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        <title>Der Zukunftsstaat und die Lösung der socialen Frage</title>
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            <forname>Th.</forname>
            <surname>Blume</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
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            <idno>834226952</idno>
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M

U

13188
        <pb n="2" />
        Nr.  K  /3^8^

EIGENTUM
DES
INSTITUTS
FOR
WELTWIRTSCHAFT
KIEL

BIBLIOTHEK
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        *

.
        <pb n="4" />
        Per
Jukunfls-Staat
und  die
Msung  der  socialen  Frage.

Allen  Lerufsständen,
insbesondere  den  Arbeitgebern  und  Arbeitnehmern  gewidmet
von

Dr.  GH.  ^Wtume.

-#&amp;gt;Ak

Hannover.
ķertcrg  von  Gart  Mener
(Gustav  Prior)
1884.
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ffiìi'jph
*¡~  Bibliothek
*  Kia\

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        Voewoà

Gewöhnlich  glaubt  der  Mensch,  wenn  er  nur  Worte  hört.
Es  müsse  sich  dabei  doch  auch  was  denken  lassen.
Goethe.
Äuf  diese  hier  so  trefflich  charaktcrisirtc  Schwachheit  der
Menschen  oder  besser  gesagt,  des  größeren  Theiles  der  Menschen
bauten  von  jeher  utopische  Schwärmer  und  Betrüger,  zu  denen  sich
unter  neuem  Namen  (denn  die  Sache  ist  die  alte)  die  Socialdemokraten ­
  gesellt  haben.  Die  modernen  Communiste»  gleichen
delteit  früherer  Jahrhunderte  wie  ein  Ei  dem  andern.  Die  Bilder,
welche  sie  von  ihrem  ZuklUlftsstaate  eittwcrfen,  scheinen  ans  den
Utopien  abgeschrieben  zu  sein,  welche  uns  Morclly  vierzig  Jahre
vor  dem  Ausbruche  der  französischen  Revolution  und  zahlreiche
andere  Schriftsteller  vor  unb  nach  ihm  geliefert  haben.  Aehitlichc
Gedanken  und  communistische  Bewegungen  sehen  wir  fast  in  jedem
Jahrhundert  sich  erheben  unb  wie  eine  Sternschnuppe  verschwinden;
manchmal  treten  sie  nur  innerhalb  eines  Standes  auf,  wie  bcispielslveise
  in  den  religiösen  Orden  des  Mittelalters,  sowohl  im  christlichen ­
  Europa,  als  im  buddhistischen  Indien  und  Tibet.  Häusig
entstehen  communistische  Träumereien,  wenn  in  einem  Zeitalter  die
gesellschaftlichen  Zustande  so  von  unnatürlichen  Gegensätzen  und
unvermittelten  Sprüngen  Don  „Arm"  zu  „Reich"  durchsäuert  sind,
daß  nothwendig  eine  Gährung  sich  bilden  muß,  die  dann  die  Sehnsucht ­
  nach  sonderbaren  Ideen  erzeugt.  Philosophen  haben  diesen
^rang  nicht  unrichtig  die  Sehnsucht  nach  der  Natur  genannt.  Die
        <pb n="7" />
        rv

gewöhnliche  Folge  war  und  ist,  daß  diese  Utopisten  von  einem
Extrem  ins  andere  fallen  und  in  ihrem  überreizten  Gehirn  sich  ein
Idyll  des  Naturzustandes  zurechtlegen,  wie  es  in  der  That  nie
existirt  haben  kann,  noch  je  zu  existiren  vermag.  Die  Socialdcmokraten
  unterscheiden  sich  von  jenen  Communisten  nur  dadurch,  daß
sie  den  modernen  Staat  nach  ihren  Ideen  gewaltsam  ummodeln
wollen,  während  jene  auf  eine  Veränderung  des  zu  ihrer  Zeit  vorhandenen ­
  Staates  keinerlei  Hoffnung  setzten,  sondern  ihre  Ideale
wo  möglich  ferne  von  der  großen  Heerstraße  der  Cultur  ins  Praktische ­
  zu  übersetzen  suchten.
Allein  es  würde  den  Zweck  dieser  Schrift  weit  überflügeln,
wollten  wir  den  jedenfalls  interessanten  Vergleich  zwischen  dem
Communismus  alter  und  neuer  Zeit  weiter  fortseien.  Der  Zweck
dieses  Buches  lehnt  sich  haupffächlich  an  die  Bestrebungen  der
Socialdemokratie  non  heute  an.  Gestützt  auf  die  gesicherten  Erfahrungen ­
  der  Wissenschaft  und  die  Urtheile  namhafter  Vertreter
derselben  soll  darin  nachgewiesen  werden,  daß  die  auf  die  Lösung
der  socialen  Frage,  die  in  unserem  Jahrhundert  zweifellos  eine
brennende  ist,  gerichteten  Bestrebungen  der  Socialdemokratie  nicht
zum  Ziele  führen,  vom  sittlichen  Standpunkte  aus  betrachtet  durchaus ­
  verwerflich  erscheinen  und  das  Massenelend  nur  vergrößern
würden.
Aber  das  vorliegende  Buch  soll  nicht  blos  einen  aggressiven
und  verneinenden  Charakter  an  den  Tag  legen,  sondern  sich  auch
positiv  verbreiten  über  die  Mittel,  welche  zur  Lösung  der  socialen
Frage  geeignet  erscheinen.
Eine  gedrängte  Darstellung  der  Entwickelungsgeschichte  des
Socialismus  in  Deutschland  war  nicht  zu  umgehen,  um  auch  dem
Laien  das  plötzliche  Auftauchen  der  socialen  Ideen  und  ihr  gewaltiges
  Vordrängen  in  unserer  Zeit  einigermaßen  erklärlich  zu  machen.
In  der  dann  folgenden  Schilderung,  Würdigung  und  Widerlegung
des  communistischen  Programms  resp.  Zukunftstaates  war  der  Ver
fasser  bestrebt,  Autoritäten  sprechen  zu  lassen.  Er  glaubte  sich
        <pb n="8" />
        V

dabei  darauf  beschränken  zu  sollen,  die  Ergebnisse  der  Forschungen
in  den  socialpolitischen  Wissenschaften,  soweit  sie  dein  Zwecke  dieses
Buches  dienlich  schienen,  möglichst  systematisch  geordnet,  zuweilen
ergänzt  oder,  wenn  nöthig,  corrigirt,  zusammenzustellen  und  zwar
unter  thunlichstem  Anschlüsse  an  den  Gcdankengang  der  von  dem
Verfasser  besonders  bcachtcnswerth  befundenen  und  von  ihm  zum
Studium  der  Frage  benutzten  Schriften.
In  Betreff  des  zweiten  Theiles  dieses  Merkchens,  welcher
verschiedene  Vorschläge  zur  praktischen  Lösung  der  socialen  Frage
bespricht,  möge  bemerkt  sein,  daß  derselbe  im  Wesentlichen  Resultate
eingehender  und  sorgfältiger  Studien,  sowie  persönliche  Reflexionen
des  Verfassers  enthält,  für  welche  letztere  derselbe  jedoch  keineswegs
Originalität  beanspruchen  will,  wozu  er  nach  dem  jederzeit  bewahrheiteten ­
  Sprüchwortc  „Es  ist  Alles  schon  dagewesen"  auch  kein
Recht  hat.  Dieselben  mögen  also  auch  nur  als  Rcproductionen
und  Reminiscenzen  angesehen  werden,  die  aber  in  Verbindung  mit
dein  übrigen  Inhalte  dieses  allen  Gesellschaftsklassen  gewidmeten
Schriftstücks  hoffentlich  manchen  Leser  die  Ueberzeugung  gewinnen
lassen  werden,  daß  die  bis  zur  Unerträglichkeit  gesteigerte  sociale
und  wirthschaftliche  Lage  des  deutschen  Volkes  einer  recht  baldigen
und  wesentlichen  Verbesserung  dringend  bedarf,  wenn  es  nicht  zum
Ausbruch  einer  für  Kirche,  Staat  und  Gesellschaft  höchst  gefährlichen ­
  Katastrophe  kommen  soll,  daß  aber  eine  solche  Besserung
durch  praktische  Anwendung  social-communistischer  Theorien  niemals,
foitbcrn  nur  mittelst  Ausführung  der  besprochenen  und  ailderer
geeigneter  Vorschläge  sich  bewirken  lasse.
Möchten  hierbei  alle  Parteien  und  Gesellschaftsklassen  in
Selbstlosigkeit  und  mit  sittlichem  Ernste  Hilfe  leisten!
Dresden,  im  Juli  1884.
Dr,  Th.  Slnme.
        <pb n="9" />
        VI

Verzeichniß  der  benutzten  Schriften.

Möhring,  Franz,  Zur  Geschichte  der  Socialdemokratie.
v.  Stein,  Lorenz,  Amerikanischer  Socialismus  und  Communismus.
Stein,  Oswald,  Vergangenheit,  Gegeiuvart  und  Zukunft  der  nationalen  Wirth:
schaftspolitik.
Lanbinger,  Adolf,  Ueber  die  schiefe  Lage  des  Grundbesitzes,  Handwerks  und
Gewerbes  gegenüber  dem  mobilen  Capital.
Kmchemiillcr,  Otto,  Des  Reichskanzlers  Fiirsten  von  Bismarck  staatsrechtliche
und  wirthschaftspolitische  Anschauungen.
Blanlertz,  S.,  Begründung  der  Unfall-  und  Kranken-Bersichernng.
Elvers,  Rudolf,  Zur  Bagabondenfrage.
Hallmann,  H.  E.,  Das  Existenz-Gesetz.
Jung,  Otto,  Patriotische  Gewissensfvrschungen.
Fries,  Ed.,  Die  sog.  sociale  Frage  oder  die  neueste  Schweizer  Volksverordnung.
Mors,  Red.,  Was  wollen  und  können  die  Socialdemokraten?
Schäfsle,  A.,  Die  Quintessenz  der  Socialdemokratie.
Wild,  Christoph,  Das  Neueste  über  die  Socialdemokratie.
Gareis,  Prof.,  Bestrebungen  der  Socialdemokraten.
Schaefer,  W.,  Die  Unvereinbarkeit  eines  socialistischen  Zukunstsstaales  mit  den
menschlichen  Trieben.
Braubach,  Prof.,  Denkreise  in  das  unbekannte  Jenseits.
Dubois-Nahmond,  Prof.,  Die  Grenzen  des  Naturerkennens.
Kants  Kritik  der  reinen  Vernunft.
Contzen,  Reiner,  Bibliothek  für  Wissenschaft  und  Literatur,  17.  Band.
Gerkrath,  F.,  Paragraph  86  des  Gesetzes  vom  15.  Juni  1883,  betreffend  die
Krankenversicherung  der  Arbeiter.
Bodelschwingh,  Vorschläge  zur  Vereinigung  der  Arbeiter-Colvnien  und  zur
einheitlichen  Organisation  der  Natural-Verpflegungsstationen  im  deutschen
Reiche.
Flürshcim,  Michael,  Auf  friedlichem  Wege.
Kraemer,  Christ.,  Der  Familienbund.  U.  A.  m.
        <pb n="10" />
        Inhalt.
Erster  Theil.  e,«,«
Ist  die  Aufrichtung  eines  lebensfähigen  communistischeu  Bottsstaates
ausführbar  -
».  Einleitung  1
b.  Zur  Geschichte  der  Socialdemokratie  in  Deutschland  2
c.  Aelteres,  socialistisches  Programm  8
(1.  Neueres,  socialistisches  Programm  und  scine  Conseguenze»...  9
e.  Die  hauptsächlichsten  Hindernisse  eines  communistischen
Saatswesens:
1.  Der  Eigennutz  13
2.  Der  Ehrtrieb  15
3.  Der  Freiheits-  und  Selbstständigkeitsdrang  18
4.  Der  Drang  nach  Berufsfreiheit  '  .  .  .  .  18
5.  Der  Drang  nach  Bedarfsfreiheit  21
6.  Das  unveräußerliche  Eigenthumsrecht  •  .  24
7.  Das  Verbot,  Zinsen  zu  nehmen  29
8.  Die  beabsichtigte  Abschaffung  der  Ehe  als  religiöser,  politischer,
juridischer  itnb  bürgerlicher  Institution  30
9.  Kampf  gegen  den  Glauben  an  ein  Dasein  Gottes  und  dessen
Unterstützung  durch  die  moderne  Wissenschaft  35
10.  Argumente  für  das  Dasein  Gottes  45
11.  Beweise  für  die  Fortdauer  der  Seele  43
12.  Unüberwindliche  Schwierigkeiten,  welche  einer  praktischen  Durchführung ­
  des  internationalen  communistischen  Programms  entgegenstehen ­
  55
13.  Mißglückte  Versuche  zur  Gründung  communistischer  Gemeinden
in  Amerika  63
Zweiter  Theil.
In  wie  weit  und  auf  welche  Weise  ist  die  Lösung  des  socialen  Problems
zu  ermöglichen  -
1.  Hauptursachen  des  heutigen  socialen  Elends  66
2.  Vorschläge  zur  Beseitigung  des  socialen  Nothstandes:
».  Genossenschaften  72
aa.  Vvlksbanken  73
bb.  Rohstoff-Genossenschaften  74
        <pb n="11" />
        vin

Seile
cc.  Werk-Genossenschaften  75
dd.  Maschinen-Genossenschaften  75
«e.  Produktiv-Genossenschaften
ff.  Consum-Bereine
b.  Partnerschaft  oder  Commissionssystem  81
c.  Sparsamkeit
B.  Hauptaufgaben  des  Staates,  der  Commune  und  der
Privaten:
a.  Darbietung  aller  möglichen  Bildungsmittel  84
b.  Vertretung  und  Förderung  der  Interessen  der  Gesammtheit  .  86
e.  Organisation  der  Fabrik-  und  Gewerbe-Gesetzgebung  ...  86
d.  Gewinnung  von  Ackerbau-  und  Handels-Colvnien  ....  89
6.  Gründung  von  Arbeitercolvnien
f.  Genossenschaftlicher  Ankauf  von  Hypothekenforderungen  rc..  .  94
g.  Pfennigsparkassen
h.  Beschaffung  der  zur  Lösung  der  nöthigen  Staatsaufgaben
erforderlichen  Geldmittel  94
1)  Das  Tabaksmonopol  97
2)  Steuerreform  99
3)  Schutzzölle  105
Schlußbetrachtung  110
        <pb n="12" />
        a.  Einleitung.
§o  interessant  und  für  das  Verständniß  unserer  modernen
Socialzuständc  wichtig  eS  wäre,  über  den  Ursprung,  die  Begriffe
und  das  Wesen  der  socialen  Frage  in  Europa  eingehender  zu
sprechen,  so  belehrend  ein  Rückblick  auf  die  geschichtliche  Entwickelung
derselben  Frage  im  Alterthum  und  Mittelalter  bis  zum  Anfange
der  socialen  Bewegung  in  Deuffchland  für  die  Betrachtung  unseres
Gegenstandes  wirken  müßte:  so  wollen  wir  doch  auf  eine  solche
Rück-  und  Umschau  um  so  mehr  verzichten,  als  unser  Thema  an
sich  schon  erhebliche  Ansprüche  an  den  Umfang  dieser  Schrift  macht.
Wir  beschränken  uns  daher  darauf,  die  sociale  Bewegung  in
Deutschland  in  ihren  verschiedenen  Phasen  bis  in  die  neueste  Zeit
d.  h.  bis  zur  Entwickelung  des  nackten  Communismus  zu  verfolgen. ­
  Nachdem  wir  uns  daun  klar  gemacht  haben  werden,  welches
Ziel  der  Communismus  anstrebt  und  wie  er  dasselbe  zu  erreichen
beabsichtigt,  wollen  wir  zum  eigentlichen  Objecte  dieser  Schrift  übergehen ­
  und  in  die  Erörterung  folgender  Fragen  eintreten:
1.  Ob  die  Aufrichtung  eines  lebensfähigen  communistischen  Volksstaates ­
  ausführbar  ist  und  dadurch  die  sociale  Frage  ihre
endgültige  Lösung  finden  kann,  und  wo  nicht,
2.  in  wie  weit  und  auf  welche  Weise  die  Lösung  der  socialen
Probleme  zu  ermöglichen  ist?
^lume.  Znkunstrstaa».

1
        <pb n="13" />
        b.  Zur  Geschichte  -er  Socialdemokratie  in  Deutschland.
Ein  deutscher  Schneider,  Namens  Weitling,  darf  den  zweifelhaften ­
  Ruhm  beanspruchen,  einzig  und  allein  die  socialistische  Bewegung ­
  in  Deutschland  hervorgerufen  zu  haben.  Bereits  im  Jahre
1839  erschien  in  Genf,  wo  er  sich  damals  aufhielt,  sein  erstes
Schriftchen,  betitelt:  „Die  Welt,  wie  sie  ist  und  wie  sie  sein  soll",
worin  er,  wie  der  französische  Socialist  Saint  Simon,  erllürte,  daß
das  Loos  der  Arbeiterklassen  mit  dem  Grundsätze  der  Gleichheit  im
grellsten  Widerspruch  stehe  und  daß  der  Besitz  von  Eigenthum  die
Ursache  desselben  sei,  weshalb  das  Vermögen  nach  dem  Tode  des
Besitzers  auf  den  Staat  übergehen  müsse.
Er  verlangte  ferner  nach  Fourier,  ebenfalls  einem  Franzosen,
einheitliche  gemeinschaftliche  Bewirthschaftung  der  Ländereien,  sowie
behufs  Organisation  der  Arbeit  die  Errichtung  von  großen  Gebäuden, ­
  welche  von  etwa  je  2000  Personen  (Phalansterien)  aller
Stände  und  Berufsklassen  zu  bewohnen  seien.  Solch  ein  Phalansterium
  müsse  allen  Lebensbedürfnissen  seiner  Bewohner  entsprechen.
Es  sei  der  Gesammtreinertrag  aller  Industriezweige  in  jedem  Phalanstcrium
  unter  seine  Mitglieder  zu  vertheilen  und  zwar  so,  daß
das  Talent  drei,  das  aufgewendete  Kapital  vier  und  die  Arbeit
fünf  Zwölfteltheile  erhalten.
Durch  diese  Schrift  erwarb  sich  Weitling  in  den  Sängervereinen
  und  unter  den  Arbeitern  viele  Anhänger.  Aus  Genf  von
der  Polizei  vertrieben,  übersiedelte  er  nach  Veveh  am  Genfersee,  wo
er  1841  die  Zeitschrift:  „Hilferuf  der  deutschen  Jugend"  herausgab, ­
  welche  die  Maxime  predigte,  das  Proletariat  müsse  sich  des
politischen  Regiments  bemächtigen.
Als  er  aber  in  Zürich  in  einer  andern  Broschüre  „Garantien
der  Harmonien  und  der  Freiheit"  unumwunden  den  Communismus
verkündete  und  in  seinem  „Evangelium  des  armen  Sünders"  nicht
nur  das  Evangelium  im  Sinn  des  Communismus  auslegte,  sondern
sogar  dem  Proletariate  den  Rath  ertheilte,  durch  Stehlen  die  Ber-
        <pb n="14" />
        3

1*

mögensunterschiede  auszugleichen,  um  auf  diese  Weise  die  Güter
wieder  an  sich  zu  bringen,  die  ihm  früher  von  den  Reichen  abgenommen ­
  wären,  so  wurden  solche  wüsten  Phantastereien  sogar  den
in  Bezug  auf  religiöse,  sociale  und  politische  Ansichten  sonst  sehr
duldsamen  Schweizern  zu  stark,  so  daß  der  große  Rath  in  Zürich
sich  genöthigt  sah,  das  nach  Gründung  eines  neuen  volksbeglückendcn
  Reiches  und  wohl  mehr  noch  nach  einem  eigenen  und  wahrscheinlich ­
  nicht  allzu  kleinen  Besitzthum  lüsterne  Schneiderlein  zuvörderst ­
  hinter  Schloß  und  Riegel  zu  setzen  und  alsdann  den  armen
Märtyrer,  um  ihn  vor  der  Wuth  der  auf's  Aeußerste  gereizten
Volksmenge  zu  schützen,  unter  starker  Bedeckung  über  die  schweizerische ­
  Grenze  bringen  zu  lassen.  Auf  dem  Transporte  soll  der  sonst
in  Wort  und  Schrift  so  kühne,  aber  mit  physischem  Muthe  wohl
nicht  allzu  reich  ausgestattete  Weltbeglückcr  aus  der  Angst  um  sein
werthvolles  Dasein  nicht  herausgekommen  sein.  Seitdem  hat  man
von  diesem  Wort-  und  Fcderhelden  und  seinen  Plänen,  welche  die
elende  Welt  zertrümmern  sollten,  nichts  wieder  gehört.
Die  Zahl  der  Nachbeter  Weitlings  ist  Legion  und  unter  ihnen
haben  sich  zeither  Carl  Marx,  Ferdinand  Lassallc  und  v.  Schweitzer
am  meisten  hervorgethan.  Der  Erstgenannte  war  bis  zu  seinem
Tode  der  eigentliche  Leiter  der  international-socialen  Bewegung.
Derselbe  widmete  seit  Vollendung  seiner  Studien  sein  Leben  ausschließlich ­
  der  Vorbereitung  für  die  socialistische  Revolution.  Schon
1841  redigirte  er  die  in  Köln  erschienene  oppositionelle  „Rheinische
Zeitung",  mußte  aber  wegen  Aufreizung  der  Arbciterllassen  gegen
die  Besitzenden  flüchtig  werden  und  redigirte  dann  in  Paris  mit
Arnold  Ruge  die  „Deutsch-französischen  Jahrbücher",  sowie  mit
Heinrich  Heine  das  Blatt  „Vorwärts".  1844  und  1848  aus  Belchen ­
  vertrieben,  ging  er  wieder  nach  Köln,  wo  er  die  „Neue  Rheinische ­
  Zeitung"  herausgab,  und  nachdem  diese  unterdrückt  war,  begab
er  sich  1849  abermals  nach  Paris  und  bald  darauf  nach  London.
Hier  gründete  er  1864  die  „Internationale",  in  welcher  er  dann
den  Vorsitz  führte.  Nach  Deutschland  hatte  er  sich  picht  wieder
        <pb n="15" />
        4

gewagt.  Sein  System,  welches  auf  Beseitigung  des  Eigenthums
und  des  Erbrechts,  sowie  des  ,  heutigen  ganzen  Staatswescns  und
auf  die  Gründung  einer  neuen  Gesellschaftsordnung  auf  socialdemokratisch ­
  -  communistischer  Grundlage  hinausläuft,  wollen  wir
später  genauer  erörtern.
Inzwischen  war  am  social-politischen  Horizont  ein  hellstrahlender ­
  Stern  aufgegangen,  vor  dessen  blendendem  Glanze  die  übrigen
Gestirne  fast  gänzlich  verblaßten,  der  aber  gleich  einem  Meteor  bald
wieder  verschwand.  Das  war  Ferdinand  Lassalle.  Schor:  1848
bctheiligte  er  sich  an  der  social-demokratischen  Bewegung  in  Düsseldorf ­
  und  war  deren  eigentliche  Seele,  trat  aber  bald  ganz  von  ihr
zurück  und  widmete  nun  seine  Geisteskräfte  fast  ausschließlich  der
Führung  des  bekannten  Processes  der  Gräfin  von  Hatzfeld  gegen
den  von  ihr  geschiedenen  Gemahl  wegen  bedeutender  Vermögensansprüche, ­
  den  er  mit  großem  Geschick,  Eifer,  unermüdlicher  Ausdauer ­
  und  seltener  Uneigennützigkeit  glücklich  zu  Ende  führte.  Erst
1862  übernahm  er  wieder  die  inzwischen  ungeschickt  gehandhabte  und
fast  ins  Stocken  gekommene  Leitung  der  socialen  Bewegung.  Er
erstrebte  zunächst  behufs  der  Betheiligung  des  Arbeiterstandes  am
politischen  Regimenté  die  Einführung  des  directe::  Wahlrechts  und
grünbete  zu  diesen:  Zwecke  den  Allgemeinen  deutschen  Arbeiter-Verein,
  als  dessen  Präsident  er  bereits  im  Sommer  1863  über
10000  Arbeiter  verfügte.  Um  dem  Arbeiterstande  ein  menschenwürdigeres ­
  und  unabhängigeres  Dasein  zu  schaffen,  hielt  er  die
Gründung  von  Productions-Associativncn  mit  Staatshülfc  für  das
geeignetste  Mittel.  Er  hoffte,  daß  die  Productions-Associationen
allmählig  die  gesummte  deutsche  Arbeiterwelt  umfassen  und  so  dessen
wirkliche  Hebung  in  intellcctueller,  moralischer  und  materieller  Beziehung ­
  auf  friedliche  Weise  zu  erreichen  sein  werde.  Deshalb
wollte  Lassallc  auch  Vertreter  der  Besitzenden  und  des  gebildeten
Bürgerstandes,  sowie  der  Wissenschaft  in  die  Reihen  seines  Vereins
hinüberziehen.  Dabei  war  sein  Augenmerk  auf  den  preußischen
Staat  gerichtet.  Zugleich  sprach  er  sich  ganz  entschieden  gegen  eine
        <pb n="16" />
        5

schon  damals  von  anderen  Socialisten  in  Anregung  gebrachte  Gründung ­
  einer  Internationale  aus  und  erklärte  dieselbe  unter  Hinweis
auf  die  unmöglich  auszugleichende  Charaktcrverschiedenheit  der
Nationen  für  Unsinn.  (Lin  weiterer  Beleg  dafür,  wie  genau  Lassalle
die  das  Wohl  des  Arbciterstandes  förbcrnbcn  Mittel  kannte,  ergicbt
sich  daraus,  daß  er  mit  Ziegler,  einem  der  Führer  der  damaligen
Fortschrittspartei,  eine  allgemeine  deutsche  Arbeiter  -  Versicherungs-Gesellschaft
  gründen  wollte,  wozu  jeder  Arbeiter  wöchentlich  3  Pf.
von  jedem  Verdienst-Thaler  als  Versicherungsprämie  beitragen  sollte.
Er  war  mit  Ziegler  fest  überzeugt,  daß,  wenn  die  Zahl  der  Mitglieder ­
  dieser  Gesellschaft  auf  eine  Million  heranwachse,  das  Institut
so  gesichert  dastehen  würde,  wie  keine  andere  Versicherungs-Gesellschaft ­
  der  Welt.  Dieses  Project  kam  jedoch  nicht  zur  Ausführung,
da,  wie  bekannt,  Lassalle  am  31.  August  1864  in  einem  Duelle
mit  dem  Wallachischen  Bojaren  Janko  v.  Rackowitz  seinen  Tod  fand.
Er  war  ein  Mann  mit  glänzenden  Geistesgaben,  mit  einer  ungeheuren ­
  Willenskraft,  aber  von  einer  grenzenlosen  Eigenliebe  und
Ehrsucht  beseelt.  Grundverschieden  ist  sein  Charakter  von  dem
seinem  Rivalen  Carl  Marx.  Er,  eine  wahre  Volksheldcnnatur,
edler  Regungen  fähig  imb  mit  einer  nationalen  Begeisterung  echter
Art  begabt,  dieser  grübelnd,  kalt,  berechnend,  nur  in  den  eisigen
Regionen  eines  nebelhaften,  verschwommenen  und  unfaßbaren  Weltstaatsystems ­
  sich  bewegend.  Jener  selbst  in  seinen  Fehlern  uns
menschlich  näher  tretend  ist  uns  auch  in  seiner  unbändigen  Leidenschaft
und  seinem  nimmer  rastenden  Ehrgeize  immer  noch  sympathischer,
als  dieser  mit  seinen  bedächtig  ausgeklügelten,  giftig  zugespitzten  unerwiesenen
  Gegensätzen.  Dort  die  wuchtige  Pranke  des  Wüstenkönigs,
hier  das  lauernde  tückisch  funkelnde  Auge  des  Panthers.  Unter
den  hervorragenden  Gelehrten  ist  wohl  keiner,  bei  dem  vielseitiges
Wissen  und  Geistesgaben  so  wenig  sittigend  gewirkt  haben,  und  in
dessen  Brust  jedes  religiöse  und  patriotische  Gefühl  so  gänzlich
erstorben  war,  als  bei  Carl  Marx.  Selbst  ein  warmer  Anhänger
der  social-revolutionären  Partei,  der  vormalige  Lieutenant  v.  Techow,
        <pb n="17" />
        6

hat  sich  über  ihn  folgendermaßen  geäußert:  „Dieser  Mann  würde
das  Zeug  dazu  haben,  auch  unter  großen  Verhältnissen  sich  nicht
ins  Kleine  zu  verlieren  und  die  sociale  Bewegung  sogar  in  eine
freilich  nur  seinen  persönlichen  Wünschen  entsprechende  Bahn  zu
leiten,  wenn  er  ein  edles  Herz  zur  Verfügung  zu  stellen  und  der
gefährlichste  persönliche  Ehrgeiz  in  ihm  nicht  alles  Gute  und  Wahre
gefressen  hätte.  Aber  kalt  und  gleichgültig  dem  Massenelend  gegenüber ­
  stehend,  ist  trotz  aller  seiner  Versicherungen  vom  Gegentheil
unzweifelhaft  der  Zweck  all  seines  wüsten  Treibens  die  Erlangung
der  persönlichen  Herrschaft,  der  Diktatur.
Er  selbst  lacht  über  die  Narren,  die  seinen  Proletariatskatechismus ­
  nachbeten,  ebenso  wie  über  die  Bourgois.  Die  einzigen,
die  er  achtet,  sind  die  reinen  Aristokraten.  Um  diese  von  der  Herrschaft
  zu  verdrängen,  braucht  er  die  Proletarier  und  deshalb  hat
er  sein  System  mit  viel  Geschick  ans  diese  zugeschnitten."  Nicht
minder  ungünstig  lautet  v.  Trcitschkes  Urtheil  über  E.  Marx  anläßlich ­
  dessen  brutaler  Angriffe  auf  den  ihn  als  Nationalökonom
weit  überragenden  Roscher,  indem  er  von  ihm  sagt:  „Man  magan
C.  Marx  Buche  über  das  „Capital"  die  große  Belesenheit  und  den
Scharfsinn  im  Zerfasern  der  Begriffe  bewundern;  das  Eine,  was
den  wahren  Gelehrten  charakterisirt,  fehlt  ihm  gänzlich:  das  wissenschaftliche ­
  Gewissen.  Hier  ist  keine  Spur  von  der  Bescheidenheit
des  Forschers,  der  im  Bewußtsein  des  Nichtwissens  an  seinen  Stofs
herantritt,  um  unbefangen  zu  lernen.  Was  erst  bewiesen  werden
soll,  steht  aber  für  C.  Marx  von  Haus  aus  als  bewiesen  fest."
Nach  dem  Tode  von  Lassalle  folgten  Lconhardt  Becker,  Tölkc
und  Perl  in  der  Präsidentschaft  des  Allgemeinen  deutschen  ^Arbeitervereins, ­
  konnten  sich  aber  beim  Mailgel  an  dem  zu  einem  so
schwierigen  Posten  erforderlichen  Eigenschaften  in  derselben  nicht
lange  behaupten  und  nur  dem  Genie  und  der  Energie  ihres  Nachfolgers, ­
  des  Advokaten  v.  Schweitzer  alls  Frankfurt  a.  M.  gelang  es,
die  Auflösung  des  Vereins  noch  einige  Jahre  aufzuhalten.  Er  wurde
auf  der  fünften  Generalversammlung,  Mitte  Mai  1867,  in  Braun-
        <pb n="18" />
        7

schweig  einstimmig  zum  Vercinspräsidenten  erwählt  und  in  Folge
seiner  anläßlich  der  ihm  von  Liebknecht,  Bebel  und  v.  Hochstetten
in  der  Generalversammlung  in  Basel  am  28.  März  1869  beigebrachten ­
  Niederlage  an  das  souveräne  Arbeitervolk  gerichteten  Appellation ­
  ward  er  in  einer  Urversammlung  nicht  allein  fast  einsttmmig
abermals  zum  Präsidentcu  gewählt,  sondern  es  wurden  auch  Liebknecht ­
  und  Bebel  für  unwürdig  erklärt,  jemals  wieder  in  einer
Arbcitcrversammlnng  zu  erscheinen,  v.  Schweitzers  letzter  Triumph
erfolgte  in  der  Generalversammlung  zu  Berlin  am  18.  Januar  1870,
indem  er  sämmtliche  Gewerkschaften  zu  einem  allgemeinen  Arbeiterunterstützungsverband
  vereinigte.  Er  trat  Ende  März  1871  von
der  Leitung  des  neuen  Vereins  mit  der  Ueberzeugung  zurück,  daß
auf  treue  Anhänglichkeit  einer  Partei  von  Arbeitern  an  ihre  Führer
nicht  zu  rechnen  sei.  Bereits  am  30.  April  1871  ließ  er  die  von
ihm  gegründete  periodische  Zeitschrift  „den  Socialdemokraten"  und
„den  Agitator"  eingehen,  v.  Schweitzer  war  ein  außerordentlich
begabter  und  kenntnißreicher  Mann;  dabei  besonnen  und  positiv,
sah  er  die  Dinge,  wie  sie  in  Wirklichkeit  waren;  da  er  zugleich  eine
unglaubliche  Geduld  und  Zähigkeit,  die  durch  keinen  Mißerfolg,
durch  keine  Niederlage  zu  beugen  oder  gar  zu  brechen  war,  besaß,
so  war  er  gewiß  der  Mann,  den  seine  Partei  im  gegebenen  Momente
  nöthig  hatte.  Er  war  im  Grunde  keine  gemeine  und  unedle
Natur;  er  erstrebte  wie  Lassalle  aufrichtig  eine  günstigere  Lage  des
Arbciterstandes  und  setzte  dabei  gleichfalls  seine  Hoffnung  auf  den
Preußischen  Staat.
Liebknecht  und  Bebel  gründeten  nach  ihrer  Ausstoßung  aus
dem  Allgemeinen  deutschen  Arbeiterverein  bereits  am  7.  August  1869
zu  Eisenach  mit  den  von  Schweitzer  abgefallenen  Mitgliedern  der
Genfer  Section  der  Internationale,  sowie  mit  den  österreichischen
und  schweizerischen  Arbeitervereinen  die  social-demokratisch-internationale
  Arbeiterpartei  mit  262  Delegirten  und  stellten  folgendes
Programm  auf:
        <pb n="19" />
        c.  Aelteres  socialistisches  Programm.
1.  Directes  Wahlrecht  aller  Männer  vom  20.  Lebensjahre  an;
2.  directe  Gesetzgebung;
3.  Volkswehr;
4.  unentgeltlicher  Unterricht;
5.  Normalarbeitstag;
6.  Beschränkung  der  Frauenarbeit;
7.  Verbot  der  Kinderarbeit  in  den  Fabriken;
8.  Abschaffung  der  indirecten  Steuern  und  an  deren  Stelle  directe
progressive  Einkommen-  und  Erbschaftssteuer;
9.  Förderung  des  Genossenschaftswesens  und  Staatscredit  fürfreie
  Productionsgenosfcnschaften.
In  diesem  Programm,  sagte  Liebknecht,  stecken  die  letzten  Consequenzen
  des  Communismus,  zugleich  aber  auch,  hätte  er  hinzufügen ­
  sollen,  die  Keime  seines  baldigen  Todes.
Von  da  an  begann  im  Gegensatze  der  Lasalle'schen  socialistischen
Theorie  von  dem  welterlöscnden  Bündnisse  höchster  Wissenschaft  mit
der  Kraft  der  arbeitenden  Klassen  die  Herrschaft  der  Halbbildung
und  der  brutalen  Gewalt,  der  Fäuste  beim  Mangel  jeder  geistigen
und  sittlichen  Disciplin.  Man  erklärte  die  Gymnasien  und  Hochschulen ­
  für  die  Urquelle  einer  geistigen  Pest.  Es  sielen  die  letzten
Schranken  dissoluter  Geister,  der  Glaube  cm  Gott,  an  die  Unsterblichkeit ­
  der  Seele  und  der  Patriotismus  wurden  mit  cynischem  Hohn
als  überwundene  Standpunkte  betrachtet.
Während  des  Krieges  zwischen  Deutschland  und  Frankreich
entfaltete  die  neue  Partei  eine  außerordentliche  Thätigkeit  und  nach
der  September-Revolution  in  Paris  verfolgte  ihre  Oberleitung
erwiesenermaßen  sogar  die  kühne  Absicht,  in  allen  Ländern  Europas
socialistische  Aufstände  zu  veranlassen  und  namentlich  in  den  großen
Städten  Deutschlands,  wie  es  bereits  in  Paris  geschehen,  die  Commune ­
  zu  proclamiren.  Der  verbrecherische  Plan  kam  jedoch  nicht
zur  Ausführung,  weil  in  Paris  die  gemüßigte  Partei  die  Oberhand
        <pb n="20" />
        9

erhielt  und  die  Bewegung  in  Deutschland  durch  die  Verhaftung  der
dortigen  Chefs  der  Internationale  gleich  im  Keime  erstickt  wurde.
In  der  Ende  September  1871  zu  London  abgehaltenen  Delegirtenversammlung
  kam  es  zu  tiefen  Spaltungen  zwischen  der  germanischen ­
  und  romanischen  Race,  d.  h.  zwischen  den  Nationalen
und  den  Internationalen.  In  Deutschland  selbst  entbrannte  zugleich
ein  heißer  Kampf  zwischen  den  Lasalleanern  und  der  Bebel  -Liebknecht'schcn
  Partei.  Gleichwohl  verfolgten  die  Führer  beider  Gruppen
dieselbe  Aufgabe,  nämlich:  unablässigen  Kampf  gegen  die  bestehende
Ordnung  und  die  herrschenden  Klassen.  Beide  zogen  mehr  und
mehr  die  Arbeiter  in  die  sociale  Bewegung  und  ließen  es  sich  besonders ­
  angelegen  sein,  in  ihnen  alle  religiösen,  nationalpolitischcn
und  patriotischen  Gefühle  zu  ersticken,  um  sich  gefügige  und  willenlose, ­
  sowie  zu  jedem  Verbrechen  fähige  Werkzeuge  zu  verschaffen.
Trotzdem,  daß  Carl  Marx  in  seinem  Buche  „Das  Kapital"  die
Ueberzeugung  ausgesprochen  hatte,  daß  der  Uebergang  des  Sondercigcnthums
  in  Gemeindeeigenthum  nur  das  Ergebniß  einer  laugen
geschichtlichen  Entwickelung  sein  könne,  forderte  er  gleichwohl  die
Besitzlosen  zum  allgemeinen  unterschiedslosen  Angriff  gegen  die
Besitzenden  zum  Zweck  ihrer  gewaltsamen  Enteignung,  d.  h.  Beraubung ­
  auf.  Dessen  erinnerte  sich  denn  auch  die  vorgedachte
Londoner  Delcgirtenversammlung,  denn  sie  ließ  in  Folge  davon  das
Eisenacher  Programm  fallen  unb  nahm  an  dessen  Stelle  im  Wesentlichen ­
  Folgendes  an:

à.  peñeres,  socialistisches  Programm  und  seine  Conseguenze».
1.  Bekämpfung  der  heutigen  politischen  und  socialen  Zustände,
insbesondere  der  monarchischen  Staatsform,  an  deren  Stelle
der  republikanische  Volksstaat  treten  soll;
2.  Aufhebung  und  Einziehung  des  Staats-  und  Privateigenthums
und  Uebcrgang  desselben  in  den  Besitz  der  Gesammtheit  unter
Verwaltung  der  dazu  einzusetzenden  staatlichen  Organe;
        <pb n="21" />
        10  '  —

3.  Abschaffung  der  Ehe  als  politischer,  religiöser,  juridischer  und
bürgerlicher  Institution,  sowie  die  Freiheit,  das  Eheband
jederzeit  auch  einseitig  lösen  zu  können;
4.  Beseitigung  aller  Cultur,  Ersatz  des  Glaubens  durch  das
Wissen  und  der  göttlichen  Gerechtigkeit  durch  die  menschliche;
5.  Aufhebung  des  Erbrechts;
6.  Wegfall  aller  Klassen-  und  Vermögensunterschiede;
7.  gleiche  unentgeltliche  Erziehungsmittel  d.  h.  Unterricht  und
Unterweisung  in  allen  Zweigen  des  Wissens,  der  industrie
und  der  Kunst  für  Alle;
8.  Theilnahme  Aller  an  den  öffentlichen  Angelegenheiten  und
Arbeiten;
9.  Abschaffung  der  stehenden  Heere  und  an  deren  Stelle  allgemeine
Volkswehr.
Der  Hauptkern  des  internationalen  Socialismus  ist  unzweifelhaft
die  Umwandlung  des  Privatbesitzes  an  allen  Productionsmittcln,
als:  an  Grund  und  Boden,  Kapitalien,  Werkhäusern,  Maschinen,
Handwerkszeugen,  in  Gemeindeeigenthum.  Die  nothwendige  Folge
dieser  Umwandlung  wiirde  sein,  das;  alle  seitherigen  Privatgeschäfte
und  Unternehmungen  wegen  Mangels  an  privaten  Productionsmittcln ­
  im  künftigen  international-socialdemokratischen  Staate  in
Wegfall  kommen  müßten.  Es  könnte  in  demselben  nur  Gesammtarbeit
  und  Gesammtproduction  unter  berufsstaatlichcr  Leitung  möglich
sein,  und  der  letztem  würde  auch  die  höchst  schwierige  Aufgabe  der
Bertheilung  der  gesellschaftlich  gewonnenen  Producte  beziehungsweise
deren  Geldwerthe  Aller  an  Alle  seines  nach  Maßgabe  der  quantitativen ­
  oder  qualitativen  Arbeitsleistung  oder  aber  der  Arbeitszeit
zufallen.  Dieselbe  müßte  sich  außerdem  der  Mühe  unterziehen,  vor
der  Vertheilung  der  Arbeitsverdienste  davon  soviel  auszuscheiden,
als  nicht  nur  zum  Wiederersatz  der  verbrauchten  Productionsmittcl,
sondem  auch  zur  Bestreitung  der  vielfachen  Staatsausgaben,  als
für  die  Unterhaltung  sämmtlicher  Staatsinstitute,  für  Besoldung  der
        <pb n="22" />
        11

Beamten,  für  Versorgung  der  Arbeitsunfähigen,  für  Unterhaltung
der  Volkswehr  im  Dienste  rc.  erforderlich  wäre.
Da  der  künftige  Socialistenstaat  nicht  nur  General  -  Grundund
  Capitalbesitzer  und  Erneuerer  aller  socialen  Productionsmittel,
sondern  auch  Gencralunternehmer  und  Generalproducent  werden
würde,  so  könnte  selbstverständlich  auch  von  einer  privateil  leihweiseil
und  verzinslichen  Uebertragung  von  Capitalien  zu  Privatunternehmungen ­
  keine  Rede  mehr  sein.
Nach  den  Versicherungen  der  socialistischen  Presse  sollen  zwar
die  Grund-,  Capital-  und  Hypothekenbesitzer  durch  Arbeitsgeld
(Arbeitscertisikate)  entschädigt  werden,  es  ist  aber  sehr  zweifelhaft,
ob  dies,  ganz  abgesehen  von  der  proclamirten  Beseitigung  aller
Vermögensunterschiede,  factisch  je  möglich  sein  würde.
In  dem  neuen  Staatswcsell  würden  sich  auch  noch  folgende
wichtige  Consequenzen  von  selbst  ergeben:
1.  Es  würde  kein  privater  Consumtionscredit,  folglich  auch  kein
privater  Creditwucher  gegen  Noth  denkbar  sein.  Es  könnten
den  Nothleidenden  oder  Bildungsbedürftigen  allenfalls  in  bestimmten ­
  ziemlich  engen  Grenzen  Staatsvorschüsse  auf  ihreu
Arbeitsverdienst  gewährt  werden.
2.  Das  Pcrsoncnversicherllngswcsen  würde  sich  darauf  beschränken
müssen,  daß  der  Staat  Ersparnisse  dem  Sparer  unverzinslich
gut  schreiben  und  diesem  oder  seinen  Erben  solche  später  auf
Verlangen  ausantlvorten  ließe.  —  Dasselbe  könnte  daher  nicht
mehr  auf  Zinserträge  und  auf  speculativen  Bankbctrieb
basirt  sein.
3.  Privatpacht  und  Wohllungsmiethc  könnte  es  ebenfalls  nicht
mehr  geben,  weil  ja  die  Pachtgüter  als  Productionsmittel
Gemeiudecigenthum  geworden  wären  und  das  Wohnungswesen
vom  Staate  organisirt  und  geleitet  werden  würde.
4.  Privathandel  wäre  auch  nicht  mehr  möglich,  weil  die  Privaten
ferner  über  keine  Productionsmittel,  also  auch  über  kein  Metallgeld ­
  verfügen  könnten,  dieses  vielmehr  der  Staat  im  Verkehr
        <pb n="23" />
        12

mit  kapitalistischen  Völkerschaften  zur  Ausgleichung  der  Ueberbilanz
  der  Aus-  imb  Einfuhr  durchaus  nöthig  hatte  und
dasselbe  daher  schon  zu  diesem  Zwecke  von  den  Privaten  bestenfalls ­
  gegen  Entschädigung  mit  Arbeitsgeld  einzuziehen  gezwungen
wäre.
5.  Da  für  die  Privaten  der  Spcculationshandcl  und  die
industriellen  Unternehmungen  wegfielen,  so  könnte  cs  auch
keinen  Markt  und  feilte  Börse  mehr  geben.
6.  Es  fiele  aber  nicht  nur  der  Groß-  und  Kleinhandel  sammt
dem  sterilen  unprvductiven  Zwischenverkehr  und  der  Handelsconcurrenz,
  sondem  auch  das  ganze  kostspielige  itnd  die  Waare  vertheuernde
  Annoncen-  und  Schaustellungswesen  mit  den  enormen
Gewölbe-  unb  Magazinkosten,  sowie  die  meist  wahrheitswidrigen
Reklamen,  d.  h.  das  Judenthum  in  der  Presse  fort.
Dieser  Conseguenzen  des  Kernes  des  international  -  communistischen
  Socialismus  sind  sich,  nach  ihren  Reden  und  Schriften
zu  urtheilen,  wohl  nur  wenige  Führer  bis  jetzt  klar  bewußt,  diejenigen ­
  von  ihnen  aber,  welche  diese  Conseguenzen  zu  ziehen  vermögen, ­
  haben  sich  bisher  wohlweislich  gehütet,  mit  einem  nothwendig ­
  darauf  zu  basirenden  Organisationsplane  ofien  hervorzutreten.
Sie  befürchten  mit  Grund,  daß  diejenigen  Anhänger  der  Socialdemokratie ­
  (also  mindestens  dreiviertel  von  ihnen),  welche,  wenn
auch  nur  ein  kleines  Besitzthum  oder  einige  Ersparnisse  in  Metallgeld
  haben  oder  doch  zu  ererben  hoffen,  keines  von  beiden  selbst
gegen  genügende  Entschädigung  durch  Arbeitsgeld  sich  würden
nehmen  lassen  wollen,  sondern  höchst  wahrscheinlich  gänzlich  zurückträten. ­
  Daher  herrscht  darüber  tiefes  Schweigen;  man  wartet  bis
nach  vollbrachtem  Umsturz  der  heutigen  Staatsformen  in  der  Hoffnung, ­
  alsdann  alle  Besitzenden  zwingen  zu  können,  sich  in  die
Wegnahme  ihres  Eigenthums  und  Verwandlung  desselben  in  (Gemeingut ­
  zu  fügen.
Die  übrigen  Punkte  des  vorgedachten  Programms  sind  in
Bezug  auf  die  äußere  Umgestaltung  des  heutigen  Staatssystems
        <pb n="24" />
        von  geringerer  Bedeutung  und  haben  hauptsächlich  den  Zweck,  die
Hauptforderung  des  Programms  zu  unterstützen,  annehmbarer  und
mundgerechter  zu  machen.  Trotzdem  würden  sie  im  Zukunftsstaatc
dem  innern  und  äußern  Leben  seiner  Bürger  einen  von  dem  jetzigen
ganz  verschiedenen  Charakter  aufprägen,  wie  wir  später  sehen  werden.
Zunächst  gilt  es  jetzt,  zur  Erörterung  und  Beantwortung  der
ersten  eingangs  dieser  Schrift  gestellten  Frage  überzugehen,  die
also  lautete:
„Ist  die  Aufrichtung  eines  lebensfähigen  communistischen
Völkerstaates  ausführbar  und  wird  durch  denselben  die  sociale
Frage  endgültig  gelöst  werden  können?"

