich den Pflichten der Menschen 
liebe in gebührender Demuth und in dem Bewußtsein, daß der 
Mensch Alles, toas er ist und hat, nur zu Lehen trügt und daß 
er nur ein Dienstmann Gottes ist, so würde man auch in allen 
Kreisen mit mehr Eifer die Bemühungell des Staates zur Lösung 
der socialen Frage unterstützen. Edel sei der Mmsch, hülfreich 
und gut; denn das allein unterscheidet ihn voll allen Wesen, die 
lvir kennen. Gehen die Edlen und Guten im Volke, die wahrhaft 
Gebildeten mit echter Gemeinnützigkeit beispielgebend voran, danil 
muß dies auch veredelnd auf jene Volksklasscn einwirken, welchen
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        112 
die wohlgesinnten Bürger und der Staat so gerne helfen möchten. 
Durch Undank, Ucbelwollen und durch individuelle Gemeinheit 
darf der Edelgesinnte sich von der Ausübung und fortwährenden 
Bethätigung gemeinnützigen Strebens nicht abhalten lassen. — Ist 
auch die große Masse im Volke politisch noch zu unreif, als daß 
sie in socialpolitischen Dingen sich selbst ein richtiges Urtheil zu 
bilden vermöchte, und daher von gewissenlosen Agitatoren und 
einer feilen Presse irregeleitet, nur zu leicht tu das Lager der 
Staats- und Volksfeinde zu locken, so würde doch edles Beispiel, 
gesunder Sinn und nicht zum wenigsten bittere Enttäuschungen sie 
nach und nach erkennen lassen, wo sie wirklichen Schutz und reelle 
Hilfe zu erwarten hat. 
Diese Erkenntniß wird freilich erst dann kommen, wenn das 
Volk nicht mehr mi den widrigen Parteikämpfen, wo der Gegner 
aus Parteihaß selbst der Wahrheit ins Gesicht schlägt, Theil nimmt 
und seine Gedanken hauptsächlich darauf richtet, was ihm wirklich 
zum Segen gereicht. Dann werden auch die Parteiführer sich ge 
zwungen sehen, entweder die wahren Volksinteressen thatsächlich zu 
vertreten unb zu fördern, oder der Führerschaft zu entsagen. Mag 
aber auch die ältere, jetzt herrschende Generation bei ihrem Partei 
gezänk beharren und fortfahren, das Volk mit hochtönenden Phrasen 
von Freiheit und Volksbeglückung, mit denen doch nur egoistische 
Bestrebungen verdeckt werden sollen, irre zu führen, sie muß doch 
dereinst der heranwachsenden Generation Platz machen intb diese, 
welche die traurigen Wirkungen des unseligen Partcigetriebes der 
Väter zur Genüge kennen gelernt hat, wird, kraft ihrer jugend 
lichen Elastizität für alles Hohe und Edle empfänglicher, den 
nationalen Gedanken und seine nothwendigen Forderungen besser 
verstehen, als jene. Auf ihr beruht daher auch Deutschlands 
bessere Zukunft. Insbesondere ist cs die akademische Jugend, welche 
eine so frohe Hoffnung rechtfertigt. Mit Stolz und voller Befrie 
digung darf jeder aufrichtige Vaterlandsfreund von den patriotischen 
Kundgebungen der deutschen Studentenschaft Kenntniß nehmen,
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        113 
tenu sie hat ja feierlich angelobt, in ihrem künftigen Berufe, sei es 
olé Geistlicher, Lehrer, Richter, Anwalt, Arzt, Staats- oder 
Gemeindebeamter, sowie als Gelehrter und Schriftsteller mit der 
ganzen Kraft ihres Willens und ihrer Ueberzeugung für Deutsch 
lands Ehre, Ruhm und Wohlfahrt einzustehen, für eine kräftige 
Neubelebung des durch rein materialistische Bestrebungen der Neuzeit 
überwucherten religiösen und sittlichen Gefühls im Volke zu wirken, 
zu kämpfen gegen die alles nivellirende und die religiöse Entwicke- 
lung von Jahrtausenden hinwegspöttelnde Freigeisterei. Diese heran 
wachsende Generation will echte, nicht aber jene verwaschene Tole 
ranz üben, die nichts weiter als Jndifserentismus in religiösen 
Dingen ist, sie wird, obwohl dem Principe der Geistesfreiheit hul 
digend, dennoch mit größter Energie allen angeblich wissenschaft 
lichen Bestrebungen, welche offenbar die Fundamente der Moral 
untergraben, entgegen treten. Wenn zur Vertretung des Volkes 
berufen, wird sie ohne irgend welche Rücksicht auf Parteistellung 
nur dem Gebote der Pflicht und des Gewissens folgend, sich an 
den parlamentarischen Arbeiten betheiligcn. bei Prüfung der Gesetzes- 
vvrlagen einen rein objectiven Standpunkt einnehmen, dabei nur 
ihren praktischen Werth ins Auge fassen, und sich durch fcincrlet 
Theorien beeinflussen lassen, so dringend auch dieselben von ihren 
Vertretern empfohlen worden sein mögen. Sowohl von der unbe 
dingten Nothwendigkeit der Herbeiführung finanzieller, steuerlicher 
ilnd volkswirthschaftlicher Reformen, wie auch von der Zweckmäßig 
keit der diesbezüglichen Regierungsvorlagen und Intentionen über 
zeugt, wird sic daher mit der ganzen Kraft ihres Wollens und ihrer 
Intelligenz für deren Durchführung wirken und nicht eher ruhen, 
bis dieses Ziel, zum Segen des Staates und Volkes erreicht ist. 