6.  Die  hauptsächlichsten  Hindernisse  eines  communistischen
Ztaatsmesens.
Diese  Frage  muß  entschieden  verneint  werden,  weil  der  Gründung ­
  und  dem  Fortbestände  eines  solchen  Staatswcscns  eine  große
Menge  von  unüberwindlichen  Hindernissen  entgegensteht,  von  denen
wir  nur  die  hauptsächlichsten  in  den  Kreis  unserer  Betrachtung
ziehen  wollen.
Dieselben  lassen  sich  unter  zwei  Hauptgattungcn  klassificiren.
Die  ersten  finden  loir  in  den  menschlichen  Leidenschaften  und  Trieben
und  die  zweite  in  der  staats-  und  Volkswirthschaft  lichen
Technik  und  Leitung.

1.  Der  Eigennutz.
Was  die  menschlichen  Triebe  anlangt,  so  wissen  wir  Alle,  daß
kein  Mensch,  selbst  der  Beste  nicht,  frei  von  Eigennutz  ist.  Dieser
ist  die  mächtigste  Triebfeder  all'  seines  wirthschaftlichen  Handelns.
Er  arbeitet  nicht  etwa,  um  nur  zu  arbeiten,  sondern  auch,  um  dadurch ­
  den  möglich  höchsten  Nutzen  für  sich  zu  gewinnen.  Nun  soll
aber  nach  dem  socialistischen  Katechismus  in  dem  social-communisti-
        <pb n="25" />
        14

schen  Zukunftsstaate  Niemand  meine  mit  seiner  Arbeit  verdienen
dürfen,  als  den  Gewinnantheil,,  welcher  nach  Maßgabe  der  durchschnittlich ­
  nothwendigen  und  amtlich  ermittelten  Arbeitszeit  auf  ihn
entfällt,  er  soll  also  auf  denjenigen  Gewinnantheil,  den  er  vermöge
größerer  Geschicklichkeit  und  größeren  Fleißes  in  derselben  Zeit  mehr
verdient  hat,  als  seine  faulen  und  ungeschickteren  Mitarbeiter,  zu
Gunsten  dieser  verzichten.
Man  ersieht  hieraus,  daß  die  gesellschaftlich  nothwendige  durchschnittliche ­
  Arbeitszeit  für  sich  allein  nicht  das  richtige  Werthmaß
sein  kann,  gleichwohl  bildet  dieselbe  theoretisch  das  eigentliche  Fundament ­
  des  Socialismus  und  Carl  Marx  erklärte  sie  ausdrücklich  für
den  Eckstein  des  in  seinem  Buche  „Das  Capital"  aufgestellten  neuen
Staatssystcms.  Ferner  soll  im  Zukunftsstaate  nach  den  starkbetonten
  Versicherungen  der  socialistischen  Führer  iiberall  die  strengste
Gerechtigkeit  herrschen  und  demgemäß  Jedem  der  Ertrag  seiner
Arbeit  voll  gewährt  werden.  Es  können  also  auch  die  guten,  d.  h.
fleißigen  und  geschickten  Arbeiter  mit  Recht  den  Anspruch  erheben,
daß  der  Werth  ihrer  Leistungen  nicht  lediglich  nach  der  Zeitdauer,
sondern  auch  nach  ihrer  Quantität  und  Qualität  bemessen  werde,
cs  wäre  durchaus  gerechtfertigt,  wenn  diese  cs  sich  nicht  gefallen
lassen  wollten,  daß  sic  bei  der  Vertheilung  der  Arbeitserträge  um
ebensoviel  Antheile  erhalten  sollten,  als  die  Faulen,  Dummen  und
Ungeschickten,  daß  sie  also  für  dieselben  zum  Theil  mitarbeiten
müßten.  Letztere  dagegen  würden  rufen:  „Nein!  das  ist  nicht  recht,
so  war  cs  früher  auch,  jetzt  soll  es  aber  anders  sein.  Denn  was
können  wir  dafür,  daß  wir  nicht  mehr  Verstand  und  natürliche  Geschicklichkeit ­
  besitzen  und  deshalb  in  gleicher  Zeit  beim  besten  Willen
nicht  soviel  und  von  derselben  Güte  schaffen  können,  als  Jene?
Wir  haben  dieselben  Bedürfnisse  nach  guter  Kleidung,  Nahrung
und  Wohnung,  wir  wollen  auch  nicht  weniger  Vergnügungen  haben,
wie  Jene!"  Eine  dritte,  vierte,  fünfte  Arbeitsgruppe  würde  wegen
zahlreicher  Familie  oder  wegen  mühsamerer  und  gesundheits-  oder
gar  lebensgefährlicher  Arbeiten  einen  entsprechend  höhern  Verdienst
        <pb n="26" />
        15

verlangen  und  sich  dabei  gleichfalls  auf  die  versprochene  Gerechtigkeit ­
  berufen.
Also  auch  im  Zukunftsstaate  wird  die  Regierung,  mag  fie  nun
die  abgestufte  oder  die  gleiche  Vertheilung  des  Arbeitsoertrags
wählen,  nicht  im  Stande  sein,  alle  Arbeiterkreise  zufrieden  zu  stellen,
es  sei  denn,  daß  es  ihr  gelänge,  sämmtliche  Zukunftsstaatsbürger
dahin  zu  bringen,  daß  der  Gemcinsinn  alle  ihre  Handlungen  beherrsche, ­
  daß  Jeder  zu  Gunsten  des  Gemeinwohles  auf  jedes
Sonderinteresse  verzichte,  mit  anderen  Worten:  daß  er  die  höchste
moralische  Vollkommenheit  erreiche.  Hat  aber  nicht  gerade  die
socialdemokratische  Presse  durch  Erregung  der  schlimmsten  Leidenschaften: ­
  des  Neides,  des  Hasses  und  der  Habgier  in  den  Herzen
der  Arbeiterklassen,  der  sog.  Enterbten,  die  Wurzeln  des  Gcmeinsinns
  gänzlich  durchschnitten?
2.  Der  Ehrtrieb.
Ein  zweiter  sehr  mächtiger  Trieb  im  Menschen  ist  der  nach
Ehre,  d.  h.  nach  der  guten  Meinung  seiner  Mitmenschen.  Derselbe ­
  ist  schon  bei  Kindern  als  Zeichen  des  beginnenden  Verstandes
wahrzunehmen  und  bildet  bei  den  Erwachsenen  mehr  oder  weniger
die  Richtschnur  ihres  Lebens.  Ist  das  Ehrgefühl  in  einem  Menschen
wenig  entwickelt  oder  durch  schlechte  Neigungen  erstickt,  so  charakterisirt
er  sich  als  ein  verächtlicher  Lump.  Das  lebendige  Ehrgefühl  kann
sich  nach  verschiedenen  Richtungen  hin  entfalten;  bei  beschränkten
Naturen  führt  es  zur  Eitelkeit  und  zum  Hochmuth;  bei  weltklugen
Leuten  zum  Ehrgeiz  und  zur  Herrschaft  und  nur  bei  wenigen  ist
dasselbe  darauf  gerichtet,  sich  bei  ihren  Mitmenschen  Achtung,  Liebe
und  Vertrauen  zu  erwerben.
Da  die  Mehrzahl  der  Menschen  sich  in  der  Allgemeinheit  bedeutungslos ­
  fühlt,  so  sucht  der  Einzelne  mit  Andern  gemeinsam  die
Anerkennung,  welche  er  für  sich  allein  nicht  beanspruchen  kann,  in
der  Standesehre.  Er  schließt  sich  daher  den  Gleichgestellten  an
und  bildet  mit  ihnen  einen  Stand.  Jeder  Stand  beansprucht  seine
        <pb n="27" />
        16

besondere  Standesehre.  So  dünkt  sich  in  seinem  stolzen  Standesbewußtsein ­
  der  Adelige  erhaben  über  den  Bürgerlichen,  der  Offizier
über  den  Civilisten,  der  Beamte  über  den  Nichtbeamtcn,  der  Meister
über  den  Gesellen,  dieser  über  den  Lehrburschen,  der  Landschaftsoder ­
  Portraitmaler  über  den  Stubcnmaler  und  dieser  über  den
Anstreicher,  der  Kunstschlosser  über  den  Fabrikschlosser  u.  s.  w.
Die  Standesehre  ist  bekanntlich  am  schärfsten  im  Militair-  und
Bcamtenstande  ausgebildet,  weil  hier  Leistungen  beansprucht  werden,
die  nach  dem  gewöhnlichen  Lohngesetze  nicht  bezahlt  werden  können;
von  dem  Beamten  wird  Hingebung  der  ganzen  Persönlichkeit  an
seinen  Beruf  gefordert;  von  dem  Soldaten  das  Opfer  des  Lebens
im  Kriege  und  der  Freiheit  im  Frieden,  indem  er  sich  unter  die
strengste  Disciplin  stellen  muß.  Zu  solchen  Opfern  versteht  sich
der  Mensch  nur  dann,  wenn  der  mächtigste  Trieb  aller  edleren
Naturen,  der  Trieb  der  Ehre,  ihn  dazu  anspornt.  Der  Ehrtrieb
vermag  Außerordentliches  zu  leisten,  er  befähigt  zu  Anstrengungen
und  Aufopferungen  aller  Art.  Ja,  um  standesgemäß  vor  der  Welt
auftreten  zu  können,  legen  gering  besoldete  Offiziere  unb  Beamte
sich  willig  die  möglichsten  Entbehrungen  im  Essen,  Trinken  und  in
Vergnügungen  auf.  llnb  sind  es  nicht  Künstler  und  Gelehrte,  die
häufig  nur  in  der  Ehre  und  dem  Nachrühme  einen  Ersatz  für  die
kärgliche  Bezahlung  ihrer  Leistungen  finden?  llnd  gewahren  wir
nicht  selbst  inmitten  der  socialistischen  Fabrikarbeiter  eine  Anzahl
von  Familien  als  bessere  Gesellschaft,  gleichsam  eine  Arbeiteraristokratie ­
  der  Wohlanständigkcit  herausgebildet,  die  sich  gesondert
hält  und  trotz  des  Strebens  nach  allgemeiner  Gleichheit  sehr  cmpfindlich
  ist,  weiln  mall  sie  mit  der  großen  Masse  alls  einen  Haufen
werfen  will?  Im  Emporkommen  sich  befiildend,  fordcril  sie  Don
den  andern  Arbeitern,  es  ihnen  gleich  zu  thun,  um  ihnen  gleich  zu
werden;  herabsteigen  wollen  sie  nicht  und  von  dem,  lvas  sic  mühsam
erspart  haben,  lvas  ihnen  und  ihren  Kindern  zu  gute  kommen  soll,
für  die  Unordentlichen,  Faulen  und  Vagabuildeil  Etwas  herzugeben,
liegt  ihnen  erst  recht  wer  weiß  wie  fern.
        <pb n="28" />
        17

Die  Rangordnung  ber  verschiedenen  Stände  wird  bestimmt
durch  das  Maß  des  Ansehens  oder  des  Werthes  der  Verdienste
um  das  öffentliche  Wohl,  durch  die  Stellung  im  Staate,  sowie
durch  die  geistige  und  materielle  Macht,  welche  sich  der  einzelne
Stand  irr  der  Gesellschaft  allmählich  errungen  hat.  Der  von  der
Natur  in  den  Menschen  gelegte  Trieb  der  Ehre  ist  so  stark  und
mächtig,  daß  cs  im  Zukunftsstaate  selbst  bei  Anwenduilg  der  schärfsteil ­
  Maßregeln  nie  gelingen  würde,  die  Ständcunterschiede  für
immer  zu  beseitigen  und  eine  Gleichheit  aller  seiner  Bürger  bezüglich ­
  ihrer  socialen  Stellung  herbeizuführen.  Zähe  Energie,  Talent,
hervorragende  Leistungen,  Klugheit,  Geschicklichkeit  oder  Reichthum
würden  die  Gleichheitsschrailkeil  bald  wieder  durchbrechen  und  die
Stellungen,  von  welchen  ihre  früheren  Inhaber  verdrängt  wurden,
zurückerobert  werden.  Könnte  die  Wissenschaft  oder  die  Staatsmacht
die  Natur  zwingen,  die  Menschen  mit  gleichen  geistigen  und  körperlichen ­
  Anlagen  und  Kräften  auszustatten  und  die  hierin  bereits
vorhandenen  Ungleichheiten  wieder  zu  beseitigen,  ja,  dann  wäre  wohl
ciile  Standesgleichheit  denkbar.  So  lange  aber  weder  das  Eine,
noch  das  Andere  möglich  ist,  kaml  auch  der  Zuklmstsstaat  cs  nicht
verhindern,  daß  der  Kluge  dell  Dummen,  der  körperlich  Starke  ben
körperlich  Schwachen,  der  Reiche  den  Armen,  der  begabte  und  gewandte ­
  Rediler  feine  Zuhörer  mehr  oder  weniger  beeinflußt  und
beherrscht.  —  So  lange  die  Starken,  welche  immer  herrschen  wollen,
nild  auch  immer  Mittel  und  Wege  zur  Befriediguilg  ihrer  Herrschsucht ­
  finden  lverden;  so  lange  die  mit  hervorragenden  geistigen  Fähigkeiten ­
  Begabten,  welche  die  ihren  ehrgeizigen  Wünschen  entgegenstehenden ­
  Schranken  zu  durchbrechen  stets  entschlossen  sein  werden,  so
lange  endlich  die  auch  ben  Schwachen  innewohnende  Neigung,  immer
mit  ihrer  Lage  unzufrieden  zu  sein  und  sich  den  Freiheitsbestrebungen
Anderer  anzuschließen,  gänzlich  zu  beseitigen  oder  unschädlich  zu  machell
nicht  gelingen  sollte,  so  lange  würde  auch  jeder  auf  dem  Principe  der
allgemeinen  Gleichheit  errichtete  communistische  Staat  ein  Vulkan  sein,
dessen  verheerellde  Ausbrüche  nicht  lange  auf  sich  marteil  ließen.

Blume,  Zukunft-ñaat.

2
        <pb n="29" />
        18

3.  Der  Freihcits-  und  Selbstständigkcitsdrang.
Eine  der  größten  und  am  schwersten  zu  überwindenden  Schwierigkeiten, ­
  mit  welchem  ein  kommunistisches  Staatswesen  zu  kämpfen
hätte,  würde  das  Freiheitsgefühl  oder  der  Drang  im  Menschen
nach  persönlicher  Selbstständigkeit  darbieten.  Wenn  auch  die  Menschen
  nicht  absolut  unfähig  fiir  ein  communistisches  Staatsleben
sind  und  wir  ja  bei  fast  allen  Völkern  des  Alterthums  und  gegenwärtig ­
  noch  bei  wilden  Indianer-  und  Negerstännnen  in  Folge  des
Ileberganges  vom  Nomadenthum  in  feste  Ansiedelung  Anfänge  von
Gütergemeinschaft,  namentlich  an  Grund  und  Boden  finden,  so  erscheint ­
  dieselbe  doch  nur  als  die  erste  Grundlage,  auf  welcher  sich
nach  und  nach  ein  geordnetes  Staatswesen  aufbaute,  welches  sich
dann  bei  allen  Culturvölkern,  wie  uns  deren  Geschichte  lehrt,  mit
der  Cultur  gleichmäßig  entwickelte  imb  stets  zur  Auflösung  der  bisherigen ­
  Gütergemeinschaft  führte,  die  also  nirgends  hat  Stand
halten  können.
4.  Der  Drang  nach  Berufsfrei  heit.
Der  jedem  Menschen  innewohnende  Drang  nací)  persönlicher
Selbstständigkeit  fordert  zunächst  die  Freiheit,  sich  zu  beschäftigen
und  seinen  Unterhalt  zu  verdienen,  wie  man  will,  d.  h.  die  Bernfsfrciheit.

Allerdings  arbeiten  auch  heute  die  meisten  Arbeiter  nicht  freiwillig,
  sondern  unter  dem  theilweise  recht  harten  Drucke  der  Nothwendigkeit, ­
  aber  sie  fügen  sich  in  Folge  eines  Vieler,  selbst  unbcrvußten
  Selbstständigkeitsgefühls  lieber  der  Nothwendigkeit,  als  beni
Zwange;  sie  verrichten  williger  schwerere  Arbeit  in  der  Freiheit,
als  leichtere  hinter  Kerkermauern.  Der  Bediente,  der  Portier  fühlt
sich  trotz  seiner  sorgenfreien  und  behaglichen  Stellung,  ungeachtet
einer  humanen  Behandlung  Seitens  seiner  Dienstherrschaft,  und
wenn  ihm  auch  nur  leichte  Arbeiten  und  Verrichtungen  obliegen,
doch  nur  selten  zufrieden,  er  beneidet  selbst  den  im  harten  Kampfe
ums  Dasein  ringenden  Arbeiter,  weil  dieser  wenigstens  in  seinen
        <pb n="30" />
        19

2*

Mußestunden  ein  freier  Mann  ist.  Mancher  etablirt  sich  als
Principal  oder  Meister,  der  als  Gehülfe  ein  viel  sorgenfreieres  und
bequemeres  Leben  hatte,  aber  der  Reiz  eines  eigenen  Heerdes  und
die  Liebe  zur  Selbstständigkeit  trieb  ihn  dazu.  Im  Zukunftsstaate
würde  aber  die  Arbeit  nicht  nur  für  Jedermann  eine  Nothwendigkeit ­
  sein,  weil  es  ja  in  demselben  keine  Capitalisten  geben  soll,  die
Andere  für  sich  arbeiten  lassen  könnten,  also  Jeder  sein  Brod  durch
eigne  Arbeit  verdienen  müßte,  sondern  es  würde  mit  dieser  Nothwendigkeit ­
  auch  der  Zwang  verbunden  sein;  denn  da  der  neue  Staat
zugleich  Generalunternehmcr  und  Generalproducent  sein  würde,  so
müßte  dessen  Centralleitung  auch  nothwendigerweise  über  die  gesummten ­
  Arbeitskräfte  unumschränkt  verfügen  und  dieselben  nach
bestem  Ermessen  verwerthen  können,  weil  es  ihr  sonst  nicht  möglich
sein  würde,  die  Staatsarbeitsmaschinerie  in  regelmäßigem  Gange  zu
erhalten,  und  Verwirrung  erzeugende  Stockungen  zu  verhüten.  Demgemäß ­
  würden  denn  auch  von  den  betreffenden  Staatsorganen  den
einzelnen  nunmehrigen  Staatsarbeitern  diejenigen  Geschäfte  und
Arbeiten  zugewiesen  werden  müssen,  für  welche  man  sie  entweder
für  geeignet  hielte,  oder  weil  es  so  das  Staatsinteresse  erheische.
Natiirlich  könnte  dabei  auf  die  Wünsche  der  Einzelnen  nicht  jederzeit
Rücksicht  genommen  werden.  Ebensowenig  würde  ein  Berufswechsel
statthaft  sein,  sicherlich  wiirden  dann  aber  die  mit  ihrem  Arbeitsloose ­
  Unzufriedenen  die  Arbeitsämter  mit  Versetzungsgesuchen  bestürmen ­
  lind  wenn  erfolglos,  wie  gefangene  Löwen  an  ihren  Ketten
rasseln,  und  selbst  die  Schwächeren  und  Geduldigeren  unter  ihnen
in  ihrer  trostlosen  Gefangcnhausstimmung  in  den  Ruf  der  Starkem
nach  unbedingter  Berufsfreiheit  und  Freizügigkeit  nicht  nur  begeistert
einstimmen,  sondern  auch  gemeinsam  mit  diesen  das  aufgezwungenc
Arbeitsjoch  gewaltsam  abzustreifen  suchen.
Auch  diejenigen,  welche  jetzt  unter  dem  Drucke  der  Nothwendigkeit ­
  selbst  die  schmutzigsten,  ekelhaftesten,  die  schwersten,  die  gesundheitsschädlichen ­
  oder  lebensgefährlichen  Arbeiten  verrichten,  würden
im  Zukunftsstaate  murren  und  sich  mit  Grund  darüber  beschweren
        <pb n="31" />
        20

können,  daß  ihnen  dergleichen  Arbeiten  zugemuthet  werden,  während
ihre  übrigen  Mitbürger  durch  Zuweisung  angenehmerer  und  leichterer ­
  Beschäftigungen  vor  ihnen  bevorzugt  seien.
Nicht  minder  unzufrieden  würden  die  Mitglieder  solcher  Staatszwangsgenossenschaften ­
  sein,  deren  Erzeugnisse  für  sie  nur  einen
geringen  und  der  darauf  verwendeten  Miihe  und  Arbeit  nicht  entsprechenden ­
  Lohn  abwerfen.  Sie  würden  mit  Neid  und  Verdruß
auf  höhere  Gewinne  erzielende  Genossenschaften  blicken  und  fragen:
ist  es  recht,  daß  uns,  die  wir  doch  nicht  minder  fleißig  und  gut
arbeiten,  als  die  Mitglieder  jener  Genossenschaften,  ein  geringerer
Lohn  zu  Theil  wird,  als  diesen?
Am  häufigsten  und  lautesten  würden  jedoch  diejenigen  murren
und  klagen,  welche  auf  ihren  Anlagen  «nb  Fähigkeiten  nicht  entsprechende ­
  Posten  gestellt  zu  sein  glauben.  Aber  selbst  übermenschlichcm
  Scharfblick  und  peinlichster  Gewissenhaftigkeit  würde  es  unmöglich ­
  sein,  für  jeden  Einzelnen  den  geeignetsten  Posten  aussindig
zu  machen.
Wenn  auch  bei  der  heutigen  freien  Concurrenz  vielen  das  erhoffte ­
  Glück  nicht  kommen  zu  wollen  scheint,  oder  es  ihnen  noch
nicht  gelungen  ist,  den  richtigen  Berns  zu  finden,  in  welchen!  sie
nach  Maßgabe  ihrer  Fähigkeiten  und  Neigungen  am  meisten  nützen
und  dadurch  die  größtmögliche  Selbstbefriedigung  erlangen  können,
so  richtet  doch  ihr  Mißmuth  über  die  vielfachen  Täuschungen  und
fehlgeschlagenen  Hoffnungen  sich  heute  nicht  gegen  den  Staat,  weil
sie  wissen  oder  fühlen,  daß  sie  bei  freier  Selbstbestimmung  auf  sich
selbst  gestellt  sind  und  daß  cs  daher  auch  ihre  Sache  ist,  so  lange
nach  dem  zum  erwünschten  Ziele  führenden  Wege  zu  suchen,  bis  er
gefunden  ist.
Ganz  anders  aber  würde  cs  sich  im  Zukunftsstaate  verhalten;
denn  hier  soll  die  Jugend  in  untergeordneten  Beschäftigungen  mindestens ­
  so  lange  geduldig  warten,  bis  ihr  Berns  zu  wichtigeren
Arbeiten  und  Gelegenheit  zu  diesen  sich  herausgestellt  hat.  Es
würde  also  derselben  ein  großes  Maaß  von  Selbstbeschränkung
        <pb n="32" />
        21

zugemuthet,  diese  ist  eine  so  seltene  Tugend,  daß  sie  meist  nur  von
Willensstärken,  charakterfesten  und  ehrenhaften  Männern  geübt  wird.
Am  wenigsten  wird  sic  sich  aber  bei  einer  Jugend  sinden,  welche
in  den  jede  göttliche  und  staatliche  Autorität  untergrabenden  Grundsätzen ­
  der  heutigen  Socialdemokratie  erzogen  ist.  Gerade  diese  würde
in  ihrer  Zuchtlosigkeit  weit  entfernt  sein,  sich  dem  Berufszwange
zu  fügen.  Während  sonach  die  Staatsleitung  aus  Staatsraison
am  Principe  des  Berufszwanges  festhalten  müßte,  würde  von
der  Staatsbürgerschaft  der  Durchführung  dieses  Princips  ein  so
gewaltiger  Widerstand  entgegengesetzt  werden,  daß  trotz  einer
Schreckensherrschaft  der  neue  Staat  sehr  bald  wieder  äus  den
Angeln  gehoben  würde.
5.  Der  Drang  nach  Bedarfsfreiheit.
Eine  andere  Art  von  Freiheit  wäre  hier  noch  zu  erwähnen,
an  welcher  der  Mensch  gleichfalls  mit  aller  Zähigkeit  festhält  und
solche  sich  nicht  nehmen  oder  verkümmern  lassen  will,  das  ist  die
Bedarfsfreiheit.  Der  österreichische  Minister  a.  D.  Dr.  A.  Schaffte,
obgleich  die  Socialdemokraten  ihn  als  ihren  Anwalt  ansehen,  sagt
in  seiner  Broschüre  „Die  Quintessenz  des  Socialismus"  u.  A.:
„Die  Freiheit  der  Bedarfsbcstimmung  ist  unzweifelhaft  die  unterste
Grundlage  der  Freiheit  überhaupt.  Würden  die  Lebens-  und  Bildungsmittcl
  von  außen  her  und  einem  Jeden  nach  einem  Bedarfsschema ­
  zugemessen,  so  könnte  Niemand  nach  seiner  Individualität
uud  Neigung  leben  und  sich  ausbilden;  es  wäre  der  Brotkorb  der
Freiheit  beseitigt.  Wollte  aber  der  Socialismus  die  persönliche
Freiheit  der  Bedarfsbcstimmung  aufheben,  so  wäre  er  freiheitsfeindlich
  und  aller  Gesittung  entgegen."  Der  Trieb  nach  persönlicher ­
  Freiheit  im  Menschen  ist  jedoch  so  mächtig  und  dieser  für
ihn  so  werthvoll,  daß  er  ihm  selbst  für  die  größten  Vortheile,
welche  der  künftige  Communcstaat  bieten  könnte,  nicht  feil  wäre
und  letzterer  daher  mit  dem  Freiheitsdrange  niemals  fertig  werden
würde.  Mit  diesem  Drange  nach  Freiheit  und  der  damit  ver-
        <pb n="33" />
        schwisterten  Selbstständigkeit  würden  sicherlich  auch  im  Zuklmftsstaate
  die  Bürger  das  Recht  für.  sich  tu  Anspruch  nehmen,  die  ihnen
zu  Gebote  stehenden  Gcnußmittel  selber,  mit  ihrer  Familie  oder  mit
Freunden  zu  verzehren  oder  auch  sie  in  größeren  Vorrüthen  aufzuspeichern, ­
  wenn  sie  mehr  Freude  am  Besitz  als  am  Genuß  haben;
die  Bürger  werden  es  sich  auch  in  Zukunft  nicht  nehmen  lassen,
mit  ihren  Mitteln  ihren  Kindern  eine  höhere  Ausbildung  zu  verschaffen ­
  oder  ihren  Haushalt  und  was  damit  zusammenhängt,  ihr
Familienleben  und  die  Erziehung  ihrer  Kinder  einzurichten,  wie  sie
wollen;  selbst  das  Recht,  die  Mittel  zu  verschenken  und  zu  vererben,
wird  im  Communestaat  nicht  aufgehoben  werden  können.
Das  Familicnerbrecht  insbesondere  ist  eine  durch  den  Individualismus ­
  begründete  sociale  Institution,  ein  integrirendcr  Bestandtheil ­
  des  gesellschaftlichen  Organismus  und  kein  Product  des
staatlichen  Mechanismus.  Das  Erbrecht  beseitigen  wollen,  heißt
das  Wesen  der  Gesellschaft  und  des  Individuums  nicht  verstehen
und  die  Societät  zu  einer  staatlichen,  beliebig  veränderlichen  Einrichtung
  machen,  während  doch  die  Gesellschaft  vor  dem  Staate
war  und  dieser  erst  als  ein  Ergebniß  derselben  erscheint.  Uebcrhaupt
  hat  der  Staat  andere  und  wichtigere  Aufgaben  zu  crfülíen,
als  das  gefährliche  Experiment  der  Untergrabung  der  gesellschaftlichen ­
  Fundamente  zu  wagen,  auch  der  socialdemokratische  ^taat
könnte  dies  nur  auf  Gefahr  seiner  Existenz  thun.  Allerdings  ist
der  Staat  nach  gewisser  Richtung  hin  ein  Mechanismus,  welcher
von  Zeit  zu  Zeit  abgeändert  und  umgestaltet  wird,  ohne  daß  dadurch ­
  die  Gesellschaft  in  ihrem  Lebensnerve  berührt  wird.  Umgekehrt ­
  dagegen  bringen  Umformungen  der  Gesellschaft,  wie  die  oben  gekennzeichneten, ­
  jedesmal  staatliche  Umwälzungen  hervor;  nie  aber  wird
es  ohne  den  Untergang  der  Gesellschaft  selbst  gelingen,  die  Familie
oder  das  Erbrecht  gänzlich  aufzuheben.  —  Und  wie  tief  und  vollständig ­
  die  Liebe  zur  Freiheit  und  Selbstständigkeit  die  Manschen
zu  durchdringen  vernmg,  erhellt  u.  A.  recht  deutlich  daraus,  daß
so  humanitäre  Institute,  als  welche  doch  unzweifelhaft  die  Asyl-
        <pb n="34" />
        23

Häuser  für  Jünglinge  und  Jungfrauen  gelten  dürfen,  von  diesen
deshalb  so  wenig  benutzt  werden,  weil  dort  auf  das  Innehalten  der
Feierstunden,  also  ein  kleiner  Verzicht  auf  ihre  persönliche  Freiheit
gefordert  werden  muh.  Ebensowenig  Anklang  finbcn  im  Allgemeinen
die  Volksküchen,  obwohl  dieselben  doch  durchschnittlich  schmackhafteres
und  billigeres  Essen  liefern,  als  es  die  einzelnen  Haushaltungen
vermögen.  Der  Hauptgrund  zu  dieser  Thatsache  dürfte  wohl,  abgesehen ­
  von  mancherlei  Borurtheilen,  dann  liegen,  daß  der  gleichsam ­
  militärische  Zwang,  ohne  Rücksicht  auf  den  Geschmack  zur  bestimmten ­
  Zeit  und  zu  bestimmten  Preisen  zu  essen,  sich  nicht  mit  der
Freiheit  verträgt,  heute  zu  sparen,  um  sich  später  einen  größeren
Genuß  zu  verschaffen,  oder  auch  den  Kindern  mehr  zu  Gute  kommen
zu  lassen.
Weit  mehr  als  diese  und  andere  wohlthätigen  Institute,  wie:
Vorschuß-  und  Consumvereine,  Spitäler,  Erziehungsanstalten,  Armenhäuser, ­
  Kindergärten  und  dergleichen,  sprechen  insbesondere  den
Arbeitcrstand  solche  echt  individualistische  Einrichtungen  an,  durch
welche  es  ihm  leicht  gemacht  wird,  mittelst  kleiner  Ersparnisse  sich
allmählig  ein  eigenes  Hänschen  und  Heimwcscn  zu  erwerben;  ja,  ein
eigenes  gemüthliches  Hauswesen,  in  welchem  er  sich  mit  den  Seinigen
wohl  und  behaglich  fühlen  und  nach  eigner  Neigung  leben  kann,  nicht
aber  eine  tägliche  allgemeine  Abfütterung  oder  gar  das  Einpferchen  in
Arbeiterkasernen,  die  ihm  als  Zwangsarbeitshäuser  erscheinen,  wünscht
der  Arbeiter.  Und  dennoch  verhält  sich  da,  wo  Menschenfreunde
durch  Gründung  von  gemeinnützigen  Ballgesellschaften  solche  Heimstätten ­
  für  die  Arbeiter  zu  beschaffen  bemüht  sind,  die  socialdemokratische ­
  Presse  theils  ablehnend  und  spöttisch,  theils  sogar  feindselig.
Aber  warum?  weil  sic  befürchtet,  daß  ein  Socialdemokrat  als  Hausbesitzer ­
  leicht  ein  Abtrünniger  wird.  Deshalb  soll  auch  im  Zukunftsstaate ­
  das  Uebcrlassen  von  Wohnungsräumen  in  Privathäusern
gegen  Annahme  eines  Miethzinses  unstatthaft  sein,  und  dadurch
verhindert  werden,  daß  der  Hauscigcnthümer  sich  eine  billigere  oder
gar  freie  Wohnung  verschaffe,  vielmehr  soll  ihm  der  Besitz  so  er-
        <pb n="35" />
        24

schwert  und  verleidet  werden,  daß  er  sich  gezwungen  sieht,  sein
Hausgrundstück  selbst  unter  dem  Werthe  an  den  Staat  zu  verkaufen.
6.  Das  unveräußerliche  Eigenthums  recht.
Von  der  Socialdemokratie  wird  dem  Menschen  -  Individuum
das  Eigenthumsrecht,  namentlich  an  Grund  und  Boden  bestritten.
Die  Herrschaft  des  Menschen  über  die  Sachenwelt  ist  aber  eine
thatsächliche  Nothwendigkeit,  die  von  Niemandes  Wahl  abhängig
werden  kaun,  weil  sie  in  der  Natur  der  Dinge  begründet  ist.  Die
menschlichen  Bedürfnisse  müssen  befriedigt  werden  und  zu  diesem
Zwecke  muß  der  Mensch  auf  bewegliche  und  unbewegliche  Dinge
einwirken  und  Andere  von  ihrem  Gebrauche  ausschließen  können.
Auch  wäre  die  persönliche  Freiheit  des  Menschen  ohne  Eigenthum
undenkbar;  denn  frei  kann  der  Mensch  nur  leben,  wo  er  unabhängig
von  der  Willkür  anderer  Menschen  seine  körperlichen  und  geistigen
Ķräfte  entwickeln,  gewisse  Sachen  genießen,  oder  an  ihnen  seine
Thätigkeit  üben,  d.  h.  wo  er  gewisse  Sachen  sein  Eigenthum  nennen
kann.  Das  Eigenthum  ist  also  die  Grundlage  aller  persönlichen
Freiheit  und  diese  ist  wie  auch  das  Eigenthumsrecht  ein  unveräußerliches ­
  Urrecht.  Da  nun  stets  und  überall  Unbeschränktheit  der
Verfügung  und  Ausschließlichkeit  Attribute  des  rechtmäßigen  Eigenthums ­
  sind,  so  ist  es  auch  eine  durchaus  unzulässige  Annahme,  daß
es  dem  Staate,  der  selbst  erst  zum  Theil  seine  Grundlage  im  Eigenthum ­
  und  im  Bedürfnisse,  dasselbe  zu  schützen  hat,  möglich  und
erlaubt  sei,  das  Privateigenthum  aufzuheben  und  abzuschaffen:  Ein
solcher  Versuch  müßte  nothwendig  daran  scheitern,  daß  derselbe
mit  der  Aufhebung  aller  besondern  Persönlichkeit  der  Staatsbürger
endigen  und  damit  eine  unerläßliche  Bedingung  des  Zusammenseins
d.  h.  des  Staatslebcns  vernichten  würde.
Aber  auch  fiir  den  Volkswohlstand  ist  das  Privateigenthum
durchaus  nothwendig;  denn  zu  Wohlstand  kann  ein  Volk  nur  dann
gelangen,  wenn  seine  Angehörigen  fleißig  die  Erde  bearbeiten,  fleißig
in  Erzeugung  irdischer  Güter  sind  und  Capitalien  ansammeln,  d.  h.
        <pb n="36" />
        25

emcn  Theil  ber  gewonnenen  Güter  für  zukünftige  Bedürfnisse  und
zu  weiterer:  probuetiven  Unternehmungen  in  der  Landwirthschaft,
Industrie  und  im  Handel  zurücklegen.  Allein  Fleiß  und  Sparsamkeit ­
  übt  der  Mensch  nur  bann,  wenn  er  nicht  nur  frei  über  die
Früchte  seiner  Arbeit  verfügen  kann,  sondern  auch  sein  Eigenthum
und  das  von  ihm  angesammelte  Vermögen  vom  Staate  rechtlich
geschützt  wird.  Ohne  Capitalien  wäre  eine  Erweiterung  der  Produetion
  nnb  somit  des  gesellschaftlichen  oder  Nationalvermögens,
sowie  der  menschlichen  Cultur  unmöglich.  Und  selbst  der  entschiedene
Capitalfeind  Lassalle  hat  sich  dieser  Einsicht  nicht  verschließen  können;
beim  in  seiner  Schrift  „Bastian  Schulze"  sagt  er:  „Völker,  die  von
voller,  individueller  Freiheit  ausgehen,  wie  die  Indianischen  Jägerstämme, ­
  können  deshalb  niemals  zu  irgend  einer  Capitalansammlung
nnd  daher  niemals  zu  irgend  einem  Culturfortschritte  gelangen."
Sehr  charakteristisch  und  mit  verständlicher  Knappheit  drückt
bieg  ber  Mannte  Matiotmiöfonom  0.  Stein  anë:  „S)er  Bkn#
tit  cm  Wesen  für  sich,  nicht  blos  ein  Exemplar  der  Gattung  homo
sapiens.  Wo  die  Individualität  in  der  Gattung  aufgeht,  da  herrscht
dte  Uncultur,  die  Barbarei,  die  finstre  Knechtschaft  der  Leiber  und
Geister.  In  der  thunlichst  freien  Enllvicklung  der  Individualität
ltegt  ein  Hauptantrieb  des  Fortschrittes;  was  er  hervorbringt,  das
gehört  ihm  und  keinem  Andern.  Geben  wir  die  persönliche  Existenz,
dte  Individualität  zu,  dann  müssen  wir  auch  das  persönliche  Eigenthnm
  anerkennen.  Wenn  wir  das  Eigenthum  aufheben,  dann
erniedrigen  wir  bett  Menschen  zu  einem  bloßen  Gattungsbegriff  und
sprechen  ihm  die  Eigenschaften  ab,  welche  sein  Sein  und  Wesen  ausmachen; ­
  wir  würden  ihn  zum  Thiere  degradiren,  zum  willenlosen
Selaven  eines  Herrtt  oder  einer  Wahnidee,  oder  wir  müßten  die
ganze  Menschheit  nach  Art  eittes  mittelalterlichen  eommunistischen
Bettelordens  umformen,  in  welchem  die  Persönlichkeit  nur  durch
einen  höheren  Willett  gelenkt  und  bestimmt  wird.  Watt  müßte  sich
burnt  den  Staat  als  citte  neue  moderne  Auflage  eines  solchett  Ordens
vorstellen."
        <pb n="37" />
        26

Da  nun,  wie  die  Erfahrung  lehrt,  die  vom  Staate  geleiteten
wirthschaftlichen  und  industriellen  Unternehmungen  nur  wenig  und
öfter  gar  nicht  ergiebig  find,  so  würde  im  socialistischen  Zukunftsstaatc,
  der  ja  zugleich  General-Eigenthümer  und  General-Producent
sein  soll,  von  einem  Wachsthum,  des  Nationalvermögens  keine  Rede
sein  unb  in  Folge  dessen  würden  unter  seine  Biirger  noch  weniger
Güter  zur  Vcrtheilung  kommen  können,  als  bei  den  gegenwärtigen
Staats-  und  Wirthschaftssystemen.
Es  ist  daher  auch  keineswegs,  wie  die  Socialdemokratie  fälschlich
behauptet,  etwas  Zufälliges,  daß  sich  bei  allen  Völkern  schon  frühzeitig ­
  das  Recht  des  persönlichen  Eigenthums  herausgebildet  hat,
sondern  etwas  ails  dem  Wesen  des  Menschen  nothwendig  Entwickeltes ­
  und  der  von  der  Natur  in  ben  Menschen  gelegte  Trieb
nach  Selbstständigkeit,  Freiheit  und  demnach  auch  nach  Besitzthum
ist  so  mächtig  und  unzerstörbar,  daß  alle  auf  ihre  Beschränkung
oder  gar  Beseitigung  gerichteten  Allgriffe  schließlich  mit  einer  vollständigen ­
  Niederlage  der  Angreifer  eildigen  müßten.
Deshalb  sagte  auch  der  große  Menschenkenner  Schiller:
„Etwas  muß  er  sein  Eigen  nennen,
„Oder  der  Mensch  wird  morden  und  brennen!"
und  ein  anderer  Dichter  ruft:
„Gieb  dem  Menschen  einen  nackten  Felsen,
„Und  er  wird  ihn  mit  bliihenden  Obst-  und  Weingärten  schmücken!"
Schon  bei  den  ungebildeten  Völkern  behauptet  der  wilde  Jäger
und  Fischer  ein  Eigenthumsrecht  auf  das  non  ihm  erlegte  Wild,
auf  die  gefangenen  Fische,  auf  die  gesammelten  Früchte  des  Waldes
unb  der  Fluren,  auf  die  voll  ihm  errichtete  Hütte,  die  angefertigten
Gerüthschaften  und  Kleidungsstücke.
Bei  den  nomadisirenden  Völkerstänlmcil  sind  die  Heerden  Eigenthum ­
  der  einzelnen  Familien,  die  während  der  Zeit  ihres  Aufenthaltcs
  in  einer  Gegend  bezüglich  der  Weideplätze  ein  geltendes
Besitzrecht  ausiiben.
        <pb n="38" />
        27

Ņei  beiden  Völkerarten  konnte  von  einem  eigentlichen  Eigcnthumsrechte
  auf  Grund  und  Boden  noch  keine  Rede  sein,  weil  sie
denselben  nur  vorübergehend  und  nicht  länger  in  Besitz  nahmen,
als  er  ihnen  und  ihrer  Heerde  ausreichenden  Unterhalt  darbot;
aber  während  dieser  Zeit  behaupteten  und  vertheidigten  sie  diesen
Besitzstand  gegen  jedwede  Angriffe  auf  denselben.
Erst  als  sie  sich  in  Folge  der  durch  ihre  Bevölkcrungszunahme
bedingten  Steigerung  der  Lebensbedürfnisse  zur  Betreibung  von
Ackerbau  und  somit  zur  festen  Besiedelung  gezwungen  sahen,  schritten
sie  dazu,  den  von  der  Gesammtheit  in  Besitz  genommenen  Grund
und  Boden  an  die  einzelnen  Familien  zu  vertheilen.  Und  diese
Theilung  war  geboten  durch  das  erste  Urrecht  des  Menschen,  d.  h.
daS  Recht  zu  leben.
Trotzdem  aber,  daß  sich  das  private  EigenthumSrccht  in  naturnothwcndiger
  Weise  herausgebildet  hat,  fordert  jetzt  die  Socialdemokratie ­
  Verwandlung  des  Privateigenthums,  namentlich  an  Grund
und  Boden,  in  Gemein-Eigcnthum,  d.  h.  Confiscation;  denn  das
Versprechen,  die  derzeitigen  Besitzer  voll  zu  entschädigen,  ist  unerfüllbar,
und  auch  nur  gegeben,  um  die  Besitzer  von  einem  voraussichtlich
höchst  gefährlichen  Widerstände  abzuhalten,  also  bloße  Phrase,
während  gleichzeitig  die  socialistischen  Führer  behufs  gewaltsamer
Durchsetzung  der  Confiscation  den  Neid  und  die  Habgier  der  Arbeiterbevölkerung
  aufstacheln  und  die  Agitation  durch  allerlei  Bcgriffsverwirrnngen
  und  Fälschungen  steigern,  von  denen  hier  nur  einige
der  grellsten  erwähnt  werden  sollen.
wird  der  von  Lassalle  herrührende  Satz  aufgestellt,  daß
der  Arbeitslohn  sich  nicht  dauernd  über  die  Kosten  der  Arbeit,  d.  h.
die  nothdürftigsten  Unterhaltungskosten  der  Arbeiter  erheben  könne
(das  sog.  eherne  Lohngcsetz).  Diese  Behauptung  ist  jedoch  in  ihrer
Allgemeinheit  nicht  richtig,  denn  wie  kann  überhaupt  eine  solche  allgemeine ­
  Norm  des  Lohnes,  d.  h.  ein  natürlicher  Preis,  nach  welchem
der  wirkliche  Marktpreis  trotz  aller  Schwankungen  immer  wieder
hinneigen  soll,  existiren,  wenn  in  demselben  Lande,  bei  demselben
        <pb n="39" />
        28

Volksstamme  doch  der  Sol)::  viele.  Jahre,  ja  mehrere  Generationen
hindurch  in  verschiedenen  aber  einander  ganz  nahe  gelegene!:  Gegenden
so  verschieden  ist?  Hier  hängt  vielmehr  der  Preis  der  Arbeit  hauptsächlich ­
  von  dei:  Sitten  und  Gewohnheiten  des  Volkes  ab.  —  Es
ist  ferner  Thatsache,  dass  die  Löhne  keineswegs  durch  die  Preise  de:
nothwendigsten  Lebensmittel  regulirt  werden,  das;  die  Arbeitslöhne
vielmehr  in  den  verschiedenen  Gegenden  Deutschlands  weit  n:eh:
unter  sich  differire::,  als  die  Preise  der  nothwendigen  Lebensmittel
und  daß  deshalb  auch  die  materielle  Lage  der  ländlichen  Arbeiter
in  den  einzelnen  Theilen  Deutschlands  eine  sehr  verschiedene  ist.
Somit  ist  denn  auch  die  Ansicht  derer,  welche  für  die  Verschiedenheit ­
  der  Lohnsätze  durch  die  Verschiedenheiten  der  Lebensmittel  eine
Ausgleichung  erwarten,  eine  durchaus  irrige  und  das  eiserne  Lohngesetz ­
  beruht  auf  einer  bloßen  aus  grauer  Theorie  hergeleiteten
Einbildung.
Dann  sollen  nach  Carl  Marx'  Behauptung  alle  Werthe  auf
Arbeit  zurückzuführen,  d.  h.  der  Werth  eines  Dinges  oder  Products
gleich  sein  der  allgemeinen  gesellschaftlichen  Arbeitszeit,  welche  zu
dessen  Herstellung  erforderlich  war.  Danach  müßten  denn  auch
z.  B.  von  Hundert  Paar  Strümpfen,  deren  eine  Hälfte  mittelst  der
Maschine  hergestellt  würde,  zehn  Stunden,  die  andere  durch  Handarbeit ­
  zweihundert  Stunden  Arbeitszeit  erfordert.  letztere  einen
zwanzig  Mal  höher::  Werth  und  Preis  haben,  als  erstere,  gleichwohl' ­
  aber  ist  ein  Preisunterschied  zwischen  beiden  Fabrikaten  in
Wirklichkeit  entweder  gar  nicht  vorhanden  oder  er  ist  ein  ganz
unbedeutender.  Ebenso  hat  der  sehr  gelehrte  Herr  gänzlich  übersehen ­
  oder  es  absichtlich  verschwiegen.  daß  außer  Arbeit  und
Maschinen  auch  noch  andere  Productionsmittel,  als:  Geld,  größere
oder  geringere  Brauchbarkeit  und  Zweckmäßigkeit  der  Handwerkzeuge,
das  Material.  Bodenfruchtbarkeit,  größere  oder  mindere  Geschicklichkeit. ­
  Regsamkeit  und  Intelligenz  der  Arbeiter  u.  s.  w.  auf  den  Preis
der'Dinge  einwirken;  er  hat  ferner  nicht  berücksichtigt,  daß  der
Werth  derselben  durch  die  Nothwendigkeit.  Nützlichkeit  oder  An-
        <pb n="40" />
        29

nehmlichkeit  für  den  Menschen,  non  der  großem  oder  geringern
Einige,  in  welcher  sie  vorhanden  sind,  sowie  durch  Nachfrage  und
Angebot,  welche  unter  dem  Gesetze  der  Concurrenz  stehen,  wesentlich
beeinflußt  wird.
Wir  kommen  daher  zu  dem  wohlbcrcchtigten  Schlüsse,  daß  alle
Declamationen  von  der  Vereinbarkeit  der  individuellen  Freiheit  mit
dem  communistischcn  Wirthschaftsbetriebe  nichts  sind  als  absichtliche
Flunkereien  oder  sentimentale  Anwandlungen,  wie  denn  der  Communismus
  von  jeher  für  phantastische  und  gedankenlose  Menschen
seine  große  Zugkraft  geübt  hat.  Der  Communismus  erkennt  dem
Einzelnen  das  Eigenthum  ab,  woraus  dieser  als  das  Ergebniß
seines  Denkens  und  Schaffens  Anspruch  erhebt;  die  bloße  Garantie
der  körperlichen  Bedürfnisse  bietet  keinen  Ersatz  für  das  Ausgeben
ber  individuellen  Freiheit.
7.  Das  Verbot,  Zinsen  zu  nehmen.
Ferner  wird  von  den  socialistischen  Agitatoren  in  meist  gehässiger ­
  Welse  das  Zinsennehmen  als  Ausbeutung  der  Arbeit  charakterisilt,
  während  dasselbe  in  Wahrheit  einen  wohlberechtigten,  weil
ans  freier  Vereinbarung  beruhenden  Anspruch  aus  eine  Gegenleistung
darstellt.  Auch  sind  die  meisten  productiven  Unternehmungen  solchen
freien  Vereinbarungen  zu  verdanken;  denn  ohne  diese  würden  jene
eben  nicht  möglich  gewesen  sein,  weil  zu  allen  productiven  Unternehmungen
  eine  gewisse  Anzahl  von  Betriebsmitteln,  und  um  diese
beschaffen  zu  können,  Geld  nöthig  ist.  Man  könnte  eine  solche  Vereinbai ­
  iiug  raglici)  einen  Gesellschaftsvertrag  nennen,  bei  welchem  der
ciiic  Theil  das  erforderliche  Geld  oder  einen  Theil  davoli  hcrleiht
uiid  ihm  dafür  als  Gewinnantheil  cm  der  Höhe  des  eingeschossenen
Capitals  entsprechenden  Zinsbetrag  zu  gewähren  ist,  während  dem
andern  Theile  die  übrigen  Gewinnantheile  gegen  Verpfändung  des
gesummten  Betriebsmaterials  allein  zufallen  und  ihm  dadurch  die
Möglichkeit  geboten  wird,  bei  geschickter  und  glücklicher  Leitung  des
Unternehmens  dieses  nicht  nur  nach  und  nach  zu  erweitern  und  ge-
        <pb n="41" />
        30

winnreicher  zu  machen,  sondern  auch  mit  der  Zeit  in  dessen  allcruigen
  und  schuldenfreien  Besitz  zu  kommen.  Wollte  man  also  das
Zinsennehmen  verbieten,  so  hieße  das  nichts  anderes,  als  alle  productiven ­
  Unternehmungen  lediglich  in  die  Hände  von  einigen  Tausend
Capitaliste»  legen,  also  dem  Capital  dienstbar  machen  und,  was
man  gerade  verhindern  wollte,  die  Ausbeutung  der  Arbeit  noch
mehr  fördern.
8.  Die  beabsichtigte  Abschaffung  der  Ehe  als  religiöser, ­
  politischer,  juridischer  und  bürgerlicher
Institution.
Auch  gegen  die  Familie  richtet  der  Socialismus  seine  Angriffe, ­
  weil  er  recht  wohl  weiß,  daß  sich  mit  ihr  keine  andere
Verbindung  an  Innigkeit  der  Empfindungen  und  Stärke  der  Interessengemeinschaft ­
  vergleichen  läßt,  daß  sic  der  Hort  und  die  Trägerin
des  reinen  Individualismus  ist,  der  erst  in  ihr  seine  vollständige
Entwickelung  findet  und  nur  wenig  Raum  für  Gemeinsinn  nach  dem
Wunsche  der  Socialdemokraten  läßt.  Um  nun  die  Familie,  seinen
Todfeind  zu  bekämpfen  und  womöglich  zu  vernichten,  sucht  der
Socialismus  deren  Fundament,  die  Ehe,  zu  untergraben  und  zu
diesem  Zwecke  scheint  ihm  die  Abschaffung  derselben  alv  politischer,
religiöser,  juridischer  und  bürgerlicher  Institution  als  wirksamstes
Mittel.  Es  wird  ganz  richtig  gefolgert,  daß,  sobald  der  Ehe  der
staatliche  und  religiöse  Schutz  entzogen  wäre,  ihrer  jederzeitigen
Wiederauflösung  also  keinerlei  gesetzliche  und  moralische  Hindernisse
entgegenstünden,  künftighin  nur  noch  solche  Ehebündnisse  von  Dauer
sein  würden,  welche  aus  wahrer,  auf  gegenseitiger  Achtung  beruhenden ­
  Liebe  geschlossen  werden,  oder  wenn  gegenseitige  Unentbehrlichkeit ­
  der  Ehegatten  oder  die  Liebe  zu  den  Kindern  das  Band  der
Ehe  gefesügt  hätte.  Daß  aber  dergleichen  Ehen  in  einem  Communestaate
  immer  seltener  werden  und  nach  und  nach  an  deren  Stelle
die  auf  der  Basis  der  freien  Liebe,  d.  h.  des  Sinnenrausches  geknüpften ­
  geschlechtlichen  Verbindungen  treten,  und  diese  dann  wieder
        <pb n="42" />
        31

ficlöft  werden  würden,  sobald  der  Rausch  verflogen  wäre  und  daß
sich  also  eine  reine  Maitressen-  und  Bordcllwirthschaft  entwickeln
würde,  welche  allmählich  sich  auf  alle  Schichten  der  Bevölkerung
ausdehnen  und  alsbald  deren  geistige,  sittliche  und  Physische  Lebenskraft ­
  bis  zur  gänzlichen  Auflösung  zerfressen  würde,  das  wird
freilich  von  den  Führern  der  Socialdemokratie  entweder  nicht  zugegeben ­
  oder  absichtlich  verschwiegen.
Uebrigens  bürste  jede  leichtere  Lösung  der  geschlechtlichen  Verbindungen
  mehr  den  Männern  als  den  Frauen  zugute  kommen,  ja
letzteren  würde  unter  dem  Scepter  der  freien  Liebe  in  der  Regel
ein  jammervolles  Schicksal  bevorstehen;  nach  dem  Verluste  ihrer
^ungsiälllichkeit  und  persönlichen  Reize  würden  sie,  von  keinem
Manne  mehr  begehrt  und  unterhalten,  ohne  Rückhalt,  wie  ihn  das
heutige  Familienrecht  gewährt,  dastehen,  wären  lediglich  auf  ihre
eigenen  Kräfte  angewiesen  unb  hätten,  wenn  diese  durch  übermäßigen
W#icd)taoc,,uG  ober  Bíter  9#mäd,t  &amp;amp;um  Grmerb  ber  iioW,
^^^^«#11,  beigä##
*kmb%wmH,,abcr€%wrfamkit  in  be„  Sage,,  bcö  Uebe##^
letzt  nur  noch  die  Freiheit,  zu  verzweifeln  und  zu  verhungern.
Eine  fernere  Folge  der  sog.  freien  Liebe  würde  die  sein,  daß
die  in  derselben  erzeugten  Kinder,  schon  weil  deren  Väter  selten  zu
cnnittcln  wären,  bis  zum  Eintritt  ihrer  Erwerbsfähigkeit  auf  Staatskosten ­
  ernährt  und  erzogen  werden  müßten.  Diese  Kosten  würden
z.  B.  für  das  Deutsche  Reich  bei  einer  jährlichen  Bcvölkerungszunahmc
  von  mindestens  400  000  Seelen  jährlich  mit  je  nur  150  Mark
berechnet,  die  ungeheure  (Summe  von  60  Millionen  Mark  im  ersten
^ahre  und  in  den  nächsten  darauffolgenden  12  Jahren  je  ebenso
viel,  also  bis  zum  Eintritt  der  Erwerbsfähigkeit  zusammen  780  Mil-Itoiteit
  Mark  für  jede  Altersklasse  betragen  und  hierzu  würden
noch  die  Unterhaltungskosten  für  die  Mütter  während  ihrer  Erwerbsunfähigkeit ­
  nach  der  Niederkunft  mit  20  Millionen  Mark
sommeil,  sich  mithin  ein  Gesammtbetrag  von  800  Millionen  Mark
ergeben.
        <pb n="43" />
        32

J

Ehe  und  Familie  sind  so  werthvolle  Einrichtungen  der  weisen
Weltregierung,  daß  die  Menschheit  auf  sie  niemals  wird  verzichten
wollen;  denn  sie  sind  die  treuen  Hiitcr  der  Sittlichkeit  und  deshalb
für  den  Fortbestand  eines  jeden  Staatswesens  unentbehrlich.  Die
Familie  ist  der  Grund  und  Eckstein  des  bürgerlichen  Lebens,  sie  ist
die  ursprünglichste,  urälteste,  menschlich-sittliche  Genossenschaft,  aber
eine  Genossenschaft,  die  erst  durch  das  Christenthum  die  rechte
Weihe  und  Widerstandsfähigkeit  gegen  oftmals  geplante  Angriffe
erhielt.  Und  das  ist  geschehen,  seit  die  Stellung  der  Frau,  das
eheliche  und  Familienleben  durch  die  christliche  Lehre  verschönt
worden  ist.  Die  Jdealisirung  des  ewig  Weiblichen  hat  die  Sitten
geniiibcttunbbic  Gunst  mö#9  #tbcrt.  3)tc  Giuiü;
fation  und  die  Bestandeskraft  der  christlichen  Staaten  hat  ihren
Grund  in  der  Unification  der  Frau  mit  dem  Manne,  in  der  Hochschätzung ­
  der  ehelichen  Treue  und  Häuslichkeit,  in  der  Anerkennung
der  weiblichen  Vorzüge,  in  der  Darstellung  der  Schönheit,  Liebe
und  Tugenden  der  Frauen.  Die  Art  der  Emancipation,  welche
ihnen  von  den  modernen  politischen  Parteien  mtb  socialen  oectireru
geboten  werden  will,  kann  sie  nicht  begeistern,  ihr  weibliches  Naturell ­
  und  Gefühl  bleibt  kalt  für  diejenigen,  welche  blos  die  materielle ­
  Seite  des  Lebens  in  den  Vordergrund  stellen.  Das  deutsche
Weib  (Ausnahmen  giebt  es  leider  auch  bei  uns  schon)  setzt  noch
sein  höchstes  Ideal,  ein  glückliches  Familienleben,  über  eine  vergoldete ­
  Selbstständigkeit  der  „Emancipation".  Die  Liebe  hält  längn
noch  als  der  Haß,  denn  die  Liebe,  sagt  das  Dichterwort,  stirbt  nicht.
Der  Klassenhaß  aber,  mit  Hilfe  dessen  die  socialdemokratischen  Agitatoren ­
  ihre  Principien  von  der  materiellen  Befreiung  unter  Dach
und  Fach  zu  bringen  suchen,  hat  nichts  mit  der  Liebe  gemein  und
ist  Feind  des  Familienlebens,  damit  hat  sich  die  Socialdemokratie
von  vornherein  die  christliche  Frau  zur  Feindin  gemacht  und  an
bi#  getnb#aft  ivitb  fie  selbst  nad)  Ucbcmmbirnß  anbetn:
Schwierigkeiten  nothwendig  zu  Grunde  gehen.  &amp;lt;co  ist  denn  da.
geben  in  bet  ^amitié  baö  beste  uot  alíen  foeiaieu
        <pb n="44" />
        33

Verirrungen;  wuchern  diese  aber  mächtig  empor,  so  ist  dies  ein
sicheres  Zeichen,  daß  das  Heiligthum  des  Hauses  gar  vielfach  zertrümmert
  sein  muß.  Ist  dies  in  gewissen  Kreisen  der  Fall,  nun
so  muß  das  Mögliche  schleunigst  zur  Heilung  dieses  Schadens  geschehen ­
  ;  denn  das  deutsche  Familienleben  mit  seiner  Liebe  und  Ordnung, ­
  mit  seinem  Fleiße  und  seiner  Sparsamkeit  ist  das  werthvollste
Gut,  welches  wir  von  unseren  Vorfahren  der  ältesten  Zeit  besitzen.
Das  Familienleben  ist  der  Boden,  in  welchem  ein  besseres  Staatsleben ­
  in  Deutschland  emporwachsen  kann.  Darum  sollen  wir  den
^taat  immer  ansehen  als  einen  Verein  von  Familien,  nicht  von
einzelnen  Personen,  eine  Ansicht,  welche  in  dem  ureigenen  Geiste
der  germanischen  Völker  wurzelt  und  sich  in  den  Einrichtungen  ihres
Erbrechtes  offenbart.  Ehe  und  Familie  sind  ja  auch  die  unversiegbaren ­
  Quellen  einer  Fülle  von  Freuden,  wie  sie  den  Menschen
ln  keiner  anderen  Vereinigung  inniger  und  reiner  als  in  der  Ehe
und  im  Familienleben,  insbesondere  für  die  Eltern  über  eine  ge-19
  hampers,  @#caimbWm#a%cranbei
funden  werden  können.  Deshalb  werden  Ehe  und  Familie  in
allen  Volksschichten  auch  fernerhin  von  so  starken  und  zuverlässigen
Stützen  umgeben  sein,  daß  ekelhafte  Wüstlinge  und  sittlich  verkommene ­
  Führer  vergeblich  daran  rütteln,  vielmehr  sich  bald  davon
überzeugen  müssen,  daß  im  Zukunftsstaate  so  wenig  wie  heute
Neigung  bei  der  Mehrzahl  der  Eltern  vorhanden  wäre,  ihr  eigenes
Fleisch  und  Blut  zu  verleugnen  und  sich  von  ihren  Kindern  zu
treuiien,  um  sie  in  Findelhäuser  oder  Kinderbewahrungsanstalten
einsperren  zu  lassen.
Da  es  ohne  wirkliche  Ehe  keine  Familie  giebt,  diese  aber  eine
der  wichtigsten  Grundlagcii  der  Gesellschaft  und  des  Culturfortschritts ­
  bildet,  so  kann  und  wird  selbst  in  dem  freiesten  Staate  die
Oberleitung  nicht  bulben  oder  gestatten,  daß  die  Wiedcrauflösung
der  Ehe  in  das  freie  augenblickliche  Belieben  der  Ehegatten  gestellt ­
  werde,  weil  die  heilloseste  Unordnung  und  krasseste  Unsitt-BI
  u  m  k,  Zuknnfirftaat.  o
        <pb n="45" />
        34

ltd)feit  die  nothwendige  Folge  einer  solchen  Freiheit  wäre  und
beides  zum  Untergange  des  Staates  führen  müßte.  Letzterer  ist
also  schon  im  eigensten  Interesse'  gezwungen,  die  Ehe  und  Familie
zu  schützen.
Weit  genug  ist  es  ohnehin  infolge  der  Aufwiegelungen  der
Soeialdemokraten  schon  mit  den  Ansichten  der  Arbeiterbevölkerung
über  Ehe  und  Familie  gekommen;  man  hat  gar  nicht  nöthig,  den
Zukunftsstaat  abzuwarten,  um  auf  diesem  Gebiete  Erfahrungen  zu
sammeln,  die  sich  dem  Beobachter  allenthalben  aufdrängen.  Alle
hochgestellten  Völker  haben  die  eheliche  und  geschlechtliche  Reinheit
streng  gehütet;  überall,  wo  aber  eine  Lockerung  der  Sitten  eintrat,
folgte  die  Zerrüttung  der  Gesellschaft  auf  dem  Fuße.  Athen,
Korinth,  Rom  gingen  an  Sittenlosigkeit  zu  Grunde.  Wenn  bei
uns  keine  Mittel  gefunden  werden,  um  dem  Niedergang  der  Moral
Einhalt  zu  thun  oder  mit  anderen  Worten  den  Soeialdemokraten
die  Verwirklichung  ihres  gepriesenen  Musterstaates  der  Zukunft
gründlich  zu  verleiden,  werden  sich  die  Geschicke  noch  viel  rascher
erfüllen  ,  als  vor  zweitausend  Jahren  in  Rom  und  Griechenland.
Die  Familie  bildet  das  Fundament  eines  jeden  Staates;  das
Schicksal  des  letzteren  hängt  zum  großen  Theile  von  der  Beschaffenheit ­
  und  der  Zukunft  der  ersteren  ab,  Wie  steht  es  damit  schon
jetzt  bei  uns?  Man  braucht  nicht  Le  Sagö's  „hinkender  Teufel"
zu  sein,  um  sich  ein  zutreffendes  Bild  von  dem  Stande  des  ,Familienlebens ­
  in  den  Volksschichten  der  ärmeren  Klassen  zu  machen.  Wir
unterlassen  es,  als  zu  weit  führend,  hier  eine  Schilderung  dieses
Zustandes  zu  geben,  betonen  aber  wiederholt  die  Nothwendigkeit  der
Hebung  der  Moral  in  allen  Kreisen,  namentlich  der  Eheheilighaltung. ­
  Durch  die  Anweisung  der  niederen  Stellung,  welche  btc
Socialisten  der  Ehe,  dem  Familienleben  in  ihrem  Zukunftsstaate
einräumen,  zeigen  diese  Pseudoweltweisen  mehr  als  durch  alles
Andere,  daß  sie  vom  Wesen  eines  Staates  nicht  den  geringsten
Begriff  haben.
        <pb n="46" />
        35

3*

9.  Kampf  gegen  den  Glauben  an  ein  Dasein  Gottes
und  dessen  Unterstützung  durch  die  moderne
Wissenschaft.
Nicht  minder  heftig  und  hartnäckig  kämpft  die  Socialdemokratie
gegen  den  Glauben  an  ein  Dasein  Gottes  und  an  ein  Jenseits,  an
die  Unsterblichkeit  unserer  Seele;  noch  vor  Kurzem  hat  sie  in  ihren
Preßorgancn  mit  großer  Zuversicht  der  Hoffnung  Ausdruck  gegeben, ­
  daß  die  Arbciterbevölkerung  den  Himmel  diesseits  auffuchen
werde,  sobald  Gott  aus  ihrem  Gehirn  getrieben,  das  Gottesgnadenthum ­
  gefallen  und  der  Himmel  im  Jenseits  als  eine  große  Lüge
erkannt  worden  sei.  In  diesem  Kämpfe  wird  die  Umsturzpartei
sogar  von  Vertretern  der  modernen  Wissenschaft  und  der  sog.  Naturphilosophie ­
  eifrig  unterstützt,  indem  sie  unter  Zugrundlegung  der
beiden  veralteten,  höchst  verschwommenen  und  unklaren  Sätze:
1.  Die  Materie  genügt  zum  Dasein  sich  selbst,  sie  ist  das  Absolute, ­
  sie  ist  Alles;
2.  diese  Materie  hat  durch  die  Mechanik  ihrer  Theile  nach  ewig
in  ihr  wohnenden  Gesetzen  die  unendliche  Fülle  der  Naturformen ­
  bis  zum  Vernunft  entwickelten  Mcnschengchirn  hinauf
hervorgebracht  und  sie  bedarf  daher  keines  Schöpfers  und  Erhalters, ­

Lehrsystemc  errichtet  haben,  in  welchen  Gott  und  Unsterblichkeit  bei
Seite  geschoben  sind.
Beide  Sätze  oder  Voraussetzungen  sind  jedoch,  wie  bereits
längst  wiederholt  nachgewiesen  worden  ist,  durchaus  falsch  und
folglich  sind  auch  die  darauf  basirtcn  Lehren  nur  Irrlehren,  denn
a.  wenn  die  Materie  zum  Dasein  sich  selbst  soll  genügen
können,  so  müßte  ihr  doch  die  Fähigkeit  des  Denkens,  Wollens
und  Könnens  innewohnen;  sie  ist  aber  eine  aus  leb-  und
seelenlosen  Atomen  bestehende,  also  eine  todte  Masse  und  eine
solche  vermag  weder  zu  denken,  noch  zu  wollen,  noch  zu  können,
d.  die  Materie  ist  cttvas  einen  Raum  Ausfüllendes,  d.  h.  etwas
Körperliches,  etwas  Geschaffenes,  noch  nicht  vorhanden  Ge-
        <pb n="47" />
        36

J

wesenes,  mithin  ein  Etwas,  das  einen  Anfang  hat,  es  können
also  auch  nicht  von  Ewigkeit  her  Gesetze  in  ihr  ruhen.
Es  ist  sonach  reiner  Unsinn,  zu  behaupten,  daß  die  Materie
vermöge  der  Mechanik  oder  Beweglichkeit  ihrer  Theile  nach  ewig  in
ihr  wohnenden  Gesetzen  alles  organische  Leben  im  Weltall  hervorgebracht ­
  habe  und  erhalte.
Wenn  mithin  die  Materie  weder  sich  selbst,  noch  die  aus  ihr
bestehende  Welt  geschaffen  haben  kann,  so  muß  doch  eine  denkende,
wollende  und  könnende  Macht  oder  Kraft  vorhanden  sein,  die  nicht
nur  die  Materie  und  aus  dieser  die  Welt  m3  Dasein  gerufen  hat,
sondern  sie  auch  erhält  und  zwar,  wie  wir  jederzeit  wahrnehmen
können,  nach  von  dieser  Macht  gegebenen  bestimmten  unabänderlichen ­
  Gesetzen.  —  Nun,  diese  Macht  nennen  die  gläubigen  Menschen
Gott!  —
Gleichwohl  hat  sich  unlängst  ein  allgemein  bekannter  Naturforscher ­
  von  gliihendem  Forschungseifer  dazu  getrieben  oder  um
durch  Absonderlichkeit  Sensation  zu  erregen,  veranlaßt  gesehen,  die
Welt  mit  einer  auf  die  eben  erwähnten  beiden  Sätze  basirten  neuen
Schöpfungslehrc  zu  überraschen.  Nach  derselben  ist  der  Ursprung
der  ganzen  organisch  belebten  Natur,  sammt  den  darin  vorhandenen
und  wirkenden  geistigen  und  seelischen  Kräften  von  einer  Urzelle  oder
dem  Urschleim  herzuleiten.
Diese  Urzellc  sei,  so  lehrt  dieser  Naturforscher,  durch  die  in  ihr
seit  Ewigkeit  ruhenden  Gesetze  gezwungen,  sich  zu  stufenweise  höheren,
belebten  unb  beseelten  Organismen  herauszubilden  und  zwar  so,  daß
immer  eine  neue  Art  aus  der  ihr  zunächst  vorhergehenden  entstehe.
Ein  Professor  in  Jena  hat  die  sog.  Dcsccndenzlchrc  zuerst
auf  den  Menschen  angewandt  und  ausgeführt,  daß  dieser  selbst  aus
dem  ihm  zunächst  stehenden  Affen  hervorgegangen  sei  und  zwar
durch  die  eigne  Kraft  und  Art  des  Affen,  dessen  inneres  Bedürfniß
ihn  dazu  gebracht  habe,  sich  zum  Menschen  zu  erheben,  freilich  erst
im  Laufe  von  vielen  Millionen  Jahren,  deren  Zahl  nicht  zu  ermitteln ­
  wäre.  Der  Affe  besitzt  also  die  gewaltige  Fähigkeit  und
        <pb n="48" />
        37

Macht  und  wahrscheinlich  auch  den  bewußten  Willen,  menschliche
(Gestalt,  menschliche  Vernunft  und  menschliche  Sprache  anzunehmen.
Außerdem  stellt  der  Herr  Professor  die  Behauptung  auf,  daß  die
Entwickelung  des  einzelnen  Thieres  mit  Einschluß  des  Menschen
eine  kurze  Wiederholung  aller  derjenigen  Veränderungen  darstelle,
welche  dasselbe  im  Laufe  seiner  Stammesgeschichte  von  den  ältesten
Zeiten  seines  organischen  Lebens  bis  zur  Gegenwart  durchgemacht
habe.  In  seiner  die  Desccndenzlehre  behandelnden  Schrift  hat  derselbe ­
  den  Satz  an  die  Spitze  gestellt:  „Alles,  was  geschieht,  ist  eine
Wirkung  mechanischer  Ursachen"  und  daraus  die  Ansicht  entwickelt,
daß  dieselben  Ursachen  unter  denselben  Bedingungen  stets  gleiche
Wirkungen  hervorbringen  müßten,  weshalb  auch  jeder  gegenwärtige
Zustand  der  Dinge  das  nothwendige  Resultat  des  Vergangenen
und  wieder  die  allein  bestimmende  Ursache  für  den  nächstfolgenden
Zustand  der  ^inge  ergebe  oder  mit  anderen  Worten:  „Die  Gegenlvart
  ergiebt  sich  als  die  nothwendige  Folge  der  Vergangenheit  und
zugleich  als  die  allein  bestimmende  Ursache  für  die  Zukunft."  Wäre
diese  Ansicht  richtig,  so  würde  jede  Empsindung,  ja  der  Gedanke,
jeder  Wille,  der  in  uns  auftaucht,  das  Ergebniß  einer  ehernen
Nothwendigkeit  sein,  für  welche  die  Bedingungen  schon  seit  Ewigkeit
in  der  Materie  lägen.  Ter  Mensch  hätte  sonach  keinen  freien
Willen,  er  wäre  eine  bloße  unzurechnungsfähige  lebendige  Puppe,
welche  von  unerbittlicher  Nothwendigkeit  gelenkt,  aus  der  Erde  erschiene, ­
  sich  Futter  suche,  fortpflanze,  um  dann  nach  einiger  Zeit
fiir  intmer  spurlos  zu  verschwinden.  Es  gäbe  dann  keine  Tugend
und  keine  Sünde,  denn  der  Mensch  sei  ja  ein  unzurechnungsfähiges
Wesen,  das  denke,  handle,  wie  es  müsse,  da  all  sein  Denken  und
Thun  aus  nothwendigen  Ursachen  hervorgingen  und  sein  ganzes
Leben  eine  ununterbrochene  Kette  von  Ursachen  und  Wirkungen
bilde.  Die  nothwendigen  Wirkungen  unb  nothwendigen  Ursachen
gewährten  also  dem  Menschen  einen  Freibrief  und  Straflosigkeit
für  selbst  die  scheußlichsten  Verbrechen,  sie  müßten  von  der  menschlichen ­
  Gesellschaft  als  Wirkungen  mechanischer  Ursachen  unbeanstandet
        <pb n="49" />
        38

Smßenommm  werben.  ScbeSbee  bea%or#cütë  unb  berSßeivollkommnung
  in  geistiger,  moralischer  unb  socialer  Beziehung  würbe
nicht  bem  Geiste,  sonbern  lebiglich  ber  Materie  zuzuschreiben  sein;
Wissenschaft  unb  Beruf  in  Staat  unb  Kirche  wäre  nicht  mehr  ein
Ergebniß  des  bewußten  freien  Denkens,  Fühlen  unb  Wollens,  auch
nicht  mehr  bas  Resultat  ebler  Bestrebungen  ber  Humanität,  bei
Sittlichkeit,  sonbern  bas  Probuet  ber  Materie.  Ja,  biese  besäße
nunmehr  alle  Weisheit  an  unb  für  sich,  ohne  einen  Zweck  einer
höhern  Weltorbnung  zuzulassen.  Die  Macht  bes  freien  Geistes,
btc  schöpferische  That,  ber  höhere  Schöpfer  wären  als  Täuschungen
beseitigt.
Der  Jenaer  Herr  Professor  ober  vielmehr  einige  seiner  Anhänger, ­
  doch  wohl  erschreckt  burch  bie  entsetzlichen  unb  beit  Menschen
entwürbigenben  Consequenzen  seiner  Entwickelungstheorie  und  weil
sie  auch  einsehen  mußten,  baß  die  seelischen  Vorgänge  als  Wirkungen
mechanischer  Ursachen  nicht  erklärt  werben  konnten,  nahmen  nun  an,
baß,  da  man  bei  den  aus  belebtem  Schleim  (Urzelle)  bestehenden
Infusorien,  Aeußerungen  des  Seelenlebens,  als:  Bewegung,  Empfindung, ­
  Willen  und  sogar  Vorstellungen  (?)  finde,  das  Seelenleben ­
  also  an  die  Urzelle  gebunden  und  diese  llrzelle  wieder  aus
Atomen  zusammengesetzt  sei,  jedes  dieser  Atome  eine  ^eele  haben
müsse.  Durch  die  beiden  Elementarfunetionen  lMmpsindung  unb
Bewegung  der  Atome)  baue  sich  dann  in  unendlich  mannigfaltiger
und  verwickelter  Verbindung  alle  Seelenthätigkeit  auf,  als:  Hassen,
Lieben,  Anziehung,  Abstoßung,  Bewußtsein.  Gedankenbildung  rc.
Aber  auch  mit  dieser  erneuerten  und  veränderten  Auflage  der
monistischen  Entwickelungslehre  ist  ebensowenig  die  Atomseele,  wie
die  Seele  des  Menschen  selbst  erklärt;  es  wird  dadurch  auch  nicht
klar,  wie  aus  dem  Zusammenwirken  und  den  Bewegungen  einer
Anzahl  von  Kohlenstoff-,  Wasserstoff-,  Stickstoff-  und  Sauerstoff-Atomen
  Bewußtsein  entstehen  kann.  Ueberdies  kann  dadurch,  daß
den  Atomen  eine  Seele  zugeschrieben  wird,  weder  das  Bewußtsein
überhaupt  erklärt  noch  für  die  Erklärung  des  einheitlichen  Bewußt-
        <pb n="50" />
        39

seins  des  Menschen  das  Mindeste  gewonnen  werden.  Die  Phrasen
von  belebtem  Schleim,  von  den  seit  Ewigkeit  in  der  Materie  liegenden ­
  Bedingungen  zu  den  mechanischen  Ursachen  der  Wirkungen  von
den  Zellen-  und  Atomscelen  verhüllen  nur  das  Nichtwissen  und
bestätigen  indirect  den  Ausspruch  unserer  größten  Philosophen,  daß
es  unmöglich  sei,  die  seelischen  Vorgänge  aus  den  sie  begleitenden
materiellen  Prozessen  zu  erklären.
Als  sich  der  Jenenser  Professor  und  die  Verbreiter  seiner  Irrlehre ­
  mit  dieser  Atomseelenthcorie  abermals  in  eine  Sackgasse  verrannt ­
  hatten,  wo  es  mit  der  Philosophie  und  dem  Wissen  zu  Ende
war,  da  trat  ein  Stuttgarter  Gelehrter  auf  und  meinte:  Ganz
anders  sehe  es  aus,  wenn  man  die  Seele  nicht  als  Bewegungserscheinung ­
  auffasse,  sondern  sie  für  einen  eignen  Stoff  halte  und'
zwei  Arten  desselben  annähme,  von  denen  die  eine  wohlriechend,
Lust,  Freude  und  Wohlbehagen  und  die  andere  übelriechend,  Unlust,
Wehmuth  und  Unbehagen  erzeuge,  sodaß  man  erstere  Lusfftoff  und
letztere  XXnliiftftoff  nennen  könne.  Um  diese  neue  Seelentheorie  vor
den  das  moralische  und  sociale  Leben  des  Menschen  gefährdenden
Konsequenzen  zu  bewahren,  unterscheidet  der  Herr  Professor  zwischen
Seele  und  Geist.  Die  Seele,  behauptet  er,  sei  etwas  Stoffliches,
Materielles,  bleibe  gern  an  Baumwolle  hängen  und  lasse  sich  leicht
in  baumwollenem  Netz  einsangen.  Der  Geist  dagegen  sei  eine  eigne,
unwägbare  Substanz,  welche,  abgelöst  von  dem  ihm  umgebenden
Körper,  Fortbestand  haben  könne  und  müsse,  und  zwar  zunächst
in  der  bis  zur  Abwerfung  der  körperlichen  Hülle  erworbenen  Qualität.
Gegen  die  Lehre  über  den  Ursprung  der  organischen  Natur,
namentlich  über  die  Entstehung  der  Arten  läßt  sich  außerdem  noch
Folgendes  anführen:
1.  Bekanntlich  ist  der  ganze  Erdkörper,  wie  gegenwärtig  noch  die
Sonne,  einst  eine  glühend  flüssige  Masse  gewesen,  und  bevor
auf  ihm  die  ersten  organischen  Gebilde  entstehen  konnten,
mußten  erst  seine  obersten  Schichten  bis  zu  einem  gewissen
Grade  abgekühlt  sein.  Dieser  Zeitpunkt  soll  nach  Wahrschein-
        <pb n="51" />
        40

lichkeitsberechnungen,  welche  auf  Grund  der  Beobachtungen
über  die  nach  physikalischen  Gesetzen  stetig  erfolgende  Abkühlung ­
  der  Erde  angestellt  worden  sind,  frühestens  ettva  vor
150  Tausend  Jahren  eingetreten  sein.  Es  könnten  also  erst
von  dieser  Zeit  ab  auf  unserer  Erde  aus  der  sog.  Urzclle  sich
nach  und  nach  die  verschiedenen  Organismen  gebildet  haben
und  bezüglich  des  Menschen  könnte  nach  den  aufgefundenen
versteinerten  Skeletten  dies  erst  später  geschehen  sein.  Nun  soll
der  obigen  Lehre  zufolge  zur  Umwandlung  einer  jeden  Art  in
die  nächstfolgende  höhere  Art  ein  nach  Millionen  von  Jahren
sich  berechnender  Zeitraum  erforderlich  sein,  mithin  können  die
seitherigen  Artenumwandlungen  nicht  auf  unserer  Erde  stattgefunden ­
  haben.  Ueber  das  „wo  denn?"  sind  aber  Gründer
und  Vertreter  der  Artenlehre  bis  jetzt  den  Nachweis  schuldig
geblieben  und  sie  dürften  ihn  auch  bei  der  unzureichenden
Kenntniß  über  das  Alter  und  Wesen  der  übrigen  Himmelskörper ­
  schuldig  bleiben.
2.  Ferner  ist  der  Unterschied  zwischen  dem  Affen  und  dem  Menschen
in  körperlicher  und  geistiger  Beziehung  ein  so  bedeutender,  daß,
um  diese  weite  Kluft  auszufüllen,  zwischen  beiden  noch  viele
andere  Arten  vorhanden  sein  müßten,  von  denen  jede  nächstfolgende ­
  mehr  uiib  mehr  menschliche  Eigenschaften  und  Fähigkeiten ­
  angenommen  hätte.  Wo  aber  sind  denn  diese  Zwischenarten? ­
  Einen  indirecten  Beantwortuugsvcrsuch  dieser  Frage
finden  wir  allerdings  in  der  gedachten  Artenlehre  durch  den
Satz  ausgedrückt:  „Die  Umwandlung  des  Affen  in  den  Menschen ­
  erfolgt  nach  und  nach  innerhalb  von  Millionen  Jahren
ganz  unmerklich  in  dem  Affen  selbst."  Dem  widerspricht  durchaus ­
  die  erwähnte  Behauptung,  daß  man  bei  allen  belebten
Organismen  (von  den  Infusorien  an)  Aeußerungen  des  Seelenlebens, ­
  nämlich  Bewegung,  Willen  und  Bewußtsein  wahrnehmen
könne.  Danach  müßte  sich  der  Affe  bewußt  sein,  daß  er  in
seiner  körperlichen  und  geistigen  Entwickelung  sich  dem  Menschen
        <pb n="52" />
        41

immer  mehr  nähere  und  daß  er  dies  zu  bekunden  auch  den
Willen  besitze.
Es  wäre  geradezu  undenkbar  anzunehmen,  daß  kein  Affe
von  diesem  Bewußtsein  und  Können  jemals  Gebrauch  machen
wolle,  sondern  stets  jeder  Versuchung  standhaft  widerstehe,
wenigstens  hin  und  wieder  einen  Beweis  von  seinen  in  der
Menschenähnlichkeit  gemachten  Fortschritten  zu  geben,  sein
Leben  zeitweise  menschenwürdiger  einzurichten,  oder  einmal  zur
Abwechselung  sein  unschönes  Costüm  mit  einem  kleidsameren
zu  vertauschen.
Uebrigens  findet  die  Annahme  einer  Artenumwandlung
und  eines  llnbemerktbleibcns  derselben  in  der  Natur  selbst  ihre
volle  Widerlegung.  Die  Erfahrung  lehrt  uns,  daß  die  Natur
aus  einer  Art  immer  nur  eine  gleiche  Art,  höchstens  in  etwas
veränderter  äußerer  Form  hervorgehen  läßt,  es  entsteht  aus
der  Frucht  der  Eiche,  aus  der  Eichel,  immer  wieder  nur  eine
Elche,  nicht  etwa  eine  Buche  oder  Tonile.  Das  Affengeschlecht
zellgt  stets  nur  Affen,  und  zwar  in  körperlicher  und  geistiger
Beziehung  ganz  ebenso  beschaffen,  wie  die  Erzeuger.  Wo  überhaupt ­
  in  der  Natur  die  geringste  Veränderung  vorkommt,  da
tritt  sic  auch  in  die  äußere  Erscheinung,  der  innere  Prozeß
nur,  durch  welchen  sie  hervorgebracht  wird,  ist  unserm  Auge
nicht  sichtbar,  unfern  Nerven  nicht  fühlbar.  Es  müßte  also
auch  jede  in  der  Art  unb  dem  Wesen  des  Affen  vorgekommene
Veränderung,  durch  welche  er  dem  Menschen  allmählich  ähnlicher ­
  würde,  äußerlich  wahrnehmbar  sein.  Bis  jetzt  hat  sich
jedoch  llicht  die  geringste  Spur  einer  solchen  Veränderung  an
irgend  einer  Affenart  gezeigt.
3.  Bekanntlich  leben  tausendmal  mehr  Menschen  als  Affen  in  der
Welt;  nun  ist  selbst  in  der  neuen  Descendeilzlehre  nicht  bestritten ­
  worden,  daß  aus  einem  Affen  -  Individuum  auch  ein
Menschen-Jndividuum  hervorgehen  könnte,  allein  es  ist  schon
der  Zahl  nach  ilicht  möglich,  daß  jeder  Mensch  ein  Affe  ge-
        <pb n="53" />
        42

wesen  sein  kann,  auch  nicht  eine  Zwischenart,  denn  jedes  Individuum ­
  könnte  auch  wiederum  nur  ein  Individuum,  das  sich
inzwischen  zu  einer  Hähern  Art  entwickelt  hätte,  erzeugen,  es
sei  denn,  daß  der  Affe  sich  wie  der  Polyp  noch  beliebig  vervielfältigen ­
  lassen  könnte.  Diese  Fähigkeit  muß  derselbe  beim
Durchlaufen  der  verschiedenen  Stadien  seiner  Entwickelung,
vielleicht  schon  beim  Uebergange  zu  der  ihm  nächstfolgenden
Art  eingebüßt  haben,  sonst  hätte  dieselbe  doch  bei  allen  späteren
Zwischenartcn  bis  zum  Affen  und  Menschen  hinauf  bemerkbar
sein  müssen.
Sind  beiden  aber  diese  und  noch  andere  werthvolle  Fähigkeiten ­
  ihrer  Borartcn,  z.  B.  zu  fliegen,  zu  klettern,  im  Wasser
zu  leben  und  andere  mehr  verloren  gegangen,  so  Hütten  sie  ja
diesen  gegenüber  Rückschritte  in  ihrer  Entwickelung  gemacht!
Die  sehr  nahe  liegende  Frage,  wie  die  nur  in  warmen  Gegenden ­
  lebenden  Affen  Tausende  von  Meilen  von  ihrem  Heimathlande
  entfernt,  selbst  in  eisige  und  unwirthbare  Gefilde  gelangt  sind,
um  dort  als  Menschen  weiter  zu  leben,  wird  von  den  Darwinisten
wohlweislich  mit  Stillschweigen  übergangen.
Wir  möchten  hier  noch  einer  kurzen  Erwägung  Raum  geben:
Ist  der  Mensch  wesentlich  nur  ein  Thier,  wie  der  Materialismus
lehrt,  so  sind  —  nach  den  praktischen  Schlußfolgerungen  der  in  der
Menschheit  wuchernden  thierischen  Triebe  —  die  Lüste  auch  legitim,
und  demgemäß  gestaltet  sich  die  Praxis.  Alle  Cultur  geht  von
einem  Culturprincipe  aus,  das  ihre  Seele  ist  und  der  ganzen  Cultureuttvickelung
  die  Direction  verleiht.  Deshalb  wird  der  theoretische
Materialismus  von  dem  practischen  Bestialismus  mit  leidenschaftlicher ­
  Hast  ergriffen  und  triumphirend  als  Freibrief  ausgerufen.
Die  große  Masse  der  Menschen  hat  den  Talisman  der  Bildung
nicht,  und  seit  der  Materialismus  sie  lehrt,  daß  sie  blos  wesenlose
Automaten  sind,  lachen  sie  natürlich  darüber,  daß  man  ihnen,  da
sie  doch  nur  als  physikalische  und  chemische  Wirkungen  existiren,
Tugend  predigt,  Das  ist  die  Folge.  Der  berühmte  Sprachforscher
        <pb n="54" />
        43