Fest und treu wird das künftige Geschlecht an der Verfasfilng halten, 
jeden Angriff auf dieselbe, woher er auch kommen mag, mit aller 
Entschiedenheit zurückweisen; sic wird alles vermeiden, was die 
Würde und den Credit des Parlaments nach innen oder außen hin 
schädigen könnte; deshalb wird sie sich aller persönlichen, immer 
v I u IN ». Zukunstķstaat. a
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        114 
nur eine gemeine Gesinnung und Mangel an Gesittung, Anstands- 
nnd Ehrgefühl kundgebenden Beleidigungen, welche sich zur Schande 
Deutschlands nicht nnr die schlechte Presse, sondern anch Parla 
mentarier anS Neid oder Selbstsncht selbst gegen die verdientesten 
Staatsmänner vielfach erlanbt haben, gänzlich enthalten. Ihr par 
lamentarisches Verhalten wird überhanpt der Art sein, wie sie 
einem aufrichtigen, selbstlosen Patrioten geziemt nnd ihm in bei 
Weltgeschichte für alle Zeiten ein ehrendes Andenken sichern wird. 
Unerschütterlich festhaltend an Kaiser und Reich wird die heran 
wachsende Generation den doch nur selbstsüchtigen Beweggründen 
entspringenden Bestrebungen, dem englischen Parlamentarismus, der 
nichts weiter ist, als eine Oligarchie der englischen Aristokratie oder 
gar die jede staatliche Existenz erschütternde und in Frage stellende 
Republik an Stelle des bewährten deutschen Repräsentativsystems 
zu stellen, ans das hartnäckigste Widerstand leisten. Und sie wird 
wohl daran thun, denn wie anch zwei Staats- und Volksrechts 
lehrer ersten Ranges, — Bluntschli und Zachariae klar dai gethan 
haben, ist die jetzige Repräsentativverfassnug in Deutschland aus 
dem deutschen Volkscharakter erwachsen und deshalb anch volks- 
thümlich, entspricht überdies unzweifelhaft weit mehr, als jene Staats 
formen dem Ideale eines freien und gut geleiteten Staatswesens; 
giebt anch sichere Gewähr sowohl für die allgemeine Volksfreiheit, 
als anch für die Volkstheilnahme am öffentlichen Leben; fordert 
weit schneller und leichter die Einführung zeitgemäßer und nützlicher 
Reformen; ferner ist Deutschland, sowohl England als auch allen 
Staaten mit republikanischer Verfassung an idealen, dem Leben erst 
einen wahren, hohen Werth verleihenden Instituten und Gütern, 
als: Volksschulen, Gymnasien, Universitäten, Aeademien in Kunst 
nnd Literatur bedeutend überlegen, hat die wichtigsten aller Frei 
heiten: die Gewissens- und Geistesfreiheit früher errungen und übt 
sie anch heute noch ungehinderter und voller, als jene Staaten. 