Max  Muller  vertritt  Darwin  gegenüber  den  Standpunkt,  daß  die
Sprache  den  specifischen,  durch  keine  Affenthcorie  zu  hebenden
Unterschied  zwischen  Mensch  und  Thier  bilde.  Hierher  gehört  auch
die  treffende  Antwort  Müllers  auf  den  Einwand  der  Darwinianer,
„daß  es  Wilde  gebe,  deren  Sprache  nicht  besser  sei.  als  das  Glucksen
der  Hühner  oder  das  Zwitschern  der  Vögel,  und  die  in  vielen
Punkten  tiefer  ständen,  als  die  höheren  Thiere."  Die  Antwort
lautet:  „Nun  gut,  angenommen  es  sei  so,  so  steht  nichts  dcstowcniger
  fest,  daß,  wenn  man  ein  neugebornes  Kind  dieser  glucksenden
und  zwiffchcrnden  Eltern  wegnimmt  und  es  mit  Kindern  der  höchstgebildeten ­
  Nationen  aufzieht,  dasselbe  deuffch,  französisch,  englisch
sprechen  lernt  wie  ein  deuffches,  französisches  oder  englisches  Kind.
Man  mache  denselben  Versuch  mit  dem  Säugling  eines  der  höchstgebildeten
  Thiere,  zweifüßig  oder  vicrfüßig,  und  er  wird  mißlingen.
Hier  ist  ein  Factum,  das  entweder  durch  Experimente  widerlegt  oder
von  den  Darwinianern  erklärt  werden  muß."
Zur  Vervollständigung  der  Beweise  von  der  Unwahrheit  der
darwinistischen  Schöpfungslehre  möge  noch  Folgendes  angeführt
werden:
1.  Der  Darwinismus  sucht  das  Unfaßbare  vom  Dasein  Gottes
und  seiner  Schöpfungen  durch  den  inhaltslosen  Begriff  „Urnatur"
  oder  schlichtwcg  „Natur"  zuzudecken.  Auf  die  unumgängliche ­
  Frage:  woher  kommt  der  Stoff?  begnügt  er  sich
mit  der  nichtssagenden  Antwort,  er  erkenne  keine  dem  Stoffe
vorangehende  Kraft  an.  Er  bleibt  aber  nicht  einmal  bei  der
Anschauung  der  puren  Naturwissenschaft,  d.  h.  nur  die  durch
Beobachtung  und  Wahrnehmung  erkannten  Thaffachcn  zum
Untersuchnngsgegenstandc  zu  machen,  consequent  stehen,  sondem
führt  statt  dessen  vage,  unbegründete,  auf  keine  Thatsachen  gestützte, ­
  ausgeklügelte  Theorien,  z.  B.  die  Zuchtthcorie,  den
Kampf  ìlms  Dasein  u.  s.  w.  ins  Feld.
2.  Ebensowenig  vermag  der  Dartvinismus  auf  die  Frage,  woher
der  erste  Anstoß  der  Bewegung  kommt,  welcher  der  aus  Stoff-
        <pb n="55" />
        44

Partikelchen  gebildeten  Zelle  die  Kraft  der  Fortbildung  verlieh,
die  zu  bestimmter  Gestaltung  in  der  mannigfachsten  Weise  zu
der  unendlichen  Reihe  von  Naturformen  führt,  eine  genügende
Antwort  zu  geben.  Auch  hier  bleibt  er  bei  bloßen  unerklärten
Thatsachen  stehen  und  darin  liegt  gerade  das  indirecte  Eingeständnis; ­
  des  Vorhandenseins  einer  Schöpferkraft,  die  der  Darwinismus ­
  aus  bloßer  materialistischer  Neigung  leugnet;  da  er
den  Uebcrgang  vom  Unorganischen  zum  Organischen  nicht  nachweisen ­
  kann,  so  hilft  er  sich  mit  dem  Ausspruche,  der  Nachweis ­
  sei  der  Zukunft  vorbehalten.  Solche  willkürliche  Annahme
entbehrt  jedes  naturwissenschaftlichen  Charakters.
Es  ist  höchst  beklagenswerth,  wenn  selbst  hochbegabte
Vertreter  der  Wissenschaft  diese  entwürdigen  und  mißbrauchen,
indem  sie  unter  der  Maske  der  Forscher  nach  Wahrheit  und
Licht  der  Menschheit  den  Glauben  an  eine  höhere  Weltordnung,
die  stärkste  Stütze  der  Sittlichkeit,  rauben  und  ihr  dafür  eine
rein  materialistische  Weltanschauung  aufdrängen  wollen.  Diesen
Männern  fehlt  das  wissenschaftliche  Gewissen,  welches  sie  verhindern ­
  würde,  auf  unbestimmte  und  bezüglich  ihrer  Richtigkeit
nicht  erweisbare  Annahmen  gestützt,  unser  geistiges  und  sittliches ­
  Leben  vernichtende  Irrlehren  als  Ergebnisse  wissenschaftlicher ­
  Forschung  mit  der  Zumuthung,  sic  als  richtig  anzuerkennen, ­
  in  die  Oeffentlichkcit  zu  schleudern.  Sind  es  aber
nicht  gerade  falsche  Ausgeburten  einer  falschen  Wissenschaftlichkeit, ­
  wie  die  Darwinistische  Schöpfungslehre  und  die  monistische
Arten-Entwickelungstheorie,  welche  in  den  Köpfen  halbgebildeter
und  wenig  urtheilsfähiger  Menschen  die  heillosesten  Gemüthsund ­
  Begriffsverwirrungen  anrichten  müssen,  und  die  dann,  wie
die  Erfahrung  beweist,  zur  Freigeistcrei  und  zum  Atheismus
führen,  ja  sich  bis  zum  Wahnwitze  des  Nihilismus  und
Communismus  steigern?  Soviel  Unsinn  übrigens  Philosophen
und  Naturforscher  schon  in  Systeme  gebracht  haben,  die  Redlichsten ­
  von  ihnen  gestehen  offen  ein,  daß  sic  über  die  letzten
        <pb n="56" />
        45

Zwecke  der  Schöpfung,  über  die  gchcimnißvolle  Organisation
der  übernatürlichen  Welt  so  gut,  wie  nichts  wissen.  Wenn
man  indeß  das  Ueberirdische  nicht  versteht  oder  begreift,  so
ist  das  noch  keineswegs  ein  Beweis  für  dessen  Nichtvorhandcnsein.

Doch  dürfte  das,  was  gegen  eine  materialistische  Weltanschauung ­
  bereits  angeführt  worden  ist,  genügen,  uns  von
ihrer  Unrichtigkeit  und  Unwahrheit  zu  überzeugen;  sie  ist  nichts
weniger  als  geeignet,  den  Glauben  an  ein  Dasein  Gottes  und
an  eine  Unsterblichkeit  unserer  Seele  zu  erschüttern,  geschweige
denn  ihn  zu  vernichten.  Und  dieser  Glaube  wird  in  uns  erst
recht  zur  festen  Ueberzeugung  erstarken,  wenn  wir  uns  mit
den  dafür  sprechenden  Argumenten  gehörig  vertraut  gemacht
haben,  sie  vorurtheilsfrei  prüfen  und  nicht  durch  Zweifelsucht
ihr  Eindringen  in  unser  Inneres  zu  erschweren  suchen.

10.  Argumente  für  das  Dasein  Gottes.
Es  bürste  am  Platze  sein,  diesen  Argumenten  und  zwar  zunächst ­
  denen  für  das  Dasein  Gottes  naher  zu  treten.
1.  Bei  allen  Völkern  unserer  Erde  treffen  wir  den  Glauben  an
ein  oder  mehrere  höhere  über  dem  Menschen  stehende  Wesen
an;  die  größten  Philosophen  aller  Zeiten  sind  für  diesen
Glauben  eingetreten  und  übereinstimmend  zu  der  Ueberzeugung
gelangt,  daß  derselbe  nicht  Gegenstand  der  „aturwisscnschaftlichen
  Forschung  sein,  und  eine  solche  auch  nie  zu  einem  befriedigcnden
  Resultate  führen  könne.  Es  muß  also  etwas  im
Wesen  des  Menschen  liegen,  was  diesen  Glauben  hervorbringt.
Allerdings  können  wir  uns  von  Gott  keine  Vorstellung
schaffen,  denn  da  müßten  wir  ihn  gesehen  und  sprechen  gehört
haben,  gleichwohl  bildet  sich  der  denkende  Mensch  Gott  als  ein
Wesen  mit  menschlicher  Gestalt,  weil  ihm  diese  als  die  vollkommenste
  erscheint.  Und  dies  liegt  so  natürlich  unb  nothwendig ­
  in  der  Entwickelung  des  menschlichen  Wesens,  wie  es
        <pb n="57" />
        46

keinen  Begriff  ohne  vorausgegangene  Vorstellung  und  keine
Idee  ohne  vorausgegangene  Begriffe  geben  kann.  Daher  erblickt ­
  auch  der  vernünftig  Denkende  in  dem  persönlichen  Verkehr
des  Moses  mit  Gott,  sowie  in  dem  Verkehr  der  menschlich  gedachten ­
  Götter  des  Alterthums  mit  dem  Menschen  nichts
Anderes  als  eben  den  natürlichen  Entwickelungsgang  des  menschlichen ­
  Wesens.  Er  weiß  recht  wohl,  daß  die  Götterlehre  ihren
Ursprung  in  dem  lebendig-religiösen  Bewußtsein  der  noch  kindlichen ­
  Menschheit  hat,  das  allenthalben  in  der  Natur,  wo
Leben,  Licht  und  Kraft  erschien,  eine  Offenbarung  der  Gottheit
erblickte.
Da  das  Princip  der  Gottheit  kein  Gegenstand  der  Vorstellung ­
  sein  kann,  so  wird  ebensowenig  Gott  ein  Begriff  genannt
werden  können,  sonst  müßte  man  die  göttlichen  Eigenschaften
für  begreiflich  erklären,  was  aber  unmöglich  ist,  weil  Gott  kein
endlich  zu  umfassendes  Wesen  ist.
2.  Die  meisten  Vertreter  der  materialistischen  Weltanschauung
nehmen  die  Welt  als  etwas  Zufälliges  an,  dies  ist  grundfalsch,
denn  nach  den  Denk-  und  Erfahrungsgesetzen  hat  Alles,  also
auch  das  angeblich  Zufällige,  eine  Ursache,  es  muß  mithin
auch  die  Welt  eine  Ursache  haben.  Sollte  nun  diese  Ursache
auch  wieder  eine  zufällige  sein  und  man  für  diese  ebenfalls
wieder  eine  weitere  Ursache  annehmen  uitb  so  immer  fort,  ohne
Ende,  so  muß  man  doch  schließlich  an  Einer  Ursache  stehen
bleiben  und  annehmen,  sie  sei  das  Gegentheil  des  Zufälligen,
nämlich  das  Nothwendige,  was  durch  sich  selbst  da  ist.  Und
diese  nothwendige  Ursache  der  Welt  ist  eben  Gott  selbst.
Das  Dasein  Gottes  zu  leugnen,  wäre  ebenso  unsinnig,  als
wenn  man  Wirkungen  ohne  Ursachen  für  möglich  halten  wollte.
Die  Gewißheit  von  dem  Dasein  Gottes  kann  von  Skeptikern
allenfalls  aus  dem  Grunde  angezweifelt  werden,  weil  sic  sich
von  dem  Wesen  Gottes  uitb  dessen  Ursprung  keine  Vorstellung
zu  machen  im  Stande  sind.
        <pb n="58" />
        47

3.  Deutschlands  größter  Philosoph  gelangt  in  seiner  berühmten
Lchrift  „Kritik  der  reinen  Vernunft"  zwar  zu  dem  Ergebnisse,
daß  das  Dasein  Gottes  als  ein  Object  einer  übersinnlichen
Welt  theoretisch  oder  wissenschaftlich  weder  bewiesen  noch  widerlegt ­
  werden  konnte,  weil  der  Mensch  durch  die  seiner  Erkenntniß ­
  gezogenen  Grenzen  daran  verhindert  würde;  aber,  so
führt  er  weiter  aus,  es  giebt  einen  anderen  Zugang  zu  dieser
übersinnlichen  Welt  imb  diesen  zeigt  uns  die  praktische  Vernunft; ­
  denn  der  Mensch  ist  nicht  nur  ein  erkennendes,  sondern
alici)  ein  wollendes,  ein  handelndes  Wesen;  er  hat  nicht  nur
theoretische,  sondern  auch  praktische  Vernunft  und  was  Erkennen
vergebens  erstrebte,  die  Pforten  der  übersinnlichen  Welt  zu
öffnen,  das  vermag  das  sittliche  Wollen,  geleitet  durch  das
uns  innewohnende  Sittengesetz;  denn  dieses  Gesetz  ist  ein  unbedingtes, ­
  ein  ohne  Rücksicht  auf  einen  andern  Zweck  gebietendes, ­
  das  um  seiner  selbst  willen  beobachtet  werden  will,  es
ist  ein  bestimmter  Befehl  (kategorisches  Gebot).  Sollen'wir
aber  dieses  Gebot  befolgen,  so  müssen  wir  es  auch  befolgen
können  und  dürfen  nicht  durch  eine  Naturnothwendigkeit  an
seiner  Befolgung  behindert  sein,  d.  h.  wir  müssen  frei  sein  im
Wollen.  So  ist  also  die  Freiheit  des  Willens,  die  auf  theoretischem ­
  Wege  nicht  bewiesen  werden  konnte,  durch  das  Gesetz
der  praktischen  Vernunft  sicher  gestellt.  Der  nothwendige
Gegenstand  jedes  sittlichen  Willens  oder  der  durch  den  sittlicheu
  Trieb  bestimmten  praktischen  Vernunft  ist  das  höchste
Gut  und  dieses  ist  ein  Doppeltes,  die  Tugend  oder  das  edle
Handeln  und  die  ihr  entsprechende  Glückseligkeit.  Dem  ersteren
kann  der  Mensch  durch  sich  selbst  nachstreben,  kann  wenigstens
den  Vorsatz  fassen,  sittlich  sein  zu  wollen;  die  Glückseligkeit
hingegen  hängt  von  äußeren  Umständen  ab,  denen  wir  unterworfen ­
  sind,  deshalb  muß  ein  Wesen  vorausgesetzt  werden,  das
mächtig  genug  ist,  die  Uebereinstimmung  zwischen  Sittlichkeit
oder  Tugend  und  Glückseligkeit  zu  bewirken.  Dieses  Wesen
        <pb n="59" />
        48

muß  die  Sittlichkeit  wollen  und  die  Macht  haben,  die  Glückseligkeit ­
  zu  bestimmen.  Es  wird  also  ein  solches  Wesen,  d.  h.
eine  Gottheit  von  der  praktischen  Vernunft  gefordert.
4.  Die  Idee  der  Gottheit  ist  auch  deshalb  für  uns  nothwendig,
weil  es  in  dem  Wesen  unserer  Vernunft  liegt,  überall  Gesetzmäßigkeit ­
  und  Einheit  zu  pichen  und  zu  setzen.  Und  wenn
auch  weder  unser  Begriffsvermögen  noch  die  wissenschaftlich  begrenzte ­
  Erkenntniß  das  Ganze  der  Welt  zu  umfassen,  zu  begreifen ­
  uni)  zu  erkennen  vermögen,  so  werden  wir  doch  durch
die  praktische  Vernunft  getrieben,  Alles,  was  wir  Welt  nennen,
als  ein  Ganzes  aufzufassen.  Die  Idee  der  Welt  ist  somit  eine
nothwendige,  zu  welcher  jeder  vernünftig  Denkende  gelangen
muß  und  an  diese  Idee  muß  sich  wieder  nothwendig  die  Idee
einer  Gottheit  anschließen,  d.  h.  die  Idee  eines  Princips,  von
welcheni  die  Gesetze  der  Welt  ausgehen  und  wodurch  die  Einheit
des  Weltalls  erhalten  wird.
11.  Beweise  für  die  Fortdauer  der  Seele.
Der  Glaube  an  Gott  ist  eng  verbunden  mit  beni  Glauben  au
die  Fortdauer  unserer  Seele.  Die  Beweise  für  diese  lassen  sich  kurz
in  Folgendem  zusammenstellen:
a.  Wie  bereits  oben  ausgeführt,  können  die  Seelenthätigkcitcu
nicht  Productc  materieller  Processe  sein,  mithin  auch  nicht  der
todten  endlichen  Materie,  sondern  müssen  dem  Geiste  zukommen
und  dieser  muß  demnach  immateriell,  unkörperlich  oder  einfach
d.  h.  nicht  aus  verschiedenen  Bestandtheilen  zusammengesetzt  sein.
Ist  aber  unser  Geist  einfach,  so  ist  er  unzerstörbar,  denn  eine
Sache  zerstören  heißt:  sic  in  ihre  Bestandtheile  auflösen,  aus
ihrer  Verbindung  herausreißen,  in  der  sie  bisher  bestanden.
Kann  nun  aber  Etwas  nicht  zerstört  werden,  so  muß  cs
immer  fortbestehen,  mithin  auch  unser  Geist  oder  unsere  Seele.
Sonach  ist  die  lediglich  der  materialistischen  Weltanschauung
entstammende  Annahme,  daß  alle  Seelenthätigkeiten  nur  Be-
        <pb n="60" />
        49

wegungserscheinungen  der  Gehirnfasern  seien  und  mit  dem  Gehirn ­
  die  Seele  zugleich  untergehe,  eine  durchaus  irrige,  was
übrigens  auch  durch  die  mit  dem  Chloroform  gemachten  Erfahrungen ­
  erwiesen  wird.  Es  ist  nämlich  durch  vielfache  Experimente ­
  festgestellt  worden,  daß  der  mit  Chloroform  Betäubte
im  Mittelrauschc  während  der  Operation  Alles,  was  um  ihn
vorgeht  und  gesprochen  wird,  vernimmt,  also  seine  Vcrstandsthätigkeit
  nicht  unterbrochen  wird,  nur  daß  er  nicht  im  Stande
ist,  irgend  eine  willkürliche  Bewegung  zu  machen,  auch  weder
schmerz,  noch  Gefühl  von  Angst  oder  Furcht  empfindet.
Es  unterliegt  keinem  Zweifel,  daß  der  unnatürliche  Zustand ­
  des  Körpers,  Schmerzlosigkeit  und  Starrheit,  daß  die
künstlich  vernichtete  Function  der  Gefühls-  und  Bewegungsnerven ­
  der  denkenden  Seele  nichts  anhaben,  daß  diese  vielmehr
auch  ohne  materielle  Nerven  zu  bestehen  und  zu  functioniren
vermag.
Vermag  nun  schon  menschliche  schwache  Kunst  eine,  wenn
auch  nur  vorübergehende  Trennung  der  Verbindung  der  Thätigkeit ­
  der  ^eele  von  der  des  Körpers  zu  bewirkcit,  sollte  es
da  einer  höhern  Hand  oder  mächtigeren  Kraft  nicht  noch  viel
leichter  oder  natürlicher  sein,  der  schon  über  die  sinnliche  Wahrnehmung
  gehobenen  Seele  eine  Trennuitg  vom  Körper  vorbereitend ­
  zu  ermöglichen,  welche  sich  mit  dem  Tode  nur  ganz
vollzieht,  um  bann  auf  dem  von  allen  irdischen  Schranken
freien  Wege  zu  ihrer  höhern  Bestimmung  weiter  schreiten  zu
können!
Unsere  Sinneswerkzeuge,  künstlich  gebaute  körperliche
Organe,  dienen,  wie  die  Leber,  Lunge  re.,  nicht  mir  zur  Ernährung ­
  ultd  Erhaltung  des  Körpers,  sondern  haben  auch  die
Bestimmung,  die  Seelcnthätigkeiten  der  Außenwelt  zur  Erkenntniß ­
  zu  bringen;  je  normaler  und  vollkommener  die  Sinncswerkzeuge
  sich  entwickelt  haben,  desto  klarer  und  vollständiger
können  die  Seelcnthätigkeiten  sich  kund  geben.  Dieser  Wahr-Blume,
  Zukunft-staat.  a
        <pb n="61" />
        50

nehmung  verdankt  auch  wahrscheinlich  das  Sprüchwvrt  „In
einem  gesunden  Körper  wohnt  auch  ein  gesunder  Geist"  seinen
Ursprung.  Sind  wir  daher  nicht,  so  fragt  ein  angesehener
Psychologe  und  Philosoph  der  Jetztzeit,  zu  der  Annahme  berechtigt, ­
  das;  Gott  alle  Menschen  mit  einem  gleichen  Maße  von
Geistesanlagen  ausgestattet  hat,  daß  diese  aber  je  nach  dem
Grade  der  Entwickelung  der  ihnen  dienstbaren  Sinneswerkzcuge
mehr  oder  weniger  zur  Geltung  kommen?
Und  in  der  That  spricht  für  die  Richtigkeit  einer  solchen
Annahme  schon  die  Wahrnehmung  an  Kindern,  daß,  je  nachdem ­
  sich  deren  Körpertheile  und  Sinneswerkzeugc  mehr  oder
wertiger  normal  entwickeln,  auch  deren  Geistesanlagen  mehr
oder  minder  klar  und  bestimmt  hervortreten.
Wenn  man  diesen  Erfahrungen  nach  auch  nicht  bestreiten
kann,  daß  das  Selbstwesen  und  die  Selbstständigkeit  des
Menschengeistes  von  den  Zuständen  des  Körpers  und  gewisser
körperlicher  Organe  abhängig  ist,  so  liegt  hierin  nur  ein  Zeugniß
für  die  innige  Verbindung  zwischen  Geist  und  Körper,  keineswegs ­
  wird  aber  durch  diese  Thatsache  die  Frage  über  das
Selbstwesen  des  Menschengeistes  entschieden.  Der  Behauptung
der  Darwinisten,  daß  die  Geisteskräfte  des  Menschen  auf
Rechnung  seines  größeren  und  feinern  Gehirns  zu  schreiben
seien,  stehen  vielmehr  die  festgestellten  Thatsachen  gegenüber,
daß  das  Gehirn  der  rohesten  und  wenig  culturfähigen  Völkerstämme ­
  von  dem  der  cultivirtesten  Rationell  nicht  verschieden
ist,  daß  ferner  ein  Mensch  mit  kleinem  Gehirn  recht  viel,  dagegen ­
  einer  mit  großem  Gehirn  recht  wenig  Geist  besitzen  kann,
llnd  wie  irrig  auch  die  lediglich  aus  falschen  Vorstellungen
von  der  Wirksamkeit  des  Gehirns  hergeleitete  Ansicht  ist,  daß
das  Gehirn  die  Quelle  unserer  Seelen-  und  Geisteskräfte  sei
und  eine  Verletzung  desselben  eine  Schwächling,  wenn  nicht  gar
eine  Vernichtung  dieser  Kräfte  zur  Folge  haben  müsse,  ergiebt
sich  unter  Anderem  aus  folgendem  Vorkommnisse:  Bei  einem
        <pb n="62" />
        51

4*

unlängst  im  Wiener  Krankenhause  verstorbenen  45  Jahr  alten
Marine  fand  man  im  Gehirne  einen  über  einen  Centimeter
lairgen  gänzlich  verrosteten  Nagel,  der  sich  wahrscheinlich  schon
seit  der  Kindheit  des  Verstorbenen  in  dessen  Gehirn  befunden
hatte,  und  doch  soll  der  Mann  mit  einem  wirklichen  Nagel  im
Kopfe  und  einem  verletzten  Gehirn  immer  recht  gescheidt  gewesen ­
  sein.
d.  Gott,  welcher  den  Menschen  geschaffen  und  mit  mancherlei  Vorzügen ­
  ausgerüstet  hat,  kann  nicht  wollen,  daß  ein  Geschöpf
mit  solchen  Vorzügen  untergeht;  denn  sein  Wille  ist  ja  der
höchst  vollkommenste,  der  sich  nicht  verändern  kann.  Hat  er
dav  Dasein  des  Menschen  gewollt,  so  muß  er  es  auch  immer
wollen,  und  vermöge  seiner  Allmacht  vermag  er  auch  den
Menschen  ewig  zu  erhalten,  und  da  er  allweise  ist,  kennt  er
auch  die  Mittel  dazu;  in  seiner  Aügüte  will  er  außerdem  das
Glück  der  Menschen  —  und  zu  diesem  Zwecke  hat  er  so  viele
geistige  Anlagen  in  ihn  gelegt;  da  diese  aber  in  dem  kurzen
Erdenleben  und  wegen  der  in  ihrer  Wirffamkeit  körperlich  und
zeitlich  beschränkten  Sinneswerkzeuge  sich  uicht  vollständig  entfalten ­
  können  und  deshalb  auch  des  Menschen  Glück  in  dieser
Welt  unvollkommen  bleibt,  so  müssen  wir  annehmen,  daß  unser
Dasein  nicht  auf  das  Erdenleben  beschränkt  ist.  sondern  sich
noch  ails  ein  höheres  ausdehnt.  —  Alle  unsere  geistigen  Anlagen ­
  wären  auch  zwecklos,  wenn  sie  uns  nicht  weiter,  als  wir  »
hier  kommen  können,  führen  sollten,  aber  schon  ihre  stufenweise
Entfaltung  zeigt  uns  ihren  Keim  der  Ausbildung  ohne  Ende.
e.  Der  in  uns  schlummernde  sittliche  Trieb,  erst  einmal  erwacht,
hört  mit  der  einzelnen  Befriedigung  nicht  auf,  er  will  vielmehr
der  Sittlichkeit  immer  mehr  nachstreben,  der  Mensch  aber  als
endliches  Wesen,  kann  nie  das  Ideal  der  vollkommenen  Sittlichkeit ­
  erreichen,  er  kann  sich  demselben  nur  in  einem  endlosen
Fortschreiten  mehr  und  mehr  nähern.  d.  h.  endlos  fortdauern
oder  unsterblich  sein.
        <pb n="63" />
        52

d.  Gott  ist  gerecht  und  da  gleichwohl  hier  auf  Erden  häufig
Tugend  mit  Unglück,  Laster  aber  mit  Glück  gepaart  ist,  so
zwingt  uns  nicht  nur  die  praktische  Vernunft,  sondern  auch
unser  religiöses  Gefühl  zu  dem  Glauben,  daß  es  noch  eine
höhere  Weltordnung  gebe,  wo  nach  unserm  Tode  Tugend  und
Laster  findet,  was  es  verdient.
e.  Wäre  der  Mensch  der  Hoffnung  auf  Unsterblichkeit  beraubt,
so  würde  er  das  elendeste  von  allen  Geschöpfen  aus  Erden
sein,  das  zu  seinem  Unglück  über  seinen  Zustand  nachdenken,
den  Tod  fürchten  und  verzweifeln  müßte.  Nicht  ein  gütiger
und  gerechter  Gott,  der  die  Glückseligkeit  seiner  Geschöpfe  will
und  sich  daran  freut,  sondern  ein  schadenfrohes,  boshaftes
Wesen  müßte  den  Menschen  mit  Vorzügen  begabt  haben,  die
ihn  nur  bejammernswerther  machten;  denn  wenn  er  die  Wahrheit ­
  erkennen,  die  Tugend  üben,  den  Schöpfer  verehren,  wenn
er  über  Schönheit  und  Vollkommenheit  in  Entzücken  gerathen
wollte,  so  stiege  zugleich  der  schreckliche  Gedanke  der  Zernichtung
  wie  ein  furchtbares  Gespenst  in  seiner  -Lcele  empor
und  verwandelte  die  gehoffte  Freude  in  Verzweiflung.  —  Doch
ein  scharfprüfender  Blick  auf  die  uns  umgebende  Welt  zeigt
uns  wunderbare  Harmonie,  überall  Offenbarungen  der  Güte,
Weisheit  und  Macht  dessen,  der  das  Alles  geschaffen  und
bisher  erhalten  hat.  Und  da  sollten  wir  noch  oit  der  Gerechtigkeit ­
  Gottes  und  deshalb  auch  an  dem  Fortbestehen  unseres
geistigen  und  seelischen  Lebens  zweifeln  dürfen?  Nein!  antwortet ­
  unsere  Vernunft  und  nein!  ruft  in  uns  die  Stimme
des  religiös-sittlichen  Gefühls  und  des  Gewissens.
f.  Die  Schöpfung  selbst  giebt  die  Lehre,  daß  nichts  in  ihr  unvollendet ­
  bleiben  kann;  alles  Seiende  entwickelt  sich  in  mannigfachen ­
  Uebergüngen  und  Wandlungen  zu  seiner  vollen  Wesenheit. ­
  Da  sollte  der  Mensch,  die  Krone  der  Schöpfung,  allein
in  Zweifel  kommen,  wandeln,  scheiden  und  unvollendet  ohne
Erreichung  einer  größeren  Vollkommenheit  und  einer  höheren
        <pb n="64" />
        53

Bestimmung  spurlos  in  das  Nichts  versinken?  Es  kann  mcht
sein,  nicht  Sterben  kann  man  den  Zustand  nennen,  man  muß
ihn  für  den  Schleier  halten,  der  wohlthätig  über  das  Entwickeln ­
  zur  Vollendung  gezogen.  Nichts  in  der  Welt  ist  wirklich
vergänglich;  alle  Kräfte  und  Stoffe  sind  ewig,  sie  wechseln  nur
ins  Unendliche  ihre  Formen,  in  denen  ihre  Thätigkeit  sich
äußert.  Also  ist  auch  über  den  Sternen  ein  Weiterleben,  ein
Wiedersehen.  Und  selbst  der  Gottes-  und  Unstcrblichkeitsleugner
ruft  am  offenen  Grabe  eines  theuern  Angehörigen  oder  Freundes
unwillkürlich  das  tröstende  Wort  aus:  auf  Wiedersehen!
g.  Wenn  nun  die  mit  unsern  Sinnen  wahrnehmbaren  Körper
trotz  der  unendlichen  Veränderungen  ihrer  Form  in  ihren
Grundstoffen  unveränderlich,  d.  h.  ewig  sind,  so  müssen  es
auch  die  unkörperlichen,  nur  durch  ihre  Wirkungen  wahrnehmbaren ­
  mittels  der  Sinnesorgane  thätigen  und  herrschenden
Seclenkräfte  sein.
h.  Es  liegt  ein  Etwas  in  dem  Menschen,  was  ihn  antreibt,  sich
mit  der  Ergründung  seines  Wesens  und  seiner  Bestimmung  zu
beschäftigen.  Und  dieses  Forschen  und  Suchen  beweist  die  tiefe
Sehnsucht  uach  Gewißheit  eines  Jenseits  und  einer  persönlichen
Fortdauer.
Diese  Erwägungen  sollten  genügen,  Jedermann  von  dem  Dasein ­
  Gottes  und  von  der  Fortdauer  unserer  Seele  vollkommen  zu
überzeugen;  leider  ist  dies  aber  selbst  nicht  einmal  in  ben  gebildeteren,
  geschweige  denn  in  den  untern  Ständen  immer  der  Fall,  vielmehr ­
  werden  sogar  von  Männern  der  Wissenschaft  unter  Nichtachtung ­
  alles  Göttlichen  und  Ueberirdischen  so  ungeheuerliche  Lehren,
wie  die  vorhin  besprochenen,  als  vermeintliche  Resultate  wissenschaftlicher ­
  Forschungen  mit  frivolem  Leichtsinn  in  die  Welt  geschleudert,
unbekümmert  um  die  entsetzlichen  Sittenverheerungen,  welche  dadurch
unter  der  Menschheit  angerichtet  werden  und  ohne  zu  bedenken  oder
zu  wissen,  daß  eine  Wissenschaft,  welche  in  Allem,  was  Ahnung
vom  Jenseit,  was  Glaube  an  eine  höhere  Weltordnung,  was  Gottes-
        <pb n="65" />
        54

dienst  heißt,  nur  Wahn  und  Täuschung  erblickt  und  ihre  Vernichtung ­
  sogar  verdienstlich  findet,  die  individuelle  Freiheit,  die
einzig  lautere  Quelle  der  Sittlichkeit,  die  schlichte  Frömmigkeit,  die
frische  Kraft  und  die  belebende  Hoffnung  des  Gemüths  zerstört.
Wer  eine  solche  Wissenschaft  darbietet  und  verbreitet,  handelt  als
ein  Verbrecher  an  der  Menschheit  und  zwar  mit  Bewußtsein;  denn
jeder  Naturforscher,  jeder  Philosoph  sollte  wissen,  daß  Erkenntnißtheorien
  aus  Sinnesthätigkeiten  nicht  hergeleitet  werden  können,  er
muß  wissen,  daß  man  Dinge  oder  das,  was  die  Materie  ist,  nicht
zu  ergründen  vermag  und  daß  es  dem  Menschen  beim  Forschen
nach  der  Ursache  äußerstenfalls  gelingt,  Alles,  was  als  bunte  Erscheinung ­
  uns  umgiebt,  also  die  klingende,  leuchtende,  farbige,  duftende ­
  Welt  in  ihrer  ungeheuren  Mannigfaltigkeit,  in  seine  Bcwegungsformen,
  d.  h.  in  die  Formen  von  Zeit  und  Raum  aufzulösen.
Eine  Wissenschaft  aber,  die  den  Forderungen  der  Vernunft
und  der  besonnenen  Einsicht  nicht  entspricht,  welche  die  einfachen,
sittlich-religiösen  Wahrheiten  mit  den  gesicherten  Ergebnissen  unserer
naturwissenschaftlichen  und  geschichtlichen  Bildung  nicht  in  Zusammenhang, ­
  nicht  eine  Gottes-  und  Weltanschauung  zum  Ausdruck  zu
bringen,  nicht  den  Forderungen  des  Gemüths  und  des  Gewissens
gerecht  zu  werden  vermag,  ist  eben  keine  wahre  Wissenschaft,  sie
ist  nichts  weiter  als  eine  Beschäftigung  mit  Verstandsexperimcnten,
deren  Ergebnisse  dann  meist  in  Mißgebilden  bestehen.
Wir  wollen  das  Capitel  über  die  Unsterblichkeit  mit  einem
Ausspruche  unseres  Dichterfürsten  Goethe  schließen,  der  da  lautet:
„Er  möchte  nicht  des  Glücks  entbehren,  an  eine  künftige  Fortdauer
zu  glauben  und  er  müsse  alle  biejcitigcit  auch  für  dieses  Leben  für
todt  erklären,  welche  kein  anderes  hoffen."
Jetzt  noch  einige  Worte  über  Religion.  Religion  ist  das
Streben  nach  der  Erkenntniß  der  Gebote  des  höchsten  Wesens  wib
der  innere  Trieb,  diese  Gebote  d.  h.  die  Sittengcsetzc  zu  befolgen.
Die  Anlage  dazu  ist  eine  allgemeine  menschliche  und  immer  da  vorhanden, ­
  wo  das  eigenthümlich  menschliche  Wesen  wirklich  zur  Ent-
        <pb n="66" />
        55

faítung  kommt,  sie  bildet  ein  Hauptunterscheidungs  -  Merkmal  des
Menschen  vom  Thiere.  Sie  ist  mit  dem  menschlichen  Wesen  so
ilmig  verwachsen  und  so  unverwüstlich,  daß  sie  aus  jedem  Vernichtungskampfe ­
  gleich  den:  Phönix  stets  wieder  aus  der  Asche  neu
verjüngt  emporsteigt.  Deshalb  würde  es  auch  den  Machthabern
im  Zukunftsstaate  niemals  gelingen,  den  Religionstrieb  in  der
Menschen  Brust  zu  ertödten.  ja.  sie  würden,  wie  vordem  Robespierre
in  Frankreich,  sich  sehr  bald  genöthigt  sehen,  die  gestürzte  Gottheit
und  die  Religion  wieder  in  ihre  äußern  Rechte  einzusetzen  und
darin  mit  allen  Kräften  zu  schützen,  oder  sie  würden  unter  den
Trümmern  des  neuen  Reichs  begraben  werden.
12.  Unüberwindliche  Schwierigkeiten,  welche  einer
praktischen  Durchführung  des  internationalen  communistischen
  Programms  entgegenstehen.
Wir  wollen  nun  zur  Aufsuchung  und  Betrachtung  der  hauptsächlichsten ­
  Schwierigkeiten  übergehen,  welche  sich  der  Durchführung
des  bereits  erwähnten  positiven  internationalen  communistischen
Programms,  insbesondere  der  Beseitigung  der  heutigen  Staatssormen,
  sowie  der  Umwandlung  des  Privateigenthums  in  ein  collectives ­
  und  bezüglich  der  staatlichen  und  technischen  Leitung  des
künftigen  Staatswcsens  darbieten  würden.
1.  Zunächst  müßte  die  Socialdemokratie,  wenn  sie  im  Kampfe
mit  der  Bourgoisie  über  diese  einen  vollständigen  Sieg  erringen ­
  wollte.  nicht  nur  wohl  gerüstet  und  dem  Feinde  an
Streitkräften  überlegen  sein,  sondern  auch  geschickt  und  umsichtig
zu  opcriren  verstehen,  hierzu  bedürfte  sie  aber  geschulter  und
bewährter  Führer;  denn  wie  erst  der  letzte  Krieg  gegen  Frankreich ­
  gezeigt  hat.  genügt  weder  numerisches  Ucbergewicht,  noch
Tapferkeit  allein  zur  Besiegung  eines  ebenfalls  tapfern,  aber
zugleich  gut  geführten  Feindes.  Mag  nun  auch  die  Socialdemokratie ­
  recht  klug  und  theoretisch  gebildete  Führer  besitzen,
ob  sich  aber  unter  diesen  tüchtige  Schlachtenlenker  besinden,  ist
        <pb n="67" />
        56

noch  sehr  fraglich,  und  noch  ungewisser  ist  es,  über  welche
Heerschaaren  diese  im  gekommenen  Augenblicke  mit  Bestimmtheit
würden  verfügen  können,  während  ans  gegnerischer  Seite  sieggewohnte ­
  Streiter  mit  kriegskundigen  und  geschickten  Anführern
stehen.  Außerdem  besteht  zwischen  dem  lediglich  auf  Umsturz,
Raub  und  Eroberung  bedachten  Angreifern  und  den  für  ihre
theuersten  Güter:  Religion,  Freiheit,  Familie  und  Eigenthum
kämpfenden  Angegriffenen  bezüglich  der  Tapferkeit,  der  Ausdauer ­
  und  des  Muthes  ein  gewaltiger  Unterschied;  jene  würde
schon  das  unklare  Bewußtsein  des  ungerechten  Angriffs  auf
ihre  Mitbürger,  die  ihnen  nichts  zu  leide  gethan  haben,  mit
einer  gewissen  Zaghaftigkeit  erfüllen,  und  wenn  sie  gar  den
Gegner  nicht  gleich  beim  ersten  Ansturm  über  den  Haufen
rennen  oder  vielleicht  ein  paar  mal  unter  starken  Verlusteil
zurückgeworfen  wiirden,  müßten  sie  bald  den  Ninth  verlieren
und  sich  dann  in  die  Defensive  drängen  lassen,  schließlich  die
Waffen  strecken  oder  sich  durch  die  Flucht  zu  retten  suchen.
2.  Nach  der  von  der  Socialdemokratie  unbeanstandet  gebilligten
Marx'schen  Theorie  soll  der  Werth  und  somit  auch  der  Preis
eines  Dinges  oder  Products  gleich  sein  der  auf  seine  Herstellung ­
  zu  verwendenden  gesellschaftlich  ermittelten  Arbeitszeit
und  dieser  Werth  dem  betreffenden  Arbeitsindividuum  dem  verkündeten ­
  socialistischen  Programm  gemäß  als  Arbeitsertrag
voll  gewährt  werden.
Hierbei  drängen  sich  uns  ganz  von  selbst  die  Fragen  auf:
a.  Wie  hoch  ist  der  Geldwerth  der  Arbeitszeit  z.  B.  für  jede
Stunde  zu  bemessen?  Soll  jede  Arbeitsleistung  ohne  Rücksicht ­
  auf  Geschicklichkeit  und  Fleiß  der  Arbeiter,  ohne  Berücksichtigung ­
  der  Localverhältnisse,  Nützlichkeit,  Nothwendigkeit ­
  oder  des  Gebrauchswerthes  der  Güter  gleichwerthig
  sein?
d.  Woher  soll  der  Staat  als  Gcneralbesitzcr  aller  Betriebsmittel ­
  für  die  hergegebenen  Rohstoffe  und  die  geliehenen
        <pb n="68" />
        57

Handwerkszeugc,  Maschinen,  Werkstätten  und  für  deren  Abnutzung ­
  sich  entschädigen?  Denn  mittelst  eines  Preisaufschlags ­
  darf  sich  ja  der  Staat  nicht  schadlos  halten,  da  der
Preis  (Werth)  eines  Products  lediglich  das  Entgelt)  für
Auftvendllng  der  gesellschaftlichen  Arbeitszeit  darstellen  soll.
Auch  den  Arbeitern  darf  der  Staat  keine  Abzüge  machen,
sonst  würde  er  sich  einen  aus  Lohncrübrigungcn  bestehenden
verpönten  Unternehmergewinn  anmaßen,
e.  Wenn  nun  Güter  zu  den  Herstcllungskostcnpreisen  keine  Abnehmer ­
  finden,  oder  billiger  verkauft  werden  müssen,  wie  sollen
dann  die  entstandenen  Verluste  gedeckt  werden.  Ein  Ersatz
dieser  Verluste,  sowie  eine  Beschaffung  der  vorbezeichneten
Entschädigungen  des  Staats  mittels  Steuern  würde  ohne  ungerechte ­
  Belastung  aller  nicht  direct  intercssirten  Personen  unmöglich ­
  sein,  und  gleichwohl  giebt  es  kein  anderes  Mittel.
Die  Leiter  des  Zukunftsstaates  würden  bald  zu  der  Ueberzeugung ­
  gelangen,  daß  das  seitens  der  Agitatoren  fortwährend
geübte  Ausposaunen  der  berückenden  Verheißung:  jeder  Arbeiter
soll  im  Communestaate  genau  seinen  Arbeitsertrag  voll,  also
unverkürzt,  zugetheilt  bekommen,  sowie  die  Behauptung,  daß
lediglich  die  Arbeitskosten  das  Werthmaß  der  Güter  bilden,
sich  als  zwei  höchst  verhängnißvolle  Fehler  erweisen  würden,
weil  im  neuen  Reiche  sich  ebensowenig,  wie  im  heutigen  Capitalistcnstaate
  feste  Preise  der  Dinge  nach  Maßgabe  der  darauf
verwandten  Arbeitszeit  erzwingen  lassen,  sondem  dieselben  von
dem  Gebrauchswerthe  d.  h.  von  der  Dringlichkeit  des  Bedarfs,
Lebensgewohnheiten,  localen  und  andern  Verhältnissen  abhängen
und  doch  nur  die  sich  hiernach  ergebenden  Preise,  wahrscheinlich
auch  erst  nach  Abzug  des  öffentlichen  Gcmcindebedarfs  (Steuern)
an  die  betreffenden  Arbeiter  zur  Vertheilung  gelangen  können,
wogegen  die  gesammte  Arbeitcrbcvölkerung  unter  Berufung  auf
das  ihr  wiederholt  gegebene  Versprechen  vom  Staate  die
vollen  Arbeitserträge  nach  dein  Zeitaustvande  bemessen,  und
        <pb n="69" />
        58

cine  programmmäßige  progressive  Einkommenbcsteuerung  verlangen ­
  und  sich  daran  festhalten  würden.
3.  Die  socialistischen  Leiter  müssen  schon  vor  dem  Umstürze  des
heutigen  Staatswescns  einen  selbst  die  kleinsten  Details  und
wirthschaftlichen  Gestaltungen  berücksichtigenden  Organisationsplan ­
  ausgearbeitet  haben,  wenn  nicht  beim  Zusammenbruch  der
gegenwärtigen  Gesellschaftsordnung  die  heilloseste  Verwirrung
und  völlige  Anarchie  entstehen  und  das  neugeborene  Kind
sofort  wieder  erstickt  werden  soll.
Warum  stellen  denn  diese  neunmal  weisen  Herren  einen
detaillirten  Organisationsplan  nicht  ans  helle  Tageslicht,
während  sie  doch  ihr  Umsturzprogramm  fortwährend  klar  und
laut  in  alle  Welt  schreien?  Einfach  aus  dem  Grunde,  weil
sic  außer  Stande  sind,  einen  solchen  Organisationsplan  zu
schaffen;  denn  es  mangelt  ihnen  nicht  nur  an  geschulten  und
mit  allen  einschlagenden  Verhältnissen  vertrauten  Männern,
sondern  es  genügt  auch  nicht  das  vorliegende  statistische  Material ­
  bezüglich  des  vorhandenen  und  gesummten  Staats-  und
Privatvermögens,  der  Productionskräfte,  der  Höhe  der  Consumtionsbedlirfnissc,
  sowohl  in  ihrer  Gesammtheit,  als  auch  in
ihren  Einzelheiten,  sowie  der  verschiedenen  Verhältnisse;  sie
wissen  nicht,  welche  Productionszweige  künftig  ganz  wegfallen
werden,  welche  zu  erweitern  oder  zu  beschränken  sind,  welche
menschlichen  Arbeitskräfte  verfügbar  und,  wenn  entbehrlich,  wie
sie  anderweit  in  geeigneter  Weise  und  ihrer  Leistungsfähigkeit
entsprechend  zu  verwerthen  sind.
Da  aber  diese  Staatsweisen  keinen  Organisationsplan  aufzustellen ­
  vermögen  und  recht  wohl  wissen,  daß,  wenn  sic  cs
dennoch  thäten,  sie  sich  gründlich  blamiren  wiirden,  sich  auch
nicht  öffentlich  ein  Zeugniß  ihrer  Ohnmacht  ausstellen  wollen,
so  schweigen  sie  über  die  Hauptaufgaben  ihres  künftigen  Berufs
und  sinden  ihre  vertrauensseligen  Anhänger  mit  der  dreisten
Behauptung  ab:  „das  werde  sich  Alles  von  selbst  machen."
        <pb n="70" />
        59

Nun  könnten  und  würden  wahrscheinlich  auch  die  Gewalthaber ­
  im  neuen  Staate  einstweilen  davon  Abstand  nehmen,
sofort  und  mit  einem  Schlage  alle  privaten  Productionsgcschäfte
  in  öffentliche  Wirthschaftsämter  zu  verwandeln,  sondern
sich  damit  begnügen,  nach  und  nach  einen  Zweig  nach  dem
andern  zu  Soeialcapital  und  Socialarbeit  zu  machen  und  zwar
zunächst  den  dem  Großbetriebe  angehörenden  Theil  der  nationalen ­
  Prvduetionszweige  zu  einheitlichem  Productionskörper
unter  staatlicher  Leitung  zu  gestalten.
Höchstwahrscheinlich  würden  dann  nicht  nur  die  Großindustriellen, ­
  die  zunächst  ihren  Geschäftsbetrieb  aufgeben
müßten,  sondern  auch  die  Mehrzahl  der  kleineren  Fabrikanten
und  Gewerbetreibenden,  gewiß  aber  sämmtliche  Haus-  und
Grundbesitzer,  denen  über  kurz  oder  lang  ein  gleiches  L00S
bevorstände,  sowie  auch  alle  Diejenigen,  welche  ctlvaS  erspart
haben  oder  zu  ererben  hoffen,  sich  sehr  bald  zu  einem  Schutzund
  Trutzbündnisse  vereinigen  und  von  durch  Geld  leicht  anzuwerbenden ­
  weitern  Streitkräftcn  unterstützt,  dem  jungen
Ştaate  binnen  kurzem  ein  jähes  Ende  bereiten;  wehe  dann  den
Rädelsführern!
4.  Die  Socialdemokratie  hat  ja  seither  unausgesetzt  mit  einem
wahren  Fanatismus  gegen  jede  göttliche  und  weltliche  Autorität ­
  gekämpft  und  ihre  Anhänger  zu  erbitterten  Feinden  derselben ­
  selbst  herangebildet.  Wie  können  da  die  Gewalthaber
des  ZukuuftSstaateS  von  diesen  Feinden  jeder  Autorität  erwarten ­
  oder  es  ermöglichen,  daß  sie  nun  von  ihnen  respectirt
werden  und  ihren  Anordnungen  unbedingt  Folge  geleistet  werde?
Gutwillig  gewiß  nicht,  also  mittelst  Zwangsmaßregeln.  Diese
müßten  so  lange  fortgesetzt  werden,  bis  das  ganze  Bolk  völlig
mürbe  und  fügbar  gemacht  worden  wäre.  Wo  aber  die  zur
Durchführung  der  nöthig  werdenden  Zwangsmaßregeln  geeigneten ­
  Werkzeuge  finden?  In  den  Reihen  der  Opponenten
gewiß  nicht;  vielleicht  durch  Heranziehung  von  getreuen  und
        <pb n="71" />
        60

ergebenen  Anhängern!  Aber  selbst  die  gcsnmmte  Anhängerschaft ­
  würde  schwerlich  dazu  genügen.  Ja,  könnte  die  Regierung ­
  des  neuen  Staates  über  eine  wohldisciplinirte  und
geschulte  stehende  Militärmacht  verfügen,  so  wäre  sie  wohl  eher
im  Stande,  jeden  Widerstand  zu  brechen,  allein  das  stehende
Heer  hat  ja  in  Gemäßheit  des  aufgestellten  Programms  abgeschafft ­
  werden  müssen,  und  wie  unverläßlich  eine  Bürgermiliz
ist,  lehrt  die  Geschichte  genugsam.
5.  Da  im  neuen  Reiche  alle  Arbeit  in  staatliche  Genossenschaften
aufgelöst  sein  wird,  so  hoffen  die  dereinstigen  Staatslenker,
daß  die  Genossen  eine  gegenseitige  gute  Controle  üben  werden;
sie  dürften  sich  barin  arg  täuschen,  denn  die  zu  Feinden  jedes
obrigkeitlichen  Zwangs  systematisch  ausgebildeten  Gen  osseli
würden  höchst  wahrscheinlich  die  gegenseitige  Controle  hauptsächlich ­
  darauf  richten,  daß  Niemand  seinen  Genossen  bei  den
Vorständeil  oder  den  voir  den  Centralbehörden  angestellten
Arbeitsinspectoren  wegen  irgend  eines  Versehens  anzeigte,
widrigenfalls  er  als  Berräther  gebrandmarkt,  gewiß  einen
schweren  Stand  bekommen  würde.
6.  Würden  in  die  zukunftsstaatlichen  Genossenschaften  nicht  auch
die  Faulen,  Ungeschickten  und  die  Unruhe  stiftenden  Schwätzer
übernommen  werden  müssen  und  diese  durch  ihr  böses  Beispiel ­
  allmählig  die  Mehrheit  anstecken,  die  sich  dann  bei  der
geringsten  Veranlassung  gegen  die  Vorgesetzten  unbotmäßig  benehmen ­
  würde?
7.  Die  Preßfreiheit  wird  im  socialistischen  Staate  nur  Staatsmonopol ­
  werden,  denn  da  in  demselben  er  als  Besitzer  aller
Betriebsmittel,  also  auch  der  sämmtlichen  Druckereien,  über
diese  allein  verfügt  und  jeder  private  Besitz  derselben  ausgeschlossen ­
  sein  wird,  so  kann  auch  von  einer  wirllichen  und  allgemeinen
  Preßfreiheit  keine  Rede  mehr  sein,  indem  die  socialdemokratische ­
  Regierung  sicherlich  nur  solche  Geistesproducte
dem  Volke  durch  ihre  Preßorgane  darbieten  lassen  wird,  welche
        <pb n="72" />
        61

ihr  Ansehen  nicht  im  mindesten  schädigen.  Eine,  wenn  auch
noch  so  begründete  ungünstige  Kritik  der  Regierungsthätigkeiten
würde  also  rein  unmöglich  sein.
Ebenso  illusorisch  dürfte  sich  das  freie  Versammlungsrccht
erweisen,  denn  ohne  dieses  Recht  irgendwie  zu  bestreiten,  würden
wahrscheinlich  die  Leiter  des  Staates,  denen  ja  als  Generalbesitzer ­
  sämmtlicher  Boden-  und  Häusergrundstücke  über  diese
das  alleinige  Verfügungsrecht  zusteht,  unter  nicht  schwer  aufzusindenden
  Vorwänden  die  Dispositionsstellung  der  zu  Volksversammlungen ­
  erlangten  Räumlichkeiten  ablehnen.
Würden  sich  die  Regierten  auf  die  Dauer  eine  solche  der
Vernichtung  gleichkommenden  ungeheuerliche  Einschnürung  der
Preß-  und  Versammlungsfreiheit  gefallen  lassen?  Gewiß  nicht!
8.  Im  Zukunftsstaate  würde  es  in  Folge  der  Verallgemeinerung
der  Bildung  weit  mehr  Gebildete  geben,  als  Leiter  der  in  Genossenschaften ­
  aufgelösten  Arbeit  gebraucht  werden.  Alle  diese
Leute  wollen  vermöge  ihrer  Bildung  lieber  Staatsbeamte  sein,
als  mit  Kelle,  Schaufel,  Axt  und  Pflug  hantiren  und  sowohl
diejenigen,  welche  kein  Staatsamt  erhalten  können,  als  auch
Alle,  welche  sich  schlechterdings  nur  zu  Handarbeiten  eignen,
werden  jene  beneiden,  welche  Beamte  geworden  sind,  und
unzufrieden  sein.
Und  wv  bleibt  da  im  freien  Volksstaatc  die  versprochene
persönliche  Freiheit,  wenn  die  vielen  überschüssigen  gebildeten
und  klugen  Leute  zu  körperlichen  oder  rein  mechanischen  Arbeiten
gezwungen  und  commandirt  werden,  wenn  sie  leben  wollen?
9.  Wie  wollen  die  betreffenden  Beamten  des  Volksstaats  die
enorme  sociale  Buchhaltung  bewältigen?  Wie  vermöchten  sie
die  ungleichen  Arbeiten  richtig  nach  socialen  Arbeitszeit-Einheiten
abzuschätzen?  Wie  könnten  sie  eine  öffentlich  rechtliche  Gliederung
der  National-Arbeit  zu  einem  mit  dem  Collcctionscapital  ausgerüsteten ­
  riesenhaften,  gesellschaftlichen  Arbeitskörper,  namentlich
gesellschaftliche  Sammlung,  Lagerung  und  Transportirung  aller
        <pb n="73" />
        62

Producte,  sowie  die  gesellschaftliche  und  gerechte  Vertheilung
der  letzteren  an  die  Einzelnen  bewirken?  Wie  will  ferner  die
Centralleitnng,  die  weit  leichter,  als  bei  den  jetzigen  Staatsleitungen
  auszuführenden  und  in  vielfacher  Weise  möglichen
Unterschleife  und  Veruntreuungen  verhindern  oder  ihnen  vorbeugen ­
  ?
Diese  Fragen  beantworten  sich  bei  ruhiger  Ueberlegung  von
selbst,  aber  noch  eines  Umstandes  wollten  wir  kurz  erwähnen.  Die
sociale  Frage  ist  ja  erwiesenermaßen  nicht  blos  eine  Magenfragc,
sondern  auch  eine  Machtfrage;  die  Erzielung  des  socialdemokratischen
Programms  ist  die  Erringung  der  höchsten  Macht  und  setzt  einen
schweren  Kampf  voraus,  wie  wir  schon  ausgeführt  haben.  Des
Kampfes  natürliche  Folgen  sind  nicht  Versöhnung,  Freiheit  und
Gerechtigkeit,  sondern  Haß,  Knechtschaft  und  Parteilichkeit.  Die
Erfahrung  zeigt  uns,  daß  kein  Communismus  möglich  ist,  ohne  die
Natur  des  Menschen  zu  tyrannisiren  unb  die  Individualität  zu  vernichten.
  Der  communistische  Zuknnftsstaat  müßte  endlich  schon  deswegen ­
  auf  Gewalt,  Unterdrückung  und  Unfreiheit  beruhen,  weil  die
Durchführung  des  Programms  nicht  auf  dem  Wege  allmähliger
Reformen,  sondern  auf  einmal  vor  sich  gehen  muß.  Von  diesem
Bewußtsein  sind  die  Führer,  trotz  der  im  Programm  aufgestellten
„näheren  Forderungen",  und  trotz  der  gelegentlich  betonten  Reformen
so  durchdrungen,  daß  sic  zu  jedem  Reformversuche  sich  ablehnend
verhalten  oder  denselben  in  einer  Weise  kritisiren,  welche  alls  eine
Bekämpfung  hinausläuft.  Aber  gerade  die  energische  Durchführung
der  als  nothwendig  erkannten  Reformen  auf  socialem  Gebiete  wird
sich  als  mächtiges  Hinderniß  gegen  die  Popnlarisirung  der  socialdemokratischen ­
  Ideen  erweisen.
Jeder  nur  einigermaßen  Dcnkfähige  muß  bei  ruhiger  vorurtheilsfreier
  ititb  richtiger  Betrachtung  der  eben  aufgezählten  und
der  oben  besprochenen,  in  den  menschlichen  Trieben  liegenden
Schwierigkeiten  und  Hindernisse  zu  der  Ueberzeugung  gelangen,  daß
dieselben  durch  menschliche  Kräfte  nicht  zu  überwinden  sind  und
        <pb n="74" />
        63

daß  somit  ein  lebensfähiger  Arbeiter-Zukunftsstaat  mit  collectivem
Eigenthum  nicht  zu  schaffen  ist,  wie  dies  denn  auch  die  seither  in
Amerika  selbst  nur  im  Kleinen  acmacbtcn  uub  miülnnienen  SRcrbidw

ihre  Entwickelung  wird  durch  keinerlei  gesetzliche  oder  politische
Hindernisse  gestört,  cs  dürfen  dort  alle  nur  denkbaren  Formen  der
social-communistischcn  Gesellschaft  versucht  werden  und  dies  ist  auch

eigenthums  und  der  vollen  Erwerbsgemcinschaft,  sowie  von  der
Güter-  und  Glaubenslosigkeit,  sondern  auch  die  Lehren  von  der
freien  Liebe  oder  Ehelosigkeit  und  von  der  Kindergcmeinschaft  sind
zur  Anwendung  gekommen,  weshalb  nicht  behauptet  werden  kann,
daß  der  amerikanische  Communismus  nicht  richtig  operirt,  nicht  alle
Principien  des  europäischen  vertreten  habe  und  daher  kein  wahrer
CommunismuS  sei.  —  Dennoch  sind  die  seither  dort  gegründeten
communistischen  Gemeinden  entweder  nach  kurzem  Bestände  wieder
untergegangen  oder  in  Auflösung  begriffen.

Die  Geschichte  dieser  socialcommunistischen  Experimente  zerfällt

Etablissements  unter  Theilnahme  der  Arbeiter  am  Reingewinn,  also
ohne  Aufhebung  des  Privatvcrmögcns,  und  unter  Ausschluß  der
Arbeiter  von  jedem  Geschäftsrisiko  erstrebte;  die  Fourier'schc,  welche
die  Gesellschaft  in  von  einander  unabhängige  Phalanxen  (Abtheilungen) ­
  von  je  1—2000  Mitglieder  brachte,  zu  einer  Familie
vereinte,  in  ein  gemeinschaftliches  Haus  unterbrachte  und  verpflegte, ­
  die  Ueberschüsse  aber  an  die  Einzelnen  nach  Leistung  und

Hängern  Ausschließung  vom  Genusse  irdischer  Güter,  religiöse  Asgeschehen. ­

  Nicht  nur  die  Lehren  von  der  Aufhebung  des  Privatin ­

  vier  Perioden,  die  Owen'sche,  welche  privatgesellschaftliche

Fähigkeiten  vertheilte;  —  die  spiritualistische,  welche  von  ihren  An-
        <pb n="75" />
        64

cetik  und  unbedingte  Unterordnung  unter  den  Willen  einer  theokratischen
  Gemeindeleitung  forderte.  Sie  hatte,  wie  die  Gesellschaftsform ­
  der  vierten  oder  international-kommunistischen  Periode,  die
internationale  Güter-  und  Äindergemeinschaft.
Die  beiden  erstgenannten  spater  vereinigten  Gründlingen  hatten
in  pekuniärer  Beziehung  keine  bemerkenswcrthen  Erfolge  anfzuweisell
mid  gingen  nach  wenigen  Jahreil  wieder  zu  Grunde.  Am  längsten
haben  sich  die  von  Huiiiphry  m  Onvida  und  Wallinford  gegründeteii
spiritualistischen  Gemeinden  erhalten.  Ihr  Gründer  mußte  sich  jedoch
trotz  der  Umsicht  und  Energie,  mit  welcher  er  das  Gemeindewesen
leitete,  schließlich  überzeugen,  daß  er  gegen  die  menschliche  Natur
nicht  anzukämpfen  vermöge  und  daß  die  extreme  Forderinig  der
Zerreißung  aller  Familienbande  nnb  persönlichen  Freiheit  nicht  allein
unsittlich  nnb  widernatürlich,  sondern  auch  undurchführbar  sei.
Wie  wellig  das  communistischc  Leben  zu  befriedigen  vermag,
erhellt  auch  daraus,  daß  von  denjenigen,  welche  der  Nothlage  entrückt ­
  silld,  nur  lvenige  in  der  Gemeiilschaft  vcrbleibeil,  vielnlehr  sich
ihren  Antheil  an  dem  gemeinschaftlichen  Vermögen  herausgeben
lassen  und  dahin  gehen,  wo  sie  frei  nach  ihren  Neigungen  leben
können.  Und  so  stehen  beim  auch  die  beiden  legten  kommunistischen
Gesellschaftsgruppen  auf  dem  Aussterbeetat.
Durch  die  praktischen  Bersuchsstationeil  in  Amerika  ist  also
unumstößlich  bewiesen,  daß  freie  Menschen  lind  der  Communismus
zwei  unvereinbare  Diilge  sind.  Wärmn  verschlveigeil  die  europäischen
Soeialistenführer  die  ihnen  recht  wohl  bekannten  Mißerfolge  der
kommunistischen  Versuche  im  freiesten  Lande  der  Welt?  Warum
fahren  sic  vielmehr  fort,  mit  der  lügnerischen  Behauptung,  daß
alles,  lvas  nicht  mit  Flinte  und  Petroleum  die  heutige  gesellschaftliche ­
  Ordnung  umstoßen  will,  kein  wahrer  Socialismus  sei,  die
Gluth  des  Neides,  des  Hasses  und  der  Begehrlichkeit  zu  schüren?
Die  Antwort  hierauf  kann  nur  lauten:  weil  diese  Biedermänner
und  ihre  Gehülfen,  weder  das  behagliche  Leben,  welches  die  abgedarbten ­
  Arbeitsgroschen  ihrer  Gläubigen  ihnen  bisher  zu  führen
        <pb n="76" />
        65

noch  die  verlockende  Hoffnung  aufgeben  mögen,  durch
M'e  in  Scene  gesetzte  blutige  Revolution,  wenn  auch  nur  auf  kurze
Zeit,  zur  unumschränkten  Gewalt  zu  gelangen  und  während  dericlben
  ihr  Schäfchen  in«  Trockne  zu  bringen,  oder  sonst  wie  im
Trüben  zu  fischen,  dann  aber,  wie  weiland  so  mancher  Maulheld
der  Pariser  Coinmune,  bevor  der  Gegner  die  letzte  Schanze  erstürmt
die  von  ihnen  durch  List  und  Täuschung  geworbenen  und  unter
Besätzen  die  Socialistenführer  wirklich  den  aufrichtigen  Willen
:  srrü-t
Socialdemokraten  mittel-  und  unmittelbar  gespendeten  Gelder  die
,,°ch  ihren  eigenen  Angaben  so  ergiebig  gewesen  sind,  daß  sie  sich
bereits  auf  mindestens  50  Millionen  Mark  belaufen  müßten  -
°°?u"S'°e,s-  rur  Erwerbung  von  Grund  und  Boden,  sowie  von
Fabriken,  wozu  sich  ,a  so  oft  sehr  günstige  Gelegenheiten  darbieten,
verwendet  worden  sein  und  somit  die  dcutschc  Socialdemokralle  sich
bereits  ,m  Besitze  von  vielen  Tausend  Morgen  Ländereien  und  von
einigen  Hundert  Fabriken  befinden,  deren  Erträge  nun  jetzt  theils
der  Gesammtheit  ihrer  Mitglieder  zu  gute  kämen,  theils  zur  Erwerbung ­
  Ivcitcrer  Besitzthümer  dienen  könnten.  Statt  dessen  hat
man  jedoch  diese  kolossalen  Summen  zur  Bestreitung  der  Kosten
fur  Versammlungen,  für  Tausende  von  Hetzschriften,  für  Reisen  der
Führer  IM  In-  und  Auslande,  für  Veranstaltung  unnützer  Ivcil
d--  Bethel,igteu  schädigender  Strikes,  für  Unterhaltung  der  Führer
und  Remuncrimng  einer  Legion  von  Gehülfen  vergeudet.
Ferner  hätten  die  Socialistcnsührcr  jede  von  der  Reichsrcgicrung
oder  von  Privaten  vorgeschlagene  Socialrcform,  welche  nicht  sowohl
eine  Verminderung,  sondern  auch  cinc  gerechtere  Berthcilung  der
Steuerlast,  Unfallversicherung,  ànkcnunterstützungs-  und  Altersversorgungskassen
  mit  Staatszuschüssen,  Schutz  der  Arbeit,  Er-Blume,
  Zukunfitstaat.
        <pb n="77" />
        66

Weiterung  der  Absatzgebiete  für  Produetc  der  Landwirthschaft,  der
Industrie  und  des  Gewerbes  rc.  durch  Gründung  von  Ackerbau-  und
Handelscolonien  bezwecken,  wohlwollend  aufnehmen,  sie  gewissenhaft
und  vorurtheilsfrei  prüfen  und  für  deren  Durchführung  energisch
eintreten,  nicht  aber  in  kindischer  Nachahmung  anderer  staatsfeindlichen
  Parteien  schroff  zurückweisen  sollen,  womit  sie  zugleich  außer
allen  Zweifel  gestellt  haben,  daß  ihnen  das  Wohl  des  Arbeiterstandes
nicht  im  mindesten  am  Herzen  liegt,  sie  vielmehr  ihren  ganzen
Scharfsinn  verwenden,  um  zu  verhindern,  daß  dem  Arbeiterstande
geholfen  und  somit  zufrieden  gestellt  werde,  weil  sie  selbst  dann
nicht  weiter  mit  Erfolg  wühlen  könnten,  es  folglich  mit  ihrem  Einflüsse, ­
  ihrer  Herrschaft  und  ihrem  mühelosen  Erwerb  reichlicher
Existenzmittel  sehr  bald  zu  Ende  gehen  würde.
Mögen  daher  die  Socialdemokraten  es  sich  reiflich  überlegen,
ob  es  nicht  weit  klüger  und  ihrem  wahren  Interesse  mehr  entsprechen ­
  würde,  wenn  sie  künftig  nur  solchen  Männern  ihr  Vertrauen ­
  schenkten  und  sich  von  solchen  vertreten  ließen,  die  ernstlich
und  aufrichtig  gewillt  sind,  mit  Gleichgesinnten  thatsächlich  für
Verbesserung  der  wirthschaftlichen  Lage  der  Arbeiterbevölkerung
zu  wirken  iinb  deshalb  alle  diesem  Zwecke  dienenden  Maßnahmen
energisch  zu  erstreben.

Zweiter  Weit.
1.  Hauptnrsachei,  des  heutigen  socialen  Elends.
Die  nächste  Hauptftage,  welche  uns  in  diesem  Buche  zll  beschäftigen ­
  hat,  wäre:  Wie  können  die  unleugbar  in  fast  allen  Cultnrstaaten
  jetzt  vorhandenen  ungesunden  gesellschaftlichen  Zustände,  die
über  kurz  oder  lang  zu  einer  Revolution,  wie  sie  blutiger  noch  nicht
dagewesen,  führen  und  über  viele  Millionen  von  Menschen  Lod,
Verderben  und  Elend  bringen  müßte,  wieder  normalere  werden?
Die  einzig  richtige  Antwort  auf  diese  Frage  ist  wohl  die,  daß  man,
die  Ursachen  oder  nündestens  die  Hauptursachen  der  socialen  Krank-
        <pb n="78" />
        67

5*

hàn  beseitigt,  beziehungsweise  ihre  Wirkungen  möglichst  abzuschwächen ­
  sucht.  Diese  Ursachen  bestehen  offenbar  in  der  Uebcrmacht
des  Großkapitals  und  der  Großindustrie  über  das  Kleinkapital,  das
Kleingewerbe  und  die  Landwirthschaft,  welche  nebst  dem  immerrnehr
überhand  nehmenden  Wucherthum  im  Handel  und  an  der  Börse  wie
Schwämme  das  Kleinkapital  auffaugcn,  gleichsam  das  Kleingewerbe
und  das  Klcinbesitzthum  selbst  allmählich  wegwischen.  Dazu  kommt
noch  für  Deutschland  der  stets  steigende  Ueberschuß  von  Arbeitskräften, ­
  erzeugt  durch  eine  rapide  Bevölkerungszunahme,  sodaß  schon
jetzt  ein  sehr  fühlbarer  Arbeitsmangel  vorhanden  ist,  in  Folge  dessen
der  Arbeiterbevölkerung  die  Gewinnung  der  nothwendigen  Lebensbedürfnisse ­
  immer  schwerer  fällt.  Die  Zeitungen  haben  leider  häufig
Fälle  zu  verzeichnen,  daß  Arbeiter  sich  grober  Vergehen  schuldig
machen  und  sich  als  Motiv  ihrer  Handlungsweise  der  Wunsch  entpuppt, ­
  der  Noth  des  Daseins  durch  eine  Gefängnißstrafe  überhoben
zu  sein.  Derartige  Vorkommnisse,  wie  sie  die  Gerichte  festgestellt
haben,  und  bisweilen  sogar  bei  unbescholtenen  und  politisch  indifferenten
Arbeitern,  geben  zu  denken  und  zu  zeigen,  daß  eine  directe  Aufforderung ­
  an  die  heutige  Gesellschaft  vorhanden  ist,  darauf  hinzuwirken, ­
  daß  dem  Arbeiter  durch  Reformen  auf  socialpolitischem  Gebiete ­
  zu  einer  würdigeren  Stellung  vcrholfcn  werde,  als  er  unter
den  bestehenden  Verhältnissen  einnimmt.  Es  giebt  nun  Parlaments-Parteien
  bei  uns,  welche  dem  constatirten  Elende  der  Massen  gegenüber ­
  nichts  als  Declamationen  haben.  Aber  ihre  stets  declamirte
^orge  um  das  Wohl  der  ärmeren  Klassen  haben  diese  Parteien
bisher  nicht  besser  zu  bekunden  gewußt,  als  indem  sie  alle  auf  die
Verbesserung  des  Looses  der  Arbeiter  hinzielenden  Regierungsvorlagen ­
  in  Acht  und  Bann  erklärt  haben.  Es  ist  eben  heutigen  Tages
bereits  unleugbar  soweit  gekommen,  daß  die  in  immer  weitere
Schichten  der  Bevölkerung  eindringende  Unzufriedenheit  mit  den
jetzigen  gesellschaftlichen  Zuständen,  die  durch  böswillige  Agitation
unablässig  geschürt  wird,  bereits  zu  einer  die  gegenwärtige  gesellschaftliche ­
  Ordnung  bedrohenden  socialen  Bewegung  angeschwollen
        <pb n="79" />
        68

ist.  Solche  Bewegungen  sind  übrigens  in  Deutschland  nichts  Neues,
aber  man  hielt  früher  fälschlich  das  Anwachsen  des  Großkapitals
und  dessen  gleichermaßen  größer  werdende  Herrschaft  über  die  menschlichen ­
  Arbeitskräfte  für  die  alleinige  Ursache  derselben.  Man  war
daher  der  Ansicht,  daß  die  socialen  Nothstände  nur  durch  Lösung
der  Arbeiterfrage  beseitigt  und  künftig  vermieden  werden  könnten,
allein  unermüdlicher  wissenschaftlicher  Forschung  und  practischem
Scharfblicke  ist  der  Nachweis  gelungen,  daß  außer  der  Herrschaft
des  Großkapitals  über  die  menschlichen  Arbeitskräfte  noch  verschiedene ­
  andere  Ursachen  bei  Erzeugung  socialer  Nothstände  mitwirken. ­
  Namentlich  hat  die  wissenschaftliche  Untersuchung  über  die
Bedingungen  einer  auf  fester  Grundlage  ruhenden  gesunden  Volkswirthschaft ­
  die  Ueberzeugung  in  immer  weitere  Kreise  der  Gesellschaft
getragen  und  ihr  selbst  bei  ehrlichen  und  nrtheilsfähigen  Socialdemokraten ­
  Eingang  verschafft,  daß  die  sociale  Frage  sich  auf  den
Organismus  unseres  ganzen  gesellschaftlichen  Lebens  bezieht  und
nur  dann  richtig  gelöst  werden  kann,  wenn  alle  Theile  der  Gesellschaft ­
  entsprechend  ihrer  natürlichen  Anlage  sich  gesund  entwickeln,
so  daß  kein  Glied  auf  Kosten  des  andern  stärker  und  mächtiger
werde  und  die  Gesundheit  des  organischen  Lebens  schädigen  kann.
Kurz,  Armuth,  Elend  und  Unzufriedenheit  ganzer  Klassen  soll  verschwinden ­
  und  einem  möglichst  menschenwürdigen  Dasein  Allei  Plaß
machen.  Man  hat  angefangen  zu  begreifen,  daß  es  ganz  irrig  nt,
zu  glauben,  daß  Kapital  und  Arbeit  mit  einander  nothwendig  im
Kampfe  stehen  müssen,  sondern  daß,  wie  schon  die  bekannte  Fabel
„vom  Leibe  und  den  Gliedern"  lehrt,  beide  ohne  einander  nicht
bestehen  können,  sie  vielmehr  auf  sich  gegenseitig  angewiesen,  mit
andern  Worten  gleichberechtigte  Factoren  tin  gesellschaftlichen  Leben
stud.  Man  kommt  immer  mehr  zu  der  Ueberzeugung,  daß  die
industriellen  und  gewerblichen,  sowie  die  diese  an  Zahl  um  das
Doppelte  übertreffenden  ländlichen  Lohn-Arbeiter,  ferner  die  Landwirthe, ­
  die  kleinen  Handwerker,  die  Snbalternbeamtcn  und  die  unverheiratet ­
  bleibenden  Töchter  aus  den  mittleren  und  höheren
        <pb n="80" />
        69

Ständen  sich  meist  in  einer  materiellen  Lage  befinden,  welche
dringend  einer  Verbesserung  bedarf.  Um  eine  solche  zu  ermöglichen,
sind  denn  auch  theils  von  den  Interessenten  selbst,  theils  von  den
Regierungen  in  Deutschland  mehr  oder  weniger  zweckmäßige  Einrichtungen ­
  bereits  in  Angriff  genommen  oder  in  Vorschlag  gebracht
worden.  Derartige  Einrichtungen  sind  von  hervorragenden  und
erfahrenen  Männern  in  genügender  Anzahl  empfohlen  worden,  man
hat  dabei  aber  ausdrücklich  hervorgehoben,  daß  von  ihnen  keine
vollständige  Heilung  aller  socialen  Gebrechen,  sondern  erst  nach  sehr
manmchfaltigen  Umgestaltungen  unseres  Volkslebens  eine  allmähliche
Besserung  und  die  Herbeiführung  erträglicher  gesellschaftlicher  Zustände ­
  zu  erwarten  sei,  denn  keine  menschliche  Einrichtung  könne
goiiz  fehlerfrei  und  vollkommen  sein  und  sogleich  zweckerfüllcnd
functioniren.
Bevor  wir  zu  positiven  Vorschlägen  übergehen,  sei  uns  noch
eine  Bemerkung  gestattet,  über  das  Programm  einer  neuen  Parlaments-Partei, ­
  die  natürlich  auch  Stellung  zur  socialen  Frage
nehmen  mußte.  Interessant  ist  in  dieser  Beziehung  Punkt  3  und  4
ihres  Programmes;  ersterer  sagt:  „Wir  streben  die  Förderung  des
Volkswohls  auf  Grund  der  bestehenden  Gesellschaftsordnung  an.
Bei  voller  Wahrung  der  Gleichberechtigung,  der  Selbstthätigkeit  und
des  freien  Vereinswesens  der  arbeitenden  Klassen  treten  wir  für  alle
auf  Hebung  derselben  zielenden  Bestrebungen  ein,  bekämpfen  aber
der,  Staatssocialismus,  sowie  die  Bevormundung  und  Fesselung
des  Erwerbs-  und  Berkchrslebens  gerichteten  Maßregeln."  Gegen
diese  Auslassung  wäre  wenig  einzuwenden,  wenn  es  lediglich  auf
den  Wortlaut  ankäme;  die  bestehende  gesellschaftliche  Ordnung  zu
erhalten,  ist  Jedermanns  Bestreben,  der  es  ehrlich  mit  seinem  Vaterlande
  meint,  allein  die  arbeitenden  Klassen  zum  Vollgenusse  dieser
gesellschaftlichen  Ordnung  emporzuheben,  ist  noch  lange  nicht  identisch
mit  dem  Anfeinden  dieser  Ordnung.  Die  gesellschaftliche  Ordnung
hat  sich  im  Laufe  der  Menschengcschichte  vielfach  geändert,  wenn
auch  gewisse  Grundsätze  stabil  geblieben  sind,  starr  an  jener  als
        <pb n="81" />
        70

einer  unabänderlichen  Form  festhalten  wollen,  hieße  das  Fortschreiten
des  Menschengeschlechts  leugnen:  Gerade  in  die  heutige  Gesellschaftsordnung ­
  haben  sich  Faetoren  eingeschlichen,  deren  Berechtigung  von
gewissen  Parteien  anerkannt  und  deren  Gefährlichkeit  von  ihnen  geleugnet ­
  wird,  nicht  so  sehr  aus  Ueberzeugung,  sondern  weil  diese
Faetoren  der  Nutzen  ihres  eigenen  politischen  Einflusses  sind,  alls
dessen  Erhaltung  es  mithin  weit  mehr  ankommt,  als  auf  die  Erhaltung ­
  der  Gesellschaft  in  ihrer  heutigen  Form.  Die  Regierung
und  ihre  Freunde  andererseits  erstreben  nut  ernster  Thatkraft  auch
die  Sicherung  und  Befestigung  der  gesellschaftlichen  Ordnung,  wie
sich  das  von  selbst  versteht,  aber  da  sie  zu  der  aufrichtigen  Erkenlltiliß
  gekommen  sind,  daß  nicht  alle  Elemente  imb  Faetoren  in
dieser  Ordnung  so  fungiren,  wie  sie  dem  Gesammtwohl  elltsprechend
fungiren  sollten,  so  sind  sie  darauf  bedacht,  wie  wir  sehen  werden,
die  Schäden  auszumerzen  und  solche  Einrichtungen  zu  treffen,  welche
der  Sicherung  der  gesellschaftlichen  Ordnung  wirklich  dienlich  sind.
Vor  allen  Dingen  darf  man  die  Interessen  des  Großcapitals  nicht
in  einer  Weise  vertreten,  welche  über  die  Grenzen  des  Berechtigten
weit  hinausgeht.  Wollte  man  in  diesem  Punkte  ein  Element  zur
Erhaltung  der  gesellschaftlichen  Ordnung  crWiden,  so  müßte  man
blüld  seill  für  die  deutlichsten  Erscheinungen  der  Vergangenheit  llnd
Gegenwart,  nicht  nur  in  Deutschland,  sondern  in  allen  Ländern.
Die  Freiheit  des  Individuums  wäre  ja  baun  in  Wahrheit  nichts
anderes,  als  das  Recht  des  Stärkeren.  —  Noch  bedeilklicher  erscheint
der  Punkt  4  des  erwähnten  Programms,  weilil  er  auf  seinen  wahren
Gehalt  geprüft  wird.  §icr  ist  die  Kriegserklärung  gegen  die  Wirthschaftspolitik, ­
  gegen  die  schützenden  Zölle,  welchen  die  deutsche  Industrie ­
  eine  allenthalben  anerkannte  unb  im  Auslande  mit  unverhohlenem ­
  Neide  betrachtete  Blüthe  verdankt,  verborgen.  Auffallend
ist  es,  daß  man  nicht  mit  klaren  Worten  „Bekämpfung  der  schützenden ­
  Zolle"  sagt,  man  drückt  sich  vorsichtiger  aus  und  das  ist  ein
deutlicher  Beweis,  daß  man  die  Folgen  einer  offenen  Sprache  fürchtet;
man  weiß,  daß  die  Schutzzölle  längst  die  große  Mehrheit  des  Volkes
        <pb n="82" />
        71

für  ļid)  haben.  Unter  allen  Verhältnissen  bleibt  es  ein  sonderbarer
Freisinn,  welcher  auf  allen  Gebieten  die  Interessen  des  Volkes  bekämpft. ­
  Wer  den  unteren  Klassen  oder  überhaupt  belasteten  Klassen
helfen  will,  muß  zuerst  ein  Herz,  ein  mitfühlendes  Begreifen  für
Leiden  haben.  Wer  aber,  wie  Archimedes  zu  den  Barbaren,  zum
Gefühle  sagt:  „Störe  mir  meine  Zirkel  nicht!"  dem  ist  Empfindungslosigkeit ­
  Wissenschaft  und  Härte  Vernunft.  Diese  Leute  machen  die
Sentimentalität  als  überwundenen  Standpunkt  lächerlich  und  stoßen
fich  sogar  an  dem  Worte  „Arbeiterfreund".  Diese  Sucht,  allem,
was  irgend  an  das  Gefühl  anstreifen  könnte,  aus  dem  Wege  zu
gehen,  ist  eine  der  modernen  Krankheiten,  die  deshalb  so  ungenirt
wuchert,  weil  sie  von  den  wenigsten  als  solche  erkannt  wird.  Diesen
Kranken  ist  es  schon  ein  Gräuel,  überhaupt  nur  an  das  soziale
Elend  zu  denken,  geschweige  mit  Ernst  die  möglichen  Heilmittel  zu
überlegen;  wehe  denen,  welche  mit  allen  Mitteln  wissenschaftlichen
Prunkes  dem  Idealismus  ins  Gesicht  schlagen  und  den  Materialismus ­
  predigen!  Sie  verhindern,  daß  der  soziale  Reformator  für  sein
à'ìk  warmschlagende  Herzen  findet,  sie  bewirken,  daß  auch  der
Einsichtsvollste  und  Willigste  schließlich  in  seiner  Thätigkeit  erschlafft
und  zuletzt  müde  in  das  von  Allem  entbindende  „laissez  faire“
einstimmt.  Der  kulturschädliche  Einfluß  solcher  die  Menschenliebe
vertreibender  Doctrinen  besteht  aber  weiterhin  darin,  daß  sie  den
Massen  gewissermaßen  ein  falsches  Evangelium  predigen,  schwache
Geister  verwirren  unb  bösgeartete  mit  einem  wissenschaftlichen
Nimbus  umkleiden.  Wer  zu  allem  Unbequemen  „laissez  faire“
sogt,  versündigt  sich  gegen  die  Humanität  und  das  Christenthum,
welche  thatkräftiges  Eingreifen  in  die  Schäden  der  Menschheit  gebieten. ­
  Wir  wollen  uns  daher  auch  nicht  von  dieser  vornehm  sein
sollenden  Abneigung  gewisser  Stände  gegen  alles,  was  sozial  heißt,
nicht  abhalten  lassen,  Ausschau  zu  halten  nach  Mitteln,  welche
etwa  den  sozialen  Nothstand  beseitigen  zu  helfen  im  Stande  sein
können.
        <pb n="83" />
        72

8.  Vorschläge  zur  ^Beseitigung  des  socialen  Nothstandes.
a.  Genossenschaften.
Was  nun  zunächst  den  Arbeiterstand  überhaupt  betrifft,  so  ist
wohl  eines  der  sichersten  Mittel,  die  Lage  desselben,  mit  Einschluß
der  kleinen  Industriellen  und  Handwerker,  sowie  der  Landwirthe
allnlühlig  wesentlich  zu  verbessern,  die  auf  Selbsthilfe  und  Selbstverwaltung ­
  beruhende  Genossenschaft,  d.  h.  eine  Vereinigung  des
Kapitals  und  der  Arbeit  irr  einer  Hand,  wodurch  namentlich  die
arbeitende  Klasse  zu  der  besitzenden  emporgehoben  und  einem  allgemeinen ­
  Wohlstände  näher  gerückt  wird.  Auch  bringt  die  Genossenschaft ­
  eine  wirkliche  Gemeinschaft  der  Betheiligten  zu  Stande,  eine
Brüderlichkeit  im  guten  Sinn,  macht  die  Einzelnen  selbständiger,
nur  abhängig  von  beni  Ganzen;  stellt  ihn  gegen  die  Ungunst  der
in  seiner  Vereinzelung  ihm  drohenden  mißlichen  Lage  sicherer  als
selbst  in  einer  Assecuranz.  Durch  die  Genossenschaft  ist  dem  Mangel
an  Intelligenz  und  Kapital  leichter  als  auf  anderem  Wege  abzuhelfen, ­
  weil  in  ihr  die  Kräfte  einander  ergänzen.  Sie  macht  rücksichtlich ­
  des  Kapitals  den  Arbeiter  als  Genossenschafter  durch  die
Gesammtbürgschaft  der  Genossenschaft  kreditfähiger,  während  dem
einzelnen  Gewerbtreibenden  der  Kredit  meist  versagt  oder  nur  unter
höchst  ungünstigen,  seinen  Arbeitsverdienst  schmälernden  Bedingungen
zu  Theil  wird,  überdies  die  Verwerthung  seiner  Arbeitskraft,  das
einzige  Mittel,  seinen  Gläubigern  gerecht  zu  werden,  von  so  vielen
Zufälligkeiten  abhängt,  auf  welche  der  Arbeiter  keinen  Einfluß  hat,
und  die  sich  jeder  Controle  der  Gläubiger  entziehen  und  demselben
keine  Garantie  bieten  können,  weshalb  sie  zum  Kreditgeben  wenig
geneigt  zu  sein  pflegen.  Wenn  dagegen  sich  größere  Gruppen  von
Arbeitern  und  Gewerbetreibenden  verbinden,  und  der  Ausfall,  den
die  Gläubiger  etwa  bei  dem  Einzelnen  erleiden  könnten,  durch  Einstehen ­
  Aller  für  Einen  und  Einer  für  Alle,  also  von  der  Gesammtheit ­
  übernommen  wird,  so  wird  die  Vertheilung  des  Ausfalles  auf
Viele  von  den  Einzelnen  weniger  lästig  empfunden.
        <pb n="84" />
        73