Die beiden gefährlichsten Feinde des wieder aufgerichteten 
Kaiserreichs sind unstreitig die Socialdemokraten und die jesuiten-
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        8* 
115 
freundlichen Ultramontanen, die Förderer des religiösen Unfriedens 
in Preußen. Da jedoch diese wie die übrigen reichsfeindlichen 
Parteien ihre Existenz durch jene bedroht sehen und zu der Ueber 
zeugung gelangt sind, daß einer solchen Gefahr nur durch die Ein 
führung von nothwendigen Socialreformen vorgebeugt werden kann, 
so läßt sich hoffen, daß sic gemeinsam die Neichsrcgierung, wenn 
auch widcrlvillig, in ihren Rcformbestrebungen, wie schon jetzt er 
sichtlich, unterstützen werden. Die Socialdemokraten könnten zwar, 
wenn die Zerfahrenheit und Uneinigkeit in den Reihen ihrer Gegner 
fortdauert, diese durch Ueberrumpeluug niederwerfen, allein ein 
lebensfähiges commnnistischcs Reich vermögen sie aus den oben 
dargelegten Gründen nimmer zu errichten, vielmehr würden sie 
dasselbe bald wieder zusammenbrechen sehen; ein Beispiel der 
raschen Vergänglichkeit socialdemokratischer Regierung hat in neuerer 
Zeit die Pariser „Commune" (1871) gezeigt. — Was nun die 
andauernde Störung des religiösen Friedens anlangt, so kann 
sic zweifelsohne die sittliche und materielle Wohlfahrt eines 
Staates auf unabsehbare Zeiten ernstlich gefährden. Als in Folge 
der Revolution von 1848 das Prestige der römischen Curie mehr 
und mehr sank und ihr sogar die weltliche Herrschaft über den 
Kirchenstaat verloren ging, sannen die Jesuiten darauf, für das 
Papstthum nicht nur Beides wieder zu gewinnen, sondern auch 
dasselbe zu einer solchen Omnipotcnz empor zu heben, wie sie der 
ehr- und hcrrschsüchtigc Papst Gregor VII. erreicht hatte. Zur 
Vornahme der zu diesem Zwecke für dienlich befundenen Experimente 
schien das wieder erstandene Deutsche Reich unter einem protestan 
tischen Kaiser ìmd insbesondere das Königreich „Preußen" das ge 
eignetste Versuchsfeld zu bieten. Die Jesuitcupartci übernahm die 
Leitung. Sie provozirtc den s. g. Culturkampf gegen Preußen und 
um in demselben eine möglichst scharfe Waffe zu besitzen, glaubte 
sie eine solche in dcm Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes ge 
funden zu haben; und deshalb ward es verkündigt, trotz der ener 
gischen Einsprache mehrerer Bischöfe und ihrer Vorhersagung, daß
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        116 
es bei allen aufrichtigen und einsichtigen Katholiken großes Aergerniß 
errregen müßte, wenn dem doch gleichfalls mit menschlichen Schwächen 
und Fehlern behafteten Papste eine Eigenschaft beigelegt würde, 
die ja Gott nur allein besitze und man sich daher durch einen 
solchen Menschenact gar arg gegen ihn versündige. Allein die 
protestirenden Bischöfe wurden überstimmt und zur Unterwerfung 
gezwungen, erst mit Güte, und, wo diese nicht wirkte, durch An 
drohung der Amtsentsetzung. Und einer nach dem andern gab 
seine Ueberzeugung Preis und unterwarf sich. Die niedere Geist 
lichkeit, einzelne rühmliche Ausnahmen abgerechnet, wagte gar 
nicht, offenen Widerstand zu leisten, und ebensowenig Laien, 
aus Furcht vor Excommunication und anderen Kirchenpönitenzen. 
Ja, einige deutsche Bischöfe glaubten den Übeln Eindruck ihrer Ein 
sprache gegen das Unfehlbarkeitsdogma in Rom dadurch gänzlich 
verwischen zu können und die vollste Gnade am päpstlichen Stuhle 
wieder zu gewinnen, daß sie sich gegen die kirchlichen Gesetze des 
Staates unbotmäßig zeigten. Als nun dieser Behufs Aufrecht 
erhaltung seiner Autorität sich gezwungen sah, gegen die Gesetzes 
übertreter strafrechtlich vorzugehen, schrie man in Rom über Ver- 
gewaltigung, Unterdrückung der Gewissens- und Glaubensfreiheit, 
über Diocletianische Verfolgung, Eingriffe in die Rechte der katholi 
schen Kirche, Verwaisung der Diöcesen und was dergleichen Un 
wahrheiten mehr waren. Noch lauter schrieen die preußischen An 
hänger der Jesuiten und man war sogar so perfide, die preußische 
Negierung und die Liberalen der Urheberschaft des in Rom an 
gezettelten Culturkampfes zu beschuldigen. Diese Leute trieben aber 
nicht etwa religiöse Beweggründe und moralische Ueberzeugung dazu, 
sich an dem frivolen Kampfe gegen ihr eigenes Vaterland zu bc- 
theiligen, sondern particularistischer Haß, Herrschsucht oder der 
Ehrgeiz, eine wichtige Rolle in der Politik zu spielen. Und wohl 
fühlend, daß diese Rolle von nicht längerer Dauer sein würde, 
als der Culturkampf, suchen sie selbst unter Anwendung moralisch 
verwerflicher Mittel, allen auf Wiederherstellung des religiösen
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        117 
Friedens gerichteten Bestrebungen des Papstes und der Preußischen 
Regierung entgegen zu wirken, was ihnen denn auch mit Hilfe des 
jesuitisch gesinnten Clerus und einer gewissenlosen, feilen Presse bisher 
leider nur zu gut gelang. 