In  England  hat  sich  das  Prinzip  der  Eigcnkraft  mittelst
Arbeiter-Associationen  bis  jetzt  sehr  gut  bewährt.  Auch  in  Deutschland ­
  hat  man  bereits  die  verschiedenartigsten  Bedürfnisse  und  die
wirthschaftlichen  Mißstände  der  Zeit  richtig  erkannt,  aber,  um  die
genossenschaftliche  Bewegung  vor  schweren  Erschütterungen  zu  bewahren, ­
  nicht,  wie  in  Frankreich,  gleich  mit  der  schwierigstell  Form
der  Genossenschaft,  mit  der  Produktionsgenossenschaft,  sondern  mit
der  Beschaffung  von  ausreichendem  Kapital  angefarlgcn,  d.  h.  den
richtigeil  Weg  natürlicher  Entwickelung  eingeschlagen,  in  Folge  dessen
die  Genossenschaftsbewegung  bereits  einen  mächtigen  unb  heilsamen
Aufschwung  gewonnen  hat.
Deshalb  wurden:
aa.  Woküsbcrnken,
zunächst  sogenannte  Volksbanken  oder  Vorschuß-  und  Krcditvereine
gegründet,  welche  die  Selbsthilfe  in  Bezug  auf  das  Bcdürfuiß  von
Baarschaft  an  Gewerbe  und  Wirthschaft  für  solche  Handwerker  und
Arbeiter  bezwecken,  bcncn  der  Bankverkehr  entweder  gar  nicht  oder
nur  unter  sehr  erschwerten  Bedingungen  offen  steht.  Es  sollen
durch  die  Vorschuß-  und  Kreditvereine  dem  Harldlverker  zur  Beschaffllng
  guter  Handwerkszeuge  und  Materialien,  dem  Landwirthe
zur  Anschaffung  von  Vieh,  Dünger,  guter  Aussaat,  von  zweckmäßigen ­
  Ackergeräthschaften  und  Maschinen,  dem  Tagelöhner  zur
Erwerbung  eines  Häuschens  uild  etlvas  Land  gegen  mäßige  Zinsen
nut  nicht  zu  kllrzen  Zahlungsfristen  die  erforderlichen  Gelder  dargelicheil
  werden,  lvonlit  man  verhindern  will,  daß  diese  Geldbedürftigen ­
  in  die  Hände  herzloser  Wucherer  fallen,  welche  es  ihnen
erschweren  und  meist  unmöglich  machell,  selbst  bei  Einsicht,  Fleiß
und  Sparsamkeit  vonvärts  zu  kommen.
Die  segensreiche  Wirksamkeit  solcher  Volksbanken  steht  nach
dell  bereits  daniit  gemachten  Erfahrungen,  Ausnahmsfällc  zugegeben,
außer  Zweifel,  weshalb  auch  die  Zahl  der  Volksbanken  inDeutschlaild
  stetig  wächst  unb  die  Betheiligung  an  denselben  eine  immer
größere  wird  unb  selbst  von  den  vernünftigeren  Socialdemokraten
        <pb n="85" />
        74

trotz  der  Hetzereien  und  der  Behauptung  ihrer  Führer,  daß  Vorschußvercine
  den  Arbeitern  nichts  nützten,  sich  immermehr  um  die
Mitgliedschaft  bewerben.
Bezüglich  einer  zweckmäßigen  Organisation  derartiger  Vorschußund
  Kreditvcreinc  verdient  die  nach  dem  Raiffeisen'schen  Systeme
den  Vorzug,  weil  die  Darlehnc  durch  gleiche  Solidarhaft  aller
Mitglieder  und  durch  Stellung  von  Bürgen  Seitens  der  Schuldner
gegen  Verluste  sicher  gestellt  sind  und  wegen  dieser  doppelten  Garantie ­
  Kapitalien  zu  4  und  4y//o  leicht  zu  beschaffen  sind.  Dieselben ­
  werden  an  die  Mitglieder  nur  zu  5%  wieder  ausgeliehen.
Da  aber  die  Schuldner  bei  Empfang  des  Darlehns  ein  für  alle
Mal  eine  Provision  von  pro  3  Monate  und  von  1%  pro
Jahr  der  Schuldzeit  zu  zahlen  haben,  so  wird  in  20  bis  25  Jahren
ein  Reservefonds  vorhanden  sein,  welcher  es  dem  Vereine  ermöglicht,
mit  eigenen  Mitteln  auszukommen.
Die  Verwaltung  verursacht  um  deswillen  wenig  Kosten,  weil
die  Vorstandsmitglieder  der  einen  Centralvcrein  umfassenden  kleinen
Bezirksvcrcinc  außer  Ersatz  ihrer  baaren  Auslagen  keinen  Gehalt
beziehen,  ihr  Amt  als  Ehrenamt  umsonst  verwalten  und  nur  der
Rendant  eine  dem  Geschäftsumfange  entsprechende  Remuneration
erhält;  in  den  Vereinen  ist  grundsätzlich  die  Politik  ausgeschlossen,
so  daß  sie  weder  Brutstätten  politischer  Agitation  werden,  noch
einträgliche  Sinecuren  für  politische  Freunde  schaffen  können;  jedes
Mitglied  hat  in  der  Generalversammlung  nur  eine  Stimme  ohne
Rücksicht  auf  die  Höhe  der  etwaigen  Einlagebeträge,  svdaß  Majorisirung
  der  Gesellschaft  durch  eine  Minorität  unmöglich  ist.
bb.  Wohstoff-Genossenschaften.
Alsdann  ist  man  in  Deutschland  zur  Gründung  von  Rohstoff-Genossenschaften
  übergegangen.  Der  Nutzen  derselben  ist  sehr  bedeutend; ­
  denn  durch  deu  gemeinsamen  Einkauf  der  Rohstoffe  im
Großen  aus  erster  Hand  und  deren  Ablaß  in  kleiner,  Partieen  zu
den  Engrospreisen  mit  einem  Aufschlage  von  etwa  5%  behufs
        <pb n="86" />
        75

Deckung  ber  Geschäftsunkosten  an  die  einzelnen  Mitglieder  der  Genossenschaft ­
  wirb  es  diesen  ermöglicht,  bessere  und  um  10—20%
billigere  Waare  als  beim  Dctailverkauf  zu  beziehen.  Vorurtheile,
Mißtrauen  und  Mangel  an  Energie  haben  freilich  das  Gedeihen
derartiger  Genossenschaften  bisher  sehr  erschwert;  aber  diese  Hindernisse ­
  werden  voraussichtlich  nach  und  nach  überwunden  werden.
cc.  WerK-KerrofsenscHcrften.
Naturgemäß  schließen  sich  den  Rohstoff-  die  Werkgenossenschaften ­
  an,  indem  hier  wie  bei  jedem  der  Zweck  darin  besteht,
durch  die  Vereinigung  Mehrerer  für  die  Einzelnen  günstigere  Vorbedingungen ­
  zur  Produktion  zu  gewähren,  als  jeder  Einzelne  für
sich  allein  dazu  im  Stande  ist.
Sehr  empfehlenswerth  ist  cs,  daß  Gewerksgenossenschaften,
welche  nur  aus  Mitgliedern  eines  bestimmten  Gewerbes  bestehen,
z.  B.  Schuhmacher,  Schileider,  Tischler,  Sattler,  Klempner  u.  s.  w.
zugleich  Magazingenossenschaften  bilden,  um  ihre  fertigen  Prvdlikte
in  einem  gemeinschaftlichen  Locale  zum  Verkaufe  aufzustellen.
dd.  ŅcrfcHinen-HenossenfļHclfLen.
Als  höchst  nützlich  erweisen  sich  ferner  die  Gründungen  von
Maschinengenossenschaften  Behufs  gemeinschaftlicher  Anschaffung  und
Benutzung  voll  Maschinen,  namentlich  von  Dampfmaschinen;  denn
diese  vermögen  nicht  nur  der  Laudwirthschaft,  sondern  auch  vielen
Gewcrbtreibendcu  und  kleinen  Industriellen,  welche  einzeln  nicht  die
Mittel  zum  Ankauf  kostbarer  Maschinen  besitzen,  einen  erheblichen
Nutzen  zu  gewähren.
Nicht  nur  billige  Rohstoffe,  sondern  auch  gute  Handwerkzcugc
und  Maschinen  bedingen  eine  vortheilhafte  Produktion,  welche  die
Concurrenz  auf  dem  Weltmärkte  allszuhalten  vermag.
Die  eben  angeführten  vier  Gcnossenschaftsarten  bilden  die
eigentliche  Vorstufe  zu  solchen  Produktionsgellvssenschaften,  welche
aus  Mitgliedern  eines  oder  auch  mehrerer  Gelvcrbe  bestehen,  die
        <pb n="87" />
        76

beim  Betriebe  eines  gewissen  Geschäft«  zur  Anwendung  k°,innen
und  zwar  so,  das;  die  Beschäftigung  aller  Arbeiter  im  Dienste  der
Genossenschaft  und  somit  die  Bereinigung  de«  Arbeitgebers  und
der  Arbeiter  in  einer  Person  das  Mittel  und  der  Verkauf  der
Prodnete  an  das  Publikum  das  Ziel  bildet,
66,  WroduKtiv-Kenosscnkchcrsten.
Die  Produktiugenossenschasten  müssen  über  hinreichende  Betriebsfonds ­
  d,  h,  Geldmittel  verfügen  können  und  da  die  Mitglieder  gewöhnlich ­
  nur  einen  »einen  Theil  davon  unter  sich  auszubringen
vermögen,  so  sind  die  noch  fehlenden  Summen  entweder  bei  den
Volksdanken  beziehungsweise  bei  den  Darlehnskassen-Vereinen,  oder,
wenn  dies  nicht  möglich  ist,  bei  Privatkapitalisten  zu  leihen,  was
übrigens  nicht  schwer  halten  dürste,  wenn  diesen  neben  Sicherstellung
des  Kapitals  und  dessen  Zinsen  durch  Solidarhaft  der  einzelnen  Genossenschaften ­
  ein  bestimmter  Antheil  von  »/,  oder  %,  je  nach  der
H°he  des  Darlehns  am  Reingewinn  nach  Ausscheidung  von  10—20«/«
zur  Bildung  eines  Tilgung«-  und  Reservefonds  gewährleistet  würde,
&amp;gt;  Eine  andere  Geuossenschaftssorm  ist  die,  daß  der  Kapitalist
als  Unternehmer  irgend  eines  Industriezweiges  auftritt  und  den
ständigen  Arbeitern  einen  bestimmte,,  Antheil  am  Reingewinn  und
zwar  ebenfalls  nach  Ausscheidung  von  10—20»/«  zur  Bildung
emeê  Tilgungs-  und  Reservefonds  zuweist  und  dieser  nach  Maßgabe ­
  der  von  den  einzelnen  Arbeitern  im  Laufe  des  Jahres  verdienten ­
  Löhne  vertheilt  wird.  Nach  erfolgter  Tilgung  des  gesammten
  Anlagekapitals  wird  das  Etablissement  Eigenthum  der
betheiligten  Arbeiter.
Drese  beiden  Genossenschaftsarten  gewähren  nicht  nur  den  betheiligten ­
  Arbeitern  neben  ihren  Arbeitslöhnen  einen  der  Höhe  der
letzteren  entsprechenden  Antheil  am  erzielten  Reingewinn,  sowie  auch
die  Aussicht  dermaleinst  in  den  gemeinschaftlichen  Vollbesitz  des
Geschäfts  zu  gelangen,  sondern  es  wird  auch  den  betreffenden
Kapitalisten  als  Mittheilhabern  am  Reingewinn  und  an  den  angesammelten ­
  Reservefond  die  Möglichkeit  dargeboten,  ihr  Vermögen
        <pb n="88" />
        77

je  nach  ben  mehr  ober  weniger  günstigen  Erfolgen  bes  Unternehmens ­
  in  kürzerer  ober  längerer  Zeit  zu  vermehren  unb  ben  Zuwachs ­
  besselben  anbertveit  nutzbringenb  anzulegen.
Unb  nicht  hoch  genug  können  bie  Gewinne  geschätzt  werben,
die  außer  ben  angeführten  Bortheilen  solchen  Genossenschaften  noch
baburch  zuwachsen,  baß  sich  unter  ben  Arbeitern  ein  kamerabschaftiid)c3
  Äer#W&amp;amp;,  ein  #orpa#t  ijerauabübet,  bie  iue#ifeiÜ8en
Beziehungen  zwischen  diesen  unb  den  Unternehmern  resp.  Beamten
sich  wie  die  unter  den  Gliebern  einer  Familie  gestalten,  Fleiß,
Sparsamkeit  unb  Orbnungssinn  sich  entwickeln  unb  bie  Sittlichkeit
geförbert  wirb.
ff.  Konsum-Wereine.
^ic^t  minber  Vortheilhaft  wirken  bie  Consumvereine,  namentlich
  sür  die  arbeitenden  Klassen,  indem  sie  den  Zweck  verfolgen,
die  im  Kleinhandel  vertheuerten  nnd  meist  auch  verschlechterten
Lebensbedürfnisse,  wie  Nahrungsmittel,  Bekleidungsstoffe,  Heizund
  Bcleuchtungsmatcrial.  durch  Einkauf  im  Großen  billig  und
gut  für  Mitglieder  zu  beschaffen,  um  dadurch  ihre  wirthschastlichc
Lage  zu  verbessern.  —  Die  cinsachstc,  billigste  und  keine  Verluste
beim  Wiederverkauf  der  Consumgegenstände  mit  sich  düngende  Organisation ­
  besteht  darin,  daß  der  Vorstand  unter  Controle  des
Verwaltllngsrathes  zunächst  solche  Einkaussquellen  ermittelt,  aus
welchen  gute  und  billige  Consumgegenstände  zu  beziehen  sind,  alsdann ­
  die  VcrcinSmitglieder  in  de»  Lokalblättern  oder  aus  fönst
geeignete  Weise  davon  unter  Angabe  der  Detailvcrkaufspreffe  mit
der  Aufforderung  in  Kenntniß  setzt,  allmonatlich  an  einem  bestimmten
Tage  ihre  Bestellzettel  bei  ihm  einzureichen,  und  dann  an  einem
festgesetzten  Tage  die  inzwischen  für  jeden  Besteller  abgewogenen
oder  eingemessenen  Waaren  gegen  Entrichtung  der  darauf  angegebenen ­
  Preise  und  anteiligen  Geschäftsunkosten  für  Transport,
Abwiegung  und  Zumcssung  in  die  vorher  einzusendenden  Gefäße  in
Empfang  zu  nehmen.
In  ben  Consumvereinen  erwerben  bie  Arbeiter  bie  wichtigsten
        <pb n="89" />
        78

Erfordernisse  der  Selbsthilfe:  Schulung  in  der  Selbstverwaltung,
genossenschaftlichen  Geist  und  Kapital,  sodas;  jene  sich  nicht  nur
zu  produktiven  Verbrauchsgenossenschaften  erweitern  lassen,  sondern
auch  den  Lohnarbeitern  die  Gründung  von  eigentlichen  Produktivgenossenschaften ­
  ermöglichen  und  diese  bilden  sa  den  Kern  des
ganzen  Systems,  sie  sind  das  entschiedenste  und  sicherste  Mittel
zur  Lösung  der  Arbeiterfrage,  ihre  Vermehrung  wird  allmühlig
einen  vollständigen  Umschwung  auf  dem  Gebiete  der  Production
herbeiführen,  insofern  sie  die  Arbeiter  zugleich  zu  Unternehmern
machen  und  diesen  nunmehr  den  vollen,  sonst  den  einzelnen  Unternehmern, ­
  resp.  den  Actionären  zufallenden  Gcschäftsgewinn  allein
zu  Gute  kommen  lassen;  freilich  fallen  ihnen  auch  alle  etwaigen,
aus  Geschäftsstockungen  und  ungünstigen  Conjuncture  entstehende
Verluste  allein  zu,  diese  lassen  sich  jedoch  von  einer  zahlreichen
Gesammtheit  weit  leichter  tragen  und  bei  ernstlichem  Willen  und
Sparsamkeit  eher  vcrtvinden,  als  von  einem  einzelnen  Unternehmer
oder  einer  Acticngesellschaft.
Während  beit  Arbeiter  die  Abhängigkeit  von  fremdem  Kapital,
von  der  Conjunctur  und  von  seinem  Brodherrn,  ferner  der  nur  zu
oft  ungenügende  Verdienst  und  der  Zweifel,  ob  etwaige  Ersparnisse
ihm  später  auch  wirklich  zu  gute  kommen  und  zur  Begründung
einer  unabhängigen  Stellung  ausreichen  werden,  nur  allzu  leicht
geneigt  macht,  den  ihm  bei  günstigen  Conjuncturen  zufließenden
reichlicheren  Verdienst  gleichsam  als  Ersah  für  ausgestandene  Entbehrungen ­
  in  materiellen  Genüssen  leichtfertig  zu  vergeuden,  fühlt
sich  der  Arbeiter  als  Mitglied  einer  Produktivgenossenschaft  unabhängiger, ­
  er  unterliegt  nicht  mehr  so  leicht  der  Versuchung  zum
Verprassen;  er  wird  besonnener  und  haushälterischer;  er  lernt  den
großen  Werth  des  Eigenthums  kennen  und  schätzen  und  er  findet
Freude  an  dessen  Wachsthum,  nicht  nur  weil  dieses  ihm  und  seiner
Familie  ein  reichlicheres  Maß  von  materiellen  Genüssen  gewährt,
sondern  auch,  weil  er  sich  itttb  seine  Kinder  zu  einer  höheren  Bildung ­
  erheben  kann.
        <pb n="90" />
        79

Das  Genossenschaftswesen  befreit  auch  das  Kleingewerbe  von
dem  Drucke,  welchem  es  durch  das  Großgewerbe  mit  seinen  mächtigen ­
  Mitteln:  Wissenschaft,  Maschinen,  Kapital  und  Kredit  ausgesetzt ­
  ist,  indem  es  auch  ihm,  dem  Fabrikarbeiter  und  ländlichen
Arbeiter  gestattet,  an  dem  reichen  Segen  des  Industriebetriebes
mehr  Teil  zu  nehmen.
Durch  die  Genossenschaft  wird  der  Arbeiter  zum  Bürger  wirthschaftlicher
  Gemeinwesen,  er  wird  eine  wirthschaftliche  Persönlichkeit,
die  sich  zur  vollen  Persönlichkeit  des  Unternehmers  steigert  und  es
bleibt  ihm  zum  Unterschiede  von  den  socialdemokratischen  Gemeinschaftlichkeiten ­
  das  unschätzbare  Gut  der  Individualität  und  Selbständigkeit, ­
  wovon  er  an  seine  Genossenschaft  nur  soviel  abgibt,  als
zur  Ueberwindung  der  Existenzgefahren  derselben  nothwendig  ist.
Das  Bewußtsein  der  eigenen  Kraft,  im  Verein  mit  gleichen
Kräften  seiner  Genossen  erzeugt  in  ihm  jenen  stolzen  und  hingebenden ­
  Bürgersinn,  der  stets  als  Muster  öffentlicher  Tugend  galt.
Dem  Staate  führt  die  Genossenschaft  tüchtige  und  zufriedene
Bürger  zu;  in  der  Wirthschaft  erobert  sie,  gegenüber  der  Herrschaft
des  todten  Kapitals,  der  Arbeit  das  Bürgerrecht;  die  Gesellschaft
wahrt  sie  vor  den  Gefahren  socialer  Verkümmerung  und  verhütet
einen  dauernden  Zustand,  in  welchem  die  ökonomische  Unselbständigkeit ­
  die  Regel  und  sociales  Elend  das  Loos  der  Mehrzahl  ist.
Mögen  es  anfangs  auch  nur  Wenige  sein,  welche  durch  die
Genossenschaft  zur  Selbständigkeit  gelangen  und  für  Viele  der  Weg
lang  sein  und  das  Ziel  ungewiß  bleiben,  so  wirkt  doch  schon  das
Bewußtsein  der  Möglichkeit,  zu  einer  wirthschaftlichcn  Selbständigkeit
zu  gelangen,  unendlich  wohlthätig  und  ermuthigend  auf  das  Leben
des  auf  seine  Arbeit  angewiesenen  Mannes  ein.
Mit  der  Unabhängigkeit  des  Arbeiters  erhöht  sich  auch  dessen
Selbstgefühl;  sie  schärft  sein  llrthcil  und  festigt  seinen  Charakter,
sodaß  er  sich  in  allen  Lebensverhältnissen  leichter  zurecht  findet
und  sich  weder  durch  Sophistereien,  noch  durch  die  für  leichtgläubige
        <pb n="91" />
        80

Dummköpfe  berechneten  schönklingenden  Phrasen  selbstsüchtiger  Volks-Verführer
  in  seinem  Urtheile,  Thun  und  Lassen  beirren  läßt;  er
wird  auf  die  Seite  der  Ordlnmgsfreunde  treten  und  mit  diesen  alle
politischen  und  socialen  Verschwörungspläne  bekämpfen,  wohl  einsehend, ­
  daß  durch  diese  das  Wohl  des  Staates  und  Volkes  nicht
gefördert,  sondern  nur  gefährdet  wird.  Auch  wird  keinesfalls  ein
solcher  Arbeiter  in  den  Strikes  ein  Mittel  zur  wirklichen  und  dauernden ­
  Verbesserung  der  Lage  des  Arbeiterstandes  erblicken.  Die
seitherigen  Erfahrungen  haben  es  ja  auch  bewiesen,  daß  das  Striken
derl  dabei  betheiligten  Arbeitern  in  Wirklichkeit  mehr  Nachtheile  als
Vortheile  bringt,  weil  in  Folge  der  erzwungenen  Lohnerhöhungen
regelmäßig  eine  Vertheuerung  der  Arbeitercrzeugnisse  eintritt,  und
da  die  Arbeiter  nicht  nur  Producenten,  sondern  auch  Consumenten
sind,  sie  also  ebenfalls  höhere  Preise  zahlen  müssen.  Sohin  wird
ihre  wirthschaftliche  Lage  durch  die  höheren  Löhne  nicht  verbessert,
sondern  eher  verschlimmert,  wenn  die  Strikes  sich  auch  auf  die  unentbehrliche ­
  Lebensbedürfnisse  prvducirenden  Arbeitsbranchen  erstrecken.
Und  während  der  Wochen,  ja  nicht  selten  Monate  hindurch  dauernden ­
  Strikes  verstopfen  die  Arbeiter  sich  selbst  ihre  Erwerbsquellen,
versetzen  sich  aus  schaffender  und  lohnender  Thätigkeit  in  die  Lage
der  Müßiggänger  und  Empfänger  von  Almosen,  die  übrigens  aus
eigenen  Ersparungen  von  früher  zusammengebracht  sind  und  welche
weit  kärglicher  bemessen  werden,  als  die  vor  den  Arbeitseinstellungen
gewährten  Löhne.  Ferner  treten  in  Folge  von  Strikes  für  den
Absatz  nicht  selten  so  verderbliche  Stockungen  ein,  daß  die  Arbeitgeber ­
  sich  gezwungen  sehen,  den  Betrieb  einzuschränken  und  deshalb
einen  Theil  der  Arbeiter  zu  entlassen,  oder,  um  ohne  Verlust  produciren
  zu  können,  die  Löhne  höchstens  auf  ihren  Stand  vor  Ausbruch ­
  der  Arbeitseinstellungen  wieder  herabzusetzen,  oder  endlich  die
Zahl  der  arbeitssparender,  Maschinen  in  ihren  Fabriken  zu  vermehren, ­
  um  sich  von  den  Arbeitern  unabhängiger  zu  machen.
Während  der  Strikes  hat  ein  Theil  der  Arbeiter  die  Lust  zu  geregelter ­
  Thätigkeit  verloren;  des  Arbeiters  Ehrgefühl  ist  schwächer
        <pb n="92" />
        81

geworden,  er  hat  sich  ans  Schuldenmachen  gewöhnt  und  sinkt  allmählich ­
  zum  Müßiggänger  und  Vagabonden  herab.
Welche  enormen  Verluste  die  Arbeiter  sich  durch  solche  Strikes
selbst  bereiten  können,  erhellt  aus  folgendem  eclatanten  Beispiele-SBMpmb
  bet  im  3a#  1872  in  Gffen  stattgehabten  %rbeitaemitcliung
  gingen  den  Arbeitern  täglich  60.000  M.  an  Lohn  verloren
unbau&amp;amp;crbcmm#en  nach0cenbigung  bcö  Gtrifea  mehrere  Wbert
  Arbeiter  bis  auf  Weiteres  entlassen  werden.
Die  Strikes  können  also  den  Arbeitern  niemals  wirllichcn
Vortheil  bringen,  laufen  vielmehr  auf  einen  Selbstbetrug  hinaus
und  fügen  selbst  den  nichtstrikenden  Arbeiterkreisen  sehr  empfindliche
Nachthelle  zu.  Deshalb  wollen  auch  einsichtige  Socialdemokraten
nichts  mehr  von  Arbeitseinstellungen  wissen.  Doch  genug  hiervon.
d.  Partnerschaft  oder  Commissionssystem.
ein  üoraüaii#  MiM.  bk  Interessen  ber  Arbeitgeber
unb  ber  Arbeitnehmer  gngieich  gu  förbem,  hat  #  bicSßartnm
der  Arbeiter  am  Reingewinn  ober  bas  s.  g.  Commissions-Wem
  bewahrt.  Den  ersten  W^SBerfueSbamitma#  bor
otlun  4s)  wahren  ein  Pariser  Stubenmaler.  Namens  Lcclairc  Beim
Beginn  feineë  (Befchäfta  theilte  bcrfelbcbenfonMäußgen  3rrtf)um.
cs  am  Vortheilhaftesten  sei.  einen  möglichst  niedrigen  Lohn  zu
zahlen  und  seine  Arbeiter  bei  der  geringsten  Vernachlässigung  zu
entlassen.  er  mußte  jedoch  bald  erfahren,  daß  es  damit  nicht  ging
und  kam  allmählig  zu  der  richtigen  Ansicht,  daß  zwischen  ihm  und
fcmcn  Nàtevi  ein  innigeres,  auf  gegenseitiges  Vertrauen  und
Bol#oücn  gegrünbetea  %er#itni&amp;amp;  eintreten  müsse,  foüc  er  ein
rc#ë  (Bebei#  fern#  (Befchäfta  erhoffen  bürfen.  @rfu#  feine
Arbeiter  gunä#  bnrchßohnerhöhnng  an  sich  gn  fesseln  nnb  bica
íjaíte  allerdings  insofern  eine  günstige  Wirkung,  als  sie  einen  so
freigebig  gewordenen  Herrn  nur  ungern  verließen,  alleili  sie  gaben
sich  bei  der  Arbeit  doch  nur  so  viel  Mühe.  als  sie  für  nöthig
hielten,  um  nicht  entlassen  zu  werben;  so  lange  ber  Herr  anwesend
Plums,  Zliku„fļ««ìaat.

6
        <pb n="93" />
        82

war  und  persönlich  die  Aufsicht  führte,  waren  sie  ziemlich  fleißig,
ihr  Eifer  ließ  aber  sofort  nach,  sobald  sich  jener  wieder  entfernt
hatte,  sodaß  am  Abend  kaum  zwei  Drittel  der  Arbeit  verrichtet
war,  die  billigerweise  verlangt  werden  konnte.  Um  seine  Arbeiter
zu  größerem  Eifer  anzuspornen,  versiel  er  darauf,  ihr  Interesse
mit  dem  seinigen  zu  verbinden,  indem  er  denjenigen  Arbeitern,  durch
deren  Fleiß  und  Tüchtigkeit  ein  größerer  Reingewinn  erzielt  wurde,
außer  dem  üblichen  Lohn  eine  dem  Werthe  ihrer  Leistungen  und
der  Lohnsätze  entsprechenden  Antheil  am  Reingewinn  des  Geschäfts
zugestand  und  zwar  so,  daß  er  nach  Abzug  von  5%  Zinsen  des
Betriebskapitals  und  eines  Gehalts  für  sich  als  Aufseher  und  Bctriebsdirigcnt
  von  6000  Fres,  jährlich  den  sich  noch  ergebenden
Reingewinn  zur  Hälfte  nach  Maßgabe  der  von  den  Arbeitern  während ­
  des  Geschäftsjahres  verdienten  Löhne  vertheilte.
Diese  Einrichtung  hatte  den  günstigen  Erfolg,  daß  die  Arbeiter
sich  nunmehr  gewissermaßen  als  Associes  ihres  Herrn  betrachteten
und  im  eigenen  Interesse  das  Gedeihen  des  Geschäfts  zu  fördern
suchten,  indem  sie  ihren  Fleiß,  ihre  Intelligenz,  ihre  Ordnungsliebe
und  ihren  guten  Willen  anspornten,  sich  bemühten,  bessere  Arbeit
zu  liefern,  die  Freistunden  aus  eigenem  Antriebe  verkürzten.  sodaß
sich  ihr  Einkommen  schon  im  ersten  Jahre  nach  der  neuen  Einrichtung ­
  um  fast  zwei  Fünftel  vermehrt  und  zugleich  ihr  Herr  selbst
ohne  Vermehrung  der  Anzahl  seiner  Gehilfen  sich  eines  reichlichern
Gewinnes  zu  erfreuen  hatte  als  früher.  Außerdem  bildete  sich
zwischen  Arbeitern  uitb  Herrn  gewissermaßen  ein  kameradschaftliches
und  inniges  Verhältniß  heraus  und  jene  gingen  auch  freudig  auf
Gründung  von  Spar-,  Kranken-  und  Altersunterstützungs-Kassen  ein.
Läßt  sich  nun  auch  das  eigentliche  Partnerschaftssystem  nicht
auf  alle  Arbeitsbranchen  anwenden,  so  giebt  es  doch  viele,  bei  denen
durch  Stücklohn  oder  Veraccordirung  ein  ähnlicher  Zweck  zu  erreichen
ist,  z.  B.  bei  den  Feld-,  Forst-  und  Erd-Arbeiten.
        <pb n="94" />
        83

6*

c.  Sparsamkeit.
Die  Befolgung  der  eben  besprochenen  Vorschläge  würde  aber
nur  dann  eine  wesentliche  Verbesserung  in  der  wirthschaftlichen  Lage
des  Arbeiterstandes  und  der  andern  Berufsklassen  herbeiführen  können,
wenn  zugleich  ihre  Mitglieder  sich  der  möglichsten  Sparsamkeit  befleißigten, ­
  wenn  sie,  statt  das  ihnen  reichlicher  zufließende  Einkommen
in  materiellen  Genüssen  zu  vergeuden,  wenigstens  den  größeren  Theil
dessen,  was  ihnen  nach  Bestreitung  der  Kosten  für  die  nothwendigen
Lebensbedürfnisse  übrig  bleibt,  für  etwaige  Noth-  und  Krankheitsfälle, ­
  auch  um  ein  sorgenfreies  Alter  zu  haben  oder  ihren  Kindern
Etwas  zu  hinterlassen,  zurücklegen  wollten.  Wahrscheinlich  würden
Viele  von  ihnen  es  auch  wollen,  wenn  sic  eine  Ahnung  davon  hätten,
wie  viel  sie  bei  ernstem  und  festem  Willen  ersparen  und  zu  welchem
Grade  von  Wohlstand  sie  allmählig  gelangen  könnten.  Ein  Beispiel
wird  genügen,  ihnen  dies  klar  zu  machen:  wenn  ein  Beamter,  Handwerker ­
  oder  Arbeiter,  der  wöchentlich  ein  Einkommen  von  etwa
24  Mark  hat,  davon  20  Jahre  hindurch,  das  Jahr  zu  360  Tagen
und  den  Monat  zu  30  Tagen  gerechnet,  täglich  50  Pf.  oder
wöchentlich  3 l / 2  Mark  zurücklegt  und  diese  Ersparnisse  zu  4%  ausleiht ­
  ,  so  wird  er  nach  Ablauf  dieser  Zeit  ein  Baarvcrmögcn  von
5580  Mark  besitzen  und  davon  dann  einen  Zinscngenuß  von  65%  Pf.
täglich  oder  15%  Pf.  an  jedem  Tage  mehr  haben,  als  er  während
der  20  jährigen  Sparzeit  täglich  zurücklegte.
Er  ist  also  in  einem  verhältnißmäßig  kurzen  Zeitraum  in  den
Besitz  eines  ganz  ansehnlichen  Vermögens  gekommen,  dessen  Zinsen
ihm  nun  entweder  ein  behaglicheres  Leben  gestatten  oder  ihn  in  den
Stand  setzen,  für  die  Erziehung  und  Ausbildung  seiner  Kinder  mehr
aufzuwenden.  Außerdem  kann  er  einem  sorgenfreien  Leben  entgegensehen, ­
  ohne  fremde  Hilfe  zu  bedürfen,  auch  darf  er  als  wohlhabender
und  deshalb  unabhängiger  Vater  selbst  von  nicht  gut  gerathenen
Kindern  eher  auf  eine  rücksichtsvollere  Behandlung  rechnen,  als  wenn
er  unvermögend  geblieben  wäre  und  nichts  zu  vererben  hätte.
Wenn  so  in  einer  Arbeiter-  oder  Handwerkerfamilie  nicht  nur
        <pb n="95" />
        84

der  Mann,  sondern  auch  Frau  und  Kinder  sich  der  Sparsamkeit
befleißigten,  wenn  von  ihnen,  wie  es  in  frühern  Zeiten  iiblich  war,
Webestuhl,  Spinnrocken,  Stick-,  Strick-  und  Nähnadel  recht  fleißig
gehandhabt  würden,  so  könnten  sie  den  Wohlstand  der  Familie
wesentlich  fördern,  leider  hat  aber  in  neuerer  Zeit  auch  im  Handwerker- ­
  und  Arbeiterstande  die  Putz-,  Vergnügungs-  und  Genußsucht
so  überhand  genommen,  daß  zu  deren  Befriedigung  selbst  der  reichliche ­
  Verdienst  des  Mannes  nicht  mehr  hinreicht  und  Schulden  gemacht ­
  werden.  Dann  folgen  Armuth  und  Noth  und  aus  den  so
herabgekommenen  Familien  rekrutiren  sich  die  Schaaren  der  Socialdemokraten ­
  und  Communisten.

3.  Hauptaufgaben  des  Staates,  der  Commune  und  der
Privaten.
Nachdem  wir  die  hauptsächlichsten  Arten  von  Selbsthilfe  kennen
gelernt  haben,  welche  zur  Herbeiführung  einer  Besserung  in  der
wirthschaftlichen  Lage  des  kleinen  Beamten-,  Handwerker-  und
Arbeiterstandes  vorzugsweise  geeignet  erscheinen,  wollen  mir  uns
schließlich  noch  mit  den  Hauptaufgaben  beschäftigen,  die  dem  Staate,
den  Communen  uitb  Privaten  in  Bezug  auf  Schaffung  erträglicher
Zustände  zufallen.  —  Vor  Allem  müssen  sich  diese  bei  ihrer  Mitwirkung
  von  der  Ueberzeugung  leiten  lassen,  daß  weder  durch  bloße
materielle  Hilfe,  noch  durch  sittliche  Mittel  allein,  sondern  nur  im
Zusammenwirken  beider  Potenzen  bessere  sociale  Zustände  sich
schaffen  lassen.
a.  Darbietung  aller  möglichen  Bildungsmittel.
Der  Staat  nach  zunächst  durch  Darbietung  aller  möglichen
Bildungsmittel  den  Arbeiter  geistig  und  sittlich  heben  und  einen  intelligenten, ­
  gesitteten  Nachwuchs  für  die  künftigen  Generationen
heranziehen.
        <pb n="96" />
        85

Denn  unzweifelhaft  ist  der  Unterricht  eine  unversiegbare  Quelle
der  Vervollkommnung  und  Hebung  jeder  wirthschaftlichen  Thätigkeit
und  ihrer  Erfolge.  Mit  der  Bildung  eines  Volkes  hält  die  Gütererzeugung, ­
  der  Wohlstand  und  die  Wohlfahrt  desselben  gleichen
Schritt.  Bildung  ist  die  sicherste  Grundlage  der  Sittlichkeit  und
des  Wohlstandes,  sie  ist  die  stärkste  Triebfeder  zur  Arbeit  und
schützt  nicht  bloß  gegen  Armuth,  sondern  beseitigt  auch  die  Gefahren
des  Reichthums.  —  Es  sollten  darum  selbst  in  den  Volksschulen
die  Grundlehren  der  Nationalökonomie  einen  Unterrichtsgegcnstand
bilden,  vom  Staate  bestellte  Wanderlehrer  durch  öffentliche  Vorträge ­
  das  Volk  in  Volks-  und  sinanzwirthschaftlichen  Dingen  aufzuklären ­
  suchen,  damit  auch  die  Klasse  der  Arbeiter  und  der  lleinen
Gewerbsleute  einen  klaren  Einblick  in  das  wirthschaftliche  Leben
erhalten  und  dieses  richtiger  verstehen  und  beurtheilen  lernen.  Dann
würden  sie  einsehen,  daß  z.  B.  die  unbeschränkte  Handels-  und  Gewerbcfreiheit,
  sowie  die  Freiheit  im  Allgemeinen  nicht  unter  allen
Umständen  und  jederzeit  als  wünschenswerth  erscheint;  ihnen  würde
zugleich  die  Heiligkeit  und  Unverletzlichkeit  des  Eigenthumsrcchts,
des  Erbrechts  und  des  Familienhaushalts,  die  Grundbedingung
aller  socialen  und  politischen  Menschcnordnung,  zum  Bewußtsein
kommen;  sie  würden  auch  erkennen,  daß  gewisse  Ideologen  und
Demagogen  mit  ihren  angeblichen  Weltbeglückungspläncn  lediglich
den  Zweck  verfolgen,  die  Massen,  namentlich  die  Arbeiter  an  sich
zu  locken,  um  sie  als  Sturmböcke  gegen  die  bestehende  Rechtsordnung
zu  mißbrauchen.
Da  Universitäten,  Akademien,  Gymnasien,  Real-,  Bürger-  und
Volksschulen  nicht  genügen,  die  Jugend  zu  jedem  Berufe  auszubilden, ­
  so  sind  Behufs  Ergänzung  dieser  Berufsanstalten  von  Staat
und  Communen,  insofern  dies  nicht  bereits  geschehen  ist,  noch
Handels-,  Handwerker-,  Ackerbau-  und  Fortbildungsschulen  für
Knaben  und  Jünglinge,  sowie  für  Mädchen  und  Jungfrauen
Anstalten  zur  Unterweisung  in  allerlei  weiblichen  Arbeiten  zu
errichten.
        <pb n="97" />
        86

b.  Vertretung  und  Förderung  der  Interessen  der
Gesammtheit.
Ferner  ist  der  Staat  als  Vertreter  des  Gesammtinteresses
überall  da  einzuschreiten  berufen,  wo  das  Interesse  dieser  Gesammtheit ­
  in  Frage  steht,  oder  wo  es  bent  Einzelnen  unmöglich  ist,  seinen
berechtigten  Interessen  Geltung  zu  verschaffen.  In  solchen  Fällen
hat  er  die  freie  und  gesicherte  Enllvickelung  seiner  Glieder  zu  gewährleisten ­
  und  ihneit  stets  helfend  und  fördernd  zur  Seite  zu  stehen
und  dies  um  so  mehr,  je  weniger  jener  Armen  eigne  Kräfte  und
Anstrengungen  auszureichen  vcrntögen.
e.  Organisation  der  Fabrik-  und  Gewerbe-Gesetzgebung. ­

Nicht  minder  ist  es  Sache  und  Pflicht  des  Staates,  die  Fabrikgesetzgebung ­
  zu  organisiren  und  zu  pflegen;  ihre  Bcdeutmtg  liegt
nicht  sowohl  in  dett  zu  gebenden  Geboten  und  Verboten,  sondern
in  dem  sittlichen  und  erziehenden  Einflüsse  auf  Arbeitgeber  und
Arbeiter.  Ztl  diesem  Behufe  hat  der  Staat  sich  die  Einsetzung  von
Fabrikiuspektoren  ganz  besonders  angeleget:  sein  ztt  lassen,  welche  die
innere  Organisation,  Betriebsanlage,  Leituttg,  Hausordnung  re.  zu
beaufsichtigen,  die  gettane  Befolgung  der  Gesetze  zu  kontrolircn,  vorhandene ­
  Mißstände  sofort  zu  beseitigen,  streng  auf  gestmde  und  gefahrlose ­
  Einrichtung  der  Arbeiterwerkstättett,  sowohl  in  baulicher
Beziehung,  als  itt  Betreff  der  Hantirung  der  Arbeiter,  sowie  auf
Schutz  vor  schädlichen  Einflüssen  der  Kälte,  Hitze  und  Nässe,  der
Ausdünstungen,  vor  Staub,  giftigen  Stoffen  und  endlich  auf
Deckung  gefahrdrohender  Theile  der  Arbeitsmaschinen  zu  halten.
Eine  Fabrik-  und  Gewerbeordtttutg  muß  die  geschäftliche
Stellung  des  Arbeiters  regeln,  auf  Abkürzttng  der  über  10—12
Stunden  dauernden  Arbeitszeit,  je  ttachdent  die  Arbeit  größere
Kraftanstrengung  erfordert,  möglichste  Gleichstellung  des  Lohnes
der  Mannes-  und  Frauenarbeit,  insbesottdere  auf  Abstellung  oder
doch  möglichste  Einschränkung  der  Kittderarbeit  in  Fabriken  hin-
        <pb n="98" />
        87

wirken.  Damit  jedoch  die  jugendlichen  Arbeiter  nicht  dem  entsittlichenden ­
  Einflüsse  roher  Arbeiter  ausgesetzt  sind,  sollte  man  jene
unter  Trennung  der  Geschlechter  in  abgesonderten  Räumen,  von
erwachsenen,  ordentlichen  männlichen  resp.  weiblichen  Arbeitern
beaufsichtigt,  beschäftigen  lassen,  auch  anordnen,  daß  die  Kinder  die
Fabrik  nicht  gleichzeitig  mit  den  erwachsenere  Arbeitern  und  auch
diese  dieselbe  nach  Geschlechtern  getrennt  zu  verlassen  haben.
Uni  der  in  erschreckender  Weise  zunehmenden  Verwilderung  der
Schuljugend  wirksam  entgegenzutreten,  muß  eine  strenge  Disciplin
wieder  Platz  greifen.  Zu  diesem  Behufe  sind  vom  Schulregiment
geeignete  Reglements  zu  geben,  nach  welchen  die  Lehrer  bei  Handhabung ­
  der  Disciplin  zu  verfahren  haben,  und  die  solche  Maßnahmen ­
  enthalten,  welche  den  Erfolg  haben,  daß  die  Schulkinder
sich  in  und  außer  der  Schule  gehorsam,  gesittet  und  bescheiden
betragen.  Solchen  Lehrern,  die  durch  besondere  Pflichttreue  und
mit  Geschick  bei  ihren  Schülern  diesen  Zweck  zu  erreichen  und  in
denselben  Wahrheitsliebe,  religiösen  Sinn,  Mitgefühl  und  Vaterlandsliebe ­
  zu  wecken  und  zu  fördern  wissen,  sollten  stets  wohlverdiente ­
  Anerkennungen  zu  Theil  werden,  sei  es  durch  öffentliche
Belobungen  oder  Beförderungen,  Gratificationcn  oder  dergleichen.
Selbstverständlich  würde  den  Lehrern  bei  Ausübung  ihres  schweren
Berufes  der  kräftigste  obrigkeitliche  Schutz  zu  gewähren  sein  gegen
Beleidigungen  oder  gar  Thätlichkeiten,  die  ihnen  etwa  Seitens  der
Eltern  oder  anderer  Verwandten  ihrer  Schüler  widerfahren  sollten;
dagegen  würden  sich  die  Lehrer  jeder  Mißhandlung  oder  solcher
körperlichen  Züchtigungen  der  Schüler  schlechterdings  zu  enthalten
haben,  welche  für  die  Gesundheit  der  jungen  Leute  schädliche
Folgen  haben.
Da  für  die  meisten  Menschen  die  Arbeit  die  einzige  Erwerbsquelle ­
  bildet,  so  haben  dieselben  auch  einen  natürlichen  Anspruch
auf  Arbeit;  diesem  sann  aber  nicht  überall  und  jederzeit  von  der
Gesellschaft  genügt  werden.  Da  haben  Staat  und  Gemeinden  die
Pflicht,  für  ausreichende  Arbeit  Sorge  zu  tragen;  allein  mit  der
        <pb n="99" />
        88

rapiden  Zunahme  der  Bevölkerung  Deutschlands,  mit  welcher  das
Wachsthum  an  Arbeitskräften  gleichen  Schritt  hält,  wird  es  immer
schwieriger,  alle  Arbeitsangebote  allezeit  zu  berücksichtigen.  Die
Bevölkerung  des  deutschen  Reichs  wächst  durchschnittlich  jährlich  um
eine  halbe  Million  und  es  müssen  schon  jetzt  Hunderttansende
lvegen  Arbeitsmangel  auf  öffentliche  Kosten  erhalten  werden.  Diese
sociale  Noth,  das  wirthschaftliche  Elend,  Pauperismus  und  Vagabundenthum
  würde  noch  größer  sein,  wenn  nicht  ein  beträchtlicher
Theil  der  überschüssigen  Arbeitskräfte  durch  fortwährende  Auswanderung
  in  Abgang  käme.
Daß  nämlich  der  Deutsche  von  jeher  ein  Zugvogel  war,  beruht
nur  zum  Theil  auf  seinem  angeborener,  Wandertriebe  und  seiner
Träumersehnsucht  nach  der  poetischen  Ferne.  Eine  große  Rolle
spielt  dabei,  wie  wir  wissen,  die  harte  Nothwendigkeit.  Wenn  der
karge  Boden  für  den  Bevölkerungsüberschuß  keine  Nahrung  mehr
darbot,  dann  war  auch  in  alter  Zeit  die  Auswanderung  ein  bitteres
Muß;  die  Eulturhistoriker  sind  darüber  einig,  daß  die  früheren
germanischen  Wanderzüge  sowohl  für  Europa,  wie  auch  neuerdings
für  Amerika  heilsame  Cultnrmärsche  waren,  ja  daß  die  Civilisation ­
  der  christlichen  Völker  ihre  besten,  stärksten  und  gesundesten
Triebe  den  reichlichen  germanischen  Impfstoffen  verdankt.  Wie  ein
kraftvoller,  edelherziger,  genialer  Mensch  das,  was  er  der  Gesellschaft ­
  giebt,  nicht  abhängig  macht  von  dem,  was  er  empfängt:  so
hat  auch  der  deuffche  Geist  nie  kleinlich  abgewogen,  ob  er  das,
was  er  andern  Völkern  und  Ländern  gab,  voll  ersetzt  erhielt.
Damit  begann  bei  den  Deutschen  aber  der  berechtigte  Nationalstolz
zu  sinken,  um  einer  Art  Nationaldemuth  Platz  zu  machen.  Sie  ist
glücklicherweise  einer  Wiedergeburt  und  Gesundung  gewichen  —  und
nun  lernen  wir  auch  über  die  Auswanderung  anders  denken.
Denn  der  sociale,  politische  und  wirthschaftliche  Nutzen  unserer
Auswanderung  in  ihrem  gegenwärtigen  Zustande  wird  durch  die
enormen  Verluste,  welche  durch  dieselbe  Deutschland  in  wirthschaftlicher,
  geistiger  und  pekuniärer  Beziehung  zugefügt  werden,  weit
        <pb n="100" />
        89

überwogen,  indem  dem  Lande  allein  an  Kapitalien  mit  Einschluß
der  Erzichungs-  Unterhaltungs-  und  Uebersahrtskosten,  bei  einer
jährlichen  Auswanderung  von  durchschnittlich  Sechzig  Tausend
Kopsen,  pro  Person  nur  zu  2000  Mark  veranschlagt,  in  jedem
ñvhre  120  Millionen  Mark  für  immer  verloren  gehen.
ä.  Gewinnung  von  Ackerbau-  und  Handels-Colonien.
Die  staatsbedrohlichen  Folgen  der  rapiden  Bolksvermchning
solvic  fernere  immense  Verluste  am  Nationalvermögen  können  von
Deutschland  nur  durch  Anlegung  von  Ackerbau-  und  Handels-Colonien
  in  überseeischen  Ländern  abgewendet  werden,  indem  alsdann ­
  nicht  nur  das  Mutterland  rinnt  erheblichen  Theil  des  Ueberschusscs
  semer  Bevölkerung  unterbringt,  sondern  auch  die  Kolonisten
mit  dem  Muttcrlande  durch  Tauschhandel  wirthschaftlich  und  wenigstens ­
  so  lange  die  eigenen  Bcrthcidigungskrâste  nicht  genügen  ditrch
dessen  Schutz  auch  staatlich  eng  verbunden  bliebenaußerdem
Ivütdcn  in  und  von  diesen  Colonie,,  aus  für  deutsche  Arbeitscrzeug-„isse
  neue  Märkte  und  Haudelsgebiete  erschlossen  ivcrden.  Bei  Anlage ­
  von  Ackerbau-  und  Handelscolonicn  würde  bezüglich  der  ersteren ­
  möglichst  menschenarme  und  hinsichtlich  der  letzteren  hauptjächlich
  stark  bevölkerte  Länder  zu  wählen  und  daneben  die  Gründung ­
  von  Strascolorücn  zu  erstreben  sein,  wohin  alle  zu  einer
mehrjährigen  Freiheitsstrafe  Verurtheiltcn  gebracht  würden  und  wo
diejenigen  von  ihnen,  welche  „ach  Verbüßung  ihrer  Strafe  dort  zu
bleiben  wünschen  und  sich  während  der  Straszeit  ordentlich  betragen
oder  doch  wesentlich  gebessert  haben,  ein  zu  ihrer  Existenz  ge-»ügcndcS
  Stück  Land  in  Erbpacht  gegeben  werden  könnte.  Durch
solche  Strafkolonien  würde  ein  dreifacher  Vortheil  erreicht;  einmal
daß  die  Departirte»  an  eine  regelmäßige  Thätigkeit  gewöhnt  und
gebessert,  zweitens,  daß  die  Concurrenz  der  Gesang,iißarbcit  vermindert ­
  und  drittens,  daß  in  der  seit  den  letzten  Jahrzehnten  nothwendig ­
  gewordenen  und  den,  Staate  enorme  Kosten  verursachenden
stetigen  Vermehrung  der  Gefängnisse  und  Sttasanstaltcn  rin  lang-
        <pb n="101" />
        90

jametes  Sempo  eintreten  würbe.  BepüfS  tf)unüd)ftet  Wcrminbe,
mng  der  Transportkosten  sollten  die  Staatseisenbahnen  und  die
Marine  die  erforderlichen  Transportmittel  gegen  mäßige  Miethweise
zur  Verfügung  zu  stellen  verpflichtet  werden.
Kein  Volk  der  Erde  ist  zur  Gründung  von  Colonien  so  geeignet ­
  als  das  Deutsche  und  es  wird  damit  ebenso  prosperiren  wie
die  Engländer  und  Holländer,  sobald  es  nur  bereit  Beispiele  folgt,
indem  es  die  sich  vorfindenden  Landeseinwohner  human  behandelt,
denselben  ihre  Sprache  und  Religion  läßt,  sie  möglichst  selbstständig
stellt  und  gegen  feindliche  Angriffe  schützt,  sie  zur  Urbarmachung
anleitet,  Wege  und  Eisenbahnen  baut,  mit  ihnen  verträglich  und
friedfertig  lebt,  sie  wohlhabend  macht,  sie  auel)  nach  und  nach,  sobald ­
  sie  sich  dazu  qualisiciren  und  es  ohne  Gefährdung  der  Ansiedelungen
  geschehen  kann,  zu  den  Staats-  und  Gemeindeämtern
zuläßt.  Diesen  Colonien  würde  eine  der  Unabhängigkeit  beinahe
gleichkommende  Autonomie  zuzugestehen  und  dem  Mutterlande  nur
die  Besetzung  der  Spitzen  der  Behörden,  insbesondere  der  Gonverneure
und  Bezirkspräsidenten,  wozu  juristisch  vorgebildete  und  im  Verwaltungsfache ­
  tüchtige  Persönlichkeiten  auszuersehen  wären,  vorzubehalten ­
  sein.
Ilm  zwischen  dem  Mutterlande  und  den  künftigen  Colonien
eine  im  beiderseitigen  Interesse  liegende  wirthschaftliche  und  nationale
Verbindung  bleibend  zu  erhalten,  dürfte  es  sich  empfehlen,  daß  die
Reichsregierung  in  den  Ländern,  wo  Ackerbancolonien  gegründet
werden  sollen,  sich  durch  Verträge  einen  möglichst  großen  Landcomplex
  unter  der  Bedingung  reserviren  ließe,  daß  der  Kaufpreis
dafür  in  Zeitraten  nach  Maßgabe  des  Bedarfs  an  Land  für
die  deutschen  Ansiedler  berichtigt  und  dann  das  käuflich  erworbene
Land  den  Einwanderern  nach  ihrer  freien  Wahl  in  Zeit-  ober  ablösbare ­
  Erbpacht  giebt.
Um  ganz  unbemittelten  Personen  die  Auswanderung  nach
solchen  Colonien  zu  erleichtern,  könnte  die  Reichsregierung  für  ihre
Ueberfahrt  und  ihren  Unterhalt  während  der  ersten  Zeit  des  Aufent-
        <pb n="102" />
        91

halts  in  ber  Colonie  Sorge  tragen  und  bezüglich  ihrer  Ueberfahrt
mit  Schifffahrtsgesellschaften  unter  möglichst  günstigen  Bedingungen
Transportverträge  abschließen,  und  die  vorgeschossenen  Kosten  von
den  Auswanderern  in  der  neuen  Heimath  burcf)  dort  von  ihr  bestellte ­
  Behörden  nach  und  nach  wieder  einziehen  lassen.  Zum
Schutze  der  Passagiere  und  damit  alle  Vertragsbestinunungen  von
den  Schiffseignern  genau  erfüllt  werden,  sollte  jedem  Auswanderungsconvoi ­
  ein  staatsseitig  bestellter  Commissar  und  Schiffsarzt  beigegeben ­
  werden.
Zur  Beförderung  von  jährlich  etwa  30000  unbemittelten
Personen,  sowie  zu  deren  Unterhalt  in  der  nächsten  Zeit  nach  ihrer
Ankunft  im  neuen  Heimathslande  dürfte  eine  in  das  Reichsbudget
als  Vorschuß  aufzunehmende  Summe  von  20  Mill.  Mark  jährlich
vollkommen  genügen.  Außer  zur  allmähligen  Rückerstattung  dieser
aus  Reichsmitteln  geleisteten  Vorschüsse  dürften  dergleichen  Auswanderer ­
  noch  dazu  zu  verpflichten  und  anzuhalten  sein,  für  die  zu
ihrer  Aufnahme  bereit  zu  haltenden  Blockhäuser  oder  Baracken
gegen  Ueberweisung  der  erforderlichen  Baumaterialien  eine  gleiche
Anzahl  für  nachfolgende  Einwanderer  unter  staatlicher  Leitung  und
Aufsicht  herzurichten.
Die  Anlegung  von  Handelscolonien  würde  lediglich  dem  deutschen
Handelsstande,  resp.  Actien-Gesellschaften  zu  überlassen  sein  und  die
Reichsregierung  nur  für  deren  staatlichen  Schutz,  sowie  für  die
Anstellung  tüchtiger  Berufsconsuln  unb  für  eine  gute  Consulargerichtsbarkeit
  Sorge  zu  tragen  iiiib  erforderlichenfalls  die  Herstellung ­
  von  regelmäßigen  Dampfschifffahrtsverbindungen  zwischen
Deutschland  und  den  gegründeten  Handelscolonien  durch  Subvention
zu  fördern  haben.
Es  ist  deshalb  sehr  erfreulich,  daß  die  Ueberzeugung  von  der
volkswirthschaftlichen  Nothwendigkeit  der  Gründung  von  Ackerbauund
  Handelscolonien  im  Deutschen  Reiche  immer  mehr  Boden  gewinnt, ­
  und  daß  sich  bereits  einsichtige  und  patriotisch  gesinnte
Männer  zu  dem  Zwecke  vereinigt  haben,  die  hochwichtige  Colonial-
        <pb n="103" />
        92

frage  ihrer  praktischen  Lösung  näher  zu  bringen.  Die  sich  als  hohle
Phrasen  erweisenden  Behauptungen:  daß  eine  beträchtliche  Bevölkerungszunahme
  ein  Beweis  der  socialen  Gesundheit  und  des
Volkswohlstandes  sei,  oder  daß  dieselbe  mit  der  Ernährungsfähigkeit
des  betreffenden  Landes  mindestens  gleichen  Schritt  halte,  oder  gar,
daß  die  Vortheile  der  Auswanderung  und  der  Colonisationen  durch
die  daraus  resnltirenden  Nachtheile  bei  weitem  überwogen  würden,
haben  auf  den  urtheilsfähigen  Theil  der  deutschen  Bevölkerung  nie
den  beabsichtigten  Eindruck  gemacht,  und  nach  Verlauf  von  noch
einigen  Jahren  dürften  sich  nur  Wenige  finden,  die  durch  solche
Redensarten  ihr  Urtheil  beeinflussen  lassen.  Dann  dürfte  es  selbst
der  verschlagendsten  Dialectik  nicht  mehr  möglich  sein,  die  vom
Fürsten  Bismarck  schon  vor  etwa  sechs  Jahren  versuchte  Jnaugurirung
  einer  Colvnialpolitik  zu  hintertreiben,  wie  dies  damals
einem  Reichstagsabgeordneten  leider  nur  zu  gut  gelang,  wodurch
sich  dieser  unpatriotische  Mann  allerdings  um  England  zum  großen
Schadeil  seines  Vaterlandes  so  verdient  gemacht  hat,  daß  er  leicht
in  die  Lage  hätte  kommen  können,  eine  ihnl  von  dort  zugedachte
äußere  Anerkennung  zurückweisen  zu  müssen.  Ist  s.  Z.  die  Absicht
der  Regierung,  durch  Besetzuilg  der  Samoailiselil  den  Anfang  zur
Coloniencrwerbung  zu  machen,  durch  die  sterile  Opposition  vereitelt
worden,  so  mag  sie  aus  jener  Zurückweisung  gelernt  haben,  wie
man  sich  vor  den  Feinden  in  und  außer  dem  Reiche  schützt;  die
Besetzung  von  Angra  Pequena  it.  s.  w.  hat  dies  bestätigt.
Allerdings  ist,  so  schrieb  vor  einigen  Jahren  ein  großes  politisches ­
  deuffches  Blatt,  die  Colonisirung  von  Staatswegen  weit
lveniger  erfolgreich  gewesen,  als  die,  welche  von  Privaten  unter
Schutz  der  Regierung  unternommen  ward.  So  legten  in  England
und  Holland  Privatgesellschaften  den  Grund  zu  den  mächtigen
Colonialreichen  dieser  Länder  und  beide  Staaten  thaten  lauge  nichts
lveiter,  als  den  Gesellschaften  Freibriefe  und  Handelsprivilegien  zu
ertheilen,  sowie  den  Colonisten  wirksamen  Schutz  zu  gewähren.
Gerade,  weil  hier  Alles  der  individuellen  Energie  der  Seefahrer
        <pb n="104" />
        93

und  Kaufleute  überlassen  war,  prosperirten  ihre  Niederlassungen
rasch.  Spanien  und  Portugal,  die  von  Staatswcgen  coloniftrten,
hşiben  von  ihren  großen  überseeischen  Besitzungen  verhältnißmäßig
wenig  erhalten.  —  Erst  als  die  englisch-holländischen  Privatunternehmungen ­
  mächtige  Reiche  geworden  waren,  griffen  die  Regierungen
mehr  in  ihre  Verwaltung  ein.  Es  wäre  daher  gewiß  sehr  empfehlenswerth,
  daß  event,  auch  im  Deutschen  Reiche  die  Colonisation  von
Privaten  in  die  Hände  genommen  und  von  diesen  eine  genossenschaftliche ­
  Organisation  tüchtiger  Auswanderungs-Elemente  geschaffen
lvürde,  daß  sich  über  ganz  Deutschland  verzweigte  capitalmächtige
Genossenschaften  bildeten,  deren  natürlicher  Sitz  Hamburg  und  Bremen
als  Ausgangspunkt  der  bereits  bestehenden  und  der  mit  staatlicher
subvention  noch  zu  errichtenden  Dampferlinien  wären.  Von  der
Centralleitung  dieser  Gesellschaften  würden  qualificirte  Agenten  auszusenden ­
  sein,  welche  das  zu  erwerbende  Land  sorgfältig  zu  prüfen,
die  deshalb  nöthigen  Verträge  abzuschließen  und  später  die  Colonisation ­
  unter  dem  Schutze  des  Reiches  zu  leiten  und  zu  überwachen
Hütten.  —  Bei  dem  großer!  Geschicke  der  Deutschen  zur  Colonisation
würden  dann  deren  Niederlassungen  bald  gedeihen,  Deuffchland
seinen  wirthschaftlichen  Horizont  mehr  und  mehr  erweitern,  dessen
Jugend  ein  neues  großes  Arbeitsfeld  eröffnen,  den  kranken'Säften
Abzug  nach  außen  verschaffen,  wo  sic  die  Gebiete  befruchten  würden,
welche  nur  auf  die  bildende  Menschenhand  warten  und  ein  Neu-Deutschland
  errichten,  wenn  ìvir  Deutschen  nur  energisch  zu  handeln
wissen.
^ie  erworbenen  Gebiete  würderr  dem  deuffchen  Handel  und
Gcwcrbflcisik  neue  Abfatzqnà  und  Märkte  eröffnen,  deren  dieselben
sehr  bedürfen.
Die  Behauptung,  daß  die  Welt  bereits  vertheilt  sei  und  für
uns  kein  Raum  mehr  zur  Colonisation  vorhanden  sei,  ist  durch
Fabri,  Hoppe,  Schleiden,  G.  Rohlfs  u.  A.  widerlegt,  allerdings
gilt  es.  nicht  zu  särrmen,  nicht  zu  warten,  bis  andere  Nationen  auch
aus  die  noch  colonisationsfreien  Gebiete  die  Hand  legen.
        <pb n="105" />
        94

e.  Gründung  von  Arbeitercoloilien.
Sehr  anerkennenswerth  ist  ferner  das  Bestrebell  der  immer  zahlreicher ­
  lverdenden  Vereine  von  Menschenfreunden,  der  Arbeitsnoth
durch  Gründung  von  Arbeitercolonien  möglichste  Abhilfe  zu  schaffen,
indem  sic  reiche  Geldspeilden  darbriilgen,  um  mit  denselbeil  in  den
verschiedenen  Gegenden  des  Deutschen  Reiches  Ländereien  zu  erwerben, ­
  und  nachdem  für  die  nöthigen  Wohn-  und  Wirthschaftsräume, ­
  sowie  für  die  erforderlichen  Acker-  uild  Hausgeräthe  Sorge
getragen,  durch  Arbeitsuchende  cultiviren  und  bebauen  zu  lassen-Gott
  segne  dieses  menschenfremldliche  Wirken  unb  Walten.
f.  Genossenschaftlicher  Ankauf  von  Hypothekenf
  order  un  gen  rc.
Ebenso  lobenswerth  ist  das  mehrseitig  hervortretende  Bestreben
von  Menschenfrellllden,  unverschuldete  Subhastationen,  Concurse  und
angedrohte  Prozesse  mittelst  Ankaufs  der  Hypothekeiiforderiliigen,
sowie  durch  Vergleiche  oder  fricdensschiedsgerichtlichc  Entscheidungen,
welchen  sich  zu  unterwerfen  beide  Theile  vorher  versprochen  habcll,
zu  verhindern  und  so  die  Bedroheten  vor  augeilscheinlichen  Verlusten ­
  oder  wohl  gar  gänzlichem  Ruine  zu  bewahren.
g.  Pfennigsparkassen.
Auch  die  Einrichtung  von  s.  g.  Pfennigsparkassen  verdient  die
möglichste  Verbreitung,  lvcil  durch  dieselben  auch  den  Unbemittelten
Gelegenheit  geboten  wird,  kleine  Ersparnisse  nlltzbringend  anzulegen,
und  namentlich  die  Schuljugend  Anregung  erhält,  sich  schon  frühzeitig ­
  an  Enthaltsamkeit  und  Sparsamkeit  zu  gewöhnen.
h.  Beschaffung  der  zur  Lösung  der  nöthigen  Staatsauf ­
  g  aben  erforderlichen  Geldmittel.
Wie  man  aus  diesen  wenigen  Notizen  ersieht,  wachsen  die
Staatsaufgaben  so  riesengroß  und  ihre  Lösung  ist  so  zwingend
nothwendig,  daß  die  dazu  erforderlichen  Geldmittel  beschafft  werden
        <pb n="106" />
        95

müssen.  Zu  diesem  Behufe  sind  von  der  Reichsregierung  bereits
folgende  durchaus  zweckmäßige  Gesetzesvorschläge  gemacht  oder  in
Aussicht  gestellt  worden:
1)  betreffend  die  Einführung  des  Tabaksmonopols,
2)  über  stärkere  Heranziehung  des  beweglichen  Vermögens,  mittelst
entsprechender  Börsen-,  Erbschafts-,  Wehr-  und  anderer  indirecten
  Steuern,
3)  über  Erhöhung  der  Wein-,  Bier-,  Branntwein-  und  Zuckersteuer;
4)  ferner  soll  durch  Einführung  von  Unfallversicherungen,  Krankenund
  Altersversorgungskasscn  der  Noth  und  Bedürftigkeit  der
Arbeiterklassen  Hilfe,  sowie  der  Industrie  und  den  Gewerben
durch  mäßige  Eingangszölle  Schutz  gewährt  werden.
Außerdem  beabsichtigt  die  Neichsrcgierung,  eine  wesentliche  Verminderung ­
  der  bereits  in  vielen  Gemeinden  fast  unerschwinglich  gewordenen ­
  Communalstenern  durch  staatliche  Uebernahme  der  Kirchennnd
  Schullastcn,  sowie  mittelst  Ueberlassung  eines  Theiles  der
Grund-  und  Gebäudesteuern  herbeizuführen.  Als  Ersatz  für  diese
auf  das  Reich  übergehenden  Leistungen  und  zur  Deckung  der  Kosten
für  weitere  Staatszwccke  würden  das  Tabaksmonopol  und  die  eben
angegebenen  Steuern  nicht  nur  vollkommen  genügen,  sondern  auch
iwch  Befreiung  der  untern  Steuerklassen  von  directe»  Steuern  und
Ermäßigung  derselben  für  die  höheren  Klassen  ermöglichen;  außerdem ­
  aber  würde  durch  eine  derartige  Steuerreform  eine  gerechtere
Vertheilung  der  Steuerlasten  erzielt  werden.
Leider  ist  bei  der  jetzigen  Zusammensetzung  der  Parteien  wenig
Aussicht  aus  Annahme  aller  dieser  vortrefflichen  Reformvorschläge
vorhanden,  wie  ja  auch  das  Tabaksmonvpol  und  die  Wehrsteuer
in  der  That  abgelehnt  wurden.
Und  wie  ließe  sich  auch  etwas  anderes  von  antinationalgesinnten
Parteien  erwarten,  von  denen  folgende  Parolen  ausgegeben  und
befolgt  werden:  „Keinen  Kompromiß  mit  der  Regierung";  „Wir
kennen  zwar  die  Pläne  der  Regierung  nicht,  aber  wir  verwerfen
sie  im  Voraus";  „Erst  nach  Beendigung  des  (doch  erst  von  Rom
        <pb n="107" />
        96

provocirten  und  von  Deutschen  geschürten)  Kulturkampfes  unsere
Unterstützung  der  Regierung",  während  eine  vierte  Partei  erklärt:
„Wir  wollen  die  Beseitigung  der  jetzigen  Staats-  und  Rechtsordnung". ­

Das  deutsche  Volk  wird  auf  die  vollständige  Erfüllung  seiner
Wünsche  bezüglich  einer  Besserung  der  wirthschaftlichen  Lage  und
eines  richtigeren  Steuersystems  so  lange  verzichten  müssen,  als
gewisse  Parteien  durch  ihr  Verhalten  in  den  Parlamenten  und  in
der  Presse  sich  dem  Borwurfe  aussetzen,  daß  in  ihnen  der  politische
Parteihaß  größer  ist,  als  die  Vaterlandsliebe,  daß  vor:  ihnen  kleinliche
  Fractions-  und  sonstige  einseitige  Interessen  eifriger  verfolgt
werden,  als  die  allgemeinen  Landesinteressen;  daß  sie  weder  Herz
noch  Verständniß  für  das  wirthschaftliche  Elend  und  ebenso  wenig
aufrichtige,  thatbcreite  Sympathien  für  sociale  Reformen  besitzen,
sondern  statt  deren  der  leidenden  Bevölkerung  parlamentarische  und
publicistische  Wortgefechte  und  Zänkereien  bieten,  statt  mitzuwirken
bei  der  Beseitigung  der  Ursachen  der  gegemvärtig  nod;  andauernden
wirthschaftlichen  Noth.
Das  deutsche  Volk,  in  den  unseligen  Parteihadcr  mit  hineingezogen ­
  ,  wird  sich  voraussichtlich  erst  dann  zur  Wahl  von  nur
seine  und  des  Landes  Interessen  vertretenden  Abgeordneten  entschließen, ­
  wenn  die  Mehrheit  seiner  Glieder  den  festen  Vorsatz  faßt
und  auch  ausführt,  die  von  den  Regierungen  vorgeschlagenen  Wirthschafts-
  und  Steuerreformen  ohne  jedes  Vorurtheil  lediglich  auf
ihren  praktischen  Werth  selbst  zu  prüfen  und  sich  dabei  von  ihren
Widersachern  weder  durch  schönklingcnde  aber  nebelhaft  und  verschwommene ­
  Phrasen,  noch  durch  seichte  Gegengründc  beirren  zu
lassen.  Aldann  wird  das  Volk  zweifellos  finden,  daß  die  Vortheile
dieser  Reformen  für  die  Gesammtheit  die  etwa  für  Einzelne  daraus
erwachsenden  Nachtheile  und  Unbequemlichkeiten  weit  überwiegen,
weil  es  bei  einer  unparteiischen  und  sorgfältigen  Beurtheilung  derselben ­
  zu  Resultaten  nachfolgender  Art  gelangen  wird.
        <pb n="108" />
        97

1)  Das  Tabaksmonopol.
a.  Durch  die  Einführung  des  Tabaksmonopols  wird  keineswegs
ein  blühender  Industriezweig,  wie  seine  Gegner  glauben  machen
wollen,  zerstört,  derselbe  kann  vielmehr  unter  einheitlicher  und
tüchtiger  Leitung  noch  weit  kräftiger  entwickelt  werden;
b.  die  deutschen  Tabaksbauern  werden  ferner  nicht  von  Aufkäufern,
welche  die  Preise  auf  alle  mögliche  Weise  herabzudrücken  suchen,
abhängig  sein,  sondern  es  künftig  nur  mit  einem  einzigen  und
reellen  Käufer,  dem  Staate,  zu  thun  haben  und  von  diesem
der  Güte  des  Produkts  entsprechende  und  vorher  vereinbarte
Preise  erhalten;
e.  die  in  den  Tabakfabriken  beschäftigten  Arbeiter  wären  keinen
Lohnschwankungen  ausgesetzt  und  könnten  sich  überdies  gewissermaßen ­
  als  Staatsdieucr  betrachten,  weil  sic  bei  gewissenhafter
Erfüllung  ihrer  Obliegenheiten  nicht  nur  keine  Entlassung  zu
befürchten,  sondern  sogar  bei  eintretender  Arbeitsunfähigkeit
für  ihren  ferneren  Lebensunterhalt,  sowie  in  Krankheits-  oder
sonstigen  Nothfüllen  staatliche  Obsorge  zu  erwarten  hätten;
d.  die  Fabrikanten  könnten,  da  sie  für  Aufgabe  ihres  Geschäfts
eine  entsprechende  Entschädigung  erhalten  würden,  damit  unter
Zuhilfenahme  der  bereits  erworbenen  Mittel,  bei  gehöriger
Thatkraft  und  Umsicht  durch  Betreibung  des  Tabaksbaues  in
überseeischen  Ländern  noch  gewinnreichere  Geschäfte  machen,
denn  früher  als  Fabrikanten,  weil  sie  am  deutschen  Reiche,
welches  als  Inhaber  des  Tabaksmonopols  mindestens  zwei
Fünftel  des  Bedarfs  an  Rohtabak  von  auswärts  beziehen
müßte,  einen  sichern,  coulanten  und  zahlungsfähigen  Abnehmer
fänden.
Da  die  Einführung  des  Tabaksmvnopols  im  Hinblick
auf  die  vom  Staate  zu  lösenden  socialen  Aufgaben  nur  eine
Frage  der  Zeit  ist.  so  dürften  die  reichsländischen  Tabaksfabrikanten ­
  sehr  wohl  daran  thun,  wenn  sie.  womöglich  als
Consortium,  recht  bald  zur  Erwerbung  von  zum  Tabakbau
Blume,  Zukunft-staat.  ?
        <pb n="109" />
        98

geeigneten  Ländereien  in  überseeischen  Staatsgebieten  schritten,
um'temer  geit  im  Stanbe&amp;amp;u  fern,  bie  %ur  M^img  ^
me#boüemi  dorten  bon  SaMcn  nnb  Gigarren  erforber#en
%oí)tüMe  &amp;amp;U  liefern.  %8  ba^in  tonnten  stesa  biegewonnenen
  Nohtabake  in  ihren  eigenen  Fabriken  verarbeiten  lassen,
e.  gemer  ist  an&amp;amp;une#cn,  baß  üuc%nad)Ginfüi)nm9beë%aMa,
monocola  bk  &amp;amp;auambuftrie:bei  amcc!entfp?cd)cnbcr  Gontrolc
nicht  nur  fortbestehen,  sondern  sogar  erweitert  werden  könnte;
k.  daß  die  Befürchtung,  es  müßten  unter  der  Herrschast  des
Tabaksmonopols  Tausende  voii  den  bis  dahin  in  den  Tabaksfabriken ­
  beschäftigtell  Arbeitern  entlassen  werden,  aus  Täuschung
bcm#.  boss  0^^,  bu  ber  Stoat  ea  fid,  #011^80##
interesse  #r  angelegen  fein  (affen  würbe,  preiawürbigc,  sowie
mindestens  ebenso  gute  und  nach  ihrer  Dualität  sogar  sorg
faltiger  fortirte  Fabrikate  zu  liefern,  als  jetzt  die  Fabrikanten,
und  da  den  weniger  Bemittelten  der  Genuß  von  Tabak  und
Gigarrcn  burd,  üüigcre  greife  erleichtert  werben  foü,  ber
Tabaksconsum  nicht  nur  im  Jnlande  zunehmen.  sondern  auch
das  Absatzgebiet  nach  außen  hin  sich  nach  und  nach  wesentlich
erweitern  würde.  —  unter  der  Herrschaft  des  Monopols  eher
mehr  als  weniger  Tabaksfabrikarbeiter  dauernde  Beschäftigung
zu  erhoffen  hätten.
g.  Ueberbtea  würde  den  Gonsumenten  durch  das  Monopol  nicht
nur  bezüglich  der  Reinheit,  fonderli  mid)  wegen  des  relativen
Werthes  der  Tabaksfabrikate  eine  größere  Garantie  geboten,
während  sie  jetzt  nie  sicher  sind.  ob  liicht  wenigstens  zur  Herstellung ­
  der  geringen  und  mittleren  Sorten  Surrogate,  wie.
Runkelrüben-,  Wallnuß-  oder  sogar  Schilfblütter  rc.  mit  verwendet ­
  werden.  Gigarren,  welche  sie  z.  B.  mrt  100  Mark
pr.  Mille  bezahlen  müssen,  haben  oft  nur  einen  wirklichen
Werth  von  50—60  Mark.
Diese  enormen  Vertheuerungen  werden  hauptsächlich  diuch
bie  mcMacGcn  3m#enberföufe  üerurfad)t,  wogegen  bie  %Ko=
        <pb n="110" />
        99

nop  oí  fabris  ate  von  ben  Verschleißern  zu  den  von  der  Monopolverwaltung ­
  nach  ihrem  reellen  Werthe  festgesetzten  Preisen  an
das  Publikum  abgelassen  werden  müssen  und  die  Verschleißer
dafür  einen  bestimmten  Proeentsatz  des  Verkaufswerthes  von
der  Verwaltung  erhalten  würden,
h.  Endlich  brauchen  auch  die  ausschließlich  mit  Tabaksfabrikaten
Handel  treibenden  Personen  keineswegs  in  ihrer  Existenz  bedroht ­
  zu  werden,  wenn  ihnen  der  Verschleiß  der  Monopolfabrikate ­
  auf  Lebenszeit  übertragen  und  allenfalls  noch  einem
ihrer  bereits  im  Geschäfte  angestellten  Söhne  mehrere  Jahre
hindurch  belassen  würde  und  der  Staat  erst  dann  berechtigt
wäre,  von  den  vaeant  werdenden  Verkaufsstellen  allmählich
soviel  einzuziehen,  als  beim  Verschleiß  der  Tabaksfabrikate
entbehrt  werden  können.  Auf  diese  Weise  ersparte  der  Fiseus
zugleich  die  sich  nach  vielen  Millionen  Mark  berechnenden
Entschädigungen.
Diejenigen  Personen  dagegen,  welche  den  Tabakshandel
als  Nebengeschäft  betreiben,  wiirden  allerdings  höchstens  einen
zweifachen  nachgewiesenen  durchschnittlichen  Jahresbetrag  des
vom  Tabakhandel  gehabten  Reingewinnes  beanspruchen  können.
2)  Steuerreform.
Bezüglich  der  Steuerreform  wird  man  bei  ruhigem  Nachdenken
unter  Berücksichtigung  der  gegenwärtigen  Zeitlage  zu  folgenden
Ergebnissen  gelangen:  Eine  der  schwierigsten  Aufgaben  für  den
Staat  ist  unzweifelhaft  die  Aufstellung  und  Durchführung  eines
guten  und  gerechten  Steuersystems.  Vom  theoretischen  Standpunkte
aus  erscheint  eine  einzige  progressive  Einkommensteuer  allerdings
als  die  rationellste  Steuerreform  und  es  ist  daher  ihre  Annahme
selbst  von  hervorragenden  Steuerpolitikern  aufs  Wärmste  empfohlen
worden.  Allein  die  bisherigen  Versuche  haben  gezeigt,  daß  dieser
Steuerreform  sehr  schwer  wiegende  Bedenken  entgegenstehen  und  sie
weit  davon  entfernt  ist,  jene  Gerechtigkeit  und  Zweckmäßigkeit  zu
7*
        <pb n="111" />
        100

verwirklichen,  welche  derselben  Seitens  ihrer  Bekenner  öfter  zugeschrieben ­
  wird;  denn  Einkommen  und  Stenerkraft  ist  nicht  identisch,
so  daß,  selbst  wenn  das  wirkliche  Einkommen  jedes  Einzelnen  ermittelt ­
  werden  könnte,  damit  noch  keineswegs  dessen  Stenerkraft
ersichtlich  sein  würde,  da  z.  B.  zehn  Haushaltungen  mit  denselben
Einkünften  sich  je  nach  Orts-,  Familien-  und  Verwandschaftsverhaltnisse, ­
  sowie  nach  Beruf,  socialer  Stellung,  Gesundheitsumständen
u.  s.  w.  in  sehr  verschiedener  Lage  befinden  können;  so  wird  ein
höherer  Beamter,  von  welchem  eine  seiner  Stellung  entsprechende
Repräsentation  erwartet  wird,  mit  einem  reinen  Einkommen  voll
6000  Mark  eben  auskommen  können,  während  ein  Gewerbetreibender
oder  Rentier  mit  gleich  starker  Familie  bei  demselben  Jahreseinkommen ­
  und  in  derselbeir  Stadt  nicht  nur  ein  behagliches  Lebeil
zu  führen,  sondern  sogar  noch  eine  hübsche  Summe  jährlich  zurückzulegen ­
  vermag  und  eine  unverheirathete  Persoil,  bei  solchen
Einkünften  sogar  in  der  Lage  ist,  sich  mancherlei  kostspielige  materielle ­
  uild  geistige  Gellüsse  zu  verschaffen,  auf  welche  jene  bcideil
Familien  verzichten  müssen.
Thatsächlich  würde  also  dieselbe  Steuer  für  diese  drei  Haushaltungen ­
  eine  wesentlich  verschiedene  Last  bedeuten,  denn  der  Druck
von  z.  B.  300  Mark  jährliche  Steuer  würde  bei  der  ersten  Haushaltung ­
  viel  schwerer  empfunden  werden,  als  bei  der  folgeilden,
während  er  bei  der  dritten  kaum  bemerkbar  wäre.
Es  würde  daher  die  Bcsteuerullg  mit  demselben  Procentsatze
nur  scheinbar  eine  gleichmäßige  Gerechtigkeit  sein.  Man  hat  nun
vorgeschlagen,  dasjenige  Einkommen  von  der  ^Besteuerung  auszuschließen, ­
  welches  zu  einer  vernünftigen  und  sittlich  gerechtfertigten
Befriedigung  der  Bedürfnisse  und  des  Wohllebens  genügt  und  das
überschießende  Einkommen  dann  progressiv  zu  besteuern.
Aber  mit  welchem  Proccntsatze  soll  die  Steuer  beginnen,  bis
wie  weit  derselbe  gesteigert  und  nach  welcher  Scala  festgestellt
werden?  Wie  will  inan  ferner  bei  denen,  welchen  der  ideale
Gemeinsinn  und  die  Ehrlichkeit  bezüglich  der  Angaben  ihres  wirk-
        <pb n="112" />
        101

lichen  Einkommens  fehlen,  dieses  ermitteln,  wenn  den  Einschätzungs-Commissionen
  die  Einsichtnahme  der  Handels-  und  Geschäftsbücher
der  Steuerpflichtigen,  um  deren  Credit  nicht  zu  gefährden,  versagt
bleiben  muß'?  Ohne  eine  discretionärc  Machtbefugniß  würden  aber
selbst  die  durch  Bürger  stattfindenden  Vermögensabschätzungen  der
Bürger  doch  nur  arbitraire  sein  und  der  Wahrheit  oftmals  nicht
annähernd  entsprechen.
Diese  nach  menschlichem  Ermessen  unüberwindlichen  Schwierigkeiten ­
  machen  die  praktische  und  der  Gerechtigkeit  zugleich  entsprechende ­
  Ausführbarkeit  einer  einzigen  progressively  Einkommensteuer ­
  ganz  unmöglich.  Gleichwohl  ist  aber  um  der  Gerechtigkeit
rvillcn  und  zum  Zweck  der  ailgcmessenen  Heranziehung  des  größeren
Wohlstandes  und  Reichthums  die  Einkommensteuer  unentbehrlich,
deiln  niemals  können  ohne  dieselbe  die  steuerpflichtigen  Klassen
durch  bloße  indirecte  Besteuerung  ihr  gerechtes  Theil  für  Staat
imb  Gcmcinbc  iciftcn.  S)a  ober  ba&amp;amp;  SW  ber  Besteuerung
ber  Leistungsfähigkeit  durch  Anwendung  des  Systems  der  dirccten
Steuern  nun  einmal  nicht  zu  erreichen  ist,  so  muß  demselben  gleichsam ­
  als  Ergänzung  das  der  indirccten  beigefügt  werden,  damit
doch  eiiligermaßell  das  nicht  ermittelte  Mobiliarvermögen  der  Staatsbürger ­
  zur  Steuer  mittelbar  heraugczogen  wird,  und  zu  diesem
Behufe  sind  in  erster  Linie  solche  Gegenstände  mit  Steuern  zu  belegen, ­
  welche  zum  menschlichen  Leben  nicht  durchaus  nothwendig
sind,  aber  zur  Erhöhung  des  Lebensgenusses  beitragen  und  deshalb
Don  den  Bemittelten  je  nach  ihren  Vermögensverhältnissen  mehr
oder  lveniger  begehrt  werden.  Hierzu  gehören  namentlich  Wein,
Branntwein,  Hopfenbier,  Taback,  Kaffee,  Zucker,  Thee,  Cacao,
überseeische  Gewürze,  Austern,  Wildpret,  dann  Luxusartikel,  wie
Equipagen,  Reit-  und  Kutschpferde,  insofern  sie  nicht  zum  Dienste  erforderlich ­
  sind,  Luxusmöbel,  Seiden-  und  Batisfftoffe,  Gold-  und
Silbersachen.  Hauptsächlich  aber  sind  Kapitalrente  und  alle  Börsengeschäfte ­
  zu  besteuern.  Beim  Verkauf  und  bei  Vererbung  von  Grundstücken ­
  ist  seither  in  den  Bundesstaaten  eine  durchschnittliche  Stempel-
        <pb n="113" />
        102

[teuer  von  einem  Procent  der  Kauf-  resp.  Werthsumme  und  zwar  ohne
Berücksichtigung  der  etwa  aufhaftenden  Hypothekenschulden  zu  entrichten ­
  gewesen.  Schon  der  ausgleichenden  Gerechtigkeit  nnilcit  ist  eine  Besteuerung ­
  der  Zinsen,  Renten  und  aller  Kaufsgeschäfte  an  der  Börse
geboten  und  bei  sog.  Differenz-  oder  richtiger  Wettgeschäften  sogar  eine
doppelte  Steuer  durchaus  gerechtfertigt,  weil  dadurch  einer  künstlichen
Steigerung  der  Preise  für  Getreide,  Petroleum,  Häute,  Colonialwaaren
  und  überhaupt  für  alle  diejenigen  Gegenstände,  welche  in  den
Geschäftskreis  der  Börse  fallen,  kräftig  entgegengewirkt  wird.  Damit
jedoch  keine  von  Kapitalien  unmittelbar  herrührenden  Einnahmen  unbesteuert
  bleiben,  würden  diese  sämmtlich,  also  auch  alle  Arten  von
Geldanleihen  für  stempelpflichtig  zu  erklären  sein.
Die  Befürchtung,  daß  eine  Besteuerung  der  Renten-  und
Börsengeschäfte  den  Geldverkehr  ins  Ausland  dränge,  ist  unbegründet, ­
  denn  ttotzdem,  daß  z.  B.  in  Oesterreich  von  Zinscoupons ­
  eine  sehr  hohe  Steuer  erhoben  wird,  übt  dieselbe  doch
nur  geringen  Einfluß  auf  den  Jnnenvcrkehr  mit  österreichischen
Werthpapieren  ans  und  von  diesen  cursirt  sogar  ein  erheblicher
Theil  im  Auslande.  Uebrigens  kann  einem  Abflusse  an  Kapitalien
ins  Ausland  behufs  Ankauf  von  dortigen  Werthpapieren  dadurch
wirksam  entgegengetreten  werden,  daß  von  ausländischen  Zinseoupons
  künftig  doppelt  so  hohe  Steuern  erhoben  werden,  als  von
inländischen.  Anderweite  Auslagen  von  Kapitalien  im  Auslande
sind  aber  wegen  der  damit  verbundenen  Schwierigkeiten  und  Unbequemlichkeiten
  und  da  dort  zumeist  höhere  Steuern  zu  zahlen  sind,
als  im  Jnlande,  weniger  zu  besorgen.
Auch  der  Einwurf,  daß  den  sogen.  Differenz-  oder  Wettgeschäften
  sehr  leicht  die  Form  von  Zeitgeschäften  gegeben  werden
könne,  ist  unzutreffend,  denn  ganz  abgesehen  davon,  daß  dies  ohne
Gefährdung  des  Interesses  eines  der  Contrahenten  doch  sehr  schwierig
sein  dürfte,  kann  eine  solche  Täuschlmg  dadurch  unwirffam  gemacht
werden,  daß  die  wirllich  erfolgt  sein  sollende  Lieferung  glaubhaft
nachgewiesen  werden  muß,  worauf  dann  nur  der  einfache  atener-
        <pb n="114" />
        103

betrag  von  der  Kaufsumme  erhoben  wird,  während,  wenn  das
Geschäft  sich  als  ein  Differenzgeschäft  herausstellen  sollte,  außer
der  einfachen  Steuer  von  der  nach  dem  Börscncourse  ermittelten
ganzen  Kaufsumme  auch  noch  von  der  Diffcrenzsumme  eine  besondere
und  zwar  höhere  Steuer  zu  entrichten  ist.
Der  Einwand,  daß  durch  derartige  Steuern  der  Börsenverkehr
sehr  erschwert  unb  zeitraubend  werde,  fällt  dem  Princip  der  Gerechtigkeit ­
  und  der  Erfahrung  gegenüber,  daß  Niemand,  der  bei
einem  Geschäfte  zu  verdienen  hofft,  sich  baron  durch  keinerlei  damit
verbundene  Beschwernisse  unb  Unbequemlichkeiten  abhalten  läßt,
nicht  schwer  ins  Gewicht.  Uebrigens  würde,  da  bei  fast  allen  Kaufgeschäften ­
  auf  der  einen  Seite  gewonnen,  auf  der  anderen  verloren
wird,  bei  einem  langsameren  Börsenverkehr  sich  die  Zahl  der  Verluste ­
  und  Fallimente  vermindern,  also  dessen  unheilvolle  Wirksamkeit ­
  eingeschränkt  werden.  Es  würde  neben  dem  hohen  Ertrage
einer  Börsensteuer  noch  der  unschätzbare  Gewinn  eines  solideren
und  reelleren  Börsenverkehrs  erreicht.  Um  überhaupt  letztern  des
Charakters  eines  Ausbcutesystcms  möglichst  zu  entkleiden,  erscheint
es  durchaus  nothwendig,  daß  die  Börse  unter  strenge  Controle  des
Staates,  d.  h.  der  Regierung  und  des  Parlaments,  gestellt  wird  und
daß  zu  diesem  Behufe  an  Stelle  der  vereidigten  Makler,  da  diese
durch  Betreibung  von  Eigengeschäften  an  der  Börse  das  Publikum
sehr  leicht  benachtheiligen  können,  künftig  staatliche  Beamte  mit
fester  Besoldung  fungiren,  ein  allgemeiner  Schlußnotenzwang  eingeführt ­
  unb  vor  Allem  dem  Unwesen  falscher  und  irreführender
Börsenberichte  durch  Schaffung  eines  amtlichen  Börsenorgans  ein
Ende  gemacht  wird,  in  welchem  nur  wahrheitsgemäße  und  thatsächlich ­
  begründete  Berichte  erscheinen,  dem  Publikuni  nur  sicheres
Werthpapier  zum  Ankauf  empfohlen  und  stets  davon  Kenntniß  gegeben ­
  würde,  wenn  von  Geldbaronen  zum  Zweck  der  Gewinnung
von  Millionen  die  Course  durch  allerhand  Manipulationen  künstlich
herabgedrückt  oder  gesteigert  werden  sollen.
Auch  dem  Gründungsschwiudel  ist  ein  starker  Riegel  vorzu-
        <pb n="115" />
        104

schieben,  indem  die  Gründer  gesetzlich  verpflichtet  werden,  die  Hälfte
des  Gründungskapitals  zuvor  aus  eigenen  Mitteln  aufzubringen,
die  Actien,  welche  den  Betrag  dieser  Mittel  nicht  übersteigen  dürfen
und  ans  die  Namen  der  Gründer  auszufertigen  sind,  5—10  Jahre
außer  Cours  zu  setzen  und  während  dieser  Zeit,  bei  einer  staatlichen
Behörde  dcponirt,  unverkäuflich  zu  lassen,  sie  also  auch  nicht  an
die  Börse  zu  bringen.  Die  zweite  Hälfte  der  Actien  muß  vor  der
ersteren  die  Priorität  erhalten,  damit  bei  einer  etwa  nöthig  werdenden
Liquidation  die  Actien  der  Gründer  Behufs  Deckung  der  Passiva
zunächst  zur  Verwendung  kommen  tonnen.
Es  erscheint  jedoch  durchaus  billig,  daß  bei  Grundstückverkäufen
die  aufhaftenden  Hypotheken  von  der  Kaufsumme  in  Abzug  gebracht,
aber  Behufs  Heranziehung  zur  Kapital-Rentensteuer  der  betreffenden
Steuerbehörde  die  Namen  der  Gläubiger  amtlich  mitgetheilt  werden.
Eine  andere  gleichfalls  durchaus  gerechtfertigte  indirecte  Steuer
ist  die  Wehrsteuer;  denn  wer  vom  Militärdienste  deshalb  frei  bleibt,
weil  er  zu  dessen  Erfüllung  nicht  befähigt  ist,  wird  thatsächlich  von
einer  Last  befreit  und  es  ist  gewiß  der  Billigkeit  entsprechend,  daß
er  dafür  eine  andere  Last  trägt.  Da  es  aber  im  Gebiete  der  persönlichen ­
  Lasten  für  ben  Staat  keine  andere  Art  der  Leistungen
giebt,  welche  sich  zu  Ausgleichungen  eignet,  so  muß  man  in  das
Gebiet  der  sachlichen  Leistungen,  d.  h.  der  Steuern,  greifen.  Wäre
nachzuweisen,  daß  der  Militärdienst  nicht  thatsächlich  eine  Last  bedeute, ­
  dann  wäre  allerdings  eine  Ausgleichungsbelastung  für  die
davon  Befreiten  nicht  gerechtfertigt,  allein  cs  kann  nur  soviel  mit
Recht  behauptet  werden,  daß  der  Druck  dieser  Last  von  allen
Schichten  der  Bevölkerung  nicht  gleich  schwer  empfunden  wird;  denn
derselbe  wird  z.  B.  für  einen  einfachen  Tagelöhner,  der  weder  fürerwerbsunfähige
  Eltern  oder  Geschwister  zu  sorgen  hat,  noch  eine
Stellung  im  Erwerbsleben  aufgiebt,  wenn  er  in  den  Heeresdienst
tritt,  weit  geringer  sein,  als  für  junge  Leute,  welche  durch  den
Militärdienst  ihre  vielleicht  erst  mühsam  errungenen  Stellungen
verlieren  oder  welche  in  ihren  Studien  unterbrochen  werden.  In-
        <pb n="116" />
        105

dessen  dürfte  es  billig  erscheinen,  bei  den  unvermögenden  zum
Militärdienst  Untauglichen  Befreiung  von  der  Wehrsteuer  eintreten  zu
lassen  und  sie  nur  noch  dann  während  ihres  dienstpflichtigen  Alters
zu  derselben  heranzuziehen,  wenn  sie  inzwischen  zu  Vermögen  gelangen.
Daß  die  Bedeutung  der  Ehre  des  Wehrdienstes  dadurch  herabgewürdigt ­
  werde,  wenn  man  Diejenigen  mit  einer  Ausgleichungsbelastung ­
  treffe,  welche  dieser  Ehre  nicht  theilhaftig  werden,  ist  eine
bloße  Redensart;  denn  die  etwa  vorhandene  Ehre  des  Militärdienstes
kann  dadurch  nicht  im  mindesten  leiden,  daß  Andere,  welche  an
dieser  Ehre  und  der  damit  verbundenen  Last  nicht  Theil  nehmen,
dafür  eine  Steuer  zu  tragen  haben.
Als  eine  fernere  Ergänzung  der  directe»  Steuer  empstehlt  sich
die  weitere  Entwickelung  der  Erbschaftssteuer,  die  mit  der  Entfernung ­
  der  Verwandtschaftsgrade  vom  Erblasser  progressiv  bis  ettva
50  %  gesteigert  werden  könnte.  Sie  bildet  einen  Beitrag  zur
Deckung  der  Staatsbedürfnisse,  schmälert  ebensowenig  als  die  künftig
davon  etwa  zu  zahlende  Rentensteuer  das  seitherige  Einkommen  des
Pflichtigen  und  wird,  da  dieses  vielmehr  einen  Zuwachs  erhält,  auch
der  frühere  Steuerdruck  weniger,  vielleicht  gar  nicht  weiter  empfunden.
Die  Socialdemokratie  hält  zwar  das  Erbrecht  für  eine  willkürliche ­
  Erfindung  der  Gesetzgebung  und  will  dasselbe  daher  gänzlich
abgeschafft  wissen,  aber  mit  Unrecht;  denn  das  Erbrecht  hat  in  der
Erblichkeit  der  Menschennatur  seinen  festen  Grund  und  wollte  man
dem  Menschen  dasselbe  nehmen,  so  würde  man  nicht  nur  dessen
stärksten  Antrieb  zur  Thätigkeit,  zu  Fleiß,  zu  guter  Wirthschaft  und
zur  Sparsamkeit  zerstören,  sondern  auch  die  Elternliebe  unfruchtbar
machen,  der  Familie  ans  Herz  greifen  und  die  Verbindung  der
lebenden  mit  den  künftigen  Geschlechtern  zerreißen,  dagegen  die  wilde
Selbst-  und  Genußsucht  steigern.
3)  Schutzzölle.
Eine  der  in  die  Staats-  und  Volkswirthschaftsverhältnisse  sehr
tief  einschneidenden  Arten  indirecter  Besteuerung  ist  unstreitig  der
        <pb n="117" />
        106

Eingangszoll,  welcher  sich  entweder  als  ein  rein  finanzieller  oder
als  ein  volkswirthschaftlicher  charakterisirt.  Durch  ersteren  sollen  sich
dem  Staate  Einnahmequellen  erschließen  und  es  werden  damit  vorzugsweise ­
  solche  Gegenstände  belegt,  welche  im  Jnlande  gar  nicht
producirt  werden  können,  während  der  andere  den  Zweck  hat,  die
inländische  Production  gegen  eine  erdrückende  ausländische  Coneurrenz
  zu  schützen,  ihre  Lahmlegung  und  somit  einen  fortwährenden, ­
  allmählich  zur  Volksverarmung  führenden  Geldabfluß  zu  vcrhinderu.