Fast gleichzeitig wurden auf Anregung der Jesuitcnpartei in 
Rom auch noch in anderen Ländern durch dienstwillige Bischöfe 
Kraftproben der hierarchischen Machtentwickelung angestellt und 
Culturkampfe angezettelt. Wie glücklich können sich diejenigen 
katholischen Länder schätzen, welche sich von Rom losgelöst haben. 
Bei ihnen herrscht der tiefste religiöse Frieden, weil zwischen den 
Rechten und Pflichten der Kirche und des Staates bestimmte un 
verrückbare Grenzen gezogen sind und diese gegenseitig gewissenhaft 
rcspcctirt werden müssen; beide Theile sich sogar in der Erfüllung 
ihrer erhabenen Missionen gegenseitig wie Verbündete unterstützen; 
beide auch gemeinsam die religiösen Gesinnungen, die Achtung vor 
den Gesetzen und die Liebe zum Vaterlande im Volke pflegen und 
fördern. 
Dagegen scheint nach den gemachten traurigen Erfahrungen 
leider keine Aussicht vorhanden zu sein, daß, so lange der allmäch 
tige und das Papstthum völlig beherrschende Jesuitenorden fort 
besteht, irgend welcher Staat mit römisch-katholischen Unterthanen 
ohne Preisgabe, wenn auch nicht seiner Souveränität, so doch von 
werthvollen Hoheitsrechten von Rom einen ehrlichen und dauer 
haften Frieden zu erlangen vermag. Uitb gleichwohl bedarf kein 
anderes Land der Welt des innern und somit auch des religiösen 
Friedens so dringend, wie das im heißen Concurrenzkampf ringende 
Deutschland. Sollte nun die Römische Curie, statt, ihrer eigent 
lichen hohen Mission eingedenk, lediglich die wahre christliche Re 
ligion zu pflegen und zu fördern, stets aufrichtige Friedensliebe zu 
üben lind zu bethätigen, die Kirche da, wo sich im Laufe der Zeit 
Mißbräuche eingcschlichen haben und der Cultus zu einem bloßen 
äußeren glänzenden Schaugepränge ohne sittlichen Kern herab 
gesunken ist, in ihrer ursprünglichen Erhabenheit und Einfachheit
        <pb n="130" />
        118 
wieder herzustellen, sowie mit aller Strenge darauf zu halten, daß 
sämmtliche Diener der Kirche dnrch einen christlichen Lebenswandel 
den Laien mit gutem Beispiele vorangehen; sollte sic statt dessen 
den religiösen Frieden durch Hetzereien, Unbotmäßigkeiten des Clcrus 
und hierarchische Anmaßungen staatlicher Befugnisse auch fcrnerweit 
in Deutschland stören, so würden entweder solche Ungcbührnisse 
durch energische Anwendung geeigneter gesetzlicher Maßnahmen zu 
ahnden sein, oder wenn auch diese sich als unwirksam erweisen 
sollten, die Katholiken Deutschlands, die ja nicht minder empfindlich 
unter den unseligen, religiösen Wirren zu leiden haben, als die 
nichtkatholischen Deutschen, mm endlich einmal zu einem dauerhaften, 
religiösen Frieden zu gelangen, wohl kaum etwas anderes übrig 
behalten, als dem Beispiele der griechisch-katholischen Länder folgend, 
das Kirchen-Regiment einem Metropoliten oder Patriarchen unter 
Beiordnung von Bischöfen und andern geistlichen Würdenträgern 
und zwar sämmtlich deutscher Nationalität zu übertragen. — Ja, 
wenn das jesuitische Rom und seine angeworbenen Gehilfen sich 
auch ferncrweit gegen das deutsche Reich und seine Regierungen 
feindselig und unfriedfcrtig verhalten sollten, so könnte es wohl ge 
schehen, daß der ganz Deutschland schon einmal in diesem Jahr 
hunderte durchbrausende Ruf: „Los von Rom" noch zur Wahrheit 
wird. Denn der höhnende hierarchische Uebermuth Roms vermag 
selbst die sprichwörtlich gewordene Langmuth und Geduld des 
Deutschen Volkes endlich zu erschöpfen und zum Widerstand zu 
reizen. — Hoffen wir jedoch, daß cs Rom niemals zum völligen 
Bruche mit Deutschland treiben werde. 
Und nun zum Schlüsse des Buches mögen alle Wünsche und 
Hoffnungen patriotisch Denkender, alles Streben und Wollen des 
deuffchen Volkes zusammengefaßt werden in dem vaterlandehrenden 
und markigen Wahrsprnch: 
„Mit Gott für Kaiser und Reich!"
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