Die  Verfechter  der  beiden  einander  ausschließenden  wirthschaftlichen
  Richtungen  —  des  Freihandels-  und  des  Schutzzolls  —  sind
in  einem  großen  Irrthum  befangen,  wenn  sie  ihre  persönlichen
Anschauungen  als  das  allein  richtige  Resultat  der  Erfahrungen
halten.  Diese  ergeben  vielmehr,  daß  keines  der  beiden  Systeme
für  alle  Zeiten  und  unter  allen  Umständen  das  alleiit  richtige  ist.
sondern  bald  das  eine,  bald  das  andere,  je  nach  Lage  der  wirthschaftlichen
  und  socialen  Verhältnisse  zur  Anwendung  kommen  muß,
wenn  nicht  das  Staats-  und  Volksintcresse  auf  das  empfindlichste
geschädigt  werden  soll.  Dieser  vernünftigen  Ansicht,  welche  von  den
bedeutendsten  National-Oeconomen,  als:  Fried.  List,  Charles  Carrey,
Wilh.  Roscher,  Carriere  u.  A.  getheilt  wird,  verschließen  sich  jedoch
leider  ganze  Fraktionen  unserer  parlamentarischen  Körperschaften;
sie  sind  unfähig,  sich  auf  einen  objectiven  Standpunkt  zu  stellen,
sondern  urtheilen  lediglich  nach  politischen  Grundsätzen.
Welche  enormen  Verluste  aber  eine  unzeitige  ausschließliche
Anwendung  eines  der  beiden  Wirthschaftssysteme  einem  Lande  bringen
kann,  lehrt  die  durch  die  fieberhafte  parlamentarische  Thätigkeit  von
Lasker,  Bamberger  u.  Gen.  ins  Leben  gerufene  Freihandelsära;
denn  während  ihrer  fast  siebenjährigen  Dauer  wurden  im  Ganzen  für
gegen  achttausendMillionenMark  Produkte  aller  Art  mehr
nach  dem  deutschen  Reiche  eingeführt,  als  von  da  ausgeführt,  dasselbe ­
  war  also  um  diese  kolossale  Summe  in  wenigen  Jahren  ärmer
geworden.  Noch  einige  solche  Freihandelsperioden  und  das  deutsche
        <pb n="118" />
        107

Reich  würde  wirtschaftlich  ruinirt  worden  fein.  Dem  Freihaudelssyftem
  entsprechend  wurde  auch  der  Einfuhrzoll  für  Steinkohlen
und  Roheisen  aufgehoben,  in  Folge  dessen  fast  die  Hälfte  der  Bergund
  Hüttenarbeiter  theils  gänzlich  entlassen  werden  mußte,  theils
nur  noch  halbe  Arbeit  erhalten  konnte.
Ein  weiteres  Product  dieses  unzeitigen  Zoll-  und  Handelsfreiheitssystems ­
  war  die  gleichfalls  von  Bamberger  dringend  empfohlene ­
  Einführung  der  Goldwährung  an  Stelle  der  seitherigen
bewährten  Doppelwährung,  in  Folge  deren  das  deutsche  Reich  beim
Verkauf  des  größtentheils  in  Barren  eingeschmolzenen  Silbergeldcs
einen  Verlust  von  über  71  Mill.  Mark  erlitt;  denn  das  Silber
sank  im  Preise  sehr  tief  herab,  weil  der  Bedarf  ein  weit  geringerer
geworden,  dagegen  in  demselben  Verhältnisse  derjenige  an  Gold
und  somit  auch  die  Nachfrage  darnach  gestiegen  war,  sodaß
ein  Pfund  davon  nur  noch  gegen  19  Pfund  Silber  eingetauscht
werden  konnte,  während  das  frühere  stabile  Werthsverhältniß
zwischen  beiden  Metallen  das  von  1  zu  15 1 /,  war.  Die  Werthsverschiebung ­
  dieser  beiden  vorzüglichsten  Tauschmittcl  mußte  auch
eine  Preisverschiebung  bezüglich  der  Tauschobjeete  herbeiführen  und
thatsächlich  ist  denn  auch  etite  solche  zu  Ungunsten  der  Landwirthschaft, ­
  des  Handels,  der  Industrie,  der  Gewerbe  und  des  Arbeiterstandes
  eingetreten.
Es  haben  denn  auch  selbst  schroffe  Gegner  der  Doppelwährung
nach  und  nach  einsehen  lernen,  daß  eine  reine  Goldwährung  den
Handel  und  Verkehr  ganz  erheblich  beschränkt  und  jede  Regung  ans
dem  volkswirthschaftlichen  Gebiete  hindert,  ja  theilweise  wirklich
untergräbt.  Den  überzeugendsten  Beweis  dafür  liefert  die  englische
Bank,  indem  durch  wenige  Hunderttausend  Pfund  Gold,  welche  aus
ihren  Kellern  entnommen  werden,  bereits  die  Möglichkeit  in  Aussicht ­
  gestellt  ist,  daß  abermals  eine  Discontocrhöhung  eintreten  kann
und  auch  gewöhnlich  erfolgt.  Wenn  dies  schon  in  einem  Lande,
loo  die  Goldwährung  seit  Jahrzehnten  eingeführt  ist  und  bei  einem
den  Weltmarkt  beherrschenden  Bankinstitute  möglich  ist,  wie  viel
        <pb n="119" />
        108

weniger  werden  andere  Länder  und  Geldinstitute  derartigen  Calamitäten
  gewachsen  sein.  Die  Stabilität  eines  mäßigen  Discontos
bleibt  fiir  die  Zukunft  ausgeschlossen  und  gleichwohl  kann  die  vorhandene ­
  und  kaum  bemerkbar  zunehmende  Masse  des  Goldes  den
Anforderungen  des  Welthandels  nicht  genügen.
Soll  also  dem  Volkswohle,  dem  Handel,  der  Industrie  und
dem  Verkehr  gebührende  Rechnung  getragen  und  der  herrschenden
Geldnoth  Abhülfe  geschafft  werden,  so  muß  Deutschland  für  Erhöhung ­
  des  Silberwcrthcs  durch  Wiederaufnahme  der  Doppelwährung,
jedenfalls  aber  dafür  sorgen,  daß  im  Jnnenverkehr  das  Silbergeld
nicht  nur  beibehalten,  sondern  noch  vermehrt  werde.  Und  es  ist
erfreulich,  daß  man  sich  im  Volke  immer  mehr  von  der  Richtigkeit
dieser  Ansicht  überzeugt.  Möge  dasselbe  sich  nicht  abermals  durch
gewöhnlich  ails  unlauterer  Quelle  fließende  parlameiltarische  Reden
irre  führen  lassen.
Bezüglich  der  Schutzzölle  darf  man  sich  jedoch  nicht  etlva  dem
Glauben  hingebeil,  als  könnten  dieselben  Wunder  thun,  denn  erfahrnngsmäßig
  vermögen  Einfuhrzölle  niemals  eine  wirkliche  Vermehrung,
  sondern  nur  eine  Umlegung  der  natürlichen  Arbeits-  lind
Kapitalkräfte  zu  bewirken,  deshalb  bürsten  in  Deutschland  die  Schutzzölle ­
  von  dem  Zeitpunkte  an,  in  dem  dasselbe  bezüglich  feiner  Produkte ­
  mit  denjenigen  Ländern,  gegen  welche  die  Schlltzzölle  errichtet
sind,  ohne  Verluste  concurriren  kann,  allmählich  wieder  beseitigt
werden.  Also  so  lange  Schlltzzoll  für  das  deutsche  Reich,  bis,  wie
List  ganz  treffend  sagt,  zwischen  ihm  und  ben  mit  ihm  concurrirenden ­
  Ländern  die  Waffen  gleich  sind,  d.  h.  bezüglich  derselben  Produkte ­
  mit  ihnen  concurriren  kann,  denn  sonst  würde  es  jährlich  um
soviel  ärmer,  als  es  im  Gcldwerthe  an  Waaren  mehr  einführt  als
ausführt.  Zwar  legt  das  Schutzzollsystem  dem  Volksvermögen
Opfer  auf,  aber  sie  bestehen  nicht  in  baarem  Gelde,  sondern  nur
in  Produkten,  von  denen  bei  gleicher  Anstrengung  der  Productionskräfte
  weniger  hervorgebracht  und  verbraucht  würben,  als  der  freie
Handel  geschaffen  haben  würde.  Die  seit  den  sechziger  Jahren  im
        <pb n="120" />
        109

Sinne  des  Freihandels  eingeschlagene  Politik,  sagt  O.  Stein,  hat
Deutschland  keine  Rosen  gebracht.  Sv  lange  die  Industrie  nicht
vollständig  ihre  Unabhängigkeit  behaupten  kann,  bringt  es  die  größten ­
  Gefahren,  den  Freihändlern  Concessionen  zu  machen;  denn  im
günstigsten  Falle  wird  die  Industrie  dem  Handel  dienstbar,  der
Handel  aber  bringt  mit  der  Industrie  auch  die  Landwirthschaft
unter  seine  Botmäßigkeit.  Wenn  die  von  List  vertheidigten  Grundsätze ­
  nicht  praktisch  verwirllicht  worden  wären,  wenn  Deutschland
mittelst  des  Zollvereins  und  einer  weisen  Schutzzollpolitik  nicht  seine
Produktionskräfte  an  Zahl  und  innerer  Kraft  verzehnfacht  und  die
Hülfsmittel  seiner  materiellen  Existenz  und  des  Staates  so  erheblich
vermehrt  hätte,  so  würde  es  nicht  möglich  gewesen  sein,  z.  B.  die
Armee  alls  jene  Stufe  der  militärischen  Ausbildung  zu  heben  und
die  Nation  zu  jenem  Ausbruche  der  patriotischen  Begeisterung  zu
entflammen,  welche  nöthig  war,  um  mächtige  Feinde  zu  besiegen
lind  die  Einheit  und  das  Ansehen  der  Nation  nach  außen  dauernd
zu  festigen.  Aus  dem  Zollvcrbande  ging  die  wirthschaftliche  Macht
llnd  aus  dieser  die  politische  Einheit  hervor.  Es  ist  mit  dem
Schutzzollsystem  ein  Mittel  gegeben,  neue  Produktionskräfte  zu
bilden  und  schlummernde  zu  wecken,  die  aus  die  Dauer  viel  mehr
werth  sein  können,  als  jene  Opfer  betragen  haben.  Mittelst  des
Schutzzolls  kann  die  Entwickelung  der  produktiven  Kräfte  mehr
gefördert  und  somit  für  das  Wachsthum  des  Nativnalreichthums
weit  wirksamer  gesorgt  werden,  als  durch  freien  Tauschhandel.  Und
wie  nützlich  rechtzeitige  indirecte  Steuern  und  Schutzzölle  zu  wirken
vermögen,  dafür  liefern  England,  Frankreich  und  Amerika  die
eclatantesten  Belege,  wo  bis  zu  drei  Viertel  der  Staatsbedürfnisse
durch  indirecte  Steuern  gedeckt  werden,  wo  durch  Schutzzölle  die
Produktionskräfte  in  verhältnißmäßig  kurzer  Zeit  zu  ungeahnten
Entwickelungen  gelangt  sind  und  dadurch  das  Nationalvernrögen
immer  größer  und  größer  geworden  ist.  England  huldigt  dem
Systeme  der  Handels-  und  Zollfreiheit  nur  solchen  Ländern  gegeniiber,
  deren  Concurrenz  es  völlig  gewachsen  ist  und  daher  nichts  zu
        <pb n="121" />
        110

fürchten  hat,  während  es  in  seinen  Colonien  sehr  hohe  bis  zu  10%
des  Waarenwerthes  steigende  Schutzzölle  zur  Anwendung  bringt.
Dies  wird  aber  von  unseren  deutschen  Manchestermännern  gänzlich
unbeachtet  gelassen,  vielmehr  halten  sie  Handels-  und  Zollfreihcit
für  unbedingte  Erfordernisse  einer  gesunden  Wirthschaftspolitik  mid
sind  trotz  der  gemachten  traurigen,  den  Volkswohlstand  untergrabenden ­
  Erfahrungen  in  ihrem  eigenen  Vaterlande  unausgesetzt
ciftig  bemüht,  für  das  Manchesterthum  Propaganda  zu  machen,
worüber  natürlich  England  sich  schadenfroh  die  Hände  reibt.  Diese
Männer  merken  nicht  einmal  ihren  völligen  Mangel  an  praktischem
Verständniß  und  staatsmünnischer  Begabung.  —  Nordamerika,  das
freieste  Land  der  Welt,  belegt  alle  Gegenstände,  welche  es  selbst
liefern  kann,  mit  meist  sehr  hohen  Eingangszöllcn,  in  Folge  dessen
daselbst  fast  alle  Industriezweige  in  den  legten  Decennien  einen
solchen  Aufschwung  erhalten  haben,  daß  cs  bereits  eine  große  Anzahl ­
  von  Artikeln,  die  früher  von  auswärts  bezogen  werden  mußten,
selbst  ausführt  und  damit  auf  dem  Weltmärkte  die  Concurrenz  aushalten ­
  kann.

Nachdem  nun  die  Eingangs  angegebenen  Objecte  dieser  Schrift
bezüglich  des  Wesens  unb  ber  Ziele  der  modernen  internationalcommunistischen
  Bewegung  näher  erörtert  sind  und  der  Leser  sich
sowohl  von  der  Unausführbarkeit  der  Aufrichtung  eines  lebensfähigen ­
  collectivistischen  Volksstaates  als  auch  von  der  Nothwendigkeit ­
  einer  endlichen  Lösung  der  Socialfrage  überzeugt  haben  wird,
sowie  die  Haupterfordernisse  dieser  Lösung  kennen  gelernt  hat,  soll
noch  dem  Wunsche  und  der  Hoffnung  Ausdruck  gegeben  werden,
daß  diese  Ueberzeugung  recht  bald  alle  Schichten  der  deutschen
Bevölkerung  durchdringen  nnd  dieselbe  durch  ihre  Vertreter  die
Reichsregierung  in  ihren  offenkundigen  Bestrebungen,  zweck-  und
zeitgemäße  staats-  und  volkswirthschaftliche  Reformen  herbeizuführen,
kräftig  unterstützen  mögen.  Um  dieser  Erkenntniß  und  Ueberzeugung
        <pb n="122" />
        Ill

aber  in  die  Herzen  des  Volkes  Bahn  zu  brechen,  muß  von  allen
Freunden  menschlichen  Fortschrittes  dahin  gearbeitet  werden,  daß
wir  in  unserem  ganzen  Thun  und  Denken  wieder  einer  mehr  idealen
Richtung  zusteuern,  daß  die  breiten  Schichten  des  Volkes  nicht
glauben,  sich  durch  einen  äußeren  Schein  von  Humanität  zu  einer
höheren  Stufe  emporgeschwungen  zu  haben.  Ist  erst  durch  gutes
Beispiel  der  oberen  Klassen  der  Hauptfehler  unseres  Jahrhunderts,
der  verderbliche  Ehrgeiz,  mehr  klug  als  gut  sein  zu  wollen,  dem
Ausstcrben  nahe,  dann  wird  es  auch  im  Volke  besser  werden,  dann
wird  man  auch  dort  mehr  Verständniß  für  die  Aufgaben  des
Staates  der  socialen  Reform  gegenüber  bekommen.  Die  raschen
und  in  Erstaunen  setzenden  Fortschritte  unserer  Technik  und  die
Erhöhung  unseres  Culturzustandes  sind  noch  nicht  so  erfaßt,  daß
sic  als  ruhiger  Besitz  genossen  wurden;  sie  haben  selbst  in  der
Benutzung  noch  das  Berauschende  ihres  Ursprungs  an  sich  —  und
betäuben  den  Benützenden.  Mit  anderen  Worten  gesagt,  stattet
das  gegenwärtige  Jahrhundert  den  Einzelnen  mit  einer  früher  ungewohnten ­
  Fülle  von  geistigen  und  materiellen  Gütern  aus  und
verleiht  dadurch  selbst  dem  bescheiden  Bemittelten  ein  Selbst-  und
Machtgefühl,  welches  ihn  unbescheiden  und  anspruchsvoll  macht,
indem  es  ihm  vorgaukelt,  er  verdanke  seine  Hülfsmittel  sich  selbst
itttb  nicht  der  hoch  entwickelten  Cultur,  die  ihm  die  reifen  Früchte
in  den  Schoos;  warf.  Daraus  entsteht  eine  häßliche  Art  der
Selbstüberschätzung.  Unterzöge  man  sich  den  Pflichten  der  Menschenliebe ­
  in  gebührender  Demuth  und  in  dem  Bewußtsein,  daß  der
Mensch  Alles,  toas  er  ist  und  hat,  nur  zu  Lehen  trügt  und  daß
er  nur  ein  Dienstmann  Gottes  ist,  so  würde  man  auch  in  allen
Kreisen  mit  mehr  Eifer  die  Bemühungell  des  Staates  zur  Lösung
der  socialen  Frage  unterstützen.  Edel  sei  der  Mmsch,  hülfreich
und  gut;  denn  das  allein  unterscheidet  ihn  voll  allen  Wesen,  die
lvir  kennen.  Gehen  die  Edlen  und  Guten  im  Volke,  die  wahrhaft
Gebildeten  mit  echter  Gemeinnützigkeit  beispielgebend  voran,  danil
muß  dies  auch  veredelnd  auf  jene  Volksklasscn  einwirken,  welchen
        <pb n="123" />
        112

die  wohlgesinnten  Bürger  und  der  Staat  so  gerne  helfen  möchten.
Durch  Undank,  Ucbelwollen  und  durch  individuelle  Gemeinheit
darf  der  Edelgesinnte  sich  von  der  Ausübung  und  fortwährenden
Bethätigung  gemeinnützigen  Strebens  nicht  abhalten  lassen.  —  Ist
auch  die  große  Masse  im  Volke  politisch  noch  zu  unreif,  als  daß
sie  in  socialpolitischen  Dingen  sich  selbst  ein  richtiges  Urtheil  zu
bilden  vermöchte,  und  daher  von  gewissenlosen  Agitatoren  und
einer  feilen  Presse  irregeleitet,  nur  zu  leicht  tu  das  Lager  der
Staats-  und  Volksfeinde  zu  locken,  so  würde  doch  edles  Beispiel,
gesunder  Sinn  und  nicht  zum  wenigsten  bittere  Enttäuschungen  sie
nach  und  nach  erkennen  lassen,  wo  sie  wirklichen  Schutz  und  reelle
Hilfe  zu  erwarten  hat.
Diese  Erkenntniß  wird  freilich  erst  dann  kommen,  wenn  das
Volk  nicht  mehr  mi  den  widrigen  Parteikämpfen,  wo  der  Gegner
aus  Parteihaß  selbst  der  Wahrheit  ins  Gesicht  schlägt,  Theil  nimmt
und  seine  Gedanken  hauptsächlich  darauf  richtet,  was  ihm  wirklich
zum  Segen  gereicht.  Dann  werden  auch  die  Parteiführer  sich  gezwungen ­
  sehen,  entweder  die  wahren  Volksinteressen  thatsächlich  zu
vertreten  unb  zu  fördern,  oder  der  Führerschaft  zu  entsagen.  Mag
aber  auch  die  ältere,  jetzt  herrschende  Generation  bei  ihrem  Parteigezänk ­
  beharren  und  fortfahren,  das  Volk  mit  hochtönenden  Phrasen
von  Freiheit  und  Volksbeglückung,  mit  denen  doch  nur  egoistische
Bestrebungen  verdeckt  werden  sollen,  irre  zu  führen,  sie  muß  doch
dereinst  der  heranwachsenden  Generation  Platz  machen  intb  diese,
welche  die  traurigen  Wirkungen  des  unseligen  Partcigetriebes  der
Väter  zur  Genüge  kennen  gelernt  hat,  wird,  kraft  ihrer  jugendlichen ­
  Elastizität  für  alles  Hohe  und  Edle  empfänglicher,  den
nationalen  Gedanken  und  seine  nothwendigen  Forderungen  besser
verstehen,  als  jene.  Auf  ihr  beruht  daher  auch  Deutschlands
bessere  Zukunft.  Insbesondere  ist  cs  die  akademische  Jugend,  welche
eine  so  frohe  Hoffnung  rechtfertigt.  Mit  Stolz  und  voller  Befriedigung ­
  darf  jeder  aufrichtige  Vaterlandsfreund  von  den  patriotischen
Kundgebungen  der  deutschen  Studentenschaft  Kenntniß  nehmen,
        <pb n="124" />
        113

tenu  sie  hat  ja  feierlich  angelobt,  in  ihrem  künftigen  Berufe,  sei  es
olé  Geistlicher,  Lehrer,  Richter,  Anwalt,  Arzt,  Staats-  oder
Gemeindebeamter,  sowie  als  Gelehrter  und  Schriftsteller  mit  der
ganzen  Kraft  ihres  Willens  und  ihrer  Ueberzeugung  für  Deutschlands ­
  Ehre,  Ruhm  und  Wohlfahrt  einzustehen,  für  eine  kräftige
Neubelebung  des  durch  rein  materialistische  Bestrebungen  der  Neuzeit
überwucherten  religiösen  und  sittlichen  Gefühls  im  Volke  zu  wirken,
zu  kämpfen  gegen  die  alles  nivellirende  und  die  religiöse  Entwickelung
  von  Jahrtausenden  hinwegspöttelnde  Freigeisterei.  Diese  heranwachsende ­
  Generation  will  echte,  nicht  aber  jene  verwaschene  Toleranz ­
  üben,  die  nichts  weiter  als  Jndifserentismus  in  religiösen
Dingen  ist,  sie  wird,  obwohl  dem  Principe  der  Geistesfreiheit  huldigend, ­
  dennoch  mit  größter  Energie  allen  angeblich  wissenschaftlichen ­
  Bestrebungen,  welche  offenbar  die  Fundamente  der  Moral
untergraben,  entgegen  treten.  Wenn  zur  Vertretung  des  Volkes
berufen,  wird  sie  ohne  irgend  welche  Rücksicht  auf  Parteistellung
nur  dem  Gebote  der  Pflicht  und  des  Gewissens  folgend,  sich  an
den  parlamentarischen  Arbeiten  betheiligcn.  bei  Prüfung  der  Gesetzesvvrlagen
  einen  rein  objectiven  Standpunkt  einnehmen,  dabei  nur
ihren  praktischen  Werth  ins  Auge  fassen,  und  sich  durch  fcincrlet
Theorien  beeinflussen  lassen,  so  dringend  auch  dieselben  von  ihren
Vertretern  empfohlen  worden  sein  mögen.  Sowohl  von  der  unbedingten ­
  Nothwendigkeit  der  Herbeiführung  finanzieller,  steuerlicher
ilnd  volkswirthschaftlicher  Reformen,  wie  auch  von  der  Zweckmäßigkeit ­
  der  diesbezüglichen  Regierungsvorlagen  und  Intentionen  überzeugt, ­
  wird  sic  daher  mit  der  ganzen  Kraft  ihres  Wollens  und  ihrer
Intelligenz  für  deren  Durchführung  wirken  und  nicht  eher  ruhen,
bis  dieses  Ziel,  zum  Segen  des  Staates  und  Volkes  erreicht  ist.
Fest  und  treu  wird  das  künftige  Geschlecht  an  der  Verfasfilng  halten,
jeden  Angriff  auf  dieselbe,  woher  er  auch  kommen  mag,  mit  aller
Entschiedenheit  zurückweisen;  sic  wird  alles  vermeiden,  was  die
Würde  und  den  Credit  des  Parlaments  nach  innen  oder  außen  hin
schädigen  könnte;  deshalb  wird  sie  sich  aller  persönlichen,  immer
v  I  u  IN  ».  Zukunstķstaat.  a
        <pb n="125" />
        114

nur  eine  gemeine  Gesinnung  und  Mangel  an  Gesittung,  Anstandsnnd
  Ehrgefühl  kundgebenden  Beleidigungen,  welche  sich  zur  Schande
Deutschlands  nicht  nnr  die  schlechte  Presse,  sondern  anch  Parlamentarier ­
  anS  Neid  oder  Selbstsncht  selbst  gegen  die  verdientesten
Staatsmänner  vielfach  erlanbt  haben,  gänzlich  enthalten.  Ihr  parlamentarisches ­
  Verhalten  wird  überhanpt  der  Art  sein,  wie  sie
einem  aufrichtigen,  selbstlosen  Patrioten  geziemt  nnd  ihm  in  bei
Weltgeschichte  für  alle  Zeiten  ein  ehrendes  Andenken  sichern  wird.
Unerschütterlich  festhaltend  an  Kaiser  und  Reich  wird  die  heranwachsende ­
  Generation  den  doch  nur  selbstsüchtigen  Beweggründen
entspringenden  Bestrebungen,  dem  englischen  Parlamentarismus,  der
nichts  weiter  ist,  als  eine  Oligarchie  der  englischen  Aristokratie  oder
gar  die  jede  staatliche  Existenz  erschütternde  und  in  Frage  stellende
Republik  an  Stelle  des  bewährten  deutschen  Repräsentativsystems
zu  stellen,  ans  das  hartnäckigste  Widerstand  leisten.  Und  sie  wird
wohl  daran  thun,  denn  wie  anch  zwei  Staats-  und  Volksrechtslehrer ­
  ersten  Ranges,  —  Bluntschli  und  Zachariae  klar  dai  gethan
haben,  ist  die  jetzige  Repräsentativverfassnug  in  Deutschland  aus
dem  deutschen  Volkscharakter  erwachsen  und  deshalb  anch  volksthümlich,
  entspricht  überdies  unzweifelhaft  weit  mehr,  als  jene  Staatsformen ­
  dem  Ideale  eines  freien  und  gut  geleiteten  Staatswesens;
giebt  anch  sichere  Gewähr  sowohl  für  die  allgemeine  Volksfreiheit,
als  anch  für  die  Volkstheilnahme  am  öffentlichen  Leben;  fordert
weit  schneller  und  leichter  die  Einführung  zeitgemäßer  und  nützlicher
Reformen;  ferner  ist  Deutschland,  sowohl  England  als  auch  allen
Staaten  mit  republikanischer  Verfassung  an  idealen,  dem  Leben  erst
einen  wahren,  hohen  Werth  verleihenden  Instituten  und  Gütern,
als:  Volksschulen,  Gymnasien,  Universitäten,  Aeademien  in  Kunst
nnd  Literatur  bedeutend  überlegen,  hat  die  wichtigsten  aller  Freiheiten: ­
  die  Gewissens-  und  Geistesfreiheit  früher  errungen  und  übt
sie  anch  heute  noch  ungehinderter  und  voller,  als  jene  Staaten.
Die  beiden  gefährlichsten  Feinde  des  wieder  aufgerichteten
Kaiserreichs  sind  unstreitig  die  Socialdemokraten  und  die  jesuiten-
        <pb n="126" />
        8*

115

freundlichen  Ultramontanen,  die  Förderer  des  religiösen  Unfriedens
in  Preußen.  Da  jedoch  diese  wie  die  übrigen  reichsfeindlichen
Parteien  ihre  Existenz  durch  jene  bedroht  sehen  und  zu  der  Ueberzeugung ­
  gelangt  sind,  daß  einer  solchen  Gefahr  nur  durch  die  Einführung ­
  von  nothwendigen  Socialreformen  vorgebeugt  werden  kann,
so  läßt  sich  hoffen,  daß  sic  gemeinsam  die  Neichsrcgierung,  wenn
auch  widcrlvillig,  in  ihren  Rcformbestrebungen,  wie  schon  jetzt  ersichtlich, ­
  unterstützen  werden.  Die  Socialdemokraten  könnten  zwar,
wenn  die  Zerfahrenheit  und  Uneinigkeit  in  den  Reihen  ihrer  Gegner
fortdauert,  diese  durch  Ueberrumpeluug  niederwerfen,  allein  ein
lebensfähiges  commnnistischcs  Reich  vermögen  sie  aus  den  oben
dargelegten  Gründen  nimmer  zu  errichten,  vielmehr  würden  sie
dasselbe  bald  wieder  zusammenbrechen  sehen;  ein  Beispiel  der
raschen  Vergänglichkeit  socialdemokratischer  Regierung  hat  in  neuerer
Zeit  die  Pariser  „Commune"  (1871)  gezeigt.  —  Was  nun  die
andauernde  Störung  des  religiösen  Friedens  anlangt,  so  kann
sic  zweifelsohne  die  sittliche  und  materielle  Wohlfahrt  eines
Staates  auf  unabsehbare  Zeiten  ernstlich  gefährden.  Als  in  Folge
der  Revolution  von  1848  das  Prestige  der  römischen  Curie  mehr
und  mehr  sank  und  ihr  sogar  die  weltliche  Herrschaft  über  den
Kirchenstaat  verloren  ging,  sannen  die  Jesuiten  darauf,  für  das
Papstthum  nicht  nur  Beides  wieder  zu  gewinnen,  sondern  auch
dasselbe  zu  einer  solchen  Omnipotcnz  empor  zu  heben,  wie  sie  der
ehr-  und  hcrrschsüchtigc  Papst  Gregor  VII.  erreicht  hatte.  Zur
Vornahme  der  zu  diesem  Zwecke  für  dienlich  befundenen  Experimente
schien  das  wieder  erstandene  Deutsche  Reich  unter  einem  protestantischen ­
  Kaiser  ìmd  insbesondere  das  Königreich  „Preußen"  das  geeignetste ­
  Versuchsfeld  zu  bieten.  Die  Jesuitcupartci  übernahm  die
Leitung.  Sie  provozirtc  den  s.  g.  Culturkampf  gegen  Preußen  und
um  in  demselben  eine  möglichst  scharfe  Waffe  zu  besitzen,  glaubte
sie  eine  solche  in  dcm  Dogma  der  Unfehlbarkeit  des  Papstes  gefunden ­
  zu  haben;  und  deshalb  ward  es  verkündigt,  trotz  der  energischen ­
  Einsprache  mehrerer  Bischöfe  und  ihrer  Vorhersagung,  daß
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        116

es  bei  allen  aufrichtigen  und  einsichtigen  Katholiken  großes  Aergerniß
errregen  müßte,  wenn  dem  doch  gleichfalls  mit  menschlichen  Schwächen
und  Fehlern  behafteten  Papste  eine  Eigenschaft  beigelegt  würde,
die  ja  Gott  nur  allein  besitze  und  man  sich  daher  durch  einen
solchen  Menschenact  gar  arg  gegen  ihn  versündige.  Allein  die
protestirenden  Bischöfe  wurden  überstimmt  und  zur  Unterwerfung
gezwungen,  erst  mit  Güte,  und,  wo  diese  nicht  wirkte,  durch  Androhung ­
  der  Amtsentsetzung.  Und  einer  nach  dem  andern  gab
seine  Ueberzeugung  Preis  und  unterwarf  sich.  Die  niedere  Geistlichkeit, ­
  einzelne  rühmliche  Ausnahmen  abgerechnet,  wagte  gar
nicht,  offenen  Widerstand  zu  leisten,  und  ebensowenig  Laien,
aus  Furcht  vor  Excommunication  und  anderen  Kirchenpönitenzen.
Ja,  einige  deutsche  Bischöfe  glaubten  den  Übeln  Eindruck  ihrer  Einsprache ­
  gegen  das  Unfehlbarkeitsdogma  in  Rom  dadurch  gänzlich
verwischen  zu  können  und  die  vollste  Gnade  am  päpstlichen  Stuhle
wieder  zu  gewinnen,  daß  sie  sich  gegen  die  kirchlichen  Gesetze  des
Staates  unbotmäßig  zeigten.  Als  nun  dieser  Behufs  Aufrechterhaltung ­
  seiner  Autorität  sich  gezwungen  sah,  gegen  die  Gesetzesübertreter ­
  strafrechtlich  vorzugehen,  schrie  man  in  Rom  über  Vergewaltigung,
  Unterdrückung  der  Gewissens-  und  Glaubensfreiheit,
über  Diocletianische  Verfolgung,  Eingriffe  in  die  Rechte  der  katholischen ­
  Kirche,  Verwaisung  der  Diöcesen  und  was  dergleichen  Unwahrheiten ­
  mehr  waren.  Noch  lauter  schrieen  die  preußischen  Anhänger ­
  der  Jesuiten  und  man  war  sogar  so  perfide,  die  preußische
Negierung  und  die  Liberalen  der  Urheberschaft  des  in  Rom  angezettelten ­
  Culturkampfes  zu  beschuldigen.  Diese  Leute  trieben  aber
nicht  etwa  religiöse  Beweggründe  und  moralische  Ueberzeugung  dazu,
sich  an  dem  frivolen  Kampfe  gegen  ihr  eigenes  Vaterland  zu  bctheiligen,
  sondern  particularistischer  Haß,  Herrschsucht  oder  der
Ehrgeiz,  eine  wichtige  Rolle  in  der  Politik  zu  spielen.  Und  wohl
fühlend,  daß  diese  Rolle  von  nicht  längerer  Dauer  sein  würde,
als  der  Culturkampf,  suchen  sie  selbst  unter  Anwendung  moralisch
verwerflicher  Mittel,  allen  auf  Wiederherstellung  des  religiösen
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        117

Friedens  gerichteten  Bestrebungen  des  Papstes  und  der  Preußischen
Regierung  entgegen  zu  wirken,  was  ihnen  denn  auch  mit  Hilfe  des
jesuitisch  gesinnten  Clerus  und  einer  gewissenlosen,  feilen  Presse  bisher
leider  nur  zu  gut  gelang.
Fast  gleichzeitig  wurden  auf  Anregung  der  Jesuitcnpartei  in
Rom  auch  noch  in  anderen  Ländern  durch  dienstwillige  Bischöfe
Kraftproben  der  hierarchischen  Machtentwickelung  angestellt  und
Culturkampfe  angezettelt.  Wie  glücklich  können  sich  diejenigen
katholischen  Länder  schätzen,  welche  sich  von  Rom  losgelöst  haben.
Bei  ihnen  herrscht  der  tiefste  religiöse  Frieden,  weil  zwischen  den
Rechten  und  Pflichten  der  Kirche  und  des  Staates  bestimmte  unverrückbare ­
  Grenzen  gezogen  sind  und  diese  gegenseitig  gewissenhaft
rcspcctirt  werden  müssen;  beide  Theile  sich  sogar  in  der  Erfüllung
ihrer  erhabenen  Missionen  gegenseitig  wie  Verbündete  unterstützen;
beide  auch  gemeinsam  die  religiösen  Gesinnungen,  die  Achtung  vor
den  Gesetzen  und  die  Liebe  zum  Vaterlande  im  Volke  pflegen  und
fördern.
Dagegen  scheint  nach  den  gemachten  traurigen  Erfahrungen
leider  keine  Aussicht  vorhanden  zu  sein,  daß,  so  lange  der  allmächtige ­
  und  das  Papstthum  völlig  beherrschende  Jesuitenorden  fortbesteht, ­
  irgend  welcher  Staat  mit  römisch-katholischen  Unterthanen
ohne  Preisgabe,  wenn  auch  nicht  seiner  Souveränität,  so  doch  von
werthvollen  Hoheitsrechten  von  Rom  einen  ehrlichen  und  dauerhaften ­
  Frieden  zu  erlangen  vermag.  Uitb  gleichwohl  bedarf  kein
anderes  Land  der  Welt  des  innern  und  somit  auch  des  religiösen
Friedens  so  dringend,  wie  das  im  heißen  Concurrenzkampf  ringende
Deutschland.  Sollte  nun  die  Römische  Curie,  statt,  ihrer  eigentlichen ­
  hohen  Mission  eingedenk,  lediglich  die  wahre  christliche  Religion ­
  zu  pflegen  und  zu  fördern,  stets  aufrichtige  Friedensliebe  zu
üben  lind  zu  bethätigen,  die  Kirche  da,  wo  sich  im  Laufe  der  Zeit
Mißbräuche  eingcschlichen  haben  und  der  Cultus  zu  einem  bloßen
äußeren  glänzenden  Schaugepränge  ohne  sittlichen  Kern  herabgesunken ­
  ist,  in  ihrer  ursprünglichen  Erhabenheit  und  Einfachheit
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wieder  herzustellen,  sowie  mit  aller  Strenge  darauf  zu  halten,  daß
sämmtliche  Diener  der  Kirche  dnrch  einen  christlichen  Lebenswandel
den  Laien  mit  gutem  Beispiele  vorangehen;  sollte  sic  statt  dessen
den  religiösen  Frieden  durch  Hetzereien,  Unbotmäßigkeiten  des  Clcrus
und  hierarchische  Anmaßungen  staatlicher  Befugnisse  auch  fcrnerweit
in  Deutschland  stören,  so  würden  entweder  solche  Ungcbührnisse
durch  energische  Anwendung  geeigneter  gesetzlicher  Maßnahmen  zu
ahnden  sein,  oder  wenn  auch  diese  sich  als  unwirksam  erweisen
sollten,  die  Katholiken  Deutschlands,  die  ja  nicht  minder  empfindlich
unter  den  unseligen,  religiösen  Wirren  zu  leiden  haben,  als  die
nichtkatholischen  Deutschen,  mm  endlich  einmal  zu  einem  dauerhaften,
religiösen  Frieden  zu  gelangen,  wohl  kaum  etwas  anderes  übrig
behalten,  als  dem  Beispiele  der  griechisch-katholischen  Länder  folgend,
das  Kirchen-Regiment  einem  Metropoliten  oder  Patriarchen  unter
Beiordnung  von  Bischöfen  und  andern  geistlichen  Würdenträgern
und  zwar  sämmtlich  deutscher  Nationalität  zu  übertragen.  —  Ja,
wenn  das  jesuitische  Rom  und  seine  angeworbenen  Gehilfen  sich
auch  ferncrweit  gegen  das  deutsche  Reich  und  seine  Regierungen
feindselig  und  unfriedfcrtig  verhalten  sollten,  so  könnte  es  wohl  geschehen, ­
  daß  der  ganz  Deutschland  schon  einmal  in  diesem  Jahrhunderte ­
  durchbrausende  Ruf:  „Los  von  Rom"  noch  zur  Wahrheit
wird.  Denn  der  höhnende  hierarchische  Uebermuth  Roms  vermag
selbst  die  sprichwörtlich  gewordene  Langmuth  und  Geduld  des
Deutschen  Volkes  endlich  zu  erschöpfen  und  zum  Widerstand  zu
reizen.  —  Hoffen  wir  jedoch,  daß  cs  Rom  niemals  zum  völligen
Bruche  mit  Deutschland  treiben  werde.
Und  nun  zum  Schlüsse  des  Buches  mögen  alle  Wünsche  und
Hoffnungen  patriotisch  Denkender,  alles  Streben  und  Wollen  des
deuffchen  Volkes  zusammengefaßt  werden  in  dem  vaterlandehrenden
und  markigen  Wahrsprnch:
„Mit  Gott  für  Kaiser  und  Reich!"
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